Project Gutenberg's Bb vom Montparnasse, by Charles-Louis Philippe

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Title: Bb vom Montparnasse
       Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel

Author: Charles-Louis Philippe

Illustrator: Frans Masereel

Translator: Camill Hoffmann

Release Date: December 20, 2014 [EBook #47710]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BB VOM MONTPARNASSE ***




Produced by Jens Sadowski





                        Charles-Louis Philippe




                               Bb vom
                             Montparnasse


                              Ein Roman
                                 mit
                        zwanzig Holzschnitten
                                 von
                            Frans Masereel

                                 1920
                      Kurt Wolff Verlag Mnchen

             Autorisierte bersetzung von Camill Hoffmann

            Copyright 1920 by Kurt Wolff Verlag in Mnchen




I


Der Boulevard Sebastopol war am Tage nach dem vierzehnten Juli noch
lebendig. Halb zehn Uhr abends. Die Bogenlampen, schreiend wei zwischen
den Baumreihen, berschneiden die Schatten oder sind im Blattwerk
verloren. Die Warenhuser sind geschlossen: Pygmalion, die Lmmlein,
der Hollndische Hof, Zur billigsten Quelle der Welt, und ihre
finstern Fassaden, die soeben den Brgersteig erhellten, verdunkeln ihn
jetzt gleichsam. Die hohen vergoldeten Aufschriften, die an den Balkonen
in der Sonne glnzten, im ersten Stock, im zweiten und in den andern,
verlieren sich in dem Schwarz mit ihren Buchstaben aus gelbem Holz und
scheinen am Abend auszuruhen wie der Grohandel. Blumen und Federn,
Ausverkufe, Lebensmittel, Stoffe haben auf dem Boulevard Sebastopol
ihre Rollden heruntergelassen und sind verstummt.

Zu dieser Stunde betrachten die Fugnger nicht mehr die Schaufenster.
Das Nachtleben beginnt, mit andern Zwecken. Die Wagen haben Laternen:
die Fiaker strahlende Lichter wie zwei vergngte Augen und die Tramways
ein rotes oder grnes Feuer, und sie heulen wie eine erregte
Menschenmenge. Sie folgen einander, kreuzen sich, stampfen und rollen.
Am Horizont gegen die groen Boulevards erhellt die Luft sich stark,
erhebt sich zum Himmel und ist wie von leuchtendem Geist belebt. Das
Ziel ist nicht hier, auf dem Boulevard Sebastopol, wo die Warenhuser
geschlossen sind. Die Wagen eilen. Die nach den groen Boulevards
wollen, fahren in das Licht hinein und hasten dahin wie Menschen, die
ein Schauspiel anzieht.

Der Boulevard Sebastopol lebt ganz und gar auf dem Brgersteig. Auf dem
breiten Steig, in der blauen Luft einer Sommernacht, verbringt Paris und
verlngert am Tage nach dem vierzehnten Juli einen berrest des Festes.
Die Bogenlampen, das Laub der Bume, die Wagen, die rollen, und die
ganze Erregung der Fugnger wirken zusammen so scharf und schwer wie
Rausch und Ermdung. Es ist das bliche Schauspiel aller Abende, aber es
gibt Straenecken oder Huserfronten, die noch die Erinnerung an die
gestrigen Tnze bewahren. Es gibt gewisse Gerusche oder gewisse
Schreie, die an die Lieder der Betrunkenen denken lassen. Es gibt
Laternen oder Fahnen, die in den Fenstern zurckgeblieben sind und eine
Fortsetzung der Frhlichkeit zu fordern scheinen. Man errt, was in den
Seelen vorgeht. Die einen, die sich gestern vergngt haben, blicken noch
nach einem Vergngen aus, dem sie sich hingeben knnten. Denn die
Menschen, die einmal die Freude kennen gelernt haben, rufen sie ewig
herbei. Die andern, die arm sind, die hlich sind und die ngstlich
sind, ergehen sich zwischen den berresten des Festes und suchen in den
Winkeln nach briggelassenen Brosamen. Denn die Menschen, die niemals
die Freude kennen gelernt haben, sind geqult und suchen sie immerfort,
bis sie davon mde geworden sind, leer ausgegangen zu sein.

Die Luft scheint sich um sie zu regen. Gutgekleidete junge Leute kommen
zu zweit oder zu dritt und gehen von hinnen. Sie haben neue Kragen,
elegante und einfache Krawatten mit glitzernder Nadel und eilen dem
Lichte zu, Geld in den Taschen. Handelsangestellte plaudern unter ihnen:
Wir haben bis Mitternacht getanzt. Sie hat allerhand mit sich machen
lassen. Ich habe sie in ein Hotel in der Rue Quincampoix gebracht. Wie
hat sie darauf Lust gehabt! Zwei Freunde heften ihre Schritte an zwei
kleine Frauen, die, als sie von ihnen angeredet werden, sich mit
ersticktem Lachen anschauen. Junge Leute mit phosphoreszierenden Augen
blicken die Frau an, so oft ein Paar vorbergeht. Dicke Mnner rauchen
eine Zigarre mit Genugtuung und denken: Ich bin ein mchtiger Beamter
mit zwlftausend Francs Jahresgehalt. Paare gehen vorber. Eine
elegante junge Frau am Arm eines eleganten jungen Herrn: sie ist
glcklich darber, reich auszusehen; er ist glcklich, beneidet zu
werden. Ein weniger elegantes junges Mdchen mit ihrem Geliebten, der zu
ihr spricht, indem er an die Liebe denkt. Andre Paare endlich, Ehemann
und Frau, blicken jeder auf seine Seite, wechseln nur dann und wann ein
Wort: ihr Geist und ihr Leib sind aneinander gewhnt.

Sie gingen vorber. Waren die einen entschwunden, sah man wieder andre.
Geschftsleute schritten auf der Strae so weit auf und ab, als die
Auslage ihrer Lden breit war. Ein junger Mann prete den Arm einer Frau
und folgte ihr unterwrfig. Man glaubte, er wrde ihr bis ans Ende der
Welt folgen. Die Eitelkeit, die Heiterkeit, das Wohlleben spazierten im
Licht. Die Luft ward davon erhitzt. Ach, was hatte die Mdigkeit von
gestern zu sagen! Warme Wellen kamen bei der Erinnerung an die Orgie,
und die Herzen zogen sich vor Verlangen zusammen. Paris war wie ein
mder Hund, der weiter seiner Hndin nachluft.

Die ffentlichen Mdchen bten ihr Gewerbe aus. Da ist die kleine
Gabrielle, die zwei Jahre mit Robert lebte, dem Mrder der Constance.
Ihr Liebhaber ist soeben ins Zuchthaus gekommen. Da ist die kleine
Jeanne, die siebzehn Jahre sein soll. Seit einem Monat geht sie auf dem
Boulevard Sebastopol. Sie hat auf ihrem Antlitz nur ein wenig Reispuder,
und ihre Augen glnzen von den ersten Feuern der Lust. Viele Leute
halten sie nicht fr eine Prostituierte. Da sind Mdchen mit bloem Haar
und Mdchen mit Hut. Die einen haben den schweren Gang von Khen und
sprechen die Mnner schamlos an. Andre zieren sich, zwinkern mit den
Augen und bereiten ihr Lcheln vor. An der Ecke der Rue Rambuteau hat
sich eine Gruppe gebildet. Sie reden alle zugleich. Man sieht die
feuchten Markthallen zur Linken, man denkt an Abflle von Kohl. Man
mchte sagen: Frsche, die an einem Sumpfe quaken.

Die Geheimen der Sittenpolizei gehen zu zweien. Es ist leicht, sie an
ihrem Blick, an ihren unsaubern Kleidern und ihrem schweren Gang zu
erkennen. Sie sind unsauber wie ihr Beruf. Sie schreiten hlzern wie
Leute, die ein Amt ausben. Sie messen die Frauen vom Kopf bis zu den
Zehen mit festem Auge. Der Blick der Vorbergehenden schaut, der der
Geheimen berwacht. Geschmckt mit einer Militrmedaille, schreitet ein
dicker Brauner, dessen starker Bart den Mund hervorhebt, dahin mit
ausladenden Schultern. Die ffentlichen Mdchen gehen steif, ohne den
Kopf zu wenden, mit ihrer Seele eines Sklaven, der wei, da der
Strkere recht behlt.

Die Rufe der Camelots. Sobald ein Schutzmann sich entfernt, taucht ein
Camelot auf. Die Mtze auf dem Kopf, das Gesicht erregt, den Bart
farblos, schreien sie voll Glut, denn ihre Leidenschaften sind heftig,
und sie wollen ihr Essen und Trinken verdienen. Jener dort, vielleicht
keine achtzehn Jahre alt, die Mtze bis an die Ohren gezogen, in
Rhrenstiefeln, umkreist eine Schar von Neugierigen, indem er seine
Stiefel hebt. Er verkauft um zwei Sous ein Heft mit durchscheinenden
Bildern und hlt sie mit Taschenspielergebrden den Leuten vor die
Augen: Und wenn Sie einen Schutzmann anrcken sehen, meine Herren und
Damen, so machen Sie mich aufmerksam, nur damit ich ihm
entgegenspazieren kann. Die Polizei verfolgt sie wie die ffentlichen
Mdchen, deren Herzauserwhlte sie sind.

                   *       *       *       *       *

Pierre Hardy, der den ganzen Tag in seiner Kanzlei gearbeitet hatte,
erging sich unter den Passanten des Boulevards Sebastopol. Ein junger
Mann von zwanzig Jahren, erst seit sechs Monaten in Paris, schreitet
unsicher durch das Pariser Schauspiel. Die Wagen, die rollen, die
grellen Lichter, die Menge in den Straen, der Luxus und der Lrm bilden
eine babylonische Verwirrung, die bestrzt und einen Wirbel allzuvieler
Gedanken auf einmal entfesselt. Alle Provinzler haben dieses Unbehagen
gefhlt und sind darber linkisch und traurig geworden. Ich versichere
Ihnen, da die hbschen Dorfburschen, die zu Hause auf den Tanzbden
prchtig aussehen, auf den Boulevards eine trbselige Figur machen.

Ein Mensch, der geht, trgt alle Dinge seines Lebens und bewegt sie in
seinem Kopfe. Ein Schauspiel weckt sie, ein andres lscht sie aus. Unser
Krper hat alle unsre Erinnerungen bewahrt, wir vermengen sie mit unsern
Wnschen. Wir durchlaufen die Gegenwart mit unserm Gepck, wir gehen und
haben es in jedem Augenblick bei uns.

Hier die Gedanken, die Pierre Hardy diesen Abend spazieren fhrte:

In das Haus eines Stdtchens im Osten, wo seine Eltern Holzhandel
treiben, kehrt Pierre Hardy gern in Gedanken zurck, denn er ist zwanzig
Jahre und lebt erst seit dem Monat Januar in Paris. Es ist ein Haus auf
einer Anhhe, ein wenig abseits von der Stadt und von einem Garten
umgeben. Dort ist gut sein an den Sommerabenden, wenn eine Brise die
Dmmerung durchweht und man sich im Garten niederlt, um die Nacht
einzuatmen. Die Sterne ziehen die Gedanken an; es wetterleuchtet ein
paarmal, Entladungen der Hitze, und man lebt, die ersten Zigaretten
rauchend, friedlich unter den Seinen. Alle Einzelheiten sind reizend.
Wenn es zu hei ist, trinkt man am Abend, statt Suppe zu essen, Milch;
das erfrischt bis ins Herz hinein. Oft kamen seine ltere verheiratete
Schwester und seine kleine Nichte auf eine Woche zu Besuch. Man kochte
ein wenig mehr, war ein wenig heiterer. Die jngere Schwester spielte
die Mama der kleinen Juliette. Sie ging mit ihr aus und kaufte ihr
Nschereien. Nichts fehlte ihnen. Alle Mitglieder dieser Familie fhlten
klar, da sie ein Ganzes in der glcklichen Natur bildeten.

Er dachte noch an seine drei Jahre Fachschule. Er hatte Brcken und
Maschinen von verwickeltem Aussehen zeichnen gelernt und suberliche und
bewunderungswrdige Tuschzeichnungen mit Farbe decken. Seine Eltern
hatten sich in ihr Zimmer eine schne Zeichnung einrahmen lassen, die
einen Bahnhof zwischen zwei Hgeln darstellte. Er hatte die Schule mit
Nummer 2 verlassen, mit einem Diplom und einer vergoldeten Medaille.

Er konnte als Zeichner mit hundertfnfzig Francs monatlich in eine
Eisenbahngesellschaft eintreten. Er bedauerte, nicht in die Ingenieur-
Fachschule eingetreten zu sein, wie seine Professoren ihm geraten
hatten. Seine Eltern htten sich dies Opfer auferlegt und er htte rasch
den Grad eines Bureauleiters erlangt.

Auf dem Boulevard Sebastopol, dessen elektrische Bogenlampen
schnurgerade liefen, erging er sich unter Tausenden von Fugngern. Die
Lichter durchdrangen das Laubwerk der Bume und fielen mit den Schatten
der Zweige auf den Brgersteig. Es schien ihm, als wren die Lichter
glnzender und die Menge noch zahlreicher. Die jungen Leute aus der
Provinz glauben sich verloren inmitten der hunderttausend Menschen. Er
kannte niemand und ging immerzu, und neue Passanten schritten vorber,
alle einander hnlich in ihrer Gleichgltigkeit, und sahen ihn nicht
einmal an. Ihr Lrm umringte ihn wie das Tosen einer Vielheit, an der er
nicht teil hatte. Er sah sich in der Menge, die wirbelte und
gestikulierte und heiter war wie manches Lachen, das er im Vorbergehen
erschallen hrte, und strahlend wie mancher Frauenblick, den er auffing.

Er versuchte sich an etwas festzuklammern, um nicht zu versinken. Er
hatte das Bedrfnis, in sich selbst hinabzusteigen und dort, whrend all
dies ringsum geschah, irgend eine Freude zu finden, um mitten in der
allgemeinen Frhlichkeit nicht verloren zu sein.

Er wollte einen Damm aufrichten gegen die steigende Flut und schreien:
Ich bin auch da. Mit Stein und Zement stemme ich mich euch entgegen und
halte euch auf, wenn ihr auf mich einbrllt!

Er bewohnte in einem Hotel der Rue de l'Arbre-Sec ein Zimmer im fnften
Stock. Diese Hotelzimmer sind stets unsauber, weil allzu viele Mieter
darin gelebt haben. Das Bett, der Spiegelschrank, die beiden Sthle und
der Tisch auf Rdchen fllen sie. So klein sind sie, da diese vier
Mbel sie bervoll zu machen scheinen. Hier lebt man fr fnfundzwanzig
Francs im Monat ein Leben ohne Wrde. Die Bettmatratzen sind schmutzig,
die Fenstervorhnge sind grau wie ein Armeleutetag. Der Kellner hat
einen Hauptschlssel, der ihm erlaubt, jeden Augenblick in dein Zimmer
einzutreten. Deine Nachbarn wechseln alle vierzehn Tage und du hrst sie
durch die Scheidewand. Die einen sind Trinkerpaare, die sich streiten,
die andern riechen nach Prostitution, und sind manche ordentlich, so
flen sie doch kein Vertrauen ein. Die armen Mieter in den Hotels haben
kein Daheim. Pierre Hardy konnte nicht sagen: Ich habe eine Zuflucht,
wo ich unter Dingen bin, die mich anheimeln, wenn ich traurig werde.

Die einzige Zuflucht war ihm sein Freund Louis Buisson, dem er sich seit
dem ersten Tage anschlo. Louis Buisson war fnfundzwanzig Jahre alt und
arbeitete als Zeichner in demselben Bro wie Pierre Hardy. Dieses
Mnnchen von 1 Meter 35 Hhe war wegen seines kleinen Wuchses vom
Militrdienst zurckgewiesen worden. Darum geno er nicht viel Achtung
bei seinen Kameraden, die ihn fr einen guten Burschen hielten, dessen
Bedeutung aber nur 1 Meter 35 ma. Ehemals hatte er beabsichtigt, die
polytechnische Hochschule zu besuchen, und Mathematik studiert, was ihn
daran gewhnt hatte, alles zu analysieren, und bis zu zwanzig Jahren war
er in einem Provinzgymnasium gewesen, was ihn daran gewhnt hatte, zu
dulden. Der Zusammenbruch seiner schnen Zukunftstrume machte ihn
bescheiden. Er dachte: Ich verdiene hundertachtzig Francs monatlich.
Ich bin wie ein Mann aus dem Volke und arbeite, um das Brot zu
verdienen, das ich esse. Am Abend beschftigte er sich mit Literatur
und Philosophie, nachdem er auf der Strae spazieren gegangen war und
die jungen Frauen betrachtet hatte. Er sagte: Sie laufen allem nach,
was glnzt, den reichen jungen Leuten und den schnen jungen Leuten. Die
reichen jungen Leute erziehen die Frauen zum Luxus, und die schnen
jungen Leute, von denen sie betrogen werden, lehren sie, da die Liebe
nur ein simples Vergngen sei. Sie kehren spter zu uns zurck. Sie
richten uns durch Toiletten und Theater zugrunde und haben nicht mehr
Glut genug, um unsre Geliebten und unsre Gefhrtinnen zu werden. Ich fr
meine Person korrespondiere mit einer kleinen Bonne. Da sie schlicht und
arbeitsam ist, werden wir uns heiraten. Ich will wie ein Mann aus dem
Volke leben, mit einem Weibe aus dem Volke. Im brigen hasse ich die
Reichen, die uns unsre Freuden stehlen.

Er besa seine Mbel und wohnte am Quai du Louvre in einem Zimmer im
fnften Stock. Pierre Hardy erstattete ihm Bericht von allen seinen
Stimmungen und allen seinen Abenteuern, und Louis Buisson legte ihm
gleiche Gestndnisse ab. Solch eine Freundschaft gibt uns Lebensmut,
indem sie unsre Freuden verlngert und uns in unserm Kummer trstet. Man
sagt sich: Das werde ich Louis erzhlen, der mir sagen wird: Mein
lieber Freund, wir leiden, weil wir arm und schchtern sind und
hauptschlich, weil wir ein reines Herz haben. Sie waren durch einen
kleinen Unterschied in der Erziehung voneinander getrennt. Pierre Hardy
wohnte in der Rue de l'Arbre-Sec, die eine Pariser Strae ist. Louis
Buisson wohnte am Quai du Louvre, wo die Luft viel freier ist.

Aber es gibt Abende, an denen die Freundschaft nicht gengt. Die Worte
und der gewhnliche Anblick der Freundschaft beruhigen uns. Wir haben
aber auch das Bedrfnis, uns zu ermden. Pierre Hardy empfand inmitten
der Flut ein wenig Freude, die ihm sein Freund bereitete, und er
betrachtete die Menge, indem er dachte: Ihr habt keinen Freund wie
Louis Buisson. Aber das trstete ihn nicht, und der ganze Lrm des
Boulevards sprach: Besser ist, eine Frau zu haben. Er dachte noch:
Ich bereite mich auf die Prfung fr Brcken- und Straenbau vor, ich
werde gewi zum Bureauchef ernannt werden. So viele Mnner, die da mit
Frauen am Arm vorbergehen, werden kleine Angestellte bleiben! Aber die
ganze Menge schrie ihm im Vorbergehen zu: Was macht das! Wir haben
Frauen und lachen. Er antwortete: Ich habe einen Vater und eine
Mutter, die mich mehr lieben, als euch eure Frauen! Was macht das!
sprach die Menge. Du bist allein und langweilst dich. Wir haben Frauen
und lachen.

So wurde er gezwungen, zu verstehen, da die ganze Festfreude wertvoller
sei als sein einsames Dasein. Er konnte dem Lichterglanz und der
entfesselten Lust nichts entgegensetzen. Louis Buisson, der von zwei
oder drei Philosophischen Grundstzen passioniert war, schpfte daraus
Kraft genug, den Menschen ins Gesicht zu sehen. brigens suchte er darin
irgendwelche weitere Grundstze zu entdecken. Pierre Hardy war zwanzig
Jahre alt und fand sich mit tausend Wnschen ganz allein mitten in einem
sehr verfhrerischen Paris.

Und oft hatten seine Wnsche ihn geleitet. An manchen Abenden, wenn er
bis elf Uhr gearbeitet, schlo er seine Bcher und fhlte sich traurig
mit all ihrer Wissenschaft. Alle Diplome wogen das Glck nicht auf, zu
leben. Zwei oder drei Bilder von Frauen, die ihm begegnet waren,
tauchten in seiner Phantasie auf, und er hing ihnen zunchst nach, um
sich zu entspannen. Dann flammte das ganze Feuer seiner zwanzig Jahre
empor, alle seine Sinne empfanden, was eine vorberschreitende Frau in
sich schliet. Da richtete er sich auf, die Kehle trocken und das Herz
zusammengepret, lschte die Lampe aus und ging auf die Strae hinunter.

Er schritt aus. Prostituierte tnzelten an den Straenecken in ihren
rmlichen Rcken und mit ihren fragenden Augen: er beachtete sie gar
nicht. Er schritt dahin, wie die Hoffnung schreitet. Irgendeine Frau mit
geschnrter Taille ging vor ihm her, da verlangsamte er den Schritt, um
sie besser zu sehen. Darauf lchelte sie ihm zu. Da beschleunigte er den
Schritt, um ihr rascher zu entfliehen, und weil schon eine andre Frau
mit geschnrter Taille . . . Er schritt dahin wie die Hoffnung
schreitet, von Frau zu Frau. Er wollte die einen nicht, weil sie zu
leicht zu haben waren. Er wagte nicht, die andern anzusprechen, weil sie
nicht den Eindruck machten, als wren sie leicht zu haben. Er schritt
dahin, wie die Hoffnung schreitet, von Frau zu Frau, bis ihm keine
Hoffnung mehr blieb.

Manchmal berholte ihn eine versptete junge Arbeiterin, die schnell
ging, um nach Hause zu kommen. Sie hatte einen schwarzen Rock, eine
schlichte Bluse und einen schmucklosen Hut. Es war ein junges Mdchen,
das wie ein junger Mann arbeitet und an die Liebe denkt. Pierre Hardy
sagte sich dies naiv und folgte ihr, folgte ihr sehr schnell. Er prfte
sie, schtzte in Gedanken die Menge Glck ab, die sie spenden knnte.
Wenn er neben ihr war, sagte er sich: Ich will sie nicht jetzt
ansprechen, denn wir sind in einer zu belebten Strae. Er folgte ihr
Schritt fr Schritt, alle seine Gedanken aufrhrend, und folgte ihr mit
groen Schritten, wie man ein Ideal verfolgt. Er wre ihr sehr weit in
die Nacht gefolgt, denn sie war ihm das Licht. Alle seine Abenteuer
nahmen den gleichen Ausgang. Unerwartet lutete das junge Mdchen an
einer Haustr. Sie war zu Hause. Er sah sie ein letztesmal an und setzte
seinen Weg fort, indem er an morgen dachte und an alle die morgen, an
denen er dem Glck nicht begegnen sollte, das er soeben hatte entfliehen
lassen.

Und am Ende fhlte er noch, ermdet von dem Marsch, das alte Verlangen,
das ihn vorwrtstrieb. Um Ruhe zu haben, nahm er die erste, die
daherkam, und in einem Hotel auf einem Bett um vierzig Sous ergo er
sich in ein Mdchen, das schmutzig war wie ein ffentlicher Ausgu.

Am Abend des fnfzehnten Juli war der Boulevard Sebastopol viel
lebendiger. Die einen schlenderten paarweise und schienen ihre Liebe
auszufhren. Junge Leute sagten: Sie hatte feste kleine Brste. Ich
mchte sie doch wiederfinden. Paris war unterwegs mit Wagen, die
rollen, mit Liedern der Betrunkenen und mit so vielen Straenmdchen,
da unter ihnen auch ein paar verfhrerische waren. Die Bogenlampen
umgaben sich mit einem Hof und bildeten, eine hinter der andern die Luft
zwischen den Husern erhellend, einen groen leuchtenden Kanal, der die
Dcher sumte, bis zum Himmel stieg und ihm sein Feuer zuwarf. Diese
Atmosphre badete einen in zartem Fluidum, in einem elektrischen
durchdringenden Bade. Dann verwandelten warme Winde, der Atem einer
Sommernacht, Paris gleichsam in ein brllendes Tier, das, schweibedeckt
und mit wahnsinnigen Augen, solange keucht, bis es ohnmchtig wird. Ein
Schrei antwortete dem andern, ein Fugnger weckte das Verlangen des
andern, die Lichter entzndeten ihn wie einen Strohhalm, jedes Leben
schwoll auf dem Boulevard an und schrie wie das brnstige Tier bis in
die Tiefe der vergehenden Herzen.

Und Pierre Hardy erinnerte sich, wie er den Frauen nachgelaufen war. Er
schmte sich der Erinnerung unter den Lichtern zwischen Tausenden von
Passanten, aber er zrnte ihnen so, wie ein Mann groen Gedanken zrnt,
die ihn locken. Vor seinen Augen schritt das Weib mit seinem Geschlecht,
seinem offenen Geschlecht, wie Louis Buisson sagte. Pierre Hardy war
nichts mehr. Das entfesselte Paris trug ihn, nahm ihn auf seine groen
Fluten und entfhrte ihn, Pierre Hardy, den Sohn eines Holzhndlers,
Freund Louis Buissons, den knftigen Brcken- und Straenbaumeister,
trug ihn zwischen den beiden verlorenen Ufern und entfhrte ihn bis ans
Ende der Welt.

