The Project Gutenberg eBook, Das Schweigen im Walde, by Ludwig Ganghofer


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Title: Das Schweigen im Walde


Author: Ludwig Ganghofer



Release Date: November 13, 2014  [eBook #47341]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS SCHWEIGEN IM WALDE***


E-text prepared by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online
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Notizen des Bearbeiters:

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^Das Schweigen im Walde^

        Wer nur das Wirkliche gelten lt,
        an der Sehnsucht nach dem Unmglichen
        keine Freude findet und nie eine Minute
        brig hat, um sie an einen schnen Traum
        zu verschwenden -- wie arm ist der!


Das Schweigen im Walde

^Roman^

^von^

^Ludwig Ganghofer^

Vollstndige Ausgabe

699000 Gesamtauflage aller Ausgaben






^Verlag von Th. Knaur Nachf.^
^Berlin^




^Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten^

^Copyright by G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung in Berlin^

Printed in Germany

^Druck: Bibliographisches Institut AG., Leipzig^




Inhalt


    Erstes Kapitel                    5

    Zweites Kapitel                  34

    Drittes Kapitel                  49

    Viertes Kapitel                  81

    Fnftes Kapitel                 101

    Sechstes Kapitel                127

    Siebtes Kapitel                 155

    Achtes Kapitel                  176

    Neuntes Kapitel                 210

    Zehntes Kapitel                 230

    Elftes Kapitel                  250

    Zwlftes Kapitel                272

    Dreizehntes Kapitel             286

    Vierzehntes Kapitel             306

    Fnfzehntes Kapitel             334

    Sechzehntes Kapitel             358

    Siebzehntes Kapitel             373

    Achtzehntes Kapitel             396

    Neunzehntes Kapitel             420

    Zwanzigstes Kapitel             447

    Einundzwanzigstes Kapitel       469

    Zweiundzwanzigstes Kapitel      490




^Erstes Kapitel^


Man hrte noch den Lrm des Dorfes, den Hall verschwommener Stimmen und
das Gelut einer Kirchenglocke, die zur sonntglichen Vesper rief. Dann
verschwanden die letzten Huser hinter Bschen und Bumen. Entlang dem
zerrissenen Ufer eines Wildbaches ging's eine Weile an Bergwiesen und
zerstreuten Feldgehlzen vorber, und sacht begann das schmale Strlein
zu steigen. Whrend die Kutsche mit langsamer Fahrt in den von
Sonnenglanz umwobenen Hochwald einlenkte, klang vom Dorfe her noch ein
letzter Glockenton, als mchte das im Tal versinkende Treiben der
Menschen Abschied von dem einsamen Manne nehmen, der sich aus dem Wirbel
des Lebens in die abgeschiedene Stille der Berge flchtete.

Die Strae stieg in immer dichteren Wald hinein. Der klomm zur Rechten
gegen die Hochalmen empor, zur Linken senkte er sich in eine Schlucht,
aus deren Tiefe sich die Stimme des Wildbaches nur wie leises Murmeln
vernehmen lie. Unter den Bumen war Stille, als wollte der Wald nach
der drckenden Hitze des Julitages schon lange vor Abend in Schlummer
sinken. Man hrte nur den mden Hufschlag und das Rderknirschen im
groben Kies der Strae.

Vor die schwerfllige Landkutsche waren zwei Maultiere gespannt. Sie
machten dem alten, weibrtigen Bauernknecht, der sie zu lenken hatte,
nur geringe Mhe. Er konnte ab und zu ein kleines Nickerchen erledigen,
aus dem ihn das Holpern des Wagens wieder aufrttelte. Wurde er munter,
so versuchte er mit seinem Nachbar auf dem Bocksitz ein Gesprch
anzuknpfen, verstummte aber bald wieder, eingeschchtert durch das
vornehm ablehnende Ach? und So!, das er sich mit seiner gutmtigen
Redseligkeit als einzige Antwort verdiente. Man sah diesem Nachbar den
hochherrschaftlichen Lakai an der Nasenspitze an, die er trotz einer
siebenstndigen Wagenfahrt noch immer in wrdevoller Hhe zu erhalten
wute. Er trug einen Reiseanzug aus dunklem Cheviot, dazu ein schwarzes
Htchen, unter dessen schmaler Krempe sich das peinlich frisierte
Blondhaar gleich einer polierten Bernsteinschale um den Kopf legte. Ein
noch junges Gesicht und hbsch, so da es htte gefallen knnen. Aber in
seiner rasierten Gltte und bei dem Bestreben, eine geheimnisvolle
Wichtigkeit in den Blick der graublauen Augen zu legen, glich es dem
stilvollen Antlitz eines mittelmig begabten Schauspielers, der seine
beste Rolle auerhalb der Bhne spielt. Es lag auch, neben halber
Ehrlichkeit, ein bichen Komdianterie in der Art, wie der Diener sich
nach dem Fond der Kutsche umwandte, als wre er in Sorge um das
Befinden seines jungen Herrn.

Fhlen sich Durchlaucht von der langen Fahrt nicht sehr ermdet?

Der Frst schien nicht zu hren -- wenigstens gab er keine Antwort.
Regungslos, den Kopf mit dem grauen Jgerhtchen seitwrts geneigt, lag
er in die Lederkissen der Kutsche geschmiegt und lie die Hnde auf der
Reisedecke ruhen, die um seine Knie geschlungen war -- zwei schlanke
Hnde, deren durchscheinende Blsse von schwerer, kaum berstandener
Krankheit erzhlte. So bleich wie die Hnde war auch das schmale,
strenggeschnittene Gesicht, von dessen Blsse sich das dnne Brtchen
ber den herb geschlossenen Lippen und der linde Flaum, der sich um Kinn
und Wangen kruselte, als tiefer Schatten abhob. Der seltsame
Widerspruch dieser Zge hatte etwas Fesselndes. Jede Linie so rein
gezeichnet wie das Erbteil einer schnen Mutter, das einer Tochter
geschenkt sein wollte und sich zu einem Sohn verirrte; und dennoch der
Ausdruck eines klar geprgten Willens, in jedem Zug das Merkmal einer
fest gefgten mnnlichen Natur; dazu ein Krper, schlank und sehnig
aufgeschossen, dessen jugendliche Kraft durch die berstandene Krankheit
nicht gebrochen, nur gebndigt schien und sich auch in der mden Haltung
noch verriet, mit welcher der Frst im Wagen ruhte.

Er hielt die Augen geschlossen; doch er schlief nicht; das Leben, das
in seinen Zgen spielte, verriet es. Hatte er die Lider geschlossen,
weil ihn nach dem blendenden Sonnenglanz der langen Fahrt die Augen
schmerzten? Oder wollte er das Bild der Landschaft vor seinem Blick
erlschen machen, um die Bilder seiner Gedanken ungestrt vor seiner
Seele zu schauen? Freundliche Bilder schienen das nicht zu sein. Das
bittere Lcheln, das einen tiefen Zug um die Lippen schnitt, erzhlte
von Leiden, die besiegt, doch nicht vergessen sind und in der Seele
nachwirken wie das Brennen einer Wunde.

Bei diesem Sinnen atmete der stille, freudlose Trumer in tiefen Zgen
die Waldluft, ihre Frische wie Erquickung genieend.

Da unterbrach ein heller Laut die Stille der Landschaft. Von einer
fernen Hhe tnte der schwebende Jodelruf einer Mdchenstimme,
verschwamm in den sonnigen Lften und weckte an den Felswnden, die der
Wald verhllte, noch ein leises Echo.

Der Frst hrte nicht. Aber der Lakai auf dem Bocksitz lchelte
erwartungsvoll und fragte den Kutscher: Gibt es hier Sennerinnen?

No freilich. Und eine is dabei, ja, vor der mu man 's Htl ziehen. Die
Burgi von der Tillfuer Alm. Was wahr is, mu wahr sein. Ds is a
bildsaubers Madl.

Die Tillfuer Alm? Wo liegt die?

Gleich dem Jagdhaus vor der Nasen. Der Wagen rollte aus dem
dichtgeschlossenen Wald auf eine offene Hhe hinaus, und der Kutscher
deutete mit der Peitsche. Da schauen S' her! Jetzt kann man 's ganze
Geital berschauen drei Stund weit aussi bis gegen Ehrwald.

Hastig wandte sich der Lakai: Bitte, Durchlaucht, von dieser Stelle
kann man das ganze Jagdgebiet bersehen.

Der Frst schlug die Augen auf -- groe, dunkle Augen von metallenem
Glanz -- und erhob sich im Wagen, den der Kutscher auf einen Wink des
Lakaien angehalten hatte.

Beim Anblick der weitgedehnten, in ihrer wundervollen Gre doch ruhigen
Landschaft stieg eine warme Rte in die bleichen Wangen des Frsten. Es
war aber auch ein Bild, das einem fr Schnheit der Natur empfnglichen
Menschen die Seele mit Staunen erfllen mute.

Zu Fen der Strae zog sich ein schmales Hochtal mit fast ebener Sohle
bis in weite Ferne, kaum merklich gewunden, eine einzige groe Linie,
gezeichnet von der weitausholenden Hand des Schpfers. Durch das lange
Tal hin schlngelt sich die Geitaler Ache, in enggedrngtem Bette
aus-und einbiegend um vorspringende Felsen und Waldecken, bald grnlich
schimmernd bei ruhigem Gefll, bald wieder blitzend in der Sonne und
zersprudelt zu weiem Schaum. Das ganze Tal entlang reiht sich zur
Linken ein Felskolo an den anderen; neben der ungestm aufstrebenden
Munde erhebt sich die wuchtige Hochwand, hinter dem klobigen Igelstein
drngt sich der steile Tejakopf hervor, und den wirkungsvollen Abschlu
bildet die Sonnenspitze mit ihrer schlanken, auf breitem Sockel ruhenden
Pyramide. Von dunklem Blau umschleierte Kare schneiden in den Leib der
steinernen Riesen ein, und ber die steilen Felsrippen klettern die
Fichtenwlder empor als schmale Zungen und verlieren sich mit einsam
vorgeschobenen Bumen zwischen den Latschenfeldern, die um die Brust der
Berge hngen wie eine grne Samtverbrmung. Verstaubter Schnee, den
immerwhrender Schatten auch gegen die Sonne des Juli schtzte, fllt
mit zerrissenen Formen alle tieferen Buchten im Gestein, und von ihm aus
ziehen, den lebenden Wald zersprengend, die Lawinengassen nieder mit
verwstetem Gehng. Der Stelle zu Fen, wo der Wagen hielt, lagen
Hunderte von gebrochenen Stmmen wirr ber den Bach geschleudert. In der
Tiefe sah dieser zerstrte Wald sich an wie Spielzeug, das Kinderhnde
im bermut durcheinander geworfen. Aus diesem Wirrsal streckte sich eine
seltsame Rute hervor: eine gewaltige, wohl hundertjhrige Fichte, die
eine Lawine aus dem Grund gerissen, durch die Luft gewirbelt und mit dem
Gipfel wieder in die Erde gebohrt hatte, so da der Stamm mit seinem
Wurzelwerk zum Himmel ragte.

Gegenber diesem ernsten Bild des Schattens lag, von flimmerndem Glanz
umwoben, die Sonnenseite des Tales. Grne Wlder wechselten mit goldig
berglnzten Almgehngen. Sanft verschwommen klangen die Glocken der
weidenden Rinder von den Hhen, und auf den lichten Weideflchen
erkannte man die zerstreuten Tiere der Herde als helle, bewegliche
Punkte. ber den Almen lagen wieder die Wlder, aus denen sacht
gerundete, nur selten von einer kahlen Wand durchschnittene Kuppen
aufwrts stiegen; und wie eine letzte steinerne Weltgrenze, stolz und
steil, erhob sich ber diese grnen Wellen der gezahnte, stundenlange
Grat des Wettersteingebirges, im Glanz der Sonne wie ein goldenes Gebild
erscheinend. Je weiter die Wand sich hinzog, desto blauer tnten sich
die Felsen, so da sie in der Ferne mit der golddurchwobenen Farbe des
Himmels in eins zerflossen.

Wie schn!

Tief atmend hatte der Frst dieses Wort vor sich hin gesprochen; und als
die Kutsche ber die fallende Strae niederrollte, lag er nicht mehr mit
stillem Brten in die Kissen des Wagens versunken, sondern schickte in
lebhafter Achtsamkeit die Augen nach allen Seiten auf die Reise.

Eine Weile fhrte der Weg zwischen einem latschenbewachsenen Hang und
dem Ufer der Ache dahin, nun wieder durch schtteres Gehlz und dann im
Bogen ber ein weites Almfeld gegen eine Waldflche empor, in deren
Mitte, durch aufsteigenden Rauch verkndet, das von mchtigen Fichten
umschtzte Jagdhaus stehen mute. Der Frst beugte sich aus dem Wagen,
in Spannung nach dem Jgerheim aussphend, das ihm die Frsorge eines
Freundes in dieser Bergeinsamkeit erworben und bereitet hatte. Als sich
die Kutsche einem aus Steinen am Waldsaum erbauten Stalle nherte, hrte
man unter den Bumen eine erregte Mnnerstimme rufen: Er kommt! Er
kommt!

Der Frst lchelte. Da waren wohl Vorbereitungen fr einen feierlichen
Empfang getroffen?

Etwa hundert Schritte ging der Weg noch durch schattigen Hochwald, dann
traten die Bume auseinander, im Kreis das sanft geneigte, von heller
Sonne berglnzte Weidefeld der Tillfuer Alm umschlieend. Inmitten des
Feldes lag eine steinerne Sennhtte mit rauchendem Schindeldach, und vor
der Tr der Htte stand mit gekreuzten Armen eine junge Sennerin, die
dem anfahrenden Wagen neugierig entgegenguckte.

Der Kutscher stie den Lakai mit dem Ellbogen an und blinzelte gegen die
Htte hinunter. Da wurde der Hoheitsvolle berraschend menschlich und
reckte neugierig den Hals; doch eines der Jgerhuschen, die neben dem
Wege standen, verdeckte ihm die Aussicht.

Kleine Fhnchen mit den Tiroler Farben schmckten die Giebel der
Jgerhtten, eine Flagge wehte auf dem Dach des greren Fremdenhauses,
und ein hoher, von grner Fichtengirlande umschlungener Mast, auf dem
zwischen der deutschen und sterreichischen Fahne eine Flagge mit den
Farben des frstlichen Hauses flatterte, erhob sich vor dem
Staketenzaun, der den Hofraum des groen, zweistckigen Jagdhauses
umschlo. Auf einem das Almfeld berblickenden Hgel ruhend und
angelehnt an den bergwrts steigenden Fichtenwald, grte das schmucke,
mit rtlichem Zirbenholz verschalte Gebude freundlich seinem jungen
Herrn entgegen, leuchtend in der Sonne, mit blinkenden Fenstern, halb
versunken in einen gutgemeinten, aber nicht besonders zierlich geratenen
Aufputz von Krnzen, Girlanden und Zweigen, an denen in dicken Bscheln
die roten Tannenzapfen baumelten.

Neben der Haustr hatten in schmucker Feiertagstracht fnf Jger
Aufstellung genommen, und vor ihnen, wie ein Korporal vor seinen
Rekruten, stand der Frster, eine klobig stramme Gestalt mit breiten
Schultern, ein derbes Gesicht mit rtlich gekraustem Vollbart und mit
braunen Augen, gutmtig wie Kinderaugen; doch ein paar verdchtig
angeschwollene derchen an Stirn und Schlfen lieen vermuten, da der
Frster zeitweilig an gachen Hitzen zu leiden hatte.

Als die Kutsche in den Hofraum einfuhr, warf der Frster noch einen
musternden Blick ber die Jger, dann schwang er den Hut und rief mit
einer Stimme, die heiser gegen seine Aufregung kmpfte: Unser neuer,
hochverehrter Jagdherr, Seine Duhrlaucht Frst Heinrich
Ettingen-Bernegg, er lebe hoch!

Die Stimmen der Jger fielen ein. Nur ein einziger von ihnen schwieg und
blickte dem anfahrenden Wagen gleichgltig entgegen; als er den Frsten
sah, streckte sich seine Gestalt, und der Blick seiner Augen schrfte
sich, als gbe ihm der Anblick seines jungen Herrn zu denken.

Hoch! Hoch! klangen die Stimmen der anderen. Dann kam noch ein
unerwarteter Nachklang, drunten bei der Sennhtte, hell wie der Ton
eines Silberglckleins: Hooooch! Und diesem Ruf folgte ein Jauchzer,
der hinaufkletterte bis in die hchste Stimmlage einer krftigen
Mdchenkehle.

Die Jger schmunzelten, whrend der Frster etwas aus der Fassung
geriet, denn er schien nicht recht zu wissen, ob diese programmwidrige
Zugabe zur Empfangsfeierlichkeit ernst oder spttisch gemeint war. Aber
der Frst lchelte, und freundlich grend nickte er der Sennerin zu,
die kichernd um die Ecke der Almhtte verschwand.

Der Lakai war vom Bock gesprungen und hatte den Wagenschlag geffnet.

Frst Ettingen stieg aus, und nun sah man erst, wie krftig und schlank
er gewachsen war. Der Jagdanzug aus schottischem Loden, mit hohen
braunen Schnrschuhen, pate kleidsam zu der jugendlichen Gestalt, aus
der alle Schwche und Ermdung verflogen schien.

Er bot dem Frster die Hand. Ich danke Ihnen! Das ist ein lieber
Empfang, den Sie mir bereitet haben. Freundlich bestaunte er den etwas
plump geratenen Schmuck des Hauses. Und wie hbsch Ihnen das gelungen
ist! Wirklich, Sie haben mir die Ankunft im Jagdhaus zu einer Freude
gemacht.

Der Frster bekam ein Gesicht so rot wie ein Krebs, der im besten Kochen
ist. Is's wahr? Gfallt's Ihnen? No, Gott sei Dank! Da is mir a ganzer
Stein von der Seel! Denn da ich's gradweg raussag, auf d'Letzt hab ich
schon selber a bissl gforchten, es gfallt Ihnen net. Unsereiner versteht
sich schlecht auf solchene Deggerazionsgschichten. Plagt haben wir uns
gnug, aber angstellt haben wir uns alle mitanand wie der Holzknecht,
wann er a Grillenhusl macht. Aber Gott sei Dank, weil's Ihnen nur
gfallt! Er nahm die Hand des Frsten in den Schraubstock seiner Fuste.
Und da sag ich halt jetzt Grgott und Weidmanns Heil, Herr Frst!
Jetzt lassen Sie's Ihnen recht gut gehn bei uns da herauen! Wir haben
uns schon verzhlen lassen, wie schwer krank als S' gewesen sind. Ja,
meiner Seel, a bil gring schauen S' noch allweil aus am Leib -- wie a
Hirscherl, ds mit knapper Not ber an schiechen Winter ummigrutscht
is!

Der Lakai warf einen erschrockenen Blick auf seinen Herrn. Der aber
betrachtete den Frster mit Wohlgefallen.

Passen S' nur auf, Duhrlaucht, unser Lftl da herauen, ds richt Ihnen
schon wieder zamm aufn Glanz!

Der Frst lchelte. Ja, ich merke schon, ich werde mich wohlfhlen
hier! Die Luft, in der ^Sie^ sich so kerngesund ausgewachsen haben, wird
auch mir bekommen! Er gab dem Lakai einen Wink, ins Haus zu treten.
Und nun will ich meine Jger kennenlernen. Ich bitte, mein lieber -- wie
heien Sie, Herr Frster?

Kluibenschdl!

Der Frst schien nicht zu verstehen. Wie, bitte?

Verlegen schwieg der Frster, und sein rotes Gesicht wurde noch rter.
Dann platzte er heraus: Wenn Duhrlaucht nix dagegen haben, hei ich
halt amal Kluibenschdl! Da is nix dran z'ndern!

Der Frst konnte nur schwer seinen hflichen Ernst bewahren. Mein Ohr
ist nicht gewhnt an die hier blichen Ausdrcke, sagte er, verzeihen
Sie also, Herr Frster, wenn ich nicht gleich verstanden habe.

Klui -- ben -- schdl! buchstabierte mit etwas gereizter Deutlichkeit
der Frster, dem die Adern an Stirn und Schlfen schwollen.

Jetzt hab ich verstanden! Erheitert bot Ettingen dem Frster die Hand.
Aber wollen Sie nun die Gte haben, mir die Jger vorzustellen?

Der Frster trat vor seine Leute hin. Bitte, Duhrlaucht, die ersten
zwei, ds sind der Kassian Birmoser und der Krispin Ruef, die zwei Jager
von Leutasch drauen. Der dritte da, ds is der Silvester Beinssl, der
Jager von Ehrwald drunt. Und die letzten, ds sind die zwei Tillfuer
Jager, der Toni Mazegger und der Praxmaler-Pepperl.

Der Frst hatte jedem Jger die Hand gereicht und jeden mit prfendem
Blick betrachtet. Mazegger und Praxmaler schienen sein besonderes
Interesse zu erwecken. Die beiden standen nebeneinander, wie
unfreundlicher Schatten neben warmer, gesunder Helle. Mazegger, der
jngste von allen, mochte etwa dreiundzwanzig Jahre zhlen. Auffllig
unterschied sich seine Gestalt von dem derben, buerischen Typus der
anderen. Fast glich er einem Stdter, der sich mit gesuchter Echtheit in
die malerische Tracht der Hochlandsjger gekleidet hat. Das hagere, von
dunklem Flaum umkruselte Gesicht war sonnverbrannt wie die Gesichter
der anderen, und trotzdem erschien es bla und ohne Blut. Ein Zug von
unwilliger Verschlossenheit lag um den scharfgezeichneten Mund, und
unter dem Schatten, den die schwarzen, in dicken Bscheln vorfallenden
Haare ber die Stirne warfen, brannten die tiefliegenden Augen mit
dsterem Feuer.

Sind Sie hier in der Gegend geboren? fragte der Frst, dem der
sdlndische Typus des jungen Jgers auffiel.

Nein, Durchlaucht! erwiderte Mazegger in einem Hochdeutsch von kaum
merklicher Dialektfarbe. Ich bin in der Nhe von Trient daheim.

Und Ihre Eltern? Was sind die?

Dem Jger schien die Frage seines Herrn nicht willkommen zu sein; er gab
seine Antwort zgernd, whrend er den Hut zwischen den Hnden
zerknllte. Mein Vater war Lehrer. Als man bei uns im Dorf die deutsche
Schule aufhob und die italienische einfhrte, wurde mein Vater
abgesetzt. Das hat er nicht berlebt. Er ist ins Wasser gesprungen.

Der Frst trat einen Schritt zurck, peinlich berhrt. Aber sein
Mitgefhl war strker als das Befremden, das der gallige Ton des Jgers
in ihm geweckt hatte. Sie haben Trauriges erlebt. Das trgt sich
schwer. Und deshalb verlieen Sie Ihre Heimat?

Eine Furche grub sich zwischen Mazeggers schwarze Brauen. Nach dem Tod
meines Vaters hab ich nicht weiterstudieren knnen und bin zu Verwandten
gekommen, die drauen in der Leutasch wohnen. Ich hab verdienen mssen.
Die zwei letzten Jahre, solang der Herr Herzog die Jagd noch hatte, hab
ich Aushilfsdienste geleistet. Vor sechs Wochen, wie die Jagd an
Durchlaucht bergegangen ist, bin ich von Graf Sternfeldt als Jger
angestellt worden. Whrend er diese letzten Worte eintnig hersagte,
musterten seine schwarzen Augen den Frsten mit einem halb scheuen, halb
feindseligen Blick, wie man einen Menschen betrachtet, von dem man in
unbehaglicher Ahnung eine Gefahr befrchtet.

Ettingen schien dieses Widerstreben zu fhlen. Leichte Rte glitt ihm
ber die Stirn. Die Regung berwindend, sagte er freundlich: Sie sollen
es gut bei mir haben. Ich hoffe, Ihr Beruf macht Ihnen Freude und lt
Sie die Schule verschmerzen, die Sie aufgeben muten.

Mazegger schwieg. Und Frster Kluibenschdl sagte lachend: Mir scheint
eher, die Schul hat ihn aufgeben! 's Parieren is bei ihm net die
strkste Seiten. Aber er wird sich schon machen mit der Zeit. Das war
gewi gut gemeint, aber aus Mazeggers Augen huschte ein zorniger Blick
ber das lachende Gesicht des Frsters. Ja, ja! Wenn er mcht, der
Toni, knnt er sich zu eim tchtigen Jager auswachsen. Wenigstens htt
er 's beste Beispiel an seim Tillfuer Kameraden. Unser
Praxmaler-Pepperl is a Jager, allen Respekt!

Aber, aber, Herr Frster! stotterte Praxmaler so stolz verlegen wie
ein Kind, das der Lehrer vor der ganzen Schule lobt. Die Fuspitzen nach
einwrts drehend, wand er die Schultern unter der Joppe und blinzelte
verwirrt zu seinem Herrn auf.

Mit Wohlgefallen ruhten die Augen des Frsten auf dem gesunden,
anheimelnden Bild des Jgers, der ein paar Jahre lter als Mazegger sein
mochte. Eine Gestalt wie aus Eisen gefgt, strotzend von Kraft und
Jugend. Die nackten Knie waren durchrissen von Narben, die verrieten,
da Praxmaler beim Klettern ber die Felsen um seine Haut nicht sehr
besorgt war. Das runde, dunkelgebrunte Gesicht war an Kinn und Wangen
rasiert, und auf der vollen Oberlippe, die bei stetem Lcheln die festen
Zhne sehen lie, sa ein zausiges Blondbrtchen. Das Hbscheste an
diesem Gesicht waren die hellblauen Augen mit ihrem strahlenden Glanz.
Das aschblonde, schimmerige Haar umhllte den Kopf mit hundert winzigen
Ringeln -- Kreuzerschneckerln nennt sie ein Volkswort --, und das war
anzusehen, als htte man dem Praxmaler-Pepperl ein gekraustes Lammfell
ber die Ohren gestlpt.

Immer verlegener wurde der Jger, je lnger ihn der Frst mit
schweigendem Lcheln betrachtete. Und schlielich, als knnte er die
stumme Musterung nicht lnger ertragen, stotterte er: Herr Frst! Wenn
S' morgen gleich an guten Gamsbock schieen mchten, ich wei a paar
sichere. Mgen S'! Ja?

Ich danke, lieber Praxmaler! Mit dem Jagen hat es noch Zeit. Vorerst
mu ich ein paar Tage Ruhe haben. Aber wenn ich meinen ersten Pirschgang
mache, sollen Sie mich fhren! Ja? Bis dahin auf Wiedersehen! Und macht
euch heut einen vergngten Abend, lat euch aus Kche und Keller geben,
was euch schmeckt! Aber trinkt nicht mehr, als ihr vertragen knnt! Ein
Jger, der sich bekneipt? Das gefllt mir nicht. Grend lftete
Ettingen den Hut und schritt, vom Frster begleitet, zur Tr des
Jagdhauses. Whrend sie ber die steinerne Treppe zum Flur
hinaufstiegen, fragte er: Haben Sie Familie, Herr Frster?

Kluibenschdl machte ein erschrockenes Gesicht. Familli? Ich? So an
unguts Frauenzimmer im Haus? Na na! Da bleib ich lieber allein. Die
Weiberleut! Auf die bin ich gar net gut zum Reden. Blo hinschauen drf
so a Frauenzimmer auf a gsunds Platzl, so schiet schon an Unkrutl in
d' Hh, und a bravs Mannsbild stolpert drber. Na na! Da mag ich nix
wissen davon. Wenn S' gscheit sind, Duhrlaucht, machen Sie's grad so!
Hten S' Ihr liebe, kostbare Jugend vor die Weiberleut! Man hat net viel
mehr davon als Wehdam und rger. Is schon wahr! Der Frster lachte mit
breitem Behagen.

Schweigend wandte der Frst sich ab und blickte von der Schwelle hinaus
ber Wald und Berge.

Hier, Duhrlaucht, sagte Kluibenschdl, der im Flur des Jagdhauses die
erste Tr ffnete, da hat der Herr Kammerdiener sein Stberl.

Der Frst nickte zerstreut und warf einen flchtigen Blick in das kleine
Zimmer.

Und hier is die Gschirrkammer! Der Frster ffnete die
gegenberliegende Tr; man sah in einen weigetnchten Raum, der rings
um die Wnde bestellt war mit Schrnken und Geschirrleisten. An der
nchsten Tr ging Kluibenschdl vorber, ohne die Klinke zu berhren.
Da schlaft die Jungfer Kchin. Und nebendran is die Holzleg. Dahinter
is der Hausmagd ihr Kammerl. Und die ander Tr da -- man merkt's schon am
feinen Grcherl -- die fhrt in die Kuchl. Die frstlichen Zimmer --
bitte, Duhrlaucht, sich geflligst hinaufbemhen zu wollen -- die liegen
droben im ersten Stock.

Sie stiegen ber die Treppe hinauf, und der Frster ffnete die
zunchstliegende Tr. Das wre das Gastzimmer, in welchem Graf
Sternfeldt drei Wochen gewohnt htte, um den Betrieb der neubernommenen
Jagd zu ordnen und das Jagdhaus einzurichten. Es war eine freundliche
Stube, in ihrer Ausstattung fr den Geschmack eines Mannes berechnet,
der keine Ansprche macht.

Nun ging's zum Speisezimmer. Ein groer dreifenstriger Raum von heller,
blinkender Frische. Die weie Kalkmauer war rings um das Zimmer bis ber
die halbe Wandhhe mit rtlichem Zirbenholz getfelt. Aus dem gleichen
Holz waren die Mbel angefertigt. Um zwei Ecken zog sich -- die
Einrichtung einer Bauernstube nachahmend -- eine massive Holzbank, vor
der zwei Kreuztische standen, mit rotgestickten Leinwanddecken belegt.
Eine runde Bank umzog den weien Tiroler Ofen, und in einer Wandecke war
ein Herrgottswinkelchen geschaffen, dessen Kruzifix mit grnen
Latschenzweigen und blhenden Alpenrosen geschmckt war. An der Wand,
die ber der Tfelung frei blieb, hingen zwischen Gemskrickeln und
Hirschgeweihen zwlf Aquarelle, die in krftigen Farben die Jagd des
ganzen Jahres von Monat zu Monat schilderten.

Wie hbsch und gemtlich! Die Hnde in die Mufftaschen der Jagdbluse
vergrabend, lie sich der Frst auf die Ofenbank nieder. Hier mu ich
mich behaglich fhlen. Heiter begann er mit dem Frster zu plaudern,
bis ihr Gesprch durch den Lakai unterbrochen wurde, welcher fragen kam,
fr welche Stunde Durchlaucht das Diner befehle. Der Frst sah nach der
Uhr. In zwei Stunden, gegen halb acht. Ich will mich noch in der
Umgebung des Jagdhauses umsehen. Fr jetzt nur eine Tasse Tee!

Eine Weile plauderte er noch mit dem Frster, dann lie er sich
hinberfhren in die Frstenzimmer, wie Kluibenschdl mit
unterstrichenem Respekt betonte.

Da gab es fr den Frsten eine berraschung, die ihm Freude machte. In
seinem Stadtpalais befand sich ein kleines Jagdzimmer, in dem er sich
mit Vorliebe aufzuhalten pflegte. Die Einrichtung dieses Zimmers fand er
fast bis in das kleinste Detail hier nachgebildet, als sollte ihm der
schmucke Raum zum Willkommen sagen: Fhle dich hier zu Hause von der
ersten Stunde an!

Das war der gleiche Holzplafond, in hellem und dunklem Braun gehalten,
die gleiche Ledertapete mit eingepreten Tierbildern, der gleiche
Waffenschrank -- sogar die beiden Jagdstcke von Snyders, die im
Stadtpalais den kostbaren Wandschmuck seines Lieblingszimmers bildeten,
fand er hier durch zwei treffliche Kopien ersetzt. Auch der gleiche
Diwan und die gleichen, mit Seehundsfell bezogenen Lehnsthle. Nur zwei
Mbelstcke des Stadtzimmers waren hier durch andere vertreten: statt
des Spieltisches ein Schreibtisch, und statt eines Schrankes, der eine
Sammlung Ridingerscher Holzschnitte und alter Stiche nach berhmten
Jagdbildern enthielt, stand hier eine kleine Bibliothek mit ein paar
hundert Bnden.

Und ^noch^ etwas war anders als in der Stadt: die Luft, die wrzig
hereinstrmte durch die zwei offenen Fenster, und der Ausblick, den sie
boten. In der Stadt lag vor den Fenstern die graue Huserwand der von
Kohlendunst berschleierten Strae, hier zeigte das eine Fenster das
Almfeld mit der Sennhtte und darber den von blauem Schattenduft
umwobenen Felskolo der Hochwand, das andere den grnen Wald und ber
seinen goldig umleuchteten Wipfeln die Spitzen und Wnde sonnbeglnzter
Berge.

An dieses Fenster war der Frst getreten. Er sah hinaus ber Wald und
Berge und prete die Fuste auf seine Brust, die sich wlbte unter einem
trinkenden Atemzug. Lange stand er so, in Sinnen versunken, als
vergliche er das Bild, das in sonnigem Frieden vor seinen Augen glnzte,
mit dem Wirbel des Lebens und allem Sturm der Leidenschaft, der hinter
ihm lag. Er nickte vor sich hin, und ein mdes, bitteres Lcheln zuckte
um seinen Mund.

Geduldig stand der Frster neben der Tr und wartete.

Lautlose Minuten vergingen, bis ein Gerusch den Frsten aus seinen
Gedanken weckte. Der Lakai hatte die Tr des anstoenden Raumes geffnet
und sich wieder entfernt; man sah in das groe, weie Schlafzimmer und
durch eine zweite Tr in ein kleines Badestbchen, in dem der Lakai bei
der Wanne beschftigt war. Der Frst hatte sich vom Fenster abgewandt.
Verzeihen Sie, lieber Herr Frster --

Kluibenschdl wurde dunkelrot ber das ganze Gesicht. Aber Duhrlaucht,
jesses na, ich hab eh schon gmerkt, da ich berflssig bin. Gern htt
ich mich stad aussidruckt zur Tr. Aber wie ich Duhrlaucht so sinnieren
hab sehen, meiner Seel, da hab ich mich nimmer z'rhren traut.

Dieses unbeholfen sich uernde Zartgefhl schien den Frsten warm zu
berhren. Lchelnd reichte er dem Frster die Hand. Sie sind ein
lieber, guter Mensch! Und ich danke Ihnen fr alle Mhe, die ich Ihnen
heute schon verursacht habe. Morgen frh, um neun Uhr, bitt ich Sie, mit
mir zu frhstcken. Dann machen wir zusammen einen Orientierungsmarsch
durch das Geital. Ja?

Dank der Ehr, Duhrlaucht! Werde pnktlich zur Stelle sein!

Das Gesicht des Frsten noch mit einem prfenden Blick berhuschend,
schob sich Kluibenschdl zum Zimmer hinaus. Als er drauen stand und die
Tr zugezogen hatte, spitzte er gedankenvoll die Lippen. Psssss, mir
scheint, mir scheint! Entweder ich kenn mich net aus, oder den hat a
Frauenzimmer in die Klupperln ghabt! Bedchtig griff er sich an die
Nase. Mannderl, Mannderl, ds la dir wieder zur Warnung sein! Auf
den Fuspitzen schlich er die Treppe hinunter.

Drauen im Hof traf er mit dem Praxmaler-Pepperl zusammen, der um die
Hausecke geschossen kam, die beiden Arme mit Weinflaschen vollgepackt.
Da schauen S', Herr Frstner! Da hab ich was Khls fr a hitzigs
Zngerl. Den Wein trag ich nunter zur Burgi. Da sind die andern schon
drunt. Und die Burgi mu mittrinken. Der hngen wir heut a Schwipserl
an. Da mssen S' mithelfen!

Dank schn! erwiderte Kluibenschdl mit Wrde. Machts eure Dummheiten
allein! Und beim Weintrinken bin ich Filosoff. Ds heit auf deutsch: a
Freund der stillen Gensse. Sprach's, zog dem Praxmaler-Pepperl eine
Weinflasche unter dem Arm hervor und ging einer Jgerhtte zu.

Praxmaler lachte und sprang zur Sennhtte hinunter.

Eine Weile spter trat der Frst aus der Tr des Jagdhauses. Er hatte
sich umgekleidet und trug einen grnen Hausanzug mit verschnrtem Sakko
und eine kleine Mtze aus braunem Hirschleder. Langsam schritt er den
Fahrweg hinunter und durch den schmalen Waldstreif, der das Almfeld
umschlo. Er kam zu einer weiten Ble, die schon im Schatten lag; nur
durch die Lcken, die sich zwischen den Wipfeln in den Waldkamm senkten,
warf die Sonne noch lange, schimmernde Goldbnder ber das Weideland.
Weie Khe mit leise bimmelnden Glocken zogen durch das niedere
Gestruch, andere lagen im Gras und wandten trg die Kpfe, wenn der
einsame Spaziergnger an ihnen vorberschritt.

Ettingen wanderte ber die Lichtung, bald mit stillen Augen die klare
Schnheit des Abends trinkend, bald wieder versunken in Gedanken, die
ihn der Umgebung und des Weges nicht achten lieen. Auf lindem Rasen
schreitend, merkte er nicht, da er den schmalen, wenig ausgetretenen
Pfad verlor und aus farbiger Dmmerhelle in tiefen Schatten trat. Als
er, aus seinem Brten erwachend, einmal aufblickte, sah er, da er
mitten im Hochwald stand, der eine Strecke sich eben hinzog und dann
sacht zu steigen begann.

Wie still dieser Wald! Wie schn in seinem Schweigen!

Zwischen den Wurzeln einer mchtigen Fichte lie sich der Einsame zur
Ruhe nieder. So sa er, den Kopf an den Stamm gelehnt, die Hnde um das
Knie geschlungen. Lchelnd, als wre die Ruhe und das Nimmerdenken ber
ihn gekommen, staunte er trumend hinein in die wundersame Stille. Kein
Halm zu seinen Fen und kein Zweig zu seinen Hupten bewegte sich. Auch
nicht der leiseste Lufthauch atmete durch den Wald. Stark und ruhig
stiegen die hundertjhrigen Bume zum Himmel auf, jeder ein Knig in
seiner sturmerprobten Kraft. Alle kleinen, niederen Gewchse waren
verkmmert und gestorben im Schatten dieser Groen; sie allein
bestanden, und bescheidenes Moos nur webte zwischen ihren
weitgespannten Wurzeln seinen grnen Samt ber Grund und Steine. Sogar
vom eigenen Leibe hatten die Riesen alle niedrigstehenden ste
abgestoen und gesundes, saftiges Leben nur den strebenden Zweigen
bewahrt, die sich aufwrtsstreckten bis zur Hhe des Lichtes. Das
flutete goldleuchtend um die Wipfel her, lie selten einen verlorenen
Schimmer niedergleiten in den Schatten, der zwischen den braunen Stmmen
lag, und dort nur, wo der Grund zu steigen anfing, brach es, einer
Lichtung folgend, mit breiter, brennender Welle quer durch den Wald.

Wer das so knnte wie der Wald: alles Schwchliche und Niedrige von
sich abstoen, nur bestehen lassen, was stark ist und gesund! So stolz
und aufrecht hinaussteigen ber den Schatten der Tiefe und die Helle
suchen, die hohen, reinen Lfte! Wer das so knnte!

Langsam glitt der Blick des einsamen Trumers ber einen der Stmme
empor zum grnen Wipfel, der sich in der Sonne badete. Da huschte
pfeilschnell ein kleiner Schatten durch den Sonnenglanz, in der Hhe
schwankte ein Zweig, wiegte sich eine Weile sacht und kam wieder in
Ruhe. Ein paarmal lie sich ein leises Schnalzen vernehmen, und dann
schallte ein ser Vogelruf durch das Schweigen des Waldes. Nach kurzer
Stille wiederholte sich der Ruf, und spielend kam der Vogel ber die
Zweige niedergeflattert, immer tiefer, bis zu den drren Stmpfen der
abgestorbenen ste -- ein grauer Vogel, mit weiem Streif um die Kehle. Es
war eine Ringdrossel. Hurtig drehte sie das schlanke Krperchen, guckte
mit den kleinen Augen nach allen Seiten und fltete immer wieder ihr
schmachtendes Liedchen. Nun streckte sie aufmerksam den Hals. Fast im
gleichen Augenblick huschte sie davon und schwang sich schrg hinauf in
die sonnigen Wipfel.

Dort, wo der rote Schein den Schatten des Waldes durchschimmerte, hatte
Gerll sich bewegt, wie unter dem Tritt eines Tieres.

Was kam da? Hochwild, das bei sinkendem Abend auf sung zog?

Sphend neigte der Frst das Gesicht, um zwischen den Stmmen einen
Ausblick zu finden. Und da sah er kommen, was er in dieser verlorenen
Waldeinsamkeit am wenigsten erwartet htte -- eine Reiterin.

Er lchelte. Sieh doch! Mein stiller Wald hat auch sein Mrchen!

Eine Reiterin! Und welch eine seltsame! Ein junges Mdchen, nach
lndlicher Art gekleidet, sa auf einem Esel, der mit roter Decke
gesattelt war. Wohl fhrte die Reiterin einen Zgel in den Hnden, doch
sie hielt ihn lssig, versunken in die Betrachtung des Waldes. Und das
Grautier ging, wie es wollte, hier ein paar Halme von der Erde zupfend,
dort wieder von den Zweigspitzen der Stauden naschend, die mit wirrem
Astwerk den Saum der Lichtung verschleierten. Nun trat das Tier unter
den letzten Bumen hervor in die Sonne, und durch eine Gasse zwischen
den Stmmen konnte der Frst die ganze Gestalt der jungen Reiterin
gewahren, deren Haupt und Schultern er umschimmert sah vom Feuer des
Abendlichtes. Er lchelte. So knnte ein Mrchendichter die Bergfee
schildern, wie sie aus den Felsen tritt, umstrahlt von dem Goldglanz,
der geheimnisvoll aus den Tiefen des geffneten Berges hervorglht.

Doch das Gewand der Bergfee war nicht aus Zindel gewoben, wie's bei
den Elfen Mode ist. Ein braunes, schlichtes Rcklein schwankte faltig
bis auf die Fe nieder, an deren kleinen, aber lndlich plumpen Schuhen
die Ngel blitzten. Ein rot und wei geblmtes Leibchen, einem Mieder
hnlich, umspannte die Brust; die bauschigen rmel des Hemdes, das mit
loser Krause den Hals umschlo, verhllten die Arme bis zu den zarten
Handgelenken. Am braunen Ledergrtel hing ein kleiner Strohhut mit
weier Hahnenfeder und daneben -- wie das Schulrnzlein eines
Bauernkindes -- eine Tasche aus ungebleichter Leinwand mit roten Sumen.

Die Tochter eines Bauern? Nein! Dem widersprach nicht nur der tadellose
Schnitt und die saubere Frische des wohl lndlichen, aber doch von
aufflligem Sinn fr malerische Wirkung zeugenden Gewandes. Solch einen
schlanken, bei jugendlicher Kraft doch zart geformten Krper hat keine
Bauerndirne -- noch weniger solch eine sichere, selbstbewute Haltung, um
die eine Dame von Welt dieses Mdchen htte beneiden knnen. Dazu dieses
stolze Kpfchen! Das Gesicht war von der Sonne gebrunt, doch es hatte
feingeformte Zge, ein klar und schn geschnittenes Profil. Das braune
Haar, das im roten Glanz der Sonne wie blankes Kupfer schimmerte, war in
zwei Zpfe gebndigt, die sich wie ein schwerer Kronreif um die Stirne
schlangen.

Ohne sich um das Grautier zu kmmern, sah die Reiterin zu den
leuchtenden Wipfeln auf, und fr nichts anderes schien sie Augen zu
haben als fr das brennende Farbenspiel der abendlichen Lfte. Aus
diesem Schauen erwachte sie erst, als das Tier, talabwrts schreitend,
wieder in den Schatten des Waldes trat. Mit ruhiger Hand lenkte sie den
Grauen zwischen den bemoosten Felsblcken zu einer breiteren Waldgasse.
Dann wieder begann sie das trumende Schauen, mit einem Lcheln, so
innerlich und wissend, als vernhme sie aus dem Schweigen des Waldes
eine Stimme, die kein anderer hrte und verstand, nur sie allein.

Das Grautier stutzte. Und da gewahrte die Reiterin den Einsamen. Nicht
erschrocken, nur verwundert, machte sie mit dem Zgel eine Bewegung,
verhielt das Tier und betrachtete den Regungslosen mit einem Blick, der
zu fragen schien: Wer bist du? Was hast du in meinem Wald zu schaffen?

Und was fr Augen sie hatte! Gro und klar und seetief. Recht die Augen,
wie das Mrchen sie hat!

Der Blick dieser Augen verwirrte den schauenden Trumer. Halb sich
aufrichtend griff er nach der Mtze.

Da nickte die Reiterin einen stummen Dank -- unter einem Lcheln, als
htte seine Verwirrung auch ihr sich mitgeteilt -- und mit leisem Zuruf
brachte sie das Grautier in Gang.

Er sah ihr nach. Wie der schlanke Leib beim Auf- und Niedersteigen des
Tieres sich elastisch bewegte, wie sie sich neigte und das Kpfchen bald
zur Rechten und bald zur Linken beugte, um den drren sten auszuweichen
-- wieviel Schnheit lag in dieser Bewegung! Als sie talwrts ritt und
zwischen den Stmmen schon zu verschwinden drohte, erhob sich der Frst,
um sie noch einmal zu sehen. Jetzt verschwand sie im Dmmerschatten des
tieferen Waldes. Manchmal war noch ein gedmpfter Tritt des Tieres zu
hren, immer ferner, immer leiser. Dann wieder Schweigen im Wald.

Die Drossel schlug.

Der Frst hrte sie nicht. Er stand an die Fichte gelehnt und blickte
der Tiefe des Waldes zu, wo es grauer und immer grauer wurde zwischen
den Stmmen.

Wo hab ich nur diese Augen schon gesehen?

Er sann und forschte. Dann pltzlich fiel es ihm ein: auf einem Bild!

Seltsam! Wie der phantastische Traum eines Knstlers sich in
Wirklichkeit erfllen kann!

Aufatmend hob er den Blick zu den Wipfeln, deren Glanz erloschen war.

Es dunkelt?

Das klang wie eine erstaunte Frage -- als knnte er nicht begreifen, da
jetzt die Nacht beginnen sollte.

Ohne zu wissen, da er es tat, stieg er durch den grauen Wald
bergaufwrts der Richtung zu, aus der die Reiterin gekommen war. Kaum
hundert Schritt hinter der Lichtung fand er einen breiten Pfad, der zur
Hhe fhrte -- man sah im Dunkel des Waldes die steigenden Serpentinen
schimmern.

Von dort oben kam sie?

In der Hhe des Waldes meinte er einen Schritt zu hren. Er lauschte.
Aber da war's wieder still.

Ist jemand hier?

Nur ein dumpfes Echo gab Antwort.

Eine Weile noch stand der Frst und lauschte. Dann stieg er den Pfad
hinunter, der nach kurzer Strecke in den am Ufer des Wildbaches
laufenden Talweg einmndete. Hier stand ein Wegweiser, dessen Arm zur
Hhe zeigte, von welcher der Frst gekommen war. Mit einiger Mhe
entzifferte er bei der sinkenden Dmmerung die Inschrift: Zum
Steinernen Httl.

Da hrte er eine rufende Stimme: Durchlaucht!

Martin! Hier!

Der Lakai kam atemlos gerannt. Gott sei Dank! Ich war schon in Sorge,
da Durchlaucht sich verirrt htten.

Ich danke, Martin. Aber deine Sorge war berflssig. Mich verirren?
Hier? Das ist unmglich. Rechts und links die Berge. Man hat nur dem
Bach zu folgen. Du brauchst mir ein andermal nicht wieder nachzugehen.
Ich finde schon meinen Weg.

Martin verneigte sich stumm und blieb zehn Schritte hinter seinem Herrn
zurck.




^Zweites Kapitel^


Der letzte Dmmerschein des Abends war erloschen, und ber dem Jagdhaus
lag eine sternschne Nacht.

Im Wohnzimmer des Frsten standen die Fenster offen, und die Lampenhelle
warf rtliche Lichtbnder ber das dunkle Almfeld hinaus. Das Gebimmel
der Glocken war verstummt, doch in Burgis Sennhtte ging es noch lustig
zu; Schwatzen und Lachen wechselte mit Gesang und Zitherspiel.

In einem Lehnstuhl sa der Frst am offenen Fenster, und whrend er den
Rauch der Zigarette vor sich hinblies, lauschte er bald dem
unermdlichen Frohsinn, der durch die Nacht zu ihm heraufklang, bald
wieder blickte er sinnend ber die schwarzen Wipfel hinber zu den
Felswnden, die sich grau emporhoben in das tiefe Stahlblau des Himmels.
Wie stark und feurig in der reinen Hhenluft die Sterne funkelten! Als
wren es andere, schnere Sterne als jene, die man dort unten sieht, in
der staubigen Ebene und im Ru der Stadt!

Tief atmend erhob sich der Frst. Ein paarmal wanderte er durch das
Zimmer, dann setzte er sich an den Schreibtisch, um einen Brief zu
beginnen:

               Mein lieber, treuer, vterlicher Freund!

     Ich danke Dir von Herzen! Und ich kann nicht schlafen gehen, bevor
     ich Dir das nicht gesagt habe. Als meine rzte befahlen: drei
     Monate nach dem Sden und dann ungestrte Ruhe in reiner
     Hhenluft! -- und als Du sagtest: Bis du wiederkommst, will ich fr
     dich einen Fleck Erde aussuchen, der dir Ruhe gibt! -- da wut' ich
     schon, wie gut Du fr mich sorgen wrdest. Aber heute hab' ich mehr
     gefunden, als ich selbst bei einer ungebhrlichen Rechnung auf
     Deine Freundschaft erwarten konnte. Welch ein schnes Waldheim hast
     Du mir da bereitet! Und Dank fr die behagliche Stube! In ihr sitz'
     ich und schreibe. Ich habe mich hier daheim gefhlt von der ersten
     Stunde an. Und so viel Ruh ist hier! Sie beginnt auch schon zu
     wirken. Kein Brennen meiner Wunde mehr. Und wenn mich eins noch
     qult, so ist es Bitterkeit gegen mich selbst. Von einem kalten
     Grauen durchrieselt, betrachte ich den Taumel, der mich ausgestoen,
     und atme auf. Jetzt fhl ich mich erlst von der letzten Kette dieser
     wahnsinnigen Leidenschaft. Jetzt bin ich frei.

     Frei! Knntest Du dieses kleine Wort so lesen, wie ich es im
     Niederschreiben fhle! Frei! Das war ich noch gestern nicht. Noch
     weniger in den Tagen zuvor. Diese Irrfahrtswochen im Sden! Der
     Ekel schttelte mich bis auf die Knochen. Doch mitten im bitteren
     Nachgeschmack immer wieder eine Erinnerung, die sich wie Sehnsucht
     fhlte! Dann fragte ich mich erschrocken: lieb' ich sie noch,
     ^kann^ ich sie denn noch lieben? Dazu diese Menschen, diese
     Begegnungen! Als htte sich unser ganzer Kreis von zu Hause
     systematisch ber meine Reiseroute verteilt, um mich zu martern. In
     Capri, Amalfi, Rom, Bordighera, berall lief mir einer ber den
     Weg, und die erste Frage war immer eine Frage nach ^ihr^! Man
     wird in unserer guten Gesellschaft durch keine Grotat so berhmt,
     als wenn man sich vergit und vom sauberen Brgersteig des Lebens
     hinuntertappt in die Gosse.

     Heute frh noch, bei der Abfahrt, in Innsbruck, wer steht vor mir?
     Der Edle von Sensburg! Der >kleine se Mucki<! Du weit, wer ihn
     so zu rufen liebte. Und seine erste Frage: >_Vous seul, mon
     prince?_< Ich htte ihn mit der Faust ins Gesicht schlagen mgen.
     Und als er mir's abgequetscht hatte, wohin ich ging, schien er auf
     eine Einladung zur >Gamsjagd< zu warten -- er sagt natrlich nicht
     Gemse, sondern >Gams<, immer echt, der kleine se Mucki! Whrend
     der ganzen Fahrt verfolgte mich sein Kattungesicht, und immer roch
     ich seine _peau d'Espagne_ -- er hatte, whrend er mit mir sprach,
     den Arm auf die Wagenlehne gesttzt. Um das Parfm loszuwerden, nahm
     ich mir in Leutasch eine Bauernkutsche. Es half nicht. Nun qulte
     mich die Erinnerung an die Tage und Nchte, die ich mit diesem
     Menschen verbringen mute, weil ^sie^ es als lustigen Sport
     betrachtete, ihren scheckigen Narren aus ihm zu machen. Ach, zum
     Teufel mit dem ganzen Ekel! Ich bin ihn doch los, bin erlst, bin
     frei! Seit heute, seit ich hier bin! Und ich fhl' es wie ein
     Wunder, das an mir gewirkt wurde. Der Wald aus seinem schnen
     Schweigen hat zu mir gesprochen: sieh, wie ruhig ich bin, sei du es
     auch! Und ich hab's gehrt, verstanden und befolgt.

     Wie ganz genesen ich bin, mag Dir beweisen, da ich fragen kann:
     >Hast Du schon mit ihr gesprochen?< Ich bitte Dich, spare da nicht
     in meine Tasche! Ich will nicht, da sie >darben< mu, und sie
     >darbt<, wenn sie nicht mindestens die Revenue einer Million zur
     Verfgung hat. Dir hab' ich es vor einem Jahr nicht glauben wollen.
     Jetzt wei ich es: mein Name, meine Stellung, mein Besitz -- das
     war's, was ihre >groe Feuerseele< bezwang. Sie soll sich in ihren
     >stolzen Hoffnungen< nicht ganz getuscht haben. Du weit, fr die
     Enttuschten im Leben hab' ich immer ein schwaches Herz gehabt.
     Das ist gewi Ironie, aber es gesellt sich zu ihr auch ein Hauch
     von Ernst und Heiterkeit. Feilsche nicht! Und dann ist's vorber.
     Fr immer!

     Aber was soll ich nun mit mir beginnen? Ich habe noch ein Leben vor
     mir. Was soll ich ihm geben? Heut und fr lange Wochen bin ich
     zufrieden mit der Ruhe, die ich hier gefunden habe. Doch wenn mich
     der Winter von hier verjagt? Was dann? Arbeit? Gewi! Doch welche
     Arbeit? >Da stock ich schon< -- und mu mir erst berlegen, was ich
     schreiben will.

Er legte die Feder fort und trat ans Fenster. --

Aus der Stube, die unter dem Jagdzimmer des Frsten lag, fiel ebenfalls
die Helle einer Lampe ber den Hof hinaus, doch nur als matter Schein,
denn am Fenster waren die Gardinen vorsichtig zugezogen.

In dieser Stube sa Martin vor einer Briefmappe. Er hatte eine schon
halbgeleerte Flasche Bordeaux vor sich stehen, schmauchte eine Zigarette
seines Herrn und hielt studierend den Federstiel in der Hand.

Der Klang der Schritte, die ber seinem Kopfe hin und her wanderten,
lie ihn zur Decke blicken.

Wenn ich wte, was er denkt da droben, dann wt ich auch, was ich
schreiben soll!

Bedchtig blies er eine Rauchwolke ber den Briefbogen hin und begann
mit zierlichem Schnrkel die berschrift:

                         Hochverehrte Frau Baronin!

                          Meine gndigste Gnnerin!

     Obwohl ich Bemerkenswertes nicht zu melden habe, erlaube ich mir,
     Frau Baronin doch heute noch eine Nachricht zu senden, um kurz zu
     berichten, da unsere allverehrte Durchlaucht heute nachmittag,
     etwas angegriffen von der langen Fahrt, aber doch bei wnschenswert
     gutem Gesundheitszustand im Jagdhaus eingetroffen sind. Selbes
     liegt in einer vollstndig unkultivierten Berggegend, was vermuten
     lt, da es Durchlaucht nicht sehr lange hier aushalten werden.
     Fr den Komfort Seiner Durchlaucht im Jagdhause haben Graf
     Sternfeldt leidlich gesorgt. Dagegen befinden sich die Zimmer im
     Fremdenhaus und auch das einzige Gastzimmer im Frstenhaus in einem
     sehr primitiven Zustand. Letzteres Zimmer, welches von den Jgern
     das >Grafenstberl< genannt wird, wurde durch mehrere Wochen von
     Graf Sternfeldt bewohnt. Das Meublement gengt kaum den
     bescheidensten Ansprchen, und da bei einem Besuche der gndigen
     Frau Baronin nur dieses Zimmer in Betracht kommen kann -- es liegt
     auf dem gleichen Flur mit den Zimmern Seiner Durchlaucht --, so
     werde ich einem verllichen Menschen in Innsbruck sofort den
     Auftrag geben, bis zum Eintreffen der gndigen Frau Baronin alles
     Ntige zu beschaffen, damit das Zimmer wrdig des zu erwartenden
     Gastes gestaltet werden kann. Da diese nderung ohne Wissen Seiner
     Durchlaucht ausgefhrt werden mu, bitte ich gndige Frau Baronin
     untertnigst, meine Eigenmchtigkeit Seiner Durchlaucht gegenber
     zu vertreten und die Sache so darzustellen, als htte ich mich nur
     deshalb fr diesen delikaten Auftrag gewinnen lassen, weil es sich
     um eine freudige berraschung fr Seine Durchlaucht gehandelt
     htte.

     Sonst habe ich nur zu melden, da Durchlaucht heute frh in
     Innsbruck mit Herrn von Sensburg zusammentrafen und selben sehr
     ungndig behandelten, wofr sich Herr von Sensburg in gewohntem
     Takt mit doppelter Liebenswrdigkeit revanchierten. Hier in dieser
     menschenverlassenen Wildnis sind Begegnungen, welche die gndige
     Frau Baronin beunruhigen knnten, nicht zu befrchten. Doch hatten
     wir heute abend, bei der Vorliebe Seiner Durchlaucht fr einsame
     Spaziergnge, bereits einen kleinen Schreck zu berstehen.
     Durchlaucht hatten gegen sechs Uhr das Jagdhaus verlassen, um etwas
     Motion zu machen. Fr halb acht war das Diner befohlen, aber es
     wurde acht Uhr, es wurde finster --

Martin hielt im Schreiben inne und blickte zur Decke hinauf.

Dort oben waren die hin-und herwandernden Schritte verstummt. --

Der Frst hatte sich wieder zum Schreibtisch gesetzt, um seinen Brief zu
vollenden:

     Mir will die Erleuchtung nicht kommen. Arbeit? Ja! Mich sehnt nach
     ihr. Ich glaube doch wohl, da sie frs Leben eine Notwendigkeit
     ist, wie Luft und Freude. Aber da seh' ich Dich lcheln, Du
     liebenswrdigster aller Residenzbummler, und hre Dein paradoxes
     Lieblingswort: Arbeit ist ein Fluch, das hat schon die Bibel
     gesagt, und das ist ein kluges Buch! Aber ich wei auch, da Du im
     Grunde Deiner Seele anders denkst. Das ist ja berhaupt Deine Art
     so: anders zu sprechen, als Du denkst -- nein, so gesagt wr's eine
     Unhflichkeit, ich htte schreiben sollen: anders zu denken, als Du
     sprichst! Und mir gegenber hast Du immer eine Ausnahme gemacht. Tu
     es auch jetzt! Gib mir einen Rat! Was soll ich beginnen, um aus
     meinem in die Irre geratenen Leben einen Zweck zu machen? Und gibt
     es fr mich keine Arbeit, welche Ziel und Zweck hat, gut, so will
     ich das Zwecklose schaffen. Nur etwas leisten! Und htt' ich auch
     keinen besseren Dank davon als einen mden Abend und einen festen
     Schlaf. Aber was soll ich? Ins Regiment zurck? Noch heute, wenn
     Krieg in Aussicht wre! Fr die Parade und den bewaffneten Frieden?
     Nein! Oder soll ich mich ins Parlament whlen lassen? Ich wte
     nicht, fr welche Partei. Was ich politisch denke, vertrgt sich
     mit keiner. In mir mischt sich der Absolutist mit dem extremen
     Republikaner. Ich mte heute mit den Junkern stimmen, morgen mit
     den Sozialisten. Eine parlamentarische Unmglichkeit. Und
     berhaupt, das Parlament! Soll ich arbeiten fr eine Sache, von der
     ich berzeugt bin, da sie sich berlebt hat? Und bei aller
     Freiheit meines Denkens -- ich bin empfindlich gegen Ungezogenheiten.
     Wer sich heute ins Parlament whlen lt, mu unter dem Schutze der
     mibrauchten Immunitt sich Verdchtigungen, Grobheiten und
     Ausdrcke gefallen lassen, die man im gewhnlichen Leben mit einer
     Kugel oder besser noch mit einer Ohrfeige erwidert. Nein, ich
     danke! Aber Holzhacken, wrtlich und bildlich genommen, kann ich
     doch nicht. Dazu sind meine Hnde nicht robust genug. Es wird mir
     also nichts anderes brigbleiben, als mich auf meine Scholle zu
     setzen. Seinen Acker bewirtschaften und seinen Besitz bei gesundem
     Leben zu erhalten, ist schlielich auch eine Arbeit. Auf meinen
     Gtern beschftige ich ein paar hundert Menschen. Fr die als Herr
     zu sorgen, ihr Dasein zu einem menschlich ertrglichen, nach
     Mglichkeit zu einem behaglichen zu machen? Ist das nicht auch ein
     Zweck? Dazu noch ein guter? Fr die groe Menschheit arbeiten zu
     wollen, ist Donquichotterie -- aber meine paar hundert Leute daheim,
     das ist eine Menschheit im kleinen, und fr die ^kann^ ich
     arbeiten.

     Daheim? Hab' ich denn noch ein Daheim? Mein Haus in der Stadt ist
     mir verleidet. Und unser schnes Bernegg? Seine Mauern sind mir tot
     geworden, seit das Leben erlosch, das in ihnen wirkte -- seit meine
     Mutter starb. Ich kann mir nicht denken, wie ich dort leben soll,
     ich, allein! Das wirst gerade Du mir nachfhlen knnen. Ich wei,
     wie gro Du von meiner Mutter dachtest.

     Wenn ich mit Dir plaudre von ihr, wird Dein spottendes Auge ernst
     und Dein sarkastische Lcheln ein anderes. Und vor Jahren, wenn Du
     mir von allem Lob das beste sagen wolltest, dann sagtest Du zu mir:
     >Du Sohn deiner Mutter!< Das Lob war unverdient. Was sie aus ihrer
     Seele gab, das hab' ich nur uerlich angenommen. Die klare
     Harmonie des Lebens, die willensstarke Fhigkeit, eine Freude auch
     noch im bittersten Weh zu finden -- das war dem Wesen meiner Mutter
     angeboren. Sie ^hatte^ das, wie man Augen hat, mit denen man sieht.
     Dieses Ruhige flo von ihr auf den verschchterten Knaben ber, aus
     jedem Blick, der mit Liebe auf mir ruhte. Aber es wurzelte nicht in
     meinem Herzen, es war bei mir nur ein Angelerntes und war vergessen
     bei der ersten verwirrenden Frage, mit der mich das Leben prfte.

     Ob es auch so gekommen wre, wenn ich die Mutter nicht verloren
     htte? Nein! Ihre lebende Nhe wre mir ein Schutz gegen jeden
     hlichen Aufruhr meines Blutes gewesen. Denkst Du noch an unseren
     alten Suttner, der frher als Frster in der einsamen Hirschau
     diente? Im Jhzorn mihandelte er seine Frau und seine Kinder und
     machte seinen Untergebenen den Dienst zu einer Marter. Da nahm ihn
     meine Mutter als Parkmeister ins Schlo -- und ihr Blick verwandelte
     den Wildfang in einen ruhigen Menschen. Htte meine Mutter noch
     gelebt, es wre nie geschehen, was ich jetzt, da ich mit allem
     Katzenjammer einer Menschenseele von diesem Rausche ernchtert
     bin, mit Fusten hinausstoen mchte aus meinem besudelten Leben.

     Aber als dieser Irrsinn meines Herzens begann, da ahnte ich nicht,
     wie er enden wrde. Das war in mir, als htt' ich das Heiligste und
     Herrlichste des Lebens gefunden. Und wenn ich zurckdenke an den
     Feuersturm jenes ersten Gefhls, dann wird es mir schwer, zu
     wnschen: ich htte besonnen meine glatte Strae gehen und mir ein
     temperiertes >Glck< mit ruhiger berlegung schaffen knnen, um
     Sommer fr Sommer als guter Mann meiner guten Frau kohlbauend auf
     meinem Gute zu sitzen und whrend des Winters in der Stadt keine
     Opernpremiere, keinen Rout und keinen Hofball zu versumen. Der
     Gedanke, da solch ein >wohlgeordnetes< Glck mich htte treffen
     knnen, weckt in mir ein gelindes Grauen. Dennoch steckt in mir ein
     schmerzliches Bedauern, da es ^nicht so^ kam! Aber wenn ich es
     >so gut< gefunden htte? Wre dieses windstille Treibhausglck von
     Dauer gewesen? Bis zu einem sanften, in Gott ergebenen Lebensabend?
     Vielleicht htte sich auch dann einmal in dunkler Stunde das Blut
     meines Vaters in mir geregt, um die glserne Herrlichkeit in
     Scherben zu schlagen, irgendeinem Unwert oder einer Hlichkeit
     zuliebe?

     Mein Vater! ---- Das Wort ist kalt fr mich. Als mein Vater jenen
     tdlichen Sturz auf der Rennbahn tat, war ich noch ein halbes Kind.
     Sein Tod hatte keinen Schmerz fr mich, nur einen Schreck, den ich
     halb verstand, als ich einen unserer Gste sagen hrte: >Der gute
     Ettingen hat sich den Hals recht _ propos_ gebrochen, sonst htte
     er noch seinen Namen und seinen Besitz, seine Frau und seinen Jungen
     in den Sumpf geritten!< Dieses bse Wort brachte das ^eine^ Gute,
     da ich mich noch zrtlicher an die Mutter anschlo, wie in der
     Ahnung, da meine Liebe sie vor einem Leid zu beschtzen htte.
     Wei Gott, lieber Freund, es geht mir warm durchs Herz, wenn ich
     mir sage: ich habe meiner Mutter, solange sie lebte, keine
     Enttuschung bereitet. Sie konnte lchelnd die Augen schlieen und
     sterbend glauben, da sie in ihrem Sohn ein wohlgebautes Werk ihrer
     Liebe und ihres Lebens hinterliee.

     Und nun? Wie steht es vor Dir, dieses Werk meiner Mutter? In meiner
     Seele sieht es aus wie in den lcherigen Taschen eines Bettlers.
     Ich htte leben sollen als meiner Mutter Sohn und hab's meinem
     Vater nachgetan. bel hat mich bei diesem Rennen um das Glck das
     zgellose Tier meiner Leidenschaft in den Sand geworfen! Sand? Wie
     hflich das Wort gewhlt ist! Wohl hab ich mich leidlich wieder
     aufgerichtet. Aber ich spre den Sturz an Leib und Seele. Und da
     konnt' ich vor einer halben Stunde noch schreiben: ich bin genesen,
     ich fhle mich frei. Nein! Ich bin es nicht. Oder wei ich nur die
     qulende Stimmung dieses Augenblickes nicht klar zu erkennen? Was
     mich mit so brennender Unruhe bedrckt? Eine letzte Kette, die
     mich noch fesselt an das Vergangene? Nein! Es kann auch das Grauen
     sein -- vor der Leere und dem Unwert meines kommenden Lebens! Eine
     heie Sehnsucht, die begehrt und dennoch wei, da sie unstillbar
     ist! Heiliges Glck -- das ist Finden auf reinem Weg. Wer durch Sumpf
     gewatet ist, darf keinen Tempel mehr betreten.

     Ein bser Gedanke! Der htte mir nicht kommen sollen! Ich will's
     versuchen, ihn wieder aus mir hinauszustoen, will zufrieden sein,
     nur weil ich einsam bin, stadtferne und mir selbst gegeben. Und wie
     hlich auch das Leben ist, dem ich entfloh und das mich erwartet --
     schn ist doch die sommerduftende Stille, in der ich hier atme.
     Schn ist die Nacht, die da drauen mit groen Sternen leuchtet.
     Schn ist das tiefblaue Rtsel des schlafenden Himmels und das
     graue Wunder der nachtverschleierten Berge!

     Httest Du nur den Abend gesehen, der dieser Nacht voranging! Aber
     solche Schnheit lt sich nur fhlen, nicht mit Worten sagen! Und
     wie sicher vor allen bsen Gedanken, wie ruhig war ich, als ich
     einsam da drauen unter den alten Bumen sa!

Da stockte dem Schreibenden die Feder. Er lehnte sich in den Stuhl
zurck und blickte nach dem offenen Fenster, in dessen Rahmen sich der
schwarzgezahnte Wipfelkamm des nahen Waldsaumes und darber ein Stck
des stahlblauen Himmels mit zwei funkelnden Sternen zeigte.

So sa er eine Weile. Dann schttelte er unter leisem Lcheln den
Kopf -- und begann wieder zu schreiben:

     Die schne Ruhe, die ich drauen gefunden habe, berkommt mich
     wieder! Ein Trost fr die Nacht -- ich glaube, da ich schlafen
     werde.

     Nun Gott befohlen, lieber Goni! Wt' ich nicht, da Du in der
     Stadt bleibst, um als Freund fr mich zu handeln, so wrd' ich Dir
     schreiben: komm, und la uns die Schnheit teilen, die mich hier
     umgibt! Aber ich hoffe doch, da dieser unbehagliche
     Freundschaftsdienst Dich nicht allzulange zurckhalten wird und da
     ich Dich bald bei mir begren kann. Mit diesem Herzenswunsche bin
     ich Dein

                                               dankbar getreuer Heinz.


Der Frst schlo den Brief und schrieb die Adresse: Graf Egon von
Sternfeldt -- Wien. Er wollte dem Diener luten, doch lchelnd nahm er
den Brief noch einmal aus dem Kuvert.

     Als Nachschrift eine Bitte. Ein Zufall hat mich heut an Arnold
     Bcklins Bild >Das Schweigen im Walde< erinnert. Du kennst das
     Bild: auf dem Einhorn reitet die weie Waldfee unter den Bumen,
     mit groen Mrchenaugen, und lauschend, als htte das Waldschweigen
     redende Stimmen, die kein Menschenohr vernimmt, nur sie allein.
     Schon vor drei Jahren, als ich das Bild in einer Ausstellung sah,
     htt' ich es gerne gekauft. Es hatte schon seinen glcklichen
     Besitzer. Wie schade! Nun sind Erinnerung und Wunsch in mir wieder
     wach geworden. Aber wer einen solchen Schatz besitzt, berlt ihn
     keinem anderen. Ich werde mich mit einer Reproduktion begngen
     mssen. Willst Du mir die besorgen? Einen Stich oder eine
     Radierung. Willst Du? Ja? Meinen Dank im voraus.

                                                            Heinz.


Der Frst siegelte den Brief und lutete dem Diener, dann trat er ans
offene Fenster.

Drunten in der Sennhtte ging es lustig zu. Der Wein schien in den
Kpfen der Jger seine Wirkung zu ben, ihre frhliche Stimmung hatte
sich in wirres Kreischen und Lachen aufgelst. Das schwieg zuweilen.
Dann klang's wieder auf. Und der bermut dieser konfusen Stimmen hrte
sich seltsam an in der schwarzen, schweigenden Einsamkeit der Bergnacht.

Der Lakai trat in das Zimmer. Durchlaucht befehlen?

Dort liegt ein Brief. Hast du dich schon erkundigt, wie die Post
besorgt wird?

Die Leutascher Jger sind noch hier. Einer von ihnen wird den Brief zur
Besorgung bernehmen. Von morgen an wird ein regelmiger Postdienst
eingerichtet.

Der Frst nickte und ging zur Tr des Schlafzimmers; als ihm der Lakai
folgen wollte, sagte er: Danke, Martin, geh nur, ich brauche dich nicht
mehr.

Von der Sennhtte klang eine Lachsalve herauf, so toll und lrmend, da
der Frst aufblickte.

Martin runzelte die Stirn. Ich werde die Leute sofort zur Ruhe
verweisen.

Nein! La sie nur! Sie sollen sich amsieren, solang es ihnen Freude
macht. Ich werde deshalb nicht schlechter schlafen. Morgen frh sieben
Uhr das Bad. Fr neun Uhr hab' ich den Frster zum Frhstck gebeten.
Gute Nacht! Der Frst trat in das Schlafzimmer und zog hinter sich die
Tr zu.

Martin schlo die beiden Fenster; dann glitt er lautlos auf den
Schreibtisch zu. Er nahm den Brief, las die Adresse und lchelte.
Vorsichtig, um das Siegel nicht zu verletzen, drckte er den Brief an
den Kanten zusammen, so da sich die Klappe des Kuverts ein wenig
ausbauchte. Da konnte er ein paar Worte lesen: -- heut an Arnold
Bcklins Bild >Das Schweigen im Walde< erinnert. Du kennst das Bild; auf
dem Einhorn reitet --

Beruhigt schob Martin den Brief in die Brusttasche und blies auf dem
Schreibtisch die Lampe aus.




^Drittes Kapitel^


In der Sennhtte schien die weinfrhliche Stimmung in bedenkliche Wrme
zu geraten. Man hrte zwei streitende Stimmen, neben einem rauhen Ba
den krftigen Tenor des Praxmaler-Pepperl. Aber die beiden Gegner
schienen ihre Fehde nicht sonderlich ernst zu nehmen. Ihr Zankduett
lste sich bald wieder in Gelchter auf, die Glser klapperten, und ein
bermtiger Jauchzer tnte in die stille Nacht hinaus.

Frster Kluibenschdl, der in einem der Jgerhuschen noch lesend bei
einer trb brennenden Petroleumlampe sa, tat beim Hall dieses Jauchzers
einen tiefen Zug aus der Pfeife, ohne zu merken, da sie schon erloschen
war, und las mit erregter Spannung weiter. Sein rundes Gesicht glhte,
obwohl die Sommernacht nicht allzu schwl und der eiserne Sparherd, auf
dem er sich zum Nachtmahl den gewohnten Schmarren bereitet hatte, schon
lngst erkaltet war. Frster Kluibenschdl war ein Freund literarischer
Gensse, hatte eine unglckselige Leidenschaft fr schne Bcheln,
dazu eine leicht zu rhrende Seele, und obwohl er in der Praxis des
Lebens dem schnen Geschlechte nicht sonderlich freund war, bevorzugte
er in der Kunst gerade jene Bchlein, die von treuer Liebe handelten.
Die aufregende Geschichte, die er just verschlang, heizte seinem in
Spannung zitternden Herzen so schrecklich ein, da ihm die innerliche
Glut den Schwei auf die Stirne trieb.

Die Erregung des Lesers war aber auch begrndet. Man denke nur: in dem
dreibndigen frei nach dem Englischen bearbeiteten Roman Das
Geheimnis von Woodcastle hielt er soeben bei der wichtigen Szene, in
welcher Lord Fitzgerald, der enterbte, von Unglck und Feinden verfolgte
Held, die heimliche Botschaft seiner Geliebten empfngt und in
mitternchtiger Stunde sich aufmacht zur heiersehnten Unterredung mit
Lady Maud, der holdseligen, von Ha und Eifersucht bewachten Herrin von
Woodcastle. Die Nacht ist rabenschwarz, eine Eule wimmert um die
zerfallenen Zinnen, unheimlich murmelt der Flu, und geheimnisvoll
flstern die alten Rstern des Parkes. Wohl ahnt der Lord die Gefahr,
die ihn umlauert; doch keine Macht der Welt kann ihn zurckhalten, in
die Arme der Geliebten zu eilen, und so schreitet er furchtlos durch die
finstere Nacht, nur begleitet von seinem treuen Neufundlnder, der
gleich dem Schatten eines Lwen an seiner Seite wandelt. Rosige Trume
von Glck und Liebe erfllen die groe, stolze Seele unseres Helden,
und so ganz versunken ist er in die Gedanken an seine holde Maud, da er
die zischelnde Stimme berhrt, die sich pltzlich im schwarzen Schatten
der alten Mauer hren lt: Das ist er! Doch Lion, der treue zottige
Freund, hat blitzschnell die Gefahr erkannt, die seinen Herrn bedroht;
seine Haare struben sich, er stt ein drohendes Knurren aus, aber im
gleichen Augenblick --

Mar' und Joseph! stotterte Kluibenschdl, dessen Augen sich
erweiterten. Jetzt gschieht ihm ebbes! Wtend schlug er die Faust auf
den Tisch. Aber gleich hab ich mir's denkt, und grad heut mu er sein
Revolver daheimlassen! So a verliebts Rindviech, so an unvorsichtigs!
Schnaubend legte er sich mit beiden Ellbogen ber den Tisch und beugte
die glhende Nase auf das Heft.

-- Im gleichen Augenblick strzen vier vermummte Gestalten aus der
Mauernische hervor. Wohl springt der treue Hund dem ersten der Banditen
heulend an die Kehle, doch ein wohlgezielter Dolchsto streckt das
mchtige Tier zu Boden.

Ah, da hrt sich aber doch alles auf! Dem Frster traten vor Erbarmen
um das schne Tier die Trnen in die Augen. Jetzt bringen s' mir den
Hund um, der mir der liebste von alle gwesen is! Nur mit Mhe konnte er
durch den Schleier seiner tropfenden Zhren weiterlesen.

Schon ist Lord Fitzgerald an Hnden und Fen gefesselt, ein Knebel
erstickt seine Stimme, und whrend die Schurken ihn zu dem in der Nhe
bereitstehenden, dichtverschlossenen Wagen schleppen, verblutet der
arme Lion verlassen und hilflos im Staube. Noch einmal richtet er sich
mit letzten Krften auf, versucht der Spur seines geliebten Herrn zu
folgen, doch die Fe tragen ihn nicht mehr; mit einem matten Winseln,
welches fast dem Todeslaut einer schmerzgebrochenen Menschenseele
gleicht, bricht er zu Boden und haucht auf den Futapfen seines Herrn
die treue Seele aus.

Zwei groe Tirolertrnen fielen auf das schauerliche Geheimnis von
Woodcastle nieder. Sie zerflossen auf dem schlechten Papier, und die
Flecken wurden so schwarz, als htte der Frster nicht klares Wasser,
sondern Tinte geweint. In atemloser Beklemmung berflog er die nchsten
Seiten, aber da half nichts mehr, der Hund war tot, kein Wunder geschah,
um ihn wieder lebendig zu machen.

Meiner Seel! Jetzt is er richtig hin! Aus Kluibenschdls tiefer
Ergriffenheit brach es mit heiligem Zorn heraus: Die Raubersbuben, die
gottverfluchten! Und ds will a Dichter sein? Der so a treus,
unschuldigs Tierl z'grund gehn lat? Ah na! Der kann mir gstohlen
werden! Er packte mit grober Faust das Heft. So martern mu ich mich
doch net lassen! Wtend schleuderte er das Heft in die Tischschublade,
in deren schwarzem Schatten das Geheimnis von Woodcastle zwischen
aufgedrseltem Rollknaster und alten Patronenhlsen verschwand.

Seufzend erhob er sich vom Tisch und ging auf die groe zweischlfrige
Bettstatt zu, um seine Ruhe zu suchen. Er war nun auch soweit schon Herr
seiner Sinne, um den fidelen Spektakel nicht mehr zu berhren, der von
der Sennhtte heraufklang. Is denn da noch allweil net Feierabend? Er
sah nach der Uhr. Halb zwlfe! Da mu ich Polizeistund machen!

Aus der Almhtte quoll ein matt beleuchteter Qualm hervor, als wre
Feuer in der Sennstube ausgebrochen.

Der groe, von einem flackernden Talglicht und dem schon erlschenden
Herdfeuer beleuchtete Stubenraum war so dick mit Pfeifenrauch erfllt,
da Kluibenschdl, als er auf die Schwelle trat, die Gestalten der
Sennerin und der vier Jger, die um den mit Flaschen und Glsern
bestellten Tisch saen, kaum zu unterscheiden vermochte. A saubers
Dampfl! Da knnt einer ersticken, da herin!

Er wurde von der fidelen Kneipgesellschaft mit lautem Hallo begrt. Die
junge Sennerin, die dem kleinen Schwipserl, das ihr der
Praxmaler-Pepperl zugedacht hatte, schon bedenklich nahe schien, empfing
den unerwarteten Gast mit einem trillernden Juhschrei, und Pepperl, das
gefllte Schoppenglas in der Hand, sprang auf, da der dreibeinige Stuhl
einen Purzelbaum machte. Jeh, der Herr Frstner! jubelte er und
schwang das Glas, wobei er seine zerzausten Kreuzerschneckerln mit
einem ausgiebigen Spritzer taufte. Der Herr Frstner soll leben!
Hoooch!

Burgi und die drei anderen Jger fielen lachend ein, so da der Frster
den frhlichen Spektakel kaum zu berbrllen vermochte: Stad, sag ich!
Himmelkreuzteufel! Seids denn ganz verruckt? Droben im Frstenhaus sind
lang schon d' Lichter ausglscht, und s machts in der Nacht um halb
zwlfe noch an Aufruhr wie a Trupl Rekruten! An unsern guten Herrn
Frsten denkt wohl gar keiner nimmer, was? s Lackeln beranand! Bei
diesem Schluwort knpfte der Frster energisch seine Joppe zu.

In der Sennstube war es muschenstill geworden. Burgi fuhr sich verlegen
mit der Schrze ber das glhende Gesicht, und Pepperl stand so
erschrocken, als htte man ihm unversehens einen Kbel eiskalten Wassers
ber den Kopf gegossen. Und weil man bei solchem Stimmungswechsel, wenn
man sein Gewissen nicht vllig rein wei, die erste Schuld immer gern
auf einen anderen schiebt, fuhr er mit heiserem Geflster einen der
Leutascher Jger an: No also, da hast es jetzt! Mit deiner Streiterei!

Ah, da schau! brummte Birmoser in seinem tiefen Ba. Du selber hast
ja viel rger gschrien als ich!

Pepperl kam aus der Fassung. Er schien zu fhlen, da seine Ausrede auf
krummen Fen ging; dazu begann der Wein unter seinen Kreuzerschneckerln
zu rumoren. In Zerknirschung warf er einen Trauerblick auf die beiden
noch ungeleerten Flaschen und stotterte: Tuts mir die zwei Flaschen
zustpseln! Heut trink ich kein Trpfl nimmer!

Dieser ehrlichen Reue gegenber hielt Kluibenschdls rger nicht stand.
No no no no! bers Knie mu man auch net alles abbrechen! Bleibts halt
in aller Ruh noch a halbs Stndl sitzen, bis der Wein austrunken is. Und
damit's gschwinder geht, hilf ich a bil mit, in Gottsnamen! Er fllte
ein Schoppenglas und leerte es auf einen Zug. Sooooo! Als er das Glas
niederstellte, gewahrte er, da nur vier Jger am Tische saen. Wo is
denn der ander, fragte er verwundert, der Mazegger-Toni?

Fort is er, antwortete Beinl, der Jger von Ehrwald, schon gleich
am Nachmittag, wie der Frst kommen is.

Was? Fort? Da mu ich a bil nachschauen. Kluibenschdl ging zur Tr
und brummte ber die Schulter: Also! Gscheit sein! Um zwlfe is
Polizeistund!

Ja, ja! Gut Nacht, Herr Frstner! erwiderten die Jger. Nur Pepperl
schwieg. Er hatte seinen Stuhl wieder aufgerichtet, sa mit gespreizten
Beinen und machte ein Gesicht, als ginge ihm ein widerhaariger Wirbel im
Kopf herum. Die Sennerin brach, als sie die trbselig verwandelte
Gesellschaft sah, in Kichern aus. Ui jegerl! Der hat enk bei der
Kittelfalten derwischt! Und du? Sie puffte den Praxmaler-Pepperl mit
der Faust in den Rcken. Was is denn mit dir?

Gnug hab ich, scheint mir! gestand Pepperl in ehrlicher
Selbsterkenntnis Dir htt ich 's Ruscherl gern anghngt, und ich
selber hab's kriegt!

Das Mdel lachte, da ihr die Jger beschwichtigend zuwinkten. Da
drckte sie die Hand auf den Mund, huschte zur Httentr und guckte in
die schwarze Nacht hinaus.

Der Frster war in der Finsternis verschwunden. Nur seine stolpernden
Schritte waren noch zu hren.

Aus dem kleinen Fenster des Hegerhuschens, auf das er zutappte,
schimmerte Licht. No also, er mu ja daheim sein! Kluibenschdl ging
auf das offene Fenster zu, packte die Gitterstbe und steckte den Kopf
hinein.

Eine ruende Petroleumlampe brannte in dem Stbchen, das mit den zwei
Betten, dem Tisch und dem eisernen Kochherd so reichlich angerumt war,
da knapp noch schmaler Platz verblieb, um aus-und einzugehen. Das eine
Bett war leer, auf dem anderen lag Toni Mazegger ausgestreckt, vllig
angekleidet, die Hnde hinter dem Kopf verschlungen, mit offenen Augen,
die zur Decke starrten.

He! Du!

Mazegger fuhr auf. Als er den Frster am Fenster sah, nickte er wortlos.

Was is denn mit dir? Wo warst denn am Abend?

Dienst hab ich gemacht.

So? Wo denn? Leicht drauen beim Sebensee?

Nein! Glhende Rte flog ber das bleiche Gesicht des Jgers. Im
Hmmermoos.

Gegen Leutasch naus? Kluibenschdl zog die Augenbrauen hoch. Die
Gschicht kommt mir a bil brenzlig vor. Die gndig Duhrlaucht gibt enk
an freien Abend, und derweil sich deine Kameraden amassieren, schiet
dir gahlings der Pflichteifer ein? Und du machst Dienst bis in d' spate
Nacht? Und ds soll ich glauben?

Mazegger hob die Schultern und trat zum Tisch, um die ruende Flamme der
Petroleumlampe herunterzuschrauben. Kluibenschdl musterte den Jger
mitrauisch. Leg dich nieder! 's Petroli fr nix und wieder nix
verbrennen? Ds leid ich net.

Mazegger blies die Lampe aus, stie in der finsteren Stube die Schuhe
von den Fen und warf sich aufs Bett.

Der Frster schttelte seufzend den Kopf; mehr gutmtiges Bedauern als
rger sprach aus seiner Stimme: Pa auf, Toni, 's Leben wird dich noch
zwiefeln! Und morgen in der Fruh machst Dienst gegen Leutasch zu, ins
Hmmermoos! Verstanden! Whrend Kluibenschdl langsam davonging,
kalkulierte er: So is er doch sonst net gwesen! Mcht nur wissen, was
er hat die ganze Zeit her? Ein paar Lndlertakte pfeifend, nickte er
vor sich hin. Nun lachte er. O du narrische Welt! Der Lapp, der dumme!
Was der sich einbildt! Da sah er vom Frstenhaus das Licht einer
kleinen Blendlaterne durch die Finsternis einherschwanken, gleich einem
Stern, der auf unsichtbaren Stelzen wandert. He? Wer kommt denn da? Es
war der Lakai des Frsten. Sie, Herr Kammerdiener? Was suchen S' denn
so spat in der Nacht?

Zwei Briefe hab ich zu bestellen. Sind die Leutascher Jger noch hier?

Ja, drunt bei der Sennerin.

Vorsichtig leuchtete Martin auf die Erde, um nicht ber die Steine und
Krautbschel des Almfeldes zu stolpern. Vor der Tr der Sennhtte nahm
er das kleine Lodenmntelchen ab, das er um die Schultern trug.
Vermutete er in wrmere Luft zu kommen? Oder wollte er durch Enthllung
seiner kleidsamen Dienstgala den Eindruck seiner Persnlichkeit
verstrken?

Sein lautloser Schritt strte die kleine Zechgesellschaft nicht in ihrer
tuschelnden Heiterkeit.

Zum Gaudium der anderen Jger hatte Pepperl, dem die weinselige Stimmung
aus den Augen leuchtete, die Sennerin an beiden Armen gefat und suchte
sie auf seinen Scho zu ziehen. Unter Lachen und Schelten wehrte sich
das Mdel. Aber Pepperl hielt fest, und seine derben Fuste drckten,
als htte er nicht zwei warme, mollige Mdchenarme, sondern ein paar
Holzscheite unter den Hnden.

Au weh! Du Narr du! Brichst mir ja d' Arm ausanander! Um sich frei zu
machen, zerrte die Sennerin wie eine Forelle, die am Haken hngt.
Dennoch schien sie dieses grobe Neckspiel nicht belzunehmen. Jeder
Wehlaut, den sie ausstie, wurde durch neues Kichern abgelst.
Auslassen! Oder --

Oder was? Lachend griff Pepperl noch derber zu. Her da! Deiner Lebtag
bist noch nie auf eim schnern Bankl gsessen.

Au weeeh -- ich wei mir a bessers! Mein hlzerns Bankl hat feste F.
Die deinigen wackeln schon!

So? Wackeln? Meinst? Pepperl zog, da der schwere Tisch, gegen den
das Mdel sich stemmte, ins Rutschen kam. Wenn s' wackeln, kannst dich
schn hutschen drauf!

Ich mag net, 's Hutschen vertrag ich net. Au! Du Narr du! Jesses Maria,
mein Arm!

Ein paar leere Flaschen rollten ber den Tisch, die Glser klirrten, und
das gab einen Lrm, da Beinl mahnte: Der Frstner! Um die Neckerei
zu beenden, wollte er der Sennerin zu Hilfe kommen. Aber das war
berflssig. Pepperl, von einem blendenden Lichtstrahl ins Gesicht
getroffen, hatte die Arme der Sennerin fahren lassen. Burgi taumelte und
wre ber die hlzerne Bank hinbergepurzelt, wenn sie nicht flink noch
die Tischkante htte erhaschen knnen. Das lustige Lachen, mit dem sie
sich aufrichtete, erstickte zu einem leisen Schrei, als sie pltzlich
die schwarze Gestalt mit der Blendlaterne gewahrte. Alle guten
Geister -- Sie wollte schon mit dem Daumen zur Stirn fahren, um sich zu
bekreuzen. Da erkannte sie den Gast, kicherte vor sich hin und bestaunte
den Lakai vom glattfrisierten Kopf bis zu den blinkenden
Schnallenschuhen. Fr die vornehme Erscheinung, die er in dem
rundgeschweiften Frack, in den Eskarpins aus schimmerndem Atlas und in
den schwarzen Seidenstrmpfen machte, hatte sie augenscheinlich nicht
das richtige Verstndnis. Wohl sprach aus ihren verdutzten Augen etwas
wie Respekt und Scheu. Dennoch mute sie schmunzeln.

Schweigend saen die drei Jger hinter dem Tisch und kauten an den
Pfeifen. Pepperl hatte die Fuste in die Joppentaschen geschoben, sa
zurckgelehnt auf dem Sessel, die Beine lang ausgestreckt, und machte
mit aufgerissenen Augen ein hchst sonderbares Gesicht. Er wute wohl,
da droben im Frstenhaus ein Kammerdiener eingezogen war. Aber hier in
der Htte sah er zwei Kammerdiener, und die beiden hatten die
wunderliche Eigenschaft, da sie sich im Kreis um ihn herumdrehten.
Dabei hatten sie ein verdchtiges Lcheln, das dem Praxmaler-Pepperl, je
lnger er es ansah, das Blut immer heier in die Stirn trieb. Schwl
atmend griff er nach seinem Kopf und whlte in den Kreuzerschneckerln.
Da sah er pltzlich nur einen Kammerdiener. Der lchelte noch immer
so -- und in prfender Beschaulichkeit hob er die Blendlaterne, um das
Gesicht der Sennerin besser zu beleuchten. Wie hbsch dieses Mdel war!
In dem strahlenden Lichtkreis, mit dem kirschroten Schnabel, mit den
Schmunzelgrbchen in den runden, brennenden Wangen, mit den dunklen
Feueraugen und dem wirrgezausten Braunhaar ber der glhenden Stirn! Und
von der Nachwirkung des energischen Widerstandes, den Burgi im lustigen
Ringkampf mit Pepperl geleistet hatte, atmete der feste Busen so
ungestm, als mchte er den groben Kittel sprengen. Gleich einem
wissenschaftlichen Forscher lie Martin den Schein der Blendlaterne ber
die Sennerin gleiten. Er verstand sich in solchen Dingen gengend aufs
Rtsellsen, um den jungen, strammgesunden Mdchenkrper zu erraten, der
sich in dem derben Arbeitskleid versteckte. Der Kenner nickte zustimmend
und lchelte.

Burgi verstand dieses Lcheln nicht. Aber das Schweigen whrte ihr zu
lang. Lustig sagte sie: Der Herr Kammerdiener? Gelt? Und ich hab schon
gmeint, der Leibhaftige steht vor mir in der schwarzen Stiefelwichs!
Kichernd drckte sie das Kinn auf die Brust.

Martin wurde verdrielich. Na, hren Sie, mein schnes Kind, das ist
gerade kein Kompliment. Ich glaube eher, da ich Ihnen als rettender
Engel erschien, um Sie aus den Fusten dieses groben Lmmels zu
befreien.

Oho! Pepperls Gesicht war anzusehen, als htte man ihm Zinnober auf
die Stirn gestrichen.

Sie wnschen? Martin hob die Laterne. Ist das einer von unseren
Jgern? fragte er die Sennerin und musterte wieder mit khlem Blick die
stumme Gesellschaft am Tisch. So viel Manier knntet ihr wohl haben, um
zu wissen, da man aufsteht, wenn jemand von der Herrschaft eintritt.

Die Jger hinter dem Tische guckten einander mit groen Augen an und
erhoben sich schwerfllig.

Pepperl blieb sitzen. Seine Augen funkelten. Da mu schon wer andrer
kommen, bis ich aufsteh. Wegen Ihnen rei ich mir kein Haxen aus.

Aber Pepperl, geh, was hast denn? stotterte Burgi erschrocken. Und
Beinl griff ber den Tisch hinber und schttelte den Erregten mit
derber Faust an der Schulter: Peppi? Bist denn verruckt?

Na! Ich net. Aber in Ruh lassen soll er mich! Der! Die Mahnung zum
Frieden schien Pepperls Zorn noch geschrt zu haben. Wenn er auch so
pikfein dreinschaut wie an auszogener Tintenspritzer, deswegen is er
doch net mehr als wie a Stiefelputzer, der sei' Brsten daheim lassen
hat!

Martin legte vornehm den blonden Kopf zurck.

Der kalte Blick rhrte in Pepperl den Zorn zum Sieden auf. Sie!
Bleankeln S' net so mit Ihrem ausgwaschnen Gschau! Mich verschlucken S'
noch lang net! Und mit solchene Augen knnen S' enkere Frauenzimmer in
der Stadt drin anschauen, aber kein Madl bei uns da herauen!

Ohne auf Pepperl zu hren, war Martin zum Tisch getreten. Geht einer
von den Leutascher Jgern noch heut nach Hause?

Jawoll! erwiderten Birmoser und Ruef.

Dem letzteren, der von beiden der minder bekneipte zu sein schien,
reichte Martin ein groes Kuvert, das er aus der Brusttasche zog.
bergeben Sie dieses Kuvert, das zwei Briefe enthlt, morgen frh in
Leutasch dem Postboten. Die Briefe sollen erst auf der Post in Seefeld
aus dem Kuvert genommen werden. Das ist strenger Befehl Seiner
Durchlaucht. Haben Sie verstanden?

Jawoll!

Mit gndigem Lcheln wandte sich Martin zur Sennerin, die wortlos
dastand. Gute Nacht, mein schnes Kind! Freundlich klopfte er sie auf
die Wange, dann hob er die Laterne, um seinen Weg zu beleuchten, und
verlie die Htte.

Mit keinem Blick sah Burgi dem Abziehenden nach, sondern hielt die
zornblitzenden Augen auf Pepperl gerichtet. Die drei Jger hinter dem
Tisch begannen zu lachen und wollten mit derben Spen ber den
unbehaglichen Augenblick hinberturnen. Da trat die Sennerin vor Pepperl
hin. Du! Jetzt will ich dir was sagen! Ihre Stimme zitterte. Wir sind
zwei gute Freund gwesen in aller Lustbarkeit. Net mehr und net weniger.
Aber von heut an hat's an End. Solchene Sachen leid ich net in meiner
Htten. Da kannst dir an anders Platzl suchen!

So? So? kollerte Pepperl. Is dir am End schon Angst um ihn, weil ich
ihm seine schmalzigen Haar a bil aufkampelt hab? Hhnend deutete er
mit beiden Armen nach der Tr. So geh doch, geh -- main scheenes Gindd
-- und fhr ihn am Armerl, da er net stolpert. Wann er sich's
Nasenspitzl verstaucht, wer wei, leicht gfallt er dir morgen nimmer.

