The Project Gutenberg EBook of Oberheudorfer Buben- und Mdelgeschichten, by 
Josephine Siebe

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Title: Oberheudorfer Buben- und Mdelgeschichten
       Sechszehn heitere Erzhlungen

Author: Josephine Siebe

Release Date: December 22, 2014 [EBook #47734]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OBERHEUDORFER BUBEN- UND ***




Produced by Iris Schrder-Gehring, Norbert H. Langkau,
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  Oberheudorfer Buben-
  und Mdelgeschichten


  [Illustration: Dekoration]


  Sechzehn heitere Erzhlungen
  von
  Josephine Siebe


  Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
  von =Carl Schmauk=
  _Dritte Auflage_


  [Illustration: Wappen]


  _Stuttgart_
  Verlag von =Levy & Mller=




  Nachdruck verboten.
  Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, vorbehalten.

  Druck vom Chr. Verlagshaus in Stuttgart.




  Oberheudorfer
  Buben- und Mdelgeschichten




Inhalt.


                                                           Seite

  Oberheudorf, wo es liegt, und wie es darin aussieht          1

  Wie es Heine Peterle in der Stadt erging                     6

  Der Schulrat in Oberheudorf                                 22

  Zwei Feinde                                                 37

  Ehrenjungfern und Buben                                     49

  Die Roggenmuhme                                             65

  Das besinnliche Trinchen                                    75

  Sommergste in Oberheudorf                                  92

  Das Vogelschieen in Niederheudorf                         107

  Muhme Lenelis und ihre Freunde                             125

  Die Prinzessin mit dem seltsamen Namen                     143

  Die klugen Gnse von Oberheudorf                           157

  Das Glck im Suppentopf                                    170

  Friederikes Abenteuer                                      188

  Das Stndchen                                              198

  Es brennt berall                                          215

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dorfansicht]




Oberheudorf, wo es liegt, und wie es darin aussieht.


An einem Frhlingstage kamen drei junge Mnner auf ihrer Wanderung
durch das deutsche Land nach Oberheudorf, das zwischen Gebirg und
Ebene liegt. Als sie in das Dorf einzogen, lief ihnen unversehens
ein Schweinchen in den Weg. Da rief der erste, der sich leicht ber
jeden Quark rgerte: Pfui, ist das ein abscheuliches, schmutziges
Dorf! Hier laufen ja die Schweine auf der Strae herum! Und was fr
hliche, baufllige Huser das Dorf hat! Er sah dabei immer nur
des Schnipfelbauers alten Ziegenstall an, die andern Huser wrdigte
er keines Blickes. Schnurstracks eilte er von dannen, und in sein
Reisebuch schrieb er: Oberheudorf ist klein, schmutzig und hlich.

Der zweite, der zu denen gehrte, die alles besser haben wollen, sah,
als er durch das Dorf ging, immer in die Luft und rief: Wie niedrig
die Berge sind! Und wie weit der Wald entfernt ist! Auf einem der Berge
mte eine Burg stehen. Der Bach mte breiter sein und brausend bergab
strzen. Ja, dann mchte mir das Dorf gefallen!

Flugs lief auch er von dannen, und in sein Reisebuch schrieb er: Es
lohnt sich nicht, Oberheudorf anzusehen, es hat keine schne Lage.

Der dritte der jungen Leute aber blieb mitten im Dorf stehen
und schaute sich um. Er sah die blhenden Fliederbsche in des
Schnipfelbauers Garten und bersah darber den bauflligen Ziegenstall.
Er sah die kleine weie Kirche, deren spitzes Trmchen sich scharf von
dem lichten Frhlingshimmel abhob. Er sah die roten Ziegeldcher der
Bauernhuser in der Sonne leuchten und sah, wie liebevoll der groe
Apfelbaum seine bltenschweren Zweige ber Muhme Lenelis' Huschen
breitete. Wohl waren die Berge nicht allzu hoch, aber schner, dichter
Tannen- und Laubwald bedeckte sie, auf dessen Boden weiche Moosteppiche
lagen und zarte, helle Blumen blhten. Wohl war das Bchlein schmal,
aber es pltscherte und brauste vergngt durch das grne Wiesental
und sah aus wie ein aus Silberfden gesponnenes Grtelband. Kein
Winkelchen im Dorf lie der junge Mann unbesehen. Er trat auch ein in die
Huser, und freundlich hieen ihn die Bauern willkommen. Er sa
dann in den niedrigen, holzgetfelten Stuben, freute sich ber die
alten, buntbemalten Truhen, ber die groen Schrnke mit den dunklen
Schnitzereien und die grnen Kachelfen in den Ecken. Er lie sich die
Milch und das Brot schmecken, das die Buerinnen ihm vorsetzten, und
freute sich, wie sauber die Hfe und Stlle aussahen, und wie viele,
viele Blumen in den winzigen Grten blhten.

Er sa dann noch lange auf der grnen Bank vor Schuster Pechdrahts
Haus unter dem dicken Pfingstrosenbusch und lie sich allerlei von dem
Schuster erzhlen. Mit lachendem Behagen sah er den Kindern zu, die auf
der Dorfstrae spielten.

Da kam ein dicker, blonder Bub heran und sagte: Ich bin Schulzens
Jakob.

Und ein anderer, der lang und dnn war und struppige schwarze Haare
hatte, rief: Ich bin Anton Friedlich, und das da ist der blaue
Friede! Er zeigte dabei auf einen Buben, der blaue Hosen, eine blaue
Jacke, blaue Strmpfe und blaue Augen hatte.

Ich bin Heine Peterle! rief ein anderer und spielte sehr vergngt mit
seinen Holzpantoffeln Fangball.

Ein kleines Mdchen trippelte an des Schusters Haus vorbei. Sie hatte
braune Zpfe und braune Schelmenaugen und flsterte: Ich heie Annchen
Amsee, und dort kommt Waldbauers Mariandel!

Hinter ihr kam ein Mdelchen, rosig wie ein Borsdorfer Apfel, mit
Haaren, die so gelb waren wie das reifende Korn. Es kamen noch mehr
Buben und Mdel, die ihren Namen nannten, es kamen blonde und braune,
kleine und groe, kecke und schchterne.

Der junge Fremde nickte allen zu und sprach mit ihnen, und sie zeigten
ihm ein groes, rotes Haus, das inmitten grnender und blhender Bume
lag, und sagten: Das ist die Schule! Als der Fremde aber mehr von der
Schule wissen wollte, liefen sie fort und lachten.

Als die Sonne sank und ihr Widerschein rot glhend auf den Dchern
der Huser lag und die Wipfel der Bume aussahen, als wren sie in
flssiges Gold getaucht, nahm der Fremde Abschied von Oberheudorf.
Leise rauschte der Abendwind, die Vgel tauschten zwitschernd ihre
Abendgre, und die Ferne versank in blauer Dmmerung. Heiter ging der
Fremde von dannen, und in sein Reisebuch schrieb er: Oberheudorf ist
ein anmutiges, freundliches Drfchen in schner Lage. Es ist dort gut
sein, ich werde es bald wieder aufsuchen!

Das tat er auch. Er reiste im Sommer hin, als das Korn reif war und
schwerbeladene Erntewagen in das Dorf einfuhren. Dann kam er im Herbst
wieder, als alle pfel-, Birnen- und Pflaumenbume voll Frchte hingen
und die Kinder von frh bis abend Obst aen; ja manche nahmen sich
Pflaumen oder pfel mit ins Bett. Der Fremde kam auch im Winter wieder,
aber da wre er beinahe an Oberheudorf vorbeigelaufen. Das lag so in
Schnee gebettet, da gerade noch die roten Ziegeldcher herausguckten.
Das ganze Tal glich einem riesigen Backtrog voll Mehl, und die Huser
lagen darin wie Rosinen im Teig; alles hatte weie Mtzen auf, der
Kirchturm, die Dcher, selbst die Fahnenstange vor dem Schulhaus. Und
berall standen Schneemnner. Jeder Bube, ja selbst jedes Mdel hatte
seinen Schneemann, einer war immer schner als der andere.

So sah der Fremde Oberheudorf zu jeder Jahreszeit, und immer gefiel es
ihm, und jedesmal dachte er: Wirklich, hier ist es doch gut sein!

Vielleicht gefllt den Kindern, die dieses Buch lesen, Oberheudorf
auch so gut, und wenn sie einmal nicht hinreisen knnen, so denken
sie vielleicht manchmal an das freundliche Drfchen, das irgendwo
im deutschen Vaterland liegt, und in dem sich Buben und Mdel so
herzensfroh ihres Lebens freuen.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]




Wie es Heine Peterle in der Stadt erging.


In Oberheudorf kennt wohl jeder den Heine Peterle, selbst die Pferde,
Khe, Schafe und Hunde kennen ihn, auch die Gnse, Hhner und Enten auf
der Dorfstrae, sogar Leinwebers lahme Ziege. Kommt der Bube pfeifend
die Strae entlang, die Hnde in den Hosentaschen, die kleine, dicke
Stupsnase keck in die Luft gereckt, mit seinen Holzpantoffeln klappernd
wie die Wassermhle im Tal, dann sagt gewi der oder jener: Aha, da
kommt Heine Peterle, der Stdter! Und Schuster Pechdraht, der ein
Spamacher ist, der zwinkert mit den Augen und ruft: Heine Peterle,
du, morgen fahre ich zur Stadt, magst mit?

Hei, da wird Heine Peterle rot wie die Glaskirschen im Pfarrgarten, und
patzig begehrt er auf: Mag net! und dann luft er davon, so schnell
er nur kann, und seine Holzpantoffel klappern, da man es im letzten
Haus des Dorfes noch hrt.

Mit Heine Peterle und der Stadt ist das nmlich eine eigene Sache,
und fuchsteufelswild kann der Bube werden, wenn seine Kameraden ihn
spottend den Stdter nennen.

Lange ist es noch nicht her, da gefiel es auf einmal dem Heine Peterle
nicht mehr zu Hause. Im Frhjahr war ein Vetter der Mutter aus der
Stadt zu Besuch dagewesen. Der hatte viel erzhlt, wie schn es in der
Stadt sei, und beim Abschied hatte er Heine Peterle eingeladen, ihn
einmal zu besuchen. Seitdem dachte der Bube viel an die Stadt, manchmal
sogar in der Schule, und gerade mute ihn dann der Lehrer nach etwas
fragen, was Heine Peterle natrlich nicht wute, und dann tanzte der
Stock des Herrn Lehrers mitunter recht unsanft auf seinem Rcken herum.

Einmal war es ihm nun in der Schule wieder recht schlecht gegangen.
Darum sagte er beim Mittagessen, als ihm die Mutter gerade den fnften
Speckklo auf den Teller legte: Ich mcht' zur Stadt!

Heine Peterle! schrie die Mutter und lie vor Schreck den Klo fallen.

Heine Peterle! jammerte die alte Muhme Rese, und ein groer Bissen
blieb ihr im Halse stecken, und Martin, der Knecht, mute ihr erst
tchtig auf den Rcken klopfen, ehe sie wieder sprechen konnte.

Zur Stadt? fragte der Vater und lie die Gabel sinken.

Ja, rief Heine Peterle keck, ich mein', mir gefllt's dort besser
als hier!

Heine Peterle! schrien nun auch Knecht und Magd.

Halt den Mund, dummer Bub! sagte der Vater, da waren alle still.

Weil es aber dem Heine Peterle am andern Tage in der Schule wieder
schlecht ging, begann er bei Tisch von neuem: Ich mcht' zur Stadt zum
Herrn Vetter!

Diesmal sagte niemand etwas, nur der Vater brummte: Meinetwegen geh in
die Stadt!

Und nach drei Tagen durfte Heine Peterle wirklich in die Stadt fahren.
Friede Hopserling, der Mllerknecht, der Mehl zur Stadt bringen mute,
meinte, er wolle den Buben gern mitnehmen, frh um drei Uhr solle die
Fahrt beginnen.

Und Heine Peterle stand zur rechten Zeit in seinem Sonntagsanzug vor
der Haustr. Es war zwar ein recht warmer Sommermorgen, aber er hatte
doch seine runde Pelzkappe aufgesetzt, die er besonders schn fand.
Seine Mutter hatte ihm noch einen dicken, hellgrnen Schal um den
Hals gebunden. Weil seine Stiefel gerade zerrissen waren, mute er
in Holzpantoffeln gehen, aber Muhme Rese hatte gemeint, das schade
nichts, weil er so wunderschne, hellrote Strmpfe trage. Die Mutter
brachte einen groen Sack Kartoffeln und ein Krbchen voll Eier fr
den Herrn Vetter, ihrem Buben aber gab sie noch ein tchtiges Stck
Kirschkuchen mit auf den Weg. Schuster Pechdraht kam aus seinem Hause,
und als er Heine Peterle so ausgerstet stehen sah, fragte er: Kannst
du auch einen Diener machen? Das ist in der Stadt die Hauptsache!

Freilich kann ich das, rief Heine Peterle geringschtzig und
verneigte sich so schnell und so tief, da er dabei Muhme Rese
den Kaffeetopf aus der Hand stie und seine Pelzmtze bis auf die
Dorfstrae kugelte.

Bewahre, was ist das fr ein Junge! schrie die Muhme, ihren zerbrochenen
Topf betrachtend, und Schuster Pechdraht sagte lachend: Na, dir wird es
schon gut gehen in der Stadt! Auf Wiedersehen-- heute abend!

Da wurde Heine Peterle krebsrot vor Zorn ber diesen Spott, und
hochfahrend erwiderte er: Gar nicht komme ich wieder! Ein Herr werde
ich in der Stadt! Darauf nahm er Abschied von Vater, Mutter, Muhme,
Knecht und Magd, kletterte zu Friede Hopserling auf den Wagen, und
fort ging die Reise. Unterwegs erzhlte er viel, was er alles in der
Stadt werden wolle, Prinz wenn mglich oder mindestens General. Die
Fahrt dauerte ziemlich lange. Heine Peterle wurde stiller und stiller,
zuletzt schlief er ein und schlief, bis Friede Hopserling ihm einen
derben Rippensto gab und rief: Wir sind da!

Weit ri der Bube seine Augen auf. Da war er ja wirklich in der Stadt!
Rechts und links schaute er sich um, da waren Huser, lauter Huser,
nichts wie Huser. Du, Friede Hopserling, fragte er, warum sind denn
hier so arg viel Huser?

Na, gab der zur Antwort, eben weil's eine Stadt ist. In welcher
Strae wohnt denn der Herr Vetter?

In der--in der--der--in, halt ein Mannsname ist's, stotterte
Heine Peterle verlegen, und eine 5 hat's Haus, soviel Finger ich
hab', und dabei hielt er eine seiner kleinen, braunen Hnde dem Friede
vor die Nase.

Der sann ein Weilchen nach, dann sagte er: Hier ganz nahe gibt's eine
Albertstrae, knnt's die wohl sein?

Freilich, freilich, rief Heine Peterle, das ist ja ein Mannsname,
der Schmied heit ja so!

Bald hielt der Wagen vor einem groen, weien Hause mit einem sehr
zierlichen Vorgarten, den ein reich verziertes eisernes Gitter von der
Strae trennte. Fein wohnt der Herr Vetter, das mu man sagen, meinte
Friede Hopserling bewundernd und warf den Kartoffelsack vom Wagen.
Heine Peterle nickte stolz, nahm seinen Eierkorb und sah sich nach dem
Kirschkuchen um.

Halt, hinten auf den Hosen klebt dir ja der Kuchen, rief Friede
lachend. Du Dsbartel, hast dich im Schlaf auf deinen Kuchen gesetzt!

Beschmt legte Heine Peterle den zerquetschten Kuchen in eine Wagenecke
und kletterte dann herab. La dir's gut gehen, und wenn ich einmal
wiederkomme, besuche ich dich. Adjs, hh hott! sagte Friede Hopserling
und fuhr die Strae hinab.

Da stand nun Heine Peterle vor dem hohen Gitter und versuchte mit bange
klopfendem Herzen die Tre zu ffnen, aber soviel er auch rttelte,
schttelte und klopfte, die Tr ging nicht auf. Ein Herr, der gerade
vorbeikam, lachte und rief: Klingle doch, Junge!

Hm, sagte Heine Peterle, 's ist ja keine Schelle da!

Drck nur auf den weien Knopf dort, riet der Herr und ging weiter.

Und Heine Peterle folgte dem Rat und drckte auf den weien Knopf,
drckte und drckte, aber es wollte nicht klingeln, er drckte fester,
aber er hrte nichts. Auf einmal aber kam ein Mann aus dem Hause
gelaufen, der einen feinen, mit goldenen Tressen besetzten Rock trug.
Als er Heine Peterle sah, schrie er zornig: Infamer Bengel, warum
klingelst du denn so stark?

Ich hr's doch nicht, sagte Heine Peterle und drckte ruhig weiter
auf den Knopf. Aus dem Hause kam ein zweiter Mann gelaufen. Aufhren,
aufhren! schrie er und fuchtelte wild mit einem Stock in der Luft
herum.

Verdutzt sah Heine Peterle ihn an. Er konnte nicht begreifen, da er es
nicht klingeln hrte. Was willst du denn hier? herrschte der Mann mit
dem Tressenrock ihn an.

Ich bin Heine Peterle aus Oberheudorf und mchte den Herrn Vetter
besuchen, stammelte der Bube.

Dummer Bengel, hier wohnt der Herr Graf von Dippelskirchen und nicht
dein Vetter. Mach, da du weiter kommst!

Die beiden Mnner entfernten sich, und Heine Peterle stand ganz
verdattert da. Auf einmal aber besann er sich und rief: Herr Graf,
Herr Graf, wo wohnt denn der Herr Vetter?

Der eine der Mnner kam einige Schritte zurck, sah den Buben an und
lachte ein wenig. Ja, weit du denn die Strae nicht?

Halt ein Mannsname ist's, meinte Heine Peterle kleinlaut.

Ein Mannsname? Nein, so ein dummer Junge! Was denn fr ein Mannsname?
Kann's vielleicht Karlstrae sein?

Freilich, freilich, so heit ja Schnipfelbauers Knecht! rief Heine
Peterle.

Na, dann geh mal rechts um die Ecke herum, dann links, dann die Strae
hinunter, dann wieder rechts, dann bist du da. Verstanden?

Freilich, sagte Heine Peterle, nahm seufzend seinen Sack auf den
Rcken, den Eierkorb in die Hand und trollte davon. Erst ging er links
statt rechts, weil er ein Linkshnder war, dann ging er rechts, dann
wieder links. Klipp, klapp, klipp, klapp! trappten seine Holzpantoffel
auf dem Steinpflaster. Die Leute, die auf der Strae gingen, blieben
stehen und schauten lchelnd dem Buben nach, dem die hellen Schweitropfen
ber das runde, rote Gesicht liefen. Endlich meinte dieser, er sei nun
oft genug links und rechts gegangen, und als er ein Haus mit einer Fnf
fand, trat er ein. Im Hausflur kam ihm eine Frau entgegen, die fragte er:
Wohnt hier der Herr Vetter? Ich bin Heine Peterle aus Oberheudorf.

Ich kenne deinen Vetter nicht, entgegnete die Frau. Geh mal eine
Treppe hinauf, dort wohnt der Wirt.

Ei, dachte Heine Peterle, ich wute doch gar nicht, da der Herr
Vetter ein Wirtshaus hat. Aber ein feines Wirtshaus ist das! Keuchend
kletterte er die Treppe hinauf. Oben war wieder so ein weier Knopf,
den der Bube mitrauisch betrachtete; mit dem Ding lie er sich nicht
mehr ein, und krftig schlug er mit der Faust an die Tre.

Scheltend ffnete eine Magd. Warum machst du denn solchen Lrm und
klingelst nicht?

Heine Peterle wurde verlegen und stotterte sein Sprchlein hervor.
Die Magd sah ihn etwas verwundert an; weil sie aber noch nicht lange
im Hause war, dachte sie, die Sache knnte wohl richtig sein, und
fhrte den Buben in ein groes, helles Zimmer und hie ihn warten.
Der sah sich mit erstaunten Augen um. Hui, war es hier aber fein! So
etwas Schnes hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Bilder
hingen an den Wnden, und die Sthle waren mit heller Seide bezogen
und--beinahe wre Heine Peterle hingefallen vor Schreck, da stand ja
ein Bube, der gerade so aussah wie er selbst. Heine Peterle grinste
verlegen und kratzte sich hinter den Ohren. Der Bube tat dies auch. Da
merkte Heine Peterle erst, da er in einen Spiegel sah. Es dauerte und
dauerte, der Herr Vetter kam nicht. Heine Peterle war mde. Verlockend
winkten die hellen Seidensthle, und so leise er konnte mit seinen
Holzpantoffeln, schlich er nher und setzte sich. Potztausend, sa
sich das gut auf dem Polster! Gerade hatte er sich so recht bequem
hingesetzt, da ffnete sich die Tre, und eine Dame trat ein und
betrachtete Heine Peterle erstaunt von oben bis unten.

Der starrte die Dame, die ein langes, hellrotes Kleid trug, mit offenem
Munde an. Ja, war das vielleicht gar eine Prinzessin? So fein sah sie
aus.

Was willst du denn von mir, mein Kind? fragte diese freundlich.

Heine Peterle stand auf, hielt seinen Eierkorb mit beiden Hnden an
seinen Leib gepret und stotterte: Ich bin Heine Peterle aus--Da
fiel ihm mitten in seiner Rede Schuster Pechdrahts Ermahnung ein, in
der Stadt den Diener nicht zu vergessen, und flugs verneigte er sich,
verneigte sich so tief, da er ausrutschte. Platsch lag er, so kurz er
war, auf dem Boden, der Eierkorb kam gerade unter sein Buchlein zu
liegen, und eine gelbe Tunke rann ber den hellen Teppich. Himmel,
was soll das? schrie die Dame hnderingend, und auf ihr Geschrei
eilten der Hausherr, die Tochter und die Magd herbei und schrien weh
und ach, als sie den Heine Peterle in seiner Eiertunke auf dem Boden
liegen sahen.

Was ist denn das fr ein Bengel? rief der Hausherr.

Der schne Teppich! klagten Frau und Magd, und das Tchterlein quiekte:
Mama, Papa, seht doch her, er hat auf den Sessel einen groen Fleck
gemacht, und zeigte auf das helle Seidenpolster, das Spuren von Heine
Peterles Kirschkuchen trug, auf dem er whrend der Fahrt gesessen hatte.

Dem Buben war es himmelangst. Knnt' ich nur raus! dachte er. Das
ist ja gar nicht der Herr Vetter! Oh je, oh je, wie wird mir's gehen!

Na, es ging noch glimpflich ab. Ein paar Maulschellen gab's, ein paar
Ermahnungen, sich nie wieder blicken zu lassen, und dann sa Heine
Peterle auf einmal drauen auf der Treppe neben seinem Kartoffelsack
und heulte vor Hunger, vor Schmerz und Mdigkeit.

[Illustration: Oberheudorfer Buben- und Mdelgeschichten. Seite 16]

Einige Leute kamen herbei und fragten teilnahmsvoll nach seinem Kummer,
und Heine Peterle erzhlte, und als er sagte, einen Mannsnamen sollte
die Strae haben, da lachten sie alle, und eine Dame meinte freundlich:
Aber mein Kind, die Strae hier heit Rosengartenstrae. Das ist doch
kein Mnnername. Kann es vielleicht Friedrichstrae sein? Die ist hier
in der Nhe.

Freilich, freilich, schluchzte Heine Peterle, so heit ja der Schneider
bei uns.

Freundlich zeigte ihm die Dame den Weg, und mde und hungrig schleppte
Heine Peterle seinen Sack weiter und war froh, als er endlich vor
dem Haus mit der Nummer 5 anlangte. War das Haus einmal gro! Schier
unheimlich erschien es dem Buben, und zaghaft trat er ein. Innen war
alles feierlich still. Heine Peterle kletterte eine Treppe empor und
betrat einen langen Gang, auf den viele Tren mndeten. Arg viele
Stuben scheint der Herr Vetter zu haben, dachte Heine Peterle und
klopfte krftig an die erste Tre. Herein! klang es von drinnen, und
Heine Peterle trat ein. Ja, aber was war denn das?

Uf! schrie Heine Peterle vor Schreck. Das war ja eine Schule! Hilf
Himmel, er war in eine Schule geraten! Lauter kleine Mdchen saen da
und starrten ihn an, und am Pult stand der Herr Lehrer und--hielt
einen groen Stock in der Hand. Nur raus, nur fort! dachte Heine
Peterle, und wutsch war er drauen. Aber da, potz Apfelkern und
Pflaumenmus! ihm gegenber ffnete sich auch eine Tr, und heraus kamen
viele, viele kleine Mdchen, rechts und links; hinter ihm, berall
taten sich Tren auf. Er sah viele Lehrer kommen und eine Unzahl
kleine und grere Mdchen, und eine namenlose Angst ergriff ihn.
Keuchend, den Kartoffelsack nach sich ziehend, wollte er die Treppe
hinunterlaufen, aber der schwere Sack kam ihm zwischen die Fe, und
holter die polter purzelten und kollerten Holzpantoffel, Pelzmtze,
Heine Peterle und die Kartoffeln die Treppe hinunter. Das rumpelte und
pumpelte nur so, und oben schrien, quietschten, lachten und kicherten
all die groen und kleinen Mdchen, wie junge Bcklein sprangen einige
von ihnen die Treppe herab dem Buben nach. Es war ein Hllenlrm, und
als Heine Peterle verwirrt aufsah, da sah er mehrere Lehrer neben sich
stehen, der mit dem Stock war auch dabei.

Heine Peterle besann sich nicht lange. Er lie Holzpantoffel und
Kartoffeln im Stich, nahm nur seine Mtze und raste in wilder Hast
aus dem Hause hinaus, die Strae entlang. Hinter sich hrte er rufen,
aber er sah nicht rechts, nicht links, er lief und lief immer weiter
und weiter, stie alle Menschen an, denen er begegnete, und es regnete
Verwnschungen auf ihn herab. Man suchte ihn zu fangen. Bald lief eine
Anzahl Menschen hinter ihm her, und einige Buben schrien: Es brennt,
es brennt! Aber je mehr sie schrien, desto mehr rannte Heine Peterle,
und zuletzt lief er einem Schutzmann in die Arme. Der hielt ihn fest,
und nun sollte Heine Peterle Rede und Antwort stehen.

Was hat er getan? Was hat er getan? Warum rennt er so? Warum hat
er keine Schuhe an? so riefen und fragten die Menschen um ihn herum,
aber Heine Peterle sagte immer nur: Heim! Heim! weiter nichts.

Heine Peterle, was machst du denn da? rief in dieser Not pltzlich
eine Stimme, und Friede Hopserling hielt mit seinem Wagen an, er hatte
von seinem erhhten Sitz aus den Buben an seiner Pelzmtze erkannt.

Ich will heim, schrie Heine Peterle, heim! aber der Schutzmann
lie ihn nicht so schnell los, erst sollte er sagen, was er getan, und
schluchzend erzhlte er seine Erlebnisse. Da fingen alle an zu lachen,
Friede Hopserling schttelte sich ordentlich vor Lachen, selbst der
Schutzmann lachte mit und hob den Buben selbst auf den Wagen.

Muckstill sa Heine Peterle, solange der Wagen noch durch die Stadt
fuhr. Erst als das freie Feld kam, wagte er sich umzusehen, und da
erblickte er in der Wagenecke auch seinen zerdrckten Kirschkuchen.
Heisa, der schmeckte ihm wie noch nie! Da er breitgesessen war,
schadete gar nichts.

Der Wagen rollte auf der Landstrae dahin, Friede Hopserling war schweigsam
wie immer, und wieder schlief Heine Peterle ein, und wieder weckte ihn sein
Reisegefhrte mit einem Rippensto: Wir sind da! und Heine Peterle ri
die Augen auf. Der Wagen fuhr die Dorfstrae entlang, da schrien einige
Buben: Da kommt Heine Peterle, Heine Peterle ist wieder da! Der Ruf
pflanzte sich fort, die Mutter und Muhme Rese kamen aus dem Hause gelaufen,
die Nachbarn kamen herbei, alle wollten sie wissen, warum Heine Peterle
schon zurck sei.

Der Vater stand in der Haustr und lachte, und Friede Hopserling erzhlte
alles. Dsbartel, rief der Vater, Christianstrae heit's, wie der
Schfer, und Nummer 10 ist es, dummer Junge, du hast doch zwei Hnde!

Da lachten ihn alle aus, aber Heine Peterle machte sich nichts daraus,
er war nur froh, da er wieder daheim war. An diesem Abend a er sieben
Brotschnitten, eine halbe Schlackwurst und einen Handkse, und sicher
htte er noch mehr gegessen, wenn er nicht beim siebenten Butterbrot
eingeschlafen wre, so fest, da er gar nicht merkte, wie ihn die Mutter
ins Bett trug.

[Illustration: Straenszene]

[Illustration: Dekoration]




Der Schulrat in Oberheudorf.


Wie Buben und Mdel wohl manchmal denken, so dachten auch die Oberheudorfer
Kinder mitunter: Wenn heute doch keine Schule wre!--Sie dachten das
bei den verschiedensten Gelegenheiten, zum Beispiel wenn im Winter schne
Eisbahn war oder im Frhling die ersten Veilchen blhten, wenn im Sommer
die Kirschen reiften oder in Niederheudorf Vogelschieen war. Hundert
Grnde gab es fr den Wunsch, und die faulsten Buben und Mdel fanden wohl
noch den hundertundeinsten Grund.

Einige ganz besondere Faulpelze, wie Bckermeisters Mariele, Anton
Friedlich und Schulzens Jakob, die wnschten sogar, es mchte gar keine
Schule geben. Wenn doch der Kaiser mal die Schule verbieten mchte!
seufzte Anton, wenn er seine Rechenaufgabe nicht gemacht hatte.

Oder der Sturm das Dach abdeckte! rief Mariele.

Letzthin hatte nmlich der Wind drei Ziegel vom Backofendach
heruntergeworfen, seitdem rgerte sich die Kleine, da bei der
Gelegenheit nicht das Schuldach ein bichen kaput gegangen war.

Aber nichts dergleichen geschah. Breit und stattlich stand das Schulhaus
da, von roten Ziegeln erbaut und von einem hbschen Garten umgeben.
Schien die Sonne darauf, dann sah das Schulhaus so lustig aus, als
lachte es alle faulen Buben und Mdel aus. Der Herr Lehrer war auch
immer freudig bei seiner Arbeit, die nicht gerade leicht war, und fr
schulfreie Tage auerhalb der Ferien war er nicht sehr eingenommen.

Im Juni war es. Die Sonne brannte so hei, da es einem schon leicht
zu warm werden konnte, und die Oberheudorfer Kinder meinten, es knnte
schon gut mal hitzefrei sein,--zumal im Walde die Erdbeeren reif
waren. Aber an so etwas dachte der Herr Lehrer jetzt weniger als je,
denn in diesen Junitagen wurde der neue Herr Schulrat zur Inspektion
erwartet. Da gab es dreimal so viel Hausarbeit als sonst, und wehe dem,
der schlecht gelernt hatte. In dieser Zeit verstand der Herr Lehrer
keinen Spa, denn er wollte Ehre einlegen mit seiner Klasse. Und doch
guckte die Sonne so vergngt in die Schulstube hinein, und der Gedanke
an die Erdbeeren im Kuhberger Walde sa wie ein kleiner Kobold in den
Kinderkpfen.

Ach, der Herr Schulrat! seufzte Heine Peterle, als er eines Morgens
seinen Ranzen nahm, um in die Schule zu gehen.

Wie heit er denn? fragte Muhme Rese.

Mller, brummte Heine Peterle und stapfte davon; er konnte es nmlich
nach seinen Erlebnissen in der Stadt nicht leiden, wenn man ihn nach
einem Namen fragte.

Ach, der Herr Schulrat! seufzte Anton Friedlich, und Bckermeisters
Mariele heulte ein wenig, weil ihr alles mgliche tausendmal mehr
Freude machte als der Schulrat.

Bim bam, bim bam, drhnte die Schulglocke, und flink liefen alle
Faulpelze in das rote Schulhaus, es half ja doch nichts.

In der gleichen Stunde betrat ein hbscher, junger Mann das Dorfwirtshaus
und verlangte ein Glas Milch und eine Schnitte Brot. Der Wirt brachte ihm
selbst das Verlangte, und der Fremde, der vor dem Hause Platz genommen
hatte, begann ein Gesprch. Ob das die Schule wre, fragte er und deutete
auf das Schulgebude, das rot und lustig hinter grnen Bumen hervorsah.

Der Wirt, genannt Kaspar auf dem Berg, weil sein Gasthaus einen halben
Meter hher als das Nachbarhaus lag, war ein schlauer Mann, und darum kam
ihm bei dieser Frage gleich der Gedanke, der Fremde knnte vielleicht der
erwartete Schulrat sein.

Schmunzelnd fragte er daher nach dem Namen seines Gastes. Mller,
sagte der junge Herr freundlich.

Ei, das dachte ich mir doch gleich, rief der Wirt und machte eine
ungeheuer tiefe Verbeugung. Willkommen, hochgeehrter Herr Schulrat!

Was? fragte der Fremde verdutzt, wer bin ich?

Der Herr Schulrat Mller, zu dienen, sagte der Wirt und verbeugte
sich zum zweiten Male.

Na nu? rief der junge Mann erstaunt.

Zu dienen, Herr Schulrat, sagte der Wirt, sich zum dritten Male
verbeugend, und dann lief er flugs ins Haus. Mine, Mine, schrie er
seiner Magd zu, flink, lauf in die Schule und sage dem Herrn Lehrer,
der Schulrat wre da; spute dich, Mdel!

Hui, wie lief da die Mine! Sie war erst seit drei Jahren aus der Schule
heraus und wute noch ganz genau, was das heit, wenn ein Schulrat
kommt. Die jngeren Kinder schrieben gerade: Der Hase luft in das
Feld, und die lteren rechneten, als Mine mit dem Rufe: Der Herr
Schulrat ist da! in das Klassenzimmer strmte.

Potzhundert, gab das eine Aufregung!

Dem Herrn Lehrer fiel vor Schreck der Rohrstock aus der Hand, und drei
Mdel fingen an zu heulen, whrend dem dicken Friede, dem ewig Hungrigen,
das Frhstcksbrot, das er just in aller Heimlichkeit verzehren wollte,
in die unrechte Kehle kam. Er wurde krebsrot, hustete und wrgte, einige
Kinder kicherten, die andern sthnten, und der Herr Lehrer lief, gefolgt
von Mine, nach dem Wirtshaus, um dort den Schulrat zu begren.

Der Fremde sa und trank behaglich seine Milch, als der Lehrer und
der Schulze, den der Wirt selbst geholt hatte, kamen und ihn mit so
schwungvollen Worten begrten, da er zuerst ganz erstaunt dreinsah.
Aber pltzlich fing er an zu lachen, er lachte so laut und lustig,
da der Wirt den Lehrer und der Lehrer den Schulzen ansah; so einen
lustigen Schulrat hatten sie noch nie gesehen,--freilich auch noch
keinen so jungen. Dem Herrn Lehrer kam die Sache etwas sonderbar vor,
aber der Wirt hatte ja gesagt, der fremde Herr wre der Schulrat, also
mute es wohl richtig sein.

Also, mein lieber Herr Lehrer, da wollen wir einmal in die Schule
gehen, rief der lachende Schulrat und stand auf und ging mit dem
Lehrer und dem Schulzen auf das rote Schulhaus zu.

Das mu man sagen, mucksmuschenstill saen die Kinder, als der Schulrat
eintrat. Der ging auf das Katheder, sah die Buben und Mdel eine Weile
vergngt an und sagte dann: Liebe Kinder, ich bin berzeugt, da ihr
fleiig seid und eure Pflicht tut! Hier wurden einige sehr rot und
verlegen, aber der Herr Schulrat schien das gar nicht zu bemerken,
sondern fuhr fort: Ich will euch darum nicht mit einer Prfung qulen,
nein, ihr sollt heute einmal frei haben, weil gar so schnes Wetter ist.
Gefllt euch das?

Ja! brllten da alle und lachten, da sich bei manchen der Mund von
einem Ohr bis zum andern zog. Na, dann nehmt eure Bcher und lauft!
Ich habe im Walde gesehen, da die Erdbeeren reif sind, also geht in
die Erdbeeren!

Das lieen sich die Kinder nicht noch einmal sagen, holter, polter wurden
die Bcher gepackt, und dann rannten die Kinder alle hinaus wie Hasen,
wenn sie den Jger erblicken.

Leben Sie recht wohl, Herr Lehrer, sagte der Schulrat, ich komme bald
wieder. Ich denke, Ihnen wird ein ruhiger Tag auch mal gut sein, und
wutsch war der Herr Schulrat drauen.

Na, meinte der Lehrer, so ein Schulrat ist mir in meinem Leben noch
nicht vorgekommen!

Mir auch nicht, sagte der Schulze.

Mir auch nicht, sagte einige Minuten spter der Wirt, als der Schulrat
lachend von ihm Abschied nahm und frhlich singend das Dorf verlie.

Die Buben und Mdel aber sagten gar nichts. Die rannten nur, was sie
konnten, um ihre Schulmappen nach Hause zu bringen und sich ein Krbchen
oder ein Tpfchen zu holen, und fnf Minuten spter zogen die Oberheudorfer
Kinder in den Kuhberger Wald in die Erdbeeren. Kein Schulkind blieb daheim.
Der Herr Schulrat hat's befohlen, sagten sie, wenn Vater oder Mutter
meinten, sie sollten doch lieber bei der Heuernte helfen.

War das ein vergngter Tag!

Als wren smtliche Erdbeeren noch in aller Geschwindigkeit gereift, so
viele gab es. Es sah an manchen Stellen aus, als htte Schnipfelbauers
Kathrine ihren feuerroten Sonntagsrock auf den Waldboden gelegt, so dicht
standen die Beeren beisammen. Aber freilich, es htte doch noch zehnmal
mehr Erdbeeren geben knnen, die Oberheudorfer Kinder htten sie doch
gepflckt und gegessen. In einen richtigen Oberheudorfer Kindermagen geht
nmlich unglaublich viel hinein, gar nicht zu sagen wie viel.

Wie alle schnen Tage, so ging auch dieser schulfreie Tag zu Ende.
Aber er endigte nicht, wie das manchmal vorkommt, mit Zank und Trnen,
Verdru, Leibschmerzen und zerrissenen Kleidern, sondern er blieb schn,
bis die Kinder in ihre Federbetten krochen. Anton Friedlich trumte in
dieser Nacht, der Schulrat se an seinem Bette und sagte, er, Anton,
brauche von jetzt ab nur in die Schule zu gehen, wenn er Lust dazu htte.
Und Heine Peterle sagte, als er am andern Morgen die Augen aufschlug:
Wenn doch heute wieder der Schulrat kme!