                   *       *       *       *       *

An der Ecke der Rue Greneta gab es eine Ansammlung um vier Snger herum.
Es war noch nicht zehn Uhr, und sie sangen an der letzten Straenecke
vielleicht ihr letztes Lied. Der Vater kratzte eine Geige aus rotem
Holz, deren neue und kreischende Stimme nur ein Lrm war, und blickte
auf den Kreis von Gaffern mit Augen, in denen man Funken und Blut laufen
sah. Die Mutter, mit einem Bauch, geweitet von Geburten, mit den
hngenden Brsten eines abgenutzten Tieres, hatte in ihrem zerstrten
Gesicht zwei Augen so blau wie zwei beschmutzte Blumen. Sie sang mit der
spitzen Stimme eines keifenden Weibes. Und die beiden kleinen Kinder,
die jeden Abend sangen, zitterten auf ihren Beinchen. Das eine von ihnen
rollte die Augen wie ein bses Tier; es hnelte dem Vater; es war so
erschpft, da es htte beien mgen. Aber das kleinere, gelbhutige,
mit blauen Augen, htte wie die Mutter auf den Rcken fallen und
schlafen mgen. Paris hatte sie in seine zermalmende Hand genommen, und
alle vier, die guten und die bsen, waren sie zermalmt worden.

   Erinnerst du dich noch, Lison,
   In deinem Stbchen
   Warf ich die Kleider rasch davon
   Wie du, mein Liebchen.

Mtter mit ihren Tchtern hrten zu. Drei kleine Arbeiterinnen, die das
Lied sich gekauft hatten, folgten den Worten. Passanten waren mig
stehen geblieben, andre warfen einen Blick hin und gingen weiter. Es gab
nicht viele Leute um die Snger, weil es zuviele Lieder gab. Pierre
Hardy machte Halt. Man schaut es sich an, weil man etwas anschauen mu.
Ebenso mehrere ffentliche Mdchen, denn sie wissen, da die
Ansammlungen ausgezeichnete Gelegenheiten bieten. Und die ungelenke
Stimme der roten Geige, ber den drei andern Stimmen gleichgltig
schwebend, mechanisch, ohne Feinheit:

   Du sagtest: >Lieb, ich zeige Dir
   Sehr lustige Dinge,
   Doch leg in meine Bchse hier
   Paar Silberlinge<.

Zu kaufen fr zwei Sous! Pierre Hardy erwarb das Lied. Er las es ohne
viel Aufmerksamkeit, als eine kleine Frau neben ihm, die mitgelesen
hatte, sagte: Das ist nicht richtig, das Lied. Er sah sie an und
bemerkte, da das junge Weib schwarzes gescheiteltes Haar und ein
hbsches Gesicht hatte.

Er war davon gerhrt: Und wie ist es richtig?

Sie antwortete: Richtig lautet das Lied:

   Erinnerst du dich noch, Lison,
   Ein Sonntag war es . . .

Ihm war's vllig gleichgltig, aber eine junge Frau mit gescheiteltem
Haar macht uns vieles interessant. Da hrte Pierre nicht mehr die
Snger. Er sagte zu ihr: Sie mssen schn singen, Frulein.

Sie antwortete: Nicht jetzt, denn ich bin heiser.

Es wurde zehn Uhr und die unglckselige Stimme der roten Geige schrie
noch, bis ihr zu schreien verwehrt wurde. Sie verlieen die Schar der
Neugierigen, und da die junge Frau nicht schchtern schien, bot er ihr
ein Glas Bier an. Er hatte groe Angst, da sie nicht annehmen wrde.

So begegnete Pierre am Abend des fnfzehnten Juli Berthe. Er lchelte
ber ihre Hbschheit und ihr gescheiteltes Haar.




II


Um halb eins, als Berthe Mtnier in ihr Zimmer in der Rue Malebranche
zurckkehrte, lag ihr Liebhaber Maurice schon im Bett. Aus
Pflichtbewutsein ffnete er halb ein Auge und erkannte sie. Sie
entkleidete sich. Die Kerze brannte auf dem Nachttisch, sie nherte sich
ihr, um einen kleinen Pickel zu sehen, der sie oberhalb des Knies
juckte. Dann steckte sie die Hand in den linken Strumpf, wo sie das Geld
aufzubewahren gewohnt war, zog die hundert Sous von Pierre heraus und
legte sie neben die Kerze. Diesmal ffnete Maurice beide Augen:

Das ist alles, was du seit acht Uhr verdient hast?

Sie erwiderte:

Ach ja, geh doch selbst und schau, ob es leicht ist.

Er drehte sich zur Wand, indem er die Achseln zuckte. Er dachte: Zu
bld, ein Weib zu haben, das seine Arbeit nicht versteht.

Sie legte sich nieder, nachdem sie die Kerze ausgelscht hatte. Maurice
war nicht ganz so unzufrieden, denn er hatte sich eine Kleinigkeit dazu
verdient. In der Weinstube hatte ihn sein Freund Paul mit einem jungen
Mann erwartet, der auf eine Kartenpartie einging und jeden von ihnen
dreiig Sous gewinnen lie. Noch fehlten drei Tage bis zum Wochenende.
Berthe hatte Zeit, die sieben Francs fr die Zimmermiete zu verdienen.
Sie konnten morgen also sechs Francs fnfzig ausgeben.

Er war nicht mde. Er drehte sich daher zu Berthe um und legte den Arm
um ihre Schulter. Sie kte ihn mitten auf den Mund. Es ist zwischen
Mann und Frau gesund und gut, sich eine Viertelstunde vor dem Schlaf zu
vergngen. Sie tat alles, die Wonne mit ihm auszukosten. Alles ging gut.
Sie wusch sich nie, wenn es mit ihrem Mann war.

Dann sagte sie:

Du glaubst, es geht, wie man will. Heute abend wird mehr als eine keine
hundert Sous nach Hause bringen. Ich hab einen getroffen, der zuerst nur
drei Francs geben wollte, und dann war er mit fnf Francs einverstanden,
unter der Bedingung, da ich eine Stunde bei ihm bin. Mir ist es lieber
so. Man schafft sich seine Kundschaft, und dann sind es bessere Leute.

Maurice antwortete nicht. Sie fuhr fort:

Oh! ja, ich wei, du denkst an meine Schwester Blanche, weil sie
fnfzehn Francs verdient. Und nachher amsiert sie sich mit kleinen
Jungens und arbeitet drei Tage nicht wieder.

Maurice antwortete nichts.

Ich knnte auch solche haben, die vierzig Sous zahlen. Die bieten sich
mir genug an. Und dann mte ich die ganze Nacht herumlaufen wie
Blanche, um etwas zusammenzubringen. Ich komme dir jetzt schon zu spt
nach Hause.

Sie hatte ein groes Bedrfnis nach Anerkennung. Die Schwache brauchte
einen Halt; die Sanfte brauchte gute Worte. Sie htte lange geplaudert.
Er wute, da man sich in Geldsachen immer anspruchsvoll zeigen mu. Die
Frauen wrden nicht mehr arbeiten, wenn die Mnner sie anhren wollten.
Er antwortete:

La mich in Ruh! Ich will schlafen.

Maurice Blu wurde geboren und lebte im Viertel Plaisance, wo seine
Mutter ein kleines Geschft hatte. Bis zum Alter von sechzehn Jahren war
er in der Schule geblieben, weil es besser ist, etwas mehr Unterricht zu
genieen, und weil es nicht eilt, die Kinder in die Lehre zu schicken,
wo sie schlechte Gewohnheiten annehmen. Er empfing eine sorgfltige
Erziehung, verlie die Schule mit einfachem Abgangszeugnis und verkehrte
mit Jungen seines Alters, die ihm den Beinamen Bb gaben. Er lernte
Kunsttischlerei bei einem Meister des Faubourg Saint-Antoine. Man nannte
ihn dort Maurice. Eines Tages, als er die Werkstatt verlie, rief einer
seiner frheren Schulkameraden, der ihn sah: Halt, da ist Bb! Das
ging nun nicht verloren, weil nichts verloren geht. Maurice wurde wieder
Bb.

Er war ein kleiner Kerl, dessen Rumpf krftig auf strammen Beinen ruhte.
Er schlug sich auf die Brust mit den Worten: Klein, aber feste! Und
sein Kopf war knochig, und seine beiden eigensinnigen und etwas
duckmuserischen Augen verbargen sich hinter Backenknochen. Er hatte vor
allem zwei gewlbte Kiefer, die ihre ganze Anatomie zeigten, wenn sie
die Nahrung zermalmten, wobei Knochen und Nerven und Muskeln krachten.
Das will nicht besagen, da er riesigen Appetit hatte, sondern einfach,
da er zuzubeien verstand.

In der Zeit, da ihn die Mutter aus Furcht vor den schlechten
Gewohnheiten, die man in der Lehre annimmt, in die Schule geschickt
hatte, machte Bb eine Reihe von Bekanntschaften. Die einen waren
Lehrlinge, die jeden Abend in allen Straen herumstrichen und lachten.
Die andern waren etwas, dem man gern auf der Strae begegnet: die
kleinen Mdchen von vierzehn, fnfzehn und sechzehn Jahren. Es sind die
Tchter von nicht zu strengen Eltern, die die Jugend in Freiheit
erziehen. Sie wnschen sich vielerlei, und die sie erblicken, haben die
Khnheit, ihnen noch mehr anzubieten. Du, Rue de Vanves, und auch ihr,
Festungsgrben, ihr habt an schnen mondlosen Abenden Bb
vorberstreifen sehen. Er lernte die Strae kennen, wie sie fr die
Herumstreicher ist, mit ihren Schaufenstern, an denen man seine
Gewandtheit ben kann, und mit ihren Abenteuern. Er lernte etwas
Ntzlicheres: er lernte mit Frauen umgehen.

Was eintreffen sollte, traf eines Tages ein, als Bb, damals neunzehn
Jahre alt, die Bekanntschaft eines dicken Mdchens aus der Rue de la
Gat machte. Da sie nachts arbeitete, mute Bb ber den Tag frei
verfgen, um sich seiner Liebe widmen zu knnen. Rasch entschlossen, wie
Bb war, teilte er in der Werkstatt mit, da er die Kunsttischlerei
aufgebe, um Mbelpacker zu werden. Er teilte das stolz mit, denn man
neckte ihn wegen seines schmchtigen Wuchses, und nun sollte allen
bewiesen werden, da Bb stark war wie ein Mbelpacker.

Er war mit seinem neuen Beruf, in dem der Tag gut bezahlt wird, man
freie Zeit in berflu hat und ein anstelliger Mensch sich einen
Nebenerwerb schaffen kann, zufrieden. Er kaufte zum Beispiel niemals
Schuhe. Seine Kenntnis der Frauen nahm im Verkehr mit der dicken
Hortense zu. Seine Mutter billigte nicht immer sein Tun, aber Bb,
dessen berzeugung stark war, fand feste Worte, die sie abmuckten, und
er zeigte ihr zwei- oder dreimal, da er ein Mann der Tat war und
Widerspruch nicht liebte. Er verharrte auf seinem Weg, lie Hortense im
Stich, dann erreichte er seine Volljhrigkeit. Wegen eines Fuleidens
wurde er vom Militrdienst befreit.

So bereitete sich Maurice Blu vor. In Wirklichkeit waren seine
Zukunftsideen unbestimmt, doch wute er, da man Geld und ein Weib
braucht. Diese zwei Mchte des gegenwrtigen Lebens bestimmen unser
zuknftiges Leben. Er lie sich eine Summe von fnftausend Francs
auszahlen, die ihm vom vterlichen Erbe zukam. Mit dem Weibe versorgte
er sich selbst.

                   *       *       *       *       *

Der vierzehnte Juli kam. Hochglcklicher Tag, an dem die Weinstuben voll
Fahnen sind, an dem die sozialistisch-revolutionren Komitees ihre Siege
feiern. Am Abend sind die Tanzsle mit Lampions umkrnzt, die Trompeten
tnen kupfern und die Kaffeehaustische bedecken dank besonderer
behrdlicher Erlaubnis die Strae. Das Volk lt am Jahrestag der
Befreiung seine Tchter in Freiheit tanzen.

Berthe Mtnier, kleine Blumenarbeiterin von siebzehn Jahren, schaute in
Begleitung Marthes, ihrer lteren Schwester, und Blanches, ihrer
jngeren Schwester, dem Ball in der Rue de Vanves zu. Das schwarze Haar
rings um ihr Gesicht gab ihr ein blasses Aussehen, aber ihre Augen
lebten voll Sanftmut. Maurice forderte sie zum erstenmal zum Tanz auf,
dann tanzten sie ein zweites Mal und darauf ein drittes Mal.

Sie tanzten bewunderungswrdig alle beide, sie waren fast gleich gro,
er war sehr wohlerzogen, sie war sehr sanft. Er lud sie ein, etwas zu
sich zu nehmen, aber sie lehnte ab, weil sie mit ihren zwei Schwestern
da sei. Er lie sich die ltere Schwester Marthe zeigen und trat auf sie
zu, indem er den Hut lpfte:

Verzeihung, Frulein, aber da Sie Mutterpflichten erfllen, will ich
eine Bitte an Sie richten. Wollen Sie mir erlauben, da ich Ihrem
Frulein Schwester ein Glas Limonade anbiete, und mir das Vergngen
bereiten, auch etwas zu nehmen?

Marthe wute, da man nicht Gefahr luft, wenn man die Einladung eines
wohlerzogenen Mannes annimmt. Man setzte sich, man plauderte. Er war
Kunsttischler und konnte tglich sieben bis acht Francs verdienen.

Marthe war Wscherin und arbeitete in einer Anstalt, wo Blanche in die
Lehre ging.

Wie sie ihm sagte, wollte man, da Blanche fr die andern waschen knne.
Sie hatten vier Brder. Zwei sollten sich hier irgendwo herumtreiben.

Ihr Vater war Witwer. Er malte Neubauten aus, litt oft an Bleikoliken
und war nicht immer bequem. Man erzhlte viele Einzelheiten. Die
ausgelassene Blanche war dabei glcklich und lachte, indem sie ihre
Himbeerlimonade trank.

Maurice verabredete ein Stelldichein mit Berthe fr morgen. Sie kam,
konnte aber nicht lange bleiben, aus Angst vor dem Vater.

Sie spazierten plaudernd und kten sich zweimal in einer dunklen
Strae.

Beim zweiten Stelldichein bot ihr Maurice einen Doublring mit einem
rosa Brillanten an.

Beim dritten Stelldichein spazierten sie Arm in Arm, und sie willigte
ein, mit ihm in ein Caf in der Avenue du Maine zu gehen. Maurice
beeilte sich nicht, denn er wnschte keine flchtigen Liebschaften mehr.

Berthe war wie die jungen Vorstadtmdchen, die schon oft Gelegenheit
hatten, sich aber nicht hineinstrzten, weil sich ihnen morgen eine
bessere bieten wrde. Sie kam zum vierten Stelldichein nicht. Maurice
pate ihr am nchsten Tage auf und forderte von ihr eine Erklrung,
klipp und klar. Ihr Vater hatte sie verhindert, auszugehen. Er
antwortete:

Frulein, Sie haben es mir versprochen. Bei den Beziehungen, die
zwischen uns bestehen, haben Sie nicht das Recht gehabt, Ihr Versprechen
nicht zu halten. Mich wrde keine menschliche Macht verhindern, zu Ihnen
zu gehen, wenn ich es zugesagt habe.

Sie senkte den Kopf mit der hilflosen Miene der sen armen Kinder, die
nichts zu sagen wissen, weil sie frchten, Kummer zu bereiten.

Die kleine Lerche war schon gefangen.

Maurice schien ein beredter und beherzter junger Kavalier zu sein, wie
ihn junge Mdchen ersehnen, und seine aufrichtigen Erklrungen zeugten
fr die Tiefe seiner Aufrichtigkeit. An manchen Dingen, die er
aussprach, und andern, die er nicht aussprach, merkte man, da er
Geheimnis und Abenteuer barg. Auch das war verfhrerisch. Die sanfte und
sich hingebende Berthe gab sich, als Maurice sie bei der Hand fate,
sanft hin. Sie gewhnten sich daran, einander tglich zu sehen. Er ging
unter den Fenstern auf und ab, indem er auf besondre Weise pfiff:
f-o-fi, f-o-fi. Sie hrte es im tiefsten Herzen wie eine Stimme, die
sie schon lang zu hren erhofft hatte. Sie kam hinunter gelaufen.

Der Vater erfuhr schlielich alles:

Ich kenne ihn. Ein sauberer Tischler! Den ganzen Tag bummelt er im
Viertel herum. Ich mchte gern wissen, wann er arbeitet. Mir scheint, es
steckt wenig Gutes in ihm.

Er regte sich nicht weiter auf, denn als Vater von sieben Kindern hatte
er viel Unglck gehabt, und er hatte erfahren, da das Leben strker ist
als unser Wille.

Er wute, da die Pariser Mdchen zwischen all den Versuchungen
schwanken, und ihre Vter, ihre armen Vter, ihnen nichts bieten knnen,
sie davor zu bewahren. Er wute, da wir Pfuscher und Hunde sind, und
da unser Teil nur das Unglck bleibt, in einer Welt, wo das Unglck
verflucht ist. Nach dem Unglck kommt noch ein Unglck, und man kann nur
knurrend den Kopf senken.

Er dachte:

brigens ist es ihre Sache. Ich habe sie gewarnt. Wenn es ihre
Bestimmung ist, kann ich dagegen nichts tun.

Die kleine Berthe verlie eines Abende das Vaterhaus, um mit Maurice
zusammenzuleben. Ihre Schwester Marthe war gerade in andern Umstnden.
Die gassenbbische Blanche hatte ihrer Herrin hundert Sous gestohlen.

Maurice und Berthe lebten in einem Hotel in der Rue de l'Ouest. Ein
Zimmer fr dreiig Francs, im dritten Stockwerk auf die Strae, mit
blauen Tapeten und zwei Lehnsthlen dnkte sie schn wie eine Wohnung,
in der man alle Bequemlichkeiten hat. Berthe blieb weiter in ihrem Beruf
als Kunstblumenarbeiterin ttig. Maurice griff seine fnftausend Francs
an. Sie brachte jede Woche fnfundzwanzig Francs und Maurice legte Geld
genug dazu, da sie nichts zu entbehren brauchten. Jeden Abend tranken
sie ihren Kaffee in der Bar. Darauf gingen sie ins Cafkonzert oder auf
den Ball im Moulin de la Vierge oder ins Montparnassetheater. Die
Beziehungen und die Gedanken Berthes erweiterten sich. Sie lernte die
Freunde Maurices und ihre Frauen kennen. Die Freunde Maurices arbeiteten
nicht viel, denn ihre Frauen arbeiteten fr sie, und auerdem kannten
sie die Welt hinlnglich, um Arbeit nicht ntig zu haben. Sie sah in
ihrem tglichen Leben die Zuhlter und die Spitzbuben und verstand, da
sie nicht die Arbeit liebten, weil es sich mehr lohnt, das Vergngen zu
lieben.

Sie blickten auf die vorberziehenden Menschen und lachten darber, die
Ellbogen auf dem Tisch zu haben, whrend sie die andern vorberziehen
sahen. Berthe lernte die Geschichte ihrer Freundinnen kennen. Es gab
unverhoffte Glcksflle fr die Frauen, wenn sie an einem Abend zwanzig
oder fnfundzwanzig Francs verdienten. Am Morgen lachten sie erst recht,
zunchst ber das Geld, und dann in Gedanken an jene, die fr eine Frau
zwanzig oder fnfundzwanzig Francs bezahlen. Es gab unverhoffte
Glcksflle fr die Mnner, wenn ihre Unternehmungen gelangen. Der lange
Jules brachte einmal von seiner Expedition einen Ballen schwarzer Seide
mit. Die Frauen aller Freunde erhielten ihren Anteil. Berthes Kleid kam
ihm schner vor, weil sie es sich nicht auf dem gewhnlichen Wege
verschafft hatte. Es geschah, da er darber auf der Strae lachen
mute, wie zu einem guten Spa. Der lange Jules mute acht Monate in der
Sant absitzen, wegen Einbruchsdiebstahls. Er kannte die Welt und worauf
sie hinausluft. Er wute, da am Ende der Welt sich das Gefngnis
befand, und rechnete damit. Er handelte fest nach seinem Willen. Er
verstand ein Schlo aufzubrechen und konnte glatt einen Menschen tten.
Die Frauen umgaben ihn mit Liebe wie Vgel, die Sonne und Kraft
besingen. Er war einer von jenen, die niemand bezwingen kann, denn ihr
Leben, auerordentlicher und schner, schliet die Liebe zur Gefahr in
sich.

Berthe sah all dies, als sie vom Vater fortging, alles war von der Liebe
fr Maurice berglnzt. Der erste Mann der jungen Mdchen von siebzehn
Jahren pflegt ihr Schicksal zu sein. Wenn sie den Omnibus bestieg, um
zur Arbeit zu fahren, schlo sie die Augen, weil sie ein wenig mde war,
und sah im Geiste Maurice mit seinen Freuden. Er sagte zu ihr: Ich will
von der Tischlerei nichts wissen und nicht mehr Mbelpacker sein, dann
empfand sie, da er ber alle Berufe erhaben war. Er sprach von seiner
Mutter, deren Gedanken ber zwei Sous fr Pfeffer und vier Sous fr
Kaffee nicht hinausgingen; er sprach so, weil er selbst einen offenen
Kopf hatte. Er sagte zu Berthe: Wie du bei deinem Vater warst und dich
angedet und fr deine Brder geschuftet hast, da war sie ihm dankbar
dafr, da er sie befreit hatte.

Nach einem Monat schlug er sie, aber nicht aus Bsartigkeit. Das war so:
Maurice, der von entschlossenem Charakter war, teilte die menschlichen
Erfahrungen allzu genau ein. Wie Kaiser Karl der Groe legte er die
Ideen, die ihm nicht gefielen, auf die eine Seite, und die Ideen, die
ihm gefielen, auf die andere. Er dachte: Hier ist der Irrtum, aber dort
ist die Wahrheit. Wie Kaiser Karl der Groe hatte er kein Gefhl fr
Abstufungen. Er verstand zum Beispiel niemals, da man sich das Gesicht
wusch, ohne sich vorher die Hnde zu waschen. Er sagte zu Berthe: Du
greifst mit schmutzigen Hnden in dein Gesicht, das ist eine komische
Art, sich zu waschen.

Einmal bereitete sie ihm Eier auf der Pfanne zu. Sie tat Salz und
Pfeffer sofort hinein, nachdem sie die Eier zerbrochen hatte. Maurice
wute, da sie hineingehren, wenn die Eier schon gebacken sind. Sie
sagte mit scharfer Stimme: La mich doch machen, wie ich's will.
Maurice, der ein Mann der Tat war, glaubte an die Notwendigkeit
krperlicher Zchtigung. Er haute sie durch, in der berzeugung, da
Hiebe in ihr das Empfinden fr Wahrheit festigen wrden.

Er schlug sie ein andermal, weil sie ihn gergert hatte, weil er in Zorn
oder weil sie hartnckig war. Die arme Berthe empfing, sanft wie sie
war, diese Strafen unter Trnen. Sie bedauerte, ihren Vater verlassen zu
haben. Etwas spter sah sie, da alle Freunde Maurices ihre Frauen auch
schlugen, und verstand, da es auf dieser Welt ein lenkendes Gesetz
gibt, das Gesetz des Strkern. Sie fhlte, was der Ausdruck bedeutet:
mein Mann. Ein Mann ist eine Regierung, die uns schlgt, um uns zu
zeigen, da sie der Herr ist, die uns aber im Augenblick der Gefahr zu
schtzen wte.

Maurice glaubte, da die Intelligenz der Energie entspricht und da
infolgedessen seine Frau nicht intelligent sei, da sie sanft war. Er
sagte es niemand. Ganz im Gegenteil, vor den Freunden gefiel er sich
darin, Berthe zu manch einem etwas lebhaften Wort zu reizen, um den
Anschein zu erwecken, als sei sie schwer zu beherrschen. Man dachte: er
ist klein, aber fest. Er liebte sie dennoch sehr. Er liebte sie, weil
sie hbsch war. Abends, wenn sie von der Arbeit heimkam, hrte er sie
die Treppe hinaufsteigen. Er erkannte ihre eiligen Schrittchen und
glaubte zu sehen, wie sie sich ein bichen hin- und herdrehte, um
schneller zu gehen. Er liebte die lchelnden und sanften Augen, die alle
seine Wnsche erfllten. Und die roten, etwas weichen Lippen, die sich
fest an die seinen saugten. Und das lange schwarze Haar, und den
Scheitel und den Knoten ber dem Nacken, der ihr ein Aussehen gab,
verschieden von dem anderer. Und ihre besondere Sinnlichkeit, wenn sie
ihren Krper gegen den seinen drngte, und wie sie sich schmiegte, damit
er sie durchdringen knne. Er liebte an ihr, was sie von all den Frauen
unterschied, die er gekannt hatte, weil sie ser war, weil sie feiner
war und weil sie sein Weib war, das er als Jungfrau besessen hatte. Er
liebte sie, weil sie wohlerzogen war, weil sie ehrenhaft war und weil
man ihr das ansah, und aus all den Grnden, warum die Brger ihre Frauen
lieben. Denn Maurice hatte brgerliche Begriffe. Nicht ungestraft wird
man dreiundzwanzig Jahre, ohne mit dem Strafgesetz in Berhrung zu
kommen.

                   *       *       *       *       *

Die Zeit verging. Zwei Jahre vergingen, und die fnftausend Francs
Maurices vergingen auch. Unser Geschick erfllt sich nicht in einem Tag,
wenn unsre fnftausend Francs nach zwei Jahren gemeinsamen Lebens
erschpft sind; es entscheidet sich bei jeder unsrer Gebrden und bei
jeder unsrer Zusammenknfte. Seit langem wute Berthe, da die
Straenmdchen ganz einfach das gleiche taten wie die andern Frauen.
Maurice htte sie anders lieber gehabt. Trotzdem fgte er sich und litt
nicht viel. Er hatte Sinn fr Besitz, aber in der Art der Besitzer, die
ihr Gut vermieten. Berthe strubte sich nicht, als eines Abends Maurice
zu ihr sagte: Mein Weibchen, wenn dir jemand auf dem Heimweg aus der
Werkstatt einen Antrag macht, geh mit, das wird uns immer etwas Geld
einbringen.

Und dann ist der Dmon dabei, der anfangs ein lachendes Gesicht zeigt.
In der ersten Zeit verdiente Berthe zehn oder zwanzig Francs nur fr
einen Augenblick, denn Maurice wollte nicht, da sie nicht ausschlief.
Sie fanden ihren alten Geldberflu wieder, der Beruf war nicht hart fr
sie, die immer gegen zehn Uhr zurckkehrte, und nicht mehr fr ihn, der
nicht zu lang auf sie zu warten brauchte.