Den rger verbeiend, sagte das Mdel ruhig: Sei stad, gelt! Du
rauschiger Unfrm du! Und kmmer dich lieber, da du an Helfer findst,
der dich heut noch auf'n Strohsack lupft! Und der ander? Der soll mich
anschaun wie er mag! Dich frag ich noch lang net drum. Net heut und net
morgen. Und berhaupt, heut hab ich gnug -- von enk alle mitanander! Sie
packte den hlzernen Wassereimer und go seinen Inhalt ber das md
flackernde Herdfeuer, so da unter dem pltschernden Gu auch das letzte
Flmmlein erlosch. Es wurde ein bichen duster in der Htte. Das
trnende Kerzenlicht, das die groe Stube nicht aufzuhellen vermochte,
sah aus wie das hilflose Waisenkind einer verlorengegangenen
Sternmutter.

Aber Madl, geh! fiel Beinl beschwichtigend ein. Der ander gibt eh
schon Ruh. Jetzt sei net ^du^ die Narrische.

Burgi warf den Eimer zu Boden, ging zum Tisch und pustete das in einer
leeren Flasche steckende Talglicht aus.

So! Polizeistund! grollte sie in der Finsternis. Gut Nacht mitanand!

Die Jger lachten, nur Pepperl nicht. Als er in der Dunkelheit die
Kammertr gehen und drinnen den schweren Eisenriegel klirren hrte,
sprang er auf. He! Burgi! Du! Ich mu dir was sagen! Als keine Antwort
kam, begann er mit beiden Fusten gegen die Kammertr zu trommeln.

Whrend Birmoser auf dem Tisch herumtappte, um die noch ungeleerte
Flasche fr sich zu retten, legten sich Ruef und Beinl bei der
Kammertr ins Mittel und lotsten den Praxmaler-Pepperl unter gtlichem
Zureden hinaus in die stille, sternschne Sommernacht.

Pepperl wehrte sich wie ein Wilder. Lats mich aus! Ich rat's enk im
guten! Ich mu ihr was sagen! Lats mich aus!

Die beiden hielten fest und zogen, da Pepperl auf den vorgestemmten
Fen eine Rutschpartie bers Almfeld machte.

Na! Und na! Und ich geh net heim! Ich mu ihr was sagen!

Jetzt halt dein Schnabel, du Giftgockel, du eiferschtiger! schnauzte
ihn Beinl an.

Was? Eiferschtig? Da ich net lach! Und richtig, Pepperl lachte laut
in die Nacht hinaus. Was geht denn mich die Burgi an! Die is mir net
mehr als der Wind hinterm Ohrwaschel! Auf Ehr und Seligkeit! Und ich
will und ich mag nix von ihr! Und net um d' Welt! s seids mir die
richtigen Freund! Ds mu ich sagen! Saubere Freund! Und bringen eim
solchene Sachen auf! Was? Helfts am End auch schon zum anderen? Ja?

Geh, du Narr! Was hast denn davon? Der wird dich ghrig verklampern
beim Frsten!

Verklampern? So? Meintwegen! Soll er mich halt verklampern! Und meine
Freunderln, meine guten? Die machen ihm leicht noch an Zeugen? Ja? s
seids mir die richtigen Freund! Lats aus! Mit enk will ich nix mehr
z'schaffen haben! Auslassen! Himmelherrgottsackerment!

Mit einem Athletenruck befreite Pepperl seine Arme und rckte trotzig
das Htl bers Ohr, wie einer, der wei: jetzt hat mich alles verlassen,
jetzt bin ich auf mich allein gestellt! Und whrend ihm die Jger
lachend nachsahen, stolperte er einsam durch die Finsternis seiner nahen
Htte zu.

In seinen Ohren war ein bses Wort zurckgeblieben. Verklampern! Der
wird dich ghrig verklampern beim Frsten!

Aus bedrckter Seele seufzend, erreichte Pepperl die Tr des
Frsterhuschens. Ohne zu prfen, ob sie offen oder geschlossen wre,
suchte er eine Viertelstunde lang in allen Taschen nach dem Schlssel.
Als er ihn nicht fand -- weil der Schlssel im Schlosse steckte --,
lie er sich in einem Anfall dumpfer Seelenzerknirschung auf die
Schwelle nieder und nahm seinen sumsenden Kopf in die Hnde. Verworren
tauchten die Ereignisse, die sich in der Sennhtte abgespielt hatten,
vor seinem wachgerttelten Gewissen auf, an dem schon die Reue zu nagen
begann wie die Maus an der Speckschwarte. Teufi, Teufi, Teufi! Was hab
ich denn da fr Sachen gmacht! Jetzt glaub ich schon selber, da ich a
bil z'viel derwischt hab!

Schwl atmend erhob er sich, tappte unter den Bumen bis zum
Rhrenbrunnen und steckte den heien Kopf in den Wasserstrahl. Unter
Schnauben und Prusten stand er ber den Rand des Troges gebckt. Das
eiskalte Wasser, das ihm die Ohren und das Gesicht umpritschelte und
durch den Joppenkragen ber den Rcken rann, machte ihn schauern und
zittern. Geduldig hielt er den kalten Gu so lange aus, bis es in seinen
vom Wein umdusterten fnf Sinnen wieder hell zu werden begann. Dann zog
er die Joppe herunter und rppelte mit ihr den Kopf, bis die
Kreuzerschneckerln wieder leidlich trocken waren. Seufzend kehrte er zur
Htte zurck. Und da war es ihm fast leid, da er die radikale Wasserkur
unternommen hatte. Im Weindusel htte er bald den Schlaf gefunden und
wre die verwnschten Gedanken losgeworden. Jetzt, da er zur klaren
Erkenntnis der Dalkerei gekommen war, die er in der Sennhtte
angestiftet hatte, jetzt wute er, da es fr diese Nacht vorbei war mit
Schlaf und Ruhe.

Ob's nicht am besten wre, gleich alles dem Frster ehrlich zu beichten?

Trotz dieser Einsicht zog Pepperl vor der Tr die Schuhe herunter, um
durch kein Gerusch den Frster aus seinem Schlaf zu wecken. Als er in
das finstere Stbchen trat, hrte er dumpfes Sthnen und abgerissene
Worte, wie sie ein Kranker im Fieber redet. Erschrocken machte er Licht
und leuchtete mit der Kerze ber das Bett.

Kluibenschdl, der halb entkleidet, mit der Lederhose, auf der Matratze
lag, hatte die wollene Decke ber die Knie hinuntergestrampelt und
arbeitete mit den Fusten in der Luft herum. Sein Gesicht war dunkelrot,
und rchelnd sprach er im Schlaf: Raubersbuben! Abfahren! Lats mir
den treuen Hund in Ruh! Abfahren, sag ich! Oder es kracht!

Pepperl griff zu und rttelte, bis der Frster wach wurde und mit
schlaftrunkenen Augen aufblickte. Was -- was is denn?

Ich hab Ihnen wecken mssen. An schiechen Traum haben S' ghabt. Von
Raubersbuben haben S' gredt, und von eim treuen Hundl!

Kluibenschdl setzte sich auf und rieb die Augen.

Schau, da is mir jetzt richtig der arme Lion im Schlaf kommen! Weit,
heut aufn Abend hab ich noch a bil im Geheimnis vom Wohdekastel
glesen -- ja, denk dir, Pepperl, jetzt haben s' mir den guten Lion
derstochen, die Haderlumpen!

Geh? Is's wahr?

Und den Lord Fitzgerald haben s' berfallen und knebelt und bunden und
davongschleppt -- der Teufel wei, wohin.

No mein, trsten S' Ihnen, es wird ihm schon wieder einer helfen!
meinte Pepperl sanguinisch.

Ds will ich hoffen! Wenn so a bravs Mannsbild z'grund gehn mu, nacher
wird's mir z'dumm! Nacher schreib ich dem Buchhndler in Innsbruck a
Briefl! Der soll sich gfreun! Und 's Geld mu er mir wieder zruckgeben.
Fr so was zahl ich net. Derschlagen und derstechen und betrgen und
belgen tun sich d'Leut sowieso schon im Leben gnug. Was brauch ich
denn da noch a Bchl dazu? Wenn ich a Bchl lies, mcht ich mei' Freud
dran haben. Da ich 's ganze Sauleben drber vergessen kann! Und 's Herz
mu mir sein, als htt's a frischgwaschens Hemmed an und a
Feiertagsgwandl! Sonst pfeif ich auf die ganze Dichterei! Kluibenschdl
zog die Decke bis zum Hals herauf, mummelte sich ein und drehte sich
gegen die Wand. Sei froh, Pepperl, da du net der Dichter vom Geheimnis
vom Wohdekastel bist! Sonst ttst heut deine Prgel kriegen!

Pepperl seufzte. Wer wei, ob ich's net so auch verdient htt!

Na na! Ich bin dir schon wieder gut! s seids halt lustig gwesen!
Schwamm drber! Gut Nacht!

Schweigend starrte Pepperl die Kerze an und stocherte mit dem kleinen
Finger in die Flamme. Dann seufzte er wieder, blies das Licht aus, legte
die Joppe ber einen Stuhl, streifte die Hosentrger von den Schultern
und kroch unter die Decke.

Schon nach kurzer Weile verriet ein sanftes Schnarchen, da Frster
Kluibenschdl seinen Schlummer wiedergefunden hatte. Pepperl lag mit
offenen Augen und kaute an einem Seegrasstengel, den er aus der Matratze
gezogen hatte.

Teufi, Teufi, Teufi! Morgen in der Fruh, bis ich heimkomm von der
Pirsch, da hat er mich schon verklampert! -- Und was der Herr Frst wohl
sagen wrde? -- Nobel, Pepperl, nobel! Fein hast dich aufgfhrt!

Er dachte sich diese Worte nicht, nein, er hrte sie, hrte so klar die
ernste Stimme seines Herrn und sah so deutlich seine vorwurfsvollen
Augen auf sich gerichtet, da ihm vor Zerknirschung und Reue der Schwei
aus den Schlfen brach. Und wie sollte er sich verteidigen? Wie seinen
Herrn wieder freundlich stimmen? Teufi, Teufi, Teufi! Was tu ich denn
nur? Da fiel ihm der herrliche Vierzehnender ein, der in den
Latschenfeldern ber dem Sebensee seinen Standort hatte. Wenn es das
Glck wollte, da er den Frsten auf diesen Staatshirsch zu Schu
bringen knnte, gleich bei der ersten Pirsch! Solche Weidmannsfreude
wrde den Groll seines Herrn gewi besnftigen, oder ihn doch in eine
Stimmung bringen, in der sich Pepperl alle Reue ber seine rauschige
Lmmelei vom Herzen schwatzen und sich halbwegs verteidigen konnte.

Aber wie verteidigen?

Da ihm der Blick, mit dem der Kammerdiener die Sennerin gemustert
hatte, wie Feuer ins Blut gefahren war? Das konnte er doch dem Frsten
unmglich sagen. Was hat sich ein Jger um die Augen zu kmmern, die der
frstliche Herr Kammerdiener macht? Und was ging den Praxmaler-Pepperl
die Burgi an? Gott beht! Das wr doch die reine Narretei! Wenn ein
Jger, der selber nicht viel mehr als seine Bchse hat, an so was
denkt, mu er doch ein bichen rechnen, mu schauen, da er sich ein
Brserl einheiratet. Die Burgi? Ui jegerl! Wenn sich die nicht im Winter
ein Paar Strmpfe strickt, dann kann sie im Sommer barfu laufen! Das
Mdel eine hungrige Sennerin und der Vater ein alter Notnickel, der fr
fnfzig Kreuzer Monatszins in einem Stberl hauste, in dem die Muse am
Strohsack nagen muten, weil's was anderes nicht zu knuspern gab! Na!
Da dank ich schn! So was fallt mir net ein! Und was seine Mutter sagen
wrde, wenn er eines Tages mit der Nachricht kme: Du, Mutter, ich denk
mir, ich nimm die Burgi! Das alte Weibl wrde vor Schreck und Jammer
die Hnde ber dem Kopf zusammenschlagen: Ja Bub, ja Pepperl, bist denn
narrisch? Hast selber nix zum Beien, vierhundert Gulden liegen vom
Vater her noch Schulden auf unserem Husl, und da bringst mir so a
Weibsbild, ds blo an einzigen Rock fr Kirch und Arbet hat!

Gott bewahre! Fr solch einen Narrenstreich war der Praxmaler-Pepperl
viel zu gescheit! Und berhaupt, wenn er an die Burgi htte denken
wollen -- sie war doch auf der Tillfuer Alm schon Sennerin im zweiten
Sommer -- da htte er doch nicht warten mssen bis ^heut^! Bis ihm der
frstliche Herr Kammerdiener die Nase auf das Butterlaibl stie! Da die
Burgi ein mudelsauberes Mdel war, das brauchte sich Pepperl von keinem
anderen sagen zu lassen, am allerwenigsten von so einem. Er hatte doch
selber Augen im Kopf. Aber zum Heiraten gehrt eben mehr als ein rotes
Gscherl. Diese praktische Weisheit steckte dem Pepperl so tief im Blut,
da er an die Burgi gar nicht denken ^konnte^!

Wo kme da die Eifersucht her? Zum Lachen! Eifersucht! Die Burgi und er,
sie waren halt zwei junge, lustige Leut, und da sitzt man gern beisammen
und kudert und lacht. Mehr will man nicht voneinander. Gott bewahr! Auf
Ehr und Seligkeit! Und das Lachen ist noch lang keine Snd. 's Leben is
eh nur lauter Plag, und htt man ds bil Lachen net, wr gar nix dran.
Und aufs Lachen verstand sich die Burgi! Mit ihren Grbchen und ihren
Blitzugerln! Wenn einer aufs Heiratsgut nicht anstehen mt und knnt
die Burgi nehmen, wie sie geht und steht -- Teufi, Teufi, Teufi! Der
krieget a lustigs Leben! Der wr zum Neiden!

Als Pepperl zu diesem Gedanken kam, versprte er auf der linken
Brustseite einen merkwrdig schmerzenden Druck. Er meinte, das kme von
der unbequemen Lage auf der harten Matratze, und wlzte sich auf die
andere Schulter. Aber das Mittel half nicht -- ganz natrlich, denn die
Matratze wurde nicht linder, weil der Praxmaler-Pepperl sich umgedreht
hatte.

Er atmete schwer, und unter der wollenen Decke begann ihm schwl zu
werden. So viel wie in dieser nchtlichen Stunde hatte er schon lange
nicht gedacht. Die ungewohnte Kopfarbeit machte ihn vllig schwitzen.
Aber nach aller Gedankenmhe war er doch wenigstens zu der beruhigenden
berzeugung gekommen, da er von der Burgi nichts wollte und da es
reine Narretei war, wenn ihn seine Kameraden mit der Eifersucht
aufzogen. Was ihn zu der rauschigen Wut gegen den frstlichen Herrn
Kammerdiener verfhrt hatte, war etwas ganz, ganz anderes! Der
Praxmaler-Pepperl war mit einem gschamigen Gmt behaftet, und da hatte
jener Blick des Lakaien auf ihn gewirkt, als htte man ihm eine Handvoll
Schmutz ins Gesicht geworfen. Das wre auch so gewesen, wenn es sich um
ein Nannerl oder um eine Stasi gehandelt htte. Wenn Menschen in der
Einsamkeit nebeneinander hausen, mssen sie freinander einstehen in Not
und Gefahr, jedes ist verantwortlich fr das Wohl und Wehe des anderen.
Und da sitzt nun solch ein junges, bildsauberes, dummes Ding in der
unbewachten Sennhtte, ist an nichts anderes gewhnt als an den
gefahrlosen Verkehr mit so unfrmigen Lmmeln, wie der
Praxmaler-Pepperl einer war -- und da kommt nun so ein Pikfeiner aus der
Stadt, mit silbernen Schnallen auf den Schuhen, mit seidenen Strmpfen
und mit sen Redensarten wie Main scheenes Gindd! -- ja du lieber
Herrgott, da ist doch ein Unglck geschehen, eh man sich umschaut! Und
da sollte Pepperl nicht die heilige Pflicht haben, das zu verhindern?
Der Burgi zulieb? Gott bewahr! Aber nun hatte das arme Mdel doch schon
die Mutter verloren, und ihr alter Vater stand auch nur noch ein
Katzensprngl vom Grab entfernt! Freilich hatte Pepperl sich in den
vergangenen Jahren sehr wenig um den alten Brenntlinger gekmmert. Jetzt
aber war der gewissenhafte, unter Verantwortungsdruck und selbstlosem
Pflichtgefhl heftig schwitzende Praxmaler-Pepperl in seinen Gedanken
pltzlich ein Herz und eine Seele mit dem guten, braven Mannderl. Wohl
hatte der alte Brenntlinger eine bedenkliche Vorliebe fr den
Doppeltgebrannten, aber er trug doch auch ein richtiges Vaterherz in
seiner Brust! Und was wird er sagen, wenn er's einmal erfahren mu -- das
ganze schreckliche Unglck der Burgi!

Bei dieser Vorstellung krampfte sich Pepperls Herz in stechender Qual
zusammen, wie sich ein Igel rollt, wenn der Hund ihn apportieren will.
Er dachte mit keinem Gedanken an die Burgi, Gott beht, nur an den
armen, alten, braven Vater! Er sah ihn durch den Wald einherkommen,
wankend und gebeugt, wie zu Boden gedrckt durch die Last dieses
Kummers. Und nun stand der Unglckselige vor dem Praxmaler-Pepperl,
schaute ihn todestraurig mit den rotgernderten Suferaugen an, in denen
das Wasser glitzerte, und sagte mit seiner Stotterstimme: Aber,
Pepepepepperl, hrst, das htt ich mir doch net denkt von dir, da d'
mir gar net aufpassen tust aufs Madl! Und jetzt schschschau dir ds
Unglck an!

Dem Pepperl wurde frchterlich weh um die selbstlose Menschenseele.
Himmelkreuzteufi noch amal! Er streckte drohend die Arme in die
Finsternis. Zerreien und schlitzen tu ich den Kerl in der Luft, wann
er 's Madl net in Ruh lat! Schnaufend schob er die wollene Decke von
der Brust. Herrgott, so was von Hitz! Da steh ich schon lieber auf.
Schlafen kann ich eh nimmer.

Achtsam, um den schnarchenden Bettkameraden nicht zu wecken, erhob er
sich, strich ein Zndholz an und sah nach der Uhr. Ein paar Minuten
fehlten noch bis drei. No also, is ja eh schon Pirschzeit! Sinnend
stand er in der finsteren Stube und starrte das Zndholz an, das sich im
Erlschen krmmte wie ein feuriger Wurm. Dann packte er mit der einen
Hand seine Joppe und die Schuhe, mit der anderen den Hut, die Bchse und
den Rucksack.

Lautlos zog er hinter sich die Tr zu und machte sich unter freiem
Himmel zum Pirschgang fertig.

Schon begann im Osten ein mattes Dmmern, und die Sterne wollten
erlschen. Schwarzgrau dehnte sich das betaute Almfeld, der Brunnen
pltscherte, und halblaut bimmelte die Glocke eines Rindes, das irgendwo
im Grase lag. Ganz deutlich unterschied man schon im Zwielicht die grobe
Mauer der Sennhtte und in dem trben Morgengrau das schwarze
Fensterchen.

Dieses Fenster betrachtete Pepperl unter angestrengtem Nachdenken. Das
heilige Pflichtgefhl, die Verantwortung, die er dem alten Brenntlinger
gegenber zu tragen hatte, war ihm mit solcher Heftigkeit
eingeschossen, da er ganz unmglich zur Morgenpirsche ausziehen
durfte, ohne dem dalketen Madl eine ernste Warnung zu erteilen.

Mit langen Sprngen rannte er ber das Almfeld hinunter, wie einer, der
gestohlen hat. Da hrte er im nahen Hegerhuschen den rasselnden Wecker
gehen. Erschrocken hielt Pepperl inne. Ds braucht ja keiner z'wissen,
da ich ihr a bil predigen mu! Und just, als hinter den trben
Scheiben des Jgerstbchens der Lichtschein aufging und Mazeggers
Silhouette im hellen Fenster erschien, drckte Pepperl sich um die Ecke
der Almhtte. Die verriegelte Tr verursachte dem Tugendwchter mit den
Kreuzerschneckerln nicht das geringste Kopfzerbrechen. Er kannte den
primitiven Mechanismus dieses Schlosses. Mit dem Messer fuhr er durch
eine Spalte der Bretter und hob innen ohne Mhe den Riegel auf. In der
Sennstube herrschte rabenschwarze Finsternis. Da war der Weg zu Burgis
Kammertr ohne einiges Stolpern und Gepolter nicht zu finden.

Htte die junge Sennerin auch den Schlaf einer alten Brin gehabt, sie
htte bei diesem Spektakel erwachen mssen. Mar und Joseph! Was is
denn? klang die schlaftrunkene Stimme des Mdels aus der Kammer.

Nix is 's! Gar nix! Na na! Blo ich bin's! flsterte Pepperl durch die
Klumsen der Kammertr, sanft und freundlich, wie ein guter Hirte zu
seinem Schflein reden mu. A bil was sagen mu ich dir! Ganz ebbes
Wichtigs! Geh, sei gscheit und komm a bil aussi!

Fahr ab, du da drauen! Und la mich schlafen!

Diese widerspenstige Antwort brachte dem Praxmaler-Pepperl die bittere
Erkenntnis bei, welch eine undankbare Aufgabe es ist, den Menschen das
Gute zu predigen. Einige Sekunden blieb er lautlos vor der schwarzen Tr
stehen. Dann pochte er schchtern mit dem Knchel an die Bretter und
flsterte: Schau, Burgerl, tu net trutzen! Sei gscheit und mach a bil
auf! Ich mein' dir's gut. Soviel sorgen tu ich mich um deintwegen.

Schlafen la mich!

Na, Burgerl! Heut drf ich dich net schlafen lassen! Ich mu dir a paar
Wrtln sagen. Ich hab die Verpflichtigung.

Was? Verpflichtung? Ja, freilich, klang es gereizt aus der Kammer,
die Verpflichtung hast, da dich niederlegst auf deine Ohrwaschln und
dein Dampus verschlafst!

Auf Ehr und Seligkeit, Madl, ich bin so nchtern wie der Pfarr vor der
Fruhme!

La die heiligen Sachen aus'm Spiel! So was vertrag ich net. Z'mittelst
in der Nacht schon gar net!

Madl, ich sag dir's im guten, tu mich net abweisen! Dein Glck is am
Spiel. Mach auf, sag ich! Oder es reut dich noch amal, da d' ein'
abgwiesen hast, der's ehrlich mit dir gmeint hat.

Jetzt wird's mir aber z' dumm! Heier Unmut bebte in der Stimme der
Sennerin. Bis um Zwlfe hab ich enker rauschige Metten in der Htten
leiden mssen. In der Frh mu ich wieder frisch bei der Arbeit sein.
Und da soll ich net amal die paar Stndln schlafen knnen? Fahr ab! Mit
dir bin ich fertig! Verstehst! Ds is 's letzte Wrtl gwesen. Gut
Nacht!

Pepperls Geduld war zu Ende. Er sah es ein: bei dieser verstockten Seele
war in Gte nichts auszurichten. Dem heiligen Zweck zuliebe mute er
sanfte Gewalt gebrauchen. Also fate er mit beiden Fusten die Klinke
und rttelte an der Kammertr, da die Bretter rasselten. Mach auf! Ob
d' willst oder net. Anhren mut mich! In meiner Verpflichtung steh ich
da, als ob ich dein armer, alter Vater wr. Oder als ob d' an Bruder
httst an mir, der sich in Kmmernis um d' Schwester sorgen tut! Zum
letztenmal sag ich dir's: mach auf!

Das wirkte. Noch ehe Pepperl vllig ausgesprochen hatte, ffnete sich
die Kammertr, freilich nur um einen schmalen Spalt. Aus diesem Spalt,
in welchem undeutlich etwas Weies schimmerte, kam etwas Schwarzes
herausgeflogen, wie eine Nachteule aus ihrem finsteren Felsenschlupf.
Dieser sonderbare, aber sehr gewichtige Vogel flog dem Praxmaler-Pepperl
grob in die Kreuzerschneckerln, fuhr ihm wie mit scharfen Klauen bers
Ohr und klatschte zu Boden. Im gleichen Augenblick schlo sich die
Kammertr wieder, und der Riegel klirrte.

Da hrt sich aber die Gemtlichkeit auf! brummte Pepperl, weniger
beleidigt als verblfft. In begreiflicher Neugier bckte er sich,
tappte mit den Hnden auf dem Boden herum -- und als er den merkwrdigen
Vogel haschte, zeigte es sich, da er keine Flgel hatte, sondern sich
anfhlte wie ein Pantoffel mit genagelter Sohle. Bei dieser Entdeckung
scho dem Praxmaler-Pepperl eine gache Hitz bis unter die zerzausten
Schneckerln hinauf, wie berschrtes Feuer in den Schornstein fhrt. So
also? So dankst mir du? Seine Stimme klang, als wre ihm die Kehle
zugeschnrt. Meintwegen! Dabei schleuderte er den Pantoffel gegen die
Kammertr, da es krachte wie ein Schu. So renn halt ins Verderben,
wie 's Hehndl in' Fuchsenbau! Dir sag ich nix mehr!

Er griff nach seiner Bchse und strmte zur Httentr hinaus. Da vernahm
er Schritte. Um nicht gesehen zu werden, duckte er sich hinter den
Holzsto, der an der Httenmauer aufgeschichtet war.

Im fahlen Grau des Morgens schritt Mazegger an der Htte vorber, die
Bchse auf dem Rcken, das bleiche Gesicht tief vorgebeugt und zu Boden
starrend, wie einer, der sucht, was sich nimmer finden lt.

Trotz allem Aufruhr, den Pepperl in seiner enttuschten Hirtenseele
toben fhlte, hatte er doch noch Augen fr das Gedrckte, das aus
Mazeggers Haltung sprach. Mir scheint, der spinnt schon wieder! Der
arme Narr! Den fremden Kummer nicht minder schwer als die eigene Sorge
fhlend, guckte er dem Jger nach, bis Mazegger zwischen den Bumen
verschwunden war. Dann schlich er um den Holzsto herum, warf einen
sphenden Blick zum Frstenhaus hinauf und rannte mit langen Sprngen
dem nahen Walde zu.

Sobald ihn die Bume deckten, fiel er in ruhigen Schritt, als wre jh
aller Sturm in seinem Innern still geworden.

Er konnte sich sagen, da er seine Verpflichtigung gewissenhaft
erfllt hatte. Wenn er nicht dazu gekommen war, seine Warnung
auszusprechen, so war das nicht ^seine^ Schuld! Und sollte, Gott beht,
der alte Brenntlinger einmal kommen und ihn ansehen mit den traurigen
Vateraugen, so konnte Pepperl mit reinem Gewissen erklren: Ich kann
nix dafr! Das war unleugbar ein Trost. Dennoch war dem
Praxmaler-Pepperl so seltsam schwl zumute, da er das Htl lften und
mit dem rmel ber die Stirn wischen mute.




^Viertes Kapitel^


Frster Kluibenschdl machte am Morgen keine Pirsche, nur einen kleinen
Waldmarsch gegen Leutasch hinaus, um sich fr das Frhstck im
Frstenhaus den pflichtschuldigen Appetit zu holen.

Im Hochwald, der das Weidefeld der Hmmermoosalpe umschliet, traf er
mit Mazegger zusammen, der in Gedanken versunken daherkam.

He! Toni!

Der Jger fuhr auf wie ein Trumer, der unsanft geweckt wird.

Mimutig schttelte der Frster den Kopf. Wie schaust denn aus? Bist
denn du noch a Jager? Schamst dich denn gar net?

Mazegger, ber dessen bleiches Gesicht eine Spur von Rte huschte,
schien nicht recht zu wissen, wie ihm geschah. Er betrachtete seine
Bchse. Die war spiegelblank, ohne Rost. Er guckte suchend an seinen
Kleidern hinunter. Die waren tadellos sauber. Was ist denn? murrte er,
und seine schwarzen Augen schossen einen gereizten Blick auf den
Frster. Wo fehlt's denn schon wieder?

Dein Htl schau dir an!

Toni nahm den Hut ab und sah, da er von seiner Spielhahnfeder die
Sichel verloren hatte.

Die mu ich mir gestern am Abend abgestoen haben! Aber wenn der Herr
Frstner schon wegen so was brummt --

So? Meinst? La an Heiligen sein' Heiligenschein verlieren, und er is
halt kein Heiliger nimmer! Der Frster drehte dem Jger den Rcken und
wanderte durch den Wald hinunter ins Bachtal.

Auf dem Heimweg hrte er aus einem nahen Jungholz die Stimme der
Sennerin, die ihre Khe zum Melken eintrieb. Sonst pflegte Burgi bei
diesem Geschft vergngt zu singen und zu jodeln; heut schalt sie
milaunig auf das widerspenstige Vieh.

Das fiel dem Frster auf. Was hat denn ds Madl heut?

Als er gegen neun Uhr die Tillfuer Alm erreichte und ins
Frsterhuschen trat, sah er den Praxmaler-Pepperl, mit einem nassen
Handtuch um die Stirn, in schwerem Schlaf auf der Matratze liegen.

No also! Jetzt brummt ihm der Schdl! Ja ja, 's Leben hat allweil seine
Zwidrigkeiten, und aller Zucker schmeckt eim sauer auf d'Letzt!

Lautlos, um den Schlfer nicht zu wecken, machte er Toilette zum
Frhstck, das heit, er wischte mit einem Handtuch die Schuhe sauber
und brstete einen Scheitel ins Haar.

Als er hinaufkam ins Herrenhaus, hatte er seine Freude an dem frischen
Aussehen des Frsten, der fest und gut bis in den Morgen geschlafen
hatte. Und da gab's gleich was zu lachen. Weil der Frst versicherte, er
htte einen Schlaf getan wie ein Bauer, philosophierte der Frster
lustig: Duhrlaucht, ds is gspaig! Sie sagen: wie a Bauer! Und
unsereiner, wann er gut gschlafen hat, unsereiner sagt: heut hab ich
gschlafen wie a Frst! Bschaut man's gnau, so hat's im Leben jedweder
gleich. Und jeder meint, der ander hat's besser.

Whrend des Frhstcks behielt das Gesprch die heitere Stimmung, mit
der es begonnen hatte, und Ettingen amsierte sich ber die drollig
derben und doch von einem gesunden Kern erfllten Lebensweisheiten, die
ihm dieser rauhborstige Philosoph in der Jgerjoppe zu hren gab.

Nach dem Frhstck machte Ettingen sich fertig fr den
Orientierungsmarsch, der bis zum Abend dauern sollte. Martin war dem
Frsten beim Umkleiden behilflich, und als er ihm die Schuhe zuschnrte,
sagte er mit dem sesten seiner Tne: Ich bitte um Vergebung, wenn ich
Durchlaucht eine Unbehaglichkeit bereite, aber ich sehe mich leider
gezwungen, gegen den Jger Praxmaler Beschwerde zu fhren. Der Mann hat
sich gestern mehr als ungehrig gegen mich benommen. Die Art, in der er
sich mit mir zu sprechen erlaubte --

War jedenfalls begrndet! unterbrach der Frst. Ich kenne dich, mein
guter Martin! Deshalb sag ich dir ein fr allemal: Verschone mich hier
im Jagdhaus mit deinem Klatsch! Und la die Jger in Ruhe! So! Jetzt
kannst du mir den Hut bringen.

Als der Frst aus dem Jagdhaus trat, stand Kluibenschdl schon wegbereit
vor der Tr, mit der Bchse hinter dem Rcken.

Auf der Schwelle blieb der Frst eine Weile stehen und blickte lchelnd
hinaus in den reinen Glanz des Morgens. Wie schn! Und diese Luft!

Ja, bei uns, da schnauft man sich leicht! Und a Tagerl is ds heut! Da
mssen wir schon a bil auffisteigen, damit S' die richtig Aussicht
kriegen. Gleich hinterm Jagdhaus haben wir den schnsten Reitsteig bis
zum Steinernen Httl!

Der Frst blickte auf, als wre bei diesem Namen eine Erinnerung in ihm
wach geworden. Zum Steinernen Httl? Er lchelte. Gut! Steigen wir
hinauf! Wohnen Leute da droben -- beim Steinernen Httl?

Aber freilich! Der Senn und sein Bub.

Sonst niemand?

Na! Kein Mensch sonst. Es steht blo die einzig Sennhtten droben.

Aber gestern am Abend, als ich den kleinen Spaziergang machte, kam
jemand von dort oben herunter. Wieder lchelte der Frst. Das war
nicht der Senn. Auch nicht sein Bub.

Wird halt a Tourist gwesen sein. Da droben is an bergangl von der
Zugspitz rber. Da kommen oft Touristen vom Bayrischen her. Der Weg is
net grob und is gut zum Gehn.

Auch fr Damen?

Ah ja! Ich bin schon fters einer begegnet. Und ds mu ich sagen: die
haben mir allweil gfallen. Ich bin net gut auf d' Weiberleut z'reden.
Aber wenn ich merk, da eine ihr Freud an der lieben Natur und an die
Berg hat, da lupf ich mein Htl net ungern. A bil Grechtigkeit mu der
Mensch auch bei die Weiberleut gelten lassen.

Sie waren zum Frsterhuschen gekommen, unter dessen Tr der
Praxmaler-Pepperl stand, mit hngenden Armen und einwrts gedrehten
Fuspitzen: das verkrperte schlechte Gewissen. Scheu blickte er seinem
Herrn entgegen, und dieser Blick schien in banger Sorge zu fragen: Bin
ich jetzt schon verklampert oder net?

Lchelnd nickte der Frst ihm zu. Ausgeschlafen, Pepperl?

Die freundliche Ansprache verwandelte den Jger in einen anderen
Menschen. Seine Gestalt streckte sich, als wre ihm alle Mdigkeit der
durchwachten Nacht aus den Gliedern geblasen. Grad hab ich noch a
Stnderl nachgholt, sagte er mit verlegenem Lachen, denn ds is wahr,
Herr Frst, heut nacht hab ich a bil z'viel derwischt. Kleinlaut, als
bedrfte diese Tatsache einer Entschuldigung, fgte er bei: Enker Wein
is so viel stark. Allweil brummt's mir noch a wengerl unter die Haar.

Das kam so drollig heraus, da Ettingen lachen mute. Auch der Frster
lachte und sagte gutmtig: No also, leg dich halt wieder nieder auf
d'Ohrwaschln! Die gndig Duhrlaucht gibt dir dienstfrei bern Tag. Aber
bis zur Abendpirsch mut wieder a lichts Kpfl haben. Oder ich wasch dir
deine Schneckerln!

Wird's net brauchen! stotterte Pepperl. Und schlafen? Ds gibt's net!
Jetzt pack ich zamm und marschier aussi zum Sebensee. Er wandte sich an
den Frsten. Wissen S', Duhrlaucht, beim Sebensee drauen, da steht
unser bester Hirsch. A Vierzehnergweih hat er droben, nix Schners
gibt's nimmer auf der Welt. Heut am Abend schau ich mir sein Auszug an,
und wenn er am richtigen Fleckl steht, so mssen S' mit, Duhrlaucht,
gleich morgen in der Frh! Die Freud, Herr Frst, da S' Enkern ersten
Hirsch mit'm Pepperl schieen -- die Freud, die ^mssen^ S' mir machen!
Recht schn tt ich bitten drum. Gelten S', ja?

Ja, Pepperl, den holen wir uns morgen.

In seiner Glckseligkeit schrie Pepperl einen klingenden Jauchzer in die
Sonne. Dabei fuhr er mit dem Kopf so derb gegen einen vorspringenden
Balken der Htte, da der Frster rief: H, h, h, la mir wenigstens
's Husl noch stehn!

Ja, schiergar htt ich's mit umgrissen! lachte Pepperl, rieb sich die
Haare und verschwand mit brennendem Eifer in der Htte.

Als er nach einer Weile, fertig fr den Pirschgang, wieder aus der Tr
trat, war der Frster mit dem Jagdherrn schon im Wald verschwunden.
Lustig blinzelnd lugte Pepperl zum Frstenhaus hinauf und gewahrte an
einem offenen Fenster den Kammerdiener. Ja, Mannderl! Morgen fallt der
Vierzehner. Nacher kannst mich verklampern, wie d' magst! Schon wollte
er mit langen Schritten seinen Weg beginnen. Da blieb er erschrocken
wieder stehen und blickte sorgenvoll zur Sennhtte hinunter. So,
schn! Jetzt bleibt ds dumme Madl den ganzen Tag ohne Aufsicht! Mar und
Joseph, was tu ich denn da? Zu dieser Sorge bekam der Praxmaler-Pepperl
zu merken, da es im Himmel einen gtigen Herrgott und drauen in der
Leutasch einen gestrengen Bauern gab, der wchentlich von der Tillfuer
Alm seine zwanzig Pfund Butter sehen wollte.

Drunten an der Sennhtte wurde die Tre gesperrt, und Burgi, mit der
hohen, gegen die Sonnenwrme dick vermummten Butterkraxe auf dem Rcken,
schritt ber das Almfeld hinunter.

Ein Aufglnzen selbstloser Schutzengelfreude leuchtete ber das Gesicht
des Jgers. Gott sei Lob und Dank! 's Madl mu abtragen. Da kommt's vor
Abend nimmer zruck! So rechnete Pepperl in Gedanken. Derweil is der
Herr Frst wieder daheim. Und da mu er bei der Arbeit sein, der
Gschniegelte! Mit einem seelenvergngten Jauchzer quittierte er das
Ergebnis dieser Rechnung und rief -- unverkennbare Schadenfreude im Ton
der Stimme -- ber das Almfeld: He! Burgi! Tu dein braven Vatern schn
gren, gelt! Und mit langen Sprngen hetzte er schrg durch den Wald
hinunter.

Es dauerte nicht lang, da erschien unter der Tre des Frstenhauses der
Herr Kammerdiener in wei und grn gestreifter Hausjacke, eine Zigarre
zwischen den Zhnen und ein weies Htchen auf dem schn frisierten
Kopf. Den Rauch in die Sonne blasend und dazwischen eine Arie aus
Rigoletto pfeifend, spazierte er ber das Almfeld hin und her. Wie
zufllig geriet er vor die Sennhtte -- und fand die Tr verschlossen.

Frulein Burgi! rief er leis durch die Ritzen der Bretter. Frulein
Burgi!

Als er keine Antwort erhielt, wanderte er verstimmt davon. Beim
Jgerhuschen blieb er stehen und blickte durch das offene Fenster.

Drinnen lag Mazegger angekleidet auf dem Bett, das Gesicht in die Arme
vergraben.

Heda! Sie!

Der Jger erhob sich. Seine Augen waren hei gertet.

Halten Sie sich fertig bis in einer Stunde. Sie haben einen Brief nach
Leutasch zu bringen, der noch heut mit der Post nach Innsbruck mu.

Mazegger bi die Zhne bereinander.

Als glt' es ein hochwichtiges und unaufschiebbares Geschft zu
erledigen, eilte Martin ins Frstenhaus hinauf, holte aus seiner Kammer
ein Notizbuch und ein Zentimeterband, begab sich in das Grafenstbchen
und verriegelte hinter sich die Tr. Hier sa er eine Weile und
betrachtete nachdenklich den anspruchslos mblierten Raum und die
weigetnchten Wnde. Dann ma er alle Mauern und Fenster ab -- und begann
in sein Notizbuch eine lange Liste zu schreiben:

1. Zartgeblumte Seidentapete auf mattblauem Fond, fr 46 qm Wandflche;
Plafond 16 qm.

2. Fr zwei Fenster seidene Gardinen von etwas tieferem Blau; Spitzen
als Unterlage; Leisten in Wei und Silber; Stores in gedmpftem Rosa
oder zartem Heliotrop, mit allem Zubehr.

3. Portieren fr eine Tr, Stoff und Farbe der Gardinen; ohne Spitzen;
mit allem Zubehr.

4. Englischer Teppich, 16 qm, 4:4, dem Blumenmuster der Tapete
entsprechend.

So schrieb und schrieb er, bis die Liste ber fnf Seiten seines
Notizbuches angewachsen war. Dann verlie er das Stbchen, versperrte
die Tr und steckte den Schlssel zu sich.

Eine halbe Stunde spter trug Mazegger einen Brief davon, der an einen
Hotelier in Innsbruck adressiert war. --

Fr fnf Uhr nachmittags war das Diner befohlen. Wenige Minuten frher
kehrte der Frst zurck.

Trotz der siebenstndigen Wanderung, die kreuz und quer durch Wlder und
Latschenfelder und ber steile Almen gegangen war, verriet seine Haltung
keine Spur von Mdigkeit. Sein Gang war fester als am Morgen, seine
Augen hatten Leben und Feuer, und die heie Julisonne hatte ihm das
Gesicht verbrannt, da es glhte -- nur die Stirne, soweit sie im
Schatten der Hutkrempe lag, war wei geblieben.

Martin! rief er dem Diener zu, der in seiner schwarzen Gala schon
wartend am Zauntor stand. Nur flink die Suppe! Mich hungert.

Mit einem Sprung nahm der Frst die drei Stufen, die zur Haustr
hinauffhrten.

Eine minder gute Laune schien Frster Kluibenschdl von dem weiten Weg
nach Hause zu bringen. Beim Steigen mute ihm ein kleines Malheur
passiert sein: von der Lederhose, die auch sonst sehr bel zugerichtet
war, hing ein handgroer Rilappen herunter. Ohne beim Frsterhuschen
anzuhalten, ging er auf die Jgerhtte zu; es gewitterte in seinen
kleinen Blitzaugen. Als er die Htte leer fand, lachte er.

So so? Net daheim bist? Aber wart nur, Brscherl, auf d' Nacht, da
kommst mir schon!

Nach einer Weile kruselte sich vom Dach des Frsterhuschens der blaue
Rauch mit spielenden Ringeln hinauf in die linde, reine, sonnige
Abendluft.

Der einsame Koch -- an Stelle der blessierten Lederhose trug er ein graues
Beinkleid von wahrhaft vorsintflutlichem Schnitt, mit groen Buckeln an
den Knien -- hatte den Schmarrenteig angerhrt und lie ihn aus der
Holzschssel in das prasselnde Schmalz rinnen.

Nachdem er gespeist und das Geschirr wieder suberlich gesplt hatte,
nahm er das Geheimnis von Woodcastle aus der Schublade und begann zu
lesen. Recht zum bel fr seine rgerliche Stimmung kam er da gerade an
das Kapitel, in dem die Feinde Lord Fitzgeralds, ber ihren gelungenen
Schurkenstreich triumphierend, sich zu einem ppigen Mahl
zusammenfanden, bei dem die Austern mit Chablis, der Lachs mit Burgunder
und die gebratenen Fasanen mit Champagner begossen wurden. Den Leser
emprte diese ungerechte Verteilung der irdischen Freuden: whrend der
gute, schuldlose Lord im tiefsten Kerker lechzete, inzwischen
schwelgten und schlemmten die ruchlosen Buben auf seine Kosten!

Himmelkreuzteufel noch amal! Da sollt doch der liebe Herrgott
dreinfahren mit'm Dreschflegel. Mssen denn die schlechten Kerln allweil
obenauf sein und die Guten allweil unterliegen? Meiner Seel! Da knnt
ein' 's Leben verdrieen! Das Geheimnis von Woodcastle sauste wieder in
einen finsteren Winkel der Schublade.

Seufzend erhob sich der Frster, nahm die zerrissene Lederhose vom
Zapfenbrett und betrachtete den Schaden. Flicken wir s' halt wieder!
Aus einer Truhe, die unter dem Bett stand, holte er sein
Nahtereischachterl hervor, und da es im Stbchen schon dmmerig wurde,
setzte er sich mit seiner Flickerei auf die Schwelle der Httentr.

Es wurde ihm schon hei, noch ehe die Arbeit recht begonnen hatte. Auch
die grbste Nadel, die er besa, war zu gring fr seine dicken Finger;
er konnte sie kaum fassen und halten; der grobe Zwirn wollte nicht durch
die se gleiten und drselte sich auf; und weil der Frster den doppelt
genommenen Faden zu stark gewichst hatte, glitschte er ihm beim
Schlingen des Knotens immer wieder aus. Endlich war er soweit, um den
ersten Stich zu machen. Da stach er sich auch gleich in den Finger.
Seufzend leckte er den kleinen Blutstropfen ab, hielt den Finger bers
Knie und klopfte ihn mit der Faust. Dann nhte er weiter. Nach jedem
Stich zog er so grimmig an, da der Faden sich spannte wie eine Saite.
Dabei wurde die Naht so pfriemig wie ein schlecht geheilter
Studentenschmi.

Als die harte Arbeit mit Not und Seufzen vollendet war, begann es schon
zu dunkeln. Da sah er am Fenster der Jgerhtte den Lampenschein
aufblinken. So, Brscherl, bist daheim? Jetzt kommst mir aber grad in
Wurf! Er trug die geflickte Hose und das Nhzeug in die Stube und ging
hinber zum Jgerhaus.

Mazegger kniete vor dem eisernen Sparherd, um Feuer anzuschren.

Du? Wo warst denn heut?

Zgernd erhob sich der Jger. Er schien es gleich zu merken, da sich
ein Gewitter ber ihm entladen sollte. Der Kammerdiener hat mir einen
Brief bergeben. Den hab ich nach Leutasch getragen.

So? Da kannst freilich aufs Wild net aufgschaut haben. Aber was hast
denn gestern gsehen? Auf der Abendpirsch?

Nichts.

So? Gar nix? Und gegen Leutasch naus bist gwesen? Im Hmmermoos?

Mazegger wandte sich zum Herd und nickte.

Da brach das Gewitter los. Du Lugenschppel, du gottverlassener! Da
schau her! Der Frster griff in die Joppentasche und warf dem Jger die
Sichel einer Spielhahnfeder vor die Fe. Da hast dein Federl wieder!
Am Steig zum Steinernen Httl droben hab ich's gefunden. Warum lgst
mich denn so an?

Brennende Rte war ber das bleiche Gesicht des Jgers geflogen. Seine
Augen funkelten.

Der Frster betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Fen. Dabei verrauchte
sein Zorn, und er sagte mit ruhigem Ernst: Toni! Jetzt will ich dir die
letzte Verwarnung geben. 's Lugen vertrag ich net. Alles kann ich eim
Jager verzeihen, a Jager is auch nur a schwacher Mensch. Aber 's Maul
wenn er aufmacht im Dienst, mu ich a wahrs Wrtl hren. Und drum sag
ich dir's jetzt als dein Frgsetzter: lgst noch an einzigsmal, so
kannst deine sieben Zwetschgen packen.

Schweigend starrte der Jger in die Lampenflamme und nagte an der Lippe.

So! Und jetzt reden wir noch von was anderm mitanander, weit, Tonerl,
als Mensch und Mensch.

Mazegger drehte langsam das Gesicht ber die Schulter, und seine Augen
wurden klein.

Ich bin dir gut gwesen, Toni, wie ich gut bin zu alle Leut. Ost, wenn
du deine gachzornigen Streich so gmacht hast, hab ich mir denkt: trag's
ihm net nach, er is verwildert, hat als Kind viel Unglck erfahren, hat
d' Mutter hergeben mssen und hat den Vater verloren. Aber wer in
verstandsame Jahr kommt, mu in ihm a bil aufrichten, was bucklet
graten is. In dir, Toni, wachst sich was aus, was mir Sorgen macht. Und
da fallt dir jetzt noch so an Unsinn ins Blut --

Der Jger fuhr auf: Herr Frster! Es blitzte in seinen Augen. Sagen
Sie mir meintwegen als Vorgesetzter, was Sie wollen. Das mu ich
anhren. Was ber den Dienst hinaus und mich allein angeht, bitt ich in
Ruh zu lassen!

So? Dem Frster schwollen an den Schlfen die Adern; seine Stimme
blieb ruhig. So sag ich dir's halt im Dienst: mach du deine Pirschweg
und lauf net allweil deiner Narretei nach, statt dem Jagdschutz! Meinst,
ich wei net, warum mich gestern wieder anglogen hast und heimlich beim
Steinernen Httl droben warst? Ich mt ein' Eselstritt von einer
Hirschfhrten net unterscheiden knnen. 's Fruln wird auf der Alm
droben gmalt haben, und da bist ihr wieder nachgstiegen. Toni! Denk a
bil, wer du bist und wer ds Fruln is! Ja, schau mich nur an! Und la
mir ds Fruln in Ruh! Sonst hast es mit mir z'tun. Brock dir a Blml,
ds fr dich gwachsen is am Weg! Aber streck deine Hand net aus nach eim
Sterndl, ds am Himmel glanzt.

Mazegger lachte, und ein hlicher Zug legte sich um seinen Mund. Ein
Sterndl? So? Da mu freilich ein anderer kommen! Vielleicht so einer wie
unser gndiger Herr Frst? Bieten Sie 's ihm doch an! Er hat ihr gestern
eh schon nachspekuliert mit seine hochfrstlichen Augen --

Weiter kam Mazegger nicht; eine schallende Ohrfeige schnitt ihm die
hhnische Rede ab. Einen Augenblick stand er mit aschfahlem Gesicht.
Dann sprang er wie ein wtendes Raubtier dem Frster an den Hals.

Du! Ah, schau! So einer bist du! Sie rangen miteinander, und es
gehrte die zhe Kraft des schweren Mannes dazu, um die Fuste von sich
abzuwehren, die seinen Hals umschlossen. Ein Ruck, ein Schwung dieser
sthlernen Arme, und Mazegger taumelte gegen die Wand. So, du! Schwer
atmend brachte Kluibenschdl den aufgerissenen Hemdkragen wieder in
Ordnung. ber vier Wochen such dir an anderen Dienst! Mt ich mich net
schenieren, da ich dem Herrn Frsten den Grund sag, so tt ich dich
heut auf d' Nacht noch davonjagen. Dem Herrn Frsten z'lieb soll's
heien, da du selber kndigt hast! Verstehst? Und solang 's Fruln am
Sebensee drauen is, gehst mir nimmer aussi! Ds sag ich dir! Er drehte
dem Jger den Rcken und schritt zur Tr.

Leichenbla und zitternd an allen Gliedern starrte Mazegger ihm nach.
Als der Frster schon in der Tr verschwinden wollte, ri der Jger das
Messer von der Hfte. Er machte auch einen Schritt. Dann sank ihm der
Arm. Er schleuderte das Messer fort und prete die Faust an seine Stirn.

Das hatte der Frster nicht mehr gesehen. Er stand schon drauen in der
Nacht und spuckte aus, als htte er damit einen symbolischen Punkt
hinter die erledigte Geschichte der letzten Minuten gesetzt. Unschlssig
blickte er zum Frstenhaus hinauf, dessen Fenster hell in den dunklen
Abend leuchteten. Ob er nicht doch seinem Herrn den Vorfall melden
sollte? Er schttelte den Kopf zu diesem Gedanken, ging in seine Htte
und zndete in dem finsteren Stbchen die Lampe an. Als er auf dem Bett
die geflickte Lederhose liegen sah, nahm er sie und betrachtete beim
Lampenschein die wulstige Naht. Sakra, Sakra, brummte er seufzend vor
sich hin, die wird mich drucken! Er hngte die Lederhose an den
Kleiderrechen und sah sie mitrauisch noch einmal an. Dann holte er das
Geheimnis von Woodcastle aus der Tischlade.

Im gleichen Augenblick kam der Praxmaler-Pepperl zur Tr hereingestrmt,
atemlos von einem zweistndigen Dauerlauf. Herr Frstner! Der Hirsch is
heut am richtigen Fleck! Wenn der Herr Frst morgen in der Frh mit mir
aussi marschiert zum Sebensee, kommt ihm der Hirsch auf hundert
Schritt.

No also, geh nur gleich nauf und mach Rapport! Pepperl stellte die
Bchse fort und rannte davon. Als er nach einer Viertelstunde
zurckkam, berichtete er mit aller Freude, deren er in seiner
Erschpfung noch fhig war: Morgen kracht's. Der Herr Frst geht mit.
Um zwei in der Fruh wird abmarschiert. Ans Kochen und Essen dachte er
nimmer. So mde war er. Nur den Wecker stellte er. Dann stie er die
Schuhe von den Fen und warf sich angekleidet auf die Matratze.

Eine Minute, und er schlief bereits. Wohl war ihm droben im Frstenhaus
der Schwarzlackierte begegnet. Aber der Gedanke an das dumme
unbetreute Madl und an Burgis armen alten Vater ging ihm unter in
diesem Brenschlaf seiner Mdigkeit. Und whrend Pepperl sgte, sa
Kluibenschdl bei der Lampe und las im Geheimnis von Woodcastle das
spannende Kapitel von Lord Fitzgeralds wunderbarer Rettung. Und die
standhafte Liebe der jungen, berckend schnen Lady Maud wirkte so
zaubermchtig auf das Herz des Lesers, da er dem Dichter sogar den Tod
des armen Lion verzieh.

Er las noch immer, als gegen halb zwei Uhr morgens mit Gerassel der
Wecker ging.

He! Pepperl! Auf!

Der Erwachende machte groe Augen. Mar und Joseph! Herr Frstner! Halb
zwei? Und Sie schlafen noch net?

Na! Kluibenschdl wischte sich die Trnen seiner Rhrung aus den
Augen. Aber jetzt haben s' anander, der Lord und die Laadi. Jetzt kann
ich meine Augen zumachen! Langsam begann er sich zu entkleiden.
Pepperl, ds Bchl mut lesen! So was is schn: wenn zwei treue
Liebsleut nach aller Gfahr anander kriegen. Da knnt man schier selber
wieder ans Heiraten denken! Er seufzte. Wenn alle Weibsbilder so wren
wie die Laadi! Trbselig schttelte er den Kopf und tauchte, whrend
Pepperl in die Schuhe fuhr, bis an die Nasenspitze unter die Decke.

Ein paar Minuten, und Praxmaler war wegfertig. Als er die brennende
Kerze in die Laterne steckte, fragte er pltzlich: Bleiben Sie heut
daheim, Herr Frstner?

Ja.

Da sollten S' Ihnen doch a bil um den Herrn Kammerdiener kmmern.

Warum denn? klang's mit Ghnen unter der Decke hervor.

Weil er Langweil haben mu, wenn der Herr Frst net daheim is.

Soll er halt 's Gheimnis vom Wohdekastl lesen!

Plauschen, mein' ich, tut er lieber.

Soll er mit der Kchin plauschen!

Oder mit der Burgi? Net? Pepperls Hnde zitterten, da die Laterne
klirrte.

Meintwegen! Mir is alles recht.

Aber wissen S', der Burgi gfallt er net recht. Die kann die Stadtischen
net leiden. Und wann er plauscht mit ihr, da knnt s' ihm leicht an
unbschaffens Wrtl sagen, ds ihn verdriet. Ich mein', da sollten S'
dabei sein. Da sich 's Madl a bil zruckhalt, wissen S'!

Ja, ja, is schon recht! La mich nur jetzt in Ruh! Und schau, da der
Herr Frst den Hirsch kriegt! Und halt dich ordentlich auf der Pirsch,
gelt! Da d' mir kei' Schand net machst!

Na, na, da wird sich nix fehlen! Pepperl holte noch einen schweren
Seufzer aus dem tiefen Brunnen seiner Sorge herauf. Dann ging er. Vor
dem Jagdhaus wartete er mit der Laterne, bis der Frst aus der Tr trat.

So, da bin ich, Praxmaler! Es scheint, wir werden gutes Pirschwetter
haben.

A Morgen, Duhrlaucht, wie er net schner sein knnt!

Martin war hinter dem Frsten in der Tr erschienen und fragte: Bis um
welche Stunde werden Durchlaucht wieder zurck sein?

Das wei ich nicht. Pepperl, was meinen Sie?

Pepperl zog diplomatisch die Achseln auf und schmunzelte, wie man bei
einem glcklichen Einfall lchelt. Da wird sich was Gnaus net sagen
lassen. Jagd is Jagd. Da kann's gehn, wie's mag. Es kann lang dauern,
aber wir knnen auch in aller Fruh schon daheim sein. Ja, Herr
Kammerdiener, rhren S' Ihnen nur net weg von Ihrem Posten, damit S' net
am End den Herrn Frsten verpassen, wann er gahlings heimkommt. So! Und
jetzt geben S' mir Ihr Bxl, Duhrlaucht! Da marschieren S' leichter.
So! Hab die Ehre, Herr Kammerdiener!

Auch Martin lchelte, whrend er geschmeidig den Rcken krmmte.
Weidmanns Heil, Durchlaucht!

Weidmanns Dank!




^Fnftes Kapitel^


Sie wanderten hinaus in die Nacht, Pepperl mit der gesenkten Laterne
voran und hinter ihm der Frst, etwas unsicher auf dem holprigen Weg,
ber den die schwankende Laterne ihren trben, gaukelnden Schimmer warf.
Aber es whrte nicht lang, und das Auge des Frsten hatte sich an die
Dunkelheit gewhnt, sein Schritt an den rauhen Pfad.

Sie knnen die Laterne lschen, sagte er, das Licht strt mich nur.
Ich hab es gerne, in der Nacht zu gehen.

Pepperl blies die Kerze aus, verbarg die Laterne in einem Busch und lie
seinen Herrn vorangehen auf dem Weg, der sich in dem schtteren Walde
mit mattem Grau von dem schwarzen Rasen abhob.

Die Nacht war windstill; bald laut, bald wieder leiser werdend,
plauderte der Wildbach wie im Halbschlaf; in tiefer Schwrze stieg der
schweigende Wald bergan, und ber den grauen Wnden funkelten am
stahlblauen Himmel die zahllosen Sterne. Die Milchstrae, die drauen
in der dunstigen Ebene auch in hellen Nchten nur matt erkennbar ist,
schlngelte sich ber den Sternenhimmel hin wie ein lichter Silberstrom,
unterbrochen von schwarzen Inseln.

Zuweilen ging ein sanftes Hauchen durch die finsteren Bume, als htte
die Natur im Schlummer wohlig aufgeatmet. Und wenn es kam, dieses kurze
linde Hauchen, trug es von den Almen den Wohlgeruch der Brunellen ins
Tal herunter, einen sen Duft, der an kstliches Gewrz erinnerte.

Immer wieder blieb Ettingen stehen, auf den Bergstock gesttzt, und
trumte hinein in das nchtliche Schweigen des Waldes.

Wie schn! Und soviel Ruhe!

Als er leis diese Worte vor sich hin murmelte, zuckte es ber die langen
Bergwnde der Hohen Munde wie ein falbes Leuchten. Das whrte nur einen
Augenblick, doch alle Farben des Waldes, der Felsen und Almen erwachten
in dieser Sekunde, um mit der nchsten wieder in Schlaf und Finsternis
zu versinken.

Was war das? Der Himmel ist klar --

Weit drauen im Flachland mu a Wetter stehn. Da drauen hat's blitzt.
Ds war der Widerschein.

Ettingen lauschte, als mte er den fernen Donner hren. In den
sternfunkelnden Lften blieb's ruhig und still.

Er lchelte. Sturm und Wetter da drauen. Hier die Ruhe! Das Schweigen
im Wald!

Sie schritten weiter.

Zwei Stunden waren sie fast gewandert, und ber den stlichen Bergen
begann sich schon der Himmel zu lichten, als ihnen durch den Wald, in
dem der Weg immer steiler wurde, leichte Nebelschleier langsam
entgegenschwebten.

Das Wetter von da drauen schickt seine Vorreiter in die Berge herein,
sagte Ettingen, der Tag wird trb werden.

Gott bewahr, Duhrlaucht! An schnern Tag haben S' noch nie net gsehn!
Der Nebel da, ds is blo der Seedampf. Wissen S', zwischen die Felsen
droben, da liegt der Firnschnee umanand. Da bleibt auch im heien Sommer
d'Nacht schn frisch. Und in der Fruh, da fangt der Sebensee zum Rauchen
an. Ds mu so sein, ds is 's allerfeinste Wetterzeichen.

Es whrte nicht lang, und sie waren vllig eingehllt von den ziehenden
Dmpfen. Man konnte auf zwanzig Schritte kaum noch einen Baum
unterscheiden. Da in den Lften der Tag erwachte, sah man nur an dem
Grau des Nebels, der immer lichter und lichter wurde.

Wie lange haben wir noch zu steigen? fragte Ettingen.

A Viertelstndl. Da is schon der See.

Aber vom See war keine Spur zu gewahren. Es hoben sich nur ein paar
grobe Felsblcke des Ufers von dem weilichen Rauch mit verschwommenem
Dunkel ab, man hrte das leise Gepltscher, mit dem das Wasser die
Steine umsplte, und tief aus dem Ehrwalder Tal herauf summte das
Brausen des Wasserfalles, der den Abstrom des Sees hinunterwarf ber
turmhohe Wnde.

Der Pfad stieg immer mehr und verlor sich in ein steiles Latschenfeld.
Als die Jger einmal rasteten, hrten sie auf dem Weg die Steine
klirren. Wie ein dunkler Schatten huschte ein groes Tier an ihnen
vorber und verschwand im Rauch.

War das ein Stck Hochwild?

Ja, ja, wird schon so was gwesen sein! Pepperl schmunzelte. Er brachte
es nicht bers Herz, seinem Jagdherrn ins Gesicht zu sagen, da er im
Nebel einen Maulesel fr Hochwild angesehen htte. Gar weit haben wir
nimmer hin bis zum Hirsch, jetzt mssen wir d' F a bil in acht
nehmen.

Lautlos kletterten die beiden Jger zwischen den Latschen hinauf. Je
hher sie kamen, desto hufiger schttelte Pepperl den Kopf. Jetzt
drft sich der Nebel bald verziehen! Oder es spuckt in der Fechtschul!

Minute um Minute verging, und es wurde nicht lichter. Wohl hauchte
manchmal ein frischer Windzug von den unsichtbaren Wnden nieder, aber
der Nebel lag fest und wollte nicht weichen.

Sie hatten im steilen Latschenfeld einen Rasenbuckel erreicht, als
Pepperl flsternd im Klettern innehielt: Jetzt knnen wir nimmer
weiter! Der Hirsch mu in der Nh sein, auf'n schnsten Schu. Was
machen wir jetzt? Teufi, Teufi, Teufi! Wenn's schief geht, Duhrlaucht,
kann ich nix dafr! So a Hundsnebel, so a miserabliger!

Ettingen trstete leise: Machen Sie sich keine Sorgen, Pepperl! Wenn
auch die Pirsche fehlschlgt, der Weg war wunderschn und hat mir Freude
gemacht.

Der Weg? No ja, a schner Weg is auch was Schns. Aber lieber wr mir
der Hirsch. Wenn nur der Teufel den Nebel kreuzweis reiten mcht!

Als wre der fromme Wunsch des Jgers an die richtige Adresse geraten,
so fuhr im gleichen Augenblick ein scharfer Windsto ber das
Latschenfeld herunter und ri die wallenden Schleier entzwei.

Mar und Joseph! lispelte Pepperl. Duhrlaucht! Der Hirsch!

Kaum hundert Schritte von den Jgern entfernt, kam der Hirsch gemchlich
durch die Latschen gezogen und gabelte mit dem mchtigen Geweih wie
spielend in die Bsche. Doch ehe Praxmaler die Bchse spannen und dem
Frsten reichen konnte, war der Nebel schon wieder zusammengeflossen,
alles grau verhllend.

Pepperl zitterte vor Aufregung an allen Gliedern und flsterte: Teufi,
Teufi, Teufi, jetzt is gfehlt! Jetzt hat er uns gleich im Wind. Und
nacher bht dich Gott, Hirscherl!

Da hrten sie in nchster Nhe das Brechen von Zweigen und den Schritt
des Wildes. Wie ein groer, grauer Schemen tauchte dicht vor ihnen der
Hirsch im Nebel auf. Nun verhoffte er und wandte sich zur Flucht -- aber
da krachte auch schon der Schu. Im Nebel war der Hall der Bchse dumpf
und kurz, man hrte kein Echo, nur ein mattes Gepolter im Gerll, ber
das der Hirsch gegen das Seetal hinunter flchtete. Dann Stille.

Dem Praxmaler-Pepperl klopfte das Herz, da man es hren konnte wie
dumpfen Hammerschlag. Und die Hnde um die Ohren hhlend, lauschte er
talwrts.

Scharf blies der Wind von den Felsen. Der Nebel kruselte sich um die
Bsche und flatterte, wurde lichter und lichter, und in der Hhe begann
es schon zu schimmern wie mattes Blau und wie ein Rtsel des
Sonnenglanzes. Da rissen die Schleier entzwei -- wie sich ein Vorhang
teilt, der ein heiliges Wunder verhllte. Leuchtende Matten sah man, ein
steiles Latschenfeld in blauem Schatten, hier eine graue Wand und dort
eine Reihe scharfgeschnittener Spitzen, rosig angeflogen vom Schein der
Morgensonne. Nur wenige Minuten, und die Hhe, auf der die Jger ruhten,
war vllig nebelfrei. Gro und schweigend dehnte sich rings um sie her
die Felsenwildnis, in mchtigem Halbkreis umzogen von starrendem Gewnd.
Ihnen zu Fen lag der Nebel ausgegossen, flach und wei wie Milch, und
drben stiegen aus dem Meer dieser silbernen Dnste die Steinkolosse der
Wetterschrofen auf, ber deren wild zerrissenen Grat die goldleuchtenden
Schneegehnge der Zugspitze herberblinkten.

Immer rascher zog und streckte sich der Nebel, und whrend seine
tieferen Massen gegen Osten hinausstrmten ber das Geital, lsten
seine hheren Rnder und Zungen sich auf in blaue Luft. Allmhlich
enthllten sich im Westen die schn gewellten Waldberge von Lermoos und
Reutte, das Ehrwalder Tal entschleierte sich mit seinem blitzenden Bach,
mit seinen Wiesen und ausgestreuten Husern. Schon sah man die Ehrwalder
Alm, auf der sich mit dem fernen Gebrll der Rinder die jauchzende
Stimme eines Hirtenbuben mischte. Schon stachen die Wipfel des
Sebenwaldes schlank und spitz aus dem Nebel heraus. Noch eine kurze
Weile, und aus den in Luft und Sonne zerflieenden Dnsten leuchtete ein
stilles grnes Wasserauge aus der Tiefe herauf: der Sebensee, ein
kreisrundes Felsenbecken, erfllt mit einer Flut von so kristallener
Klarheit, da man jeden Steinblock und jeden versunkenen Baum auf dem
Grunde deutlich unterscheiden konnte. Steinhalden und flache Almfelder
umsumten auf der einen Seite den See, auf der anderen wurde sein Ufer
gebildet durch mchtige Felskltze, durch schroffe Wnde und steile
Latschenbeete, zwischen deren vereinzelten Zirbenbumen und Fichten das
Schindeldach einer kleinen Htte leuchtete.

Solch einen Morgen zu sehen! Ist das nicht schner als alle Jagd?

Zum Glck fr den weidmnnischen Respekt, den ein Jger vor seinem
Jagdherrn haben soll, berhrte Pepperl diese stille, lchelnde
Weisheit. Denn ehe der Frst noch ausgesprochen hatte, war Praxmaler
aufgesprungen, als htte er pltzlich bemerkt, da er auf glhenden
Kohlen se.

Mar und Joseph! Duhrlaucht! Der Hirsch! Da drunten liegt der Hirsch!
Die Freude schien den Pepperl in einen Wahnsinnigen verwandelt zu haben.
Jesses Maria! Da liegt der Hirsch! Da liegt er ja! Da liegt er! Da
liegt er! Ein Jauchzer, da alle Wnde widerhallten von diesem
jubelnden Schrei. Und in der einen Hand den Bergstock, in der anderen
die Bchse, hetzte Pepperl ber Bsche und Gerll hinunter, da es
anzusehen war, als mte er sich bei jedem Sprung berstrzen, um Hals
und Beine zu brechen. Jetzt verschwand er in den Latschen. Ein heller
Jauchzer kndete, da er mit gesunden Gliedern den Hirsch erreicht
hatte.

Nun stieg auch Ettingen hinunter, und als er die Mulde erreichte,
zwischen deren Bschen der Hirsch, mit der Kugel im Herzen, verendet
niedergebrochen war, kam Pepperl ihm schon entgegen, mit einem Strul
blhender Almrosen in der zitternden Hand. Die Augen des Jgers blitzten
vor Freude, seine Wangen brannten vor Erregung. Gratalier, Herr Frst!
Gratalier zum ersten Hirsch bei uns! Da kommen S' her! Schauen S' ihn
an! Was ds fr a Hirsch is! A Gweih hat er droben -- Teufi, Teufi,
Teufi, is ds a Gweih! Und den Schu, den er hat! Im Nebel so an Schu
machen! Wie naufzirkelt aufs Blatt! Gelten S', Duhrlaucht? Gelten S',
ds freut Ihnen? Gelten S', ja? Und schauen S', Duhrlaucht -- weil S'
jetzt die allerschnste Freud haben -- jetzt mu ich gleich was
raussagen! Gestern auf d' Nacht, meiner Seel, es is wahr: da hab ich
mich schauderhaft aufgfhrt! An Rausch hab ich ghabt, da ich mich
selber schenier! Und im Rausch, da bin ich mit'm Herrn Kammerdiener
zammgwachsen und hab ihm schieche Sachen gesagt. Schieche Sachen,
Duhrlaucht, schieche Sachen! Er schnaufte wie ein von schwerer Brde
Erlster. Jetzt is's herauen! Gott sei Dank! In Zerknirschung guckte
er an seinem Herrn hinauf. Ich bitt schn, Duhrlaucht, tun S' mir halt
gndig verzeihen! Gschehen soll's nimmer, da leg ich mei Hand dafr ins
Feuer! Tun S' mir halt verzeihen! Gelten S', ja?

Lchelnd hatte Ettingen diese drollig wirkende Beichte angehrt. Nun
klopfte er dem Jger freundlich auf die Schulter. Ja, Pepperl, die
Snde soll vergeben und vergessen sein! Aber nehmen Sie ein andermal
Ihren Durst in festere Zgel! Und nun sagen Sie mir -- hat Ihnen Martin
Ursache gegeben, da Sie grob gegen ihn wurden?

Eine dunkle Blutwelle scho dem Jger ins Gesicht, aber er sagte
entschieden: Na, na, Duhrlaucht, gwi net! Der angfangt hat, der bin
schon ich gwesen! Ein Glck, da sich Ettingen zu dem erlegten Hirsch
wandte, um das Geweih zu betrachten. Lnger htte Pepperl den
forschenden Blick seines Herrn kaum ertragen, ohne in Verlegenheit zu
geraten. Nun atmete er erleichtert auf, kreuzte die Fuste ber der
Brust und tat einen dankbaren Blick zum Himmel, wie einer, der sagen
will: Gott sei Dank, jetzt bin ich wieder gsund! Dann warf er die
Joppe ab und zog das Messer, um an dem erlegten Hirsch das weidmnnische
Handwerk zu ben.

Das seh ich nicht gerne, sagte Ettingen, bei dieser Arbeit la ich
Sie lieber allein. Ich steige zum See hinunter und warte dort, bis Sie
nachkommen.

Die Bchse zurcklassend, folgte er einem Almsteig, der in Windungen
durch das Latschenfeld zum Seeufer hinunterfhrte. Als er zu den lichter
stehenden Bumen kam, vernahm er den sen Schlag einer Ringdrossel. Er
lchelte. Der zrtliche Vogelruf erweckte in ihm die Erinnerung an jenen
ersten Abend, an jene seltsame Begegnung im schweigenden Wald.

In Gedanken versunken, folgte er dem Pfad und blickte erst wieder auf,
als er den See erreichte. Still und schimmernd lag die grne Flut zu
seinen Fen, durchsichtig wie Glas. Die glatte Oberflche war
durchzogen von langen Silberstrichen und spiegelte mit reinen Linien
und grn behauchten Farben alle Felsblcke des Ufers, die Bume und
einen sonnbeglnzten Berg. Hunderte von den kleinen Bltenkelchen der
Alpenrose waren ausgestreut ber den See und schwammen gleich winzigen
Blutstropfen im stillen Grn.

Lange stand Ettingen in Schauen vertieft, bevor er dem linken Ufer
folgte, auf dem sich zwischen Wasser und steilem Berggehng ein
halbverschtteter Pfad erkennen lie.

Durch eine tiefgeschnittene Bergscharte glnzte schon die Sonne herein
ins Seetal und durchleuchtete am Ufer einen breiten Streif des Wassers.
Groe Forellen standen so dicht am Spiegel, da ihre sacht spielenden
Rckenflossen halb aus dem Wasser ragten. Wenn sie den einsamen Wanderer
gewahrten, machten sie eine jhe Wendung, schwammen pfeilschnell der
grnen Tiefe zu, und wo sie gestanden, blieb eine silberblitzende Linie
zurck.

Ettingen hatte den Pfad verloren und konnte nicht mehr weiter. Ein
hoher, berhngender Felsblock stieg vor ihm aus dem Wasser auf und
sperrte den Weg. Aber die Nische, die der mchtige Steinwall bildete,
bot ein freundliches Pltzchen zum Rasten -- und das mute auch schon ein
anderer gefunden haben, denn unter dem Fels war eine Bank aus Steinen
zusammengetragen und mit Fichtenzweigen und Moos belegt.

Er lie sich nieder. Hatte der Weg ihm so warm gemacht? Er fhlte ein
heies Brennen auf den Wangen und schpfte mit der Hand von dem kalten
Wasser, um die Glut seines Gesichtes zu khlen.

Dann sa er, die Arme bers Knie gelegt, und whrend er trumend in die
stille grne Flut blickte, spann er lchelnd die Gedanken weiter, die
ihn begleitet hatten, seit er den Schlag der Drossel vernommen.

Und seltsam! Wie kann nur eine Erinnerung sich so lebhaft vor den Augen
gestalten? Als wre sie aus seiner Seele herausgetreten in die Luft, vor
seinen Fen versunken im See! Zwischen dem Spiegelbild der Alpenrosen,
die ber den Saum des Felsens niederhingen, sah das schne Schweigen im
Walde aus der Flut zu ihm herauf wie ein ernstes Nixengesichtchen mit
groen Augen! Die lockig aufgelsten Haare, die das Gesicht
umschwankten, schienen im grnen Wasser zu schwimmen und aus der Tiefe
heraufzustreben. Jetzt kam eine Hand und strich die Locken zurck -- im
gleichen Augenblick verschwand das Gesicht, und jh erweckt aus seiner
trumenden Mrchenstimmung, fuhr Ettingen betroffen auf. Nicht seine
eigenen Gedanken hatte er gesehen, sondern ein Spiegelbild der
Wirklichkeit. Und als er hinaufsphte zum Rand des Felsens, hrte er das
Rieseln kleiner Steine und einen leichten Schritt, der sich entfernte.
Dann wieder Stille. Von den berhngenden Bschen flatterten ein paar
Almrosenkelche wie rote Kferchen durch die Luft herunter und fielen in
die Flut.

Das schne Wunder geht um! Auf jedem meiner Wege! murmelte Ettingen
lchelnd vor sich hin und wanderte am Ufer zurck, um den verlorenen Weg
zu suchen.

Da fhlte er wieder jenes Brennen im Gesicht, und wieder schpfte er
Wasser mit der Hand, um die schmerzenden Wangen zu khlen.

Er fand den Pfad, der steil durch die Latschen hinaufkletterte und zur
Hhe des berhngenden Felsens fhrte. Und da versperrte ihm ein
lebendiger Riegel den Weg -- ein Esel, der von den drren sten einer
altersmden Fichte die zarten Fden der Bartflechte herunterschmauste.

So? Bist du auch da? Guten Morgen!

Ettingen streckte die Hand, um das Grautier zu locken. Aber der Esel
machte scheue Augen, schttelte trotzig die langen Ohren, schlug mit den
Hinterfen aus und sauste durch die Latschen gegen den See hinunter.

Lachend sah ihm Ettingen nach: Wenn deine mrchenhafte Herrin nicht
freundlicher ist --

ber den Zweigen einer Erlenstaude sah er ein dunkelblaues, noch
feuchtes Schwimmkleid und einen weien Bademantel zum Trocknen
ausgebreitet.

Besonders empfindlich und verzrtelt schien sie nicht zu sein, die
schweigsame Waldfee! An solch einem frischen Bergmorgen in 1600 Meter
Hhe ein Seebad mit zehn Grad Reaumur? Das war ein etwas gruseliges
Vergngen, gegen das sich unter Umstnden auch eine gesunde Mnnerhaut
energisch wehren konnte. Und solch ein knospenhaftes, zierlich schlankes
Ding, das die Zwanzig kaum berschritten haben konnte. Schon
berschritten? Nein! Aus den groen, ruhigen Augen blickte wohl ein
klarer Lebensverstand, wie ihn frhe Jugend nicht besitzt. Doch die
schmalen Wangen hatten noch etwas Kindhaftes, und der schne Mund
erzhlte von der unberhrten Reinheit einer Mdchenseele, die nur Sonne
erlebt habt konnte, keinen Sturm und Schmerz.

Wer sie sein mochte? Und was suchte und trieb sie hier? Da sie die
Natur liebte, sich selbst genug war und sich wohl fhlte in der
Einsamkeit, das war ein gutes Zeugnis fr ihr Wesen und ihre
Geistesbildung. Wer die Welt nicht ntig hat, ist immer reicher als die
Welt. Und die Einsamkeit vertrgt nur jener, der sich selbst in jeder
Stunde etwas zu sagen hat.

Wer war sie? Vielleicht die Tochter stadtmder Leute, die dort unten im
Ehrwalder Tal ihre Sommerfrische genossen? Nein! Wenn sie noch Eltern
htte? Die wrden ihrem Kinde solche Freizgigkeit nicht gestatten, auch
nicht einem Kinde, das neben eigenen Gedanken auch Mut und eigenen
Willen hat. Denn Mut gehrt dazu, wenigstens fr ein Mdchen, so einsam
in menschenferner Bergwildnis zu hausen.

Aus dem dichten Latschenfeld war Ettingen auf eine von wenigen alten
Wetterfichten berschattete Lichtung getreten, die einen freien,
herrlichen Ausblick bot ber den See und gegen das Geital hinaus, ber
den Sebenforst und das Ehrwalder Tal. Inmitten des Platzes erhob sich
ein kleines Blockhaus, aus dessen eisernem Kaminrohr sich milchblaue
Rauchwlklein emporkruselten in die sonnige Morgenluft. berall an den
Balken der Htte schlangen sich Efeuranken bis unter das vorspringende
Dach, bildeten ber der halboffenen Tr eine kleine Laube und lieen von
den Holzwnden nicht viel mehr gewahren als zwei kleine, mit grnen
Lden versehene Fenster, hinter deren blanken Scheiben rote Vorhnge
schimmerten. Neben der Tr zog sich an der Wand eine Holzbank hin, auf
der eine Messingpfanne zwischen hlzernen Tellern und weiem Teegeschirr
zum Trocknen in der Sonne stand. Ein Stangenzaun, an dem eine Zeile
junger Fichtenbumchen angepflanzt war, zog sich im Geviert um die Htte
und umschlo einen sorgsam gepflegten Garten, der sich mit seinen
leuchtenden Blumenbeeten und seinen weien, kiesbestreuten Wegen gleich
einer lieblichen Oase von der wilden Unkultur der Umgebung abhob. Auf
diesen Beeten blhten keine Zierblumen, wie sie in den Grten des Tales
heimisch sind. Eine kundige Grtnerhand hatte hier gesammelt und durch
Pflege veredelt, was zwischen der Waldgrenze und den Schneefeldern der
Berge an Blumen gedeiht. Neben feurigen Alpenrosen schimmerten die
blauen Glocken des Enzian; Speik und Edelraute blhten neben dem
Almrausch, dessen zarte, rosige Dolden schon zu verwelken begannen,
Mardaun und Brunellen neben Arnika und zierlichen Orchisarten, und ein
aus Felsen aufgebauter Hgel trug in seinen mit Erde ausgefllten
Spalten die kleinen blagrnen Stauden des Edelwei, dessen Stcke, nach
den frischen saftigen Blttern zu schlieen, hier gut zu gedeihen
schienen, obwohl sie ohne Blten waren. Die Farben dieser Bergblumen,
die hier in reicher Flle gesammelt waren, hatten etwas Ungewhnliches
und Seltsames, und zu dem berraschenden Anblick gesellte sich der
fremdartige, se Duft, den die blhenden Beete in den reinen Morgen
hauchten.

Ein einziger Baum stand im Garten, in einer Ecke des Zaunes. Und der
wunderliche Wuchs dieses Baumes stimmte zu allem brigen, als htte ihn
die romantische Laune eines Knstlers unter Tausenden ausgewhlt und
hierhergestellt, um den ungewhnlichen Eindruck dieses Gartenbildes noch
zu erhhen. Es war kein Baum -- es waren sieben Bume in einem: eine
uralte riesige Zirbe, auf deren harfenfrmig ausgebogenem Hauptstamm
sieben senkrecht nebeneinander aufsteigende ste sich zu starken Stmmen
ausgewachsen hatten. Der Baum war anzusehen wie eine gewaltige grne
Leier. Und diese Leier klang auch! Wenn der sachte Wind die ste
bewegte, ging ein lindes Rauschen durch die zottigen Nadelbuschen, und
mit diesem Grundton klangen feine Glockenstimmchen zu einem weichen,
traumhaften Akkord zusammen.

Verwundert -- recht wie einer, der im Mrchen die Pforte einer bezauberten
Sttte betritt -- zur Neugier gereizt und doch von einer seltsamen Scheu
zurckgehalten, stand Ettingen vor der Umfriedung des Gartens. Bald
glitt sein Blick ber die Blumen hin, bald suchten seine Augen in den
Wipfeln des Harfenbaumes die tnenden Glckchen, bald wieder musterte er
die Htte und sphte nach Tr und Fenstern.

Er lchelte. Hier mu es wohnen -- mein Mrchen!

Da kam es auch schon gegangen, auf der anderen Seite des Gartens, vom
See herauf, nicht schwebenden Schrittes, nicht mit dem Lilienstab, gar
nicht mrchenhaft, sondern festen Ganges, gut ausholend bei jedem
Schritt. Und whrend sie den linken Arm, um das Gleichgewicht zu halten,
seitwrts streckte, trug sie in der rechten Hand eine groe,
wassergefllte Giekanne, deren schwere Last jede Linie des
geschmeidigen Mdchenkrpers straffer spannte -- ein Bild gesunden, jungen
Lebens, kraftvoll und schn zugleich.

Auch anders gekleidet war sie als an jenem Abend im schweigenden Wald.
Sie trug eine helle Bluse aus leichtem Flanell und dazu einen braunen
Lodenrock, unter dessen Saum noch ein Stcklein jener grauen Wollstutzen
zu sehen war, wie die Sennerinnen sie zu tragen pflegen. Das reiche
Haar, nach dem Bade noch nicht vllig getrocknet, fiel ihr mit wirrem
Geringel ber Nacken und Schultern bis auf die Hften nieder, und die
um Stirn und Schlfen sich kruselnden Hrchen leuchteten in der Sonne
so goldig, da der schne Mdchenkopf wie von einem zitternden
Schimmerkranz umgeben war.

Als sie mit dem Knie das Gartentrchen vor sich aufstie, gewahrte sie
drben am Zaun den stillen, lchelnden Gast. Kaum merklich zuckte es um
ihren Mund, als htte sie in Gedanken zu sich gesagt: Das ist er wieder,
der von neulich, aus dem Geitaler Wald!

Ettingen lftete das Htchen. Guten Morgen, mein Frulein!

Schweigend dankte sie, wohl freundlich, aber doch nicht anders, als man
auf der Strae den hflichen Gru eines Fremden erwidert.

Wollen Sie einem mden Sterblichen erlauben, da er Ihren blhenden
Zaubergarten betritt, um eine Minute zu rasten? Dort, unter Ihrem
singenden Baum?

Eine Furche lag zwischen ihren Brauen. Hatte ihr seine Frage wie Spott
geklungen? Oder wie die Redensart eines Zudringlichen? Doch als ihr Auge
dem seinen begegnete, lchelte sie und sagte ruhig: Treten Sie nur ein!
Das Trchen hat keinen Riegel. Man sieht Ihnen an, da Sie heute schon
einen Weg hinter sich haben, der Ihnen warm gemacht hat. Dort bei der
Zirbe finden Sie eine Bank. Die hat Schatten.

Whrend sie das sagte, ging sie auf die Htte zu. Nun stellte sie die
Kanne nieder und verschwand in der Tr.

Welch einen linden Klang ihre Stimme hatte!

Ettingen umschritt die Fichtenhecke und betrat den Garten. Gerne htte
er einen Blick in das Innere der Htte geworfen, aber die Tr war
zugelehnt. Einem der weien Kieswege folgend, ging er auf die Zirbe zu,
in deren Schatten er einen schwer gezimmerten Holztisch fand und eine
aus bizarr gewachsenen Latschenzweigen geformte Bank, deren Holz unter
dem Schnee vieler Winter schon vllig schwarz geworden war.

An diesem Tische mute schon manch ein mder Wanderer gerastet haben;
zahlreiche Buchstaben, ganze und halbe Namen, Jahreszahlen und
absonderliche Zeichen waren in die morsche Tischplatte eingeschnitten.
Auch der Stamm des Harfenbaumes war bedeckt mit solchen Zeichen, alten
und neuen, unter denen eine Reihe von Einschnitten, die in der Mitte des
Baumes regelmig bereinander angebracht waren, eine Art von
Hausherrenrecht auf dieser Rinde zu beanspruchen schien. Da stand zu
oberst in der Reihe: _Lolo, aetatis suae XIV -- Papa, aetatis suae
XLV_ -- dabei eine Jahreszahl, und diese Zeichen waren umzogen von einer
tiefeingeschnittenen Herzlinie mit einer Flamme. Diese Inschrift war
sieben Jahre alt, die Schnitte begannen schon in der Rinde zu vernarben.
Darunter standen noch, ersichtlich von der gleichen Hand geschnitten,
die Zahlen von fnf aufeinanderfolgenden Jahren, und die letzte dieser
Zeilen -- sie schimmerte noch wei im Holz und hatte erst einen einzigen
Winter berstanden -- war umgeben von einem Krnzlein frischer Alpenrosen.
Das berhrte, als htte die Spenderin dieser Blumen sagen wollen: Du
letztes Jahr! Wie warst du schn! Ich werde dich nie vergessen! Nie!

Von seltsamer Stimmung umfangen, betrachtete Ettingen die Zeichen und
Blumen, whrend der Wind durch die buschigen Zweige der Zirbe strich und
leis die melodischen Glockenstimmchen tnen machte.

Lolo? Ob das ^ihr^ Name ist? Dann hatte ihr Vater dieses kleine
Paradies geschaffen, hier in der einsamen, friedlichen Wildnis der
Berge? Und mit ihrem Vater lebte sie hier? Sieben Sommer? Sieben schne
Sommer, so schn und reich, da ihre Freude sich in die Rinde dieses
Baumes grub, um ein Zeichen der Dauer zu haben? Und weshalb war dieses
jngste Jahr noch nicht eingeschnitten? Zhlte es nicht mehr? War die
Hand erkaltet, welche die anderen Zeichen eingegraben? Hatte sie den
Vater verloren im vergangenen Jahr? Deshalb diese Blumen um die letzte
Zahl?

Da weckte ihn ein leises Klirren aus seinen Gedanken.

Drben, beim Blockhaus, ging das Mdchen langsam an der Holzwand
entlang, um den Efeu zu begieen.

Ettingen hatte berhrt, da sie aus der Htte getreten war. Nun trug
sie die Haare aufgesteckt, nur lose ber dem Scheitel zu einem Knoten
geschlungen. Das stand ihr noch besser zu Gesicht als das offene
ungezgelte Gelock. Wie der Knoten die Flle des Haares nicht bndigen
wollte, wie die kleinen widerspenstigen Ringeln sich lsten und bei
jedem Schritt um Stirn und Schlfen zitterten gleich zartem
Goldgespinst, wie fein das anzusehen war!

Sie hatte die letzten Wassertropfen ber den Efeu gesprengt und stellte
die Kanne nieder, um einige der langen Grasschmelen zu brechen, die bei
der Hecke wuchsen. Achtsam zog sie die zarten Halme durch die Finger, um
sie geschmeidig zu machen, und begann mit ihnen die herabhngenden
Efeuranken an der Httenwand anzubinden.

Wie gut Sie das verstehen! sagte Ettingen. Als ob Sie eine gelernte
Grtnerin wren!

Ach nein! Meine Grtnerknste sind recht bescheiden. Daheim, in unserem
Gemsegrtchen, ist mir die Mutter ber. Aber hier, was der kleine
Garten da verlangt, das hab ich gelernt in sieben Jahren. Das versteh
ich. So plauderte sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Sehr viel
Mhe verlangen diese Beete nicht. Das sind keine verzrtelten
Gartenpflnzchen. Das sind krftige, dauerhafte Bergblumen. Nur der
Efeu -- den haben wir aus dem tieferen Walde heraufgebracht, und drum hlt
er im Hochsommer die Hitze nicht gut aus und will immer Wasser haben.
Anfangs glaubten wir nicht, da er durchzubringen wre. Erst seit drei
Jahren ist er so krftig in die Hhe gegangen und hat die groen vollen
Bltter bekommen, deren saftiges Grn mit dem rtlichen Holzton der
Balken so warm zusammenstimmt.

Sie trat ein paar Schritte zurck, wie um die Harmonie dieser
leuchtenden Farben besser genieen zu knnen.

Sie sind Knstlerin, Frulein?

Ich? Knstlerin? sagte sie fast erschrocken. Sie schttelte den Kopf.
Und schweigend nahm sie die Arbeit wieder auf.

Ettingen sa zu entfernt, um sehen zu knnen, da ihre Hnde zitterten.
Verzeihen Sie meine Frage! Sie kam mir so, weil Ihre letzten Worte mich
an die Sprache erinnerten, die ich manchmal von Malern habe reden hren.
Und weil mir der erste Eindruck, den dieser entzckende Fleck Erde mit
seiner blhenden Schnheit auf mich machte, den Gedanken eingab: das
kann nur ein Knstler geschaffen haben!

Der Ernst ihrer Zge wandelte sich in ein stilles Lcheln. Und so leise,
da Ettingen es kaum noch hren konnte, fragte sie: Weshalb glauben Sie
das?

Der wunderbare Baum! Steht er nicht schon ein paar hundert Jahre hier?
Und der schne Bergsee da drunten hat wohl im Laufe der Zeiten schon
viele Besucher aus dem Tale heraufgelockt. Mancher von ihnen mag diesen
Baum gefunden haben. Und blieb eine Minute stehen, betrachtete den Baum
und schttelte den Kopf und dachte: Merkwrdig, was fr sonderbare Bume
wachsen! Aber dann kam einmal ein anderer, keiner mit Alltagsgedanken
unter der Stirn, einer mit trumerischer Knstlerseele, die sich von der
Natur um so inniger angezogen fhlt, je unbehaglicher ihr der Lrm des
Marktes ist. Der sah den Baum. Und da mu er in seiner bilderschauenden
Art doch gleich gedacht haben: Wie eine Harfe! Und diesen Gedanken spann
er fort: Eine Harfe soll tnen, ich will ihr Stimme geben! Vielleicht
war es zuerst nur eine heitere, naive Knstlerlaune, welche die sieben
Glocken dort hinaufhngte in die Wipfel. Dann aber, als er hier im
Schatten sa, an einem Tag wie heute, als ber ihm die Zweige der grnen
Harfe rauschten und die Glocken klangen -- wieviel schne, reine
Knstlertrume mgen da in seinem Herzen erwacht sein, schnell reifend
in der Stille, die ihn umgab, ins Groe wachsend beim Anblick der
Steinriesen dort oben, beim Anblick dieser herrlichen Natur. Wie
selbstverstndlich, da er denken mute: Hier mchte ich bleiben, hier
trumen und schaffen, hier wohnen, nur mir gehren und die Welt
vergessen! So baute er sich diese Htte. Und da gefiel ihm der kahle
Grund nicht mehr, auf dem sie stand. Er hatte Augen, die nach Farbe
drsteten, und mu wohl ein Freund der wilden Bergblumen gewesen sein.
So begann er den Schmuck dieser Beete zu sammeln ...

Nein, das ^kann^ man nicht so erraten! unterbrach sie ihn
pltzlich. Mit der einen Hand sich an die Httenwand sttzend, stand
sie in der leuchtenden Sonne und sah zu ihm hinber mit einem Blick,
dessen Glanz ihm verriet, da seine Worte ihr Freude bereitet hatten.
Jemand mu Ihnen das erzhlt haben! Drauen in der Leutasch? Oder
einer von den Jgern? Die haben meinen Vater gekannt. Sagen Sie mir,
wer hat Ihnen das erzhlt?

Niemand, Frulein! Das hab ich mir so gedacht, vorhin, als ich da
drauen stand und ber den Zaun hereinschaute in dieses blhende Idyll.
Und wirklich? Ich habe erraten, wie es war?

Ja! So war es! Langsam kam sie einige Schritte nher. Ihre Augen
glitten ber die Wnde der Htte, ber die Blumen hin und hinauf zu den
Wipfeln des klingenden Baumes. So war es! So hat mein Vater den Baum
gefunden. So hat er die Htte gebaut. Aber das mit den Glocken, nein,
das haben Sie nicht erraten. Das war keine Spielerei, keine
Knstlerlaune. Das war eine Freude, die seine Liebe sich ausdachte -- fr
mich. Ich war damals noch ein Kind. Aber der Baum ist mir heute noch
lieber als damals. Wenn er so klingt wie jetzt -- das erzhlt mir.

Sie verstummte. Wie schn sie war! Und wieviel rhrend Kindliches redete
aus der still versunkenen Art, mit der sie regungslos zwischen den
blhenden Blumen stand und vertrumt hinaufblickte zu den leis
klingenden Wipfeln.

Langsam strich sie mit der Hand ber die Stirn. Dann nickte sie. Aber
alles andere? Ja! Wie gut Sie das erraten haben! Da dieser Platz ihm
lieb war wie kein anderer auf der Welt -- weil es hier so schn ist, so
weit von den Menschen. Und wie gerne er hier immer sa und trumte! Das
Beste, was er schuf, hat er hier gefunden. Und er war ein Knstler. Wenn
das auch nur wenige gewut haben. Er ^war^ ein Knstler.

Wie sie das sagte! Ein Frommer, in dessen Seele der Gottesglaube
eingewachsen ist mit tausend Wurzeln, kann nicht anders sagen: Ich
glaube an Gott, und da er gut ist und gro!

Sie hatte sich gebckt und eine der sduftenden Brunellen gebrochen,
die sie wie kssend mit den Lippen streifte.

Wie gut erst mten Sie von ihm denken, wenn Sie sehen knnten, was
er geschaffen hat. Ich glaube, Sie htten ihn verstanden. Sein Bestes
war seine Liebe zur Natur, und wie er sie kannte, wie er sie zu deuten
wute. Das htten Sie ihm nachempfunden. Sie lieben die Natur und
verstehen sie. Das hab ich Ihnen angesehen, schon neulich, als ich Sie
da drauen traf, im Tillfuer Wald. Da hab ich mir gleich gedacht: Der
wei, was es da zu sehen und zu hren gibt. Sie werden sich meiner
nicht mehr erinnern, ich bin nur so an Ihnen vorbeigeritten. Aber ich
-- Sie lchelte und schob die Blume in ihr Haar. Ich habe Sie gleich
wiedererkannt, als ich Sie heute dort unten sitzen sah, am See -- auch
wieder an einem Platz, der nicht jedem gefllt, nur einem, der das
Schauen liebhat und das stille Vorsichhindenken. Nicht wahr, es ist
schn da drunten? Diese Farben im Wasser! Wenn es manchmal so glitzert
auf dem Grund, man wei nicht, war es ein Widerschein der Sonne oder
ein weies Steinchen, das sich bewegte, oder ein spielender Fisch -- da
denkt man so mancherlei, oft etwas Trichtes, ganz Unmgliches, aber es
ist ^doch^ schn! Wer nur das Wirkliche gelten lt, an der Sehnsucht
nach dem Unmglichen keine Freude findet und nie eine Minute brig
hat, um sie an einen schnen Traum zu verschwenden -- wie arm ist ein
solcher Mensch in seiner Seele!

Ettingen nickte nur. Er schien sich anderes nicht zu wnschen, als sie
immer anzusehen, wie sie so ruhig in der Sonne stand, und ihr immer zu
lauschen, wie sie so still und lchelnd vor sich hinplauderte, als
sprche sie gar nicht mit ihm, nur mit sich selbst.

Mir geht es immer so! plauderte sie weiter. Wenn ich in einer
nachdenklichen Stunde vergessen kann, da meine Fe auf Stein und Rasen
stehen, wenn ich meine Trume lebendig werden sehe, als htten sie
Fleisch und Blut, und wenn ich beinahe krperlich empfinde, da meine
Gedanken mich emporheben ber die Erde, dann bin ich immer am
glcklichsten und fhle am tiefsten, da ich lebe.

Da klang vom Gehnge des nahen Latschenfeldes herauf der helle Jauchzer
einer Knabenstimme.

Sie antwortete mit einem Jodelruf und wandte sich lchelnd zu Ettingen:
Da kommt mein kleiner Kchenbote, der fr mich sorgt, wie der biblische
Rabe fr den Elias. Whrend sie auf das Gartentrchen zuschritt,
blickte sie ber die sonnigen Berge hin. Ein Tag ist das heute! Ein
Tag!

Ettingen nickte. Er knnte nicht schner sein!




