The Project Gutenberg EBook of Werner von Siemens, by Artur Frst

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Title: Werner von Siemens
       der Begrnder der modernen Elektrotechnik

Author: Artur Frst

Release Date: December 21, 2014 [EBook #47733]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Werner von Siemens




Werner von Siemens
der Begrnder der modernen Elektrotechnik

Von

_Artur Frst_

Mit 13 Abbildungen

Deutsche Verlags-Anstalt
Stuttgart und Berlin 1916




Alle Rechte vorbehalten


*Copyright 1916
by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart*


Druck der Deutschen Verlags-Anstalt
in Stuttgart
Papier von der Papierfabrik Salach
in Salach, Wrttemberg




Inhalt


                                          Seite

Die Persnlichkeit                            7

Voreltern und Elternhaus                     15

Die Anfnge                                  21

Erste Erfindungen                            29

Theorie und Technik                          37

Revolution und Krieg                         44

Telegraphen-Apparate                         49

Das Leitungsnetz                             58

Bauten in Ruland                            71

Unterseekabel                                79

Die berwindung des Ozeans                   94

Intermezzo                                  103

Die indo-europische Telegraphenlinie       109

Die Erfindung der Dynamomaschine            114

Elektrische Bahnen                          129

Elektrisches Licht                          138

Parerga                                     141

Wissenschaft                                150

ffentliche Wirksamkeit                     161

Siemens & Halske                            172

Lebenserinnerungen. Weltruhm                183

Quellenverzeichnis                          188




Vieles Gewaltige lebt, und nichts
Ist gewaltiger als der Mensch
    (Antigone des Sophokles)

[Illustration: Werner Siemens als Seconde-Lieutenant]

[Illustration: Werner Siemens
Geboren 13. Dezember 1816, gestorben 6. Dezember 1892]




Die Persnlichkeit


Vor dem stolz ragenden Gebude der Technischen Hochschule in
Charlottenburg ist ein Bronzestandbild aufgerichtet, das Werner
Siemens in schlichter Gestalt zeigt. Gewi konnte der Bildhauer,
der heutigen Kunstrichtung entsprechend, nichts Besseres tun,
als dem heranreifenden Ingenieurgeschlecht das groe Vorbild im
Gewand des Brgers vor Augen fhren. Aber die Phantasie, die
keine bildnerischen Schwierigkeiten kennt, darf sich Werner
Siemens anders vorstellen.

Wir Jngeren, die mit ihm nicht mehr in persnliche Berhrung
gekommen sind, sehen ihn gern in zeushnlicher Gestalt mit einer
modern geformten gis in der Hand. Ist er es doch gewesen, der
so recht eigentlich dem furchtbaren Schildschtterer die Blitze
aus der Hand genommen. Sein Schaffen erst hat dem Menschen die
Kraft und die Fhigkeit gegeben, den elektrischen Funken sicher
einzufangen, ihn zu meistern und weithin zucken zu lassen. Was
vor ihm war, erscheint uns heute als dilettantisches Spiel mit
der Elektrizitt, durch sein Wirken erst wurde die weltfllende
Kraft wirklich in den Dienst des Menschen gezwungen, der Blitz
aus den Wolken den Sterblichen als Werkzeug beigesellt.

Den Grundbau der modernen Elektrotechnik haben wir aus Werner
Siemens' Hnden empfangen. Es ist ein Ganzes, das die Menschheit
ihm verdankt, nicht blendende Teile, die erst von anderen einem
Ganzen angefgt werden muten. Zwar war auch Werner Siemens ein
groer Erfinder, aber ihn kennzeichnet nicht eine Flle genialer
Einflle; sondern ein langsames, stetiges Weiterfhren dessen,
was er als noch nicht vollkommen erkannt hatte, lie ihn ein
Lebenswerk von seltener Geschlossenheit aufrichten. Niemals
findet man bei ihm, von einer kurzen Jugendperiode abgesehen,
ein Herumirren der Gedanken auf krausen Wegen; den Zufallserfolg
hat er stets verschmht. Wie auf einem Gleis ward sein Streben
und Forschen stets zwanglufig gefhrt, und diese ihm von
seiner Natur gewiesene feste Bahn, auf der er in stets gleicher
Richtung, aber zu den hchsten Zielen vorwrts eilen mute, hie
_Wissenschaft_.

Er schpfte bei seiner Arbeit stets aus der Tiefe
wissenschaftlicher Erkenntnis, und dieses stark gegrndete
Fundament des Siemensschen Schaffens bringt es mit sich, da in
der Reihe der erlauchten Namen, die in die Ehrentafel der Technik
eingegraben sind, der seinige eine besondere Stellung einnimmt.

Man nennt Montgolfier den Erfinder des Luftballons, Franklin
den Erfinder des Blitzableiters, Philipp Reis den Erfinder des
Telephons, aber Werner Siemens lebt nicht fort als der Urheber
einer bestimmten Erfindung, sondern man bezeichnet ihn als
den Mann, der das elektrische Zeitalter, _unser_ Zeitalter,
heraufgefhrt hat.

Auch von anderen Namen aus dem Reich der Technik strahlt ein
blendendes Licht, aber die meisten gleichen doch punktfrmigen
Lichtquellen, bei deren Beobachtung man deutlich wahrnimmt, da
all die weit hinausgesandten Strahlen an einer einzigen Stelle
entstehen. Siemens' Schaffen jedoch ist wie die Sonne, die aus
leicht verhangenem Himmel niederstrahlt; auch sie verbreitet ein
sehr starkes Licht, das aber weit verstreut ist, von berall
her, aus smtlichen Richtungen zu kommen scheint und ein
ungeheures Gebiet erhellt. Warm, wohltuend und ganz gleichmig
ist dieses Licht; nur wenn man ganz scharf beobachtet, sieht
man einen besonders krftig erhellten Abschnitt. Hier ist
der Ort am Firmament des Siemensschen Schaffens, von wo die
Leuchtkraft seiner grten Tat, der Schpfung der Dynamomaschine,
niederstrahlt.

Da die Wirksamkeit dieses Manns, die ihre Kraft aus der Tiefe
der Wissenschaft heraufholte, zugleich so sehr sich in die Breite
entwickeln, dem praktischen Leben von so bedeutendem Nutzen sein
konnte, verdanken wir einer seltenen Mischung verschiedener
Fhigkeiten in der Person von Werner Siemens.

Aus drei Farben stellt die heutige Drucktechnik jede mgliche
Tnung her; aus drei Eigenschaften vermochte Siemens so viele
und so mannigfaltige Leistungen herauszuentwickeln, da sein
Lebenswerk fast unbersehbar geworden ist.

In ihm vereinigten sich der Mann der Wissenschaft, der Techniker
und der Kaufmann zu einem schillernden und doch einheitlichen
Ganzen. Fr den Apparat, den der Techniker als unzureichend
und verbesserungsbedrftig erkannt hatte, entwickelte der
Wissenschaftler die theoretische Grundlage, schuf er das
Fundament, auf dem weitergebaut werden konnte; wurde im
wissenschaftlichen Laboratorium eine neue Erkenntnis geboren,
dann war der Ingenieur imstande, das Geisteserzeugnis mit einem
Krper zu umschlieen, der Knochen, Blut und Muskeln besa, so
da es lebendig zu wirken vermochte. Der Kaufmann aber kannte
die Wege, um den Gegenstand so auf den Markt zu bringen, da er
Kufer fand und Geld einbrachte, das nun wieder die Mglichkeit
zu weiteren wissenschaftlichen Forschungen schuf. Auf diese Weise
entstand ein Kreislauf, der zu immer Grerem fhren mute. Er
stellte die vorausgenommene Anwendung des von Siemens spter
gefundenen dynamo-elektrischen Prinzips auf sein eigenes Leben
dar, dieses Prinzips, nach dem der Induktor durch die Leitung
die Polmagnete verstrkt und diese dann wieder rckwirkend den
Induktor zu hheren Leistungen befhigen.

Naturwissenschaftliche Forschung war meine erste, meine
Jugendliebe ... daneben habe ich freilich immer den Drang gefhlt,
die naturwissenschaftlichen Errungenschaften dem praktischen Leben
nutzbar zu machen, so hat er von sich gesagt. Dabei kann ich mir
selbst das Zeugnis geben, da es nicht Gewinnsucht war, die mich
bewog, meine Arbeitskraft und mein Interesse in so ausgedehntem Ma
technischen Unternehmungen zuzuwenden. In der Regel war es zunchst
das wissenschaftlich-technische Interesse, das mich einer Aufgabe
zufhrte. Indessen will ich auch die mchtige Einwirkung nicht
unterschtzen, welche der Erfolg und das ihm entspringende
Bewutsein, Ntzliches zu schaffen und zugleich Tausenden von
fleiigen Arbeitern dadurch ihr Brot zu geben, auf den Menschen
ausbt.

Diese mchtige Einwirkung trieb hier nun nicht zu Spekulationen,
sondern eben zur wissenschaftlichen Forschung zurck in dem
unbewuten Drang, der das echte Genie stets auf den richtigen Weg
lenkt.

Die Dreigestalt von Siemens' Persnlichkeit hat auch uerlich zu
eigenartigen Konstellationen gefhrt. Der praktisch schaffende
Ingenieur wurde als ordentliches Mitglied in die preuische Akademie
der Wissenschaften berufen, die doch, wie Du Bois-Reymond damals
betonte, die Wissenschaft um ihrer selbst willen betreibt, und eben
derselbe Mann hatte als *Dr. phil. honoris causa* einmal
Gelegenheit, den Titel Kommerzienrat, den man ihm antrug, als nicht
ganz zusagend abzulehnen.

Als Werner Siemens nach Berlin kam, um seine Laufbahn zu
beginnen, war die erste Eisenbahn in Deutschland noch nicht
erffnet; eine Technik in unserem heutigen Sinn gab es berhaupt
nicht. Faraday hatte gerade erst seine Untersuchungen ber
die Magnetinduktion bekannt gegeben, die in der Folge die
theoretische Grundlage fr den Bau smtlicher elektrischer
Maschinen geworden sind; an eine Elektrotechnik war also
berhaupt noch nicht zu denken. Das Wort Elektrotechnik selbst
ist erst viel spter bei der unter Siemens' Mitwirkung erfolgten
Begrndung des Elektrotechnischen Vereins geschaffen worden.

Der junge Mann selbst kam vom Land, aus den engen Verhltnissen
einer rmlichen, kinderreichen Familie. Er war ohne Mittel und
ohne besondere Schulbildung. Er hatte auch nicht das Glck,
nun gleich systematische Studien beginnen zu knnen, sondern
sah sich gezwungen, die Laufbahn eines Artillerieoffiziers
einzuschlagen. Viele, viele Jahre lang konnte er an nichts
anderes denken als nur daran, wie er sich die Mittel zu seinem
kargen Lebensunterhalt verschaffte.

Und doch! Das Wunderbare geschah, das Unbegreifliche trat auch
hier wieder ein, dem wir immer begegnen, wenn die geheimnisvoll
ber uns gebietende Macht jemanden dazu ausersehen hat, ihr
Werkzeug bei der Fortentwicklung des Menschengeschlechts zu
werden.

Das in den freien Luftraum geworfene und am Wachstum behinderte
Samenkorn keimte dennoch, ward gro und stark, schpfte seine
Kraft aus unbekannten Regionen, in die nur die Wurzeln des Genies
den Eingang finden, entfaltete sich als ein Baum, der kstliche
Frchte trug und seine breitstige Krone auf kerngesundem,
knorrigem Stamm weit ausbreitete.

Als Werner Siemens die Augen schlo, da war mit seiner
Hilfe, durch seine Forschungen und Erfindungen das Reich des
elektrischen Schwachstroms prachtvoll errichtet und gefestigt.
Die Elektrizitt war als bermittlungswerkzeug des menschlichen
Gedankens unentbehrlich geworden, sie schlo Erdteile zusammen
und berbrckte die Weltmeere. Schon damals waren die Drhte
die Harfensaiten, auf denen das brausende Lied der menschlichen
Kultur gespielt wurde. Die Starkstromtechnik hatte den festen
Unterbau erhalten, auf dem sie sich bald zu ihrer heutigen
umfassenden Bedeutung entwickeln sollte. Siemens selbst, der
mit der Dynamomaschine der Menschheit das Mittel zu ungeahnter
Beherrschung und Dienstbarmachung der Naturkrfte in die Hand
gegeben hatte, konnte auch hier noch die erste Entwicklungsstufe
selbst leiten und geistig begleiten, bis mit seinem zunehmenden
Alter ein anderer Fhrer wurde: Emil Rathenau.

Der Sohn des armen Landwirts hinterlie ein Vermgen, das
eine sehr stattliche Zahl von Millionen umfate. Die von
ihm begrndete und geleitete Industriefirma war eine der
angesehensten und bedeutendsten in Deutschland geworden; er
hat ihren Namen fr immer mit der Geschichte der Technik
verbunden. Was an Ehrungen einem Gelehrten, einem Erfinder, einem
Industriellen zuteil werden kann, ist ihm in reichster Flle
zugeflossen.

Er verdiente diese Auszeichnungen um so mehr, als er neben
seinen groen Taten auf ureigenstem Gebiet dem Gedeihen des
Staats zeitlebens eine lebhafte und tatkrftige Aufmerksamkeit
zugewendet hat. In die preuische Politik hat er ratend und
rettend eingegriffen. Ein starkes soziales Pflichtgefhl trieb
ihn schon zu einer Zeit, als man diesen Einrichtungen in
industriellen Kreisen noch recht bedenklich gegenberstand,
dazu, fr die Angestellten und Arbeiter seiner Firma eine
Invalidittskasse und Altersversorgungseinrichtung zu schaffen.
Er fand nicht Ruhe, bis es ihm gelungen war, der erfinderischen
Ttigkeit in Deutschland einen gesunden Boden zu schaffen. Werner
Siemens ist als der Vater unserer Patentgesetzgebung anzusehen.
Durch die Errichtung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt,
deren Grndung er geistig vorbereitete und durch reiche
finanzielle Beihilfe ermglichte, lie er das erste Institut in
Deutschland entstehen, das ausschlielich der wissenschaftlichen
Forschung gewidmet ist.

Sein universeller Geist trieb ihn auch unablssig, ber
naturwissenschaftliche Fragen nachzusinnen, die abseits der
Technik lagen. Wenn man seine Arbeiten ber solche Themen
durchblttert und zugleich die Flle der wissenschaftlichen
Aufstze wahrnimmt, die er ber technische Probleme geschrieben
hat, so wird man mit Staunen erfllt ber die geistige Kapazitt
dieses Manns, der schlielich zu wissenschaftlicher Ttigkeit
doch nur in den kargen Muestunden Zeit hatte, die ihm seine
weitest ausgebreitete industrielle Wirksamkeit lie.

Man sollte meinen, da in dem Leben eines solchen Manns kein Raum
zu dem geblieben wre, was man im landlufigen Sinn Erlebnis
nennt. Doch da sehen wir wieder, wie das Genie den Fassungsraum
des Jahrs und der Stunde zu weiten vermag, so da sie fr ihn
ein Mehrfaches der Sekundenzahl zu enthalten scheinen, die der
gewhnliche Mensch abzhlt. Werner Siemens' Erdenwallen ist
erfllt von romantischen Begebenheiten, von Abenteuern knnte man
sagen, wie sie in solcher Zahl nur wenigen begegnen.

Fortwhrend erlebt er Auerordentliches. Das Pltzliche, das
seinen Erfindungsideen fremd ist, tritt im Gang seines Lebens
fortwhrend auf. Unerwartete Ereignisse werfen ihn hufig in
andere Richtung, als er gerade einzuschlagen beabsichtigt.
Dreimal verursacht er schwere Explosionen, er erobert eine
Festung, kmpft mit Beduinen auf der Spitze einer Pyramide, wird
durch einen Schiffbruch auf eine unbewohnte Insel gebannt, eine
lose gewordene Kabeltrommel droht sein Schiff zu zerschmettern,
das Meer strmt mit furchtbarem Wten in seltsamer Weise gegen
ihn an. Und -- was das erstaunlichste ist -- in all diesem
Getmmel oft schwerer Gefahren bleibt er jeden Augenblick
der ruhige, sorgsam beobachtende Mann der Wissenschaft. Ein
Ausbruch des Vesuv lt in ihm Gedanken ber die Beschaffenheit
des Erdinnern erwachsen, er treibt Navigation whrend des
Schiffbruchs und Meeresforschung inmitten der Wasserhose.

Auch der Kreis der Familie, aus dem er hervorging, zeigt uns
ein ungewhnliches Bild. Unter den zahlreichen Kindern, die
Werner Siemens' Eltern hinterlieen, ist er nicht das einzige
gewesen, das als schaffender Mensch Bedeutung erlangte.
Zeitlebens war er auf seinem Hhenpfad aufs engste mit drei
Brdern verbunden, von denen jeder in seinem Gebiet Groes
geschaffen hat. Wilhelm, Friedrich und Karl Siemens umgeben als
ein leuchtendes Dreigestirn die Zentralsonne Werner. In ihren
jungen Jahren waren sie alle seine Helfer, und auch spter
haben sie hufig in seinem Interessenkreis gearbeitet. Aber die
wissenschaftlich-technischen Schpfungen Wilhelms und Friedrichs,
die auerordentliche organisatorische Begabung Karls wrden auch
ohne den groen Bruder es jedem von den Dreien ermglicht haben,
den Namen Siemens bekannt und bedeutsam zu machen.

Die Mitwelt hat die vier Mnner mit gleichem Namen gewissermaen
individuell angesiedelt, um sie leichter unterscheiden zu
knnen. Werner war natrlich der Berliner Siemens, _Wilhelm_
(William), der whrend des grten Teils seines Lebens in England
wirkte und dort als hochberhmter und verehrter Mann starb, der
Schpfer des nach ihm benannten, auf der ganzen Erde angewendeten
Stahlbereitungsverfahrens, hie der Londoner Siemens.
_Friedrich_, der Erfinder des Regenerativofens und verdiente
Frderer der Glasindustrie, wurde der Dresdener Siemens
genannt. _Karl_ endlich, der lange Zeit in Petersburg und im
Kaukasus gewirkt hat, war als der Russische Siemens bekannt.

Nachzuforschen, wie die gemeinsame Quelle gestaltet war, aus
der diese vier prchtigen Strme entsprangen, ist gewi eine
lohnende Aufgabe. Ihr wollen wir uns zunchst zuwenden, um dann
zu beobachten, wie der grte und mchtigste von ihnen in seinem
Lauf sich um sperrende Krmmungen windet, ber Hindernisse
brausend hinwegschiet, Arme aussendet, die sich spter wieder
mit dem Hauptlauf vereinigen, wie aus dem schmalen Wasser
allmhlich ein breiter Strom wird, der endlich ruhig und gelassen
ins unendliche Meer des Weltruhms und der Unsterblichkeit
ausmndet.




Voreltern und Elternhaus


Die Ahnenreihe der Siemens schliet sich zu einer Familie von
bestem Brgeradel zusammen. Der Stammbaum lt sich bis zum
Jahre 1523 zurckverfolgen. Da wird in der Brgerrolle der Stadt
_Goslar_ ein Petrowin Siemens als Mitglied der Krmergilde und
Hauseigentmer genannt. Seine Nachkommen sind Ratsherren und
Stadthauptleute in Goslar. Noch heute steht dort ein altes
schnes Haus mit geschnitztem Geblk und Butzenscheiben, das
einer der Siemensschen Ahnen errichtet hat; in ihm werden jetzt
noch in gewissen Abstnden Zusammenknfte der Siemens abgehalten.
Es bestand in der Familie von jeher ein in Brgerkreisen seltenes
Zusammengehrigkeitsgefhl, das bis zum heutigen Tag sorgsam
gepflegt wird.

Werner Siemens erwhnt in seinen Lebenserinnerungen eine alte,
hchst romantische Familienlegende, die er als geschichtlich
nicht erwiesen bezeichnet. Indessen ist durch die Forschungen
von Stephan Kekul von Stradonitz festgestellt worden, da die
Erzhlung wirklich einen Urahnen des Hauses betrifft und zwar
eine Stammutter des Geschlechts. Der Historiograph hat darber in
den Grenzboten berichtet:

Von 1618 bis 1648 wtete in Deutschland der Dreiigjhrige
Krieg: ein Menschenalter von Blut, Mord und Brand, gnzlicher
Vernichtung der beweglichen, Zerstrung der unbeweglichen Habe,
eine Zeit geistigen und materiellen Verderbens der Nation.

Vor den Kriegsgreueln war _Anna Maria Crevet_, die am 4. Mrz
1611 zu Lippstadt geborene bildschne, schwarzlockige Tochter
eines Barbiers mit Namen Gerhard Crevet und seiner ehrsamen
Hausfrau Anna Gallenkamm, zu ihrem Vetter Jobs Bruckmann, einem
vornehmen Kaufmann, nach Magdeburg geflohen, um in dessen Haus
eine sichere Zufluchtssttte zu finden.

Im Frhjahr des Jahres 1631 kam es zur Belagerung der Stadt, am
10. Mai alten, 20. Mai neuen Stils zu jener furchtbaren Plnderung,
die alles, was bisher im groen Krieg an Scheulichkeiten verbt
worden war, in den Schatten stellte.

Im Heer der Belagerer diente damals ein Soldat mit Namen Hans
Volkmar, geboren am 24. November 1607 zu Hollenstedt an der
Leine in der heutigen Provinz Hannover. Einer der eifrigsten bei
der Plnderung, drang er mit einer Anzahl Spiegesellen in das
Bruckmannsche Haus. Dieses wurde von unten bis oben durchsucht,
und so gelangten die Plnderer auch auf den Heuboden, wo ein
groer Heuhaufen ihre Aufmerksamkeit anzog, weil erfahrungsgem
die Einwohner der Huser derartige Verstecke zu benutzen
pflegten, um Wertvolles darin zu bergen.

Eifrig stocherte Hans Volkmar mit seinem Mordgewehr im
Heuhaufen. Da! Ein dumpfer Schrei, Geraschel. Er whlt weiter.
Da strzt sich aus dem Heuhaufen ihm zu Fen, seine Knie
umklammernd, ein schnes junges Weib, notdrftig gekleidet, zum
Tod erschrocken, aus einer frischen Wunde an der Lende blutend,
und fleht mit heiem Ringen ums Leben. Einen Augenblick steht er
erstarrt, dann strzt er sich auf sie, reit sie hoch, wehrt mit
wildem Ruf die Gefhrten zurck und eilt mit seiner sen Beute
ins Lager, alle Schtze vergessend.

Vier Tage nachher, am 14. Mai alten, 24. Mai neuen Stils, wurde
das Paar durch einen Feldprediger im Lager getraut.

Hans Volkmar diente noch eine Zeitlang als Soldat, spter lie
er sich in der alten Kaiserstadt Goslar am Harz nieder. Dort
erwarb er 1650 das Brgerrecht, wurde 1652 Achtsmann, 1660
Stadthauptmann und ist am 28. Mai 1678 im 71. Lebensjahr,
nachdem er mit seiner bei der Belagerung Magdeburgs gewonnenen
Ehefrau 47 Jahre im glcklichsten Ehestand gelebt hatte,
gestorben. Seine Witwe berlebte ihn noch lange. Sie starb
erst im Jahre 1696 im 85. Jahr ihres Lebens, nachdem sie von
11 Kindern Mutter, von 31 Enkeln Gromutter, von 30 Urenkeln
Urgromutter geworden war.

Die lteste Tochter dieser Anna Maria Crevet-Volkmar, namens
_Anna_, die am 1. August 1636 geboren wurde, heiratete einen
_Hans Siemens_, Stadthauptmann und Achtsmann zu Goslar. Sie
brachte in das Geschlecht der Siemens eine Eigentmlichkeit
hinein, die es bis heute bewahrt hat, nmlich den Kinderreichtum.
Kommen doch in einzelnen Fllen 13, 14 und 15 Kinder eines
Ehepaars vor. Das Geschlecht ist noch heute sehr ausgebreitet.
An einem Familientag waren nicht weniger als 63 Vertreter des
Geschlechts versammelt. Augenblicklich zhlt die Familie 38
Mitglieder.

Vom Anfang des achtzehnten Jahrhunderts ab bis auf den Vater der
vier berhmten Brder sind die Ahnen der Siemens meist Landwirte
gewesen. Aber das Interesse fr mechanisch-technische Dinge und
die Erfinderbegabung treten doch mit jenen nicht zum erstenmal in
diesem Geschlecht auf.

Schon ein Groonkel der Brder beschftigte sich in seinen
Muestunden viel mit optischen Instrumenten und fertigte gern
Mikroskope und Fernrohre als Geschenke fr seine Verwandten an.
Der Onkel Ernst Franz Siemens, der 1780 in Lutter am Barenberg
geboren wurde, hat das Sieden und Zerkleinern der Kartoffel
bei hoher Temperatur und die Anwendung des Wasserdampfs zur
Destillation in die Brennerei eingefhrt. Sein Sohn Karl Georg
errichtete in Braunschweig die erste groe Zuckerfabrik mit
Dampfeinrichtung und war Professor der technischen Werkstatt an
der Hochschule zu Hohenheim. Ein anderer Sohn, Adolf Siemens,
der Offizier bei der Hannoverschen Artillerie war, erfand eine
Verbesserung der Schrapnelleinrichtung und einen elektrischen
Apparat zum Entfernungsmessen fr Geschtze. So ist es also
nicht etwas Neues, sondern nur eine freilich rasche und
groartige Weiterentwicklung, wenn Werner Siemens den Ruhm des
Familiennamens ber die ganze Erde trug.

Er wurde am 13. Dezember 1816 als der Sohn des Landwirts
_Christian Ferdinand Siemens_ und seiner Gattin _Eleonore_, der
Tochter des Amtsrats Deichmann in Poggenhagen, zu _Lenthe_ bei
Hannover geboren. Die Eltern hatten 14 Kinder, nmlich 11 Shne
und 3 Tchter. Das lteste Kind war Ludwig, von dem wir nichts
nheres wissen, da er verschollen und ohne Kinder gestorben ist.
_Mathilde_, die geliebte Schwester von Werner, war das zweite
Kind. Dann folgte ein Sohn Werner, der kurz nach der Geburt
gestorben ist. Unser groer Ernst Werner Siemens war das vierte
Kind seiner Eltern, Wilhelm das achte, Friedrich das neunte und
Karl das zehnte.

Das Obergut Lenthe, auf dem die Eltern lebten, liegt an einem
bewaldeten Bergrcken, der vom Deistergebirge abfllt. Es gehrte
zu der damaligen Kniglich Grobritannischen Provinz Hannover,
deren staatliche Organisation noch fast mittelalterlich war. Der
Vater wagte es einstmals, ein Rudel der Hirsche einzusperren,
die in groer Zahl die Saaten auf schlimmste Weise verwsteten,
aber von niemand angegriffen werden durften. Sofort wurde
vom Oberhofjgeramt in Hannover eine Untersuchung gegen ihn
eingeleitet, und der Vater hatte es nur einem Glckszufall
zu verdanken, da er mit einer schweren Geldstrafe davonkam.
Dieses Erlebnis gab ihm Anla, ein Land mit freieren Zustnden
aufzusuchen, und er pachtete die Domne Menzendorf im Frstentum
Ratzeburg, das zu -- Mecklenburg gehrte. Dort hat Werner
glckliche Jugendjahre verlebt. Die konomischen Verhltnisse im
Elternhaus waren freilich recht trbselig; die Domne warf nur
einen geringen Gewinn ab, viel zu wenig, um eine so zahlreiche
Familie zu ernhren.

Bis zu seinem elften Lebensjahr unterrichtete Gromutter
Deichmann -- geborene von Scheiter, wie sie nie ihrer Unterschrift
beizufgen verga -- ihren Enkelsohn, und auch der Vater erteilte
einige Unterrichtsstunden. Dann wurde die einfache Brgerschule
des eine Stunde weit entfernten Stdtchens Schneberg bezogen.
Die wissenschaftlichen Resultate dort waren, wie Werner Siemens
selbst feststellt, recht mig.

Im Jahre 1828 berief der Vater fr seine Kinder einen Hauslehrer,
den Kandidaten der Theologie _Sponholz_, der Ausgezeichnetes
geleistet haben mu, da Werner seiner noch in hohem Alter mit
lebhafter Dankbarkeit gedachte. Leider machte Sponholz nach
einigen Jahren seinem Leben durch Selbstmord ein Ende, und nun
kam ein trockener Pedant als Lehrer ins Haus, der vieles verdarb,
was die Kinder vorher schon in sich aufgenommen hatten.

Als auch dieser Mann im Siemensschen Haus gestorben war, wurde
Werner endlich einem systematischen Unterricht zugefhrt, indem
man ihn auf die Katharinenschule, ein Gymnasium zu Lbeck,
sandte. Bei der Prfung erwies er sich als reif fr die Aufnahme
in Obertertia. Es hat ihm viel Verdru bereitet, da auf diesem
Gymnasium ein fast ausschlielicher Wert auf das Erlernen
der alten Sprachen gelegt wurde. Fr diese hatte er gar kein
Interesse, da es bei den grammatischen Regeln nichts zu denken
und nichts zu erkennen gab. Fast gar nicht gepflegt wurde die
Mathematik, fr die der junge Werner eine starke Begeisterung
fhlte, und in der er auch schon viel wute, obgleich seine
beiden Hauslehrer gar nichts davon verstanden hatten. Nur aus
einem inneren Drang heraus hatte er sich so lebhaft mit dieser
Wissenschaft beschftigt, da er auf dem Gymnasium in dieser
Disziplin sogleich eine hhere Klasse besuchen durfte. Schon in
der Sekunda lie er das Studium des Griechischen vollstndig
fallen und nahm statt dessen Privatstunden in Mathematik und
Feldmessen, um sich fr das Baufach vorzubereiten, das einzige
technische Fach, das es damals gab.

Sein glhender Wunsch war, an der Bauakademie in Berlin studieren
zu drfen. Aber die sehr geringen Mittel des Vaters erlaubten
ihm das nicht. Sein Lehrer im Feldmessen, der Leutnant im
Lbecker Kontingent Freiherr von Blzinglwen, der frher bei
der preuischen Artillerie gedient hatte, empfahl ihm, beim
preuischen Ingenieurkorps einzutreten, wo er mit Aufwendung
geringer Summen dasselbe lernen knnte wie auf der Bauakademie.
Das schien Werner hoffnungsreich zu sein, und um Ostern 1834, in
seinem siebzehnten Lebensjahr, nahm er Abschied vom Elternhaus,
um nach der preuischen Hauptstadt berzusiedeln.

Wir wissen nicht, mit welchen Gefhlen die Eltern, damals wohl
schon krnklich und von schweren Sorgen niedergedrckt, ihren
Sohn haben fortziehen lassen. Sie mgen ihn als einen Jngling
betrachtet haben, der mit etwas exzentrischen Ideen aus der Art
schlug, da er durchaus nicht in dem hergebrachten Kreis der
Landwirte bleiben wollte. Niemand konnte gewi ahnen, da die
als Kuriositt betrachtete Vorliebe fr die Mathematik so hohe
Bedeutung fr das ganze Geschlecht gewinnen sollte.




Die Anfnge


Wir Heutigen haben Mhe, uns die Zeitumstnde vorzustellen,
unter denen der junge Werner nach Berlin ging. Ging im wahren
Sinn des Worts, denn er mute ber die Chaussee wandern, da es
eine regelmige Verbindung von Mecklenburg nach Berlin nicht
gab, und er auch gar nicht imstande gewesen wre, die Fahrkosten
aufzubringen.

Fr die Mecklenburger zog er ins Ausland, in das fremde, immer
mit einem gewissen Schrecken betrachtete preuische Gebiet
hinein. Die Bauern von Menzendorf, die den Knaben liebgewonnen
hatten, sandten sogar eine Abordnung an den Vater, um ihn
zu bitten, so einen gauden Jungen doch nicht nach Preuen
gehen zu lassen, wo er notwendigerweise verhungern msse. Sie
dachten, da das ganze Land aus demselben unfruchtbaren Sand
bestnde wie der preuisch-mecklenburgische Grenzrand. Irgendein
deutsches Zusammengehrigkeitsgefhl war noch nicht vorhanden;
nur der Vater ahnte schon mit ziemlicher Klarheit, da der Staat
Friedrichs des Groen Deutschland einstmals zur Gre emporfhren
wrde.

So trug also der knftige Offiziersaspirant sein gewi nicht
allzu schweres Rnzel ber die staubige Landstrae einer
Zukunft entgegen, deren Gre ihm durch keine Fata Morgana
angezeigt wurde. Der erste Mensch, der sich ihm auf dem neuen
Lebensweg beigesellte, war ein junger Knopfmacher. Der zog
auch nach Berlin, und mit ihm nahm Werner Siemens in der
Knopfmacherherberge sein erstes Quartier.

Das sollte ihm bald sehr belgenommen werden. Er hatte eine
Empfehlung an einen entfernten Verwandten, den Leutnant von Huet
bei der reitenden Gardeartillerie, bei sich; diesen suchte er
auf und versetzte ihn in grten Schrecken durch die Mitteilung,
da er in der standesunwrdigen Knopfmacherherberge bernachtet
habe. Der Leutnant lie sofort das Rnzel abholen, den jungen
Mann in einem besseren Hotel in der Neuen Friedrichstrae
unterbringen und sandte ihn zum General von Rauch, den damaligen
Chef des Ingenieurkorps.

Der junge Werner trug nun dem General seinen Wunsch vor, als
Avantageur sich das Recht auf Einberufung zur Artillerie- und
Ingenieurschule zu erdienen. Aber auch hier sollte er keinen
Erfolg haben. Der General riet dringend ab, da so viel Vormnner
vorhanden wren, da der Eintritt in die Schule vielleicht erst
in vier bis fnf Jahren stattfinden knnte. Er empfahl jedoch,
zur Artillerie zu gehen, wo die Aussichten besser seien und eine
gleiche Schulbildung erworben werden knnte. Der junge Siemens
sah ein, da dieser Weg wohl der beste sein wrde, und mit guter
Empfehlung versehen, fuhr er nach Magdeburg zum Kommandeur der
dritten Artilleriebrigade, dem Obersten von Scharnhorst, einem
Sohn des groen Organisators der preuischen Armee.

Hier stehen wir nun an der Wurzel des wissenschaftlichen
Werdegangs von Werner Siemens, der also ebenso im soldatischen
Bezirk seinen Anfang nahm wie die Entwicklung eines anderen
Groen, dessen Lebenslauf er spter kreuzen sollte, Hermann
Helmholtz'.

Der Oberst von Scharnhorst machte auch noch einige
Schwierigkeiten. Die Zulassung zur Artillerielaufbahn sollte von
dem Ausfall eines Examens abhngig gemacht werden. Und auch die
Erlaubnis zur Teilnahme an der Prfung konnte nicht ohne weiteres
erteilt werden, denn Siemens war ja als Mecklenburger fr Preuen
ein Auslnder und mute zuvor vom mecklenburgischen Militrdienst
freigekauft werden. Das ging keinesfalls geschwind. Erst als er
sich schon zum Examen begeben wollte und mit groen Sorgen den
Freikaufbrief vermite, kam der Vater selbst auf einem leichten
Wagen nach Magdeburg gefahren und bergab seinem Sohn das
Dokument, das er der langsamen Befrderung durch die Post nicht
hatte anvertrauen wollen.

Siemens hatte sich, obwohl er ausgezeichnete Kenntnisse in der
Mathematik besa, auf das Examen mhselig vorbereiten mssen, da
hierbei auch in Geschichte, Geographie und Franzsisch geprft
wurde; diese Fcher hatte er auf dem Lbecker Gymnasium nur sehr
oberflchlich getrieben. Groe Kenntnisse hatte er denn darin
auch nicht erreicht, am wenigsten in der Erdkunde, aber im Examen
half ihm einer jener zahlreichen Zuflle, denen unser groer
Mann im Leben so hufig als frdernden oder hemmenden Elementen
begegnen sollte.

Die kleine Episode hat uns Werner Siemens selbst in seinen
Lebenserinnerungen erzhlt, einem der schnsten Volksbcher,
die wir besitzen; jeder Jngling sollte es lesen, der sich zu
Ausdauer und groen Taten krftigen will, und jeder Mann, der
Erbauung sucht in der Darstellung eines Lebens, das voll ist
von Suchen und Finden, von jauchzendem Hoffen und unverzagtem
Bescheiden, von Fehlschlgen und prachtvollem Gelingen.

Das dramatische Erlebnis bei der Prfung trug sich so zu:
Examinator war ein Hauptmann Meinicke, der den Ruf eines sehr
gelehrten und dabei originellen Mannes hatte. Er galt fr einen
groen Kenner des Tokaierweins, wie ich spter erfuhr, und das
mochte ihn wohl veranlassen, nach der Lage von Tokai zu forschen.
Niemand wute sie, worber er sehr zornig wurde. Mir als letztem
der Reihe fiel zum Glck ein, da es Tokaierwein gab, der einst
meiner kranken Mutter verordnet war, und da der auch Ungarwein
benannt wurde. Auf meine Antwort: In Ungarn, Herr Hauptmann!
erhellte sich sein Gesicht, und mit dem Ausruf: Aber, meine
Herren, Sie werden doch den Tokaierwein kennen! gab er mir die
beste Zensur in der Geographie.

So zhlte Siemens schlielich zu den vier Glcklichen, die das
Examen am besten bestanden. Gewissermaen haben wir es also dem
feurigen Erzeugnis der ungarischen Weinberge zu verdanken, da
er seine Laufbahn in einigermaen brauchbarer Weise beginnen
konnte. Wer wei, wohin seine Entwicklung gefhrt htte, wenn der
prfende Lehrer dem Tokaierwein nicht ergeben gewesen wre.

Es fehlte aber immer noch eine Planke auf der Brcke, die
zur Zukunft fhren sollte. Der Auslnder mute erst eine
ausdrckliche knigliche Genehmigung fr den Eintritt ins
preuische Heer haben. Sie wurde ihm schlielich erteilt und
ward das Eingangstor zu dem Bezirk, den er mit seinem Ruhm
erfllen sollte. Ich betrachte, so schrieb Siemens spter, die
Kabinettsorder Friedrich Wilhelms III., die mir den Eintritt in
die preuische Armee gestattete, als die Erffnung der einzigen
fr mich damals geeigneten Bahn, auf der meine Tatkraft sich
entfalten konnte.

Nun ward der junge Artillerist auf dem Domplatz zu Magdeburg
gedrillt. Und schon nach sechs Monaten erhielt er die Befrderung
zum Bombardier; das war ein Dienstgrad, der ungefhr unserem
heutigen Obergefreiten entspricht. Bei den Schiebungen wurde er
zum erstenmal seiner besonderen technischen Begabung gewahr, denn
es schien ihm hier alles selbstverstndlich, was die anderen nur
schwer begriffen.

Im Herbst des Jahres 1835 erhielt Siemens endlich das ersehnte
Kommando zur Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin. Die
drei Jahre, die er hier zubrachte, zhlt er selbst zu den
glcklichsten seines Lebens. Ein wiederum gnstiger Zufall
wollte es, da er hier drei sehr bedeutende Naturwissenschaftler
als Lehrer vorfand, den Mathematiker und Physiker _Ohm_, der
das fr die Elektrizittslehre grundlegende Ohmsche Gesetz
aufstellte, den Physiker _Magnus_ und den Chemiker _Erdmann_.
Nur durch eisernen Flei gelang es Siemens, das Fhnrich-, das
Armeeoffizier- und endlich das Artillerieexamen zu bestehen;
mit groer Not und ohne Auszeichnung kam er durch diese Klippen
hindurch, da ihm eben die feste wissenschaftliche Grundlage
fehlte. Soweit er irgend Zeit hatte, beschftigte er sich darum
mit seinen Lieblingswissenschaften Mathematik, Physik und Chemie,
und diesen Disziplinen hat er sein ganzes Leben hindurch eine
treue Zuneigung bewahrt.

Nun war er Sekondeleutnant und kehrte im Sommer 1838 aus Berlin
wieder zu seinem Truppenteil nach Magdeburg zurck.

Es begann eine Zeit schwerer Sorgen und Kmmernisse. Whrend
eines vierwchigen Urlaubs besuchte er mit seinem Freund William
_Meyer_ das Heimatdorf, und die Wiedersehensfreude mit der
vielkpfigen Familie war gro und rhrend. Die preuischen
Offiziersuniformen imponierten den braven Drflern lebhaft, und
sie begannen einzusehen, da es in Preuen doch wohl noch andere
Menschen geben msse als Hungerleider. Damals feierte auch die
lteste Schwester Mathilde ihre Hochzeit mit dem Professor Karl
_Himly_ aus Gttingen.

Der Bruder Wilhelm sollte nach der Absicht der Eltern Kaufmann
werden. Aber Werner erkannte klar, da dieses fr Wilhelm keine
geeignete Laufbahn wre. Mit groherzigem Entschlu nahm er ihn
gelegentlich seines Besuchs in Lenthe aus dem Lbecker Gymnasium
und lie ihn, nachdem die Genehmigung der widerstrebenden
Eltern erlangt war, mit nach Magdeburg bersiedeln, wo er seine
Erziehung mit treuer Sorge berwachte. Er erteilte dem Bruder
selbst an jedem Morgen von fnf bis sieben Uhr mathematischen
Unterricht und veranlate ihn auch, sich mit der englischen
Sprache zu beschftigen. Beides ist fr Wilhelm in der Folge von
grundlegender Bedeutung geworden. Um sein eigenes Verdienst zu
verdecken, schrieb Werner Siemens spter, da der dem Bruder
erteilte mathematische Unterricht fr ihn selbst sehr ntzlich
gewesen sei, da er dazu beigetragen habe, ihn allen Verlockungen
des Offizierslebens siegreich widerstehen zu lassen.

Zu systematischer wissenschaftlicher Weiterbildung war jetzt
wenig Zeit. Aber Werner Siemens begann doch schon ein wenig
technisch zu experimentieren. Und das wre ihm beinahe schlecht
bekommen. Der erste Versuch brachte gleich ein jhes, nicht
gerade angenehmes Erlebnis. Er hat es in den Lebenserinnerungen
dargestellt:

Ich hatte gehrt, da mein Vetter, der hannversche
Artillerieoffizier A. Siemens, erfolgreiche Versuche mit
Friktionsschlagrhren angestellt hatte, die anstatt der damals
noch ausschlielich gebrauchten brennenden Lunte zum Entznden
der Kanonenladung benutzt werden sollten. Mir leuchtete die
Wichtigkeit dieser Erfindung ein, und ich entschlo mich, selbst
Versuche nach dieser Richtung zu machen. Da die versuchten
Zndmittel nicht sicher genug wirkten, so rhrte ich in
Ermangelung besserer Gertschaften in einem Pomadennapf mit sehr
dickem Boden einen wsserigen Brei von Phosphor und chlorsaurem
Kali zusammen und stellte den Napf, da ich zum Exerzieren
fortgehen mute, gut zugedeckt in eine khle Fensterecke.

Als ich zurckkam und mich mit einiger Besorgnis nach meinem
gefhrlichen Prparat umsah, fand ich es zu meiner Befriedigung
noch in derselben Ecke stehen. Als ich es aber vorsichtig
hervorholte und das in der Masse stehende Schwefelholz, welches
zum Zusammenrhren gedient hatte, nur berhrte, entstand eine
gewaltige Explosion, die mir den Tschako vom Kopf schleuderte
und smtliche Fensterscheiben samt den Rahmen zertrmmerte. Der
ganze obere Teil des Porzellannapfes war als feines Pulver im
Zimmer umhergeschleudert, whrend sein dicker Boden tief in das
Fensterbrett eingedrckt war.

Als Ursache dieser ganz unerwarteten Explosion stellte sich
heraus, da mein Bursche beim Reinmachen des Zimmers das Gef
in die Ofenrhre gesetzt und dort einige Stunden hatte trocknen
lassen, bevor er es wieder an denselben Platz zurcktrug.
Wunderbarerweise war ich nicht sichtlich verwundet, nur hatte der
gewaltige Luftdruck die Haut meiner linken Hand so gequetscht,
da Zeigefinger und Daumen von einer groen Blutblase bedeckt
waren. Leider war mir aber das rechte Trommelfell zerrissen, was
ich sogleich daran erkannte, da ich die Luft durch beide Ohren
ausblasen konnte; das linke Trommelfell war mir schon im Jahre
vorher bei einer Schiebung geplatzt. Ich war infolgedessen
zunchst ganz taub und hatte noch keinen Laut gehrt, als
pltzlich die Tr meines Zimmers sich ffnete, und ich sah,
da das ganze Vorzimmer mit entsetzten Menschen angefllt war.
Es hatte sich nmlich sofort das Gercht verbreitet, einer der
beiden im Quartier wohnenden Offiziere htte sich erschossen.

Ich habe infolge dieses Unfalls lange an Schwerhrigkeit
gelitten und leide auch heute noch hin und wieder daran, wenn
sich die verschlossenen Risse in den Trommelfellen gelegentlich
wieder ffnen.

Es gelang also vorlufig noch nicht, eine wichtige Erfindung zu
machen, und das war um so betrblicher, als die finanzielle Lage
der Brder allmhlich immer bedenklicher wurde.

Am 8. Juli 1839 starb die heigeliebte Mutter, und ein halbes
Jahr spter, am 16. Januar 1840, schied auch der Vater aus
dem Leben, zermrbt vom vergeblichen Ringen um den Erwerb des
Lebensunterhalts fr seine Familie und niedergebeugt von schwerer
Sorge, da die Landwirtschaft damals Erkleckliches nicht abwerfen
wollte. Es ist ein tragisches Geschick, da die Eltern dahingehen
muten, bevor noch ein Ahnungsschimmer von dem knftigen Aufstieg
ihres Sohns ein wenig lichte Freude in ihr trbes Dasein hatte
bringen knnen.

Auf den ltesten der dem Haus nahegebliebenen Shne fiel nun
als schwere Last die Sorge um die smtlichen Kinder. Die Domne
Menzendorf wurde den Brdern Hans und Ferdinand bertragen, die
jngste Schwester Sophie nahm ein Onkel Deichmann in Lbeck an
Kindesstatt an, und die jngsten Brder Walter und Otto blieben
zunchst noch bei der Gromutter in Menzendorf.

Spter hat Werner Siemens noch einige der Brder zu sich
genommen, und immer schwerer drngte sich ihm die Notwendigkeit
auf, Geldmittel zum Unterhalt fr sich und die Geschwister
herbeizuschaffen. Er fhlte, da dies mit Hilfe von Erfindungen
wohl am leichtesten der Fall sein wrde.

Mehr Mue hierzu als in Magdeburg fand er in der kleinen
Garnisonstadt Wittenberg, wohin er im Jahre 1840 kommandiert
wurde.

Kurze Zeit vorher hatte _Jacobi_ in Dorpat die _Galvanoplastik_
erfunden, und gerade als Siemens in dem allzu kleinstdtischen
Leben von Wittenberg nach anregender Bettigung suchte, kamen
die ersten Nachrichten von dieser so wichtigen Erfindung nach
Deutschland. Siemens versuchte sofort, die Methode nachzumachen,
und es gelang ihm auch, mit Hilfe des galvanischen Stroms aus
einer Lsung von Kupfervitriol Kupferniederschlge auf anderen
Metallen zu erhalten. Sein lebhafter Geist fhrte ihn sofort
weiter. Er dachte, da es doch mglich sein msse, ebenso wie man
Niederschlge aus Kupfer erhielt, auf gleiche Weise auch solche
von Gold oder Silber zu erzielen. Da Gegenstnde aus unedlen
Metallen, die mit Gold oder Silber berzogen wren, einen sehr
viel hheren Wert bekommen mten, war ohne weiteres einleuchtend.

