The Project Gutenberg EBook of Schattenspiel um Goethe, by Ludwig Sternaux

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Title: Schattenspiel um Goethe

Author: Ludwig Sternaux

Illustrator: Dorothea Hauer

Release Date: December 19, 2014 [EBook #47700]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHATTENSPIEL UM GOETHE ***




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    Schattenspiel um Goethe

    [Illustration]




    Schattenspiel um Goethe

    Von

    Ludwig Sternaux

    [Illustration]

    Mit 49 Federzeichnungen von Dorothea Hauer

    [Illustration]

    Bielefeld und Leipzig 1922
    ~Verlag von Velhagen & Klasing~




    Louis Esternaux

    dem gtigen Freunde frher Jahre
    in dankbarer Erinnerung


    Uns Lebende zieht Sehnsucht zu den Toten; hinweg von den Zahllosen,
    die uns umdrngen, die uns die warme Hand entgegenstrecken,
    in deren Augen wir lesen knnen, gehen wir einsamere Wege und
    beschwren die Gewesenen, die uns nicht Rede stehen. Wie Helden auf
    einer nchtlichen, von Sturm umrauschten Bhne sehen wir sie mit
    flatternden Gewndern, mit starken Gebrden die Geschichte ihres
    Lebens spielen und werden nicht mde, den tragischen und sen
    Worten zu lauschen, die aus tiefer Vergangenheit abgerissen zu uns
    auftnen.

    ~Ricarda Huch~




Tiefurt und Wittumspalais

            O Weimar! Dir fiel ein besonder Los!

                ~Goethe~


Frhlingssonne. Weimar funkelt. Regen hat ber Nacht die Straen
blank gewaschen, da sie wie Firnis glnzen. Alles atmet Duft und
Morgenfrische. Da ist es gut, durch die Stadt zu wandern und sich
wieder einmal das Mrchen erzhlen zu lassen, von dem sie nun schon
hundert Jahre trumt.

Ein Weilchen steht man unschlssig auf dem Marktplatz. Die braunen
Giebel des Cranachhauses brennen in erster Glut, um Klauers
Neptunbrunnen trippeln die Tauben, sehr lustig anzusehen, und bei
Tietz werden gerade die Markisen heruntergelassen. Wohin zuerst? fragt
Ungeduld ... Da, gleich um die Ecke, geht's zum Goethehaus. Die gelbe
Front leuchtet durch die ganze Frauentorstrae. Da zur Esplanade. Oder,
wie man jetzt ja sagen mu: zur Schillerstrae. Und da, an Elephant
und Erbprinz vorbei, zum Park. Es lockt so vieles. Und da biegt man,
strkerer Lockung widerstehend, in die enge Windischenstrae neben dem
Rathaus: Alt-Weimar tut sich auf.

Schmal die Gasse, schmal die Huser: Zwielicht der Kleinstadt. Der
Himmel nur ein blauer Streifen. Hier tollten die Ratsmdel der Bhlau,
die Wildfnge. Das graue Haus da, es ist vielleicht das Kirstensche.
Steingerank umzieht die Tr, unterm Dachsims hocken Putten: Rokoko,
verstaubt und lieblich. Singsang, aus offnem Fenster wehend, beschwrt
Trume, Versunkenheit lchelt. Wo seid ihr jetzt, Rse und Marie?

Hier wohnte aber auch der Kanzler von Mller, Goethes Freund und
Testamentsvollstrecker. Eine schwarze Tafel meldet's. Man blickt
versonnen zu den Fenstern hinauf. Gaben sie doch dem Tische Licht,
an dem die Unterhaltungen niedergeschrieben wurden. Fama wei dazu
von Gren, die aus diesen Fenstern zu andern gegenber wanderten, wo
hinter wehender Gardine, hinter Blumenstcken zuweilen Mdchenaugen
leuchteten ... dann da wohnten die beiden jungen Grfinnen Egloffstein
mit ihrer Mutter, Julie und Lina, die eine, die Malerin, Goethes
schne Schlerin. Mller liebte die beiden hbschen Mdchen. Haben
die's gewut? Ich glaube: nein. Es war eine unglckliche Liebe, und es
blieb bei Gru und Lcheln.

Ja, es ist klassische Welt, die hier in Gassenenge dmmert. Drei Jahre
lang, von 1797 bis 1801 auch Schiller-Welt ... was keine Tafel meldet.
Denn hier, beim Perckenmacher Mller, wohnte Schiller, ehe er nach
der Esplanade zog. Zwei Treppen hoch. Mieterin vor ihm war Charlotte
v. Kalb gewesen, die geliebte. Wie anspruchslos, wie bescheiden, wie
rmlich Haus und Zimmer! Und, wie Schiller selbst klagt, auch recht
tumultarisch. Die Kinder, der Lrm des nahen Markts, unter ihm der
ewig musizierende Geheimrat v. Schardt, Frau v. Steins Bruder, strten
ihn in der Arbeit. Trotzdem entstanden hier in der Wnschengasse eine
Maria Stuart und die Jungfrau. Und viele von Schillers tiefsten,
schwersten Gedichten.

Was keine Tafel meldet ...

       *       *       *       *       *

Und leise wandelt sich die Chodowiecki-Szenerie in Mittelalter, in
Gassengewinkel und uraltes Gemuer. Grau und finster steigt das
pltzlich auf, trgt schweres Dach und Erkerzierat, die Fensterscharten
haben Butzenscheiben, Eisenzahlen, auf den Stein geschnrkelt, deuten
in fernste Jahre.

[Illustration: _Die Einfahrt zum Wittumspalais der Herzogin Anna
Amalia_]

Am Palais, erklrt das Straenschild. Am Wittumspalais also, Anna
Amalia Witwensitz. Da die Einfahrt! Auf den Torpfeilern bekrnzte
Urnen. Das allein ist Rokoko, ist Zopf. Sonst ringsum veritables
Mittelalter. Man denkt wirklich mehr an Herzog Wilhelm den Frommen,
der hier Franziskanern-Barfern eine Burg Gottes errichtete, denn
an Anna Amalia in Reifrock und Percke. Als die Mnche der Reformation
wichen, wurde die Klosterkirche Kornhaus. Die Bauern steuerten hier den
Zehnten, und Fluch schwelte Jahrhunderte um die dsteren Mauern. Anno
1767 kam dann der allmchtige Minister von Fritsch, der Anna Amalia
rechte Hand in den letzten Jahren ihrer Regentschaft fr den unmndigen
Carl August. Die Klostergebude wurden umgebaut, mit neuen Flgeln an
der nahen Stadtmauer ergab sich ein hbsches, bequemes Palais. Das
Kornhaus selbst blieb, was es war, bis es unter Carl Alexander, Carl
Augusts Enkel, Verwendung fand als Groherzogliche Musikschule. Das ist
das Haus noch heute, wenn auch nicht mehr Groherzoglich, und wo einst
feierliche Messen zelebriert wurden und der Weihrauch dampfte, ben
die Musikschler fleiig ihre Tonleitern. Mitunter aber dringt aus den
kleinen Rundbogenfenstern auch Orgelklang, ganz dumpf, ganz verhalten,
ein dunkles, geheimnisvolles Brausen. Dann ist es einem, als ob die
alte Zeit wiedergekehrt wre ...

Und ein paar Jahre spter. 1774. Das Residenzschlo brennt nieder. Anna
Amalia ist obdachlos. Das Belvedere? Ist Sommerresidenz. Hat nicht
einmal fen. Da bietet Fritsch der Herzogin dieses sein neues Palais in
der Wnschen-Windischengasse, sie nimmt es dankbar an. Und hfischer
Prunk zieht in das einfache, fast brgerlich bescheidene Haus, das nun
den Namen Wittumspalais erhlt.

       *       *       *       *       *

So die Historie.

Nun sieht das Wittumspalais heute freilich etwas anders aus, als man es
sich in jenen Tagen seines hchsten Glanzes vorstellen darf. Hundert
Jahre sind eine lange Zeit, da verndert sich mancherlei.

Damals, als Anna Amalia es zu dem berhmten Sitz der Musen machte,
Goethe, Schiller, Wieland und viele andere Leute von Rang und Namen
dort ein- und ausgingen, lag es in einem groen parkhnlichen Garten,
der die ganze heutige Wielandstrae einnahm. Gartenmauer und Stadtmauer
waren eins. Ein Aquarell von der Frstin eigener Hand, jetzt Besitz des
Weimarer Vereins Frauenbildung-Frauenstudium, zeigt reizend diesen
Garten: groe schattige Bume, verschlungene Wege, knstliche Hgel und
Grotten. Mitten drin ein Pavillon. Das war der Chinesische Tempel. Da
saen Anna Amalia und die kleine bucklige Gchhausen mit Vorliebe an
den letzten warmen Tagen des Jahres, wenn die Astern blhten und die
Bltter leise von den Bumen fielen ... Oeser, Goethes Lehrer, hatte
ihn + la Chinoise+ ausgemalt, sehr fein, sehr zart, so etwa, wie das
jetzt Orlik oder Walser machen wrden, und vielleicht hat hier Goethe
den Damen einmal den Urfaust vorgelesen, den die Gchhausen dann, uns
zum Heil, so hbsch sauber abgeschrieben hat.

Als spter die Stadtmauer fiel, der Schweinemarkt davor vornehm ein
Carls-Platz, der Garten selbst fr Huserbauten aufgeteilt wurde, lie
Carl August den Tempel nach dem Belvedere schaffen. Dort findet man
ihn noch heute hinter der Orangerie, allerdings in traurigem Verfall.
Aber die Chinesen und Chinesinnen Oesers lcheln noch immer lieb und
einfltig, und der Blick aus den Fenstern, der weit ins Thringer Land
reicht, ist sogar anmutiger als anno dazumal der im alten Weimar, wo
das Auge nur das freie Feld vor der Stadtmauer und ein paar karge
Schrebergrten fand.

Jetzt liegt das Wittumspalais ganz in Straen eingewinkelt, an der
Vorderfront die Schillerstrae und der Theaterplatz, seitlich die
Zeughofgasse. Nur die Pappeln ber dem kleinen Hof und eine einsame
Kastanie neben dem einstigen Kammerfrauen-, dem jetzigen Kastellanshaus
erinnern noch an jenen Garten.

Jetzt liegt das Wittumspalais auch, sieht man es vom Theaterplatz
aus, viel hher. Der Platz ist aufgeschttet worden, und so ging das
Untergescho der Straenfront verloren. Das Portal, das heute Einla
gewhrt, fhrt gleich in den frheren ersten Stock. Dies Portal gab's
damals berhaupt nicht. War eins der vielen Fenster. Und wenn man
in das Haus hineingelangen will, wie es Anna Amalia und ihre Gste
betraten, so mu man von der Windischenstrae aus kommen, wo Am
Palais die Einfahrt war und noch ist, und ber den Hof gehen ... unter
dem finsteren Tor des alten Klosterflgels hindurch, an der Kche und
den Stllen vorbei. Das mag da oft ein buntes Leben gewesen sein, wenn
die Herzogin Empfang hatte oder ein Fest, einen Ball gab. Da drngten
sich dann wohl bei Fackelschein die Snften und Karossen, die Pferde
scharrten, Hunde bellten (der Herzog, Carl August, brachte zuweilen
seine ganze Jagdmeute mit), Haiducken und Lufer lrmten dazwischen,
und in der offenen Kche wirtschafteten die Kche an den fnf riesigen
Herden.

Oder die Herzogin ritt aus. Solch eine Kavalkade hat Johann Friedrich
Lber gemalt. Anna Amalia selbst auf einem Schimmel, sehr klein, sehr
zierlich, am zierlichsten ihr Fu in rotem Reitstiefelchen, worauf
sie mit Recht stolz war. Neben ihr, gro und breit, Liutgarde v.
Nostitz, die Hofdame, dahinter der Oberhofmarschall v. Witzleben und
der Stallmeister Josias v. Stein, Charlottens Mann. Ein Zwerglufer
fhrt die Tte. So ging es durch die enge Windischengasse und, am Markt
vorbei, durch die Frauentorstrae zur Esplanade, immer von Gaffern
begleitet ... so ging's wohl auch nach Belvedere, Tiefurt, Ettersburg.

Auch die Esplanade sah damals anders aus als heute. War eine Promenade
mit einem Lusthaus in der Mitte und einem Goldfischteich, von der
Herzogin selbst angelegt, weil ihr der Weg nach dem Wlschen Garten
hinter der Ackerwand zu weit war und weil sie vom Palais aus hbsche
Aussicht haben wollte. Denn vorher hatte hier ein wstes Durcheinander
von Grben, Wllen und Tmpeln das Auge geqult. Nachts wurde diese
Promenade durch Gitter geschlossen. Mhlich wandelte die Esplanade
sich dann in Strae, Huser gaben festen Rahmen, das Hauptmannsche
Redoutenhaus, auch vom obdachlosen Hof zu greren Festen benutzt,
war eins der ersten. An seiner Stelle prunkt jetzt ein Neubau, ein
Kaffeehaus, wo Billard gespielt wird und eine Musikkapelle Weimars
Lebewelt mit den neuesten Schlagern der Saison erfreut.

[Illustration]

Da aber, wo die Esplanade auf das Wittumspalais stt, unweit besagtem
Caf, fhrt eine dunkle, ganz verschattete Treppe an dem alten
Klosterflgel des Palais entlang zur Wnschengasse. Ein wilder
Birnbaum hat sich hier im Mauerwerk verwurzelt, und die Treppe ist
wie eine Laube ... in Sommernchten eine beliebtes Stelldichein, heut
wie ehedem. Wenn Ottilie v. Pogwisch und August v. Goethe abends bei
Schopenhauers gewesen waren, die auf der Esplanade wohnten, dann
schlpften sie hier erst fr Augenblicke unter, um sich satt zu
kssen, ehe er die Geliebte nach Hause brachte ... was brigens keines
weiten Wegs bedurfte, denn Frau v. Pogwisch wohnte ebenfalls auf der
Esplanade, neben dem Schillerhaus. Und die Bhlauschen Ratsmdel wuten
den verschwiegenen Ort auch durchaus zu schtzen. Dort lauerten sie in
der Dmmerstunde den armen Liebespaaren auf, um mit den Erschreckten
ihre Allotria zu treiben; dort lasen sie heimlich die Liebesbriefe,
wenn Ottilie Pogwisch und Adele Schopenhauer die beiden Blger in der
Kummerfeldenschen Nhstunde als postillions d'amour benutzten; dort
kten sie sich spter selbst mit ihren Freunden.

Das alles wei der wilde Birnbaum noch sehr gut, so jung er damals auch
gewesen. Und wer in lauen Nchten hier ins Dunkel zu tauchen wagt, dem
erzhlt's das leise Rauschen der Zweige. Dem klingen die alten Namen
aus der Vergangenheit herauf, und um jeden flicht Legende ihren Kranz.

       *       *       *       *       *

Doch zurck zu Anna Amalia! Ein Menschenalter hat sie im Wittumspalais
gewohnt, bis zu ihrem Tode. Und sie starb 1807. Rhrig, still und
einfach lebte sie hinter diesen Fenstern, diesen Mauern, nur im
Frhling und Sommer die Stadtwohnung mit dem nahen Tiefurt tauschend,
zuweilen, doch nie lange, auf Reisen. Ihre Freundin und Vertraute: die
Gchhausen. Luise mit Vornamen, aber Freundesscherz nannte sie, die
zwerghaft-zierliche, Thusnelda. De Frailein von Kechhausen, wisse Se,
wo blo so glein kewese is, das heit nemlich, hre Se, se war pucklich
un verwachse, aber shr gluch. So der Kastellan des Wittumspalais, der
vermutlich aus Sachsen ist. Erich Schmidt, der ihre Urfaust-Handschrift
fand, hat sie dann so berhmt gemacht, da heute die Jungen und Mdels
in der Schule ihren Namen lernen. Und Goethe-Verse, leibhaftige,
huldigen ihr:

    Der Kauz, der auf Minervens Schilde sitzt,
    Kann Gttern wohl und Menschen ntzen;
    Die Musen haben dich beschtzt,
    Nun magst du sie beschtzen.

Was die Kleine redlich tat. Andere Hausgenossinnen der Herzogin: die
Kammerfrauen. Auch hier bekannte Namen. Amalie Kotzebue, die Tante
Augusts, treu der Herrin bis zur Erblindung. Genast, der Schauspieler,
sah als Knabe die Blinde noch im Hofe des Palais in der Sonne sitzen.
Amalie von Berg, die Schriftstellerin, die auch eine Kotzebue war und
spter den Steuerrat Ludecus heiratete. Ihr Grab ist auf dem Alten
Friedhof am Poseckschen Garten. Und die beiden Bendas ... alle, worauf
Anna Amalia groen Wert legte, nicht Domestiken, sondern Talente und
schne Geister.

Diese drei Jahrzehnte Wittumspalais unter Anna Amalia umspannen
Goethe-Welt. 1775, im November, taucht der Dichter des Werther in
Weimar auf, mit seinem schwarzen Augenpaar, zaubernden Augen mit
Gtterblicken, gleich mchtig zu tten und zu entzcken, ein Meteor,
das schnell zum Stern wird, der ber Weimar stehen bleibt wie der Stern
der Verheiung ber Bethlehem. Und so auch ber der Herzogin Amlie
Palais ... jetzt, wo die Regierung aus ihren Hnden an den mndig
gewordenen Carl August bergangen, tatschlich nur noch ein Witwensitz.

Und Goethe-Welt ist es, die dies stille Haus spiegelt. Auch hier, hat
man den dsteren Torbogen erst passiert, der junge Frhling. Grnes
Licht rauscht auf, betritt man den Hof. Die Spatzen unter der Kastanie
lrmen. Sonne legt Gold auf die grauen, verwitterten Wnde und lt die
toten Fenster glitzern.

Tr, Treppe, Vorplatz: ein Brgerhaus. Wie am Frauenplan. Behbig,
aber ohne jeden Prunk. Den bieten erst die Zimmer. Die seidenen
Tapeten leuchten, das Parkett glnzt, die Kristallster flimmern.
Aber es ist ein sterbendes Rokoko. Ein paar der weien Stuckdecken,
ein paar Mbelstcke gefallen sich noch in geschweifter Linie. Alles
andere ist bereits Empire: steif, khl, sparsam im Ornament. Ein
Kranz, eine Schleife, ein dnnes Fruchtgehnge, an den weien Tren,
an der Boiserie der Fensternischen schmale goldene Linien -- das ist
alles. ppig nur die Bilder. Da das herrliche Portrt der Frstin
von Tischbein: die groen Augen, der zarte Mund, um den verhaltenes
Lcheln spielt, die schne Bste ... Anna Amalia, wie Goethe die
verwittibte Herzogin zuerst sah. Da Friedrich der Groe, der
Frstin Oheim, in zugeknpftem blauen Zivilrock mit Ordenssternen,
wie er soeben den Siebenjhrigen Krieg beendet hat, das einzige
Bild, zu dem der Knig gesessen hat: der herrliche, sieghafte Glanz
der Friedrichs-Augen flimmert auch in denen der Nichte. Da, im
rotbespannten Dichterzimmer, Goethe und Schiller, von May, von Graff;
im Schlafzimmer der Herzogin die Shne: Carl August, achtzehnjhrig,
von Schlosser, und Constantin, ein dunkelugiges zartes Kind, von
Tischbein. Und so fort. Die ganze Dynastie, der ganze Hof, Weimar
in Goethe-Tagen. Selbst die beiden Schwestern Gore fehlen nicht,
die Englnderinnen, deren eine, die schne Emilie, Carl August
nahe gestanden haben soll. Und auch Corona Schrter nicht. Wie sie
lchelt! Kaum verhllt das Kleid den vollen Busen, Locken rahmen das
Iphigenien-Antlitz. Wen hat in Weimar man so gefeiert wie sie? Wen so
rasch vergessen? Ihr Lcheln tut weh, und die schmale Galerie, in der
ihr Bild hngt, verfinstert sich, denkt man des einsamen Grabes in
Ilmenau.

So weckt hier jedes Bild, jedes Zimmer, jeder Gegenstand Erinnerungen.
Das Herz hlt Totenschau und ist, fr tiefe Augenblicke, den Toten
nher als den Lebenden. Zumal im Lesezimmer, das hinter den
verhngten Fenstern ein grnes Zwielicht geheimnisvoll erregend fllt,
drngen sich die Schatten. Georg Melchior Kraus, der Maler, hat
den Abendkreis von Menschen, der hier sich bei der Herzogin so oft
zusammenfand, im Bilde festgehalten. Da sitzen sie alle um den Tisch,
in der Mitte die Frstin, die malt, rings um sie herum, ganz zwanglos,
die anderen: Goethe, der vorliest, neben ihm Einsiedel, dahinter, bei
riesigen Bildermappen, Heinrich Meyer, und die schne Kehle, das
Frulein v. Wolfskeel, schaut gespannt, welchen Kupferstich, welche
Zeichnung Meyer der Gesellschaft vorlegen wird. Gegenber die Gores,
Vater und Tchter, ber eine Stickerei gebeugt die Gchhausen und,
bequem in den Stuhl zurckgelehnt, Herder.

Was liest Goethe vor? Wovon sprechen sie? In welche Fernen blickt
Herders Auge? Vielleicht steigt Italien vor ihnen allen auf, wo die
Herzogin vor kurzem gewesen ... Italien, das, wie Goethe in seiner
Widmung der Venetianischen Epigramme rhmt, Anna Amalia ihnen
in Germanien von neuem erschuf. Vielleicht liegen in den Mappen
neben Meyers Sessel die Aquarelle von Tivoli, die jetzt im grnen
Wohnzimmer der Herzogin hngen, vielleicht ist es das Tagebuch seiner
italienischen Reise, in dem Goethe blttert ... wer kann es wissen?

Eines Tages begegnen Offiziere auf der Landstrae nach Jena einem alten
Manne in drftigem Reisehabit. Was ist das fr ein nrrischer Kerl?
fragt einer ... Er wird das Handwerk gren! meint ein anderer,
sehr von oben herab. O nein! fhrt da der erste fort, ich habe ihn
gestern im Garten der Herzogin gesehen.

Es war der Dichter Seume.

Und so wie er durfte kein schner Geist Weimar passieren, ohne
im Wittumspalais eingekehrt zu sein. Es hat dieser Gste vielerlei
gesehen, ihre Namen klingen mit, wenn der Name Wittumspalais
aufklingt. Der alte Wieland vor allem, so vertraut, da er jederzeit
Zutritt hatte, dann Goethe natrlich, Herder und Schiller. Sie wre
eine wackere Frau, die Herzogin, und es lebte sich gut mit ihr,
bekannte Schiller, der skeptisch war gegen Frstengunst. Lenz, Klinger
tauchen sporadisch auf. Auch Merck. Spter wird Jean Paul feierlich
empfangen -- wetteiferte an schnellem Ruhm er eine Zeitlang doch fast
mit dem Herrn vom Frauenplan! Sein Schreibsekretr, spter hierher
gebracht, erinnert an ihn. Auch Jena schickte illustre Kpfe: Humboldt,
Hufeland, Fichte, Schelling, Hegel. Und von der Stal, die bei der
Herzogin wiederholt zu Gast, erzhlt Goethe in den Annalen folgende
Anekdote: An einem personenreichen Abendessen sitzt Goethe in
Schweigen versunken. Irgend jemand hlt sich darber auf. Die Stal
pflichtet bei. Und fgt hinzu: brigens mag ich Goethe nicht, wenn er
nicht eine Bouteille Champagner getrunken hat! Goethe hrt's und meint
schlagfertig: Da mssen wir uns denn doch schon manchmal zusammen
bespitzt haben. Unterdrcktes Lachen, verlegene Pause im Gesprch.
Die Stal, des Deutschen nicht mchtig, will wissen, was er gesagt.
Niemand traut sich, bis Benjamin Constant es unternimmt, ihr mit einer
euphemistischen Phrase genugzutun.

Wo dies personenreiche Abendessen gewesen? Vermutlich im Obergescho,
im Theatersaal. Da ist erst das schne, trkisblaue Empfangszimmer
mit den weigoldenen Mbeln und den Leuchtergirandolen, die Goethe der
Herzogin aus Italien mitgebracht, und dann, mit den Fenstern nach Hof
und Esplanade, dieser Saal. Hier wurde getafelt, hier Theater gespielt,
hier getanzt. Die Decke von Oeser. Die bliche Allegorie. Die Wnde
schner roter Marmor. Die Sessel gelber Atlas. Ein Riesenteppich deckt
den Boden. Alles sehr festlich und, wenn die Kerzen flimmern, sicher
warm und behaglich. Goethes Palophron und Neoterpe hat hier, anno
1800, der alten Herzogin gehuldigt ... ein Maskenspiel, in Worten
tndelnd, die leicht wie Hauch, der Spinettklang einer abgelebten Zeit.
Dieser Klang haftet noch. Man sprt ihn bis in letzte Nerven. Nur ist
die heiter-bewegliche Gesellschaft, die einst danach tanzte, tot, und
jetzt schwingen hier im Lichte sich allein die Sonnenstubchen.

       *       *       *       *       *

Lange lag diese ganze Welt in tiefem Schlaf. Man schien vergessen
zu haben, da hier einst eine vollkommene Frstin mit vollkommen
menschlichem Sinn, wie Goethe Anna Amalia genannt, gewohnt hatte.
Schien vergessen zu haben, da ber die schlichte graue Holztreppe die
erlauchtesten Geister einer groen Zeit geschritten waren. Weimar trieb
Kult mit andern Gttern: wenn Liszt sich, lockenumwallt, am Fenster
seines Hauses in der Belvedere-Allee sehen zu lassen geruhte, zwang
Verzckung die Weiber auf die Knie ... ein paar Akkorde, von seiner
Hand gegriffen, faszinierten eine Welt!

Erst Carl Alexander brach den Bann.

Da suberte das alte Schlchen man sorgfltig von Spinneweben und
Domestikenplunder und baute hbsch zierlich, von Zimmer zu Zimmer, die
Erinnerungen auf, die dem Einst Glck und Rausch verflogener Stunden
gewesen ... die vielen Bilder, das Porzellan, die Uhren, die Vasen aus
Alabaster und Biskuit, die Bronzen, das Tausenderlei von Andenken,
das Reisen und Besuche angehuft, Tand vielleicht und doch mehr, weil
Herkunft und Gebrauch die meisten der Sachen geadelt. So fein baute
man das alles auf, da Anna Amalia, die sehr auf Ordnung hielt, nichts
auszusetzen fnde, schritte sie jetzt noch einmal die Flucht der Zimmer
ab.

Alles steht an seinem Platz ... sie fnde im Wohnzimmer das
Schachbrett, im Schlafzimmer Waschservice und Frhstcksgeschirr,
am Fenster ihre Malutensilien; da die kleine antike Rucherlampe
auf dem Balkon des gueisernen Ofens harrt nur der Hand, die sie
anzndet, da auf dem Spinett die Mandoline nur der Finger, die sie zum
Klingen bringt. Die Noten daneben, Mozart, liegen aufgeschlagen, und
auch die Harfe steht bereit. Ja, sie fnde sogar in einem kindlich
mit Goldpapier verklebten Glaskstchen die winzigen rotseidenen
Pantoffeln ...

Aber sie kommt nicht. Die Stadtkirche htet ihre Toten gut. Nur ihr
Geist beseelt noch immer die Rume, die sie einst bewohnt, den kann
kein Stein und keine Gruft bannen. Und die alte Dame auf Jagemanns
Bild, Anna Amalia 67 Jahre alt, lchelt, als ob sie das wte.

       *       *       *       *       *

Wagenfahrt unter blhenden Obstbumen. Die Sonne schon sommerlich warm:
Gold tropft aus dem grnen Baldachin des Laubes, verwehte Bltenbltter
taumeln gleich lichttrunkenen Faltern. Da die Landstrae hher steigt,
wandert das Auge ber Felder, die sich wie blasser Brokat wellen.
Dazwischen ein Silberband: die Ilm, der liebe Flu߫. An ihrem Ufer
Tiefurt.

Goethes Tagebuch am 20. Mai 1776: ... Tiefurt. Einzug. Am 21.: In
Tiefurt mit den beiden Herzoginnen, Edelsheim usw. Drau geschlafen.
Und ein Brief Knebels: Wir vertrieben den Pchter aus seiner Wohnung,
rissen die Bauerngehege hinweg und bereiteten nach und nach einen
angenehmen Aufenthalt in der beraus gnstigen Gegend.

So beginnt Tiefurts klassische Zeit. Das Pchterhaus des Kammerguts,
ein anspruchsloser Bau ohne jeden Stil und Komfort, wird auf Wunsch der
Herzogin Sommerquartier des Prinzen Constantin, Carl Augusts Bruder.
Knebel, der Erzieher des Prinzen, richtet die Wohnung her, Goethe,
Hansdampf in allen Gassen, mu helfen. Zwei Stuben mssen vorlufig
gengen. Oeser malt sie in pompejanischer Manier aus: auf gelbem Grund
ein wenig Blumenornament.

Am 20. Mai der Einzug. Der ganze Hof ist drauen, auch Goethe mit
Frau von Stein. Die Bauern empfangen den Prinzen mit Musik, Bllern,
lndlichen Ehrenpforten, Krnzlein, Tanz, Feuerwerkspuffer, Serenade
usw.. Zwei Tage dauert das Fest. Da im Schlchen noch keine Betten
fr Gste, bernachten der Herzog, Goethe und noch einige im Freien
... was man damals, jugendlich begeistert, als Erdgefhl cachierte.

[Illustration]

Dieser Prinz Constantin, schon in frhen Jahren ein Sorgenkind, hat
hier bis 1780 gewohnt ... sicherlich nicht freiwillig. Er war ein
unruhiger Geist, schwierig zu behandeln, bei aller Wildheit berzart,
mit schmalen Schultern, blassen Schlfen, den dunkelglhenden Augen
eine Verfallserscheinung. Was konnte ihm, der nach Abenteuern und
Ekstasen Leibes und der Seele gierte, das Idyll Tiefurt geben? So
schickte man ihn auf Reisen. Vergebens. Krank taumelt er durchs Leben,
bis ihn, 1793, die Kriegstrommel verfhrt. Als schsischer Oberst macht
er die Kampagne gegen Frankreich mit und stirbt, fern der Heimat,
irgendwo an der Ruhr, so ein nutzloses Dasein nicht einmal heldisch
endend. Mutterliebe hat ihm im Tiefurter Park ein Denkmal gesetzt,
eins der vielen hier. Ein antiker Sarkophag, sehr schn in den Linien,
die Inschriften feiern den Toten in ergreifenden Worten als Helden und
Opfer dieses unglcklichen Krieges.

       *       *       *       *       *

Dies ist die ra Constantin ... verweht, vergessen. Nur das Denkmal an
der Ilm erinnert leise daran und eine schmale Silhouette des Prinzen
im Schlo. Das Tiefurt Anna Amalias, die nun das ferne Ettersburg
aufgibt und hier im Sommer wohnt, ist das heutige ... der Park mit
seinen Urnen, Bnken und Gedenksteinen hat sich selbst erhalten, das
verwahrloste, mit Krimskrams aller Art berladene, lange nur als
Rumpelkammer benutzte Haus hat Enkelpiett ganz so wiederhergestellt,
wie es zu ihren Zeiten war. Dank Wilhelm Ernst, dem nun Vertriebenen,
der das getan! Auch hier wrde die Erlauchte, kehrte einmal sie aus
Elysium zu der Sttte zurck, die ihr eine Sttte reinsten Glcks
und lauterster Freude gewesen ein Leben lang, alles finden, wie sie
es verlassen, als der Tod sie abberief. Wirklich alles. Nur die
Steintafel am Eingang zum Park fehlt, die einst schwrmte:

    Hier wohnt Stille des Herzens, goldene Bilder
    Steigen aus der Gewsser klarem Dunkel.
    Hrbar waltet am Quell der leise Fittich
    Segnender Geister!

Fromme Worte, die noch jetzt Magie. Wer den Park betritt, dem klingen
sie im Herzen auf, und wer ihn verlt, den begleiten sie.

       *       *       *       *       *

Zwei Wege fhren von Weimar nach Tiefurt, beide gleich schn, zumal
im Frhling, wenn junges Grn sie sumt. Der eine die Landstrae, die
das Webicht quert: erst Villen, dann Garten und Feld, schlielich
der Wald. Wie oft ist hier der alte Goethe mit Eckermann gefahren, in
Erinnerung versunken! Der andere, die Carolinen-Promenade, luft die
Ilm entlang.

Es ist ein uerst angenehmer Weg, schreibt 1780 ein junger Theologe,
der Herder nach Tiefurt begleitete, der Ilm nach, durch ein Wldchen,
wo wir meisterlich waten muten. Das braucht man heute nun nicht mehr.
Man gelangt trockenen Fues ans Ziel. Aber wenn der Briefschreiber
weiter erzhlt: Endlich kamen wir auf eine schne Wiese, dann wieder
ins Holz, dann bers Wasser in den Garten, wo eine kleine chinesische
Htte ist, hinauf auf den Berg, den Knebels Phantasie ausgebildet hat,
zu einigen kleinen Altrchen, wo man ins Tal eine schne Aussicht hat,
zu einer Grotte, die Virgils Grab heit, oben gegen dem Feld am Wald
vorbei auf eine hohe Eiche von drei Stockwerken, ordentlichen Altanen,
wo eine schne Aussicht ist und reine herrliche Luft weht, so kann man
der Schilderung eher beipflichten. Nur konnte Herders Begleiter, der ja
auch Tiefort noch ein Lusthaus des Prinzen Constantin nennt, anno
1780 die mancherlei Vernderungen nicht kennen, die der Park nun unter
Anna Amalia erfuhr.

Und die aus Wald und Wiese, Flu und Uferhang, Berg und Tal einen
elysischen Hain machten. Faune und Nymphen sollen sich nicht zu
schmen brauchen, ihren Aufenthalt darin zu nehmen. So sie selbst.
Knebels Anlagen sind der Grundstock. Nun baut sie, mit Goethe,
weiter. Bume werden gepflanzt, Wege gezogen, Durchblicke geschaffen.
Jede Bank erhlt ihren Namen, jeder Platz seine tiefere Bedeutung.
Ein Musentempel, wei und schlank, steigt reizvoll aus dem Samt
der grnen Rasenflchen, die Freunde werden durch Altre und Urnen
gefeiert. Das Ganze schlieen jenseits der Ilm Felsterrassen harmonisch
ab ... ein Theater der Natur, das sentimentalisches Gefhlsklima atmet,
Oden und Elegien in Stein, Baum, Boskett tndelnd beleben.

Oder wie die Goethe-Verse auf dem Holzsockel der Wieland-Bste es
wollen:

    Wenn zu den Reihen der Nymphen
    Die eine Mondnacht versammelt
    Sich die Grazien heimlich
    Von dem Olympe gesellen,
    Hier belauscht sie der Dichter
    Und hrt die schnen Gesprche
    Sieht dem heiligen Tanz
    Ihrer Bewegungen zu.
    Was der Himmel Herrliches hat
    Was glcklich die Erde
    Reizendes hervorbringt
    Erscheint dem wachenden Trumer.
    Dann erzhlt er's den Musen
    Und da die Gtter nicht zrnen
    Lehren ihn die Musen
    Bescheiden Geheimnisse sprechen.

Die ursprngliche Form der Distichen, die in den Werken als Geweihter
Platz feierlichere Prgung erhalten haben. Geweihter Platz -- das
ist ganz Tiefurt. Man wandert von Erinnerung zu Erinnerung, immer die
Ilm zur Seite, die mit Glitzerwellchen lustig ber Stein und Wurzel
dahinstrmt. Enten treiben drauf, Bltenbltter, zuweilen hascht Sonne
einen Fisch und lt den schmalen, blanken Leib in khler Flamme
lodern ... alles wie anno dazumal, als Anna Amalia hier in weiem
Sommerkleid, eine bescheidene Landedelfrau, morgens lustwandelte. Mit
Wieland vielleicht, ihrem guten Alten. Oder mit Goethe, mit Herder.
Vielleicht auch nur begleitet von der Gnomide, der Gchhausen, und
deren dickem Mops.

Ein Baum, ein Steintisch, eine Bste ... wie drftig! Und doch
vollkommenstes Idyll. Idyll auch, ein paar Schritte weiter, die Bank
mit dem Amor: Coronas Denkmal. Kein Name verrt, da es ihr gilt. Aber
im Rauschen der Bume, im leisen Flstern der Bltter ringsum klingt
s und leise noch heute die Stimme, die sich hier einst so oft im
Lied gewiegt. Sie ist Philomele, der die Goethe-Verse der Steintafel
huldigen:

    Dich hat Amor gewi, o Sngerin, ftternd erzogen;
    Kindisch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Kost.
    Schlrfend saugtest du Gift in die unschuldige Kehle,
    Und mit der Liebe Gewalt trifft Philomele das Herz.

Niedlich darber der Amor, ein kleiner Marmorgott. Die eine Hand,
die mit dem Pfeile, hat ein Umsturz-Wicht zerschlagen. Nun klagt das
Kinderauge, und Philomele, ngstlich in die andre Hand geschmiegt, ist
ohne se Nahrung. Aber wenn der Abend kommt und Flieder und Jasmin
strker duften, aus den Fluwiesen der Nebel steigt, singt sie doch ...
der ganze Park wird dann ein einziges trunkenes Liebesstammeln.

[Illustration]

Wenn der Abend kommt, erwacht hier berhaupt die Vergangenheit, aus
Schatten drngen Schatten und werden wieder Leben. Wissen mu helfen,
sie zu beschwren. Da ist Goethes Tagebuch. Immer wieder meldet es im
Sommer 1781, dem ersten, den Anna Amalia hier als Herrin verbracht:
Abends Tiefurt. Auch die Briefzettelchen an Charlotte, wilder,
heier, ungestmer denn je, erzhlen damals unablssig davon. Da wird
mit den Bauern und der Dorfjugend der rndtekranz gefeiert, da wird
Nathan und Tasso gegeneinander gelesen, da singt Corona Schrter
Rousseaus neue Lieder, da wird der Musentempel eingeweiht, ein
frischer Gedenkstein enthllt ... wir wrden heute sagen: immer ist
in Tiefurt was los. Und Charlotten, die ihre Migrne hat und an der
Ackerwand eiferschtig des Freundes denkt, der mit anderen miselt,
vielleicht sogar mit Krone, vielleicht auch mit der schnen Baronin
Werthern oder der kecken Waldner, der Person, -- Charlotten wird
berichtet: Gestern ist unsre Feyerlichkeit zu iedermanns Vergngen
begangen worden.

Feierlichkeit?

Wieder mgen Goethe-Verse Deutung geben. Das groe, das wundervolle
Gedicht Auf Miedings Tod, das den Theatermeister Mieding und die
Schauspieler preist:

    Als euern Tempel grause Glut verheert,
    Wart ihr von uns drum weniger geehrt?
    Wie viel Altre stiegen vor euch auf!
    Wie manches Rauchwerk brachte man euch drauf!
    An wie viel Pltzen lag, vor euch gebckt,
    Ein schwer befriedigt Publikum entzckt!
    In engen Htten und im reichen Saal,
    Auf Hhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal,
    Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht
    Und unter dem Gewlb der hohen Nacht
    Erschient ihr, die ihr vielgestaltet seid,
    Im Reifrock bald und bald im Galakleid ...

Theater also, Possenspiel. Und die Bhne ist die Theaterwiese,
Parkett das Chinesische Haus mit schmaler Terrasse. So einst, und
so noch heute, nur liegen die Wiese, der schlichte Fachwerkpavillon
verdet und verlassen. Und nachher dann Beleuchtung. Da wird an
Miedings Stelle Goethe, der Rembrandt-Schwrmer, Regisseur, und
Flu und Uferhang wandeln sich, wie so oft schon vorm Gartenhaus am
Stern, in idealische Landschaft von magischem Helldunkel, werden
Rembrandt-Tableau zu jedermanns Vergngen.

Und das Tagebuch vom 28. August 81: Abends in Tiefurt, wo man die
+Ombres Chinois+ gab. An Frau von Stein tags darauf: Gestern ist das
Schauspiel recht artig gewesen, die Erfindung sehr drollig und fr den
engen Raum des Orts und der Zeit sehr gut ausgefhrt. Hier ist das
Programm. +NB+ es war +en ombre Chinois+ wie Du vielleicht schon weit.

Dieser 28. ist Goethes Geburtstag, das Schattenspiel, das Seckendorf
gedichtet, Huldigung fr ihn: Minervens Geburt, Leben und Taten.
Im Tiefurter Journal, Anna Amalias netter, handschriftlich
vervielfltigter Chronik dieser Jahre, kritisierte Wieland die
Auffhrung. Alles sehr hbsch, sehr gelungen, doch Venus sei in einem
Aufzuge erschienen, welcher dem Neglig einer Waschfrau und Grasnymphe
hnlicher sah, als dem einzigen Schmuck, der sich fr die Gttin der
Schnheit ziemt. Ob Emilie Werthern, eben jene Venus, ein andermal den
guten Papa Wieland mehr befriedigt hat?

Ein Jahr spter, an heiem Juli-Abend, die Fischerin, unten an der
Ilm bei Fackelbeleuchtung gespielt. Goethe an Merck: Ehestens wirst
Du ein Wald- und Wasser-Dram zu sehen kriegen. In Tiefurt aufgefhrt,
tut es gute Wirkung. An Charlotte, die Verstimmung fern gehalten: Von
meinem gestrigen Stck, das sehr glcklich ablief, bleibt mir leider
nichts als der Verdru da Du es nicht gesehen hast. Das Tagebuch
stumm. Um so beredter die Tuschzeichnung von Kraus im Schlchen in
Farbenduft und zarter Linie: die Erlen, die Fischerhtte, an einem
kleinen Feuer Tpfe, im Hintergrunde Netze und Fischergerte, auf dem
Flu im Mondschein der Kahn mit den Fischern, vorn Dortchen, die den
Erlknig singt ... ein reizendes Bild, ganz die Szenerie des Stcks
in Goethes Angabe, ganz Tiefurt-Zauber. Dortchen, im ppig gerafften
Reifrock mehr eine Schferin des Rokoko denn eine lndliche Fischerin
ist Corona Schrter, die Liebliche. Und wie kann es anders sein, da da
die Verse aufklingen, die sie unsterblich gemacht:

    Ihr Freunde, Platz! Weicht einen kleinen Schritt!
    Seht, wer da kommt und festlich nher tritt!
    Sie ist es selbst -- die Gute fehlt uns nie --
    Wir sind erhrt, die Musen senden sie.
    Ihr kennt sie wohl; sie ist's, die stets gefllt:
    Als eine Blume zeigt sie sich der Welt,
    Zum Muster wuchs das schne Bild empor,
    Vollendet nun, sie ist's und stellt es vor.
    Es gnnten ihr die Musen jede Gunst,
    Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.
    So huft sie willig jeden Reiz auf sich,
    Und selbst dein Name ziert, Corona, dich.

       *       *       *       *       *

So fhrt Erinnerung, sen Plaudertons, zum Schlo. Altersbraun,
verwittert Dach und Mauerwand, liegt's unter Riesenbumen. Weimar
trinkt hier gerne Kaffee. Der Kastellan hat kleine Wirtschaft, an
schnen Sommernachmittagen sind Tisch und Stuhl, heut leer und
Turngert fr Hhnervolk und Spatzen, dicht besetzt ... die Stille des
Herzens ist dann Illusion.

Ein Schlo?

Man lchelt. Kaum ein Schlchen. Ein Guts-, ein Pchterhaus, wie's
deren Tausende gibt. Bescheidener kann man nicht wohnen. Allein die
hlzerne Pergola der Parkfront mit ihren Sulen, ihrem Gitterwerk,
ihren Skulpturen verrt, da hier Anmut und Geist sich eine +maison
d'me+ in lndlicher Idylle geschaffen, hier Heimat von Menschen
gewesen, die mehr als Ackerbau und Viehzucht trieben.

Anmut und Geist verklren auch das schlichte Innere. Ein Wittumspalais
im Kleinen! Winzig die Zimmer. Die niedrigen Decken einfach geweit,
der Fuboden bemalte blanke Wachsleinwand, die reizend Mobiliar und
Fenster spiegelt. berall das Ornament des Empire, halb Mander, halb
Pompeji. Die Wnde zartgetnt: gelb, grau, hellgrn ... am apartesten
ein Empfangszimmer mit den aufgeklebten schwarzen Kupferstichen.
Prunk fehlt ganz. Die Kronleuchter, auch sie Pompeji, das damals groe
Mode, nur aus Holz geschnitzt, die Gardinen Mull, die Polsterbezge
Rips. Hier und da ein Sessel mit Handstickerei: Hofdamengeschenke.
Bilder natrlich in Hlle und Flle. Portrts in l, Portrts in
Pastell. Alte Stiche. Silhouetten. Wachsreliefs. Als Proben tternschen
Marmors, den Goethe zuerst brechen lie, Bsten und Figuren von Klauer:
der junge Goethe, Fritz von Stein, die Gchhausen.

Es ist eine empfindsame Wanderung. Alles, was der Park erzhlt, steht
hier noch einmal auf in Bild und Andenken ... ein Schattenspiel der
Seele. Aber die es einst in Dmmerstunden schnitten, sind alle tot ...
nur ihrer Persnlichkeiten geheimer Duft schwingt noch in den Rumen:
im Speisezimmer, wo sie, Raphaels Farnesinagemlde vor Augen, tafelten,
im Empfangszimmer, wo die Leseabende des Wittumspalais ihre sommerliche
Fortsetzung fanden, im Wohnzimmer, wo musiziert wurde, im Schlafzimmer,
wo Bett und Waschgeschirr, nebenbei: ein Puppengeschirr, das immer
von neuem verwundertes Lcheln hervorruft, noch so stehen, als ob die
Herzogin nur mal in den Park gegangen wre und jeden Augenblick wieder
durch die Tr eintreten knnte.

[Illustration]

Und so kommt man auch, ber schmale Treppe, schmalen Gang, zu der
Wohnung des Fruleins von Gchhausen, die Luise hie, aber, von den
Grafen Stolberg einst in bermtiger Laune, klein, wie sie war,
Thusnelda getauft, von der Herzogin zrtlich-liebevoll Thusel gerufen
wurde ... und dieser schmale Gang, eine Art Galerie, ist vielleicht
das Schnste hier im Schlchen. Ist Rokoko-Kulisse, die verschnittene
Hecke vortuscht. Ist Mozartsche Musik, ein wenig steif, ein wenig
tnzelnd, s und lieblich. Auf die Laubtapete gemalt Steinfiguren, die
Jahreszeiten: +Le Printemps+, +L't+, +L'Automne+, +L'Hiver+. Damit
die falschen Statuen plastisch wirken, werfen sie alle Schlagschatten
... rhrend komisch in verhaltener Grazie! So hat in unsern Tagen der
Russe Konstantin Somoff, so Walser Rokoko gemalt. Und vor der Galerie
die Pergola. Welch ein Blick! Der ganze Park. Da die Kastanienallee
zum Teesalon, da die drei Lrchen, die Goethe gepflanzt, da die
Theaterwiese mit dem Musentempel ... entzckend! Das grne Gitterwerk,
von Wein berankt, der Rahmen fr lauter Bilder von Corot.

Die gleiche Aussicht haben die Gchhausen-Fenster. Da hat die kleine
putzige Person, Genie in Flle -- kann aber nichts machen!, am
Schreibsekretr gesessen, der geliebten Herrin Hand in Bronze vor
sich, und hat an Knebel geschrieben: O Knebel, setzen Sie sich aufs
erste beste Pferd und erfreuen uns irgend einen guten Abend mit Ihrer
Erscheinung! Dies ist der Herzogin, Goethens und mein liebster Traum,
wenn wir in diesem lieben, lieben Tempe die Sonne untergehen und den
Mond in seiner stillen Pracht aufgehen sehen. Lieber, berlegen Sie's!
Oder vielmehr berlegen Sie's nicht und kommen Sie! So schn wie dies
Jahr war's noch nie! Die Akazien blhen wie berschttet mit Blumen.
Rosen, Jasmin und Jelngerjelieber sind wie ausgelassen und knnen gar
nicht erwarten, bis sie alle da sind ...

       *       *       *       *       *

So gehen die Jahre. Die Farben von Tiefurt verblassen, die Menschen,
die hier Sommer fr Sommer wohnen, werden alt, ihre Augen matt, ihre
Herzen mde. Weit verstreut in alle Lande, bis in das des Todes, sind,
die hier einst gelacht, gescherzt. Auch Goethe ist ein seltener Gast
geworden. Die Einsamkeit hkelt um Schlo und Park, und ein Besuch der
Knigin Luise, die hier ein Paretz ins Weimarische bersetzt, findet,
ist 1804 fast unliebsame Unterbrechung des Friedens. Nun denken Sie
sich den Holdelpolder im Tiefurter Bezirk! schreibt die Gchhausen an
Knebel, den Freund, in Jena, die Esel schrien, die Khe brllten, die
Gnse schnatterten, und die Hhner machten glu, glu, glu! Alles sang
Hymnen nach seiner Art.

[Illustration]

Das Leben, das so freundlich hier gelchelt, in so buntem Glanz
geblht, ist gemach zu +ombres Chinoises+ geworden, zu Silhouette, die
wehmtige Erinnerungen weckt. Man schaut sie an und hngt ein Krnzlein
um den Rahmen. Und fragt: Wie lange noch?

Herbst 1806. Der Krieg naht. Schwle vor dem Sturm. Noch ist die
Herzogin in Tiefurt, Wieland leistet ihr Gesellschaft. Man musiziert
mit schwerem Herzen, wie Goethe in den Annalen erzhlt, es ist
aber in solchen bedenklichen Momenten das Herkmmliche, da Vergngen
und Arbeiten so gut wie Essen, Trinken, Schlafen in dsterer Folge
hintereinander fortgehen. Da bricht der Sturm los, Anna Amalia
mu, Hals ber Kopf, nach Kassel flchten. Prinzessin Caroline, die
Enkelin, begleitet sie. Sie hat Tiefurt nie wiedergesehen. Denn kann
sie auch bald nach Weimar zurckkehren, so ist es jetzt doch Winter,
harter Winter, und das Wittumspalais bietet der alten Dame besseren
Schutz als Tiefurt. Auerdem krnkelt sie. Diesen Aufregungen war die
Achtzigjhrige nicht mehr gewachsen. Als es wieder Frhling wird, legt
sie sich zu Bett und stirbt.

Die Tote hat man gefeiert. Die Sterbende war allein. Ergriffen steht
man vor dem schmalen Bette ihres Sterbezimmers im Wittumspalais. An
der grnen Seidenwand, jung und strahlend, die Portrts der Shne,
zu Hupten des Betts ein Bild Friedrichs des Groen. Auf der Kommode
die Uhr und das Mundporzellan. Sonst nichts. Die letzte Welt einer
Frstin, deren Geist keine Grenzen gekannt. Alles andere ferner
Traum: die Heimat Braunschweig, Belvedere, wo sie junge Frau gewesen,
Ettersburg und Tiefurt mit den bittern Tagen frher Witwenschaft, mit
den Tagen Wielands, Goethes, Herders, die der Einsamen verlorenes Glck
ersetzten. Was flstert die Fiebernde? Formt Sehnsucht noch einmal
den greisen Mund zu wirrem Schmeichellaut? Oder ist's ein skeptisches
Lcheln, das um diese Lippen zittert?