^Sechstes Kapitel^


Ein mager aufgeschossenes vierzehnjhriges Brschlein kam in den Garten
gesprungen -- wohl ein Hterbub von einer der naheliegenden Almen. Er trug
ein mrbes, verwaschenes Kittelchen aus blauer Leinwand und ein
abgewetztes Lederhschen. Die hageren Beinchen waren von der Sonne so
kupferbraun gebrannt, da ihre lange Nacktheit gar nicht auffiel. Fr
einen Sennbuben, dessen Arbeit tglich sechzehn Stunden durch Schmutz
und Unrat geht, war er auffllig sauber gewaschen. Und das glatte
Blondhaar, das unter dem verwitterten Filzhtl hervorlugte, klebte ihm
so na an den Ohren, als htte er vor wenigen Minuten erst den Kopf
unter einer Brause herausgezogen. In der Hand trug er an einem Strick
ein kleines Holzgeschirr, das mit Fichtenzweigen berbunden war.

So ehrfrchtig, als wre er in eine Kapelle getreten, zog der Bub sein
Htl. Recht schn guten Morgen, Fruln Petri!

Nun wute Ettingen ihren ganzen Namen: Lolo Petri.

Guten Morgen, Loisli! Bringst du mir was?

Ja, Fruln! Aber den Vater mu ich verentschuldigen, da er heut nix
anders hat als blo a Brserl Butter und a Trpferl Milli. Morgen bring
ich schon wieder was. Gelten S', ich drf morgen wiederkommen? Der Bub
stellte diese Frage, als wr' es fr ihn ein Geschenk, wenn er kommen
durfte.

Morgen, Loisli? Bberl, morgen wird's schlecht ausschauen! sagte sie,
den Dialekt des Buben so gelufig plaudernd, als htte sie von Kind auf
keine andere Sprache geredet. Weit, morgen fahr ich heim zur Mutter.

Aber gelten S', Sie kommen bald wieder?

Ja Loisli! Heut ber drei Tag, da darfst du dich wieder einstellen bei
mir.

Und gelten S', da erzhlen S' mir wieder was?

Ja, Brscherl, komm nur! Und schau, wie nett und sauber du dich heut
gemacht hast! So! Brav! So la ich mir's gefallen!

Der Bub kicherte in verlegener Freude. Ja, wissen S', seit S' mich
neulich so ausgscholten haben, trau ich mich nimmer eini mit eim
schmierigen Gsicht. Aber gelten S', heut bin ich sauber?

Sauber, ja! Aber da schau her -- Sie nahm das Brschlein bei der Hand
und drehte an seiner Joppe den rmel vor, der einen spannenlangen Ri
ber den Ellbogen hatte. Was is denn das?

Der Bub wurde rot. Mir scheint, ds is a Loch!

Da lachte sie, hell und herzlich. Ja, du, das scheint mir auch. Nur
runter gleich mit'm Jpperl!

Tun S' mir's flicken, Fruln?

Freilich! Und bis ich fertig bin, kannst du das Giekanndl nehmen und
kannst mir Wasser holen, gelt? Jede Guttat mu der Mensch verdienen.

Ja, Fruln! Hurtig zog der Bub das Jpplein herunter. Und tausendmal
Vergeltsgott derweil! Er scho auf die Giekanne zu, packte sie und
rannte davon. Whrend er durch die Latschen hinuntertrollte, nahm er die
Brause von der Kanne, um das Rohr als Trompete benutzen zu knnen. So
mitnig diese Laute klangen, sie schienen dem Buben eine
Feiertagsfreude zu bereiten. Und als er sich md geblasen hatte, begann
er unter lustigem Jodeln auf der Kanne zu trommeln.

Lolo war in die Htte getreten, um zu verwahren, was der Bub ihr
gebracht hatte. Dann kam sie mit Nhzeug, setzte sich auf die
Trschwelle und begann die Wunde des Jppleins in die Kur zu nehmen.
Die Sonnenlichter, die durch das Rankenwerk der Efeulaube drangen,
spielten mit Leuchten und Gezitter um ihre Gestalt.

Ettingen sah ihr lchelnd zu. Geben Sie acht, Frulein, sagte er nach
einer Weile, wenn der Bub das nchstemal wiederkommt, wird er sein
Kittelchen bel zurichten, um Ihnen Arbeit zu machen und lnger bleiben
zu drfen.

Sie schttelte den Kopf. Bevor er das nchstemal wiederkommt, wird er
sein Jpperl genau untersuchen und die Alm nicht verlassen, bevor ihm
nicht die Mutter jeden Schaden ausgebessert hat.

Wie gut Sie von dem Jungen denken!

Wie er es verdient! Er ist ein braver, lieber Bub und wird einmal ein
tchtiger, guter Mensch werden.

Denken Sie von allen Menschen so freundlich?

Von den guten, ja.

Aber von jenen, denen Sie neu begegnen? Von denen Sie nicht wissen
knnen, ob sie gut oder schlecht sind?

Auch von denen. Wer mitrauisch ist, begeht ein Unrecht gegen andere
und schdigt sich selbst. Ich glaube, da wir die Pflicht haben, jeden
Menschen fr gut zu halten, solang er uns nicht das Gegenteil beweist.

Das ist eine warme und schne Lebensregel.

Nur eine selbstverstndliche, eine, die keiner entbehren kann, der am
Verkehr mit den Menschen Freude haben will.

Ja, Frulein, Sie haben recht! Im Grunde genommen denke auch ich nicht
anders, nein, trotz allem nicht! Es ging wie ein trber Gedanke ber
seine Stirn. Gleich wieder lchelte er. Und ich hrte das gerne von
Ihnen sagen. Nun wei ich doch, da Sie auch mich fr gut halten. Oder
nicht?

Sie hob das Gesicht, als htte ihr diese Frage nicht gefallen. Ich
wte nicht, womit Sie mir das Gegenteil bewiesen htten.

Vielleicht durch die unbescheidene Hartnckigkeit, mit der ich mich
hier festgesetzt habe?

Das beweist nur, da es Ihnen hier gefllt.

Der letzte Bergschatten, der noch auf einzelnen Beeten gelegen, war ber
die Hecke zurckgewichen, und Htte und Grtchen lagen in voller
Morgensonne. Der Wind war still geworden, und in den Wipfeln des
Harfenbaumes schwiegen die Glocken. Man hrte nur noch den Wasserfall,
der fern in der Tiefe rauschte, und das leise Gesumm der wilden Bienen,
die von berall zu den blhenden Beeten geflogen kamen und gleich
schwirrenden Funken die sonnige Luft durchschnitten.

Da brachte der Bub die zum berlaufen gefllte Wasserkanne. So, Fruln,
da bin ich schon wieder!

Ich dank dir, Brscherl! Und schau, dein Jpperl hab ich auch schon
fertig!

Lolo hielt dem Buben das Kittelchen hin, und er fuhr mit beiden Fusten
in die rmel. Vergeltsgott tausendmal!

Jetzt mach, da du heimkommst! Drunten brauchen sie dich bei der
Arbeit.

Loisli drehte das mrbe Htl zwischen den Hnden, sah mit glnzenden
Augen zu dem Mdchen auf und bettelte: Krieg ich noch a Blmerl,
Fruln?

Ja, Brscherl, was willst du fr eins?

A Brunellerl tt ich gern haben. Die Enkern schmecken viel feiner als
die anderen von der Alm drauen.

Lolo pflckte ein paar von den braunen Bltenkpfchen und reichte sie
dem Buben. Sein Gesicht strahlte vor Freude, whrend er die Blumen
achtsam hinter die Hutschnur schob. Und mit einem Jauchzer rannte er
davon.

Das Mdchen nahm die Giekanne und begann den Efeu zu besprengen.

Der Bub hat recht, Frulein, sagte Ettingen, die Blumen gedeihen in
Ihrer Pflege, sie sind schner als die anderen dort oben und drauen im
Wald.

Gewi nicht. Sie sehen in der Blte nur reicher aus, weil sie dichter
stehen. Ich tue nicht viel mehr, als da ich sie wachsen lasse.

Da sind Sie aber wirklich zu bescheiden. Wie sehr diese Blumen Ihre
Hand empfinden, kann ich Ihnen gleich beweisen. Ettingen nahm das
kleine Rosenstrulein von seinem Hut. Ich habe ein paar Almrosen von
dort oben mit heruntergebracht. Sehen Sie nur, wie klein die Blten sind
und wie matt in ihrem Rot! Die sind mit den Almrosen, die Sie im Garten
haben, nicht zu vergleichen. Wie gro und ppig die Kelche hier sind,
wie feurig in der Farbe!

Das ist richtig, ja. Aber der Unterschied kommt nicht von der Pflege,
er liegt in der Gattung. Was Sie haben, das sind die gewhnlichen
Steinrosen, aber die meinen hier, das sind Edelrosen.

Edelrosen? Gibt es eine Aristokratie auch unter den freien Bergblumen?

Sie scheinen kein allzu eifriger Hochtourist zu sein, weil Sie diesen
Unterschied nicht kennen. Lolo stellte die Kanne nieder, brach von den
mit glhenden Blten bersten Rosenstauden einen der schnsten Zweige
und kam zur Bank. Der Unterschied ist am besten an den Blttern zu
erkennen. Das Blatt der Steinrose hat mattes Grn und ist behaart, die
Bltter der Edelrose sind glatt, von tiefem wachsglnzendem Grn und auf
der Unterseite braun angeflogen. Sie wollte ihm das Rosenzweiglein
reichen und sah ihn an. Da erschrak sie und lchelte wieder. Ach, Gott!
Nun seh ich es Ihnen auch am Gesicht an. Sie sind wohl erst kurz aus der
Stadt gekommen? Und noch nicht lang in den Bergen?

Seit drei Tagen erst.

Und gestern haben Sie wohl einen langen Marsch in der heien Sonne
gemacht?

Ja, das war gesunde Hitze gestern! Ich bin wohl sehr abgebrannt?

Mehr, als Ihnen lieb sein wird! Haben Sie denn keine Schmerzen im
Gesicht?

Schmerzen? Ich? Aber ja, es ist wahr, mein Gesicht brennt wie Feuer.

Sie haben sich einen tchtigen Sonnenstich geholt. Auf der Nase und auf
den Wangen geht Ihnen die Haut schon los. Wenn Sie noch einen weiten
Heimweg in der Sonne haben, wird die Sache schlimm werden. Dagegen
mssen Sie was tun. Warten Sie --

Whrend Ettingen verblfft zurckblieb, eilte sie in die Htte und
brachte eine kleine Schatulle und ein Spiegelchen in dnner Goldleiste.
Hier! Sehen Sie sich einmal an!

Zgernd nahm Ettingen den Spiegel, und kaum hatte er einen Blick in das
Glas geworfen, als er mit drolligem Entsetzen ausrief: Ach, du lieber
Himmel, was hab ich fr ein Gesicht! Wie Zinnober, so lieblich! Er
lachte. Aber da er nun so vor ihr sitzen mute, das schien ihm nicht
angenehm zu sein. Ich bitte Sie, Frulein -- da ich den Schaden habe,
merk ich --, ersparen Sie mir wenigstens den Spott und lachen Sie mich
nicht aus!

Auslachen? Im Gegenteil, ich wei doch selber, wie das tut.

Das Ausgelachtwerden?

Nein, der Sonnenstich! Ich bin wohl an Hitze wie an Klte gewhnt. Aber
wenn ich oft lange Stunden in der Mittagsglut sitze und arbeite,
erwischt es mich auch noch manchmal. Aber ich wei, was hilft dafr. Und
dann ist's am anderen Tag wieder gut. Hier, nehmen Sie! Sie hatte aus
der Schatulle ein kleines Holzbchschen mit weier Salbe und frische
Watte ausgekramt. Das wird Ihnen gleich die Schmerzen lindern. Kommen
Sie, ich will Ihnen den Spiegel halten.

Er sah verlegen zu ihr auf. Aber ich bitte, liebes Frulein, ich kann
doch unmglich --

Was knnen Sie nicht?

Hier vor Ihnen die Toilette meiner Schmerzen machen und mich
einsalben!

Warum denn nicht?

Nein! Das tu ich nicht!

Nun schien sie den Grund seiner Weigerung zu verstehen. Leichte Rte
berzog ihre Wangen. Seien Sie doch nicht tricht! Wenn Sie so
fortgehen, mit trockenem Gesicht und bei dieser Sonne, dann wird die
Sache schlimmer, und Sie haben eine Woche damit zu tun. Es zuckte leis
um ihre Mundwinkel. Und dann werden Sie noch bler aussehen als
jetzt.

Ja, Frulein, Sie haben recht, meine Weigerung war kindisch. Also?
Wollen Sie mir assistieren?

Natrlich. Sie setzte sich an seiner Seite auf die Bank und hielt ihm
das Spiegelchen.

Er sah ihr lachend in die Augen, dann tauchte er die Watte in die Salbe
und begann zu reiben. Da er die Sache ein bichen eilig nahm, mahnte
sie: Nein, nein, machen Sie es nur genauer! Namentlich auf der Nase!

Ja, die sieht auch am schlimmsten aus!

Als die Kur erledigt war, sprang er auf, warf die bentzte Watte ber
den Zaun und suberte mit dem Taschentuch die Finger.

Nun lachte sie.

Na also, sehen Sie, da hab ich nun doch den Spott davon! sagte er
heiter. Mein Gesicht mu aber auch aussehen wie -- Er fand keinen
Vergleich, der ihm drastisch genug erschien.

Wie ein gebratener Apfel, so schn glnzend! Aber nicht wahr, fragte
sie wieder vllig ernst, Sie fhlen, da es besser ist?

Wirklich, ja, das Brennen beginnt schon nachzulassen. Ich danke Ihnen
herzlich fr den Dienst, den Sie mir geleistet haben. Und da ich bereits
den Namen meines freundlichen Arztes kenne --

Sie kennen meinen Namen?

Zur Hlfte hab ich ihn hier auf dem Baum gelesen. Dann kam der Bub und
grte Sie: Frulein Petri! Nun darf sich wohl auch der dankbare Patient
Ihnen vorstellen? Ich heie Ettingen.

Sie nickte flchtig, als wre sein Name fr sie etwas Nebenschliches.
Wenn Ihnen nur geholfen ist! Aber Dank? Nein! Wer in den Bergen lebt,
ist das gewhnt, da man hurtig luft, wenn der Nachbar ruft: Ich
brauche dich! Nun gar in solcher Einsamkeit wie hier. Da sind die
Menschen, die sich begegnen, aufeinander angewiesen. Sie begann in der
Schatulle Ordnung zu machen. Mein kleines Kstchen hat sich schon oft
auftun mssen. Nicht nur fr einen leidenden Touristen wie heute. Viel
hufiger noch fr die Sennleute.

Ettingen hatte sich wieder auf die Bank gesetzt. Und da leben Sie hier
so allein den ganzen Sommer?

Den ganzen Sommer nicht, aber doch jede Woche ein paar Tage.

Aber in diesen paar Tagen sind Sie doch immer allein?

Heuer, ja, heuer bin ich allein. Sie beugte sich tiefer ber die
Schatulle.

Da Ihnen die Tage nicht zu lang werden, das begreif ich. Es ist so
schn hier. Jede Stunde mu Ihnen eine Flle tiefer Eindrcke bringen.
Aber so einsam hier auszuhalten, dazu gehrt fr ein junges Mdchen ein
seltener Mut.

Das schien sie nicht zu verstehen. Mut? Ist man nicht am sichersten,
wenn man allein ist? Und was sollte ich hier zu frchten haben? Der
Sommer in den Bergen hat keine Gefahr, wenigstens hier in dieser Hhe
nicht. Und der Platz, auf dem mein Huschen steht, ist sicher gegen
Wildwasser. Lawinen und Schneestrme gibt es im Sommer nicht. Und eine
Gewitternacht? Da sitz ich am liebsten dort auf der Trschwelle und
schaue hinaus in das Toben und Leuchten.

Aber die Menschen, die der Zufall vor Ihre Tr fhrt! Und ^alle^
Menschen, mein liebes Frulein, alle sind nicht gut!

Die Bauern in der Gegend kennen mich, und ich wei mit ihnen umzugehen.
Von ihnen hab ich nur Geflligkeiten zu erwarten, keine Roheit zu
frchten. Und die fremden Touristen, die manchmal vor meine Tr kommen?
Das sind nette, manierliche Leute, mit denen ich gerne plaudere. Wenn
ich auch keine Sehnsucht habe nach der Stadt, so hr ich doch gerne von
ihr erzhlen. Wer Freude an der Natur hat, der hat auch immer ein gutes
Herz. Und wenn manchmal einer kam, der ein bichen bermtig und
zudringlich wurde, weil er sah, da ich allein war und jung bin und
nicht hlich --

Sehen Sie, rief Ettingen, wie von einer bangen Sorge um das schne,
einsame Geschpf befallen, sehen Sie, das ist also doch schon
geschehen!

Nicht oft. Sie blickte freundlich zu ihm auf, als htte sie gefhlt,
was aus dem Klang seiner Stimme redete. Ich habe dann immer das rechte
Wort gefunden, auf das sie hrten. Sie lchelte. Nein! Ich habe nichts
zu frchten hier. Die einzige Sorge, die ich habe, geht nur meinen
Garten an. Den haben sie mir manchmal bs geplndert, wenn ich ein paar
Tage fort war. Wenn ihnen die Blumen nur Freude machten, in Gottesnamen!
Ich hab mir wieder neue geholt von da drauen. Nur das Edelwei -- sehen
Sie, dort auf dem Steinhgel hab ich ein paar Stckchen eingepflanzt
-- das Edelwei ist im Wettersteingebirge selten, und ich bekomme nur
manchmal von den Jgern einen Setzling -- aber da kann ich mit aller
Pflege kein Blmchen aufbringen. Kaum guckt ein Sternchen heraus, da ist
es schon wieder weg, mitgenommen von einem, der's gefunden hat. Da mu
ich mir eben denken: wer drunten im Tal das weie Sternchen auf seinem
Hut herumtrgt, hat an ihm noch grere Freude, als ich sie gehabt
htte. Nein! Sonst hab ich nichts zu frchten. Und es ist so schn hier!
Ich bin auch nicht allein. Hier wohnt mein Erinnern mit mir, als wr es
noch immer ein Wirkliches, und jeder neue Tag ist fr mich eine neue
Freude, die mein Leben reich macht.

Ettingen betrachtete sie schweigend, gefesselt von dem Reiz dieses
ruhigen Lchelns, von dem reinen Glanz der stillen, tiefen Mdchenaugen.
Dann sagte er: Wie glcklich sind Sie in Ihrem guten Glauben, in Ihrer
furchtlosen Freude, in Ihrer reichen Einsamkeit!

Glcklich? Ja! Ich war es. Und ich bin es.

Ein leichter Windhauch, wie sanftes Sonnenatmen, strich ber den
blhenden Garten hin, und durch die Zweige des Harfenbaumes ging ein
leises Flstern. Doch die Glocken schwiegen.

Ettingen sah zu den Wipfeln hinauf, als htte er sich gefragt: Warum
klingen sie nicht? Und da gewahrte er, was er noch nicht gesehen hatte:
da an einem der Stmme ein kleines Bild mit hlzernem Dchlein
angebracht war, nach Art jener Martertfelchen, die das Landvolk zu
frommem Gedchtnis an Stellen errichtet, an denen ein Unglck geschah
oder eine fromme Rettung sich vollzog.

Um das hochhngende Bildchen besser betrachten zu knnen, erhob sich
Ettingen.

Das kleine Gemlde war von Schnee und Regen schon bel zugerichtet, doch
in Zeichnung und Farbe noch deutlich zu erkennen. Man merkte gleich, da
die Hand eines geschulten Malers dieses Bildchen geschaffen hatte,
obwohl es ganz den steifen, naiven Stil und die grellen Farben der
lndlichen Marterbildchen zeigte -- es sprach beabsichtigter Humor aus
dieser Anlehnung an den buerlichen Kunstgeschmack. Die Landschaft war
trotz aller Karikatur unverkennbar: dieser blaue Kreis, das war der
Sebensee, diese giftgrnen Zungen, das waren die Almgehnge und
Latschenfelder, diese gelben Zuckerhte stellten die beleuchtete
Sonnenspitze und ihre Nachbarberge vor, und die sieben grngefransten
Spiee, die an die Bumchen eines Nrnberger Spielzeugkastens
erinnerten, das waren die sieben Wipfel des Harfenbaumes. In seinem
Schatten kniete ein brtiger Mann mit steifgefalteten Hnden und einem
schwebenden Kreuzlein ber dem Scheitel. Vor ihm stand, mit segnend
ausgestreckten Hnden und von einem Heiligenschein umgeben, die Gestalt
eines Weibes, das an Genoveva denken lie, denn die gelsten Haare
umhllten gleich einem Mantel den streng gezeichneten Leib, dessen
einziger Schmuck ein grnes Krnzlein war. Die Erscheinung dieser
heiligen Frau, die auf den betenden Mann erlsend und friedlich wirkte,
schien zwei abenteuerliche Spukgestalten in entsetzte Flucht zu jagen:
eine ppige Teufelin in bedenklich dekolletierter Balltoilette und einen
schmerbuchigen Faun, der ein Schwein am Stricklein fhrte und einen
Kranz von Wrsten um den Leib geschlungen trug. Die beiden Unholde
schnitten in ihrem Schreck so drollige Gesichter und waren mit so
heiterer Laune karikiert, da Ettingen lachen mute.

Ein kstlicher Scherz! sagte er. Und der Humor dieses Bildchen wirkt
auf mich, obwohl ich das Wunder, das hier verherrlicht ist, nicht recht
verstehe. Darf ich wissen, was es bedeutet? Aber da steht ja auch eine
Inschrift! Und gar eine lateinische! Er bersetzte: Ich bete dich an
und singe mein Lob dir, gttliche Mutter Natur, deren schnes Wunder
mich erlste aus den Klauen der Teufel, die da heien: Unverstand des
Pbels und eitle Torheit der Menschen! Mein Leben soll dir, o heilige
Mutter, zum Danke geopfert sein wie ein Lmmlein mit schneeigem Fell,
und meine Kunst, die vor die Sue geworfen war, soll einsam und sorglos
blhen zu deinen Fen, frei und schn, wie eine Blume deiner Berge!

Der Klang seiner Stimme war ernst geworden. Die seltsame Inschrift lie
ihn vermuten, da hinter dem Scherz dieser Farben sich ein tiefes Weh
verbarg. Und als er aufblickte, sah er, da die Augen des Mdchens in
Trnen schwammen.

Frulein?

Sie wandte sich schweigend ab. Seine Frage schien in ihrer Seele ein
Heiliges berhrt zu haben, das sie dem Fremden nicht preisgeben wollte.
Und als mchte sie auch ihre Bewegung vor ihm verbergen, nahm sie die
Schatulle vom Tisch, um sie in die Htte zu tragen.

Ettingen vertrat ihr den Weg. Nein, Frulein, so drfen Sie nicht
gehen! Mag ich fr Sie auch ein Fremder sein, an den Sie schon morgen
nicht mehr denken -- aber ich habe hier eine so schne Stunde verlebt,
da ich es mir nie verzeihen knnte, wenn ich Ihnen Ursache zu einer
Verstimmung gegeben htte. Ich fhl es, da ich Sie durch meine Neugier
und durch mein Lachen verletzt habe. Aber ich wute nicht, da ich es
tat. Seien Sie mir nicht bse!

Da reichte sie ihm die Hand. Ich bin Ihnen nicht bse. Dazu htt ich
kein Recht. Sie konnten nicht wissen, da Ihr Lachen mir weh tat. Das
Bildchen mu doch auch so heiter auf jeden wirken, der nicht wei, was
es bedeutet. Ehe mein Vater das lustige Ding da malen konnte, mute er
alle Enttuschung seines Lebens berwinden. Als er das Bildchen an den
Baum hngte, das bedeutete fr ihn, da er jede Hoffnung begrub, fr
sein Talent die Anerkennung der Welt zu gewinnen. Deshalb drfen Sie
nicht glauben, da ihm der Mut oder die rechte Kraft gefehlt htte.

Nein, liebes Frulein! Was ich hier sehe und was ich von Ihnen hrte,
lt mich vom Wesen Ihres Vaters manchen Zug erraten. Er mu als Mensch
und Knstler gesucht haben, was abseits von der Landstrae und ihren
ausgefahrenen Geleisen liegt. Alles Ungewhnliche begegnet leicht dem
Miverstand. Und ich kann mir denken, da eine feinbesaitete stolze
Knstlernatur auf die Dauer des Kampfes mde wird und der Welt
verbittert den Rcken wendet.

Sie nickte. Das war es! Sein Stolz war zu tief verwundet. Kunst, das
war fr ihn nur das Groe, Reine und Schne. Auch das Wahre. Aber er
hatte Augen, denen die Dinge anders erschienen, als sie sonst den
Menschen erscheinen. Da malte er nun alles, wie er es sah, nicht so,
wie es die Leute sehen wollten. Das verstanden sie nicht -- es zuckte
wie Schmerz um ihren Mund, und lachten ber ihn. Das konnte er nicht
ertragen, dieses Lachen immer! Das hat seinen Mut gebrochen. Nur den Mut
des Knstlers. Als Mensch ist er ein fester und ganzer Mann gewesen. Das
hat er bewiesen, als er starb.

Sie haben Ihren Vater verloren?

Verloren? Sie schttelte den Kopf. Nein! Was man tief in seinem
Herzen besitzt, was mit uns verbunden ist in jedem Gedanken und Gefhl,
das kann man nicht verlieren. Er starb. Das ist nur ein Wort, das den
berlebenden weh tut. Mehr ist es nicht.

Vom nahen Latschenfeld lie sich das Klirren eines Bergstockes und der
Hall schwerer Tritte hren.

Sie blickte auf, wie erwachend. Ich mu gehen. Dort unten wartet meine
Arbeit.

Er meinte ihr nachzufhlen, weshalb sie diesen raschen Abschied nahm.
Sie sah den Jger kommen und wollte jetzt nach allem, was sie gesprochen
hatte, nicht von alltglichen Dingen reden oder das lustige Geschwatz
des Jgers hren. Deshalb machte er keinen Versuch, sie zurckzuhalten.

Da reichte sie ihm pltzlich die Hand, sah mit feuchten Augen zu ihm auf
und sagte: Ich danke Ihnen!

Das kam so berraschend fr ihn, da er im ersten Augenblick nicht
wute, was er sagen sollte. Und da lste sie schon ihre Hand aus der
seinen und ging, um die Schatulle in die Htte zu tragen. Als sie ins
Freie trat, hatte sie einen grob geflochtenen Basthut aufgenommen,
dessen breite Krempe ihr Gesicht berschattete. Sie versperrte die
Httentr, und ehe sie den Garten verlie, nickte sie noch einen Gru zu
Ettingen hinber. Whrend sie langsam zwischen den Bschen gegen den See
hinunterstieg, kam Praxmaler von der anderen Seite auf den Garten
zugegangen.

Ettingen war an den Zaun getreten und sah dem Mdchen nach. Er fhlte
sich von dieser Begegnung tief ergriffen. Was hatte ihn nur so sehr
bewegt? Der stille, schne Reiz dieses Ortes? Oder die Erscheinung
dieses Mdchens, ihre freie, ruhige Art, sich zu geben und zu sprechen?
Oder der Einblick, den er in das wunderliche Schicksal ihres Vaters
gewonnen hatte, dieses weltflchtigen Knstlers, der alle Dinge anders
sah, als die Menschen sie zu sehen pflegen? Und wie mute diese Tochter
ihn geliebt haben, wie mute auch jetzt noch der Gedanke an ihn ihr
ganzes Leben fllen, da sie es wie ein kostbares Geschenk betrachtete,
da sie eine Stunde von ihm hatte sprechen drfen! Ich danke Ihnen!
Wie gut ihm dieses Wort gefiel! Es war ein Wort, das so tief blicken
lie, wie der klare See dort unten. Was ihr Vater auch als Knstler aus
seiner trumerischen Seele herausgebildet haben mochte -- er hatte sicher
der Welt kein edleres Werk seines Blutes und Geistes hinterlassen als
dieses junge, schne Menschenkind mit seiner freien und furchtlosen
Lebensruhe, mit seinem tiefen, reinen Gefhl und seinem guten Denken.

Da weckte ihn die Stimme des Jgers. Gr Gott, Herr Frst! A bil lang
hat's dauert, gelt? Aber der Tag wird hei, da hab ich den Hirsch net
liegen lassen knnen. Drum bin ich gleich ummi gsprungen auf d' Sebenalm
und hab a paar Leut auftrieben, die den Hirsch heut noch aussi liefern
ins Jagdhaus. Pepperl hatte den Garten erreicht und schwang sich ber
den Zaun. Gleich hab ich mir denkt, da ich Ihnen da im Gartl von der
Fruln Petri find. Er guckte zur Htte hinber. Schad! Sie mu net
daheim sein, 's Httl is gsperrt. Aber gelten S', schn is daherin! So a
Platzerl findt man net leicht in der Welt. Ds hat er verstanden, ihr
Vater!

Sie haben ihn gekannt?

Den Maler-Emmerle? Freilich hab ich den kennt!

^Wie^ sagten Sie, da er hie?

Emmerich Petri hat er gheien. Aber d' Leut haben allweil gsagt: der
Maler-Emmerle. In der ersten Zeit, wie er von der Mnchnerstadt kommen
is und hat sich in der Leutasch ds Husl kauft, da haben d' Leut a bil
glacht ber seine gspaigen Sachen. Aber spater haben s' ihn gern mgen.
Er is aber auch a lieber, guter Mann gwesen.

Er war ein Knstler?

A Knstler? Ah na! Gott bewahr! Der is schon was Bessers gwesen!
beteuerte Pepperl, der nach lndlicher Anschauung unter Kienschtler
nur die Seiltanzler und Komdispieler verstand. Wissen S', a
Taferlmaler is er gwesen. A Marterl hat keiner net schner malen knnen
als wie der Herr Petri. Und die Heiligen, die er an d' Huser hingmalen
hat, die schauen nobel aus. Fr ihm selber hat er diemal auch so Bildln
gmalen, kleine und endsgroe.

Sie haben solche Bilder von ihm gesehen?

Aber freilich! Hngen ja drauten in seim Husl alle Stuben voll. Herr
Frst, d Bildln mssen S' Ihnen amal anschauen! Pepperl kicherte. Was
da fr narrische Sachen dabei sind! Am liebsten hat er allweil die
jungen Buben gmalen, und vllig nacket -- aber blo in der oberen Hlft.
Statt die menschlichen F hat er ihnen Geibockhaxln hingmalen. Und
Rsser hat er gmalen mit Mannsbilderkpf. Und Tigerkatzen mit
Frauenzimmergsichter. Und Weibsbilder mit Karpfenschwanzln statt die
F. Und lauter so verruckte Gschichten! Pepperl schttelte sich vor
Lachen. Gleich hinwerden knnt man vor lauter Gaudi, wann man so was
anschaut!

Auch Ettingen lchelte. Zentauren, Faune, Tritonen und Sphinxe -- und dazu
der Kunstverstand des guten Praxmaler-Pepperl: in diesem Kontrast lag
eine Komik, der auch die ernste Stimmung Ettingens nicht zu widerstehen
vermochte. Aber es widerstrebte ihm, noch weitere Fragen zu stellen.
Schweigend trat er zum Tisch, warf die schon welk gewordenen Steinrosen
ber den Zaun und schmckte seinen Hut mit der Edelrose, die ihm Lolo
Petri gereicht hatte.

Praxmaler ri die blauen Augen auf, als htte er etwas Unerhrtes
erlebt. Aber Duhrlaucht! Mar und Joseph! D Blmeln, d S' da
wegwerfen -- ds is ja der Bruch fr'n Hirsch!

Dieser Zweig gefllt mir besser.

Pepperl schwieg; doch er schttelte die Kreuzerschneckerln und sah
seinen Herrn von der Seite an. Da es einen blhenden Zweig auf Erden
geben konnte, der einem Jger besser gefiel als der grne Bruch fr
einen Vierzehnender? Das war fr den Praxmaler-Pepperl etwas
Unverstndliches.

Ettingen setzte den Hut auf und griff nach dem Bergstock.

Da sagte der Jger, als htten seine Gedanken eine jhe Wendung gemacht:
Ja, schauen wir, da wir heimkommen. Der Herr Kammerdiener wird eh
schon auf der Pa liegen!

Sie gingen zum Zauntrchen. Lchelnd blickte Ettingen noch einmal ber
die blhenden Beete hin und empor zu den stillgewordenen Wipfeln des
Harfenbaumes, die mit umleuchtetem Grn hinaufstiegen in das reine Blau
des Himmels.

Welch ein schner Morgen! Wie diese Luft sich atmet! Wie leicht und
froh man sich fhlt! Als ginge man einer groen Freude entgegen!

Pepperl seufzte. Denn er -- in seinem verantwortungsvollen Herzen war der
Gedanke an das unbetreute dumme Gansl wach geworden -- er ging einer
schweren Sorge entgegen.

Whrend sie auf schmalem Pfad ber das Latschenfeld hinunterstiegen,
fuhr Praxmaler pltzlich aus seinen Gedanken auf: Was is denn ds
gwesen jetzt? Er sphte ber die Latschen hin.

Was haben Sie? fragte Ettingen.

Gwesen is mir, als htt ich was ghrt in die Latschen drin. Ich mu
mich aber tuscht haben. Es rhrt sich nix mehr.

Sie schritten weiter und verschwanden im Schatten des nahen Waldes.

Als ihre Schritte verhallt waren, tauchte aus den Latschen das bleiche
Gesicht Mazeggers auf. Eine Weile stand der Jger unbeweglich und sphte
mit funkelnden Augen gegen den Wald hinunter. In hartem Lcheln prete
er die schmalen blutlosen Lippen zusammen. Dann wand er sich durch die
lichten Bsche auf den Pfad heraus. Hier legte er Bchse und Bergstock
ab, kniete auf den Boden nieder und holte mit zitternder Vorsicht aus
seinem Rucksack ein blhendes Edelweistcklein hervor, dessen Erdballen
mit einem Taschentuch umbunden war. Er entfernte das Tuch, kniff mit den
Ngeln ein paar welk gewordene Bltter fort, schpfte mit der Hand von
dem Wasser, das neben dem Pfad in dnnem Faden sickerte, und besprengte
den drr gewordenen Wurzelballen und die erst halb entwickelten
weigrnen Bltensterne. In Unruh und dennoch geduldig wartete er fast
eine halbe Stunde, bis sich die schmachtenden Pflnzchen wieder erholt
hatten und frisch erschienen. Dann erhob er sich und stieg zum See
hinunter. Als er den Waldsaum erreichte, schlug ihm brennende Rte ber
das bleiche Gesicht. Hastig lehnte er Bergstock und Bchse an einen
Baum.

Am Ufer einer seicht verlaufenden Seebucht sa Lolo Petri auf einem
Stein. Vor ihr stand eine leichte Feldstaffelei mit kleiner Leinwand,
deren frische Farben eine begonnene Studie zeigten: ein Stck des Ufers
mit dem Spiegelbild der berhngenden Blumen und einem halb versunkenen
Wurzelstock. Die Skizze war nur erst in den Grundtnen angelegt, und
dennoch verriet sie schon, mit welcher Treue die klaren ruhigen
Mdchenaugen alle Farben der Natur zu erfassen wuten. Aber sie schien
mit ihren Gedanken nicht bei der Arbeit zu sein. Der Arm mit der Palette
hing lose nieder, und whrend sie lchelte wie in freundlichem Erinnern,
glitt ihr Blick ber den stillen See.

Da weckte sie der Schritt des Jgers. Als sie Mazegger erkannte, glitt
ein Schatten des Unbehagens ber ihr Gesicht. Doch als er sie mit seiner
rauhen, erregten Stimme grte, dankte sie ruhig. Dann nahm sie die
Arbeit auf, als wre sie allein.

Er stand hinter ihr und umklammerte mit der Hand so fest den
Wurzelballen der kleinen Pflanze, da die Erde zu Boden brselte.
Schauen Sie doch her, Frulein, was ich Ihnen gebracht hab!

Sie hob das Gesicht, und der Anblick der seltenen Pflanze schien ihr
Freude zu machen. Ein Edelwei! Wo haben Sie das gefunden? Schon
wollte sie die Blume nehmen. Da begegnete ihr Blick seinen heien Augen.
Sie zog die Hand zurck. Ich danke fr Ihren guten Willen, Mazegger,
aber ich kann diese Blume nicht nehmen.

Aus dem Gesicht des Jgers war alles Blut gewichen. Nicht nehmen? So?
Und warum nicht?

Weil -- weil die Pflanze in der Bltezeit ausgegraben ist und verwelken
mu. Sie gewhnt sich nicht mehr an neuen Boden.

Das ist eine Ausred! Vorige Woche hat Ihnen der Frster ein Edelwei
gebracht. Das hat doch auch schon geblht. Warum soll das meinige nicht
fortkommen? Oder wollen Sie es nur nicht nehmen, weil es von mir ist?

Sie schwieg und mischte auf der Palette eine Farbe.

Frulein? Die Stimme des Jgers zitterte. Ich bin um das Blml einen
harten Weg gestiegen. Schauen S' hinauf zur Tejawand! Von da droben hab
ich's heruntergeholt. Weil ich gemeint hab, das Blml macht Ihnen Freud.
Jetzt frag ich in allem Ernst: wollen Sie das Edelwei nehmen?

Nein! erwiderte sie ruhig.

Mit ersticktem Fluch zerquetschte er die Pflanze in der Faust und
schleuderte sie weit in den See hinaus.

Da sah sie zu ihm auf. Dann rckte sie die Staffelei beiseite, um das
Motiv, das sie begonnen hatte, breiter berschauen zu knnen.

Mit geballten Fusten stand er hinter ihr und wartete, als mte sie ihm
noch ein Wort zu sagen haben. Also wirklich? unterbrach er die Stille
mit heiseren Worten. Das einzige kurze Wrtl ist alles gewesen? Alles
fr mich?

Sie schwieg und setzte die gemischte Farbe mit sicheren Pinselstrichen
auf die Leinwand.

Und vor den anderen hat man sich hinstellen knnen eine geschlagene
Stund, da ein End schier nicht zu erleben war?

Sie schien nicht zu hren, was er sagte.

Aber der! Natrlich! Der ist halt was Feineres als unsereiner! Ein
Frst! Da rentiert sich's freilich, da man 's Gscherl aufmacht!
Aaaah! So ein gndiger Herr Frst!

Nun blickte sie doch verwundert auf. Ein Frst? Wer?

Mazeggers Antwort war ein Lachen, das sein ganzes Gesicht verzerrte.
Gut verstellen knnen Sie sich auch, das mu ich sagen! Aber Sie wissen
schon, wenn ich mein'! Er hat sich ja so gndig bei Ihnen verhalten, da
er schier aufs Fortgehn vergessen hat!

Da huschte eine leichte Rte ber ihre Wangen. Das war der Frst? Der
die Jagd im Geital gepachtet hat?

Geh, Frulein, tun S' nur nicht, als ob Sie das nicht gewut htten!

Nein, das hab ich nicht gewut. Sie wandte sich wieder zu ihrer
Arbeit.

Aber gefallen hat er Ihnen, gelt? Natrlich, wenn so einer kommt, mit
seinem hochfeinen Spinnwebengsicht und seinen glanzigen
Frauenzimmeraugen, aaah, da springen gleich alle verriegelten Tren
auf!

Ohne die Arbeit zu unterbrechen, sagte sie mit kaum merklicher Erregung
in der Stimme: Wenn es der Frst ist, von dem Sie sprechen, dann ist es
auch Ihr Herr, dem Sie Achtung schulden. Ich will mir denken, da Sie
nicht wissen, was Sie da geredet haben. Und jetzt gehen Sie, Mazegger!
Sie sehen, ich arbeite.

Sein rauhes Lachen unterbrach sie. Er wrgte an Worten, die ihm nicht
ber die Zunge wollten, und pltzlich fate er mit rohem Griff ihren
Arm. Aus ihren Augen traf ihn ein so ruhig stolzer Blick, da ihm die
Hand hinunterfiel wie gelhmt. Schweigend legte sie den Farbenkasten
zusammen und stellte ihn mit der Staffelei in den Schatten eines nahen
Baumes. Prfend betrachtete sie noch einmal ihre Arbeit, nahm den
Basthut ab und strich die Haare von den Wangen zurck. Dann stieg sie
gegen die Htte hinauf.

Mazegger stand wie versteinert, solang er sie noch sehen konnte. Als sie
verschwunden war, reckte er seine Gestalt, wie von einem Bann erlst,
und brach in ersticktes Lachen aus. Das Gesicht von Blsse berzogen,
ging er zu dem Baum zurck, an den er seine Bchse gelehnt hatte.
Zitternd klammerten sich seine Hnde um die Waffe, whrend sein Blick
die Hhe suchte, ber deren Bsche das von Efeu umsponnene Dchlein
herunterblickte. Eine wilde Drohung flammte aus den brennenden Augen des
Jgers.

Er warf die Bchse auf den Rcken und schritt in den Wald hinein. Jeden
Pfad vermeidend, kletterte er zwischen dem Gewirr der bemoosten Blcke
an der Lehne des Berges hin. Und pltzlich warf er sich ins Moos und
grub das Gesicht in die Arme. Fast eine Stunde lag er so. Md, als wren
ihm alle Glieder wie gebrochen, richtete er sich endlich auf. Sein
Gesicht brannte, und die Falten des rmels hatten ihm Striemen auf die
Wangen gedrckt.

Er zog die Uhr. Es war Mittag geworden. Da konnte er ins Tal
hinuntersteigen, ohne frchten zu mssen, da ihm der Frster oder einer
der Jger auf dem Weg begegnen knnte, der ihm verboten war.




^Siebentes Kapitel^


Es ging auf ein Uhr mittags, als Praxmaler im Tempo eines Wettlufers
bei den Jagdhusern eintraf. Auf halbem Wege war er vorausgegangen unter
dem Vorwand, die Heimkehr des Frsten anzumelden, damit der Herr
Kammerdiener alle Bequemlichkeit fr seinen Herrn in Bereitschaft
halten knnte. Ettingen hatte dem etwas aufflligen Diensteifer des
Jgers gerne zugestimmt, da es ihm lieb war, mit seinen Gedanken allein
zu sein. Da hatte nun Pepperl, sobald er seinem Herrn aus dem Gesicht
gekommen war, einen Dauerlauf angeschlagen, bei dem er schlielich das
letzte Brserl seines Atems auspumpte.

Als er die Tillfuer Lichtung erreichte, schnappte er nach Luft, wie ein
aufs trockene geratener Fisch nach Wasser. Die Faust auf die arbeitende
Brust drckend, sphte er nach allen Seiten, ohne was Verdchtiges zu
gewahren. Friedlich lagen die Jagdhuser mitsamt der Sennhtte in der
weien Mittagssonne, kein Mensch war zu sehen, nur ein paar Khe grasten
mit bimmelnden Glocken ber das Almfeld hin. Das Bild dieses sonnigen
Friedens wirkte wie l auf die erregten Wogen in Pepperls Seele. Er
atmete auf und stieg zum Jagdhaus hinauf. He! Herr Kammerdiener! Keine
Antwort. Er wird wohl in der Kuchl sein! dachte Pepperl und ging auf die
Tr zu, aus der ihm so wundersame Dfte entgegenquollen, da er
schnuppernd die Nase hob. Sakra! Sakra! Da gibt's was Nobels! Er
stellte Bchse und Bergstock nieder, nahm das Htl ab und trat in die
Kche. Sein erster Blick suchte den Kammerdiener, und da er ihn nicht
fand, verga er, die Jungfer Kchin zu gren, und fragte nur: Wo is er
denn?

Wer?

Der Herr Martin.

Wahrscheinlich sitzt er wieder drunten in der Almhtt und schneidet der
Sennerin die Cour. Ein rundes, gesundes Mdl! Das ist der Werktagsgusto
von unserem Kammermops!

So, schn! stotterte Pepperl, dem der Schreck in alle Glieder fuhr. Er
stolperte zur Tr hinaus und rannte ber das Almfeld hinunter. Als er
den Stall erreichte, blieb er stehen und fate sich bei der Joppe. Nimm
dich zamm, Pepperl! Sei ^du^ der Gscheiter!

Lautlos bog er um die Ecke der Sennhtte, hrte aus der Almstube die
beiden Stimmen und guckte aufgeregt durch eines der kleinen Rauchlcher,
welche die Wand durchbrachen.

Da drinnen sa der Kammermops in seiner schwarzen Gala und mit glnzend
frisiertem Scheitel am Tisch, hielt in vornehmer Nonchalance die Beine
mit den Schnallenschuhen bereinandergeschlagen und schmauchte eine
Zigarette. Seinen hochgezogenen Brauen war es anzumerken, da er mit dem
Ergebnis der zrtlichen Stunde nicht ganz zufrieden war. Vor ihm stand
die Sennerin am Herd und rhrte mit langem Holzlffel in dem groen
Kupferkessel herum, der ber dem flackernden Feuer hing. Das hbsche
Gesicht des Mdels brannte. Das schien nicht nur von der Hitze des
Feuers zu kommen, denn eine Furche des Unwillens lag zwischen ihren
Brauen.

Nun? fragte Martin. Warum so schweigsam, schnes Kind? Soll ich keine
Antwort bekommen?

Es schien kein freundliches Wort zu sein, das dem Mdel auf der Zunge
lag. Schon wollte sie sprechen. Da hrte sie mit ihrem feinen Ohr ein
leises Rascheln an der Mauer. Und es fiel ihr auf, da an einem der
Rauchlcher die Sonnenhelle, die durch die ffnung geleuchtet hatte,
pltzlich verschwunden war. Ein feindseliges Lcheln zuckte um den
kirschroten Schnabel der Sennerin. Dieses bse Lcheln verwandelte sich
in schadenfrohes Schmunzeln. Und whrend sie mit blitzenden Augen ber
die Schulter zu Martin hinberguckte, sagte sie zgernd, als mte sie
sich jedes Wort berlegen: Ja, wissen S', mit Ihnen hat a Madl a harts
Reden! Sie sind so a stadtischer Pfiffikus! Da mu man Obacht
geben -- wenn S' mir auch sonst net gar so bel gfallen tten, ja! Diese
letzten Worte sprach sie mit auffallend lauter Stimme.

Martin schien die jhe Schwenkung im Verhalten des Mdels mit Vergngen
zu bemerken und gab seiner Antwort einen Herzton schner Ehrlichkeit:
Aber ich bitt Sie, mein liebes Kind, einen aufrichtigeren Menschen als
ich bin, gibt es gar nicht mehr. Wenn ich was sage, knnen Sie sich
drauf verlassen, da es so ist!

Ja, freilich! Burgi lachte. Die Mannsbilder alle mitanander sind
Lugenschppel, schon gar, wenn s' zu eim Madl von der Lieb reden. Da
sind unsere Burschen auch net anders als die nobligen Herrn aus der
Stadt. Und erst die Jager! Eh so einer 's Maul aufmacht, hat er schon
dreimal glogen. Schauen S' den Pepperl an, der sich neulich auf d' Nacht
so fein gegen Ihnen benommen hat! Ds is schon gar der rgste! Zwiderer,
wie mir ^der^ is, kann mir net leicht einer sein!

Na, hren Sie, mein liebes Kind, Sie werden mich doch hoffentlich nicht
mit solch einem ungebildeten Lmmel vergleichen wollen?

Ah, Gott bewahr! So viel Augen hab ich schon, da ich an Unterschied
merk.

Das ist nett von Ihnen, da Sie mir das so ehrlich sagen. Und eine
Ehrlichkeit fr die andere: so gut wie Sie, liebe Burgi, hat mir im
Leben noch kein Mdel gefallen. Sie haben so was Heiteres, Gesundes,
Frisches und Herziges --

Hren S' auf, Sie ser Schmalger, Sie! erwiderte die Sennerin
lachend, wurde aber dabei doch rot bis ber die Ohren, als htte dieses
schmeichelnde Bekenntnis vllig wirkungslos an das verriegelte Trchen
ihrer Mdchenseele gepocht.

Das drfen Sie mir glauben, da ich noch nie einem Mdel so was gesagt
habe! sprach Martin mit Eifer weiter. Wahrhaftiger Gott, ich habe mich
nie besonders viel um die Frauenzimmer gekmmert. Mein Dienst und mein
Herr, das war fr mich immer das Hchste. In einer so wichtigen Stellung
hat man keine Zeit fr Dummheiten brig.

Dummheiten? Burgi guckte nachdenklich in den brodelnden Kessel. No,
^gar^ so was Dumms kann d' Lieb ja doch net sein!

Jaaa! Wenn es die richtige Liebe ist! Treu, aufrichtig und ehrenhaft!
Aber wie sich das in der Stadt gewhnlich macht? Nein, dafr dank ich!
Wenn ich da ^wollte^, an jedem Finger knnt ich eine haben.

Burgi musterte den feinen Herrn. Ah ja! A nobligs Mannsbild! So nobel
wie Sie geht net amal der Herr Frst umanand. Ds tut doch net leicht a
Mensch, da er seim Dienstboten 's bessere Gwand zum Tragen gibt, und er
selber tragt a gringers. Der Herr Frst mu Ihnen gern haben!

Er wei, was er an mir hat! sagte Martin, ber das naive
Miverstndnis des Mdels mit heiterem Lcheln hinbergleitend. Und
wenn es an der Zeit ist, wird er mir auch fr meine treuen Dienste
entsprechend danken! Er blies eine Rauchwolke vor sich hin und lehnte
sich behaglich zurck. Ich bin ja mit meiner Stellung ganz zufrieden.
Aber man will doch auch einmal selbstndig werden und eine Familie
grnden.

Familli grnden? Dieses Bild schien fr Burgi eine Nu zu sein, die
man erst knacken mute, um auf den Kern zu kommen. Ah so! Heiraten,
meinen S'? Sie hatte augenscheinlich einen groen Respekt vor dem
Worte: Heiraten! Das verriet die ehrfrchtige Breite, mit der sie es
aussprach.

Heiraten! Ja! Martin schmunzelte. Es ist nicht gut, wenn der Mensch
allein bleibt. Das steht in der Heiligen Schrift.

A fromms und gottgflligs Wrtl, ja!

Und wenn ich einmal das Frauerl gefunden habe, das mir gefllt, dann
brauch ich nur mit meinem Herrn zu sprechen. Da kann ich mir auf seinem
Gut einen Posten als Inspektor aussuchen. Aaah, meine Frau, die wird's
einmal gut haben! Denken Sie nur, liebe Burgi, Licht, Holz und Wohnung,
alles frei! Dazu ein Gehalt von drei-bis viertausend Gulden im Jahr.

Was! Vier -- tausend -- Gulden! Mar und Joseph! Is ds a Geld! Burgi
machte Augen, als wre Martin pltzlich fr sie ein anderer Mensch
geworden, einer, den man mit Achtung behandeln mute. Dabei erlosch in
ihr der Gedanke an jenes kleine Rauchloch, aus dem die Sonne
verschwunden war. Vier -- tausend -- Gulden! Mehr hat ja bei uns in Tirol
kein Bischof! Sie, Herr Martin, da knnen S' Ihnen a nobels Stadtfruln
aussuchen!

Na, wissen Sie, mit denen aus der Stadt -- Martin schttelte den Kopf
und schnellte die Asche von der Zigarette. Ich hab mir immer was
anderes gedacht. So was Urwchsiges und Unverdorbenes! Das war ^mein^
Geschmack. Und dann -- in einem unbewohnten Schlo die Zimmer lften, das
pat mir auch nicht recht.

Um Gotts willen, Herr Martin, lassen S' d viertausend Gulden net aus!

Wenn ich mir was Besseres wte?

^Noch^ was Bessers? Ds gibt's ja gar net!

Wer wei! Martin lchelte geheimnisvoll. Wenn Sie mir versprechen,
da Sie nichts weiterschwatzen, sag ich Ihnen was.

Ich? Und an Tratsch machen? Da tt ich mir lieber 's Zngl abbeien.
Zu mir knnen S' unscheniert reden.

Hand darauf?

Burgi wischte die Hand an der Schrze ab, bevor sie einschlug. Hand
drauf, ja!

Vertraulich zog Martin das schmucke Mdel an seine Seite und streichelte
zrtlich die sonnverbrannte Hand. Das wissen Sie doch, da unsere
Durchlaucht die groe Jagd da auf zehn Jahre gepachtet hat?

Freilich, ja! Und der Pacht, und 's Winterfutter, und die Jager alle!
Mein Gott, mein Gott, ds mu a schauderhafts Stckl Geld kosten!

Das glaub ich! Und da knnen Sie sich denken, da da ein verllicher
Mensch hergehrt, der alles leitet und berwacht, die Verrechnung
fhrt --

Ds macht ja der Frstner! Sie, ds is an ehrenhafter Mensch. Auf den
kann sich der Herr Frst verlassen.

Ja, ja! Ich will ihm auch von seinen guten Eigenschaften nichts
abstreiten. Aber auf einen solchen Posten gehrt ein Mensch von Bildung,
der alles so zu richten versteht, wie es unserer Durchlaucht angenehm
ist.

Um Gotts willen! Der gute Herr Frstner wird doch net sein Posten
verlieren?

Gott bewahre! Der kann bleiben, was er ist. Aber ^ber^ ihn wird
noch ein Jagdverwalter gesetzt, verstehen Sie?

Ganz verstand sie die Sache nicht; aber sie nickte: Ah ja! Ah ja!

Das wird noch heuer im Herbst gemacht. Unsere Durchlaucht hat bereits
mit mir ber die Sache gesprochen. Und im Frhjahr wird drauen in
Leutasch fr den Verwalter ein neues Haus gebaut, natrlich zweistckig,
mit einem groen Garten, mit einem Stall fr zwei Pferde und vier
Milchkhe --

Da ghrt a Heustadl und a Holzschupfen auch dazu!

Natrlich! Wird gebaut! Martin warf die Zigarette ber den Tisch und
zog das Mdel fester an sich. Na, und jetzt raten Sie mal, wer das sein
wird? Der neue Jagdverwalter? Lchelnd ttschelte er den runden,
molligen Arm der Sennerin und zwinkerte vergngt zu ihr hinauf.

Da begriff sie und platzte los: Am End gar Sie, Herr Martin!

Er nickte.

Hren S', da drf man Ihnen gratalieren!

Nicht wahr? Aber -- ^einen^ Haken hat die Sache noch.

Was denn fr ein'?

Der Verwalter hier, das mu einer sein, der verheiratet ist.

No ja, so heiraten S' halt. Fr so an Posten kann man's riskrieren.

So? Meinst du?

Sie merkte gar nicht, da er sie duzte.

Aber wo find ich so schnell eine, die mich nimmt?

Ui jegerl! sagte sie ernst. Bei so was greift doch jede zu mit alle
zwei Hnd.

Na ja! Aber ich kenn eben keine. Martin legte den Arm um Burgis Hfte.
Und jetzt sag mal, Burgerl? Mchtest du mir nicht eine suchen helfen?

Ich? Nun lachte sie, als htte sie in ihrem Leben was Lustigeres nicht
gehrt. O du mein lieber Herrgott! Mit so einer, wie s' mir bekannt
sind, da wren S' sauber aufgricht! Sie! Und a Bauernmadl!

Na, weit du, das wird doch wohl nicht anders gehen. Eine vom Land werd
ich mir nehmen mssen. Eine, die sich auf den Stall versteht. Von Khen
und Pferden versteh ich nichts, rein gar nichts. Das mu eben dann meine
Frau bernehmen.

Ah ja! Das leuchtete ihr ein. Ds is wahr, da brauchen S' eine, die
ihr Sach versteht und ghrig schaffen kann.

Na also! Und da mut du mir suchen helfen! Denk mal ein bichen nach!
Ich mein' immer, da du gar nicht weit zu suchen brauchst, um so eine
fr mich zu finden, so recht eine Hbsche, Frische, Gesunde!

Sie fhlte den zrtlichen Druck seines Armes, sprte seinen heien Atem,
sah seine drstenden Augen -- und da begriff sie. Das wirkte, als htte
der Blitz vor ihr eingeschlagen. Sie versuchte erschrocken, seinen Arm
von sich abzuwehren. Bei diesem Befreiungsversuche schien ihr die rechte
Kraft zu fehlen. Er gelang nicht.

Was in ihr vorging, war deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen. Ihr erster
Gedanke war Unglaube. Der Menschenverstand in ihrem hbschen Zauskopf
war, so anspruchslos ihn die Natur auch geschaffen hatte, doch zu
gesund, um sie nicht vor dem groben Kder zu warnen, den sie vor ihren
Augen winken sah. Aber sie htte nicht das praktisch rechnende Kind
des Dorfes sein mssen, wenn ihr neben allem Zweifel nicht auch die
Erwgung gekommen wre: Vielleicht is doch was dran! Und ^wenn^
was dran is, drf ich mir's net verscherzen! Und sie htte nicht das
arme, mit aller Not des Lebens kmpfende Mdel sein drfen, um nicht
auch die scheue Sehnsucht zu empfinden, die der Traum vom groen
Los erweckt. Ihr Herz war frei, sie dachte an keinen andern -- der
Praxmaler-Pepperl war ihr ja so zwider wie net leicht einer. Und wenn
der gesunde Verstand ihr auch sagte: Glaub dem Schmalger nix, er lgt
dich an! -- so hinderte das nicht, da in ihrem sumsenden Kpfl ein
winkendes Luftschlo zu glnzen begann. Sie sah das zweistckige Haus,
den Garten mit Sellerie und Kopfsalat, die groe Wiese, den Stall mit
Pferden und Khen. Sie sah den Vater, den sie seit Jahren ernhrte,
unbesoffen und zufrieden in seinem Stbchen. Sie sah sich im seidenen
Kleid zur Kirche gehen und im ersten Betstuhl knien. Sie sah sich am
Sonntagnachmittag beim Kaffee sitzen, whrend die Tr sich auftat und
die Jger zum Rapport erschienen, voran der Praxmaler-Pepperl, der
hflich das Htl von den trauernden Kreuzerschneckerln herunterzog:
Recht schn guten Abend, Frau Jagdverwalterin! --

Bei diesem Traumbild stotterte sie zu Tod erschrocken: Mar und Joseph!
Sie hatte pltzlich an das Rauchloch da drben denken mssen, in dem die
Sonne verschwunden war. Lassen S' mich aus! Ich bitt Ihnen, lieber Herr
Martin, lassen S' mich aus!

Aber Burgerl, Kind, sag mir doch -- Martin versuchte, das Mdel auf
seinen Scho zu ziehen. Da verfinsterte sich die Tr, und eine Stimme,
die kaum merklich bebte und dennoch ganz anders war als die gewohnte
Stimme des Praxmaler-Pepperl, klang in die Dmmerung herein: Recht
schn guten Abend beinander! Im gleichen Augenblick stand Burgi schon
am Herd und begann im Kessel ein verzweifeltes Rhren.

Martin streckte die Beine, brannte sich eine frische Zigarette an und
schielte ber das flackernde Zndholz nach dem Jger.

Pepperl stand wie ein Baum unter der Tr, die Daumen in die Hosentrger
eingehakt. Sie, Herr Kammerdiener! Tummeln S' Ihnen! Der Herr Frst
wird gleich heimkommen.

Also ist er noch nicht da? Na, dann wird's nicht so pressieren! meinte
Martin. Er stubte eine Aschenflocke von seinem Frack, erhob sich, zog
die Weste herunter und ging zur Tr. Wollen Sie geflligst den Weg
freigeben?

Pepperl rhrte sich nicht. Ja, gleich! Aber z'erst noch a Wrtl!
Neulich auf d' Nacht hab ich an Rausch ghabt. Und da hab ich mich a bil
unghrig aufgfhrt. Ds reut mich, ja! Aber heut bin ich nchtern.

Martin runzelte die Brauen. Was soll das heien?

Es is nur, da der Herr Kammerdiener wei, wie er dran is mit mir.
Pepperl trat von der Tr weg. So!

Sie scheinen zu glauben, da ich an Ihr unqualifizierbares Benehmen von
neulich eine Minute spter noch gedacht habe? Da tun Sie sich zuviel
Ehre an, junger Mann.

Is schon mglich! Unsereins halt eben a bil was auf Ehr. Deswegen
zwick ich Ihnen von der Ihrigen nix ab. Die tat mir net in d'Joppen
passen.

Martin zuckte hochmtig die Schultern, und whrend er zur Tr
hinausschritt, grte er freundlich: Adieu Burgerl!

Bht Ihnen Gott, Herr Martin! klang es so dnn wie ein Zwirnsfaden vom
Herd herber.

Drauen waren Martins Schritte schon verhallt, und Pepperl stand immer
noch stumm und regungslos neben der Tr.

Burgi tat, als wre der Jger Luft fr sie. Bald hantierte sie mit dem
Geschirr, bald wieder legte sie ein frisches Scheit in das flackernde
Feuer, und bei allem drehte sie der Tr immer den Rcken zu.

Jiija! sagte Pepperl endlich, ging auf den Tisch zu, setzte sich auf
den leer gewordenen Stuhl und begann in aller Gemtsruhe sein Pfeiflein
zu stopfen. Als diese umstndliche Arbeit erledigt war, hob er das Bein
und strich an der Schattenseite seiner Lederhose das Zndholz an. Ja,
ja, ja, ja! nickte er vor sich hin, whrend er nachdenklich den
brennenden Schwefel betrachtete. So geht's auf der Welt! Mit langen
Zgen begann er zu paffen.

Burgi scho einen wtenden Blick nach dem Jger. Mut denn du allweil
grad bei mir da sitzen?

Da gfallt's mir halt, weit!

Wr mir schon lieber, es tt dir woanders gfallen.

^Die^ Zeit kann auch noch kommen.

Hoffentlich bleibt's net gar z'lang aus!

Is schon mglich. Es gibt Sacherln auf der Welt, die haben gschwinde
F.

Unter trockenem Lachen fate Burgi den langen Holzlffel, um den Inhalt
des Kessels aufzurhren. Eine Weile hrte man nur das Knistern des
Feuers und das angestrengte Paffen des Praxmaler-Pepperl. Dieses
Schweigen zog sich immer zher in die Lnge.

Heut macht's an staden Tag! sagte Pepperl endlich. Plauschen wir
lieber a bil was! Ein kurzes Auflachen. No also, wie geht's, wie
steht's denn allweil, Frau Jagdverwalterin? Haben S' heut den
herrschaftlichen Stall schon ausgputzt? Ja?

Burgi fuhr auf wie von einer Natter gestochen. Im ersten Augenblick
wute sie nicht, was sie sagen sollte. Dann trat sie schneidig auf den
Jger zu, beugte den Kopf bis zu seiner Nase hinunter und zischelte ihm
ins Gesicht: Du! Jetzt will ich dir was sagen! Um alles andere frag ich
net -- aber beim Herrn Martin seiner Privatsach, die er mir anvertraut
hat, da hab ich d' Hand drauf geben, da nix weiterkommt. Und ds mcht
ich mir verbitten, da ^du^ jetzt an Tratsch machst, und da's hintnach
heien tt: ^ich^ hab's gsagt! Verstehst mich?

Pepperl blies ihr den Rauch ins Gesicht, da sie husten mute. Ds kann
ich halten, wie ich mag. Ich hab nix versprochen.

So? So? Fuchtelnd wehrte sie mit beiden Hnden den Rauch von sich ab.
Gleichschauen tt's dir schon, dir, da d' umanand rennst in der ganzen
Gegend und alles ausschreist! Gelt?

Das Blut stieg ihm ins Gesicht, doch er blieb ruhig. So? Schaut's mir
gleich? No ja! Und paff, hatte sie wieder eine Wolke unter der Nase.

Jetzt hr amal auf! fuhr sie ihn hustend an. Blas mir net allweil
dein Stinkadores ins Gsicht!

Freilich, du vertragst halt blo so a feins Zigarettendampfl. brigens,
wenn dir sonst kei' Sorg net aufliegt, als da ich an Tratsch mach, da
kannst dich trsten. Lugen red ich net weiter. Denn da ich den
Schwindel mit der Jagdverwaltung glaub, fr so strohkalbldumm mcht ich
mich von die Leut net halten lassen.

Burgi atmete erleichtert auf und kehrte zum Herd zurck. Einen Tratsch
brauchte sie nicht zu frchten, das wute sie jetzt. Und ber das Loch,
das Pepperl mit dem Wrtlein Schwindel in ihre halbe Hoffnung gerissen
hatte, machten ihre Gedanken einen groen Sprung. Bist ihm halt
neidisch, gelt?

Dem? Na!

Und rgern tust dich, da er sich mit ^dir^ net abgibt.

Ich hab halt nix so >Urrwixiks< und >Hrziks<, wie er's gern hat.

Natrlich, so a Lmmel wie du!

Freilich! Ich hab's ja hren knnen, da dir net leicht einer so zwider
is wie ich.

So? Die Schadenfreude blitzte in ihren Augen. Hast es aufgschnappt?
Ich hab's eh nur gsagt, damit du's hrst.

Geh?

Ja! Meinst, ich hab dich net umraspeln hren hinter der Wand da
drauen? Als sie die verdutzten Augen sah, die er machte, versetzte
sie der Wahrheit einen gelinden Puff und sagte: Htt's da herin was zum
Verheimlichen geben, meinst, ich htt den Herrn Martin weiterreden
lassen, wenn ich wei, wer drauen steht mit die gspitzten Luser!
brigens, schenieren mcht ich mich! Mit die Ohrwascheln umanand
rutschen hinter der Mauer! Aber -- >Der Lauscher an der Wand hrt die
eigene Schand!< -- Kennst es ja, ds Sprchl, gelt?

Ja! Pepperl bi in die Pfeifenspitze, da es knirschte. Schand hab
ich gnug ghrt. Aber net die meinig.

Du!

Das Wort war wie ein Dolch. Und das brennende Scheit, das Burgi gerade
tiefer ins Feuer schieben wollte, hatte sie in der Hand behalten und aus
der Glut gerissen. Der Rauch quoll an ihr hinauf, und die Flamme
zngelte nach ihrer Schrze.

Da war es um Pepperls Ruhe geschehen. Ein Sprung, und er stand an ihrer
Seite, ri ihr das Scheit aus der Hand, um es ins Feuer zu werfen, und
schrie ihr mit aller berzeugung eines ehrlichen Menschen ins Gesicht:
Madl! Er schmiert dich an! Der!

Sie wurde bleich. So was la ich mir net sagen! Von dir schon gar net.
Und zum Anschmieren ghren zwei. Da mt ich auch noch dabei sein. Aber
weil ^du^ vom Herrn Martin blo allweil 's Schlechte glaubst, deswegen
mut noch lang net recht haben!

Madl! Madl! Pepperl fuhr ihr mit den fuchtelnden Hnden fast ins
Gesicht. Wie kannst denn so was glauben! Der? Und Jagdverwalter? Da
macht man ehnder an Pudel zum Pfarrer! Und wieviel hat er gsagt?
Viertausend Gulden? Ja! Viertausend Pfifferling mit Schneckenso und den
Buckel voll Prgel zum Eintunken! Ds verdient er! Der! Der Brustton,
mit welchem Pepperl predigte, schien den zornigen Trotz des Mdels schon
ins Wanken zu bringen. Aber was der Jger im heien Eifer weiter noch
vorbrachte, verdarb wieder alles. Meinst, ich hab's net gmerkt, gleich
am ersten Abend, wie er dich angschaut hat? Kmmern tut's mich freilich
nix. Ich? Und von dir was mgen? Ah na! Fallt mir net ein! Aber als gute
Seel, hab ich mir denkt, mu ich ds dumme Madl doch a bil verwarnigen.
Drum hab ich in der Nacht an deiner Kammer klopft. Ja! Sonst wegen nix.
Aber hast dir ja nix sagen lassen. Natrlich, und jetzt is der Teufel
los! Jetzt hat er dich anplauscht. Und glauben tust ihm auch schon und
mchtest am liebsten gleich mit alle zwei F ins Unglck einihupfen,
gelt? Aber da is noch was gut dafr! Da bin ich noch da! Verstehst mich?
Du gehst mich net ^so^ viel an, weit! Aber die gute Repadazion von
unserer Gegend liegt mir am Gwissen. Und da 's bei die Leut umanand
heien soll: auf der Tillfuer Alm, wo d' Jager hausen, geht's zu wie
auf der ungraden Hochzeit, die der Pfarr verschlafen hat -- ds la ich
net zu! Verstehst mich!

Du, mir scheint, dir hat d' Sonn a bil z'hei aufs Dachl brennt! fiel
Burgi mit zornbebender Stimme ein. Komm her, du, ich khl dich ab! Und
ehe Pepperl den Sinn dieser Worte zu deuten vermochte, hatte sie den
Trnkzuber gepackt und schttete dem Jger einen Gu ins Gesicht, da
das Wasser in pltschernden Fden an ihm hinuntertroff.

So? No, wart nur, du! Pepperl schttelte sich, da die Tropfen nach
allen Seiten flogen. Wir zwei sind fertig mitanander! Du und ich! Fr
ewige Zeiten! Jetzt soll dir an andrer ins Gewissen reden! Jetzt mu
dein Vater her! Dein Vater soll's wissen, wie's steht um dich! Ja, schau
mich nur an, du! Heut noch la ich ihm Botschaft sagen. Dein Vater mu
her! Und jetzt bin ich fertig, so! Er quetschte das Wasser aus den
rmeln und schleuderte die Tropfen von den Hnden. Mich siehst nimmer
in deiner Htten!

Wie er zur Tr hinauskam, das schien er selber nicht recht zu wissen.
Er merkte nur pltzlich, da er drauen in der Sonne stand, und da
schob er das Htl zurck und griff sich an die Stirn, als mte
er sich erst besinnen, was denn eigentlich geschehen wre. Der
Anblick seiner pritschelnassen Kleider schien ihm alles wieder in
Erinnerung zu bringen. An saubern Dank hat man von der morulischen
Gwissenhaftigkeit! Er zog die Joppe herunter, trocknete mit dem
Sacktuch das Gesicht und drckte das Wasser aus der Lederhose, die sich
anfhlte wie ein vollgesogener Schwamm. Und da er in dem Zustand, in
dem er sich befand, das Frsterhuschen nicht betreten wollte, sprang er
gegen den Wald hinunter und legte sich auf einer kleinen, versteckten
Lichtung in die Sonne, um trocken zu werden. Grad zerreien knnt ich
ds Weiberleut! murrte er mit geballten Fusten vor sich hin, als er
zwischen den Stauden hockte und sich von der Mittagshitze braten lie.

Er hatte seine Schuldigkeit getan, hatte sein Gewissen entlastet. Aber
der Ausdruck seiner Zge war nicht der friedliche des guten Hirten, der
sein bedrohtes Schflein gerettet wei.

Es dauerte eine gute Stunde, bis Pepperl in der sommerlichen
Backofenhitze trocken wurde -- wenn auch nicht trocken bis auf die Haut.
Unterschichtig klebte ihm noch das Gewand am Krper, aber auswendig,
meinte er, tut's es schon!

Um nur ja nicht an der Sennhtte vorber zu mssen, machte er zum
Frsterhuschen einen weiten Umweg durch den Wald, bis hinunter zum
Bach. Da begegnete ihm der Bote, der fr den Frsten die Post aus
Leutasch gebracht hatte und jetzt wieder heimwanderte. Pepperls Augen
funkelten vor Freude. So! Du kommst mir recht. Kannst mir Botschaft
tragen?

Was denn?

Triffst den alten Brenntlinger heut noch?

Der Burgi ihren Vater?

Ja.

Heut nimmer, na! Aber morgen, wann ich am Wirtshaus vorbeikomm, da
hockt er schon drin.

Richt ihm aus, da ich ihm ganz ebbes Wichtigs sagen mu. Er soll mich
aufsuchen. Je blder, je lieber.

Sagen tu ich's ihm schon. Der Mann lachte. Ob ihm der Schnaps aber
Urlaub gibt, ds wei ich net.

Versprich ihm halt, da er bei mir auch sein Stamperl kriegt.

No, da kann's sein, da er kommt!

Pepperl lftete die Joppe, lachte spttisch vor sich hin und sphte
durch den Wald hinauf. Gelt, sag's ihm fein ^gwi^! Ich tu dir an
andersmal auch wieder an Gfallen dafr. Und tummel dich, da d'
heimkommst und den Postwagen net versaumst. Hast viel mitkriegt vom
Herrn Frsten?

Schier gar nix, na! Blo a Telegramm, ds er gschwind noch gschrieben
hat, grad jetzt, wie er heimkommen is.

No also, da mut doppelt flinke F machen! Bht dich Gott!

Whrend Pepperl seine Lederhose auf ihre unterschichtige Feuchtigkeit
prfte, wanderte der Bote davon.

Die Depesche, die er mit forttrug, war an den Grafen Sternfeldt
adressiert und lautete: Erkundige Dich, bitte, nach einem Maler
Emmerich Petri, der vor zehn oder fnfzehn Jahren in Mnchen lebte.
Jedes Wort, das Du ber ihn erfahren kannst, hat Interesse fr mich.
Dank und herzlichen Gru. Ich bin gesund und guter Dinge, wie ein Fisch
in klarem Wasser. -- Heinz.




^Achtes Kapitel^


Ein stiller Tag verging, an dem das Blau des Himmels gegen die Nebel
kmpfte, die berall aus der Luft herauswuchsen und sich wie graue
Kappen ber alle Zinnen der Berge stlpten.

Gegen Abend begann es zu regnen.

Frster Kluibenschdl war im Frstenhaus zu Tisch geladen. Als er sich
nach heiter verplaudertem Mahl von seinem Jagdherrn verabschiedete,
erbat er sich Urlaub fr den nchsten Tag. Neue Jagdsteige wren zu
bauen, und da mte die Zustimmung der weideberechtigten Gemeinde
eingeholt werden.

Sie gehen nach Leutasch? fragte der Frst. Wollen Sie mich
mitnehmen?

Wollen? Ich bitt, Duhrlaucht, es wr mir ja die grte Ehr! Aber 's
Wetter, mein' ich, wird Mannderln machen. Und viel is in der Leutasch
drauen net zum Sehen.

Ettingen lchelte.

Es wr net der Mh wert, da Duhrlaucht na werden.

Ich hoffe, das Wetter bessert sich wieder bis morgen, und dann gehen
wir.

Der Wunsch des Frsten erfllte sich. Die halbe Nacht whrte das Strmen
und Gieen, aber der Morgen brachte wieder klares Wetter, sonnig und
dennoch khl.

Auf zehn Uhr morgens war der Abmarsch nach Leutasch festgesetzt -- fr
Pepperl ein triftiger Grund, schon um neun Uhr von der Frhpirsche
heimzukehren. Wenn der Frst das Jagdhaus verlie, hatte der
Kammerdiener einen freien Tag, und da mute ein Riegel vor die Tr der
Sennhtte geschoben werden. Freilich war Pepperl mit der da drunten
fr alle Ewigkeit fertig. Aber er hatte nun einmal die
Verantwortigung auf sich genommen, und solch eine Gewissenspflicht
wirft ein ehrlicher Christenmensch nicht von sich ab, bevor er nicht
sicher ist, da ein anderer sie auf seine Schultern nimmt. Fr diesen
anderen war bereits gesorgt. Leicht kommt er schon heut, der
Brenntlinger? Da bin ich's endlich amal los, die verwnschte Sorg! Bei
so was hat man Tag und Nacht kei' Ruh!

Als Pepperl in die Httenstube trat, machte Kluibenschdl sich
wegfertig. Gelten S', Herr Frstner, heut drf ich mich ausschnaufen
und daheim bleiben?

Ja, Bub! Hast a paar harte Tg hinteranander ghabt. La dir d' Ruh heut
schmecken!

Ruh? brummte Pepperl vor sich hin, whrend der Frster zum Frstenhaus
hinaufstieg. Wenn ich mein Schmarren drunten hab, hock ich mit'm
Gheimnis vom Wohdekastl vors Httentrl her. Den ganzen Tag! Da kommt
mir nix aus.

Eine Viertelstunde spter wanderte Ettingen mit dem Frster ber das
Almfeld hinunter. Als sie an der Sennhtte vorbergingen, kam Burgi mit
einem Schaff Wasser vom Brunnen und grte stumm, bevor sie in den Stall
trat. Ist das die Sennerin? fragte Ettingen. Ein hbsches Mdel!

Ja, gar net bel! Aber was in ds Madl einigfahren is, ds wei der
Kuckuck. Sonst hat's den ganzen Tag allweil gsungen wie a Starl im
Fruhjahr. Jetzt macht's a Gsicht wie neun Tag Regenwetter. Sie mu krank
sein!

Oder verliebt. Das gb eine schmucke Jgersfrau.

Die? Kluibenschdl machte groe Augen. Die hat ja nix!

Ettingen lachte. Was haben? Gehrt das zum Glck? Auch hier im Dorf?
Ich dachte, da die Leute in den Bergen das Leben natrlicher nehmen als
wir verbildeten Kulturkinder der Stadt.

Die Bauern? O du mein! Wann a Bauer heiret, wird um jeden Kuhschwanz
ghandelt. Und d' Leut haben recht. Von der Lieb hat noch keiner zehrt.
Steigen d' Sorgen zum Fenster eini, so fahrt d' Liebsfreud auf'm
Besenstiel zur Haustr aussi! Und nachher wird grauft und gscholten.

Ettingen sah den Frster von der Seite an. Sie waren wohl nie
verliebt?

Ich? Kluibenschdl schlug ein Kreuz. Gott soll mich bewahren! Dem
Ton dieser Worte war es anzumerken, da der Frster ber eine bse
Erinnerung seines Lebens wegsprang. Na na! Mein Dienst, meine Berg und
mein Wald! Mehr verlang ich mir nimmer im Leben.

Ettingen nickte.

Schauen S' ihn nur an, unsern Wald! Kann's denn was Schners geben?
Oft, wenn mich 's Leben vllig verdrossen hat, da hab ich mir gsagt:
>Marsch, Brderl, naus in dein Wald, da verleidst es schon wieder!< Er
lachte. Und wahr is gwesen. Wieder lustig bin ich worden. Noch
jedsmal!

Sie waren aus dem Schatten des Waldes in die Sonne getreten und hatten
die Strae erreicht, die am Ufer des rauschenden Wildbaches hinlief. Die
beiden Wegstunden bis zum Dorfe vergingen dem Frsten so rasch, da er,
als das weite Wiesental der Leutasch sich vor ihnen ffnete, verwundert
fragte: Wir sind schon da?

Sie konnten das schne Tal bis zu den Bergen, die es in der Ferne
begrenzten, frei berblicken. Gleich blinkenden Silberwrfeln lagen die
weigetnchten Huser zwischen dem Grn der Obstgrten, zwischen dem
gelben Gerll des Bachlaufes und den Goldgevierten der reifenden
Haferfelder. Auf den Wiesen waren die Leute mit dem Heu beschftigt, und
die kleinen Figrchen in Hemdrmeln, die Wagen, die beladen wurden, die
Zugtiere, alles flimmerte im Sonnenglanz. Eine Kette sanft gerundeter
Waldberge schlo das Wiesental, und hinter ihren zierlichen Wipfelkmmen
hoben sich die Felsenpalste des Karwendelgebirges empor, die einsame
Seefeldspitze und am Horizont die langgestreckten Inntaler Berge, deren
fernste Zinnen nur noch wie blulicher Hauch in die schimmernde Luft
gezeichnet waren.

Bei den ersten Husern sagte der Frster: Duhrlaucht! Vor wir ins Dorf
einimarschieren, mssen S' mir was versprechen!

Was?

Da ich wegen die Steigbauten allein mit'm Brgermeister reden drf. Zu
dem la ich Ihnen net in d' Stuben eini.

Halten Sie es nicht fr gut, da ich als Jagdherr selbst mit den Leuten
spreche?

Gott bewahr! Wann die Bauern an Jagdherrn sehen, wissen s' gleich gar
nimmer, was s' verlangen mssen. Schaut wo a Zehner aussi, so reit der
Bauer d' Augen gleich auf fr an Tausender. Deswegen is er net
schlechter und net besser wie andere Leut. Aber einbilden tut er sich:
er is der Gscheite, und der Stadtherr is allweil der Dumme. Und hat er
ihn bers Ohr ghaut, so lacht er ihn hintnach aus. Jetzt gar noch a
Jagdpchter! Der is eh schon der Kiniglhaas! Von dem wird abigrissen,
was runter geht an Woll. Na na! Bleiben S' davon, Duhrlaucht! Sie mit
Ihrer Gt mchten schn grupft ins Jagdhaus zruckkommen! Aber a Stndl
wird's allweil dauern, bis ich d' Erlaubnis fr unsere Steigbauten ohne
Blutgeld aussidruckt hab. Wie wollen S' Ihnen denn derweil unterhalten,
Duhrlaucht?

Ich mache einen Spaziergang durch das Dorf. Oder -- neulich am Sebensee
hab ich eine junge Dame kennengelernt, ein Frulein Petri --

Ah so! Die Fruln Lo? Der Frster blieb stehen, und es leuchtete warm
in seinen Augen. Net, Duhrlaucht, die mu Ihnen doch gfallen haben? Ds
is a Frauenzimmerl, ds sogar ich gelten la, und ds will viel sagen!
Aber mit der Fruln Lo, da wird's schlecht ausschaun heut. Die is an so
eim Tag allweil im Wald oder z'hchst in die Berg droben. Die treffen S'
heut net daheim, Duhrlaucht!

Die junge Dame hat mir manches von ihrem Vater erzhlt, und das
merkwrdige Schicksal dieses Mannes interessiert mich lebhaft. Es wre
mir eine Freude, die Bilder zu sehen, die von ihm noch vorhanden sind.

Nix leichter wie ds! D' Frau Petri hat die grte Freud, wann einer
kommt und die Sachen anschaut.

Sind die Bilder verkuflich?

Na, Duhrlaucht, da wird sich nix machen lassen. Es htt schon oft a
Sommerfrischler so a Taferl gern mitgnommen. Aber was vom Herrn Petri
noch da is, ds halten die zwei Frauenleutln fest wie mit eiserne Hnd.

Also ist die Familie in guten Verhltnissen und hat ohne Sorge zu
leben?

Aber gwi. Erstens amal sind s' zfrieden mit allem und verstehen sich
drauf, wie man 's Leben schn sparsam einrichten mu. Und nacher haben
s' auch a bil was. Der Herr Petri is a fleiigs Mannsbild gwesen. Der
hat sich in die fufzehn Jahr bei uns da schn was verdient. So gut wie
der hat's net leicht einer verstanden, wie man die Marterln macht, die
Votivitaferln und die Heiligen an die Huser. Von der ganzen Gegend hat
er die Kundschaft kriegt und is gut zahlt worden, acht Gulden fr a
Marterl, zwlfe fr an ganzen Heiligen. Freilich, diemal hat er seine
narrischen Zeiten ghabt und hat wochenlang blo fr ihm selber gmalen.
Da hat er Sachen gmacht, auf die der Herr Pfarr net gut zum reden war.
Und ich mu selber sagen -- ich bin keiner von die Mucker, die meinen, es
mt alles zuknpfelt sein bis zum Nasenspitzl -- aber da hat er vor drei,
vier Jahr so an Endstrumm Tafel gmalen: die Versuchung Christi -- und da
hat er a Frauenzimmer vor unsern Heiland hingstellt -- Kreuzsakra, die
htt a Gwandl brauchen knnen! Und so was hngt er mitten in d'
Wohnstuben eini, da 's jeder Mensch gleich sehen hat mssen. Was sagen
S' jetzt zu so was, Duhrlaucht?

Ettingen schwieg.

Aber da is der Pfarr eingruckt ber ihn! Da hat's in dem stillen
Huserl a hitzigs Stndl geben. Z'erst is der Herr Petri grob worden.
Und 's Grobsein, ds hat er doch sonst net in der Manier ghabt, is
allweil a guter, freundschftlicher Patron gwesen. Aber selbigsmal htt
er den Pfarr bald zur Tr aussi gworfen. Der hat aber net auslassen und
hat ihm androht, da er ihn aussidruckt zum Dorf, wann ds Bild net
wegkommt. Da mssen dem Herrn Petri doch die Grausbirn aufgstiegen sein.
Gahlings hat er 's Gsicht in d' Hnd einidruckt und hat zum weinen
angfangen.

In Gedanken nickte Ettingen vor sich hin, als verstnde er diese Trnen
und die zerbrochene Seele, aus der sie geflossen waren. Und das Bild?

Ds is verschwunden. Was er angstellt hat damit, ds wei ich net.
Gsehen hab ich's nimmer derzeit. Und a Glck war's fr'n Herrn Petri,
da er selbigsmal in der Feuerkapellen den schnen heiligen Laurenzi am
Bratspie gmalen hat, dem aus'm Gscherl raus a Bandl geht, wo
draufgschrieben is, was der Heilige im Martyri gsagt hat zu die
Schindersknecht: >Schret das Feuer noch heier, es brennet mich nicht,
denn mir ist khl!< Ja, der schne Laurenzi, der hat den Pfarr wieder
ausgshnt. Aber wissen S', Duhrlaucht -- der Pfarr hat mir's selber
gsagt -- ds unschenierte Frauenzimmer htt ihn noch gar net amal so arg
verdrossen. Was den Pfarr am schiechsten g'rgert hat, ds war der
Teufel. Der is viel schner gmalen gwesen als wie der Heiland. Und ds
geht ja doch net, da eim der hllische Versucher besser gfallt als wie
der Herrgott. Na na! Der Herr Petri wr gscheiter bei seine Heiligen
blieben. Auf die hat er sich verstanden. Schauen S', Duhrlaucht, da
kommt grad so a Haus, ds er gmalen hat!

Ein groer Bauernhof trat mit der fensterreichen Giebelfront an die
Strae vor. Bis unter das Dach war die Wand mit Darstellungen aus dem
Leben der heiligen Maria geschmckt.

Ettingen mute etwas anderes erwartet haben, als es hier zu sehen gab;
der erste Blick auf die bunte Bilderei enttuschte ihn so sehr, da er
schweigend den Kopf schttelte. Diese Heiligen mit ihren blauen und
grnen Mnteln, mit ihren roten Gesichtern und schwefelgelben
Strahlenkronen, mit ihren eckigen Bewegungen und grellen Farben
unterschieden sich wenig von den handwerksmigen Malereien, die in den
Gebirgsdrfern zahlreich auf den Wnden der Huser zu finden sind. Hatte
der Knstler seine Sache nicht besser verstanden? War er von jenen
Unglcklichen einer, die zum Schaffen allen Willen haben, und denen nur
eines fehlt: die Kraft? Hatte er sich, ein schwrmerischer Stmper, in
die Rolle des verkannten Genies hineingeredet, fr dessen Geisteshhe
und Seelentiefe der Unverstand des Pbels zu kurze Augen hat -- in eine
Rolle, in der ihn alle verlachten, zwei Menschen ausgenommen: die Frau,
die in ihm den Gatten liebte, und das Kind, das in ihm den Vater
vergtterte?

Whrend Ettingen in Gedanken diese Fragen stellte, fiel seinem Blick ein
nebenschliches Detail auf, das ihn fesselte: ein kleines, stilisiert
geflecktes, drolliges Hndchen, das die flchtende Maria am Mantel
zurckhalten will -- ein Hndchen von einer Rasse, die der Natur nicht
eingefallen war, nur der spielenden Laune einer krausen
Knstlerphantasie. Und wie dieses unmgliche Tierchen lebte! Wie es die
Fe zornig in den Sand stemmte! Wie es an dem Mantel zerrte, als ob es
sagen wollte: Du heilige Frau, wenn auch die Menschen dich verkannten,
ich, das Tier, ich fhle, wer du bist, und mchte dich bitten, dich
zwingen: bleib!

Und dort das kosende Taubenpaar! Oder waren es weie Raben? Wie
natrlich ihre Schwingen sich bewegten! Mit wie zrtlichem Leben sie
sich aneinanderschmiegten! Und jener Star? Oder war's ein Spatz, der in
die Tinte gefallen? Wie er wtend eine Blumenknospe der Girlande
zerzauste, die sich in sonderbaren Schlangenwindungen um alle figuralen
Szenen ringelte! Das waren Bltter von seltsamer Form, Blumen von
merkwrdiger Farbe und wunderlicher Gestalt -- Blumen, die sich ansahen
wie werdende Vgel und Schmetterlinge -- und dennoch waren es Blumen, die
auf gesunder Erde gewachsen und nicht nur zu blhen, auch zu duften
schienen.

Wer dieses naiv gedankenvolle, so unwirkliche und doch so lebendig
berhrende Beiwerk schaffen konnte, mute auch die knstlerische Kraft
besessen haben, um die Gestalten dieser Heiligen leben und sprechen zu
machen. Und wenn er sich selbst verleugnet und diesen schreienden Unwert
gepinselt hatte, weshalb tat er es? Weil er sich nach dem Geschmack der
Besteller richten mute, um zu verdienen? Oder weil er in Selbstironie
sich sagte: Jene anderen, die mich verstieen, muten nehmen, was ich
zu geben hatte -- euch aber, ihr Einfltigen des Geistes, will ich geben,
was ihr verlangt von mir! Ob nun das eine oder das andere der Fall
war -- die Arbeit, die der weltflchtige Knstler auf der Wand dieses
Bauernhauses geleistet hatte, mute ein Martyrium gewesen sein.

Je lnger Ettingen die grellen Schildereien und ihr schnes Beiwerk
betrachtete, desto deutlicher erwachte in seiner Erinnerung jedes Wort,
das er drauen am Sebensee gehrt hatte. Und aus dem Anblick dieser
Farben flo eine Stimmung auf ihn ber, die er empfand wie einen
Schmerz. Er wandte sich ab und folgte schweigend der Strae.

Der Frster musterte das nachdenkliche Gesicht seines Herrn. Mir
scheint, Duhrlaucht, die Heiligen haben Ihnen net gfallen?

Da lchelte Ettingen wieder. Sie gefallen doch dem Pfarrer und gewi
auch dem Bauer, der sie bezahlte. Da sind sie wohl so, wie sie sein
mssen. Aber sagen Sie mir, lieber Frster -- der Teufel auf jenem Bilde
war so schn, da er den Pfarrer rgerte?

Ja! A bil a verruckts Frauenzimmer htte sich in so an Satanas ber
Hals und Kopf verlieben knnen!

Sie sind doch ein guter Christ?

Ich? Der Frster war ber diese Frage ganz verblfft. No ja, es
tut's! Der Mensch is a schwachs Rhrl. Aber gar so leicht la ich mich
net biegen von der Snd, und mit Wissen tu ich nix Unrechts.

Wenn nun der Teufel erschiene, um Sie zu versuchen?

Mar und Joseph! Duhrlaucht! Malen S' ihn net an d' Wand!

Und er kme, wie ihn der Pfarrer von der Kanzel herab den Bauern
schildert: mit schwarzer Kaminfegerfratze und langer Zunge, mit
Ziegenhrnern, Kuhschweif und Pferdefen? Wrden Sie sich von dem
verfhren lassen?

Na, Duhrlaucht! Da mcht ich gschwind sagen: >Pfui Teufel, fahr ab,
du!<

Nun also? Mu denn die Versuchung nicht schn sein, wenn sie uns
gewinnen will? Zu unterlassen, was wir selbst fr abscheulich halten,
das ist doch kein Verdienst. Wenn wir uns einer Snde in die Arme
werfen? Welche Entschuldigung htten wir denn, wenn nicht die eine: da
die Snde schn war? Ettingens Stimme bebte, als htten seine Worte
noch einen anderen Sinn als nur jenen, den der Frster hren konnte.

Der runzelte die Stirn, ein Zeichen, da ihm ein Gedanke zu schaffen
machte. Dann rckte er verlegen den Hut. Duhrlaucht! Jetzt haben S'
mich auf ebbes bracht. Aber so is der Mensch! Zu meine Jagdghilfen kann
ich allweil sagen: ^z'erst^ denken und ^nachher^ reden! Und ich
selber hab jetzt grad so blind in Tag einigredt. Jetzt schaut sich die
Sach mit dem Herrn Petri seiner Versuchungstafel anders an. Ds is ja
grad, als ob er sagen htt wollen: >Schauts amal her, so wunderschn
is die Verfhrung zu unserm Heiland kommen, und dengerst hat er sich
zruckghalten -- da nehmts enk a Beispiel dran!< Ja, meiner Seel, da is
eigentlich der Herr Petri viel christlicher gwesen als wie der Pfarr!

Ettingen schien auf die Worte des Frsters nicht mehr gehrt zu haben;
pltzlich verhielt er den Schritt und sagte erregt: ^Das^ hier? Das mu
das Haus sein! Nicht wahr?

Sie hatten einen grnen Staketenzaun erreicht; gleichlaufend mit einer
gestutzten Holunderhecke umschlo er einen kleinen Besitz, der sich
zwischen den anderen Husern und Gehften ausnahm wie ein schngefater
Schmuckstein neben den grauen Kieseln der Strae. Das Haus, das im
Garten stand, war frher wohl ein bescheidener Bauernhof gewesen. Das
verriet noch die an den Wohntrakt angebaute Tenne. Aber es hatte grere
Fenster und ein grnliches Schieferdach bekommen, dessen Kanten und
Firste geschmckt waren mit wunderlichen Tierzieraten. Das Unterdach und
die vorspringenden Balken, das Tennentor, die Kreuzstcke und
Fensterlden waren blaugrn bemalt und mit weien und blaroten
Linienornamenten ausgezeichnet. Vor allen Fenstern, durch deren
spiegelnde Scheiben die schneeweien Vorhnge herausleuchteten, waren
zierlich gegitterte Blumenbretter mit blhenden Stcken angebracht, und
daneben verschwanden die weien Mauern unter dem Grn der sorgsam
gezogenen Obstspaliere, deren Zweige von der Erde bis zum Schatten des
Daches mit reifenden Frchten behangen waren.

Heiter und farbig, schmuck und freundlich, erhob sich das kleine Haus
wie auf einem breiten Sockel blhender Blumen. Geranienbsche zogen sich
am Fu der Mauern hin, und der Vorgarten war in vier groe Beete
geteilt, mit Rosen und Nelken in allen Farben. Zwei lange Blumenbeete
liefen zu beiden Seiten des Hauses gegen den weiten Hintergarten,
zwischen dessen Obstbumen und Gemsebeeten eine groe schattige Laube
und ein luftiges Sommerhuschen stand, das ganz aus wunderlich
gewachsenen sten geschrnkt und geflochten war. Silberweie Kieswege
schieden die Beete voneinander und umzogen in der Mitte des Vorgartens
ein mit Tropfsteinen ausgelegtes Wasserbassin, in dem zwei murmelnde
Brnnlein ber eine moosige Felsgruppe niederrannen. Aus diesen Felsen
erhob sich ein hoher, buntbemalter Balken und trug das Taubenhaus, das
mit seinen Trmchen und Erkern sich ansah wie das Modell einer gotischen
Burg. berall in den Kronen der Bume und auf schlanken Stangen waren
Starenhuschen und Meisenksten angebracht, und mit dem Gezwitscher der
hundert Vgel, die hier nisteten, mischte sich das Geflatter und Gurren
der weien Tauben.

Wie einen Gedanken schlieend, der ihn auf dem Wege begleitet hatte,
schttelte Ettingen den Kopf und murmelte: Nein! So wohnt kein
Verzweifelter! So wohnen nur zufriedene Menschen, die ihr Glck gefunden
und ber die stille Schnheit ihres Lebens hinaus keinen Wunsch mehr
haben.

Der Frster wollte in den Garten treten, blieb stehen und sagte: Ich
bitt schn, Duhrlaucht, wenn d' Frau Petri daheim is -- tun S' das Frauerl
net viel um ihren Seligen fragen! Da wird ihr 's Reden a bil hart. Er
ging auf das Haus zu und sprach eine Magd an, die mit eisernem Rechen
die Wege ebnete. Dann kam er wieder. Es is kein Mensch net daheim,
auer der Hausmagd. Er ffnete vor seinem Herrn das grne Gitter. 's
Fruln is in der Fruh vom Sebensee heimkommen, aber sie is schon wieder
fort, in d' Fischzucht ummi. Und d' Frau is heut auf Innsbrucki abi, ihr
Studenterl heimholen in d' Vakanz.

Frulein Petri hat einen Bruder?

Ja! A vierzehnjhrigs Brscherl. Gustl heit er. Der is den dritten
Winter auf'm Gymnasi drunt. A liebs Manderl! Und gsund. 's richtige
Gebirgsblut, ja! Is a Leutascher! Gleich nach'm ersten Jahr is er
kommen, wie s' herauen waren. Und ganz seim Vatern schlagt er nach. Wie
das Bberl den Wald schon gern hat! Allweil drauen mit der Schwester!
Und kaum sieht er ein von uns Jager, da hngt er eim schon am Kittel:
>Ich bitt schn, Herr Frster, darf ich mit?< Und anschauen tut er ein'
mit seine Guckerln -- da kannst net Na sagen! Sie hatten das Haus
erreicht, und der Frster sprach die Magd an: So, Nanni, jetzt tust mir
den Herrn schn rumfhren im ganzen Haus und zeigst ihm jedes Taferl!

Wohl! sagte das Mdel und lehnte den Rechen an das Spalier. Es war
eine derbe Bauerndirn mit unschnem, grobknochigem Gesicht, aber mit
hellblauen Augen, die gutmtig und zufrieden blickten; sie war einfach
und doch mit auffallender Sauberkeit gekleidet und trug die Haare so
fest geflochten, als wren die Zpfe aus Eichenholz geschnitten.