Etwas spter gab sie die Werkstatt auf, da sie nicht mehr zehn Stunden
arbeiten wollte, um vier Francs zu verdienen. Sie ging jeden Abend gegen
acht Uhr aus und schritt ber den Boulevard Sebastopol und die groen
Boulevards.

So wurde Berthe Mtnier Straenmdchen und Maurice wurde ein Individuum
ohne Beschftigung. Er war intelligent, er lebte in Paris, wo die
Vergngungen den Vorbergehenden anbrllen; er hatte anfangs gearbeitet,
dann hatte er begriffen, da die Arbeiter, die sich abrackern und
leiden, die Dummen sind. Er wurde Zuhlter, weil er in einer
Gesellschaft voll Reicher lebte, die stark sind und die Berufe
bestimmen. Sie wollen mit ihrem Gelde Frauen haben. Da mu es wohl
Zuhlter geben, die sie ihnen verschaffen.




III


Pierre Hardy fhlte sich am Tage nach der Begegnung mit Berthe ein wenig
beruhigt. Die kleine Frau, die er fr fnf Francs eine ganze Stunde
gehabt hatte, war schmiegsam und gefllig wie die Frauen sein sollen,
die man nicht bezahlt. Seit langem hatte er, da er arm war, ein
Verhltnis zwischen der Freude und ihrem Preis hergestellt. Er wute,
da die Frauen begehrlich sind und da sie im Handumdrehen den
Tagesverdienst eines Mannes verzehren. Als Sohn sparsamer Eltern taten
ihm, wenn er nicht immer Willensstrke genug hatte, um sich eines
Vergngens zu berauben, wenigstens die Kosten leid. Aber wenn er an den
Krper Berthes dachte und an den elektrisierenden Druck ihrer Arme, als
sie ineinander aufgegangen, da war diese Erinnerung so gut wie etwas von
jener Wollust, die man mit zwanzig Jahren erhofft. Da wir in einer Welt
leben, wo die Freuden bezahlt werden, hielt Pierre diese Freude fr fnf
Francs wert. Er gab ihr ein Stelldichein fr die nchste Woche.
Achteinhalb Uhr abends an der Ecke des Pont Neuf und des Quai du Louvre.

Pierre war der Erste beim Stelldichein. Er sah sie bald kommen. Sie
hatte eine weie Matrosenmtze auf dem Kopf, und ihr schwarzes Haar mit
dem dicken Knoten lie ihr Antlitz wie etwas Weies und unerwartet
Zartes hervortreten. Pierre empfand eine Art Stolz darber. Er htte mit
ihr Arm in Arm spazierengehen wollen, damit ihnen ein Freund begegnete.

Meine liebe kleine Freundin, ich bin glcklich, da du gekommen bist.

Sie hatte das Lcheln eines armen Hrchens, jenes Lcheln, das sie fr
diejenigen haben, die bezahlen. Sie antwortete:

Wirklich?

Der Abend war mild und bewegt. Lngs der Seine war ein wenig Wind, der
wie Wasser flo und die Bltter zu haschen schien. Die Schatten, leicht
gewiegt ber den Fugngern, sprachen zu den Seelen und liehen ihnen das
leichte Wiegen. Man gewann alles lieb, weil es beruhigte. Die Seine, der
Himmel und die Wagen glnzten schlicht, und die Linie der Quais schien
mit ihren Bumen eine Allee zu sein, in der man sich ergeht und allein
ist.

Wir wollen einen kleinen Spaziergang machen.

Wenn du willst, ich habe keine Eile.

Sie gingen ber den Quai de la Megisserie. Pierre sagte:

Ich habe dich mit deinen kleinen Schritten kommen sehen. Du bewegst
deine Beine unter dem Rock, drehst dich ein wenig hin und her, lchelst
und siehst sehr s aus. Man fhlt, da du einen guten Charakter hast.
Ich wrde dich deshalb unter allen Frauen wiedererkennen, und es ist
doch zum zweitenmal, da wir uns sehen. Aber mir ist, als wrde ich dich
lang kennen.

Das ist nett, was du mir da sagst, erwiderte sie. Wir gehen auch
lieber mit Leuten, die wir schon gesehen haben.

Sie schritten Arm in Arm, redeten einander in die Augen blickend, und
Pierre dachte sich da sie wie zwei Liebende aussahen. Dieses zarte und
schmiegsame Frauchen glich den Frauen, denen man auf der Strae mit
Mnnern begegnet, die ihre Taille umfangen. Wenn der Abend sinkt und sie
gehen drauen, berkommt ein groes Verlangen die Welt. Herr, sende uns
solche kleine Frauen wie Berthe, da wir sie kssen und da ihre zwanzig
Jahre in unsern Kssen sich lsen. Pierre dachte nicht mehr daran, da
dies Vergngen ihn fnf Francs kosten sollte.

Kurz hinter dem Rathaus vereinigen sich die beiden Arme der Seine, die
die Insel Saint-Louis umgeben, und bilden einen breiten Strom. Diese
Wasserflche flo dahin, glitt ber die Reflexe der Lichter und setzte
ihren Weg mit dem einschlfernden Gang des Wassers fort. Aber dunstig
und grn wiegte die Luft sich darber bis zum melancholischen Ende des
Quai Bourbon. Die Welt war ruhig und flimmernd wie die Luft und wie das
Wasser. Die Schiffe, bis auf den Grund der Seele erleuchtet, zerrissen
das Kleid des Flusses mit einer sichern groen Gebrde. Schne Liebende,
durchdrungen von den Schnheiten der Welt! Auch Pierre fhlte sich bis
auf den Grund seiner selbst erleuchtet.

Wie schn die Seine ist, o meine kleine Freundin!

Er sagte noch:

Sieh den Himmel. Da sind zwei-, dreihundert rote Wlkchen. Ich mchte
dir am liebsten ein Kompliment machen. In meinem Herzen sind zwei-,
dreihundert Gefhle, die fr dich brennen.

Sie lchelte und fragte:

Was bedeutet das, wenn der Himmel rot ist wie heute abend?

Er antwortete:

In meiner Heimat behauptet man, da das Krieg bedeutet. Aber ich denke,
da wir beide uns nicht schlagen werden.

Sie schritten langsam ber den Rathausquai und einer fhlte den andern
neben sich. Die Tramways fuhren vorber mit ihrem: Uan! Uan! wie wilde
Tiere. Aber Pierre vernahm nicht ihren Lrm, denn Berthe erzeugte in ihm
ein ganz andres Tosen. Die Huser gegenber erschienen fern, und die
Fugnger auf dem andern Brgersteig strten nicht. Er schritt neben ihr
mit bervoller Seele. Er sagte:

Das erinnert mich an mein Stdtchen.

Es war nicht wahr, aber neben ihm schritt eine Frau und er wollte sie in
seine Neigungen und sein Leben einweihen. Er wollte sie mit seinem
Herzen vertraut machen, damit sie dachte: Das ist ein junger Mann mit
schnem Herzen, der aus einer Gegend schattiger Bume und der Liebe
kommt. Er wollte sie mit all seinen Vertraulichkeiten anziehen.

Das erinnert mich an mein Stdtchen. Dort ist das Haus meiner Eltern,
umgeben von einem groen Garten. In Paris kennt man keine Grten. Am
Abend wird das Leben dort angenehm. Man trinkt Milch, man it Hhner vom
eignen Hof. Da ist ein kleiner Bach und ein groer Wald. Die Bume des
Waldes sind khl. Ich habe einen Freund, der sagt: Sie sind grn wie die
Jugend und so khl, da man denken mchte, sie machen den Wind. Meine
kleine Berthe, ich wrde dich auf den Wegen kssen. Wir wrden uns ins
Moos setzen und, ohne da uns jemand strt, alle deine Spiele spielen.

Sie sagte:

Ich kenne das Land nicht weiter als bis Clamart. Der Arzt wollte, da
ich auf drei Monate wegen der guten Luft hinausgehe. Die rzte bilden
sich ein, man kann alle ihre Vorschriften befolgen.

Er sagte noch:

Wir spazieren beide auf diesen ruhevollen Quais. Es ist sehr gemtlich,
wenn ich bei dir bin, denn du lt dich fhren und legst dir keinen
Zwang auf. Du bist nicht wie manche, die Eile haben und nicht einmal
plaudern wollen. Es ist tierisch mit ihnen. Man merkt zu deutlich, da
sie arbeiten und da sie an der Arbeit kein Vergngen haben.

Und er wiederholte:

Es ist sehr gemtlich, wenn ich bei dir bin. Du redest nicht viel heute
abend, aber ich rede, denn ich bin zufrieden. Du wirst sehen, da ich
ein guter Kerl bin und da ich den kleinen Frauen alles Gute machen
kann, was mglich ist. Ich ksse sie so, da sie lachen, und ich knnte
sie mein Leben lang lieben, damit sie glcklich werden. Aber du, du hast
mir sofort gefallen. Du hast die Gestalt meiner Schwester. Wir gehen
beide spazieren und ich erzhle ihr meine Geschichten. Ich mchte sie
auch dir erzhlen, weil du lieb bist und Vertrauen erweckst. Ich mchte
dir alles sagen, was ich wei. Ich bin ganz allein in Paris, aber ich
bin im Grunde nicht unglcklich. Ich arbeite und schreibe nach Hause und
man antwortet mir. Mama antwortet mir. Sie kann nicht sehr gut
schreiben, aber wenn sie sagt: >Ich liebe dich sehr, sehr, mein Pierre<,
so fhle ich, da die Worte ganze Stze aufwiegen.

Ich, sagte Berthe, habe meine Mutter mit sechzehn Jahren verloren.
Sie starb, als ich im Krankenhaus war. Man wollte nicht, da ich sie
sehe. Ich hatte die Bleichsucht, und das hat mich nicht gesund gemacht.
Ich sagte mir: Jetzt, wo meine Mutter tot ist, werde ich's schlimm
haben. Ich weinte trotzdem nicht, denn ich war zu krank, aber ich sprte
ihren Tod in allen Gliedern. Sie liebte uns sehr. Manchmal, am
Sonnabend, sagte sie: >Gehen wir, Kinder, ich zahle einen Kaffee.< Wir
gingen in die Bar mit meiner Schwester Marthe und meiner Schwester
Blanche. Die Kinder spielten vor der Tr. Ich hatte das sehr gern, weil
viele Leute da waren.

Dann sagte sie:

Wenn du willst, gehen wir jetzt zurck. Ich mu dich gegen zehn Uhr
verlassen, sonst knnte ich gar nicht lang genug bleiben.

Sie kehrten um. Pierre henkelte sich aus, um ihre Taille zu umfangen,
und schlo sie im Gehen an sich. Er nherte sie seinem Krper, weil er
sie seinem Herzen genhert hatte. Er berhrte dabei alles, was man
berhren kann: die schwebenden Hften, die biegsame Taille, die sich
schmiegt und wiegt, die sen und schon reifen Brste der Straenmdchen
von zwanzig Jahren. Er berhrte alles, was man berhren kann, aber er
htte noch mehr berhren wollen. Er htte gewollt, da sie ganz nackt
wre, und sie spren, und sie ganz abkssen, und sie schmecken. Alle
Strme seines Blutes rollten in schweren roten Wellen und trieben seine
Sinne auf wie schwellende Frchte. Soeben hatte er daran gedacht, ihr
von Louis Buisson zu erzhlen, von seiner Mutter und von seinen
Schwestern, um seine Seele vllig in die ihre zu schtten. Nun gab es
nichts auf der Welt auer ihr. Antlitz an Antlitz, kte er sie auf die
Lippen, und sein Krper brach schon aus.

Aber Berthe sprach nicht. Sie sprach nicht und konnte nicht von ihrem
Leben und ihren Wnschen sprechen. Sie hrte Pierre zu. Die sanfte
kleine Prostituierte und Anfngerin dachte noch sanft: Dieser junge
Mann hat ein gutes Herz und redet wie ein Verliebter. Es war nicht
mglich, sein Herz ber die fnf Francs hinaus auszubeuten, denn er
verfgte nicht ber mehr. Was die Liebe betrifft, so war sie ihr allzu
verbraucht. Sie wute, woraus die Liebe sich zusammensetzt, seitdem sie
die Mnnchen sich nachlaufen lie, die alle Schwchen ausntzen und alle
Bedrfnisse befriedigen. Sie wute, da man die Liebe in Mnzen
umwandeln mu, denn die Liebe ist ermdend, das Geld aber verleiht neue
Kraft. All dies wute Berthe mit zwanzig Jahren. Wer wovon zu leben hat,
sucht die Liebe, weil sie glcklich macht, doch die Straenmdchen
dmpfen die Liebe ihrer Kunden, weil sie Schmerz bereitet. Und Pierre,
dieser glhende groe Junge, war fr Berthe ein Mann mehr, den sie zu
erdulden hatte.

Sie dachte an ihren Liebhaber Maurice, an ihr Kleid, an ihre Schuhe.
Gestern abend htte sie ihr Zimmer bezahlen mssen. Die Hotelbesitzer
trauen nicht den Mdchen, die von Liebe leben. Sie htte bezahlen
mssen. Aber sie konnte nicht sieben Francs hergeben, da sie nur fnf
hatte. Er bewilligte ihr einen Tag Gnadenfrist fr die restlichen
vierzig Sous, aber es war selbstverstndlich, da sie im Falle der
Nichtzahlung in ihr Zimmer nicht zurckkehren wrde. Daher aen sie zu
Mittag einige berreste von gestern, aber abends a sie nichts. Maurice
sagte: Du bist ein Dummkopf, der sein Geschft nicht versteht. Sie
hatte keinen Hunger, denn in den vielkpfigen Familien werden die Magen
der Kinder elastisch und knnen sich zusammenziehen, ohne zu weh zu tun.
Sie htte dennoch gern Fleisch und krftige Speisen gegessen, um sich
von der Erschpfung durch die Liebe und die schlaflosen Nchte zu
erholen. Da bewirtete sie Pierre mit Reden! Sie beklagte sich nicht
darber, denn manche Kunden sind grob. Gewi, sie htte ihm die Sache
gestehen knnen, aber sie frchtete, da er den Preis der Mahlzeit von
den fnf Francs abziehen wrde. Sie begngte sich mit dem Gedanken: Ich
habe heute abend nichts gegessen, und das ist sehr langweilig.

Und dann hatte sie ein Kleid an, dessen Rock schlampig war und dessen
Leibchen verschossen. Man findet im Carreau du Temple Wunder, die
zwanzig Francs kosten. Ihre Schwester Blanche hatte ein Seidenkleid
gekauft; brigens stand es ihr schlecht.

Ihre Matrosenmtze war schmutzig und aus der Form gekommen, und nun gar
ihre Stiefel! In diesem Beruf, in dem man geht, werden die Abstze
schiefgetreten, die Sohlen durchlchert, das Oberleder platzt . . . Aber
man braucht schne Stiefel! denn die Eleganz des Stiefels hebt die
Fuform hervor, wenn man den Rock rafft, um den Mann anzuziehen. Und es
ist gewi, da Berthes Stiefel ihr in weniger als zwei Tagen vom Fue
fallen werden. Glcklicherweise ist das Wetter schn. Sie berechnete, ob
ihr, nachdem sie morgen und bermorgen gegessen haben wird, etwas brig
bleibt, damit sie sich Stiefel kauft.

Sie wird einen Hndler in der Rue des Prtres-Saint-Germain-d'Auxerrois
aufsuchen, bei dem man Gelegenheitskufe fr drei Francs findet.

Berthe dachte an all diese Dinge ihres Prostituiertenlebens. Sie dachte,
da sie heute abend nach Pierre noch mit einem andern gehen msse und
da sie morgen noch mit zwei Mnnern gehen werde. bermorgen msse sie
fr ihr Kleid arbeiten, darauf fr ihren Hut, und dann wrden die
Stiefel verbraucht sein.

Den Tagen der Ermdung folgen die Tage der Vernichtung durch all die
Zeit, die wir durchschreiten. Der Boulevard Sebastopol und die groen
Boulevards mit ihren Linien von Brgersteigen sind hart wie Stein, wenn
man sie lang begangen hat. Nirgends begegnet man ein wenig
Barmherzigkeit. Der junge Mann von heute abend wird Berthe wenigstens
zweimal bentzen. Die andern werden sie fr ihr Geld wollen. Die Mnner
mibrauchen unsern Krper und schinden ihn dafr, da sie uns Brot
geben. Und diese Gedanken kreisten in ihrem Kopfe wie eine Welt von
schwarzen Tierchen, die summen, stechen und den Kindern wehtun.

Sie kamen vor Pierres Tr an. Hinter der Schwelle nahm er sie in seine
Arme und sagte:

Ich liebe dich, o meine kleine Berthe!

Dann fuhr er ihr in das Leibchen.




IV


In das Hotelzimmer in der Rue Chanoinesses, mit dem Fenster auf den Hof,
mit den grauen Vorhngen und den schmutzigen Wrfeln, blickte mittags
ein schmutziger und grauer Tag. Das Papier auf den gelblichen Wnden,
der vernachlssigte Fuboden, die vier Mbel und der Koffer bildeten das
Heim eines Straenmdchens, zu fnf Francs in der Woche. Der Tisch aus
weiem Holz, von Feuchtigkeit durchdrungen, die beiden aufgeschlitzten
Lehnsthle, der zweite Tisch mit dem Waschbecken schienen nicht alte
Sachen zu sein, sondern traurige und verschimmelte Sachen, die das Leben
zerfressen hat; und es war ein zerworfenes Bett da, auf dessen
verbrauchten Tchern brauner Schwei zwei Krper abzeichnete, dieses
Bett der Hotelzimmer, wo die Krper schmutzig sind und die Sachen auch.

Berthe stand eben im Hemd auf. Mit schmalen Schultern, das Hemd grau und
die Fe unsauber, mager und gelb, sah auch sie lichtlos aus. Mit
geschwollenen Augen und zerzaustem Haar war sie inmitten der Unordnung
des Zimmers selbst in Unordnung, und die Gedanken hockten
zusammengekauert in ihrem Kopfe. Das Erwachen um Mittag ist schwer und
pechtrb wie das Leben des vergangenen Tags mit seiner Liebe, Alkohol
und Schlaf. Man hat ein Gefhl von Verfall im Vergleich zu dem Erwachen
von einst, als die Gedanken so klar waren, da man gesagt htte, der
Schlummer habe sie rein gebadet. Wenn du ausgeschlafen sein wirst, mein
Bruder, wirst du nichts vergessen. Sie versprte noch die beengende
Last, die sie seit gestern am Atmen hinderte. Sie erinnerte sich an
alles, und das kniete auf ihre Brust wie ein wtendes Ungeheuer.
Wahrhaftig, ihre eingesunkenen Schlfen, ihre entfrbten Wangen und ihre
schlaffen Lippen lieen mitfhlen, da sie wenig Gedanken und wenig Mut
hatte, und man fhlte noch, da das Leben schlecht ist, weil es mit
schweren Schlgen auf die Kinder niederfhrt, die bles tun, ohne dessen
Umfang zu ermessen.

Du weit, Maurice, es wird das sein, was ich gemeint habe. Ich habe
gestern mit meiner Schwester Blanche darber gesprochen. Sie hat mir
alles erklrt, wie sie's bekommen hat, und es ist dasselbe.

Er antwortete kein Wort.

Sie stieg von Tag zu Tag bis zum Ursprung des Leidens hinab, aus
Bedrfnis, den Urheber zu erforschen. Man msse vierzig Tage warten,
hatte man ihr gesagt. Sie ging daher Mann fr Mann durch, bedachte der
Reihe nach die Umstnde, und Waschbecken fr Waschbecken. Der ganze
Vorbeimarsch der Liebe mit ihren Worten und Gebrden zog durch die
Hotelzimmer, aber sie htte, in der Vergangenheit sich versenkend, mit
beiden Hnden einen Mann fassen wollen, ihn erkennen und den Tag
austilgen, an dem sie ihn kennengelernt hatte. Sie glaubte ihn gefunden
zu haben, dann sagte sie sich, da es jetzt vergeblich sei und da alles
vergeblich sei! Da ergab sie sich und lie sich von ihren traurigen
Gefhlen treiben.

Maurice unterbrach die Stille.

Ich mchte den kennen, der dir das hinterlassen hat, und ich wrde ihm
den Schdel einschlagen.

Rasch kleidete sie sich an, dann ging sie einen Liter Wein und
Aufschnitt einholen. Sie aen, sich gegenber sitzend, an dem feuchten
Tisch. Die schmutzige Flasche der Mieter, die das klebrige Wasser der
Hotels trinken. Maurice kaute, den Kopf gesenkt, mit Kraft groe Bissen,
die seine Backen hervorwlbten.

Er nahm zugleich mit seiner Mtze ein Hundert-Sous-Stck vom Nachttisch
und ging fort.

                   *       *       *       *       *

Der Augustnachmittag breitete sich auf dem blauen Himmel aus und fiel
auf die Schultern wie ein schwerer Mantel. Maurice folgte dem Quai aux
Fleurs, wo die Blumen drsteten und die Hndler friedlich schwitzten,
indem sie die Vorbergehenden betrachteten. Die Wrme drckte auf seinen
Kopf und belud ihn mit einer ungestalten Last von Gedanken, die er nicht
formen konnte, die er aber alle durcheinander jagen fhlte. Zum
erstenmal in seinem Leben lernte er die Unentschlossenheit kennen. Er,
der gewhnlich ohne Bedenken aufs Ziel losging, schritt den wenig
bevlkerten Quais entlang ziellos hin und hrte seine Schritte klingen.
Er schlug den Weg ber den Quai de l'Horloge ein, schritt lngs der
Mauer des Justizpalastes, die nach Gefngnis riecht, berquerte die
Place Dauphine, den Pont Neuf und folgte der Linie der Quais zwischen
den Bumen und den Bchern, mit groen schweren Schritten, als wollte er
seine Gedanken niedertreten. Er beachtete nichts, nicht einmal die
Erdarbeiter und die Maurer am Orleans-Bahnhof, nicht einmal die
fliegenden Fhrboote und die Schlepper. Er schritt energisch hin im
Gewoge der Gedanken, die so in seine Gliedmaen bergingen wie bei
Menschen der Tat, bei denen Gedanken zu Gebrden werden. Er machte Kehrt
an der Concorde-Brcke, ging wieder ber die Linie der Quais, dann trat
er in die Rue Bonaparte, um seine Schritte nach Plaisance zu lenken.

Das groe Wort entschlpfte ihm, als er mit groen Schritten dahinging,
und schlug ein wie der Donner, whrend er marschierte, und rollte dann,
ihm den Marsch trommelnd wie ein schwarzer Tambour. Die Seuche, Berthe
und die Seuche! Er fhlte sie an seiner Seite wie einen roten und
blutenden Gefhrten, wie einen unglaublichen und grausamen Gast. Er
wandte sich in die Rue Bonaparte, wie man sich ins Wasser wirft, wenn
einen die Flammen verzehren, und stieg nach Plaisance hinauf. Die
Seuche, Berthe und die Seuche! Er kannte seine Feinde und blickte ihnen
ins Gesicht wie ein Mann, der keine Furcht hat. Er verstand sich zu
schlagen, und er ging durchs Leben ohne Bedauern und ohne Schande, und
er nahm den Zufall so an, wie man ihn auf den Straen von Paris mit
Diebstahl, Verbrechen und Gefngnis trifft. Aber die Seuche, Berthe und
die Seuche! Er htte sie nehmen und sie rtteln wollen, Auge in Auge,
bis in den Tod und bis zum Sieg.

Er dachte an Dramen, an Roberts Schmach, an Gebrll und Niederlagen.
Er erinnerte sich des wissenschaftlichen Namens Syphilis. Die
unerbittliche und schneidende Wissenschaft, die die Krankheiten benennt
und kennt, flte ihm Angst ein, weil sie uns in Spitler treibt, weil
sie uns erblickt und durchschaut, weil sie ihre Worte und ihre
Instrumente in unser Leben senkt, als wren wir nichts als Leib,
Krankheit und Tod.

Aber dies Wort, die Seuche, war noch schrecklicher. Gewi, Maurice
hatte keine Furcht vor Worten. Die Worte sind Ausgeburten kranker
Phantasie, ber die das Leben erhaben ist, das man leben mu, ohne an
Worte zu denken. Er war ein Zuhlter, ein Subjekt ohne
Beschftigung, und darber mute er oft lachen. ber das ffentliche
Mdchen Berthe Mtnier auch. Was hatten Worte fr einen Wert, wenn man
nur nach Belieben lebte! Aber die Seuche! Er erinnerte sich an eine
Geschichte seiner Kindheit. Er war vierzehn Jahre, als einer der
Nachbarn zweiundzwanzigjhrig starb. Die Nachbarinnen sagten: Er ist
als ein wahrer Dngerhaufen gestorben. Man sagt, da er durch und durch
verfault war. Durch und durch verfault sein . . . Ihm kamen andre
Kindheitserinnerungen und Gedanken an Reinheit. Niemals war er krank
gewesen. Seine Mutter, die aus der Provinz stammte, hatte gesagt: Das
sind Krankheiten, die man in unsern Familien nie gesehen hat. Durch und
durch verfault sein . . . Er stellte sich rote und feuchte Wunden vor,
Verbnde und Watte, und sah sich in einem Spitalsbett ausgestreckt mit
einem grnlichen und durch und durch verfaulten Leib. Zur Zeit, da er
Kunsttischler war, sagte einer seiner Kameraden: Wenn mich einmal die
Syphilis erwischt, jage ich mir eine Kugel in den Kopf!

In Plaisance ging er schnurstracks zu seiner Mutter. Sie lebte in einem
Krmerladen ein bescheidenes und bedrngtes Leben. Sie verkaufte nur
Kleinigkeiten zu zwei Sous, da die Verpflegungsmagazine alles Geld der
Viertel verschlingen. Sie stand hinterm Ladentisch, bediente und
plauderte mit dem zutraulichen geschwtzigen Gehaben der Kleinhndlerin.

