The Project Gutenberg EBook of Der Jesuit, by Carl Spindler

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Title: Der Jesuit
       Charakter-Gemlde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts

Author: Carl Spindler

Release Date: October 14, 2014 [EBook #47112]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER JESUIT ***




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                              Der Jesuit.

                           Charakter-Gemlde
                                aus dem
              Ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts

                                  von

                              C. Spindler.


                   Amerikanische Stereotyp-Ausgabe.

                             Philadelphia.
                       Verlag von F. W. Thomas.
                                 1855.


                   Printed by T. K. & P. G. Collins




Der Jesuit.




Erster Theil.


Erster Abschnitt.

1720.

  Des Senators Familienleben. -- Sein Comptoir und dessen Diener. --
  James. -- Fortuna's Launen. -- Der Geschftsfreund aus Holland. --
  Das Gesprch unter den Kastanienbumen. -- Der verhngnivolle Besuch.

Schn ist es, ber eine Schwelle zu schreiten, jenseits welcher der
Flei und die geschftige Betriebsamkeit ihren Thron erbaut haben,
sobald man sieht, da all das ewige Treiben das Wohlsein des Lebens
begrnden soll, und nicht blos einen glatten Gypsmarmor um die trockne,
drre Sule von Holz. Der Hausvater ist ein ehrwrdiger, geliebter
Mann, wendet er seiner unermdlichen Thtigkeit Zinsen dazu an, da
die Seinen sich frhlich daheim finden in dem traulichen Hause; -- da
er selbst, -- der Schpfer des Wohlstandes -- behaglich ruhe in seinem
Eigenthume. Die heitere Wohnung wird ein Paradies fr den Besitzer,
ein Ort des Friedens den Freunden, den Bedrngten ein Asyl. Keucht
aber im Erdgeschosse die besoldete Mhe im eisernen Dienstjoche,
whrend im obern Stockwerke die Langeweile, die Verdrossenheit, auf
einsamen Polstern, hinter kaltem Stein und vornehmen Goldwnden
ghnt, -- dann, Wanderer, meide die stolze Pforte, wenn auch noch so
einladend das Salve von ihrer Schwelle spricht. In dem Steinhaufen
gebietet kein fhlendes Gemth, und vor dem starren Reichthum floh
die Zufriedenheit! -- Wer im Jahre 1720 gelebt, und das Innere des
Hauses gesehen htte, welches der Senator Mssinger in der deutschen
Reichs- und Handelsstadt, die der Aufzeichner dieser Begebenheiten
meint, aber nicht nennt, dazumal bewohnte, mte dem einleitenden
Spruche Beifall geben. Das stattliche Gebude war von Uranbeginn
zum Denkmale des Hochmuths bestimmt gewesen. Ein Spekulant, der in
den ersten Jahren des spanischen Erbfolgekriegs durch Lieferungen
fr die alliirten Heere ungeheure Summen gewonnen hatte, legte das
Fundament zu dem pallasthnlichen Hause. Die Vollendung desselben
sollte er nicht sehen. Mancher Schurkereien berwiesen, sollte ihm,
kurze Zeit nach der Schlacht bei Hochstdt, der Proze gemacht werden:
er entging der Schande jedoch durch einen khnen Pistolenschu. Die
leere, unausgebaute Prachtwohnung des verunglckten Lieferanten kaufte
bald der vom Glcke begnstigte Senator Mssinger. Der unternehmende
Handelsherr, der mit Ost- und Westindien verkehrte, fand sich zu enge
in dem kleinen Vaterhause, zog ber in das Neue, Groe; und Fortuna,
die bereitwillig in dem bescheidenen Spezereikrame des Kaufmanns
Platz genommen hatte, siedelte mit in das neue, gerumige Comptoir.
Mssingers Firma war die Erste auf dem Markte, und florirte weit und
breit im Aus- wie im Inlande; trieb Jahr fr Jahr die schnsten Blthen
und Frchte. Die Mehrzahl seiner Mitbrger beneidete den glcklichen
Senator; sie bewies aber durch diesen Neid -- entweder ihre
Unbekanntschaft mit Mssingers anderweitigen Verhltnissen, -- oder
einen Gelddurst, der Alles schnde bersieht, was das Herz berhrt, und
nicht allein den Courszettel im Gehirn. Trieb des Kaufmanns Geschft
auch Blthen, -- der Hausvater sammelte keine aus seinem Familienleben.
Seine Frau, seit achtzehn Jahren mit ihm vermhlt, hatte ihm viele
Geldscke, keine Neigung zugebracht, und die Zeit nichts gethan, die
vom Berechnungsgeist der Vter verbundenen Ehegatten im Gemthe zu
vereinen. Unfriede herrschte gerade nicht; -- der Friede aber, der
vershnt und duldet und vergibt, wahrlich auch nicht. Der Senator, ein
lebendiger Mann, an den Fnfzigen stehend, cholerischen Temperaments,
dem beim geringsten Anla zu hei unter der Stirn, die Halsbinde zu
enge wurde, stellte das schneidendste Widerspiel seiner Ehefrau dar,
die mit beleidigendem Uebermuth, welcher seine Quelle in fehlerhafter
Erziehung gefunden, eine Klte und Trgheit vereinigte, wie sie sonst
nur im hchsten Norden, oder im sengendsten Sden vorkommen mag. Frau
Jacobine, im Ueberflusse aufgehtschelt, kannte nicht Sorge, nicht
Mhe, nicht einmal das bequeme Streben einer vornehmen Hausfrau.
Kam der Tag, so verlebte sie ihn, und er mute eben so prunkend
einhertreten, wie seine Vorgnger; Geld in Hlle und Flle fr jedes,
auch noch so eingebildete Bedrfni spenden, reichen Schmaus fr Lippe
und Gaumen, und eine lange Plaudersitzung im Kreise der geschwtzigsten
Muhmen.

Whrend dessen schaffte und plackte der Senator, bald wie der rmste
Knecht, bald wie der hrteste Frohn, im Bezirk seines Handelsgetriebes,
und gnnte sich kaum vor sprudelnder Thtigkeit und muthwillig gehufter
Arbeits- und Spekulationslast, die nthigen Ruhestunden. Doch feierte er
diese wenigen nicht im Schoe der Seinen. Weder beim Frhstck, wo man
den braunen westindischen Trank aus japanischen Gefen schlrfte, und
dabei so steif sa, wie die blassen Figuren auf diesen Tassen, -- noch
beim Mittagsmahl, wo die leckerste Kost entweder mit gieriger Hast, oder
mit vitellischer Trgheit verschlungen wurde, war ihm froh zu Sinne.
Bald verdrlich keifend mit dem verdrlich langweiligen Weibe, bald
seine berseeischen Hoffnungen und Handelsoperationen nicht loslassend
in stummer Grbelei, floh ihn die Heiterkeit innerhalb seiner Mauern;
und auswrts, -- auf einem Collegium, wo er wieder von nichts, als von
Geschften reden hrte, eine Pfeife Tabak rauchte, um sich zu betuben,
in der Karte spielte, um sich zu zerstreuen -- vertrumte er seine
Abende. -- Nicht Er, nicht sein Weib, das mit schndem Geschwtze, oder
abgeschmackter Frmmelei den verlangweilten Tag beschlo, ahnten die
Quelle von Genu und Freudigkeit, die ihnen in der Tochter, dem einzigen
Sprling dieser belpassenden Ehe, aufgehen htte knnen. Die Natur
hatte in diesem lieblichen Geschpfe die glcklichste Verschmelzung
widerstrebender Gemthsrichtung zu Stande gebracht. Des Vaters
Heftigkeit herrschte zwar vor, allein migende Ruhe stellte bald das
Gleichgewicht wieder her. Das Mdchen hatte seinen eigenen Kopf und
Willen; es war ja das einzige Kind, und nicht beschrnkt von den Eltern.
Allein, der Leidenschaftlichkeit, dem heftigen Zorn sogar, folgte
schnell die Besinnung, die Theilnahme, die zarte Reue, die gefhlvollste
Vergeltung. Der Liebreiz des so wunderlich herangebildeten Mdchens war
in diesen Vershnungsmomenten so gro, da Freundinnen und Gesinde gern
den Sturm auflodernder Hitze ertrugen, um doppelt in der Milde zu
schwelgen, die unmittelbar darauf das Engelherz der Zrnenden
bethtigte. Der Vater war nicht so; -- denn, that ihm die jache Hrte
manchmal selber weh, so verschlo er, seinem Stolze nichts zu vergeben,
das Gefhl in sich. Die Mutter glich eben so wenig ihrem Kinde; sie
_liebte_ zwar Niemanden auf der weiten Erde, aber sie _hate_ aus
Gewohnheit; sie verachtete mit jener stumpfen Sttigkeit, an der sich,
hat sie einmal ein Ziel des Widerwillens ersehen, vergebens Belehrung,
Erfahrung und Pflichtgebot verschwendet. Justine, ein siebzehnjhriges
Mdchen, frh entfaltet in Gestalt und Verstand, fhlte wohl dunkel und
unbehaglich, da sie zwischen den getrennten Eltern ihren eigenen Weg
wandle. Die Jugend aber, jene herrliche Zeit, in welcher man nur sich
selbst, wenn gleich oft allzuviel, vertraut, ungeduldig in's Freie, in
die Zukunft blickt, sie setzt sich ber das Peinliche in naher Umgebung
hinweg; schafft sich ihre eigne Welt, und flieht die Mrrischen, um sich
an Freundliche zu schlieen. So kam es, da Justine bald wie ein fremder
Gast im Vaterhause wohnte, und grtentheils nur in dem Zirkel ihrer
Jugendgefhrtinnen lebte. Seit der Confirmation war es jedoch ein
bischen anders mit Justinen geworden. Nie hatte sie noch ihren Vater so
bewegt gesehen, als in dem Augenblicke, wo sie, von der heiligen
Handlung kommend, in seinem Schreibstbchen vor ihm auf die Kniee sank,
ihn bittend, seinen Segen mit dem des Himmels zu vereinen. Des Senators
Stimme hatte gewankt, als er den Segen aussprach; an's Herz hatte er die
Tochter gedrckt, und, wie mit einem leisen Vorwurf gegen sich selbst,
hinzugesetzt: Glaube nur um Gotteswillen, mein Kind, da ich dich liebe,
herzlich, wie es einem christlichen Vater zusteht. Aber ich mu an mich
halten mit dieser Zuneigung, sonst bricht mir das Herz vollends, wenn du
aus dem Hause gehst, nimmer wiederkehrst, und ich dann in ganz Europa
keinen Menschen mehr wei, der mir nher am Herzen liegt, als der kalte
Tressenrock. Du bist alt genug, Justine, um zu wissen, da eine Heirath
die Bestimmung eines jeden Mdchens ist, folglich auch die deine. -- Du
bist bereits verlobt: zu New-York in Amerika wohnt dein Brutigam, der
junge Kaufmann Birsher, und, wie mir sein Vater neulich schrieb, werden
wohl nicht anderthalb Jahre vorbergehen, so kommt der designirte
Schwiegersohn selbst, um dich abzuholen. Dein Bestreben gehe also jetzt
vornehmlich dahin, der englischen Sprache mchtig zu werden, zu welchem
Endzweck ich fr eine Lehrerin sorgen will.

Justine verlie den Vater mit sichtlichem Behagen. Ausgezeichnet
vor all ihren Gespielinnen nach Amerika zu ziehen, in das junge
Land, das sich europische Imagination damals nur als ein Paradies,
unerschpflich in Genu und Reichthum, vorstellte; ... als Frau, an
der Seite eines jungen Crsus, dahin zu ziehen, das schmeichelte
der jugendlichen Eitelkeit gar sehr. Des Vaters Erklrung hatte
vollendet, was die Confirmation begonnen; das Mdchen war rasch zur
Jungfrau, zur Braut geworden. Justine zog sich nun auch whliger von
dem Haufen ihrer Freundinnen zurck, verkehrte nur mit den Wenigen,
die, gleich ihr, nicht fern vom Hochzeitfeste zu stehen vermeinten,
und beschftigte sich mehr als sonst, in Einsamkeit und Stille, mit
Arbeit und wibegierigem Forschen. Mit der englischen Sprache allein
wollte es bei dem fleiigen Mdchen nicht so fort. Die Zisch- und
Gaumenlaute waren der Schlerin zuwider, und eine Lehrerin nach der
andern wich dem Ungestm Justinens, die auf Jener Nachlssigkeit
den eignen Fehler schob. Die Zahl der, mit dem englischen Idiom
vertrauten Frauen war in jener Stadt nicht gro; daher hatte Justine
bald die Reihe durchgemacht. Die mnnlichen Lehrer lieen keinen
bessern Erfolg hoffen. Der Eine derselben, ein grmlicher Alter, mit
wunderlichen Launen, hatte schon nach der zweiten Lehrstunde all seine
Autoritt eingebt; den zweiten, einen allbekannten Wstling, noch
in rstigen Jahren, trug der Vater billig Bedenken, bei der Tochter
einzufhren. Der Zufall schlug sich in's Mittel. An einem Tage saurer
Geschfte handthierte und ordnete der Senator in eigner Person an
dem Krahnenhause der Stadt. Betrchtliche Waarensendungen in Ballen
und Kisten waren fr ihn angekommen; nicht minder betrchtliche
Ladungen wollte er dem dienstfertigen Flusse anvertrauen. Seine
rstigsten Handelsdiener, zwei junge und gewandte Leute aus guter
Familie zur Seite, ging er am Ufer auf und nieder, befahl hier den
ausladenden Bootsknechten, dort den herbeischaffenden Krrnern. Der
eine Diener, Berndt, revidirte, die Frachtbriefe und Geleitzettel in
Hnden; der andere Diener, Nothhaft, machte Zeichen und Zahlen auf die
Frachtstcke; um und um bewegten sich rhrige, geschftige Leute, und
_ein_ Treiben beseelte die Vielen am Ufer, vom Centnerschleppenden
Lasttrger bis zu dem kleinen Buben herab, der die Theerpfanne hielt.
Ein einziger lehnte unbeschftigt, mit verschrnkten Armen an dem
Krahnengebude. Der Einzige mute unter dem Getmmel dem Senator
auffallen, als dieser gerade ihm vorberkam. Der eifrige Mann blieb
unwillkrlich vor dem jungen Menschen stehen, dessen Kleidung,
obgleich nicht allzuwohl erhalten, auf einen Lehrling oder Diener der
Kaufmannsgilde schlieen lie. -- He, junger Mensch! redete der Senator
ihn an: he! warum so mig? Die Sonnenstrahlen machen nicht satt; wohl
aber eine Schssel, die man im Schweie seines Angesichts verdient
hat. Trgheit in der Jugend macht alte Spitalleute. Hat Er hier nichts
weiter zu schaffen, so geh' Er wieder hinter Sein Pult, statt Maulaffen
feil zu haben, und stehle Er Seinem Prinzipal nicht das Brod ab, das Er
it! --

Nicht die Flamme, die der gerechte Tadel auf dem Angesichte des
Gescholtenen entzndet, sondern die Rthe eines unschuldig gekrnkten
Gefhls stieg auf die Stirne des Fremden, der in auslndisch betontem
Deutsch nicht mit der Antwort sumte. -- Seht zuvor, mit wem Ihr
sprecht, Herr! sagte er etwas bitter: Niemand wrde lieber arbeiten,
denn ich, wenn mir nur Jemand Arbeit gbe. -- Kann's hier daran
fehlen? fragte Mssinger verwundert. -- Ich bin ein Fremder. --
Woher? -- Ein Englnder. Mein Name ist James White. Mein Vater
war Baronet und Tory. Sein Schicksal wollte, da sein Wappen, die
blutige Hand von Ulster, sich an ihm erwahre. Fr den Prtendenten
bewaffnete er seine Faust. Georgs Henker schlug sie ihm ab, und
hierauf das Haupt. Vor fnfthalb Jahren floh meine Mutter mit mir nach
Deutschland herber. Seit einem Jahre hat sie hier ihr Grab gefunden.
Sie starb, bevor der Mangel zu uns trat. Ihr Hinscheiden raffte
aber alle Hlfsmittel weg. Die Armuth trieb mich in's Werbhaus; die
Barmherzigkeit eines alten Mannes, der mir wohl will, rettete mich
vom Soldatenstande. Aber noch lebe ich von seinen Wohlthaten, und ich
schme mich dessen. Das ist recht; Wohlthaten erzeigen, ist wacker,
aber edler, sie nicht zu mibrauchen. Versteht Ihr etwas vom Handel,
junger Herr? -- Nein; ich sollte Theologie studiren; verstehe Latein,
Rhetorik, Philosophie, ein bischen Spanisch, und aus dem Grunde meine
Muttersprache. -- So? Verdorbner Theolog also? Doch Protestant, will
ich hoffen? --

Der junge Mann bckte sich schweigend.

Knnt und wollt Ihr Unterricht im Englischen geben? fragte Mssinger
weiter. -- Ich kann's, und schme mich dessen nicht.

Kommt mit. Versuchts mit meiner Tochter. Freie Station, wie meine
Comptoirdiener, die Wohnung ausgenommen, und ein billiges Salr nach
Euern Fhigkeiten verspreche ich Euch. Beliebt's? -- Gern; doch mu
ich's meinem Versorger melden. -- Gut; wer ist der Mann? -- Ein
Doctor der Rechte, heit Leupold, ist von Herkunft ein Fremder, lebt
zu seinem Vergngen seit anderthalb Jahren ungefhr in hiesiger
Stadt, und beschftigt sich ausschlielich mit seinen Studien. -- Ein
Bcherwurm und Rechtsverdreher also? murmelte der Senator zwischen den
Zhnen: Bin nicht neugierig auf die Bekanntschaft. Mgt indessen sein
Gutachten einholen, junger Herr. Er wird wohl nichts dagegen haben,
denn ich bin der Senator Mssinger! --

Der stolze Kaufmann ging von dem unglcklichen jungen Baronet weg, und
verga denselben im Gewhl seiner Geschfte bald darauf. Der finstere
und einsilbige Buchhalter trat ihm in der groen Schreibstube mit einem
Paket Briefe entgegen, die er alsobald, wie gewohnt, erbrach und
durchlas. Er begleitete jedoch diese alltgliche Verrichtung mit so
vielen heftigen Bewegungen und schlecht unterdrckten Zornworten, da
die Comptoirgehlfen aufmerksam wurden, und manchen neugierigen Blick
durch die Gitterrahmen in das Cabinet des Prinzipals sandten. Endlich,
nachdem der ganze Briefpack durchflogen, strmte der Senator wie ein
Pfeil vom Sessel auf, warf Schubladen und Schlsser zu, und tobte durch
die Nebenthr in das Innere des Hauses. Der himmlische Vater erbarme
sich! seufzte Berndt mit andchtigem Blicke und Hndefalten, denn er
gehrte zur philadelphischen Gesellschaft: was wird es heute wieder in
dem Hause geben? -- Der andere Diener, Nothhaft, ein ziemlich lockrer
Geselle, lachte indessen wie ein Schelm vor sich hin, und summte die
Worte eines damals beliebten Liedes:

      Nach dem Brunnen geht der Krug
        Oft genug;
      Und am End' bekmmt er doch
        Welch ein Loch!

St! zischte der Buchhalter, hinter dem Hauptbuche aufstehend, zu dem
Vorlauten hinber, und Berndt stie ihn mit dem Ellenbogen in die
Rippen. Der arge Mensch fuhr aber kichernd, wiewohl noch leiser, fort:

      Christ! sitz steif, denn der Protest
        Setzt Dich fest;
      Und dann heit's mit Schand und Spott
        Bankerott!

Will Er wohl schweigen? schalt der Buchhalter auffahrend: Was
sollen diese Schelmenverse in einer ehrsamen Handelsstube? Pfui des
leichtfertigen Dieners, der seine eigne saubere Firma gern fr eine
schmutzige ausgeben mchte. Noch einen solchen Ausdruck, und Er ist um
Dienst und Lohn, und fr ein schlecht Testimonium will ich dann schon
sorgen. Ueberhaupt mag Er sichs gesagt sein lassen, da ich hinfro
Seinen Lebenswandel, von dem mir zu Ohren gekommen ist, nicht also
dulden werde. Alle Abende spielt und bankettirt Er, und am Sonntag
kmmt Er nicht aus der Kaffeeschenke, der Billardstecken nicht aus
Seiner Hand. Wo das beste Rostocker Bier zu finden ist, das wei
Er auf ein Haar; aber man fragt Ihn vergebens, wie die spanischen
Dublonen stehen. Sein Nebengehlfe ist allzustill; Er ist allzutoll.
Ein Karthuser wird ein schlechter Kaufmann; ein Bruder Lderlich
aber noch ein schlechterer. Gott steh' Ihm im Commerz bei, wenn Er es
einmal zum eignen Herrn bringt. -- Das wird er auch; versetzte Nothhaft
trocken, ohne sich zu erzrnen: Der Kaufmann mu wagen und wetten, und
dazu bin ich gemacht, wie unser Herr, der sich aus der Saffranbude zum
ersten Kaufmann allhier verstiegen hat. Sorgen Sie nicht fr mich, Herr
Buchhalter. Der Herr Senator kennt mich besser, als da er mich um
eines zwecklosen Liedleins willen, oder weil ich den Sonntag Nachmittag
beim Billard zubringe, fortschicken sollte. --

Der Buchhalter schwieg verdrlich; theils weil ihn des Dieners
Verstockung emprte, theils, weil der Senator wieder in sein Cabinet
zurckkam, und ihn eilends zu sich hinein beschied. Hierauf wurde
die Thre geschlossen, die Schieber vor die Gitter gestoen, und
die beiden Comptoristen waren von den Vorgesetzten geschieden, wie
die Lehrlinge, die im Vorzimmer schafften und bosselten, von ihnen
selbst geschieden waren. -- Sie sitzen im geheimen Rath! flsterte
Nothhaft seinem Nachbar zu: Der Perckennarr, der Buchhalter, mag aber
schwatzen und difteln, wie er will. Unsere Contanti stehen schlecht,
abscheulich schlecht. Ich habe schon neulich einmal einen Blick in des
Herrn Correspondenzlade geworfen, die zufllig offen stand...... -- O
pfui! Du neugieriger Saaldiener! fiel Berndt ein. Nothhaft sprach aber
wie oben weiter: Du Hans! Was kann ich denn fr mein scharfes Auge?
Genug; wir sollen zahlen und zahlen, und wollen und wollen nicht; weil
wir nicht knnen. Unsere Aktien in Indien stehen schlecht. Mit der
vermaledeiten Bodmerei haben wir, wie es scheint, unsinnig viel Geld
verschleudert und verloren. Assekuranten unserer eigenen Schiffe sind
bankerott geworden; viel Unglck auf einmal! und dann das Leben in
diesem Hause! ein wahres Heidideldum! -- Ja wohl, bekrftigte Berndt
seufzend, ein heidnisches Scandalum. Herz, was begehrst du? Keine
Wirthschaft, keine Gottesfurcht! Wir mssen nach dem Gemse gleich vom
Tische aufstehen, und Braten, Gnselebern und indianische Vogelnester
kommen hinterdrein. Also, lieber Freund und Kollege! wir beginnen zu
wanken? Danke fr gegebenes Aviso. Ich will gleich auf anderweitige
Versorgung denken. -- Unter der Hand, Bester, setzte Nothhaft bei:
nicht vor der Zeit gebrochen. Hbsch alles abgewartet; fr einen
klugen Diener gibt's in Bankerottchen gute Ernten. -- Der Eintritt
des Unheils mge noch ferne bleiben, bis mir eine andere Schwelle
gesegnet ist! betete Berndt mit zerknirschter Miene: das Schlampampen
ohne Condition ist mir und dem lieben Gott zuwider, und kostet nur
Geld, statt einzubringen. -- Betbruder und Scharrer! schalt
Nothhaft. Jammre nicht. Der Geist Gottes wird ja nicht ermangeln, dir
Alles im Voraus zu entdecken. Ich bin zwar nur ein Weltkind, habe keine
Anwartschaft auf das tausendjhrige Reich, aber im Herzen bin ich froh,
wenn die Umstnde mich zwingen, ein Haus zu verlassen, in dem mich nur
der gute Lohn zurck hlt. 'S ist eine Galeere, dies Comtoir. -- Bete
und arbeite! sagt die heilige Schrift, sprach Berndt hierauf demthig,
ich wei mich einer Zeit zu erinnern, in welcher dir gar wohl in
dieser Schreibstube war, und noch wohler an dem Tische des Prinzipals.
Du hattest damals noch groe Dinge im Kopfe, und scheutest dich nicht,
deine sndhaften Augen auf die Jungfer zu werfen. Aber seit sie dir
den Spa verdorben, ... -- Pfui, Berndt, mich daran zu erinnern,
entgegnete Nothhaft: die hochmthige Person! wie sie sich spreizte in
ihrem Stolz! Und mein Vater ist doch eben so gut in seinem Stdtchen
ein Rathsherr, als der Ihrige hier! und mein Vater hat vielleicht mehr
Geld, als ihr Vater besa, da er noch die Rosinen Pfundweis, und das
Bauml pr. Knnchen verkaufte. Ich htte sie geheirathet. Parbleu! Das
htte ich gethan; aber sie trug die Nase verzweifelt hoch! Stand ich
in der Kirche und stierte hinauf zum Betstbchen, so zog sie gewi das
Fenster vor, oder versteckte sich hinter's Gesangbuch. Zweimal pate
ich's ab, und prsentirte ihr, an Kirchendieners Statt, den Predigttext
und die Nummer des Lieds. Immer erhielt ich ein frostiges: Inkommodir'
Er sich nicht, Mosje! zum Dank. So schlag der Donner hinein!

Berndt hielt bei der Verwnschung beide Ohren zu. Nothhaft fuhr indessen
schadenfroh fort: Na, Gott gesegn' ihr die baldige Abkhlung! Hochmuth
kommt vor dem Fall. Prosit, Justinchen. Die Puppe hat dem Papa und der
Mama gesagt: mein Gesicht sei ihr fatal, und darum mute ich am Tische
den Platz verndern, damit sie sich nicht an meinem vis  vis den
Appetit verderbe. Geliebt es Gott, wollen wir bald den Spie umkehren.
Wo sie weint, will ich lachen!

Berndt stie ihn abermals in die Seite, denn Senator und Buchhalter
kamen aus dem Kabinet, mit entschlossenen Gesichtern, und ein Lehrling
wurde gleich hinweg gesandt, Eilpferde fr den Geschftsfhrer zu
bestellen; Eilpferde nach Amsterdam. Der Prinzipal hndigte dem
dienstfertigen und erprobten Diener noch ein wohlverschlossenes
Portefeuille ein, nahm von ihm Abschied, und ging, da die Mittagsglocke
im Hause lutete, mit seinem Comptoristen zu Tische.

Die gewhnlichen Brgergerichte waren verzehrt, die Diener durch einen
Wink von der bisher schweigsamen Tafel entlassen und eine kostbare
Gallertschssel aus welcher der Duft des Zimmts, und herrlichen
Bordeauxweins stieg, wurde, nebst den Platten des Nachtisches,
aufgesetzt. Die Frau Senatorin wendete sich leckerhaft vergngt zu der
reizenden Speise; Justine schnitzte kichernd ein Eichhrnchen aus einem
Mandelkerne; der Hausherr sah trb vor sich hin, klopfte mit dem Messer
an die silbernen Gefe und brach endlich das Stillschweigen mit einer
Einleitung, auf die er lange studirt haben mochte.

Was meint Ihr wohl, begann er mit erzwungenem Scherze, -- was meint
Ihr, wenn auf einmal all' dieses Silber und Porzellan zur Decke
hinausflge, und eitel irdene Teller auf dem Tische zurckblieben mit
nothdrftiger Kost?

Die Senatorin zuckte verchtlich die Achseln ob dem milungenen Spae.
Justine rief lachend: 's wre ein hbscher Herrenstreich. Papa wrde
alsdann tief in den Geldkasten greifen mssen, um dem Schaden
abzuhelfen.

Und wenn nun auch diese Geldkiste leer geworden wre? fragte Mssinger
weiter.

Narrethei! versetzte die Frau, ruhig essend: was sollen diese
Fragen?

Euch vorbereiten auf eine unangenehme Mglichkeit; brach Mssinger
los: Es steht noch auf der Schwebe, ob wir reiche Leute bleiben, oder
Bettler werden sollen.

Ist denn heute der erste April, fragte die Frau, da der Herr Senator
uns mit hnlichen Kindereien behelligt? -- Justine merkte aber, in des
Vaters Augen sehend, den Ernst, wie die Ungeduld, die in ihm arbeitete.

Er fuhr heftiger fort: Deine Frage ist Kinderei, Jacobine. Ein Kaufmann
scherzt nicht dergestalt mit seiner Bilanz. Wahr ist's. Mir droht
Unglck. Eng mit mir verbundene Huser sind gebrochen, Kaper haben meine
Schiffe genommen, der letzte Sturm, von dem die Berichte meldeten, hat
Kauffahrer vernichtet, auf welche ich bedeutende Kapitalien = grosse
Aventure= herlieh. Der Ultimo bringt eine Fracht von schweren
hollndischen Wechseln. Ich bin zu Grunde gerichtet, wenn es meinem
Buchhalter nicht gelingt, meinen Hauptcreditor in Amsterdam zu
besnftigen und zur Prolongation zu bewegen.

Armer Vater! versetzte Justine mitleidig. Die Mutter zog jedoch die
Stirne in Falten. Unbesonnener Vater! predigte sie: Ruber an Weib
und Kind! Mut du dein Hab und Gut auf die Spitze stellen, und an ein
paar elende Schiffe hngen? Pfui, du bist ein Verschwender, den man in's
Irrenhaus stecken sollte, wenn nur damit gedient wre. Doch ist dein
Vergehen gewi nur ein schlechter Scherz, sonst wollte ich anders mit
dir reden. Sprchst du wahr, so mte mein Vermgen heraus bei Heller
und Pfennig, samt Zinsen und Zubehr. Ich wrde mich nicht hinsetzen,
dir zu Liebe, und Grtze speisen, wie eine Taglhnersfrau. Ich bin ein
gutes Leben gewhnt, und htte hundert Mnner haben knnen, die reicher
und schner waren, als du. Darum fordere ich auch, da du mich haltest,
wie bisher, oder das Eingebrachte herausgibst; sonst mte ich klagen.

Des Senators Gesicht berlief Leichenblsse, und er bckte sich
scheinbar nach der entfallenen Serviette, um seine Verlegenheit und
seinen Grimm zu verbergen. Dann sagte er gezwungen gleichgltig: Recht,
Jacobine. Deine Liebe ist mir wieder recht klar geworden. Leider kann
sie sich nicht so triftig vor dem Gerichte ausweisen, indem wirklich
mein Vorgeben nur Scherz war, um deine Gesinnung auf den denkbaren Fall
hin, zu prfen.

Schme dich, eiferte, nun erst zornroth werdend, die Senatorin: Ich
dachte es gleich. Mir den Appetit in dem Grade zu verderben! Mir also
die Galle zu reizen! Ich bin ohnehin die unglcklichste Frau in der
ganzen Welt, wenn ich nicht meine Seelenruhe und Bequemlichkeit habe!
Gottvergessener, frevelhafter Mann! Justine, den Extract!

Justine, bereits angewiesen, wie bei hnlichen Gelegenheiten zu
verfahren, stand schon mit der strkenden Essenz vor der Mutter. Der
Senator fuhr heftig vom Stuhle auf, summte das Marlborough-Lied durch
die Zhne, und zog die Halsbinde weiter. Mit einem Male erblickte er,
seitwrts unter der Thre, den jungen Mann, den er am Morgen zum
Sprachlehrer angeworben. Der Eintretende war ein erwnschter Ableiter
und Besnftiger. Der Senator liebte es durchaus nicht, vor einem Andern,
als den Hausgenossen, seinen Jhzorn zu zeigen, und hielt pltzlich an
sich. Sieh da, mein junger Freund! redete er den Jngling an, Ihr
kommt gerade recht. Wie es scheint, hat Euer Pflegvater eingewilligt?

Er erlaubte mir, in dem ungewohnten Dienste mich zu versuchen;
antwortete James bescheiden und ruhig. Die Senatorin hatte bei seinem
Eintritt die begonnene Ohnmacht vergessen. Nicht minder neugierig und
berrascht sah Justine nach dem jungen, fremden Manne, der in seiner
einfachen, fast drftigen Kleidung, furchtloser vor ihrem Vater stand,
als sie es bisher an irgend einem Aermern und Jngern wahrgenommen.

Ein junger Englnder, sagte Mssinger, ihn den Frauen vorstellend,
der Justinen in seiner Sprache unterrichten soll. Ich empfehle der
Jungfer Flei, und dem Lehrer den besten Eifer. Geht hin, junger Herr,
und empfehlt Euch der Frau Senatorin und Eurer Schlerin. Dann mgt Ihr
gleich den Unterricht beginnen, und zeigen, was Ihr wit und knnt.

James ging frei und ungezwungen auf die Mutter zu, fate, indem er sich
verneigte, ihre beiden Hnde, und schttelte sie, nherte sich dann
Justinen, that dasselbe, und wollte ihr zierlich die Wange kssen.
Errthend und heftig bog sich das Mdchen zurck, und stie ihn von
sich. Die Mutter rmpfte die Nase, der Vater lchelte. Ei, sprach er,
junger Herr, wir sind hier zu Lande nicht in Eurer Heimath, wo solcher
Brauch blich ist. Hier kt man den Frauen die Hand und den Jungfrauen
die Fingerspitze.

Mit einiger Verlegenheit sich entschuldigend, aber mit vielem Anstande,
that nun James, was ihm geheien war, und vershnte somit die Mutter;
Justine jedoch nur halb, die in dem ungewhnten Wesen des neuen Lehrers
etwas fand, das ihr mifiel, von dem sie sich indessen keine klare
Rechenschaft geben konnte. Mit bel verhehltem Widerwillen fhrte sie
den Jngling an ihren Arbeitstisch, zeigte ihm die Bcher, die bisher
ihr Leitfaden gewesen waren, und berichtete von ihren bisherigen
schwachen Fortschritten. James meinte, nach flchtiger Einsicht und
flchtigem Hren, die Jungfer sei bei Weitem nicht so mehr im Wissen
zurck, als sie wohl meine; desto mehr hingegen im guten
Willen. -- Justinens Gesicht verfinsterte sich wieder merklich, und
schweigend setzte sie sich, als der Vater den Befehl wiederholt hatte,
den Unterricht alsobald anzufangen. Auf die Stuhllehne seiner Frau
gelehnt, folgte nun der Senator dem Beginnen des jungen Englnders, und
sah bald, da derselbe seiner Sache vollkommen gewi sei. Zugleich
gefiel ihm die zutrauliche, freundliche Weise, mit welcher er der
stummen Schlerin die Vorzge der Sprache auseinander setzte; er hoffte
von dieser, aus dem Alltagsgeleise weichenden Art, den besten Erfolg,
und entfernte sich endlich unter aufmunterndem Lobe. Die Lehrstunde ging
fort unter der Aufsicht der Mutter, die aber bald, der Gewohnheit
nachgehend, dem Schlummer in die Arme sank.

Justine hatte, wenig auf die Reden ihres Lehrers horchend, mit
unverwandtem Auge die Mutter beobachtet, und wie es schien, den Moment
der Siesta erwartet, denn im Augenblicke, als Jacobinens Augen zufielen,
nahm sie dem in seinem Vortrag versunkenen James das Buch aus der Hand,
klappte es schnell zu, und sagte, kurz abfertigend: Lassen wir's jetzt
gut sein, Monsieur. Ich habe keine Lust, und damit genug. Weil mein
Vater es will, und Euch vielleicht an einem Verdienste in unserem Hause
etwas gelegen sein mchte, will ich wohl mich anstellen, als sei mir die
Sache Ernst. Spart Euch jedoch alle ernstliche Mhe, denn ich kann Eure
Sprache nicht leiden, folglich nicht sprechen. Adieu bis Morgen,
Monsieur.

James sah die gar offenherzige Schlerin berrascht an, bi sich
gekrnkt in die Lippen, und erwiderte: Wahrlich, Mademoiselle, aus
Ihrem Munde htte ich ein lieblicheres Wort erwartet. Mein Vater war ein
Edelmann, und hat mir den Grundsatz eingeprgt, nirgends lstig zu sein,
wo ich nicht ntzen kann. Ich werde gehen; erlauben Sie jedoch, da ich
das Erwachen Ihrer Mutter abwarte, um mich in der Form von ihr zu
beurlauben. Bis dahin dulden Sie meine Gegenwart.

Ich wollte Euch nicht beleidigen, mein Herr, antwortete hierauf
Justine etwas beschmt: Vergebt, wenn ich die Worte vielleicht schlecht
gewhlt. Ich bin oft vorlaut mit Reden, die mich nachher reuen. Eure
Person wre mir nicht so unangenehm, aber Eure Sprache pfeift und zischt
so viel, sie ist so rauh, da...

Wundern mu ich mich, fiel James schnell vershnt ein, da Ihr Herr
Vater, Ihnen und Ihrem Wunsche gegenber, mit Gewalt auf dieser Sprache
besteht. Unlust lernt und frdert nicht, aber die Zeit ist verloren.

Hm! lchelte Justine, die Augen auf das Schreibbuch geheftet: ich
soll nach New-York verheirathet werden, und der Vater glaubt...

Nach New-York in Nordamerika? fragte James staunend. Justine nickte
schweigend, und machte Buchstaben auf das vor ihr liegende Blatt.

Nach New-York? wiederholte James, und schlug mit verschrnkten Armen
die Blicke zur Decke auf: So weit vom Vaterhause? Da mssen Sie
freilich englisch lernen.

Nicht doch, versetzte Justine lchelnd, aber bestimmt: mein
zuknftiger Mann mag deutsch lernen, und die Freunde meinethalben
franzsisch, um sich mit mir zu unterhalten. Das Englisch fr die
Domestiken lernt sich dort an Ort und Stelle.

Sie irren sich im ersten Punkte, behauptete James: man wrde es zu
New-York fr eine Schande halten, eine andere Sprache in Gesellschaft zu
reden, als die englische Colonisten-Muttersprache. Im Innern finden Sie
wohl noch das hollndische Idiom, aber...

Sieh' doch, unterbrach ihn Justine, durch den Widerspruch gereizt:
Ihr redet ja so entschieden, als ob Ihr mit eigenen Ohren gehrt
httet, was Ihr behauptet.

Das hab' ich auch; bekrftigte James mit aufgeheiterten Zgen: den
grten Theil der Knabenzeit verlebte ich auf Amerika's Continente, zu
New York, mitunter auch weiter im Lande.

Wie? fragte Justine, pltzlich zutraulicher und milder: ach, erzhlt
mir doch von dieser meiner zweiten Heimath. Man hat mir schon so viel
Schnes davon vorgesagt, da ich begierig bin. Wir wollen fein zusammen
rcken, und recht leise sprechen, und recht leise horchen, da die
Mutter nicht so frh erwache. Seht, ich bin ganz Ohr.

Sie hatte sich bei diesen Worten mit beiden Armen auf den Rand des
Tisches gelehnt, und sah mit gespannter Aufmerksamkeit und so
vorwitzigen Augen dem Lehrer in's Gesicht, da er seine Blicke auf die
Manschetten seiner Hnde richten mute, um nur den Faden des Gesprchs
festhalten zu knnen.

Mein Vater, hob er auf wiederholte Aufforderung an, hatte zur Zeit
ein Commando in der Citadelle zu New-York; mein Onkel einen entlegenen
Wachtposten gegen das Gebiet der Indianerstmme zu. Gelegenheit gab es
fr mich, den achtjhrigen Knaben, genug, somit das Leben in der
amerikanischen Stadt wie auf dem Lande kennen zu lernen. Innerhalb der
erstern fand ich wenig Freude. Das Sein darinnen war steif und
einfrmig, keine Heiterkeit, aber viel Frmmelei und militrischer
Druck. Am Werkeltage schafft die sich selbst bertreibende Mhe, denn
_reich_ zu werden ist das Ziel, wonach Alle streben. Dazwischen tnt die
Trommel und das Commandowort der Besatzung. Am Sonntage ist der Sabbath
strenger geheiligt, als in England selbst. Die Lust hllt sich in Sack
und Asche, und einfrmige Glockenschlge langweilen den Stdter, bis er,
von der Last des Feiertags ermdet, das Bette sucht.

O weh! seufzte Justine, das ist ein traurig Bild. Da lebt sich's ja
in unserer dunkeln Stadt noch besser und schner. Doch macht das
Landleben vielleicht wieder Alles gut, und Herr Birsher wird mir wohl
den Gefallen erzeigen, es der Stadt vorzuziehen.

Wenn ich vom freien Lande Amerika's reden soll, erwiderte James, so
bemeistert sich meiner eine heilige Wehmuth, denn mir gefiel es sehr,
obgleich eine frohe Jungfrau, wie Sie, nicht leicht dieses Gefallen
theilen mchte. Um New-York, in billiger Nhe, finden Sie kein stdtisch
Landhaus: kmmerliche, flache Grten nur, ohne Schatten, ohne Obdach,
denn die Soldatenherrschaft duldet im Umkreise von Stadt und Citadelle
nicht Busch, nicht Haus. Setzt man jedoch ber's Wasser, und dringt in's
Innere vor, so geht fr ein muthig Herz und ein khnes Auge die Wonne
an. Der angebauten Fluren sind nur wenige, von sklavisch pflgenden
Colonisten besorgt, allein ringsum dehnen sich Forste, in deren Saum
sich nur bis jetzt die Axt verirrte, Urwlder mit himmelhohen Bumen und
zahlreichem Wilde. Welch' ein herrlich Schauspiel, auf solcher
Waldstrae hinzureiten, unterm dichten Laubdach, durch welches nie der
Sonne Strahlen dringen! Welch' ewiges Schweigen weit umher! so geeignet,
das Gemth zu erheben! Stundenlang bin ich oft im Grase gelegen, und
habe auf das Hacken des Hehers, auf das Fuchsgebell gehorcht; lauschend
unter den tausendjhrigen Sulen der Natur. Doch frdert man endlich
gern den Weg, weil die Dmmerung naht, das wilde Gethier in seinen
Lagern aufsteht, und vielleicht der Weg noch lange sich streckt, bis zu
dem einsamen Blockhause, in dem der mde Wanderer das Nachtlager finden
soll. Man erreicht des Waldes Ende, und sieh, ein neues Schauspiel
fesselt den entzckten Blick. Einer der Riesenstrme, die Amerika
durchschneiden, hemmt den Weg. Das Auge trgt kaum bis an das jenseitige
Ufer, und stolz schaukeln sich die Wogen des gewaltigen Flusses dahin.
Da zeigt sich ein schwarzer Punkt in dem Geschume der Wellen.

Die Reisenden verdoppeln den Ruf H-o! denn der schwarze Fleck ist die
Fhre, die wild und gebieterisch durch die Strmung dringt, und uns ber
das rothe Gold, das die Abendsonne auf den Wasserrcken legt, zum
ersehnten Gestade schafft. Nun geht's ber Haide und feuchten Grund
hinweg, dem Walde zu, der blau und ungewi aus der Ferne sieht. Rechts
starren Felsen, und aus ihren Schluchten donnern die Giebche und
Wasserflle der Wildni meilenweit zu uns herber. Links dehnt sich die
Flche, schlecht bebaut, aber ppig wuchernd mit dem, was die Natur auf
sie gepflanzt, an mastigen Futterkrutern und prachtvollem Unkraut.
Schaaren von kreischenden Vgeln schwirren ber die Ebene, den Felsen
zu, denn die sinkende Sonne scheucht ein Gewitter auf, das eilig
daherkmmt, eiliger, als jener nackte, rothhutige Indianer, der, von
seinem Hunde begleitet, Flinte und Tasche auf der Schulter, gestreckten
Laufs von der Jagd zurckkehrt, und von den Gestirnen, wie von den
Felsenspitzen den Weg zu seines Stammes Wohnplatz erfragt. Mit der
Schnelligkeit des Rosses jagt der Sohn der Wildni durch den weiten
Raum, einem Nebelbilde gleich das auf Sumpf und Moor zur Nachtzeit der
Luftzug hin und her treibt. Ihn kmmert keine Strae, kein Pfad, keine
Brcke, keine Fhre, denn die Welt ist sein Haus, der Himmel sein Zelt,
und frische Sinne stellt er als Wacht und Lufer aus. Gerade aus geht
er, wie das flchtige Wild, das er verfolgt. Nicht um den Hgel herum,
ber ihn hinweg eilt sein Fu. Er ruft nicht den Kahn oder den Flo;
schnell wie ein Fisch schiet er durch Strom und Gewsser. Wir haben ihn
aus den Augen verloren, ehe fnf Minuten vergehen. Er sieht uns jedoch
durch Dmmerung und Gewitterduft noch auf eine halbe Stunde weit, und
lacht der unbehlflichen Eile, mit welcher wir dem Walde zulaufen, um
uns vor dem Regen zu schtzen, der in groen Tropfen fllt; vor dem
Orkan, der mchtig daher braust. Nun ist der Forst nicht mehr
schweigend; nun redet er mit Millionen Zungen, und dieses Rauschen,
dieses Wehen, das Krachen und Fallen der Aeste und Kronen macht den
Menschen stumm. Bren und Wlfe fliehen ber den Weg, ganze Strecken
lang neben dem Reisenden her, und an Zwietracht und Kampf denkt im
Sturme keiner von Beiden. Der Donner, der Blitzstrahl machen nun die
schnen Schrecknisse voll, die uns erschttern und erheben, aber diese
Himmelslampen leuchten auch zur Htte, die uns gastlich aufnimmt, und
auf deren Mooslager wir in behaglicher Ruhe das Hochgewitter
verschlummern.

James endete hier, Athem schpfend, die pittoreske Schilderung eines
Ganges durch Haide und Forst der neuen Welt, zu welcher ihn die
zauberische Macht wohlthuender Erinnerung wider Willen hingerissen
hatte, und erhob beinahe schchtern den Blick zu Justinen, in deren
Antlitz er Unzufriedenheit mit seinem langen und abschweifenden
Berichte zu entdecken frchtete. Wie freudig berrascht war er jedoch,
in Justinen's glnzenden Augen die aufmerksamste Theilnahme leuchten zu
sehen. -- Das Mdchen nickte ihm beifllig zu, legte zutraulich ihre
Hand auf die seinige, und sagte:

Ei, wie gut erzhlt Ihr doch, mein guter Herr! Ich habe just _gesehen_,
was Ihr beschrieben habt. Doch hab' ich auch an dem _Gemlde_ genug. Die
Herrlichkeiten, deren Schnheit ich wohl _ahne_, sind im Grunde doch
nicht fr ein schwaches Weib, das im bequemen Stbchen oder auf dem
hbsch geordneten Landgut wohl dann und wann gern hren oder lesen mag,
wie es in der Wildni aussieht, ohne darum die Lust zu verspren, selbst
sie zu beschauen. Diese Wlder .... diese Haiden und Strme .... und
vollends diese einsamen Blockhuser, Tagereisen weit von jeder
Nachbarschaft entfernt....! mich schaudert!

Gerade in diesen Htten ist patriarchalische Glckseligkeit zu Hause,
erinnerte James mit Wrme, noch entsinne ich mich der Einwohner von
einigen solchen Wohnungen. Glckliche Familien, zufrieden in ihrer
Abgeschiedenheit, im Kreise ihres stillen Eigenthums. Das innigste Band
verknpft hier die Gatten, die Kinder, die Enkel: das Band der Liebe;
und Liebe fordert ja nur den kleinsten Raum; ein Winkelchen nur, in dem
die glcklichen Leute so viel Platz finden, sich in die Arme zu nehmen
und zu sagen: ich bin dir gut, auf ewig, bis zum Tode gut! --

So sehr auch die vorige Rede des Lehrers Justine in Anspruch genommen
hatte, so wenig schien das Mdchen Geschmack an der folgenden zu finden.
Verwundert hatte sie den jungen Mann betrachtet, -- bengstigt fast die
Gelegenheit gesucht, seine Worte zu unterbrechen, und endlich ungeduldig
das schwere Wrterbuch vom Tisch gestoen, da ob dem Gerusche die Frau
Senatorin erschreckt aus dem Schlummer fuhr.

Die Lehrstunde ist zu Ende, bester Monsieur; sagte Justine mit steifer
Verbeugung zu James. Verget jedoch nicht, da ich Euch morgen
Vormittag ganz bestimmt erwarte. Ich habe pltzlich viele Lust bekommen,
Eure Sprache zu erlernen, und hoffe, da Euer Beistand mir von vielem
Nutzen sein werde.

James, obgleich nicht wissend, ob er seinen Ohren, nach allem dem, was
vorgegangen war, zu trauen habe, versprach feierlichst, wiederzukehren,
kte der Senatorin mit aller Frmlichkeit die fleischige Hand, bckte
sich still vor der gleichgltig nickenden Justine, und empfahl sich, wie
ein Mann von Bildung und Welt.

Warum blieb er nicht zum Abendbrod? war des Vaters erste Frage, als er
zu den Frauen heraufkam: ich habe ihm freie Kost versprochen, damit er
sich hufig einfinde, und Justine durch die Conversation die
Fortschritte mache, die ihr Flei nicht erringt. Ich htte gern heut mit
dem Menschen geplaudert, denn auf dem Collegio schwatzen sie auch nur
von Briefen, Procenten, Sicht und Manco, und mir brummt vor Arbeiten der
Kopf. Mit dem pietistischen Berndt ist nichts anzufangen, und Nothhaft
jubilirt gewi wieder in der Schenke. Die Frau Senatorin erwartet ihre
Basen, Justinchen treibt Kindereien, oder liest in Arminius und
Thusnelda. Mit dem Englnder htte ich ein vernnftig Wort reden
knnen.

O, ich bitte dich, erwiderte die Frau, indem sie vornehm vom Stuhle
aufrauschte: binde den fremden Menschen nicht so sehr an's Haus. Die
Unschicklichkeit von heute werde ich ihm nie vergessen. Es taugt nicht,
wenn man einen Adelichen in eine Brgerfamilie verpflanzt. Solch
hungriges Geziefer ohne Geld und Mittel bewahrt doch immer sein
Vornehmthun und seinen Stolz, dem Alles zu schlecht ist, was ihn
umgibt.

Du vergissest, Frau, antwortete der Senator, da du selbst in diesem
Augenblicke den unertrglichsten Hochmuth auskramst. Ich kann das an
einem Weibe vollends nicht leiden, weil nur der Mann ihm die Wrde und
den Rang im Staate verleiht. Schweig darum!

Wenn's mir beliebt, setzte die Senatorin phlegmatisch bei: Deine
Matrosen- und Lasttrger-Weisheit beleidigt mich nicht, und ich gebe
darum meinen Stolz nicht auf. Mir gehrt er, einem hergelaufenen
Burschen gegenber, der kein Verdienst hat, als da sein Vater Baronet
war, und ein gehenkter, frchte ich obendrein, weil du vom Prtendenten
ein Wort fallen lieest. Wer an meinem Tische it, und von meinem Gelde
lebt, ist _unter_ mir, und damit gut.

Der Senator fhlte seine Geduld zu Ende gehen, und entfernte sich
schnell, die Thre hinter sich zuwerfend. --

Der Mann ereifert sich um des Kaisers Bart, sagte die Mutter spttisch
und eiskalt, indem sie die Seidenzupfkstchen, mit welchen sie sich in
der Abendgesellschaft zu beschftigen pflegte, hervorholte: es verlohnt
sich auch der Mhe, fr einen Menschen Parthie zu nehmen, den ich morgen
aus dem Hause jage, wenn mir's beifllt.

Ich will nur von _ihm_ englisch lernen! erwiderte kurz und herrisch
Justine, und drehte sich auf dem Absatze gegen das Fenster um.

Oho, mein Pppchen! sagte die Mama lchelnd, und wollte dem Mdchen
scherzend auf die Wangen klopfen. Die Tochter entzog sich ihr jedoch
ziemlich ungestm, und entgegnete scharf und bestimmt: ich will, da
man meinen Lehrer mit Freundlichkeit behandle; sonst werde ich Gleiches
mit Gleichem vergelten. -- Die Mutter wute nun, woran sie war, und
gab, wie schon unzhligemale, um nicht einen guten Alliirten gegen den
kampflustigen Eheherrn zu verlieren, auch diesmal nach; ging, ohne die
eigensinnige Tochter zu schelten, in ihr Krnzchen, und lie dem jungen
James in ihrem Hause freien Pa. Sie begngte sich, ihm ihre Abneigung
dadurch zu beweisen, da sie ihm kein Wort gnnte; nicht bei Tische,
nicht whrend der Lehrstunden, die sie sorgsam bewachte. Am Vormittage
lernte Justine fleiig, und schien die eifrigste Schlerin. In den
Nachmittagsstunden jedoch wurde der Schlummer der Mutter bentzt.
Justine gab das Signal zum Schweigen, und alsdann das des Erzhlens,
und Nordamerika war einige Tage hindurch die Axe, um die sich James
Berichte und Erklrungen drehen muten. Endlich sagte einst Justine, da
der Englnder wieder von dem beliebten Thema anheben wollte: Stille;
genug! ich kenne das dortige Leben, wie meinen Arbeitssack, und mu
gestehen, es gefllt mir nicht. Herr Birsher wird sich entschlieen
mssen, sich mit mir in einem andern Lande anzusiedeln, wo es
lebendigere, frhlichere Leute gibt, und einen mildern Himmelsstrich,
und viele Freude, und viel Gesang. Wenn ich aus Klte, Reif und Nebel
im Winter nicht scheiden soll, bleibe ich lieber in der Heimath, und
zur traurigen Hausunke will ich mich in meiner Jugend nicht machen
lassen. Wit Ihr, guter Herr, was ich will und verlange? Ein Dasein
voll Vergngen. Ich bin ja reich, des Vaters und der Mutter einzige
Erbin, und Herr Birsher ist, wie es heit, ein kleiner Knig an
Ueberflu. Warum soll ich mich nicht der Welt freuen, weil ich Alles
dazu besitze? Ferner will ich einen ewig heitern Himmel ber mir, blau
und sonnefunkelnd; Myrthen, Lorbeer und Rosen auf meinen Wegen....;
ach! wenn ich Euch beschreiben knnte, wie mir manchmal im Traum das
Land erscheint, in dem ich leben mchte...!

Die Myrthe winkt Ihnen schon, antwortete James mit leichtem Seufzer:
das Land, von dem Sie sprachen und trumten, _ist_ auch wirklich.
Ziehen Sie sdwrts in dem schnen jungen Welttheil Amerika, so
finden Sie es. Die Mittagslnder bieten die ppigste Reichthumsflle.
Der Schpfer hat ber sie das Horn des Ueberflusses ausgeschttet.
Ueber ihren Triften und Hhen hngt der ewig leuchtende Himmel; in
ihren Fluren wchst die ungeheure Palme neben dem Heer von duftenden
Krutern, die in der Luft auf Meilen in die Runde Wohlgeruch
verbreiten. Der Mensch _kmpft_ dort nicht dem Boden sein Leben
ab; spielend gewinnt er ein frhliches Dasein. In jenen lustigen
Wldern tummelt sich der bunten Vgel glnzendes Gefieder; stattliche
Heerden, und der krftigen Wildrosse flchtige Geschwader beleben die
Landschaft, die an jedem Morgen in neuem tausendfltigen Reiz aufgeht,
und in der dunkelsten Nacht nichts von ihrem Reiz verliert. Dort bewegt
sich ein leidenschaftlich lebendiges Volk. Die Cymbeln rufen zum Tanz;
die duftenden Bsche, vom Glhwurm erleuchtet, hallen den Jubel wieder,
und die Githarre murmelt wie eine liebe Geisterstimme unter dem Fenster
der angebeteten Dame.

Das klingt ja schn! flsterte Justine froh bewegt: O sagt, gehrt
das schne Land auch Euerm Knige?

_Mein_ Knig, versetzte schmerzhaft der Jngling, besitzt kein Land,
als seine himmlische Heimath, die ihm kein Usurpator rauben kann. Der
Krone England gehren jedoch jene Lnder auch nicht. Dort herrscht
Spanien und der Pabst.

Gott steh' uns bei! rief unwillkrlich Justine aus. Da sie jedoch
bemerkte, da James sie fragend ansah, fhlte sie Beschmung, und
setzte bei: Bin ich nicht ein nrrisches Kind, und werdet Ihr mich
nicht auslachen, da ich vor dem Pabst erschrecke? --

Ich wei ja, entgegnete James ruhig, da in England, so wie hie
und da auf deutschem Boden die Amme schon dem Sugling den Namen des
Pabstthums neben der Verdammni nennt. Mich wundert das eingesogene
Vorurtheil nicht, ob es mich gleich schmerzt, es in einer Seele, so
schner Anlagen und Keime voll, wie die Ihrige, zu entdecken. Lassen
Sie unserm Parlamente seine Barbarei gegen Irland, dem fanatischen
Calvin seine Scheiterhaufen: dem Weibe sei Duldung ein bekannter,
wohlaufgenommener Gast.

Das Mdchen sah den Lehrer mit groen Augen an; uerte jedoch alsdann:
Wahr, mein Herr; sehr wahr. Ohnehin kann ich nur urtheilen, wie der
Blinde von der Farbe. Ich habe noch nie einen Katholiken gekannt, noch
nie den rmischen Gottesdienst gesehen.

Dann sahen Sie das Schnste nicht, was jemals der menschliche Geist
ersann, seine Anbetung des Allerhchsten glnzend und wrdig an den Tag
zu legen, rief James, wie begeistert: das geheimnivollste, und doch
zu den Sinnen ernst und schmeichelnd sprechende Schauspiel! O! wer
rhmte sich wohl, je gewut zu haben, was Gebet ist, der nicht dem
rmischen Cultus einmal beigewohnt? Diesem erhabenen Opfer, das ein so
heiliges Band um alle Gemther webt! Das ist der Tempeldienst fr
fhlende Menschen, fr Seelen, die sich begeistert an die Flgel der
Gottheit hngen wollen; der Dienst, den der heitere Sden gebar, und das
Land, in dem der Herr sichtbar wandelte. In unserm traurigen Norden, wo
das Herz kalt und unfruchtbar ist, wie der harte Boden, wo der
Alltagsverstand grbelt, statt zu _glauben_, ist Alles anders, und in
der eisigen Form versteinert endlich auch der Geist.

Ich wundre mich, da ein englischer Protestant der feindlichen Kirche
so glnzend Gerechtigkeit wiederfahren lassen mag, versetzte Justine,
als James schwieg: _Unsre_ Prediger schildern sie ganz anders. Indessen
ist etwas Wahres an Euern Empfindungen und Meinungen. Das fhle ich
wohl. Aufrichtig gesagt: die Percke unsers Pfarrers hat mir nie besser,
nie schlechter gefallen als seine Predigt, und die schnarrenden und
schluchzenden Stimmen meiner Kirchennachbarinnen machen allezeit das
Lied zu einem possierlichen, nicht ehrwrdigen Ohrenschmaus. Wir haben
indessen schon allzulang von Babylon gesprochen, mein guter Monsieur,
und die Mutter nimmt sich eben vor, zu erwachen.

Die Unterredung, die einen so wunderlichen Umschwung genommen hatte,
fand ihr Ende, aber in Justinens Ohren setzte sie sich leise fort, und
das Mdchen konnte sich nicht erwehren, dann und wann Betrachtungen
ber den Gegenstand anzustellen. Wohl hatte sie hin und wieder von den
geweihten Flammen, den prchtigen Gewndern einer Messe gehrt; von der
herrlichen Musik, den duftenden Weihrauchwolken, den Blumengefen und
heitern Panieren; ... allein, theils war immer in ihrem Kreise nur
mibilligend und verdammend von diesen Dingen die Rede gewesen, theils
waren diese angedeuteten Bilder zu verworren, um sich in _einem_ Rahmen
vor der Seele zusammenfgen zu knnen. Durch James feurige Rede waren
die seltsamen Vorstellungen wieder erwacht. Hielt sie mit ihnen die
finstre Johanniskirche zusammen, mit dem schmucklosen Altar, der
einfachen gothischen Kanzel, und dem zufllig eintnigen nselnden
Vortrag des Predigers, so muten Letztere verlieren. Ihr lebhaftes,
frhliches Gemth haschte nach dem frhlichern Eindruck, und, sann sie
oberflchlich ber den Kern der unfreundlichen Schaale nach, so waren
eben jene geschmacklosen Kanzelreden, und das geistlose Plappergebet,
das ihre Mutter alle Abende ableierte, nicht geeignet, sie in dem
unbedingten Vertrauen zu _ihrer_ Lehre zu strken.

In dem Geschftslokale des Hauses ging indessen alles einen gedrngten,
unheimlichen, leisen Gang. Von Mcklern und Unterkufern wurde es nicht
leer. Aufgebrachte, drohende Glubiger und Brgen gingen oft aus dem
Hause; lauernde Juden, Leute die sonst nimmer in des Senators
Schreibstube gesehen worden, gingen hufig hinein, und einer gab dem
Andern die Thre in die Hand. Waarenvorrthe wurden schnell
losgeschlagen, um Spottpreise weggegeben; kleinere Schuldposten an des
Senators Firma mit Hrte und Ungebhr von Nothhaft eingetrieben.
Drftige Geldlasten kamen ein, schwerere Ladungen gingen hinaus. Der
Neid hatte auf den _glcklichen_ Mssinger ein offnes Auge gehabt. Der
Unglckliche wurde von tausend Augen belauert. Ein dumpfes Gercht kam
auf der Brse aus: der Senator stehe schlecht, sein Haus wrde fallen.
Viele Geschftsfreunde zogen sich pltzlich aus allen Verhltnissen mit
ihm; Andere, die nicht so schnell sich losmachen konnten, fhrten
drohende Reden in der Blume; die wenigsten warnten den Senator; keiner
bot ihm die Freundeshand. Mssinger hatte Mhe und Plage, unter diesen
beunruhigenden Vorzeichen sein unbefangenes Gesicht zu bewahren, und das
vornehme Uebersehen, das er sich angewhnt hatte. Indessen wnschte sein
Herz ungeduldig den Buchhalter herbei, und _viele_ Augen warteten auf
dessen Rckkehr. Es hie, von Amsterdam aus werde die Entwicklung
kommen; ob nun der erfrischende Ostwind, oder der niederwerfende Sturm.

Endlich kam in der Nacht der Buchhalter wieder an; mit Eilpferden, wie
er verreis't war. Der Senator wurde geweckt, und stieg zu dem Harrenden
in das Cabinet hinunter. Bei stiller Lampe und fest verriegelter Thre
wurde die Unterhandlung gepflogen, bis das Morgenroth zu den Oeffnungen
der Fensterladen hereinsah, und die Gassen belebt wurden. Da trat der
Senator allein aus seinem Hause, und schlug den Weg zum Kaufhause ein.
Sein Anzug war in einer Unordnung, wie er ihn noch nie auf der Strae
gezeigt hatte; unverndert so, wie er ihn um die Mitternachtsstunde
umgeworfen hatte; die Schuhe niedergetreten, die Strmpfe hngend, die
Halsbinde locker, und das Haar zerrttet. Doch war sein Schritt so
hastig, da er wie im Fluge an den Leuten vorbeischo, die mit
Lebensmitteln zur Stadt kamen. Am Krahnenhause war Alles noch still und
einsam. Einzelne Schiffer lungerten am Gestade, oder wlzten sich auf
dem Verdeck ihrer Fahrzeuge. Der Senator hielt sich nicht bei den
Grenden auf, sondern lief immer stromabwrts, bis er die letzten
Gebude und Schuppen der Quai's und der Stadt hinter sich hatte, und zu
der Kastanienallee gelangte, welche, auf eine Viertelmeile sich
erstreckend, neben dem Flusse hinlief, zum Spaziergange der Stdter
dienend. Steinbnke waren zwischen den Bumen angebracht, und eine mig
hohe Brustwehr von Eisengitter schlo den Platz gegen den Strom zu, der
reiend und tief unter der Balustrade vorber tobte. Dieser Ort war,
der Khlung wegen, im hohen Sommer stark besucht; jedoch meistens nur in
den Abendstunden; denn die Aurora vertrumen die Migen gerne, und
ihren Genu im Freien verschmhen die Arbeitsamen. So kam es denn, da
auch am heutigen Tage nur ein einziger Mann auf der Promenade sa, halb
von einem mchtigen Stamme verdeckt, dessen Farbe von dem grauen
Oberrocke des Mannes wenig abstach. Eine Druckschrift lag auf den Knieen
des Einsamen, allein die Aufmerksamkeit, die er auf dieselbe verwendete,
hinderte ihn nicht, den Senator zu gewahren, der herbeieilte, ohne etwas
vor sich zu sehen, als das Ziel seiner Wnsche; der, einige Schritte von
dem Lesenden entfernt, schnell wie der Blitz den Stock wegwarf, mit
_einem_ Satze auf dem Gelnder sa, und sich im folgenden Moment in den
Flu gestrzt haben wrde, htte ihn nicht der herzugekommene krftig
bei den Schultern gefat, und ihn zurckgezogen.

Der Versuch eines feigen Selbstmords duldet keine Zeugen. Der Mann der,
einem groen Zwecke zu gengen, das Leben wegwirft, wird in seiner
Begeisterung den Arm zurckstoen, der ihn hindern will. Der Schwrmer,
der Wahnsinnige, der gegen sich den Dolch zuckt, wird auf kurze Zeit die
Raserei eines Thieres gegen Denjenigen wenden, der ihm die Waffe
entreit; der Schwchling aber, oder der Mensch, der einem falschen
Ehrgefhl, seinem Hochmuth, sich zum Opfer schlachten will, verliert
alle Herzhaftigkeit, sieht er sich ertappt; denn er ging auf einen
Frevel aus. Ohnmchtig lt er den Vorsatz fahren, und die bitterste
Beschmung vergilt den kurzen Rausch eines erzwungenen Heroismus.

Der Senator lag mit geschlossenen Augen und hochathmender Brust in den
Armen des unbekannten Helfers, und lie sich von ihm, ohne das mindeste
Widerstreben zu uern, nach der nchsten Bank geleiten. Hier hielt er
sich an den Baum, und schlug beide Hnde vor's Gesicht. Nach einem
kurzen Stillschweigen sagte der Andre mit sanfter und wohlklingender
Stimme: Sie wollten ein voreilig Werk thun, lieber Mann, aber Gott hat
Anderes mit Ihnen im Sinne. Beruhigen Sie sich daher; vergessen Sie, da
der Teufel Sie in Versuchung fhrte, und gehen Sie wieder muthvoll an
die Geschfte, die Ihnen obliegen.

Der Senator zuckte zusammen, schlug die Augen wild auf, und erwiderte
dem Manne, in dessen ernstem Gesichte ein erfreuliches Mitgefhl zu
lesen war, mit gepreter Stimme: Warum haben Sie mich zurckgehalten,
Herr? Jetzt wre Alles vorbei, und meine Ehre nicht doppelt verloren,
wie es geschehen wird, wenn man in der Stadt erfhrt, was ich versucht
habe.

Bekmmert Sie das allein? fragte der Nachbar trstend: Beruhigen Sie
sich, wiederhole ich Ihnen. Ich bin ein verschwiegener Mann,
verpflichtet zur Bewahrung der Geheimnisse, die man mir anvertraut, und
werde niemals Ihren Frieden oder den Ihrer Familie durch eine
Unbescheidenheit stren.

Der Senator sah sich scheu um. Wahr ist's; sagte er hierauf: Wir
sind die einzigen Anwesenden an diesem Orte. Wenn Sie daher schweigen
wollten... Kennen Sie mich?