Der Frster verabschiedete sich mit dem Versprechen, seinen Herrn in
einer Stunde wieder abzuholen.

Neben der Schwelle streifte die Magd ihre Schuhe ab, klopfte den Sand
von den blauen Strmpfen, schlpfte in ein Paar Strohpantoffel, und die
Haustr ffnend, sagte sie: So, Herr, kommen S'!

Als ihr Ettingen in den Hausflur folgen wollte, gewahrte er ber der
Tr, schon halb von den Zweigen des Spaliers berwachsen, eine
lateinische Inschrift -- drei Worte: _Hic rideo ego_! -- Hier lache
^ich^!

Welch eine Stunde reiner und trstender Freude mute es fr jenen
Weltflchtigen gewesen sein, als er auf der Schwelle dieser schnen
Heimstatt sich sagen konnte: Das Lachen der anderen, das mich marterte,
ist fern und ich hr es nicht mehr. Hier lacht nur einer. Ein
Glcklicher, der die Ruhe fand! Und der bin ich!

Ettingen nahm den Hut ab und trat ins Haus.

Schon im Flur hing bis an die Decke hinauf eine Leinwand neben der
anderen, jede von einer schmalen, braungebeizten Holzleiste umzogen:
Skizzen, unvollendete Studien und leicht untermalte Entwrfe, die oft
kaum das Motiv des Bildes erkennen lieen, das hier htte entstehen
sollen. Blumenstudien wechselten mit Luftstimmungen, Felspartien mit
Waldszenen, naturtreue Tierskizzen mit mythologischen Trumereien.
Manche Leinwand zeigte deutlich, wie geduldig und liebevoll sich der
Knstler in das kleinste Detail eines Modells vertieft hatte. Oft war
die gleiche Blume ein dutzendmal nebeneinander gemalt, in verschiedenem
Licht, frisch erblhend mit Knospen, mit entblttertem Kelch, im Beginn
des Welkens, mit gebrochenem Stengel. Man sah, wie aufmerksam der
Knstler die Natur beobachtet hatte, um sie seinen Phantasiegebilden
dienstbar zu machen. So war auf einer Leinwand ein schwarz-und
rotgefleckter Bergsalamander abgebildet, wie er mhsam aus dem Gras auf
eine Steinscholle klettert -- und daneben, grer, doch ganz mit der
gleichen Krperbewegung, suchte ein fetter Triton, der triefend dem
Meer entstieg, ein Riff zu erklimmen. Eine andere Skizze zeigte eine
graue Hauskatze, die mit gekreuzten Pfoten liegt und funkelnden Blickes
eine grne Mcke verfolgt, die ihr um die Nase summst; daneben der
Entwurf einer Sphinx, die aus der Waldschlucht einen Wanderer kommen
sieht, den es nach Rtseln gelstet. Dieser tragische Vorwurf war in
einer Ecke der Leinwand lustig parodiert: die Sphinx, und vor ihr,
klein wie die Mcke, ein grner Polizist mit der Pickelhaube, der auf
eine Tanne kletterte, um dem lchelnden Ungeheuer einen Polizeibefehl
vor die ^Nase^ zu halten.

Langsam ging Ettingen von einer Leinwand zur anderen, und inzwischen
stand die Magd geduldig und still in einer Ecke und zog immer wieder den
Saum der Schrze durch die Finger. Als Ettingen das letzte Bild
betrachtet hatte, ffnete sie vor ihm die Tr eines Zimmers.

Der Frau Petri ihr Stberl.

Ein bescheidener Raum mit schlichtem Gert. Durch eine offene Tr sah
man in das Nachbarstbchen, das den jungen Feriengast, das Studenterl,
zu erwarten schien, denn auf weigedecktem Tische prangten ein
herrlicher Rosenstrau und ein mandelgespickter Kuchen, von einem
Krnzlein frischer Bergblumen umschlungen.

Auch hier, in beiden Rumen, waren alle Wnde mit Bildern bedeckt:
tanzende Nymphen, spielende Najaden; ein Faun, der die Zotten seiner
Bocksfe kmmt und dazu ein Liedchen pfeift; ein Tritonweibchen, das in
eine Fischreuse geraten ist und den Ausweg nicht mehr findet; auf weier
Marmorsule ein Hermeskopf, dem eine Natter auf die Schulter kriecht;
der von Ekel geschttelte Gott ist festgewachsen auf dem Stein und kann
nicht fliehen, er hat keine Arme, um die giftige Hlichkeit von sich
abzuwehren.

Fast eine ganze Wand war von einem groen Gemlde bedeckt: von einem
Triptychon, dessen drei Bildflchen die Hauptszenen einer phantastischen
Geschichte zeigten, whrend die Zwischenszenen mit blassen Farben auf
die breiten Leisten der Holzumrahmung gemalt waren. Eine stdtische
Gesellschaft junger Mdchen und modisch gekleideter Jnglinge hat sich
auf einer Bergpartie im Walde verirrt; sie nehmen das Unglck von der
heiteren Seite und trsten sich mit einem tollen Ringelreihen um die
Bume; eine bermtige Schne mit koketten Augen ist ihrem Galan, der
sie haschen wollte, davongeflattert -- wollte sie ihm wirklich entfliehen?
oder wollte sie ihn nur in das einsame Dunkel des Waldes locken?
Pltzlich sieht sie sich allein, verirrt sich noch weiter und gert vor
eine tief in den Berg gesenkte Hhle, deren blaugrne Dmmerung wie ein
Geheimnis ihre Neugier weckt; scheu und dennoch lchelnd tritt sie ein
und findet im Zwielicht der Hhle einen schlafenden Zentaur, halb
bedeckt vom Gerll der Felsen, halb berwachsen von Moos und Geschling;
noch redet aus ihren Zgen der erste Schreck, den sie empfunden, aber
schon regt sich in ihr die Spottlust der klugen Stdterin und der
prickelnde Reiz, dieses Niegesehene, dieses unglaublich und unmglich
Scheinende auf seine Wirklichkeit zu prfen; sie zupfte den
Schlummernden am Bart; der Schlfer regt sich nicht; sie besteigt seinen
Rcken und schlgt ihn mit dem Fcher auf den Scheitel; da erwacht der
Zentaur und bumt sich; in tollen Sprngen trgt er die entsetzte
Reiterin durch den Wald und ber steile Felsen, bis sie den Halt
verliert und strzt; Groll in den gefurchten Brauen und doch einen Blick
des Erbarmens unter den Wimperschleiern seiner Augen betrachtet er die
Zerschmetterte, whrend ihre schreckensbleichen Gefhrten schon
heraufklimmen durch den Bergwald; langsam, mit dem buschigen Schweif
die Flanken peitschend, steigt der Zentaur zum Grat des Berges empor und
schaut von einem schroffen Fels ins Tal hinunter, in dessen Tiefe man
die blutige Leiche hinaustrgt durch den stillen Wald.

Lange stand Ettingen vor diesem Bild, erfllt von fragenden Gedanken.
Erzhlen zu wollen, und gleich eine ganze Tragdie, ob das nicht
auerhalb der Grenzen lag, die der darstellenden Kunst gezogen sind?
Aber er fhlte doch den Eindruck dieses Werkes, das klar und deutlich zu
ihm redete. Und ist denn in aller Kunst die reine, tiefe Wirkung nicht
ein Beweis? Hat sie denn einen anderen fr ihren Wert? -- Und wie dieses
Bild wohl entstanden sein mochte? War es nur die Ausgeburt einer
trumenden Knstlerphantasie? Oder eine Tat des Zornes gegen jenen
irrenden Unverstand, der nur das Greifbare glauben will und mit Spott
und Gelchter beleidigt, was seinem banalen Urteil sich nicht
erschlieen will auf den ersten Blick?

Ja, Herr, sagte die Magd, und das kam fast wie eine Antwort auf
Ettingens stumme Frage, d Gschicht da, d is fein passiert! Ds hat
mir der Herr Petri selm verzhlt. Und solchene Romanner gibt's fein,
ja -- im Griechenland drunt! Aber gelten S', da sind S' noch nie net
hinkommen?

Doch.

Die blauen Augen der Magd erweiterten sich. Und haben S' solchene
Romanner gsehen?

Nein. Aber dein Herr hat sie gesehen. Und ihm glaub ich auch, da sie
leben.

Gelten S', ja? Der hat net lgen knnen!

Der? Und lgen? Nein! Htte er lgen knnen, er wre in der Stadt
geblieben und htte gute Geschfte gemacht.

So? Meinen S'? Die Magd studierte. Aber sie gab die Mhe, das Rtsel
dieses Wortes zu lsen, gleich wieder auf. Jetzt geben S' acht, jetzt
kommt erst 's Allerschnste, ja! Sie ging in den Flur und ffnete die
Tr des Wohnzimmers. Da herin, da haben wir die ^heiligen^ Sachen,
wissen S', weil der Herr Pfarr diemal zuspricht in der Stuben.

Ettingen trat in einen hellen, freundlichen Wohnraum, dessen behagliches
Gert dem Gaste zu sagen schien: Hier fhle dich wohl! In der
Herrgottsecke hing statt des Kreuzes ein Bild: auf weiem Grunde der
Kopf des Erlsers, ohne Dornenkrone und Heiligenschein, ein schmales,
bleiches, kummervolles Gesicht, die Wangen halb bedeckt von den schlicht
fallenden Haarstrhnen, mit groen und tiefen Augen, die schmerzvoll in
weite Ferne zu blicken schienen. -- Ob dieser Kopf nicht eine Studie zur
Versuchung war?

Sonst hingen im Zimmer nur drei Bilder. Zwei kleinere, die nicht
vollendet schienen: eine Flucht nach gypten, von stiller und
rhrender Stimmung -- Maria sitzt erschpft an einen Baum gelehnt, und
whrend Joseph mit Anstrengung das harte Brot zerbricht, zieht das mit
Schaum bedeckte Maultier grasend in den Wald; und eine Heilige
Nacht -- Maria mit dem Kindlein im Stall bei Kuh und Esel, denen ein
alter Hirte das Futter vorschttet, whrend die Tiere nicht an Fra
denken, sondern die Kpfe vom Barren abkehren und ihre staunenden
Glotzaugen auf das von Schimmer umflossene Kindlein richten.

Ein drittes, greres Gemlde fllte die ganze Wand zwischen dem Ofen
und der Tr einer Nebenstube. Beim Anblick dieses Bildes glitt ein
leiser Ausruf der Bewunderung ber Ettingens Lippen. So tief ergriff ihn
der Gedanke, der aus dieser Leinwand redete und mit naiver Allegorie zu
ihm sagte: Wahrhafte Liebe fhlt Erbarmen auch fr die hliche Miform
des Lebens, mildes Denken und reine Gte vershnen sich auch mit aller
Roheit der ungezgelten Natur.

Das Bild stellte eine von wstem Dorngestrpp umzogene Wiese dar, in der
Blte des Frhlings. Mitten in leuchtenden Blumen sitzt ein Knabe, das
nackte, zarte Krperchen wie Silber schimmernd; aus einer Wolkenlcke
des Himmels fllt ein breiter Strahl der Sonne auf ihn nieder; zwei
verflochtene Dornzweige des nchsten Busches ragen in diesen Glanz und
schweben wie ein schimmerndes Krnzlein ber dem Scheitel des Knaben;
kein anderes Zeichen sonst -- nur diese krnenden Dornen sagen: das ist
Jesus, welcher leiden wird um seiner Liebe willen. Und diese Liebe
redet schon aus dem Blick und Lcheln dieses Kindes, das seltsame
Gesellschaft fand. Aus den Dornbschen, aus Erdlchern und Sumpftmpeln
ist eine Schar von Faunkindern hervorgekrochen, kleine hliche
Brschlein mit plumpen, unentwickelten Bocksfen und schmutzig wie
Ferkel, die sich im Schlamm gewlzt. In Schreck oder Neugier starren die
einen auf das holde Wunder des gttlichen Knaben, andere greifen nach
Steinen und heben sie zum Wurf -- nur einer sitzt von den erregten Brdern
entfernt, sucht eine Dornranke von sich abzulsen, die ihm ihre Stacheln
in die Hfte bohrte, und der Schmerz, der aus seinem verzerrten Gesichte
redet, macht ihn gleichgltig gegen alles andere. Diesem Leidenden gilt
der gute Blick des Knaben, whrend er allen anderen, die ihn frchten
oder bedrohen, herzlich die Arme ffnet: Kommet zu mir, ich will euch
lieben!

Keines von den anderen Bildern, die Ettingen gesehen, hatte so klar wie
dieses in ihm die Frage geweckt: Wie war es mglich, diesen Knstler zu
verkennen, ber ihn zu lachen?

Mute der Wert, der hier aus jeder Leinwand redete, nicht jeden
berzeugen? Oder hatte sich der Genius dieses Knstlers erst nach
seiner Weltflucht so reich entwickelt, aus der Bitterkeit seines
Schicksals heraus, in der stillen Ruhe, die er in diesem Winkel der
Berge gefunden, im Schweigen des Waldes? Hatte er in frheren Jahren
denen, die ihn verlachten, nichts anderes zu bieten vermocht als die
Form ohne den Kern, ohne die Gedankenflle, die alle Wunderlichkeiten
seiner Technik bersehen lie? Denn bei aller Wirkung, die Ettingen
fhlte, mute er zugestehen, da diese Bilder fr den ersten Blick
etwas Befremdendes hatten, etwas kindlich Unbeholfenes, das mit dem
dargestellten groen Gedanken sich oft in einem Widerspruch befand,
ber den man wohl den Kopf schtteln konnte. Es war an allen Bildern
etwas Flaches und Unkrperliches, es fehlte die Tiefe in der Luft,
jedes Detail war gleichwertig neben das andere gesetzt, als htt'
es der Knstler nicht bers Herz gebracht, das Nebenschliche zum
Vorteil des Wichtigeren zu verkleinern und abzutnen. Auch lag ein
blulich grner Hauch wie zarter Schleier ber allen Farben, auch ber
dem hellsten Licht -- wie ber einem Spiegelbild in grnem Wasser --
und das gab den Bildern etwas Naives, Vergilbtes und Altertmliches.
^Wollte^ das der Knstler so? Oder konnte er nicht anders? Hatte
er Augen, die anders organisiert waren, als es sonst die Augen der
Menschen sind? Oder ^sah^ er richtig -- er verstand und kannte doch
die Natur wie keiner -- und ging mit dem Geschauten, bevor es durch
seine Seele den Weg auf die Leinwand fand, diene seltsame Wandlung vor
sich, bei der alles Hliche sich verschnte und alles Wirkliche die
Form des Niegewesenen und des Ertrumten gewann?

Aber wie man ber diese uerliche Seltsamkeit auch denken mochte -- der
gute, reine, tief empfindende Mensch, den man aus der wunderlichen
Sprache dieser Linien und Farben reden hrte, war denn nicht der die
Hauptsache? Die klare Schnheit seiner Gedanken, die Wrme seines
Herzens, dieses Trumen und Lcheln, dieses Stille und Schlichte, dieses
rhrend Kindliche? Mute das nicht jeden berzeugen, gewinnen und
bezwingen? Oder gehrte die rechte, stille Stunde dazu, um solche
Sprache zu hren, sie zu verstehen? --

Htte Ettingen vor diesen Bildern das gleiche gedacht und empfunden,
wenn er im Lrm und Trubel einer Ausstellung an ihnen vorbergegangen
wre, im Kopf den klappernden Alltag, beeinflut vom Lachen und
Achselzucken der Unverstndigen? Wie mag da manch einem Knstler
bitteres Unrecht geschehen, das bitterste gerade jenen, die das Beste zu
sagen haben und deren Stimme immer anders klingt als die Stimme der
groen Schreier auf dem Markt, die allen Ohren schnell gelufig ist!

Solch ein Unrecht hatte das Urteil der Welt an Emmerich Petri begangen.
Sie hatte ber den merkwrdigen Hut gelacht, den er trug, und dabei
versumt, ihm durch die Augen ins Herz zu sehen. --

War der Magd die schweigende Zeit, die Ettingen vor diesem letzten Bilde
stand, zu lang geworden? Oder hatte sie es ihm vom Gesicht abgelesen,
was er von den Taferln ihres Herrn dachte? Gelten S', sagte sie
pltzlich, unser Herr hat's knnen! Ja! Und kommen S' -- da drf ich
sonst kein' net einifhren -- aber Ihnen mu ich schon zeigen, wie er
ausgschaut hat. Sie ffnete die Tr der Nebenstube. Da hngt er,
schauen S', wie er sich selm verkonterfeit hat. Ds is der Fruln Lolo
ihr Stberl. Vor zwei Jahr auf Weihnchten hat sie's kriegt von ihm, die
Tafel da.

Ettingen zgerte einzutreten, und lchelnd blickte er von der Schwelle
in den Raum. Es war von allen Zimmern, die er gesehen hatte, das
bescheidenste. Ein schmales Stbchen, mit einem einzigen Fenster nur.
Weie Wnde, das eiserne Bett mit weiem Tuch berhangen, ein kleiner
Tisch mit einfachem Holzstuhl vor dem Fenster, durch das die Blumen
hereinleuchteten, der Tr gegenber ein Pianino und ein Holzgestell mit
Notenheften, neben der Tr ein bis zur Decke reichendes Bcherregal und
an der Rckwand des Stbchens eine groe schwere Kommode, ber der, als
einziger Schmuck des Raumes, das Selbstportrt des Knstlers hing,
umgeben von einem Kranze frischer Edelrosen. Und dieses Bild war fr
Ettingen ein neues Rtsel. Er hatte ein schmales, feingeschnittenes
Gesicht zu sehen erwartet, einen Kopf, der auf einen Musiker raten lie,
mit bleichen Wangen, tiefliegenden Augen und langem Haar. Und da sah er
einen derben, grobknochigen Kopf mit dichtem, kurzgeschnittenem
Braunhaar und starkem Bart, mit hoher, krftig gewlbter Stirn und
gesundem, sonnverbranntem Gesicht, dem das schne Antlitz der Tochter
in keinem Zuge glich. Nur die Augen, wenn sie auch von anderer Farbe
waren, hatten den gleichen trumerischen und warmen Blick, und um die
strenggeschnittenen Lippen spielte das gleiche sinnende und milde
Lcheln.

Das Bild war nur wenige Jahre alt; aber nach Zeichnung und Farbe htte
man auf ein Werk aus der Zeit des jngeren Holbein raten knnen. In
einer Ecke des graugrnen Hintergrunds sah man ein verschnrkeltes
weies Schildchen, das eine rote Inschrift in lateinischer Sprache trug:
Emmericus Petri, in seinem fnfzigsten Lebensjahre. Eines Menschen
Gesicht ist seine Seele nicht. Willst du das Wesen seines Geistes
erkennen, so betrachte seine Taten und seine Kinder. Wie stolz mute
dieser Mann auf seine Tochter gewesen sein, um auf diese Leinwand
schreiben zu drfen: Betrachtest du, was ich schuf, so wirst du mich
nur halb erkennen -- ganz wirst du nur an meinem Kinde sehen, wer ich
war!

Whrend Ettingen noch vor dem Bilde stand, kam der Frster zurck, und
zwar in belster Laune. Er hatte die Erlaubnis fr die Steigbauten mit
schwerem Blutgeld vom Brgermeister erkaufen mssen, der allen
berredungsknsten des Frsters nur immer die eine Weisheit
entgegengehalten hatte: Der Herr Frst kann zahlen! Der hat's! Bei dem
rger, den Kluibenschdl von diesem Scharfrichtergang mitbrachte,
hatte er weder Sinn fr die Taferln des Maler-Emmerle, noch fr die
Stimmung seines Herrn, und schwatzte wortreich seinen Zorn heraus.
Ettingen schwieg zu allem und warf, bevor er das Stbchen verlie, noch
einen letzten Blick ber die Wnde und alles Gert.

Drauen im Flur, als der Frster schon in den Garten getreten war,
fragte Ettingen das Mdchen: Haben Sie mir alles gezeigt? Ich habe ein
Bild nicht gesehen, von dem mir erzhlt wurde. Die Versuchung Christi?

Na, Herr, da wei ich nix! sagte die Magd. Aber sie wurde rot.

Also existierte das Bild noch!

Ettingen trat ins Freie, blickte wieder zu der Inschrift hinauf, die
ber der Haustr stand, und nickte vor sich hin, als wollte er sagen:
Ich sah, was du schufst, und kenne dein Kind. Nun wei ich, wer du
warst, und wei: du hattest ein Recht zur Freude!

Da bot ihm die Magd eine schne dunkle Rose und sagte verlegen: Da,
Herr! Unser Fruln, wenn s' daheim is und einer kommt, schenkt s'
allweil a Blml her!

Lchelnd nahm er die Rose. Ich danke Ihnen.

Er wollte der Magd eine Banknote reichen. Aber sie schttelte den Kopf,
nahm den Rechen von der Wand und begann auf dem Kiesweg die Trittspuren
zu ebnen, die der Frster mit seinen schweren Schuhen zurckgelassen
hatte.

Ettingen, dem das Blut ins Gesicht gestiegen war, zerknllte den Schein
in der Hand. Und als sich drauen auf der Strae ein alter, weibrtiger
Bauer, der im Schatten der Holunderhecke sa, etwas schwerfllig erhob
und den mrben Deckel zog, warf ihm der Frst die Banknote zu. Der Alte
ri die rotgernderten Augen auf. Dann versuchte er mit seiner heiseren,
zitterigen Stimme einen Jauchzer. Das machte den Frster aufmerksam. Ui
jgerl, Duhrlaucht! Haben S' dem Brenntlinger was geben? No, ich dank
schn! Der kauft sich wieder an saubern Dampus dafr. Nach wenigen
Schritten kamen sie zu einer Stelle, an der sich von der Strae ein
Fuweg gegen die Felder abzweigte. Gehen wir lieber ber d' Wiesen
naus! meinte der Frster. 's Dorf haben S' ja gsehen. Und drben im
Weiherwald, bei der Fischzucht, kriegen wir den schnsten Schatten. Sie
wanderten ber die vom frischen Heugeruch umdufteten Wiesen hin. Immer
wieder blickte Ettingen nach den im Sonnenglanz verschwimmenden
Baumkronen zurck, ber deren leuchtendes Gezweig sich blinkend das
grne Schieferdach erhob. Dann pltzlich unterbrach er das Schweigen:
Sagen Sie mir, wie starb dieser Mann?

Der Herr Petri? Ja, Duhrlaucht, ds is a rechts Unglck gwesen! Der
Mann is dagstanden wie a Baum im besten Saft. Und den hat d'
Nchstenlieb am Gwissen. Im letzten Herbst war's -- da is in der Leutasch
und im Geital a Wolkenbruch niedergangen, da ich meiner Lebtag so was
net mitgmacht hab. Wie S' da die Wiesen sehen, is alles an einziger Bach
gwesen, mit Grll und Baumstmm, die's dahertrieben hat. Und droben, wo
sich 's Tal a bil zuspitzt, da war's am rgsten! Zwei Huser hat's
mitgnommen, gleich am ersten Abend. Und am andern Tag, wie 's Wasser von
die Geitaler Berg herkommen is, da hat ein' 's Grausen packt. Wie die
Verruckten sind d' Leut umanander grennt und haben vllig ihr bil
Verstand verloren. Blo an einziger hat 's Kpfl in der Hh bhalten.

Herr Petri!

Ja! Gschafft hat er wie a Holzknecht, und Ratschlg hat er gfunden, wie
man's dem traumhappeten Mannderl gar net zutraut htt! Sell droben, wo
's Geital anfangt und von links und rechts zwei Waldhgel einisteigen
gegen 's Wasserbett -- da, hat er gsagt, da mssen wir an Riegel legen und
's Wasser brechen, damit's den Gwalt verliert. Mit die ersten Leut, die
beinander waren, hat er d' Arbeit gleich angfangt, und derweil is d'
Fruln Lo im Galopp auf ihrem Muli von eim Haus zum andern gritten und
hat aus'm ganzen Tal alle Mannsleut zammgrufen, da in der ersten Nacht
noch ber zweihundert Menschen bei der Arbeit waren! Am linken Ufer vom
Wildbach is der Herr Petri gstanden mit seine hundert Leut. Und mit eim
Sprachrohr, ds er aus einer Baumrinden gmacht hat, hat er 's Kommando
ummi gschrien ber 's Wasser, wo die andern hundert gschafft haben. D'
Weibsbilder haben 's Pech und 's Staudenwerk zammtragen mssen und 's
Feuer unterhalten, da man zur Arbeit gsehen hat in der Nacht. Und d'
Manner und die Buben haben die Bum gschlagen zum Wehr. In der Fruh um
zehne, am zweiten Tag, da haben die ersten Bum im Wasser schon ghalten,
und wie's auf'n Abend gangen is, hat man schon hoffen knnen: 's Wehr
verhebt den rgsten Schub. Aber d' Leut sind fertig gwesen mit ihrer
Kraft, und schier mit Gwalt hat der Herr Petri die letzten noch bei der
Arbeit halten mssen. Wo's am schiechsten ausgschaut hat, da is er
allweil vorndran gwesen. >Mut, Leut, nur Mut<, hat er allweil gschrien
und hat schon kaum nimmer reden knnen, >nur diese letzte Nacht noch,
dann ist geholfen!< Und recht hat er bhalten! Am dritten Tag in der Frh
hat sich 's Wasser gegen 's Geital auffi zum Stauen angfangt und is mit
aller Ruh ber die Wehrbum abglaufen, und die ganzen Huser sind aus
der Gfahr gwesen!

Sie hatten den Wald erreicht und traten in den Schatten.

Gwi is's wahr: wr der Herr Petri net gwesen, so htt unser Leutascher
Drfl heut um a Dutzend Huser weniger. Aber teuer hat er's zahlen
mssen, sein christliches Werk. Ausghalten hat er am gleichen Fleck zwei
Ncht und anderthalb Tag, tropfna bis auf d' Haut. Nach der zweiten
Nacht in der Fruh, wie er noch d' Schildwachen aufgstellt hat am Wehr,
hat er sich gahlings verfrbt, und seine Knie haben auslassen. Es wird
gleich wieder besser, hat er gmeint und hat sich an Trunk Wein von der
Fruln geben lassen, die so verschrocken war, da ihr 's Gsichtl ganz
wei worden is. A halbs Stndl hat er noch ausghalten. Nacher hat ihn 's
Fruln heimgfhrt auf'm Muli. Und da hat's kein Helfen nimmer geben.
Lungenentzndung, hat der Dokter gsagt. Die ganze Nacht sind d' Leut ums
Haus rum gstanden und haben gmeint, es mt und mt ihm wieder besser
gehn. Auf Mittag um elfe hat er sein letzten Schnaufer gmacht. Und der
Dokter hat mir gsagt: so htt er noch nie kein Menschen net sterben
sehen! Im rgsten Fieber hat er die Bsinnung net verloren, hat blo
allweil ds arme Frauerl trstet, hat plauscht mit'm Bberl, als ob gar
nix wr, und 's Fruln hat er allweil bei der Hand ghalten und hat's
anglacht ein ums andermal. Z'letzt hat er noch von seim Gartl drauen am
Sebensee gredt. Und ds sind seine letzten Wrtln gwesen: >Meine
Blumen!< Nacher hat er aufgschnauft und d' Augen zugmacht wie einer der
wei: jetzt fahr ich grad auf in Himmel, jetzt geht's mir gut!

Ettingen sagte leise vor sich hin: Wer so zu leben wte, um sterben zu
knnen wie dieser Mann!

Ja, Duhrlaucht, recht haben S'! So sollt sich der Mensch sein Leben
einrichten, da er d' Augen zumachen knnt in jeder Stund und lachen
dabei! Aber der Mensch is so viel dumm. Und leben heit narrisch sein.
Was den richtigen Wert hat, schlagt man um kein Kreuzer net an, und fr
jeden nixigen Pfifferling legt man seim Leben a Zentnergwicht auf'n
Buckel. Bagaschi beranand! Und ich ghr selber dazu!

Der Pfad hatte im Wald auf eine Hhe gefhrt. Man sah in ein schmales
Tal hinunter, aus dem drei groe Weiher mit sonnglnzendem Spiegel durch
die Bume heraufleuchteten. Ein sanftes Murmeln klang von den Teichen
her wie das Gepltscher vieler Quellen.

Der Frster blieb stehen und sphte durch den Wald hinunter. Da,
Duhrlaucht! Da schauen S' abi: bei die Ursprng drunten malt d' Fruln
Petri an ihrem Taferl!

Ettingens Augen leuchteten auf, und ohne ein Wort zu sagen, stieg er
rasch durch den Wald hinunter gegen die Weiher.




^Neuntes Kapitel^


Als der Wald ein wenig lichter wurde, konnte Ettingen zwischen den
Weihern ein groes Blockhaus sehen, eine Schilfhtte, und am Ausgang des
schmalen Tales ein villenartiges Gebude.

Das wre die Fischzuchtanstalt, erklrte der Frster und meinte: Weil
wir schon grad da sind, ds mssen S' Ihnen anschauen, Duhrlaucht! Wie
die jungen Fischerln gfttert und aufzogen werden, ds is lieb zum
Betrachten. Wenn S' Lust haben, lauf ich und schau, da ich an
Fischknecht find, der Ihnen rumfhrt. Er wartete eine Antwort nicht ab
und eilte schrg durch den Wald davon.

Ettingen blieb unter den letzten Bumen stehen. Doch er schien kein Auge
fr das liebliche Bild des kleinen Tals zu haben. Und das htte doch
einen Blick verdient. Von stillem Fichtenwald begrenzt und von blumigen
Grasborten umzogen, lagen drei Weiher mit glitzernden Spiegeln
stufenfrmig bereinander, so da sich aus dem einen das Wasser mit
blitzendem Gefll in den anderen ergo. Weie Seerosen und grne Bltter
schwammen mit sachter Bewegung im Wasser, und bald hier, bald dort
sprang eine silberne Forelle auf. Vom obersten Weiher zog sich gegen den
Wald eine schrge Felswand hin, die in allen Farben schimmerte und
gleich einem Sieb von hundert Lchern durchbrochen war, aus deren jedem
ein weies Brnnlein sprudelte. Dieses sonnige Waldidyll mit allem
Gefunkel und Lichtgezitter des rauschenden Wassers gab ein Bild, das
einen Knstler zur Nachgestaltung reizen konnte. Und Lolo Petri sa auch
vor der Staffelei so ganz in ihre Arbeit vertieft, da sie die Schritte
nicht hrte, die sich ihr nherten.

Sie trug jenes lndliche Gewand, das sie damals an jenem ersten Abend
getragen hatte, im Tillfuer Wald.

Ettingen war dicht zu ihr herangetreten und sah ihr ber die Schulter
auf die kleine Leinwand, die einen Teil der Felsplatte mit den
sprudelnden Quellen in fast vollendeter Arbeit zeigte; es war kein Bild,
das hier entstehen sollte -- nur ein Versuch, das Lichtgefunkel des ber
die rauhen Felsformen rinnenden Wassers festzuhalten. Und dieser Versuch
war ihr gelungen. Wie diese Farben leuchteten! Wie sie zu zittern und zu
rinnen schienen! Ettingen staunte ber die Kraft des Lichtes und ber
die Wahrheit in dieser verblffenden Wiedergabe der Natur. Wie hatte
dieses Mdchen ihm sagen drfen, da sie keine Knstlerin wre? Hatte
sie das aus bertriebener Bescheidenheit getan? Das sah ihr nicht
hnlich. Also legte sie einen berstrengen Mastab an sich selbst,
whrend sie von anderen Menschen so nachsichtig dachte? Oder kannte sie
ihr eigenes Talent nicht? Sollte ihr Vater dafr kein Auge gehabt, ihr
das nie mit einem Worte gesagt haben? Denn sie war doch seine Schlerin?
Bei diesem Gedanken fiel ihm auf, da ihre Art zu malen auch nicht die
leiseste hnlichkeit mit der Art des Vaters hatte. Da war nichts
Absonderliches und Befremdendes, keine ertrumte Farbe, keine fabulierte
Linie. Was die kleine Leinwand zeigte, war nichts anderes als eine treue
Wiederholung der Natur.

Pltzlich, als htte sie seinen Atem gehrt oder seine Nhe empfunden,
blickte sie auf. Leichte Rte huschte ihr ber die Wangen, und sie erhob
sich. Herr Frst --

Er grte und sah ihr in die Augen, noch ganz unter dem Eindruck, den er
aus ihrem Hause mit fortgetragen hatte und der ihm von der Erzhlung des
Frsters zurckgeblieben war. Sehen Sie, Frulein, damals am Sebensee,
das war nicht umsonst gesagt: auf Wiedersehn!

Sie hatte nach der ersten leichten Verwirrung ihre ruhige Sicherheit
wiedergefunden und reichte ihm die Hand. Ja! Und heute wei ich auch,
wer Sie sind. Ich hab es noch an jenem Morgen erfahren, von einem Ihrer
Jger. Und dann war's mir leid, da ich Ihren Namen berhrte. Htt ich
damals am Sebensee gewut, wer Sie sind, dann htt ich die gute
Gelegenheit gleich benutzt und htte eine Bitte ausgesprochen, mit der
ich ohnehin zu Ihnen kommen mute.

Zu mir? Mit einer Bitte? Die ist bewilligt, liebes Frulein, bevor ich
sie kenne.

Sie ist auch nicht unbescheiden. Es handelt sich um unser Huschen
drauen am See. Papa htte, bevor er damals vor acht Jahren baute, den
Grund gerne gekauft. Aber das ging nicht. Der Grund ist rarischer
Boden. Papa mute zufrieden sein, da er wenigstens die Erlaubnis bekam,
zu bauen, auf Widerruf und unter der Bedingung, da der Jagdpchter
seine Erlaubnis gbe.

Und diese Erlaubnis meines Vorgngers soll ich wiederholen?

Ja, ich bitte darum.

Ettingen hielt noch immer ihre Hand in der seinen. Schade, da ich mein
Plazet nicht mit irgendeiner besonderen Feierlichkeit erteilen kann!
Solange ich Pchter der Jagd bin, und ich hoffe, das noch lange zu
bleiben, sollen Sie ungestrt bei Ihren Blumen wohnen. Seine Stimme und
seine Augen wurden ernst. Und bei Ihren Erinnerungen!

Ich danke Ihnen.

Aber ^eine^ Bedingung mu ich stellen.

Ihre Hand befreiend, blickte sie zu ihm auf.

Die Bedingung, da Sie gute Nachbarschaft mit mir halten wollen. Und
da es mir vergnnt ist, ab und zu ein Stndchen bei Ihnen zu rasten und
mich wohl zu fhlen -- bei Ihren Blumen?

Da ich Ihnen das verwehren knnte, sagte sie lchelnd, das haben Sie
doch nicht im Ernst gemeint?

Nein! Aber Sie stehen, Frulein, und ich bitte sehr, da Sie sich
durch mich nicht in Ihrer Arbeit stren lassen. Darf ich Ihnen ein wenig
zusehen?

Gern. Ich frchte nur, Sie werden dabei nicht viel zu sehen haben. Sie
nahm die Palette und lie sich vor der Staffelei auf den kleinen
Feldstuhl nieder.

Als er sie eine Weile schweigend beobachtet hatte, wie sie aufmerksam
die Felswand mit den Quellen betrachtete und dann die kleinen weien
Lichter in den Goldglanz des flieenden Wassers setzte, sagte er:
Wissen Sie auch, Frulein, da Sie sich neulich vor mir verleugnet
haben?

Ich? Verleugnet?

Doch! Denn Sie ^sind^ eine Knstlerin!

Sie schien sich nicht gleich an jenes Wort zu erinnern. Dann schttelte
sie wieder den Kopf, ganz so entschieden wie damals. Nein! Nur weil ich
ein bichen malen gelernt habe? Das macht mich noch lange nicht zur
Knstlerin. Dazu fehlt mir alles, Talent, Gedanke und Phantasie. Ich,
eine Knstlerin? Nein! Und eine Handwerkerin will ich nicht sein. Ich
zeichne und male nicht aus Beruf. Ich tu es nur, um besser sehen zu
lernen, um mir das Schne, das ich liebhabe, recht tief einzuprgen,
damit es Dauer hat in mir. Mit dem Betrachten allein kommt man der Natur
gegenber nicht aus. Da sieht man nur, was jeder sieht, das
Oberflchliche, das zuerst in die Augen springt. Die stille Seele eines
solchen Bildes und den innersten Reiz bersieht man immer, auch wenn
man seine Wirkung fhlt, und deshalb will auch das Bild so schn, wie es
war, nicht in unserem Erinnern haften. Man hat immer was Verschwommenes
im Gedchtnis. Sie haben doch auch Verstndnis fr die Natur und Liebe
zu ihr. Ist es ihnen noch nie aufgefallen, da Sie sich an ein schnes
Landschaftsbild schon wenige Stunden spter nicht mehr genau erinnern
konnten? Man sieht noch irgendeine groe Linie, irgendeine auffllige
Farbe. Aber das will in der Erinnerung nicht mehr wirken.

Ja, Frulein, das ist wahr. Ich hielt das immer fr einen Mangel an
Gedchtnis. Aber Sie mgen recht haben: es war Mangel an richtiger
Beobachtung.

Frher war das auch bei mir nicht anders. Aber wenn ich ein paar
Stunden geduldig vor solch einem Bild sa, wenn ich jede kleinste Linie
nachzuzeichnen, jeden Reiz des Lichtes und jeden Ton des Schattens
nachzuahmen versuchte -- gleichviel, ob mir das gelingt oder nicht --,
dann hab ich das Groe und das Kleinste so genau gesehen, da ich das
Bild ^habe^, in mir, fest und fr immer. Und das Schne so zu besitzen,
das ist eine groe Freude, die das bichen Mhe wert ist. Zeichnen Sie
nicht auch?

Ich? Nein!

Warum versuchen Sie es nicht einmal?

Ettingen lachte. Da mchte was Hbsches herauskommen.

Gewi nichts Schlimmeres als bei meinem ersten Versuch.

Zu dem hat wohl Ihr Vater Sie veranlat?

Ja! Und das werde ich nie vergessen. Ich war damals noch ein Kind,
sieben Jahre, und Papa hatte eine Ulmer Dogge gekauft, die er zu einem
Bilde brauchte. Das Tier war so entsetzlich gro, da ich Angst vor ihm
hatte. Ein paar Tage berwand ich's. Aber als der Hund einmal auf mich
zukam, fing ich zu schreien an: >Papa, Papa, ich frchte mich vor dem
Hund!< Da lachte er, gab mir ein Blatt Papier und einen Rotstift und
sagte: >Versuch es, Lo, und zeichne den Hund, aber recht, recht genau
mut du ihn ansehen!<

Und das haben Sie getan?

Ja! Lchelnd blickte sie zu ihm auf. Als das Kunstwerk fertig war,
meinte Mama, das wre ein Lehnstuhl. Aber Papa sagte ganz ernst: >Nein,
Mutter, das ist ein guter, braver Hund, der keinem Kinde was zuleide
tut!< Und Papa hatte recht. Ich habe den Hund nicht mehr gefrchtet.
Jetzt wute ich, da er schne braune Augen hatte, und da er die Lippe
verziehen konnte, als ob er lachen mchte. Wir haben den Hund viele
Jahre gehabt, auch hier in Leutasch noch, und als er im Alter so leidend
wurde, da man ihn aus Erbarmen erschieen mute, das ist fr uns alle
ein trauriger Tag gewesen. Besonders fr Papa.

Ettingen nickte. Ihr Vater mu ein groer Tierfreund gewesen sein und
mu fr das Seelenleben der Tiere ein seltenes Verstndnis besessen
haben. Er sah den fragenden Blick ihrer Augen und fgte bei: Da ich
diese Beobachtung machen konnte, das ist nur der bescheidenste Teil des
Gewinnes, den der heutige Tag mir brachte. Soll ich Ihnen sagen, woher
ich komme? Wo ich zwei Stunden verbrachte, die ich nie vergessen werde?
Im Haus Ihres Vaters!

Sie atmete tief und sah mit schimmernden Augen ber den Weiher hin. Und
es zitterte ihr die Hand, mit der sie die Palette hielt.

Sie schweigen? Und fragen nicht, welchen Eindruck ich von der Kunst
Ihres Vaters empfing?

Nein! erwiderte sie leis und beugte sich ber die Leinwand, als wollte
sie die Arbeit wieder beginnen.

Nein? Fast schien es, als htte ihn dieses Wort verletzt. Doch er
lchelte schon wieder. Halten Sie mein Kunstverstndnis fr so
zweifelhaft, da es bei einem Urteil ber die Bedeutung Ihres Vaters
nicht in Frage kommt?

Da blickte sie zu ihm auf, fast erschrocken. Dieser Blick gab ihr die
Ruhe wieder, und es lag nur noch ein wenig Beklommenheit in ihrer
Stimme, als sie sagte: Da Sie mich so sehr miverstehen knnten, das
glaub ich nicht. Wer die Natur liebt wie Sie, mu doch auch Verstndnis
und Liebe fr die Kunst haben. Und da ich ein hartes Wort ber meinen
Vater nicht hren wrde, das wute ich doch. Htten Sie nicht Anteil an
seinem Schicksal genommen, so htten Sie unser Haus nicht besucht. Und
wrden Sie nicht anerkennend ber seine Arbeit urteilen, so htten Sie
zu mir von diesem Besuche nicht gesprochen. Aber wie gut Sie auch von
meinem Vater denken mgen, ich selbst denke doch wohl noch besser von
ihm. Fr Sie kann er immer nur der Knstler sein, von dem Sie das oder
jenes halten. Fr mich ist er auch der Vater, das Liebste, was ich auf
der Welt besa. Und htten Sie ber ihn -- nicht einen Tadel, nur ein
Befremden geuert --, nicht ber sein Denken und Fhlen, denn da mssen
Sie ihn verstanden haben -- vielleicht nur ber seine Art zu sehen, ber
die Eigenart seines Schaffens --, ich htt es doch wie einen Tadel
empfunden, und mir, seinem Kinde, htte das wehgetan, gerade von Ihnen!
Weil ich das frchtete, deshalb schwieg ich. Sie legte die Palette fort
und erhob sich. Aber ich sehe ein, da ich unrecht hatte. Verzeihen Sie
mir!

Ettingen nahm ihre beiden Hnde und sah ihr so herzlich in die Augen,
da sie vor diesem Blick in Verwirrung geriet. Soll jetzt in Ihrem
Herzen nicht ein leiser Zweifel zurckbleiben, dann mu ich sprechen!
Er hrte Stimmen, und als er aufblickte, sah er am Ufer des groen
Weihers den Frster mit dem Fischer um die Waldecke biegen. Schade! Da
kommen Leute, die mich holen. Aber ich hoffe noch die Stunde zu finden,
die mich ungestrt mit Ihnen plaudern lt. Ich habe Ihnen viel mehr
zu sagen, als ich jetzt in ein paar Worte fassen kann. Und habe manche
Frage zu stellen, die Sie mir beantworten mssen, ber das Leben Ihres
Vaters, ber den Entwicklungsgang seines Schaffens, ber die Zeit, in
der diese Bilder entstanden. Ich denke nicht sonderlich gut von der
Urteilsfhigkeit der Welt, die mit dem Tage lebt und schreit. Aber sie
hat trotz allem Augen und hat doch auch ein Herz. Und wre Ihr Vater
vor seiner Flucht in die Berge als Knstler schon der gleiche gewesen,
der er war, als er den Hermeskopf mit der Viper und den Jesusknaben mit
den Faunkindern schuf -- die Welt htte ihn anerkennen ^mssen^, mehr
noch, ihn bewundern und lieben! Fester umspannte er ihre zitternden
Hnde. Ihr Vater war ein groer Knstler. Ich schrnke dieses Wort
durchaus nicht ein, wenn ich sage, da in ihm der Mensch und Dichter
vielleicht noch grer war als der Maler. Ich kann Ihnen gar nicht
schildern, welch einen tiefen Eindruck ich heut aus Ihrem Hause mit
forttrug. Es war ein Eindruck, der den Wunsch in mir weckte: htt ich
diesen seltenen Menschen doch gekannt, htt ich doch mit ihm leben
drfen! Aber ich glaube doch, da ich ihn kenne. Ich habe schon so viel
von seinem Leben erfahren, durch Sie und durch andere. Seit heute wei
ich auch, wie er starb -- wie nur ein groer und guter und starker
Mensch zu sterben vermag, der seinem Leben keinen Vorwurf zu machen
hat. Und ich habe in seinem Haus die Luft des reinen Glckes geatmet,
das er sich und den Seinen erkmpfte, habe gesehen, was er schuf -- und
ich kenne sein Kind. Nun wei ich, wer Ihr Vater war, und kann Ihnen
nachfhlen, was Sie bei jedem Gedanken an ihn empfinden mssen. Sie
sind ein glckliches Kind! Er kte ihre Hand, und rasch, als mchte
er jede strende Begegnung von ihr fernhalten, ging er auf die beiden
Mnner zu, die schon ber das Wehr des letzten Weihers kamen.

Unbeweglich, die groen schnen Augen feucht umschleiert, stand Lolo
Petri am Ufer und blickte ber das Wasser zum Wehr hinber. Sie sah nur
den einen, der von ihr gegangen war, sah nicht, da der Frster ihr
zuwinkte mit dem Hut, und hrte den Gru nicht, den er laut, um das
Wasser zu bertnen, zu ihr herberschrie. So stand sie, bis die drei
Mnner im Tor eines Blockhauses verschwanden. Dann atmete sie auf, und
wie in einem Sturm von Empfinden prete sie die Hand, die er gekt
hatte, an ihre Lippen -- als mchte sie ihm danken fr seine Worte und
wte keinen anderen Dank als diesen. Dann kam es ber sie wie treibende
Ungeduld. Sie klappte den Feldstuhl zusammen, brachte den Malkasten in
Ordnung und schabte hastig mit einem Messer das ganze fertige, noch
nasse Bildchen von der Leinwand fort, da auf dem Tuche nur noch ein
trber Schimmer der entfernten Farben zurckblieb. Whrend sie die
zerlegte Staffelei mit dem Sessel zusammenschnallte, blickte sie nach
dem Stand der Sonne. In einer Stunde mssen sie kommen!

Das Malgert an einem Riemen tragend, eilte sie zwischen Wald und Wasser
das kleine Tal hinunter und folgte einem Fupfad, bis sie die von
Leutasch nach Seefeld fhrende Landstrae erreichte. Einen Fuhrmann, der
ihr mit leerem Wagen entgegenkam, bat sie, ihr Malgert mit ins Dorf zu
nehmen -- und sie brauchte den Mann nicht viel zu bitten, man sah es ihm
an, da es ihm Freude machte, ihr eine Geflligkeit erweisen zu knnen.

In sachter Steigung klomm die Strae durch den Wald hinauf, und Lolo
folgte ihr mit so erregter Hast, da ihr die Wangen zu brennen begannen.
Als sie die Hhe erreichte, ffnete sich vor ihr eine Waldwiese. An
einem Quellbach, der sich an die Strae heranschlngelte, waren die Ufer
reich mit Blumen bewachsen. Lolo begann zu pflcken, und whrend sie am
Saum der Wiese hinging, sammelte sie zu ihrem Strau noch immer neue
Blumen. Sie erreichte wieder den Wald und lie sich im Schatten der
Bume nieder, um die Blten zu ordnen. Nur ihre Hnde waren bei dieser
Arbeit, nicht die Gedanken. Bald spielte ein trumendes Lcheln um ihren
Mund, bald wieder blickte sie ernst in den blauen Schatten des Waldes.
Nun lie sie den Strau, den sie gebunden hatte, in den Scho fallen.
Vater! Vater! Sie bedeckte das Gesicht mit den Hnden und brach in
Schluchzen aus. Das war kein Weinen in Schmerz -- es war ein Weinen in
heier Freude.

Jetzt fuhr sie lauschend auf, sprang zurck auf die Strae und jauchzte.
Aus dem Tal, in das sich der Wald hinuntersenkte, antwortete eine
Knabenstimme, hoch und schrill, wie der Ton einer Weidenpfeife.

Ja! Ja! Sie sind es! stammelte Lo und begann zu laufen. Eine kleine,
mit einem Pferd bespannte Kutsche kam. Der Knecht ging neben dem Wagen
her, um dem Rlein die Last ber den Berg hinauf zu erleichtern. In der
Kutsche saen eine Frau und ein Knabe, der mit beiden Armen winkte.

Mit klingender Stimme rief Lo den Namen des Bruders. Und da lie sich
der kleine Bursch nicht lnger im Wagen halten, sprang auf die Strae,
noch ehe der Knecht das Pferd zum Stehen brachte, warf das Htl in die
Kutsche zurck und begann den Berg hinauf zu rennen, da ihm die Mutter
in Sorge nachrief: Gustl! Gustl! Nur langsam! Ich bitte dich! Sie
wartet ja, bis du kommst! Der Junge hrte nicht, rannte und rannte, und
schon auf hundert Schritt vor der Schwester breitete er die Arme aus und
jubelte: Lo! Lo! Meine liebe, gute, gute Lo! Mit so wilder Freude flog
er an ihre Brust, da sie wankte unter dem Ansturm dieses schmchtigen
Knabenkrpers. Wortlos hielt sie ihn umschlungen. Als sie sich
aufrichtete, hing er mit erloschenem Atem an ihrem Hals, hielt die Wange
an ihre Brust gedrckt und brachte nur mhsam die Worte heraus: Ach,
Lo, ich kann dir's gar nicht sagen, wie ich mich freue! Weil ich dich
wiederhabe! Dich, Lo! Dich! Weit du, es ist so nett vom lieben Gott,
da er die Ferien erschaffen hat!

Lchelnd khlte sie ihm mit ihrem Tuch die Wangen und hielt ihn
umschlungen, bis er ruhiger wurde. Dann gab sie ihm die Blumen.

Lo? Fr mich?

Fr dich und fr die Mutter.

Ich danke, danke dir, Lo!

Da nahm sie sein Gesicht zwischen die Hnde und sah ihm lang in die
Augen. Wie zwei klare Sterne blickten die leuchtenden Knabenaugen zu ihr
empor. Sie atmete auf und sagte leis: Ja! Du bist es! Du kommst wieder
heim, wie du gegangen bist! Lchelnd schob sie ihn ein wenig von sich
und betrachtete sein hager aufgeschossenes Figrchen in dem
saubergehaltenen schwarzen Anzug und in den engen Hschen, die ihm zu
kurz geworden. Und wie du gewachsen bist!

Ja! sagte er stolz und reckte sich. Jetzt reich' ich dir schon fast
an die Schulter.

Die Kutsche kam, und jubelnd schwenkte der Junge seine Blumen. Muttl!
Sieh doch! Sieh! Die hat uns Lo gebracht!

Das Mdchen eilte dem Wagen entgegen und fate die Hand der Mutter.

Frau Petri hatte schon graue Haare, die glattgescheitelt unter dem
schwarzen, altmodischen Kapotthut hervorsahen. In weiem Oval, wie aus
Wachs gebildet, hob sich aus den schwarzen Bndern das schmale
Faltengesicht, das von Kummer und Schmerzen erzhlte, die nur zur Ruhe
kamen, doch nicht berwunden sind. Aber so welk und mde dieses Gesicht
auch war, es zeigte noch Spuren einstiger Schnheit und glich mit seinen
feinen, vornehmen Zgen dem Antlitz der Tochter. Nur andere Augen hatte
die Mutter, von mattem Blau -- Augen, die nicht anders blicken konnten als
in Sorge. Und sie hatte ihrer Tochter kaum ins Gesicht gesehen, als sie
schon beklommen fragte: Kind? Was ist dir? Du bist anders als sonst!
Ich bitte dich, sag mir, ist etwas geschehen? Was hast du?

Mutter! Lo umklammerte die Hand der alten Frau, whrend sie neben der
Kutsche herging; sie war so erregt, da sie nicht zu sprechen vermochte.

Aber Hans! schmollte Frau Petri mit dem Kutscher. So halten Sie doch
den Wagen an. Lo kann doch nicht immer so nebenherlaufen!

Der Knecht hielt das Pferd an und suchte auf der kahlen Strae nach
einem Stein, den er unter das Rad legen knnte.

Was hast du, Kind? Aber so sprich doch!

Mutter! Denke nur, wer heute bei uns war. In unserem Hause! Er, Mutter!
Er!

Er? Wie soll ich denn das wissen, wer das ist?

Aber Mutter! Ich habe dir doch heute frh erzhlt von ihm. Da ich ihn
drauen am Sebensee kennenlernte. Und da ich soviel vom Vater mit ihm
gesprochen habe.

Der Frst? fragte Frau Petri betroffen.

Heute kam er zu uns, um Vaters Bilder zu sehen.

Und du warst bei ihm?

Nein! Aber ich traf ihn. Bei den Weihern. Ach, Mutter! Wrst du doch
nur bei mir gewesen! Httest du nur gehrt, wie er vom Vater gesprochen
hat! Das wre fr dich eine Freude gewesen. Eine Freude! Weit du, was
er sagte? Ein groer Knstler, den die Welt htte bewundern und lieben
mssen! Und vielleicht war der Mensch und Dichter in ihm noch grer als
der Maler! Das sagte er. Wort fr Wort. Wir, Mutter, wir wissen es ja!
Aber da es nun auch die anderen erkennen und sagen! Ach, Mutter, dieses
Wort war ein Geschenk fr mich, so schn, ich kann es dir gar nicht
sagen!

Frau Petri schwieg, und whrend sie zitternd die Hand ihres Kindes
umklammert hielt, fielen ihre glitzernden Zhren auf das Hutband.

Da sagte der Kutscher: Liebe Frau, jetzt mu ich aber weiterfahren, 's
Rl kann den Wagen auf der steilen Straen nimmer derhalten!

Frau Petri seufzte. Ach, Lo! Warum kommt das so spt? Zu spt fr
^ihn^! Sie trocknete die Augen und sagte begtigend zum Kutscher:
Ja, Hans, fahren Sie nur weiter! Aber du, Lo?

Fahre nur voraus, Mutter! Ich gehe mit Gustl.

Wo ist er denn?

Dort, im Wald. Einem Schmetterling luft er nach oder einem
Eichhrnchen.

Ach, wie sich der Bub wieder erhitzen wird! Frau Petri reichte dem
Mdchen den Hut des Jungen und ein seidenes Tuch. Er soll den Hut
gleich aufsetzen, wenn er auf die Strae kommt. Hier zieht es. Und bind
ihm das Tuch um! Tust du es aber auch wirklich?

Lolo lchelte. Ja, Mutter!

Als der Wagen davonfuhr, kam Gustl aus dem Wald gerannt, rief der Mutter
einen jauchzenden Gru nach und warf sich wieder mit strmischer
Zrtlichkeit in die Arme der Schwester. Sie drckte ihm das Htl aufs
Haar und band ihm das Tuch lose um den Rockkragen, da es den Hals nicht
berhrte. Dann wanderten sie Arm in Arm neben der Strae hin, und
whrend Gustl mit sprudelndem Eifer die lange Geschichte seiner kurzen
Reise erzhlte, schmiegte er sich eng an die Schwester an, als gbe es
fr ihn keine sere Freude, als so mit ihr zu wandern, ihre Hand zu
streicheln und mit leuchtenden Augen immer wieder zu ihr aufzublicken.
Doch pltzlich, mitten in seiner plaudernden Freude, verstummte er.

Sie beugte sich zu ihm nieder, sah ihm ins Gesicht und sagte leis: Ich
wei, an was du denkst!

Ach, Lo! Seine Augen fllten sich mit Trnen. Die ersten
Sommerferien -- ohne Vater! In Schluchzen ausbrechend, umklammerte er die
Schwester.

Whrend auch ihr die Trnen ber die Wangen rollten, hielt sie den
Knaben an sich gepret. Dann wanderten sie langsam und schweigend durch
den Wald. Sie kamen zur Hhe, und aus dem Tal herauf grte das Dorf mit
seinen Wiesen und Grten.

Lo! Unser Haus! Ich seh' unser Haus! Mit einem gellenden Jubelschrei,
aus dem noch die Trnen zitterten, schwang der Junge sein Htl.

Lolo legte den Arm um seine Schulter und sagte flsternd: Gelt, so
schn wie daheim ist's nirgends in der Welt!

Daheim! Ach, Lo, wo sollt es denn schner sein?

Aber eins mut du mir versprechen! Wenn wir heimkommen, wollen wir klug
und stark sein. Und lieb und gut mit der Mutter. Wir drfen ihr nicht
wehtun mit unserm Schmerz. Sie soll nichts anderes sehen als deine
Freude, da du wieder daheim bist und wieder bei ihr!

Ja, Lo! Ich verstehe, was du meinst! Und das versprech ich dir: lieber
bei ich mir die Zunge ab, eh ich weine, wenn Muttl es sehen kann!

Sie nickte ihm zu. Und eines sag mir noch! Wenn der Vater dich jetzt
erwarten knnte? Drfte er Freude an dir haben?

Ruhig hielt er den Blick der Schwester aus. Ja, Lo, ich glaube schon!
Mein Zeugnis hab ich ganz zu oberst im Kofferchen liegen, und gleich
wenn wir heimkommen, zeig ich es dir! In allen Fchern hab ich Eins mit
Auszeichnung bekommen. Nur im Betragen -- ich bitte dich, sei nicht bs,
aber im Betragen hab ich Zwei auf Drei. Neulich hat mir der
Religionslehrer in die Liste geschrieben: >Der Knabe August hat sich
whrend der Stunde umgesehen.< Weit du, ich passe in der Schule immer
soviel auf, aber ich kann nicht stillsitzen, ich will's immer, aber ich
^kann^ nicht!

Lchelnd streichelte ihm die Schwester das Haar. Deshalb brauchst du
dir keinen Kummer zu machen. Das wirst du schon noch lernen! Und umsehen
^mu^ man sich in der Welt ein bichen. Sie nahm seinen Arm, und nun
schritten sie rasch ins Tal hinunter. Und weil du so gute Zeugnisse
heimbrachtest, sollst du auch schne Ferien haben. Muttl und ich, wir
werden zusammen helfen, um dir recht viel Freude zu machen! Aber weit
du, Bubi, ganz darfst du in den Ferien das Lernen nicht aussetzen. Ich
habe schon den Stundenplan eingeteilt. In der Frh wird Muttl eine
Stunde mit dir lernen, und nachmittags oder am Abend, da setzen wir
beide uns ein paar Stndchen zusammen. Willst du?

Ja, Lo, ja! Aber gelt, jetzt gleich, da hab ich doch ein paar Tage
^ganz^ frei? Weit du, ein bil ausrennen mcht ich mich schon.

Aber natrlich! Bist du zufrieden mit vierzehn Tagen?

Vierzehn -- Das Wort ging unter in einem seligen Jauchzer. Und darf
ich auch wieder fischen? Schon morgen?

Wenn du willst noch heut am Abend. Der Fischer hat die neue Angelgerte
fr dich schon fertig.

Ach, Lo, das wird herrlich, herrlich!

Vier Tage bleiben wir jetzt zu Hause bei Muttl, und dann darfst du drei
Tage mit mir -- rate, wohin?

Lo? Zum Sebensee?

Erraten! Ja!

Die erste Regung des Knaben war strmischer Jubel. Dann wurde er still,
und die Wange an den Arm der Schwester schmiegend, flsterte er: Ach,
Lo! Da drauen sein, und an den Vater denken, wenn ich seine Blumen sehe
und seinen Baum singen hre -- ich kann's nicht erwarten, gar nicht
erwarten! Wie schn das sein wird! Und hastig, als mte er fr solche
Freude danken, sagte er: Lo! Da nehm ich meine Bcher mit. Da drauen,
weit du, da ^mu^ ich lernen.

Zrtlich drckte ihn die Schwester an sich, und wieder gingen sie
schweigend am blumigen Saum der Strae hin. Als sie zu den ersten
Husern kamen, wurde ihr Gang immer rascher. Wenige Schritte noch, und
sie hatten ihr Haus erreicht.

Das Gold des Nachmittages lag ber dem Schieferdach, die weien Tauben
flogen, die Stare zwitscherten, und die sonnige Luft war erfllt vom
Wohlgeruch der Blumen.




^Zehntes Kapitel^


ber den schattenschwarzen Bergwald sank schon die Sonne hinunter, als
Ettingen mit dem Frster wieder im Jagdhaus eintraf.

Pepperl, der auf der Schwelle des Frsterhuschens hockte, erhob sich,
als er die beiden kommen sah, und schttelte die Fe, als wren sie ihm
eingeschlafen. Das Viertelstndchen ausgenommen, das er um die
Mittagszeit in der frstlichen Kche verbrachte, hatte er vom Morgen bis
zum Abend auf seinem Lauerposten ausgehalten, mit dem Geheimnis von
Woodcastle auf den Knien. In diesen sieben Stunden war er bei der
Lektre nur um ein einziges Kapitel vorwrtsgekommen. Aber der Miene,
mit der er die roten Hefte jetzt in die Schublade warf, konnte man es
ansehen, da er mit dem Ergebnis des Tages nicht unzufrieden war. Nicht
das geringste war geschehen, was die Verantwortigung seiner
moralischen Seele belastet htte. Wohl hatte Martin ein paar verdchtige
Spaziergnge im Umkreis der Sennhtte unternommen, aber ein freundlicher
Zuruf des Praxmaler-Pepperl hatte den Kammerdiener immer wieder zur
Umkehr nach dem Frstenhaus veranlat. Drum konnte Pepperl, als der
Frster in die Htte trat, seinen Vorgesetzten in bester Laune
empfangen. Gr Gott, Herr Frstner! Schon wieder daheim? Ds is recht!
Jetzt kann ich grad noch a bil Dienst machen bis auf d' Nacht. Jetzt is
ja der Frst wieder da!

Der Frster schien den Zusammenhang zwischen Pepperls Diensteifer und
der Heimkehr des Frsten nicht recht zu begreifen und guckte verwundert
dem Jger nach, der, einen Lndler pfeifend, seine Bchse nahm und flink
hinauswanderte in den schattigen Wald. --

Zwei Tage vergingen. Ettingen hatte keine Lust, eine Pirsche zu
unternehmen. Er wollte ruhen, wie er sagte. Das hinderte nicht, da er
an jedem Morgen zeitig munter war und einsam einen mehrstndigen
Schlendergang durch den Bergwald machte. Am Nachmittag sa er mit einem
Buch im Wald, und die Abendstunden verplauderte er mit den Jgern.

Auch der Almhtte stattete er mit dem Frster einen Besuch ab und sa
eine Stunde lang bei der Sennerin, die ihm ihre Arbeit schildern mute.
Das gedrckte Wesen des Mdels fiel ihm auf. Haben Sie eine Sorge,
Burgi?

Ich? Und Sorgen? Gott bewahr! 's Vieh is gsund, was will ich denn
mehr?

Sie sind nicht heiter. Wenn ich Ihnen helfen kann, tu ich es gern.
Haben Sie etwas auf dem Herzen?

Sie wurde rot bis unter die Haare, aber gleichmtig sagte sie: Ich?
Auf'm Herzen? Den Janker! Sonst nix! Aber der Mensch kann net allweil
lustige Fasnacht halten. Diemal mu er auch sein sinnierlichen Tag
haben. So ein' hab ich halt heut grad, wei selber net, warum! --

Am dritten Morgen unternahm Ettingen mit dem Frster einen Pirschgang
auf Gemsen.

Pepperl, der zwei Tage strengen Dienst gemacht hatte, blieb an diesem
Morgen zu Hause. Man kann net wissen, ob net d' Jungfer Kchin oder der
Herr Martin wen braucht. Und auf der Httenschwelle hielt er in
brennender Sonne mit dem Geheimnis von Woodcastle bis Mittag aus. Da kam
der Postbote. Den fragte er: He! Du! Was is denn mit'm Brenntlinger?
Hast ihm die Botschaft ausgricht'?

Ja.

Warum kommt er denn net?

Der Schnaps lat ihn net aus. Heut in der Fruh hab ich ihn wieder
troffen im Wirtshaus. Da hockt er schon den dritten Tag.

Pepperl fuhr sich mit dem rmel ber die Stirn. Die Sonne hatte ihm
eingeheizt. Und in schwler Sorge brummte er vor sich hin: Mar und
Joseph! Is ^ds^ a Mensch! A Vater! Und hat a Madl, ds in der rgsten
Gfahr is! Dann sagte er laut: Geh, ich bitt dich, red ihm zu, da er
kommt. Sag ihm: es pressiert!

Whrend die beiden noch miteinander sprachen, kam der Frst von der
Pirsche zurck. Der Frster trug einen Gemsbock auf dem Rcken. Und a
zweiter liegt noch droben, sagte er, tummel dich, Pepperl, da d' ihn
runter bringst vor Abend! Aber ehe Pepperl sich tummeln konnte, gab's
vor dem Frsterhuschen noch ein langes, frhliches Schwatzen ber den
Verlauf des glcklichen Pirschganges.

War es die seltene Jgerfreude, zwei gute Bcke erlegt zu haben, war es
die ungetrbte Stimmung der vergangenen Tage oder die reine Bergluft,
die an dem ernsten Flchtling der Grostadt diese freundliche Wandlung
bewirkt hatte -- Ettingen war in so prchtiger, von Heiterkeit
bersprudelnder Laune, da die beiden Jger ihre Freude an ihm hatten.
Seine Augen blickten so froh, sein sonnverbranntes Gesicht hatte so
gesunde Farbe, als htte er nie die Luft der Krankenstube geatmet und
als wre auch die letzte Erinnerung an allen Sturm und Schmerz, vor dem
er in die Einsamkeit der Berge geflohen, in ihm versunken und erloschen.
Und wie krftig sein Schritt war, wie frei seine Haltung! Als htte ein
neuer und heier Trieb des Lebens jeden Tropfen seines Blutes befeuert.
Er selbst schien der Wandlung, die sich in ihm vollzogen hatte, mit
keiner Frage nachzuspren. Er fhlte sie nur, wie man mit geschlossenen
Augen die Sonne fhlt, war heiter und zufrieden, dachte mit keinem
Gedanken an das Gewesene, hatte keinen Wunsch an die Zukunft und freute
sich in dieser lchelnden Ruhe jeder Stunde, wie sie kam und ging.

Der folgende Tag aber brachte ihm den Lebensgewinn, den er im Frieden
des Waldes gefunden hatte, doch zum Bewutsein. Da kam mit der Post ein
Brief. Als Ettingen an der Adresse die Schrift des Freundes erkannte, an
den er in jener ersten Nacht die lange Epistel gerichtet hatte, zgerte
er einen Augenblick, den Brief zu erbrechen. Dann schttelte er lachend
den Kopf. Mein Wald hat mich gesund gemacht! Was dieser Brief auch
enthalten mochte -- es konnte seine Ruhe nicht mehr stren, keine
Bitterkeit in seiner Seele wecken. Er hatte berwunden und vergessen,
war geheilt und frei. Wie auch die hliche Katastrophe jener Tollheit
ausklingen mochte, er konnte das so ruhig und gleichgltig anhren wie
das schale Ende einer Geschichte, die ein anderer erlebt hatte.

Er ffnete den Brief und las:

                                                   Wien, den 30. Juli.

                          Mein lieber Heinz!

     Du weit, wie stark ich unter Umstnden fr andere sein kann.
     Meinen eigenen Wnschen gegenber bin ich ein Schwchling. Und mein
     Wunsch wr' es, Dir fr Deinen lieben langen Brief recht
     ausfhrlich zu danken, mit Dir zu plaudern, Dich zu warnen, Dir zu
     raten. Das mu ich mir fr den Tag versparen, der mich zu Dir
     fhrt. Ich hoffe, das wird bald geschehen. Fr heute geht's nicht,
     man tut mir Gewalt an. Vor kaum einer Minute hab ich mich zum
     Schreiben gesetzt, und da trommeln sie schon wieder an meine Tr
     und schreien: >Onkel Goni, was machst du? Onkel Goni, wo bleibst
     du? Onkel Goni, so komm doch!< Seit drei Tagen hab ich >Familie<.
     Meine Schwester, deren Mann zu den Jagden nach Steiermark absauste,
     hat ihre vier Jungen aus den weien Pfoten der Jesuiten in Empfang
     genommen. Da ist mir nun die liebe Seele mit ihrem tollen
     Viergespann unvermutet ins Haus gefahren, und die Jungen stellen
     mir meine friedliche Htte auf den Kopf. Aber ich lasse mich
     geduldig martern. Jugend zu sehen, das ist fr mich immer wie eine
     neue, groe Entdeckung. Das nimmt meiner Borstigkeit jeden scharfen
     Stachel. Aber es macht mich auch schwermtig. Nicht, weil ich die
     eigene Jugend zurcksehne. Kein Kluger will ein zweites Mal leben.
     Nur, weil ich fhle, wie wenig mir von der Jugend geblieben ist.

     Graue Haare, die >einstens< braun gewesen -- sonst nichts. Warum ich
     nicht glcklich wurde? Das wei ich. Aber warum ich nicht
     geheiratet habe? Das ist mir dunkel. Tu es, Heinz! Tu es! Und werde
     Vater! Mir scheint, als wre in dieser Schmutztruhe, die man Leben
     nennt, die Freude am Kind der einzig wirkliche Wert, auch wenn
     seine Sigkeit sich >menget mit Bitternis<! Oder glaub ich das
     nur, weil das am Leben das einzige ist, was mir fremd geblieben?
     Alles andere kenn' ich. Und wei, da es die Spesen der Erfahrung
     nicht aufwiegt. Aber nein! Dieser einzige Lebensglaube -- der Glaube
     an einen Gott, zu dem ich niemals beten durfte -- soll mir bleiben
     fr den Rest meiner Tage. Ich habe Deiner Mutter Freude an Dir
     gesehen. Und ich begriff, da sie um dieser einzigen Freude willen
     alles andere verschmerzen konnte. Im kleinen seh ich es auch an
     meiner Schwester. Wenn die vier Fohlen sie gepeinigt haben, da sie
     vor Wut und Verzweiflung heult -- fnf Minuten spter spielt sie
     >Mutter der Gracchen< und sagt mit Aplomb und strahlenden Augen:
     >Meine Shne!< Da nasch' ich nun ein bichen an ihrer Freude mit,
     bin >Onkel Goni< und lasse mich schinden, da ein ehrgeiziger
     Mrtyrer von mir lernen knnte. Ich tu es, weil ich Zeit habe. Denn
     meiner Freundschaft fr Dich sind die Hnde gebunden. Ich bin in
     der Schlichtung Deiner affaire zu einem far niente verurteilt, das
     mir durchaus nicht >s< erscheint.

     Wohl hab ich das mglichste versucht, um eine Auseinandersetzung
     herbeizufhren. Aber sie macht sich unsichtbar. Ihre Villa in
     Hietzing hat scheinbar im Sommerschlaf die Augen geschlossen, und
     der Portier schwrt falsche Eide, da die gndige Baronin
     >unbekannten Aufenthaltes< wre. Ihr Anwalt erklrte, da er
     >keinerlei Auftrag< htte, und >vermutete<, da sie in Ostende wre.
     Aber sie ist hier, in ihrer Villa. Gestern frh brachte mir mein
     Agent die Mitteilung, da am 28. abends neun Uhr ein Kupee vor der
     Villa angefahren wre und eine Stunde gewartet htte. Und weit Du,
     wem das Kupee gehrte -- am 28. Juli ein geschlossenes Kupee? -- dem
     >sen kleinen Mucki<! Dem Sensburg! Er brachte ihr wohl die
     Neuigkeit, da er Dich in Innsbruck traf. Hoffentlich hast Du ihm
     nicht klipp und klar gesagt, wohin Du fhrst? Na also, gestern
     mittag fuhr ich zu ihm, mit den vier Jungen im Wagen. Ausrede: ob
     er nicht einen jungen Englnder wte, der meine Neveus im Tennis
     perfektionieren knnte. Den wute er natrlich. Und dann fragte ich
     so nebenbei: ob er nicht bei der Pranckha gewesen wre. Er wurde
     rot und leugnete. Das wunderte mich. Nicht, da er log. Aber da
     diese abgelaufene Gesellschaftswanze noch errten kann. Und das ist
     alles, was ich Dir zu berichten habe. Aber ich warne Dich, lieber
     Heinz! Was sie mit diesem monatelangen Blindekuhspiel bezweckt,
     versteh' ich nicht. Irgend etwas plant sie. Da sie Dich >friedlich
     ziehen< lt, das bilde Dir ja nicht ein!

     Frst Ettingen zu Bernegg ist ein liebes Hhnchen, das allzu schne
     Federn besitzt. Sie wartet nur den gnstigen Augenblick ab, um Dich
     wieder einzufangen. Da sie dabei mit Deinem Herzen rechnen kann,
     das brauch' ich wohl nicht mehr zu befrchten. Aber sie wird ihren
     Kalkul auf Dein Blut setzen. Ich warne Dich, Heinz! Wenn Dir die
     schne Katze mit sem Schnurren an den Hals springt -- schttle sie
     ab! Gleich! Nur in der ersten Sekunde wirst Du die Kraft dazu
     haben. Nicht mehr in der zweiten Minute. Da hat sie Dich.

     Hrst Du: sie trommeln schon wieder! >Onkel Goni, du bist
     unausstehlich!< Diesen Vorwurf mu ich entkrften. Also Schlu!

     Dein >Schweigen< sollst Du in wenigen Tagen bekommen. Ich habe eine
     herrliche Radierung aufgetrieben und einen tchtigen Knstler
     beauftragt, dem Blatt einen Hauch Farbe nach dem Original zu geben.
     Morgen oder bermorgen wird das Bild an Dich abgehen. Am liebsten
     wr's mir, ich knnt es Dir selber bringen. Aber sobald ich die
     vier Jungen wieder los bin und sehe, da ich Deinem >Frieden< hier
     in Wien nicht weiter ntzen kann, dann komm ich. Und dann wollen
     wir selbander schne Klapphornverse erleben:

            Zwei Knaben gingen durch den Wald,
            Der eine jung, der andre alt --

     Die heitere Pointe wird sich finden. Bis dahin mit Gru, mit
     herzlicher Treu, aber auch in Sorge

                            Dein alter

                                              Goni Sternfeldt.


Als Ettingen gelesen hatte, trat er, den Brief noch in der Hand, zum
offenen Fenster und blickte lchelnd ber den Bergwald hinaus.

Sorge? Nein!

Eine Stelle des Briefes las er ein zweites Mal: Dein >Schweigen< sollst
Du in wenigen Tagen bekommen --

Nun bemerkte er erst, da die letzte Seite des Briefes noch eine
Nachschrift hatte:

     Soeben kommt Deine Depesche. Emmerich Petri? Wo hast Du nur diesen
     Namen so pltzlich aufgefischt? Auf der Gemspirsche? Ist das einer,
     von dem die Steine reden, da die Menschen von ihm schweigen? Ich
     habe in einem Lexikon der >Kunstentwicklung des 19. Jahrhunderts<
     nachgeschlagen. Der Name fehlt. Doch glaub ich mich dunkel zu
     erinnern, da ich diesen Namen whrend des letzten Winters mehrmals
     in Knstlerkreisen nennen hrte. Aber dieser Winter! Da hatte ich
     doch meine liebe Sorge mit Dir und Deinem Wahnsinn! Wie war' ich da
     kapabel fr Kunstgesprche gewesen! Emmerich Petri? Der Name klingt
     mir im Ohr, doch meine Erinnerung ist leer. Aber ich fahre noch
     heut ins Knstlerhaus, um einen Augur in moderner Kunstgeschichte
     zu erfragen, und dann will ich sehen, was sich erfahren lt. --


Mit der gleichen Post, die diesen Brief gebracht hatte, war auch ein
anderer gekommen -- an Martin. Und sein Inhalt versetzte den sonst so
gemessenen Herrn in solche Erregung, da er in der gleichen Stunde noch
den Frster aus seinem Mittagsschlfchen aufrttelte.

Herr Frster! Ich komme mit einer Bitte. Sie mssen mir helfen!

No also! Schieen S' los! Was is denn?

Es handle sich um eine freudige berraschung fr Seine Durchlaucht,
erklrte Martin. Eine hohe Dame, natrlich eine nahe Anverwandte des
Herrn Frsten, kme nchster Tage zu Besuch ins Jagdhaus -- wann, das wre
noch nicht genau bestimmt --, aber um Seiner Durchlaucht die ungeahnte
Freude nicht zu verderben, msse die Sache so geheim wie mglich
gehalten werden. Vor allem msse fr den hohen Besuch das Grafenstberl
entsprechend eingerichtet werden, und da htte er nun soeben von
Innsbruck die Mitteilung erhalten, da der Wagen mit dem Mobiliar und
der Dekorateur mit seinen Gehilfen schon am nchsten Abend eintreffen
wrden. Und da msse nun um jeden Preis ein Mittel gefunden werden, um
die Durchlaucht fr zwei Tage vom Jagdhaus zu entfernen -- zwei Tage wren
zur Adaptierung des Zimmers unumgnglich notwendig.

Der Frster, der sich ehrlich freute, bei einer angenehmen berraschung
fr seinen Herrn mithelfen zu drfen, brauchte nicht lang zu berlegen.
Die Sache wre leicht zu machen: man msse dem Herrn Frsten zureden,
einen lngeren Jagdausflug zu unternehmen, vielleicht zum Sebensee.
Denn wissen S', der Sebensee, der gfallt ihm. Ds hab ich schon gmerkt.
Morgen um Mittag kann er mit'm Pepperl abmarschieren, in der
Sebenwaldhtten bleibt er ber Nacht -- ds Htterl is gut im Stand --, am
ersten Tag macht er an Pirschgang ber'n Sebensee nauf, und fr den
zweiten Tag verarranschier ich a netts Treibjagderl. Ds macht ihm
Freud. Da geht er.

Mit Eifer nahm der Frster auch gleich die Verarranschierung in
Angriff und schickte durch den Postboten die Nachricht an die Leutascher
Jger, binnen zwei Tagen mit sechs Treibern im Jagdhaus einzutreffen.
Als er dabei hrte, da Mazegger, den er die Tage her nicht gesehen
hatte, am Abend zuvor in Leutasch gewesen wre, gab's ein Gewitter mit
Blitz und Hagelschlag. Und damit ihm Mazegger, wenn er spt am Abend in
die Htte zurckkehren wrde, nicht wieder auskme, legte er ihm einen
Zettel auf den Tisch: Morgen bleibst Du daheim. Ich mu was reden mit
Dir! Frster Kluibenschdl.

Beim Diner trug er dem Frsten sein Planerl vor und schilderte ihm die
Weidmannsfreuden einer Gemspirsche beim Sebensee und einer Treibjagd auf
Hirsche im Geital mit so verlockenden Farben, da Ettingen sofort
einverstanden war. Martin, der dieses Gesprch beim Servieren hren
konnte, atmete erleichtert auf.

Pepperl aber, als er von diesem Planerl hrte, schien nicht erbaut zu
sein. Er machte ein langes, hchst bedenkliches Gesicht.

Was hast denn? fragte der Frster. Zwei Tag mit'm Herrn Frsten
jagen? Ds mu dir doch Freud machen?

No ja, schon! Aber -- In beklommener Sorge scheuerte Pepperl ber dem
Scheitel die Kreuzerschneckerln durcheinander.

Was, aber?

Die ganze Zeit her wart ich schon allweil auf den Brenntlinger. Morgen
oder bermorgen, htt ich gmeint, mt er kommen.

Was willst denn von dem Schnapsbruder?

Was z'reden htt ich halt mit ihm -- wegen meiner Mutter, ja, und -- a
bil arbeiten sollt er halt!

Der? Und arbeiten? La dich net auslachen! Auf den kannst lang warten!
Neulich, in Leutasch, is er an der Stra im Graben gsessen, und da hat
ihm der Herr Frst an Zehner gschenkt.

So is schn! stotterte Pepperl erschrocken. Und im stillen kalkulierte
er gleich: einen Gulden bringt der Brenntlinger durch im Tag, da braucht
er sich nicht zu plagen; fnf Tage sitzt er bereits; also hat er noch
einen Fnfer, und bevor er mit dem nicht fertig ist, kommt er nicht. Da
kann ich freilich noch lang warten! Derweil bin ich wieder daheim! --

Am anderen Vormittag gab's in der Jgerhtte zwischen Mazegger und
Kluibenschdl einen erregten Auftritt. Das heit, erregt war nur der
Frster, Mazegger lchelte und schwieg. Und je lnger der Jger mit
diesem stummen Lcheln dastand, in desto heieren Zorn geriet der
Frster. Jetzt sag ich dir im guten 's letzte Wrtl! Wenn du von morgen
an den Dienst net in der Ordnung machst, so wachsen wir zamm. Weil in
drei Wochen den Kufer packen mut, deswegen drfst net glauben, da d'
mit deiner Zeit jetzt machen kannst, was dir einfallt! brigens -- was
hast denn vorgestern in Leutasch drauen zum Suchen ghabt?

Nichts. Das war das erste Wort, das Mazegger sprach.

So? Nix? Warum bist denn nacher naus?

Der Jger hob schweigend die Schultern und grub die Hnde in die
Taschen.

Gelt, du, kegel dir nur dein Zngl net aus! Aber ich kann mir schon
denken, was dich naustrieben hat. Ich wei ja, wer drauen is. Du bist
ja rein wie der hungrige Fuchs im Winter, wo er die Hasenfhrt gleich
gar nimmer auslat. Ja, schau mich nur an mit deine wllischen
Guckerln!

Mazeggers Gesicht wurde fahl wie Kalk; doch er schwieg.

Morgen gehst nunter nach Ehrwald und bleibst beim Jager ber Nacht. Und
bermorgen in der Fruh um drei, da seids alle zwei beim Sebener Almzaun.
Da haben wir 's Randewuh zum Treibjagen. Und ds sag ich dir, Toni: wenn
ich erfahren sollt, da d' an andern Schritt machst, als den ich dir
vorschreib, da brauchst deine drei Wochen nimmer warten. Da kannst
marschieren auf der Stell und kannst --

Erschrocken verstummte der Frster.

Unter der Tr der Jagdhtte stand der Frst. Bei einem Spaziergang ber
das Almfeld hatte er die laute Stimme gehrt, und nun sagte er lchelnd:
Nicht rgern, lieber Frster!

Ich bitt um Entschuldigung, Duhrlaucht, stotterte Kluibenschdl,
whrend Mazegger den Frsten mit funkelnden Augen ma, aber wenn ich
mein Gallenbinkerl gleich zubinden mcht' mit sieben ausglhte Drht, es
hilft ja nix. D' Leut reien's wieder auf.

Sie haben Verdru gehabt?

Ja! Wieder amal! Und weil Duhrlaucht grad dazukommen -- sagen htt ich's
doch amal mssen --, der Mazegger-Toni hat die vorig Wochen den Dienst
aufgsagt.

Weshalb? Ettingen wandte sich an den Jger und sagte freundlich:
Fhlen Sie, da Ihnen der harte Gebirgsdienst zu beschwerlich ist? Sie
sind nicht in den Bergen geboren, und da kann ich begreifen, da Ihnen
der Dienst nicht so leicht fllt wie den anderen Jgern. Aber deshalb
brauchen Sie die Stelle nicht aufzugeben. Der Herr Frster wird Ihnen
jede Rcksicht gewhren und nicht mehr von Ihnen verlangen, als Sie ohne
beranstrengung leisten knnen. Oder haben Sie eine andere Klage? Was
macht Sie unzufrieden? Sie knnen sich offen aussprechen. Wenn Ihre
Wnsche nicht unbillig sind, wird sich ber alles reden lassen. Deshalb
brauchen Sie nicht gleich zu gehen! Nun? -- Aber so sprechen Sie
doch! -- Kommen Sie vielleicht mit Ihrem Gehalt nicht aus?

Ein paarmal hatte Mazegger die Lippen geffnet, ohne da ihm ein Laut
von der Zunge kam. Es schien, als knnte er den freundlichen Blick des
Frsten nicht ertragen. Die brennenden Augen senkend, prete er mhsam
die Worte heraus: Ich habe keine Klage, Herr Frst! Gehalt bekomm ich
mehr, als ich verdien. Aber der Frster hat nicht die Wahrheit gesagt.
Den Dienst hab nicht ich gekndigt. Der Herr Frster hat mir aufgesagt.

Ettingen sah verwundert auf den Frster.

Dem scho das Blut ins Gesicht. Ja, Duhrlaucht, stimmt! Aber wenn ich
d' Wahrheit a bil bers Knie bogen hab -- es is blo gschehen, da ich's
dem Burschen leichter mach und da ich ihm net schad.

Was hat er verschuldet?

Er hat sich -- er hat -- Nein! Da Mazegger ungebhrlich ber den
Frsten gesprochen hatte, das konnte Kluibenschdl seinem Herrn nicht
ins Gesicht sagen. Er hat sich unanstndig geuert. ber mich. Ja,
ber mich.

Aber der Frster verstand sich so schlecht aufs Lgen, da Ettingen die
Wahrheit leicht erriet. Er betrachtete den Jger, und da begegnete ihm
ein so glhender Blick des Hasses, da Ettingen befremdet zurcktrat.
Was hatte er diesem Menschen getan, um solchen Ha in ihm zu erwecken?
War das der trichte Zorn des widerwillig Dienenden gegen seinen Herrn?
Die Eifersucht des Unbemittelten gegen den Besitzenden? Oder war es
etwas anderes?

Ettingen hatte sich aufgerichtet. Auch ihm war das Blut in die Stirne
gestiegen. Doch ruhig sagte er: Wenn der Jger sich unziemlich gegen
Sie benommen hat, so bitt ich Sie, Herr Frster, ihm das nachzusehen.
Ich htt es auch getan, wenn er sich ungebhrlich ber mich geuert
htte. Und wrde mir gedacht haben, er wei nicht, was er redet. Will er
bleiben, so erweisen Sie ^mir^ den Gefallen, Herr Frster, und seien Sie
gut zu ihm. Machen Sie ihm den Dienst so leicht wie mglich! Es sollte
mich freuen, wenn er sein Unrecht einshe und seine Stellung bei mir
noch liebgewnne. Ettingen nickte einen stummen Gru und verlie die
Htte.

Der Frster vermochte vor Erregung kaum zu sprechen. Da schau her, du!
sagte er, dicht vor Mazegger hintretend. So is der Herr Frst! Und wie
bist du? Jetzt tu, was d' magst! Geh oder bleib! Ich will's halten,
wie's der Herr Frst von mir verlangt hat. Der gachzornige Katzensprung
von neulich soll dir vergessen sein! Aber wenn ich dir noch a letztes
Mal im guten raten drf -- sei gscheit, Toni, und schlag dir um Gottes
willen die unsinnige Narretei aus'm Kopf! Nimm Vernunft an, Bub, und
verscherz dir wegen nix und wieder nix net an Posten, wo dir an
ehrenhafte Stellung frs ganze Leben machen kannst! Mehr hab ich nimmer
z'sagen. Bht dich Gott! Er ging.

Als er drauen am Fenster vorber schritt, sah er, da der Jger noch
immer mitten in der Stube stand, wie er ihn verlassen hatte.

Mazegger lchelte. Er durfte bleiben, wo es ihn festhielt mit allen
Klammern seiner Leidenschaft. Alles andere war ihm gleichgltig.

Als er den Schritt des Frsters verklingen hrte, hob er das Gesicht.
Nach Ehrwald? Wieder lchelte er. Nach Ehrwald gab es zwei Wege, von
denen der eine nicht weit am Sebensee vorberfhrte. Und am verwichenen
Abend, als Mazegger neben der Geitaler Almstrae im Walde gelegen, war
Lolo Petri an ihm vorbergewandert, das Grautier fhrend, auf dem ihr
Bruder ritt. --

Nachmittags, gegen vier Uhr, wanderte Ettingen mit Pepperl, der im
schwer angepackten Rucksack den Proviant fr zwei Tage trug, zur
Jagdhtte im Sebenwald.

Ettingen war schweigsam. Der Auftritt mit dem Jger ging ihm nach, und
immer wieder mute er sich fragen: Was hab ich diesem Menschen getan,
warum hat er mich?

Und Pepperl trug auf seinem Herzen einen Binkel Sorgen, nicht minder
schwer als der Pack auf seinem Rcken. Ein Zufall hatte ihm wohl seine
Verantwortigung ein bichen erleichtert; von Innsbruck war am
Nachmittag eine Touristengesellschaft, die zur Zugspitze wollte, auf der
Tillfuer Alm eingetroffen und hatte sich fr die Nacht in der Sennhtte
einquartiert. Bis zum nchsten Morgen also war das dumme Gansl auer
Gefahr! Aber dann? Zwei unbehtete Tage! Bei dem Gedanken, was in einer
solchen Ewigkeit alles geschehen konnte, lief es dem Praxmaler-Pepperl
kalt durchs Herz, obwohl ihm von der Stirn die heien Perlen ber den
Schnurrbart kollerten. Seufzend nahm er das Htl ab, trocknete sich mit
dem Taschentuch das Gesicht und erklrte innerlich dem alten
Brenntlinger: Mein lieber Mensch! Wenn jetzt was gschieht -- ^ich^
kann ^nix^ dafr! ^Ich^ bin auer Verantwortigung! --

Whrend des stillen Marsches dieser beiden ging es im Jagdhaus laut
und lebendig zu. Schon um fnf Uhr war ein mit vier Pferden bespannter
Planwagen eingetroffen, der hoch mit groen Ballen und Kisten beladen
war. Und whrend der Dekorateur und seine Gehilfen im Grafenstberl
schon zu hmmern und zu kleistern begannen, berwachte der Frster im
Hof das Auspacken der Kisten und Ballen, aus denen so zierliche und
kostbare Gerte, so zarte Seidenstoffe und so merkwrdige Sacherln
zum Vorschein kamen, da Kluibenschdl und die Kchenmagd sich vor
Staunen und Wundern kaum zu ^fassen^ wuten. Bis zum Einbruch der
Dunkelheit ging es im Jagdhaus zu wie in einem Bienenkorb. An diesem
Hasten, Schleppen und Rennen beteiligte sich nur eine einzige nicht:
die Jungfer Kchin.

Sie erschien nur manchmal unter der Kchentr, sah mit zornrotem Gesicht
dem Lrm und Treiben eine Weile zu und nickte verdrossen vor sich hin.
Als ihr Martin zumutete, ein wenig mitzuhelfen, murrte sie mit bsem
Blick: Ich dank schn! Mit ^der^ Arbeit hab ich nichts zu schaffen!
Sprach's und warf hinter sich die Kchentr zu.

Was hat denn die Jungfer? fragte der Frster. Vergunnt s' leicht
unserem guten Herrn Frsten die freudig berraschung net?

Martin zuckte die Schultern und schmunzelte.




^Elftes Kapitel^


Ein Morgen, sonnig und mit wolkenlosem Himmel. Aber der Wind zog unruhig
durch das Bergtal empor. Die hchsten Spitzen der Wnde waren von
milchigem Dunst umwoben, und der Sebensee leuchtete nicht wie sonst.
Sein mattgekruselter Spiegel hatte ein dunkles, schwermtiges Grn.
Trotz aller Sonne redete etwas aus dem Bilde der Natur wie leise Angst.

Von der Unruhe des Windes merkte man nicht viel beim kleinen Seehaus,
dessen Blumengarten im Schutze des nahen Waldes lag. Nur selten tnten
in den Wipfeln des Harfenbaumes die Glocken.

Lolo kniete am Saum eines Beetes, um die verwelkten Almrauschdolden von
den Stcken abzulsen. Ihr Bruder, den die Joppe und das Lederhschen
besser kleidete als das schwarze Studentenrckl, sa im Schatten des
Harfenbaumes am Tisch. Trotz der vierzehn ganz freien Tage hatte er
seine Schulbcher mit zum Sebensee genommen, und da sa er jetzt ber
einer schriftlichen Aufgabe aus der rmischen Geschichte. An der Feder
war ihm die Tinte trocken geworden. Mit der Hand den Kopf sttzend,
blickte er sinnend zum dunstigen Blau des Himmels auf.

Bubi? fragte die Schwester. Wo bist du mit deinen Gedanken?

Aufatmend schob er die Feder hinters Ohr und nahm die Wangen zwischen
die beiden Fuste. Weit du, die Geschichte dieser Gracchen gibt mir
furchtbar zu denken! Die haben es doch wirklich gut mit dem armen
rmischen Volk gemeint. Und doch haben sie Unrecht bekommen und sind
zugrunde gegangen. Eine solche Ungerechtigkeit sollte der liebe Gott
nicht zulassen. Freilich, die alten Rmer haben noch an ihre heidnischen
Gtter geglaubt, die doch in Wirklichkeit gar nicht existierten. Wir
Christen glauben doch jetzt an den rechten, wahren Gott. Aber es ist
doch eigentlich heutzutage auch nicht viel anders als im Altertum.

Die Schwester lchelte. Hast du das in der Schule gelernt?

Gott bewahre! Von so was reden sie doch in der Klasse nicht. Aber man
hrt und sieht doch soviel Unglck und soviel Trauriges. Weit du, da
mu ich immer drber nachdenken, und da fallen mir oft Dinge ein, die
ich mir gar nicht erklren kann.

Sag mir so ein Ding!

Alles Gute und Schne in der Welt? Das kommt doch von Gott, nicht
wahr?

Ja, Bubi.

Und dann, ich wei schon, es gibt ja auch Unglcksflle -- zum Beispiel,
wenn ein Haus einstrzt, wie neulich in Innsbruck, und sieben arme
Menschen erschlgt --, da kann natrlich der liebe Gott nichts dafr.
Die Menschen htten das Haus eben besser bauen sollen.

Da hast du recht!

Aber es gibt doch auch ^viel^ Unglck, an dem die Menschen ^nicht^
schuld sind. Ein Bergsturz oder eine groe berschwemmung. Oder der
Blitz, der in ein Haus schlgt. Denk nur, er schlgt sogar am liebsten
in die Kirchen! Wie darf denn der liebe Gott so was zulassen? Oder
eine Lawine, die einen ganzen Wald verschttet? Das kann ich mir nicht
vorstellen, da Gott eigens den Wald hat wachsen lassen, nur damit er
zugrunde geht. Und dann die Raubtiere zum Beispiel! Wo kommen denn
die her? Und das Ungeziefer? Und die giftigen Pflanzen? Und alle die
anderen bsen Dinge? Sag mir, Lo, wer hat denn ^das^ alles gemacht?

Gott! Wer sonst?

Aber Lo! Wie kann Gott dann lieb und gut sein?

Doch! Er ist es.

Das versteh ich nicht. Ich bitte dich, Lo, das mut du mir erklren!

Sieh dir einmal die Sonne an! Ist Gott, der sie erschaffen hat, nicht
gro und gut? Und die Berge dort? Wie schn sie sind! Und hier, sieh
nur, die Blumen!

Freilich, ja, das alles ist gut und schn, das kann nur Gott erschaffen
haben. Aber das Bse, Lo?

Das Bse? Ich kenne nichts Bses.

Aber! Lo! Mit groen, erschrockenen Augen sah Gustl die Schwester an.

Sag mir, Bubi, was nennst du denn eigentlich bse?

Zu seiner Verwunderung wute der kleine Bursch nicht gleich eine Antwort
zu finden. Ich -- weit du, ich meine, was den Menschen nicht
gefllt -- und was ihnen schadet, das alles ist doch bse.

Meinst du? Lo erhob sich und schttelte die welken Blten von ihrem
Scho in ein Krbchen, das auf dem Kiesweg stand. Also, die Henne ist
gut, weil sie Eier legt, sagt der Bauer. Und der Fuchs, sagt er, ist
bse, weil er die Henne frit. Und gut ist das Pulver, und gut ist die
Bleikugel, mit der man den bsen Fuchs erschieen kann. Aber ist denn
der Fuchs nicht auch ein Geschpf, das leben will? Wird der Fuchs nicht
sagen: >Ich bin gut, und bs und grausam ist der Jger, der mich
erschiet?< Wer hat nun recht von den beiden?

Gustl begann diesen Widerspruch von der heiteren Seite zu nehmen und
lachte.

Nein, Bubi, da sollst du nicht lachen. Ich mein' es ernst. Wer von den
beiden hat recht?

Freilich, wenn ich ein Fuchs wre, wrd ich auch sagen: >Bs sind die
Menschen, die mich erschieen.< Aber ich ^bin^ doch kein Fuchs. Ich
bin ein Mensch.

Und deshalb willst du recht haben? Aber jetzt denk einmal: neulich bin
ich unserem Nachbar begegnet. Der war vor Zorn ganz rot im Gesicht.
Und weit du, warum?

Weil der Fuchs ihm eine Henne gestohlen hat?

Nein! Weil der bse Jger den guten, ntzlichen Fuchs erscho, der auf
dem Feld des Nachbars alle Maulwrfe und Engerlinge verspeiste.

Gustl schwieg, und whrend er die Brauen furchte, blickte er sinnend
zur Schwester auf, die zur Bank kam und sich au seine Seite setzte.
Dann sagte er langsam: Du, Lo! Ich glaube, jetzt versteh ich, wie du
es meinst. Da hat doch eigentlich jeder recht. Und keiner. Und der
Fuchs ist nicht gut und nicht bs. Er ist halt ein Fuchs. Und wie er
ist, so mu man ihn nehmen -- weil er einmal da ist.