Einem an sich fatalen Erlebnis, wieder einem pltzlichen Blitz
aus der Schicksalswolke, durfte er es verdanken, da er seine
Erfindungsabsicht in voller Ruhe ausarbeiten konnte.




Erste Erfindungen


Siemens hatte an einem der zahlreichen Duelle, wie sie unter den
Offizieren der kleinen Garnison hufig vorkamen, als Sekundant
teilgenommen, und der Zufall wollte es, da das Vorkommnis
zur Anzeige gelangte. Die Strafen, die das Gesetz damals den
Duellteilnehmern androhte, waren uerst streng. Die Duellanten
wurden demzufolge zu zehn, Siemens zu fnf Jahren Festungshaft
verurteilt.

Als er sich nach der Zitadelle von Magdeburg begab, um dort seine
Strafe anzutreten, versorgte er sich beim Vorbergehen in einer
Chemikalienhandlung mit den Mitteln, um seine elektrolytischen
Versuche fortsetzen zu knnen. Er richtete sich in der Zelle
ein kleines Laboratorium ein und experimentierte mit Gold in
unterschwefligsaurem Natron. Diese Flssigkeit benutzte er zur
Anstellung eines ersten galvanoplastischen Vergoldungsversuchs.
Er gelang ber alles Erwarten gut.

Ich glaube, so schreibt er darber, es war eine der grten
Freuden meines Lebens, als ein neusilberner Teelffel, den ich,
mit dem Zinkpol eines Daniellschen Elementes verbunden, in einen
mit unterschwefligsaurer Goldlsung gefllten Becher tauchte,
whrend der Kupferpol mit einem Louisdor als Anode verbunden
war, sich schon in wenigen Minuten in einen goldenen Lffel vom
schnsten, reinsten Goldglanze verwandelte.

Die goldenen Lffel, die der Leutnant Siemens durch Zauberkraft
aus unechten zu erzeugen vermochte, erregten ein solches
Aufsehen, da die Kunde davon ber die festen Mauern der
Zitadelle hinaus bis in die Stadt drang. Ein Magdeburger Juwelier
erschien in der Zelle und kaufte dem jungen Erfinder das Recht
zur Anwendung seines Verfahrens fr 40 Louisdor ab. So gelangte
auf galvanoplastischem Weg auch Gold in Siemens' Portemonnaie,
und er hatte nun die Mittel, seine Versuche fortzusetzen. Im
Jahre 1842 nahm er sein erstes Patent, das damals nicht lnger
als fnf Jahre lief, auf ein Verfahren, Gold behufs der
Vergoldung auf nassem Wege mittels des galvanischen Stromes
aufzulsen.

Nun gerade, wo es notwendig war, weiter an dem Verfahren zu
arbeiten, erschien unerwartet der wachthabende Offizier in
der Zelle und berreichte Siemens zu seinem nicht geringen
Schrecken, wie er bekennt, die knigliche -- Begnadigung.
Das war ein schwerer Schlag fr ihn, denn die Zelle war
vollgestopft mit allen erdenklichen chemischen Stoffen und
elektrischen Einrichtungen, und es erschien dem jungen Erfinder
ganz unmglich, diese rasch und glcklich nach dem noch ganz
unbekannten Ort zu schaffen, wohin man ihn jetzt versetzen wrde.
Er tat darum einen nicht ganz gewhnlichen Schritt.

Er schrieb nmlich an den Festungskommandanten ein Gesuch,
in dem er bat, noch einige Zeit in seiner Gefangenenzelle
verbleiben zu drfen, in der er mehr edles Metall zu finden
hoffen durfte als in der goldenen Freiheit. Man nahm ihm aber
eine solche Undankbarkeit gegen eine knigliche Gnade sehr bel
und bestand darauf, da er sich sofort empfehle. Gerade um die
Mitternachtsstunde wurde er mit sanfter Gewalt aus der Zitadelle
entfernt und befand sich nun inmitten seiner Habseligkeiten
hilflos auf der Strae. So kann auch die Gnadensonne einmal wie
ein Schadenfeuer wirken.

Aber so ganz verlassen, wie er geglaubt hatte, war er doch
nicht. Die vorgesetzte Behrde war offenbar auf seine chemischen
Talente aufmerksam gemacht worden, und man sandte ihn nicht nach
Wittenberg zurck, sondern kommandierte ihn nach Spandau zur
Lustfeuerwerkerei-Abteilung. Hier konnte er seine chemische Kunst
lebhaft bettigen, und er machte in dem neuen Wirkungsbereich
so rasche Fortschritte, da ihm ein Feuerwerk, welches er am
Geburtstag der Kaiserin von Ruland im Park des Prinzen Carl in
Glienicke bei Potsdam abbrannte, wegen der Pracht der Farben viel
Ehre und Anerkennung eintrug.

Aber das war doch ein totes Gleis, und zu seiner grten
Freude erhielt er bald das lngst gewnschte Kommando zur
Artilleriewerkstatt in Berlin. Hier war der Ort, wo er seine
naturwissenschaftlichen und technischen Kenntnisse, die, wie
er wohl wute, an manchen Stellen noch recht mangelhaft waren,
weiter vervollstndigen konnte.

Aber noch immer sollte er nicht zu einer systematischen
Ausgestaltung seines Wissens gelangen. Das verdammte Geld, so
schrieb er damals, ist doch der Knppel, den man stets am Halse
trgt. Er meinte mit diesem Knppel das Geld, das man nicht
besitzt.

Die Verpflichtung, fr die jngeren Geschwister zu sorgen,
drckte immer schwerer, je weiter diese heranwuchsen. Hans und
Ferdinand hatten zwar noch immer die Domnenpachtung, aber das
aus der Bewirtschaftung gewonnene Geld reichte bei weitem nicht
zu der Erziehung der Kinder aus. Der Zwang, Geld verdienen zu
mssen, war darum die Peitsche, die Werner vorlufig immer noch
von der Wissenschaft forttrieb. Mit Hilfe von Erfindungen dachte
er auch jetzt noch, Fortunas Rockzipfel leichter ergreifen zu
knnen.

Vor allem suchte er nun sein Patent auf galvanoplastische
Vergoldung und Versilberung richtig zu verwerten. Er trat mit der
Neusilberfabrik von J. Henniger in Berlin in Verbindung, die sein
Verfahren in grerem Mastab anwenden wollte und ihn am Gewinn
beteiligte. Damit entstand die erste galvanoplastische Anstalt in
Deutschland.

Der Gewinn, der in Werner Siemens' Tasche flo, war aber gering,
und bald trieb die weitere Not ihn dazu, alle Ansprche aus dem
Vertrag fr 800 Taler an die Firma Henniger zu verkaufen. Kaum
war dies geschehen, so vergrerte Henniger seine Fabrikation,
die bis dahin nur schwchlich betrieben worden war, ganz
bedeutend und zog weiter ansehnliche Gewinne aus dem Verfahren.

Die immer rger sich fhlbar machende Not trieb Werner Siemens
nun dazu, eine richtige Spekulation zu beginnen. Er hatte gehrt,
da ein Herr _Elkington_ in London gleichfalls ein Verfahren
der galvanischen Vergoldung und Versilberung gefunden habe,
bei dem er Cyanverbindungen verwendete. Siemens hielt seine
unterschwefligsauren Salze fr besser wirkend und hoffte darum,
in England, dem damaligen Paradies der Technik, dem fr alles
Neue empfnglichen und zur Aufnahme jeder guten Idee am ehesten
bereiten Land, goldene Berge verdienen zu knnen. Er selbst
konnte nicht hinbergehen, da er ja als Offizier an seinen
Garnisonort gebannt war. Aber sein Bruder Wilhelm war sehr gern
zu der Reise bereit.

Der junge Mann hatte inzwischen einige Zeit in Gttingen bei
seiner Schwester Mathilde Himly zugebracht, wo er mit Hilfe
seines Schwagers seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse hatte
vertiefen knnen. Darauf war er nach Magdeburg zurckgekehrt und
dort als Eleve in die Grflich Stollbergsche Maschinenbauanstalt
eingetreten. Dem lebhaften Geist Wilhelms behagte der Aufenthalt
gar nicht, und gern ergriff er die Gelegenheit, ins Weite
hinauszuziehen. Diese erste Fahrt Wilhelms nach England ist ein
richtiger kleiner Roman, dessen gnstigen Ausgang der recht
klgliche Anfang keinesfalls erwarten lie.

Im Februar 1843 trat der junge, kaum zwanzigjhrige Wilhelm
seine Reise an. Er begab sich zunchst nach Hamburg, wo er sich
die Mittel fr die berfahrt nach England mit viel Mhe dadurch
verschaffte, da er an einen Fenstersprossenfabrikanten ein
galvanisches Verkupferungsverfahren verkaufte und schlielich
auch noch alle Chemikalien, die er bei sich hatte und nicht in
England einfhren wollte, zu Geld machte. Die Gesamtsumme des
Erlses war so gering, da er im Augenblick der Abfahrt an
Werner schrieb, er drfe in England im ganzen nicht mehr als
sechs Louisdor verzehren, wenn er noch imstande sein solle, mit
Ehren nach Haus zurckzukehren.

Nach seiner Landung in London nahm er in einer bescheidenen
Herberge Quartier. Er hatte vom Leben in England gar keine
Kenntnis, beherrschte auch die Sprache des Landes recht
mangelhaft. Nur einen einzigen Empfehlungsbrief brachte er mit,
aber trotz dieser bescheidenen Ausrstung warf er sich doch khn
in den Strudel des Lebens der Riesenstadt. ber seine Erlebnisse
hat Wilhelm spter einmal in einem Vortrag, den er im Jahre 1881
im Rathaus von Birmingham hielt, selbst in interessanter Weise
berichtet:

Ich hoffte irgendein Bureau ausfindig zu machen, wo man
Erfindungen einer Prfung unterwerfen und eventuell je nach
Verdienst vergten wrde; doch niemand konnte mir einen
derartigen Platz angeben. So spazierte ich denn Finsbury Pavement
entlang und sah auf einmal ber einer Tr So und So -- der Name
ist mir entfallen -- *Undertaker* (das bedeutet Unternehmer
von Leichenbegngnissen) in groen Buchstaben geschrieben. Halt,
dacht' ich, das mu wohl der lange gesuchte Ort sein; denn auf
alle Flle wird doch ein Mann, der sich *Undertaker* nennt,
sich auch nicht weigern, einen Einblick in meine Erfindung zu
tun und mir am Ende dann auch die gewnschte Anerkennung oder
besser noch meinen Lohn dafr besorgen knnen. Beim Eintritt ins
Haus berzeugte ich mich jedoch sehr bald, da ich entschieden zu
frh gekommen war, um dort bedient zu werden, und als ich mich
dann dem Inhaber des Etablissements gegenber befand, deckte ich
meinen Rckzug mit einigen abgebrochenen Entschuldigungen, die
dem Herrn *Undertaker* jedenfalls sehr leer vorgekommen sein
mssen.

Hierdurch keineswegs entmutigt, setzte ich meine Forschungsreise
fort und fand endlich meinen Weg zum Patentoffice der Herren
Poole & Carpmael, die mich nicht nur freundlich empfingen,
sondern mir auch ein Empfehlungsschreiben an Herrn Elkington
mitgaben. So ausgerstet, fuhr ich nach Birmingham, um hier mein
Glck zu versuchen.

Von Birmingham aus trat Wilhelm nun an Elkington heran und
glaubte einen groen Trumpf in der Hand zu haben, als er diesem
sein vermeintlich besseres Verfahren anbot. Er war gar nicht
bescheiden, sondern forderte dafr gleich 3000 Pfund Sterling
(60000 Mark). Es ist nicht weiter verwunderlich, da Elkington
auf dieses Angebot des etwas strmischen jungen Manns nicht
einging. Er lie jedoch Wilhelm zu sich kommen, und dieser erfuhr
nun zu seiner nicht geringen Bestrzung, da Werners Erfindung in
einem der Elkingtonschen Patente schon erwhnt, also nicht mehr
neu und demgem auch kein Handelsobjekt war.

Aber Wilhelm gewann Elkingtons Vertrauen, und dieser erlaubte
ihm, in seiner Fabrik zu experimentieren. Hierbei glckte es
Wilhelm Siemens, eine bedeutende Verbesserung des Elkingtonschen
Verfahrens zu erfinden. Der offenbar sehr vornehm denkende
Englnder ermglichte Wilhelm darauf, ein Patent auf seine
Erfindung zu nehmen und zahlte ihm schlielich dafr die Summe
von 1600 Pfund Sterling, von der jedoch 110 Pfund Sterling fr
Patentkosten abgingen.

Wilhelm konnte also mit einer Summe von annhernd 30000 Mark
nach Deutschland zurckkehren, wodurch er der Gegenstand
staunender Bewunderung fr die ganze Familie ward. Die Schwester
Mathilde Himly schrieb damals in einem Brief an Werner: Von
unserem lieben Goldfisch erhielt ich vor wenigen Tagen die erste
Nachricht, seit er Dich gesehen. Deine Freude ber Wilhelms
Erscheinen als Croesus! wird wohl so ziemlich so gewesen sein
als die meine; bis dahin hatte mich noch nie eine Freude so
auer Fassung gebracht. Ach! Werner -- warum muten dies die
theuern seligen Eltern nicht erleben! -- Werdet Ihr das Geld denn
brderlich theilen? Ich bin berzeugt, da Wilhelm noch mehr so
glcklich spekulieren wird, und so nimm es nur gern an ...

Damit traten nun die Geldsorgen fr einige Zeit in den
Hintergrund. Aber ein solcher Erfolg htte bei einem schwcheren
Charakter, als er Werner Siemens zu eigen war, leicht dauernd auf
eine schiefe Bahn fhren knnen. So trieb er ihn nur fr einige
Zeit auf das trgerische Meer der Erfindungsspekulationen
hinaus, wie er selbst die Bestrebungen jener Zeit spter etwas
verchtlich genannt hat. Eine Erfindung folgte jetzt rasch der
anderen. Wissenschaftliche Bestrebungen wurden zurckgestellt,
zumal das aus England gebrachte Geld bei den zahlreichen
Verpflichtungen der Brder nicht lange reichte, und die
Bedrngnisse bald wieder begannen.

Werner dehnte zunchst seine elektrolytischen Versuche weiter
aus und gelangte dazu, gute _Nickelniederschlge_ herzustellen.
Das schien etwas sehr Aussichtsreiches zu sein, da die teuren,
fr den Druck verwendeten gravierten Kupferplatten durch den
Nickelberzug, der die Feinheit der Striche nicht beeintrchtigte,
sehr viel haltbarer wurden. Bald jedoch wurde der galvanische
Eisenniederschlag erfunden, dem man gegenber dem Nickelberzug
den Vorzug gab, und die Erfindung konnte nichts mehr einbringen.

Gleichzeitig arbeitete Werner zusammen mit seinem Bruder Wilhelm
einen Apparat aus, der imstande sein sollte, den Gang von
Dampfmaschinen, die damals noch an vielen Stellen bei ihrer
Arbeit durch Wind- und Wassermotoren untersttzt wurden, genau zu
regeln. Es sollte dies unter Anwendung des Differentialverfahrens
geschehen, und so entstand der _Differenzregulator_.

Dann bemhte sich Werner Siemens, den damals gerade bekannt
gewordenen _Zinkdruck_ fr die Rotationspresse brauchbar zu
machen, und erfand ferner das _anastatische Druckverfahren_,
das durch Anwendung von Chemikalien gestattet, ltere Drucke zu
vervielfltigen. Auch einer Tretfliegemaschine wandte er sein
Interesse zu, derselbe Mann, der spter behauptet hat, da man
niemals Flugmaschinen wrde bauen knnen, wenn man nicht imstande
wre, Antriebsmaschinen zu erschaffen, die im Verhltnis so
leicht und krftig sind wie die Bewegungsmuskeln der fliegenden
Tiere.

Zur Ausbeutung dieser Erfindungen ging Wilhelm Anfang des Jahres
1844 zum zweitenmal nach England, das von da ab seine zweite
Heimat wurde. Auch Werner folgte ihm fr kurze Zeit dorthin, aber
beide muten bald einsehen, da ihre hochgespannten Hoffnungen
auf Verwertung der Erfindungen aussichtslos waren. Wilhelm
hatte fr die Abtretung der Rechte auf den Differenzregulator
nicht weniger als 720000 Mark gefordert, fr das anastatische
Druckverfahren gar eine Million Mark. Nach mehr als einjhrigem
Aufenthalt in England sah er jedoch all seine Hoffnungen so weit
vernichtet, da er nach Hause schreiben mute: Ich bitte nur
noch um die notwendigsten Mittel, um meine dringendsten Schulden
abzahlen zu knnen, da ich seit einiger Zeit nicht einmal mehr
imstande gewesen bin, meine Hauswirte zu befriedigen.

Werner lernte bei seiner Rckkehr aus England whrend eines
Aufenthalts in Paris sogar den Hunger kennen. Aus Berlin schreibt
er dann an Wilhelm: Die jetzige Zeit ist der einlaufenden
Buchhndler-, Schneider- und sonstigen Rechnungen wegen besonders
verdrielich. Dazu kommt Miete, Schulgeld und wei der Henker
was sonst noch fr Lumpereien. Als es ganz schlimm stand, wurde
schlielich durch eine Geldsendung Wilhelms der dem Verwelken
nahe Subsistenzbaum bedeutend erfrischt.




Theorie und Technik


Es ist heute nicht mehr genau zu verfolgen, wie Werner Siemens
sich und seine Geschwister durch diese Periode der drckendsten
Sorgen glcklich hindurchgebracht hat. Aber es steht fest, da
der Kummer ihn nicht zu Boden warf, sondern seine Krfte nur
verstrkte, wie die Kraft einer sthlernen Feder gesteigert
wird, je mehr man sie zusammenpret. Eine moralische Stimme in
Siemens begann pltzlich deutlich zu sprechen. Er erkannte,
da das Jagen nach Erfindungen, zu dem er sich durch die
Leichtigkeit des ersten Erfolgs hatte hinreien lassen, sowohl
ihm wie seinem Bruder zum Verderben gereichen wrde. Er sagte
sich daher von allen Erfindungen los und gab sich ganz ernsten
wissenschaftlichen Studien hin.

Von nun ab beginnt der Werner Siemens, wie wir ihn kennen und
wie er uns teuer geworden ist, zu wachsen. Er fhlte deutlich,
da seine Vorbildung noch immer unvollkommen sei und seine
Leistungen dadurch zurckgehalten wrden. Da er nun Vorlesungen
an der Berliner Universitt hrte, kam er bald in den anregenden
Kreis der spter so bedeutend gewordenen jungen Naturforscher Du
Bois-Reymond, Brcke, Helmholtz, und durch diesen Verkehr wurde
sein ernstes Streben nach wissenschaftlicher Durchbildung seines
Geistes mchtig gefrdert.

Unter den naturwissenschaftlichen Fragen, die ihn damals sofort
lebhaft beschftigten, stand das Problem der _Heiluftmaschine_,
die soeben von Stirling erfunden worden war, voran. Es schien
eine Zeitlang, als sollte sie der Antriebsmotor der Zukunft
werden, und die erste literarische Arbeit, die Werner Siemens
verfate, fhrte den Titel: _ber die Anwendung der erhitzten
Luft als Triebkraft_. Die Abhandlung erschien im Sommer 1845 in
Dinglers Polytechnischem Journal. Die abgeklrten Betrachtungen
darin sind auffallend, und die strenge Wissenschaftlichkeit
darin verblfft um so mehr, wenn man wei, da Werner noch im
Anfang des Jahrs in flammendem Enthusiasmus ber die Leistungen
der Stirlingschen Maschine an Wilhelm geschrieben hatte:
Ein Perpetuum mobile ist jetzt kein Unsinn mehr. Bis zur
Niederschrift seiner Betrachtungen ist er von dieser Ansicht,
die ein schwerer Irrtum war, vollstndig zurckgekommen, und
der Aufsatz steht bereits vollstndig auf dem Boden des groen
Perpetuum mobile-feindlichen Satzes von der Erhaltung der Kraft,
der gerade in jener Zeit von Julius Robert Mayer zum erstenmal
ausgesprochen worden, Siemens aber noch nicht bekannt war.

Wenn die Stirlingsche Maschine auch spter keine groe Bedeutung
erlangt hat, so ist sie, abgesehen von der Gelegenheit, die sie
Werner Siemens fr seine erste wissenschaftliche Bettigung
gegeben hat, auch noch dadurch wichtig geworden, da sie dessen
Brder Wilhelm und Friedrich Siemens zu ihren Arbeiten ber die
Wrmeausnutzung anregte und so zur Aufstellung des bedeutenden
Regenerativprinzips beitrug.

In Poggendorfs Annalen erschien im gleichen Jahr die zweite
wissenschaftliche Abhandlung aus Werner Siemens' Feder, und deren
Thema fiel bereits in das Gebiet der Elektrizitt. Den jungen
Physiker beschftigte schon seit lngerer Zeit das Problem der
_Messung von Geschogeschwindigkeiten_. Er sah bald ein, da die
Feststellung uerst geringer Zeitunterschiede auf dem bisher
immer wieder versuchten elektro-magnetischen Weg nicht gelingen
knne. Hierbei muten Massen bewegt werden, und diese brauchten
zur berwindung ihrer natrlichen Trgheit zu lange Zeit. Er
lie darum durch die fliegende Kugel, die an zwei Stellen ihres
Wegs Drhte berhrte, nicht magnetisierende Strme schlieen,
sondern Funkenentladungen hervorrufen, die Marken in einen rasch
rotierenden blanken Stahlzylinder brannten. Die Funken besitzen
keine Schwere und tun ihre Arbeit darum ohne Verzgerung. Was
er in dem Aufsatz _ber die Anwendung des elektrischen Funkens
zur Geschwindigkeitsmessung_ darlegte, wird mit entsprechenden
Abnderungen noch heute zur Messung von Geschogeschwindigkeiten,
insbesondere in Geschtzrohren, benutzt.

Seine Bemhungen um die Feststellung der Geschogeschwindigkeiten
brachte Siemens auch mit dem Uhrmacher _Leonhardt_ in Berhrung,
der fr die Artillerieprfungskommission auf gleichem Gebiet
ttig war. Zur selben Zeit machte Leonhardt fr den Generalstab
der Armee Versuche, die Klarheit darber schaffen sollten, ob
der rascher arbeitende elektrische Telegraph wohl imstande
sein knnte, den optischen zu ersetzen. Leonhardt bemhte
sich, fr diesen Zweck den unzuverlssigen _Zeigertelegraphen
von Wheatstone_ zu verbessern. Siemens stand ihm hierbei mit
pltzlich aufflammendem Interesse eifrig bei. Es gelang ihm zu
seiner eigenen berraschung sehr schnell, den charakteristischen
Fehler des Wheatstone-Apparats herauszufinden und diesen durch
eine Neukonstruktion zu verbessern.

Sogleich fhlte er deutlich, da der Telegraph eine groe Zukunft
haben, und da er selbst vermutlich befhigt sein wrde, an dem
Ausbau dieser Zukunft mit Erfolg und Vorteil mitzuarbeiten. Und
so sehen wir ihn jetzt den ersten Schritt auf dem Weg tun, der
ihn zum Gipfel fhren sollte.

Aber schon tritt von neuem der *Deus ex machina* auf und fat
ihn hindernd am Knchel. Der Gipfelweg verschwindet noch einmal
hinter Wolken.

Wenn man erfahren hat, an wie vielen wissenschaftlichen und
technischen Dingen Werner Siemens in jener Zeit eifrig und
schaffend arbeitete, so denkt man sicher nicht mehr daran, da er
zu jener Zeit noch Offizier war und fr alle diese Dinge nur die
Zeit brig hatte, die ihm der Dienst in der Artilleriewerkstatt
lie. Nur eisernster Flei vermochte ihm die Kraft zu geben,
immer weiter an seinem geistigen Aufstieg zu arbeiten. War der
Dienst also lngst eine hchst unangenehm empfundene Hemmung,
so schien es nun gar einen Augenblick, als ob das Rderwerk der
militrischen Zucht die ganze Zukunft des jungen Siemens zwischen
seinen Zhnen zermalmen wollte.

Er wurde pltzlich in einen politisch-religisen Konflikt
verwickelt.

Man brachte in jenen bewegten Zeiten den Rundreisen des
Predigers Johannes _Ronge_, eines frheren katholischen Kaplans,
lebhaftestes Interesse entgegen. Ronge hatte einen scharfen
Artikel gegen die von einer wahren Vlkerwanderung besuchte
Ausstellung des heiligen Rocks in Trier geschrieben und war zur
Strafe dafr exkommuniziert worden. Er strebte nun, Deutschland
durchziehend, die Grndung einer neuen deutsch-katholischen
Kirche an. Auch in Berlin trat er auf, und seine Versammlungen
wurden von vielen jungen Offizieren und Beamten besucht, die
damals smtlich liberal dachten.

Werner Siemens hatte sich nicht allzusehr um diese Bewegung
gekmmert, da seine naturwissenschaftlich-technischen Bemhungen
ihn weit davon hinwegtrugen. Aber er sollte durch eine zunchst
ganz uerliche Berhrung doch recht eng damit verknpft werden.
ber diesen Vorgang berichtet er in den Lebenserinnerungen:

Gerade als dieser Rongekultus auf seinem Hhepunkte angelangt
war, machte ich mit smtlichen Offizieren der Artilleriewerkstatt
-- neun an der Zahl -- nach Schlu der Arbeit eine Promenade im
Tiergarten. Unter den Zelten fanden wir viele Leute versammelt,
die lebhaften Reden zuhrten, in denen alle Gesinnungsgenossen
aufgefordert wurden, fr Johannes Ronge und gegen die Dunkelmnner
Stellung zu nehmen. Die Reden waren gut und wirkten vielleicht
gerade deswegen so berzeugend und hinreiend, weil man in
Preuen bis dahin an ffentliche Reden nicht gewhnt war.

[Illustration: Die erste Dynamomaschine]

[Illustration: Moderne Riesen-Dynamo der Siemens-Schuckert-Werke]

Als mir daher beim Fortgehen ein Bogen zur Unterschrift
vorgelegt wurde, der mit teilweise bekannten Namen schon
beinahe bedeckt war, nahm ich keinen Anstand, auch den meinigen
hinzuzufgen. Meinem Beispiel folgten die brigen zum Teil viel
lteren Offiziere ohne Ausnahme. Es dachte sich eigentlich keiner
dabei etwas Schlimmes. Jeder hielt es nur fr anstndig, seine
berzeugung auch seinerseits offen auszusprechen.

Aber gro war mein Schreck, als ich am anderen Morgen beim
Kaffee einen Blick in die Vossische Zeitung warf und als
Leitartikel einen Protest gegen Reaktion und Muckertum und
an der Spitze der Unterschriften meinen Namen und nach ihm die
meiner Kameraden fand.

Die Offiziere erfuhren bald, da sie zur Strafe aus der
Artilleriewerkstatt zu ihren Truppenteilen zurckversetzt
werden sollten. Fr Siemens drohte also die Gefahr, wieder nach
Wittenberg zu kommen, wo natrlich weitere Bestrebungen auf dem
Gebiet der Telegraphie unmglich gewesen wren.

Dagegen emprte sich alles in ihm, und er war schon stark genug,
nicht blo gegen das Schicksal zu wten, sondern es zu meistern.
Er fate einen Entschlu, der bei jedem anderen als bei einem
Menschen von genialer Kraft abenteuerlich zu nennen wre.

Etwas Besonderes mute geschehen, um sein weiteres Verbleiben in
Berlin zu ermglichen, das sah er klar. Er mute eine bedeutende
Erfindung machen, und zwar sofort, auf der Stelle! Es war gar
keine Zeit zu verlieren.

Doch eine solche Eingebung greift man nicht aus der Luft.
Siemens lie darum alle ihm in letzter Zeit bekannt gewordenen
Erfindungen an seinem Auge vorberziehen, um zu sehen, ob darunter
nicht eine wre, die er in auffallender Weise frdern knnte.
In einer schlaflosen Nacht fiel ihm da die _Schiebaumwolle_ ein,
die vor kurzem von Professor Schnbein in Basel erfunden worden
war. Man setzte damals in artilleristischen Kreisen groe Hoffnung
in diesen Stoff, der bei weitem krftiger explodierte als das
bisher verwendete Schwarzpulver. Strend war nur, da sich die
Schiebaumwolle sehr schnell zersetzte und daher praktisch nicht
verwendbar war.

Siemens beschlo in seiner Not, die Schiebaumwolle haltbar zu
machen, und ging sogleich mit loderndem Eifer an die Versuche.
Von seinem alten Lehrer in der Chemie, Erdmann, erwirkte er
sich die Erlaubnis, in dessen Laboratorium in der Kniglichen
Tierarzneischule experimentieren zu drfen. Dort versuchte er
und versuchte immer von neuem, Baumwolle mit Salpetersure zu
trnken. Er nahm immer strker konzentrierte Lsungen, aber die
grere Luftbestndigkeit wollte sich nicht einstellen.

Schlielich hatte er schon so viel Salpetersure verbraucht,
da der Vorrat zu Ende zu gehen drohte. Da begann er ihn durch
Mischung mit Schwefelsure zu strecken. Und siehe da! Pltzlich
hatte er, als er die Baumwolle mit dieser Mischung trnkte, ein
vorzgliches Produkt vor sich, das sich nicht zersetzte und ganz
ausgezeichnet explodierte. Ja, die Explosionsfhigkeit war sogar
noch besser, als Siemens selbst es vermutete, wie er bald zu
seinem Schrecken erfahren sollte.

Bis in die Nacht hinein hatte er in seiner Freude ber das
Gelingen der Versuche eine stattliche Menge der neuen guten
Schiebaumwolle hergestellt und sie in den Ofen des Laboratoriums
zum Trocknen gelegt. Als ich nach kurzem Schlaf am frhen
Morgen wieder nach dem Laboratorium ging, so erzhlt er, fand
ich den Professor trauernd unter Trmmern in der Mitte des
Zimmers stehen. Beim Heizen des Trockenofens hatte sich die
Schiebaumwolle entzndet und den Ofen zerstrt. Ein Blick machte
mir dies und zugleich das vollstndige Gelingen meiner Versuche
klar. Der Professor, mit dem ich in meiner Freude im Zimmer
herumzutanzen suchte, schien mich anfangs fr geistig gestrt zu
halten. Es kostete mir Mhe, ihn zu beruhigen und zur schnellen
Wiederaufnahme der Versuche zu bewegen. Um elf Uhr morgens hatte
ich schon ein ansehnliches Quantum Schiewolle gut verpackt
und sandte es mit einem dienstlichen Schreiben direkt an den
Kriegsminister.

Im Ministerium erkannte man sofort die Wichtigkeit der neuen
Zusammensetzung und lie Schieversuche damit anstellen. Und
wenn das Prparat auch in spteren Zeiten die Hoffnungen nicht
erfllte, die man damals darauf setzte, so war ihm doch der
Erfolg beschieden, Siemens vor der Strafversetzung zu bewahren.
Da man ihn in der Pulverfabrik zu Spandau fr den weiteren Ausbau
der Erfindung dringend brauchte, so war von der Verbannung nach
Wittenberg keine Rede mehr, und von den Kameraden, die jenes
Ronge-Manifest unterzeichnet hatten, blieb er als einziger in
Berlin zurck. Khne Selbsthilfe hatte ihn vor dem Verderben
bewahrt.

Die Vervollkommnung des Telegraphen wurde darauf weiter eifrig
betrieben, obwohl Siemens sich davon eine geschwinde Rettung
aus der immer noch andauernden finanziellen Trbsal nicht
versprechen konnte. Bald hatte er auf diesem Gebiet Erfindungen
von groer und bleibender Bedeutung gemacht, so unter anderem die
erste brauchbare Leitungsisolation hergestellt, wovon wir noch
ausfhrlich hren werden; schon erwog er, ob es nicht gnstig
fr ihn wre, den Abschied vom Militr zu nehmen, um sich ganz
der Telegraphentechnik zu widmen; schon grndete er eine kleine
Werkstatt zur Ausfhrung der von ihm erfundenen Apparate, da
wird er noch einmal von politischen Ereignissen aus seiner Bahn
gerissen.




Revolution und Krieg


Das Jahr 1848 hatte seine drohenden Wolken heraufgeschickt. Ohne
darauf vorbereitet zu sein, hrte Siemens pltzlich in sein
Laboratorium den Donner der Revolution hineinrollen. Er fhlte
bald, da jetzt keine Zeit wre, technische Neuerungen fr den
Staat zu schaffen, aber er stellte sich nicht entmutigt beiseite,
um besseres Wetter abzuwarten, er verlie nicht mit einer
sentimentalen Trne im Auge den wieder einmal morsch gewordenen
Bau seiner Zukunft, sondern er gab sofort darauf acht, was er der
Gegenwart Brauchbares leisten knnte.

In Berlin spielten sich die groen Ereignisse der Mrztage ab.
Siemens, der innerlich an der Bewegung teilnahm, mute doch
persnlich allen Kundgebungen fernbleiben, weil er des Knigs
Rock trug. Andererseits schlo ihn die Trennung von seinem
Truppenteil, die eine Folge seiner Abkommandierung war, von jeder
militrischen Aktion aus.

Bald darauf brach die Emprung der Schleswig-Holsteiner gegen die
dnische Herrschaft aus. Die Stadt _Kiel_ befreite sich zuerst,
und bald waren die Dnen aus Schleswig vertrieben. Sie rsteten
sich zur Wiedereroberung und drohten, besonders Kiel durch ein
Bombardement zu strafen.

Siemens' Schwager Himly war als Professor der Chemie schon seit
lngerer Zeit in Kiel ansssig, und die Schwester Mathilde
schrieb nach Berlin angstvolle Briefe, denn sie sah schon ihr am
Hafen gelegenes Haus von dnischen Kanonen zerstrt. Die Einfahrt
in die Fhrde war fr die feindlichen Schiffe leicht, da die
kleine Festung _Friedrichsort_, die den Hafeneingang sperrte,
sich noch in dnischen Hnden befand.

Der Hilferuf der Schwester lste in Werner Siemens einen
Gedanken von grter Tragweite aus. Er wollte den Verwandten
zu Hilfe eilen und berlegte sich, wie man wohl imstande sein
knne, die Dnen von der Einfahrt in den Hafen zurckzuhalten.
Als das einzig mgliche Mittel erschien ihm die Versenkung von
groen Pulvermengen in das Wasser des Hafens so, da sie beim
Darberfahren eines feindlichen Schiffs auf elektrischem Weg zur
Explosion gebracht werden konnten. Die Idee der _Unterseemine mit
elektrischer Zndung_ tauchte hier zum erstenmal auf, und der
Gedanke konnte auch nur aus dem Grund gefat werden, weil Werner
Siemens die einzig brauchbare Isolierung von Leitungsdrhten
gegen Seewasser geschaffen hatte.

Er bemhte sich sofort, einen Urlaub zur Fahrt nach Kiel zu
erhalten. Die provisorische Regierung in den Herzogtmern,
die von dem Plan Kenntnis erlangt hatte, sandte sogar einen
besonderen Boten nach Berlin, der die Erlaubnis fr Siemens
erwirken sollte. Diese konnte jedoch nicht erteilt werden, da ja
Preuen und Dnemark sich noch im Friedenszustand befanden. Jeder
fhlte aber, da der Ausbruch des Kriegs nur eine Frage von Tagen
war. Die Wartezeit benutzte Siemens, um groe Scke aus starker,
mit Kautschuk gedichteter Leinwand anzufertigen, von denen jeder
fnf Zentner Pulver fate; ferner bereitete er die isolierten
Leitungen sowie die galvanischen Zndbatterien vor.

Endlich teilte ihm der Departementschef im Kriegsministerium,
General von Reyher, in dessen Vorzimmer er tglich auf die
Entscheidung wartete, mit, da der Krieg gegen Dnemark
beschlossen wre, und da er als erste feindliche Handlung
Siemens den gewnschten Urlaub gewhre. Dieser brach sofort
nach Kiel auf. Dort brachte sein Erscheinen in preuischer
Uniform den Einwohnern die erwnschte Kunde von der ersehnten
Kriegserklrung, und der Leutnant Siemens wurde darum mit
begeistertem Jubel empfangen.

Sein Schwager Himly hatte indessen in Kiel schon alle Anstalten
getroffen, damit die Minen schnell ausgelegt werden knnten,
denn man erwartete tglich das Eintreffen der dnischen Flotte.

Es war, wie Siemens erzhlt, eine Schiffsladung von Rendsburg
bereits eingetroffen, und eine Anzahl groer Stckfsser stand
gut gedichtet und verpicht bereit, um einstweilen statt der
noch nicht vollendeten Kautschukscke benutzt zu werden. Diese
Fsser wurden schleunigst mit Pulver gefllt, mit Zndern
versehen und in der fr groe Schiffe ziemlich engen Fahrstrae
vor der Badeanstalt derart verankert, da sie etwa 20 Fu unter
dem Wasserspiegel schwebten. Die Zndleitungen wurden nach
zwei gedeckten Punkten am Ufer gefhrt, und der Stromlauf so
geschaltet, da eine Mine explodieren mute, wenn an beiden
Punkten gleichzeitig die Kontakte fr ihre Leitung geschlossen
waren.

Fr jede Mine wurden an den beiden Beobachtungsstellen
Richtstbe aufgestellt und die Instruktion erteilt, da der
Kontakt geschlossen werden msse, wenn ein feindliches Schiff
sich in der Richtlinie der betreffenden Stbe befinde, und so
lange geschlossen bleiben msse, bis sich das Schiff wieder
vollstndig aus der Richtlinie entfernt habe. Waren die
Kontakte beider Richtlinien in irgendeinem Moment gleichzeitig
geschlossen, so mute das Schiff sich gerade ber der Mine
befinden. Durch Versuche mit kleinen Minen und Booten wurde
konstatiert, da diese Zndeinrichtung vollkommen sicher
funktionierte.

Sie ist fr sptere derartige Einrichtungen vorbildlich geworden.

Doch mit seinen Minen glaubte Siemens den Hafen immer noch nicht
genug geschtzt. Er berechnete, da die Dnen, ohne in den Hafen
einzufahren, von Friedrichsort her Kiel bombardieren knnten.
Daher hielt er es fr notwendig, die Eingangsfestung den Feinden
aus der Hand zu nehmen.

Er hielt eine flammende Rede an die Kieler Brgerwehr, und es
gelang ihm auch wirklich, sie als Eroberungsheer zu konstituieren.
An der Spitze eines Expeditionskorps von 200 Mann zog er aus, und
nach kurzer Zeit hatten sie wirklich die Festung Friedrichsort
erobert. Sie war nur von wenigen Invaliden besetzt gewesen.
Ein Widerstand irgendwelcher Art machte sich _leider_ nicht
bemerklich, so schreibt Siemens darber.

Auch als Festungskommandant entfaltete er eine seltene Tatkraft.
Friedrichsort wurde gleichfalls durch Minen gesichert, von
denen eine infolge einer Unvorsichtigkeit explodierte und die
ganze Gewalt solcher Anlagen offenbarte. Die Dnen, die von
diesen Veranstaltungen hrten, bekamen einen derartigen Respekt
davor, da sie wirklich whrend des ganzen Kriegs nicht ein
einziges Mal versucht haben, in den Kieler Hafen einzufahren.
Daher konnten die berhmten Elektrominen im inneren Hafen zwar
niemals zur Anwendung kommen, es ist aber kein Zweifel, da sie
im Bedarfsfall ihre ganze Schuldigkeit getan htten; denn als
man die Pulverscke nach Verlauf von zwei Jahren wieder aus
dem Wasser herausnahm, erwies sich der Inhalt noch immer als
vollkommen staubtrocken.

Durch ein Schreiben aus dem preuischen Hauptquartier ward
Siemens wegen der unter seinem Kommando erfolgten Besitznahme
der Seebatterie Friedrichsort feierlich belobt, und als er
spter mit dem berhmten Fhrer des Feldheers, dem General
_Wrangel_, in einer glnzenden Versammlung von Prinzen und
hheren Offizieren zusammentraf, da mute sich, dem Beispiel
des Hchstkommandierenden folgend, die ganze Tafel zu Ehren des
khnen Festungseroberers erheben.

Er hat dann spter auch noch die Verteidigung von Eckernfrde
geleitet. Die von ihm dort angelegten Batterien taten sich
spter noch rhmlichst dadurch hervor, da sie das dnische
Linienschiff Christian VIII. in Brand schossen und die Fregatte
Gefion kampfunfhig machten. Er selbst aber hatte zu wirklichen
Kriegstaten keine Gelegenheit mehr und war daher sehr froh, als
die bald beginnenden Friedensverhandlungen ihm gestatteten, nach
Berlin zurckzukehren.

Damit schlieen Werner Siemens' Werdejahre ab. Es beginnt
nunmehr die Zeit der Reife, der groen Schpfungen, die die
Kulturentwicklung der Menschheit bleibend beeinflut haben. Lange
Zeit war es ausschlielich die elektrische Gedankenbermittlung,
die Telegraphie, die ihn beschftigte.

Um die Tragweite der Siemensschen Taten auf dem Gebiet der
Telegraphie voll wrdigen zu knnen, ist es notwendig, zu wissen,
was bis zu seinem Auftreten auf diesem Gebiet geleistet worden
war. Es sei darum hier eine kurze Geschichte der Telegraphie
eingeschaltet, wobei wir in der glcklichen Lage sind, einer
Darstellung des Meisters selbst folgen zu knnen, die er einst in
einem gemeinverstndlichen Vortrag gegeben hat. Dieser ist uns
in einer von Virchow und Holtzendorff herausgegebenen Sammlung
erhalten geblieben.




Telegraphen-Apparate


Der heutigen Zeit, die hunderttausend Pferdekrfte in Form
elektrischer Energie durch dnne Drhte weithin sendet, die sich
des Telephons als etwas Selbstverstndlichem bedient, erscheint
der Telegraph nicht mehr als die hchst geheimnisvolle, ungeahnte
Mglichkeiten erschlieende Einrichtung, die er fr unsere
Vorfahren im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts war.
Erfllte der Telegraph doch zum erstenmal einen Wunsch der
Menschheit, der seit Jahrhunderten in Mrchen- und Sagengestalten
immer wieder seinen Ausdruck gefunden hatte: mit der Geschwindigkeit
des Blitzes an verschiedenen Orten zugleich wirken, den
widerstehenden Raum mhelos berwinden zu knnen. Hier ward das
Wunder vollbracht. Man dachte zunchst an gar keine andere
Nutzungsmglichkeit der eben entdeckten Elektrizitt, als daran,
ihre Fhigkeit der fast unendlich raschen Ausbreitung zur
geschwinden bermittlung des Gedankens von Ort zu Ort auszunutzen.
Die Bemhungen hierum setzten mit raschem Zugreifen ein.

Im Jahre 1780 sah _Galvani_ den Froschschenkel, den er, auf einen
kupfernen Haken gespiet, am eisernen Treppengelnder aufgehngt
hatte, in geheimnisvoller Weise zucken. 1794 klrte Alessandro
_Volta_ die Ursache dieser Muskelkontraktion auf. Er stellte
fest, da nicht eine geheimnisvolle Kraft im Froschschenkel
selbst, sondern durchflieende Elektrizitt die Ursache gewesen
sei. Mit Hilfe der Voltaschen Sule gelang es zum erstenmal,
dauernde galvanische Strme zu erzeugen.

Man erfuhr bald, da solch ein Strom beim Durchgang durch
gesuertes Wasser imstande sei, dieses in seine chemischen
Bestandteile, Sauerstoff und Wasserstoff, zu zerlegen. Und
schon im Jahre 1808 machte der Mnchener Arzt *Dr.* _Smmering_
den Vorschlag, diese Eigenschaft des elektrischen Stroms zur
Herstellung einer telegraphischen Verbindung entfernter Orte zu
benutzen.

Smmering brachte in einem Glasgef 26 Goldspitzen an, von denen
jede mit einem Buchstaben des Alphabets bezeichnet war. Die Spitzen
standen durch 26 Leitungen mit ebensovielen Tasten am Gebeort in
Verbindung. In einen 27. Draht, der die Flssigkeit im Gef
leitend mit der Gebestation verband, war eine galvanische Batterie
eingeschaltet. Sobald am Gebeort eine Taste niedergedrckt wurde,
begann eine Entwicklung von Gasblschen an der betreffenden
Goldspitze der Empfangsstelle, so da der Beobachter am Empfangsort
erkennen konnte, welche Taste in der Ferne niedergedrckt worden
war. Auf diese Weise vermochte man also, wenn auch langsam, Worte
zu bermitteln.

Smmering stellte diesen ersten elektrischen Telegraphen der
Mnchener Akademie vor. Aber wegen der vielen Leitungen, die
notwendig waren, und infolge der Schwierigkeit, diese gengend
zu isolieren, konnte die Anordnung keine praktische Verwendung
finden.

Professor _Schweigger_ in Erlangen schlug darum vor, statt
der 26 Goldspitzen nur 2 zu nehmen. Durch eine Vorrichtung,
die ein Umpolen der stromgebenden Batterie gestattete, wollte
er die Entwicklung von Wasserstoff willkrlich bald an der
einen, bald an der anderen Spitze stattfinden lassen. Man sieht
nmlich an der Wasserstoffspitze eine bedeutend grere Zahl von
Gasblschen aufsteigen als an der anderen, wo Sauerstoff erzeugt
wird. War nun ein Alphabet vereinbart, das jeden Buchstaben
durch eine bestimmte Reihenfolge der ihren Ort wechselnden
Wasserstoffentwicklung darstellte, so konnte man mit Hilfe von
zwei Drhten dasselbe erreichen wie Smmering mit seiner groen
Zahl von Leitungen. Doch auch der Schweiggersche Telegraph hat
keine praktische Verwendung gefunden, da mit den damaligen
Hilfsmitteln eine deutliche Abgabe der Gasblschenzeichen nicht
mglich war.

Erst als _Oersted_ in Kopenhagen im Jahre 1820 die epochale
Entdeckung gemacht hatte, da ein elektrischer Strom, der in
der Nhe einer frei schwebenden Magnetnadel parallel mit dieser
vorbeigefhrt wird, die Nadel abzulenken vermag, und da diese
Ablenkung von der Richtung des elektrischen Stroms abhngt, tat
die Telegraphie einen weiteren wichtigen Schritt.

_Ampre_ in Paris schlug sofort vor, diese Eigenschaft des
elektrischen Stroms zur bermittlung von Nachrichten zu
verwenden. Er wollte so viel Nadeln aufhngen, wie das Alphabet
Buchstaben besitzt, und eine jede Nadel durch einen darunter
fortgefhrten Draht von fernher ablenkbar machen. Hierzu htte
man wiederum 27 Drhte ntig gehabt. Ein solcher Amprescher
Apparat ist nie gebaut worden.

_Fechner_ gab aber hierzu eine ebensolche Vereinfachung an, wie
sie Schweigger fr den Smmeringschen Apparat empfohlen hatte,
indem er nur _eine_ Nadel mit willkrlich wechselnder Ablenkung
nach beiden Richtungen anordnete. Die Wirkung der Strme wurde
dadurch verstrkt, da man den Draht in vielen Windungen um die
Nadel herumfhrte. Nadeltelegraphen, die auf diesem Fechnerschen
Grundgedanken beruhen, sind spter, als die Technik weiter
vorgeschritten war, hufig angewendet worden und, wenn auch in
abgenderter Form, bei Beobachtungsinstrumenten noch heute im
Gebrauch.