Ich knnte es verneinen, um Sie zu tuschen; erwiderte der Andere:
allein ich hasse den unschuldigsten Winkelzug. Sie sind mir bekannt,
Herr Senator; aber wie gesagt, schon mein Stand schtzt Sie vor einer
mglichen Indiskretion.

Darf ich fragen...? sagte Mssinger, ihm gespannt in's Auge
blickend. --

Ich nenne mich Leupold, bin Doctor beider Rechte, und habe seit manchen
Jahren als Sachwalter bei verschiedenen Gerichten fungirt. Ich verstehe
mich auf's Schweigen; um so mehr, als es hier den Ruf eines Mannes gilt,
dessen Haus mein guter Pflegesohn zu besuchen berufen worden ist.

Ich entsinne mich, entgegnete der Senator, nicht unangenehm
berrascht, den neuen Bekannten durch ein gewisses Band des Vertrauens
an sich gefesselt zu sehen: Wren andre Umstnde vorhanden, ich wrde
mich Ihrer Bekanntschaft freuen, Herr Doctor. Vergeben Sie mir daher,
wenn ich nicht bin, wie ich sein sollte.

Solche Revolutionen gehen nicht leicht ab. Gehen sie nach Hause, Herr
Senator. Ein niederschlagendes Pulver und Ruhe werden Ihre Besonnenheit
am Besten wieder herstellen.

Nach Hause? Wo denken Sie hin? Nach Hause, wo ich der Schande entgegen
sehe? Sie haben mich verhindert, im Flusse mein Ende zu suchen. Lassen
Sie mich wenigstens so weit fliehen, als mich meine Fe tragen. Ich bin
ein zu Grunde gerichteter Mann. Ich kann den Spott der Feinde und die
Vorwrfe der Meinen nicht ertragen. Ich will fort, ber See!

Er stand rasch auf, um in dem verstrten Zustande, worinnen er sich
befand, in die Welt zu laufen. Der Doctor hielt ihn zurck. -- Bedenken
Sie, was sie thun! sagte er: Ich kenne nicht Ihr Leid, nicht Ihre
Verhltnisse. Aber die Lage Ihrer Angehrigen wird zehnfach schlimmer,
wenn Sie diesen Schritt thun, und Ihnen folgt die Schande zehnfach. Ich
habe viel erfahren in der Welt. Das Schicksal hat uns auf eine so seltne
Weise zusammengefhrt, da ich mir fast die Freiheit nehmen mchte, mir
ein Recht auf Ihr Vertrauen anzumaen. Daher...

Ist es denn der Mhe werth, Ihnen ein Geheimni aus dem zu machen, was
binnen drei Tagen die ganze Stadt wissen wird, wissen mu? Herr! mein
Geschft bricht ein. Der Ultimo kommt heran, ich kann nicht zahlen. Ein
unbarmherziger Glubiger, der jede Verlngerung ausschlug, kommt
bermorgen selbst hier an, um mich zu verderben. Kaum vermochte mein
Agent mir davon frher Kunde zu bringen. Ich kann ihn nicht befriedigen,
nicht den sechsten Theil seiner Wechselforderung schaffen. Alle Quellen
sind erschpft; meine Bcher weisen eine geldleere Wste auf. Der Senat
stt den Bankerutier aus, und meine Familie in's Elend. Da, da wissen
sie Alles, was ein Kaufmann sonst nur im letzten Augenblick gesteht.
Ermessen Sie meine Lage, und posaunen Sie dieselbe aus, oder schweigen
Sie. Mir ist Alles gleichviel. Lassen Sie mich aber fort. --

Wollen Sie in's Verderben rennen, und auf Glck, auf Gott, und
Ihre eigne Mnnlichkeit nicht vertrauen -- gehen Sie hin! sprach
mit abstoendem Tone der Doctor, und wendete sich mimuthig von dem
Verzagenden. -- Dieser kurze Bescheid brachte indessen den Senator
wieder zu sich. Wir sind hufig in milichen Lagen, wie die Kinder,
klagen und jammern immer mehr, je grre Mitklage wir erwecken, und
schweigen pltzlich gefat, wenn unser Zeter keinen Eindruck mehr
macht. Der Senator sah sich betroffen nach seinem neuen Freunde um.
Sein Fu wurzelte. Er legte seine Hand auf des grauen Mannes Schulter,
und fragte nach geraumen Schweigen: Was sagten Sie da? Wem soll ich
vertrauen? Gott? Guter Herr, ich bin kein Pietist, und nicht von
heute. Lassen wir das. Dem Glck? Ich habe mich lange dabei wohl
befunden, allein, wenn _eine_ Sttze bricht, halten auch die andern
nicht lange mehr. Meiner Mnnlichkeit? Wie meinen Sie das?

Der Wille des Menschen vermag viel, antwortete der Doctor: In ihm
liegt der Beistand des Hchsten; er regiert das Glck; glauben Sie mir
das. Das Leben ist nun einmal ein Kampf, diese Welt der Fechtplatz.
Wer sich am rstigsten durchschlgt, gelangt sicher zum Ziel.
Uebelverstandenes Ehrgefhl, -- schlecht ausgelegte Moral sogar, kann
den besten Kmpfer entwaffnen, und zum Spott seiner Gegner machen. Man
behaupte die Bahn, in welche man geworfen ist, und trume sich nicht
in eine andere. Man zittre nicht vor der Gefahr, man trete ihr auf den
Nacken.

Ich verstehe Sie nicht, uerte der Senator, und lie sich horchend
neben den Doctor nieder: ich bin fnfzig Jahre alt geworden, und wenn
ich gleich schon Aehnliches, wie Sie mir da predigen, _gefhlt_ habe,
_gesagt_ hat mir es noch Niemand.

Sie haben nur die Handelswelt kennen gelernt, versetzte achselzuckend
der Doctor: Ein Beispiel wird Sie jedoch berzeugen. Sehen Sie hier
einen Traktat ber die Seeschlacht bei la Hogue, wo Admiral Russel die
franzsische Flotte vernichtet hat. Diese Schlacht war eine der
auerordentlichsten Begebenheiten der Zeit, und herbeigefhrt und
gewonnen unter den widerstrebendsten Conjunkturen. Nicht Wind, nicht
Wetter, nicht das eiserne Joch der Verantwortlichkeit achtend, wurde
geschlagen, wurde gesiegt. Aus dem gefrchteten Verderben trat glnzend
die Victorie hervor. So viel vermag der Wille und die dadurch aufgeregte
Kraft des Menschen. Und, -- merken Sie sich das genau: im brgerlichen
Leben, wie im Schlachtandrang gilt der Satz: Hilf dir selbst, und Gott
ist mit dir. Stoe _den_ vom Brett, der dich hinunterstoen will, oder
schweige und ergieb dich verzagt in das verdiente Geschick. -- Ich
staune ber Ihre Reden, gelehrter Herr, sagte der Senator, obschon
aufgerichteter als zuvor: wie aber soll ich sie in =praxi= anwenden?
Dunkel bleiben mir Ihre Worte, oder machen mich zittern, sollte ich Sie
verstehen. -- Der Doctor lchelte.

Trumen Sie ja nicht von Gespenstern, erwiderte er halb im Scherze:
ich schreibe nur sanfte Mittel vor. Sie fhren ja nicht das Bajonnet,
nicht den Commandostab. Nur so viel in Kurzem: Geben Sie nicht feig
Alles verloren. Von Stunde zu Stunde wechselt das Glck seine Huser,
und schttet vielleicht in der nchsten den goldenen Regen durch Ihren
Schornstein. Verlarven Sie nicht. Spricht das Unglck von Ihrer Stirne,
so finden Sie keinen Freund mehr, whrend der Schein der Zuversicht
Ihnen vielleicht in der letzten Minute den thtigsten wirbt. Waffnen Sie
sich wider den Gegner, der sich naht; nicht mit Messer und trotziger
Schmhung, sondern mit dem glatten, berredenden Worte, und der
vielversprechenden Stirne. Freundlichkeit bezwingt den festesten
Vorsatz. Jeder Mensch hat den verwundbaren Fleck. Jeder Mensch ist
eitel. Suchen Sie die Ferse des Achilles. Schmeicheln Sie seiner
Eitelkeit. Der gnstige Augenblick einmal bentzt, und die Wechsel
werden prolongirt, die Frist ist gewonnen, mit ihr die Hoffnung, und in
der Hoffnung liegen ja alle unsere Reiche. Was mglich ist, kann auch
wahr werden, und das Migeschick macht immer wieder der Fortuna Platz.
Hren Sie nie auf, auf sich zu zhlen, und auf meine Verschwiegenheit.

Mit einer anstndigen Verbeugung verlie der Doctor den Handelsherrn,
und wandelte nach der Stadt zurck. Mssinger sah ihm verwundert nach,
und dann in sein eignes Innres. Mittel und Wege fand er freilich
darinnen nicht vor, aber ein besserer Muth belebte seinen Geist, und
sein Plan, sich aus der Welt zu schaffen, kam ihm bald wie ein Traum,
bald lcherlich vor. Der prachtvolle Morgen trug das Seinige dazu bei,
den aufgeregten zu beruhigen. Die erste Folge dieser eintretenden Ruhe
war die Sorgfalt, die der Senator darauf verwendete, seinen Anzug
wieder bildlicher und anstndiger herzustellen. Alsdann stand er auf,
blickte zum Himmel auf, und murmelte: Wohlan! den Versuch ist ja wohl
die Lehre werth, und im schlimmsten Falle ndert ja der Strom binnen
drei Tagen nicht sein Bett! -- Somit drckte er den Hut in die Augen,
wanderte gravittisch zur Stadt zurck, und seiner gleichgltigen
Miene htte Niemand angesehen, wie es vor einer halben Stunde um ihn
gestanden.

Mein Guter, sprach er nach einiger Ueberlegung in seinem Cabinette zu
dem Buchhalter: Es liegt mir daran, da Ihr Euch von dem Amsterdamer
nicht in meinem Hause finden lasset. Es dient mir zu besserem Stand und
Hinterhalt, wenn ich sagen kann, da Ihr, auf andern Geschftstouren
begriffen, noch nicht zu mir heimkehrtet, mir seine Antwort noch nicht
hinterbrachtet. Ihr habt mir nur in einem Briefe gemeldet, da _er_
selbst kommen wrde, sich mit mir in Richtigkeit zu setzen; nichts
weiter, versteht Ihr mich? Ich gewinne durch diese Unwissenheit
Aufschub, und whrend dessen geht eine neue Quelle auf. -- Das gebe
Gott! seufzte der treue Buchhalter: wo befiehlt aber mein
hochzuverehrender Herr Prinzipal, da ich mich hinbegebe? -- Ihr mgt
nach Steinstadt reisen, erwiderte der Senator, und bei Gericht den
Zwangproze gegen unsern saumseligen Schuldner, den Apotheker, eifrig
betreiben und anhngig machen. In einigen Tagen ist das Geschft
beendigt, zu dem ich einen Diener abfertigen wrde, wenn nicht die
Umstnde wren, wie sie sind. Damit jedoch Eure Abfertigung ein gewisses
Aufsehen mache, mgt Ihr hier noch zu verbreiten suchen, da Ihr in
meinem Namen auf die Steinkohlengruben bieten sollt, die der Graf zu
Steinstadt versteigern lt.

In Gottes Namen! lie sich der Buchhalter vernehmen, und ging, sich
fertig zu machen. Der Senator stieg indessen hinauf zu seinen
Frauensleuten, und kndigte ihnen an, der Herr van den Hcken von
Amsterdam werde binnen wenigen Tagen eintreffen, und eingeladen werden,
in dem Hause seines Geschftsfreundes sein Quartier zu nehmen. Deshalb
msse das beste Gastzimmer in Stand gesetzt, und in Kche und Keller
alles auf den Fu hergerichtet werden, einen so ehrenwerthen Besuch nach
Gebhr zu empfangen und zu vergngen. Die Senatorin murrte und maulte
viel ber die ungelegene Strung des Hauswesens, gab dann, da sie nichts
an dem Befehl zu ndern vermochte, in aller Gleichgltigkeit Justinen
die Schlssel zu Haus und Hof und lie die flinke, bereitwillige Tochter
fr Alles sorgen. Sie selbst sah, nach wie vor, ganze Stunden lang
durch's Fenster, schlief, betete ihre Psalmen gedankenlos, und hatte am
Abend, in trger Ruhe unter den Freundinnen sitzend, viel von der Mhe
und Plackerei einer weitlufigen Wirthschaft und unbequemer Gste zu
erzhlen. Die Spiel- und Klatschschwestern sumten nicht, das Erfahrene
und Gehrte in der ganzen Stadt zu verbreiten. Durch Lehrlinge und
Diener und Mkler ging von der andern Seite das Gercht von jener
Steinkohlenspekulation um, und der Senator hatte die Freude, auf der
Brse wieder freundliche Gesichter zu sehen, und das Wiederaufkommen
seines Credits zu bemerken. Van den Hcken wird bei ihm wohnen!
flsterten sich Hndler und Sensale zu; er erwartet ihn also mit gutem
Gewissen! Auf die Steinkohlengruben des Grafen lt er bieten? Sie
mssen baar bezahlt werden, weil die Excellenz das Geld fr Spa braucht.
Er florirt also wieder, der Herr Mssinger! Und: Ein wackrer Mann!
ein braver Mann! scholl es nun wieder weit und breit, gerade aus dem
Munde derjenigen, die ihn schon am meisten geschmht hatten. Die
ruhigern, solidern Kaufleute zuckten indessen die Achseln, schttelten
die Kpfe, murmelten von Dunst und tauben Nssen und erwarteten die
Zukunft. Aengstlicher und sehnschtiger als sie Alle, erwartete der
Senator die Tage der Entscheidung, und es wurde ihm schwl zu Sinne,
denn schon waren fast zweimal 24 Stunden seit der Unterredung mit dem
Doktor verflossen, und noch hatte sich, auer dem Dunst nichts gendert
in seinen Verhltnissen. Wo er ging und stand, dachte er an
unausbleiblichen Bankerott, und zugleich an die Worte des Doktors, die
wie Metallklnge an sein Ohr schlugen: Hilf dir selbst, und Gott ist
mit dir. Stoe _den_ vom Brett, der dich hinabstoen will! Kann ich
denn diese harten Reden nicht los werden? fragte er sich oft, wild an
seine Stirne schlagend, und verschlo sich dann wieder auf
Viertelstunden in den stillsten Winkel seines Hauses.

Unterdessen machte Justine die fleiige Wirthin, und ordnete und putzte
in den Gastzimmern, da es eine Freude war. James, der vergebens zur
Stunde kam, und den die Mutter schnde abgefertigt hatte, sah im
Vorbergehen die Thre der Gaststube zufllig offen, blickte hinein und
grte Justine, die auf einem Tische stand, und sich umsonst bemhte,
die schwere Stange des Vorhangs auf die Hacken ber dem Fenster zu
bringen. Ihr Gesichtchen war feuerroth vor Zorn, und mit weinerlicher
Stimme rief sie dem Englnder zu: So kommt doch herein, Monsieur! seit
zehn Minuten rufe ich mir die Kehle rauh, nach den einfltigen dummen
Mgden, die mich hier allein gelassen haben. Noch eine Minute, und ich
htte die schwere Fahne da, wie sie ist, auf das Getfel geworfen, und
wenn Spiegel und Marmortisch, und Alles dabei zu Grunde gegangen wre.
Helft mir!

Mit Vergngen! betheuerte James, legte den Hut ab, und bereitete
sich, auf den Tisch zu steigen. Justine stampfte ungeduldig mit den
Fchen. Mein Gott, wie frmlich! rief sie, legt doch um Gottes
Willen Euer englisches Phlegma ab. Ein Anderer wre mit _einem_
Sprunge schon bei mir gewesen! -- Ein wenig Geduld! ermahnte James
das Mdchen, nahm den armen Vorhang aus dessen Hand und in einem
Augenblicke sa er, wo er sollte. Besonnen kommt man nicht minder
schnell zum Ziele, sprach James weiter, und reichte Justinen die
Hnde, sie vom Tische zu heben. Sie bedachte sich eine Weile, wollte
ihr bses Gesicht beibehalten, das schelmische Lcheln drang aber durch
das Gewitter, und wie ein Zephyr flog sie an des Jnglings Armen zur
Erde. Ihr seid ein possirlicher Mensch! sagte sie, ihm neckend in
die Augen sehend: so oft ich Euch die Wahrheit sage, spielt Ihr den
Gekrnkten, und gebt eine Sentenz zum Besten. Gewhnt Euch das ab,
Monsieur. Ihr seid ja kein Kandidat, der blde thun mu, um's liebe
Brod. Was ein vorwitziges Mdchen sagt, mu den Vernnftigen nicht
kmmern.

Menschen, die mir gleichgltig sind, kmmern mich auch nicht,
antwortete James, der noch nicht alle Bitterkeit besiegen konnte.
Justine blickte ihn rasch und gleich wie strafend an, verzog dann
frhlich lchelnd den Mund, und drehte sich, schnell wie der Wind, im
Kreise um.

Seht aber doch, wie schn ich Alles hier eingerichtet habe! rief sie,
sich dreimal gegen den Spiegel verbeugend, und lustig in die Hnde
klatschend: Ich wette darauf, die Knigin Ulricke hat keine schnere
Wohnung. --

Die Freude, die Sie an Ihrem eigenen Werke haben, entgegnete James
scherzend, brchte mich beinahe auf die Vermuthung, diese Zimmer seien
fr Ihren Verlobten eingerichtet.

Ach Gott, nein! versetzte Justine, indem Sie die Hnde in spahafter
Klage zusammenschlug; Herr Birsher wohnt leider nicht an der Ecke, um
so geschwinde seinen Besuch abstatten zu knnen. Vor der Hand wird nur
ein alter steifer Hollnder, der Herr van den Hcken hier sein Quartier
nehmen. Der beste Freund meines Vaters: sie haben sich aber in ihrem
Leben noch nicht gesehen. Der liebenswrdigste Mann: wir wissen aber
noch nicht das Geringste davon. Seht Euch das Zimmer noch einmal recht
an, und lobt meinen Geschmack. In _diesem_ Zustande seht Ihr es nicht
mehr wieder!

Wie so?

Herr van den Hcken wird schon alle meine Bemhungen zu Schanden
machen. Diese weien Vorhnge wird der Rauch seiner Pfeife schwrzen,
all' diese Ordnung seine plumpe Hand zerstren. Ach, die Mnner sind ja
nur dazu vorhanden, der Weiber zierliche Schpfung zu verunglimpfen.

Wie kommen _Sie_ jetzt zu der Sentenz?

Das Medaillon an jenem Vorhang, den Ihr, Monsieur befestigt habt,
bringt mich zu der Beschwerde. Es steht schief und baufllig. Schade
dennoch um das arme Bild.

Warum befehlen Sie nicht? fragte James lebhaft, sprang abermals auf
den Tisch, und richtete das vergoldete Prunkstck nach der Regel auf.
Justine verneigte sich steif. Monsieur! sagte sie, ich bin mit Euch
zufrieden. Wie kmmt's, da Ihr jetzt lebendiger werdet?

Ich _strebe_ nach Ihrer Zufriedenheit, Mademoiselle, entgegnete James
verbindlich. -- Das gefllt mir, sprach Justine ernsthaft wie eine
Knigin. Ihr mget aber wissen, da ich nicht gengsam in meinen
Forderungen bin.

Und doch wrde ich eine _jede_ erfllen! versicherte James nicht
minder ernsthaft. Jede? fragte Justine noch ernsthafter: Besinnt
Euch, Monsieur. Ich lasse nicht mit mir scherzen.

Auch scherze ich nicht, schlo James fest und bestimmt.

So wolltet Ihr also auch, wenn ich es verlange, den einfltigen
Lauscher ber die Treppe werfen, der schon seit einer Minute den Kopf in
die Thre steckt, und nicht ahnt, da ich im Spiegel seine Ohren sehe?

James sah sich verwundert um, und gewahrte Nothhafts Kopf, ein albernes
ertapptes Fuchsgesicht, aus dessen Munde stammelnd die Worte kamen: Mit
Permi, hochgeehrte Jungfer! Ich suche nur Ihren Herrn Vater!

Mit Permi, antwortete Justine verchtlich: Er ist ein erbrmlicher
Pinsel, dem mein Herr Vater fr seine Horcherei den Kopf zurecht setzen
soll. Fhr' Er sich ab, und such' Er anderswo.

Nothhaft verschwand mit leisen Verwnschungen. Justine lachte herzlich,
theils ber den Diener, theils ber James, der, wie aus einem Himmel
gefallen, vor ihr stand.

Sagen Sie, wunderliche Fee! sprach er: Wie soll ich Sie nennen? Sie
wechseln die Farbe wie ein Demant. Schon glaubte ich auserkohren zu
sein, Ihnen einen wichtigen Dienst leisten, Ihren Beifall erwerben zu
knnen, und pltzlich lst sich Alles in einen Scherz auf.

Gesteht es nur, Monsieur! erwiderte hierauf Justine: Ihr seid eitel.
Ich bin es aber nicht weniger. Ihr knntet ein Franzose sein. Mein Ernst
ist jedoch nicht _immer_ Scherz.

Die Gutmthigkeit, die sich in Justinens Rede kund gab, machte dem
Jngling Muth, nach ihrer Deutung zu fragen, allein Mssinger's
Dazwischenkunft setzte seiner Neugier unbersteigliche Schranken.

Der Senator trat heftig ein, und rief mit auffallender Sorglichkeit:
Ist alles fertig, Justine? Alles hergerichtet und geordnet? Auf die
Bejahung fuhr er fort, ohne auf James zu achten: Brav, schn, meine
Tochter. Zur besten Zeit, mein Kind. Er ist angekommen. Van den Hcken
ist da. Der Kellerbursche aus dem rmischen Kaiser hat mir's so eben
gesteckt. Allein gekommen, ohne Bedienung. Man kann den Mann nicht im
Gasthause lassen. Ich gehe selbst zu ihm. Sage mir, bin ich angezogen,
wie sich's gebhrt? Fllt die Percke gut? Sitzen die Strmpfe und
Kniebnder? Hngt der Degen recht, wie er soll? Wie findest du den
Busenstreif?

Schn und wohlanstndig wie alles Uebrige, lieber Vater, antwortete
Justine, ein feines Lcheln kaum bemeisternd: Sie sind jedoch in einer
Unruhe befangen, die mir auffllt. Sie haben ja nicht vor den Kaiser zu
treten, sondern vor einen Kaufmann, der nicht mehr, nicht weniger ist,
als Sie selbst, und obendrein Ihr Handelsfreund!

Ach ja! versetzte der Senator mit ngstlichem Athemzuge: ach ja! das
ist er, aber die Schicklichkeit, die Mores, ... und dann meine Pflicht,
... und worauf es ankmmt! Liebe Justine, erhebe deine Seele zum Gebet!
... Deine Mutter ist Eis, ... du aber mein Kind halte den Daumen fr
mich! hrst du? bringe mir Glck! freilich darfst du nicht wissen, ...
aber ... wie gesagt ... Adieu!

Schon war er jenseits der Schwelle. Die Herzensangst, die unverkennbar
aus ihm sprach, machte Justine sehr nachdenklich. Sie sttzte sich auf
den Tisch, und blickte sinnend auf die Strae. Nach einigen Augenblicken
des Nachdenkens drehte sie sich kopfschttelnd um, um zu gehen.

Wie? Ihr seid noch da, Monsieur White? fragte sie, wie erstaunt den
jungen Mann zu sehen, der sie mit verschrnkten Armen und theilnehmend
betrachtete. Knnt Ihr mir nicht sagen, was der Auftritt so eben
bedeutete? setzte sie gezwungen lchelnd hinzu.

Die Mchte, die uns leiten, warnen oft den Glcklichen, da er sich auf
Unheil gefat mache, entgegnete schonend und vorbereitend der Jngling.
So? fragte Justine wieder mit durchdringendem Blicke: Euch steht's
jedoch schlecht an, den Unglckspropheten allein hier spielen zu wollen.
Was berechtigt euch dazu? gewi nur meine Nachsicht, die Euch zu solcher
mibrauchten Vertraulichkeit den Muth giebt. -- Auer der Lehrstunde bin
ich nicht fr Euch zu Hause.

James Gefhl wallte ber. Nach Befehl, entgegnete er kaum hrbar,
htte ich geahnt, da Sie auf Ihre Frage nur ein stummes Achselzucken
wnschen, und nicht ein freundlich offen Wort, so htte ich mir die
Beleidigung, Ihnen die Reue erspart.

Er entfernte sich schnell. Schon war Justine im Begriff, bereits von dem
innern Vorwurfe geqult, ihn zurckzurufen; schon hob sich ihr Fu, ihm
nachzueilen, aber Stimme und Bewegung bezwang sie im stolzen
Selbstgefhle. Ein unertrglicher Mensch! eiferte sie vor sich hin:
Was er sich erlaubt! Ist das nicht der Ton, den ein Vater gegen seine
Tochter annimmt? Gelte ich ihm denn nicht fr _voll_? Bin ich denn ein
Kind, das sich Alles gefallen lassen mu? Ein schneller Blick in den
Spiegel belehrte sie zur Genge, da sie kein Kind mehr war, sondern
eine Jungfrau in der schnsten Blthe des Alters. Wohlgefllig ordnete
sie die Spitzen, die ihren Busen zart und schwach verhllten, die
Schrpe um das enge pralle Mieder, die Falte ihres seidenen Gewandes,
und ging einigemal vor dem Spiegel auf und ab. Wahrlich! sprach sie
alsdann mit verklrtem Angesichte: Herr Birsher wird nicht die
hlichste Braut aus Europa entfhren. Wenn er nur auch recht hbsch
ist, und wohlgewachsen, und prchtig und sauber im Aeuern! Wie werden
sich die Jungfern rgern und die Frauen, wenn ich in aller Herrlichkeit
mit ihm abziehe! Wie werde ich dagegen jubeln, wenn ich aus diesem Hause
scheide, wo mich die Mutter nicht liebt, nicht hat und nur fr ihre
Kammerjungfer ansieht, wo der Vater von Tag zu Tag wunderlicher wird.
Wahrhaftig, noch einmal ein Auftritt wie der vorige, und mir wrde bange
um seinen Verstand!

So eben lieen sich Stimmen in der Hausflur vernehmen, und gewichtige
Schritte kamen ber die Treppe herauf. Erschreckt flog Justine aus dem
Zimmer, und bewillkommte sehr verlegen einen sehr dicken schweren Mann,
der an der Hand des Senators, in Reisekleider gehllt, emporkeuchte. Ein
Lasttrger folgte mit einem gewichtigen Koffer auf der Schulter. Das
ganze Comptoirpersonale lauschte unten mit vorgestreckten Hlsen.

Der sehr achtbare Herr und Freund van den Hcken aus Amsterdam, sprach
der Vater geschftig zu Justine, und zupfte sie, einen sehr tiefen Knix
zu machen. Der Hollnder versuchte seinerseits eine Verbeugung, sah
Justine starr aber freundlich an, blinzelte mit den kleinen Augen. Ein
hbsches Kind, die Jungfer Tochter, sagte er noch halb athemlos: ein
recht hbsches Kind, eine lockende Eva! es ist charmant, Ew. Edeln, da
ich dem rmischen Kaiser Valet gesagt habe, um hier in die Arme einer
griechischen Helena zu sinken.

Ei, der Himmel bewahre mich in Gnaden! platzte Justine heraus, und
floh vor den ausgestreckten Armen des Fremdlings nach der Mutter Zimmer.
Van den Hcken lachte ungemessen, und wehrte dem Senator ab, der
Justinen nacheilen wollte.

Lassen Ew. Edeln das wilde Jngferlein immerhin springen und laufen,
sagte er fortlachend, der Wein mu brausen, das Bier schumen. Am Ende
gibt es noch den solidesten Trank. Ich bin der Jungfer schon recht
zugethan, und denke, _sie_ soll mir es auch werden. Alte Hagestolze wie
ich, haben das Geheimni endlich weg, wie man das Frauenzimmer kirre
macht. Fr's Erste jedoch, setzte er hinzu, weisen Sie mir mein Zimmer
an, und entschuldigen Sie mich bei Ihrer lieben Frau. Zum Thee komme ich
herber. Meine mden Beine mssen bis dahin ausrasten.

Der Senator stie dienstfertig die Thre auf, und van den Hcken
betrachtete mit Wohlgefallen sein Quartier. Ew. Edeln haben mich wie
einen Cogreambassadeur logirt, schmunzelte er, Item, unsere
persnliche Bekanntschaft hebt vollkommen gut an; wnsche nur, da auch
in =saeteris= alles gut ablaufe, mein bester Herr.

Der Senator wollte den Augenblick benutzen. Er stellte sich daher vor
den im Lehnstuhle ruhenden Gast, und begann zu erzhlen von dem
Buchhalter, der nicht zugegen, von dessen oberflchlichem Brief, von der
Freude, die er empfinde, den Handelsfreund zu bewirthen, von den bsen
Zeiten und den Wagnissen eines Spekulanten, und besonders von der
Nothwendigkeit, sich als Christen gegenseitig zu untersttzen, und zu
schonen. Als er jedoch bis zu diesem Punkte gekommen war, faltete der
Gast seine Stirne mchtig, bewegte mibilligend den Kopf, und entgegnete
ziemlich unfreundlich: Geschtzter Herr Senator! Dergleichen
Betrachtungen schicken sich wenig in der ersten Bewillkommnungsstunde.
Was jedoch die Spekulanten betrifft, und die christliche Moral, so
sollen Erstere nicht weiter fliegen wollen, als die Federn reichen, und
Letztere nicht begehren, da Einer, um dem Andern durch die Finger zu
sehen, sich selber ruinire. Sie werden mich begreifen, obgleich ich
nicht das beste Deutsch rede. Im Hollndischen knnte ich mich freilich
besser ausdrcken. Uebrigens lassen wir dergleichen Errterungen auf
morgen. Meine Maxime ist: zuerst ruhen, dann arbeiten. Morgen nach dem
Frhstck von Geschften. Meine Wechsel sind in aller Ordnung. Halten
Sie nur das Ihrige in Bereitschaft.

Der Senator war wie von kaltem Wasser bergossen. -- Ew. Edeln
vergessen, stotterte er, da meines Buchhalters Abwesenheit......

Doch keinen Aufschub macht? unterbrach ihn van den Hcken, herzlich
lachend. Warum nicht gar! Ein exakter Kaufmann, wie Sie, wei die
Zahltermine auch ohne den Buchfhrer. Respekttage habe ich in Hlle und
Flle gelassen, und aufhalten kann ich mich nicht lnger als zwei Tage.
Also haben Ew. Edeln die Gte, sich nicht lnger zu struben. Ich wei
es; groe Summen gehen schwer vom Herzen; mir selbst nicht minder;
allein was sein mu......, nun, Sie sind ja ein Ehrenmann, und somit
heute kein Wort mehr hievon.

Mssinger empfahl sich mit verstecktem Mivergngen, und ging bis zur
Dmmerung heftig auf dem Altan des Hauses hin und her, um sich die
gehrige Fassung zuzuwenden, deren er, seinem Gaste gegenber, bedurfte.
Pltzlich blieb er stehen, und sagte vor sich hin: Bin ich denn nicht
ein bldsinniger Mensch, da ich noch hoffe, und kann diese Hoffnung mit
nichts in der Welt rechtfertigen? Was soll mir eine leere gespenstige
Erwartung? Warum habe ich nicht auf der Stelle dem hartnckigen Manne
gesagt, was er morgen dennoch erfahren mu? da es weit rger mit mir
steht, als selbst mein Buchhalter ihm gesagt, dessen vergebliche
Bemhungen er nur fr die Flausen eines Mannes, der nicht zahlen _will_,
zu halten scheint. Ich mu mich demthigen vor ihm, wie nicht vor einem
Kaiser, und nur von seiner Barmherzigkeit Rettung erwarten! Ein saurer
Schritt, -- der sauerste meines Lebens! ist er aber vergebens, auch mein
Letzter, so wahr mir Gott gndig ist. Vor des Hollnders Augen
zerschmettre ich mir den Kopf!

Von diesem Gedanken erfllt, stieg er hinab in sein Cabinet, lud mit
der Entschlossenheit der abgestumpften Verzweiflung seine groen
Reisepistolen, und legte sie, unfern von seinem Drehstuhle, in ein
verstecktes Fach des Schreibtisches. Hierauf schlo er sorgfltig zu,
gab den Comptoirbedienten fr den _ganzen_ folgenden Tag -- einen
Sonntag -- freien Urlaub, und verfgte sich in die Wohnstube, wo
er seine Frau, ihre Freundinnen, Justine und van den Hcken schon
beisammen fand. Der Thee wurde nach hollndischer Sitte herumgereicht.
Der Gast setzte sein grtes Vergngen darein, sich von der Tochter
bedienen zu lassen, und durch mehrere Scherze, wie sie alte
Herren seines Schlags sich oft zu erlauben pflegen, die Rthe der
Jungfrulichkeit auf ihre Wangen zu jagen.

Das wre ein Mdchen, sagte er unter Andern, das wieder Leben in mein
verdetes Hauswesen bringen knnte, wenn ich einen Sohn htte, oder wenn
die Jungfer mich selbst zum Manne nehmen wollte. Unsre steifen
Amsterdamer Puppen mten sich verstecken vor der muntern Frau van den
Hcken. Wahrhaftig, Ew. Edeln: -- seh' ich die Jungfer an, so wird mir's
wohl begreiflich, wie sie _ihre_ Tochter sein kann; aber die bequeme
Madam dort im Kanape wrde nicht jeder fr _ihre_ Mutter halten.

Hm! dehnte die Senatorin etwas empfindlich, Ew. Edeln und meine
Wenigkeit stellten dafr ein passenderes Paar vor.

Wahrhaftig! lachte van den Hcken ausgelassen. Sie haben recht, meine
Werthgeschtzte, und ich wrde auch des Schicksals Wink nicht unbeachtet
lassen, htte es dem Himmel gefallen, sie in ledigem Stande vor meine
Augen und Gemth zu fhren. Wie die Sachen aber jetzo stehen, werde ich
mich schon an die Jungfer Tochter halten mssen.

Bitte sehr! lchelte Justine schnippisch, und zog ihre Hand aus der
Rechten des Hollnders. Die geneigte Mama setzte indessen phlegmatisch
bei: Inkommodire sich der Herr nicht. Meine Tochter ist versprochen,
sie wird eine Birsher in New-York.

Oho! entgegnete van den Hcken. Mit dem Birsher nehm ich's auch noch
auf. Bin ich nicht so jung wie der Sohn, bin ich doch reicher als der
Vater, und der Weg nach Amsterdam ist um ein gutes Stck nher, als der
nach Amerika.

Danke gar sehr, lieber Herr! spttelte Justine. -- Die Mutter nickte
ihr den vlligsten Beifall zu. Der Vater lie sich vertraulich neben
dem Hollnder nieder, und sagte, als die Frauen sich wieder alle um
die Theekanne und Butterschnitten drngten, so s als mglich: Ew.
Edeln haben eine unvergleichliche Gabe, zu scherzen. Ein Anderer htte
glauben knnen, Sie htten in der That ein Auge auf unser Kind.

Das habe ich auch, bekrftigte van den Hcken. Ich bin der
schnippischen Jungfer seelengut, und mchte sie fr mein Leben gern in
_meinem_ Bauerchen haben. --

Ha! versetzte der Senator, vor dessen Seele allerlei Hoffnungen und
Plane wieder aufdmmerten: Wir waren ja bisher, ohne uns zu kennen, so
gute Freunde, achtbarer Herr...

Er stockte, _ein_ Auge sah verlegen auf den zitternden Busenstreif, das
Andere auf den Hollnder, der, seine Pfeife kaltbltig anbrennend,
langsam zu ihm sagte: Nun? und weiter? Drcken Ew. Edeln ab! Nun?

Ich meinte nur, fuhr der Senator, seine Schmiegsamkeit mit
ungeduldiger Ruhe behauptend, fort, -- da ich Ihnen nicht leicht ein
Ansuchen fehl gehen lassen mchte, wenn dessen Erfllung in meiner Macht
stnde.

Versteh ich Sie? fragte van den Hcken heimlicher: Vielleicht auch
nicht das Ansuchen um die Jungfer Tochter? --

Ihr Scharfsinn, werther Herr, ... begann der Senator. --

Bitte! keine Complimente! fiel der Hollnder ein. Der Birsher steht
aber im Wege. Wie knnte man _den_ wegschaffen?

I nun, flsterte Mssinger, man mte sehen, wie sich etwa die
Gelegenheit darbte...

Ein ehrliches Mannswort zu brechen? sagte van den Hcken ernst, und
mit Vorwurf: ein kaufmnnisches Versprechen ist heilig wie ein Eid. Es
mu gehalten werden, wenn auch eine Gelegenheit sich darbte ... lieber
Mann, und ein noch zehnmal reicherer Freier als van den Hcken von
Amsterdam, der Ihnen nur um der lieblichen Tochter willen den niedrigen
Charakterzug vergibt --

Mein werther Herr, wollte der Senator auffahren. Der Gast hielt ihn
jedoch im Zaume, indem er ihm zuflsterte: Machen Sie doch Ihren
Schritt nicht vor Ihrer Familie und den Fremden offenbar. Schmen Sie
sich im Stillen vor mir allein, und wundern Sie sich nicht, wenn ein
ehrlicher Mann zgert, Ihnen Credit zu geben, da Ihre feierlichen
Zusagen Ihnen feil geworden sind.

Den Rcken des Senators berlief es wie mit tausend Nadelspitzen.
Kurz und trotzig, um den Herrn von Amsterdam seine Beschmung nicht
sehen zu lassen, wendete er sich von ihm, und verga die Pflichten
des Hausherrn. Van den Hcken bersah ihm den Ingrimm, und mischte
sich in ein Gesellschaftsspiel, das die Frauen beliebt hatten. Hier
entfaltete er bald eine Frhlichkeit, die man ihm nicht angesehen
hatte, eine Freigebigkeit, die den Spielerinnen nicht mifiel, und
eine Gutmthigkeit, die ihm Justinens Herz geneigter machte. Er zog es
auffallend vor, sich mit dem muntern Mdchen zu unterhalten, gab sich
viele Mhe, es an sich zu fesseln. Der Senator sah mit schwankenden
Hoffnungen und vieler Reue dieser feinen Bewerbung zu, bis die zehnte
Stunde schlug, und die Schicklichkeit gebot, den Gast nach seinem
Zimmer zu geleiten, und die Frauen allein zu lassen. Verbindlich und
gefllig wnschte van den Hcken allerseits gute Nacht, und begehrte
scherzend von Justinen den Verlobungsku. Die Jungfer verweigerte sich
lachend. Van den Hcken hatte sich's vorgenommen, die se Frucht nicht
unberhrt zu lassen. -- Will Sie mich nicht qua Brutigam kssen,
sprde Jungfer, sagte er lachend, so erlaube Sie mir doch wenigstens,
Sie =qua= Papa zu kssen. Ich knnte es ja doch sein, denke ich; he? --

Gute Nacht, Herr Vater! antwortete dem Scherze nachgebend und munter
das lustige Mdchen, und bot ihm Stirne und Wange zum Ku. Van den
Hcken zauderte nicht, von der Erlaubni Gebrauch zu machen, und
verlie, glnzend und strahlend von Vergngen das Zimmer. Der Herr vom
Hause, von widrigen Gefhlen bewegt, ging, den vergoldeten Armleuchter
in der Hand, zum Gastzimmer hinaus. Beide Mnner schwiegen ernsthaft.
Der Senator ffnete mit eignen Hnden die grnen Damastvorhnge des
Alkovens, schlo die Fenster, zeigte stumm auf alle Bequemlichkeiten der
Wohnung, und wollte sich mit einem trocknen: Schlafen Ew. Edeln wohl!
abfhren. Van den Hcken redete ihn darauf an.

Wollen wir denn im Groll scheiden, werther Herr und Gastfreund? sagte
er: Lassen Sie uns Friede machen. Ich habe Ihnen meine Meinung gesagt,
und Sie haben bereut; somit gut. Wollen Sie bedenken, da Feindseligkeit
nichts taugt. Sie haben mich selber in Ihr Haus geladen, und
vertrauensvoll hab ich's angenommen. Sein Sie auch freundlich in dem
gastfreundlichen Hause. Bei Gott, ich bin es auch wieder.

Der Senator konnte zwar die dargebotene Rechte des Kaufmanns nicht
ausschlagen, aber gefangen geben mochte sich sein Stolz auch nicht.
Steif verbeugte er sich daher und erwiderte: Ew. Edeln wollen scherzen.
Ich habe Alles vergessen, und bitte um dieselbe Vergnstigung. Wann
befehlen Sie morgen geweckt zu werden?

Ich incommodire nicht, versetzte van den Hcken, ziemlich unbefriedigt
von des Senators Rede: mein bergesegneter Krperumfang weckt mich
frhzeitig, duldet mich nicht im Bette. Um acht Uhr wnsche ich mit dem
Frhstck bedacht zu werden, damit wir um Neun an unser Geschft gehen
knnen.

Sehr wohl, entgegnete Mssinger eiskalt; Alles soll geschehen, wie
Sie es anordnen. Gute Nacht! --

Van den Hcken legte sich zu Bette: aber der Senator fand in seiner
Stube keine Ruhe. Einmal sogar verlie er dieselbe, das Licht in der
Hand, und schlich in leisen Pantoffeln bis zu der Schlafkammer seiner
Tochter. Schon hatte er den Finger gekrmmt, um anzuklopfen, aber scheu
trat er wieder zurck, suchte er wieder seine Stube. -- Warum das
Mdchen in das Geheimni ziehen? sagte er mibilligend zu sich selbst:
Wird nicht ihr Eigensinn oder ihre Angst mich verderben? Es ist nicht
gut, wenn der Vater die Rettung seiner Habe in schwache Kinderhnde
legt. Im Alter folgt der Vorwurf hinterdrein, oder auf der Stelle
milingt der Plan. In welchem Lichte stnde ich vor dem hollndischen
Herrn! Knnte er's dann nicht mit Hnden greifen, da ich ihn nur in's
Haus gelockt, um ihn zu kirren; da ich auf gewisse Art der Kuppler
meiner Tochter...? Pfui, Mssinger. Diese Ble wre unverzeihlicher,
als die, welche deine Schwche und deine frchterliche Bedrngni
gaben. Fasse Muth, unglcklicher Mann! Trinke den bittern Kelch aus,
wie du es dir vorgenommen. Ist der Hollnder, seiner Pnktlichkeit und
Hartnckigkeit zum Trotz, ein Mann von Gefhl, wie ich beinahe nach
seinen Reden vor dem Schlafengehen glauben mchte, so wird ihn die
treue Schilderung meiner Lage rhren; wo nicht ... in Gottes Namen!

Mit einem schweren Seufzer lschte der Senator sein Licht, und gab sich
einem wilden Traumgewirre hin, das den von Schlafstrungen und Grbeln
Erschpften endlich gegen Morgen umfing. Van den Hcken hatte schon
einigemal nach ihm gefragt, als er erwachte. Wie ein, seiner Sinne nicht
klar bewuter Mann, lie er sich von dem eintretenden Bedienten die
Haare ordnen, zog sich nicht allzu sorgfltig an, und begab sich unter
dem ersten Gelute der Kirchenglocken zu den Seinigen. Die Senatorin
stand schon, geschmckt und mit Putz trotz einer Markgrfin berladen,
in der Mitte des Zimmers. Justine trat mit Blumenstruen und
Gesangbchern versehen, ebenfalls im Staate von =Cros de Tours=, herein.
Die Senatorin nannte mit ihrer gewohnten Schlfrigkeit in Ton und Wesen,
ihren Mann einen trgen Langschlfer, der sein Frhstck allein, oder
mit seinem galanten Freunde aus Holland verzehren knne. Justinens
Scharfblick errieth jedoch weit gelehriger, da in dem Vater immer noch
das ungewhnliche Treiben whle, das sie schon in den verflossenen Tagen
bemerkt hatte. Von der Freundlichkeit ihres Grues wohlthuend angeregt,
wurde der Senator milder, und sagte fast liebevoll zu seiner Ehefrau:
Liebe Jacobine! Ich mu dich heute freilich allein in die Kirche gehen
lassen, weil mich ein Geschft zu Hause hlt. Aber gerade deshalb bete
_du_ fr mich, und denke meiner einmal im Guten gegen den
Schpfer. -- Faselt er nicht schon wieder? fragte die Senatorin,
spttisch zu Justine gewendet: Bete ein Jeder fr sich, und erhalte der
Herr jedem den Verstand. Wenn ich den Doctor in der Kirche sehen sollte,
will ich nicht versumen, ihn zu dir zu schicken. Ein Aderla ist dir
wahrlich nthig, denn richtig scheint mir's seit einiger Zeit
nicht mehr in deinem Kopfe zu sein.

Der Senator hob, statt der Antwort, beide Arme heftig gen Himmel, und
wendete sich von dem Weibe. -- Ich will mich nicht erzrnen, sagte er
mit gewaltsam unterdrcktem Unmuth: es mchte vielleicht gut sein, da
wir gerade _jetzt_ nicht im Hader scheiden. Darum gehe recht geschwinde,
Jacobine, und leb' wohl!

Der Mann wird sich noch durch seine Galle umbringen! versetzte die
Senatorin gleichgltig, fllte sich den Mund mit getrockneten Feigen,
und rauschte in ihrem weiten Stoffkleide vornehm zur Thre hinaus.
Justine blieb hinter ihr zurck, kam auf den Vater zu, und sagte
mitleidig: Sprechen Sie lieber Vater, ob ich bei Ihnen bleiben soll?
Sie scheinen mir in der That krank zu sein. -- Geh', mein Kind,
entgegnete Mssinger: du erzrnst deine Mutter. -- Ich frchte ihren
Zorn nicht, versicherte Justine gleichmthig; allein da der Senator
darauf bestand, zu bleiben, um seinen Geschften zu gengen, folgte sie,
wiewohl besorgt, der Mutter in die Kirche. Die Glocken schlugen ringsum
die neunte Stunde, und Mssinger klopfte an van den Hcken's Thre. Der
Gast, erhitzt von der Pein einer fast schlaflosen Nacht, empfing ihn
nicht in der besten Laune, und schien geneigt zu sein, das unangenehme
Geschft zu verschieben. Der Senator jedoch, dem es wie ein Fels auf der
Brust lag, der um jeden Preis der Qual fernerer Ungewiheit enthoben
sein wollte, drang, wiewohl bescheiden, dennoch so bestimmt auf der
Arbeit Beginnen, da van den Hcken endlich mit den Worten: Sieh, wie
sich das machte! Gestern so sumig, heute ohne Rast und Weile! den Rock
berwarf, seine Brieftasche aus dem wohlverschlossenen Koffer nahm, und
dem Hausherrn nach der Schreibstube folgte.

Der Tag ist recht gnstig, sagte er, da sie durch das leere Comptoir
nach dem Cabinette schritten: die Diener sind vermuthlich alle im
Gottesdienste. Da lt sich das Geschft rund abmachen, und bei den
Zahlungen liebe ich sonderlich keine Zeugen.

Ich auch nicht, entgegnete der Senator zhneklappernd; zog den Laden
des Hoffensters auf, und bot dem Fremden einen Stuhl. Van den Hcken
machte sich mit dem Schlosse des Portefeuille zu schaffen; Mssinger
bltterte mit zitternder Hand in dem Hauptbuche. Nachdem endlich
der Hollnder eine ziemliche Partie von Wechseln geordnet, und die
Brieftasche wieder zugemacht hatte, sah er mit fragenden Blicken auf
den unruhigen Schuldner. Der Letztere bemerkte es, und sagte mit kaum
hrbarer Stimme: Es wird Alles bald abgethan sein, werther Herr. Hier
-- sehen Sie im Buche, was ich Ihnen soll; und in meiner Cassa, was ich
habe!

Er stie mit dem Fue den Deckel der Geldkiste auf; sie war beinahe
leer. -- Van den Hckens Gesicht verfinsterte sich ungemein. Was soll
das, Herr? fragte er scharf. -- Ich bin jetzt schon ein vornehm
thuender Bettler, versetzte Mssinger: Gewhrt mir Ihr Mitleid nicht
Jahresfrist, so stehe ich auch am Pranger. -- Sie haben es durch
Ihre unmige Spekulationswuth verschuldet, fuhr van den Hcken mit
strengem Verweise fort: Ihre Firma schien nur solid, und war eine
Seifenblase, um Andere sichere Creditoren zu tuschen. --

Herr! sprach der Senator mit mhsamer Fassung und Unterwrfigkeit:
Sein Sie nicht ungerecht; Ihre Menschlichkeit, ... mein Unglck...!

Pah! eiferte der Glubiger: jeder Verschwender schtzt Unglck vor,
und appellirt an weiche Herzen. Ein Kaufmann mu ein steinhartes Herz
besitzen, soll er nicht selbst zu Grunde gehen. Und wer steht mir denn
am Ende dafr, da diese ganze Wehklage nicht eine bloe Komdie sei,
und in einen fraudulsen Bankerott ausgehen werde, weil sich gerade die
_Gelegenheit_ darbietet...

Herr! nehmen Sie den Schimpf zurck! fuhr ihm der Senator wthend in
die Rede.

Was da! brummte van den Hcken wild entgegen: Dero gestrige
Proposition darf wohl auf den Gedanken fhren; und kurz und gut:
die leere Geldkiste befriedigt mich nicht. Hier in meiner Hand sind
Ihre Wechsel. Sehen Sie dieselben an, und lernen Sie mich kennen!
Ich bin nicht umsonst den weiten Weg hierher gereist; ich will nicht
vergebens...

Wohlan, unterbrach ihn der verzweifelnde Schuldner: Da doch nichts
Ihr Menschengefhl erregen kann! Wohlan! Sie sollen Ihren Willen haben.
Diese Wechsel kenne ich, und Sie sollen nicht umsonst sich bemht haben.
Sehen sollen Sie, wie ich meine Rechnung schliee!

Mit der einen Hand stie er die Wechselpapiere von sich, die ihm van den
Hcken vorhielt, mit der andern zog er eine von den Pistolen aus dem
Fache des Schreibtisches.

Bei dieser unverhofften drohenden Bewegung entsetzte sich van den Hcken
zum Tode. Herr! Sie wollen doch nicht... lallte er, vom Stuhle
auffahrend.

       *       *       *       *       *

Nothhaft, der Comptorist, hatte die Kirche umgangen, seine Zeit in einer
versteckten Spielstube zugebracht, und kehrte, nach manchem Verluste,
nach Hause zurck, um seine letzten Thaler zu sich zu stecken, und auf's
Neue sein Glck zu versuchen. Zweimal hatte er schon an der
verschlossenen Hausthre geklingelt, niemand ihm aufgethan. Die
haushtende Magd hielt am Dachfenster des Hintergebudes eine gewichtige
Unterredung mit der Dienerin im Nachbarhause. Der Knecht war auswrts zu
seinem Schtzchen geschlichen. Demnach brannte dem lockern Kaufdiener
die Ungeduld auf den Ngeln, und, als nehme er sich vor, Sturm zu
luten, zog er krftig und unausgesetzt an der volltnenden Schelle.
Sein Bemhen ermangelte nicht des gewnschten Erfolges. Schritte kamen,
das Schlo ging langsam und zgernd auf.

Taubes, ungeschicktes Murmelthier! grollte der Eintretende, erschrack
aber ber die Maen, als er nicht die Hausmagd, die er gemeint, sondern
den Prinzipal selbst vor sich sah, der das Amt eines Pfrtners
verrichtet hatte. Seine Unbesonnenheit verwnschend, und den Jhzorn des
Senators aus Erfahrung frchtend, bckte er sich verlegen, und stotterte
eine Entschuldigung her, die nicht schlechter htte ausfallen knnen.

Wunderbarer Weise gengte sie gerade heute dem wenig duldsamen
Prinzipal. Schon gut, mein lieber Nothhaft, versetzte er mit leiser
Stimme: Er meint es nicht bse. Darum, -- hier schlo er die Thre
wieder sorgfltig, -- darum ist mir's auch lieb, da _Er_ gerade
heimkmmt. Ist etwa die Kirche schon zu Ende? fragte er hastig nach. --

Nothhaft war innerlich erschrocken ob der Todtenblsse, die auf des
Senators Antlitz lag, und nicht minder ob der raschen Unsicherheit in
seiner leisen Rede; er erwiderte daher kleinlaut: Nein, hochgeehrter
Herr, ich konnte aber vor Uebelsein nicht in der Kirche ausdauern.
Deshalb ... so eben schlug es zehn Uhr. -- Zehn Uhr erst? fragte der
Senator wieder mit schleppendem Tone: wie die Zeit schleicht! ich
dachte, es msse Mittag vorber sein. Komm' Er mit in's Comptoir.

Soll ich nicht die Fensterladen ffnen? sagte Nothhaft, als sie in der
finstren Stube standen. -- Nicht doch, erwiderte Mssinger hastig,
drinnen ist es schon heller. Nicht wahr, Nothhaft, Er hat nicht Furcht,
noch Grauen?

Ich habe Beides nie gekannt, betheuerte Nothhaft, sehr aufmerksam
werdend.

Desto besser! setzte der Senator bei: so wird Er doch Rath wissen.
Mich hat es stark angegriffen. -- Was denn Herr Senator? -- Rede Er
nicht laut. Es hat sich vor einer halben Stunde, -- es kann vielleicht
auch eine Stunde sein, -- ein Unglck im Hause begeben.

Ein Unglck? hier im Hause?

Ja doch; nur leise gesprochen. Dort im Kabinett... Der Senator
drckte, das Gesicht wegwendend, die Thre auf.

Im Kabinett? fragte Nothhaft, dem es kalt ber den Krper fuhr, ohne
sich zu regen. Was ist dort?

Der Hollnder ... stammelte Mssinger, -- es war pltzlich aus mit
ihm.

Mit dem Hollnder?

Er ist in meinen Armen ... gestorben, glaube ich. Geh Er hinein, und
sehe Er nach, ob Er's auch so findet, oder ob vielleicht...

Nothhaft war schon im Kabinette. Van den Hcken lag leblos an der Erde,
mit entstelltem Gesichte, und in Unordnung gebrachter Kleidung. Kein
Athem war an ihm zu erhorchen, kein Pulsschlag zu finden. Der Diener
fhlte des Krpers Eisesklte, und hielt sich nicht lange bei demselben
auf. Einen Falkenblick warf er durch das Gemach, und kam eilends wieder
zu dem Herrn zurck. Dieser sa, die Hnde zwischen den Knieen
gefaltet, und das Haupt gesenkt, im Winkel der dunklen Schreibstube.
Nun? war sein einziges Fragewort.

Nothhaft zuckte die Achseln. Hin ist hin; sagte er, er hrt den
Kuckuck nicht mehr schreien. Wie kam denn Alles so pltzlich, Herr
Senator?

Mssinger zog einen tiefen Seufzer aus der Brust. Wir rechneten
zusammen; -- flsterte er scheu: wir hatten eben Alles geschlossen,
da berkam es ihn pltzlich, -- er sank -- auf meinen Knieen wurde es
mit ihm alle. --

So? entgegnete Nothhaft mit seltsam gezogenem Tone: Ein Glck nur,
da es _nach_ dem Rechnungsabschlu traf. -- Was meint Er? fuhr der
Senator schnell, wie aus einem Traume, in die Hhe: was ist jetzt bei
der Sache zu thun? -- Der Herr Prinzipal scherzen wohl mit mir;
versetzte der Diener: die Gerichte mssen gerufen, des Verblichenen
Effekten versiegelt werden: das ist ja klar. -- Die Gerichte? fragte
Mssinger, wie von Schauder berlaufen, und sehr zerstreut: ach ja, ...
wahr ist's; das ist zu thun, ... und Siegel, meint Er, mssen auch?...

Herr Senator, entgegnete Nothhaft spitzig: Sie sind ja selbst beim
Rathe; mssen das besser verstehen, als ich einfltiger Schreiber. --
Er hat Recht, mein Sohn, sehr Recht; sprach der Kaufherr alsdann,
wie sich besinnend: Und wann wre es wohl nthig, ... glaubt Er? ...
-- So schnell als mglich: fiel Nothhaft ein: Verzgerung knnte
zu Unannehmlichkeiten Anla geben. -- Leider! leider! stimmte der
Senator ein: Darum laufe Er, guter Nothhaft, und sei Er diskret gegen
Jedermann, damit es sich so glatt und stille abmachen lasse, als nur
mglich.

Sehr wohl, Herr Senator; antwortete Nothhaft, bereitwillig nach dem
Hute greifend: wollten Sie indessen einen Rath nicht verschmhen?
Schaffen Sie die Pistole weg, die drinnen auf dem Boden liegt.

Der Senator fuhr zusammen. Eine Pistole? stotterte er: es mu ein
Zufall dieselbe ... lat doch sehen!

Sich an den Diener haltend ging er nach dem Cabinete, wendete aber
alsobald der Stelle, wo der Hollnder lag, den Rcken, und stierte
auf die Waffe nieder, die Nothhaft dienstwillig und eifrig aufhob. --
Wir wollen sie zu der andern legen, sagte derselbe leise und hastig;
sie knnte beln Effekt machen, und wenn Sie's erlauben, bringe ich
auch die Halsbinde des armen Schelmen hier wieder in Ordnung. Es lt
gerade, als ob sich drei Finger hinein verwickelt htten, um sie
zusammenzuschnren.

Ohne Regung kehrte der Senator dem Diener, der ohne Scheu an van den
Hcken die besagte Aenderung vornahm, den Rcken fortwhrend zu.

Ich wollte ihm die Binde ffnen, sagte er halblaut: aber es ist
mglich, da ich in der Alteration sie fester zuzog...

Ja, ja, stimmte Nothhaft, sein Geschft vollendend ein: es geschieht
wohl fters, da die Hand ungeschickter ist, als der Kopf. So. Das wre
gut, und ich will laufen, was ich kann. Haben Sie noch etwas hier
mitzunehmen, Herr Prinzipal, so nehmen Sie es jetzt. Es wird schicklich
sein, da die Herren von Gericht das Cabinet verschlossen finden.

Der Senator wurde wieder regsam, und begann, ohne eine Sylbe zu
sprechen, aber mit einer beunruhigenden Hast, auf seinem Schreibtische
Papiere und Bcher untereinander zu werfen, ohne in der beklagenswerthen
Zerstreuung, die ihn fesselte, dasjenige zu finden, was er zu suchen
schien. Nothhaft trat hinter ihn, und sein Auge fiel auf ein Packet von
Wechselbriefen, nach welchen des Senators linke Hand immer tappte,
whrend seine Rechte sie immer wieder verschob. Der Diener ergriff sie.
Sie suchen wohl diese Papiere mit Ihrer Unterschrift? fragte er
dringend. Da! da! Herr -- sechs -- sieben -- neun Tratten auf sie
selbst, von van den Hcken in Cours gesetzt und endossirt. --
Endossirt? fragte der Senator, heftig nach den Briefen haschend.
Endossirt auf die Ordre des Georg Birsher zu New-York! fuhr Nothhaft
fort, indem er sie berlieferte: und -- wahrhaftig quittiert von
demselben.

Birsher? fragte der Senator, betubt auf die Bltter schauend.
Nothhaft lchelte betubend: Stecken Sie ein, Herr Prinzipal. Da Sie
bezahlt haben, beweisen ja schon die Wechsel in Ihrer Hand,.... das
="Quitta"= htte wegbleiben knnen. Die Dinte ist gar zu frisch. Lgen
vielleicht noch andere Dokumente in der Brieftasche, die ich bei dem
Hollnder wahrnahm?

Was geht mich van den Hcken's Portefeuille an? fuhr Mssinger
stutzig werdend auf. Nothhaft machte einen entschuldigenden
Katzenbuckel, und trieb zum Fortgehen an. Wie ein Kind folgte der
Senator seinen Worten, schlo das Kabinet, ohne sich _einmal_
umzusehen, und ging, an Nothhaft's Arme, zu seiner Stube, wo er sich,
an allen Gliedern zitternd, zu Bette legte. Wie ein guter Geist
erschien ihm die aus der Kirche zurckkehrende Justine, die, von des
Vaters Unplichkeit hrend, mitleidig zu ihm eilte. Der Vater konnte
und wollte nicht reden, sondern versuchte nur in einzelnen Lauten
sein Kind zu beruhigen. Justine erschpfte sich in Muthmaungen ber
des Rathsherrn Zustand, bis die Schelle des Hauses wieder sehr stark
gelutet, und vieles Gerusch hrbar wurde. Die Thre des Zimmers
sprang auf, und Frau Mssinger, wei wie die Wand, und schwerfllig,
wie noch nie, schwankte in's Zimmer. -- Was ist das? kreischte sie,
ohne des Kranken zu achten: Das Haus wimmelt von Gerichtspersonen
und Schergen! Ach, das Unglck! Der Hollnder soll sich erhngt
haben, hre ich! Ach, welch eine Schande! Gieb die Schlssel her, du
gottvergessener Mann, der mir durch seine sauberen Freunde so viel
Schrecken verursacht!

Justine wird ffnen, versetzte der Senator unter Fieberschauern, indem
er dem Mdchen die Schlssel reichte: Stecke diese Wechsel zu dir,
flsterte er demselben zu; bewahre sie sorgfltig! -- Justine schob,
nicht minder bla vor Schrecken, die Papiere ein, und entfernte sich
eilends. Die Mutter dagegen blieb zurck, um den Mann ferner zu
qulen. -- Welch ein abscheulicher Spektakel! chzte sie, in den
Lehnstuhl am Bette sinkend: In diesem Hause halte ich's nicht mehr aus.
Der Hollnder wird umgehen, in seinem weien Mantel, ein schreckhaftes
Gespenst! O Herr, gehe nicht mit uns in's Gericht! Was ich erleben mu!
Pfui, abscheulich! Die Steuercommissrin hatte Recht, obgleich schon
_Sie_ mich in der Kirche zum Entsetzen gebracht hat. _Sie_ hat gestern
gesehen, was wir alle nicht sahen. Wir saen Abends zu Dreizehn am
Tische, und Einer von den Dreizehn mu binnen Jahresfrist sterben! Wie
mich das schon alterirte! Man sieht aber: Wahr ist's! der Hollnder hat
bereits die Welt gesegnet.

Und ich werde es noch heute, seufzte der Senator, wenn du nicht
nachlssest mit deinem abscheulichen Gekreische, Jacobine!

Und dennoch wirst du mich dulden mssen, bis Justine kmmt, antwortete
sie phlegmatisch: Ich gehe ohne Begleitung nicht ber den Gang.

Nothhaft trat ein, und ging rasch auf den Senator zu. Alles besorgt,
Herr Prinzipal, rief er wichtig und vertraulich: Die Herren sind schon
unten, lassen ihre Condolenz vermelden, und soeben den Verstorbenen ber
die Treppe nach seinem Zimmer bringen.

Gott stehe uns bei! jammerte die Senatorin mit der ausgelassenen
Betrbni stumpffhlender Leute, whrend Mssinger sein Gesicht in dem
Kissen verbarg: Warum lieest du den Landlufer nicht im rmischen
Kaiser, da es ihm ohnehin nicht beliebte, in seiner Heimath zu sterben?
Wie wrde sich jetzt die hoffrtige Wirthsfrau gebrden, die sich trgt
wie unsereins, hochmthig thut, wie der Gromogul, und sich erst heute
in einem ganz neuen Stoffkleide brstete, da es der ganzen Kirche zum
Aergerni gereichte! Statt dessen haben _wir_ nun die Schande! Geh' Er,
Nothhaft, sorge Er wenigstens dafr, da der Mensch nicht von den
Amtsknechten heraufgetragen werde. Ich bin des Todes, wenn der Scherge
in das Stockwerk kommt, das ich bewohne.

Sorgen Sie nicht, wertheste Frau Prinzipalin, versetzte Nothhaft: Der
Herr sind ja verblichen, wie schon viele tausend Christenmenschen, und
die Ehre schneidet der Tod nicht ab. Die Herren werden ein Inventarium
dressiren, und die Habseligkeiten des van den Hcken unter Siegel
verwahren, bis die Erben auszumitteln. Auch habe ich fr nthig
erachtet, Herr Senator, einen Postboten nach Steinstadt abzuordnen,
damit der Buchhalter hereinkomme, sintemalen Dero Leibesumstnde
denselben nicht erlauben werden, an der Spitze der Geschfte zu
bleiben.

Warum nicht? fragte der Senator mhsam, aber aufbrausend: Der
Unglcksfall hat mich sehr angegriffen, aber bis zur Krankheit ist noch
ein weiter Sprung. Ein Magnesia-Plverchen bringt wieder alles in's
Geleis.

Mit Gottes Hlfe! sagte Justine, die so eben, nicht wenig erschttert,
hereinkam, und dem Senator die Comptoirschlssel bergab. Sie holte das
Medikament aus der kleinen Hausapotheke, reichte es dem Vater, und fuhr
fort: Ich will gleich nach dem Doctor Widerlein schicken, -- was bis
jetzt vergessen wurde, -- damit Sie wieder von dem Schrecken zu recht
kommen.

Ich bin nicht krank, behauptete der Senator, sich rgerlich
aufrichtend: kein solch Geschwtze! Ich werde allen meinen Arbeiten
vorstehen, wie bisher! --

Der Brieftrger brachte so eben diese beiden Schreiben, unterbrach ihn
der sliche Berndt, der mit den Briefen in der Hand hereinschlich.

Geb' Er her, befahl der Senator, und winkte alsdann den Dienern sich
zu entfernen. Sie gehorchten; ghnend und schmollend schlo sich Frau
Jacobine, die Langeweile des Krankendienstes frchtend, an die
Subalternen an, um ohne Gefahr nach ihrem Zimmer zu gelangen. Der
Senator gab aber der Tochter die Briefe, und sagte leise zu ihr: Nimm,
mein Kind; mir schwimmt und flirrt es vor den Augen. Es frommt jedoch
viel, sich vor dem Comptoirgesindel rstiger zu stellen, als man ist.
Dir verberge ich mich nicht. Lies du mir daher vor, und untersttze
meine Schwche.

Bereitwillig erbrach Justine das erste Schreiben. Von Amsterdam!
sagte sie, und der Senator zuckte hoch auf. Hochedelgeborner Herr!
fuhr sie lesend fort: Ew. Edeln will ich nicht ermangeln, nach
abgethaner fataler Differenz mit denen Verschreibungen Ew. Edeln in
Wechselform, anzuzeigen, da wieder bereit bin, auf Garantie des
werthen Freundes, der sich jetzo bei Denselben befindet, in Allewege
Credit obwalten zu lassen. -- Wir Kaufleute stehen ja in Gotteshand,
und knnen wanken. Wohl _dem_ jedoch, der einen Brgen und Sttzen
findet, wie den aller Orten geachteten Herrn Birsher von New-York.

Was soll das? fuhr der Senator auf, da Justine verwundert inne hielt:
Der Teufel verstehe, was der Schreiber will. Sieh nach der
Unterschrift.

Justine that es, stutzte, wischte sich die Augen, und sagte endlich
leise: Ich wei nicht.... aber doch stehts da; -- van den Hcken heit
die Unterschrift.

Van den Hcken! schrie der Senator: Sind wir beide toll?

Das Datum ist vier Tage alt, versetzte Justine mit schwankender
zweifelhafter Stimme.