Ja, Bubi! Siehst du, wenn du ruhig nachdenkst, dann kommst du schon
selbst auf das Richtige. Wie mit dem Fuchs, so ist es mit allen anderen
Dingen. Alles in der Welt ist so, wie es sein mu, wie es immer war und
immer bleiben wird. Gut und bs? Das hat mit den Dingen der Welt nichts
zu schaffen. Das sind nur Worte, die der Mensch in seinem Eigennutz
erfunden hat. Und den Bau der groen unendlichen Welt, das ganze
herrliche Wunderwerk der Schpfung nur nach den kleinen Dingen zu
beurteilen, die uns Nutzen oder Schaden bringen? Ist das nicht tricht?
Und unschn?

Ja, Lo, da hast du wirklich recht!

Und sieh nur, Kind, es gibt doch so viel schne Dinge auf der Welt,
die uns lehren, die Schpfung zu lieben und zu bewundern. An die mssen
wir uns halten, wenn wir Freude am Leben haben wollen -- nicht an die
anderen, die uns bse, grausam und ungerecht erscheinen, nur weil wir
sie nicht verstehen, nur weil wir sie gerne anders htten, so, wie es
uns pat. Denke nur, Kind: die Welt ist so gro, und wir Menschen sind
so klein. Da kann sich doch nicht alles um uns allein drehen. Was uns
schadet, was uns weh tut? Wer kann wissen, ob das nicht notwendig ist
zum Wohl und Nutzen der ganzen Schpfung? Wir mssen von dem, was wir
als schn und gut erkennen, einen Schlu auf alles andere ziehen und
sagen: In jedem Ding der Welt, ob es tot ist oder atmet, lebt der groe
weise Wille des Schpfers. Uns kleinen Menschen fehlt nur der Verstand,
um diesen Willen zu begreifen. Wie alles ist in der Welt, so mu es
sein. Und wie es auch immer sein mag, immer ist es gut im Sinne des
Schpfers.

Aber dann mte man doch immer mit allem zufrieden sein? Und eigentlich
htte dann auch kein Mensch ein Recht, da er sich beklagt?

Dieses Recht, Kind, hat jeder Schwache, der nicht die Kraft besitzt,
seinen Schaden zu verschmerzen und das Unabnderliche zu tragen.

Wenn man aber die Kraft nicht hat? Kann man das lernen, Lo?

Ja! Man kann es. Und wer das lernte: stark sein im Schmerz; nicht
wnschen, was unerreichbar oder wertlos ist; zufrieden sein mit dem Tag,
wie er kommt; in allem das Gute suchen und Freude an der Natur und an
den Menschen haben, so, wie sie nun einmal sind; fr hundert bittere
Stunden sich mit einer einzigen trsten, die schn ist; und aus Herz und
Knnen immer sein Bestes geben, auch wenn es keinen Dank erfhrt -- wer
das lernte, der ist ein Glcklicher! Frei und stolz! Sein Leben ist
immer schn und reich. Und nichts kann ihm geschehen. Er kann nur
sterben und lcheln dabei. In tiefer Bewegung legte sie den Arm um den
Hals des Bruders. Und weit du, wer solch ein Glcklicher war?

Heie Rte flammte ber das Gesicht des Knaben. Ja, Lo, ich wei
es! -- Unser Vater!

Die Schwester nickte nur. Dann saen sie schweigend und blickten zu den
leis tnenden Wipfeln des Harfenbaumes auf. Doch jh verwandelte sich
dieses sanfte Klingen. Ein starker Windsto kam ber den Wald gebraust
und schttelte die Zirbe, da die Glocken wirr durcheinander klirrten.
Mit ernsten Augen sah Lo zum Himmel und zu den Bergen auf. Sieh nur,
der Wind hat gewechselt! sagte sie zgernd. Ich frchte, wir bekommen
heute noch bses Wetter.

Aber Lo! Gustl versuchte zu lachen. Du? Und frchten?

Du bist bei mir! sagte sie und strich dem Bruder das Haar aus der
Stirn.

Da klang ein gellender Jauchzer aus dem Wald.

Das ist der Loisli! rief Gustl und lie zur Antwort seine Stimme
schrillen.

Der Hterbub kam zum Gartenzaun gesprungen, so atemlos, da er den Gru
kaum herausbrachte. Whrend er nach Luft schnappte, tauschte er schon
mit Gustl einen wichtigen Blick und blinzelte zum See hinunter.

Aber Bub, sagte Lo, weswegen hast du denn wieder so rennen mssen?

Da ich -- gschwinder da bin -- und lnger bleiben kann!

So? Na also, dann bleib halt! Sie nahm den Proviant, den er gebracht
hatte, und stellte das Geschirr in den Schatten der Htte.

Diesen Augenblick bentzte der Bub, um Gustl zuzuflstern: Heut beien
s', d' Fisch! A Wetter kommt!

Gustl rannte in heiem Eifer hinter die Htte und brachte die Angelrute.

Ach so? Ihr wollt fischen?

Ja, Lo! Gelt, ich darf? Weit du, der Loisli kann's so gut.

Wieder fuhr ein Windsto ber den Wald, und wieder blickte das Mdchen
in Unruhe zum Himmel auf. Kind! Ich glaube fast, es wre klger, wenn
wir heimgingen.

Schon heute? Lo? Dem Knaben schossen die Trnen in die Augen.

Ein schweres Wetter wird kommen.

Aber Lo! Es ist doch der ganze Himmel blau.

Jetzt, ja! In ein paar Stunden wird's anders aussehen.

Ja, Fruln, fiel Loisl hchst undiplomatisch ein, whrend er an der
sonnigen Httenwand eine Fliege nach der anderen fing, um Kder fr die
Angel zu sammeln, heut wird's grob auf d' Nacht.

Hrst du! Und denk nur, wie Muttl sich wieder sorgen wird.

Aber schau, Lo, sie wei doch, ich bin bei dir. Da bin ich gut
aufgehoben. Auf dich kann Muttl sich doch verlassen. Ich bitte dich,
Lo!

Es wurde ihr schwer, dieser Stimme und diesen nassen Augen zu
widerstehen.

Und schau, Lo, ein Gewitter ist doch wirklich nichts Bses. Das ist
halt auch, wie es sein mu. Und wir haben doch fnf Stunden bis hinaus.
Da knnten wir doch erst recht ins Wetter kommen.

Sie lchelte. Du kleiner Schlaukopf du! Na, meinetwegen, geh fischen!
Ich will ein paar Zeilen heimschreiben. Der Sebener Senn trgt heute ab,
und dem geb ich sie mit. Dann hat Muttl den Brief vor Abend, und wenn es
zu gieen anfngt, wei sie, wir sind unter Dach.

Ein strmischer Ku. Und mit lachender Freude tollten die beiden Jungen
zum See hinunter.

Lolo setzte sich an den Tisch. Die Hnde im Scho und den Kopf an den
Baum gelehnt, blickte sie in Gedanken zu den wehenden Zweigen auf. Sie
schien das Schwanken und Neigen der vom Wind bewegten ste nicht zu
sehen, die tnenden Stimmen der Wipfel nicht zu hren. Pltzlich, wie
aus einem Traum erwachend, strich sie mit der Hand ber die Stirn und
begann mit raschen, krftigen Zgen zu schreiben.

Sie hatte den Brief noch nicht vollendet, als vom See herauf ein
jubelnder Schrei tnte. Lo! Lo! Wir haben eine riesige Forelle
gefangen. Und Gustl jauchzte, da es weit hinaufhallte ber die steilen
Berge.

Als Lolo den Brief an die Mutter geschlossen hatte, ging sie zum See
hinunter.

Gustl kam ihr entgegengesprungen, mit der Forelle in den erhobenen
Hnden. Schau nur, Lo! Und drei andere haben gebissen. Aber die ist
schn, gelt? Die ist schn?

Gar so riesig war die Forelle nun freilich nicht, aber ein Pfund
mochte sie immerhin wiegen.

Ja, die ist schn. Ich nehme sie dann gleich mit hinauf. Die koch ich
dir heut zu Mittag.

Aber Lo! Ich habe die Forelle doch fr dich gefangen.

Lchelnd sah sie dem Knaben in das vor Freude glhende Gesicht. Wie
gut du bist! Aber wir teilen, gelt? Sie wandte sich an den Hterbuben.
Loisli! Du wirst heim mssen. Jetzt warst du schon ber eine Stunde da,
und der Vater wird dich bei der Arbeit brauchen. Magst du mir noch einen
Gefallen erweisen?

Der Bub legte die Angelrute nieder.

So trag mir diesen Brief zum Sebener Senn hinunter. Er soll ihn mit
hinausnehmen nach Leutasch, fr meine Mutter.

Zwei Stunden spter wurde im Schatten des Harfenbaumes Tafel gehalten.
Nach der blauen Forelle gab's noch einen Pfannkuchen, von welchem Gustl
meinte, da er den Pfauenzungen des Lukullus unbedingt vorzuziehen wre.
Und in den Glsern funkelte vinum sacrum Sebenianum, heiliger
Sebenwein, wie Gustl das klare Quellwasser getauft hatte. Fast aber wre
die ganze schne Bescherung dieses Mahls auf der Erde gelegen, denn ein
Windsto blhte das Tischtuch wie ein Segel auf. Das war fr Gustl eine
lustige Wrze des Schmauses, und lachend trocknete er den vinum sacrum
von seiner Lederhose, auf die das umgeschleuderte Glas gefallen war.

Als er der Schwester beim Abdecken des Tisches half, rollte ein dumpfer
Hall ber die Berge hin.

War das Donner, Lo?

Nein.

Hoch droben in einem der Felsenkare, in stundenweiter Ferne, war ein
Schu gefallen.

Schweigend sphte Lo zu dem Felsgewirr hinauf, dessen Konturen in
weilichem Dunst verschwammen. Whrend zarte Rte ihre Wangen frbte,
sprach es wie Sorge aus ihrem Blick. Wenn Jger dort oben waren, dann
durften sie sich eilen mit der Heimkehr!

Wenn nicht Donner, was war es dann?

Lo berhrte die Frage des Bruders, und nach einer Weile sagte sie: Das
Wetter kommt. Hinter der Sonnenspitze ziehen schon die ersten Wolken
herauf. Eine Stunde, und der ganze Himmel wird grau sein.

Wohl schob sich die stahlblaue Wolkenmasse mit ihren zerrissenen Rndern
nur langsam ber die Berge. Aber von allen Wnden begann es
aufzudampfen, berall in den Lften wuchsen die Nebel aus dem Blau und
flossen mit dem heranziehenden Gewlk zu einer dichten, grauen Decke
zusammen, die alle Hhen verhllte. Dennoch schien es, als wollte die
Spannung der Atmosphre sich friedlich wieder lsen. Windstille trat
ein, das Ziehen und Drngen der Wolken wurde ruhiger, und gegen fnf Uhr
nachmittags begann ein leichter, gleichmiger Regen zu fallen.

Auf der Schwelle der Httentr saen die Geschwister im Schutze des
vorspringenden Daches. Gustl, der jeden Wechsel im Wolkenbilde des
Himmels gespannt verfolgte, plauderte mit erregter Unermdlichkeit. Die
Schwester hrte nur halb. In Sorge blickte sie immer wieder zu den
umschleierten Bergen auf und ber den See hinber zu den
Latschenfeldern, zwischen deren Bschen man die im Nebel verschwindenden
Serpentinen eines Steiges kaum noch gewahren konnte. Das beklommene
Wesen der Schwester fiel dem Knaben auf, und er fragte: Lo? Was hast du
denn?

Ich wei nicht. Aber dieses Wetter heute --

Der Regen lt ja schon nach. Wirst sehen, wir werden heute noch den
schnsten Abend bekommen.

Meinst du? Ein seltsames Lcheln.

Whrend der Knabe sein Geplauder wieder begann, wurde der Regen immer
dnner. Aber es war etwas Schwles und Unheimliches in dieser trben
Stille der Natur. Das Gewlk hing regungslos in der Luft und frbte sich
immer dunkler. Zu einer Stunde, in der es bei klarem Himmel noch heller
Tag htte sein mssen, begann es schon zu dmmern. Und da hrte man
fernen Donner. Der Sturm fiel ein und jagte mit brausenden Sten den
Nebel in dichten Schwaden ber das Seetal herunter, so da die kleine
Htte wie von wirbelnden Schleiern umhangen war. Immer nher tnte das
Rollen des Donners, dieses Grollen und Drhnen setzte nicht mehr aus;
das Echo eines Schlages rollte so lange, bis mit Geschmetter ein neuer
Schlag wieder einfiel.

Als der Sturm gekommen, hatte Lo in der Htte die Lampe entzndet und an
den zwei kleinen Fenstern die Lden geschlossen. Bei Einbruch der
Dunkelheit ffnete sie pltzlich den Laden des Fensters wieder, das
gegen die Berge blickte.

Lo? Warum tust du das?

Damit die Lampe hinausleuchtet.

Meinst du, es knnten noch Menschen drauen sein? Jetzt?

Ja, ich frchte.

Schweigend begann sie den Tisch zum Tee zu decken und schrte im Herd
ein kleines Feuer an.

Gustl, der unter die Tr getreten war, fuhr pltzlich erschrocken
zurck. Der erste Blitz war in das finstere Seetal heruntergefahren. Man
hatte keinen Strahl gesehen, aber der Nebel, den der Sturm an der Htte
vorberjagte, war wie in lohendes Feuer verwandelt, und dazu rasselte
ein Donnerschlag, als wre von den Bergen eine Felswand niedergebrochen.

Lo trat unter die Tr und fate wortlos die Hand des Bruders.

Wieder flammte ein Blitz, und schwer begann der Regen zu fallen.
Pltschernd ging von allen Kanten des Daches die Traufe nieder, und mit
dem Rauschen des Regens mischte sich das Brausen des wachsenden Sturmes.
Da erwachte auch in Gustl eine Sorge. Er hatte an die Mutter gedacht und
fragte: Lo? Meinst du, da es drauen bei uns in Leutasch auch so
schlimm ist?

Nein.

Der Sturmwind peitschte die Wasserfden der Traufe bis auf die Schwelle
der Httentr.

Komm, Lo, wir mssen die Tr schlieen. Dein Kleid wird na.

Sie schwieg und blieb auf der Schwelle stehen.

Aber, Lo, was hast du denn nur? Ach, du, wie deine Hand zittert! Lo?

Ohne zu antworten, drckte sie den Knaben an sich. Pltzlich fuhr sie
lauschend auf, sprang in den Regen hinans und stammelte: Sie kommen!

Nun konnte auch Gustl das Klirren eines Bergstockes und eine vom Sturm
verwehte Stimme hren.

Lo hatte einen klingenden Laut in die Nacht hinausgeschrien, und als
zwei Stimmen Antwort gaben, rief sie: Herr Frst? Sind Sie es?

Ja, Frulein! Man hrte ein Lachen, das im Lrm des Regens unterging.
Ihre Htte kommt uns gut in den Weg.

Lo sprang in den Schutz des Daches zurck, schttelte die Regentropfen
aus dem Haar und lchelte, als wre alle Sorge der letzten Stunde von
ihr abgefallen.

Man hrte die Schritte der beiden Mnner, die den Zaun umgingen, und die
Stimme des Jgers: Da bin ich, Duhrlaucht, da! Zehn Schritt grad aus!
Jetzt wieder links! Soooo, jetzt haben wir's gleich.

Gustl erkannte die Stimme. Lo! Das ist ja der Pepperl! Wer ist denn der
andere?

Frst Ettingen! sagte sie und nahm den Knaben um den Hals.

Der so lieb und gut vom Vater gesprochen hat?

Ja!

Gott sei Dank, da der jetzt unterstehen kann bei uns!

Ein Blitz durchleuchtete grell den Nebel, als die beiden Mnner in den
Garten traten. Die Helle blendete die Augen, und in der schwarzen
Finsternis, die ihr folgte, verlor Ettingen den Weg und strauchelte ber
die Rabatte eines Beetes. Aber da hatte schon eine Hand die seine gefat
und zog ihn unter das vorspringende Dach.

Ihre Hand, Frulein, fhrt gut. Ich danke Ihnen. Schlimm wr's ja nicht
geworden, ich wre nur in Blumen gefallen.

Aber in nasse, meinte sie heiter, und ich glaube, Sie knnten schon
zufrieden sein mit dem Wasser, das von Ihnen herunterluft?

Das ist nur der Mantel! Lachend befhlte Ettingen unter dem triefenden
Loden seine Kleider. Wirklich, unter dem Mantel bin ich leidlich
trocken. Aber lange htt es nicht mehr dauern drfen. Dann wr's
durchgegangen.

Ja, heut htt's uns schiech derwischen knnen! sagte Pepperl, whrend
er sich schttelte, da die Tropfen wie ein Sprhregen um ihn herflogen.
Er war weit bler weggekommen als Ettingen, denn er trug um die
Schulter nur ein dnnes Radmntelchen, mit dem er mehr die Bchse seines
Jagdherrn als sich selber vor dem gieenden Regen geschtzt hatte.
Teufi, Teufi, Teufi! Ds is aber schon 's reine Glck heut -- Ein
krachender Donnerschlag erstickte, was Pepperl noch weiter sagte. Er
stellte die Bchse an die Httenwand, half seinen Herrn aus dem
klatschenden Loden wickeln und hngte die beiden Mntel an das
Efeuspalier, damit von dem Zeug die rgste Nsse abtropfen konnte.

Ein rauschender Windsto fegte unter das Dach herein und machte in der
Htte die Lampe flackern.

So kommen Sie doch, ich bitte! mahnte Lo, whrend sie die Tr geffnet
hielt. Im Mantel mu Ihnen warm geworden sein. Kommen Sie! Und eine
Tasse Tee darf ich Ihnen doch anbieten?

Ja, Frulein! Und wenn Sie noch was dazu haben, nehm ich es auch. Ich
habe heut eine leise Ahnung von dem, was man einen Wolfshunger nennt.
Er reichte ihr die Hand, mit frohen, glnzenden Augen, und trat in die
Stube.

Gro war sie nicht, diese Stube im Sebenhuschen. Aber gemtlich! In der
einen Ecke stand das mit einer weien Decke verhangene Bett, in der
anderen ein alter Schlafdiwan, der schon zum Nachtlager fr Gustl
gerichtet war; darber ein kleiner Wandschrank; und in der dritten Ecke
der gemauerte Herd. Auer einer niederen Truhe und einem Rahmen fr das
Geschirr bestand die ganze brige Einrichtung aus zwei Holzsthlen und
einem Tisch, der in der Mitte des Stbchens, unter der brennenden
Hngelampe, schon zum Tee gedeckt war. Neben dem singenden Teekessel
schmckte eine Borkenvase mit Edelrosen den weien Tisch. berall an den
hbsch getfelten Wnden waren groe Waldschwmme und Rindentrichter mit
Blumen-und Grserstruen angebracht, und die Ecken waren geziert mit
Latschenzweigen, deren krftiger Harzduft den ganzen Raum erfllte.

Ettingens Augen blieben an dem Knaben haften, der sich bescheiden in die
Ecke neben dem Herd zurckgezogen hatte. Das ist Ihr Brderchen,
Frulein? Das Studenterl, das vorige Woche in Ihrem Haus erwartet
wurde?

Ja, Herr Frst.

Na, schn guten Abend, kleiner Mann! Und da du der Herr im Hause bist,
bedank ich mich fr die gastliche Aufnahme unter deinem Dach.

Der Junge trat stramm auf den Frsten zu, reichte ihm die Hand und
machte ein tiefes Kompliment.

Wie heit du denn?

Gustl.

Augustus? Oh! Das ist ein Name, der verpflichtet. Wer _Augustus divinus_
war, das weit du doch sicher schon?

Natrlich! Wir sind zwar heuer in der rmischen Geschichte erst bis zur
Verschwrung des Catilina gekommen. Aber wer die Kaiser waren, das wei
man doch!

Mit wachsendem Wohlgefallen betrachtete Ettingen den Jungen. Das ist
eine Antwort, aus der ich errate, da du ein fleiiger Student bist. Hab
ich recht?

Ja, das darf ich besttigen, sagte Lo, deren Blick mit zrtlichem
Stolz auf dem Bruder ruhte, er hat ein Zeugnis heimgebracht, das sich
sehen lassen darf.

Die Genugtuung, mit welcher Gustl dieses Lob zu hren schien, vertrug
sich nicht mit seiner Gewissenhaftigkeit. Seine Wangen frbten sich,
whrend er sagte: Aber Lo! Die Betragensnote htte doch wirklich besser
sein knnen.

Ettingen lachte. Warum? Ist die nicht so gut ausgefallen wie die Note
fr rmische Geschichte? Na, da trste dich mit mir, kleiner Mann! Mein
Betragen war auch nicht immer das beste. Junges Blut mu das Recht
haben, da es flinker luft als Professorenwrde. Ettingen zog den
Knaben in den Schein der Lampe. Es ist berraschend, Frulein, wie sich
in diesem schmalen Gesichtl schon die krftigen Zge Ihres Vaters
erkennen lassen: die Form der Stirne, hier die Linie von der Wange gegen
das Kinn, der Schnitt der Augen und der Nase. Nur in der sanften
Zeichnung des Mundes -- da gleicht er Ihnen! Und schlgt wohl der Mutter
nach? Er strich mit der Hand ber Gustls Haar. Ja, kleiner Mann, du
gleichst deinem Vater. Da mut du ihm auch in allem brigen hnlich
werden. Aus dir mu sich im Leben was Tchtiges auswachsen. Du trgst
einen Namen, dem du Ehre machen mut. Es ist der Name deines Vaters!

Gustls Augen blitzten.

Dann war's eine Weile still in der kleinen Stube. Drauen trommelte der
Regen, und unaufhrlich rollte der Donner. Weil der Sturm die Traufe
gegen das Fenster peitschte, schlo Gustl auf einen Wink der Schwester
die Lden. Sie selbst bestellte den Tisch mit einer Freude, die aus
ihrem ganzen Wesen sprach.

Ettingen hatte sich behaglich auf einen Holzstuhl niedergelassen. Wenn
Sie wten, Frulein, wie wohl mir ist! Ich habe den Wunsch, hier immer
so zu sitzen und nicht mehr aufzustehen. Das macht nicht der trockene
Unterstand, den ich nach unbehaglichem Marsch in der Finsternis und
unter gieendem Regen hier gefunden habe. Das macht Ihre Nhe. Die
zufriedene Lebensfreude, die ruhige Heiterkeit, die in Ihnen wohnt, geht
auch auf andere ber. Das fhlt man, wie man Licht und Wrme fhlt.

In Verwirrung suchte Lo nach Worten. Da kam Pepperl ber die Schwelle
gestolpert. Teufi, Teufi, Teufi, lachte er und riegelte hurtig hinter
sich die Tr zu, jetzt bin ich froh, da ich ins Trckene komm. Ich hab
's Bchsl gschwind noch a bil sauber gmacht und hab die Mntel
ausgwunden. Er streckte die Arme und guckte an sich hinunter. Oben
tut's es. Aber 's Untergstell! Saxen noch amal, meine Kurzlederne, die
schaut gut aus! Aber no: die is ans Wasser gwhnt. Er dachte an die
grndliche Taufe, die seine Kurzlederne in der Sennhtte empfangen
hatte. Gelten S', Duhrlaucht, heut haben wir's nobl troffen! Lachend
stellte er sich an den Herd und lie sich von der Wrme anstrahlen.
Jetzt kann ich's ehrlich sagen: wie wir da droben im Nebel umanand
krabbelt sind, und wie d' Nacht und so a Wetter eingfallen is, da hat
mir graust!

Haben Sie denn das Wetter nicht kommen sehen? fragte Gustl.

No, da wr ich a sauberer Jager! Aber wissen S', wandte Pepperl sich
an Lo, welche die kochenden Eier berwachte, gegen Mittag, wie's
wetterig worden is, waren wir droben auf der Schneid, wo's von die
Sebenberg nuntergeht ins Prantlkar. Gleich hab ich gsagt: Duhrlaucht,
jetzt mssen wir heim! Durchs Prantlkar wren wir leicht zur
Schutzhtten nunterkommen bis auf'n Abend. Aber der Herr Frst hat
positiv bern Sebensee heim wollen. No ja, und wie der Nebel eingfallen
is, sind wir dagstanden wie der Schuster, wann er an Kittel machen
soll.

Ettingen lachte.

Ja, gelten S', jetzt knnen S' lachen? Aber da droben hat's schiech
ausgschaut! Ich sag Ihnen, Fruln, aufgschnauft hab ich, wie ich ds
gottsliebe Lichtl von Ihrem Httl gsehen hab!

Siehst du, Lo! fuhr Gustl in Erregung auf. Siehst du, es hat
geholfen! Ja, Pepperl, Lo hatte die Lden schon geschlossen und hat sie
wieder aufgemacht, damit das Licht hinausleuchtet.

Frulein? fragte Ettingen. Sie haben vermutet, da wir kommen?

Ich hatte Ihren Schu gehrt.

Da mssen wir Ihnen doppelt dankbar sein! Er nahm ihre Hand und sah
ihr in die Augen. Wie wohlgeborgen mssen sich die Ihrigen fhlen, da
Ihre Sorge schon so warm fr fremde Menschen redet!

Sie erwiderte lchelnd: Fremde Menschen? Menschen, die man in Gefahr
wei, stehen uns immer nah. Und Sie, Herr Frst? Nach allem, was Sie mir
von meinem Vater sagten? Sie sind kein Fremder fr mich und die Meinen.
Aufatmend lste sie ihre Hand und ging zum Herd. Haben Sie Erfolg auf
der Jagd gehabt?

Pepperl kicherte. So, Duhrlaucht, jetzt knnen S' Ihnen sauber
schenieren vor'm Fruln! Auf fufzg Schritt is ihm der Gamsbock
dagstanden. Und nobel hat er ihn gfehlt! So a Schtz, wie der Herr
Frst! An was S' da denkt haben, Duhrlaucht, ds wei der heilige Peterl
droben. Und ^der^ net gwi!

Ja, Pepperl, versicherte Ettingen mit herzlichem Lachen, an Ihren
Gemsbock hab ich ^nicht^ gedacht. Das stimmt!

Der Tee duftete aus der Kanne, Lo brachte die in eine Serviette
gehllten Eier zum gedeckten Tisch, und das Mahl konnte beginnen. Da
ergab sich eine Schwierigkeit: vier Tischgste und nur zwei Sessel!
Pepperl zog fr sich die Truhe zum Tisch, und auf ihr sa er so tief,
da er gerade noch mit dem Kinn ber die Tischplatte reichte. Lolo
wollte den Platz auf ihrem Sessel mit dem Bruder teilen, aber Gustl
holte sich zwei Holzscheite vom Herd, stellte das eine senkrecht, legte
das andere quer darber, und so hatte er den schnsten Schaukelstuhl,
mit dem er freilich bei jeder leisen Bewegung umzukippen drohte. Die
glckliche Lsung der Platznot leitete den Schmaus mit Heiterkeit ein,
und whrend drauen der Regen prasselte, der Donner krachte und der
Sturmwind rttelnd um die Holzwnde fuhr, wurde im Schutze des kleinen
Daches mit Lachen geplaudert und gespeist.




^Zwlftes Kapitel^


Ein Glck war's, da Loisli am Morgen frischen Vorrat an Butter und
Ehrwalder Weizenbrot gebracht hatte. Sonst wrde sich das kleine Seehaus
als zu arm erwiesen haben fr den gesunden Appetit der beiden Jger,
die seit dem Frhstck um drei Uhr morgens keinen Bissen mehr genossen
hatten. So wurden, wie Ettingen versicherte, die Wlfe allmhlich
zahm. Je toller es drauen zuging, desto frhlicher steigerte sich die
Laune am Tisch. Die wohlige Stimmung inmitten des rumorenden Ungewitters
leuchtete von allen Gesichtern, am hellsten aus den Augen des Frsten.
In jedem seiner Blicke war dankbares Wohlgefallen an der stillen,
aufmerksamen Art, mit welcher Lo ihren Gast bediente und fr ihn sorgte.
Wer das immer so haben knnte, sagte er, nicht nur fr eine Stunde,
fr immer: sich in allem Sturm, den das Leben bringt, so sicher und froh
zu fhlen, wie wir da sitzen, whrend drauen alles drunter und drber
geht!

Das knnen S' haben, Duhrlaucht! meinte Pepperl lachend, whrend er
zum fnftenmal seine Tasse fllte. Bleiben S' da bei uns und
verangaschieren S' d' Fruln Petri als Wirtschafterin ins Jagdhaus! Da
kriegen wir's gut.

Heiter ging Lo auf den Scherz des Jgers ein. Gustl schien die Sache
ernst zu nehmen und betrachtete beklommen bald die Schwester, bald den
Frsten, der keinen Blick von Lo verwandte und jedes Wort von ihr wie
eine neue Freude zu empfangen schien.

Auch Pepperl war nachdenklich geworden. Das Jagdhaus mochte ihn an ein
anderes Gebude erinnert haben, das nicht weit davon lag. Mit
seufzendem Vergeltsgott! zog er, als Ettingen die Servierte faltete
und Lo den Tisch zu rumen begann, die Truhe an ihre Stelle zurck,
setzte sich wieder und lehnte sich mit gekreuzten Armen an die
Httenwand. Und Gustl, den das Turnen auf seinem Schaukelstuhl ermdet
hatte, trug die beiden Scheite zum Herd und schmiegte sich in die Ecke
des Diwans.

So blieben Ettingen und Lo allein am Tisch, berschimmert vom Lichtkreis
der Lampe, whrend alle Ecken und Wnde der Httenstube in tiefem
Schatten lagen. Und sie allein nur sprachen. Ettingen fragte, und Lo gab
Antwort.

Wie einer, der am Weg eine seltene Blume findet, an ihrer Schnheit sich
nicht satt zu schauen vermag und die Sehnsucht empfindet, das liebliche
Wunder dieser Farben ganz zu verstehen -- so fhlte sich Ettingen diesem
Mdchen gegenber. Er fragte und fragte, als sollte fr ihn auf dem
Grund dieser klaren Menschenseele kein Licht und keine Regung verborgen
bleiben. Wie mute er staunen ber die seltene Bildung dieses
Dorfkindes! Und wie ruhig und einfach sie das Leben ansah! Alle
schreienden Fragen der menschlichen Daseinsnot waren fr sie gelst
durch ihre wunschlose Zufriedenheit, durch die Herzensgte, mit der sie
alles umschlo, durch ihren Glauben an das Schne und an die zweckvolle
Notwendigkeit alles Bestehenden, auch des Schmerzes. Leben und leiden,
das klingt zusammen und lt sich nicht trennen. Und knnten wir uns
denn eine Freude denken, wenn wir den Schmerz nicht kennen wrden? Wir
lieben doch die Sonne nur, weil sie wiederkommt, wenn sie gesunken ist.

Wohl mute Ettingen bei seiner greren Lebenskenntnis den Kopf zu
manchem Gedanken schtteln, den sie aussprach. Aber aus allem, was sie
sagte, hauchte ihn eine Wrme an, die sein ganzes Wesen durchdrang.
Wie Sie von Welt und Menschen denken, liebes Frulein, das ist so
gut, so schn! Aber die Wirklichkeit des Lebens ist rauh und zwecklos
hlich, ist grundverschieden von dem abgeklrten Bild, mit dem Ihre
Seele alles widerspiegelt. Doch ich bin der letzte, der Sie in Ihrem
Glauben irremachen knnte! Und wer wei, vielleicht haben Sie recht --
und wir Allerweltsklugen sind die Toren, die alle Weisheit fr sich
haben, aber auch allen Schaden. Schlielich ist Wahrheit doch wohl
etwas anderes als Wirklichkeit. Wahrheit, die sich greifen lt und
fr alle gilt? Die gibt's nicht. Wenn Wahrheit nicht in uns ist, dann
ist sie nirgends. Nicht die greifbare Form der Dinge macht ihr Bild,
sondern der Blick, mit dem wir sie sehen, die Hhe oder Tiefe, aus der
wir sie betrachten. Und wie wir sie sehen, so sind sie fr uns, und so
sind wir selbst. Das Leben ist gut fr Sie, weil ^Sie^ gut sind. Sie
stehen hoch, und Ihr Blick ist hell. Wer so sehen knnte wie Sie!

Liegt das nicht im Willen eines jeden?

Meinen Sie? Er schwieg und lchelte, als htte er zu sich gesagt: Ich
will's versuchen.

Da hrten sie einen schweren Atemzug und blickten auf.

Ach Gott! Der arme Junge!

Gustl war eingeschlafen. In unbequemer Lage hing ihm der Kopf ber die
Lehne des Diwans.

Whrend Lo zum Bruder hinberging, ri auch Pepperl die Augen auf, der
ebenfalls ein Nickerchen gemacht hatte und nun erwachte, weil die
Stimmen so pltzlich schwiegen.

Die Ermdung der beiden mahnte Ettingen an die Zeit, an die er seit dem
Eintritt in die Htte mit keinem Gedanken gedacht hatte. Er sah nach der
Uhr und sprang erschrocken auf. Ach, du lieber Himmel! Zwlf Uhr!
Frulein! Ich habe Sie um die halbe Nacht gebracht. Wie soll ich meine
Unbescheidenheit entschuldigen? Ich kann es nur, wenn ich Sie zur
Mitschuldigen mache. Der Gast ist geblieben, weil ihn die Wirtin hielt.
Jetzt aber fort! Auf, Pepperl! Wir gehen.

Gehorsam erhob sich der Jger. Aber Lo sagte: Sie knnen und drfen
nicht gehen. Das Gewitter scheint ja vorber zu sein, man hrt keinen
Donner mehr. Aber dieser Regen, wie das giet! Und jetzt, in der Nacht?
Dieser Weg! Nein. Ich erlaube nicht, da Sie gehen.

Duhrlaucht, 's Fruln hat recht! fiel Pepperl ein und ffnete die Tr.
Ein sausender Luftstrom fuhr in die Htte und peitschte den Regen ber
die Schwelle. Da schauen S' aussi, wie's tut! Und so was von
Finsternis! Da knnten wir den Hals riskieren. Na na, ^die^
Verantwortigung bernimm ich net. Jetzt mssen wir bleiben. 's Fruln
wird net harb sein drum. Gelten S', na?

Lo reichte dem Frsten die Hand. Wenn Sie gingen, wrden Sie mir eine
Sorge machen. Ich ^bitte^ Sie, zu bleiben.

Ihre Hand festhaltend, lie Ettingen sich auf den Sessel nieder. Gut!
Ich weiche der Majoritt. Aber Gewissensbisse mach ich mir doch! Und
eine Bedingung stell ich: der arme Junge ist md, er soll sich
niederlegen. Nicht wahr, Gustl, vor mir genierst du dich nicht?

Nein! sagte der Junge mit seiner schlaftrunkenen Stimme. Er wartete
nur, bis die Schwester ihm zunickte, dann zog er das Jpplein aus und
legte es sorgsam gefaltet ber die Diwanlehne. In den Strmpfen und
mitsamt dem Lederhschen schlpfte er unter die Decke, in deren Schutz
er sich vollends entkleidete. Lo, jetzt lieg ich! Das sollte heien:
Komm und sag mir gute Nacht! Als fnfjhriger Bub hatte er sich's
angewhnt, vor dem Einschlafen die Schwester so zu rufen. Daran nderte
die Tatsache nichts, da er im letzten Semester schon angefangen hatte,
den Csar zu lesen.

Sie ging zu ihm, und als er sie mit beiden Armen um den Hals nahm, kte
sie ihn auf die Wange und sagte ihm leis ins Ohr: Denk an den Vater!

Ettingen betrachtete schweigend die Geschwister, und ein tiefer Atemzug
hob seine Brust, als wre ein Wunsch in ihm erwacht, den er fhlte, ohne
ihn zu verstehen. Whrend Lo zum Tisch zurckkehrte und eine grne
Blende um den Lampenschirm hngte, blickte er lchelnd zu ihr auf: Wie
gut der kleine Mann da drben jetzt schlafen wird!

Nun saen sie wieder am Tisch. Damit der Junge den Schlummer leichter
finden mchte, plauderten sie mit gedmpften Stimmen. Das machte auch
Pepperl sich zunutze und schlo die Augen wieder. Nur die beiden am
Tisch empfanden keine Mdigkeit, kein Verlangen nach Schlaf. Das leise
Sprechen beim eintnigen Rauschen des Regens gab jedem Wort, das sie
sagten, einen heimlichen, tieferen Sinn und umwob die Plaudernden mit
einer Stimmung, die sie genossen, ohne ihr nachzufragen. Manchmal, nach
einem ernsten Wort, verstummte ihr Geplauder. Dann saen sie sich eine
Weile schweigend gegenber, als htten ihre nachklingenden Gedanken an
diesem Worte noch zu raten. Nach solch einer Stille sagte Ettingen
unvermittelt: Die ganze Zeit schon, whrend ich plaudere mit Ihnen, bei
jedem Wort, das Sie sprechen, hab ich immer eine seltsame Empfindung.

Welche?

Da wir nicht allein wren, hier am Tisch! Da noch ein Dritter bei uns
wre. Ihr Vater!

Wie es aufleuchtete in ihren Augen! Das verriet ihm, mit welcher
Sehnsucht sie darauf gewartet hatte, da er von ihrem Vater sprechen
wrde.

Bei vielem, was ich von Ihnen hrte, hab ich mir immer denken mssen:
Er ist es, der zu mir redet. Oft berkam mich die Tuschung, als
vernhme ich eine andere Stimme, nicht die Ihrige, ^seine^ Stimme. Ich
stelle mir vor, da er ein tiefes, klangvolles Organ hatte -- eine von
jenen Stimmen, nach denen man sich umsieht, wenn man sie hrt.

Nein! Sie lchelte. Papa hatte eine ganz unauffllige Stimme,
nicht stark und beinahe herb, fast immer ein wenig erregt und etwas
ungeduldig. Aber wie weich und zrtlich konnte diese Stimme klingen!
Trumend blickte Lo vor sich hin. Ein Schatten tiefer Wehmut glitt ber
ihre Zge. Dann atmete sie auf und sagte leis: ^Das^ kommt nicht
wieder. Da hilft kein Erinnern.

Um die schmerzliche Stimmung zu verscheuchen, die sie befallen hatte,
begann er von seinem Besuch in ihrem Haus zu sprechen und schilderte ihr
den Eindruck, den er von jedem einzelnen Bild empfangen hatte. Lange
hrte sie ihm schweigend zu, keinen Blick von seinen Lippen verwendend.
Dann sprach sie manchmal ein paar flsternde Worte dazwischen, um seine
nicht vllig zutreffende Auffassung eines Bildes richtigzustellen, oder
um zu sagen, aus welchem zuflligen, scheinbar unbedeutenden Erlebnis
ein besonders wirksames Motiv hervorgewachsen wre. So kam sie
allmhlich ins Erzhlen und schilderte das Schicksal ihres Vaters, die
Anfnge seiner Kunst, das zhe Streben des verwaisten Bauernsohnes, der
zum Priester bestimmt war und aus dem Alumnenseminar hinbersprang auf
die Akademie. Sie schilderte das stille Glck seiner Liebe, als er in
der Erzieherin eines vornehmen Hauses, in dem er Zeichenstunden gab,
seine Frau gefunden hatte, schilderte seinen huslichen Sorgenkampf,
seine Verzweiflung ber das lachende Unverstndnis, dem er mit seinem
eigenartigen Schaffen begegnete, seine Verbitterung und die Flucht aus
der Stadt. Noch ausfhrlicher erzhlte sie, was sie selbst, als
heranwachsendes Kind, mit dem Vater erlebt hatte: sein Aufatmen im
Verkehr mit der Natur, die schnen Traumwochen am Sebensee, die Liebe zu
den Seinen und die Freude an seinem Haus, den Anfang jener
handwerksmigen Schilderei, die er im Zorn der Verbitterung begann, um
sie weiterzutreiben mit heiterer Ironie, fast mit einer Art von Freude
an ihr, weil sie anderen Freude machte. Sie erzhlte von seiner Rckkehr
zu neuem, reiferem Schaffen, von der ngstlichkeit, mit der er die
entstandenen Werke in seinem Haus verschlo, damit sie keinem
Kunstaugur und Bildungstiger vor Augen kmen, von seinem ganzen
Leben bis zu jenem letzten Tag nach dem Wolkenbruch, bis zu seinem
lchelnden Sterben und seinem letzten Wort: Meine Blumen!

Stunde um Stunde verging. Und die beiden merkten nicht, da ber dem
kleinen Dach das Rauschen des Regens immer leiser wurde und da durch
die Ritzen der Fensterlden schon ein mattes Grau des erwachenden
Morgens hereinschimmerte.

So starb er.

Lange saen sie schweigend, bis Ettingen ihre Hand nahm. Ich kann es
Ihnen nachfhlen. Wie mssen Sie ihn schwer verloren haben!

Ja!

Sie sagte sonst kein anderes Wort. Erst nach einer Weile konnte sie
wieder sprechen. Das Lcheln, mit dem er starb, der leichte Seufzer,
mit dem er die Augen schlo -- das war mein Trost. Und das hat mir
hinbergeholfen ber das Schlimmste, so da ich die Mutter und den
Bruder sttzen konnte. Er hat mich doch gelehrt, das Leben liebzuhaben,
aber auch den Tod nicht zu frchten, nichts anderes in ihm zu sehen, als
einen Wandel der Form und eine schne Ruhe, in die kein Schrei und Weh
des Lebens mehr hineinklingt. Und weil er starb, deshalb hat er uns
nicht verlassen. Immer seh ich ihn, immer ist er bei mir. Als ob er noch
lebte, so seh ich ihn vor mir stehen. Nur so still! Ihre Stimme
schwankte. So schweigsam! Wie ich auch mein Erinnern sammle -- seine
Stimme hr ich nicht mehr, auch nicht im Traum. Und wenn ich sie zu
hren meine, klingt sie anders. Nicht mehr so, wie sie war. Das ist eine
Sehnsucht, die mich nie verlt: seine Stimme noch einmal zu hren -- nur
jenes Wort, das er immer zu mir sagte, wenn ich ihm eine Freude
machte -- mit der gleichen Zrtlichkeit, mit dem gleichen Ton: >Meine
gute, liebe, kleine Lo!< Das mcht ich noch einmal hren, nur ein
einziges Mal! Aber das kommt nicht wieder. Zwei Trnen lsten sich
schwer von ihren dunklen Wimpern und sickerten langsam ber die Wangen.

Frulein!

Das war ein Laut, wie aus qulendem Schmerz heraus.

Und da erwachte der Jger. Der erste Blick seiner verschlafenen Augen
galt dem Dach, ber dem es stille war. Ein bichen mhsam -- alle Glieder
schienen ihn zu schmerzen -- erhob er sich und ffnete die Httentr.
Weie Helle und frische Morgenluft quoll in den Lampenschein der Stube.
Da schauen S' her, Herr Frst! Der schnste Morgen! Lachend rieb der
Jger sich die Augen und trat ber die Schwelle hinaus.

Die beiden am Tisch erhoben sich.

Wahrhaftig, der Tag ist da! Ettingen fate Lolos Hnde. Ich danke
Ihnen, Frulein, fr diese Nacht! Und wenn ich jetzt gehe, nehm ich um
Ihretwillen einen Wunsch mit fort.

Einen Wunsch?

Da Sie ^das^ noch einmal hren mchten in Ihrem Leben, mit der
gleichen Zrtlichkeit und mit dem gleichen Ton: Meine gute, liebe,
kleine Lo! Zgernd lie er ihre Hnde, ging zum Diwan hinber und
kte den schlummernden Jungen auf die Stirn.

Gustl erwachte, richtete sich in den Kissen auf, blinzelte mit den Augen
und sagte: Guten Morgen!

Das wirkte so drollig, da sie lachen muten, alle beide.

Zrtlich streichelte Lo dem Bruder die Wange. Guten Morgen, Bubi! Aber
leg dich nur wieder hin und schlaf noch ein Weilchen! Es ist noch gar
nicht Tag, erst vier Uhr frh!

So? Aber gelt, wenn die Sonne kommt, dann weckst du mich, Lo?

Ja, Bubi!

Gustl drehte sich auf die Seite. Nach einer Minute schlief er schon
wieder.

Lo und Ettingen traten vor die Htte.

Im weien Frhlicht lebten schon alle Farben der Landschaft auf, und
diese Farben hatten etwas Neues, Ungewhnliches und Kraftvolles. Doch
nur in der Ferne erschienen sie klar. ber allen Farben der Nhe lag's
wie ein grauer Seidenschleier. Und unter der Schwere zahlloser
Wassertropfen waren die Kelche der Blumen gebeugt, ihre Bltter und
Zweige zu Boden gedrckt. Whrend Tropfen um Tropfen von ihnen
niederrollte, begannen sie schon langsam sich wieder aufzurichten,
frischer und schner, wie von neuem Leben erfllt. Von den schweren
Nadelzweigen des Harfenbaumes ging ein unaufhrliches Geriesel nieder,
und das war in der Stille des Morgens wie eine leise, heitere
Murmelstimme, in die sich mit tiefem Orgelton das ferne Rauschen der
wasserreichen Wildbche mischte.

Ruhig dampfte der See. Die Dnste, die von ihm aufstiegen, zerflossen
wieder in den Lften. Vereinzelte Nebelsulen rauchten ber die
schwarzgrnen Kmme der Wlder empor und zogen sich an den Gehngen der
Berge hin, die bei dieser lauteren Klarheit der Luft wie zum Greifen nah
und von doppelter Gre erschienen. An den Wnden, die gegen Westen
blickten, waren mit nassem Blau alle Formen verwaschen. In hartem
Bleigrau und scharf gezeichnet starrten die Felsen, die gegen Osten
sahen, von wo die Sonne kommen sollte. Sie kam noch nicht. In kalter
Helle leuchtete das dnne Blau des Himmels, und mit erlschendem
Schimmer zitterte ein groer Stern noch zwischen dem letzten grauen
Gewlk, das langsam davonzog ber den Grat der sdlichen Berge. Aber
hoch am Himmel, hoch, eine kleine Herde winziger Lmmerwolken -- die
begann sich schon mit zartem Rot zu berhauchen. Und als sie leuchteten,
diese Wlklein, wie in die Lfte gestreute Rosen, schwamm fern im Osten
ber einen langen dunklen Bergzug ein Glimmen und Glasten herauf, in dem
alle Grate mit doppelter Linie gezeichnet waren: die eine Linie
blau-schwarz und die andere gleiend wie ein goldener Faden.

Von den Wnden zog ein frischer Windhauch ber das stille Seetal
herunter, bewegte sacht alle Zweige an Busch und Bumen, machte die
Tropfen in Menge fallen und strich ber die Blumen und Grser hin wie
eine Flsterstimme: Sie kommt, sie kommt!

Leise rauschten die Wlder im tieferen Tal. Und jhlings war es, als
htte strmend der Duft aller Blumen sich gelst, als stiege wrzig und
stark aus dem Scho der Erde herauf, was ihre getrnkte Scholle an
Wohlgeruch besa.

In solcher Luft! Wie war das ein leichtes und frohes Wandern!

Bald klangen die Schritte der beiden Jger auf kahlem Gestein wie
Hammerschlag, bald wieder erloschen sie, wenn der Weg ber feuchten
Rasen ging.

Ettingen atmete, als wre in seiner Brust ein unersttlicher Durst nach
aller Frische dieses Morgens. Immer wieder blieb er stehen, winkte mit
der Hand und grte mit dem Hut zurck nach dem kleinen Haus da droben,
auf dessen Schwelle die regungslose, schlanke Mdchengestalt wie von
nebelhaftem Feuerglanz umwoben war -- vom rtlichen Lampenschein, der aus
der Stube quoll.




^Dreizehntes Kapitel^


Alle Gipfel der Berge strahlten im Widerschein der Sonne, als Ettingen
und Praxmaler gegen fnf Uhr morgens die Jagdhtte im Sebenwald
erreichten. Hier fanden sie einen aufgeregten Menschen: den Frster
Kluibenschdl. Der war mit Anbruch des Tages gekommen, um die Treibjagd
abzusagen, die erst am folgenden Tag gehalten werden sollte, weil -- ja,
weil der Wind nicht gnstig wre -- in Wahrheit, weil man im Jagdhaus in
zwei Tagen mit der Einrichtung des Grafenstberls so weit nicht fertig
wurde, da es tadellos und bereit wre, die freudige berraschung
aufzunehmen. Als Kluibenschdl in der Schutzhtte die Betten unberhrt
und den Herd ohne Glut gefunden, war ihm die Sorge mit gacher Hitz in
den Kopf geschossen. Schon wollte er in seiner Angst zur nchsten
Almhtte rennen, um mit den Sennleuten die Suche nach seinem Herrn zu
beginnen. Da kamen die beiden, gesund und mit heiterem Geplauder. Es
htte nicht viel gefehlt, und Kluibenschdl wre in der ersten Freude
dem Frsten um den Hals gefallen. Whrend Pepperl das ganze Abenteuer
lustig erzhlte, umklammerte der Frster die Hand seines Herrn. Dann sah
er ihm lachend ins Gesicht und sagte: Sakrawolt! Duhrlaucht! Die heutig
Nacht auf'm hlzernen Sessel mu Ihnen gut angschlagen haben. Ausschauen
tun S' wie 's Leben!

Sie traten in die Htte, und Pepperl schrte Feuer zum Frhstck an.

No, Gott sei Lob und Dank, Duhrlaucht, weil S' nur wieder da sind! Und
bei der Fruln Petri, da is man nobel aufghoben. Da hat Ihnen freilich
nix gschehen knnen!

In froher Laune nahmen die drei das Frhstck ein. Dann machte der
Frster sich auf den Heimweg zum Jagdhaus. Als er schon ein paar hundert
Schritte davongewandert war, kam Pepperl ihm atemlos nachgerannt, mit
einem jagdlichen Zweifel, dessen Lsung so klar auf der Hand lag, da
der Frster seiner Antwort kopfschttelnd die Worte beifgte: Na hrst,
das httst doch selber wissen knnen! Da httst doch net so rennen
mssen.

Ja ja, is schon wahr! Und jetzt marschieren S' heim, gelten S'?

Natrlich! Wohin denn sonst?

Ja, freilich! Und -- wie geht's denn allweil daheim?

Wie soll's denn gehn? Gut halt!

Was macht denn -- sag ich zum Beispiel, der Herr Kammerdiener?

D' Nasen streckt er in d' Hh und faulenzen tut er, derweil die anderen
schaffen. Und den halben Tag hockt er bei der Sennerin. Knnt was
Gscheiters tun, als dem dalketen Madl den Kopf verdrahn. Aber was
geht's denn mich an? Bht dich Gott, Pepperl!

Mit traurigen Augen guckte Pepperl dem Frster nach, strich mit schwerer
Hand ber die aufgedrselten Kreuzerschneckerln, zog das blaue Sacktuch
aus der Joppe und wischte die Lederhose ab, als htte er das Gefhl, da
er mit Wasser begossen wurde. Freilich, feucht war das Leder noch vom
Abend her.

In der Htte fand er den Frsten auf seinem Lager schon eingeschlummert.
Seufzend betrachtete Pepperl seinen Herrn. Ah, ^der^ schlaft gut! Knnt
ich nur auch so schlafen heut!

Nicht nur gut schlief Ettingen, auch lange.

Um drei Uhr nachmittags, als Toni Mazegger an der Htte vorberging, um
den Ehrwalder Jger fr die Treibjagd zu bestellen, waren Tr und Lden
des kleinen Balkenhauses noch geschlossen.

Mazegger schien Eile zu haben. Sein Gang war von treibender Hast. In
brtender Unruh starrte er vor sich hin, whrend er durch den Sebenwald
hinaufeilte gegen das Seetal. Das Almfeld ffnete sich vor ihm, und
wieder begann der Wald. Auf einer Lichtung wurde der Pfad gekreuzt vom
Sebener Almzaun, der das Jungvieh verhindern sollte, vom hheren Seetal
durch den Wald herunterzusteigen und die reichere Weide der vom
Milchvieh bezogenen Niederalm aufzusuchen. Der Zaun war ein mannshoch
aufgetrmter Wall von drren Bumen, von denen die untersten wohl schon
hundert Jahre oder noch lnger lagen. Wo das drre Zeug vermoderte und
im Winter unter dem Druck des Schnees zusammenbrach, wurden im Frhjahr
neue Reisighaufen und drre Bume auf den Wall geworfen, der die ganze
Breite des Seetals quer durchzog und zur Linken und Rechten
hinaufreichte bis zu den kahlen Wnden.

Bei diesem Almzaun war fr drei Uhr morgens das Stelldichein der Treiber
und Jger angesagt, die das Hochwild des Sebenwaldes hinunterdrcken
sollten gegen den bei der Geitaler Ache liegenden Frstenstand.

Wo der Pfad ging, hatte der Wall eine Lcke, die durch ein hohes
Stangengatter gesperrt war. Mazegger ffnete das Tor und schlo es
wieder. Immer langsamer wurde sein Gang. Als er neben dem Pfad einen
Baumstock sah, legte er Bchse und Bergstock nieder, trocknete die Stirn
und rastete. Mit zitternden Fingern glttete er den feucht gewordenen
Hemdkragen, band die Krawatte frisch, suberte mit einem Bschel Moos
die Schuhe und wusch in einem Regentmpel die Hnde. Seine schmucke
Jgerkleidung musternd, nahm er den Marsch wieder auf. Nur wenige
Minuten hatte er durch den Wald noch aufwrts zu steigen, bis er
zwischen den Bumen den Seespiegel flimmern sah. Bevor er den Waldsaum
erreichte, sphte er nach allen Seiten. Am Ufer sah er den Knaben mit
der Angelrute stehen. Lautlos wich Mazegger in den Wald zurck und stieg
auf einem Umweg ber das Latschenfeld zu dem kleinen Haus hinauf.

Unter dem Harfenbaum, an dem sich in der Goldstille des Nachmittags
keine Nadel rhrte, sa Lo am Tisch. Sie hatte den Basthut abgelegt.
Umzittert von den Sonnenlichtern, die durch den Schatten des Baumes
fielen, sa sie ber ein Schulheft des Bruders gebeugt, der unter dem
Eindruck des vergangenen Abends einen deutschen Aufsatz geschrieben
hatte: Gewitter im Hochgebirg. Der mit groen Worten spielende Schwung
der kindlichen Schilderung wirkte erheiternd auf Lo; doch ihr eigenes
Erinnern plauderte so viel in die harmlosen Zeilen hinein, da ihr die
Wangen glhten.

Schon sinket bei diesem Aufruhr der gesamten Natur die
schwarzgeflgelte Nacht auf die Berge herab. So fhrte Gustl mit
klassischen Reminiszenzen und mit allen Stimmungseffekten seiner jungen
Schilderungskunst die khne Prosadichtung zu einem erbaulichen Schlusse.
Es heult der Sturm, alle Schleusen des Himmels sind geffnet,
unaufhrlich kracht der Donner, und flammend zuckt aus den finsteren
Wolken der Wetterstrahl. Da, horch, eine Stimme! Sind Menschen in Not?
Ja, so ist es! Zwei verirrte Wanderer sind zum Spielball des Sturmes und
der Finsternis geworden. Ach, die armen, guten Menschen! Wie wird es
ihnen ergehen? Aber schon ist die Hilfe nher, als sie denken. Ein
Lichtlein blinket in der Nacht, und mit dankerflltem Herzen betreten
die mit dem Schrecken davongekommenen Verirrten das gastliche Haus,
welches sie unerwartet in der Not gefunden haben. Der Herr des Hauses
heiet die Gste freundlich willkommen, und whrend auf dem Herde das
wrmende Feuer flackert, bereitet die gute, emsige Schwester schon das
Mahl. Trotz fhlbaren Mangels an Betten weilen sie in frhlicher
Eintracht beieinander, bis der Morgen nach allem Aufruhr der Natur
wieder das herrlichste Wetter bringt. Da scheiden diese Menschen, die
einander zum Teil ganz fremd gewesen, als treue Freunde fr das Leben.
Daraus mge sich jeder die Lehre ziehen, da man eine Hilfe, wo man
kann, auch immer leisten mu. Wer hartherzig ist, schadet nur sich
selbst. Wie leicht kann es ihm geschehen, da er selbst in Not kommt,
und wie wrde es ihm dann ergehen, wenn andere Menschen ebenso
hartherzig wren wie er selbst! Ist es denn nicht die schnste Freude,
einem Hilfsbedrftigen beizuspringen? >_Regia crede mihi_<, so sagt schon
der lateinische Dichter, >_res est succurrere lapsis_<, wahrlich eine
knigliche Sache ist es, die Gestrzten wieder aufzurichten!

Lngst hatte Lo zu Ende gelesen, und noch immer blickte sie trumend auf
die kleinen, mit steifer Sorgfalt gemalten Buchstaben. Da trat Mazegger
in den Garten. Guten Abend, Frulein! Die Erregung zerbrach ihm die
Stimme. Er stellte Gewehr und Bergstock an die Httenwand, nahm den Hut
ab und ging langsam auf den Tisch zu. Scheu, zwischen Hoffnung und
Zweifel, hingen seine heien Augen an dem Gesicht des Mdchens.

Betroffen hatte Lo das Heft geschlossen und erhob sich. Mazegger? Was
suchen ^Sie^ bei mir?

Ein gutes Wort. Und Hilfe.

Sie schwieg.

Den Hut zwischen den Fusten zerknllend, stie er mhsam hervor: Sie
sind die Heilige frs ganze Dorf und Tal. Jeder kommt zu Ihnen und nie
umsonst. Ihre Herzensgt ist ein Brunnen fr jeden armen und durstigen
Menschen. Und ich? Bin ich nicht ^auch^ ein Mensch? Dazu noch einer von
den ^ganz^ elenden! Mir ist zumut wie einem, der sich in einer schiechen
Wand verstiegen hat. Jeder Weg hat ein End. Und tief geht's hinunter. Da
steht er und schreit. Und wenn er schon merkt: jetzt mu ich fallen -- da
hofft er noch allweil auf die gute Hand, die ihm helfen knnt! Er
sprach nicht weiter.

Kommen Sie, Mazegger, sagte Lo mit tiefem Ernst. Sie rckte in die
Bank und bot ihm den Platz an ihrer Seite an. Sagen Sie, was Sie mir
sagen mssen. Hier sind wir allein. Mein Bruder ist drunten am See,
sonst ist niemand in der Nhe.

Wie eine Flamme schlug es ber das Gesicht des Jgers. Eine Hoffnung war
erwacht in ihm, und er stammelte: Frulein? Sie sind mir also nicht
mehr bs?

Bse? Weshalb?

Wegen neulich?

Nein.

Ich hab's auch bereut. Mazegger hielt ihren Blick nicht aus und senkte
die Augen. Da man von Ihnen ein gutes Wrtl nur in Gt erwartet, das
htt ich wissen mssen. Wie ein jhzorniger Bub hab ich mich benommen.
Verzeihen Sie mir's, Frulein?

Ja, Mazegger! sagte sie freundlich, als htte dieses Wort sie selbst
von einem Alp erlst.

Zgernd schob er den Hut auf den Tisch und setzte sich auf die Ecke der
Bank.

Sprechen Sie, Mazegger! Was macht Ihr Leben elend?

Da Sie das verstehen, dazu mt ich Ihnen viel erzhlen. Darf ich?

Ja!

Jedes Wort mute er sich abringen, whrend er von seiner Heimat sprach,
von aller Bitterkeit seiner Jugend. Als er sah, mit welcher Teilnahme Lo
auf ihn hrte, schien es, als wre eine Fessel in seiner Brust
gesprungen, und in heier Erregung flo ihm die Sprache von den Lippen.

Es war eine trbe Kinderzeit, von der Mazegger zu erzhlen hatte. Und
als er in das Alter kam, in dem die Knaben schon mit einer Zukunft zu
rechnen beginnen, war vor seinen Fen die Brcke niedergebrochen, die
ihn htte hinbertragen knnen zu einem freundlichen Leben. Seine
Mutter, Carm Luzzotti, war die Tochter eines italienischen
Bahnarbeiters in einem Dorfe bei Trient. Als junges Mdel verlor sie die
Eltern und wurde von einer Schwelle zur anderen gestoen, bis sie ein
Winkelchen im Haus des deutschen Lehrers fand. Der erbarmte sich der
Verwaisten -- weil sie jung und hbsch war. Zuerst diente sie bei ihm als
Magd; dann nahm er sie zur Frau. Es war kein Glck in dieser Ehe; die
beiden Menschen waren so verschieden voneinander wie ihre Sprache -- und
die Sprache, das war es auch, was immer zwischen ihnen lag wie eine
Mauer. Damals begann, wie berall, auch in dem sdtiroler Dorfe der
nationale Hader. Von der Strae und aus der Gemeindestube schlich er
sich in die Familien ein, auch in das Haus des Lehrers. Als Frau eines
Deutschen blieb Carm Mazegger die Italienerin mit ihrem Wllisch, das
ihr eigener Sohn nicht reden sollte. Der sollte sprechen wie sein Vater,
der ihm alles erlaubte, nur um ihn vom Herzen der Mutter wegzureien.
Dieser Hader ging immer ber den Kopf des Knaben hin und her, und als er
in die Jahre kam, um die hlichen Worte zu verstehen, war es ihm selber
lieb, da man ihn fortschickte von daheim, nach Innsbruck auf die
Gewerbeschule, mit vierzehn Jahren. In Innsbruck gefiel es ihm, da
konnte er was sehen vom Leben und lernte Menschen kennen, die es gut
haben in der Welt. Das weckte den Ehrgeiz in ihm. Auch aus mir soll
etwas werden, was Rechtes und Tchtiges. Aber vor lauter Wnschen kam
er nicht recht zum Lernen. Am liebsten wre er schon mit sechzehn Jahren
gewesen, was andere, wenn sie Glck haben, mit dreiig werden. Und dann
kam dieses Unglck zu Hause. Die italienische Schule wurde erffnet und
bald darauf die deutsche geschlossen. Das berlebte sein Vater nicht -- er
ging ins Wasser. Und die Mutter? Die wartete knapp ein halbes Jahr, und
dann nahm sie einen anderen, einen, der ihre Sprache redete und mit dem
sie sich verstand.

Mit dem ist sie fortgegangen. Ob sie noch lebt oder ob sie schon
gestorben ist, das wei ich nicht. Mich hat eine Schwester meines Vaters
ins Haus genommen, deren Mann in Leutasch drauen ein kleines Gtl hat.
Die Schul hab ich aufgeben mssen. Und alles dazu! Leben und Glck!
Mazegger fuhr sich mit zitternder Hand ber die Stirn. Das Brot der
Verwandten essen? Schlechteres kann ber einen nicht kommen in der Welt.
Da hab ich zuletzt noch froh sein mssen, da ich den Posten als Jger
gefunden hab. Jetzt hab ich mein Auskommen, aber keine Ruh in mir!
Allweil mu ich denken, was aus mir htt werden knnen. Aber ich mein',
es wr noch allweil nicht zu spt fr mich. Das hab ich nie so fest
geglaubt, wie jetzt. Seine Augen brannten und seine Stimme wurde
heiser. Nur mt ich wen haben, fr den ich's tu. Das tt mich treiben,
allweil hher hinauf, bis ich droben steh, wo ich sagen knnt: jetzt
verdien ich mein Glck und kann's vergelten! Da ich das fertig brcht?
Ich glaub's von mir! Ich glaub's! Und Sie? Sagen Sie mir, da Sie es
^auch^ glauben! Sagen Sie mir das, und alles bring ich fertig!

Sie vermochte nicht gleich zu sprechen. Es schien ihr weh zu tun, da
sie ein Ja nicht sagen konnte, nicht sagen durfte. Sie sah in ihm nicht
den Menschen mit dem leeren Wort von der eigenen Kraft, die nur eines
winkenden Lohnes bedarf, um ein Wunder zu vollbringen. Was sie sah in
ihm, war sein in die Irre geratenes Leben und war das Kind, das nie an
der Brust einer Mutter sein Haupt geborgen hatte. Das Erbarmen redete
aus ihrem Blick, als sie endlich Worte fand. Doch whrend sie ihm Mut
einredete, ihn mahnte, sein Leben ruhiger zu betrachten und dankbar auch
den bescheidenen Gewinn zu genieen, statt sich die Freude an ihm durch
den Vergleich mit dem glcklicheren Los der anderen zu vergllen --
whrend dieser Worte schien Mazegger nur zu ^sehen^, nicht zu
hren. Seine Augen erweiterten sich mit fieberhaftem Glanz, aus dem der
Durst seiner Leidenschaft und zugleich ein Staunen sprach, als htte er
das Mdchen, nach dem seine Sinne zitterten, noch nie so schn gesehen
wie in dieser Stunde. Solch einem Blick begegneten ihre Augen. Sie
erhob sich erschrocken, so bleich, als htte sie einen Schimpf erlitten,
gegen den sie wehrlos war -- als Weib.

Verstrt sah Mazegger zu ihr auf. Viel haben Sie geredet, Frulein!
Schier wei ich selber nimmer, was es war. Aber ich hab genug
verstanden. Sein Mund verzerrte sich. Was einer nicht hat, das kann er
nicht geben. Mit heiserem Lachen erhob er sich. Wenn der Brunnen Ihrer
Gt auch laufen tt wie ein Wetterbach -- aber Lieb hergeben, wo man Lieb
nicht hat? Langsam trat er auf sie zu. Kann man das? Oder kann's so
kommen, da man ^mu^?

Sie wich nicht zurck vor ihm. Aber als sie seine Augen sah, die wie mit
Fusten nach ihr griffen, rann es ihr doch mit kalter Angst durch die
Glieder. Sie schrie den Namen des Bruders.

Mazegger lachte.

Mit dem Laut, den die Furcht ihr ausgepret, hatte sie die verlorene
Ruhe wieder gefunden. Zu sagen hab ich Ihnen nichts mehr. Aber ich hab
noch eine Bitte an Sie, eine letzte. Ohne seine Antwort abzuwarten,
ging sie zur Htte, brachte einen Sessel und ein graues Buch.

Er sah ihr mit verblfften Augen zu, wie sie sich auf den Sessel
niederlie, das Buch ffnete -- ein Skizzenbuch -- und den Bleistift nahm.

Was heit das?

Ich will Sie zeichnen, sagte sie ernst, dabei lernt man sehen. Und
das hilft. Ich habe das schon als Kind erfahren.

Ratlos an seinem Bart zausend, lie er sich auf die Bank nieder -- und
dann hielt er sich ruhig. Seine Augen brannten.

So, ja, sehen Sie mich nur immer an!

Er lie keinen Blick von ihr. Aber wenn sie ihn ansah, so ruhig prfend,
ging aus ihren Augen etwas ber auf ihn, da er aufatmete, wenn sie das
Gesicht wieder senkte, um ein paar rasche, krftige Striche in das Buch
zu zeichnen. Ein paarmal zuckte es durch seine Glieder, als wollte er
aufspringen. Doch er blieb ruhig. Ein andermal bewegte er die Lippen,
wie um zu sprechen. Doch er schwieg.

Die Sonne war hinuntergegangen, das ganze Seetal lag vom Abendschatten
berwoben, und die Dmmerung begann.

Mit der langen schwankenden Angelgerte ber der Schulter kam Gustl vom
See herauf.

Hast du was gefangen, Bubi?

Nein, Lo, heut bin ich Schneider geworden. Morgen scheint es wieder das
wunderbarste Wetter zu geben, denn heute beien sie gar nicht an.
Freundlich nickte Gustl dem Jger, den er nicht kannte, einen guten
Abend zu, stellte die Gerte an die Httenwand, kam zum Tisch und wollte
neugierig ber die Schulter der Schwester in das Buch blicken.

Sie schob ihn fort, als wre das ein Bild, das er nicht sehen sollte.
Rum deine Bcher zusammen und trag sie in die Htte. Wir bekommen Tau.
Dann kannst du auch in der Stube gleich die Lampe anznden und Feuer
machen zum Tee.

Sie sah dem Knaben nach, bis er in der Htte verschwunden war. Dann
verglich sie mit einem letzten prfenden Blick ihre Zeichnung und das
Modell, nickte ruhig vor sich hin und erhob sich. So, ich danke Ihnen!
Sie lste das Blatt aus dem Buch.

Mazegger fragte unsicher: Darf ich das Bildl sehen?

Gewi! Sie legte das Blatt auf den Tisch. Ich schenk es Ihnen.

Zgernd, als wre ihm die Sache nicht ganz geheuer, griff Mazegger nach
dem Blatt. Kaum hatte er einen Blick auf das Bild geworfen, da scho ihm
das Blut ins Gesicht. ^Das^ bin ich? Und solche Augen hab ich?

Ja, Mazegger! Jetzt kenn ich Sie und frchte mich nicht mehr! Sie ging
zur Htte.

Er zerknllte das Blatt in seiner Faust und schleuderte den Knuel mit
einem Fluch unter die Bsche des Gartenzaunes. Wie sie nach ihrer
hilflosen Angst diese stolze, sichere Ruhe gefunden hatte, das verstand
er nicht. Aber er fhlte, da alles fr ihn verloren war und da sie ihn
fortschickte wie einen geprgelten Hund. Mit dem unsicheren Schritt
eines Betrunkenen nahm er seine Bchse. Als er den Garten verlassen
hatte und ber das Latschenfeld hinunterstieg, erkannte er auf der
feuchten Erde die Trittspuren zweier Mnner. Die plumpe breite Sohle mit
dem schweren Eisenbeschlg und dem Nagelkreuz in der Mitte -- das war die
Fhrte Praxmalers. Aber die andere Spur? Dieser schlanke, schmale Fu?

Ach so? Mit galligem Lachen nickte Mazegger vor sich hin. Und whrend
der Zorn in seinen Augen funkelte, zerstrte er mit einem Futritt die
Fhrte.

Hastig schritt er ber das Latschenfeld und trat in den Wald. Im Dunkel
der Bume blieb er stehen. Und als er das Mdchen aus der Htte treten
sah, lachte er, hob die Bchse, spannte den Hahn und legte das Gewehr an
die Wange.

Man konnte hren, wie Lo mit dem Bruder plauderte, whrend sie an einem
Fenster die Lden schlo.

Zielend, den Finger am Drcker, folgte Mazegger mit dem Lauf der Bchse
jedem Schritt des Mdchens, in seiner Eifersucht mit grausamer Freude
den Gedanken genieend: Ein leiser Druck nur, und auch der andere wird
sie nicht haben! Keiner!

Gustl war in der Tr erschienen, hemdrmelig, mit den Hnden in den
Taschen des Lederhschens. Und wann, Lo, wann gehen wir morgen?

Um sechs Uhr frh.

Ach Gott!

Ja, Bubi, wir mssen bis Mittag zu Hause sein.

Freilich, ja, und ich freu mich doch selber heim! Aber weit du, in der
Frh, da beien sie so gern. Vielleicht htt ich noch eine bekommen,
eine recht schne, oder zwei. Die htten wir dem Muttl bringen knnen.

Dann steh nur um vier Uhr auf! Da hast du zwei Stunden Zeit, bis ich
gepackt und die Htte gerumt habe. Lo war zur Tr zurckgekommen. Den
Arm um die Schulter des Bruders legend, wollte sie in die Htte treten.

In dem bleichen Gesicht des Jgers spannte sich jeder Zug. Die Pein, die
in ihm whlte, redete aus seinem brennenden Blick: Tu ich es? Nein?
Oder ja? Fester, als wre der Entschlu zur Tat in ihm aufgestiegen,
prete er das Gewehr an die Wange.

Da hrte er hinter sich das Brechen eines drren Reises und ein Gerusch
wie von einem leichten Schritt. Erschrocken lie er die Bchse sinken
und sphte scheu um sich her. Der Wald war de -- aber da fiel ein
Tannenzapfen aus einem Wipfel herunter, und schnalzend, mit weitem
Sprung, schwang sich ein Eichhrnchen von dem Baum hinber zum
nchsten.

Einen Fluch murmelnd, hob Mazegger die Bchse wieder.

An der Htte droben hatte sich schon die Tr geschlossen. Der Garten war
leer. Im Abendwinde tnten leis die Glocken des Harfenbaumes.

Gallig lachte Mazegger vor sich hin, warf die Bchse hinter die Schulter
und schritt durch den Wald hinunter.

Es wurde finstere Nacht, bis er zu den ersten Husern von Ehrwald kam.
Lange mute er am Haus des Jgers an die Tr trommeln, bis ihm geffnet
wurde. Was is denn? fragte Beinl aus dem schwarzen Hausflur.

Ich bin's!

Der Toni! Was willst?

Treibjagd ist morgen. Um drei mssen wir droben sein beim Sebener
Almzaun.

So? Da knnen wir allweil noch schlafen a paar Stndln. Aber Bett hab
ich keins fr dich, mut dich halt aufs Ofenbankl legen, wir schlafen eh
schon z'viert in zwei Trcherln. Er mit dem Buben in einem Bett, die
Frau mit dem Mdel im anderen.

Als sie in die finstere, von schwlem Dunst erfllte Stube traten,
fragte das Weib, was es gbe. Nix! Drah dich nur wieder um, Alte! Der
Mazegger is da. Die Bettstelle krachte. Beinl schob seinen Gast im
Dunkel zur Ofenbank und nahm ihm die Bchse ab, um sie an den Rechen zu
hngen. Na hrst, Toni, du hast ja den Hahn gspannt! So was, du mit
deim Leichtsinn, du richtest heilig noch amal an Unglck an!

Mazegger schwieg.

Drei Stunden vergingen. Der Hausherr schnarchte wie ein Br, sein Weib
sang die Oberstimme dazu, und ein paarmal seufzten die beiden Kinder,
wenn sie die harte Bettkante sprten und sich umdrehten.

Um ein Uhr rasselte der Wecker. Mazegger hatte noch kein Auge
geschlossen. Eine Viertelstunde spter traten die beiden Jger in die
Nacht hinaus. Gut wird's heut, sagte Beinl,droben liegt der
Seenebel. Sie stiegen bergwrts in der Nacht, und Beinl krzte den
mhsamen Weg mit heiterem Geschwatz -- er war einer von jenen
Gscheiten, die den Zwirnsfaden des Lebens lustig um die Finger
wickeln, so kurz und dnn er auch geraten ist.

Als sie die Ehrwalder Alm berstiegen hatten und die Hhe des
Sebenwaldes erreichten, sahen sie im dnnen Morgennebel den Schein des
Feuers, das die beim Almzaun wartenden Treiber auf der Lichtung
angezndet hatten, um Glut fr die Pfeifen zu haben. In dem
Augenblick, als die beiden Jger zum Feuer kamen, gab's einen Schreck.
Einer der Treiber hatte an einem brennenden Reis seinen Stummel
angepafft, das Flmmchen ausgeblasen und das glhende Holz ber die
Schulter geworfen. In der Luft flammte das Reis wieder auf und fiel in
einen Haufen drren Zeuges. Das brannte wie Zunder. Nach allen Seiten
lief und zngelte die Flamme und erreichte den Almzaun, aus dem eine
knisternde Lohe aufschlug. Zu Tod erschrocken arbeiteten die Leute aus
Leibeskrften, um das Feuer zu ersticken. Ein Glck war es, da die
unteren Reisigschichten des Walles noch feucht waren vom Gewitterregen.
Sonst htte keine Arbeit mehr geholfen, auch nicht die flinkste, und der
ganze Almzaun wre in Flammen aufgegangen.

Als das Feuer gelscht war, halfen sie alle zusammen, um den Zaun
wiederherzustellen und das ausgebrannte Loch mit zusammengeschlepptem
Reisig zu fllen. In jener wohligen Erregung, die jedem schadlos
berstandenen Schreck zu folgen pflegt, wurde breit errtert, welch ein
schnes Unglck da htte entstehen knnen. Brennt der Zaun einmal, von
einer Felswand ber das schmale Tal hinber bis zur anderen, dann brennt
auch der ganze Sebenwald bis ber den See hinauf, und alles Jungvieh,
das droben im Seetal auf der Weide steht, ist verloren. Wenn auch der
Brand nicht hher gehen kann als bis zu den letzten Latschenfeldern, und
wenn auch das Vieh hinaufflchtet in die Felsenkare -- droben erstickt es
im Rauch. Kreuzsakra! meinte Beinl. Da mcht ich net droben sein im
Seetal! Oder ich mt den letzten Juchezer machen und 's Leben so billig
verkaufen wie an alten Strumpf!

Drauen im Karwendelgebirg, erzhlte ein anderer, wre vor Jahren ein
groer Waldbrand durch einen Almzaun entstanden, in den der Blitz
geschlagen htte. hnliche Flle erzhlten zwei andere, und man kam zu
dem Schlu, da es auch im Geital an der Zeit wre, diese
Zunderhecken durch Legmauern aus Steinen zu ersetzen, wie es lngst
schon berall geschehen wre, wo die Leute Verstand und kein Sgmehl im
Hirnkastl htten. Da man an die alten Bruch hngt, ds is ja gut
und schn, aber a bil Furtschritt is net ohne!

Pltzlich verstummte diese Weisheit -- der Frster kam mit den zwei
Leutascher Jgern. Wohl begann es schon Tag zu werden, aber der Nebel
verschleierte den Aschenhaufen, und so merkte der Frster nicht, was
geschehen war. Er lie die Jger und Treiber im Halbkreis Aufstellung
nehmen: Also, Leut! Da wir unserer lieben Duhrlaucht heut a saubers
Jagderl machen! Am Almzaun auffi wird die Treiberketten angstellt. Den
Losschu mach ich Punkt halb sechse. Da is die Duhrlaucht auf'm Stand,
und da wird sich auch der Nebel schon verzogen haben. Und wie der
Losschu fallt, fangen wir 's Drucken an. Und langsam, Leut, langsam,
nur langsam, da die Hirsch net aussifahren zum Loch wie die narrischen
Mus. Verstanden? Also, in Gottsnamen, packen wir's an!

Neben dem Almzaun stiegen sie bergan, whrend das Frhlicht zu wachsen
und der Nebel sich schon zu verziehen begann. Hinter den halblaut
Schwatzenden blieb Mazegger unschlssig zurck. Sein Gesicht war
bernchtig, seine Augen lagen tief, von dunklen Ringen umzogen. Sein
Flackerblick hing an dem kalt gewordenen Aschenhaufen, glitt hinber zum
Almzaun und folgte dem braunen Reisigwall bergauf und wieder bergab,
ber das ganze schmale Tal, von einer Felswand bis zur anderen.

Dann nickte er vor sich hin, und langsam stieg er hinter den anderen
her.




^Vierzehntes Kapitel^


Zgernd schwammen die Schleier des Morgennebels durch das Geital hinans
und wurden immer dnner. Eine Waldzunge nach der anderen gaben sie frei,
enthllten hier eine sonnbeglnzte Bergzinne, dort ein Almfeld in blauem
Schatten, und selbst schon angestrahlt und durchwrmt von der steigenden
Sonne, verwandelte sich ihr trbes Grau in zarten Schimmerduft, der
spurlos in den Lften zerflo.

Fast war das ganze Tal schon nebelfrei, und mit leuchtender Klarheit
spannte sich der Morgenhimmel ber Tal und Berge, als Ettingen und
Praxmaler gegen sechs Uhr morgens in der Talsohle das breite Kiesbett
der Ache berschritten, um durch einen steilen Waldstreif emporzusteigen
zum Frstenstand. Der lag am Waldsaum auf einem Latschenrcken und
gewhrte freien Ausblick ber eine von Erlengestrpp erfllte Mulde und
eine sprlich bewachsene Lawinengasse, die sich vom Fu der steilen
Felswand hinunterzog bis ins Tal. Drunten sah man das weie Kiesfeld und
eine lange Strecke des Pfades, der zum Sebensee fhrte. ber dunkle
Fichtenhgel konnte man hinausblicken zum Sebenwald und zu der vom
Seeufer aufsteigenden Sonnenspitze, die ihren goldumstrahlten Felskegel
schlank in den blauen Himmel hob.

Den Stand, auf dem zwischen den Wurzeln einer Fichte ein bequemer Sitz
gerichtet war, umzog eine kleine Legmauer als Deckung fr die Jger.

Whrend Pepperl den Wettermantel ber den Sitz breitete und den
Feldstecher aus dem Futteral nahm, blickte Ettingen immer dort hinaus,
wo jener schlanke, sonnige Fels in die Lfte stieg.

So, Duhrlaucht, jetzt haben S' a nobels Platzl!

Ettingen lie sich nieder, und Pepperl, der sich seinem Herrn zu Fen
setzte, zeigte ihm die beiden Wildwechsel, von denen der eine unter der
Felswand hinlief, whrend der andere schrg ber die Lawinengasse
hinunterging ins Tal und gegen das Kiesbett des Baches. Auf dem, mein'
ich, auf dem sollt was anlaufen!

Ettingen nickte. Und Pepperl schwieg. Whrend aus den Augen seines Herrn
ein frohes Trumen redete, ein freudiges Ausgenieen der schnen
Morgenstunde, sprach grmliche Verdrossenheit aus dem Gesicht des
Jgers. Fr ihn lag der Frstenstand auf einem unbequemen Platz. Wenn er
den Hals streckte, konnte er drauen im Geital den Tillfuer Almwald
sehen und zwischen den Wipfeln den Flaggenmast, dessen drei Fahnen sich
wie eine Reihe winziger Farbenkleckse vom Grn des Hintergrundes
abhoben. Immer wieder beugte Pepperl sich vor, von der unbequemen
Stellung begann ihn das Genick zu schmerzen, und immer schwerer seufzte
er. Scheu hatte er schon ein paarmal zu seinem Herrn aufgeguckt, als
lge ihm was auf der Seele, was nicht heraus wollte. Und pltzlich sagte
er mit einem Ton, als ging' es um Wohl und Weh eines Menschen: Ja,
Duhrlaucht, passen S' auf, heut schieen S' an ^guten^ Hirsch!

Ettingen hrte nicht.

Pepperl drckte die Hand in den Nacken. Ja, ja! Heut kommt was! Unser
Jagdl is gut. Aber kosten tut's! Ds is a sauberer Haufen Geld, der da
verwaltet werden mu! ^Verwaltet^! Immer weiter ffneten sich Pepperls
Augen, whrend er in heier Spannung zu seinem Herrn hinaufguckte. So
an Jagdbezirk verwalten! Teufi Teufi, Teufi! Ds macht Arbeit! Und
verstehn mu man's. Ds is d' Hauptsach. Aber der Frstner, gelten S',
der versteht's! Der macht alles allein. Der braucht kein andern. Der
versteht's halt, gelt?

Ein tchtiger Jger, sagte Ettingen, auf den man sich verlassen kann,
in allen Dingen!

Aus Pepperls Augen blitzte die Freude, und in allen Tonarten begann er
das Lob des Frsters zu singen, um mit der diplomatischen Wendung zu
schlieen: Aber no, freilich, vom Land einer is er halt doch, und da
kennt er sich halt net so aus mit die frnehmen Sacherln, wissen S'! Und
da hab ich mir schon diemal denkt: kunnt sein, da der Herr Frst amal
ein' anstellt, so an Herrischen, an Jagdverwalter, oder wie man's
heit -- wie sag ich denn gleich -- no ja, wie der Herr Martin einer is?

Martin? Und Jagdverwalter? Das war eine Vorstellung, die den Frsten
lachen machte. Nein! Wenn ein Jagdverwalter ntig wre, wt ich mir
einen anderen zu finden. Aber der Frster macht seine Sache so gut, da
ich mir das besser gar nicht wnschen kann.

Pepperl grinste im Triumph seiner Schadenfreude wie ein Indianer, der
den Skalp des Todfeindes eroberte. Wart, Frau Verwalterin, heut auf'n
Abend kriegst was z'hren! dachte er und streckte den Hals, da ihm die
Schultern fast aus der Joppe sprangen. Aber jetzt, Duhrlaucht, jetzt
mssen S' Ihnen stad halten! Die Zeit wird kritisch. Allbot kann was
daherspringen.

Lautlos saen sie eine halbe Stunde.

Da lie sich aus dem Waldstreif hinter der Lawinengasse das leise Rollen
von Steinen hren. Pepperl, jetzt ganz bei der Sache, spitzte die Ohren.
Im gleichen Augenblick fate Ettingen mit hastigem Griff den
Feldstecher. Doch whrend der Jger hinbersphte zum Wald, hielt
Ettingen das Glas nach dem Tal gerichtet.

Dort unten auf dem Pfad war Lolo Petri erschienen, den Basthut mit einem
Kranz von Blumen geschmckt. Ihr folgte der Bruder, dessen Htl unter
Almrosen ganz verschwand; er fhrte an losem Zgel den Esel, der mit dem
Gepck und mit einem riesigen Busch von Rosen und anderen Blumen beladen
war.

Obacht! flsterte Pepperl, der drben aus dem Waldsaum ein Alttier
sichernd auf die Lichtung treten sah. Als aber Ettingen die Bchse nicht
fate, blickte der Jger verwundert auf. Da sah er, wie seinem Herrn das
Glas in den Hnden zitterte. Mar und Joseph, dachte Pepperl, der kriegt
's Hirschfieber! Er zischelte: Net aufregen, Duhrlaucht! Blo d' Ruh
net verlieren bei so was! Heut haben S' Glck, passen S' auf! Lassen S'
ds Frauenzimmer nur schn vorbei! Er meinte das Alttier. Und Obacht
geben! Da kommt schon was nach! Es wurde lebendig drben im Wald, und
dem Alttier folgte ein Rudel, bei dem ein paar schwache Hirsche waren.
Es is nix Gscheits dabei! Nur warten! flsterte Pepperl so leis wie
ein Hauch.

Ettingen sah und hrte nicht, was um ihn vorging, sondern folgte mit dem
Glas jedem Schritt des Mdchens dort unten.

Ruhig und sorglos trat das Rudel auf die Lichtung. Pltzlich wandten
alle Tiere die Kpfe gegen den Wald zurck, wurden flchtig, und
zwischen den hohen Erlenbschen der Mulde verschwindend, nahmen sie den
Wechsel gegen das Tal. Der Hirsch kommt! Richten S' Ihnen! zischelte
Pepperl. Der Hirsch, Mar und Joseph, und ^was^ fr einer!

Deutlich konnte Ettingen durch das Glas das Gesicht des Mdchens sehen,
ihr Lcheln, die Bewegung ihrer Lippen, wenn sie mit dem Bruder
plauderte. Nun hatten die Geschwister den steilen Rain erreicht, ber
den sie niedersteigen muten, um das Kiesbett zu berschreiten. Da
pltzlich sah Ettingen im Glas ein flchtendes Rudel Hochwild
auftauchen. Links und rechts von den beiden Geschwistern jagten die
Tiere vorber, erschrocken wollte Lo nach dem Zgel des Esels greifen,
aber da scheute der Graue schon und rannte mit bockenden Sprngen ber
den Rain in das Kiesbett hinunter, den Knaben am Riemen mit sich
schleifend. Erblassend sprang Ettingen auf, und den Feldstecher
wegschleudernd, stammelte er: Um Gottes willen! Das gibt ein Unglck!
Praxmaler! Kommen Sie! Schnell! Ich frchte -- Er hatte den Bergstock
gefat, schwang sich ber die Mauer -- und whrend er hinuntereilte ber
den steilen Hang, stand drben auf der Lichtung ein Hirsch mit
herrlichem Geweih, ugte dem springenden Menschen dort unten nach,
trollte ein paar Schritte, ugte wieder und verschwand in den Latschen.
Jetzt ermunterte Pepperl sich aus seiner sprachlosen Verblffung und
schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen. Mar und Joseph! O du heilige
Fasnacht! Rennt mir der Frst davon und frcht sich vor eim Hirschen!
Teufi, Teufi, Teufi --

Da klang aus dem Wald herauf die schreiende Stimme seines Herrn:
Praxmaler! Kommen Sie! Schnell! Es war in dieser Stimme ein Ton, der
den Jger ahnen lie, da hier doch wohl etwas anderes geschehen wre
als nur ein drolliges Jgerstcklein. In Sorge begann er zu rennen und
erreichte das Kiesbett in dem Augenblick, als Ettingen und Lolo Petri
den Knaben fanden. Lo war bla vor Schreck, als sie den Kopf des Knaben
aufhob an ihre Brust. Die Sache schien bler auszusehen als sie war.
Gustl zitterte wohl, doch er lchelte, um die Schwester zu trsten, und
sagte: Sorg dich nicht! Mir ist nichts geschehen. Gewi nicht! Und
Schmerzen hab ich ^gar^ keine. Im Gesicht und an den Hnden hatte
er ein paar leichte Schrfwunden, sonst schien er unverletzt. Doch als
sie ihn aufrichteten, konnte er nicht stehen und wre wieder zu Boden
gesunken, htte ihn Ettingen nicht aufgefangen. Kind! Kind! stammelte
Lo.

Beruhigen Sie sich, Frulein, sagte Ettingen, obwohl ihm selbst vor
Erregung die Stimme kaum gehorchte, es kann nicht so schlimm sein! Der
Fu ist nicht gebrochen. Hier eine Untersuchung vorzunehmen und den
armen Jungen zu qulen, das ist nutzlos. Kommen Sie, wir tragen ihn zum
Jagdhaus, da kann alles leichter und besser fr ihn geschehen! Kommen
Sie! Bei diesen Worten hatte er Gustl schon auf seine Arme gehoben und
eilte mit ihm ber das Kiesbett hinber gegen den Weg.

Pepperl erbot sich, den Knaben zu tragen. Auch bei raschem Gang war's
eine halbe Stunde bis zum Jagdhaus, und so a Bub hat sein Gwicht. Aber
Ettingen schttelte den Kopf. Der Junge trgt sich wie eine Feder so
leicht! Auch Lo mahnte mit scheuer Bitte, da Ettingen den Dienst des
Jgers annehmen und seine Krfte schonen mchte. Er sah ihr in die
Augen, schttelte wieder den Kopf und flsterte dem Knaben zu: Leg nur
die Arme um meinen Hals, Bubi! So! Nicht wahr, so ist's bequemer?

Ja.

Whrend sie auf ebenem Pfad durch den Wald hinauseilten, klang hinter
ihnen auf dem Latschengehng das Klopfen und halblaute Rufen der
anmarschierenden Treiber: Hup hup hup! Brrrr! Hup hup! Pepperl guckte
sich einmal um, und da wollte es ein bser Zufall, da er zwei gute
Hirsche gemtlich ber die Lawinengasse spazieren sah. Teufi, Teufi,
Teufi, drei Hirschen htten wir haben knnen! trumte seine Jgerseele
mit Kummer.

Ettingen plauderte whrend des ganzen Weges mit dem Knaben. Gustl hielt
sich wie ein kleiner Held, verbi den Schmerz und schwatzte
unverdrossen, um der Schwester alle Sorge auszureden. Viel mehr als sein
verletzter Fu beschftigte ihn die Frage, was wohl aus Hansi, dem
Grauen, geworden wre.

Der kommt schon wieder! trstete Lo.

Ja, schon, aber die Forellen, Lo! Die Forellen! Wenn er mit dem Netz
einen halben Tag in der Sonne herumluft, hab ich sie umsonst fr Muttl
gefangen! In Schmerz verzog sich der Mund des Knaben, und das Wasser
scho ihm in die Augen; doch er seufzte nur: Ach Gott, ach Gott, die
schnen Forellen!

Sie hatten das Jagdhaus fast erreicht, als Hansi nachgetrottet kam, in
hchst nervser Stimmung. An den locker gewordenen Gurten war ihm die
Packtasche mit dem Almrosenbusch unter den Bauch gerutscht, und weil ihn
die Zweige kitzelten, schlug er fortwhrend mit den Hinterfen aus,
schttelte die Ohren und machte drollige Sprnge.

Als Pepperl den Esel in den Stall fhrte, rief Ettingen dem Jger nach:
Tragen Sie das Fischnetz gleich in die Kche hinauf! Man soll die
Forellen auf Eis legen, damit sie nicht verderben. Seine Stimme klang
gepret, so da Lo ihm besorgt in das erhitzte Gesicht blickte. Er hatte
doch wohl seiner Kraft zuviel zugemutet. Als er den Knaben ber den
letzten Hang zum Jagdhaus hinauftrug, ging sein Atem md, und seine Arme
zitterten.

Martin kam aus der Sennhtte gelaufen, mit dunkelrotem Gesicht, als
htt' es dort unten mit dem unbehteten Madl eine Szene gegeben, die
nicht ganz nach seinen Wnschen ausgefallen war. Verwundert musterte er
seinen Herrn und das schne Mdchen.

Schnell, Martin! Hinauf! Und richte das Bett im Grafenzimmer!

Erschrocken verfrbte sich der Lakai; doch wortlos eilte er ins Haus.

Im Flur kam Martin seinem Herrn ber die halbe Treppe entgegen und
stotterte: Ich bitte um Vergebung, Durchlaucht, das Zimmer ist
abgesperrt, und im Augenblick wei ich nicht, wo die Leute den Schlssel
haben.

Aber Mensch! So mache doch ^mein^ Zimmer auf! Siehst du denn nicht --

Martin rannte, und als sein Herr mit dem Knaben in das sonnige, weie
Zimmer trat, war das Bett schon abgedeckt. Whrend Lo dem Bruder half,
sich zu entkleiden, brachte Ettingen das ganze Haus in Aufruhr. Der
Lakai, die Kchin und die Kchenmagd, alles mute laufen und bringen:
Wasser, Eis, Verbandzeug, Kognak, den ganzen Inhalt der Hausapotheke.

Als Lo den verletzten Fu des Knaben untersucht hatte, atmete sie auf.
Der Knchel war geschwollen und glhte, aber die Sache war unbedenklich:
eine Bnderzerrung, die, obwohl sie schmerzhaft war, in wenigen Tagen
wieder gut sein konnte. Ein paar Stunden Ruhe, meinte Lo, und Hansi
knnte den Knaben heimbringen, ohne da sich das bel verschlimmern
wrde.

Jetzt mu ich dir ein wenig wehtun, Bubi! Aber du wirst sehen, das
hilft!

Ja, Lo, mach nur, was du meinst!

Sie begann die Geschwulst zu massieren. So schmerzhaft das auch war, der
Junge berwand es ohne einen Laut und rgerte sich, weil ihm wider
Willen die Trnen in die Augen kamen. Dann wurde der Knchel bandagiert,
und drber kam der Eisumschlag. Die Schrfwunden im Gesicht und an den
Hnden wurden mit Karbollsung gereinigt und mit Pflsterchen verklebt.

Lchelnd sah Ettingen dem Mdchen zu. Sie machen das alles wie ein
gelernter Arzt!

Hier in den Bergen, wo man eine Tagreise bis zum Doktor hat, lernt sich
das von selbst. Und ich hatte einen guten Lehrer. Der verstand sich auf
alles, was Hilfe heit.

Ihr Vater?

Ja. Sie kte den Knaben auf die Stirn. Brav hast du dich gehalten!
Die seidene Steppdecke glttend, richtete sie sich auf. Als wre erst
jetzt alle Sorge von ihr gewichen, streifte sie mit ihren schlanken
schnen Hnden die Zaushrchen von den Schlfen zurck. Sie blickte im
Zimmer umher, und eine leise Verwirrung schien sie zu berkommen. In
jher Bewegung streckte sie Ettingen die Hnde hin, blickte mit
glnzenden Augen zu ihm auf und sagte leis: Wie gut Sie mit ihm waren!
Ich danke Ihnen.

Er nahm ihre Hnde. Dank? Nein! Der Schuldige bin doch ich, mit dieser
dummen Jagd. Aber weil nur alles noch leidlich gut vorberging!
Wirklich, jetzt atme ich auf. Und freue mich, da ich Sie hier habe
unter meinem Dach. So hbsch ist es freilich nicht bei mir, wie ich es
bei Ihnen fand, da drauen, in der schnen Sturmnacht! Noch immer hielt
er ihre Hnde fest, und lchelnd sahen sie sich in die Augen.

Gustl, der mit der Wange auf den Hnden lag, lind in die Kissen
geschmiegt, guckte staunend an den beiden hinauf, und das verpflasterte
Gesichtchen des Knaben frbte sich dunkelrot.

Lautlos trat Martin in das Zimmer, um Ordnung zu machen. Er schien keine
Augen zu haben, nur Hnde, die geruschlos hantierten. Als er mit dem
Wasserbecken und mit den Tchern ber dem Arm das Zimmer verlassen
hatte, sah er die geschlossene Tr an und wiegte den Kopf. Studierend
stieg er ber die Treppe hinunter. In der Kche legte die Jungfer Kchin
gerade die drei Forellen, die Pepperl gebracht hatte, in den Eiskasten,
als Martin eintrat. Beim Anblick des Kammerdieners gab es dem Jger
einen Ri߫, halb vor Wut und halb vor Schadenfreude; aber er mute der
Kchin Antwort geben, als sie fragte: Hat denn unsere Durchlaucht das
Fruln schon gekannt?

Gut auch noch! Z'erst hat er's droben am Sebensee troffen, neulich is
er drauen gwesen bei ihr in der Luitasch, und gestern nacht, wie ds
Wetter gwesen is, haben wir unterstehn mssen bei ihr, vom Abend bis auf
d' Fruh. Ja, unser Duhrlaucht und d' Fruln Petri, die zwei verstehn
anander! Was die fr austipfelte Sachen reden! Da reit unsereiner
d'Luser auf, sperrangelweit.

Martin schien diesem Gesprch keine Aufmerksamkeit zu schenken. Kaum
aber hatte er die Kche verlassen, als er in seine Stube eilte und
hinter sich die Tr verschlo. Nachdem er an den Fenstern die Vorhnge
zugezogen hatte, schrieb er eine Depesche in englischer Sprache, nur die
Adresse deutsch: Baronin Pranckha, Hietzing, Wien. -- Soeben flog der
edle Falk mit weier Taube in den Waldhorst. Erkenne Gefahr und warne.