Eine Nachbarin, die da war, sagte: Da kommt ja Ihr Sohn.

Er hatte jene betonte Hflichkeit, die in den Leuten eine bessere
Meinung erweckt und bewirkt, da unsre Eltern uns niemals verleugnen. Er
ging in den Hinterraum. Er sttzte sich mit den Ellbogen auf den Tisch
und sah die Gegenstnde des Zimmers nach den Klngen einer Musik tanzen,
die seinen verstrten Kopf erfllte. Gewhnlich sah er sie an, wie man
ein krgliches Leben ansieht, dachte an seine Freiheitsideen und kostete
ein Gefhl von berlegenheit aus. Aber diesmal sah er, Maurice, der kein
Bedauern kannte, wie friedlich der Raum hinterm Laden und wie gut der
Frieden war, obgleich sein gnzlich aufgeregter Kopf tanzte und wie ein
Wrack endlos von Strudel zu Strudel wirbelte und tanzte.

Er schttelte den Alpdruck ab:

Gib mir ein Glas Wein.

Sie frchtete brigens, da er gekommen wre, um ihr Geld abzuverlangen.
Sie sagte:

Du siehst traurig aus.

Er trank und antwortete:

Ja, es geht mir dreckig heute abend.

Dann erhob er sich und ging.

Er flchtete sich und schritt mitten durch die schwarzen und volkreichen
Huser, vorbei an den Lden und den Schenken seiner Jugend, whrend die
Wagen auf dem Pflaster schmetterten; er sah die Passanten der Vorstadt
dahingehen, angefangen bei den Arbeiterfrauen, die auf der Strae
keiften, bis zu den Kameraden in blauem Kittel, die ein Straenmdchen,
ihr Weib, lachend begleitet. Das Leben erwachte und lebte in einer Art
Fieber, angefangen bei dem Geschrei und Rennen der einen bis zum Alkohol
und der Liebe der andern. Die Luft roch wie am Eingang eines
Gewrzladens _en gros_ oder am Eingang einer Weinhandlung. Da, im
Viertel Plaisance, dachte er an seinen Freund, den langen Jules, und
fhlte wieder die Hoffnung wachsen. Man geht eines Nachmittags im August
durch die Rue de Vanves, man erinnert sich, da der lange Jules die
Syphilis gehabt hat, es fllt einem ein, da Charlot, Paul und andre sie
noch haben, und man denkt, da diesen allen die Syphilis nichts angetan
hat. Dann sagt man sich: Aber nichts spricht dafr, da ich selbst die
Krankheit habe. Und man versucht, sich zu beweisen, da man sie nicht
haben kann, weil Berthe die ersten Anzeichen bemerkt und man sich sofort
enthalten hat.

So kam er in der Avenue du Maine an, in bekannter Gegend. Es gibt hier
Bars, wo die Freunde sich aufhalten. Schon wollte Maurice sie aufsuchen,
als er auf einer Terrasse den langen Jules bemerkte.

Ich dachte an dich. Da bist du.

Der lange Jules trank einen Mokka auf der Barterrasse, ganz allein, und
blickte auf die Strae. Die Mtze im Nacken auf seinem festen und
geraden Kopf, blickte er auf die Dinge und die Passanten, und seine
Gedanken, sicher und ruhig wie er selbst, nahmen jeder seinen richtigen
Platz ein, sicher und ruhig, und hoben ihm den Kopf. Maurice setzte sich
neben ihn. Der lange Jules hatte ihn gern, obwohl er klein war, seines
Willens wegen, der seine Muskeln und seine Kinnbacken straffte. Die
Fugnger zogen an ihnen vorber, whrend sie sie betrachteten. Das
erinnerte an den Schpfungstag, als Adam, der Knig der Welt, am Fue
einer Eiche sitzend, die Tiere an sich vorberziehen sah, sie prfte und
sie benannte.

Schlielich hielt sich Maurice nicht lnger zurck.

Du hast Syphilis gehabt. Ist es wahr, da sie einen umschmeit?

Du hast Syphilis?

Nein, aber sie ist mir auf den Fersen.

Ha, ha, ha! . . . machte der lange Jules. Auf den Fersen ist sie
nicht. Bah! Die Syphilis tut nicht weh. Ich hatte sie vor zwei Jahren.
Sie haben mich Pillen einnehmen lassen, als ich in der Sant war. Ich
hatte nie etwas gehabt. Erst Francine, du kennst sie, hat sie mir
eingewirtschaftet. Ich htte es vermeiden knnen, man hatte mich voraus
gewarnt, aber man lt eine Frau nicht, weil sie krank ist.

Er erklrte darauf, da man Flecke auf der Haut und Belag im Munde hat
und da das ganz von selbst vergeht. Auf seinem Stuhl sitzend, erklrte
er die Krankheit mit gleichmtigen Worten, dann, nachdem er gesprochen
hatte, dachte er an etwas andres. Weder das Gefngnis noch die Krankheit
hatte ihm je Pein bereitet, weil sein Wille strker war, als alle bel.
Er wanderte geraden Schrittes mitten durch die Gefahren und kmpfte ohne
Zorn und ohne Fieber, so bald er sich zum Kampf entschlossen hatte. Ich
sagte, da er strker war, als die Syphilis.

Er war brigens erstaunt, da Maurice sie noch nicht hatte: Wir haben
sie alle, wiederholte er. Maurice bestellte zwei Glas Mokka und leerte
das seine auf einen Zug. Wenn er die Krankheit nicht hatte, war es hohe
Zeit, Berthe zu verlassen. Er konnte sie nicht haben, da sie erst vom
ersten Anzeichen gesprochen hatte. Die Frauen wechseln, sie folgen
einander und sind so zahlreich, da ein geschickter Mann nicht zu
frchten braucht, keine zu haben. Diese heimlichen Gedanken schlichen
sich in sein Gehirn ein und schienen es zu umstricken. Aber die
Gedanken, die ihm der lange Jules mit sicherer Geste vorgefhrt hatte,
lebten vor seinen Augen und er sah sie, wie sie, Seite an Seite,
aufrecht marschierten. Er leerte sein Glas auf einen Zug.

Jeder zahlte seine Runde, sie erhoben sich. Es war vier Uhr. Sie gingen
die Avenue du Maine hinab, die Hnde auf dem Rcken, langsamen
Schrittes, mit dem kecken Blick der Mdchenhirten. Auf beiden Seiten der
breiten Strae schienen die Huser niedrig, die Auslagen drftig und die
Fugnger sprlich zu sein. Um so mehr schienen Jules und Maurice zu
wachsen. Mit dem langsamen Schritt des Besitzers, dem kecken Blick des
Herrn, fhlten sie sich in ihrem Viertel, das sie kannten, wie man einen
Teil seiner selbst kennt, und ber das sie Rechte besaen. Maurice fand
ein wenig Selbstbewutsein wieder: Ich bin Maurice, den man auch Bb
von Montparnasse nennt. In diesem Viertel, wo er seine ersten Schritte
getan hatte, fhlte er sich angeregt und frei wie am ersten Tag,
betrachtete die Dinge und dachte, da er sie schon frher gekannt, da
er sie aber heute noch besser kannte, weil er mehr Erfahrung hatte.

Das Selbstbewutsein! Wer sich selbst prft und sich alles mgliche
Unglck einbildet, findet die alten Krfte wieder, die ihn belebten, und
fhlt, da sie ewig sind und das Unglck niederzwingen werden. Sie
begegneten der Dirne Cecile, die ohne Hut, in der Schrze, ebenso wie
sie selbst, gern in den Straen des Viertels herumstrich. Sie war braun,
ein wenig dick, mit scharfen Zgen und lie an Messerstiche denken. Sie
sagte:

Ich habe Machin versetzt. Er will mir den Hals umdrehen. Ich habe ihm
gesagt: Oh! la, la, mein Kleiner! Du hast noch keinem Spatzen eine Feder
gebrochen.

Der lange Jules lchelte, denn sie war eine seiner Frauen. Er wollte
keine behalten, hatte sich aber im Bereich seiner Ttigkeit gewisse
Rechte auf ihre Liebe gewahrt. Er nahm jeden Abend auf dem Heimweg eine
mit und schlief mit ihr ohne Umschweife.

Maurice lchelte, denn er war denen weit berlegen, die man versetzt.

Da kehrte ihm das ganze Selbstbewutsein wieder: Ich bin Maurice, den
man auch Bb von Montparnasse nennt. Er richtete sich auf, wlbte die
Brust, klappte die Hacken zusammen und fhlte vom Kopf bis zu den Zehen,
da er Bb von Montparnasse war.

Der lange Jules neben ihm ging seines Weges, still und seines Ruhmes
sicher wie eine vorwrtsmarschierende Armee. Maurice wute nun, da die
Syphilis zum mnnlichen Leben gehrt. Schon lange wute er's, aber es
gibt Kenntnisse, die nicht tief in unser Herz gegraben sind. Wie alle
Menschen gelangte Maurice zu vollem Wissen erst nach vielem Leiden.
Durch und durch verfault sein . . . Diese Worte belustigten ihn jetzt,
wenn er an Jules dachte und an alle, die nicht durch und durch verfault
waren. Die Syphilis und die Wissenschaft widersetzen sich unserm Willen
wie rzte, die man an der Straenecke angreifen und berauben kann. Und
der Kramladen seiner Mutter war ein elendes Gewerbe, bei dem man sich
bckte und in Stcke ri, um einen Sou zu erraffen. Das nennt man Pech
haben. Das Pech der Syphilis ist hnlich wie das Gefngnis, das man
vermeiden kann oder aus dem man unvershnlich und gestrkt herauskommt.

Und in seiner neuen Freude bekam er Lust, zu trinken. Trinken ist
Freude, und wenn man schon ohnedies voll Freude ist, macht trinken
glckselig und berauscht uns. Sie lieen sich gegenber dem Bahnhof
Montparnasse nieder. Zwei Absinth. Rttelnde groe Wagen, Fiaker mit
tanzenden Scheiben, Omnibusse und Tramways mit ihrem Gepolter und ihrem
Trompeten, Lokomotivpfiffe, schwitzende Passanten, die drckende Sonne
von fnf Uhr, der Staub eines Augustnachmittags, das Ankommen und
Abreisen, und dies Gehen von tausenden Menschen schufen ein hllisches
Leben zusammen mit den Dampfkranen, Waggons, Menschen, Fahrzeugen,
Tieren und Kisten, mit der Menge von Werksttten und Bahnhfen, mit
allem, was fhrt, und allem, was vorbertollt, mit der Zeit, die
brllend vergeht.

Man sagt sich: Das sind zwei Zuhlter, die ihren Absinth trinken, und
nimmt an, da der Absinth das Gehirn der Zuhlter nicht beunruhigt.
Maurice hatte, whrend er neben dem langen Jules die Avenue du Maine
hinabgeschritten war, seinen Menschenglauben wiedergefunden und kostete
in seinem Bewutsein alles Gute und alles Bse aus. Das Wissen um das
Bse ist gut wie eine gute Frucht auf trockener Strae und hilft uns,
zwischen Syphilis und Gefngnis ohne Heuchelei und ohne Furcht vorwrts
zu kommen wie groe Reisende. Der Absinth setzte sein Gehirn in
Bewegung, trieb Fieber und Glck hinein. Ich bin Maurice, den man auch
Bb von Montparnasse nennt! Maurice ist ein Mann, der die Frauen packt
und sie formt. Er packt Berthe, das Kunstblumenmdchen, whlt sie, weil
sie schn und jungfrulich ist, erst zu seinem Vergngen, dann zu seinem
Lebensunterhalt. Er sieht sich um, erfat die Dinge auf einen Blick, und
fr die Fahrrder und fr die Schaufenster sind seine Finger rasch wie
ein Augenaufschlag. Er kennt die verwickelte Wissenschaft der
Umklammerung, die aus Handgriff und Muskeldruck besteht und uns die
Menschen preisgibt wie Kinder und die Panzerkassen wie Spielzeug. Er
kennt den leisen Schritt, den man Wolfsschritt heit, und wei die Nacht
zu durchsphen mit glhenden Augen. Er kennt den Hieb, der betubt, und
den, der ttet, den Angriff und die Abwehr, und die Messerklinge, die
einen Weg zu bahnen vermag, wenn man in Gefahr schwebt. Er wandelt
sorglos durch die Straen der Stdte, whrend die einen leiden und die
andern sich rackern; was ihn umgibt, das kann er sich holen; er
schreitet dahin und ist wie ein Mensch, der sein eigenes Haus
durchschreitet. Er fhlte sich frei und vollkommen in seinen Ideen, in
seinen Organen, in seinem ertrumten Leben, in seinem gelebten Leben
. . .

Der lange Jules schlug ihm auf die Schulter:

He, Maurice, schlafe nicht!

Er antwortete:

Es macht mir Spa, an meine Syphilis zu denken.

Der lange Jules brach in Lachen aus:

Du denkst an deine Syphilis!

Er bestellte zwei weitere Absinths.

Der zweite Absinth erfllte Maurice mit Gemurmel und flo wie eine Welle
und umsplte sein Herz. Er sprte im Kopfe tausend erwachte Gedanken
summen, die strmten, lachten und sangen. Das Echo des Guten antwortete
dem Echo des Bsen wie Stimmen, die sich locken, und wie Schritte, die
sich fliehen. Berthe neigte sich, um ihn zu lieben, und lachte ber die
Krankheit. Die Welt hnelte einem Menschen, der unschuldig und verseucht
Absinth trinkt auf den Terrassen. Groe Gefhle wandelten schreiend auf
den Straen, nahe den Bahnhfen, hnlich der Liebe, dem Glauben, dem
Wissen. Man sah Freude, die Bewegungen glichen Tnzen, die Menschen
waren klein neben dem, der trumte, und das Leben lachte wie eine Frau,
die man kennt und die man zu lenken versteht.

Pltzlich erinnerte er sich des Liedes. Deiner, das trstet, o altes
Lied von der Seuche, das die Kranken besingt. Du stimmst uns mild und
dichterisch wie das Leiden der Verwundeten:

   Alter Kunde vom Spitale . . .

Du birgst ein Groteil Liebe und Ergebung und du birgst noch mehr als
Ergebung. Du schlgst uns ans Kreuz auf unserm Kalvarienberg, du weisest
uns unsre Wundmale, du besingst die Arzeneien und verlachst die
Schmerzen, du tanzest um unsretwillen und du lt uns glauben, da unsre
Leiden glorreich sind. Oh, sei gesegnet! Altes Lied von der Seuche! Im
Hospital, wo du geboren wardst, sangst du dich von Bett zu Bett in alle
Herzen hinein, du verklrtest die Sterbenden und du senktest deine
Flgel auf die Stirn der Siechen, altes Lied von der Seuche!

Wem mehr gegeben ist zu leiden, der ist wert, mehr zu leiden. Du
erinnerst an dies schne Wort. Bist du das Wissen vom Guten, bist du das
Wissen vom Bsen? Du schmiegst deinen alten Leib an den unsern, du
sprichst von Quecksilber und du sprichst von Liebe. Du sagst:

   Nein Bruder, dein Schwesterlein sitzt an des Bettes Rand
   Und legt dir aufs heilende Herz die Hand.

Als Maurice Jules verlassen hatte, wandte er sich in die Rue de Rennes
und wollte nach Hause zurckkehren. Die frischere Luft von sieben Uhr
wehte zwischen den Husern, khlte die Stirne und snftigte die Gedanken
nach der Tagesarbeit. Die Fugnger, etwas schwer, sprten ihre
Schultern von der Arbeit befreit und wanderten nach ihren Husern und zu
ihren Frauen mit dem hellen Gefhle des Sommers. Maurice war in besserer
Laune als gewhnlich. Berauschtes Blut rann in seinen Gliedern, munter
bald, bald gtig. Warum ist das Menschenherz so gro?

Ich bin heute abend drollig, sagte er sich.

Er kam an einem groen Kolonialwarenladen vorber und sah, die Auslagen
betrachtend, Schachteln mit Mandarinen. Kleine Mandarinen, kleine
saftige Nichts, ihr seid nicht fr den Mund von Mdchenhirten
geschaffen! Er kam vor einen andern Laden und sah nach, ob es auch hier
Schachteln mit Mandarinen gab. Man hlt es fr schwer. Zunchst mu der
Blick entschlossen sein. Niemand sieht zu. Darum mu der Griff rasch und
unbefangen sein. Maurice schob die Schachtel mit Mandarinen unter seine
Weste, ohne sich aufzuhalten. Es war, um Berthe ein Vergngen zu
bereiten, freigebig zu sein mit einem Geschenk, ein wenig Arbeit, ein
wenig Liebe, ein paar Mandarinen fr einen feinen Mund!

Dann fiel ihm die Syphilis ein. Eh, wenn er nicht die Syphilis hatte!
wenn er nicht die Syphilis hatte! Da war es ihm, als wrde das seinem
Ruhm schaden. Er schritt mit solcher Leidenschaft aus, da seine Beine
zu stiegen schienen. Wenn er nicht die Syphilis hatte, war es hohe Zeit,
sie zu haben. Er ging auf sein Ziel los, die Mandarinen unter dem Arm,
die Seele geweitet, so stark vorwrts getrieben, da er nicht daran
dachte, sich umzublicken.

Als er in sein Zimmer trat, kochte Berthe eine Kleinigkeit zum
Abendessen. Er sagte:

Da schau her, ich bring dir eine Schachtel Mandarinen.

Sie lchelte zart:

Oh! Maurice! das hat aber was zu bedeuten, da du so lieb bist.

K mich.

Sie nherte sich, und wie sie ihm einen herzhaften Ku auf die Lippen
gab, legte er ihr beide Arme um die Schultern und hielt sie fest. Er
kte sie auch auf den Mund. Dann fuhr er fort: einmal sehr krftig,
einmal leicht, dann sehr krftig, dann weniger leicht . . .
Whrenddessen zog er sie an sich, drckte sie sich an den Leib. Sie
sagte:

La mich los, sonst brennt mir das Fleisch an.

Er lachte.

Das ist mir egal.

Er nahm sie in den Arm, hob sie ein wenig, bog sie rckwrts, schmiegte
sie an seine Haut. Gewhnlich war er nicht so eilig. Er zog sie in den
Kleidern ans Bett. Berthe sah ihm mit ihrem traurigen Blick in die
Augen:

Du darfst nicht, Maurice, du weit . . .

Er sagte:

Ich pfeif drauf.

Als er sie durchdrang, fhlte er sein Herz zergehen, wurde sehr zrtlich
und sagte:

Tu ich dir weh, meine kleine Frau?




V


Louis Buisson bewohnte im fnften Stock, Quai du Louvre, ein kleines
viereckiges Zimmer. Man sah darin ein Eisenbett mit vier Messingkugeln,
ein Bchergestell aus weichem Holz, einen Waschtisch, einen Tisch mit
roter Decke, einen Stuhl und zwei armenische Fauteuils, die im
Rathausbazar zwlf Francs gekostet hatten. Linoleum bedeckte den
Fuboden, zwei Plakate und mehrere Stiche schmckten die Wnde. Das war
das wohlgeordnete Leben eines Junggesellen, der sein Zimmer selbst
aufrumt und es einfach herrichtet, ein Abbild seines Geistes. Das
Fenster ging auf einen groen Fluarm hinaus neben dem Pont Neuf und
seiner kleinen Parkanlage, wo die Luft, das Licht und das Wasser ein
bewegtes und erfrischendes Schauspiel boten. Sind wir in Paris? Wir sind
hoch in den Lften, in einem Land am Wasser, dessen Luft aber tost wie
rollende Wagen.

Diesen Abend kochte sich Louis Buisson einen Kaffee; die einfachen
Verrichtungen, das Zimmer machen oder den Kaffee zubereiten, beruhigen
unsern Geist und ordnen unsre Gedanken wie Mbel jeden an seinen Platz
. . . brigens hatte er seine Grundstze fr die Zubereitung des
Kaffees. Er bentzte nicht den Satz und schttete das kochende Wasser
Tropfen fr Tropfen auf den frisch gemahlenen Kaffee. Es dauert ein
wenig lnger, aber um etwas Gutes zu haben, mu man sich Mhe geben.

Als Pierre Hardy an die Tr klopfte, wartete er nur auf ihn, um den
Kaffee einzugieen. Louis Buisson sagte:

Ich kenne mich nicht mehr aus. Ich hatte Dir von einer kleinen Bonne
gesprochen, mit der ich einen Briefwechsel unterhielt, und ich hoffte,
bei ihr meine Wnsche zu stillen. Die Frauen aus dem Volke sind einfach,
und alle Frauen lassen sich bilden. Ich lieh ihr ein paar Bcher, um sie
nach meinem Geschmack zu erziehen. Sie las gern. Ich sagte mir: >Sie
wird die delikaten Dinge verstehen lernen, die die Ordnung und das Glck
eines Haushaltes ausmachen. Abends werde ich zu Hause arbeiten. Sie wird
nhen und sich ausruhen, und ich werde sie an meiner Seite wie eine
kleine Flamme spren, die brennt.< Hr, was geschehen ist: vorgestern
und gestern sind wir zusammen ausgegangen, da ihre Herrin verreist ist.
Meine kleine Bonne liebt alle Vergngungen und leidet darunter, da sie
sich im Cafkonzert nicht unterhalten, auf Bllen nicht tanzen und die
Lichter auf den Straen nicht sehen kann. Ich mute sie berall ein
wenig herumfhren und dann wollte sie nach dem Bal Bullier gehen. Da
habe ich eingesehen, ich, der ein Mann des Volkes sein wollte, da das
Volk allzusehr die schlechten Vergngungen liebt. Ich mag wohl nicht aus
demselben Volk sein wie die andern, darum kann mich niemand verstehen
und Freude empfinden, wenn er sein Leben dem meinen anpat. Ich habe mit
ihr gebrochen. Ich habe geglaubt, mein Weib gefunden zu haben, und bin
jetzt ganz allein.

Louis Buisson war ein wenig lehrhaft und redete lang. Man pflegte ihm im
Bureau zu sagen: Oh! Sie, Sie wollen immer recht haben. Sie halten
Vortrge.

Sie tranken ihren Kaffee, rauchten eine schlechte Zigarre, und jeder von
ihnen glich, wie er so im armenischen Fauteuil da sa, einem
schchternen und ungeschickten jungen Bureaukraten. Weder den einen noch
den andern beglckten die Liebe, die zwanzigjhrige Menschen bewegt, und
Paris, das gegen Arme hart ist. Pierre Hardy sagte:

Ich habe angefangen, mich an meine kleine Freundin Berthe und ihre
hundert Sous zu gewhnen. Jetzt liegt sie krank im Spital.

Louis Buisson sagte:

Ich habe Straenmdchen gekannt, als ich im Hotel garni wohnte. Ihre
Ausgelassenheit bricht aus wie bei Kindern, die schreien, um sich nicht
zu frchten.

Pierre Hardy hatte bei seinem Freunde viel zu lernen. Sie lebten ein
gemeinsames Leben, zu dem Louis Buisson die Erklrungen lieferte. Er
untersuchte mchtig die Ereignisse und oft, wenn er irgend einen alten
Irrtum oder eine neue Wahrheit entdeckte, war er in Verlegenheit, wie er
seine Lebensfhrung mit seinen Ideen in Einklang bringen sollte. Die
Analyse ist keine kalte Wissenschaft, sie, die durch unser Herz geht und
es aufrhrt. Die Erregungen Louis lsten Erregungen in Pierre aus, weil
ihr Leben gemeinsam und weil ihre Seelen aufrichtig waren. Pierre sagte
sich: Es ist komisch, wie er immer recht hat! Er dachte wie sein
Freund, aber er dachte viel niedriger.

Pierre Hardy fgte hinzu:

Ich liebe sie viel mehr, seit sie krank ist. Sie schreibt mir
ungeschickte Briefe, aus denen man aber errt, da sie leidet und da
sie zartfhlender wird. Sie sagt: >Ich ksse dich vom ganzen Herzen
eines kranken Kindes.< Ich schicke ihr ein wenig Geld. Mir ist, als
wrden wir uns nhergekommen sein, wenn sie geheilt sein wird.