O mein Kopf, mein Kopf! jammerte Mssinger, die Stirne mit beiden
Hnden haltend: ich werde nrrisch, rasend! La den Brief sehen! Gott
sei mir gndig! es ist Hckens Schrift...! O du mein lieber starker
Gott und Herr! -- Er weinte fast in der frchterlichen Wallung seines
heftigen Gemths. -- Dieser Brief! sthnte er, -- und jene Wechsel,
das Endossement, das Acquit, -- ich erinnere mich erst jetzt, -- von
Birsher's Hand...! o mein armes Gehirn! --

Mein Vater! was haben Sie, was ist? fragte Justine schluchzend in der
hchsten Angst. Der Senator ri ihr statt der Antwort den andern Brief
aus der Hand. Gib! stammelte er auer sich: Gib! vielleicht macht
mich dies Papier vollends wahnsinnig! Er ri es, trotz Justinens
Widerstreben, auf, berflog es mit dem starrenden Blick,.... ein
krampfhaftes schreckliches Lachen erschtterte seine Brust, und mit den
trostlosen Worten: Auch das noch! Einen Tag frher, und -- ich elender,
elender Mensch! sank er ohnmchtig aufs Lager zurck.

Schaudernd raffte Justine das fallende Blatt auf. In wenig Zeilen meldet
darinnen ein Hamburger Correspondent ein groes Glck. Die Hamburger
Lotterie war gezogen worden, und das groe Loos auf den Senator
gefallen.


Zweiter Abschnitt.

  Verdacht. -- Der Pastor der Johanniskirche. -- Sein Nachfolger
  bei dem Senator. -- Der Doctor in seinem Hause. -- Die
  Kupferstecher-Familie. -- Justinens geheimer Ausgang. -- Die Messe.
  -- Die Wittwe des bei Denain gebliebenen Offiziers. -- Die Beichte.
  -- Des Doctors Tagewerk. -- Geschichte eines Schauspielers. -- Der
  unerwartete Fremde. --

Es besttigte sich durch den von Amsterdam eingelaufenen Brief, der den
Commissarien des Gerichts schuldigerweise vorgelegt wurde, da der in
des Senators Hause verschiedene Fremde nicht van den Hcken gewesen; aus
dem Inventarium dagegen, welches ber den an Creditbriefen,
Empfehlungsschreiben, kostbarem Leibgerthe und betrchtlichen Pretiosen
reich ausgestatteten Nachla des Verstorbenen aufgerichtet wurde, schien
nicht undeutlich hervorzugehen, da Herrn Birsher den Aeltern von
New-York selbst das Unglck betroffen. Vor Allem rechtfertigte diese
Muthmaung ein reicher Frauenschmuck, der sich vorfand, in ein artiges
Etui gepackt, auf welchem mit Goldschrift die Worte standen: Meiner
vielgeliebten knftigen Schwiegertochter und Freundin, Justine
Mssinger, zum Hochzeitsgeschenke. --

Der Anblick dieses Schmucks, den ein galanter Commissarius der
Verlobten vorwies, regte in derselben erst deutlich die Beziehung
an, in welche sie zu dem Dahingegangenen hatte treten sollen. Seine
letzten Worte vergegenwrtigten sich ihr wieder aufs Neue, und ihr
Gemth ergriff eine stille Wehmuth, wie sie noch nie empfunden. Sie
wre selbst krank geworden, wenn die Umstnde eine lngere Pflege an
des Vaters Bette erheischt htten. Der Senator genas indessen wie
durch ein Wunder, pltzlich am Tage der Bestattung seines Gastes.
Durch die tobenden Vorzeichen einer furchtbaren Nervenkrankheit hatte
sich seine starke Natur gearbeitet, aber der fliehende Feind rchte
sich demungeachtet. Die Paar Tage streiften die Schrfe und klare
Bestimmtheit seines cholerischen Temperaments von ihm. Haltung und
Gang, Gesichtsfarbe und Rede, -- Alles war anders geworden; aus dem
heftigen, gerade durchgehenden Manne ein scheuer schwermthiger Mensch,
der seiner Arbeiten nicht mehr froh wurde, nicht mehr polterte und
lrmte, aber dafr gern innerhalb seiner vier Wnde fr sich allein
brtete und glossirte.

Dieses Benehmen, das schon am Begrbnitage deutlich hervortrat,
ermangelte nicht die gebhrende Aufmerksamkeit zu erregen. Die
pltzliche Schreckensbegebenheit hatte Aufsehen gemacht; die
vorangehenden Ereignisse, wie der Ort, die Stunde und alle
Einzelnheiten des Sterbefalls, waren geschickt, zu allerlei
Verarbeitung zu dienen. Ein entehrendes Gercht hatte sich pltzlich
auf tausend Zungen verbreitet, und selbst im Senate seinen Sitz gefat.
Die Mehrzahl des Rathes jedoch, -- eiferschtig auf dessen Vorrechte,
und die Bewahrung eines unbefleckten Rufs der Glieder desselben, --
bemhte sich, jede Ahnung, jede Vermuthung niederzuschlagen, die der
brgerlichen Existenz des Collegen Mssinger htte schdlich werden
knnen; und jede Angabe, und jede noch so leise Hindeutung auf obige
Begebenheit wurde mit Gewalt unterdrckt, whrend der Gegenstand
dieser Anklagen durch sein auffallend verndertes Betragen, dem
bloen Verdacht einen Dolch nach dem Andern in die Hnde gab. Die
wenigen Besucher mieden das Haus des Senators; er erschien am nchsten
Sonntage mit seiner Familie in der Kirche: nach seinem Betstbchen
starrte die gaffende Menge, aber aus seiner Nhe entfernten sich alle
diejenigen, die sonst whrend des Gottesdienstes gute Nachbarschaft
mit ihm gehalten hatten. Frau Jacobine merkte es nicht, Dank ihrer
Stumpfsinnigkeit; Justine nicht, denn ihre Unbefangenheit hatte keine
Ahnung von dem grlichen Verdacht; aber dem Senator, der dieses
wohl verstand, zehrte es, wie ein Wurm am Herzen. Er wurde immer
verschlossener. Zwischen ihm und der Mutter fielen die Worte immer
seltener; Justine litt unter den Folgen dieser beln Verstimmung,
und ihr einziger Trost wurde jetzt, da sie -- ihr unbegreiflich --
keine ihrer Freundinnen mehr bei sich sah, oder zu Hause fand, die
englische Lehrstunde, zu der sich James wieder, nach den drei Tagen,
eingefunden hatte. Mit keiner Sylbe der vorangegangenen Mihelligkeit
gedenkend, suchte Justine durch ein sittlich mildes Betragen ihre
Uebereilung gut zu machen, und James war nicht unvershnlich. Es
stellte sich ein gewisses Vertrauen zwischen den beiden jungen Leuten
her. Justine benutzte den ersten Augenblick, in welchem sie ungestrt
waren, es zu befestigen. Ernst und nachdenkend sa sie dem vortragenden
Lehrer gegenber, und sagte, indem sie ihn bat, das Buch wegzulegen:
Wir wollen plaudern, mein Herr, und uns gegenseitig wundern, wie
wir so pltzlich fr einander passend geworden sind. Ich habe Eurer
Prophetenkunst schreiendes Unrecht angethan, und mu dieselbe leider
jetzo anerkennen. Der Abend jenes Samstags war der letzte glckliche
in unserm Hause. Heiterkeit und geruschvolles Leben sind daraus
entschwunden, und es kommt mir beinahe vor, als wenn man von auen her
unser Unglck uns recht fhlbar zu machen suchte.

Dem Unglcklichen ist Migunst nher, als der Trost; meinte James.
Ich selbst habe, als Flchtling, diese Erfahrung oft genug gemacht.
Indessen haben auch die Blumen der Freude ihre Zeit der Wiederkehr. Der
Sturm zernichtet nicht immer; er entwickelt auch Blthen.

In unserm Hause? fragte Justine unglubig: O nein, mein guter Herr.
Die Mutter, -- Ihr kennt sie. Der Vater ist heute noch einmal so finster
und verdrossen geworden. Uns wurde durch einen Amsterdamer Brief die
Gewiheit, da Herr Birsher in unserm Hause verblichen.

Was ihn nur bewogen haben mag, die fremde Maske vorzunehmen? --

Er wollte uns kennen lernen, selber unerkannt. Ein Scherz, der, sich
unbewut, den Trauermantel auf den Schultern trug. --

Der Mensch sei auf sein Ende gefat, jederzeit, entgegnete James!
Genug indessen von dem traurigen Gegenstande. Frhlichkeit steht Ihnen
besser, als Betrbni; und die Braut hat ja den Brutigam nicht
verloren!

Ich verbitte mir die Anspielung, sagte Justine lebhaft: Herrn
Birsher's Sinn wird sich wohl anders wenden. Mir vergingen auch alle
Heirathsgedanken, stnde ich am Sarge meines Vaters. -- Mein guter
Vater! setzte sie seufzend hinzu, in die stille Wehmuth versinkend,
die, in ihrem Schmerze selbst, uns wohl thut.

Erheitern Sie sich! erwhnte James, sich zu ihr beugend. Hren Sie
mich. Der Schmerz bedarf nur eines Ableiters, um gemigt und ruhig
hinzuflieen, wie ein geruschloser Strom in seinem Bette. Was wre wohl
zu diesem Zwecke geeigneter, als eine gute That? Im Ungemach ist ja
ohnehin das Herz weicher, geneigt zum Mitgefhl, weil der Kummer ihm
nicht mehr ein fremder ist. Ich nehme mir daher den Muth, Ihrem Tiefsinn
eine andere Richtung gebend, im Namen einer sehr bedrngten Frau Ihr
Mitleid, Ihre Freigebigkeit aufzufordern. Frchten Sie keinen Mibrauch
Ihrer Gte, hoffen Sie aber auf den Segen von Oben.

Nicht so viel Worte, Monsieur, sprach das Mdchen, bereitwillig, der
neuen Wendung des Gesprchs zu folgen: Man berredet mich selten, wenn
nicht schon mein Kopf und mein Gefhl gewonnen sind. Ich helfe gern, bin
auch nicht hart, wie oft die Leute sagen; ich bin auch nicht so
leichtsinnig, fremde Noth nicht zu bemerken und zu bedauern. Redet, wer
ist die Frau?

Eines franzsischen Offiziers Wittwe. Ihr Mann blieb in dem Treffen bei
Denain. Villars empfahl die unglckliche Frau der kniglichen Gnade,
aber Ludwig verga der Armen. Der Regent mihandelte sie sogar, als sie
es wagte, nach des Knigs Tode bittend und flehend ihr Recht geltend zu
machen. Aus der Hauptstadt verwiesen, fristete sie in ihrer Heimath
durch Handarbeit kmmerlich ihr Leben. Endlich schien ihr das Glck
wieder zu leuchten. Eine schsische Herrschaft, rckkehrend aus den
Bdern zu Aix schlug ihr vor, sie als Gouvernante der Kinder nach
Dresden zu nehmen. Von allen Hlfsmitteln entblt schlug Madame de
Laynez willig ein, schied vom Vaterlande, um in Sachsen eine neue
Lebensbahn zu betreten, kam aber nur bis in diese Mauern. Von einer
heftigen Krankheit befallen, mute sie hier zurckbleiben. Ihre Gebieter
hinterlieen ihr eine drftige Geldsumme, und sagten sich von ihr los.
Mehrere Monden hindurch schwebte die Verlassene zwischen Tod und Leben.
Das Mitleid gefhlvoller Menschen rettete sie endlich vom Grabe, aber
ihre vllige Genesung geht langsam von Statten. Mangel drckt sie, und
es bleibt ihr nichts brig, als auf's Neue sich an die Theilnahme wahrer
Christen zu wenden.

James hatte kaum geendet, und schon lag Justinens ansehnlich gefllte
Brse in seiner Hand. -- Kein Wort! gebot sie, da er sprechen wollte:
nichts davon. Gebt, helft, rettet! Es soll nicht dabei bleiben, wenn es
mir gelingt, den Vater in gnstiger Stunde fr die Bedrngte zu
gewinnen. --

Eilig ging sie davon, damit James nicht die Bewegung sehen sollte, die
sich auf ihrem holden Antlitz kund gab. Aber der junge Mann hatte
scharfe Augen. Es war ihm nicht entgangen, da die ganze Flle der
herrlichen Seele aus Justinens Zgen gesprochen, und, selig berrascht
von einem Anblick, wie er ihn noch nie gehabt, sah er der Fliehenden
sehnschtig nach.

Welch ein Mdchen! seufzte er: und ich -- tglich fhle ich mein
Unglck mehr, und darf nicht wanken und nicht weichen von der Stelle,
die mir so gefhrlich wird.

Justinens Gabe im Busen verbergend, schied er, um heim zu kehren. Unten
im Hause war viel Gerusch. Geldscke wurden gewogen, Thaler klangen;
die Diener gingen geschftig hin und her; Nothhaft stie im Vorbeigehen
mit dem Ellenbogen an James Arm, und machte ein sehr herrisches Gesicht,
als der Englnder sich befremdet nach ihm umsah. -- _Der_ mu mir auch
aus dem Hause, und wenn's mich tausend Gulden kosten sollte! murmelte
der Diener, dem Englnder nachsehend, zwischen den Zhnen. Berndt, der
eben in's Haus getreten war, hrte die Rede. Warum so giftig, lieber
Bruder? fragte er lchelnd: giftig und freigebig obendrein? Du wirfst
mit Tausenden um dich? Glck zu! -- Ist's ein Wunder? sagte Nothhaft
hierauf: Baar Geld macht Muth. Wir schwimmen ja in Geld, siehst du. La
uns daher auch in Gottes Namen davon reden, und lderliche
Schmeifliegen damit todt schlagen.

Ich verstehe dich nicht, Herr Bruder, versetzte Berndt achselzuckend,
aber ich sehe, da deine Prophezeihung nicht falscher htte sein
knnen. Statt des Bankerotts strmt der Segen Gottes in das Haus.

Erbschaft! unverdientes Glck! versicherte Nothhaft leise: Wer
wei, ob ich so Unrecht hatte;.... doch -- Stille! -- Er schlug sich
bedeutend auf den Mund. Wer wei auch -- fgte er hinzu, wichtig und
geheim -- wem's die Firma verdankt, da sie noch mit Ehren steht?

Wichtigkeitskrmer! lchelte Berndt unglubig: Du spreizest dich so
absonderlich, da -- wer nicht wte, welch' ein Windbeutel du bist, --
glauben sollte, du errathest auf's Haar, was unser Herr denkt und
beschliet. Glck auf, zu dem Vertrauen, Herr Geheimhorcher! empfehle
mich zu Gnaden!

Ei, des breitmuligen Augenverdrehers! schalt Nothhaft verchtlich:
wir wollen sehen, _wer_ am Ende hier im Sattel bleibt. Du bist ein
Esel, sonst httest du schon gemerkt, da meine Aktien um 200 Prozent
besser stehen, als ehedem.

Gott sei mir vor dem Prahler gndig, sagte Berndt, den Kopf
schttelnd: der Prinzipal redet mit dir so wenig, als mit mir, und die
Jungfer macht dir immer ein verdrlich Gesicht.

Soll bald ein freundlicheres machen, versicherte Nothhaft hochmthig.

So? fragte Berndt, dessen Neid allgemein rege wurde: Du mein
Jesulein! darf man schon Glck wnschen, Herr Hochzeiter?

Narren sagen oft die Wahrheit; erwiderte Nothhaft, noch patziger als
zuvor, und Berndt versetzte giftiger: Gratulire also, Herr Associ und
Schwiegersohn. Wird bald heien: Mssinger und Compagnie? Charmant. Nun
begreife ich erst, warum ich den Pastor Lammer zum Herrn habe bitten
mssen. Das Aufgebot wird gewi bereits bestellt? Nun, viel Succe und
geneigte Protektion, werthester Herr College! Vergessen Sie Dero
getreusten Diener nicht im Glcke!

O du miserabler, kothiger Adam! spottete Nothhaft. Der Buchhalter
klopfte aber an's Comptoirfenster, und rief: Soll ich euch Sthle
hinaussetzen zu bequemerer Conversation, ihr Lungerer? Herein, hier
giebt's zu thun, ihr, des lieben Herrgotts Mssiggnger!

Berndt schwenzelte, der Amtspflicht getreu, schnell in die Schreibstube,
Nothhaft zgerte sttig. Indessen trat bereits der Pastor der
Johanniskirche im Amtsrock in das Haus. -- Der Herr Senator oben?
fragte er vornehm und schleppend. Nothhaft bejahte freundlichst, und
schlich mit einem bedeutenden: Aha! an sein Pult.

Der Senator empfing den Pastor an der Thre seines Zimmers, und
bewillkommte ihn so freundlich, als ein im Gemth Verletzter nur vermag.
Der Geistliche nahm dieses Entgegenkommen als eine ihm gebhrende
Huldigung an, und antwortete darauf ohne sichtbare Herablassung.

Ich bin wahrlich neugierig, Herr Senator, sagte er, zu erfahren, zu
welchem Endzweck ich hier bin. Unter allen den, meiner geistlichen
Pflege Empfohlenen, haben Sie mir noch am wenigsten zu schaffen gemacht.
Mein Amt legt mir indessen die Pflicht auf, einem Jeden Gehr zu
schenken; dem Sterbenden, dem Frommen und dem Snder. Das Erste sind Sie
nicht; das Zweite?.. will ich nicht beschwren. Was befehlen Sie?

Sndig sind alle Menschen vor Gott und seiner Kirche; entgegnete der
Senator melancholisch und achselzuckend: Die Frmmigkeit ist dagegen
nur ein Gnadengeschenk. Ich habe Sie, wrdiger Herr, fr jetzt ersuchen
wollen, der Spender einer Gabe zu sein, die ich der Armuth bestimme.
Vertheilen Sie nach Ihrem Gutdnken diese Summen unter diejenigen
Bedrftigen, die Ihnen der Untersttzung am wrdigsten scheinen.

Der Pastor wog die ansehnliche Rolle in der Hand, und ein Schimmer von
Behagen flog ber sein dstres Gesicht. Im nchsten Augenblicke war es
jedoch wieder Stein, wie zuvor. In Gottes Namen, sprach er, und lie
das Geld in die weite Tasche seines Priesterrockes gleiten: Der Armuth
sei dies Scherflein gesegnet. Ew. Hochedlen Freigebigkeit kmmt mir
unerwartet.

Der Himmel hat mich mit einer reichen Erbschaft bedacht, antwortete
der Senator seufzend: ich opfere einen kleinen Theil derselben auf den
Tisch der Drftigen. Sie mgen fr einen Unglcklichen beten.

Der Prediger fate den Handelsherrn scharf in's Auge. Fr einen
Snder? fragte er betonend, und da keine Antwort erfolgte, fuhr er
gemessen und drohend fort: Der Unglckliche, von Gott gewichene,
betrge sich nur nicht. Geld und Gut ist eine schne Sache, insoferne
man damit Christum speist; aber eitel Schlacken vor dem groen Richter
der Welt, will man damit eine Missethat abkaufen. Die Bue ist
unfruchtbar, wenn nicht herzliche Reue die Brust des Verirrten erfllt;
unfruchtbar, und wenn er Millionen in Klingelbeutel oder Armenbchsen
wrfe.

Der Senator sah den Pastor erstaunt und erbleichend an, bedachte sich
einen Augenblick, und erwiderte alsdann mit niedergeschlagenen Augen:
Ich begreife Ew. Ehrwrden nicht. Man kann unglcklich sein, ohne
gesndigt zu haben. Der Snder selbst jedoch kehrt sich freudig zur
Reue, wenn man ihm nur _glauben_ will; wenn er nur das Vertrauen haben
darf, da ihm einst vergeben werde.

Einst? einst? versetzte der Pastor mit berlegendem Blick gen Himmel:
Ja, einst vielleicht; denn Gottes Barmherzigkeit ist ein tiefer
Brunnen. Das entscheidet sich indessen -- nach meiner Meinung -- erst am
letzten Tage des Zorns und der Strafe. Ich halte nmlich dafr, da kein
Mensch auf Erden, selbst nicht ein ordinirter, sich anmaen drfe, die
Snden eines Anderen hinwegzunehmen, -- sobald sie unter die Schweren
gehren. Nur der Herr prft Herzen und Nieren. Das Gewand der wahren
Reue ist ein feines Kleid, aber es mu das Leben hindurch getragen, in's
Grab genommen, und dem Herrn am jngsten Gerichte untadelhaft
vorgewiesen werden. Dann mag allerdings seine unendliche Milde
vergeben.

Sie entfalten eine traurige Zukunft vor meinen Augen, erwiderte der
Senator schwerbekmmert, und lie sich erschpft auf einen Stuhl nieder:
Ihre Kollegen --

Sprechen vielleicht anders, fiel der Geistliche ein: ich betheure
aber, da sie im Irrthume tappen, und bin bereit, meine Meinung vor
jeder Synode durchzufechten. Meine Mitarbeiter im Weinberge sind zum
Theil junge Leute, denen der philosophische Kram unserer Zeit den Kopf
verwirrt hat. Der alte Lammer geht jedoch nicht ab von seinen
Grundstzen, die er seit fnfzig Jahren gelehrt hat. Er lt kein
Schflein seiner Heerde davon abgehen, so lange er noch ein rstiger
Hirt ist. Er ist Keiner von den Sanften und Sen, die nur schmeicheln,
wo sie packen, -- nur einlullen, wo sie donnern sollten. Trost dem
Unglcklichen, denn er ist zu seinem Heil! Krieg dem Snder, denn er ist
wieder zu seinem Heil. Unablssig, bis an seinen Tod, schneide ich ihm
das wilde Fleisch aus der Wunde, da sie frisch blutend vor Gottes Thron
komme, und ich dann sagen darf: Sieh, Herr, dein unwrdiger Knecht hat
dir nicht in's Amt gegriffen. Er hat nicht gepfuscht, da, wo _Du_ nur
heilen kannst; aber er bringt dir den Kranken, drstend nach der
Genesung, wie in der Stunde, da ihm zuerst sein Uebel unertrglich
wurde!

Eine heftige Unruhe bemeisterte sich Mssingers, und sein von Schwermuth
in Fesseln geschlagener Jhzorn rttelte gewaltsam an seinen Banden.
Ich wei nicht, sagte der Senator, mit Mhe an sich haltend: wie Sie
dazu kommen, Herr Pastor, mir Ihr System so schonungslos darzulegen. Ich
kann diejenigen blos bedauern, die, in einem Fehltritt befangen, von
Ihnen Trost und Erlassung begehren, und wnsche Ew. Ehrwrden recht wohl
und lange zu leben! --

Der Pastor bckte sich, und versetzte spitzig: Alles, wie Gott will,
Ew. Hochedeln. Der alte Lammer stirbt gern, wenn seine Uhr abgelaufen
ist. Der Herr schenke Allen einen sanften Tod. Meine Worte bereue ich
jedoch nicht, denn ich glaubte sie _hier_ vonnthen. Uebrigens hat
unsere Unterredung sicherlich ein anderes Ende erreicht, als wir beide
hofften, Herr Senator, nicht wahr? _Ich_ bin nicht bse deshalb, und
wnsche kein Vertrauen, das ich nicht mit der sndlichen Willfhrigkeit
vergelten knnte, die man von mir erwartet. Die offne Beichte in der
Kirche steht Ihnen frei. Werde mit seinem Gewissen fertig, wer da kann.
=Sapienti sat=, Herr Senator, und: Gott bess're Sie!

Was ist das? Was sagen Sie da? fuhr der Senator auf. Lammer zog aber
bereits die Thre hinter sich zu. Mssinger schritt im Zimmer auf und
nieder, und rang die Hnde. Steht mir denn das Zeichen auf die Stirne
gebrannt? fragte er sich mit erstickter Stimme: Die blden Augen
dieses Wolfs im Hirtenkleide selbst scheinen errathen zu haben, ... o
gewi!... und der Mensch kann so unbarmherzig sein!... und der Mann
ist _Protestant_? O der herzlosen, steifen Eiferer! was sie berhren,
wird Eis oder Thrne. Htte ich, wie ein altes Weib, auch in der
_Woche_ die Kirche besucht, keine Nachmittagspredigt, keine Bet- und
Vorbereitungsstunde versumt, dem Klingelbeutel reichlicher gegeben,
und den Schwarzrcken Ueberflu in Kche und Kasten geliefert, --
der harte Mensch wrde nun nicht so widrig mit mir gesprochen haben,
da ihm sonst _Worte_ weit wohlfeiler sind, als der Heller, den der
Geizige, selten genug, einem Bettler spendet! Warum habe ich auch nur
einen Schritt versucht, mich der Kirche wieder zu nhern, die Alles
gethan zu haben glaubt, ist die trockene Predigt und das Geplrre des
Lieds vorber! -- Warum? setzte er fragend und gemigter bei: Warum?
Ach! drckt nicht hier auf meiner Brust eine Last, unter welcher
ich erliege? Ist es nicht verzeihlich, da ich in der Angst meiner
Seele Linderung suche und Trost? Aber nun fehlt mir der Muth, und ich
frchte...

Ein bescheidenes Klopfen unterbrach seine Betrachtungen. Fast
erschreckt eilte er an die Thre, ffnete, und sah, sehr berrascht,
den Doctor Leupold drauen stehen. Er konnte sich nicht Rechenschaft
geben, warum der Anblick des Mannes ihn freundlicher ansprach, als er
wohl zuweilen gehofft hatte, wenn er sich die Mglichkeit gedacht,
ihm wieder zu begegnen. Er bewillkommte ihn mit einiger Auszeichnung,
und fhrte ihn bei sich ein. Der Doctor entschuldigte sich tausendmal
um der Strung willen, die er vielleicht verursache, und lie im
freundlichsten Tone das Wort fallen, da sein Besuch wohl eben so gut
htte unterbleiben knnen.

Mein Herr Doctor, sagte der Senator hierauf verbindlich: die Besuche
werther Freunde, denen wir Dank schuldig sind, sollten _nie_
unterbleiben. Sie lehren mich ohnehin, was ich schon lngst htte thun
sollen. Sie verzeihen jedoch; eine Fluth von Begebenheiten raubte mir
die Mue, Ihre Wohnung aufzusuchen.

Unnthig, versicherte der Doctor: ich dachte nicht daran, Sie an
einen sehr erllichen Besuch mahnen zu wollen. Mein Gang in Ihr Haus
hatte einen anderen Zweck; ... allein -- und ich darf sagen -- mit
Vergngen sehe ich, da er wohl vereitelt ist.

Ein Zweck?... vereitelt?... fragte Mssinger. Wie so? erklren Sie
sich.

Sie setzen mich durch Ihre Frage in Verlegenheit, sagte Leupold
hierauf zgernd: indessen darf der Mensch, wenn er sich seines Wollens
nicht zu schmen hat, wohl reden, ohne den Vorwurf der Ruhmredigkeit
auf sich zu laden. Ich habe hier einige Wechsel auf St. Sebastian
und Brasilien. Das Haus Minha ist solid, die Summen sind nicht
unbedeutend, bald fllig. Ich hatte den Auftrag, Ihnen dieselben auf
eine gewisse Zeit zum Genu gegen uerst billige Preise anzubieten.
Allein, -- wie ich beim Eintritt in Ihr Haus bemerkte, so hat der
Ueberflu Ihnen auf's Neue die Hand gereicht, und durch ihn wird meine
wohlgemeinte Hlfe berflssig.

Der Senator erhob bewundernd seine Augen, ergriff beide Hnde des
Doctors, schttelte sie, und sprach: Mein Herr, Sie bereiten mir
den frohsten Augenblick meines Lebens! Da ich gerade an allem Trost
verzweifle, richten Sie, ein Fremder, mich wieder auf. Gott sei Lob,
ich bedarf Ihres freundlichen Darlehens nicht; aber -- glauben Sie mir,
-- demungeachtet habe ich's _doppelt_ empfangen.

Und somit keine Sylbe mehr davon, setzte der Doctor ruhig hinzu: Sie
preisen mich unverdient. Eine Gesellschaft von Menschenfreunden wollte
Ihnen Ihre Theilname beweisen, und hatte keine Gefahr dabei, da sich
Ihre Geschfte etablirt haben.

Der Senator nickte seufzend mit dem Kopfe und entgegnete: Ja, mein
Herr, so ist's. Nicht minder jedoch meinen wrmsten Dank der
Gesellschaft, von welcher Sie sprachen, und die ich wnschte kennen zu
lernen.

Das ist Ihnen -- _hier_ -- unmglich, sagte der Doctor: lassen Sie
uns, da ich einmal Ihnen zur Last falle, von etwas Anderem reden. Wie
gesagt: Fortuna ist bei Ihnen eingekehrt, und ich freue mich, Ihnen
damals auf der Promenade ein gutes Prognostikon gestellt zu haben;
allein -- Sie selbst -- Herr Senator, -- scheinen sich nicht im
Geringsten zu freuen.

Einem Manne gegenber, entgegnete Mssinger, der sich mir als
verschwiegener und hlfreicher Freund erwiesen hat, kann ich keine Lge
sagen. Die ... Erbschaft, die mich wieder auf den Gipfel meines vorigen
Reichthums hebt, ist mir ganz gleichgltig. Ich bin ein armer, armer
Mann. Mein Gemth ist krank, meine Seele sehnt sich vergebens nach
Genesung.

Und Religion, -- die sicherste Trsterin? fragte der Doctor mitleidig.

O, lassen Sie das! erwiderte der Senator still ergrimmt: Die
Religion ist entartet in ihren Dienern. Wei Gott, -- Herr! wir haben
uns in einer sehr bedeutenden Stunde kennen gelernt, -- aber -- ob ich
nicht vielleicht Ursache htte, jetzt dem Flubette nher zu stehen,
als damals?

Ich wrde Sie alsdann nicht mehr zurckhalten, erwiderte der Doctor
kalt und ernsthaft: Sie verdienen hier und jenseits das traurigste
Loos, wenn Sie zum zweitenmal wagen, wovon die Vorsehung Sie _einmal_
schon gerettet.

Sie wissen nicht...! entschlpfte dem leidenschaftlichen Senator: Es
giebt noch drckendere Schmerzen, als _die_ des Mangels und der Schaam.
Die Stimme des Innern...

Sagen Sie nur frei heraus: das Gewissen, unterbrach ihn der Doctor
sanft aber fest: Um das Gewissen ist es eine kitzliche Sache;
freilich. -- So lange aber Gott die Quelle aller Liebe, die Kirche eine
freundliche Mutter ist, so lange darf selbst der trotzigste Snder
unverrckt auf Gnade und Verzeihung rechnen. Im Zeitlichen wie in der
Ewigkeit. Soll denn der Mensch, der ein Verbrechen beging, das _er_
vielleicht in der nchsten Minute bereut, an diesem Unglck verkmmern,
rettungslos daran verzweifeln, whrend sein frisches Leben noch viel
des _Guten_ schaffen knnte? In der Strafe selbst liegt Vergebung,
und ein Augenblick der Reue des Snders wiegt manches schuldlose
Menschenleben auf.

Sie sprechen von Gott, dem Quell aller Liebe? fragte der Senator
scheu. -- Er ist's! bekrftigte der Doctor. -- Von der Kirche, einer
freundlichen Mutter? -- Sie ist's.

Der Senator seufzte tief beim Angedenken an Lammers Worte. Der Doctor
sagte aber nun mit gemessenem Tone: Unsere Ansichten weichen ab, wie
ich sehe. Es befremdet mich nicht, da ich mich zu einer andern Kirche
bekenne, als Sie. -- Dem Senator starb die weitere Frage im Munde,
da der Doctor ganz ruhig fortfuhr: Ich bin Katholik. Von _meiner_
Kirche hab' ich gesprochen: und -- wahrlich -- sie erfllt ihre
Mutterpflichten tchtiger als Eine. --

Mssinger bckte sich verlegen. Der Doctor sprach unbefangen weiter:
Von unserer Kirche Schwelle geht kein Vertrauender ungetrstet, kein
Leidtragender unerquickt, kein Verirrter ungelset. Alle ihre Gebruche
deuten in ihrer mystischen Form auf die heiligsten Pflichten hin; auf
die der Vershnung, der Menschenliebe. Doch, wem sage ich das, und zu
welchem Endzweck? fgte er, sich besinnend bei: Sie mein verehrter
Herr, haben nie die apostolische Lehre nher prfen gelernt, da die
Gesetze Ihrer freien Stadt die Ausbung jenes Cultus und die Ausbreitung
unsers Lehrbegriffs auf ihrem Gebiete aufs strengste untersagen; gewi
ist es Ihnen auch vllig gleichgltig, wie ein Katholik von seinem
Glauben denkt.

Ich habe zu Augsburg meine Lehrzeit verlebt, versetzte nachdenkend der
Senator: Ich habe mich oft hinter dem Rcken meiner Vorgesetzten in die
katholische Kirche geschlichen, mich an der feierlichen Pracht des
Gottesdienstes, an der herrlichen Musik ergtzt, ... ich kann nicht
lugnen, da...

Justinens Stimme strte die Herren. Das Mdchen trat ein, und berichtete
dem Vater, -- sich vor dem Fremden sittsam verbeugend -- ber eine nicht
besonders bedeutende Angelegenheit der Wirthschaft. Der Doctor
betrachtete whrend dessen sowohl den Senator, als seine Tochter mit
der grten Aufmerksamkeit. Als Justine wieder hinausgegangen war, sagte
Leupold mit fast bewegter Stimme: Wahrlich, Herr Senator! Wte ich
nicht durch meinen Pflegesohn, da Ihre Tochter sich Justine nennt, ich
wrde darauf schwren, sie msse Clara heien.

Der Senator richtete schnell und fragend die Augen auf den Doctor.

Clara? fragte er: Wie kommen Sie zu diesem Namen?

Clara war, wie _Justine_.

Welche Clara?

Clara Mnzner.

Mein Gott! Sie wissen...?

Ja, mein Freund.

Woher? -- Herr, Sie reien eine Vergangenheit vor mir auf, die jetzt
doppelt schmerzlich mein Gefhl verletzt.

Das soll sie nicht. Eines Engels Gedchtni bringt Segen.

Ja, sie war ein Engel!... ein Engel, wie ihn diese Welt nicht
verdient.

Der Engel ist in seine Heimath gegangen.

Barmherziger! versteh ich Sie?

Clara ist todt.

Todt?... todt?... Und ich lebe noch; ... _wie_ lebe ich?...

Bis an ihr Ende hat sie in Ihnen gelebt, wenn gleich Lnder und ein
Jahrzehend sie von Ihnen trennten. Jetzt wird sie, sollte es Noth thun,
fr Sie beten bei dem unsterblichen Vater! --

Oh! seufzte Mssinger, und lehnte sich mit vor das Gesicht gehaltenen
Hnden zurck. Dann fragte er jedoch lebhaft: Erklren Sie mir,
rthselhafter Mann! wie knnen _Sie_ von dem unterrichtet sein, was
auer mir...

Ich bin Clarens Bruder! flsterte der Doctor dem Senator in das Ohr...

Xaver?

Derselbe, mein Freund. Ich hre, da man uns wieder unterbricht. Ihr
Zimmer, dem Drang der Geschfte Preis gegeben, ist nicht geeignet, da
wir uns darinnen der wohlthtigen Erinnerung ungestrt hingeben knnten.
Macht Ihnen die Vergangenheit Freude, so besuchen Sie mich. Ich wohne
eng, aber niedlich und einsam, in der Rahmgasse. Das Haus ist zum Apfel
geschildet. Fragen Sie im zweiten Stocke nach dem Doctor Leupold. Sie
werden mir willkommen sein.

Indem der Buchhalter eintrat, verbeugte sich der Doctor gelassen und
fremdthuend gegen den unbeweglich hinstarrenden Senator, und ging.

Langsam und sinnend durchstrich er die Stadt, und machte geflissentlich
einen Umweg nach seiner Wohnung, um seinen Gedanken nachhngen zu
knnen. Hie und da nickten ihm aus Htten oder wohlanstndigen
Brgerhusern freundlich grende Gesichter zu. In einem armseligen
Gchen schlich eine bettelhaft gekleidete Frau, nachdem sie sich vorher
berall umgesehen, geheimnivoll an ihn, und kte seine Hand. Er
reichte ihr dagegen eine kleine Mnze, und ermahnte sie fr die Ruhe
eines Snders zu beten. Hierauf schlug er sich rechts durch ein Paar
Durchgnge nach der Rahmgasse, und stieg im bezeichneten Hause in sein
Quartier hinauf. -- Eine sauber angekleidete Magd ffnete ihm
ehrfurchtsvoll die Gitterthre an der Treppe. James, der in der
Wohnstube schreibend sa, richtete sich grend auf, und brachte
dienstfertig dem Pflegevater den Steifrock herbei, gegen den der Doctor
eilig den unbequemen Schlafrock vertauschte. Er nahm seinen Platz im
Lehnstuhle am Fenster, das, auf einen Garten aussehend, selbst einen
Garten vorstellte, geschmckt mit wrzigen Blumenstcken. In der Stube
sah es so reinlich, so friedlich und traulich aus; sie stellte ein
reizendes Stillleben dar. Der Boden, sauber wie ein Spiegel; die
Gerthschaften blank und rein. Ordnung berall; keine Falten in den
Teppichen der Tische, kein Stubchen auf dem grnen Vorhange, der eine
kleine Bchersammlung barg; ein niedlicher Vogel im luftigen Bauer von
der weien Decke schwebend; eine tickende Schwarzwlderuhr an der Wand;
viele summende Mcken auf dem Blumenflor am Fenster. Das Schweigen wurde
lange nur durch der Thierchen Geschwtz, den Perpendikelschlag, und die
knarrende Feder des jungen Englnders unterbrochen, der sich gleich
wieder an seine Arbeit gesetzt hatte. Der Doctor sa mit gefalteten
Hnden, rckwrts gelehntem Kopf und geschlossenen Augen in seinem
Lehnstuhle. Seine Lippen trugen das Lcheln einer freundlichen
Gedankenwelt, die unter den zugezogenen Augendeckeln vorber schwebte,
und er schwieg wie ein Trumender, bis er einen leisen Hauch an seiner
Wange fhlte, und forschend die Augen aufschlug. Schon dmmerte es.
James stand bei ihm, und hatte sich ber sein Gesicht gebeugt.

Ich wollte mich berzeugen, ob Sie schliefen, mein Vater, sprach der
Jngling. Meine Arbeit ist vollendet; die Feierstunde da. Sie sind aber
heute nicht so munter und gesprchig, wie wohl sonst. Darf Ihr
Pflegesohn nach der Ursache fragen?

Die Ursache, mein Sohn, ist nur eine kleine Geschichte aus der
Zeit, da ich dein Alter hatte; antwortete der Doctor, freundlich
ihm zunickend; setze dich zu mir, und hre sie, wenn du willst. Ich
sage dir aber im Voraus, da die Geschichte so kurz und einfach und
natrlich ist, wie nur eine in der Welt. Den Jngling befriedigt
freilich nur ein Labyrinth von Abenteuern. Dem greisen Manne jedoch
schliet gerade die klarste Begebenheit einen Zaubertempel auf.
Versetze dich mit mir nach Augsburg, wo du zwar niemals warst, von
dem du aber manches gelesen. In jener alten, weit berhmten Stadt ist
eine abgelegene Gegend an der Stadtmauer, unfern von einem kleinen
Thore. Durch diesen leicht zu bersehenden Winkel soll, heit die Sage,
der Teufel den Doctor Luther in's Freie gefhrt haben, da demselben
groe Gefahr drohte, und alle anderen Ausgnge von Feinden besetzt
waren. Obgleich nun diese Geschichte durchaus Fabel und unhaltbar,
so fhrt doch noch zu heutiger Stunde der Platz den Namen: Dahinab!
-- In diesem Dahinab nun stand unter andern kleinen Husern ein von
einem Grtchen umgebenes; reputirlich anzuschauen, und die Wohnung
eines braven Mannes. Der Flei desselben hatte das Haus gebaut, und
die Heiligen, -- buchstblich zu verstehen, -- hlfreich dazu gethan.
Der Fleiige war nmlich Kupferstecher, und hat -- durchaus dem Fach
sich hingebend, -- viele hundert Heiligenbilder gestochen und getzt,
die zu damaliger Zeit in groen Ladungen ber die Berge nach Italien
gingen. Der Knstler war fromm und still, wie seine Bilder, arbeitete
unverdrossen von frh bis spt, und seine einzige Erholung auer dem
Hause war am Sonnabend ein Ruhe-Stndchen auf der Schiestatt, bei
einem Krug Bier und freundlichem Geschwtze. Den Sonntag nahm die
Kirche und -- bei schnem Wetter -- ein Spaziergang mit dem Weibe nach
dem Abla oder nach Gggingen hinweg. Diese Lebensordnung machte auch,
da es im Hause fein und ordentlich aussah, und der Friede doppelt
mit den Kindern einkehrte, die der Himmel dem einfachen Knstler
schenkte. Der Bube hie Xaver, die Tochter Clara. Der Erste, zugleich
der Aeltere, sollte anfangs Kupferstecher werden, wie der Vater; die
Zweite ein braves Weib, wie die Mutter. Es ergab sich indessen bald,
da Xaver, um schwacher Augen willen, der Kupferstecherkunst nicht
gewachsen war, und, noch in der Wahl verharrend, was einst aus dem
Jungen werden mchte, schickte ihn der Vater in die Schulen, damit er
etwas Tchtiges lerne. Clara wuchs arbeitend und blhend auf, besuchte
kein anderes Haus, als das Haus Gottes, und ahnte nicht, da an jener
Sttte ein sehnschtiger Jnglingsblick die verborgene Blume ausgespht
hatte. Die Eltern ahnten's um so weniger. Der Bruder allein, der oft,
um zu studiren, im Grtchen sich befand, merkte das Erste von der
Sache. Eine Bastion der Festungswerke, die gerade, -- senkrecht fast,
-- in die Hhe stieg, und die Ansicht ber die Huser des Dahinab frei
gab -- bildete die Schluwand des Gartens. Auf dem Rand dieser Bastion
stand einmal um die Mittagszeit ein blutjunger Mann, und sah immer so
steif und unverrckt in den Garten hinab, da dem studirenden Xaver,
-- als dieser, durch die Bltter der Laube schielend, zum zweiten oder
dritten Male das Unwesen wahrnahm, -- bang um den Verstand des jungen
Menschen wurde. Bald kam er jedoch dahinter, da die Schildwache auf
der Bastion eigentlich der Schwester gelte. Denn so oft diese, blhend
und frisch wie eine Rose, um die Mittagsstunde aus dem Hause hpfte,
den Bruder zu Tisch zu rufen, -- so oft zog _der_ auf der Schanze ein
Fernrohr aus der Tasche, und richtete es so scharf und fest auf das
Mdchen, als ein Constabler nur mit seinem Geschtz thun kann. Der
Bruder htete sich wohl, der unbefangenen Schwester das Geringste von
seinen Beobachtungen, -- die er eine ganze Woche hindurch fortsetzte,
mitzutheilen. Endlich eines Vormittags, aus dem Collegium kommend,
wandelt ihn die Lust an, der Sache auf den Grund nachzuspren. Er
steigt auf die Bastion, und findet den Bewuten bereits am Posten. Er
schlgt ihn auf die Schulter, und fragt ihn: Was hat Er dahinab zu
spioniren, mein Freund? -- Der Andere errthet, antwortet aber vornehm:
Das geht _Ihn_ nichts an, mein Freund. -- Er ist ein Narr! sagt ihm
hierauf Xaver, und der Andere antwortet mit einem unverschmten
Menschen. Fr einen Studenten von neunzehn Jahren ist das zu viel.
Er antwortet ebenfalls mit einer nachdrcklichen Beleidigung. Der
Andere greift nach seinem Degen. Xaver bedeutet ihm, er selbst drfe
als angehender Theolog keine Waffe tragen; er werde aber nur hinunter
in's Haus gehen, sich einen Degen holen, und sicherlich binnen wenig
Minuten auf die Schanze zurckkehren, um die Sache auszumachen. Was
hat Er in jenem Hause zu thun? fragt der Andere verwundert. -- Es
ist das meiner Eltern; entgegnete Xaver. -- Und das Mdchen? -- Meine
Schwester. -- Nun lacht der Mensch ausgelassen, steckt die Klinge ein,
fllt dem Studenten um den Hals, und ruft: Wir mssen Kameradschaft
trinken. -- Wie so? -- Ich bin in deine Schwester verliebt, mein
Junge; fhrt der Andere fort: ich sterbe, wenn ich nicht wenigstens
bald zu ihr sagen kann: Wie befinden Sie sich, Jungfer? Du mut mich
bei deinen Eltern einfhren, als einen Mitstudenten, als einen Freund
aus dem Gasthause, -- als was du willst. -- Nun erzhlte der heftige
nrrische Mensch weiter, und es kam heraus, da er Kaufmannsdiener
sei, vor wenigen Wochen erst die Lehre verlassen habe, und in einer
der ersten Handlungen Augsburgs conditionirte. Ein Zufall hatte ihm
meine Schwester gezeigt. Dazumal wurden gerade Bittgnge gehalten
und Gottesdienst gefeiert, zum Besten und Frommen der unglcklichen
Rheinlnder und Pflzer, die unter dem Mordschwerdt des Knigs
von Frankreich bluteten. Bei einer dieser Processionen war der
Kaufmannsdiener an Clara's Seite gekommen, und sie hatte ihm schnell
gefallen, obwohl sein Mund keine Sylbe mit ihr gesprochen. -- Xaver,
der in dem fremden jungen Mann einen Sohn wohlhabender Eltern aus
einer entfernten Stadt erkannte, dem derselbe gefiel, lie sich endlich
bereden, gab den sonderbaren Gesellen fr einen Bekannten aus, und
brachte ihn in der Eltern Wohnung. Ach, nun beginnt eine schne Zeit;
sie umfat beinahe ein Jahr. Die Eltern gewannen den Fremdling lieb;
Clara theilte seine Gefhle. Xaver sah eine schne Zukunft fr die
Schwester leuchten. Die Mutter betete zu diesem Endzweck im Stillen.
Harmlos flossen die Tage, von Vertrauen, von Freundschaft und Liebe
getragen, dahin! In dem engen Huschen, in dem kleinen Garten waren
alle glcklich. Aber -- der Friede, das Glck hat seine Grenzen, und
somit endigte auch dieses.

Der Doctor sammelte sich hier, wehmthig werdend, und sprach nach einer
langen Stille, gefat und trocken weiter: Der junge Mensch hatte
nicht redlich an der Familie gehandelt. In dem Augenblick, als alle,
-- Clara selbst -- im Stillen auf eine baldige Erklrung und Werbung
hofften, verlie er Augsburg, heimlich, schnell, um in die Heimath
zurckzukehren. Ein Brief belehrte uns, da er als Protestant, -- er
hatte sich fr einen der Unsern ausgegeben -- nicht daran denken knne,
aus der Neigung seiner Jugend Ernst zu machen, und mit blutendem Herzen
sich von der Stelle losreien msse, die ihm theuer und lieb geworden,
wie das Vaterhaus. -- Wir weinten; Clara verzweifelte fast. Die Jahre
beruhigten zwar ihr Herz, aber -- an dem Entfernten treu und eigen
hngend, blieb sie Jungfrau, legte als fromme Wrterin die Eltern in's
Grab, und folgte ihnen dann, zehn Jahre, nachdem _er_ sie verlassen, --
mit seinem Namen auf den Lippen. Hiermit, mein Sohn, endigt sich die
Geschichte, deren erster Theil noch jetzt meine Seele mit angenehmen
Bildern fllt. Du hast meine Eltern, meine Schwester und mich kennen
gelernt. Vor achtzehn Jahren habe ich Claren verloren, und heute --
bewundere die Wege der Allmacht! heute finde ich _ihn_ wieder, der
sie verlie, der vielleicht ihr Leben abkrzte; finde ihn wieder,
unglcklich, darniedergedrckt von _schweren_, schweren Aengsten, wie
ich frchte; ein armer, elender Mensch, im Schooe des Ueberflusses der
eiteln Welt!

Errathe ich? fragte James ungestm: Der Senator?

Der Doctor nickte mit dem Haupte. -- Beinahe, sagte er, htte mich
die Schwachheit berrascht, ein Wohlbehagen zu empfinden, als ich ihn
so erbarmenswrdig vor mir stehen sah, und jetzt erst bestimmt in's
Reine kam, da _er_ jener Walter sei, den ich -- seltsam frwahr --
beinahe vergessen hatte. Kein Zug der Jugend mehr in seinem Gesichte;
keine Zufriedenheit in seinem Hause; keine Ruhe in seiner Brust. Die
Vergeltung hat an dir gearbeitet! wollte ich sagen; doch Gott hielt
meine Zunge im Zaume. Clara hat mir ja auf dem letzten Lager ihre Liebe
zu ihm als Vermchtni hinterlassen, und ich mu ihn oder die Seinen
glcklich machen, wenn ich's vermag; schon darum, weil ihn _Clara_
geliebt, weil ihn _Clara_ gesegnet hat! --

O ein heiliges Gefhl, ein heiliges Erbe ist die Liebe! versetzte
James mit einer wehmthigen Innigkeit. Der Doctor ergriff ihn fest bei
der Hand, und redete: Mein Sohn, hte dich vor Sophismen, wie sie nur
gar zu gerne die Leidenschaft gebiert, wenn sie sich in Fesseln sprt.
Denke deines Versprechens, der Zusage, die du mir gegeben. Du gehrst
nicht mehr dir selbst an, du gehrst nicht _mir_. Und wre dies Alles
nicht, so sollte meine Erzhlung dir bewiesen haben, da Ungleichheit
des Glaubens Verderben bringt. -- James schwieg mit bitterem
Gefhle. -- Ich sehe, da es Zeit ist, deine Besuche in des Senators
Hause abzukrzen, fuhr der Doctor sorglich fort: die letzte Aufgabe
vollende noch. Vielleicht begrndest du dadurch das Heil einer Person,
die du _liebst_, wie ich frchten mu. -- Und gelnge es mir, fragte
James, Muth fassend: drfte ich alsdann hoffen, mein Vater?

Dein Schicksal hngt nicht von mir ab, antwortete der Doctor: wre
dieses aber auch, -- Sohn! htten wir uns in dir getuscht...? La mich
das nicht ahnen!

O, welch' ein Schicksal ist mir bereitet worden? seufzte der junge
Mann: Zu welchem Gewerbe, -- mir widerstrebend, meinen Sinn emprend,
wurde ich bestimmt! und zum Dank dafr verbietet man mir grausam, zu
fhlen wie ein Mensch!

Dafr rasest du wie ein Thor, unterbrach ihn der Doctor heftig: zur
Strafe wirst du deine bisherigen Andachtsbungen verdoppeln, bis ich es
anders bestimme! -- Milder fuhr er, und pltzlich besonnen fort: Was
wre dein Schicksal unter den dnischen Dragonern gewesen, du
Verblendeter? Du schlgst die Hand, die dir wohl that. Dein Gewerbe
emprt dich? Das heit: Deine Pflicht gefllt dir nicht. Glaube mir: Oft
ist auch _mir_ die Meinige zuwider, aber ich erflle sie dennoch ohne
Murren, weil ich berzeugt bin, da zu einem vollkommenen Bau der
geringste Dienst vonnthen ist, wie der edelste. Die Leute, die im
finstern Schacht den Keller wlben, haben durch ihre lichtscheue Arbeit
mehr gethan, als der Meister, der das leichte Prunkgetfel anschlgt,
und den Blumenstrau stecken auf den fertigen Bau kann vollends jeder
Lehrjunge. Bescheide dich also dankbar vor dem Hchsten, zu dessen
grerer Ehre wir handeln, und bemeistre flchtige Aufwallungen der
Jugend, die immer nur eitel sind, und denen im vorliegenden Falle
ohnehin nicht _entgegengekommen_ wird.

Dieses letzte Argument entschied. James fhlte wohl, was _er_ empfand,
aber die Empfindung der Geliebten war ihm mehr als zweifelhaft
geblieben. Er schwieg daher halb unterwrfig, halb gekrnkt, und
waffnete sich mit starrer Klte, als er am folgenden Tage des Senators
Haus betreten mute. Wo will Er hin? schnauzte ihn mit unertrglicher
Grobheit der verdrieliche Nothhaft an, der ihm just entgegen kam.

Zur Jungfer Justine. -- Die Jungfer hat Kopfschmerzen. Komm Er ein
Andermal. -- James wollte, nachdem er mit leichtem Achselzucken den
Ungeschliffenen gemessen, still davon gehen, als sich Justinens Stimme
von oben vernehmen lie: Kommt nur herauf, werther Monsieur; fr Euch
bin ich zu Hause, nur fr den Neidhammel nicht, der Euch =sans faon=
belgt, wie ein Schelm! -- James stutzte erfreut. Von Zorn brennend,
und mit einem: Verdammter Naseweis! lief Nothhaft in das Comptoir.

Lat Euch meine Sprache nicht befremden, sagte Justine ohne Umstnde
in Gegenwart der Mutter zu dem jungen Englnder: Wir Deutsche haben --
wie wir denn in allem derb sind -- ein derbes Sprichwort, das man wohl
sonst nur in Pbels Mund hrt, das aber stets wohl angebracht ist, wenn
man _vom_ Pbel redet: Auf einen groben Klotz gehrt ein grober Keil!
-- Ich zweifle nicht, da in Eurer Sprache sich ebenfalls ein hnlicher
Spruch vorfinden werde. Der Bursche, der Euch belog, ist der Klotz,
der sich sogar einmal unterstanden hat, sich in mich zu verlieben. Ich
bitte Euch! damals noch ein Kind von fnfzehn Jahren, sollte ich an
dem blatternarbigten Ungeschickt eine Freude finden! Ich habe ihm das
Zrtlichthun abgewhnt; nun verfolgt mich jedoch der holde Amadis mit
tausend Tcken und Ncken, die mir, -- wider seinen Willen, -- Spa
machen, weil ich sie gewhnlich vereitle. Seit der letzten Horcherei
hat er auch auf Euch seinen hohen Zorn geworfen. Frchtet Euch aber
nicht, Monsieur: Ihr steht unter meinem Schutze.

Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Mademoiselle, antwortete James
lchelnd: Doch wte ich schon selbst mir den Ueberlstigen vom Halse
zu schaffen, wenn er mir ernstlich zur Last fallen wollte.

Das meine ich auch, lie sich die Senatorin breit und frmlich
vernehmen; Er hat starke Knochen, Monsieur, und mag sich durchhelfen.
Fr dich, Justine, schickt es sich indessen ganz und gar nicht, einem
jungen Mann solche Promessen zu geben. Die Chapeaus sind doch -- so Gott
will, -- dafr in der Welt, _uns_ zu beschtzen, und es ziemen sich
folglich solche cavaliere Redensarten keineswegs fr eine schon verlobte
Tochter. Ich werde also...

Uebergenug, beste Mama, fiel Justine kurz abfertigend ein; Sie
verstehen es, mich zum Schweigen zu bringen, und Ihr, Monsieur, beginnt
die Lehrstunde! -- James gehorchte, doch Justinens Geist war keineswegs
bei der Grammatik. Ungeduldig zhlte ihr Auge die Minuten auf der
Wanduhr, und sie machte Schicht, sobald die Glocke schlug. Ein Vorwand
wurde bald gefunden, den Lehrer zu begleiten, und schnell raunte sie ihm
zu: Wie ist's, Herr? habt Ihr der armen Franzsin das Geschenk
gebracht? Lindert es ihr Elend? Was ist ferner zu thun? -- James
erwiderte verlegen: Ich bringe Ihnen der Unglcklichen heien Dank,
Ihre reichliche Gabe hat sie in Ueberflu versetzt, und zu ihrem Glcke
fehlt nur noch Eines: _Sie_, freundliche Geberin, von Angesicht zu
sehen; Ihnen mndlich danken zu knnen! --

Rathet der guten Frau ab, versetzte Justine ngstlich; sie soll ja
nicht hierher kommen. Der Vater, -- er ist ohnehin mrrisch -- wrde es
nicht gerne sehen. Die Mutter gibt in ihrem Leben kein Almosen, und ich
htte nur Verdru, wenn es herauskme, da ich mein Taschengeld...

Sie stockte, besann sich einen Augenblick und setzte dann hinzu: Die
arme Frau soll sich deshalb nicht so grmen. Ich wnsche selbst, sie zu
sehen, mich nach ihren Bedrfnissen zu erkundigen, aber Ihr begreift, es
geht nicht an, da sie komme. Ja, -- wenn ich ein Mittel wte, ... ich
wrde mich gerne selbst einmal zu ihr schleichen ... ich helfe gar zu
gern; ... aber ... ich wei nicht...

Das Mittel wre leicht, entgegnete James, etwas zgernd: Vertrauen
Sie sich mir an; ich fhre Sie; in einer Stunde sind wir hin- und
zurckgegangen.

Justine blickte ihn neugierig und strenge forschend an: Ich halte Euch
fr einen Ehrenmann, Herr White. Ich wrde mich nicht frchten, mit Euch
zu gehen. Aber wann? Ich will nicht mit Euch gesehen werden, und am
Abend gehe ich nicht aus, mgt Ihr wissen.

So bleiben uns die frhen Morgenstunden, meinte James, und der
Vorschlag gefiel Justinen. Schn! rief sie, das pat. Mutter schlft
fest bis um neun Uhr. Vater ist vor acht nicht sichtbar, und kmmert
sich nicht um mich. Um sechs Uhr also. Dann sind die Straen noch
ziemlich leer von den Leuten, die mich nicht sehen sollen. Wartet meiner
morgen um diese Stunde am Neumarkte. Wollt Ihr das thun, so wird mir das
artige Abenteuer Freude machen.

James versicherte seine Bereitwilligkeit, und ging, nicht mit leichtem
Herzen, aus dem Hause. Justine schwelgte dagegen in dem Genusse ihres
kleinen Geheimnisses. Der Umstand, die Wohlthterin einer Bedrngten
geworden zu sein, schmeichelte ihrer Eitelkeit, und schien ihrem Leben
eine gewisse Bedeutung zu verleihen. Sie sah sich nicht mehr verdammt,
zwischen einer stumpfsinnigen Mutter und einem schwermthigen Vater den
freudenlosen Pfad zu gehen; sie wirkte nach Auen hin, und diese Idee
erquickte ihren Geist, der ihr zu etwas Besserem geschaffen schien, als
zu der Einklammerung in alltgliche Hausverhltnisse. Justine war so gut
und liebevoll, als sie sich manchmal schroff und ungestm geberdete. Sie
htte gewnscht, die Pflegerin der Welt zu sein, alle Schtze der
Goldminen Amerikas zu besitzen, um sie an die Armuth zu vertheilen. Sie
konnte darum der Neugierde nicht widerstehen, das dankbare Geschpf
ihrer Milde zu sehen, dessen Noth mit eigenen Ohren zu vernehmen, ihm
Trost zu geben durch Worte und durch die freigebige That. Mit Ungeduld
erhob sie sich, als der bezeichnete Tag angebrochen, von ihrem Lager.
Ein Blick durch's Fenster belehrte sie, da das schnste Wetter ihre
heimliche Wanderung begnstige; schnell war sie in ein unscheinbares
Gewand gehllt, ihr Haar, ihr Antlitz von einem dichten Schleier
bedeckt, und, bevor noch der Zeiger auf sechs Uhr wies, die Thre ihrer
Schlafkammer leise, leise geffnet. Ein Gerusch hielt sie auf der
Schwelle zurck. Am Ende des Ganges ffnete nmlich auch der Senator
behutsam die Thre _seines_ Gemachs, und trat, wie auf den Zehen,
heraus; vllig angezogen. Langsam schritt er die Treppe hinab, und ging
aus dem Hause. Justine war betroffen. Sie hatte den Vater gestern am
ganzen Tage nicht gesehen. Eine Sitzung des Senats hatte ihn, seinem
Vorgeben nach, fern gehalten. Und heute, dieses leise, schleichende
Ausgehen ... es kam ihr seltsam vor. Allein, was war denn, seit jener
unglcklichen Begebenheit, nicht seltsam in dem Benehmen ihre Vaters?
Schnell gefat trat Justine ihren Weg an, um die Zeit nicht zu
versumen, und ihren Begleiter nicht warten zu lassen.

James hatte sich schon seit geraumer Zeit auf dem Neumarkte
eingefunden. Auch an ihm war der Senator, tief in Gedanken,
vorbeigekommen. Mit klopfendem Herzen begrte er Justine, die eiligst
herbei hpfte, den Schleier nur leicht lftete, mit dem Kopfe nickte,
und zur Eile antrieb. Stumm ging James neben der Holden her, die ihre
Schritte immer munterer frderte. Der Weg war jedoch weit. James fhrte
seine Schlerin in ein entlegenes Quartier der Stadt, wohin sie noch
nie gekommen war. Stutzig sah sie sich auf einer Kreuzstrae um, und
sagte englisch zu dem Fhrer: Hat hier nicht die Ehrlichkeit ein Ende,
Sir? und wie steht's mit der Euern? -- James lchelte etwas verlegen,
deutete jedoch auf eine Thre, und antwortete: Wir sind am Ziele!

Justine betrachtete diese Pforte aufmerksam. Nur eine Mauer stellte sich
dar, ber welche sparsame Epheugewinde herabhingen. Das Pfrtchen, ohne
Seitenfenster oder Lcke, war enge, niedrig, und sehr fest, von
Eichenholz gezimmert. In der Umgegend, durch Gartenmauern und Gehge von
dem Pfrtchen abgesondert, standen nur einige halbverfallene, elende
Wallhuschen, deren Bewohner, im Taglohne arbeitend, schon beim Grauen
des Morgenlichts ausgingen, und in spter Nacht erst wieder heimkamen.
Alle Thren und Fenster zu; nur hie und da schrie aus dem Innern ein
eingesperrtes Kind, oder bellte ein angeketteter Hund. -- Mit fragendem
Blicke deutete Justine auf die bezeichnete Thre. James nickte, und
wollte an dieselbe pochen. Rasch hielt ihm das Mdchen die Hand, und
sagte mit gedmpfter Stimme: Wo fhrt Er mich hin, Monsieur? Da hinein
gehe ich nicht. James betrachtete einen Augenblick ihre Miene. Die
seinige verfinsterte sich nicht. Nach Belieben! entgegnete er schnell,
so gehen wir zurck, weil Sie sich frchten.

Der Vorwurf der Furcht, so wenig er verwunden sollte, traf sein Ziel.
Justine ma von neuem mit dem Auge die verschlossene Thre, den zum
Gehen gewendeten Jngling, die menschenleere Nachbarschaft. Glaubt Ihr,
da ich ein Kind sei? fragte sie alsdann mit Vorwurf. Furcht kenne
ich nicht, Monsieur, aber ich mu darauf sehen, da mein Vorwitz mich
nicht an einen Ort bringe, der vielleicht meinem Geschlecht und meiner
Familie gleich unangemessen wre.

Wie, Mademoiselle? fragte James mit flammenden Augen: Glauben Sie,
da _ich_ fhig sei, Sie an einen solchen Ort zu fhren? O wenden Sie
schnell um, ich will Ihre Erniedrigung nicht.

Justine machte ihm rasch ein Zeichen, zu schweigen, und fate, an ihn
tretend, seinen Arm. Sie hatte eines Mannes Schritt gehrt, und in der
That kam ein Herr um die Ecke der Mauer, den Hut tief in's Gesicht
gedrckt, und zum Ueberflu einen Mantel um das Kinn geschlagen, da
auch kein Zug von ihm zu erkennen war. Einen flchtigen Blick warf
er auf die verhllte Dame und ihren Begleiter, klopfte dann ziemlich
vertraut zweimal an die rthselhafte Thre. Ein Mensch von gemeinem
Ansehen ffnete sie, und schob hinter dem Eintretenden die Riegel vor.
Justine hatte eben in dem Moment des Oeffnens die Aussicht auf einen
Hof mit Bumen, und ein darin stehendes Gebude erhascht. -- Kennt
Ihr den Mann? fragte Sie ihren Fhrer. Er verneinte. Es sieht doch
da drinnen nicht wie in einer Mrderhhle aus! fuhr sie lchelnd
fort: wre es Euch noch gefllig, mich zu begleiten? Ihr wollt es?
versetzte James: in Gottes Namen denn! -- Er klopfte zweimal wie der
Vorgnger. Derselbe Pfrtner schlo auf, bckte sich wie ein Bekannter
vor dem Englnder, und begrte auch auf ein Zeichen desselben die
Dame. Der Hof war bald durchschritten, das Gebude bald erreicht.
Tiefe Stille herrschte rund um das alterthmliche Haus, das ehedem ein
Kloster gewesen zu sein schien. Die in der Hausflur aufgeschichteten
Gerthe lieen vermuthen, da hier frher ein Magazin gewesen. Die
halbdunkle, halbverfallene Treppe knisterte unter den Schritten der
Kommenden. Neue Besorgnisse stiegen in Junstinens Seele auf. Da pochte
James an eine recht unscheinbare Thre. Sie ward geffnet, und der
Englnder mit seiner Begleiterin trat rasch hinein. Mein Gott!
flsterte nun James der Letzteren zu: wir sind am unrechten Orte!
Aber schon hatte der Oeffnende, ein Pfrtner, wie jener am Hauptthore,
die Thre zugemacht, und wies die Kommenden in einen hlzernen
Verschlag, der zur Seite stand. Eine Bank war in dem dmmerigen
Versteck zu sehen, und ein hlzernes Gitter gab die Aussicht auf das
Gemach, in welches die Senatorstochter gerathen war. Ein Spitzgewlbe,
dem Ansehen nach eine verwitterte Kapelle, mit Grabsteinen auf dem
Fuboden, und ausgebrochenem Ziegelpflaster. Die Fenster waren theils
zerfallen, theils von Spinneweben umflort. An den Mauern liefen zu
beiden Seiten Verschlge hin, dem hnlich, in welchem sich Justine
befand; theils mit vergitterten, theils mit offenen Fensterlucken;
Betstbchen aus sehr lang verwichener Zeit. Durch die Oeffnungen
waren tief verhllte Mnner, Weiber in Schleierhauben, Kaputzmnteln
und anderer Vermummung zu sehen. -- Wir sind in der ehemaligen
Kapitelstube der Johanniter! sagte James leise und verlegen zu der
staunenden Freundin: Verzeihen Sie mein Ungeschick. Schweigen Sie aber
zu Allem, was hier vorgehen mchte. Sie haben nichts zu befahren.

Justine sah ihn starr an, und wendete sich, ohne eine Sylbe zu
erwidern, zu dem Gitter, um zu beobachten, was der Thrsteher beginnen
wrde, der durch die Kapelle auf einen groen Kasten zuging, welcher
am obern Ende derselben stand. Er ffnete das Schlo, hob den Deckel,
schlug die vordere Wand herab, und siehe, es gestaltete sich unter
seinem Geschfte ein Altar mit zwei hlzernen Stufen, und belegt mit
einem sauberen weien Linnen. Zwei Leuchter mit Wachskerzen, die der
Diener anzndete, und einige Gefe mit Blumen standen zu den Seiten
eines Kruzifixes. Schmucklos war im Uebrigen der Altar. Der Diener
nahm einige zinnerne Knnchen nebst Schlssel und Serviette aus einer
Lade, setzte eine kleine Schelle auf die Stufen nieder, und entfernte
sich durch eine enge Thre hinter dem schnell errichteten Opfertische.
Justine sah nun deutlich, wie von den Leuten um und um Gebetbcher
und Rosenkrnze aus den Taschen genommen wurden, und sie ahnte, was
hier geschehen wrde. Diese Ahnung wurde zur Gewiheit, als die enge
Thre wieder aufging, der Diener heraustrat, mit einem groen Buche
in der Hand, aus welchem viele bunte Bnder herabhingen, und ihm ein
ansehnlicher, ehrwrdig aussehender Mann folgte, in einem funkelnden,
wunderlich geschnittenen Gewande, einen vergoldeten Kelch tragend,
und in ernstes Sinnen und Gebet versunken. Justine hatte einigemal
auf Bildern und in Kupferstichen rmisch-katholische Priester in
solchen Kleidern gesehen, und zweifelte nun nicht, sich an einem Orte
zu befinden, wo man den rmischen Gottesdienst unter'm Schleier des
Geheimnisses feierte. Welch ein Gefhl in ihrer Brust entstand, lt
sich nicht beschreiben. Unwillig gegen die ihrem Glauben widerstrebende
Form, gegen den dienstfertigen Fhrer, gegen ihren eigenen Leichtsinn,
htte sie den Ort verlassen, aber die verriegelte Thre, die Furcht
vor dem Aufsehen, das entstehen wrde, -- mehr noch als das -- ihre
_Neugierde_ hielt sie fest.