Nicht lange darauf wurden durch _Arago_ und namentlich durch die
genialen Forschungen Michael _Faradays_ der Elektromagnetismus
und die Magnetinduktion entdeckt. _Gau_ und _Weber_ in Gttingen
benutzten die Tatsache, da die Verschiebung einer Drahtrolle
in einem magnetischen Feld Stromste hervorruft, dazu, einen
Nadelempfnger zu beeinflussen. Dieser erste Telegraph, bei dem
kein Batteriestrom verwendet wurde, ist besonders bedeutungsvoll
dadurch geworden, da er zum erstenmal zu einer wirklichen
telegraphischen Verbindung ber eine gewisse Entfernung gedient
hat. In dem Zeitabschnitt von 1833 bis 1844 verband ein
Gau-Weberscher Telegraph das Observatorium in Gttingen mit der
dortigen Sternwarte. Im letztgenannten Jahr schlug ein Blitz in
die ber die Stadt Gttingen gefhrte Leitung und zerstrte sie
vollstndig.

_Steinheil_ in Mnchen baute im Jahre 1837 die zweite in Gebrauch
genommene Telegraphenanlage zwischen dem Akademiegebude in
der bayerischen Hauptstadt und der Sternwarte im benachbarten
Bogenhausen. Ihm gelang es schon, die Nadelschwankungen auf
einen vorbeigleitenden Papierstreifen durch feine Farblinien
aufzeichnen zu lassen, und ihm gebhrt darum das Verdienst,
den ersten Schreibtelegraphen hergestellt zu haben. Er war es
auch, der die Entdeckung machte, da man mit einem einzigen
Leitungsdraht auskommen und die Erde als Rckleitung benutzen
knne, wenn man sowohl am Gebe- wie am Empfangsort je eine
mit der Leitung verbundene Metallplatte in offenes Wasser
oder in feuchtes Erdreich einsenkt. _Schilling von Cannstadt_
erweiterte den Steinheilschen Telegraphen durch die Zufgung
eines Glockenwerks, das durch die erste Ablenkung der Magnetnadel
ausgelst wurde.

Bis dahin waren es ausschlielich Deutsche gewesen, die an der
Entwicklung des Telegraphen gearbeitet hatten. Nun ging die
Fhrung eine Zeitlang an die Englnder und Amerikaner ber.
_Wheatstone_ und _Morse_ waren es, die durch ihre Apparate eine
neue groe Periode der elektrischen Nachrichtenbermittlung
herbeifhrten. Aber sofort war es von neuem einem Deutschen
beschieden, hier bahnbrechend einzugreifen, und dieser Deutsche
hie Werner Siemens.

Bis zu seinem Auftreten konnte von einem richtigen
telegraphischen Verkehr nicht die Rede sein. Zehn Jahre spter
war das groe Welttelegraphennetz bereits in lebhaftem Ausbau und
ist auf den Bahnen, die Siemens ihm vorgeschrieben hat, bis zum
heutigen Tag weitergefhrt worden.

Als Siemens den Wheatstoneschen Zeigertelegraphen kennen lernte,
gelang ihm, wie wir wissen, sofort eine Verbesserung dieser
unzuverlssigen Maschine. Wheatstone hatte die Buchstaben des
Alphabets im Kreis auf einem Zifferblatt angeordnet. Darber
war eine drehbare Nadel angebracht. An dem Empfangsort befand
sich ein gleicher Buchstabenkreis, ber den man eine Kurbel
hinwegbewegen konnte. Durch das Drehen der Kurbel von einem
Buchstaben zum anderen wurde immer ein Stromsto in die Leitung
gesandt, und damit die Nadel um einen Buchstaben weiterbewegt.
Kurbel und Nadel sollten auf diese Weise stets den gleichen Stand
haben, so da in einfachster Weise htte telegraphiert werden
knnen. Die bereinstimmung war jedoch uerst mangelhaft, und
erst Siemens vermochte hier Sicherheit zu erwirken. Er formte den
Apparat dann noch weiter um, indem er an die Stelle der gebenden
Kurbel Tasten mit Buchstabenbenennung setzte.

Die gesamte Bemhung um die Nadeltelegraphie war jedoch sofort
zu Ende, als der _Morse-Apparat_ erschien. Hier wurde der
vortreffliche Gedanke verwendet, durch einen Magnet einen Anker
anziehen zu lassen und dadurch ein Aufschreiben von Zeichen
auf einem an der Ankerspitze vorbeirollenden Papierstreifen
zu bewirken. Sobald man am Gebeort durch Niederdrcken einer
Taste einen Stromschlu hervorruft, wird drben der Anker
angezogen, und dessen Spitze schreibt bei lngerem Niederdrcken
der Taste auf den Papierstreifen einen Strich, bei krzerem
Niederhalten einen Punkt. Aus Punkten und Strichen setzte
Morse in ausgezeichneter Weise ein Alphabet zusammen, das wir
noch heute in der Draht- und sogar in der Funkentelegraphie
verwenden. Der Apparat wurde zum Grundpfeiler der elektrischen
Nachrichtenbermittlung.

Aber doch nur, nachdem er durch Siemens' Hand die brauchbare
Gestalt erhalten, und nachdem seiner Wirkungsfhigkeit durch
denselben Mann freie Bahn erffnet worden war.

So wie der Morse-Apparat nach Europa kam, als Uhrmacherarbeit,
war er keinesfalls zu verwenden. An ihm bettigte Siemens
zum erstenmal seinen fabrikatorisch-technischen Grundsatz,
dem er das ganze Leben hindurch treu geblieben ist, nmlich,
sorgfltige und dauerhafte Arbeit zu leisten. So gab er dem Morse
haltbare Laufwerke mit Selbstregulierung der Geschwindigkeit,
zuverlssig wirkende Magnetsysteme und sichere Kontakte. Er
bildete ihn allmhlich zu dem Apparat durch, der heute noch als
Normal-Morseschreiber bei den Eisenbahnen und Postanstalten
Deutschlands in groer Zahl verwendet wird.

Schon berraschend frhzeitig dachte Siemens daran, den
telegraphischen Verkehr dadurch zu beschleunigen und zugleich
die Depeschen klarer lesbar zu machen, da er Apparate fr
_automatische Sendung_ konstruierte. Er lie Typen, die mit
den Morsezeichen versehen waren, zusammensetzen und sie unter
einer Vorrichtung rasch hindurchtreiben, die nun Punkte und
Striche geschwind durch die Leitung schickte. Spter verbesserte
er durch die Konstruktion einer _Dreitastenstanzmaschine_ den
selbstttigen Lochstreifensender, der die Grundlage fr die
feinste Blte der automatischen Zeichengebung, den Siemens &
Halskeschen Schnelltelegraphen, geworden ist; mit diesem kann man
heute bis zu 2000 Zeichen in der Minute durch den Draht senden.

Ein wenig an Zauberei gemahnt immer das Verfahren, das uns
ermglicht, durch _einen_ Draht zu gleicher Zeit zwei Telegramme nach
beiden Richtungen zu senden. Von jeder der beiden Leitungsendstellen
aus wird im gleichen Augenblick etwas anders telegraphiert; die
Strme durchdringen sich sozusagen gegenseitig in der Leitung, aber
sie stren einander dennoch nicht. Ganz deutlich und klar kommt
jedes der beiden zur gleichen Zeit durch den Draht laufenden
Telegramme am Empfangsort an. Werner Siemens ist es gewesen, der
diese _Gegensprechmethode_, wie sie noch heute genannt wird,
erfunden hat. Die Mglichkeit dazu wird durch eine sehr fein
erdachte Schaltungsmethode an beiden Endpunkten der Leitung gegeben.
Zur selben Zeit wie Siemens erfand auch der Telegrapheninspektor
Carl _Frischen_ in Hannover das Gegensprechen; dieser hat spter
als Ingenieur der Firma Siemens & Halske dort eine bedeutende
Stellung eingenommen und ist der Vater des Blocksystems, der
wichtigsten Sicherungsanlage fr Eisenbahnen, geworden.

Als sich bei der immer grer werdenden Ausdehnung der
Telegraphenleitungen die Notwendigkeit zeigte, die niedrig
gespannten Batteriestrme in hher gespannte Gleichstrme
umzuwandeln, konstruierte Werner Siemens eine _Tellermaschine_,
welche die damals technisch nicht einfache Aufgabe glnzend
lste. Diese Tellermaschine ist als Vorluferin der Dynamomaschine
anzusehen, und zugleich ist in ihr zum erstenmal das Prinzip des
_Transformators_ verwendet, das fr die heutige Starkstromtechnik
eine so berragende Bedeutung gewonnen hat.

Allen wohl sind die groen Lutewerke bekannt, die an jeder
Eisenbahnwrterbude stehen. Sie dienen dazu, dem Wrter durch
das Ertnen der Glocke erkennen zu lassen, da alsbald ein Zug
herankommen wird. Die Signale werden mittels des elektrischen
Stroms von dem nchsten Bahnhof her gegeben. Im Anfang mute man
so krftige Strme hierfr verwenden, da sie imstande waren, die
schweren Glockenklppel selbst durch Magnetanziehung in Ttigkeit
zu setzen. Siemens fhrte hier durch einen Gedanken, der fortab
auch an vielen anderen Stellen verwendet worden ist, eine sehr
bedeutende Erleichterung der Zeichengebung ein. Er brachte in
den Gehusen der Glocken Uhrwerke an, durch die, sobald die
Sperrung ausgelst ist, die Klppel bewegt, und so die Glocken
zum Tnen gebracht werden. Der elektrische Strom braucht jetzt im
Augenblick der Zeichengebung nur noch die _Sperrung auszulsen_,
kann also sehr viel schwcher sein.

Die Beschftigung mit den Eisenbahnlutewerken regte Werner
Siemens auch dazu an, darber nachzudenken, ob die sehr
unbequemen galvanischen Batterien, die sehr viel Wartung
beanspruchten und auf den an der freien Strecke gelegenen
Zwischenpunkten niemals sachgem gepflegt wurden, nicht durch
andere Stromgeber ersetzt werden knnten. Es gab damals schon
die Magnetinduktionsmaschine, bei der durch Drehen eines Ankers
zwischen den Polen von Stahlmagneten Elektrizitt erzeugt wurde.
Siemens war jedoch nicht der Mann, diese Maschine, als sie ihm
fr seine Zwecke geeignet schien, einfach in der hergebrachten
Form zu bernehmen. Er erfand vielmehr sofort eine Verbesserung,
die wohl zum erstenmal seinen Namen in der ganzen technischen
Welt bekannt gemacht hat.

Es entstand fr diese Eisenbahnlutewerke der _Doppel-T-Anker_,
in England *Siemens armature* genannt. Dieser verbesserte den
Wirkungsgrad der Induktoren ganz auerordentlich, und wir
werden seine Bedeutung auch fr die Dynamomaschine spter noch
kennen lernen. Heute noch ist der Doppel-T-Anker bei allen
Magnetinduktoren, die fr Telephonruf und fr Signalzwecke
verwendet werden, in smtlichen Lndern der Erde in unzhligen
Exemplaren im Gebrauch.

Aber trotz dieser fruchtbaren erfinderischen Ttigkeit liegt die
epochale Leistung Werner Siemens' fr die Telegraphie doch auf
einem Gebiet, das mit deren Apparatur selbst nichts zu tun hat,
sondern nur das anscheinend nebenschliche, aber schlielich doch
wichtigste Zwischenglied betrifft: die Leitung.

Der Gelehrte, so schreibt er einmal, konnte leicht Methoden
und Kombinationen ersinnen, welche telegraphische Mitteilungen
mglich machten, und welche sich auch, im Zimmer versucht,
trefflich bewhrten. In Wirklichkeit trat aber ein neues
schlimmes Element hinzu, welches seine Plne durchkreuzte -- die
isolierte Leitung zwischen den telegraphisch zu verbindenden
Orten. Seltsamerweise bevorzugte man in jenen Zeiten die
unterirdischen Telegraphenleitungen vor den durch die Luft
gefhrten. Um so mehr war eine grndliche Isolierung der Drhte
notwendig, und eine solche war nicht vorhanden. Gerade das trieb
Siemens dazu, der Telegraphie seine Lebensarbeit zu widmen.




Das Leitungsnetz


Schon gleich nachdem ihm die Verbesserung des Wheatstoneschen
Zeigertelegraphen gelungen, war es, wie wir schon gehrt haben,
Werner Siemens ganz klar geworden, da er hier seinen Lebensweg
gefunden habe. Endgltig warf er alle Erfindungsspekulationen
hinter sich und begann eine Arbeit, die erst in der Zukunft
Frchte bringen konnte, obgleich die materiellen Sorgen ihn
schwer bedrngten.

Am 13. Dezember 1846 schreibt er an seinen Bruder Wilhelm:
Ich bin jetzt ziemlich entschlossen, mir eine feste Laufbahn
durch die Telegraphie zu bilden, sei es in oder auer dem
Militr. Die Telegraphie wird eine eigene wichtige Branche
der wissenschaftlichen Technik werden, und ich fhle mich
einigermaen berufen, organisierend in ihr aufzutreten, da sie,
meiner berzeugung nach, noch in ihrer ersten Kindheit liegt
... Man mu doch endlich einmal suchen, irgendwo festen Fu zu
fassen. Meyer schenkte mir gestern eine Tasse mit der Aufschrift:
Schier dreiig Jahre bist du alt! -- Die Wahrheit dieses
Ausspruchs macht bedenklich und spornt zur Eile an. Wenn nur das
verdammte Geld einen nicht im Drecke festhielte!

Und dann kommt es wie eine Offenbarung ber ihn, da er richtig
gehandelt habe und niemals mehr werde zurckzuweichen brauchen.
In einem Brief vom 3. Januar 1847 an Wilhelm, der ihm inzwischen
geantwortet und ihn in seinem Vorhaben bestrkt hatte, heit es:

Die trbe Stimmung (der Neujahrsnacht) wurde durch die neue
Bahn, die ich mir zum 30. Geburtstage geschenkt habe, gemildert.
Ich habe mich im alten Jahre aller sanguinischen Hoffnungen,
aller der vielen sich teils durchkreuzenden Plne entledigt
und will, mit Deinem Rate bereinstimmend, alle meine Krfte
dem einen Ziele, der galvanischen Telegraphie und was daran
hngt und dazu nutzt, widmen! Ich will suchen, mich mit aller
Anstrengung aus der verzweifelten Lage, in der ich mich befinde,
herauszuarbeiten und wnsche mir selbst Ausdauer und Gesundheit
dazu ...

Ich kndige Dir hierdurch unsere Kompanieschaft und entsage
allen Ansprchen auf die aus einer durch Dich vielleicht
herbeigefhrten glcklichen Wendung unserer bisherigen gemeinsamen
Angelegenheiten entspringenden Einnahmen. Wir knnen darum doch
treue Brder bleiben, knnen uns gegenseitig raten und helfen.

Ist es nicht, als wenn hier die Macht, die das Schicksal der
Menschheit lenkt, ihrem Werkzeug zugeflstert habe: das gelobte
Land liegt hier vor dir!

Denn in Wirklichkeit war ja noch gar nichts geschehen, was zu
groen Hoffnungen berechtigte. Nun erst setzt sich Siemens mit
einer kleinen Werkstatt in Verbindung, die von den Mechanikern
Bttcher und _Halske_ geleitet wurde. Er zeigt einen von ihm
erdachten Telegraphenapparat, und der vorzgliche Gang begeistert
Halske so sehr, da er sofort beschliet, den Apparat mechanisch
exakt auszufhren.

Siemens hatte lange gesucht, bis er in der damaligen noch so
untechnischen Welt jemand fand, auf dessen Arbeit er sich
verlassen konnte. Er wute ganz genau, da von der Sorgfalt der
mechanischen Abarbeitung alles knftige Gelingen beim Ausbau der
Telegraphenapparatur abhing. Und das ist ein Grundsatz, den er
spter auf die Grofabrikation bertragen hat, und der lebhaft
mithalf, die von ihm begrndete Firma gro und bedeutend zu
machen.

Die berraschend sicher laufenden Apparate erregten das Interesse
des Generalstabs, in dessen Hnden damals die gesamte Telegraphie
lag. Der Telegraphendirektor Oberst Etzel erwirkte, als schon
wieder eine Rckversetzung nach Wittenberg drohte, Siemens'
Kommandierung zur Militrtelegraphie.

Hierbei nahm Werner Siemens wahr, da die Hauptschwierigkeit beim
Bau der gewnschten unterirdischen Leitungen die mangelhafte
Isolation war. Jacobi hatte versucht, die Leitungen mit
Kautschuk oder Harzen zu umkleiden und sie durch Glasrhren
hindurchzuziehen. Aber die Feuchtigkeit des Bodens drang in die
Nhte des Kautschuks und in die Verbindungsstellen zwischen den
Glasrhren ein. Nur eine zusammenhngende isolierende Masse
konnte hier helfen. Es gelang Siemens, sie aufzufinden.

Kurz vor jener Periode hatte Jos d'Almeida der Asiatischen
Gesellschaft in London ein Stck _Guttapercha_ vorgelegt. Dieser
Stoff wird aus dem Saft eines Baums gewonnen, der nur auf der
Halbinsel Malakka, den Inseln Sumatra und Borneo sowie einigen
kleinen benachbarten Inselgruppen wchst. Man schenkte der
Guttapercha jedoch keinerlei Interesse, bis der Arzt Montgomery
einige daraus gefertigte Gegenstnde, wie Rohre und Flaschen, aus
Hinterindien nach England mitbrachte. Da wurde Wilhelm Siemens
darauf aufmerksam und schickte seinem Bruder Werner ein Stck
Guttapercha als Kuriositt zu.

Dieser beobachtete, da die Masse in erwrmtem Zustand
plastisch wurde und sehr gute isolierende Eigenschaften besa.
Er berzog einige Drahtproben mit erwrmter Guttapercha und
fand, da die Drhte vorzglich isoliert waren. Sogleich legte
er der Telegraphenkommission die Guttaperchaleitungen vor,
und man veranstaltete eine Probeverlegung auf dem Gelnde der
Anhaltischen Bahn. Es zeigte sich jedoch bald, da die Naht, die
in der Umhllung vorhanden war, weil man die erwrmte Guttapercha
um den Draht herumgewalzt hatte, sich leicht lste, wodurch
die Isolierung unbrauchbar wurde. Da erfand Werner Siemens die
_Guttapercha-Schraubenpresse_, die gestattete, den Stoff unter
Anwendung hohen Drucks nahtlos um den Kupferdraht zu fgen. Das
ist das groe Ereignis, von dem ab die Menschheit in den Besitz
ausgezeichnet isolierter Drhte gelangte.

Sofort wurde Werner Siemens beauftragt, eine lngere
unterirdische Leitung zu legen, und zwar von Berlin bis
Grobeeren. Sie bewhrte sich ausgezeichnet. Und nun erschien
Siemens das Aufblhen des Telegraphen unmittelbar bevorzustehen.

Obgleich er noch immer Offizier war, veranlate er den Mechaniker
J. G. Halske, aus der Firma, der er bisher angehrte, auszutreten
und mit ihm zusammen eine Werkstatt zu begrnden. Am 12. Oktober
1847 wurde diese in einem Hinterhaus der Schneberger Strae
erffnet, in dem auch Halske und Siemens selbst Wohnung nahmen.
Ein Vetter, der Justizrat Georg Siemens, der sptere Direktor
der Deutschen Bank und Vater des Bagdadbahn-Unternehmens, hatte
hierzu 6000 Taler hergegeben. Diese Anleihe ist die einzige
geblieben, die fr das Geschft gemacht wurde. Ohne weitere
Inanspruchnahme fremden Kapitals erwuchs hieraus die Weltfirma
Siemens & Halske. Wir werden im Verlauf der nun folgenden
Darstellung die Entwicklung dieser Firma nicht genauer verfolgen,
da sie in einem spteren besonderen Abschnitt zusammenhngend
dargestellt werden soll.

Vorlufig konnte der Leutnant Siemens nur als stiller Teilnehmer
an dem Geschft mitarbeiten, aber er war doch die tragende Kraft
des Unternehmens. Als ihm kurze Zeit spter die Stellung als
Leiter der preuischen Staatstelegraphen angeboten wurde, lehnte
er jugendkrftig diese bequeme Versorgung ab, um die Hnde zu
weiteren selbstndigen Arbeiten frei zu haben.

Aber schon in dieser Periode geringer Entwicklung dachte er
daran, welchen Nutzen der Telegraph der Allgemeinheit bringen
knnte. Er kmpfte in der Kommission des Generalstabs dafr, da
die Benutzung der Telegraphenlinien auch dem Publikum gestattet
wrde, was bis dahin nicht der Fall war. Es gelang jedoch erst
spter, diesen Gedanken durchzusetzen, der das ffentliche Wohl
so lebhaft frdern sollte.

Whrend sich nun alles in bester Entwicklung befand, brach
der Sturm von 1848 los, dessen Einwirkung auf Werner Siemens
wir bereits geschildert haben, ebenso wie seine Teilnahme
an dem Kampf gegen Dnemark. Dabei haben wir gesehen, wie
vortrefflich er die eben neu hergestellten Leitungen mit
Guttapercha-Isolierung fr die Minen zur Verteidigung des Hafens
zu verwenden wute.

Als der Festungseroberer und Batteriekommandant heimkehrte, fand er
eine recht lebhaft vernderte Situation vor. Die Telegraphenverwaltung
war dem Militr entzogen und dem Handelsministerium unterstellt
worden. Zum Leiter dieser Abteilung war ein Regierungsassessor
_Nottebohm_ ernannt worden, den Siemens von einem Verwaltungsposten
in der Telegraphenkommission her kannte und nicht sonderlich
schtzte. Halske hatte inzwischen dafr gesorgt, da die kleine
Fabrik weiterarbeitete, und so konnte sie sich gleich an der
Ausfhrung eines groen Unternehmens beteiligen, zu dessen Leitung
Werner Siemens berufen wurde.

Man wollte mglichst schnell eine _unterirdische Leitung von
Berlin nach Frankfurt a. M._ verlegt haben, wo die Deutsche
Nationalversammlung, das berhmte Parlament der Paulskirche,
tagte. Mit der Lieferung der Apparate wurde Halske beauftragt.
Die isolierten Drhte wurden von der Berliner Gummifabrik
Fonrobert & Pruckner bezogen, an die Siemens das Recht zur
Herstellung der Guttapercha-Isolierung mit der von ihm erfundenen
Presse bertragen hatte.

Siemens war also, wie Ehrenberg schreibt, an dem Bau der
Linie nach Frankfurt in dreifacher Weise beteiligt: als
Staatsangestellter, als stiller Teilhaber von Halske und als
vertragsmig beteiligter Interessent bei der Firma, welche
die Leitungen lieferte. Es war ein verwickeltes und offenbar
auf die Dauer nicht mgliches Verhltnis. Dabei wurde an dem
Unternehmen nicht viel verdient. Werner meinte: Wenn 5000
Taler brigbleiben, knnen wir zufrieden sein! Doch wurden es
schlielich bei weitem nicht so viel.

Selbstverstndlich mute die Leitung unterirdisch gefhrt werden,
da man in Deutschland, wie damals berall, die Furcht hegte, da
oberirdisch gefhrte Drhte von Mutwilligen zerstrt oder von
diebischen Leuten, die der Wert der Drhte lockte, herabgerissen
werden knnten. Siemens empfahl, sich bei den in die Erde
einzusenkenden Kabeln mit der bloen Isolation nicht zu begngen,
sondern sie noch mit einem Eisenbandmantel zu umkleiden, damit
sie Beschdigungen gengenden Widerstand entgegensetzen knnten.
Doch in Rcksicht auf die erforderliche Schnelligkeit und
wegen der zu hohen Kosten wurde dieser Ermahnung kein Gewicht
beigelegt, was sich spter bitter rchen sollte. Man umhllte
die Drhte nur mit Hilfe der Siemensschen Guttaperchapresse und
legte sie dann in einen nur anderthalb Fu tiefen Graben am
Eisenbahndamm entlang.

Das Unglck wollte es ferner, da die Guttapercha knapp zu
werden begann, da pltzlich infolge der von Siemens ausgehenden
Anregung, sie zur Isolierung von Drhten zu verwenden, eine
sehr lebhafte Nachfrage nach diesem Stoff eingetreten war. So
sah man sich gezwungen, um den weiteren Fortschritt der Arbeit
nicht aufzuhalten, die Guttapercha zu vulkanisieren, das heit
mit Schwefel zu mischen, was sich in der Folge als ein weiterer
Fehlgriff erwies. Das Endstck von Eisenach bis Frankfurt mute
dann schlielich doch noch oberirdisch gefhrt werden, da hier
die Eisenbahn, deren Erstreckung man sonst folgte, noch nicht
fertiggestellt war.

Auch an der Luftleitung traten ungeahnte Schwierigkeiten auf.
Es zeigte sich nmlich, da der nur ganz einfach an hlzernen
Pfosten befestigte Draht mit der Erde in leitende Verbindung
kam, sobald die Pfosten durch Regen benetzt wurden. Zur Abhilfe
erfand Werner Siemens den _glockenfrmigen Isolator_, wie wir ihn
heute zu Millionen in allen Lndern der Erde als Leitungstrger
antreffen. Dieser Isolator bietet den groen Vorteil, da der
tief ins Innere hineingezogene Mantel der Glocke auch bei starkem
Regen trocken bleibt, so da sich eine zusammenhngende Regenhaut
von dem ber die Spitze der Glocke laufenden Draht bis zum
Pfosten nicht bilden kann.

Es gelang wirklich, die ganze Linie so rasch fertigzustellen,
da mit ihrer Hilfe die am 28. Mrz 1849 in Frankfurt erfolgte
Wahl Knig Friedrich Wilhelms IV. zum Deutschen Kaiser noch in
derselben Stunde in Berlin bekannt wurde.

Diese Telegraphenlinie war die erste von grerer Ausdehnung, die
in Europa entstand.

Die Leistung, die Werner Siemens hier vollbrachte, ist um so
bemerkenswerter, als sich in den unterirdisch verlegten Leitungen
physikalische Phnomene zeigten, die niemand vorher bekannt
waren, und die das Telegraphieren zunchst fast unmglich
machten. Auch ihre Beobachtung und Erklrung sollte von
grundlegendem Wert fr die weitere Entwicklung der Telegraphie
werden.

Nach den Grundstzen, die Siemens sein ganzes Leben hindurch
bewahrt hat, richtete er schon bei der Verlegung dieser
ersten greren Linie eine uerst sorgfltige Kontrolle der
Leitungsfhigkeit ein. Halske hatte zu diesem Zweck Galvanometer
angefertigt, deren Empfindlichkeit weit ber all das hinausging,
was man bisher besessen hatte. Als hiermit Leitungsstcke geprft
wurden, zeigte sich, da der Stromdurchgang nicht in der Weise
stattfand, wie man es erwarten durfte und bisher bei allen
Leitungen beobachtet hatte. Es trat eine Verzgerung des Stroms
beim Durchlaufen der Leitung ein. Wenn die Batterie am Anfang
der Leitung eingeschaltet wurde, zeigte sich ihre Wirkung nicht
sogleich am anderen Ende, sondern diese trat verzgert, dann auch
noch schwach auf und wuchs erst allmhlich zu voller Hhe an.
Werner deutete diese hchst seltsame Erscheinung alsbald richtig
als _elektrostatische Ladung der Kabel_.

Ein Kabel stellt nmlich, richtig betrachtet, nichts anderes
dar als eine Leydener Flasche. Der Leitungsdraht selbst ist die
innere Belegung, die Isolation die trennende Zwischenschicht (das
Dilektrikum, das bei der Flasche durch das Glasgef gebildet
wird), und die Erde oder das vom Draht durchzogene Wasser stellen
die uere Belegung dar. Eine Leydener Flasche hat nun die
Eigenschaft, sich, wenn sie an Spannung gelegt wird, aufzuladen.
Sie nimmt ein Quantum elektrischer Energie in sich selbst auf
und hlt es fest. Bei den Kabeln, die Siemens auch demzufolge
Flaschendrhte genannt hat, ist nun die Aufnahmefhigkeit
infolge ihrer groen Ausdehnung sehr gro, und so wird die
elektrostatische Aufladung als Verzgerung des Stromdurchgangs
bemerkbar.

Durch diese Verzgerung ist es unmglich, schnell nacheinander
Stromste durch sehr lange Kabel zu schicken. Htte Siemens
nicht schon im Jahre 1849 die auftretenden Ladungserscheinungen
entdeckt, so wre man bei der ersten Benutzung der durch
die Meere verlegten Kabel wahrscheinlich in die allergrte
Verlegenheit geraten. Denn durch diese ist bis zum heutigen Tag
kein telegraphischer Verkehr nach gewhnlicher Methode mglich.
Nur mit ganz schwachen Strmen und mit Hilfe hchst empfindlicher
Einrichtungen kann ber ein langes Kabel verkehrt werden.

Bei der Frankfurter Linie wurde es ferner notwendig, fr die
oberirdisch gefhrte Leitung _Blitzableiter_ zu erfinden, wie sie
heute an allen oberirdisch laufenden Telegraphenlinien auf der
ganzen Erde gebraucht werden, und klar deutete Siemens die in
einer gewissen Periode auftretenden, sonst ganz unerklrlichen
Strungen in der Leitung als magnetische Einflsse, die von
den damals gerade sehr lebhaft auftretenden Nordlichtern
hervorgerufen wurden. Vorher hatte man noch niemals den
Zusammenhang zwischen solchen elektrischen Vorgngen in der
Atmosphre und Strungen in den Leitungen erkannt.

Der glnzende Erfolg, den die Frankfurter Telegraphenlinie hatte,
fhrte dazu, da Siemens sogleich einen weiteren groen Auftrag
erhielt, nmlich den, eine Leitung von Berlin nach Kln und dann
weiter an die belgische Grenze bis Verviers zu verlegen. Auch
hier wurde er aller Schwierigkeiten rasch Herr, und als der
Anschlu an die inzwischen gebaute belgische Telegraphenlinie in
Verviers erreicht war, erhielt er eine Einladung nach Brssel,
um dort vor dem Knig Leopold und der ganzen kniglichen Familie
einen Vortrag ber elektrische Telegraphie zu halten.

Die so entstandene Linie Kln-Brssel zerstrte schonungslos das
blhende Geschft eines Manns, der bis dahin eine Taubenpost
zwischen den beiden Orten unterhalten hatte. Der Mann hie
_Reuter_. Als er und seine Frau sich bei Siemens darber
beklagten, da ihre Existenz nun vernichtet sei, erzhlte
dieser ihnen, da ein Herr Wolff soeben in Berlin mit Hilfe
seines Vetters, des schon erwhnten Justizrats Siemens, ein
Depeschenvermittlungsbureau begrndet habe. Sie sollten doch
nach London gehen und dort ein gleiches Bureau erffnen. Das
Ehepaar folgte diesem Rat, und das Unternehmen hatte den denkbar
grten Erfolg. Wem frher in Deutschland das Reutersche
Telegraphenbureau nicht bekannt gewesen ist, der hat es whrend
des Weltkriegs sicher zur Genge kennen gelernt.

Der Bau der Linie von Kln zur belgischen Grenze machte es auch
notwendig, ein Telegraphenkabel durch den Rhein zu legen. Bei
dem regen Schiffsverkehr auf diesem Strom schien eine einfache
Umwehrung der Leitung mit eisernen Drhten nicht gengend, da
die Gefahr vorlag, da schleppende Anker groer Schiffe sie
zerreien knnten. Siemens lie daher fr den Rhein eine biegsame
Eisenrhre herstellen, die aus einzelnen Gliedern bestand; durch
das Innere der Rhre wurde die isolierte Leitung hindurchgezogen.
Vor die Rhrenkette wurde eine schwere Ankerkette gespannt, die
schleppende Anker aufhalten sollte. Es war die erste grere
Fluberquerung durch den Telegraphen, die hier hergestellt
wurde, und sie hat sich so vorzglich bewhrt, da sie noch
vollkommen brauchbar war, als sie nach vielen Jahren aufgenommen
wurde, nachdem man eine neue Leitung ber die inzwischen
errichtete feste Eisenbahnbrcke gelegt hatte. An der Schutzkette
fand man eine Menge abgerissener Schiffsanker hngen; die
Sicherung hatte also vollstndig ihre Schuldigkeit getan.

Da Auftrge zur Einrichtung von telegraphischen Leitungen an
Siemens jetzt in immer grerer Zahl herantraten, so mute er
sich nunmehr dazu entschlieen, seinen Abschied vom Militr zu
nehmen. Er erhielt ihn als Premierleutnant mit der Erlaubnis,
die Uniform als Armeeoffizier mit den vorschriftsmigen
Abzeichen fr Verabschiedete zu tragen. Die Genehmigung des
Abschiedsgesuchs enthielt eine tadelnde Bemerkung, weil Siemens
sich eines Formfehlers schuldig gemacht hatte. Da er sich trotz
mancherlei Krankheitsanfllen, denen er damals unterworfen war,
krftig genug fhlte, ganz auf eigenen Fen zu stehen, so
verzichtete er auf die ihm nach zwlfjhrigem Offiziersdienst
zustehende Pension. Dem schaffensstarken Mann, der wohl dunkel
fhlte, da er am Anfang einer groen Laufbahn stand, pate es
nicht, ein vorschriftsmiges Invalidittsattest einzureichen.
Mit leeren Hnden, wie ich in den Dienst gegangen bin, so
schreibt er damals in einem Brief, habe ich ihn auch wieder
verlassen und bin zufrieden damit. Aus dieser uerung geht
auch hervor, da das Geschft bis dahin geldlich nicht sehr
erfolgreich gewesen war, und so ist es auch noch lngere Zeit
hindurch geblieben.

Siemens war sich jetzt auch schon der Bedeutung dessen, was
er auf dem Gebiet der Telegraphie bisher geleistet hatte, so
weit bewut, da er eine zusammenfassende Abhandlung darber
verfate. Er legte sie im April 1850 unter dem Titel *Mmoire
sur la tlgraphie lectrique* der Pariser Akademie der
Wissenschaften vor, deren Votum ja damals eine berragende
Bedeutung besa. Es waren sehr bedeutende Mnner, die handelnd
in der Sitzung auftraten, in welcher das Siemenssche Memoire
vorgelegt wurde. _Regnault_ erstattete den Bericht; _Du
Bois-Reymond_ und der Autor selbst waren als Gste zugegen. Als
Opponent trat _Leverrier_, der groe Errechner des Neptuns,
auf, whrend _Arago_ als *Scrtaire perptuel* den Vorsitz
fhrte. Die Arbeit wurde fr wrdig erachtet, in die *Savants
trangers* aufgenommen zu werden.

Im Vaterland aber gab es gerade zu dieser Zeit schwere
Mihelligkeiten, die eine Zeitlang drohten, das junge, von
Siemens ins Leben gerufene Unternehmen zu vernichten.

Nachdem nmlich die von ihm gelegten unterirdischen Leitungen
eine Weile die besten Dienste getan hatten, begannen sie
pltzlich zu versagen. berall zeigten sich Leitungsstrungen.
Siemens erkannte den Grund sofort, ja er sah nur die Voraussage
erfllt, die er gleich zu Beginn der Leitungslegung gemacht hatte.

Er war damals, wie wir wissen, wider seinen Willen von der
Telegraphenverwaltung hart bedrngt worden, so schnell wie
mglich die Verbindungen herzustellen. Schtzende Umhllungen
ber der Guttapercha anzubringen, hatte man ihm trotz seines
dringenden Vorschlags wegen der zu hohen Kosten verwehrt. Die
Leitungen waren auch nur in geringe Tiefen unter dem Boden
eingesenkt und noch dazu mit einer isolierenden Masse umgeben,
die durch Schwefelbeimischung verschlechtert war. Nun waren an
vielen Orten die Leitungen von Eisenbahnarbeitern beschdigt
worden, und man hatte die Fehlerstellen nur unsachgem
ausgebessert, da kein geschultes Personal hierfr zur Verfgung
gestellt wurde. Nagetiere hatten vielfach die Drhte angefressen.
Kurz, es begann ein sicherer Verfall der gesamten Anlagen.

Die Telegraphenverwaltung mit Herrn Nottebohm an der Spitze
schob die ganze Schuld auf den technischen Leiter. Da setzte
sich Werner Siemens zur Wehr und schrieb eine umfassende
Broschre mit dem Titel: _Kurze Darstellung der an den
preuischen Telegraphenlinien mit unterirdischen Leitungen
gemachten Erfahrungen_. Er wies darin nach, da die Strungen
notwendigerweise eintreten muten, weil man seinerzeit seine
Wnsche und Ermahnungen nicht beachtet hatte. Damit wurde
indirekt ausgedrckt, da die Verwaltung schwere Fehler gemacht
hatte, und die Folge war, da der Telegraphenbauanstalt von
Siemens & Halske fr viele Jahre alle Staatsauftrge entzogen
wurden. Das htte zu einer Katastrophe fr das junge Unternehmen
fhren mssen, wenn nicht die damals noch nicht verstaatlichten
Eisenbahnen grere Bestellungen auf Telegraphenleitungen und
elektrische Lutewerke gemacht htten. Auerdem aber wurde
Siemens nun auch mehr gezwungen, sich um Auftrge aus dem Ausland
zu bemhen, und das legte den Grund fr die knftige Ausbreitung
des Geschfts ber die ganze Erde.

Ein besonders interessanter und wichtiger Auftrag kam jedoch
gerade in dieser Zeit, nmlich im Jahre 1851, aus nchster Nhe,
aus Berlin. Hier wollte man den inzwischen schon bewhrten
Telegraphen fr eine groe Sicherheitsanlage nutzbar machen.
Siemens & Halske bauten damals die erste _Feuermeldeanlage fr
Berlin_, die zugleich mit einem Polizeitelegraphen verbunden war.
Die Aufgabe war mit ihren mannigfachen technischen Ansprchen
interessant, und sie wurde vorzglich gelst. Es waren 45
Stationen einzurichten und 6 Meilen Leitung zu verlegen. Zum
erstenmal wurden hierbei die Drhte in nahtlose Bleimntel
eingeschlossen, was heute ja bei Kabeln allgemein blich ist.
Freilich geschieht die Herstellung des Bleimantels in jetziger
Zeit nach einer anderen Methode. Fr die ganze Anlage erhielt die
Firma die Summe von 34000 Talern.

Im gleichen Jahr wurde die erste in London veranstaltete
Ausstellung beschickt. Siemens & Halske wurden durch die
*Council medal* belohnt, eine Auszeichnung, die auer ihnen nur
noch zehn Aussteller aus dem Gebiet des Deutschen Zollvereins
erhielten.

Doch was Siemens so gern wollte, nmlich seinen Fabrikaten
Eingang in England zu verschaffen, gelang trotzdem nicht.
Er vermochte gegen die *Electric Telegraph Company* nicht
aufzukommen.

Aber aus Ruland kamen bald sehr wertvolle Auftrge. Dieses Land
hat Siemens Gelegenheit zu einer technisch und wissenschaftlich
gleich bedeutenden Bettigung gegeben. Andererseits verdankte
damals Ruland dem Deutschen die Ausrstung mit einem so
vorzglichen Telegraphensystem, wie es von keiner anderen Stelle
her zu erlangen gewesen wre.

Bevor Werner Siemens zum erstenmal russischen Boden betrat,
warb er auf der Reise dorthin in Knigsberg um die Hand seiner
Kusine _Mathilde Drumann_, die er vor Jahren in Berlin kennen
gelernt hatte, als ihre Mutter dort pltzlich auf der Durchreise
verschieden war, und die er seither im Herzen behalten hatte. Am
1. Oktober 1852 fand die Hochzeit statt. Doch schon nach wenigen
Jahren wurde die sehr glckliche Ehe durch das Dahinscheiden der
jungen Gattin zerstrt.




Bauten in Ruland


Schon seit dem Jahre 1848 hatte die russische Regierung mit
Siemens & Halske ber den Ankauf von Telegraphenapparaten
verhandelt. Drei Jahre spter erwarb die Regierung 75 Apparate
fr die erste in Ruland gebaute Telegraphenlinie von Petersburg
nach Moskau. Nun begab sich Werner Siemens nach Petersburg, um
weitere Verhandlungen zu fhren.

Die Reise dorthin entbehrte durchaus jeglicher Bequemlichkeit.
In den Lebenserinnerungen heit es: Es gab damals noch keine
andere Reiseform in Ruland als die Extrapost. Diese war auf den
Hauptstraen recht gut organisiert, natrlich den Verhltnissen
entsprechend. Durchschnittlich alle zwanzig bis dreiig Werst
-- eine Werst ist etwas mehr als ein Kilometer -- waren auf den
Poststraen feste Huser mit Stallungen gebaut, in denen man
Unterkunft und Pferde fand, wenn solche disponibel waren und
man einen Regierungsbefehl an die Posthalter hatte, durch den
sie angewiesen wurden, dem Reisenden gegen Zahlung der Taxe
Postpferde fr eine bestimmte Reise zu geben.

War man im Besitz einer solchen Order -- Podoroschna genannt
-- so erhielt man, falls man keine eigene Equipage hatte,
einen kleinen vierrderigen Bauernwagen ohne Federn, berdeck
oder sonstigen Luxus, bespannt mit drei, gewhnlich nicht
schlechten Pferden, von denen das mittlere in eine Gabeldeichsel
eingeschirrt, und die beiden ueren mit einer Wendung nach auen
angespannt waren ...

Eine solche Postreise will erst gelernt sein. Man mu ganz
frei und stark vorgebeugt auf seinem Koffer sitzen, damit das
eigene Rckgrat die Feder bilde, die das Gehirn vor den heftigen
Sten der Rder auf den meist nicht allzu guten Straen schtzt.
Versumt man diese Vorsicht, so bekommt man unfehlbar bald
heftige Kopfschmerzen. Man gewhnt sich jedoch ziemlich schnell
an diese Reiseform, die auch ihre Reize hat, lernt es sogar bald,
ganz fest in der wiegenden Stellung zu schlafen, und begegnet
dabei instinktiv allen Unbilden der Strae durch zweckmige
Gegenbewegungen.

Wenn zwei Reisende eine solche Telega benutzen, pflegen sie
sich durch einen Gurt zusammenzuschnren, damit ihre Schwankungen
so reguliert werden, da sie nicht mit den Kpfen aneinander
stoen. Ich habe brigens gefunden, da das Telegenreisen ganz
gut bekommt, wenn man es nicht bertreibt. Freilich Kurieren, die
wochenlang ohne Unterbrechung Tag und Nacht auf der Telega sitzen
mssen, sollen diese Reisen oft den Tod gebracht haben.

Kaum in Petersburg angekommen, erkrankte Siemens schwer an den
Masern, denen eine heftige Nierenentzndung folgte; diese hielt
ihn fr lngere Zeit ans Bett gefesselt. Geschftlich aber hatte
er Glck, denn es gelang, den Auftrag fr eine unterirdische
Telegraphenlinie von Petersburg nach Oranienbaum zu erhalten,
an die sich ein Kabel durch den Finnischen Meerbusen nach
Kronstadt anschlieen sollte. Der Bau wurde bis zum Herbst des
Jahres 1853 zur grten Zufriedenheit des damals unter der
Regierung des Kaisers Nikolaus I. allmchtigen Ministers der
Wege und Kommunikationen, des Grafen _Kleinmichel_, vollendet.
Das Kronstadter Kabel nennt Siemens selbst die erste submarine
Telegraphenlinie auf der Erde, die brauchbar geblieben ist. In
Wirklichkeit aber war schon zwei Jahre vorher von Crampton ein
Kabel durch den englischen Kanal gelegt worden, das gleichfalls
mit Eisendrhten armiert gewesen ist und recht gut gehalten
hat. Jedenfalls aber tritt hier der knftige geistige Schpfer
der Unterseetelegraphie zum erstenmal mit der groen Aufgabe in
Berhrung, die er ganz selbstndig lst.

[Illustration: Die erste elektrische Eisenbahn auf der Berliner
Gewerbeausstellung 1879]

[Illustration: Elektrischer Vollbahnzug (Schwedische Eisenbahn
Kiruna-Riksgrnsen)]

Im Jahre 1853 wurde der Firma Siemens & Halske gleich eine
weitere Telegraphenlinie in Auftrag gegeben, die von Warschau zur
preuischen Grenze fhren sollte. Als Werner Siemens sich bei
dieser Gelegenheit zum zweitenmal nach Ruland begab, lernte er
die dort herrschenden politischen Zustnde grndlich kennen.

Schon in Berlin hatte er zu seiner Verwunderung Mhe, das Visum
seines Passes von der russischen Gesandtschaft zu erhalten.
Als er an der russischen Grenzstation anlangte, wurde sein
Gepck nach Abfertigung aller brigen Reisenden mit einer
hchst verletzenden Sorgfalt durchsucht, und er berhaupt wie
ein Verdchtiger behandelt. Als Siemens daraufhin sein Gepck
zurckverlangte, um nach Haus umzukehren, weil ihm eine solche
Behandlung nicht pate, erklrte man ihm, da dies nicht
anginge; er msse vielmehr nach Warschau weiterreisen. Er war
also russischer Staatsgefangener. Erst auf seine Beschwerde von
Warschau aus durfte er nach Petersburg fahren, und dort erfuhr
er vom Grafen Kleinmichel, da aus Kopenhagen eine Meldung
eingelaufen sei, die ihn als einen politisch verdchtigen
Menschen kennzeichnete. Siemens meint, da diese Kopenhagener
Anzeige wohl der Dank der Dnen fr die Minenlegung im Kieler
Hafen und den Bau der Eckernfrder Batterie gewesen sei.

In spterer Zeit wurde er noch einmal von der brutalen russischen
Gewalt in hnlicher Weise angepackt. Als er in Petersburg mit
dem allmchtigen Minister den Bau einer besonders wichtigen
Linie besprochen hatte, wollte ihn dieser einfach nicht mehr
fortlassen, bis die Linie beendet wre. Man hatte also die
Absicht, ihn fr absehbare Zeit einfach in der russischen
Hauptstadt zu internieren. Zum Glck kam damals der Prinz von
Preuen, der sptere Kaiser Wilhelm I., zum Besuch an den
Zarenhof. Werner Siemens suchte um eine Audienz nach und wurde
von dem Prinzen sehr freundlich empfangen. Dieser sagte, da ihm
die Pfosten der neuerbauten Telegraphenlinie von der Grenze bis
Petersburg das Geleit gegeben und ihm die freudige Gewiheit
verschafft htten, da er mit der Heimat in stndiger Verbindung
sei. Der Erfolg der Audienz war, da nun der Pa fr die
Rckreise sofort ausgestellt wurde.

Schon die Linie Warschau-Preuische Grenze machte es notwendig,
ein besonderes Petersburger Bureau einzurichten. An seine Spitze
wurde Karl Siemens gestellt, der vorher bereits fr die Firma in
Paris ttig gewesen war und sich dort vorzglich bewhrt hatte.

Als der damals erst vierundzwanzigjhrige Karl in Petersburg
ankam, war Graf Kleinmichel ber diesen neuen Leiter des
wichtigen Telegraphenbaus sehr enttuscht. Um die Fhigkeiten des
jungen Manns zu prfen, stellte er ihm sofort eine Aufgabe.

Karl Siemens sollte ausfindig machen, wie man die
Telegraphenlinie von Oranienbaum her in das Turmzimmer des
Kaiserlichen Winterpalais einfhren knnte, ohne an dem
prchtigen Gebude strende Arbeiten vorzunehmen. An dieser
Stelle war bisher die Endstation des optischen Telegraphen
gewesen. Die russischen Offiziere hatten keinen anderen Rat fr
die Emporfhrung der nun erforderlichen Drahtleitung zu geben
gewut als den, da man groe Rinnen in das Mauerwerk schlagen
sollte.