Drauen rttelt der Frhlingswind an den Fensterlden, und die
Kammerfrauen beten. Leise tickt die Uhr. Sie hat Jahre gezhlt, nun
zhlt sie Augenblicke. In das brechende Auge lchelt das Kinderantlitz
des Prinzen Constantin.




Die Reisen in den Harz

            Bin so in Lieb zu ihr versunken,
            Als htt' ich von ihrem Blut getrunken.

                ~Goethe~


Im Weimarer Park, nicht weit von Goethes Gartenhaus und der Ilm so nah,
da man ihr leises Rauschen gerade noch hren, den Schimmer des Wassers
durch das Gezweig von Weide und Erle gerade noch sehen kann, steht an
einer Weggabelung ein kleines Monument: der Schlangenstein. Martin
Klauer, der Bildhauer, hat ihn auf Wunsch Carl Augusts nach antiken
Vorbildern geschaffen, im Mai 1787 wurde der Altar mit der Schlange
hier aufgestellt.

[Illustration]

Derlei war damals Mode. Auch Goethe selbst hatte schon anno 77 in
seinem Garten am Stern einen hnlichen Altar des guten Glckes
errichtet. Nun fand er, aus Italien zurckkehrend, diesen neuen an
nicht weniger vertrauter Sttte: mit der Inschrift +Genio huius loci+
auf dem Sulenstumpf eine zarte Huldigung des frstlichen Freundes fr
den Dichter. Denn wer konnte denn der gute Geist dieses Ortes sein,
wenn nicht er, auf dessen schpferische Ideen die ganzen Parkanlagen
ringsum doch zurckgingen?

So wenigstens die eine Deutung der rtselhaften Worte. Andere meint,
der Herzog htte gewut, da Goethen mit dem heimlich-stillen Platze
liebe Erinnerungen verknpften, der seltsame Stein also ein Denkmal
des Glcks im Goetheschen Sinne wre wie so manches andere Monument
im Park. Man denke nur an jene Steintafel in Goethes Garten, die Frau
von Stein gilt! Sie allerdings ist beredter, die Lettern, die ihr
eingegraben, erzhlen rhrende Legende:

    Hier im stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten;
        Heiter sprach er zu mir: Werde mir Zeuge, du Stein!
    Doch erhebe dich nicht, du hast noch viele Gesellen;
        Jedem Felsen der Flur, die mich, den Glcklichen, nhrt,
    Jedem Baume des Walds, um den ich wandernd mich schlinge:
        Denkmal bleibe des Glcks! ruf' ich ihm weihend und froh.
    Doch die Stimme verleih' ich nur dir, wie unter der Menge
        Eine die Muse sich whlt, freundlich die Lippen ihm kt.

Wo sind sie, diese Gesellen? Diese unsichtbaren Geschwister von
Schlangenstein und Charlotten-Tafel? Felsen der Flur und Bume des
Waldes, sind sie berall, wo Goethe jemals geweilt, sein guter Geist
Ort und Sttte begnadet. Sie zu finden, braucht man sich nur ein wenig
in seine Tagebcher und Briefe zu vertiefen, die so stark Beschwrung
verklungener Leiden und Freuden hauchen. Wer, diese +monumenta+
liebender Erinnerung fromm im Herzen tragend, durch die Landschaft
wandert, die Goethe-Spuren kreuzen, der begegnet auf Schritt und Tritt
solchen unsichtbaren Denkmlern des Glcks; er sieht in manche
Baumesrinde geschnitten, in manche Felswand gegraben, auf manche Tapete
geschrieben, in manches Fenster geritzt die drei geheimnisvollen
Worte: +Genio huius loci+ ... sieht sie im Geiste, wie er sie auf
dem Felsenweg im Park zu Weimar, von Ahnen hold bedrngt, am
Schlangenstein in Wirklichkeit gesehen.

Von solchen nicht in Erz und Stein sich deutlich kndenden Stationen
des Goethe-Weges soll hier die Rede sein.

       *       *       *       *       *

Goethe im Harz ...

Sofort setzt die Erinnerung ein: natrlich, Harzreise im Winter!
Und doch ist diese Harzreise im Winter, die durch das wundervolle
Gedicht des Achtundzwanzigjhrigen und durch die Brahmssche Rhapsodie
Ewigkeitsprgung erhalten hat, nur eine, die erste, und Goethe ist
danach noch dreimal im Harz gewesen. Schon allein der Einflu, den
die drei Brockenbesteigungen auf Goethes Faust gehabt haben, sollte
ein Wissen darum ber das enge Gebiet der Forschung hinaus zumindest
bei allen denen voraussetzen lassen, die immer wieder mit allen
Sinnen den romantischen Zauber der Walpurgisnchte in den beiden
Teilen des Faust erleben und empfinden, sei es im Theater, wenn all
der Hexenspuk auf der halbhellen Bhne vorbertaumelt und Faust und
Mephistopheles durch Glimmergrnde zum Brocken hinaufsteigen, sei es in
der Stille des abendlichen Zimmers bei der Lektre, wenn das Auge zu
der Stelle gelangt: Harzgebirg. Gegend von Schierke und Elend, sei es
im Konzertsaal, wenn Mendelssohns Vertonung der Ersten Walpurgisnacht
zu Musik werden lt, was bisher nur als Wort in uns gebrannt ...

Aber das Wissen darum ist sprlich. Nicht alle Harzreisen Goethes haben
wie die erste des Winters 1777 dichterische Verklrung gefunden, und
so viele und so reiche Zeiten seines Lebens der Dichter spter sich
und uns auch nacherzhlt hat, gerade ber die elf Jahre in Weimar, die
bis zur Italienischen Reise reichen und die das Verhltnis zu Frau von
Stein mit Duft berhaucht, hat er sich, hnlich wie ber die spteren
Jahre mit Schiller, ausgeschwiegen. Nur die Schweizerreise von 1779
macht eine Ausnahme.

Wer sich in diese Zeit versenken will, ist auf die Tagebcher und die
Briefe, vor allem auf die Briefe an Charlotte von Stein, angewiesen.
Wie schn fgt sich, geht man erst einmal an diese Arbeit heran,
ein Steinchen ans andere, um schlielich das wunderbare Mosaik zu
ergeben, das Goethes Leben gerade in dieser strahlenden, von Jugend,
Liebe, Sehnsucht wirr verklrten Zeit, tausendfarbig auf Goldgrund
widerspiegelt! Tag schliet sich an Tag, Woche an Woche, Jahr an
Jahr, und ber allem steht in milde schimmernder Gloriole: Alles um
Liebe. Und da steigen dann auch, geweckt vom Willen zur Hingabe, aus
der Vergessenheit die Epochen herauf, um die bisher ungewissestes
Zwielicht zitterte. Goethe im Harz -- solange eine Formel, die wenig
oder nichts besagte und hchstens diesen oder jenen einmal zu den
Gedichten greifen lie, um dort die Harzreise im Winter nachzulesen
-- diese erstarrte Formel wird zu leidenschaftdurchglutetem Leben, das
Stumme gewinnt Sprache und zieht den Freund der deutschen Landschaft
in hnliche Zauberkreise wie Anspruchsvollere die Schilderung der
Italienischen Reise.

[Illustration]

       *       *       *       *       *

Es war Ende November 1777. Weimar lag bereits im Winterschlaf. Da
unternahm der Herzog eine Jagd auf wilde Schweine im Eisenachschen.
Goethe, ber die erste wilde Zeit in Weimar schon lngst hinaus und
Charlotte von Stein, der lieben Frau, bereits ganz hingegeben,
stand der Sinn nach anderem als lautem Jagdvergngen; er hatte einen
wundersamen geheimen Reiseplan, erwirkte sich kurzen Urlaub und
wollte erst spter wieder mit der Jagdgesellschaft zusammentreffen. Ihn
bekmmerten nmlich -- wie er selbst mehr als vierzig Jahre spter in
der Campagne in Frankreich erzhlt -- Briefe eines jungen Theologen
aus Wernigerode, eines gewissen Plessing, den tiefste seelische Nte
qulten und der sich an Goethe, den berhmten Dichter des Werther,
um Hilfe gewandt hatte. Ihn wollte er besuchen. Gleichzeitig wollte er
einmal das Harzer Bergwesen aus eigener Anschauung kennen lernen, um
das, was er dort sehen wrde, nutzbringend fr das in Verfall geratene
Bergwerk in Ilmenau, das wieder in Gang gebracht werden sollte, zu
verwenden. An diese Reise auf den Harz hatte er schon lange gedacht,
jetzt verwirklichte er sie.

Am 29. November bricht er auf, in wunderbaar dunckler Verwirrung
seiner Gedanken, wie er an Frau von Stein schreibt. Weitere Briefe
an diese, sein lieb Gold, das Tagebuch und die schon erwhnte
nachtrgliche, allerdings nicht ganz genaue Beschreibung des
Besuchs bei Plessing in Wernigerode aus der Campagne geben ein
fast lckenloses Bild dieser ersten Harzreise, das noch ergnzt
wird durch die literarische Erklrung des Gedichts Harzreise im
Winter, die Goethe 1821 im 3. Band von Kunst und Altertum auf den
Kannegieerschen Deutungsversuch hin verffentlichte.

Ein bizarres Abenteuer nennt er selbst in dieser Erklrung die Reise,
und bizarr genug war sie. Ganz alleine reitet er los, in Nacht und
Schnee hinein, immer in stiller Seelenzwiesprache mit der geliebten
Frau, die an allem teilnehmen mu; heit Weber, ist ein Maler, hat
Jura studiert, betrgt sich hflich gegen jedermann und ist berall
wohl aufgenommen, hat auch bisweilen Heimweh. Notizbuchbltter, in
heftigstem Mitteilungsdrang den Briefen schnell noch nachgesandt, geben
die Stationen im einzelnen an: Nordhausen, Sachswerben, Ilefeld sind
die ersten. Im regnerischen Elbingerode, hoch zwischen Rbeland und
Dreiannenhohne gelegen, formen sich die ersten Verse des unsterblichen
Gedichts:

    Dem Geier gleich,
    Der, auf schweren Morgenwolken
    Mit sanftem Fittich ruhend,
    Nach Beute schaut,
    Schwebe mein Lied!

Der Besuch der Baumannshhle, in der er bei Fackellicht bewundert, wie
die schwarzen Marmormassen, aufgelst, zu weien kristallinischen
Sulen und Flchen wiederhergestellt sind, lt ihn das Begonnene,
wieder ans Tageslicht zurckgekehrt, mit ganz frischem Sinn
fortsetzen ... auf Klippen sitzt er herum und zeichnet und dichtet.
Und schreibt inzwischen nach Weimar, als ob er in der Einsamkeit
der Harzberge sich so recht besonnen htte: Ich hab' Sie wohl sehr
lieb. Trumt von der Grnen Stube, trumt von heimlicher Stunden
verschwiegenem Glck, und ein Handschuh Charlottens, heimlich auf
die Reise mitgenommen, mu ihm den Duft der geliebten Frau vor die
sehnschtig erregten Sinne zaubern ...

[Illustration]

Dann, am 3. Dezember ist er in Wernigerode, bei Mr. Plessing. Die
kstliche Erzhlung dieses abendlichen Besuchs in der Champagne
deutet reizvollst den damaligen liebevollen Zustand seines Innern;
das Abenteuerliche -- Goethe gibt sich nicht zu erkennen, hrt sich
selbst aus Plessings Munde seines Schweigens wegen anklagen, mu sich
gleichsam selbst entschuldigen, lftet aber trotz alledem nicht die
behagliche Maske -- verleiht dem Ganzen die Spannung einer Novelle,
und die winkligen Gassen Wernigerodes tief im Schnee, darber der
sternenklare Winterhimmel, ergeben ein Bild von bezauberndem Reiz! Da
Goethe den armen Plessing nun im Stiche lt, ihn nicht mehr am andern
Tage wieder aufsucht, sondern fortreitet, ist wieder ganz er selbst.
Fr ihn war die Sache eben abgetan. Wie tief er aber doch die flchtige
Episode seelisch empfand, das bezeugt die Fortsetzung des Gedichts:

    Ist auf deinem Psalter,
    Vater der Liebe, ein Ton
    Seinem Ohre vernehmlich,
    So erquicke sein Herz!
    ffne den umwlkten Blick
    ber die tausend Quellen
    Neben dem Durstenden
    In der Wste!

Und das Notizbuch registriert weiter: ber Ilsenburg auf Goslar.
Bei Schefflern eingekehrt. Ingrimmig Wetter. Die Briefe ergnzen:
Ein ganz entsezlich Wetter hab ich heut ausgestanden. Was die Strme
fr Zeugs in diesen Gebrgen ausbrauen ist unsglich, Sturm, Schnee,
Schloen, Regen, und zwey Meilen an einer Nordwand eines Waldgebrgs
her ... In Goslar aber ist er wieder in Mauern und Dchern des
Alterthums versenckt. Von den Harzbewohnern sagt er: Wie sehr
ich wieder, auf diesem dunklen Zuge, Liebe zu der Klasse Menschen
gekriegt habe, die man die niedere nennt, die aber gewi vor Gott die
hchste ist. Da sind doch alle Tugenden beisammen, Beschrnktheit,
Gengsamkeit, grader Sinn, Treue, Freude ber das leidlichste Gute,
Harmlosigkeit, Dulden, Ausharren. Er besucht die Bergwerke am
Rammelsberg, die Httenwerke an der Oker, fhrt in Klausthal in die
Gruben ein, wo er beinahe von herabstrzender Wacke erschlagen wird. Er
empfindet es als seltsam, aus der Reichsstadt, die in und mit ihren
Privilegien vermodert, hier heraufzukommen, wo von unterirdischem Segen
die Bergstdte frhlich nachwachsen und schlft sich am 9. Dezember in
Altenau von all dem Erlebten der letzten Tage unendlich aus.

Nun jedoch, wo er sich immer tiefer ins Gebrg gesenckt, seine
Sehnsucht, den Brocken zu besteigen, der Erfllung nahe ist, nehmen die
Briefe an Frau von Stein fast hymnischen Charakter an: Was soll ich
vom Herren sagen mit Federspulen, was fr ein Lied soll ich von ihm
singen? im Augenblick wo mir alle Prose zur Poesie und alle Poesie zur
Prose wird.

[Illustration]

Am 10. Dezember erklimmt er den Brocken, vom Torfhaus aus, ber Schnee
und Eis hinweg -- allein geleitet vom Frster aus dem Torfhaus. Das
Notizbuch meldet: Was ist der Mensch da du sein gedenkest. Es
war ein halsbrecherisches Unternehmen -- und war ein Erlebnis von
Ewigkeitswert. Nun lftet er auch das Geheimnis, in dem er sich selbst
vor der geliebten Frau geborgen hatte, waren doch sogar alle Briefe an
sie ohne Ortsangabe gewesen! Ich will Ihnen entdecken (sagen Sie's
niemand), da meine Reise auf den Harz war, da ich wnschte den
Brocken zu besteigen, und nun, Liebste, bin ich heut oben gewesen ...

ber Klausthal, Andreasberg, Lauterberg, Duderstadt -- immer in
Nebel, Kot und Regen --, schlielich ber Mhlhausen gelangt er am
15. Dezember, also nach reichlich vierzehn Tagen, nach Eisenach, wo
er die herzogliche Jagdgesellschaft vollzhlig antrifft. Aber die
Jagd war aus, und zwei Tage spter ist er schon wieder in Weimar.
Wo er das Gedicht vollendet hat, ist ungewi, vielleicht noch
unterwegs, vielleicht auch erst in Weimar. Wie stark der Eindruck der
Brockenbesteigung aber gewesen sein mu, das gibt der psalmenartige
Schlu der Harzreise im Winter ergreifend wieder -- es ist, als ob
der Brockensturm darin sein uraltes Lied singt, vom leisen Suseln bis
zum wtenden Orkan, es ist, als ob man die Donner einer Beethovenschen
Sinfonie hrte:

    Mit dem beizenden Sturm
    Trgst du ihn hoch empor;
    Winterstrme strzen vom Felsen
    In seine Psalmen,
    Und Altar des lieblichsten Danks
    Wird ihm des gefrchteten Gipfels
    Schneebehangner Scheitel,
    Den mit Geisterreihen
    Krnzten ahnende Vlker.
    Du stehst mit unerforschtem Busen
    Geheimnisvoll offenbar
    ber der erstaunten Welt
    Und schaust aus Wolken
    Auf ihre Reich und Herrlichkeit,
    Die du aus den Adern deiner Brder
    Neben dir wsserst.

       *       *       *       *       *

Fr die zweite Harzreise, im September 1783, sechs Jahre spter
also, unternommen, flieen die Quellen sprlicher. Keine sptere
Aufzeichnung, nichts Dichterisches, kein Tagebuch legen Zeugnis davon
ab; wir sind allein auf die Briefe an Frau von Stein angewiesen. Nur
ein Bericht des Zellerfelder Oberberghauptmanns v. Trebra gibt noch
Ergnzungen.

[Illustration: Fritz von Stein

Statue von M. Klauer
in Schlo Tiefurt
]

Am 6. September tritt er die Reise an, diesmal mit Fritz von Stein,
Lottes Lieblingssohn, zusammen, den Goethe Anfang 1783 zu sich genommen
hatte und erzog. Es ist nicht recht ersichtlich, ob es anfangs eine Art
Dienstreise war und erst spter zur Vergngungsreise wurde, oder ob
Goethe sie unternommen hatte, um einmal, viel belstigt, wie er damals
war, auszuspannen und im Harz seinen geognostischen Liebhabereien zu
frnen. Er besuchte zunchst in Langenstein die Frau von Branconi,
die schne Frau, wie sie allenthalben hie, die er 1779 in Lausanne
kennen gelernt hatte. Sie war die Geliebte des Herzogs Carl Wilhelm
Ferdinand von Braunschweig. Frau von Stein war ein wenig eiferschtig
auf sie, und Goethe neckt sie in einem Briefe, da sie immer Sturm und
leidig Wetter gemacht htte, solange er bei der schnen Frau gewesen
wre ...

In Halberstadt will er dann die Herzogin erwarten, aber ein kleiner
Abstecher von zwei Tagen fhrt ihn und Fritz erst nach Blankenburg, von
wo aus sie bei schnstem Herbstwetter das Bodetal besuchen: Wallfahrt
nach dem Rostrapp. Goethe wnscht, da Frau von Stein dabei gewesen
wre, als er mit Fritzen auf einem groen in den Flu gestrzten
Granitstck zu Mittag gegessen habe ... wie heimlich und reizend mutet
das an, wenn man selbst das Bodetal genau kennt und dort in frhen
Jahren selbst mit einem vterlichen Freunde auf den blankgewaschenen
Steinen herumgeklettert ist! Nun wird es ja zu Goethes Zeiten noch
etwas unwirtlicher ausgesehen haben, als in meinen Knabenjahren, und
einen Waldkater, wo man Forellen frisch aus der Bode essen konnte,
wird es auch noch nicht gegeben haben!

Tags drauf waren die beiden dann im Rbelande, haben die Marmorbrche
und die Mhle besichtigt, Goethe hat, Erinnerungen auffrischend,
Fritz die Baumannshhle gezeigt, und immer hat er Frau von Stein
an den schnsten Stellen sehnlich zu sich gewnscht ... hier
im stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten, mag er nun
von uralter Steinbrcke herab auf das Dahinschieen des Wassers
gestarrt und kleinen Glitzerwellen Gre aufgetragen haben nach dem
stillen Kochberg, oder mag er in manchem Felsen, mancher Klippe
Gesellen jenes Steins begrt haben, der im Garten am Stern ber
seinem Lieblingssitze in den Rasenhang eingelassen war ... Denkmler
des Glcks! Und nach kurzem zweiten Aufenthalt in Halberstadt, wo
inzwischen die Herzogin eingetroffen war, geht's dann im 17. September
nach Klausthal und Zellerfeld, wo Goethe sich recht in seinem
Elemente befindet; er freut sich, da er mit seinen Spekulationen
ber die alte Kruste der neuen Welt auf dem rechten Wege ist, und
fttert sich mit Steinen an. Am 21. September erklettern sie, vom
Oberberghauptmann von Trebra aus Zellerfeld geleitet, vom Torfhause aus
den Brocken; der alte Frster Degen vom Torfhaus erkennt Goethe, den
er 1777 durch Schnee und Eis auf den Brocken gefhrt hat. Er meint:
Nun! da kommen Sie denn doch noch einmal, in einer besseren Jahreszeit
den Brocken zu besuchen, und fhrt fort: Sie wrden dorten, als Sie
mitten im Winter von mir begehrten, da ich Sie auf den Brocken fhren
sollte, mich mit allen Ihren guten Worten doch gewi nicht beredet
haben, Ihr Fhrer zu sein, wenn nicht eben durch den gar zu starken
Frost eine harte Rinde ber den tiefen Schnee gezogen gewesen wre, die
uns tragen konnte.

Nun, diesmal war der Aufstieg nicht so gefhrlich und beschwerlich, und
oben auf dem Gipfel auf den alten Klippen, wo Goethe wohl die ersten
wirklichen Eindrcke fr die Brockenszenerie des Faust empfing, hat
er sich nach Charlottes ferner Wohnung umgesehen und ihr die Gedancken
der lebhafftesten Liebe zugeschickt -- derweilen ihr Knabe, der Sohn
eines anderen und ihm doch lieb wie sein eigener, um ihn herumsprang.
Auch hier also: +Genio huius loci!+

Damit hatte die zweite Harzreise ihr Ende erreicht. Denn Gttingen,
wo Caroline Michaelis, die sptere Frau Schlegels und Schellings, ihn
flchtig sah und sehr bewunderte, und Cassel, wo Goethe am Hof Besuche
machte, gehren nicht mehr hierher.

Und zum dritten: Ein Jahr spter! Erholungs-, Dienst- und
Forschungsreise in eins. Denn Goethes geognostische Studien hatten
inzwischen immer festere Gestalt angenommen, waren aus frher Spielerei
zu ernster wissenschaftlicher Bettigung geworden: der Geist, der
alle Grnde und Abgrnde des Seins durchdrang, rtselte am Realsten,
Gegenstndlichsten, am Boden der alten Mutter Erde.

Hofrat Kraus war diesmal der Begleiter, Georg Melchior Kraus, auf
Goethes Betreiben, der ihn schon 1769 in Frankfurt a. M. kennengelernt
hatte, seit 1780 Direktor der neu gegrndeten Weimarer Zeichenschule.
Er sollte das, was Goethe auf dieser dritten Harzreise interessant
dnkte, im Bilde festhalten, und durch die Zeichnungen von Kraus, die
leider bis auf wenige, die in einem Werke Trebras verffentlicht sind,
unzugnglich sind, erhlt diese Reise noch mehr wissenschaftlichen
Charakter.

Diesen bezeugt auch das ernsthaft gefhrte Geognostische Tagebuch der
Harzreise. Hauptquelle sind aber auch hier die Briefe an Frau von
Stein, diese unerschpflichste Fundgrube, und diese Quelle ist diesmal
besonders interessant, weil das Verhltnis zwischen Goethe und Lotte
von Stein sich schon dem Punkte nherte, wo es kein Darberhinaus mehr
gab; der Siedepunkt war so gut wie erreicht, und das unsagbar herrliche
Gedicht, das Goethe von dieser Reise aus, aus Braunschweig, an die
Geliebte richtet, jenes:

    Gewi, ich wre schon so ferne, ferne,
    Soweit die Welt nur offen liegt, gegangen,
    Bezwngen mich nicht bermcht'ge Sterne,
    Die mein Geschick an deines angehangen,
    Da ich in dir nun erst mich kennen lerne.
    Mein Bitten, Trachten, Hoffen und Verlangen
    Allein nach dir und deinem Wesen drngt,
    Mein Leben nur an deinem Leben hngt

spricht doch am deutlichsten fr das schon zwiespltige Gefhl, das ihn
in gleicher Weise von dieser Frau entfernte wie wieder zu ihr hintrieb,
und das erst in der Flucht nach Karlsbad zwei Jahre spter Erlsung
fand.

Am 8. August begann die Reise. Der Tag, an sich nichts weiter als ein
Reisetag wie viele andere auch, wurde von der allergrten Bedeutung
fr Goethes Dichten: entstand doch an ihm die Zueignung! Schon der
erste Briefzettel an Frau von Stein, aus Dingelstdt, Abends 10 Uhr,
berichtet: Zwischen Mlhausen und hier ist uns seine Axe gebrochen
und wir haben mssen liegen bleiben. Um mich zu beschfftigen und
meine unruhigen Gedancken von Dir abzuwenden, habe ich den Anfang
des versprochenen Gedichtes gemacht, ich schicke es an Herders, von
denen erhltst Du es. Dies Gedicht waren Die Geheimnisse, und die
herrlichen Anfangsstrophen hat Goethe spter eben als Zueignung vor
seine Werke gesetzt.

Im brigen brachte die Reise Goethe eigentlich nur Bekanntes und
Vertrautes. Erinnerung gibt ihm auf Schritt und Tritt unsichtbares
Geleit. Aber diese Erinnerung gilt noch immer -- im Gegensatz zur
letzten Harzreise von 1805, wo der Bruch mit Frau von Stein schon fast
wieder geheilt war -- der fernen Geliebten in Weimar, und ist also auch
von immer neu erregender Sigkeit. So heit es einmal in den Briefen
an Charlotte: Ich freue mich die Berge wiederzusehen, die ich schon
vor Jahren mit Sehnsucht zu Dir im Herzen bestiegen habe. Und ein
andermal: Wie Deine Liebe mir nah ist, mag ich nicht sagen. Vor sieben
Jahren schrieb ich Dir auch von hier ...

Das war in Elbingerode.

Der Weg ist diesmal recht einfach. ber Zellerfeld und Goslar geht
es nach Braunschweig, wo Goethe bei Hofe zu tun hat, lngere Tage,
und von Braunschweig ber Goslar, den Brocken, das Bodetal nach einem
neuerlichen Besuch bei Frau von Branconi, +la fe de Langenstein
dont tu+ -- schreibt er an Frau von Stein -- +ne seras pas jalouse+,
zurck nach Weimar zu +sa douce, son adorable amie+. Hauptpunkte sind
auf dieser Reise eigentlich nur der Brocken und das Bodetal mit dem
Rotrappfelsen. Den Brocken besteigen die beiden Reisenden von Goslar
aus am 4. September, -- es ist das dritte- und letztemal, da Goethe
oben ist. Sie finden diesmal schon ein Brockenhaus vor, und Goethe
zeichnet sich in das Fremdenbuch mit dem folgenden Spruche aus dem
Astronomicon des Manilius ein:

    +Quis coelum posset nisi coeli munere nosse
    Et reperire Deum nisi qui pars ipse Deorum est.+

    +d. 4. Sept. 1784+      +Goethe+.

[Illustration: _Der Rotrapp-Felsen im Bode-Thal_

... _ie resterai encore quelques jours avec Krause entre les rochers
du Rosstrapp_ ....

_Goethe an Frau von Stein am 31. August 1784_]

Im Bodetal, das sie von Elbingerode-Rbeland aus, dem Flulauf abwrts
folgend, hinabwanderten, haben sie dann alle Felsen der Gegend
angeklopft, und Krause hat ganz kstliche Dinge gezeichnet. ber
den Rotrapp enthalten die Briefe nichts mehr. Auch der schne Brief
an Herder aus Elbingerode, der, alles in allem, in dem Jubellaut
gipfelt: ... die Tage sind herrlich, verrt nur Hoffnungen: Morgen
und bermorgen geht's an der Bude hinunter, wir werden an den Fall
gelangen, wo dieses Flchen hinter dem Rotrapp hinabstrzt. Zwischen
diesen Felsen hoff ich noch viel fr meine Spekulation, es ist ein
Durchschnitt, der sehr lehrreich ist. ber all dies erzhlt das
Geognostische Tagebuch trotz seiner Krze und Trockenheit mehr, und
wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht und das Bodetal bei Treseburg
kennt, der wird sich mit einiger Phantasie ausmalen knnen, wie
Goethe und Kraus sich durch die zerklfteten Schluchten und Engpsse
hinqulten. Ab und zu halten die beiden inne. Dann fliegen Felleisen
und Mantelsack ins Gras. Kraus greift zu seiner Skizzenmappe. Goethe
aber, immer noch jugendlich schlank, in Reiserock und Dreispitz,
schreitet gelassen zwischen den wirren Felstrmmern hin und her,
beklopft gebckt Wand um Wand, und sein Hammer lockt aus dem starren
Granit Hall und sprhende Funken. Ist es ein Mensch oder ist es mehr
als ein Mensch, der da den stummen Bergen ihr letztes Geheimnis
entreien will? ... Werde mir Zeuge, du Stein! Wer hat's gesprochen?
Niemand. Nachhall des Herzens fft uns. Aber doch sind diese Steine,
diese wilden Felsen lngs der Bode Zeugen dessen, da ein Groer
sie einst angerhrt, bei ihrem dumpfen Erklingen vielleicht an die
Frau gedacht hat, die er, ach! so bald verlassen sollte, um sie nie
wiederzufinden.

Lebe tausendmal wohl! -- das ist das letzte Wort, das sie damals aus
dem Harz erhielt. Es wohnt noch jetzt im Echo der heiligen Harzberge.

       *       *       *       *       *

Und 1805. Schiller ist im Mai gestorben. Goethe, schon zu Beginn des
Jahres schwer krank, krnkelt von neuem. Wird sichtlich alt. Die
Hlfte seines Daseins habe ihm Schillers Tod entrissen, klagt er dem
neuen Freunde Zelter. Da besucht ihn im Juni der Philologe Friedrich
August Wolf aus Halle und muntert ihn ein wenig auf. Die Badekur im
nahen Lauchstdt, wo ihn Christiane, sein kleiner Hausgeist, pflegt,
scheint die Erholung zu vollenden, und als Christiane am 12. August
nach Weimar zurckkehrt, fhrt Goethe mit seinem Sohne August nach
Halle zu Wolf. Der Besuch wird Wohltat, die Zerstreuung ist Medizin
fr Goethe. Und ob er nun, als er nach Halle reiste, schon an einen
Abstecher in den Harz gedacht, oder ob der immer unternehmungslustige
Wolf ihn erst dazu angeregt hat -- gleichviel: nach kurzem Aufenthalt
in der Saalestadt fuhren die drei heiter und guter Dinge los. Mein
humoristischer Reisegefhrte, erzhlt Goethe selbst spter in den
Annalen, erlaubte gern, da mein vierzehnjhriger Sohn August Theil an
dieser Fahrt nehmen durfte, und dieses gereichte zur besten geselligen
Erheiterung.

So gewinnt diese vierte und letzte Harzreise Goethes eine hbsche
Beigabe: Vaterfreude verklrt sie. Diese Vaterfreude spiegeln deutlich
die Briefe an Christiane, die Mutter. Lassen sie auch die leichten
Schatten der Erinnerung erkennen, die dieser hellen Sommertage Glanz
hie und da verdunkelt haben mgen? Denn wie anders sah er die Berge
wieder, die er einst im ersten Rausche junger Liebe erstiegen!
Achtundzwanzig Jahre waren es her, da er abenteuerlustig mitten im
Winter auf den Brocken geklettert war; jetzt sah er ihn von weitem,
von Thale aus, winken ... er lockte ihn nicht mehr. Mehr als die Berge
reizten ihn diesmal seltsame Menschen. Ihnen galt ja auch die Reise.
Goethe selbst hat sie ausfhrlich, wie gesagt, in seinen Annalen
geschildert; stellenweise gehrt diese 1822 abgefate Schilderung zum
Schnsten, was wir in Prosa berhaupt von Goethe besitzen; besonders
gegen Ende blht die Harzlandschaft noch einmal in so wundervollen
Farben auf, da man nur bedauert, da der Dichter nicht auch auf die
Harzreisen von 1783 und 1784 noch einmal eingegangen ist. Aber auch
hier mag er wohl nicht an etwas haben rhren wollen, was er fr immer
begraben hatte ... die Wunde, die er Frau von Stein geschlagen hatte,
schmerzte wohl am tiefsten ihn!

Ja, ein wie anderer war er geworden, als er diese vierte Harzreise
antrat. Ein Leben lag hinter ihm. Die italienische Reise hatte ihn von
der Frau getrennt, die ihm einst Inhalt und Sinn des Lebens gewesen,
eine andere hatte ihm den Sohn geboren, der jetzt im Wagen neben ihnen
sa. Diese erhielt jetzt liebevolle Briefe, an jene diktierte er nur
einen hflichen Bericht. Freier als diesen beiden gegenber uerte
er sich zu den Freunden: zu seinem Herzog und zu Zelter, und zwei
ausfhrliche Briefe an Carl August sind es denn auch, die die beste
Ergnzung zu der Schilderung in den Annalen bilden.

Man fuhr zunchst von Halle nach Magdeburg, wo Goethe der Dom mit
seinen alten Kaiserstatuen besonders interessierte, dann nach
Helmstdt, wo man den Sonderling Beireis, einen regelrechten Vorfahren
spterer Hoffmannscher Gestalten, besuchte, besah sich in Harbke den
schnen Veltheimschen Park mit seinen seltenen auslndischen Hlzern,
kehrte auf dem Gute des tollen Hagen ein, ging gerne und willig in
dem winkligen, stimmungsvollen Mittelalter Halberstadts mit seinem Dom
und seinen noch nahen Gleim-Erinnerungen auf und landete endlich im
Bodetal.

Goethe sah es nun zum dritten Male, und nach der Schilderung, die er
gibt, scheint es nie so stark auf ihn gewirkt zu haben wie gerade
diesmal. Sah er mit anderen Augen? Wirkten die Erinnerungen, die
ihn mit dieser schnsten Stelle des Harzes verknpften, verklrend?
Hrte er vielleicht als Echo den geliebten Namen, den er einst so
oft in diese Berge und Tler gerufen? Sah er sich wieder mit Fritz
von Stein auf den Steinen der Bode sitzen ... wer will es wissen?
Vor langen, langen Jahren hatte er einmal im Rbelande, hart unter
der Baumannshhle, auf einer Brcke gestanden und in das eilig
dahinstrzende Wasser der Bude geschaut; damals trugen die Wellen
Gre nach Weimar; jetzt stand er am Hammer in Thale, ruhig strmte
der Flu in seinem niederen Gerllbett dahin, so ruhig und gelassen,
als ob es gar keine Eile, keine Aufregung gbe, staute sich am Wehr und
wurde stiller, dunkler Spiegel. Die groen, dunklen Dichteraugen sahen
und begriffen es: Abbild des Lebens, das verrauscht und stille wird wie
dieser Flu.

Da rief ein Klang ihn, kam von irgendwo: Lebe tausendmal wohl! Wem
hatte einst der Abschiedsgru gegolten? Erinnerung sthnte auf. Da war
sie wieder, die schlanke Silhouette, die er nicht vergessen konnte,
da das schmale Gesicht, da der Blick der heien Frauenaugen, da das
Lcheln, das wehrlos machte ... Vorbei, vorbei! Jetzt sa im Fenster
an der Ackerwand, zu dem er so oft hinaufgebetet hatte, eine alte Frau,
vergrmt und verbittert, und sann verlorenem, verspieltem Glcke nach
... eine fremde Frau, die nicht ihn und die nicht er verstand. Sie
wohnten beide lngst auf anderen Sternen. Und da qulte ihn der Klang
im Ohr, und er wandte sich.

ber Ballenstedt, Aschersleben, Cnnern ging's wieder nach Halle
zurck. Im Wagen lrmte der halbwchsige August. Noch einmal wurde
Lauchstdt kurze Station. Dann aber konnte Christiane, freudestrahlend,
wieder Vater und Sohn umfangen. Und da war auch Goethes letzte
Harzreise aus.

An der Stelle aber, wo sein Auge zum letzten Male jenes
unvergleichliche Panorama, das Rotrappe und Hexentanzplatz mit dem
Bodetal zusammen bilden, umfangen hat, steht ein Stein. Man sieht ihn
nicht, denn er ist nicht sichtbar. Es ist ein imaginrer Stein. Manche
sehen die Worte, die darauf stehen. Auch sie lauten: +Genio huius loci!+

       *       *       *       *       *

Fr uns aber gilt, was Goethe einmal -- drei Jahre spter -- an die
Malerin Caroline Bardua schrieb: Der Brocken wird noch eine Weile
auf seinen Fen stehen bleiben, und die Spur des Rotritts auch
nicht so bald verlschen ... Nein, so bald nicht, und mit ihnen wird
die Erinnerung an Goethe dauern, dem sie Erschtterung und tiefstes
Erlebnis gewesen.




Ilmenau


Goethe-Worte geleiten nach Ilmenau: Es entfaltet sich ein
Trieb, alles, was von der Vergangenheit herauszuzaubern wre, zu
verwirklichen. Die Sehnsucht wchst, und, um sie zu befriedigen, wird
es unumgnglich ntig, an Ort und Stelle zu gelangen, um sich die
rtlichkeit wenigstens anzueignen.

       *       *       *       *       *

Und nun gelangt man an Ort und Stelle. Langsam klettert der Zug
bergauf. Der sanfte Frhlingstag, der Weimar noch in goldener
Verklrung zeigte, wandelt sich gemach in Grau. Die linden Lfte sind
hier noch nicht erwacht. Wolken drngen dunkel bers Gebirge, Wind
wirft Regen an die beschlagenen Scheiben ... noch ist es frh im Jahr,
noch nicht Mai. Die warme Sonne um Goethes Gartenhaus, der Veilchenflor
auf Hhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal waren nur holder Trug. Kaum,
da ein leichter grner Hauch, der hier und da die kalten Hnge
bertuscht, daran erinnert. Frstelnd steht man am Fenster und schaut
in die trbe Landschaft.

Aus feuchten Nebeln taucht Elgersburg. Hoch thront auf steilem
Bergkegel das Schlo: Mittelalter, das phantastisch in unsere Zeit
ragt. Und die erste Goethe Erinnerung meldet sich. Auf Wizlebens
Felsen, die herrlich sind, hat Goethe am 8. August 1776 an Frau von
Stein, die ihn wenige Tage zuvor im nahen Ilmenau besucht hatte, jene
berhmten Verse sester Liebesschwermut geschrieben:

    Ach wie bist du mir,
    Wie bin ich dir geblieben!
    Nein an der Wahrheit
    Verzweifl ich nicht mehr.
    Ach wenn du da bist,
    Fhl ich, ich soll dich nicht lieben,
    Ach wenn du fern bist,
    Fhl ich, ich lieb dich so sehr.

Und dann kommt Ilmenau. Es hat aufgehrt, zu regnen, die Berge dampfen.
Die dnnen Bume vor dem Bahnhof zaust der Sturm. Anmutig Tal! du
immergrner Hain! singt Goethe ... der trbe Tag zeigt nichts davon.
Nur ab und zu steht hinter freier Gasse, regennassen Dchern gro die
dunkle Sturmheide, in deren Tannen sich die letzten Gassen Ilmenaus
verlieren, Bergluft weht, und einmal rauscht irgendwo ein Wehr. Das
ist die Ilm! sagt man sich. Aber man sieht sie nicht, findet sie auch
nicht. Uraltes Gemuer fhrt den Fremdling irre, winkelt ihn immer
wieder aufs neue ein.

Hier hat Goethe 1831 seinen letzten Geburtstag verlebt, meldet eine
unscheinbare Tafel am Goldenen Lwen. Sie ist unter den Fenstern
des Zimmers angebracht, das er damals bewohnt hat ... damals. Ein
Jahrhundert fast ist darber hingegangen, Throne sind gebrochen, Nord
und West und Sd zersplittert, aus einer grauenhaft verwandelten Welt
blickt der Enkel, der Erbe nun in diese selige Vergangenheit. Und aus
dem Zwielicht der engen, altertmlichen Gaststube lsen sich heimliche
Schatten und leisten dem einsamen Gast Gesellschaft.

       *       *       *       *       *

Mai 1776. In Weimar luft die Meldung ein, da es in Ilmenau brennt.
Von einem Husaren begleitet jagt Goethe noch nachts hinber. Kurz und
bndig das Tagebuch: d. 3. Nach Ilmenau. Brand. Mitteilsamer die
Briefe, die tags darauf an den Herzog und Frau von Stein abgehen. Sie
umschreiben in wenigen Worten das groe seelische Erlebnis, das dieser
erste zufllige Besuch Ilmenaus fr ihn bedeutete und das ihn fr immer
an die arme Bergstadt ketten sollte ... Um diese Zeit sollt ich bey
Ihnen seyn, schreibt er an die geliebte Frau, sollte mit bey Kalbs
essen und sizze aufm Thringer Wald, wo man Feuer lscht und Spizbuben
fngt. -- Und in dem Bericht an den Herzog: Bey der Gelegenheit, zieh
ich von manchem Erkundigung ein, habe traurig die alten Ofen gesehen.
Aber die Gegend ist herrlich, herrlich!

Das Feuer war bald gelscht, und auf die Spizbuben fahndeten die
Husaren weiter. Goethe aber locken Erdgeruch und Erdgefhl trotz
Sturm und Regen unwiderstehlich in die Berge. Auf einsamster Wanderung
denkt er in rastloser Liebe der Frau im fernen Weimar, der er sich
in wunderlichem Schicksal aus abgelebten Zeiten her so eng verbunden
fhlt wie keiner Frau jemals zuvor:

    Dem Schnee, dem Regen,
    Dem Wind entgegen,
    Im Dampf der Klfte,
    Durch Nebeldfte,
    Immer zu! Immer zu!
    Ohne Rast und Ruh!

    Wie soll ich fliehen?
    Wlderwrts ziehen?
    Alles vergebens!
    Krone des Lebens,
    Glck ohne Ruh,
    Liebe, bist du!

Und sie schreibt gleichzeitig an Zimmermann, den Freund und Arzt:
Jetzt nenn ich ihn meinen Heiligen und darber ist er mir unsichtbar
worden, seit einigen Tagen verschwunden, und lebt in der Erde fnff
Meilen von hier im Bergwercke.

       *       *       *       *       *

Die alten fen, das Bergwerk -- das hat Goethe neben den Offenbarungen
der Natur an das bescheidene Stdtchen gefesselt. Seit Jahr und Tag
lag das alles brach. 1739 waren die Gruben bei einem Deichdurchbruch
ersoffen, und der Wohlstand, den sie Ilmenau gebracht, hatte sich
in Armut und bittere Not gewandelt. Nun besuchte Goethe, schon
damals leidenschaftlich bemht, in den Tiefen der Erde der groen
formenden Hand nchste Spuren zu entdecken, gerne, als Wink des
Schicksals betrachtend, die verlassenen Werke, war auf den Hmmern,
stand grbelnd immer wieder vor den verwahrlosten fen des toten
Silberbergwerks. Mitleidig dachte er der notleidenden Bevlkerung,
der armen Maulwrfe, die hier auf eigene Faust in der Erde, in den
Klften und Schlften der Sturmheide herumkrochen und doch von dem
kargen Ertrag kaum ihr Leben fristen konnten ...

[Illustration: Ilmenau

Blick auf den Marktplatz mit Schlo und Rathaus]

Im Juli 1776 trat dann auf seine Berichte hin in Weimar eine
Bergkommission zusammen, der er selbst angehrte und deren Aufgabe
die Wiederbelebung des Ilmenauer Bergwesens war. Damit begann fr das
arme Ilmenau eine kurze Epoche neuen Glanzes, neuen Wohlstandes.
Der Herzog, von Goethe fr die Idee gewonnen, weilte oft in Ilmenau,
hfisches Leben brachte bescheidenen Prunk, Jagden erfllten die
stillen Berge mit frohem Lrm.

Von dieser Zeit trumt Ilmenau noch heute.

       *       *       *       *       *

[Illustration]

Trumt Ilmenau noch heute. Denn es ist, trotz Glasindustrie und
Technikum, eine tote Stadt. Leben bringt immer erst der Sommer, bringen
erst die Fremden. Sie wohnen in den Villen am Waldrand. Dann wird
die Lindenstrae, die Allee, die noch, als Goethe zum erstenmal
nach Ilmenau kam, recht und schlecht der Endleich hie und ein
elender kahler Fahrweg war, Kurpromenade, -- harmlos genug: ein paar
Konditoreien, ein Caf mit Terrasse, ein paar hbsche blanke Lden,
das ist alles. Immer aber schwebt ber dem Heute geisterhaft der Hauch
des Gestern. Noch steht dem Goldenen Lwen gegenber, unwirsch in
die Huserzeile gezwngt, ein Turm des alten Endleichstores. Die
alten Wappen schauen verdrielich in die neue Zeit. Noch steht der
Lwe selbst mit seiner wettergrauen Front genau so behbig da wie
damals, als Goethe hier gewohnt, noch Knebels Haus mit seiner langen
Fensterreihe, noch, am Ende der Allee, der Gasthof zur Tanne, an dem
die Ilm vorberstrmt und jetzt das Bad beginnt ... und da ist auch,
ein paar Schritte den Flu hinauf, der Felsenkeller. Eine Inschrift
am Giebel erzhlt, da dieses Etablissement 1811 erbaut worden ist
zu Nutz und Frommen der ehrsamen Brger Ilmenaus. Oder so hnlich.
Das Ganze, mit Saal, Logierhaus, Ausspann und Brcke, ein Stich der
Zeit. Nur die Staffage fehlt, die diese Stiche immer haben: die gelbe
Postkutsche, die schweren Landauer, die Herren und Damen im Kostm der
zwanziger Jahre. Das mu die Erinnerung dazu geben.

Sie gibt es dazu. Sie begleitet auf Schritt und Tritt. Der Fu Goethes
hat Weg und Strae hier geadelt in alle Ewigkeit. Sein Wesen wirkt
geheimnisvoll in Stein und Baum und Welle, und die Luft, die man atmet,
ist s und rein wie die in Weimar und Tiefurt -- ob nun die Sonne
goldenen Glanz ber die alten Gassen streut, Wind sie durchbraust,
Regen graue Schleier spinnt, Schnee die Stadt in weie Stille bettet ...

       *       *       *       *       *

Und so wandert man an einem Morgen in die Berge. Hinauf zum Gickelhahn.
Noch immer scheint die Sonne nicht, kalter Wind weht, der Himmel ist
grau, und die Tler dampfen alle an den Fichtenwnden herauf --
wie Goethe am 22. Juli 1776, zum zweitenmal in Ilmenau, an Charlotte
schreibt. Denn trotz des Sommers hat auch er damals unholdes Wetter
gehabt. Mit dem Herzog zusammen war er nach Ilmenau gekommen. Wir sind
hier und wollen sehen, ob wir das alte Bergwerk wieder in Bewegung
setzen, heit es in einem Briefe an Merck; Du kannst denken, wie
ich mich auf dem Thringer Wald herum zeichne; der Herzog geht auf
Hirsche, ich auf Landschaften aus, und selbst zur Jagd fhr ich mein
Portefeuille mit.

Zeichnen war damals seine Leidenschaft. Es gab dem verstrten Herzen,
das sich in Sehnsucht nach der geliebten Frau, nach der Gewissheit
ihrer Neigung fast verzehrte, wenigstens fr Augenblicke Trost und
Ruhe. Ich hab auf der andern Seite angefangen was zu zeichnen ...
beginnt der erste Brief, den er in diesen Tagen einsamen Waldlebens an
Charlotte schickt, fhrt jedoch fort: sehe nur aber zu wohl, da ich
nie Knstler werde. Und auf der Rckseite einer dieser Zeichnungen,
einem Blick in die nebelbrodelnden Tler, stehen die resignierten Verse:

    Ach, so drckt mein Schicksal mich,
    Da ich nach dem unmglichen strebe.
    Lieber Engel, fr den ich nicht lebe,
    Zwischen den Gebrgen leb ich fr dich.

Daneben aber meldet das Tagebuch: Nach Sttzerbach mit Einsiedel ...
Der Herzog kam, die Gesellschaft auch. Wirtschaft bei Glasern. Und
dort, in Sttzerbach, ging's lustig genug her, -- vielleicht, da
Goethe in der Studentenfidelitt, die sich, nach Aufzeichnungen
des Ober-Berghauptmanns v. Trebra aus jenen Tagen, dort mittags und
abends nach Jagd und Stollenbesichtigungen an des jungen, lebensfrohen
Herzogs Tisch entwickelte, fr seine Liebesschmerzen flchtiges
Vergessen fand ... das Gundelachsche Haus in Sttzerbach, wo Goethe
und Carl August immer gewohnt haben, erzhlt noch jetzt davon; der
tollen Spe mit dem Glasmann Glaser entsinnt sich noch, behaglich
lchelnd, der alte Goethe in Unterhaltungen mit dem Kanzler v. Mller.
Glaser und leichtfertige Mdels, Glasern sndlich geschunden, mit
den Bauernmdels getanzt, Tagsber Thorheiten und so hnlich heit
es damals immer wieder im Tagebuch. Und im September 1776 schreibt
er, nach einem dritten Aufenthalt in Ilmenau, aus Eisenach mit naiver
Offenheit an Frau v. Stein: In Sttzerbach tanzt ich mit allen
Bauernmdels im Nebel und trieb eine liederliche Wirtschaft bis Nacht
eins ...

       *       *       *       *       *

Und langsam steigt der Weg. Goethe-Stimmung webt zwischen den Felsen,
den uralten Baumriesen ... der immergrne Hain, der leise Regen, der
Dampf, der aus den Klften quillt -- alles wie damals im Juli 1776.
Nur den Schnee, der zuerst noch leicht wie Watte im Dunkel des Waldes
liegt, dann an den Hngen sich wie lange weie Laken dehnt, gibt der
rauhe Apriltag dazu. Faust-Verse klingen auf, der Osterspaziergang:

    Der alte Winter, in seiner Schwche,
    Zog sich in rauhe Berge zurck.
    Von dorther sendet er, fliehend, nur
    Ohnmchtige Schauer krnigen Eises
    In Streifen ber die grnende Flur ...

Die grnende Flur? Ja, Knospendrang auch hier. In den Bumen, den
Bschen, der dunklen Erde grt geheimnisvoll der Frhling, schon
springt trotz Schnee und Eis allenthalben aus schwankem Ast das erste
Grn, die schwarzen Tannen tragen festlich helle Spitzen. Und durch das
Brausen des Windes klingt unablssig das se, das unbeholfene, das
inbrnstige Gestammel der Vgel.

Gabelbach. An den grauen Schindeln des Jagdhauses zerrt der Sturm. Ein
Schu klatscht hart in die gespenstische Einsamkeit. Nebel erstickt
ihn. Man denkt der toten Zeit, da hier Carl August nach der Jagd in
froher Tafelrunde gezecht, spter der Hof aus Weimar bescheidene
Sommerfreuden gesucht. Jetzt liegt das kleine Haus verlassen da, hinter
den geschlossenen Fensterlden wohnt im Dunkel bei alten Bildern und
Jagdtrophen alleine die Erinnerung.