Das Meopfer begann mit der grten Ruhe, und der Anstand des
Geistlichen vershnte bald die Protestantin mit den Gebruchen, die sie
nicht fate. Sie sah den Priester demthig vor den Stufen des Altars auf
die Kniee sinken; sie fhlte, da er vor dem Einigen seine Schuld
bekenne, fr sich und seine Glubigen; und geheimnivoll vorbereitend
drangen die halblaut gesprochenen lateinischen Worte zu ihrem Ohr.
Unwillkrlich machte sie die Geberden der brigen Zuhrer nach. Sie
hrte stehend das Evangelium, beugte das Haupt bei der Wandlung. Sie
geno im Geiste das Abendmahl des Priesters mit, und als derselbe dem
Volke verkndete, die Messe sei vorber, als er wieder hinter der Thre
entschwand, durch welche er gekommen, -- da bedauerte fast Justine, da
das seltsame, nie gesehene Schauspiel vorber gegangen. Um den Eindruck,
den dasselbe auf sie gemacht, noch aus dem bauflligen Hause mit sich in
die freie Luft zu retten, drngte sie rasch den Begleiter, der sie
zurckhalten wollte, nach der Thre, und trat, -- beinahe die Erste der
Davongehenden, aus der Kapelle.

Was thun Sie? flsterte ihr James besorglich zu: Sie werden sich
verrathen, erkannt werden! Wir htten die Letzten sein sollen!

Von der triftigen Einrede erschttert, stand Justine verlegen still, zog
den Schleier fester zu, und sah kaum nach den Vorbergehenden, die,
vermummt wie sie, mit flchtigem Seitenblick von dannen zogen.

Hier herein! sagte mittlerweile der junge Englnder, und zog Justine
in eine andere, nur angelehnte Thre: Hier finden wir, was wir gesucht,
und indessen wird Haus und Hof von den neugierigen Gsten rein.

Justine sah sich in dem Gemache um, und ward angenehm berrascht, ein
ziemlich junges und hbsches Frauenzimmer, in prunkloser, aber
sorgfltiger Kleidung, vor sich zu haben.

Dieses Letztere bewillkommte sie demthig freundlich, mit einem
wohlgesetzten Grue in auslndischem Deutsch.

Darf ich fragen...? uerte Justine. --

Mein Name ist Lainez; versetzte die junge Frau: wie glcklich machen
Sie mich, indem Sie mich eines Besuchs wrdigen, und einer Gelegenheit,
Ihnen zu sagen, wie dankbar ich fr die gromthige Hlfe bin, die Sie
mir durch den uneigenntzigsten Wohlthter, durch Herrn White,
angedeihen lieen.

Die Offizierswittwe, von der ich Ihnen sagte; schaltete James ein:
Nur ein Zufall lie uns die rechte Thre verfehlen.

So? erwiderte Justine trocken, indem sie einen miflligen und
mitrauischen Blick auf den Englnder warf, sich aber dann schnell zu
der Franzsin wendete:

Sie leben in einer geheimnivollen Nachbarschaft, Madame.

Ich kenne meinen nchsten Nachbar nicht; antwortete die Wittwe
unbefangen, und sah Justinen furchtlos in das Auge; der Verwalter
dieses ehemaligen Magazinhauses hat viel von dem bedeutenden Gelasse, in
dem er befiehlt, an arme Miethsleute gegeben, und die Armuth verkriecht
sich gern. Die Hausgenossen sind mir fremd, bis auf eine alte, beinahe
taube Frau, die mich mit Wasser und Holz versieht.

Ich glaube Ihnen, versicherte Justine, indem sie der Freundlichen die
Hand reichte: Monsieur White wird um desto bekannter mit den Leuten
sein, die ich so eben verlie. --

Ein Zufall, wie gesagt, Mademoiselle, brachte uns in die Mitte einer
Versammlung, von der ich unter der Hand Einiges vernommen, zu welcher
ich mich jedoch nicht zhle.

Justine betrachtete ihn unglubig, und erwiderte rasch und drohend:
Gleichviel, Monsieur, wie's Euch gefllt, mich zu belehren. Die Herrn
und Frauen mgen unterdessen sorgen, da nicht auch der _Senat_ unter
der Hand Einiges von ihrem Thun vernehme. War mein Vater heute an
_meinem_ Platze, so war ein Unheil fertig. Wer brgt brigens dafr, da
_ich_ nicht plaudre?

Ihr Herz, versetzte James ruhig und zuversichtlich: Sie sind ein
zartfhlendes Weib. Sie werden nicht vorstzlich Unglck ber Menschen
bringen, die es wagen, im Verborgenen eine Feier zu begehen, welche ihr
Gewissen zu seiner Beruhigung verlangt, obgleich ein hartes Staatsgesetz
sie verbietet.

Was ist denn hier im Werke? Was ist vorgefallen? fragte Madame Lainez
verwundert und neugierig.

Justine sagte: Das kmmert Sie nicht, liebe Frau. Noch ein Wort zu
Herrn White: Ich bin Euch fr die gute Meinung verbunden, Monsieur. Ihr
fangt an, in meiner Seele zu lesen. Was wnscht diese wohl gerade
jetzt?

Die Heimkehr; antwortete James gefllig: darf ich Ihnen wieder meinen
Arm bieten?

Mit nichten, Monsieur. Ich werde ohne Euch den Weg nach dem Hause
meines Vaters finden. Ich frchte weitere _Zuflle_ an Eurer Seite. Eure
vllige Entfernung ist mein Wunsch, und bis Ihr diesen erfllt, werde
ich schon der Dame hier zur Last fallen mssen.

Welche Ehre! betheuerte die Lainez: Wie schmeichelhaft diese Gte!

Sie zrnen? fragte James gekrnkt und bestrzt.

Die ganze Stadt spricht von Justinen's Launen; erwiderte Mssingers
Tochter; ich habe heute die Caprice vorsichtig zu sein; ich werde sie
auch Morgen und Uebermorgen haben, und bitte Euch daher, dieses heutige
Zusammensein als unser Letztes anzusehen.

Sie verstoen mich? rief James mit den Lauten des tiefsten Grams,
wollte heftig auf das Mdchen zugehen, -- faltete jedoch, sich
besinnend, die Hnde, warf noch einen seelenvollen Blick auf Justine,
und empfahl sich dann rasch mit einer Verbeugung.

Justine hatte den schnellen Abschied nicht erwartet, und ihr aufgeregtes
Mitrauen machte einem wrmern, mildern Gefhl Platz. Ich habe dem
Monsieur vielleicht Unrecht gethan, sagte sie langsam zu der
Offizierswittwe, die neugierig auf ihrer Stirne las; allein was soll
ein Mdchen thun, dem ein Mann Ursache zu gerechtem Argwohn gab?
Aengstlich auf der Hut sein, denn die Mnner sollen lieben, uns mit
Schlingen zu berziehen, und jenes Englnders Zuflle scheinen mir ein
Netz. Nun aber zu Ihnen, meine Gute. Ihr Gesicht gefllt mir, wie Ihr
Benehmen, das von keiner gewhnlichen Herkunft zeugt. Lassen Sie mich
wissen, worin ich Ihnen noch gefllig sein knnte.

Meine junge Dame! ich habe schon so Vieles von Ihrer Gte genossen, da
ich unbescheiden sein wrde, wenn ich ein Mehreres verlangte. Ihre Hlfe
reichte hin, die Wohnung, in welcher Sie mich finden, wie ein
anstndiges Wittwenzimmer auszuschmcken, und Sie wrdiger aufzunehmen.
Darf ich noch begehren, da Sie Ihrer Milde Etwas hinzufgen, so flehe
ich Sie nur an, dem guten Herrn White, der trostlos von Ihnen ging, zu
verzeihen, wenn ich gleich nicht wei, wodurch er Ihren Unmuth
verschuldet hat.

Justine bewegte ungeduldig das Haupt. Warum reden Sie von ihm? fragte
Sie: Ich habe Krieg mit ihm, nicht Sie; Sie scheinen viel von ihm zu
halten.

Mademoiselle! erwiderte die Lainez: Ich lebe eigentlich nur in
meinen Wohlthtern. Von der brigen Welt habe ich Abschied genommen,
seit ich meinen Mann verlor, der bei Denain den Tod eines braven
Soldaten starb. Gott sei gelobt, da die Handlungen eines wackern
Mannes noch fr dessen Wittwe und Nachkommen Frchte tragen.
Mademoiselle! mein Gatte, Victor Lainez, machte, -- wir waren kaum
einige Monate verbunden, -- an der Spitze seiner Grenadierkompagnie,
die Schlacht bei Malplaquet mit. Der Himmel wollte, da er den
tapfern Boufflers aus der drohendsten Gefahr retten konnte, worein
ein scheu gewordenes Pferd den Marschall versetzt hatte; ferner, da
er den khnen Ritter St. George, der die Reiterei gegen die Feinde
fhrte, durch einen heldenmthigen Angriff aus dem Gedrnge ri. --
Villars belohnte freilich die seinem Nebenbuhler Boufflers geleistete
Hlfe nur mit Geiz und Verdru, aber des Marschalls Familie verlie
mich doch nicht in meiner Noth. Und als ich, vom Migeschick dem
vaterlndischen Boden entfremdet, hier in Krankheit verfiel, erwarb
mir des Ritters St. George Rettung einen Freund in dem guten James
White. Das Ungefhr machte ihn mit meiner Lage bekannt: kaum hrte er,
da mein seliger Mann dem Stuart, den er mit vielen tausend Englndern
als Knig verehrt, einen Ehrendienst geleistet, als auch sein Beistand
sich verdoppelte. Er wute, selbst mittellos, seinen Pflegevater, den
Doctor, in mein Interesse zu ziehen, -- mein Schicksal zu erleichtern,
und endlich in Ihnen nicht minder einen guten Engel fr mich zu
gewinnen.

So? versetzte Justine, beinahe mit einem Anstriche von Eifersucht: Es
mu Ihnen peinlich sein, Madame, von einem jungen Mann abzuhngen.
Frauen sollten billig wieder nur Frauen die Erleichterung eines
unverdienten Migeschicks verdanken. Welches ist denn Ihr weiteres Ziel?
Ohne Zweifel sehnen Sie sich, in die Heimath zurckzukehren?

Die Lainez schttelte traurig den Kopf. Ich finde nur Grber dort,
die mir werth sind, antwortete sie: meine Lieben sind alle hinber.
-- Weitlufige Verwandte, die die Aufhebung des Edikts von Nantes aus
ihrer Heimath verwiesen, leben zu Berlin. Ich kenne diese fremden
Vettern und Basen nicht, und frchte, sie werden auch mich nicht kennen
wollen.

Ihre Furcht mchte gegrndet sein, begann Justine, nach einigem
Nachdenken. Die Lainez fuhr fort:

Und ist es nicht grausam, da ich diese Ueberzeugung hegen mu? Trage
ich denn die Schuld, da mein Vater, seiner Familie Vortheil
bercksichtigend, den katholischen Glauben fr sich und die Seinigen
annahm? Die Auswanderung htte uns zu Grunde gerichtet, um Gut und Leben
gebracht. Im Grunde ist es ja doch gleichviel, unter welchen Gebruchen
wir Gott verehren. Wir sind die Kinder _Eines_ Vaters, und, so gut von
ihm die zahllosen Sprachen verstanden werden, in welchen die Welt zum
Himmel betet, so gut versteht er auch des Herzens frommen Willen von der
Form zu sondern.

Justine sah ihr bewegt, scheu und dennoch freundlich in's Auge. -- Sie
sprechen gut, Madame! sagte sie: Sie erregen meine lebhafte Theilname.
Ich werde Sie wieder sehen; ganz gewi, Madame. Ich will ber Ihre
Zukunft mit Ihnen reden. Verlassen Sie sich auf mich. Ich bin ein junges
Mdchen, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Ich drfte Ihnen von
grerem Nutzen sein, als der Monsieur White. Es wre mir lieb, wenn Sie
sich seinem Beistande entzgen, und mir erlaubten, Ihnen schicklichere
Dienste zu leisten. Ich mu berlegen, ... mein Gott! ich habe diesen
Morgen schon so Vieles gehrt und gesehen;.... sagen Sie mir aufrichtig:
Sie wissen in der That nicht, was in Ihrem Hause -- Ihrem Zimmer
gegenber, vorzugehen pflegt?

Wahrlich: Nein, Mademoiselle.

So bleibt mir nichts brig, als die Delikatesse zu bewundern, womit
sich augenscheinlich eine Gesellschaft Ihrer annimmt, zu welcher Sie
eigentlich gehren, -- die es aber vermeidet, Sie in ihren Kreis zu
drehen, um Sie der Gefahr einer mglichen Entdeckung zu entziehen.
Oder.... will man erst Ihrer Verschwiegenheit gewisser werden.

Noch einmal, Mademoiselle, ich verstehe Sie nicht.

Justine rieb sich ungeduldig die Stirne. -- Ich werde ganz verwirrt,
sagte sie: Ihre Unwissenheit.... White's rthselhaftes Betragen.... ist
der Monsieur Protestant oder nicht?

So viel ich wei: ja. --

Und Sie, Madame, sind, wie Sie sagten, Katholikin?

Aufrichtig zu sein, Mademoiselle, mu ich Ihnen bekennen, da mein
Vater, ob er gleich zur Messe ging, dennoch Protestant geblieben. Wir
Kinder folgten, grer geworden, seinen Grundstzen. Herr von Lainez
lie mir freien Willen in Religionssachen. Meine Verwandten zu Berlin
werden freilich nie glauben, was ich Ihnen so eben gestand, aber es ist
nicht minder wahr, da ich einem Rcktritt mich entgegen sehne.

Dann mssen Sie aus diesem Hause! rief Justine lebhaft: ja Madame.
Sie mssen, -- ehe Sie erfahren...

Was, Mademoiselle?

Ich werde berlegen, -- nachdenken, Sie dieser Lage entreien. Glauben
Sie mir; ich will nur Ihr Heil, Ihres Lebens Wohl.

Erklren Sie sich....

Ein Andermal ... Morgen oder Uebermorgen! So eben schlgt die Stunde,
in der ich schon zu Hause sein sollte. Ich verlasse Sie jetzt, um Sie
bald gefater wieder zu sehen. Veranstalten Sie indessen, da ich den
Englnder hier nicht finde. Leben Sie wohl, meine Beste. Keinen Dank
fr die Kleinigkeit, die ich Ihnen reichen durfte; ich wnsche, ich
hoffe, ein Mehreres fr Sie thun zu knnen. Adieu.

Justine ging in der heftigsten Bewegung von dannen. Die Lainez folgte
ihr verlegen ber den Hof; ffnete ihr die Pforte, und des Senators
Tochter eilte die Gasse hinauf. James, der an der Ecke ihrer wartete,
wie ein armer Snder seines Richters, htte zu keiner unpassenderen
Zeit in ihren Weg treten knnen.

Was wollt Ihr? fragte sie ernst und hastig, und streifte an ihm
vorber.

Mademoiselle! entgegnete er verschchtert: hassen Sie mich nicht!
ich wollte meine Reue ... ich hatte nicht Ruhe; ... darf ich nicht ein
Wort...?

Incommodirt Euch nicht, Monsieur, sagte Justine kurz: Schleicht nicht
an meiner Seite hin. Bleibt zurck. Ihr wit bereits wie ich denke.
Adieu.

Der niedergedonnerte James blieb in der That, an der Geduld der Zornigen
verzweifelnd, zurck, und schlug den Weg in eine andere Strae ein. Er
rannte an einer bekannten Figur vorbei; an dem Kaufmannsdiener Berndt,
der ihn von der Seite mit einem Blicke, ohne ihn zu gren, ma, und
dann eiligst der Jungfer folgte, die er wahrscheinlich von ferne, mit
James redend, gesehen.

White hatte indessen nicht Zeit, nicht Besonnenheit genug, ber diese
Begegnung nachzudenken. Die, wie er sich bewut war, verschuldete
Mibilligung und Verachtung eines geliebten Mdchens, auf dessen
Gedanken-Consequenz nicht gehrig gerechnet worden war, bekrnkte ganz
allein sein Herz, erfllte sein Gemth. Er verwnschte im raschen Laufe
nach seiner Wohnung seine Bestimmung, sein Geschick, seine Liebe, und
den Zwang, dem er unterworfen. Mit thrnendem Auge und hochschlagender
Brust erreichte er sein Stbchen, und warf sich, wie trostlos auf das
Lager. Er hatte nur wenige Minuten mit geschlossenen Augen seine Sinne
gesammelt, als er hinter der Bretterwand, die sein Gemach von dem
Schlafkabinete des Doctors trennte, das Gerusch einer aufgehenden und
zufallenden Thre vernahm. Er horchte, und unterschied die Stimme des
Doctors, die Stimme des Senators Mssinger.

Erholen Sie sich, sagte der Erstere: in allen Verhltnissen des
Lebens ist uns Fassung am nthigsten. Der Mensch ist seiner Herr, sobald
er ber seinem Schmerze, wie ber seinem Glcke steht. Die Erinnerung an
das Jahr 1690 hat Sie bel angegriffen. Hier strt uns niemand; hier
lauscht niemand.

Arme Clara! seufzte der Senator: nach neun und zwanzig Jahren mu
sich Dein Andenken so grell in meinem Gehirne erneuern! In welcher bsen
Zeit, mein Freund! O, in welchen betrbten Stunden!

Clara ist im Himmel, Herr Senator. Sie sitzt zu den Fen der
Gebenedeiten, und sieht gewi segnend auf uns herab, denn dort oben
lscht jeder Groll aus, und Clara grollte Ihnen auch hienieden nicht.

Welche Reden, wrdiger Herr! das sind Worte des Trostes, der
unendlichen Zuversicht auf unendliche Barmherzigkeit! Aber -- was hilft
es? Ein stummer Fluch verfolgt mich, -- und weil mein frevelhafter
Leichtsinn ein unschuldig Herz gebrochen, bricht die Schuld das
Meine. --

Der Schatz gttlicher Liebe ist gro, unermelich. Vertrauen Sie dem
Heiland. Ich darf seine Stelle auf Erden vertreten, wenn ein reuiges,
nach Vershnung lechzendes Gemth sich vor dem Kreuze in Staub wirft.
Sie erschraken beinahe, Herr Senator, als ich, Vertrauen mit Vertrauen
vergeltend, Ihnen bekannte, da ich die Weihen meiner Kirche trage.
Wollte die heilige Mutter Gottes, da Sie auch derselben angehrten! um
zu erproben, ob ich den Beruf und die gttliche Gnade zu meinem Stande
besitze.

O! -- stie der Senator nach einigen Augenblicken mit Gram und Kummer
heraus: fast wnschte ich auch, einer der Ihrigen zu sein, da ich auf
Milde und Vergebung rechnen drfte. --

Die Sonne scheint dem Bsen, wie dem Guten; antwortete der Doctor
mit Salbung: Der Verirrte hat in seinem Irrthum selbst Anspruch
auf die Gnade seines Schpfers: um wie viel mehr der Bereuende? der
Entfremdete, der einen Bild des Sehnens nach der traurenden Heimath
zurckwirft? Beruhigen Sie sich, bester Freund. Das Wort, das Sie so
eben gesprochen haben, macht Sie schon gleichsam zu den Unsrigen. Ich
trage daher, -- die Macht bentzend, die unsere frommen Vter im Namen
des Statthalters Gottes auszuben begannen, -- kein Bedenken, Ihnen
die Trstungen unsrer Religion anzubieten, da Ihnen, wie ich bemerke,
diejenigen, welche Ihre bisherige Lehre Ihnen zu geben vermag, nicht
zulnglich scheinen. Sammeln Sie Ihr Gedchtni, mein werther Sohn,
und erleichtern Sie Ihr Herz. Mein Ohr ist Ihnen offen, und meine Hand
bereit, jeden Kummer aus Ihrer Brust zu nehmen, und den Balsam der
Vershnung dafr hinein zu legen.

Der Doctor schwieg, und James hrte Sthle rcken, den Senator verlegen
husten, und endlich mit unsicherer Stimme erwidern:

Ich danke Ihnen, wrdiger Herr, fr die Wohlthat, die Sie mir zu
erzeigen bereit sind. Allein, -- obgleich mein Herz sich nach der
himmlischen Speise sehnt, und ich nicht lugnen mag, da es noch emprt
ist von der starren Hrte, mit welcher der Diener meiner Kirche meinem
kindlichen Vertrauen entgegen kam, -- so mu ich doch nicht minder
bekennen, da die in der Jugend eingesogenen Grundstze und Lehren mir
zu verbieten scheinen, von Ihrer barmherzigen Freundschaft Gebrauch zu
machen. Ich bin nie ein Kopfhnger gewesen, -- leide nur seit einiger
Zeit an den schweren Scrupeln meines Gewissens, -- ich darf nur von der
mildesten aller Religionen Milderung meines Zustandes erwarten, -- aber
-- das ist die Macht des Vorurtheils, wenn Sie es so nennen wollen, da
ich in meiner Angst nicht wei, ob ich in Ihren Vorschlag eingehen darf,
wenn ich gleich sonst an jeder Trstung verzweifle.

Herr Senator! lautete des Doctors ruhige und alsobald folgende
Antwort: Sie gebrauchen das rechte, das wahre Wort. Vorurtheil! so
heit die schwere Kette, die das Herz an die Erde bindet, whrend es
sich umsonst bestrebt, sich zu Gott zu erheben. In der heidnischen Fabel
von dem Vogel Phnix finden Sie den Zustand einer muthigen Seele
angegeben, die, ber Zeit und irdische Hinflligkeit hinaus verlangend,
sich durch ein heilig Feuer reinigt, um mit Gott vermhlt zu werden. Die
Heiden verstanden selbst die Fabel nicht, die sie dichteten, aber dem
wahren Christen mu sie verstndlich sein. Er verbrenne in der
Anschauung des Hchsten den vom alten Adam umsponnenen Krper, und mit
ihm alles Irdische, damit er in Gott verjngt werde. Er lasse sich nicht
von weltliche und irrthmlichen Fesseln halten, um das Wahre zu finden.
Er verschmhe nicht die herrlichste Frucht, weil ihm etwa von Kindheit
auf aberwitzige Leute gesagt haben, sie sei ungesund.

Indessen,, fuhr der Doctor fort, nachdem er einen Augenblick
inne gehalten: indessen rottet man das Vorurtheil, fr welches der
arme, irrende Mensch nicht kann, nicht mit Gewalt aus. Die zarten
Blumen verlangen von ihrem frsichtigen Grtner eine kluge, treue
und sanfte Pflege. Welche Milde entwickelt daher unsere Kirche, die,
allen Lsterungen zum Trotze, dennoch die weieste, sanfteste -- und
freudigste Grtnerin im Paradiese des Herrn ist? Sie spricht also zu
Ihnen, mein werther Freund und Beichtsohn: Es ist nicht zu lugnen,
da gebieterische Umstnde das Abweichen von der gewohnten und
vorgeschriebenen Regel entschuldigen. So gilt zu Zeiten das mndliche
Testament eines vom gerichtlichen Testiren abgehaltenen Sterbenden;
-- so gilt die Nothtaufe des Vaters, der Wehmutter, und im dringenden
Fall tauft Wein oder Sand wie das reinigende heilige Wasser. -- Soll
ich noch von den Begrbnigebruchen reden, die der Capitn eines
Schiffes, in Ermangelung eines Geistlichen an den verschiedenen
Matrosen verrichten darf? oder von der Absolution, die im Augenblicke
der Schlacht der Soldat seinem Nebenmanne ertheilen darf, als komme
sie aus Priesters Munde? Es wre berflssig, mich weiter darber zu
verbreiten. Ihre Seele liegt in Extremis, Herr Senator, und ob ein
katholischer Priester oder ein Prdikant ihr beisteht, -- gleichviel!
wenn sie nur gesundet!

Wahr, ehrwrdiger Herr! versetzte Mssinger: jedoch...

Der Doctor unterbrach ihn alsobald: Mit wie viel grerem Rechte aber
bietet Ihnen _meine_ Kirche ihre trstende Hand! Sie dringt sich Ihnen
nicht auf, sie bettelt auch nicht um ihre Genehmigung zu Ihrem Heil! Sie
will Sie nicht erst berreden, sich zu ihr zu wenden; sie macht alte
Rechte auf Sie geltend. Wahrlich, mein Herr Senator, was auch Ihre
Partei sagen mag: Die katholische Kirche ist Ihre Mutterkirche. _Sie_
haben ihren Schoo verlassen; aber die Mutter hat _Sie_ nicht
aufgegeben, Sie sind, indem Sie zu den Gebruchen der katholischen, der
Allgemeinen Kirche zurckkehren, kein Proselyt fr diese Letzte, kein
Abtrnniger von Ihrer Sekte; -- Sie sind ganz einfach nur dem verirrten
Kinde zu vergleichen, das wieder ins Vaterhaus zurckkommt, und sich an
die gewohnte Stelle am Tische setzt. Die rmische Kirche ist Ihr Haus,
auf welches sich Ihre Ansprche nicht verjhren, so wie sich hinwiederum
das Recht derselben auf Sie nicht verjhrt; ob es anerkannt werde, oder
nicht. Darum begehen Sie nicht nur keine Snde, sondern Sie ben eine
Tugend, wenn Sie dem Zuge Ihres Herzens ohne Zweifelmuth folgen, da es
Ihnen selbst sagt, da ich wahr geredet habe.

Ihre Worte rhren und ergreifen mich, erwiderte der Senator,
verlangen Sie aber nicht, da mein so befangener gengstigter Geist
sich davon berzeugen lasse. Ich bin keiner der Frommen in meiner
Kirche, aber wenn es darauf ankmmt, die dem Knaben eingepflanzte Lehre
zu vertauschen, so rasch, so unberlegt...

Verlange ich denn dieses? fragte der Doctor sehr sanft, Hat denn der
Mensch seinen freien Willen umsonst? Ist denn die Kirche neidisch auf
den Pflegling, der einer irrthmlichen Idee nachjagt? Keineswegs. Dem
Vater ist es Freude genug, wenn der Sohn einmal wieder nach Hause kommt,
unbekmmert, ob ihn der nchste Augenblick wieder von dannen reie. Weil
die Mutter nur um Seinetwillen das Kind liebt, fllt sie dem Scheidenden
die Reisetasche mit kstlicher Speise und mit Ruhe die Brust. Mag es
dann wieder fremdem Zuge folgen; sie liebt es nicht minder zrtlich.

Sie meinen also, da der Seelentrost, den Sie mir verheien, von mir
genossen werden kann, ohne da ich aus der Glaubensbahn treten mte,
die ich bisher beschritt?

Nichts falicher, als dieses. Soll ich von Ihnen einen Eid verlangen,
der Sie um nichts nher dem Vater bringt, dem Sie doch einmal angehren?
Werde ich von Ihnen erst ein Glaubensbekenntni fordern, das von dem
Verlangen Ihrer Seele schon ausgesprochen wurde? Ohne es zu wissen,
waren Sie schon wieder der Unsrige geworden, -- und ist, mein werther
Beichtsohn, in Ihrem Snden-Bekenntnisse und der daraus entspringenden
Vergebung, der erneuerte Bund mit der wahren Kirche erst aufgegangen, so
ist Alles geschehen, was Sie im Grunde bedrfen. Sie sind im Innern
wieder geworden, wozu Sie Gott erschuf, und das gengt uns. Von Ihrem
Gutdnken, und der Forderung Ihrer Seele allein wird es abhngen, ob Sie
nicht in der Befolgung aller Gebruche unsrer Kirche eine grere
Beruhigung finden mchten. Die Weisheit Gottes und seines
Stellvertreters auf Erden ermchtigt uns, in den Fllen, deren Gewicht
unsre Nachsicht verlangt, den Rcktretenden, den heimkehrenden Shnen
und Tchtern, jede ffentliche Aussprechung dieser Handlung zu erlassen,
damit die Vereinigung mit der allgeliebten Mutter, dem Vater und dem
Sohne, und dem Geiste, nicht durch weltliche Rcksichten und
Bedenklichkeiten aufgehalten oder gar verhindert werde. Doch dieses
berhrt Sie vor der Hand nicht, mein werther Beichtsohn, den ich als
einen Gast freundlich zum Tische des Allbarmherzigen lade. Machen Sie
sich demnach keine weitere Gemthsbewegung; sammeln Sie Ihre Gedanken,
und beginnen Sie, im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit, die
ungeschmckte schlichte Schilderung des Kummers, der Sie bedrngt, und
der Snden, von denen Wir Alle nicht rein sind, in meinen Schoo
niederzulegen. --

James hrte, wie hierauf der Senator mehreremale heftig auf und ab
ging, wie er sich alsdann mit einem tief aus der Brust geholten:
Ach! in Gottesnamen denn! neben dem Doktor niederlie, -- wie er
mit gedmpfter Stimme begann, demselben sein Herz zu erffnen. Ein
unbehagliches Gefhl, mit dem Gedanken verbunden, da es edler und
gewissenhafter sein wrde, nicht lnger den Horcher abzugeben, --
die Scheu endlich, ein Beichtgeheimni zu erlauschen, vermochte den
Jngling, ohne Gerusch vom Lager zu entweichen, und sich an das
Fenster zurckzuziehen, das in den Garten eine friedlich reizende
Aussicht gewhrte. Er verlor sich in den Trumen seines Verstandes,
in den Bewegungen seines Herzens, und sein wachendes Auge theilte
sich mit dem Letztern in das Geschft: eine Tuschung zu geben, die
dem Hellsehen hnlicher ist, als dem gewhnlichen Spiele aufgeregter
Einbildungskraft. Die Bohnenlaube des Gartens gestaltete sich zu dem
Hause des Senators, und darinnen waltete ein liebliches, wohlbekanntes
Bild, das, einem Zauberwerke gleich, den Beschauer durch unendliche
Anmuth fesselte, durch unendliche Seltsamkeit abstie. Dem jungen
Englnder kam es vor, als sei es ihm vergnnt, in das Innere Justinens
einen scharfen Blick zu werfen; als sei er auf dem Punkte, dieses
holde und qulende Rthsel zu entziffern. Justinens Blicke sprachen
Empfindung fr den Freund, Liebe fr den Liebenden aus, und vergebens
schien der trotzige Mund es zu leugnen, das fremde Wort es zu
verneinen. James sah sein Bild in ihrem Herzen leben, whrend ihre Hand
es muthwillig von sich warf. Warum wehrst du dich gegen das Gefhl, das
uns verbinden mchte? fragte seine Zunge stille vor sich hin: Siehst
du denn nicht, da ich dennoch im Grunde deiner werth bin? da mein
Herz nicht bse, meine Seele ohne Falsch ist? Betrbe dich doch nicht
um meiner Handlungen willen! Verachte mich doch nicht um ihretwillen!
Sie sind mir ja von einem harten Loose aufgegeben: noch bin ich zu
schwach, den Bann zu zerreien, der mich zu einem Maskenspiele zwingt,
das ich Muth haben mchte, zu verabscheuen, und zu endigen! Ich kann
ja nur durch deine Liebe zum Manne werden, nur in dir meine Sttze
finden, so wie du in mir, denn verwaist stehen wir beide: Du, einsam
im Vaterhause zwischen den lebendigen Eltern, -- ich, in der Fremde,
zwischen dem Schaffot, das meinen Vater, und dem den Grabe, das
meine Mutter verschlang! Wenn ich dich rufe, damit du mich zu khner
That begeisterst, -- wirst du mich nicht hren? Wenn ich meine Arme
nach dir ausstrecke, um dich an mein Herz zu ziehen, -- wirst du dich
ewig struben? -- Das Bild der Geliebten entzog sich den Armen des
Jnglings nicht; es beugte sich aus den spiegelhellen Fenstern, --
heller, klarer als diese; seine Brust pochte vor Entzcken, seine Hand
zitterte vor Wonne, und doch blieben der Sehnende und die Gewhrende
getrennt. Ein dunkles Feld schob sich zwischen Beide. Ein Thurm scho
auf aus der Tiefe, und trug Justinens Gestalt bis zu den Wolken, da
der Zurckbleibende bald ihre Zge nicht mehr unterscheiden konnte.
Statt ihres glnzenden Auges blinkte ein vergoldeter Thurmknopf
auf die Wasserwste hernieder, die auf ihren unstten Wellen den
Jngling fortzureien schien. Wie vorhin die Laube zum Hause, so
wurde nun die hochstrebende Tanne zum Maste, von welchem schwarze
Wimpel flatterten. Je frischer der Wind ber des Gartens Blumenbeete
strich, und deren Hupter bewegte, je drohender schienen die Wasser
zu schwellen, und James ngstigte sich, von Heimweh und Sehnsucht
gemartert, auf der reienden Fahrt. Wohl klrte sich der betubende
Schwindel wieder in ein helles Bewutsein auf; -- wohl warf an den
Ufern eines reizenden Landes die Hoffnung den Anker aus, und es rastete
der fluthenschneidende Kiel ... wohl winkte aus dem Myrthengebsch
am Strande, aus den Palmenwipfeln der Hhen ein reizendes Weib,
verfhrerisch in ihrer Anmuth und in fremder Tracht und Sitte...,
James konnte nicht weilen im herrlichen Gebude, durfte nicht rasten,
wie das verlassene Schiff. Justine schwebte ja ber den blauen Bergen
des Horizonts; ihre versagende Geberde, ihr strenges Lebewohl, ri
ihn ja dahin wie mit Gttergewalt, -- bis unter den Bltterbehngen
eines lautlosen Waldes ihre Huldgestalt verschwand, ihr abmahnender
Ruf verhallte. James konnte ihr nicht mehr in das Innre jenes
geheimnivollen Waldes folgen, denn seine Sinne endigten, erschpft
von den bermenschlichen Hindernissen, die ihre eigene Laune gebar,
das trgerische, peinliche und dennoch angenehme Spiel. Es war mit
einem Schlage Alles um ihn her, wie zuvor; der Thurm zur kleinen Laube,
der schwarzgewimpelte Mast zur dster belaubten Tanne geworden. Das
wogende Meer hatte sich wieder in ein Blumenfeld, die myrthenbekrnzte
Kste in des Nachbars wohlgeschmckte Orangerie verwandelt; der blaue
Gebirgsrcken in das hohe Schieferdach der Paulskirche; der schweigende
Wald in die Pappelspitzen des zu St. Paul gehrenden Friedhofs. Das
Schauspiel war vorber, und den Gedanken des Jnglings wurde sogar
verwehrt, ihm einen grbelnden Epilog zu halten, denn die Herren im
Nebenzimmer, die wieder angefangen hatte, laut zu sprechen, erregten
des fast unwillkrlich Lauschenden Aufmerksamkeit.

Sie knnen von der Snde, die Sie sich zuzurechnen haben, nur in Ihres
Gewissens Bue und im Gebete Befreiung finden, hob der Doctor ernst und
mit bewegter Stimme an: Gott und die Barmherzigkeit sind Eins: ich darf
Ihnen im Namen des Allbarmherzigen Vergebung zusichern, und mu jetzo
doppelt beklagen, da Ihre Eltern Sie den Gebruchen der wahren Kirche
entfremdet haben; ein Irrthum, woran Sie unschuldig sind; der aber
nichts desto weniger strend auf Ihren Seelenzustand in vorliegendem
Falle einwirken mu.

Wie das, mein wrdiger Vater? fragte der Senator mit zerknirschter und
erschpfter Stimme.

Htten Sie den Muth, den Willen, mein Sohn, -- begann der Doctor
wieder, -- mehr als ein Gast am Tische Ihres Vaters, in den Armen Ihrer
Mutter zu sein, -- wrden Sie aufhren, die heiligen Glaubenslehren
wegzuweisen, die allein unsere Glckseligkeit ausmachen, -- in einem
Augenblicke wrde Ihr Herz beruhigt, glcklich sein. Ich wrde Sie _los_
sprechen; das Vergangene gnzlich ungeschehen machen. Vermittelst einer
kleinen Bue, die den Armen zu Gute kme, und einiger geistlichen
Betrachtungen knnte ich jedweden Fehler von Ihrem Haupte nehmen,
whrend ich jetzo nur als Freund Sie auf des Ewigen Liebe zu verweisen
habe. Ihre Prediger, mein Lieber, sind gut und bse, wie die Welt; aber
die Besten unter ihnen, die Gelehrtesten, wie die Spitzfindigsten, die
Tugendhaftesten, wie die Klgsten, ermangeln des Stempels, der ihrem
Thun die Weihe aufdrcken knnte. Gewandtheit in der Rede und in der
Dialektik ist nicht die Gelehrsamkeit vor Gott, dem das Opfer lieber
ist, als ein wohlgesetzter Sermon. Ihre Prediger, Herr Senator, sind
nicht Priester, und gleichwie ihr Gewand sich dem Weltlichen nhert, so
ist leider ihr Geschft nur ein Weltliches. _Uns_ ist vom Heiland die
Macht vertraut, zu lsen. Darum sprechen wir mit voller Zuversicht die
zuversichtigen Glaubensbrder los, whrend Ihre Geistlichkeit, indem sie
dem Gewissen des Pnitenten und einem oberflchlichen sorglosen
Vertrauen auf den Hchsten alles Sndenwesen anheimstellt, an jedem
Beichttage eine Snde mehr auf das Haupt derjenigen ladet, die ihr
glauben.

Sie sprechen hart ab, wrdiger Herr.

Nicht so hart, als man ber uns das Verdammungsurtheil fllt. Gott
duldet aber diese Schmhungen seiner Kirche, damit ihr Sieg einst
glnzender werde. Seine Langmuth kennt nur die weitesten Grenzen. Hin
und wieder warnt sie scharf, aber der taube Irrende berhrt den Ruf der
Warnung. Ein Beispiel, mein Lieber: Es sind kaum sechs Monden
verflossen, seit an einem Vorbereitungs- und Beichttage in der
Johanniskirche, pltzlich, wie aus heiterem Himmel kommend, ein
Blitzstrahl in die Emporkirche schlug, die Orgel beschdigte, das in
Marmor gehauene Evangelienbuch ber dem Altare zertrmmerte, und durch
ein offenstehendes Fenster in's Freie fuhr. Sehen Sie hierin einen
Fingerzeig des Ewigen, der in seinem Gewitter warnte, und dennoch nicht
strafte, da kein Mensch beschdigt wurde, und der Organist mit einer
leichten Betubung davon kam.

Der Tag, an welchem dieser merkwrdige Vorfall Statt hatte, das kecke
Sinnbild, das der Blitz zertrmmerte, Alles erregte die gerechten
Bedenklichkeiten der Menge, die immer mehr bereit ist, Gottes Willen zu
erkennen, als ihren Fhrern lieb ist. Ihre Geistlichen verkndigten
freilich von den Kanzeln, da man den Schpfer beleidigen wrde, wollte
man in der reinen Zuflligkeit jener _Naturerscheinung_ den Ausdruck
seines Zorns erkennen. Was soll man jedoch von den gelehrten Mnnern
denken, die am folgenden Tage vielleicht mit aller Wrme den Satz
vertheidigen, da kein Sperling von dem Dache, kein Haar von unserem
Haupte fllt, ohne den Willen des Allmchtigen? -- Den schlechten Vogel
auf dem Dache also, das dnne Haar auf unserem Scheitel vermag er zu
halten, aber nicht das Gewitter, auf dem er daherfhrt? nicht den
Blitzstrahl, seinen frchterlichen Macht- und Zornboten?

Ich sehe Sie in Gedanken vertieft, fuhr er nach einer Pause fort,
whrend welcher sich der Senator ganz ruhig verhielt: Lassen Sie uns
abbrechen. Die Gnade des Herrn arbeitet an Ihrer Wiedergeburt. Folgen
Sie Ihr. Jeder Mensch ist zur Gnade reif, wenn er nur will, und die Wege
zur Besserung einschlgt. Jeder Snder oder Irrende, der das Heil
_sucht_, hat Theil an demselben, weil Christus es fr Alle durch sein
Blut erworben hat, und man mu gerade nur Jansenist sein, um diesen
Trost lugnen zu wollen. Gehen Sie hin: ich bin berzeugt, da Sie nach
den acht Tagen Bedenkzeit, die ich Ihnen hiermit erlaube, freudig zu mir
zurckkehren werden, um das Kleid der Unschuld vllig anzuziehen.

Der Senator seufzte wieder schwer, und setzte zgernd hinzu: Was
die Summen betrifft, wrdiger Herr, welche den Betrag der Wechsel
ausmachten ... mich peinigt der Betrug des Augenblicks. Ich knnte
freilich, -- Dank sei es jenem blinden Glckszufall, -- dem Erben die
Summen abtragen, allein schon zirkuliren sie im Handel. Mein gesunkener
Credit bedurfte starken Aufschwungs, -- jetzt kann ich das Geld nicht
wohl ermangeln. In einigen Jahren allenfalls, ... der Himmel behte
mich, es gnzlich ablugnen zu wollen ... aber ... wie gesagt..

Ich wei bereits, versetzte der Doctor: ich glaube, da Sie vor der
Hand die fraglichen Summen gar wohl behalten drfen. Wren Sie unsers
Glaubens, ich wrde unumwunden sagen: Behalten Sie das Geld, mein Sohn.
Ihr redlicher Wille, es einst wieder zurckzuzahlen, gengt der Moral
vollkommen, da -- Erstens -- Sie sich durch die einstweilige Verwendung
der Summen aus der bedenklichsten Lage retten, und Selbsterhaltung
die erste Pflicht ist; da -- Zweitens -- der jetzige Creditor in
seinem Reichthume des Geldes nicht bedarf. Bei Ihnen ist =periculum=;
die Gelder, einst mit Interessen zurckgegeben, werden ihm doppelt
erwnscht kommen. Sollte hingegen zu jener Frist er selbst nicht mehr
leben, und keine Familie hinterlassen, so befreien Sie, der Kirche
eine Stiftung von dem Gelde machend, Ihr Gewissen vllig. Wren etwa
Hinterbliebene vorhanden, so gengen Sie den Anforderungen der Moral,
wenn Sie unter diese und die Kirche den Betrag gleich vertheilen:
denn, da die Erben persnlich kein Unrecht erlitten, so entschdigt
sie hinlnglich die Hlfte, whrend die andere, zu milden Stiftungen
verwendet, am zweckmigsten die Rechnung mit dem Verstorbenen
ausgleicht.

Sie sind ein wackerer, kluger Mann, versicherte der Senator mit
leichterem Herzen: Ich fhle Vertrauen zu Ihnen, wie zu keinem Menschen
auf der Welt. Sie beruhigen meine Seele durch einige Worte mehr, als
alle unsere Geistliche durch ihre strengen Forderungen und schwlstigen
Reden. Ihre Sittenlehre pat in die Welt, wie sie ist. Sie verstehen die
Bedrfnisse eines Hausvaters und Geschftsmannes zu beachten. Wenn nur
die Gestalt des armen Birsher von mir weichen wollte!

Die Absolution ist der beste Exorcism gegen die Gespenster des
Gewissens. Nur die Lossprechung wlzt den Fels, den verschuldeten, von
Ihrer Brust. Sie wissen den Weg zur Gnade. Whlen Sie in Zeiten.

Wenn mich nur die Furcht vor Snde nicht abhielte, meine Sndhaftigkeit
zu heilen! sagte der Senator ngstlich: Ich armer Mensch!

Wir halten hufig fr Snde und Verbrechen, was eine gleichgltige
Handlung ist. Menschensatzung ist immer voll von Fehlern, und das
Lutherthum ist eine solche. Der heilige Petrus konnte _uns_ wohl
Worte vom Himmel bringen, er vernahm sie aus dem Munde seines
himmlischen Meisters. Der Augustinermnch von Wittenberg konnte Ihnen
nur Weltliches lehren. _Wir_ ffneten ihm die Arme, _er_ stie uns
verstockt zurck. Wer handelte hier im Geiste des vershnlichen Gottes?
Ein Cardinalhut htte den ehrgeizigen Mnch beschwichtigt und zahm
gemacht; die demthige Kutte behagte ihm nicht mehr. Am rmischen Hofe
nannte man es Verbrechen, den Widersacher durch heilige Wrden kirren
zu wollen. Er nannte es zu Worms ein Verbrechen, der milden Mutter
reuig entgegen zu kommen. Was ist also Snde, so lang die Welt es
mit Recht und Unrecht zugleich hlt? Wrde man zu Hamburg Ihnen ein
Verbrechen daraus machen, da Sie in der Lotterie spielten, und das
groe Loos gewannen? Gewilich nicht, whrend man Sie hier, wrde es
bekannt, aus dem Senate stoen wrde. -- Wird ein unbefangener Mensch
Sie eines Verbrechens beschuldigen, weil Sie nun wissen, da ich ein
katholischer Geistlicher bin, und weil Sie nicht hingehen, um mich zu
denunciren, damit man mich aus der Stadt bringe? Sicher: nein. Und doch
wrden Sie Ihrer Wrde verlustig und in starke Geldbue verfallen sein,
erfhre es die Stadt. Thun Sie Recht, bereuen Sie das Vergangene, damit
Gott Ihnen vergebe. Werden Sie einer der Unsern, da ich die Freude
haben kann, Ihr Gewissen gnzlich zufrieden zu stellen. Dahin gehe Ihr
Trachten. Besuchen Sie mich, wie Nikodemus den Herrn, im Stillen: Sie
sollen immer in mir den verschwiegensten, den treuesten Freund finden.

Der Engel Clara spricht fr Ihre Tugend und Ihre Liebe! rief der
Senator unter Thrnen, die an des Doctors Brust zu flieen schienen.

Um Clara's willen also, Herr Senator, versetzte der Doctor
eindringlich: Muth! heilsamer Entschlu! Vertrauen zu mir und meinen
Worten. Um Clara's willen, armer zweifelnder Mann!

Nach einer kurzen Stille hrte der junge Englnder den Senator
fortgehen. Der Doctor rief nach seinem Frhstck, sang seinem
Lieblingsvogel eine Melodie vor, und als James die Tasse klirren hrte,
glaubte er, es sei an der Zeit, dem Pflegvater sich vorzustellen.

Der Doctor hatte die Gewohnheit, sich zur Zeit des Frhstcks in sein
Cabinet zurckzuziehen, um daselbst ungestrt sein Brevier beten zu
knnen. James fand ihn damit beschftigt. Leupold legte das Buch
indessen alsobald weg, und sagte heiter: Guten Morgen, mein Sohn. Du
findest mich erfreut, denn Gott will erlauben, da ich wieder eine Seele
zu dem Freudenreiche der alleinseligmachenden Mutter zurckfhren darf.
Wie hat sich deine Bemhung belohnt, James? Ich glaube, dich in der
Kapelle gesehen zu haben.

James berichtete mit Bedauern und Achselzucken. Der Doctor hrte
aufmerksam zu. Recht gut! sagte er alsdann. Ich finde keinen Grund
zum Verdru und zur Mibilligung. Das Mdchen hat, wie du sagst, mit
gespannter Neugierde die Messe abgewartet? folglich hat die heilige
Handlung Eindruck auf dasselbe gemacht. Der Reiz des Mysterisen
vollendet die gegebene Richtung. Plaudern wird Justine nicht. Sie
scheint fester und verschlossener zu sein, als Mdchen gemeinhin zu
sein pflegen. -- Die Lainez soll hier ihr Meisterwerk machen. Seitdem
sie hier ist, hat sie, den jungen Pahlens ausgenommen, keine Seele
gewonnen. Die Frau ist noch zu jung, zu hbsch, zu eitel, um mit
Vortheil wirken zu knnen. Sie wirft ihre Netze nach Mnnern aus,
whrend sie die Frauen erobern sollte. Die Kunst, die sie besitzt,
ihr Aeueres zu formen, wie es die Nothwendigkeit erheischt, -- ihre
Geschicklichkeit, den Protestantismus auszuhngen, um eben durch diese
List fr die gute Sache zu werben, -- diese lobenswerthen Eigenschaften
sind mir wohl bekannt; aber ich wnschte dennoch, der Pater Superior
htte mir eine andere Mitarbeiterin, lter, gediegener, zuverlssiger,
an die Seite gestellt. Eine solche wrde auch dich, mein Sohn, mehr
zu begeistern vermgen, als diese Lainez kann, von der du dich
augenscheinlich abwendest.

O, mein Vater; entgegnete James mimuthig: die heuchlerische Lainez,
wie ich, wir spielen eine recht gehssige Parthie.

Wieder die alte Klage? fragte der Doctor finster: Du wirst mich
zwingen, dich vor Beendigung meiner Mission in's Noviziat abgehen zu
lassen. Schweige, wenn du nichts Verstndigeres vorzubringen weit. Dort
liegen Frachtbriefe, Rechnungen, und zu beantwortende Missiven. Schreibe
ab, trage in's Buch und auf mein eigenes Register. Vergi nicht
nachzurechnen, mein Sohn. Der Ansatz der Medizinalkruter und
Farbehlzer, den mir der Pater Thomas Cosedro von Assumption beigelegt
hat, scheint mir bertrieben. Sieh vorlufig nach, bis der Capitn
selbst angelangt sein wird. Ich erwarte ihn bald. Ich werde nun
ausgehen, und mein Brevier im Freien lesen, und bei Spaldinger Wechsel
fr das Provinzialat negoziren, und dem Himmel danken, da er unsers
Ordens Bemhungen in hiesiger Stadt mit auerordentlichem Gedeihen
segnet. Wir zhlen bereits mehrere bedeutende Mnner zu unserer kleinen
Gemeinde, und der Beitritt eines einflureichen Rathsherrn soll unserer
Mission, mit Christi Hlfe, grere Sicherheit und ein erfreuliches
Bestehen erleichtern. Gott erleuchte dich, mein Sohn, und behte dich,
bis zum Wiedersehen!

Wie der Doctor, nachdem er sein Haus verlassen, seine Wechselgeschfte
verrichtet, wie er sodann unter den Bumen der sogenannten Brunnenhaide
seine Gebete mit geflgelter Zunge abgethan, -- im Voraus weglesend, was
noch zum Nachmittag aufbehalten htte bleiben sollen, bedarf keiner
weitlufigeren Beschreibung. Zufrieden, von Niemand in seiner
Andachtsbung gestrt worden zu sein, schob er das Buch in die Tasche,
und ging zur Stadt zurck, berichtigte an der Brcke auf's Pnktlichste
den Zollpfennig, grte freundlich und ergebenst alle Gutgekleideten,
die an ihm vorber kamen, und nickte mit verstohlener Herablassung
einigen gemeinen Arbeitsleuten zu, die eben so verstohlen beim Luten
der Mittagsglocke ihre Kappe zogen. Die Hflichkeit des klugen Mannes
erstreckte sich sogar auch auf leblose Gegenstnde. Vor dem
Schilderhause an der Thre des ersten Brgermeisters, vor dem
Stadtwappen ber dem Thore des Rathhauses, vor den Kanonen der
Hauptwache, zog er den Hut ab, und entblte sein Haupt beinahe vor
jedem ansehnlichen Hause, wenn gleich aus dessen Fenstern Niemand sah.
Sobald er wieder in die engen Straen seines Viertels kam, machte die
Demuth dem Selbstbewutsein Platz, und in der That war eine in jener
Gegend vorfallende Begebenheit ganz dazu geeignet, seinen Ideen eine
andere Richtung zu verleihen. In einem engen Gchen standen alle
Bewohner vor den Thren. Viele fremde Nachbarn aus den anliegenden
Straen erfllten den Eingang des Gchens, und all' die zerstreuten
Gruppen gafften nach einem Hause, das auf seinem Aeuern schon das
Geprge der Armseligkeit trug, htte man auch nicht an dessen Fenstern
die blassen, von Schmutz und Hunger entstellten Kindergesichter gesehen,
die daraus auf die schwatzenden Leute starrten. Schon hatte sich der
Doctor zu einem Trupp plaudernder Schustergesellen gewendet, um
Erkundigungen einzuziehen, als aus dem Hause, nach welchem alle Blicke
sahen, der Pastor der Johanniskirche trat; im Amtskleide zwar, aber mit
dem feindseligsten Gesichte. Dem heftig ausschreitenden und schnaubenden
Manne folgte der gutmthige Arzt Hckel, den das Volk gemeinhin nur den
Armendoctor nannte, und verschwendete manches gutgemeinte Wort des
Zuredens. Mehr noch indessen, als des Arztes Frsprache griff das
Gesicht und das Aeuere eines andern Mannes, der hinter dem Arzte
einherschlich, an jedes halbmenschliche Herz.

Der Prediger in seinem Unmuthe wurde jedoch nicht gerhrt.

Keine Begleitung, keine Nachrede! sagte er heftig: Verehrtester Herr
Doctor Hckel! kein Jota weiter! und Er, Monsieur, schweige Er vollends.
Ich mag kein Wort an Ihn verlieren. Er hat mich betrogen, mir und der
Brgerschaft ein Scandalum gegeben. Htte ich von Anfang gewut, mit
welchem =nebulone=, mit welchem Gelichter ich's zu thun haben sollte,
... nicht einen Schritt weit wre ich gegangen! nicht Seine _Schwelle_
htt' ich betreten!

Aber, ehrwrdiger Herr Pastor! eine Sterbe... stammelte der so
unsanft Zurechtgewiesene.

Was kmmert das mich? eiferte der Geistliche mit grerem Unwillen:
Wie gelebt, so gestorben. Wem Ihr Leute im Leben angehrtet, dem bleibt
auch im Tode. Helf Euch der, dem Ihr Euch bergeben, Ihr Auswurf!

Er ging mit allen Zeichen fortdauernden Zorns aus der Gasse, und die
Mehrzahl der Gaffenden zog hinter ihm drein. Der Doctor sah noch, wie
der gutmthige Arzt Hckel dem in seiner Betrbni verstummenden
Bewohner jenes Huschens ein Stck Geld in die Hand drckte, wie er,
mitleidig, aber ohnmchtig die Achseln zuckte, und sich dann eiligst
entfernte.

Dem hat's der Pfarrer recht gesagt! lachten einige rohe Bursche im
Vorbergehen; und auf Leupolds Fragen erwiderte ihm ein alter Brger,
der, traurig den Kopf schttelnd, sich ebenfalls zum Gehen wendete:

Lieber Herr, Sie glauben nicht, welch ein Jammer das ist! Der Pastor
mag wohl im Grunde Recht haben, aber hart ist's, wenn man bedenkt, da
die Armen doch Menschen sind!

Erklre Er sich genauer, mein Freund.

Sie mssen wissen, lieber Herr, da der blasse Mensch, der eben wieder
wie ein Verzweifelter in's Haus geht, ein Komdiant ist. Er gehrt zu
der Bande, welche mit Erlaubni des preislichen Magistrats in der Bude
auf dem Schwanenmarkte spielt. Vor acht Tagen sind die Leute erst
angekommen, und jener Mann, der eine schwerkranke Frau und vier oder
fnf Kinder mit sich fhrt, hat bei dem Wagenmeister Ulrich eine Wohnung
gefunden. Die Menschen behelfen sich gar kmmerlich in der feuchten
Stube und schlafen, so zu sagen, auf der schwarzen Erde. Da ist die Frau
nun krnker geworden, und bis an's Sterben gekommen. Der Armendoctor,
der um Gotteswillen zu ihr kam, und die Arznei aus seiner Tasche
bezahlte, hat dem armen Mann vertraut, wie schlimm es mit dem Weibe
steht, und ihn aufgefordert, sich nach geistlichem Zuspruch umzusehen.
Der Pastor ist zwar wie der Blitz bei der Hand gewesen, aber kaum hat er
gehrt, da die Frau eines Komdianten Weib sei, und -- wie ich
meine, -- demselben nicht einmal angetraut, als er ihr das Abendmahl
versagte. Wie es alsdann mit dem Begrbnisse gehen wird, das wei Gott.

Der Doctor ging, an der entsetzlichen Lage der Armen Antheil nehmend,
auf das elende Huschen zu, blickte durch's Fenster, und bersah eine
Scene des Jammers, die sich jedes fhlende Herz versinnlichen mag. Das
Weib lag, von Verzweiflung und Schwche gleich erschpft, auf dem
elendesten Strohlager, und lallte die Worte: Ach, Joseph! Joseph! warum
sind wir nur geboren worden? Ach, wie verlt uns Gott! Ach! was soll
aus den Kindern werden!

Und die Kinder schrieen, und der Mann stand im Winkel, drckte beide
Hnde vor die Augen, und das eiskalte, bleiche, abgezehrte Gesicht
sprach mehr, als Worte vermocht htten. Des Doctors Herz wurde aber noch
einmal so schwer, als er in des Mannes Zgen, besonders dann, als er
wieder die Augen ffnete, und wild zum Himmel hob, die Zge eines
bekannten Gesichts erblickte. Er klopfte rasch an's Fenster. Langsam
ffnete es der Trauernde. Der Doctor reichte ein Scherflein hinein, und
fragte leise: Wie ist Euer Name, mein Freund.

Ich heie Wohlgemuth, mein Herr

Der Doctor schttelte den Kopf. Das ist nicht Euer wahrer Name, Mann
Gottes. Sagt mir den rechten.

Der Mensch sah ihn verwundert an, und rieb sich verlegen die Hnde.

Ich wundre mich, da ich meinen chten Namen nicht schon vergessen
habe, sagte er schmerzlich: aber weil Sie so bestimmt fragen, will ich
ihn doch wieder einmal aus dem Gedchtni hervorholen. Ich hie einmal
Joseph Litzach.

Wei Gott! er ist's! sagte der Doctor, wie vor sich hin. Ich kenne
Euch, setzte er bei: ich wnsche mit Euch unter vier Augen zu
sprechen.

Der Mann deutete kummervoll auf die dahinschmachtende Frau. Bevor es
nicht hier vorber ist ... sagte er leise, kann ich nicht ausgehen.
Der Doctor meint: um die dritte oder vierte Stunde Nachmittags ... der
Pfarrer wird's wohl noch um ein Stndchen beschleunigt haben...

Dem Doctor traten die Thrnen in die Augen. Vertraut auf Gott! sprach
er: Ich will Morgen wieder vorbeikommen.

Bewahre! entgegnete Litzach hastig: Sagen Sie, mein Herr, wo ich Sie
antreffen kann. Ich kann heute noch zu Ihren Diensten sein, wenn nicht
Gott an meiner Alten ein Wunder thut. Um vier Uhr haben wir ohnehin
Komdie...

Wie? und Ihr agirt mit, an diesem Trauertage?

O, mein Herr, darnach fragt der Principal nicht. Ich kme um den
Wochenlohn, um's ganze Brod. Wir agiren heute eine Schnurre, und ich mu
darinnen den Hanswurst machen, lustig, recht lustig, damit das verehrte
Publikum lacht, wenn mir auch das Herz unter der bunten Jacke entzwei
ginge.

Der Doctor fand keine Worte. Litzach fuhr aber bald wieder fort: Um
sechs Uhr stehe ich zu Diensten, mein Herr. Wenn Sie allenfalls um diese
Zeit auf der Mailbahn am Schwanenmarkte lustwandeln wollten ... ich will
mir aus des Principals Kleiderkammer einen reputirlichen Rock borgen,
damit ich Ihnen keine Schande mache. Jetzt aber ... entschuldigen Sie.
Meine Alte ruft ihren Joseph. Vielleicht mu ich ihr jetzo schon
Lebewohl sagen...

Leupold nickte stumm mit dem Kopfe, und ging betrbt weiter, whrend der
Schauspieler wieder sein Fenster zumachte.

Der Doctor bentzte den Umstand, da er an einigen Husern heimlicher
Glaubensgenossen vorbeikam, um mit einem Worte Litzachs arme Familie
ihrem Mitleid zu empfehlen. Die Leute waren alsobald bereit, einiges
Essen und ein Paar Pfennige hinzuschicken. Der Drftige ist am Ersten
geneigt, dem Drftigen beizustehen.

Dem Doctor war es lieb, durch die Begegnung eines andern Bekannten aus
seinen trben Gedanken gerissen zu werden. Aus seinem Hause trat ein
rstiger Seemann in braunem Rocke und manchesternen Beinkleidern,
tchtigen Schuhen mit groen silbernen Schnallen, das Halstuch
nachlssig in den Schifferknoten geschlungen, und ein derbes spanisches
Rohr in der Hand. Der bordirte Hut mit der auszeichnenden Schleife
verrieth den Capitn.

Gre Sie Gott, Ew. Hochw... Herr Doctor, wollt' ich sagen! rief der
Capitn in tiefem Basse: Ich wollte eben ein Paar Dutzend Tonnen Teufel
reklamiren, weil ich Sie nicht zu Hause gefunden. Sie mssen, Gott
bessre mich! mit mir zu Mittag speisen; spter als gewhnlich, aber gut
und herzhaft, wie's ein Seehund gerne hat. Um elf Uhr bin ich aus der
Kalesche gestiegen, und habe im goldnen Schwan mein Absteigquartier
genommen oder, besser gesagt, Anker geworfen.

Somit nahm er den Doctor vertraulich, aber ergebenst unter dem Arm, und
steuerte mit ihm in anderer Richtung weiter.

Sie haben mich wohl frher erwartet? fuhr er fort: Aber, -- Sturm und
Segel! ich mute laviren, bald auf Osten, bald auf Westen halten, ehe
ich hier anlegen konnte. Mein Schiff ist frisch und gut im Havre
eingelaufen, und das wrdige Collegium zu Paris hat bereits seine
Contanti empfangen. Der Handel blht im Stillen, und er Vater
Lavalette, der, so jung er noch ist, bereits eine ungemeine
Spekulationsgabe entwickelt, hat mir schon von neuen Etablissementen und
neu auszurstenden Fahrzeugen gesprochen. Ich habe Briefe von Paris und
Lissabon an den Pater Superior, und wnsche, da Sie mir nach Vidimirung
der eingesandten Rechnungen und Bescheinigung des Geldes, das ich bei
Ihnen niederzulegen habe, einen Empfehlungsbrief an den wackern Herrn
mitgeben mchten.

Der Doctor versicherte ihn seiner Bereitwilligkeit, und die Herren
setzten sich im Gastzimmer des Schwanen zum Speisen nieder. Leupold war
hier auf wohlbekanntem Felde. Die Gastwirthin, eine noch ziemlich junge
und rasche Frau, hatte, von andchtigen Freundinnen bestrmt, von dem
Doctor in's Geheimni gezogen, ihren heimlichen Uebertritt zur
verborgenen Kirche nicht schwer gemacht. Der Wirth, ein schwerflliger
Reichsstdter von wenig Scharfsinn, war leicht zu tuschen gewesen, und
ahnte nicht das Mindeste von der Religionsvernderung seines Weibes. Er
schtzte den Doctor, der hufig das Haus besuchte, als tchtigen
Politiker hoch, und die Frau benutzte jede unbewachte Minute, um aus den
salbungsvollen Worten ihres geheimen Beichtigers Trost und Ruhe zu
schpfen. Ihre unerfreuliche Ehe, wie die immer neu erwachsenden Zweifel
ihres Gewissens machten ihr Trost zum Bedrfni. Nebenbei sprach die
Stadt auch Vieles von ihrem weichen gefhlvollen Herzen, und der
Nachbarn Zunge bezeichnete ziemlich genau diejenigen junge Mnner, die
sich der Theilnahme der hbschen Frau zu schmeicheln gehabt.

Die Gesellschaft in dem Schwan war nicht zahlreich. Der Capitn und der
Doctor, tafelnd in der einen Ecke. In der andern die Wirthin, am
Schenktische und an dem Kchenfenster beschftigt, durch welches die
Speisen hereingereicht wurden. In der Stube auf und niederwandelnd der
Herr des Hauses selbst, -- bald mit der Fliegenklatsche arbeitend, bald
von Belgrads Einnahme, vom Reichstag zu Saragossa, und den schlechten
Zeiten posaunend. Am Fenster zwei Kartenspieler: ein pausbckiger
Sensal, und ein Offizier der Stadtmiliz: beide der Frau vom Hause
zrtlich zugethan; beide nicht von ihr erhrt. Die Unterhaltung war, wie
gewhnlich, wenn Einer allein spricht, wie hier der Wirth, -- nicht sehr
glnzend und erbaulich. Der Capitn a stark und trank nicht wenig; der
Doctor beobachtete seine Umgebung, die Wirthin tranchirte, die Spieler
trieben ihre Belustigung fort. Eine Reisekalesche, die vor dem Hause
hielt, brachte alle Kpfe in Bewegung. Sie fuhren an's Fenster; nur die
erfahrnern Tafelgste blieben ruhig. Der Reisende, ein junger Mann, trat
langsam in die Stube, whrend er befahl, Mantelsack und briges Gepck
nach dem besten Zimmer des Hauses zu liefern. Die von dem Anblick des
hbschen Mannes freundlich angesprochene Wirthin machte denselben zum
Nachbar des Doctors, und gebot, das verlangte Diner eiligst
herbeizuschaffen. Der Fremde grte Capitn und Doctor hflich, und
streckte sich dann bequem auf dem Stuhle aus. Der Wirth setzte sich
gegenber, und stierte den Gast neugierig an. Die Spieler setzten das
Spiel fort. Der Capitn brach das Schweigen.

Gute Reise gehabt, mein Herr?

Sehr gut.

Kommen weit her, ohne Zweifel?

Sehr weit.

Durchreisend?

Nein.

Geschfte auf hiesigem Platze?

Ja.

Wren wir Landsleute? Ich bin ein Friese.

Ich nicht.

Darf man fragen, mein Herr...

O ja.

Woher die Reise...

Kellner! eine Flasche Wein!

Hiermit brach der einsilbige Fremde ab. Der Capitn bi sich
versehentlich in die dicken Lippen. Der Doctor lchelte und betrachtete
den Lakonischen genauer. Er sah gar nicht aus wie ein Spavogel, sondern
wie ein ernsthafter, sehr besonnener Mann. Sein regelmiges Gesicht war
ruhig, die Augen gro, und blickten fest vor sich hin. Keine
Freudigkeit, aber eine eiserne Fassung sprach von der Stirne, und der
ganzen Gestalt. Das Trauerkleid, das der Fremde trug, entschuldigte
allerdings den Ernst, welcher der natrlichen Heiterkeit der Jugend
Abbruch that. Der Fremde a mit vielem Anstande, was ihm vorgesetzt
wurde, und trank den Wein stark mit Wasser vermischt. Den Doctor, dem
seine frheren Verhltnisse Migkeit zur ersten Pflicht gemacht hatten,
freute das regelmige, abgewogene Betragen des Fremden, und er richtete
auf die Gefahr hin, eben so zurecht gewiesen zu werden, wie vorhin der
Capitn, einige artige Worte an den Nachbar, die auch verbindlich und
kalt erwidert wurden. Indessen sprang der Offizier, der so eben seine
Partie gewonnen hatte, mit Getse von dem Stuhle, und ri die
Fensterflgel auf.

=Mort de ma vie!= rief er: Sensal! Wechselbote! schau er auf! ein
Kernmdel giebt's hier zu schauen!

Der Sensal sah hin, und sagte ziemlich lau: Die Jungfer Mssinger! Aha!
benebst Frau Mama!

Thu' Er nicht so kalt und vornehm! zankte der Offizier; =Parole
d'honneur!= das Mdel ist das Liebenswrdigste in der ganzen Stadt! Seh'
er nur, was sich die Flegel von Snftentrgern einbilden, da sie eine
so artige Last, wie diese, aufzunehmen gewrdigt sind.