Aber er kam nicht, und es war Schule wie alle Tage.

Und drei Tage spter hatten die Kinder wieder einen sehr wichtigen
Grund, um sich schulfrei zu wnschen.

Es war ein ereignisvoller Tag fr Oberheudorf. Eine neue Feuerspritze
wurde erwartet und sollte gleich probiert werden. Bisher hatten die
Oberheudorfer eine Spritze besessen, die allemal erst spritzte, wenn
das Feuer bereits vorbei war, und das war manchmal recht unangenehm.
Einmal hatte da zum Beispiel das Dach vom Schulzenhaus gebrannt; die
Spritze wurde angefahren, ehe sie aber in Ordnung war, hatte der Schulze
eigenhndig drei Eimer Wasser auf das Dach gegossen, und aus war das
Feuer. Und als dann alle so recht beim Begucken und Bereden waren, ging
auf einmal die Spritze los, und quatsch! war die ganze Schulzenfamilie
und einige Nachbarn dazu von unten bis oben na. Man hatte darum in der
Stadt eine neue Spritze bestellt, und der Schulze hatte angeordnet,
da die Spritze gerade kommen sollte, wenn Schule war. Das neugierige
Kindervolk ist nur im Wege, hatte er gemeint. Man mu sagen, nett war
das nicht vom Schulzen, und die Kinder jammerten auch gehrig ber diese
Hrte. Die Schule hatte noch nicht lange angefangen, als das Rollen eines
Wagens erklang. Ob das die Spritze ist? flsterte der blaue Friede
seinem Nachbarn zu, und Annchen Amsee puffte Mariele: Du, die Spritze!

Aber es war nicht die Spritze, sondern ein Wgelchen, in dem ein lterer
Herr mit einer goldenen Brille auf der Nase sa. Das Wgelchen hielt vor
dem Schulhause, und Heine Peterle schrie: Herr Lehrer, 's kommt wer!

Dummer Junge, wer denn? rief der Lehrer rgerlich.

Ein dicker Herr, da ist er schon! rief Heine Peterle und zeigte mit
einem rabenschwarzen Tintenfinger auf die Tr, die der Fremde gerade
ffnete.

Weil just der Herr Lehrer die Tre und nicht sie ansah, wollte Krmers
Trude, die so flink und keck wie ein Eichktzchen war, den gnstigen
Augenblick benutzen und dem dicken Friede einen Papierball an den Kopf
werfen, weil ihr der auf dem Schulwege die Schrze abgebunden hatte.
Doch der Ball verfehlte sein Ziel und flog dem fremden Herrn an die
Nase. Oha, sagte der verblfft, das ist ja ein netter Empfang!

Pschrr, platzte Annchen Amsee heraus und hahaha, hihihi, pschrr,
kicherte und prustete das auf einmal an allen Ecken und Enden.

Still! rief der Lehrer rgerlich; aber wenn die Oberheudorfer Buben
und Mdel einmal ins Lachen kamen, hrten sie so bald nicht wieder auf.
Sicher, sie hatten den besten Willen, still zu sein, aber sie konnten
es einfach nicht.

Der fremde Herr schttelte erstaunt den Kopf, und der Lehrer nahm
seinen Rohrstock, schlug auf das Pult und sagte streng: Gleich seid
ihr still!

Da trat wirklich etwas Ruhe ein, und der Lehrer verneigte sich nun
hflich vor dem Fremden und fragte: Was wnschen Sie, mein Herr?

Ich bin der Schulrat Mller, gab der freundlich zur Antwort.

Pschrrhu, hahaha, hihihi! ging das Gelchter wieder los, und
Schnipfelbauers Fritz, der naseweiseste Bube im Dorf, rief: Der war
doch erst da! Dem Lehrer trat der Schwei auf die Stirn, ihm erschien
der heutige Schulrat viel glaubwrdiger als der andere, und er sagte
ruhig und bestimmt: Wer jetzt noch ein Wort spricht, der mu eine
Woche lang jeden Tag eine Stunde dableiben!

Da wurden die Kinder alle still, denn sie wuten, wenn der Herr Lehrer
den Ton anschlug, hatte der Spa ein Ende. Aber ein Spa war es auch
nicht, da der fremde Herr wirklich der Schulrat war; der lustige junge
Mann vor drei Tagen hatte des Wirtes Irrtum benutzt und aus bermut die
Rolle des Schulrates gespielt.

Ein klein wenig lachte der echte Schulrat, als er die Geschichte erfuhr,
ans Freigeben aber dachte er nicht, sondern er schickte sich an, eine
strenge Prfung abzuhalten. Mit ernster Miene, die Hnde auf den Rcken
gelegt, spazierte er vor dem Katheder auf und ab und musterte scharf
die Buben und Mdel. Denen wurde angst und bange bei diesen forschenden
Blicken, das Lachen verging ihnen ganz und gar, und sie bekamen rote
Kpfe vor Verlegenheit.

Sage mir mal, fing der Herr Schulrat an und sah auf Schulzens Jakob,
wer war Karl der Groe?

Nun kannte Jakob jedes Pferd, jede Kuh und jedes Schaf im Dorfe, aber
von den deutschen Kaisern hatte er keine Ahnung. Er sperrte denn auch
seinen Mund auf, da man ganz gut ein Dreierbrot htte hineinstecken
knnen; das war das Zeichen, da Schulzens Jakob nachdachte. Auf einmal
aber verklrte sich sein Gesicht, und mit strahlenden Augen rief er:
Windmllers ltester ist das!

Wer? fragte der Herr Schulrat verdutzt, der natrlich nicht wissen
konnte, da Windmllers ltester seiner ungewhnlichen Lnge wegen
der groe Karl genannt wurde. rgerlich runzelte er daher die Stirn
und rief: Hre mal, mein Sohn, du bist------ schiiih ging das da
pltzlich drauen, und schwapp kam ein dicker Wasserstrahl durch das
offene Fenster und berflutete den Schulrat und die Kinder. Schulzens
Jakob bekam so viel Wasser in den Mund, da er ihn vor Schreck schlo.

Na, was soll denn das bedeuten? schrie der Schulrat prustend. Das ist
doch----schiiih--kam ein zweiter Wasserstrahl in das Schulzimmer
und traf gerade auf die Mdel, die quiekend unter die Tische krochen.

Die neue Spritze, riefen der Lehrer und die Kinder ahnungsvoll, sie
probieren----schiiih kam ein dritter Strahl und berschwemmte das
Schulzimmer so grndlich, da sich der Herr Schulrat auf das Katheder
flchten mute, whrend die Kinder auf Tische und Bnke kletterten.
Der Herr Lehrer aber rannte hinaus, und flugs folgten ihm einige Buben.
Drauen auf dem freien Platz vor dem Schulhaus stand die neue Feuerspritze,
und mehrere Bauern arbeiteten aufgeregt an ihr herum. Aufgedreht war die
Spritze, aber zudrehen konnte sie niemand, und da sie auerdem mit einem
Rad in ein tiefes Loch geraten war, konnte sie nicht einmal zur Seite
gefahren werden.--Schiiih, schiiih, scho das Wasser ins Schulzimmer
hinein, und triefend, weinend und lachend, wie Frschlein im Sumpfe
hopsend, flohen die Schulkinder.

Jetzt hab' ich's, rief der dicke Bckermeister und drehte mit einem
Ruck die Spritze zu.

Und der Schulze, der vor Aufregung rot geworden war wie ein Ziegeldach,
sagte: Ach, ach, Herr Lehrer, mir scheint, 's ist Wasser ins Schulzimmer
gekommen!

Na, mir scheint auch, riefen der Schulrat und der Lehrer wie aus einem
Munde; sie trieften alle beide, als htten sie in einer Badewanne gelegen.

Huhuhu, ich bin na, heulte Mariele, und Huhuhu, ich auch, ich auch,
schrien einige andere Kinder.

Geht doch nach Hause, Kinder, rief der Herr Schulrat, mit der Schule
ist es jetzt doch nichts!

Das war ein Wort! Einige Kinder quiekten vor Freude, und Buben und Mdel
vergaen auf einmal ihre nassen Kleider so vollstndig, da sie gar nicht
daran dachten, nach Hause zu gehen. Wie eine Mauer standen sie um die neue
Spritze herum, whrend der Schulrat und der Lehrer in das Haus gingen. Der
Schulze rgerte sich zwar sehr ber das neugierige Kindervolk, aber was
half es? Die Kinder waren da und blieben da, soviel er auch darber
brummte.

Die Schulstube sah aus wie ein See, einzelne Hefte, die bei der hastigen
Flucht zu Boden gefallen waren, schwammen wie blaue Fische im Wasser.
Ein Glck war es, wie Anton Friedlich sagte, da das Wasser auch in die
Nebenstube gelaufen war, es konnte auch darin am Nachmittag keine Stunde
abgehalten werden. Also hatten die Oberheudorfer Kinder wieder einen
schulfreien Tag, was sie ungemein vergnglich fanden. Der Herr Schulrat
war liebenswrdig genug, ber die Spritzengeschichte mehr zu lachen
als sich zu rgern. Er blieb im Pfarrhause als Gast, und am nchsten
Tag hielt er die Schulprfung ab, die ohne jeden Zwischenfall verlief.
Und um die Wahrheit zu sagen, die Kinder wuten mehr, als der Schulrat
erwartet hatte. Schulzens Jakob behauptete zwar khnlich, es gebe sieben
Erdteile, und Bckermeisters Mariele sagte, China sei eine Provinz von
Deutschland, auch verwechselte sie die Mark Brandenburg mit Afrika, und
Heine Peterle versicherte, 10  7 sei 90 und die Hlfte von 100 sei 200:
na, aber das schadete weiter nichts,-- so etwas kann schon vorkommen.

[Illustration: Schulszene]

[Illustration: Dekoration]




Zwei Feinde.


In Oberheudorf gab es drei Buben, die alle drei den Namen Friede trugen.
Sie waren ziemlich in einem Alter, und ihre Kameraden hatten ihnen, damit
sie beim Spielen nicht verwechselt wurden, Spitznamen gegeben: den einen
nannten sie den dicken Friede, den andern den blauen Friede und den
dritten Traumfriede.

Der dicke Friede trug seinen Namen eigentlich mit Unrecht, denn so dick
war er gar nicht. Er kann's noch werden, weil er so viel it, meinten
aber die Oberheudorfer Kinder, und damit hatten sie freilich recht.
Hungrig war der dicke Friede eigentlich immer, und er konnte zu jeder
Tageszeit und Nachtzeit essen. Schlug er frh seine Augen auf, so schrie
er schon: Hab' ich mal 'nen Hunger! und eine Viertelstunde nach dem
Mittagbrot, bei dem er so lange a, als noch etwas in der Schssel war,
pflegte er zu sagen: Mir rumpelt's so im Magen, 's scheint, ich knnt'
'ne Schnitte essen!

Es war ein Glck, da er als eines wohlhabenden Bauern Sohn zur Welt
gekommen war. In ein Husel, in dem Schmalhans Kchenmeister war, htte
er schlecht gepat. brigens war der dicke Friede ein kreuzbraver Junge;
er lernte fleiig und vertrug sich mit allen seinen Kameraden, nur mit
seinem Namensvetter, dem blauen Friede, nicht.

Die Mutter vom blauen Friede hatte einmal ein graues Tuch blau frben
wollen, und da sie eine Frberstochter war, wollte sie auch das Frben
selbst besorgen. Die Botenmarie sollte ihr darum Farbe aus der Stadt
mitbringen. Die Frau schrieb also auf einen Zettel: Ein viertel Pfund
Farbe, und darunter: Zehn Pfund Zucker; sie wollte nmlich Kuchen backen.
Aber die Botenmarie verwechselte beides miteinander und brachte zehn Pfund
Farbe und ein viertel Pfund Zucker. Mit der Farbe htte ganz Oberheudorf
blau gefrbt werden knnen. Die Buerin war auch sehr bse, aber was half
es, der Kaufmann in der Stadt nahm die Farbe nicht zurck, und seitdem
frbte Friedes Mutter alles, was ihr unter die Finger kam, schn
kornblumenblau. Der Mann, die Frau, die Kinder, ja auch die Knechte und
Mgde gingen immer in blauen Sachen. Die Farbe mute doch verbraucht
werden! Friede wurde darum der blaue Friede genannt, und sein Vaterhaus
hie der blaue Hof.

Der dritte Friede war ein armer Waisenjunge. Er war beim Kohlbauern,
der im ganzen Dorfe seiner Hrte und seines Geizes wegen verrufen
war, in Pflege. Gut ging es ihm im Hause seines Pflegevaters wirklich
nicht; es gab viel Arbeit, Schelte und Schlge, aber wenig zu essen.
Niemand kmmerte sich sonst um den Buben, der still und verschlossen
seines Weges ging. Auch in der Schule blieb Friede immer einsam. Er
htte wohl manchmal gern mit den andern Kindern gespielt, aber er
traute sich nicht heran, und wenn er wirklich einmal gerufen wurde,
dann wich er aus, denn er schmte sich, weil er immer in Lumpen ging.
Das Lernen wurde ihm leicht, und er lernte auch gern, aber er hatte
nie Zeit, ordentlich seine Arbeiten zu machen, und galt darum in der
Schule als faul. Oft war er in der Schule auch so mde von all der
schweren Arbeit, die er bei seinem Pflegevater verrichten mute, da
er schon etliche Male eingeschlafen war. Darum wurde er auch spottend
Traumfriede genannt. Der Name pate gut fr ihn, denn der Bube trumte
wirklich viel, aber nicht, wenn er im Bett lag und schlief, sondern am
hellen Tage mit offenen Augen. Lichte, heitere Trume, die wie Mrchen
waren, kamen dann zu ihm und machten sein Leben froh, und leicht verga
er, wenn er so trumte, sein hartes Los.

Mit Traumfriede gaben sich die beiden andern Friede so wenig ab wie die
andern Kinder; sie sprachen nicht mit ihm und zankten nicht mit ihm,
sondern lieen ihn seines Weges gehen. Schlimm aber war es zwischen dem
dicken Friede und dem blauen Friede: die konnten einander nicht leiden.
Warum, wute niemand, und sie selbst wuten es am allerwenigsten.
Doch sie waren wie Hund und Katze zusammen. Ging einer hier, so ging
der andere da; lachte der eine, so brummte der andere, und wenn einer
dem andern einen Schabernack spielen konnte, tat er es mehr als gern.
Vielleicht konnten sie sich darum nicht leiden, weil sie immer zusammen
genannt wurden. Zu ihrem grten rger saen sie auch nebeneinander in
der Schule; denn weil der dicke Friede fleiig war, lernte auch der blaue
Friede eifrig, und so kam es, da sie gleich gut standen.

Die andern Kinder neckten die beiden Friede: Du, Dicker, schrien sie,
wenn der gerade sein Frhstck a, da kommt der Blaue, und dem armen
Dicken verging dann beinahe der Appetit.

Einmal war der dicke Friede auf einem Kirschbaum eingeschlafen, da holte
Anton Friedlich den blauen Friede und sagte, Heine Peterle sitze oben,
er mchte ihn herunterholen. Flugs kletterte der Blaue hinauf, und als
er oben den Dicken sah, wurde er fuchswild. Der Dicke, der durch diesen
unverhofften Besuch unsanft aus seinem Schlaf gerissen wurde, schrie:
Gleich gehst runter, marsch!

N, das fllt mir net ein! trotzte der Blaue. Das ist doch net dein
Baum!

Aber ich war zuerst oben, knurrte der Dicke.

Nachher kannst ja auch zuerst runter, gab sein Feind patzig zur Antwort.

So saen sie eine Weile auf dem Baume und fauchten einander an wie zwei
Katzen, und keiner wollte zuerst herunterklettern. Und unter dem Baum
standen einige Buben und Mdel und riefen lachend: Aber kommt doch nur!
Komm, Blauer! Komm, Dicker!

Die beiden Friede aber sen wohl heute noch auf dem Baume, wenn die
Schulglocke nicht gelutet htte. Heidi, da fuhr ihnen der Schreck in
die Glieder, und sie wollten beide zugleich hinunter. Darber aber
verloren sie das Gleichgewicht--und plumpsten herab wie zwei reife
Kirschen.

Schaden tat ihnen der Fall nichts, und in die Schule kamen sie auch
noch zur rechten Zeit, aber so bse waren sie aufeinander, als htte
einer dem andern etwas ganz Schlimmes zugefgt.

Ungefhr eine Viertelstunde von Oberheudorf entfernt lag ein groer
Teich und dicht daneben ein kleiner Bauernhof, auf dem ein altes Ehepaar
wohnte. Die beiden Alten hatten ihren groen Hof im Dorfe ihrem Sohne
bergeben und lebten nun still und friedlich in dem kleinen Hause. Im
Winter kamen die Oberheudorfer Kinder oft und liefen auf dem Teiche
Schlittschuh; die alte Bauersfrau hatte dann stets einen groen Topf voll
Kaffee auf dem Ofen stehen, und manch ein blaurot gefrorenes Bbchen oder
Mdelchen kam zu ihr und erhielt eine Tasse des warmen Trankes.

An einem mig kalten Wintertage liefen die Kinder wieder auf dem Eise
Schlittschuh; der dicke Friede und der blaue Friede waren auch dabei.

Schuster Pechdraht, der von Niederheudorf kam, rief den Kindern zu:
Nehmt euch in acht, das Eis ist noch nicht ganz fest!

Ach, es hlt schon! schrien die Kinder und liefen kreuz und quer, als
htte der Schuster seine Warnung an die alte, krumme Weide am Teichrand
gerichtet. Der blaue Friede besonders, der ein guter Schlittschuhlufer
war, scho wie ein Pfeil ber das Eis. Der dicke Friede konnte nicht so
gut laufen und rgerte sich weidlich darber. Wollen sehen, wer zuerst
an der Weide ist, schrie da Heine Peterle.

Der blaue Friede fuhr, so schnell er konnte, auf das Ziel los, und
keuchend folgte ihm der dicke Friede. Er darf nicht zuerst kommen,
dachte der und nahm alle Kraft zusammen. Da hatte der Blaue schon die
Weide erreicht, und ritsch--griff auch der Dicke nach den kahlen
Zweigen.

In diesem Augenblicke ertnte ein dumpfes Krachen.

Das Eis bricht! schrien die Kinder entsetzt und stoben auseinander
wie eine Schar Tauben, auf die ein Habicht stt.

Ein zweiter Krach ertnte. Schreiend purzelten die Kinder an das Ufer,
und im Nu war der Teich wie abgekehrt. Nur der dicke Friede und der blaue
Friede waren noch darauf, oder vielmehr sie saen darin, denn das Eis war
gerade dicht an der alten Weide geborsten, und die beiden Buben saen bis
an den Hals in dem eisigen Wasser.

Aber schreien konnten sie noch, und sie schrien gellend um Hilfe, whrend
die andern Kinder wehklagend in das nahe Bauernhaus rannten. Zum Glck
waren der alte Bauer und sein Knecht daheim, und sie kamen auch beide
eiligst herbei, um die verunglckten Buben zu retten. Es gelang auch, die
beiden, die bereits ganz blau gefroren waren, schnell aus dem Wasser zu
ziehen. Sie wurden in das Haus getragen. Dort hatte die Buerin, als sie
von dem Unglck gehrt hatte, hurtig einen Topf Fliedertee auf das Feuer
gestellt und ein Bett gewrmt. Flink zog sie die Verunglckten aus, und
der Bauer und sie rieben die pudelnassen Buben mit einem dicken Tuche so
krftig ab, da den Taugenichtsen Hren und Sehen verging. Dann wurden die
beiden in das Bett gelegt, das breit und gro in der Stube stand und mit
feuerroten Sternblumen und himmelblauen Bndern bemalt war. Die Buerin
gab den beiden Fliedertee zu trinken und deckte ihnen ein ungeheuer dickes
Federbett ber. Gelle, das ist gut? fragte sie.

Wie zwei Brote in einem Backofen, so lagen die beiden Feinde ganz friedlich
nebeneinander in dem warmen Federneste. Nur ihre runden, roten Gesichter,
die vor Hitze glhten und glnzten, waren zu sehen.

Rhren konnten sich die Buben nicht, dazu waren sie viel zu dick
eingepackt, und wenn einer wirklich eine leise Bewegung machte, dann
schrie gleich die alte Buerin: N, n, nich' die gute Wrme rauslassen!
Ich behalt' euch hier bis morgen,--gelle, das gefllt euch?

Hm! brummten alle beide, und der Blaue sah nach rechts und der Dicke
nach links.

Na,  bichen plappern knnt ihr schon! sagte die Buerin gutmtig.
Gelle, 's ist doch gemtlich, so zusammen zu sein?

Hm! knurrten die beiden wieder und starrten zur Zimmerdecke empor.

Die Alte schttelte den Kopf. N, sagt doch, knnt ihr nich' reden?

Ich kann schon, knurrte der Dicke, aber--

Ich auch, chzte der Blaue, aber-- Und nun sah einer wieder nach
rechts, der andere nach links, und dann sthnten sie herzbrechend.

So'n dummes Gehabe! brummte der Bauer in seiner Ofenecke und zndete
sich ein Pfeifchen an.

Nu sagt doch, wo fehlt's bei euch denn? ermunterte seine Frau die
Buben.

Hm! seufzten beide, und der Blaue schielte den Dicken an und der
Dicke den Blauen, und pltzlich platzten beide heraus: Wir sind Feinde!

Was seid ihr? fragte die Buerin verdutzt.

Feinde! sagten beide kleinlaut.

Die Alte sah beide mit ihren hellen Augen freundlich an. Warum denn?
fragte sie.

Wenn es mglich gewesen wre, da die Buben rot geworden wren, dann
wrden sie alle beide errtet sein, aber das ging nicht, weil sie
ohnehin schon aussahen wie zwei Klatschrosen. Ich wei nicht, sagte
der Blaue klglich. Ich auch nicht, chzte der Dicke.

N, potz tausend, so  paar dmliche Jungen hab' ich noch nie gesehen!
rief der alte Bauer, der die Unterhaltung mit angehrt hatte. Sind Feinde
und wissen nicht, warum! N, so was!

Die alte Buerin aber faltete die Hnde still im Scho und guckte mit
ihren klaren, guten Augen die Buben ernsthaft an. Gelle, 's macht viel
Freude, 'nen Feind zu haben? fragte sie.

N! riefen die Buben wie aus einem Munde, und einer schielte verlegen
den andern an.

Die Alte stand auf, holte zwei groe Tassen Fliedertee herbei und sagte
freundlich: Den Tee trinkt jetzt, und wenn ihr fertig seid, stot ihr an.
Eigentlich macht man das ja mit 'ner vollen Tasse, aber ihr schwappert mir
sonst noch das Bett voll. Und nachher hat's 'n Ende mit der Feindschaft,
gelle?

Ja, sagten die Buben ganz demtig und tranken tapfer den Tee, obgleich
es ihnen schon war, als sollten sie geschmort werden. Sie stieen auch
wirklich miteinander an, und ob es nun der Fliedertee machte oder die
Hitze oder das freundliche Zureden der alten Buerin, dem Dicken und dem
Blauen kam die Sache auf einmal komisch vor. Sie prusteten alle beide
los vor Lachen und zwickten und schubsten sich, und bums! fiel das dicke
Federbett mitten in die Stube.

N, die gute Wrme! schrie die Buerin und packte das Bett schnell
wieder auf die Buben drauf und stopfte es rechts und links fest, damit die
Hitze nur ja im Bette blieb. Dann seid ihr morgen gesund, trstete sie
die schwitzenden Buben.

Dann holte sie sich einen groen, roten Strickstrumpf, setzte sich an
das Bett und begann ihren Gsten eine Geschichte zu erzhlen. Die alte
Standuhr tickte laut dazu, und manchmal schnarrte sie, als wollte sie auch
etwas sagen. Der Bauer sa in der Ofenecke und rauchte sein Pfeifchen, und
neben ihm lag schnurrend ein dicker, schwarzer Kater.

Klappklapp, klappklapp, machten die Stricknadeln, als mten sie
mit erzhlen helfen, und je schneller die Buerin sprach, je flinker
klapperten die Nadeln. Immer heier wurde es im Zimmer, denn der braune
Kachelofen fauchte ordentlich vor Hitze. Den Buben wurde es auch immer
wrmer in ihrem Bett; sie schwitzten wie zwei Teekessel, aber dabei
wurde es ihnen immer friedlicher ums Herz. Sie vergaen allen Streit
und allen Trotz. Der dicke Friede blinzelte seinen einstigen Feind an,
dann legte er seinen Kopf an dessen Schulter, und der tat ganz sacht
seinen Arm um des andern Hals.

Leiser und leiser wurde die Stimme der alten Buerin, die Stricknadeln
klapperten kaum hrbar, zuletzt verstummte die Erzhlerin, und in den
dicken Federkissen schnarchten die beiden Friede um die Wette, und bald
schnarchte auch der Bauer in der Ofenecke mit.

Als die beiden Buben am nchsten Morgen aufwachten, da waren sie
putzmunter, und ihre Augen blitzten wie lauter dumme Streiche. Nicht
einmal einen Schnupfen hatten sie, und die allerbesten Freunde waren
sie. Sie sind es auch seitdem geblieben.

[Illustration: 2 Jungen im Bett]

[Illustration: Dekoration]




Ehrenjungfern und Buben.


Eine Stunde von Oberheudorf entfernt, an einem kleinen See, lieblich von
Wald und Wiesen umgrenzt, lag ein Schlo. Es gehrte dem Herrn Grafen
Dachhausen, der es immer im Sommer mit seiner Familie bewohnte. Wie
man anderswo vielleicht sagt: Die Strche sind da! so sagte man in
Oberheudorf: Grafens sind da! Das war das Zeichen, da der Frhling kam.
Grafens besuchten in Oberheudorf die Kirche, und die Frau Grfin kam
auch manchmal in die Schule. Das war aber nicht so anstrengend, als wenn
der Schulrat kam, sondern immer ein Festtag, denn die Frau Grfin brachte
gewhnlich eine unglaublich groe Zuckertte mit, die freilich, wie leider
alle Zuckertten, im Umsehen leer war. Dann lie die freundliche Dame sich
einige Lieder vorsingen und verlie, nachdem sie noch der Frau Lehrerin
einen Besuch abgestattet hatte, die Schule, und die Kinder riefen ihr
immer sehr bittend nach: Auf Wiedersehen!

Wieder einmal waren Grafens gekommen, und zugleich war mit Sonnenglanz
und Bltenpracht der Frhling eingezogen. Im Schlo herrschte groe
Aufregung. Maler und Tapezierer arbeiteten darin herum; der Grtner grub
und pflanzte mit seinen Gehilfen vom frhen Morgen bis zum spten Abend im
Park, und in der Kche sa sthnend Mamsell Bertchen, die Wirtschafterin,
und sagte: Nchstens sterbe ich ganz gewi! Sie wute nmlich nicht, was
fr eine Pastete sie backen sollte. Schlielich gab sie das Sthnen auf,
blieb am Leben und buk drei Pasteten, zur Auswahl, wie sie sagte, eine
a sie aber ganz allein auf.

Im Schlo wurde hoher Besuch erwartet: der Landesfrst selbst sollte
kommen. Ihm zur Ehre wurden alle Vorbereitungen getroffen, und der Graf
und die Grfin dachten sich allerlei aus, womit sie den vornehmen Gast
erfreuen wollten. Unter anderem sollten ihm bei seiner Ankunft im Schlo
kleine Mdchen in Landestracht Blumen berreichen.

In der Gegend, in der Oberheudorf liegt, haben die Dorfleute frher eine
hbsche malerische Tracht getragen. Aber wie manchmal Kindern ihre schnen
Spielsachen langweilig werden, so waren den Oberheudorfern auch ihre
schnen Gewnder langweilig geworden, und nur die alten Frauen trugen sie
noch hin und wieder. In manchen Familien lagen aber noch solche schne,
alte Sachen in den buntbemalten Truhen; an ihnen konnte man erkennen, wie
stattlich frher die Oberheudorfer einhergegangen waren. Nach dem Muster
dieser Gewnder wollte nun die Grfin Dachhausen vier kleine Mdchen
gekleidet haben, die sollten Verse sagen und Blumen bringen.

Annchen Amsee, Tischlers Liese, Schulzens Rse, die nicht faul wie ihr
Bruder Jakob, sondern sehr eifrig in der Schule war, und des Waldbauers
Mariandel waren die vier Auserwhlten. Sie sagten, wo sie gingen und
standen, ihre Verschen her, und als Waldbauers Mariandel einmal Kaffee
und Spiritus holen sollte, sagte sie zu dem Krmer. Wir gren dich,
erlauchter Frst! Und der Krmer dachte nichts anderes, als das
Mariandel habe seinen Verstand verloren.

In Oberheudorf vertrugen sich die Buben und Mdel sonst immer recht gut
miteinander. Sie zankten sich mal und pufften sich auch hin und wieder,
aber dann spielten sie auch wieder miteinander und vollfhrten in der
allerschnsten Eintracht die allerdmmsten Streiche. Seit aber die Frau
Grfin die vier Mdchen zum Empfang des Frsten erwhlt hatte, waren
die Buben wtend auf die Mdel, und die faulsten und unntzesten waren
am rgerlichsten. Nur Mdels, sagte Schnipfelbauers Fritz entrstet,
obgleich er doch sicher nicht ausgewhlt worden wre, selbst wenn die
Frau Grfin auch Buben genommen htte.

Und unsere Rse ist ein Jahr jnger als ich, rief Schulzens Jakob emprt.

Es ist frech von ihnen, schrien Anton Friedlich und Heine Peterle.
Als ihnen aber Annchen Amsee am gleichen Tage eine Zuckerstange gab,
die noch von ihrem Geburtstag stammte, da nahmen sie die Stange und
aen sie auf, aber bse waren sie darum doch. Aber aller rger half
ihnen nichts: die vier Mdel waren zum Empfang eingeladen und blieben
es, mochten die Buben brummen, soviel sie wollten.

Der Festtag kam heran. Erst hatten alle Oberheudorfer zugleich mit den
vier Mdeln nach dem Schlosse ziehen wollen, um den Empfang zu sehen.
Der Herzog jedoch liebte zu groe Empfnge nicht, und darum hatte der
Graf die Dorfbewohner bitten lassen, sie sollten erst am Abend kommen;
es solle ein wundervolles Feuerwerk abgebrannt werden, und dazu knne
jeder kommen, der Lust habe. Der Herzog, der mit seinem eigenen Wagen
von seinem einige Stunden entfernten Jagdschlo Adlershorst kam, wurde
am Nachmittag erwartet. Um Mittag traten daher, gefolgt von dem halben
Dorf, die vier kleinen Ehrenjungfern ihren Weg nach dem Schlosse an.
Bis zum Ende des Dorfes wurde ihnen das Geleit gegeben, dann lie man
sie mit vielen guten Wnschen und Ermahnungen ziehen, und die andern
kehrten alle heim, um spter den gleichen Weg zu wandern.

Die vier Mdel aber zogen stolz in ihren hbschen Gewndern frba. Sie
hatten bunte Rckchen, schwarze Mieder und schneeweie, mit Spitzen
besetzte Hemden an. Die schwarzen Hauben, die sie trugen, waren sehr
reich mit schnen farbigen Bndern geschmckt. Weie, feingefaltete
Schrzen, weie Strmpfe mit roten Zwickeln und blitzblanke, schwarze
Schnallenschuhe gehrten noch zu dem Anzug. Es war eine Pracht, die vier
anzuschauen, und sie gingen auch so steif und vorsichtig einher, wie die
Puthhne Kaspars auf dem Berge, aber freilich so eingebildet und wtend
wie diese waren die vier Mdel nicht.

Ein Stckchen waren Annchen, Liese, Rose und Mariandel auf der Landstrae
dahingezogen, als pltzlich aus einem Graben am Wege vier Buben kletterten.

Die Mdel schrien laut auf vor Schreck, aber dann erkannten sie ihre
Schulgefhrten Anton Friedlich, Schnipfelbauers Fritz, Heine Peterle
und Schulzens Jakob, die alle vier wie aus einem Munde riefen: Aber
ihr seid fein, uh je!

Die Mdchen glaubten nicht anders, als die Bewunderung sei echt. Sie
nickten vergngt und zupften an ihren Bndern herum, und Annchen Amsee
fragte freundlich: Wollt ihr uns begleiten?

Freilich, freilich! rief Heine Peterle, und Schnipfelbauers Fritz
meinte verschmitzt: Grad' dazu sind wir ja gekommen!

Wie sie so miteinander gingen, sagte Waldbauers Mariandel auf einmal:
Ihr schaut ja immer unsere Schuhe an, gelt, die knnen euch gefallen?

Na ob! rief Schnipfelbauers Fritz. Aber dumm seid ihr Mdel doch!

Pfui! quiekten die vier Ehrenjngferchen entrstet, du bist mal ein
Grober!

Na, wahr ist's doch! behauptete Fritz lachend. Bis ihr ins Schlo
kommt, sind eure Schuhe schmutzig. Zieht sie doch aus! Gelt, ihr seid
zu vornehm, um barfu zu gehen?

Die Buben lachten laut auf, und die Mdel sahen sich an und schmten sich,
sie fanden, Fritz habe recht. Woll'n wir? fragte Mariandel, und die
andern nickten: Ja, wir wollen! Hurtig begannen sich die vier Mdel
Schuhe und Strmpfe auszuziehen, und bald standen sie mit nackten Beinchen
auf der Landstrae. Die Buben lachten vergngt dazu und nahmen dann jeder
ein Paar Schuhe, in denen fein suberlich die Strmpfe steckten. Wir
tragen sie euch ein bichen, sagten sie so gefllig, wie sie sonst nie
waren. So trabten sie miteinander auf der Landstrae dahin. Aber weit waren
sie noch nicht gegangen, als Schnipfelbauers Fritz pltzlich rief: Dort
luft ein Hase!

Wo denn, wo denn? fragten alle.

Dort, dort! schrie Anton Friedlich, ich sehe ihn!

Ich auch, schrie Heine Peterle, ich lauf' ihm nach! und er begann
zu laufen.

Ich auch, Ich auch, Ich auch, schrien seine Kameraden und rannten
hinter ihm her.

Die vier Mdel hatten zwar keinen Hasen gesehen, aber sie warteten geduldig
auf die Rckkehr der Kameraden. Doch die Zeit verging, und kein Anton, kein
Jakob, kein Fritz und kein Heine Peterle lieen sich sehen, sie waren
spurlos verschwunden und mit ihnen Schuhe und Strmpfe.

Die Mdchen wurden ngstlich, sie muten doch gehen, und sie begannen
laut zu rufen. Aber ihre Stimmen verhallten in der mittglichen Stille,
und nichts regte und rappelte sich.

Annchen Amsee ahnte zuerst die Wahrheit, sie rief pltzlich klagend:
Sie haben uns einen Streich gespielt, sie sind fortgelaufen mi--mit
unsern Schu--schuhen! Die letzten Worte kamen nur stoweise unter Trnen
hervor, und als die andern ihre Kameradin weinen sahen, da wurde es ihnen
klar, da die Buben ihnen absichtlich Schuhe und Strmpfe weggetragen
hatten. Sie brachen in ein jammervolles Geschrei aus und sanken einander
in die Arme. Alle vier hielten sich umschlungen und weinten so, da zwei
Spatzenmtter, die auf einem Kirschbaum in der Nhe brteten, vor Schreck
und Mitgefhl aus dem Neste plumpsten. So dicht hatten die vier die Kpfe
zusammengesteckt, da immer einer die Trnen der andern ber das Gesicht
liefen. Wie ein Huflein Unglck standen sie da mitten auf der Landstrae,
und vor Schreien und Wehklagen sahen und hrten sie nicht, was um sie
herum vorging.

Pltzlich packten sie starke Arme, und eine gutmtige Stimme sagte: Aber
Kinder, ihr werdet ja noch berfahren! Warum schreit ihr denn so?

Vier heie, trnenberstrmte Gesichtchen hoben sich zu dem Sprecher
empor. Das war ein Mann, der einen braunen, mit goldenen Knpfen besetzten
Rock trug, kurze Hosen und lange, helle Gamaschen dazu. Und mitten auf der
Landstrae hielt ein Wagen, in dem drei Herren saen.

[Illustration: Oberheudorfer Buben- and Mdelgeschichten. Seite 56.]

Einer von ihnen, ein lterer Mann mit einem milden, freundlichen Gesicht,
rief: Paul, bringe die Kinder doch einmal her, ich will fragen, was den
armen Dingern fehlte.

Paul nahm das Huflein Mdel und schob es sanft nach dem Wagen hin.

Ja, Kinder, sagt mir nur, warum weint ihr denn gar so frchterlich?
fragte der freundliche Herr.

Huhuuu--unsere Schu--uhe! schrien Annchen, Liese, Rse und Mariandel
wehklagend, aber mehr war nicht aus ihnen herauszubringen, soviel die
Herren auch fragten.

Endlich nahm der eine von ihnen Annchen Amsee einfach in den Wagen und
sagte gtig, aber ernst: Jetzt, Kind, erzhle mir, was geschehen ist!

Annchen Amsee erschrak, sie nahm sich jedoch zusammen und erzhlte unter
Trnen, was die Buben ihnen fr einen Streich gespielt hatten, und als sie
mit Erzhlen fertig war, da brachen alle wieder von neuem in Wehklagen aus.

Die Herren lachten. Ihr armen kleinen Dinger, sagte der, welcher zuerst
gesprochen hatte, mitleidig. Doch kommt, ich fahre auch nach dem Schlo,
ich werde euch mitnehmen. Und da ihr barfu kommt, das schadet nichts;
seid nur getrost, es wird schon alles gut werden!

Ehe die vier recht wuten, was geschah, saen sie alle in dem feinen
Wagen. Ein bichen eng war es freilich, aber schn war es auch, und die
drei Herren trsteten die kleinen Ehrenjungfrauen so gtig, da diese
zuletzt ganz vergngt wurden. So kam es, da sie schon wieder ordentlich
lachen konnten, als der Wagen in die breite Allee einfuhr, die zum
Schlosse fhrte. In der Allee standen zwei Diener, die, als sie den Wagen
erblickten, laut etwas riefen und rasch ins Schlo rannten. Auf der
breiten Terrasse vor dem Schlo standen der Graf und die Grfin und noch
viele andere schngekleidete Herren und Damen, und der Graf kam eilig die
Treppe herabgelaufen und verbeugte sich sehr tief vor dem freundlichen
lteren Herrn.