Karl betrachtete den turmartig ausgebauten Erker, und es fiel
ihm sofort auf, da in einer der Turmecken keine Wasserrinne
niederfhrte. Er erklrte dem Grafen Kleinmichel, da man in
dieser leeren Ecke nur ein ebensolches Regenrohr anzubringen
brauche, wie es in den anderen Ecken niederlaufe, um dann in
diesem die isolierte Telegraphenleitung unsichtbar hinaufzufhren.
Das imponierte dem Grafen sehr. Er schimpfte auf seine Offiziere,
die keine Lsung gewut htten, und sagte: Nun mu so ein junger,
bartloser Mensch kommen, und sieht auf den ersten Blick, wie
leicht die Sache zu machen ist. Fortab hatte Karl das Vertrauen
des Ministers im hchsten Grad gewonnen und ward sein Vertrauter.
Kleinmichel tat bald nichts mehr ohne den Pruky Ingener
Siemens.

Ein groes politisches Ereignis brachte neue umfangreiche
Auftrge. Im Jahre 1854 brach der Krimkrieg aus, in dem Ruland
gegen die Trkei und deren Verbndete, England, Frankreich und
das Knigreich Sardinien, kmpfen mute. Nun hatte das Zarenreich
den dringenden Wunsch, den Willen der Zentralverwaltung rasch
berallhin bermitteln zu knnen, und wollte mglichst schnell
weitere Telegraphenlinien ausgebaut haben. Zunchst sollte
Gatschina und damit Petersburg mit Warschau verbunden werden.
Werner Siemens stellte einen sorgfltig durchdachten Plan fr
die Leitungslegung auf, und zur nicht geringen Verwunderung
der Russen, die an gut organisierte Arbeit nicht gewhnt
waren, wurde die 1100 Werst lange Strecke in sechs Wochen
fertiggestellt. Als man dem Grafen Kleinmichel die Meldung
von der Vollendung der Linie zur versprochenen Zeit brachte,
wollte er die Nachricht nicht glauben. Er begab sich sofort
selbst zu der Station im Telegraphenturm des Winterpalais und
lie sich mit dem Stationschef in Warschau verbinden. Erst als
dieser augenblicklich Antwort gab, glaubte der Minister an die
Fertigstellung der Leitung und erstattete dem Zaren darber
Bericht. Auf dieser Linie gelangte zum erstenmal das von
Werner erfundene automatische Schnelltelegraphensystem mit dem
Dreitastenlocher zur Anwendung.

Die glckliche Vollendung dieser Linie brachte weitere groe
Bestellungen, die infolge der durch den Krieg geschaffenen Lage
nur mit unsglichen Schwierigkeiten ausgefhrt werden konnten. Am
fatalsten war ein Auftrag, der die Legung einer Telegraphenlinie
bis in die bereits belagerte Festung Sebastopol verlangte.

Um Mitternacht wurde Werner Siemens von einem Gehilfen des
Grafen Kleinmichel aufgesucht, der ihm erffnete, der Kaiser
habe den Bau einer telegraphischen Verbindung mit Sebastopol
befohlen, und der Minister wnsche Angabe der Kosten und des
Vollendungstermins bis zum nchsten Morgen um sieben Uhr. Als
Siemens nach durcharbeiteter Nacht zur angegebenen Zeit bei
dem Grafen Kleinmichel erschien, wurde ihm mitgeteilt, da
dieser bereits eine Stunde vorher dem Kaiser Bericht erstattet
und ihm mitgeteilt habe, die Festung wrde in sechs Wochen
an das Telegraphennetz angeschlossen sein. Alle Hinweise
darauf, da es fast unmglich sei, in dieser schwierigen
Situation die Materialien rechtzeitig heranzuschaffen, halfen
nichts. Es hie einfach: Der Kaiser will es! Und dieses in
Ruland so vielbewhrte Zauberwort half auch hier. Die Linie
wurde, wenn auch mit einiger Verzgerung, noch so rechtzeitig
fertiggestellt, da der bald zu erwartende Fall von Sebastopol
auf telegraphischem Weg von der Festung nach Petersburg gemeldet
werden konnte.

Es war kein Wunder, da die so ausgezeichnet arbeitende deutsche
Firma immer weitere Auftrge zum Ausbau des Telegraphennetzes
in dem riesigen russischen Reich erhielt. Da die oberirdisch
gefhrten Leitungen vielfach beschdigt wurden oder von selbst
brachen, so war eine sorgfltige Kontrolle zur Aufrechterhaltung
eines regelmigen Dienstes notwendig. Graf Kleinmichel bertrug
die berwachung der Leitungen zunchst den Verwaltungen der
Chausseen, an deren Rand die Leitungen hinliefen. Aber die
damit beauftragten gnzlich sachunkundigen Leute, die wohl auch
nach echt russischer Art der Neuerung nicht sehr freundlich
gegenberstanden, machten ihre Arbeit herzlich schlecht.
Schlielich muten Siemens & Halske auch diese berwachung oder
Remonte, wie man den Dienst damals nannte, bernehmen.

Es gelang hierdurch, einen schnen Gewinn zu erzielen, da
Werner Siemens sofort ein auf wissenschaftlicher Grundlage
beruhendes elektrisches berwachungssystem erdachte, das eine
stndige Begehung der Strecken unntig machte und daher sehr
viel Personal ersparte. Es wurden an den Linien Wachtbuden
errichtet, die immer 50 Werst voneinander entfernt waren. Der
darin aufgestellte Wchter hatte darauf zu achten, ob das in die
Leitung eingeschaltete Galvanoskop lngere Zeit stillstand. War
dies der Fall, so mute er seine Kontrollstelle mit Hilfe einer
einfachen Vorrichtung an die Erde schalten und die Nummer seiner
Bude telegraphieren. Aus den Nummern, die sie so zugesprochen
erhielt, konnte die nchste Telegraphenstation genau erkennen,
zwischen welchen Wachtbuden der Fehler lag. Ein mit den
Wiederherstellungsarbeiten betrauter Mechaniker mute dann sofort
Extrapost nehmen und zur Fehlerstelle fahren. Der Leitungsschaden
konnte auf diese Weise stets in krzester Zeit beseitigt werden.

Die groen Telegraphenbauten, welche die Firma in Ruland
ausgefhrt hatte, und die Remonteverwaltung verschafften ihr
bald eine ganz besondere Stellung im Reich. Siemens & Halske
erhielten den Titel Kontrahenten fr den Bau und die Remonte der
Kaiserlich russischen Telegraphenlinien.

Da den Russen auch damals schon diejenigen Leute am meisten
imponierten, die Uniformen trugen, so lie Werner Siemens von
einem tchtigen Knstler Dienstkleidungen fr seine Leute
entwerfen; es waren hechtgraue Rcke mit blauen Vorsten sowie
breite russische Mtzen. Graf Kleinmichel wollte zunchst das
geheiligte Tragen der Uniformen den Telegraphenbeamten nicht
bewilligen, aber als er die in einer Mappe vereinigten schnen
Bilder sah, gab er nach und erwirkte vom Kaiser die Genehmigung
zum Anlegen der Dienstkleidung.

Allmhlich war nun die Werdezeit der telegraphischen Technik
berwunden. Sowohl die ferner in Ruland wie auch in Preuen
und anderen Lndern herzustellenden Linien boten meist kein
besonderes technisch-wissenschaftliches Interesse mehr. Sie
konnten nach den von Werner Siemens in jahrelanger Geistesarbeit
geschaffenen Grundstzen schematisch ausgefhrt werden. Sein
Interesse daran minderte sich also -- abgesehen von dem
geschftlichen Nutzen, den die Bauten abwarfen -- sehr erheblich.
1857 schreibt er: Das Telegraphengeschft ist sehr langweilig
geworden und kommt mir vor wie ein Leierkasten, den ich zu drehen
verpflichtet bin. Siemens sah sich nun nach einer anderen groen
Aufgabe um, und er fand sie im Ausbau der Telegraphie durch die
Meere.




Unterseekabel


Obgleich die ersten Seekabel ohne die direkte Mitwirkung von
Werner Siemens verlegt worden sind, und obwohl auch das gewaltige
Werk der ersten telegraphischen Verbindung Europas mit Amerika
ohne seine Teilnahme vor sich ging, ist er dennoch anerkanntermaen
als Begrnder auch der unterseeischen Telegraphie anzusehen. Neben
ihm hat sich Wilhelm Siemens dabei die grten Verdienste erworben.

Ohne die von Werner angegebene Isolierung mit Guttapercha htte
ja von einer Drahtfhrung durch das Wasser berhaupt nicht die
Rede sein knnen. Seinen berlegungen und Beobachtungen entsprang
die richtige Form fr die Herstellung der Kabel. Dann aber hat er
auch die einzige sichere Methode der Kabelauslegung vom fahrenden
Schiff her angegeben. Was vorher an Kabelfhrungen durch das
Meer gelang -- und es war nur uerst wenig von bleibendem Wert
-- war Zufallserfolgen zu verdanken. Die wissenschaftliche
Kabellegungstheorie von Werner Siemens erst brachte die
notwendige Sicherheit auch in diese Technik.

Die bereits besprochene Beobachtung der Ladungserscheinungen
in langen Kabeln hatte rechtzeitig die elektrische Methode
aufgeklrt, die man zum Geben von telegraphischen Zeichen
durch solche Leitungen anwenden mute. Die Apparatur fr die
Kabeltelegraphie ist in Rcksicht darauf von Werner Siemens
grundlegend ausgestaltet worden.

Die Geschichte der Kabellegungen ist so reich an hchst
dramatischen Vorgngen wie der Werdegang keiner anderen Technik.
Niemals wohl hat die Menschheit fr die Erringung eines
technischen Fortschritts so viel Lehrgeld bezahlen mssen wie
hier. Da die Summe nicht allzu hoch ward, da sie nicht zu der
schlielichen Einstellung der Versuche fhrte, ist das Verdienst
der wissenschaftlichen Forschungen und praktischen Arbeiten
von Werner Siemens. Auch ihm begegneten hierbei manche harten
Erlebnisse, die er jedoch alle glcklich berstand, obgleich
dabei selbst sein Leben mehr als einmal aufs schwerste bedroht
war.

Im Jahre 1840 bereits legte der bedeutende englische Physiker
Wheatstone dem Parlament den Plan fr die Verlegung eines
Meerkabels zwischen Dover und Calais vor. Er eilte jedoch mit
dieser Absicht etwas allzu heibltig den Zeitumstnden voraus,
denn damals kannte man noch keinen Stoff, der den Draht gengend
sicher htte isolieren knnen. Erst nachdem Werner Siemens
jene berhmte Minenleitung im Kieler Hafen gelegt hatte, ging
der englische Ingenieur _Brett_ im Jahre 1850 wirklich daran,
die Meerenge zwischen England und Frankreich durch ein mit
Guttapercha isoliertes Kabel zu berbrcken. Er erachtete es
nicht fr ntig, ber der Isolierung noch eine besondere feste
Schutzhlle anzubringen, sondern lie die bloe Leitung, mit
Bleistcken beschwert, auf den Meeresboden nieder. Schon am Tag
nach der Legung wurde der Draht durch einen Fischer zerstrt. Ein
zweites Kabel wurde im Jahre darauf von _Crampton_ ausgelegt.
Als es seine Gte durch eine gewisse Haltbarkeit bewiesen hatte,
folgte alsbald der Bau unterseeischer Telegraphenlinien von
England nach Irland und ebenso nach Belgien und Holland.

Es setzte darauf in England ein wahrer Kabeltaumel ein, und man
begann auch grere Meere zu berbrcken, indem man dachte,
da das, was in den Kstengewssern gelungen war, auch weiter
drauen anwendbar sein msse. Wissenschaftliche Kenntnisse waren
eben damals in der Industrie noch wenig verbreitet. Der Firma
_Newall_ & Co., die in Gateshead-on-Tyne eine Kabelfabrik besa,
gelang es auch wirklich, im Jahre 1854 ein Kabel durch das
Schwarze Meer von Varna an der Balkankste nach Balaclava auf
der Krim zu legen. Die Leitung hielt aber nur ein Jahr lang,
nmlich gerade bis zur Eroberung von Sebastopol. Es stellten sich
hierbei auch schon Schwierigkeiten bei der Benutzung der damals
in England noch gebruchlichen Nadeltelegraphen heraus, weil die
elektrostatische Kabelladung ihren hindernden Einflu auf die
Stromsendungen ausbte. Obwohl Werner Siemens seine Beobachtungen
dieser Erscheinungen schon vier Jahre vorher publiziert hatte,
waren sie in England doch noch nicht bekannt geworden. Nun
wandte man sich an ihn und bestellte bei seiner Firma geeignete
Telegraphenapparate. Da Siemens & Halske, wie wir wissen, auch
in russischem Auftrag eine Linie nach Sebastopol gebaut hatten,
so entstand jetzt der eigentmliche Zustand, da in beiden
feindlichen Lagern Apparate gleichen Fabrikats arbeiteten.

Brett, der schon im Kanal nicht sonderlich gnstig gearbeitet
hatte, machte im folgenden Jahr den Versuch, ein Kabel quer
durch das Mittellndische Meer _von Cagliari nach Bona_ in
Algier zu verlegen. Aber ihm war das Glck nicht hold. Als er in
tiefes Wasser kam, rollte das Kabel, weil die Trommel auf dem
Schiff nicht gengend scharf gebremst werden konnte, ab und ging
verloren. Ein gleiches geschah bei dem zweiten Versuch Bretts im
Jahre 1856. Er gab daher weitere Versuche auf, und die Legung des
Kabels wurde der Firma Newall & Co. anvertraut.

Inzwischen hatte Wilhelm Siemens dafr gesorgt, da die
Leistungen Werners auf dem Gebiet der Telegraphie in England
bekannt wurden. Mittels des Kabels durch das Schwarze Meer hatte
Newall ja schon eine Verbindung mit dem Berliner Haus angeknpft,
und nun ersuchte er, gewitzigt durch die Mierfolge Bretts,
Werner Siemens, die elektrische Prfung des Mittelmeerkabels
bei der Legung zu bernehmen. Denn dieser hatte inzwischen den
Grundsatz aufgestellt, da das Kabel in jedem Augenblick der
Legung sorgfltigst daraufhin kontrolliert werden msse, ob es
auch fehlerfrei sei.

Im September 1857 ging Werner Siemens mit einem Gehilfen und den
notwendigen elektrischen Apparaten an Bord einer sardinischen
Korvette, die alle an der Kabellegung Beteiligten nach Bona
brachte. Obgleich Siemens nicht die Absicht hatte, sich um
den mechanischen Teil der Kabellegung zu kmmern, konnte
er doch nicht umhin, an den Unterhaltungen ber die beste
hierfr anzuwendende Methode teilzunehmen und schlielich
auseinanderzusetzen, da ein Mierfolg bei dieser Legung sicher
sei, wenn man dabei beharre, die im seichten Wasser gebruchliche
Methode auch bei greren Meerestiefen zu benutzen. Er stellte
schon damals seine Kabellegungstheorie auf, die in der Hauptsache
darin bestand, da das Kabel an Bord des legenden Schiffs durch
Bremsvorrichtungen mit einer Kraft zurckgehalten werden msse,
die dem Gewicht eines senkrecht zum Meeresboden hinabreichenden
Kabelstcks im Wasser entspricht. Er hat diese improvisierte
Darlegung dann spter zu einer geschlossenen wissenschaftlichen
Theorie ausgebaut, die er im Jahre 1874 der Akademie der
Wissenschaften in Berlin vorlegte. Sie ist, wie schon bemerkt,
fr alle Zeiten grundlegend geworden.

Werner Siemens wurde nun ersucht, auer der elektrischen
berwachung auch die mechanische Auslegung des Kabels leitend zu
bernehmen, und trotz der nur provisorisch nach seinen Angaben
zusammengestellten Einrichtungen hierfr gelang es ihm in der
Tat, das Kabel glcklich von einem Landungspunkt zum anderen
hinberzubringen, noch dazu ohne *slack*, das heit, ohne
mehr Kabel zu gebrauchen, als der berschrittenen Bodenlnge
entsprach. Es war dies das erste Kabel, das ber grere Tiefen
glcklich gelegt wurde.

Durch die Arbeit, die Werner Siemens whrend der Legung leistete,
fhlte er sich auerordentlich angegriffen. Er hatte sich keinen
Augenblick der Ruhe und Erholung gegnnt und sich nur durch
hufigen Genu von starkem schwarzen Kaffee aufrecht zu erhalten
vermocht. Nach Beendigung der Expedition gebrauchte er mehrere
Tage zur Wiedererlangung seiner Krfte.

Der Sieg der Deutschen war damit vollkommen. Und als noch in
demselben Jahr Newall & Co. mit der Legung von Kabeln _zwischen
Cagliari und Malta_ sowie _Korfu_ beauftragt wurden, waren es
wiederum Ingenieure von Siemens & Halske, welche die elektrischen
Prfungen bei der Verlegung ausfhrten. Es konnte nicht lange
dauern, bis unter diesen Umstnden das Verhltnis mit der
englischen Firma recht unangenehm zu werden begann. Die Englnder
versuchten Siemens' Verdienste zu verkleinern, und dieser ging
daher bald daran, ein eigenes Haus in England zu begrnden. Denn
dieses Land mute, wie er wohl einsah, noch fr lange Zeit das
Hauptausgangsgebiet fr Kabelverlegungen bleiben. Am 1. Oktober
1858 wurde die Firma _Siemens, Halske & Co._ in London gegrndet,
und an ihre Spitze trat der vielbewhrte und in England bereits
hochangesehene Bruder Wilhelm.

Schon im Jahre 1858 hatte die neue Firma Gelegenheit, sich
lebhaft zu bettigen. Damals erhielten Newall & Co. den Auftrag,
ein _Kabel durch das Rote Meer von Suez nach Aden_ und dann
weiter durch den Indischen Ozean bis nach Karatschi in Indien zu
legen. Das Haus Siemens bernahm nun selbstndig die elektrische
berwachung der Kabellegung sowie die Lieferung und Aufstellung
der Apparate. Dieses Kabel hatte eine besondere Bedeutung aus
dem Grund, weil es die auerordentliche Lnge von 3500 Seemeilen
hatte, whrend die Mittelmeerkabel nur hchstens 700 Seemeilen
lang gewesen waren. Werner Siemens arbeitete daher eine neue
Theorie aus, die er innerhalb eines Aufsatzes _Apparate fr den
Betrieb langer Unterseelinien_ verffentlichte, und die ihn zu
besonderen Konstruktionen veranlate; diese sind unter dem Namen
_Rotes-Meer-System_ bekannt geworden. Siemens brachte hier zum
erstenmal den Kondensator bei der Kabeltelegraphie in Anwendung,
der fr die transatlantische Nachrichtengebung von grter
Bedeutung geworden ist.

Die Auslegung des Kabels gelang wiederum gut. Aber weil es
schon in der Fabrik nicht mit vollster Sorgfalt hergestellt
worden war, und da auch die hohe Temperatur des Roten Meers
die Guttapercha erweichte, wurde nach der Ankunft in Aden ein
Fehler festgestellt, der das Telegraphieren unmglich machte.
Die Englnder waren sehr unglcklich darber und glaubten schon,
das ganze Kabel wieder aufnehmen zu mssen, da man ja, wie sie
meinten, nicht wissen knne, an welcher Stelle sich der Fehler
befnde.

Aber Siemens wandte sich wiederum an die Zauberin Wissenschaft
und untersuchte das Kabel nach einer schon frher von ihm
erdachten Methode. Damit vermochte er die Fehlerlage ziemlich
genau zu bestimmen. Er behauptete, da die schadhafte Stelle ganz
in der Nhe von Aden, noch in der Meerenge von Bab-el-Mandeb
liegen msse. Die Englnder lachten zwar ber diesen *scientific
humbug*, aber als man das Kabel an der angegebenen Stelle
aufgefischt und geschnitten hatte, ergab sich, da der Rest
fehlerfrei war. Die Genauigkeit der Messung war dadurch mglich
geworden, da Werner Siemens zum erstenmal an die Stelle der
unsicheren Strommessung die weit genauere Widerstandsmessung
gesetzt hatte. Wir werden seinen Bemhungen um die allgemeine
Einfhrung dieser Widerstandsmessung noch bei der Zusammenfassung
seiner wissenschaftlichen Meisterarbeiten begegnen.

Leider aber blieb dieser so schnell behobene Fehler nicht der
einzige in dem Kabel durch das Rote Meer. Nachdem es kurze Zeit
im Gebrauch gewesen, trat immer deutlicher das Vorhandensein
vieler schlecht isolierter Stellen hervor. Sie konnten zum
grten Teil nicht mehr ausgebessert werden, weil das Kabel
durch Korallenbildung auf dem Meeresboden festgehalten wurde. Es
ging schlielich gnzlich zugrunde, und Siemens weist in seinen
Schriften darauf hin, da mangelnde Sorgfalt bei der Fabrikation
und schlechte Auswahl der Lage der Grund fr den Untergang dieses
sowie fast smtlicher bis zu jener Zeit gelegten Kabel gewesen
sind.

Erst nachdem vom Jahre 1859 ab die englische Regierung der
Firma Siemens, Halske & Co. die Kontrolle der Kabel schon bei
der Anfertigung und alle weiteren Prfungen bertragen hatte,
hrten die schweren Verluste auf. Seit jener Zeit setzte sich
der von Werner Siemens aufgestellte Grundsatz durch, da
nicht die Billigkeit, sondern die Gte bei der Fabrikation
von Unterseekabeln ausschlaggebend sein msse. Im Juli 1860
hielt Wilhelm Siemens vor der *British Association* einen
Vortrag mit dem Titel Umri der Prinzipien und des praktischen
Verfahrens bei der Prfung submariner Telegraphenlinien auf ihren
Leitungszustand. Damit wurden die Siemensschen Erfahrungen
Allgemeinbesitz, und seit jener Zeit sind keine fehlerhaften
Kabel mehr verlegt worden.

Die Kabellegung im Roten Meer sollte fr die Beteiligten noch ein
seltsames Nachspiel haben. Die Mitglieder der Expedition gingen
nach Erledigung der Geschfte an Bord des Dampfers Alma von der
*Peninsular and Oriental Company*. Sie trafen auf dem Schiff eine
hchst elegante Gesellschaft an, von der die neu hinzugekommenen
Reisenden wegen ihrer stark abgenutzten Kleidung ziemlich ber
die Achsel angesehen wurden. Aber bald sollte ein unerwartetes
Ereignis alle scheinbaren Standesunterschiede grndlichst
verwischen. Wir lesen darber in den Lebenserinnerungen:

Wir hatten erst einige Stunden geschlafen, als wir auf eine
rauhe Weise aus unseren Trumen geweckt wurden. Ein heftiger Sto
machte das ganze Schiff erzittern, ihm folgten zwei andere noch
heftigere, und als wir entsetzt aufgesprungen waren, fhlten
wir auch schon, wie das Schiff sich zur Seite neigte. Ich hatte
glcklicherweise meine Stiefel nicht ausgezogen, nur Hut und
Brille abgelegt. Als ich mich nach diesen umsah, bemerkte ich
meinen Hut bereits auf dem Wege zum niedersinkenden Schiffsbord
und folgte ihm unfreiwillig in gleicher Richtung.

Von allen Seiten erscholl ein wilder, angsterfllter,
ohrenzerreiender Aufschrei, dann ein allgemeines Gepolter,
da alles auf Deck Befindliche den Weg in die Tiefe antrat.
Instinktiv strebte jeder dem hheren Schiffsbord zu, die meisten
vermochten ihn zu erreichen. Mir ging es schlechter, da ich beim
Suchen nach Hut und Brille Zeit verlor. Schon strmte das Wasser
ber die Bordkante und mahnte mich, an die eigene Rettung zu
denken. Das Deck war in wenigen Sekunden in eine so schrge Lage
gekommen, da es nicht mehr mglich war, auf ihm emporzuklimmen.
Doch die Not macht riesenstark! Ich stellte Tische und Sthle
so bereinander, da ich ein im hellen Mondschein sichtbares
Schiffstau, das vom hochliegenden Bord herunterhing, erreichen
und an ihm emporklimmen konnte.

Dort oben fand ich fast die ganze Schiffsgesellschaft schon
versammelt und mit bewunderungswrdiger Ruhe die Entwicklung des
Dramas erwartend ... Das Schiff lag bald ganz auf der Seite, und
die groe Frage, an der jetzt Leben und Tod alles Lebendigen auf
ihm hing, war die, ob es eine Ruhelage finden oder kentern und
uns smtlich in die Tiefe schleudern wrde.

Auch hier, in dieser hchsten Notlage, verzichtete Werner Siemens
nicht darauf, in aller Ruhe eine wissenschaftliche Methode
anzuwenden.

Ich errichtete mir, so schreibt er weiter, eine kleine
Beobachtungsstation, mit deren Hilfe ich die weitere Neigung
des Schiffes an der Stellung eines besonders glnzenden Sternes
verfolgen konnte, und proklamierte von Minute zu Minute das
Resultat meiner Beobachtungen. Alles lauschte mit Spannung diesen
Mitteilungen. Der Ruf Stillstand! wurde mit kurzem, freudigem
Gemurmel begrt, der Ruf Weitergesunken! mit vereinzelten
Schmerzenslauten beantwortet. Endlich war kein weiteres Sinken
mehr zu beobachten, und die lhmende Todesfurcht machte
energischen Rettungsbestrebungen Platz.

Es gelang schlielich, bei ruhiger See die ganze
Schiffsgesellschaft in Booten auf einen Korallenfelsen der
Harnischinselgruppe zu schaffen. Da die meisten keine Schuhe
anhatten, und der Felsen mit scharfen Korallenspitzen berst
war, so war es Siemens' erste Sorge, hier Ersatz zu schaffen.
Er fuhr noch einmal nach dem Wrack zurck und holte eine
Linoleummatte. Unter Verwendung seines ebenfalls geretteten
Taschenmessers erffnete er nun am Ufer eine Sandalenwerkstatt
und brachte so freudigst begrte Hilfe.

Fnf Tage lang muten nun die 500 Geretteten auf dem etwa einen
Hektar groen Koralleneiland zubringen. Die Sonne brannte mit
furchtbarer Glut hernieder, und das Wasser fing an zu mangeln.
Dazu kam, da die Schiffsbesatzung zu meutern begann. Die
Offiziere hatten wegen der schlechten Fhrung des Fahrzeugs alle
Autoritt verloren; es mute deshalb aus den jngeren Passagieren
eine Wachmannschaft gebildet werden. Nachdem alle schwere Qualen
ausgestanden hatten, kam endlich ein englisches Kriegsschiff in
Sicht, das die Schiffbrchigen zunchst mit dem hei begehrten
Trinkwasser versorgte und dann zur Weiterbefrderung aufnahm. --
--

Die Brder Siemens wollten fortab in noch strkerem Ma in dem
Kabelgeschft unabhngig sein. Insbesondere auf das Betreiben
von Wilhelm wurde darum im Jahre 1863 eine eigene _Kabelfabrik
in Charlton_ bei Woolwich gegrndet. Der erste Auftrag fr diese
kam von der franzsischen Regierung, die ein Kabel fr eine neue
Verbindung mit ihrer wichtigsten Kolonie, Algier, bestellte. Der
Anfangspunkt in Europa sollte _Cartagena_ in Spanien sein, bis
wohin eine Landlinie lief, und drben sollte es in _Oran_ landen.
Obgleich die Strecke recht kurz war, und obwohl die Brder
Siemens ihre ganze Kunst auf dieses Kabel verwendeten, sollte die
Legung aus ueren Grnden doch die unglcklichste von allen
werden, die sie je ausgefhrt haben.

Werner Siemens mute, um an der Verlegung teilnehmen zu knnen,
ganz Europa durchqueren, denn er befand sich zu jener Zeit in
Moskau. In fnf Tagen fuhr er ber Petersburg, Berlin und Paris
nach Madrid. Dort traf er neben den anderen Teilnehmern an der
Expedition seinen Bruder Wilhelm mit seiner jungen Gattin Anne,
die gleichfalls mit zu Schiff ging.

In den Lebenserinnerungen sagt Werner Siemens, da, vom
Standpunkt des vorgeschrittenen Alters betrachtet, jene
Kabellegung ein groer Leichtsinn gewesen sei, da Schiff und
Legungsmethode durchaus unzweckmig waren. Als Entschuldigung
dafr, da das Unternehmen trotzdem versucht wurde, knne nur
angefhrt werden, da sie damals unter allen Umstnden ein
eigenes Kabel legen wollten. Wilhelm hatte unglcklicherweise
darauf gedrungen, da ein neuer, von ihm erdachter Mechanismus
fr die Kabellegung angewendet wrde, eine Trommel mit stehender
Achse, deren Konstruktion zwar sehr geistreich ersonnen war, sich
jedoch nicht bewhren sollte.

Als man das Kabel von Oran aus zu legen begann, zeigte sich, da
es trotz der ausgezeichneten Fabrikationsmethode, mit der man
es hergestellt hatte, doch mechanisch nicht vllig zuverlssig
geblieben war, da es sich seitdem stark verndert hatte. Man
hatte damals eben noch nicht gengend Erfahrungen. Die Festigkeit
des Kabels hatte gelitten. Doch da das Wetter ruhig und schn
war, wollte man trotzdem den Versuch machen. Aber nachdem die
Uferstrecke gelegt war, ri das Kabel pltzlich und sank in
die Tiefe, von wo es wegen des am Meeresboden befindlichen
Steingerlls nicht mehr aufgefischt werden konnte.

Man war jedoch nicht allzu traurig darber, da man einen
ausreichenden berschu an Kabel auf dem Schiff hatte, und
es wurde nur beschlossen, an Stelle von Cartagena den nher
liegenden Ort Almeria als Landungspunkt in Spanien zu benutzen.
Um die Situation dort aufzuklren, mute man vorerst hinberfahren.
Dies geschah, und die Schiffsgesellschaft, die von den Ortsbewohnern
sehr freundlich aufgenommen und durch ein Fest in den Rumen des
Theaters geehrt wurde, verlebte in der spanischen Stadt einen sehr
angenehmen Tag.

Aber als man am nchsten Morgen wieder abgefahren war, nderte
sich das bisher so gnstige Wetter pltzlich, nachdem die offene
See erreicht war. Es blies ein lebhafter Sdwest, und eine
tiefgehende Wolke streckte einen seltsamen Rssel bis zum Meer
hinab, wo das Wasser unter dem Rssel mchtig aufschumte.

Bald kam man mit dem schlechten Schiff, das ein englischer
Kstenfahrer und fr das offene Meer wenig geeignet war, in
den Teil der See, den die Wasserhose krftig aufgewhlt hatte.
Das Schiff begann hier mchtig zu schwanken, und pltzlich
hrte man dumpfe, kurze Schlge aus dem Innern herauftnen. Die
Kabeltrommel hatte sich gelst.

Entsetzt strzte Werner Siemens in die Kajte zu seinem Bruder
Wilhelm, der schwer mit der Seekrankheit kmpfte. Nur dieser
kannte die Konstruktion der Trommel gengend und vermochte
allein, das Ungetm wieder zu fesseln, das die Schiffswnde im
nchsten Augenblick zu zerschmettern drohte. Das gelang denn auch
mit groer Mhe. Mit einem Gefhl der Befreiung suchten alle, als
es dunkel wurde, ihr Lager auf. Aber bald sollten sie durch ein
neues schreckliches Begebnis geweckt werden.

Ich hatte, so schildert Werner Siemens den Vorgang, noch nicht
lange geschlafen, als mich lautes Kommando und Schreckensrufe
auf Deck jh erweckten; unmittelbar darauf legte sich das Schiff
in einer Weise auf die Seite, wie ich es sonst nie erlebt habe
und auch heute noch kaum fr mglich halten kann. Die Menschen
wurden aus ihren Betten geworfen und rollten auf dem ganz schrg
stehenden Fuboden der groen Kajte in die gegenberliegenden
Kabinen. Ihnen folgte alles, was beweglich auf dem Schiff war,
und gleichzeitig erlosch alles Licht, da die Hngelampen gegen
die Kajtendecke geschleudert und zertrmmert wurden. Dann
erfolgte nach kurzer Angstpause eine Rckschwankung und noch
einige weitere von nahezu gleicher Strke.

Es gelang mir, gleich nach den ersten Sten, das Deck zu
gewinnen. Ich erkannte im Halbdunkel den Kapitn, der auf meinen
Zuruf nur nach dem Hinterdeck zeigte mit dem Rufe: *Voil la
terre!* In der Tat schien eine hohe, in der Dunkelheit schwach
leuchtende Felswand hinter dem Schiff zu stehen. Der Kapitn
hatte, als er sie gesehen, das Schiff ganz pltzlich gewendet,
und dadurch waren die gewaltigen Schwankungen hervorgerufen. Er
meinte, wir mten abgetrieben sein und befnden uns dicht vor
den Felsen des Cap des Lions.

Pltzlich rief eine Stimme im Dunkeln: *La terre avance!*, und
wirklich stand die hohe, unheimlich leuchtende Wand jetzt dicht
hinter dem Schiff und rckte mit einem eigentmlichen, brausenden
Gerusch heran.

Dann kam ein Moment so schrecklich und berwltigend, da er
nicht zu schildern ist.

Es ergossen sich ber das Schiff gewaltige Fluten, die von
allen Seiten heranzustrmen schienen, mit einer Kraft, der ich
nur durch krampfhaftes Festhalten an dem eisernen Gelnder des
oberen Decks widerstehen konnte. Dabei fhlte ich, wie das ganze
Schiff durch heftige, kurze Wellenschlge gewaltsam hin und
her geworfen wurde. Ob man sich ber oder unter Wasser befand,
war kaum zu unterscheiden. Es schien Schaum zu sein, den man
mhsam atmete. Wie lange dieser Zustand dauerte, darber konnte
sich spter niemand Rechenschaft geben. Auch die in der Kajte
Gebliebenen hatten mit den heftigen Sten zu kmpfen, die sie
hin und her warfen, und waren zu Tode erschreckt durch das
prasselnde Gerusch der auf Deck niederfallenden Wassermassen.
Die Zeitangaben schwankten zwischen zwei und fnf Minuten.

Dann war ebenso pltzlich, wie es begonnen hatte, alles vorber,
aber die leuchtende Wand stand jetzt vor dem Schiffe und
entfernte sich langsam von ihm.

Als nach kurzer Zeit die ganze Schiffsgesellschaft sich mit
neugestrktem Lebensmute auf dem Schiffsdeck zusammenfand und
die berstandenen Schrecken und Wunder besprach, meinten die
franzsischen Offiziere, das unglaublichste Wunder sei doch
gewesen, da unsere Dame gar nicht geschrien habe. Die echt
englische, mit steigender Gefahr wachsende Ruhe meiner Schwgerin
schien den lebhaften Franzosen ganz unbegreiflich.

Die Wasserhose war mit ihrer ganzen Gewalt ber das Schiff
hinweggegangen, und die Passagiere hatten nur einem Wunder
die Rettung zu verdanken. Doch das Phnomen gewhrte ihnen,
nachdem es sie erschreckt, auch eine Erquickung dadurch, da es
das lebhaftest bewegte Meer in herrlichstem Glanz aufleuchten
lie. Werner Siemens erzhlt, das Meeresleuchten sei so lebhaft
gewesen, da man dabei selbst kleine Schrift deutlich habe lesen
knnen.

Einige Stunden spter landete man in Oran, und trotz der
durchgemachten Aufregung mute doch daran gedacht werden, das
Kabel nach Almeria auszulegen. Es wurde auf eine andere Trommel
gewickelt, und bei wiederum sehr schnem Wetter fuhr man ab.

Alles ging sehr gut, und schon hatte man den Kstenstrich bei
Cartagena dicht vor Augen. Da sahen die Beobachter des Kabels
pltzlich, wie dieses ganz sanft auseinanderging und in der Tiefe
verschwand.

Das bedeutete einen Verlust von 150000 Mark. In einem an seinen
Bruder Karl gerichteten Brief schrieb Werner bald darauf:
Wie die Untersuchung ergab, war der Hanf an der Bruchstelle
gebrunt, was uns einen Augenblick an Bosheit glauben lie. Doch
es scheint eine Schwchung durch Eisenrost gewesen zu sein. Du
hast keine Idee, wie ein solcher Ruck einem durch die Glieder
fhrt! -- Bei dem groen Sturme hatte Anne sich mit bewundertem
Mute in ihr Schicksal ergeben; als aber das Kabel ri, war ihre
Selbstbeherrschung nicht ausreichend; das wirkte strker wie die
Todesfurcht! Wir sind doch sonderbare Geschpfe!

Noch schwerer als der finanzielle Verlust traf ihn das technische
Fiasko. Die Arbeit von Monaten, alle Mhe und Gefahr, die nicht
wir allein, sondern auch alle unsere Begleiter des Kabels wegen
erlitten hatten, waren in einem Augenblick, einiger verstockter
Hanffden wegen unwiederbringlich verloren. Dazu das unangenehme
Gefhl, Gegenstand des Mitleids der ganzen Schiffsgesellschaft zu
sein. Es war eine harte Strafe fr unsere Waghalsigkeit.

Noch in demselben Jahr wurde, um die Scharte mglichst schnell
auszuwetzen, wiederum eine Legung mit einem neu angefertigten
und verstrkten Kabel vorgenommen. Diesmal ging alles glcklich
vonstatten, und Werner Siemens erhielt von Wilhelm, der wiederum
die Legung leitete, aus Cartagena die ersehnte Mitteilung, da
bereits Telegramme zwischen Oran und Paris gewechselt worden
seien. Nach wenigen Stunden folgte dann aber die betrbliche
Nachricht, da das Kabel an der spanischen Kste gebrochen sei.
Ein Aufnehmen wurde versucht, blieb aber vergeblich, und so war
auch das zweite Kabel verloren. Es hatte sich ber zwei Felsen
gelagert, die hoch ber dem Meeresboden standen. So freischwebend
bildete es eine Kettenlinie, deren Spannung so gro war, da
das Kabel unter dem Zug der eigenen Schwere ri. Zum Glck war
die Firma Siemens, Halske & Co. durch die Tatsache, da zwischen
Paris und Oran wirklich Telegramme gewechselt worden waren,
von der Verpflichtung entbunden, noch eine dritte Legung zu
unternehmen.

Die sehr schweren Verluste, die durch diese unglckliche
Unternehmung verursacht waren, fhrten zu einer Krisis im
Geschft. Halske trat damals aus dem Unternehmen aus, und
das Londoner Haus wurde unter der Firma _Siemens Brothers_
selbstndig gemacht. Diese Periode ist als die Lehrzeit der
Siemens auf dem Gebiet der Kabeltelegraphie aufzufassen, denn
die Erfahrungen, die sie hierbei machten, befhigten sie zu den
groen und grundlegenden Erfolgen, die sie fortab davontrugen.




Die berwindung des Ozeans


Die Brder Werner und Wilhelm Siemens haben bei der Herstellung
der telegraphischen Verbindung zwischen der Alten und der Neuen
Welt Leistungen von grundlegender Bedeutung vollbracht, obgleich
sie auch hier nicht die ersten waren, die den Versuch wagten.

Der Pionier ist vielmehr der amerikanische Kaufmann Cyrus W.
_Field_ gewesen. Er erkannte die Gre der Aufgabe und hat ihrer
Lsung seine Lebensarbeit gewidmet.

Zunchst suchte er die amerikanische und die englische Regierung
dazu zu bewegen, das Geld fr eine transatlantische Kabellegung
herzugeben. Aber die Verhandlungen fhrten zu keinem Erfolg.
Da grndete Field im Jahre 1854 eine Aktiengesellschaft unter
dem Namen *Atlantic Telegraph Company* mit einem Kapital von 7
Millionen Mark. Drei Jahre nach der Errichtung der Gesellschaft
war das 4025 Kilometer lange Kabel fertiggestellt, und es konnte
mit der Auslegung an der schmalsten Stelle des Atlantischen
Ozeans, zwischen Valentia auf Irland und St. Johns an der
Ostkste der kanadischen Insel Neufundland, begonnen werden.

Das Kabel war, nach Biedenkapp, folgendermaen gebaut: der
eigentliche Leitungsdraht bestand aus sieben zu einer Litze
zusammengedrehten Kupferdrhten; um diese waren drei Lagen
Guttapercha gepret, dann kam eine Lage geteerten Hanfs,
und auen waren 18 schtzende Eisendrhte schraubenfrmig
herumgewunden. Fr die Auslegung wurde das Kabel auf zwei
Schiffen, Agamemnon und Niagara, den grten Fahrzeugen der
englischen und amerikanischen Marine, untergebracht. Man begann
mit der Auslegung an der irischen Kste. Schon hatte man 450
Kilometer glcklich gelegt, da kam man an eine Stelle, wo der
Meeresboden ziemlich pltzlich bis zu einer Tiefe von 3600 Metern
abfiel. Das Kabel lief nun so schnell vom Schiff, da die Trommel
nicht folgen konnte, es ri daher und ging verloren.

Zwei Jahre spter wurde wieder ein Legungsversuch mit einem
neuen Kabel unter Mitwirkung derselben Schiffe gemacht. Diesmal
fuhren die Fahrzeuge bis zur Mitte des Ozeans, dort wurden die
Kabelenden miteinander verspleit, Niagara ging darauf nach
Neufundland, Agamemnon nach Irland ab. Es ereigneten sich bei
den Fahrten mancherlei aufregende Zwischenflle. So war es einmal
notwendig, eine schadhafte Stelle mit uerster Geschwindigkeit
auszubessern, whrend das Kabelstck schon abrollte. Dann wurde
die moderne Seeschlange von einem Riesenwalfisch angegriffen, der
sie beinahe zur Strecke gebracht htte. Aber schlielich kam das
groe Werk doch zu glcklichem Ende.

Am 4. August 1858 fuhr der Agamemnon, whrend die Geschtze
donnerten, in Valentia ein, am nchsten Tag erhielt man die
Nachricht, da auch Niagara glcklich den Trinitybusen, den
diesmal gewhlten Endpunkt auf Neufundland, erreicht htte. Die
Kabelenden konnten auf beiden Seiten ans Ufer gezogen und mit
den bereits vorbereiteten Landlinien verbunden werden. Der groe
englische Elektriker William _Thomson_, der sptere Lord Kelvin,
war der wissenschaftliche Leiter des groen Versuchs. Freut
Euch, rief er damals aus, Europa und Amerika sind nicht mehr
durch das groe Wasser getrennt, wir haben sie einander bis auf
wenige Minuten nher gebracht. Die Knigin Viktoria und der
Prsident der Vereinigten Staaten tauschten Glckwunschtelegramme
als erste transatlantische Depeschen aus. Field wurde in England
begeistert gefeiert.

Doch die Freude dauerte nicht lange. Schon am 1. September
gingen keine Zeichen mehr durch das Kabel, und es konnte niemals
wieder ausgebessert werden. Da whrend der kurzen Gebrauchszeit
des Kabels im ganzen 4359 Worte durch dieses telegraphiert
worden waren, so hatte, wie man in Anbetracht der Kabelkosten
ausrechnete, jedes Wort 1800 Mark gekostet.

Der Verlust auch dieses Kabels war zwar sehr schmerzlich, aber
die gewechselten Telegramme hatten immerhin deutlich gezeigt,
von welch auerordentlichem Wert eine solche Verbindung zwischen
den beiden Weltteilen ist. Man bemhte sich nun, die Ursache des
zweimaligen Milingens zu ergrnden. Die englische Regierung
setzte ein besonderes Komitee ein, das ausfindig machen sollte,
wie die Methoden bei der Herstellung und Verlegung von Kabeln zu
vervollstndigen seien. Schlielich kam man dazu, die Grundstze,
die ein Deutscher, nmlich Werner Siemens, aufgestellt hatte, als
mageblich anzunehmen. Was Siemens selbst durch die Verlegung
der Mittelmeerkabel gelernt, und was er auf Grund seiner
theoretischen Ergrndungen theoretisch gelehrt hatte, wurde
vorbildlich auch fr die berbrckung des Ozeans. So wirkte er
auf diesem Gebiet schon geistig, whrend er persnlich an dem
Werk noch nicht beteiligt war.

Gesttzt auf die wissenschaftlich nunmehr besser geklrte
Situation, an deren Aufstellung auch William Thomson ein
lebhaftes Verdienst hatte, vermochte der unermdliche Field
nochmals ein Kapital von 12 Millionen Mark fr ein Ozeankabel
aufzubringen. Es wurde eine besondere Gesellschaft, *The
Telegraph Construction and Maintenance Company*, gebildet,
welche die Herstellung und Verlegung des Kabels ausfhren sollte.

Unter Teilnahme der ganzen Welt wurde der riesenhafte
Leitungsdraht auf dem Imperator der damaligen Zeit, dem grten
Schiff, das man hatte, dem _Great Eastern_, untergebracht.
Es war dies ein Dampfer von 200 Metern Lnge, dessen vier
tausendpferdige Maschinen Schaufelrder und eine Schraube
antrieben. Das groe Schiff konnte bei dieser Fahrt nicht allein
auslaufen, da die kolossalen Eisenmassen, welche die Umwehrung
des Kabels darstellten, seinen Kompa unzuverlssig machten. Es
mute daher von zwei anderen Schiffen begleitet werden, die ihm
die Richtung zeigten. Als fast 2400 Kilometer ausgelegt waren,
ri das Kabel von neuem und versank in unergrndliche Tiefe.

Es ist sehr erstaunlich, da es trotz all dieser Mierfolge Field
dennoch wieder gelang, Kapital aufzubringen, um einen vierten
Legungsversuch zu unternehmen. Schon im nchsten Jahr ging der
Great Eastern wieder in See, und diesmal glckte es wirklich,
innerhalb zehn Tagen die Kabellegung zu Ende zu fhren. Am 5.
August 1866 wurde die Leitung in Neufundland ans Ufer gebracht,
und am 2. September gelang es noch dazu, das im vorigen Jahr
verlorene Kabel aufzufischen und gleichfalls bis Neufundland
zu verlngern. Auf diese Weise hatte man nun gleich zwei
transatlantische Telegraphenleitungen, und fortab sind die beiden
Weltteile in ununterbrochenem elektrischen Verkehr miteinander
geblieben.

Aber bisher hatte man den Atlantischen Ozean nur an einer
verhltnismig schmalen Stelle berquert. Es fehlte noch
die direkte Verbindung zwischen England und den Vereinigten
Staaten, da die Kabel auf der amerikanischen Seite bisher alle
in Neufundland, also auf kanadischem Gebiet, gelandet waren,
von wo die Linien ber Land nach dem Gebiet der Vereinigten
Staaten gefhrt wurden. Die Legung und Herstellung eines solchen
direkten Kabels stellte wegen seiner sehr viel greren Lnge
eine neue schwierige Aufgabe dar. Das Unternehmen wurde darum der
Fabrik bertragen, die den nun auch in England schon lebhaftest
bewhrten Namen Siemens trug. Das erste der ganz groen
transatlantischen Kabel ist also in der Fabrik zu Charlton bei
Woolwich hergestellt worden. Ihm wurde alle Sorgfalt zugewendet,
die mglich war, und die ganzen Erfahrungen der Brder Werner und
Wilhelm halfen mit, ein vorzgliches Fabrikat herzustellen. Der
Erfolg ist denn auch dementsprechend gewesen.

Auftraggeberin fr das Kabel war die *Direct United States Telegraph
Company*, die sich im Jahre 1873 mit einem Kapital von 26 Millionen
Mark bildete und Wilhelm Siemens zu ihrem *Consulting Director*
machte. Die Leitung sollte in Ballinskellig-Bai in Irland beginnen
und in Torbay auf Neuengland enden. Von dort aus sollte die Linie
gleichfalls durch ein Unterseekabel nach Ray Beach in New Hampshire
weitergefhrt werden, wo der Anschlu an die amerikanischen
Landleitungen erreicht wurde.