Wohl bekomme ihnen die Mama von vier Zentnern! sagte der Sensal
spttisch, und nippte an seinem Glase. Sie und ihr federleichtes
Tchterlein gnne ich Ihnen von Herzen.

Das spricht der Neid aus Ihm, Sensal.

Ei nu, Herr Lieutenant, hob die Wirthin an, die es nicht leiden
konnte, da andere Frauenzimmer hbsch gefunden wurden: das
absonderliche Wunderwerk finde ich nun auch nicht an der Mamsell. Ein
putziges Dingelchen, recht keck, recht unverschmt, und geschminkt,
ich lasse mir's nicht nehmen. Geht sie nicht am Sonntage wie ein Pfau
auf ihren hohen Abstzen ber die Gasse? Ist wohl ein Mensch, der sich
nicht ber ihren Stolz rgerte? Die Mama ist auch grob und hochmthig,
das wei Gott! aber dabei ist sie dumm wie eine Henne. Das Tchterchen
hingegen versteht Antworten zu geben, -- so spitzig und witzig, und
giftig und triftig, da allen ehrlichen Leuten die Galle steigt.
Das leichte Tchterchen mag froh sein, da sie schwere Geldscke
aufzuweisen vermag.

Der Sensal schnippte mit den Fingern.

Das spricht der Neid aus Ihnen, Frau Gasthalterin! schaltete der
Lieutenant ein, spahaft und impertinent zugleich: Der Himmel verdopple
mir die Gage, wenn ich nicht gleich zugriffe; -- die Jungfer drfte nur
die Hlfte ihres Geldes haben. Meine Schulden zu bezahlen fnde ich doch
genug: auf Ehre.

Ew. Gnaden sprechen in's Blaue hinein, versicherte kaltbltig der
Sensal: O! der Himmel hngt in diesem Hause voller Geigen, aber die
Bageige wird doch am Ende ein Loch bekommen. Sie htte es jetzt schon,
wenn der dicke Hollnder nicht so artig gewesen wre, ... na! ich will
klger thun, und schweigen.

Hm! begann die Wirthin: es wurde allerlei gemunkelt, das einem die
Haut schaudern machte, und das...

Das gefhrlich ist, wiederzukauen! fuhr der Wirth dazwischen: ich
bitte mir's aus, Frau Schwanenwirthin, da Sie kein Wort mehr darber
verliert. Der hochpreiliche Senat hat's allen rechtschaffenen Brgern
befohlen. Auf allen Zunftstuben wurde es verblmt, und den
Plaudermulern angedeutet; und ich bin auch Zunftmeister, und mu auch
auf Ordnung halten.

Wohl geredet! rief der Lieutenant beifllig: Wie die Zunft, mu auch
die Frau pariren und Subordination mu sein. Bei alledem mchte ich
wissen, wohin die Damen sich begeben haben. Auf Ehre, ich mchte es
erfahren. Wre ihres Spazierwegs Ziel der Kuchengarten oder die
Windmhle, ich liee flugs meinen Polen satteln, um die reizende Jungfer
von Mund zu Mund zu begren.

Der Sensal zuckte bei den prahlerischen Aeuerungen des Windbeutels die
Achseln, sah aber beinebst durch's Fenster, und erwiderte: Da kommt
Einer, der Ihnen, gndiger Herr Lieutenant, ganz gewi die beste
Auskunft zu geben vermag: der bergeschnappte Thrmer von St. Paul, der
zum Rasendwerden in des Senators Tochter verliebt ist, ohne da er je
ein Wort mit ihr gesprochen htte. Brstet sich nicht der Geck in seinem
betrodelten Kleide wie ein Graf, und wer sollt es dem geputzten Affen
ansehen, da er zu Posaune und Glockenstrang geboren und gebildet
wurde?

Der Mann Quaestionis flatterte in das Zimmer, geschmckt wie der
albernste Zierbengel seiner Zeit.

Sieh da, Monsieur Pahlens, rief ihm der Offizier entgegen:
Magnifiquester aller Thrmer! Woher, wohin, guter Freund? Ist Ihnen der
Stern unserer Stadt, die wonnevollste und freudenbringendste der Grazien
begegnet?

Ach, gndiger Herr! versetzte Pahlenz mit schwrmerischem Ausdruck:
Des Lebens Licht hat mir gefunkelt auf meinem Seufzerpfad! Ich habe sie
gesehen, in deren Aug Cupido mit gespanntem Bogen sitzt; das Gtterkind.
Zum Ritterhof begibt sich die Schne, wie ich hre. Wre ich doch der
Kaffee, den sie schlrft, der Kuchen, den sie geniet. Gleich dem
Zwieback, das ihre Hand zerbricht, zerbrselt sich mein Herz in eitler
Sehnsucht! --

Abgeschmackter Gimpel! brummte der schwarze Fremde leise vor sich hin,
stand auf, und entfernte sich, langsam, wie er gekommen.

Niemand, den Doctor ausgenommen, bemerkte seinen Abgang, denn der
verliebte Thrmer ergo sich in blumenreichen und geschraubten
Redensarten, schnitt Jedem das Wort von Munde, betubte das Ohr eines
Jeden. Der Offizier unterbrach ihn endlich ziemlich brsk, schnallte
sich den Degen um, setzte sich den Hut martialisch auf, fuhr in die
Handschuhe, und bereitete sich, den Damen zum Ritterhofe zu folgen.

Geht Er mit, Sensal? fragte er barsch.

Ich habe auf der Niederlage zu thun. Auch besitze ich kein Pferd, das
mit Ihrem Polen gleichen Schritt halten knnte.

=Mort de ma vie!= ich besinne mich so eben, da mein armer Polak sich
den Fu zertrat, und den Stall hten mu. Ich werde zu Fu gehen mssen.
Begleiten Sie mich etwa, Monsieur Pahlens?

Das wrde sich nicht schicken, Ew. Gnaden. Ohnehin schlgt um 4 Uhr
meine Stunde. Mein armer Teufel von Gesell ist ziemlich krank, und kann
die Abendluft nicht vertragen. Ich mu also selbst...

Die Posaune zur Hand nehmen, und tuten? fiel der Offizier spottend
ein: =Parole d'honneur!= Schade um den jungen galanten Mann! Das
ignoble Handwerk pat wenig zu seinen feinen Gewohnheiten. Nicht wahr,
meine Herren? nicht wahr, Madam? =A revoir! Adieu!=

Er empfahl sich unter lautem Gelchter. Nach einigen Anmerkungen ber
den Offizier und dessen Schulden ging auch der Mckler. Den Capitn
riefen seine Geschfte, die Wirthin die Hauswirthschaft; der Gastwirth
schlief, der Doctor und Pahlens gingen zusammen auf die Strae.

Wie habe ich mich gesehnt, einmal mit Ihnen allein zu sprechen, begann
Pahlens vertraulich, aber ehrfurchtsvoll: Seitdem Sie mein geistlicher
Vater wurden, kenne ich niemand auf der Erde, vor dem ich mein Herz
auszuschtten geneigter wre.

Das gehrt in den Beichtstuhl, mein Sohn; erwiderte der Doctor leise.

Nicht doch, Herr Doctor; versetzte Pahlens: Rathen Sie mir als
Freund. Meine Lage wird mir unertrglich. Ich bin zu etwas Besserem
geboren, als auf dem abscheulichen Thurme zu verblhen, und den
Lutheranern zu ihrem Gottesdienste hlfreiche Hand und Lunge zu leihen.
Was werden Sie denken, wenn ich Ihnen sage, da mir in verwichener Nacht
die heilige Mutter im Traume erschien, und zu mir sprach: Mein lieber
Sohn; allzulange schon verkmmerst Du im Ketzerdienste. Geh hinaus, und
suche Dir ein bessers Glck. Ich und alle heiligen Engel werden dir den
nthigen Beistand leisten. Sofort erwachte ich, und konnte nicht mehr
einschlafen. Wie sehr ich jedoch grbelte, ein Mittel zu finden, die
gndigen Absichten des Himmels zu erfllen, so stumpf blieb dennoch mein
Geist. Rathen Sie mir, was soll ich thun? Als Geiger oder Lautenschlger
in die Welt ziehen, oder etwa als Apostel der wahren Lehre? Das Letztere
wre mein Wunsch, allein mich fesselt hier ein Sehnen und Whnen, ein
Hangen, ein Verlangen, das vielleicht sndlich ist, weil es eine
Ketzerin zum Gegenstande hat.

Was soll ich Euch sagen, mein Sohn? antwortete der Doctor: Ich will
die Erscheinung, die Ihr gehabt, nicht bezweifeln. Wunder sind
allerdings mglich, und es wre Frevel, sie zu lugnen. So wahr es ist,
da der gttliche Mittler dem heiligen Franziskus, die gttliche Mutter
dem preiswrdigen Loyola in Person erschienen, so lt sich's gar wohl
denken, da die unbefleckte Mutter auch zu Euch im Traum gesprochen;
denn -- was Euch an der Heiligkeit jener Mnner mangelt, das ersetzt Ihr
durch glubige Zuversicht, und kindlichen Gehorsam. Jedoch, gerade, weil
ich an diese Erscheinung wahrhaft glaube, dchte ich, Ihr fordert durch
eifrige Gebeterweckung den Himmel auf, Euch einen nhern Fingerzeig zu
geben; bevor Ihr Euer jetziges Amt von Euch werft, um in die Welt ohne
Plan hinauszugehen. Ein besserer Redner als ich, wrde Euch sagen, da
Euer Loos kein bses ist; da Ihr besser thtet, gerade auf Eurem
einsamen Thurme sitzen zu bleiben, und Euere Seele, gleich der eines
Einsiedlers, zum wahren Christenthum immer mehr zu erwecken und
anzufeuern, als da Ihr jetzo wie ein Irrwisch im Weltgetmmel umher
fackelt. Er wrde Euch sagen, da Ihr jetzo, als ein, Gottlob zur
Mutterkirche Bekehrter, auf Eurem Thurme ein wahres Sinnbild der
siegenden Kirche vorstellt, wie sie, im Verborgenen triumphirend, oben
sitzt, whrend zu ihren Fen die Baaldiener orgeln, schreien und ihre
Possen treiben. Ich sage Euch blos: Schweigt, betet, und erwartet mit
Geduld, wie es der Himmel mit Euch zum Guten lenken wird. Was ist's
aber mit der Neigung, von der Ihr spracht? Hat sie nicht die Tochter des
Senators Mssinger zum Gegenstand?

Ach! Sie lesen in den Falten meines Herzens! entgegnete der Geck; Ich
mu meine Schwachheit gestehen. Gehen Sie aber nicht strenge mit mir
in's Gericht. Mein Herz ist so weich und empfnglich, als mein Mund
blde. Durch das Auge ist das Mdchen in meine Seele gedrungen. Geredet
habe ich noch nicht mit ihr, und werde es auch nie, wenn Sie mir's nicht
erlauben.

Das darf ich nicht, entgegnete der Doctor; Zu welchem Endzweck auch?
Ihr seid arm, die Jungfer ist reich. Ihr Vater ist Senator; Ihr seid
Thrmer. Das pat nicht. Aber die Hauptsache ist, da Ihr Katholik seid,
da sie Lutheranerin ist. Zwar arbeitet die Gnade des Hchsten, wie ich
vernehme, an ihrer Wiedergeburt, wie denn berhaupt, Dank sei es der
Frbitte unserer hohen Patronin, unsere Gemeinde tglich im Stillen
zunimmt, bis sie laut wird reden knnen. Aber man rechne nicht auf das,
was noch nicht ist. Ich wei nun zwar, da ein Jnglingsherz ein
weiblich Gemthe sucht, an das es sich bindet, wie die Rebe an die Ulme.
Die reine Verschwisterung tugendhafter Seelen mag und darf ich nicht
hindern. Ihr dankt der wrdigen und gottseligen Frau Lainez die
Erleuchtung in Eurem frhern Irrthum. Weiht ihr Euer dankbar Gemth, und
verget das Weib, das nicht fr Euch auf der Welt ist.

Pahlens verneigte sich, etwas unbefriedigt jedoch, und schied von dem
Doctor, der sich zur Mailbahn begab. Auf und niederschreitend berlegte
er sein heutiges Tagewerk, horchte verdrlich auf die Trommel, die von
Zeit zu Zeit von der Komdienbude herber schallte, auf das Geschrei des
Lustigmachers, der vor der Thre des Schauplatzes sein Publikum einlud;
auf das Gejauchze der Gassenjungen, die den Possenreier umschwrmten.
Die Mailbahn, von Spazierengehenden angefllt, wurde leer, weil die
Neugierigen nach der Bude rannten, und bald befand sich der Doctor
allein mit einem Frauenzimmer, das schon lange auf den Augenblick, mit
ihm unter vier Augen zu reden, gewartet zu haben schien. Die Frau, in
brgerlichem Kleide, nherte sich ihm schchtern, und sagte nach einem
tiefen Knix: Ich bin des Schreiners Buttler Frau, Ew. Hochwrden: Ihr
eifriges Beichtkind.

Was will Sie? Ich kenne Sie. Nun?

Ich kann es mit meinem Mann nicht lnger aushalten.

Wie so?

Er mihandelt mich.

Warum?

Weil ich, eine Krankheit vorschtzend, mich weigere zur Kirche zu
gehen, und die Predigt zu hren, wie er's verlangt. Und dennoch frchte
ich mich vor der Snde.

Ohne Noth. Ich spreche Sie los. Gehe Sie in die Kirche, damit der
Schein bewahrt werde. Singe Sie mit, hrt Sie aufmerksam der Predigt zu;
aber bewahre Sie Ihr kaum genesenes Seelenheil mit geistlichen
Strkungsmitteln. So wird Ihr Mann beruhigt, und die Gemeinde schpft
nicht Verdacht.

Aber, Ew. Hochwrden: ich frchte, das ist Heuchelei!

Um einen guten Zweck zu erfllen, ist auch eine gewisse Heuchelei
erlaubt. Beruhige Sie sich, gute Frau. Wie steht's mir Ihren Kindern?
Sprt Sie in diesen keine Anlagen zum Heil?

Ach Gott, nein, Herr Doctor. Die Buben sind so roh, und die Tochter hat
kaum die Confirmation berstanden.

So lasse Sie ab von ihnen. Keine voreilige Vertraulichkeit, damit die
Kirche nicht in Gefahr komme. Sie mu wachsen, im Verborgenen, wie die
Saat des Feldes. Uebergebe Sie die Kinder ihrem Schicksale. Gott wird
die Seinigen schon herausfinden.

Aber mich jammert, da sie verdammt sein sollen. Sie sind doch _meine_
Kinder, meine ehelichen Kinder.

Die Frage wre erst noch aufzustellen. Ist Sie nicht katholisch? Ihr
Mann Protestant? Abgesehen, da solche parittische Verbindungen an und
fr sich nichts taugen, so knnte man gerade _Ihre_ Ehe nicht gltig
erklren. Sie wurde von keinem katholischen Priester eingesegnet.

Herr Doctor...! stotterte die arme bestrzte Frau.

Grme Sie sich nicht. Ich will es so genau nicht nehmen. Aber lasse Sie
die Kinder den eigenen Weg gehen, und erwarte Sie alles von der Zeit.

Die Frau verneigte sich wieder demthig, und entfernte sich. Der Doctor
setzte sich auf eine Bank, lehnte sich an die dahinter stehende Linde,
und schlo, wie er zu thun pflegte, nachdenkend die Augen. Der heutige
Tag war jedoch ganz dazu gemacht, ihm die Unterhaltung der
verschiedensten Art zu bereiten. Ein rasch daherkommender Mann nahm
geruschvoll neben ihm Platz.

Der Doctor erkannte, aufblickend, in dem Nachbar des Senators
Comptoirdiener Nothhaft. Der Mensch, dem der Doctor als solcher
unbekannt war, befand sich heute in gar aufgeregter Stimmung, und eine
hndelschtige, tckische Weinlaune sprach aus seinen Augen und seiner
Haltung. Um ein Gesprch anzuknpfen, das er zu wnschen den Anschein
hatte, bot er dem Doctor eine Priese Tabak. Dieser versagte.

Brauchen sich nicht zu geniren! redete Nothhaft ziemlich barsch:
s'ist nichts Giftiges, nichts Schlafmachendes darunter.

Der Doctor, um den Grobian nicht zu beleidigen, nahm eine Priese, ohne
davon Gebrauch zu machen. Nothhaft besnftigte sich, und versetzte:

Freue mich, Dero Bekanntschaft zu machen. Ew. Edeln sind ohne Zweifel
fremd auf hiesigem Platze?

Nicht doch, mein Herr; und dennoch mgen Sie Recht haben.

Nothhaft stierte ihn verlegen an, lchelte dann, und fuhr fort:

Recht gut gesagt, mein Herr. Justissime! Optime! Das ist all' mein
Latein! Wie finden Sie das? Wenn man indessen Geld hat, -- er klopfte
auf die klingende Tasche, -- so braucht man die Schulfchserei nicht.
He?

Der Doctor nickte.

Um aber wieder auf den Tabak zu kommen, so ist eine prudente Vorsicht
wohl vonnthen. Da kommt oft ein Mensch daher, bietet Ihnen Tabak; Sie
schnupfen, schlafen ein, und finden sich am andern Morgen entweder im
Werbhaus, oder auf einem hollndischen Transportschiffe. Nicht so, mein
Herr?

Ich wei das nicht.

Sie wissen das nicht? Parbleu! das ist zum Lachen. Nun, nun! Sie haben
freilich nichts mehr zu riskiren. _Junge_ Seelen sind die besten. Na!
wie gehen hier die Geschfte?

Welche?

Sapperment! die Ihrigen. Wie lt sich die Kaperei an? Ja, bei uns
gibt's einen tchtigen Menschenschlag, wie gemacht zum Matrosen und
Soldaten. Wie viel Seelen haben Sie schon auf dem Korne? Na, Mnnchen!
machen Sie _mir_ doch aus Ihrem Handel kein Geheimni. Parbleu! ich bin
auch schon in Amsterdam gewesen. Ich kenne die Vgel an den Federn. Thun
Sie nicht so unschuldig. Unser Magistrat kann einen Puff vertragen, ist
seelenfroh, wenn man _ihn_ ungeschoren lt, drckt beide Augen zu.
Damit Sie aber sehen, wie redlich meine Absicht ist, so bin ich bereit,
Ihnen ein bedeutenderes Pfand meines Vertrauens zu geben.

Monsieur! Wofr halten Sie mich?

Ei, Liebster! wozu die Umstnde? Fr ein kluges Hollnderchen, fr ein
pfiffiges Seelenverkuferchen. Machen Sie mir doch nichts wei. Ich
hatte noch nicht die Ehre, Sie zu kennen, aber wie ich Sie heute mit dem
Capitn Tormerpick aus dem Schwanen treten sah, vertraulich, Arm in Arm,
von Geschften redend, -- ich war im Kaffeehause gegenber, -- da hatte
ich's auf der Stelle weg. Der Capitn hat den Ruf, mit Seelen zu
handeln, und nach dem Sprchlein: Gleich und gleich...

Sie erzeigen mir viel Ehre, mein Herr!

Noch mehr, mein werthester Geschftsfreund. Ich will Ihnen Credit
geben: ein Capital; solid und unverzinslich; im Gegentheil: ich will die
Deposit-Interessen tragen.

Ich begreife Sie nicht.

Werden's alsobald. Sub dato Morgen oder Uebermorgen liefre ich Ihnen
eine Seele: kerngesund, jung, von denselben Schultern und Fusten; etwas
naseweis zwar und ungezogen, allein in den Colonieen hat man
vortreffliche Schulen aufgerichtet. Soll mich der Teufel holen, wenn die
gute Seele nicht ihre 2000 spanische Taler werth ist, wie einen Albus.
Nun, acceptiren Sie? Die Emballirkosten trage ich noch obenein aus
meinem Beutel...

Erklren Sie sich deutlicher.

Parbleu! ich habe schon Alles gesagt. Als ich Sie da so allein und
brtend sitzen sah, fuhr mir's gerade durch den Kopf. Mit einem Worte:
ich wei einen Burschen, den diverse Leute gern vom Halse haben mchten.
Er hat Brenkraft, und der Stock wird seinen harten Kopf schon zurechte
bringen. Meinen Namen sollen Sie indessen gut behalten, aber ich
garantire Ihnen meine Solvabilitt. Ich bezahle die Fang- und
Transportkosten bis an das Schiff. Schlagen Sie ein, und sagen Sie mir,
wann die Promesse liquidirt werden soll.

Das ist noch sehr zu berlegen, mein Herr, versetzte der Doctor
lchelnd: wenn Ihnen morgen noch eine Unterredung beliebt, so finden
Sie sich um dieselbe Stunde hier ein. Fr heute mu ich meiner
Unterhaltung ein Ende machen, da, wie ich sehe, ein Freund, den ich
hierher beschied, uns zu stren kommt.

Meinetwegen! sagte Nothhaft, des Doctors Hand schttelnd: Auf Morgen
also. Ew. Edeln, fehlen Sie nicht, ich werde auf dem Platze sein.

Er ging, und Litzach, der schon vor einigen Minuten auf der Mailbahn
erschienen war, kam. Der Doctor hatte Mhe, den Mann unter der
bertrieben groen Percke, dem pfirsichblthfarbigen Sammetkleide mit
Seidenstickerei verbrmt, zu erkennen. Das hagere, kummervolle Gesicht
des Schauspielers pate so wenig zu dem Staatsrocke, als die
unscheinbaren Strmpfe, der zerknitterte Hut und die unmige
Bandschleife, die vom kurzen Degen in verblichenen Farben herniederhing.

Setzt Euch, mein Herr! sagte der Doctor voll mitleidiger Hflichkeit:
Fr's Erste: erzhlt mir, wie es in Eurem Hause steht!

Meine Alte lebt noch, antwortete Litzach: der Doctor meint jetzo, sie
werde am Leben bleiben, und Gott sei gepriesen dafr. Mitleidige
Menschen haben meine Htte mit ihren Wohlthaten erfllt, und der
Principal machte mir so eben das schmeichelhafte Compliment: ich htte
meine Lazzi noch nie so gut gemacht, als heute. Die Leute haben viel
gelacht, und der extemporirte Spa flo mir nur so vom Munde. Gottlob!
ich darf hoffen, da mich der Impresar behlt.

Das Alles macht mir Freude, versetzte der Doctor: Ihr mget wissen,
Monsieur, da ich Euch schon lange kenne, wenn Ihr der Litzach seid, der
auf der Jesuitenschule zu Augsburg studirte.

Der bin ich, sagte Litzach seufzend: und Sie, mein Herr?

Ich bin Mnzner, erwiderte der Doctor.

Mnzner? wiederholte Litzach, wie sich besinnend, ergriff dann des
Doctors Hnde, sah ihm lange ins Gesicht, drckte dann einige
Augenblicke, wie von Erinnerung verklrt, die Augen zu, ffnete sie
wieder weit, und rief mit einem tiefen Athemzuge: Wei es Gott: das ist
Xavers redliches, ehrbares Antlitz! Ach! habe ich denn das frhliche
Angedenken an Schul- und Jugendfreundschaft verdient? Wir haben uns Du
genannt, mein lieber, alter Xaver! frchte jedoch nicht, da ich noch
jetzt, wenn fremde Leute zugegen sind, das Du gebrauchen werde! du
bist gewi ein gelehrter und reicher Mann geworden, ich hingegen nur ein
armer, verachteter Comdiant. Aber, erlaube mir, dich wenigstens in der
ersten Stunde des Wiedersehens mit dem vertraulichen Namen zu begren.
Erlaube, da ich dich nur jetzo Bruder nennen darf; das wird mich
erheben auf lange Zeit.

Rede, mein armer Litzach! Erzhle mir, was dir seit unserer Trennung
begegnete.

Ich knnte hierauf antworten: Unglck, Unglck, Unglck! und Alles wre
gesagt; aber du willst, ich soll weitlufiger sein, und so will ich dir
folgen, obschon ich dennoch nicht viel Worte machen werde. Ich hatte
meine Schulen perfekt durchgemacht, viel im Kopfe, und auch, Dank meiner
sparsamen Eltern, viel im Beutel. Das war ein Unglck. Ich hing die
Wissenschaften an den Nagel, lebte in Hlle und Flle, versuchte es im
Kriege bei einer Freipartie, und kam endlich ganz herunter. Der Kasten
war leer, der Kopf wst geworden, und in meinen besten Jahren stand ich
da, und fragte mich, wie ich mich als zehnjhriger Bube gefragt hatte:
Was willst du werden? Was anfangen? Was unternehmen? Zu jener Zeit kam
die Merseburgische Comdiantenbande nach dem Orte, der meinen letzten
Heller verschlungen hatte, und ich erinnerte mich pltzlich, da man uns
im Collegium auch hin und wieder hatte Comdie spielen lassen. Wenn du
dich erinnerst, so wirst du wissen, da man mich um meines glatten
Gesichts und meiner schwchlichen Gliedmaen willen, vorzugsweise
erwhlt hatte, die Weibsbilder zu agiren. Ich habe die Judith gespielt
und die Herodia, und sogar einmal die Lalage in dem Schferspiele: Der
treue Hirt, womit der junge Professor der Rhetorik einst zu Augsburg so
viel Aergerni anrichtete. -- Ei! dachte ich bei mir; wenn die Vter der
Gesellschaft Jesu das Comdienspiel bei ihren jungen Leuten einfhrten,
warum soll ich nicht mein Brod verdienen, wie andere verdorbene
Studenten und reducirte Soldaten? Gedacht, gethan. Der Principal Richter
nahm mich an, und eine recht frhliche Wanderzeit begann fr mich.
Damals, lieber Mnzner, machte ich nicht den Hanswurst, sondern die
Amanten. Ich stellte vornehme Leute auf der Bhne vor, und trug mich
auch nobel auer derselben, in Tressenrcken und sorgfltiger Wsche.
Htte ich mich nur nicht verliebt!

        Bis hieher war ich frei, und hatte nichts geliebet;
        Doch, da mir diese Pein die Sinnen nie betrbet,
        Kam nicht von Tugend her. Weil mich der Wahn verkehrt
        Schtz' ich aus Uebermuth nicht _eine_ meiner werth,
        Bis ich das Wunderbild beschauet,
        Das mich vor dem ergtzt, ob dem mir jetzund grauet.

Ich rede von meiner Frau, eines herrschaftlichen Beamten Tochter zu
Halberstadt. Wie sehr empfand ich den Dichter, als ich sie sah:

        Die als ein Wirbelwind mich hin und her gerckt,
        Und mein zerscheitert Schiff in langem Sturm zerstckt!
        Ich sah sie, und entbrannt'! sie fhlte neue Flammen!
        Kurz: ihr und mein Gemth, die stimmten wohl zusammen!

Ich entfhrte die Liebste. Der Fluch ihres Vaters folgte uns nach,
und, sobald meines Weibes Eltern in die Grube gesunken, fiel das
Elend ber uns her. Der lustige Name, den ich mir beigelegt, war ein
schneidender Spott auf unsere traurige Lage. Katharine hatte nicht
ein bischen Geschick zu der Comdie. Man _lachte_ sie aus, sobald sie
sich nur zeigte: der Principal zankte, und ich antwortete gallebitter,
und wir wurden von der Gesellschaft weggeschickt. Eine schwere
Brustkrankheit warf mich nieder, und verschlang Alles, was wir hatten!
Am Stabe schleichend, von Katharinen gefhrt, die unser erstes Kind
auf dem Rcken trug, bettelte ich mich weiter, von Kloster zu Kloster,
von Spital zu Spital, von Bande zu Bande. Endlich fanden wir einen
gutmthigen Principal, der uns einen Wochenlohn anbot. Mein Weib sollte
fr die Truppe waschen, _ich_ sollte agiren. Aber mit dem Amoroso war's
vorbei! Ich hatte keine Stimme mehr, und keine Kraft. Der Principal
richtete mich zum Rpel ab. Ach, Mnzner! wie war mir zu Muthe, als
ich zum ersten Male als Narr auf die Bretter trat! Daheim lag mein
Jngstes im Sarge, meine Katharine, der Niederkunft gewrtig, auf dem
Strohlager, und sie war allein, und nur Hunger und Mangel saen an
ihrer Seite, und ich mute Possen reien, und die bittern Thrnen der
Verzweiflung flossen aus meinen Augen ber die geschminkte Narrenlarve
in den Kienrubart!

Litzach wischte sich eine Zhre von der Wange, und fuhr gepreten
Herzens fort: Ich machte den Lustigmacher schlecht. Die Zuschauer
meinten, ich sei ein betrbter weinerlicher Narr; sie warfen mich mit
verdorbenen Aepfeln, und der Principal zog mir die Jacke aus, und
schickte mich fort. Als ich heimkam, brachte mir die Wehmutter einen
Buben entgegen, den sie um Gotteswillen empfangen hatte, und _ich_
brachte der Mutter meine Kindes sechszehn Groschen -- und -- den
Abschied.

Herr Gott! seufzte der Doctor. Litzach fuhr fort: Ja, mein lieber,
alter Freund: wer nur als Zuschauer vor dem gemalten Vorhange der
Comdie steht, wei nicht, wie viel gebrochene Herzen unter dem Tand der
Flimmer-Kleidung schlagen. Ist es gerade nicht Kummer, der die Brust der
Maskenspieler zerreit, so ist es der giftige Neid, so ist es die
brtende Unzufriedenheit, die hinter dem bunten Spiele eine frhliche
Welt suchte, und nur kmmerliche Lappen und eine trostlose Zukunft fand.
Der Leichtsinn nur, dem Alles gleichgltig geworden, mag ruhig in diesem
Getobe niedriger Leidenschaften schlafen; auf diesem wankenden Boden,
den Prahlerei und Jammer beherrschen. Was uns Geschicklichkeit erwirbt,
raubt uns auf der anderen Seite die Ungewiheit unserer Lage, und die
Verachtung, die auf uns lastet. -- Ich berspringe nun manches Jahr des
Unheils, und bemerke blos, da ich in der Zeit einen Theil jenes
Leichtsinns mir errang. Ich wurde stumpf, fhllos; ich lernte seltsame
und lcherliche Grimassen machen und Capriolen schneiden, ob mir schon
der Tod an der Kehle se. Ich errang den Ruf eine guten Comdianten,
eines possierlichen Burschen, ich fand ein besseres Brod. Ich hatte
gespart: ich hatte meinen Kindern ganze Kleidungsstcke angeschafft,
meine Katharine mit dem Nthigsten versehen; ich hatte ein Bett gekauft,
und beinahe schon die Summe zu einem Plschrocke beisammen, der mich in
den Stand gesetzt htte, reputirlich unter die Leute zu geben, als
Katharine in die langwierige Krankheit verfiel. Unser Wohlstand verging
wie eine Seifenblase, und ein Dienst, den ich bei der Gesellschaft des
sel. Velten antreten sollte, mute ebenfalls aufgegeben werden. So kam
ich hierher, so fandest du mich. Nach langen Jahren erregt dein Anblick,
Mnzner, wieder das erste lebhaft frohe Gefhl in meinem Herzen. Die
Hoffnung, da meine Katharine leben wird, und dein Wiederfinden, macht
mich glcklich. Ach, wie wahr redet der unvergleichliche Lohenstein in
einem seiner Trauerstcke:

        Je finsterer die Nacht, je heller ist das Licht:
        Je fter man die Hand an spitz'ge Drner sticht,
        Je mehr bekrnzt man sich mit blutbemilchten Rosen:
        Je mehr die Mittagshitz uns sticht, je ser tosen
        Die feuchten Abendlft'; ist Wetter, Sturm und Well'
        Und Wolke trb und schwarz, so dnkt uns noch so hell
        Und lustig Sonn' und Port. Die steinern harten Ketten,
        Die Felsenlast, die uns zu Boden schier getreten,
        Des Lebens steter Tod, der jeden Blick uns schreckt,
        Das dunkel-grause Loch, in das wir eingesteckt,
        Der Trauerrauch hat sich verkehrt in sanfte Wonne,
        Die Nacht hat sich verstellt in eine lichte Sonne!

Nach diesen pathetisch hergesagten Worten schttelte der Schauspieler
des Doctors Hand noch einmal herzlich, und ein warmer Tropfen fiel auf
diese Hand.

Du bist mit dem Weibe, das du _deines_ nennst, nicht copulirt? fragte
der Doctor.

Die Ehen in unsrer Gilde, erwiderte Litzach beschmt, sind meistens
wild, und leider ist's auch die meinige. Jedoch thut es mir und
Katharinen sehr wehe, da, unsern unablssigen Versuchen zum Trotz, sich
noch kein Geistlicher unterstanden, unsern Bund zu segnen.

Ich will es thun; erwiderte der Doctor: aber, die Hand auf den Mund,
mein Freund, und eine Bedingung zugesichert.

Ach, Ew. Hochwrden... stammelte Litzach entzckt: Ich will
schweigen, wie das Grab, ... ich verstehe Sie wohl ... aber -- welche
Bedingung?

Eure Kinder mssen katholisch sein. Vermuthlich sind sie lutherisch
getauft, da Euer Weib es ist, wie ich glaube.

Ew. Hochwrden, stammelte Litzach verlegen, die armen Wrmer sind
noch gar nicht getauft. Die Kosten -- und dann die Scheu der meisten
Geistlichen, ... wie gerne will ich...

Gut; versetzte der Doctor: ihnen soll geholfen werden. Ich will Euch
zu mir berufen lassen, Freund; die Seelen mssen gerettet sein, und Eure
Noth gemildert. Ich will mehr fr Euch thun, wenn Ihr verschwiegen seid
und bereitwillig, das zu erfllen, was ich im vorkommenden Falle von
Euch verlangen werde. Entsagt indessen der Hanswurstjacke: ich will Euch
eine Empfehlung auf das nchste Dorf, Breitenbach, mitgeben. Kost,
Lagersttte und Geborgenheit werden Euch dort nicht entstehen. Dann will
ich weiter sehen, was zu Eurem Besten gereichen mchte.

Ach, Engel Gottes! rief Litzach: wie soll ich danken...? Aber -- ich
soll acht Tage vorher dem Principal aufkndigen, -- und dann ... bin ich
in seiner Schuld. Mein Wochenlohn betrgt zwei Thaler und acht Groschen
extra, was man gewhnlich in der Kunstsprache Rekreation oder Biergeld
zu nennen pflegt. Ich habe indessen einen Vorschu von drei Thalern
etlichen Groschen abzuzahlen, und...

Mein Jesus! welch' betrbte Rechnung! seufzte der Doctor voll
Mitgefhl, und reichte dem Schauspieler eine Hand voll Geldes: Sagt
dem filzigen Direktor auf: im Augenblicke, und zahlt ihm den Bettel von
drei Thalern. So soll nicht gesagt sein, da ein Zgling der Vter von
der Gesellschaft Jesu lnger in solcher Dienstbarkeit bestehe. Geht,
mein Freund. Ich werde Euch rufen lassen. Erquickt Eure Kranken und
Hungrigen, und danket dem Herrn!

Litzach jauchzte: Ja, mein Wohlthter! Den Herrn und Sie werde ich
preisen, -- dem Principal sein Geld und seine Kleider vor die Fe
werfen, und voll Hoffnung erwarten, was Sie ber mich beschlieen. Von
diesem Gelde kann ich mit den Meinen einen Monat lang durchkommen, und
mein Glck ist gemacht!

        Wir Menschen irren stets. Wo wir uns sicher trauen,
        Sinkt unser Schiff in Grund. Wenn man's verloren hlt,
        Hat das Verhngni oft das beste Glck bestellt!

So rief er noch mit allem Aufwande seiner rhetorischen Kunst, und eilte
mit geflgelten Schritten der Bude zu, aus welcher die befriedigten
Zuschauer gerade nach Hause strmen. Der Doctor fand sich, da die grte
Menge ber die Mailbahn zog, in seinen Betrachtungen gestrt, und
wanderte, mit seinem Tagewerke wohl zufrieden, gegen seine Wohnung.
James berichtete ihm: Der Senator Mssinger sei vor wenigen Minuten
pltzlich bei dem Doctor eingetreten, habe sich eilig und zerstreut nach
demselben erkundigt, und darauf mit zitternden Hnden ein Billet
geschrieben, das der junge Mann dem Doctor wohl unversiegelt zustellte.

Der Senator sagte darin mit bebend gezeichneten Schriftzgen: Mein
einziger mitfhlender Jugendfreund! Ich verzweifle, Ew. Edeln nicht in
=loco= zu finden. Kommen Sie eiligst, sobald Sie knnen, in meine
Schreibstube. Wir werden ganz allein sein. Ich stehe am Rande einer
Seelen-Crida; _Sie_ nur vermgen mir zu rathen. So eben erhalte ich den
Aviso: der junge Birsher von New-York ist in Person hier angekommen!




Zweiter Theil.


Erster Abschnitt.

  Der Freier. -- Jacobinens Geheimni. -- Das Senators Trster. --
  Georg Birsher. -- Tischgesprche. -- Huslicher Sturm. -- Justinens
  Opfer. -- Abendunterhaltungen. -- St. Sebastian und die heilige
  Pulcheria. -- Das Gespenst. -- Der Superior. -- Seine Philosophie. --
  Wuth der Leidenschaft. -- Qual der Schuld. -- Neues Ungewitter. --
  Der Heilige unter den Myrthen. -- Die Geisterbannerin. -- Verlobung.
  -- Vortrge auf der Mailbahn. -- Plaudern zur Unzeit.

Nothhaft war schon seit den ersten Frhstunden im Hause des Senators
herumgegangen, -- glnzend, strahlend, hoffrtig wie ein Pfau.
Feiertglich geputzt, vom Tressenhute bis zur schweren Silberschnalle am
Korduanschuh mit dem leuchteten Absatze, hatte er mehrere Male an die
Thre des Principals geklopft, und murrend von der Verschlossenen
Abschied genommen. So hielt er Schildwachtposten und Schildwachtgang
durch's ganze Haus, getraute sich aus Respekt nicht den Fu in der
Senatorin Zimmer zu setzen, und hielt es unter seiner Wrde, in die
Schreibstube zu treten, durch deren Fensterchen Berndt den geputzten
Wandler mit neugierig neidischen Augen betrachtete. Endlich, -- von
mancher Priese Tabak gestrkt, und an dem Glauben haltend, da Geduld
Alles berwinde, besiegte der Commis, der nichts Geringes im Schilde
fhrte, die schleichende Zeit und seinen Unmuth. Die Hausthre ging
auf; der Senator kam heim. Mit einer vertraulich patzigen Verbeugung
empfing ihn Nothhaft an der obern Treppenstufe, und sein Herz lachte im
Stillen, denn sein Benehmen schien zu wirken. Der hochfahrende Senator
hatte vllig die Miene eines betretenen Kindes angenommen. Seine Stirne
lag zwar glatt und freundlich, aber in den Augen sa eine gewisse
unerklrliche Demuth, und seine Stimme war lammfromm und gemigt.

Was verlangt Er, mein Sohn? fragte der Senator, nachdem er den Commis
in seine Stube gewinkt; und stolzer hielt Nothhaft sein Haupt, und
nachlssiger spielte er mit dem Uhrbande.

So geputzt? fuhr Mssinger fort, mit niedergeschlagenen Augen den
umherschweifenden des Dieners ausweichend: Ich wette darauf, der junge
Herr will mich besnftigen, da ich nicht zrne, weil Er bereits zween
Tage lang gefaullenzt hat? Danke Er Gott, Monsieur, da ich nicht so
strenge wie der Buchhalter bin, und mich berhaupt heute in einer Laune
befinde, die mich nicht zum Zanken kommen lt. Es sei Ihm Alles
vergeben, aber continuire Er dafr in Seinem vorigen Fleie.

Es hat sich hier Nichts zu vergeben, Herr Senator und geschtztester
Principal, antwortete Nothhaft ziemlich dreist und nachdrcklich; die
Ursache meiner Abwesenheit von Dero Comptoir wird mich, -- so hoffe ich,
-- sehr gengend entschuldigen. Ich bin hier, um dieselbe gebhrend
vorzutragen, da Ew. Edeln Geschfte gestern und vorgestern mir Solches
unmglich gemacht. Freilich sollte ich gebhrenderweise schwarz wie ein
Tintenfa vor Ihnen stehen; allein, erstens hat der saumselige Schneider
mich noch nicht mit Kleidern versorgt, -- und -- zweitens -- will sich's
wohl ziemen, -- da eine frhliche Botschaft an der traurigen hngt, da
ich ihrer im frhlichen Kleide gedenke. Wissen Sie demnach,
Hochzuverehrender, da mein Herr Vater, -- bis dato Kaufmann und
Rathsherr in meiner Geburtsstadt, am verwichenen Freitage im 70sten
Jahre seines Alters das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat. Ich bin
sein einziger Erbe in Haus und Gewlbe geworden, und -- wie mir
schmeichelhafte Verwandte versichern, -- wrde der Magistrat sich nicht
lange sperren, mir auch den Rathsstuhl des Verewigten als vollgltiges
wohlerworbenes Erbe zu berlassen.

Der Senator war unwillkrlich vom Stuhle aufgestanden, hatte einen
nebenstehenden Sessel herbeigezogen, und winkte lchelnd und verbindlich
dem Commis, Platz darauf zu nehmen. Nothhaft lie sich nicht lange
bitten, und indessen sprach Mssinger sehr freundschaftlich: Sehen Sie,
bester Herr Nothhaft; der Tod ist so eigentlich kein Unglck, sondern
ein _Soll_, das frher oder spter jeder Lebensnegoziant zu saldiren
hat. Trsten Sie sich demnach ber den herben Verlust, und genehmigen
Sie den wrmsten Ausdruck meiner Theilnahme an Ihrem fernern
Wohlergehen. Dieses wird nun freilich lediglich von Ihnen abhngen, denn
Sie haben in meinem Geschfte von der edeln Handels-Wissenschaft ohne
Zweifel so Vieles profitirt, da Sie ganz gut auf Dero eigenen Fen
werden stehen knnen. Behalte mir demnach nur die Fortdauer Ihrer
freundschaftlichen Anhnglichkeit vor, und bitte mir zu nchstem Sonntag
die Ehre aus, Ihnen mit einem Lffel Suppe aufwarten zu drfen, wie ein
Handelsfreund dem Andern.

Mssinger htte hier gerne, nachdem er der Frmlichkeit ihr Recht
gegeben, das Gesprch beendet, aber Nothhaft sa immer noch breit und
lstig im Stuhle, nickte vornehm dankend mit dem Kopfe, und hob an, den
Zweisprach weiter fortzuspinnen.

Eben darum, geehrter Herr Senator, -- sagte er -- weil ich wei, wie
frderlich mir Ihre Freundschaft ist, und gewesen, so wie auch die
Meinige =vice versa=, so unterstehe ich mich, an obige Trauer-Nachricht
ein artiges Vergngen zu knpfen, indem ich auf ein Band hinweise, das
unsre bisherige Freundschaft-Societt zu befestigen geschickt sein
mchte. Mein seliger Herr Vater hat jeden Albus sechsmal umgewendet, ehe
er ihn ausgab, und vermittelst dieses Grundsatzes einen ansehnlichen
Kasten voll harter Thaler zusammengespart: ein Tuchgeschft in vollem
Gange, eine Wein-Fabrik, ein wohleingerichtetes Haus, Gartenland und
Ackerfeld, Brunnen und Stall, Geschirr von Silber und Ringe von Gold.
Alles dieses ist mein, und mir geht nichts ab, als ein Weib. Ich halte
demnach, geziemend und gebhrend, um Ew. Edeln Tochter an. Jungfer
Justine ist zwar ein schwieriges, schnippiges Ding; aber ich mag sie
doch wohl leiden, und hat man erst ein Dutzend Wochen im Ehestande
zugebracht, so findet sich Alles hinterdrein. --

Der Senator sa verstummt da, und lchelte vor sich hin; ob aus Spott
oder aus Ueberraschung? Dann erwiderte er ziemlich treuherzig: Lieber
Herr Nothhaft! Sie thun mir unlugbar eine Ehre an, so wie Justinen.
Aber, Bester! -- sollte es Ihnen denn unbekannt sein, da meine Tochter
noch immer versprochen ist? Bevor Herr Birsher junior nicht sein Wort
und das meinige aufgegeben...

Tuschen Sie sich noch bestndig mit dem Brutigam aus New-York?
fragte Nothhaft achselzuckend; geben Sie um Gotteswillen die
Anwartschaft auf. Der junge Herr wird an Deutschland gedenken, und ber
kurz oder lang wohl die _Brautgeschenke_ wieder einfordern lassen, die
sein armer Papa hieher bringen mute; aber sicher nicht die _Braut_.

So? -- fragte Mssinger etwas gereizt. Woher wissen Sie das? Sind
Ihre Briefe sicher?

Hm! antwortete Nothhaft ruhig und bedeutend; ich meine nur...; wenn
ich der Sohn wre -- ich knnte nimmer in das Haus heirathen, worinnen
man meinen Vater ... begraben htte.

Des Senators Mundwinkel zuckten krampfig. Man mu es darauf ankommen
lassen, sagte er trotzig.

Lassen Sie's nicht ankommen, fuhr Nothhaft fort: verkennen Sie Ihren
Vortheil nicht. Eine Verbindung mit mir ist Ihnen heilsamer, als eine
Verwandtschaft mit dem Amerikaner. Ich habe zwar keine Million in Cassa;
aber einen Mund, der schweigen kann, und einen milden Verstand, der mit
dem Mantel der Liebe allzeit fertig und bereit steht, wenn gewisse
Menschen-Irrthmer zur Sprache kommen wollen.

Wie so? Wie begreife ich, was Sie mir sagen?

Denken Sie an des alten Gastfreundes Sterbetag. Gedenken Sie des
seltsamen Sterbefalls...

Und nun, Monsieur? Was will Er ... was wollen Sie damit sagen?

Der Pistolen auf der Diele, der verzettelten, gerade noch vor
Thorschlu, mchte man sagen, quittirten Wechsel ... oder
Verschreibungen...

Der Senator wurde wei wie die Wand, stand auf, schpfte tief Athem, und
sagte mit gepreter Stimme: Sie sind ein schauerlicher Patron, und
verstehen's, solche unangenehme Todes-Auftritte recht tuschend zu
schildern, da man sich unwillkrlich frchten mchte.

Herrlich! rief Nothhaft, um so schneller werden Sie mit der Heirath
in Ordnung kommen. Schlagen Sie ein: Allianz! Respect dann vor Ihrer
Firma!

Ei! den mssen Sie auch haben, junger Mensch! fuhr der Senator auf:
haben ohne Allianz! Sie thun absonderlich vertraut mit mir; mehr als
sich's schicken drfte! Werden wohl berathen sein, wenn Sie dieses
unterwegs lassen!

Nothhaft sah den Aufblitzenden stutzig und verblfft an. Die auflodernde
Hitze reute indessen den Senator im Augenblicke. Er beruhigte sich
gewaltsam, murrte ein finsteres: Pfui! gegen sich selbst gerichtet, in
den Bart, und fuhr fort: Verzeihen Sie mir den Ausfall. Ich habe mir
vorgenommen, mich nicht zu erzrnen; aber die Zunge luft manchmal wie
ein toller Deserteur davon. Mit Permi! so wir uns alterirten, wollen
wir wieder Freunde sein. Das Schtzbare Ihrer Werbung ist mir nicht
entgangen; aber sagen Sie selbst: ist es mglich, Ihnen etwas, das
geringste aufmunternd zuzusagen, da der junge Birsher selber hier
eingetroffen ist?

Nothhaft sprang berrascht vom Sessel. Er studirte lange an dem Ernste
in des Senators Augen; dann sprach er hitzig, wie ein Pfeil schwirrt:
Wenn's in der That also ist, Herr Senator, so heit's: Kurz resolvirt.
Ueberlegen sie genau, wie's anzufangen sein mchte, damit der Herr von
New-York nicht an's Ueberlegen komme. Parbleu! Ihr Jawort ist so gut als
schon in meiner Tasche. Justinens wird sich dann schon finden. Apropos
indessen, Ew. Edeln: dem ehrlichen Freiersmann kann es nicht angenehm
vorkommen, wenn sich die Braut an ein fremdes, leider malhonnettes Volk
hngen will. Jungfer Justine ist in der Education sehr vernachlssigt.

Monsieur Nothhaft! sagte Mssinger erstaunt, und wieder bse
werdend. --

Na! ruhig im Gemthe, Herr Senator! Ich hab's aus guter Quelle. Der
englische melancholische Junker, der hier im Hause den Sprachmeister
abgiebt -- der verdient's, da Sie ihm bse, gram und giftig werden. Er
hat Justine gekirrt; Parbleu! ich wei es sehr genau. Morgen-Promenaden
-- im Frhroth -- Berndt hat's mit angesehen, wie sie plauderten,
wie sie Abschied nahmen. Solche Lustwandeleien im Morgenthau mgen
vielleicht unter den grobhutigen Englndern gng und gbe sein, aber
der gute Ruf unsrer deutschen Tchter und Schwestern bekmmt leicht
davon den Schnupfen.

Ich werde die Sache untersuchen, erwiderte der Senator strenge;
wendete sich aber von dem Freiwerber ab, damit er nicht die Rthe der
Schaam auf seiner Stirne bemerke: Verlassen Sie sich darauf: ist's
wahr, -- soll's gewi nicht mehr geschehen!

Dann bin ich um meiner Jungfer Braut willen bereits content! uerte
Nothhaft, den Weg zum Abschiede suchend. Der Senator ermangelte nicht,
dem Zuversichtlichen zu bemerken, da seinem Ansuchen bei weitem noch
kein _Amen_ gesprochen worden, aber unwillkrlich nahm seine Rede einen
trgerischen Schein an, und Nothhaft -- wre er auch nicht der alte
dumm-dreiste und hochmthige Geck gewesen, wie sonst, -- hatte Ursache,
mit mancher Hoffnung von dannen zu gehen.

Verzeihe mir der Himmel die Snde, wie er mir heute bereits die
schwereren vergab! sagte der Senator leise vor sich hin, wie im
Gebet; ich konnte mir in der Verlegenheit des Augenblicks nicht
anders helfen. Der freche Tlpel, der ein Endchen meiner Geheimnisse
kennt, mu bercksichtigt werden, -- wenigstens, bis er die Stadt im
Rcken, den Weg nach seiner Heimath unter der Sohle hat. Er ging hin
und her in der Stube, musterte seinen Schreibtisch, seine Bcher, --
zuckte auf wie vor dem Anblick einer Schlange, als er die bestaubte
Hauspostille darunter gewahr wurde, schob sie mit unmuthiger Hand in
einen klaffenden Wandschrank, und reinigte dann die Finger vom Staube.
-- Wie dieser Anblick mich pltzlich an die Jugend erinnert hat!
sagte er mit wehmthigem Vorwurfe zu sich selbst; dieses Buch, woraus
ich meinen Eltern den Abendsegen lesen mute, dessen Haupt-Predigt- und
Erbauungsstellen ich auswendig gelernt hatte, trotz dem Vater-Unser...
Dieses Buch, worein der Vater alle Begebenheiten unsers Hauses
verzeichnete, wie eine Geschlechterchronik, -- dieses Buch soll mir von
nun an ein Gruel sein! Er seufzte, drckte jedoch den Wandschrank
entschlossen zu, und zog ein kleines Bchlein aus dem Busen, das er
mit einer seltsamen Mischung von Neugierde, Zuversicht und Zweifel
betrachtete. Du sollst in Zukunft mein Hort sein? fragte er flsternd
und setzte, darin bltternd, hinzu: Ihr Heiligen Alle, deren Hupter
aus diesen Bildern, mit Dornen und Blut bekrnzt, schauen! nehmt Euch
meiner an, da ich nicht vergehe in muthlosem Schwanken! wahrt mir doch
den Frieden, den ich kaum durch einen beispiellos raschen Entschlu
gewonnen! Sein Blick fiel auf den Rand eines Kupferstichs, und in dem
Blicke ging es auf wie ein Freudenfeuer. Mnzner! Mnzner! ist das
nichts Claras Weltname? Und ist sie nicht der Engel, der heute mein
Pathe gewesen? Und ich sollte friedlos bleiben, da sie fr mich zu
den Fen des Heilands betet? Muth, mein Herz! Die Glocke, die zum
Frhstck rief, ertnte.

Der Senator versteckte das Gebetbuch, zog sein Gesicht in die
gebieterischen Alltags-Falten, und begab sich zur Wohnstube. Der Kaffee
dampfte von dem blaudamastenen Tafeltuche, das glnzende goldgeringelte
Porzellan, berhrt von dem schweren silbernen Gerthe, erklang hell; im
Uebrigen blieb es stumm in dem kleinen Kreise. Die Senatorin, die kaum
den Morgengru des Mannes erwidert hatte, sa, zwar ihm zur Seite, aber
dennoch halb von ihm gewendet, und geno, die Tasse in der bequem
ruhenden Hand haltend, das Frhstck und den Morgenstrahl, der durch's
Fenster schlug, zugleich. Justine htete mit besorgten Blicken bald den
stillen Vater, bald die feindselige Mutter, und bestellte die
Frhstcks-Angelegenheit; schenkte ein, bediente, nthigte wie es der
Brauch war. Berndt sa unfern, wie ein Lmmchen, unfhig, ein Wsserchen
zu trben, unterrichtete bald den Principal von den Arbeiten, die er
heute schon gethan, bald scho er lauernde Blicke nach dem Mdchen. Der
ernste Buchhalter, gegen jede Kaffebedienung deprecirend, zum
zwanzigsten Male behauptend, da er bereits in aller Frhe seine Portion
genossen, stand hinter dem Herrn, und producirte eine eingelaufene
Missive nach der Andern, eine Reihe abzusendender, und eine Menge der
Unterschrift bedrftiger Papiere.

Mssinger las und unterschrieb schweigend, sandte den Buchhalter
hinunter, beschied Berndt in einer Stunde auf seine Stube, und fragte,
nachdem auch dieser feuerroth hinweggegangen, mit ungewhnlich sanftem
Tone: Wie nun, Jacobine, und du, mein Justinchen? Ist denn schon
die Tafel fr den zu erwartenden Gast geordnet? -- Justine wollte
die Mama antworten lassen, aber die Senatorin hatte dazu keine Lust.
Mit einem tiefen Seufzer setzte sie die Tasse geruschvoll hin,
kehrte dem Senator vllig den Rcken, und starrte in's Blaue. -- Ei,
Jacobine...! -- sagte Mssinger hierauf staunend und gereizt, --
nherte sich der Schmollenden, und wollte die Hand auf die Lehne des
Stuhles legen, um sich vertraulich zu ihr herabzubcken; aber wie vor
einem Scorpion fuhr die Senatorin empor, wischte schnell mit ihrem
Schnupftuche die Stelle ihres Kleides ab, woran zufllig sein Finger
gestreift hatte, und schritt trotzig und stumm in's Seitenzimmer. Die
Thre ging krachend hinter ihr zu. -- Was bedeutet das? -- fragte
Mssinger, seine Jast kaum bezwingend. Justine erzhlte schchtern und
verlegen, da sich der Mutter Betragen seit ihrem Spaziergange von
gestern nach dem Ritterhofe gendert habe; da sie nichts ber die
Veranlassung zu diesem stummen Groll geuert, und da sie, Justine,
von der Sache nicht das Geringste begreife. -- Mit wem hat deine
Mutter drauen gesprochen? -- fragte der Vater mit krauser Stirne.
Justine gestand, da sie, in Scherz und Gelchter mit andern Personen
ihres Alters und ihrer Bekanntschaft vertieft, es nicht bemerkt habe.

Welche unselige Grille beherrscht das Weib nun wieder! -- sagte der
Senator emprt, aber wie mitleidig die Achseln ziehend. -- Ist denn
wohl ein Hausvater in dieser Stadt, der unglcklicher wre, als ich?
Diese stumpfsinnige Xantippe, die mein Leben verbittert...

Justine flog mit thrnendem Auge an seinen Hals, und fragte: Lieber
Vater! Sind Sie denn auch mit _mir_ bse? Verdiene auch ich Ihren
Unwillen? --

Der Senator sah sie gerhrt an, schob sie dann, pltzlich verfinstert,
von sich, und antwortete: Unter deinen Fehlern vermite ich wenigstens
bis heute die Heuchelei. _Nun_ tritt auch diese hervor. Ungerathene mit
dem Unschuldsblick! Wohin hast du dich verirrt? Mit einem jungen Manne,
der mein Vertrauen verrth, bist du am frhen Morgen auf den Gassen der
Stadt gesehen worden. -- Bekenne! wohin fhren diese Gnge? und seit
wann? --

Justine erbleichte ein wenig; allein sie war bald wieder gefat. Berndt
hat mich verlumdet, -- sagte sie ruhig; -- der Schleicher trat auf
meinen Fersen in das Haus. Glauben Sie dem Menschen nicht. Verlangen Sie
jedoch nicht, da ich Ihnen mehr von dem Morgengange sage, als da er
nur ein einzig Mal -- Gestern -- statt gefunden, und da ich die Htte
einer Armen aufgesucht. Um Alles Uebrige befragen Sie, wenn es Ihnen
gefllt, den Monsieur White selbst.

Welch ein khnes Vertrauen! -- rief Mssinger. -- Ich will glauben,
da noch die Snde nicht mit Euch ging. Was soll aber daraus in Zukunft
werden? Du wirst, hoffe ich, nicht den thrichten Gedanken hegen, den
bettelarmen Baronet, -- obendrein zu einer Zeit, wo dich noch andere
Bande fesseln, die vielleicht fester zu knpfen, dein Verlobter kam...

Vollenden Sie nicht, Herr Vater, versetzte Justine; lernen Sie mich
besser kennen. Ihre Besorgnisse sind grundlos. Da Herr Birsher hier
angekommen, schickt sich's ohnehin nicht, da ich den Besuch eines
Mannes ferner annehme. Sie werden mich verbinden, wenn Sie Herrn White
heute schon entlassen. In Frieden, denke ich, wenn Sie meinen Ruf
schonen wollen. Was Berndt betrifft....

Das ist meine Sorge! ergnzte der Senator, und eilte auf seine Stube,
wo sich Berndt demthig und bald einfand.

Er hat sich erlaubt, fuhr ihn der Principal mit Strenge an, meine
Tochter durch bse Nachrede zu verunglimpfen, und ihr einen Spaziergang
zum Verbrechen zu machen, von dem ich unterrichtet war, und der einer
Armen galt. Verlumder und Zngler dulde ich nicht in meinem Hause. Er
hat sich um einen andern Dienst umzusehen, und mit Ablauf des Quartals
von meiner Schreibstube abzuziehen. =Bon Dies.=

Stumm und niedergeschlagen entfernte sich Berndt, und murmelte zwischen
den Zhnen: Das kommt von Nothhaft, dem neidischen Bengel! Das gedenk'
ich ihm!

Der Geist der Verdrossenheit hatte sich auf Mssingers Dach gelagert.
Ein dumpfes Mibehagen bedrngte Alle, die darunter wohnten, Justine
ausgenommen, die mit unbefangenem Herzen, mit klaren Augen die Zukunft
musterte. Freilich mischte sich auch in diese unbefangene Klarheit dann
und wann ein wenig Unruh, wenn sie an den Verlobten dachte, der so
pltzlich erschienen war; von dessen Wollen und Wnschen noch nichts
verlautet hatte. Wie wird er die Sache entscheiden? fragte sie sich,
und will er mich noch heimfhren, oder hat der Tod seines Vaters
seinen vielleicht erzwungenen Vorsatz gendert? Aber: wie sieht wohl
der junge Mann aus? fragte sie sich noch weit fter, und erbebte ein
Bischen, dachte sie sich des alten Birshers Corpulenz, seine Percke,
seine Manieren, die sich vielleicht alle, wenn auch nach verjngtem
Mastabe, in dem Sohne wiedergaben, wie im Spiegel. Werde ich ihn
heirathen? -- war natrlich die letzte, die bedeutendste Frage, die
Justine an ihren Verstand, an ihr Herz richtete. Der Verstand, der den
Reichthum und das daraus entspringende heitere Leben zu schtzen wute,
sagte allerdings: Ja! aber das Herz? In diesem verborgensten Winkel
tauchte von Zeit zu Zeit, einem spielenden Geist zu vergleichen, ein
Bild auf, -- angenehm in seinen Zgen, unangenehm jedoch in seiner
Bedeutung: James. -- Justine wurde nun sehr ernsthaft, sehr unruhig,
und dankte dann dem Himmel von ganzer Seele, als dieses Bild nach
krftigem Bedenken mit einem Male verschwand, und nimmer wieder kam.
-- So halte ich dem besorgten Vater Wort, und meiner eigenen Wrde! --
sagte sie gleich einer Siegerin, und ging, eines hellen Entschlusses
voll, die Schlssel des Hauses einzufordern, um das Gastmahl zu rsten.

Frau Jacobine machte gar keine Schwierigkeit, auch heute die Wirthschaft
dem Mdchen anzuvertrauen. Du wlzest einen Stein von meinem Herzen!
-- sprach sie, die Schlssel hinreichend, und wieder in die Kissen des
Kanape's versinkend, in denen sie sich ausnahm, wie eine im Nachdenken
Verlorne.

Darf ich nicht wissen, was Sie bengstigt oder rgert, liebste Mutter?
-- fragte Justine mit sanfter Theilnahme. Die Mutter schlug die Hnde
zusammen, und schttelte den Kopf mit Heftigkeit. Frage mich nicht,
Justine! -- sagte sie alsdann mit phlegmatischem Pathos: Es wird die
Zeit kommen, da sich Alles enthllen wird. Armes Kind! und ich ... eine
arme Mutter! Mir bleibt nichts brig, als zu berlegen, wie wir beide
einer groen Seelengefahr zu entrinnen haben. Gott wird ja einen Engel
schicken! Behalte indessen die Schlssel dieses unseligen Hauses! In
meinem Leben rhre ich sie nicht mehr an!

Sie schwieg verstockt, und Justine frchtete fr den Verstand der
Mutter.

So werden Sie mir doch erlauben, -- sprach sie, -- eine Gehlfin zu
erwhlen; denn in der Zeit, als Herr Birsher hier aus- und eingehen
wird, drfte es viel zu thun geben, dem ich allein nicht gewachsen
wre.

Wie du willst. Gott segne den Herrn Birsher! Er htte aber besser
gethan, zu New York zu bleiben. Wen willst du jedoch dir zur Seite
setzen?

Eine Freundin: Madame Laynez, eine Franzsin. -- Wer ist die Person?
Ich kenne sie nicht. -- Die Frau Syndikus empfahl sie mir, --
versetzte, um eine Antwort etwas verlegen, Justine. -- So? --
erwiderte Jacobine mit groen Augen; -- meinethalben dann. Die
Syndikussin empfiehlt sicher kein Gesindel; sonst mchte ich wohl
gerathen haben, auf der Hut zu sein. Die Franzosen machen gerne lange
Finger, und bei Gelegenheiten, wie die heutige... -- Lassen Sie mich
walten, Mutter; und erheitern Sie sich. Dieser unbegreifliche Mimuth
wrde den Gast verschchtern und den Vater erzrnen. Den Vater? --
rief die Mutter zusammenfahrend aus; -- schweige von ihm. Ich will
nichts von ihm wissen, nichts von ihm hren! Ich wollte, ich htte ihn
nie gesehen. Du wrest nie geboren worden! -- Mutter! -- Ich
wollte, meine Augen mten den fremden Gast nicht sehen. Aber -- nicht
wahr, es wre unschicklich, wenn ich bei Tische fehlte? -- Gewi,
liebe Mutter! Bedenken Sie selbst, -- die Frau vom Hause...

Mein Heiland, ja! Was mu man nicht thun, um der Schicklichkeit willen?
Was mu man nicht verschweigen und verbeien um der Schande willen! Ach,
liebste Tochter, ich werde viel leiden an dieser Tafel! Jeder Bissen
wird mir im Munde quellen. Ach Gott! verzeihe mir meine Snden; womit
hab' ich aber all' diese Noth verdient?

Ich frchte mich bei Ihnen, Mutter!

Bei mir? chzte das Weib, das sich mit Gewalt in eine Aufregung
versetzte, die sich lcherlich und peinlich zugleich ausnahm; bei mir,
du gottloses Kind? Und ich bin doch ein Lamm, wie Schnee so rein; und
ich habe dich zur Welt geboren, und ich sinne und sinne seit gestern,
da mir der Kopf schwindelt, wie ich dich, meinen Herzensschatz, mit mir
zugleich erretten kann. An _mir_ sollst du dich halten, und nur Gott
frchten in Demuth, und ... deinen Vater in Angst! Frchte dich vor dem
Vater, wie das unschuldige Lamm vor dem Wolf! Thue von heute an nie
mehr, was er begehrt, denn er begehrt nur unser Verderben.

Justine sah die Frau, die sich wie eine in Wahnsinn fallende
zerngstigte, mit groen Augen, dann mit Mitleid, dann mit
Geringschtzung an, drehte sich endlich kurz und gut um, und sah nach
ihren Pflichten.

Was ich versprochen, kann ich heute schon mit dem Segen Gottes
beginnen, -- schrieb sie in Eile an die Laynez: Kommen Sie, gute Frau.
Versuchen Sie es fr's Erste auf ein Paar Tage, wie es Ihnen gefallen
mchte bei Ihrer herzlichen Freundin Justine.

Sie sendete diesen Zettel durch den dmmsten Packknecht ihres Vaters in
den Johanniterhof an die Adresse, und verlor im Drang ihrer berhuften
Geschfte bald die seltsamen Launen ihrer Mutter, -- sogar den
eingeladenen merkwrdigen Gast aus den Gedanken.

Indessen hatte sich bereits ein anderer Geladener in des Senators Stube
eingestellt. Mssinger erkannte selbst beinahe den Eintretenden nicht,
so sehr vernderte diesen der schwerbetrete Rock, die ansehnlich
bauschende Halsbinde und die groe wei erglnzende Percke.

Im Namen des Herrn und Heilands! sagte der Kommende -- Doctor
Leupold -- mit leiser Stimme.

Amen, und willkommen, hochwrdiger Herr! antwortete der Senator
ebenso, und ging dem Doctor entgegen, ihm die Hand zu kssen, eine
Ehrenbezeugung, deren sich Leupold weigerte.

Lassen Sie diese Frmlichkeit der Jugend und dem Volke, die in Respect
gehalten werden mssen, mein werther Beicht- und Taufsohn, sprach der
Doctor. Unser Verhltni sei das eines Freundes zum Freunde. Ich finde
Sie mit den Bchern beschftigt, deren Studium ich Ihnen empfahl, und
frage nicht, ob die heutige bedeutungsvolle Frhstunde Frucht getragen,
oder nicht. Im Herzen des Frommen gedeiht stets die himmlische Speise,
und der schnellste Entschlu belohnt sich am schnellsten. So wren wir
denn nun _eins_ in Gott und seiner Kirche, bester Herr, und Sie haben
ohne Zweifel die Gnade recht empfunden, die unser Heiland und Erlser in
Ihnen erweckte? Die Huld unsrer barmherzigen liebreichen Mutter-Kirche,
die Ihnen erlaubt hat, alle Vorbungen, Prfungen und Bruchlichkeiten
zu berspringen, um sich so schnell als mglich in ihre Arme zu werfen?
Das Glck, das ich geno, ich, eines der geringsten Rstzeuge, die im
Felde des Herrn zu seiner grern Ehre streiten, -- Ihr Fhrer zur
Himmelsleiter sein zu drfen, erfllt mein Herz mit seligem Behagen.
Und auch in Ihrem Herzen, mein Sohn, ist nunmehr Friede; nicht wahr?