Kein anderer als der Herzog selbst war das.

Als die vier Mdelchen dies merkten, htten sie beinahe vor Schreck und
Verlegenheit wieder angefangen zu heulen, der Diener Paul aber meinte,
Wasser sei doch schon genug geflossen, sie sollten doch lieber still
sein. Das taten sie denn auch, ja sie lachten sogar mit, als der Herzog
die Geschichte von den Schuhen erzhlte und der Graf und seine Gste
herzlich darber lachten. Der Herzog war frher, als er erwartet worden
war, gekommen und meinte, es sei nur gut, da er die kleinen Ehrenjungfern
gleich mitgebracht htte. Sie muten noch ihr Sprchlein sagen, und da
sie es sehr gut konnten, wurden sie viel gelobt. In einem besonderen
Zimmer wurde ein Tisch fr sie gedeckt, und Annchen, Liese, Rse und
Mariandel lieen sich all die guten Sachen, die ihnen vorgesetzt wurden,
trefflich schmecken. Der Kummer um ihre Schuhe und Strmpfe hatte sie
hungrig gemacht, auch schmeckten ihnen Braten, Kompott und Torte besser
als ein Oberheudorfer Ksebrot.

Die vier Buben hatten, zu ihrer Ehre sei es gesagt, gar nicht die Absicht
gehabt, den Mdeln Schuhe und Strmpfe ganz und gar wegzunehmen, sie
hatten die vier nur etwas ngstigen wollen. Sie waren daher in den Wald
gelaufen, und nach einer Viertelstunde ungefhr wollten sie die Sachen
zurcktragen. Als sie so im Walde saen, erblickten sie auf einmal den
Waldhter Leberecht Sperling, der von allen Buben Oberheudorfs gefrchtet
wurde.

Leberecht Sperling glaubte nmlich, jeder Bube sei unntz. Schn war das
nicht von ihm, aber er glaubte es nun einmal. Traf er daher einen Buben
im Walde, so hatte der seiner Ansicht nach irgend eine Dummheit begangen,
und es war schon vorgekommen, da er ohne irgend eine Vorrede diesen Buben
einfach durchgewichst hatte. Kein Bube aber liebt dergleichen besonders,
und es war nicht verwunderlich, da die Buben Leberecht Sperling in der
Entfernung lieber sahen als in der Nhe. Anton, Fritz, Heine Peterle und
Jakob erschraken daher sehr, als sie den Waldhter auf sich zukommen
sahen, und weil sie obendrein ein grundschlechtes Gewissen hatten, nahmen
sie Reiaus.

Die haben etwas Dummes gemacht, dachte Leberecht Sperling, und da er
recht lange Beine hatte, war die Sache nicht ungefhrlich, und die vier
Missetter hatten auch gehrige Angst und waren heilfroh, als sie zum
Walde raus waren und der Waldhter von der Verfolgung ablie.

Niedergeschlagen dachten sie an die vier Mdel auf der Landstrae. Durch
den Wald trauten sie sich nicht wieder, und so blieb ihnen nichts weiter
brig, als nach dem Dorf zurckzukehren und von dort aus auf die Landstrae
zu gelangen. Die Nhe des Dorfes aber war gefhrlich; leicht konnten sie
mit den Schuhen gesehen werden. Und verbergen lieen sich die Schuhe zu
schlecht. Anton Friedlich versuchte sie in die Tasche zu stecken, als er
aber einen mit Not und Mhe hineingezwngt hatte, platzte die Tasche. Die
dummen Mdel! schrie er wtend, als ob diese seine Tasche zerrissen
htten, und seine Gefhrten sthnten: Htten wir sie nur gehen lassen!

Sie gelangten jedoch glcklich am Dorf vorbei und rasten dann die
Landstrae entlang, aber soviel sie auch riefen und sphten, von den
Mdeln war keine Spur mehr zu sehen. Sie rannten beinahe bis ans Schlo,
aber nirgends erblickten sie die bunten Rcke ihrer Schulgefhrtinnen.
Recht kleinlaut kehrten sie um. Die dummen Trinen sind heimgegangen,
rief Anton Friedlich zornig.

Und haben uns verklatscht! sthnte Fritz dumpf.

Meine Mutter haut mich, jammerte Heine Peterle kleinlaut.

Mein Vater auch, chzte Jakob.

Auf der Landstrae konnten sie nicht bleiben, nach Hause trauten sie
sich nicht, so beschlossen sie, sich in einem Schuppen zu verstecken,
der Jakobs Vater gehrte. Dort wollten sie warten, bis die Dorfbewohner
nach dem Schlo gezogen waren, und dann ganz heimlich nach Hause gehen.
Es war zu trostlos! Das schne Feuerwerk, auf das sie sich so gefreut
hatten, entging ihnen nun, und hungrig wurden sie mit der Zeit auch.
Sie seufzten jmmerlich und schlichen, als es dunkel geworden war, sehr
bedrckt heim. Im Dorf waren nur wenige Leute geblieben, meist nur die
Alten, die lieber an dem lauen Frhlingsabend ruhig in den kleinen
Grten saen, statt den weiten Weg bis zum Schlosse zu gehen. So gelang
es den vier Missettern leicht, in die Huser zu schlpfen, nachdem
sie die Schuhe noch heimlich jeder Besitzerin vor die Tre gestellt
hatten.

Annchen, Liese, Rse und Mariandel hatten unterdessen einen vergngten
Nachmittag gehabt, und die Dorfleute hatten sich alle ber das prachtvolle
Feuerwerk gefreut und dazwischen auf die vier unntzen Buben geschimpft,
denn natrlich hatten alle die Geschichte von den Schuhen erfahren. Der
Schulze sagte, es sei eine Schande, da der Landesherr barfu begrt
worden wre. Na, sein Jakob sollte sehen! hnliches sagten die andern
Vter und Mtter auch. Die vier Mdel aber waren so lustig auch ohne
Schuhe, da sie himmelhoch fr die Buben baten, aber der Schulze sagte,
Haue mten sie kriegen, weil sie Oberheudorf blamiert htten.

Da die Buben Haue bekommen sollten, tat aber den Mdeln herzlich leid.
Besonders Rse wurde ganz traurig darber, und sie war es auch, die den
Freundinnen vorschlug: Wir wollen den Herrn Herzog bitten, da er die
Haue verbietet!

Rse! schrien die drei Jngferchen fast entsetzt, denn der Plan ihrer
Kameradin erschien ihnen gar zu khn.

Aber Rse blieb dabei. Ich sag's, ihr mt aber dann auch bitten!
Das versprachen die drei zwar, aber recht bange war ihnen doch zumute,
als sie alle ins Schlo zogen und Rse herzhaft zu einem Diener sagte,
sie wollten dem Herrn Herzog eine gute Nacht wnschen.

Der Diener lie die kleinen Ehrenjungfern wirklich in den Saal, und die
gingen schnurstracks auf den Herzog los und machten so tiefe Knickse,
da Liese nur mit Annchens Hilfe wieder hoch kam, und Rse sagte tapfer:
Nicht wahr, die Buben sollen keine Haue haben wegen der Schuhe!

Bitte, bitte, nicht! schrien die andern; es war gerade, als wollte
der Herzog selbst die Buben strafen.

Der lachte herzlich und lie sich von dem Zorn des Schulzen erzhlen,
und dann mute Rse ihren Vater herbeiholen. Und der Herzog bat wirklich
selbst den Schulzen, er mge diesmal--aber das Diesmal betonte er
sehr--die Buben ungestraft lassen; er habe die allerbeste Meinung von
Oberheudorf, trotzdem die vier Ehrenjungfern barfu gewesen wren.

Wenn ein Herzog bittet, dann mu freilich die Bitte erfllt werden, und
so kam es, da die vier Buben am andern Tage zu ihrem groen Erstaunen
auer ein paar Ermahnungen keine Strafe weiter erhielten. Es war freilich
sehr beschmend fr sie, da sie diese Milde der Frbitte der Mdel zu
verdanken hatten. brigens wurden die vier Ehrenjungfern und die vier
unntzen Buben bald darauf die allerbesten Freunde und machten in der
besten Eintracht fortan ihre dummen Streiche gemeinsam.

[Illustration: Mann und Mdchen]

[Illustration: Dekoration]




Die Roggenmuhme.


Schulzen-Jakobs Gromutter erzhlte einmal im Juli die Geschichte von
der Roggenmuhme, die im Sommer im Felde sitzt und das Korn bewacht. Wehe
dem Kinde, das in das Feld geht, um Kornblumen, Mohn und Rittersporn zu
suchen und von der Roggenmuhme ertappt wird, wenn es hren zertritt!
Unweigerlich bekommt es eine schwere Krankheit. In den Mittagsstunden,
wenn die Sonne still und hei auf die Fluren herabbrennt, ist die Zeit,
in der die Roggenmuhme am liebsten mit leisen Schritten durch die Felder
schreitet. Ihre Haare sind gelb wie das reifende Korn, und ihre Augen blau
wie die Kornblumen, ihre Lippen rot wie blhender Mohn. Sie ist schn, die
Roggenmuhme, aber furchtbar in ihrem Zorn und unerbittlich gegen den, der
nur eine hre zertritt.

Als die Gromutter fertig war, sagte Jakob: Ich glaub's net! Seine
kleinen Geschwister sahen ihn erschrocken an, aber Jakob stand auf, steckte
die Hnde in die Hosentaschen und sagte noch einmal: Ich glaub's net!

Ach, du bist ein dummer, naseweiser Bube, rief die Gromutter rgerlich.
Dir knnt's nicht schaden, wenn dich die Roggenmuhme mal ordentlich
durchbeutelte, du gehst auch immer mitten ins Feld hinein!

Jakob verlie trotzig die Stube, ging auf die Dorfstrae und sagte zum
drittenmal laut und patzig. Ich glaub's doch net!

Was glaubst du nicht? fragte der blaue Friede, der am Gartenzaun stand
und Jakobs Worte gehrt hatte. Der erzhlte ihm die Geschichte von der
Roggenmuhme, und wie er im besten Erzhlen war, kam der dicke Friede
herbei, der wollte die Geschichte auch wissen. Jakob fing geduldig wieder
an, und nach einem Weilchen kam Heine Peterle; natrlich mute Jakob noch
einmal beginnen. Und da auch noch Bckermeisters Mariele, die blonde
Lisbeth, Anton Friedlich und mehrere andere dazu kamen, dauerte die
Geschichte von der Roggenmuhme volle drei Stunden. Ich glaub's doch net!
sagte Jakob, als er fertig war, und einige stimmten ihm bei, nicht alle,
namentlich die Mdel waren nicht abgeneigt, an die Roggenmuhme zu glauben.

Sie stritten alle sehr lebhaft miteinander und htten sich beinahe ein
wenig geprgelt, wenn nicht Jakob auf einmal gerufen htte: Ich
studier's!

Was willst du studieren? schrien die andern erstaunt.

Ob's eine Roggenmuhme gibt. Morgen geh' ich hin und seh' nach!

Mariele kreischte laut auf, als kme die Roggenmuhme schon um die Ecke
herum, Anton Friedlich aber und Heine Peterle riefen so laut Bravo!,
da alle Gnse und Hhner auf der Dorfstrae erschraken und schnatternd
und gackernd davonliefen. Und weil gerade Abendbrotzeit war, rannten
auch alle Kinder nach Hause. Jakob war auf seinen Einfall sehr stolz
und sagte daheim auch zur Gromutter: Ich studier's!

Was, studieren willst du? Aber Bube, du kannst ja net mal richtig
schreiben! Beinahe der allerfaulste bist in der Schule, und nun willst
du studieren?

Jakob wurde sehr verlegen, von seinem Flei hrte er nicht gerne reden,
und rgerlich brummte er: Das mit der Roggenmuhme will ich studieren!

Die Gromutter lachte so herzlich, da ihr die Brille von der Nase
fiel, und sagte: Studier lieber Lesen und Schreiben, das ist besser!

Aber Jakob blieb bei seinem Vorsatz. Am andern Tage, der hei und sonnig
war, marschierte er gleich nach dem Mittagessen zum Dorf hinaus. Einige
seiner Freunde gaben ihm das Geleit bis an die groe Linde, die am Eingang
des Dorfes stand. Dann legten sie sich gemtlich in den Schatten, whrend
Jakob auf der sonnigen Landstrae weiter zog dorthin, wo die Felder seines
Vaters lagen.

Um die gleiche Mittagsstunde kam von der andern Seite her ein Buerlein.
Der fhrte an einem Strick ein rundes, fettes Schweinchen. Er hatte es auf
dem Markt in der Stadt gekauft und kehrte nun in sein Dorf zurck, das
eine gute halbe Stunde hinter Oberheudorf lag. Der Bauer war mde und das
Schweinchen auch, denn der Weg war sonnig und die Hitze gro. Seufzend
blieb der Bauer stehen. Freilich war Oberheudorf nicht mehr weit, und dort
gab es ein Wirtshaus, aber vorher htte er gern noch ein Mittagschlfchen
gehalten. Auf einem schmalen Feldweg, zwischen Kornfeldern, die wie ein
goldenes Meer wogten, stand ein wilder Apfelbaum. An den band der Bauer
sein Schweinchen, er selbst legte sich an den Feldrand, und nach wenigen
Minuten schlief er tief und fest.

Das Schweinchen aber hatte keine groe Lust zu einer Mittagsruhe.
Ungeduldig zerrte und zog es an dem Strick, der nur lose um den Baum
geschlungen war, und auf einmal ritsch! war das Schweinchen frei.
Vergngt trabte es davon und kmmerte sich gar nicht um seinen schlafenden
Herrn. Das war sehr herzlos, aber Schweine sind nun einmal so.

Je nher Jakob den Feldern seines Vaters kam, desto bnglicher wurde
ihm ums Herz. Es war so hei und still; kaum einen Luftzug sprte man,
leise nur rauschten die wogenden Felder. Jakob hatte versprochen, zum
Zeichen, da er wirklich im Felde gewesen war, einen riesengroen
Blumenstrau zu pflcken. Nicht gerade sehr vergngt machte er sich an
sein Werk, und sorgsam vermied er es, hren zu zertreten. Wie er im
besten Pflcken war, hrte er pltzlich etwas im Felde rascheln, und
erschrocken blieb er stehen und lauschte.

Ein Weilchen war alles still, er mochte sich wohl getuscht haben.
Seufzend pflckte er weiter, doch da--die Haare strubten sich
ihm--deutlich sah er, wie sich etwas im Felde bewegte. Strker
rauschte das Korn, und der Bube blieb vor Angst und Entsetzen ganz
still stehen.

Da--tauchte da nicht etwas Helles, Unheimliches auf?

Die Roggenmuhme, sie war es--niemand anders!

Jakob wagte gar nicht ordentlich hinzusehen. Mit einem gellenden Schrei
ergriff er die Flucht und warf die Blumen weit von sich.

Aber hinter ihm her kam es gerannt, seltsame Tne ausstoend.

Jakob schrie immer lauter vor Angst. Er wollte ber den kleinen Graben,
der das Feld von der Landstrae trennte, springen, aber in seiner Aufregung
strauchelte er, strzte und lag pltzlich platt wie ein Frosch in dem
Graben.

Plumps! sprang da etwas auf ihn drauf und krabbelte auf seinem Rcken
herum; einmal rutschte das unheimliche Wesen nach rechts, einmal nach
links.

Und Jakob brllte in seiner Angst: Die Roggenmuhme, die Roggenmuhme!
La mich los, la mich los!

Er machte es dabei wie der Vogel Strau, er steckte seinen blonden
Struwelkopf tief in das Gras und zappelte mit Armen und Beinen und
schrie, als sollte er auf der Stelle mit Haut und Haaren verspeist
werden.

Je lauter Jakob brllte, desto mehr quiekte die Roggenmuhme auf seinem
Rcken. Sie trampelte dabei immer hin und her und stie ganz merkwrdige
Tne aus, die einem Dorfbuben eigentlich htten bekannt sein mssen. Aber
Jakob gab sich keine Mhe, das Gequieke der Roggenmuhme zu studieren,
er schrie nur, und zwar so krftig, da das Buerlein am Feldrand davon
erwachte.

Erstaunt richtete sich der Schlfer auf. Wo war denn er, und wo war
sein Schweinchen?

Er hrte das Gebrll und das Gequieke, und flugs war er auf den Beinen
und rannte dorthin, woher der Lrm kam. Da erblickte er sein Schweinchen,
das sich die Leine um die Beine gewickelt hatte, und das hilflos in einem
Graben hin und her rutschte und als verkannte Roggenmuhme den armen Jakob
in Angst und Schrecken versetzt hatte.

Na, potz Blitz, was ist denn das for ne Schreierei? sagte das Buerlein
und zog sein Schweinchen aus dem Graben. Du, Bube, komm doch raus! So n
kleenes Schweinchen tut dir doch nischt!

Uah, uah, uah, brllte Jakob und strampelte und zappelte weiter. Da
packte ihn der Bauer kurz entschlossen am Hosenboden und zog ihn aus dem
Graben. Nu sag mir nur, Bengel, warum schreist du denn so? fragte er
kopfschttelnd.

Die--die--Ro--roggenmu--muhme! schluchzte Jakob.

Was? sagte der Bauer, den Rock--Muhme? Ja was soll denn das heien?

Es dauerte eine geraume Zeit, bis Jakob ihm schluchzend und stammelnd
die Sache erklren konnte. N,  sowas! So n blitzdummer Bube, hlt
mein schnes Staatsschweinchen fr die Roggenmuhme! Hahaha! schrie das
Buerlein und mute sich geschwind auf einen Meilenstein setzen, sonst
wre er vor Lachen umgefallen.

Jakobs Freunden war unterdessen die Zeit unter dem Lindenbaume etwas lang
geworden. Es hatten sich noch einige andere Kinder eingefunden, und sie
beschlossen alle zusammen nachzusehen, ob Jakob mit Studieren fertig
sei. Lustig trabten sie auf der Landstrae hin, und Jakob sah sie schon
von weitem kommen. Jetzt werd' ich aber ausgelacht, dachte er beschmt,
und ohne sich lange zu besinnen, rutschte er in den Graben, kroch am Felde
entlang bis zu einem schmalen Weg, und dann rannte er heidi! auf und davon.

Na, was ist denn das nu wieder? sagte der Bauer verdutzt und sah dem
Ausreier nach. Aber dann bemerkte er die herankommenden Kinder, und er
schmunzelte vergngt, denn er verstand, warum Jakob die Flucht ergriffen
hatte. Er zog also mit seinem Schweinchen den Kindern entgegen, blieb vor
ihnen stehen und fragte listig: Wo wollt ihr denn hin?

Schulzens Jakob wollen wir suchen, der >studiert< die Roggenmuhme,
antworteten alle.

Na, dann geht man wieder nach Hause! Jetzt vor n Weilchen hat die
Roggenmuhme einen Jungen mit fortgeschleppt, das wird er wohl gewesen
sein!

Entsetzt starrten sich die Kinder an, dann brachen sie in ein wildes
Jammergeschrei aus und rannten spornstreichs in das Dorf zurck.

Dort kamen sie gerade an, als Jakob, der auf einem Umweg das Dorf erreicht
hatte, in das Schulzenhaus schlpfen wollte. Da ist er ja, da ist er ja!
Sie hat ihn losgelassen! brllten seine Kameraden und strzten auf ihn
zu; der eine packte ihn am rechten Arm, der andere am linken, einer am
Jackenzipfel und einer sogar am Bein.

Hat sie dich losgelassen?--Wie sah sie denn aus?--Hat sie dir
was getan? so schwirrten die Fragen durcheinander.

Dem armen Jakob wurde himmelangst, und es war sein Glck, da gerade
die Gromutter vor die Haustre trat und ihn aus den Hnden seiner
teilnehmenden Freunde befreite. Was schreit ihr denn so? Was ist denn
los? fragte sie rgerlich.

Die Roggenmuhme hat ihn gehabt, sie hat ihn mit fortgeschleppt, riefen
alle zusammen.

Ich will rein, Gromutter, bat Jakob ngstlich, und die alte Frau
nahm ihn an der Hand und zog ihn ins Haus und klappte seinen Kameraden
die Tr vor der Nase zu. Drinnen erzhlte der Bube kleinlaut sein
Abenteuer, und die Gromutter lachte, aber nur ein wenig, denn nach echter
Gromutterweise hatte sie gleich Mitleid mit dem Jungen und versuchte ihn
zu trsten. Zu diesem Zweck gab sie ihm ein dickes Honigbrot, das, wie man
zu sagen pflegt, Jakob wieder etwas auf die Beine brachte.

Unterdessen war das Buerlein nach Oberheudorf gekommen und erzhlte
im Wirtshaus schmunzelnd Jakobs Abenteuer. So erfuhr das ganze Dorf
die Geschichte, und alle lachten darber. Man lachte noch lange, und
Jakob wurde zu seinem rger noch recht oft zugerufen, wenn ihm ein
Schweinchen in den Weg lief: Gib acht, da kommt die Roggenmuhme!

[Illustration: Jakob und Schwein]

[Illustration: Dekoration]




Das besinnliche Trinchen.


Wenn mitten unter lustigen Geschichten eine ernsthafte steht, so ist
das so, als wenn sich zwischen lauter sonnige Frhlingstage ein grauer
Regentag schiebt. Den lieben langen Tag will es dann nicht hell werden,
und alle Freude scheint auf einmal verschwunden, bis sich, vielleicht
gegen Abend, der Himmel aufhellt und zarte Rosenwlkchen zeigen, da
sicherlich am andern Tag die Sonne wieder herauskommen wird.

Unter all den frhlichen Oberheudorfer Buben und Mdeln ging des
Wassermllers Trinchen immer still und traurig einher. Immer sa es ein
wenig abseits, immer ging es allein von der Schule heim, und wenn die
andern spielten, dann sah das Trinchen von ferne zu. Die andern Kinder
nannten Trinchen darum hochmtig, denn Trinchens Vater war ein reicher
Mann, und sie meinten nicht anders, als das Trinchen sei eingebildet
darauf. Schuster Pechdraht aber meinte, Trinchen besnne sich immer zu
lange auf eine Antwort, bis dann die Zeit, eine zu geben, vorber sei, und
er nannte die Kleine manchmal scherzend das besinnliche Trinchen. Der
Name blieb dem Kinde, und bald wurde die Kleine im ganzen Dorf so genannt.

Das besinnliche Trinchen aber war nun ganz und gar nicht hochmtig,
sondern im Gegenteil ein furchtbar schchternes kleines Mdchen. Es
war so ngstlich und zaghaft, da es kaum zu sprechen wagte, und wenn
jemand unversehens ein strenges Wort zu ihm sagte, war das Mdchen tief
unglcklich. Nur aus Schchternheit hielt sich Trinchen von den Gespielen
fern. Ganz einfach hinzugehen und zu sagen: Ich will mitspielen! das
htte die Kleine gar nicht fertiggebracht. Aus Schchternheit wagte sie
auch in der Schule nicht ordentlich zu antworten, obgleich sie die meisten
Fragen htte beantworten knnen und manchmal mehr wute als die, die stolz
mit ihrer Klugheit prahlten. Hatte Trinchen aber einmal etwas unrichtig
gemacht und bekam darum Schelte, dann verlor sie alle Fassung und konnte
berhaupt nicht antworten. Sie wurde dann trotzig und verstockt genannt,
und der Lehrer, der eigentlich sehr gtig war, bestrafte wohl aus diesem
Grunde Trinchen besonders streng. Obendrein wurde sie auch noch von ihren
Mitschlern ausgelacht, wenn sie so stumm und bleich dastand und kein
Wrtchen sagen konnte.

Daheim im Elternhaus ging es dem besinnlichen Trinchen nicht besser. Des
Kindes Mutter war frh gestorben, und als Trinchen sechs Jahre alt war,
kam eine Stiefmutter ins Haus. Die alte Male, die schon bei Trinchens
Mutter Kindsmagd gewesen war und nach dem Tode der Frau in der Mhle die
Wirtschaft fhrte, sah scheel auf die neue Hausfrau. Sie erzhlte in ihrem
rger dem Trinchen lauter schreckliche Geschichten von bsen Stiefmttern,
die alle gar nicht wahr waren, und jagte dadurch der schchternen Kleinen
eine heillose Angst ein. Die neue Mutter war eine gtige, frhliche Frau,
die ihrem Stiefkinde ein Herz voll Liebe entgegenbrachte. Aber Trinchen in
ihrer Schchternheit, zu der noch die Angst vor der Stiefmutter kam, blieb
dieser gegenber so fremd und befangen, da sie immer wie ein scheues
Muslein im Hause herumhuschte.

Am unglcklichsten ber diese Schchternheit war das besinnliche Trinchen
selbst. Niemand ahnte, wie tieftraurig die Kleine oft war, wie schrecklich
einsam sie sich oft fhlte, denn sie hatte ein zrtliches, liebebedrftiges
kleines Herz. In aller Stille hing sie zum Beispiel mit inniger Liebe an
ihrer Stiefmutter, aber es dieser zu zeigen wagte sie nicht. Auch den Herrn
Lehrer liebte Trinchen schwrmerisch, aber wenn die andern Kinder
zutraulich zu ihm liefen und ihm von ihren Freuden und Leiden erzhlten, da
stand die Kleine abseits. Wie gern htte Trinchen eine Freundin gehabt und
htte einmal vergngt mit den andern gelacht oder wre mit zu Muhme
Lenelis gelaufen.

Manchmal, wenn sie einsam an einem verborgenen Pltzchen, etwa unter
einer Trauerweide am Mhlbach, sa, da nahm sie sich vor, so zu sein
wie die andern Kinder. Sie schwatzte lauter lustige Sachen vor sich
hin, und wenn sie am nchsten Tag in die Schule kam, da war sie so
still und scheu wie immer, da war sie wie eine jener Blumen, die ihren
Kelch geschwind schlieen, wenn eine Menschenhand sie berhrt.

In der Oberheudorfer Schule saen die Kinder alle in einer Klasse, die
Kleinen unten und die Groen oben. Es gab aber auer dem eigentlichen
Schulzimmer noch ein zweites, in dem hatten die Mdchen bei der Frau
des Lehrers Handarbeitsstunde, oder diejenigen, die schreiben muten,
whrend die andern lasen, saen darin. In diesem zweiten Schulzimmer
stand ein groer Schrank, in dem Bcher, Landkarten, Kreide, Tinte und
dergleichen aufbewahrt wurden. In dem Schrank stand auch eine kleine
Sparbchse. Wenn ein Kind Geburtstag hatte oder sonst ein besonders
freudiger Tag war, dann erbat es sich daheim von seinen Eltern einige
Pfennige, die in die Sparkasse getan wurden. In Niederheudorf war ein
Armenhaus, in dem auch einige Oberheudorfer Arme wohnten, denen wurden
zu Weihnachten dann von dem ersparten Geld kleine Geschenke gemacht.

An einem Herbsttag wanderte das besinnliche Trinchen noch zaghafter als
sonst zur Schule. Es hatte nmlich einen Plan, von dessen Ausfhrung
ihr schon seit Wochen bangte, und doch war sie glckselig bei dem
Gedanken, ihr Plan knnte ihr gelingen.

Vor einiger Zeit hatte sie von einer Tante, die in der Stadt wohnte,
einen hbschen Kasten mit allerlei kleinen, niedlichen Handarbeiten
bekommen, ein Geschenk, das ihr viel Freude bereitet hatte, wenn von
der Freude auch niemand etwas merkte. Unter den Arbeiten war auch ein
zierliches, kleines Federkstchen gewesen, und in einer Stunde, in der
das besinnliche Trinchen in aller Heimlichkeit lustig und unternehmend
gewesen war, hatte es sich vorgenommen, das Kstchen dem Herrn Lehrer
zu schenken. Acht Tage lang trug sie das ganz sauber gestickte Kstchen
in ihrem Ranzen in die Schule, und jedesmal brachte sie es wieder heim:
sie hatte es nicht gewagt, ihre Arbeit dem Herrn Lehrer zu geben.
Schlielich nahm sie sich vor, sie wolle es ihm heimlich auf das Pult
stellen, vielleicht wrde er es gar nicht merken, da die Gabe von ihr kam.

Der Schultag verlief wie alle Schultage. Einige Kinder hatten gut gelernt,
einige weniger gut. Trinchen, deren Gedanken viel bei ihrem Kstchen waren,
wute einige ganz einfache Fragen nicht zu beantworten. Die andern Kinder
lachten, und der Lehrer schalt und sagte die Antwort, die Trinchen
wiederholen sollte. Die Kleine war durch Lachen und Schelte so
verschchtert, da sie trotz aller Mhe, die sie sich gab, kein Wort
herausbrachte.

Du bist ein trotziges Kind, sagte der Herr Lehrer rgerlich. Nachher,
wenn ich die neuen Bilder zeige, die ich gestern bekommen habe, gehst du
in die andere Stube und schreibst die Antwort zehnmal auf.

Trinchen stiegen die Trnen in die Augen, und zu allem Unheil machte
sie in ihr neues Heft noch einen dicken Klecks. Tief unglcklich sa
sie zusammengekauert wie ein kranker kleiner Spatz da, und als gegen
Ende der Schule der Herr Lehrer die Bilder herausholte und alle Kinder
vergngte Gesichter bekamen, schlich sie traurig in das Nebenzimmer.

Da sa sie denn und schrieb, und es sah aus, als htten Krhen rechtsum,
linksum auf dem Heft getanzt, denn so schwere Trnen saen ihr in den
Augen, da sie kaum etwas sehen konnte.

Natrlich bekam sie auch wieder Schelte wegen der Schreiberei, und der
Herr Lehrer sagte, sie msse am Sonnabend nachmittags in die Strafstunde
kommen. Das war eine schreckliche Schande! Trinchen meinte, sie msse in
den Boden sinken vor Scham.

Das Schlugebet war gesprochen, und schon wollten alle heimgehen, als
Schmieds Grete wichtig hervortrat und einen Groschen brachte, der fr
die Sparbchse bestimmt war. Ihre Mutter hatte Geburtstag, da hatte sie
ihr den Groschen gegeben. Das war ein Ereignis! Heine Peterle und der
blaue Friede strzten gleich in das andere Zimmer, um die Bchse zu
holen, und kamen gleich darauf wieder mit dem Jammerruf: Die Bchse
ist nicht da!

Ach Unsinn, sagte der Herr Lehrer, ich habe sie heute frh selbst
gesehen; es wird etwas davorstehen. Ruhe, Kinder, rennt nicht so, nur
drei drfen nachsehen!

Nach einigen Minuten kamen die drei Boten wieder und riefen klagend:
Sie ist nicht da!

Ich will selbst nachsehen, sagte der Herr Lehrer, bleibt alle an euren
Pltzen! Er ging, und nach wenigen Minuten kehrte er mit tiefernstem
Gesicht zurck. Die Bchse ist nicht da. Wer von euch war heute im
Nebenzimmer?

Einige meldeten sich, und Anton Friedlich sagte, er habe bestimmt die
Bchse gesehen.

Hat der Schrank offen gestanden, als ihr nachgesehen habt? fragte der
Lehrer Heine Peterle und den blauen Friede.

Ja, weit offen, riefen beide.

Wer hat ihn offen gelassen?

Ich nicht!--Ich nicht! schrien die Kinder, nur das besinnliche
Trinchen sa stumm und teilnahmslos auf seinem Platze.

Einmal hat's drin gerappelt! rief Anton Friedlich, der sich doch
nicht ganz klar war, ob er nicht den Schrank offen gelassen hatte.

Ich hab's auch gehrt!--Ich auch! riefen einige andere. Es ist
jemand drin gewesen!

Der Herr Lehrer rief seine Frau, die allein noch von ihrer Wohnung aus
das Zimmer betreten konnte, und die Frau Lehrerin sagte, sie sei darin
gewesen; ob aber der Schrank offen gestanden habe, darauf konnte sie
sich nicht besinnen.

Mllers Trinchen ist zuletzt in der Stube gewesen, rief Schnipfelbauers
Fritz auf einmal, und aller Augen richteten sich auf Trinchen, die blutrot
wurde.

Hast du gesehen, ob der Schrank offen war? fragte der Lehrer die
zitternde Kleine.

Trinchen schwieg verwirrt und wagte nicht aufzusehen. Es wurde
muschenstill in der Klasse.

Trinchen, komm einmal mit deinem Ranzen zu mir, sagte der Lehrer
ernst, aber nicht unfreundlich.

Der Gedanke an das Kstchen durchzuckte Trinchen. Wenn der Herr Lehrer
das findet und danach fragt! dachte sie angstvoll, und unbeweglich
blieb sie auf ihrem Platze.

Trinchen, sagte der Herr Lehrer strenger, du kommst sofort her!

Trinchens Fe wurden bleischwer, sie war halb sinnlos vor Angst. Warum
rief der Lehrer sie nur, sie hatte doch nichts getan?

Die Nachbarinnen schoben die Kleine rgerlich aus der Bank heraus.
Geh doch, geh doch! sagten sie bse, denn Trinchens Schweigen und
Verlegenheit bestrkten bei allen den schrecklichen Verdacht, und von
hinten hervor kam auf einmal eine Stimme: Mllers Trine hat die Bchse
gestohlen!

Still! donnerte der Herr Lehrer zornig, dem der Gedanke, eines seiner
Schulkinder knne wirklich so etwas getan haben, bitter weh tat.

Aber Trinchen hatte das Wort auch gehrt. Sie wurde pltzlich leichenbla.
Das dachte man von ihr? Fr eine Diebin hielt man sie? Die Kleine taumelte,
wie im Kreise drehte sich alles vor ihr, und in ein lautes Schluchzen
ausbrechend, warf sie ihren Ranzen weg. Sie strzte, ehe sie noch jemand
halten konnte, zur Tre hinaus. An der Tre rannte sie mit jemand zusammen,
der gerade die Klasse betreten wollte, obgleich er nicht in eine Schule
gehrte.

Na, was ist denn das fr eine Aufregung? rief der Mann, der an der Tre
stand, und der kein anderer war als--der Gendarm.

Er wollte Trinchen halten, aber die Kleine war schnell wie ein Blitz an
ihm vorbei. Mit Verlaub, Herr Lehrer, sagte der Gendarm und trat nher,
das gehrt wohl hierher? und dabei stellte er--die vermite Sparbchse
auf das Pult und sah sich wohlgefllig im Kreise um: Das ist mal 'ne
berraschung, was?

Eine berraschung war das freilich, und der Lehrer schttelte erstaunt
den Kopf: Wie kommen Sie zu der Bchse?

Hm, das ist man so, sagte der Gendarm und erzhlte umstndlich, da
er einen Landstreicher habe nach seinen Papieren fragen wollen, doch
der Mann sei ausgerissen und habe dabei die Bchse weggeworfen. Er
mute durch das offene Fenster in das Schulzimmer gestiegen sein und
die Bchse geraubt haben.

So etwas war seit Menschengedenken nicht in Oberheudorf passiert, und
eine unbeschreibliche Aufregung befiel die Kinder. Sie vergaen, da
sie in der Schule waren, und schnatterten wild durcheinander wie die
Gnse auf dem Anger, bis der Lehrer Ruhe gebot und rief: Doch jetzt
wird zuerst das arme Trinchen gesucht!

Da rannten alle aus der Klasse und schrien: Trinchen, Trinchen! aber
so laut, da, wenn es Trinchen gehrt htte, ihr wohl himmelangst
geworden wre.

Der Lehrer selbst eilte in die Mhle, weil er meinte, Trinchen sei gewi
dort. Aber das besinnliche Trinchen war nicht nach Hause gekommen,
und seine Eltern gerieten in heftige Aufregung, als sie die traurige
Geschichte erfuhren. Ihre Angst teilte sich bald dem ganzen Dorf mit,
denn wo man auch suchte, nirgends war Trinchen zu finden. Kein Haus,
keine Scheune im Dorf blieben undurchsucht, und der Mller durchstreifte
in seiner Herzensangst mit seinen Knechten den Wald. Aber soviel er auch
seines Kindes Namen rief, die Kleine blieb verschwunden.

Der schne, helle Herbsttag wandelte sich allmhlich zum Abend, und
ber die Wiesen zogen weigraue Nebelstreifen, und mit der immer
tiefer werdenden Dmmerung wurde die Angst um das verschwundene Kind
in Oberheudorf immer grer. Einige Leute hatten das Trinchen aus
der Schule laufen sehen, und alle sagten, sie sei nach dem Walde zu
gelaufen. Aber der Wald war gro, ber Berg und Tal zog er sich hin,
und leicht konnte sich jemand darin verirren.

Friede, der Trumer, war am Morgen nicht in der Schule gewesen; er
hatte fr seinen Pflegevater in ein entferntes Dorf gehen mssen, und
der Herr Lehrer hatte ihm auch Urlaub gegeben. Es war schon Dmmerung,
als der Bube heimkam und auf der Dorfstrae von einigen Schulkameraden
von Trinchens Verschwinden hrte. Da ging Friede nicht erst nach Hause,
sondern drehte um und lief spornstreichs zum Dorf hinaus. Was alle
nicht wuten, das wute er, nmlich einen Ort, wo mglicherweise das
Trinchen sein konnte.

Traumfriede hatte das stille, scheue Trinchen immer gut leiden mgen,
mit ihr gesprochen hatte er freilich selten. Zwischen des reichen
Mllers Kind und ihm, dem armen Waisenjungen, war doch eine weite
Kluft, so meinte er und wute nicht, da das besinnliche Trinchen
dankbar fr seine Freundlichkeit gewesen wre. Heimlich hatte Friede
manchmal die Kleine beobachtet, und er kannte des scheuen Kindes
Lieblingspltzchen. In einer Sandgrube dicht am Dorf war eine kleine,
verborgene Hhle. Friede hatte sie einmal entdeckt und zu seinem
Erstaunen das Trinchen darin gefunden. Er lief jetzt auch schnell hin,
und wie er die Hhle erreicht hatte, hrte er ein leises Rascheln. Er
trat an den Eingang und rief: Trinchen, bist du da?

Ein unterdrcktes Schluchzen ward hrbar, und Friede rief bittend:
Komm, Trinchen, komm, ich tu dir doch nichts!

Da kam die Kleine wirklich aus ihrem Versteck hervor, und in dem
dmmerigen Licht sah der Bube, wie sie zitterte. Er legte seinen Arm um
sie und sagte: Komm nach Hause, Trinchen, du wirst gesucht!

Aber die Kleine kauerte auf der Erde nieder und sagte leise, und ihr
Stimmchen klang unsglich traurig: Ich kann nicht nach Hause!