_The faithful!_ unterschrieb er -- der Getreue! -- und schob die
Depesche in die Tasche, um sie bei der Hand zu haben, wenn der Postbote
kme. --

Drauen vor dem Fenster ging Pepperl vorber. Er machte langsame
Schritte, und immer wieder schielte er zur Sennhtte hinunter, aus
deren Schindeldach der Herdrauch quoll. Am liebsten wre Pepperl
in seiner Schadenfreude schnurstracks hinuntergelaufen, um dem
verloffenen Lampl mit allem Hochgenusse menschlicher Bosheit ins
Gesicht zu schreien: Jagdverwalterin? Ja! Schmarrn! Aber da lagen
ihm zwei verwnschte Worte wie eiserne Riegel im Weg: Wir sind fertig
mitanander! und Mich siehst nimmer! Da er nach solchen Worten noch
einmal die Schwelle dort unten berschreiten sollte -- das war eine
heikle Sache fr einen, der in sich die berzeugung trgt: A bil
was mu der Mensch halten auf ds, was er sagt! Und was ging ihn die
ganze Geschichte weiter noch an? Nix! Rein ^gar^ nix! Fr ihn
hatte die Sache nur noch ein theoretisches Interesse, zu dem sich das
angenehm prickelnde Bewutsein gesellte: Ich hab ^recht^ gehabt!
Jetzt konnte die Sache da unten ausfallen, wie sie wollte -- er stand
gro da! Mit dem Gefhl der Befriedigung, das den Praxmaler-Pepperl bei
diesem Gedanken berkommen hatte, wollte er schon ins Frsterhuschen
treten. Da hrte er ber das Almfeld herauf das Klirren eines
Bergstockes. Und am Waldsaum drunten erschien ein alter, weibrtiger
Bauer, gebeugt und etwas unsicheren Ganges. Jesses! Da kommt er!
stotterte Pepperl, als er Burgis Vater erkannte. Mit langen Sprngen
rannte er ber das Almfeld hinunter und schrie: Brenntlinger! He!
Brenntlinger! Da komm her! Da bin ich! Da!

Der Alte blieb stehen und guckte mit den stumpfen, rotgernderten Augen.
Sein gebrochener, von einem sechzigjhrigen Leben in Armut
mrbgeklopfter Krper steckte in einer bel zugerichteten Hlle. Es
schien, als htte der gute alte Brenntlinger eine der letzten Nchte
im Straengraben zugebracht und die Zeit noch nicht gefunden, die grauen
Federn dieses harten Bettes von sich abzubrsten.

Im Heuschuppen auf der Alm geboren, hatte er den Anstieg seines Lebens
als Hterbub begonnen, war Galtviehsenn geworden, und mit vierzig
Jahren, als Milchviehsenn bei einem Jahreslohn von 137 Gulden 45
Kreuzern, hatte er geheiratet. Das kleine Burgerl in der Wiege konnte
die Hochzeit der Eltern mitfeiern. Fnfzehn Jhrlein spter, als Burgi
aus der Feiertagsschule kam, starb die Brenntlingerin an einem Leiden,
das kein Doktor kurieren konnte, weil man keinen holte. Und whrend sich
das junge Mdel hineinwuchs in die Almenarbeit, wurden dem Brenntlinger
von Jahr zu Jahr die Knochen immer mder. Nun hatte er seinen Strohsack
im Gemeindehaus liegen, und seinem Leben blhte nur noch jene einzige
Blume, die nicht nach Honig, sondern nach Trebern duftet. Am liebsten
htte Burgi den Vater jeden Sommer zu sich in die Sennhtte genommen.
Dagegen wehrten sich die Almbauern, die den unntzen Kostgnger nicht
auf ihrer Milchschssel haben wollten. Also gab sie ihn, fr fnf Gulden
im Monat, beim Flurjger in die Kost. Auf die Hand durfte sie dem Alten
kein Geld geben, keinen Kreuzer. Sonst htte er nie an seinen Hunger,
nur immer an seinen Durst gedacht. Kein Wunder also, da Brenntlinger
mit einem Juchezer das groe Los begrte, das er neulich beim Haus des
Maler-Emmerle gezogen hatte. Zehn Gulden! Das hatte einen achttgigen
Rausch gegeben. Keinen zehntgigen, nein, da hatte Pepperl sich
verrechnet. Denn der gute alte Brenntlinger liebte nicht nur seinen
Namensvetter, den Gebrannten, er liebte als braver Vater auch sein Kind.
Bevor er vom Haus des Maler-Emmerle den Weg zum Buschenwirt genommen
hatte, war er beim Kramer eingetreten und hatte um zwei Gulden fr sein
Mdel ein seidenes Tchl gekauft. Das brachte er nun mit, an seiner
Vaterbrust verwahrt und sorgfltig in das Sonntagsblatt fr das
katholische Volk gewickelt. Aber auch noch etwas anderes brachte er mit
auf die Alm: einen halb ausgeschlafenen Katzenjammer, einen drmeligen
Kopf und einen so unsicheren Schritt, da man Zweifel hegen konnte, ob
der gute alte Vater sich fr das Wohl und Wehe seines Kindes so
energisch auf die Fe stellen wrde, wie es der Praxmaler-Pepperl von
ihm erwartete.

Brenntlinger! He! Brenntlinger! Da komm her! Da bin ich! Da!

Die aufgeregte Stimme drang nicht nur in die halbtauben Ohren des Alten,
sie drang auch durch die Mauern der Sennhtte. Mit einem Sprung war
Burgi bei der Tr. Vater! Jesus Maria! Vater! Ja gr dich Gott! Wo
kommst denn her? Da sah sie den Jger wie einen Narren ber das Almfeld
herunterspringen. Sie erschrak. Nicht weil sie ein schlechtes Gewissen
hatte, nein! Wenn ihr der Herr Jagdverwalter _in spe_ beim Herd und am
Kammerfenster auch schon ein Dutzend Ksse und drber abgeschwatzt und
gestohlen hatte -- ein Ku in Ehren ist keine Snd, am allerwenigsten ein
Ku von einem, der Jagdverwalter wird und positivi heiraten will. Und
wenn auch dem sen Schmalger nicht ber den Schritt zu trauen
war -- einen, der solchene Aussichten hat, den mute man doch wohl ein
bisserl warm halten. Das riet nicht nur die Klugheit, dazu reizte auch
ganz besonders der Gedanke, da sich ein anderer grasgrn rgern wrde,
wenn schlielich aus der Sach doch etwas werden sollte. Ein schlechtes
Gewissen also hatte die Burgi nicht. Ganz im Gegenteil. Dennoch erschrak
sie. Und als sie den Pepperl so rennen sah, hatte sie nur den einen
Gedanken: die erste beim Vater zu sein! Sie machte einen Sprung wie ein
Heuschreck, der die Sense blitzen sieht, und rannte, was sie rennen
konnte. Auch Pepperl machte hurtige Beine. So liefen die beiden
miteinander um die Wette, wie zwei Jagdhunde um einen Hirsch.
Gleichzeitig erreichten sie den Alten. Keuchend packte ihn Burgi am
linken, Pepperl am rechten Arm.

Vater! Zu mir kommst.

Na! Zu mir! Ich hab dich bstellt.

Zu mir kommst, Vater! Zu mir in d'Htten!

Z'erst zu mir! Ich mu dir ebbes sagen, was pressant is!

Der Alte stotterte immer: Tuts mich net derreien, Kinder! Net
derreien! Tuts mich net derreien!

Mit Zerren und Streiten hatten sie den Alten bis zur Sennhtte gebracht.
Burgi blieb Siegerin. Sie schob den Vater ber die Schwelle, schlug die
Tr zu und stie den hlzernen Riegel vor. Fr diesen Riegel hatte
Pepperl nur ein Lachen. Wie da zu helfen war, das wute er. Erst
verschnaufte er ein bichen, dann zog er das Messer aus der Tasche,
schob die Klinge in den Trspalt und begann zu schieben. Aber
merkwrdig! Der Riegel wollte nicht weichen wie sonst. Verwundert guckte
Pepperl nher zu und sah statt des alten, morschen Holzstckes, mit dem
die Tr seit einem halben Jahrhundert zufrieden gewesen war, eine
blinkende Latte durch die Spalte schimmern. Wann war dieser neue Riegel
an die Tr gekommen? Und warum? Diese beiden Fragen gaben dem
Praxmaler-Pepperl hei zu denken.

In der Sennstube hatte Burgi den Vater zum Herd gefhrt. Da sah sie den
Zustand seiner Kleider. Vater! Um Gottswillen! Wie schaust denn aus!

Ich? Warum?

Vater! Wie ernst das klang! Hast mir im Frhjahr net versprochen, da
dich halten willst? Und heut kommst mir daher, da ich mich schamen mu,
wenn dich an ordentlicher Mensch anschaut! Burgi fuhr sich mit der
Faust ber die Augen. Da mut wieder an saubern ghabt haben!

Na na na na, net wahr is! Ich hab kein ghabt. Gwi net! Heut net. Na!
stotterte Vater Brenntlinger, whrend er an seinem Hut die ausgefranste
Krempe untersuchte.

Sie glaubte ihm nicht. Wann ich nur schon wieder drauen wr bei dir!
Es taugt mir eh nimmer da heroben. Sie holte die Holzbrste, die zum
Scheuern der Milchgeschirre diente. Geh her, la dich a bil abputzen!
Seufzend zog sie den Vater in die Fensterhelle, kniete vor ihm nieder
und begann von unten herauf die Arbeit. Und so, wie heut, so kommst mir
nimmer!

Na na na na.

Tust mir's versprechen? Auf der Mutter ihr Andenken!

Ja, Burgele, ja! Und weil dein Vater so viel gern hast, ja -- er whlte
an der Brust herum und brachte das Pcklein zum Vorschein, ja, drum hab
ich dir was mitbracht, schau! Langsam lste er mit seinen zitterigen
Hnden den Papierumschlag und entfaltete das seidene Tchl.

Jesses! Vater! Das Mdel wurde rot vor Freude. Aber erschrocken fragte
sie gleich: Um Gottswillen, Vater, was hast denn fr ds Tchl zahlen
mssen?

Zwei, ja, zwei Gugulden, ja!

Zwei Gulden! Vater! Mar und Joseph! Wo hast denn so viel Geld herghabt?
Du wirst doch um Gottswillen net bettelt haben?

Na na na na! Fr'n Mllertoni, ja, fr'n Toni bin ich auf Seefeld,
weit, a Botengangl auf Seefeld ummi!

Und da hat dir der Toni zwei Gulden geben? forschte sie mitrauisch.
Zwei Gulden?

Ein', der Toni, weit! Und der Posthalter den andern, ja, der
Posthalter!

Sie war nur halb beschwichtigt. Aber mglich schien ihr die Sache doch,
und sie ^wollte^ glauben, um an dem schnen Tchl ihre Freude haben zu
knnen. Geh? Is wahr? Und da hast die zwei sauer verdienten Gulden fr
mich verspart! Da mu ich dir schon a Vergeltsgott sagen!

Ja ja ja, und 's Tchl, gelt, ds gfallt dir? kicherte Vater
Brenntlinger, froh, dem Verhr so glcklich entronnen zu sein.

Sie prfte die Seide, hielt das Tuch ans Licht und versuchte, wie es
sich falten liee. Aber geh, jetzt setz dich her, jetzt koch ich dir
gleich was auf! Magst saure Nocken? Tut dich hungern? Gelt?

Ja, hungern, ja, und saure Nocken, ja, die kunnt ich brauchen. Und
weit, a bil drsten, ja, a bil drsten tut mich.

Da hol ich dir gleich a Schsserl Milli.

Milli? Der Alte bewegte den Mund, als htte er eine bittere Zunge. So
so? Milli krieg ich? Milli?

Burgi war in die Kammer getreten. Ehe sie die Milchschssel holte, legte
sie vor dem Spiegelscherben, der neben dem Fenster an die Wand gepickt
war, das seidene Tuch zur Probe um den Hals.

Milli krieg ich? So so? Milli? Als htte dieser Gedanke einen
Zusammenhang mit dem Praxmaler-Pepperl, so guckte sich der Alte
pltzlich um, wo denn der Jger geblieben wre. Und als er sah, da an
der Tr gewackelt wurde, ging er hin und schob den Riegel zurck. Ehe
die Tr noch richtig offen war, drngte Pepperl sich schon mit beiden
Ellbogen herein.

Du, Jager, du, zu dir bin ich kommen, weit, du hast mir was
versprechen lassen, ja!

Was ich versprochen hab, ds kriegst! Z'erst aber mu ich reden mit
dir. Da setz dich her an' Tisch!

Als die beiden sich auf die Holzbank niederlieen, trat Burgi mit der
Milchschssel in die Stube. Den ersten Schreck ber die Stimme, die
sich in der Sennhtte hren lie, schien sie in der Kammer bertaucht zu
haben. Wohl brannte ihr das Gesicht wie Feuer, doch mit spttischer Ruhe
sagte sie: Ah, da schau her! Der Pepperl!

Sie stellte dem Vater die Schssel hin und legte den Brotlaib mit Messer
und Lffel daneben. Dann stemmte sie die Fuste in die Hften und lachte
dem Jger hhnisch ins Gesicht. Hat mir net einer gsagt: du gingst mir
nimmer eini in d' Htten?

Pepperl verfrbte sich und brllte: Bis ich zu ^dir^ komm, da kannst
^lang^ warten! Blo zu deim Vater bin ich kommen. Weil ich z'reden
hab mit ihm. Verstehst mich?

No also! Leg dir kein Maulkorb an! Kannst alles sagen! Ob's wahr is
oder verlogen! Net amal auflusen tu ich! Na! Mit spttischem Lachen
ging sie zum Herd und nahm eine Holzschssel von der Wand, um den
Nockenteig anzurhren.

Die Neugier schien keine von den schlechten Eigenschaften des
Brenntlinger zu sein. Whrend die zwei jungen Leute so hei miteinander
hachelten, ghnte er ein um das andere Mal und schnitt das Schwarzbrot
mit groen Brocken in die Milch. Eben wollte er den ersten Schub
verladen, als ihn Pepperl so energisch am Arm packte, da der Brocken
vom Lffel wieder in die Schssel fiel.

Jetzt, Brenntlinger, jetzt pa auf.

Ja, ja! Red nur zu! Der Alte holte mit dem Lffel aus. Aber essen
mut mich lassen! Essen, weit!

Der Appetit wird dir vergehn! Dir! Wann d' solchene Sachen hrst! Du
bist der Vater. Dich geht's am rgsten an! Und dir z'lieb hab ich mich
dreingmischt! Da ich dir an Kummer verspar, du guter alter Teufi, du!

A Teufi, was, a Teufi bin ich? kicherte Vater Brenntlinger und wischte
sich die verschttete Milch von der Joppe. Ich hab doch keine Hrndln!

Jetzt lach net! Mir is blutig ernst! Und dir geht's an d' Ehr! Da,
schau dir's an, dein Tchterl! Die fhrt sich nobel auf! Vom Herd
herber lie sich ein hhnisches Lachen hren. Lachen kann s' auch
noch! Die! Und der arme Vater kann sich d' Augen ausweinen! Drum la
dich verwarnigen, du guter Mann, du braver! Und red a Wrtl, solang's
noch Zeit is! Denn da ich dir's ehrlich sag: in deiner Burgl ihrer
Htten geht's zu, als ob die Gomorringer ausgruckt wren!

Was? Wer? Der gute brave Mann schluckte einen Brocken. Wer is
ausgruckt?

Die Gomorringer! Die von der selbigen Stadt, wo's Pech und Schwefel hat
regnen mssen. Und warum? Ds wirst schon wissen!

Der Kochlffel in der Hand der Sennerin machte einen verdchtigen Zuck,
tauchte aber wieder in den Nockenteig.

Studierend schttelte der Alte den weien Kopf. Na, du, ds mut mir
schon besser verexplizieren, ja!

Pepperl schnaufte in schwler Hitze. Teufi, Teufi, Teufi, hat man mit
dir a Gefrett! Mit beiden Hnden fuchtelte er dem Alten vor der Nase
herum. Ds weit doch, da unser Herr Frst jetzt da is?

Ja freilich, ja, der Herr Frst! So so? Was fr a Frst is denn der?

Der unser Jagd in Pacht hat!

A Jager? So so? A Jagerfrst! Und, ja -- Der Alte legte den Lffel
nieder, und seine Augen erweiterten sich. Du, Pepperl, sag, is enker
Frst net mitn, mitn Frstner in der Luitasch gwesen? Vor acht Tg?

Freilich is er drauen gwesen. Aber ds ghrt net daher. Ds geht dich
nix an.

Geht mich, ja, gegeht mich schon was an! versicherte Brenntlinger mit
solchem Eifer, da er zu stottern begann. Wenn ds der Ffrst gwesen
is -- zu dem geh ich auffi. Dem mu ich, ja, mu ich was
verexpipilixieren.

Pepperl verlor die Geduld. Kreuz Teufi, jetzt hr amal auf und lus mir
zu! Wann d' auffi gehst zum Frsten, wirst aussi gschmissen vom Herrn
Kammerdiener. Verstehst mich!

Kammerdiener? So so? Und is der auch so, ja, so nobel, der?

Der wird wohl nobel sein! Pepperl lachte mit zornrotem Gesicht. Hat
seidene Hsln an! Und Schnallenschuh! Wie der Mesner bei der Leich.

Schnallenschuh? Und seidene Hsln? staunte der Alte. Ah, der mu aber
nobel sein!

Und gestriegelte Haar hat er! Und deiner Burgi steigt er nach?
Verstehst mich? Deiner Burgi steigt er nach!

Langsam drehte Brenntlinger sich auf der Bank herum und fragte mit
aufgeregtem Stottern: Bu -- Buburgi? Is ds wahr?

Ja, ds is wahr! erklrte Burgi und warf eine Handvoll Salz in den
Nockenteig.

Hrst es jetzt? schrie Pepperl wie ein Verrckter. Wahr is, was ich
gsagt hab! Und anschmalgen tut er's! Anschmalgen, da er's heiraten
tt!

Die Aufregung des Alten wuchs. Bu -- Buburgi? Is ds wahr?

Wahr is's! Ja! fuhr die Sennerin mit gereizter Stimme auf. Den ganzen
Tag hockt er da in der Htten und pumpert die halben Ncht am
Kammerfenster. So verliebt is er! Wahr is, wahr is, wahr is!

ber den Tisch hinber packte Pepperl den Arm des Alten. Hast es ghrt,
Brenntlinger? Jetzt denk, da du der Vater bist, und da dich rhren
mut in deiner Verantwortigung. Verstehst mich? So! Jetzt red!

Stolpernd schob Brenntlinger sich hinter dem Tisch hervor, und warnend
hob er den Finger. Bu -- Buburgi! Ds mu ich dir sagen, hrst! Da sei
fein gscheit. Den la nur nimmer aus! Da kannst dein Glck machen, ja,
dein Glck! Ds is a Nobliger! Wann gscheit bist, machst dein Glck!

In sprachloser Verblffung starrte Pepperl den Alten an und fuhr sich
mit beiden Hnden durch die Kreuzerschneckerln. Dann sprang er auf und
rttelte den Brenntlinger, als mte er mit Gewalt in ihm das
schlummernde Gefhl der vterlichen Verantwortung aufwecken. Mensch?
Was redst denn da? Er lgt ja dein Madl an! Jagdverwalterin tt's
werden! Ja, Schmarrn mit Lakrizenso! Alles is verlogen! Und ds dumme
Gansl glaubt's ihm. Du? Verstehst mich bald? Und du bist der Vater! Du!
Pepperl rttelte, da dem Alten die Zhne klapperten. Rhr dich, Vater!
Rhr dich a bil!

Da rhr ich mich, ja! Wann er mein Madl anlgt, rhr ich mich! Da nimm
ich an Avakatn! Da mu er zahlen, der! Ds is a Nobliger! Der hat Geld!
Und wann er net zahlt, so mu der Herr Frst, jaaa, der Herr Frst mu
zahlen. Der hat Geld!

Pepperl sah aus, als htte man ihm Asche ins Gesicht geworfen. Mit
zitternden Hnden knpfte er die Joppe zu. Jetzt kenn ich mich
aus! Das Wasser scho ihm vor Zorn in die Augen. s seids mir zwei
^saubere^ Leut! Pfui ^Teufi^ mitanand! Er spuckte aus. Da wr ich
in a ^schne^ Verwandtschaft einikommen! Er wute wohl nicht, was
er redete. Der Zusammenhang dieses emprten Wortes mit der selbstlosen
Verantwortigung, die der Praxmaler-Pepperl auf seine moralischem
Schultern genommen hatte, war dunkel, war vllig unbegreiflich.

Wtend packte er seinen Hut und verlie die Sennstube.

Mit groen Glotzaugen sah Vater Brenntlinger ihm nach. Wawas, was hat
er denn?

Burgi wurde kreidebleich. Sie ging auf den Alten zu und fate ihn am
Arm. Vater! Marschier ins Kammerl eini! Und tu dich schlafen legen! Auf
der Stell! Denn da d' mir nchtern solchene Sachen sagen knntst, ds
glaub ich net. Und hast dein Dampus ausgschlafen, so reden wir weiter!
Vorher kein Wrtl nimmer! Tu dich schlafen legen!

Schlafen? Warum denn schlafen? Ganz munter bin ich, ja, und tu ich mich
soviel freuen mit, ja, mit dein Glck! Er guckte an ihr hinauf. Als er
ihr Gesicht und ihre Augen sah, erschrak er und mummelte begtigend: Ja
ja ja, sei nur zfrieden, Burgerl! Mu ich halt schlafen, ja! A Stnderl
schlafen! Seufzend stolperte er ber die Kammerschwelle.

Burgi ging zum Herd. Auf die Steine niedersinkend, brach sie in
Schluchzen aus.

Und droben im Frsterhuschen sa der Praxmaler-Pepperl hinter dem Ofen,
brstete mit den Fusten die Augen und wrgte nach Luft. Die
Selbsterkenntnis war erschreckend in ihm aufgegangen. So an Esel, wie
ich einer bin! Auf so a Weibsleut reinfallen! Mar und Joseph! Lrm und
Stimmen weckten ihn aus diesem Jammer seiner Liebe -- aus einem
Katzenjammer, der das Merkwrdige hatte, da ihm kein Rausch
vorausgegangen war.

Mit den Jgern und Treibern war der Frster gekommen, aufgeregt,
fassungslos ber den sonderbaren Ausfall der Jagd, die doch wie am
Schnrl gegangen war. Drei Hirsche waren angesprungen, kein Schu war
gefallen, und auf dem Frstenstand hatte man keinen Jger gefunden, nur
einen Wettermantel, den Feldstecher und die Bchse. Mensch, um
Christiwillen, was is denn da passiert?

Als Pepperl mit zerknirschter Miene berichtete, was sich ereignet hatte,
und da die Geschwister droben im Jagdhaus beim Herrn Frsten wren,
klang in der Stille, mit der die Leute lauschten, ein schallendes
Gelchter.

Der Frster drehte das Gesicht. Aber Toni? Bist denn bergschnappt?

Mazegger gab keine Antwort. Whrend er hinunterschritt zu seiner Htte,
sahen ihm die anderen verwundert nach.




^Fnfzehntes Kapitel^


Warm leuchtete die Mittagssonne in das weie Zimmer. Mit glhendem
Gesichtl lag der kleine Patient in den Kissen, nachdenklich und
vertrumt. Soviel auch die beiden plauderten, die an seinem Bette
saen -- Gustl sprach kein Wort. Und wenn ihn die Schwester fragte: Warum
bist du so still, Bubi? Hast du Schmerzen? -- dann schttelte er den
Kopf und sah sie mit glnzenden Augen an.

Nebenan, im Wohnzimmer des Frsten, deckte Martin den Tisch. Das hatte
Ettingen so angeordnet, damit Lo in der Nhe des Bruders bleiben knnte.
Lautlos verrichtete der Lakai seine Arbeit und lauschte dabei mit seinen
Fuchsohren auf jedes Wort, das im anstoenden Zimmer gesprochen wurde.
Doch er hrte nichts, was er fr seine getreuen Zwecke in Vormerkung
htte nehmen knnen. Da wurde, bald mit ruhigem Ernst, bald wieder mit
heiterem Geplauder, von Natur und Kunst gesprochen, von Leben und
Menschen, von Dorf und Stadt, vom Sebensee und vom Leutascher Tal, von
einem sonnigen Morgen und einer strmischen Nacht. Aber so unverfnglich
auch fr Martins Ohren diese Gesprche waren, er zog doch immer wieder
die Brauen hoch. Nicht der Text, sondern der Ton machte fr ihn die
Musik. Diese beiden Stimmen hatten immer einen so seltsam innerlichen
Klang, als lge in jedem gesprochenen Wort noch etwas heimlich
Verborgenes.

Der Tisch war bereit. Martin wartete mit der Uhr in der Hand. Punkt ein
Uhr trat er mit Wrde ber die Schwelle des anstoenden Zimmers.
_Monsieur le prince est servi!_

Ohne das Geplauder zu unterbrechen, erhob sich Ettingen und reichte Lo
den Arm. Bei der Tr nickte er dem Patienten lchelnd zu: Ich sorge
schon fr dich! Als sie in das Wohnzimmer traten, sah Ettingen den
Tisch an und fragte erstaunt: Aber Martin? Da sind ja nur zwei Gedecke?
Wo ist der Frster?

Keine Miene zuckte in dem ernsten Gesicht des Lakaien. Ich dachte --
wenn aber Durchlaucht befehlen --

Natrlich! Ettingen ging mit Lo zum Tisch. Da sah er auf dem Gesims
des Waffenschrankes ein Bild stehen, in olivgrnem, von matten Goldfden
durchzogenem Rahmen: die mit zarten Farben berhauchte Radierung nach
dem Bcklinschen Gemlde. Mein >Schweigen<! Wahrhaftig! Da hab ich es!
rief er in Freude. Martin? Wann ist das Bild gekommen?

Gestern, Durchlaucht. Ich hab es ausgepackt. Da ich nicht wute,
welchen Platz Durchlaucht fr das Bild befehlen, hab ich es einstweilen
hierhergestellt.

Gut! Ich danke, Martin!

Der Lakai verlie das Zimmer.

Ettingen rckte das Bild gegen das Fenster, damit es in besserem Lichte
stnde. Dabei sah er nicht, da ber Lolos Zge ein Schatten von Wehmut
ging, als htte der Anblick des Bildes eine schmerzliche Erinnerung in
ihr geweckt.

Sehen Sie, Frulein: ein Bild, das ich liebe! Das Schweigen im Walde,
von Meister Bcklin.

Lo nickte.

Nicht wahr, ein herrliches Bild? Wie das redet in seiner Ruhe, in der
Flle seiner stummen Gedanken!

Ja! Das Kunstwerk eines Meisters, der nicht nur zeigen will, der auch
viel zu sagen hat.

Und wie wenig er braucht, um viel zu sagen! Ein paar Baumstmme,
fast ohne ste. Und dennoch glaubt man den ganzen, tiefen,
vielhundertjhrigen Wald zu sehen. Und dieser Gegensatz der Beleuchtung:
hier im Wald das Dunkel des Abends, fast schon die Nacht, und drauen in
der Ferne noch der leuchtende Himmel. Und die kleinen und scheuen
Lichter, die von drauen hereinschleichen durch die dichten Zweige. Sind
sie nicht wie sehnschtige Trume? Wie die Wnsche eines Menschen, der
das grelle Licht und den wirren, schmerzenden Lrm des Tages satt bekam
und nach Frieden verlangt, nach Ruhe, nach stiller Schnheit? Und wie
reichlich der Wald das alles gibt! Ich hab es erlebt an mir selbst!
Dieses Schweigen im Walde, wenn drauen der Tag versinkt -- wie das
heilt! Wie das beruhigt! Wie schn das ist! Man hrt keinen Laut.
Dennoch fhlt man, als htte dieses Schweigen hundert Stimmen. Jede
redet zu uns und sagt uns ein neues Wort. Wie mu der Knstler allen
Zauber der Waldstille empfunden haben, um ihn so berzeugend zu
verkrpern: in der ernsten Schnheit dieser Waldfee, die auf dem
Einhorn reitet! Hat dieses Tier nicht etwas Urweltliches an sich?
Gerade so wie der Wald, wie alles Werden und Wandern in der Natur?
Und sehen Sie nur: wie dieses Horchen auf das Ewige, dieses trumende
Mrchenlauschen aus den schnen Augen der Waldfrau redet!

Das? Eine Waldfrau? Eine Verkrperung aller Schnheit des von Ruhe
erfllten Waldes? Meinen Sie? fragte Lo beklommen. Ich habe das
Gefhl, da Sie in dieses Bild etwas hineinlegen, was aus ^Ihnen^ kommt.
Das ist milder und freundlicher als der Gedanke dieser Gestalt. Der ist
viel strenger. Ich meine, da sich der Knstler dachte: das ist die
Natur, die Natur selbst! Jetzt ruht sie, hat die Hnde im Scho und
betrachtet, was sie in hundert Jahren, die bei ihr eine Minute heien,
geschaffen hat. In solcher Ruhe ist ihr Auge schn, trumerisch und
sinnend. Aber --

Ein Aber? fiel ihr Ettingen mit lchelndem Schreck ins Wort.
Frulein Lo, ich warne Sie! ber diese Augen drfen Sie mir nichts
Bses sagen. Ich habe dieses Bild immer bewundert. Um dieser Augen
willen hab ich es liebgewonnen. Den Blick solcher Augen hab ich gesehen,
in Wirklichkeit! Den hab ich erlebt. Ich selbst! An diese Augen glaub
ich. Aber sprechen Sie, ich bitte, was wollten Sie sagen?

Sie war befangen und vermochte nicht gleich zu sprechen. Diese Augen
sind schn, jetzt in der Ruhe, in dem Wohlgefallen, das die Natur an
ihrer eigenen Schpfung empfinden mu! Aber sehen Sie den Krper dieses
Weibes an! Dieses bermenschliche an ihm! Die ruhende Kraft! Um den
herrischen Mund liegt etwas Gewaltttiges und unerbittlich Grausames.
Und das ^mute^ der Knstler so zeigen, denn die Natur ist grausam,
wenigstens im Sinne von uns Menschen, die wir den Schmerz so schwer
ertragen. An der Natur ist die Unerbittlichkeit eine Eigenschaft wie die
Schnheit, wie die Kraft, wie jede andere. Die Natur ^mu^ grausam sein,
wenn sie das Verbrauchte beseitigen und das Neue schaffen, wenn sie
bestehen und nicht altern will. So schn die Natur in der Ruhe sein
kann, es redet doch immer etwas aus ihrem Gesicht wie eine unheimliche
Drohung. So wirkt auch dieses Bild auf mich. Es weckt ein Gefhl in mir
wie Angst, wie das Bangen vor einer Gefahr, die mir nah ist, und an die
ich doch nicht glauben kann, weil ich soviel Schnheit sehe.

Sinnend betrachtete Ettingen das Bild. Sie haben recht. Jetzt, da Sie
es gesagt haben, fhl ich es auch. Dieser harte, herb geschlossene Mund
scheint sagen zu wollen: sieh, wieviel Schnheit dich umgibt in der Ruhe
des Waldes, aber dieses stille Trumen wird nicht mehr lange dauern, der
Wald hat seinen Zweck erfllt und lie den Samen fallen, aus dem das
Neue wchst -- komme morgen wieder, und was du heute noch siehst, wird
alles verschwunden sein, gefallen im Sturm, versunken in Asche! Sehen
Sie nur, dieser Baum! Der hat schon eine Wunde wie von einem schweren
Steinschlag. Wie er blutet! Der Baum mu sterben. Und das Eichhrnchen,
das ber den Stamm hinaufklettert, wie in Schreck und Angst? Ich habe
nie recht begriffen, was der Knstler mit diesem Tierchen wollte. Jetzt
versteh ich es. Das kleine Ding empfindet die Gefahr, die aus dem
schweigenden Gesicht der Natur zu ihm redet, und wei in seiner dunklen
Sorge nicht, wohin es sein winziges Leben flchten soll. Armes
Geschpf! Er schwieg eine Weile. Dann sagte er pltzlich: Da Sie den
Gedanken dieses Bildes so tief erfassen -- wie mte erst das Original auf
Sie wirken, mit der Kraft seiner Farbe!

Das hab ich gesehen.

Wo? Und wann?

Vor vier Jahren, im Sommer, als Papa mich mit nach Mnchen nahm,
um die Ausstellung im Glaspalast zu besuchen. Da war auch dieses
Bild. Und noch drei andere Werke Bcklins, das >Schlo am Meer<, die
>Toteninsel< und das >Spiel der Wellen<.

Welchen Eindruck mssen diese Bilder auf Sie gemacht haben!

Ich habe das noch heute so in Erinnerung, als htt ich es gestern
erlebt. Lolos Stimme wurde leiser. Ich denke nicht gern an jenen Tag.
Es knpft sich an ihn eine Erinnerung, die mir weh tut.

Frulein?

Als Papa diese Bilder sah, wurde er seltsam still. Dann nahm er meine
Hand, drckte sie, da es mich schmerzte, und sagte: >Sieh, Lo, was ich
immer will, ^der^ da, der kann es! ^Das^ ist ein Groer! Das ist
Kunst!< Dabei war sein Gesicht so vergrmt, so trostlos -- er hat lang
gebraucht, um das zu berwinden. Mit feuchtem Blick sah Lo zu Ettingen
auf. Da er so gering von seiner eigenen Kraft und so gro von dem
Knnen des anderen denken konnte? Das spricht doch fr ihn selbst?
Hochmtig ist nur der Stmper, nur der Unfhige kann Neid empfinden.
Wer in sich selbst das rechte, heilige Feuer brennen fhlt, kann mit
neidloser Bewunderung zu der reicheren Kraft eines Greren aufblicken.

Ettingen fhlte ihre beklommene Erregung. Das schmerzte ihn, und er
suchte nach einem Wort, das sie beruhigen knnte. Ihr Vater hatte
unrecht, sich so klein zu fhlen! Ein Bild wie das da htte auch Ihr
Vater schaffen knnen, der die Natur so sehr verstand -- gerade Ihr
Vater -- wenn auch in anderer Form, doch mit dem gleichen, knstlerischen
Wert, mit der gleichen Flle der Gedanken!

Mit dem gleichen Gedanken? Sie schttelte den Kopf. Mein Vater? Nein!
Er war in seinem Wesen ein vllig anderer. In allen Bildern Bcklins
liegt etwas Herbes und Unerbittliches, bei aller Schnheit, die er
schuf. In ihm ist ein Stck Natur, die das Schne nur erschafft mit dem
Gedanken an die Zerstrung, der es verfallen mu. Sie kennen doch gewi
das Selbstportrt Bcklins?

Auf dem er sich malte, wie ihm der Tod sein Geheimnis ins Ohr
flstert?

Ja! Dieser Todesgedanke redet bei ihm aus allen Bildern, verlt ihn
nie und macht, da er gering vom Wert des Lebens und von der Schwche
alles Menschlichen denkt. Deshalb whlt er auch mit Vorliebe seine
Stoffe aus einer Zeit, in der die Kraft noch alles war und das Leben
sich abspielte wie ein wilder leidenschaftlicher Kampf. Sehen Sie nur
dieses Bild an! Scheint dieses Weib nicht sagen zu wollen: >Sieh her,
kleiner Mensch, wie gro und stark ich bin! Ich zwinge das wilde Tier,
das mich tragen soll, wohin es mir beliebt. Willst du herrschen und ein
Knig deines Lebens werden, dann mut du sein, wie die Natur ist, stark
und rcksichtslos!< -- Das ist ein Gedanke, den mein Vater als Knstler
nicht aussprechen konnte.

Auch nicht als Mensch! fiel Ettingen ein, mit einer Wrme, die
nicht nur aus seiner Stimme, auch aus seinen Augen redete. Was ich
vorhin sagte, war ein trichtes Wort. Vielleicht war es auch ein wenig
unehrlich. Ich wollte Ihnen ber eine schmerzliche Stimmung weghelfen
und sehe, da Sie so berflssiger Hilfe nicht bedrfen. Ihr Vater,
ja, war anders als der Groe, der dieses Bild da schuf. Deshalb nicht
der Kleinere und Schwchere. Es ist etwas Schnes um die Kraft, die
den Sieg erzwingt. Aber Sieg ist auch Glck. Und Glck hat nicht
jeder, der es verdient. Und solche Migunst der launischen Gttin mit
einem stolzen Lcheln zu verwinden, wie das Ihr Vater konnte -- alle
Enttuschung des Lebens zu erfahren und doch dem Leben so gut zu sein,
als Knstler die Anerkennung der Welt entbehren zu mssen und doch sich
selbst getreu zu bleiben -- wer ^das^ vermochte, in dem war Kraft,
die hher wiegt als der Ruhm eines Sieges!

Wie dankbar sie zu ihm aufblickte! Ja, getreu, sich und denen, die er
liebte -- das ist er geblieben. Aber der Eindruck, den Bcklin auf ihn
bte, hat etwas in ihn hineingedrckt, das er mit Gewalt wieder von sich
abstoen mute: die Versuchung, diesen schnen Lebensfrieden, den er
gefunden hatte, zu opfern, um den Kampf wieder aufzunehmen und auch zu
siegen. Wie der da gesiegt hat! Mama und ich, wir wollten ihn bestrken
und haben ihm zugeredet: Versuch es noch einmal! Aber da nahm er uns um
den Hals und sagte: >Nein!< Und alles, was in ihm whlte, hat er sich
mit einem Bild von der Seele gemalt. Das haben Sie nicht gesehen, als
Sie bei uns waren. Es ist das Beste, was er schuf. Und er hatte nur
Kummer davon, sogar hier im Dorf. Wenn Sie wieder nach Leutasch
kommen -- darf ich es Ihnen zeigen?

Ja, Frulein, ich bitte! Er nahm ihre Hnde. Und das >Schweigen< dort
wollen wir gegen die Wand drehen.

Weshalb?

Es hat in Ihnen die Erinnerung an einen Kummer Ihres Vaters geweckt.
Ich wei nicht, was ich dafr gbe, wenn Sie das Bild nicht bei mir
gesehen htten! Aber wissen Sie, weshalb ich es kommen lie? Weil meine
erste Begegnung mit Ihnen mich an dieses Bild erinnerte. Da drauen, im
Tillfuer Forst! Wissen Sie noch? Jener stille, wundervolle Abend im
Schweigen des Waldes? Wie Sie damals geritten kamen und Ihre Augen so
tief und ruhig blickten -- das war schn! Und weil ich das wieder sehen
wollte, hab ich mir das Bild da kommen lassen, an das ich bei unserer
Begegnung denken mute. Aber das Bild? Nein! Das ist etwas anderes. Sie
haben recht: ich trug in die Auffassung dieses Bildes etwas hinein, was
freundlicher und milder ist. Das ist so, wie ^Sie^ sind. Und diese
Erinnerung, die ich in mir bewahre, vertausch ich nicht gegen alle
knstlerische Gre dieses Bildes da!

Wortlos stand sie vor ihm, von dunkler Glut bergossen.

Da tappte der Frster ins Zimmer, und als er sah, da Ettingen die Hnde
des Mdchens in den seinen hielt, sagte er lachend: No also, da kann
ich ja gleich mitgratalieren, da die Gschicht im Griesfeld so
glimpflich abgangen is! Er pries den guten Schutzengel, den der kleine
Herr Petri haben msse, und rief dem Patienten von der Schwelle des
Schlafzimmers ein paar lustige Worte zu. Aber bei aller Freude, die er
ber den glcklichen Ausfall der Gschicht zum besten gab, fuhr ihm
doch immer wieder der Gedanke an die ausgrutschte Treibjagd durch den
Kopf. Auch whrend der Mahlzeit sang er noch immer dieses Lied seines
Jgerschmerzes: Drei Hirsch! Sakra, sakra! Drei Hirsch htten wir haben
knnen! Drunt in der Htten hockt der Pepperl und macht an Kopf -- so hab
ich ihn meiner Lebtag noch net gsehen! Wie der sich krnken mu um die
drei Hirschen! Ds mu schon schauderhaft sein! Aber Ihnen, Duhrlaucht,
merkt man gar nix an. Sie mssen die drei Hirschen leicht verschmerzt
haben. Er fuhr sich mit der Serviette ber den Schnauzbart und lachte.
Gwi wahr, Duhrlaucht, ausschauen tun S' wie 's Leben, und die gsunde
Freud lacht Ihnen aus die Augen raus! Gelt, ds mssen S' eingstehn:
unser Lftl daherauen, ds schlagt Ihnen an!

Ja, lieber Frster! Hier im Bergwald bin ich gesund geworden an Leib
und Seele! Glcklich und froh!

Hab ich's net gsagt! Unser Wald! Ui jgerl, unser Wald! Was ^der^ alles
kann! Duhrlaucht, den mssen wir leben lassen! Unser Wald soll leben!
Lachend hob Kluibenschdl das Glas und stie mit dem Frsten an. Was is
denn, Frulein Lo? Haben S' net ghrt? Der Wald soll leben! Wr net
ohne, wann ^Sie^ da net mittten! Was is denn? Warum sind S' denn so
muserlstad? Und hei mu Ihnen sein! Sie brennen ja, wie 's Kerzl vor
der Mutter Gottes! Soooo! Schn 's Glaserl nehmen! Schn ansten!
Derrrr Wald soll leben! Die Glser klangen zusammen, und das heitere
Lachen wandelte sich zu einem frohbelebten Geplauder, das die ganze
Mahlzeit begleitete. Der Frster in seiner vergngten Laune schmauste
dazu mit so gesundem Hunger, da die Platten leer wurden, obwohl ihn
seine Tafelgenossen bei diesem Schnwettermachen mangelhaft
untersttzten. Sie tranken auch kaum einen Tropfen, diese beiden, und
dennoch waren sie in einer Stimmung, als wre ihnen das Feuer eines
kstlichen Trankes ins Blut gedrungen.

Immer wieder erhob sich Ettingen, um nach dem kleinen Patienten zu sehen
und jeden Teller zu begleiten, den Martin ins weie Zimmer trug. Nach
einem solchen Besuche gab er lachend das Bulletin aus: Fortschreitende
Besserung, der hohe Kranke erfreut sich eines gesegneten Appetits.

Als das Dessert genommen war, verabschiedete sich der Frster mit einem
groen Kompliment und einem kleinen Schwips. Martin brachte die Post,
aber Ettingen sagte: Das hat Zeit, lege nur alles auf den Schreibtisch
hinber!

Es ist eine Depesche dabei, Durchlaucht!

So gib sie her! Beim Anblick der sechs engbeschriebenen Bltter sagte
Ettingen lachend: Eine Depesche? Das ist ja ein Brief! Kaum hatte er
zu lesen begonnen, als er in freudiger Erregung aufblickte: Und das mu
heute kommen! Gerade heut!

Sie haben eine gute Nachricht erhalten?

Eine gute nur? Mehr als das! Eine Nachricht, die mir doppelte Freude
macht, weil sie gerade heute kam, jetzt, whrend Sie bei mir sind! Denn
diese Nachricht, Frulein, ist auch eine Freude fr Sie! Eine groe
Freude! Hren Sie! In heiem Eifer schob er alles beiseite, was vor ihm
auf dem Tische war, und fate Lolos Hand. Aber bevor ich lese, mu ich
Ihnen sagen, wie ich zu dieser Nachricht komme. Damals, als ich Sie
kennenlernte, drauen beim Sebensee, unter dem klingenden Baum, sprachen
wir doch soviel von Ihrem Vater. Das weckte meine Teilnahme fr sein
Schicksal und seine Kunst. Und als ich heimkam, depeschierte ich an
einen Freund in Wien, mir alles mitzuteilen, was er ber Emmerich Petri
erfahren knnte. Und das ist die Antwort!

Zitternd sa sie vor ihm, mit den Augen in banger Spannung an seinen
Lippen hngend.

Ohne ihre Hand zu lassen, begann er zu lesen: Mein lieber Heinz --

Das ist ^Ihr^ Name?

Ja! -- >Mein lieber Heinz! Der Kunstaugur, dem ich die Nachforschungen
nach Deinem Emmerich Petri bertrug, war soeben bei mir. Da Deine
Anfrage etwas merkwrdig Dringendes hatte, nehme ich in meiner
Freundschaft einen Anlauf zur Verschwendung und depeschiere Dir ein
ganzes Kapitel moderner Kunstgeschichte. Dein Petri stammt aus einer
Allguer Bauernfamilie, verlor als Knabe die Eltern und bekam zum
Vormund einen Pfarrer, der den Erls des kleinen Bauerngutes auf den
Acker der Kirche sen wollte und den begabten Jungen in eine geistliche
Prparandenschule steckte. Mit neunzehn Jahren lief Petri der frommen
Gesellschaft davon, ein Beweis, da er zu denken und als Mensch zu
empfinden verstand. Er wollte Knstler werden und besuchte zwei Jahre
die Akademie. Seine Professoren sprachen ihm alles Talent ab und
meinten, er htte klger getan, Kaplan zu werden. Mit zhem Ehrgeiz
stellte er sich auf freie Fe, ging seine eigenen Wege, arbeitete mit
eisernem Flei und begann ein paar Jahre spter im Mnchener Kunstverein
auszustellen, ganz wunderliche Bilder, seltsam in Technik und Farbe,
befremdend durch ihre Gedanken, kindlich und khn zugleich, mit einer
Vorliebe fr fabulse und didaktische Stoffe, in denen sich Hellenismus
und freidenkendes Christentum eigenartig verschmolzen. Man verstand ihn
nicht, schttelte den Kopf und lachte. Ein Jahrzehnt lang kmpfte der
Mann erbittert um Anerkennung. Schlielich scheint ihn die Geduld
verlassen zu haben. Vor etwa vierzehn Jahren wanderte er mit seiner
Familie aus Mnchen davon, niemand wei, wohin. An seiner Kunst
verzweifelnd, scheint er sie aufgegeben zu haben. Man hat seit jener
Zeit kein Bild mehr von ihm gesehen. Das ist schade, denn seine Zeit
wre jetzt gekommen.<

Ettingen unterbrach sich, drckte Lolos Hand und stammelte in Erregung:
^Seine^ Zeit! Hren Sie, Lo!

Ein Lcheln irrte um ihren Mund; sie konnte nicht sprechen und nickte
nur.

Mit fliegender Stimme las er weiter: >Das ganze Unglck dieses Mannes
war, da er um zwanzig Jahre zu frh geboren wurde und mit den Anfngen
seiner eigenartigen Kunst in eine Zeit der ausgetretenen Geleise kam.
Die Zeit hat sich gendert, grndlich, und heute verlangt man von der
Kunst vor allem Persnlichkeit. Da kommt gerade jener zur strksten
Geltung, der seine eigenen Wege geht und sich vom Gesicht der
Durchschnittsmacher unterscheidet. Der Meistertitel wird vor Namen
gesetzt, zu denen vor einem Jahrzehnt noch alle Welt den Kopf
schttelte. Einer von diesen spt Erkannten ist Hans Thoma, der auch die
Spierutengasse des Mnchener Kunstvereins kennenlernte, und den sie
heute mit Ehrfurcht den >tiefen Trumer< nennen. Vor zwei Jahren, in
einer kritischen Beleuchtung Thomas, erinnerte sich zum erstenmal ein
Mnchener Kritikus an einen >Vorlufer des Meisters<, an Emmerich Petri.
Immer hufiger wurde in der letzten Zeit dieser Name genannt. Von
Kunsthndlern wurde das eine und andere seiner Werke ausgegraben und
wanderte von Stadt zu Stadt. Im vorigen Sommer erfuhr man, da ein
Frankfurter Kunstfreund, dessen Spezialitt das Sammeln knstlerischer
Originalitten ist, im Besitze einer aus 27 Bildern bestehenden
Kollektion des neuerkannten Meisters wre, und im Herbst, Ende
September, wurden diese Bilder zu einer >Separatausstellung von Werken
Emmerich Petris' nach Berlin gebracht, um die Kunstwelt in Aufruhr und
Begeisterung zu versetzen.< Ettingen vermochte nicht weiterzulesen.

Regungslos, wie versteinert sa das Mdchen. Nur in ihren Augen war
Leben, und tonlos flsterte sie vor sich hin. Im Herbst -- Ende
September --

Um diese gleiche Zeit war jener Wolkenbruch in der Leutasch
niedergegangen, zwei Tage und Nchte hatte Emmerich Petri gearbeitet,
wie ein Holzknecht, und hatte die Rettung von ein paar armseligen
Htten mit seinem Leben bezahlt.

Im Herbst! Ende September!

Ettingen empfand die Tragik dieses Wortes, und die Kehle war ihm wie
zugeschnrt, so da er mit Gewalt seine Stimme zwingen mute, um lesen
zu knnen: >Die Ausstellung war ein Erfolg, so einstimmig, wie er noch
selten einem Knstler zuteil wurde. Dem Frankfurter Sammler, der die
Bilder vor fnfzehn und zwanzig Jahren um eine Bagatelle erworben hatte,
wurden hohe Summen geboten, aber der Mann war stolz auf seinen Besitz
und verkaufte nicht ein einziges Bild. Alle Journale brachten
ausfhrliche Besprechungen des Meisters, man bezeichnete ihn als eine an
Gedankentiefe mit Bcklin verwandte Natur, als dessen milderen Bruder.
Bcklin wre die strenge Kraft, Petri die trumende Liebe. Und berall
die Frage: Wo ist dieser Mann? Wer wei von ihm? Wo lebt er?<
Erschrocken legte Ettingen die Bltter nieder. Frulein!

Bla, an allen Gliedern zitternd, hatte Lo sich erhoben, als wre es
ber ihre Kraft gegangen, dieses Wort zu hren. Ein Sturz von Trnen
brach ihr aus den Augen, mit einem Schluchzen, das ihren Krper
schttelte wie Frost.

Frulein! Allmchtiger Gott! Ich bitte Sie, liebes Frulein -- Ettingen
legte den Arm um ihre Schultern wie ein Bruder, der die Schwester
beruhigen will. Sie schien in diesem Sturm von Erregung nichts anderes
zu denken als nur das eine: er fhlt mit mir -- und da berlie sie sich
willenlos seinem Arm, und weinend barg sie das Gesicht an seiner Brust.
Aus dem anstoenden Zimmer klang mit erschrockenem Ton die Stimme des
Knaben: Lo! Ach Gott, Lo! Was hast du? Warum weinst du denn?

Sorg dich nicht, Bubi! rief Ettingen. Was deine Schwester weinen
macht, ist Freude! Er streichelte mit scheuer Hand ihr schimmerndes
Haar, richtete sie auf und sagte leis: Ich verstehe Ihr schnes,
kindliches Gefhl. Ihre Freude mischt sich mit dem schmerzvollen
Gedanken, da Ihr Vater sterben mute, bevor ihm die Welt den verdienten
Lorbeer reichte. Aber ^wie^ er starb! Das mu Ihrem Herzen sagen, da er
die Augen nicht geschlossen hat, ohne tief in seinem Innersten zu
glauben: ich habe nicht umsonst gewirkt, ich kann nicht sterben, ich
werde weiterleben! Sonst htte er die Welt nicht so verlassen knnen,
mit dieser Ruhe, mit diesem Lcheln, mit diesen letzten Worten: >Meine
Blumen!< Das galt nicht nur den Blumen da drauen am See. Dieses Wort
hat allem gegolten, was aus der Tiefe seiner Seele heraufblhte und
reines, kstliches Leben wurde. Das wird seinen Namen tragen, wird
dauern als eine Freude fr die Menschen! Ihr Vater ist nicht gestorben:
er lebt! -- Nein, Lo, Sie drfen nicht weinen! Sie mssen sich aufrichten
und stolz sein auf Ihren Vater, stolz auf den Namen, den er Ihnen gab
und dessen Sie wrdig sind. Dieser Name ist Adel, wie ich besseren nicht
kenne!

Aus Trnen blickte sie zu ihm auf. Wie schn sie war, bei diesem
Lcheln, mit dem sie den Schmerz berwand und schon die Vershnung
fhlte, den Stolz und die Freude! Lange sah sie ihn schweigend an, bevor
sie sprechen konnte. Wie gut Sie mit mir sind! Und ich stehe so arm vor
Ihnen, so schwach, in meinem Schmerz zuerst und jetzt in meiner Freude!
Fast versteh ich das nicht. Diese Nachricht htte mich ruhiger finden
sollen. Was mein Vater war, hab ich immer schon gewut. Das hat mir doch
nicht die Welt erst sagen mssen. Und nun hat es mich doch so
berwltigt -- als wr ich eine andere geworden -- als wre etwas in mir,
ber das ich keinen Willen und keine Macht mehr habe -- Sie hielt seinen
Blick nicht aus, und verwirrte Unruhe stammelte in ihren Worten: Sehen
Sie nur, ich wei kaum, was ich rede, wei nicht einmal, wie ich dafr
danken soll, da gerade Sie es waren, von dem ich diese Nachricht hren
durfte. Und wenn ich Ihnen sagen knnte -- Ihre Stimme erlosch.

Mir sagen, was Sie fhlen? Die Freude, die Sie empfinden, knnten Sie
mir mit hundert Worten nicht besser sagen als mit diesem Schweigen
jetzt!

Freude! Ja! Das ist Freude, die sich nicht sagen lt! Tief atmend hob
sie die Augen zu ihm. Darf ich noch eine Bitte haben?

Ob Sie drfen? Er drckte ihre Hnde.

Schenken Sie mir diese Bltter! Nun kamen ihr die Worte immer
hastiger, in glhender Erregung. Ich mchte sie meiner Mutter bringen.
Mchte heim, zu meiner Mutter! Jede Minute, um die ich ihr diese
Nachricht spter bringe, ist eine Snde an ihr. Ich darf nicht bleiben.
Schenken Sie mir diese Bltter und lassen Sie mich gehen! Ich bitte!

Ja, Frulein, ja! Nehmen Sie! Er reichte ihr die Bltter. Ich seh es
ein, da Sie nicht bleiben drfen. Und Ihr Bruder -- ich will selbst
hinunter und werde sorgen dafr, da Sie ihn gut und sicher nach Hause
bringen und auf dem Heimweg alle Hilfe haben! Bleiben Sie bei ihm -- ich
komme dann und hol ihn! Er eilte davon.

Sie stand und lauschte auf seinen Schritt -- und lchelte und prete die
Bltter an ihre Brust.

Lo? Soll ich aufstehen? Ich kann schon! klang aus dem anderen Zimmer
die erregte Stimme des Bruders. Da flog sie zu ihm, umschlang ihn, und
wieder kamen ihr die Trnen. Ach, Lo! Um Gottes willen! Ich bitt dich,
was hast du denn?

Freude hab ich! Freude! Weil jetzt die Menschen wissen, was unser Vater
war!

Gustl sah die Schwester mit groen Augen an. Haben denn das die
Menschen nicht gewut? Er hat doch die Bilder gemalt. Ein Bild sieht
man doch. Da mu man doch wissen, da ein Knstler das gemacht hat.

Ja, Kind, wer die rechten Augen hat, der sieht es! Aber es gibt auch
Menschen, die sehen knnen und dennoch blind sind. Komm nur, komm, wir
mssen heim! Zur Mutter heim!

Als Gustl angekleidet war -- am verbundenen Fu nur den Strumpf, ohne
Schuh --, versuchte er ein paar Schritte zu gehen. Das gelang nicht
recht. Da kam auch Ettingen schon zurck, hob den Knaben auf und trug
ihn hinunter.

Vor der Tr, im Hof, stand Hansi schon bereit, gesattelt und mit
hochgeschnallten Bgeln. Die Treiber hatten das Gepck der Geschwister
in ihre Ruckscke genommen und die Almrosen darbergebunden. Einer trug
das Fischnetz mit den in grnes Reis gehllten Forellen. Auch die zwei
Leutascher Jger waren zum Abmarsch bereit, und seitwrts an der Mauer
stand Pepperl, schweigsam, die Hnde hinter dem Rcken, die gerunzelte
Stirn umhangen von aufgedrselten Kreuzerschneckerln.

Nur Mazegger fehlte. Drunten in seiner Htte stand er am Fenster, das
aschfahle Gesicht an die Scheibe gedrckt. Als er Lolo Petri und seinen
Herrn, der den Knaben trug, aus der Tr kommen sah, trat er mit
geballten Fusten tiefer in die Stube zurck.

Ettingen hob den Knaben in den Sattel und schob ihm die Bgel an die
Fe. Also, Bubi, jetzt mach uns keine Sorgen mehr und schau, da du
gut heimkommst! Er reichte ihm die Hand.

Ich dank schn, Herr Frst! Sie waren so lieb zu mir! Ich dank schn!

Lachend streichelte ihm Ettingen die Hand. Dank? Was dir einfllt! Sieh
nur, da du bald wieder springen kannst! Das ist mir der liebste Dank.
Und wenn es deine Mutter erlaubt, dann komm ein paar Tage zu mir auf
Besuch ins Jagdhaus! Willst du?

Gustl wurde rot bers ganze Gesicht. Wenn Sie erlauben, bin ich schon
so frei!

Also, auf Wiedersehen!

Ettingen wandte sich zu Lo. Inmitten der vielen Leute, die um sie
herstanden, schieden die beiden mit einem Hndedruck, mit einem stummen
Blick.

Ein Jger sollte den Grauen fhren. Aber Lo berlie diese Sorge keinem
anderen, sie nahm den Zgel selbst.

Whrend Hansi den Knaben ber das Almfeld hinuntertrug, umringt von den
schwatzenden Treibern und Jgern, stand Ettingen mit den Armen ber den
Zaun gelehnt und blickte lchelnd dem kleinen Reiter und seiner
Schwester nach.

Den beiden folgten noch zwei andere Augen -- aus Mazeggers Htte --, mit
einem Blick, in dem die Eifersucht mit drohendem Feuer brannte.

Wo der Pfad vom Almfeld einbog in den Wald, bat Lo die Mnner,
vorauszugehen, damit der Graue in ruhigen Schritt kme. Sie verhielt das
Tier eine Weile und sah mit leuchtenden Augen zum Frstenhaus hinauf. Da
hrte sie den Bruder flstern: Du, Lo? Weit du, warum er so lieb war
zu mir?

Weil er gut ist.

Ja, schon -- aber _noch_ wegen was. Weil er _dich_ liebhat.

Wie eine Flamme schlug es ber ihre Wangen, doch heftig schttelte sie
den Kopf.

Aber ja! behauptete Gustl in heiem Eifer. Hast du denn das nicht
gemerkt?

Nein, nein, nein! stammelte sie erschrocken und zog den Grauen in den
Wald.

Nicht? Das hast du nicht gemerkt? Hr, Lo, dann bist du aber auch eine
von denen, die sehen knnen und doch blind sind!

Lngst schon waren die beiden im dunklen Schatten des Waldes
verschwunden, und immer noch stand Ettingen ber den Zaun gelehnt. Eine
Weile hrte er noch die Stimmen der Mnner aus dem Tal herauf. Dann
verstummten auch die. Nur der Wildbach rauschte dort unten, sanft und
heimlich, durch den Wald gedmpft. Stille Sonne ber dem Almfeld, ber
den Httendchern und allen Bumen. Ein paar silberne Fden flogen, und
schwrmende Insekten huschten gleich winzigen Funken durch die blaue
Luft.

Pltzlich ging ein Drhnen durch das Tal hin, wie von einem mchtigen
Donnerschlag mit rollendem Echo.

Erstaunt sah Ettingen zum wolkenlosen Himmel auf. Da gewahrte er, da
ber dem Wildbach drben, am Fu der steilen Hochwand, brauner Staub in
dichten Wolken aufwirbelte. Ein Stck der Felswand hatte sich gelst und
hatte eine Zunge des sonnigen Waldes unter Schutt begraben.

Wie das kommen kann? Die Zerstrung, mitten in der Stille, in
friedlicher Sonne? Ernst nickte Ettingen vor sich hin, whrend da
drben der Staub verdampfte. Das Schweigen im Walde! -- Ja! So redet
dieses Bild. Sie hat recht gesehen.

Die Kchenmagd, der Lakai und die Kchin kamen aus dem Haus gerannt, um
zu sehen, was es gegeben htte. Nur drunten bei der Sennhtte und bei
dem Jgerhuschen zeigte sich niemand. Da trieb die Neugier oder die
Sorge keinen vor die Tr. Die waren es gewhnt, da das so kommt, so
pltzlich. Drum hrten sie es kaum.

Kluibenschdl, der sich auf die Matratze gestreckt hatte, um seinen
Schwips zu verschlafen, fragte ghnend: So? Hat's wieder kracht?

's wird halt a Trmml abigfallen sein! meinte Pepperl in seinem
Trauerwinkel und fgte mit philosophischem Seufzer bei: Auf d' Letzt
mu alles abi!




^Sechzehntes Kapitel^


Praxmaler machte sich, als der Abend kam, zu einem Pirschgang fertig.
Dabei erwachte der Frster, dessen gut ausgeschlafene Laune recht
auffllig abstach gegen die trbe Kummermiene des Jgers. Machst noch
allweil a Gsicht wie die Katz, wann's dunnert? Tu dich wegen die drei
Hirschen doch net gar so abikrnken! Es is ja schn, wenn sich a Jager
ber 's Jagdpech von seim Herrn betrbt. Aber Ma und Ziel mu der
Mensch in allem halten! Sei gscheit, Pepperl! Der Herr Frst schiet
schon wieder an guten Hirsch!

Ja, wollen wir's hoffen! seufzte Pepperl und trollte zur Tr hinaus.
Die Augen steif in das Blau des Himmels bohrend, ging er an der
Sennhtte vorber.

In der Almstube nahm Burgi gerade Abschied von ihrem nchtern gewordenen
Vater. Sie hatte die Kleider des Alten leidlich wieder instand gesetzt,
in dem mrben Zeug alle Lcher geflickt und gab nun dem Vater ein
Binkerl guter Lehren mit auf den Weg, wie die Mutter einem Kind, das zum
erstenmal wallfahren geht. Sei zfrieden, Vater! Dein Essen und alles
hast ja! Und tu mir d' Fremdenleut net anbetteln auf der Stra. Da hat
kein Mensch mehr an Rischpekt vor dir! Und schenkt dir wer an Kreuzer
aus Gutigkeit, den mu man doch net stantipeh in d' Wirtsstuben
einitragen! Spar dir die paar Nedscherln lieber zamm aufs Gwand! Ja?
Tust mir's versprechen, Vater?

Ja, ja, ja! Alls versprich ich! Alls! Der Alte schnaufte, als er die
Predigt berstanden hatte und sich endlich drcken konnte. Whrend er
ber das Almfeld hinunterwackelte, schielte er zu den Fenstern des
Jagdhauses hinauf und murmelte kauend: Dem Herrn Frsten -- so a
Nobliger, ja -- dem htt ich gern was verexpliziert.

Burgi blieb auf der Schwelle stehen, bis sie den Vater im Wald
verschwinden sah. Dann kehrte sie in die Stube zurck und machte sich an
die Arbeit, still und verdrossen. Als es Abend wurde und die Khe
gemolken waren, mute sie von der frischen Milch eine Kanne voll
hinauftragen in die Kche des Frstenhauses. Whrend sie droben um die
Ecke verschwand, kam Martin mit dem Frster, den er zum Abendtisch
gerufen hatte. Kluibenschdl trat ins Haus, Martin blieb vor der Tr
stehen und lauschte gegen den Hof. Schmunzelnd schlich er auf den Zehen
an der Mauer hin.

Da kam die Sennerin mit der leeren Kanne zurck.

Mein schnes Kind? Und da hatte er sie schon um die Hfte genommen
und wollte sie kssen. Erschrocken gab sie ihm einen Sto vor die Brust,
und dann kam noch was anderes nach. Das klatschte, da es an der Mauer
ein Echo gab wie von einem Peitschenknall. ^Sie^ lassen mich in Ruh!
Gelten S'! Und wann S' Jagdverwalter werden, knnen S' Ihnere Kh selber
melchen! Sie! Ruhig wischte Burgi am Rock die Hand ab und ging ihrer
Wege.

Martin khlte in seiner Stube das Gesicht mit kaltem Wasser. Aber die
Wange brannte ihm noch feuerrot, als er bei der Tafel die Bouillon
servierte.

Martin? fragte der Frst. Was hast du im Gesicht?

Es scheint, Durchlaucht, da ich mir eine Verkhlung zuzog. Ich habe
Zahnweh.

Gegen Zhntweh wei ich a Mittel! fiel der Frster ein. Da machen S'
aus Baumwoll a Kgerl. Ds spieen S' an a Hlzl und nacher znden S' es
an. Wann's halb verbrennt is, lschen S' es aus, und den Rauchen, der
aufgeht, den schnupfen S' ins rechte Nasenloch auffi -- weil Ihnen der
Zahn auf der ^linken^ Seit wehtut, wissen S'! Ja, ds hilft!

Ettingen lachte. Versuchen kannst du es ja! Aber ich meine, es wird
besser sein, du gehst an die Hausapotheke und legst dir etwas Chloroform
auf den Zahn.

Ob Martin das eine oder das andere Mittel versuchte, geholfen hat
keines. Bis spt in die Nacht ging er noch immer mit der geschwollenen
Backe herum.

Funkelnd standen am tiefblauen Himmel schon die Sterne, als Pepperl nach
Hause kam. Die Glieder waren ihm wie zerschlagen, und ohne ans Nachtmahl
zu denken, streckte er sich auf die Matratze, auf welcher Kluibenschdl
in seinem sorglosen Brenschlummer schon fleiig die Sge zog. Rcken an
Rcken lagen die beiden, und schlaflos seufzte der Jger nach links in
die finstere Stube, whrend der Frster nach rechts herum gegen die
Holzwand schnarchte. Die Bretter tnten wie ein Geigenboden, wenn die
tiefste Saite gestrichen wird.

Am anderen Morgen brachen die beiden zusammen auf, um bei den
Steigarbeiten Nachschau zu halten. Als sie gegen Mittag heimkehrten,
hrte der Frster von Martin, da die Durchlaucht ganz allein einen
Ausflug zum Sebenwald unternommen htte und vor Abend nicht heimkommen
wrde. Zu dieser Nachricht schttelte der Frster verwundert den Kopf.
Wie kann er denn pirschen? Jetzt in der Sonn? Er wird doch net denken,
da ihm einer von die drei Hirschen ums Mittagluten bern Weg lauft?
Sein Staunen wuchs bei der Nachricht, da der Frst die Bchse gar nicht
mitgenommen htte. Was tut er denn nacher drauen?

Martin lchelte. Trumen! Aber das Lcheln gelang ihm nicht -- seine
Wange war noch immer ein bichen gespannt, vom Zahnweh.

Frster Kluibenschdl, um den schnen Hunger, den er heimgebracht hatte,
fr den guten Abendtisch im Frstenhaus zu sparen, ging in die Sennhtte
hinunter und lie sich, nur fr den Durst, eine Schssel Milch reichen.
Er tat ein paar lange Zge, wobei er an Burgi die Mahnung richtete:
Jetzt knntst amal wieder an anders Gsicht hermachen! Oder hast so a
mitleidigs Herz? Tut's dich krnken, da der Herr Kammerdiener Zhntweh
hat?

Burgi runzelte die Stirn. ^Was^ hat er?

Zhntweh.

Auf der linken Seit?

Ja, ich glaub!

So? Ds is ihm gsund. So a Zhntweh treibt die berflssigen Hitzen
aus. Mit trockenem Lachen trat sie in die Kammer, whrend der Frster
die Bchse nahm und davonwanderte.

Schwle Mittagshitze lag ber dem Almfeld. Kein Laut, nur das
Brunnengemurmel; keine Bewegung, nur ber den Dchern das blaue
Gekrusel des Rauches.

Auch Pepperl hatte Feuer in seinem Herd gemacht, hatte aber dann aufs
Kochen vergessen. Mit aufgezogenen Knien sa er neben dem Schrloch auf
den Dielen. So sinnierte er eine Stunde lang vor sich hin. Da hrte er
Peitschenknall und das Rollen eines Wagens. Mimutig erhob er sich und
trat unter die Tr.

Eine vierspnnige Kutsche fuhr an ihm vorber, und im Wagen sa eine
junge Dame -- Herrgott, ds mu ebbes Frnehms sein! dachte Pepperl, denn
sie trug auf dem Hut einen Vogel, wie er seiner Lebtag noch keinen
gesehen hatte. Neben der Dame sa ein Herr mit einem Jgerhtl, wie
Pepperl auch noch keines gesehen hatte, mit handbreitem, grasgrnem
Seidenband und mit einem wahren Ungetm von Gemsbart. Aber dieser
Gemsbart war echt, ohne Zweifel. Darauf verstand sich Pepperl. Der is
seine hundert Gulden wert, ehnder noch mehr!

Jetzt kam ein Zweispnner. Drin sa ein Diener in Jgerlivree, deren
reiche Verschnrung in Pepperl die Vermutung weckte: Ds mu der
Oberlandesschtzenmeister von Tirol sein! An der Seite dieses hohen
Wrdentrgers sa ein zierliches, bildhbsches Persnchen mit
verschmitztem Gesicht und koketten Feueraugen, der Mustertypus einer
franzsischen Kammerjungfer. Beim Anblick des Jgers mit seiner offenen
Brust und seinen nackten Knien geriet das kleine Dmchen in einen
Aufruhr von Entzcken, kniff ihren Reisegefhrten in den Arm und
zwitscherte: _Ah, Jean! Voil un chasseur du prince! Ah! Ah! Un superbe
colosse! Ah! N'est-ce pas qu'il est le vrai tyrolien? Un type de la
race, et assez joli, pour faire se retourner les femmes dans les
rues[1]!_

Sie guckte nach allen Seiten, klatschte wie ein Kind in die Hnde und
blitzte mit ihren Schwarzaugen wieder den Jger an.

_Ah! Ah! C'est charmant! C'est drle, tout a! Jean! Jean! Nous ferons
un tas de btise  la campagne_[2] Und whrend der Wagen an der Htte
vorberfuhr, grte sie lachend mit dem Handschuh. _Bon jour, monsieur!
Bon jour!_

Pepperl ri die Augen auf und wurde rot. Franzsisch hatte er wohl in
der Leutascher Dorfschule nicht gelernt, nicht einmal ordentlich
Deutsch. Aber soviel hatte er doch verstanden, um zu merken, was von
dieser Auslandrischen zu denken war. Teufi, Teufi, Teufi! Die geht
scharf ins Zeug! Mit dieser Erkenntnis war die Sache fr ihn erledigt.
Er sah noch den dritten, mit groen Koffern beladenen Wagen
vorberfahren, dann kehrte er seufzend in die Stube zurck, um die
Pfanne auf den Herd zu stellen. Dann war's mit seiner Kocherei wieder zu
Ende. Die Wagen kamen vom Jagdhaus zurck, die Kutscher fragten nach der
Stallung, und Pepperl mute sie fhren, mute ihnen helfen. Whrend er
wortkarg das Geschwatz der Kutscher anhrte, kam Mazegger ber die
Lichtung herauf. Vor der Remise blieb er stehen, erregt, und musterte
die Wagen.

Pepperl sah ihn an und fragte: Toni? Was hast denn? Bist denn krank? Du
schaust ja aus wie a Gspenst!

So? Mazegger atmete schwer. Und die Wagen da? Sind die Damen, die ich
gesehen hab, zum Frsten gekommen?

Natrlich, zu wem denn sonst?

Und die schne Frau, die im Vierspnner war? Wer ist denn die?

Was wei denn ich? brummte Pepperl.

Mazegger stand noch eine Weile und lauschte auf das Gesprch, das die
Kutscher im Stall miteinander fhrten. Sie sprachen von einer lustigen
Franzsin, von einem Kasperl mit Haxen und von einer Frau Baronin,
ber die der Postillon des Vierspnners das Urteil fllte: A suberers
Frauenzimmer hab ich meiner Lebtag noch net gsehen. Was die fr Augen
hat! Kruzitrken! So eine htt der Teufi schicken mssen, wie er den
heiligen Antoni hat versuchen lassen!

Mazegger lchelte und sphte gegen das Frstenhaus hinauf. Als er in
seine Htte trat, warf er die Bchse auf das Bett, verriegelte die Tr
und ri mit zitternden Hnden das kleine Fenster auf. In der dunklen
Stubenecke setzte er sich rittlings auf einen Sessel und legte neben
sich das Fernrohr auf den Herd. Durch das offene Fenster konnte er das
Frstenhaus und den ganzen Weg berblicken, der von droben
herunterfhrte zum Fremdenhaus. Er sah den Praxmaler-Pepperl mit einem
Kutscher drei rotlederne Koffer ins Fremdenhaus hinuntertragen. Martin
erschien mit jenem Herrn, dem der unsinnige Gamsbart wie ein
Generalsbusch auf dem Spitzhut schwankte. Um die Schultern hatte er
einen leichten Staubmantel hngen, offen, so da man den grn und
rehbraun karierten Jagdanzug sehen konnte, dessen Kniehosen sich mit
handbreiten Hirschlederborten um die moosgrnen Strmpfe schlossen. In
der Hand trug er ein Lederetui, das sich ansah wie eine plattgedrckte
Pfanne. Er war von mittelgroer Gestalt, rund genhrt und dennoch von
unruhiger Beweglichkeit, mit eigentmlich wiegendem Gang.

Mazegger richtete das Fernrohr und sah durch das Glas ein nicht mehr
junges, aber rosiges, vergngt zufriedenes Gesicht mit groen
wasserblauen Augen. Das aschblonde Haar war wellig in die Schlfen
gekmmt, eine dicke Locke stahl sich an der Stirne unter dem Hutrand
hervor, und auf den roten Lippen sa ein kunstvoll dressiertes
Schnurrbrtchen, das sich kruselte wie eine zierliche Arabeske.

Martin schien die Gegend zu erklren, und bei allem, was er sagte, lie
der Fremde ein wunderliches Lachen hren, hoch und kichernd, wie das
Hmmern eines Spechtes.

Nun kamen die beiden ber den Weg herunter.

Ah ja, die Gegend ist wirklich groartig! So was von Beag! Was? Und
schaugn S' den Wald an, Moatin, so was von Grrrnittt! sagte der
Fremde zwischen Lachen und Getnzel in einer Sprache, die an den Jargon
der Wiener Fiaker anklang und manchmal an den Ton der Brse erinnerte.
Aber Aufenthalt und Verpflegsqualittt? Schlechte Zensur? Was?
Ainigermaaasen prrrimitifff, scheint mir? Nuuuhr fr Natuuuhr, fescher
Walzer mit Variationen in Moll fr Geitaler Jagdhausgebrauch. Nna, die
Jagd, hoff ich, rrreit alles heraus! Prima? Was?

Ja, Herr von Sensburg, die Jagd soll vorzglich sein. Durchlaucht haben
zwar die Pirsche noch wenig frequentiert, aber es ist Durchlaucht doch
gelungen, gleich auf dem ersten Pirschgang einen schnen Hirsch --

^Guten^ Hirsch!

-- einen guten Hirsch und bei der nchsten Pirsche zwei kapitale
Gemsbcke zur Strecke zu bringen.

Aber! Moatin! Sie schrcklicher Keal! ^Gamsbck^ haat's! Schenieren
Sie sich! Ainigermaaasen mangelhafte Weidmannsbldung? Was? Hehehehe!

Verzeihen Herr von Sensburg -- und bitte, wollen Sie mir nicht das
Racket zu tragen geben?

Sssss! Zucker! Nicht anrhren! So was will getragen sein! Hehehehe!
Nna alsdann, zwaa Gamsbck? _A la bonheur_! Da sind ja die Aussichten
grooatig! Sie, Moatin, da mach ich gleich muagen die easte Piasch!
Aber einen feschen Jager bitt ich mir aus. Bei mir wird schoaf
gestiegen! Schoarrfff! Und wann ich am Abend den Gams hambring,
bitt ich mir aus, da a bil aufgmischt wird in diesem sterilen k.
k. Landeswinkel! Hehehehe! Wissen S', was ich haben mcht? So eine
zwanglose _fte champtre_! Stilvoll mit Erdgeruch! Jager, Holzknecht,
Sennerinnen, stramm gwaxene Diandln, Ziederngspll und Natuajodler,
kuaz, was man sagt: eine Hetz! Aber cht, das bitt ich mir aus! Kan
Salontiroler! Den Wein zahl ich! _Crdit en blanc_! Wenn's nur eine
Hetz wiad! Die Baronin soll sich amusieren! Hehehehe! Und ich hab
eine volkstmliche Ader, ich mische mich gean unter die haiteren
llemente derer, die dort unten wohnen! Aber sagen S', Moatin, ich hab
schon immer da beim Herauffahren diese bucklige Gegend beaugenwinkelt
-- wo wird sich denn da fr ein zivilisiertes Menschenkind ein nur
ainigermaaasen brauchbarer Lawn frs Tennis finden?

Ich glaube, dort unten auf der Lichtung, da ist eine ziemlich ebene
Stelle.

Anschauen!

Die beiden Stimmen verhallten hinter der Jgerhtte.

Mazegger legte das Fernrohr auf den Herd. Eine Weile sa er regungslos
und starrte zum Jagdhaus hinauf. Dann lehnte er sich md an die Wand
zurck und prete die Handballen in die Augenhhlen, wie einer, der
seit Nchten keinen Schlaf gefunden und den die Augen schmerzen.

Eine Stunde verging. Martin, der grnverschnrte Leibjger und
Praxmaler liefen immer hin und her zwischen der Frstenvilla und dem
Fremdenhaus. Droben in der Haustr erschien ein paarmal die kleine
Franzsin, guckte neugierig nach den Jgerhtten oder schwatzte eine
Minute mit den beiden Dienern.

Eben standen die drei wieder beisammen, als der Frster ber das
Almfeld heraufgestiegen kam. Er gewahrte die fremden Leute, schlug ein
flinkeres Tempo an und trat an das offene Fenster der Jgerhtte.

He! Toni!

Mazegger stand am Tisch und reinigte mit einem Lappen den Lauf seiner
Bchse.

Was sind ds fr Leut da droben? Is wer kommen? A Bsuch zum Herrn
Frsten?

Ja, mir scheint.

Wer denn?

Ein Herr Sensburg. Und eine Baronin. Mazegger wandte das Gesicht ber
die Schulter. Die Kutscher sagen: die wr so schn wie der selbig
Engel, der grad noch rechtzeitig vom Himmel gefallen wr, um dem
heiligen Antoni aus der Versuchung zu helfen. Die Fuste des Jgers
umklammerten die Bchse. Sonst wr vielleicht der Teufel Herr ber ihn
worden!

Geh, du Narr, was redst denn da fr a Zeug daher! brummte der
Frster. Dann sah er zum Jagdhaus hinauf und kraute sich hinter den
Ohren. So, schn! Jetzt is d' berraschung da, und der Herr Frst is
net daheim! Er ging zu seiner Htte und traf mit Pepperl zusammen, der
in gereizter Stimmung war.

Gr Gott, Herr Frstner! Und gut, da S' da sind! Pepperl trat in
die Htte und griff nach der Bchse. Ich mu auf d' Abendpirsch!

No, no, no! Was hast denn?

Schwarze Mucken im Schdel. Die mu ich ausfliegen lassen.

Du tust ja grad wie a verliebter Kaplan, der net heiraten drf.

So? Brennende Rte flog ber das Gesicht des Jgers. Kunnt schon
sein, da ich wei, wie dem z'mut is!

Kopfschttelnd sah ihm der Frster nach. Dann ging er zum Stall
hinunter. Noch hatte er den Platz nicht erreicht, wo die Wagen standen,
als er auf dem Weg, der von der Ache ber die Lichtung herauffhrte,
zwei Reiter auf abgehetzten Pferden kommen sah. Den einen erkannte
Kluibenschdl auf den ersten Blick -- das war Graf Goni Sternfeldt. Den
Hut schwingend, in Freude, lief der Frster ihm entgegen. Herr Graf!
Ja, gr Ihnen Gott, Herr Graf! Wie kommen denn Sie daher?

Sternfeldt winkte mit der Reitpeitsche und versetzte dem Pferd einen
Hieb. Das Tier war ausgepumpt und konnte nicht mehr; es machte nur ein
paar kurze Galoppsprnge und fiel wieder in mden Schritt. Der Reiter
sa ohne Spur von Ermdung im Sattel, trotz des schweren vierstndigen
Rittes und trotz seiner fnfzig Jahre. Er trug einen flachen Strohhut,
einen lichtbraunen Sommeranzug von modischem Schnitt und Lackschuhe,
alles grau verstaubt -- ein Anzug, der eher fr einen behaglichen Bummel
auf dem Brgersteig der Grostadt passen mochte als fr einen Ritt, der
dem Pferde den weien Schaum aus Hals und Flanken getrieben hatte.

Der lebhaften Gestalt nach htte man den Grafen fr einen Dreiiger
nehmen knnen. Aber Haar und Bart -- ein glattgeschnittener Spitzbart,
der das schmale Gesicht verlngerte -- waren schon vllig ergraut, beinahe
wei. Die klugen grauen Augen waren von wulstigen Brauen berschattet,
das einzig Derbe in diesem vornehm gezeichneten Rassegesicht. Die
Anstrengung des Rittes hatte das Gesicht gertet, dessen ernste Erregung
die sarkastischen Linien nicht verwischen konnte, die tief um den
feingeschnittenen Spttermund und um die Augenwinkel gezogen waren.

Ehe das Pferd noch anhielt, sprang er aus dem Sattel und warf die Zgel
dem Reitknecht zu, der ihm folgte. Gr Sie Gott, lieber Frster!

Gr Gott, Herr Graf! Kluibenschdl quetschte die Hand, die ihm
Sternfeldt gereicht hatte. Weil S' nur wieder da sind, Herr Graf! Und
die Freud, die der Herr Frst haben wird! An Zwlfender hat er auch
schon! Und zwei sakrische Gamsbck!

Dieser weidmnnische Erfolg schien den Grafen nicht sonderlich zu
interessieren. Er fragte hastig und erregt: Der Frst hat heute Besuch
bekommen? Natrlich, da stehen ja die Wagen. Aber sagen Sie mir --
Sternfeldt zog den Frster aus der Hrweite des Reitknechtes. Wie hat
der Frst diesen Besuch empfangen?

Der Herr Frst wei noch gar nix von der berraschung, die heut
eintroffen is. Er is net daheim!

Nicht daheim? Und da sie heute kommt? Das wute er nicht?

Net a Wrtl! Na!

Gott sei Dank! Und wo ist er?

Drauen im Sebenwald. Aber jeden Augenblick mu er heimkommen.

Ich mu ihn sprechen, bevor er nach Hause kommt. Welchen Weg mssen wir
nehmen?

Da ber d' Lichtung aussi, durch'n Tillfuer Wald.

Und er hat keinen anderen Heimweg? Wir mssen ihn treffen? Sicher?

Vom Sebenwald eini, da gibt's kein andern Weg.

Der Graf wandte sich an den Reitknecht. Fhren Sie die Pferde in den
Stall! Er reichte ihm eine Banknote. Das gehrt Ihnen fr die halbe
Stunde, die wir gewonnen haben. Aber jetzt sorgen Sie fr die Tiere so
gut wie mglich! Sie sollen frottiert werden, bis sie vllig trocken
sind, und sollen kein Futter und keinen Trunk bekommen, bevor sie nicht
ruhige Lungen haben! -- Kommen Sie, Herr Frster!

Whrend Graf Sternfeldt ber die Lichtung hinausschritt gegen den Wald,
klopfte er mit der Reitpeitsche den Staub von den Beinkleidern. Und
Frster Kluibenschdl murrte: Sakra! Da mu was los sein! Mir scheint,
die Gschicht mit der berraschung stimmt net ganz!


Funoten:

[1] Ach, Jean, sehen Sie doch, ein frstlicher Jger! Und solch
ein prachtvoller Riese! Ein echter Tiroler, nicht wahr? Ein Typus der
Rasse! Und so hbsch, da sich die Weiber auf der Strae nach ihm
umdrehen mssen.

[2] Ach, wie reizend! Wie drollig das alles ist, Jean, Jean,
wir wollen lustige Streiche nach dem Dutzend machen, hier in der
Sommerfrische!




^Siebzehntes Kapitel^


In lautloser Stille lag der Tillfuer Wald. Unter den Bumen war tiefer
Schatten, doch um die Wipfel glhte noch der Glanz der Sonne, die sinken
wollte. Wie goldfunkelnde Riesenmauern, von purpurnen Schattenlinien
durchzogen, standen die grellbeleuchteten Berge hinter den Lcken des
Waldes.

Auf einem Baum, den der Sturm geworfen hatte, saen Graf Sternfeldt und
der Frster. Nicht weit von ihnen zweigte sich der Pfad -- der eine Weg
fhrte zur Jagdhtte im Sebenwald, der andere zur Sebenalpe und zum
See. Diesen letzteren Pfad konnte man auf eine weite Strecke bersehen.

Je lnger die beiden warten muten, desto ungeduldiger wurde Sternfeldt.

Endlich! Da kommt er! Der Graf erhob sich. Bleiben Sie, Herr Frster,
ich geh ihm entgegen!

In Gedanken versunken, behaglich schlendernden Ganges, kam Ettingen ber
den Pfad heruntergeschritten. Sein Hut war rings um die Krempe mit
Blten besteckt, mit Edelrosen vom Sebensee.

Heinz!

Ettingen blickte auf, als knnte er dem Klang dieser Stimme nicht
glauben. Da leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Goni! Du? Er stie
den Bergstock in die Erde und streckte dem Freund die Hnde entgegen.
Du? Wahrhaftig? Goni, die Freude, die ich habe! Sagen kann ich das
nicht -- aber sieh mich an, und du mut es fhlen!

Ja, Heinz! Tiefe Bewegung klang aus der Stimme des Grafen. So
deutlich wie in diesem Augenblick hab ich es noch nie empfunden, da du
mir gut bist!

Goni? Hast du je daran gezweifelt?

Nein. Aber wer Geld besitzt, will auch wissen, wieviel es wert ist, und
freut sich der Stunde, die ihn zhlen lt. Solch eine Zhlstunde war
jetzt der Blick in deine Augen! Aber dich so sehen zu drfen, das hat
noch eine andere Freude fr mich. Heinz? Was ist aus dir geworden?

Ein gesunder, froher Mensch. Das hab ich dem Wald zu danken. Und dir!
Du warst es, der diesen herrlichen Fleck Erde fr mich aussuchte. Und du
weit nicht, was du da alles fr mich gefunden hast! Ich danke dir,
Goni! Aber was machst du denn fr Augen? Lachend beugte Ettingen das
Gesicht bis dicht vor die Nase des Freundes. Ich bin es schon!
Wirklich! Ja, ja, ja!

Da du so gesund vor mir stehst, so sonnverbrannt, so lachend? Das
allein ist es nicht! An dir ist was Neues. Wr ich dir so in der Stadt
begegnet, ohne zu ahnen, da du das bist, ich glaube, ich htte dich auf
den ersten Blick gar nicht erkannt. Wie ein ganz anderer stehst du da!
Und der neue Heinz gefllt mir! Aus deinen Augen redet Leben und Wille
zur Freude -- nein, jetzt habe ich keine Sorge mehr um dich. Jetzt kann
ich dir sagen, warum ich kam. Ich bringe dir eine Nachricht, Heinz! Denk
dir -- sie ist da!

Wer?

Aber Heinz! Errtst du denn nicht?

Nein! Wer ist da?

Diese Frage begreif ich nicht. Aber du httest mir kein Wort sagen
knnen, das ich lieber gehrt htte, als dieses ahnungslose: >Wer?< --
Die Pranckha ist da. Drauen im Jagdhaus.

Der Frst erblate. So standen sie eine Weile schweigend voreinander.
Dann stammelte Ettingen: Das ist stark!

Sternfeldt lachte. Du weit doch aus Erfahrung: in Dingen, die stark
sind, ist sie gro!

Sie kam allein?

Gott bewahre! Sie mu den Schein wahren. Um so mehr, da sie >ehrbare<
Absichten zu haben scheint.

Sie ist mit dir gekommen?

Heinz! Das ist eine Frage, die mich verdrieen knnte!

Sei mir nicht bs! Ich wei in meiner Emprung nicht mehr, was ich
rede.

Emprung? Wirklich? Was dich bla machte und dir das Blut wieder ins
Gesicht treibt? Ist das nur Emprung?

Was sonst? Aber ja, Goni, ich will ehrlich sein, es ist noch etwas
anderes! sagte Ettingen mit bebender Stimme. Was ich jetzt empfinde,
ist wie Schmerz. Dieses Vergangene, dieses Hliche -- vor einer Stunde
noch war es so ganz vergessen, als wr es nie gewesen. Nun steht es
pltzlich da vor mir! Ich hatte das Gefhl wie nach einem Bad, als wr
ich reingewaschen an Leib und Seele. Und jetzt? -- Mir ekelt! -- Aber
wenn sie nicht allein kam? Mit wem kam sie?

Mit dem kleinen sen Mucki.

Den soll ich auch noch ertragen? Ettingen lachte in Zorn. Die
Geschichte fngt an, mich zu erheitern. Aber du? Da ^du^ mit ihnen
kamst?

^Mit^ ihnen? Nein! ^Nach^ ihnen! Gestern mittag brachte mir der
biedere Mann, von dem ich in meiner ahnungsvollen Vorsicht ihre Villa
berwachen lie, die Nachricht: mit dem Frhzug sind sie abgereist,
Salonwagen nach Innsbruck. Am Abend sa ich im Coup, kam heute mittag
in Innsbruck an. Drei Stunden frher waren sie vom Hotel Europe
abgefahren. Ich erinnerte mich an Shakespeare: ein Knigreich fr ein
Pferd. Und da bin ich! Und bin neugierig, was du tun wirst? -- Nun?

Ich bin ratlos, Goni!

Ich wte dir einen Rat. Aber du befolgst ihn nicht.

Ja, Goni! Jeden, den du mir gibst!

Dort steht der Frster. La dich von ihm nach Ehrwald fhren, jetzt
gleich! Drunten nimm dir einen Wagen, fahre nach Garmisch, nach Mnchen!
Oder bleibe in Ehrwald, bis ich dich wieder rufe. Was du brauchst,
schick ich dir noch heute hinunter, durch einen Jger, nicht durch
Martin! Sternfeldt lachte. So schmerzlich es fr dich sein wird, aber
von diesem Ehrenmann wirst du dich trennen mssen. Er ist ihr Helfer
gewesen.

Martin?

Ja! Er hat dich neulich auf die Jagd geschickt, und whrend du fort
warst, wurde meine Stube in ein Boudoir fr die Pranckha verwandelt!
Also? Soll ich den Frster rufen? Und willst du noch ein briges tun, so
schreib mir auf eine Visitenkarte: >Mache mein Haus rein, Goni, und ich
werde dir dankbar sein!< -- Willst du?

Nein!

Siehst du, wie ich dich kenne?

Sie ist unter meinem Dach, sie ist mein Gast. Und ich habe diese Frau
geliebt. Eine Roheit an ihr begehen, um sie abzuschtteln? Nein! Das
kann ich nicht.

Roheit? Ich danke fr das Kompliment. Aber ich bin nicht gekrnkt. Ich
vermute sogar, da du schon morgen fr meinen Rat empfnglicher sein
wirst. Du hast sie geliebt, ja! Und da du von dieser Liebe geheilt
bist, das glaub ich auch. Nur die Blindheit ist dir geblieben. Aber ich,
Heinz, ich habe diese Person gehat. Um deinetwillen! Und der Ha hat
Augen. Ich kenne sie. Besser als du. Ohne Gewaltstreich wirst du mit der
nicht fertig. Sei vornehm, wohlerzogen, hflich, und in drei Tagen hat
sie dich wieder eingefangen.

Da irrst du dich.

Beweis es mir, und ich leiste dir Abbitte. Aber nun weit du, da die
beiden unter deinem Dach sind, und deiner vornehmen Seele mu es als
Unhflichkeit erscheinen: liebe Gste so lange warten zu lassen. Komm!
Lachend ging Sternfeldt auf Kluibenschdl zu. Na also, lieber Frster,
fertig zum Heimweg! Unsere gute Durchlaucht hat ber ernste Dinge
nachzudenken. Aber wir beide plaudern? Ja? Was macht die Jagd? Und wo
ist der Zwlfender gefallen?

Droben beim Sebensee, Herr Graf! Und wann S' ds Gweih sehen --

Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie laute Stimmen im Wald
vernahmen. ber den Weg, der zur bayerischen Grenze, zur Knorrhtte und
zur Zugspitze fhrte, kam mit Lachen, Schwatzen und Singen eine lustige
Touristengesellschaft herunter, vier junge Leute mit dick angepackten
Ruckscken, und zwei hbsche Mdchen, zu deren runden, vergngten
Grbchengesichtern die Maskerade des lndlichen Kostms nicht bel
pate. Pfundweis trugen sie die Blumen auf Hten und Bergstcken.

Ob das der richtige Weg nach der Tillfu-Alpe wre? fragten sie den
Frster.

Nur immer gradaus, und sie knnten nicht fehlen.

Und ob in der Sennhtte fr sechs Leute Platz zum bernachten wre?

Natrlich! Auf'm Heuboden halt! Da liegen S' gut!

Das wirkte auf die heitere Gesellschaft, als htte man ihr eine
kstliche Sache in Aussicht gestellt. Lachend und singend wanderten die
jungen Leute davon und begrten das Ziel ihres Marsches mit Jauchzern
und Jodelrufen, von denen mancher etwas zweifelhaft ausfiel. Das gab
Anla zu neuer Heiterkeit. Schwatzend musterten sie die Wagen, guckten
in den Stall und grten einen Kutscher: Guten Abend, Herr Vetter! Als
sie an Mazeggers Htte vorberkamen, blickte eines der Mdchen neugierig
durch das offene Fenster in die Stube. Kichernd fuhr die Kleine zurck,
winkte ihrer Freundin und flsterte: Du, da mut hineinschauen, da
sitzt einer drin, der macht ein Gesicht wie der Hamlet nach dem Monolog:
Sein oder Nichtsein! Als die andere mit lachenden Augen in die Stube
sphte, fuhr Mazegger auf: Was wollen Sie? Machen Sie, da Sie
weiterkommen! Die Folge war, da von den jungen Touristen einer nach
dem anderen ans Fenster trat und sich hflich verbeugte: Habe die
Ehre! Und dann ging's mit Gelchter hinunter zur Sennhtte.

Mazegger hatte im ersten Zorn das Fenster zugeschlagen. Als die lustigen
Stimmen verklangen, ffnete er die Scheiben wieder und kehrte zu seinem
Lauerposten neben dem Herd zurck.

Rittlings sa er auf dem Holzstuhl. Seine Augen schienen nichts anderes
zu sehen als Tr und Fenster des Frstenhauses.

Da scho ihm das Blut ins Gesicht, und hastig griff er nach dem
Fernrohr.

In der Tr des Jagdhauses war Baronin Pranckha erschienen. Whrend sie
ber die Stufen herunterstieg in den Hof, sttzte sie sich auf die
Goldkrcke ihres Spitzenschirmes. Sie trug eine Sportmtze aus
schottischer Seide und ein weies Lodenkleid mit breitem Ledergrtel von
schillerndem Kupferglanz. Faltenlos, wie angegossen, umschmiegte der
linde Stoff den schnen Frauenkrper, der bei aller Grazie leicht zur
Flle neigte. Der langsame Gang war von weichlicher Geschmeidigkeit; bei
jedem Schritt, bei jeder leisen Bewegung der Arme, bei jedem Wenden und
Neigen des Kopfes schien der ganze Krper mitbewegt. Und wie dieses Haar
in der Sonne schimmerte! Es war nicht blond, nicht rot, es hatte den
dunklen Farbenglanz, den sterbende Bltter an einem schnen Herbsttag
haben. In seiner kaprizisen Modefrisur, in dem lockeren Gewell, das
sich ber die Schlfe hinauslegte, umschlo dieses Haar gleich einer
leuchtenden Goldhaube ein rundes Gesichtchen, wie von Watteau gemalt,
wei und rot, mit zarten Grbchen und blulichen Schatten, mit den klar
gezeichneten Sicheln der dunklen Brauen und mit heien Lippen. Diese
Farben wirkten wie Natur. Waren sie Kunst, dann verstand sich diese Frau
wie eine Meisterin auf das _corriger la beaut_. Bei der rosigen Frische
dieser Farben hatte das Gesichtchen etwas jugendlich Unreifes, fast
Kindliches. Dem widersprachen aber die feinen, wie mit der Nadelspitze
gezogenen Linien an den Mundwinkeln. Und die Augen! Ihre Farbe war ein
erloschenes Blau. Doch in der matten Iris brannten die groen Pupillen
schwarz und feurig wie die Beeren der Tollkirsche.

Und wie diese Augen in nervser Ungeduld flackerten, whrend sie beim
Hoftor stand, mit der Schirmspitze im Sand whlte und immer
hinuntersphte ber den Weg! Dann pltzlich lachte sie, mit perlender
Stimme, vergngt wie ein Kind, das in gereizter Laune mit einem
Spielzeug berrascht wird.