Wenn Glaube an unbedingte Erlassung Friede ist, so geniee ich des
Friedens, antwortete Mssinger.

Glaube ist allerdings der schtzende Schild, und seine Wohlthat zgert
nicht. Ich wette darauf, Herr Senator, Sie erwarten nun mit sicherem
Fue den Gast, vor dem Ihnen gestern noch gegraut.

Ihres Beistands versichert, ohne Zweifel.

Des Beistands des Herrn und seiner Schaaren, deren Engelfittich auch
den _Gedanken_ der Snde von Ihrem Bewutsein scheuchte. Halten Sie sich
an dem Bewutsein Ihrer nunmehrigen Reinheit fest, und Sie werden nicht
straucheln. Der Versucher naht wohl zuweilen dem Menschen; am hufigsten
dem Gottgeflligen. Ich habe Ihnen den Lebenslauf unsers heiligen
Ordensstifters und des herrlichen Heidenapostels Xaver in die Hnde
gegeben. Sie werden meinen Reden als Belege dienen. Aber -- je
gefhrlicher die Versuchung, je herrlicher der Sieg der Bestndigkeit.
Und auch das ist Versuchung, wenn dem Neubekehrten der Teufel
ketzerischen Zweifelmuths ins Ohr raunt: bist du denn nun auf dem
rechten Wege? Und auch das ist herrlicher Sieg, wenn der gottselige
Jnger ihm antwortet: Ja, Satan! Trotz dir und deinen Schrecken! -- Sie
verstehen mich. Ihre frheren Snden _sind_ nicht mehr, denn das Blut
unsers Herrn hat sie getilgt, und mein Priesterwort ist Ihnen dafr
Brge. Muth also, und ein klares Auge! Sie haben Gottes Gnade
gewonnen; -- gewinnen Sie auch jetzo das Vertrauen des Ordens, der Ihnen
Genesung brachte. Ein Thron ist schn, aber ein Coadjutor unser
Gesellschaft selbst in weltlichen Dingen zu sein, ist ein weit schnerer
Beruf.

Verlassen Sie sich auf mich, sobald Sie mir ber die gefhrlichste
Brcke geholfen haben, in allen Dingen, die nicht mit meiner Brger- und
Vaterpflicht in Widerspruche stehen.

Verfngliche, aber unnthige Klauseln! lchelte der Doctor;
Vaterpflicht? Die Kirche ist ja selbst die liebendste Mutter.
Brgerpflicht? Ein relativer Begriff. Halbheit, mein Bester, fhrt nur
zu Trostlosigkeit. Man mu, was man sein will, _ganz_ sein, und auf dem
Wege der Religion kommen unsere Pflichten nie ins Gedrnge, wenn man
ohne des Vorurtheils Brille um sich schaut. Die Wahrheit ist immer nur
_Eine_: das Recht ist stets nur _Eines_. Menschliche Satzungen fehlen;
die gttliche Wahrheit nimmer. Sind Sie berzeugt, Ihrer Mitbrger
Bestes zu wollen, so gehen Sie muthig zum Ziel. Wthende Parteien und
schielende Gesetze schelten gar zu oft Hochverrath, was man mit allen
Brgerkronen nicht aufwiegt, -- die Rettung des Vaterlandes. Ich behalte
mir vor, Ihnen diese unerschtterlichen Grundstze deutlicher
auszuprgen, wenn sie zur Anwendung reifen sollten.

Zur Anwendung? fragte der Senator gedehnt, denn sein Kopf ging im
wirbelnden Kreise.

So ists, mein Sohn, erwiderte der Doctor ruhig; die Gestirne wandeln
ihre Bahn; folglich auch die Schicksale der Welten, der Vlker, der
Gemeinden, der einzelnen Menschen. Lassen Sie uns den Fall setzen, es
wre dem Himmel gefllig, in dieser Stadt die Anarchie des Lutherthums
zu beendigen, die von dem unerforschlichen Rathschlu nur aus dem Grunde
zugelassen worden ist, damit der erschlaffende Christussinn sich an dem
Widerstande wetze und siegend wieder auflebe. Noch mehr: der Allmchtige
htte _Sie_ ausersehen, das Panier des wahren Glaubens, dem Sie
freiwillig sich unterworfen, khn und frei zu erheben. Wrden Sie sich
dessen weigern? Gott durch eine schimpfliche Feigheit beleidigen? Oder
gestehen, da Sie sich selbst belogen, als Sie sich dem Meopfer
zugewendet?

Wahrlich, ich erstaune ob Ihrer Rede, sagte der Senator mit
Angstschwei auf der Stirne: welch einen Kampfplatz thun Sie mir in
diesen Worten auf?

Keinen gefhrlichen; denn Gott wrde mit dem Beharrlichen sein,
und sein Engel den Satan strzen. Beruhigen Sie sich indessen. Das
Heldenbild eines solchen Kampfes lebt nur in der Einbildungskraft,
nicht in der Zeit, die eine gemessene, mathematisch schleichende
ist. Wir bekehren nicht mehr mit Feuer und Schwert, sondern mit dem
kraftvollen Honig der berzeugenden Rede. Wir dringen uns nicht mehr
den Vlkern auf. Die Vlker werden aber, vom geheimen Zuge ergriffen,
alle zu unserm Tische treten. Die Wunder der grauen Judenzeit geschehen
nicht mehr, sondern langsam, still webend, wie der Trieb der Natur,
bereitet der Schpfer seine Ereignisse vor; Mirakel, nicht kleiner
als die der heiligen Bcher, aber mystischer als sie. Durch gttliche
Schickung rttelte sich der Wolf der Ketzerei los; aber mit dem Gifte
erstand zugleich das Gegengift. Der Ursprung unserer Gesellschaft,
ist er nicht ein Wunder? erzeugt im Staube, und herrlich fortblhend
an der Brust der Knige? Zeigen Sie mir ein hnliches Beispiel in der
Geschichte aller Vlker, und bezweifeln Sie den Fingerzeig des Herrn,
der uns, seine Streiter erweckte; nicht zum blutdrstigen Morde, wie
jene Dominikaner, die ihren Beruf, die Unseligen, verkannten; nicht
zum faulen Bettel, wie jene schmutzigen Mnche des Franziskus von
Assisi, welche ihre Sendung mit Fen treten; sondern zu der schweren
Arbeit, wie sie die Noth der Zeit erfordert. Warum wthet man gegen
uns? Weil man uns ungemessen frchtet. Warum verlumdet man uns?
Weil wir heller sehen, als alle Welt. Wie kmmt es aber, da wir das
knnen? Weil die hunderttausend Augen meiner Brder nur ein Einziges
sind, und ein scharfes; ihre hunderttausend Arme nur ein Einziger,
und ein thtiger; beseelt von _einem_ Willen, von _einer_ Kraft. Ein
Ziel ermit unser Blick, nach dem _Einen_ greifen unsere Hnde; nach
dem _Einen_ schreitet unser Fu: Ehre dem Herrn in der Hhe! Nachfolge
dem Menschgewordenen Sohne und seinem Kreuze! Belehrung der Glubigen,
Zurechtweisung der Verirrten und der noch nicht im Geiste Gebornen!
Aufrechthaltung der allein seligmachenden Kirche! Krieg auf Tod und
Leben dem Satan der Zeit, welcher da ist _der_ der Unvernunft, _der_
der Hartnckigkeit _der_ des Lasters! -- Hier nannte ich Ihnen in Krze
die Grundlagen unserer Bestimmung, die Zwecke unsers Daseins. Giebt es
vortrefflichere auf Erden? Verdienen Sie nicht die grte Theilnahme,
und den gttlichen Schutz, der ihnen so offenbar zu Theil geworden?
Ueberall verbreitet, in jedem Welttheile angesiedelt, predigen wir die
wahre, reine Religion. Wir haben ganze Vlker dem Heile zugewendet;
wir haben Halbthiere zu Menschen gemacht. Wir leiten das Gewissen
der Frsten; wir bewachen den Stuhl des Statthalters Jesu Christi.
Unsere Schulen -- wer lobte sie nicht als die Vollkommensten! Unsere
Zglinge -- wer rhmte sie nicht als die Gelehrtesten? Meine Brder
-- wer htte sich nicht an ihrer heitern Freundlichkeit, an ihrem
milden Ernste, an ihrer Weisheit erquickt? Um jedoch ausgezeichnet
und allumfassend wirken zu knnen, muten wir umfassende Hilfsmittel
whlen und schaffen: ein Band der Religion, der Wissenschaften, der
Knste, der Gewerbe, des Handels um die Erde und die fernsten Meere
legen. Fr alle Bedrfnisse des Menschenwohls Sorge zu tragen, haben
wir uns verbindlich gemacht; wir besitzen in unserm Ordensschooe alle
Elemente dazu; die Mittel mu die Auenwelt geben, die uns freilich
gern und oft zurckstoen mchte, whrend sie uns danken sollte. Die
kanonische Armuth der Kirche, die Kargheit der meisten Frsten, versagt
uns bedeutende Untersttzungen, und unsere Spekulation mu aushelfen;
daher -- im Vertrauen -- unsere Colonien in fernen Welttheilen; daher
Schiffe mit unserer Fracht auf dem Meere; daher das Bedrfni, Stapel-,
Lager- und Ausladungspltze in allen Gegenden der Windrose zu besitzen.
Ich komme jetzt ganz natrlich auf unser hiesiges Etablissement, das
im Anbeginn einen solchen Lagerplatz ganz allein bezwecken sollte.
Einige Vertraute waren nthig; mein Vorgnger entdeckte jedoch viel
Glauben, viel fromme Sehnsucht, und pflanzte die Reben des Herrn mit
gutem Gedeihen an, so da ich, sein unwrdiger Nachfolger, schon eine
ansehnliche Zahl von Sprlingen vorgefunden. Auch mit _mir_ war der
Segen des Herrn und das Glck, das mich berief, _Ihnen_ zu dienen; dem
alten bereuenden Freunde, dem nievergessenden Freunde Clara's. Ihr
Einflu, mein Sohn, wird, hoffe ich, viel Gefahr von unserer stillen
Gemeinde abwenden, und ein guter Wchter fr den Handelsvertrieb der
Gesellschaft sein, die hingegen stets bereit sein will, ihre migen
auf hiesigem Platze liegenden Capitalien in Ihre vertrauten Hnde
zu legen, und gegen billigen Zins zu lassen; so wie sie Ihnen auch
bereits, -- gnzlich uneigenntzig, und mit Ihren frommen Gesinnungen
nicht bekannt -- die bewuten Wechsel auf Brasilien angeboten: so wie
ein Freund dem andern zu dienen verpflichtet sein sollte.

Ihrem Orden meinen Dank; sagte der Senator erheitert: ich will zu
vergelten suchen, wie ich kann. Treue Freunde thun heut zu Tage Noth.
Sie haben mein Ohr bezaubert durch Ihren kurzen Bericht und Ueberblick
Ihrer Wirkungskreise. Wahrlich! ein solcher Verein ist ein Wunder, ein
noch nie gesehenes, nie erhrtes; und Sie, hochwrdiger Herr, mssen
sich im Paradiese whnen, wenn Sie stndlich sich erinnern, auch ein
Glied an dieser groen edeln Brderkette zu sein!

Der Doctor sah bei dieser Wendung ernst und wehmthig auf die stumpfen
Spitzen seiner Schuhe, lehnte das Kinn auf den Rohrstock, und entgegnete
nach einem verhaltenen Seufzer: Je nun, Herr Senator! Jeder Beruf hat
seine Last! und ich gehre zu den Lastthieren unseres Ordensberufs. Herr
Senator! um ein glubig Gewissen, um ein ungeschwchtes Vertrauen auf
die Unfehlbarkeit eines vorgesetzten Endzwecks ist's eine schne Sache.
Dieses Vertrauen auf Gott, meine Obern und meiner Pflicht wohlthtige
Frchte ist mein Reichthum, mein Paradies. Die Pflichten selbst sind gar
oft schwer, widern oft an; allein man trstet sich mit der Frsicht, die
das Alles befiehlt und ordnet, und wissen mu, zu welchem guten Zweck
Alles so befohlen und geordnet werden soll. Lichtpunkte in meinem Berufe
und Treiben sind Vereinigungen, so erwnscht, so freundlich, wie die mit
Ihnen im Namen der sanftesten Religion eingegangene. Clara betete fr
Ihr Glck! Clara's Freund feindlich mir gegenber zu sehen, der
Verdammni verfallen, der Hoffnung bar, einst mit Claren, mit mir
vereinigt zu werden!... Der Gedanke schmerzte mich tief, und indem ich
Sie fr unsere Lehre gewinnen durfte, gewann ich selbst einen Schatz
trstenden Bewutseins!

Der Senator war bewegt, da er in die bewegten Augen des Doctors sah, und
auch die seinigen gaben Thrnen, und in einer herzlichen Umarmung
erkannten sich Priester und Neophyt als hhere Wrdentrger der
Menschheit; als verwandte Gemther, als Freunde.

Der Senator sagte hierauf, indem er sich die Augen trocknete, und des
Doctors Hand ergriff: Was mir einfllt, mein wrdiger Freund! Ihr
Pflegesohn scheint Lust zu haben, ein Proselyt meiner Tochter zu
werden, denn umgekehrt lt sich bei des Mdchens Starrkpfigkeit die
Sache nicht denken. Allein ... Sie begreifen ... und ersparen mir wohl
fernere Erluterung.

Allem ist schon vorgebaut; unterbrach ihn der Doctor: mir ist's nicht
entgangen, und dem jungen Menschen ist bereits Ihr Haus untersagt. Ihn
binden frhere Pflichten, und Zeit ist's, da sein Schwrmen endige.

Welch ein Mann sind Sie! rhmte der Senator, freudig des Doctors
Hand schttelnd: solch' ein Scharfsinn -- solch' feine verhtende
Moral lernt sich wahrlich nur in Ihren Collegien. Was sind dagegen
unsere trockenen, drren Gymnasien, wo man nur Buchstaben lernt, und
nicht Menschenkenntni? -- Was unsere Schreibstuben, in denen man den
Charakter unserer Geschftsfreunde, wie der Welt, nur nach den Zahlen
taxirt, die sie in Gold oder Papieren aufzustapeln vermgen! Was Ihnen
der klare Forscherblick schon verrathen, das mute mir der Mund eines
schleicherischen Handlungdieners...

Die Schelle am Hause wurde gezogen: einmal, zweimal, dreimal,
bescheiden, aber steigend, wie sich dazumal geladene Fremde anzumelden
pflegten, whrend Hausfreunde nur zweimal luteten und Hausgenossen das
ganze mit _einem_ derben Ri an der Schelle abzuthun gewohnt waren. Der
Senator erblate; das Wort erstarrte in seinem Munde, ein heftiges
Zittern berkam ihn.

Herr ... Birsher...! stammelte er. Der Doctor rttelte ihn zurecht,
und sagte ihm trstend und ermahnend: Sie sind entsndigt. Im Namen der
Dreieinigkeit! gehen Sie hin; trauen Sie auf meinen Beistand, und geben
Sie nicht Anla zum Argwohn, noch Aergerni!

Ein nachfolgender Zug an der Comptoirschelle benachrichtigte den
Hausherrn, da der Fremde hereingelassen worden, -- da der Besuch nicht
dem _Kaufmann_ allein gelte. Seine Pflicht zu erfllen, nahm sich
Mssinger zusammen, und ging dem die Treppe Ersteigenden hflich
entgegen. Der groe junge in Schwarz gekleidete Mann mit dem wenig
gefrbten ernsten Gesichte und den hellen geradausschauenden Augen htte
den Senator beinahe wieder aus der Fassung gebracht; was indessen der
erste Anblick verderben zu wollen schien, brachten die ersten Worte des
Fremden wieder ins Geleis. Der junge Mann streckte, ohne den Hut zu
rcken, aber mit offenem Gesichte dem Wirthe die Hnde entgegen, und
sagte: Ei, herzlich willkommen, Herr Senator. Freue mich, Sie endlich
zu sehen. Vor Allem Entschuldigung, da ich mich gestern, von der Reise
ermdet, durch den Kellner anmelden lie. Hierauf verbindlichen Dank fr
die Einladung, und -- das Beste kmmt zuletzt -- meine herzlichste
Erkenntlichkeit fr die Bewirthung meines armen Vaters.

Der Senator bckte sich uerst verlegen, und ffnete die Thre des
Tafelzimmers. Ohne sich jedoch unterbrechen zu lassen, fuhr der junge
Mann ruhig und behaglich fort: Das Grab meines guten Vaters war das
Erste, was ich hier besuchte. Meine Thrne ist darauf zurckgeblieben,
und mein Segen nicht minder. Wir wollen uns jedoch, nach diesem
Berichte, die Hnde darauf geben, da wir kein Wort mehr ber sein
Schicksal verlieren wollen. Sie bersehen gtigst die Farbe meiner
Kleider, so wie ich selbst den eigenen Kummer bersehen will, um
Ihnen nicht ein unertrglicher, unwillkommener Gast zu sein. Der
Senator sah den Doctor verwundert, aber mit erleichtertem Herzen
an. Leupold studirte in dem Gesichte Birshers. Er erkannte seinen
gestrigen Tischnachbar im Schwan. Dieselbe ruhige Unbefangenheit, die
ihn im Gasthause ausgezeichnet hatte, verlie ihn auch heute nicht.
Der ungewhnliche Prunk, von welchem die Tafel strotzte, nthigte ihm
keinen Blick der Verwunderung ab, und, als sei er schon seit geraumer
Frist ein Genosse dieser Tafelrunde, begrte er ohne frmliche
Umschweife die geputzte Senatorin, die sich endlich einfand, und
Justine, die im Kleide der Hausfrau erschien, um, der Kche entsagend,
bei Tische das Ehrenamt zu verrichten. Nachdem Doctor Leupold von
dem Senator den Seinigen und dem Fremden vorgestellt worden, begann
das Mahl, dem heute im Uebrigen kein anderer Gast als der ernsthafte
Buchhalter beiwohnte. Die Unterhaltung war anfnglich geschraubt. Der
Senator bewachte mit ngstlichem Auge Herrn Birsher, die Senatorin
sa mit stummem verzogenem Munde und niedergeschlagenen Augen, der
Buchhalter schwieg nicht minder devot, und der Doctor allein fhrte mit
dem New-Yorker ein unbedeutendes Gesprch. Justine beobachtete, und
ihre Aufmerksamkeit, -- sobald es ihre Geschfte erlaubten -- theilte
sich zwischen Herrn Birsher und dem Doctor. Die Zge des Letztern
hatten fr sie etwas Bekanntes, mancher Anklang seiner Stimme war ihr
ebenfalls nicht fremd, und dennoch hatte sie ihn im Cabinete des Vaters
nur ein einzigmal -- beinahe _nicht_ gesehen, keine Sylbe aus seinem
Munde gehrt. Sie grbelte in der Erinnerung, gelangte jedoch zu keinem
Ergebni, weil ihr des Doctors Nachbar interessanter erschien. Wider
Willen kehrte ihr Auge immer hufiger auf den jungen Amerikaner zurck,
und sie mute sich gestehen, da ihre Phantasie an dem Manne eine Snde
begangen. Nicht die mde Behaglichkeit des Vaters, -- die entschlossene
Ruhe eines mit sich selbst auf's Reine gekommenen Menschen, redete
von dieser Stirne, aus diesen Blicken, die manchmal hell und fest den
ihrigen begegneten, -- die ihr eine freundliche Bewunderung, verbunden
mit einer beinahe ehrfurchtsvollen Scheu, einflten. Sie horchte
neugierig auf jedes seiner Worte; sie lchelte unwillkrlich und
beifllig, als der Zurckhaltende endlich gesprchig wurde. -- Nach der
dritten Speise schob Birsher mit einer leichten Verbeugung den Teller
etwas zurck, und sagte: der Hunger ist gestillt, und zum Vergngen
esse ich nicht. Ich erbitte mir daher die Vergnstigung, unangefochten
und nachsichtsvoll beurtheilt, ein unthtiger Zeuge der fernern
Mahlzeit sein zu drfen.

Die Senatorin, viel auf Tafelgensse haltend, und dieselben sogar in
ihrem jetzigen gereizten Zustande nicht vernachlssigend, warf dem
Redner einen mibilligenden, verwunderten Blick zu. Birsher bemerkte
denselben, fuhr aber, ruhig und verbindlich zu der Frau vom Hause
gewendet, fort: Ein Paar Worte, hochzuverehrende Gastfreundin, werden
hinreichen, den Verdacht einer Unschicklichkeit von mir zu entfernen.
Ich habe es wohl erfahren, da man in Deutschland die freundschaftlichen
Mahlzeiten hochschtzt und sie verlngert; da man den Grundsatz hegt,
dem willkommenen Gast knne nie zu viel angeboten werden, und er knne
hinwieder nie zu viel genieen. Bei uns in Amerika ist die Lebensart
viel einfacher, so wie unsere Wohnungen, unser Tafelgerthe und unsere
Kleidungen einfacher sind. Drei Gerichte, eine Flasche Bier oder Wein,
ein herzliches Tischgesprch von einer halben Stunde, ein aufrichtiges
Gebet zum Beschlu -- das sind die Bestandtheile unserer Sonntags- und
Feier-Tafeln. Lassen Sie mich bei dieser Gewohnheit, die meine
Landessitte mir einprgte, die mir immer wohl bekam. Ich will, da ich
meinen Theil _von_ diesem berprchtigen Gastmahle nicht gehrig
annehmen darf, meinen Antheil zu der Unterhaltung geben, und fange damit
an, Ihnen unumwunden zu bekennen, wewegen ich im Grunde hierher
gekommen bin.

Alle Anwesende neigten hflich das Haupt, und der Senator, um eine
Erwiderung verlegen, sagte mit zweifelhaft schwankendem Tone: Ew. Edeln
kommen unsern Wnschen zuvor. Ich darf gestehen, ... da ... so hchst
angenehm mir auch Dero Ankunft erschienen, ich nicht begreife, wie es
mglich wurde, Sie schon jetzt hier zu begren. Meiner erprobten
Berechnung gem knnte das schnellst segelnde Schiff kaum die Nachricht
nach New-York gebracht haben, da...

Ihre Berechnung tuscht nicht, Herr Senator, antwortete Birsher:
das dnische Kauffahrteischiff Kibenhaven, das vom Texel abging, mit
der Depesche des Herrn van den Hcken befrachtet, kann erst seit drei
Wochen, fiel die Fahrt vollkommen gnstig aus, zu New-York angekommen
sein. Doch hatte ich nicht auf eine Nachricht aus Europa gewartet.
Eine Ahnung -- man mchte sagen, wie mein schottischer Faktor zu sagen
pflegt: ein zweites Gesicht hat mich ber's Meer getrieben!

So? fragte Doctor und Buchhalter. Des Senators Gesicht verlngerte
sich. Die Frauen hingen mit ihren Blicken an dem Munde des Erzhlers.
Dieser bemerkte die gespannte Neugier, und sprach lchelnd weiter:
Erwarten Sie keine Gespenstergeschichte. Nichts Ungewhnliches. Ein
einfacher Traum ist's nur, der sich leicht erklrt, wenn man erfhrt,
da Vater und ich uns unaussprechlich lieb gehabt. Um ein Capital
zu retten, das in Ostfriesland unsicher stand, und um mir -- wovon
nachher -- einen Schatz mitzubringen, unternahm der alte Herr die
mhevolle Reise. Eine Art von Heimweh gesellte sich zu den obigen
Motiven. Er hatte frher in Holland und Deutschland gelebt. Es war
ihm in diesen Lndern wohl ergangen. Er wollte das Paradies seiner
Jugend noch einmal sehen vor seinem Ende. Er hoffte, seine lstige
Corpulenz auf der Seefahrt zu vermindern. Er bestand -- eigensinnig von
jeher -- auf seinem Vorhaben, und segelte ab. Das Schiff hatte einen
bedeutungsvollen Namen: Fare well! Mein Glck- und Segensruf hing sich
an des Schiffes Wimpel, und -- setzte ich mich gleich stracks wieder
vor die Bcher und die Correspondenz, so schaukelte sich doch meine
Seele neben dem Vater auf dem fern hingleitenden Fare well! Diese
Einbildung verwuchs, so zu sagen, mit mir, und gab sicherlich Anla
zu dem Traume, der mir einst, geraume Zeit nach des Vaters Abfahrt,
vorkam. Ich sa im Comptoir und schrieb. An die Thre klopfte es.
Herein! rief ich. Alles still. Nun stand ich auf und sah selbst
nach. Vor der Thre stand mein Vater: gekleidet, wie wohl sonst, aber
bla. Willkomm! sagte ich, und streckte die Hand aus. Er aber sprach:
Beileibe, Freund Georg; ich bin ja gestorben, und mu in Europa
bleiben. -- Ich fuhr auf, und das nchste Schiff nahm mich mit nach
Holland. Van den Hcken sagte mir bei der Ankunft in Amsterdam nichts
Neues. Ich war von der Wahrheit meiner Ahnung innig berzeugt.

Das ist eine entsetzliche Geschichte! sagte die Senatorin, und erhob
sich, von Gespensterfurcht ergriffen, vom Stuhle, um mit starren Augen
und bebendem Kinn von hinnen zu wanken. Der Senator, der auf glhenden
Kohlen gesessen, beeilte sich, der Frau seinen Arm zum Weggehen
anzubieten. Mit einer Geberde schaudernden Abscheu's stie ihn jedoch
Frau Jacobine zurck, griff mit heftiger Gewalt nach Justinens Hand, und
verlie, auf dieselbe gesttzt, das Ezimmer.

Die Frau Senatorin scheint reizbarer zu sein, als ihre Constitution
errathen lt, versetzte Birsher, etwas aus der Fassung gewichen; ich
habe dennoch nur Alltgliches erzhlt, um einen Beitrag zur Seelenkunde
zu geben.

Ein merkwrdiger Beitrag allerdings, hob der Doctor an, um des
Senators betretene Beschmung zu bemnteln; die Geschichte zeugt von
Ihrer auerordentlichen Liebe zu dem Vater, dessen Tugend ein spteres
Lebensziel verdient htte.

Ich habe beschlossen, da er in seinen Vorstzen, in seinen Wnschen
fortlebe, entgegnete Birsher: sein Wille ist mir ein schtzbareres
Vermchtni als seine betrchtlichen Gter. Ich bin weniger gekommen, um
hier das mir zustehende Erbtheil zu holen, als um den hochachtbaren
Herrn Senator zu fragen, ob er die Freundschaft, die er fr meinen Vater
hegte, auf mich fortpflanzen, und mich, wie der Selige gewnscht, zu
seinem Schwiegersohne an- und aufnehmen will.

Herr Birsher, stammelte der Senator, hchlich berrascht: Ihr
wackerer Sinn spricht sich so unerwartet aus, da...

Was der Vater beschlo, will ich gehorsam ausfhren! -- Von seinen
Hnden htte ich blindlings die nie gesehene, ungeliebte Braut
empfangen. Was soll ich nun thun, da ich die liebliche Jungfer gesehen,
da ich aus jedem Munde nur ihr Lob vernommen? Ich bin kein Freund von
vielem Reden. Ja oder Nein, Herr Senator? obschon unter Mnnern von
Wort ein Nein nicht wohl denkbar ist. Ueberlegen Sie nicht, grbeln
Sie nicht. Der Brautschmuck ist in Ihrem Hause. Das Capital, das mein
Vater, es schon verloren gebend, zu Emdes rettete, hat er verwendet,
gewisse Verbindlichkeiten, die Ew. Edlen gegen van den Hcken hatten,
aufzulsen; die quittirten Verschreibungen zu der Jungfer Nadelgeld
bestimmt. Mein Vater hat Alles im Voraus geleistet und besorgt ....
werden Sie nun nicht auch das Ihrige gegen mich thun?

Ich wills, ich werde es! rief der Senator ausbrechend, weil ihm ein
Felsenberg von der Brust fiel: ich heie Sie doppelt willkommen, als
meinen lieben Sohn und Handelsfreund.

Er und Birsher schttelten sich treuherzig die Hnde. Der Buchhalter,
mit dem Glase an das des Doctors klingend, rief eine jubelndes
Gratulor, gratulor von Herzen! Der Doctor stie wohl an, neigte sich
wohl glckwnschend, aber auf seiner Stirne sa nicht das zufriedene
Einverstndni. Wie htte sich jedoch die Falte auf des welterfahrenen
Mannes Antlitz lange halten knnen?

Nun wurde der Senator lebendig. Die Spannung seines Gemths schien
wiedergekehrt zu sein, eine heftige Freude ihn zu beleben. Die silberne
Schelle ertnte in seiner Hand. Alicante! rief er dem eintretenden
Burschen zu: vier Flaschen! Das Siegel mit den vier Thrmen! Frisch!
Schnell! nicht gezaudert! die spanischen Kelchglser mit den Lilien
dazu! den Nachtisch herein! Justine soll kommen; sie soll kredenzen!

Und so ging es fort in Feuer und Leben. Der Niersteiner, der gerade auf
dem Tische kreiste, flo in ungeduldigen Bchen in die traulichen Rmer.
Gesundheit auf Gesundheit wurde getrunken. Unter den frhlichen
Bewegungen der Gste erzitterten bestndig die silbernen Glckchen an
dem prchtigen spiegelverzierten Aufsatze, der, einen chinesischen
Tempel vorstellend, mitten auf der Tafel stand; aber das Funkeln dieser
schillernden Spiegel und bewegten Perlen war todte Asche gegen
Mssingers strahlendes Auge; das Schellengetn verklang unter der
tnenden Sprache seiner erweiterten Brust.

Die Thre ging auf. Einen silbernen Prsentirteller in der Hand,
auf welchem sechs Kelche voll des kstlichen Alicante schimmerten,
neben der geffneten Flasche, die nun mit einer prachtvollen Blume
verschlossen war; -- gefolgt von dem dienenden Burschen, der im Korbe
die drei brigen Flaschen nach sich schleppte, -- trat eine schne
Frau herein, in einfachem aber angenehmem Kleide, mit Wirthlichkeit
kndender Florschrze angethan, und die zierlichen Hnde von saubern
Handschuhen bedeckt. Die Herren fuhren berrascht und grend auf. Der
Senator blickte berraschter als die Uebrigen auf die ihm Unbekannte.

Mademoiselle Justine ist nicht zu finden, sagte die angenehme Wirthin,
den Wein mit einem Anstande umherreichend, als bediene sie eines Knigs
Tisch. Um die verehrten Herren nicht allzu lange warten zu lassen,
mute ich also selbst ... entschuldigen Sie gtigst.

So eben trat Justine aus der Seitenthre. Mit einem Blicke begriff sie
die Verlegenheit der Helferin, die Ueberraschung des Senators, und sagte
mit der freundlichsten Betonung, zu der ganzen Gesellschaft gewendet:
Madame de Lainez, die Wittwe eines im Felde gebliebenen kniglich
franzsischen Hauptmanns, meine sehr liebe Freundin, die sich heute
erbitten lie, meine husliche Pflicht zu theilen und mir zu
erleichtern.

Freut mich unendlich, versetzte der Senator mit einem Bckling, und
wies der Errthenden den ledigen Stuhl Jacobinens an. Die Lainez wollte
sich, stumm versagend, empfehlen. Justine hielt sie aber zurck, sagte
ihr viele schmeichelhafte Worte und behauptete: durch eine pltzliche
Unplichkeit der Mutter wrde sich die Tafel verwaist sehen, wenn nicht
eine liebenswrdige Frau den Platz einnehme. -- Leise flsterte sie
indessen der Lainez zu: Bleiben Sie um Gotteswillen, meine Beste, und
unterhalten Sie die Herren. Ich finde noch kein Wort, das nicht meiner
Seele wehe thte.

So fgte sich Madam Lainez endlich. Bei Denain fiel Ihr Gemahl? fragte
nach einigen vorlufigen Erkundigungen der Senator: er ist in einem
rhmlichen Kampfe gefallen gegen ehrenhafte Feinde. Man mu gestehen,
da des Kaisers Truppen in den Niederlanden einen Schauplatz vielen
Ruhms, und nur weniger Niederlagen gefunden haben. Meine Herren! der
Prinz Eugen soll leben!

Ich bitte, unsern Marlborough nicht zu vergessen, sprach Birsher in
den Glserklang: das Heldenpaar hat sich zu Malplaquet unsterblich
gemacht. Ich habe mich oft gesehnt, Flandern zu besuchen, wo so viele
Tapfere gefochten. Ich will es thun, und bei dieser Gelegenheit nicht
versumen, das ehrenvolle Bette Ihres Gemahls zu betreten, Madame.
Wissen Sie aber, da Ihr Name weniger militrische Erinnerungen als
vielmehr geistliche erweckt? Wenn ich nicht irre, so nannte sich der
zweite Ordensgeneral der Jesuiten Lainez. Er war ein ausgezeichneter
Mann; seine Feinde selbst mssen es eingestehen, denn seiner rastlosen
Bemhung verdankt diese furchtbare Gesellschaft ihren raschen
Aufschwung.

Die Lainez schlug die Augen nieder und erwiderte: mir ist von jenem
Manne nichts bekannt. Auch hrte ich nie von meinem Manne, da einst in
seiner Familie...

Wnschen Sie sich Glck, Madame, unterbrach sie der junge Birsher mit
freundlicher Bestimmtheit: so flo in seinen Adern auch kein Tropfen
jenes herrschschtigen Alles verachtenden Uebermuths, der in den Jngern
des Loyola und des Lainez sich hervorthut.

Ja wohl! ja wohl! uerte der Buchhalter, besorgt den Kopf schttelnd:
die Jesuiten! die Jesuiten! Wer diese Firma zuerst auf den Markt
brachte...

Man macht, denke ich, die Leute gefhrlicher als sie sind, sagte der
Doctor gutmthig lchelnd: was meinen Sie, Herr Senator? Unser
hochgeehrter Tischgenosse hat sich, wie ich glaube, mehr mit der
verrufenen Gesellschaft Jesu abgegeben, als bei einem Kaufmann
bruchlich ist...

Freilich, sagte Birsher aufrichtig: es ist ganz natrlich. Wir Leute
zu New-York hren an jedem Sonntage den Prediger ber den Papst und
sein Reich den Bann aussprechen, und der Jesuiten, dieser Trabanten des
Stuhls Petri, wird allerdings dabei auch nicht geschont. Ferner lesen
wir historische Schriften. Und sprche nicht die Weltgeschichte zu
uns, -- wrde auch unser Prediger der Schildhalter des Papstthums nicht
erwhnen, -- die Zeit wrde es von selbst thun. Dieser gefhrliche Orden
ist unsers Standes Nebenbuhler, Herr Senator. In den katholischen
Staaten sitzen Jesuiten am Ruder, und lenken die Zgel des Handels und
der Gewerbe. In Westindien, in Sdamerika vorzglich haben sie ihre
Commanditen. Ihre Habsucht trachtet alle Monopole, von welchen die
Handelswelt niedergedrckt ist, in ein Einziges zusammen zu ziehen, und
dieses Einzige selbst auszubeuten.

Ei, ei, Ew. Edeln gehen verzweifelt weit, ermahnte der Senator
lchelnd, und ungeduldig wegen des Doctors, der unruhiger wurde.

Keineswegs, fuhr jedoch ohne Bitterkeit und Animositt der Amerikaner
fort: ich gestehe ein, da ich die Katholiken nicht liebe. Unser
Mutterland hat viel durch sie gelitten. Ich liebe eben so wenig den
Orden, den wir berhrten. Allein Parteilichkeit leitet mich auch nicht,
indem ich ihn verdamme. Die ledige Erfahrung spricht fr mich. Was haben
wir, was hat die ganze Welt von einer Stiftung zu erwarten, die den
Frstenmord begnstigt? von einem Orden, dessen Glieder, als Beichtvter
der Knige, Zwietracht sen zwischen den Herrschern und ihren Vlkern?
Man wei, wer in den letzten Zeiten die abscheuliche Mrderei in den
Cevennen, wer den Widerruf des Toleranzedikts von Nantes verschuldet
hat, der Tausende der besten Brger mit ihren Familien der Heimath
entfremdete. Wer dem Vaterlande in seinen Shnen das Mark aussaugt, wer
es in seinen Shnen ermordet, begeht Hochverrath an der ganzen Natur und
an ihrem Schpfer. Vielleicht sind Sie nicht meiner Meinung, Madame,
aber ich denke nicht anders.

Die Aufhebung des Edikts von Nantes machte mich mit meinen Eltern
unglcklich, erwiderte die Lainez mit feinem Doppelsinn.

Eine Vertriebene also? eine Gemihandelte? fragte Birsher mit warmer
Theilnahme; nun wahrlich, so freut es mich, hier unter ehrlichen
Protestanten zu sitzen, vor denen mein Herz reden kann, wie ihm zu Sinne
ist. Ich hasse die Heuchelei, und diese Aufrichtigkeit ist nicht _meine_
Tugend, sondern Sitte in Amerika.

Eine schne Sitte! meinte der Buchhalter: in Deutschland selbst
verschwindet nach und nach die deutsche Treue und Offenheit. Wohl unsern
Nachkommen, wenn sie wenigstens solche Qualitten dann in Amerika wieder
finden mgen!

Es ist Schade, begann der Doctor mit einem spitzigen Lcheln: da
Sie, hochzuverehrender Herr Birsher, nicht den Beruf in sich empfunden,
ein Weltumsegler zu werden. Vor Ihren Ansichten und Ihrer seltenen
Aufrichtigkeit htten alle fremde Gtzen weichen, alle anders Glaubende
sich bekehren mssen.

Meine Reden sind zu harmlos, als da sie vielleicht die feine
Zurechtweisung verdienen, erwiderte Birsher freundlich, aber ernst:
indessen mu ich mich rechtfertigen. Ich bin nicht unduldsam; ich
verabscheue jeden Glaubenszwang. Wir Amerikaner denken in diesem Punkte
freier, als man es in England darf. Mit Freuden wrde ich's sehen und
erleben, was mein Vater einst in einer halb prophetischen Stunde
voraussagte: da einstens allenthalben in Amerika jeder Glaube neben dem
andern wohnen werde, friedlich, ungestrt, wie in dem Schooe von
Brdern: wie Penn's Bruderstadt das Beispiel schon gegeben: wie bereits
des Knigs Duldungsakte dieses Beispiel untersttzt.

Diese Aeuerung wirft Ihre frhere um! sagte der Doctor triumphirend.
Oder lieben Sie Ihre Mitmenschen alle, den katholischen Bruder
ausgenommen?

Weil _ich_ sagte, da ich den Katholiken nicht liebe, sagte ich damit,
da ich ihn hasse und verwerfe? entgegnete Birsher, warm werdend: ich
werde ihn vielleicht nicht rufen, da er neben mir sein Haus baue: das
thut man nur lieben Freunden. Aber, wenn er aus eigenem Antrieb seine
Htte an die meinige lehnt, und zu mir spricht: Bruder, wir wollen
versuchen, wie wir gute Nachbarn sein mgen! so werde ich ihm antworten:
gern, Bruder, la es uns versuchen. Und fgten wir uns Beide in Gte und
nachbarlicher Geduld, so wrde ich ihn am Ende wohl noch lieben,
herzlich lieben lernen, und ihn nicht aus seinem Eigenthum jagen, und
nicht von ihm begehren, da er zu Gott bete wie ich. Allem Begehren,
allem Uebertritte bin ich Feind. Bleibe Jeder auf der Seite, wohin ihn
der Zufall, der ja auch unsere Geburt leitet, gestellt hat. Glaube
Jeder, was er kann, und folge er den Gebruchen seiner Lehre, damit die
Schwachen kein Aergerni nehmen, und die Schadenfrohen jenseits nicht
triumphiren. Ich knnte dem Menschen nimmer trauen, der seine Religion
verndert hat. Er hat den Rock seines Herrn weggeworfen, um keinen Herrn
zu haben, und verdient kein Zutrauen, weil er sein Heiligstes verrieth.

Und nun genug, mein Herr, von solch abnormem Gesprche, sagte
der Doctor verbindlich: in der That aber erschreckt von dem
bleichgewordenen, nachdenkenden Gesichte des Senators: Ihre Grundstze
sind redlich gedacht; wohl leichter anzugreifen, als Sie glauben;
aber wir befinden uns hier nicht vor einer Synode, sind Beide, --
ein Kaufmann, ein Jurist -- nicht berufen, solche Streitigkeiten
durchzufechten. Die Damen zumal finden an unsern Reden nur Langeweile.

Nicht doch; wir hren gerne zu, nahm Justine fr sich und die Lainez,
welche schwieg, das Wort: eine Duldungspredigt aus Ihrem Munde,
hochgeehrter Herr Birsher, mte sich gut ausnehmen. Ich wnsche Ihnen
den Sieg gegen den Herrn Doctor, obgleich derselbe schwere, uns
unbekannte Waffen in den Streit fhren mchte.

Wnschen Sie mir wirklich den Sieg, schne Jungfrau? fragte Birsher
verbindlich, und Justinens Wangen wurden Gluthrosen vor seinem Blick: o
dann habe ich meine Sache schon gewonnen, und dem Herrn Senator bleibt
nichts brig, als seinen und meinen Wunsch Ihrer Entscheidung
vorzulegen.

Die Mnner standen alle auf, und ergriffen die Glser. Der Senator
rusperte sich, um auf eine zierliche Weise seinen Spruch anzuheben, der
der Tochter galt. Justine stand wie auf Nadeln, und wnschte eine
Gelegenheit herbei, die Rede, deren Inhalt ihr Scharfsinn und ihre
Eitelkeit ahnten, zu verhindern, zu unterbrechen. Siehe, da erhob sich
auf dem Gange ein Getse. Eine ferne Thre flog auf, man hrte gellendes
Geschrei.

Um Gotteswillen! der Mutter Stimme! rief Justine erschrocken und
erfreut zugleich, aus der Angst zu kommen. Sie enteilte schnell durch
die Thre. Die Lainez folgte. Staunend blieben die Herren zurck. Der
Senator, von Groll gegen das Betragen seiner Frau erfllt, verweigerte
es kalt, zum Beistand der Hlferufenden zu gehen. Bald brachte die
Lainez die Nachricht, da ein lebhafter Traum Frau Jacobine ihrer Sieste
entrissen, und ihre Unruhe erregt. Man habe die wieder zur Besinnung
Gekommene zu Bette gebracht, und Justine wollte sie nicht verlassen.
Sein Beileid bezeugend, wie seine Erzhlung verwnschend, die vielleicht
Anla zu der Senatorin Zustand gegeben haben durfte, beurlaubte sich
Georg Birsher, mit dem Versprechen, Morgen bei Erffnung der
versiegelten Habe seines Vaters gegenwrtig sein zu wollen. Dem
Ceremoniell schicklicher Sitte zu Folge begleiteten ihn Buchhalter und
Doctor nach seinem Gasthause, und lieen den Senator nachdenkend allein.

Der Drang, den Beweggrund so mancher unbegreiflichen Erscheinung in dem
Benehmen seines Weibes zu erforschen, vermochte ihn, sich nach dem
Schlafzimmer desselben zu begeben. Er trat leise in die dunkle Stube.
Jacobine schien zu schlummern. Am Fue ihres Bettes, den Kopf in beide
Hnde gesttzt, sa Justine. Der Senator nherte sich der Kranken, ohne
von Jemand bemerkt zu werden; er bckte sich lauschend ber das Bette.
Jacobine schlug die Augen auf, und fuhr mit dem Geschrei: Alle gute
Geister loben Gott den Herrn! empor. Justine erwachte aus ihrem
Nachdenken. Der Vater, liebe Mutter! -- sagte sie sanft zu derselben.

Weg, weg aus meinen Augen! lautete die gellende Antwort: -- Weg! weg!
willst du mich umbringen? weg, entsetzlicher Mann!

Sie drehte den Kopf nach der Wandseite, und schwieg hochathmend.
Jacobine! stammelte der von heftigem Zorn ergriffene Gatte, und fate
ihre Schulter: Weib! was hast du vor? Was soll dies Alles?

Er mochte aber der Worte, so viele es ihm beliebte, verschwenden;
umsonst.

Die Senatorin beharrte wieder in dem dumpfen Unheilkndenden Schweigen.

Nun so strafe dich Gott, lsterndes, nichtswrdiges Weib, da du also
mit mir verfhrst! brach er in jher Wuth aus, und hob die Hand zu
einer Mihandlung. Justine verhinderte diese ngstlich, und bat mit
Lippe und Auge den Vater, hinwegzugehen.

Nun, so folge du mir; scheide von dieser Rabenmutter, die mein Leben
zwecklos vergiftet! sagte der Senator, zu sich selbst kommend, und
ergriff ihre Hand. Justine zgerte. Die Senatorin erhob sich, bleich
vor Aerger und Ungeduld. Sie drohte der Tochter mit dem Finger. Justine
zog unschlssig die Hand aus der des Vaters. Mit dem bittersten Gefhle
der innern Emprung sagte dieser: wie? auch du mein Kind, bist in
dieses gruliche unbegreifliche Complott gegen mein Herz verwickelt?
Ich befehle dir, mir zu folgen; -- soll ich fremde Autoritt anrufen,
da mir mein einziges Kind gehorsam bleibe?

Mit erneuter Gewalt ergriff er Justinens Hand und zog sie nach der
Thre. Die Senatorin winkte der Gehenden, legte den Finger auf den Mund,
und rief ihr dann nach: Du bist die elendeste Creatur, Justine, wenn du
meine Befehle vergissest! Justine ging nun mit dem Vater auf dessen
Zimmer. Wie eine arme Snderin stand sie vor ihm; er ruhte auf einem
Lehnstuhl von den Bewegungen seines Gemths aus, und sammelte seine
Gedanken; sah die Tochter unverwandt an, seufzte, schttelte fters
mimuthig das Haupt, und sagte endlich mit angegriffener Stimme:

Gott wei, Justine, da ich mich immer bemht habe, ein guter
Hausvater zu sein; da ich oft mit der uersten Anstrengung meinen
Jhzorn im Zaume gehalten habe, um Weib und Kind nicht weh zu thun,
hatten sie gleich meinen Zorn verdient. Aber solch Betragen, wie es
seit gestern Abend sich entwickelt, mu endlich ein Lamm in einen Wolf
verkehren. Sieh, Justine, vor einer Stunde war ich noch so frhlich!
Es war mir Diverses wider Erwarten dergestalt nach Wunsch gegangen, --
es hatte sich so Manches, das ich befrchtete, anders und befriedigend
gestaltet und gedreht, da ich die Welt htte umarmen mgen, und meinen
liederlichsten Schuldner die Quittung geschrieben htte. Da erhebt
sich wieder auf's Neue dieser husliche Sturm, dessen Ursprung mir ein
Rthsel ist. Auch du, Justine, bist mir Eines. Am heutigen Morgen --
zu Anfang der Mittagstafel noch -- das frhliche starke Mdchen, wie
sonst, bist du pltzlich ein betrbtes, finsteres geworden. Lugne
nicht; ich habe helle Augen, welche sahen, da die deinigen verweint
waren, als du beim Nachtisch wieder zu uns kamst, nachdem deine
bldsinnige Mutter sich vor den Gsten zum bedauerlichen Spektakel
gegeben hatte. Gezwungen, unbeholfen war deine Rede, und du zwangst
dich, meinen Blicken zu entgehen. Jetzt bemerke ich wieder Thrnen
in deinen Wimpern. Sprich, Justine, woher diese Vernderung? Sei
aufrichtig, mein Kind!

Justine ffnete den Mund, aber dennoch schwieg sie kopfschttelnd und
mit gesenktem Blicke. Der Senator sprang ungeduldig auf, spielte mit
seiner Tabaksdose, pfiff einige Tne des Marlborough-Lieds, und stellte
sich mit hochgertheter Stirne vor die Tochter. Undankbares Geschpf!
sagte er mit unterdrcktem Grimme: Wirst du reden? Soll ich wie ein
Bube um die Gnade eines Worts von dir betteln? Heraus mit der Wahrheit,
verlarvte Person! Du weit, was deine sttige Mutter im Schilde fhrt.
Du hast auf den Grund ihres Steinherzens gesehen; du hast erfahren, was
in ihrem vertrockneten Gehirne spukt; heraus damit, oder ... Gott strafe
mich!...

Er warf im Ausbruche der Wuth die porzellanene Tabatiere so stark zu
Boden, da sie in tausend Stcke zersprang. Justine fuhr zusammen, fate
des Vaters rechte Hand so krftig, als sie konnte, und sagte zu ihm,
zwischen Thrnen der Angst und einem pltzlichen Entschlusse schwankend:
Um's Himmelswillen! keinen Schlag, mein Vater! ich bin solcher
Begegnung nicht gewohnt; Sie wrden mich durch diese Entwrdigung
umbringen. Ich kann die Zwischentrgerin nicht machen. Ein schimpflicher
Zwang wrde mich vollends nicht bewegen! Hten Sie sich, Vater! da Sie
nicht noch mehr des Fluchs auf Ihr Haus laden!

Mehr des Fluchs! versetzte der Senator, und lie ohnmchtig die Hnde
sinken; wahr gesprochen, meine Tochter; es lastet auf mir schon genug
des Unsegens. Geh' hin!

Vor dem Bekmmerten lie sich das gerhrte Mdchen auf die Knie nieder,
und redete mit gefaten und bewegten Worten zu ihm: Ach, wenn Sie gut
und ruhig sind, mein Vater, will ich Alles thun; nur nicht ausplaudern,
was die Mutter mir errathen lie; was meine Zunge aus Ehrfurcht und
Angst nicht aussprechen will. Sie sollen aber wissen, was die Mutter
zuletzt so gewaltig aufregte. Ob es eine Tuschung ihrer gereizten Sinne
gewesen -- ob Wirklichkeit -- ich wei es nicht. Doch sie behauptet, es
habe sich langsam die Thre ihrer Kammer geffnet, und die Erscheinung
des in unserm Hause verstorbenen Birsher auf der Schwelle stehend sich
gezeigt, mit trb wankendem Haupte und drohender Geberde. Die Gestalt
sei einige Augenblicke sichtbar geblieben, bis sie unter der Mutter
Schreckgeschrei verschwunden.

O des fratzenhaften Unsinns! versetzte der Senator, obgleich sein
eigen Gesicht lnger und schmler wurde: Gaukelspiel eines verwirrten
Weiberkopfes! Und daher die Mihandlung, die mir von der
Unverbesserlichen angethan wurde!

Was im Uebrigen die Mutter verbittert, fuhr Justine seufzend fort,
ich will es nicht ergrnden; ich will daran nicht glauben! ich mte
ja an der Tugend des Mannes verzweifeln, den ich als Vater bis hieher
geehrt habe, und noch ferner von Herzen ehren will. Ich berlasse es
Ihnen, den Zwist mit Sanftmuth zu beenden und die Eintracht wieder
herbeizufhren, denn es ist nicht gut, wenn sich das Kind als Mittler
zwischen die Eltern stellen mu.

Der Senator trocknete sich kalten Schwei von der Stirne. So geh'
hin, sagte er ermattet. Geh' hin, ich will nicht in dich dringen. Die
Zeit mag lsen, was mir weibischer Eigensinn noch verhehlt.

Justine wollte bekmmert weggehen.

Der Senator rief sie zurck. Du bist meine Feindin geworden, sagte
er bitter und gekrnkt; ich verzweifle daran, deinen Starrkopf fr
ein Projekt zu gewinnen, in dem ich alberner Thor dein und mein Glck
zu sehen vermeine. Ich htte gewnscht, ich hatte es schon besprochen,
meinem alten Vorhaben Kraft und Vollendung zu geben; -- dich mit
Herrn Georg Birsher zu verheirathen, wie es schon beschlossen war.
Aber ... nun wird wohl nichts daraus werden. Die aberglubische Mama
wird dir's verbieten, wre es auch nur aus dem Grunde, weil ich eine
_Hoffnung_ darauf gesetzt. Du wirst dich weigern, weil du dein Loos an
Jacobine bindest. O, bewege nicht die Lippen, mir ein versagendes Nein
zuzurufen. Ich lese es schon in deinem scheuen Auge. So sei es darum.
Ich werde tragen, und du -- gehe hin!

Sie tuschen sich, bester Vater, erwiderte Justine fest und
bescheiden: Ihr Wille ist _hier_ mein Gesetz; ich bin bereit, den
Herrn zu heirathen, wenn Sie es befehlen.

Der Senator betrachtete sie mit groen Augen, und ein lchelnder Schein
spielte um den bitter geklemmten Mund. Er streichelte Justinens Gesicht
mit wiederkehrender Zrtlichkeit. Belgst du mich nicht, Mdchen? Oder
hltst du mich nicht etwa hin, um im Augenblick, wo es darauf ankmmt,
wahr zu sein, dein Wort zurckzunehmen?

Ich lge nicht, lieber Herr Vater, bekrftigte Justine mit offener
Stirne; ich will des Herrn Birsher Frau werden, wann Sie es haben
wollen.

Und deiner Mutter unvermeidliche Einsprache?

Die Mutter ist damit einverstanden, lieber Vater.

Einverstanden?

Die hat mich sogar mit Thrnen gebeten, den Antrag nicht
zurckzuweisen, wenn er mir gemacht werden sollte; und ich darf Sie
ersuchen, Herr Vater, da Sie mit der Hochzeit eilen, wie es nur die
Schicklichkeit verstattet.

Unverstndliche Sybille! ich fasse dich nicht.

Mir ahnt, Herr Vater, als ob in diesem Bunde viel Besorgni ihr Grab
finden mte, erwiderte Justine mit Bedeutung: wann Sie wollen,
demnach, mein Vater.

Wie ist es dem ruhig verstndigen Mann gelungen, in so kurzer Zeit
dein gepanzertes Herz zu erobern? Er hat nicht einmal deiner Eitelkeit
geschmeichelt.

Sie halten mich noch fr ein Kind. Herr Birsher mifllt mir nicht.
Ich liebe ihn indessen eben so wenig. Ob sich die herzliche Zuneigung
finden wird? -- ich wei es nicht. Aber ich opfre mich gerne einer
zweifelhaften Zukunft, um Sie und Ihr Haus zu beruhigen.

Beruhigen? Du beglckst mich, Gold-Justine. Ich fange an, vor dir
Respekt zu haben. Verlange fr die Freude, die du mir so unvermuthet
machst, was du willst.

Justine besann sich eine Weile, ernst und in sich versunken. Wenn ich
nun zweierlei verlangte? fragte sie mit klarerem Auge.

Begehre.

Da Sie fr's Erste die Mutter ganz ihren Gedanken berlassen, Friede
mit ihr halten, und meine Heirath beschleunigen wollen?

Zugestanden. Bses Mdchen! Du eilst, mein Haus zu verlassen und
deinen verwaisten Vater!

Sie ahnen nicht, wie schmerzlich dieses Scheiden mir sein wird; aber
Mama wnscht Herrn Birsher so schnell als mglich aus der Stadt zu
entfernen.

Wie so? Weshalb denn, zum Donner?

Justine berging diese Frage mit Schweigen. Fr's Zweite, fuhr sie
fort: geben Sie mir die Erlaubni, Sie zu warnen. Monsieur White hat
sich falsch gegen mich bewiesen; und ich frchte, sein Pflegevater
meint es auch nicht ehrlich mit Ihnen.

Der Doctor? Dem Senator schlug das Gewissen.

Wenn ich meinen Augen -- einer gewissen Erinnerung trauen darf, so ist
der Doctor nicht, was er zu scheinen vielleicht Ursache hat.

Unglckliche! -- fuhr Mssinger auf. Justine unterbrach ihn:

Ich will meinen Scharfblick nicht ber den Ihrigen stellen. Ich
berlasse es Ihnen, auf der Hut zu sein. Es ist nicht unmglich, da
ich mich getuscht. Die Wahrheit mu sich jedoch bald auf diese oder
die andere Weise enthllen.

Du treibst Gauklerknste, sagte der Senator verlegen lchelnd: Und
auf's Wort und deine vielleicht grundlose Ahnung hin, soll ich dir in
einer Sache folgen, deren Bewandtni mir vllig unbekannt ist?

Der Tag, an dem ich mit Herrn Birsher abreise, wird Ihnen meine
Vermuthung enthllen. Ich fhle mich jetzt nicht aufgelegt, durch eine
Unbesonnenheit einem Andern, oder Ihnen selbst Unrecht zu thun. Ich
habe Ihre Klugheit gewarnt. Angeberin kann und will ich nicht sein.

Sie verlie heiterer, erleichterter den Vater. Die Dmmerung war schon
eingebrochen. Die Thre ihrer Mutter war verriegelt. Das Dienstmdchen
berichtete, die Frau Senatorin htte Thee begehrt, und hierauf das
Zimmer verschlossen, um ruhig zu schlafen. Die alte Marthe wache an
ihrem Lager.

O welch' eine Zerstrung alles huslichen Friedens! seufzte Justine,
da sie an dem offenen Ezimmer vorber ging, das, verdet, vom blassen
Mondlicht erhellt, die gemthlichen Abendgste nicht aufwies, die
sich vor Zeiten wohl fters darinnen einfanden. Justinens Schritte
wurden schneller, als sie an der verschlossenen Thre des Zimmers
hinschlpfte, welches der verstorbene Birsher eine Nacht hindurch
bewohnt hatte. Mit beengtem Athem betrat sie ihr eignes Zimmer. Die
Lainez sa darinnen, lesend, und erhob sich bei Justinens Ankunft.

Sie blieben recht lange, meine Verehrte, sagte die Franzsin mit
einem freundlichen Vorwurfe im blhenden Gesichte. Die Pflicht allein,
mein Amt in Ihre Hnde niederzulegen, strkte mich mit Geduld. Hier,
meine Beste, ist all das kostbare Silberwerk, das man in der Verwirrung
auf der Tafel gelassen -- eine Beute fr jeden kecken Dieb. Zhlen
Sie die Stcke, Mademoiselle. Ferner empfangen Sie die Schlssel zu
Speisekammer und Keller, die Sie mir anvertrauten, und entbinden Sie
mich meiner Verantwortlichkeit.

Justine kte die Hlfreiche dankbar auf die Wange, erstaunte aber,
als diese nach dem Mntelchen und den Handschuhen griff. Wollen Sie
nicht bei mir bleiben? fragte Justine verwundert: ich bat Sie ja, mit
unserm Hause verlieb zu nehmen.

Ach, diese Gte! meine beste Jungfer, darf ich sie annehmen? Besinnen
Sie sich wohl. Welche Figur wrde ich in Ihrem Hause darstellen,
worein ich so unvermuthet, unvorhergesehen kam? Das Staunen Ihres
Vaters, der gar nicht ermuthigende kalte Empfang Ihrer Mutter, das
Glotzen der Domestiken ... Ach der Spott dieser Letzteren, bei Allem,
was ich anordnete, -- und ich verstehe doch, ein anstndiges Haus zu
verwalten, -- er schnitt mir in's Herz. Seht doch die Franzsin! hie
es rings um mich, und ich hatte Mhe, meinen Verdru zu verbeien; ein
Unglcklicher ist ja doppelt reizbar! Erlauben Sie daher, da ich Ihr
freundliches Anerbieten ausschlagen darf.

Ei mit nichten, versetzte Justine sehr erbittert: Sie erzhlen mir
da von Schndlichkeiten, denen ich ein schnelles Ende machen werde.
Verzeihen Sie, liebe Frau, unserm dummen Mgdevolk vom Lande, dem Alles
lcherlich vorkommt, das nur ein wenig aus dem Geleise schreitet,
welches diese Gnse Tag fr Tag auszutreten gewohnt sind. Morgen
sollen Sie schon ernsthafter sein -- ich stehe ihnen dafr. Sie kennen
mich, und wissen, wie man mit mir verfhrt, wenn ich ungndig bin. Ich
verstehe die Mittel, solch' unbescheidenes Gesindel zur Ordnung zu
bringen. -- Nein, Madame, Sie mssen bleiben; meine Ehre steht auf dem
Spiele: denn, was ich mir einmal vorgenommen, mu ich durchsetzen, ...
und wenn...! lcheln Sie nicht; man nennt mich allgemein die tolle
Justine, und manchmal hat man Recht.

Welche kindliche Naivitt! rief die Lainez, und streichelte Justinens
Hnde: eine Knigin, so schn, so liebenswrdig, so lebhaft wie Sie
auf Frankreichs Throne, und meine Landsleute wrden Sie vergttern!

Justine sah pltzlich mit groen und sehr unmuthigen Augen in die Hhe.
Warum nicht gar? sagte sie kurz abbrechend: welche Schmeichelei. Sie
knnen Ihr Vaterland nicht verlugnen, Madame Lainez!

Die Franzsin war betreten, dann erwiderte sie mit dem schmachtenden
Augen-Aufschlag, den sie vollkommen in der Gewalt hatte: Verzeihen Sie
Mademoiselle. Entschuldigen Sie die fade Uebertreibung, womit sich mein
Mund versndigte, mit der herzlichen Anhnglichkeit, die ich fr Sie
hege, und die etwas Besseres sagen wollte.

Justine bereute schon das harte Wort, und glaubte um so leichter dem
Bittworte. Das lasse ich mir gefallen, sagte sie, der Lainez vershnt
die Hand reichend: lernen sie immerhin in Deutschland, das Ihr zweites
Vaterland werden soll, sich deutscher aussprechen.

Sie zog die Wittwe vertraulich neben sich auf einen Stuhl, und
fuhr fort: Hren Sie, wie ich mir Alles, was Sie betrifft, klar
und baar ausgesponnen habe. Sie bleiben vor der Hand bei mir, --
unter dem Schutze Ihrer Knigin, setzte sie lchelnd bei. Aber
leider kann dieser unmittelbare Schutz nicht lange dauern, da mein
eigenes Schicksal eine rasche Wendung nehmen, -- mich fr immer von
hier entfernen wird. Daher -- nebenbei gesagt, darf Ihnen vor Vater
und Mutter nicht bange sein; ich heie Justine und stehe fr Alles,
-- daher lasse ich an einem der nchsten Sonntage unsre Karosse
einspannen, und bringe Sie, meine gute Frau, nach einem Stdtchen in
der Nachbarschaft, wo eine alte Base meines Vaters lebt; -- etwas
taub, etwas stumpf, aber wohlhabend, gottesfrchtig, und mir mit
uneigenntziger Liebe ergeben, ob sie gleich eine veraltete Jungfer
ist. In ihrem Hause erhalten Sie Kost und Wohnung, und besuchen fleiig
den Pfarrer der wallonischen Gemeinde in jener Stadt, wenden sich
von der aufgedrungenen Religion zu der Angebornen, und treten, da
hoffentlich Ihr Wille ernstlich ist, ffentlich in den Schoos Ihrer
Gemeinde zurck. Sind Sie so weit gekommen, so bedrfen Sie meiner
Untersttzung nicht mehr. Ihre Verwandten zu Berlin werden Sie alsdann
mit offenen Armen aufnehmen; -- mir bleibt das Bewutsein einer
rechtschaffenen Bemhung, und Ihnen -- so Gott will -- ein freundliches
Andenken an ein unbedeutendes Mdchen, das man bse nennt, das sich
aber schmeichelt, von Herzen gut zu sein.

Die Lainez umarmte das zauberische Geschpf mit Thrnen in den Augen.
Ich bin Ihrer Wohlthaten nicht wrdig, -- sagte sie, das Gesicht an
Justinens Busen verbergend: -- wo werde ich jemals ein Gemth wie das
Ihrige wiederfinden?

Justine hielt ihr den Mund zu. Wo werde ich jemals -- --? --
parodirte sie, aber aus dem Scherze wurde Ernst. Sie lie den Kopf
sinken, und wiederholte langsam: Wo werde _ich_ jemals finden, was mir
Glck bringt? Ach meine Liebe, ich habe heute ein recht traurig Gemth,
und meine Seele ist mde, wie mein Krper. Ich will gehen, und den
Vater fragen, ob er noch etwas wnscht. Dann wollen wir zu Bette. In
jenem Cabinete habe ich Ihr Lager aufzuschlagen befohlen.

Heute noch nicht, -- bat die Lainez: ich habe zu Hause noch Einiges
zusammen zu rumen und zu packen. Morgen, wenn Sie's erlauben, will ich
Ihrem Anerbieten nachkommen.

Ich werde Ihnen keinen Zwang auferlegen, -- sagte Justine, wie wohl
etwas verdrlich: -- morgen also. Aber es ist schon nahe an neun Uhr.
So spt wollen Sie durch die Straen gehen?

Die Wittwe eines tapfern Soldaten frchtet sich nicht.

Ei, wenn auch. Christine soll mit der Laterne vorausgehen. Aber --
Morgen, nicht wahr? so bald als mglich? Ich sehne mich nach Ihrer
Gesellschaft. Ich bedarf jetzt der Aufheiterung. Sie werden nicht
zaudern, oder gar Ihr Wort zurcknehmen. Die Franzosen, sagt man,
halten die Parole nicht zum Allerbesten. Geben Sie mir ein Pfand, da
Sie gewi kommen.

Ein Pfand, sonderbares, eigensinniges Mdchen? Ich wrde Ihnen mein
Herz schenken, wenn es mglich wre. Nehmen Sie jedoch, was meinem
Herzen zunchst ruht.

Die Lainez zog ein Medaillon, das an einem schwarzen Sammetbande um
ihren Hals hing, hervor, nahm es ab, und berlieferte es lchelnd der
mitrauischen Glubigerin.

Sieh doch! rief Justine, als sie das Medaillon empfing, und es von
allen Seiten betrachtete; welche schn gearbeitete Bilder! Erklren
Sie mir, liebe Frau! Wer ist dieses herrliche Weib im Purpurmantel, mit
der blitzenden Krone auf dem Haupte, und dem noch strahlenderen Scheine
um dasselbe?

Es ist die fromme und selige Kaiserin Pulcheria, meine Patronin,
versetzte die Lainez: -- ihre Schnheit war das Wunder ihrer Zeit; und
ihre Tugend war ihren Reizen gleich, und die dankbare Erinnerung der
Nachwelt versetzte sie unter die Heiligen!

Welche Anmuth! welche Lieblichkeit! fuhr Justine fort: ja, wer so
schn wre! Diese Strahlen...

Sind der Heiligschein, mit welchem die rmische Kirche das Haupt
der Gepriesenen umgibt. Die Bilder dieser Heiligen schmcken heiter
und lebendig die Gotteshuser, und es lt recht angenehm, wenn
Weihrauchwolken sie umnebeln, Kerzen davor flammen, Blumenbsche um sie
blhen und das Volk sich vor den Geehrten fromm verneigt.

Mit andern Worten: die Gtzen anbetet. Ich wei, unser Pastor hat
schon oft dieses Thun in seinen Streitpredigten berhrt, und einen
heidnischen Gruel genannt.

Vielleicht ging er darinnen zu weit. Die Katholiken haben in diesen
Bildern nur das _Andenken_ frommer Tugendfrsten zu verehren: nicht das
Holz, nicht den Stein.

So? Dann lasse ich mir's gefallen. Ich finde die Sitte sogar hbsch.
Man stellt ja auch Bildsulen berhmter Mnner in Stdten auf. Wir
haben z.B. hier auf dem Rathhause das Reiterbild eines Brgermeisters
aus der alten Zeit, der einst mit Opferung seines Lebens die Vaterstadt
von Schimpf und Untergang gerettet hat. Das Bild steht wohl schn
anzuschauen an der groen Treppe, aber die Leute gehen kalt vorber,
und beachten's nicht. Stnde es in einer Kirche, wrde es besser
geehrt.

Sie wendete das Medaillon um, stutzte etwas, und fragte kleinlaut: Das
ist ein Mann? nicht wahr? Der Maler htte ihm allenfalls einen Mantel
um die Schultern werfen knnen.