Aber Trinchen! Friede kauerte neben dem Kind nieder und streichelte
es und erzhlte alles, was er erfahren hatte, da der Dieb gefunden sei
und alle Leute schreckliche Angst um sie htten.

Trinchen gab keine Antwort, und eine Weile saen die Kinder nebeneinander
auf dem Steingerll, und Traumfriede dachte nach, was er wohl mit dem
kleinen Mdel sprechen knnte. Endlich fragte er: Trinchen, warum bist
du denn nur fortgelaufen, du hattest ja nichts getan?

Es war so dunkel geworden, da Trinchen nur des Buben Gestalt, aber
nicht sein Gesicht mehr erkennen konnte. Friedes trstende Stimme
kam aus dem Dunkel heraus zu ihr, und das hatte etwas so Trauliches,
da Trinchen ein wenig ihre Schchternheit verlor und zaghaft von
ihrem Plan zu erzhlen begann. Friede sagte nichts dazu, er hielt nur
Trinchens kleine, kalte Hand fest in der seinen. Da wurde das Kind
mutiger und sprach weiter von der schrecklichen Angst, die es bei allen
Dingen habe, und da niemand etwas von ihm wissen wolle.

Von mir auch nicht, sagte Friede auf einmal aus tiefstem Herzen
heraus, mich mag keiner, weil ich blo 'n armer Waisenjunge bin!

Das besinnliche Trinchen schwieg, es mute sich wirklich erst auf eine
Antwort besinnen, und dann gab es eine, ber das es selbst erschrak:
Ich mag dich leiden, sagte die Kleine herzhaft.

Ich dich auch, gab Friede zur Antwort.

Weiter sagten sie nichts, aber von der Stunde an waren sie gute Freunde.
Jetzt strubte sich Trinchen auch nicht lnger und ging still mit Friede
nach Hause. Je nher sie freilich dem Dorfe kamen, desto grer wurde
wieder ihre Scheu, und sie brachte, als sie daheim voll Freuden von den
gengstigten Eltern begrt wurde, kaum ein Wort heraus. Friede mute
fr sie sprechen, und der tat das auch so herzhaft, wie er es fr sich
selbst nie getan htte. Trinchen sah auch so totenbleich aus und war so
erschpft, da sie die Mutter gleich ins Bett brachte und niemand sie mehr
mit Fragen qulte.

Am andern Tage war Trinchens Platz in der Schule leer, und in der Mhle
hatte man den Doktor aus der Stadt geholt.

Das besinnliche Trinchen war krank.

Still und teilnahmslos lag die Kleine in ihrem Bettchen, und der Arzt
schttelte bedenklich den Kopf und sagte zu den Mllersleuten, Trinchen
sei ein berzartes, schwchliches Kind. Ob sie oft in letzter Zeit ber
Schmerzen in der Brust geklagt habe. Nein, das hatte die Kleine nicht
getan; in ihrer bergroen Schchternheit hatte sie nicht einmal gewagt,
ber Schmerzen zu klagen. Die Aufregung des gestrigen Tages und der lange
Aufenthalt in der khlen, feuchten Hhle hatten den raschen Ausbruch einer
schweren Krankheit herbeigefhrt. In der Nacht bekam Trinchen heftiges
Fieber; sie begann laut zu sprechen, und manchmal schrie sie angstvoll,
sie sei keine Diebin, dann wieder klagte sie traurig, da sie niemand lieb
habe.

Es war jammervoll! Die Eltern weinten sich fast die Augen aus vor
Herzeleid, und die Mllerin sa am Bett des Kindes, und eine rechte
Mutter htte nicht trauriger sein knnen um ihr Kind, als sie es war.

Und Trinchen starb. Nach langen, langen Wochen schlief sie sanft und
friedlich ein. Und in diesen Wochen war das scheue Kind so von Liebe
umgeben gewesen, da seine Augen immer strahlender, sein Lcheln immer
glcklicher geworden war.

Der Lehrer hatte tglich an Trinchens Bett gesessen, die Schulkameradinnen
und -kameraden kamen, und die Mutter verlie die Kleine kaum eine Stunde.

Wie ein lieblicher, kleiner Engel lag dann das besinnliche Trinchen auf
seinem letzten Lager, und das ganze Dorf kam herbei, und man brachte die
letzten bunten Herbstblumen, und zuletzt war Trinchen fast ganz von Blumen
bedeckt. Ganz bescheiden, verborgen unter einem weien Asternkranz lag
ein Strau Waldblumen. Einige blaue Glockenblumen, rote Brombeerbltter,
Kleeblten und Grser hatte Traumfriede mhsam zusammengesucht und dem
Trinchen gebracht. Und als die Kleine begraben wurde, da sa er, der nicht
mit hatte auf den Friedhof gehen knnen, weil er keinen Sonntagsanzug
hatte, in der kleinen Hhle im Steinbruch, und er meinte, das Herz msse
ihm brechen.

Eine aber hatte gesehen, wie Friede schchtern Trinchen den
Waldblumenstrau brachte. Das war Muhme Lenelis, und seitdem dachte die
alte Frau manchmal an den Waisenknaben.--Doch das gehrt in eine andere
Geschichte.

Das besinnliche Trinchen wurde nicht vergessen. Alle, die es gekannt
hatten, merkten nun erst, da die Kleine tot war, wie lieb sie ihnen
gewesen war.

In der Mhle lag zu Weihnachten ein dicker, kleiner Junge in der
buntbemalten Wiege und schrie vergngt in die Welt hinein. Nach einem
Jahr lag ein Mdel darin, und so fort, lauter lustige, pausbckige
Mllerkinder waren es, und die Eltern hatten Freude und Sorge mit
ihnen. ber der eigenen Kinderschar aber verga die Mllerin nie das
scheue, blasse Trinchen. Unvergessen lebte das Kind in ihrem Herzen.

Und auf dem Schreibtisch des Lehrers nimmt Trinchens Federkstchen noch
heute einen Ehrenplatz ein.

[Illustration: Trinchens Sarg]

[Illustration: Dekoration]




Sommergste in Oberheudorf.


An einem sehr heien Julitag befand sich ganz Oberheudorf in Aufregung;
an diesem Tage wurden nmlich die ersten Sommerfrischler erwartet, die
allerersten berhaupt, denn es waren noch nie welche dagewesen. Ein
Sommerfrischler war also den Dorfbewohnern ein ganz unbekanntes Ding.

Was sie nur hier wollen? fragte der dicke Friede, der im Kreise seiner
Kameraden am Dorfeingang unter der groen Linde sa. Dort wollten die
Kinder die fremden Gste erwarten. Wann sie ankamen, wute niemand genau.
Der Wirt Kaspar auf dem Berge hatte gesagt, es knne auch sein, da sie
erst morgen kmen.

Annchen Amsee hielt ihre Schrze vor das Gesicht und kicherte:
Sie--sie--wollen frische Luft haben!

So dumm! brummte Schulzens Jakob. Gibt's denn die in der Stadt nicht?

Auer Heine Peterle war noch keines von den Kindern in der Stadt gewesen,
also schauten alle den Buben an und fragten: Weit du's nicht?

Huser gibt's da, knurrte Heine Peterle und wurde feuerrot. Er war
wtend, da er nach der Stadt gefragt wurde. Wie konnte er wissen, ob
es dort Luft gab! Die Sommerfrischler rgerten den armen Heine Peterle
ohnehin gewaltig. Zwei von ihnen kamen nmlich nirgends anders hin als in
sein Vaterhaus. Der Gastwirt hatte nicht Platz genug fr fnf Gste, und
da Heine Peterles Mutter seine Schwester war, hatte diese sich erboten,
zwei Fremde bei sich unterzubringen. Im Giebel des Hauses lagen zwei
unbewohnte Stuben, die waren sauber hergerichtet worden. Dort sollten die
Fremden wohnen. Drei Tage lang war gescheuert und geputzt worden, und
Heine Peterle hatte dabei so viele Ermahnungen bekommen, ungeheuer brav
zu sein, wenn die Fremden erst da wren, da ihm vor seiner knftigen
Bravheit schon himmelangst wurde.

Erzhl noch was von der Stadt! mahnte auch noch Annchen Amsee.

Heine Peterle seufzte schwer, erstens wegen der Stadt und dann, weil
er zu Mittag schrecklich viel sen Reis gegessen hatte und nun mde
und faul war. Er stand darum auf und sagte patzig: Ich geh' heim. Die
Stadtleute kommen doch noch lange nicht, und berhaupt ist mir's zu
dumm, hier zu warten! Damit trollte er ab, und seine Gefhrten riefen
ihm neckend nach: Geh nicht in die Stadt, Heine Peterle!

Da ging der Bube freilich nicht hin, sondern nach Hause; er war so
mde, als wre es Abend und nicht hellichter Mittag. Als er heimkam,
stand Muhme Rese an der Haustr und sagte: Heine Peterle, kannst
kommen und mir Bohnen pflcken helfen!

Und hernach kannst du in den Hhnerstall gehen und die Eier holen,
rief seine Mutter von der Kche her, und hier trag erst mal den Eimer
in die Gaststube. Die Stadtleute werden wohl noch nicht kommen, es soll
aber alles fertig sein.

Seufzend nahm Heine Peterle den Eimer und kletterte die kleine, schmale
Treppe hinauf. So viel Arbeit auf einmal war ihm aufgetragen worden!
Er sthnte ordentlich vor Mdigkeit und Faulheit und setzte den Eimer
gleich an der Tre ab. Wie schn sauber und khl es in den Stuben war!
Leise schlich Heine Peterle in das zweite Zimmer. Da standen hoch
aufgetrmt zwei mchtige Federbetten, und beim Anblick dieser dicken
Federnester fhlte der Bube erst recht, wie mde er war. Er verga
Muhme Rese, die Bohnen, den Hhnerstall und die Eier, und eins, zwei,
drei lag er in einem der Betten. Seine Schuhe brauchte er nicht erst
auszuziehen, denn er hatte keine an. Ein kleines Weilchen kann ich
schon schlafen, dachte er, nachher mach' ich das Bett glatt, da merkt
es niemand! Er kugelte sich vor lauter Behagen wie ein Igel zusammen.
Ja, das war fein!

Den Kindern unter der Linde wurde nach und nach die Sache etwas
langweilig, die Zeit verging, und kein Wagen lie sich in der Ferne sehen.
Anton Friedlich, der immer alles mgliche wute, nur das nicht, was er in
der Schule wissen sollte, rief auf einmal: Wir wollen Negers spielen!

Hurra! brllten die andern begeistert, und Schulzens Jakob kugelte
gleich vor Vergngen ein Stck im Grase hin und her.

Negers war nmlich seit einiger Zeit ein ungeheuer beliebtes Spiel bei
den Oberheudorfer Buben und Mdeln. In einem Geschichtenbuch, das dem
Herrn Lehrer gehrte, und das dieser den Kindern geborgt hatte, stand
eine Erzhlung, worin Neger ein Dorf berfallen. Die Hauptsache bei dem
Spiel war, da eine Anzahl Buben sich die Gesichter schwarz frbten und
mit furchtbarem Geschrei auf des Mllers alte Scheune zuliefen. Das war
das Dorf, in dem die andern Kinder wohnen muten. Das Geschrei und die
schwarzen Gesichter aber waren bei dem Spiel die Hauptsache. Schulzens
Jakob besa einen ganzen Topf voll Ru, damit schmierten die Buben sich
immer an. Es dauerte auch heute nicht lange, da war das Spiel in vollem
Gange. Annchen Amsee stellte eine Prinzessin vor, die auf irgend eine
rtselhafte Weise unter die Neger geraten war. Gerade zog der blaue
Friede unter schauerlichem Gebrll die arme Prinzessin mit sich fort, als
Schulzens Jakob, seine Negerrolle vergessend, schrie: Die Stadtleute
kommen! Der Ruber lie die Prinzessin los, aus der Scheune strzten die
belagerten Weien heraus, und sehr einmtig rasten alle zusammen dem nher
kommenden Wagen entgegen.

In dem bequemen Landauer saen zwei Damen und zwei Herren auf dem Bock.
Neben dem Kutscher sa noch ein junger Mann, der vergngt um sich blickte.

Eine der Damen, die ein blasses Gesicht hatte, sah sich um und sagte
mit leiser, mder Stimme: Wie still es hier ist! Ach ja, hier in der
Ruhe werde ich mich erholen!

Der ltere Herr, der ihr gegenber sa, nickte: Ja wirklich, es ist so
friedlich hier, wie so ganz anders als unsere geruschvollen Straen!

Hurra, sie kommen, hurra, hurra! brllte es da pltzlich neben dem
Wagen, und schwarze und weie Buben- und Mdelgesichter tauchten auf.

Mein Himmel, schrien die Damen entsetzt, was ist denn das? Was sind
denn das fr schreckliche schwarze Kinder?

Oh das Geschrei! sthnten alle und hielten sich die Ohren zu, nur der
junge Mann auf dem Bocke lachte lustig.

Die Oberheudorfer Buben und Mdel waren der Ansicht, da zu einem
richtigen Empfang auch ein ordentliches Geschrei gehrt, und so
begleiteten sie den Wagen unter lauten Freudenrufen in das Dorf hinein.
Die Fremden winkten, sie sollten still sein, die Kinder aber nahmen das
Winken fr Beifall und schrien immer lauter.

In der Dorfstrae wurde alles Getier von dem Lrm angesteckt, und das
schnatterte, meckerte, grunzte und gackerte an allen Ecken und Enden.

Der Wirt Kaspar auf dem Berge stand vor der Tre und verneigte sich
schon, als er erst die Pferdenasen sah. Mine, die Magd, knickste so
tief, da sie, als der Wagen vor dem Hause hielt, nicht wieder hoch
kam, sondern pltzlich auf der Schwelle sa.

Das kam Annchen Amsee so ungeheuer komisch vor, da sie hell auflachte,
und da Lachen ansteckt, brachen alle Mdel und Buben in ein jubelndes
Gelchter aus.

Sie lachen uns wohl gar aus? sagte die eine der fremden Damen
entrstet und schaute die unntzen Dorfkinder strafend an. Doch diese,
die ein gutes Gewissen hatten, lachten unverzagt weiter, und die
Fremden rgerten sich, weil sie nicht wuten, wem das Lachen galt.

Heine Peterles Mutter kam herbei, um die beiden Damen, die bei ihr
wohnen sollten, in das Haus zu fhren. Vor der Tre standen Muhme Rese,
die Magd und ein rundes, weies Schweinchen, das Muhme Reses besonderer
Liebling war. Lieblinge aber, es mgen nun Kinder oder Ferkelchen sein,
sind meist etwas vorwitzig, und so meinte auch das Schweinchen, es
msse die Fremden zuerst begren. Uiuiui, quiekte es und rannte an
eine der Damen an. Diese schrie entsetzt auf: Entsetzlich, hier ist
ein Schwein, ein Schwein!

Nu freilich, brummte Muhme Rese unwillig, was ist denn dabei zu
schreien?

Ich falle in Ohnmacht! rief die andere Dame und flchtete in das
Haus, und die Buerin folgte ihr erschrocken. Es erschien ihr hchst
sonderbar, da ein Mensch sich vor einem Schwein frchten konnte.

Wie es hier riecht! flsterte die eine der Damen im Hause.

Nach Kuhstall, sagte die andere und rmpfte die Nase.

Mit mimutigen Gesichtern kletterten die Fremden die Treppe empor, die zu
dem Obergescho fhrte. Blitzblank waren die beiden Gastzimmer gescheuert,
feiner, weier Sand war auf den Boden gestreut, und der Duft von Rosen
und Nelken erfllte die Luft. Wie sauber und nett das alles war, sahen
aber die fremden Damen gar nicht. Eine von ihnen stolperte nmlich gleich
beim Eintritt ber den Eimer, den Heine Peterle an der Tre hatte stehen
lassen. Au, mein Knie! rief die Dame emprt und sah sich zornig um.

Der vertrackte Bube! murmelte die Buerin und trug den Eimer dahin, wo er
hin gehrte.

Pfui, was ist das fr ein schmutziger Bengel im Bett! rief da die eine
Dame entsetzt. Sie hatte Heine Peterle erblickt, der rot und hei im Bett
lag und schlief, als sei es gerade Mitternacht.

Heine Peterle! schrie seine Mutter zornig.

Nein, so ein Schlingel! quiekte die Magd.

Hinaus mit ihm! riefen die Damen emprt. Das ist ja ein abscheulicher
Junge!

Von diesem Geschrei erwachte der Heine Peterle, und er, der sonst immer
so verschlafen war, da seine Mutter am Morgen ihn rtteln und schtteln
mute, ehe er aufstand, war auf einmal putzmunter. Hops! war er aus dem
Bett und zur Stube hinaus, noch ehe ihn jemand fassen konnte. Er hrte
aber noch ganz deutlich, wie die Damen sagten: Der Junge mte tchtige
Haue haben!

Heine Peterle verkroch sich im Garten in einer kleinen
Jelngerjelieberlaube; er hielt es fr ratsam, seiner Mutter vorlufig
nicht in den Weg zu kommen. Als er spter zum Abendessen erschien, bekam
er aber doch noch seine Schelte und die Ermahnung, recht hflich und
freundlich zu den Fremden zu sein.

Das versprach er auch, und am nchsten Morgen mute er so viel daran
denken, was er den beiden Damen wohl zur Freude tun knnte, da er
darber gar nicht hrte, was der Herr Lehrer ihn fragte. Das Ende vom
Liede war, da er eine Strafarbeit erhielt und sehr kleinlaut und
niedergeschlagen nach Hause kam.

Die fremden Gste waren am Morgen spazieren gegangen, und die Dorfleute
hatten ihnen kopfschttelnd nachgesehen. Nein, so etwas! Wie die
Stadtleute aber wunderlich waren! Vor einer Kuh nahmen sie alle Reiaus,
und wenn eine Pftze auf der Dorfstrae war, taten sie, als mten sie
einen breiten Flu berschreiten. Nur der eine der Herren lachte ber
alles und sah sich mit hellen Augen um.

Jetzt, wenn ich nur wt', wo ich ihn schon gesehen habe, sagte der
Wirt Kaspar auf dem Berge.

Ich wei schon, wo, erwiderte Mine.

Na, da red' doch, Mdel! Kannst ja sonst schwatzen, als kriegtest du
frs Dutzend Worte 'nen Dreier! brummte der Wirt.

Das ist, hihihi, das ist, hihihi, der Schulrat, rief Mine.

Potzwetter ja, schrie Kaspar auf dem Berge, der falsche Schulrat vom
vorigen Jahre ist's! Na, der Herr Lehrer wird aber Augen machen!

Der Herr Lehrer lachte, als der Wirt zu ihm gelaufen kam; eben war nmlich
der fremde Herr dagewesen und hatte sich ob seines lustigen Streiches
von damals entschuldigt. Es war wirklich der verkannte Schulrat, dem die
Kinder einen schulfreien Tag zu verdanken hatten.

Am Nachmittag sa Heine Peterle in der Stube und schrieb unter vielen
schweren Seufzern seine Strafarbeit. In Haus und Hof war es ganz still,
der Vater war mit dem Knecht und der Magd zum Heueinholen, und die Mutter
bego auf der Bleiche die Wsche. Muhme Rese sa auf dem Bnkchen vor der
Tre und strickte, und die Fremden waren oben in ihren Zimmern.

Mitten in seiner Arbeit fiel es Heine Peterle ein, da er unbedingt
einmal nach den jungen Ktzchen sehen mute. Vier Stck mausgraue,
possierliche Dingerchen waren es, die in einer Ecke des Kuhstalles
lagen, und die erst acht Tage alt waren. Als der Bube die kleinen
Dinger betrachtete, fiel ihm ein, da er doch gegen die Stadtdamen
hflich und freundlich sein sollte. Ich werde ihnen die Ktzchen
bringen, dachte er, da werden sie sich aber arg freuen! Gedacht,
getan. Er nahm die vier Ktzchen auf den Arm und kletterte die Treppe
hinauf. Miauend folgte ihm die Katzenmutter, und Sultan, der Hofhund,
schlo sich auch noch an.

Da Heine Peterle die Hnde voll hatte und doch als hflicher Junge
anklopfen wollte, stie er etliche Male mit dem Fu an die Tr des
Gastzimmers. Das polterte gehrig, und drinnen wurde ein lauter Schrei
hrbar. Eine der Damen ri erschrocken die Tre auf. Was gibt es? Was
ist geschehen? schrie sie ngstlich.

Da! sagte Heine Peterle und setzte ohne weitere Erklrung die kleinen
Katzen auf den Fuboden. Gelt, die sind fein?

Wauwau, wauwau! bellte Sultan hinter dem Buben, und die Katzenmama
versetzte ihm fr das Gebell fauchend eine Ohrfeige.

Ratten, das sind Ratten! quiekten die fremden Damen. Pfui, du
abscheulicher Junge! Zu Hilfe, Ratten, Ratten! Eine der Damen kletterte
auf den Tisch, die andere sprang auf das Bett. Angstvoll rafften sie
ihre Rcke zusammen und schrien, als wre Heine Peterle mit den kleinen,
unschuldigen Katzen ein furchtbares Ungeheuer.

Muhme Rese, die unten den Lrm hrte, kam, so rasch es ihre alten Fe
erlaubten, die Treppe heraufgelaufen; sie dachte, es sei ein groes
Unglck geschehen.

Das ist der schreckliche Junge wieder, der gestern im Bett gelegen
hat, zeterte die eine der Damen, die andere hatte einen Sonnenschirm
ergriffen und drohte: Marsch, hinaus mit deinen Ratten, bses Kind du!

Ratten? N, das sind junge Katzen! sagte Muhme Rese, die erstaunt an
der Tre stehen blieb. Und bse ist unser Heine Peterle auch nicht,
mal en bichen faul und mal en bichen vorlaut und frech, aber sonst
ist er en ganz guter Junge. Und Ratten sehen allemal anders aus. Das
hier sind Katzen, die tun niemand nichts. Schreien Sie man nicht so!

Heine Peterle sah dankbar zu Muhme Rese auf, weil die ihn so gut
verteidigte, dann nahm er seine Ktzchen und entfernte sich eilig, die
Dame mit dem Sonnenschirm sah ihn gar zu drohend an.

Es war doch schrecklich mit den Stadtleuten, nie konnte man es ihnen
recht machen! Dumm sind sie, die Stadtleute, dachte Heine Peterle,
als er wieder vor seiner Strafarbeit sa. Wie kann man nur Katzen fr
Ratten halten!

Platsch, sa da ein groer, dicker Klecks mitten im Buch. Er sah
beinahe wie ein kleiner schwarzer See aus. Sthnend rieb der Bube mit
seinem Gummi so lange an dem Fleck herum, bis ein Loch an der Stelle
war, und dann schrieb Heine Peterle weiter und machte vierundzwanzig
Fehler. Seiner Meinung nach waren an allem Unglck nur die beiden
Stadtdamen schuld; er machte darum fortan, wo er sie erblickte, einen
groen Bogen um sie herum.

Man mu freundlich zu den Fremden sein, dachten wie Heine Peterle
alle andern Oberheudorfer, und wenn sich jemand von den Stadtleuten
blicken lie, da grten sie, lachten und blieben stehen.

Und die Fremden sagten: Nein, sind die Oberheudorfer aber neugierig!
Sie hielten die Freundlichkeit nur fr Neugierde.

Man mu freundlich zu den Fremden sein, dachte auch Hans Rumps, der
Nachtwchter. Er blies darum allemal vor den Fenstern der Stadtleute
die Stunden ab, und weil er es besonders gut machen wollte, sang er
noch sein Sprchlein:

      Hrt, ihr Leute, lat euch's sagen,
      Die Glocke, die hat elf geschlagen!

Wenn Hans Rumps sein Horn blies, klang es nun aber, als ob einer in
einen hohlen Topf tutet, und wenn er sang, quietschte es, als drehe
sich die alte, verrostete Wetterfahne auf dem Kirchturm. Schn war es
wirklich nicht, und die Stadtleute rgerten sich, wenn sie in der Nacht
immer wieder durch das Getute und den Gesang geweckt wurden.

Nicht zum Aushalten ist es! sagte die eine der Damen.

Das soll nun Ruhe sein! entrsteten sich die Herren.

So kam es, da schon nach drei Tagen die Sommerfrischler mit sehr
mimutigen Gesichtern Oberheudorf verlieen. Sie kamen auch nie wieder.
berhaupt sind seitdem keine Sommergste mehr nach Oberheudorf gekommen,
und Heine Peterle sagte, das sei gut; mit den Stadtleuten sei ohnehin
nicht viel los.

Nur der lustige Maler blieb. Er wurde bald der gute Freund von allen
Kindern und zeichnete alle in sein groes, dickes Zeichenbuch. Alle
kamen sie hinein, auch Muhme Lenelis und ihr Huschen, die Schule und
der Schulzenhof, ja selbst der Herr Lehrer.

Heine Peterle sagte: Ja, wenn die Stadtleute alle so wren wie der
Herr Maler, dann mchte es gut sein.

Muhme Lenelis aber meinte: Die Rechten sind halt nicht dagewesen, die
sind schon gut!

Und das will Heine Peterle nicht glauben.

[Illustration: Maler und Kinder]

[Illustration: Dekoration]




Das Vogelschieen in Niederheudorf.


Alljhrlich, so zwischen Roggenernte und Kartoffelausmachen, war
in Niederheudorf Vogelschieen. Niederheudorf lag eine Stunde von
Oberheudorf entfernt, weiter unten im Tal, und war ein sehr groes,
stattliches Dorf. Natrlich gingen die Oberheudorfer immer zum
Vogelschieen, obgleich sie sich jedesmal rgerten, da bei ihnen
nicht auch so ein schnes Fest war. Besonders die Kinder rgerten sich
darber; denn erstens htten sie lieber zwei Feste gefeiert statt eins,
und zweitens taten sich die Niederheudorfer Kinder immer sehr gro
mit ihrem Vogelschieen. So was habt ihr freilich nicht! sagten sie
hochmtig. Ihr seid ja auch blo 'n kleines Dorf!

Ich tt mich schmen, wenn ich in so 'nem Drfchen wohnte! rief
einmal der vorlauteste Niederheudorfer Bube. Das bekam ihm aber
schlecht. Heine Peterle, der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz
brachten ihm recht handgreiflich die Meinung bei, da Buben aus
kleinen Drfern ebenso gut, wenn nicht besser, hauen knnen als die
grodrflichen Buben.

Trotz ihres rgers aber freuten sich die Oberheudorfer Kinder schon
lange vorher auf das Vogelschieen, und wenn der ersehnte Tag da war,
zogen sie mit Sang und Klang schon um zwlf Uhr von daheim weg, denn
um ein Uhr begann das Fest. Sie kamen also sehr pnktlich. Wenn es die
Vter und Mtter erlaubt htten, dann wren sie schon frh am Morgen in
Niederheudorf eingetroffen.

Wieder einmal war der Festtag gekommen, und die Sonne schien, wie
sich das fr einen solchen Tag schickt, warm und hell, und nicht das
kleinste Regenwlkchen war am Himmel zu sehen.

Sehr vergngt, sehr erwartungsvoll, mit Vogelschiegroschen in der
Tasche, so trabte die Oberheudorfer Jugend im besten Sonntagsstaat
nach Niederheudorf. Nichts strte ihre Sonntagsfreude, nicht einmal
der Gedanke an ungemachte Schularbeiten, denn der Herr Lehrer hatte
zum Montag nichts aufgegeben. In der allerbesten Laune betraten die
Kinder den Festplatz. Der sah geradezu mrchenhaft schn aus. In der
Mitte stand ein Zelt, in dem gab es Bier, Semmeln und Wrstchen. Rechts
und links von dem Zelt waren zwei Fahnen aufgepflanzt. Die eine hatte
nur ein Loch, so gro wie ein Tonnendeckel, und die andere war recht
schmutzig, aber sonst waren sie sehr schn.

Fr die Kinder gab es ein Karussell, ein Kasperletheater und eine
Bude, in der es Papierlaternen, Pfefferkuchen, Drachen, Bonbons und
dergleichen gute Dinge zu kaufen gab. Man konnte auch darum wrfeln,
doch da kriegte man gewhnlich nichts.

Heine Peterle und Schulzens Jakob prgelten sich fast, weil Jakob
meinte, das Karussell wre am schnsten, und Heine Peterle mehr fr das
Kasperletheater eingenommen war. Aber schn war beides.

Das Karussell hatte braune und weie Pferde, die kleine Kutschen zogen,
und wenn es sich drehte, tanzten in der Mitte immer vier Puppen. Einer
fehlte der Kopf, eine hatte keine Arme, und einer war das Kleid halb
verbrannt und die Nase eingeschlagen, aber tanzen konnten sie doch.
Das Karussell kam jedes Jahr, und die Kinder wuten schon, da das
eine Pferd eine schwache Feder hatte; setzte sich jemand darauf und
ging das Karussell los, dann berhrte das Pferd mit der Nase immer den
Boden, und wer nicht fest sa, konnte leicht von diesem wilden Tier
herunterfallen.

Als die Kinder den Festplatz betraten, kam auch gerade der Waldhter
Leberecht Sperling an, und der Karussellbesitzer drehte seine Musik
auf. Dideldideldi, dideldideldi! ging es, und die Kinder liefen eilig
hin, denn natrlich gefiel ihnen das Karussell besser als der immer
brummige Waldhter.

Das erstemal fuhren nur ein paar Niederheudorfer Buben, die es gar
nicht erwarten konnten. Die andern Kinder standen und sahen zu; das
war auch ein Vergngen. Erst beim drittenmal, just als die erwachsenen
Oberheudorfer auf dem Festplatz anlangten, kletterten Buben und Mdel
auf das Karussell. Auf das braune Pferd mit der kaputten Feder aber
ging kein Kind, denn keines wollte herunterfallen. Zweimal fahren
kostete fnf Pfennig, und die Oberheudorfer Kinder meinten, fr das
teure Geld mte man wenigstens bis zum Schlu sitzen bleiben knnen.
Da ist Leberecht Sperling! schrie Anton Friedlich pltzlich, der auf
einem Schimmel sa und sich wie ein Feldmarschall vorkam.

Drohend schauten die Buben und Mdel auf den Waldhter, der wirklich
geradewegs auf das Karussell zukam. Was will er denn? Hier ist kein
Wald! schrie Heine Peterle patzig.

Er will mitfahren! kicherte Annchen Amsee, die stolz wie eine Prinzessin
in einer mit rotem Samt ausgeschlagenen Kutsche sa.

Vielleicht setzt er sich auf den Braunen, rief Schnipfelbauers Fritz,
und die Kinder quiekten frmlich vor Vergngen ber diesen Witz und
guckten alle lachend auf den sonst so gefrchteten Waldhter; hier auf
dem Festplatz konnte er ihnen ja nichts tun.

Leberecht Sperling rgerte sich ber all die blanken, lachenden
Kinderaugen, wie er sich ja ber vieles rgerte, ber das andere Leute
sich freuten. Als daher Schulzens Jakob schrie: Geht's denn nicht bald
los? da rief er wtend, als sei er der Besitzer: Wart' es doch ab,
dummer Bengel!

Wollen Sie mitfahren, Herr Waldhter? fragte der Karussellmann hflich.

Alle braunen und blauen Buben- und Mdelaugen richteten sich emprt auf
Leberecht Sperling. Ob er das wohl wagte? Das Karussell ist doch fr
uns! knurrten etliche.

So? Meint ihr, ihr ungezogenes Volk? rief der Waldhter zornig,
sprang auf und kletterte richtig auf das braune Pferd, weil das der
einzige freie Platz war.

Dideldideldi, dideldideldi! ging geschwind das Karussell los.

Nick! machte das braune Pferd, und Leberecht Sperling stie mit der
Nase beinahe auf den Boden.

Ihr Diener! rief Friede Hopserling, der Mllerknecht, der stand und
zusah; er dachte, der Waldhter habe ihn gegrt.

Dummer Mllerbursche! schrie der wtend und--nick! machte das braune
Pferd.

Na, wie geht's? fragte der Schulze, der auch herbeigekommen war und
dachte, jetzt habe der Waldhter ihn gegrt.

Dideldideldi, dideldideldi ging das Karussell schneller, und Friede
Hopserling, der wohl gemerkt hatte, warum Leberecht Sperling nickte,
verbeugte sich lachend und schrie: Schn guten Tag, Herr Waldhter!

Nach und nach kamen immer mehr Zuschauer, und je schneller das Karussell
ging, desto fter nickte Leberecht Sperling auf seinem braunen Pferd. Und
die Bauern und Buerinnen, die sich wunderten, da der sonst so mrrische
Waldhter heute so hflich war, nickten wieder, und Mine, die Wirtsmagd,
machte sogar einen tiefen Knicks.

Leberecht Sperling rgerte sich immer mehr und schrie: Aufhren,
auf--hren!

Dideldideldi, dideldideldi, dideldideldi! ging das Karussell schneller
und schneller, und das braune Pferd hopste und nickte wie toll, und
auf einmal gab es einen heftigen Sto, und der Waldhter flog in einem
groen Bogen herunter, dem Schuster Pechdraht, der auch zusah, gerade
in die Arme.

Uff! machte der, denn er wre beinahe hingefallen, dann aber prete
er den Waldhter fest an sich und rief schmunzelnd: Schn guten Tag,
schn guten Tag! Warum denn heute so freundlich?

Wtend ri sich Leberecht Sperling los, den allezeit lustigen Schuster
konnte er am wenigsten von allen Oberheudorfern leiden. Ohne sich
umzusehen, lief er davon und flchtete in das Bier-, Wrstchen- und
Semmelzelt, und die Kinder bekamen ihn an diesem Tage nicht mehr zu
sehen.

Sie vermiten ihn auch gar nicht in ihrem Vergngen. Die Wogen der
Freude gingen hoch an diesem Tage, und die Oberheudorfer Kinder waren
so lustig, da sie sich nicht einmal mit den Niederheudorfern ber die
Vorzge ihrer Drfer stritten.

Nachdem sie alle Karussell gefahren waren, fanden sie, es wre gut,
erst einmal die Schtze der Pfefferkuchenfrau zu betrachten. Sie liefen
alle zusammen an die Bude, und es fehlte nicht viel, so htten sie die
Bude samt Pfefferkuchen und Verkuferin umgerissen. Die Frau erhob ein
Zetergeschrei, nahm einen groen Rohrstock und wehrte sehr entschieden
allzu eifrige Kufer und Begucker ab.

Das war auch notwendig, denn die Oberheudorfer Kinder waren der Ansicht,
da, wenn einer fr fnf Pfennig Zuckerstangen oder gar fr zehn Pfennig
gebrannte Mandeln kaufte, er auch vorher kosten drfe. Aber davon wollte
die Pfefferkuchenfrau nichts wissen. Kosten kost' 'nen Fnfer, schrie
sie und klappste den dicken Friede auf die Hand, weil der eine besonders
gute Sorte Bonbons probieren wollte.

Die ist aus der Stadt, da sind die Leute so frech! sagte Heine Peterle
wtend, weil ihm die Frau auf seinen Einkauf fr fnf Pfennig nichts
zugeben wollte.

Die Mdel waren besonders frs Zugeben eingenommen, und Tischlers Liese
sagte, wenn sie mal Pfefferkuchenfrau wre, sie wrde gewi immer zugeben.
Doch die Pfefferkuchenfrau auf dem Niederheudorfer Festplatz hatte
entschieden ein steinernes Herz: sie gab nichts zu, lie nicht kosten und
nicht handeln, und es dauerte daher ziemlich lange, bis die Kinder ihre
Einkufe gemacht hatten.

Im Kasperle-Theater hatte das in roten Hosen steckende Kasperle schon
etliche Male gerufen: Seid ihr alle da? ehe es die Antwort erhielt:
Ja, wir sind da!

Es war ein urkomisches Kasperle, das sich da, wenn der blau und gelb
gestreifte Vorhang aufgezogen wurde, mit dem Teufel, seiner Frau und
all den andern Personen des Puppentheaters herumzankte. Es begrte
die Kinder immer mit dem freundlichen Zuruf: Na, ihr Dskppe, wollt
ihr Haue?

Ja, schrien die Kinder, denn es war nicht gefhrlich, wenn Kasperle
in der Luft herumfuchtelte.

Sind die Oberheudorfer Schlingel auch da? fragte es dann.

Ja, hier sind wir! riefen alle Oberheudorfer Buben und Mdel, sie
fhlten sich durch Kasperles Nachfrage sehr geehrt.

Potz blitz, quiekte Kasperle, da mu ich losgehn. Frau, komm raus,
die Oberheudorfer sind da!

Das ist dumm! rief ein Niederheudorfer Bube emprt. =Wir= mssen genannt
werden, bei =uns= ist doch das Schieen!

Halt den Mund! keifte Kasperle.

Aber die gekrnkten Niederheudorfer hielten nicht den Mund, und die
Oberheudorfer schwiegen auch nicht still. Die Kinder standen sich eine
Weile kampfbereit gegenber, als Kasperle pltzlich rief: Gute Nacht,
ich geh' ins Bett!

Nein, bleib hier! riefen die Kinder erschrocken und vergaen ihren
Streit, und das Spiel begann.

Der eifrigste Zuhrer war der dicke Friede. Muschenstill stand er und
sperrte Augen, Mund und Ohren auf. Er verga vor lauter Eifer sogar
das Essen, trotzdem er einen groen braunen Pfefferkuchen in der Hand
hielt. Als der Vorhang zugezogen wurde, weil ein Akt des Stckes zu
Ende war, sagte der dicke Friede seufzend, wie aus einem tiefen Traume
erwachend: Ich mchte auch ein Kasperle sein!

Seine Gefhrten sahen ihn verdutzt an, und Heine Peterle meinte
nachdenklich: Na, ausgelacht zu werden, ist dumm! Er dachte dabei an
seine Erlebnisse in der Stadt.

Annchen Amsee, die auf einer Bretterplanke sa, strich sich ihr Kleid
glatt und meinte: Eine Grfin mchte ich schon spielen!

Der blaugelbe Vorhang teilte sich ein wenig, Kasperle steckte seine
groe Nase heraus und jammerte: Oh jerum, jerum dideldum, Kasperle hat
Hunger. Knurr schnurr! Hrt ihr, wie mein Buchlein knurrt?

Die Kinder lachten, doch der dicke Friede besann sich nicht einen
Augenblick, rasch warf er Kasperle seinen schnen Pfefferkuchen zu.

Der schmeckte dir wohl nicht? fragte Annchen Amsee verdutzt, und
Schulzens Jakob forschte: Dir ist wohl schlimm?