Wilhelm Siemens konstruierte fr diese Kabellegung ein
besonderes Schiff, den auf der ganzen Erde berhmt gewordenen
Dampfer _Faraday_, der so viele und so vortrefflich gelungene
Kabellegungen ausfhren sollte und mit seinem Erscheinen
die glckliche Periode der drahtlichen Ozeanberquerungen
einleitete. Wenngleich Wilhelm die Frage der transatlantischen
Kabeltelegraphie nach allen Richtungen hin studiert hatte, so
ist es doch recht erstaunlich, da es ihm als einem Mann, der
sich niemals mit Schiffbau nher beschftigt hatte, gelang,
ein so vorzgliches und noch nach langer Zeit unbertroffenes
Spezialschiff zu konstruieren.

Der Faraday wurde auf der Werft von Mitchell & Co. in Walker
bei Newcastle-on-Tyne erbaut. Er hatte einen Inhalt von 5000
Registertonnen und war 360 Fu lang. In seinem Innern barg er
drei riesige Trommeln, auf denen ein Kabel von 3500 Kilometern
Lnge aufgerollt werden konnte. Es war auch eine Einrichtung
getroffen, die gestattete, das Kabel im Schiff stets unter Wasser
zu halten, da man die Erfahrung gemacht hatte, da es sich im
Trockenen selbst erhitzte, wodurch die Isolierung schmelzen
konnte. Der Dampfer war mit zwei Schrauben ausgerstet, deren
Wellen schrg zueinander standen, was ihm eine vorzgliche
Manvrierfhigkeit verlieh. Nach dem Urteil aller Zeitgenossen
war das Schiff wie kein anderes geeignet, bei Kabellegungen und
auch bei Hebungen vortreffliche Dienste zu leisten.

Am 16. Mai 1874 ging der Faraday zum erstenmal in See. Diesmal
hatte er jedoch nur die Kstenkabel fr die englische und auch
fr die amerikanische Seite an Bord.

Anfang Juni begann er seine Ttigkeit auf der amerikanischen
Seite, wo er bald durch starken Nebel aufgehalten wurde.

Am 2. Juli brachten die *Times* folgende sensationelle Depesche
des Reuterschen Telegraphenbureaus: Der Dampfer Faraday ist
in der Nhe von Halifax mit einem Eisberg zusammengestoen und
vollstndig gescheitert.

Die Unglcksbotschaft gelangte natrlich auch sofort nach
Deutschland, und sie traf Werner Siemens in einem hchst
ungeeigneten Augenblick.

Es war in dem Jahr, als er zum ordentlichen Mitglied der Akademie
der Wissenschaften in Berlin ernannt worden war, und an jenem Tag
hatte er in einer Festsitzung der Akademie seine Antrittsrede zu
halten. Gerade als er zu diesem Zweck von Hause fortgehen wollte,
erhielt er die Nachricht von dem Untergang des Faraday.

Es erforderte, so schreibt er darber, nicht geringe
Selbstbeherrschung von meiner Seite, niedergedrckt von dieser
schrecklichen Kunde, doch meinen nicht verschiebbaren Vortrag
zu halten! Nur wenige intime Freunde haben mir die gewaltige
Erregung angesehen.

Glcklicherweise stellte sich bald heraus, da die Nachricht von
den Gegnern der Siemens flschlich aufgebracht worden war, um
diese zu schdigen. Der Faraday kehrte wohlbehalten zurck und
konnte am 1. September von neuem in See gehen, um die Hauptlegung
auszufhren.

Sie geschah unter Leitung von Karl Siemens, der sich zu diesem
Zweck an Bord befand. Aber auch Werner wollte persnlich diesen
wichtigen Vorgang berwachen. Deshalb hielt er sich whrend der
Legung in Ballinskellig-Bai auf, wo in der Landungsstation die
Instrumente zur stndigen Beobachtung des Kabels whrend der
Auslegung aufgestellt waren. Man konnte an ihnen genau den
Isolationszustand der gesamten Leitung, soweit sie ins Meer
hinabgelassen war, erkennen.

Es war ziemlich gnstiges Wetter, so schreibt Werner
Siemens ber die aufregende Zeit seiner Beobachtungen zu
Ballinskellig-Bai in den Lebenserinnerungen, und alles ging
zunchst gut vonstatten. Der schwierige steile Abfall der
irischen Kste zu groer Meerestiefe war glcklich berwunden
und den elektrischen Prfungen zufolge der Zustand des Kabels
untadelhaft.

Da trat pltzlich ein kleiner Isolationsfehler ein, so klein,
da nur auerordentlich empfindliche Instrumente, wie wir
sie anwendeten, ihn konstatieren konnten. Nach bisheriger
Kabellegungspraxis wrde man diesen Fehler unbercksichtigt
gelassen haben, da er ohne jeden Einflu auf die telegraphische
Zeichenbildung war. Doch wir wollten eine ganz fehlerfreie
Kabelverbindung herstellen und beschlossen daher, das Kabel bis
zu dem Fehler, der noch dicht hinter dem Schiffe liegen mute,
wieder aufzunehmen.

Dies ging auch zunchst trotz der groen Meerestiefe von
18000 Fu ganz gut vonstatten, wie uns vom Schiffe fortlaufend
telegraphiert wurde. Pltzlich flog aber die Skala unseres
Galvanometers aus dem Gesichtsfelde -- das Kabel war gebrochen!
Gebrochen in einer Tiefe, aus der das Ende wieder aufzufischen
ganz unmglich erschien.

Es war ein harter Schlag, der unser persnliches Ansehen wie
unseren geschftlichen Kredit schwer bedrohte. Die Nachricht
durchlief noch in derselben Stunde ganz England und wurde mit
sehr verschiedenen Empfindungen aufgenommen. Niemand glaubte an
die Mglichkeit, aus so groer Tiefe ein abgerissenes Kabelende
wieder aufzufischen, und auch Bruder Wilhelm riet telegraphisch,
das verlegte Kabel aufzugeben und die Legung von neuem zu
beginnen.

Ich war berzeugt, da Karl, ohne den Versuch der Auffischung
gemacht zu haben, nicht zurckkehren wrde, und beobachtete
ruhig die steten Schwankungen der Skala des Galvanometers, um
Anzeichen zu finden, die auf Bewegung des Kabelendes durch den
Suchanker hindeuteten. Solche Anzeichen traten auch hufig ein,
ohne weitere Folgen zu haben, und es vergingen zwei bange Tage,
ohne irgendwelche Nachricht von dem Schiffe.

Auf einmal heftige Spiegelschwankung! Das Ende des Kupferdrahtes
mute metallisch berhrt sein. Dann mehrere Stunden lang
schwaches, regelmiges Zucken des Spiegelbildes der Skala,
woraus ich auf stoweises Heben des Kabelendes durch die
Ankerwinde schlo. Doch stundenlange, darauffolgende Ruhe lie
die Hoffnung wieder sinken. Da wiederum starke Spiegelschwankung
durch Schiffsstrom, die mit nicht enden wollendem Jubel des
Stationspersonals begrt wurde.

Das Unglaubliche war gelungen. Man hatte aus einer Tiefe, die
die Hhe des Montblanc ber dem Meeresspiegel bertraf, in einer
einzigen Operation das Kabel gefunden und, was noch viel mehr
sagen will, ungebrochen zutage gebracht. Es muten viele gnstige
Verhltnisse zusammentreffen, um dies mglich zu machen. Guter,
sandiger Meeresgrund, gutes Wetter, zweckmige Einrichtungen fr
das Suchen und Heben des Kabels und ein gutes, leicht lenkbares
Schiff mit einem tchtigen Kapitn fanden sich hier glcklich
zusammen und machten mit Hilfe von viel Glck und Selbstvertrauen
das unmglich Erscheinende mglich.

Bruder Karl bekannte mir aber spter, da er whrend des
ununterbrochenen Niederlassens des Suchankers, der _sieben
Stunden_ brauchte, um den Meeresgrund zu erreichen, was ihm erst
eine klare Anschauung von der Gre der bekannten Meerestiefe
gegeben habe, doch die Hoffnung auf guten Erfolg schon verloren
hatte und dann selbst von diesem berrascht wurde.

Nachdem der Fehler beseitigt war, wurde die Legung zu Ende
gefhrt. Es hatten sich jedoch einige weitere Fehlerstellen
gezeigt, und diese wollte man ausbessern, bevor das Kabel in den
Betrieb kam. Diese Fehlersuche machte viel Mhe und kostete viel
Kabel, so da der Faraday noch zweimal nach England fahren und
wieder auslaufen mute. Das Ergebnis war jedoch schlielich ein
so vorzgliches Kabel, wie es vorher von niemanden gebaut und
verlegt worden war.

Der Grundsatz, so schreibt William _Pole_, der englische
Biograph von Wilhelm Siemens, alle, auch die unbedeutendsten
Fehler zu beseitigen, ist bei diesem Kabel auf das gewissenhafteste
befolgt worden, obgleich die Vollendung der Legung des Kabels
dadurch bedeutend verzgert wurde. Seitdem das Kabel aber im
Besitz der Auftraggeber ist, hat es sich als eins der besten
von allen Kabeln, welche berhaupt je verlegt worden sind,
erwiesen, und seine Sprechfhigkeit ist der anderer Kabel, in
welchen unscheinbare Fehler unbercksichtigt geblieben sind,
ganz bedeutend berlegen. Auch die Prfung durch Sir William
Thomson, die hchste Autoritt auf diesem Gebiet in England,
ergab, da die Leitung durchaus fehlerfrei war und eine sehr hohe
Leitungsfhigkeit besa.

Durch diese vorzgliche Leistung stand die Fabrik von Siemens
Brothers nunmehr an der Spitze der Kabelfabriken. Im Jahre
1881 bestellte der amerikanische Eisenbahnknig _Gould_ ein
Doppelkabel nach Amerika durch einfaches Kabeltelegramm.
Nach einiger Zeit schon hatte der Dampfer Faraday sechs
transatlantische Kabel aus der Siemensschen Fabrik verlegt, und
damit war auch dieser Zweig der Technik in seine Reifejahre
eingetreten.




Intermezzo


Es mu hier noch eine durch das Haus Siemens Brothers in London
ausgefhrte Kabellegung geschildert werden, weil sie zu ihrer
Zeit auf der ganzen Erde sehr groes Aufsehen erregt hat.
Das Interesse, das sie erweckte, ist nicht durch besondere
technische Vorgnge hervorgerufen worden, sondern durch uere
Begleitumstnde, die glcklicherweise fr Kabellegungen nicht
charakteristisch sind.

In demselben Jahr, in welchem die glckliche Auslegung des
ersten direkten atlantischen Kabels durch den Dampfer Faraday
gelang, war die Fabrik in Charlton auch mit der Herstellung eines
Kabels beschftigt, das die *Brazil and River Plate Telegraph
Company* bei ihr bestellt hatte. Es sollte zur _Herstellung
einer Telegraphenlinie zwischen Rio de Janeiro und der Kste
von Uruguay_ dienen. Hierfr muten 2260 Kilometer Kabel
ausgelegt werden. Obgleich es sich hierbei durchaus nicht um die
Durchquerung gefhrlicher Gewsser handelte, auch um gar keine in
irgendeiner anderen technischen Beziehung besonders beschwerliche
Aufgabe, griff doch das Verhngnis besonders hart in den Gang der
Dinge ein. Zwei gute, groe Schiffe gingen bei der Kabellegung
verloren, und 58 Menschen kamen dabei ums Leben.

Als das Kabel fertiggestellt war, wurde es auf den Dampfer
Gomos geladen, der nach Brasilien abging. Er legte ein ziemlich
bedeutendes Stck der Kabelstrecke glcklich aus, aber in der
Nacht zum 25. Mai 1875 geriet er in der Nhe von Rio Grande
do Sul auf eine Sandbank, von der er nicht mehr freizukommen
vermochte. Das Schiff wurde gnzlich wrack und mute verlassen
werden. ber 400 Kilometer Kabel gingen mit ihm verloren.

In Charlton wurde darauf ein Ersatzkabel hergestellt und fr
dessen berfhrung nach Sdamerika der Dampfer La Plata
gechartert, der, mit dem Ersatzkabel und Hilfsmaterialien an
Bord und mit den besten Wnschen versehen, am 26. November 1874
Gravesend verlie. Das Schiff war ein eiserner Schraubendampfer
von fast 1000 Registertonnen Gehalt. Es war vorzglich ausgerstet,
stand unter dem Kommando eines bewhrten Seemanns, des Kapitns
Dudden, und hatte 75 Personen an Bord, darunter den Ingenieur
Ricketts, der bei der Auslegung des Kabels die Oberleitung
innehaben sollte. Niemand konnte ahnen, da auch dieses zweite
Kabel in ganz anderer Weise den Grund des Meers erreichen sollte,
als beabsichtigt war.

Als der La Plata sich der Bai von Biskaya nherte, geriet er
in einen heftigen Sturm. Das Schiff wurde sehr stark hin und
her geworfen und zwei seiner Boote gingen ber Bord. Am Morgen
wurde dem Kapitn aus dem Maschinenraum mitgeteilt, da Wasser in
diesen eindringe. Er lie darauf, um das Schiff zu erleichtern,
einen Teil des Kabels ber Bord laufen. Aber um 10 Uhr war das
Wasser im Maschinenraum doch bereits so hoch gestiegen, da die
Feuer erloschen. Die Maschine blieb stehen, und damit war das
Schiff verloren. Man lie die Boote hinunter, und jeder versuchte
einen Platz darin zu gewinnen.

Es waren nur noch drei Boote vorhanden. Zwei von diesen
scheiterten alsbald in dem hohen Seegang. Eines aber mit 15
Personen wurde nach schweren Erlebnissen von dem Dampfer Gare
Loch gesichtet, der die Schiffbrchigen rettete und an Bord
nahm. Einer der berlebenden hat den Untergang des Schiffs
geschildert. Wir geben diesen Bericht wie auch den spter
folgenden auszugsweise nach Pole wieder:

[Illustration: Die erste elektrische Straenbahn in
Berlin-Charlottenburg]

[Illustration: Ein moderner Berliner Straenbahnwagen]

Ich sah das Schiff untergehen; es war 25 Minuten vor 1 Uhr.
Einige Minuten hindurch sank das Schiff nur ganz allmhlich, dann
verschwand es pltzlich, mit dem Stern nach unten gerichtet.
Es war ein entsetzlicher Anblick. Das Deck des Dampfers zersprang
kurz vor seinem Untergang, und er war berhaupt in einem
schrecklichen Zustand. Der Kapitn aber war noch immer auf seinem
Posten; er stand da, allem Anschein nach ruhig und gefat, und
ich glaube, er hat uns sogar noch ein Lebewohl zugewinkt in dem
Augenblick, als er mit dem Schiff versank. Dann noch ein Mark
und Bein erschtternder Schrei von den an Bord zurckgebliebenen
Mannschaften -- solch ein Schrei, wie ich ihn hoffentlich nie
wieder hren werde. Wir fischten noch zwei Jungen und einen Mann
auf, konnten jedoch sonst niemand mehr retten ...

Wir erlebten eine schreckliche Nacht. Ich war whrend der ganzen
Zeit auf meinen Knien damit beschftigt, Wasser aus dem Boot zu
schpfen, wobei ich so frchterlich ausstand, da ich wnschte,
ich wre ertrunken. Einige andere von meinen Unglcksgenossen
wurden von Fieber und Durst noch schlimmer geplagt. Oft hrte
ich den einen oder anderen von ihnen ausrufen: O mein Gott, was
wrde ich jetzt nicht fr einen Trunk Wassers geben! Seewasser
war genug da; aber davon trank man nur, wenn die Verzweiflung
dazu trieb, und der Durst wurde dadurch nur um so qualvoller.

Die Schiffbrchigen langten am 2. Dezember 1874 wieder in
London an und brachten erst die Nachricht von dem Untergang des
Dampfers La Plata dorthin. Die Brder Siemens gaben sofort auf
telegraphischem Weg Anordnung, da Schiffe an die Unglcksstelle
fahren sollten, um vielleicht noch berlebende zu retten. Das
hatte jedoch keinen Erfolg. Indessen gelang es einem fremden
Schiff, noch zwei berlebende aufzufinden und zu bergen. Diese
beiden hatten eine Leidensgeschichte durchgemacht, wie sie in der
Geschichte der Schiffahrt nicht allzuoft vorkommt.

Sie befanden sich in einem der verloren gegangenen Boote und
wurden von der Sturzsee ber Bord geschwemmt. Gerade in dem
Augenblick, als sie wieder auf der Oberflche erschienen,
versank das Schiff pltzlich in die Tiefe, wodurch sie abermals
mit nach unten gezogen wurden. Als sie zum zweitenmal nach
oben kamen, erblickten sie ganz in ihrer Nhe ein auf dem
Wasser umherschwimmendes beschdigtes Luftrettungsflo, von
dem sie Besitz zu ergreifen sich bemhten. Dieses Flo war aus
Gummi gefertigt und bestand aus mehreren mit Luft angefllten
Abteilungen, die durch ein einen Sitz bildendes Segeltuch
verbunden waren. Auf diesem Sitz befanden sie sich wie in einem
Wassertrog; das Wasser spielte bis an ihre Hften, so da ihr
unterer Krperteil allmhlich von der Klte erstarrte. Ihre
einzige Hoffnung, einem langsamen Tode zu entrinnen, bestand
darin, da sie vielleicht von einem der vorbersegelnden Schiffe
bemerkt wrden, eine Hoffnung, die nur sehr wenig Aussicht auf
Erfllung hatte, da ein Schiff, das nicht ganz dicht an ihnen
vorbeifuhr, sie nur mit Hilfe eines Fernrohrs htte erblicken
knnen, wenn sie sich gerade auf dem Kamm einer Welle befanden.
Dabei wusch die See bestndig ber sie hin, und wenn sie nicht
beide Mnner von sehr krftiger und gesunder Krperkonstitution
gewesen wren, so wrden sie wohl kaum diese drei Tage bis zu
ihrer endlichen Erlsung berlebt haben.

Hufig sahen sie in der Tat Schiffe in ihrer Nhe vorberfahren,
von denen kein einziges ihre Notschreie hrte, und sie versanken
allmhlich in einen Zustand, in dem sie zwischen Wachen und
Schlafen dahindmmerten.

Am Mittwoch gegen 4 Uhr morgens sah der eine der
Schiffbrchigen, der eben munter war, trotz der Dunkelheit in
der Ferne ein Schiff gerade auf das Flo zusteuern und weckte
sofort seinen Leidensgefhrten. Das Fahrzeug nherte sich ihnen
sehr rasch bis auf eine Entfernung von etwa 100 Yards. Mit der
ganzen noch brigen Kraft ihrer Lungen schrien beide wiederum
um Hilfe, und nach einigen Sekunden banger Erwartung kndigte
ihnen ein helles Licht an, da sie gehrt worden seien. Zwei
Stunden lang leuchtete das Licht wie ein Rettungsstrahl vor
ihren Augen, verschwand jedoch kurz vor der Morgendmmerung, und
als der Tag anbrach, war nirgendwo mehr ein Schiff zu sehen. Ihre
Hoffnung war fast der Verzweiflung gewichen, als sie pltzlich
etwa zwei Stunden, nachdem es vollstndig hell geworden war, das
hei ersehnte Schiff gerade auf sich zusteuern sahen. Es war der
hollndische Schoner Wilhelm Blenkelszoon. Der Eigentmer,
Kapitn J. van Dorp, hatte unmittelbar, nachdem er den Notschrei
vernommen, sein Schiff aufgebracht und bis zum Morgen vor Anker
gelegt. Inzwischen war das Luftflo leewrts getrieben. Als der
Hollnder bei Tagesanbruch nirgends mehr etwas sehen konnte,
folgerte er aus der Strom- und Windrichtung genau den Ort, wohin
ein schwimmender Schiffstrmmer oder ein Boot getrieben sein
knnten, und wandte sofort nach jener Richtung.

Die Rettung bot jedoch noch besondere Schwierigkeiten, da das
Schiff wegen der hochgehenden See nicht unmittelbar an die
Seite des Floes gebracht werden konnte. Ebensowenig konnte
man ein Boot hinunterlassen. Die Schiffbrchigen wurden
also aufgefordert, die kurze Strecke zu durchschwimmen. Dem
Hochbootsmann Lamont gelang dies glcklich. Nun sollte auch sein
Genosse Hooper den Versuch wagen.

Dieser war noch mehr erschpft als Lamont; aber in dem Gedanken,
da es am Ende nicht schlimmer sei, auf dem Wege vom Flo nach
dem Schiff zu ertrinken, als allein auf dem Flo hilflos auf dem
Meere umherzutreiben und schlielich elendiglich umzukommen,
wagte er den verzweifelten Versuch und schwamm fr sein Leben auf
den Schoner zu. Als er jedoch bis an dessen Seite herangekommen
war, waren seine Hnde so erstarrt, da er selbst das ihm
zugeworfene Seil nicht einmal mehr ergreifen konnte, und so
erfate er es daher mit den Zhnen. Der kleine Schoner lag tief
im Wasser, einige von seiner Bemannung lehnten sich sofort ber,
und es gelang ihnen, Hooper bei den Hnden zu ergreifen und ihn
sodann an Bord zu ziehen.

Die armen Leute waren nicht mehr imstande zu stehen und fast
tot vor Nsse, Klte und Hunger; denn es war damals beinahe
Mittwoch mittag, und seit dem vorhergegangenen Samstagabend
hatten sie keine Nahrung mehr zu sich genommen. Doch die
Menschenfreundlichkeit und sorgsame Pflege des Kapitns van Dorp
und seiner braven Mannschaft, die nicht hoch genug gepriesen
werden kann, brachte sie allmhlich wieder zu sich.

Ihre Namen waren mit unter denen verffentlicht worden, die mit
dem Dampfer La Plata zugrunde gegangen waren; es mu daher fr
ihre Familien, als sie pltzlich wieder erschienen, gewesen sein,
als ob sie von den Toten auferstanden wren.

Damit waren also 17 Personen gerettet, 58, darunter auch der
Leiter der Expedition, Ricketts, hatten ihren Tod gefunden.
Die Feinde des Hauses Siemens benutzten die Gelegenheit, um
eine lebhafte Agitation gegen die Brder einzuleiten. Es wurde
behauptet, der Dampfer La Plata sei mit schwerer berlastung
in See gegangen. Das Handelsministerium lie die Angelegenheit
auf das genaueste untersuchen, worauf sich die vollkommene
Grundlosigkeit aller Beschuldigungen herausstellte, ja Wilhelm
Siemens konnte bei seiner Vernehmung glaubwrdig nachweisen,
da er das Schiff mit weit mehr Rettungseinrichtungen versehen
hatte, als gesetzlich ntig gewesen war. Durch ffentliche
Sammlung wurde zum Besten der Witwen und Waisen der zugrunde
gegangenen Mannschaft ein Fonds aufgebracht, zu dem die Brder
Siemens 10000 Mark beisteuerten; ferner sorgten sie reichlich fr
die Familien der Angestellten ihres eigenen Hauses, die bei der
La-Plata-Katastrophe ertrunken waren.

Das brasilianische Unglckskabel wurde endlich im Anfang
des Jahres 1875 durch ein drittes ausgesandtes Schiff, den
Ambassador, ausgelegt.




Die indo-europische Telegraphenlinie


Kurz bevor die Brder Werner und Wilhelm Siemens sich zur
Auslegung ihres ersten transatlantischen Kabels besonders eng
zusammengetan hatten, war von ihnen bereits ein anderes groes
Werk gemeinschaftlich vollbracht worden. Sie hatten, gleichfalls
unter ttiger Mitwirkung von Karl Siemens, eine Landlinie
zustande gebracht, welche bei weitem die grte ihrer Zeit war,
und die, noch heute fortbestehend, als ein Denkmal Siemensscher
Tatkraft anzusehen ist.

Das englische Mutterland suchte, sobald dies technisch mglich
war, eine telegraphische Verbindung mit seiner grten und
wichtigsten Kolonie, mit Indien, herzustellen. Der erste Versuch,
Indien zu erreichen, wurde ber gypten gemacht. Wir haben
Werner Siemens auch hierbei schon am Werk gesehen, denn jenes
Kabel durch das Rote Meer, nach dessen Auslegung er Schiffbruch
erlitt, war ein Teil der englisch-indischen Verbindungslinie. Es
fand seine Fortsetzung durch ein zweites Kabel, das von Aden bis
nach Karatschi an der Mndung des Indus verlegt wurde, von wo
aus Landtelegraphenlinien sich ber ganz Indien erstreckten. Wie
wir wissen, hrte das Kabel im Roten Meer schon im Jahre 1861 zu
arbeiten auf, und hnlich ging es manchen anderen Teilstrecken,
weil die Leitungen in der Fabrik noch nicht nach den Siemensschen
Methoden hergestellt worden waren.

Nun suchte man, da die Wichtigkeit der Verbindung immer
deutlicher wurde, Indien ber Land zu erreichen. Nur von England
zum Kontinent und durch den Persischen Golf von Buschir bis nach
Karatschi sollte wieder das Kabel benutzt werden. Schon jetzt
wurden die Brder Siemens von den Regierungen, durch deren Lnder
diese Telegraphenlinie hindurchging, als Berater herangezogen.
Aber man kam hier zu keinem befriedigendem Ergebnis. Hatte man
doch keine geschlossene Linie von England bis Indien, sondern
es muten in den verschiedenen Lndern Umtelegraphierungen
stattfinden. Dadurch, da die in englischer Sprache abgefaten
Telegramme in Deutschland, in Ruland und in Persien aufgenommen
und von den oft des Englischen nicht kundigen Beamten weiter
telegraphiert werden muten, entstanden sehr bse Strungen.
Hufig kamen die Telegramme derartig verstmmelt an, da sie
nicht mehr zu entziffern waren, und ihr Weg dauerte manchmal
mehrere Wochen.

Werner Siemens fate darauf den Plan, eine eigene durchgehende
Linie von England nach Indien zu schaffen, die ausschlielich
diesem Verkehr dienen und ein direktes Abgeben der Telegramme von
London bis Karatschi und Kalkutta ermglichen sollte. Er schrieb
im Jahre 1867:

Eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart von der
weittragendsten merkantilen und politischen Bedeutung ist die
sichere und schnelle telegraphische Verbindung Europas mit
Indien. Betrachten wir Indien mit seiner ungeheuren Bevlkerung
und seiner steigenden Produktion -- fr sich allein schon
eines der wichtigsten Handelsgebiete der Erde -- zugleich als
Durchgangspunkt des europischen Verkehrs nach China, Japan,
Australien und ganz Polynesien, eines Verkehrs, der unbersehbare
Dimensionen annehmen wird: so leuchtet die Notwendigkeit einer
fr alle Eventualitten gesicherten telegraphischen Verbindung
hervor, besonders seitdem die groe Aufgabe der atlantischen
Telegraphenverbindung mit Amerika so glnzend und mit so beraus
gnstigem finanziellen Erfolge gelst worden ist.

Der Verkehr Europas mit Indien und seinen Hinterlndern ist an
sich fr Europa von grerer Bedeutung, als der mit Amerika. Dies
gilt in noch hherem Mae vom Telegraphenverkehr. Der Nutzen, den
dieser dem korrespondierenden Publikum darbietet, ist der Zeit
proportional, welche durch eine telegraphische Mitteilung einer
brieflichen gegenber erspart wird. Da nun ein Brief von London
nach Neuyork durchschnittlich nur etwa 11 Tage, nach Kalkutta
aber 30 Tage braucht, so ergibt sich der verhltnismig weit
grere Nutzen einer telegraphischen Depesche nach Kalkutta
im Vergleich zu der nach Neuyork aus dieser weit greren
Zeitersparnis.

Seit die telegraphische Verbindung mit Amerika in so gutem
Betriebe ist, da, gespornt von den brillanten konomischen
Resultaten derselben, bereits Konkurrenzlinien in Aussicht
genommen werden, durch welche die bisher bermig hohen Gebhren
wahrscheinlich eine bedeutende Herabsetzung erfahren werden,
seitdem wird die Bedeutung der direkten indo-europischen
Telegraphie noch wesentlich dadurch erhht, da sie knftig auch
den bedeutenden Depeschenverkehr Amerikas mit dem stlichen Asien
und Australien vermitteln wird. Ist die Depeschenbefrderung
zuverlssig, schnell und nicht unverhltnismig kostspielig, so
wird sie sich sowohl der Handels-, als auch der persnlichen und
politischen Mitteilungen in noch weit hherem Mae bemchtigen,
als es bei anderen krzeren und daher weniger Zeit ersparenden
Linien der Fall ist.

Es wird dann kaum ein irgend bedeutenderes Handelsgeschft ohne
telegraphische Verstndigung mehr zustande kommen knnen, da der
telegraphische Korrespondent dem brieflichen schon bei einem
einfachen Angebot und Akzept um Monate voraus ist. Eine sichere
indo-europische Telegraphie wird aber nicht nur dem bereits
bestehenden Verkehr groen Nutzen bringen, sondern auch sehr viel
zur schnelleren Entwicklung desselben beitragen.

Werner Siemens besprach diesen Plan mit seinen Brdern Wilhelm
und Karl, und sie beschlossen, jeder in seinem Gebiet die
Vorverhandlungen zu beginnen. Wilhelm arbeitete fr das
Unternehmen in England, Werner verhandelte mit der preuischen
Regierung, Karl suchte Ruland fr den Plan zu gewinnen. Drei
Jahre lang dauerten die Errterungen. Dann erklrten sich alle
beteiligten Regierungen bereit, die Konzession zu erteilen.

Technisch wurde die Anlage einer solchen, fast 10000 Kilometer
langen durchgehenden Linie nur dadurch mglich, da Werner
Siemens wiederum neue, besonders empfindliche bertragungs-
und Empfangsapparate schuf. Sie gestatten das bergehen
der Telegramme von einem Leitungsteil zum andern ohne das
Dazwischentreten von Menschen.

Im Jahre 1868 wurde die *Indo European Telegraph Company* mit
einem Kapital von 9 Millionen Mark gegrndet. Mit Stolz sagt
Werner, es sei ein ehrendes Zeichen fr das Ansehen gewesen,
welches die Siemensschen Firmen schon damals genossen, da
das erforderliche betrchtliche Kapital ohne Vermittlung von
Bankhusern, nur auf die direkte Aufforderung hin, in London und
Berlin gezeichnet wurde.

Der Bau der Linie war am 10. Dezember 1869 beendet. Die Strecke
besteht bis zum heutigen Tag unverndert fort. Ihr Arbeiten ist
natrlich mit dem Beginn des Weltkriegs unterbrochen worden. Der
Weg, den sie durchzieht, ist folgender:

Von London luft eine Landlinie bis an die englische Kste nach
Lowestoft. Von dort fhrt ein Kabel durch die Nordsee nach
Norderney und setzt sich nach Emden fort. Hier schliet die
riesige Landlinie an. Sie luft ber Berlin bis Thorn, wo das
russische Gebiet erreicht wird. Von dort geht es ber Warschau
nach Odessa, dann zur Krim und darauf ber Tiflis und Tbris nach
der persischen Hauptstadt Teheran. Bis dorthin hatte die indische
Regierung im Anschlu an das Kabel Karatschi-Buschir ihren
Telegraphen vorgestreckt.

Bis die Linie in praktische Benutzung genommen werden konnte,
gab es noch mancherlei Verdru, weil es schwer hielt, den
berwachungsdienst in den verschiedenen Lndern richtig zu
organisieren. Erst am 12. April 1870 konnte die von Werner
Siemens gewnschte Generalprobe stattfinden. Auf seine Einladung
versammelte sich, wie Ehrenberg berichtet, in der Londoner
Station der indo-europischen Linie eine Anzahl hervorragender
Interessenten. Darauf wurde Teheran angerufen. Zu Werners nicht
geringem Verdru gelang die Verstndigung mit der persischen
Hauptstadt zunchst nicht. Dann aber ging alles gut.

Major Smith, Chef der englischen Telegraphenverwaltung in
Teheran, fragte: Was ist dort die Zeit? London antwortete: 11
Uhr 50, und dort? -- 3 Uhr 27 nachmittags. General Sir William
Baker, Mitglied des *Council of India*, depeschierte um 12 Uhr 45
nach Kalkutta: Sir William Baker an Oberst Robinson, Kalkutta;
bin entzckt ber die Leistungen der indo-europischen Linie.
Antwort kam schon um 1 Uhr 50: Kalkutta, 7 Uhr 7 nachmittags.
Betriebsdirektor an Sir William Baker, London. Dank fr Ihre
Botschaft, die in 28 Minuten hier angelangt ist.

Damit war der grte Erfolg erzielt, den der berlandtelegraph
bisher erreicht hatte; ber eine Entfernung hinweg, die ungefhr
einem Siebentel des Erdumfangs entspricht, hatte man in krzester
Zeit Nachrichten getauscht. Es war ein neuer groer Sieg des
Siemensschen Hauses.




Die Erfindung der Dynamomaschine


Wir gelangen nunmehr zur Darstellung jener Erfindung, die den
Hhepunkt in dem Schaffen von Werner Siemens bedeutet.

Die menschliche Kultur knnte das, was sie heute ist, nicht sein
ohne die Einwirkung und Mitwirkung des elektrischen Starkstroms.
Die Mglichkeiten, die uns die Ausnutzung der Naturkraft
Elektrizitt in dieser Form erschlossen hat, sind so zahlreich
und so innig mit dem gesamten Dasein und Treiben der heutigen
Menschheit verwebt, da das zwanzigste Jahrhundert ohne sie nicht
denkbar wre.

Starkstrom-Elektrizitt treibt gewaltige Maschinen an; sie
gestattet -- und das ist ihre ureigenste grandiose Eigenschaft --
Energie, die an einem geeigneten Punkt erzeugt wird, weithin zu
leiten und berallhin zu verteilen; das elektrische Kraftzentrum
liefert nach Belieben vier Formen der Energie: Kraft, Licht,
Wrme und chemische Zerspaltungs- oder Verbindungsenergie.

Elektrische Bahnen sind das bequemste und vorteilhafteste
Befrderungsmittel geworden. Der Elektromotor hebt die schwersten
Lasten. Die Elektrometallurgie scheidet Metalle aus dem Erz,
die elektrochemische Industrie bereitet das Aluminium, sie
entnimmt Stickstoffverbindungen aus der Luft. Millionen und
aber Millionen Menschen sind bei der Fabrikation elektrischer
Maschinen und aller derjenigen Einrichtungen beschftigt, die
durch sie erst mglich geworden sind. Fast die ganze zivilisierte
Menschheit geniet heute die Segnungen, die von den elektrischen
Leitungsdrhten ausgehen. Nicht lange mehr, und kein Ort in einem
Kulturstaat wird ohne ffentlich nutzbare Elektrizittsquelle
sein.

Da wir diese unvergleichliche Kraft zu unserer Verfgung haben,
verdanken wir Werner Siemens. Er hat die Maschine erfunden,
durch die allein es bis zum heutigen Tag mglich ist, nutzbare
elektrische Strme im groen zu erzeugen.

Sowenig wie in irgendeinem anderen Bezirk entspringt im Reich
der Technik ein groer Gedanke pltzlich und unvermittelt dem
Gehirn eines Menschen, wie Athene fertig gepanzert dem Haupt
des Zeus entstieg. Generationen sind gewhnlich ntig, um
das Feld zu dngen, aus dem dann endlich die Wunderblume des
abschlieenden genialen Gedankens erblht. Es ist erstaunlich,
da der ganze Werdegang der Dynamomaschine vom ersten Aufblitzen
des theoretischen Gedankens, der zur Grundlage ward, bis zu ihrer
Fertigstellung kaum mehr als drei Jahrzehnte gebraucht hat.

Wir haben schon in dem kurzen Bericht ber die Entwicklung der
Telegraphie von der Entdeckung Aragos gehrt, da elektrische
Strme Eisen, das sie in darumgelegten Windungen umflieen,
magnetisch machen. Es whrte mehrere Jahre, bis der geniale
Entdecker der elektrischen Induktion, Michael Faraday, auf den
Gedanken kam, da diese Wechselwirkung zwischen Elektrizitt und
Magnetismus auch umkehrbar sei. Durch bloe berlegung erkannte
Faraday, da, wenn Elektrizitt Magnetismus zu erzeugen vermge,
Magnetismus auch imstande sein msse, Elektrizitt hervorzurufen.
Im Jahre 1831 vermochte er diese Behauptung durch ein Experiment
zu beweisen. Er schrieb darber:

Es erschien mir sehr sonderbar, da, whrend jeder elektrische
Strom von einer magnetischen Wirkung rechtwinklig zum Strom von
entsprechender Intensitt begleitet war, nicht auch in guten,
in den Bereich dieser Wirkung gebrachten Elektrizittsleitern
irgendein Strom oder etwas einem solchen Strom an Kraft
quivalentes durch sie induziert werden sollte.

Diese Erwgungen und die daraus erwachsende Hoffnung,
Elektrizitt aus gewhnlichem Magnetismus zu gewinnen,
regten mich zu verschiedenen Zeiten an, die Induktionswirkung
elektrischer Strme durch Experimente genauer zu untersuchen. Vor
kurzem habe ich denn auch positive Resultate erreicht, und meine
Hoffnungen sind in Erfllung gegangen.

Faraday fand, da ein Magnetstab, den man in eine Drahtspule
hineinstt, in dieser einen Strom erzeugt, und da dasselbe
geschieht, wenn man den Magnet wieder herauszieht. Whrend der
Magnetstab in der Spule ruht, entsteht jedoch kein Strom. Man
vermag ebenso eine Stromerzeugung zu bewirken, wenn man einen
weichen Eisenkern, der fest in der Spule steckt, abwechselnd
magnetisiert und wieder entmagnetisiert.

Zunchst waren die Wirkungen, die Faraday auf diese Weise
erhielt, nur gering. Bei der ersten Vorfhrung seiner Entdeckung
vor der *Royal Institution* sagte er: Der Funke ist so gering,
da Sie ihn kaum bemerken knnen, aber andere Funken werden
folgen, welche diese Kraft fr hchst wichtige Zwecke verwendbar
machen. Er selbst verfolgte als reiner Wissenschaftler die
praktische Verwendung seiner Entdeckung nicht weiter. Mir war
es mehr darum zu tun, sagte er spter, neue Tatsachen und
weitere Beziehungen, die auf der magneto-elektrischen Induktion
beruhen, ausfindig zu machen, als die Kraft der bereits erzielten
Strme zu vermehren, da ich der festen berzeugung war, da diese
ohnedies im Laufe der Zeit zu ihrer vollen Entwicklung gebracht
werden wrden.

Und wirklich wurden sehr bald von anderen Maschinen gebaut,
welche die magnet-elektrische Induktion ausnutzten. Der Franzose
_Pixii_ und der Italiener _Dal Negro_ konstruierten schon im
Jahre 1832 Maschinen, bei denen die Magnetinduktion dadurch
hervorgerufen wurde, da Induktionsspulen den Polen von Magneten
durch Drehung fortwhrend genhert und wieder von ihnen entfernt
wurden. 1853 gelang es _Nollet_, eine sehr groe Maschine
dieser Art zu bauen. Nachdem sie durch _Holmes_ verbessert und
ausgestaltet worden war, geschah es am 8. Dezember 1850 zum
erstenmal, da Strom fr elektrisches Licht durch Maschinenkraft
erzeugt wurde. Es brannte in dem Leuchtturm auf South-Foreland.

Die so gebauten Maschinen erlangten bald eine gewisse Bedeutung.
Der ihnen zugrunde liegende Gedanke war, die von dauernden
Stahlmagneten erzeugten Kraftfelder zur Induzierung von Strmen
in Spulen zu benutzen, die durch die Magnetfelder hindurchgedreht
wurden. Den drehbaren Teil, auf dem die Spulen saen, nannte man
Anker.

Um eine mglichste Steigerung der induzierten elektrischen
Kraft hervorzurufen, kam es darauf an, den Anker so zu bauen,
da mglichst viele Spulenwindungen sich zu gleicher Zeit im
Bereich des magnetischen Felds befanden. 1856 erfand Werner
Siemens eine in dieser Hinsicht sehr wichtige Neuerung. Er
baute damals einen Anker, der die Form eines Zylinders mit zwei
parallelen Einschnitten in der Lngsrichtung hatte. Nach der
Form, die der Querschnitt dieses Ankers besitzt ([Symbol:
Doppel-T-Anker]), nannte er ihn Doppel-T-Anker. Es sind hier
die Spulenwindungen parallel zur Achse des Zylinders in den
Einschnitten aufgewickelt.

Da man den dringenden Wunsch hatte, recht starke und dauernde
elektrische Strme zu erhalten, so wurden immer umfangreichere
magnet-elektrische Maschinen gebaut. Man nahm jedoch bald wahr,
da deren Leistungsfhigkeit durchaus nicht im Verhltnis
zu ihrer Gre wuchs. Es wurde im Gegenteil die Kraft der
induzierenden Stahlmagnete durch den im Anker entstehenden
induzierten und entgegengesetzten Magnetismus immer mehr
geschwcht.

Daraus erwuchs der Gedanke, an Stelle der Stahlmagnete
Elektromagnete zur Erzeugung der Induktion zu benutzen. Man
versuchte dies zuerst in der Weise, da man die Elektromagnete
durch Batteriestrme erregte. Aber auch hier arbeitete die
Maschine sich selbst bis zu einem gewissen Grad entgegen. _Wilde_
in Birmingham benutzte dann an Stelle der Batterie zur Erregung
der Elektromagnete eine kleine magnet-elektrische Maschine, die
mit Siemensschem Doppel-T-Anker ausgerstet war. Hierdurch konnte
man schon recht krftige Strme erzeugen, aber eine gengende
Steigerung war auch hier nicht mglich. Die richtige Anordnung
brachte erst das _dynamo-elektrische Prinzip_, das von Werner
Siemens im Jahre 1866 gefunden wurde.

Siemens fate den groartigen Gedanken, da man fr die
Erregung der Magnete, die dann im Anker der Maschine den
Strom hervorrufen, doch nicht notwendigerweise von auen her
gelieferten elektrischen Strom verwenden msse. In jedem einmal
magnetisierten Eisen, also auch in den Erregern, bleibt immer
etwas Magnetismus zurck. Dieser gengt, um im Anker, wenn man
ihn dreht, elektrischen Strom hervorzurufen. Fhrt man nun diesen
schwachen elektrischen Strom um die Wicklungen der erregenden
Magnete herum, so mu deren Magnetismus verstrkt werden, wodurch
nun wieder die Stromentwicklung im Anker gesteigert wird. Das
wirkt von neuem auf die Erregermagnete, von da wiederum auf
den Anker, und so mu sich immer weiter eine Steigerung der
Maschinenleistung ergeben, bis die fr ihre Bauart hchstmgliche
Leistung erreicht ist.

Das Ergebnis war, als Siemens das Prinzip praktisch ausprobte,
in der Tat so, wie er es erwartet hatte. Er nannte den so
entstandenen wunderbaren Apparat dynamo-elektrische Maschine, von
dem griechischen Wort Dynamis = Arbeit, weil hier die Arbeit,
die dazu verwendet wurde, um den Anker zu drehen, sich direkt
in elektrischen Strom umsetzte. In trefflicher Weise ist die
Anordnung in der Maschine so getroffen, da der Magnetismus
immer den Strom und der Strom den Magnetismus verstrken mu.
Technische Konstruktionen sind, wie Graetz sagt, immer genial und
hervorragend leistungsfhig, wenn sie es verstehen, Anordnungen
zu treffen, durch welche sich Ursache und Wirkung gegenseitig
verstrken. Das ist bei dieser Maschine in besonderem Ma der
Fall.

Werner Siemens erwhnt seine groe Erfindung, nach Pole, zum
erstenmal in einem Brief, den er am 4. Dezember 1866 an seinen
Bruder Wilhelm schrieb:

... Ich habe eine neue Idee gehabt, die aller Wahrscheinlichkeit
nach reussieren und bedeutende Resultate geben wird.

Wie Du wohl weit, hat Wilde ein Patent in England
genommen, welches in der Kombination eines Magnetinduktors
meiner Konstruktion mit einem zweiten, welcher einen groen
Elektromagnet anstatt der Stahlmagnete hat, besteht. Der
Magnetinduktor magnetisiert den Elektromagnet zu einem hheren
Magnetismus, wie er durch Stahlmagnete zu erreichen ist. Der
zweite Induktor wird daher viel krftigere Strme geben, als wenn
er Stahlmagnete htte. Die Wirkung soll kolossal sein, wie in
Dinglers Journal mitgeteilt.

Nun kann man aber offenbar den Magnetinduktor mit Stahlmagneten
ganz entbehren. Nimmt man eine elektromagnetische Maschine,
welche so konstruiert ist, da der feststehende Magnet ein
Elektromagnet mit konstanter Polrichtung ist, whrend der Strom
des beweglichen Magnetes gewechselt wird; schaltet man ferner
eine kleine Batterie ein, welche den Apparat also bewegen wrde,
und dreht nun die Maschine in der entgegengesetzten Richtung,
so mu der Strom sich steigern. Es kann darauf die Batterie
ausgeschlossen und entfernt werden, ohne die Wirkung aufzuheben.

Der welthistorische Augenblick, in dem eine elektrische Maschine
mit Fremderregung zum erstenmal so geschaltet wurde, da ihr
eigener Strom um die Erregermagnete lief, ist uns durch einen
Augenzeugen geschildert worden. Siemens, der ungeduldig auf die
Feststellung harrte, ob sein Gedanke auch durch den praktischen
Versuch besttigt werden wrde, hat damals die ausschlaggebende
Umschaltung selbst vorgenommen. Der Werkmeister Karl Mller, der
ihm dabei behilflich war, lebt heute noch in Schneberg, und er
hat in einer Unterredung, die Heintzenberg mit ihm anllich
des 50jhrigen Jubilums der Dynamomaschine hatte, die Vorgnge,
die ihm noch nach einem halben Jahrhundert sehr gut erinnerlich
waren, geschildert. Heintzenberg hat diese Darstellung Mllers
in der Tglichen Rundschau wiedergegeben. Mllers Erzhlung
lautete demnach ungefhr so:

Eines Tages war der Alte zu ihm in die Werkstatt
hinuntergestrmt und hatte ihm in seiner lebhaften Art den
Auftrag gegeben, nach einer Handskizze so schnell wie mglich
eine Maschine zusammenbauen zu lassen, bei der die Erregung nicht
durch Stahlmagnete, sondern durch Elektromagnete hervorgerufen
werden sollte. Die Eisenkerne fr die Elektromagnete, die
Polschuhe und die Wicklung muten neu hergestellt werden. Mller
ging eifrig an die Arbeit. Es konnte jedoch dem Prinzipal nicht
schnell genug gehen. Schon nach wenigen Tagen gab er in heftiger
Weise seiner Enttuschung darber Ausdruck, da die Maschine
immer noch nicht fertig sei.

Endlich war es nun so weit.

Die Maschine stand bereit in der Werkstatt; ob sie allerdings
den Anforderungen des gestrengen Herrn gengen wrde ...? Es
war eine tolle Hetzjagd gewesen, und manches htte in ruhigerer
Arbeit sorgfltiger gemacht werden knnen. Mller hatte auch
mehrfach versucht, den Anker der Maschine zu drehen und dabei
gefunden, da dies verdammt schwer ging. Auch die Anker seiner
gewhnlichen Induktoren setzten der Drehung einen gewissen
Widerstand entgegen, aber doch nicht in dem Mae. Er hatte die
Maschine wieder auseinandernehmen und die Lager nachsehen lassen,
aber niemand hatte einen Fehler finden knnen; so sah Mller mit
etwas gemischten Gefhlen dem Augenblick entgegen, in dem Werner
Siemens kommen wrde, um die neue Maschine zu prfen.