Und immer wilder, immer unwirklicher wird die Szenerie. Die Erde
schwankt, wandelt sich in Dunst und fliehende Wolke. Irgendwo in nahen
Wipfeln whlt der Sturm, tobt wie strzender Gewitterregen, abgerissene
ste, ganze Baumkronen sausen hart an dem Wanderer vorbei, der Boden
ist mit Tannenzapfen berst. Aber man sieht sie nicht, diese Wipfel.
Man sieht berhaupt nichts. Alles berbrandet ein milchiges Meer.
Und atemhei kmpft man sich vorwrts im Dampf der Klfte, durch
Nebeldfte, immer zu, immer zu!

Aber dann ist man auf einmal da. In jher Biegung krmmt sich der Weg,
an Abgrund und starrendem Fels vorbei, zur letzten Hhe. Tannen steigen
steil und finster aus dem geisterhaften Zwielicht, Gebsch umkraust
verwitterte Stufen ... der Gickelhahn! Um das Goethehuschen braust der
Wind.

       *       *       *       *       *

Das erste Zettelchen, das von hier nach Weimar geflattert, erzhlt:
Hoch auf einem weit rings sehenden Berge. Im Regen sizz ich hinter
einem Schirm von Tannenreisern. Warte auf den Herzog, der auch
fr mich eine Bchse mit bringen wird. Eine um so grere Rolle
spielt in diesen frhen Aufzeichnungen dafr die Hhle unter dem
Hermannstein. Zu ihm springt der Weg ber Wurzelwerk und sturmverwehte
Zweige, Felstrmmer und gestrzte Bume, im halbvertauten Schnee kaum
kenntlich. Es ist ein beschwerliches Wandern. Nebelschwaden werden
vorbeigerissen, der Wind wirft Wolkenfetzen in das Tannendunkel ...
ein wirrer Schattenreigen, der in nichts zerstubt. Wie Klagerufe
chzt und sthnt es durch den Wald. Dann aber steht man pltzlich vor
einem mchtigen Fels ... ein Ungetm, das Urgewalten aus der Erde
drngten. Das Auge, das staunend an den zerrissenen Wnden in die Hhle
klettert, schwindelt. Die letzten Zacken findet es nicht mehr. Sie
schwimmen im Nebel.

Hier im Stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten ... Zwei
kleine grne Eisentafeln, neben der dunklen Hhle in die Felswand
eingelassen, von Flechten berwuchert, vom Rost schon halb zerfressen,
erzhlen davon.

    Was ich leugnend gestehe und offenbarend verberge,
    Ist mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher Schatz.
    Ich vertrau es dem Felsen, damit der Einsame rathe,
    Was in der Einsamkeit mich, was in der Welt mich beglckt --

lautet die eine. Und die andere:

    Felsen sollten nicht Felsen und Wsten Wsten nicht bleiben,
    Drum stieg Amor herab, sieh, und es lebte die Welt.
    Auch belegte er mir die Hhle mit himmlischem Lichte,
    Zwar der Hoffnung nur, doch ward die Hoffnung erfllt!

Sie ward ihm erfllt, die Hoffnung. Der Sehnsuchtsruf, in banger
Herzensnot hier in der Hhle, seinem geliebten Aufenthalt, aufs
Papier gestammelt, fand bereites Echo. Wenn Du nur einmal hier seyn
knntest, es ist ber alle Beschreibung und Zeichnung, schreibt er an
Charlotte, die damals, nicht allzu fern, in Meiningen weilte. Und sie
kam. In einem Brief vom 2. August Goethes Jubelschrei: Liebe, Du gibst
mir ein neues Leben, da Du wieder kommst. Ich kann Dir nichts sagen.
Den Herzog freuts. Addio. Die alten Fichten rauschten verschwiegenen
Liebesstunden. Keiner von beiden hat je darber gesprochen, der stumme
Fels das Geheimnis gewahrt. Nur ein Brief an Herder vom 9. August
enthlt die Andeutung: Einen ganzen Tag ist mein Aug nicht aus dem
ihrigen kommen, und mein gnomisch verschlossen Herz ist aufgetaut.
Und der Geliebten gesteht er: Deine Gegenwart hat auf mein Herz eine
wunderbaare Wrckung gehabt, ich kann nicht sagen wie mir ist! mir ist
so wohl und doch so trumig. Mit Meiel und Hammer steigt er wieder
zum Hermannstein hinauf, und an der Stelle, wo Charlotte sich bckte
und ein Zeichen in den Staub schrieb, schlgt er ein groes S in das
harte Gestein der Hhlenwand ...

Vier Jahre spter, als Goethe wieder in den geliebten Bergen
herumstreifte, ist er auch wieder in der Hhle gewesen. Ich bin in
die Hermannsteiner Hhle gestiegen, schreibt er an Charlotte, an
den Plaz, wo Sie mit mir waren und habe das S, das so frisch noch
wie von gestern ausgezeichnet steht, gekt und wieder gekt, da
der Porphyr seinen ganzen Erdgeruch ausathmete, um mir auf seine Art
wenigstens zu antworten. Ich bat den hundertkpfigen Gott, der mich so
viel vorgerckt und verndert und mir doch Ihre Liebe, und diese Felsen
erhalten hat; noch weiter fortzufahren und mich werther zu machen
seiner Liebe und der Ihrigen.

Die Liebe Charlottens zerbrach. Das S, das sie, getreu dem Tagebuch,
als Sonne pries, hat die Zeit getilgt. Nun tropft das Wasser rings
gleich Trnen von den Wnden, und um die Hhle, wo einst der Juliwind
die Liebenden in sen Traum gewiegt, heult der Sturm. Faust-Stimmung.
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, worum ich bat ... Die
Worte, hier einst gefunden und geformt, werden zu Gebet, der Vorwelt
silberne Gestalten bevlkern Wald und Hhle.

       *       *       *       *       *

Die Jagd, die Bergwerksgeschichten, das miliche Geschft der
Rekrutenaushebung fhrten Goethe nun oft nach Ilmenau. Der
Schwalbenstein, ein steiler Fels am Sdabhang der Sturmheide, schenkt
ihm den 4. Akt der Iphigenie, die Stadt die Szenerie fr vieles im
Wilhelm Meister, an dem er in diesen Jahren arbeitet. Und immer
begleitet ihn das Bild der Geliebten: Iphigenie trgt ihre Seelenzge.

[Illustration]

Im Frhherbst 1780 ist er wieder einmal auf dem Gickelhahn. Ganz
allein. In Weimar feiern sie den Geburtstag des Herzogs mit Ball und
Illumination. Vor dem Geschwirre der Menschen ist er geflohen.
Unterkunft gewhrt die unscheinbare Jagdhtte, die verloren auf dem
letzten Gipfel des Berges steht.

Auf dem Gickelhahn, schreibt er an Frau von Stein, dem hchsten Berg
des Reviers, den man in einer klingendern Sprache Alecktrogallonax
nennen knnte, hab ich mich gebettet, um dem Wust des Stdgens, den
Klagen, dem Verlangen der Unverbesserlichen, Verworrenheit der Menschen
auszuweichen ... Es ist ein ganz reiner Himmel und ich gehe, des Sonnen
Untergangs mich zu freuen. Die Aussicht ist gro, aber einfach. Und
viele Tage spter, am 16. Oktober, lngst wieder in Weimar, an die
Marchesa Branconi, die schne Frau: Ihr Brief htte nicht schner
und feierlicher bei mir eintreffen knnen. Er suchte mich auf dem
hchsten Berg im ganzen Lande, wo ich in einem Jagdhuschen, einsam
ber alle Wlder erhaben und von ihnen umgeben, eine Nacht zubringen
wollte.

An diesem Abend ist Wandrers Nachtlied entstanden. Auf die Berge in
der Runde legte die Sonne letzten Glanz, aus den Tlern stiegen hie und
da einige Vapeurs von den Meulern. Die Welt ging schlafen. Eine ferne
Erinnerung sprach von Ettersburg. Ser Friede, komm, ach komm in
meine Brust! hatte er da einst, ber Weimar brannten bla die Sterne,
den Himmel angefleht. Nun ward ihm hier Erfllung seiner Sehnsucht. Mit
Bleistift hat er die Verse auf die Bretterwand geschrieben. Ergriffen
steht man vor der verwitterten Inschrift. Auch sie atmet Ruhe und
Vergessen, bringt den Frieden.

        ber allen Gipfeln
        Ist Ruh,
        In allen Wipfeln
        Sprest du
        Kaum einen Hauch;
        Die Vgelein schweigen im Walde.
        Warte nur, balde
        Ruhest du auch.

    D. 7. September 1780. Nachtlied.

Das Huschen ist nicht das alte, die Inschrift ist Kopie. In den
siebziger Jahren ist es abgebrannt. Das Stckchen Holz, auf dem
die Verse standen, haben die Flammen verschont, das Frankfurter
Goethe-Museum birgt den Schatz. Aber man hat alles genau so wieder
aufgebaut wie es war. Und wer da reines Herzens ist, der sprt hier
bis in die tiefste Seele hinein den Geist Goethes, der einst die arme
Htte, die Sttte, wo sie steht, fr immer geweiht hat.

[Illustration:

    _ber allen Gipfeln
    Ist Ruh_
]

Nur noch ein einzigesmal ist Goethe hier oben gewesen. Das war im
August 1831, volle fnfzig Jahre spter, und der Dreiigjhrige, der
dort einst, in schwermtiger Abendstimmung, Wanderers Nachtlied
gedichtet, war ein Greis geworden. Freundlich veranstalteten
Festlichkeiten ausweichend, wie er an Amalie von Levetzow, die Mutter
Ulrikens, schreibt, war er nach Ilmenau gefahren, um in Stille seinen
82. Geburtstag zu verleben. Lngst war es um ihn de und leer geworden.
Von allen, mit denen er einst hier frohe Stunden verbracht hatte, lebte
nur noch Knebel, der jetzt, seit langem schon, in Jena wohnte. All die
anderen waren gestorben. So schreckten die Erinnerungen, und um die
Vergangenheit, wie es in einem Briefe an den Grafen Reinhard heit,
durch die Gegenwart des Herankommenden auf eine gesetzte und gefate
Weise zu begren, hatte er die beiden Enkel, die jungen Wesen,
mitgenommen.

Mit dem Ilmenauer Bergrat Mahr fuhr er zusammen nach dem Gickelhahn
hinauf. Es war ein heiterer Sommertag, und um die Berge blaute
still und klar der Himmel ... die ganze Landschaft ein Abglanz der
abgeklrten Seele, die hier nach Menschenaltern vergessenes Glck,
vergessenes Leid beschwren, Abschied nehmen wollte von ihrer Jugend.
ber allen Gipfeln ist Ruh -- erinnerungsversunken stand der
Achtzigjhrige vor den verblaten Bleistiftzeilen, die das morsche
graue Holz kaum noch erkennen lie, und whrend Trnen ihm das groe,
das zeitlose Auge verdunkelten, sprach er leise vor sich hin: Ja,
warte nur, balde ruhest du auch!

Er hat dann, wie er acht Tage spter Zelter in einem Briefe erzhlt,
die Inschrift rekognosziert: die Greisenhand hat die fast unleserlich
gewordenen Buchstaben nachgezogen und darunter gesetzt: Renov. den 28.
August 1831.

So liest man es jetzt mit verhaltener Rhrung.

       *       *       *       *       *

ber Kammerberg und Manebach zurck nach Ilmenau. Aus Sturm und Regen
ist ein sanfter, silberner Frhlingsnachmittag geworden. Die feuchte
Erde duftet, es rauscht die Ilm.

Anmutig Tal! du immergrner Hain! ... wieder nahen sich die Verse,
nun, wo man vom Walde kommt, ergreifend wahr. Sie bringen neue
Schattenbilder. Wenn es mglich ist, schreibt Goethe am 30. August
1783, auf dem Sprung nach Ilmenau, an Charlotte, schreibe ich dem
Herzog ein Gedicht auf seinen Geburtstag. Als er am 4. September nach
Weimar zurckkehrt, bringt er es fertig mit. Aus Traum und Wirklichkeit
hat sich ihm Ilmenau zum 3. September 1783 zu neuem Erlebnis, zu
farbenfrohem Bild gestaltet.

Verklungene Tage stehen auf. In wilder Jagd durchstrmt der Herzog
wieder das Gebirge, am Fue einer Felswand wird abends Rast gemacht --
es ist, vielleicht, der Hermannstein:

    Bei kleinen Htten, dicht mit Reis bedecket,
    Seh ich sie froh ans Feuer hingestrecket.
    Es dringt der Glanz hoch durch den Fichten-Saal,
    Am niedern Herde kocht ein rohes Mahl;
    Sie scherzen laut, indessen, bald geleeret,
    Die Flasche frisch im Kreise wiederkehret ...

Und alle die treten auf, die damals mit in Sttzerbach getanzt,
getollt, der behbige Knebel, der Tollkopf Seckendorf, der blutjunge
Herzog, Goethe selbst -- treten auf und treten wieder ab auf dieser
Bhne der Erinnerung, Magie belebt die schwankenden Gestalten. Ich
selbst sa davor, erzhlt der alte Goethe in den Annalen, bei
glimmenden Kohlen, in allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlung
von Bedauern ber mancherlei Unheil, das meine Schrift >Werther<
angerichtet. Aber das ngstliche Gesicht zerrinnt, der schwere Traum
verschwindet. Die bange Sorge um den Herzog verscheucht die Hoffnung
auf Gedeihn und festes irdsches Glck, und der erhabene Berg lt ihn
an seinen sachten Hhn ein jugendlich, ein neues Eden sehn.

Und zweiundvierzig Jahre spter. Wieder ein Tag der Lieb und Lust.
Carl August feiert sein Regierungsjubilum. Die Vision Goethes ist
Wirklichkeit geworden ... die Ernte wird erscheinen und dich beglcken
und die Deinen. Im Rmischen Haus begrt Goethe den frstlichen
Freund, in aller Frhe, der erste Gratulant. Wortlos stehen die beiden
Greise, Hand in Hand. Bis zum letzten Hauch zusammen! stammelt
endlich tief bewegt Goethe. Der Groherzog nickt. Traumhaft durchzuckt
Erinnerung sein altes Herz. O achtzehn Jahre und Ilmenau! ruft er und
deckt die Augen mit der Hand ...

       *       *       *       *       *

Noch oft ist Goethe in Ilmenau gewesen, mit Knebel und bei Knebel,
mit Fritz von Stein, dem Liebling, der, wie er einmal an Charlotte
schreibt, ihr Bildnis sein soll, und manchmal auch ganz allein. Immer
wandern Briefe und Zettelchen nach Weimar und schwrmen und erzhlen;
beteuern seine Liebe in leidenschaftlichen Worten und sind voll
Sehnsucht und Glck. Mergeln und Schwmme begleiten sie.

1784 werden endlich die neuen Bergwerke erffnet. Am 24. Februar. Ein
Schicksalstag. Goethe bleibt in der feierlichen Erffnungsrede stecken,
die er im Posthause hlt. Aber niemand wagt zu lcheln. Seine dunklen
Augen halten alle im Bann. Nur da es als ble Vorbedeutung genommen
wird, kann er nicht hindern.

Im Oktober 1785 schreibt er an Charlotte: Es steht alles recht gut und
das ganze Werck nimmt einen rechten Weg. Auch in den Folgejahren geht
alles gut. Noch 1816 gedenkt der alte Goethe freudig in einem Gedicht
an seinen alten Bergrat Voigt dieser Zeit:

    Von Bergesluft, dem ther gleich zu achten,
    Umweht, auf Gipfelfels hochwald'ger Schlnde,
    Im engsten Stollen wie in tiefsten Schachten
    Ein Licht zu suchen, das den Geist entznde,
    War ein gemeinsam kstliches Betrachten,
    Ob nicht Natur zuletzt sich das ergrnde?
    Und manches Jahr des stillen Erdenlebens
    Ward so zum Zeugen edelsten Bestrebens.

Aber 1796 bricht der Martinroder Stollen. Die Aufschlagewasser stauen
sich, der Schacht wird auflssig, die Werke ersaufen. Und wieder zieht
die Armut ein in Ilmenau.

Immer aber hat die Einsamkeit Ilmenaus Goethe dichterisch angeregt.
Hier ist Wilhelm Meister zu einem groen Teil entstanden. Auch
Mignons schmerzbewegtes Lied: Nur wer die Sehnsucht kennt, wei, was
ich leide! hat Goethe hier zu dunkler Stunde gefunden. Am 20. Juni
1785 schickt er es Charlotte und fgt, ergreifend, hinzu: Ein Lied,
das nun auch mein ist.

Und noch ein anderes Lied hat ihm Ilmenau geschenkt, viele Jahre
spter. Lngst war die Liebe zu Frau von Stein erloschen, verbittert
hatte sich die Enttuschte von ihm zurckgezogen. An ihre Stelle
ist Christiane getreten. Ihr gelten nun seine Gedanken: nicht wirre
Sehnsucht mehr, nicht Stammellaut und Schrei. Ein glcklicher Vater
schreibt der Mutter seines Gustel, der ihn, ein Bbechen, begleitet
und weie Pfefferkuchen nach Weimar schickt, die er sich vom Munde
abspart. So feiert Goethe hier seinen 64. Geburtstag. Und die
Erinnerung lsst ihn, ein Nachklang seiner silbernen Hochzeit, erzhlen:

    Ich ging im Walde
    So vor mich hin,
    Und nichts zu suchen
    Das war mein Sinn.
    Im Schatten sah ich
    Ein Blmchen stehn,
    Wie Sterne blinkend,
    Wie uglein schn ...

Christianes Lied! Er schickt's nach Weimar ... wie oft, wie stolz mag
es die heitere Frau, vielleicht im Korbstuhl neben dem Kchenherde
sitzend, an ihr warmes Herz gedrckt haben!

       *       *       *       *       *

Nachmittag. In der Lindenstrae promeniert das junge Ilmenau. Der
Mhle gegenber, die Goethe in jungen Jahren oft beherbergt hat,
Knebels Haus. Die Fenster schauen nachdenklich in das bunte Treiben.
Es ist, als ob noch immer hinter den dunklen Scheiben der alte Timon
an seinem Lucrez arbeitete. Aber das frohe Lachen, das die Rudel,
Knebels blutjunge Frau, die Weimarer Sngerin Luise von Rudorf, mit in
die Kleinstadtstille brachte, ist lngst verhallt. An den +lgant
savant+, der hier einmal sein wunderlich Wesen getrieben, erinnert nur
die weie Tafel ber der Tr. Und auch die beachtet keiner.

Und weiter. Hinter der Kirche der Marktplatz. Die Huser schlafen. Nur
der alte Brunnen schwatzt in die Stille. Eine tote Welt, -- Rokoko aus
Chodowiecki-Kupfern, unberhrt, ganz noch das heitere Landstdtchen,
das Goethe fand, als er zum erstenmal hierher kam, um Ilmenau vor neuer
Einscherung zu bewahren. Noch stehen Schlo und Rathaus, noch die
Sonne und der Adler, aus deren Fenstern Philine und Wilhelm Meister
einander den Morgengru zunickten. Aber es liegt alles stumm und
verlassen, nichts spricht dafr, da etwa Seiltnzer und Gaukler hier
ihr leicht Gerst aufschlagen werden, kein Mdchen bietet dem fremden
Herrn Rosen an, wie's Wilhelm Meister geschah, und die beiden Gasthfe
schauen so verdrossen drein, als ob sie berhaupt nicht mehr auf Gste
rechneten ...

Die Vergangenheit geht hier spazieren.

       *       *       *       *       *

Sie begleitet auch auf den Friedhof, zu Corona Schrters Grab. Einsam
und verlassen liegt die einst Gefeierte. Arme Crone! Wie oft hat
Goethe dich, du blhtest noch in all dem betrenden Glanz der Jugend
und ganz Weimar lag dir zu Fen, bei diesem Schmeichelnamen genannt!
Da du ein Engel wrest, schrieb er an Frau von Stein und an den
Herzog schon aus Leipzig, von wo er dich nach Weimar holte. Er hat dich
wirklich sehr geliebt. Sein Tagebuch erzhlt's, und auch die Bank in
Tiefurt mit dem Amor und der Nachtigall. Und in dem groen Gedicht Auf
Miedings Tod gelten dir die wundervollen Verse:

    Es gnnten ihr die Musen jede Gunst,
    Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.
    So huft sie willig jeden Reiz auf sich,
    Und selbst dein Name ziert, +_Corona_+, dich.

Und dann?

Nach flchtigem Glanz der lange, der bittere Lebensabend in Ilmenau.
Niemand kmmerte sich um die Verbannte. Auch Goethe nicht. Und so
einsam, wie sie zuletzt in Ilmenau gelebt, stirbt sie 1802. Der Tod
erlst eine Tote.

Bekmmert steht man an dem kahlen Grab. Von der Sturmheide her fhrt
der Wind ber die Hgel, der Efeu raschelt, die kahlen Weiden schwanken
traurig hin und her. Die Stille weint. Es ist sndlich, wie man in
Weimar mit den Toten umgeht, schrieb Knebel damals. Ihm und der
Prinzessin Caroline verdankt die Vergessene den schlichten Grabstein.
Eine schwarze Eisenplatte ist's, in Sandstein eingelassen. Eine Harfe
und eine Fackel, ein Lorbeerkranz und ein Schmetterling schmcken sie.
Und leise wellt der Frhlingswind das Wasser, das Regen und Sturm
darauf geworfen.

Abschied von Ilmenau. In der Abenddmmerung steht man vor'm Goldenen
Lwen. Langsam erstirbt das Leben. Ein Lachen treibt vorbei, ein fader
Scherz, ein letztes Plaudern. Dann wird es still. Ganz still. In der
Ferne pltschert die Ilm.

Noch einmal wandert man durch die alten Gassen. Nun, wo der Tag zur Ruh
gegangen, regen sich die Schatten. Sie geben gespenstisches Geleit,
bedrngen die Seele, die sie aus ihren Grften hervorgelockt. ...
Knebel und seine junge, viel zu junge Frau, Einsiedel, den Reue an
die Sttte bannt, wo Corona Schrter gewohnt, der junge Goethe, der
der dunklen Ilm verworrene Liebesgre nach Weimar anvertraut. Und
scheu und heimlich auch, in grauen Mantel gehllt, den Dreispitz tief
in die Stirne gedrckt, der unselige Krafft, Goethes geheimnisvoller
Schtzling. Denn hierher hatte Goethe, ein dienstfertiger Samariter,
den in die Irr Gegangenen geschickt, der sich in letzter Not an ihn
gewandt ... ohne Dank zu finden: der Verlorene ward auch in Ilmenau
nicht des Lebens froh, ward in Verkennung der Dienste, die Goethe
forderte, zum Spion. Noch immer wandert er durch die Straen, er
lauscht an jeder Schenke, er horcht an jeder Tr. Und verflucht, das
unstete Auge bergend, das Schicksal, das ihn hierher verschlagen hat
... das heute wird zum Gestern, ein Jahrhundert flchtiger Traum.

Abschied von Ilmenau -- -- --

[Illustration]

ber den Marktplatz klingt leise ein Lied. Philine singt. Ihr Fenster
im Adler wirft hellen Schein ber den winkligen Platz. In das Dunkel
des Torwegs gedrckt stehen drben, in der Sonne, Wilhelm Meister
und Mignon und lauschen. Lartes schaut ihnen ber die Schulter ... Da
bricht das Liedchen ab, das Licht geht aus, und auch das Tor des alten
Gasthofs fllt zu. Schatten begraben ein Goethe-Mrchen. Am Himmel, der
in dunkler Blue schwankt, flimmern kalt die Sterne.




Das Mhrchen von Pyrmont

            Goethe ist zu Pyrmont und nur mit Wiedererlangung
            seiner Gesundheit beschftigt ...

                ~Schiller~


Der Reisewagen, der am 5. Juni 1801 in aller Herrgottsfrhe vor dem
Haus am Frauenplan Posto fat, wartet auf einen Kranken. Denn noch
immer fhlt Goethe, der an diesem Morgen mit dem elfjhrigen August
zusammen nach Pyrmont reist, sich von der schweren Krankheit nicht
genesen, die den schon lange Leidenden zu Beginn des Jahres 1801 fast
dahingerafft. Wohl war es der Pflege Christianens, seiner lieben
Kleinen, wie er am 1. Februar der Mutter rhmte, gelungen, ihn am
Leben zu erhalten; wohl befand er sich nach dieser schrecklichen
Krise der Natur, wie es in einem Briefe an die Weimarer Freundin
Elisa Gore heit, wieder ganz leidlich; aber den Vollbesitz seiner
geistigen und krperlichen Krfte hatte er trotz aller Ruhe, trotz
eines sechswchigen Landaufenthalts auf Ober-Rola nicht wiedererlangt,
und erst Pyrmont soll ihm nun grndliche Erholung bringen.

Pyrmont erfreute sich schon damals alten Rufes, vielleicht greren
als jetzt, wo so viel andere Bder mit dem stillen, ganz in Lindengrn
gebetteten Idyll an der Emmer wetteifern. Goethe selbst kannte es auch
nur vom Hrensagen. Charlotte von Stein, allein und auch mit Mann und
Kindern dort oft zur Kur, mag ihm viel von diesem ihren Zufluchtsort
erzhlt, mag ihm die Heilkraft des Hylligen Borns gerhmt haben ...
die Briefe, die sie von Pyrmont aus an Goethe geschrieben, Antworten
auf das sehnsuchtsbange Liebesstammeln, das ihr aus Weimar und
Ilmenau nachtnte, sind ja leider verloren, vernichtet wie alle ihre
anderen an Goethe; aber Spiegelung der Tage, die Charlotte in Pyrmont
verlebt, findet, wer zwischen Zeilen zu lesen versteht, in den von
Liebe, Sehnsucht und wirrer Klage erfllten Ergssen des Dichters,
die dieser der Fernen, Ku und Schmeichelwort so weit Entrckten
nachgesandt. Und an den langen Herbst- und Winterabenden in Weimar mag
im Beieinandersein bei stiller Kerze Erzhlung manches nachgeholt und
wieder heraufbeschworen haben, was dem Briefe anzuvertrauen Tinte und
Papier erschwert hatten.

So hat Goethe das Bad am Teutoburger Wald, als Liebender fr die Worte
der Geliebten doppelt empfnglich, vielleicht besser gekannt als viele,
die dort stumpfer Sinne, nur ihrem leiblichen Wohl und Wehe hingegeben,
wochenlang die Kur gebraucht haben; was die Augen nicht in Wirklichkeit
gesehen, erlebte die beschwingte Seele des Dichters doppelt intensiv,
gewann holde Verklrung, weil die, die es ihm schilderte, seinem Herzen
nahestand.

[Illustration]

So ist wohl auch zu erklren, da der Genu des Pyrmonter Wassers --
neben dem Selzer wie Christiane das Selterser nennt -- in Goethes
Hause gang und gbe, lange bevor der Dichter es am Ursprungsorte selbst
getrunken: die wohlttige Wirkung, die es auf Frau von Stein und ihren
Mann ausbte, gewann dem Pyrmonter auch die Neigung Goethes, fhrte
es in Weimar berhaupt ein. Trank doch die ganze Hofgesellschaft, der
frh schon von Gicht und Rheumatismus geplagte Herzog an der Spitze,
Pyrmonter! Und bei Goethes am Frauenplan durfte es gar nie ausgehen.
Immer wieder stt man in den Briefen Goethes, die er, weilte er in
Jena, an Christiane schrieb, auf die Bitte, ihm ein paar Flaschen
Pyrmonter mit der Botenfrau zu schicken; und Christiane beeilte sich
dann stets sehr, diesen Wunsch zu erfllen, weil sie wute, wie gut dem
Gatten -- denn Gatten waren sie, auch wenn die Trauung, die sie vor
der Welt dazu machte, erst 1806 erfolgte, schon von dem Tage an, wo
Goethe mit ihr das groe Haus am Frauenplan bezog -- das Wasser tat,
das bernoder wie sie es in dem oft kaum zu entziffernden Kauderwelsch
ihrer einfltig-innigen Briefe genannt hat.

Nun aber fgte es das Schicksal, da Goethe, mit seinen rzten der
Wunderkraft der Pyrmonter Quellen vertrauend, die aus Bouteillen ihm
nicht frisch und stark genug entgegensprudelte, sich auf die Reise
machte, um diese Wunderkraft an Ort und Stelle zu erproben.

Es ist ein frischer Morgen, da er diese Reise antritt, munter und
lebenskrftig, wie er sich lange nicht gefhlt. Vergessen der bange
Winter, da schon der Tod zu Hupten seines Bettes gestanden, vergessen
auch der rger in Ober-Rola, wo er mit der rohen Natur und ber
das ekelhafte Mein und Dein mit dem Pachter im Streite gelegen:
wieder einmal sieht er, reisefertig, unbekannte Welt vor sich liegen,
von neuem regt Phantasie die Schwingen, die in Alltagssorgen und
Alltagsgeznk fast zu erlahmen gedroht hatten. Abenteuer lockt.
August, den jungen Reisekameraden, an der einen Hand, den andern Arm
Christiane, dem getreuen Hausgeist, um den Hals gelegt, tritt er aus
der Tr, -- ungebeugt die massige Gestalt, doch im Gesicht um Mund und
Augen den Zug des Leidens, den zehn schwere Januartage da eingegraben.

Noch schlft Weimar. Nur der Brunnen rauscht, First und Fenster der
Kleinbrgerhuser gegenber glhen in erster Sonne. Irgendwoher kommt
Lindenduft. So kann Goethe sich ungestrt durch neugierige Blicke von
seiner Frau verabschieden, die ihm und dem Kinde, ein wenig traurig,
Geleit gibt: bleibt sie nun doch wieder auf Wochen allein in dem
weitlufigen Hause zurck, dessen erlauchte Welt nicht die ihre, fremd
am eigenen Herd; verlt sie doch diesmal nicht nur der Mann, der ihr
Leben und Dasein bedeutet, sondern auch, zum erstenmal auf lngere
Zeit, das Kind, das sie ihm geboren!

Jedoch die Pferde scharren ungeduldig, der Kutscher knallt mit der
Peitsche. Ein letztes Wort, ein letztes Streicheln, halb vterlich,
wie jede Liebkosung, die Goethe Christianen schenkte, ein letztes
Winken -- und dann holpert die zweispnnige Chaise, hochbepackt, die
Frauentorstrae hinauf und verschwindet.

[Illustration: _Abfahrt nach Pyrmont am 5. Juni 1801_

_Der Reisewagen Goethe's vor dem Hause am Frauenplan_]

Da schliet die einsame Frau die Haustr. Drinnen im khlen, dmmerigen
Flur lehnt sie ein Weilchen, die Hand vor den Augen, an dem Gelnder
der feierlichen Treppe, die noch den Klang von Goethes schweren
Schritten zu halten scheint ... ein Weilchen nur. Dann rafft sie sich
auf und geht. Aber nicht die Treppe hinauf. Die fhrt in jene Welt, die
nicht ihr gehrt. Sie geht durch ein Seitentrchen zur Kche: da lag
ihr Reich.

       *       *       *       *       *

Drei sind's, die in Goethes Wagen sitzen, Vater, Sohn und Geist --
denn Goethes Schreiber, den er mitgenommen, hie ulkigerweise Geist
und vervollstndigte so auch dem Namen nach die uere Dreieinigkeit
der Reise aufs beste. Geist berichtet denn auch der werthesten
Demoiselle Vulpius von Gttingen aus, wo Station gemacht wurde, ber
den bisherigen Verlauf der Fahrt; der Herr Geheimde Rat fgt diesem
Bericht nur ein paar Worte an, in denen allerdings trotz der Krze
die ganze Zrtlichkeit des Abschieds von Mtterchen zittert, -- wie
Goethe berhaupt auf Reisen in ein paar kurze Worte mehr Zrtlichkeit
hineinzulegen wei, als andere durch einen berschwenglichen Brief
auszudrcken vermgen.

Weitere Nachrichten aus Gttingen, wahrscheinlich auch die ersten aus
Pyrmont, wo die Reisenden am Nachmittag des 13. Juni eintrafen, sind
nicht erhalten. Christiane hat sich in Weimar sehr gegrmt, denn der
Geistsche Brief aus Gttingen erreichte sie erst am 25. Juni: drei
volle Wochen war sie also ohne jede Nachricht, und wenn sie am 23.
Juni nach Pyrmont schreibt: Ich hoffe recht sehnlich auf einen Brief
von Dir, um zu hren, da Du Dich mit dem guten Kinde wohlbefindest.
Ich bin ganz wohl, aber so ganz ohne das zu sein, was man herzlich
liebt, will mir gar nicht behagen, und bei aller Zerstreuung, die ich
mir mache, ist doch immer, als wenn mir das Beste fehlte, so hrt man
deutlich aus den kargen Worten die bange Sorge heraus, die ihr Frauen-
und Mutterherz erfllte.

Goethe mag gerade auf dieser Reise mancherlei durch den Kopf gegangen
sein. Reisen regt immer zum Nachdenken an; dann aber ist der Mensch,
der harte Krankheit berstanden und mit knapper Mhe dem Tode entgangen
ist, doppelt leicht geneigt, empfindsame Rckschau zu halten. Und
da es gerade nach Pyrmont ging, mu dem Fnfzigjhrigen Erinnerung
an abgelebte Zeit ergreifend haben wiederkehren lassen. Whrend
Berge und Tler, Drfer und Stdte an den Reisenden vorberglitten,
von August, dem Bbchen, mit dem hellen Jauchzen des Kindes, von
Geist mit subalternem Gleichmut begrt, weilte der Blick der dunklen
Dichteraugen bei Vergangenem. Die erste Trennung von Frau von Stein,
1776, im ersten Weimarer Glckssommer. Damals mag zum ersten Male der
Name Pyrmont, wohin die Geliebte sich zur Kur begeben, ein Name, der
bis dahin fr Goethe wahrscheinlich Schall und Rauch gewesen, Bedeutung
gewonnen haben ... damals! Wie lange war das her! Verse klangen aus der
Vergessenheit herauf, die er in jenen Tagen wirren Liebestaumels einmal
mit einem Brunnenglas an Charlotte nach Pyrmont geschickt:

    La dir gefallen
    Aus diesem Glas zu trincken
    Und mg dir dncken
    Wir sen neben dir
    Denn obgleich fern sind wir
    Dir doch die nchsten fast von allen.

Und andere, tiefer empfundene, tnten sanft dazwischen, die sein
damaliges Leben im Garten am Stern spiegeln:

    Und ich geh meinen alten Gang
    Meine liebe Wiese lang.
    Tauche mich in die Sonne frh
    Bad ab im Monde des Tages Mh,
    Leb in Liebes Klarheit und Krafft,
    Thut mir wohl des Herren Nachbarschafft,
    Der in Liebes Dumpfheit und Krafft hin lebt --
    Und sich durch seltnes Wesen webt.

Vorbei! Vorbei wie die Tage von Ilmenau, deren erste Erschtterungen
er der fernen Frau in Pyrmont in Briefen gebeichtet, die heie Glut
in alle Ewigkeit atmen; vorbei wie der Sommer 1777, in Sehnsucht fast
verzweifelnd, von Weimar nach Kochberg, Charlottens Schlo, flchtete,
um der wieder in Pyrmont Weilenden wenigstens in ihren Zimmern und
Mbeln nahe zu sein, sich wenigstens an ihrem Dunstkreis satt zu weiden
... bis er am 29. Juli in das getreue Tagebuch den Erlsungsseufzer
eintragen konnte: Abends die Stein zurck von Pyrmont unerwartet.

Und so gingen die Jahre. Liebe, so hei sie auch einst geglht,
erkaltete, Treue, fr die Erdenzeit geschworen, starb. Die Flucht
nach Italien, das Verhltnis mit Christiane, Frucht der Entfremdung
zwischen Charlotte und ihm, brachten den Bruch. Keine Liebesbriefe mehr
flatterten nach Pyrmont, wenn Frau von Stein dort zur Kur war; dafr
stand, einzige Erinnerung an dies Pyrmont, auf seinem Tisch in Weimar
und in Jena Mittag fr Mittag die Flasche Pyrmonter, dem berreizten,
bersttigten Krper Linderung bringend und allgemach trotz Etikett und
Namen doch kaum mehr an verschwundene Zeiten und ihr Glck mahnend;
dafr rieten die rzten, als die krperlichen Beschwerden sich huften,
diese an der heilkrftigen Quellen Ursprung selbst abzubaden und
abzutrinken.

Folgte er dem Rat? Wie hatte er doch erst vor wenigen Wochen an
die Mutter in Frankfurt geschrieben? Htte ich im vorigen Jahre
ein Bad gebraucht, wie ich in frheren Zeiten getan, so wre ich
vielleicht leidlicher davon gekommen; doch da ich nichts eigentliches
zu klagen hatte, so wuten auch die geschicktesten rzte nicht, was
sie mir eigentlich raten sollten, und ich lie mich von einer Reise
nach Pyrmont, zu der man mich bewegen wollte, durch Bequemlichkeit,
Geschfte und konomie abhalten, und so blieb denn die Entscheidung
einer Krise dem Zufall berlassen.

Ja, Bequemlichkeit, Geschfte und konomie ... diese drei Worte deuten
tatschlich das Leben, das Goethe, der sonst rastlos ttige, seit
geraumer Zeit gefhrt hatte. Die Arbeit an Voltaires Tancred, die ihn
Weihnachten 1800 zum groen Kummer der Seinen in Jena gehalten, war jh
von der Krankheit abgelst worden, und als diese berstanden, wagte
sich der geschwchte Geist an keine andere: die Farbenlehre war das
einzige, um das sein mdes Denken kreiste, und alles in allem nahm die
Stagnation, an der Goethes dichterische Produktion nun schon seit Jahr
und Tag krankte, bengstigende Formen an. Der Aufschwung, die Anregung
fehlten! Die Freunde, allen voran Schiller, der gerade in voller
dichterischer Ekstase an der Jungfrau arbeitete, waren denn auch
besorgt genug; schrieb doch dieser in jenen Tagen an Cotta: Goethe ist
zu Pyrmont und nur mit Wiedererlangung seiner Gesundheit beschftigt
... Er ist seit langem ganz unproduktiv und es ist nur zu wnschen, da
er nicht ganz alle seine poetische Ttigkeit verlieren mge.

Sorgen, die Goethe selbst whrend der Reise geqult, seine Seele
umschattet haben mgen! Dafr aber winkte in Gttingen der lange
entbehrte Verkehr mit den Gelehrten der dortigen Universitt, ihm
fr die Arbeit an der Farbenlehre diesmal besonders wichtig; dafr
versprach Pyrmont Krftigung Leibes und Geistes und damit neuen
Aufschwung. Zukunft lchelte. Und so mag der ernste Mann wohl, kamen
Vergangenheit und Sorge ihm allzu nahe, derweil der Reisewagen
schwerfllig durch die sommerliche Landschaft Thringens und des
Eichsfelds rollte, zukunftsfreudig die Schatten mit einer krftigen
Handbewegung verscheucht, mag im kindlichen Lachen und Plaudern des
Sohnes Erquickung und Zerstreuung gefunden haben. Die kurze Meldung an
Christiane aus Gttingen, da die Promenade ihnen, Vater und Sohn, viel
Vergngen gemacht, war sicherlich nicht nur pure Wahrheit, sondern lt
auch gnstige Rckschlsse auf die ganze Reise zu.

Am 13. Juni trifft man also endlich in Pyrmont ein. Es ist Nachmittag,
und der stille Ort mit seinen Straen und schnen Alleen liegt anmutig
im Widerspiel von Abendsonne und grnem Schatten. Verstaubt und
reisemde klettern Vater, Sohn und Geist vor einem alten, schlichten
Hause der Bassinstrae aus dem Wagen und atmen mit Behagen die reine,
krftige Luft ein.

       *       *       *       *       *

Wie Pyrmont damals ausgesehen?

[Illustration]

Nun, etwas anders als heute. Ein Jahrhundert ist lange Zeit und bringt
der Vernderungen viele, und seit Goethe dort gewesen ist, ist sogar
mehr als ein Jahrhundert vergangen. Aber vieles ist auch erhalten
geblieben: nicht nur eine Flle der bescheidenen alten Huser mit
Satteldach und grnen Fensterlden, auch das ganz in Wipfelgrn
getauchte Schlo, das Theater, das alte Badehotel, der Tempel in
den Anlagen lassen jetzt noch dem, der richtig zu sehen wei, die
Vergangenheit erstehen, sind Kulissen einer Welt, um die der Zauber
alles Gewesenen schwebt. Das groe Kurhaus und mancherlei anderes,
das erst die Kultur unserer Tage geschaffen, mu man sich natrlich
fortdenken. Aber kommt, nach heien Sommertag vielleicht, die Dmmerung
mit ihren Schatten und erstirbt das Leben, das tagsber Straen und
Alleen durchpulst, dann kann man sich wohl in jene Zeit zurcktrumen,
da hier Karl Philipp Moritz, der Verfasser des Anton Reiser, seine
seltsame und harte Jugend verlebt, die Frau Oberstallmeister von Stein
aus Weimar bla und lieblich Sommer fr Sommer zum Brodelbrunnen
schritt, Schopenhauers, die Eltern des damals noch nicht geborenen
groen Philosophen, mit Justus Mser und Lessings Berliner Freund
Nicolai an der Quelle literarische Dispute fhrten, Goethe, den kleinen
August an der Hand, in dieser oder jener Allee seinen frstlichen
Freund Carl August zum Morgenspaziergang erwartete ...

[Illustration]

Es hiee lgen, wollte man behaupten, da Goethe sich in Pyrmont nun
glcklich gefhlt, lgen auch, da ihm die Kur die erhoffte Erholung
gebracht htte. Nie hat Pyrmont in Goethes Leben die Rolle gespielt
wie das Karlsbad oder Teplitz ... ist er doch auch nie wieder nach
Pyrmont zurckgekehrt, whrend die bhmischen Bder in der Folge
alljhrliches Reiseziel wurden. Die Cur, schreibt er am 26. Juni an
Christiane, wird mir hoffentlich gut bekommen; ob sie mir gleich beim
Gebrauch unbequem ist, indem sie mir den Kopf einnimmt und mich nicht
das Mindeste arbeiten lt. In einem anderen Briefe an Christiane
heit es, unbewut doppelsinnig: Es geht mir und dem Kinde noch
immer recht gut, nur bleibe ich bei der Cur zu aller Art von Arbeit
untchtig, welches mir denn doch ein wenig lstig ist. Und er klagt,
da der Brunnen ihn gewaltig angriffe.

Der letzte Brief aus Pyrmont, rhrend vor allem in der Sehnsucht nach
Christiane und Weimar, meldet dann, da er sich leidlich befunden htte
und von der Kur noch gute Folgen erhoffte: Das Beste dabei war die
Bewegung und Zerstreuung. Das schreibt er am 12. Juli, also volle vier
Wochen nachdem er in Pyrmont eingetroffen war. hnlich skeptisch lauten
Nachrichten an Schiller und den Weimarer Hausgenossen vom Frauenplan,
Heinrich Meyer. Schiller schreibt er am 11. Juni noch, also von
Gttingen aus, da er sich lange nicht so wohl und heiter befunden habe
wie dort; aber am 12. Juli klagt er aus Pyrmont auch ihm, da ihn die
Kur zu aller Arbeit untchtig gemacht und er hier wenig Zufriedenheit
genossen habe; er fgt allerdings hinzu, da er doch manches guten und
interessanten Gesprchs nicht vergessen drfe, und -- dies rtselhaft
andeutend -- da er die Totalitt des Pyrmonter Zustandes so ziemlich
vor sich habe.

Das Fazit dieses Pyrmonter Zustandes zieht dann der hchst
aufschlureiche Brief an Meyer vom 31. Juli aus Gttingen, in dem es
heit: ... von mir kann ich wenigstens gegenwrtig sagen, da es mir
recht leidlich geht, es sey nun, da die Bibliothek und das akademische
Wesen, indem sie mich wieder in eine zweckmige Ttigkeit nach meiner
Art versetzten, mir zur besten Cur gediehen oder da, wie die rzte
sagen, die Wirkung des Brunnens erst eine Zeit lang hinterdrein kommt;
denn ich kann wohl sagen, da ich mich in meinem Leben nicht leicht
mimutiger gefhlt habe als die letzte Zeit in Pyrmont.

Viel hat zu der offenbaren Mistimmung, unter der Goethe, zumal in
der letzten Zeit, in Pyrmont gelitten hat, das schlechte Wetter
beigetragen. So klagt er Christiane in einem Briefe vom 12. Juli:
Das Wetter zerstrte alles, Cur und Spazierengehen und Geselligkeit;
heute strmts und regnets. Ich habe einheizen lassen. Das ist ja auch
rgerlich. Da der immer noch Krnkliche ferner unter der Kur zunchst
gelitten hat, ist nur natrlich: jede Kur strengt an, und vielleicht
hat Goethe in dem Bestreben, mglichst rasch Erholung zu finden, des
Guten auch etwas zuviel getan. Da bald Arbeitslust an sich einsetzte,
ist doch ein Zeichen der Krftigung, wenn auch der Krper sich noch
nicht so kommandieren lie, wie der Geist es wollte. Und die rzte, die
ihm volle Wirkung der Pyrmonter Kur erst fr spter voraussagten, haben
recht behalten: Goethe ist schlielich doch frisch und gekrftigt nach
Weimar zurckgekehrt.

Erst spter hat er auch erkannt, da ihm Pyrmont in geistiger Beziehung
viel gegeben, nicht allein, wie es in jenem Briefe an Schiller noch
zurckhaltend genug heit, manches gute und interessante Gesprch,
nein, Pyrmont mit seinen vielen Erinnerungen an alte und lteste
Zeiten hat auch seiner Phantasie neue Nahrung zugefhrt, hat ihm
zum ersten Male wieder seit langen Jahren den Plan zu einer groen
dichterischen Arbeit geschenkt. Das ist jene romanhnliche Erzhlung
aus der mittelalterlichen Geschichte Pyrmonts, das Mhrchen einer
Ritterpilgerfahrt zum Hylligen Born aus dem Jahre 1582, dessen endliche
Gestaltung einem damals viel gelesenen Buche, den +Amusements des eaux
de Spaa+ eines Herrn von Pllnitz, hnlich werden sollte. Wohlgemerkt:
sollte. Denn es ist nie in Angriff, geschweige denn in Arbeit genommen
worden, und wenn die unausgefhrt gebliebene Dichtung Goethes auch,
wie Grf in seinem Werk Goethe ber seine Dichtungen richtig dazu
bemerkt, in ihrem Entwurf fr uns nicht entfernt die Wichtigkeit hat
wie des Dichters Berichte ber so manchen anderen liegengebliebenen
Plan, so verdient sie doch grere Beachtung, als ihr bisher geworden.

       *       *       *       *       *

Neben den Klagen ber die Kur und das schlechte Wetter erzhlen Goethes
Briefe aus Pyrmont aber auch manches Heitere und Lustige. Goethe war
Mensch und als solcher Stimmungen unterworfen: der idyllischen Anmut
Pyrmonts, dem Zauber seiner Umgebung konnte er sich letzten Endes so
wenig entziehen wie jeder andere. Dazu kam, neben anderer, durchaus
nicht unangenehmer Gesellschaft, die er dort gefunden hatte, das
unausgesetzte Beisammensein mit dem kleinen August, das dem Vater viele
frohe Stunden bescherte. August ist sehr glcklich, meldet Goethe
einmal der Mutter in Weimar, gestern waren wir auf einem Hgel 5/4
Stunden von hier, wo Versteinerungen und Krystallisationen angetroffen
werden, deren Suchen und Auffinden das grte Fest war. Und im selben
Briefe heit es: Die Lage um Pyrmont ist sehr angenehm, und in der
Nhe gibt es allerlei Merkwrdigkeiten, Mineralien, Ruinen, und was
dergleichen sein mag.

Und was dergleichen sein mag! Hier ist einzuhaken. Denn diese an
sich nichtssagenden Worte, niedergeschrieben am 26. Juni, beziehen
sich vielleicht auf den grten Fund, den Goethe, dank den mit
seinem Shnchen gemachten Ausflgen entdeckerfreudig gestimmt, in
Pyrmont gemacht hat -- sei es, da er durch das Aufstbern alter
Baulichkeiten zu geschichtlichen Lektre ber Pyrmonts Vergangenheit
verfhrt wurde, sei es, da ihn erst eine solche Lektre dazu trieb,
Gegenstndliches in der nheren und weiteren Umgebung zu suchen ...
denn fast gleichzeitig meldet sein Tagebuch, auch hier wie berall
und immer gewissenhaft gefhrt, am 30. Juni: ... die Erinnerung
an alle merkwrdige Vorflle, die sich denn doch wohl mgen in der
Nachbarschaft ereignet haben, erregt ein ganz eignes Interesse.

Diese Worte: ein ganz eignes Interesse bedeuten bei einem so
zurckhaltenden Menschen wie Goethe viel, und nimmt man sich die
Annalen des alten Goethe vor, so findet man da erstens einmal die
ganze Reise nach Pyrmont genau beschrieben, in dieser Beschreibung
dann aber auch das, was damals in Pyrmont ein so hohes Interesse
bei ihm erregt hat: nmlich jene wundersame und geheimnisvolle
Massen-Pilgerfahrt zu den Quellen Pyrmonts aus dem Jahre 1582.
Schnste Ergnzung dazu: der Aufsatz Aufenthalt in Pyrmont. 1801
in den Biographischen Einzelheiten, der, wahrscheinlich 1825
niedergeschrieben, erst 1837 aus dem Nachla bekannt wurde.

In den Annalen heit es:

In Pyrmont bezog ich eine schne, ruhig gegen das Ende des Orts
liegende Wohnung bei dem Brunnenkassirer, und es konnte mir nichts
glcklicher begegnen, als da Griesbachs ebendaselbst eingemiethet
hatten und bald nach mir ankamen. Stille Nachbarn, geprfte Freunde,
so unterrichtete als wohlwollende Personen trugen zur ergetzlichen
Unterhaltung das Vorzglichste bei. Prediger Schtz aus Bckeburg,
Jenen als Bruder und Schwager und mir als Gleichni seiner lngst
bekannten Geschwister hchst willkommen, mochte sich gern von Allem,
was man werth und wrdig halten mag, gleichfalls unterhalten.

Hofrath Richter von Gttingen, in Begleitung des augenkranken Frsten
Sanguszko, zeigte sich immer in den liebenswrdigsten Eigenheiten,
heiter auf trockene Weise, neckisch und neckend, bald ironisch und
paradox, bald grndlich und offen.

Mit solchen Personen fand ich mich gleich anfangs zusammen; ich wte
nicht, da ich eine Badezeit in besserer Gesellschaft gelebt htte,
besonders da eine mehrjhrige Bekanntschaft ein wechselseitig duldendes
Vertrauen eingeleitet hatte.

Auch lernte ich kennen Frau von Weinheim, ehemalige Generalin von
Bauer, Madame Scholin und Raleff, Verwandte von Madame Sander in
Berlin. Anmuthige und liebenswrdige Freundinnen machten diesen Zirkel
hchst wnschenswerth.

Leider war ein strmisch-regnerisches Wetter einer ftern Zusammenkunft
im Freien hinderlich; ich widmete mich zu Hause der bersetzung
des Theophrast und einer weitern Ausbildung der sich immermehr
bereichernden Farbenlehre.