Sensburg kam ber den Weg herauf, jagerisch maskiert, mit Joppe,
grner Weste und kurzer Lederhose, mit genagelten Schuhen und mit
Wadenstrmpfen, die mit dicker Wolle unternht waren, um hinter
den Knien den echten Buckel zu machen. An der Joppe trug er
Hirschhornknpfe, die ein spannenlanges Knopfloch brauchten, und an
der Uhrkette baumelten silbergefate Adlerklauen, Hirschgranen und
Murmeltierzhne. Die Knie mute er mit irgendeiner Tinktur gefrbt
haben; sie waren wie Kastanien so braun. Er ging nach der Art eines
Holzknechtes, breitspurig und die Arme schlenkernd.

Mazegger konnte das heitere Lachen der schnen Frau und ihre Stimme
hren, als sie in einer fremden Sprache -- es war Englisch -- dem
anderen etwas sagte. Das mute ein Kompliment gewesen sein, denn der
Jagerische verbeugte sich geschmeichelt, und um seiner Rolle recht
getreu zu werden, versuchte er das Wortkauen eines steirischen Kretins
nachzuahmen. Dann fiel er, nach ein paar englischen Floskeln, wieder
in den Wiener Fiakerton und lachte: So ein Gstell? Was? Is ein Gstell!
Eisssen! Und echter man kann nicht! Aber Sie, Baronin? Ausschauen
tun S' heint wieder, ich sag Ihnen, Baroninderl, grooatig! Zucker!
Galant umtnzelte Sensburg die schne Frau und begann mit gustiser
Ausfhrlichkeit ihre Reize zu preisen. Und denken, da diese heazige
Schennheit fr einen anderen bltt? Das ist schmeazhaft, Baronin,
wiaklich schmeazhaft! Er verdrehte die Augen und seufzte. Um die
schne Frau wieder lachen zu machen, spielte er eine drollige Pantomime
als hoffnungslos schmachtender Seladon. Es schien in dieser Posse
auch ein Funke von Ernst zu glimmen: die ohnmchtige Sehnsucht eines
verliebten Narren, der begehrt, was unerreichbar ist.

Sah sie dieses Flmmchen brennen, und hatte sie Ursache, zu wnschen,
da es nicht erlosch? Lchelnd reichte sie ihm die Hand, an der in der
Sonne die Ringe blitzten, und lie sie kssen. Plaudernd und lachend
wanderten sie im Hof des Jagdhauses auf und nieder, und sooft sie
kehrtmachten, tnzelte Sensburg auf die linke Seite der Baronin.

Da sah Mazegger durch das Fernrohr, da die schne Frau verstummte.
Ihre Zge vernderten und spannten sich, ihre Augen wurden grer.
Diese Erregung lste sich in ein bezauberndes Lcheln, als sie mit
Sensburg zum Hoftor ging. Im gleichen Augenblick hrte Mazegger die
Stimme des Frsten, der mit Sternfeldt an der Htte vorberkam.

Mazegger huschte zum Fenster, kniete auf den Boden nieder und sttzte
das Fernrohr, damit es in seinen unruhigen Hnden nicht zittern konnte.
Schwer atmend richtete er das Glas auf das Gesicht der schnen Frau und
belauerte jeden Blick ihrer Augen.

Den Grafen schien sie nicht gern zu sehen; als er sich lchelnd vor ihr
verbeugte, nagte sie mit den kleinen blinkenden Zhnen an der Lippe.
Ganz verwandelt schien sie, als sie auf den Frsten zutrat, dem Sensburg
schwatzend entgegengegangen war. Wie sie da lchelte, wie alles lebte
und sprhte in ihrem Gesicht! Und dieser Blick! Wie eine Bitte, welche
schenkt, demtig und sieghaft -- ein Blick, der zu sagen schien: Ich
will dich, darum bist du mein!

Da verfinsterte sich das Glas, Mazegger sah nichts mehr, und als er
aufblickte, stand der Frster vor dem Fenster.

Kluibenschdl machte verblffte Augen. Was treibst du denn da? Unsere
Herrenleut ausspionieren? So was la bleiben, gelt! Und Uhr hast wohl
keine? Sechse is's! Schau, da in Dienst kommst!

Wortlos erhob sich Mazegger, schob das Glas zusammen, richtete sich fr
den Pirschgang und schritt ber das Almfeld hinunter. Als er den Wald
erreichte, blieb er stehen und blickte nach dem Jagdhaus hinauf. Der
Hof war leer, der Frst und seine Gste waren ins Haus getreten.

Mazegger nahm den Hut ab und fuhr sich mit der Hand ber die Stirn.
Es schien, als wre er ein anderer geworden. Sein Gesicht brannte,
und er atmete wie einer, dem eine Kette von den Gliedern fiel. Die
erlst mich von ihm! Wenn ^die^ ihm ihre Augen hinmacht, ^mu^ er
vergessen! Alles! Hastig schritt er hinein in den Schatten des Waldes.

Der Frster war zu seiner Htte gegangen und schrte im Herd ein
Feuer an. Er schien zu denken, da man ihn heute nicht zur Tafel
rufen wrde. Schad um den gsparten Hunger! Aber als er die Pfanne
von der Wand herunternahm, erschien Martin in seiner schwarzen Gala:
Durchlaucht lassen zur Tafel bitten! Whrend die beiden hinaufgingen
zum Jagdhaus, sagte der Frster: Sie, Herr Kammerdiener! Ihnen hab ich
an ernstlichen Vorhalt z' machen. Einige Andeutigungen des Herrn Grafen
Sternfeldt lassen mich vermuten, da Sie mich, wie man zu sagen pflegt,
ber den Lffel balbiert haben -- mit derselbigen >berraschung<! Ich
mu mir so was fr die Zukunft entschieden verbitten! Solchene Sachen
mag ich net.

Martin erwiderte kein Wort. Er warf nur einen scheuen Blick zu den
offenen Fenstern des Speisezimmers hinauf, wie in Sorge, da irgend
jemand die geharnischte Erklrung des Frsters gehrt haben knnte. Es
war berhaupt in seinem Wesen etwas ngstliches, als htte er die
Ahnung, da ihm heute noch eine Unbehaglichkeit bevorstnde.

Sie traten ins Haus.

Von den Stimmen bei der Tafel drang nur ein undeutlicher Hall in den Hof
herunter. Am besten unterschied man die Stimme des Edlen von Sensburg,
der das groe Wort zu fhren schien. Hufig hrte man auch ein helles,
perlendes Lachen. Die Fiakerspe des kleinen sen Mucki schienen die
schne Frau in heitere Laune zu versetzen. --

Je ruhiger der schne Abend um die Mauern des Jagdhauses dmmerte, desto
lauter ging es drunten in der Sennhtte zu, in der sich die junge
Touristengesellschaft gemtlich eingerichtet hatte. Vergngtes Schwatzen
wechselte mit Gesang, lustiges Kreischen mit lautem Gelchter, und dazu
klimperte und klang eine Zither.

Als es dunkel wurde, kehrte Pepperl von der Pirsche zurck. Lange stand
er vor der Tr des Frsterhuschens und lauschte zur Sennhtte hinunter,
bis er wtend vor sich hin brummte: So a Madl! Da die doch allweil ihr
Gaudi haben mu! Mit ander Leut! Seufzend trat er in die Htte, legte
sein Jagdzeug ab und setzte sich vor die Tr.

Wenn in der Sennhtte die jungen Stimmen recht bermtig
durcheinanderschrien, drckte Pepperl die Hnde ber die Ohren.

Es war finstere Nacht geworden, als Martin mit einer Laterne ber den
Weg herunterkam, um Herrn von Sensburg zum Fremdenhaus zu fhren.

Ein paar Minuten spter erschien der Frster und hrte von der Sennhtte
her das Singen und Jodeln. Fast wre er in der Finsternis ber Pepperls
Beine gestolpert. Geh, du Leimsieder! Was hockst denn da in der Nacht?
Wo's so lustig zugeht bei der Burgi drunt? Mach weiter, geh a wengerl
abi und tu dich unterhalten. Brauchen kannst es, du mit deiner
maulhenkolischen Traurigkeit allweil!

Pepperl war ein allzu gehorsamer Jger, als da er einem so klaren
Befehl seines Vorgesetzten htte widersprechen knnen. No ja, wenn S'
meinen, es mu sein, in Gottsnamen, geh ich halt abi!

Aber bleib net z'lang! Morgen in der Fruh um fnfe mut mit'm Herrn von
Sensburg zur Gamspirsch auffi!

Mit dem? Da dank ich schn! Vor dem laufen die Gamsbck auf tausend
Schritt davon! Wo soll ich denn hin mit ihm? Zum Sebensee?

Na, na! Grad hat's der Herr Frst gsagt: berall kann er hingehn, blo
net zum Sebensee. Gehst halt hin, wo d' meinst, er verdirbt nix. Und
schieen kannst ihn lassen, auf was er mag. Treffen tut er eh nix, der!
Aber jetzt geh, Pepperl, und sei vergngt!

No ja! Meintwegen! Pepperl seufzte, als wre fr ihn der Weg zur
lustigen Sennhtte eine viel hrtere Sach als die Gemspirsche, die ihm
fr den kommenden Morgen drohte. Stolpernd verschwand er in der Nacht.

Der Frster zndete in der Htte die Lampe an. Da hrte er einen Wagen
kommen. Es war ein Einspnner aus Innsbruck, der das Gepck des Grafen
brachte. Kluibenschdl lief zum Jagdhaus hinauf. Am Wohnzimmer des
Frsten mute er ein paarmal pochen, bis man ihn hrte -- so erregt, wenn
auch mit gedmpften Stimmen, wurde da drin gesprochen.

Als der Frster den von einer groen Lampe erleuchteten Raum betrat, sa
Graf Sternfeldt in einem Fauteuil, und Ettingen stand mitten im Zimmer.
So hatte Kluibenschdl seinen Herrn noch nie gesehen: mit dieser
Zornader auf der Stirn, mit diesen blitzenden Augen. Ich bitt um
Vergebung, Duhrlaucht, aber ich hab nur dem Herrn Grafen melden wollen,
da seine Sachen eintroffen sind.

Ettingen nickte, als htte er nicht recht gehrt. Und zum Fenster
tretend, prete er die Hand an seine glhende Stirn.

Ja, lieber Frster, ich danke Ihnen, sagte Sternfeldt und erhob sich,
lassen Sie drunten im Fremdenhaus die Sachen einstweilen in mein
Zimmer schaffen, ich komme gleich. Es ist Zeit fr mich, da ich mich
aufs Ohr lege. Ich bin md und merke, da ich meinen alten Knochen mit
diesem Ritt mehr zugemutet habe, als ihnen lieb ist. Na, hoffentlich
schlafe ich heut in meinem delogierten Bett so gut, als ob es noch an
seinem alten Platz stnde. Lachend trat er zum Schreibtisch und brannte
eine Zigarre an. Also, lieber Frster, ich komme gleich.

Kluibenschdl streifte zum Abschied seinen Herrn mit einem scheu
besorgten Blick.

Eine Weile war's still im Zimmer. Ettingen blickte durch das Fenster in
die sternhelle Nacht hinaus. Obwohl die Scheiben geschlossen waren,
konnte er den heiteren Spektakel hren, den die junge Gesellschaft
drunten in der Sennhtte trieb.

Sternfeldt blies den Rauch seiner Zigarre vor sich hin und betrachtete
das erlschende Zndholz, als wre er neugierig, wie lang der kleine
Funke, der von der Flamme zurckgeblieben, noch glimmen wrde.

Ettingen, an die Auseinandersetzung anknpfend, in der sie durch den
Eintritt des Frsters unterbrochen wurden, sagte: Von allem, was du mir
vorgehalten, kann ich kein Wort widerlegen. Aber versetze dich in meine
Lage, Goni! Sie sind meine Gste. Das bindet mir die Hnde. Auch wenn
ich mir hundertmal sage: ich habe sie nicht gerufen. Das Zusammenleben
mit diesen beiden empfinde ich selbst wie etwas Unertrgliches. Und du
hast recht, am leichtesten wre da mit einem rcksichtslosen Wort ein
Ende gemacht. Aber das bring ich nicht fertig. Ich kann meine Natur
nicht auf den Kopf stellen. Damit mut du rechnen.

Ja, ich habe in meiner Rechnung einen Fehler gemacht. Whrend ich da
heraufritt, da mir und dem Pferd der Atem ausging, hab ich mit jeder
Eigenschaft in dir gerechnet, nur nicht mit deiner Hflichkeit. Die ist
zu klassischer Vollendung ausgebildet. Wre ich ein Dieb, ich wrde bei
^dir^ einbrechen. Da wr ich eines liebenswrdigen Empfanges sicher.
Sollte dir der unhfliche Gedanke kommen, mich aus dem Haus werfen zu
lassen, dann drfte ich nur sagen: Mein Herr, ich bin unter Ihrem Dach
und fhle mich als Gast! Tableau! Und ich wrde an deiner Tafel sitzen
und bekme von dir die Schssel gereicht wie heut die Pranckha.

Du marterst mich! La diese Scherze!

Ich? Scherzen? Mir ist so ernst, wie einem Menschen nur sein kann, der
einen Freund in Gefahr wei.

Gefahr? Ach, geh doch! erwiderte Ettingen fast unwillig. Ich fhle
mich an Leib und Seele so frei, als htte mich nie ein Wunsch meiner
Sinne an diese Frau gefesselt. Sie ist mir so vllig fremd geworden, da
ich sie ansehen und mich erschrocken fragen kann: Wie war's nur mglich,
da ich sie geliebt habe? -- Was frchtest du also?

Ihre Schnheit! Denn schn ist sie. Das mu ich ihr lassen. Und noch
etwas anderes macht mich unruhig: deine Erregung. Wenn du deiner so
sicher bist, weshalb diese Erregung? Das versteh ich nicht.

Ettingen antwortete nicht gleich. Ja, du hast recht! Ich knnte doch
wirklich die Posse, die mir diese beiden Menschen ins Haus brachten, mit
kalter Ruhe an mir vorberspielen lassen! Und doch ist ein Aufruhr in
mir --

Ja, Heinz, in dir ist etwas, das sich meinem Blick verschliet.
Und das beunruhigt mich. Es ist da noch etwas anderes als nur dein
Widerwille, den du brigens bei Tisch zur Genge hast merken lassen,
trotz deiner Hflichkeit als Wirt. Der se Mucki war blind dafr.
Dem geht nicht so leicht was durch die dicke Haut. Aber ^sie^ hat
gemerkt, wie sie dran ist. Der erste, lchelnde Empfang, den sie dir
bereitete, lie mich vermuten, da sie dich in aller Liebenswrdigkeit
ein paar Wochen blockieren will, um dich im Anblick ihrer Reize
knusperig zu rsten. Nun wird sie ihre Taktik ndern. Sie wei, da
deine Hflichkeit mit dem Ekel kmpft, und da ist sie klug genug, um
diese Stimmung in dir nicht wachsen zu lassen. Sie wird die grndliche
Aussprache, die du bei deiner vornehmen Gastlichkeit gerne vermeiden
mchtest, so rasch wie mglich herbeifhren. Ein sarkastisches
Lcheln. Vielleicht schneller, als du denkst! Mit einem Gewaltstreich,
den ich ihr zutraue.

Was meinst du damit?

Das soll ich dir noch erzhlen? Sternfeldt lachte. Nein, lieber
Heinz! Er zerdrckte die Zigarre in der Aschenschale und trat vor
Ettingen hin. Jeder spottende Zug war ausgelscht in seinem Gesicht. Du
^bist^ erregt! Mach drauen in der khlen Nacht noch einen Bummel!
Oder -- auf deinem Schreibtisch liegt der Quartalbericht deines
Verwalters -- setz dich heute noch drber, Heinz! Da hast du drei, vier
Stunden nchterne Arbeit. Das wird dich beruhigen. Wieder lchelte er.
Dann geht's ja auch auf den Morgen zu. Ja, Heinz? Willst du das?

Ettingen reichte dem Freunde die Hand, ohne ein Wort zu sagen.

Na also, ruhige Nacht!

Dunkle Rte war dem Frsten ins Gesicht gestiegen, als htte er jetzt
verstanden, wie der Rat des Freundes gemeint war.

Goni? Du denkst nicht gut von mir!

Von dir? Doch, Heinz! Sternfeldt lchelte. Aber von ^ihr^ nicht. Er
wollte schon die Tr ffnen. Der Ausdruck seiner Zge verriet, da er
mit einem Entschlu kmpfte, der ihm nicht leicht wurde. Und dann
erwachte in seinen ernsten Augen ein Blick von so mildem Feuer, da
Ettingen betroffen zu ihm aufsah.

Sternfeldt hob den linken Arm und streifte die Manschette zurck. Sieh
her, Heinz, was ich habe! Er trug am Handgelenk eine Goldkette mit
kleinem Medaillon. Ein Talisman, den ich seit fnfzehn Jahren trage!
Es hat eine Zeit gegeben, in der ich ein Spielzeug jeder Stunde war,
die mir das Blut hei machte. Dann kam eine Wandlung ber mich, es ist
rein in mir geworden, klar und still. Seit damals trag ich diese Kette.
Der Talisman, den die Kapsel enthlt, hat mich seit fnfzehn Jahren vor
aller Hlichkeit des Lebens bewahrt. Und dieser Talisman htte auch
Macht ber ^dich^. Ich mchte ihn dir geben. Aber ich kann die Kette
nicht abnehmen, sie ist angeschmiedet an meinem Arm -- weit du, ich
will sie mitnehmen auf meinen letzten Weg. Aber willst du nicht sehen,
was die Kapsel enthlt? Er trat zum Schreibtisch und hielt den Arm in
das Licht der Lampe. Komm her, Heinz!

Schweigend ffnete Ettingen die goldene Kapsel und sah in ihr das
Miniaturbild einer Frau, noch schn, obwohl sich schon graue Fden in
das Braun der welligen Haare mischten, mit ernsten, ruhigen Augen und
einem Leidenszug um den lchelnden Mund. Das Bild meiner Mutter?

Das sagst du wie in Schreck? Da ich deine Mutter liebte? Hast du das
nie geahnt?

Und meine Mutter? stammelte Heinz.

Sie war mir gut. Ich glaube, sie wre glcklich geworden an meiner
Seite. Aber sie ^war^ glcklich, auch ohne mich. In ihrer Liebe zu dir.
Und sie wies mich ab, weil sie ganz ihrem Sohne gehren wollte. Aus dir
einen Mann zu machen, frei, glcklich und stolz -- mehr wollte sie nicht
von ihrem Leben. Dafr konnte sie jedes Opfer bringen, auch das Opfer
ihres Frauenherzens. -- Heinz? Verpflichtet solche Liebe nicht? Und
begreifst du nun meine Sorge um dich? Soll deine Mutter umsonst gelebt
haben?

Goni --

Nein! Jetzt wollen wir nicht weiterreden. Nachdem ich dir das gesagt
habe, gibt es kein Wort mehr! Sternfeldt legte die Hnde auf Ettingens
Schultern und sah ihm in die Augen. Gute Nacht, Heinz! Dann ging er.

Ettingen blieb in einer Erregung zurck, die ihn erschtterte bis ins
innerste. Da weckte ihn ein Gerusch im anstoenden Raum. Eine Furche
grub sich in seine brennende Stirn. Als er die Tr des Schlafzimmers
aufstie, gewahrte er den Lakai, der das Bett fr die Nachtruhe seines
Herrn bereitgemacht hatte und mit einem Sprhflakon durch das Zimmer
ging, um ein schwl duftendes Parfm in die Luft zu stuben. Was
machen Sie da? fragte Ettingen mit erzwungener Ruhe. Ich habe Sie
nicht gerufen.

Bitte, Durchlaucht, stotterte Martin, mein Dienst --

Dienst? Bei mir? Ich habe Grund zu vermuten, da Sie im Dienst der
Baronin Pranckha stehen. Fremde Dienerschaft will ich fr meine Person
nicht belstigen. Sie knnen gehen. Morgen wird Praxmaler den Dienst
bei mir bernehmen.

Mit aschfahlem Gesicht verbeugte sich Martin, und whrend er aus dem
Zimmer ging, ri Ettingen das Fenster auf. Die frische Nachtluft hauchte
in den schwlen Raum und trieb, als die Tr geffnet wurde, den sen
Wohlgeruch in den Flur hinaus und hinter dem Lakaien her, dessen
Fracksche in der Zugluft wehten. Eine Weile stand Martin ratlos, mit
geballten Fusten. Da sah er die kleine Franzsin aus dem Zimmer der
Baronin treten und hrte sie noch sagen: _Je vous souhaite la bonne
nuit, madame[1]!_

Lautlos huschte er auf das Mdchen zu: _Mam'zell Fifi?_

_Hein?_

Ob die Baronin noch zu sprechen wre?

Fr den guten treuen Martin? Gewi.

Er pochte an die Tr.

_Entrez!_

Martin trat ein. Als er einige Minuten spter das Zimmer wieder verlie,
schien seine Sorge beschwichtigt. Er trug die Nase hoch und lchelte.
Whrend er ber die Treppe hinunterstieg, hrte er das kichernde
Gezwitscher der Franzsin.

Sie stand mit Sensburgs Leibjger im Hof. Der heitere Lrm, der von der
Sennhtte heraufklang, reizte ihre Neugier. _Je veux voir a, moi[2]!_

Zu diesem Wunsche zuckte Martin hoheitsvoll die Schultern. Der Stall
dort unten wre kein Aufenthalt fr feine Leute -- in solche
Gesellschaft knnte man unmglich gehen, ganz unmglich.

Fifi verzog das hbsche Mulchen und lachte. _Moi, a m'est bien gal,
qu'on puisse y aller ou pas y aller. Vous m'y conduiserez, n'est-ce pas,
Jean[3]?_

_A votre service, mam'zelle!_ erwiderte der Leibjger galant und bot ihr
den Arm.

Whrend Martin seine Stube aufsuchte, wanderten die beiden kichernd ber
das Almfeld hinunter.

Droben am Himmel schneuzte sich ein Stern, und gleich einer dnnen
Feuerrute fuhr's ber die Berge hin.


Funoten:

[1] Ich wnsche der gndigen Frau gute Nacht.

[2] Das will ich sehen.

[3] Mir ist das ganz egal, ob man da hingehen kann oder nicht.
Sie werden mich hinfhren, Jean, nicht wahr?




^Achtzehntes Kapitel^


Einige Stunden frher.

Es dmmerte ber dem Tal der Leutasch, und vom Kirchturm tnte der
Abendsegen ber die stillen Huser hin und hinaus ber die von zartem
Nebel behauchten Wiesen. Auf der Strae lag schon die Ruhe des schlfrig
gewordenen Tages. Nur ein paar junge Burschen stapften mit ihren
qualmenden Pfeifen an den Zunen entlang, manchmal nach einem Fenster
sphend, hinter dem ein Licht brannte.

Da kam ein Jger hastigen Ganges durch das Dorf herunter. Mazegger.
Keuchend ging sein Atem, und in Unruh blickte er ber die Strae aus.
Sein Schritt verzgerte sich, je nher er dem Hause der Frau Petri kam.
Um das Klappen seiner Schuhe verstummen zu machen, trat er in den mit
Gras bewachsenen Straengraben hinunter. Als er den Zaun des Hauses
erreichte, das vom Duft seiner Blumen umflossen war, duckte er sich und
schlich an der Holunderhecke hin, um eine Lcke zu finden, durch die er
in den Garten blicken knnte.

Am Hause waren die Fenster der Wohnstube schon erleuchtet. Man sah durch
die hellen Scheiben in den friedlichen Raum mit seinen Bildern und
Gerten und sah, wie Frau Petri den Tisch deckte und die Tassen stellte.

Dunkler und dunkler sank die Dmmerung ber Haus und Garten. Zwischen
den Beeten klang die Stimme Los: Zwei Kannen noch, dann wird's genug
sein.

Am Brunnen klapperte der Schwengel, das Wasser pltscherte, im Kiese
knirschten die Schritte der Magd, und nun lie sich das leise Brausen
des ber die Blumen fallenden Sprhregens vernehmen.

Dann war's still im Garten.

Whrend die Magd das Gert und die Kannen in der Tenne verwahrte, machte
Lo einen Rundgang um die Beete und durch den Obstgarten. In einem
Sommerhuschen, das dicht am Zaun auf einem kleinen Hgel stand, lie
sie sich nieder. Hier konnte sie ber die dunklen Wiesen weit
hinausblicken bis zur Waldscharte des Geitals, ber dem der Himmel mit
seinem letzten Licht noch zwischen den schattenblauen Bergen leuchtete.

Da klang eine geprete Stimme ber den Zaun: Guten Abend, Frulein!

Lo sah ber der gestutzten Holunderhecke das bleiche Gesicht mit den
funkelnden Augen. Sie verlie das Sommerhuschen. Guten Abend! sagte
sie, wie man einen Fremden grt, und ging auf das Haus zu.

Der Pfad fhrte am Zaun entlang, und so konnte Mazegger ber der Hecke
drauen gleichen Schritt mit ihr halten.

Aber eilig haben Sie's heut! Der Jger lachte. Ich bin halt nicht der
ander mit'm Krnl im Schnupftuch! Da tt sich's freilich rentieren, da
man stehenbleibt. Da htt man Zeit eine ganze Nacht lang. Wie drauen
beim Sebensee. Gelt, ja?

Schweigend folgte Lo ihrem Weg.

Ich komm von Tillfu. Da sollten Sie doch ein bil neugierig sein, was
los ist bei Ihrem hochgeborenen Courschneider! Knnt sein, da ich was
zu erzhlen htt. Wirklich? Gar nicht neugierig?

Er wartete auf Antwort. Vergebens.

Nun lachte er wieder, gallig und rauh. Jetzt kommt er so bald wohl
nimmer zum Sebensee! Jetzt hat er keine Zeit mehr -- fr Sie! Heut hat er
Besuch bekommen. Und was fr einen! Eine Baronin. Billiger tut er's
nicht, wenn's ernst wird. Ich hab mir allweil gedacht, es gb nichts
Schneres auf der Welt, als Sie sind. Aber ^die^! Aaah! Was die fr ein
Lachen hat! Und wie sie ihn frit mit ihren sndschnen Augen! Da mt
der gyptische Joseph drber stolpern. Und Joseph ist ^der^ doch keiner!
Gelt? Die vornehmen Herren, die halten's gern mit der Abwechslung. Heut
Butterbrot und Sebenseeblmln, morgen wieder Salami mit Pfeffer.

Lo hatte den Pfad verlassen. Quer durch die Wiese schritt sie auf das
Haus zu. Was der Jger ihr nachrief, verstand sie nicht mehr. Nur sein
Lachen hrte sie noch. Als sie zur Haustr kam, mute sie sich an die
Mauer sttzen. Diese Schwche whrte nicht lang. Ruhigen Schrittes trat
sie ins Haus. Lichtschein fiel aus der Kche in den Flur und ber die
Bilder hin, welche die Mauer bedeckten.

Whrend Lo zur Stube ging, berhrte sie eines der Bilder mit der Hand,
als wre das Trost und Kraft fr sie: die Leinwand zu fhlen, auf der
ein reiner und schner Gedanke ihres Vaters Form und Farbe gewonnen.

Nun trat sie in das helle Zimmer, in dem Frau Petri noch mit dem Tisch
beschftigt war.

Heut kommst du frher als sonst. Bist du drauen schon fertig?

Ja, Mutter. Mit allem.

Beim Klang dieser Stimme blickte Frau Petri betroffen auf. Sie sah das
weie, vom Schmerz berhrte Gesicht, die verstrten Augen, und fragte
erschrocken: Kind? Was hast du?

Nichts!

Das sagst du mir und kannst mich doch nicht ansehen dabei! Vor Sorge
zitterte die Stimme der alten Frau. Kind?

Ich bin erschrocken. Drauen im Garten, dicht vor meinen Fen, kroch
eine Natter ber den Weg.

Nein! Das htte ^mich^ erschrecken knnen. Nicht dich! Vor einem
Tier zu erschrecken, das nur unschn ist, nicht gefhrlich, das ist
nicht deine Art. Sag mir, was du hast! Und sieh mich an!

Ein Lcheln erzwingend, hob Lo die Augen.

Kind! Ich fhle doch, da es nur ein Gleichnis war, was du vorhin von
der Natter sagtest. Drauen im Garten ist etwas geschehen, was dich
krnkte. Das war so abscheulich, da du es deiner Mutter nicht sagen
magst. Ich kann mir's denken! Ein dummer oder bser Mensch wird ein Wort
gesprochen haben, das etwas in dir verletzte, was dir lieb und heilig
ist.

Ja, Mutter! Etwas, an das ich glaube, wie ich an den Vater glaube und
an dich!

Gelt, ich hab's erraten? Frau Petri atmete, als lge ihr ein Stein auf
der Brust. Schon die ganze Zeit her -- und was mir gestern der Bub
erzhlte, vom Jagdhaus -- Kind, ich bitte dich, diese Sorge mut du mir
ausreden! Gelt, nein? Es ist nicht so, wie ich frchte? Wenn ich recht
htte mit meiner Sorge, das wre ein Unglck fr dich und fr uns
alle! -- Kind?

Lo wollte sprechen und brachte kein Wort ber die Lippen. Auf die
Holzbank niedersinkend, brach sie in Schluchzen aus.

Schweigend setzte Frau Petri sich an die Seite ihres Kindes, nahm die
Weinende in den Arm und streichelte ihr das Haar.

Noch ehe Frau Petri sprechen konnte, hatte Lo ihre Fassung
wiedergefunden. Sie trocknete die Augen, und nur noch ein schmerzliches
Lcheln irrte um ihren Mund, als sie ruhig sagte: Mutter! Wir mssen
fort von hier.

Fort?

Ja. Weil ich ihn liebe.

Ach, Gott! stammelte die alte Frau. Was ist ber mich schon alles
gekommen! Und jetzt auch das noch! Mein Kind mu ich leiden sehen und
kann ihm nicht helfen. So ein Unglck!

Nein, Mutter! Lolos Augen leuchteten in stillem Glanz. Was ich fhle,
ist das Herrlichste eines Menschenherzens. Es wird mein Leben erfllen
wie die Sonne einen klaren Tag. Ist Liebe weniger schn und reich, weil
sie nicht hoffen darf? Kein Unglck, nein! Was ich fhle, ist Glck. Nur
Zeit mut du mir vergnnen, um mich wiederzufinden, um so stark und
mutig zu werden, da ich ihm ruhig begegnen und verbergen kann, was in
mir brennt. Nur deshalb will ich fort. Ein paar Wochen. Ich bitte dich,
Mutter, tu mir das zuliebe!

Ja, Kind! Alles, was du willst. Und wohin mchtest du?

Das war immer eine Sehnsucht in mir: Vaters Heimat kennenzulernen, das
Haus sehen, in dem er geboren wurde.

Ja! Da reisen wir hin.

Und dann, Mutter, gehen wir nach Mnchen.

Mnchen? Vor den Augen der alten Frau erwachte bei diesem Wort das
Bild ihrer bittersten Lebensjahre. Wie scheue Abwehr klang es aus ihrer
Stimme: Kind?

Das mssen wir, Mutter! Was wir ber Vater erfuhren, hat eine Pflicht
auf uns gelegt. Die Welt soll die Schtze sehen, die unser Haus
umschliet, und soll lieben lernen, was Vater unter diesem Dach
geschaffen hat. Deshalb mssen wir nach Mnchen.

Ich seh es ein. Das sind wir seinem Namen schuldig. Aber -- Ach, Lo!
Wieder hinein in den alten Kampf und in die neue Sorge! Und es war so
friedlich hier! Bei unserem Erinnern und bei seinen Blumen!

Lo legte den Arm um den Hals der Mutter. So wird es auch bleiben,
immer! Wenn wir heimkehren, werden wir nur reicher sein um eine Freude.

Gott soll's geben! Frau Petri seufzte; ihr Herz wurde nicht leichter.
Sie hatte es verlernt, an die Hoffnung zu glauben. Als nach allem Kampf
der frheren Jahre die Ruhe gekommen war, hatte sie diesen Frieden
nicht recht genieen knnen, weil sie immer frchten mute: er wird
nicht dauern. Hatte sie nicht recht gehabt mit dieser Furcht? Noch
war die Trauer um ihren Mann nicht still geworden. Und da kam nun das
wieder! Der hoffnungslose Schmerz ihres Kindes! Und was wrde ^dann^
kommen? Was stand ihr noch alles bevor an Leid und Weh? Ach, ja! Die
Hnde fielen ihr schwer in den Scho. Wann willst du reisen?

Sobald der Bub wieder wohl ist. Und morgen will ich hinausreiten zum
See, nur ber die Nacht, um da drauen alles in Ordnung zu bringen fr
den Winter. Auch drfen wir die Blumen in den heien Sommerwochen nicht
ohne Pflege lassen. Ich will den Sebener Senn ersuchen, da er die
Arbeit bernimmt.

Ja, das mut du tun! Seine Blumen -- das war sein letztes Wort -- die
drfen nicht leiden.

Nun schwiegen sie, als wre alles zu Ende gesprochen.

Noch eines, Mutter! Lolos Wangen frbten sich. Der Frst -- Ihre
Stimme schwankte bei diesem Wort. Die Freude, die er uns brachte mit
dieser Nachricht -- das mssen wir ihm danken! Ich meine, wir sollten
ihm eines von unseren Bildern schicken. Als Erinnerung an den Vater.
Und an alles andere. Ein mildes Lcheln verschnte ihren Mund. Meinst
du nicht auch?

Wenn du willst. Welches meinst du?

Da rief die Magd in die Stube herein: Ich bitt, der Gusterl gibt kei'
Ruh nimmer: 's Fruln soll kommen!

Lo erhob sich, zog die alte Frau zu sich empor und umschlang sie. Sei
ruhig, Mutter! Sorg dich nimmer! Der Vater hat mich erzogen zu seinem
starken Kind. Und was ich dir sein kann, das sollst du haben an mir!
Sie verlie die Stube. Erst ordnete sie noch in der Kche die Teeplatte
und sagte zu dem Mdchen: Trag nur alles gleich hinein! Muttl hat schon
so lange warten mssen.

Als sie durch die Schlafstube der Mutter ging, fiel aus dem anstoenden
Zimmer der Lampenschein und erleuchtete eine Bilderwand. Lolos Blick
begegnete jener Leinwand mit dem Hermeskopf -- mit der weien Marmorsule
des jugendlichen Gottes, dem eine Natter auf die Schulter kriecht. Ekel
und Grauen sprechen aus seinem Gesicht, doch seine Brust ist angewachsen
an den unbeweglichen Stein, und er hat keine Arme, um die giftige
Hlichkeit von sich abzuwehren. Das soll er haben! Zitternd, in einem
Sturm von Empfinden, nahm Lo das Bild von der Wand und kte die Stirn
des schnen Gottes.

Da klang die Stimme des Bruders: Lo? Was machst du da drauen? Komm
doch zu mir!

Sie gab das Bild wieder an die Wand und trat in die kleine Stube.

Das verpflasterte Gesichtchen vorgebeugt, sa Gustl in den Kissen. Lo,
jetzt eben hab ich probiert, ob ich marschieren kann. Es geht schon ganz
famos. Morgen darfst du mich aufstehen lassen.

Sie trat zum Bett. Morgen? Nein, Bubi, morgen mut du noch
liegenbleiben.

Also bermorgen! Darf ich dann auch bald ins Jagdhaus? Er hat mich doch
eingeladen. brigens, weit du, ich hab so was wie eine Ahnung. Gib
acht, Lo, morgen kommt er.

Damit der Bruder ihre Erregung nicht sehen mchte, ging sie zum Fenster,
das noch offenstand.

Verwundert sah Gustl zu ihr auf. Aber Lo?

Ich will das Fenster schlieen, die Nacht wird khl --

Ihre Stimme erlosch -- drauen ber der Hecke sah sie einen Menschen
stehen, regungslos in dem trben Dunkel. Ruhig schlo sie das Fenster
und zog die Gardinen vor.

Der auf der Strae drauen lachte leis. Dann schritt er durch das
finstere Dorf, dem Geital entgegen.

Es ging auf elf Uhr, als Mazegger die Tillfuer Alm erreichte.
Zitherklang, Gesang und Lachen tnten aus der Sennhtte. Das Jagdhaus
stand noch mit hellerleuchteten Fenstern, nur das Speisezimmer war
dunkel. Und im Frsterhuschen wurde just die Lampe ausgeblasen.

Whrend Mazegger an der Sennhtte vorberging, warf er einen
gleichgltigen Blick in die offene Tr, durch die es herausquoll wie
roter Feuerdampf.

Zigarrenrauch und Staub, den die tanzlustigen Paare aufgewirbelt hatten,
erfllten den groen Raum. Ein festes Feuer flackerte auf dem Herd, und
ber dem dichtbesetzten Tisch, in einem Mauerring, brannte eine
Kienfackel. Einer der jungen Touristen spielte mit wenig Kunst, aber mit
vielem Eifer die Zither, die anderen sangen und tranken, schwatzten und
lachten. Nur die Wirtin hielt sich abseits von dem fidelen Spektakel.
Mit rotem Gesicht und gerunzelten Brauen stand Burgi neben dem Herd und
warf ein Scheit ums andere ins Feuer, als glt es eine Hllenlohe fr
eine dem Bratspie verfallene Snderseele anzuschren. Sie trat nur zum
Tisch, wenn sie ein leergewordenes Glas wieder zu fllen hatte. Und
dann mute sie in den Keller hinunter, wo das Flein mit dem roten
Spezial schon bedenklich hohl erklang. Was ihre gallige Laune am meisten
zu reizen schien, das war, da sie den Weg in den Keller besonders
hufig fr den Praxmaler-Pepperl machen mute. Der schien den Schwur der
Nchternheit, den er beim Sebensee seinem Jagdherrn geleistet hatte,
vllig vergessen zu haben. Zwei Liter hatte er schon hinuntergegossen in
seine aufgeregte Seele, und jetzt eben schrie er zum neuntenmal: He,
Sennerin! ^Noch^ a Viertele!

Abgewandten Gesichtes stellte ihm Burgi den frischgefllten Schoppen
hin. Whrend sie zum Herd ging, warf sie einen Wutblick ber die
Schulter. Nicht auf den Praxmaler-Pepperl. Die Zornglut dieses Blickes
galt der kleinen Franzsin, deren lustiges Lachgezwitscher die Stimmen
der anderen bertnte.

Zwischen Pepperl und Mam'zelle Fifi hatte sich die ungenierteste
Freundschaft im Verlauf einer Stunde so hei entwickelt wie Dampf aus
kochendem Wasser. Als die kleine Franzsin am Arm des Leibjgers die
Sennhtte betreten hatte, war Pepperl mit finster brtenden Augen in
einem Winkel gesessen und hatte sich gegen Fifis ersten
Annherungsversuch so unzugnglich verhalten wie ein junges Fohlen, dem
man zum erstenmal das Geschirr um den Hals legen will. Aber war es die
Wirkung des Weines, den er als reichlichen Seelentrost in sich
hineingo, oder war's ein spttisches Lcheln der Sennerin, ein bissiges
Wort, das Burgi einem der Touristen ber die Franzsin gerade so laut
noch zuflsterte, da Pepperl es hren mute -- irgend etwas hatte unter
seinen Kreuzerschneckerln pltzlich einen psychologischen Wettersturz
hervorgerufen. Aus einem griesgrmigen Leimsieder hatte er sich in einen
krakeelenden Don Juan verwandelt, dessen Schmeicheleien die kleine
Franzsin in um so grere Begeisterung versetzten, je derber sie
ausfielen. Dieser _vrai tyrolien_, dieser type de la race gefiel ihr immer
besser mit jeder Minute. Sie lie es, um ihn in Feuer zu bringen, an
Aufmunterung nicht fehlen. Und Pepperl war nicht dumm. Wenn sie ihm
einen kleinen Finger reichte, nahm er gleich die ganze Hand, zum Gaudium
der Franzsin und der ganzen lustigen Gesellschaft, die Sennerin
ausgenommen. An diesem Flirt -- wie Jean der Verschnrte die koketten
Manver Fifis mit Weltbildung bezeichnete -- beteiligten sich alle
Mitglieder der Tafelrunde und spielten mit wie die Zuschauer bei einer
Hanswurstiade. Da Fifi kaum ein paar deutsche Worte und Pepperl kein
Franzsisch verstand, mute bald der Leibjger, bald einer der jungen
Touristen den Dolmetsch abgeben, wobei die drastischen Komplimente, die
Pepperl der Franzsin machte, mit lautem Hallo bei der bersetzung noch
bertrieben wurden. Als Pepperl in seiner schwelenden Weinlaune
beteuerte: Die gfallt mir, die mag ich! -- begngte sich Fifi nicht mit
der bersetzung.

_Moi, je veux, qu'il me dise cela en franais!_

Was hat's gesagt? fragte Pepperl.

Einer der Touristen bersetzte: Sie will, du sollst ihr auf franzsisch
sagen, da sie dir gefllt!

So? Pepperl studierte eine Weile. Wie tt's denn heien auf
franzeesisch, wann ich ebba sagen mcht: Du bist sauber, dich hab ich
gern?

Unter Gelchter sagte man's dem Praxmaler-Pepperl ein paarmal vor: _Vous
tes trs belle! Je vous aime!_

Und Pepperl plapperte: _Wussed treppel, sch wussem!_

Fifi klatschte vor Wonne in die Hnde und zwitscherte ihr hchstes
Lachen. Die Bewunderung, die sie fr diesen superbe colosse empfand,
fing an ins bedenkliche zu wachsen. Alles an ihm gefiel ihr, aber ihr
ganz besonderes Entzcken erregten seine Kreuzerschneckerln. _Regardez,
Jean, quels jolis cheveux il a! Ils ont l'air de s'amuser beaucoup_[1]!
Als mte sie dem Wohlgefallen, das sie an diesen vergngten Haaren
fand, noch deutlicher Ausdruck geben, sprang sie auf, fate den
Praxmaler-Pepperl ber den Tisch hinber am Kopf und whlte mit ihren
winzigen Spinnenhnden in diesem Wust von blonden Ringeln wie ein
Geiziger in seinem Gold.

Alles lachte. Nur drben am Herd emprte sich die Sennerin. So an
ausgschamts Frauenzimmer! Ein Scheit flog ins Feuer, da die Funken
aufstoben.

_Comme il me plait! Ah! Ah! Qu'il me plait bien!_ zwitscherte Fifi.
_Mais! Mais! Attention[2]!_ Gestikulierend suchte sie das Gelchter der
anderen zu beschwichtigen. _Je veux lui dire a en allemand! Comment
cela se dit-il en tyrolien: tu me plais, tu es un joli garon, toi?_

Ruhe! Jetzt will sie deutsch mit ihm reden! verkndete der Dolmetsch.
Sie will wissen, wie das auf tirolerisch heit: du bist ein hbscher
Junge, ganz nach meinem Geschmack! -- Das mu ihr echt gesagt werden, ganz
echt! Unter fideler Spannung der Tafelrunde sprach ihr einer der
Touristen im breitesten Tirolerdialekt den Satz vor: Du gfollscht ma,
bischt a liaba Bua! Fifi versuchte die bleischweren Laute
nachzuschwatzen. Was auf ihrem leichten Znglein daraus wurde, das hrte
sich so drollig an, da die ganze Gesellschaft in Gelchter ausbrach.
Sogar die Sennerin lachte; aber das war ein Lachen, so grell wie der
Klang einer springenden Saite.

Den Praxmaler-Pepperl schien diese Liebeserklrung der Franzsin -- oder
etwas anderes -- um den letzten Rest seiner Zurckhaltung gebracht zu
haben. Er stie einen gellenden Jauchzer aus, griff mit beiden Armen zu,
und wie man einen Kndel aus der Suppe sticht, hob er das kleine
Persnchen ber den Tisch herber an seine Seite. So, jetzt spielen S'
ein' auf, an rassigen! schrie er dem Zitherspieler zu. Jetzt wird
einer tanzt mit meiner Franzeesin! A gsunder! Wieder jauchzte er und
schwang sein Htl dazu.

Mit schwirrenden Klngen fiel die Zither ein. Zwei der jungen Touristen
faten die beiden als Dirndln kostmierten Mdchen um die Hfte, und
Jean, der nicht leer ausgehen wollte, machte den Versuch, die Sennerin
zum Tanz zu holen. Wortlos drehte ihm Burgi den Rcken, whrend Pepperl
dem Verschnrten mit hhnischer Freude zurief: Sie! Die lassen S' in
Ruh! Die is der Rhr-mi-net-an! Die hat an Heimlichen. Wann s' an andern
anschaut, wird er wild, der Heimliche, und sie drf ihm die schecketen
Jagdkh nimmer melchen. Juhuuu! Das war ein Jauchzer, dessen scharfer
Klang wie ein Dolch in alle Ohren fuhr. Mit einem Luftsprung, wie ein
Tollgewordener, trat Pepperl an der Hand seiner Franzeesin zum
Schuhplattler an.

Burgi stand bleich am Herd und starrte ins Feuer.

Auch Fifis Gezwitscher war verstummt, und einen Augenblick schien es,
als bekme sie Angst vor diesem _superbe colosse_, der ihre Hand
umklammert hielt wie mit eisernem Schraubstock und das kleine
Persnchen im Kreise wirbelte, da die Rcke flogen wie ein sausendes
Rad. Dann lachte sie wieder, blitzte ihn mit ihren schwarzen Augen an,
und flink hatte sie es den beiden anderen Mdchen abgeguckt, wie sie
sich, mit den Hnden die Rcke niederhaltend, vor ihrem Tnzer drehen,
wiegen und wenden mute, um den Sinn dieses urwchsigen Naturtanzes zum
Ausdruck zu bringen: das Entfliehen und Sichhaschenlassen, das Versagen
und Gewhren einer Gunst, um die der Tnzer wirbt.

Mit einem Jauchzer, da die Stubendecke drhnte, umkreiste Pepperl die
sich wirbelnde Tnzerin und begann ein Schlagen und Springen, ein Blasen
und Schnackeln wie ein liebes-und frhlingstrunkener Spielhahn. Er
plattelte, als wollte er seine Schenkel und Schuhe zu Scherben
klopfen, schlug Rder und Purzelbume, schnellte im Aufsprung die
Fuspitze bis zur Stubendecke und schwang, als die Zither schwieg, mit
gellendem Juhschrei seine Tnzerin durch die Luft wie eine Feder.

Die beiden anderen Paare, auch Jean und der Zitherspieler, schrien Bravo
und applaudierten. Und Fifi, als sie mit den zappelnden Fen wieder zu
Boden kam, sah glhend und staunend an ihrem Tnzer hinauf und pisperte
mit ihrem atemlosen Stimmchen: _Bigre, tu as de la race, toi[3]!_ Mit
beiden Hnden haschte sie ihn am Schnurrbart, zog ihn zu sich nieder,
hob sich auf die Fuspitzen und drckte ihm einen Ku auf den Mund. Dann
huschte sie kichernd zur Stube hinaus.

Die Touristen machten dazu einen fidelen Spektakel, whrend Jean der
kleinen Franzsin mit der Bemerkung folgte: _Elle est folle,
vraiment[4]!_ Er fand sie drauen, wie sie vor Lachen kaum Atem und Wort
hatte. Und als sie sich in seinen Arm einhngte, um sich zum Jagdhaus
hinauffhren zu lassen, meinte sie: _C'tait la vraie btise de
campagne, a[5]!_

Auch Pepperl lachte. Aber es schien, als wre ihm dabei nicht besonders
wohl zumute. Sein Gesicht brannte wie Feuer. Er mute sich abkhlen und
schrie der Wirtin zum Verirrten Lampl mit heiserer Stimme zu: He,
Sennerin, ^noch^ a Viertele!

Wortlos nahm Burgi das Glas vom Tisch und ging in den Keller. Schwer
seufzend ffnete sie den Hahn am Fa, und whrend das dnne rote
Brnnlein niederpltscherte in das Glas, trpfelten ihr die dicken
Zhren ber die Wangen -- und eine dieser Trnen fiel in den Rotwein. Wie
in Wut ber sich selbst, fuhr sie mit der Faust ber die Augen und bi
die Zhne bereinander.

Als sie hinaufkam in die Stube, packte der Zitherspieler sein
Instrument in den Rucksack, und die jungen Leute, denen der Wein in den
Kpfen wirbelte, schickten sich an, ihr Nachtlager auf dem Heu zu
suchen. Unter Spen, die der spten Stunde entsprachen, sagten sie der
schweigsamen Sennerin gute Nacht, stiegen mit Schwatzen und Gekicher
ber eine Leiter zum Heuboden hinauf und lieen an der Stubendecke die
Klappe hinter sich zufallen.

Burgi und Pepperl waren allein.

ber ihren Kpfen pumperte die Decke, und man hrte gedmpft die
lachenden Stimmen der Heugste, die es mit Schlaf und Ruhe nicht eilig
hatten.

Unter schwlem Schweigen rumte Burgi den Tisch ab, so da nur das
letzte Viertele des Praxmaler-Pepperl noch stehenblieb. Der suchte mit
zitternden Hnden aus seinem schweinsledernen Ziehbeutel das Geld fr
die zehn Schoppen heraus und legte die Mnzen schn geordnet in Reih und
Glied auf den Tisch. So! Da is mei' Schuldigkeit! Er packte das Glas
und strzte den Wein hinunter -- das ganze Viertele mitsamt der bitteren
Trne war nur ein einziger Schluck. Dann stlpte er den Hut ber die
Kreuzerschneckerln, blies die heien Backen auf, und ohne die Sennerin
eines Blickes zu wrdigen, wollte er zur Tr.

Wie die strafende Gerechtigkeit den Verbrecher fat, mit so jhem Sprung
verlegte ihm Burgi den Weg.

Pepperl wurde bleich. Whrend die zwei so voreinander standen, sich
messend mit finsterem Blick, schienen sie alle beide zu ahnen, da es
jetzt ein Unglck geben wrde.

Vor Aufregung klang die Stimme des Mdels ganz verndert: Wart a bil,
du Moralischer, du! Mit dir mu ich was reden!

Du? Mit mir?

Ja! Ich! Mit dir!

Haha! Pepperl versuchte von oben herab einen Ton anzuschlagen, der ihm
nicht gelang. Wir zwei haben ausgredt mitanand! Und wann schon meinst,
du mut mir was sagen, so such dir an anders Stndl aus! Heut wei ich
mir was Bessers. Stolz machte er einen Schritt zur Tr.

Burgi war flinker und stie den Riegel vor. So! Jetzt probier, ob d'
aussi kommst!

Das ging dem Praxmaler-Pepperl ber die geduldige Leber. Er bekam ein
zornrotes Gesicht. Du! Solchene Sachen verbitt ich mir! Auch fand er
gleich fr diesen Gewaltstreich das richtige Advokatenwort: Die
perseenliche Freiheit la ich mir net beschrnken!

Ghren tt's dir, da man dich einsperrt! fiel Burgi mit heier
Erregung ein. So einer, wie du bist, sollt net freilings umanandlaufen
drfen! Dir ghret a Halsbandl, dir!

Natrlich, mit eim Schnrl dran! Da du mich fhren knntst! Aber gelt,
mich la in Ruh! Fhr du dein Schwarzlackierten spazieren! Den mit die
seidenen Hserln!

Du! Du! Sie ballte die Fuste und brachte nur mhsam die Worte heraus.
ber den sagst mir nix mehr! Du!

Dir sag ich noch viel!

Meinetwegen, ja! Aber gelt, mit deiner Tugendhftigkeit kannst mich
auslassen, du! Und mit die Gomorringer! Wann ^die^ ausrucken, bist du
als Korporal dabei!

Leicht awanzier ich gar noch zum Leutnant!

Da hast recht! Du bringst es noch weit! Heut hab ich dich ausstudiert,
du scheinheiligs Brderl, du! Denn so, wie du heut, hat sich net bald
einer aufgfhrt!

Ich hab halt was glernt von dir! erklrte Pepperl hhnisch. Schlechte
Beispieler verderben gute Sitten!

Verderben? So? Verderben? keuchte Burgi, als htte ihr dieses
Argument einen Sto ins Leben versetzt. An dir is viel zum Verderben?
Meinst? Du bist ja in der besten Schul, bei ^der^! So eine, freilich,
die wachst net bei uns. Die mu extra aus Frankreich kommen! Wie's
^die^ versteht! Ah! Pfui Teufi! Net amal Deutsch kann s', die!

Ihr Bussel hab ich ganz gut verstanden.

So? Hast es verstanden? hhnte Burgi, whrend ihr die Trnen in die
Augen sprangen. ^Gut^ verstanden? So?

Ja! Und sie haben was Extrigs, die franzeesischen Busserln. Da mu ich
schauen heut, da ich ^noch^ eins derwisch. Drum geh von der Tr weg,
sag ich!

So? Ttst aussi mgen? Sie machte die Ellbogen breit, um den Riegel zu
decken. Fensterln? Bei der? Ds tt dir halt taugen, dir? Gelt?

Und wie! Es taugt ja dir auch net schlecht, wann der ander kommt: Main
scheenes Gindd!

Und du: Sch wussem, sch wussem!

Sch wussem, ja, schrie Pepperl, sch wussem! Noch tausendmal sag
ich's ihr heut! Er machte einen drohenden Schritt. Von der Tr weg!

Ich mag net! Na! Und whrend ihre Augen immer grer wurden, stemmte
sie sich mit dem Rcken gegen die Bretter.

Gehst weg oder net?

Sie starrte ihn an, regungslos, mit einem Gesicht, das wie versteinert
schien.

Je bleicher sie wurde, desto dunkler stieg dem Praxmaler-Pepperl das
Blut unter die Kreuzerschneckerln. Gehst weg oder net? Ich frag zum
letztenmal.

Sie rhrte sich nicht.

Da ri ihm die Geduld. Er machte einen Sprung zur Tr und versuchte
Burgi mit der Schulter beiseitezuschieben. Sie klammerte sich an den
Riegel, als hinge ihre Seligkeit an diesem Stcklein Holz. Pepperl
schob und drckte, bis er den Riegel zur Hlfte frei bekam. Nun ri er
ihn auf, und schon klaffte die Tr um einen handbreiten Spalt. Als glt
es jetzt einen Kampf auf Leben und Tod, so warf sich Burgi dem Feind
entgegen, packte ihn mit der einen Hand an der Brust, mit der anderen an
der Kehle und versuchte ihn mit verzweifelter Kraft von der Tr
wegzureien. Und wirklich, Pepperl war von diesem jhen berfall so
vllig berrascht, da er schon bis in die Mitte der Stube gestoen war,
bevor er noch recht an Widerstand denken konnte. Jetzt erwachte die Wut
in ihm. Mit Zucken und Zerren versuchte er sich freizumachen und wurde
grob. Doch Burgi hielt ihn mit den Armen umklammert, ihre letzte Kraft
erschpfend, und lie nicht los. Da begannen sie ein Ringen, wortlos und
keuchend. Bei diesem Ringen krmmten und wanden sie sich, Leib an Leib
gewachsen, als wren sie nur ein einziger Krper. Dann pltzlich, wie
von einem Zauber gelhmt, standen sie regungslos, alle beide. Sie
hielten einander mit den Armen noch umschlungen wie im Ringen. Aber sie
sahen sich an, erschrocken und bleich, Aug in Auge. Was sie sagen
wollten, wurde ein Lallen -- und eines schlo dem anderen die Lippen mit
drstendem Ku.

Die Stubendecke pumperte ber ihren Kpfen, und eine Lachsalve nach der
anderen prasselte dort oben im Heu.

Die beiden hrten es nicht. Sie waren auf die Herdbank niedergesunken,
hielten sich umklammert und wurden nicht satt von ihren Kssen.

Ein schwles Aufatmen. Pepperl --

Was, Schatzl?

Neulich hat er mich busseln wollen. Da hab ich ihm eine runterliniert.

Geh? Is wahr? Dieses Bekenntnis rhrte ihn; sie htte ihm ihre
Liebe nicht besser beweisen knnen als durch das Zhntweh des
Kammerdieners. So a guts Madl, wie ^du^ bist! So was gibt's nimmer
auf der Welt! Und ds einschichtige Busserl von der andern? Gelt, ds
tust mir net verbeln?

Aber gwi net! Wir mssen froh sein, da 's blo an einzigs war! Und
^sie^ hat's ja ^dir^ geben. Da kannst ja ^du^ nix dafr!

Dankbar zog er sie auf seinen Scho, und nun waren sie wieder
schweigsam.

Auf dem Heuboden schien der bermtigen Gesellschaft allmhlich der
Schlaf zu kommen. Nur ein paarmal hrte man noch ein leises Gekicher.

Die beiden auf der Herdbank rhrten sich nicht -- sie seufzten nur
manchmal, hei und tief.

Kleiner und kleiner wurde das Feuer auf dem Herd. Bevor es in Glut
versank, belebte sich knisternd noch eine letzte Flamme und leuchtete
rot.

Die Kienfackel an der Wand war schon erloschen; es glostete nur der
Stumpf noch ein bichen, und stille Funken, gleich winzigen Sternchen,
fielen von ihm zu Boden.


Funoten:

[1] Sehen Sie doch, Jean, was er fr hbsche Haare hat! Die
sehen aus, als wren sie riesig vergngt.

[2] Der gefllt mir! Ach, der gefllt mir! Aber! Achtung
jetzt!

[3] Teufel, Kerl, du hast Rasse, du!

[4] Die ist verrckt, wei Gott!

[5] Das war so der richtige Rummel, wie er pat fr die
Sommerfrische.




^Neunzehntes Kapitel^


Mitternacht war vorber.

Dunkel und verschwiegen, mit flimmernden Himmelslichtern, um die sich
dnne Nebelschleier zu ziehen begannen, lag die Nacht ber dem Tillfuer
Almfeld, ber Haus und Htten. Nur manchmal rasselte leis die Glocke
eines Rindes. Und wie ein schwermtiges Lied in weiter Ferne, so sang
der Wildbach im Tal.

Am Jagdhaus waren zwei Fenster noch erleuchtet, und eines von ihnen
stand offen. Die Fenster am Wohnzimmer des Frsten.

Zwei Augen sphten durch die Nacht zu diesen hellen Fenstern hinauf.
Angedrckt an die schwarze Holzwand der Jgerhtte, sa Mazegger auf der
Erde und hielt mit den Armen die Knie umschlungen.

Einmal hrte er Schritte dort oben, als ginge der Frst im Zimmer auf
und nieder. Dann war's wieder still.

Nun flackerte an einem dritten Fenster ein Schein auf, nur matt, als
wrde ein Licht vorbergetragen.

Mazegger stie die Schuhe von den Fen, huschte ber den Weg hinauf
und duckte sich hinter den Hofzaun, dicht, unter dem offenen Fenster.

Droben war eine Tr gegangen.

Und jetzt die ruhige Stimme des Frsten. Baronin? Wollen Sie wieder zur
Bhne gehen? Studieren Sie die Rolle der Lady Macbeth?

Ein heiteres Lachen. Sie noch auf? Das ist eine berraschung. Htt ich
das ahnen knnen, so htt ich meine schlaflose Langweile geduldig
ertragen, ohne Sie zu stren. Aber der Band Maupassant, den Martin fr
mich aussuchte, war zu Ende gelesen, ich wollte einen neuen haben, und
da der Bcherschrank in diesem Zimmer steht -- was blieb mir brig?

Bitte --

Nein! Wieder jenes feine Lachen. Jetzt kein Buch! Da Sie noch auf
sind, sollen Sie mir Gesellschaft leisten, bis mir der Schlaf kommt. Sie
sind ohnehin der Schuldige, dem ich diese schlaflose Nacht verdanke. Ja!
Aber wollen Sie mir nicht eine Zigarette geben?

Eine kleine Weile war Stille.

Danke! -- Sie sind mde, Frst?

Ich? Nein!

Ich meinte nur, weil Ihre Hand zitterte, als Sie mir Feuer gaben?

Sie irren sich, Baronin.

Wirklich? Und ich beobachte doch sonst so gut. Aber wie knnen Sie nur
in dieser khlen Nacht bei offenem Fenster sitzen! Wie unvorsichtig!

Baronin Pranckha erschien am Fenster. Ihre Gestalt war dunkel im
Schatten, doch die halb entblten Schultern und die von durchsichtigen
Spitzen kaum verhllten Arme waren im Lampenschein von roten Lichtlinien
umzogen.

Leis klirrten die Scheiben, als sie das Fenster schlo. Dann verschwand
sie wieder. Jetzt hrte man wohl die beiden Stimmen noch, aber es war
kein Wort mehr verstndlich.

Lautlos, geschmeidig wie eine Katze, kletterte Mazegger am Flaggenmast
hinauf und kam so hoch, da er einen Blick in das Fenster werfen konnte.
Er sah ein ruhiges Bild, sah einen Teil des Zimmers mit dem
Schreibtisch, auf dem die Lampe stand. Ettingen kehrte dem Fenster den
Rcken, und ihm gegenber ruhte die schne Frau in einem Fauteuil, von
weien Spitzen umflossen; ihr Haar, das im Schein der Lampe flimmerte
wie rotes Metall, umringelte die schneeigen Schultern und zitterte wie
Goldgespinst bei jeder leisen Bewegung des Kopfes; die eine Hand lag mit
nervsem Spiel auf der Kante des Schreibtisches, in der anderen hielt
sie die brennende Zigarette; so plauderte sie, bald ernst, bald wieder
lchelnd. Und pltzlich legte sie die Zigarette fort. Halb sich
aufrichtend, sah sie dem Frsten ins Gesicht. Sie sagte nur ein Wort,
ein einziges, kurzes Wort. Ob es sein Name war? Der Frst erhob sich.
Nun konnte Mazegger sein Gesicht sehen. Es war hart und ernst.

Hastig lie Mazegger sich ber die Stange hinuntergleiten, huschte zum
Haus hinber und legte das Ohr an die Mauer. Er hrte nur ein
verworrenes Gerusch der Stimmen. Aber wie erregt diese beiden Stimmen
klangen! Wie Rede und Gegenrede kurz und heftig aufeinander folgten! Nun
lautlose Stille. Dann sprach der Frst allein, fast immer allein. Nur
selten unterbrach ihn die andere Stimme. Jetzt wieder Schweigen, dem ein
nervses Lachen folgte. Der Frst blieb stumm. Nur diese Frauenstimme
klang. Wieviel sie zu erzhlen und zu erklren hatte! Das whrte eine
Stunde und lnger noch. Und immer wechselte diese Stimme im Ton. Bald
klang sie wie in ersticktem Zorn, bald wieder flog sie in
leidenschaftlicher Hast, dann stockte sie und verwirrte sich, wurde leis
und schmeichelnd. Jetzt sprach der Frst, ruhig, nur wenige Worte, die
ein gepreter Schrei bertnte. Ein Stuhl wurde gerckt, Schritte
klangen, durch den Lichtschein des Fensters glitt ein Schatten. Nun ein
Stammeln und Flehen, ein Ton, der dem lauschenden Jger alle Sinne
schauern machte. Dumpfe Stille. Dann ein jhes Auflachen, herb und
mitnig, das Gerusch einer Tr und wieder das Schweigen. Klirrend
wurde droben das Fenster aufgerissen.

Mazegger drckte sich regungslos an die Mauer. Im Lichtschein, der
bers Almfeld hinausfiel, sah er den Schatten des Frsten. Und deutlich
hrte er den tiefen Atemzug, mit dem der Einsame dort oben die frische
Bergluft trank wie eine kstliche Erquickung.

Der Schatten im Fensterlicht verschwand. Man hrte den Schritt des
Frsten, der im Zimmer auf und nieder ging. Ein Stuhl wurde gerckt. Und
dann war's still.

Noch lange stand Mazegger in der Nacht und sphte zu dem hellen Fenster
hinauf. Kein Laut mehr. Aber auch die Lampe erlosch nicht. Wie
zerbrochen an allen Gliedern taumelte der Jger zu seiner Htte
hinunter, nahm die Schuhe vom Boden auf und trat in die Stube. Er machte
Licht und sah nach der Uhr. Drei Uhr vorber. In einer halben Stunde
mute der Tag beginnen.

Immer mit der Uhr in der Hand, stand Mazegger am Tisch und starrte
brtend vor sich hin. Sein Gesicht war grau wie Asche, die Augen
brannten wie im Fieber.

Schwankend ging er zum Bett und warf sich auf die Matratze.

Drauen begann es zu dmmern.

Da huschte ein Schritt an der Htte vorber, vorsichtig und leis, als
mchte er nicht gehrt werden.

Dieser Schleicher im Morgengrau schien ein belastetes Gewissen zu haben.
Das erleuchtete Fenster der Jgerhtte war ihm nicht willkommen. Er
duckte sich, um ungesehen vorberzuschlpfen. Schon wollte er auf den
Fuspitzen in das Frsterhaus schleichen, als ihn eine Stimme anrief:
Praxmaler?

Mar und Joseph! stotterte Pepperl. Der Herr Frst! Scheu trat er
seinem Herrn entgegen, der ber den Weg herunterkam. Duhrlaucht? Was
wollen S' denn? In aller Fruh?

Ettingen lachte. Das begreifen Sie nicht? Ein Jger? Sie sind doch auch
schon munter!

Ja, ich, ds is was anders!

Wo waren Sie denn heute schon?

Ich? Nirgends! Gott bewahr! stammelte Pepperl. Blo da drunt war ich,
a bil da drunt. Weil ich schauen hab wollen, wie sich der Tag heut
anlat, ja -- weil ich befohlen bin -- mit'm Herrn von Sensburg zur
Gamspirsch. Den mu ich wecken jetzt! Gleich!

Lassen Sie den nur schlafen! Gehen Sie lieber mit mir!

Mit Ihnen, Duhrlaucht? Gott sei Dank! Der ander Herr, mein' ich, tut
sich eh viel leichter im Bett als auf der Gamspirsch! Aber wohin denn,
Duhrlaucht?

Wohin Sie wollen. Nur hinauf! Hoch hinauf! Ich mchte heut die Sonne
eine Stunde frher sehen.

Da steigen wir zum Steinernen Httl auffi. Gleich bin ich fertig!

Hier ist ein Brief. Der soll an Graf Sternfeldt bergeben werden,
sobald er aufsteht. Ich bitte, besorgen Sie das! Und bis Sie sich
fertigmachen, geh ich langsam voraus.

Ettingen folgte dem Steig, der sich in der matten Dmmerung des Waldes
verlor.

Als Praxmaler in seine Htte treten wollte, wurde er von einer
zischelnden Stimme angerufen: Peppi! Mazegger kam auf ihn
zugesprungen.

Was is?

Ich hab dich reden hren mit dem Herrn Frsten. Kannst ja mir den Brief
geben. Ich besorg ihn.

Htte Pepperl nicht Kopf und Herz mit anderen Dingen voll gehabt, so
htte ihm der fiebernde Klang dieser Stimme auffallen mssen. So sagte
er: Ja, is recht! Und is mir lieber, als da ich den Frstner aus'm
Schlaf aussireien mt! Aber gelt, ich kann mich verlassen auf dich?

Ja! Gib her!

No, no, no? Was hast denn? Zarrt er mir den Brief aus der Hand -- ich
wei net, wie!

Ohne zu antworten, ging Mazegger zu seiner Htte. Auf der Schwelle blieb
er lauschend stehen, bis er die Schritte des Jgers hrte, der seinem
Herrn folgte. Dann schlo er am Fenster die Lden, trat in die Stube und
verriegelte die Tr. Schwer atmend untersuchte er den Brief und drehte
ihn hin und her, langsam, als wre das leichte Papier so schwer wie
Blei. Der Brief war nur leicht verklebt. Mazegger ffnete ihn. Und damit
kein Lichtschein durch die Ritzen der Lden hinausfallen mchte,
schraubte er an der Petroleumlampe die Flamme ganz klein herunter. Bei
diesem trben Zwielicht las er:

                                                     Drei Uhr morgens.

                          Lieber Goni!

     Du hast recht gehabt! Ich sollte nicht erlst werden ohne
     >Gewaltstreich<. Sie versuchte ihn mit einer plumpen Reminiszenz an
     die franzsische Komdie, deren Heldinnen sie verkrperte, bevor
     sie den adeligen Hochstapler fand. Der gab ihr seinen Namen, um
     sich von ihr -- ich will milde sagen: ernhren zu
     lassen -- schlielich auch auf meine Kosten. Was mich in meinem
     Wahnsinn damals, als ich es erfuhr, vor Ekel krank machte, krank
     auf den Tod fast -- daran kann ich heute denken, als wr es nie
     gewesen, als lge fr mich eine ganze Welt zwischen damals und
     heute, ein Feuer, das mich reinigte, als ich seine Flammen
     durchschritt. Und denk nur, Goni, sie kam, um die Flitterwochen
     ihrer Freiheit mit mir zu verleben! Sie hat sich scheiden lassen.
     Das war der Grund ihrer langen, Dir so unbegreiflichen Reserve. Sie
     wollte frei sein, um mir sagen zu knnen: Ich habe mich erlst fr
     dich! Ein Glck, da sie mir das nicht einen Monat frher sagen
     konnte! Ich glaube, ich wre bei meiner falschen Vorstellung von
     dem, was >Verpflichtung< heit, noch vor wenigen Wochen fhig
     gewesen, mit Bewutsein mein Leben zu vernichten. Aber da sie zur
     Verkndigung ihres >heiligen Opfers< gerade ^diese^ Stunde whlte
     und dazu ein >leichtlsbares Spitzenrtsel< wie fr die Rolle der
     >Iza< im >Fall Clemenceau< -- das hat mir die Bilanz meiner
     Vergangenheit und Zukunft leicht gemacht. Nun ist alles vorber und
     abgetan! Grndlich. Wie ich aufatme! Da ich keine Stunde mehr mit
     ihr unter dem gleichen Dach verbringe, wirst Du begreiflich finden.
     Nur diese Zeilen schreib ich Dir. Dann weck ich den Jger und steige
     mit ihm hinauf -- hoch, hoch hinauf, wo ich Sonne und reine Luft
     finde.

     Eigentlich mu ich Dir dankbar sein. Sie verhalf mir zur Erkenntnis
     meines Glckes, das gestern noch unbewut in mir dmmerte, wie ein
     Gefhl wunschloser Freude, ruhig, heiter und schn. Ach, Goni, wenn
     ich Dir nur schildern knnte, wie mir zumute war, als es so
     pltzlich Licht wurde in mir! Mich erwartet ein Glck, das ich
     gefunden habe auf heiligem Weg. Erinnerst Du Dich an dieses Wort
     meines ersten Briefes? Nun ist es zur Wahrheit an mir geworden.
     Mehr kann und will ich Dir jetzt nicht sagen. Wenn ich heimkomme,
     sollst Du alles wissen. Und morgen, Goni, hol ich mein Glck! Ksse
     mir das Bild meiner Mutter, Du Treuer, und freue Dich mit dem
     glcklichsten der Menschen. Das ist

                                                       Dein Heinz.


Mazegger hatte lngst zu Ende gelesen, und noch immer sa er ber das
Blatt gebeugt, das in seinen Hnden zitterte. Sein Gesicht war verzerrt.
Mit einem Lcheln, das alle Zhne sehen lie, raunte er das Wort des
Briefes: Morgen hol ich mein Glck! Er schob den Brief in den Umschlag
und verschlo ihn, blies die Lampe aus und stie am Fenster die Lden
auf. Drauen war es Tag geworden.

So? Morgen?

Ein rauhes Lachen. Und eine Bewegung, als mchte er den Brief in Fetzen
reien.

Da trat der Frster in die Stube. Guten Morgen, Toni! Gut, da d' noch
daheim bist! Heut mut du mit mir ---- Was hast denn da? Er nahm dem
Jger den Brief aus der Hand. An den Herrn Grafen? Und die Schrift von
der Duhrlaucht? Von wem hast du den Brief?

Vom Peppi. Mehr zu erklren, hielt Mazegger nicht fr ntig.

Der Brief mu bsorgt werden! Gleich auf der Stell! Kluibenschdl
hetzte davon. Finster sah Mazegger ihm nach. Da er heute den Frster
begleiten sollte, das schien ihm nicht zu passen. In Hast machte er sich
fertig, warf die Bchse hinter den Rcken, steckte mit zitternder Hand
ein paar Patronen zu sich und schritt ber das Almfeld hinunter. Bevor
er den Wald erreichen konnte, klang hinter ihm die Stimme des Frsters:
He! Toni! Warten!

An der Lippe nagend, blieb Mazegger stehen, bis der Frster ihn
eingeholt hatte.

Wo rennst denn hin? Ich hab dir doch gsagt, da ich dich brauch! Und
ausschauen tust? Hast wieder an Ausflug gmacht in der Nacht -- Gott wei
wohin?

Mazegger wandte sich wortlos ab.

Heut bleibst bei mir! Wir mssen die neuen Steig vermessen. Da haben
wir Arbeit den ganzen Tag.

So? Mazegger lchelte. Aber die Nacht? Die gehrt doch mein?

Der Frster sah ihn von der Seite an. Was ds jetzt wieder fr a Wrtl
is! D' Nacht ghrt freilich dein.

Mehr brauch ich nicht.

Zu was?

Zum Schlafen.

Geh, du! Der Frster schttelte den Kopf.

Sie verschwanden im Wald.

Eine stille Morgenstunde. Dann kam die Sonne. Heute flog sie die Berge
nicht mit jenem reinen Schimmer an, der die Felsen wie in durchsichtige
Flammengebilde verwandelt. Es war etwas Trbes in ihrem Feuer. Und die
dnnen Nebel, die mit zerrissenen Formen hoch in den Lften schwammen,
glhten so rot, als wren Blutbche ber den mattblauen Himmel
ausgegossen. Auch die Sonne selbst, als sie hinter den stlichen Bergen
hervortauchte, hatte einen roten Schleier umgehangen. Man konnte sie
ansehen, ohne geblendet zu werden.

Hoch droben ber dem Bergwald, auf einem steilen Almrosenhang, den die
Sonne mit ihrem roten Feuer schon berleuchtete, ruhten Ettingen und
Praxmaler zu Fen einer einsamen Zirbe.

Pepperl sa mit dem Rcken gegen den Stamm gelehnt, als htte er eine
Sttze ntig. Er machte kein lustiges Gesicht. Die zehn Viertelen
rumorten unter seinen Kreuzerschneckerln. Er sah bernchtig aus und
hatte Ringe um die Augen. In seinem Blick, der das Tal suchte, leuchtete
es wohl manchmal auf wie Freude. Aber dieses Frohe erlosch immer wieder
in trber Kmmernis, wie droben das Sonnenlicht in den Nebelschleiern.
Dazu wurde er, je lnger er sa, immer schlfriger; ein paarmal machte
er einen kurzen Sumser, aus dem er mit erschrockenem Nicker wieder
auffuhr.

Im Gesicht des Frsten hatte die durchwachte Nacht keine Spur von
Ermdung zurckgelassen. Ettingen lag behaglich ausgestreckt in den
Almrosenbschen, ber die der Wettermantel gebreitet war. Mit dem Blick
des Glcklichen, fr den alle Rtsel seines Lebens sich aus schwler
Nacht zu schnem Tage lsten, sah er lchelnd ber den Bergwald in
ziellose Ferne hinans und empor zum glhenden Himmel.

Wieder fuhr Pepperl aus kurzem Schlummer auf. Heut macht's a Lfterl,
da knnt man rein einschlafen dabei. Sollten wir net a bil
weiterpirschen?

Nein. Ich will nicht jagen heut. Nur ruhen. Und sehen, wie das
leuchtet, der Wald, die Berge, der Himmel! Wie schn das ist!

Pepperl seufzte. Um sich wach zu erhalten, mute er wenigstens
versuchen, einen Dischkurs in Gang zu bringen. So a Himmel wie heut?
Der gfallt Ihnen? Mir net. Na!

Ich habe noch keinen gesehen, der mir besser gefiel.

Aber schauen S' doch die verzupften Wlkerln an! Ds is a grauslichs
Wetterzeichen. Morgen kriegen wir schlechte Pirsch und an trben Tag.

Meinen Sie? Nein! Wie morgen der Tag auch sein mag, er wird reine und
schne Sonne haben!

Da tuschen S' Ihnen, Herr Frst!

Als Ettingen nicht antwortete, machte Pepperl noch ein paar Versuche,
den abgerissenen Gesprchsfaden wieder anzuknpfem Umsonst. Schlielich
ergab er sich in Geduld, und dann fielen ihm die Augen zu.

Eine schweigsame Weile verging.

Da machte ein Rascheln den Frsten aufblicken. Praxmaler war vom
Baumstamm seitwrts in die Almrosenbsche geglitten und fing zu
schnarchen an.

Gute Nacht, Pepperl!

Nun streckte auch Ettingen sich bequemer aus und verschrnkte die Hnde
unter dem Nacken. So blickte er zu den ziehenden Wolken auf, deren Rot
immer blasser wurde, bis sie weilichen Glanz bekamen.

Als htte, was er fhlte und sann, nicht Raum in seinem Innern, und als
mt es heraus an den Tag, so flsterte er lchelnd vor sich hin:
Lo! -- Meine Lo!

Tief atmend, mit diesem Lcheln auf den Lippen, schlo er die Augen,
weil ihn der silberne Glanz der Wolken blendete.

Stille. Trumende Sonnenstille.

Kaum hrbar fchelte der laue Wind um die Almrosenbsche mit ihren halb
verwelkten Blten, machte die Bltter zittern und rollte die
abgefallenen Bltenkelche spielend ber das kurze Gras.

Langsam zogen die weien Wolken im Blau, sammelten sich immer dichter
und hllten schon die hchsten Spitzen ein. Doch immer fand die Sonne
zwischen Nebel und Gewlk noch eine Gasse fr ihre Strahlen.

Es war schon Mittag vorber, als die beiden aus ihrem wohligen
Sonnenschlaf erwachten. Sie stiegen ber den Berghang hin und hielten
Einkehr im Steinernen Httl, in einer aus groben Felsblcken gefgten
Sennhtte. Da gab es freilich nur Milch und grobes Brot mit frischer
Butter, aber die beiden sprten einen Hunger, der mit allem zufrieden
war.

Whrend sie neben der Sennhtte auf dem Rasen kauerten, jeder mit der
Milchschssel auf den Knien, fragte Ettingen: Praxmaler? Sie sind heute
nicht wie sonst. Was ist denn los mit Ihnen?

Nix! Na na! Gar nix. Pepperl wurde rot bis ber die Ohren.

Doch, Pepperl! Irgendwas stimmt heute nicht bei Ihnen. Haben Sie
Unannehmlichkeiten in Ihrer Familie?

Ah na! Gott bewahr! Pepperl tat einen schnappenden Atemzug. No ja,
wissen S', Duhrlaucht, freilich, in der Familli gibt's allweil a bil
was. Ja ja, es wird schon so was sein -- wo man >Familli< sagen knnt.

Ettingen stellte die Schssel beiseite. Na also! Mir drfen Sie alles
sagen. Ich bin Ihnen doch ein guter Herr, nicht wahr? Sie knnen offen
mit mir reden. Was drckt Sie?

Pepperl schluckte. Schauen S', Duhrlaucht -- weil S' so freundschftlich
mit mir reden, da kann ich auch net zruckhlterisch sein und mu schon
gleich alles aussikitzeln. Er seufzte schwer, guckte tiefsinnig in die
Milch und drehte die Schssel zwischen den Knien. A bil was Dummes hab
ich halt angstellt.

Im Dienst?

Gott bewahr! wehrte Pepperl erschrocken ab. Auf der Jagd hab ich mein
Kpfl allweil beinand! Jetzt wurde er wieder kleinlaut. Aber in der
Lieb halt! Da hab ich an Dalken gmacht.

Ettingen lachte.

Dem Praxmaler-Pepperl war bitter ernst zumut. Wissen S', Duhrlaucht, da
hab ich mich jetzt in so a Madl verschaut. Z'erst haben wir allweil
gstritten und ghachelt mitanand. Und gahlings -- no ja! Pepperl seufzte.
So was kommt, wie 's Teuferl aus der Schachtel hupft. Und nacher steht
man da, wie der Ochs am Berg. Aber a guts Madl, ds mu ich sagen. Recht
a liebs und a fleiigs Madl! Die Burgi drunt, wissen S'!

Unsere Sennerin? Brav, Pepperl! Zu dieser Wahl gratulier ich Ihnen. Das
ist wirklich ein nettes Mdel.

Diese Zustimmung schien Pepperls Herz ein wenig zu erleichtern. Gelten
S', die gfallt Ihnen? Und so viel gern hat's mich! No ja -- jetzt
mu halt gheiret werden, geht's wie's mag, jetzt hab ich die
Verantwortigung! Mit beiden Hnden scheuerte Pepperl kummervoll
in den Kreuzerschneckerln. Ich hab schon 's Pech! Ich komm aus der
Verantwortigung gleich gar nimmer aussi. So oder so! Aber d' Mutter! Mar
und Joseph! Die wird an schnen Spittakel machen! Teufi, Teufi, Teufi!
Da gfreu ich mich drauf!

Ihre Mutter?

No ja, wissen S', wie d' Mtter halt sind! Ds wr so ihr Gusto gwesen,
da ich amal gscheit heireten tt. Und jetzt bin ich angrumpelt! Und
komm so daher! A liebs Madl, freilich, und gern hab ich's! Aber haben
tut's halt nix, wissen S', nixer wie nix. Und d' Mutter und ich, wir
haben vom Vater her noch Schulden auf'm Husl. Und ds Madl hat an
Vater, so an alten Krackler. Den mu ich ins Haus nehmen und mu ihn
derhalten. Mei' Mutter wird ihn freilich ordentlich kuranzen. Da sieht
er's ganze Jahr kein Wirtshusl nimmer, auer auf Ostern und
Weihnchten. Aber's Gwand und's richtige Essen mu er allweil kriegen.
Und so wird's halt Sorgen ber Sorgen geben. In der sogenannten Familli!
Sie wird net lang ausbleiben, d' Familli -- denk ich mir, ja! Aber hab ich
A gsagt, mu ich B sagen, in Gottsnamen! Und da wr's mir schon lieb,
Herr Frst, wann S' mir als Jagdherr d' Heiratsbewilligung geben tten.
Knnt sein, es pressiert a bil. Ich tt schon recht schn bitten, ja!
Er hatte nasse Augen, als er das sagte.

Die geb ich Ihnen von Herzen gerne.

Gott sei Dank! Pepperl atmete auf. Da is mir der rgste Stein von der
Seel!

Ettingen lchelte und sah dem Jger herzlich in die Augen. Was wre ihm
in der Stimmung dieses Tages willkommener gewesen, als die Freude und
das Glck zweier Menschen schaffen zu drfen! Wieviel Schulden haben
Sie denn auf Ihrem Haus?

Das ging hart heraus: Dreihundert Gulden!

Die wird Ihre Braut schon bezahlen knnen.

Aber! Pepperl machte schiefe Augen zu diesem Witz. Der mu ich ja zur
Hochzeit die Pomeranzen und 's Salzbchsl kaufen! Soviel hat die!

Nein, Pepperl! Soviel ich wei, hat Ihre Braut fnfhundert Gulden zur
Aussteuer.

Ja, wr schon recht! Da mt's ihr rein einer schenken! Aber so an
verruckten Narren gibt's net auf der Welt!

Doch! Ettingen lachte. So ein Narr bin ich!

Was? Pepperl verfrbte sich, und seine Hnde zitterten, da aus der
Milchschssel ein weier Taufgu ber die Kurzlederne niederging. Was
haben S' gsagt?

Da ich der Burgi das zur Aussteuer gebe.

Mar und Joseph!

Und der Frster hat viel Arbeit mit der Jagdverwaltung. Er wird eine
Hilfe brauchen. Das haben Sie mir doch neulich bei der Jagd im Geital
drunten selbst gesagt. Da will ich vorschlagen, da er Sie zum Oberjger
macht, mit entsprechendem Gehalt natrlich.

Was?

Haben Sie nicht verstanden?

Die Milchschssel kollerte ber Pepperls Knie hinunter. Starr guckte er
den Frsten an, schlug die Hnde ineinander und stotterte: Ich bitt
Ihnen, Duhrlaucht, tun S' mich a bil am Ohrwaschl reien! Sonst glaub
ich's net!

Was ich sage, das gilt!

In Zweifel studierte der Jger noch eine Sekunde lang das Gesicht seines
Herrn. Dann stieg ihm der Glaube und die Freude zu Kopf, wie ein elftes
und zwlftes Viertele vom roten Spezial. Gleich einem Verrckten
sprang er auf und schrie einen Jauchzer zum Himmel, da der Senn vor die
Tr gelaufen kam. Duhrlaucht! Duhrlaucht! Wann ich heut net
berschnapp, is mir der Verstand angnagelt im Hirnkastl drin! Mar und
Joseph! So hat sich noch keiner ins Glck einigsuffen, wie gestern ich!

Ettingen machte die Erfahrung, da es Menschen gibt, denen man eine
Freude nicht minder vorsichtig mitteilen soll als eine Trauerbotschaft.
Denn Pepperl drckte im ersten Sturm seinem Herrn die Hand, da Ettingen
noch eine Stunde spter die Finger kaum bewegen konnte.

Mitten in diesem Jubel kam dem Jger gleich wieder eine Sorge. Um
Gottswillen, Duhrlaucht, wann's mit der Aussteuer wahr is, sagen S' nur
ja keim Menschen a Wrtl davon!

Nein, Pepperl, das bleibt unter uns. Ettingen hatte die Bitte anders
verstanden, als sie gemeint war.

Wenn so was unter d' Leut km, da htten S' kei' Ruh nimmer, Tag und
Nacht. Da tt die ganze Gegend heireten auf Ihnen nauf! Und jeder, der
was brauchen knnt, tt sich denken: Ah was, der gute Kerl, der gibt
mir's schon! -- Nimmer schlafen knnten S' vor lauter Brautleut!

Ettingen lachte. Ja, Pepperl, da wollen wir lieber reinen Mund halten!

Als sie den Heimweg antraten, hatte der Jger solche Eile in den Beinen,
da er immer ein paar hundert Schritte voraus war und wieder
stehenbleiben mute, um auf seinen Herrn zu warten.

Ehe der Pfad sich in den Wald verlor, kletterte Pepperl auf eine
vorspringende Bergrippe, von der man frei hinuntersehen konnte ins Tal.
Wie zierliches Spielzeug lag die Tillfuer Alm mit den Jagdhusern und
der Sennhtte da drunten.

Pepperl zog in seiner freudigen Ungeduld das Fernrohr auf. Mu doch
schauen, ob ich's Madl net sieh!

Das Mdel war unsichtbar. Dafr entdeckte Pepperl was anderes: eine
vierspnnige Equipage und einen Zweispnner, die im Hof des Jagdhauses
standen. Duhrlaucht! Da fahren Ihre Gste davon! Die Herrschaften
sitzen schon im Wagen, und grad steigt der Herr Martin auf'n Bock. Und
jetz fahren s' aussi zum Trl!

Ettingen antwortete nicht; er machte nur lchelnd mit der Hand eine
Bewegung, die jedes Wort ersetzte.

Pepperl war sehr aufgeregt. Ja kommt denn der Herr Martin fort? Fr
ganz?

Ja. Und Sie werden seinen Dienst bei mir bernehmen mssen --

Da machte Pepperl ein Gesicht, als htte sich in seinem Freudenkelch der
letzte Tropfen Wermut in Zucker verwandelt.

-- und bei Tisch servieren.

Nun erschrak er. Teufi, Teufi, Teufi, ds wird sich hart machen!
Mitrauisch sah er seine klobigen Tatzen an. Dann lachte er.
Duhrlaucht! Wann S' heut zu mir sagen, ich soll an Heuwagen auflupfen
mit eim Zwirnsfaden, nacher probier ich's auch!

Nun ging es talwrts ohne Aufenthalt. So flinke Beine Pepperl auch
machte, Ettingen blieb nicht zurck hinter ihm. Bei diesem ungeduldigen
Abstieg plauderten sie nur wenig. Der Frst war in Gedanken versunken,
und auch Pepperl hatte zu sinnieren. Er studierte, wie er's der Burgi
sagen wollte. Was die fr Augen machen wrde! Teufi, Teufi, Teufi!
Selig lachte er vor sich hin.

Eine Stunde, und sie hatten die Tillfuer Alm erreicht. Als sie aus dem
Walde traten, kam der Frster mit Mazegger von der anderen Seite bers
Almfeld heraufgestiegen. Schon von weitem winkte Kluibenschdl dem
Frsten zu und rannte ihm atemlos entgegen: O mein Gott, Duhrlaucht,
wenn S' nur heut bei ^mir^ gwesen wren! Da htten S' an Hirsch
gschossen, an Kapitalkerl!

So? Ettingen schien ber den Entgang dieser Weidmannsfreude nicht
sonderlich betrbt.

Ja, denken S', wie ich gegen zehne vormittags beim Steigvermessen
abikomm aufs Stral, schau ich so zufllig zum Bach ummi. Was steht
drunt? A Kapitalhirsch! Gar net kmmert hat er sich um uns. Und wer
wei, wie lang er noch ghalten htt, wann's Malerfruln net daher kommen
wr.

Frulein Petri?

Ja. Die is auf ihrem Hansi aussigritten zum Sebensee. Natrlich, da hat
sich der Hirsch davongmacht. Aber ganz gmtlich is er angstiegen. Zwei-,
dreimal htt man ihn noch derwischen knnen mit der Kugel. Und d' Haar
htt ich mir schier ausgrissen, weil ich mir allweil hab denken mssen:
Ja wenn nur der Herr Frst da wr, um Gotteswillen, wenn nur der Herr
Frst da wr!

Ja, Herr Frster, Ettingen lchelte, ich wei nicht, was ich drum
gbe, wenn ich bei Ihnen gewesen wre.

Gelten S', ja? Aber morgen mssen S' abi auf den Hirsch! Der kommt
wieder.

Nein, lieber Frster! Fr morgen hab ich andere Plne. Praxmaler!

Pepperl, der zur Sennhtte hinuntergeschielt hatte, fuhr auf: Ja, Herr
Frst?

Morgen machen wir einen Pirschgang zum Sebensee. Frh um drei Uhr. Dann
sind wir drauen, bis die Sonne kommt. Ettingen nickte dem Jger zu und
ging zum Frstenhaus hinauf, in dessen Tr Graf Sternfeldt erschienen
war.

Pepperl, um seine Bchse loszuwerden, sprang ins Frsterhuschen.
Kluibenschdl wollte ihm folgen. Da sah er Mazegger stehen und sagte
freundlich zu ihm: Jetzt leg dich schlafen, Toni! Du mut ein'
erbarmen, wenn man dich anschaut. Seit Mittag hast dich schier nimmer
auf die F halten knnen. Sei gscheit und schlaf dich ordentlich aus!
Und wenn dir morgen net besser is, so bleib halt liegen.

Morgen? Mazegger nickte und ging seiner Htte zu.

Droben im Hof des Frstenhauses war Sternfeldt dem Freunde lachend
entgegengekommen. Schau hinauf, Heinz, wie wir gelftet haben! Am
Jagdhaus standen alle Fenster offen. Und damit du das Ende der Komdie
entsprechend heiter nimmst, hab ich eine berraschung fr dich. Baronin
Pranckha und Mucki, der Edle von Sensburg, empfehlen sich als Verlobte.

Nein?

Wahrhaftig!

Da lachte Ettingen hell hinaus.

Ich war sogar Zeuge dieses weltgeschichtlichen Aktes. Dem kleinen sen
Mucki schien's ainigermaaasen berraschend zu kommen, als sie ihm vor
meinen Augen feierlich die Hand reichte -- um jedes Miverstndnis
auszuschlieen, wie sie sagte. Du httest sein Gesicht sehen sollen! Im
ersten Moment war er so verblfft, da er Hochdeutsch sprach. Das will
viel sagen. Dann wurde er wieder ganz >Fiaker<, stellte sich sehr emprt
ber dich -- was er sich dabei dachte, will ich nicht nher
untersuchen -- rgerte sich, da er >ohne Gams< fort sollte, und gab dem
drolligen Lied seiner Wut und Verlegenheit den klassischen Refrain: >So
eine Benehmittt, grooatig!< Sternfeldt lachte. Er brauchte zehn
Minuten, um sich in die Glcksstimmung hineinzuzappeln. Aber dann, aaah!
Als er mit ihr abdampfte, benahm er sich in der Rolle des Glcklichen so
musterhaft, da ich ihn fast um seine Dummheit beneidete! Na also!
Heiter winkte er gegen den Wald hinunter. Fort mit Schaden! Sie wird
ihm ehrlich helfen, die dunklen Millionen seines Vaters ins Rollen zu
bringen. Nun wurde er ernst. Aber du, Heinz? Dein Brief? Ich stand vor
diesem Bekenntnis wie der Prophet vor dem Berg. Aus der einen Todesangst
um dich errettest du mich und wirfst mich in die andere.

Ettingen legte den Arm um die Schulter des Freundes. Komm!

Sie traten ins Haus.

Drben bei der Frsterhtte rumpelte Pepperl aus der Tr und surrte ber
das Almfeld hinunter, mit langen Sprngen, als knnte er den Augenblick
nicht erwarten, den er sich auf dem Heimweg ausgemalt hatte wie der
Hungrige die Mahlzeit. Auf der Schwelle der Sennhtte stellte er sich
breitspurig hin, mit den Daumen in den Hosentrgern und mit dem Htl im
Genick. Gr Gott, Frau Oberjagerin!

Burgi erhob sich von der Herdbank, machte scheue Augen und fuhr sich mit
dem Schrzenzipfel ber die Wangen, als htte sie einen feuchten Tag
hinter sich. Geh, du! Mehr sagte sie nicht.

Pepperl schraubte die Stimme. Gr Gott, Frau Oberjagerin!

Ich bitt dich, Pepperl, mach mir heut kei' Fasnacht her! Mir is net z'
Mut danach. Ich wei schon, wie ich dran bin. Das war ein Ton, als
wren die Trnen nicht weit.

Der Jger lachte und rief es zum drittenmal: Gr Gott, Frau
Oberjagerin! Dann sprang er auf das Mdel zu wie der Fuchs auf die
Ente, packte sie mit beiden Armen, wirbelte sie im Kreis und kte sie
ab, da ihr der Atem verging.

Wenn's einer sieht! Mar und Joseph! stotterte sie wehrlos unter seinen
Kssen.

Soll's sehen, wer mag! Meintwegen der Pfarr! Dann kam's wie ein
Wolkenbruch der Freude aus ihm heraus: Fnfhundert Gulden und
Oberjager!

Als sie begriffen hatte, brachte sie keinen Laut aus der Kehle und
drckte das Gesicht an seine Brust.

Er schmiegte die Wange an ihren Kopf, ttschelte sie auf den Rcken und
trstete: Geh, Schatzerl, tu dich doch lieber freuen! Warum denn
weinen? Geh, macht nix, macht nix! Is ja doch eh alles gut! In vier
Wochen wird gheiret!

Pepperl! -- Is ds wahr?

Meiner Seel!

Da legte sie ihm die Arme um den Hals und atmete auf. Nacher is mir
alles recht! Alles!

Gelt, ja? Und unser Herr Frst! Gleich hat er's in der Nasen ghabt, da
ebbes mit der Familli net in Ordnung is. Und alles verzhl ich dir auf'n
Abend! Jetzt hab ich kei' Zeit, jetzt mu ich nauf. Oder weit es noch
gar net? Der Schwarzlackierte is abgschoben.

Ja! Gott sei Dank!

Jetzt hab ich d' Verantwortigung, weit! Jetzt mu ich sehrwieren bei
der Tafel.

Was mut?

Sehrwieren mu ich, aufwarten beim Essen.

Du, Pepperl, da mut dir d' Hnd ordentlich waschen!

Freilich! Hast a warms Wasser?

Ja, geh her! Aus dem Kupferkessel, der ber dem Feuer hing, schpfte
sie eifrig eine Schssel voll dampfenden Wassers heraus und probierte
mit der Hand, ob es nicht zu hei wre. Es tut's grad. Dann holte sie
einen Klumpen Seife und die Holzbrste.

Pepperl scheuerte aus Leibeskrften, zuerst mit der rechten Hand die
linke, dann mit der linken die rechte. Als er die Hnde an Burgis
Schrze trocknen wollte, sagte sie: Halt, la mich schauen! Nach
kurzer Musterung meinte sie: Na na, du, da mu schon ich noch a bil
drber! Es dauerte eine Weile, und viel Seife ging drauf, bis sie
erklrte: So, jetzt kannst jede frstliche Schssel anrhren mit
Manier!

Du bist halt a Madl! Mit dir bin ich aufgricht! Ja!

Ein Ku, der sich zeitverschwenderisch in die Lnge zog. Dann rannte
Pepperl davon.

In der Jgerhtte stand Mazegger am Fenster, mit den Hnden hinter dem
Rcken, regungslos wie eine Steinsule. Manchmal schlo er die Lider,
als htte er Schmerz in den Augen. Dann sphte er wieder und wartete.
Nach einer Weile sah er den Frster zum Jagdhaus hinaufwandern und in
der Tr verschwinden. Mazegger streckte sich wie einer, den die Arbeit
ruft. Er zog die Lden zu und schlo das Fenster. Dann nahm er die
Bchse auf den Rcken, verlie die Stube, sperrte die Httentr ab und
schleuderte den Schlssel weit hinaus in das Almfeld.

Mit starrem Lcheln sah er noch einmal hinauf zum Frstenhaus und eilte
davon, in der Richtung gegen den Sebenwald.




^Zwanzigstes Kapitel^


Der Abend wurde trb.