Ein Gehilfe bat um eine Auskunft, und als sie zusammen in die
Werkstatt traten, sah Mller, da Werner Siemens bereits an der
Versuchsmaschine stand. Die Stirnfurche, von der man nie recht
wute, ob sie ein Zeichen von schlechtem Wetter oder nur die
Folge von angestrengtem Nachdenken war, schien heute noch tiefer
als sonst. Manchmal war ihm recht ungemtlich in der Nhe dieses
Feuergeistes, wenn er sich auch immer wieder sagte, da dieses
aufbrausende Wesen nie lange andauerte, und wenn er auch ahnte,
da es nur ein Schild war, hinter dem der Alte gegen seine eigene
groe Gutmtigkeit Deckung suchte.

Werner Siemens hatte kaum bemerkt, da Mller mit ehrerbietigem
Gru zu ihm getreten war. Die Hnde fest in den Taschen
verankert, stand er vor der Maschine und lie seinen scharfen
Blick von einem Teil zum anderen gleiten. Dann versuchte er zu
drehen.

Na, nun geht das Donnerwetter los, dachte Mller; aber nichts
dergleichen geschah. Im Gegenteil, die Stirnfalte war zweifellos
etwas geglttet. Nun sollte Mller die Drahtverbindung zwischen
der Batterie und dem Elektromagneten lsen. Das ging dem Alten
aber zu langsam, und schon hatte er Mller den Schraubenschlssel
aus der Hand genommen, warf die abgeschalteten Drhte beiseite
wie etwas sehr berflssiges und verband nun die freien Enden der
Magnetwicklung irgendwie mit den Schleiffedern am Kommutator. Das
alles ging so schnell, da Mller kaum die genderte Schaltung
zu erkennen vermochte. Nachdem in den Ankerstromkreis noch ein
Galvanoskop eingeschaltet war, mute Mller drehen.

Das Galvanoskop erhielt sofort so viel Strom, da es fr
immer dahin war. Mller dachte, der Prinzipal wrde ber die
Vernichtung des kostbaren Instruments verdrielich sein. Aber
Werner Siemens klopfte im Gegenteil dem verdutzten Werkfhrer
auf die Schulter und sprach zu ihm wie zu einem Freund, was
er frher nie getan hatte. Er sprach und sprach, und seine
Augen leuchteten noch mehr als sonst. Was er eigentlich sagte,
verstand Mller nicht recht vor lauter Verwunderung ber das
vernderte Wesen des Prinzipals.

Wir verstehen diese Erregung Werner Siemens' heute sehr gut.
Es war eben der Augenblick gewesen, in dem die Richtigkeit des
dynamo-elektrischen Prinzips praktisch erwiesen wurde. Das
Galvanoskop war das erste Opfer des dynamo-elektrisch erzeugten
Stroms geworden. Aber es sollte nicht umsonst gestorben sein.

In einer schnen Zeitverkettung fllt das 50jhrige Jubilum der
Dynamomaschine genau in die Zeit, in welcher der Geburtstag des
Meisters sich zum hundertsten Mal jhrt.

Kurz vor Weihnachten des Jahres 1866 fhrte Werner Siemens
seine neue Erfindung den Professoren Dove, Magnus und Du
Bois-Reymond sowie mehreren anderen ersten Physikern Berlins
vor. Professor Magnus erbot sich sogleich, der Berliner Akademie
der Wissenschaften eine Beschreibung der Erfindung vorzulegen.
Dies konnte jedoch wegen der Weihnachtsferien erst am 17. Januar
1867 geschehen. In der Arbeit, die Professor Magnus damals der
Akademie bergab, schrieb Werner Siemens am Schlu: Der Technik
sind gegenwrtig die Mittel gegeben, elektrische Strme von
unbegrenzter Strke auf billige und bequeme Weise berall da zu
erzeugen, wo Arbeitskraft disponibel ist. Diese Tatsache wird auf
mehreren Gebieten derselben von wesentlicher Bedeutung sein. Das
ist denn auch in groartigster Weise eingetroffen.

In England wurde die Erfindung dadurch bekanntgemacht, da
Wilhelm Siemens am 14. Februar 1867 einen Vortrag darber in der
*Royal Society* unter dem Titel ber die Umsetzung dynamischer
in elektrische Kraft ohne Hilfe von permanentem Magnetismus
hielt. Er sagte darin:

Seit Faradays groer Entdeckung der Magneto-Elektrizitt im
Jahre 1830 haben die Elektriker fr den Zweck der Erzeugung
ihrer kraftvollsten Effekte ihre Zuflucht zu mechanischer Kraft
genommen, jedoch die Kraft der magneto-elektrischen Maschine
scheint in gleichem Mae von der verausgabten Kraft einerseits
und von dem permanenten Magnetismus andererseits abhngig zu sein.

Mein Bruder, *Dr.* Werner Siemens in Berlin, hat mich aber
vor kurzem auf ein von ihm angestelltes Experiment aufmerksam
gemacht, wodurch nachgewiesen wird, da der permanente Magnetismus
zur Umsetzung von mechanischer in elektrische Kraft nicht
erforderlich ist, und das durch dieses Experiment erzielte
Resultat ist hchst bemerkenswert, weil dasselbe nicht nur diese,
bis dahin unbekannte Tatsache feststellt, sondern vor allem auch,
weil es uns ein einfaches Mittel an die Hand gibt, um hchst
kraftvolle elektrische Nutzeffekte hervorzubringen.

Er gab hierauf eine Beschreibung des Apparats. Und dann geschah
in der Versammlung etwas, das in der Geschichte der Erfindungen
ewig denkwrdig bleiben wird.

Unmittelbar nachdem Wilhelm Siemens seinen Vortrag beendet hatte,
stellte Professor _Wheatstone_ der *Royal Society* einen Apparat
vor, der gleichfalls auf Grund des dynamo-elektrischen Prinzips
gebaut war. Die Erfindung war also von ihm fast gleichzeitig
gemacht worden. Ja es stellte sich heraus, da bereits im
Dezember 1866, also gerade in den Tagen, in welchen Werner
Siemens seine Maschine vollendete, ein Ingenieur namens _Varley_
ein englisches Patent auf den gleichen Apparat nachgesucht
und hierbei dem Patentamt eine provisorische Beschreibung in
versiegeltem Umschlag eingereicht hatte.

Es war also, wie man das bei groen Gedanken nicht selten
beobachten kann, die Zeit der Reife fr diese Erfindung gekommen
gewesen. Nun _mute_ sie der Menschheit in den Scho fallen. Das
Verdienst von Werner Siemens wird hierdurch nicht im geringsten
gemindert. Jeder, der sich nicht durch nationalistische
Beweggrnde in seiner Meinung beirren lt, mu zugeben, da dem
deutschen Meister das Recht der Prioritt zusteht. Selbst der
Englnder Tyndall erklrte am 17. Januar 1879 in einem Vortrag
ber das elektrische Licht, den er vor der *Royal Institution*
hielt:

Eine Abhandlung ber denselben Gegenstand von *Dr.* Werner Siemens
wurde am 17. Januar 1867 vor der Akademie der Wissenschaften in
Berlin verlesen. In einem Brief an die Zeitschrift *Engineering*,
Nr. 622, Seite 45, behauptet Mr. Robert Sabine, da Professor
Wheatstones Maschine in den Monaten Juli und August 1866 von Herrn
Stroh gebaut worden sei. Ich bezweifle Herrn Sabines Aussage
keineswegs; es ist jedoch im allerhchsten Grade gefhrlich,
von dem alten Grundsatz, den Faraday stets in aller Strenge
befolgt hat, abzuweichen, da das Datum der Geburt einer Erfindung
mit dem Datum der Verffentlichung identisch sei.

Werner Siemens selbst nahm die Prioritt durchaus fr sich in
Anspruch mit dem Hinweis darauf, da das Prinzip zum erstenmal
in den gedruckten Verhandlungen der Berliner Akademie der
Wissenschaften verffentlicht worden sei. Auch ist der Name,
den er dem Apparat gegeben hat, dynamo-elektrische Maschine,
allgemein blich geworden, und er wird noch heute in der Praxis
in der abgekrzten Form Dynamomaschine berall gebraucht.

Werner Siemens durfte sich um so mehr auf diese erste
Verffentlichung als die ausschlaggebende Tatsache sttzen, als
ihm selbst whrend seiner langen Erfinderttigkeit oft genug die
Vaterschaft an einer Erfindung nur aus dem Grund nicht zuerkannt
wurde, weil er im Drang der Geschfte die Verffentlichung
unterlassen hatte und ein anderer ihm damit zuvorgekommen war.
Auch in diesen Fllen, wo es fr ihn ungnstig war, hielt er
den Grundsatz, da die erste Verffentlichung die Prioritt
begrnde, fr einzig richtig. Er schreibt darber einmal in den
Lebenserinnerungen:

Es erscheint zuerst zwar hart und ungerecht, da jemand durch
frhere Publikation die Ehre einer Entdeckung oder Erfindung
sich aneignen kann, die ein anderer, der schon lange mit Liebe
und gutem Erfolge an ihr gearbeitet hat, erst nach vollkommener
Durcharbeitung publizieren wollte. Andererseits mu man jedoch
zugeben, da irgendeine bestimmte Regel ber die Prioritten
festgesetzt werden mu, da fr die Wissenschaft und die Welt
_nicht die Personen, sondern die Sache selbst_ und deren
Bekanntmachung in Betracht kommt.

Es ist kein Zweifel, da der Gedanke, den Werner Siemens im
dynamo-elektrischen Prinzip ausgesprochen hat, uns heute
auerordentlich naheliegend erscheint. Aber gerade die groen
Vereinfachungen pflegen stets zuletzt gefunden zu werden, und
eben sie bewirken durch ihre unvergleichliche Klarheit, da
die Konstruktion dann selbstverstndlich erscheint. Durch die
Schaffung der Dynamomaschine erst gelang es, die Elektrizitt
aus dem Anfangsstadium herauszuheben, in dem sie nur Gedanken
bermittelte, gewissermaen nur den Kommandeur spielte. Von
jetzt ab konnte sie auch Kraft bertragen und selbst dienstbar
schaffend dem Menschen zur Hand gehen.

Die erste Anwendung, die Werner Siemens von der neu erfundenen
Maschine machte, war die Konstruktion eines Zndapparats fr
Sprengkapseln. Verbesserte Vorrichtungen dieser Art werden
noch heute zu tausenden in Bergwerken und bei der Armee
angewendet. Am 10. Juli 1868 wurde dann zum erstenmal auf
dem Artillerieschieplatz bei Berlin das elektrische Licht
eines Scheinwerfers durch einen Strom erzeugt, der von einer
Dynamomaschine herrhrte. Alsdann mehrten sich die Anwendungen
auerordentlich rasch.

Auch der groe und fr die Jetztzeit so beraus wichtige Gedanke
der bertragung von Kraft, die durch die Dynamomaschine erzeugt
wird, ber weite Strecken wurde nicht sehr viel spter gefat.
Es ist Wilhelm Siemens, der ihn im Jahre 1877 wohl zum erstenmal
ausgesprochen hat. Er war damals zum Prsidenten des *Iron and
Steel Institute* gewhlt worden und wies in seiner Antrittsrede
darauf hin, da fr eine gewisse sptere Zeit eine Abnahme der
Kohle drohe, und da man rechtzeitig dafr Sorge tragen msse,
sie durch Wasserkrfte zu ersetzen. Er machte dabei insbesondere
auf die Niagaraflle als eine riesenhafte natrliche Kraftquelle
aufmerksam und sagte:

Die Wassermasse, die stndlich ber diesen Fall hinwegstrzt,
ist auf 100 Millionen Tonnen geschtzt worden, und die senkrechte
Tiefe kann man auf 150 Fu veranschlagen, die Stromschnellen
noch nicht gerechnet, die einen ferneren Hhenabfall von 150
Fu reprsentieren, was einen Gesamtabfall von 300 Fu zwischen
See und See ausmacht. Die Kraft, die der Hauptfall allein
darstellt, betrgt 16800000 Pferdekrfte, eine Kraftmenge, die,
wenn sie durch Dampf erzeugt werden sollte, die Verausgabung von
nicht weniger als jhrlich 266000000 Tonnen Kohlen bentigen
wrde, wenn man den Kohlenverbrauch auf stndlich vier Pfund
pro Pferdekraft berechnet. Mit anderen Worten, die gesamte
Kohlenmenge, die auf der ganzen Welt zutage gefrdert wird, wrde
kaum gengen zur Erzeugung der Kraftmenge, die bei diesem einen
groen Wasserfalle bestndig nutzlos vergeudet wird.

Es wrde in der Tat nicht schwierig sein, einen groen Teil
der auf diese Weise verloren gehenden Kraft mit Hilfe von
Turbinen und Wasserrdern nutzbar zu machen, die an den Ufern
des Flusses unterhalb der Flle errichtet und durch Grben lngs
der Uferrnder gespeist wrden. Dagegen wrde es unmglich sein,
die Kraft an Ort und Stelle auszuntzen, da der Bezirk keinen
Reichtum an Mineralien oder anderen Naturprodukten besitzt,
welche die Errichtung vorteilhaft erscheinen lieen ...

Im Lauf der Zeit drften sich wohl wirksame Mittel finden
lassen, um Kraft auf groe Entfernungen zu bertragen; doch
kann ich nicht umhin, schon jetzt auf ein Mittel aufmerksam zu
machen, das meines Erachtens wohl der Beachtung wrdig ist,
nmlich auf den elektrischen Leiter. Man nehme an, Wasserkraft
werde verwendet, um eine dynamo-elektrische Maschine in Bewegung
zu setzen, so wrde ein sehr starker elektrischer Strom erzeugt
werden, der durch einen metallischen Leiter von greren
Dimensionen auf eine bedeutende Entfernung fortgeleitet und dann
wiederum benutzt werden knnte, um elektromagnetische Maschinen
zu treiben und die Kohlenspitzen elektrischer Lampen zum Glhen
zu bringen oder die Scheidung von Metallen aus ihren Verbindungen
zu bewirken. Ein Kupferleiter von 3 Zoll Durchmesser wrde
imstande sein, 1000 Pferdekrfte auf eine Entfernung von etwa 50
Kilometern zu bertragen, und diese Kraftmenge wrde gengen, um
Leuchtkraft von einer Viertelmillion Normalkerzen zu liefern,
womit eine mittelgroe Stadt erleuchtet werden knnte.

Pole schreibt in seiner Schilderung des Lebens von Wilhelm
Siemens, da diese uerung die Zuhrer in hchstem Grad
berrascht habe, und da diese Zukunftshoffnungen nur mit
einem Lcheln des Unglaubens aufgenommen worden seien. Wir
wissen heute, in wie groartiger Weise die Erfindung von Werner
Siemens die Hoffnungen seines Bruders auch auf dem Gebiet der
Kraftbertragung erfllt hat.

Die erste Dynamomaschine, die Werner Siemens baute, war noch
mit seinem Doppel-T-Anker ausgerstet. Antonio _Pacinotti_
hatte aber schon 1860 fr die magnet-elektrische Maschine
den Ringanker erfunden, der eine grndlichere Ausnutzung der
Induktion gestattete. Er ist unter dem Namen Grammescher Ring
weit verbreitet gewesen, weil der Belgier Zenobius _Gramme_ es
war, der die Pacinottische Erfindung in die Praxis bertrug.

Ein weiterer wichtiger Schritt in der Ausbildung der
Dynamomaschine geschah, als der Leiter des Konstruktionsbureaus
der Firma Siemens & Halske, Friedrich _von Hefner-Alteneck_,
den Trommelanker konstruierte, der gewissermaen die Vorteile
des Doppel-T-Induktors und des Pacinottischen Rings vereinigte.
Bei dem Trommelanker sind die Wicklungen ber den Mantel eines
Zylinders so gezogen, da die erregende Einwirkung der Polmagnete
fast vollstndig ausgenutzt werden kann.

Mit diesem Wunderknuel, wie man Hefner-Altenecks Erfindung
bei ihrem ersten Auftreten nannte, hatte die Dynamomaschine
die Form bekommen, in der sie noch heute benutzt wird. Die
Abmessungen aber, wie sie in unseren Tagen bei den gewaltigen
Turbogeneratoren erreicht worden sind, hat wohl auch Werner
Siemens noch in seinen letzten Lebensjahren kaum geahnt.




Elektrische Bahnen


Die bertragungsfhigkeit der elektrischen Energie, der Wilhelm
Siemens bald nach Erfindung der Dynamomaschine eine so groe
Zukunft vorausgesagt hatte, sollte wirklich bald in besonderer
Weise ausgenutzt werden.

Die Dynamomaschine hat den auerordentlichen Vorzug, da sie
umkehrbar ist. Im Anker wird Strom erzeugt, wenn man ihn
gewaltsam innerhalb des Felds der feststehenden Polmagnete dreht.
Fhrt man aber dem Anker von auen her Strom zu, so setzt er sich
mit bedeutender Kraft in Bewegung und ist imstande, Maschinen zu
drehen. Man sprach im Beginn von sekundren Dynamomaschinen,
denen man Strom zufhrte; heute nennen wir diese Maschinen
_Elektromotoren_. Setzt man einen solchen Elektromotor auf ein
Fahrgestell, so vermag er, sobald man ihm Strom zufhrt, die
Rder des Fahrgestells in Bewegung zu setzen und kann auf diese
Weise Wagen befrdern.

Die erste Anregung zur Herstellung elektrischer Bahnen wurde
indirekt durch den im vorigen Abschnitt erwhnten Vortrag von
Wilhelm Siemens gegeben.

Der Baumeister Westphal in Kottbus hatte von dem Vorschlag
Wilhelm Siemens' gehrt, die Kraft der Niagaraflle zu bertragen.
Er war nicht so skeptisch wie die Englnder und fragte darum bei
Werner Siemens in Berlin an, ob es nicht mglich wre, die Energie
verbrennender Braunkohle aus seinem Wohnbezirk nach Berlin zu
bertragen. Hiermit wurde ein Gedanke ausgesprochen, der ja heute
eine sehr bedeutende praktische Nutzanwendung gefunden hat. Aber
damals waren noch keine Mglichkeiten vorhanden, eine konomische
Fernleitung elektrischer Energie ber so weite Strecken
herzustellen, da man die Vorzge der Hochspannung noch nicht
kannte und sie technisch auch nicht htte beherrschen knnen.
Aber aus den Verhandlungen mit Werner Siemens entstand schlielich
die Idee, die elektrische Kraftbertragung wenigstens dazu zu
benutzen, um die Kohle mittels elektrischer Kraft auf Schienen
ber das Grubengebiet des Herrn Westphal selbst zu transportieren.

Werner Siemens ging gleich daran, eine kleine, schmalspurige
elektrische Bahn zu konstruieren. Sie ist niemals in einer
Kohlengrube gefahren, aber sie wurde doch die erste elektrische
Bahn der Welt, die in Betrieb gesetzt wurde.

Schon im Jahre 1834 hatte Jacobi in Petersburg versucht, ein
Boot mittels einer magnet-elektrischen Maschine anzutreiben.
Der Strom wurde einer Batterie entnommen. Aber das Zink, das
hierbei elektrolytisch verbraucht wurde, war ein viel zu teures
Brennmaterial. 1835 konstruierten dann die Ingenieure Strathing
und Becker in Grningen eine magnet-elektrische Lokomotive.
Auch diese Versuche fhrten zu keinem Ergebnis. 1841 erlie der
Deutsche Bund ein Preisausschreiben fr die Konstruktion einer
elektrischen Lokomotive. Ein Erfolg konnte hier ebenfalls nicht
erzielt werden, weil die geeignete Antriebsmaschine noch fehlte.
Erst die Dynamo schuf auch hier eine frdernde Mglichkeit.

Im Jahre 1879 fand in Berlin eine Gewerbeausstellung statt.
Werner Siemens, der mglichst schnell das hochinteressante
Zusammenarbeiten einer primren mit einer sekundren Dynamomaschine
zeigen wollte, benutzte die Anlage, die er eigentlich fr
die Braunkohlengrube in Kottbus gebaut hatte, dazu, um auf
dem Ausstellungsgelnde eine elektrische Bahn einzurichten.
Es wurde ein in sich geschlossenes ovales Gleis von 600 Metern
Lnge hergerichtet. Darauf verkehrte ein Zug, der aus drei
offenen Wagen bestand; auf jedem von ihnen fanden acht Personen
Platz. Zum Antrieb wurde eine kleine vierrdrige elektrische
Lokomotive benutzt, die nur aus dem Fahrgestell und dem darauf
liegenden Elektromotor bestand. Auf dessen Rcken befand sich
der gleichfalls offene Fhrersitz.

Die Bahn fuhr mit einer Stundengeschwindigkeit von 24 Kilometern.
Der Strom wurde mittels Schleiffedern von einer mittleren Schiene
abgenommen. Die Fahrschienen dienten als Rckleitung.

Der kleine elektrische Zug lief ganz vorzglich. Aber selbst in
Fachkreisen erkannte man die Wichtigkeit dieses Versuchs nicht.
Die Zeitschrift Der Techniker schrieb im Jahre 1880 am Schlu
ihrer Schilderung der Siemensschen elektrischen Bahn: Als
ausgefhrtes Beispiel der Umwandlung von mechanischer Kraft in
elektrische und zurck in mechanische Kraft war die elektrische
Eisenbahn interessant, wenn wir auch sonst vorderhand noch
keinen weittragenden Nutzen ersehen. Und dieses Urteil wurde
ausgesprochen, obgleich die Bahn in der Zeit vom 31. Mai bis zum
30. September 1879 86398 Fahrgste befrdert hatte.

Werner Siemens dachte jedoch mit seinem weit vorausschauenden
Geist ganz anders ber die Zukunft dieser seiner Schpfung. Er
wollte sie sofort auf das grndlichste in einer umfangreichen
Anlage ausnutzen. Schon im Jahre 1880 reichte er den Entwurf fr
eine groe _Hochbahnlinie in Berlin_ ein.

In Ney York waren damals gerade die ersten Hochbahnen in Betrieb
genommen worden, weil es dort nicht mehr mglich war, den
gesamten Verkehr durch Bahnen in Straenhhe zu bewltigen. Die
Zge wurden auf den Viadukten von Dampflokomotiven gezogen.
Werner Siemens sah klar ein, da der elektrische Antrieb
innerhalb einer Stadt groe Vorteile bieten mute, weil die
Belstigung der Straenanwohner durch den Rauch und der Passanten
durch herabtropfendes Wasser sowie das puffende Gerusch des
ausgestoenen Dampfs hier fortfallen muten. In einem Vortrag,
den er am 27. Januar 1880 im Elektrotechnischen Verein zu Berlin
hielt, sagte er:

Meinerseits halte ich es fr eine Grostadt fr eine absolute
Notwendigkeit, auer den Straenflchen fr die Wagen und
Fugnger noch eine zweite Kommunikationsetage fr den schnellen
Verkehr zu haben. Sie sehen, wie mit dem steigenden Verkehr sich
unsere belebteren Straen schon jetzt tglich mehr verstopfen;
es ist oft kaum mehr durchzukommen, und kein Konstabler kann das
ndern. Wie soll das werden nach 10, 20, 50 Jahren!

Die Statistik ber die Zunahme des Verkehrs berechtigt uns,
mit der vollsten Bestimmtheit zu sagen, da die Straenflche
demselben schon in der nchsten Zeit nicht mehr gengen kann.
Eine Abhilfe mu gefunden werden, wenn das auf wachsenden Verkehr
sich grndende grostdtische Leben nicht verkmmern und die
weitere Entwicklung der Reichshauptstadt nicht vollstndig
gehemmt werden soll.

Es mu also notwendig fr Berlin ein neues Kommunikationsnetz
fr schnellen Personen- und Gterverkehr geschaffen werden,
welches den Straenverkehr nicht hindert und durch ihn nicht
gehindert wird ...

Berlin ist die Geburtssttte der dynamo-elektrischen Maschine
und der elektrischen Eisenbahn -- es sollte daher auch der Welt
mit der Anlage eines Systems elektrischer Hochbahnen vorangehen,
dem es sich auf die Dauer doch nicht wird entziehen knnen! Ich
bitte Sie, meine Herren, zur Realisierung dieses Vorschlages
mitzuwirken!

Er empfahl nun, die Stadtbahn, die damals gerade gebaut
wurde, durch ein Netz von nordsdlich gerichteten, elektrisch
betriebenen Radiallinien auf eisernen Viadukten zu ergnzen.
Die erste und Hauptlinie sollte durch die _Friedrichstrae_
hindurchgefhrt werden. Hier sollten an den Bordschwellen auf
beiden Seiten der Strae eiserne Sulen errichtet werden, die
eine schmale Fahrbahn, nicht breiter als das Gleis selbst,
tragen sollten. Siemens drckte sich sehr optimistisch ber
die Geringfgigkeit des Geruschs aus, das die fahrenden Zge
entwickeln wrden, und befrchtete auch keine besondere
Verunstaltung der Straen.

Aber das Projekt scheiterte an dem Widerspruch der Hausbesitzer.
Der Kaiser legte gleichfalls sein Veto ein, insbesondere,
weil die Hochbahnkreuzung die Strae Unter den Linden, diese
historische *Via triumphalis*, fr immer verunstaltet htte.

Der Plan blieb unausgefhrt, und erst im Jahre 1896 begann man in
Berlin mit dem Bau von Schnellbahnen. Es war die Firma Siemens
& Halske, die damals die erste Hochbahnlinie im Osten der Stadt
anlegte. 1902 wurde sie erffnet, und daran schlo sich der
bekannte rasche Ausbau des Berliner Schnellbahnnetzes ber und
unter der Erde.

Dem damaligen Stand der Technik entsprechend, war Werner Siemens
der Meinung gewesen, da in dem hchst ungeeigneten Boden von
Berlin Untergrundbahnen niemals wrden angelegt werden knnen.
Sehen wir auf Berlin, sagte er, so mssen wir sagen, unsere
Urvter, die Fischer, die in den Drfern Berlin und Klln lebten,
haben insofern eine schlechte Wahl getroffen, als sie sich
an einem Platz niedergelassen haben, wo der Grundwasserstand
sehr hoch liegt. Ein paar Fu unter der Erde stoen wir auf
Grundwasser. An einem solchen Orte sollte eigentlich keine
groe Stadt angelegt werden; man sollte eine solche immer
in einer solchen Hhe anlegen, da ein gutes unterirdisches
Kommunikationsnetz sich schaffen liee. Knnten wir das, so wre
alle Not vorber, und Berlin knnte sich unbehindert weiter
entwickeln. Das ist uns aber abgeschnitten; kein Baumeister wird
so khn sein und im Grundwasser ein Eisenbahnnetz ausfhren
wollen durch Bauten wie der Themsetunnel; das wrde unermeliche
Kosten machen und doch nicht vollstndig durchfhrbar sein. Hier
hat sich der groe Mann ber die Zukunftsmglichkeiten getuscht.

Damals machte Werner Siemens gleich noch einen zweiten Vorschlag
fr die Anwendung des Elektromotors im Bahnbetrieb. Auch fr
diesen ist erst die heutige Zeit reif geworden. Er wollte
schmale, niedrige Tunnel neben den Eisenbahnlinien herrichten,
in denen die Post auf kleinen elektrisch angetriebenen Wgelchen
ihre Sendungen unabhngig von der Bahn befrdern sollte. Die
Post wrde dadurch vom Zugverkehr unabhngig geworden sein,
und es wre ein hufigerer Austausch von Briefen zwischen
den verschiedenen Orten mglich geworden. Heute besteht in
der Tat der bereits ziemlich greifbar gewordene Plan, solche
Posttunnel fr elektrischen Betrieb unter dem Berliner Pflaster
einzurichten. Vermutlich werden die ersten Linien in nicht allzu
ferner Zeit gebaut werden.

Die Mglichkeit, die erste elektrische Bahn fr praktischen
Betrieb innerhalb Berlins zu erbauen, war Werner Siemens also
genommen. Er stand deshalb jedoch nicht davon ab, einen Versuch
mit der neuen Einrichtung, wenn auch in kleinerem Mastab, zu
machen.

Am 12. Mai 1881 wurde die erste elektrische Bahn auf der Erde
erffnet, die dem ffentlichen Verkehr diente. Die Linie fhrte
von der Hauptkadettenanstalt in Lichterfelde nach dem Bahnhof der
Anhaltischen Bahn in diesem Ort. Auch diesmal fehlte es nicht an
ironischem Spott kurzsichtiger Leute. Eine Zeitschrift schrieb,
der einzige Zweck dieser merkwrdigen Bahnanlage sei, die
knftigen preuischen Feldmarschlle durch den mrkischen Sand zu
fahren. Da sie die Urzelle einer unabsehbaren Entwicklung sein
wrde, sah der berlegen denkende Verfasser nicht.

Die Linie war auf einem eigenen Bahnkrper gefhrt. Zur Hin- und
Rckleitung des Stroms diente je eine der Fahrschienen. Sie waren
ohne weitere Isolierung auf hlzernen Querschwellen verlegt,
obgleich die Spannung des Stroms 180 Volt betrug. Der Motor
war bei dieser Bahn bereits unter dem Wagenkasten aufgehngt,
die Kraft wurde von der Motorwelle durch Spiralschnre auf
beide Radachsen bertragen. An den Wochentagen wurde die
Linie nicht sehr stark in Anspruch genommen, aber am Sonntag
hatte sie einen sehr lebhaften Verkehr, weil die Berliner
neugierig hinausstrmten, um auch einmal eine Fahrt auf diesem
abenteuerlichen Verkehrsmittel, in diesem Wagen ohne Pferde zu
machen.

In demselben Jahr noch wurde ein bedeutender Fortschritt auf dem
Gebiet der elektrischen Bahnen getan. Siemens erbaute eine solche
Bahn auch auf der Weltausstellung in Paris, und hier kam zum
erstenmal die _oberirdische Stromzufhrung_ in Anwendung.

Durch diese Anordnung erst wurde es mglich, die elektrisch
angetriebenen Bahnen auch ber ffentliche Straen zu fhren.
Denn nun bestand nicht mehr die Gefahr, da Menschen oder Tiere
dadurch verletzt werden knnten, da sie bei gleichzeitiger
Berhrung von zwei stromfhrenden Schienen in die Spannung
gerieten. Jene erste Oberleitung hatte eine recht schwerfllige
Form. Sie bestand nmlich aus einem unten aufgeschlitzten Rohr,
in das ein Kontaktstck eingelegt war. Dieses wurde vom Wagen
nachgezogen.

Als im nchsten Jahr Gro-Berlin durch Siemens & Halske seine
erste elektrische Straenbahn erhielt -- es war dies die
Linie Charlottenburg-Spandauer Berg -- war die oberirdische
Leitungsfhrung wieder gendert. Man hatte hier zur Seite
der eingleisigen Bahn an Telegraphenstangen zwei starke
Kupferdrahtseile nebeneinander aufgehngt. Auf diesen Seilen lief
ein kleiner vierrdriger Wagen; von diesem fhrte eine biegsame
Doppelleitung zum Dach des Wagens hinunter, der an diesen
Leitungen zugleich den Kontaktwagen hinter sich herzog.

Beide Oberleitungsarten wirkten sehr unschn. Sie verunstalteten
die Straen erheblich und sind die Ursache gewesen, da die
Weiterentwicklung der elektrischen Bahnen trotz einzelner
weiterer Versuche in Europa sehr bald ins Stocken geriet.
Amerika nahm sich dieses Verkehrsmittels jedoch sehr energisch
an, und hier wurde zum erstenmal die Stromabnahme durch einen
schrg gestellten Arm mit Kontaktrolle eingefhrt. Erst viele
Jahre spter begann man, unter der Fhrung Emil Rathenaus, die
elektrischen Bahnen in ihrem Ursprungsland weiter auszubauen,
obgleich Werner Siemens schon im Jahre 1887 den Gleitbgel
erfunden hatte.

Von ihm wurde auch die erste Grubenbahn in dem Bergwerk
Zauckerode erbaut, und seine Firma fhrte im Jahre 1889 die erste
Straenbahn mit unterirdischer Stromzufhrung in Budapest aus.

Welche Bedeutung die elektrischen Bahnen, deren Urheber Werner
Siemens ist, heute erlangt haben, ist bekannt. Der Nutzen
der Straenbahnen beschrnkt sich aber nicht darauf, da sie
eine schnellere Befrderung als die Pferdebahnen ermglichen,
sondern sie ben auch auf den Ausbau der Weltstdte, ihre
Wohnungsverhltnisse, die Gesundheit ihrer Einwohner einen
auerordentlich frdernden und bessernden Einflu aus. Niemals
htten die Weltstdte ihre Straen ber ein so weites Gebiet
erstrecken knnen, wenn nicht die bequeme und schnelle Befrderung
nach dem Mittelpunkt durch die elektrischen Bahnen mglich
gewesen wre. Das billige und schnelle Verkehrsmittel gestattet
auch den Minderbemittelten ein Wohnen in luftigen Auenbezirken,
weitab von ihrem Arbeitsort. Die volkshygienisch so wichtige
Gartenstadtbewegung hngt eng mit dem Ausbau der elektrischen
Bahnen zusammen.

Diese beschrnken sich heute schon nicht mehr auf den
Kleinverkehr in den Straen, sondern die elektrische Lokomotive
hat sich jetzt bereits auch die Fernbahnen erobert. In allen
Lndern, auch in Preuen, sind ausgedehnte Versuche mit
elektrischer Zugfrderung auf groen Fernbahnstrecken gemacht
worden, und man kann heute schon sagen, da der elektrische
Betrieb konomisch und technisch dem Dampfbetrieb auch auf
groen Linien berlegen ist. Lnder, die reich an Wasserkrften
sind, wie Schweden und die Schweiz, bauen in grerem Mastab
ihr Bahnsystem fr elektrischen Antrieb um, weil sie auf diese
Weise die billig zur Verfgung stehende Naturkraft des fallenden
Wassers ausnutzen knnen.

[Illustration: Elektrische Hochbahn durch die Friedrichstrae
nach dem Vorschlag von Werner Siemens aus dem Jahre 1880
(Aufnahme nach einem Modell)]

[Illustration: Die heutige Berliner Schnellbahn; Hochbahnstrecke
am Halleschen Tor]

Im Jahre 1906 wurde durch einen epochalen Versuch gezeigt, da mit
elektrischem Antrieb Fahrgeschwindigkeiten erreicht werden knnen,
welche die Dampflokomotive nicht zu leisten vermag. Damals taten sich
die fhrenden elektrischen Firmen Deutschlands, Siemens & Halske und
die Allgemeine Elektricitts-Gesellschaft, zu _Schnellfahrversuchen_
zusammen, fr welche die Verwaltung der preuischen Staatsbahnen die
Strecke Marienfelde-Zossen zur Verfgung gestellt hatte. Es wurden
hier Geschwindigkeiten von ber _200 Kilometern in der Stunde_
erreicht und damit bewiesen, da der Elektromotor fhig ist, Zge
mit einer so auerordentlichen Schnelligkeit ber die Strecke zu
befrdern. Das Ergebnis dieses Versuchs ist bis heute noch nicht
praktisch ausgenutzt worden, aber es schlummern in ihm groe
Zukunftsmglichkeiten.

Sobald das Verkehrsbedrfnis es erfordern wird, drften
besondere, mit nur sehr schwachen Krmmungen versehene
Strecken erbaut werden, und auf ihnen wird ein Zugverkehr mit
dem Doppelten der heute blichen Schnellzugsgeschwindigkeit
stattfinden knnen. Die groen Verkehrszentren werden dann
einander auerordentlich viel nher rcken.




Elektrisches Licht


Der Erfinder der Dynamomaschine hat selbstverstndlich neben dem
Ausbau der elektrischen Bahn auch einem anderen Nutzungsbereich
der Elektrizitt seine besondere Aufmerksamkeit zugewendet, der
zu jener Zeit schon bis zu einem gewissen Grad angebaut war.

Es wurde bei der Darstellung der Vorgeschichte der Dynamomaschine
bereits erwhnt, da mit Hilfe von magnet-elektrischen Maschinen
elektrische Beleuchtungsanlagen fr Leuchttrme geschaffen
worden sind. Die auerordentliche Helligkeit des elektrischen
Lichtbogens, die bis zum heutigen Tag unbertroffen ist, zog eben
schon frh die Aufmerksamkeit der technischen Welt auf sich. Die
elektrischen Leuchtturmfeuer leisteten auch recht gute Dienste,
da die in jener Zeit vorhandenen Hilfsmittel gerade die hier
gewnschte Konzentration einer groen Energiemenge zur Erzeugung
eines einzigen Lichtpunkts sehr begnstigten.

Aber es war damals noch nicht daran zu denken, da das
elektrische Licht den normalen Beleuchtungseinrichtungen,
dem Petroleumbrenner etwa oder dem Gaslicht, Konkurrenz
machen knnte, denn ihm fehlte eine wichtige Eigenschaft: die
Teilbarkeit. Man konnte von einer Maschine aus immer nur
eine einzige Leuchtquelle betreiben. Werner Siemens war es
vorbehalten, auch hier einen neuen Weg zu erffnen und damit die
moderne ra der elektrischen Beleuchtung einzuleiten.

Die Leuchtkraft des elektrischen Lichts wurde zum erstenmal im
Jahre 1808 von Humphrey _Davy_ einem staunenden Auditorium mit
blendender Klarheit gezeigt. Zwar hatte man schon frher die
leuchtenden Funken berspringen gesehen, aber die Dauer dieser
Lichterscheinung war stets auerordentlich kurz gewesen. Davy
erzeugte nun mit Hilfe einer riesenhaften Voltaschen Sule, wie
man sie bis dahin noch nicht aufgebaut hatte, einen dauernden
Lichtbogen, indem er zwei Kohlenstbe, die in die Leitung
eingeschaltet waren und sich berhrten, ein wenig voneinander
entfernte.

Als man dann spter zur Erzeugung krftiger Strme nicht mehr auf
Voltasulen und galvanische Batterien angewiesen war, sondern
die magnet-elektrischen Maschinen zur Verfgung hatte, benutzte
man den Lichtbogen fr die Erzeugung eines Lichts von unerhrter
Intensitt.

So lagen die Dinge noch, als Werner Siemens die Dynamomaschine
erfand. Die ersten elektrischen Lampen, die durch diese Maschinen
gespeist wurden, gehrten gleichfalls zu der unteilbaren Gattung.

Man hatte jedoch den dringenden Wunsch, diese glnzende
Erscheinung, die sich fr Leuchttrme und Scheinwerfer vorzglich
eignete, in ihrer Intensitt dadurch zu mindern, da man in den
Maschinenstrom mehrere Lampen zugleich schaltete.

Die erste Mglichkeit hierfr bot die Erfindung eines Russen, die
Jablochkoff-Kerze, mit der im Jahre 1876 die Avenue de l'Opra
in Paris zum erstenmal beleuchtet wurde. Man vermochte vier bis
fnf Jablochkoff-Kerzen in denselben Stromkreis zu schalten und
hatte damit schon einen recht achtbaren Schritt vorwrts getan.
Die Lampen bestanden aus zwei parallel nebeneinander liegenden
Kohlenstiften, die durch eine Gipsschicht getrennt waren. Vor
der Benutzung waren die Kohlenstifte durch ein quer darber
gelegtes Stckchen Graphit verbunden. Beim Einschalten des Stroms
verbrannte der Graphit in kurzer Zeit, und nun entzndete sich
von selbst der Lichtbogen zwischen den Kohlenspitzen. Erlosch
aber einmal eine der Lampen, was bei der Ungleichmigkeit
der Kohlen nicht gar zu selten vorkam, so konnte dieselbe
Kerze nur durch hchst umstndliche Manipulationen wieder
entzndet werden. Und zugleich verursachte das Verlschen der
einen Lampe das Ausgehen aller anderen, die sich in demselben
Stromkreis befanden. Zur weiteren Verbreitung, zur allgemeinen
Straenbeleuchtung etwa oder zur Erhellung von Fabrikhfen, war
das elektrische Licht also auch in diesem Zustand noch nicht
geeignet.

In dem fr die Elektrotechnik so wichtigen Jahr 1879, das die
elektrische Bahn brachte, wurde die damals neu entstandene
Kaiser-Galerie in Berlin, die bekannte Passage zwischen
der Strae Unter den Linden und der Friedrichstrae, zum
erstenmal durch eine neue Bogenlampenart erleuchtet. Von diesen
Lichtspendern konnte man so viel in dieselbe Leitung schalten,
wie die von der Maschine gelieferte Energie zu speisen vermochte;
sie entzndeten sich, falls die Lichtbogen aus irgendeinem Grund
einmal momentan zum Erlschen gebracht wurden, sofort selbstttig
von neuem, und das Erlschen blieb immer nur auf die eine gerade
in Unordnung geratene Lampe beschrnkt, keine andere wurde
dadurch in Mitleidenschaft gezogen.

In der Kaiser-Galerie brannten damals zum erstenmal die
_Differential-Bogenlampen_, deren Grundidee Werner Siemens
ersonnen hatte. Die Konstruktion war dann von Hefner-Alteneck,
der bereits als Erfinder des Trommelankers erwhnt wurde,
ausgefhrt und in hervorragender Weise durchgebildet worden. Bei
diesen Lampen wurde durch die Anbringung einer Selbstregulierung
mittels Haupt- und Nebenstroms erreicht, da die Kohlenenden bei
eingeschaltetem Strom immer einen solchen Abstand voneinander
einnehmen muten, da der Lichtbogen sich stets in richtiger
Weise bilden konnte. Die Bogenlampen mit Differentialregulierung
sind jahrzehntelang der Grundpfeiler der elektrischen Beleuchtung
gewesen. Erst als die Glhlampen in der Form, wie wir sie
von Edisons Hand empfingen, eine viel weitere Teilung des
elektrischen Lichts ermglichten, hat die elektrische Beleuchtung
einen zweiten erfolgreichen Weg zu wandeln begonnen.




Parerga


Mit der Darstellung der Meisterleistungen, der Errichtung des
Grundbaus fr die Land- und Unterseetelegraphie, der Erfindung
der Dynamomaschine, der Einrichtung der ersten elektrischen
Bahnen und der ersten modernen elektrischen Beleuchtung, ist
der Rahmen, der das Bild des Schaffens von Werner Siemens
umschliet, noch nicht ausgefllt. Dieser universelle Geist
durchschweifte alle Hhen und Tiefen der Technik; er unterwarf
das Kleine wie das Groe einer scharfen Musterung, und allerorten
bot sich ihm Gelegenheit, frdernd einzugreifen. Die Blumen,
die an dem von Werner Siemens durch Jahrzehnte abgeschrittenen
Ideenpfad bescheiden zur Seite stehen, wrden gengen, um den
Erfindungsgarten vieler anderer prchtig zu schmcken.

Es gengt, die kleineren, aber oft gleichfalls sehr
bedeutungsvollen Erfindungen, die er gemacht hat, nur kurz
aufzuzhlen, um den quellenden Gedankenreichtum anzudeuten,
den die Natur in den Geist dieses Manns eingesenkt hatte. Man
glaubt einen bersprudelnden Wildbach vor sich zu sehen, nimmt
aber bei genauem Studium wahr, da hier ein wohlgeregelter
Wasserlauf fliet, da keine dieser Erfindungen pltzlich und
wurzellos hervorgebrochen ist, sondern da jede von ihnen
nur der krperliche Ausdruck, das letzte Glied einer langen,
wissenschaftlichen berlegungsreihe oder der Weiterausbau einer
schon frher als aussichtsreich erkannten Ideenkette ist.

So fhrte die erste elektrische Bahn Siemens dazu, den _ersten
elektrisch angetriebenen Fahrstuhl_ zu ersinnen. Ist diese
Vorrichtung doch nichts anderes, als eine aus der Wagerechten ins
Senkrechte gewendete Bahn.

Dieser erste elektrische Fahrstuhl diente dazu, die staunenden
Besucher in der Industrieausstellung zu Mannheim im Jahre
1880 auf einen Aussichtsturm zu befrdern. Bis dahin hatte
man nur hydraulisch betriebene Aufzge gekannt. Die Anwendung
des Elektromotors fr diesen Zweck bedeutete eine sehr groe
Vereinfachung der Anlage. Dieser Fahrstuhl ist als die erste
elektrisch betriebene Hebemaschine berhaupt zu betrachten,
wodurch er an den Anfang einer auerordentlich wichtigen
Entwicklungsreihe tritt. Die elektrischen Krane leisten ja heute
allerorten in weitestem Ma unersetzliche Dienste.

Die Konstruktion dieses ersten Siemensschen Fahrstuhls weicht
sehr weit von den heute blichen Bauarten ab; wir verwenden
heute fast ausschlielich Seile, die sich auf eine Trommel
wickeln, zum Heben der Fahrkammer. Der Mannheimer Aufzug war
nach dem Kletterprinzip gebaut. Man hatte in dem Schacht eine
senkrecht hinauffhrende Zahnstange errichtet, die man auch als
eine eiserne Leiter mit geringem Sprossenabstand ansehen kann.
Von beiden Seiten griffen in die Leitersprossen kleine, vom
Elektromotor angetriebene Zahnrder ein, und sobald diese gedreht
wurden, kletterte der Aufzug gewissermaen an der Leiter empor.
Der Antriebsmotor war an der Fahrkammer selbst angebracht, er
machte also deren Bewegungen mit. Um ein Abstrzen zu verhten,
geschah die bertragung der Kraft vom Motor zu den Zahnrdern mit
Hilfe einer Schnecke, die ja ein selbstsperrendes Getriebe ist.
Wenn die Schnecke beim Ausbleiben des Stroms stehen blieb, konnte
der Fahrstuhl nicht hinunterrutschen, weil die Zahnrder dann
keine Bewegung zu machen vermochten.

Bald machte Werner Siemens auch den Vorschlag, den Elektromotor,
der immer noch sekundre Dynamomaschine hie, fr die Landwirtschaft
dienstbar zu machen. Er konstruierte den ersten _elektrischen
Pflug_. Mit den damaligen, durch Dampfkraft angetriebenen Pflgen
war man nur imstande, vollkommen ebene Felder abzupflgen und
konnte nur gerade, parallel zueinander stehende Furchen ziehen.
Fr die Anwendung der Maschinenpflge war also Bedingung, da die
Felder flach und rechteckig geschnitten waren. Werner Siemens
setzte nun seinen Motor auf den Pflug selbst und gewann auf
diese Weise volle Bewegungsfreiheit, da die Verbindung mit der
stromgebenden Maschine durch eine biegsame Leitung stattfinden
konnte, die jeder wie immer gearteten Bewegung zu folgen vermochte.

Eine hbsche Anwendung der Elektrizitt als Bewegungskraft
brachte der _elektrische Hammer_. Es wurde die Fhigkeit einer
stromdurchflossenen Spule ausgenutzt, einen Eisenstab bei
Schlieung des Stroms krftig in sich hineinzuziehen. Durch
Anwendung von Wechselstrom und Einbau zweier Spulen, die
abwechselnd auf einen magnetisierten Stab einwirkten, wurde eine
rasch hin und her gehende Bewegung erzielt. Die krftigen Schlge
wurden bald dazu benutzt, um Gesteinsbohrmaschinen zu bauen. Sie
hatten durch eine vom Erfinder angegebene weitere Anordnung die
Fhigkeit, den Stel von selbst, entsprechend der wachsenden
Vertiefung des Lochs, vorrcken zu lassen, so da er immer gegen
das Gestein schlug.