Louis Buisson legte mit seinen langen Geschichten los. Er lchelte,
indem er dachte: Ich will einen Vortrag halten. Dann sagte er:

Man mu die Mdchen lieben, die dulden. Ich war immer davon berzeugt,
da wir sie darum nicht retten knnen, weil wir sie nicht genug zu
lieben verstehen. Ich habe einmal eine Anfngerin gekannt. Sie machte
mit vierzehn Jahren bei ihrer Mutter, die wiederverheiratet war und
deren zweiter Mann einen Weinhandel hatte, die Bekanntschaft eines
Burschen mit wilden Augen. Sein Blick beherrschte sie wie eine Gewalt.
Eines Tages ging sie in ein Hotel mit ihm, wo sie, gelehrig wie sie war,
sein wurde. Sie hat mir erzhlt, da er sie, nachdem sie sich ganz nackt
ausgezogen hatte, in seine Arme nahm und mitten auf das Federbett legte.
Sie war so klein, da sie in dem Bett versank; sie rhrte sich nicht
mehr und schlief, vllig erschpft, in ihrer verlorenen Jungfrauschaft
hier ein. Ich wei nicht, warum ihre Eltern sie nicht suchen lieen. Die
beiden lebten vier Monate, ohne da sie arbeitete, doch nach und nach
brachte er sie von der Ehrbarkeit ab. Er fhrte sie selbst auf die
groen Boulevards und suchte ihr die Kundschaft aus. Sie verdiente
fnfzehn Francs und darber zeigte sie eine Art naiver Freude. Als ich
sie kennen lernte, war sie kaum sechzehn Jahre alt. Ich habe niemals ein
gleich mutiges Weib gesehen. Sie hatte schlielich Arbeit gefunden und
nhte Flitter. Mein lieber Freund, sie nhte bei Tage, dann nhte sie
bei Nacht. Sie war kaum sechzehn Jahre alt. Sie konnte niemals fnfzig
Sous tglich verdienen. Und der andere stand da, hinter ihr, mit seinen
zwei Fusten und mit seinen zwei Kinnladen. Sehr oft geschah es, da sie
auf die Strae hinabsteigen mute, wenn sie ihr Zimmer bezahlen sollte.
Ich lernte sie kennen. Es gab Morgen, an denen sie mich um zwei Sous
bitten kam. Die Zeit verstrich fr sie, indem sie ihr immer neues
Unglck brachte. Ihre Mutter wurde endlich unruhig, entdeckte sie und
lie sie ein Jahr lang im Kloster der Nonnen vom heiligen Michael
einsperren, wo man junge Mdchen mit schlechten Anlagen unterbringt. Als
sie es verlie, hielt ihr Geliebter um ihre Hand an und ihre Mutter gab
die Einwilligung dazu. Der Irrsinn herrscht auf der Welt. Da fing die
alte Geschichte von neuem an. Er betrog sie, er belustigte sich damit,
sie zu betrgen. Eines Tages im Fasching promenierten sie zusammen in
der Menge, als ein Frauenzimmer vorberkam. Er ging ihr nach und blieb
drei Tage fort, ohne zurckzukehren. Spter trennten sie sich, doch kam
er von Zeit zu Zeit auf Besuch, er brauchte Geld. Damals hatte sie einen
jungen Mann von neunzehn Jahren zum Freund. >Wenn ich ganz alt werden
sollte<, sagte sie zu mir, >diesen Jungen werde ich niemals vergessen.
Nicht weil er reich war, sondern weil er soviel fr mich getan hat.< Er
liebte sie mit einem guten Jnglingsherzen. Eines Nachts, als sie
erschpft war, trug er sie in seinen Armen vom Bastilleplatz bis ans
Ende der Avenue Daumesnil. Er ging gern in ihre Wohnung, wenn sie
abwesend war, um irgend eine hbsche berraschung auf den Tisch zu legen
und ihren freudigen Ausruf hren zu knnen, wenn sie heimkam. Mein
lieber Freund, dieser Junge, der zu Hause von Bedienten umgeben war und
dessen Mutter eine Kammerzofe hatte, besuchte seine kleine Freundin, und
rumte, wenn sie nicht da war, ihr Zimmer auf und putzte ihre Schuhe.
Ihre Geschichte nahm ein trauriges Ende, denn der Gatte verprgelte den
jungen Mann, da er sechs Wochen das Bett hten mute. Es ist nicht lang
her, da ich diese Dinge wei, aber tglich verstehe ich sie besser. Der
junge Mann bewies so viel Liebe, da er in das Herz eines armen Mdchens
eindrang. Und auch ich htte in dieses Herz dringen sollen. Als der
junge Mann kam, war es viel zu spt, aber fr mich wre es die richtige
Zeit gewesen. Es ist drei Jahre her. Sie war nicht verheiratet, und ich
htte sie aus den Armen eines Zuhlters befreien knnen. Ich htte sie
nehmen und sie zu mir bringen und mich um sie schlagen sollen. Ich htte
sie retten sollen. Versteh das: _Ich htte sie retten knnen!_ Ach,
warum habe ich sie nicht genug geliebt? Ich htte ihr das Zimmer
aufrumen sollen und ihre Schuhe putzen, ich htte damit einverstanden
sein sollen, sechs Wochen das Bett zu hten. In der Welt gibt es eine
Frau, die ich htte retten knnen!

Als Louis Buisson seine Geschichte beendet hatte, legte er den Kopf
zwischen die Hnde, und es entstand eine Stille, whrend der beide
bemerkten, da sie keinen Kaffee in der Tasse hatten. Man hrte fnf
Stockwerke tief die Wagen rollen. Louis Buisson nahm das Gesprch wieder
auf:

Du sprachst mir von deiner Freundin Berthe, aber du hast mir nicht
gesagt, in welchem Krankenhause sie . . .

Pierre antwortete:

Im Brocaspital.

Louis Buisson zuckte zusammen.

Aber, mein lieber Freund, du kennst nicht das Brocaspital. Ich habe das
alles gesehen und ich sage dir, da man im Brocaspital Mdchen sieht,
die sehr krank sind. Sie haben Syphilis.

Da fhlte Pierre Hardy die Geschichte Louis Buissons wie ein Feuer in
seinem Herzen. Wahrhaftig, er fhlte die Dinge, tausend Dinge auf einmal
auf ihn einstrmen, ihre Stimme sich heben und senken wie eine Flut von
Unglck. Dann hatte er die Empfindung stillen Glcks, da er sich aus
Liebe eines Abends auf den armseligen Tanz eingelassen hatte, der jetzt
das Aussehen der Syphilis und des Brocaspitals hatte. Er hatte diese
Empfindung stillen Glcks, sah die Fassade seines kleinen Provinzhauses
wieder und nun die Syphilis auf seiner Schwelle. Er begriff, da ihm das
Leben bisher allzu leicht erschienen war.

Louis Buisson hielt seinen Vortrag:

Ich pflegte ehemals in das Brocaspital zu gehen, wo einer meiner
frheren Gymnasialkameraden als Arzt assistierte. Ich habe gesehen, wie
die Mdchen alle auf ihre Krankheiten mit dem Spiegel untersucht wurden.
Ich habe die kleinen Frauen des Viertels gesehen, die Schanker hatten
und lachten, weil man ihnen sagte: >Die Syphilis ist nichts. Man nimmt
drei Jahre Pillen ein.< Ich habe Frauen gesehen, die anderthalb Jahre
Syphilis hatten und die weinten. Sie legten ihren Kopf unter die Arme,
weinten und sagten: >Ich werde nie gesund werden.< Die rzte trsteten
sie, indem sie in Lachen ausbrachen. Ich sah die Alten. Wie Tiere
spreizen sie die Beine. Sie sind ein armes Wild, das man verwundet hat
und das mit sich alles geschehen lt, ohne Klage, da es gewhnt ist,
verwundet zu sein.

So sprach Louis Buisson, ohne an Pierre zu denken. Dann fiel es ihm ein
wie ein Blitz: aber Berthe, Pierre und Berthe! . . . Er blickte auf
seinen Freund, der, die beiden Hnde auf den Knien, nicht daran dachte,
auch Vortrge zu halten. Er sah das arme verseuchte Mdchen in Trnen
gebadet, in Trnen der Verseuchten, und das war so traurig, da er
keinen Vorwurf gegen sie erheben konnte. Den Charakter der Mnner von
zwanzig Jahren bilden ebenso die Worte ihrer Freunde wie die Regungen
ihres Herzens. Pierre berdachte all die Gedanken ber Liebe, die Louis
ausgesprochen hatte, und da noch sein natrlicher Edelmut hinzukam,
empfand er Mitleid mit Berthes Krankheit und zugleich Furcht vor der
seinen. Er frchtete sich sehr. Er kannte die Krankheit nicht genug, als
da er gewagt htte, ihr ins Gesicht zu schauen, er wute, da man von
ihr spricht wie von der Schande und vom Unglck.

Da erhob sich Louis Buisson, nherte sich Pierre, ergriff seine beiden
Hnde und drckte sie. Gewhnlich war er mit seiner Zrtlichkeit
zurckhaltend. Aber ich habe, Herrgott, Unheil angerichtet mit meinen
Reden. Er revoltierte gegen sich selbst, gegen seine Worte, gegen die
Wahrheit, gegen das Brocaspital. Es kann nicht sein, denn es tut weh und
mein Herz ist gut. Er erhob sich, trat auf Pierre zu und sagte:

Aber nein, Pierre. Aber nein, aber nein . . .

Er schrie und er hatte Lust, es ber die Dcher zu schreien:

Aber nein, aber nein, aber nein . . .

                   *       *       *       *       *

Nach Hause zurckgekehrt, schrieb Pierre an Berthe:

Meine liebe kleine Freundin!

Es schmerzt mich, dir diesen Brief zu schreiben, weil es dich schmerzen
wird, ihn zu lesen. Du bist krank, meine kleine Berthe, ich mchte bei
dir sein, um dich zu trsten und dir zu beweisen, da ich um deiner
Leiden willen leide. Dennoch gibt es Dinge, die ich dir sagen mu.

Bis heute abend kannte ich das Brocaspital nicht. Ich wei jetzt, von
welcher Krankheit man dich dort kuriert. Du wirst sehr traurig sein,
aber glaube nicht, da ich dich verlasse. Ich verlasse die Meinen nie
und du gehrst zu den Meinen, denn es sind schon drei Monate her, da
wir uns kennen. Ich schicke dir eine Postanweisung auf drei Francs.

Das wollte ich dir sagen: unsre Beziehungen mssen sich ndern, denn ich
will nicht deine Krankheit bekommen. Ich zgere niemals ein Opfer
darzubringen, aber hier wrde mir das Opfer ein bel zuziehen, ohne dir
zu ntzen. Wir werden uns weiter sehen, nicht wahr? Wir werden zusammen
spazierengehen, wenn du wollen wirst, und wir werden zwei Freunde sein,
Freund Pierre und Freundin Berthe.

Du verstehst wohl, da ich deiner Krankheit nicht nachlaufen kann. Ich
glaube, ihr entwischt zu sein, denn ich sehe keinerlei Anzeichen, aber
ich bin noch nicht auer Gefahr. Einer meiner Freunde, der Mediziner
ist, hat es mir gesagt. Man mu vierzehn Tage abwarten.

Berthe, wenn ich krank wre, wrde ich dir verzeihen. Ich bin aus einer
Familie, in der man nie solche Krankheiten gehabt hat. Ich mchte sie
nicht auf andre bertragen. brigens wollen wir uns schreiben wie
frher. Ich hoffe, niemals zu bedauern, dich kennengelernt zu haben.

Ich schliee, meine liebe kleine Freundin, in Gedanken an dich. Ich
erwarte deine Antwort mit groer Ungeduld, um zu erfahren, ob du nicht
zu traurig darber warst, was ich dir schreibe. Ich liebe dich immer,
und liebe dich noch mehr, weil du krank bist!

Dein dich kssender Freund

Pierre.

Zwei Tage spter erhielt er den folgenden Brief:

Pierre!

Ich habe deinen Brief bekomen, er hat mich krank gemacht dise Keckheit
hab ich erwartet da du das auf mich schbst und du glaubst fielleicht
da das so gehen wird aber du ihrst dich ich hab niemals nicht aufgehrt
zu glauben da du es bist, von dem ich dise schrkliche Krankheit habe.
Und du hast recht ich hab niemals was gsagt weil du mich unterstzt hast
aber jezt gibst du zu da ich gnug hab aber ich leide und bin schrklich
traurig und dir ist es noch recht, was du angestellt hast und noch
andern Mdeln denen du bisl Gelt gibst und fr die Mhe, die sie sich
mit dir geben ansteckst. Fielleicht haben sich dise Mdeln umgebracht
denn ich wenn ich nicht an meine Familli gedacht ht und ich hab
gedacht, da mein Vater genug gelihten hat durch den Tot meiner Mutter,
um jezt von meinem Tot zu erfaren. Dann hab ich nicht glaubt da ich
eines Tags meinen Henker begegne am 15. Juli auf dem Boulevard
Sebastopol. Was hab ich seit disem Tag geweint aber es ist zu spt ich
mu es tragen das alles sage ich dir weil ich sicher bin da du mich
angsteckt hast du wirst mich unglckli gemacht frs ganze Leben. Dann
komen noch schwere Tge fr mich und noch fr andre die leiden die tun
mir leid da dise Leute deinwegn leiden denn meiner Treu die Leute, die
wissen da du dran schult bist sind noch bser auf dich als ich aber ich
hr auf niemant und leide, ohne mich zu beklahgen. Du solst wissen, da
ich kein gmeines Mdel bin denn wenn ich wolte knnte ich auch andre
Mnner anstecken aber ich la mich lieber kurihren bis ich gsund bin
werde ich mich umsehn ferzeihen aber werde ich dir niemals. Du
ferdiehnst es nicht ein Mensch der mir so vll angetan hat was ich nicht
ferdiehnt hab, und ich hofte nicht eines Tags gemordet zu werden. wie du
weit habe ich augenblklich jezt groe Halsschmerzen. Ich wei ja da
du dich drber lustik machst aber ich erleichter mich und dann wirst du
besser wissen als ich wie es einem get, in diesem Zustand und mit der
Watte die ich krzlich von der Erd aufghoben hab wrdest du dir nicht
die Fse waschen woln und dann die Salbe, die auf dem Waschtisch unter
der Schssel steht reibst du dich ein fr die Krankheit ist es gut sonst
weniger . . . aber die Krankheit erfohrdert es oder du bekomst noch mehr
Geschichten und dann wrde das Weib das mit dir geht es sofort krigen.
Ferdrieslich ist da es sich verschlimmert, wenn man sich aufrehgt und
man steckt die andern an, dann versezt man sie und nimt wider eine andre
dann bist du neidisch da die andern es nicht haben wie du. Aber ich
bitte dich Pierre kurihr dich wie ich damit du nicht imer mehr anstekst
denn einmal knnte es dir schlecht erghn und dir nicht gut bekomen das
rat ich dir. Dein Freund der Arzt ist ein reiner Schwindel denn du hast
mich satt und sonst nix.

Ich hoffe da du auf mich nicht zu bs bist aber merke dir da ich nicht
so schlim bin ich wnsche mir nur eins da ich dir niemals nicht begegne
denn du bist nicht ein Freund wie du sagst du bist fr mich weniger als
nix oder das Trotoar wo ich alle Tge geh aber du behalt mich in
Erinerrung wie ich dich aber als einen Menschen der nicht wert ist ein
Mdel wie ich gehabt zu haben denn ich bin entschihden das beste Mdchen
das man in Paris finden kan und das ist doch wahr. Ich beantworte deinen
Brief freundlichst und sag dir meine Meinung troz dem Abscheu die ich
vor dir hab.

Frulein Berthe,

das Mdchen und die Unglkliche, die nur Abscheu hat vor dem der sie
angstekt hat.

Vierzehn Tage spter erkannte der Arzt, da Pierre die Syphilis hatte.




VI


Berthe blieb anderthalb Monate im Krankenhaus.

Maurice wartete auf sie, wie man auf das tgliche Brot wartet, und
besuchte sie jeden Donnerstag und Sonntag. Sie sagte: Die rzte wollen
mich noch einen Monat behalten.

Das ist eine lange Geschichte, sagte Maurice.

Was willst du, ich mu mich kurieren.

Er antwortete: Oh, ich wei, du willst alles nach deinem Kopf machen.

Im Hotelzimmer sa er, trank das Wasser aus der Flasche und wartete auf
sie. Manchmal a er nur Kse. Fr drei Francs verkaufte er seinen
Regenschirm und wartete mit einem gewissen Vertrauen zwei Tage. Dann
tauchte ein Kamerad mit fnf Francs auf, der ihm das Zimmer bezahlte. Er
a etwas bei der Mutter, aber Geld verweigerte sie ihm. Er sagte: Du
knntest mich krepieren sehen! Sie erwiderte: Arbeite!

Berthe konnte ihm ein paar Zehnsousstcke geben: im Krankenhaus braucht
man nichts. Es fanden sich zwei oder drei Frauen, die ihm ein Frhstck
anboten und ihm den Tabak bezahlten, aber keine von ihnen konnte das
Leben mit ihm teilen, denn er hatte gewhlt, wie Mnner whlen -- fr
immer. Er sa und wartete, die Fuste an den Kinnbacken, trockenes Brot
kauend.

Er wartete ganze Nachmittage in den Straen, wo er zwecklos herumging.
Manchmal wurde ihm die Zeit trb und blieb unbeweglich ihm zu Hupten
schweben wie ein Schleier der de, wie etwas Gleichgltiges und Totes.
Die Tage, an denen er mit den Kameraden zusammen gearbeitet hatte, und
die Abenteuer schienen ihm vergangene Tage zu sein, Tage alter Zeiten,
da man noch unter Menschen gelebt. Er hegte zwei oder drei Erinnerungen:
Berthe schleppte sich ghnend durch das Zimmer und rekelte sich. Mir
ist es fad! sagte sie. Er antwortete: Wenn es dir fad ist, hau ich dir
eine bers Maul. Er begriff nicht, wie man einen ganzen Abend lang
mutlos bleiben kann, whrend das Leben fiebert und die Welt voll Taten
ist.

Jetzt begriff er dies besser. Ein wenig Leid klrt uns auf und weist uns
die Schmerzen, die wir zu sehen nicht verstanden haben als ewige und
bessere Brder. Er fhlte noch, da das Glck unzuverlssig ist und
unser Herz ein schwankendes schwarzes Wrack. Er verlor seine Zuversicht
und schrieb an Berthe: Ich sehne mich nach dir. Es ist das erstemal,
da wir getrennt sind, und mir ist, als wren wir fr immer getrennt.
Ihm zogen nicht Gedichte durchs Herz, weil er keine kannte, aber eins
nach dem andern fielen ihm all die Liebeslieder wieder ein, die er
gehrt hatte. Die schnsten und die lautersten waren die besten. Er
fhlte mehr als jemals, was Schnheit ist. Vor allem das Lied Lakms
fllt uns ein und legt sich auf die Wunde, die uns schmerzt. Es kam von
seinen Lippen wie ein Schrei, wie ein Hauch und wie ein guter Duft:

   Ja, ich finde dein Lcheln wieder
   Und will in deinem Aug' den Himmel schau'n.

Aber es kam ein Tag, an dem Maurice des Wartens noch mder wurde. Seit
vierzehn Tagen war Berthe im Spital, das Elend schien ihm schon lang.
Die ersten Tage haben Freunde und Hilfsquellen, aber bald, wenn die
Schuhe durchgetreten sind und die Kleider zerfransen, wird das Elend des
trockenen Brotes zum Elend in Lumpen, gegen das die Freunde nicht mehr
aufkommen. Einst glaubte man an die Mglichkeit der Abenteuer. Stehlen
ist schn, solang man es zu seinem Vergngen macht, wer aber aus
Bedrfnis stiehlt, wird zu erregt fr seine Abenteuer, um sie sicher zu
bestehen. Dann macht trockenes Brot kraftlos. Er sprte einen
Nachgeschmack von alledem im Magen, einen lcherlichen Druck vom Kse,
die Schwere von schlechter Nahrung und Hunger. Der Aufruhr durchstrmte
seinen Krper, der Ksegeruch verursachte ihm belkeiten, der starke
Mann blickte mit durchdringenden Augen um sich.

Da suchte er seine Freunde wieder auf. Er suchte sie nicht auf wie
einst, da seine Seele an lustigen Nachmittagen unter ihnen sorgenfrei
war. Sie gingen damals in den Hinterraum der Weinstuben, lieen sich
nieder, die Ellbogen auf den Tisch, die Faust unters Kinn, plauderten
und tranken Rotwein. Er litt unter einer empfindlichen Melancholie, die
ihn an der tglichen Arbeit hinderte, und so bedurfte er eines Kampfes,
um entzndet zu werden, eines groen Abenteuers, das ihn aufrttelte und
berwltigte, damit er eines Tages all die Energie Bbs wiederfinden
und auf einmal wieder seine tgliche Arbeit verrichten konnte. Er
bedurfte eines groen Diebstahls, der ihm die Taschen hinlnglich mit
Gold fllte, da er warten konnte wie ein Rentner der Liebe, wie ein
Dichter der Melancholie, der an nichts andres denkt, als wie seine
Schne eines herrlichen Morgens zurckkehrt, und an neue
Hochzeitsfreuden.

                   *       *       *       *       *

Es war eine einfache und traurige Geschichte. Sie ereignete sich in
einem Tabakladen um drei Uhr morgens, mitten in verlassenen Straen, wo
die Stille die Menschen ermutigt und so gut zu sein scheint wie ein
letzter Rat. Sie gingen dahin, die Kehle trocken und Blut in den
Fusten. Los endlich, alle drei, meine Brder, dmpft das Herz und pat
auf beim Stehlen, wenn man zittert, wenn man sucht und wenn man findet.

Alles ging gut bis zur Kasse: die Tr und die Schubfcher widerstanden
nicht. Sie hatten kein Glck, weder er noch die andern! Maurice hatte es
sich immer gedacht. Die Kasse enthielt sechzehn Francs, nur sechzehn
Francs! So nahmen sie alles mit: die Briefmarken, die Stempelbogen, die
Zigarren, die Zigaretten und den Tabak. Sie stopften damit die Taschen
voll, dann das Hemd, dann packten sie in die Taschentcher. Als sie sich
entfernten, war die Strae noch leer, und sie trennten sich alle drei,
den Himmel zu Hupten und die Gedanken schwer.

Nach zwei Tagen hatten sie nicht viele Briefmarken verkauft und konnten
den Tabak nicht an den Mann bringen. Das Losschlagen gestohlener Sachen
ist unsicher wie der Diebstahl selbst, und die Tage sind schrecklich,
sobald die Nerven beim Anblick des Schatzes zu tanzen beginnen. Maurice
ging umher, die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der
Brust. Er hatte vielleicht Freunde. Am Morgen des dritten Tages, als er
auf dem Quai de l'Horloge dahinschritt, traten an einer Ecke zwei Mnner
hervor. Er hatte sie schon am Tage vorher getroffen und ihre breiten
Schultern und ihr Maul bemerkt. Ein Blick rckwrts, die beiden Mnner
folgten ihm. Er hrte ihre Schuhe wie einen berfall, fhlte sie drhnen
wie Fuste und gewichtig wie die Polizei, die alles wei. Er versuchte
rascher und unbefangener auszuschreiten. Dann erstarrt einem das Blut im
Leibe, es war vorauszusehen, zwei furchtbare Fuste packen einen, zwei
Schultern stoen mit namenloser Brutalitt vorwrts und auf zwei Stimmen
ist keine Antwort mglich: Marsch! Keinen Laut!

Er hatte die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der Brust.

                   *       *       *       *       *

Berthe erfuhr dies durch ihre Schwester Blanche an einem Donnerstagabend
im Sprechzimmer des Brocaspitals. Blanche wute es von Charlot, der es
vom langen Jules hatte, und man wute ferner trotz den Gefngnismauern,
da Maurice mit Syphilis angesteckt war. Blanche redete als Bringerin
einer groen Neuigkeit sehr wichtigtuerisch, mit Mienen und Gesten und
einer Art von Groartigkeit, wie eine Zeitung eine Nachricht in die Welt
setzt. Da trat in der schwarzen Spitalsluft, zwischen den vier Wnden
des Sprechzimmers, tiefe Stille ein, whrend die Kranken rings um Berthe
lebhaft waren und Berthe sich einsam fhlte. Dunkel sank auf die Hupter
und verschleierte die Augen. Das Spital wurde noch mehr Spital, das
Leben schien noch mehr das Leben zu sein, um das man ringt und das
verwundet. Berthe begriff, da ihr das Leben bis hierher allzu leicht
erschienen war.

Aber Blanche sagte:

Ach, was! Er hat dich lang genug geprgelt!

                   *       *       *       *       *

In den folgenden Tagen richtete sich Berthe ihr Leben neu ein. Die
Gewohnheiten Maurices waren ihr in Fleisch und Blut bergegangen und
formten ihren Leib und ihre Gedanken. Sie war zunchst Berthe, aber sie
war auch die Frau, die ein Mann vier Jahre befruchtet hatte, wie der Nil
die Erde gyptens berflutet. Sie hatte groe Angst gehabt. Mit ihren
siebzehn Jahren hatte er sie bei der Hand genommen und sie in die Welt
gefhrt. Dann hatte er gesagt: Hier mut du hingehen! Und er hatte sie
bewacht auf ihrem Wege. Die Tage im Spital waren noch die Tage Maurices,
denn jeden Donnerstag und Sonntag besuchte er sie im Sprechzimmer. Und
dann wute sie, da sie ihn jeden Augenblick wiedersehen konnte. Nun
drehte sich alles um sie: Paris, das Spital, die Gegenwart, die Zukunft,
und die wirrsten Gefhle:

   Ein Wesen schwand dir hin,
   Und alles ist verdet.

In den folgenden Tagen versuchte Berthe, ihr Leben neu einzurichten. Sie
richtete es mit ihrer Schwester Blanche ein, mit einer kleinen Freundin
namens Adele, dann mit irgendwem, gleichgiltig wem, denn eine Frau soll
nicht allein sein. Sie suchte Mnner in ihren Erinnerungen. Sie dachte
an Pierre, an ihn, den sie in ihrem Unglck angeklagt und der ihr
beschwrend geschrieben hatte, da er nicht der Schuldige sei. Er hatte
geschworen, wie sie es gern hrte -- beim Haupte seiner Mutter --, denn
dann ist es die Wahrheit. Sie gedachte auch andrer Mnner und lie sie
in Gedanken vorberziehen, um sich zu betuben und Hoffnungen zu
schpfen. Aber nichts vermochte die Erinnerung an Maurice auszulschen,
und htte ein Gott sich an der Tr niedergelassen, htte er sie zu
seiner Gefhrtin gemacht und sie zu hchster Herrlichkeit geleitet,
htte er sie sogar beschenkt und sie geliebt, nie -- nie htte sie den
einen vergessen knnen, der sie zur seinen gemacht hatte und der mehr
war als ein Gott, weil er ein Mann und sie eine Jungfrau gewesen war.
Sein Leib war dem ihren viel tiefer eingeprgt als alle Gefhle und alle
Wnsche. Sie wute nicht, wie man die Leute im Gefngnis richtet, doch
alles Leid, das sie erlebt hatte, flte ihr ein groes Mitrauen gegen
die Zukunft ein und lehrte ihr, da ein Unglck das andre nach sich
zieht. Sie war krank geworden, weil sie kein Glck hatte, und aus
demselben Grunde, glaubte sie, wrde ihr Maurice jahrelang fernbleiben.

Da fhlte sie sich verloren, ihre Gedanken schweiften all die kommenden
Tage entlang, um ein kleines Glck zu entdecken, das sie mit gierigen
Hnden ergriffen htte, sie blieben vor allen mglichen Winkeln stehen,
aber nichts gengte ihrem Herzen, denn sie kam aus einem schnen Lande,
und das war sein Land.