Der Zweck wre gefehlt gewesen; die Pfeile seines Mrthyrthums mssen
dem Glubigen sichtbar sein. Man nennt den schnen Jngling den
heiligen Sebastian.

Justine sah das Bild noch einmal flchtig errthend an, legte es
dann still auf den Tisch, warf ein Tuch darber, und wnschte der
scheidenden Lainez eine ziemlich einsylbige Gute Nacht!

Indem die Wittwe aus Justinens Thre trat, vernahm man in dem schrg
gegenber liegenden Zimmer des Senators ein starkes Gerusch, und
Mssingers halberstickte Stimme, welche nach Leuten rief. Mein
Gott! was ist da wieder vorgefallen? sagte Justine, auf das Gemach
zueilend, und winkte der Lainez und der Magd, die derselben mit der
Laterne vorausgehen sollte, sich zu entfernen, ohne weiter dem Gerusch
nachzuforschen. Die Franzsin, der es in dem Hause unheimlich vorkam,
trieb selbst die gaffende Magd zur Eile an. Sie erreichten Beide, ohne
sich umzusehen, die Treppe, und stiegen schnell hinab. Doch unten am
Gelnder stand unbeweglich und lautlos eine breite weie Gestalt,
welche drohend den Arm gegen die Kommenden erhob, und alsdann im Dunkel
niederzutauchen schien. Die erschrockene Lainez und die erschrockenere
Magd stieen einen Schrei des Entsetzens aus. Die Letztere lie die
Laterne fallen, welche zusammenklirrte und erlosch. Das Dienstmdchen
rannte schreiend ber die Treppe zurck; die Lainez aber, welche im
Mondstrahl, der durch ein vergittertes Fenster fiel, die Hausthre
wahrnahm, eilte schaudernd auf dieselbe zu, fand sie zu ihrer grten
Freude nur angelehnt, ri sie auf und entfloh. Scheu zurckblickend,
glaubte sie die grausende Erscheinung wieder auf der Schwelle des
Hauses zu erblicken, auftauchend wie ein weier Blitz, verschwindend
wie dieser, und von Gespensterfurcht bedrngt, flchtete sie auf's
Gerathewohl in die Gassen. Allenthalben waren diese leer; von ferne her
hrte man die Schnarre eines Nachtwchters, -- endlich den geschwinden
Schritt eines Kommenden; ... eine Handlaterne nherte sich, -- ihr
blendender Schein fhrte die Flchtige gerade auf den Mann los, der
sie trug... Der Doctor war's. Ei, Madame! woher um diese Stunde? auf
welchem Wege finde ich Euch? Die zitternde Lainez bat um seine Hlfe,
indem sie mit ein Paar Worten ihre Angst schilderte.

Der Doctor, lchelnd bald, bald ernst und zweifelnd den Kopf
schttelnd, erbot sich, sie nach Hause zu fhren. Um Gotteswillen,
nein! bat die Lainez dringend; in dem alten Gebude allein ... von
aller Welt geschieden ... wrde mich heut nach diesem Auftritte die
Angst umbringen. Ich schwre darauf, da mir mein Mann erschienen ist.
Seine weie Uniform ... sein drohendes Gesicht ... meine Snden ...
Hochwrdiger! nur unter Ihrem Schutze kann ich meine Seele beruhigen.

Bedenkt meinen Stand, liebe Frau, versetzte Leupold beschwichtigend;
Eure Phantasie ist erhitzt; Ihr bedrft der Sorgfalt; ... was kann ich
jedoch fr Euch thun? Doch, wenn Ihr's wnscht, will ich meine Wirthin
bewegen, Euch diese Nacht zu beherbergen.

Gleichviel! rief die Lainez; nur bringen Sie mich unter Menschen,
oder ich sterbe an dem Schreck!

Der Doctor winkte ihr, nebenher zu gehen, und frderte, dann und wann
sie untersttzend, seinen Weg. Ich kehre soeben von einem Kranken
zurck, sagte er, den ich seit Abends Einbruch mit geistlichem
Troste und endlich mit dem Leibe des Herrn erquickte. Er zeigte auf
die Saffiantasche, die er, unter seinem Oberrocke verborgen, auf der
Brust trug, und in welcher er die Hostie insgeheim zu berbringen
pflegte. Ein Glck, da Ihr gerade _mir_ begegnen mutet. Meine fromme
Hausmeisterin wird ein Uebriges thun, und morgen sollt Ihr mir mit
gesammelten Krften den Hergang der ganz absonderlichen Erscheinung
mittheilen.

Die Eigenthmerin des Quartiers, welches der Doctor bewohnte, eine
eifrige Anhngerin der im Verborgenen waltenden Kirche, welche wute,
da sie in der Lainez eine Verbreiterin dieser Kirche vor sich hatte,
machte nicht die mindesten Umstnde, in des Doctors Begehren zu
willigen, und dieser Letztere, Mitleid mit der Niedergeschlagenheit der
Franzsin fhlend, lud sie ein, auf seinem Zimmer, -- bis die Wirthin
ihr Lager bereitet haben wrde, -- eine Tasse Kruterthee zu genieen,
den er selbst auf's Beste zu bereiten versprach. Die Lainez nahm mit
Dank den Antrag des Mannes an, der, aus Theilnahme fr sie, die strenge
Grenze, die sein Anstands- und Schicklichkeits-Gefhl zwischen ihm und
der Mitarbeiterin gezogen hatte, in etwas erweitern wollte. Als sie
jedoch an des Doctors Hand dessen Wohnzimmer betrat, wurde ihr Auge von
einem Besucher berrascht, der in dem Grovaterstuhl am Fenster sa,
und kaum merklich mit dem Kopfe nickte, als James den Doctor mit seiner
Begleiterin einlie.

Gelobt sei Jesus Christus! sprach der Fremde, und der Doctor, im
hchsten Grade berrascht, erwiderte mit kaum hrbarer Stimme, sich
tief verneigend: In Ewigkeit. Der Herr segne Ihren Eingang, Pater
Superior. Ihr Besuch ist eine unerwartete Freude.

Der Superior, ein hagrer Mann mit ganz blassem Gesichte, aus welchem
ein Paar dunkle Augen sprhten, lftete ein wenig das Kppchen,
das seinen Scheitel bedeckte. Ich bin vor gar nicht langer Zeit
angekommen, sagte er, -- bin herzlich mde, und habe mir die
Freiheit genommen, bei Ihnen, mein Vater, meine Schlafstelle zu
suchen, indem ich hier unbemerkt und sichrer zu sein glaube, als in
dem verstecktesten Gasthofe. Es thut mir indessen leid, wenn ich hier
stren sollte.

Er warf einen zweideutigen Blick auf die Lainez. Der Doctor errieth
dessen Sinn, und sagte empfindlich: Ich hoffe, Ew. Hochwrden bewiesen
zu haben, da mein sittliches Betragen kein Mitrauen verdient. Der
Zufall nur...

Mehr als seine Worte beruhigte die Franzsin selbst den argwhnischen
Geistlichen. Sie ging demthig auf ihn zu, kte seine Hand, bat um
seinen Segen, und erbot sich, alsbald das Zimmer zu verlassen. Der
Superior schenkte ihr einen gnstigen Blick, klopfte ihre Wange. Lasse
Sie's nur gut sein, sprach er mit dem empfindlichen Uebergewicht,
welches hufig von Priestern, den ihnen ganz ergebenen Weibern
gegenber, fhlbar gemacht wird: ich kenne Sie ja, und hoffe in Ihr
kein unwrdiges Rstzeug vorgeschlagen zu haben. Vater Mnzner wird mir
Alles gengend erklren. Sie kann sich indessen wegbegeben, denn wir
haben hier noch allerlei zu bereden, das nicht fr Sie ist.

Noch ein gndiger Schlag auf die Wange, und die Lainez, feuerroth und
betreten, war entlassen. James sperrte das uere Gitter, und wollte
den Herren eine gute Nacht wnschen. Der Superior verhinderte dieses;
sprechend: Verbleibe Er immer noch ein Weilchen, junger Mensch. =Ab
initio= wird von Ihm die Rede sein.

James bckte sich, und stumm stand er neben seinem Pflegevater vor dem
Superior, der gemchlich seinen Platz fort und fort behauptete.

Ich habe den =Juvenem= allhier examiniert, hob der Bequeme an, zu
dem Doctor gewendet: habe denselben doch noch nicht weit vorgerckt
gefunden. Er scheint seine Studia oberflchlich betrieben zu haben,
und -- was am belsten -- das ernste und uerst wichtige Ziel seiner
knftigen Bestimmung nicht genug in's Auge zu fassen. Die Petulanz,
so ich in seinem Wesen und seinen =expressionibus= wahrnehme, wird
in seinen gegenwrtigen Beschftigungen nur wachsen knnen. Es
ist daher unumgnglich nothwendig, da er unter die Disciplin des
Novizialmeisters genommen werde.

James errthete erbebend; der Doctor verneigte sich stumm. Ich
werde ihm vorlufig die =exercitia Spiritualia= unsers heiligen
Ordensstifters und Regulators in die Hnde geben, fuhr der Superior
fort, und Er mag sich bereit halten, mir in das fr Ihn bestimmte
Collegium zu folgen, sobald meine Geschfte in hiesiger Gegend
beendigt sein werden. Ich habe mit dem Pater Rector schon die nthige
Rcksprache genommen, wie es Ihr letzter Brief, Pater Mnzner, verlangt
hat. =Quod erat demonstrandum.=

James kte des Superiors Hand, und ging niedergeschlagen nach
seiner Kammer. Der Doctor blickte ihm mitleidig nach, und sagte
nach einer Pause leise und demthig zu dem Superior: Es kmmt mir
beinahe vor, ehrwrdiger Herr, als ob ich mich in den Anlagen des
jungen Mannes getuscht htte. Seine Geisteskrfte sind wohl scharf,
allein noch schrfer ist der Trieb seines Herzens. Er begehrt, er
verlangt wie ein krftiger sinnlicher Jngling. Er zeigt dann und wann
Widerspruchsgeist, Grbelei ... es wird schwer halten, seine Vernunft
in die wohlthtigen -- Ketten des Glaubens zu legen, und ich wrde
mir's zum ewigen Vorwurf machen, -- gestaltete sich aus diesem -- in
die Welt berufenen Jngling ein schlechter Priester.

Der Superior sah den Doctor hoch und mibilligend an: Sie reden jetzt
ganz anders, mein Vater, als Sie vor kurzer Zeit geschrieben. Welche
unzeitige krnkelnde Philanthropie! Wren auch Sie von der Lstelei,
von dem empfindelnden Wahnsinn des Jahrhunderts ergriffen worden? Haben
nicht auch _wir_ begehrt und verlangt, und sind _wir_ deshalb schlechte
Priester geworden? Die Disciplin bndigt den Widerspruch; die rastlose
Thtigkeit der Novizen steuert der Grbelsucht. Vernunft? -- Glauben?
-- Sie sind nicht klar ber die Grundstze unsrer Institutionen, ob Sie
gleich Proze und Gelbde gethan haben. Fhige Geister gewinnen, --
dieselben nach ihrer Richtung beschftigen, -- das ist unsere Aufgabe,
und deren Erfllung sichert das Gedeihen unserer Gesellschaft. --
Der ntzliche Schwrmer, der ein begeisterter Apostel werden will,
glaube. Der rein Vernnftige, geeignet, die politischen Zwecke unsers
Daseins zu erreichen, gehorche, wo er nicht _glauben_ kann. Und
dieses Gehorsams Triebfeder ist sein Vortheil, -- das Interesse, das
man ihm an seinem auferlegten Streben beizubringen hat. Und nach den
geschickten Combinationen unsers herrlichen Staats ist der Vortheil
des Einzelnen der Vortheil des Ganzen. Darum _herrschen_ wir, darum
_siegen_ wir; darum beneidet man uns. Glauben Sie mir: Ihr Pflegling
wird noch gut werden, und reichliche Zinsen tragen, fr das Geld,
das wir an seine Bildung verschwendet haben, und noch verschwenden
werden. Nun zur wichtigern Sache, Pater Missionr. Ich habe Ihre
Bcher durchblttert. Unser Commerz ber hiesigen Platz rentirt sich
nicht besonders. Ob die Pariser uns Schaden bringen? oder ob die
Schiffscapitne, die unsere Frachten besorgen, Betrger sind? Ist das
Erstere, so mssen wir die Augen zudrcken. Das Zweite kann nur an Ort
und Stelle erforscht werden. Ich erwarte darber Befehle von dem Pater
Provinzial. Ein geschickter Ordensmann hat zugleich mit meiner Eingabe
ein Projekt eingesendet, das, wird es angenommen, dem Handelsfond
unserer Gesellschaft unbegrnzten Vortheil bringen wird. Es wird
darinnen vorgeschlagen, den Sklavenhandel fr Brasilien unter billigern
Bedingungen zu bernehmen, als ihn bisher unsere unverschmten
Schiffsmeister nebenbei getrieben haben.

Den Sklavenhandel? fragte der Doctor erschrocken.

Ja, versetzte der Superior gleichgltig: der Trafik mit denen
schwarzen Negern bringt immense Dividenten.

Aber die Menschlichkeit, Pater Superior? fragte der Doctor schaudernd
weiter.

Der Jesuit lchelte vornehm. Floskeln, lieber Pater Mnzner. Diese
Schwarzen sind eine untergeordnete Race; an schmutzigen Heiden, wie sie
sind, ist nichts verloren. Ueberdies ist ihr Sklavenleben reicher an
Genssen, als ihre Freiheit.

Das Naturrecht, Pater Superior...

Sie sind Doctor =juris utriusque=; sagte dieser ghnend: man hrt es
Ihnen an. =Satis= ber diesen Punkt. Der Verfasser jenes Projekts wird
belobt werden, und es noch weit bringen. Wie weit ist's aber mit der
heiligen Christenverbesserung gediehen?

Der Doctor berichtete in Krze; legte die Liste der kleinen Gemeinde
vor; ihre Beitrge zum Kirchendienst; die Berechnung des Ueberschusses.
Der Superior durchging die Liste schmunzelnd und zhlend. Viele
Leute, sagte er hierauf: aber nichts Besonders. Die meisten =ex
infima plebe=.

Unser Herr Jesus Christus fand unter dieser Classe seine ersten
Jnger.

Hm! ja. Sehr viele Weibspersonen finde ich hier aufgezeichnet; zum
Theil wohl aus den bessern Stnden. Nun ja; das sind die Lmmlein, die
zum Paradiese locken. Aber ... aber ... ich vermisse denn doch die
Mnner von Gewicht. Ein paar Kaufleute, ... ein Recheneiverwalter ...
ein quiescirter Fnfzehner, ... heilige Maria! was will das im Ganzen
heien? Den Beschlu der Reihe macht doch endlich ein Senator. Wer ist
der Mann? Derselbe, von dem Sie schon ein Wrtlein fallen lieen?

Derselbe, Pater Superior.

Hat seine Bekehrung sich so schnell gemacht? Gelobt sei der Herr.
Drfen wir von ihm hoffen?

Vieles. Er ist durch ein besonderes Verhngni ganz der Unsrige
geworden.

=Favente Deo.= Recht. Wie hat sich die Lainez gemacht?

Sie hat Einiges gethan; doch Unwichtiges. Das Weib ist zu eitel,
leichtsinnig und verliebt.

=Bene dixisti=, Pater Mnzner. Eitel und verliebt. Die Franzsin
sieht berall hervor, und ihr Mann hat nicht so viel an ihr verloren.
Es hat ihr indessen eine Zeitlang mit Proselyten recht geglckt. Sie
ist sehr fromm und mchte die ganze Welt in's Paradies bringen. Eine
lustige, schnackische Frauensperson im Uebrigen; nimmt nichts bel, und
hat dem Pater Provinzial, der sie mir empfohlen, viele trbe Grillen
verscherzt. Sie wei allerlei von Sr. Hochwrden zu erzhlen, und hlt
sich damit oben, so da ihr =Sub manu= eine ewige Versorgung aus der zu
hnlichen Zwecken bestimmten Kasse versprochen wurde. Hierin wurde aber
eine kluge =Reservatio mentalis= beliebt. Kdert sie nicht mehr, so
steckt man sie in ein Kloster, und damit gut. Die Schwestern mgen sie
dann fttern. Also _hier_ hat sie wenig gentzt?

Das Wichtigere hat sie vor kurzer Zeit bernommen: die Bekehrung der
Tochter jenes Senators. Aber ein unseliger Zufall reit hier alle
Hoffnung ab.

Wie so?

Der Doctor erzhlte von der Ankunft des Verlobten, der seinen
Heirathsantrag erneuernd, im Begriff stehe, das Mdchen unwiderruflich
in ein protestantisches Land zu fhren.

=Pessime!= rief der Superior: das darf nicht geschehen. Das Mdchen,
als einzige Erbin eines sehr betrchtlichen Vermgens mu der Kirche
zugewendet, und von dem Anglikanen abgezogen werden. Wir htten =pro
Studio et labore= nichts als das leere Nachsehen? Nein, lieber Pater
Mnzner! lassen Sie uns in die Fustapfen unserer wrdigen Vorgnger
treten, die auch nicht vom Heller des Armen ihre Collegia und
Prozehuser erbaut haben.

Wie wollen Sie aber vorbauen, Pater Superior? Ich mibillige die
Sache, weil es mich schmerzt, ein unschuldiges Schflein auf ewig
von der Heerde, der es sich nherte, getrennt zu sehen, -- aber ich
begreife nicht, wie....

Sie begreifen nicht? Sind Sie nicht der Beichtvater des Senators?
Pressen Sie sein Gewissen in die Schrauben ihrer gerhmten Dialektik.
Einem gewandten Beichtvater ist nichts unmglich. =Experienta docet=.
Whrend Sie sein Herz mit den Sturmblcken einer zerschmetternden
Rhetorik belagern, ihm sein Kind im Feuer der Verdammni zeigen, --
mag die Lainez von der andern Seite dem Mdchen krftig, schlagend
zusetzen. Ich habe schon Meisterstcke in dergleichen Angelegenheiten,
-- =Caeteris paribus=, -- verrichten gesehen, selbst verrichtet.

Der Glaube ist in dem Senator nicht sonderlich stark genug, um...

=Res indifferens!= So greifen Sie seine schwachen Seiten an. =Cum
auxilio divino= mu Alles gehen. Die Lainez soll nicht saumselig sein!
=periculum in mora=! Das Mdchen wird allerdings auch seine schwachen
Seiten haben. Die Weiber sind gebrechlich. Ist unsere liebe Tochter in
Hoffnung nicht etwa verliebt? Da knnte Ihr Pflegesohn bentzt werden.

O weh! Steh uns der Himmel bei. _Er_ ist in das Mdchen verliebt.
Justine zeigt aber keine Spur von Empfnglichkeit. --

Ein kalter Frosch? Desto besser. Sie mu in's Kloster; unserer
Gesellschaft alles zuwenden, bis auf ein Pflichttheil fr die
Schwestern. Sie sagen, man schtze den Senator auf dreimal
hunderttausend Thaler? Und diese Summe sollte uns entgehen? =Minime=,
Pater Mnzner. Alles zur grern Ehre Gottes!

Sie legen mir da ein hartes Probestck auf, versetzte der Doctor
seufzend: um des Eigennutzes willen....! ja, wenn es einzig die
Sorgfalt fr des Mdchens Seelenheil glte! --

Bilden Sie sich das ein, Pater Mnzner. Ich erlaube es Ihnen. --
Aber, lassen Sie ja den goldgefiederten Vogel nicht aus. Und, --
beharrt das Mdchen auf Widerspenstigkeit, so mu es mglich gemacht
werden, da sie der Vater enterbt. Es _mu_ mglich gemacht werden,
Pater Mnzner! Verstehen Sie mich wohl?

Ich verstehe; antwortete der Doctor niedergebeugt.

Nie sind die Zeiten schwieriger gewesen, als jetzt; fuhr der Superior
ruhig fort: die langen Kriegsjahre haben das flammende Verlangen
der Glubigen, der Kirche wohl zu thun, gedmpft. Der Handel hat
durch Kapereien gelitten. Viele fhige Studenten werden auf Kosten
der Gesellschaft erhalten, gebildet, versendet. Man mu zu allen
Hlfsmitteln greifen, um die berschwenglichen Kosten unserer Arbeiten
zu decken. Die dreimal hunderttausend Thaler drfen nicht nach Amerika!
Der Wiklefit soll abziehen, oder -- wenn Alles nichts hilft ... nun,
wir werden sehen. Ich verpflichte Sie, Pater Missionr, Morgen alsobald
Ihre Bemhungen, mir zu gehorsamen, anzutreten. Thun Sie die ersten
Schlge, whrend ich mit dem verschmitzten Tormerpick Abrechnung halte.
Wenn Ihrem Scharfsinn, was ich Ihnen andeutete, gelingt, -- und es
_mu_ gelingen, -- so sein Sie der vortrefflichsten Note in meinem
vierteljhrigen Censurbericht an den General vergewissert.

Der Doctor, wenn schon im Herzen tief verwundet, verbeugte sich, wie
es der Gehorsam erforderte, und brachte eine qualvolle Nacht unter dem
Kampfe seines Gewissens, und der Pflicht, die er beschworen, zu. --
James, der ihm am nchsten Morgen mit rothgeweinten Augen entgegentrat,
zerri seine Seele noch mehr.

Mein Vater! sagte ihm der junge Mann, auf dessen Zgen der Schmerz
sa: ich kann nicht in das Noviziat treten. Ich kann nicht, und sollte
es mein Unglck sein!

Du mut! erwiderte ihm der Doctor streng, und drehte sich von ihm,
da er das Mitgefhl nicht in den Zgen des Pflegers lese.

Ich mu nicht, mein Vater! fuhr James mit kalter Entschlossenheit
fort: ich bin kein Leibeigener. Ich will Ihnen im Orden keine Schande
machen. Ich tauge nicht dazu; ich verabscheue mich selbst, um der
Winkelzge, zu welchen ich mich brauchen lie. Haben Sie Mitleid mit
mir, Sie, mein zweiter Vater!

Der Pater Superior nimmt mir meine Pflichten gegen dich, sammt meinen
Rechten auf deine Person ab; erwiderte der Doctor, wie oben: fasse
und fge dich. --

Ich mich fassen? ich mich fgen? rief James, wie auer sich: Ich
soll mich in Klosterfesseln schmieden...? ich, der die Fesseln dieses
_Lebens_ nur mit Mhe trgt?

Mensch! sagte der Doctor hierauf erschrocken, und sah dem Jngling
aufmerksam ins Auge: Was sollen diese Worte bedeuten?

Meinen Ueberdru an der Welt, Vater; meinen Ekel am Dasein. Ich
bin zum Unglck geboren, wie die Meinigen zum elendesten Tode. Hier
lchelte mir, dem Spion, dem elenden Hehler und Helfershelfer ein Stern
der Wonne; ... ich fhlte Seligkeit!

Die Seligkeit eines Thoren! Die Verzuckung des heidnischen Bildhauers
vor einem Marmorbilde!

Nein, mein Vater! ich war kein Thor; ich bin es nicht! Noch jetzt
erhlt mich der Gedanke, da Galathee im Innern der kalten Brust Leben
fr mich empfindet! Aber -- wenn das Geschick befiehlt, -- wenn sich
erwahrt, was die Lainez mir so eben vertraute, -- wenn Justine einem
Andern angehren soll, -- dann hre ich auf, zu leben; bei Gott! ich
hre auf, zu sein!

Wohlan! entgegnete der Doctor bitter und verletzt: so hre auf,
wie tausend Narren deines Nebellandes, deren leeres Gehirn sich an
der Leere ihres Lebens langweilt; hre auf, wie ein insolventer
betrgerischer Schuldner, und berlasse mir, dem Getuschten, die Last,
deine Schulden an deine Ernhrer zu bezahlen!

Mein Vater! stammelte James, von Scham ergriffen: Was sagen Sie?
O, Sie haben Recht! Ich gehre ja nicht mehr mein. Ich bin Ihnen und
den Obern verschuldet! ich bin Ihr Sklave! O, so machen Sie mich zu
Gelde! Verkaufen Sie mich, damit ich mein Leben hindurch unter Blut und
Thrnen arbeiten mu, um das Jahr zu bezahlen, das mir Ihre Wohlthaten
fristeten!

Undankbarer, roher Mensch! sagte der Doctor unwillig: So gehe hin
und suche den Tod in eitlem Wahne. Du sollst mir nicht noch einmal
vorwerfen, wie wenig ich fr dich gethan.

Der erschtterte Ton des Doctors machte den besten Eindruck. James
strzte reuevoll vor ihm nieder, weinte auf seine Hnde. Ich soll
leben? ich _will_ leben! schluchzte er; aber wie wird es mglich
sein, wenn Justine des Amerikaners Weib wird?

Den Doctor traf's durch's Herz. Er blickte nach dem Gemache, in welchem
der Despot seiner Handlungen noch schlief, erinnerte sich seines
qualvollen Geschfts, neigte sich zu James und -- um wenigstens _eine_
gute Frucht aus der hinterlistigen That zu gewinnen, die er vollbringen
sollte: die Beruhigung einer verzweifelnden Seele -- sagte er ihm:
Justine wird nicht des Amerikaners Weib!

Somit ging er von dem Staunenden, um den Senator zu besuchen.
Ein finsterer, wolkenumzogener Tag pate vortrefflich zu seiner
Gemthsstimmung. Whrend des Gehens wollte er beten, -- aber dunkle
Gedanken durchbrachen in Massen sein Gebet. In sich gekehrt, betrat
er Mssingers Haus. -- Sind der Herr Senator oben? fragte er mit
gesenktem Auge einen Menschen, der ihm entgegenkam. -- Ja, Monsieur;
antwortete man ihm kurz und unhflich. Der Doctor sah auf. Nothhaft war
der grobe Bescheidgeber, und nicht wenig erstaunt, den Mann vor sich zu
schauen, mit dem er vorgestern einen Handel hatte abschlieen wollen.
Auch der Doctor erinnerte sich seiner. Sieh da, Monsieur! sagte er:
finden wir uns hier? Sie blieben aus, Verehrter? -- Ich wei nicht,
was Sie wollen! schnauzte ihn der Andere berrascht, verlegen, und
unerkannt zu sein wnschend, an: Ich kenne Sie nicht, Monsieur!

_Er_ zum Hause hinaus; der Doctor die Treppe hinan. Des Senators
Gesicht trug alle Spuren einer mhselig durchwachten Nacht, und kaum
verzog sich seine Lippe zu einem matten Willkommslcheln, als der
Beichtiger eintrat.

Sie finden mich schwach und krank, sagte Mssinger, wieder in die
Kissen seines Ruhebetts zurcksinkend; doch ist mir Ihre Gegenwart von
hohem Werthe. Ein strmisch rollendes Geschick hat mich, so zu sagen,
an Sie gebunden, whrend alle Wesen, welche die Natur mit mir verband,
von mir abfallen zu wollen scheinen, und selbst bernatrliche sich in
mein Verhngni mischen. Eine Frage, hochwrdiger Herr: glauben Sie,
da zwischen Sterblichen und abgeschiedenen Geistern von Sterblichen
ein Rapport eintreten kann?

Der Doctor stutzte. Die Philosophie unserer Religion, und hufige, von
Zweiflern vergebens bestrittene Erfahrungen weisen mich an, Ihre Frage
zu bejahen.

Der Senator seufzte tief, und sttzte das wankende Haupt in die
kraftlose Hand. Hren Sie an, erwiderte er alsdann: was mir in den
Sptabendstunden des gestrigen Tages begegnet ist. Von den mancherlei
Gemthsbewegungen, die mich erschttert hatten, wie von qulenden
Miverstndnissen in meiner Huslichkeit ermdet, war ich in meine
Stube gegangen, um zu ruhen und einen erquickenden Schlaf zu thun.
Ich las in dem Gebetbuche, das ich Ihrer Frsorge verdanke, die Lampe
brannte dunkel; aus meinen Betrachtungen erwachend, erhebe ich mich,
den flackernden Docht zu putzen, -- da schaue ich zufllig nach der
Thre, und diese steht halb offen, -- und zeigt mir eine Gestalt, die
mich erbeben macht, die leichenhafte Gestalt des seligen Birsher in
seinem weiten weien Ueberrocke, den er zuletzt trug, -- mit hohlen,
starrenden Augen. Ich will rufen, -- die Kehle ist mir zugeschnrt. Die
Erscheinung ffnet dagegen den schaurigen Mund, und ich vernehme die
dumpfen Worte: Du hast mich umgebracht, und willst auch die Tochter
tdten? -- Nicht nach Amerika! Wehe sonst! -- Wie Todtenglocken sausten
die Tne in mein Ohr, und im Nu verflimmerte das Gespenst vor meinen
angstvollen Blicken. Sein Abschied lste die Bande meiner Zunge. Auer
mir strzte ich in einem Sessel um, rief nach Hlfe; Justine kam, Leute
kamen. Die Erscheinung ist von einigen gesehen worden, und spurlos
verschwunden. Ich befinde mich im grlichsten Seelensturm. Rathen
_Sie_, reichen Sie mir den Anker des Heils!

Der Doctor combinirte, still vor sich hinschauend, des Senators Aussage
mit dem Behaupten der Lainez, und betrachtete diesen Zwischenfall als
einen Fingerzeig aus hohen Wolken zur Erreichung des ihm aufgegebenen
Zwecks.

Eine seltsame Begebenheit! sagte er bedchtig und ernst: der
innigsten Prfung werth. Es scheint, als ob in der Zukunft Unheil
brte, ... als ob der Geist des Abgeschiedenen, der Ihre Tochter lieb
gewonnen hatte, dieselbe zu retten, seinen Wohnort verlassen, ein
nothwendiger, warnender Helfer!

Der Senator nickte stumm mit dem Kopfe. Was wrden Sie an meiner Statt
thun, ehrwrdiger Mann? fragte er.

Der Doctor zuckte die Achseln. Fragen Sie lieber, sprach er, was
ich _vor_ jener bedeutungsvollen Erscheinung gethan haben wrde. Ich
htte meine Tochter nicht mit dem Amerikaner verlobt. Diese Leute
sind Ihnen verderblich. Mit dem Vater zog ein bedauerliches Unheil in
Ihre Wohnung. Der Sohn wird nicht viel Besseres bringen. Nennen Sie
dieses Vorurtheil. So wie es in der Natur Elemente gibt, die sich ewig
Widerpart halten, so verflicht das Schicksal fters gewisse Menschen in
gegenseitige Feindseligkeit, ohne da sie es ahnen. Wenn wir annehmen,
da mancher Tag, manche Stunde wichtiger ist, als die brigen,-warum
nicht auch ein Menschenloos vor dem andern? Ich htte Justinen dem
jungen Manne nicht versprochen, nicht dieses Einschreiten einer
unbekannten Macht herbeigerufen!

Ich war so heiter geworden, versetzte der Senator, ich sah eine
furchtbare Wildni, die mich entsetzt hatte, pltzlich geebnet. Sie
wissen es: wir hatten uns zu offenem und heimlichem Krieg gegen den
gefrchteten Gast gerstet. Statt des Zrnenden, Argwhnischen erschien
jedoch ein Friedensengel, ein Johannes an milder Gte und Vertrauen.
Ich konnte ihm die Tochter nicht weigern ... ich mochte es nicht,
setzte Mssinger stockend bei, um oben den Schatten des Vaters zu
vershnen.

Unglcklicher! sagte der Doctor mibilligend: Kaum in den Schoo
der wahren Kirche aufgenommen, verkennen Sie deren Wohlthaten? War
nicht schon jede Snde von Ihnen gewichen durch meine Absolution?
Bedurften Sie noch eines Shngedankens, der an heidnischen Irrthum
grnzt? Mehr noch, Herr Senator: dieser Vorsatz ist ein Verbrechen
gegen die liebende Allmutter unserer gottseligen Herde. Sie werfen
durch die Verbindung mit dem Protestanten Ihre Tochter in den Pfuhl der
Verdammni, statt sich Ihrer vterlichen Gewalt zu bedienen, sanft und
ernst die Unbekehrte auf den Pfad des Heils zu bringen!

Mein Vater! das kann ich nicht, entgegnete Mssinger entschlossen:
ich bin zum Bekehrer verdorben. Mein Kind wandle seinen Weg unter der
Obhut des allbarmherzigen Vaters. Ist es dessen Wille, so wird meine
Tochter selig werden -- so wird sie zum wahren Hirten gelangen; so
Gott will, ohne, wie ich, von einem grausamen Zusammentreffen aller
Schrecknisse zu einem Uebertritt gezwungen zu werden, den ich...

Er schwieg pltzlich. Der Doctor ergnzte mit strafendem Blicke, den
ich jetzt schon von Herzen bereue. Sprechen Sie es nur aus. Ihre
Verhltnisse haben sich ja so gestaltet, da, was Sie gethan, ganz
unnthig war. Sie bedurften der Lossprechung nicht, weil der Sohn des
Todten Ihnen freundlich entgegentrat; Sie bedurften meines Rathes
nicht, weil er Ihnen sogar die Gelder schenkte, vor deren Rckzahlung
Ihre Oekonomie, vor deren Bewahrung Ihr zartes Gewissen schauderte. Sie
bedurften meiner Hlfe gegen den Feind nicht, weil sich dieser selbst
in Ihre Hnde lieferte. Ihr Uebertritt war zwecklos. Sie wnschten ihn
ungeschehen zu machen; beinahe wnschte ich es auch, weil Sie meine
Theilnahme und mein Vertrauen auf eine unwrdige Weise mibraucht
haben.

Hochwrdiger Herr...

Ich gehe von Ihnen; wohl! Bedenken Sie jedoch, da, indem ich auf
immer von Ihnen scheide, mein Segens- und Lsespruch zu nichte wird. --
Sie werden in Ihre Irrthmer, in Ihre Zweifel, in Ihre Gewissensqualen
zurckfallen; eine Beute der mahnenden Geisterwelt werden, Ihre Tochter
mit Ihnen in's Verderben reien, und, statt einst mit Clara vereint,
himmlische Wonne zu genieen, in Ohnmacht und Pein vergehen, weil Ihr
Ohr taub geblieben, -- weil Sie die irdischen Stimmen und die Stimmen
von Jenseits nicht gehrt!

Ach! welch' ein Abgrund von Trostlosigkeit und Furcht! klagte
der Senator, den Doctor, der zu gehen Miene machte, zurckhaltend:
Verlassen Sie mich nicht! rathen Sie mir; helfen Sie mir! Mich verlt
der Verstand und Gott, wenn Sie von mir scheiden!

Wo bleibt Ihre Entschlossenheit, Herr Senator? Ihr unbiegsamer
Charakter?

Ich bin nicht mehr Mssinger, versetzte der Senator tiefgebeugt; ich
kenne mich selbst nicht mehr. Wenn Sie verlangen, will ich, wo mglich,
alles zurcknehmen; aber ... der Betrag jener Wechsel, ... wird Georg
denselben nicht fordern, wenn aus der Hochzeit nichts wird?

Sind denn die Wechsel nicht in Ihren Hnden? Ich bevollmchtige Sie,
zu beschwren, da Sie an Birsher, den Vater, das Geld gezahlt. -- Sie
leisten den Eid mit dem stillschweigenden Sinnesvorbehalt, da Sie die
Nothausflucht auf dem Wege wieder ausgleichen wollen, den ich Ihnen
bereits angegeben, und Alles ist in vlliger Richtigkeit; Ihr Heil
bewahrt.

Der Senator stand entschlossen aber unzufrieden auf, und entlie mit
den Zeichen einer vlligen Sinnesnderung den Doctor, an welchem
Justine hastig und kalt grend vorber zum Vater ging.

Verhten Sie doch Unheil, bester Vater, sagte sie schnell und
mit Thrnen des Unmuths in den Augen: Erklren Sie sich gegen die
Mutter. Sie rumt ihre kostbarsten Sachen zusammen, -- sie verschliet
ihre Schrnke, -- sie will heute Abend das Haus verlassen. Welch'
eine Schande fr uns, wenn das geschieht! Reden Sie mit ihr, und ein
grausames Miverstndni wird sich heben!

Des Senators bleiches Gesicht verwandelte sich in ein zornrothes.
Erschrocken und verletzt zugleich eilte er, dem Justine zuredend und
ermahnend folgte, dem Gemach seines Weibes zu. Jacobine war gerade
beschftigt, aus Schubfchern und Commoden ihre Kleider, ihre Wsche zu
nehmen, und die ungeheuern Schrnke damit anzufllen, die sie, voll von
ihrer Aussteuer einst in's Haus gebracht. Sie zuckte etwas zusammen,
als sie den Senator wahrnahm, lie sich jedoch nicht stren, drehte ihm
den Rcken, und kramte, ohne ein Wort zu reden, weiter fort.

Auf die dreimal und immer heftiger wiederholte Frage des Gatten:
Jacobine! Was machst Du da? antwortete sie endlich, der Anrede
berdrssig, kurz und verchtlich:

Du siehst's.

Du packst ein?

Ja.

Warum?

Ich gehe fort; heute noch.

Jacobine! von deinem Ehemanne? aus deinem Hause? von deinem Kinde?

Ist Justine ein brav Mdchen, so geht sie mit. Wo nicht, desto
schlimmer fr sie.

Lieblose! Bldsinnige! donnerte Mssinger, kaum seiner mchtig:
Wiegelst du wieder mein Kind gegen mich auf? Was that ich dir,
Besessene? Rede endlich!

Die Senatorin schwieg in galligem Stumpfsinn. Justine, den bebenden
Vater betrachtend, und Alles frchtend, lief auf die Mutter zu, fasste
deren Hnde, und bat weich und flehend: So reden Sie doch, Mutter.
Beendigen Sie doch diesen grulichen Zwist. Justine bittet Sie herzlich
darum!

Die Senatorin schob sie heftig von sich, und trieb ihre Geschfte
weiter. Justine folgte ihr ins andere Zimmer, versuchte noch ein
Bittwort, und da auch dieses nicht fruchtete, stellte sie sich der
ausweichenden Mutter in den Weg, und sagte mit geschrftem Nachdruck:
Sie werden jetzo dem Aergerni im Hause auf eine oder die andere Weise
ein Ende machen, Mutter. Sie werden es, so wahr ich Justine heie.
Sollen die Dienstleute noch mehr des schndlichen Geredes unter die
Leute bringen? Soll mein -- der Unschuldigen Wohl unter Ihrer beln
Laune leiden? Geben Sie jetzt noch nicht dem billigen Verlangen meines
Herrn Vaters nach, so nenne ich Sie nie mehr meine Mutter!

Unglckskind! zrnte Jacobine: htte ich dich nicht geboren!

O du Rabenmutter! rief der Senator, der ihnen gefolgt war, und nun
voll Wuth auf Jacobine zuging: Bist du denn werth, da dich die Sonne
bescheint? Seine Hand suchte und fand das spanische Rohr am Kamin.
Justine hielt ihn mit aller Kraft zurck. Die Senatorin jedoch, ohne
die drohende Bewegung zu frchten, stellte sich ihm trotzig entgegen,
und rief herausfordernd: Nun, so komm' an! Schlage mich todt, wie den
alten Birsher, dessen Gespenst schauderlich im Hause herumgeht, und
mit dir, dem Schuldigen, alle Unschuldigen qult, da sie unmglich
ausdauern knnen!

Wie Bildsulen standen der Senator vor dem Donnerworte seines Weibes,
-- Justine vor dem Erschrecken des Vaters. Er hatte die entsetzliche
Entwicklung nicht geahnt. Justine _hatte_ sie geahnt, -- aber nicht das
Verstummen des Beschuldigten, den ihr Gemth bisher frei gesprochen.
Mit Mhe gewann Mssinger seine Sinne wieder und die Sprache.
Lasse mich mit diesem Weibe, deiner Mutter, allein! sagte er mit
erlschender Stimme, bla wie der Tod und winkte dem Mdchen zu gehen.

O du mein Herrgott! kreischte das Weib: Er will mich mihandeln!

Bleibe, tolles Weib! entgegnete der Senator, und zog sie mit solcher
Gewalt in einen Sessel nieder, da sie pltzlich verstummte, sich nicht
mehr regte.

Justine wich nun auf ein zweites Zeichen ihres Vaters der traurigen
Scene aus, die sich unter ihren Augen entsponnen hatte. In der
Wohnstube kam ihr Georg Birsher entgegen: freundlich, offen, ruhig wie
gestern.

Ich sehe Sie gerne, liebe und gute Mi, sagte er: Ihr Anblick ist
mir ein Trost vor dem traurigen Geschfte, das mich erwartet. Die
Commissarien des Gerichts werden erscheinen, und mir den Nachla
des Vaters bergeben. Schenken Sie mir zuvor das Kstlichere: Ihre
Gewogenheit.

Ich habe nichts gegen Sie, Monsieur, versetzte Justine, verlegen an
der Schrze zupfend: Was wird aber Ihnen an der Gewogenheit einer
Jungfer, wie ich bin, liegen?

Viel; weil aus der der Gewogenheit herzlichere Freundschaft werden
kann. Sehen Sie, Mi: Als mein Vater sagte: Georg! du wirst heirathen,
und das Mdchen nehmen, das ich dir bestimme: ein deutsches wirthliches
Mdchen, das mein Correspondent sehr lobt an Eigenschaften und
Vermgen! -- Da dachte ich bei mir selbst: In Gottesnamen! Der Vater
wills; aber ich kann's schon erwarten. -- Als ich Europa betrat, und
hrte, da mein Vater gestorben, dachte ich: Sein Verlobungswort lebt
zwar noch. Wird es mir jedoch zurckgegeben, ist mirs gleichviel. --
Als ich aber hier ankam, in Ihr leuchtendes Auge sah, und tief in Ihr
Herz; -- da wurde es anders. Seitdem denke ich: es wrde ein Unglck
fr mich sein, wenn ein solches Capital mir entginge. Ohne Umschweife
denn, meine werthe Jungfer! Ihr Herr Vater wird mit Ihnen geredet
haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, suche eine ehrliche Frau, und
wnsche Sie an dieser Stelle. Was antworten Sie hierauf?

Justine sah auf die Spitzen ihres Aermels, dann fest und sicher in
Georgs festes und sicheres Auge, und sprach ohne Umstnde: Was mein
Herr Vater will, ist mir, einer gehorsamen Tochter recht. Ich kann Sie,
glaube ich, wohl leiden, mein Herr. Ich will mit Ihnen gehen, wenn sie
es wnschen; als Ihr Weib und Ihre treueste Freundin.

Birsher verbeugte sich sehr erfreut, und versetzte: Wollten Sie mir
nicht erlauben, holdselige Braut, einen Ku auf Ihre Wange drcken, und
Ihnen ein Pfand dieser Stunde verehren zu drfen?

Justine nickte freundlich, und duldete den verschmten Ku. Georg zog
hierauf einen schlichten goldenen Reif vom Finger, steckte ihn an ihre
Hand, und sprach:

Amerikanisches Gold, cht und klar wie amerikanische Treue! Der
Brautschmuck von brasilianischen Steinen, den mein Vater Ihnen
zugedacht, und den ich Ihnen bald berreichen werde drfen, ist zwar
zehnmal schner als dieser Ring. Ich bilde mir jedoch ein, da der Ring
mehr Werth fr Sie haben werde, weil er von _mir_ kmmt, und nicht vom
freiwerbendem Vater eines willenlosen Sohnes.

Sie charmiren mich durch das artige Prsent! versicherte Justine
lchelnd, und entfernte sich mit dreimaliger Verbeugung, weil die
Commisarien sich hren lieen. Im Begriff, dem Vater diese Nachricht
zu bringen, begegnete sie ihm, der aus der Mutter Zimmer trat. Er
schien gefat. Die Senatorin sa, wie die klaffende Thre sehen lie,
mit gefalteten Hnden, stumpf brtend und niedergeschlagen auf einem
Stuhle. Justine wnschte dem Vater schchtern Glck, zur Beruhigung der
Mutter.

Die Albernheit hlt in ihrem Kopfe offne Bank; sagte der Senator
eiskalt und verchtlich: Man mu sie verblffen, da mit Raison nicht
anzukommen ist. Ich habe ihr geschworen, da ich sie als verrckt
ins Irrenhaus bringen lasse, wenn sie noch _einen_ Schwank macht,
wie gestern an dem tollen Teufelstage. Du stehst mir dafr, da sie
mittlerweile nicht aus dem Hause geht. Die Verlumder, die ihr solche
Schandmcken in das Ohr gesetzt, will ich schon finden, schon zchtigen.

Justine freute sich der Ruhe ihres Vaters. Sie schien ihr ein Brge
seiner Schuldlosigkeit. Sie wollte seine Zufriedenheit erhhen, und
sagte: Sie werden mich loben, Herr Vater. Justine ist gehorsam und
eilig, Ihren Wnschen zu entsprechen. Monsieur Birsher kam vor einer
Viertelstunde; er hat mit mir geredet; ich trage seinen Verlobungsring.
Hier ist er, lieber Vater!

Des Senators Gesicht verzog sich dster und unwillig. Warum diese
Eile? brauste er auf: Alles zur Unzeit! Das Donnerwetter soll ...
Welche Plage mit unbesonnenen Weibern!

Mein Vater... fragte Justine scheu: welche Aenderung? sagten Sie
nicht gestern?...

_Heute_ ist nicht gestern, und gestern _war_ nicht heute! versetzte
Mssinger: Der Ring mu zurck! Ich wills; ich befehle es dir!

Sie befehlen mir Ungerechtigkeiten! -- sagte Justine von krnkender
Beschmung gepeinigt: was mte Herr Birsher glauben? Ich will nicht
als wahnsinnig ausgeschrieen werden! besinnen Sie sich doch, mein
Vater!

Ihr _seid_ wahnsinnig; du und deine Mutter! antwortete ihr in der
hchsten Aufregung der Senator, und rannte dahin, wo die Commissarien
seiner warteten.

Justine schlug staunend die Hnde zusammen, fhlte sich an die Stirne,
um sich zu berzeugen, da sie in der That wache und alles Vorige
gehrt habe. --

Ich soll nicht fort? fragte sie sich schmerzhaft! O nicht doch! fort
nach Amerika, wenn das Leben daselbst hundertmal einfrmiger wre,
denn hier! Fort! hinaus in die Ferne! hinaus nur aus diesem Hause, in
dem sich alles Unheil vereint, um uns sammt und sonders nach und nach
um den Verstand zu bringen, wie es uns schon um Herz und Gemth und
Sorglosigkeit und Frieden brachte. Ich wollte ja lieber unter Fremden
mein tgliches Brod _verdienen_, als es unter solcher Seelenangst
verzehren zu mssen; ich wollte lieber ... gleich einer Flchtigen...

Sie hielt inne. Ei, die Lainez! fuhr sie fort; wo bleibt die gute
Frau, deren Umgang allein jetzo meinen Geist erheitern knnte? Sollte
sie, ihrem Pfande zum Trotz, wortbrchig werden?...

Sie zog langsam, zgernd und errthend, das Medaillon der Lainez aus
der Tasche, und trat, von jungfrulicher Scheu und Neugierde zugleich
befallen, aus dem Vorslchen der Mutter in einen kleinen Versteck, kaum
einen Kreuzstock breit -- ein Altnchen nach dem Hofe bildend, auf
welchem eine Anzahl von Blumenstcken an Gelnder und Wand hingereiht
war; von freierer Luft heimgesucht, und durch ein schirmendes Dach
vor Sonnenhitze und Regen beschtzt. Dieser Blumenwinkel am uersten
Ende des Hauses, stand mit dem, ebenfalls von Kche, Wohnstube und
Gesindzimmer entlegenen Vorsaale der Senatorin vermittelst einer Thre
in Verbindung, in der eine drathvergitterte Glasscheibe angebracht,
vor welcher ein Vorhang befestigt war. In der Mitte der Blumentpfe,
auf einem leeren Fleck des Gestells derselben, kauerte sich Justine
nieder, und betrachtete, sich zu zerstreuen, und ihrem Vorwitze zu
gengen, die Heiligenbilder der Lainez. Der heiligen Pulcheria wurde
indessen kaum ein Blick geschenkt; der schne Sebastian fesselte ihre
Aufmerksamkeit. Der Maler hatte in dem kleinen Bilde ein groes Stck
geliefert, und der Beschauer wute nicht, was er vorzglich daran
preisen sollte: die mnnliche Formenschnheit des Mrtyrers, die zu den
Sinnen sprach; oder die himmlische Verklrung, die sowohl in seinem
Gesichte, als auf seinen Gliedern lag, und jeder Sinnlichkeit wehrte,
... oder den magischen geheimnivollen Farbenzauber, der aus den Blumen
hervorging, die aus den strzenden Blutstropfen des Heiligen sproten;
oder endlich das herrliche Schauspiel des aufgeschlossenen Himmels, der
seine Goldstrahlen um das jugendlich schne Haupt des Sterbenden legte,
-- aus dessen Wolkenkranze die heilige Mutter sah, und der Heiland und
ihre dienenden Engel!

Justine konnte sich nicht satt sehen an dem lieblichen Meisterwerke,
und so oft eine seltsame innere Beklemmung sie zwang, den Blick
wegzuwenden, flugs kehrte er zu dem Bilde wieder zurck. Sie stellte
es endlich, verschmt und dennoch zu kleinem Frevel versucht, in
die Zweige einer jungen, grn und glnzend aufsprossenden Myrthe.
Sie dachte sich den Altar hinzu, -- nicht den violettbehangenen
der Johanniskirche, sondern den roth und wei geschmckten aus der
Johanniterkapelle; die Kerzen und den Weihrauch, von denen die Lainez
gesprochen. Das Bild jener heimlichen Messe gesellte sich zu dem
ganzen Begriff, und -- siehe da! in blhende schmeichelnde Formen
gestaltete sich vor dem Mdchen der rmische verpnte Gottesdienst,
und es dachte bei sich: die Mittagslnder mit ihren heitern Tempeln
mten doch schn sein, wie ihr Kirchendienst frhlich; glnzend und
begeisternd, wie ihre Heiligenbilder zart, rhrend und ideal. Da wurde
der schweigend berlegenden und prfenden Jungfrau pltzlich zu Muthe,
als sei Herr Georg Birsher an ihre Seite getreten, und frage sie mit
seiner ruhigen und mnnlichen Stimme: Wozu das alles, liebe Mi? Ich
frchte: was Sie da treiben, sieht einer kleinen Snde hnlich auf ein
Haar. Lassen Sie den raschbewegten Mittagskindern ihren bunten lustigen
Schauspieldienst, und das Heer ihrer Heiligen und Seligen, zu denen
man betet. Ihr wandelbarer Geist verlangt einen Blumenflor, auf dem
er flattere und whle, und schaue und geniee wie die Biene; denn der
Sden zeugt rasches Blut und glhende Sinne. Bleiben Sie jedoch, gute
Mi, in der Bahn des Nordens, des gemthreichen, lang und bestndig
Empfindenden, zufrieden mit _einem_ Gotte, mit _einem_ treuen Herzen.
Und dieses Herz -- bin ich gleich nicht schn wie der pfeildurchbohrte
Sebastian, -- nicht Theilnahme erregend, wie ein Anderer, der mir
gefhrlicher wre, als der todte Heilige -- dieses _treue_ Herz finden
Sie in mir!

Justinens Phantasie hatte ihr eine eben so artige Tuschung
vorgemacht, da sie jetzt selbst verwundert aufsah, ob Birsher wirklich
zugegen. Nein! er war nicht da. Ihr Auge sank zu Boden, aber ihr Ohr
wurde von einem kreischenden Schrei erreicht, von der Stimme. Das
Gespenst! flsterte sie erschreckend, und hob mechanisch obgleich
schaudernd den Vorhang von dem Thrfensterchen. Der Mutter Zimmer war
offen; auf dem Sofa lag Jacobine, wie von Convulsionen durchschauert;
ber den Vorsaal nach der Ausgangsthre schlurfte langsam eine weie
Gestalt. Vom Schrecken zu einer heldenmthigen Entschlossenheit
bergehend, sprang Justine aus ihrem Versteck, eilte der schnell sich
fortbewegenden Gestalt, die diese Dazwischenkunft nicht vermuthet
hatte, um so hastiger nach, fate auf der Schwelle das fliegende weie
Gewand, und rief ihr wacker zu: Halt! ergieb dich! du allzeit fertiges
Gespenst!

Dieses Letztere hielt nicht, sondern lie den Oberrock in den Hnden
der tapfern Angreiferin; ein Mann entsprang dieser Hlle, lie Percke
und andern Ballast, der ihm zu beliebiger Ausstopfung gedient hatte,
feig im Stich, und floh, da von der groen Treppe sowohl der Senator,
als mehrere Domestiken auf Jacobinens Geschrei herbeikamen, eine
schmale Wendelstiege hinab, die zum Magazin und Brunnen des Hauses
fhrte. Der Geist rannte hier dem zufllig herankommenden Berndt in die
Hnde.

Halt! wer bist du, Deserteur?

La mich! Bruder Berndt! um Gottes willen!

Was? Dort oben schreit man nach Hlfe? und was gilt's? ich habe hier
den Dieb! Halte still, und komm' mit.

Kennst du mich denn nicht? Parbleu ... sei kein Kind!

Eben deshalb, guter Freund! Weil ich kein Kind bin, und weil ich
dich kenne, komm' mit. Deine Zwischentrgerei hat mich um den Dienst
gebracht; meine Unerbittlichkeit soll dich zu Schanden machen, du
Baalssohn!

So sanftmthig auch Berndt diese Rede sagte, so derb packten seine
Fuste den Gegner, und trugen ihn beinahe in die Hhe. Justine, Senator
und Gesinde empfingen den Ertappten, und fhrten ihn vor die Senatorin.
Nachdem der Senator hierauf die Domestiken entfernt hatte, um ihnen
nicht die Vapeurs seiner Frau und die Scham des entlarvten Geistes
lnger zum Schauspiel zu geben, sagte er zu Jacobine: Sieh hier das
bernatrliche Wesen, das seit gestern unser Haus umzuwlzen sich
bemhte, das aus dem Grabe wiederkehrte, um Einspruch in eine Hochzeit
zu thun, die ihm mifiel, und denke daran, da deine Ungerechtigkeit
gegen mich aus eben so nichtiger Quelle fliet.

Nothhaft! rief die Senatorin, pltzlich ihre Krmpfe vergessend,
und zornig aufspringend: Nothhaft! Er niedertrchtiger Bursche! Was
bedeutet die schndliche Maskerade? Man htte den Tod davon haben
knnen! Am hellen Tage zu spuken! Den Amerikaner wieder aufleben zu
lassen! Meinen armen Kopf zu verwirren! Ich hoffe, da Herr Senator
Mssinger Ihn exemplarisch zur Rechenschaft wird ziehen lassen! Auf dem
Rathhause, vor allen Richtern und Volk!

Ich hoffe, da der Herr Senator das unterlassen werden, entgegnete
Nothhaft mit einem giftigen Drohblicke auf denselben. Was in diesem
Hause nur als ein unschuldiger Jokus passirte, knnte am geeigneten
Orte zum Ernste werden! und Ihre Beleidigungen, Frau Senatorin, mu ich
mir eben so ernstlich verbitten. Ich bin nicht mehr der Commis in Ihrem
Hause; ich bin mein eigner Herr, und alle Tage fhig, einen Rathsherrn
abzugeben, wie Ihr Herr Liebster.

Ach Gott! das Lstermaul! seufzte die Senatorin weinerlich und
aufhetzend: Ich zittere noch vor Schreck an allen Gliedern, und Er
thut, als ob Er Fug und Recht gehabt htte. Mssinger! wenn du das
leidest....

Ein Wort, Herr Ex-Principal! sagte Nothhaft unverschmt, und zog den
Senator bei Seite: wir wollen uns nicht ber die Grnde verbreiten,
die mich zu der Vermummung bestimmt haben. Ich thue Ihnen damit
einen Gefallen, so wie ich den ganzen Plan zu _Ihrem_ Besten allein
angelegt habe. Vor der Hand lasse ich Ihnen noch die Wahl, mich als
Schwiegersohn anzunehmen, und den Amerikaner aus dem Hause zu weisen,
oder versichert zu sein, da meine schonende Freundschaft fr Sie ein
Ende erreichen wird.

Er ist ein schlechter Mensch! polterte der Senator hitzig: was
werde ich auf seine elenden Drohungen geben? Packe Er sich aus meinem
Hause! Ich habe Nichts mit Ihm gemein. Setze Er sich in seine Heimath
hin, und rathe und verkaufe und spucke Er fort so viel als Er will. Ich
warne Ihn, sich ferner hier betreten zu lassen. Ich wrde sonst meine
Anklage bei dem Polizeiaufsichter anbringen mssen, whrend ich jetzt
noch den Scandal, den Er verursachte, mit Schweigen bergehen will.

Nothhaft schnitt ein grimmig saures Gesicht. Na! sagte er trotzig:
ich gehe, Herr Senator. Schreiben Sie das heutige Datum in's Kamin,
Wnsche allerseits wohl zu leben. Und Sie, meine beste Jungfer! bittet
Sie nicht ein wenig um Pardon fr mich, da Sie mich doch eigentlich in
die saubere Patsche versetzt hat?

Ich freue mich, Monsieur, Ihn ertappt zu haben, whrend sich Mnner
vor dem Popanz frchteten, versetzte Justine spttisch: ich bin nicht
vergngt, da nun auch die ganze Stadt von Ihm glauben wird, was ich
schon lngst von Ihm behauptete: da Er eine bsartige Krte ist, und
damit Punktum.

Damit noch nicht Punktum! erwiderte Nothhaft frech und ergrimmt: ich
werde die Ehre haben, so Gott will, ein Weiteres von mir vernehmen zu
lassen. Er aber, Mosje Berndt! Er wahre seine Ohren! Gott befohlen!

Du ruchloses Hllenkind! rief Berndt dem Davoneilenden nach: der
leidige Gott sei bei uns mu wenigstens dein Grovater gewesen sein!

Der Senator hatte indessen seine Partie genommen. Die alte Energie
schien in den Mann zurckgekehrt zu sein. Keine unnthige
Bethbruderei! sagte er scharf, aber freundlich zu dem Augenverdreher:
wir mssen vor der Natter auf der Hut sein. Seh' Er nach, da der
Bengel seine Effekten noch in dieser Stunde aus dem Hause schaffe. Dann
laufe Er, und zeige Er auf der Brse an, da Nothhaft nicht mehr in
meinen Diensten steht. Lasse Er merken, da er mit Schimpf und Schande
aus dem Hause kmmt. Aber von der Gespenstergeschichte kein Wort. Sonst
bleibt's beim Quartalabschied. Unterdessen bedanke ich mich bei Ihm
schnstens.

Berndt eilte, vergngt ber seine gesicherte Existenz, den Befehlen
des Principals zu gengen. Der Senator wendete sich zu Justine: Dir,
mein Mdchen, danke ich in's Besondere. Dein Muth hat uns die Augen
geffnet. Der Bursche wute, mit wem er's zu thun hatte. Zu mir kam er
in der melancholischen Nacht, -- meiner leichtglubigen, schreckbaren
Frau erschien er am Mittage, -- wahrscheinlich, weil das Gespenst
am Abend nicht durch die verschlossene Thre dringen konnte. Auf
den Aberglauben der Dienstleute konnte er's bei Tage wie bei Nacht
wagen. Allein zu Justine kam er nicht. Er hat das Mdchen mit Recht
gefrchtet. Mir bleibt jetzo noch Einiges zu thun. Meine Gegenwart ist
im Hause entbehrlich. Ich war bei Erffnung der Schrnke. Man hat sich
berzeugt, da alle Siegel unverletzt geblieben. Ich will ausgehen,
Justine! meinen Hut, meinen braunen Rock mit der schmalen Stickerei.
Den Mantel, den Degen! Ich mu zum zweiten Brgermeister gehen. Der
Kerl von Nothhaft mu aus der Stadt, ehe die Sonne untergeht, ehe er
mir Stnkereien macht: ich frchte, der Bursche hat tausend Kniffe im
Kopfe. -- Ich werde auch dem Steuercommissr meinen Besuch machen.
Ich werde ihn ernstlich wegen des Geschwtzes seiner Frau bedrohen.
Beruhige dich, Jacobine! du sahst, da der Geist des Verstorbenen ein
Posse war. Du wirst einsehen, da die Commissrin in dem, was sie dir
auf dem Ritterhofe vertraute, eine Lge gesagt hat.

Das gebe Gott! entgegnete die Senatorin phlegmatisch und die Hnde
in dem Schoo faltend: ich reie mich nicht gerne aus meiner Ruhe, und
verlasse nicht mit Plaisir dieses Haus. Aber, wenn du in der That ein
so schlechter Mensch wrst, wie die Leute sagen....

Schweig! unterbrach sie der Senator finster, denn Justine kam
mit Rock, Mantel, Hut und Degen. Whrend Mssinger sich in den
Interimsstaat der Rathsherren warf, kam auch Georg Birsher hinzu. Ich
komme, Ihnen fr die Bewahrung meines Eigenthums zu danken, sagte
er zu dem Senator: welche Gerchte haben sich jedoch zu meinem Ohr
gefunden? Meines Vaters Geist soll sich gezeigt, und sich endlich, von
einer muthigen Amazone ergriffen, in einen Ladenschwengel verwandelt
haben?

Dummes Zeug! erwiderte der Senator verdrielich: das Domestikenvolk
hat doch tausend Zungen. Beruhigen sich Ew. Edeln. Es war ein
einfltiger Nebenbuhlerstreich.

So? versetzte Birsher lchelnd: die Bosheit scheiterte sicherlich
an Ihrem Ringe, beste Jungfer Braut. Die Wilden meines Vaterlandes
beschenken sich mit solchen Talismanen, und vielleicht ist dieser
Ring ein solcher. Erlauben Sie, Verehrteste, da ich Ihren Heldenmuth
und Ihre Treue mit diesem Diamantschmucke belohne, der freilich
schon Ihr Eigenthum ist. Die Rose von Edelsteinen, die ich ebenfalls
in dieses Kstchen gelegt habe, bitte ich, Ihrer Frau Mama, meiner
allerwerthesten Schwiegermutter, als ein drftiges Pfand meiner
Ergebenheit zuzustellen.

Er hielt dem Mdchen freundlich das geffnete Etui hin, aus welchem
ein Meer von Demantenglanz strahlte. Die Senatorin zwinkerte lstern
mit den Augen; Justine, ein weigerndes Compliment machend, las in dem
Gesichte des Vaters, dessen Sinnesnderung sie beunruhigte. Der Senator
bemerkte ihre Verlegenheit, und fuhr rasch und lebendig dazwischen:
angenommen meine Tochter! sagte er freundlich und dringend: alles
geht wieder im rechten Gleise! Die Stimmen aus der Unterwelt haben
gelogen, und im Uebrigen.... will ich schon fertig werden. Ew. Edeln
werden also mein Schwiegersohn!

Die Senatorin hatte sich der Diamanten bemchtigt, und bekrftigte des
Mannes Wort mit einem tiefen verbindlichen Knix. Der Amerikaner umarmte
den Senator, kte der Senatorin beide Hnde, der beruhigten Justine
beide Wangen und die Stirne.

Eine Bedingung indessen! fuhr der Senator zwischen beide Verliebte
tretend fort: ich trage an Sie, bester Sohn und Handelsfreund, eine
heilige Schuld ab, indem ich Ihnen meine Liebste gebe. Ich habe jedoch
meine Grnde, warum ich die Heirath fr's Erste ganz geheim gehalten,
und endlich in Blde und Stille gefeiert wissen will, damit nicht
ferner eine Albernheit dazwischen komme. Mein Buchhalter und -- hier
seufzte er -- Doctor Leupold schweigen wie beeidigte Mnner. Knall und
Fall! heute ber acht Tage die Copulation in Liebkirchen; und dann,
mein Brautpaar, zu Schiffe, und fort, in Gottes Namen! Jetzo aber Gott
befohlen!

Wenn Justine mein wird, sagte Georg, so bedarf ich keines Geprnges,
und so wenig ich mir's nehmen lassen werde, zu New-York mit einer
hbschen Frau gro zu thun, so wenig dringe ich hier -- in der fremden
Stadt -- auf diese Befriedigung meiner Eitelkeit. In vierzehn Tagen
ungefhr geht ein hollndisches Schiff, das auf dem Texel liegt, nach
Amerika unter Segel. Ich werde an van den Hcken schreiben, da er
dessen Cajte fr uns miethe. Bis dahin sind wir zu Amsterdam und
reisefertig. Nicht wahr, Justine?

Justine nickte stumm aber bewegt mit dem Kopfe. In der Senatorin
Gesicht zeigte sich sogar ein flchtiger Wehmuthsschatten des Gedankens
an Justinens Scheiden. Dem Senator gingen die Augen ber. Er drckte
Allen hastig die Hnde, und entfernte sich rasch, seinen Geschften
nachzugehen.

Das Herz wurde ihm leichter: er sah Nothhafts Koffer von den
Packknechten nach dem Gasthause schaffen. Sein Herz wurde ihm schwerer:
der Doctor begegnete ihm bald hierauf.

Nun, mein verehrter Herr? fragte der Jesuit zutraulich und forschend:
Ihr Gesicht trgt das Geprge eines reuigern Sinns? Gewi haben
Sie Ihren Entschlu gefat, und sind mit Ihrem Gewissen auf's Reine
gekommen.

Das bin ich, hochwrdiger Herr, sagte der Senator hierauf muthig, und
zu der Waffe des Doppelsinnes greifend: ich werde in Bezug auf meine
Tochter thun, was Recht ist.

Dafr segne Sie Gott und der Dank Ihres Kindes! erwiderte der Doctor
mit Salbung, und verlie den ungeduldig Fortschreitenden. Whrend
dieser zum Brgermeister wanderte, um bei demselben gegen Nothhaft zu
procediren, und hierauf den Steuercommissr aufsuchte, ihm zu sagen,
da dessen Weib sich unterstanden, gegen seine Ehefrau schndliche
Injurien und Calumnien ber ihn an den Tag zu legen, -- und dem
Commissr zu drohen, im Wiederholungsfalle seine geschrfte Klage vor
den Gerichten anzubringen, -- whrend dessen traf der Doctor Leupold
sehr zufrieden mit Superior und dem Schiffscapitn auf der Mailbahn
am Schwanenmarkte zusammen. Der Capitn war in seiner Uniform, der
Superior als Qucker gekleidet. Die Anhnger dieser Secte waren
dazumal selten zu schauen, und von dem Volke sehr geehrt, weil die
sonderbare Einfachheit des Aeueren Vieles von dem Innern hoffen lie.
Der Lakonismus dieser Leute, die Gewohnheit derselben, den Hut auf dem
Kopfe zu behalten, ihre schmucklose Kleidung und ihr schulmeisterlicher
Gang sagten dem Superior als Larve vorzglich zu, um darunter Tonsur
und Priesterschaft zu verbergen. So zufrieden der Doctor zu den Herren
trat, so unzufrieden waren diese gegenseitig, wie Leupold bemerkte.
Der Superior blickte sehr vornehm und niederschmetternd vor sich hin.
Der Capitn sah verdrlich aus, und ungeduldig mit dem Stocke in dem
Sand stochernd, rief er den nahenden Doctor an, sagend: Sehr recht,
mein wrdiger Herr, da Sie kommen. Der sehr geehrte Herr und Freund
zu meiner Seite hat mich auf's Korn genommen, und will mir den Spiegel
sammt Mast und Korb und Raaen mit _einer_ Ladung zerschmettern. Helfen
Sie mir auf. Bezeugen Sie, da ich der ehrlichste niederlndische
Schiffscapitn bin, der jemals die See befuhr. Ist es wahr, da ich
schmutzige Procente von meiner Fracht nehme? Ist es wahr, da ich
Seelen-Verkuferei und Negerspedition nebenbei betreibe, und somit
meine Fracht an Qualitt und Quantitt in Gefahr setze und schmlere?