Sehr interessant ist die Anordnung, die Siemens angegeben hat,
um eine _Fernsteuerung von Schiffen_ zu bewirken. Man kannte
damals die selbstlaufenden Torpedos, die wir heute so reichlich
benutzen, noch nicht. Um ein Torpedo an ein feindliches Schiff
heranzubringen, wurde es vielmehr mit langen Spieren an einem
Boot befestigt, das eine Antriebsmaschine besa. Es war nun
natrlich nicht gerade angenehm, dieses Boot mit seiner
gefhrlichen Beigabe an das feindliche Schiff heranzufahren.
Siemens brachte darum auf dem Torpedoboot -- das Wort hatte
damals eine andere Bedeutung als heute -- eine elektromagnetische
Einrichtung an, mit deren Hilfe man das Steuer von fernher
bewegen konnte, so da nun eine Bemannung nicht mehr ntig war.
Ein Querbalken, der an der Pinne des Steuerruders befestigt
war, konnte mit Hilfe von zwei Magneten, die auf seine Enden
einwirkten, bewegt werden. Je nachdem man den einen oder den
anderen Magnet einschaltete, fand ein Umlegen des Ruders statt.
Durch eine abrollende isolierte Doppelleitung mute das Boot
natrlich mit seinem Mutterschiff in Verbindung bleiben, auf dem
die ntigen Schaltungen und damit die Beeinflussungen der beiden
Steuermagnete vorgenommen wurden.

Indem er diese Konstruktion weiter bildete, kam Siemens dann
zu einer Einrichtung, die es ermglichte, da ein _unbemanntes
Schiff sich selbst stets so steuerte_, da es genau in einer
einmal vorgeschriebenen Richtung fuhr. Als Steuermann wurde
hierbei eine Magnetnadel benutzt, die ja immer unbeirrt in
derselben Richtung, nmlich nach dem magnetischen Nordpol, zeigt.
Durch eine Einstellvorrichtung wurde bewirkt, da das Steuer nur
dann in Ruhe blieb, wenn das Schiff in einer Richtung fuhr, die
einen ganz bestimmten Winkel zu der magnetischen Nordsdrichtung
bildete. Wich das Schiff von dieser Richtung ab, so bekam
entweder der eine oder der andere der Magnete, die den Querbalken
des Steuerruders beherrschten, Strom, bis die festgelegte
Fahrtrichtung wieder eingehalten wurde. Es kam also hier derselbe
Gedanke in Anwendung, den wir heute bei unseren selbstlaufenden
Torpedos benutzen, nur da bei diesen der unbeirrbare Steuermann
nicht eine Magnetnadel, sondern ein sehr schnell rotierender
Kreisel ist, dessen Achse sich gleichfalls nicht aus der einmal
angenommenen Richtung bringen lt.

Eine von Siemens weiter ersonnene Einrichtung gab Gelegenheit,
den _Stand des Wassers_ in Sammeltrmen oder anderen Behltern
_von fernher_, insbesondere also in der Pumpstation, zu erkennen.
Durch das im Behlter auf und nieder gehende Wasser wurde ein
Schwimmer bewegt. Dieser bettigte einen Mechanismus, der von
Zeit zu Zeit, wenn der Stand des Wasserspiegels sich um eine
bestimmte Gre verndert hatte, einen Strom durch die Leitung
nach dem Maschinenhaus schickte. Dadurch wurde ein elektrischer
Zeiger bald vorwrts, bald rckwrts ber eine Skala bewegt,
so da man auf dieser die Hhe des Wasserstands stets ablesen
konnte. Wasserstandsfernmelder sind spter von diesem Ursprung
her in zahlreichen Arten konstruiert worden, und sie bilden heute
unentbehrliche Bestandteile jeder groen Wasseranlage.

Man kann Elektrizitt nicht nur durch Reibung, durch Magnetismus
und durch Induktion, sondern noch auf eine vierte Weise, nmlich
durch Wrme, erzeugen. Ltet man zwei Stbe aus verschiedenen
Metallen, etwa Neusilber und Eisen, mit beiden Enden zusammen
und erwrmt die eine Ltstelle, so fliet durch den metallenen
Kreis ein Strom. Siemens baute eine riesige _Thermosule_ aus
2500 einseitig verlteten Neusilber-Eisen-Elementen auf, deren
Ltstellen in einem Rohr untergebracht waren. Die anderen
nicht zusammengelteten Enden waren durch Drhte verbunden,
und diese fhrten alle zu einer gemeinschaftlichen Leitung, in
die ein passendes Instrument eingeschaltet war. Erwrmte man
die Ltstellen durch Leuchtgas, so wurde durch die entstehende
Thermo-Elektrizitt schon nach einer Minute eine Glocke zum Tnen
gebracht. Es war dies die erste Thermosule, die so krftig
wirkte, da durch sie eine merkbare elektromotorische Kraft
erzeugt wurde.

Willougby Smith hatte entdeckt, da das _Selen_ seine elektrische
Leitfhigkeit mit wechselnder Belichtung ndert. Siemens brachte
das Selen durch Umschmelzen in sehr hoher Temperatur in eine
Form, die gestattete, mit Hilfe der sich bei Belichtung ndernden
Leitfhigkeit die Strke von Lichtquellen zu messen. Bis dahin
besa man in der Photometrie nur die Mglichkeit, die Strke
einer Lichtquelle dadurch zu bestimmen, da man sie mit einer
anderen verglich. Das Siemenssche Selen-Photometer gestattete die
direkte Feststellung der Lichtstrke durch Widerstandsmessung,
was sehr viel genauere Resultate lieferte. Man war dadurch auch
in der Lage, die Leuchtstrke verschiedenfarbiger Lichtquellen
miteinander zu vergleichen.

Die durch _schlagende Wetter_ in Bergwerken auch damals schon
nicht allzu selten hervorgerufenen Katastrophen hatten Siemens'
warmherziges Empfinden auf sich gelenkt. Er begngte sich
jedoch nicht mit dem bloen Mitleid fr die armen Bergarbeiter,
sondern sann ber ein Mittel nach, solche Unglcksflle zu
verhindern. Er fand, da Platinmoor erwrmt wurde, sobald
eine gewisse Menge Grubengas in seiner Nhe vorhanden war. Es
findet dann eine langsame, nicht sichtbare Verbrennung des
Grubengases statt. Diese Tatsache benutzte er, um die Ltstellen
von Thermo-Elementen erwrmen zu lassen. Hatte sich in einer
Grube eine gewisse Menge des gefhrlichen Gases angesammelt,
das bei Entzndung die Ursache der schlagenden Wetter ist,
dann begannen die an den Ltstellen mit Platinmoor belegten
Thermoelemente Strom durch die Leitung zu schicken, die nach oben
fhrte, und die Zeiger feiner Instrumente, die an bestimmten
Beobachtungsstellen ber Tag aufgestellt waren, begannen
auszuschlagen oder auch akustische Zeichen auszulsen. Die
Hoffnungen, die man auf diese Einrichtung damals setzte, haben
sich allerdings nicht in vollem Ma erfllt. Noch heute besitzen
wir kein unbedingt zuverlssiges Anzeigemittel fr Grubengas.

Die Firma Siemens & Halske hat im Jahre 1866 die _erste
Rohrpostanlage in Berlin_ gebaut. Sie fhrte vom
Haupttelegraphenamt zur Brse und diente der raschen Befrderung
von Telegrammen innerhalb der Stadt. Werner Siemens selbst schuf
die wissenschaftliche Grundlage fr die Einrichtung, indem er die
Bewegungsgesetze der Gase in Rhren studierte.

In Ruland war schon damals eine hohe Abgabe auf die Erzeugung
von Spiritus gelegt. Um brauchbare Unterlagen fr diese
Besteuerung zu erhalten, wnschte man einen Apparat, der genau
die Menge des durch ein Rohr strmenden Spiritus anzeigte und
ferner auch die Menge des absoluten Alkohols angbe, der darin
enthalten war. Der von Siemens erfundene _Alkoholmeapparat_
macht die gewnschten Angaben ebenso genau, wie sie sonst nur
durch die besten, sehr komplizierten Meverfahren erzielt werden
knnen. Eine sich drehende Trommel stellt die durchstrmende
Flssigkeitsmenge fest, und ein in der Flssigkeit liegender
Schwimmer, der sich entsprechend dem spezifischen Gewicht hebt
und senkt, korrigiert die Anzeige gem der Menge des darin
enthaltenen absoluten Alkohols.

Ein Apparat von hnlicher Feinfhligkeit ist der
_Elektrizittszhler_. Die Konstruktion mit Zhlantrieb durch
einen Motor, dessen Bewegung durch eine Kupferscheibe und
Magnetbeeinflussung geregelt wird, verdanken wir gleichfalls
Werner Siemens. Strommesser dieser Art werden heute fast
ausschlielich verwendet.

Die lange Zeit, welche in Parlamentssitzungen fr die Abstimmungen
gebraucht wird, verdro den technischen Sinn von Werner Siemens.
Im Jahre 1870 reichte er beim Prsidium des Preuischen
Abgeordnetenhauses einen Vorschlag fr einen _elektrischen
Abstimmungsapparat_ ein, der ermglichen sollte, das Resultat
der Abstimmungen in krzester Zeit festzustellen. An jedem
der Abgeordnetensitze sollte eine kleine Schaltvorrichtung
angebracht werden, deren Hebel auf Ja oder Nein zu stellen
war und bei Abwesenheit eines Abgeordneten oder bei Stimmenthaltung
auch eine dritte Stellung einnehmen konnte. Sollte eine
Abstimmung vor sich gehen, so war es nun nicht mehr notwendig,
die Stimmzettel in einem langwierigen Vorgang einzusammeln,
sondern jeder Abgeordnete legte seinen Hebel in die gewnschte
Stellung, und ein Diener konnte durch rasches Drehen einer
Kurbel die smtlichen Ja und Nein in kaum einer Minute auf
einem abrollenden Papierstreifen erscheinen lassen. Durch
 Nummernaufdruck auf dem Streifen war es auch mglich, zu
erkennen, wie jeder einzelne Abgeordnete gestimmt hatte. Der
Streifen konnte leicht vervielfltigt und so verschiedenen an
der Abstimmung interessierten Personen bergeben werden. Es war
auch eine Einrichtung hinzugefgt, die durch Niederlegen von
Fallklappen jeden Abgeordneten auf seinem Platz erkennen lassen
sollte, ob seine Abstimmung richtig registriert war. Damit die
Schalter an den Pltzen nicht von Unbefugten benutzt werden
knnten, war jeder von ihnen nur mit Hilfe eines bestimmten
Schlssels zu bewegen, der sich im Besitz des Platzinhabers
befand. Zu einer Einfhrung dieses technisch sehr hbschen
Apparats ist es nicht gekommen.

Schon in jener Zeit empfand man es als schwere Belstigung,
da in den Schornsteinen von Kesselfeuerungsanlagen sehr
viele Ruteilchen durch den austretenden Rauch mitgerissen
wurden. Siemens konstruierte, um dies zu verhindern, den
_Spiraldeflektor_. Er setzte in das Rauchrohr eine Spirale aus
Blech ein, durch welche die Rauchgase hindurchziehen muten.
Infolge der dadurch eintretenden zentrifugalen Bewegung wurden
die schweren Ruteile tangential zur Seite geschleudert; sie
fielen in einen Sammelbehlter hinunter, und nur die gereinigten
Rauchgase konnten aus dem Schornstein austreten. Man benutzt
diese Einrichtung noch heute zur Gewinnung des technisch viel
verwendeten Rues.

Fr die Reinigung der Luft sowie zur Sterilisierung von
Trinkwasser und zum Bleichen von Leinengarnen sowie Tuchen
benutzen wir heute vielfach das Ozon. Es ist dies ein Gas, in
dem nicht, wie in der Luft, zwei Sauerstoffatome, sondern drei
miteinander verbunden sind. Dieses dritte Atom trennt sich jedoch
sehr leicht von den anderen, und dadurch vermag das Ozon eine
sehr starke oxydierende Wirkung auszuben. Siemens erfand bereits
im Jahre 1857 eine _Ozonrhre_, welche die Erzeugung dieses
ntzlichen Gases in vorzglicher Weise gestattete. In etwas
vernderter Form wird sie noch jetzt verwendet.

Siemens hat sich berhaupt schon frhzeitig mit elektrochemischen
Studien beschftigt. Er sah die groe Bedeutung, die diese
Anwendung des elektrischen Stroms einst haben wrde, deutlich
voraus. Gerade auf diesem Gebiet, so schrieb er, wird der
elektrische Strom voraussichtlich knftig die grten Erfolge
aufzuweisen haben und auf ihm der Menschheit die grten Dienste
leisten knnen.

Im Jahre 1886 deutete er bereits auf einen erst in der letzten
Zeit sehr wichtig gewordenen elektrochemischen Industriezweig
hin. Er sagte damals voraus, da wir mit Hilfe mechanisch
erzeugter Elektrizitt imstande sein werden, gewerbsmig
_Stickstoffverbindungen aus der Luft_ herstellen zu knnen. Wir
wissen, da diese Mglichkeit unsere Landwirtschaft whrend des
Weltkriegs gerettet hat, als es nach Abschneidung der Zufuhr von
natrlichem Salpeter aus Chile nur auf elektrischem Weg mglich
war, die ntigen Dngemittel herzustellen. Mit seinem Freund, dem
groen Chemiker A. v. Hofmann, hat Siemens auch selbst eingehende
Versuche zur elektrischen Bindung des Stickstoffs aus der Luft
gemacht.

Rechnet man zu den in diesem Abschnitt aufgezhlten Erfindungen
noch die anderen hinzu, die von Werner Siemens frher gemacht
wurden, die galvanoplastische Herstellung von Gold- und
Silberberzgen, den Differenzregulator, den Zinkdruck, den
anastatischen Druck, die haltbare Schiebaumwolle, die Messung
von Geschogeschwindigkeiten mittels des elektrischen Funkens,
so steht man einer erstaunlichen Flle von fruchtbaren Gedanken
gegenber. Der Meister, welcher der Elektrotechnik ihre
gewaltigsten Hilfsmittel schuf, hat sie auch in einer groen
Anzahl von Nebengebieten auf das krftigste gefrdert. Er hat
sich ferner erfolgreich um die Frderung anderer Zweige der
Technik bemht und steht so als ein Riese technischen Schaffens
vor unseren Augen.




Wissenschaft


Wenn die wissenschaftlichen Arbeiten von Werner Siemens hier
in einem besonderen Abschnitt behandelt werden, so geschieht
die Trennung nur aus einem uerlichen Grund, nmlich um das
berblicken seines so umfangreichen Lebenswerks zu erleichtern.
Denn wie wir nun schon aus vielen Beispielen wissen, sind der
Techniker und der Wissenschaftler in Werner Siemens nicht
voneinander zu sondern. Entsprang doch fast eine jede seiner
Erfindungen einer wissenschaftlichen berlegung. Das ist es ja
eben gewesen, was seinen Meisterleistungen die mchtige und
nachhaltige Wirkungsmglichkeit schaffte, ihnen den breiten Boden
gab, auf dem sie zu so imponierender Hhe emporwachsen konnten.

Sehr hufig hat man bei der Lektre Siemensscher Schriften oder
Reden das deutliche Gefhl, da nur ein unwiderstehlicher Drang
ihn dazu trieb, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse praktisch
auszubeuten, da er dies fast gegen seinen Willen getan hat.
Immer von neuem klagt er, seine Berufsttigkeit habe ihm so wenig
Zeit gelassen, eine rein wissenschaftliche Ttigkeit auszuben.
Den Wissensschatz nennt er einmal den einzig wahrhaften Schatz,
den die Menschheit besitzt.

Und wiederum erkennt er selbst ganz genau, da er seine
Lebensarbeit als schaffender Techniker und nicht als
abstrakter Gelehrter zu leisten habe. Als man ihn im Jahre
1874 als ordentliches Mitglied in die Preuische Akademie der
Wissenschaften berief, sagte er in seiner Antrittsrede: Ich bin
nicht anmaend genug, zu glauben, da die rein wissenschaftlichen
Leistungen, welche ich aufzuweisen habe, allein entscheidend
hierfr (nmlich fr die Berufung) gewesen sind. Sein Freund
Du Bois-Reymond, der ihm antwortete, stellte dann den Doppelcharakter
von Werner Siemens, der ihn Wissenschaftler und Techniker
zugleich sein lie, vorzglich in einem Satz zusammen, indem
er sagte: Da du auf solcher Hhe als ein Frst der Technik
die Fden unzhliger Kombinationen in der Hand haltend,
hundert Plne im Kopf wlzend, im Innersten der deutsche Gelehrte
in des Wortes edelstem Sinne bliebst, als der du geboren bist,
zu dem du nicht einmal erzogen wurdest; da in jedem Augenblick,
wo die Last der Geschfte es dir erlaubte, du mit Liebe zum
Phnomen, mit Treue zum Experiment, mit Unbefangenheit zur
Theorie, genug, mit echter Begeisterung zur reinen Wissenschaft
zurckkehrtest: das stempelte dich, von deinem Scharfsinn, deiner
Erfindsamkeit, deiner Beobachtungsgabe zu schweigen, in unseren
Augen zum Akademiker.

In seiner Antrittsrede bei der Akademie gab Werner Siemens
dann selbst eine kleine bersicht ber die wissenschaftlichen
Leistungen, von denen er meinte, da sie die Ursache zu
seiner fr einen praktisch schaffenden Techniker so besonders
ehrenvollen Berufung gewesen seien. Er erwhnte die Methode der
Messung groer Geschwindigkeiten durch den elektrischen Funken,
die Auffindung der elektrostatischen Ladung telegraphischer
Leitungen und ihre Gesetze, die Aufstellung von Methoden und
Formeln fr die Untersuchung unterirdischer und unterseeischer
Leitungen sowie fr die Bestimmung des Orts vorhandener
Isolationsfehler, seine Experimentaluntersuchungen ber die
elektrostatische Induktion und die Verzgerung des elektrischen
Stroms durch diese, die Aufstellung und Darstellung eines
reproduzierbaren Grundmaes fr den elektrischen Leitungswiderstand,
den Nachweis der Erwrmung des Dielektrikums des Kondensators
durch pltzliche Entladung, die Auffindung und Begrndung der
dynamo-elektrischen Maschine. Er glaubte ferner anfhren zu
knnen, da manche seiner technischen Leistungen nicht ohne
wissenschaftlichen Wert gewesen seien, und nannte von diesen
den Differenzregulator, die Herstellung isolierter Leitungen
durch Umpressung mit Guttapercha, die Gegen-Doppel-Induktions-
und automatischen Apparate fr Telegraphie, die Ozonrhre und
Meinstrumente verschiedener Art.

Die meisten dieser Schpfungen sind uns aus den vorhergehenden
Ausfhrungen bereits bekannt. Aber einige der wissenschaftlichen
Meisterleistungen von Werner Siemens haben wir hier doch noch
nher zu besprechen.

Eine hervorragende Tat war die Schpfung sorgfltiger
_Meinstrumente_. Wir entsinnen uns, da Werner Siemens sich mit
dem Mechaniker Halske insbesondere aus dem Grund verbndete, weil
dieser ungewhnlich feine Przisionsarbeit zu leisten vermochte.
Nach den von Siemens aufgestellten theoretischen Grundlagen hat
Halske Galvanometer und Bussolen von einer solchen Feinheit
entstehen lassen, wie sie bis dahin noch nicht bekannt waren.
Die Instrumente sind auf der ganzen Erde fr die elektrischen
Messungen grundlegend geworden. Die Physiker in allen Lndern
benutzen noch heute zu den genauesten Messungen Instrumente, die
in ihrem Bau sich ganz genau an die ersten von Siemens & Halske
geschaffenen anlehnen.

Im Jahre 1876 beschftigte sich Werner Siemens in nachhaltiger
Weise damit, die _Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Elektrizitt_
festzustellen, ber die man bis dahin nur sehr wenig verlliche
Zahlen besa. Er stellte den Versuch so an, da er den Zeitunterschied
zwischen den Entladungen zweier Leydener Flaschen ma, von denen die
eine durch Verbindung der Belegungen mittels eines kurzen Drahts,
die andere durch eine sehr lange Leitung geschlossen werden konnte.
Jede der beiden Entladungen rief einen Funken hervor, der wiederum,
wie bei der Messung der Geschogeschwindigkeit, eine Marke in einen
schnell rotierenden Stahlzylinder schlug. Fr die praktische
Anstellung des Versuchs wurde ein eiserner Telegraphendraht von
23372 Kilometern Lnge benutzt, der zwischen Kpenick und Erkner
an der damaligen Niederschlesisch-Mrkischen Bahn entlang lief.
Siemens fand die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Elektrizitt
zu 240000 Kilometern in der Sekunde. Nachdem Kirchhoff spter
gelehrt hatte, da fr eine widerstandsfreie Leitung eine um
etwa ein Drittel hhere Geschwindigkeit angenommen werden
msse, ergab sich aus dieser Messung ziemlich genau, da die
Elektrizittsgeschwindigkeit der des Lichts gleich ist, nmlich
rund 300000 Kilometer in der Sekunde betrgt. Heute, wo wir die
nahe Verwandtschaft zwischen Licht- und Elektrizittsschwingungen
kennen, wissen wir, da diese Zahl richtig sein mu.

Grundlegend fr das gesamte Mewesen in der Elektrotechnik ist
die von Werner Siemens geschaffene _Einheit fr den Widerstand_
geworden. Sowohl in der wissenschaftlichen Physik wie auch in der
Technik ist die Feststellung des Widerstands von Stromleitern
sehr hufig erforderlich. Wenn man aber ein Ma angeben soll, so
braucht man eine genau festgelegte, jedem zugngliche Einheit,
auf die man es beziehen kann. Die Wichtigkeit des Gegenstands
war Ursache, da schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
Versuche gemacht wurden, eine Einheit des Widerstands zu
schaffen. Jacobi wollte hierfr einen Kupferdraht von bestimmter
Lnge und bestimmtem Querschnitt einfhren. Aber es zeigte
sich, da der Widerstand eines solchen Drahts sich mit der Zeit
ndert. Durch das Kopieren und immer wieder neue Kopieren des
Originaldrahts entstanden ferner immer grere Ungenauigkeiten.
Die Grundeinheit mu aber selbstverstndlich stets ganz genau und
verhltnismig leicht hergestellt werden knnen. Der Jacobische
Widerstands-Etalon war daher nicht brauchbar.

In dem von Wilhelm _Weber_ entwickelten absoluten
elektromagnetischen Masystem war zwar schon eine absolute
Einheit fr den Widerstand enthalten. Aber ihre Herstellung
konnte, namentlich wegen der sehr geringen Gre dieser Einheit,
stets nur mit groen Schwierigkeiten geschehen.

Siemens erkannte, da ein _Quecksilberstab_ sich am besten zur
Herstellung der Widerstandseinheit eigne. Die Notwendigkeit,
eine wirklich praktisch brauchbare Grundlage fr diese Einheit
zu schaffen, wurde ihm besonders deutlich, als er jene von
uns schon erwhnte Fehlerbestimmung beim Kabel im Roten
Meer durch Widerstandsmessung machte. Er schlug vor, eine
Quecksilbersule von einem Quadratmillimeter Querschnitt und
einem Meter Lnge bei einer Temperatur von 0 Grad als Einheit
des Widerstands anzunehmen. Eine solche Quecksilbereinheit
lt sich in jedem Laboratorium mit groer Leichtigkeit
herstellen; das Quecksilber kann immer wieder erneuert
werden und ist darum keinen Vernderungen unterworfen. In
der Tat wurde diese _Siemens-Einheit_ als Grundlage fr
die elektrische Metechnik angenommen und hat ber zwei
Jahrzehnte als magebende Gre geherrscht. Der Internationale
Elektrizittskongre in Paris beschlo dann freilich im Jahre
1881, die absoluten elektromagnetischen Einheiten, das sogenannte
Zentimeter-Gramm-Sekunden-System, einzufhren. Werner Siemens hat
es lebhaft bedauert, da damit die Siemens-Einheit verschwand,
aber er erlebte die Genugtuung, da die neugeschaffene Einheit
fr den Widerstand, das Ohm, durch sein Verhltnis zur
Siemens-Einheit definiert wurde. Ein Ohm ist nmlich = 1,06 S.E.

Inmitten seiner ausgedehnten Beschftigung mit den
wissenschaftlichen Grundlagen der Elektrotechnik und im Drang
der immer weiter sich ausdehnenden Geschfte fand Werner Siemens
doch noch Zeit, mit deutscher Gelehrtengrndlichkeit solche
Probleme zu bearbeiten, die von seiner Lebensarbeit ziemlich weit
ablagen. Wenn ihm auf seinen Reisen eine Erscheinung begegnete,
die ihm nicht ohne weiteres verstndlich war, so trieb ihn sein
Kausalittsbedrfnis unwiderstehlich dazu, sie zu erklren und
durch Stellung auf einen wissenschaftlichen Boden dem eigenen
Verstndnis nherzufhren. Solche Beobachtungen und Erklrungen
fhrten ihn nicht selten dazu, sehr ausfhrliche Arbeiten darber
abzufassen, die so grndlich angelegt waren, da er sie der
Akademie der Wissenschaften in Berlin vorlegen konnte.

Als Siemens sich zur Auslegung des Kabels durch das Rote Meer
nach dem Sden begab, durchreiste er auch gypten. In Kairo mute
er einige Tage Aufenthalt nehmen, da das Kabelschiff Agamemnon
nicht zur rechten Zeit eintraf, das, weil der Suezkanal damals
noch nicht erffnet war, den Weg um das Kap der Guten Hoffnung
machen mute. Er benutzte die Mue zu einem Ausflug nach der
Cheopspyramide.

Schon whrend des Eselritts dorthin erhob sich ein
auergewhnlich kalter Wstenwind, der von einer eigentmlichen
roten Frbung des Horizonts begleitet war. Nachdem sie an ihrem
Ziel angekommen waren, wurden Siemens und seine Reisegefhrten
in der blichen Weise von Beduinen ber die hohen Steinstufen
auf die Spitze der Pyramide hinaufbefrdert. Als sie droben
anlangten, war der Wind zu sturmartiger Strke angewachsen,
so da sie sich auf der abgeplatteten Spitze kaum aufrecht
halten konnten. Der Wstenstaub hllte die Spitze der Pyramide
allmhlich ganz ein.

Man vernahm dabei ein merkwrdig zischendes Gerusch, das, wie
sich der sorgfltig beobachtende Werner Siemens alsbald sagte,
nicht durch den Wind verursacht sein konnte. Als er einen Finger
ber seinen Kopf emporhob, entstand ein scharfer, singender Ton,
wodurch ihm klar wurde, da es sich nur um eine elektrische
Erscheinung handeln konnte. Die Araber, die auf den nchsten
Stufen kauerten, kannten die Erscheinung gleichfalls, denn sie
hielten auch die ausgestreckten Finger mit dem Ruf Chamsin!
(das ist der Name des Winds) in die Hhe.

Sofort begann nun Werner Siemens auf der Pyramide mit der
elektrischen Erscheinung zu experimentieren. Er hat ber diese
sehr interessanten Versuche in Poggendorfs Annalen unter
dem Titel _Beschreibung ungewhnlich starker elektrischer
Erscheinungen auf der Cheopspyramide bei Kairo whrend des Wehens
des Chamsins_ nhere Mitteilungen gemacht.

Als ich eine gefllte Weinflasche, deren Kopf mit Stanniol
beklebt war, emporhielt, schreibt er dort, hrte ich denselben
singenden Ton wie bei der Aufhebung des Fingers. Whrenddessen
sprangen von der Etikette fortwhrend kleine Funken zu meiner
Hand ber, und als ich darauf den Kopf der Flasche mit der
anderen Hand berhrte, erhielt ich eine heftige elektrische
Erschtterung, whrend ein glnzender Funke vom metallenen Kopf
der Flasche in meine Hand bersprang. Es ist klar, da die
durch den feuchten Kork mit der Metallbelegung des Kopfes der
Flasche in leitender Verbindung stehende Flssigkeit im Innern
derselben die innere Belegung einer Leydener Flasche bildete,
whrend Etikette und Hand die abgeleitete uere vertraten. Auch
eine entkorkte Flasche lud sich auf gleiche Weise, namentlich
dann, wenn die ffnung gegen den Wind geneigt wurde, wie *Dr.*
Esselbach durch einen heftigen Schlag erkannte, den er empfand,
als er dieselbe an den Mund setzte.

Siemens baute darauf eine leistungsfhigere Leydener Flasche,
indem er eine gefllte Weinflasche mit metallisch belegtem
Kopf in ein angefeuchtetes Papier aus dem Proviantkorb hllte.
Als er diese hoch ber den Kopf hielt, konnte er daraus laut
klatschende Funken von etwa einem Zentimeter Schlagweite ziehen.
Bald hatte er auch Gelegenheit, diese Leydener Flasche als
Verteidigungswaffe gebrauchen zu knnen.

Die Araber hatten, so erzhlt er, die aus unseren Weinflaschen
hervorbrechenden Blitze gleich mit offenbarem Mitrauen
betrachtet. Sie hielten dann eine kurze Beratung, und auf ein
gegebenes Signal wurde ein jeder meiner Begleiter von den drei
Mann, die ihn hinaufbefrdert hatten, gepackt, um gewaltsam
wieder hinabtransportiert zu werden. Ich stand gerade auf dem
hchsten Punkt der Pyramide, einem groen Steinwrfel, der in
der Mitte der Abplattung lag, als der Scheich der Arabertribus
sich mir nherte und mir durch unseren Dolmetscher sagen lie,
die Tribus htte beschlossen, wir sollten sofort die Pyramide
verlassen. Als Grund gab er auf Befragen an, wir trieben offenbar
Zauberei, und das knnte ihrer Erwerbsquelle, der Pyramide,
Schaden bringen.

Als ich mich weigerte, ihm Folge zu leisten, griff er nach
meiner linken Hand, whrend ich die rechte mit der gut armierten
Flasche -- in offenbar beschwrender Stellung -- hoch ber den
Kopf hielt. Diesen Moment hatte ich abgewartet und senkte nun
den Flaschenkopf langsam seiner Nase zu. Als ich sie berhrte,
empfand ich selbst eine heftige Erschtterung, aus der zu
schlieen der Scheich einen gewaltigen Schlag erhalten haben
mute. Er fiel lautlos zu Boden, und es vergingen mehrere,
mich schon angstvoll machende Sekunden, bis er sich pltzlich
laut schreiend erhob und brllend in Riesensprngen die
Pyramidenstufen hinabsprang. Als die Araber dies sahen und den
fortwhrenden Ruf Zauberei! des Scheichs hrten, verlieen sie
smtlich ihre Opfer und strzten ihm nach. In wenigen Minuten war
die Schlacht entschieden und wir unbedingte Herren der Pyramide.
Jedenfalls ist Napoleon der Sieg am Fue der Pyramiden nicht so
leicht geworden wie mir der meinige auf der Spitze!

Nun hatten die Reisenden volle Freiheit, ihre Experimente
fortsetzen zu knnen. Als Siemens sich durch einen improvisierten
Isolierschemel aus aufgestellten Weinflaschen von der Steinmasse
der Pyramide isolierte, hrte das sausende Gerusch beim
Emporheben des ausgestreckten Fingers nach kurzer Zeit auf.
Er konnte jetzt zu seinen Gefhrten durch Nherung der Hand
Funken berschlagen lassen. Siemens hat in seiner Arbeit die
interessante Erscheinung dadurch erklrt, da, wie er annimmt,
die Staubteilchen durch Reibung auf dem Boden elektrisch werden,
da dann spter, wenn sie durch den Wind hoch emporgetrieben
worden sind, ihre in der Staubwolke konzentrierte Gesamtheit eine
elektrische Spannung gegen die Erde hat. Die Pyramide, die als
leitend zu betrachten ist, bildet eine gewaltige Spitze, von der
aus die Erdelektrizitt zur Wolke besonders stark ausstrmt.

Als Werner Siemens den Kaukasus besuchte, erkrankte er an
Wechselfieber. Whrend andere Menschen sich in einem solchen
Zustand nur mit ihrem krperlichen Befinden zu beschftigen
pflegen, beobachtete er sorgfltig alle wissenschaftlichen
Begleitumstnde. Er kam schon damals, lange bevor Koch seine
berhmte Theorie aufgestellt hatte, zu der berzeugung, da das
klimatische Fieber seine Ursache in _mikroskopischen Organismen_
haben msse, die sich im Krper aufhalten. Die Periodizitt
des Wechselfiebers erklrt er durch die Zeit, welche die junge
Brut jedesmal braucht, um zu ihrer, dem menschlichen Krper
schdlichen Aktionsfhigkeit heranzuwachsen. Das ist spter
zu Siemens' groer Freude von der medizinischen Wissenschaft
besttigt worden.

Beim Auslegen der Kabel wurde er dazu gefhrt, einen Apparat fr
genaue _Messung der Meerestemperaturen_ anzugeben, der gestattet,
auf dem Schiff die Temperatur der Tiefe stets sofort abzulesen.

Im Jahre 1878 sah Siemens zum erstenmal den Vesuv, der sich
gerade damals in lebhafter Ttigkeit befand. Er beobachtete die
Erscheinungen, die sich seinem Auge darboten, so genau, als wenn
er sich in seinem Leben mit nichts anderem beschftigt htte
als mit dem Vulkanismus. Der Vesuv trug, so schrieb er in
den Monatsberichten der Berliner Akademie der Wissenschaften,
whrend meiner Anwesenheit in Neapel im Mai d. J. (1878) eine
Dampfkrone, welche sich hin und wieder bei windstillem Wetter
etwa bis auf ein Drittel seiner Hhe ber dem Meeresspiegel
erhob. Whrend der Nacht erschien die Dampfkrone schwach
leuchtend. Auffallend war mir hierbei, da dieselbe, mit einem
guten Fernrohre betrachtet, aus schnell aufeinander folgenden
Dampfringen zu bestehen schien. Der Lichtschein war nicht
konstant. Seine Helligkeit war sehr vernderlich, und hin und
wieder schien er intermittierend zu sein.

Siemens bestieg den Berg bis zum alten Kraterrand und
setzte seine Forschungen fort. Auf der hchsten Spitze des
Aschenkegels, welcher sich in der Mitte des groen Kraters etwa
bis zur halben Hhe seines Randes erhob, sah man eine hell
glhende ffnung, aus welcher in ziemlich regelmiger Folge alle
zwei bis drei Sekunden heftige Explosionen hervorbrachen. Die
Strke dieser Explosionen lie sich ungefhr daraus ermessen,
da durch dieselben glhende Steine und Schlackenstcke in
Menge bis bedeutend ber meinen Standpunkt auf dem Rande des
alten Kraters emporgeschleudert wurden und nach ihrem fast
senkrecht erfolgenden Niederfalle auf der Oberflche des inneren
Aschenkegels niederrollten. Die hellglhende ffnung des ttigen
Kraters bildete ein unregelmiges Viereck, dessen mittlere
Seitenlnge ich auf 5 bis 6 Meter schtzte. Jede Explosion
ri die umgebende Luft mit sich fort und bildete dadurch ber
dem Berggipfel einen in sich von innen nach auen rotierenden
und sich beim Aufsteigen erweiternden Dampfring. Sie war von
einem dumpfen Knalle begleitet, welcher den ganzen Berggipfel
merklich erschtterte. Eine eigentliche Flammenerscheinung war
nicht zu beobachten. Da jedoch heller Sonnenschein herrschte, so
hatte die ausgestoene Dampfmasse in der Nhe der Kraterffnung
die gelbliche Frbung, welche schwach leuchtende Flammen im
Sonnenschein anzunehmen pflegen.

Diese Beobachtungen gaben ihm Anla, ausfhrliche Betrachtungen
ber die _Gestaltung des Erdinnern_ und die darin ttigen Krfte
anzustellen. Wir besitzen eine sehr ausfhrliche Arbeit von ihm
hierber, in der er sich mit den damaligen widerstreitenden
geologischen Ansichten auseinandersetzt.

Diesen stets nach Aufklrung ringenden Geist hat das groe
Haus, in dem er mit der gesamten Menschheit wohnte, weiter
lebhaft beschftigt. Er hat versucht, sehr viele Phnomene,
die sich auf der Erde und in deren Luftmeer abspielen, zu
erklren. So schrieb er _ber die Zulssigkeit der Annahme
eines elektrischen Sonnenpotentials und dessen Bedeutung zur
Erklrung terrestrischer Phnomene_. Hierin legt er dar, da das
elektrische Potential der Sonne auf die Erde so einwirken msse,
da auf der Erdoberflche Elektrizitt gebunden wird. Diese wird
bei der Rotation der Erde stndig um diese herumgefhrt und
bewirkt als kreisender Strom deren Magnetisierung.

Weitere Arbeiten geologischer Natur fhren die Titel: ber
die Erhaltung der Kraft im Luftmeer der Erde, Zur Frage der
Ursachen atmosphrischer Strme und ber das allgemeine
Windsystem der Erde.

In einem Aufsatz _ber das Leuchten der Flamme_ hat Siemens
Versuche beschrieben, die er in einem der groen Glasfen seines
Bruders Friedrich in Dresden ber das Leuchten gasfrmiger
Krper angestellt hat. Er kommt zu dem beraus modern anmutenden
Ergebnis, da das Flammenlicht ebenso elektrisches Licht sei wie
das der Geilerschen Rhre.




ffentliche Wirksamkeit


Mit der Hoffnung im Herzen, da der Staat Friedrichs des Groen
Deutschland zur Einigkeit und Gre emporfhren wrde, berschritt
Werner Siemens einstens die mecklenburgisch-preuische Grenze. Um
so schwerer lastete auf ihm die Reaktionszeit, die nach der
Freiheitsbewegung von 1848 einsetzte. Lnger als ein Jahrzehnt
hielt ihn seine angestrengte technisch-wissenschaftlich-industrielle
Ttigkeit von der Politik fern, zumal damals keiner zu hoffen
wagte, da die Verhltnisse sich alsbald bessern wrden.

Dann aber, als nach der Erkrankung Friedrich Wilhelms IV. Prinz
Wilhelm von Preuen die Regentschaft bernahm, begann, wie in den
Herzen so vieler, auch in Werner Siemens die Ahnung zu sprieen,
da Preuen sich vielleicht doch noch auf die Verpflichtung
besinnen knnte, welche die Weltgeschichte ihm zweifellos fr
die Herbeifhrung der Einigung Deutschlands zugedacht hatte.
Am 3. September 1860 wohnte er mit seinem Bruder Wilhelm
einer groen Versammlung in Koburg bei, die zur Frderung der
Einheitsbestrebungen einberufen worden war. Beide Brder trugen
damals das schwarz-rot-goldene Band mit deutlicher Absicht zur
Schau.

Die Hoffnungen auf eine grndliche Besserung der Zustnde in
Deutschland schienen sich dann aber unter der Regentschaft und
auch in den ersten Jahren, als der neue Knig die Krone trug,
nicht zu erfllen. Es kam der _Verfassungskonflikt_, in dem die
Regierung mit dem Abgeordnetenhaus so hart um die Bewilligung
der Mittel fr die Heeresreorganisation kmpfte. Siemens war
schon dem Nationalverein beigetreten, der sich unter der Fhrung
Bennigsens gebildet hatte und auf das lebhafteste dafr eintrat,
da Preuen die fhrende Rolle in Deutschland bernhme. Als
im Jahre 1862 Neuwahlen fr das aufgelste Abgeordnetenhaus
stattfanden, erkor der _Wahlkreis Lennep-Solingen_ Werner
Siemens zu seinem _Vertreter im Parlament_. Er hatte sich selbst
nicht als Kandidat gemeldet, fhlte sich aber doch nunmehr
verpflichtet, die Wahl anzunehmen. Er hat dem preuischen
Parlament in seiner geschichtlich bedeutungsvollsten Periode fnf
Jahre lang angehrt. Den Konflikt, den er damals antraf, stellt
er in seinen Lebenserinnerungen so dar:

Der Kern der Frage bestand in der nach dem Regierungsplane
faktisch eintretenden Verdoppelung der preuischen Armee mit
entsprechender Vergrerung des Militrbudgets. Die Stimmung
des Landes ging dahin, da diese Vergrerung der Militrlast
nicht ertragen werden knnte, ohne zu gnzlicher Verarmung des
Volkes zu fhren. In der Tat war der Wohlstand Preuens schon
damals hinter dem der anderen deutschen Staaten ansehnlich
zurckgeblieben, da die Last der deutschen Wehrkraft auch nach
den Befreiungskriegen hauptschlich auf seinen Schultern geruht
hatte. Sollte diese Last im Sinne der Reorganisation noch in
so hohem Mae vergrert werden, ohne da eine entsprechende
Teilnahme der brigen Staaten erzwungen wurde, so mute das Land
in seinem Wohlstande mehr und mehr zurckgehen und htte die Last
schlielich doch nicht mehr zu tragen vermocht.

Man wute zwar, da Knig Wilhelm schon als Prinz von Preuen
und als Prinzregent von der Notwendigkeit berzeugt war, den
Staat Friedrichs des Groen wieder zu der seiner geschichtlichen
Stellung angemessenen Hhe an der Spitze Deutschlands zu erheben,
und man zweifelte nicht an dem Ernste der darauf gerichteten
Bestrebungen des persnlich geliebten und hochgeachteten
Monarchen, aber man zweifelte an der Durchfhrbarkeit seines
Planes.

Der Glaube an den historischen Beruf des preuischen Staates zur
Vereinigung Deutschlands und an Preuens Glcksstern war zu tief
gesunken. Auch die eifrigsten Schwrmer fr Deutschlands Einheit
und knftige Gre, ja selbst spezifisch preuische Patrioten
hielten es deshalb mit ihrer Pflicht nicht fr vereinbar,
Preuen diese neue, fast unerschwinglich scheinende Militrlast
aufzubrden. Die Volksvertretung verwarf, zum groen Teil
allerdings mit schwerem Herzen, den Reorganisationsentwurf der
Regierung, und bei wiederholten Auflsungen besttigte das Volk
durch die Neuwahlen dieses Votum.

Es wurde Siemens besonders schwer, gleichfalls gegen die
Militrvorlage zu stimmen, da er sich im innersten Herzen den
alten Glauben an den Beruf des preuischen Staats bewahrt hatte.
Er hatte den Wunsch, einen Vermittlungsversuch zu machen,
und schrieb damals eine _anonyme Broschre_ unter dem Titel
_Zur Militrfrage_, die im Verlag von Julius Springer-Berlin
erschien. Es wurden darin Vorschlge gemacht, eine Verdoppelung
der Armee fr den Kriegsfall zu erreichen, ohne da dem Land eine
so hohe Kostenlast aufgebrdet wrde, wie die Regierung dies
wnschte.

Bismarck und Roon fhrten bekanntlich damals die Neuordnung des
Heers gegen den Willen des Parlaments durch. Und als der Krieg
mit sterreich im Jahre 1866 ausbrach, hatten sie die Waffen in
der Hand, mit deren Hilfe Preuen durch glorreiche Kriegstaten
sich nun endlich doch an die Spitze der deutschen Staaten zu
stellen vermochte.

Dann tat Knig Wilhelm in weiser Migung den welthistorischen
Schritt, fr die ohne gesetzliche Grundlage im Interesse der
Heeresschlagfertigkeit gemachten Ausgaben _Indemnitt_ vom
Landtag zu erbitten.

Die Fhrer der oppositionellen Fortschrittspartei sahen
zunchst nicht deutlich genug ein, da es nun auch an ihnen
sei, Nachgiebigkeit zu ben und die Ausgaben nachtrglich zu
bewilligen. Der gediegene Charakter von Werner Siemens aber und
seine groe Lebensklugheit lieen ihn deutlich erkennen, da es
nach einem so bedeutenden Erfolg der Regierungspolitik fr das
Wohl des Staats nicht zweckmig wre, in unfruchtbarem Groll
zu verharren. Mit groer Lebhaftigkeit schilderte er in den
Parteiversammlungen die Gefahren, die mit einer Verweigerung der
Indemnitt verknpft wren. Auch objektive Beurteiler gestehen
zu, was er in seinen Lebenserinnerungen behauptet, nmlich, da
es seiner Einwirkung zu einem groen Teil zuzuschreiben ist, wenn
wirklich der Bruch zwischen Parlament und Regierung durch Annahme
der Indemnittserklrung abgewendet und damit der innere Friede
in Preuen wiederhergestellt, der Weg zu weiterer Gre und zur
wirklichen Einigung Deutschlands freigemacht wurde.

Als er dieses wichtige Ergebnis erreicht hatte, trat Siemens, der
seine politische Ttigkeit immer nur als vorbergehend empfunden
hatte, sogleich von der parlamentarischen Bhne ab. Er legte
sein Mandat nieder, um sich wieder ganz seiner industriellen
Beschftigung zuzuwenden. Aber er tat es doch nicht ohne
berwindung, denn am 6. Oktober 1866 schrieb er an seinen Bruder
Karl: Eben ist meine Mandatsniederlegung abgegangen! Auch ein
Opfer, welches ich dem Geschft bringe!

Whrend seiner Abgeordnetenzeit hatte Siemens auch Gelegenheit,
eine wichtige Tat fr die Besserung der industriellen Verhltnisse
in Deutschland zu vollbringen. Er war Spezialreferent der
Abteilung Metalle und Metallwaren fr die Vorbereitung
des deutsch-franzsischen Handelsvertrags. In kluger Erkenntnis
des groen Schadens, den die deutsche Industrie durch den
mangelnden Stolz ihrer fhrenden Mnner dauernd erlitt,
setzte er damals durch, da in den Handelsvertrag ein Artikel
aufgenommen wurde, der verbot, deutsche Fabrikate fortab mit
Firmen- und Fabrikzeichen der Fabrikanten eines anderen Lands zu
versehen. Er war der Meinung, da die deutsche Industrie geradezu
selbstmrderisch handle, wenn sie die gute von ihr erzeugte
Ware als fremdes Produkt und nur das Minderwertige als eigenes
Fabrikat bezeichne. Selbst in den Stdten Solingen und Remscheid,
die damals schon in der Stahlfabrikation Ausgezeichnetes
leisteten, bestand in jenen Zeiten noch die verderbliche bung,
die besten Waren, die man hervorbrachte, als englische in die
Welt hinauszusenden. Die Industriellen glaubten auch, darauf
keinesfalls verzichten zu knnen, und sie sandten eine Deputation
an Siemens, die ihn dringend bat, die Einfhrung eines Verbots
fremder Fabrikzeichen nicht weiter zu betreiben. Er lehnte
jedoch ab, obgleich man ihm deutlich machte, da man ihn dann
kaum wiederwhlen wrde. Daran lag ihm aber weniger, als an der
Frderung von Deutschlands Industrie. Und wirklich haben seit
jener Zeit unsere Fabriken ihren wertvollen Erzeugnissen den Ruf
auf dem Weltmarkt verschaffen knnen, auf den sie lngst schon
Anspruch hatten und heute gewi erst recht haben.

Es wre jedoch nicht gelungen, dies zu erreichen, wenn von Werner
Siemens nicht die Anregung zu einer weiteren gesetzgeberischen
Tat auf industriellem Gebiet ausgegangen wre. Die Schaffung des
deutschen _Patentgesetzes_, das auf ihn als seinen gedanklichen
Urheber zurckgeht, kann man wohl als Siemens grte Tat im
Rahmen seiner ffentlichen Wirksamkeit bezeichnen.

Im Jahre 1863 war man auf dem Weg, die ganze Patentgesetzgebung
in Preuen aufzuheben, da sie sich in der damals bestehenden
Form als ein schweres Hindernis fr die Industrie erwiesen
hatte. Das Patent bedeutete in jener Zeit nicht einen Schutz
des Erfinders gegen Nachahmung, sondern es war ein Privilegium,
das ihm in Anerkennung seines Verdienstes verliehen wurde.
Die Erfindung wurde streng geheim gehalten und nur ihre
Benennung verffentlicht, damit ein jeder sich hten sollte,
etwas hnliches zu schaffen. Da man nun nie genau wute,
worum es sich in einem Patent handelte, so war eine Flle
verdrielicher Konflikte die Folge, und die Allgemeinheit
hatte gar keinen Nutzen von den Patenten. Die kurze Dauer von
fnf Jahren gestattete auch nicht eine gengende Ausnutzung, da
die Entwicklung technischer Dinge grtenteils einen lngeren
Zeitraum beansprucht.