Immer tiefer senkte sich das Gewlk ber die Berge, noch angeflogen von
einem letzten Schein der Sonne. Aus den Waldsmpfen in der Nhe des
Baches begann es aufzudampfen. Wie graues Spinngewebe, das immer dichter
wurde, zog der Nebel sich ber die moorigen Almen hin. Unruhig hauchte
der Abendwind und trieb die grauen Dnste bergan und gegen den
Sebenwald.

Bei Anbruch der Dmmerung, als die Sennleute der Sebenalm unter Geschrei
und Schelten das Milchvieh von allen Gehngen zusammentrieben gegen den
Stall, war der Nebel schon so dicht geworden, da man kaum mehr auf
hundert Schritt sehen konnte.

Der Senn und sein Weib begannen im Stall die Khe zu melken, whrend der
alte Hter, der nun Feierabend hatte, mit seinen Holzschuhen in die
Sennstube schlorpte, um sich ans Feuer zu setzen, ein krummgebeugtes,
weihaariges Mnnchen mit stumpfen Augen in dem mden Runzelgesicht.
Ghnend suchte der Alte seinen Platz am Herd und rckte die Beine nah an
die Glut. Sein abgewerkeltes Leben hatte keinen anderen Wunsch mehr, als
Abend fr Abend die schlfrige Rast am Feuer genieen und die kalten
Fe wrmen zu knnen. Langsam legte er einen drren Ast nach dem
anderen ber die Glut und nickte zufrieden, sooft er ein neues
Flmmchen aufzucken sah.

Mazegger trat in die Htte und stellte das Gewehr an die Mauer. Guten
Abend!

Der Alte lie sich beim Feuerschren nicht stren.

Der Blick des Jgers huschte durch die Sennstube und blieb an den beiden
Holzngeln haften, die ber dem Herd in die Mauer geschlagen waren und
ein Bndel langer Kienfackeln trugen.

Hher und hher, mit Knistern und Geprassel flammte in der Herdgrube das
Feuer.

Mazegger setzte sich und legte die Arme bers Knie. So saen die beiden
sich eine Weile schweigend gegenber. Als der Alte die nackten Fe aus
den Holzpantoffeln hob und in die heie Asche hineinwhlte, sagte
Mazegger: Narr! Verbrennst dir ja die F!

Der Hter kicherte mit seiner dnnen hohen Stimme:

Narr sagt'r! Weil ich mir was Guts vergunn! Er legte ein paar ste in
die Flammen. Wann ich net mit halbbratene F ins Heu komm, kann ich
net schlafen. Soviel kalt hab ich allweil. Mit zittrigen Hnden ffnete
er an der Brust das Hemd, beugte sich nher gegen das Feuer, und wie ein
Kater schnurrend, blinzelte er mit den roten Lidern. Is was Schns, so
a Fuierl, gelt?

Heiser lachte Mazegger.

So, so? Lachen tust ber 's Fuierl? Hast halt noch Hitzen im Blut und
brauchst kein Fuierl, gelt? Wart nur a bil, 's kommt fr an jeden, 's
Frieren! Jung sein heit dumm sein. Wann er gscheit wird, der Mensch,
fangt 's kalte Frieren an. Da merkt er, da 's Fuierl 's einzig is, was
bleibt! Hihihihi! Weiberleut und Lieb und Ha, Gut und Geld und
Burgermeister sein, alles is Wasser und gfriert in der Klt! 's Fuierl
is 's einzige! Macht so schn warm! Da kann er schlafen, der Mensch. Gut
schlafen! Kichernd griff der Alte mit seinen drren Hnden nach den
Flammen, whrend drauen im Stall der Senn ber die Khe fluchte, die
beim Melken nicht ruhig hielten. A bil spat, Jager, a bil spat bist
aufm Marsch? Wohin denn heut noch?

Nach Ehrwald. Und drsten tut mich. Magst mir an Trunk vom Brunnen
holen?

So? Frisch vom Brunnen? So viel gnschig bist? Hihihihi! Aus'm Ganterl
taugt's dir net? Gleich vom Brunnen mut es haben und tust mich
furthetzen vom Fuierl? Seufzend erhob sich der Alte, nahm eine
Blechkanne und verlie die Htte.

Mazegger sprang auf, ri zwei Kienfackeln von der Mauer herunter und
schob sie zu einem Rauchloch hinaus. Sie fielen drauen mit dumpfem
Klatsch in die Kruter.

Der Alte brachte die gefllte Kanne. So, du Gnschiger, da hast dein
Trunk, dein kalten! Ghnend setzte er sich wieder zum Feuer und whlte
die Fe in die Asche. Jetzt la mich aber in Ruh, gelt!

Ja. Jetzt hab ich, was ich brauch! Mazegger tat einen Trunk aus der
Kanne. Gut Nacht! Er nahm seine Bchse und ging.

Drauen raffte er die beiden Fackeln auf, barg sie unter dem
Wettermantel und eilte ber das Almfeld hinaus. Als er den Waldsaum
erreichte, blieb er stehen. Der Nebel war so dicht, da die Sennhtte
vllig im Grau verschwand und da von dem Lichtschein, den das Herdfeuer
durch die Tr warf, kaum noch ein Schimmer zu erkennen war. Deutlich
hrte man noch die Stimme des Sennen, der mit seinem Weib und mit den
Khen schalt.

Mazegger wartete. Als es mit Anbruch der Nacht in der Sennhtte ruhig
wurde, steckte er eine Fackel in Brand und stieg durch den Wald empor.
Im Nebel erhellte die Fackelflamme nur einen Umkreis von wenigen
Schritten. Verschwommen tauchte der hohe Reisigwall des Almzaunes auf,
wie eine dunkle Mauer, in die eine Bresche gebrochen ist. Diese Lcke
war der Weg, den er gehen mute; nur dnne Stangen versperrten ihn.

Mazegger streckte die Hand, um das Gitter zu ffnen. Er zgerte. Hatte
ihn das Grauen vor der Tat befallen, die er verben wollte? War der
rechnende Gedanke in ihm erwacht: Wenn ich es tue, was hilft es mir?
Und erkannte er, da bei dem wahnwitzigen Spiel, da er im Fieberdurst
seiner Leidenschaft als ein letztes, gewaltsames Mittel versuchen
wollte, der Einsatz sein eigenes Leben war?

Er stand und sann. Soll's kommen, wie's mag! Der ander soll sie auch
nicht haben! Mit einem Futritt warf er das Gitter auf und durchschritt
den Reisigwall. Knarrend fielen die Stangen hinter ihm zurck.

Er warf den Mantel zu Boden und die Bchse dazu. An der Flamme des schon
halb verbrannten Kienholzes entzndete er das zweite Scheit und hob die
beiden Fackeln ber den Kopf empor, um den den Wind zu prfen. Der
machte die Flammen lodern und trieb ihren Rauch waldaufwrts. Brannte
der Reisigwall, so hatte das Feuer nur ^einen^ Weg: hinauf zum See!

Mazegger senkte die Fackeln und wollte werfen. Wieder zgerte er. Das
whrte nur einen Augenblick. Mit kreischender Stimme, als bedrfte er zu
seiner Tat noch eines letzten Spornes, schrie er jene Worte aus dem
Brief des Frsten vor sich hin: Morgen hol ich mein Glck! Dann
schwang er die Arme zum Wurf und schleuderte die eine Fackel zur
Rechten, die andere zur Linken des Tores in den Reisigwall.

So, du! Jetzt hol dein Glck!

Sein gellendes Lachen hallte in der Waldnacht wie der Schrei eines
Tieres.

Die Fuste hinter dem Rcken, das Gesicht verzerrt, mit funkelnden
Augen, so stand er und sah, da aus dem drren Reisig das Feuer aufflog
wie aus verpuffendem Pulver und zu beiden Seiten des Tores ber den Wald
hinzngelte, so flink, als htt' es hundert flammende Fe.

So! Jetzt komm!

Den Mantel und die Bchse vergessend, schritt er in den Wald hinein.
Hinter ihm erlosch die Feuerhelle im Nebel. Je tiefer er in den Wald
kam, desto finsterer wurde es um ihn her. Schritt fr Schritt mute er
den Weg suchen, sich forttasten von Baum zu Baum.

Im Dunkel verlor er den Pfad und wute nicht mehr, wohin seine
stolpernden Schritte ihn fhrten. Pltzlich wich der Grund unter seinen
Fen. Er kollerte ber eine steile Lehne hinunter. Sthnend richtete er
sich auf und kletterte wieder ber den Hang empor. Als er den Grat
erreichte, wehte ihm dicker Rauch entgegen. Und jhlings war es im
Nebel, als kme die Sonne, rot, blutig rot, wie sie am letzten Morgen
aufgegangen war. Dazu ein Knistern und Geprassel, ein Rauschen und
Krachen, als wre Sturmwind ber den Wald gefallen. Wie brennende Bche
schlngelte sich das Feuer ber den Waldboden, fate das drre Zeug, das
in Haufen umherlag, und geschrt im Winde, klomm es mit Geflacker an den
hundertjhrigen Stmmen hinauf und entzndete das Harz der blutenden
Baumwunden. Die morschen ste brannten mit weier Flamme, die drren
Nadeln gingen glitzernd in Feuer auf und warfen im Winde den Brand mit
Funkensprhen von Stamm zu Stamm.

Ein keuchender Laut rang sich aus Mazeggers Kehle. Aus allem hoffenden
Wahn seiner Leidenschaft ernchtert und von Entsetzen erfat, stand er
wie gelhmt und starrte mit glasigen Augen in das Brennen und Glosten,
in das Gewirbel von schwarzem Rauch und leuchtenden Dmpfen. Statt der
Richtung gegen den See zu folgen, war er im Kreis gegangen, die ffende
Finsternis hatte ihn zurckgefhrt an den Ausgang seines Weges. Beim
Anblick des grauenvollen Flammenbildes, zu dem die Tat seiner Eifersucht
sich ausgewachsen, erlosch ihm alles Denken und Verlangen. Es war nur
noch ein einziges in ihm: die Angst um das eigene Leben!

Mit erwrgtem Schrei begann er zu rennen, immer am Rande des Feuers hin,
verfolgt von den zngelnden Flammen, berschttet vom Regen der Funken.
Er kam bis zur kahlen Felswand und sah das Feuer hinaufschlagen ber die
Steinmauer, turmhoch, halb verschleiert von Rauch und Nebel. Keuchend
rannte er zurck, quer durch das ganze Tal, bis wieder die Felsen vor
ihm aufstiegen. Feuer, Feuer, berall Feuer. Nirgends ein Ausweg mehr,
das ganze Tal verriegelt von Rauch und Flammen.

Schreiend rannte er zurck in den finsteren Wald, rannte wie sinnlos,
strauchelte und fiel, schlug mit der Stirn gegen die Bume und schrie
vor Entsetzen, wenn flchtendes Hochwild an ihm vorberjagte. Schon sah
er, da der Wald sich lichtete. Seine Krfte begannen zu schwinden, sein
Atem erlosch. Taumelnd brach er in die Knie, mit keuchendem Schrei, der
im Nebel zerschwamm und nur wie ein matter Ruf hinauftnte zum See.

Dort oben, am Ufer, klangen in Unruh die Glocken der Almtiere, als htte
das Vieh sich erhoben aus der Ruh und zu weiden begonnen, mitten in der
Nacht.

Dieses wirre Luten tnte hinauf zum kleinen Seehaus, dessen Fenster
noch erleuchtet waren. Die Tr stand offen, und trb zerflo die ins
Freie fallende Lampenhelle in Nebel und Nacht.

In der Stube war Lo damit beschftigt, alles Grn von den Wnden zu
nehmen und das kleine Haus fr die lange Zeit in Ordnung zu bringen, in
der es unbewohnt und verschlossen stehen sollte. Ruhig tat sie diese
Arbeit. Manchmal wurden ihr die Arme md, und dann stand sie eine Weile
unbeweglich und blickte unter schmerzvollem Lcheln ziellos vor sich
hin. Wenn sie mit stockendem Atemzug aus solcher Versunkenheit erwachte,
streifte ihr Blick alles Gert der Stube, das ihr lieb und durch
Erinnerung heilig war. Aus ihren Augen redete eine Wehmut, als wre in
ihr die Ahnung, da sie die Waldstube, in der sie soviel schne Stunden
und Tage verlebt hatte, nie wiedersehen wrde.

Da blickte sie lauschend auf. Was sie gehrt hatte, drauen in Nacht und
Nebel? War das ein Ruf?

Sie trat vor die Tr. Nur den Nebel sah sie, der in der Dunkelheit das
Haus umlagerte. Horchend stand sie eine Weile und rief dann mit lauter
Stimme in die Nacht hinaus: Ist jemand hier?

Keine Antwort kam. Mit fauchenden Sten fuhr der immer strker werdende
Wind ber das Dach der Htte hin, es rauschte in den Zweigen des
Harfenbaumes, und ruhelos tnten in seinen Wipfeln die kleinen Glocken.

Und was nur die Almtiere haben mochten? Jetzt, in der Nacht? Drunten am
See, auf den hheren Latschenfeldern, berall klangen ihre Schellen. Ein
Rind begann zu brllen, ein anderes gab Antwort, kurz und dumpf -- wie
Jungvieh brllt, wenn es sich in den Felsen verstiegen hat und hilflos
auf den Sennen wartet. Und die Tiere befanden sich doch auf gefahrlosem
Weidegrund! Oder hatten sie das Vorgefhl eines bsen Wettertages, den
dieser Nebel bringen wrde? Wohl schien der Wind, der ber den See
heraufblies, noch unbedenklich. Aber dort unten, im tieferen Tal, da
schien er strker zu wehen, fast wie Sturm. Ein Krachen und Rauschen
tnte verworren mit dem Winde ber den Wald herauf. Und dieser Nebel?
Wie seltsam! Er hatte einen Geruch wie Rauch. Oder war's der Herdrauch,
den der Wind herauftrieb von der Sebenalpe? Sollten sie dort unten so
spt noch beim Feuer wachen? Oder waren Holzknechte im Sebenwald bei der
Arbeit gewesen? Hatten sie das Gezweig und die Rinden der Windbrche auf
einer Ble verbrannt? Und rauchten diese Feuersttten so?

Schon wollte Lo in die Stube zurckkehren. Da hrte sie ein Gepolter,
das Krachen von sten und den Sprung eines Tieres, das den Gartenzaun
durchbrochen hatte.

Hansi!

Durch die Blumenbeete kam der Esel zur Tr gestrmt. Schnaubend und
zitternd blieb er neben dem Mdchen stehen und windete mit
vorgestrecktem Halse gegen den Wald hinunter.

Was hatte das Tier? War es durch Raubwild erschreckt worden? Durch einen
Steinschlag unter den Wnden?

Hansi? Was hast du denn?

Beruhigend wollte sie ihm den Rcken streicheln und fhlte, da seine
Haare gestrubt waren wie Stacheln. Das Tier mute eine ernste Gefahr
berstanden haben. Oder sah es eine Gefahr, welche ^kam^?

Hansi?

In grober Zrtlichkeit fuhr der Esel mit der Schnauze an ihr hinauf.
Schnaubend schttelte er das Fell und machte, den Hals immer lnger
streckend, ein paar zgernde Schritte. Pltzlich setzte er mit tollem
Sprung ber den Zaun, und ein schmetterndes Gewieher ausstoend,
verschwand er im Dunkel.

Im gleichen Augenblick jagte eine dicke Rauchwolke an der Htte vorber.
Ein Schein durchglomm den wirbelnden Nebel. berall im Tal begannen die
Glocken der Almtiere zu luten, berall drhnte und rhrte ihr Gebrll,
berall hrte man das Rollen der Steine, die der Schritt der Rinder auf
den steilen Gehngen lste. Jh war das ganze Tal erfllt von
unheimlichem Leben. Und da erkannte Lo, was die Herde flchten machte.
Feuer im Wald! Die armen Tiere! Da auch ihr eigenes Leben bedroht
sein knnte, daran schien sie nicht zu denken. Ohne Erregung, wenn auch
mit fliegender Hast, eilte sie in die Stube und holte eine schon
halbverbrauchte Pechfackel. Damals, als diese Fackel gebrannt hatte, das
war auch eine ernste Nacht gewesen. Eine Nebelnacht im Juni. Lo hatte
die Rufe eines verstiegenen Touristen gehrt und hatte den Verirrten aus
der Tejawand heruntergeholt und zur Sebener Almhtte gefhrt.

Die brennende Fackel senkend, damit das Harz sich heller entznden
mchte, trat sie aus der Htte. Was den Nebel so hell durchleuchtete?
War es die Flamme der Fackel oder das wachsende Feuer dort unten, das
man rauschen hrte wie heranziehenden Sturm?

Sie wollte zur Gartentr. Da taumelte ihr ein Mensch entgegen. Erst als
er vor ihr stand, erkannte sie ihn.

Mazegger!

Lallend strzte er vor ihr nieder und klammerte sich an ihr Kleid. Auch
ihr Anblick konnte in ihm nicht mehr erwecken, was ihn zum Wahnsinn
dieser Tat getrieben hatte. Seine Eifersucht und seine Liebe, alles, was
er erwartet hatte von dem Gewaltstreich dieser Nacht, alles war
erloschen in ihm. In ratloser Angst und in der Verstrtheit seiner Sinne
umklammerte er das Mdchen und keuchte: Im Sebenwald ist alles ein
Feuer! Wir mssen verbrennen, du und ich, ersticken im Rauch! Er
drckte zitternd das Gesicht in die Falten ihres Kleides.

Lo war bleich geworden. Aber sie wich nicht zurck vor ihm. Was zwischen
ihr und diesem Menschen lag, das war vergessen beim Anblick der
lallenden Angst, die sich zu ihren Fen krmmte. Mazegger! Sind Sie
denn ein Mann? Wie knnen Sie sich vom Schreck nur so verstren lassen?
Sie versuchte ihn aufzurichten.

Er war wie Blei und blieb auf den Knien liegen, immer nur mit dem einen
Wort: Verbrennen, verbrennen --

Seien Sie doch vernnftig! Man verbrennt nicht gleich, weil Feuer im
Wald ist. Stehen Sie auf!

Er wollte sich erheben und taumelte auf die Schwelle hin.

Da lief auch ihr ein Zittern ber die Hnde. Doch ihre Stimme klang
ruhig: Ich sehe, da Sie sich bermdet haben bei dieser sinnlosen
Flucht. Aber wenn Sie schon flohen vor dem Feuer? Wie kommen Sie
hierher? Zu mir? Wollten Sie mich warnen? Er schwieg und bedeckte das
Gesicht mit den Hnden. Mazegger! Geben Sie doch Antwort! In welcher
Richtung des Waldes ist das Feuer?

berall! Es gibt keinen Ausweg nimmer!

Das ist Torheit! Wenn es aus dem Feuer keinen Ausweg gbe, wie wren
Sie denn hereingekommen in den brennenden Wald?

Ich wei nicht.

Wissen Sie, wie das Feuer ausgekommen ist?

Nein, nein, nichts wei ich, nichts.

Wie kamen Sie in den Sebenwald? Jetzt? In der Nacht?

Ich -- es fiel ihm wohl die Lge ein, die er dem alten Hter gesagt
hatte, ich hab nach Ehrwald wollen und hab mich verirrt. Im Nebel. Und
da war das Feuer da. berall Feuer! berall! Das Grauen schttelte ihn.
Wir mssen verbrennen, es gibt keinen Ausweg nimmer!

Ich will ihn suchen. Kommen Sie, Mazegger! Sie nahm seine Hand und zog
ihn von der Schwelle. Ich kenne hier im Wald jeden Weg und Steg. Ich
will Sie fhren.

Fhr mich, fhr mich, ja, mit dir ist der Herrgott! keuchte er und
klammerte die Hnde um ihren Arm. Wenn's noch einen Weg gibt, mut du
ihn finden -- ber den Pa hinber, ins Prantlkar!

Den Felsenpa, den Ettingen und Praxmaler an jenem Gewittertage
berstiegen hatten -- ja, den kannte sie. Aber dort hinauf, ber die
steilen Wnde? Jetzt bei Nacht und Nebel? Das war unmglich. Das wre
der sichere Tod. Es mute einen anderen Ausweg geben, talwrts durch den
Wald. Der Zufall dieses Brandes konnte so unselig nicht gespielt haben,
da schon das ganze Tal vom Feuer verschlossen war.

Kommen Sie, Mazegger!

Er lie sich ziehen von ihrer Hand. Als die beiden ber das Latschenfeld
gegen den See hinunterkamen, mischte sich der Rauch immer dichter in den
Nebel, immer lauter tnte auf allen Seiten das Brllen der Rinder. Ein
paarmal tauchte der Esel in ihrer Nhe auf, mit Schnauben und Gewieher,
begleitete sie eine Strecke und verschwand wieder. Schwle Hitze wehte
ihnen vom brennenden Wald entgegen, und rauschend zog der Wind, der die
Rauchwolken ber die Berge hinaufjagte. Als die beiden den See
erreichten, kamen viele Rinder auf sie zugerannt und folgten ihnen
Schritt um Schritt unter angstvollem Gebrll. Ein sausender Windsto
teilte den von Rauch durchflossenen Nebel, und nur noch matt
verschleiert lag der brennende Wald vor ihnen, eine nherrckende
Flammenmauer, welche die ganze Breite des Tales fllte, von Wand zu
Wand.

Wir laufen ins Feuer, schrie Mazegger wie ein Wahnsinniger, wir
mssen hinauf! ber die Wnd hinauf!

Das ist unmglich.

Mazegger bedeckte mit dem Arm die Augen, und die Zhne begannen ihm zu
klappern.

Das bleiche Gesicht vom Ru der Fackel angeflogen, stand Lo auf einem
Felsblock und sphte ber den brennenden Wald hinunter, aus dem die
Flammen schon herauszngelten gegen die Latschenfelder. Nur an einer
einzigen Stelle des Waldes, dort, wo der Seebach gegen Ehrwald
hinunterstrmte, war es noch dunkel. Aber auch dort schon quoll es mit
rtlichen Dmpfen hinter den Bumen herauf. Es gab durch den brennenden
Wald keinen Ausweg mehr. Wollten die beiden Menschen ihr Leben retten,
so muten sie das Unmgliche versuchen: den Weg ber die Berge.

Das erkannte Lo. Schon wollte sie dem Jger sagen: wir mssen hinauf,
wir haben keinen anderen Weg mehr! Da begannen pltzlich die Rinder, die
brllend um sie herstanden, ein tolles Rennen. Hatte eines der Tiere
jene dunkle Stelle im Walde gewahrt? Ahnte es dort noch einen Weg der
Rettung? Es fing zu rennen an, und alle Rinder jagten ihm nach im
blinden Herdentrieb, schnaubend und mit gestreckten Schweifen. Das
Vieh! Das Vieh wei einen Ausweg! kreischte Mazegger. Nur an die
Rettung des eigenen Lebens denkend, ri er dem Mdchen die Fackel aus
der Hand und rannte mit verzweifelten Sprngen den Tieren nach. Rauch
und Nebel verschlangen ihn. Das Gerassel der Steine, die sich auf seinem
Wege lsten, ging unter im Sausen des Windes, im Geprassel und Krachen
des brennenden Waldes.

Mazegger! Mazegger! schrie Lo in der Todesangst, die sie empfand um
diesen verlorenen Menschen. Sie schrie und schrie. Keine Stimme gab
Antwort. Und das Brllen der Rinder war verstummt dort unten. Nur ber
den See herber klang noch das Rhren einzelner Tiere, die bergaufwrts
flchteten, den Felsen zu.

Mazegger!

Sie wollte folgen, hoffte, ihn noch hindern zu knnen, den Weg der toll
gewordenen Tiere zu nehmen. Aber dichter Rauch umwirbelte sie, der sie
fast zu ersticken drohte. Wohin sie auch ihren Weg nahm, berall loderte
ihr das wachsende Feuer entgegen, das den Waldsaum schon bersprungen
hatte und die Latschen ergriff.

Mazegger! Mazegger! schrie sie noch immer, bis ihr die Stimme
versagte.

Rauch und Flammen trieben sie zurck. In Qualm und Nebel wute sie
nicht, wohin sie geriet -- sie merkte nur pltzlich, da ihre Fe in
Wasser traten. Der See! Da ihre Krfte zu erlschen drohten, bckte sie
sich, schpfte Wasser mit den Hnden und trank und khlte das Gesicht.
Im jagenden Winde flogen schon die glhenden Funken ber sie her, als
sie die seichte Bucht durchwatete und wieder das Ufer gewann. Whrend
sie hineilte ber den ebenen Rasen, kam's mit Keuchen und Schnauben
hinter ihr nachgerannt.

Hansi!

Zitternd drngte sich das Grautier an seine Herrin, als wre Hilfe bei
ihr.

Noch einmal schrie sie den Namen des Jgers in den wallenden Rauch. Als
sie keine Antwort hrte, klammerte sie sich an die Hoffnung, da er den
rettenden Weg gefunden htte, den ihr das wachsende Feuer verschlo. Ihr
blieb nur dieser einzige Weg noch, dieser unmgliche: ber die Berge
hinauf, um den Pa in das andere Tal zu gewinnen. Ein Weg, auf dem in
der Finsternis der tdliche Sturz sie erwartete bei jedem Schritt. Sie
mute ihn versuchen, es gab keinen anderen. Wohl dachte sie einen
Augenblick daran, im hheren Felsental eine geschtzte Stelle zwischen
kahlem Gestein zu finden. Aber der Rauch, der sich dichter und dichter
herwlzte ber den See, mute, wenn die grnen Latschenfelder bis hoch
hinauf ins Glhen kamen, das ganze Tal erfllen und alles atmende Leben
ersticken.

Sie fate den Halsriemen des Esels, um das Tier mit sich fortzufhren.
Es strubte sich und wollte nicht von der Stelle. Immer wieder, unter
Zittern und Schnauben, drehte es den Kopf nach dem brennenden Wald
zurck. Lo zerrte am Riemen. Ein paar Schritte folgte das Tier mit
Zgern. Dann pltzlich, als htte es die Absicht seiner Herrin
verstanden, htte begriffen, welchen rettenden Weg es zu suchen galt,
begann es zu traben, immer rascher, das Mdchen mit sich fortreiend,
das an den Riemen geklammert hing. Den auch bei Tag nur schwer
erkennbaren Steig, der ber die steilen Latschengehnge emporfhrte zu
den Felsenkaren, htte Lo wohl nie gefunden bei diesem unruhigen Wechsel
zwischen trber Feuerhelle und rauchschwarzer Finsternis. Die
nachtsehenden Augen des Tieres fanden ihn. Schnaubend zerrte es seine
Herrin mit sich hinauf, eine Latschenhhe nach der anderen berwindend,
bis sie das kahle Gestein erreichten. Da blieb es stehen, erschpft und
mit vorhngender Zunge. Es wollte nicht weiter, legte sich auf die
Steine nieder und begann an seinen Knien zu lecken.

Auch Lo war atemlos zu Boden gesunken. Mit dem Rcken an das Tier
gelehnt, halb erstickt vom Gewirbel des Rauches, hielt sie die Fuste
auf ihre kmpfende Brust gedrckt. Ein brausender Windsto jagte den
Rauch, und vor den Augen des Mdchens lag es dort unten wie eine
lodernde Hlle. Der ganze Sebenwald eine einzige ungeheure Flamme! Rings
um den See her brannten schon alle Latschenfelder, bald in rote Glut
versinkend, bald wieder aufleuchtend mit weiem Feuerglanz, wenn der
Wind darber hinfegte. Aus diesem Glutfeld ragte eine dunkel qualmende
Sule hervor: der Harfenbaum, der den Flammen noch widerstand -- und
daneben loderte eine hohe Feuergarbe: das brennende Seehaus.

Als Lo diese Flamme sah, sprang sie auf mit schluchzendem Schrei.
Vater! Unser Haus! Deine Blumen! Trnen strzten aus ihren Augen, und
in der ersten Marter dieses Anblicks machte sie ein paar Schritte gegen
das Tal, als knnte sie noch retten, diesen Flammen noch wehren.
Wehender Rauch quoll ihr entgegen, schwarz und schwer, das Bild des
Brandes verhllend.

Sie rang nach Atem, einer Ohnmacht nahe. Schon wollte sie mit taumelnden
Sinnen zu Boden sinken. Da richtete sie sich wieder auf und streckte mit
zitterndem Laut die Arme in das Dunkel. Ihr war, als stnde der Vater
vor ihr, in heller Sonne, ruhig und lchelnd. Und sie hrte seine
Stimme, mit jenem gleichen Klang der Liebe, wie einst: Komm, Lo! Meine
liebe, gute kleine Lo! Er reichte ihr die Hand, als wollte er sie
fhren. Sie meinte diese Hand zu fassen, sie fhlte ihren Druck -- und da
war's nicht mehr ihr Vater, es war ein anderer, der vor ihr stand, ein
Leuchten in den Augen, mit der gleichen Liebe im Ton der Stimme: Lo! So
komm doch!

Heinz! In Schmerz und Freude schrie sie diesen Namen. Da war alles
verschwunden, was ihr fieberndes Blut und ihre erregten Sinne gesehen
hatten. Doch in ihren Gliedern war neue Kraft, neuer Wille zum Leben.

Bei dem matten Feuerschein, der das zerfahrene Gewlk durchschimmerte,
erkannte sie im Felsenkar den Steig, den sie gehen mute. Hastig jagte
sie, solange der Feuerschein noch whrte, durch das de Kar. Dann
umhllten sie wieder die jagenden Rauchwolken und das Dunkel der Nacht.
Tastend mute sie den Weg suchen. Immer wieder verlor sie ihn und fand
ihn immer wieder. Felsen sperrten den Pfad. Das mute die Wand sein, die
sie zu bersteigen hatte. Und dieses Felsband, auf das ihre Fe traten?
Das war der Weg, der ber die Wand hinaufklomm bis zur Hhe des Passes.
Sie stieg und stieg. Immer schmler wurde das Steinband unter ihren
Fen. Weit hinter sich vernahm sie das Schnauben des Tieres, das ihr
folgen wollte, vernahm das Rollen der Steine, die seine Hufe lsten, und
jetzt den Fall eines schweren Krpers, der tiefer und tiefer strzte.
Eine Weile noch rasselten die nachrollenden Steine. Dann war es still
dort unten.

Sie wollte schreien. Die Stimme versagte ihr.

Jetzt hrte sie in schwarzer Tiefe das chzen des sterbenden Tieres. Da
schlich auch ihr das kalte Todesgrauen in die Seele. Zitternd hing sie
an die Felsen geklammert, whrend fern das dumpfe Brllen der letzten,
noch irrenden Rinder klang und stickender Rauch immer dichter die
finsteren Lfte fllte.

Kein Laut mehr in der Tiefe zu ihren Fen, kein chzen und Sthnen
mehr. Das Tier war erlst von seiner Qual.

Da atmete sie auf, den Todesschreck berwindend, der sie befallen hatte.
Leise sprach sie ein Wort ihres Vaters vor sich hin: Tod? Das ist nur
ein Wort, nur das letzte Lcheln eines guten Menschen, der mit seinem
Leben zufrieden war.

Sollte ihr Leben auch erlschen in dieser Nacht, dort unten in schwarzer
Tiefe, ferne von Mutter und Bruder -- es war doch reich gewesen und schn
ohnegleichen, vom ersten, frhlichen Lachen des Kindes bis zum letzten
Gru jenes einen, der ihre Seele und ihr Herz in seine Hand genommen
hatte wie einen Besitz ber Leben und Tod hinaus!

Sie flsterte seinen Namen. Das war ihr wie ein Abschied, den sie nahm
von dem geliebten Manne. Nicht fr den Tod, frs Leben nur! Denn sie
fhlte, da sie leben wrde. Jetzt, da die Furcht von ihr abgefallen
war, konnte sie an den Tod auch nicht mehr glauben. Mutter! Bruder!
Der Gedanke an diese beiden richtete sie auf. Um dieser beiden willen
mute sie ringen um ihr Leben, stark und mutig, bis zum Erlschen ihrer
Krfte.

Sie rastete, an die Felsen gelehnt, um ihren Atem in Ruhe zu bringen,
und prete ihr Tuch vor die Lippen, um sich gegen den Rauch zu schtzen,
der emporquoll ber die Felsen. Whrend sie hinausblickte in die von
dunklem Gewirbel erfllten Lfte, sah sie nicht das wogende Gewlk und
nicht die schwarzen Felsen in der Runde. Sie sah das Kmmerchen des
Bruders. Da war es still und dunkel. Dennoch erkannte sie jedes Bild an
den Wnden, jedes Gert, sah den schlummernden Knaben und die wachende
Mutter, die in ihrer schlaflosen Immersorge auf die Atemzge des Buben
lauschte. Und Lo vernahm, wie die alte Frau vor sich hinflsterte: Gott
sei Dank, er schlft, da kann er doch keine Schmerzen haben! Morgen wird
sein Fu wieder gut sein. Und Lo wird kommen. Ach ja!

Morgen! Wie ein heier Strom der Freude und Sehnsucht rann es ihr
durch Blut und Seele. Morgen! Die beiden wiedersehen, morgen im
Frhlicht!

Sie erhob sich. Ruhig begann sie sich mit Hnden und Fen an den Felsen
hinzutasten, hher und hher klimmend.

Mutter! Bruder!

Sie stieg und stieg, bei jedem Schritt um ihr Leben kmpfend, an das sie
glaubte.




^Einundzwanzigstes Kapitel^


Unter ziehenden Nebeln erwachte der Morgen ber dem Geital, ber den
Tillfuer Wldern und Almgehngen.

Lange vor dem ersten Grau, schon gegen drei Uhr morgens, war im
Frsterhuschen ein Licht lebendig geworden. Als Praxmaler, um seinen
Herrn zu wecken, mit der Laterne zum Jagdhaus hinaufging, sah er, da im
Schlafzimmer des Frsten schon die Lampe brannte, deren Flimmerschein in
die vom Nebel durchwobene Dmmerung hinausleuchtete.

Droben pochte er. Duhrlaucht?

Ich danke, ja, ich bin schon wach!

Schlecht schaut's aus mit'm Wetter! berichtete Pepperl durch die
geschlossene Tr. Nebel haben wir. Ich mein', Sie sollten heut daheim
bleiben, Duhrlaucht.

Nein, ich gehe! Mag das Wetter sein, wie es will!

No ja, wenn S' meinen! Aber Gamsbock bringen wir heut kein net heim.
Heut marschieren S' umsunst.

Ein frohes Lachen war die Antwort.

Nebel hin oder her, den freut heut 's Leben! dachte Pepperl, whrend er
die Treppe hinunterging. Und mich freut's auch! Es blieb ihm gengende
Zeit, um ein Sprngerl in die Sennhtte hinunterzumachen. Da konnte
er seinem Mdel den Schlaf aus den Augen kssen.

Lachend hob sich Burgi aus ihrem Heubett und schlang die Arme um
Pepperls Hals. So a Bul beim Aufwachen is ebbes Guts!

Halt ja! Gib nur gschwind noch eins her! Auf'n Abend hast mich wieder!

Es dauerte lang, dieses gschwinde Bul.

Der graue Morgen begann, und durch die im Fluge sich klftenden Nebel
schimmerte ein armseliges Stck des blauen Himmels, als Ettingen vom
Jagdhaus herunterkam. Pepperl sah den Glanz in den Augen seines Herrn
und dachte: Teufi, Teufi, der mu sich heut an ^guten^ Pirschgang
derwarten, weil er gar so gottsfreudig dreinschaut! Aber solch ein Wind
und Nebel! Da htte Pepperl schwren knnen: Wir kriegen nix! Auf
diese Enttuschung mute er seinen Herrn vorbereiten. Schlecht schaut's
aus, Duhrlaucht! Heut hab ich net die richtige Schneid auf d' Jagd!

Ich auch nicht! erwiderte Ettingen lachend.

Gott sei Dank, weil S' Ihnen nur net z'viel derwarten. Und gelten S',
ich hab recht ghabt: heut wird's a Hakerl haben mit der Sonn!

Mir wird sie scheinen! Kommen Sie nur.

Sie schritten gegen den Wald hinunter.

Da wurde im Oberstock des Fremdenhauses ein Fenster geffnet. Guten
Morgen, Heinz! Und Glck auf den Weg!

Mit seinen gottsfreudigen Augen grte Ettingen zu dem Freunde hinauf:
Das war lieb von dir!

Pepperl schttelte den Kopf und dachte: Glck hat er ihm auch noch
gwunschen! Jetzt knnen wir einpacken! Da ein so fermer Jger wie Graf
Sternfeldt sich so schwer gegen den Weidmannsbrauch verfehlen konnte!
Glck -- was Schlimmeres kann einem Jger nicht gewunschen werden!

Raschen Ganges wanderten die beiden durch das lange Tal. Sie waren schon
eine Stunde unterwegs, und der Morgen wurde nicht heller. Wohl klftete
sich manchmal der ziehende Nebel und gab ein Stck der dsteren Wnde
frei, doch alle Hhen blieben von dunklem Gewlk umlagert. Aus den
wehenden Dnsten ging ein dnnes Geriesel nieder, bei dem sich alles wie
mit feinem Tau beschlug; und alle Gerusche waren gedmpft: das Rauschen
des Baches, die schreienden Stimmen, die man irgendwo in der Ferne von
den Almen hrte, und das Gelut und Brllen der Rinder, die heut in
solcher Unruh waren wie nach einem Schneefall, der alles Grn bedeckt.

Immer sorgenvoller wurde das Gesicht des Jgers. Seinen Herrn aber
schien das unfreundliche Bild der Landschaft nicht zu verstimmen. Der
wanderte immer zu, versunken in stille Gedanken, mit diesem trumenden
Lcheln, mit diesem Leuchten in den Augen.

Schon ein paarmal hatte Praxmaler verwundert umhergeguckt. A gspaiger
Nebel! Der riecht ja wie der Dampf, der von der Kohlstatt kommt!

Und was war das fr ein Rauschen, fern in der Hhe? Sie hatten noch eine
Wegstunde bis zum See, da konnte man doch den Wasserfall des Seebaches
noch nicht hren? Und waren denn die Leute auf der Sebenalm verrckt
geworden? Sie schrien, da man's auf eine halbe Stunde weit hren
konnte! Nun kamen ein paar Khe in wilder Flucht gerannt. Und im Wald
ein Laut, der den Jger ganz verblfft machte: der Pfiff einer Gemse.
Das begriff er nicht. Gemsen hier unten im Talwald? So tief steigen sie
nicht einmal herunter im schwersten Winter!

Herr Frst! Ich wei net, heut mu was los sein! Da saust a Rudel Gams
durch'n Wald. Wie kommen denn die Gams da runter?

Ettingen drngte mit Ungeduld: So lassen Sie doch die Gemsen! Ich will
nicht jagen heut!

Net jagen? Das war fr Pepperl von allen Wundern dieses Morgens das
grte. Ja sakra, warum steigen wir denn nacher auffi zum See?

Er bekam keine Antwort. Und da machte sein Scharfsinn einen
Gedankensprung. Ah, da schau! Hatte nicht gestern der Frster erzhlt,
er htte das Malerfrulein zum Sebensee hinaufreiten sehen? Und hatte
der Frst nicht gleich darauf gesagt: Pepperl, morgen machen wir eine
Pirsche zum Sebensee? Er dachte an jenen Morgen im Blumengarten des
kleinen Seehauses, dachte an die drei Hirsche im Geital, die ihr Leben
dem Malerfrulein zu danken hatten, dachte an jene Gewitternacht in der
Waldstube dort oben -- und dem Praxmaler-Pepperl ging ein Licht auf. Ah,
da schau! Schmunzelnd musterte er seinen Herrn. Jetzt verstand er auch
das Wort von der Sonne, die heute scheinen wrde. Ds glaubst! Die hat
freilich Sonnschein in die ugerln! Da kann der Nebel so dick sein, wie
er mag!

Ein sausender Windsto ri die grauen Dnste entzwei, und man sah den
steilen Tejakopf von einer schwarzen Wolke umlagert.

Duhrlaucht! Schauen S' da auffi! Was is denn ds fr a Gwlk? So
pechschwarz kann doch kein Wetter net aufziehen?

Ehe der Blick des Frsten die Hhe fand, nach welcher der Jger deutete,
hatte der jagende Nebel die Bergspitze mit ihrer finsteren Haube schon
wieder verhllt.

Sie schritten aufwrts durch den steigenden Wald. Da hrten sie wieder
von der Sebenalm die schreienden Stimmen. Jetzt blieb auch Ettingen
stehen, wie von einer Sorge befallen. Praxmaler! Was knnen die Leute
nur haben?

Ich kann mir's net denken. Und da mssen mehr Leut beinand sein als
wie d' Sennleut und der Hter! Und wie's in der Luft liegt! Als ob's wo
brennen tt! Es wird doch ums Herrgottswillen in der Almhtten kein
Feuer net ausbrochen sein!

Da hrten sie das Keuchen eines Menschen und ein Gerappel von Steinen,
als kme einer in wahnsinnigem Lauf ber den Steig heruntergerannt.

Um Christi willen, stammelte der Jger, was is denn?

Ein Mensch tauchte im Nebel auf. Es war der Sebener Senn. Jetzt stand er
vor den beiden, nach Atem ringend, das fahle Gesicht wie mit Ru
bestrichen. Die Augen waren rot verquollen und die rmel seiner Joppe
von kleinen Brandlchern durchsiebt, als wre er durch einen Regen
glhender Funken gelaufen. Mit beiden Fusten packte er den Jger an der
Brust: Der Frstner? Wo is der Frstner? Ich mu den Frstner haben und
d' Holzerleut.

Ettingen rttelte ihn am Arm. Aber Mensch, so sagen Sie doch, was ist
denn geschehen?

Der Sebenwald brennt. Der ganze Wald bis bern See auffi, alles an
einzigs Fuier! 's ganze Jungvieh droben, alles mu hin sein, alles! D'
Hll kann net rger sein! Und 's Fruln is droben seit gestern! Jesus!
Jesus! Sag mir doch, Jger, wo is denn der Frstner?

Mar und Joseph! Drauen im Tillfu is er! Lauf Senn, lauf ums
Himmelswillen, was d' laufen kannst!

Der Senn wollte rennen, doch Ettingen hielt den Arm des Mannes
umkrampft.

So lassen S' doch aus, Herr! keuchte der Senn. Ich mu ja um d'
Leut!

Ettingen rang nach Worten. Gibt es noch einen Weg --, die Stimme brach
ihm, einen Weg durch das Feuer, zum See hinauf?

Kein' nimmer! 's ganze Seetal is zu mit Fuier! So lassen S' doch aus!
Gewaltsam befreite der Senn seinen Arm und rannte, mit keuchender Stimme
betend: Vater, Vater unser, der du bist im Himmel -- Er verschwand im
Nebel. Und Ettingen umklammerte den Ast einer Fichte, als mte er eine
Sttze haben, um sich aufrecht zu halten. Dem Jger schossen die Trnen
in die Augen, als er dieses verstrte Gesicht sah, diesen verzweifelten
Blick.

Jesus! Herr Frst!

Ettingen erwiderte keinen Laut. Seine Glieder streckten sich, als wren
sie Stahl geworden. Komm!

Wortlos eilten sie durch den Wald hinauf und erreichten das Almfeld.
Hier lag der Nebel nicht mehr so dicht wie im tieferen Tal. Man sah die
Leute, die mit Geschrei umherrannten, um die scheugewordenen Khe
einzufangen -- man sah den Wald und ber seinen Wipfeln den schwarzen,
von trbem Feuerschein durchflackerten Qualm, der von Wand zu Wand die
ganze Breite des Seetals fllte.

Mit brennenden Augen sphte Ettingen durch die Schleier des Nebels.
Nein! Da gibt es keinen Weg mehr! Nicht durch den Wald hinauf! sagte
er mit erloschener Stimme. Aber einen anderen gibt es! Sie mu sich vor
dem Feuer geflchtet haben, in die Felsen hinauf! Dort mssen wir sie
finden! Wir mssen! Er eilte den steilen Latschengehngen zu, gegen den
Tejakopf, dessen gewaltige Felsenmauer zwischen dem Prantlkar und dem
brennenden Seetal aufstieg und in schwarzem Rauchgewlk verschwand.

Erschrocken lief der Jger seinem Herren nach. Mar und Joseph!
Duhrlaucht! Wo wollen S' denn hin?

Hinauf! Dort hinauf! Durch das Prantlkar und ber den Pa -- den Weg, den
wir neulich gingen, als das Gewitter kam -- und die schne Nacht!

Da mssen wir links durch'n Wald und von drunt her auffi!

Nein! Ich sehe einen Weg ins Kar, der nher ist. Dort hinauf! Ettingen
deutete nach den Latschenbndern, die schrg ber die Felswand
emporkletterten gegen die Hhe des Kars. Da sparen wir eine Stunde!

Praxmaler wischte sich den Schwei von der Stirn und stammelte: Um
Gottswillen, Duhrlaucht! Da steig ja ich kaum durch. Sie kommen net
auffi!

Ich mu hinauf! Ettingen hatte schon den Latschenhang erreicht und
begann zu klimmen.

Ohne Widerrede legte der Jger alles ab, was er trug, die Bchse, den
Rucksack, die beiden Wettermntel -- jetzt brauchte er freie Arme, denn
er wute, da es um das Leben seines Herrn ging.

Sie kamen zum Fu der Felswand und begannen zu klettern, wortlos,
Ettingen immer voran. Mit Sausen strzten unter seinen Tritten die
Steine in die Tiefe -- er hatte keinen Blick fr sie, seine Augen suchten
immer die Hhe. Nie bedurfte er der Hilfe des Jgers, und wenn Praxmaler
ratlos innehielt, fand Ettingen immer wieder eine Schrunde im Gestein,
einen Tritt, der ihn hher brachte, so rasch, da der Jger Mhe hatte,
sich dicht hinter seinem Herrn zu halten.

Als sie die Kuppe der Wand erreichten, sah Praxmaler in die schwindende
Tiefe, die hinter ihnen lag, und bekreuzte sein Gesicht.

Nur eine kurze Strecke hatten sie noch zu steigen, weniger mhsam, und
dann kam ber Griesfelder und Latschenrcken ein ungefhrlicher Weg in
das Kar.

Der Nebel begann sich langsam zu heben. Von der Hhe, auf der die beiden
waren, konnten sie den Eingang des brennenden Tales berblicken.
Zwischen Qualm und Dmpfen sah man die flammenden Bume. Auf weite
Strecken war der Grund schon kahlgebrannt; bald erschienen diese
Stellen grau, bald wieder, wenn der Wind die Asche verwehte, waren sie
verwandelt in rote Glut. Und die Flammen der Bume, Rauch und Qualm, die
Aschenwolken, alles strebte in jagendem Winde hinauf, dem See entgegen.

Ettingen bedeckte mit den Hnden das Gesicht, als knnte er den
grauenvollen Anblick nicht ertragen und mte mit Gewalt die
martervollen Bilder ersticken, welche die Angst seines Herzens ihm vor
Augen stellte. Noch atemlos, begann er den Weg ins Kar.

Ich bitt Ihnen, bettelte der Jger, tun S' doch a bil rasten!

Ettingen schttelte den Kopf.

Sie stiegen eine Stunde. Je nher sie im Kar der letzten Grieszunge
kamen, von deren Ende der Steig ber brchige Wnde hinaufkletterte zum
Pa, desto ungeduldiger wurden die Schritte des Frsten, obwohl ihm Atem
und Krfte schon fast zu Ende gingen. Auch der Jger war so erschpft,
da er die letzte Kraft seiner Glieder geben mute, um sich an der Seite
seines Herrn zu halten.

Einer steilen Felswand nahe, ging der Weg zwischen mchtigen
Felsblcken, die ein Bergsturz ber das Griesfeld geworfen hatte. Wohl
war der Nebel gestiegen und hatte sich schon ber Tal und Berg zu einer
regungslosen Decke gesammelt, aber das ganze Kar lag verschleiert vom
dnnen Geriesel der Asche, die aus den Lften fiel, und vom Rauch, der
drben aus dem brennenden Seetal aufstieg und im Kar sich wieder
niedersenkte ber die Wnde.

Nur einen Weg von wenigen Minuten hatten sie noch bis zu der Stelle, wo
der Paweg beginnen mute, und Ettingen suchte ihn schon mit brennenden
Blicken. Da rollten Steine aus der Wand herunter, an der sie
vorberschritten. Im gleichen Augenblick ri der Jger seinen Herrn
hinter einen Felsblock und stammelte: Mar und Joseph! Nur um
Gottswillen kein' Laut nimmer! Da schauen S' auffi!

Hoch ber dem Griesfeld, in der steilen Felswand, die pfadlos schien,
bewegte sich unter dem Schleier des Rauches langsam eine Gestalt.

Lo! glitt es mit ersticktem Klang ber Ettingens Lippen. Sein erstes
Gefhl war ein Sturm von Freude. Sie nur wiederzusehen! Lebend! Doch
dieser Rausch der Freude ging ihm unter in einem Grauen, das ihn fast um
die Sinne brachte. Jeder Schritt an dieser Wand war ein Schritt in den
Tod. Ettingen streckte die Arme. Nur helfen, helfen, dieses strzende
Leben schtzen! Kein anderer Gedanke war in ihm. Er wollte schreien: Ich
komme, Lo! -- doch seine Stimme war nur ein Lallen. Und da prete ihm der
Jger die Hand auf den Mund und ri ihn zurck und flsterte: A Laut,
Herr Frst, und Sie bringen ds Fruln um! Da gibt's kein Helfen, wir
stehen da mit leere Hnd, ohne Seil und Eisen, ohne alles! Sie mu
allein da runter. Da hilft ihr keiner, blo die eigne Kraft. Und schauen
S' auffi, wie's jeden Schritt probiert in aller Ruh! Sie derzwingt's!
Passen S' auf, sie derzwingt's! Aber a Laut von Ihnen -- a Merk von ihr,
da wer da herunten steht, und Sie grad, Sie, Herr Frst -- und sie hat
ihr Ruh verloren und -- Der Jger sprach das Wort nicht aus, das ihm
schon auf der Zunge lag. In Rauch und Nebel hat s' den Steig verfehlt
und hat sich in der Wand verstiegen. Jesus, Jesus, was mu ds Fruln
fr an Weg gmacht haben in der Nacht!

Nun standen sie regungslos hinter dem Felsblock und sphten durch den
ziehenden Rauch in die Wand hinauf. Sie sprachen kein Wort mehr, aber es
hmmerte unter ihren Rippen, da einer den Herzschlag des anderen hren
konnte. Mit beiden Hnden klammerte Ettingen sich an den Fels und bi
die Zhne bereinander, um auch den Ton seines Atems noch zu ersticken.
Immer wieder schlo er die Augen, als ginge die Marter dieses Anblicks
ber seine Krfte, und immer wieder sphte er hinauf mit einem Blick, in
dem seine Seele war, seine Angst und sein Hoffen. Fielen Steine aus der
Wand, dann zuckte er zusammen, als trfe ihn jeder Steinschlag ins
Leben. Sie schwirrten und sausten, diese strzenden Steine, und wenn sie
das Griesfeld erreichten, machten sie weite Sprnge. Der Staub, den sie
aufwirbelten, dampfte an der Felswand empor und mischte sich mit den
Schleiern des braunen Qualmes. Der umhllte bald die Verirrte in der
Wand, bald gab er sie wieder frei. Mit ausgebreiteten Armen, die Brust
an die Felsen schmiegend, suchte sie Tritt um Tritt. Manchmal blickte
sie ber die Schulter in den Abgrund, wie um den Weg zu messen, den sie
noch finden mute. Tiefer und tiefer kam sie, und eine glattgeschwemmte
Wasserfurche berspringend -- Ettingen zitterte, als sie
sprang -- erreichte sie ein Steinband, das ihr sicheren Grund fr die
Tritte gab. Sie ging, bis das Band zu Ende war. Dann rastete sie, lange,
lange, um ihre Kraft fr dieses letzte und schwerste Stck des Weges zu
sammeln. Schrg nach abwrts hatte sie eine Felsplatte zu berqueren,
die nur von wenigen Rissen durchzogen war und so kahl erschien, da der
Blick, der aus der Tiefe hinaufsphte, kaum einen Vorsprung fand, auf
dem ein Fu htte ruhen knnen.

Unmglich! Das ist unmglich! hauchte Ettingen. Sein Gesicht war wei.

Nur Ruh, Herr Frst, nur Ruh ums Himmelswillen! flsterte der Jger.
Von droben schaut's besser aus als wie von unt auf! Und sie
derzwingt's, und alles is gut!

War dieses Schwere berwunden, dann war's gewonnen. Unter der Felsplatte
winkte ein Rasenfleck, auf dem sie sicher stehen konnte. Wohl war dann
das letzte Stck des Weges bis auf den Sand hinunter noch immer
gefhrlich, aber die Felsen boten hier feste Kanten fr den Fu und
Schrunden fr die greifenden Hnde.

Noch immer rastete Lo. Whrend sie die Arme um einen Felszacken
geschlungen hielt, prfte sie vorgebeugten Kopfes schon den Weg, den sie
nehmen mute. Nun wollte sie ihn beginnen. Man sah, wie ihre Gestalt
sich streckte und ihr Arm sich zgernd von dem sttzenden Schrofen
lste.

Praxmaler umklammerte die Hand seines Herrn, als htte er Sorge, da die
Seelenangst, die ihm aus Blick und Zgen redete, in diesen
entscheidenden Minuten durch einen Ruf, durch eine unvorsichtige
Bewegung sich verraten knnte. Doch Ettingen stand regungslos und stumm,
wie zu Stein verwandelt. Auch sein Atem schien erloschen. Nur seine
Augen lebten noch und griffen hinauf mit ihrem Blick, wie die Angst mit
Armen und Hnden greift.

Dicht angeschmiegt an den Fels, machte Lo mit ruhiger Vorsicht den
ersten Schritt in die Platte, einen zweiten und dritten. Whrend sie mit
der einen Hand immer angeklammert hing an einer Schrunde, fhlte sie mit
der anderen gleitend am Gestein hin, um einen neuen Halt zu finden. Zwei
Schritte noch. Dann hielt sie rastend inne, mit ausgebreiteten Armen,
wie an den Fels gekreuzigt. Wieder begann ihr Fu zu tasten, ihre Hand
zu suchen, denn sehen konnte sie nicht, da sie mit Krper und Wange sich
an die steile Mauer pressen mute, um das Gleichgewicht zu halten. So
erkmpfte sie Schritt um Schritt, immer rastend und wieder klimmend. Oft
tastete sie mit Hand und Fu eine lange Weile am Felsen hin, bis sie
einen Tritt und einen Griff zu finden vermochte. Schon hatte sie die
Hlfte der Platte berquert, und immer nher kam sie dem Rasenfleck, der
sich mit festem Sockel aus der Wand herausbaute. Doch immer krzer
wurden ihre Schritte, immer langsamer und mder suchte ihr Fu, und
immer lnger whrte ihre Rast, als gingen ihre Krfte zu Ende.

Sie zittert! hauchte Ettingen und krampfte die Hnde um die Kante des
Felsblockes.

Bengstigend lange hing Lo in der Felswand an eine aus der Tiefe kaum
erkennbare Rinne geklammert. Dann machte sie ein paar hastige Schritte,
und nun war sie nur noch durch einen schmalen Felspfeiler von dem Rasen
getrennt.

Nur Ruh, Herr Frst! Sie gwinnt! stammelte der Jger. Die Hoffnung,
die er seinem Herrn einredete, schien ihm selbst zu fehlen. Er betete
flsternd: Lieber Herrgott, hilf ihr die paar Schritteln, nur die paar
Schritteln noch!

Unruhig tastete Lo mit dem Fu. Immer schwerer schien ihr Krper an den
Armen zu hngen. Nun fand ihr Fu den gesuchten Tritt. Als sie sich
vorschob und ausgriff mit der Hand, wich der Stein, auf den sie
getreten war -- ein leiser Schrei -- und whrend sie schon taumelte, wagte
sie den rettenden Sprung --

Mit sthnendem Laut strzte Ettingen der Felswand zu. Da klang hinter
ihm ein Jubelschrei des Jgers.

Sausend flog der gelste Stein aus der Wand herunter, doch Lo hatte im
Sprung den Rasen gewonnen. Sie sank in die Knie und wollte sich an den
Fels lehnen. Hatte sie den Schrei dort unten gehrt und den Menschen
erkannt, der mit erhobenen Armen ber das Schuttfeld emporstrmte? Oder
lste sich, da sie an die Rettung glauben durfte, die gewaltsame
Spannung ihrer erschpften Krfte zu einem Anfall jher Schwche? Ihr
Kopf glitt am Felsen hin. Lautlos sank sie auf den Rasen nieder und
regte sich nimmer.

Sie ist ohnmchtig! Hinauf! schrie Ettingen wie von Sinnen.
Praxmaler! Hinauf! Hinauf!

Ehe der Jger den Fu der Wand erreichen konnte, war Ettingen ber das
zerklftete Gestein schon halb bis zum Rasen emporgeklettert. Er hrte
die erschrockenen Worte nicht, die Praxmaler ihm zuschrie -- er stieg und
stieg. Jetzt erreichte er die Bewutlose. Lo! Lo! Meine Lo! Der Rausch
von Freude, der ihn erfllte, als er ihre Hand erfassen konnte,
verwandelte sich in neue Sorge. Wie schmal dieser Rasen war! Eine
Bewegung im Erwachen, und sie mute strzen. Aus Angst und Liebe wuchs
ihm die Kraft, da er das fast Unmgliche versuchte: die Ohnmchtige
ber die steilen Felsen hinunterzutragen. Den einen Arm um einen
Schrofen klammernd, zog er mit dem anderen die Bewutlose an sich. Sie
fiel ihm schwer entgegen. Wie leblos lag ihm ihr Kopf auf der Schulter.

Da stand schon der Jger dicht unter ihm und stemmte den Arm an eine
Kante der Felsen. Da knnen S' drauftreten, Duhrlaucht! Meine Knochen
halten aus.

So stiegen sie langsam hinunter. Fr jeden Schritt des Frsten suchte
der Jger eine feste Kante am Gestein, sttzte ihn mit der Schulter oder
hielt ihm bald den Arm, bald wieder die Fuste oder das Knie als Staffel
hin.

Als sie den sicheren Grund erreichten, taumelte Ettingen und lie sich
niederfallen auf den Sand. Aber er fhlte die eigene Schwche nicht, nur
den Jubel, die Geliebte gerettet zu wissen, sie so zu halten, in seinen
Armen, an seiner Brust. Meine Lo! Ein anderes Wort fand er nicht,
whrend er wie ein Irrsinniger ihre geschlossenen Augen kte, ihr Haar
und ihre Stirne.

Der Jger stand vor den beiden, erschpft, verlegen lchelnd. Dabei
leckte er mit der Zunge von seiner Hand das Blut fort, das ihm ber die
Finger tropfte. Und dann sprang er zu den Felsblcken hinunter, um mit
dem Hut von dem Wasser zu schpfen, das zwischen den Steinen rann.
Vorsichtig brachte er den vollen Hut getragen. Da haben S' Wasser,
Herr Frst! Sie mssen 's Frulein a bil derfrischen!

Als Ettingen aufblickte, sah er das Blut an den Hnden des Jgers.

Praxmaler! Ihre Hnde!

No ja, natrlich, Sie haben halt a bil scharfe Ngel an die Schuh.
Macht nix! Ich hab eh a wengerl z'viel Blut im Leib. So a kleiner
Schrpfer is mir gsund. Aber jetzt denken S' net an mich --

Wie soll ich Ihnen diese Stunde danken!

Was? Danken? Ds wr mir 's richtige: auf die Fnfhundert und auf'n
Oberjager auffi! Aber da hab ich 's Wasser! Brauchen S' a Tchl! Na, um
Gottswillen, wie 's Fruln ausschaut!

Erst bei diesem Wort des Jgers bekam Ettingen Augen, um zu sehen.
Ach! Das war ein Laut, als wrde ihm das Herz zerdrckt. Mit
zitternden Armen prete er die Ohnmchtige an sich, schmiegte ihren Kopf
an seine Brust und streichelte ihr das Haar und die Wange. Wie md und
erschpft ihr schnes Antlitz war, wie entstellt von Ruflecken und vom
Staub der Asche! Und ihre lieben Hnde! Sie waren grau vom Steinsand,
wund von Rissen, fast alle Ngel gebrochen und mit Blut unterlaufen.

Wie ein Schwindel berkam es ihn, als er sein Tuch in das Wasser
tauchte, das ihm der Jger hinbot. In scheuer Zrtlichkeit blies er die
Asche aus Lolos Haar, wusch ihr den Ru vom Gesicht und streifte ihr
immer wieder das nasse Tuch ber Stirn und Augen. Sie erwachte nicht,
doch ihr Atem begann sich zu beleben. Er wusch ihr die Hnde, kte jede
Wunde. Und whrend der Jger fortlief, um frisches Wasser zu holen, nahm
er sie wieder in seine Arme.

Ein stockender Atemzug erschtterte ihre Brust. Sie schlug die Lider
auf.

Lo!

Sie sah das Gesicht, das sich in Glck und Sorge ber das ihre beugte,
fhlte schauernd den Druck der Arme, die sie umschlungen hielten, und
trank den Blick der Liebe, der auf ihr ruhte. Dann lchelte sie md und
schlo die Augen wieder, als wte sie: das ist ein Traum, der
verschwinden mu, wenn ich wache und mit offenen Augen sehe!

Lo! Kennst du mich nicht? So sieh mich doch an!

Sie ffnete die Lider.

Lo! Meine liebe, gute, kleine Lo!

Da hrte sie es wieder: das Wort ihres Vaters! Mit dem gleichen Ton der
Liebe! Nur ser, zrtlicher noch, durchweht von einer Glut, die
hinberschlug in ihr Herz und ihr das Blut in die bleichen Wangen trieb.
Als she sie ein Wunder, dessen Wahrheit sie fhlte und an das sie doch
nicht glauben konnte, so hob sie zgernd die Arme und fate scheu mit
beiden Hnden die Wangen des geliebten Mannes. Ein Zittern rann durch
ihren Krper. Du! Und nun schlang sie die Arme um seinen Hals, stark
und hei, und hing an seinen Lippen, als trnke sie neues Leben aus
seinem Ku. Dann schlo sie mit leisem Lcheln die Augen und sank an
seine Schulter hin, als wollte sie schlummern.

Er streichelte ihr Haar. Du Starke, du Mutige du! Was hast du
berkmpft in diesen grauenvollen Stunden! Was mut du erlebt haben in
dieser entsetzlichen Nacht!

Ohne die Augen zu ffnen, flsterte sie: Ich wei es nimmer -- ich wei
nur, was ^jetzt^ ist -- und das ist schn!

Und ich schlief in dieser Nacht und trumte von meinem Glck, whrend
du -- Er konnte nicht weitersprechen. Der Gedanke an alle Gefahr, die in
dieser Nacht auf jedem Schritt mit ihr gegangen, machte ihn zittern bis
ins Herz. Ich habe nur dieses Letzte gesehen. Und nicht einmal helfen
hab ich dir knnen! Das sehen zu mssen, so hilflos! Jeder Blick war wie
ein Tod fr mich. Am Morgen, als ich mein Haus verlie, um dich zu
suchen, da wut ich, da ich dich liebe. Aber erst in diesen Stunden der
Angst und Verzweiflung hab ich's empfunden, wieviel du mir bist, und da
ich nicht leben knnte ohne dich!

Sie lauschte seinen Worten wie der Drstende dem Quell, den er rauschen
hrt.

Da sie so stumm war, das weckte seine Sorge wieder. Lo? Wie fhlst du
dich? Ist dir wohl?

Sie lchelte und atmete tief.

Warum siehst du mich nicht an?

Da schlug sie die leuchtenden Augen zu ihm auf.

Sag es mir, Lo! Bist du mir gut?

Ach, du! Sie hob die Arme.

Ich wei es. Aber ich mcht' es hren mit deinen Worten. Sag es mir,
Lo!

Du! Ein anderes Wort fand sie nicht; doch sie schmiegte sich an seine
Brust, da er das Beben ihres Krpers und ihren Herzschlag fhlte.

So hielten sie sich schweigend umschlungen, bis ein Schritt sie weckte.

Der Jger brachte frisches Wasser.

Ettingen richtete die Geliebte in seinen Armen auf. Willst du nicht
trinken, Lo?

Ja, Heinz, mich drstet. Gib du mir einen Trunk!

Er schpfte Wasser, und das schlrfte sie ihm aus der hohlen Hand.

Wie das erquickt! Ich danke dir, Heinz!

Lchelnd strich er das feuchte Haar von ihrer Stirn zurck. Dann nahm er
den Hut des Jgers, tat einen gierigen Trunk und hob sich auf die Knie.
Komm, Lo! Ich mu dich heimbringen, damit du ruhen kannst. Und sieh
nur, deine armen Hnde! Wir mssen heim.

Heim! Sie nickte ernst, und ein Schatten dmpfte den Glanz ihrer
Augen. Die Mutter! Kann es meine Mutter schon wissen?

Da der Wald brennt? Nein, Lo! Wohl mute er frchten, da die
Nachricht schon hinausgeflogen wre bis ins Dorf; doch er wollte ihr
diese Sorge von der Seele nehmen. Sie kann es unmglich wissen, sie
wird es hren mit der Nachricht, da dein Mut dich rettete.

Lo atmete auf.

Fhlst du dich stark genug, um gehen zu knnen?

Sage mir: Geh! Und ich kann es.

So komm!




^Zweiundzwanzigstes Kapitel^


Sie begannen den Heimweg und wanderten langsam durch das von Rauch
berschleierte Kar hinunter. Ettingen hielt die Hand der Geliebten in
der seinen und schmiegte sttzend den Arm um ihre Hfte. Immer suchte er
den besten Weg fr sie. Lag ein Stein im Pfad, so schob er ihn mit dem
Fu beiseite. Sie sprachen nicht. Was ihre Herzen erfllte, war zu
bermchtig fr Worte. Nur ihre Augen suchten sich immer wieder und
redeten mit stillem Lcheln. Whrend sie so hinunterschritten ins Tal,
war in ihren Seelen ein Aufwrtssteigen, empor zur Sonnenhhe des
Glckes.

Eine Stunde waren sie schon gewandert, als sie Stimmen hrten.

Lo verhielt den Schritt. Menschen? Das sagte sie, wie aus einem Traum
erwachend, wie verwundert und erschrocken ber die Wirklichkeit des
Lebens, dessen Laute ihr entgegenschollen. Da tauchten auch wieder die
Bilder der vergangenen Nacht vor ihren Augen auf. Und stammelnd fragte
sie: Mazegger? Ist er gerettet?

Ettingen erschrak. Mazegger? Und betroffen sah Praxmaler den Frsten
an.

Er wollte nach Ehrwald. Als das Feuer ausbrach, kam er, um mich zu
warnen. Er nahm einen anderen Weg, durch den brennenden Wald -- Das
Grauen der Erinnerung machte sie zittern. Ist er gerettet?

Ja, Lo! sagte Ettingen und tauschte einen Blick mit dem Jger.

Da lchelte sie erleichtert, als wre der letzte Schreck der
berstandenen Nacht von ihrer Seele gelst.

Schreiend kamen ihnen die Leute entgegen. Es waren Senner und
Holzknechte, die den Pa bersteigen wollten, um droben in den
Felsenkaren des Seetals nach dem Jungvieh zu suchen. Der Jger flsterte
ihnen eine Frage zu. Sie schttelten den Kopf, schrien durcheinander und
eilten weiter.

Eine erregte Stimme rief durch das Tal herauf: Heinz? Bist du's? Dort
unten im Latschenfeld erschien Graf Sternfeldt mit dem Frster.

Ja, Goni! gab Ettingen mit lautem Ruf zur Antwort. Wir kommen!

Sternfeldt eilte den beiden entgegen, whrend der Frster seinem Herrn
ein Gott sei Dank! zuschrie und wieder talwrts rannte. Er war nicht
weit gekommen, als Praxmaler ihn einholte, keuchend: Herr Frstner! Der
Toni geht ab.

Der Mazegger? War der im Sebenwald? Heut nacht?

Der Jger erzhlte, was er von Lo gehrt hatte.

Der? Und 's Fruln warnen? Der Frster schttelte den Kopf. Komm,
Bub! Ich frcht, da hat einer d' Hll versucht, und der Himmel hat ihn
gstraft! Sei's, wie's mag, jetzt mssen wir tun, was gschehen kann! D'
Holzknecht schaffen schon bei der Brandstatt. Jetzt mssen wir helfen.
Komm!

Sie eilten talwrts, und Praxmaler begann zu rennen, da der Frster
hinter ihm zurckblieb. Als Kluibenschdl das Waldtal erreichte,
begegneten ihm Sennleute, die zur Brandsttte liefen. Und hinter ihnen
kam ein Mdel gerannt, atemlos und bleich, die Tillfuer Sennerin. Sie
haschte den Frster an der Joppe.

Mein Pepperl? Is meim Pepperl nix gschehen?

Dein Pepperl? Ah, da schau her!

Is ihm nix gschehen? Jesus Maria! Lebt er noch?

Ja, ja, ja! Der Schnurrbart is ihm net wegbrennt. Den hat er noch.

Burgi drckte die Fuste auf ihre Brust. Du heilige Mutter im Himmel,
ich sag dir Vergeltsgott! Und a Kerzl sollst kriegen, so lang wie meim
Pepperl sein Bergstock! Dann fing sie wieder zu rennen an, und die
grundlose Angst, die sie ausgestanden hatte, lste sich in ein
Schluchzen verrckter Freude.

Die Stimmen und Schritte verhallten. Schweigen lag wieder im Wald. Kein
Windhauch regte sich, kein Wipfel schwankte. Grau und unbewegt hing die
glatte Nebeldecke ber den Bumen, die Felswnde verhllend. Gegen
Westen lag es wie schwarzes Sturmgewlk ber den Ehrwalder Bergen. Gegen
Osten schimmerte es zuweilen mit weilichem Glanz durch die trben
Dnste, als wre dort irgendwo die Sonne, die den grauen Schleier
durchbrechen wollte.

Manchmal tnten im Schweigen des Tillfuer Waldes verworrene
Menschenrufe aus weiter Ferne. Dann war's wieder still.

Sichernd zog ein Rudel Hochwild ber den Weg, scheu hinauswindend gegen
den Sebenwald. Und lautlos trat es wieder in den stummen Forst.

Hoch in den Wipfeln schlug eine Ringdrossel. Schnalzend kam sie auf den
Weg geflogen und begann ihre Kferjagd im feuchten Gras. Nun hob sie das
Kpfchen und flatterte davon.

Langsam kamen Heinz und Lo durch den Wald einhergegangen. Wo die Drossel
aufgeflogen, blieben sie stehen, als htte der gleiche Gedanke ihren Fu
gebannt: die Erinnerung an jenen Abend, an dem sie einander zum
erstenmal im schweigenden Walde begegnet waren.

Sieh, Lo! Dort oben war's!

Sie nickte und schmiegte sich enger an ihn. So standen sie lang und
blickten hinein in die Dmmerung, die trotz der Mittagsstunde zwischen
den stillen Bumen lag.

Die Drossel schlug.

Sie lauschten ihr, bis sie fern im Wald verstummte. Dann schritten sie
weiter.

Als sie, schon nahe der Tillfuer Alm, die Lichtung erreichten, auf der
die von Leutasch kommende Fahrstrae zum Jagdhaus hinaufbog, rasselten
zwei Leiterwagen mit galoppierenden Pferden aus dem Wald heraus. Auf
jedem Wagen saen an die dreiig Mnner, dichtgedrngt, mit xten,
Feuerhaken und schweren Seilrollen.

Heinz! stammelte Lo. Sie wissen es schon im Dorf. Ach, die Mutter!
Und der Bub! Trnen schossen ihr in die Augen.

Er drckte ihren Arm an seine Brust. Sei ruhig, Lo! Die Sorge, die sie
haben, wird sich in Freude lsen!

Die Leute waren abgesprungen, weil die Wagen auf dem schmalen Waldweg
nicht weiterfahren konnten. Die jungen Burschen schleppten die schweren
Seile, die lteren Mnner kamen mit xten und Pickeln. So eilig sie es
hatten, jeder zog vor Lo sein Htl und bot ihr einen Gru. Und ein
graubrtiger Alter rief ihr zu: Heut, Fruln, sollten wir Enkern Herrn
Vater wieder haben! Da tten wir bald Herr sein bers Fuier da draut!

Lchelnd, mit nassen Augen, dankte sie dem Alten fr dieses Wort.

Siehst du, Lo, wie dein Vater noch lebt fr diese Menschen, denen er
Gutes tat! sagte Ettingen bewegt. Wie dieser Bauer an ihm die Kraft
des Mannes schtzt, so wird ihn die Welt als Knstler ehren. Seine
Blumen da drauen sind heute nacht in Asche gefallen. Was in seiner
Seele Wurzel hatte, wird blhen fr die Menschen, schn und dauernd.

Ja!

Sie blieben seitwrts vom Wege stehen, um zu warten, bis die Leute
vorber wren. Als letzter kam der Bauer, dessen Anwesen in Leutasch
drauen an den Garten des Malerhauses grenzte.

Nachbar! Ihren Arm lsend, eilte Lo auf den Bauer zu Nachbar? Wei
die Mutter schon von dem Brand?

Ja, Fruln! Und ds arme Weibl hat sich anders gsorgt! No, Gott sei Lob
und Dank, weil S' nur da sind! D' Frau Mutter wird gleich kommen mit'm
Wagerl, nimmer derlitten hat sie's daheim! Eine schrillende
Knabenstimme klang aus dem Wald. Da! Hren S' Ihr Brderl?

Die kleine Kutsche erschien am Waldsaum und mute halten, weil ihr die
anderen Wagen den Weg verstellten.

Lo! Lo! gellte die Stimme Gustls. Und da kam er auch schon gerannt.
Heute, mit seinem bandagierten Fu, den er nur mit den Zehen aufsetzen
konnte, ging's nicht so flink wie damals, als er von Innsbruck gekommen.
Und Lo, als htte sie sich in ihre Mutter verwandelt, rief in Sorge:
Bubi! Aber Bubi! Ich bitte dich, lauf nicht so! Sie eilte auf ihn zu
und fing ihn mit den Armen auf. Wortlos hielt sie ihn umschlungen; dann
eilte sie der alten Frau entgegen. Mutter! Mutter!

Den kranken Fu schonend, stand Gustl zwischen den niederen Fichten und
zog mit einem Kompliment sein Htl, als Ettingen auf ihn zutrat. Guten
Tag, Herr Frst!

Gr dich Gott, Bubi! Wie geht's mit dem Fu?

Danke, Herr Frst, ganz gut!

Ettingen zog den Jungen an sich. Hast du dich gesorgt um deine Lo?

Die Muttl, ach, Gott! Aber ich? Nein! Ich kenn doch unsere Lo und hab's
auch der Muttl gleich gesagt: unsere Lo, die wei sich schon zu helfen!
Und dann war ich doch auch berzeugt, da ^Sie^ bei ihr sind!

Wirklich? Ettingen kte ihn auf die glhende Wange. Davon warst du
berzeugt?

Natrlich! Wenn ein Wald brennt, und jemand ist drin, den man liebhat,
so geht man doch gleich hin und hilft ihm.

Da ich deine Schwester liebhabe? Das weit du?

Freilich! Mit strahlenden Augen sah Gustl an Ettingen hinauf. Ich
hab's doch neulich schon gemerkt, viel frher als Lo. Der hab's doch ich
erst sagen mssen! Da sah er die Schwester mit der Mutter kommen und
rief: Gelt, Muttl, ich hab recht gehabt! Siehst du, da auch ein
Waldbrand nichts Bses ist! Gelt, jetzt glaubst du mir's!

Lo mute der Mutter schon von ihrem Glck gesagt haben. In tiefer
Bewegung, scheu und verlegen, mit Freude und doch auch mit Angst in den
feuchten Augen kam Frau Petri dem Mann entgegen, dem sie ihr Kind frs
Leben anvertrauen sollte.

Das ist meine Mutter, Heinz!

Herr Frst -- Die alte Frau vermochte kaum zu sprechen und streckte die
zitternden Hnde. Sie haben mir mein Kind gebracht --

Ja, Frau Petri. Ettingen kte ihr die Hnde. Aber ich will Ihnen die
Lo wieder nehmen. Und ich wei, ich nehme Ihnen viel.

Die Hlfte von allem, was ich noch habe. Zwei Trnen fielen ber die
furchigen Wangen der alten Frau und dennoch lchelte sie und atmete auf.
Das ist das Los der Mtter: wenn ihre Schmerzen und Sorgen vorber
sind, werden sie einsam. Das kann fr mich nicht anders sein, als es
fr alle ist. Wenn Lo das Glck findet, das ich ihr wnsche, bin ich mit
allem zufrieden. Ach ja! Sie hielt die Hnde des Sohnes fest, den ihr
diese Stunde gegeben, und whrend sie ihn ansah, sprachen aus ihrem
forschenden Blick die stummen Fragen: Hast du sie lieb? Wirst du sie
glcklich machen? -- Und als htte sie aus diesen klaren, leuchtenden
Mannesaugen allen Trost fr ihre Sorge gelesen, mit so tiefer Freude
fate sie die Hand ihres Kindes. Lo! Ach, Lo! Warum konnte dein Vater
das nicht erleben! Das Glck seines Kindes htte ihn entschdigt fr
alles andere.

Wieder rasselten zwei Wagen mit dampfenden Gulen aus dem Wald heraus.
Die Mnner sprangen ab unter wirrem Geschrei und eilten mit ihren xten
und Seilen hinaus zum Sebensee. --

Da drauen beim Waldbrand standen schon am Nachmittag ber zweihundert
Leute bei der Arbeit. Nicht nur von Leutasch waren sie gekommen, auch
von Ehrwald herauf, von Biberwier und Lermoos von allen Almen her. Die
Sennleute und Holzknechte, die den Weg ber den Pa genommen, waren
zurckgekehrt: der dichte Rauch, der die hohen Felsen umwogte, hatte
ihnen den Zutritt in das brennende Sebenkar verwehrt. Da war auch nichts
mehr zu helfen, dort oben -- alles Jungvieh mute schon lngst erstickt
sein.

Auch im Tal war andere Hilfe nicht mglich, als nur der Versuch, das
rckwrtsfressende Feuer einzudmmen. Graf Sternfeldt, der Frster und
Praxmaler hatten die Fhrung der Arbeit bernommen. Man schlug eine
breite Gasse durch den Wald, um die Flammen zu hindern, gegen die
tieferen Wlder hinunterzugreifen. Was schon brannte, mute seinem
Schicksal berlassen bleiben.

Bevor es noch dmmerte, begannen schwere Tropfen zu fallen, und dann
rauschte es aus den Wolken nieder mit grauen Strmen.

Die Leute suchten Schutz unter den Bumen. Jetzt wuten sie, da sie die
Arbeit sparen konnten, die der Himmel bernommen hatte.

Weie Dampfwolken fluteten ber den brennenden Wald. Es whrte keine
Stunde, und die Bche des Regens hatten den Brand gelscht. Whrend bei
sinkender Nacht der weie Dunst noch die weite Brandstatt berwirbelte,
wagte sich schon ein Erster hinein in diesen Wald von schwarzen
Kohlensulen, unter deren nasser Kruste der Kern der halb verbrannten
Stmme noch glhte. Es war der alte Hter von der Sebenalm. Als ihn die
anderen hindern wollten, die Brandstatt zu betreten, sagte er mit seinem
hohen Kichern: So was is gut, so gleich nach'm Fuierl! Er watete durch
die Asche. So schn warm hab ich schon lang net ghabt in die F!
Hihihihi!

Als jede weitere Arbeit nutzlos war und die Dunkelheit anbrach, trat
Graf Sternfeldt mit Praxmaler den Heimweg an.

Es war gegen Mitternacht, und sie hatten das Jagdhaus noch nicht
erreicht, als der Frster sie einholte und die Nachricht brachte:
Mazegger ist gefunden.

Lebend?

Der Frster schttelte den Kopf.

Herr, gib ihm die ewig Ruh! Praxmaler bekreuzte das Gesicht.

Eine Weile standen sie schweigend im Regen, und dann erzhlte der
Frster: es wre der alte Hter von der Sebenalm gewesen, der den
Erstickten fand, im Seebach, bis an den Hals im Wasser sitzend und
umringt von den Leichen halbverkohlter Rinder.

Sie durchschritten in der Finsternis den letzten Waldstreif und
erreichten das Almfeld.

Hren Sie, Herr Frster, und Sie, Praxmaler! sagte Sternfeldt. Der
Frst und Frulein Petri sollen das nicht erfahren. Wir wollen die erste
Freude ihres Glckes nicht stren durch die Nachricht, da Mazegger die
Warnung, die das Frulein rettete, mit dem Leben bezahlen mute. Der
arme Bursch!

Der Frster nickte. So? Gwarnt hat er ds Fruln? No ja, was man
glaubt, is wahr!

Sie stiegen zum Jagdhaus hinauf, an dem alle Fenster mit hellem Schein
hinausleuchteten in die Nacht und in den strmenden Regen.

Die Tropfen, die durch die Helle fielen, blitzten mit farbigem Licht.

Die ganze Nacht und zwei Tage noch whrte das Rauschen und Gieen, als
htte der Himmel seine Berge reinsplen wollen vom Ru und von der Asche
des Brandes. Dann fegte ein Sturmtag alles Gewlk von den Hhen und
schttelte die in der Sonne glitzernden Wasserperlen von allem Gezweig.
Wie mit neuer Keimkraft erwachte es bei dieser linden Wrme im
getrnkten Erdreich. Das Heidekraut hatte eine ppige Herbstblte; alle
Waldlichtungen und Gehnge waren von rotem Schimmer berhaucht.

Ein stiller Sonnenmonat. Und ein Glck, das lchelnd im Schweigen des
Waldes blhte, menschenfern und weltvergessen.

       *       *       *       *       *

Ende September fiel der erste Schnee, und es wurde einsam auf der
Tillfuer Alm. Am Jagdhaus waren schon seit drei Wochen die Lden
geschlossen. Nun stand auch die Sennhtte verdet.

Nur das Frsterhuschen war bewohnt. Hier braute Pepperl tglich seinen
Sehnsuchtsschmarren, und wenn die Pfanne leer war, ging er in die
Sennhtte hinunter, zndete auf dem Herd ein Feuer an, lie sich das
Herz und den Buckel wrmen und schmauchte sein Pfeiflein dazu. Am Morgen
und Abend der Pirschgang ber die verschneiten Almen. Er hatte den
Schutzdienst im Geital ganz allein zu versehen, denn der neue Jger
sollte erst mit dem 15. Oktober in Dienst treten. Aber dann -- ja, dann
bekam der Praxmaler-Pepperl acht Tage Hochzeits-Urlab. Und wenn er
beim Feuer in der Sennhtte an diese kommende Zeit dachte, blies er in
langem Faden den Rauch vor sich hin und schmunzelte: Teufi, Teufi,
Teufi! Die acht Tg will ich mir aber schmecken lassen!

Trotz seiner sehnschtigen Ungeduld verging ihm die Zeit sehr flink. Im
Bergwald und auf den Almen rhrten an jedem Morgen und Abend die
Hirsche, da der Orgelton ihrer Stimmen von den Wnden widerhallte. Wenn
Pepperl am Waldsaum einer Alpe sa und einen Kronenhirsch auf hundert
Schritte vorberziehen sah, machte er seiner Aufregung mit einem heien
Seufzer Luft: Teufi, Teufi, Teufi! Wann nur der Herr Frst jetzt da
wr! Sllene Prgelhirschen haben! Und net jagen! Da hrt sich doch
alles auf! Nach solchem rger kam ihm aber gleich die Einsicht wieder:
Freilich, der wei sich was Bessers jetzt! Und schmunzelnd dachte er
an seinen fernen Herrn und an das Maler-Fruln, das jetzt Frau Frstin
wurde. ----

Schon in den ersten Septembertagen war Ettingen mit Frau Petri und ihren
Kindern nach dem Allgu abgereist. ber Mnchen, wo sie eine Woche
blieben, ging die Reise an die Donau und dann zu Schiff stromabwrts
nach Bernegg, wo Graf Sternfeldt den Freund und seine Gste erwartete.

Das waren wundersame Tage fr Lo, dieses erste Einleben in die neue
Heimat, das Wandern durch alle Rume des Schlosses, der Besuch der
Felder und Arbeiterhuser, die Begegnung mit den hundert neuen
Menschen, deren Herrin sie wurde, die Fahrten durch die stundenweiten
Buchenwlder, und die Plauderstunden im Park, dessen welkendes Laub
in der Herbstsonne leuchtete wie Gold. Jede schne Stunde empfing sie
dankbar als kstliches Geschenk aus der Hand des geliebten Mannes --
und er bot ihr, glcklich und stolz, jede neue Freude wie eine Ehre,
die ihr gebhrte.

Zu Anfang Oktober mute Gustl mit seinen Bchern nach Innsbruck
einrcken. Schon einen Monat spter bekam er wieder eine Woche
Extraferien, um der Hochzeit seiner Schwester beizuwohnen.

In der Schlokirche zu Bernegg wurde das Paar getraut. Auer Frau Petri
und Gustl waren nur Graf Sternfeldt und die Beamten des Frsten bei der
stillen Feier zugegen.

Als die Nachricht von dieser Vermhlung in alle Winde hinausflatterte
und die Gesellschaft in Verblffung und Aufruhr versetzte, waren die
beiden Glcklichen schon auf dem Weg nach dem Sden.

Bis Gustls Ferienwoche vorber war, blieb Frau Petri auf Bernegg.
Dann brachte sie den Buben nach Innsbruck und kehrte zurck in ihr
stillgewordenes Haus. Sie hatte es nicht anders gewollt.

Lo, ach ja, die lebt sich ein in das Neue und wird getragen von
ihrem Glck. Aber ich alte Frau? Nein! Ich will bleiben, wo ich mich
festgewachsen habe durch soviel Jahre, und wo noch alles mit mir lebt,
was mein Glck gewesen ist! Und wenn ich einmal die Augen schliee,
soll es dort sein, wo ich das letzte Lcheln meines Mannes sah.

Allen Bitten ihrer Kinder gegenber blieb sie fest in diesem Entschlu.
Und sie wre doch nur im Winter allein! Die paar Monate!

Im Mai, da kommt ihr! Und dann sind wir beisammen, bis der Schnee
fllt.

Trotz allem Troste, den sie mit heimbrachte, war ihr whrend der ersten
Tage in dem leeren Haus das Herz zum Springen weh. Sie weinte so viel,
da ihr die Magd einmal sagte: Frauerl, Frauerl, a bil was sollten S'
noch briglassen von Ihrene ugerln! Diese Mahnung fruchtete nicht.
Etwas anderes half. Eines Mittags wurde die Tr aufgerissen, Gustl flog
herein und der Mutter jubelnd an den Hals. Ihm folgte ein junger Mann,
der eine goldene Brille trug, aber sonst ein ganz vergngtes Gesicht
machte. Er stellte sich vor als Kandidat der Philologie und Hofmeister
des fidelen Jungen da. Zu seiner Beglaubigung berreichte er einen
Brief:

                        Capri, Hotel Quisisana, den 15. November.

     Liebes Muttl! Damit Dir der erste Winter so allein nicht gar zu
     hart wird, haben wir beschlossen, da Gustl ein Jahr lang zu Hause
     lernen soll. Haben wir's recht gemacht? Ja?

                           Deine glcklichen Kinder Heinz und Lo.


Jetzt war geholfen gegen Trnen und Schwermut. Denn Frau Petri hatte
wieder eine Sorge, jeden Tag eine neue. Ach Gott, der Bub im
Schnee! -- Ach Gott, der Bub auf dem Baum! -- Gustl! Dein Halstuch!

Aber dieses Sorgenkind war ihr zugleich auch ein Trster fr die Sorge,
die in die Ferne wanderte.

Wenn der Wintersturm die Mauern umbrauste und alle Fensterlden rasseln
machte, dann hie es: Ach Gott! Bubi? Glaubst du, da es in Capri auch
so strmt?

Gott bewahre, Muttl! In Capri ist doch ewige Sonne und immerblaues
Meer. Und weit du, wenn das Meer auch ein bichen aufgeregt wird, dann
liegt doch Capri so hoch, da die Wellen gar nicht hinauf knnen. Weit
du, Capri, das ist eine riesig hohe Felseninsel! Ja, du, das war die
Lieblingsinsel des rmischen Kaisers Tiberius. Du, denk nur, den hat man
bisher fr den grausamsten unter den rmischen Csaren gehalten. Aber
nach den neuesten Forschungen ist das gar nicht wahr. Er soll sogar ein
sehr guter Frst gewesen sein. Aber weit du, so gut wie Heinz war er
doch nicht! Davon bin ich berzeugt.

Ja! Gut ist er! Von Herzen gut! Lo hat ein rechtes Glck gemacht!

Und die Sorge war still -- fr einen Tag.

Als es Mrz wurde, gab's eine Aufregung, die durch Wochen dauerte. Die
Bilder muten verpackt werden, um nach Mnchen zu wandern. Ehe sie mit
Beginn des Mai zur Ausstellung kamen, sollten sie reproduziert werden
fr die Kollektion Emmerich Petri, deren Verlag eine Mnchener
Kunsthandlung erworben hatte.

Pepperl zimmerte die Kisten, der Frster half beim Packen, aber an jedem
Bild, das in die Bretter gelegt wurde, mute Frau Petri ihre beiden
Hnde haben. Und war das Tuch darber gebreitet und der Kistendeckel
zugenagelt, dann fielen zwei schwere Trnen dazu. Mit jedem dieser
Bilder schickte sie ein Stck Leben, unruhvolle Tage und schlummerlose
Nchte ihres Mannes in die Welt hinaus.

Ach ja! -- Und die Menschen! -- Die Menschen! -- Sehen Sie, lieber Herr
Frster, ich ^mu^ es ja tun, dem Namen meines Mannes zulieb. Aber mir
wr's lieber, die Bilder blieben hier! Gefallen sie nicht, dann krnk
ich mich wieder und wei, da ihm unrecht geschieht. Und haben sie
Erfolg, dann tut's mir weh, weil die Ehre zu spt kommt. Nein, nein, ich
geh gar nicht hin zur Ausstellung! Nein, ich kann's nicht! -- Ruhm? --
Knnt er noch eine Stunde leben und sich an seinen Kindern freuen, das
wr ihm lieber als aller Ruhm! Nein! Ich mte nur weinen. Ich geh nicht
hin. ----

Sie hielt dieses Wort, lie den Knaben mit seinem Hofmeister nach
Mnchen reisen und blieb zu Hause, obwohl ihr Lo am ersten Tage der
Ausstellung depeschierte: Komm, Mutter, wir bitten Dich, komm, und
freue Dich an Papas Erfolg. Das ist wie ein seliger Rausch fr mich, vor
seinen Bildern diese Menschen zu sehen, in ihrem Staunen und ihrer
Andacht. Den strksten Eindruck unter allen Bildern macht die
>Versuchung<. Wie sich die Menschen vor diesem Bilde drngen, das mut
Du sehen. Komm doch, Mutter, komm! Wir alle bitten Dich, Heinz und Gustl
und Deine Lo.

Als sie gelesen hatte, sa sie lange, lange, immer die Depesche vor
sich, und ihre Zhren tropften nieder auf das Blatt.

Nein, Kinder, nein! Ich kann nicht. Freut euch nur, ach ja, und lat
mich daheim! Ich ^kann^ jetzt diese Menschen nicht jubeln sehen. Ich
hab's doch mit erlebt, wie sie gelacht haben ber ihn. Und wie er die
Nchte lang in meinen Armen lag und weinte, als ob es ihm das Herz
zerreien mchte! Ach, ihr Menschen! Ihr Menschen! Euer Jubel macht ihn
mir nicht mehr lebendig! ... Nein! Ich geh nicht hin.

Die Depesche in der zitternden Hand, stieg sie ins Dachgescho hinauf,
setzte sich im den Atelier in einen Winkel und schluchzte.

Emmi, Emmi! Mein guter, guter Mann!

Ganz erschpft vom Weinen lehnte sie den mden Kopf an die Mauer und
blickte auf eine leere Wand, die ein groes Bild getragen hatte -- das
Viereck, ber dem die Leinwand gehangen, war wei, wie frisch getncht,
whrend ringsumher der Kalk vom Lichte schon vergilbt war. Ein groer
Haken ragte aus der Mauer.

Zu soviel hundertmalen hatte sie dieses Bild betrachtet, da sie es auch
jetzt noch sah, mit jeder Linie und jeder Farbe, als ob es wirklich vor
ihren Augen hinge:

Nicht die biblische Wste. Sondern ein des, unwirtbares Seetal zwischen
hohen Bergen. Dunkle, starrende Felswnde mit krglichem Wuchs in ihren
Schrunden. Das Steinland um den See her wirr mit krppelhaften Fhren
berwuchert, aus deren kriechendem Gezweig verdorrte Stmme sich
erheben. Ein einziger Baum nur grnt. Der ist seltsam gewachsen, wie in
Form einer Harfe. ber allem ein grauer Abendhimmel, doch die Luft
durchsichtig rein, wie nach einem Gewitterregen. Und da scheint alles
Ferne nah, jede Farbe leuchtet, auch noch der Schatten und das Grau.

Inmitten der Wildnis eine blhende Insel, wilde Blumen in Beete
gesammelt. Hier hat die Hand eines Grtners gerodet, gepflanzt und
gepflegt: der Heiland, der begonnen, die Wste urbar zu machen. Von der
Arbeit des Tages md geworden, ruht er auf einem Stein. Das blaue
Zwilchgewand umhllt mit harten Falten einen von Entbehrung hager
gewordenen Krper. Alles ist menschlich an diesem Leib, menschlich jeder
Zug an diesem schmalen Gramgesicht, dessen bleiche Wangen vom
vorfallenden Braunhaar halb bedeckt sind. Gttlich sind nur die stillen
Augen mit ihrem reinen Licht und das milde Lcheln der Liebe.

Ein Knabe, gekleidet wie ein armer Hirtenbub der Berge, mit kurzem
Lederhschen und nackten Fen, mit grauzertragenem Hemd, durch dessen
Risse die Brust und die mageren rmchen lugen, hat dem milden Grtner
eine ausgerissene Pflanze gebracht, das Stmmlein einer Bergrose, die
Bltter schon halb verwelkt, die schwachen Wurzeln schon fast verdorrt.

Der Heiland schlingt seinen Arm um den Knaben und nimmt aus seiner Hand
die drstende Pflanze. Da tritt der Versucher zu ihm -- eine herrliche,
kraftvolle Mannsgestalt, die nackten Glieder gebrunt, schwarzes
Lockengewirr um den stolzen Kopf, die Stirn umschlungen von einer Krone,
deren Zacken goldene Fuste sind.

Du stiller Grtner! Wirf die Liebe von dir! Sei stark wie ich, und alle
Herrlichkeit der Welt ist dein!

Die Augen des Versuchers brennen in dsterem Feuer, und ein mitleidig
spottendes Lcheln irrt um den ppigen Mund, whrend sein Arm
hinunterdeutet zum See. Dort steigen leuchtende Nebel aus der grnen
Flut, sie verwandeln sich in weie Glieder, in den Leib eines
zauberschnen Weibes, das lachend die Arme ffnet und das Goldhaar lst
zu flatternden Strhnen. Wie die Wnsche der Snde, wie die
bildgewordenen Gedanken dieses begehrenden Weibes, so quillt es hervor
aus dem fliegenden Gold dieser Haare: die taumelnde Lust mit geflltem
Becher, das Gewimmel eines Mnadenzuges, der lorbeergeschmckte Held im
Blut des erschlagenen Feindes, der Reiche in gleiendem Prunk, der
Mchtige, dem sich die Sklaven beugen, der Starke, der Felsen schleppt
zum Bau einer Pyramide, ein strmender Reitertrupp in blitzenden
Panzern, ein Adler, der sich mit breiten Schwingen von einem zerrissenen
Lamm erhebt, ein jagendes Gewimmel von Gestalten bis in weite Ferne, in
der man Palste und Trme sieht, eherne Tore und steinerne Mauern.

Mit stillen Augen blickt der milde Grtner in das Glanzgewirr dieser
Bilder. Sie locken ihn nicht. Schtzend umschlingt sein Arm den
erschrockenen Knaben, und man sieht: er will sich bcken, um den
schmachtenden Zweig in nhrende Erde zu legen, wie er das drstende Herz
des Kindes erquickt aus dem Born seiner Gte. Dieses Werk der Liebe gilt
ihm hher als alle Herrlichkeit der Welt. ----

Das war die Versuchung, vor der sich in der Stadt die Menschen
drngten, whrend im den Atelier die einsame Frau vor der kahlen Mauer
sa.

Ihre Trnen waren versiegt, ein glckliches Lcheln verschnte ihre
welken Zge, und wie in Andacht betend hielt sie die Hnde im Scho,
whrend ihre Augen mit bewunderndem Schauen an der leeren Mauer hingen.

Breit fiel die Maisonne durch das schrge Mansardenfenster, und manchmal
huschte etwas wie ein dunkler Falter durch die Helle -- der Schatten einer
heimgekehrten Schwalbe, die drauen in der Sonne das stille Dach umflog.




      *      *      *      *      *      *




Notizen des Bearbeiters:

Inhaltsverzeichnis eingefgt.

Druckfehler wurden stillschweigend gendert.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS SCHWEIGEN IM WALDE***


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