[Illustration]

Die merkwrdige Dunsthhle in der Nhe des Ortes, wo das Stickgas,
welches mit Wasser verbunden so krftig heilsam auf den menschlichen
Krper wirkt, fr sich unsichtbar eine tdtliche Atmosphre bildet,
veranlate manche Versuche, die zur Unterhaltung dienten. Nach
ernstlicher Prfung des Lokals und des Niveaus jener Luftschicht
konnte ich die auffallenden und erfreulichen Experimente mit sicherer
Khnheit anstellen. Die auf dem unsichtbaren Elemente lustig tanzenden
Seifenblasen, das pltzliche Verlschen eines flackernden Strohwisches,
das augenblickliche Wiederentznden, und was dergleichen sonst noch
war, bereitete staunendes Ergetzen solchen Personen, die das Phnomen
noch gar nicht kannten, und Bewunderung, wenn sie es noch nicht im
Groen und Freien ausgefhrt gesehen hatten. Und als ich nun gar dieses
geheimnisvolle Agens in Pyrmonter Flaschen gefllt mit nach Hause trug
und in jedem anscheinend leeren Trinkglas das Wunder des auslschenden
Wachsstocks wiederholte, war die Gesellschaft vllig zufrieden und der
unglaubige Brunnenmeister so zur Ueberzeugung gelangt, da er sich
bereit zeigte, mir einige dergleichen wasserleere Flaschen den brigen
gefllten mit beizupacken, deren Inhalt sich auch in Weimar noch vllig
wirksam offenbarte.

Der Fupfad nach Lgde zwischen abgeschrnkten Weidepltzchen her ward
fters zurckgelegt. In dem Oertchen, das einigemal abgebrannt war,
erregte eine desperate Hausinschrift unsere Aufmerksamkeit, sie lautet:

    Gott segne das Haus!
    Zweimal rannt' ich heraus,
    Denn zweimal ist's abgebrannt;
    Komm' ich zum dritten Mal gerannt,
    Da segne Gott meinen Lauf,
    Ich bau's wahrlich nicht wieder auf.

Das Franziskaner-Kloster ward besucht und einige dargebotene Milch
genossen. Eine uralte Kirche auerhalb des Ortes gab den ersten
unschuldigen Begriff eines solchen frheren Gotteshauses mit Schiff
und Kreuzgngen unter einem Dach bei vllig glattem unverziertem
Vordergiebel. Man schrieb sie den Zeiten Karls des Groen zu; auf alle
Flle ist sie fr uralt zu achten, es sei nun der Zeit nach, oder da
sie die uranfnglichen Bedrfnisse jener Gegend ausspricht.

Mich und besonders meinen Sohn berraschte hchst angenehm das
Anerbieten des Rektors Werner, uns auf den sogenannten Krystallberg
hinter Lgde zu fhren, wo man bei hellem Sonnenschein die Aecker von
tausend und aber tausend kleinen Bergkrystallen widerschimmern sieht.
Sie haben ihren Ursprung in kleinen Hhlen eines Mergelsteins und sind
auf alle Weise merkwrdig als ein neueres Erzeugni, wo ein Minimum
der in Kalkgestein enthaltenen Kieselerde, wahrscheinlich dunstartig
befreit, rein und wasserhell in Krystalle zusammentritt.

Ferner besuchten wir die hinter dem Knigsberge von Qukern angelegte
wie auch betriebene Messerfabrik und fanden uns veranlat, ihrem ganz
nah bei Pyrmont gehaltenen Gottesdienst mehrmals beizuwohnen, dessen
nach langer Erwartung fr improvisirt gelten sollende Rhetorik kaum
Jemand das erste Mal, geschweige denn bei wiederholtem Besuch, fr
inspirirt anerkennen mchte. Es ist eine traurige Sache, da ein reiner
Kultus jeder Art, sobald er an Orte beschrnkt und durch die Zeit
bedingt ist, eine gewisse Heuchelei niemals ganz ablehnen kann.

Die Knigin von Frankreich, Gemahlin Ludwigs XVIII., unter dem Namen
einer Grfin Lille, erschien auch am Brunnen, in weniger, aber
abgeschlossener Umgebung.

Bedeutende Mnner habe ich noch zu nennen: Konsistorialrath Horstig
und Hofrath Marcard, den Letztern als einen Freund und Nachfolger
Zimmermanns.

Das fortdauernde ble Wetter drngte die Gesellschaft fters ins
Theater. Mehr dem Personal als den Stcken wendete ich meine
Aufmerksamkeit zu. Unter meinen Papieren find ich noch ein Verzeichni
der smmtlichen Namen und der geleisteten Rollen; der zur Beurtheilung
gelassene Platz hingegen wird nicht ausgefllt. Iffland und Kotzebue
thaten auch hier das Beste, und Eulalia, wenn man schon wenig von
der Rolle verstand, bewirkte doch durch einen sentimental-tnend
weichlichen Vortrag den grten Effekt; meine Nachbarinnen zerflossen
in Thrnen.

Was aber in Pyrmont apprehensiv wie eine bse Schlange sich durch die
Gesellschaft windet und bewegt, ist die Leidenschaft des Spiels und
das daran bei einem Jeden, selbst wider Willen erregte Interesse. Man
mag, um Wind und Wetter zu entgehen, in die Sle selbst treten oder
in bessern Stunden die Allee auf und ab wandeln, berall zischt das
Ungeheuer durch die Reihen; bald hrt man, wie ngstlich eine Gattin
den Gemahl nicht weiter zu spielen ansieht, bald begegnet uns ein
junger Mann, der in Verzweiflung ber seinen Verlust die Geliebte
vernachlssigt, die Braut vergit; da nun erschallt auf einmal der Ruf
grenzenloser Bewunderung: die Bank sei gesprengt! Es geschah diemal
wirklich in Roth und Schwarz. Der vorsichtige Gewinner setzte sich
alsbald in eine Postchaise, seinen unerwartet erworbenen Schatz bei
nahen Freunden und Verwandten in Sicherheit zu bringen. Er kam zurck,
wie es schien mit miger Brse; denn er lebte stille fort, als wre
nichts geschehen.

Nun aber kann man in dieser Gegend nicht verweilen, ohne auf
jene Urgeschichten hingewiesen zu werden, von denen uns rmische
Schriftsteller so ehrenvolle Nachrichten berliefern. Hier ist noch
die Umwallung eines Berges sichtbar, dort eine Reihe von Hgeln und
Thlern, wo gewisse Heereszge und Schlachten sich hatten ereignen
knnen.

Da ist ein Gebirgs-, ein Ortsname, der dorthin Winke zu geben scheint,
herkmmliche Gebruche sogar deuten auf die frhesten, roh feiernden
Zeiten, und man mag sich wehren und wenden, wie man will, man mag
noch so viel Abneigung beweisen vor solchen aus dem Ungewissen ins
Ungewissere verleitenden Bemhungen, man findet sich wie in einem
magischen Kreise befangen, man identifiziert das Vergangene mit der
Gegenwart, man beschrnkt die allgemeinste Rumlichkeit auf die
jedesmal nchste und fhlt sich zuletzt in dem behaglichen Zustande,
weil man fr einen Augenblick whnt, man habe sich das Unfalichste zur
unmittelbaren Anschauung gebracht.

Durch Unterhaltungen solcher Art, gesellt zum Lesen von so mancherlei
Heften, Bchern und Bchelchen, alle mehr oder weniger auf die
Geschichte von Pyrmont und die Nachbarschaft bezglich, ward zuletzt
der Gedanke einer gewissen Darstellung in mir rege, wozu ich nach
meiner Weise sogleich ein Schema verfertigte.

Das Jahr 1582, wo auf einmal ein wundersamer Tag aus allen Weltgegenden
nach Pyrmont hinstrmte und die zwar bekannte, aber noch nicht
hochberhmte Quelle mit unzhligen Gsten heimsuchte, welche bei vllig
mangelnden Einrichtungen sich auf die kmmerlichste und wunderlichste
Art behelfen muten, ward als prgnanter Moment ergriffen und auf
einen solchen Zeitpunkt, einen solchen unvorbereiteten Zustand
vorwrts und rckwrts ein Mrchen erbaut, das zu Absicht hatte, wie
die +Amusemens des eaux de Spa+ sowol in der Ferne als der Gegenwart
eine unterhaltende Belehrung zu gewhren. Wie aber ein so lbliches
Unternehmen unterbrochen und zuletzt ganz aufgegeben worden, wird aus
dem Nachfolgenden deutlich werden. Jedoch kann ein allgemeiner Entwurf
unter andern kleinen Aufstzen dem Leser zunchst mitgetheilt werden.

Hier der allgemeine Entwurf:


    ~Aufenthalt in Pyrmont~.

    1801.

Im Jahre 1582 begab sich auf einmal aus allen Welttheilen eine lebhafte
Wanderschaft nach Pyrmont, einer damals zwar bekannten, aber doch noch
nicht hochberhmten Quelle; ein Wunder, das Niemand zu erklren wute.
Durch die Nachricht hiervon wird ein deutscher wackerer Ritter, der
in den besten Jahren steht, aufgeregt; er befiehlt seinem Knappen,
alles zu rsten und auf der Fahrt ein genaues Tagebuch zu fhren, denn
dieser, als Knabe zum Mnch bestimmt, war gewandt genug mit der Feder.
Von dem Augenblicke des Befehls an enthlt sein Tagebuch die Anstalten
der Abreise, die Sorge des Hauswesens in der Abwesenheit, wodurch uns
denn jene Zustnde ganz anschaulich werden.

Sie machen sich auf den Weg und finden unzhlige Wanderer, die von
allen Seiten herzustrmen. Sie sind hilfreich, ordnen und geleiten die
Menge, welches Gelegenheit gibt, diese Zustnde der damaligen Zeit vor
Augen zu bringen. Endlich kommt der Ritter als Fhrer einer groen
Karawane in Pyrmont an; hier wird nun gleich so wie bereits auf dem
Wege durchaus das Lokale beachtet und benutzt. Es war doch von uralten
Zeiten her noch manches brig geblieben, das an Hermann und seine
Genossen erinnern durfte. Die Kirche zu Lgde, von Karl dem Groen
gestiftet, ist hier von hchster Bedeutung. Das Getmmel und Gewimmel
wird vorgefhrt; von den endlosen Krankheiten werden die widerwrtigen
mit wenig Worten abgelehnt, die psychischen aber, als reinlich und
wundervoll, ausfhrlich behandelt, sowie die Persnlichkeit der damit
behafteten Personen hervorgehoben. Bezge von Neigung und mancherlei
Verhltnisse entwickeln sich, und das Unerforschliche, Heilige macht
einen wnschenswerten Gegensatz gegen das Ruhmwrdige. Verwandte
Geister ziehen sich zusammen, Charaktere suchen sich, und so entsteht
mitten in der Weltwoge eine Stadt Gottes, um deren unsichtbare Mauern
das Pbelhafte nach seiner Weise wtet und ras't; denn auch Gemeines
jeder Art versammelte sich hier: Marktschreier, die besonderen Eingang
hatten; Spieler, Gauner, die jedermann, nur nicht unseren Verbundeten
drohten; Zigeuner, die durch wunderbares Betragen, durch Kenntnisse der
Zukunft Zutrauen und zugleich die allerbnglichste Ehrfurcht erweckten;
der vielen Krmer nicht zu vergessen, deren Leinwand, Tcher, Felle vom
Ritter sogleich in Beschlag genommen und dem sittlichen Kreise dadurch
ein gedrngter Wohnort bereitet wurde.

Die Verkufer, die ihre Ware so schnell und ntzlich angebracht
haben, suchten eilig mit gleichen Stoffen zurckzukehren; andere
spekulierten, daraus sich und Andern Schirm und Schutz gegen Wind und
Wetter aufzustellen; genug, bald war ein weit sich erstreckendes Lager
errichtet, wodurch bei stetigem Abgange der Nachfolgende die ersten
Wohnbedrfnisse befriedigt fand.

Den Bezirk der edlen Gesellschaft hatte der Ritter mit Pallisaden
umgeben und so sich der jedem physischen Andrang gesichert. Es fehlt
nicht an miwollenden, widerwrtig-heimlichen, trotzig-heftigen
Gegnern, die jedoch nicht schaden konnten; denn schon zhlte der
tugendsame Kreis mehrere Ritter, alt und jung, die sogleich Wache und
Polizei anordnen; es fehlt ihm nicht an ernsten geistlichen Mnnern,
welche Recht und Gerechtigkeit handhaben.

Alles dieses ward im Stile jener Zeit als unmittelbar angeschaut
von den Knappen tglich niedergeschrieben mit naturgemen kurzen
Betrachtungen, wie sie einem heraufkeimenden guten Geiste wohl
geziemten.

Sodann aber erschienen, Aufsehen erregend, langfaltig blendend wei
gekleidet, stufenweise bejahrt, drei wrdige Mnner: Jngling, Mann und
Greis, und traten unversehens mitten in die wohldenkende Gesellschaft.

Selbst geheimnisvoll, enthllten sie das Geheimnis ihres
Zusammenstrmens und lieen auf die knftige Gre Pyrmonts in eine
freundliche Ferne lichtvoll hinaussehen.

Dieser Gedanke beschftigte mich die ganze Zeit meines Aufenthaltes,
ingleichen auf der Rckreise. Weil aber, um dieses Werk gehaltvoll
und lehrreich zu machen, gar manches zu studieren war und viel dazu
gehrte, dergleichen zersplitterten Stoff ins Ganze zu verarbeiten,
so da es wrdig gewesen wre, von allen Badegsten nicht allein,
sondern auch von allen deutschen, besonders niederdeutschen Lesern
beachtet zu werden, so kam es bald in Gefahr, Entwurf oder Grille zu
bleiben, besonders da ich meinen Aufenthalt in Gttingen zum Studium
der Geschichte der Farbenlehre bestimmt hatte, wovon an seinem Ort
gehandelt worden.

       *       *       *       *       *

Dies das Mhrchen von Pyrmont, in der Tat wundersam und schon im
Schema, wie Goethe seinen Entwurf nannte, voller Reize, die in
der Ausarbeitung sicherlich noch deutlicher hervorgetreten wren.
Jedenfalls htte diese Dichtung, als Roman oder Epos vollendet, eine
ganz einzigartig Stellung in Goethes Schaffen eingenommen: wie weit ab
liegt schon das Stoffliche von den sonstigen Interessengebieten des
Dichters! Nur im Faust klingt hnliches. Aber es ist mig, etwa
darber zu klagen, da Goethe die sehr weitschichtige Arbeit, wie er
sie fnfundzwanzig Jahre spter noch nannte, Entwurf bleiben lie; er
wird gewut haben, was er tat, wird schon bei der Konzeption instinktiv
das Fremde gewittert haben, das wir selbst daran als unpoetisch
empfinden, und mit dem Verklrten, in Gttersphren Entrckten darber
zu rechten, da er so und nicht anders gehandelt, wre kleinlicher
Eigensinn.

Interessanter, den Quellen nachzugehen, aus denen Goethe geschpft --
gewinnt man da doch gleichzeitig einen berblick ber die Lektre, die
der Pyrmonter Kurgast Goethe, sicherlich der erlauchteste, den das
Bad jemals beherbergt, damals gepflogen. Von Bchern und Bchelchen
spricht der Greis in den Annalen ... Forscherflei hat diese Bcher
und Bchelchen in alten Archiven aufgestbert, und wenn man nun Titel
aufzhlen darf wie diese: Pyrmonts Denkwrdigkeiten, Eine Skizze
fr Reisende und Kurgste, Leipzig 1800 bei Karl Wilhelm Kchler
und Beschreibung von Pyrmont von Henrich Matthias Marcard, Leipzig
1784/1785 bey Weidmanns Erben und Reich; oder liest man im Tagebuch
des Dichters von dem Eindruck, den etwa eine jene Pilgerfahrt von 1582
behandelnde Erzhlung von Heinr. Bnting in der Braunschweigischen
und Lneburger Chronika (Magdeburg 1620) auf ihn gemacht hat, so kann
man sich gut den bedchtigen, sorgfltig gekleideten Mann vorstellen,
wie er, diese alten Folianten und Pappbnde im Arm, die Alleen Pyrmonts
durchwandelt und nach einem stillen Platz zu ungestrtem Lesen sucht.

Da stieg dann, auf geschichtlichem Boden, die Vergangenheit des
Bades aus diesen Bchern, und die dunklen Augen Goethes mgen oft
versonnen ber die nahen Hgel und Berge geschweift sein, ber die
schon die Legionen des Varius gezogen waren und um die noch der Spuk
mittelalterlicher Legenden geisterte ... bis ihn Freund Griesbach aus
Jena oder der kleine August, der den Vater suchte, aus seinen Trumen
weckten zu freundlichem Genu des Tages und des gegenwrtigen Lebens.

       *       *       *       *       *

Und langsam neigte sich die Zeit, die Goethe der Erholung in Pyrmont
gnnen durfte oder wollte, ihrem Ende zu. In den Grten blhten die
Juli-Rosen, und abends trug der Wind, der von den Bergen kam, den Duft
der reifenden Felder in die stillen Straen. Auch regnete es oft. Das
war sehr langweilig. Denn die fremden Zimmer, auf die man dann doch
angewiesen war, wurden kalt und ungemtlich, die Reize des kleinen
Theaters waren bald erschpft, der Kursaal, wo gespielt wurde, lockte
nicht.

Abwechslung, aber auch Unruhe hatte am 9. Juli die Ankunft Durchlaucht
des Herzogs aus Weimar gebracht ... der Kur Goethes jedenfalls
nicht sehr frderlich, denn Carl August war, krnkelnd und deshalb
migestimmt, gelegentlich auch zu alten Ausschweifungen +in Baccho et
Venere+ neigend, gewi keine bequeme Gesellschaft.

Am 26. Juni hatte sich Carl August angemeldet. Die fatalen Krmpfe,
mein lieber Freund, hatte er an Goethe geschrieben, haben endlich
doch die berhand behalten, sie warfen mich seit Deiner Abreise
dreymahl nieder und berwiegen meine Plane, die ich in Ansehung des
Geldes und der Zeit gemacht hatte; ich komme doch nach +Pyrmonth+. Den
10. July Abends, Freytag ber 14 Tage, komme ich dorten an. Erzeige mir
den Gefallen folgendes zu bestellen:

  1 Stube mit Bette fr mich,

  1 dergleichen fr Eglofstein,

  1 dergleichen mit 2 Betten fr Kammd und Canzlist;

    2 Stuben fr 3 Bedt und 2 Reitknechte, nebst geh. Betten.

    Stall und Furage auf 4 Pferde.

Wir kommen ber Cael. An +Table d'hte+ een wir beyde und bedrfen
daher keiner besonderen Kost. In welchem Hause wir wohnen sollen,
ist mir gleichgltig ... Deine Gesundheit befindet sich wohl an der
trefflichen Heils Quelle erneuert und frisch belebt? herzlich wnsche
ich es. Auch ich suche Trost dorten, um mit Dir noch etliche Jahre
vergngt und ntzlich zu vertreiben.

Ein zweiter Brief am 29. Juni meldete dann in humorvollerer Form,
da Carl August, um Goethe mglichst wenig Mhe zu machen, seinem
Mephisto, d. h. den Kammerdiener Kmpfer, als Quartiermacher nach
Pyrmont vorschicken wrde: Dazu kmmt, da den armen Teufel es gut
behagen wird, wenn er ein Tager achte ohne an meinen Leibe warten und
schaaben zu mssen, ruhig zu seinem besten baaden und trincken kann.

Ob der Herzog, um dessen Gesundheit es wirklich damals kritisch stand,
in Pyrmont die erwartete Erholung gefunden hat, wei man nicht. Ein
Brief Goethes an Christiane berichtet nur kurz und sachlich: Der
Herzog ist munter und lustig. Aber immerhin: es spricht nichts
dagegen, da Karl August sich in Pyrmont zumindest wohl gefhlt hat;
um im Stile seiner Briefe zu sprechen, hat das Bad doch dafr gesorgt,
da nicht die schwarze, sondern die weie Fahne wehte, und Goethe und
er haben noch mehr als etliche Jahre vergngt und ntzlich zusammen
vertrieben.

       *       *       *       *       *

Am 17. Juli verlt Goethe Pyrmont, mit Akten und Erinnerungen reicher
beladen, als er selbst gedacht, und vor allem, wie die nun folgenden
Tage in Gttingen zeigen, schaffensfreudig und empfnglich wie lange
nicht.

Regenwetter erleichtert den Abschied; die Sehnsucht nach der geliebten
Hausgenossin und Frau in Weimar, mit der er auf der Rckreise in
Kassel zusammentreffen will, hat den Zeitpunkt der Abfahrt ebenfalls
um Tage vorgerckt. Mit Freuden werde ich, schreibt er am 12. Juli
an Christiane, Koppenfeldens Scheungiebel (das Nachbarhaus am
Frauenplan) wiedersehen und Dich an mein Herz drcken und Dir sagen,
da ich Dich immerfort und immer mehr liebe.

Wie schn, wie liebevoll diese wenigen Worte!

Und so verstauen sich an einem feuchten Morgen, von den Bergen weht es
khl, und auf der aufgeweichten Strae spiegeln die Regenpftzen grauen
Wolkenhimmel, Vater, Sohn und Geist wieder in der schwerflligen
Reisechaise, die sie vor vier Wochen hierhergebracht: Goethe ernst und
nachdenklich, der in Pyrmont verlebten Tage gedenkend, deren Resultat
immerhin ungewi; August lebhaft und sich kindlich des Neuen im voraus
freuend, das die Fahrt bieten wird; Geist, der Schreiber, gleichmtig
wie immer.

In der Haustr der Wirt, der Brunnenkassierer Voigt, devot das Kppchen
in der Hand, bis die Pferde anziehen und der Wagen davonrollt ... der
brave Mann ahnt nicht, da ihm dieser Kurbesuch Unsterblichkeit schenkt!

Erstes Reiseziel Gttingen. Dort ist Goethe, sehr ttig, bis zum 14.
August. Tags drauf trifft er dann in Kassel Christiane und Heinrich
Meyer, und im Posthaus am Knigsplatz, bei der Madame Goullon, kann die
wertheste Demoiselle Vulpius endlich wieder nach mehr als zehn Wochen
des Hangens und Bangens den geliebten Mann und das Bbchen in ihre
Arme schlieen.




Donnerstag nach Belvedere ...

            Und durch die Grten blendet der Palast
            (wie blasser Himmel mit verwischtem Lichte),
            in seiner Sle welke Bilderlast
            versunken wie in innere Gesichte,
            fremd jedem Feste, willig zum Verzichte
            und schweigsam und geduldig wie ein Gast.

                ~Rainer Maria Rilke~


Mai Achtzehnhundertunddreizehn. Weimar hat sich von dem Schrecken
erholt, den am 18. April ein Gefecht zwischen dem Blcherschen Korps
und der Avantgarde des Marschalls Ney in seine stillen Straen getragen
hatte. Goethe ist in Teplitz. Die kriegerischen Wirren haben ihn nicht
von der gewohnten Badereise abhalten knnen. Am 17. April, einem Tag
nur vor dem Kampf am Kegeltor, hat er Weimar verlassen. In Tharandt
erst hrt er davon -- wie er spter aus Teplitz an Christiane schreibt:
auf eine Weise, die ihn mehr verdro als erschreckte. Seine eigene,
so wunderbare und unvorsetzliche Entfernung htte ihm die Hoffnung
gegeben, da das bel auch von Weimar entfernt geblieben sein wrde ...

Nun ist Christiane schon weit ber einen Monat allein zu Haus. Und
langweilt sich. Sie ist mittlerweile eine rundliche, behbige Frau
geworden und sitzt jetzt mindestens ebenso gerne in dem schnen
bequemen Rohrstuhl, den ihr der liebe Herr Geheimderath geschenkt
hat und der unten in der Kche neben dem Herde steht, wie sie frher
getanzt hat ... womit nicht gesagt sein soll, da sie etwa nicht auch
jetzt noch fr ihr Leben gerne tanzte. In den weichen Grbchen um Kinn
und Mund wohnt noch immer der Schalk, und die guten braunen Augen
schauen noch genau so lustig und lebensfroh in die Welt wie damals, als
sie noch die junge Demoiselle Vulpius war.

Ja, sie langweilt sich. August, nun schon lngst wohlbestallter
Kammerassessor, ist wieder einmal seine eigenen Wege gegangen, und
mit der verliebten Uli, der Gesellschafterin, die ihren Riemer im
Kopf hat, ist auch nichts Rechtes anzufangen. So wandert sie durch die
Zimmer des groen Hauses. Ihr ist heute nicht so recht. Da aus Teplitz
kein Brief gekommen, macht ihr Sorge. Und die stillen, feierlichen
Rume mit den tausend Erinnerungen an Dingen, von denen sie nichts
wei und versteht, bedrcken sie ... der kolossale Kopf der Juno, die
Nike, die ewig gleich und ruhelos auf ihrer Kugel ber den ovalen Tisch
fliegt, die Silhouetten, die Kupfer an den Wnden.

[Illustration]

Mit einem halben Seufzer tritt sie ans Fenster und blickt auf den
Platz hinab, den Maisonne mit Licht geradezu berschttet. Ein leerer
Nachmittag. Was tun? Haus und Garten sind in Ordnung, alles blitzt,
alles funkelt, nirgends liegt ein Stubchen. Drauen aber lacht der
junge Sommer durch die Gassen und ldt ins Freie. Sie denkt an Berka,
denkt ans Rdchen, an Belvedere. Belvedere ... das wre etwas! Da
knnte man hbsch im Gasthof Kaffee trinken, nachher ein bichen in den
Park gucken oder die Schwne fttern, da wrden die dummen Gedanken
schon vergehen. Und kurz entschlossen schickt sie zu Frau +Dr.+ Vulpius
herum, die nebenan wohnt, und zu Lortzings und der Demoiselle Engels,
der Sngerin: ob die Damen nicht mit nach Belvedere fahren wollten? Der
Wagen stnde bereit, und Kuchen nhme sie mit.

Schon ein paar Minuten spter schellt es unten ... am Torweg, wo es
zur Kche geht. Denn das Mittelportal, das zu der groen Treppe fhrt,
ist nur fr die illustren Gste da, das wei ganz Weimar. Es ist die
Schwgerin. Ihr folgt die kleine Engels auf dem Fue. Beide in ihrem
besten Staat, die frisch gestrkten Kleider rauschen, die Engels, ein
lebendiger Blumenstrau, hat berm Arm an himmelblauem Band den groen
Schutenhut hngen. Lortzings, meldet der Diener, sind schon zu Fu nach
Belvedere.

Und es dauert nicht lange, da biegt die offene Chaise mit den vier
Damen aus dem dunklen Torweg, und in lustigem Trab -- aus den Fenstern
am Frauenplan strecken die Nachbarn neugierig die Kpfe -- geht es
durch die Frauentorstrae, am Jgerhaus vorbei, wo Christiane als
Goethes Klrchen so schne Stunden verlebt und wo sie August unter
dem Herzen getragen, in die Belvedere-Allee. Das Rmische Haus ist ganz
in Flieder und Jasmin gebettet. Auch die Kastanien blhen. Das sind nun
auch schon alles groe schattige Bume geworden. In ihrer Kindheit,
entsinnt Christiane sich, fhrte ein elender staubiger Fahrweg nach
Belvedere; wo das Rmische Haus steht, war kahles Feld; und der Park?
mein Gott, das war alles Sumpf und Wiese und graues Weidengestrpp. Die
samtenen Rasenflchen, die jetzt da in der Sonne leuchten, die schnen
Bosketts, die schattigen Wege, das hat alles erst der Htschelhans
geschaffen. Auch die Kastanien der Allee hat er erst angepflanzt.
Nun fhrt man wie durch einen groen Garten nach dem Belvedere, und
erinnerungsversunken streicht die kleine Frau die weien Blten, die
von den Bumen in den Wagen regnen, auf ihrem Scho zusammen und
streut mit spielerischer Hand sie in den Wind, der sanft und warm die
Fahrenden umfchelt ... Gre, die nach Teplitz wandern.

Aber das ist nur ein kurzer Augenblick. Schnell ist sie wieder mit den
Freundinnen in lustigem Gesprch, ihr helles Lachen bertnt das Rollen
des Wagens, das Getrappel des Pferdchens. Und als am Ende der Allee
hgelauf zwischen den Parkbumen das Schlo auftaucht mit glitzernder
Fontne, da winkt sie unbekmmert mit dem Taschentuch Willkommensgre
zu den herzoglichen Fenstern hinber ... ganz Kind, ganz Lebenslust,
ganz Sommerfreude.

Im Gasthofsgarten oben, unter den Linden, suchen Lortzings, mit Hallo
begrt, schon nach einem schattigen Platz. Schnell ist der Tisch
gedeckt. Der Wirt, in weier Schrze, bedient hchstselbst die lustige
Gesellschaft. Das lt er sich nicht nehmen, wenn die Exzellenz Goethe
da ist. Die Kaffeetassen klappern, um den Kuchen summen erste Bienen,
auf dem Teiche vor der Schlehdornhecke gleiten langsam die Schwne auf
und ab -- behaglich sitzt Christiane im warmen Bltterschatten, die
Hnde im Scho. Erzhlt, lt erzhlen und denkt bisweilen auch, das
Auge traumverloren in der Ferne, wo im Sonnendufte Weimar mit seinen
Trmen liegt, an ihren lieben Geheimderath in Teplitz.

Und leise kommt der Abend. Im Parke fangen die Nachtigallen an zu
schlagen. Alle Wege umspinnt eine se Heimlichkeit -- wie damals, als
die junge Christel, das kleine Naturwesen, sich zu dem Geliebten ins
Gartenhaus am Stern stahl. Durch die laue Dmmerung geht es heim, und
whrend aus den Wiesen Ober-Weimars wei die Nebel steigen, singt die
kleine Engels mit halber Stimme Goethe-Lieder ...

Noch nachts schreibt Christiane nach Teplitz. Schwrmt kindlich von dem
schnen Nachmittag in Belvedere, vom Abend, wo sie zu Hause mit Uli und
der Schwgerin noch ein bichen Rabusche gespielt. Und fr morgen
wre, wenn das Wetter so bliebe, eine Partie nach Zwtzen arrangirt,
und fr Sonntag htte die Knebel sie nach Jena eingeladen, zum Tanzen.
Und sie wre wie ein Vogel so vergngt und sein treuer Schatz. Und
wenn wir auch nicht wissen, ob sie wirklich so geschrieben hat, denn
ihre Briefe aus dieser Zeit sind verloren gegangen, so hat der Brief
doch sicherlich so hnlich gelautet.

Goethe, nun doch schon ein Sechziger, lchelt behaglich, als er das
krause Geschreibsel erhlt. Ich freue mich, antwortet er, da Alles
bei euch wieder im alten Gleise geht, die Besorgung der Grten, das
Theater und das liebe Belvedere. Fahret so fort, das Nthige zu thun
und euch zu vergngen. Und mag wohl auch bei diesen Worten an die
bermtigen Verse gedacht haben, die er vor noch gar nicht langer Zeit
fr Die Lustigen aus Weimar niedergeschrieben hat, an jenes heitere
Gedicht:

    Donnerstag nach Belvedere,
    Freitag geht's nach Jena fort;
    Denn das ist, bei meiner Ehre,
    Doch ein allerliebster Ort!
    Samstag ist's, worauf wir zielen,
    Sonntag rutscht man auf das Land;
    Zwtzen, Burgau, Schneidemhlen
    Sind uns alle wohlbekannt.

    Montag reizet uns die Bhne;
    Dienstag schleicht dann auch herbei,
    Doch er bringt zu stiller Shne
    Ein Rapuschchen frank und frei.
    Mittwoch fehlt es nicht an Rhrung;
    Denn es gibt ein gutes Stck;
    Donnerstag lenkt die Verfhrung
    Uns nach Belveder' zurck.

    Und es schlingt ununterbrochen
    Immer sich der Freudenkreis
    Durch die zweiundfunfzig Wochen,
    Wenn man's recht zu fhren wei.
    Spiel und Tanz, Gesprch, Theater,
    Sie erfrischen unser Blut;
    Lat den Wienern ihren Prater;
    Weimar, Jena, da ist's gut.

       *       *       *       *       *

Und ein anderer Maitag. Ein Jahrhundert und mehr ist vergangen. Ein
unseliger Krieg, der bitterste, den je ein Volk zu fhren gehabt hat,
liegt hinter uns, und vieles hat in Deutschland sich gendert. Auch
Weimar hat keinen Frsten mehr. Der hfische Glanz, der wohlgefllig
sich in den zahlreichen Hoflieferantenschildern spiegelte, ist jh
in nichts zerronnen, die kleine Stadt ist jetzt allein auf ihre
Erinnerungen angewiesen. Sie sind die alten geblieben: der Frauenplan,
die Ackerwand, der Garten am Stern, das Rmische Haus. Sie geben auch
auf dem Weg nach Belvedere noch immer ergreifend das Geleit, wo von
den Kastanien still die Blten fallen. Ihre Zeit ist um. Ein rosiger
Schaum, bedecken sie weithin die ganze Allee. Die ist gemach ein
einziger groer Laubengang geworden, und der Enkel, der in ihrem grnen
Schatten wandert, kann sich kaum mehr vorstellen, da das jemals anders
gewesen. Des jungen Goethe stolzer Traum ist herrlichste Erfllung
geworden.

Langsam klettert die Strae hgelan. Ober-Weimar, ganz von rotem
Flieder umbrandet, bleibt zurck, Felder begleiten. Ab und zu ein
Haus. Aber pltzlich steigt hinter steiler Rasenwand, von dunklen
Baumbosketts gerahmt, die Schlofassade auf -- Vergangenheit, von
Goldglanz berhaucht, blickt mde und verschlafen aus toten Fenstern
auf den Fremdling, der ihr sich naht mit bannender Gebrde, und
seltsam mengt sich in den Duft des jungen Sommers, der ber Busch
und Wiesen flgelt, der strenge Hauch von welkem Laub, das irgendwo
vermodert. Und wie die breite Allee nun schmaler Weg wird und sich
behutsam nher schlngelt -- kein Gitter, keine Mauer trennen die Welt
des Gestern und des Heute --, merkt man, da hier das Leben lngst
gestorben ist. Historie hlt Schlo und Park gefangen, die Wirklichkeit
wird Traum, wird Mrchen.

Verhaltenen Atems wandert man um das Rondell, das vor der
langgestreckten Front liegt. Der Brunnen in der Mitte ist versiegt,
das Becken ist vertrocknet. Wo frher pltschernd die Fontne stieg,
spielen zwei dunkle Falter, und in den steinernen Schilderhusern neben
dem Altan hockt die Einsamkeit und trumt in die Stille. Es ist so
still, da in der Erde man das Echo seiner eigenen Schritte hrt. ...
gespenstisch still.

Auch die Gebude, die den weiten Vorplatz malerisch umgeben, schlafen:
die sogenannten Kavalierhuser, zwei kleine und zwei grere. Die
gebrochenen Dcher, die bizarren Trmchen stehen vor der dunklen
Parkwand wie Kulissen aus Kabale und Liebe. Aus dem einen, dem Haus
des Kastellans, kruselt dnner Rauch in die blaue Luft ... das bichen
Rauch allein verrt, da hier noch Menschen wohnen. Sonst alles ein
leibhaftiges Rokoko -- nur tot, so tot, da einen fast ein leises
Grauen beschleicht.

In einer Laube wartet man des Fhrers. Durch die Bltter kann man die
goldene Schlofront sehen. Sie glht wie in geheimnisvollem Leben, um
Turm und Kuppeln tanzt das Licht, der Schiefer gleit wie flssiges
Silber. Da naht Erinnerung und plaudert von verschollenen Zeiten.

       *       *       *       *       *

Belvedere ... schon der Name beschwrt ein lngst verwehtes
Gefhlsklima. Die Welt Watteaus steigt auf. Man denkt an Schferspiele
und galante Feste. Die Frsten Deutschlands, so lange eingewinkelt in
die engen Mauern ihrer finsteren Burgen, bauen kokette Lustschlsser
und borgen sich bei Frankreich und Italien die anmutig klingenden
Namen dafr. berall spukt Versailles, fremd glitzern in den stillen
deutschen Grten hinter Taxushecken und vergoldeten Gittern die
Monbijou und Monplaisir, die Sanssouci und Bellevue.

[Illustration]

In Weimar regiert Ernst August, ein ppiger, prachtliebender Herr, der
gern in stolzer Kavalkade auf die Jagd reitet, teure Reisen macht und
sich im brigen in der alten Wilhelmsburg mit ihrem Wall und Graben
durchaus nicht wohlfhlt. Auch er trumt von Versailles, auch ihn
packt das Baufieber, das damals an den deutschen Hfen grassiert und
die seltsamsten Blten treibt. Italienische Architekten erscheinen
in Weimar, Plne werden entworfen, vernichtet, neu entworfen. Der
Herzog selbst, ein wenig roh zwar, aber keineswegs ohne eigenen
Geschmack und Kunstverstndnis, sitzt tagelang ehrlich hingegeben ber
den Rissen der fremden Knstler, und wenn die Enkel Palladios seine
Residenz nasermpfend ein elendes Nest nennen, gibt er ihnen recht
und verrennt sich immer mehr in seine kostspieligen, das Land unmig
belastenden Verschnerungsideen. So entsteht auf bewaldetem Berghang
bei Ehringsdorf, eine knappe Stunde Wegs von Weimar, als Jagdschlo
gedacht, zuerst Belvedere. Eine alte Chronik erzhlt darber: Als
aber Ihro Hochfrstliche Durchlaucht Herzog Ernst August die ungemeine
schne Lust Gegend ansahen, so traffen Hchstdieselben mit der
Ehringsdorffischen Kirche einen Tausch, und gaben derselben an dessen
Statt ein Holtz an so genanntem Kettendorfer Berge, und erbauten in
diesen Frauen-Holtz ein Lust-Schlo nebst noch andern schnen Gebuden,
versahen solches rings herum mit Mauern, und nannten es wegen der
schnen Aussicht +Belleve+ oder +Belvedere+ ...

1724 beginnt man mit dem Bau, 1732 ist er vollendet -- ein wenig
wunderlich in der Anlage, die die Flgel in Einzelgebude zerlegt,
die Front durch die Sulendurchfahrten zerreit, aber im ganzen
doch hbsch und gefllig in der Wirkung. Er spiegelt mit all
dem krausen Beiwerk, das den Berg berspinnt, dem Marstall, der
Orangerie, der Menagerie, der Fasanerie, den Tempeln, Grotten und
versteckten Lauben, getreu die barocke Laune, der es das Dasein
dankt, und betont doch gleichzeitig gebhrend, trotz aller lndlichen
Bescheidenheit, Rang und Wrde des frstlichen Bauherrn. Joh. Heinr.
Acker, ein Gymnasialdirektor aus Altenburg, preist schon anno 1730 die
+Augustische Belleve+ in einer langatmigen Ode als ein Lust-Haus
der +Philomelen+, und aus dem unbeholfenen Schwulst seiner Verse
steigt rhrend die sonderbahre Schnheit des Schlosses auf:

    Was Welschland recht und zierlich bauet
    Wird hier in gleichem Strich, und gleichem Glanz geschauet.
    Man siehet ja recht Knigliche Zimmer
                                In vollem Schimmer.

    Der Rmer August baute schn,
    Statt Ziegeln lie er Marmor sehn,
    Allein August, der Held von Sachsen,
    Bey dessen Raute Kunst und Wissenschaften wachsen,
    Baut aus Metall und Porcellan Palste
                                Fr Gtter Gste ...

Der eigentliche Baumeister von Belvedere ist unbekannt. Vielleicht ist
es der Italiener Struzzi gewesen, der etwas spter fr Ernst August das
reizende Rokoko-Schlchen in Dornburg gebaut hat. Manche hnlichkeit
spricht dafr, aber Gewisses ist nicht zu ermitteln. Auch Ettersburg,
zur gleichen Zeit in Anlehnung an italienische Renaissance-Villen
erbaut, verrt nichts. So schnell, wie sie gekommen, sind sie auch
wieder aus Weimar verschwunden, die fremden Knstler, und nur in dem
Namen Belvedere und in manchen Einzelheiten des eigenartigen Baus
schwingt noch etwas von ihrem grazilen, sdlich-lebhaften Wesen.

       *       *       *       *       *

Schicksal hat das Schlo eng verflochten mit dem Leben vieler Menschen.
Ernst August, der's erbaut, wie Goethe nach einem Portrt urteilt: bey
brigen trefflichen Anlagen Tyrann, ist 1749 gestorben, einem Kind
sein Erbe lassend, und Schlo und Garten verwildern. Hlich schreien
nachts die Pfauen in ihren goldenen Kfigen, kreischen die Affen, die
hier das Gnadenbrot erhalten. So findet es Anna Amalia, als der Sohn,
achtzehnjhrig und seit einem Jahre Herzog, die braunschweigische
Prinzessin im Mrz 1756 hier als junge Frau hinauffhrt. Und gewinnt
es lieb fr immer. Neuer Glanz belebt das Verfallene, die stillen
Sle und Zimmer fllt frohes Lachen. Als Ernst August Constantin nach
zwei Jahren stirbt, whlt die Witwe Belvedere als Sommerresidenz.
Der Park wird von den Schnrkeln und den Arabesken Ernst Augusts,
berlebten Spielereien, die dem gesunden Geschmack der jungen Frstin
nicht behagen, gesubert, die Mauren fallen, die jeden Blick in die
Auenwelt wehrten, und den jungen Prinzen Carl August und Constantin,
die hier Kindertage verleben, lchelt unverflschte Natur.

Fast zwanzig Jahre bleibt es so. Das Leben in Weimar geht still
seinen Gang. Carl August wchst heran -- in nur zu vielem ganz das
wilde, ungestme Blut des Grovaters. Kaum knnen Mutter und Erzieher
den Dahinbrausenden halten. Einziges Ereignis ist in dieser ganzen
Zeit der Schlobrand vom Mai 1774. Die alte Wilhelmsburg wird Ruine,
die Herzogin obdachlos und flchtet in das Fritschsche Haus an der
Stadtmauer, das sptere Wittumspalais. So ist in diesem Sommer, dem
letzten von Anna Amalias Regentschaft, Belvedere allein Residenz. Im
Jahr darauf besteigt Carl August den Thron, und in Belvedere zieht
im Sommer 1776 des Herzogs junge Frau ein, die hessische Prinzessin
Louise. Anna Amalia siedelt, schweren Herzens, nach Ettersburg ber.

Damit beginnt fr Belvedere die groe Zeit, beginnt auch die groe
Zeit Weimars. ber ein Jahrhundert ist das Schlo nun Sommeraufenthalt
der frstlichen Familie, und erst dem Urenkel, dem jetzt vertriebenen
Groherzog, haben die Rume, in denen alle seine Vorfahren sich
behaglich gefhlt haben, nicht mehr gengt. Er hat Belvedere mit dem
modern ausgebauten Wilhelmstal bei Eisenach vertauscht.

1775, im November, aber ist auch Goethe nach Weimar gekommen. Sein
Stern leuchtet hell auch ber Belvedere.

       *       *       *       *       *

Am 12. September 1776 schreibt Goethe an Charlotte von Stein, die rasch
gewonnene Geliebte: Gestern war ich in Belveder. Louise ist eben ein
unendlicher Engel, ich habe meine Augen bewahren mssen, nicht ber
Tisch nach ihr zu sehn -- die Gtter werden uns allen beystehn ...

Das ist, sieht man vom Tagebuch ab, seine erste uerung ber
Belvedere -- sparsam genug. Kein Wort ber Schlo und Park, wo er
sonst doch jeden Eindruck, den Natur und Kunst ihm bieten, geradezu
verschwenderisch umschreibt. Nur: Louise ist eben ein unendlicher
Engel.

Hat ihr Bild das der Landschaft verdunkelt, ihr trauriges Geschick,
schon damals, ein Jahr nach der Hochzeit, offenbar, alle Anteilnahme
seines Herzens in Anspruch genommen? Oder hat er alles, was er
schildern knnte, bei Charlotte, die als Frau des Oberstallmeisters
zur Hofgesellschaft gehrte und also oft genug in Belvedere war, als
bekannt vorausgesetzt? Wir wissen es nicht. Auch spter wird er nicht
ausfhrlicher. Wo er Belvedere in den sonst so mitteilsamen Briefen an
Charlotte erwhnt, geschieht es kurz, nie wird es mehr als flchtig
hingeworfene Notiz. Ich erwarte das Pferd, um nach Belvedere zu
reiten. Die Waldnern soll schn geplagt werden, heit es am 21. Mai
1777. Oder, ein paar Tage spter: Ich reite nach Belvedere um Steinen
zu sprechen. Am 8. Juni: Heute sehe ich Sie doch wohl in Belvedere!
Und ein wenig inhaltreicher am 12. Juni: Heut frh war ich in
Belveder, und haben gefischt und auf der Stelle gebacken, ich und der
Waldnern Charlott, ein trefflich Essen bereitet.

Diese Zeilen geben uns wenigstens ganz den jungen Goethe. Er ist zu
Hof befohlen und stiehlt sich mit der niedlichen Hofdame der Herzogin
Louise ins Grne, um an einem der Teiche am Parkrand zu fischen.
Fngt auch ein paar Fische und brt sie an Ort und Stelle. Aber fr
die bizarre Schpfung Ernst Augusts, dessen geistige Physiognomie
er doch einmal in einem frhen Briefe an den Herzog nach einem
zufllig gefundenen Portrt so ausgezeichnet analysiert hat, findet
er kein Wort, nur das Tagebuch registriert einmal kurz: Die Ruinen
ruiniert, d. h., man suberte den Park von den >altmodisch< gewordenen
Spielereien Ernst Augusts. Der herrliche Wald nach Buchfart mit
seinen wilden Felspartien entlockt ihm keinen Jubelschrei, der Blick
auf Weimar keinen Sehnsuchtslaut, whrend er doch in Ettersburg, die
abendliche Stadt zu Fen, dieser Sehnsucht in Wanderers Nachtlied
erschtternden Ausdruck gibt ...

Vielleicht hat das steife Hofleben in Belvedere -- die Herzogin
hielt sehr auf Etikette -- derartige Empfindungen nicht laut werden
lassen. Dieses Hofleben beherrscht auch fast ganz die sprlichen
Briefstellen, in denen Belvedere berhaupt erwhnt wird, und zwischen
den Zeilen steht oft genug, da ihm die Cour in Belweder durchaus
nicht immer Spa gemacht hat. So seufzt er am 9. November 1778: Zu
Anfang knftger Woche wirds von Belvedere hereinkommen, und ich werde
auch fr diesmal die Sorge fr Fusbden, Ofen, Treppen und Nachtsthle
losseyn, bis es wieder von vorn angeht. Und am 27. Mai 1781, nachdem
er wenige Tage zuvor ergeben verzeichnet hat: Heute bin ich wieder ein
Hofverwandter, schreibt er an Charlotte gar: Ich hatte schon alles
zusammengepackt und wollte Ihnen Vorrath auf heute schicken, als mir
der Herzog sagen lt, ich mgte zu ihm hinauf kommen, und mir also die
Ruh und Hoffnung auf den ganzen Tag genommen ist ... die Hofnoth steh
ich nicht den ganzen Tag mit aus.

Doch ist ihm diese Hofnoth manchmal auch ganz willkommen, wenn sie
ihn mit der geliebten Frau zusammenbringt. Als Charlotte im Oktober
1778 nach Kochberg auf ihr Gut geht, klagt er:

    Von mehr als Einer Seite verwaist
    Klag' ich um deinen Abschied hier.
    Nicht allein meine Liebe verreist,
    Meine Tugend verreist mit dir.

Da schreibt sie trstend auf die Rckseite des Billetts: In Belvedere
seh ich Sie heute. Und ein andermal erklrt er: Ich liebe Belvedere
wo ich dich heute sehn werde. Auch gemeinsame Spazierfahrten werden
so mglich. Im Mai 1781, beide sind zu Cour und Konzert gebeten,
bittet er sie, da ihn der Wind wieder am Reiten hindere, ihn im Wagen
mitzunehmen, und am 26. Mai 1784 macht er ihr den Vorschlag: Gegen
Abend dchte ich besuchten wir das Prinzgen in Belvedere und fhren
ber Oberweimar wo wir beym alten Docktor absteigen knnten um sein
Wetterbeobachtungs Musum zu besehn.

[Illustration: _Schlo Belvedere_

_Das sdliche Hauptportal neben den Fenstern der Goethe-Zimmer_]

So wirft die groe Liebe zwischen Goethe und Frau von Stein Abglanz
auch auf Belvedere, -- wie es zwischen 1776 und dem bsen Jahre 1789,
das den Bruch bringt, ja berhaupt keinen Ort gibt, der nicht durch
irgendwelchen Gedankenaustausch in Beziehung zu dieser Frau steht.
Es ist ein schwacher Widerschein nur, und die heie Inbrunst, die
andere Briefe fast versengt, fehlt hier. Dafr entschdigt eine se,
selbstverstndliche Innigkeit: Ich liebe Belvedere wo ich dich heute
sehn werde ... zarter kann niemand Liebe eingestehen!

Um so tragischer ist es, da Zufall ihn, nach Jahr und Tag, gerade hier
jenen bitteren Brief an die Geliebte, fast ihm schon Entschwundene
schreiben lt, der halb Entschuldigung, halb Anklage ist. Und der das
mrbe und brchig gewordene Band ganz zerreit. Das kleine G. und das
Datum Belveder d. 1. Juni 1789 stehn unter diesem Briefe wie ein
Todesurteil.

Noch einmal klingt spter, fast ein Menschenalter spter, als die
heien Herzen lngst khl und mde geworden, aller Groll schlafen
gegangen, beide sich in behaglicher Altersfreundschaft wieder
zueinander gefunden, flchtig in einem Brief Charlottens der Name
Belvedere auf. Mgen Ihnen, mein guter Geheimerath, schreibt sie am
27. Februar 1816 an Goethe, als dieser zur Stiftung des Falkenordens
nach Belvedere fahren mu, die rauhen Lfte nicht schaden, die mich
unlieblich gestern in Belvedere angeweht haben. Ihre Sie verehrende
Freundin von Stein.

Ein Nichts, eine Bagatelle. Aber ob sie nicht beide da doch der Zeiten
gedacht haben, wo sie gemeinsam nach Belvedere zur Cour gefahren,
gemeinsam an der Tafel gesessen, gemeinsam durch den abendlichen Park
geschlendert? Nicht auch des Briefs vielleicht, der das alles dann
zerstrt und der aus Belvedere datiert war?

Wer will es wissen? Es hat keiner von ihnen darber gesprochen ...