VII


Und eines Abends verlie Berthe das Spital. Eines Sommerabends, eines
Herbstabends? . . . Die schnen Tage waren nicht mehr. Es war ein Abend,
an dem Berthe keinen Sou in der Tasche hatte . . . Sie suchte Pierre
auf, wie man hundert Sous holen geht. Er studierte in seinem Zimmer mit
der Willenskraft des Lothringers, der seinen Weg machen will, doch ohne
Begeisterung, denn das Studium der einsamen jungen Leute ist freudlos.
Er hatte ihren Brief beantwortet und ihre Krnkungen vergessen, sie
hatte ihm geantwortet, da sie ihm glaube.

Sie kam, ohne da er sie erwartet htte. Etwas lag zwischen ihnen und
jeder fhlte rings um sich, was es war. Aber man soll sich berwinden
und das Ehrgefhl ausschalten, wenn man arm ist. Noch etwas lag zwischen
ihnen, was Mann und Frau scheidet: sie dachte daran, da sie keinen Sou
besa, er dachte daran, da ihn der Besuch fnf Francs kosten werde.

Zunchst mu man leben, dann kann man Gefhle haben. Erst am nchsten
Morgen verlie Berthe Pierre, um sich bei Maurices Mutter, die sie
flchtig kannte, Nachrichten zu holen.

Sie kam in dem kleinen Laden in Plaisance gegen zehn Uhr an.

Die andre sagte:

Ah! Da sind Sie! Sie!

Sie lie sie in den Hinterraum treten, und ohne sich zu setzen, legte
sie schon los.

Ihretwegen hat mein Sohn das getan! Ich wei alles, da Sie ihn mit
Ihrer Krankheit angesteckt haben, mit dieser Fulnis, und ich wei auch,
wo Sie herkommen. Mdchen wie Sie sind ein Unglck!

Sie fuhr lange fort und redete dicke und unterstrichene Phrasen. In dem
Hinterraum des Ladens schienen die polierten Mbel die Worte
widerzuspiegeln und ihnen Kraft zu verleihen, so da sie wie ein
Beispiel von Tugend sich der Verkommenheit entgegenzurecken schienen.

Sie sprach, sehr sauber und wohlgekmmt, mit der Entrstung der ehrsamen
Frau und am Ende der Abrechnung drckte sie, da ihr Sohn Berthe nicht
vergesse, die Hoffnung aus, auch Berthe wrde ihren Sohn nicht vergessen
und ihm von Zeit zu Zeit ein Fnffrancsstck schicken.

Berthe betrachtete gesenkten Hauptes ihre Hnde, errtete, hrte der
alten Frau zu, wobei ihr die Gedanken ganz wirr durcheinandergingen,
wute nicht mehr, was werden sollte, beugte ihre sanftmtige Seele und
fhlte sich schuldig. An manchen Tagen war sie so gtig, da sie kein
Empfinden fr das Unrecht hatte, das man ihr antat.

Sie ging zu ihrer Schwester Blanche.

Um nichts in der Welt htte man geglaubt, da Blanche die Schwester
Berthes sei. Sie war ein Mdchen von siebzehn Jahren, rosig und blond,
doch wenn ihre Haut jung und straff war, so lieen ihre Kleider und ihre
Haltung keinen Gedanken an Jugend zu, und auf der Strae galt sie in den
Augen der Zuhlter als der Inbegriff dessen, was man einen Schweinigel
nennt. Ihre ber der Stirn kurz geschnittenen Haare waren an den
Schlfen gelockt und in Ringel gedreht, nach der Sitte der
Freudenmdchen in den Vorstdten, nach der ewigen Regel, da Menschen
desselben Berufes sich gleich tragen und von gleichem Stolz erfllt
sind. Sie ging ohne Hut, die Hnde in den Schrzentaschen, den Leib
vorgewlbt und die Fe nachschleifend, wie man Pantoffeln schleift.
Seit ihrer Kinderzeit, in der sie ihrer Herrin hundert Sous gestohlen
hatte, war ein Tag gekommen, an dem sie in einem Hotel ihre
Jungfernschaft in den Hnden eines Zuhlters gelassen hatte, und andre
Tage, an denen alle Gaben ihres Leibes und ihres Geistes sie der
Laufbahn entgegenstieen, die sie spter freiwillig whlte. Sie lebte
zufrieden in ihrer Welt, nahm unwillkrlich deren Benehmen und Sprache
an, ganz jung noch wurde sie ffentliches Mdchen, wie Musset Dichter
wurde, ganz jung noch. Syphilitisch von Beruf, ohne einen Blick des
Bedauerns zurckzuwerfen, hatte sie den Kopf voll Luse, ohne da ihr
der Wunsch nach Sauberkeit kam, und ihre Rcke verbreiteten einen Geruch
von Laster und Schmutz um sich, der die Mnner anzog. Sie lebte vergngt
und skrupellos, und da das Geld ein Ziel auf dieser Erde ist, hatte sie
keine Vorstellung vom Guten oder von Ehrsamkeit und fhlte sich
glcklich wie ein Mensch am Ziele in dem Augenblick, wo sie die Taschen
voll Geld hatte.

Unter den Zuhltern der Rue de la Gat whlte sie einen Mann nach ihrem
Herzen -- einem unabhngigen und gleich dem Leben sich wandelnden Herzen
--, lockte ihn an sich und warf ihn, wenn sie seiner satt war, fort, um
einen andern zu whlen, wie ihre Begierde es bestimmte. Sie war ihre
eigne Herrin, und sie beschtzte sich selbst mit einem groen Messer,
das sie stets in der Tasche trug und danach sie tastete, um sich seiner
zu versichern wie ein Reisender, den seine Waffen furchtlos machen, da
er wei, da es ihm an Mut nicht fehlen wird.

Berthe erzhlte ihr die Szene, die sich soeben abgespielt hatte.

Blanche sagte:

Wie! Du hast nicht gewut, was ihr antworten? Ich htte ihr alles
gesagt. Ich htte ihr gesagt: Alte Heuchlerin, Sie sind ja froh, da ich
ihn aushalte! Sie machen Geschichten, weil Sie wissen, wie dumm ich bin.
Er hat keinen Fetzen am Hintern, den er selber verdient htte. Er soll
nur kommen, Sie werden sehen, wie ich den Zuhlter jagen werde!

Berthe erwiderte:

Gewi, aber ich kann mich nicht wehren.

                   *       *       *       *       *

Bei ihrer Schwester lebte Berthe, nachdem sie das Spital verlassen
hatte. Bei ihrer Schwester, denn das Familiengefhl ist strker als
jedes andre, und Schwester bleibt man, was auch geschieht. . . So blieb
Berthe bei Blanche, die stark war und sie ein wenig strkte. Blanche
ging wie ein Vorbild, ohne sich um die Welt zu kmmern, ihren Weg, und
Berthe, die abgeirrt war, brauchte nur ihren Schritten zu folgen. Sie
empfand in der ersten Zeit infolge der alten Gewohnheiten einen Rest von
Trauer und dachte in ihrer schlichten Seele: Ich sehne mich nach
Maurice. Sie dachte es sehr heftig und betrachtete die Dinge rings um
sich mit einer groen Unruhe, wie man einen Kameraden betrachtet, der
sein ueres verndert hat. Sie lebte bei Blanche, die ihr Gewissen
beschwichtigte und sagte: Recht hast du. Es war ihr gleichgltig, ob
sie recht hatte oder unrecht, aber wir suchen berall die Besttigung
unsrer selbst, die einen Teil unsres Glcks ausmacht.

                   *       *       *       *       *

Abends zwischen neun und zehn Uhr gingen sie auf den Boulevard
Sebastopol hinunter. Von der Place du Chtelet dehnte er sich vor ihnen
mit seinen Trottoirs, seinen zwei Lichterzeilen und war ihnen wie ein
Werkzeug, dessen Handhabung sie kannten und das sie unermdlich
gebrauchten, whrend ihr Krper dabei zerbrochen wurde. Alle
Straenecken sprachen zu ihnen gleich Erinnerungen, bei jedem Schritt
wanderte ihr Zweck mit, sie dienten ihm ohne Lcheln und ohne Aufregung
wie ein Geschftsmann, der sein Geschft ausbt. Blanche machte sich den
Beruf leichter, indem sie die Mnner direkt ansprach. Berthe warf ihnen,
ein wenig tnzelnd, Blicke zu. Da wimmelten junge Leute, die wie
Fragezeichen aussahen, Mnner von vierzig Jahren, deren Erscheinung
ernst ist und deren Gesprche klar und klingend sind wie ein
Fnffrancsstck, Betrunkene, die nicht mehr rechnen knnen, die von
Liebe schwtzen und einschlafen und die man im Stich lt . . . Zuhlter
mit schwarzer Schnauze stieen sie im Vorbergehen an mit Worten, mit
Blicken und Schlgen ihrer Rabenflgel. Die Mdchen betrachteten sie
flchtig, wie man Menschen ansieht, die nicht zu uns gehren, und
zuckten die Schultern, als sen sie darauf und sollten abgeschttelt
werden. Blanche ging ohne Hut, mit festen groen Schritten wie
Wscherinnen mit dem Korb, Berthe mit kleinen Schritten, mit dem
Aussehen der Blumenarbeiterinnen. Die ffentlichen Mdchen kamen
vorber: solche, die jung und blendend sind wie ein Vergngen von
siebzehn Jahren und die es nicht verstehen, sich der ersten Glcksflle
und reichen Launen zu bemchtigen, -- solche, die nicht auf dem
Boulevard Sebastopol bleiben und mit ihren gestrkten Unterrcken
rauschend weitergehen, um rings um sich die Begierde auszustreuen, --
solche, die schon mehrere Jahre des Pflasters hinter sich haben, die es
kennen und bis auf den Grund ausntzen, -- und dann gab es Alte mit dem
schweren Gang von Khen, die an den Straenecken Halt machen und mutig
alle Passanten stellen, da es sich um das tgliche Brot handelt. Die
Lichter dienen dazu, die Gesichter der Strae zu studieren, die
Kaffeehausterrassen waren Lockpltze, wo sie die Blicke ausstreuten, um
dann zurckzukehren und nachzusehen, ob zu ernten sei, was man gest
hat.

Etwas spter verlie Blanche ihre Schwester und ging in der Richtung der
Markthallen und der Rue Montmartre. Sie arbeitete am liebsten allein,
denn ernste Arbeit braucht Einsamkeit, in der man seine Fhigkeiten
sammelt wie ein Mensch, der vorwrtskommen will. Es gengte, sie
anzusehen, und sie hngte sich an; und dem Verlangen gleich, das in
unserm Herzen schlummert, kam sie, war da, mit ihren Gebrden und ihren
Beschwichtigungen. Sie verkaufte billig, um hufiger zu verkaufen. Im
Stadtviertel der Zeitungen und der Bars, und zumal wenn es dunkelte,
waren die Mnner leichter zu haben. Sie strkte sich mehrmals, indem sie
einen Kaffee mit einem Glschen zu fnfzehn Centimes trank, und kehrte
um vier Uhr morgens nach Montrouge zurck, die Brse gefllt und das
Herz zufrieden.

Berthe machte auf dem Boulevard Sebastopol und den groen Boulevards die
Gefhlvolle. Angefangen von ihrem schwarzen gescheitelten Haar und ihrem
weien Antlitz bis zu ihren Beinen, die an die Rcke schlugen, empfand
man ihren Gang als ein hbsches Geschehen in einem besondern Dasein,
empfand ihr Herz als das einer sen und lieben kleinen Frau. Viele
Vgel lieen sich fangen. Die jungen Leute dachten: Das ist ein
zuverlssiges Vergngen, denn auerdem macht sie den Eindruck, als
knnte man mit ihr verstndig reden. Man sagte zu ihr: Frulein, ich
geh Ihnen nach und Sie lassen mich tchtig rennen. Sie antwortete
manchmal: Ach, mein Herr, das erklre ich Ihnen. Ich bin klein, und
wenn ich schnell gehe, merkt man's viel weniger. Ein andermal gingen
sie neben ihr her und sagten nichts, weil sie so war und ihre Herzen
gerhrt wurden. Sie lchelte dann und war anziehend, wie die Sanftmut
anziehend ist. Sie machte die Gefhlvolle bei den jungen Leuten und den
Mnnern, denn es gibt viel Liebe auf Erden, und die Liebe flutet heran
und trgt uns wie Kinder von hinnen, den Frauen entgegen, wo
Kindlichkeit und Gte sind.

Sie hatte Syphilis. Um diese Zeit litt sie viel Schmerzen im Munde, und
ich glaube, alle ihre Ksse hatten Syphilis. Viele Vgel lieen sich
fangen. Im Spital hatte sie sich gesagt: Ich wei nicht, wie ich es
machen soll, denn andere will ich nicht anstecken. Sie war entlassen
worden. In den ersten Tagen dachte sie: Ich werde ihm sagen: Wasch dich
gut. Dann mute sie essen: das Mitleid ist nichts fr den tglichen
Gebrauch. Wenn sie lange gegangen war, begannen die Steine hart zu
werden und hingen sich ihr an die Fe wie Quadern und wie steinerne
Herzen. Sie dachte: Das hat mich tchtig gepackt.

Das ist nichts, Herr Gott. Da ist ein Weib auf dem Straenpflaster, das
dahingeht und ihren Lebensunterhalt verdient, weil es schwer anders
kann. Ein Mann bleibt stehen und spricht mit ihr, da Du uns das Weib
gegeben hast, auf da wir uns daran erfreuen. Und dieses Weib ist
Berthe, und den Rest weit Du schon. Das ist nichts. Da ist ein Tiger,
der Hunger hat. Der Hunger eines Tigers gleicht dem Hunger eines Lammes.
Du hast uns Nahrung gegeben. Ich glaube, dieser Tiger ist gut, denn er
liebt sein Weibchen und seine Jungen und er liebt das Leben. Aber warum
mu der Hunger eines Tigers Blut haben, whrend der Hunger eines Lammes
so sanft ist?

Da waren ganz junge junge Leute, die unwissend, mit vollem Herzen und
all ihrem Gelde mit den Frauen gingen. Da waren Mnner von
fnfundzwanzig Jahren, die ihrer bedurften, sie suchten und lachten,
sobald sie sie gefunden hatten. Da waren verheiratete Mnner, die
dachten: Ein kleines Abenteuer, ein Lcheln, eine Laune fr das Mdchen
da, weil sie etwas andres ist, als was mir beschieden war. Da waren
Mnner von vierzig Jahren, die Gesundheitsgrnde vorschtzten. Da waren
Passanten, gleichgltig was fr Menschen, deren Schicksal sich
entschied.

Ein Mann von fnfzig Jahren kam aus der Bretagne, um in Geschften eine
Woche in Paris zu verbringen. Er begegnete Berthe am Abend seiner
Ankunft. Jeden Abend bezahlte er ihr die Mahlzeit, fhrte sie ins
Caf-Konzert und gar ein wenig in die Nachtrestaurants. So lernte er das
Leben von Paris kennen, das er als junger Mensch nicht hatte kennen
lernen knnen, weil er damals kein Geld hatte. Dann kehrte er in seine
Bretagne zu Frau und Tchtern zurck, das Herz leuchtend und die Lippen
feucht.

Ein andermal sprach sie ein Mann von fnfunddreiig Jahren an, und er
hatte eine Weile gebraucht, bevor er sie ansprach. Sie verbrachten die
Nacht in einem Hotel der Rue Saint Sauveur und er schenkte ihr fnfzehn
Francs. Er sagte zu ihr: Vor dem Schlafengehen mach deine Haare
zurecht. Er legte sich neben ihr nieder und kte sie auf die Augen:
So bist du einer Frau hnlich, die ich sehr geliebt und die ich
verloren habe. Er tat sonst nichts, sttzte sich auf dem Kissen auf,
sie schlief ein, und die ganze Nacht strich er mit der Hand ber ihr
Haar. Es gibt schne Herzen, die heil bleiben.

Gewhnlich kehrte Berthe um zwei Uhr frh nach Hause zurck, denn die
Straen bieten dann nur mehr zufllig vierzig Sous und die Gefhle sind
matt.

Oft griff Blanche bei den Hallen gerade ihren Mann auf, der nicht
immer wute, wo er schlafen sollte oder die Nacht durchwachen wollte.
Alle drei, er, Blanche und Berthe, schliefen nebeneinander, doch Blanche
behielt den Platz in der Mitte, um ihn an bergriffen zu hindern und
weil sie sehr eiferschtig war. Es waren schwle Nchte mit den Seufzern
Blanches, den Belstigungen des andern und dem unruhigen Schlafe
Berthes. Am Morgen reckten sie sich dann, der unsaubere Mann und die
beiden Frauen, in ihrem Dunste, wlzten sich herum und sprangen gegen
Mittag aus dem Bett. Sobald Blanche hinunterging, um etwas zum Essen zu
holen, bentzte der mit Berthe allein gebliebene Mann den Augenblick und
begann den Angriff, denn Berthe war hbsch und man hat nie Gelegenheiten
genug. Sie wehrte sich, lie sich gehen, ngstigte sich und spate.

Berthe war eben Freudenmdchen. Das ist kein Beruf, den man am Morgen
verlt und auerhalb dessen man das ist, was man sein soll, wie ein
Beamter auerhalb seiner Kanzlei. Kennst du den Hauch des Lasters, den
man einmal eingeatmet? Die Faustschlge der Zuhlter formen die Mdchen
und hinterlassen im weien Fleische ihre Spur neben dem Verlangen, das
Gott hineingelegt hat. Sie leben miteinander, eine groe Herde, Blanche,
Berthe und die andern, jede gleichsam ein Beispiel und eine Lehre fr
die Nachbarin. Die Welt der Prostituierten verheit zu Beginn ein Leben
in Freiheit, sinkt dann hinab und stinkt nach tausend Geschlechtern
durch den ganzen Tag. Und die Krankheit dringt unter die Rcke mit
fressenden Kssen. Das Trottoir, die Hotelzimmer und die Geldstcke sind
ein einziger Handel, bei dem man seine Seele verkauft, whrend man sein
Fleisch verkauft.

Man sucht das Glck. Das Glck der Freudenmdchen gleicht dem Rachen der
Straen, der stark ist und das Leben zwischen den Kinnladen zermalmt.
Sie bedrfen eines Glcks, bei dem die Mnner herrisch sind und sie mit
ihren Fusten packen wie die Wut, unter der man sich duckt. Man sucht
die Liebe. Die Liebe der Passanten kommt und geht, ohne etwas von ihrer
Flchtigkeit zu hinterlassen, aber es gibt fr das Frauenherz eine
andere Liebe, die sie gefangen nimmt und sie niederbeugt und zu Fall
bringt. So war es einst mit Maurice.

Berthe suchte denn das Glck in der Liebe. Sie lernte zunchst Blondin,
den Radfahrer, kennen. Blondin, der Radfahrer, war gro, breit, rot,
hatte feste Hnde und gediegene Fe, und schritt auf der Strae mit
einer Gewichtigkeit hin, da schon seine Augen schwer auf unserer Brust
zu ruhen schienen. Er betrieb, wer wei was fr einen Fahrradhandel und
besa zwei- oder dreimal ein Automobil, das ihm das Aussehen eines
geschickten Mechanikers und eines geschftigen Kaufmanns lieh, der ber
den blichen Handel hinaus ist. Er fhrte Berthe aufs Land hinaus, und
auch das unterschied ihn von den gewhnlichen Mnnern. Manchmal hatte er
die Taschen voll Geld, ein andermal mute ihm, wie Berthe sagte,
ausgeholfen werden. Seine rohe und handfeste Liebe gewhrte entweder
ppigkeit oder forderte die vierzig Sous von dem Weib, das er liebte.
Und man liebte ihn, weil er einen umfing, da die Knochen knackten, und
man gab ihm alles, weil er nicht fr einen Dummkopf gehalten werden
wollte.

Sie lernte eines Nachts, als sie nach Hause ging, den Azteken vom
Grand-Montrouge kennen. Er stand an einer Straenecke, bla und hager,
mit feinem vorgeschobenen Mund und seinem angespannten Willen. Als er
sie ansprach, fhlte sie, da es da keine Widerrede gab und da ein Mann
alles vermag, wenn er der Welt in die Augen sieht.

Sie lernte eines Abends in einer Bar den Kegel kennen, der hinkte und
ein verpfuschter Zuhlter zu sein schien. Holterdipolter, die Lahmen
sind komisch, es war eine Liebe zum Lachen.

Sie lernte noch andre kennen: die Burschen vom Montrouge, vom
Montparnasse und aus dem Latin, die Liebe am Nachmittag, bei der man
herumbummelt, die Liebe bei Nacht, bei der man heimgeht; sie lernte auf
dem Boulevard Sebastopol sogar die Liebe flink wie der Wind, zwischen
zwei Kundschaften, kennen. Sie kugelte rundum durch die Bars und trank,
was man wollte, und lachte, wie man eine Kugel anlacht, die das rollende
Glck ist. Sie ward eine Hndin, die die Hunde beschnffelten, einer den
andern drngend, das Ding aufgerichtet und das Maul toll wie brnstige
Hunde. Sie lernte sie alle kennen und wandelte durch die Straen als
schwaches Fleisch, das unterliegt, ohne Widerstand, ohne einen Nerv, der
sich strafft, ohne irgendwas, dessen Herrin sie wre. Sie warf ihr
Portemonnaie in die Luft, aus dem die Geldstcke rollten,
auseinanderstiebend im Wirbel eines zgellosen Lasters.

Sie lernte Kiki kennen. Kiki war sechzehn Jahre alt, mit spitzer Stimme,
und flitzte herum wie die Kinder um unsre Beine. Er verkaufte
gelegentlich Gemse und kannte seine Strae, wie man sie kennt, wenn man
Handel treibt, am Gewicht betrgt und mit den Bestohlenen herumstreitet.
Die Mnner nahmen ihn nicht ernst: deshalb wehrte sich Kiki mit Zhnen
und Krallen, heulte in den Straen, strzte sich auf alles und mute
sich mehr als ein andrer Mhe geben, zur Geltung zu kommen. Einmal
begegnete er einem Kindermdchen mit einem Kinde. Das Kind hatte eine
Peitsche:

Gib mir die Peitsche, ich knall mit ihr.

Kiki unterhielt sich damit gute fnf Minuten, dann wollte das Mdchen
weitergehen und die Peitsche wiederhaben.

Nichts da, sagte Kiki.

Als sie sie ihm wegnehmen wollte, wich Kiki zurck und knallte vor dem
Gesicht des Mdchens, indem er sagte: Nicht nherkommen!

Der Junge weinte. Kiki entfernte sich, mit der Peitsche knallend, und
drehte sich von Zeit zu Zeit um, um sie auszulachen. Als er sie nicht
mehr sah, wurde ihm die Peitsche lstig und er schmi sie hinter einen
Zaun.

Er war ein Gassenbub fr Gassenbbinnen, einer der Bengel, deren
Geschichten unterhaltend sind. Berthe gab sich ihm aus Spa hin, und das
ist schlimm, denn eine Frau, die sich achtet, soll einen Mann whlen,
der zu etwas taugt.

Berthe traf mitunter den langen Jules, der in der ersten Zeit mit ihr
stehen blieb und mit ihr plauderte wie mit der Frau eines Freundes. Er
nannte sie Madame. Aber als er von ihrer Lebensweise erfuhr, sprach er
nicht mehr mit ihr und lie sie vorbergehen, den Kopf hoch, wie ein
Soldat in Waffen hinabsieht auf diejenigen, die Zucht und Gesetz
verletzen.




VIII


Es gab andre Tage fr Berthe, und das waren jene Tage, an denen sie
Pierre Hardy besuchte. Er sagte zu ihr:

Du hast mir schweres Leid angetan. Ich bin dir eines Tages begegnet;
wir waren einer wie der andre zwanzig Jahre, und ich habe gelitten, weil
ich Mann war. Zwanzig Jahre bedeuten Liebe, aber Liebe bedeutet Geld.
Ich gnnte mir ein wenig Liebe von meinen Ersparnissen. Sofort hatte ich
diese Krankheit. Mein armes Kind, das ist weder meine noch deine Schuld.
Wir leben in einer Welt, in der die Armen dulden sollen. Ich war weder
reich noch schn genug, um mir eine Frau unter denen zu whlen, die ich
kenne. Du weit, da ich dich zufllig gefunden habe. Ich glaube, da du
viel Unglck gehabt hast, da du dich jedem, der vorberkommt, anbietest.
Ich trste mich ein wenig mit dem Gedanken, da ich dir eines Tages das
tgliche Brot war. Ich bin kein Weiser, ich habe dich anfangs verachtet.
Aber ein Freund von mir hat mir die Worte gesagt, die ich dir
wiederhole: Ich habe erfahren, da die Welt bs ist und da wir zu
beklagen sind! Du hast mir schweres Leid angetan. Heute soll uns das
Leid, das du mir angetan hast, verbinden. Du bist fr mich das einzige
mgliche Weib, denn meine Berhrung bringt die Pest.

Berthe erwiderte:

Was willst du! Das ist unser Beruf.

Sie aen zusammen in einem Restaurant zu fnfundzwanzig Sous.
Speisezimmer im ersten Stock. Die wei gedeckten Tische haben sechs
Pltze und sehen mit ihren Glsern, ihren Karaffen, ihren lflschchen
wie fein hergerichtete Tische aus, an denen man die ausgezeichneten
Gerichte der Reichen verzehrt: Rehschnitten, gebratene Kartoffeln,
Lmmerhach, Spiegeleier, Schokoladenauflauf. Man sieht da Herren im
Zylinder stolz und hflich ankommen, wortlos essen, zurckhaltend und
tief davon durchdrungen, Magistratsbeamte zu sein. Dann it man da all
die Saucen, die die Eitelkeit erfand, um den Armen unrecht zu tun. Man
bestellt seine Speisen in Befehlston und spricht mit leiser Stimme, denn
wohlerzogene Menschen machen keinen Lrm. Auf Berthe bte der Luxus
einen groen Eindruck aus und sie sagte: Hier ist es nicht bel, sie,
die die billigen Selcherlden der Vorstadt gewhnt gewesen war.