Da der dicke Friede freiwillig etwas Ebares verschenken konnte, das
erschien den Kindern zu verwunderlich. Doch da der Vorhang wieder
aufgezogen wurde, verstummte das Gesprch, und Kasperle, der erklrte
bumssatt zu sein, lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf sich.

Whrend die Kinder vor dem Puppentheater standen, hatten die Erwachsenen
nach dem Vogel geschossen. Jeder Schu wurde mit Beifallsrufen begleitet.
Dazu erklang die Musik des Karussells. Vor dem Bier-, Wrstchen- und
Semmelzelt spielte ein Mann eine Ziehharmonika, und das jauchzende
Gelchter der Kinder schallte ber den Festplatz. Es war also ziemlich
geruschvoll, und die braven Niederheudorfer Rinder, Pferde, Schweine,
kurz alles Getier, wunderte sich recht ber den Lrm. Die Kettenhunde
bellten, und in den Stllen brummten die Rinder, whrend die Hhner
aufgeregt gackerten und das Eierlegen vergaen.

Der Lrm drang bis zu einer eingezunten Wiese, auf der mehrere junge
Rinder weideten. Der Htejunge, der aufpassen sollte, war heimlich auf
den Festplatz gelaufen. Ein junger Ochse fand, da es ganz leicht sei,
die nur angelehnte Tr des Gatters aufzustoen, und unverzagt machte er
sich ebenfalls auf den Weg nach dem Festplatz. Je nher er kam, desto
lauter wurde die Musik. Das rgerte ihn, und in ziemlicher Wut kam er
zu den vergngten Leuten.

Ein wtender Ochse ist aber mitunter recht gefhrlich, und bei seinem
Nahen erhob die Pfefferkuchenfrau, an der er vorbeistrmte, ein lautes
Geschrei. Der Ochse jedoch fand die Schtze der Pfefferkuchenfrau nicht
verlockend und rannte weiter. Einige Mgde flchteten schreiend vor
ihm in das Bier-, Wrstchen- und Semmelzelt. Ein Ochse kommt, ein
Ochse kommt! Der Waldhter steckte vor Schreck den Senflffel in den
Mund und warf eine Wurst ins Bier, einige Frauen kletterten auf die
Tische,--aber kein Ochse erschien.

Der wrdigte das Zelt keines Blickes, sondern trabte im Sturmschritt
auf das Puppentheater zu. Dort deklamierte Kasperle gerade:

      Mein werter Herr Teufel,
      Sie sind sehr frech ohne Zweifel,
      Ich rei' Ihnen jetzt die Nase ab
      Und------

Buh, buh, steckte der Ochse seinen Kopf in das Puppentheater hinein,
und mit einem gellenden Schrei purzelten Kasperle, Teufel und die
gefangene Prinzessin in die Tiefe.

Das Theater wackelte.

Der Ochse und die Kinder brllten. Der Budenbesitzer flchtete--es
war eine heillose Verwirrung.

Der dicke Friede war unsanft aus seinem Entzcken gerissen worden, und
wtend ber die unerwartete Strung sprang er auf, nahm eine Latte, die
nicht weit von ihm lag, rannte auf den Ochsen los und schlug diesen auf
die Nase. Raus! rief er, hast hier nichts zu suchen! Raus, raus!

Der Ochse sah ganz verdutzt auf den kleinen zornigen Bengel, der
krebsrot vor Wut war, machte noch einmal buh und trabte dann wirklich
davon. Ehe er ein Unheil anrichten konnte, wurde er eingefangen und in
seinen Stall zurckgefhrt.

Der dicke Friede, der durch seinen Mut eine groe Gefahr beseitigt
hatte, kehrte gelassen auf seinen Platz zurck und rief, als sei nichts
geschehen: Weiter!

Kasperle lag freilich noch ganz matt da, und es dauerte eine ganze Weile,
bis er sich erholt hatte und sich weiter mit dem Teufel zanken konnte,
dann aber konnte das Spiel ohne Unterbrechung zu Ende gefhrt werden.

Friede bekam dann von seinem Vater zur Belohnung fr seinen Mut noch
einen Vogelschiegroschen, mit dem er zur Pfefferkuchenfrau eilte, denn
auf einmal fhlte er wieder ein Loch in seinem Magen, in das gerade ein
Pfefferkuchen hineinpate.

All die laute, jubelnde Festesfreude konnte die Sonne nicht am Zubettgehen
hindern. Rutsch! fiel sie hinter rosenroten Wlkchen herunter, und
die Dmmerung kam. Auf dem Festplatz erhob sich lautes Wehklagen. Alle
Oberheudorfer Kinder fanden, es sei noch ganz hell, obgleich die Mtter
ihre Buben und Mdel kaum noch voneinander unterscheiden konnten. So zog
Schulzen Jakobs Mutter Anton Friedlich an den Ohren, weil sie dachte, er
sei es gewesen, der allen mitgebrachten Kuchen aufgegessen hatte, und die
Waldbuerin schalt Krmers Trude aus ob des zerrissenen Kleides, aber da
Trude ihr Kleid auch zerrissen hatte, schwieg sie still, whrend Anton
schrecklich brllte.

Alles Wehklagen half aber nichts, die Kinder muten heimziehen. Jedes
zndete seine Laterne an. Da gab es rote, blaue, grne oder papageienbunte
Laternen, und die Niederheudorfer Kinder beneideten die Oberheudorfer
beinahe um den Heimweg.

Ihr knntet auch mal was haben, damit wir von euch mit Laternen wegziehen
knnten, riefen einige Niederheudorfer Buben.

Schnipfelbauers Fritz, der grte Naseweis im Umkreis von zehn Meilen,
rief schnell: Ei, dann kommt doch in vierzehn Tagen, da gibt's ein groes
Kinderfest bei uns. Gelle, Anton?

Und Anton Friedlich, der auch immer zu einem dummen Streich aufgelegt war,
sagte: Freilich, freilich! Ja, wit ihr denn das noch nicht? Kommt nur
alle!

Bumbum, bumbum! schlug Schulzens Jakob auf seine Trommel, das war das
Zeichen zum Abmarsch, und singend zogen die Oberheudorfer von dannen.
Wir kommen, brllten ihnen die Niederheudorfer Buben nach, und Fritz
und Anton riefen keck: Auf Wiedersehen!

Der Heimweg war so schn wie der Tag; kein mignstiger Platzregen
lschte die Laternen aus, und einige brannten sogar bis Oberheudorf.
Viel Licht, um ins Bett zu gehen, brauchte an diesem Abend keines von
den Kindern. Sie fielen fast in die Betten, so mde waren sie, und
schliefen so fest, da man das ganze Dorf htte wegtragen knnen, ohne
da sie es gemerkt htten.

Am nchsten Tage redeten sie nur von dem Fest. Jeder hatte noch etwas
zu erzhlen, und am liebsten wren sie alle am Nachmittag wieder nach
Niederheudorf gezogen.

Am Nachmittag wollte des dicken Friede Mutter im Baumgarten Wsche
abnehmen. Lina, rief sie der Magd zu, hier fehlt doch eine von
meinen bunten Nachtjacken und ein Ksebeutel. Wo mag denn das nur
sein?

Kann sein, der Wind hat's ber den Zaun geweht, sagte die Magd und
begann zu suchen. Auf einmal kam sie zitternd angelaufen. Frau,
schrie sie, Frau, unser Friede ist toll geworden!

Was schreist du denn so? fragte der Bauer, der zum Fenster heraussah.

Unser Friede ist toll geworden! jammerte die Magd und lief zum Garten
hinaus, und Bauer und Buerin rannten hinter ihr her.

Sie kamen an einen Holzschuppen, da stand der dicke Friede auf einem
umgestlpten Wagen. Er hatte die bunte Nachtjacke seiner Mutter an und
den Ksesack auf dem Kopf. Er zappelte mit Armen und Beinen, einmal
hopste er wie ein Frosch, dann wieder wand er sich wie ein Regenwurm.
Dazu schnitt er die grlichsten Gesichter und quiekte wie eine Maus,
die in der Mausefalle sitzt.

Du lieber Himmel! schrie die Buerin hnderingend. Was soll denn das
sein?

Friede sah entsetzt auf die unerwarteten Zuschauer und verschwand
pltzlich hinter dem Wagen. Sein Vater aber zog ihn rasch hervor und
fragte sehr nachdrcklich: Gleich sagst mir, was das fr Dummheiten
sind!

Er ist toll geworden, jammerte die Magd, meine Gte, der arme Bub!

Ich--ich bin nicht toll, ich--ich mcht' 'n Kasperle werden, rief
Friede schluchzend.

Ein Kasperle? Der Bauer lachte laut auf. Ich meine, du brauchst
keins zu werden, du bist schon eins!

Die gute Jacke ist ganz voll Wagenschmiere, klagte die Buerin und
drehte ihren Buben um und um.

Lina, die nun sah, da Friede nicht toll war, hatte alle Angst verloren,
ri dem zuknftigen Kasperle die seltsame Mtze vom Kopf und eiferte: Der
Ksesack hat 'n Loch!

Friede wurde die Sache unheimlich, er lie sein Kasperlegewand in den
Hnden der Mutter und nahm schleunigst Reiaus; er lie sich erst wieder
sehen, als das Abendbrot auf dem Tische stand.

Am nchsten Tage kam zum Oberheudorfer Schulzen ein Bote vom
Niederheudorfer Schulzen, um zu fragen, ob das mit dem Fest in vierzehn
Tagen seine Richtigkeit habe. Die Niederheudorfer wrden gern kommen
und freuten sich schon darauf, auch einmal in Oberheudorf ein Fest
mitzufeiern.

Der Schulze wurde fuchswild; er hielt die Sache fr Spott und fuhr den
Boten scharf an. Der berbrachte die grobe Antwort des Schulzen den
Niederheudorfern, und smtliche Dorfleute gerieten in helle Entrstung.
Gleich wurde eine noch grbere Antwort nach Oberheudorf gesandt. Es
htte eine schlimme Geschichte daraus werden knnen, wenn der Pfarrer
nicht herausbekommen htte, wer die Einladung ausgesprochen hatte.
Schnipfelbauers Fritz und Anton Friedlich wurden zum Schulzen beschieden,
und sehr kleinlaut verlieen sie nachher das Amtszimmer. Es half ihnen
nichts, sie muten eines Nachmittags nach Niederheudorf wandern und dort
um Verzeihung bitten.

Es war kein leichter Gang, und Schnipfelbauers Fritz sagte heulend:
Ich geh nie wieder zum Vogelschieen!

Ich auch nicht, murrte Anton Friedlich.

Weil sie aber in Niederheudorf besser empfangen wurden, als sie
gefrchtet hatten, meinten sie auf dem Heimweg, nchstes Jahr gingen
sie doch wieder. Sie sollen es auch getan haben.

[Illustration: Fritz und Anton]

[Illustration: Dekoration]




Muhme Lenelis und ihre Freunde.


Wieviele Freunde Muhme Lenelis hatte, das wei ich nicht. Wenn aber
in Oberheudorf einem Buben unversehens die Hosen platzten oder einem
Mdchen alle Nadeln aus dem Strickzeug fielen, dann erinnerten beide
sich sicher an ihre Freundschaft mit Muhme Lenelis. Es ist nicht zu
sagen, wieviel Hosen die alte Frau schon in aller Freundlichkeit und
Heimlichkeit gestopft hatte, und wieviel Strickzeuge unter ihren Fingern
wieder in Ordnung gekommen waren.

Wie alt Muhme Lenelis war, wute niemand genau. Siebenmal so alt wie
du und noch was drber, sagte sie zu Schulzens Jakob, als dieser neun
Jahre zhlte.

Am uersten Ende des Dorfes, dort wo des Schulzen Haselnuberg etwas
steil in die Hhe stieg, lag Muhme Lenelis' Haus. Eigentlich war es nur
eine Htte, an der das Grte und Schnste die breite Feueresse war.
Eine rechte Feueresse gehrt zur Gemtlichkeit, pflegte Muhme Lenelis
zu sagen, wenn sie an ihrem Herd stand und durch das Essenloch, das
sich unten zu einem Rauchfang erweiterte, den blauen Himmel leuchten
sah.

Das Huschen war niedrig und eng. Es hatte nur eine Stube und eine
schmale, dunkle Kammer, in der die alte Frau Holz, Milch, Brot, und
was sie sonst im Hause hatte, aufbewahrte. Ein winziger Stall, in dem
eine Ziege und etliche Hhner eng, aber gemtlich zusammenwohnten,
und ein kleiner Garten, in dem Bohnen, Kartoffeln, Rosen, Gurken,
Feuerlilien, Mohrrben, Malven, Himbeeren und noch vielerlei kunterbunt
durcheinander wuchsen, gehrten noch zum Huschen. Daraus kann jeder
sehen, da Muhme Lenelis nicht reich war, nein, eigentlich war sie
arm; sie mute sich recht mhsam ihr bichen Zubrot durch Beeren- und
Krutersuchen verdienen.

Manch einer htte da gejammert und gesthnt, doch daran dachte Muhme
Lenelis nicht; sie war immer vergngt und guter Dinge. Plagte sie
einmal das Reien, oder war ihr der Kaffee ausgegangen, und sie hatte
kein Geld, sich welchen zu kaufen, dann sagte sie: Das Leben ist
wie eine Butterschnitte. Manchmal kommt eine Stelle, wo gerade keine
Butter hingekommen ist, da mu man eben ruhig weiter essen, bis wieder
Butter kommt. Und dampfte dann wieder Kaffee in ihrer braunen Kanne,
dann sagte sie schmunzelnd: Seht, jetzt bin ich wieder an einer guten
Stelle bei meinem Lebensbutterbrot.

Obgleich nun Muhme Lenelis arm, alt und dazu recht hlich war, liebten
sie doch alle Kinder. Das kommt von ihrem guten Herzen, sagte die
Schulzenfrau stets, wenn sie von der Muhme sprach.

Im Sommer, wenn es in Wald und Feld so viel zu bewundern und zu begucken
gab und der Tag voller Lust und Leben war, vergaen die Oberheudorfer
Buben und Mdel freilich manchmal, Muhme Lenelis zu besuchen. Aber im
Winter, wenn die Sonne das Zubettgehen gar nicht erwarten konnte, da saen
immer etliche Wildfnge in Muhme Lenelis' Stube und bettelten: Muhme,
erzhl doch was!

Ja, erzhlen, das konnte Muhme Lenelis am allerbesten im ganzen Dorf.
Tausend noch mal, waren das Geschichten! Da spielten die allerschnsten
Prinzessinnen mit kleinen dummen Bauernbuben Federball und Blindekuh
oder fuhren in goldenen Kutschen einher, und Schlsser gab es in den
Geschichten, die waren so schn, da des Grafen Dachhausen Schlo
dagegen nur ein ganz einfaches Haus war. Mit goldenen Kronen, silbernen
Gewndern und Edelsteinen warf Muhme Lenelis in ihren Geschichten
umher wie die Kinder im Herbst mit Kastanien, und die guten Feen
brachten gleich ganze Erntewagen voll Geschenke an. Leider spielten
diese Geschichten alle im Mrchenlande, und das liegt bekanntlich
hinter dem Berge Irgendwo an der Strae Nirgendshin im Walde
Ichweinichtwie. Muhme Lenelis aber hatte sicher ein Zaubertrnklein,
denn solange sie erzhlte, verwandelte sich ihre drftige Stube in den
wunderlieblichsten Mrchengarten, in dem die Oberheudorfer Kinder sehr
vergngt umherspazierten.

Zwei Kinder im Dorfe nur kamen nicht zu Muhme Lenelis auer den Kleinen,
die noch nicht gehen und sprechen konnten, das war das besinnliche
Trinchen, zu dem ging Muhme Lenelis erst dann, als es krank lag, und der
Traumfriede. Ach, und der Bube wre doch brennend gern zu der alten Frau
gelaufen, aber sein Herr und Pflegevater litt es nicht, weil er Muhme
Lenelis nicht leiden konnte. Bse Menschen haben mit den guten nicht gern
etwas zu schaffen, und der Kohlbauer schaute der alten Frau nicht gern in
ihre klugen, klaren Augen. Sonst kamen sie alle: Schulzens Jakob, Annchen
Amsee, Heine Peterle, und wie sie alle hieen.

Sie kamen und saen in Muhme Lenelis' Stube, und wer besonders brav
gewesen war, der durfte ein Weilchen auf einem mit verschossenem roten
Samt bezogenen Sessel sitzen. Dieser Sessel war die grte Kostbarkeit,
die die alte Frau besa. Sie hatte ihn einmal von einer Kammerfrau der
Grfin erhalten, der sie Krutertee als Heilmittel fr eine schlimme
Grippe gebracht hatte. Die Kammerfrau wieder hatte den Stuhl von der
Frau Grfin bekommen, weil der Samt Flecke hatte und auerdem zwei Beine
wackelten. Aus diesem Grunde mute man auch immer ganz vorsichtig auf dem
Sessel sitzen, und die Oberheudorfer Kinder saen, wenn sie diese hohe
Ehre erreichten, so steif und still auf dem ehemaligen grflichen Sessel,
wie etwa ein Kaiser auf dem Throne sitzt.

Am schnsten war es so um Weihnachten herum bei Muhme Lenelis. Vier
Wochen vorher roch es dort schon weihnachtlich. Die Muhme lachte immer,
wenn die Kinder kamen, ihre Nschen in die Luft reckten und wie Hundchen
schnuppernd riefen: Hier riecht's nach Weihnachten! Flugs warf dann
die alte Frau noch einige Tannenzapfen in das Feuer. Das prasselte und
sprhte, und ein feiner, ser Weihnachtsduft zog durch das Zimmer.

Am ersten Adventsonntag wurde in dem Huschen ein Fest gefeiert, da gab es
Bratpfel. Der groe Apfelbaum, der neben dem Hause stand wie ein groer,
guter Wchter, sorgte dafr, da die Muhme jeden Herbst etliche Krbe voll
pfel einernten konnte. Ein bichen hart und suerlich waren die Frchte
zwar, aber Muhme Lenelis meinte, der Baum sei eben ein Bratpfelbaum,
dagegen sei nichts zu sagen. Alle Kinder stimmten ihr zu, und wer nur
einen einzigen Bratapfel bei Muhme Lenelis gegessen hatte, der erklrte
sicher, da nirgends auf der weiten Welt bessere Bratpfel zu finden seien.

berhaupt war alles in und um Muhme Lenelis Haus von ganz besonderer
Art. Die schwarzweie Ziege, die den fr Ziegen etwas ungewhnlichen
Namen Friederike fhrte, war nach der Muhme Aussage ein ber alle Maen
kluges Tier. Ein Zeichen ihrer Klugheit war schon, da es ihr in der
Stube besser als im Stalle gefiel, namentlich im Winter, wenn es im
Stalle kalt war. Erzhlte ihre Herrin eine Geschichte, so verhielt sich
Friederike meist still, aber nicht immer, und Muhme Lenelis sagte dann
stolz. Sie hrt zu! Wenn sie nur sprechen knnte, sie knnte sicher
die schnsten Geschichten erzhlen!

Die Kinder behandelten Friederike sehr respektvoll. Schulzens Jakob, der
immer gern alles studieren wollte, nahm es sich einmal vor, am heiligen
Abend um Mitternacht in Muhme Lenelis Stall zu gehen, vielleicht konnte
da Friederike sprechen, weil man doch sagt, da die Tiere in dieser
heiligen Nacht wie die Menschen reden knnen. Anton Friedlich und Heine
Peterle wollten mit ihm gehen, aber dann hatten sie alle drei zu viel
Pfefferkuchen gegessen und Weihnachtspunsch getrunken und verschliefen
die Zeit. Sie sagten zwar nchstes Jahr, aber da war es ebenso, und
darum erfuhren die Kinder nie, ob Friederike wirklich schne Geschichten
erzhlen konnte.

Von besonderer Klugheit war auch Schnurpsel, der Kater. Auch von ihm sagte
Muhme Lenelis, er sei ein ganz besonderer Kater, so einer, wie sie in
Mrchen vorkommen. Schnurpsel ging auch immer so stolz einher, als sei er
ein Prinz, und er konnte neben einer bis zum Rande gefllten Milchschssel
liegen, ohne in die Katzenuntugend des Naschens zu verfallen. Nein, so
etwas tat Schnurpsel nicht, dazu war er viel zu wrdevoll.

Er stellte auch nicht Mimi, der Amsel, nach, die auch eine von Muhme
Lenelis Hausgenossen war. Die Muhme hatte das Tierchen einst mit
gebrochenem Flgel auf einer Wiese gefunden, es heimgetragen und gesund
gepflegt. Im Sommer sa Mimi in dem kleinen, bltenreichen Grtchen und
pfiff die allerschnsten Lieder, im Winter aber blieb sie in der Stube
und spazierte nur bei hellem Sonnenschein ein wenig drauen herum. Mimi
vertrug sich so gut mit Schnurpsel, da sie manchmal sogar auf seinem
Rcken sa, was sich der Kater mit behaglichem Schnurren gefallen lie.

Zank und Streit kommen bei uns nicht vor, pflegte Muhme Lenelis
zu sagen, wenn sie mit Friederike, Schnurpsel und Mimi in ihrem
Stbchen sa. Auch die Kinder, die zu Besuch kamen, lieen Zank und
Streit drauen. Selbst der blaue und der dicke Friede vertrugen sich
miteinander, als sie noch Feinde waren, wenn sie bei der Muhme weilten,
und manchen Streit, der Geschwister oder Freunde entzweit hatte,
schlichtete die alte Frau mit klugen und gtigen Worten.

Wieder einmal stand der erste Advent und das Bratpfelfest vor der
Tre. Etliche Tage vorher wisperten und flsterten die Kinder schon
von dem Fest, zu dem Muhme Lenelis erstens eine neue Geschichte und
zweitens Pfefferkuchen versprochen hatte. Die Pfefferkuchen, die
die Muhme ihren Gsten vorsetzte, waren weder sehr gro noch sehr
mit Mandeln gespickt. Es waren recht einfache, billige Kuchen, und
doch schmeckten sie den Kindern stets ber die Maen gut; vielleicht
machte sie die groe Liebe, mit der sie gegeben wurden, so besonders
schmackhaft.

An dem Sonnabend vor dem Feste rstete sich Muhme Lenelis am Morgen zur
Fahrt in die Stadt, um dort die Pfefferkuchen zu kaufen. Sie holte sie
jedes Jahr bei einer als geizig verschrieenen Konditorsfrau, die das
grte Geschft in der Stadt hatte. Der Gastwirt Kaspar auf dem Berge fuhr
auch nach der Stadt und hatte sich erboten, Muhme Lenelis mitzunehmen.
Zurck mute sie freilich gehen, aber sie frchtete sich nicht vor dem
langen Wege und lachte vergngt, als einige Buben ihr versicherten, sie
wrden ihr entgegenkommen und sie in ihrem Handschlitten heimfahren. Heine
Peterle warnte die Muhme noch sehr dringlich vor allerhand Gefahren in
der Stadt, und als sein Vater ihm vorschlug doch mitzufahren, lief er mit
puterrotem Gesicht wtend aus der Stube.

Muhme Lenelis kam wohlbehalten in der Stadt an und ging in den
Pfefferkuchenladen, in dem so viele Leute waren, da die alte Frau ganz
verlegen wurde. Aber die Konditorsfrau, die sie von Ansehen kannte,
sprach freundlich zu ihr, und die Muhme brachte ihr Anliegen vor und
erzhlte dabei treuherzig, wozu sie so viele kleine Pfefferkuchen
brauchte. Etliche junge Mdchen bedienten die Kunden und packten die
eingekauften Waren in groe Pakete zusammen. Nachdem Muhme Lenelis eine
ganze Weile gewartet hatte und etliche Male nach ihren Wnschen gefragt
worden war, legte eines der Mdchen ihr ein recht umfangreiches Paket
in den Tragkorb. Die alte Frau nahm ihre mhsam gesparten Groschen aus
ihrem Beutel, hndigte sie der Konditorsfrau ein und ging, noch einen
sehnschtigen Blick auf alle im Laden aufgestellten Herrlichkeiten
werfend, mit freundlichem Gru von dannen. Unterwegs dachte sie an
all die Kasten voll feiner Schokoladenbonbons, an die Marzipanfrchte
und bunten Kuchen. Wie gern htte sie fr ihre kleinen Freunde und
Freundinnen in Oberheudorf recht viel eingekauft!

Der lange Weg wurde ihr nicht lang, obgleich die Pfefferkuchen merkwrdig
schwer im Korbe lagen. Muhme Lenelis dachte an die Geschichte, die sie
morgen erzhlen wollte, und sonst noch an allerlei liebe, freundliche
Dinge und stapfte dabei wohlgemut weiter. Zart und weich rieselten die
Flocken hernieder. Es war nicht kalt, aber doch blieb der Schnee liegen.
Es sah ganz weihnachtlich feierlich aus, und die Muhme geriet in eine so
frhliche Weihnachtsstimmung, wie nur ein guter Mensch sie empfinden kann.

Ein lautes Geschrei unterbrach pltzlich ihr heiteres Sinnen. Auf einem
Hgel tauchten fnf Gestalten auf, die mit groem Hallo auf die einsame
Wanderin zukamen. Muhme Lenelis blieb stehen und lachte, denn sie kannte
die fnf gut, die dort ankamen; es waren Heine Peterle, der blaue Friede,
Schulzens Jakob, Schnipfelbauers Fritz und der lange Hans, der Wirtssohn.

Wir wollen dich heimfahren, Muhme! riefen alle fnf, und der kleine
Holzschlitten, den sie zogen, flog hin und her wie ein Uhrenpendel.

Ich geh lieber, meinte die Muhme, denn die Fahrt schien ihr etwas
bedenklich.

Die fnf schrien vor Entrstung laut auf und baten so eindringlich, da
die gute Muhme sich wirklich auf den Schlitten setzte. Es liegt ja
Schnee, dachte sie. Wenn ich falle, fall' ich weich, und-- bums! da
lag sie auch schon im Graben. Mit ihrem Korbe kollerte sie ein Stck
bergunter, und als sie pustend und chzend wieder aufstand, da waren
die fnf Ritter schon weit entfernt; sie hatten in ihrem Eifer gar
nicht gemerkt, da sie die Muhme verloren hatten.

Na, solche Buben! meinte diese lachend, lud ihren Korb auf und eilte,
so schnell sie konnte, auf einem Seitenwege ihrem Huschen zu.

Wir bringen Muhme Lenelis mit den Pfefferkuchen, schrien die fnf,
als sie in das Dorf einfuhren.

Waldbauers Mariandel, die gerade hbsch artig und manierlich ber
die Dorfstrae ging, ri die Augen weit auf, und Annchen Amsee, die
dazukam, quiekte: Ach je, wo ist denn die Muhme?

Schuster Pechdraht stand vor seiner Haustre und rief auch: Ja, wo ist
denn die Muhme?

Verdutzt hielten die fnf im Laufen inne, drehten sich um,--ja, wo
war denn die Muhme?

Wir haben sie verloren, murmelte Schnipfelbauers Fritz kleinlaut, und
alle fnf schauten sich verlegen an. Dann aber rasten sie wie der Sturmwind
zurck, um Muhme Lenelis zu suchen. Dabei erhoben sie ein so jmmerliches
Geschrei, da das halbe Dorf zusammenlief. Aus allen Husern kamen die
Leute herausgestrzt. Was ist geschehen?--Wo ist die Muhme?

Alle Kinder liefen den Weg zurck, um die verloren gegangene Muhme zu
suchen, whrend die Erwachsenen nicht weiter beunruhigt in ihre Huser
zurckkehrten.

Muhme Lenelis sa inzwischen schon in ihrem Stbchen und schickte sich
gerade an, Kaffee zu kochen, als sie das laute Geschrei der Kinder vernahm,
die, nachdem sie sie nicht auf dem Wege gefunden hatten, sie in ihrem
Hause suchten. Der Muhme sa der Schalk im Nacken. Flugs schlo sie die
Haustr zu und verhielt sich muschenstill, soviel die Kinder drauen auch
klopften und riefen. Sie ist nicht da, riefen sie endlich jammernd und
rannten in das Dorf zurck.

Unterwegs begegneten sie dem Gendarm. Das war ein freundlicher, gutmtiger
Mann, mit dem alle Buben und Mdel gute Freundschaft hielten. Muhme
Lenelis ist verschwunden, klagten sie ihm, und der Gendarm lie sich
die Sache genau beschreiben, zog die Stirn in tiefe Falten und sagte:
Ganz gewi liegt die Muhme irgendwo halbtot oder mindestens mit einem
gebrochenen Bein oder zwei Lchern im Kopf am Wege.

Was ein Gendarm sagt, ist von groer Wichtigkeit. Auch die Erwachsenen
bekamen Angst, und man begann die verloren gegangene Muhme zu suchen.
Leise kam schon die Dmmerung herbei, als sich alle wieder dem Dorfe
nherten. Nirgends hatten sie die Muhme finden knnen.

Bei der Muhme Lenelis raucht es ja! rief pltzlich Waldbauers Mariandel
mit klingender Stimme. Und richtig, aus der dicken Esse stieg der Rauch
empor, und pltzlich erhellten sich auch die niedrigen Fenster. Muhme
Lenelis war also daheim. Alle waren froh darber, da die Geschichte so
gut abgelaufen war, die fnf Fahrer aber wurden weidlich ausgelacht und
zogen recht beschmt von dannen.

Am nchsten Tage aber stellten sie sich vergngt und pnktlich zum
Bratpfelfeste ein. Muhme Lenelis Stube konnte die Schar der Gste
kaum fassen. Weil die Muhme weder genug Sthle, Bnke, Wascheimer und
alte Kisten hatte, saen etliche Buben und Mdel auf der Erde, als sei
nicht Oberheudorf, sondern die Trkei ihre Heimat. Die Muhme hatte
Strohbndel auf den Boden gelegt. Da saen die Gste warm und weich,
und es gab viel Kichern und Lachen, als die Muhme jedem einen heien
Bratapfel zuwarf. Dann holte sie das Pfefferkuchenpaket hervor und
begann es aufzuschnren.

Es ist so gro! schrie Schnipfelbauers Fritz.

Ja, sagte die Muhme erstaunt, die bis jetzt das Paket in ihrem Tragkorbe
hatte liegen lassen, und so schwer ist es!

Die Neugierde wurde lebendig in den kleinen Gsten, sie zitterten und
zappelten und konnten es gar nicht erwarten, bis die Hlle fiel.

Aber das war auch eine berraschung!

Potz tausend, was war da alles in dem Paket! Muhme Lenelis setzte sich
vor lauter Verwunderung auf den roten Samtstuhl und rief ein ber das
andere Mal: Du meine Gte, die gute, gute Konditorsfrau! Dabei packte
sie etliche Tten feine Schokoladenbonbons aus, einen groen Kasten
Marzipanfrchte, Zuckerkringel, Makronen und Pfefferkuchen.

Die Kinder jubelten, jauchzten und umdrngten die gute Muhme und warfen
sie beinahe mit all den sen Herrlichkeiten und dem roten Polsterstuhl
ber den Haufen. Und dann ging ein Schmausen los. Es war wie bei einem
Gastmahl in einem Feenschlo. Selbst Schnurpsel geruhte einen kleinen
Kuchen zu verzehren, und Mimi pickte an einem Zuckerkringel herum; nur
Friederike sah verchtlich auf all die Sigkeiten.

Muhme Lenelis teilte alles ein. Wer daheim noch kleine Geschwister hatte,
durfte diesen noch etwas mitbringen. Laut erklang bei diesem frhlichen
Feste das Lob der guten Konditorsfrau, die diese berraschung bereitet
hatte, und die Muhme beschlo, in den nchsten Tagen noch einmal nach der
Stadt zu wandern, um ihren Dank abzustatten.

Sie tat das auch am nchsten Freitag. Da fuhr Friede Hopserling mal wieder
in die Stadt und erklrte sich bereit, die Muhme mitzunehmen. Friede
Hopserling war seit seiner Fahrt mit Heine Peterle noch nicht redseliger
geworden, und Muhme Lenelis hatte daher Zeit, sich eine wunderschne
Dankrede einzustudieren. Die gute Frau konnte, wenn es darauf ankam, so
flink reden, da so leicht niemand zu Worte kam. Die Dankesrede murmelte
sie einigemal leise vor sich hin. Sie gefiel ihr selbst ungemein, und sie
konnte sie auch wirklich ganz vortrefflich.

Als daher Friede Hopserling in der Stadt vor der Konditorei hielt, konnte
es Muhme Lenelis kaum noch erwarten, ihr Sprchlein zu sagen. Mit einer
Geschwindigkeit, als sei sie noch ein blutjunges Dirnlein, kletterte sie
vom Wagen herab und lief flugs in den Laden hinein, in dem wieder viele
Kufer waren, gerade auf die Konditorsfrau zu, die breit und behbig an
der Kasse sa. Ehe diese noch wute, wie ihr geschah, hatte Muhme Lenelis
ihre Hand ergriffen, drckte sie herzhaft und sprudelte ihren Dank hervor.

Die Konditorsfrau starrte die Sprechende an, als erblicke sie ein Gespenst.
Mitunter schnappte sie nach Luft und wollte etwas sagen, aber Muhme
Lenelis lie sich nicht unterbrechen, und ihre Rede war infolge der langen
Fahrt auch recht lang geworden; es dauerte daher eine geraume Zeit, ehe
sie fertig war.

Friede Hopserling, der versprochen hatte, auf seinen Fahrgast zu warten,
wurde ungeduldig und knallte mit der Peitsche und schrie so laut, da
alle Leute auf der Strae sich entsetzt umsahen: Abfahren! Muhme
Lenelis erschrak und sprach noch schneller als vorher. Sie drckte der
Konditorsfrau immer wieder die Hand, dankte der engelsguten Frau, wie sie
sie nannte, und verlie dann eilfertig den Laden. Drauen kletterte sie
dann vergngt auf den Wagen, und Friede Hopserling fuhr los, denn er
hatte das Mehl in eine andere Stadtgegend zu bringen.

Muhme Lenelis war von Herzen froh, da sie ihren Dank angebracht hatte. Sie
ahnte nicht, da die Konditorsfrau wtend war und vor rger fast verging.
Die Sache mit dem Paket war nmlich eine Verwechslung. Eine reiche Dame
hatte all die schnen Sachen eingekauft und war sehr beleidigt ber die
kleinen, armseligen Pfefferkuchen gewesen, die man ihr dann zugeschickt
hatte. Die Konditorsfrau hatte Muhme Lenelis' Namen und Wohnort nicht
gekannt und hatte diese daher nicht zur Zurckgabe des Paketes auffordern
knnen. Was half aber aller rger? Die feinen Schokoladenbonbons und
Marzipanfrchte waren aufgegessen. Wohl schalt die Konditorsfrau, als sie
endlich nach Muhme Lenelis' Abgang zu Worte kam, heftig, aber da sa die
alte Bauersfrau schon wieder neben Friede Hopserling und erzhlte diesem
von der engelsguten Konditorsfrau. Diese tobte und rgerte sich so, da
sie am Nachmittag Leibschmerzen bekam und sich ins Bett legen mute; es war
beinahe so, als htte sie alle Schokoladenbonbons allein aufgegessen.

Ja, so geht das manchmal im Leben. Die Konditorsfrau, die ihren
Nebenmenschen nicht die Fettaugen auf der Wassersuppe gnnte, stand von
nun an bei den Oberheudorfer Buben und Mdeln im hchsten Ansehen.
Vielleicht erfahren die erst durch diese Geschichte, wie unfreiwillig die
se berraschung an Muhme Lenelis' Bratpfelfest ihnen zuteil geworden
ist.

[Illustration: Szene an Konditorei]

[Illustration: Dekoration]




Die Prinzessin mit dem seltsamen Namen.


An dem vergngten Bratpfelfest, das so schn war, wie nur ein Kinderfest
sein kann, erzhlte Muhme Lenelis ihren kleinen Gsten die Geschichte
von der Prinzessin mit dem seltsamen Namen. Es war einmal, so begann
sie, eine Prinzessin, die einen recht hlichen Namen hatte. Den hatte
sie von ihrer Tante erhalten, die zwar eine Fee war, aber beileibe keine
gute, sondern eine recht bse. Um die Eltern der armen Prinzessin zu
rgern, hatte sie dem Kinde den hlichen Namen gegeben und gleich dabei
die Verwnschung ausgesprochen, wenn die Prinzessin mit einem andern
Namen gerufen wrde, so mte sie sterben. Nur wenn ein Knigssohn sie
heiraten wollte, drfte er ihr am Hochzeitsmorgen einen andern Namen
geben; dieser Name mte aber das erste Wort sein, das er an diesem Morgen
der Knigstochter zuriefe. Die Eltern waren schrecklich traurig ber den
hlichen Namen.

Wie war er denn? rief Annchen Amsee ungeduldig.

Abwarten und Tee trinken, sagte Muhme Lenelis und fuhr ruhig fort.
Noch trauriger aber war die schne Prinzessin selbst, als sie grer
wurde und merkte, wie hlich ihr Name eigentlich war. Sie hie
nmlich--

Friederike! rief Heine Peterle klglich.

Na so was! schrie die Muhme entrstet. Das ist doch kein hlicher
Name, dummer Bub' du!

Nein, sagte Heine Peterle und rckte ngstlich auf dem umgestlpten
Holzeimer, auf dem er sa, hin und her, ich meine nur, Friederike
stt mich immer von hinten.

Ach so, sagte die Muhme, jagte Friederike weg und erzhlte dann weiter.
Also der Name, ber den die Prinzessin so traurig war, lautete--

Mimi! schrie Annchen Amsee aufgeregt.

N, so'n dummes Volk! rief die Muhme. Mimi ist doch 'n schner Name!

Das meine ich ja nicht, schrie Annchen Amsee und sprang auf, Mimi ist
eben in die Milch gefallen!

[Illustration: Oberheudorfer Buben- und Mdelgeschichten. Seite 144.]

Mimi war wirklich in die Milch gefallen. Sie wurde herausgeholt und an
den Ofen gesetzt. Da blieb sie niedergeschlagen sitzen, bis ihr nasses
Federkleid wieder trocken war.

Die Prinzessin hie also, erzhlte Muhme Lenelis weiter, Schlampampe.

Pfui! riefen Waldbauers Mariandel und Tischlers Liese wie aus einem
Munde, und die Buben lachten, und Schnipfelbauers Fritz rief keck: Der
Name gefllt mir! So mten alle Mdel heien.