       *       *       *       *       *

Ein Schritt knarrt ber den Kies, ein Schlsselbund klirrt: der
Kastellan. Noch immer spielen ber dem Brunnenbecken die dunklen
Falter. Der alte Mann sieht sie auch. Er nickt. Ja, frher sprang
hier die Fontne! meint er. Aber diesmal haben wir noch keine Order
bekommen. Von wem auch? Und er seufzt: Der Grtner wollte auch schon
die Orangen und die Palmen 'rausbringen. Aber die neuen Herren da
unten wollten es nicht. Man wte doch noch nicht, was berhaupt mit
Belvedere wrde. Ja. Und whrend er die Gittertre aufschliet, die
das niedrige Portal schtzt: Sonst sah's hier oben schon so hbsch
aus. Aber jetzt ist alles tot!

Ist alles tot ...

Das Wort begleitet. Dmmerige Luft schlgt khl dem Eintretenden
entgegen -- die Luft, die Truhen atmen, die lange nicht geffnet
wurden, halb Staub und halb Lavendel.

Da die Eingangshalle! Auf den blauweien Kachelwnden tanzen verlorene
Sonnenkringel. In zwei Armen schwingt sich die Treppe, von japanischen
Vasen flankiert, schn zum ersten Stock; auf halber Hhe springt aus
der Treppenwand, wie eine Theaterloge, ein zierlicher Balkon ... Hat
Goethe die Halle so gesehen? Kaum. Mit den Delfter Kacheln lie erst
die Gattin Carl Alexanders, die sptere Groherzogin Sophie, die
niederlndische Prinzessin war, Wand und Treppe auslegen, und auch das
silberne Gelnder, die Vasen, die Leuchter, die Bilder stammen erst
aus jngerer Zeit. Ganze Geschlechter haben hier ja ihren wechselnden
Geschmack, ihre Moden, ihre persnlichen Liebhabereien hineingetragen,
und an die Tage, da in Belvedere Carl August und Louise Hof hielten,
erinnert nicht mehr allzuviel. Nur die Allegorien sers haben schon
damals von der Decke des mchtigen Speisesaals herabgeschaut, im roten
Wartezimmer sich die Hofdamen an den blassen Reliefgemlden Reyers
erfreut, in kalten Frhherbsttagen die Fayencekamine die Frstelnden um
ihre Glut versammelt. Und hier und da erzhlen auch noch verschlissene
Gobelins, verblate Tapeten, erblindete Spiegel von dieser Zeit.

Und wie man so durch die stillen Zimmer wandert, geben die, die
einstmals hier gewohnt, schattenhaftes Geleit. Die alten Namen
klingen, der Kastellan, in langem Hofdienst ergraut, zhlt sie mit
feierlicher Stimme auf. Ein ganzes totes Jahrhundert bedrngt die
Seele. Ringsum huft auf Konsolen, Tischchen, Etageren, Sulen sich
das Vielerlei von Andenken, Bildern und Nippsachen, das ihnen einst
ihr Leben liebgemacht, das +bric  brac+ verwhnter Menschen; von den
Wnden lcheln in goldenen Rahmen sie selbst und die, die ihrem Herzen
nahestanden, und aus alten Kupfern und Aquarellen steigt der Duft der
Landschaften und Stdte, die ihnen auf Reisen Glck und Erlebnis
gewesen ... Leben, das lngst Staub und Legende, erhlt fr Augenblicke
wieder Blut und Atem.

Da ist der Teesalon Carl Augusts, vom Treppenhaus durch Spiegelscheiben
getrennt, in die Pflanzenornamente eingetzt sind. Der ganze Raum, in
mattem Blau und Silbergrau gehalten, reines Rokoko: Regentschaftsstil.
Filigran berrankt Spiegel und Wnde, an der Decke flattern, von ser
gemalt, phantastische Vgel um zierliche Volieren. Die drei Fenster
rahmen das ferne Weimar. Die Kaiserzimmer dann erinnern an die
Kaiserin Augusta, Carl Friedrichs und Maria Paulownas eine Tochter, die
hier oft geweilt; ein weies Schlafzimmer, das ganz modern anmutet,
hat 1898 die junge hollndische Knigin, eine Nichte der Groherzogin
Sophie, spter die frhgestorbene Erbgroherzogin Pauline, die erste
Gattin Wilhelm Ernsts, bewohnt. Seit 1904 steht es verwaist ... ein
ser, heimlicher Traum. Finsterer Prunk dagegen fllt das Sterbezimmer
Maria Paulownas, den westlichen Kuppelsaal. Aus den Mittelfenstern
blickt man in den Russische Garten. Das riesige goldene Bett steht
wie ein Katafalk unter der hohen Kuppel -- die Liegende sah in den
Himmel: gemalte Wolken verhllen das Gewlbe. An dem einen Fenster ein
Stehspiegel aus trkisblauem Porzellan, in der Nische ein pompser
Lapislazuli-Schreibtisch, alles schwer und wuchtig, der Geschmack
eines Landes, dessen immer noch barbarische Instinkte in wilder
Pracht Entfaltung suchen. Ein halbvollendetes Nhkstchen, zierliche
Handarbeit, erzhlt von den letzten Stunden der Grofrstin.

Sie ist es auch gewesen, die ber das ganze Schlo die unzhligen
Bilder und Andenken aus Ruland verstreut hat. Sie hat Belvedere sehr
geliebt. Es ist ihr eigentliches Heim gewesen. 1824 hat ihr der alte
Goethe, der der Fremden ganz ergeben war, ein Bildchen geschickt:
Schlo Belvedere in der Abendsonne, er hat darunter geschrieben:

    Erleuchtet auen hehr vom Sonnengold,
    Bewohnt im Innern traulich, froh und hold.
    Erzeige sich Dein ganzes Leben so:
    Nach auen herrlich, innen hold und froh.

Und eine entzckende Tuschzeichnung von Diez, aus dem Jahre 1850,
die in einem der kleineren Salons hngt und sie als reife Frau
darstellt, zeigt als reizende Staffage im Hintergrunde ebenfalls den
Lieblingsaufenthalt: in den Park gebettet Schlo Belvedere.

Ein paar Rume weiter das Aquarellzimmer, einst der Musiksalon der
Herzogin Johann Albrecht. Die Bilder, die es schmcken, schenkten den
Namen. Es atmet franzsische Eleganz, die leichte Eleganz der siebziger
Jahre. Alabasterlampen, Bronzen, japanische Wandschirme, Schildpatt-
und +Cloisonn+-Arbeiten geben ein Interieur der Zeit, wie wir es auf
frhen Bildern Albert von Kellers sehen. Ganz noch die Welt des Rokoko
dagegen der Speisesaal im Mittelbau der Parkfront, ein kniglicher
Raum. Kstlich ist die weie Stuckdecke mit dem serschen Olymp,
kstlich die Marmorkamine mit den riesigen Spiegeln darber, in denen
der wundervolle venezianische Lster vielfltig glitzert, kstlich das
schimmernde Parkett. Jetzt wohnt hier die Einsamkeit. Die gelbseidenen
Polstersthle um die Tafel herum schtzen graue Bezge, Zwielicht
schattet um die dunkelroten Sulen, und leise fllt der Staub und deckt
das alles zu. Nur noch ein vager Duft, ein Duft von welken Blumen und
von Kerzen, die lange nicht gebrannt, mahnt an verschollener Tage Glanz
und Geigenklang.

Und so das brige, Zimmer an Zimmer. Einmal bannen ein paar dunkle
Gemlde, die hellblaue Tapete, auf der sie hngen, gibt den Gestalten
seltsames Leben. Das eine die Kinder Carl Augusts: der Erbprinz Carl
Friedrich, die Prinzessin Caroline und der kleine Prinz Bernhard,
gemalt von Tischbein. Holdes Kinderlcheln verklrt die hfische
Grandezza, die Augen verschleiert leise Mdigkeit. Das andere Maria
Feodorowna, die Kaiserin, die Mutter der Maria Paulowna, strahlend
von Schnheit und Brillanten, ein Meisterwerk des jngeren Lampi.
Und daneben, blasser, von unberhmter Hand, Carl Friedrich und die
Maria Paulowna. Erinnerung schmckt die toten Bilder mit Flor und
Immortellenkranz ...

Ganz Erinnerung auch das Japanische Zimmer, das einen Teil der
Schtze birgt, die Prinz Bernhard, der hollndischer General war, von
seinen Weltreisen mit heim in das enge Belvedere gebracht hat. Die
dunkelblaue Tapete, schwere gestickte Seide, flammt in verhaltener
Glut, in den schwarzen Schrnken gleit das Perlmutt und Elfenbein, um
die Bronzen, die Vasen, die Lackarbeiten schwingt der Zauber ferner
Abenteuer. Man denkt an hollndische Schlsser, wo ganze Sle voll von
diesen Dingen sind ...

Das Carl Alexander-Zimmer, den stlichen Kuppelsaal, berwlbt wieder
ein wolkiger Himmel. Er blickt, im Lauf der Jahre grau geworden,
auf totes Mobiliar herab, das hier wahllos beiseite gestellt ist,
hochbeinige Sekretre und wuchtige Kommoden, gesprungene Spiegel und
verstaubte Bilder. Die Miniaturen, die ein groer Wandschirm trug,
hat der letzte Groherzog kurz vor dem Sturze sich an einem trben
Novembertage noch geholt; jetzt sieht man auf der ausgefahlten Seide
nur noch die Stellen, wo sie hingen, -- kleine dunkelrote Rechtecke
und Ovale, die von einer wehen, herben Stunde erzhlen! Und die
Begassche Bste der Kaiserin Augusta, die hier verloren steht, mag den
Flchtenden bitter an den einstigen Glanz des Hauses gemahnt haben, das
so ruhmlos enden mute.

Bleibt noch das Lmmerzimmer, ein Salon der Groherzogin Sophie, der
den Lmmern in den verblaten, seidengewirkten Tapeten aus der Zeit
Anna Amalias den wunderlichen Namen dankt. Sessel stehen behaglich
um einen runden Tisch, auf einem Eckschrank leuchtet, zwischen alten
Photographien, erlesenes Porzellan, der Meiener Kronleuchter prunkt in
tausend Farben ... die, die hier oft in stiller Abendstunde gesessen,
knnte wieder eintreten, sie wrde alles finden, wie sie es verlassen,
alles. Aber sie tritt nicht ein, und nie wieder wird hier Tee getrunken
werden.

       *       *       *       *       *

Und Goethe? Jawohl. Aus dem Hellen geht's ins Dunkle. Eine enge
Treppe schraubt zwischen dumpfem Mauerwerk sich langsam in die Hhe.
Die morschen Stufen, so lange nicht betreten, knarren. Einmal streicht
die Hand unwillig ein Spinnennetz hinweg, das hlich-khl um Stirn und
Kopf sich legte ... bis man dann pltzlich in der hellen Sonne steht,
oben auf dem Dachaufsatz, aus dem, achteckig, der fensterreiche Turm
emporsteigt, ein Gartenpavillon in luftiger Hh'. Der Blick reicht
weit ins Land von hier aus, in grnen Wellen breiten sich ringsum des
alten Ernst August Jagdgrnde. Sein Portrt, von unbeholfener Hand
gemalt, schmckt auch die Mitte der Decke, und um ihn herum paradieren,
reichlich dekolletiert, seine acht Geliebten. Regen und Nsse haben
hier und da die Gesichter zerfressen, die Farbe ist abgeblttert, und
ber die Wnde kriecht hlich der Schwamm und lst die alten Delfter
Kacheln aus dem Mrtel.

[Illustration]

Hier haben Goethe und Carl August in den ersten Jahren, als noch
die wilde Jugend des Herzogs berstrmend nicht Ziel, nicht Grenze
kannte, oft in ausgelassener Gesellschaft gezecht ... sie wollten, aus
guten Grnden, keine Zuschauer dabei, und das Tischlein deck dich,
ein Speisenaufzug, der immer neu besetzte Platten aus der Tiefe hob
und jegliche Bedienung berflssig machte, stammt aus jener Zeit.
Das mag lustig genug gewesen sein, wenn so die Wildschweinskpfe,
die Fasanen, die Rehrcken und die Torten hier wie durch Zauberhand
vor den Tafelnden erschienen. Und das Singen und das Lachen und der
Lichterschein mgen das Getier, das nachts um solche Trme flattert,
die Dohlen und die Fledermuse, recht verdrossen haben. Drang es
doch gar bis Weimar, und die ehrsamen Brger haben genug darber
spektakelt ...

Carl Alexander, der Enkel, hat dieses Tischlein deck dich dann
auch ein paarmal benutzt, allerdings in etwas soliderer Runde. Zum
letztenmal 1896, kurz bevor er nach Moskau zur Kaiserkrnung fuhr.
Der Kastellan, der jetzt das Schlo betreut, hat damals mit in dem
unter dem Turm gelegenen Anrichteraum die Speisen und die Weinflaschen
in die Hhe gedreht. Ein Blick in diesen Raum zeigt jetzt wstes
Durcheinander. Die Flaschenzge sind mrbe geworden, im Holze tickt der
Wurm, die Spinnen haben alles mit grauen Schleiern berhkelt. Und die
Muse, die hier nachts von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel huschen, sind
das einzige Leben, das in dieser de sich noch regt.

Und wo hat Goethe gewohnt? fragt man, schon wieder in der Vorhalle
und Hut und Stock in der Hand ... denn 1789 zum Beispiel, damals, als
er an Charlotte die schweren Abschiedsbriefe schrieb, ist er mit dem
kleinen Erbprinzen sogar acht Tage lang in Belvedere gewesen. Etwa in
den Kavalierhusern?

Der Kastellan stt rechter Hand die Tr auf: Angeblich hat er hier
gewohnt!

[Illustration]

Zwei Zimmer. Die Decke des ersten wieder von ser, diesmal die vier
Jahreszeiten. An der Wand einsam eine italienische Landschaft. Ein
dnnes Tischchen Gegenstck zu einem anderen in Tiefurt. Das zweite,
das Schlafkabinett, merkwrdig durch zwei Spiegel in der Fensternische,
die so gestellt sind, da sie den Betrachter unendlich vervielfltigen.
Und das ist alles. Aber wenn man daran denkt, da Goethe in diesen
Rumen wahrscheinlich jenen Brief an Frau von Stein geschrieben hat,
der Bande zerri, die fr ein Leben geknpft erschienen, kann man sich
eines leichten Schauers nicht erwehren, fhlt man Goethe-Atem auch hier
und sucht nach irgend etwas, was die Erinnerung davontragen knnte.

Aber es bleibt nur der Blick durch die Fenster, und auf Busch und Baum
des Parks hat wohl auch damals sein Auge geruht, das Trost suchte und
doch nicht fand.

So geht man denn auf leisen Wegen in den Park, der weit und ruhig das
Schlo umgibt. Die Sonne ist im Sinken. Schon liegt die Gartenfront
in blassen Schatten, auf dem Dach sitzen die Amseln und singen ihr
Abendgebet. Ihr Lied ist der einzige Laut, der die unendliche Stille
belebt.

Es sind Wege Goethes, die man geht. Wie die Anlagen an der Ilm und die
Allee, die von Weimar hierher fhrt, ist der Park von Belvedere sein
Werk, -- wenn ihm auch der alte Herzog Ernst August mit seinen barocken
Wunderlichkeiten und Anna Amalia, die sie wieder tilgte, vorgearbeitet
haben ... sein und Karl Augusts Werk. Die leidenschaftliche Hingabe
an die freie, unverstellte Natur, das Erdgefhl, das damals unter
Goethes Einflu den ganzen Weimarer Hof beherrschte, vertrug die
Schnrkelwege nicht mehr, die die steife Mode der Vergangenheit in den
alten Wald geschnitten hatten. Der Park von Wrlitz wird Vorbild, dem
nahezukommen der Frst und sein Minister sich bemhen; ging doch die
allgemeine Neigung jetzt auf derartige sthetische Parkanlagen aus.

Die uerungen Goethes darber aus jungen Jahren sind sprlich. Ein
paar belanglose Briefstellen, ein paar Tagebuchnotizen -- mehr ist
nicht zu finden. Spter, in den achtziger Jahren, schreibt er wohl
einmal an Frau von Stein, da er nach Belvedere gehen und seine
botanischen Augen und Sinne weiden wollte; oder da er dort mit dem
Grtner allerley botanica zu tracktieren habe. Erst der alte Goethe
wird mitteilsamer. In seiner umstndlichen Art erzhlt er 1822 in
einem Schema zu einem Aufsatze, die Pflanzenkultur im Groherzogtum
Weimar darzustellen, wie im Anschlu an die Arbeiten an der Ilm
die Verschnerung des Parks von Belvedere in Angriff genommen und
durchgefhrt worden ist. Dabei werden auch die Beamten genannt, die
sich um Belvedere verdient gemacht haben, so der Hofgrtner Reichert
und der Garteninspektor Sckell, auch der Legationsrat Bertuch aus
Weimar, der sechzehn Jahre hindurch die Verwaltung gefhrt hat,
wird lobend erwhnt. Vor allem aber war man bemht, als Ausbau der
Orangerie einen botanischen Garten von wissenschaftlichem Wert zu
schaffen, und die eifrige Vermehrung bedeutender Pflanzen neben den
immerfort ankommenden Fremdlingen macht, wie der Greis in jenen spten
Aufzeichnungen erzhlt die Erweiterung in Belvedere, sowohl auf dem
Berg als in dem Tal gegen Mittag gelegen, hchst nthig. In der letzten
Region werden Erdhuser nach Erfindung Serenissimi angebracht, in der
letzten Zeit ein Palmenhaus erbaut von berraschender Wirkung.

[Illustration]

Und noch einmal kommt er, 1830, auf diese Parkarbeiten zurck, als
er, damit beschftigt, aus Erinnerung und Tagebuch die Chronik seines
Lebens in Tag- und Jahresheften zusammenzustellen, das Louisenfest
beschreibt. Am 9. Juli hatte die Herzogin Louise Geburtstag. 1778
feiert ihn der weimarische Hof in einem Gartenfest, und der Greis,
auer Knebel der einzige noch Lebende von allen denen, die es
mitgemacht, nennt es auch fr uns noch merkwrdig, als von dieser
Epoche sich die smtlichen Anlagen auf dem linken Ufer der Ilm, wie sie
auch heien mgen, datiren und herschreiben.

Die Welt, die sich vor einem auftut, wenn man die schnen Gittertore
der Orangerie durchschreitet, ist noch in allem die Goethes. Die
Menschen aus Wilhelm Meister haben hier ihr Klima. Die ganze Anlage,
die ja in der Hauptsache noch von Ernst August stammt, ist bestes
Rokoko. In mchtigem Halbrund sumen die Gewchshuser den Garten,
der, gro und leer, auf die Oleander- und Orangenkbel wartet; wo die
Flgel zusammenstoen, liegt, gleichzeitig Endpunkt der Allee, das
schloartige Haus des Grtners mit seiner gelben, leicht eingebuchteten
Front.

Und es ist wirklich fast alles noch wie einst. Noch immer werden
die Gewchshuser durch Steinkanle erwrmt, die mit Holz gefeuert
werden, die Arbeiter richten sich nach Goethes Sonnenuhr. Es ist ein
eigentmliches Gefhl, vor denselben Myrten, Zypressen und Palmen zu
stehen, die schon Goethe und Carl August bewundert haben. Auch hier
haben die Nachfahren manches nach der Mode ihrer Zeit verndert,
Grotten im Geschmack der fnfziger Jahre eingebaut und kleine Bassins
mit Goldfischen, das Erdhaus zum Wintergarten umgestaltet. Ein
heimlicher Platz unter blhenden Zimmerlinden erinnert durch eine
Bank an Maria Paulowna, und es berhrt seltsam, sich zu denken, da
in dieser bescheidenen Umgebung die verwhnte Grofrstin mit ihren
Kindern glcklich gewesen ist ...

Ein kleiner Teesalon aus roten Ziegeln schliet das Ganze nach Sden
ab. Der Belvederehgel fllt hier steil zu Tal, man sieht weit ins
Land, die nahe Landstrae bot Abwechslung und Zerstreuung. Es ist
der chinesische Tempel, der einst im Garten des Wittumspalais auf
der Stadtmauer gestanden hat. Jetzt fllt Germpel ihn, die seidenen
Vorhnge sind zerfetzt, Bohnenstangen und Holzjalousien verdecken die
zarten Chinoiserien sers, und von der Decke fllt der Putz ...

Wie lange mag es her sein, da hier an stillen Sommerabenden der Hof
den Tee genommen, lustige Hofdamen mit den bezopften Herrschaften an
der Wand gescherzt, Carl August mit der schnen Caroline Jagemann
gesessen, und die Pagen servierten Eis und franzsischen Champagner?

Es war einmal. Bse schwelt jetzt hier hlicher Verfallsgeruch, und
die serschen Gestalten blicken in eine Welt, die diese leichten Spiele
der Seele nicht mehr versteht. Eine andere Zeit ist angebrochen.

       *       *       *       *       *

Und noch ein letzter Blick in den Russischen Garten am anderen Ende
des Parks ... es ist der Garten, in dem Maria Paulownas Kinder ihre
Bume, ihre Beete, ihre stillen Pltze hatten; aus den Fenstern ihres
Schlafzimmers konnte sie dem Spiel der Prinzessinnen zusehen, und von
ihr mag dieser Teil des Parks dann wohl den Namen erhalten haben, unter
dem er jetzt als besondere Sehenswrdigkeit gezeigt wird. Aber an sich
stammt auch er aus der Zeit Carl Augusts.

Schon hngen die Abendschatten in den Baumkulissen der Naturbhne.
Wie auf den Hhen Ettersburgs und in Tiefurts Tal wurde auch hier
oft unter dem Gewlb der hohen Nacht Theater gespielt, und in die
Verse Goethes klang das Liebesflstern der Vgel, das Rauschen des
Windes. Vorbei! Aus diesen Hecken tritt keine Iphigenie mehr, auf den
Rasenbnken davor werden keine Zuschauer mehr Platz nehmen. Das Grab
Corona Schrters in Ilmenau deckt schwer der Stein, und die hier einst
voll froher Lust sich in getrumten Leben ein Abbild des wirklichen
erschufen, im schmerzlichsen Klang von Geige, Waldhorn und Fagott die
Seele wiegten, sie liegen alle still und stumm in ihren Srgen in der
Frstengruft in Weimar -- Vter, Shne und Enkel.

Noch einmal naht Vergangenheit, wenn man am Marstall vorbei zu dem
alten Gasthof schlendert ... die Strae seltsam ein Bild aus dem 18.
Jahrhundert, der Garten, von Flieder und Jasmin ganz eingesponnen, noch
immer genau so wie damals als hier Christiane mit den Lustigen aus
Weimar gesessen, zu Pfingsten und wenn die Rosen blhten und auch im
Herbst, wenn die Kastanien schon Rauschgold auf alle Wege streuten.

Als 1816 Goethes langjhriger Kutscher, der treue Dienemann, der ihn so
oft nach Karlsbad gefahren, heiratet, verschafft Christiane ihm durch
Frsprache die Pacht des Schlogasthofs. Ihr Tagebuch meldet am 8.
April: Dienemann und seine Frau ziehen ab. Ihr Wirtschaftsgerte nach
Belvedere. Die neue Kchin tritt an.

Sie hat gewi gedacht, dem vertrauten Mann hier oben noch oft zu froher
Stunde zu begegnen. Aber wenige Wochen spter ist sie schon tot, und
Goethe gesteht schmerzlich, da der ganze Gewinn seines Lebens sei,
ihren Verlust zu beweinen.

       *       *       *       *       *

Ist er noch oft in Belvedere gewesen? Gewi. Doch sicherlich nie, ohne
an die zu denken, die hier so gerne geweilt. Als die Schauspielerin
Ernestine Durand, einst als Demoiselle Engels die Freundin der Toten,
den Greis im Jahre 1826 bittet, ihr ein paar Worte ins Stammbuch zu
schreiben, steigen die Tage von Belvedere wieder vor ihm auf, und wie
ein leises Echo verwehter Freuden entklingen ihm die schwingenden Verse:

    Donnerstag nach Belvedere!
    Und so gings die Woche fort;
    Denn das war der Frauen Lehre:
    Lustige Leute, lustiger Ort!
    ben wir auf unsern Zgen
    Auch nicht mehr dergleichen Schwung,
    Stiftet inniges Vergngen
    Heitern Glcks Erinnerung.




Advent von Achtzehnhundertsieben

+In memoriam+ Minchen Herzlieb

            ... Und war es nur ein Schein, --
            Sie lag in meinen Armen.
            War sie drum weniger mein?

                ~Goethe~


Jena im November. Um den Hanfried, Johann Friedrichs des Gromtigen
ehrwrdiges Denkmal mit dem altmodischen Eisengitter, raschelt das
letzte welke Laub -- freigebig verstreuen es die Bume des Marktes,
und nicht lange mehr, so stehen sie kahl, und allein die grauen,
verwitterten Huserrahmen dann den weiten Platz.

[Illustration]

Frh kommt die Dmmerung. Sie kriecht von den Bergen her durch die
engen, winkligen Gassen der Stadt, umschattet die Trme, hngt
feuchte Schleier um Giebel und Dcher und hockt sich in die Tr- und
Fensternischen. Sie kommt auch zu dem Fremdling, der bei Ghre sitzt
und auf den Markt herabschaut, vom schweren roten Wein ein wenig
mde. Setzt sich zu ihm in das dunkle Fenster und erzhlt von der
Vergangenheit. Die zu suchen, ist hier der Fremdling von Weimar, der
gnadenreichen Stadt, herbergefahren, und blasse Mittagssonne hat auf
stiller Wanderung alle Wunder des lieben nrrischen Nestes enthllt.
Nun, da der Abend nahe, lockt die schattenhafte Stadt zu neuer
Wanderung. Vielleicht, so raunt die dunkle Stunde, da sich ein Wunder
begibt und, was die langen Jahre friedlich in Grbern und in Grften
ruht, fr kurze Zeit lebendig wird und wandelt ... vielleicht, da die
Legende einmal aufersteht, die diese Stadt und diese Straen verklrt!

Dunkel die Huser, dunkel der Weg. Laternenlicht huscht ber schwarze
Mauern. Merkwrdig stehen, wo sich die Gassen kreuzen, die Giebel gegen
den blassen Himmel -- Kulissen zu Szenen und Geschichten, wie sie der
Geist zuweilen in Nchten ohne Schlaf aufbaut und die im Hirn der
Dichter als Trume leben. Einmal steht man auf hochgewlbter Brcke
und blickt versonnen auf eines Flusses ruhevolles Gleiten, Baumwipfel
spiegeln sich, ein helles Fenster. Dann wieder Gassen hin und her,
Parkanlagen, aus denen herber Duft steigt, in schwarzem Rasen leuchtend
eine weie Herme, hinter schwarzen Bumen hell der Sandsteinbau der
Universitt.

Hier stand einst das Schlo. Goethe hat oft darin gewohnt, in Knebels
alter Stube, in der er sich immer so wohl gefhlt hat. Es mu ein
dsterer, winkelreicher Bau aus Urvtertagen gewesen sein, dies alte
Schlo, halb verfallen schon zu Goethes Zeiten. Da es abgerissen
wurde, ist trotzdem ein Unrecht, die Tat einer piettlosen Zeit, der
Erinnerungen Schall und Rauch. Ein Brger Jenas hat damals den Torbogen
gerettet, durch den Goethe und Schiller und auch Carl August so oft
geschritten sind, und hat ihn in die Mauer seines Gartens einfgen
lassen, weit drauen vor den Toren der Stadt, im Mhltal. Auch in dem
Winter auf 1808 hat Goethe hier gewohnt, jenem Winter, in dem das Herz
des fast Sechzigjhrigen sich in jher Liebe Minchen Herzlieb zuwandte,
der schnen Pflegetochter des Buchhndlers Frommann, und wenn Goethe da
nachmittags oder abends zu Frommanns ging, so hatte er keinen Weg zu
machen: sie wohnten nur ein paar Schritte ab, gleich schrg gegenber.

Nur ein paar Schritte ab, gleich schrg gegenber ... das schlichte
Haus steht noch da, niedrige Mauer trennt es von der Strae, an die
es nur mit dem einen Flgel heranreicht, der andere, mit jenem durch
einen fensterreichen Mittelbau verbunden, endet in einem Grtchen. Der
frhe Abend, nun schon ganz zu Dunkelheit geworden, lt nur Umrisse
erkennen, doch ber Dach und First fliegt ab und zu ein blasser
Glanz, wenn der Mond fr Augenblicke aus den eilig wandernden Wolken
hervortritt: Theater, das Beschwrung haucht. Und irgendwo rauscht
Wind, irgendwo schlgt eine Uhr, langsam und bedchtig, der Fremdling
zhlt die Schlge ... fnf, sechs, sieben. Stille. Sieben Uhr! Da
gleitet ein Schatten vorber, eine groe Gestalt, im weiten Mantel
bis ans Kinn verhllt, auf dem Kopfe einen niedrigen Zylinder. Traum!
Denn dies, das Herz setzt aus und klopft dann wilden Takt, ist Goethe!
Auferstanden von den Toten ... also hat sich der Zeiger der Weltuhr
gedreht, hat sich das Wunder begeben, sind hundert Jahre ein Nichts
geworden?

[Illustration]

Gleichviel ... auf fliegt der eine Torflgel, wie von Geisterhand
berhrt, Schritte hallen ber den Hof, ein Klopfen zerreit die
abendliche Stille, Fenster werden hell, eine Tre tut sich auf, und im
warmen Lampenschein steht eine Mdchengestalt, rhrend, lichtumflossen,
Gretchen in der Mode von 1800, ein Hubchen deckt das dunkle Haar. Dem
Lauscher vor dem finsteren Tor wird hei ... Guten Abend, Exzellenz!
Willkommenssingsang, lieblichster, aus Mdchenmund. Und die dunkle
Gestalt im Mantel breitet froh die Arme: Lieb Kind! Mein artig Herz!

Und die Tre fllt zu, die Fenster werden wieder dunkel, schweigend
liegt das Haus. Goethe und Minchen Herzlieb! Der Fremdling schauert.
Wind fhrt die Strae herauf, feuchter Wind von den Saalewiesen, der
frsteln macht, Ziegeln klappern, an der Mauer scheuern sich chzend
Zweige.

War's Spuk?

Ein Traum erregter Sinne? Vision aus Bchern?

Gassen, nun schon schwarze Nacht, fhren wieder zum Markt, zu Ghre
... mit dem putzigen kleinen Zigarrenladen, mit der Wendeltreppe,
mit den alten Stuben und den alten Sofas: Raabe-Klima. Das lt gut
weitertrumen.

       *       *       *       *       *

Jena im November. Tage der Versunkenheit. Der sprenden Erinnerung
erschliet sich die Vergangenheit, und der Jenaer Advent von
Achtzehnhundertsieben, der sich in Goethes Brust nach eigener
Konfession mit Flammenschrift eingeschrieben, ersteht aufs neue.

Wie war das doch mit Minchen Herzlieb?

Am 13. Dezember 1812 empfiehlt Zelter Goethe in einem Briefe einen
Berliner Gymnasialprofessor namens Pfund, der nach Weimar kommen werde.
Goethe antwortet am 15. Januar 1813 dem Freunde: Herrn Pfund habe ich
gern und freundlich, obwohl nur kurze Zeit gesehen. Er empfahl sich mir
besonders durch seine Anhnglichkeit an Dich. Seine Braut fing ich an
als Kind von acht Jahren zu lieben und in ihrem sechzehnten Jahr liebte
ich sie mehr als billig. Du kannst ihr auch deshalb etwas freundlicher
sein, wenn sie zu Euch kommt.

[Illustration: _Das Haus des Buchhndlers Frommann zu Jena_

_Im Querbau oben die Fenster des Wohnzimmers_]

Diese Braut, von der Goethe spricht, war Minchen Herzlieb. Er lernte
sie tatschlich schon frh kennen, wenn auch nicht als Kind von acht,
so doch von neun Jahren. Sie war eine Pflegetochter des Buchhndlers
Friedrich Ernst Frommann in Jena, in dessen Haus Goethe seit 1798,
wo dieser kluge und tiefgebildete Mann von Zllichau nach Jena
bergesiedelt war, viel und freundschaftlich verkehrte. Denn er fand
dort fast das ganze geistige Jena jener Zeit, und es ist nicht allein
Frommann selbst gewesen, der sein Haus zu diesem Sammelpunkt von
Dichtung und Wissenschaft zu machen verstand, sondern vor allem wohl
auch seine Frau, die mit aller brgerlichen Bescheidenheit Grazie und
Anmut und geistige und knstlerische Interessen zu verbinden wute.
Ihr Sohn, der spter die Frommannsche Buchhandlung bernahm und im
Geiste des toten Vaters weiterfhrte, hat ihr 1870 in seinem kleinen
Buche Das Frommannsche Haus und seine Freunde ein rhrendes Denkmal
gesetzt, und auch Goethe hat immer viel von dieser seltenen und noch
im Alter anmutigen Frau gehalten -- seine zahlreichen Briefe an die
teure Freundin, seine besorgten Anfragen nach ihrem Wohlergehen,
seine hufigen Besuche, seine wiederholten Einladungen nach Weimar
bezeugen das.

In diesem gastfreien und lebendigen Hause nun wuchs Minchen Herzlieb
auf, eine Waise, die Tochter eines Pfarrers aus Zllichau, wo sie
am 22. Mai 1785 geboren worden war. Sie war neun Jahre alt, als die
Pflegeeltern nach Jena kamen, ein hbsches, zutrauliches Kind, das
neben den Stiefgeschwistern still und ruhig dahinlebte und Goethe,
der fr hbsche Kinder immer eine Vorliebe hatte, wohl gefallen haben
mag. Fr ein Mehr an Gefhl allerdings fehlt aus diesen frhen Jahren
jeder Beleg. Auch seine sptere uerung zu Zelter ist wohl kaum so zu
deuten, scheint vielmehr ein wenig scherzhaft gemeint, wenn auch von
einem leisen Klang der Wehmut durchzittert, da er die, die er nachher
mehr als billig geliebt, so rasch verlieren mute ... Da sie ihm,
unbewut, schon als kleines Mdchen mehr gewesen ist als blo das
hbsche Pflegekind der Freunde, ist ihm erst klar geworden, als die
Liebe zu dem reizvoll aufgeblhten Wesen die Erinnerung auch an das
Einst verklrte, -- wie der gereifte Mann ja oft schon das Kind geliebt
zu haben glaubt, das seinem Herzen spter als Frau teuer ist. In einem
der Sonette, die er spter in Raserei der Liebe an sie gerichtet, hat
er diese nachtrglichen Empfindungen reizvoll umschrieben:

    Als kleines art'ges Kind nach Feld und Auen
    Sprangst du mit mir, so manchen Frhlingsmorgen.
    Fr solch ein Tchterchen, mit holden Sorgen,
    Mcht' ich als Vater segnend Huser bauen!

    Und als du anfingst, in die Welt zu schauen,
    War deine Freude husliches Besorgen.
    Solch eine Schwester! und ich wr geborgen:
    Wie knnt' ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!

Doch das heit der Zeit vorgreifen! Jahr und Tag gingen zunchst
hin, ohne da Goethe das holde Wunder, das sich da in dem Haus am
Frstengraben entfaltete, mit den Augen des Mannes, des Liebhabers
gesehen htte. Das entdeckte als erster ein junger livlndischer
Edelmann, der in Jena studierte und bei Frommanns verkehrte, ein Herr
von Manteuffel. Minchen war damals noch nicht vierzehn Jahre, und nach
der Schilderung, die der Stiefbruder in seinem Buche gibt, mu sie
entzckend gewesen sein, schon ganz das schne Geschpf, das wenige
Jahre spter dem sechzigjhrigen Goethe Pandora, die milde Gttin, und
die Ottilie der Wahlverwandtschaften wurde: So gesund sie von Jugend
auf war, entwickelte sie sich doch geistig nur langsam und behielt ihr
Leben lang etwas Trumerisches. Eine regelmig schne Gesichtsbildung
hatte sie zwar nicht, aber ihr reiches schwarzes Haar und ihre groen
braunen Augen mit dem unbefangenen freundlichen Ausdruck, der auch
um ihren Mund spielte, lieen nicht an das denken, was etwa fehlen
mochte, zumal alles in Harmonie war mit dem Ebenma ihrer schlanken
Gestalt und der Anmut jeder ihrer Bewegungen, beseelt durch allgemeines
Wohlwollen, bescheidenes, hingebendes, auf alle Bedrfnisse und
nicht ausgesprochenen Wnsche der anderen aufmerksames Wesen. So war
es natrlich, da sie auf alle, die ihr, wenn auch nur in gewisser
Entfernung, nahten, einen unwiderstehlichen Zauber bte, der sich auch
noch in spten Jahren alle Herzen gewann.

So auch ein Bild von ihr aus diesen Jahren, ein Miniaturportrt von der
Hand Johanna Frommanns, die als Mutter vielleicht mit den Augen der
Liebe gesehen, aber aus dem gleichen Grunde sicherlich den geistigen
Ausdruck des geliebten Kindes besser getroffen hat als mancher
Berufsknstler. Das ist schon die Ottilie Goethes, die in der Pension
in ihrer rhrenden, ein wenig dumpfen Einfalt und Bescheidenheit das
Herz des Gehlfen rhrt, spter, auf Eduards Schlo, diesen in
ihren Bann zieht ... die dunklen, unschuldsvollen Augen sind leicht
verschleiert, mdchenhafter Liebreiz liegt um Wange und Mund, das
lockige Haar rahmt eigenwillig das zarte Antlitz. Minchen hat dies Bild
einer Freundin geschenkt, Christiane Selig, als diese im Sommer 1806
Jena verlie und nach Lneburg zog. Christiane Selig, die dort dann
bald heiratete, war auch das einzige Wesen, dem gegenber Minchen etwas
mehr aus sich herausging, war die Vertraute, vor der sie, im brigen
von einer fast krankhaften Verschlossenheit und Mitteilungsscheu,
keine Geheimnisse hatte. Mit ihr allein stand sie in brieflichem
Gedankenaustausch, und die wenigen Bltter von ihrer Hand, die aus
diesem Briefwechsel erhalten sind, sind die einzigen Briefe, die wir
berhaupt von ihr besitzen -- Dokumente einer stillen, vertrumten
Natur, die sich in Selbstanklagen und Zweifeln gefiel, im Ton oft
berschwenglich und auf der anderen Seite von einer rtselhaften
Schwermut beschattet: Ottilien-Briefe!

Die lieblichste aller jungfrulichen Rosen nennt sie, ein wenig
spter, die Malerin Luise Seidler. Auch sie hat Minchen gemalt; das
schne Bild, wie das viel herbere der Mutter nun auch im Goethe-Haus
am Frauenplan, dem es Vermchtnis, atmet den ganzen sen Reiz dieser
Mdchengestalt in seelischer Verklrung: eine Novelle in Farben.
Novelle auch, wenn die Knstlerin weiter schwrmt: ... mit groen,
dunklen Augen, die, mehr sanft und freundlich als feurig, jeden
herzig-unschuldsvoll anblickten und bezaubern muten; die Flechten
glnzend rabenschwarz; das anmutige Gesicht vom warmen Hauche eines
frischen Kolorits belebt; die Gestalt schlank und biegsam, vom
schnsten Ebenma, edel und grazis in allen ihren Bewegungen. Sie
liebte schlichte weie Kleider; gewhnlich trug sie auch beim Ausgehen
keinen Hut, sondern nur ein kleines Knpftchelchen, unter dem Kinn
zugebunden.

So also lebte sie, ein liebenswrdiges Menschenkind, in dem schnen
Haus am Frstengraben, so ging sie durch die Gassen des alten Jena,
Friederike Brion in neuer Gestalt. Die husliche Wirtschaft, eine
Mdchenfreundschaft, arglose Tndelei mit Jenas Studenten, Spaziergnge
zum Paradies, war's Sommer, nach den Mhlen der Umgebung und wohl
auch nach Burgau, Zwtzen und Lobeda, fllten dieses Leben aus. Wer
sich ein wenig Mhe gibt, der findet auch im heutigen Jena noch
genug, das diese alte Zeit heraufbeschwrt, da Minchen Herzlieb mit
dem Krbchen am Arm zum Krmer sprang oder des Sonntags sittsam zur
Stadtkirche schritt -- denn wie die Ottilie ihres groen Freundes hatte
sie, das Pfarrerkind, immer eine Neigung zum Kirchlichen, und das
Geheimnisvolle des Gottesdienstes mag ihrem trumerischen, kindlich
hingebenden Wesen ein notwendiger Ausgleich zum Alltag gewesen sein.

Der junge Student, der zuerst das Weib in ihr gesehen und wohl auch
geweckt, verlie nach einigen Jahren Jena. Warum? wei man nicht
... wie berhaupt diese ganze Episode in Dunkel gehllt ist und nur
ein schwaches Licht erhlt aus Briefen Minchens an die Freundin in
Lneburg. Da klagt sie, da er ein Bild von ihr eigenmchtig mit auf
die Reise genommen habe, fhlt sich dadurch verletzt, in ihrem Ruf
gefhrdet und doch geschmeichelt. Neugierig fragt sie die Freundin, ob
sie nicht wisse, was aus ihm geworden. Melancholie umflort die Zeilen.

[Illustration]

Ja, hat sie diesen Herrn von Manteuffel wirklich geliebt?
Wahrscheinlich, wie ein junges Mdchen, dem zum ersten Male ein Mann
verehrend naht, eben liebt. Und wenn er auch spter so etwas wie
eine Idealgestalt fr sie wurde, ihr Herz sein Bild nicht vergessen
konnte -- da es sich um eine wirklich tiefe Neigung gehandelt hat,
scheint wenig glaublich. Eine Jugendliebe war's, wie andere sie auch
gehabt, kaum mehr. Wie berhaupt Minchen ihrer ganzen Veranlagung
nach einer schenkenden, beglckenden Liebe kaum fhig gewesen sein
drfte, weder in jungen noch in spteren Jahren. Wesen wie sie
entznden wohl Neigungen und trumen sich wohl auch selbst in Glut;
aber alles in allem ist ihr Reich nicht von dieser Welt, sie vermgen
die Neigung nicht zu erwidern, die entfachte Glut nicht zu lschen.
Sie war eigentlich die geborene Himmelsbraut. Dafr spricht auch der
erschtternde Verlauf, den das weitere Leben dieser +anima candida+
genommen, dafr die tragische Erfllung ihres Schicksals, dagegen
keineswegs das Goethe-Erlebnis, das diesem Mdchenleben flchtigen
Inhalt, ihrer Gestalt Unsterblichkeit gegeben hat.

Das Goethe-Erlebnis -- wann begann es, wann endete es? Auch hier
das merkwrdige Zwielicht, das ber so vielen Liebesepisoden des
groen Dichters schwebt. Von ihm vielleicht mit Absicht nicht durch
Bekenntnisse und Mitteilungen unmittelbarer Natur aufgehellt, um
dieser spten und ergreifenden Leidenschaft nichts von ihrem Duft,
von ihrem Schmelz zu rauben; und Minchen Herzlieb selbst, die ja,
soweit wir sehen, eine etwas passive Rolle dabei spielte und ber den
wahren Umfang von Goethes Neigung sich vielleicht nie ganz im klaren
gewesen sein drfte, war gar nicht in der Lage, nhere Aufschlsse
zu geben. Wo sie es getan, in brieflichen uerungen der Zeit, in
spteren Mitteilungen, die man der Schweigsamen entlockt, hat sie sich
auf Andeutungen beschrnkt oder vielleicht beschrnken mssen, weil
ihre persnlichen Erinnerungen zu arm waren ... mit einer Friederike
Brion, einer Lotte Buff, einer Lili, einer Charlotte von Stein, einer
Marianne von Willemer und deren Erinnerungen darf man das schne
Mdchen von Zllichau nicht vergleichen. Minchen, eben erblht und vom
ersten Glanz der Jugend umwittert, hat auf Goethe einen weit tieferen
Eindruck gemacht als dieser, der liebe alte Herr, auf das blutjunge
Mdchen. Sie lie es sich gefallen, angeschwrmt zu werden; aber wieder
schwrmen, das konnte sie nicht. Sie neigte nur demtig und dankbar,
vielleicht sogar ein wenig verstndnislos, das Haupt. Die anderen alle
haben Goethe geliebt.

Es mag wohl um die Zeit gewesen sein, da noch der junge livlndische
Student das Herz Minchens besa, da Goethe gewahr wurde, wie aus dem
kleinen Mdchen ein Weib, aus der Knospe ber Nacht die schwanke,
taufrische Rose geworden war. Das war im Herbst 1806, kurz vor den
Schreckenstagen der Schlacht bei Jena. Goethe weilte damals vom 26.
September bis zum 6. Oktober in Jena; wie sein Tagebuch meldet, war er
oft abends bey Frommanns, und whrend er dort mit der Familie und den
Freunden des Hauses um den Teetisch sa, vorlesend oder zeichnend und
auf das Gesprch der anderen lauschend, mag sein Auge wohl bisweilen
entzckt auf der sylphidenhaften Gestalt Minchens geruht haben, die
leise hin und her ging und die Mutter mit kleinen Handreichungen in
der Bewirtung der Gste untersttzte ... mag sein Dichterherz mit
unbewuter Eifersucht den Abglanz erster Liebesfreuden und Liebesleiden
in dem jungen Antlitz empfunden haben.

Goethe eilte dann nach Weimar, wie es die unsicheren Verhltnisse
geboten. In einer Schilderung dieser Tage erzhlt Johanna Frommann,
wie sie mit Minchen am Fenster gestanden habe, als Goethes Wagen unten
vorbeifuhr. Der Freund hatte sie wohl gesehen. Er hielt und schickte
noch herauf, uns ein Lebewohl sagen zu lassen; uns war, als entflhe
unser Schutzgeist -- er blieb uns doch. Wer in seiner Nhe gelebt hat,
wird sich des wohlttigen Eindrucks ewig erfreuen knnen ...

Die verhngnisvolle Zeit, die dann folgte, ging an Jena, ging auch
am Frommannschen Hause gndig vorber, trotzdem gerade der Graben
ein Tummelplatz der aufgelsten Soldateska war. Von Goethe traf noch
am Sonnabend der Unglckswoche ein Rundschreiben in Jena ein, in dem
er die dortigen Freunde, darunter natrlich auch Frommanns, um ein
Lebenszeichen ersuchte: Ich bitte daher Nachverzeichnete, nur ein Wort
auf dieses Blatt zu unserer Beruhigung zu schreiben. Was mich betrifft,
so sind wir durch viel Angst und Not auf das glcklichste durchkommen.
Ob er nicht um Minchen zumal besorgt gewesen ist, deren Schnheit in
diesen Tagen fremder Einquartierung eine besondere Gefahr bildete? Frau
Frommann mag so etwas gefhlt haben, und sie antwortete: Unerlaubt
froh sind Minchen und ich gestern abend ber die guten Nachrichten
von Ihnen gewesen, da es doch noch so viel anderes Unglck gibt! Ach,
als Sie fortfuhren, war es, als wiche unser Schutzgeist! Er war nicht
gewichen, die Worte, die durch Sie in unser Herz geschrieben waren,
haben uns in den Stunden der hchsten Angst gehoben und erhalten. Dank
dem Lehrer und dem gtigen Freunde!

Das war am 19. Oktober 1806. Am gleichen Tage lie sich Goethe
mit Christiane Vulpius, die ihn mit eigener Lebensgefahr vor den
Ausschreitungen franzsischer Marodeure geschtzt hatte, in Weimar
trauen -- ein Schritt, der natrlich auch bald in Jena bekannt wurde
und ohne Zweifel bei Minchen nur noch mehr darauf hingewirkt hat, in
Goethe allein den Lehrer und den gtigen Freund zu sehen, als den ihn
auch die Mutter, vielleicht mit Absicht, in ihrem Briefe apostrophiert
hatte. Denn noch immer dachte das Mdchen schwermtig des geflohenen
Geliebten -- ein Brief an Christiane Albers, die Freundin, der nach
Wiederkehr geordneter Verhltnisse anschaulich die Unglckstage des
Oktobers schildert, fragt zum Schlusse aufs neue: Ich habe noch etwas
auf dem Herzen, nmlich ob Du wieder etwas von dem Bewuten gehrt
hast? Den Namen mag ich kaum nennen, es ist recht albern von mir,
sein Schicksal knnte mir nun ganz gleich sein, denn es wird doch nie
ein anderes Verhltnis zwischen uns stattfinden, und doch bin ich so
neugierig, was er treibt, aber nun genug von dem Menschen, nie will
ich wieder von ihm reden. Man sieht: Entsagung, Neugier, Klage -- die
Spiegelung eines Herzens, das keine rechte Ruhe findet. Sie soll in
jener Zeit auch den Hausgenossen gegenber besonders verschlossen, oft
traurig und bewegt gewesen sein, oft geweint haben, als ob ein schweres
Leid sie bedrckte. Der Bruder, damals ein zehnjhriger Junge, erzhlt,
wie sie gerne Goethes Trost in Trnen vor sich hergesagt, das Lied
wohl auch mit halber Stimme gesungen habe:

    Die Sterne, die begehrt man nicht,
    Man freut sich ihrer Pracht,
    Und mit Entzcken blickt man auf
    In jeder heitern Nacht.

    Und mit Entzcken blick' ich auf,
    So manchen lieben Tag;
    Verweinen lat die Nchte mich,
    So lang ich weinen mag ...

Sie war innerlich, bei aller Harmonie, die sie nach auenhin zur
Schau trug, eine zerrissene Natur, schon damals. Jugendschwermut, nur
hier besonders stark! Sie hat wohl frhe schon das tragische Geschick
geahnt, das ihrer wartete: den geistigen Tod. Solche Menschen fhlen
sich irgendwie gezeichnet ... vielleicht hilft Rilke hier verstehen,
der im Stundenbuche klagt:

    Da leben Menschen, weierblhte, blasse,
    und sterben staunend an der schweren Welt,
    und keiner sieht die klaffende Grimasse,
    zu der das Lcheln einer zarten Rasse
    in namenlosen Nchten sich entstellt.

So traf sie Goethe wieder, als er zuerst im Mai 1807, dann im Herbst
aufs neue auf lngere Zeit nach Jena bersiedelte, fand sie verklrt
durch ein Leid, das jeder achtete, ohne es zu kennen. Es hatte ihren
mdchenhaften Liebreiz nur erhht, und der Dichter, nach langem Ruhen
seiner Leidenschaften doppelt empfnglich, gab sich diesem Reiz nur
allzu gerne hin: er fhlte, dem Herbst des Lebens nahe, so etwas
wie das Werden eines neuen Liebesfrhlings. Die Worte Abends bey
Frommanns werden im Tagebuch zur stndigen Floskel. Anfangs mag er
wohl noch allein den geselligen Verkehr gesucht haben, der in dem
gastfreundlichen Hause von alters herrschte, auch die gemtliche
Teestunde mag ihn gelockt haben, zumal in dieser Jahreszeit, wo Sturm
und Regen das alte Schlo umtobten und das Gefhl der Einsamkeit,
des Alleinseins in dem riesigen Bau noch mehr verstrkten; da war es
drben bei Frommanns viel traulicher und netter, da wurde gesungen und
gescherzt, gezeichnet und vorgelesen, es wurden Experimente gemacht mit
der neuen Laterna magica, und vor allem war da Minchen Herzlieb.