Aber nach der Mahlzeit gingen sie in ein benachbartes Kaffeehaus auf
eine Tasse Kaffee. Die Stunde war noch besser: Sie whlten eine Ecke
und, die Ellbogen auf dem Tisch, fern von den Leuten, die Lrm machen,
und von denen, die ihre Manieren unterstreichen, plauderten sie viel.
Berthe, die Herumtreiberin, die von Laster zu Laster lief, setzte sich
in eine Ecke, die Ellbogen auf dem Tisch, und aus der Tiefe ihres
Gewissens stieg ein trauriges und stilles Flmmchen auf. Pierre blickte
sie an und, eine Frau neben sich fhlend, glaubte er ein wenig Liebe zu
erblicken, ein steiles Flmmchen, das brannte und zart war. Ihre Worte
wurden gleich sehr aufrichtig. Sie hatte ein Bedrfnis danach, denn in
unsrer Seele gibt es einen unverrckbaren guten Winkel, der in Zeiten,
da wir nicht bles tun, voll schlichter Gefhle ist; da dringen oftmals
Stimmen hinein und beginnen zu rufen wie verlassene Kinder. Berthe hatte
ein Bedrfnis danach, wie sie einer Mutter bedrfen, dann eines Gatten,
sie, die unbeschtzten Frauen mit den haltlosen Herzen, die ihren Halt
auf der Strae suchen. Sie hatte ein Bedrfnis danach, zu sprechen: So
bin ich, sieh mich an und sage mir, wie du mich findest. Niemals war
Liebe zwischen ihnen, sondern etwas, das sie berdauert: Vertrauen und
Gte.

Sie sprach zu ihm von Maurice und sagte ihm alles. Sie hatte einen
Geliebten, der Maurice hie, der schlecht war und sie aus vollen Hnden
ohrfeigte.

Ich wei nicht, ob ich ihn liebe: er hat mich so geschlagen, da ich
mich das nie gefragt habe. Er war verrckt. Eines Tages habe er sie
geschlagen, bis er merkte, da er sie erschlagen wrde. Rechtzeitig
ergriff er ein Kissen, schleuderte es ihr ber den Kopf und hieb mit der
Faust so lang darauf, bis er erschpft war. Sie war im Gesicht ganz blau
geworden. Doch jetzt sei er im Gefngnis.

Und Pierre sah ihn. Er sah diese Dinge von zwanzig Jahren und senkte den
Kopf wie Adam, als er erkannte, da Bses auf Erden sei. Herr Gott, es
gibt viel Bses auf der Welt. Da sind Frauen, die unter Deinen Augen
sind und Deine Kinder. Du hast sie geschaffen, Du hast sie uns an die
Seite gegeben fr unsern Hunger wie einen schnen Kuchen. Sie dnken uns
so fein, da wir sie nicht anzurhren wagen, Gott, Gott! Da sind
trotzdem Frauen unter Deinen Augen, die ein Kreuz von Eisen tragen.
Gott, Berthe: ein Mann zerdrckt ihre Schultern. Er hlt sie mit seinen
Klauen fest und grbt sich in ihre Haut, da sie ihm nicht entschlpfen
kann. Er zwingt sie vorwrts. Mit seinem ganzen Gewicht drckt er sie zu
Boden, damit sie kraftlos sei wie ein verendendes Tier, damit sie Dich
weder zu sehen noch zu hren vermag.

Pierre blickte Berthe an. Er sagte nichts. Er nahm ihre Hand und hielt
sie zwischen seinen Fingern, um sie sein Mitleid spren zu lassen, ganz
einfach, um ihr ein wenig wohlzutun. Dann gingen sie. Er fhrte sie in
seine Wohnung und hielt sie auf der Strae an der Hand, damit niemand
sie berhre. Er neigte sich zu ihr und fgte, damit sie so recht fhle,
wie er's meinte, die Worte hinzu:

Meine liebe Freundin, meine liebe Freundin!

Manchmal kam ihnen Louis Buisson ins Kaffeehaus nach. Er setzte sich an
die andre Seite von Berthe und alle drei sahen, die Ellbogen auf dem
Tisch, ihren Kaffee trinkend, aus wie drei junge Leute, die zum Plaudern
zusammengekommen waren. Der eine von ihnen war ein armes Kind, eines von
jenen, die nicht wissen, wie sie dir etwas Gutes antun sollen, die dich
aber freundlicher stimmen, da du ihren heien Wunsch sprst. Der andre
verstand viel besser dein Leid, und wenn er es mit dem Finger berhrte,
sprtest du einen elektrischen und zarten Finger, der dich berhrte und
dich sondierte, weil die Wunden sondiert werden mssen, bevor man sie
heilt.

Um diese Zeit erzhlte Louis Pierre:

Ich lese die Evangelien. In einer Nacht stieg Jesus mit seinen Jngern
zum lgarten hinauf. Es war eine Nacht wie die Nchte in Paris, da wir
wissen, da die Lust bse ist, weil ihr die Menschen nachgehen ohne
Liebe. Ihm zu Fen lag Jerusalem, wo die Freudenmdchen und die
Verfhrung aufeinander prallten wie arge Waffen, die tten, um Vergessen
zu bringen. Er dachte daran, da die Welt voll Geld sei, und da die
Hohenpriester und die Soldaten Ha und Kampf hineintragen. Er stieg auf
den lberg, um zu seinen Aposteln zu sprechen: >Ich bin die Liebe.
Lasset uns dort oben zusammenkommen und durchwachen die Nacht vor meinem
Tode. Wir wollen zu Ihm beten, der mich auf euren Weg gefhrt hat, da
er mich noch beschtze. Und morgen, wenn ich am Holze gestorben bin,
gehet hin durch alle Welt und sprechet: Die Liebe ist geboren, wir sind
gekommen, euch die Liebe zu lehren.< Er hielt sich abseits und betete
lange. Dann wollte er nochmals zu ihnen sprechen. Er wendete sich um und
sah, da alle eingeschlafen waren. Petrus und Johannes und Judas und
Thomas und die andern, sie schliefen, die Arme unter dem Haupte so, als
htten sie nichts anderes vor, als zu schlafen. Da bemerkte Jesus, da
irdische Nacht ihn bedeckt hatte: >Jahr um Jahr habe ich meine Seele
ber die Erde gegossen, um sie zu erleuchten. Vergib mir, mein Vater,
doch ich sehe, da alles umsonst war. Diese hier schlafen heute, am
letzten Tage, den Du mir gegeben hast. Wenn die Besten erliegen, wenn
die Guten zu schwach sind fr das Wort der Liebe, warum hast Du mich
hierhergesendet? Der menschlichen Gte ist nicht genug. Ich habe die
glhende Liebe gepredigt, und meine arme Liebe liegt im Sterben.< -- Und
ich dachte an Berthe, Pierre, beim Jesus auf dem lberg. Der Heiland hat
an seinem letzten Tage weinen knnen, aber das Wort der Liebe ist nicht
gestorben. Die Schlfer hatten es bewahrt, denn der Geist ist stark,
wenn auch das Fleisch schwach ist. Sie haben mehrere Seelen gerettet:
den heiligen Franziskus von Assisi und den heiligen Vinzenz von Paul.
Und uns, mein Freund, uns hat ein Freudenmdchen gefunden. Wir wollen
sie lehren, da ihr Leben nicht gut sei, und wollen ein bichen mehr
Gte in das unsre tun, damit sie es begreift und damit sie es liebt. Ich
wei nicht, ob wir sie werden retten knnen, aber ich wei, da das Wort
der Liebe keine Grenzen kennt. Wenn wir scheitern, mein Bruder, dann
trsten wir uns mit dem Gedanken, da wir ein wenig Licht in ihre Seele
gegossen haben und da wir nicht wissen, ob wir nicht am Beginn ihres
Heils stehen.

Und spter, wenn er sich nher an Berthe gesetzt hatte, fragte er sie:

Nun, meine Kleine, warum treibst du noch dein Geschft?

Sie hatte ein nichtssagendes Lcheln wie die Kinder, die wohl wissen,
aber sich nicht zu antworten trauen. Es wanderte eine Weile ber ihr
Antlitz, whrend sie die Augen niederschlug, dann sagte sie nichts.
Anderswo htte sie gesagt: Ach geh, mach keine Faxen! Sie htte dies
gesagt, weil die Leute, die Anteil am Elend nehmen, es zuerst ausntzen
und dann nicht mehr daran denken, ihm zu helfen.

Doch Pierre sah sie an, als wollte er sagen: Nun, meine kleine Freundin,
du weit gut, das bin ich, mit allem, was ich habe. Und alles, was er
hatte, strahlte auf seinem Antlitz wie ein Herdfeuer, das schne Funken
gibt und aufsteigende Wrme. Darum sagte sie:

Sie glauben, da man tun kann, was man will.

Sie fragten sie aus: Wieviel verdiente sie einst mit den Blumen? Sie
erwiderte, da man davon wohl leben knnte, denn man verdiente
fnfundzwanzig Francs wchentlich. Man nimmt ein kleines Zimmer fr fnf
Francs, und abends kocht man zu Hause. Eine Frau ist nicht wie ein Mann,
sie besorgt sich alles selbst.

Nun also, meine Kleine, warum treibst du dann noch dein Geschft?

Darum. Wenn Maurice etwas Geld htte, wrde sie sich einen Blumenladen
aufmachen. Sie htte zwei Arbeiterinnen, denen sie tglich zwanzig oder
fnfundzwanzig Sous bezahlte und die ihr dreimal soviel verdienten.
Berthe kam dann auf all ihre Geschichten: Sie war einem Herrn begegnet,
der sie nach Ruland mitnehmen sollte. Sie lernte einen jungen Mann
kennen, der ihr Tanzunterricht gab, damit sie ins Moulin Rouge eintreten
knnte, wo man fr das Mittanzen in den Quadrillen bezahlt wird. Sie
sollte in einem Caf-Konzert singen, in einem blauseidenen Kleid, bis
daher ausgeschnitten. Maurice wollte einen Phonographen kaufen und beide
wollten auf den Festen der Umgebung von Paris umherziehen. Sehr gern
htte sie Verkuferin in einem Tabakladen sein wollen: Zigarren
gefllig, mein Herr, und man lchelte bei diesen Worten.

Sie erging sich in all den Geschichten einer armen herumstreichenden
Dirne. Ihre Phantasie machte allerhand Sprnge, und es war erquicklich,
ihr zu folgen und, was immer man unternahm, Glck zu haben. Die Mnner
sagen sich: Man zieht sie auf und lt sie schwtzen. Kennt man die
Welt, so ruht man wahrhaftig von seiner Plackerei aus, wenn man den
Kindern zuhrt.

Aber Louis Buisson sagte:

Meine Kleine, wenn du nicht glcklich sein wirst, mut du uns besuchen.
Du wirst uns deine Geschichten erzhlen, und ich wei, da uns das
Vergngen bereiten wird.

Dann verlie er sie, da er arbeiten wollte. Da sagte Pierre: Du sollst
kommen. An den Tagen, an denen du traurig sein wirst, sollst du kommen.
Du wirst sagen: O, wie mir schwer zumute ist, wie mir schwer zumute ist!
Ich werde dir in die Augen sehen und dir antworten: Auch ich habe Tage,
wo mein Herz zerbirst. Du wirst sehen, wie Mann und Frau glcklich sind,
zusammen zu dulden. Ich bin ganz allein, und wenn ein Freund mich
besucht, ist es mir, als wrde ich niemals mehr ganz allein sein. Abends
findest du mich, vor dem Essen, und wirst mit mir speisen. Nachher
findet man mich auch. Du wirst mein kleines Herz werden, du hast mir
gefehlt. Frchte nichts. Die Frauen bilden sich immer ein, da man sie
mibrauchen will.

So redete er und zu tiefst dachte er: Es ist so schn, ein Weib neben
sich zu haben!

                   *       *       *       *       *

Sie kam ziemlich oft. In der ersten Zeit traute sie sich nicht und
pochte zaghaft an der Tre, ein leises Kratzen von Ameisenfen.

Ich komme dich besuchen. Ich bin hier vorbergegangen. Da hab ich mir
gesagt: Wart, ich schau zu Pierre hinauf.

Das war anfangs vor dem Essen, wenn der Hunger den Wolf aus dem Walde
treibt.

Im Restaurant entschuldigte sie sich: Bitte, verzeih, da ich das Salz
vor Dir nehme. Es gibt viel Schchternheit in unserm Herzen, und ist
man ein Freudenmdchen mit tanzendem Herzen, so bleibt man trotzdem
unter Mnnern ein Weib, sanftmtig und zaghaft.

Etwas spter sagte sie:

Ich bin zu dir gekommen, ich wei, da es dir nicht fad ist.

Sie kam ziemlich oft. Sie kam an den Tagen, da sie traurig war, noch
einen Rest der Liebesfreuden in den Kleidern und die Brutalitten der
Mdchenhirten. Sie kam an den Tagen, da sie krank war und ihre Leiden
wie eine bestndige Verzweiflung in ihrem Kopf herumgingen. Sie kam
niemals, wenn sie frhlich war, denn dann sind die Straen da, in denen
man herumtollt, die Zuhlter, bei denen die Freude ausgiebiger ist, und
das Geld der Straenmdchen, das auf allen Schenktischen fliegt. Sie kam
besonders an Abenden, da sie mit ihrem Beruf abzurechnen hatte und ihr
Brot kriegen wollte.

Wie geht es dir?

Schau her.

Sie zeigte ihm Zunge und Gaumen, die voll Wunden waren, die ganze Abende
Ksse austeilten und ihren Speichel wie Lust in den Mund der Mnner
gleiten lieen . . . Sie hatte Halsschmerzen und ihre Stimme kratzte,
als stiee sie gegen etwas, das sich im Halse festgesetzt hatte. Sie
fhlte auch in den Knochen Schmerzen, die aus ihrem Innern zu kommen
schienen wie aus einem Sammelbecken des Schmerzes. brigens wollte sie
Quecksilberpillen nicht einnehmen, weil sie gehrt hatte, da
Quecksilber das Leiden hervortreibe.

Sie kam an gewissen Abenden, ohne seit dem vorigen Tag gegessen zu
haben. Das merkte man ihr nicht an, das Unglck sieht wie jedermann aus.
Sie strubte sich zunchst in einer Art von Stolz; im Restaurant a sie
nicht mehr als sonst: Ich darf ihm doch nicht mehr Auslagen machen,
aber nach der Mahlzeit, wenn sie satt war, konnte sie sich nicht
zurckhalten: Weit du, was ich zu Mittag gegessen habe, htte mir kein
Magendrcken verursachen knnen.

Pierre sagte:

Meine liebe Freundin, du tust mir weh. Du weit gut, da ich auf der
Welt bin, dir zu helfen. Komm nur, komm. Wahrhaftig, es ist schn, armen
Frauen Gutes zu erweisen. Man nennt das: der leidenden Menschheit
wohltun. Wenn du nichts zu essen hast, denk an mich. Du sagst nichts, du
kommst, und ich werde dich verstehen.

Sie antwortete sanft:

Das macht nichts. Ich bin heute um drei Uhr aufgestanden, da hab ich
den Hunger garnicht gesprt.

                   *       *       *       *       *

Es war an einem Abend im Dezember. Ein schlimmer Dezember schritt durch
die Straen mit Eis und Wind, herrisch, ber unser Menschenfhlen
hinweg, drang bis ans Mark und haftete darin, strker als aller Druck
und aller Kummer.

Ein Pariser Dezember, in dem die ffentlichen Mdchen ihre Schultern
einziehen, ihre Gesichter einschrumpfen fhlen und im Wind wehen mit den
Flammen der Laternen.

Pierre arbeitete in seinem Zimmer. Der Ofen brummte wie ein alter treuer
Kater, der zu sagen scheint:

Bleib daheim, Herr, so wie ich.

Pierre dachte:

Das ist eine schndliche Krankheit und greift um sich, wie das Bse um
sich greift.

Er dachte noch:

Neujahr kommt heran. Die Neujahrstage haben sich sehr verndert. Ich
will vom Bureauchef acht Tage erbitten und nach Hause fahren. Mama wird
sagen: >Da ist mein Pariser!< Die alten Frauen werden sagen: >Jetzt
trauen wir uns nicht mehr, dich zu duzen.< Meine beiden Schwestern und
die kleine Nichte werden da sein, in der guten Wrme auf dem Lande, die
in unser Herz eindringt und unsre Gedanken ausbrtet wie kleine Kcken.
Das erste Jahr, in dem ich die Syphilis habe. Ich werde alle kssen und
aus ihren Glsern trinken. Sie werden zu Juliette sagen: Geh,
Leckermaul, trink ein wenig aus dem Glas des Onkels. Ich will sie knapp
am Haar kssen, wo die Lippen weniger haften. Aber dann werde ich wegen
des Glases keine Ausrede gebrauchen knnen. Mama wird sagen: >Dazu hat
er nach Paris gehen mssen, um sich diese Fulnis heimzubringen.< Papa
wird sagen: >Das ist eine feine Gesellschaft fr seine Schwestern.< Und
alle jene, die in Paris keinen Posten gefunden haben, werden sehr
zufrieden sein.

Er dachte auch:

Ich mu trachten, zur Prfung zum Brcken- und Straenbaumeister
zugelassen zu werden. Man wrde sofort meinen, da ich nicht mehr gern
arbeite. Und ich arbeite, whrend ich Quecksilber schlucke, und wei
nicht, ob ich, wenn die Zeit der tertiren Erscheinungen kommt, werde
leben drfen.

Mitten hinein klopfte jemand an die Tr. Pierre erhob sich und verga
schon seinen Kummer, da es Berthe war und da wir zu jeder Zeit einer
Frau bedrfen.

Es war Berthe.

Wie sie eintrat, trat der Winter ein mit ihren Rcken, denen die Klte
entstieg.

Sie sagte:

Das bin ich. Bei dir ist's schn.

Dann:

O, hr einmal, das weit du nicht: meine Schwester Blanche ist im
Saint-Lazare! Da war eine Radfahrbahn. Blanche tut alles nach ihrem
Schdel, fuhrwerkte dort herum und zeigte ihre Waden und alles. Ich habe
ihr gesagt: >Tu das nicht, du wirst sehen, eines Tages werden sie dich
erwischen.< So geschah es: wie ich gesagt habe. Bei der Untersuchung auf
der Polizei wurde sie als nicht gesund erkannt und zur Heilung nach
Saint-Lazare geschickt.

Berthe setzte hinzu:

Und jetzt mu ich das Zimmer bezahlen.

                   *       *       *       *       *

Sie setzte sich und sagte nichts mehr.

Sie rckte ganz nah an den Ofen, so nahe, da man geglaubt htte, sie
sei unempfindlich oder verrckt, und, die beiden Hnde auf den Knien
gekreuzt, den Kopf gesenkt, sa sie da.

Unter ihrem Haar sah die arme kleine Frau mehlwei aus, wie eine lockere
Puppe, die zerfllt und umsinkt.

Sie flsterte noch:

Und dann, nein, nein. Das dauert schon zu lange.

Ihr Anblick tat sehr weh.

Nicht alle ihre Grnde waren verstndlich, denn Grnde gibt es
unzhlige, und sie schweben mit hunderttausend Eisenfusten ber unserm
Haupt, deren Wucht zusammen mit den Tagen, mit den Leiden, mit den
Schlgen, die man empfangen, mit dem Bsen, das man begangen, mit den
verbummelten Nchten niederlastet. Es kommt ein Abend, an dem alles zu
Ende ist, an dem so viele Muler uns zerbissen haben, da uns keine
Kraft mehr bleibt, uns aufrecht zu erhalten, und uns die Fleischfetzen
vom Leibe hangen, als wenn all die Muler sie zerkaut htten. Es kommt
ein Abend, an dem der Mann schluchzt, an dem das Weib sich am Ende
fhlt.

Sie hatte sich schlielich zu dem Jungen geflchtet in der Empfindung,
umzukommen und das womglich an dem besten Ort zu tun.

Und hier, auf dem Stuhle kauernd, war sie ein zusammengebrochenes Wild,
das sein letztes Leben in den Flanken sprt, das es fr immer aushaucht
und mit dem Blick noch sein Lager streift, bevor es darin seine
berreste zurcklt.

Sie sagte:

La mich hier schlafen. Ich kann nicht fortgehn. Ich bitte dich darum,
denn ich wei, da ich dir groe Unannehmlichkeiten bereiten werde.

Das sagte ein Straenmdchen, dem die Nchte berufsmig kostbar sind,
da sie eine jede auf zehn Francs einschtzt, und fr das die verlorenen
Nchte brotlose Tage sind. Sie bat um Gnade, sie, die den Preis
gewhrter Gnade kannte, die auch wute, da ein Menschenleib bezahlt
wird, und da man Geld empfngt von denen, die man trstet.

Er legte sich neben sie. Er nahm sie in seine Arme, in denen sie lag,
kalt vom Kopf bis zu den Fen wie ein eisiger Sturm, wie ein Feld,
dessen Ernte vom Hagel zerbrochen ist. Er legte sie an sein Herz und
hielt sie lange warm in glhender Hingabe, ein leises mitleidvolles
Klagen entfuhr ihm einer Flamme gleich.

Er sagte nichts, er dachte nicht an das Weib, er war selbst von diesem
Schmerz ganz eingehllt und htte am liebsten gerufen:

Arme kleine Heilige! Arme kleine Heilige!




IX


Dezember dann und Neujahr, alles ging vorber; aber seitdem Blanche fort
war, strich die Zeit mhselig dahin, als fehlte es auch ihr an Schwung.

Eines Tages, um vier Uhr nachmittag, kam Berthe auf dem Boulevard
Sebastopol an der Kirche Saint-Leu vorbei. Das ist eine Kirche aus
grauen Quadern wie alles rings um die Hallen, wo die Huser an den
Fischmarkt und das groe Mundwerk der Hndlerinnen erinnern. In den
letzten Tagen sprte Berthe ein gewisses Schauern zwischen Zwerchfell
und Herzen, ein Spiel der Organe, von dem sie nicht erriet, was es zu
bedeuten habe. Manchmal kamen ihr komische Gedanken, die einen Anfang,
aber kein Ende hatten und dennoch einen sen und lieblichen
Nachgeschmack hinterlieen. Als sie an der Kirche Saint-Leu vorbeikam,
durchlief sie das Erschauern und umfing sie. Sie lchelte, indem sie
sich ihm hingab, und sagte sich: Gehn wir hinein!

Sie durchschritt zweimal die Kirche und war verwundert. Dann setzte sie
sich auf einen Stuhl und wute einen Augenblick nicht, was sagen:

Mein Gott, ich bin nur eine liederliche Dirne. Heute abend mute ich in
die Kirche Saint-Leu treten, ohne zu wissen, warum. Da bin ich in Deiner
Kirche, mein Gott, ich denke an Dich. Du siehst uns nicht einmal an,
denn wir tun alles das, was Du verboten hast. Maurice sagte: Es gibt
keinen, aber ich sage Dir: Es gibt einen guten Gott. Mir ist, als wenn
ich den Boulevard Sebastopol lange verlassen htte. Weil ich am Tag
meiner ersten Kommunion krank war, nahm ich meine erste Kommunion zwei
Wochen spter. Wir waren zwei Kleine in Wei, aus derselben Schule: die
Schwester nahm einen Fiaker und fhrte uns zur Kommunion nach
Notre-Dame. Wir waren sehr glcklich, im Fiaker zu fahren. Und dann hat
mich meine Mutter am liebsten gehabt. Sie sagte zu mir: Komm her,
Berthe, ich mach dir Locken und frisier dich schn. Ich bin in die
Katechismusstunden gegangen und liebe noch die Marienmonate sehr. Meine
Mutter war sehr gtig, sie war nicht wie die andern Frauen und war
Italienerin. Am Tag, wo sie gestorben ist, war ich im Spital. Meine
beiden Schwestern besuchten mich: Marthe war ganz bla, aber Blanche
kratzte sich am Kopf und schien sich nicht viel daraus zu machen. Auf
der Stelle bereitete es mir nicht soviel Kummer, wie ich geglaubt htte.
Mein Gott, ich denke an meine Mutter. Ich wre so glcklich, wenn ich
sie wiedersehen wrde, aber ich frage mich, ob es nicht Dummheiten sind,
was ich Dir sage. Ich will zu Dir beten, mein Gott, denn das Gebet tut
mir wohl. Wenn meine Bekannten wten, da ich bete, sie wrden es
lcherlich finden, und ich will trotzdem zu Dir beten. Ich bin nur eine
liederliche Dirne, aber ich bin noch nicht schlecht. Du wirst mich
ansehen und sagen: Ach, die kleine Berthe Mtnier betet da.

Sie lie sich auf die Kniee nieder und sprach das Vaterunser und
Gegrt seist Du, Maria, aber sie konnte sich nicht an das Ich
bekenne erinnern. Kurz darauf setzte sie sich und blieb in ihrem Winkel
sitzen, ganz allein und ganz bescheiden wie ein kleines Kind, das ein
gutes Beispiel geben will.

Sie trat hinaus und ging geraden Wegs zu Pierre Hardy. Sie erzhlte ihm:

Weit du, was ich heute gemacht habe? Ich kam an der Kirche Saint-Leu
vorber. Da bin ich hineingegangen und hab fr meine Mutter zum lieben
Gott gebetet!

In ihm war ein Rest seiner katholischen Erziehung:

Dafr wird dir vieles vergeben werden, meine kleine Berthe.

Dann wurde er sich bewut, da diese Worte nichtssagend waren.

Nach dem Essen, whrend sie im Kaffeehaus saen, packte es Berthe:

Ach was, es ist bld, da ich mich grme.

Sie ergriff das Kognakflschchen und schttete es in die Tasse mit
entschlossener Gebrde und pltzlichem Kopfnicken. Wahrhaftig, komische
Einflle trieben sie an, wirbelten durcheinander, man sah sie in ihren
Augen blitzen. Sie brach in Gelchter aus: Ja, manchmal packt es mich.
Sie trank den Alkohol aus wie nichts, und das gengte ihr nicht.

Sie rief: Vorwrts! Musik! und strzte noch eins hinunter. Ein Irrsinn
berkam sie, den Ellbogen immer wieder zu heben, ein frmlicher Irrsinn
in Ellbogen und Kopf, in dem Trinken Lust bereitete und die Lust
vervielfachte. Sie trank mit einer Geste, wie wenn ein Grtner sein
Blumenbeet begiet, es erhielt sie im Zuge, es trieb sie weiter und
mischte eine unbekannte Kraft in ihr Blut. Sie schttete alles hinab,
was da war, und man htte gedacht, sie schtte etwas zu.