Das ist frech! schrien die Mdel alle miteinander emprt, und
Muhme Lenelis mute erst ihre aufgeregten Zuhrer beruhigen, ehe sie
weitererzhlen konnte. Schlampampes Geschwister hatten alle schne Namen.
Oft, wenn Besuch kam und die kleinen Prinzen und Prinzessinnen guten Tag
sagen muten, lachten die Gste ber Schlampampes Namen. Spter, als sie
grer wurde und schn und lieblich wie ein Maientag aussah, da lachten
die jungen Prinzen, die in das Schlo ihres Vaters kamen, auch ber den
Namen.-- Einmal hrte die arme Schlampampe, wie ein junger Knig aus
einem Nachbarland zu seinem Diener sagte: Die Prinzessin gefllt mir gut,
ich mag aber keine Frau heiraten, die Schlampampe heit.

N, sagte da Heine Peterle und schttelte ernsthaft den Kopf, ich
mcht's auch nicht!

Halt den Schnabel, du Dreiksehoch, rief die Muhme und fuhr fort:
Die arme Prinzessin weinte sich bald die Augen aus vor Herzeleid.
Viele, viele Wochen sa sie in ihrer Kammer und sprach kein Wort, und
den Eltern brach schier das Herz, als sie den Kummer ihres lieben
Kindes sahen. Die Geschwister wollten sie trsten und nannten sie
Herzensschlampampchen, se Schlampampe oder Schlampampelein, aber
alles half nichts, die Prinzessin blieb traurig.

Eines Tages ging sie zu ihrem Vater und sagte: Lieber Papa Knig,
bitte, bitte, la mich allein in die Welt ziehen! Vielleicht finde ich
einen Knigssohn, der mich heiratet trotz meines Namens.

Gern lie der Knig sein Kind freilich nicht ziehen, weil die Prinzessin
aber gar so innig bat, willigte er ein. Er bergab ihr ein winziges
Kfferchen, in dem waren die schnsten Kleider, die man sich denken kann,
alle spinnewebfein, aber so wundervoll, wie sie noch keine Prinzessin
je getragen hatte. Er gab seinem Kinde auch noch ein Beutelchen, in dem
das Geld nie alle wurde, und dann nahm Schlampampe unter heien Trnen
Abschied von Eltern und Geschwistern. Sie zog ein graues Bettlerkleid an,
setzte sich auf ein schneeweies Rlein und zog in die weite Welt hinaus.

Als die Nacht kam, kehrte sie in einem Bauernhaus ein, wo sie freundlich
aufgenommen wurde. Wie heit du denn? fragte die Buerin.

Schlampampe wurde rot wie ein Adonisrslein und sagte schchtern ihren
Namen.

Mein Himmel! schrie die Frau entsetzt und schlug die Hnde ber dem
Kopf zusammen. Was ist das fr ein Name! Nein, so etwas! Mach' nur, da
du fort kommst, fr eine Schlampampe ist kein Platz in meinem Hause!

Da ging die arme Prinzessin traurig weiter und beschlo, die Nacht im
Walde zu bleiben. Als sie sich auf das Moos niederlegte, begannen die
Vglein se Weisen zu singen, und die Bume rauschten sanft und lind.
Armes, schnes Knigskind, flsterte eine stolze Tanne, sei nicht
traurig ber deinen Namen, das Herz ist die Hauptsache.

Ja, das ist wahr, rief ein Mistkfer, der am Boden kroch. Ich bin
nur ein Mistkfer, aber ich habe ein gutes Herz!

Prahlhans! rief ein dicker Specht. Aber es ist wahr, das Herz ist
die Hauptsache.

Die Nachtigall setzte sich auf einen Busch neben die schlafende Prinzessin
und sang, bis der Morgen heraufdmmerte. Schlampampe schlief so s wie
daheim in ihrem seidenen Himmelbette, und als sie am Morgen erwachte, war
sie heiterer als seit vielen Wochen, und froh setzte sie ihre Reise fort.

Am Abend kam sie wieder in ein Bauernhaus, und die Buerin hie sie
herzlich willkommen. Wie heit du denn, du wunderholdes Mgdelein?
rief die Frau.

Schlampampe senkte den Kopf und sagte traurig: Ach, gute Frau, ich
habe einen schrecklichen Namen, den ich gar nicht nennen kann!

Ei, so nenne ich dich Namenlos, rief die Buerin und fhrte die
Prinzessin in ein kleines, sauberes Zimmer.

Schlampampe gefiel es gut in dem Bauernhaus, und sie blieb etliche Tage.
Es tat ihr so wohl, da niemand ihren Namen wute und darber lachte.
Eines Morgens aber, als sie aus ihrer Kammer trat, hrte sie die Buerin
rufen: Ei du alte Schlampampe, wie unordentlich hast du wieder gefegt!

Da erschrak die Prinzessin sehr. Wohl merkte sie bald, da die Buerin
die Magd gemeint hatte, aber es litt sie nicht lnger in dem Hause, und
sie zog weiter. Wohin sie auch kam auf ihrer Reise, berall wurde sie
Namenlos genannt, weil sie ihren Namen nicht nennen wollte.

Nach etlichen Wochen kam sie zu einem Knige, der ein groes, schnes
Schlo bewohnte, und der drei Shne hatte. Die Prinzessin nahm aus ihrem
Koffer ein Kleid, das blau wie ein Strau Vergimeinnicht war und silberne
Borten hatte, zog es an und ritt in den Schlohof hinein.

Das ist eine Prinzessin, riefen alle Diener und Mgde und purzelten
gleich vor lauter Eifer bereinander. Auch der Knig kam herbei, begrte
seinen schnen Gast und wollte ihren Namen wissen, aber Schlampampe
seufzte tief und sagte, sie knne ihren Namen nicht sagen.

Also sind Sie Prinzessin Namenlos, mein schnes Kind? sagte der Knig
und fhrte sie ins Schlo und stellte ihr dort seine drei Shne vor.
Die drei Prinzen hatten nur einen Fehler, sie waren schrecklich dumm.
Der lteste sagte immer: Aha!, der zweite: Oho! und der dritte:
Hmhm! Das war ein bichen langweilig. Sagte die Prinzessin: Heute
ist aber schnes Frhlingswetter! dann lachten die drei Prinzen und
riefen: Aha!--Oho!--Hmhm!

Lobte bei Tisch die Prinzessin die Pastete, so klopften sich die drei
Prinzen auf den Magen und riefen vergngt: Aha!--Oho!--Hmhm!

Das ist mir aber doch zu dumm, dachte Schlampampe. Lieber behalte ich
meinen Namen, als da ich einen heirate, der immer nur aha, oho oder hmhm
sagt. Sie nahm daher Abschied und dankte dem alten Knig herzlich fr
seine Aufnahme. Die drei Prinzen wurden sehr traurig und riefen klagend:
Aha!-- Oho!--aber der dritte konnte nicht mehr Hmhm sagen,
weil ihm ein groes Stck Pastete in die Kehle gekommen war. Er mute
schrecklich husten, und als er aufhrte, war die Prinzessin schon lngst
fortgeritten, da rief er noch hinterher: Hmhm!

Schlampampe ritt weiter durch fruchtbare Tler und stille Wlder und kam
endlich an einem schnen Sommerabend an ein groes, weies Schlo, das
goldene Trme und ein goldenes Dach hatte. Es funkelte im Sonnenschein so,
da Schlampampe fast geblendet wurde. Da zog die Prinzessin ein Kleid an,
das rosenrot war wie ein Strau Centifolien und goldene Borten hatte, und
so geschmckt ritt sie in den Schlohof ein.

Das ist sicher eine Prinzessin! schrie der Torwchter, und Diener und
Mgde liefen wieder eilfertig herbei und hoben Schlampampe vom Pferde
herunter.

Da der Knig gerade regierte, kam die Knigin herbei und begrte die
Prinzessin und rief: Ei, wie heit du denn, schnes Kind?

Schlampampe seufzte und sagte: Ach, ich kann meinen Namen nicht sagen!
und die Knigin erwiderte freundlich: Nun, so nenne ich dich Prinzessin
Namenlos. Sie fhrte die Prinzessin in einen hohen Saal und stellte ihr
dort Shne und Tchter vor. Es waren drei Prinzen und vier Prinzessinnen,
als sie sich aber alle an die Tafel setzten, sah Schlampampe, da zwischen
den Prinzen ein Stuhl leer blieb.

Sie fragte die Prinzessin Hildegund, die an ihrer linken Seite sa:
Hast du noch einen Bruder? Drben ist noch ein Stuhl leer.

Da fing das Prinzechen an bitterlich zu weinen und rief: Ach, frage
nicht, schne Namenlos, mein armer Bruder hat ein groes Unglck zu
tragen!

Schlampampe schwieg, aber sie mute immer an den Prinzen denken, von dem
niemand sprach, und dessen Stuhl leer stand. Die Prinzessin bekam ein
groes, schnes Zimmer mit einem Himmelbett aus rosenroter Seide darin.
Trotzdem sie sehr gut in dem prchtigen Bett lag, wachte sie doch am
nchsten Morgen sehr zeitig auf. Sie zog ihr Vergimeinnichtkleid an und
ging durch das Schlo, in dem noch alle Bewohner schliefen, und gelangte
in einen schnen Garten, in dem die wunderbarsten Blumen blhten.

Die Sonne war gerade am Aufgehen, und eine Nachtigall sang noch in den
Bschen. Wie Schlampampe so durch den Garten schritt, vernahm sie auf
einmal einen kstlichen Gesang. Es war ein Mensch, der sang, und so schn
war die Stimme, da die Prinzessin tief ergriffen wurde. Die hellen Trnen
rollten ihr aus den Augen, und unwillkrlich ging sie den Tnen nach. Sie
gelangte in eine Geiblattlaube, darin sa ein schner Jngling, der die
Laute spielte und sang. Als die holde Prinzessin, die aussah, als htte
sie ein Stck Himmelsblau angezogen, pltzlich vor ihm stand, lie er die
Laute sinken und sah Schlampampe unverwandt an.

Endlich rief er: Wie schn bist du! und Schlampampe erwiderte: Du
bist noch schner!

Sie gaben einander die Hand und gingen miteinander durch den Garten.
Wer bist du? fragte der Jngling, und Schlampampe seufzte tief und
erzhlte ihm, da sie eine Prinzessin sei und einen schrecklichen Namen
habe.

Oh, rief der Jngling, das ist auch mein Unglck. Ich bin der Sohn
des Knigs, dem dieses Schlo gehrt. Auch ich habe einen entsetzlichen
Namen und werde immer ausgelacht.

Die beiden sahen sich an, und pltzlich riefen sie wie aus einem Munde:
Wie heit du?

Aber keiner wollte den Namen zuerst nennen. Da sagte endlich der Prinz:
Hrst du die Schlouhr schlagen? Drei Schlge wollen wir zhlen, beim
dritten nennen wir unsere Namen. Da zhlten sie eins-- zwei--

Friederike, schrie Heine Peterle erschrocken und purzelte samt seinem
Holzeimer um, denn Friederike hatte ihm unvermutet einen sehr derben
Sto versetzt.

Das ist frech! riefen die Kinder emprt, die so unsanft aus ihren
Mrchentrumen gerissen waren. Auch Muhme Lenelis war rgerlich, und
die sonst so kluge Friederike wurde angebunden, weil sie diesmal so gar
nicht wute, wie sie sich in Gegenwart von Prinzen und Prinzessinnen zu
benehmen hatte.

Die Uhr mu nochmal schlagen, bat Annchen Amsee, und Muhme Lenelis nickte
und erzhlte weiter. Die beiden zhlten also eins--zwei--drei--und
riefen dann mit lauter Stimme: Schlampampe!-- Schlampamperich!

Schlampamperich heit du? rief die Prinzessin erstaunt.

Und du Schlampampe? rief der Prinz nicht minder verwundert.

Pltzlich lachten sie beide hell auf und riefen einmal ber das andere:
Schlampampe!--Schlampamperich! Dann fielen sie sich in die Arme und
kten sich und sagten, sie wollten sich heiraten. Sie liefen schnell
in das Schlo, und die Diener, die gerade aufgestanden waren, muten
rasch den Knig, die Knigin, die Prinzen und die Prinzessinnen wecken.
Die freuten sich ungeheuer, als sie die Sache erfuhren, und die Knigin
sagte: Gut, da ich gestern einen Kuchen habe backen lassen, da knnen
wir jetzt gleich Verlobung feiern!

So geschah es auch, und Hochzeit wurde auch bald gemacht. Dazu wurden
Schlampampes Eltern und Geschwister eingeladen; es sollte eine groe
Hochzeit werden. Die alte Knigin sagte zu Schlampampe, sie mge am
Hochzeitsmorgen ihren Brutigam nur mit einem andern Namen rufen, den
drfe er dann fr immer behalten.

Das Gleiche sagte Schlampampes Mutter zu dem Prinzen, und Braut und
Brutigam dachten sich wunderschne Namen aus, mit denen sie einander
rufen wollten. Schlampampe wollte ihren Prinzen Friedhold nennen, und
dieser wollte seiner Braut den Namen Morgenrot geben, weil er sie
beim Morgenrot zuerst gesehen hatte.

Schlampampe stickte auf ein groes rotseidenes Schlummerkissen den
Namen Friedhold, und der Prinz machte ein schrecklich langes Gedicht,
in dem er seine holde Frau Morgenrot besang.

So kam denn der Hochzeitstag heran. Wie sich das fr einen richtigen
Hochzeitstag schickt, schien die Sonne blitzblank, und alle Menschen im
Knigsschlo und im ganzen Lande machten vergngte Gesichter. Die kleinen
Mdchen hatten alle weie Kleider an und die Buben neue Hosen. In jedem
Hause war Kuchen gebacken worden, und zu Mittag gab es Kalbsbraten und
hinterher noch eine se Speise.

Es war wirklich wunderschn, und am allervergngtesten waren der Prinz
und die Prinzessin. Letztere konnte es kaum erwarten, ihr weies, ganz
und gar mit Edelsteinen besticktes Brautkleid anzuziehen. Das Kleid
hatte eine so lange Schleppe, da, wenn man am Ende der Schleppe stand,
man kaum erkennen konnte, wer das Kleid eigentlich anhatte. Als die
Prinzessin in ihrem schnen Kleide die Treppe hinunterstieg, an deren
Fue ihr Brutigam stand und auf sie wartete, wollte sie in der Freude
ihres Herzens ein bichen rasch laufen. Dabei verwickelte sie sich in
die lange Schleppe, verlor das Gleichgewicht und fiel die Treppe hinab.

Der Prinz sah es unten und erschrak sehr. Schlampampe, schrie er
entsetzt und fing seine Braut in seinen Armen auf.

Schlampamperich, schrie die Prinzessin verwirrt, wie bin ich denn
die Treppe herunter gekommen?

Pltzlich aber sahen sich beide an und schrien klglich: Oh weh, nun
haben wir unsere Namen genannt!

Das ist schrecklich! jammerte Schlampampe, der Prinz aber lachte und
rief: Wenn du auch Schlampampe heit, lieb habe ich dich doch!

Und ich dich, rief die Prinzessin, und wenn du einen noch viel
schrecklicheren Namen httest. Nein, weit du, eigentlich ist
Schlampamperich ein ganz schner Name, er klingt so besonders. berhaupt
hat die Tanne gesagt, das Herz sei die Hauptsache. Ich glaube, du hast
ein sehr gutes Herz.

Und du auch, sagte der Prinz, also wollen wir zufrieden sein.

Da lachten sie beide und gingen vergngt in den Saal, wo die
Hochzeitsgste versammelt waren. Sie blieben nun fr immer Schlampampe
und Schlampamperich. Der Prinz verbrannte sein Gedicht und die Prinzessin
trennte die Stickerei auf dem rotseidenen Kissen wieder auf. Weil aber
Schlampampe und Schlampamperich so herzensgut waren und allen Menschen
nur Liebes erwiesen, lachte bald niemand mehr ber die Namen. Ja in dem
Knigreiche, in dem sie wohnten, wurde eine Strae Schlampamperichstrae
genannt, und einen Schlampampeplatz gab es auch bald.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]




Die klugen Gnse von Oberheudorf.


Sagt einer in Oberheudorf: Ja, die Gnse, die sind schon klug! dann
lachen die Buben, aber die Mdel rgern sich, und Krmers Trude und
Bckermeisters Mariele, die halten sich gleich die Schrze vor die Augen.
Na, man mu schon sagen, unrecht haben die beiden nicht, wenn sie sich
schmen. Sie haben einen Streich ausgefhrt, der ihnen viel Spott seitens
der Buben eintrug und zeigte, da auch gescheite Mdel einmal dumm sein
knnen. Die Geschichte ist nmlich so.

Einmal, es war in dem Jahre, in dem Heine Peterle seine Stadtfahrt machte
und Schulzens Jakob die schreckliche Geschichte mit der Roggenmuhme
erlebte, war der Oberheudorfer Gnsejunge auf und davon gegangen. Er
meinte, er sei pltzlich so klug geworden, da er fortan Schafhirt sein
wolle; fr einen fnfzehnjhrigen Buben sei Gnsehten keine Arbeit,
er wollte Schafe haben. Da die Oberheudorfer Bauern aber keine Schafe
hatten, zog der Gnsejunge von dannen, und die Gnse hatten auf einmal
keinen Hirten.

Da nun gerade Sommerferien waren, in denen Landkinder keine Badereisen
machen, sondern fleiig in Haus und Hof helfen mssen, sagten die Bauern:
Die Mdel mgen halt die Gnse hten! Zwei Mdel zusammen muten also
immer eine Woche lang die Gnse auf die Weide fhren, und wenn die Woche
vorbei war, dann kamen zwei andere dran.

Den Mdeln gefiel das ganz gut, und die Buben waren wtend; sie meinten,
Gnsehten sei leichter als Korn aufladen. Und schwer hatten es die
Hterinnen auch wirklich nicht; sie konnten im Schatten eines Baumes
sitzen, schwtzen, mit Blumen spielen oder stricken. Die Gnse waren sehr
gut erzogen und watschelten nicht weg.

An Oberheudorf vorbei fliet ein Bchlein durch ein schmales Wiesental.
Das ist ein Gnsetummelplatz, wie er nicht schner zu finden ist.

An einem sehr warmen Sommertag saen Krmers Trude und Bckermeisters
Mariele dort unter einer groen Traueresche und walteten ihres Amtes als
Gnsehterinnen. Faul, nur manchmal leise schnatternd, lagen die Gnse
auf der Wiese, und die beiden Mdel machten es ihnen nach. Sie lagen am
Bachrand und guckten in die Luft. Sie hatten weder Lust zu spielen noch zu
stricken, denn es war sehr schwl, und den beiden fielen schon bald die
Augen zu.

Mariele, schlaf doch nicht! murmelte Trude und puffte die Freundin in
die Seite.

Ich schlaf' ja nicht, lallte Mariele, ri die Augen weit auf und schlo
sie gleich wieder.

Faulpelz brummte Trude und drehte sich auf die andere Seite. Sie
blinzelte nach den Gnsen hin, die ruhig im Grase lagen, dann nahm
sie ihre Schrze und deckte sie sich ber das Gesicht, denn die Sonne
schien durch das Blttergewirr hindurch gerade auf ihre kleine, dicke
Nase. Und auf einmal schritt das Trudelchen unversehens durch einen
Garten voll lustiger Trume, und das Mariele an ihrer Seite spazierte
ebenso vergngt im Traumland herum. Mariele trumte etwas so beraus
Lustiges, da sie im Schlaf hell auflachte, von dem Lachen aber wurde
Krmers Trude munter, und erschrocken richtete sie sich auf. Sie sah
sich verschlafen um. Wo war sie denn eigentlich? Sie sa auf der Wiese
dicht am Bach,--aber wo waren denn die Gnse?

Trude ri ihre Augen auf, soweit sie nur konnte, aber die Gnse
erblickte sie nicht.

Mariele, schrie sie ngstlich, wach auf, die Gnse sind weg!

Wenn das Mariele aber schlief, dann schlief es. Ein Murmeltierchen war
leichter munter zu bekommen als das kleine, dicke Mdel.

Aufstehen sollst! schrie Trude und puffte und schubste die Kameradin.
Diese knurrte nur behaglich und schlief weiter. Da nahm Krmers Trude
kurz entschlossen ihren braunen Henkelbecher aus dem Korb, schpfte ihn
voll Wasser und go ihn der Freundin ber den Kopf.

Das half. Mariele fuhr auf, wie von einer Tarantel gestochen, und begann
frchterlich zu schreien, da es ihrer Kameradin himmelangst wurde.

Schlielich wute diese kein anderes Mittel, als Mariele rasch den Mund
zuzuhalten und ihr zuzurufen: Die Gnse sind weg!

Da verstummte auch Mariele und sah sich verwirrt um. Wirklich, die Gnse
waren weg.

Komm, komm, drngte Krmers Trude, wir mssen sie suchen. Pa auf, die
sind nur ein Stck im Bach weitergeschwommen!

Es wird so dunkel, jammerte Mariele ngstlich, es kommt gewi ein
Gewitter.

Auch Trude warf einen ngstlichen Blick auf den Himmel, der sich verdstert
hatte. Sie ergriff die Hand der Freundin, und beide rannten den Bach
entlang und schrien von Zeit zu Zeit. Wule, wule, wule!

Aber keine Gnse gaben schnatternd Antwort, so dringend die beiden
Hirtinnen auch lockten.

Den beiden Mdeln wurde das Herz immer schwerer.

Wo sie nur sein mgen? rief Mariele klagend.

Komm nur um die Ecke rum, sagte Trude ermunternd, da werden sie sein.
Als sie aber um die Ecke herum kamen, waren die Gnse doch nicht zu sehen.

Der Bach flo in Windungen zwischen Wiesen, Wald und mig hohen Bergen
dahin. Das erste Dorf, das er auf seinem Wege erreichte, war Niederheudorf.
Bei jeder Biegung sagte Trude trstend: Wenn wir um die Ecke herum kommen,
werden wir sie finden.

Aber immer wieder gab es eine Enttuschung. Mariele weinte laut, Trude
heulte leise. Einmal blieb Mariele an einem Busch hngen und ri sich ein
riesengroes Loch in ihren Rock, beinahe so gro war es wie der ganze
Rock. Trude rutschte bei dem hastigen Laufen auf einer morastigen Wiese
aus und bespritzte sich von oben bis unten mit Schlamm. Die dummen
Gnse! jammerte sie.

Frech sind sie, klagte Mariele.

Pltzlich stieen beide ein wahres Freudengeheul aus und strzten mit
dem Rufe: Da sind sie ja! auf eine Herde Gnse los, die friedlich im
Grase lagen. Bei dem lauten Geschrei der Mdchen brachen die Gnse in
ein aufgeregtes Schnattern aus und drngten sich dicht aneinander.

Wollt ihr wohl heimgehen, ihr dummen Gnse! schalt Trude, und beide
Hirtinnen trieben eilig die Gnse heimwrts, die ihnen freilich recht
widerwillig folgten.

Es sind doch so viele, sagte Mariele nachdenklich.

Ach wo, rief Trude. So dumm! Wo sollen denn die andern herkommen?
Spute dich nur, es wird so trbe!

Der Himmel hatte sich immer mehr verdstert, und Eile tat wirklich not.
Die Mdchen schalten laut auf die Gnse, diese schnatterten immer wilder,
und ber dem Lrm hrte weder Trude noch Mariele, da ihnen jemand
nachrief. Auf einmal aber fhlten sie sich gepackt. Hinter ihnen stand
eine groe, alte Frau, die die Mdel mit ihren knochigen, braunen Hnden
festhielt. Wartet nur, ihr Gnsediebinnen, schrie die Alte, und ihre
Augen funkelten vor Wut, ihr abscheuliches Pack ihr, eingesperrt werdet
ihr!

Die beiden schrien Zeter und Mord, aber die Alte lie nicht los. Wie
Schraubstcke umkrallten ihre Finger die Arme der Kinder, und so sehr
sich Trude und Mariele auch strubten, sie zog sie mit fort.

Wir ha--ha--haben nicht ge--ge--stohlen, schluchzte Mariele.

Huhuhu! Das sind unsere Gnse! Huhuhu! heulte Trude.

Was, eure Gnse? Na, da schlgt's dreizehn, schrie die Alte. So
ein freches Gesindel! Na, wartet nur, ich sperr' euch jetzt ein, und
Leberecht Sperling mag euch ins Dorf fhren!

Leberecht Sperling! Einen Augenblick waren die beiden sprachlos vor
Entsetzen.

Leberecht Sperling sollte sie ins Dorf fhren,-- ja warum denn?

La mich los, huhuhu! kreischte Trude.

Los! quiekte Mariele.

Fllt mir gar nicht ein, n, so dumm bin ich nicht. Jetzt marsch, da
rein! Ich treib' meine Gnse heim und schick' Leberecht Sperling nach
euch!

Ehe die beiden noch recht zur Besinnung gekommen waren, saen sie in
einem kleinen, feuchten, dunklen Raum.

Es war ein kleines Huschen, in dem sich Fischksten befanden, in das
die Alte die Kinder eingesperrt hatte. Einige Minuten schrien diese,
so laut sie konnten, und stieen mit Hnden und Fen um sich. Krmers
Trude gebrdete sich am tollsten, aber pltzlich hrte Mariele einen
Plumps und sah im dmmrigen Licht ihre Freundin verschwinden.

Wo bist du denn? rief sie ngstlich. Trude gab nur eine undeutliche
Antwort, sie war in einen Fischkasten gefallen. Sie fhlte, wie es
um sie herum kribbelte und krabbelte, und entsetzt versuchte sie
herauszukommen. Da sah sie einen hellen Schein und lief in dem Wasser,
das ihr nur bis an die Brust ging, entlang bis an ein Loch. Da komm'
ich raus, dachte sie und bckte sich, kletterte ber eine Planke und
sa auf einmal mitten im Bach. Ein Weilchen blieb sie ganz verwirrt
sitzen.

Die Gnse, die Alte, Leberecht Sperling, das dunkle Gefngnis, dem sie
so unvermutet entronnen war, das alles ging ihr wie ein Mhlrad im
Kopfe herum.

Marieles Jammergeheul in dem Fischhuschen brachte Trude endlich zu
sich. Wir mssen ausreien, ehe Leberecht Sperling kommt, dachte sie.
Sie sprang von ihrem feuchten Sitz auf und lief an das Huschen, um die
Freundin zu befreien. Die Tr war verschlossen, also mute auch Mariele
durch den Fischkasten kriechen. Unter Sthnen und chzen entschlo
sich das kleine, dicke Mdel endlich dazu. Ich kann nicht, klagte
sie, als sie schon einen Fu im Wasser hatte, ich graule mich!

Leberecht Sperling kommt! rief Trude von drauen. Das half. Mariele
sprang in das Wasser und kam auf dem gleichen Wege wie Trude pudelna
aus dem Gefngnis heraus.

Uff, chzte sie, als sie im Bach sa, das war graulich!

Komm nur, drngte Trude, sonst holt uns Leberecht Sperling.

Aber die Gnse! klagte Mariele und lief hinter der Freundin her.

Krmers Trude blieb betroffen stehen und jammerte: Ach, die Gnse! Doch
da sah sie mit langen Schritten einen Mann sich dem Huschen nhern.
Leberecht Sperling, sthnte sie und raste im Galopp davon und Mariele
heulend hinter ihr her.

Es war aber gar nicht Leberecht Sperling, der da kam, um die Gefangenen
abzuholen, sondern ein Bauer. Verdutzt starrte er in das leere Huschen,
dann ging er kopfschttelnd um das Huschen herum. Aber er sah nichts, und
endlich brummte er: Die Karline hat wohl getrumt, und damit trollte er
ab.

Die beiden Mdel liefen unterdessen ber Stock und Stein und wagten es
gar nicht, sich umzusehen. Das dicke Mariele sthnte etlichemal: Ich
kann nicht mehr! Dann rief Trude mahnend: Leberecht Sperling! und
weiter ging die wilde Jagd.

Keuchend, atemlos, triefend und mit zerrissenen Kleidern langten die beiden
Hterinnen im Dorfe an. Sie rannten so, da sie nicht rechts und nicht
links sahen. Auf einmal liefen sie jemand direkt in die Arme und fhlten
sich festgehalten.

Na, wohin denn so eilig? fragte eine knarrende Stimme. Entsetzt blickten
die beiden auf und sahen in das brummige Gesicht--Leberecht Sperlings.
Das war zu viel des Schrecklichen! Mariele wurde totenbla und schnappte
nach Luft, und Trude legte matt den Kopf auf die Seite.

Der Waldhter erschrak. Aber Kinder, Kinder, was ist euch denn geschehen?
fragte er angstvoll. Doch er erhielt keine Antwort, und kurz entschlossen
nahm er die Mdel auf seine Arme und trug sie in das Dorf. Er langte gerade
an, als der erste schwache Donner hrbar wurde und von allen Seiten die
Leute vom Felde hereinkamen. Auf einem leeren Wagen saen Schulzens Jakob,
Heine Peterle und noch etliche andere Buben. Als sie den Waldhter mit den
Mdeln erblickten, schrien sie so laut, da die Pferde beinahe scheu
wurden.

Wenn in Oberheudorf etwas geschah, dann wute es geschwind das ganze Dorf,
und es dauerte nicht lange, da schaute aus jeder Haustr jemand neugierig
heraus. So war es auch heute. In wenigen Minuten hatte sich ein Kreis um
den Waldhter gebildet. Er sollte erzhlen und wute doch nichts zu sagen.
Und die Mdel, die er sanft auf den Boden gesetzt hatte, schluchzten nur
erbrmlich.

Zu dumm, da Mdel immer gleich heulen, brummte Anton Friedlich.

Die Krmerin war auch herbeigekommen und nahm ihre Trudel auf den Arm.
Kind, sag doch, was fehlt dir? fragte sie besorgt.

Gagak, gagak, gagak! erscholl es da pltzlich schnatternd, und vom
Dorftmpel her kam eine Schar Gnse angewatschelt.

Die Gnse, die Gnse! schrien die Mdel da pltzlich wie aus einem Munde.

Gagak, gagak, gagak! schnatterten die Gnse und zogen stolz wieder ab,
als htten sie sich nur zeigen wollen.

Die Gnse, ach, die Gnse! jubelten Trude und Mariele, und eine ganze
Weile antworteten sie auf alle eindringlichen Fragen nur immer: Die
Gnse!

Ihr seid selbst welche, brummte endlich der Schulze, wenn ihr nicht
bald sagt, was geschehen ist!

Das half. Auf einmal konnten beide reden. Wie Kreisel gingen die Mulchen.
Die Buben sperrten Mund und Augen auf: reden konnten sie doch auch, aber
so geschwind nicht. Ja, und was hatten die Mdel alles erlebt!

Na, da hrt aber doch alles auf! rief der Schulze. Ihr verflixten
Mdel httet ja beinahe die Niederheudorfer Gnse hergetrieben!

Die--Niederheudorfer Gnse? schrien Trudel und Mariele verblfft.

Na freilich, unsere sind ja schon lngst zurck! Die waren klger als
ihr; sie sind einfach heimgelaufen. Sicher wart ihr in Niederheudorf,
denn das Fischerhuschen ist nicht weit vom Dorf entfernt. Ihr seid immer
weiter gelaufen, statt einmal nach unserem Dorfe zu. Na so dumm!

Uh je, schrien die Buben, die Gnse sind klger als die Mdel! Krach!
donnerte es da so heftig los, da Mnner, Frauen, Gnse, Kinder, und was
sonst noch auf der Dorfstrae war und Beine zum Davonrennen hatte, ausri.
Die Kinder gingen in die Stube und die Gnse in den Stall, und somit war
die Geschichte zu Ende.

Nur der Waldhter stand einige Augenblicke allein auf der Dorfstrae,
aber die Krmerin rief ihn ins Haus herein.

Er kam und war so freundlich, wie Trude es nie von ihm gedacht htte.
Sie sagte es nachher den andern Kindern, und seitdem heit es im Dorf:
Wenn Leberecht Sperling nicht so brummig wre, dann wre er ganz nett.

Als die Niederheudorfer die Gnsegeschichte erfuhren, da lachten sie,
da das Dorf wackelte. In der ganzen Gegend aber heit es jetzt: Die
Gnse von Oberheudorf sind klug, aber--, doch was die Leute weiter
sagen, soll nicht aufgeschrieben werden, die Mdel knnten sich sonst
rgern.

[Illustration: Gnse]

[Illustration: Dekoration]




Das Glck im Suppentopf.


Bh, bh! sagte die Ziege Friederike an einem Sonntagmorgen im
November, an dem der Himmel so blau war, als htte ihn die Mutter
vom blauen Friede angestrichen. Friederike war nmlich schrecklich
verwundert, darum sagte sie eine Viertelstunde lang bh. Ihre
Verwunderung galt vier Buben, die auf dem Berg an Muhme Lenelis' Haus
herumkletterten und einen Drachen fliegen lieen. Die gute Ziege hatte
auch vollstndig recht, bh zu sagen, denn im November lt sonst
niemand Drachen fliegen. Um diese Zeit sind sie gewhnlich schon
zerrissen, denn jeder Bube, der einen Drachen hat, rennt damit im
September auf die Felder.

Heine Peterle aber hatte nun mal im November Geburtstag, und dazu hatte
er sich einen Drachen gewnscht. Gerade als er ihn bekam, regnete es
Strippen, wie die Oberheudorfer sagen, und Heine Peterle htte am liebsten
das Wasser vermehrt und geheult, wenn er sich nicht vor seinen Kameraden
geschmt htte. Aber nun hatte der Regen aufgehrt, und es war richtiges
Drachenwetter, hell und etwas windig. Mit Schulzens Jakob, dem blauen
Friede und Schnipfelbauers Fritz war Heine Peterle darum ausgezogen, um
endlich den Drachen fliegen zu lassen. Der war rosenrot und hatte einen
schier endlosen Schwanz; smtliche Buben fanden ihn ber die Maen schn.

Eine halbe Stunde war noch Zeit, ehe die Kirche anfing, und alle vier
Buben waren bereits in ihren Sonntagsanzgen, sahen also blitzsauber
aus. Da Mtter nun einmal nicht Schmutzflecke an Sonntagsanzgen leiden
mgen, hatten auch alle vier Mtter die Buben sehr nachdrcklich
ermahnt, sauber zu bleiben. Leicht war das nicht, denn von dem starken
Regen war der Boden aufgeweicht, und die vier sthnten denn auch
weidlich ber die guten Anzge.

Der Drachen flog wundervoll; wie ein groer, bunter Vogel schwebte er in
der blauen Luft, und die vier Buben sahen ihm stolz nach. Noch jemand
auer ihnen aber sah den Drachen steigen, das war Traumfriede. Er stand
etwas abseits an einen Baum gelehnt, und sehnschtig folgten seine Blicke
dem bunten Gesellen, der so keck zum Himmel emporflog. Knnt' ich mit
fliegen, dachte der Bube, dann brauchte ich nicht mehr beim Kohlbauern
zu bleiben.

Traumfriede brauchte seinen Sonntagsanzug nicht zu hten, denn er hatte
keinen an, weil er berhaupt keinen besa. Er sah zerlumpter denn je
aus, und scheu verkroch er sich darum auch vor den Blicken der andern
Buben, so gern er auch mit ihnen gespielt htte.

Die jubelten und klatschten in die Hnde vor Vergngen, als der Drachen
immer hher stieg. Er fliegt wie 'ne Krhe, sagte der blaue Friede.

N, wie 'n Adler, rief Heine Peterle gekrnkt, obgleich er in seinem
Leben noch nie einen Adler hatte fliegen sehen. Wenn nur der Bindfaden
lnger wr'! brummte er dann, er htte gar zu gern seinen Drachen noch
hher steigen lassen.

Ich habe noch welchen, sagte Schulzens Jakob und holte aus der Tiefe
seiner Tasche allerlei Gegenstnde hervor, darunter auch ein Stck
Bindfaden.

Alle vier bemhten sich eifrig, damit die Drachenschnur zu verlngern.
Jeder behauptete, er knne den schnsten Knoten knpfen, und so
ausgezeichnet machten sie ihre Sache, da auf einmal--heidi!--der
Drachen auf und davon flog.

Ein gellendes Zetergeschrei erhob sich, und Friederike sagte erschrocken
bh, bh, und kehrte in den Stall zurck; die Drachengeschichte war ihr
langweilig geworden.

Verzweifelt sahen die Buben dem Drachen nach, der bald hher stieg, bald
sich wieder senkte; die Schnur zu fassen aber war keine Aussicht. Was tun?
Die Zeit verging, die Stunde zum Kirchgang rckte heran, noch eine Weile,
und die Buben muten gehen und den entflohenen Drachen seinem Schicksal
berlassen.

Doch da, jetzt senkte sich der Drachen tiefer, ein Windsto kam und trieb
ihn auf Muhme Lenelis' Huschen zu.

Er wackelte hin und her, und die Buben strmten schreiend den Berg
hinunter. Und gerade als sie unten ankamen, ging der Drachen wieder in die
Hhe.

Heine Peterle konnte nicht mehr an sich halten, er heulte laut los vor
rger und Herzeleid.

Halt 'n Schnabel! brummte Schulzens Jakob und puffte den Freund. Das
sollte nmlich ein Trost sein.

Jetzt hngt er! rief pltzlich Traumfriede, den das schreckliche
Ereignis aus seinem Versteck gelockt hatte. Er deutete auf Muhme
Lenelis' Esse. Und richtig, oben an der Esse hing der Drachen, wie ein
gefangener Vogel zappelte er hin und her.

Wir mssen aufs Dach klettern, sagten die vier, und dabei sah einer den
andern an, und jeder dachte: So was darf man doch nicht in Sonntagshosen!

Traumfriede hatte die Verlegenheit der Schulkameraden gemerkt, er
berwand seine Scheu und kam hilfsbereit nher: Ich steige auf den
Apfelbaum, sagte er, und von da aufs Dach und hole den Drachen.

Ehe noch einer der Buben antworten konnte, begann Traumfriede schon, den
Baum zu ersteigen, und in wenigen Minuten stand er auf Muhme Lenelis'
Dach. Scheu sahen die andern nach den Fenstern des Huschens; sie wuten,
da die Muhme es nicht leiden konnte, wenn ihr jemand aufs Dach stieg.
Leicht kann man einbrechen, meinte sie. Sie mochte wohl recht haben,
denn das Dach war morsch und schadhaft wie das ganze Huschen.