Und so verging bald kaum ein Tag, wo er nicht um die Dmmerstunde
Hut und Mantel nahm und ber den dunklen Graben dorthin tappte --
schweigend lag das Haus hinter seiner Mauer, die Fensterlden sorglich
vor die Fenster geschlagen, kaum da ein Lichtschein durch die Ritzen
drang. Und dann stand er vor der niedrigen Hoftr und klopfte, und
Minchen kam die Treppe herunter, dem verehrten Gast, dem vterlichen
Freund zu ffnen. Schelmisch lchelnd stand sie ihm im Flur gegenber
-- das Tchterchen, so dachte er im Anfang, das er sich immer schon
gewnscht, dann Schwester, als er sich dieser holden Jugend gegenber
immer jnger werden fhlte, und eines Abends, hei durchzuckte es den
lngst schon Graugewordenen, war es die Geliebte, die er in die Arme
schlo. Und die es sich in Demut gefallen lie.

Ja, hat Goethe Minchen Herzlieb wirklich in Armen gehalten? Sie sich
vertrauend hineingeschmiegt? Ohne Zweifel. Warum auch nicht? Selbst
wenn sie nur vterliche Gunstbezeugungen darin gesehen, ihr Herz
den Schlag des seinen nicht ganz so hei erwidert haben sollte, wie
er vielleicht geglaubt. Denn seine Neigung war nun ja lngst schon zu
Raserei der Liebe geworden, lngst hatte der stumm gewordene Mund des
Dichters durch sie wieder den beschwingten Wunderlaut der Jugendzeit
gefunden, sein Geist Aufschwung erfahren zu neuen dichterischen Plnen,
neuen Entwrfen. Es war am 29. November gewesen, dem ersten Advent
des Jahres 1807, da Goethe, der Mann, in Minchen Herzlieb bei einer
Mittagsgesellschaft, mchtig berrascht, das Weib erkannt hatte, ihm
zur Gewiheit geworden war, da er das Mdchen liebte ... das Tagebuch
zwar meldet nur kurz: Mittags bey Frommanns mit Knebel, Seebeck, Oken,
Wesselhft. Kam Legationsrath Bertuch. Abends Schattenspiel. Sodann
nach Hause. Knebel begleitete mich. Nicht mehr -- wie sparsam war doch
dieser Goethe, wo es um seine Seele ging! Kein Name, keine voreilige
Konfession! Aber wir wissen: an diesem Abend des 29. November begann
er die Pandora zu diktieren, und da er ihn in einem kurz darauf
entstandenen Sonett als Epoche feiert, beweist, was er fr ihn selbst
gewesen ist.

    Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben
    Petrarcas Brust vor allen andern Tagen
    +Karfreitag+. Ebenso, ich darf's wohl sagen,
    Ist mir +Advent+ von Achtzehnhundertsieben.

    Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort, zu lieben
    Sie, die ich frh im Herzen schon getragen,
    Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,
    Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.

    Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,
    War leider unbelohnt und gar zu traurig,
    Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag;

    Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe,
    S, unter Palmenjubel, wonneschaurig,
    Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.

Siebzehn Sonette sind es, die sich um den Namen Minchen Herzlieb
ranken. Sie sind in wenigen Wochen entstanden, die meisten in Jena als
unmittelbarer Niederschlag der groen seelischen Erregung, ein paar
dann noch in Weimar aus der Erinnerung heraus. Siebzehn Sonette in
einer Frist von Wochen, und das bei Goethe, dem die Liebessonette der
Romantiker noch vor kurzem so widerstrebten, der ihre trnenreichen
Dichter als Lacrimasse verspottet hatte!

Wie ging das zu?

Am 2. Dezember war Zacharias Werner, der Dichter des Luther und der
Shne des Tales zu Goethe gekommen, um ihm, den er in Weimar verpat,
seine Aufwartung zu machen. Tags darauf fhrte Goethe den damals
Vielbesprochenen bei Frommanns ein. Gegen 5 Uhr Werner und Knebel,
sagt das Tagebuch, mit beyden zu Frommanns, wo Werner verschiedene
kleine Gedichte, Sonette usw. vorlas. Das war der Anfang der berhmten
Sonettenwut. Denn es blieb nicht dabei, da der bisherige Verchter
des Sonetts, wie Knebel seiner Schwester schrieb, an denen Werners
allein groes Gefallen hatte, sondern je mehr er sich mit diesem ber
die Kunstform des Sonetts unterhielt, um so mehr wuchs auch die Lust,
sie selbst ernsthaft zu erproben, und bereits am 6. Dezember liegt
das erste Goethesche Sonett Das Mdchen spricht fertig vor und wird
bei Knebel vorgelesen -- ein Liebessonett, natrlich, das aber die
Beziehung auf Minchen Herzlieb noch nicht deutlich werden lt und
diese erst durch Einfgung in den spteren Zyklus erhlt.

Damit war der Bann gebrochen. An dem Sngerkrieg, der nun bei
Frommanns ausgefochten wurde und Minchen verherrlichte, beteiligte
sich neben Werner, Riemer und Gries auch Goethe. Aber whrend die drei
andern diesen Wettkampf mehr oder weniger als Spielerei betrachteten,
gab Goethe Herzblut. Am 13. Dezember gestand er Minchen in dem Sonett
Wachstum seine Liebe. Das Blatt, das er ihr schenkte, wurde einem
langen Leben Reliquie. Noch in spter Stunde schrieb das Mdchen, stolz
und selig-verschmt, das Datum darauf und die Worte nachts 12 Uhr
-- in enger Stube, die Kerze flackerte, sie sa, halb ausgekleidet
schon, auf ihrem Bett, und die Augen, die immer wieder die sen Verse
tranken, wurden hei. Bis sie dann mde auf das Lager sank, das Blatt
Papier am Herzen, und Traum sie forttrug. Die Frau Rat Walch hat
fnfzig Jahre spter noch dem Goethe-Forscher Loeper erklrt, da sie
in diesem Sonett ihr Verhltnis zu dem Dichter so dargestellt finde,
wie es gewesen sei!

Aber auch das Tagebuch Goethes legt nunmehr, wortkarg allerdings wie
immer, Zeugnis dafr ab, wie sehr ihn diese Sonettendichterei innerlich
bewegt hat. Da heit es am 10. Dezember: Sonette. Lang im Bett
gelegen (was typisch fr Goethe ist, der mit Vorliebe morgens im Bette
dichtete), am 11.: Das Sonett voran, am 18.: Einiges Sonettische,
am 16.: Um 5 Uhr zu Knebel. Sonette vorgelesen. Um 8 Uhr zu Frommanns
... Werner hatte vorgelesen. Nachher allein Werners Charaden-Sonett auf
Minchen Herzlieb. Dies Charaden-Sonett trieb Goethe dann zu seiner
ungleich schneren, lyrisch zarten Charade auf das Wort Herzlieb, die
spter Bettina von Arnim so viel Kopfzerbrechen bereitete, weil sie
sie gern, wie die Sonette berhaupt, auf sich beziehen wollte und doch
nie klug daraus wurde ... Die Tagebuchstelle aber, die von dem Anla
dazu berichtet, ist besonders merkwrdig: sie ist die einzige, wo
der geliebte Name genannt wird. Er klingt noch einmal hier und da in
Briefen auf. Das ist aber auch alles. Wo Goethe sich spter dieser
Zeit erinnert oder erinnern mu, begngt er sich mit Andeutungen, die
zugleich Schleier sind.

Siebzehn Sonette sind es im ganzen, die Goethe fr Minchen Herzlieb
gedichtet hat (nicht fr Bettina, wie diese stolz sich brstete);
sie runden sich zu einem Kranz, der unverwelklich das se Haupt
dieser Mdchenblte ziert ... die magisch verklrte Geschichte einer
Liebe, eine +Sinfonia domestica+, wie wir keine andere besitzen. Kuno
Fischer, der Heidelberger Forscher, hat sie liebevoll und feinfhlig
nach ihrem Inhalt geordnet, und wenn die zeitliche Reihenfolge auch
dagegen sprechen mag, konzipiert, gedacht, geformt hat Goethe sie
sicherlich so. Denn so erst wird die betrend se Liebesnovelle
daraus, die dem Alternden noch einmal (wie er glauben mute, wenn er
auch irrte: zum letzten Male) Rausch und Sehnsucht der Sinne schenkte.
Da folgt dem Mchtigen berraschen schnell ein Freundliches
Begegnen, mit Kurz und gut beginnt das Liebesspiel, und Das Mdchen
spricht, Wachstum, Reisezehrung, Abschied, Die Liebende
schreibt, Die Liebende abermals, Sie kann nicht enden, Nemesis,
Christgeschenk, Warnung, Die Zweifelnden, Mdchen, Epoche
und Charade bringen dann in erregendem Auf und Ab des Gefhls die
einzelnen Stationen dieser Leidenschaft bis zum Adagio des Ausklangs
... am ergreifendsten vielleicht da, wo sich am unmittelbarsten
Erlebtes widerspiegelt:

    Wenn ich nun gleich das weie Blatt dir schickte
    Anstatt da ich's mit Lettern erst beschreibe,
    Ausflltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe
    Und sendetest's an mich, die Hochbeglckte.
    Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte,
    Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe,
    Riss' ich ihn auf, da nichts verborgen bleibe;
    Da ls' ich, was mich mndlich sonst entzckte:
    +Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen!+
    Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest
    Mit sem Wort und mich so ganz verwhntest.
    Sogar dein Lispeln glaubt' ich auch zu lesen,
    Womit du liebend meine Seele flltest
    Und mich auf ewig vor mir selbst verschntest.

Die Epoche ist das letzte in Jena entstandene Sonett. Es war Goethes
Abschiedsgedicht. Denn am 18. Dezember kehrte er nach Weimar zurck,
ri sich los -- ob mit, ob ohne Einverstndnis Minchens, ob nach
schmerzlicher Trennung oder in wortloser Entsagung, wie er es gemeinhin
zu tun pflegte, das bleibt dunkel. Nie ist darber auch nur das
geringste kund geworden. Der Advent von Achtzehnhundertsieben fand
kein lichterhelles Fest als Krnung.

Und Minchen?

Am 10. Februar 1808 endlich erzhlt sie der Freundin Christiane etwas
von diesen Erlebnissen des Winters, und das auch erst, nachdem sie
seitenlang von anderem geredet. Diesen Winter haben wir, so schreibt
sie, im ganzen recht froh zugebracht, ohne grade viele Menschen zu
sehen. Goethe war aus Weimar herbergekommen, um hier recht ungestrt
seine schnen Gedanken fr die Menschheit bearbeiten zu knnen ...
Und so weiter. Es sei ihr unbeschreiblich wohl und doch auch weh in
seiner Gegenwart geworden, und wenn sie manchmal abends in ihrer Stube
seiner goldenen Worte gedacht habe, sei sie in Trnen ganz zerflossen.
Dann erst ein paar nette Zeilen ber Zacharias Werner, und, um mit ihr
selbst zu reden: damit Punktum. Nichts von den vielen Sonetten, die
ihr zu Ehren gedichtet worden waren, nichts von Goethes Liebe, nichts
(oder doch nur sehr wenig) von seinen hufigen Abendbesuchen, die doch,
wie ihr zumindest Instinkt htte sagen mssen, schlielich einzig und
allein ihr gegolten hatten! Und nichts von irgend einer Heimlichkeit,
wie sie zwischen Liebenden doch einmal vorkommt -- nichts! Verschlo
ihr Scham den Mund? Gelbnis? Einfalt? Rtsel ber Rtsel, da sie
nach einem solchen Erlebnis selbst fr die vertrauteste Freundin keine
anderen Worte findet als die alltglichsten, die man sich denken kann.
Da sie der jh auflodernden Leidenschaft Goethes gegenber etwas
benommen geblieben war, ist mglich. Das pat zu ihrem Charakterbild.
Da sie sie berhaupt ignoriert haben sollte, ist unmglich und wrde
dem widersprechen, was die Gealterte spter Herrn von Loeper gestanden
hat. Sie knnte dann weder auf Goethe den tiefen Eindruck gemacht
haben, dem die Sonette, die Pandora und die Wahlverwandtschaften
Spiegelung sind, noch ist Goethe der Mann gewesen, eine unerwiderte
Neigung zu Raserei der Liebe werden zu lassen. Vermutlich hat Goethe
die Geliebte, als der Tag der notwendigen Trennung nahte, durch ein
Gelbnis zum Schweigen verpflichtet, vielleicht sogar um Vergessen
gebeten. Nur so sind die leeren Worte zu der Freundin zu erklren, nur
so ihr ganzes anscheinend teilnahmloses Verhalten, nur so die jhe
Flucht aus Jena.

Denn es war eine Flucht, da sie Jena so schnell verlie und in die
Heimat zur Schwester eilte, die heiratete. Sie hoffte vielleicht,
dort im Trubel der Hochzeit Vergessen zu finden. Goethe mute von
dieser aufflligen Reise gehrt, Minchens Verschwinden ihn mit
Sorge erfllt haben. Denn im Juni schrieb er aus Karlsbad an Frau
Frommann: Htten Sie, teure Freundin, in jener Stunde, als Sie uns
Ihren lieben Brief zudachten und schrieben, empfinden knnen, wie
nachrichtenbedrftig wir damals waren, so htte Sie unser lebhaftester
Dank fr diese Wohltat schon im voraus belohnt. Besonders dankbar
sind wir fr die Versicherung, da es unserem Minchen wohlgehe. Zwar
konnte man voraussehen, da ein so liebes Kind, das der Natur und
Ihnen so viel verdankt, berall zum besten aufgenommen und lebhafte
Freundschaft erwecken wrde, doch ist es eine eigene Empfindung, wenn
die Abwesenheit geliebter Personen uns verdrielich fllt, so knnen
wir uns sie und ihre Umgebungen, niemals ganz heiter vorstellen. Desto
erfreulicher ist die ausdrckliche Versicherung Ihres Wohlbehagens.
Mgen Sie meine besten Wnsche und Gre zu ihr gelangen lassen.

Minchen verlobte sich dann in Zllichau mit jenem Professor Pfund, den
Zelter so warm Goethe empfohlen hatte ... voreilig und unberlegt,
was auch wieder die Vermutung nahelegt, da sie um jeden Preis
vergessen wollte. Denn als der Verlobte sie Weihnachten 1812 aus
Jena, wohin sie inzwischen zurckgekehrt war, zur Hochzeit abholen
wollte, weigerte sie sich und lste die Verlobung kurzerhand auf,
zum Entsetzen der Pflegeeltern, die dieser jhen Sinneswandlung
verstndnislos gegenberstanden. Auch Goethe, fr den die Adventtage
von 1807 nun schon lngst bloe Episode geworden waren, nachdem er
in den Wahlverwandtschaften Ottilie, dem geliebten Kinde, die Zge
Minchens gegeben hatte, war erschrocken, als er davon hrte; die
Malerin Luise Seidler hielt ihn ja immer auf dem Laufenden ber das,
was sich in Jena ereignete. Noch am 25. September 1811 hatte er dieser
geschrieben: Sie sollen mir erzhlen von sich, von den Freunden und
von dem guten Minchen, von der ich so lange nichts gehrt, und deren
bevorstehende Wiedererscheinung mich angenehm berrascht. Nun erfuhr
er die pltzliche Entlobung. Gren Sie Minchen, schrieb er darauf an
die Malerin, ich habe immer geglaubt, dieses Geistchen gehre einem
treueren Element an. Doch soll man sich berhaupt hten, mit der ganzen
Sippschaft zu scherzen. Hatte er sich tatschlich innerlich schon so
gelst von ihr, sich das ganze Jenaer Erlebnis so sehr von der Seele
gedichtet, da er in dieser Weise scherzen konnte?

Von nun an ging der Weg des armen Minchens bergab, die Dmmerung, die
der endlichen geistigen Umnachtung voraufging, begann ihr Haupt zu
umschatten. Der vllig unmotivierte Bruch mit dem Professor Pfund,
der sie auf Hnden getragen htte, war das erste Symptom; die Ehe,
die sie dann neun Jahre spter mit dem Jenaer Professor Walch, einem
Juristen, einging und die ganz glcklos blieb, weil ihre zarte Seele
nur widerwillig die eheliche Vereinigung ertrug, das zweite. Versuche
eines Zusammenlebens scheiterten klglich, machten sie gemtskrank, und
lebten die Gatten getrennt, so machte sie sich wieder die schwersten
Vorwrfe, bemitleidete den unglcklichen Mann, dessen Verhngnis sie
war.

1853 starb Walch. Sie war erlst. Aber nur erlst, um fr immer in
Melancholie zu versinken. Denn die unheilvollen Dmonen, die schon
das junge Mdchen so oft in unseligen Zwiespalt der Empfindungen
gestrzt, sie wahrscheinlich nie zum vollen Genu des Lebens hatten
kommen lassen, nahmen nun ganz Besitz von ihr. Noch ein paar Jahre
lebte die verwitwete Frau Rat Walch still und in sich gekehrt in den
alten Stuben des Frommannschen Hauses dahin, von Verwandtenliebe treu
gehtet, zuweilen ein wenig wunderlich und immer ein bichen traurig
und schwermtig, ohne da sie zu sagen wute: warum -- wie als junges
Ding, wo ihr Lieblingslied Goethes Trost in Trnen war. Gerne
ging sie spazieren, am Paradies unten an der Saale und durch den
Prinzessinnen-Garten hindurch zu den Friedhfen oben am Philosophenweg.
Sie nahm auch an Gesellschaftsabenden des Bruders teil, und Kuno
Fischer hat die alte, jugendlich schlanke Dame auf einem solchen
-- es wurde Goethes Tasso vorgelesen! -- noch unterhaltsam und
lebendig gefunden. Dann aber verwirrte sich ihr Geist und fand sich
nicht mehr zurecht in diesem Leben, und man mute sie einer Anstalt
fr Nervenkranke in Grlitz anvertrauen. Dort ist Minchen Herzlieb am
10. Juli 1865, sechsundsiebzig Jahre alt, gestorben ... einsam, fremd
und abseits allem Leben. Sie hat niemand mehr gekannt, der endlichen
Auflsung des erdenmden Krpers war die des Geistes grauenhaft
voraufgeschritten.

[Illustration]

Derweilen war sie als Ottilie lngst in die Unsterblichkeit
eingegangen. 1809 schon waren ja die Wahlverwandtschaften erschienen,
und es will fast scheinen, als ob der Dichter dem lebendigen
Menschenkind die Seele gestohlen htte, um dem erlauchten Geschpf
seiner Phantasie das ewige Leben zu verleihen. Denn ungefhr von dieser
Zeit an war der Weg der wirklichen Ottilie nur noch ein seelenloses
Gleiten und Taumeln gewesen ...

Zu Eckermann hat Goethe, der Greis, noch kurz vor seinem Tode
gesagt, da in den Wahlverwandtschaften kein Strich enthalten sei,
der nicht erlebt, aber auch kein Strich so, wie er erlebt worden.
Das gilt vor allen Dingen wohl von dem Erlebnis jenes Advent von
Achtzehnhundertsieben. Gewi, von der Seele geschrieben hat sich
Goethe diese rtselhafte Liebesleidenschaft wohl, vergessen hat er sie
nie. Immer wieder tauchte sie zu verschiedenen Perioden seines Lebens
vor ihm auf, mahnend, anklagend, Rechenschaft heischend. So im Herbst
1815, als Goethe sich, unendlich leidend und trotz der heroischen
Geste fast seelischem Tode nahe, von Marianne von Willemer losgerissen
hatte. Da fuhren er und Sulpiz Boissere zusammen von Karlsruhe nach
Heidelberg. Alte Erinnerungen wachten in dem Dichter auf, und er
erzhlte. Auch auf die Wahlverwandtschaften kam er. Die Sterne waren
aufgegangen, er sprach von seinem Verhltnis zur Ottilie, wie er sie
lieb gehabt und wie sie ihn unglcklich gemacht. Er wurde zuletzt fast
rtselhaft ahndungsvoll in seinen Reden.

So Boissere in seinem Tagebuch. Auf hnliche uerungen stt
man in den Annalen, als Goethe dort, von Erinnerung geleitet,
die Jahre 1807 bis 1809 schildert, in die u. a. die poetische
Entwicklung der Wahlverwandtschaften fllt. >Pandora< sowohl
als die >Wahlverwandtschaften<, heit es da 1807, drcken das
schmerzliche Gefhl der Entbehrung aus und konnten also nebeneinander
gar wohl gedeihen. Und unter dem Jahre 1809: Um von poetischen
Arbeiten nunmehr zu sprechen, so hatte ich von Ende Mai an die
>Wahlverwandtschaften<, deren erste Konzeption mich schon lngst
beschftigte, nicht wieder aus dem Sinn gelassen. Niemand verkennt an
diesem Roman eine tief leidenschaftliche Wunde, die im Heilen sich zu
schlieen scheut, ein Herz, das zu genesen frchtet.

Ein seltsames Hin und Her von Stimmungen und Reflexionen. Und sind
im Grunde doch nichts weiter als der alte Schmerz, der ihn einst,
1807, im spter Abschied genannten Sonett die jhe Trennung von
der Geliebten so wild anklagen lie. Fritz Frommann meint in seinen
Aufzeichnungen ber Minchen Herzlieb: Mgen auch Goethes Empfindungen
fr sie strker gewesen sein als er sich merken lie, so ist doch
soviel gewi, da auch er nie an ihren Besitz gedacht hat, und da
diese Episode in seinem Leben mit der dichterischen Darstellung der
Ottilie in den >Wahlverwandtschaften< ihren vlligen Abschlu gefunden,
da er sich damit von aller leidenschaftlichen Erregung befreit hat
und ihm auch davon nur geblieben ist, >das se Erinnern, das Leben im
tiefsten Innern<.

Das ist der Irrtum des Brgers, der Rausch und Qual der Erinnerungen
nicht kennt. Hervorgerufen vielleicht dadurch, da Goethe und Minchen
sich im Laufe der Jahre im Frommannschen Haus begegneten, ohne da
die Vergangenheit irgendwie neue Leiden schaffte. Die Fama will ja
sogar wissen, da Goethe stets mit ungetrbten Eindrcken von dort
geschieden ist ... Immerhin, wie sehr diese Begegnungen Maskerade
waren, wie sehr Goethe bemht war, Totes nicht wieder aufleben und
Alltagsgeschwtz werden zu lassen, das zeigt die Behandlung der Jenaer
Sonette in den Werken von 1815: Epoche und Charade, die verraten
knnten, wer in ihnen gemeint, nimmt er nicht auf! Und ber die andern
breitet er durch die Anordnung Schleier. 1817 schickt er der einst
Geliebten ein Exemplar der zehn caschierten Gedichte, zum Geburtstage.
Die Widmung lautet:

    An Frulein Wilhelmine Herzlieb.

    Wenn Kranz auf Kranz den Tag umwindet,
    Sey dieses auch Ihr zugewandt;
    Und wenn Sie hier Bekannte findet,
    So hat Sie sich vielleicht erkannt.

    Jena am 22. May 1817.      Goethe.

Das klingt khl. Aber das vielleicht der letzten Zeile verrt doch
die Aschenwrme alter Gluten, lt Frage klingen, die auf Antwort
hofft. Natrlich hat Minchen sich erkannt, sie, die in ihrer Schatulle
die Urschrift des Wachstum-Sonetts als kostbarsten Besitz verwahrt
und die einem Advent ohne Heiland, vielleicht, ihre Seele geopfert hat
... natrlich, nur das Wissen darum fehlt. Kein Brief, kein Gesprch,
keine uerung ist erhalten, keiner ist, der davon erzhlt. Es ist
furchtbar, wie dies frhe Liebesspiel in stummer Verschwiegenheit
endet. Bald war es so, als htten die zwei Menschen nie voneinander
gewut. Selbst als in den Goethe-Werken der Ausgabe letzter Hand
endlich, volle zwanzig Jahre nach Entstehen, Epoche und Charade
erscheinen, letzte Schleier fallen, findet das in Jena kein Echo. Auch
er behlt die Maske vor. Eine seltsame Empfindung nennt er's, als
er Minchen um diese Zeit einmal flchtig sieht, und spricht von ihrem
artigen und niedlichen Betragen.

So kann Goethe schlielich sterben, ohne da aus dem Frommannschen
Hause, wo Minchen auch als Frau Professor Walch fast immer lebte,
verzweifelter Schrei aus Frauenmund, nicht einmal leise Klage dringt.
Und fragte die Greisin mit den dunklen, schwermutsvollen Augen spter
einmal jemand nach ihren Erinnerungen, so wurde sie scheu und wortkarg,
als ob sie Totes gerne tot liee ...

Rtsel verschatten die Historie, und in himmlischer Klarheit leuchtet
allein das Werk des Dichters. Es hat das bichen Menschenleben in sich
aufgesogen.




Herbsttage in Heidelberg

            Auf der Terrasse hoch gewlbtem Bogen
            War eine Zeit sein Kommen und sein Gehn ...

                ~Marianne von Willemer~.


Denkt man an Goethe und Heidelberg, so klingen aus der Erinnerung zwei
Frauennamen herauf. Lili und Marianne. Die diese Namen trugen, sie
haben beide, nun von Legende lngst in Sphren der Verklrung entrckt,
das Herz des Dichters besessen ... die eine, selbst im vollen Glanz der
Jugend prunkend, das des Jnglings, der wild ins Leben strmte, der
Wunder bang, von Sehnsucht s bedrngt; die andere, eine Frau von
dreiig Jahren, das des Mannes, dem schon der Lebensabend nahte. Und
Heidelberg war beidemal die Sttte, da die Entscheidung fiel: sie hie
im einen wie im andern Fall Entsagung.

Doch laufen Fden auch vom Neckar nach der Ilm, und Unrecht wre
es, nicht auch Charlottens und Christianens zu gedenken, nach denen
Sehnsucht des Freundes und des Gatten hier in Heidelberg auch oft genug
gebangt ...

       *       *       *       *       *

Das war ein bunter Tag aus andern bunten Tagen, als Goethe zum
erstenmal nach Heidelberg kam.

Denn er kam nicht allein.

Drei wilde Gesellen begleiteten den Dichter des Werther: die beiden
Stolbergs, die Brder jener Auguste, der Goethe die schnsten Briefe
seiner heien und verworrenen Jugend geschrieben hat, und ein Graf
Haugwitz. In Sturm und Drang fegten sie durch das verstrte Land, das
ihnen, Ort fr Ort, entgeistert nachstarrte, und rissen Goethe mit.
Den lockte mehr als ihre ungebrdige Art das Ziel der wilden Reise:
die Schweiz. Aber immerhin -- wie schn war's doch, der Fesseln ledig,
die die zwiespltige Leidenschaft zu Lili Schnemann ihm auferlegt,
durchs Land zu schweifen, im blauen Werther-Frack und Stulpenstiefeln,
und wenn die Kameraden, aller Sitte spottend, den Philistern in
Mannheim und Darmstadt lange Nasen drehten, so machte er nicht gerade
ungern mit. Wir vier, heit es in einem Briefe des lteren Stolberg
an seine Schwester Katharina im fernen Dnemark, sind bei Gott eine
Gesellschaft, wie man sie von Peru bis Indostan umsonst suchen knnte.

Diese Gesellschaft, die in Frau Ajas Haus in Frankfurt -- man denke:
diesem wohlfundierten Patrizierhaus -- lrmend nach Tyrannenblut
gelechzt, hatte die Mainstadt am 14. Mai 1775 verlassen. Merck in
Darmstadt, ein besonnener Freund, hatte die vier Genies argwhnisch
betrachtet: Da du mit diesen Burschen ziehst, hatte er zu Goethe,
dem einzigen, der wirklich ein Genie war, gesagt, ist ein dummer
Streich, du wirst nicht lange bei ihnen bleiben. Deine unablenkbare
Richtung ist, dem Wirklichen poetische Gestalt zu geben; die andern
suchen das sogenannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen, und
das gibt nichts als dummes Zeug.

Bittere Worte! Deren Wahrheit und tiefen Sinn Goethe halb erkannte,
halb verneinte und die er damals, selbstverstndlich, in den Wind
schlug. Aber als er, ein Menschenalter spter, Dichtung und Wahrheit
niederschrieb, hatte er ihre Schicksalskraft an Leib und Seele
erfahren. Dort hat er sie denn auch verewigt.

Ja, es war ein bewegter Tag, der 16. Mai 1775, als die vier
ungleich-gleichen Fahrtgesellen in das abendliche Heidelberg einzogen;
die guten Heidelberger mgen nicht schlecht gestaunt haben, als
dies Quartett singend und hteschwenkend durch die stillen Straen
marschierte, Gestalten fast aus einer anderen Welt. Nun gehen wir
hin, erzhlte der immer schreiblustige Christian Stolberg der
Schwester andern Tages, das weltberhmte Heidelberger Fa zu sehen
... Natrlich! Da's nicht Tyrannenblut sein konnte, nahm man mit
Neckarwein vorlieb, und wie in Mannheim trank man in lautem Rundgesang
auf das Wohl der Geliebten und zerschlug nachher die Glser ... Und
Goethe? Liebe Lili, wenn ich dich nicht liebte! tnte es wohl damals
schon in seinem Herzen. Sehnsucht qulte den guten Jungen, trieb ihn
nur zu oft aus dem lauten Lrm der Zechgenossen. Und da winkte denn
am Markt ein stilles Haus, rmlich anzusehen nur mit seinen zwei
Fenstern Front und dem niedrigen Dach: das Haus der guten Demoiselle
Delph winkte Trost und brachte Trost, so verstrt der Kopf auch
war, in dem Wein und Liebeszweifel gleich stark rumorten. War sie,
eine Geschftsfreundin des Schnemannschen Hauses, es doch gewesen,
die seinerzeit die Hnde Lilis und Goethes mit ihrem pathetisch
gebieterischen Wesen ineinander gelegt hatte! So mochte sie nun auch
sehen, was sie angerichtet, mochte Gluten dmpfen, die sie selbst
entfacht ... Und so waren Ausklang dieses ersten flchtigen Aufenthalts
in Heidelberg Worte der Klage und Anklage, von der ltlichen Jungfer
kopfschttelnd angehrt, derweilen die Freunde des Beichtenden oben im
Burgkeller lrmten.

[Illustration]

Aber der andere Tag schenkte schnell Vergessen, und ber Karlsruhe, wo
Klopstock besucht wurde und Goethe, sterngebunden, zum zweitenmal dem
jungen Thronerben von Sachsen-Weimar begegnete, ging's nach der Schweiz
zu Lavater.

       *       *       *       *       *

Liebwrts blickte Goethe noch, als er, heimkehrend aus der Schweiz,
Frankfurt liegen sah: wartete dort am Kornmarkt seiner doch Lili, die
in so vielen Versen dieser Reise heiersehnte. Doch wenige Wochen
spter floh er, von seinem Dmon getrieben, die, um die er noch
vor kurzem so gebangt. Vergebens, hatte er am 3. August dieses
schicksalsvollen Jahres an Auguste von Stolberg geschrieben, da ich
drei Monate in freier Luft herumfuhr, tausend neue Gegenstnde in alle
Sinnen sog ... ich sitze wieder in Offenbach, so vereinfacht wie ein
Kind, so beschrnkt als ein Papagei auf der Stange ... alles wirrt sich
in einen Schlangenknoten. Da blieb nichts brig als Bruch und Flucht.

Dazu jagten sich andere Ereignisse. Am 21. September, einen Tag nach
der Entlobung, hatte ihn Carl August, jetzt Herzog geworden, durch
Handschlag an sich gebunden: Weimar, fremd und unbekannt, wartete.
Der 12. Oktober erneuerte die Einladung. Goethe, des herzoglichen
Wagens harrend, der ihn nach Weimar bringen sollte, machte sich
reisefertig. Aber der Wagen kam nicht. Spott des Vaters, eigene Scham,
dazu das qualvolle Gefhl, Lili, die immer noch im stillen Geliebte,
sich verscherzt zu haben, trieben ihn, bei Nacht und Nebel, aus der
Vaterstadt. Italien sollte Vergessen und Linderung bringen: Lili,
adieu Lili, zum zweitenmal!

Und erste Zuflucht war wieder das stille Haus der guten Demoiselle
Delph in Heidelberg.

       *       *       *       *       *

Im Mai war Heidelberg an Goethe vorbeigeglitten wie ein Traum. Jetzt
erlebte er es wirklich. Erlebte Herbsttage, die Gold und Trunkenheit
ber Stadt und Schlo schtteten. Die Berge ringsum brannten. Schon das
Tagebuch, das er von nun an fhrte, war unterwegs, an der Bergstrae,
bei ominser berfllung des Glases begonnen worden; im Gasthaus in
Weinheim hatte er, wie dasselbe Tagebuch berichtet, vor Herbstbutten
und Zuber nicht den Weg zum Wirtszimmer finden knnen; nun geriet er
in Heidelberg mitten in die Weinlese hinein. Elsassische Gefhle
lebten in ihm auf.

Die Handelsjungfer Delph tat alles, den Bekmmerten zu zerstreuen.
Tat's mit Erfolg. Sogar ein neuer Heiratsplan erwachte, neue
Mdchenschnheit bedrngte das noch wunde Herz, das Lili vergessen
wollte. Das Leben lchelte wieder.

Aber dann kam eine Nacht, der erste rauhe Wind rttelte an den
Fensterlden und in den Grten raschelte das welke Laub, da war der
alte Mimut wieder rege geworden. Unfruchtbares Geschwtz mit der Delph
hatte die schon halb begrabenen Zweifel aufgestrt: nun qulte das
Bild Lilis, qulte die eigentmliche Weimarer Geschichte, eine tolle
Geschichte, wenn man sie recht betrachtete, den einsamen Schlfer.
Leise chzte er im Traum.

Da klang ein Posthorn in die Stille, jhes Klopfen brach das schlafende
Haus auf. Tren klappten, Licht fuhr eilig hin und her. Und dann trat
die Delph, notdrftig hergerichtet, in des Gastes Kammer, in der Hand
einen versiegelten Brief: Stafette aus Frankfurt ... der Geleitsmann
des Herzogs, dort endlich eingetroffen, wartete ... Weimar rief!

Und das Schicksal erfllte sich: der nach Italien hatte wandern wollen,
eine kranke Liebe im Herzen, er zog nach der bescheidenen Ilm, einer
neuen Liebe entgegen, neuer Qual und neuem Rausch, weil es die Sterne
so wollten. Die Sonnenpferdeworte aus dem Egmont, sicherlich der
Delph, die warnte, nicht so spontan zugeschleudert, wie Dichtung und
Wahrheit es erzhlt, aber, als Goethe damals in der gleichen Nacht
noch Heidelberg verlie, sicherlich dem Sinne nach so empfunden,
gaben das Geleit. Und der Goethe, der spter aus der Erinnerung diese
ereignisschwere, geheimniserfllte Nacht in Dichtung und Wahrheit
schilderte, der formte gleichzeitig jene orphischen Urworte:

    Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
    Die Sonne stand zum Grue der Planeten,
    Bist alsobald und fort und fort gediehen
    Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
    So mut du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
    So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
    Und keine Zeit und keine Macht zerstckelt
    Geprgte Form, die lebend sich entwickelt.

An dem schmalen, unscheinbaren Hause der Demoiselle Delph aber findet
der, der Augen fr derartige Dinge hat, heute eine Tafel, die da meldet:

            +Aus diesem Hause
      seiner mtterlichen Freundin Dorothea Delph
    reiste Goethe, der Einladung Carl Augusts folgend,
        den 4. November 1775 nach Weimar.+

Die kleine Tafel gibt Kunde von dem wichtigsten Vorgang in Goethes
ganzem Leben. Wie wre das wohl verlaufen, wenn hier der Zufall
anders gespielt htte? Aber der Alltag treibt daran vorbei, und kaum
einer steht einmal still und versucht, die ungeheuere Bedeutung dieser
wortkargen Inschrift auch nur zu begreifen!

Und die Jahre strzten. Die Ufer der Ilm wurden dem Fremdling Heimat.
Gott im Himmel, was ist Weimar fr ein Paradies! jubelte Goethe
aus Mannheim Charlotte von Stein zu, als er im Dezember 1779 von der
zweiten Schweizer Reise zurckkehrte, die er mit dem herzoglichen
Freund zusammen unternommen. Sie hatte ihn auch flchtig zu Beginn nach
Heidelberg gefhrt, und nachdenklich war der nun Dreiigjhrige durch
die Gassen geschlendert, die er vor vier Jahren verlassen hatte, um ins
Ungewisse zu pilgern.

Wie hatte sich seitdem die Welt verndert!

Nicht die Welt Heidelbergs; die war, mit Schloruine und abendlich
beglnztem Flu, mit ihrer alten Giebel Flucht und Herbsteshauch,
die selbe geblieben; aber seine Welt war eine andere geworden. Lilis
Bild, einst se Qual, hatte das neue Charlottens verdrngt: ruhig
hatte er die frhere Geliebte, jetzt Frau von Trkheim und glckliche
Mutter, in Straburg sehen und sprechen knnen. Auch Friederike hatte
er in Sesenheim besucht, und sein Herz war unbewegt geblieben: Da
ich iezt so rein und still bin wie die Luft, so ist mir der Athem
guter und stiller Menschen sehr willkommen, hatte er Frau von Stein
geschrieben ...

Der Jngling war eben zum Mann geworden, der in Friede mit den
Geistern seiner Jugend lebte.

Noch einmal hatte Heidelberg ihm nun die Erinnerung dieser dumpfen
Jugendtage geschenkt, das brckelnde Schlo ihm von den Gesellen
erzhlt, mit denen er hier einst in seliger Torheit kraftgenialisch
gelrmt, das kleine Haus der Demoiselle Delph ihn an die Nacht gemahnt,
da ihn das Posthorn aus Schlaf und wirrem Traum gejagt ... Es war
einmal! Das ist in unsichtbaren Lettern auch unter jener Zeichnung des
gesprengten Turms vom 23. September 1779 zu lesen, die ihn nun nach
Weimar begleitete -- einziges Zeichen dieses Aufenthalts in Heidelberg
von 1779, das wir besitzen.

Und der es in versonnener Stunde angefertigt, der war nicht mehr der
wilde Dichter des Gtz und des Werther, sondern der Geheimrat
Goethe, rechte Hand und Ein und Alles Carl Augusts. Denn am 6.
September dieses Jahres hatte der Herzog wider allen Brauch und Sitte
dem ba Verwunderten und drob von den Schranzen in Weimar nur noch mehr
Beneideten und Gehaten den Geheimdenraths Titel gegeben.

       *       *       *       *       *

Goethe an Christiane aus Heilbronn am 28. August 1797: Den 26., an
einem auerordentlich klaren und schnen Tag, blieb ich in Heidelberg
und erfreute mich an der schnen Lage der Stadt, die am Neckar zwischen
Felsen, aber gerade an dem Puncte liegt, wo das Thal aufhrt und die
groen fruchtbaren Ebenen von der Pfalz angehen.

Goethe an Christiane ... ja, in den achtzehn Jahren, die seit der
zweiten Schweizer Reise ins Land gegangen waren, hatte sich das Leben
des Dichters wunderlich genug gestaltet. Vieles war lngst wieder zu
Traum und Vergangenheit geworden, was einst beglckende und qulende
Wirklichkeit, sonnenreiches Heute gewesen. Wo war Charlotte von
Stein, die gtige, die liebevolle Gefhrtin in so manchen Wirrnissen?
Vergessen? Nein, das nicht. Aber fremd und kalt geworden. Sie hatte
es nicht ertragen knnen, da eine Christiane Vulpius an ihre Stelle
trat, als Goethe 1788 verjngt, ein neuer Mensch mit neuen Ansichten
und Sehnschten, aus Italien nach Weimar heimkehrte, und hatte sich
grollend zurckgezogen. Dann war zwar wieder aus der Migunst, die
neidisch das friedliche Glck am Frauenplan beschielte und behechelte,
eine blasse Freundschaft geworden ... der kleine August, Christianens
Sohn, hatte den Weg zum Herzen der Verbitterten gefunden. Aber die
alte Liebe blieb gestorben: Christiane, so wenig sie, ein bescheidenes
Naturkind aus kleinbrgerlichen Verhltnissen, auch geistig mit
Charlotte wetteifern konnte, war in menschlicher Hinsicht die
Nachfolgerin Lidas. Und diese lebte eigentlich nur noch als Iphigenie
und Eleonore in Goethes ewigen Dichtungen. Sonst war sie eine Tote, das
Haus an der Ackerwand eine Gruft.

An wen also sollte Goethe schreiben, wenn er auf Reisen war und
die Begebenheiten des Tages vertrauten Herzen erzhlen wollte? An
Christiane, die Frau. Denn wenn Christiane dies vor der Welt auch nicht
war, erst 1806 wurde, fr Goethe selbst war sie schon lngst nicht mehr
das arme Geschpf, dem er Empfindungen gnnte, sondern die Frau, die
Mutter seines Sohnes, die er mit voller Inbrunst liebte.

Aus diesem ruhigen Familienleben heraus hatte er, alter Sehnsucht
folgend, eine neue Schweizer Reise vorbereitet, eine dritte, und
vielleicht sollte sie gar, zum groen Kummer Christianens, nach Italien
fhren. Am 7. Juli 1797 meldete er dem Freunde Heinrich Meyer nach
Stfa am Zricher See, er wrde bald so los und ledig als jemals
sein. Ich gehe sodann nach Frankfurt mit den Meinigen, um sie meiner
Mutter vorzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalt sende ich jene
zurck und komme, Sie am schnen See zu finden ...

Und so geschah's.

Frau und Kind wurden der stolzen und gerhrten Gromutter gezeigt, zwei
Tage spter wieder nach Hause geschickt, nach kurzen Wochen verlie
auch Goethe Frankfurt, um ber Stuttgart und Tbingen nach Zrich zu
reisen. Und auf dieser Reise kam er auch, zum viertenmal in seinem
Leben, nach Heidelberg.

Herbsttage? Nicht ganz. Mehr ein feierlicher, milder Nachsommer,
ein sattes Lcheln. Aber herbstlich waren die Gedanken, die Goethe
bewegten, herbstliche Reife atmeten die Briefe, die Christiane und die
Freunde erhielten.

Noch wohnte die mtterliche Freundin, die Beraterin seiner Jugend,
in dem kleinen Haus am Markt neben der Hofapotheke, alt geworden,
aber nicht weniger unterhaltsam. Und noch einmal stand wohl tote
Zeit auf, da er sie besuchte. Aber im brigen hatte er vergessen und
wollte auch nicht erinnert sein. Sein Auge, das in den verflossenen
Jahren so vieles gesehen, sah jetzt das Leben anders an, khl, ruhig,
leidenschaftslos, von der hohen Warte des in Strmen und Kmpfen
gereiften Mannes, des Dichters, den eine Welt bewunderte und beneidete,
des Sammlers vor allem, der reiste, um seine Akten und Schrnke zu
bereichern. Was sollte ihm da das Gestern?

Ich ging in die Stadt zurck, eine Freundin zu besuchen, und sodann
zum Obertor hinaus, heit es ber Heidelberg in der Reise in die
Schweiz 1797, die Goethe 1823 mit Eckermann aus Tagebuchnotizen und
alten Manuskripten zusammengestellt hat. Oder: Ich ging in Erinnerung
frherer Zeiten ber die schne Brcke und am rechten Ufer des Neckars
hinauf ... Die ganze brige Schilderung dieses Aufenthalts in
Heidelberg spiegelt restlos neue Empfindungen, und dies in der klugen,
etwas steifen Prosa, die Goethe im Alter liebte, die aber bei aller
ueren Khle von innerer Glut durchleuchtet und dichterisch beschwingt
ist: ein Monument der Stadt von ergreifender Gewalt.

[Illustration]

Und doch -- war Goethe nicht immer der sinnlich erlebende, auch Totes
immer wieder freudvoll und leidvoll nacherlebende Mensch? Er war es
wohl auch damals. Gegen Abend ging ich mit Demoiselle Delph, so
schliet die Schilderung, nach der Plaine zu, erst an den Weinbergen
hin, dann auf die groe Chaussee herunter, bis dahin, wo man Rohrbach
sehen kann ... Ein Abendspaziergang, und aus der Neckarniederung
stiegen die Nebel. Der ther schwamm in Gold. Da mag auch ihn, den
von der Heimat Gelsten, weichere Erinnerung befallen, die neben ihm
Schreitende mit mancherlei Gesprch versunkene Zeit heraufbeschworen,
Sehnsucht nach Frau und Kind ihm das Herz umschattet haben.

Aber davon wissen wir nichts. Wir wissen nur, da diese ganze Schweizer
Reise nicht die Hoffnungen erfllte, die Goethe auf sie gesetzt hatte
und da er sie vorzeitig abbrach. Er erhielt nicht Christianens,
Christiane nicht seine Briefe. Das Band mit zuhause war zerrissen, und
das ertrug er nicht. Ich kann aber auch wohl sagen, schreibt der
Heimkehrende aus Tbingen am 30. Oktober nach Weimar an Christiane,
da ich nur um Deinet- und des Kleinen willen zurckgehe. Ihr allein
bedrft meiner, die brige Welt kann mich entbehren.

       *       *       *       *       *

Die brige Welt htte diese Ansicht schwerlich geteilt. Nicht 1797,
da auch schon genug vorging, was ihr Interesse htte von Kunst und
Literatur abziehen knnen, und nicht spter, da sie ganz aus den Fugen
ging. Oder da, wie eben dieser Goethe selbst die wilden Geschehnisse
der Zeit von 1806 bis 1814 im Spiegel weniger Verse auffing, Nord und
West und Sd zersplitterten, Throne barsten, Reiche zitterten ... denn
ber Zusammenbruch und Erhebung hinaus blickte sie in immer gleicher
Ehrfurcht nach Weimar, wo in stiller Zurckgezogenheit ihr grter
Dichter als Statthalter der Poesie auf Erden residierte.

Aber gerade in dieser stillen Zurckgezogenheit, die mancher
Teilnahmlosigkeit schalt und die in Wahrheit doch, wie des Epimenides
Erwachen bewies, leidenschaftliches Miterleben war, bereitete sich
1814 neue Wandlung vor. stlicher Hauch war aus dem fernen Persien
in die Stuben am Frauenplan gedrungen, der Mund, der solange Genge
daran gefunden, in klassischem Versma zu sprechen, versuchte sich
in Hafisliedern, die von Wein und Liebe und duftenden Wundernchten
erzhlten; und gegen die erhabenen Schatten der Antike, die seit
der italienischen Reise allein die Gefhls- und Geschmackswelt
Goethes bevlkerten, rckte gleichzeitig die farbenfrohe Kunst des
deutschen Mittelalters an ... sie siegte nicht, nein, dazu hing der
Heide Goethe in zu tiefer Liebe an den verlorenen Gttern jener
untergegangenen Welt. Aber sie behauptete sich daneben, aufs neue
stiegen aus der fernen Jugend die Trme des Straburger Mnsters
auf, und der Torso des Klner Domes lie gotische Musik in die
schwlen Blbl-Melodien des nun entstehenden west-stlichen Diwans
hineinklingen. West-stlich wahrhaft wurde das Klima, das Goethes Leben
und Dichten in diesen Jahren lyrischer Wiedergeburt umduftete. Sie
stehen unter dem Zeichen: Heidelberg und Marianne.

Denn wieder war es, wie schon frher oft Wendepunkt und Lebensstation,
die Neckarstadt, die, selber ewig jung, Blut und Seele des
Altgewordenen verjngte, gelassen das Stirb und Werde! sprach, nach
dem die wiederholte Pubertt Goethes verlangte.

[Illustration]

Dort wohnten seit 1810, wo sie von Kln nach Heidelberg bergesiedelt
waren, die Brder Boissere: Sulpiz und Melchior, die, beide fromme
Katholiken und leidenschaftliche Liebhaber der alten deutschen und
niederlndischen Malerei, eine wundervolle Gemldesammlung besaen.
Dieser toten Welt die Neigung Goethes zu gewinnen, der ihnen als
Heros galt, in Goethe, dem gefeierten Dichter, einen Anwalt zu finden
auch fr ihre Bestrebungen, den verfallenden Dom der Vaterstadt neu
aufzubauen und zu vollenden, betrachteten sie als Lebensaufgabe.
Und es gelang ihnen. Der erst und lange Ablehnende gab endlich nach,
und als ihn Not des Leibes im Sptsommer 1814 zur Kur nach Wiesbaden
fhrte, besuchte er die neuen Freunde in Heidelberg. Die wenigen
Tage, die er dort vom 24. September bis zum 9. Oktober 1814 verlebt,
wundervolle Herbsttage, die rotes Gold um Schlo und Stadt huften,
gewannen ihn ganz. Derweilen drauen die ersten Bltter mde von den
Bumen fielen, schenkten ihm die Bilder im Boissereschen Hause,
unermdlich betrachtet, wie er spter in der Reise am Rhein, Main und
Neckar gestanden, eine neue, ewige Jugend. Schnste Begleitmusik
dieser erlebnisreichen Tage aber sind die Briefe an Christiane. Sie
spiegeln in rhrender Treue und Einfalt die starken Empfindungen des
Fnfundsechzigjhrigen, der krnkelnd, wenn auch geistesfrisch, dem
Zureden seiner besorgten Frau folgend, Weimar am 25. Juli verlassen
hatte und nun in Wiesbaden auffllig rasch gesundete. So grndlich
gesundete, da er auch die Vaterstadt, wo inzwischen der Tod reiche
Ernte gehalten hatte und nun schon die zweite Generation den seltenen
Gast feierte, mit ganz neuen Augen ansah, mit ganz frischen Sinnen von
neuem in ihrer vielfltigen Geselligkeit erlebte. Und wieder liebgewann.

Bis dann endlich ein Brief aus Heidelberg vom 28. September Christiane
meldete: Bei Boisseres fand ich das lieblichste Quartier, ein groes
Zimmer neben der Gemldesammlung. August (-- denn August hatte ja von
1808 bis 1810 in Heidelberg studiert --) wird sich des Sickingischen
Hauses erinnern auf dem groen Platze, dem Schlo gegenber. Hinter
welchem der Mond bald heraufkam und zu einem freundlichen Abendessen
leuchtete.

Und so weiter, Tag fr Tag, Bilder beschauend, spazierengehend und auch
Erinnerungen nicht ausweichend. Denn wenn er da der fernen Hausfrau
erzhlt, wie ihn an einem Oktobermorgen der schnste Sonnenschein frh
aufs Schlo gelockt, wo er sich in dem Labyrinth von Ruinen, Terrassen
und Gartenanlagen ergtzte und die heiterste Gegend abermals zu
bewundern Gelegenheit hatte, so mu dem alten Herrn die Vergangenheit
genaht sein, Vergangenheit mit allen Rausch- und Trnengaben, und aus
den zerflieenden Herbstnebeln mu ihn, whrend rings die Kastanien
fielen und herber Odem die alten Mauern umstrich, das Bild Lilis
angelchelt haben ...

Das Bild Lilis? Oder lchelte nicht vielleicht dem Verjngten ein neues
Frauenbild?