An der Straenecke stand ein kleiner Knirps. Berthe balancierte,
geradezu tanzend, wie ein Seiltnzer. Sie schwang ihm das Bein ber den
Kopf und rief: He, hopp! Der Junge lachte auf, Berthe bckte sich, um
ihn zu kssen, und sagte: Wie lieb er ist!

Einen Augenblick war die ganze Welt lieb. Sie erfllte alles mit Leben,
teilte allem ihre Lustigkeit mit und htte am liebsten alles in ihren
Wirbel hineingerissen:

   Mein Mdel, mit der Garde
   Marschieren wir herum,
   Tra ra tra ra bum bum!

sang sie und strzte sich in die offene Tr eines Kaffeehauses:

Ich pfeif drauf, ich pfeif drauf. Das dauert mir schon zu lang. Die
ganze Komdie det mich an. Man spuckt in die Luft und es fllt einem
auf die Nase. Ich pfeif jetzt auf alles, und das ist das Beste. Sie
sagen mir: Was haben Sie fr eine glckliche Natur, Sie lachen in einem
fort. Ich pfeif auf sie. Jetzt will ich mich amsieren. Gewi, ich hab
einen Nervenanfall gehabt heute abend, und ich mchte wissen, wozu mir
das gut ist. Geld bringt's nicht in die Tasche, wenn man sich grmt.
Ach, schau blo mal den Schdel des Alten an! Wenn er trinkt, lt er
das Bier herunterrinnen. Dann soll er keine Regenwrmer haben im Bart!
Die sind gut, die Alten. Man sagt zu ihnen: >Zahl mir vierzig Sous drauf
und ich k dich.< Was mu Maurice da unten nicht alles schlucken? Seit
einer Woche wartet er, da ich von mir hren lasse. Ich hab es satt.
Komisch, wie man aus der Ferne alle Fehler sieht. Da sagt mir unlngst
sein Kamrad: >Was du treibst, ist nicht recht.< Was hat er sich
reinzumischen?

Aber Pierre, der steif dasa, ffnete den Mund, und sie schwieg schon.
In der Luft lag etwas andres:

Nein, der dein Mann ist, ist nur ein Mensch; ein Leib, der leidet, und
eine Seele darin, die bt, sollen unserm Herzen teurer sein, als alle
Begierde und aller Ha und sollen wie ein ausgestoener Schrei sein, der
so lange fortgellt, bis wir ihm unsre Liebe entgegenbringen. Ich wei,
da ein Mann dir weh getan hat, aber ich wei auch, da dieser Mann
allein ist. Ist dein Schmerz gro, so sei er auch schn, neige dein
Haupt wie ein guter Engel ber Gottes Gerechtigkeit, dann erhebe dein
Haupt und lchle deinem Bruder Satan zu. Er brachte dir das Licht, als
du siebzehn Jahre warst, er setzte sich des Morgens neben dich und
sprach, deine Hnde nehmend: >Schwester meiner Seele, begreifst du meine
Liebe?< Berthe und Maurice, als die Tage euch zusammenbanden, hat ein
Wunder sich erfllt des Heiligen Geistes, der euch an jenem Tage
vermhlte und fr immer die Stunde eures Glcks eingrub in dein
Gedchtnis. Heute ist der Mann hinausgehetzt. Ich sage dir: Du sollst
den Mann vergessen, da er den Fluch seines Geschlechts auf dein Haupt
geladen hat, aber ich kniee zu deinen Fen und flehe zu dir: Still ihm
das Blut seiner Wunden. Sprich zu ihm: >Ich gedenke deiner, der du in
der Tiefe der Hlle bist, und ich sende meinen Odem zu dir, deine
Flammen zu khlen.< Und da der Tag der Auferstehung kommen wird, da die
Bue nicht ewig ist, so wirst du dein Haupt erheben und sprechen: >Ich
war eine barmherzige Schwester und verband Wunden. Ich bin ein Weib, das
du verwundet hast und das leben will; ich will genesen und kenne dich
nicht mehr.<

Pierre sprach nicht so, Berthe vernahm dieses nicht, aber die Worte
schwebten in der Luft rund um ihre Gesichter und strichen ber sie wie
ein Hauch, der erhabener ist als Menschenworte.

Sie verlangte Tinte und Feder, und im Schreiben war noch die Tollheit
der Dirne und Betrgerin. Sie nannte ihn mein liebes Mnnchen und fuhr
fort: Ich weine, whrend ich diese Worte schreibe, und sie lachte
darber. Sie war schmeichlerisch nach der Sitte von Paris, wo man den
Straenpassanten zulchelt und alles sich mit franzsischer Ironie
abspielt.

Sie begann nochmals zu trinken, krftigen Schnaps, den sie kurz
umstlpte und mit einem Kosenamen belegte: kleines Schnpschen. Die
Glschen reihten sich im Gnsemarsch aneinander wie Kinder, die spielen;
sie nahm sie und go sie tief in sich hinein in der Wut, alles zu
ersticken, was noch drinnen brig geblieben sein konnte. Als sie bezecht
war, durchlief der Rausch sie ganz, folgte den Nerven entlang und
erregte ihr ein Gelchter, das sie schttelte und aufkreischen lie wie
eine zusammengeprete Springfeder. Die Welt war drollig, die
Streichholzstnder auf den Tischen, die Gaslampen, die Gste und die
Bnke blickten sie mit einem Ausdruck an, den sie noch nicht kannte, sie
zu Grimassen herausforderte und stoweise zum Lachen zwang.

Sie gingen endlich. Die Nacht war feuchtschwarz, die Sterne
durchlcherten den Himmel und sanken wie Hagel herab, der Lrm rollte
wie Gottes Donner. Berthe sagte in ihrer arglosen und jhen Trunkenheit:

Ich wei nicht, was mit mir los ist, nie bin ich so traurig gewesen wie
heute.

Er fhrte sie nach Hause, und als sie eintraten, lste sich die
Spannung. Die Wirtin erwartete sie:

Frulein, Ihr Bruder hat Sie hier gesucht. Er hat einen Brief da
gelassen.

Sie las den Brief und begriff alle ihre Ahnungen.

Ihr Vater war gestorben.

Jean Mtnier war, neunundvierzig Jahre alt, im Spital gestorben. Er
hatte sich eines Abends zu Bett gelegt, schwer wie ein Stein, und wand
sich vier Tage unter seiner Bleivergiftung. Dann verkrampfte er die
Fuste, streckte sich auf den Rcken und fhlte die Schwere seiner
sieben Kinder in seinem Schdel: Marthe mit zwei Rangen, Berthe mit
Bb, Blanche und Saint-Lazare mit dem ganzen Bettel, Gustave, der mit
der langen Marie, der Miggngerin, zusammenlebte, die drei kleinen
Jungen, die soviel Brot aen und mit ihren offenen Spatzenschnbeln hier
zurckblieben, -- und er starb mit zusammengebissenen Zhnen und
vorgestrecktem Kinn.

                   *       *       *       *       *

In diesen Tagen war Berthe so unglcklich. Man hofft auf ein
Wiedersehen, um sagen zu knnen: Ich habe geirrt, aber habe dich
dennoch geliebt. Ich kehre zurck und nun wird die Familie wieder
vollzhlig sein. Er war tot, und Berthe erinnerte sich besonders eines
Ereignisses, das ihr Gustave erzhlt hatte. Eines Tages berraschte der
Vater Blanche in der Rue Gat, wie sie am Arm eines Zuhlters ging. Er
kam nach Hause, setzte sich an den Tisch und sagte: Ich habe drei
Tchter gehabt; muten aus ihnen drei Huren werden? Und groe
Mnnertrnen fielen ihm in den Bart. Er war tot, und das war etwas
Unabnderliches und Unerwartetes. Sie hatte viel von ihren
Kindergefhlen eingebt, aber als sie das ernste und gerechte
Totenantlitz erblickte, empfand sie einen Geielhieb wie von einem
ewigen Vorwurf. Sie hatte Furcht, wie man sich nachts bei Albdrcken
frchtet, bei Gewissensbissen, wenn die Finsternis nach dem Verbrechen
dicht und schwer ist gleich einer Strafe. Berthe empfand Scham ber ihre
Vergangenheit, sie sah sie blitzartig beleuchtet und dachte: Ich bin
die letzte der Letzten.

Und dann wollte sie ein Trauerkleid haben. Nachts verlie sie unter
einem Vorwand die andern und ging los, um sich das Trauerkleid zu
verdienen. Sie strich wie gewhnlich ber den Boulevard Sebastopol. Drei
Stunden schritt sie dahin, die Fe auf den Steinen, in der
schrecklichen Todesnacht, und schlielich war es ihr, als schleifte sie
den Leichnam durch die Strae. Sie ging mit zwei Mnnern. Der erste gab
ihr zehn Francs, und als sie sich aufs Bett gelegt hatte, geno Berthe,
das empfindungslose und unbeteiligte Freudenmdchen, den Mann und sprte
Liebeslust. Der zweite gab ihr hundert Sous und feilschte. Niemals
knnte sie den Mann vergessen. Er hatte einen roten Bart, sie htte ihn
am liebsten gebissen und ihm gesagt: Begreif doch die Gemeinheit, dich
auf mir herumzuwlzen am Tag, wo ich meinen Vater verloren habe!

Diese Nacht rettete sie. Wenn die Schande so gro ist, da man sie nicht
mehr ertragen kann, lt man sich nieder, errtet noch, blickt aber auf
und flieht vor der Schande weit weg und kann nicht anders. Sie hatte den
Geschmack von all dem Erleben der so langen Tage, da der Vater starb, im
Munde, den Geschmack von Stein und Asche, vom Boulevard Sebastopol und
vom Spital, wo man verendet. Und ihr ganzer Beruf war davon erfllt, all
ihre Tage der Krankheit und der Schmach, und die Hotelzimmer, wo man
sich aufs Bett legt, bewutlos und gedankenlos wie ein Tier. Sie sah die
unnennbaren Gegenstnde wieder, die Waschbecken und die herumliegenden
Sachen und das ausgehhlte Kreuz in den feilen Nchten. Sie erinnerte
sich an alles: an das Auf- und Abgehen auf den Boulevards, den Alkohol
in den Cafs, die Ksse ohne Geschmack, mengte alles durcheinander,
verschmolz es in eine einzige Masse, und all die Nchte wurden in ihrem
Gedchtnis die Nacht, in der ihr Vater begraben werden sollte.

Die Familie hatte sich versammelt. Die Gromutter blickte sie mit
scharfen Augen an wie eine bse Hexe. Sie sagte: Saumdel! Berthe
erwiderte: Und ich wei nicht, was du gemacht hast, wie du jung warst.
Der Bruder sagte: Du schweig vor allem. Man hatte ber die drei
kleinen Kinder verfgt: Marthe nahm das zweite, Gustave die beiden
andern zu sich. Man hatte so vor ihr verfgt, ohne sie zu befragen, ohne
sie mitreden zu lassen, als gehrte sie nicht zur Familie. Als sie
anbot, mitunter auszuhelfen, antwortete Gustave mit einer Gebrde: Hilf
dir zuerst selber!

Sie litt unter all dem in der unsagbaren Angst der Verstoenen und in
einem Entsetzen, das sie leise beben lie. Sie fhlte, da sie nicht
ehrsam war, und begriff unter den Ihrigen, die sich um einen Toten
scharten, wie schn es war, ehrsam zu sein. Zu gleicher Zeit wanderten
ihre Gedanken zu den Zuhltern und zum Laster. Die ununterbrochene
Verknpfung von Gemeinheit und Kummer brachte sie in schwrzeste
Betrbnis, bis an einen verlorenen groen Abgrund, dessen bitteres
Wasser ihre Brust berflutete. In ihrem ungelenken Geiste formte das
Leben ein Bild, sie sah vor ihren Augen zwei gebrechliche Schultern und
auf sie Schlge niedersausen. Sie klagte ber sich selbst mit Worten wie
zu Kindern: Arme kleine Berthe!

                   *       *       *       *       *

Da sah sie groe Gefhle sich in den Tag erheben gleich der aufgehenden
Sonne. Sie ward erleuchtet, Magdalena, und als sie sich aufrichtete, um
ihr feuchtes Antlitz abzuwischen, schien ihr das Herz vom ersten Licht
erhellt zu sein. Sie sah jenseits der Dinge eine tiefe Liebe, eine groe
Gte, die schwebte und mit den ganz leise bewegten Flgeln um ihre Stirn
schlug. Sie sah dies, ohne sich Rechenschaft darber abzulegen, doch
ihre Seele war erfrischt, wie wenn man Frchte genossen hat. Halleluja!
sangen die Engel. Auf Erden war ein Duften wie im Marienmonat. Wenn sie
an Pierre dachte, so dachte sie an ihre Eltern, an die Kunstblumen und
die gute Gewiheit eines Daseins an gleichmigen und friedlichen Tagen.
Wie begehrte sie danach, niederzusitzen und die Zeit verflieen zu
sehen, ohne Gebrde und gesammelt in Gedanken, die mit der Zeit
dahinstrmten! Gleichwohl, wenn es mir jemand vor einer Woche prophezeit
htte, ich htte ihm nicht geglaubt, denn das Unglck verfolgt mich zu
lange. Ich htte ihm gesagt: Aufschneider! Hlt man mal dort, wo ich
bin, so wei man, da es fr immer ist. Schlielich, man kann nicht mehr
anders. Sie dachte schon daran, am Sonntag aufs Land zu gehen, und sie
wrde sich Blumen mitbringen. Wenn man das Spital fast geheilt verlt,
so fhlt man sich rein gewaschen. Sie fhlte sich rein gewaschen!

Sie dachte: Gewi, ich werde weniger Geld verdienen, und das wird schwer
sein, denn Geld bereitet Glck. Ich werde nicht mehr Tage zu zehn Francs
haben wie auf dem Sebastopol; aber wenn ich daran denke, macht mir der
Sebasto Herzleid. Offenbar, weil ich nicht so stark bin wie meine
Schwester Blanche. brigens hab ich nichts davon gehabt. Ich wei nicht,
was im Menschen steckt, wenn er das Handwerk betreibt. Es ist richtig,
da unrecht Gut nicht gedeiht. Mir ist, als wrde ich ruhig sein, wenn
ich wieder Blumen mache. Ich werde den ganzen Tag zu tun haben, und so
werde ich keine Lust haben, viel Geld auszugeben. Schlielich, wenn man
ordentlich ist, so ist man immer belohnt. Ich werde noch jemand finden,
der sich fr mein Los interessieren wird und mir wird helfen wollen.
Wahrhaftig, ich glaube, da ich anstndig sein werde. Ich stehe nicht
darum, zu heiraten, denn alle Mnner haben ihre Mucken.

Sie ging die Maueranschlge in der Rue Raumur nachsehen und fand sofort
Arbeit. Alles vollzog sich wie in den Bchern, wo man die Sonne die
Genesenden erwrmen sieht. Der Frhling schien den Winter abzulsen, und
der Himmel spendete blaue Lfte, die in der Sonne zitterten, ber die
Dcher sich breiteten und Gedanken an junge Liebende erweckten. In den
Straen gingen die Passanten auf der Sonnenseite. Sie war frisch und
lebhaft und gut, von einer so groen Gte, da man geglaubt htte, all
das schne Wetter komme aus ihrem Herzen. Sie arbeitete in einer
finstern Werkstatt, wo alte Winterreste in den Winkeln moderten, und die
bissige Besitzerin und all die Nrrinnen mit ihren verliebten
Albernheiten schienen ihr anfangs schlimme Dinge zu sein, die sie schon
einst im Backfischalter erlebt hatte. Sie hatte sie sich eben abgewhnt,
aber in einer Woche war sie wieder darin.

                   *       *       *       *       *

Abends, wenn sie von der Arbeit kam, ging sie zu Pierre. Sie erzhlte
ihm die groen Neuigkeiten:

Weit du, ich hab es satt gehabt . . . Hr, was ich tun will: ich nehme
mir ein kleines Zimmer fr fnf Francs in der Woche, nicht mehr. Ich
werde in diesem Viertel wohnen. Du wirst sehn, mein alter Pierre. Eines
Tages endet das mit einer Heirat. Jeden Abend machen wir, wenn du
willst, einen Spaziergang durch die Rue de Rivoli und gehn dann jeder
nach Hause. Manchmal begleite ich dich in dein Zimmer, aber nicht alle
Tage, denn man darf sich nicht zu sehr mde machen. Doch vorlufig mut
du mich aufnehmen, bis ich den ersten Wochenlohn bekommen habe. Du wirst
mich ins Restaurant fhren. brigens mach ich dir keine groen Ausgaben.
Wir werden uns gut unterhalten. Wir wollen den Einzug einweihen. Ich
kaufe ein Huhn und la es irgendwo braten, und Gemse, das wird ein
feines kleines Abendessen sein. Ich will mir einen Seiher verschaffen,
damit ich Kaffee kochen kann. Du wirst sehn, mein Alter, ich werde ein
fabelhaftes Essen bereiten.

Und Pierre dachte:

Ich habe kein Weib gehabt. Ich bin mit gesenktem Kopf herumgegangen und
wiederholte mir: ich habe kein Weib. Das Unglck unterbricht sich nicht,
so da man glaubt, es sei schlimm, zu leben. Das ist vorber. Ich fhle
jetzt, da alles, was mir gefehlt hat, nun kommt und da die Welt in
Ordnung ist. Aber das Gleichgewicht findet man nicht auf einmal. Ich
frage mich: Was habe ich denn getan, was ist denn mein Verdienst, da
mir solch ein Glck beschieden wird?




X


So schliefen denn Pierre und Berthe Rcken an Rcken, um drei Uhr
morgens, in jenen Nchten, die der Liebe gehrten.

Er fhlte sie neben sich wie den stillen Atem eines friedlichen Lebens,
wie die Sicherheit eines Glcks, das uns nicht einmal mehr erregt.

Sie war eingeschlummert, da sie mde war, und diese Mdigkeit erinnerte
an die Mdigkeit eines kleinen Kindes.

Die Frau erscheint uns schner des Nachts und ist uns tiefer gewrtig
als am Tage. Ach, so schlafen zu knnen, wenn das Glck uns einschlfert
und unsern Schlummer einhllt wie ein feines Linnen, das fromme Hnde
gewebt haben!

Die Frau ist Jungfrau und sieht unserm Schutzengel gleich.

                   *       *       *       *       *

Als alle drei oben auf dem Treppengang angekommen waren, drckte Bb
sein Ohr an die Tre; er hrte nichts und es war ihm, als vernhme er
nur seine Blutadern.

Der lange Jules stie im Finstern in Adele:

Geh voran!

Sie klopfte dreimal, dann fltete sie:

Ist Berthe da?

Man hrte etwas, bald wurde die Tre geffnet und das Licht angezndet.

Adele trat ein und sagte:

Du machst schne Geschichten!

Hinter ihr Bb, stumm, die Mtze abnehmend, dann der lange Jules,
aufgerichtet, die Mtze auf dem Kopf, und er schlo die Tr.

Man hatte sie nicht erwartet.

Bb, klein und breit, machte zwei stramme Schritte wie ein Mbelpacker.

Mein Herr, ich bedaure die Umstnde. Sie werden verstehen, was das
bedeutet, wenn man vier Jahre mit einer Frau gelebt hat. Ich erflle
meine Pflicht.

Sie richteten sich beide im Bett auf in ihren Hemden und mit ihren
Schultern neben der zitternden Kerze, und sahen mit brennenden Blicken
drein.

Sie sprte einen Schlag, alle Ohrfeigen, die sie empfing, als einen
einzigen Schlag.

Bb sagte:

Stehen Sie auf, Madame!

Sie erhob sich im Bett, die Stirn schmal, die Sinne benommen, so
schwach, da sie nicht wute, wie man redet.

Er wiederholte:

Stehen Sie auf!

Da sie nicht aufstand, begriff Bb, da man Energie haben mu, wenn man
das Recht hat.

Er nherte sich:

Verzeihen Sie, mein Herr!

Und er versetzte ihr eine gehrige Ohrfeige, um ihr ihre Pflicht in
Erinnerung zu bringen.

Pierre wollte sagen:

Aber, mein Herr, wenn Sie Rechte haben . . .

Der lange Jules schnitt ihm das Wort ab:

Ja, wir haben Rechte.

Und zu Berthe, die sich erhoben hatte, sagte der lange Jules:

Sie haben das Glck, Madame, einen Mann zu besitzen, der Sie liebt.

Dann sagte er:

Wissen Sie, wir sind in aller Freundschaft hergekommen. Wir haben Ihnen
keine Schererein verursachen wollen. Ich habe den Hausdiener gefragt: Wo
ist Hardys Zimmer? Wir sind Freunde, die ihn wecken kommen.

Und Bb bemerkte:

Ich bitte Sie um Entschuldigung, mein Herr, da ich zu dieser
Nachtstunde bei Ihnen vorspreche. brigens werde ich wiederkommen, um
mich besser zu entschuldigen und damit Sie mich unter angenehmeren
Umstnden kennen lernen.

Da fhlte sich Adele bel, und ihr schner Streich erschtterte sie so,
da sie zu weinen begann.

Berthe hatte zu ihr gesagt:

Ich habe einen guten jungen Mann kennen gelernt, der so und so heit
. . . Und sie hatte alles dem andern erzhlt!

Bb nahm sie bei der Hand:

Bist du mde, mein Kleines?

Pierre hatte einen Orangenlikr dastehen, und als Bb davon in ein Glas
eingieen wollte, besann er sich:

Ich mu das Glas aussplen. Man mu bei Madame vorsichtig sein. Madame
ist krank, Madame hat einen wunden Mund . . .

Berthe zog sich an; ihre Kleider glitten ber sie wie nchtige Stille,
in der ein Gespenst auftaucht und verschwindet.

Sie zog die an der Ferse durchlcherten Strmpfe an, die Strumpfbnder,
und es war ihr, als bekleidete sie ihren Krper zugleich mit etwas
unendlich Traurigem. Sie nahm dann den Unterrock und sagte:

Habe ich gewut, da du wieder frei bist?

Bb antwortete:

Es ist gut, Madame. Wenn man sich fr seinen Mann interessiert, wie Sie
es getan haben, ist es erstaunlich, da man das nicht wei. Ach, Sie
haben nicht gewut, da ich wieder frei bin! Es gibt so etwas, das
Straferla heit, und das haben Sie nicht erwartet.

Sie war recht krglich gekleidet fr die Winterklte, und nachdem sie
ihr weies Trikot angelegt hatte, blieben nur mehr Rock und Leibchen.

Sie kmmte sich. Sie lie ihr schwarzes Haar auf die Schulter fallen und
kmmte es langsam, denn sie hatte Zeit genug, zu sehen, was kommen
sollte.

Bb sagte:

Aha, noch die Haare. Beeilen Sie sich, meine Schne, wir sind bei
Monsieur Pierre und wollen seine Geduld nicht mibrauchen.

Der erste Gedanke, den sie hatte, war an den Tod. Er nahm sie so wie
einen Gegenstand seines Lebens, den man holt, wo man ihn verpfndet hat.
Sie fhlte, da sie ein Ding war, die ungestalte, kranke arme Berthe,
die brauchte, auf immer einzuschlafen, um es zu vergessen . . . Und wenn
ich ihm nicht folgen wollte, er wrde mich tten . . . Sie wollte vor
dem Tode lieber ein bichen berlegen und ihn nur dem eigenen Wunsche
verdanken. Sie zog setzt ihr Leibchen und ihren Rock an.

Der lange Jules sagte:

Sie sehen, mein Herr, da wir uns wie Freunde benommen haben. Wir
wissen, wer Sie sind und da Madame Ihnen nur gesagt hat, was sie
wollte. Sie erlauben, da ich mir eine Zigarette drehe, bevor ich
heruntergeh, und da ich Ihnen die Hand drcke.

Bb sagte:

Ich bedaure, mein Herr, die Strung, die ich Ihnen verursacht habe. Sie
haben Madame sehr gtig aufgenommen. Erlauben Sie mir, da ich Sie bald
besuche, um Sie auf ein Glschen zu bitten. Ich drcke Ihnen die Hand,
aber glauben Sie mir, es war nur eine peinliche Pflicht, die ich erfllt
habe.

Sie gingen. Auf dem Gang fragte Bb:

Haben Sie sich Ihre Liebesnacht bezahlen lassen, Madame?

Berthe kam zurck:

Sie wollen, da du mir Geld gibst.

Hier sind hundert Sous.

Sie schritt hinaus in eine Welt, wo das persnliche Wohltun machtlos
ist, denn dort herrschen die Liebe und das Geld, und diejenigen, die
Liebes tun, sind unerbittlich und die Freudenmdchen von Anbeginn als
die duldenden Tiere gezeichnet, die man auf die ffentliche Weide
treibt.

Dann schlug das Tor unten zu. Pierre begriff:

Ach, ich wei, da du weinen wirst. Mein Gott, mein Gott! Ich habe kein
Glck. Ich habe nicht Mut genug, das Glck zu verdienen. Weine und
stirb! Wie sie dich allein gelassen haben, httest du im Hemd und mit
bloen Fen hinunterlaufen sollen und schreien: Zu Hilfe! Du httest
auf die Strae laufen sollen und die Vorbergehenden aufhalten und ihnen
sagen: Kommt alle schnell herbei! Sie morden dort eine Frau!

Ende.




Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 98]:
   ... Fauteuils, die im Rathhausbazar ...
   ... Fauteuils, die im Rathausbazar ...

   [S. 110]:
   ... Schwelle. Er begriff, das ihm das Leben ...
   ... Schwelle. Er begriff, da ihm das Leben ...

   [S. 160]:
   ... zu sehen noch zu hren vermag. ...
   ... zu sehen noch zu hren vermag. ...

   [S. 169]:
   ... Wie geht es dir? ...
   ... Wie geht es dir? ...






End of Project Gutenberg's Bb vom Montparnasse, by Charles-Louis Philippe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BB VOM MONTPARNASSE ***

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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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