Aber die Muhme merkte nichts. Sie stand, angetan mit ihrem steifen,
schwarzen Sonntagsrock, mitten in der Stube und schlug gerade ein blendend
weies Taschentuch um das abgegriffene Gesangbuch. Auf dem Herd stand ein
groer Topf voll Wasser, in dem ein winziges Stckchen Fleisch schwamm.
Das sollte das Sonntagsessen der alten Frau werden, sie hatte es gerade
zugesetzt. Sie trat noch einmal an den Ofen, um noch ein Stckchen Torf
auf die glimmende Glut zu legen, als sie auf einmal erschrocken emporsah.
Oben an der Esse war es dunkel geworden, da hing ein seltsames Ding. Du
meine Gte, rief die Muhme erschrocken, was ist denn das fr 'n Vogel?

Das Ding wackelte hin und her, und der Muhme wurde es ganz unheimlich
zumute. Was is'n nur das? N, wie sonderbar! murmelte sie und trat einen
Schritt zurck.

[Illustration: Oberheudorfer Buben- und Mdelgeschichten. Seite 175.]

Da fiel ihr ihr Suppentopf ein. Wenn da was rein fllt! dachte sie
und trat wieder an den Herd, um einen Deckel auf den Topf zu stlpen.

In diesem Augenblick aber geschah etwas Furchtbares. Es rasselte und
polterte, schrie und purzelte, sauste durch den Schornstein herab, und
pltzlich sa ein kohlschwarzes, brllendes Etwas auf Muhme Lenelis'
Suppentopf.

Alle guten Geister! schrie die Muhme und setzte sich vor Schreck platt
auf die Erde und starrte das schwarze Ding auf ihrem Herde an.

Vier runde, rote Bubengesichter wurden an einem der Fenster sichtbar, vier
Nasen drckten sich an den kleinen Scheiben fast platt, und angstvoll
starrten vier Augenpaare in die Stube. Und als die vier Lauscher Muhme
Lenelis auf der Erde sitzen sahen, bekamen sie einen heillosen Schrecken.

Aber schon richtete sich die alte Frau wieder auf. Sie hatte nmlich
gesehen, da das schwarze Etwas auf ihrem Suppentopf zwei schne, blaue
Augen hatte, in denen groe Trnen standen, und da war es gleich mit
ihrer Angst vorbei. Sie packte den seltsamen Gast mit starkem Griff,
hob ihn vom Herd herunter und sagte kurz: Du verbrennst dir noch die
Hosen!

Aber die waren nicht verbrannt, sondern klatschna, und mit klglicher
Miene schaute Traumfriede, denn er war der seltsame Gast, zur Muhme auf.
Die legte ihr Gesicht in strenge Falten, whrend ein heimliches Lachen in
ihren Augen lag, und sagte: Warum biste denn durch'n Schornstein gekommen
und nicht durch die Tre?

In diesem Augenblick bemerkte die Muhme die vier Bubengesichter am Fenster
und rief: Ei, ihr freches Gesindel, was macht ihr denn da?

Die vier wuten ganz genau, wie der Muhme strenge Worte gemeint waren.
Flugs kamen sie in die Stube, da sie sahen, da Traumfriede unversehrt auf
seinen beiden Beinen stand. Die vier erzhlten der Muhme gleich mit einem
so strmischen Eifer die Drachengeschichte, da diese von allem Geschwtz
kein Wort verstand und schlielich gebot: Drei halten den Schnabel, und
einer soll reden. Weil jeder der eine sein wollte, plapperten sie wieder
untereinander; zuletzt erfuhr aber die Muhme doch die Geschichte. Der
Drachen hing noch immer oben an der Esse. Traumfriede war bei dem Bemhen,
ihn loszulsen, in den Schornstein gefallen. Wie 'n Essenkehrer sieht er
aus, sagte Schnipfelbauers Fritz voll Bewunderung und sah den Buben, der
so ein seltsames Abenteuer erlebt hatte, ordentlich ehrfurchtsvoll an.

Durch diesen Essensturz war Traumfriede sehr in der Achtung seiner
Mitschler gestiegen. Das war doch noch mal was! Von einem Baume konnte
jeder herunterfallen, aber in einen Schornstein und in einen Suppentopf
hineinzufallen, war etwas Besonderes.

Bimbam, bimbam! begannen drauen die Glocken zu tnen. ber ganz
Oberheudorf schallte die eherne Stimme und rief die Dorfleute in die
kleine weie Kirche, die ein wenig hher als alle Huser lag.

Muhme Lenelis und die Buben horchten auf. Ihr mt gehen! sagte die
alte Frau. Marsch, sputet euch, seid fein andchtig! Der Drachen mag
jetzt hngen bleiben, nachher bitte ich den Nachbar Tpfel, da er ihn
herunterholt, der hat 'ne lange Leiter.

Die Buben trollten sich, und auch Traumfriede wollte die Stube verlassen,
aber Muhme Lenelis ergriff ihn gerade noch am Jackenzipfel. Bleib hier!
gebot sie kurz. So'n Schmierpeter kann nicht in die Kirche gehen. Komm,
ich putz dich erst ab.

Traumfriede blieb mit gesenktem Kopfe stehen, und als die vier Buben das
Zimmer verlassen hatten, sagte Muhme Lenelis mild und mitleidig: Armer
Kerl du, hast gewi keine andern Sachen!

Traumfriede nickte stumm. In dem blitzsauberen Stbchen der Muhme
empfand er erst so recht die schmutzige Armseligkeit seiner Kleidung.

Muhme Lenelis war allzeit mehr fr das rasche Zugreifen als fr das lange
Besinnen. Sie legte daher auch kurz entschlossen ihre Sonntagshaube
und ihr Kirchentuch sorgfltig ab, holte eine braune Decke herbei und
gebot Traumfriede, er solle seine Sachen ausziehen und sich in die Decke
wickeln. Whrend der Bube das tat, setzte sie eilig frisches Wasser auf
den Ofen, stellte eine Blechschssel zurecht, in der Traumfriede sich
waschen sollte, und wirtschaftete so herum, whrend die Kirchenglocken
drauen allmhlich verklangen. Jemand in einer Not beizustehen, war in
Muhme Lenelis' Augen auch ein Kirchgang, darum gab sie auch unbedenklich
ihren Vorsatz auf und wusch und flickte Traumfriedes Sachen.

Es war so gemtlich und traulich in dem Stbchen, die Sonne schien so hell
durch die blitzblank geputzten Scheiben, als sei es Sommertag. Schnurpsel
schnurrte, und Mimi dachte bei dem Sonnenschein an blhende Obstbume und
Rosenhecken und stimmte ein frhliches Lied an. Traumfriede verlor all
seine Schchternheit und antwortete freimtig auf alle Fragen, die Muhme
Lenelis an ihn richtete. Viel Gutes bekam die Muhme da freilich nicht zu
hren, und manchmal wischte sie sich verstohlen die Trnen aus den Augen
und murmelte leise: Armer Bube!

Und ein armer Bube war Traumfriede wirklich. Er mute hart und schwer
arbeiten, bekam bei seinem Pflegevater kein freundliches Wort zu hren
und nicht satt zu essen, aber desto mehr Prgel. Niemand kmmerte sich um
den Waisenjungen, und niemand hatte ihn mehr lieb, seit das besinnliche
Trinchen tot war. Die Mllerin hatte ihn zwar nach dem Tode ihres Kindes
aufgefordert, er solle sie besuchen, aber dazu war er zu schchtern
gewesen.

Muhme Lenelis dachte, whrend der Knabe erzhlte, an einen kleinen Strau
aus blassen Glockenblumen, roten Brombeerblttern und Kleeblten, der auf
Trinchens Totenbett gelegen hatte. Der Strau hatte ihr gezeigt, was fr
ein gutes, treues Herz der arme Waisenknabe besa. Sie hielt pltzlich im
Flicken inne und dachte seufzend an ihre Armut. 's geht nicht! murmelte
sie, und dann wurde sie ganz still und nhte nur um so eifriger.

Als sie endlich fertig war, war auch die Suppe fertig gekocht, aber Muhme
Lenelis behauptete auf einmal, sie habe kein bichen Hunger, und so mute
Traumfriede alles aufessen. Ja ein Stck Apfelkuchen, das die Schulzenfrau
der Muhme zum Sonntag geschickt hatte, bekam der Bube auch noch. Der hatte
zum erstenmal in seinem Leben das Gefhl, ordentlich satt zu sein. Dann
ging er mit treuherzigem Danke weg, und Muhme Lenelis sah ihm traurig
nach. Wenn ich nur ein bichen mehr zu verzehren htte, dachte sie,
gleich wrde ich den Buben ins Haus nehmen.

Am nchsten Tage war der schne Sonnenschein zu Ende. Kalter, feuchter
Nebel rieselte leise herab, und Heine Peterle machte ein wtendes Gesicht,
weil er den Drachen, den Nachbar Tpfel wirklich vom Dach geholt hatte,
wieder nicht fliegen lassen konnte. Das trbe Wetter hielt an, und die
Kinder begannen von Weihnachten und von Muhme Lenelis' Bratpfelfest zu
reden.

Muhme Lenelis sa gegen Abend in ihrem Stbchen dicht am Ofen, strickte
und dachte an allerlei, auch an Traumfriede. Ein leises Rascheln und
Knittern an ihrer Tre lie sie aufsehen; es mochte wohl eins der
Dorfkinder sein, das sie besuchen wollte. 's findet die Klinke nicht,
dachte die Muhme, stand auf und ffnete die Tre.

Husch verschwand da jemand in der Dunkelheit, aber obgleich die Muhme
Lenelis siebenmal so alt als Schulzens Jakob und noch etwas drber
war, konnte sie doch noch sehr schnell laufen. Eins, zwei, drei hatte
sie den Flchtling gepackt und zog ihn in den Lichtstrom, der zur
Tre heraus in die Dunkelheit flo. Na nu, was machst denn du hier
drauen? fragte die Muhme und sah den Buben an, den sie festhielt. Es
war Traumfriede.

Verlegen sah er auf die Muhme und dann auf ein mchtiges Reisigbndel,
das die alte Frau jetzt erst bemerkte. Hast du das gebracht? fragte
sie freundlich.

Traumfriede nickte. Der Herr Frster hat's erlaubt. Ich mute nach
Niederheudorf gehen, da hab' ich's auf dem Weg gesammelt, weil--weil's
doch so kalt ist.

Guter Kerl du! sagte die Muhme gerhrt und zog den Buben in ihre Stube
und streichelte ihm das blasse Gesicht. Komm, setz dich her, da auf
dem roten Polsterstuhl darfst du sitzen, ich koch' dir rasch eine Tasse
Kaffee.

Traumfriede schttelte den Kopf und sagte ngstlich: Ich mu fort, sonst
krieg' ich wieder Haue wie neulich.

Hast du am Sonntag Haue bekommen? fragte die Muhme erschrocken.

Der Bube nickte, aber ber sein blasses Gesicht flog dabei ein heller
Schein. 's schadet nichts, sagte er geduldig, 's war doch schn hier.

Muhme Lenelis sah ihn eine Weile starr an und murmelte: 's mu gehen,
's mu gehen!--Wo ist denn jetzt der Kohlbauer? fragte sie pltzlich.

In der Schenke, stammelte der Bube und wurde puterrot, als er an den
Pflegevater dachte.

So ist's recht! sagte Muhme Lenelis, nahm sich ein Tuch um, steckte ein
winziges Laternchen an, das sie in die Hand nahm, dann lschte sie ihr
Lmpchen aus, ermahnte Friederike, Schnurpsel und Mimi, sie mchten artig
sein, und sagte zum Traumfriede: Komm mal mit mir!

Der Bube folgte ihr willig, und die beiden schritten stumm nebeneinander
durch die dunkle, stille Dorfstrae bis zum Pfarrhaus.

Muhme Lenelis ist weich wie Ksekuchen, aber sie kann grob wie
Kieselsteine sein, hatte die Schulzenfrau einmal gesagt, die groe
Stcke auf die Muhme hielt und ihr manches zuliebe tat. Als Muhme Lenelis
nun an diesem Novemberabend vor den Pfarrer trat, da war sie weich wie
Ksekuchen. Sie sagte dem Pfarrer, sie sei zwar eine blutarme Frau, aber
der Traumfriede gefalle ihr so gut, da sie den Buben gern zu sich nehmen
mchte, der Herr Pfarrer solle ihr dazu helfen.

Aber das konnte der Pfarrer nicht. Die Gemeinde hatte dem Kohlbauern den
Buben in Pflege gegeben und bezahlte das Kostgeld; er konnte weiter nichts
tun, als dem Schulzen die Sache ans Herz legen, und das wollte er sehr
gern tun.

Das dauert zu lange, sagte Muhme Lenelis entschlossen, gleich auf
der Stelle mu ich den Buben haben. Ich geh' ins Wirtshaus, da sitzen
sie alle zusammen, und ich gebe nicht eher nach, als bis ich den Buben
zugesprochen krieg'!

Damit ging sie hinaus. Auf der Strae traf sie die Schulzenfrau. Der
erzhlte sie alles, und die Schulzenfrau sagte. Ich will auch mitgehen!
Wir wollen noch die Schnipfelbuerin holen, die kann noch besser reden
als ich! Damit war die Muhme wohl einverstanden. Sie holten die
Schnipfelbuerin, und so zogen alle nach dem Wirtshaus, wo der Kohlbauer
mit dem Schulzen und etlichen andern Bauern an einem Tische sa.

Traumfriede war das Herz zentnerschwer, als er in das Gastzimmer trat,
und htte die Muhme ihn nicht gar so fest gehalten, dann wre er sicher
ausgerissen. Muhme Lenelis hatte einen alten Groll auf den Kohlbauern,
der seines Geizes und seiner Roheit wegen in der ganzen Gegend berchtigt
war; nur weil er so reich war, wagten die andern Bauern nicht recht ihm
entgegenzutreten, so feige das auch war. Wohl wuten sie es alle, da es
Traumfriede schlecht bei dem Kohlbauern hatte, aber sie lieen die Sache
gehen und beschwerten ihr Herz nicht mit der Sorge um ein armes Waisenkind.

Weich wie Ksekuchen war Muhme Lenelis hier nicht, sondern noch grber
als Kieselsteine. Kein Mensch htte je der kleinen, freundlichen Muhme
zugetraut, da sie so viel und so grob reden knne. Sie hielt dem
Kohlbauern seine Snden so eindringlich vor, da der reiche Bauer nicht
wute, wo er vor Verlegenheit hinsehen sollte. Aufstehen und ausreien
konnte er auch nicht, denn die Schulzenfrau und die Schnipfelbuerin, zu
denen sich noch die Wirtsfrau gesellt hatte, versperrten den Weg, und
allemal wenn Muhme Lenelis eine neue Schandtat des Bauern aufzhlte,
riefen die drei: So ist's, das stimmt, gebt's ihm nur ordentlich!

Die andern Bauern hrten Muhme Lenelis' Strafrede so lange mit heimlichem
Frohlocken an, bis die alte Frau sich zu ihnen wandte und ihnen sagte,
wie bitter unrecht es sei, sich so wenig um eines armen Waisenkindes
Ergehen zu kmmern.

Das stimmt! schrien die drei Frauen. Jede nahm sich im stillen vor,
gleich morgen etwas fr Traumfriede herzugeben, denn alle drei hatten
ein schlechtes Gewissen, weil sie nie an den armen Knaben gedacht hatten.

Sie kann ja den Bengel selbst behalten! Nicht mehr ins Haus darf er mir!
schrie endlich der Kohlbauer und entwischte, indem er sich an den Frauen
vorbeidrngte.

Muhme Lenelis frohlockte, aber sie ging nicht eher, bis sie nicht den
andern Bauern die Sache noch einmal dringend ans Herz gelegt und diese
ihr mit Handschlag versprochen hatten, Traumfriede drfe bei ihr bleiben.
Da zogen die Frauen endlich zufrieden von dannen. Die Schulzenfrau, die
Wirtin und die Schnipfelbuerin aber trugen allerlei Ewaren herbei. Die
eine schenkte noch ein Kopfkissen, die andere eine Decke und die dritte
versprach einen Anzug.

Muhme Lenelis nahm alles mit Dank an. Sie war sonst trotz aller Armut
stets sehr stolz gewesen und hatte nie gern etwas angenommen, hchstens
mal ein Stck Kuchen, jetzt aber dachte sie: Es ist fr den Buben. Dem
lieben Gott sei Dank, nun kann er sich satt essen!

Das tat Traumfriede an diesem Abend auch redlich. Es war ein vergngtes
Mahl, das die alte Frau und der arme Waisenknabe in dem freundlichen
Stbchen hielten. Friederike, Mimi und Schnurpsel nahmen auch daran teil
und schlossen gleich Freundschaft mit dem neuen Hausgenossen.

Als Traumfriede dann auf seinem Lager lag und zum erstenmal in seinem
Leben fhlte, da er eine Heimat hatte, da strich ihm Muhme Lenelis
lind ber das Gesicht und sagte: 's war doch gut, da du mir in meinen
Suppentopf gefallen bist, gelle mein Shnchen?

Oh, der Suppentopf und Heine Peterles rosenroter Drachen! Wie oft dachte
Traumfriede voll Dankbarkeit daran. Wenn einer pltzlich ber Nacht ein
Prinz wird und immer mit einer Krone auf dem Kopf herumlaufen darf, der
kann nicht glcklicher sein als der arme Waisenknabe bei Muhme Lenelis.

In dem kleinen Huschen wurde er ein lustiger, frhlicher Bube, da verlor
er seine Schchternheit und lernte es, den Menschen frei und zutraulich in
die Augen zu sehen. Es wurde so mit ihm, da der Herr Lehrer in der Schule
oft sagte: Die beste Arbeit hat wieder Friede gemacht, und er meinte
damit Traumfriede.

Die Gemeinde zahlte Muhme Lenelis ein Kostgeld fr den Buben, und weil
die Bauern sich schmten und der Herr Pfarrer ihnen zuredete, wurde das
Kostgeld reichlich. Auch die Schulzenfrau, die Schnipfelbuerin und die
Wirtin vergaen nicht, was sie versprochen hatten, und die Muhme sagte
manchmal: Bube, Bube, seit du mir in den Suppentopf gefallen bist,
wird der nicht mehr leer!

Schulzens Jakob, der das einmal hrte, fragte nachdenklich: Ob unser
Pflaumenmustopf auch immer vollbleibt, wenn ich mal reinfalle?

Studier 's lieber nicht, sagte Muhme Lenelis lachend, es knnte dir
schlecht bekommen, weit du, so wie mit der Roggenmuhme!

Da lie es Schulzens Jakob, und das war auch besser. Es findet nicht jeder
im Suppentopf das Glck wie Traumfriede.

[Illustration: Jakob]

[Illustration: Dekoration]




Friederikes Abenteuer.


Da Muhme Lenelis' Ziege Friederike ein ausnehmend kluges Tier sei, fand
jeder Mensch in Oberheudorf. Hans Rumps sagte: Sie ist gebildet! Das war
eine groe Schmeichelei, denn der Nachtwchter sagte das nur von Menschen,
Tieren und Dingen, die ihm besonders gefielen, er sagte das brigens
ebensogut vom Herrn Lehrer wie von der neuen Feuerspritze.

Die Kinder begegneten Friederike mit groem Respekt. Wenn sie die weie
Ziege auf der Dorfstrae trafen, sagten selbst die unntzesten Buben,
wie zum Beispiel Anton Friedlich, sehr hflich: Guten Tag, Friederike!
Friederike blieb nmlich nicht wie andere Ziegen daheim in ihrem Stall
oder auf der Weide, sie liebte es vielmehr, im Dorf herumzuspazieren. Bald
guckte sie in den Schulzenhof hinein, bald ging sie vor dem Wirtshaus
auf und ab, als sollte sie Gste erwarten. Als einmal die Frau Grfin
Dachhausen wieder im Frhling ihren ersten Besuch in Oberheudorf machte,
war es Friederike, die den vornehmen Gast zuerst mit ihrem Meckmeck,
meckmeck begrte.

Ja, Friederike war klug. Einmal sa Anton Friedlich allein in der
Wohnstube seines Elternhauses und sollte seine Schularbeiten machen. Mehr
als seine Rechenaufgabe aber gefielen ihm die groen Butterbirnen, die
seine Mutter am Morgen vom Baum genommen hatte, und die sie nach der Stadt
zum Verkauf schicken wollte. Er schielte eine Weile danach hin, seufzte,
guckte wieder auf das Buch, dann wieder auf die Birnen, und endlich stand
er auf und ging bis an den Korb heran. Ach was, dachte er leichtsinnig,
eine kann ich schon nehmen, die Mutter wird es gar nicht merken. Schon
streckte er die Hand aus, da hrte er pltzlich ein lautes Meckmeck,
meckmeck erklingen. Erschrocken lie er die Birne wieder in den Korb
fallen und sah sich um: Friederike guckte zum offenen Fenster herein.
Ordentlich bse sah sie aus, dachte Anton. Meckmeck, meckmeck, rief sie
noch einmal drohend, dann spazierte sie weiter.

Anton Friedlich nahm keine Birne, ja er wagte nicht einmal mehr hinzusehen,
sondern steckte eifrig die Nase in sein Buch und rechnete vor lauter Angst
so gut, da der Herr Lehrer ordentlich verwundert darber war.

Wirklich, Friederike war ausnehmend klug. Als Bckermeisters Mariele
einmal an einem heien Maitag im Garten Unkraut jten sollte, da dachte
der kleine Faulpelz: Ach was, das Unkraut kommt noch frh genug heraus,
ich lege mich hintern Gartenzaun auf die Wiese und schlafe ein bichen.

Hopla! wollte sie ber den Zaun klettern, um ihren Vorsatz auszufhren,
da stand aber pltzlich wie aus der Erde gewachsen Friederike vor ihr
und sagte vorwurfsvoll: Meckmeck, meckmeck!

Mariele wurde feuerrot und rief rgerlich: Dumme Friederike, geh doch
weg!

Aber Friederike stellte sich breitbeinig an den Zaun und meckerte laut und
zornig. Da schlich sich Mariele beschmt an das Schotenbeet und begann
seufzend jedes Unkrutchen auszuziehen. Einigemal warf sie einen scheuen
Blick nach dem Zaun, da stand Friederike immer noch und sagte jedesmal
mahnend: Meckmeck, meckmeck! Und Mariele wagte es nicht, ihre Arbeit im
Stich zu lassen, sondern jtete so fleiig wie noch nie.

Eines schnen Tages spazierte die brave, gebildete Friederike wieder im
Dorf umher. Es war recht warm und sonnig, obgleich der September gerade
dabei war, sich wieder einmal fr ein Jahr aus dem Staube zu machen. Am
Tag vorher war das Erntedankfest in Oberheudorf gewesen, bei dem es
recht lustig zugegangen war. Alle Leute waren noch mde von dem Festtag,
und so war es stiller als sonst im Dorf. Auer dem Gackern einiger
Hhner hrte man kaum einen Laut. Bedachtsam wandelte Friederike ihres
Weges. Das Hoftor des Wirtshauses stand weit offen, aber auf dem Hofe
war kein Mensch zu sehen. Kastor, der Hter des Hauses, blinzelte nur
ein wenig, als Friederike den Hof betrat. Diese guckte in die Scheune,
in den Stall, sah sich eine Weile tiefsinnig den Dngerhaufen an und
wandelte dann um das Haus herum bis an die Tr, die in den Garten fhrte.
Dort standen zwei leere Bierfsser und daneben in einer groen, braunen
Schssel abgestandenes Bier. Es waren Reste aus den Fssern, die fr
Hans Rumps aufgehoben wurden. Der Nachtwchter a nmlich fr sein Leben
gern Biersuppe, und dazu, meinte er, sei das abgestandene Bier ganz gut,
frisches Bier sei zu teuer.

Was ist denn das? dachte Friederike und sog den Bierdunst ein. Es
ist nicht zu glauben, aber die tugendsame Friederike war so neugierig,
da sie an dem Bier zu lecken begann. Sie leckte erst zaghaft, dann
immer mehr und mehr, denn sie hatte Durst, und das Bier schmeckte ihr
vortrefflich. Htte die Ziege gewut, was fr ein gefhrliches Ding
Bier ist, sie htte sich wohl gehtet, davon zu trinken, aber Muhme
Lenelis hatte nie Bier im Hause, woher sollte es Friederike da wohl
kennen? Sie trank und trank, und auf einmal war die Schssel leer. Das
hat gut geschmeckt! dachte Friederike und trat den Rckweg an.

Aber was war denn das? Kastor sah die gebildete Friederike ganz erstaunt
an: die hopste ja kreuz und quer, taumelte bald nach rechts, bald nach
links, einmal stie sie an die Pumpe an, einmal an das Scheunentor, und
pardauz lag sie in einer groen Pftze.

Es dauerte lange, bis Friederike wieder hoch kam. Endlich aber gelang es
ihr, sich aufzuraffen, und sie wankte und schwankte nun zum Hoftor hinaus.
Bald rechts, bald links an einen Baum oder einen Zaun anstoend, geriet
die Ziege auf ihrer seltsamen Wanderung an des blauen Friedes elterlichen
Hof. Die Buerin hatte mal wieder gefrbt, und ber den Zaun waren nasse
Stoffstcke gehngt. Bums! torkelte Friederike daran. Der Stoff war na
und khl, und der Ziege war es furchtbar hei. Sie rieb sich also eine
Weile an dem nassen Zeug und taumelte dann mit einem groen blitzblauen
Fleck auf dem weien Fell weiter.

Beim Schnipfelbauer lehnte an der Hausmauer ein schn rot und grn
gestrichenes Blumenbrett, und die unglckselige Friederike, die gerade
nach links schwankte, plumpste an das frisch gestrichene Brett. Nun
hatte sie grne und rote Streifen auf der andern Seite, und was sonst
noch von ihrem weien Fell brig war, sah schmutzig aus.

Vor dem Schulzenhof stand Jakob mit Heine Peterle, Annchen Amsee und
Rse.

Seht doch mal, was kommt denn da? rief Annchen pltzlich.

Das ist 'ne Ziege, brummte Jakob.

Ja, aber wie sie aussieht! schrie Annchen verwundert.

Die ist ja blau! rief Heine Peterle.

Nein, grn!--Nein, rot! schrien Annchen und Jakob, die gerade die
andere Seite erblickten.

Mit offenem Munde starrten die Kinder auf das seltsame Tier, das nher
gewackelt kam und schauerliche, heisere Tne ausstie.

Das ist mir graulich, quiekte Rse pltzlich und rannte in das Haus,
um die Gromutter herbeizurufen.

Arm in Arm kamen gerade die einstigen Feinde, der blaue Friede und der
dicke Friede, die Dorfstrae entlang. Beide blieben verdutzt stehen,
als sie die Ziege erblickten. Das ist ja eine Kasperleziege! schrie
der dicke Friede erstaunt.

Ich hol' Schuster Pechdraht, der wird wissen, was das ist, sagte
Heine Peterle und lief in das Schusterhaus.

Es dauerte nicht lange, so verbreitete sich die Nachricht von dem
schrecklichen Tier im ganzen Dorf, und natrlich kamen zu allererst
smtliche Kinder mit groem Geschrei an. Die Ziege lehnte mit verglasten
Augen an einem Zaun und meckerte klglich, und die Kinder standen alle um
sie herum. Auf einmal rief Anton Friedlich: Das ist doch Friederike! Ich
kenn' sie doch am Halsband!

Friederike? schrien die Kinder wie aus einem Munde. Wirklich, es ist
Friederike! Aber Friederike, was hast du denn gemacht?

Sie stirbt, jammerten Rse und Annchen.

Ihr wird schlecht, murmelte der dicke Friede, und der blaue Friede
und Schnipfelbauers Fritz liefen, was sie konnten, um Muhme Lenelis
herbeizuholen.

Die alte Frau schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen, und die hellen
Trnen rannen ihr ber das gute Gesicht, als sie ihre Ziege in dem
Zustand erblickte. Sie ist krank, sie stirbt! schluchzte sie.

Sie hat sich vergiftet, sagte der Schulze mit bedenklicher Miene,
sie sieht ja ganz blau aus.

Nein, grn und rot, wie mein Blumenbrett, rief die Schnipfelbuerin.
So was kommt doch nicht vom Vergiften.

Aber krank ist sie, sagten alle, nur Mine, die Wirtsmagd, sagte pltzlich
kichernd. Ich glaube, sie ist betrunken. Ich habe gesehen, wie sie bei uns
Bier gesoffen hat; wie ich dann nachsah, war die Schssel leer.

Betrunken? Friederike sollte betrunken sein?

Sprachlos sahen sich alle an, nur Schuster Pechdraht lachte und meinte.
Mine kann schon recht haben!

Und sie hatte auch recht: die tugendhafte, kluge Friederike hatte sich
wirklich betrunken. Sie wurde in den Stall getragen, und Muhme Lenelis
legte ihr ein kaltes Tuch auf den Kopf. Und Friederike schlief ein und
schlief vierundzwanzig Stunden lang. Immer wieder kamen die Kinder fragen.
Schlft sie noch? und immer wieder antwortete dann Muhme Lenelis traurig
Ja, sie schlft noch.

Anton Friedlich meinte: Ich glaube, Muhme Lenelis, sie tut nur so,
weil sie sich schmt!

Es war wirklich eine schreckliche Geschichte. In Oberheudorf kannte
man glcklicherweise keine betrunkenen Menschen, von einer betrunkenen
Ziege aber hatte man noch nie etwas gehrt. Jeder war entrstet ber
Friederikes Benehmen, und die Kinder hatten allen Respekt verloren.
Wenn sie Friederike mit ihren roten, blauen und grnen Flecken, die
gar nicht abgehen wollten, sahen, lachten sie sie aus. Darber krnkte
sich Traumfriede sehr, und er sagte immer: Friederike kann doch nichts
dafr! Sie hat doch nicht gewut, da Bier so schlimm ist!

Aber sie hat genascht, sagte Anton Friedlich und dachte dabei an die
Butterbirnen.

Das war nun wahr, dafr mute die arme Friederike jetzt ihre Strafe
leiden. Die Kinder aber lachten nicht lange mehr, denn Friederike
zeigte bald, da sie wirklich gebildet war.

An einem Oktobertag nmlich lag der Knecht des Waldbauern auf dem
Grasberg am Hause und schlief, statt im Stall nach dem Rechten zu
sehen. Der Bauer war fortgegangen, und der Knecht dachte, wie auch oft
faule Kinder denken: Es sieht's ja niemand!

Oben am Berg suchte Friederike einsam nach Grsern, als sie den schlafenden
Knecht erblickte. Sie kam nher, und pltzlich sprang sie ihm mit einem
khnen Sprung so heftig auf den Leib, da der Knecht erwachte. Wart, du
abscheuliches Tier! rief er emprt und wollte die Ziege fangen, aber diese
rannte eilig davon. Da der Knecht nun einmal munter war, ging er brummend
auf den Hof. Da kam er aber gerade zur rechten Zeit, um ein braunes Tier im
Hhnerstall verschwinden zu sehen--es war ein Marder. Heisa, da rannte
aber der Knecht, so schnell er konnte, dem gefhrlichen Ruber nach und
trieb ihn aus dem Hhnerstall heraus. Am nchsten Tag wurde der Marder dann
in einer Falle gefangen.

Potzwetter nochmal, sagte der Knecht, Friederike ist aber wirklich
gebildet. Denn warum ist sie mir auf den Leib gesprungen? Doch nur, weil
sie den Marder gesehen hatte.

Friederike ist wirklich sehr klug, sagten auch alle Leute im Dorf.
Das mit dem Bier war eben mal ein dummer Streich, aber sonst ist sie
doch anders als andere Ziegen!

Seitdem hatten die Kinder wieder Respekt vor Friederike, die brigens nie
mehr eine Dummheit gemacht hat.

[Illustration: Mann und Ziege]

[Illustration: Dekoration]




Das Stndchen.


Da die Oberheudorfer Buben und Mdel den Herrn Lehrer manchmal weidlich
rgerten und ihm das Leben recht schwer machten, wird jeder glauben, der
es hrt. Jeder darf es aber auch getrost glauben, da die Oberheudorfer
Kinder ihren Lehrer herzlich lieb hatten, wenn es auch manchmal nicht sehr
zu spren war. Es kann wenigstens niemand denken, da es Liebe ist, wenn
die Buben whrend der Stunde mit Papierballen schnipsen oder sich unter
dem Tische knuffen und puffen, oder wenn die Mdel schwatzen, als wren
sie Gnslein, die auf der Weide herumspazieren. Fr Liebe lt es sich
auch schwer halten, wenn die Kinder handgroe Kleckse in die Schreibhefte
machen und fr die Lesestunde ihre Rechenbcher mitbringen oder aus
Versehen (so haben sie wenigstens gesagt) ihre Honigbrote verkehrt auf
den Stuhl des Herrn Lehrers legen, da der Honig auf dem Stuhl kleben
bleibt und der Lehrer dann auch festklebt. Da es gerade Liebe war, als
Schnipfelbauers Fritz einen Kasten voll Maikfer mitbrachte, die er in
der Geographiestunde fliegen lie, und Anton Friedlich eine Maus ins Pult
steckte, die dem Herrn Lehrer beinahe an die Nase sprang, wird niemand
denken. Und hnliche Liebesbeweise gab es fter in der Oberheudorfer
Schule, und doch liebten die Buben und Mdel ihren Lehrer wirklich
aufrichtig. Sagten die Niederheudorfer Kinder: Unser Lehrer ist gut,
dann schrien die Oberheudorfer sicher, so laut sie konnten: Unser Lehrer
ist viel, viel besser!

Der Herr Lehrer selbst war von dieser groen Liebe nicht sehr berzeugt,
und als man ihm eines Tages eine Stelle in der Stadt anbot, sagte er,
er wolle sich die Sache berlegen. Noch ehe er aber ja oder nein gesagt
hatte, erfuhren die Oberheudorfer davon, und die Kinder erschraken heftig.
Standen zwei in diesen Tagen zusammen, so sagten sie sicher zueinander:
Glaubst du, da er geht?

Es war so gerade um die Frhlingswende. Der Schnee begann Abschied von der
Erde zu nehmen, und die Kinder, die im Winter sein Erscheinen mit Jubel
begrt hatten, klagten: Wenn er doch erst weg wre!

Friede Hopserling, der Mllerknecht, der noch immer Heine Peterles
besonderer Freund war, stand auf dem Mhlenhof und strich den Mehlwagen
von oben bis unten mit himmelblauer Farbe an. Heine Peterle, Schulzens
Jakob und noch etliche andere Buben kamen gerade an der Mhle vorbei, und
als sie Friede Hopserling sahen, liefen sie rasch auf ihn zu und begrten
ihn sehr lebhaft und freudig.

Hm, sagte Friede Hopserling, der nicht gern viel sprach, aber gern
Gesellschaft um sich hatte.

Weit du schon, Friede, da der Herr Lehrer weggeht? begann Schulzens
Jakob die Unterhaltung.

N! sagte Friede und schwenkte eine Weile vor Erstaunen seinen Pinsel
in der Luft herum. Beinahe wre er Anton Friedlich damit ins Gesicht
gefahren, der flchtete aber gerade noch zur rechten Zeit.

Du weit das nicht? rief Heine Peterle berrascht.

N! brummte Friede Hopserling und strich weiter.

Er geht in die Stadt, schrien die Buben auf einmal.

Na so! sagte Friede.

Ja, in die Stadt, klagte Heine Peterle. Er soll doch lieber hierbleiben.
Meinste nicht auch, Friede?

N! brummte der.

Na nu, schrien smtliche Buben berrascht, warum denn nicht?

Friede Hopserling grinste hhnisch und fuchtelte mit seinem Pinsel in der
Luft herum. Weil ihr nischt taugt, die Stadtkinder sind besser!

Pfui, Friede! Ein Schrei der Emprung durchgellte die Luft. Das ist
frech! schrie Anton Friedlich und schnappte vor Wut nach Luft wie ein
Frosch, der Fliegen fangen will. Die andern echoten: Ja, das ist frech!

Na so! sagte der Knecht kaltbltig und strich weiter, auf seinem
Gesicht aber lag ein verschmitztes Lachen, da die Buben merkten, er
habe sie nur zum besten gehabt.

Pfui, Friede, das war schlecht! sagte Heine Peterle, schon wieder
vershnt. Sag doch, womit knnen wir dem Herrn Lehrer eine Freude
machen? Weit du, wenn er sich sehr freut, bleibt er vielleicht.

Aber 's darf nichts kosten, rief Schnipfelbauers Fritz vorsichtig. Er
besa nmlich nur fnf Pfennig, und dafr wollte er sich beim Krmer
einen Kreisel kaufen.

Hm, machte Friede Hopserling und versank in tiefes Nachdenken. Die
Buben standen still und andchtig um ihn herum, denn wenn Friede
nachdachte, durfte er nicht gestrt werden, er konnte dann fuchswild
werden.

Bringt doch ein Stndchen! sagte er nach einer Weile und sah sich
stolz im Kreise um.

'n Stndchen? Was ist denn das? riefen alle Buben erstaunt.

'n Stndchen, sprach Friede Hopserling langsam und bedchtig, das
ist, nu das ist eben--hm--das ist--ein Stndchen!

Verdutzt sahen die Buben einander an. Recht verstndlich war ihnen
diese Erklrung nicht, und Schnipfelbauers Fritz rief naseweis wie
immer: Aber sag doch nur, was ist ein Stndchen?

Friede Hopserling sah den Buben strafend an und erhob drohend seinen
Pinsel. Da verkroch sich der Naseweis hinter Schulzens Jakob und hielt
seinen Mund; wenn Friede ein solches Gesicht machte, war nicht gut
Kirschen essen mit ihm.

Hm, na so, ein Stndchen, hm, da wird Musik gemacht, erklrte Friede
Hopserling weiter. Bei den Soldaten, da hab'n wir ein Stndchen gebracht,
hm, ich hab' aber nur zugehrt, unser Oberst wollte auch abgehen.

Ist er dann geblieben? riefen drei Buben hoffnungsfreudig.

N, sagte Friede Hopserling etwas verwirrt, hm, nu so, aber fein war's.

Fein war's! Das Wort machte die Buben noch neugieriger, als sie ohnehin
waren. Sie bettelten so lange, bis Friede Hopserling sich sthnend zu
einer nheren Erklrung entschlo. Ja, schlielich versprach er noch,
er wolle die Leitung des Ganzen bernehmen. Sehr musikalisch waren die
Oberheudorfer Buben gerade nicht, aber Anton Friedlich fragte doch, ob
man nicht ein besonderes Stck spielen msse.

N, sagte Friede gelassen, der von Musik so viel verstand wie ein
Essenkehrer von der Feinpltterei. 'n Stck ist nicht ntig, nur recht
laut mu es sein, und 'ne Trommel und 'ne Trompete gehren dazu, dann
wird's fein.