Wieder gibt ein Brief an Christiane Auskunft, am 8. August schon aus
Wiesbaden abgesandt. Da heit es, wenn auch wortkarg, unter anderem:
Schon vor einigen Tagen besuchte mich Willemer mit seiner kleinen
Gefhrtin. Diese kleine Gefhrtin nennt das Tagebuch vom 4. August.
Es war Dlle Jung, Marianne mit Vornamen, ein Pflegetchterchen des
Geheimrats von Willemer aus Frankfurt, das jener bald darauf, der
zweiten Witwerschaft mde, zu seiner Frau machte, und dieser Besuch in
Wiesbaden war die erste Begegnung Goethes mit ihr.

O wunderliche Verknpfung der Geschicke ... Hatem hatte in Clemens
Brentanos schwrmerisch gefeierter Biondetta seine Suleika gefunden.

       *       *       *       *       *

Denn Goethe war Hatem geworden. Und blieb es treu, wenn auch nicht ganz
so leidenschaftlich wie in jenen Tagen neu erwachender Liebe, sondern
entsagungsvoll, bis zu seinem Lebensende. Als er von Weimar am 25.
Juli 1814 in jenem Fahrhuschen, das er in seinem Gedicht Der neue
Kopernikus so anschaulich beschreibt, nach Wiesbaden reiste, war
das erste Wort, das er in Eisenach in das geliebte Tagebuch eintrug,
Hafis. Dieser Hafis hat ihn nicht mehr verlassen, bis er selbst ihn
verlie, als nmlich der West-stliche Diwan vollendet war und in einem
kstlich illuminierten Sonderdruck an Marianne-Suleika abging.

Dieser Tag der Vollendung aber lag damals noch fern; ihn
herbeizufhren, hatte ihm das Schicksal eben jene Marianne von Willemer
ber den Weg geschickt, fhrte es den ganz in jugendliche Bewegung und
lyrische Ekstase Zurckversetzten erst noch einmal an die Sttte so oft
erprobten Heils: nach Heidelberg.

Das war ein Jahr darauf zu genau der gleichen Zeit.

       *       *       *       *       *

Als Goethe sich im Herbst 1814 von Willemers, die sommers in
der Frankfurt nahen Gerbermhle unweit Oberrad am Main wohnten,
verabschiedete, hatte er der anmutigen Frau des Freundes sein Stammbuch
dagelassen. Sie schickte es ihm nach Weimar mit den berhmten Versen:
Zu den Kleinen zhl' ich mich ... Versen, die dann khn gestehen:

    Als den Grten nennt man dich,
    Als den Besten ehrt man dich,
    Sieht man dich, mu man dich lieben ...

Diese Verse, im Tone noch halb schalkhaft, sind das erste Bekenntnis
ihrer Neigung. Da diese bald zu Liebe und mit Liebe beantwortet wurde,
das klingt und singt der ganze Diwan, der nun in raschem Flu entstand:
die dreiigjhrige Frau, die sich den vollen Liebreiz der Jugend
bewahrt hatte, hatte das Herz des Dichters gewonnen.

So gab, als Goethe ein Jahr spter -- Christiane, die krnklich
geworden war, weilte zur Kur in Karlsbad -- sich zu einer neuen
Rheinreise anschickte, Sehnsucht nach Marianne wundersam Geleit ...
nicht zehrende Sehnsucht, wie sie in frheren Jahren ihn geqult, nein,
eine frohe, die gleicher Gefhle bei der Geliebten gewi war.

[Illustration: _Heidelberg. Der Schloaltan._]

Am 24. Mai schon verlie Goethe diesmal Weimar. Wiesbaden war wieder
notgedrungen die Zwischenstation. Frankfurt und Gerbermhle, wo er
freundlichst empfangen wurde, schlossen sich Mitte August an. Und
dann kam Heidelberg.

Wieder wohnte Goethe bei den Boisseres -- die Delph war schon 1800
aus Heidelberg fortgezogen. Wieder blaute ein Herbst ber Berg und
Tal, wie ihn so schn nur Trume sehen: Rauschgold bestreute alle
Wege, in den Grten dufteten die spten Blumen, an den Spalieren
reiften die Trauben, und die Mauern des alten Schlosses brannten in
den Sonnestunden in verhaltener Glut. Kstlich war es, auf Altan und
Terrasse zu wandeln, mittags auf schattenfreier Bank zu rasten oder
nachts, wenn der Mond die nahen Zinnen, die Giebel der schlafenden
Stadt, die Neckarniederung mit blassem Silberlicht betrufelte, ins
Land zu sehen ... kstlich vor allem, weil Marianne, Gefhrtin und
Geliebte, bald diese Stunden teilte, sie adelte, ihnen Duft und
sinnlichen Zauber gab.

Schon Frankfurt hatte den Zwiegesang von Hatem und Suleika begonnen, --
das Buch Suleika im Diwan tnt ihn wider, anhebend mit den Worten:
Nicht Gelegenheit macht Diebe ... Es ist das erste der Wechsellieder,
niedergeschrieben, als Goethe am 12. September in Willemers Stadthaus
Zum roten Mnnchen weilte. Heidelberg, wo Marianne mit Mann und
Stieftochter am 23. September eintraf, sehnschtig erwartet, wie sie
selbst sehnschtig nach Goethe verlangte, steigert nun Frage und
Antwort der Liebenden zu betrender Sigkeit. Auch die Frau wird zur
Dichterin, deren Verse Goethe durch Aufnahme in den Diwan als den
seinen ebenbrtig erachtet ... Lieder wie das sehnsuchtsvolle An den
Ostwind oder das ganz vom Schmerz des Abschieds verklrte Ach, um
deine feuchten Schwingen ...

Das Tagebuch des Dichters, sonst so einsilbig und sachlich, schwrmt,
wiederholt immer wieder: Herrlicher Morgen ... Herrlichster Morgen
... Vollkommenster Tag. Noch mehr verraten die Gedichte, die Tag fr
Tag entstehen, wie Tag fr Tag -- es waren ja nur wenige, denn der 26.
September schon brachte die Abreise der Freunde -- die Kleinigkeiten,
die nur Liebenden gemein und offenbar, dazu Anla geben ... ob sie im
Vollmond nun zusammen an der Altanbrstung des Schlosses lehnten und
sich gelobten, in der nchsten Vollmondnacht einander im Geiste nah
zu sein; ob Goethe-Hatem an des luft'gen Brunnens Rand die Chiffre
Suleikas in morgenlndischen Lettern in den Sand zeichnete; ob sie
im Schlogarten den geheimnisvollen Gingo-Biloba-Baum wiederfanden,
denselben Baum, von dem Goethe ein Blatt als Sinnbild der Freundschaft
nach der Gerbermhle geschickt hatte; oder ob sie traumversunken
lauschten, wie von denselben Bumen ringsum die reifen Frchte auf den
Boden klopften: alles wurde zum Lied.

Du beschmst wie Morgenrthe, preist der Dichter die geliebte Frau,
jener Gipfel ernste Wand, und noch einmal fhlet Goethe Frhlingshauch
und Sonnenbrand.

Und sie antwortet, selig hingegeben:

    Nimmer will ich dich verlieren!
    Liebe gibt der Liebe Kraft.
    Magst du meine Jugend zieren
    Mit gewalt'ger Leidenschaft.
    Ach! wie schmeichelt's meinem Triebe,
    Wenn man meinen Dichter preist:
    Denn das Leben ist die Liebe,
    Und des Lebens Leben Geist.

[Illustration: VAN EYCK. MARIA IN DER KIRCHE]

Aber jedem Traum folgt ein Erwachen. Auch dieser Herbsttraum, dem eine
gtige Sonne so wundervollen Frhlingshauch gegeben, verflog. Wind
lief ber die Chiffre Suleikas im Sande und verwischte sie; Wind nahm
dem Gingo-Biloba die Bltter; Wind trieb Wolken ber den Mond, der dem
Liebesflstern von Hatem und Suleika geleuchtet. Wind verwehte auch den
Ku, den Goethe bei der letzten Zusammenkunft der jungen Frau auf Stirn
und Mund gehaucht. Beide haben sich nie wieder gesehen. Der Traum war
aus. Nur Briefe trugen noch in unschuldiger Geheimschrift verdeckte
Schmeichellaute hin und her zwischen Weimar und Frankfurt ... viele,
viele Briefe, erst Goethes Tod im Jahre 1832 lie sie aufhren. Oft
klingt der Name Heidelberg in ihnen auf. Denn immer, fhrten Reisen
Marianne dorthin, meldete sie dem fernen Freunde es, beglckt noch
durch die Erinnerung, die sie mit Schlo und Stadt verband, eine
andchtige Pilgerin, die, wie sie 1831 an Goethe schreibt, die durch
Freud und Leid geweihten Orte alle besucht und ein Blatt von der
bekannten Gingo-Biloba zu sich gesteckt hat. Diese Briefe heiligen die
Liebe Goethes zu Marianne, eine Liebe, die entsagte, ohne je genossen
zu haben, in alle Ewigkeit.

       *       *       *       *       *

Blieb zu Hause, heit es in Goethes Tagebuch am 26. September 1815.
Und dahinter steht: van Eyk. Die Bilder der Freunde boten also ersten
Trost. Hielt er vor? Nicht recht. Andere Zerstreuung brachten die
Ankunft Carl Augusts, ein Ausflug mit diesem nach Mannheim, eine kurze
Reise mit Sulpiz Boissere nach Karlsruhe. Aber schon am 6. Oktober
erzhlt dieser besorgt von Goethe: Er ist sehr angegriffen, hat nicht
gut geschlafen, mu flchten. Es ist der 6. Oktober, an dem Goethe den
aufklrenden Abschiedsbrief an Willemer geschrieben: ... und ich eile
ber Wrzburg nach Hause, ganz allein dadurch beruhigt, da ich, ohne
Willkr und Widerstreben, den vorgezeichneten Weg wandle und um desto
reiner meine Sehnsucht nach denen richten kann, die ich verlasse.

Schwere Trauer umschattet die ganzen Aufzeichnungen des Freundes aus
diesen Tagen: der Alte, wie Boissere sagt, war vllig aus dem
Gleichgewicht gebracht, qulte sich und andere mit Todesahnungen,
wollte sein Testament machen. Auch litt er unter Erinnerungen, die ihn
bedrngten: die Bilder Lilis und Minchen Herzliebs traten klagend und
anklagend trbe aus der Vergessenheit hervor.

Als erste Strme Klte brachten, verlie er, von Sulpiz sorgsam
begleitet, Heidelberg. Am 7. Oktober. Auch Heidelberg hat er nie
wieder gesehen. Aber es lebte in ihm. Die vielfachen Aufzeichnungen
des Greises bezeugen es. Und die Strophen, die der Einsame 1828 in
Dornburg, wohin er sich nach des frstlichen Freundes Tod geflchtet
hatte, dem aufgehenden Vollmond gewidmet hat, sie bauen zwar
Saale-Landschaft auf, aber sie muten ganz an wie ein sanfter Nachklang
der Heidelberger Zeit, da eine berselige Nacht ihn nicht alleine
sah, das Liebchen Marianne noch nicht fern war.




Die drei Schlsser Dornburg

            Es spricht sich aus der stumme Schmerz,
            Der ther klrt sich blau und bluer --
            Da schwebt sie ja, die goldne Leier,
            Komm, alte Freundin, komm ans Herz.

                ~Goethe~


Wer von Berlin nach Mnchen fhrt, sieht bald hinter Ksen auf steiler
Bergeshh hart an der Saale drei Schlsser liegen. Das mittlere, ein
zierlicher Rokokobau mit hellen Fenstern, steht zwischen dem uralten
Gemuer der beiden anderen wie ein lichter Traum. Das sind die drei
Schlsser Dornburg. Der Zug rast hochmtig daran vorbei, gerade, da
das Auge den Stationsnamen erhascht. Und in der Erinnerung bleibt ein
Landschaftsbild von eigenartig feinem Reiz.

Dornburg? Ein Name wie so viele andere. Kaum einer, der ihn kennt, kaum
einer, der stutzt und an Goethe denkt. Denn die Vielen wissen noch
immer nichts von ihm, der dieses ganze Land zwischen Saale und Ilm auf
ewige Zeiten geweiht hat. Und doch schwingt auch hier verklrender
Schimmer um Turm und Giebel, und mgen Wein und wuchernder Efeu die
drei bescheidenen Schlsser ber der Saale noch so dicht und heimlich
umranken, ihr stiller Zauber bleibt. Der Name Goethe triumphiert ber
alle Vergessenheit.

       *       *       *       *       *

Den Weimar-Pilger fhrt der Weg ber Jena nach Dornburg. Nicht dem
brausenden D-Zug erschliet sich diese ganze stille Welt, nur dem
gemchlichen Wanderschritt.

Schon die Stadt an der Ilm hat mit ihren weihevollen Erinnerungen se
Ruhe ber das Herz gebreitet. Nun ist man auf ein Weilchen in Jena
untergetaucht. In die engen Gassen, die winkligen Pltze schicken
die grnen Berge ringsum Waldesduft und kstliche Frische. Aber
unablssig spricht die Vergangenheit in alles Gegenwrtige hinein,
die schmucklosen grauen Huser der Altstadt mit ihren verwunschenen
Hfen und Grten atmen den Hauch einer toten Zeit aus, und man braucht
nicht erst auf die abgelegenen Friedhfe hinter dem Botanischen Garten
zu gehen, um den Schatten der Goethe- und Schillerzeit zu begegnen und
sich in die Tage der Romantiker zu verlieren. Man wird auch so auf
Schritt und Tritt daran gemahnt. Und verwundert steht man vor den jetzt
fast armselig anmutenden Sttten, von denen aus einst deutscher Geist
die Welt umspannte und in deren weltverlorener Heimlichkeit die groen
Dichtungen entstanden, die noch jetzt unserem ganzen Schrifttum Ziel
und Richtung geben. Wie fr uns, so war auch fr Goethe fast immer Jena
Station, wenn er nach Dornburg fuhr, der alten Felsenburg, wie er es
in einem spten Brief an Knebel nennt. Bei diesem, der am Paradies an
der Saale ein paradiesisches Heim hatte, wohnte er dann meist. In
Jena, in Knebels alter Stube, bin ich immer ein glcklicher Mensch,
weil ich keinem Raum auf dieser Erde so viele produktive Momente
verdanke! schreibt er 1802 an Schiller.

Stillste Augenblicke schenkt der Prinzessinnen-Garten, der sich in
Terrassen oberhalb des Botanischen Gartens hinzieht. Die Einsamkeit
hkelt hier fast gespenstisch um Strauch und Baum, verhaltene
Melancholie weint um das kleine gelbe Schlo mit den verschlossenen
Tren und Fensterlden. Nirgends aber sprt man den Bann der alten
krausen Stadt so tief wie hier, wo sie einem zu Fen liegt. Wie ein
leichter Nebel schweben da die Erinnerungen ber ihren Dchern und
Trmen, und was einst lebenslustig und versonnen in ihren Gassen
dahin trieb, wird nun dem trumenden Auge zu einem geisterhaften
Schattenspiel der Lfte, zu einem wunderlichen Schemenreigen, in dem
der ernste Goethe der verfhrerischen Caroline Schlegel die Hand
reicht und die heibltige Sophie Mereau dem jungen Clemens Brentano
erste Liebesblicke sendet, in dem Schiller und Tieck seltsame Partner
sind und der greise Wieland Lotte von Schiller gewagte Dinge ins Ohr
flstert.

Ein Schattenspiel ... wie das ganze Jena trotz Zei, Haeckel und
Diederichs etwas Schattenhaftes hat. Man fhlt sich tief in tote
Zeit verstrickt. Und erst, wenn die Saalewiesen schimmern, der Kranz
der hohen Berge sich zu freier Landschaft ffnet, unter Brcken der
unbehinderte Flu rauscht, fllt der Bann der alten Mauern wieder von
einem ab. Und so wandert man auf Dornburg zu, gesegnet, vorbereitet
durch das Erlebnis Jena, das leise in grnen Tlern versinkt.

       *       *       *       *       *

Auch in Dornburg schlft Geschichte. Das alte Schlo, ein wuchtiger
Bau aus grauer Vorzeit, der wie ein Bild von Hoffmann von Fallersleben
anmutet, steigt aus uraltem Wald. Steinstufen fhren durch eine
romantische Schlucht aus dem Tal, aus dem roten Dchergewirr des Dorfes
hinauf. Oben braust der Wind. Am Abhang ziehen sich morsche Terrassen
hin, ber die im Sommer Flieder und Rosen hngen, im Herbst die blauen
Weintrauben. Um winzige Fenster und Mauerlcher rankt wild der Efeu.
Der Blick klettert staunend an Mauern empor, die fr die Ewigkeit
gefgt erscheinen. Jahrhunderte haben daran gebaut. Die Sage erzhlt,
da Heinrich der Vogeler die Burg als Grenzfeste gegen Sorbenhorden
errichtet hat. Mglich! In der Tat reichen Bauteile, so die Fundamente
des Turmes und eine Kchenesse, bis ins 11. Jahrhundert zurck. Noch
jetzt ist das Schlo ganz malerisches Mittelalter, und die modernen
Menschen, die nun drin hausen, die es vom weimarischen Staate irgendwie
gepachtet haben und bevorzugten Fremden im Sommer Pension gewhren,
nehmen sich seltsam genug in dieser zeitfernen Umgebung aus. Die Strme
jedenfalls, die im Bauernkriege an die ungefgen Mauern brandeten, sind
lngst verweht, die Turmglocke, die einstmals gegen wilde Kroatenhorden
wimmerte, schlft, und in dem Hofe, wo vor vielen hundert Jahren
die Sachsenkaiser Land- und Reichstage abhielten, stolzieren nun
gravittisch die Hhner umher. Der Frieden wohnt hier jetzt. Und in
der zerbrochenen Laterne auf dem einen Torpfeiler wchst wilder Wein.
Schlaf hlt das alte Schlo gefangen.

[Illustration: _Die drei Schlsser Dornburg ber dem Dorfe Naschhausen_]

Ein paar Schritte weiter tut sich eine andere Welt auf. Mittelalter
wird zu Rokoko. Aus Rosenhecken wchst ein kleines Sanssouci.
Schlchen Dornburg nennt es Goethe in seinen Briefen. Hier wohnten
die Herrschaften, wenn sie in Dornburg waren, das 1672 an die
weimarische Linie der schsischen Herzge gefallen war, und hfische
Luft schwingt noch jetzt um den zierlichen Bau, den Garten und die
Terrassen. Der Herzog Ernst August, der Grovater Carl Augusts, hat
das Schlo um 1740 herum von dem Italiener Struzzi erbauen lassen. Mit
seiner gelblich getnten Verputzung, den hellen Fensterumrahmungen,
den vielen Ballons, dem schngeschweiften Kuppeldach wirkt es neben
dem finsteren, nur auf Schutz und Trutz berechneten Gemuer des alten
Baus doppelt leicht und grazis. Der Duft galanter Feste weht hier,
und die Phantasie ist nur zu gern bereit, die reizenden Sle, die
schnen Vorpltze, den Garten mit seinen Hecken und verschlungenen
Wegen, den wundervollen Altan, das Fnfeck Goethes, mit Reifrockdamen
und bezopften Herren zu bevlkern ... das Rosenfest pflegte der
weimarische Hof hier ja alljhrlich zu feiern, und noch zu Goethes
Zeiten siedelte die zarte, blasse Groherzogin Luise jedes Jahr fr
einige Zeit mit ihrem ganzen Hofstaat nach Dornburg ber.

Jetzt steht das kleine Lustschlo auch lngst verwaist, die Zimmer sind
mit kostbaren Erinnerungen aller Art und Zeiten berladen, das Ganze
ist, wie so viele andere unbenutzte Schlsser, ein Museum geworden,
und ber das gleiende Parkett, ber das einstmals die Stckelschuhe
trippelten und die seidenen Schleppen rauschten, schlrft nun nur noch
gelegentlich in Filzpantoffeln der Fremde, der eine abgelebte Zeit aus
toten Dingen beschwren will.

Und wieder ein paar Schritte ab das dritte Schloss, das
Goethe-Schlo߫. Ein ernster Bau in deutscher Renaissance. Mit drei
barocken Giebeln schaut es weithin ins Tal, die schweren, braunen
Mauern wuchten unmittelbar aus dem steil abfallenden Felsen herauf,
kein Weg fhrt, wie doch bei den anderen beiden Schlssern, am
Abgrund hin, nur die Weinreben ranken ein wenig aus der schwindelnden
Tiefe. Ursprnglich wohl ein Kloster, wurde es dann ein Freigut, das
nach seinem letzten Besitzer allgemein das Strohmannsche Freigut
genannt wurde und noch genannt wird. 1824 erst wurde es von Carl
August kuflich erworben, der auf Goethes Anraten hin sofort die
schmale beschwerliche Wendeltreppe, die in einem erkerartigen Turm der
Hinterfront zu den beiden Geschossen fhrt, sperren und dafr eine
schne, bequeme Freitreppe einbauen lie. Breite, weitlufige Treppen
waren ja von jeher eine Leidenschaft Goethes -- man denke nur an die
prachtvolle Treppe, durch die er, auch nachtrglich, seinem Haus am
Frauenplan den palaisartigen Charakter gab.

Das sind die drei Schlsser, die unter dem Namen Dornburg nun zu einem
Begriff verschmolzen sind. Khn und unvermittelt hngen sie, Wind und
Wetter zum Trotz, ber dem schroffen Abgrund, weithin das Saaletal
beherrschend, in ihren Fenstern spiegeln sich die Wolken, um ihre
Zinnen fliegen die Vgel. Sie sind in Grten gebettet, die man vom Tale
aus nur ahnen kann, in weiche, grne Grten, die im Frhling, wenn der
Flieder blht, ein einziges violettes Meer sind. In Kaskaden schumt
dann der Bltenberschwang ber die Terrassen, die den Abgrund sumen.
Und die ganze Nacht singen hier die Nachtigallen.

Hinter den Grten, durch schne schmiedeeiserne Barockgitter und
niedrige Kavalierhuser von ihnen getrennt, liegt die Stadt
Dornburg. Die Stadt? Ein Stdtchen, zierlich und kurios wie aus einer
Spielzeugschachtel, und auch so sauber und adrett. Da gibt es einen
weiten Marktplatz mit Linden und einem Ententeich und einem Rathaus,
das ein spitzes Trmchen krnt. Einen Ratskeller, eine Kirche und eine
Apotheke, die noch vor kurzem eine Hofapotheke war ... Auch ein
Kammergut ist da. Und kommt man vom Dorfe herauf durch den Wald, der
das alte Schlo umrauscht, so gelangt man in die Stadt durch den
Wirtschaftshof eben dieses Kammerguts, von Schweinen angegrunzt, von
Gnsen angefaucht, von Hhnern umgackert, von Hunden beklfft, und
ist um so verdutzter, dann diese reizende Duodezausgabe einer kleinen
Residenz zu finden.

[Illustration]

Immer aber rauscht im Tal die Saale. Ein breites Silberband, schlngelt
sie sich durch Weidengebsch und Wiesen, sanfte Berge begrenzen
das Paradies. Eine breite Steinbrcke fhrt ber den Flu zum Dorf
Naschhausen, zum Blauen Schild, wo man Forellen it. So war es immer
schon, so wird es bleiben.

Und noch einmal: nicht dem brausenden D-Zug erschliet sich diese
stille, trumende Welt, nur dem gemchlichen Wanderschritt.

       *       *       *       *       *

Am 14. Juni 1828 war Carl August auf der Rckreise von Berlin, wohin
der seit Jahren Krnkliche gegen den Rat der rzte im Mai gefahren
war, um seinen ersten Urenkel, den spteren Prinzen Friedrich Karl
von Preuen, zu sehen, in Graditz bei Torgau rasch und unvermutet
gestorben. Goethe empfing die Trauerkunde bereits am Mittag des 15.
Juni -- wie das Tagebuch verzeichnet, hatte er gerade Gste bei sich,
die Tyroler sangen bey Tische, und die Nachricht von dem Tode des
Groherzogs strte das Fest.

Lakonischer konnte die Aufzeichnung unmglich lauten.

Und doch hat ihn die Nachricht, die ihm sein Sohn schonend beibrachte,
aufs tiefste erschttert, wie tief, das deuten ein paar weitere Worte
des Tagebuchs vom gleichen Tage an: Gar manches andere im traurigen
Bezug, und klarer noch geht es hervor aus der schmerzlich bewegten
Schilderung Eckermanns, der ihn am Abend noch einmal sprach. Er schien
zu fhlen, erzhlt Eckermann in den Gesprchen, da in sein Dasein
eine unersetzliche Lcke gerissen worden. Allen Trost lehnt er ab und
wollte von dergleichen nichts wissen. Wie immer in solchen Fllen,
verlangte seine Seele schnell nach Einsamkeit; fern dem lauten und
letzten Endes doch immer gefhllosen Treiben der Welt, in der Stille
der Natur, so wute er, wrde er am ehesten das so schwer gestrte
seelische Gleichgewicht wiederfinden.

Und er fand es in der Einsamkeit von Schlo Dornburg. Wohl mute
er erst noch furchtbare Tage in Weimar ber sich ergehen lassen,
notwendige Besprechungen aller Art, die Vorbereitungen fr die
Trauerfeier und die Beisetzung, Kondolenzbriefe an die Groherzogin
Luise und den zehnjhrigen Erbgroherzog Carl Alexander nahmen ihn ganz
in Anspruch, und whrend er in einem Briefe an den Bonner Professor
Nees von Esenbeck schreibt: Meine Empfindungen sind wortlos! und sein
Schreiben an den Erbgroherzog in die trauervollen Worte ausklingen
lt: Auch dieses Sprliche hat mich viel gekostet, denn ich scheue
mich, an dasjenige mit Worten zu rhren, was dem Gefhl unertrglich
ist, mute er die Geduld aufbringen, Stieler, der ihn damals gerade,
eigens aus Mnchen dazu nach Weimar berufen, malte, unermdlich weiter
zu sitzen ... Immer wieder stt man in diesen unruhvollen Wochen im
Tagebuch, unter sichtlicher Vermeidung des Wortes Tod, auf Ausdrcke
wie das Notwendigste des Augenblicks, das Nchstvergangene und
Zunchstbevorstehende und das traurige Ereignis, und ein langer
Brief an die in Karlsbad weilende Schwiegertochter Ottilie schildert
noch einmal, zusammenfassend, in ergreifenden Worten die ganze lastende
Schwere dieser Tage. Dann aber verzeichnet das Tagebuch am 3. Juli,
fast froh, die Vergnstigung eines Aufenthalts in Dornburg, und am
5. schon meldet Goethe sich auf Montag bei Knebel, dem alten Freunde
junger, lngst verrauschter Jahre, der seit langem in Jena wohnte, an.

Am 7. endlich, gegen Abend, traf er in Dornburg ein, wo ihn die
heiersehnte Stille empfing.

       *       *       *       *       *

Vor ber fnfzig Jahren war Goethe, damals noch von allem Reiz der
Jugend umstrahlt, zum erstenmal in Dornburg gewesen. Jetzt kehrte er,
ein Greis, an die geliebte Sttte zurck, um still fr sich den zu
betrauern, der ihm in jungen Tagen gemeinsamen Glcks die wundervolle,
weltverlorene Schnheit dieses Stckchens Erde erschlossen hatte.

Die Legende erzhlt, da Goethe und Carl August Anno 1776 von Apolda
aus hierher geritten sind, auf einem der vielen wilden Ausflge,
die der junge, lebenslustige Frst und der Dichter des Werther
damals so gerne machten, um dem steifen, hfischen Leben von Weimar
zu entfliehen. Oktober war es, und die steilen Saalehnge lagen im
Rauschgold des Herbstes. Der Weg war beschwerlich. Verlockend zwar
winkten von der Hhe des Berges, tief in bronzebraunes Laub gebettet,
die drei Schlsser, aber die Pferde waren mde. Verdrielich fragte
Goethe, dessen in neue Liebe verstricktes Herz nach der Stein bangte
und dem der gerade Weg nach Weimar der liebste gewesen wre, den
Freund: Du fhrst mich ja einen bsen Weg. Wird's sich auch lohnen?
Und Warte nur! entgegnete ihm Carl August, der seiner Freiheit froh
war und kein so dringendes Gelsten nach dem dumpfen, stickigen Weimar
trug, wenn wir oben sind, wirst du's sehen!

Und ja, es lohnte sich! Goethe, von jeher fr landschaftliche
Reize empfnglich wie kein anderer, war hingerissen. Das hatte er
nicht erwartet, und jeder, der zum erstenmal von den Terrassen der
Dornburgschen Schlsser aus auf das in friedvoller Ruhe daliegende
Saaletal herniederblickt, wird es verstehen, da Goethe zeit seines
Lebens mit immer gleicher Liebe an diesen Schlssern, dieser
Landschaft hing. Damals ruhte er, alter lieber Gewohnheit folgend,
nicht eher, als bis er den groen Eindruck, den die drei auf steilster
Bergeslehne thronenden Schlsser auf ihn gemacht hatten, im Bilde
festgehalten hatte. Die kleine Bleistiftzeichnung, die jetzt das
Goethe-Nationalmuseum in Weimar mit vielen anderen von Goethes Hand als
kostbarstes Vermchtnis aufbewahrt, schickte er, in Gedanken ja doch
immer bei Charlotte von Stein weilend, sofort an diese nach Kochberg,
und auf die Rckseite des Blattes schrieb er dazu die wenigen Worte

        Ich bin eben nirgend geborgen,
        Fern an die Saale hier
        Verfolgen mich manche Sorgen
        Und meine Liebe zu dir.

    Dornburg 16. Oktbr. 76.

Diese kurzen Verse und die Zeichnung sind die ersten wirklichen Belege
fr Goethes Bekanntschaft mit Dornburg -- vergeblich habe ich versucht,
was die Legende so hbsch erzhlt, durch Tatsachen zu erhrten, aber
so ergiebig die Goethe-Literatur auch sonst ist, hier versagt sie. Der
Briefwechsel mit Charlotte von Stein, der diese sehnschtigen Verse
zwischen einen rhrend hingebenden Abschiedsbrief an die Madonna
und den leidenschaftlichen Hymnus des Dichters An den Geist des
Johannes Sekundus stellt, und das Tagebuch mit den drei kargen Worten:
Dornburg. Camburg. Naumburg. bleiben nach wie vor einzige Quelle.
Aber gerade das Ungewisse -- das auch Goethe selbst durch keine, auch
nicht die kleinste uerung in seinen Schriften, Briefen und Gesprchen
spter aufzuhellen fr gut befunden hat -- breitet, wie um so vieles
in seinem Leben, auch um diese Episode den Schleier der Verklrung, und
was ihm selbst in seinem hohen Alter vielleicht Legende dnkte, bleibt
es nun auch fr uns.

       *       *       *       *       *

Hat Goethe damals, als er im Juli 1828 in seiner groen, bequemen
Reisekalesche von Jena die Saale abwrts nach Dornburg fuhr und, von
der untergehenden Sonne in rote Glut getaucht, die drei Schlsser vor
ihm auftauchten, jener fernen Zeit gedacht?

Sicherlich. Denn wenn er in Wirklichkeit auch allein im Wagen sa, als
Schatten begleiteten ihn doch der treue Lebensgefhrte, dem sie jetzt
in Weimar in der khlen Frstengruft soeben das letzte Lager bereitet
hatten ... und in Gedanken mgen die Lippen des greisen Dichters,
whrend das groe dunkle Auge in der von seligem Sonnenglanz erfllten
Weite hing, manch erinnerungsschweres Wort geformt haben, das dem toten
Freunde und gemeinsam verlebten Stunden galt. Zwar jener erste Besuch
auf Dornburg gehrte nun schon einer Welt, aus der fast alle, die sie
einst belebten, lngst ins Grab gesunken waren; aber da waren in den
nun zurckliegenden fnfzig Jahren hundert andere gewesen, die ihn,
allein und nicht allein, hierher gefhrt hatten, und sie alle splte
nun die Erinnerung wieder aus der Vergangenheit herauf, Fluch und
Gnade in eins, und wunderlich vermengte sich in unbewutem Nachdenken
Altes, das er lngst abgetan geglaubt, mit Neuem, das seine Seele jetzt
bewegte.

Mit leisem Rauschen trieb neben ihm, im Getrappel der Pferde
kaum vernehmbar, die Saale dahin, von grner Wiese und schwankem
Weidengebsch sanft gehegt, nur manchmal, wenn sich aus den weichen
Uferhngen starre Felsen drngten, in unwilligem Bogen ausweichend, dem
Strae und Wagen folgen muten. In den Ebereschen hingen schon rot die
Beerendolden.

Er dachte nach. Ferne Zeiten dmmerten herauf, die Jahre, da sein
Herz sich Tag und Nacht in heier Sehnsucht nach der geliebten Frau
in jenem stillen, groen Hause an der Ackerwand in Weimar verzehrte
... fast ging es, trotz der sommerlichen Wrme des Julitages, wie ein
erkltender Hauch ber ihn hin.

Da war der erste Besuch des Hofes, Anno 1777 im Juli ... die Herzogin
kannte Dornburg noch nicht, und wie Knebel an den in Pyrmont weilenden
Herder schrieb, soll sie geuert haben: Das ist der beste Tag, den
ich noch hier gehabt habe. Es ist mir wie in einem schnen Traum.
Arme blasse Luise! Das Schicksal hat dir nicht viele solcher Tage in
Weimar geschenkt, und oft genug magst du des heiteren Frhstcks
auf dem Fnfeck gedacht haben, das ein berherrlicher Morgen, wie
Goethe selbst damals in seinem Tagebuche jubelt, zu einer Stunde
reinsten Glckes werden lie ... Spter hatte dann der Herzog seinen
jungen Minister ein paarmal zur Rekrutenaushebung ins Land geschickt,
zur Auslesung -- keine angenehme Aufgabe, besonders nicht fr einen
Dichter, dessen Phantasie gerade um die hoheitsvollen Gestalten einer
Iphigenie, eines Orest schwingt. Ungefhres zuckte schmerzlich durch
sein Hirn.

Wir Enkel, die wir in den reichen Schtzen seines Erbes leben und atmen
drfen, wir brauchen nur wieder die Briefe an Charlotte von Stein
aufzuschlagen und finden Gewisses. Da schreibt er am 2. Mrz 1779 aus
Dornburg an die ferne Geliebte: Knebeln knnen Sie sagen da das Stck
sich formt, und Glieder kriegt. Morgen hab ich die Auslesung, dann will
ich mich in das neue Schlo sperren und einige Tage an meinen Figuren
posseln ... Jetzt leb ich mit den Menschen dieser Welt, und esse und
trinke, spase auch wohl mit ihnen, spre sie aber kaum, denn mein
innres Leben geht unverrcklich seinen Gang. Und zwei Tage spter:
Auf meinem Schlgen ist's mir sehr wohl, ich habe recht dem alten
Ernst August gedankt, da durch seine Veranstaltung an dem schnsten
Platz, auf dem bsten Felsen eine warme gute Sttte zubereitet ist
... Die Tage sind sehr schn, die Gegend immer allerliebst. Mit dem
Schlgen meint Goethe das mittlere der drei Dornburgschen Schlsser,
den Rokokobau. Denn nur dieses konnte damals bewohnt werden, da in dem
alten Schlo eine Barchentspinnerei untergebracht und das dritte, das
Stohmannsche Freigut, eben noch Freigut war und noch nicht dem Herzog
gehrte.

Und noch einmal taucht Dornburg in den Briefen an Frau von Stein
auf. Das ist 1782. Wieder zwingt den Dichter, wie er in seinem
Tagebuch offenherzig schreibt, das alberne Geschft der Auslesung
zum Militr, vier Wochen im Lande herumzureiten. Es ist Mrz und
die Frhlingsstrme blasen. So frchtet er schon in Jena, da das
Zusammentreffen mit der Geliebten in Dornburg, das in Weimar verabredet
worden war, nicht mglich sein werde. Und es wurde auch nichts daraus.
Am 16. Mrz geht dafr ein kurzer Brief aus Dornburg an sie ab, der
seine bange Sehnsucht und Erwartung schildert -- jetzt da es Nacht
wird sinckt mein Vertrauen nach und nach, und die Resignation tritt
ein -- und ihr meldet, da sein Mieting (das herrliche Gedicht auf
Miedings Tod) fertig ist. Inzwischen war auch der Herzog auf Dornburg
angelangt, mit Briefen von Frau von Stein, die dem Dichter Beruhigung
brachten. Ein Sonntagsbrief Goethes an sie meint nun: Jetzt ist mir's
lieber da Du nicht gekommen bist. Der halbgeschmolzene Schnee zwischen
den schwarzen Bergen und Feldern gibt der Gegend ein leidig Ansehn. Du
sollst sie im Sommer zum erstenmal besuchen. Und am Abend des gleichen
Tages lt ihn die Sehnsucht noch einmal zur Feder greifen: Es geht
morgen ein reitender Bote nach Weimar, so kannst du dies zum guten Tag
haben ... Leb wohl, ich bin dein. Meine Seele schliest sich in sich
selbst zusammen, wenn mir dein Anblick fehlt. Der Tag wre im brigen
still hingegangen, sie htten geplaudert und gelesen, wren auch ein
wenig spazieren gegangen. Ich bin ganz leise fleiig, ich mchte nun
Egmont so gar gerne endigen. Und seh es mglich.

[Illustration]

Das ist alles. Als Traum fliegt es durch die Erinnerung des sacht
Dahinfahrenden, Verse aus Iphigenie, Worte aus Egmont, hier mit dem
Blick auf die Saale und ihre Wlder und Felder geformt, klingen wie aus
verschtteten Tiefen herauf. Die Schluzeilen aus dem Mieding-Gedicht,
hier einst gefunden, als der Mrzsturm greulich die alten Felsen und
Mauern umtobte, gewinnen neue Bedeutung, da ihr zauberischer Klang nun
auch um ein anderes Grab schwingen darf:

    Fest steh dein Sarg in wohlgegnnter Ruh;
    Mit lockrer Erde deckt ihn leise zu,
    Und sanfter als des Lebens liege dann
    Auf dir des Grabes Brde, guter Mann!

Und leise aufsthnend deckt der alte Herr im Wagen, der so aufrecht
sitzt und dessen volles Kinn so gravittisch in der schneeigen Binde
ruht, die Augen auf einen Moment mit der Hand ... und denkt vielleicht
auch daran, da die, um die er hier in Dornburg und soweit die Welt
nur liegt in zehrender Liebe gebangt hat, nie die Dornburger Gegend
gesehen hat, die er ihr im Sommer einmal hatte zeigen wollen; da
auch sie seit fast zwei Jahren tot ist ...

Und das Bild einer anderen Toten steigt aus der Erinnerung, das hbsche
Bild Christianens, seiner Frau. Frohe Tage bringt es mit sich, die ihr
helles Lachen, ihr heiteres Geplauder, ihre stete Frsorge fr ihn
verklrten. Wie oft ist er mit ihr und August in Dornburg gewesen!
Damals prangte sie noch in allem Glanz der Jugend, war eine gute
Kleine, und August war noch ein Bbechen. Auch das ist lange her!
Der Briefwechsel zwischen Goethe und Christiane, den erst Hans Gerhard
Grf, nach unbillig langer Sekretierung, fr die Guten und nicht fr
die Bsen endlich zugnglich gemacht hat, erzhlt mancherlei von
diesen harmlosen Ausflgen. War Goethe in Jena, so fuhren die Geliebte
(die Goethe, wie aus frheren Briefen an Schiller hervorgeht, schon
lngst als seine Frau betrachtete, wenn sie das in Wirklichkeit auch
erst 1806 wurde) und der kleine August oft von Weimar hinber zu ihm,
und immer schlo sich dann eine jener Partien nach dem nahen Dornburg
an, die Christiane etwa dann die kindlich-reizenden Worte finden
lieen: Ich danke Dir noch herzlich fr das vergnnte Spchen! und
die in August, als er schon wohlbestallter Assessor und ein Lebemann
dazu war, noch sehnende Erinnerungen weckten ... Da heit es dann in
Goethes Tagebuch immer kurz und lakonisch: Mit den Meinigen nach
Dornburg oder: ... wir fuhren abends nach Dornburg; aber die wenigen
Worte sprechen fr sich, und die Innigkeit des Tones verrt deutlich
die reine vterliche Freude, die dem Dichter solche Familienausflge
gemacht haben mssen, zumal das zwanglose Landleben in Dornburg und
der Jahrmarkt im nahen Lobeda, dessen Besuch nie versumt wurde, der
lebenslustigen Christiane Gelegenheit genug geboten haben werden, ihre
Frohnatur zu zeigen.

Ihre Frohnatur ... und wieder finden sich willfhrig Verse, die
trstend aus der Vergangenheit herberklingen, als Schatten dem
Trumenden den Blick verdunkeln wollen:

    Froh glnzend Auge, Wange frisch und roth,
    Nie schn gepriesen, hbsch bis in den Tod.

Ja, bis in den Tod, und was einst, als sie in frchterlichem
Kampfe starb, Leere und Totenstille in ihm lie, das gestaltete
dankbare Erinnerung zu frhlichem Vermchtnis. Zu diesem frhlichen
Vermchtnis gehrt auch Dornburg.

Und andere Tage gleiten dem Fahrenden durch den Sinn, Tage, da er,
nun schon lange einsam geworden, allein in Dornburg weilte, nur in
der Zwiesprach mit den stillen Pflanzen und den stillen Steinen
Unterhaltung suchend, die ihm mit stummer Hingabe seine rtselnde
Liebe lohnten. Wie war das doch damals gewesen, als er in Jena das
Zettelchen des Kanzlers von Mller empfing, das ihn in kurzen, warmen
Worten nach Dornburg lud? Zehn Jahre sind es gerade her, aber der
Frhlingstag steht deutlich vor ihm. Wieder einmal war Dornburg ein
Bltenmeer ... Blthenburg, erzhlt der Kanzler von Mller in seinen
Unterhaltungen mit Goethe, sollte man Dornburg nennen, denn Dornen
fanden wir keine, aber duftende herrliche Blthen in Menge. Mller
war mit Julie von Egloffstein, Goethes schner Schlerin, von Weimar
nach Dornburg gefahren und erwartete den Dichter in dem allerliebsten
Feenschlchen, das am schroffen Felsabhange wie durch Zauberei
aufgerichtet scheint. Ernst und feierlich kam Goethe durch die Hecken
des kleinen Gartens geschritten. Im weiblauen Speisesaal wurde das
Mittagsmahl eingenommen, auf derselben Stelle, wo einst vor sechzehn
Jahren eine verwandte frhliche Gesellschaft bei hnlicher Lustfahrt
im heitern bermut auf rosenbestreuten Polstern unter Gitarrenspiel
und Gesang sich niedergelassen und dem Genius des Orts manch
geflgeltes Wort und Lied geopfert hatte. Und in heiterem Geplauder
verging der schne Sonnentag und endete in ernstem philosophischen
Gesprch. Es war als ob vor Goethes innerem Auge die groen Umrisse
der Weltgeschichte vorbergingen, die sein gewaltiger Geist in ihre
einfachsten Elemente aufzulsen bemht war. Mit jeder neuen uerung
nahm sein ganzes Wesen etwas Feierlicheres an, ich mchte sagen, etwas
Prophetisches.

So kam der Abend, die Luft war schwer von Bltenduft, in den
Fliederhecken begannen die Nachtigallen zu schlagen. Der Himmel stand
ber den Bergen des weiten Tals in rosiger Blue. Da erhob sich Goethe.
Lat mich, Kinder, sprach er, pltzlich vom Sitze aufstehend, lat
mich einsam zu meinen Steinen dort unten eilen; denn nach solchem
Gesprch geziemt es dem alten Merlin, sich mit den Urelementen wieder
zu befreunden. Und in seinen hellgrauen Mantel gehllt, den er als
Abendgewand so liebte (auch als er im Frhherbst 1815 bei Willemers auf
der Gerbermhle zu Besuch weilte, trug er, wie Marianne von Willemer
erzhlt, immer abends seinen wei flanellenen Hausrock), stieg er ins
Tal hinab, vorsichtig Schritt fr Schritt die morschen Stufen prfend,
ernst und feierlich, wie er am Mittag gekommen, aber jetzt in der schon
leise fallenden Dmmerung eine geisterhafte Erscheinung. Hin und wieder
blieb er ein Weilchen stehen, bckte sich nach Steinen, lie Blumen
und Grser durch die schne weie Hand gleiten. Und manchmal klang zu
den Zurckgebliebenen, die ihm wie gebannt nachsahen, gedmpft der
Klang des Hammers herauf, mit dem er den starren, schweigenden Fels
prfte oder kleine Gesteinteile fr sptere Forschungen abschlug ...
und so entschwand er allmhlich dem Blick, zerrann im Schatten der
Berge, kein Mensch mehr, nein, ein Gott, der mit der Natur um ihre
tiefsten Geheimnisse rang ... Merlin der Alte, der Dichter des Faust
und selbst eine faustische Erscheinung. Wir aber fuhren, so schliet
Mller unter traulichen Erinnerungsgesprchen durch das blhende
Jenaische Tal froh und heiter nach Hause.

Das war im April 1818 gewesen!

Jetzt schrieb man 1828. Wieder lag das Jenaische Tal in abendlichem
Glanze, auf den Feldern wogte das gelbe Korn, und in dem unendlichen
Himmel standen wie Pnktchen die Lerchen und erfllten die laue Luft
mit jubelndem Gesang. Statt des Flieders blhten auf den Terrassen der
Dornburg-Schlsser die Rosen, man sah sie nicht, aber der Wind trug
ihren Duft dem Wagen entgegen ... den schwachen Duft der zarten weien
und den starken der ppigen roten. Da kamen wieder die Erinnerungen,
verklungene Rosenzeit stand auf und bedrngte das Herz des einsamen
Mannes. In diesem Herzen war es Herbst, spter Herbst. Von der langen
Fahrt ermdet, die Seele dumpf erfllt von den dstern Funktionen
in Weimar, sank er fr einen Augenblick in sich zusammen: Schatten,
wohin er sah, schattenhaft die Jahre, die vergangen, schattenhaft
die Gestalten, die ihnen Qual und tiefster Lebensrausch gewesen! Von
vielen, vielen Toten er der einzig Lebende! Kam nun auch fr ihn
die Nacht? Ein khler Hauch vom nahen Mhlenwehr, an dem sie grad
vorberrollten, lie ihn leicht erschauern ...

Die Pferde qulen sich den Berg hinauf, die Rder mahlen im Sande. ber
dem Stdtchen Dornburg schwanken die Abendschatten. Und schattenhaft
auch das Schlo, das ehemalige Stohmannsche Freigut, als der Wagen
endlich hlt. Nur um die letzten Giebel hngt noch ein wenig blasse
Sonne -- so auch das alte Haus zu einem Symbol des eigenen Lebens
gestaltend, denkt er. Goethes Sekretr John und der junge Hofgrtner
Sckell empfangen ihn. Vor dem reichverzierten Renaissance-Portal stutzt
sein Schritt, das Auge fesselt flchtig ein lateinischer Spruch.

Wie lautet er?

    +Gaudeat ingrediens laetetur et aede recedens
    His qui praetereunt det bona cuncta deus. 1608.+

+Gaudeat ingrediens+ ... Freudig trete herein! murmeln seine Lippen,
und wie ein leiser Trost tritt da vor das trauervolle Herz Hatems das
Bild Suleikas.

Und an den Dienern vorbei, die Windlichter halten, schreitet Goethe,
nun wieder ganz verhaltene Wrde, gelassen ber die Schwelle und
verschwindet im Dunkel des Flurs.

Ruhe und Vergessen hat Goethe in Dornburg gesucht, beides hat er
gefunden. Die Natur tat ein briges und schickte ihrem Liebling
wundervolle Sommertage. Hofgrtner Sckell -- der ber ein Menschenalter
spter diese Zeit in einem kleinen Buch mit dem Titel Goethe in
Dornburg. Gesehenes, Gehrtes und Erlebtes geschildert hat -- hatte
ihm in dem neu erworbenen Schlo die sogenannte Bergstube im ersten
Stock eingerichtet, die in der Sdwestecke des winkligen Baues liegt.
Das Zimmer ist heute wieder in genau dem gleichen Zustand wie damals,
als Goethe es bewohnte. Das Eckfenster, aus dem der Dichter so gerne
ins Tal geblickt hat, trgt auf seinem Rahmen unter Glas die Inschrift:
1828 vom 7. Juli bis den 12. September verweilte hier Goethe.

[Illustration]

Es ist ein ganz einfaches Zimmer, das in seiner Schmucklosigkeit
lebhaft an Goethes Schlaf- und Arbeitszimmer in Weimar erinnert. Der
Fuboden rohes Holz, die niedrige Balkendecke wie die Wnde hellgrau
getncht. Auch die Mbel vllig schmucklos -- ein brauner Arbeitstisch,
ein Sekretr, ein paar Sthle, deren gestickte Polsterbezge von Frau
von Stein und Frau von Wolzogen stammen, zwischen den Fensterpfeilern
ein Tischchen -- das ist alles. Man betritt das rmliche Gemach durch
ein Empfangszimmer, das Kupferstiche und Bsten etwas wohnlicher
gestalten. Aber auch dies Zimmer war nur fr die Vertrauten, den
Besuch vornehmer Gste und Fremder nahm Goethe in dem benachbarten
Rokokoschlchen oder im Garten entgegen. Hinter der Bergstube, durch
eine niedrige Tr damit verbunden, die Schlafkammer. Ein schmales Bett,
ein grnes Sofa, ein paar Sthle, ein Schrank, ber dem Bett wenige
selbstgeschnittene Silhouetten, das ist auch hier das ganze Mobiliar.

Und doch hat sich Goethe in dieser rmlichen Umgebung glcklich
gefhlt, sehr glcklich sogar. Er lebte ja auch eigentlich nicht in
den engen Zimmern, sondern drauen in der Natur. Die Terrassen, der
Garten, der Hain, das weite Saaletal, das war sein Reich. Wieder
waren ihm die Pflanzen und die Steine die liebste Gesellschaft, in dem
stillen, ungestrten Verkehr mit ihnen fand er die ersehnte Linderung
fr den groen Schmerz, den ihm der pltzliche Tod des frstlichen
Freundes bereitet hatte, gewann er die ruhige Kraft zu den strengen
wissenschaftlichen Arbeiten, die auch hier seinen Tag ausfllten, und
tiefster Seelenrausch vor allem wurden ihm die lauen Augustnchte, wenn
das weite Tal ihm zu Fen im Licht des Vollmonds schwamm und die Berge
mit silbernen Konturen gegen den geheimnisvoll durchleuchteten Himmel
standen. In solchen Stunden fand sein beschwingter Mund Worte, die in
ihrer schweren Sigkeit an seiner jungen Jahre schnste Dichtungen
gemahnen. Sehnsucht nach einer geliebten Frau tat auch diesmal das
Ihre dazu. Als Goethe nmlich vor langen Jahren, es war im Herbst
1815, mit Marianne von Willemer und ihrem Mann in Heidelberg zusammen
gewesen war, hatten sich die beiden Liebenden in einer dufterfllten
Vollmondsnacht versprochen, bei jedem zuknftigen Vollmond einander im
Geiste nah zu sein. Der Hatem-Rausch war nun schon lngst verflogen,
die Zeit, von der die wundervollen Verse erzhlen: ... und noch einmal
fhlet Goethe Frhlingshauch und Sonnenbrand, war lngst im Spiegel
des West-stlichen Diwan eingefangen; aber die stille Neigung zu
Suleika hatte der Jahre flchtigen Lauf berdauert, und aufs neue
erwachte sie, als Goethe nun in Dornburg, drei Tage vor dem Eintritt in
sein achtzigstes Lebensjahr, nachts am Fenster seiner Bergstube stand
und geblendeten Auges, aufs tiefste erschttert, in die silberne Flle
des Mondes blickte ... er war im Geiste bei der Frau, die er seit jenem
frhlingshaften Heidelberger Herbste nie wieder gesehen hatte. Vom 25.
August 1828 stammt das Gedicht: Dem aufgehenden Vollmond. Es lautet:

    Willst du mich sogleich verlassen?
    Warst im Augenblick so nah!
    Dich umfinstern Wolkenmassen,
    Und nun bist du gar nicht da.