Der preuische Handelsminister fragte in dem genannten Jahr bei
smtlichen Handelskammern an, ob es nicht an der Zeit wre, das
Patentwesen zu beseitigen. Auch an das ltestenkollegium der
Berliner Kaufmannschaft kam eine solche Anfrage, und das Mitglied
des Kollegiums Werner Siemens erstattete den Bericht. Er trat
dem Standpunkt des Handelsministers durchaus entgegen, indem er
zeigte, da ein Patentgesetz von grtem Nutzen fr die Industrie
sein knne, wenn es nur die richtigen Bestimmungen enthielte.

Siemens ging davon aus, da man dem Erfinder unbedingt ein
Vorrecht auf sein Geisteserzeugnis einrumen msse. Nur dann sei
zu erwarten, da er seine Erfindung grndlich ausbaue und so
im Lauf der Jahre der Allgemeinheit etwas besonders Wertvolles
berliefere. Nur wenn dem Erfinder ein Besitztitel auf seine
Erfindung zustehe, knne er Kapitalisten gewinnen, die ihm die
Ausfhrung der ntigen Versuche ermglichen, denn der Geldgeber
knne ja einen gesicherten Anteil am knftigen Gewinn erhoffen.
Siemens wies darauf hin, da es James Watt nur infolge seines
durch vierzehn Jahre laufenden Patents gelungen sei, den reichen
Bolton als Teilnehmer zu gewinnen und so die Dampfmaschine zu
entwickeln.

Wenn aber der Staat dem Erfinder das ntzliche Geschenk des Schutzes
fr lange Zeit mache, so msse dieser zur Entgeltung verpflichtet
sein, den Inhalt der Erfindung ffentlich darzulegen. Das Patent
ist, so hie es in dem Bericht fr das ltestenkollegium,
nach dieser Anschauungsweise ein wirklicher Kontrakt zwischen
Staat und Erfinder: jener, als Vertreter der Interessen
der Gesamtheit, gewhrt diesem auf eine Zahl von Jahren,
welche nur so gro zu bemessen ist, als es die Erreichung
des Zweckes erfordert, das alleinige Dispositionsrecht ber
dessen Erfindung; dieser bernimmt dagegen die Verpflichtung,
die in ihr liegenden neuen Gedanken sofort und vollstndig
durch Verffentlichung zum Gemeingut zu machen. Es ist Sache
der Gesetzgebung, dafr zu sorgen, da die Gesamtheit aus
diesem Kontrakt den mglichst groen Nutzen zieht.

Dieser Bericht von Werner Siemens wurde einstimmig als
Gutachten des ltestenkollegiums angenommen, und viele andere
Handelskammern in Preuen schlossen sich seiner Meinung an. Von
einer Abschaffung der Patente wurde infolgedessen abgesehen.

Aber damit war nur etwas Negatives verhindert, Positives jedoch
nicht erreicht. Die damalige Form des Patentwesens war praktisch
einer gnzlichen Schutzlosigkeit der Erfindungen gleich und
hatte nach Siemens' Meinung sogar eine Unsoliditt der deutschen
Industrie zur Folge, die deren Ansehen im Ausland beeintrchtigen
mute. Es hat sich, so schrieb Siemens in einer spteren
Denkschrift, bei uns in technischen Dingen nach und nach eine
von der anderer Lnder ganz verschiedene Rechtsanschauung,
eine andere Moral herausgebildet. Whrend es in England und
Frankreich, selbst in Amerika, fr unehrenhaft, mindestens
fr unschicklich gilt, fremde Erfindungen ohne Zustimmung des
Erfinders zu benutzen, selbst wenn sein Rechtsschutz zweifelhaft
oder ein solcher nicht vorhanden ist, gilt dies in Deutschland
nicht nur fr anstndig, sondern in vielen Fllen sogar fr
verdienstlich.

Als charakteristische Beispiele dieser Richtung brauche ich
nur anzufhren, da in Preuen selbst technische Staatsbehrden
keinen Anstand nehmen, neue Betriebsapparate oder Einrichtungen,
die von Gewerbetreibenden auf deren Veranlassung mit Mhe und
Kosten ausgearbeitet sind, anderen Gewerbetreibenden als Modelle
zur Nachahmung zu bergeben oder sie zur Submission zu bringen
und die Ausfhrung dem Mindestfordernden zu berweisen. Sie sind
dazu sogar oft durch ihre Instruktion verpflichtet.

In gleicher Richtung empfehlen Gewerbetreibende bei uns hufig
offen ihre Fabrikate damit, da sie grundstzlich nur die
bewhrtesten und neuesten Konstruktionen bekannter angesehener
Firmen nachahmen und daher billiger liefern knnten wie diese,
da sie keine Erfindungs- und Versuchskosten zu tragen htten!
In anderen Lndern wrde dies fr ehrenwidrig gehalten werden;
hier nehmen selbst Staatsbehrden keinen Anstand, von solchen
vorteilhaft scheinenden Anerbietungen bestens Gebrauch zu machen!

Um in diesen Zustnden, die uns heute ganz mittelalterlich
erscheinen, grundlegende Besserung zu schaffen, forderte Siemens
zur Bildung eines _Patentschutz-Vereins_ auf, der dann auch
unter seinem Vorsitz ins Leben trat. Seine Ttigkeit erwirkte
im Jahre 1877 endlich den Erla eines Patentgesetzes fr das
Deutsche Reich, dessen Grundgedanken sich vollstndig auf die
Siemensschen Ausfhrungen von 1863 sttzten. Danach werden
Patente auf die Dauer von fnfzehn Jahren mit jhrlich steigenden
Abgaben erteilt. Es finden eine Voruntersuchung ber die Neuheit
der Erfindung und die ffentliche Auslegung der Beschreibung
statt, um Gelegenheit zum Einspruch gegen die Patentierung zu
geben. Eine vollstndige Publikation des erteilten Patents
hat stattzufinden, auf gerichtlichem Weg kann jederzeit die
Nichtigkeitserklrung eines erteilten Patents erfochten werden.

[Illustration: Der erste Scheinwerfer, der Strom von einer
Dynamomaschine erhielt]

[Illustration: Moderner Riesenscheinwerfer der Siemens-Schuckert-Werke
mit Fernsteuerung]

In Deutschland ist im Jahre 1891 ein neues abgendertes
Patentgesetz erlassen worden, aber auch hierin finden wir Werner
Siemens' Ideen vollkommen enthalten. Sie haben also seit fast
vier Jahrzehnten die deutsche Industrie bei ihrem auerordentlichen
Aufschwung begleitet, und es ist kein Zweifel, da sie hierbei
zugleich Sttze und Frderungsmittel in hohem Ma gewesen
sind. Die Mngel auch der heutigen Patentgesetzgebung sind
gewi nicht zu verkennen. Aber die Vorzge ihrer Grundgedanken
gegenber dem, was vorher bestand, sind so bedeutend, da die
deutsche Industrie Werner Siemens auch fr deren Aufstellung
zu besonderer Dankbarkeit verpflichtet ist.

Der lebhafte und uneigenntzige Wunsch, die Stellung der
Industrie seines Vaterlands auf dem Weltmarkt zu strken, ihr
Ansehen zu heben, fhrte Werner Siemens zu einer weiteren
bedeutsamen Tat. Die naturwissenschaftliche Forschung, so
sagte er, bildet immer den sicheren Boden des technischen
Fortschritts, und die Industrie eines Landes wird niemals
eine internationale, leitende Stellung erwerben und sich
erhalten knnen, wenn dasselbe nicht gleichzeitig an der Spitze
des naturwissenschaftlichen Fortschritts steht. In diesem
Zusammenhang vermite er in Deutschland die Existenz von
Instituten, die ausschlielich der physikalischen Forschung
gewidmet seien.

Der Staat hat, so fhrte er weiter aus, seine ganze Kraft mit
unzweifelhaftem Erfolge der Frderung des wissenschaftlichen
Unterrichts zugewandt. Seine Unterrichtsanstalten erzeugen eine
groe Zahl hochgebildeter Naturforscher, deren Lebensberuf
fast immer wieder der Unterricht ist. Die wissenschaftliche
Forschung selbst ist nirgends Lebensberuf in der staatlichen
Organisation, sie ist nur eine geduldete Privatttigkeit der
Gelehrten neben ihrem Berufe, der Lehrttigkeit. Einzelne
Versuchsstationen, die durch spezielle dringende Bedrfnisse
hervorgerufen sind, und auch die Akademien, die zwar der
wissenschaftlichen Forschung gewidmet, aber nur nebenamtlich
besetzt und nicht mit den erforderlichen Einrichtungen zur
Ausfhrung von Experimentaluntersuchungen versehen sind, ndern
hierin nichts Wesentliches. Die Berufsgelehrten der Akademien
sind fast durchgngig neben dem ihnen obliegenden Unterricht noch
mit gelehrten Geschften derartig berbrdet, da sie -- nach dem
Ausspruch eines unserer ersten Naturforscher -- aufhren mssen,
Gelehrte zu sein!

Der Mangel an Gelegenheit zu ruhiger wissenschaftlicher Arbeit
msse dazu fhren, die deutsche Technik in die zweite Linie
zu drngen. Als ein recht schlagendes Beispiel fr diese
Rckstndigkeit in Deutschland fhrte Siemens die Tatsache an,
da die elektrischen Maeinheiten in England htten festgestellt
werden mssen, obgleich sie von dem deutschen Gelehrten Wilhelm
Weber theoretisch begrndet worden waren. Privatlaboratorien
reicher Englnder htten die Arbeit geleistet, bei uns sei eine
solche Gelegenheit nicht vorhanden.

Und auch hier wieder lt er es als Mann der Tat nicht bei dem
Bedauern bewenden, sondern er handelt in grozgigster Weise,
als es sich zeigt, da die Instanzen des Reichs nicht so leicht
dazu zu bewegen sein wrden, ein ausschlielich der Forschung
gewidmetes Institut zu schaffen. Er bietet dem Reich eine _halbe
Million in Grundwert oder Kapital_ an mit der Bedingung, da der
Reichsfiskus die Kosten der auf dem Grundstck zu errichtenden
Bauten trage und ihre Erhaltung bernehme. Regierung und
Reichstag nahmen das hochherzige Geschenk an, und so entstand
die _Physikalisch-Technische Reichsanstalt_ auf dem damals still
und erschtterungsfrei daliegenden Gelnde an der Marchstrae
in Charlottenburg. Sie ist ein stolzes Denkmal der Siemensschen
Zuneigung fr die Wissenschaft geworden, die seine erste Liebe
war und seine letzte geblieben ist.

Der erste Prsident der neugeschaffenen Reichsanstalt wurde
der grte Physiker der damaligen Zeit, einer der allergrten
berhaupt, die je gelebt haben, _Hermann von Helmholtz_. Die
Geschichte des frdernden Einflusses, den die Reichsanstalt
unter Helmholtz und den nachfolgenden Prsidenten Kohlrausch
und Warburg auf die deutsche Industrie gebt hat, mu noch
geschrieben werden. Sie ist die krftigste wissenschaftliche
Tragsule fr den stolzen Bau der deutschen Technik geworden.

Durch die Anregung des Staatssekretrs im Reichspostamt *Dr.* von
Stephan und Werner Siemens' bildete sich der _Elektrotechnische
Verein_, in dessen Namen, wie wir bereits gehrt haben, das
Wort Elektrotechnik zum erstenmal auftrat. Eine der wichtigsten
Anregungen, die von dem Verein ausgegangen sind, war das Ersuchen
an die deutschen Regierungen, an den Technischen Hochschulen
_eigene Professuren der Elektrotechnik_ zu errichten. Erst
als diesem Wunsch Folge geleistet worden war, begann die
Elektrotechnik als Spezialfach zu bestehen. Die Resolution, durch
welche diese Angelegenheit in Flu gebracht wurde, war von Werner
Siemens im Verein eingebracht worden.




Siemens & Halske


Es bleibt uns noch brig, in groen Zgen die Entwicklung
der industriellen Firma zu verfolgen, die von Werner Siemens
begrndet worden ist. Die Schaffung dieses Hauses ist ein sehr
betrchtlicher Teil seines Lebenswerks. Das ungewhnliche
Wachstum der Firma, ihre Ausdehnung zu einem Weltgeschft und
die Tatsache, da sie schon zu Lebzeiten des Grnders zu den
angesehensten industriellen Husern der Erde zhlte, sprechen
dafr, da Werner Siemens auch in seiner dritten Eigenschaft,
nmlich als Kaufmann, genial begabt war. Er verstand es mit
groer Klugheit, seine wissenschaftlichen und technischen
Schpfungen in dem Geschftshaus zu verankern, und er hat der
Firma dadurch die Mglichkeit zu so kraftvoller Entwicklung
gegeben, da sie sehr viel dazu beizutragen vermochte, den Namen
des industriellen Deutschland auf der ganzen Erde zu hohem
Ansehen zu bringen.

Wir wissen bereits aus frheren Abschnitten, da Werner Siemens
in seinem dreiigsten Lebensjahr, als bei ihm der Entschlu
feststand, sich ganz der Entwicklung des Telegraphenwesens zu
widmen, in Berlin eine Werkstatt begrndete. berhaupt wird im
folgenden manches schon frher Gesagte wiederholt werden mssen,
da bei dem innigen Zusammenhang von Schpfer und Schpfung sonst
eine fortlaufende Darstellung in diesem Abschnitt nicht zu
erzielen wre.

Siemens war damals noch Artillerieoffizier. Der Vetter Georg
Siemens lieh ihm die zur Einrichtung der Werkstatt erforderlichen
6000 Taler; sie sind die einzige Summe geblieben, welche die
Firma jemals von Auenstehenden ntig hatte. Der Gedanke, der
zur Schaffung einer eigenen kleinen Fabrik trieb, war der Wille
Werner Siemens', seine Erfindungen mechanisch in vollkommenster
Weise und mit der grten Genauigkeit bauen zu lassen. Darum
verbndete er sich mit dem Mechaniker _Johann Georg Halske_, der,
wie er wute, besonders vorzgliche Przisionsarbeit zu leisten
vermochte.

Man kann sagen, da dieser Grundsatz, stets beste und saubere
Arbeit zu leisten, whrend all der Jahrzehnte, die bis zum
heutigen Tag vergangen sind, bei der Firma Siemens & Halske auf
das sorgsamste innegehalten worden ist. Das Haus war dadurch
lange in den Stand gesetzt, ohne Konkurrenz in der Elektrotechnik
zu arbeiten, und niemand kann verkennen, da alle Firmen,
die sich spter in Deutschland auf elektrotechnischem Gebiet
zu bedeutender Gre entwickelt haben, in dieser Beziehung
bei Siemens & Halske in die Schule gegangen sind. Deutsche
elektrische Maschinen kennt man auf der ganzen Welt als im
hchsten Grad zuverlssige Apparate, und diese Fabrikationsweise
hat sich aus dem Vorbild heraus entwickelt, das von Werner
Siemens seinem industriellen Schaffen zugrunde gelegt wurde.

Siemens schreibt im Sommer 1847 an seinen Bruder Wilhelm in
London: Ich habe mit dem Mechaniker Halske, der sich schon von
seinem Kompagnon (Bttcher) getrennt hat, definitiv die Anlage
einer Fabrik beschlossen, und hoffentlich wird sie in sechs
Wochen schon in vollem Gange sein ... Halske, den ich vllig
gleich mit mir gestellt habe in der Fabrik, bekommt die Leitung
in der Fabrik, ich die Anlagen der Fabrik, Kontraktabschlsse
usw. Wir wollen vorlufig nur Telegraphen, Lutewerke fr
Eisenbahnen und Drahtisolierungen mittels Guttapercha machen
... Nach langem Suchen ist endlich ein passendes Quartier fr
unsere Werkstatt gefunden und gemietet, mit den Fenstern nach dem
Anhaltischen Bahnhof hinaus. (Es war ein Haus in der Schneberger
Strae, in der die Firma bis zum heutigen Tag eine Niederlassung
unterhlt) ... Ich wohne parterre, die Werkstatt eine Treppe,
Halske zwei Treppen hoch, in Summa fr 300 Taler. Bald nach dem
1. Oktober wird die Arbeit beginnen.

Am 12. Oktober 1847 war die Werkstatt in der Tat eingerichtet.
Dieses Datum ist als Geburtstag der heutigen Weltfirma Siemens &
Halske anzusehen.

Die Arbeit wurde mit drei Drehbnken begonnen. Am 20.
Dezember war die Werkstatt mit zehn Arbeitern ganz besetzt.
Kaum hatte man jedoch eine intensivere Ttigkeit begonnen,
insbesondere um die Apparate fr den damals von der preuischen
Telegraphenverwaltung veranstalteten Wettbewerb herzustellen, da
kamen die Revolution und der Krieg mit Dnemark, der, wie wir
wissen, Werner Siemens lange von Berlin fernhielt. Er hatte es
der Sorgsamkeit seines Geschftsgenossen zu verdanken, da die
Firma durch jene ungnstige Zeit hindurchkam. Dann aber wurde
die unterirdische Telegraphenlinie nach Frankfurt gebaut, und im
Anschlu daran gab es weitere Auftrge.

Im Sommer 1849 nahm Werner Siemens seinen Abschied vom Militr.
Damals, als gerade die ersten russischen Auftrge eingelaufen
waren, hatte sich die Zahl der Arbeiter in der Fabrik bereits auf
32 gehoben.

Das Geschft entwickelte sich weiter ganz gut, da die Auftrge
infolge der Verbesserungen, die Werner Siemens fortwhrend an
den Apparaten anbrachte, sich mehrten: Schon gegen Ende des
Jahres 1851 mute ein neues Gelnde erworben werden, auf dem
eine erweiterte Fabrik errichtet werden sollte. Es wurde das
Grundstck _Markgrafenstrae 94_ angekauft, von dem aus das Haus
sich spter ber viele Teile von Gro-Berlin verbreitet hat.

Aber gerade jetzt, als Werner Siemens so gut im Fahrwasser
zu sein glaubte, da er die lange geliebte Braut heimfhrte,
kam fr das Geschft eine schwere Krisis. Siemens hatte jene
Broschre geschrieben, welche die grobe Nachlssigkeit der
preuischen Telegraphenverwaltung bei der Auslegung der ersten
unterirdischen Telegraphenleitungen klarlegte, und die Folge war,
da der Hauptkunde dem Geschft die Bestellungen entzog. Whrend
im Jahre 1852 Werner Siemens in Petersburg durch die Masern ans
Krankenbett gefesselt war, sah es in Berlin recht bse aus.
Friedrich Siemens schrieb damals an Karl: Halske ist durch den
Hausankauf in groe Geldnot geraten und scheint berhaupt ganz
ratlos zu sein, seit Werner fort ist.

Es wurden lebhafteste Anstrengungen gemacht, um mit dem Ausland,
namentlich mit Frankreich, ins Geschft zu kommen. Aber Karl, der
sich in Paris lebhaft bemhte, hatte wenig Erfolg, und die Lage
wurde immer schlimmer. Drahtexporte, auf die sich die Firma auf
Anraten Wilhelms eingelassen hatte, brachten sie in gefhrliche
finanzielle Situationen. Am 12. Mai 1853 schrieb Werner an
Wilhelm: Geld! Geld! Am 21., sptestens 22. mssen wir notwendig
1500 Pfund Sterling haben, damit unser Kredit nicht wacklig wird.
Die mut Du verschaffen und rechtzeitig schicken. Wilhelm gelang
es wirklich, das Geld zu besorgen, und damit war die Lage im
Augenblick gerettet.

Man befand sich damals in solcher Bedrngnis, da die Firma
Siemens & Halske, die doch als Telegraphenbauanstalt gegrndet
war, whrend dieser Zeit eifrig danach strebte, einen Auftrag auf
die Herstellung ganz gewhnlicher Ausrstungsteile (Fittings) fr
die gerade im Bau befindlichen Berliner Wasserwerke zu erhalten.

Werner war gegenber seinem eigentlichen Fabrikationsgegenstand
so verzagt, da er sich uerte: Bekommen wir die Fittingsarbeit,
so werden wir den Telegraphen wohl nach und nach adieu sagen.
Die Sache ist zu anlockender Natur ...

Sie bekamen die Auftrge auf die Fittings nicht, aber nun
setzte bald das groe Geschft mit Ruland ein. Der gesamte
Geschftsgewinn der beiden Jahre 1851 und 1852 hatte, nach
Ehrenberg, nicht mehr als 8678 Taler betragen. Das Ergebnis war
hinter dem von 1850 weit zurckgeblieben.

Es hiee die erfinderische Ttigkeit von Werner Siemens noch
einmal erzhlen, wenn wir hier jede Entwicklungsphase der Firma
verfolgen wollten. Langsam schwanden die Schwierigkeiten, und das
Haus wurde zu einer hochangesehenen Telegraphenbauanstalt, die
aus allen Teilen Europas Auftrge erhielt und am Ende stark genug
war, das groe Unternehmen der indo-europischen Telegraphenlinie
in die Hand zu nehmen.

Im Jahre 1858 war ein _Londoner Zweiggeschft_ unter der
Leitung von Wilhelm Siemens begrndet worden, das 1862 bereits
80 Arbeiter beschftigte. Im folgenden Jahr wurde dann die
_Kabelfabrik in Charlton_ bei Woolwich begrndet, deren erstes
Erzeugnis jenes unglckselige Cartagena-Oran-Kabel gewesen
ist. Halske erschrak damals ber die Gefhrlichkeit des
Seekabelgeschfts so sehr, da er die Abtrennung der Londoner
Firma vom Berliner Geschft verlangte. Sie ging darauf in den
Privatbesitz der drei Brder Werner, Wilhelm und Karl ber, von
denen Wilhelm die Leitung bertragen wurde. Fortab firmierte das
englische Geschft _Siemens Brothers_. Auch die _Petersburger
Firma_ wurde damals unter der Leitung von Karl selbstndig
gemacht, so da fortab drei getrennte Siemenshuser bestanden.

[Illustration: Die Fabriken in Siemensstadt
(Nach einem Gemlde von Obronski)]

Der umfangreiche Bau der indo-europischen Linie veranlate
eine weitere Vergrerung der Firma, die auch die Kriegsjahre
1870/71 gut berstanden hatte. Die Zahl der Arbeiter in der
Berliner Fabrik, die, nach Howe, im Jahre 1867 erst 177 betrug,
wuchs 1869 auf 250 und 1871 auf 412 an. Mehr und mehr mute
Werner Siemens sich durch das Heranziehen tchtiger Mitarbeiter
entlasten, um Zeit genug fr die Oberleitung der gesamten
Geschfte zu gewinnen. Sein Jugendfreund _William Meyer_, der ihm
als leitender Ingenieur vortreffliche Dienste geleistet hatte,
starb im Jahre 1866. An seine Stelle wurde _Karl Frischen_
berufen, und auch _Friedrich von Hefner-Alteneck_ trat damals
in die Firma ein. Dieser hat sich, wie uns bekannt ist, um die
Durchbildung der Dynamomaschine und der Bogenlampe die grten
Verdienste erworben; Frischen wurde der Vater der ausgezeichneten
Eisenbahnsicherungsanlagen, die heute als Blocksystem von Siemens
& Halske ber die ganze Erde verbreitet sind.

Zwei Jahre spter fate _Halske_ den Entschlu, _aus der Firma
auszutreten_. Die schweren Zeiten, die das Haus durchzumachen
hatte, lieen ihn treu ausharren. Aber seltsamerweise machte
ihm das Geschft keine Freude mehr, als es sich immer weiter
ausdehnte. Die Erklrung liegt, wie Werner Siemens schreibt,
in der eigenartig angelegten Natur Halskes. Er hatte Freude an
den tadellosen Gestaltungen seiner geschickten Hand sowie an
allem, was er ganz bersah und beherrschte. Unsere gemeinsame
Ttigkeit war fr beide Teile durchaus befriedigend. Halske
adoptierte stets freudig meine konstruktiven Plne und Entwrfe,
die er mit merkwrdigem mechanischem Taktgefhl sofort in
berraschender Klarheit erfate und denen er durch sein
Gestaltungstalent oft erst den rechten Wert verlieh. Dabei war
Halske ein klardenkender, vorsichtiger Geschftsmann, und ihm
allein habe ich die guten geschftlichen Resultate der ersten
Jahre zu danken.

Das wurde aber anders, als das Geschft sich vergrerte und
nicht mehr von uns beiden allein geleitet werden konnte. Halske
betrachtete es als eine Entweihung des geliebten Geschftes, da
Fremde in ihm anordnen und schalten sollten. Schon die Anstellung
eines Buchhalters machte ihm Schmerz. Er konnte es niemals
verwinden, da das wohlorganisierte Geschft auch ohne ihn lebte
und arbeitete. Als schlielich die Anlagen und Unternehmungen
der Firma so gro wurden, da er sie nicht mehr bersehen
konnte, fhlte er sich nicht mehr befriedigt und entschlo sich,
auszuscheiden und seine ganze Ttigkeit der Verwaltung der Stadt
Berlin zu widmen, die ihm persnliche Befriedigung gewhrte.

Da war der Kompagnon Siemens ein ganz anderer Kerl. In einem
Brief an seinen Bruder Karl, in dem er diesem von dem Ausscheiden
Halskes Mitteilung machte, schrieb er: Ich will und kann noch
nicht zur Ruhe gehen. Ich hasse das faule Rentierleben, will
schaffen und suchen, solange ich kann, sehne mich nicht nach
persnlichen Annehmlichkeiten und Genssen des Reichtums. Ich
wrde krperlich und geistig zugrunde gehen, wenn ich keine
ntzliche Ttigkeit, an der ich Anregung und dadurch Beruhigung
finde, mehr entfalten knnte.

Halske, der 1890 gestorben ist, hat Werner Siemens bis zu seinem
Lebensende als Freund nahegestanden. Sein einziger Sohn trat als
Prokurist bei der Firma ein.

Bei ihrem fnfundzwanzigjhrigen Geschftsjubilum am 12. Oktober
1872 waren in der Fabrik bereits 543 Arbeiter und 43 Beamte
ttig. Damals nahm Werner Siemens Gelegenheit, seine warmherzigen
sozialen Empfindungen, die ihn sein ganzes Leben hindurch beseelt
haben, auch im eigenen Haus praktisch zu bettigen. Er schuf eine
Einrichtung, die alle Angestellten der Firma nach Magabe ihrer
Leistungen am Gewinn beteiligte. Es wurde bestimmt, da fortab
stets ein ansehnlicher Teil des Jahresgewinns zu _Tantiemen fr
Beamte und Prmien fr Arbeiter_ (spter in Gratifikationen
umgewandelt) sowie zu _Untersttzungen fr Arbeiter_ in Notlagen
aus dem Geschftsgewinn zurckgestellt wrden. Ferner wurde
ein Kapital von 60000 Talern zur Begrndung einer _Alters- und
Invalidenkasse_ abgezweigt und zugleich die Verpflichtung des
Geschfts festgelegt, der von den Beteiligten direkt gewhlten
Kassenverwaltung jhrlich fnf Taler fr jeden Arbeiter und zehn
Taler fr jeden Beamten zu zahlen, sobald diese ein Jahr lang
ohne Unterbrechung im Geschft gearbeitet hatten.

Man mu bedenken, da diese Schpfungen zu einer Zeit geschahen,
als man sich selbst in Deutschland, dem Ursprungsland der
Arbeiterversicherungen, noch sehr wenig mit dem Schicksal des
kranken und invaliden Arbeiters beschftigte. Auch auf diesem
Gebiet also ist Werner Siemens als ein Bahnbrecher zu betrachten,
und es spricht nichts so sehr fr die Seelengre dieses Manns
wie die Tatsache, da gerade er, dem es gelungen war, aus dem
Nichts sich so hoch emporzuarbeiten, warmherzig derer gedachte,
die vom Schicksal nicht so glcklich begabt waren.

Das Haus Siemens Brothers in London hatte seit dem Jahre
1874, das die Auslegung des ersten direkten transatlantischen
Kabels brachte, sehr groe Auftrge auf Seekabel zu erledigen.
Bald darauf lenkte die Erfindung des _Telephons_ die Aufmerksamkeit
auf sich, und das Berliner Haus nahm sich ihrer frdernd und
ausgestaltend an. Eine unabsehbare Reihe von Konstruktionen auf dem
Gebiet der Telephonsprechapparate und Fernsprechvermittlungsmter
ist aus der Fabrik hervorgegangen.

Mit der Erfindung der Dynamomaschine setzt alsbald der Ausbau
der _Starkstromtechnik_ ein. Die Firma hat auch hierin auf allen
Gebieten Grundlegendes geleistet. Es gibt keine Anwendungsform
des Starkstroms, fr welche die Apparate nicht bei ihr frhzeitig
durchgebildet worden wren. Im Jahre 1883 wurde am Salzufer in
Charlottenburg eine neue Fabrik fr grere Maschinen erffnet.
Aus kleinen Anfngen heraus hat sie sich allmhlich zu dem groen
_Charlottenburger Werk_ entwickelt.

Werner Siemens sah seine Schpfung prchtig gediehen, als er
im Jahre 1889 die Leitung niederlegte und nur noch als stiller
Kommanditist beteiligt blieb. Drei Jahre spter ist er in seinem
Charlottenburger Heim einer Lungenentzndung erlegen.

Als er sich von dem Geschft zurckzog, bergab er die Leitung
des groen Unternehmens seinem Bruder Karl und seinen beiden
ltesten Shnen _Arnold_ und _Wilhelm_. Karl Siemens starb im
Jahre 1906. Heute stehen die beiden genannten Shne von Werner
Siemens an der Spitze der Firma, und ein dritter, bedeutend
jngerer Sohn aus der _zweiten Ehe_, die Werner Siemens im Jahre
1869 mit einer Verwandten, _Antonie Siemens_, geschlossen hatte,
_Karl Friedrich von Siemens_, gehrt ebenfalls dem Vorstand an.
Den drei Shnen gesellten sich drei Tchter, Anna, Kthe und
Hertha, zu.

Im Jahre 1897 wurde die Firma Siemens & Halske mit einem Kapital
von 35 Millionen Mark in eine _Aktiengesellschaft_ umgewandelt.
1903 gliederte man die Nrnberger Fabrik Schuckert & Co. an,
und es wurden auf diese Weise die _Siemens-Schuckert-Werke_ als
Gesellschaft mit beschrnkter Haftung mit einem Kapital von 90
Millionen Mark begrndet. Sie haben insbesondere die Aufgabe
bernommen, die Fabrikation und den Vertrieb auf dem Gebiet der
Starkstromtechnik auszufhren, whrend die Firma Siemens & Halske
sich mehr der Entwicklung des Schwachstroms zugewendet hat.

Mit welchem Gelingen die Nachkommen das hinterlassene Werk ihres
groen Vaters zu frdern und weiterzubilden gewut haben, geht
aus den Zahlen hervor, die das letzte Geschftsjahr vor dem
Ausbruch des Weltkriegs charakterisieren. Der gesamte Konzern
beschftigte damals _82500 Arbeiter und Angestellte_. Das
_gesamte Aktienkapital_ betrug im gleichen Jahr _153 Millionen
Mark_. Die Siemens-&-Halske-Aktiengesellschaft erzielte einen
Geschftsgewinn von 17-1/2 Millionen, die Siemens-Schuckert-Werke
einen solchen von rund 28 Millionen Mark.

Der lteste Sohn des Meisters, _Arnold von Siemens_, ist jetzt
der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Firma Siemens & Halske.
Er wurde als Vertreter der Familie ins Herrenhaus berufen
und ist mit einer Tochter des groen Hermann von Helmholtz
verheiratet. Der zweite Sohn, Geheimer Regierungsrat Dr.-Ing.
*h. c.* _Wilhelm von Siemens_, Vorsitzender des Aufsichtsrats
der Siemens-Schuckert-Werke, lt insbesondere die Fhrung der
Geschfte im Rahmen der groen Siemensschen Tradition seine
Aufgabe sein. Ihm persnlich ist vielfach der Ansto zu weiteren
groen Leistungen zu verdanken, die das Haus nach des Meisters
Tod vollbracht hat.

So ist der Siemenssche Schnelltelegraph, der geschwindeste
Fernbote, den wir in der Praxis besitzen, als seine Schpfung
anzusehen. Die Ausgestaltung der Metallfadenglhlampe wurde durch
seine Anregung von der Firma in besonderer Weise gefrdert.

Nachdem in Budapest von der Firma Siemens & Halske die erste
Untergrundbahn auf dem europischen Festland gebaut worden
war, hat Wilhelm von Siemens mit grter Energie und Ausdauer
die Idee des Baus von _Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin_
betrieben. Im Jahre 1896 wurde denn auch die Werner Siemenssche
Idee der Schaffung von elektrischen Schnellbahnen fr Berlin
wieder aufgenommen, und der erste Spatenstich fr die Hoch- und
Untergrundbahnlinien getan. Das Schnellbahnnetz von Berlin,
das sich bis jetzt im Betrieb befindet -- 1902 wurde die erste
Linie erffnet -- ist eine hervorragende Schpfung der Firma
Siemens & Halske, die besonders auf dem Gebiet des Tunnelbaus mit
Grundwasserabsenkung Bahnbrechendes geleistet hat.

Seit einigen Jahren sind die Hauptfabriken des Konzerns zu
einem imponierenden Ganzen in einem Berliner Auenbezirk
zusammengeschlossen. Er trgt den Namen _Siemensstadt_ und ist
eine Industriesttte von hervorragender Bedeutung. Es befinden
sich dort das gewaltige Wernerwerk, in dem alle erdenklichen
Schwachstromapparate in hchster Vollendung erzeugt werden, das
Blockwerk, das der Herstellung der Eisenbahnsicherungsanlagen
dient, das Dynamowerk, Elektromotorenwerk, Autowerk und das
Kleinbauwerk, das die zierlichen Zubehrteile elektrischer
Anlagen sowie Handapparate in ungeheurer Zahl fertigstellt. In
geringer Entfernung von Siemensstadt, in Gartenfelde, ist das
Kabelwerk angesiedelt. In Berlin-Lichtenberg befindet sich die
Fabrik fr Bogenlampenkohlen, welche die Firma Gebrder Siemens &
Co. fhrt. Hier wird auch noch der von Werner Siemens erfundene
Alkoholmeapparat hergestellt. In der Franklinstrae produziert
das Charlottenburger Werk weitere Schaltanlagen und eine groe
Anzahl von Starkstrom-Apparatteilen. Dicht daneben liegt das
Glhlampenwerk. Groe Fabriken unterhlt die Firma ferner in
_Nrnberg_ und _Wien_.




Lebenserinnerungen. Weltruhm


Dreiundsiebzig Jahre war Werner Siemens alt, als er die Zgel der
Regierung in dem von ihm selbst geschaffenen groen industriellen
Reich aus der Hand legte. Aber er tat es auch dann noch nicht, um
fortab der Ruhe zu pflegen, sondern dieser nimmermde Geist hatte
sich noch ein neues bedeutendes Ziel gesteckt.

Das _Werk_, das er vollbracht, stand deutlich erkennbar vor aller
Augen. Nun wollte er auch das _Leben_ darstellen, aus dem dieses
Werk hervorsprieen konnte, emporwachsen mute. Er ging an die
Niederschrift seiner Lebenserinnerungen, die er bis kurze Zeit
vor seinem Tod fortsetzte. Mit diesem Buch hat Werner Siemens
sich und der deutschen Technik ein bleibendes Denkmal errichtet.
Whrend wir sonst die einzelnen Teile seines wissenschaftlichen
und technischen Schaffens nur nebeneinander aufgestellt, wie in
einem Lager nach blo praktischen Gesichtspunkten aufgereiht
sehen wrden, erblicken wir sie nun in knstlerischer Anordnung
zu einem Museum vereint, sinnvoll zu einem bersichtlichen Ganzen
verbunden. Wir vermgen zu erkennen, wie ein Gedanke dem andern
die Hand reicht, wie die jngere Schpfung sich auf die ltere
sttzt, wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem anderen
wirkt und lebt. Ein Lebenswerk steht geschlossen, als etwas
Vollkommenes vor uns.

In dem Buch eines solchen Autors ist der Stil etwas uerliches.
Werner Siemens hat bei der Abfassung seiner Lebensgeschichte
sicherlich keine schriftstellerischen Wirkungen beabsichtigt.
Gerade darum aber ist es doppelt bemerkenswert, da dieser Mann
die Klarheit seiner Gedanken in ebenso klare Rede umzugieen
wute. Nicht in den Lebenserinnerungen allein, auch in
seinen Schriften wissenschaftlichen und technischen Inhalts,
von denen wir zwei starke Bnde besitzen, sind die Prgung des
Ausdrucks, die Kraft der Darstellung, die Anmut der Schilderungen
bewunderungswrdig. Gerade hierin sollte der Meister ein Vorbild
fr das nachgeborene Technikergeschlecht sein. Aus seinen
schriftstellerischen Leistungen kann eine bedeutsame Lehre
entnommen werden.

Noch heute, wo die Technik das Leben der Menschen so innig
durchdrungen hat, wo ein jeder innerhalb ihrer Erzeugnisse und
mit ihnen lebt, stehen die allermeisten der Technik khl, fast
abweisend gegenber. Whrend jeder sich in der Unterhaltung die
uerste Mhe gibt, fehlende Kenntnisse in der Literatur, der
Musik, den bildenden Knsten sorgsam zu verdecken, gehrt es
fast zum guten Ton, von technischen Dingen nichts zu wissen. Man
gibt zwar hier und da einer kalten Bewunderung Ausdruck, sieht
in den technischen Schpfungen aber doch kaum mehr als ntzliche
Gegenstnde, Werkzeuge, die nur fr die Hnde da sind, aber dem
Geist nichts zu bieten vermgen.

Der innere Gehalt der Technik, ihre groen gedanklichen Werte
sind unbekannt. Man ahnt nicht, da das Groe auch hier nicht
durch handwerksmiges Betreiben, sondern nur als Folge tief
eindringender Geistesprozesse entstehen kann. Es entgeht den
meisten, da die Technik eine philosophische und knstlerische
Angelegenheit zugleich ist.

Den Grund hierfr mu man in der mangelhaften Form suchen, mit
der das technische Schaffen den Fernstehenden erlutert und
vorgetragen wird. Kaum einer auerhalb der Fachkreise befat
sich gern mit der Lektre technischer Schriften, weil er von
vornherein wei, da er hieraus doch keinen Gewinn davontragen
wird. Der schreibende Ingenieur erzhlt ihm in seinen Aufstzen
von einem einzelnen, das nur als Glied eines Ganzen zu verstehen
ist, aber von diesem Ganzen ist niemals die Rede. Dazu soll der
blo interessierte, nicht fachmnnische Leser Vorkenntnisse
mitbringen, die ihm notwendigerweise mangeln mssen. Der
schreibende Ingenieur kennt nicht das seit Jahrhunderten bewhrte
Einfhrungsmittel der Literatur, die Exposition. Er geht *medias
in res*, aber nicht wie Homer, indem er den Leser sofort auf
einen schnen Aussichtspunkt geleitet, von dem er ihn dann,
rckwrts schauend, den Weg erkennen lt, der dorthin fhrte,
sondern er stellt die Wibegierigen sogleich auf einen kahlen
Gipfel, von dem aus nach allen Seiten unberschreitbare Abgrnde
tief hinunterfallen, der keine Verbindung mit der brigen
Welt hat. Dem Leser ist unverstndlich, wie er pltzlich dort
hinausgekommen ist, und er begreift nichts.

Technische Dinge lassen sich nicht so darstellen, da die
Lektre Verstndnis und Genu zu gewhren vermag, heit dann die
allgemeine Meinung. Sie ist so falsch wie mglich. Alles was
ist, kann durch schildernde Kraft deutlich gemacht werden. Und
diese romantische Welt der Technik, die voll ist von Wundern,
durchstrmt von heiem Leben, von glhendem Schaffen, die
fortwhrend Riesen von ungeheurem Wuchs gebiert, Zwerge mit
mrchenhaft feiner Durchbildung ihrer Glieder schafft, sie sollte
nicht Gegenstand von Schilderungen sein knnen, die ihre Leser
zu bannen vermgen?! Man glaubt das nur, weil die Techniker ihre
Aufstze, die sich an die Laienwelt wenden, nur allzuoft aus
einem Stoff herstellen, der im Maschinenbau ja hufig mit ganz
gutem Erfolg angewendet wird, aber fr das Schrifttum doch nicht
geeignet ist: aus Leder.

Man lese, wie Werner Siemens seine Kabellegungen, seine
elektrischen Studien auf der Cheopspyramide, selbst die
Geschichte des Telegraphen darstellt, und man wird einsehen, da
in der Welt der Technik groartige Stoffe in gengender Zahl zu
finden sind.

Freilich mu man wohl das Organ besitzen, um die tiefe seelische
Erregung nachempfinden zu knnen, von denen ein Mann wie Siemens
gleich den geistigen Gren aller Zeiten bewegt wurde, wenn er
eine neue Wahrheit gefunden hatte. Das berstrmende Gefhl, das
den Archimedes, nachdem er das hydrostatische Gesetz entdeckt
hatte, mit dem Ruf Heureka! durch die Straen laufen lie,
kannte auch er. Denn er schreibt: Wenn ein dem Geist bisher
nur dunkel vorschwebendes Naturgesetz pltzlich klar aus dem es
verhllenden Nebel hervortritt, wenn der Schlssel zu einer lange
vergeblich gesuchten mechanischen Kombination gefunden ist, wenn
das fehlende Glied einer Gedankenkette sich glcklich einfgt, so
gewhrt dies dem Erfinder das erhebende Gefhl eines errungenen
geistigen Sieges, welches ihn allein schon fr alle Mhen des
Kampfes reichlich entschdigt und ihn fr den Augenblick auf eine
hhere Stufe des Daseins erhebt. Er empfand also vollkommen als
Knstler, der er auch in allen seinen Schpfungen gewesen ist.

In welch einer quellenden Flle aber stehen diese vor uns!
Wie eng ist der Raum der fnf Jahrzehnte, die er schaffend
durchlebte, gegenber dem geleisteten Werk! Niemals wird der
gewhnliche Sterbliche begreifen knnen, wie das Genie sein Leben
lebt, wie es Zeit findet zu ergrndenden Gedanken, whrend es
handfeste Taten vollbringt; wie es Mue gewinnt, die bestehende
Welt in sich aufzunehmen, whrend es die neue schafft, die von
seinem Auftreten an datiert; welche Methoden ihm helfen, die Zeit
so zu berwinden wie der elektrische Funke den Raum.

Werner Siemens starb von allen ueren Ehren bekrnzt. Die
Universitt Berlin hatte ihn bei ihrem fnfzigjhrigen Jubilum
zum Ehrendoktor ernannt, die Akademie ihn zu ihrem Mitglied
berufen. Kaiser Wilhelm I. zeichnete ihn durch den Orden
*Pour le Mrite* aus, Kaiser Friedrich verlieh ihm bei seiner
Thronbesteigung den erblichen Adel. Niemals sind Auszeichnungen
einem Wrdigeren zuteil geworden. Denn sein Leben gehrte nicht
ihm selbst, es war ganz seiner Kunst, wie wir sein Schaffen ruhig
nennen wollen, dem Vaterland, der ganzen Menschheit gewidmet. Er
gab allen Bewohnern der Erde das unbertrefflich weit reichende
Werkzeug der elektrischen Gedanken- und Arbeitsbertragung in die
Hand, er legte das Fundament fr den ragenden Bau der deutschen
Elektrotechnik, er half den Erfindern, bedachte mit warmem Herzen
seine Werkleute und richtete der reinen Wissenschaft Tempel ein.

Aber ihm selbst war das, was er geschaffen, noch nicht genug. Am
Ende seiner Selbstbiographie erklrt er, da sein Leben schn
gewesen sei, weil es erfolgreiche Mhe und ntzliche Arbeit war.
Und nichts ist ihm im Alter schmerzlicher, als von seinen Lieben
scheiden zu mssen und der Gedanke, nicht mehr weiter an der
Entwicklung des naturwissenschaftlichen Zeitalters arbeiten zu
knnen.

Uns scheint er den Raum seines Daseins voll ausgefllt zu haben.
Sein Name steht als ein Felsen fest gefgt im brandenden Meer der
Kulturgeschichte. Niemals wird er untergehen. Mit Ehrfurcht nennt
man den Namen Werner Siemens in fnf Erdteilen. Die Gre seines
Werks erscheint erhabener mit jedem Fortschritt, den die immer
bedeutsamer werdende Elektrotechnik macht. Unser Vaterland ist
stolz darauf, da Werner Siemens ein deutscher Mann gewesen!




Quellenverzeichnis


_Werner von Siemens_: Lebenserinnerungen. Verlag von Julius
    Springer, Berlin, 1901. -- Wissenschaftliche und technische
    Arbeiten. Zwei Bnde. Verlag von Julius Springer, Berlin,
    1889 und 1901. -- Zur Militrfrage. Ein Vorschlag. Verlag
    von Julius Springer, Berlin, 1862.

Antrittsreden der Herren _Siemens_ und _Virchow_ und
    Antwort des Herrn _Du Bois-Reymond_, Sekretrs der
    Physikalisch-Mathematischen Klasse. Gelesen in der
    ffentlichen Sitzung der Kgl. Akademie der Wissenschaften zu
    Berlin am 2. Juli 1874.

_William Pole_: Wilhelm Siemens. Verlag von Julius Springer,
    Berlin, 1890.

_Richard Ehrenberg_: Die Unternehmungen der Brder Siemens.
    Erster Band. Verlag von Gustav Fischer, Jena, 1906.

_Wilhelm von Siemens_: 25 Jahre elektrischer
    Energieversorgung. Sonderabdruck aus der deutschen
    Monatsschrift Nord und Sd. Verlag der Schlesischen
    Buchdruckerei von S. Schottlnder A.-G., Breslau, 1913.

_August Kundt_: Gedchtnisrede auf Werner von Siemens. Aus den
    Abhandlungen der Kgl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin
    vom Jahre 1893.

_Stefan Kekule von Stradonitz_: ber das Erfindergeschlecht
    Siemens. Aufsatz in der Zeitschrift Die Grenzboten.
    Verlag von Friedrich Wilhelm Grunow, Leipzig, 1908.

*Dr.* _Karl Burhenne_: Biographie der Brder Siemens in der
    Allgemeinen Deutschen Biographie, 55. Band, Nachtrge.
    Verlag von Duncker & Humblot, Leipzig, 1909.

*Dr.* _W. Howe_: Siemens & Halske. Ein Rckblick am Tage des
    50jhrigen Bestehens der Firma. Verlag von Julius Springer,
    Berlin, 1897.

Zum 25jhrigen Gedenktag der ersten elektrischen Bahn, 31. Mai
    1904. Herausgegeben von der Siemens & Halske A.-G.

Die elektrische Beleuchtung der Kaisergalerie. Sonderabdruck
    aus der Nr. 251 der National-Zeitung.

_F. Heintzenberg_: Die erste Dynamomaschine. Aus den
    Erinnerungen eines Veteranen der Elektrotechnik. Aufsatz in
    Nr. 240 der Tglichen Rundschau vom 12. Oktober 1916.

_Georg Biedenkapp_: Die Entwicklung der modernen
    Verkehrsmittel. Zweiter Band: Elektrizitt und Presse.
    Verlag von Hermann Paetel, Berlin-Wilmersdorf, 1911.

Geschftsberichte der A.-G. Siemens & Halske und der
    Siemens-Schuckert-Werke G. m. b. H.





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status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
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state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
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Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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facility: www.gutenberg.org

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