Schulzens Jakob besa zwar eine Trommel, aber die hatte schon ein Loch,
und die Trompete vom blauen Friede hatte das Mundstck verloren. Woher
also die Instrumente nehmen?

Doch Friede Hopserling erwies sich als Retter. Sein Schwager in
Niederheudorf besa eine Trommel, die wollte er borgen, und der
Oberheudorfer Kster hatte eine Trompete und ein Waldhorn.

Das haben wir auch, rief Heine Peterle.

Na so, sagte der Knecht, zwei sind besser als eins! Kasper auf dem
Berge hat 'ne Geige, die wird auch geholt, na, und wer nischt hat, der
kann pfeifen oder singen.

Ich kann singen, schrie der blaue Friede und stimmte mit krhender
Stimme an: Heil dir im Siegerkranz!

Aber Anton Friedlich sagte noch einmal: Wenn wir ein Stck htten,
wr's doch besser!

N, schrie Friede Hopserling emprt, und diesmal schwang er seinen
Pinsel so heftig, da Anton einen groen blauen Fleck auf die linke
Backe bekam. Wenn du's besser wissen willst, denn man los! Was ich
wei, wei ich; beim Stndchen kommt's nur auf den Lrm an, nu so!

Da wagte auch Anton keinen Widerspruch mehr und fgte sich in Friede
Hopferlings Vorschlag Sollen die Mdel mittun? fragte Schulzens
Jakob, der an seine Schwester dachte.

N, beschied der Mllersknecht, Mdel haben bei so was nichts zu
tun, die drfen nur zuhren.

Das ist fein, lobte Schnipfelbauers Fritz, wir Buben machen's
alleine! Und dabei blieb es.

Von diesem Tage an flsterten und wisperten die Oberheudorfer Buben
zusammen, wo sie sich nur trafen. Begegneten sich zwei unversehens,
dann rief der eine traratrara, und der andere antwortete bumbum,
denn in Gedanken spielten sie schon die Instrumente, die Friede
Hopserling ihnen zuerteilt hatte.

Schuster Pechdraht, der das Bumbum und Traratrara einmal hrte, sagte:
Da wird eine rechte Dummheit zusammengeschustert. Ich seh's den Buben
an den Nasenspitzen an, da sie was vorhaben!

Es mute auch jeder merken, da sie ein Geheimnis hatten. Am
allergeheimnisvollsten aber taten die Buben, wenn die Mdel in der Nhe
waren. Da wisperten und tuschelten sie, pfiffen, summten und lachten.
Sie zwinkerten sich zu und riefen laut und protzig: Uh je, wird das
fein werden!

Fragte ein Mdelchen, was fein werden wrde, dann lachten die Buben
noch mehr und riefen alle zusammen: St! St! Das sollte Stndchen
heien, was die Mdel freilich nicht wissen konnten. Natrlich wurden
diese ganz gewaltig neugierig, und sie gaben sich die grte Mhe, das
sorgsam gehtete Geheimnis herauszubekommen. Doch alles Forschen und
Fragen half nichts. Selbst Annchen Amsee, die sonst alles wute und
berall ihre kleine Nase hineinsteckte, konnte nichts erfahren. Sie
wurde darber so bse, da sie ihren Freundinnen erklrte, sie wrde
nie wieder mit einem Buben sprechen. Eine halbe Stunde spter aber
schwatzte sie schon wieder mit Heine Peterle.

Es war an einem Mrztage. Da sagte Muhme Lenelis: Es riecht nach
Frhling! Sie guckte zu ihrem Fenster heraus und lie sich behaglich
den sanften warmen Wind um die Ohren wehen und dachte an Sommerwrme,
Sonnenschein und blhende Gartenbeete. Der Schnipfelbauer dachte an
seine neue Scheune, die er bauen lassen wollte; die Hausfrauen sprachen
von dem groen Frhjahrsreinemachen; die Mdel berlegten, ob sie
Schneeglckchen suchen sollten, und die Buben--ja, die waren an
diesem warmen Mrztage auf einmal spurlos verschwunden. Als htte der
Tauwind sie aufgeleckt, wie er es mit den letzten Schneefleckchen getan
hatte, so unsichtbar waren sie geworden. Die Dorfstrae, die sonst
von ihrem Geschrei widerhallte, war einsam und still, und Schuster
Pechdraht schttelte verwundert den Kopf: Wo mgen sie nur sein?

Die Mdel saen allesamt im Schulzimmer. Sie hatten Handarbeitsstunde bei
der Frau Lehrer, die es auf sich genommen hatte, ihnen das Nhen, Stricken
und Sticken beizubringen. Sonst tobten um diese Zeit die Buben drauen
gewaltig um das Schulhaus herum, und ihr lustiges Spiel entlockte den
armen Mdeln manch tiefen Seufzer. Bckermeisters Mariele, die ohnehin
mit Nadel, Zwirn und Fingerhut auf Kriegsfu stand, machte dann stets
ellenlange Stiche, ihr ri der Faden, oder sie schnitt unversehens ein
Loch in ihre Arbeit. Trotzdem heute nun kein Bube drauen lrmte, hatte
Mariele doch wieder Pech mit ihrer Arbeit gehabt, sie hatte das Hemd, das
sie nhte, unten zusammengenht statt an der Seite, und die Frau Lehrer
hielt ihr gerade eine Strafrede, als ein seltsam dumpfes, verworrenes
Gerusch in das Schulzimmer hineindrang.

Alle horchten auf.

Die Mdel rckten ngstlich zusammen, und die Frau Lehrer machte ein
nachdenkliches Gesicht. Klingt das nicht wie Feuerlrm? fragte sie
pltzlich.

Ein wahres Zetergeschrei erhob sich. Feuer, Feuer! quietschten die Mdel,
und einige kletterten gleich auf die Tische, als kme das Feuer schon zur
Tre hereinspaziert und sagte guten Tag. Der Lrm hielt an, und die Frau
Lehrer dachte voll Angst an ihre beiden kleinen Kinder, die sie unter der
Obhut eines Dienstmdchens zurckgelassen hatte. Wir wollen aufhren,
rief sie rasch. Im Nu waren alle Arbeiten in die Beutel versenkt, und die
Mdel liefen schreiend auf die Strae: Es brennt, es brennt!

Die Erwachsenen hatten auch das Getse gehrt, und einer fragte den andern:
Wo brennt es denn?

Der Schulze lie eilfertig das Spritzenhaus aufschlieen und rief: Sagt
nur, wo's raucht!

Rauchen tat es aber eigentlich berall, es war gerade Zeit, den
Nachmittagskaffee zu kochen, und so stieg beinahe aus jedem Schornstein
lustig ein blaues Rauchwlkchen in die Luft.

Wo brennt's denn nur? schrie der Schulze aufgeregt. Da kam der
Nachtwchter, der Feuerlrm blasen mute, an und sagte ruhig: 's
brennt nirgends, und berhaupt hat Friede Hopserling mein Horn geholt,
ich kann nicht blasen!

Dummkopf! schrie der Schulze. Aber sagt doch, woher kommt der Lrm?

Alle lauschten. Immer frchterlicher wurde das Getse, aber wo es herkam,
konnte niemand recht sagen, denn der Wind blies die Tne bald hierhin,
bald dorthin.

Ich denk', das ist gar Krieg, uh je, und nun ist mein Horn weg! schrie
der Nachtwchter Hans Rumps, der nicht gerade zu den klgsten Leuten
gehrte, ratlos.

Unsinn, rief der Schulze, das sind Zigeuner!

Ja, sicher sind's Zigeuner, meinten alle und blieben stehen, um die
Ankmmlinge zu erwarten. Aber niemand lie sich blicken, die Hunde
heulten, und das Getse hielt an.

Ich wei, wo's lrmt, schrie Annchen Amsee pltzlich, die atemlos
angelaufen kam und ihre Schrze wie eine Siegesfahne schwenkte. In
des Mllers Scheune ist's, man hrt es von drauen.

Die Scheune des Mllers lag am Eingang des Dorfes; sie war alt und
baufllig und sollte bald abgerissen werden. Dach und Gemuer hatten so
viele Lcher wie ein Schweizerkse, sie wurde darum auch nicht benutzt. Je
nher die Dorfbewohner der Scheune kamen, desto lauter wurde das Getse.
Zuletzt meinten alle, einen so erschrecklichen Lrm htten sie noch nie
gehrt.

Das sind gewi Zigeuner, schrie der Schulze wtend, Hans Rumps, der
Nachtwchter, aber seufzte: Feinde sind's, nu gibt's Krieg! Und weil
er nicht die geringste Sehnsucht nach diesen Feinden hatte, blieb er
vorsichtig etwas zurck, um ja so schnell wie mglich ausreien zu knnen.

Der Schulze aber war nicht so zaghaft. Tapfer schritt er auf die Scheune
zu und ri so heftig die Tre auf, da diese gleich aus den Angeln fiel
und beinahe auf den Schulzen gefallen wre.

Bumbum, traratrara, dudeldududldi, dudeldudeldei! so tnte es den
Eintretenden entgegen, die ganz verdutzt stehen blieben.

Auf einer Tonne inmitten der Scheune stand Friede Hopserling und fuchtelte
mit einem Stock so wild in der Luft herum, als se er mitten in einem
Schwarm Wespen, die ihn alle stechen wollten. Um Friede herum aber standen
die Oberheudorfer Buben und trompeteten, geigten, trommelten und sangen,
was sie nur konnten, und es war ein solches Getse, als sollten die
Scheunenmauern umgeblasen werden wie einst die Mauern von Jericho.

Alle Wetter, was ist das? schrie der Schulze.

Doch niemand hrte ihn. Die andern Dorfbewohner kamen ihrem Schulzen
in die Scheune nach, und alle starrten verblfft auf die eifrigen
Musikanten. Die drehten dem Eingange den Rcken zu und sahen die
unerwarteten Zuschauer nicht, nur Friede Hopserling erblickte pltzlich
den Schulzen und die andern Leute.

Als she er Gespenster, so starrte er sie eine Weile an, dann sprang er
pltzlich mit einem khnen Satz von seiner Tonne herunter und--bumbum,
gab es einen frchterlichen Krach. Es tnte dumpf und schauerlich, und
smtliche Buben brachen in ein wildes Angstgeheul aus und flchteten sich
in die Ecken.

Die Dorfleute aber sahen voll Entsetzen zwei in blauen Hosen steckende
Beine in der Luft herumzappeln--Friede Hopserling war in die groe
Trommel gefallen.

Das Trommelfell war geplatzt, und der arme Friede steckte in der Trommel
wie eine Maus in der Falle. Zwei Bauern zogen ihn heraus, weil er aber so
heftig auf den Kopf gefallen war, dauerte es eine ganze Weile, ehe er auf
alle Fragen, die man an ihn richtete, antworten konnte. Er sthnte nur
immer: Das verflixte Stndchen!

Niedergeschlagen kamen die Buben aus ihren Ecken heraus und umstanden
mit klglichen Mienen ihren Kapellmeister. Streng fragte der Schulze
nach der Ursache der sonderbaren Musik, und der Lehrer, der auch
herbeigekommen war, schttelte erst ernsthaft den Kopf. Ihr seid doch
heillose Buben! sagte er seufzend.

Da fate sich Schnipfelbauers Fritz ein Herz und erzhlte die ganze
Geschichte, und als er fertig war, rief Friede Hopserling: Fein wr's
schon geworden, 's klang zu scheene!

Der Lehrer fing auf einmal an zu lachen, er lachte so herzlich, wie
ihn seine Buben noch niemals hatten lachen sehen, und sie hielten es
fr das vergnglichste mitzulachen. Auch der Schulze lachte und alle
andern Leute; selbst der Gedanke an die zerstrte Trommel konnte die
Heiterkeit nicht trben. Die Buben nahmen ihre Instrumente, einige
schleppten die Trommel, und so zogen alle in das Dorf zurck.

Hans Rumpf, der drauen gewartet hatte, schrie, als er die Geschichte
erfuhr, hurra! und sagte nachher: Wenn es doch Feinde gewesen wren,
so htte ich sie alle allein verjagt, ganz gewi, das htte ich getan!
Es glaubte ihm aber leider niemand.

Der Herr Lehrer ging nach Hause und erzhlte seiner Frau die Geschichte,
und die Frau Lehrer lachte und sagte: Gut sind sie halt doch die Buben,
wenn's auch manchmal verkehrt herauskommt!

Ja, gut sind sie halt doch, murmelte der Herr Lehrer und ging in sein
Arbeitszimmer. Da brannte schon die Lampe auf dem Schreibtisch, aber
drauen war es noch ziemlich hell. Sinnend sah der Herr Lehrer in die
Dmmerung hinaus; er konnte noch wie eine dunkle Wand den Wald sehen,
und darber stand bla und licht der Himmel. Frei und schn war der
Blick von dem Fenster aus, und der Herr Lehrer dachte pltzlich an die
hohen, grauen Huser der Stadt. Wie gut gefiel es ihm doch eigentlich
in Oberheudorf, alles darin--auch die Kinder! Pltzlich mute der
Herr Lehrer lachen, so herzlich wie in der Scheune, und diesmal lachte
er ber sich selbst. Er wute es mit einem Male, die Kinder gefielen
ihm am allerbesten. Sie sind halt gut, wenn's auch mal verkehrt
rauskommt, sagte er wie seine Frau. Er stand auf und ging zu dieser,
und dann sprachen beide ernst und frhlich zusammen und sagten zuletzt:
So soll es sein!--

Als der Herr Lehrer am andern Morgen die Schule betrat, staunten die
Kinder ihn alle an. Er machte ein so frohes Gesicht, als htte er sich
flugs etwas mit dem blanken Sonnenschein eingerieben, der ganz Oberheudorf
berstrahlte. Der Herr Lehrer klappte auch nicht wie sonst sein Buch auf
und sagte: Wir wollen beginnen! sondern stellte sich vor die Kinder hin
und sah sie prfend an. Kinder, fragte er, seid ihr wirklich traurig,
wenn ich fortgehe?

Da blieben alle stumm, und all die blonden und schwarzen Kinderkpfe
senkten sich traurig.

Das Gesicht des Lehrers wurde noch frhlicher, und er fragte weiter:
Kinder, soll ich lieber bei euch bleiben? Wollt ihr mich behalten?

Im Nu hoben sich alle Kpfe empor, blaue und braune Augen blitzten, und
in hellem Jubel erklang es: Ach ja!

Nun gut, dann will ich bleiben, sagte der Herr Lehrer. Aus eurem
Stndchen, Buben, ist zwar nichts geworden, es hat mir aber doch gezeigt,
da ihr mich lieb habt, darum will ich bleiben. Seid ihr zufrieden?

Ja, ja, jauchzten die Kinder, und am allerlautesten schrien die
Buben, sie kamen sich ungeheuer wichtig vor. Sie redeten dann vier
Wochen lang nur von dem Stndchen, und da es wundervoll geworden
wre,-- wenn es nur stattgefunden htte.

Die Bauern zahlten die zerrissene Trommel, und der Herr Lehrer blieb
zur allgemeinen Freude in Oberheudorf. Er ist noch da und wird wohl
auch dableiben, und die Oberheudorfer Buben und Mdel lieben ihn sehr.
Dummheiten machen sie freilich trotzdem, ja, und--faul sind sie
mitunter auch, und der Herr Lehrer mu trotz aller Liebe oft genug
schelten. Hinterher aber, wenn der rger vorbei ist, denkt er dann wohl
an das Stndchen und sagt lchelnd: Gut sind sie halt doch, wenn's
auch mal verkehrt herauskommt!

[Illustration: Junge wird aus Trommel befreit]

[Illustration: Dekoration]




Es brennt berall.


Es war am Tage vor Weihnachten. Ganz Oberheudorf roch von einem Ende bis
zum andern nach Weihnachtsstollen und Tannenbumen, nach Pfefferkuchen und
frisch gescheuerten Stuben. Wenn die Kinder ber die Dorfstrae gingen,
dann schnupperten sie wie Muschen, wenn sie Speck riechen, und der dicke
Friede sagte: Es riecht zum hungrig werden!

Und so festlich wei war alles! Auf den Dchern und Bumen, auf den
Gartenzunen, der Kirchturmspitze, ja selbst auf dem Brunnenschwengel
lag Schnee. Und so viel Schneemnner standen auf der Dorfstrae wie
Schutzmnner in einer groen Stadt. Es war so weihnachtlich wei
und geheimnisvoll, als wre Oberheudorf des Herrn Weihnachtsmannes
hochberhmte Residenzstadt. Es kann wohl nirgends in der Welt schner
sein, sagte Traumfriede, der zum erstenmal Weihnachten bei Muhme Lenelis
feierte. Die Kinder trumten nur von Zinnsoldaten, Puppen, Baukasten und
Mrchenbchern, von flimmernden Tannenbumen und sen Pfefferkuchen. So
viel Tand und Spielzeug wie die Stadtkinder bekamen die Oberheudorfer
Buben und Mdel zwar nicht zu sehen, geschweige denn beschert, sie waren
aber darum nicht minder glcklich.

Am 23. Dezember sollte wie alljhrlich in der Schule eine groe
Weihnachtsfeier stattfinden. Der Herr Lehrer wute die Feier immer
so besonders schn einzurichten, da der Ruhm der Oberheudorfer
Weihnachtsfeier sogar bis nach Niederheudorf gedrungen war und von
dort immer etliche Leute heraufkamen, um dem Fest beizuwohnen. Die
Oberheudorfer Buben und Mdel waren auch gehrig stolz auf ihre
Weihnachtsfeier, bei der die beiden groen Schulstuben so geschmckt
waren, da kein Mensch sie mehr fr Schulstuben halten konnte. Um vier Uhr
begann die Feier, aber schon um drei Uhr tummelten sich Buben und Mdchen
im hchsten Staat auf der Dorfstrae herum, denn das Feinmachen gehrte
zu der Feier, wie der Kuchen zum Festtagskaffee gehrt.

Trotz dieser seligen Weihnachtsfreude sa Waldbauers Mariandel am
Nachmittag dieses Tages in der Wohnstube ihres elterlichen Hauses und
weinte herzbrechend. Sie war ganz allein, die Waldbuerin war mit dem
Festkuchen beim Bcker, und der Bauer arbeitete im Stall. Mariandel
sa auf einer Bank in der Fensterecke und schluchzte bald laut, bald
leise. Da klopfte es, und gleich darauf ffnete sich die Tr, und der
dicke Friede guckte herein.

Na, kommst du? rief er.

Huhu, huhu! heulte Mariandel nun wieder ganz laut.

Warum weinst du denn? fragte Friede verdutzt. Bist du hungrig?

Hinter Friede kam noch jemand ins Zimmer: es war Annchen Amsee. Die
braunen Schelmenaugen blitzten bermtig, der rote Mund lachte, die
Bckchen waren so rot wie ein roter Gummiball, das ganze Annchen sah
aus wie ein kleiner lustiger, pausbckiger Weihnachtsengel.

Sie heult, sagte der dicke Friede verwirrt und deutete auf das
weinende Mariandel.

Aber warum denn? schrie Annchen Amsee erschrocken.

Huhu, huhuhu! schluchzte Mariandel, es klang jammervoll.

Da klopfte es wieder an der Tr, und herein kamen Schulzens Jakob und
seine Schwester Rse. Sie riefen schon an der Tre: Kommt doch nur
schnell, sonst wird es zu spt!

Sie heult, riefen Annchen Amsee und der dicke Friede und deuteten auf
Mariandel, die immer lauter weinte.

Was fehlt dir denn? riefen die vier Kinder, und Annchen setzte sich
neben die Freundin auf die Bank und trstete sie so freundlich, da
Mariandel endlich sprechen konnte. Ich--ich ha--habe ein Loch im
Kleid! jammerte sie.

Wo denn? fragten die andern Kinder mitleidig.

Zeig doch her! rief Annchen Amsee. Vielleicht kann es Muhme Lenelis
stopfen.

Mariandel schttelte traurig den Kopf. Das geht nicht mehr! Sie stand
auf und zeigte den Freunden ihre Rckseite, und ein vierstimmiger
Schreckensschrei ertnte.

Das ist ja 'n Loch wie 'n Teller! schrie Annchen Amsee und schlug die
Hnde zusammen.

Wie haste denn das gemacht? fragte der dicke Friede und setzte sich
vor lauter Erstaunen und Verwunderung auf einen Stuhl. Da erzhlte denn
Mariandel, immer von Schluchzen unterbrochen, wie das Unglck geschehen
sei. Am Ofen hatte sie sich das Kleidchen verbrannt, als sie fr den
Vater Kaffee wrmen wollte; beinahe wre das ganze Mariandel dabei in
Flammen aufgegangen.

Uh je, rief Schulzens Jakob entsetzt, sieh mal nach, vielleicht
brennst du noch!

Nein, sagte Mariandel, jetzt brenn' ich nicht mehr, aber ich--ich
hab' doch--kein--Kleid-- zur Feier! Sie brach von neuem in heftiges
Weinen aus, und die andern Kinder sahen sich ratlos an. Kein gutes
Kleid zur Feier zu haben, wo doch die Niederheudorfer dazukamen, das
war schrecklich. Der Waldbauer war kein wohlhabender Mann, und viel
Geld durfte nicht im Hause ausgegeben werden, Mariandel hatte daher
nur ein altes Schulrckchen und ein Sonntagskleidchen. Als die Kleine
daran dachte, wie betrbt die Mutter sein wrde, wenn sie das verbrannte
Kleidchen sah, wurde ihr Weinen noch schmerzlicher.

Ich wei was! rief Annchen Amsee freudig. Du drehst deinen Rock um,
da kommt das Loch nach vorn, und du bindest dir eine Schrze ber, dann
sieht es niemand.

Das ist fein! sagte der dicke Friede und sah seine Freundin
bewundernd an.

Mariandel hob das verweinte Gesichtel empor. Ich kann doch nicht mit
einer Schrze zur Feier gehen, so geht doch niemand!

Das war wahr. Zur Weihnachtsfeier trugen die Mdel nie Schrzen. Was
war da zu machen?

Annchen Amsee strzte pltzlich auf Schulzens Rse los und tuschelte
dieser geheimnisvoll etwas ins Ohr. Und Rse nickte und tuschelte
wieder, und nach einem Weilchen sagte Annchen: Rse und ich binden
auch Schrzen um, dann sind wir drei, und wer uns auslacht, den mssen
die Jungen verhauen, da ihm das Lachen vergeht.

Bravo! schrien Friede und Jakob begeistert, und Mariandels Gesicht
hellte sich auf, doch nur einen Augenblick; gleich wurde sie wieder
betrbt und klagte: Ja, aber das Loch bleibt doch!

Ach la nur! sagte Annchen Amsee. Muhme Lenelis wird nachher schon
helfen. Spute dich nur! Wir helfen dir. Die Jungen laufen rasch und
holen uns Schrzen.

Damit erklrten sich die Buben einverstanden, und whrend Mariandel ihr
Rckchen umdrehte, rasten die beiden davon, um die Schrzen zu holen.
Unterwegs trafen sie Heine Peterle, dem sie die Geschichte erzhlten,
und Heine Peterle sagte gleich: Ich haue mit, wenn einer lacht.

Die Schrze verdeckte wirklich das tellergroe Loch, und Mariandel ging
ganz vergngt zwischen Annchen und Rse in die Schule. Friede, Jakob
und Heine Peterle gingen feierlich hinter ihnen her, und jedesmal,
wenn sie jemand begegneten, riefen sie laut: Fein sehen die Mdel aus
mit den Schrzen!

In der Schule guckten alle Kinder, als die drei mit ihren weien Schrzen
daherkamen. Die Frau Lehrer, die am Eingang stand, lobte: Ei, wie sauber
ihr drei ausseht, das gefllt mir!

Niemand lachte, so drohend sich auch die Buben umsahen, und diese waren
beinahe ein bichen rgerlich darber. Aber es war doch besser so, denn
eine Weihnachtsfeier und eine Prgelei passen nun einmal nicht zusammen.
Die Kinder vergaen auch rasch alle streitlustigen Gedanken, als sie
die festlich geschmckten Schulzimmer betraten. Da standen zwei groe
Tannenbume, an denen unzhlige Kerzen brannten. Dazwischen war eine
Krippe aufgestellt, und ein rotes Lmpchen erhellte den Stall, in dem
das Jesuskind in der Krippe lag. Jubelhell erklangen die lieben, alten
Weihnachtslieder, und dann gab es auch eine Bescherung.

Jedes Kind erhielt ein kleines Buch oder ein Bild, dazu bekam jedes
noch ein groes, rotes Pfefferkuchenherz. Die Grfin Dachhausen
schickte alljhrlich Bcher, Bilder und Pfefferkuchenherzen fr die
Kinder, und die schne Krippe hatte sie auch einmal geschenkt.

Muhme Lenelis war auch in der Feier gewesen, und gleich nach dem Schlu
liefen Rse, Annchen und Mariandel zu ihr und zeigten ihr das verbrannte
Kleid. Tellergroe Lcher konnte Muhme Lenelis aber nicht stopfen, so gern
sie es auch getan htte. Sie meinte, da mte die Bechern, das war die
Dorfschneiderin, ein groes Stck Stoff einsetzen. Die Mdel sahen sich
betrbt an. Die Schneiderin war nicht sehr freundlich zu den Kindern.
Zerrissene Kleider mochte sie gar nicht leiden, und am Tag vor Weihnachten
hatte sie immer so viel zu tun, da sie sicher erst recht nicht helfen
wrde.

Dann mut du eben in den Feiertagen immer eine Schrze vorbinden, auch
in der Kirche. Rse und ich binden auch wieder eine um, und die Jungens
mssen aufpassen, da niemand lacht.

Mariandel seufzte schwer, aber es half doch nichts, sie dachte nur immer:
Wenn ich's nur erst der Mutter gesagt htte!

Annchen Amsee hatte ein gutes, hilfsbereites Herzchen, und die Freundin
tat ihr leid. Sie stand mit Rse und den drei Buben noch eine Weile auf
der Dorfstrae, und alle fnf berlegten, wie sie helfen knnten.

Aber jetzt wei ich was! sagte der dicke Friede stolz. Meine Pate in
Niederheudorf ist auch Schneiderin, die macht sicher das Kleid, die sagt
immer ja, wenn ich was haben will.

Wir gehen nach Niederheudorf und tragen den Rock hin, rief Heine Peterle.

Ganz heimlich, schrie Schulzens Jakob, und seine Schwester hielt ihm
erschrocken den Mund zu und flsterte: Schrei doch nicht so, sonst hrt
es jemand!

Ja, ganz heimlich, auch Mariandel darf nichts merken, sagten die andern.

Ich hol' den Rock, wisperte Annchen Amsee, ich wei, wo er hngt.

Dann gehen wir alle zusammen nach Niederheudorf. Uh je, wird das fein!
jubelte Heine Peterle.

Wird's nicht 'n bichen graulich! fragte Rse ngstlich.

Alte Furchttrine, rief ihr Bruder emprt. Wo drei Buben dabei sind,
gibt's nichts zu frchten.

Sie steckten alle fnf die Kpfe zusammen und tuschelten, wisperten und
lachten, dann sprangen sie nach Hause, und ihre Augen strahlten so, da
die Mtter ganz erstaunt fragten: Was, heute wollt ihr so zeitig ins
Bett gehen? Es sind doch morgen Ferien!

Aber die fnf Kinder gingen wirklich schon um sieben Uhr in ihre Betten,
eine halbe Stunde spter trafen sie sich freilich am Schulzenhof. Niemand
durfte von ihrem Weg wissen; die Heimlichkeit ist nun mal das Schnste
bei Weihnachtsberraschungen. Und whrend Mariandel unter heien Trnen
einschlief, wanderten ihre fnf Freunde schwatzend und vergngt nach
Niederheudorf. Sehr kalt war es nicht, und da der Mond auf das weie Land
schien, lag der wohlbekannte Weg klar und hell vor den Kindern. Sie hatten
einen kleinen Schlitten mitgenommen und fuhren einander immer abwechselnd
darin. Sie kamen auf ihrem Weg am Forsthaus Weidmannsheil vorbei, dort
leuchteten zwei helle Fenster in den Winterabend hinein.

Ich seh' einen Christbaum, flsterte Annchen Amsee, als sie vorbeigingen,
und neugierig blieben alle stehen. In der Wohnstube stand die Frsterin
und putzte den Baum an, der, wie es in der Gegend Sitte war, von der Decke
herabhing. Leise schwebte er hin und her, und all die glitzernden Sterne,
Kugeln und Ketten, die die Frsterin darangehngt hatte, blitzten aus dem
grnen Gezweig heraus.

Wie schn! flsterten die Kinder atemlos und stellten sich auf die
Fuspitzen, um besser sehen zu knnen. Auf einmal nahm die Frsterin die
Lampe und verlie das Zimmer, und der schwebende Tannenbaum entschwand
den Blicken der Kinder. Vergngt liefen die Buben und Mdel weiter und
plapperten so viel von Weihnachten, da ihnen die Zeit wie im Fluge
verging und sie in Niederheudorf waren, sie wuten nicht wie.

Friedes Pate, ein altes, freundliches Frauchen, war sehr erstaunt ber
den spten Besuch. Aber Kinder, Kinder, sagte sie, wenn eure Eltern
wten, da ihr so bei Nacht herumlauft!

Die fnf sahen sich verlegen an. Es ist doch Weihnachten, sagten sie
kleinlaut, da darf man doch Heimlichkeiten haben!

Na, es kommt darauf an, was fr Heimlichkeiten es sind, sagte die Pate.
Aber sie schalt nicht weiter, sondern holte einen groen Topf Kaffee, der
in der Rhre des grnen Kachelofens stand, schnitt fr jedes Kind ein
tchtiges Stck Festkuchen ab und bewirtete so die unerwarteten Gste.

Das schmeckte! Die Kinder wurden immer vergngter, sie lachten und
plapperten so viel, da die Pate bei sich dachte: Es ist gerade, als
wre heute schon Weihnachten bei mir. Sie hatte das Rckchen angesehen
und versprach, es bis morgen frh zu nhen; so gut sollte es werden,
da niemand den Schaden mehr sehen sollte.

Es war schon gegen zehn Uhr, als die Kinder endlich aufbrachen. In
Niederheudorf schliefen schon alle Menschen, denn auf dem Lande geht
man zeitig zu Bett. Die alte Frau ermahnte die Kinder noch, so schnell
wie mglich nach Hause zu laufen. Wartet nur, wenn euch Hans Rumps
erwischt! drohte sie. Doch vor dem hatten die Buben und Mdel keine
Angst. Selbst Rse war nicht ein bichen graulich mehr, und vergngt
trollten die fnf von dannen.

Als sie aus Niederheudorf hinaus waren, sangen sie mit hellen Stimmen: O
du frhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Wieder, wie
auf dem Hinweg, kamen sie am Forsthaus vorbei, das am Waldrande lag. Wie
eine dunkle, hohe Mauer lag der Wald hinter dem Hause, und vor dem Walde
dehnten sich weit die verschneiten Felder.

Pltzlich blieb Rse stehen und fate Annchen Amsee an der Hand. Da,
dort oben, flsterte sie angstvoll, was ist denn das?

Unwillkrlich waren alle Kinder stehen geblieben und sahen nach dem
Forsthaus, auf das Rse zeigte.

Die Fenster waren nicht mehr hell, alles war dunkel und still. ber dem
Hause aber stand gegen den hellen Nachthimmel eine schwere, schwarze
Wolke, und aus dieser Wolke stieg kerzengerade eine kleine Flamme zum
Himmel empor.

Die Kinder standen wie erstarrt. Und die Flamme wuchs und wurde
zusehends breiter.

Es brennt! rief Annchen Amsee zitternd. Keines der Kinder wagte sich
zu rhren, wie gebannt sahen sie auf die zngelnde Flamme ber dem Haus.

Der dicke Friede, der nie leicht die Fassung verlor, war der erste, der
zu sich kam. Wir mssen es sagen, schrie er und rannte nach dem Hause
hin.

Da kam auch Leben in die andern Kinder. Schreiend strzten sie auf das
Haus zu, und fnf Paar kleine Fuste donnerten an die verschlossene
Tr, und gellend drang der Ruf: Feuer, Feuer! in die Nacht hinaus.

Der Frster erwachte zuerst von dem Ruf. Er sprang aus dem Bett und
ffnete die Tre seines Schlafzimmers. Ein scharfer Brandgeruch drang
ihm entgegen, und von drauen tnten immer gellender die Schreie der
Kinder: Feuer, Feuer!

In wenigen Minuten waren alle im Hause wach.

Erst die Kinder retten! rief der Frster, und seine Frau und er trugen
die blonden, rosigen Kinder, die gerade so schn von Weihnachten trumten,
samt den Betten ins Freie.

Jemand mu ins Dorf laufen und Hilfe holen, rief der Jgerbursche.

Mdel, lauft ihr, sagte Schulzens Jakob wichtig, wir Buben helfen
hier.

Und Annchen und Rse liefen auch wirklich. Sie rannten den einsamen Weg
entlang und dachten gar nicht daran sich zu frchten. Nicht lange dauerte
es, da klang durch Oberheudorf ihr angstvoller Ruf: Feuer, Feuer! Hans
Rumps, der gerade in einem Holzstall ein kleines Schlfchen machte, wurde
zuerst munter. Er tutete in sein Horn und schrie dazwischen immer: Wo
brennt es denn nur? Ich sehe ja nichts!

Die Dorfbewohner wurden munter, und bald rasselten die Spritze und einige
Wagen dem Forsthause zu.

Ja zum Donnerwetter, Mdel, wo kommst du denn her? fragte der Schulze,
als er seine Rse erblickte, erstaunt.

Ich erzhl's gleich, erwiderte Rse und kletterte mit Annchen zu ihrem
Vater auf den Wagen, und unterwegs erzhlten ihm die beiden Mdel alles.

Das Forsthaus brannte vollstndig nieder. Die Frstersleute aber hatten
noch ihre Kinder und die meiste Habe in Sicherheit bringen knnen. Da
das Haus selbst baufllig war und dem reichen Grafen Dachhausen gehrte,
war es nicht so schlimm, da es niedergebrannt war. Die Oberheudorfer
fuhren die Obdachlosen ins Dorf. Der Schulze riet, die Frstersfamilie
im Schulhaus einzuquartieren; da Ferien seien, knnten sie vorlufig mit
allen ihren Sachen in den Schulzimmern wohnen.

Da fanden sich denn rasch hilfsbereite Hnde. Jeder fate an und half,
und als der Morgen des Weihnachtstages heraufdmmerte, war aus den
Schulzimmern eine gemtliche Wohnung geworden, und die Frstersleute
sprachen ein stilles Dankgebet, da alles so gut geendet hatte.

Froh und stolz zugleich waren die fnf Buben und Mdel. Jeder sagte es,
da es gut gewesen sei, da die fnf gerade am Forsthaus vorbeigekommen,
sonst wren vielleicht alle Bewohner des Hauses verbrannt.

Und brav und verstndig sind sie gewesen, die Kinder, lobte der Schulze,
und das fanden auch die andern Leute.

Und Mariandels Rckchen wurde fertig; so fein sah es aus wie nie zuvor. Mit
lauter Samtstreifen hatte es die gute Pate besetzt, ordentlich eine Pracht
war es.

Es war ein frohes Weihnachtsfest. Jubelnd hell klangen am heiligen Abend
die seligen Kinderstimmen in die stille Winternacht hinaus, heller denn je
brannten die Weihnachtsbume, und die Kinder waren zum Purzelbaumschlagen
vergngt.

Traumfriede sa neben Muhme Lenelis am warmen Ofen und sah auf den leise
schwingenden Tannenbaum, an dem die Lichter langsam verglhten. Fest
schmiegte sich der Bube an die Muhme und sagte mit strahlenden Augen:
Schner als in Oberheudorf kann es doch nirgends sein!

[Illustration: Szene am Tannenbaum]




Anmerkungen zur Transkription:


Das Original ist in Fraktur gesetzt.

Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit = markiert.

Im Original _fett_ gesetzter Text wurde mit _ markiert.

Doppelte Anfhrungsstriche wurden durch  (unten) und  (oben) ersetzt.

Einfache Anfhrungsstriche wurden durch > (unten) und < (oben) ersetzt.

Abbildungen wurden aus der Mitte von Abstzen zum Ende derselben
verschoben.

Das Format der Abbildungsunterschriften wurde vereinheitlicht.

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Beibehalten wurde:

Einige Ausdrcke wurden in beiden Schreibweisen bernommen:

Dankrede (Seite 139) und Dankesrede (Seite 139)

drauf (Seiten 47 und 70) und darauf (15fach verschiedene Seiten)

Himmelbett (Seite 151) und Himmelbette (Seite 147)

Kasperletheater (Seite 109) und Kasperle-Theater (Seite 114)

Maientag (Seite 145) und Maitag (Seite 190)

Uf (Seite 17) und Uff (Seiten 112 und 165)

vor dem Schulhaus (Seiten 5 und 34) und vor dem Schulhause (Seite 30)

Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:

  gendert wurde "eine 5 hat 's Haus, soviel"
              in "eine 5 hat's Haus, soviel"
             (Seite 10)

  gendert wurde "Aber kommt doch nur! Komm, Blauer! Komm Dicker!"
              in "Aber kommt doch nur! Komm, Blauer! Komm, Dicker!"
             (Seite 41)

  gendert wurde "kamen nur stoweie unter"
              in "kamen nur stoweise unter"
             (Seite 56)

  gendert wurde "mit der kaputen Feder aber"
              in "mit der kaputten Feder aber"
             (Seite 110)

  gendert wurde "Schlampampes Geschwister hatten alle"
              in "Schlampampes Geschwister hatten alle"
             (Seite 145)

  gendert wurde "in dem sich Fischkasten befanden, in"
              in "in dem sich Fischksten befanden, in"
             (Seite 163)

  gendert wurde "zu tnen. Uber ganz Oberheudorf"
              in "zu tnen. ber ganz Oberheudorf"
             (Seite 177)

  gendert wurde "Friedrikes Abenteuer."
              in "Friederikes Abenteuer."
             (Seite 188)

  gendert wurde "wo es herkam, konnnte niemand recht"
              in "wo es herkam, konnte niemand recht"
             (Seite 208)

  gendert wurde "Getse, als sollten die Scheunemauern umgeblasen"
              in "Getse, als sollten die Scheunenmauern umgeblasen"
             (Seite 210)





End of the Project Gutenberg EBook of Oberheudorfer Buben- und
Mdelgeschichten, by Josephine Siebe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OBERHEUDORFER BUBEN- UND ***

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