    Doch du fhlst wie ich betrbt bin,
    Blickt dein Rand herauf als Stern!
    Zeugest mir, da ich geliebt bin,
    Sei das Liebchen noch so fern.

    So hinan denn! Hell und heller,
    Reiner Bahn, in voller Pracht!
    Schlgt mein Herz auch schmerzlich schneller,
    berselig ist die Nacht.

Marianne erhielt das Gedicht am 23. Oktober von Weimar aus. Aber im
Begleitbrief heit es: Mit dem freundlichsten Willkomm die heitere
Anfrage: wo die lieben Reisenden am 25. August sich befunden? und ob
sie vielleicht den klaren Vollmond beachtend des Entfernten gedacht
haben? Beikommendes gibt, von seiner Seite, das unwidersprechlichste
Zeugnis.

Die Natur, die hier alles ist, war ihm wirklich alles. Er gab sich ihr
ganz hin. Schon das erste Tagebuchblatt aus Dornburg meldet: Frh in
der Morgendmmerung das Thal und dessen aufsteigende Nebel gesehen. Bey
Sonnenaufgang aufgestanden. Ganz reiner Himmel, schon zeitig steigende
Wrme ... Abends vollkommen klar. Heftiger Ostwind. hnliches
findet sich Tag fr Tag, und immer wiederholt sich die Bemerkung:
Auf der Terrasse spaziert. Sckell erzhlt, da er stets schon um
6 Uhr aufstand. Das Tagebuch bezeugt es. Wenn die Welt noch ganz
still und keusch in feierlicher Schnheit dalag, empfand er lebendig
das homerische Wort von der heiligen Frhe. Auch hier formt sich
seelische Erschtterung zu Versen:

    Frh, wenn Tal, Gebirg und Garten
    Nebelschleiern sich enthllen,
    Und dem sehnlichsten Erwarten
    Blumenkelche bunt sich fllen;

    Wenn der ther, Wolken tragend,
    Mit dem klaren Tage streitet,
    Und ein Ostwind, sie verjagend,
    Blaue Sonnenbahn bereitet,

    Dankst du dann, am Blick dich weidend,
    Reiner Brust der Groen, Holden,
    Wird die Sonne, rtlich scheidend,
    Rings den Horizont vergolden.

Genaueres ber sein Leben in Dornburg geben die Briefe, die er hier
geschrieben, darunter manche, die von der Schnheit eines lyrischen
Gedichtes sind. Der fast Achtzigjhrige war eben wieder ganz in
poetischer Bewegung, wie immer, wo er so unmittelbar in und mit der
Natur lebte wie hier. Rckhaltlos spricht er sich zu den alten Freunden
Zelter, Heinrich Meyer, Soret und Knebel aus. Seit fnfzig Jahren,
schreibt er bereits am 10. Juli an Zelter, hab' ich an dieser Sttte
mich mehrmals mit ihm (dem Groherzog) des Lebens gefreut, und ich
knnte diesmal an keinem Orte verweilen, wo seine Ttigkeit auffallend
anmutiger vor die Sinne tritt. Und nun schildert er, was Carl August
fr Dornburg alles getan, und deutlich sprt man zwischen den Zeilen
die tiefe, fast behagliche Freude des Genusses an all dem Schnen, was
hier Natur und Kunst in edlem Wettstreit bieten, ja, er malt frmlich,
und das Bild, das so von Dornburg entsteht, ist so plastisch, da
selbst jemand, der Dornburg und seine Schlsser nie gesehen hat, sich
dem Reiz der Darstellung nicht entziehen kann.

Ein vlliges Kunstwerk ist der groe Brief vom 18. Juli an Friedrich
August v. Beulwitz, den Generaladjutanten des neuen Groherzogs
Carl Friedrich. In ihm erscheint die ganze Dornburger Zeit in
poetischer Verklrung -- das Tagebuch nennt ihn ja auch die reflexive
Relation meines hiesigen Aufenthalts. Das lange und ausfhrliche
Schreiben beginnt mit jenem alten Distichon, das ber dem Portal des
Stohmannschen Freiguts in den Stein gemeielt ist; den lateinischen
Worten lt Goethe gleich die bersetzung folgen:

    Freudig trete herein und froh entferne dich wieder!
    Ziehst du als Wanderer vorbei, segne die Pfade dir Gott.

Und er schildert dann, wie er nach Verlauf von einigen Tagen und
Nchten der Trauer sich ins Freie gewagt und begonnen hat, die Anmut
dieses wahrhaften Lustorts still in sich aufzunehmen:

Da sah ich vor mir auf schroffer Felskante eine Reihe einzelner
Schlsser hingestellt, in den verschiedensten Zeiten erbaut, zu
den verschiedensten Zwecken errichtet. Hier, am nrdlichsten Ende,
ein hohes, altes, unregelmig weitlufiges Schlo, groe Sle zu
kaiserlichem Pfalzlager umschlieend, nicht weniger genugsame Rume zu
ritterlicher Wohnung. Es ruht auf starken Mauern, zu Schutz und Trutz.
Dann folgen spter hinzugestellte Gebude, haushlterischer Benutzung
der umherliegenden Feldbesitzer gewidmet.

Die Augen an sich ziehend aber steht weiter sdlich, auf dem solidesten
Unterbau, ein heiteres Lustschlo neuerer Zeit zu anstndigster
Hofhaltung und Genu in gnstiger Jahreszeit. Zurckkehrend hierauf an
das sdliche Ende des steilen Abhanges, finde ich zuletzt das alte, nun
auch mit dem Ganzen vereinigte Freigut wieder, dasselbe, welches mich
so gastfreundlich einlud.

Auf diesem Weg nun hatte ich zu bewundern, wie die bedeutenden
Zwischenrume, einer steil abgestuften Lage gem, durch Terrassengnge
zu einer Art von auf- und absteigendem Labyrinthe architektonisch
auf das schicklichste verschrnkt worden, indessen ich zugleich
die smtlichen bereinander zurckweichenden Lokalitten auf das
vollkommenste grnen und blhen sah. Weithingestreckt, der belebenden
Sonne zugewendete, hinabwrts gepflanzte, tiefgrnende Weinhgel;
aufwrts, an Mauergelndern, ppige Reben, reich an reifenden, Genu
zusagenden Traubenbscheln; hoch an Spalieren sodann eine sorgsam
gepflegte, sonst auslndische Pflanzenart, das Auge hchstens mit
hochfarbigen, am leichten Gezweige herabspielenden Glocken zu ergtzen
versprechend; ferner vollkommen geschlossen gewlbte Laubwege, einige
in dem lebhaftesten Flor durchaus blhender Rosen, hchlich reizend
geschmckt; Blumenbeete zwischen Gestruch aller Art.

Konnte mir aber ein erwnschteres Symbol geboten werden? deutlicher
anzeigend, wie Vorfahr und Nachfolger, einen edlen Besitz
gemeinschaftlich festhaltend, pflegend und genieend, sich von
Geschlecht zu Geschlecht ein anstndig bequemes Wohlbefinden emsig
vorbereitend, eine fr alle Zeiten ruhige Folge besttigten Daseins
und genieenden Behagens einleiten und sichern? ...

Von diesen wrdigen landesherrlichen Hhen sehe ich ferner in einem
anmutigen Tal so vieles, was, dem Bedrfnis des Menschen entsprechend,
weit und breit in allen Landen sich wiederholt. Ich sehe zu Drfern
versammelte lndliche Wohnsitze, durch Gartenbeete und Baumgruppen
gesondert; einen Flu, der sich vielfach durch Wiesen zieht, wo eben
eine reichliche Heuernte die Emsigen beschftigt; Wehr, Mhle, Brcke
folgen aufeinander, die Wege verbinden sich auf und ab steigend.
Gegenber erstrecken sich Felder an wohlbebauten Hgeln bis an die
steilen Waldungen hinan, bunt anzuschauen nach Verschiedenheit der
Aussaat und des Reifegrades. Bsche hier und da zerstreut, dort zu
schattigen Rumen zusammengezogen. Reihenweis auch den heitersten
Anblick gewhrend seh' ich groe Anlagen von Fruchtbumen; sodann aber,
damit der Einbildungskraft ja nichts Wnschenswertes abgehe, mehr oder
weniger aufsteigende, alljhrlich neu angelegte Weinberge.

Das alles zeigt sich mir wie vor fnfzig Jahren, und zwar in
gesteigertem Wohlsein, wennschon diese Gegend von dem grten Unheil
mannigfach und wiederholt heimgesucht worden. Keine Spur von Verderben
ist zu sehen, schritt auch die Weltgeschichte hart auftretend gewaltsam
ber die Tler. Dagegen deutet alles auf eine emsig folgerechte,
klglich vermehrte Kultur eines sanft und gelassen regierten, sich
durchaus mig verhaltenden Volkes ...

Nun aber sei vergnnt, mich von jenen uern und allgemeinen Dingen
zu meinen eigensten und innersten zu wenden, wo ich denn aufrichtigst
bekennen kann: da eine gleichmige Folge der Gesinnungen daselbst
lebendig sei, da ich meine unwandelbare Anhnglichkeit an den
hohen Abgeschiedenen nicht besser zu bettigen wte, als wenn ich,
selbigerweise dem verehrten Eintretenden gewidmet, alles, was noch an
mir ist, diesem wie seinem hohen Hause und seinen Landen von frischem
anzueignen mich ausdrcklich verpflichte.

Goethe selbst hat diesen Brief, der eben mehr als ein Brief, der eine
Konfession, eine Dichtung ist, zusammen mit einer Zeichnung jenes
Schloportals aufbewahrt, und Eckermann erzhlt in seinen Gesprchen
mit Goethe ergreifend, wie dieser ihm im Mrz 1831 Brief und Zeichnung
gezeigt, wie tief beides auf ihn gewirkt und wie der greise Dichter es
dann wieder in einer besonderen Mappe fortgelegt hat, um beides fr
die Zukunft zu erhalten.

       *       *       *       *       *

Goethe htte nicht Goethe sein drfen, wenn nicht die Einsamkeit, die
er in Dornburg suchte, schlielich illusorisch geworden wre. Alle
Welt besuchte ihn hier, und vielleicht hat er deshalb die Morgen- und
Abendstunden so geliebt, weil er da wirklich allein war und sich ganz
den geliebten Naturstudien widmen konnte. Es entspricht aber seinem
Wesen, das auch Anregung durch geistigen Gedankenaustausch in Wort und
Schrift brauchte, da er ber die vielen Besuche keineswegs ungehalten
war.

Auch darber plaudert der ihn die ganze Zeit ber betreuende Hofgrtner
sehr hbsch in seinem kleinen Bchlein. Kam die Schwiegertochter mit
Eckermann und den Enkeln von Weimar herber, so war er sogar froh und
berlie sich ganz dem grovterlichen Behagen. Reizend schildert
Eckermann selbst so einen Besuch (Er schien sehr glcklich zu sein,
meint der Getreue) und lt dann Goethe selbst reden: Ich verlebe hier
so gute Tage wie Nchte. Oft vor Tagesanbruch bin ich wach und liege
im offenen Fenster, um mich an der Pracht der jetzt zusammenstehenden
drei Planeten zu weiden und an dem wachsenden Glanz der Morgenrte
zu erquicken. Fast den ganzen Tag bin ich sodann im Freien und halte
geistige Zwiesprache mit den Ranken der Weinrebe, die mir gute Gedanken
sagen, und wovon ich auch wunderliche Dinge mitteilen knnte. Auch
mache ich wieder Gedichte, die nicht schlecht sind, und mchte berall,
da es mir vergnnt wre, in diesem Zustande so fortzuleben.

Aber auch Besuche anderer Art erfreuten ihn. So brachte Soret den
jungen Erbgroherzog zu ihm, die Herzge von Wellington erwiesen ihm
ihre Reverenz, und mit dem Kanzler von Mller mag er, vielleicht ein
wenig wehmtig, Erinnerungen an entschwundene Zeiten ausgetauscht
haben. Fast immer hatte er, wie Sckell als getreuer Chronist erzhlt,
sechs bis zehn Personen zu Tisch, und oftmals hat es den braven
Hofgrtner Mhe genug gekostet, ein Men zusammenzustellen, das Goethe
befriedigte. Denn so wenig Goethe fr sich selbst bentigte, so groe
Ansprche stellte er, wenn es galt, Gste zu bewirten.

       *       *       *       *       *

Und so kam der Tag, da er sich wieder von Dornburg trennen mute ...
auch den Greis rief noch die Pflicht.

[Illustration]

Es war mittlerweile Herbst geworden, die Rosen waren verblht, und auf
die geliebte Bacchantin im Garten hinter dem kleinen Schlo sanken
schon die ersten welken Bltter. Das Wetter war auch nicht mehr recht
bestndig, und das Tagebuch meldet immer hufiger Nebel und Regen.
Trotzdem ist ihm der Abschied schwer geworden. Denn die Tage, die er in
Dornburg verlebt hat, gehren zu den innerlich reichsten seines Alters.
Das Abschiedsdistichon, das er dem lateinischen Portalspruch von 1608
nachempfunden hat, deutet ergreifend den Zustand seines Innern:

    Schmerzlich trat ich hinein, getrost entfern' ich mich wieder;
    Gnne dem Herren der Burg alles Erfreuliche Gott.

Tagelang wird gepackt. Versuchte mich immer wieder abzulsen, seufzt
er im Tagebuch noch einen Tag vor der Abreise. Am 11. September verlt
er dann endlich Dornburg. Am gleichen Tage noch ist er in Weimar
eingetroffen, rstig und ganz braun von der Sonne, auch heiter und
freien Gemts, erzhlt Eckermann; blickte man aber tiefer, so konnte
man eine gewisse Befangenheit nicht verkennen, wie sie derjenige
empfindet, der in einen alten Zustand zurckkehrt, der durch mancherlei
Verhltnisse, Rcksichten und Anforderungen bedingt ist.

Noch zweimal war Goethe in Dornburg, 1829 und 1830. Beide Male im
August. Fremde begleiteten ihn. Das letztemal mute der Hofgrtner
Sckell wieder fr ein Mittagsmahl im kleinen Schlchen sorgen, es
gab sogar Sekt. Beim Abschied hielt Goethe lange die Hand des treuen
Mannes, mit dem ihn Erinnerung an schnste Zeit verband ... trbe
Ahnung bedrngte beider Herz. Dort oben sehen wir uns wieder! waren
Goethes letzte Worte.

Noch einmal umfing das groe strahlende Auge, rckwrts gewandt, die
geliebte Landschaft, als der Wagen die Landstrae auf Jena zurollte,
dann nahm eine Wegbiegung den Blick. Als Traum nahm Goethe mit in die
Ewigkeit hinber, was so oft ihm Entzcken im Leben gewesen.




Bei den Toten Weimars

            Dann, scheiden sie von diesem heil'gen Ort,
            Wird als Geleitspruch sie umschweben
            Das tapfre, siegesfreud'ge Wort
            Des, der ein Kmpfer war: Gedenkt zu leben!

                ~Paul Heyse~


Lange leben heit viele berleben. So der alte Goethe an Zelter, als
dessen Sohn stirbt. Das Wort ist berhmt. Der skeptische Seufzer eines
Vielerfahrenen, um den schon die dnne Luft der Einsamkeit schwankt,
und also Maxime, die Weltanschauung prgt. Es frstelt einen. Und an
gleicher Stelle, wo dies leidige Ritornell erklingt, heit es mde
weiter: Mir erscheint der zunchst mich berhrende Personenkreis wie
ein Konvolut sibyllinischer Bltter, deren eins nach dem anderen, von
Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt ...

Eine fast mephistophelische Erkenntnis!

Doch ein anderes Wort des Greises loht aus den schweren Schatten
dieser Melancholie wie Fanal hervor. Wieder gilt es Zelter, dem
Getreuen. 1830. August, den Sohn und Erben, hat in Italien der Tod
ereilt, der einem unseligen Leben Ziel setzte. Trost wehrt Goethe
ab. Prfungen erwarte bis zuletzt! schreibt er, seltsam gefat und
ruhig, nach Berlin. Satz fr Satz des Briefes entschwebt im gleichen
getragenen Ton. Bis pltzlich das Feuer dieses Herzens noch einmal in
steiler Flamme aufschiet und in dem Schluwort: Und so, ber Grber,
vorwrts! Trauer sich wandelt zu heroischer Geste.

Geht man in Weimar zu den Pltzen, wo die Toten ruhen, so werden diese
Goethe-Worte seelische Begleitmusik dem Wege, den man schreitet.

       *       *       *       *       *

Zwei solcher Pltze hat Weimar.

Da es noch die kleine, weltverlorene Residenz, deren kaum gekanntem
Namen nur der wilde Ruhm des Herzogs Bernhard im Dreiigjhrigen
Kriege flchtigen Klang gegeben, trug man die Toten der Stadt auf den
Jakobsfriedhof. Den winkeln noch heute Gassen so eng ein, da ihn nur
findet, wer ihn sucht. Steht man auf der Hhe ber Weimar, vor dem
Prunkbau des Museums, dann sieht man hinter der alten Asbach-Talmulde
wohl den schwarzen Turm der Jakobskirche spitz und schlank aus dem
braunen Dchergewirr steigen ... mit den Trmen von Schlo und
Stadtkirche weithin uraltes Wahrzeichen der Stadt. Aber kaum betritt
man diese selbst, so verschwindet er, Huserzeilen fangen das Auge, und
vor Straenbahn und Auto verkriecht sich das Gestern, als ob es nicht
stren wollte.

So tot ist es in Weimar nirgends wie hier auf diesem Friedhof. Fachwerk
und Giebelwand, draus schlfrig halbblinde Fenster blinzeln, ein Stift,
ein karger Garten ber brckelnder Mauer -- das ist der rmliche Rahmen
einer Sttte, wo ganze Geschlechter den letzten Schlaf fanden, noch
jetzt auf Stein und Sulenstumpf Namen von Glanz prunken.

Einst hrdeten Mauern den Platz. Eine Totengasse mit schmaler
Pforte fhrte zu ihm. Die Mauern sind gefallen, als neue Zeit den
Hgelwirrwarr der Vergangenheit einebnete, Licht und Luft schuf,
wo Trauerweide und Rosenstock sich im Laufe von Jahrhunderten zu
undurchdringlicher Wildnis verstrickt hatten ... ja, die Mauern sind
gefallen, und der Weg der Toten heit jetzt weniger triste die Kleine
Kirchgasse. Aber die Kirche steht wie ehedem, da man sie, Anno 1712,
in schmucklosem Barock neu aufbaute, schwer wuchten ihre Quadern aus
dem Rasenboden, schwer lastet das gebrochene Dach auf ihren steilen
Pfeilern. Und auch der Grber hat man etliche geschont. Verstreut
liegen sie in die Kreuz und Quer.

Und wie man so von einem Grab zum andern geht, hier an einem vllig
eingesunkenen Hgel verweilt, dort versonnen die verwitterten
Steinplatten betrachtet, die verloren an der Kirchenmauer lehnen, naht
Erinnerung und schlgt in Bann.

Denn wurde hier nicht, ein Maiabend war's, und nie htten, wie Caroline
von Wolzogen erzhlt, die Nachtigallen so anhaltend und volltnend
gesungen wie in dieser Nacht, Schiller beigesetzt? Verse Conrad
Ferdinand Meyers klingen auf:

    Ein flatternd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg
    Mit keinem Kranz, dem krgsten nicht, und kein Geleit!
    Als brchte eilig einen Frevel man zu Grab.
    Die Trger hasteten. Ein Unbekannter nur,
    Von eines weiten Mantels khnem Schwung umweht,
    Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius war's.

Schrecklich! Man sieht den dnnen, im Fackellicht gespenstisch
schwankenden Zug in der finsteren Totengasse, sieht, ganz in dunklen
Schatten, das Kassengewlbe an der Mauer, das mit schwarzem Tore
wartet ... ungeduldig wartet, nur wieder zufallen zu knnen hinter dem
gemeinen Tannensarg. Man sieht das, derweilen man vor der Marmortafel
grbelt, die da, wo bis 1853 das Kassengewlbe stand, in die Mauer
eingelassen ist. Und die in steifen Lettern nchtern erzhlt, da hier
Schillers erste Begrbnissttte.

Nun ruht er ja in der Frstengruft. 1825, zwanzig volle Jahre spter,
nur noch Schdel und nacktes Gebein, dorthin gebracht, als man schon
kaum mehr am zerfallenen und vermoderten Sarg feststellen konnte, ob
es auch wirklich sein Schdel, wirklich sein Gebein war, die am ehrte,
Goethe im ernsten Beinhaus erst den richtigen Schdel an seiner
geheimnisvollen Form, an der gottgewollten Spur herausfinden mute.

[Illustration]

Diese zwanzig Jahre sind fr das Weimar Goethes und Carl Augusts ein
bses Rtsel. Wie war das mglich? Hatte Knebel recht, der einmal an
seine Schwester Henriette schreibt: Es ist sndlich, wie man in Weimar
mit den Toten umgeht; ber Personen, die wirkliche Verdienste fr
sich und die Gesellschaft hatten, habe ich acht Tage nach ihrem Tode
auch nicht einen Laut mehr reden hren! Knebel meint, 1802, Corona
Schrter. Aber das Vergessen, das diese in Ilmenau begrub, hielt auch
die Pforte des Kassengewlbes auf dem Jakobsfriedhof geschlossen
... ein Vergessen, das um so unverstndlicher, als der Weimarer Hof
doch Sonntag fr Sonntag hier an den Grbern vorbei zum Gottesdienst
schritt, da die Jakobskirche zugleich Hofkirche war.

       *       *       *       *       *

Es war im Oktober 1806. Der Krieg war ber Weimar dahingegangen. Goethe
hatten im eigenen Hause Marodeure attackiert, Christiane, damals
noch Demoiselle Vulpius, hatte ihm durch Geistesgegenwart das Leben
gerettet. Dankbar machte er sie auch vor der Welt jetzt zu dem, was
sie, seines August Mutter, fr ihn selbst schon lngst war: zu seiner
Frau.

In der Jakobskirche war die Trauung. In der Sakristei. Hart daneben an
der Mauer, fr alle, die zur Sakristei gingen, nicht zu bersehen, das
Kassengewlbe. Wenig mehr als ein Jahr war es her, da Schiller hier
beigesetzt. Wenig mehr als ein Jahr, da Goethe an Zelter geschrieben:
Ich glaubte, mich selbst zu verlieren, und verliere einen Freund und
mit ihm die Hlfte meines Daseins. Wenig mehr als ein Jahr, da er den
Toten in seinem Epilog zur Glocke in Lauchstdt schwrmend gefeiert.
Aber nichts deutet darauf hin, da ihm die triste Gruft, armselig und
wrdelos wie die Bestattung, die ihr der Menschheit Genius zugefhrt,
je gerhrt ... auch nicht, da er, Christiane am Arm, hier zur Trauung
schritt. Der Lebende hat recht! heit es im Faust. Goethe sah die
Gestorbenen nur noch als Scheinbilder, die er, der Realist, negierte,
so sehr er sie auch bedauerte und betrauerte.

Tragisches Geschick, da die, die hier in spter Trauung Erfllung
ihrer Lebenstrume fand, zur gleichen Sttte als Tote kehrte! Auch
sie bestattet, als ob sie irgendeine beliebige Brgersfrau und nicht
Christiane von Goethe, eines Goethe Frau und Exzellenz gewesen. Wenn
heute wenigstens Eisengitter und Steinplatte den Platz schmcken, wo
sie seit 1816 still und alleine ruht (hchstens gleicher Erde mit ein
paar ihrer kleinen totgeborenen oder schnellgestorbenen Kinder), so ist
das Liebesdienst von Goethe-Freunden. Mann, Sohn und Enkel fanden nie
den Weg ... der Mann, dem sie ein Menschenalter Hausfrau und rhrendste
Geliebte, der bei ihrem Tode ergreifend klagte, da der ganze Gewinn
seines Lebens wre, ihren Verlust zu beweinen; der Sohn, dem sie die
beste Mutter und Freundin; die Enkel, die doch auch ihres Blutes.

[Illustration]

Arme Christiane! Da hat man alle die, die zur Familie Goethe gehren,
auf anderem Friedhof sorglich vereint, selbst die fremden Frauen, die
August, der Sohn, durch seine Heirat in diese Familie hineingefhrt;
da hat man deines eigenen Gatten Sarg neben den Srgen von Herzgen
und Herzoginnen in frstlicher Gruft aufgestellt ... nur dich hat man
vergessen. Das ist Feme und ist Unrecht noch ber den Tod hinaus!

Denn du warst doch seine Frau!

Aber ob Frhling oder Sommer, ob Herbst oder Winter, nie flattert eine
Blume auf dein kaltes Grab, und da sich jemand ber das Gitter lehnt
und mit dir leise Zwiesprach hlt, dir liebe Worte zuruft, den dunklen
Stein, der deinen Namen trgt, mit Blicken streichelt, ich frchte,
es geschieht nicht oft. Hchstens der Wind, der durch Weimars enge
Straen luft, der bringt dir vielleicht zuweilen einen Gru, weht
Schmeichellaut dir zu und Ku vom fernen Garten am Stern, wo du, ein
loses, leidig-liebes Mdchen, einst in rmisch-schwler Nacht von
Goethe den Sohn empfangen. Da mag vielleicht dann auch das Rauschen
der Ilm an dein schlafendes Ohr dringen, und mit ihm die Stimme des
Freundes. Alt ist das Lied, das diese Stimme singt, und traurig ist es
auch. Wie geht es doch?

    Fliee, fliee, lieber Flu!
    Nimmer werd' ich froh,
    So verrauschte Scherz und Ku
    Und die Treue so.

Die Bume ber dir, sie fangen den Klang auf. Und die Treue so! klagt
das Echo. Die Kinder, die in wildem Spiele hier ber die Grber toben,
berlrmen es. Und der Wind der Gasse fegt Unrat zusammen, wo Rosen
blhen sollten.

       *       *       *       *       *

Noch eine andere Christiane liegt auf dem Sankt-Jakobsfriedhof
begraben, auch eine Goethesche. Christiane Becker, geb. Neumann.
Euphrosyne hat Goethe sie genannt, als Euphrosyne hat er die kleine,
blutjung gestorbene Schauspielerin unsterblich gemacht in unsterblichem
Liede. So eine Schwester der Corona, ist sie wie diese Gestalt in den
Werken: Mignon, -- Mdchen und lieblichstes Kind und auch verstellter
Knabe. Oder, wie das Gedicht an anderer Stelle will:

    Knabe schien ich, ein rhrendes Kind, du nanntest mich Arthur
    Und belebtest in mir britisches Dichter-Gebild ...

Ein Goethe-Geheimnis umschwelt das bescheidene Grab. Auch hier Stein
und Gitter, nichts weiter. Aber die darunter schlft, Gattin und
Mutter wider Willen, sie ward nicht vergessen. Liebe gab ihr Anno
1800 im Park, auf dem Rosenhgel des Rothuser Gartens, eine Sule
mit Inschrift. Heinrich Meyer entwarf sie, der Bildhauer Dll fhrte
sie aus: Genien im Tanz, die Spitze lodernde Flamme. Als der Parkteil
Privatbesitz wurde, die Besitzer eigenschtig die Sule vor fremdem
Blicke bargen, lie Wildenbruch sie kopieren. Mit neuen Versen von
ihm steht sie nun auf dem Hgelhang neben Goethes Garten am Stern,
von Efeu umhkelt, von wilden Veilchen und, kommt der Herbst, von
Herbstzeitlosen umblht ... ein ses, trauriges Lied, das Monument
geworden.

Stein auch die anderen Grber des Jakobsfriedhofs, Zopf und Empire in
Stil und Schnrkel. Mhsam entziffert man die Lettern. Da ruht Georg
Melchior Kraus, der Maler, dem halb Weimar sein Bildleben in Stich und
Aquarell dankt, Freund und Reisebegleiter Goethes. Da Johann Joachim
Christian Bode, der bersetzer: Freunde setzten ihm dies Denkmal,
dem Leser zur Erinnerung, fr sie bedurfte es keines. Musus, der
Mrchendichter. Und ein ganz Groer: Lukas Cranach. Der Stein lehnt
an der Kirchenmauer, eine Nachbildung. Das Original findet man in
der Stadtkirche ... in der uralten Stadtkirche zu St. Peter und Paul
auf dem Herderplatz, deren schnster Schmuck das Altargemlde Lukas
Cranachs, deren Allerheiligstes die Gruft Anna Amalias. Und ein
paar Schritte ab unter der Orgelempore, die ihres Freundes Herder.
So mischen sich in Heiligenlegende und Frstenhistorie, hier seit
Jahrhunderten gehtet in magischem Dmmer, die Stimmen der Vlker in
Liedern, denen der Fromme sein Leben lang begeistert gelauscht.

[Illustration]

Auch er liegt hier allein, fern der Frau, die ihm Gefhrtin und Mutter
so vieler Kinder war. Wer das Grab Caroline Flachslands sucht, mu
zurck zum Jakobsfriedhof ... ohne es wahrscheinlich dort zu finden.
Denn es ist eins der vielen namenlos gewordenen Grber, grasverwachsen,
eingesunken der Hgel, und die Inschrift des Steins haben die vielen
Kinderfe verwischt, die hier jahraus, jahrein darber hinwegtollen:
junges Leben, das der Majestt des Todes nicht achtet und Haschen
spielt, wo dem Wissenden Trauer das Auge verschleiert.

Nachts, wenn der Mond die Giebel der Huser mit Silberlicht betrufelt,
geht zwischen den Grbern hier die Vergangenheit spazieren. Rckt hier
an einem schiefgewordenen Stein, legt dort einen frommen Kranz nieder.
Die Bume seufzen. Doch naht der Morgen, der Sonne bringt, verfliegt
der Spuk, und die Steine liegen wieder schief, und die Krnze sind
verschwunden.

Bis 1840 etwa brachte Weimar noch Tote auf den stillen Kirchplatz. Aber
schon 1818 wurde der Neue Friedhof vor dem Frauentor erffnet, oben
am Poseckschen Garten, wo jetzt in Anlagen das Wildenbruch-Denkmal
steht ... und so modern Anlagen und Denkmal sind, das braune Posecksche
Haus dahinter, ganz die Zeit um 1800, dmpft das Heute, ist der
abgelegenen Gegend Kulisse der Vergangenheit und ein Stck Goethe-Welt,
die das Gestern beschwrt.

Und Goethe-Welt ist dieser Friedhof, nun schon lange wieder zum Alten
Friedhof geworden. Verwittert die Mauer, angerostet die Gittertore.
Bumchen und Strucher von einst Wipfelgebirge und ppig wucherndes
Gebsch. Die schwanke Trauerweide, die man dem ersten Toten, der hier
1818 bestattet wurde, einem Schauspieler Eulenstein, auf den Grabhgel
gesetzt hat, ist Riesenbaum geworden, der weithin ber andere Grber
schattet. Bei diesen Grbern wohnt die letzte Stille, wohnt die
Vergessenheit. Hier hrt das Leben Weimars auf.

Hrt es auf? Beginnt es nicht erst?

Durch die Baumwipfel fllt schrg die Abendsonne. Sie vergoldet das
Kreuz auf der Frstengruft. Es gibt nicht nur der schattendunklen Allee
Licht, die zu Coudrays schnem Bau fhrt, es leuchtet Deutschland und
der Welt. Denn hier ruht Goethe. Flsterlaut der Grabkapelle wird
Andacht und Schweigen in der Gruft. Wie khl Wand und Gewlbe! Wie dnn
die Luft! Und doch atmet man schwer, atmet beklommen; es ist, als ob
der Takt des Herzens frchte, in all den stummen Srgen Echo zu wecken.

Welke Krnze. Schleifen. Kandelaber, die Krepp umflort. Steil
darauf die Kerzen. Blumen, die im Vergehen duften ... Treue hat sie
niedergelegt auf Goethes Sarg, auf Schillers Sarg, auf Carl Augusts
Sarg. Holz, Samt, Bronze, so stehen sie da, diese Srge, auf kaltem
Steinpodest, von kaltem Stein umgeben. Nur die der beiden Dichter
tragen Namen. Fr die anderen gibt die Eintrittskarte, zugleich ein
Orientierungsplan, stumm die Erklrungen. Und da findet man das ganze
Weimarische Frstenhaus, von Herzog Wilhelm IV., dem Stammvater, bis
auf Carl August und Luisen, Carl Friedrich und Maria Paulowna, Carl
Alexander und Sophie. Groherzge, Erbgroherzge, Herzge und
Prinzen und ihre Frauen ... eine ganze erlauchte Dynastie.

[Illustration: _Die Frstengruft auf dem Alten Friedhofe am Poseckschen
Garten_]

Und mitten unter ihnen, mehr als sie alle von Gottes Gnaden Knigliche
Hoheit: +GOETHE+.

Es ist sein Name, den das goldene Kreuz der Kuppel in die Welt brennt,
es ist sein Gebein, das diese Gruft heiligt, es ist sein Geist, der von
hier aus unablssig ber Grber vorwrts dringt und immer neuen Segen
spendet.

Noch drei andere Kreuze schimmern hell in der Abendsonne. Gleich hinter
der Frstengruft. Auf drei Zwiebeltrmchen. Auf dem hchsten das
russische mit dem zweiten schrgen Querbalken. Das ist die Russische
Kapelle, ganz in Grn versteckt, ganz von Grbern bis dicht an die
Mauern umbrandet, 1858 fr die tote Maria Paulowna gebaut, die dem
Glauben ihres Vaterlandes treu geblieben war. Da steht ihr Sarg nun an
geweihter Sttte und doch nahe dem des Gatten in der Frstengruft: Carl
Friedrichs, und ruft der Jngste Tag, an den sie beide glaubten, dann
knnen sie aus ihren Sarkophagen Hand in Hand zum Licht emporsteigen,
die russische Kaisertochter und der deutsche Frst, dem zuliebe sie
einst die Heimat geopfert.

Dann gesellen sich vielleicht auch Treue aus den Grbern zu ihr. Ihr
halber Hofstaat liegt ja hier. Ihre Oberhofmeisterin zum Beispiel,
die Grfin Ottilie Henckel von Donnersmarck, Ottilie v. Pogwischs
Gromutter, der unweit eine feierliche Steinkammer letzte Ruhesttte
ist. Oder andere, Hofdamen und Kammerfrauen ... das russische Kreuz
kehrt immer wieder, zuweilen in gleichem Gitter dem unsrigen auf
zweitem Grab vereint, wo dann Gatten verschiedener Konfession ruhen.

Und wie man durch die Grberreihen geht, hier vorsichtig ein
morsches Holzkreuz meidend, das schon wieder Erde werden will, dort
von verwittertem Stein die Efeuranken hebend, um die Inschrift zu
entrtseln, bedrngt Vergangenheit immer strker das Herz. Eine tote
Zeit steht auf. Namen klingen, die in Bchern ewiges Leben; der ganze
Goethe berhrende Personenkreis ist hier Hgel an Hgel, Mal fr Mal
versammelt.

Da gleich neben der Frstengruft der Obelisk gilt Eckermann. Carl
Alexander hat ihn seinem Lehrer in dankbarer Erinnerung errichtet.
Und Gthes Freund ... wie die andere Seite meldet. Auch Johanna
Eckermann, die Frau, geb. Bertram aus Hannover, ruht hier auf dem
Alten Friedhof. Sie hatte, eine alternde Braut, lange gewartet, ehe der
ewig unentschlossene Brutigam sie nach Weimar holte ... vielleicht war
auch Goethe schuld, der Eckermann fr sich allein haben wollte. Es ist
auch nur ein kurzes Glck gewesen: 1834 schon starb Johanna, und da
strte niemand mehr den Eckermann, ganz seinem Goethe zu leben.

Da liegen an der Mauer, hart an der Strae, eintrchtig beieinander
Pius Alexander Wolf, der Schauspieler, Riemer und seine Frau Caroline,
geb. Ulrich (die Uli, Christianens muntere Gesellschafterin), Carl
Augusts Leibarzt +Dr.+ Huschke, die Schauspieler Eduard Genast und
Carl Ludwig Oels. Auch Heinrich Meyer liegt hier mit seiner Frau,
Goethes alter Freund und langjhriger Hausgenosse am Frauenplan, der
Kunschtmeyer, wie man ihn spttelnd nannte ... und gewi erzhlt die
Historie manche Schnurre von ihm; aber sie wei auch, da er den Tod
Goethes nicht verwinden konnte und ihm wenige Monate spter nachstarb,
wei, da er ein Philanthrop war, dem das dankbare Weimar das hbsche
Denkmal setzte, das hier an ihn erinnert.

Gegenber ein schlichter Stein auf flachem Hgel: Christine Kotzebue
aus Wolffenbttel, geb. Krger, des berhmten Kotzebue Mutter, die Frau
von Anna Amalias Kabinettssekretr ... aber whrend der schon 1765
starb, hat sie bis 1828 gelebt. Und hat also Ruhm, Schande und sogar
den hlichen Tod des groen Sohnes erlebt und berlebt: welch ein
Mutterschicksal!

Drben die andere Mauer aber, hinter der der Neue Friedhof
beginnt, ist strkere Lockung. Alt-Weimar hat hier zunchst seine
Geschlechtertafeln: die Ludecus und Coudray, die Conta und Buchwald,
die Falk und Kirms, die Thon und Swaine ... schlichte schwarze
Eisentafeln mit goldenen Buchstaben, einfach in die Mauer eingelassen,
mit der sie nun, efeubersponnen, fast eins. Aus Johannes Falks, des
Waisen- und Kinderfreundes, Grab wchst eine riesige Linde hervor:
Unter dieser grnen Linden / Ist durch Christus frei von Snden / Herr
Johannes Falk zu finden ... betet einfltig-rhrend die Steinplatte.
Und dankbar denkt man seines Kriegsbchleins, das so hbsch Weimars
Kriegsdrangsale in dem Zeitraum von 1806 bis 1813 schildert.

Auch die Familie Mieding hat hier ihren Platz ... man wei: Goethes
Gedicht Auf Miedings Tod; aber der gute Mann, den der junge Goethe
so gepriesen, der liegt hier nicht, lag wohl an der Jakobskirche; es
sind Nachfahren, die an ihn mahnen.

       *       *       *       *       *

[Illustration]

Und hier an der Mauer auch das Grab oder die Grabstellen, um
deretwillen Fremde von weit her kommen: Charlottens und das der Familie
Goethe. Alltag verfliegt, steht man davor, und Frauenplan und Ackerwand
bauen aus lngst verflogenen Stunden Glckes wie Leides Zauberwelten
auf. Die Goethe Gesellschaft hat Frau von Stein dies Denkmal errichtet:
in Sandsteinumrahmung das Marmormedaillon mit dem zarten, etwas
schwermtigen Kopf Charlottens. Darber der Goethesche Stern. Das Ganze
ein wenig steif, ein wenig frmlich -- unsinnlich, wie die, der es
Erinnerung. Wind macht sich auf, und die Bume ringsum rauschen. Selbst
der Efeu rauscht. Da fngt das Ohr vertrauten Laut:

    Sag', was will das Schicksal uns bereiten?
    Sag', wie band es uns so rein genau?
    Ach, du warst in abgelebten Zeiten
    Meine Schwester oder meine Frau ...

Der Goethe von 1776. Zehn Jahre, und das Glck (das nie ein Glck
gewesen, hchstens ein Schein-Glck) zerbrach. Freundschaft versuchte,
als der Lebensabend nahte, die Scherben zu kitten. Aber als man die
Tote, letztem Willen ungehorsam, an den Frauenplanfenstern vorbertrug,
verbarg sich der, dem sie in abgelebten Zeiten Schwester oder Frau.

Iphigeniens Seele. Eleonorens. Charlotte in den Wahlverwandtschaften.
Die Grfin im Wilhelm Meister. Briefgeliebte wie keine andere
deutsche Frau und, in Stunden des Rausches, vielleicht auch Glck den
heien Sinnen. Nun ein starres Medaillon aus kaltem Stein, Augen, die
ins Leere blicken, die suchen und nie mehr finden. Denn der Goethe der
Frstengruft, ein allem Irdischen Entrckter, blickt von ihr weg nach
Osten. Das Alles um Liebe tnt seinem Ohr nicht mehr.

Es tnt nur uns.

       *       *       *       *       *

Daneben Goethes Familie. Fnf flache Hgel ... jeder Bourgeois-Hgel
auf grostdtischem Massenfriedhof zeigt mehr Prunk. Aber ber diesen
fnf Hgeln liegt in der Mauer, die die Namensplatten trgt, in
Tempelnische die se Mdchengestalt, die selbst Flchtige fesselt:
Alma, des Dichters Enkelin. Am Frauenplan lchelt, rosengeschmckt,
die Lebende: Luise Seidlers Bild; hier schlft sie, Marmor geworden.
Ja, schlft sie? Atmen diese Kinderbrste nicht? Will sich die Hand,
die den Maiblumenstrau hlt, nicht bewegen? Der schmale Fu nicht
das Lager verlassen? Traum macht die Lider schwer. Nein, sie ist tot.
Dieser Busen birgt kein lebendiges Herz. Diese Hand wird nie mehr mit
Blumen spielen. Dieser Mund sich nie mehr zu frohem Lachen ffnen.

[Illustration]

Unstet fuhr sie durch die Welt, da sie lebte, von der Mutter, die im
Taumel Ruhe suchte, hin- und hergerissen. Starb sechzehnjhrig und
frhreif 1844 in Wien am Typhus. Wurde in Whrung begraben, 1895 in
Weimar zur letzten Ruhe bestattet, und erst 1910 erhielt sie das
Denkmal, das bis dahin am Frauenplan im Keller gestanden ... welch'
eine Flle von wilden Schicksalen! Das Blut des Vaters, das noch ber
den frhen Tod hinaus Abenteuer und Fluch bedingte? Kaum. Den Ottilie
v. Pogwisch liebte, da sie Alma empfing, war nicht August von Goethe,
sondern einer der vielen Englnder, die damals nach Weimar drngten zu
der schnen Frau v. Goethe. War Charles Des Voeux, ein junger Schotte.
Aber der Mutter unruhiges Blut prgte dieses bittere Mdchenlos.

Ja, Ottilie v. Pogwisch, nun bist auch du lngst zur Ruhe gegangen.
Da Goethe in deinen Armen gestorben, ist dein Ruhm. Ihm verdankst
du Unsterblichkeit. Friedlich liegst du hier mit Mutter und Kindern
... eine Unglckliche unter Unglcklichen. Deines Mannes Grab in Rom
berschattet die Pyramide des Cestius, italienische Zypressen schwanken
darum, wenn der heie Sdwind weht. Deine Shne, deine Tochter aber
hat der Tod dir wieder an das Herz gelegt, unter dem sie einst
verhngnisvoll keimten ... alle krank und lebensfremd, unfroh der Brde
des Namens, die sie zeitlebens drckte.

Mit ihm erlosch Goethes Geschlecht, dessen Name alle Zeiten
berdauert, meldet Walthers Stein. Ja. Der Morgenstern, der dieses
Namens Symbol, wird ewig leuchten. Sein Glanz umstrahlt auch die, die
unter seinem Lichte litten und die geblendeten Augen in dem Dmmer der
Dachstuben am Frauenplan verbargen ... die Freiherren waren und doch so
wenig frei, so wenig Herr, nur arme Menschen.

ber das eiserne Gitter gelehnt, blickt man auf ihre Grber, und die
Seele, trauervoll bewegt, schickt Gebete in die Fernen, die keiner
kennt.

       *       *       *       *       *

Und weiter. Namen ber Namen, jeder irgendwie mit Goethe verknpft.
Es ist erschtternd, wie weit der Umkreis dieser Welt noch im Grabe.
Laberg, Pappenheim, Beulwitz, Egloffstein, Wolfskeel -- der Adel
Weimars. Auch die kleine Waldner fehlt nicht, Luise Adelaide v.
Waldner, wie Frau v. Stein Hofdame der Herzogin Luise. Und nur allzu
oft der eiferschtigen Charlotte ein Dorn im Auge, wenn sie ihren
Freund von dem immer lachlustigen, koketten Persnchen gefesselt
glaubte. Tragikomisch auch eine Tagebuchstelle Goethes von 77: Abends
Kronen und Herzog bei Laiden ertappt ... Krone die Schrter, und Laide
die Waldner, und das Ganze der Anfang vom Ende: denn selbst mit einem
Herzog teilte Goethe nicht, wo er liebte. Mein Gott, wie lange ist das
her! Doch weiter: da ein Wieland! Carl, der Sohn, groherzoglicher
Rechnungsrat. Kein Dichter war des groen Dichters Sohn. Man denkt
an das enge, kinderreiche Haus gegenber dem Wittumspalais, denkt
an Omannstedt. Da Luise Seidler, die Malerin aus Jena, von Goethe
vterlich betreut. Kersting hat sie als Stickerin am Fenster gemalt,
ein berhmtes Bild; die Kaiserin Augusta war ihre Schlerin. Auch
ein Vulpius-Grab weckt Erinnerungen: Rinaldo und Bianca ... Rinaldo,
der Sohn von Christianens Bruder; er trgt den Namen des Helden,
dem sein Vater im Roman zu so traurigem Ruhm verhalf. Andere Grber:
Bonaventura Genelli, Johann Nepomuk Hummel, Hufeland, der Arzt, +Dr.+
Heinrich Goullon, der Ratsmdelfreund, Schwerdgeburth, der Maler oder,
wie der Grabstein will: Hofkupferstecher. Sein Goethe-Kopf, der beste,
den es gibt, schwebt unsichtbar als Denkmal ber dem bescheidenen
Erbbegrbnis. Und ganz in der Nhe das Mllersche: ein einziges
Efeubeet. Hier ruht der Kanzler v. Mller, einer der treuesten Freunde,
die Goethe, einer der besten Diener, die Carl August hatte. Nichts
erinnert an ihn als auf rostiger Eisentafel der Familienname. Und die
Unterhaltungen. Die allerdings sind dauernder als Tafeln aus Erz oder
Stein.

Derweilen ist es Abend geworden. Der Himmel schimmernder Opal, in
dem schon, leicht wie Flaum, der Mond schwimmt. Schatten schwanken
um die Grber. Eine alte Dame, ganz in Schwarz, zittrig und gebckt,
Vergimeinnicht in der welken Hand, tuscht Vergangenheit, die hier
bei den Toten ihr Leben von gestern sucht. Ist es Adelheid v. Schorn,
die mit der tiefen Piett der Greisin aus Jugenderinnerungen und zwei
Menschenaltern das nachklassische Weimar aufgebaut? Nein, die hat
hier auch schon ihre letzte Ruhe gefunden: die Urne auf mtterlichem
Grab, von frommem Kranz umwunden, ist Denkmal, das an sie gemahnt. Oder
ist's das Gomelchen, Isebies Bhlaus Gromutter? Auch die ist ihrem
Freunde Budang schon in den Tod gefolgt ... Rse hie sie, da sie jung
war, und war eins von den lustigen Ratsmdeln aus der Wnschengasse,
ber deren tolle Streiche Goethe und der Herzog so oft gelacht. Und
auch Charlotte Krackow ist es nicht, die bis zu ihrem spten Tode
+anno+ 15 in dem schnen Kirmsschen Hause in der Jakobsgasse gewohnt
und noch Goethe gekannt, die letzte brigens, die ihn gekannt. Denn
die ruht auf dem Neuen Friedhof. Es wird wohl die Erinnerung selbst
sein, die hier im Abend gespenstert, ruhig und gelassen, wie man in
Weimar eben gespenstert!

Denn jetzt ist es fast dunkel geworden. Nur vom Silberblick her
fliegt noch ein wenig Licht des entsunkenen Tages ber die Baumwipfel,
erhellt notdrftig die Wege, die ganz in stummem Schweigen liegen.
Auch die Vgel sind stille geworden, die unbekmmert um die Sttte der
Trauer, die ihnen Zufall als Heimat gegeben, den ganzen langen Tag ber
der Sonne und dem Leben zugejubelt. Khl weht es ber die Grber. Wo
ist die alte Dame geblieben? Wo das Kreuz der Frstengruft? Hart fllt
das Gitter hinter dem spten Besucher ins Schlo, verdrossen riegelt
der Friedhofswrter zu. Nacht umfngt die Toten Weimars.

Und da klingt noch einmal das Wort des alten Goethe auf. Und so, ber
Grber, vorwrts! Trost, der ins Leben zurckgeleitet, das freundlich
aus erhellten Fenstern auf Weimars Gassen und Pltze lchelt. Mond und
Sterne wandern am Himmel mit. Und die Brunnen rauschen. Sie rauschen
wie vor hundert Jahren, da noch der alte Goethe ihrer Zaubermelodie
gelauscht.




Inhalt


    Tiefurt und Wittumspalais           Seite   1

    Die Reisen in den Harz                "    23

    Ilmenau                               "    40

    Das Mhrchen von Pyrmont            "    58

    Donnerstag nach Belvedere             "    80

    Advent von Achtzehnhundertsieben      "   103

    Herbsttage in Heidelberg              "   125

    Die drei Schlsser Dornburg           "   142

    Bei den Toten Weimars                 "   167

       *       *       *       *       *

    Geschrieben in den Jahren 1919--1921




    Gedruckt in Herbst 1921 von Velhagen & Klasing in Bielefeld
    unter Verwendung der Frhlingsschrift von Rudolf Koch.
    Umschlagzeichnung und Einband von Dorothea Hauer. Hundert Exemplare
    wurden auf Hadernpapier abgezogen, numeriert und in Leder gebunden.




Weitere Anmerkungen zur Transkription


Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
korrigiert.

Der Satz von Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Die Schreibweise in den Zitaten wurde beibehalten.

Korrekturen:

  S. 16: _genugtuzun_ -> _genugzutun_ ihr mit einer euphemistischen
    Phrase _genugzutun_.

  S. 55: _warum_ -> _worum_
    _worum_ ich bat ...

  S. 75: _der_ sollte _vor_ heien (nicht gendert):
    und so sich _der_ jedem physischen Andrang gesichert.

  S. 76: _aus_ -> _auf_ heiter _auf_ trockene Weise,

  S. 179: _Whrung_ sollte _Whring_ heien (nicht gendert):
    Wurde in _Whrung_ begraben,





End of Project Gutenberg's Schattenspiel um Goethe, by Ludwig Sternaux

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHATTENSPIEL UM GOETHE ***

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