Ich habe keine Beweise dafr, versetzte der Doctor: die
Correspondenten melden bisweilen dergleichen, mein guter Herr
Tormerpick, und wenn der sehr ehrwrdige Herr an Eurer Seite dasselbe
behauptet, so mu er wohl genauer unterrichtet sein!

Den Donner auch! sagte Tormerpick mit galligem Ausdruck: Es sollen
mich hunderttausend Tonnen voll Teufel regieren, wenn es wahr ist;
so wahr ich Jahn Tormerpick heie und mein Vater, der wackerste
Steuermann, von einem Hai gefressen wurde; Gott habe ihn selig. Wahr
ist's, da die Verlumdung am besten Rufe am eifrigsten nagt, und ich
will gar nicht lugnen, da darauf hin meiner Redlichkeit mancher
unpassende Antrag gemacht wurde. Wie ich ihn aber stets zurckgewiesen
habe? Bei allen Signalen: dort luft just einer, der mir gestern Abends
in der Schenke eine dito Erffnung machte!

Der Kapitn deutete auf Nothhaft, der in der Ferne quer ber die
Strae ging. Der Doctor lchelte, an seine Unterredung mit dem Menschen
gedenkend. Der Capitn nahm's fr ein unglubiges Lcheln, und
betheuerte seine Aussage mit einem seemnnischen Kraftworte.

Es waren ihrer zwei beisammen, sagte er ausfhrlicher: der Mensch
dort -- wie er mir sagte: ein Ladenschwengel aus einem vornehmen Hause
allhier; und ein Anderer, ein Hamburger Ellenreiter, der von seinem
Principal weggejagt worden sein mute, so abgerissen und liederlich
sah er aus. Die Burschen tranken Bier und schwatzten von Hamburg, von
dem Lotto, ... wei Gott! wovon? Endlich schlief der Hamburger, der
am Meisten geschrieen hatte, ein, und der Andere kam auf mich zu, und
erzhlte mir von einem jungen englischen Rindfleischesser, dessen
er gern gerathen mchte, wenn ich demselben eine Kommibrodpfarrei
zu Batavia verschaffen wollte. Nun wissen Sie wohl, meine geehrten
Herren, da man fr einen achtzehnjhrigen englischen Burschen,
der noch obendrein von guter Familie sein soll, einen ordentlichen
Batzen Handgeld bekmmt, und da mancher Capitn im Dienste unserer
hochmgenden Herren eingeschlagen haben wrde, -- wre es nur aus
Tck und Tort gegen die Hallunken von England, und weil sogar die
Transportkosten bezahlt werden sollten; -- aber Capitn Tormerpick hat
den Werber derb heimgeschickt, da er nicht mehr anfragen soll!

Armer James! dachte der Doctor bei sich, der nun den Zusammenhang
begriff; dann setzte er laut bei: ich mchte Euch wahrhaftig nicht
rathen, Capitn, in den Handel einzugehen. Ich kenne den bezeichneten
Jngling und prophezeie Euch schlechte Folgen, wenn Ihr Euch an
demselben vergreifen solltet.

Der Capitn machte ein sehr langes und albernes Gesicht; der Superior
setzte mit einem sehr finstern hinzu: Ueberhaupt, Capitn, gebe ich
Euch noch die Weisung in den Kauf, in Zukunft Eure Taxe, Zoll-Listen
und Spesen billig einzurichten. Die Gesellschaft mchte ansonst
leicht dazu bewogen werden, unter den hollndischen Capitnen einen
Stellvertreter fr Euch zu erwhlen. =Quod notandum!=

Tormerpick fhrte sich mit verschiedenen Gemeinpltzen und
oberflchlichen Bereitswilligkeits-Versicherungen ab. Der Superior
sandte ihm noch einige Anmerkungen nach, und sagte alsdann zu dem
Doctor: Pater Mnzner! ich bin nicht sehr mit Ihnen zufrieden. Sie
sehen dem Schiffs- und Speditoren-Volk nicht genugsam auf die Finger.
Sie schaden dadurch den Benefizdividenden unserer Gesellschaft; sind
auch zu nachsichtig gegen mangelhafte Zahler, sind auch zu freigebig
gegen Arme. Ihr Almosenbuch, das ich heute durchbltterte, strotzt von
Ausgaben aus Ihrer Cassa. Das geht nicht. Almosengeben mit billigem
Maa und Ziel ist ntzlich; es empfiehlt; es bindet. Die diesem Zwecke
entsprechende Quelle mu jedoch aus den Taschen christlicher Wohlthter
in den Sack der Armuth geleitet werden; nicht aus dem Vorrathe der
Gesellschaft, die nur verstattet, grere Summen herzuleihen, welche
doppelten und dreifachen Zins zu tragen versprechen. Ich glaube, wir
thun ohnehin schon genug an der Menschheit. Nebenbei, mein lieber
Pater, verschwenden Sie Ihre Freigebigkeit an Unwrdige. Was soll zum
Beispiel die namhafte Untersttzung bedeuten, die Sie einem Comdianten
zugewendet haben? In der That, -- wre mir Ihr reiner Sittenwandel
nicht bekannt, ich wrde vermuthen, der Comdiant sei im Besitze eines
hbschen Weibes.

Der Doctor, seinen Verdru bezwingend, erzhlte sein Zusammentreffen
mit Litzach. Der Superior beruhigte sich. Ein Zgling der
Gesellschaft? sagte er alsdann: das ist etwas Anderes. Das war ein
Ehrenpunkt. Was soll aber mit dem liederlichen Subjecte werden? Es
darf nicht faullenzen. Man mu ihm Beschftigung geben. War er ein
guter Akteur, so mu er in zwanzig Kleider passen. Ich werde darauf
denken. Nun aber ein Weiteres, mein Bruder und Freund im Herrn. Sie
sind einer groer Lauheit im Bekehrungsgeschfte angeklagt worden. Sie
wollen nur diejenigen, wie ich hre, in den Bund der Kirche aufnehmen,
an welchen Ihr Gemth einigen Antheil nimmt. Sie haben verschiedene
Bekehrungen der Lainez getadelt, stehen sich berhaupt mit der artigen
Wittib nicht zum Besten. Nehmen Sie sich in Acht. Die Lainez hat sich
bitter beschwert. Sie wissen, was die Person bei dem Provinzial gilt;
Sie stellen sich einer empfindlichen Demthigung blos. Der Lainez
darf Nichts geschehen; weder von Ihnen, noch von dem jungen White,
der sie quasi verchtlich behandelt. Es ist freilich, in Betreff des
Provinzials, gut, da der junge Mensch sie nicht _liebt_, allein
_hassen_ soll er sie eben so wenig. -- Kein Wort der Erwiderung, Pater
Mnzner. Wir sind vllig ber obige Punkte aufgeklrt worden, und es
sollte uns leid thun, Ihrer in unserem Berichte nach Rom ungnstig
erwhnen zu mssen. Den Provinzial ... =hunc tu amice caveto!= wie der
Heide sagt. =Satis= von obigem Gegenstande. Ein Weiteres. Wie steht es
mit dem Senator?

Wohl; versicherte der Doctor mit freierer Brust: Die projektirte
Heirath wird in sich selbst zerfallen. Ein seltsamer Gespensterglaube
hat sich in's Mittel geschlagen, um --

Gleichviel; schaltete der Superior ein: jedes Mittel taugt. Fr's
Erste, natrlicher Weise, lehrt die Klugheit, alle Umstnde so zufllig
als mglich zu combiniren; hilft aber der Alltagsgang zu nichts, dann
mgen spanische Fliegen angewendet werden. Ich habe der Lainez die
Instruction gegeben, in dem Hause des Senators alle Minen anzuznden,
um das sonderbare Gnschen von Tochter zu stimmen. Ich habe, im Namen
der Gesellschaft, eine wahre Passion auf ihr Vermgen.

Zu Ihrem Troste darf ich Ihnen also sagen, -- versetzte der Doctor,
ber des Vorgesetzten heihungrigen Geiz seufzend, da Justinens Vater
mir sein Wort gegeben, da der Amerikaner _nicht_ sein Schwiegersohn
werden soll.

=Quod sufficit.= Indessen geht die Zeit hin, und die Lainez wird schon
das Uebrige thun.

Whrend Beide nun hingingen, vllig berzeugt, der Senator folge ihren
Eingebungen unbedingt, fertigte dieser einen Brief nach Liebkirchen
an den Prediger ab, um die Hochzeit geheimnivoll vorzubereiten.
Nothhaft schien von der Erde verschwunden, und das Schweigen ber
die Heirathssache wurde vortrefflich bewahrt. Die Senatorin, welche
befrchtete, um der Geistergeschichte willen ausgelacht zu werden,
sah ihre Muhmen nicht bei sich. Die Mnner beobachteten das Geheimni
unverbrchlich. Justinens Zunge, -- sie konnte wohl sonst verschweigen
-- brach zuerst das Siegel. Mit der Lainez, die in dem Hause eingezogen
war, auf ihrem Zimmer arbeitend, und ber die Geisterhistorie lachend,
sagte sie im Uebermuthe ihrer neu erwachenden Zufriedenheit: Mit der
Entlarvung des Spucks kam Alles wieder in's Geleise, und diese Wsche,
an welcher wir arbeiten, meine Beste, ist mein Brautzeug. Ich werde
Herrn Birshers Frau. --

Die Lainez erschrak; fate sich, und erfuhr nach ein Paar
gleichgltigen Fragen auch das Nhere aus dem Munde der Braut.


Zweiter Abschnitt.

  Die Unglcksprophetin. -- Das Bild in der Kapsel. -- Gewitter
  im Brautstande. -- Der Magister. -- Morgenbesuch bei der Braut.
  -- Trauliche und bse Stunde. -- Angst des Senators. -- Er und
  seine bsen Engel. -- Das schreckliche Billet. -- Todesschrecken;
  bereiltes Versprechen; listige Hlfe. -- Seelenverkauf. -- Birsher
  und Nothhaft. -- Hiobsposten. -- Die Predigt mit Donner und Blitz.
  -- Schande und Arrest. -- Wundergleiche Rettung. -- Die Lainez
  erscheint. -- Der Thurm von St. Paul. -- Hoffnung durch den Freund.
  -- Der Balsamhndler. -- Zehn Uhr.

Das Leben im Hause des Senators hatte sich anders und besser gestaltet.
In den Familienvater war die Spannung und Kraft zurckgekehrt, die auf
_einen_ bestimmten Zweck hin arbeitete: auf das Glck seines Kindes,
auf seine eigene Beruhigung zugleich. -- Die Senatorin schien in die
ehemalige Lebensweise zurckgetreten; apathisch wie vordem, allein der
begonnenen Feindseligkeit gegen den Ehegatten entrathend. Justine war
zufrieden. Sie begriff, da Georg Birsher, wenn sie ihn auch nicht
mit jener Leidenschaft liebte, welche das Ziel jugendlichen Sehnens
ist, nicht ermangeln wrde, ihre billigen Ansprche auf eheliches
Glck zu erfllen, und da er geeignet sei, mit seinem besonnenen,
ruhigen und klaren Wesen Hand in Hand mit ihr, der starken, nicht an
Schwrmerei noch Idealen hngenden Jungfrau zu gehen. Ein Gedanke trug
noch Vieles zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit bei. Sie fhlte in
ihrem Innern, da sie sich als Opfer fr irgend eine Ungerechtigkeit,
die ihr Vater an dem alten Birsher begangen, hinzugeben habe; sie
fhlte, da der Senator mit Verlangen ihrer Verbindung entgegensah; er
hatte von einer heiligen Schuld gesprochen, und sie war stolz darauf,
die Zahlerin derselben zu sein. Die Besuche, die ihr Herr Georg Tag
fr Tag zweimal abstattete, machten sie immer mehr und mehr mit den
edeln Eigenschaften bekannt, deren sich sein Herz rhmen konnte, und
wenn gleich Schchternheit und Convenienz ihr verboten, dem Verlobten
die volle Achtung zu zeigen, die sein Benehmen ihr abzwang, so
entschdigte sie sich dafr in ihren Gesprchen mit der Lainez, die
gutmthig und freundlich dem Lobe zuhrte, das die Braut dem Brutigam
spendete, und ihr eine Theilnahme zeigte, welche die Mutter nicht
uerte, weil sie dieselbe nicht empfand. Unbemerkt nahmen indessen die
Unterredungen eine andere Wendung. Die Lainez, obgleich die Verbindung
mit dem Amerikaner hchlich billigend, stimmte allgemach das Lob des
ungebundenen fessellosen Lebens an.

Glauben Sie nicht, sagte sie einst, da Justine sich mibilligend
dagegen ausgesprochen hatte, da ich den mindesten Zweifel wider den
Beruf hege, den der gute Herr Birsher versprt, Ihr Mann zu werden.
Ich halte ihn fr einen rechtschaffenen Mann; fr denjenigen, der das
Glck zu schtzen wei, das ihm in Ihnen zu Theil wird. Aber, -- beste
Mademoiselle, -- erlauben Sie, da meine Erfahrung Sie nicht ungewarnt
lasse. Ich lebte in einer glcklichen Ehe, geliebt von einem jungen,
schnen, mit Rang und Ehre begabten Manne; ich wurde von ihm auf den
Hnden getragen; aber dennoch fhlte ich oft recht schmerzlich den
Verlust meiner Freiheit. Die Gattin, der Gewalt des Mannes unterworfen,
darf keinen Schritt mehr nach ihrem Kopfe thun; denn die Mnner haben
die Gesetze gemacht. Die Frau bleibt vor den Augen der Welt nichts
mehr und nichts weniger als eine ledige Zugabe des Gatten, der sie mit
seiner Ehre bekleidet; eine trgende Sonne, die ihre Strahlen von dem
Gestirne, woran sie geknpft ist, entlehnt, und untergehen mu, sobald
der Herrscherstern verlischt, oder ... was nicht selten geschieht,
-- eine abweichende Bahn zu beschreiben fr gut findet. Unvermhlt,
gibt Jugend und Schnheit uns einen Rang, auf welchen oft Frstinnen
neidisch herniedersehen; verheirathet, legen wir den Scepter der Reize
nieder, um die Sklavin eines -- wenn auch geliebten -- Herrn, unsrer
Wirthschaft, unserer Kinder, unsers Rufs zu werden, und in Dunkelheit
ein Leben zu enden, das oft so reizend, so vielversprechend begann.

Ei, gute Frau, welche Reden? sagte Justine verwundert und
empfindlich: Ihre Gedanken fliegen hoch. Ihre Prophezeihung soll aber
an mir zu Schanden werden. Halten Sie mich fr das schwache Geschpf,
das sich unterjochen lassen, oder Herrn Birsher fr den Mann, der
solche Erniedrigung begehren wrde? Wenn, -- verzeihen Sie mir, --
der Capitn Lainez, gewohnt, anderthalbhundert Menschen mit Sack und
Pack nach seinem Wort zu leiten, diese militrische Tyrannei in sein
Hauswesen bertrug, -- so machen's die Herren vom Degen nicht anders.
_Ich_ soll jedoch die Associe eines friedlichen Kaufmanns werden, die
Gefhrtin seines Glcks, nicht die Magd seiner Bequemlichkeit, und,
wenn die Wagschale einer gewissen Herrschaft auf _eine_ Seite schwanken
sollte, so mte es die _meinige_ sein; darauf gebe ich Ihnen mein
Wort.

Die Lainez lchelte, zuckte die Achseln. Wir werden ja sehen! sagte
sie einsylbig. -- Justinen gengte dieses nicht.

Sie sollen die Sache nicht unentschieden lassen, sagte sie lebhaft:
-- Sie mssen sich _mir_ gefangen geben, oder mich gefangen nehmen.
Mein Charakter ist leicht zu erkennen, zu ergrnden. Glauben Sie etwa,
er passe, trotz seiner Gewohnheit, Alles durchzusetzen, unter das Joch,
dessen Sie erwhnten? --

Frchten Sie sich vor einem hrtern, unertrglichern, entgegnete
Lainez hastig: Sie gehen mit der Unbefangenheit, -- ich mchte
sagen, -- Unbesonnenheit einer zuversichtlichen Jugend einem Bunde
entgegen, zu welchem, wie Sie es auch lugnen wollen, das Herz,
die Neigung, Sie nicht zieht. Sie werden blindlings die Frau eines
Mannes, der Ihnen nicht mifllt, den Sie aber auch nicht lieben.
Diese Leidenschaft bleibt jedoch nicht aus. Wehe Ihnen, wenn in Ihr
beschrnktes, einfrmiges Leben einst der Mann tritt, der Ihre Gefhle
mit Siegergewalt an sich reit; der es versteht, Sie, die Unbewachte,
zu bezwingen. Htten Sie auch die Obergewalt in Ihrem Hause errungen --
vor dem Fremdling mten Sie dieselbe niederlegen!

Justine sah, bis unter die Haare errthend, die Lainez starr und
verwundert an: verzog dann spttisch den Mund, und erwiderte: Sie
sprechen Dinge aus, woran meine Seele bis jetzt noch nicht gedacht.
Sollten auch diese zu Ihren Erfahrungen gehren? Sorgen Sie nicht fr
mich: die _Ehre_ ist der Harnisch, der mich gegen den Versucher wappnen
soll. --

Die Wittwe verstand sehr wohl die rauhe Antwort; sie erhob sich schnell
und gekrnkt von ihrem Stuhle, schob die Arbeit von sich, und trat an's
Fenster, Justinen stumm und beleidigt den Rcken kehrend.

Das Mdchen bemerkte, schnell bereuend, den Eindruck, den seine Worte
gemacht. Es nherte sich -- den Vorwurf fhlend, einen unglcklichen
Gast gekrnkt zu haben, -- der Franzsin. Zaudernd berlegte Justine,
wie sie wohl die Verletzte anzureden habe; -- da gewahrte sie, an dem
Stuhle der Lainez niederblickend, ein Papier, das der Aufstehenden
entfallen war. Sie hob es auf, trat zu der Wittwe, und sagte ihr
freundlichernst: Hegen Sie keinen Groll gegen mich. Ich bedenke nicht
lange, was ich sagen will. Es that mir aber leid, Ihnen so unsanft
geantwortet zu haben. Vergeben Sie, und nehmen Sie ihren Platz wieder,
wie dieses Papier, das Sie verloren.

Sie sind ein heftiges, liebes Kind, entgegnete die Lainez, und
wendete die Augen voll Thrnen der Reuigen zu: Wer wollte Ihnen
nicht vergeben? Sie umarmte dabei Justine, und drckte, zum ersten
Male, Ksse auf die Stirne, die Augen und den Mund des Mdchens, die
wie Flammen brannten, und Flammen auf Justinens Antlitz riefen. Dann
fuhr die Franzsin, ruhig werdend, zu der Errtheten fort: es ist
mglich, meine liebliche Freundin, da ich mich, von Besorgni fr
Ihr Wohl ergriffen, mancher Ausdrcke bedient habe, die Sie auf den
Argwohn fhren konnten: es sei mir darum zu thun, Ihren Geist, Ihr
Herz in Unruhe zu versetzen, und gewissermaen den Versucher selbst zu
spielen. Verbannen Sie dieses Mitrauen! Glauben Sie an meine harmlose
Zuneigung. Dieses Papier, das Sie mir reichen, das mir entfiel, fhrt
den Beweis fr mich. Es ruht seit vorgestern in meiner Tasche, und
ich zeigte es Ihnen nicht, um Ihre Ruhe zu erschttern. Jetzt aber,
da der Zufall es in Ihre Hnde gegeben, da ich nun wei, wie fest
Ihre Entschlsse stehen, mgen Sie es erffnen, und sich von meiner
Diskretion berzeugen.

Justine that neugierig und gespannt, wie ihr die Lainez hie. Bekannte
Schriftzge. Sie las dieselben. Ihre Hand zitterte, aber ihr Auge,
verrtherischer vielleicht, als ihre Hand, wich nicht von der Schrift,
bis sie zu Ende war. James, der aus Justinens Nhe verwiesene James
schrieb:

Wie auch immer Ihre Gesinnung, Madame, sich gegen mich entschieden,
-- ich sende Ihnen diese Zeilen: Saatkrner, die auf ein wirthliches
Feld fallen mgen, wenn Gott es will. Sie leben, wie ich hre, bei
_Ihr_! Sie wohnen in dem Paradiese, aus dem mich leichte Schuld und
eine allzustrenge Tugend verbannt hat! Sie athmen die Himmelsluft, und
ich erstickenden Nebel, der mein Glck mit dem Trauerflor eines ewigen
Scheidens bedeckt. Wollen Sie, die Reiche im Schoo der Seligkeit, dem
Armen in dem Gefhle der Verzweiflung einen khlenden Tropfen versagen,
da seine brennende Lippe sich labe? eine einzige Wohlthat, die Ihnen
nur ein Wort der Frsprache vor dem Throne der Gnade kostet? Madame,
Sie retten mich vom zeitlichen, wie vom ewigen Tode, wenn Sie mir mit
einer Sylbe sagen, da _Sie_ mir vergiebt!

Justine legte das Blatt auf den Tisch, zog ihr Schnupftuch hervor,
und ging schnell in das Cabinet. Nach einigen Augenblicken kehrte sie
wieder; sie hatte geweint, aber die Thrne getrocknet; ihre Wange
war bla, aber ihr Gang sicher. Sie sagte zu der Lainez: Nehmen Sie
diesen Brief wieder zu sich; und erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken,
da Sie hart und grausam handelten, indem Sie mir den Brief nicht
mittheilten. Was besorgten Sie fr mich? Meine Brust ist ruhig, vllig
ruhig; ich versichere es Ihnen. Aber das Gehirn des jungen Schwrmers,
der von seiner trgerischen Gelassenheit vllig Abschied genommen zu
haben scheint, ... welche Marter hat er vielleicht in den Paar Tagen
ausgestanden -- eine Antwort ersehnend, und keine erhaltend? Schreiben
Sie ihm, gewissenhafte Frau. Sagen Sie ihm, da ich vershnlich bin:
unter der Bedingung, da er vernnftig sei, und ferner rechtschaffen
handle. --

Sie sind ein Engel! erwiderte die Lainez mit vielem Aufwand von
Affekt: ich wagte nicht, hier Frsprecherin zu sein, und nun ... ja
wahrlich: mein Brief wird Balsam fr den Armen sein. Gut indessen, da
er, -- wie die Sachen abgeredet sind, -- nicht erfahren kann, da, und
wie bald schon Sie sich vermhlen. Welch ein Sturm auf seine heftigen
Gefhle! Vernimmt er die Nachricht, nachdem sich bereits Alles begeben,
wird er sie leichter tragen. Denn was einmal geschehen...

Ich verstehe Sie nicht, unterbrach sie Justine, die Augen starr auf
die Arbeit geheftet: Sie reden wieder in Rthseln.

Ei, Mademoiselle, versicherte die Lainez lustig: Ihr Scharfsinn
und Ihre Weiblichkeit wren mir ein Rthsel, wenn Sie nicht errathen
htten, da der junge Mann sterblich in Sie verliebt ist.

Madame Lainez!

Mademoiselle Mssinger! Sie werden abermals heftig und ungerecht. Ich
will lieber schweigen.

Was halten Sie von Monsieur White? fragte Justine, nach einer langen
Pause; Sie kennen ihn, glaube ich, genauer.

Wie Elias seine Versorger in der Wste. Er war mein Wohlthter; kam
und ging, je nachdem sein Pflegevater meiner Armuth gedachte.

Diesen Pflegevater, nahm Justine schnell das Wort auf: diesen
Pflegevater -- Sie kennen ihn?

Ich habe ihn nie gesehen.

Er war neulich ein Gast meines Vaters; der Doctor mit der groen
Percke war's.

So? htte ich das gewut! Und der edle Mann, der doch meinen Namen
hrte, verrieth sich gegen mich mit keine Sylbe....!

Das war sehr mnnlich und gut. Ich gbe jedoch etwas darum, knnte ich
von dem Doctor etwas Nheres erfahren.

Welche Theilnahme! Wenn Sie es wnschen, so soll Herr White uns morgen
schon die nchste Auskunft geben.

Welch' ein Gedanke! Monsieur White wre der Letzte, den ich zu diesem
Zwecke auffordern wrde.

Ihre Grnde?

Mein Geheimni.

Ich bescheide mich. Wenn Sie jedoch an der Bereitwilligkeit des jungen
Herrn zweifeln sollten, so brge ich Ihnen, diesem Brief zufolge,
dafr. Aus diesen Zeilen spricht viel Hingebung. Ich bin berzeugt --
Ihnen zu Gefallen -- wrde er sich den Pfeilen einer amerikanischen
Horde mit so vielem Muthe aussetzen, als der heilige Sebastian es that,
um den Himmel zu gewinnen.

Welch' ein Gleichni! Madame: Ihre Scherze sind stumpfe Pfeile.

Eine Braut findet Alles langweilig. Uebrigens, meine gute Dame,
werde ich wohl meinen armen Sebastian und die wunderschne verlassene
Pulcheria nimmer zu sehen bekommen? Finden Sie Geschmack daran, meine
Bilder zu behalten?

Warum nicht gar? versetzte Justine ein bischen verlegen: ich mu
gestehen, da ich das Medaillon gnzlich vergessen habe.

Geben Sie es mir zurck.

Justine suchte verlegen in den Taschen. Ich habe den Schlssel zu
meinem Schranke verlegt. Ich werde ihn holen.

Die Lainez lchelte. Recht, meine Liebe, sagte sie: bringen Sie
nur zugleich das Bild mit. Ich will Ihnen sagen, wo es sich befindet.
Sie haben es zwischen Myrthen aufgestellt, und ihm ein liebliches
Tempelchen hergerichtet; traulich, ungestrt, denn Mama und Papa lieben
die Blumen nicht sonderlich, und der Wrterin dieser Sommertchter ist
es unverwehrt, dort im sichern Versteck ihren stillen Gottesdienst zu
halten.

Abscheulich! rief Justine: bin ich eine Gtzendienerin? Auf der
Stelle sollen Sie das Bild haben, das ich in der That an jenem
Platze vergessen habe. -- Sie eilte rasch davon, und brachte, etwas
verdrielich und gereizt das Medaillon.

Hier, Madame, haben Sie Ihr Pfand zurck.

Die Lainez nahm es gleichmthig, und ging damit zu einem Kstchen,
das ihre Papiere, und einige aus dem Sturme ihrer Verhltnisse
gerettete Angedenken einer bessern Zeit enthielt, und ffnete es.
Whrend sie ein Futteral hervorholte, in welches sie das Medaillon
verschlo, und dasselbe in die Chatouille niederlegte, sagte sie
scherzend: Es ist gleichwohl besser gewesen, da dieses Bild unter
jenen Myrthenstruchern und nicht an Ihrem Busen vergessen wurde,
Mademoiselle.

Wie so?

Hm! es soll eine Eigenschaft besitzen, die...

Und welche?

Die alle diejenigen, welche das Bild tragen, zwingt, katholisch zu
werden, oder es zu bleiben.

Welche Posse!

In der Kapsel liegt eine Reliquie des heiligen Kreuzes. Diese mag das
Wunder wohl bewerkstelligen. Aber die Wirkung soll unlugbar sein.
Darum wird es, setzte die Lainez ernsthafter hinzu, besser sein,
wenn ich das Zauberbild nicht mehr am Halse trage. Es mchte sonst aus
meiner Bekehrung zu Liebkirchen nichts werden.

Sie sprechen etwas leichtfertig von der Wohlthat, wozu ich Ihnen
verhelfen will, meine Schutzbefohlene. Um Sie von dem Aberglauben,
wovon Sie sprachen, zu heilen, wollte ich wohl dieses Bild auf meiner
Brust tragen, so lange Sie es begehren, ohne von dem thrichten
Schwindel ergriffen zu werden, dessen Sie erwhnten.

Es kme auf die Probe an, sagte die Lainez leichtsinnig: hier ist
das Bild; sie nahm es aus dem Kstchen: sammt der geweihten Kapsel.
Getrauen Sie sich, das bermthige Wort zu bewhren?

Geben Sie her! erwiderte Justine eben so leichtsinnig und trotzig:
ich verspreche Ihnen sogar, nicht einmal die Kapsel zu ffnen, und
die Wunderkraft der Reliquie, wie die Neugierde zumal zu besiegen: ein
doppelter Triumph, der Sie von meiner Ausdauer berzeugen soll!

Recht so, meine kleine Heldin! rief die Lainez, und hing dem Mdchen
das Bild um den Hals. So reizend sich nun wohl dieses rabenschwarze
Sammetband auf dem prachtvollen Nacken ausnimmt, setzte die
Schmeichlerin scherzend hinzu, so wollen wir das Medaillon sammt Band
doch sorgfltig unter dem Schleiertuche des Mieders verstecken. Mama
knnte neugierig und ungehalten werden -- erfhre Sie den Scherz!

Justine gab ihr Recht und lie die Wittwe gewhren. Der bald darauf
eintretende Brutigam unterbrach das fernere Gesprch ber obigen
Gegenstand.

Die Lainez, um die Unterhaltung der Brautleute nicht zu stren, ging
aus, und nach und nach versammelten sich der Senator und seine Frau in
Justinens Stube. Die Mama belobte die feine Arbeit der Franzsin, die
Geschicklichkeit, mit welcher dieselbe die Spitzengarnitur angebracht;
der Vater pries die stille Anspruchslosigkeit der neuen Hausgenossin;
Georg schttelte jedoch den Kopf und sagte: Die Unglckliche,
Heimatlose verdient mein Mitleid und meine Achtung. Mir ist es jedoch
angenehmer, da sie nach Berlin zieht, whrend ich und Justine nach
Amerika ziehn. Franzsische Nachbarschaft thut weder der Deutschen noch
dem Englnder in die Lnge gut. Mich freut es indessen, bei dieser
Gelegenheit die Herzensgte meiner tugendsamen Braut kennen gelernt
zu haben. Wer sich so freundlich einer Fremden, Hlfsbedrftigen
anzuschlieen versteht, wird den Verwandten nimmer fremd werden, den
Gatten stets lieben, die Kinder stets sorglich pflegen. Ich billige es
auch sehr, da Sie, Herr und Frau Senatorin, diesem Hang zum Wohlthun
keinen Zwang entgegensetzten.

Sie ist das einz'ge Kind; sagte der Senator lchelnd.

Sie thut immer, was sie will; fgte Jacobine langweilig hinzu: wir
sind es schon an ihr gewhnt, und es wre nicht mit ihr auszukommen
gewesen, htten wir nicht die Landstreicherin, von der Niemand das
Geringste wei, im Hause geduldet. Freilich hat die Syndikussin sie
empfohlen, wie das Tchterchen sagt; aber ihr Kpfchen hatte der
Empfehlung nicht bedurft.

Die Senatorin schwieg, von der langen Rede erschpft, und alle
schwiegen mit ihr. Justine grollte ber die ihr zugefgte Beschmung;
der Senator ber die geringe Lebensart seiner Frau; Georg berlegte,
und sinnend ruhte sein Auge auf Justinen.

Sind Sie so herrschschtig? fragte er pltzlich, und legte seine Hand
auf Justinens arbeitende Rechte: spricht Ihre Mutter wahr?

Monsieur.... stammelte Justine, nach einer Antwort suchend.

O gewi, fuhr Georg offenherzig fort: gewi scherzte Ihre Mutter
nur. In diesen Augen, in diesem Gesicht, das nur Ruhe und Festigkeit
ausdrckt, suche ich vergebens nach Trotz und Eigensinn. Nachgiebigkeit
und Sanftmuth schmcken ja die Frau. Durch diese Eigenschaften regiert
sie den Mann, und erhlt ihre Reize.

Sie predigen frhzeitig, mein Herr! versetzte Justine, ihn scharf von
der Seite anblickend.

Man verstndigt sich nie frh genug; sagte er hierauf ohne
Heftigkeit: es ist besser, sich zuvor zu kennen. Unser Brautstand ist
kurz: wir knnen _ihm_ nicht vertrauen. Wir sind riskirende Kaufleute,
schlieen einen Handel auf Treu und Glauben, ohne Assekuranz. Sein Sie
daher offenherzig, wie ich, meine Liebe. Despotismus in der Ehe werde
ich nicht tragen, der Launen Knecht nicht sein. Ich biete _Ihnen_ keine
Eisenketten. Wollen Sie _mich_ damit binden? Sagen Sie mir's, damit wir
Beide unser Glck und unsere Freiheit retten.

Sie fhren seltsame Discurse, worauf ich nicht antworten kann;
antwortete Justine sehr spitzig, erhob sich und verlie mit ihrer
Arbeit das Zimmer.

Georg sah die Zurckbleibenden verdstert und fragend an. Die Eltern
schlugen beschmt die Augen nieder. Sehen Sie, mein Werthester,
begann der Senator sich ruspernd: das Frauenzimmer ist hier zu Lande
der Galanterien, die von den Wlschen kommen, mehr gewhnt, als der
amerikanischen Freimthigkeit. Ich mchte Ew. Edeln nicht das Consilium
geben, auf dem durchgreifenden Tone zu beharren, sintemalen das Kind
noch in der Welt so fremd und unerfahren...

Ich merke wohl, wo es hier fehlt; sagte Birsher lchelnd: es thut
jedoch nichts, wenn nur das Herz gesund und gutgeartet ist. Sie
wird sich an meiner Fassung, an meiner Aufrichtigkeit ein Beispiel
nehmen, und alsdann die Hrten mildern, die ihr noch aus der frheren
Jugend ankleben. Knnte ich das Gegentheil voraussehen, so wrde ich
es, so weh mir es thte, vorziehen, Ihnen, Herr Senator, Ihr Wort
zurckzugeben.

Der Senator erschrak: Ew. Edeln scherzen wohl; sagte er, von dem
Gewissen angeregt.

J nu; entgegnete Georg lchelnd: wer wei, ob Justine mir das
Meinige nicht zurckzugeben gedenkt. Das arme Kind ging sehr bse von
hier, und scheint eine hartnckige Feindin zu sein, wenn sie den Krieg
erklrte.

Der Senator war verlegen. Die Senatorin versetzte jedoch sehr ruhig
und treffend: Sorgen Sie nicht, geehrter Herr Schwiegersohn. Justine
ging nicht, ohne das Brautmieder, woran sie arbeitet, mit sich zu
nehmen. Mit diesem beschftigt, ist's den Mdchen mit dem Groll nicht
Ernst.

Sie beruhigen mich, geehrteste Frau, entgegnete Birsher: ich hoffe
wieder, will aber, da ich das Scharwenzeln um die Jungfern nicht leiden
kann, auf morgen die Vershnung verschieben.

Ein Weibel des Raths erschien, und berbrachte dem Senator die Weisung,
am folgenden Tage Punkt neun Uhr auf dem Rathhause zu erscheinen.

Ist denn morgen eine auerordentliche Sitzung? fragte Mssinger
verwundert; warum eine Stunde frher, als sonst?

Der wohlehrsame und weise Herr Senator sollen zuvor vor Sr.
Magnificenz dem amtirenden Herr Brgermeister privatim vernommen
werden, lautete die Antwort des abgehenden Rathsboten. Der Senator
schwieg sinnend und staunend; die Senatorin wurde bald bleich, bald
roth, und sah ihren Mann scheu von der Seite an. Georg sah sich hier
berflssig, und empfahl sich, nicht minder gedankenvoll.

Er begab sich nach seinem Gasthofe zurck. Die Reden der Senatorin,
das Betragen der Braut hatten auf den geraden Mann einen gefhrlichen
Eindruck gemacht. Das Ideal huslicher Glckseligkeit, das er sich
in einsamen Stunden entworfen, das er an Justinens Seite zu finden
gehofft, schien ihm pltzlich eben nur Ideal zu sein und zu bleiben.
So manche schielende Bemerkung, die er aus dem Munde der Gastwirthin
ber Justine sowohl, als das Hauswesen des Senators berhaupt vernommen
und bis jetzt berhrt, gewann mit einem Male Gewicht und Bedeutung.
Ein schmeichelnder Traum, der seine Sinne und sein Urtheil umzogen,
fiel stckweis vor ihm, der zu erwachen vermeinte, zusammen. In groen
Mimuth versunken, betrat er sein Zimmer, und suchte an seinem Fenster,
das die Aussicht auf die vom Abendstrahl beleuchtete unferne Mailbahn
mit ihren Spaziergngern gewhrte, Unterhaltung, Zerstreuung. Ein
leises Klopfen an der Thre erregte seine Aufmerksamkeit, zog sie von
der Aussicht ab. Auf sein Herein! kam demthig grend und gebckt,
ein ltlicher Mann mit kummervollen Zgen, in schwarzen Kleidern, mit
einem schchternen: Guten Abend, mein Herr! in das Zimmer.

Georg hatte nicht so bald den unbekannten Besuch mit dem Blicke
gemessen, als er auch in ihm einen jener reducirten Schullehrer oder
grau gewordenen vacirenden Candidaten zu sehen glaubte, die dazumal
hufig von Stadt zu Stadt wanderten, ein rmlich Stck Brod suchten,
und sowohl auf den Kanzleien, bei Pfarrern und Gutsbesitzern, als auch
in Gasthusern bei wohlhabenden Fremden ein Viaticum zu erbetteln
pflegten. Der Amerikaner, dem hnliche Figuren bereits in Deutschland
vorgekommen waren, griff mitleidig in die Westentasche. Der Fremde
verstand diese Geberde, und eine versagende Bewegung seines Kopfes
und seiner Hand verrieth dem Freigebigen, da es hier auf seine
Geldwohlthat nicht abgesehen sei. Er lie daher die milde Hand sinken,
und fragte artig und zuvorkommend, was denn wohl zu den Diensten des
Schwarzgekleideten stehe. Der Mann richtete sich besser empor, trat
nher, und fragte mit einer sehr weichen Stimme entgegen, ob er die
Ehre habe, mit Herrn Georg Birsher von New-York zu sprechen.

Ich bin's, Herr. Ihr Anliegen?...

Ist lediglich ein Anliegen, das sich an Ihre Gromuth richtet. Ich
frage nicht nach Ihrem Gelde, mein Herr; ich erkundige mich nur nach
Ihrem Herzen.

Birsher staunte, und wies dem Fremden einen Sessel. Der Mann setzte
sich und fuhr fort: Man hat Sie als einen wackern, streng rechtlichen
Herrn geschildert, der wenig Worte zu machen, aber desto mehr zu
handeln pflegt. Da habe ich den Muth gefat, Sie auf die Probe zu
stellen.

Sonderbar! wie so?

Ich befand mich gestern zu Liebkirchen; wohne eigentlich zu Faldern,
und habe den Herrn Pfarrer und Inspektor in ersterem Orte besucht. Se.
Ehrwrden, die gerne lustig und guter Dinge sind, und einen frohen
Schmaus so sehr liebend, als es sich mit Ihrer Wrde vertrgt, sagten
zu mir: Magister, wenn Sie sich =bene= thun wollen, -- so kommen Sie
nchsten Dienstag. Es giebt hier eine Copulation, die sich fideliter
endigen wird. Der Brutigam ist reich, der Brautvater nicht minder, und
lustig obendrein. Ein splendides Carmen von Ihrer Hand wrde seinen
Zweck nicht verfehlen, und Ihnen silberne Frchte und Wein und Kuchen
nach Herzenslust eintragen. -- Sie wissen vielleicht, mein Herr, da
wir stellenlose Magister unser Zeitliches sauer und schmal zu verdienen
haben, und daher Hochzeiter und Kindtaufen nachziehen, wo sich solche
auch begeben. Ich freute mich daher und fragte nach den Namen des
verehrtesten Brautpaars, damit ich solche in dem Epithalam gebhrender
Weise einflieen lassen mchte. Da nannte mir der ehrwrdige Herr
Inspektor die Namen: Herr Georg Birsher, Kauf-und Handelsmann aus
New-York, und die tugendbelobte Jungfer Justine Mssingerin, des
Kaufherrn und Senators eheliche Tochter allhier. Ich stutzte zwar,
verbarg jedoch dem Herrn Pfarrer mein Erstaunen, habe mich indessen
eiligst auf den Weg gemacht, um, Verehrtester, aus Ihrem Munde zu
hren, ob sich wirklich die Sache also verhalte. --

Der Herr Pfarrer, auch Inspektor, ist ein Schwtzer; Herr Magister.
Er sollte nicht plaudern. Da Sie jedoch einmal unterrichtet sind, so
mag ich's nicht lugnen, unter der Bedingung, da Sie verschwiegener
sind, und ein recht frhliches Hochzeitlied liefern. Sie sollen dann
zufrieden sein.

Zufrieden? sagte der Magister, indem er seufzend und mit gefurchter
Stirne aufstand: wie kann ich lcheln, da ich traurig bin? heit es in
irgend einem Psalm. Zu _dieser_ Copulation kann ich kein Hochzeitcarmen
fertigen. --

So? Und warum nicht, wenn's beliebt?

Ich will lieber ein Leichengedicht machen, und einen Sarg bestellen.
--

Herr! Sie sind ohne Zweifel im Kopfe nicht gesund.

Doch; doch, Verehrtester. Allein ein Mensch, der mir nahe angehrt,
steht am Rande des Wahnsinns, am Rande des Grabes; und er taumelt
hinein, sobald der Inspektor zu Ihrer Trauung luten lt. --

Dem Brutigam wurde immer unheimlicher zu Muthe. Er starrte den
seltsamen Magister an, rieb sich die Hnde, -- fate sich nun
gewaltsam, und versetzte: erklren Sie sich, Herr. Ich bin kein Kind,
sondern ein Mann, mit dem sich das ernsteste Wort deutlich und ohne
Umschweif reden lt. Von welchem Menschen sprechen Sie, und welchen
Bezug hat meine Ehe auf denselben?

So hren Sie. Mein ehemaliger Zgling, der junge hoffnungsvolle Mann,
ein Englnder von Geburt, -- ein Baronet -- unglcklich, aber brav --
liebt -- liebt Dero Jungfer Braut.

So? das thut mir leid um meines Landsmanns willen. Er lasse sich
indessen die Thorheit vergehen. Wo nicht Ansprche sind, gilt die
einseitige Leidenschaft nichts.

Keine Ansprche? Ach, er hat die gltigsten; denn Jungfer Justine hat
ihm ihr Herz geschenkt. --

Herr! fuhr Georg auf.

Er war ihr Lehrer; Amor mischte sich in's Spiel. Ein Verstndni
erwuchs. Der Vater schlug es nieder. Daher ohne Zweifel das Geheimni,
worein er diese Hochzeit verschleiern will. --

Wahrlich; ich besinne mich, von einem jungen Englnder gehrt zu
haben -- aber -- Justinens Unbefangenheit....

Ihre Neigung unterwarf sich dem strengen Willen des Herrn Senators. Es
ist aber nur Asche ber die Glut gedeckt. In der letzten Zusammenkunft
der jungen Leute...

Zusammenknfte? Schne Entdeckungen!

Sollte Abschied genommen werden; aber Jungfer Justine wollte nichts
davon wissen. Sie ermuthigte meinen James, ihr binnen einer gewissen
Zeit nach Amerika zu folgen.

Wahrhaftig?

Dieser Vorschlag war der eines heftigen unbesonnenen Mdchens. Mein
Zgling verwarf ihn. Glaubst du, sagte er, da ich einen Landsmann,
einen wackern Herrn, wie Herr Birsher ist, hintergehen mchte? --
Lieber sterbe ich, hier zurckbleibend, vor Gram. --

Sieh doch! Der Landsmann hat mehr Ehrgefhl, als die Jungfer Braut.

Die Jungfer bereute auch alsbald, und weinte, und letzte sich mit
dem Freunde. Ich wute von Allem nichts. Der Jngling hatte mir Alles
verschwiegen. Seine Liebe hatte ich jedoch gemerkt. Darum kam ich zur
Stadt, zu erfahren, ob er wohl wisse, was sich zu Liebkirchen begeben
sollte. Da gestand er mir Alles, und weinte und verzweifelte, und ich
frchte: er thut sich ein Leides. --

Nein, nein! das soll der Landsmann nicht. Was wollten Sie aber
eigentlich bei mir?

Ich komme ohne Vorwissen meines James. Ich wollte Ihnen Alles
entdecken, und Ihre Gromuth fragen, ob sie es ber sich gewinnen kann,
zwei Menschen unglcklich zu machen, die sich lieben? ein kaltes Herz
an sich zu binden?

Wahrlich! das will und werde ich nicht. Eine heuchelnde Gattin, die
sich nach einem fernen Freunde sehnt? Nimmermehr. Einen Nebenbuhler der
sich eine Kugel vor den Kopf schiet, und meine Frau zur Grube welken
macht? Gott behte mich vor solchem Verdru und Jammer! --

Gott lohne Ihnen diesen Entschlu! -- rief der Magister gefhlvoll,
und fhrte ihn an das Fenster: sehen Sie auf jener Bank den blassen
jungen Mann, der tiefsinnig vor sich nieder sieht? Er ahnt nicht,
da hier von ihm geredet wird, aber das tiefe Weh, das seine Brust
empfindet, lt ihn auch Alles um ihn her vergessen. Das ist James.
Ueber sein Leben haben Sie nun zu entscheiden. --

Ein ansprechendes Gesicht! versetzte Georg, mitleidig
herniederblickend: wenn ich nun aber Ihrer Zuversicht auf meine
Rechtlichkeit entspreche, und dem Glck, das ich getrumt, entsage?
was wird es dem jungen Unbemittelten ntzen? der Senator wird nicht zu
bewegen sein.

Was wre der ausdauernden Liebe unmglich? fragte der Magister: sie
bndigt Lwenbrut; warum nicht ein zur glcklichen Stunde berraschtes
Vaterherz?

Ei, Herr Magister! Sie scheinen die Liebe studirt zu haben! sagte
Georg Birsher gedankenvoll lchelnd: Ihre Beredsamkeit berzeugt
jedoch den soliden Geschftsmann nicht. Wo ist die Caution fr Ihre
Aussage? Sie sind der Magister..

Liebhold aus Faldern.

Ganz recht. Ihr Zgling ist in meine Braut verliebt. Woher der
Beweis, da ihn meine Braut wieder liebt? Frage ich gerade und offen
wie ein Mann, so errthet sie wohl, und lugnet nachher, des Vaters
Zorn frchtend, in den sie sich gehorsam gefgt. Der Vater wird mir,
rede ich mit ihm, die Sache als eine jugendliche Thorheit schildern,
und ich fhre mitrauisch, aber dennoch beim Wort gehalten, einen
trgerischen Handel aus. Von der andern Seite _kann_ aber Alles nur
Trug sein. Man hat schon eine gewisse Comdie auf meine und eines
Verstorbenen Rechnung versucht. Wer wei, ob Sie, Herr Magister, nicht
ein Fuchs sind, der mich irre leiten soll? der Urheber eines neuen
Possenspiels, mir Lust und Neigung zur Ehre zu rauben?

Der Magister bckte sich ergebenst. -- Ich habe wie ein Mensch zum
Menschen gesprochen, sagte er mit dem Ausdruck tiefer Resignation: --
mein Stand erlaubt mir nicht, ffentlich als Ehestrer aufzutreten.
Ich htte die Rache des Senators zu frchten, und bin ein alter Mann,
der den Rest seiner Jahre in Frieden zuzubringen wnscht. Meine Worte
sind Ihnen vielleicht verdchtig. Ein gltigerer Zeuge ist wohl das
Bildni des Geliebten, das Jungfer Justine behielt, das sie, wie mir
James vertraut, noch auf ihrer Brust trgt, das sie geschworen hat,
auch ferner zu tragen, so oft...

Es wurde dem Amerikaner hei vor der Stirne. Er sprang auf, unterbrach
den Redner heftig. Sein Bildni! rief er: Gott verzeihe mir die
Snde! bald wre mir ein unbescheidenes Wort entschlpft! O ja, Herr
Magister! das ist ein unverwerflicher Zeuge; ich werde ihn an's Licht
ziehen! ich werde sehen ... und ... finde ich's so, wie ich jetzo
beinahe frchte ... Sie sollen von mir hren. Gehen Sie aber jetzo,
mein Herr, denn ich bin etwas aus dem Gleichmuth getreten, der zu einer
comfortablen Conversation gehrt. Auf Wiedersehen ... wann und wo Sie
wollen!

Er schob, ohne viele Umstnde zu machen, den komplimentirenden Magister
zur Thre hinaus, und verriegelte diese hinter ihm. Ein stummer, aber
heftig grollender Sturm bewegte seine sonst so ruhige Brust, und er
mute, zum Erstenmale in seinem Leben, sich bittere Gewalt anthun, um
den Sturm zu beschwren. Er sah an diesem Abende keinen Menschen mehr,
und suchte vergebens den wohlthtigen Schlaf. Der Morgen fand ihn
jedoch wieder gelassener. Er machte sich Vorwrfe, seine Ruhe vergessen
zu haben. Eine stille ahnungsvolle Wehmuth stellte sich bei ihm ein,
whrend sein der Ungewiheit und dem Zgern feindlicher Charakter ihn
ermahnte, den qulenden Verdacht, den marternden Zweifel, gegen baare
unverflschte Mnze umzusetzen. Er warf sich in die Kleider, er verlie
das Haus, er suchte des Senators Wohnung auf, zu einer Zeit, die fr
einen Besuch nicht die gewhnlichste war, denn die Glocke auf dem
Rathhause hatte kaum halb zehn Uhr geviertelt.

Er fand Justine allein, in einem reizenden Hausgewande. Die Braut,
errthend vor der unerwarteten Ueberraschung, hatte kaum die Zeit,
einen Blick in den Spiegel und ein seidenes Flortuch um den Busen
zu werfen, der noch von keiner Schnrbrust beengt war. Ihre Locken
fielen natrlich, unfrisirt um das Haupt. Das anliegende Gewand,
gnstiger als die steife Visitenrobe, zeigte die schnsten Formen.
Die Flor-Enveloppe verhllte nur schwach die schnen Arme, und schner
als je malte die Wange der Verlobten die Zufriedenheit, sich ohne
knstlichen Schmuck, dem schmeichelarmen Spiegel gegenber, schn zu
wissen. Birshers Herz klopfte unruhig und sehnsuchtsvoll bei ihrem
Anblicke; er hatte seine Vorstze durcheinander geworfen. Streng wollte
er sein und kalt, und wurde milder und wrmer als je. Justinens Gesicht
sprach Sieg, aber auch zugleich die zarte Hoffnung, die Sanftmuth
einer milden Siegerin. Justine htte dem frhen waglichen Besucher
gezrnt, wre sie sich nicht des gestrigen Unrechts bewut gewesen.
Sein wehmuthsvolles Antlitz, nur leicht von Rosenschimmer berstrahlt,
schien ihr die Leiden zu bekennen, die ihre Hrte in ihm erzeugt. Sein
frhes hastiges Erscheinen schmeichelte ihrem eiteln Stolze. So empfing
sie ihn doppelt zauberisch; triumphirend und beschmt; vergebend
und reuig; hoffrtig, also geliebt zu sein, und geneigt, liebend zu
umfangen. Verlegen antwortete ihr Mund den verlegenen Entschuldigungen
des Brutigams. Sie schien seinen Muth tadeln zu wollen, und bekannte
fast, da er ein Recht dazu habe. Noch nie hatte sie den Gedanken an
das innigere Verhltni von Verlobten so lebhaft aufgefat. Noch nie
war ihr dieser Vorhimmel das glckliche Mittelding zwischen Fremd- und
zu Bekanntsein, klar geworden; und indem ihre Lippe lchelnd zrnte,
verlobte sich erst und wurde erst brutlich ihr Herz. Birsher hing,
wohlthuend erregt, an ihren Augen, die lebendiger glnzten als die
Diamanten des Brautschmucks, der vor ihr auf dem Tische stand; in
dessen Beschauung der Brutigam die Braut gestrt hatte.

Ich hatte nicht gehofft, Sie mit diesem Gegenstande beschftigt zu
finden, sagte der junge Mann leichter athmend: Sie uerten gestern
unverdienten Groll gegen mich.

Sind Sie berzeugt, da er unverdient gewesen, -- erwiderte Justine
gefllig, und nherer Erluterung feind, -- so war er von meiner Seite
ungerecht. Trauen Sie _mir_ zu, da ich es eingesehen, und sind Sie nun
zufriedener?

Birsher kte entzckt ihre Fingerspitzen, und in den Hintergrund
seiner Erinnerung waren Argwohn und Vorsatz zurckgetreten. Dieser
Empfang brgt mir fr mein knftig Glck, sagte er freudig: so zarte
Vershnung macht lstern nach der veranlassenden Zwietracht. Hoffen
auch Sie, beste Jungfer, mit mir glcklich zu werden?

Ich hoffe es, antwortete Justine freundlich, und reichte ihm
ungeziert die weiche Hand: nun aber keine Zweifelsfrage mehr. Ich
glaube, da vernnftige Leute sich in den Vortagen ihrer Ehe anders
zu benehmen haben, als die Amanten in den Romanen gewhnlich zu thun
pflegen. Das Schferleben und das Seufzen der Doris, und Corydons
Klagen sind mir nicht angenehm, und Ihnen ebenfalls nicht sehr, mein
werther Monsieur. Wir wollen uns demnach fein gescheit benehmen,
und den Anstand wahren. Erlauben Sie daher, da ich Sie ersuche,
einstweilen die Bilder an den Wnden zu betrachten, bis ich Ihnen in
geschickterer Kleidung aufzuwarten die Ehre haben werde. --

Die Listige wollte wie ein glatter Aal entschlpfen. Birsher hielt sie
sanft auf. Neidische Braut! sagte er: Sie wollen mir den schnsten
Anblick rauben, dessen sich meine Augen jemals rhmen konnten? Thun
Sie es nicht. Ich bin kein langweilig girrender Corydon und suchte
nicht eine seufzende Doris, aber ich liebe das Ungezwungene trotz
den Schfern Arkadiens. Der steife Haarputz, die umfangreichen
Damastkleider, die martervollen Corsetts, welche Ihnen die Mode
aufzwingt, sind eben so viele Beleidigungen der Natur, die Ihnen ihre
schnsten und seltensten Gaben nicht verweigert hat. Gewhren Sie daher
Ihrem treuesten Freunde ein ferneres trauliches Beisammensein mit
Ihnen, der Ungeschmckten, aber desto Reizendern!

Das schickt sich nicht! hie die Antwort der Widerstrebenden. Birsher
lie ihre Hand nicht los, und bat: So lassen Sie mich wenigstens die
erste Hand an Ihren Schmuck legen. Vergnnen Sie, da ich Sie ersuche,
heute mir zu Liebe diese Halskette, gleichsam zur Probe zu tragen.
Erlauben Sie, da ich selbst diesen schnen Nacken damit schmcken
darf?

Ei, welche Zumuthung! versetzte Justine, und wickelte sich schamhaft
in die Enveloppe. Birsher drang noch mehr auf die Erfllung seiner
Bitte, und der gesetzte Mann bat diesmal so sanft, so dringend, so
freundlich, da es dem Mdchen vorkam, als msse es dem liebenden
Freunde nachgeben. Sittsam die Enveloppe um einen Zoll vom Kinn sinken
lassend, neigte sie das Kpfchen, schlo errthend die Augen, und
lispelte: Sie sind ein arger Schalk, werther Herr! indessen, damit Sie
mir nicht bse werden.... meinetwegen! --

Georg ergriff freudig die blitzende Kette. Die blinzelnde Justine sah
mit Entzcken, wie seine Hand zitterte, da sie das Schlo ffnete:
schon berhrte das kalte Gold, der eisige Diamant ihren zarten Hals.
Das Flortuch sank tiefer, und ein staunendes Ha! entfuhr Birshers
Lippen.

Was ist? Was haben Sie?

Sie tragen bereits einen Schmuck, dessen Stelle ich beneide!

Wie so?

Birsher zeigte auf das schwarze Sammetband, das sich aus dem
verhllenden Tuche gestohlen. Justinens Wange wurde Purpur.

Lassen Sie den Schatz sehen, der sich solchen Vorzugs freuen darf...

Mein Gott! nein!

Warum denn nicht?

Ich ... ich darf nicht...

Birsher heftete einen starren verdsterten Blick auf Justine.
Sie gewahrte es; aber -- wie ein Blitz fuhr's durch ihr Herz:
dem strengen Protestanten durfte sie, selbst im Scherze, das
katholische Heiligenbild auf ihrer Brust nicht zeigen. Sie strubte
sich entschieden gegen sein Verlangen, es zu sehen. Er begehrte
es freundlich, dann ernstlicher, dann mit kalter Bestimmtheit.
Nimmermehr! rief sie: Monsieur trauen mir zu, da sich nichts Bses
in diesem Medaillon befindet; aber ich bestehe nun einmal auf meinem
Geheimni!

Mit diesen Worten reit sie das Band von ihrem Halse, um es in ihrer
Tasche zu verbergen. Das Medaillon fllt von dem Bande, strzt zu
Boden. Die Kapsel springt. Justinens unsichere Hand erfat diese.
Georg rafft das Bild auf, betrachtet es, ehe Justine es verhindern
kann, mit bitterm Lachen und giebt es dann der Trgerin zurck. Ich
gratulire zu dem geliebtern Freunde! sagte er, und Justine glaubt vor
Scham und Bestrzung in die Erde zu sinken: das Bild ist James in der
vollen Blthe seiner Jugend: sprechend hnlich; herrlich gemalt. Sie
verstummt, das ungeheure Migeschick nicht begreifend. Der Amerikaner
sagt aber mit zitterndem Tone zu ihr: So ist es denn wahr, Jungfer
Justine? ich war der Betrogene? sollte der Betrogene bleiben? Armes
Geschpf! ich bemitleide Sie!

Ohne noch ein Wort hinzuzufgen, verlie er Justine, die -- ebenfalls
ohne ein Wort der Entschuldigung beizusetzen, ihm sprachlos und
beklommen nachstarrte. Indem er eilig und auer sich dahin scho,
begegnete ihm -- zu seinem Entsetzen -- der Mensch, den er gestern
gesehen, den das Bild vorstellte.

Sind Sie ein Englnder? fragte er hastig, den Jngling bei der Brust
fassend.

Ja, Herr.

Heien James?

James White.

Sie lieben meine Braut, Justine Mssinger?

Mein Gott! was soll das heien? woher wissen Sie?

Ihr Pflegvater hat mir Alles entdeckt.

Wie? Doctor Leupold?

Derselbe. Sie werden geliebt!

Mein Herr!

Sie trgt Ihr Bild auf der Brust...

Ach, mein Herr! Sie sind ein Engel, wenn Sie...

Stille. Warum lieen Sie mich im Dunkeln tappen? damit ich
schmerzlicher erwachen mute? das war Unrecht von Ihnen. Brav jedoch,
da Sie nicht nach Amerika folgen wollten. Darum renne ich Ihnen auch
nicht den Degen durch den Leib. Sein Sie glcklich! Ich sage mich von
ihr los!

Er lie den Staunenden, Bebenden stehen, und eilte, seine aufwallende
Wehmuth zu unterdrcken, weiter. Unfern vom Rathhause stie er auf
den Senator, der, schwankend und bla wie ein Geist, einherkam. Kaum
rckte er vor demselben den Hut, und strzte davon, sich in sein
Zimmer zu verschlieen. Der Senator sah ihm verwundert, aufgebracht,
niedergeschlagen nach; setzte dann seinen Weg nach Hause fort, und kam
sehr verdrlich daselbst an. Frau und Tochter saen still beisammen.
Jacobine kmmte ihr Hndchen; Justine sa an seiner Arbeit, und that
dennoch nichts. Der Senator warf sich seufzend in einen Stuhl.

Der Satan ist los! sagte er: Wenn ich mich aus dem Unglck losreie,
das mich jetzo niederschlgt, so will's etwas heien. Mein Ruf, mein
Amt, meine Wrde stehen auf dem Spiele!

Mein Gott! sagten die Weiber; die Senatorin rckte weit ab von dem
Senator; Justine rckte ihm dagegen nher.

Ihr wit, fuhr der Senator mit gedmpfter Stimme fort, da ich
auf's Rathhaus beschieden wurde. Der Brgermeister hat mich frmlich
verhrt. Ich denke, mein Kopf macht Bankerott, als er vom Lotto anhebt,
und behauptet, ich htte neulich das groe Loos in dem Hamburger
Glcksspiele gewonnen. Auf die Verschwiegenheit meines Correspondenten
bauend, leugne ich Stein und Bein. Da wird er ernsthaft, nennt mir,
als wre er ein Hexenmeister, den Tag der Ziehung, die Nummer, die
ich gespielt, den Gewinnstbetrag und die Prmie, den Kaufmann, der
meine Angelegenheit besorgt, und endigt damit, mir frei zu erklren,
ein Comptoirdiener jenes Mannes, der in Unfrieden von ihm gegangen,
habe eine Collekturliste hieher gebracht, und dieselbe hin und wieder
indiskret zur Schau gelegt. Mein Name sei von ihm genannt, der Senat
stutzig geworden. Ich sei mit dem bestehenden Verbote bekannt, msse
mich diskulpiren, oder gewrtig sein, da man Rechtens gegen mich
verfahre. Der Angeber sei schon abgereist, die vidimirte Collekturliste
liege aber vor; ich msse erklren, woher mir damals das viele Geld
gekommen, und die Erbschaft nachweisen, die ich dazumal vorgeschtzt.
Er, der Brgermeister, knne mir nicht helfen, und msse mir noch
berdies bemerken, da diverse Gerchte ber mich und mein Haus
neuerdings in Schwung gekommen, die dem ganzen =Corpori Senatus=
nachtheilig werden knnten. Vor Allem wolle er mich aufmerksam machen,
da der Pastor Lammer ffentlich ber meine Saumseligkeit, die Kirche
zu besuchen, lstere, und da es von der uersten Nothwendigkeit sei,
hierber den Menschen den Mund zu stopfen, worauf man allerdings im
Uebrigen gelinder und gndiger untersuchen wolle, um keinen Ansto
zu geben. Hierauf entlt mich Se. Magnificenz sehr kalt und sehr
unwillig, indem sie mir noch aufgiebt, binnen vier Wochen die Beweise
beizubringen, wie es sich mit jenem Gelde verhalte. Da habt ihr mein
Elend, ihr Weiber! mir ist's ein Trost gewesen, es in eurem Busen
niederzulegen, aber ich wnsche, da es darinnen, und ein Geheimni
bleibe.

Das versteht sich, sagte die Senatorin, die wieder zutraulicher
geworden war; die Brgermeisterei hat sich im Geringsten nicht um
die Art und Weise zu bekmmern, wie man zu Gelde kommt. Der saubere
Brgermeister sollte selber gar nicht den Groen spielen. Man wei sich
noch sehr wohl zu erinnern, wie er -- ein armer Schlucker -- zu den
Schweden ging, um zu marketendern. Dann kam er an die Heulieferung,
dann an die Spitalverwaltung, und endlich als reicher Mann hieher
zurck. Wenn man seinem Reichthum nachfragen wollte ... pfui!

O des unnthigen, vergeblichen Geschwtzes! versetzte der Senator
ungeduldig. Bei dem Allen, fgte er bei, ist es nothwendig, da ich
auf Mittel denke, das Gewitter abzuwenden. Ich bedarf des Raths.... und
wer _soll_ mir rathen?...

Du nimmst von mir den besten Rath nicht an, sagte die Senatorin
ghnend; darum gehe ich. Weit du dich jedoch nicht aus der Fatalitt
zu wickeln, und sie wollen dich nicht mehr im Rathe haben, so lasse ich
mich scheiden. Ich mu Frau Senatorin heien bis ans Ende. Der Titel
ist ohnehin der einzige Gewinn, den ich aus der Ehe mit dir gezogen
habe.

Abscheuliches Weib! murmelte der Senator der Abgehenden zwischen den
Zhnen nach: Rathe du mir, Justine. Mit wem soll ich mich bereden?
wen beschicken? der Augenblick drngt. Ich will mich dem Buchhalter
nicht anvertrauen: der Mann ist zu streng und ... nun heraus damit! zu
_ehrlich_ mit einem Worte. Berndt ist eine philadelphische Schlafmtze.
Wnschte ich mir doch fast wieder den vermaledeiten Nothhaft herbei!
Er war ein geriebener Kniffespinner. -- Aber wie wre es, wenn dein
Brutigam...? er ist die gute Stunde selbst, und gbe vielleicht in
aller Unschuld einen Ausweg an die Hand? was fehlt dir denn, Mdchen?
du bist ja wei wie eine Sternblume? hast nasse Augen? was hat's
gegeben?

Justine lugnete. Der Senator besann sich nun, Birsher gesehen und sich
ber dessen Unhflichkeit gergert zu haben. Ich verstehe, rief er:
ein verliebter Zwist! Deine Hartnckigkeit wird dir noch bses Spiel
machen, Justine! was den _Brutigam_ betrifft: der ist gut zu lenken,
-- aber ... der Ehemann ist ein ganz anderer Herr. Zu viel Sonnenschein
in dem Brautstand: finstre Wolken in der Ehe. Vershnt Euch. Herr
Birsher wird jedoch nicht geeignet sein, den besten Rath zu ertheilen;
-- darum -- sende nach dem Doctor Leupold, mein Kind ... ich liee mir
die Ehre ausbitten...

Das thue ich nicht gerne, Herr Vater! antwortete Justine.

Warum nicht? -- Ach! ich besinne mich: du hast einen Widerwillen gegen
den Mann. Mische dich doch nicht in unsere Angelegenheiten, Justine.

Lassen Sie den Doctor nicht zu tief in die Ihrigen blicken, ermahnte
Justine: ohne mich Ihnen ganz deutlich machen zu knnen, warne ich Sie
noch einmal vor ihm.

Der Senator seufzte tief, und wendete sein Auge ab.

Er ist gewi ein doppellarviger Mensch! fuhr Justine fort:
berhaupt, mein Vater, kmmt es meiner Ahnung vor, als htte uns ein
immer enger werdendes Netz umfangen und umspannt; -- als sollten wir
die Beute eines bslich bereiteten Verderbens werden.

Der Senator sah die Tochter betroffen und starr an.

Der Doctor, sprach diese weiter, -- von der Unruhe ihres Herzens
wie von dem vortheilhaften Augenblicke begeistert, -- erscheint wie
eine Hauptgestalt, bemht, dieses Netz, das ich nicht kenne, nicht
durchschaue, wohl aber fhle, zu bereiten. Mit jedem Tage wird mir
klarer, was mir einst der Zufall enthllte. Der Doctor ist nicht der
einfache Jurist, der simple Privatmann, mein Vater; er ist ... wie ich
beschwren mchte, ... er ist...

Halt! donnerte ihr der Senator, von Angst und Unruhe geschttelt, zu:
ich will nichts hren! ich darf nichts aus deinem Munde erfahren! du
machst mich unglcklich, Justine, und wirst es selbst, wenn eine Sylbe
deiner ungereimten Vermuthungen unter die Leute kommt! Justine ... wir
wren ja alle zu Grunde gerichtet!

Justinens Begeisterung schauderte vor dem auerordentlichen Schrecken
des Vaters zurck. Wie Sie befehlen! stammelte sie verschchtert:
beruhigen Sie sich nur. Ich habe mit der Mutter nicht geredet,
und Gott wird wohl Alles gut machen. Ich aber will nach dem Doctor
schicken.

Es wurde ihr erspart. Die Schelle des Comptoirs erklang, und der
Doctor, wie von einer Ahnung gerufen, kam mit einem Fremden, den
Senator zu besuchen.

Dieser Fremde gab sich in einer salbungsvollen Begrung dem Senator
als Superior eines Profehauses der Gesellschaft Jesu zu erkennen,
und freute sich, in ihm ein bereitwilliges Werkzeug der gttlichen
Gnade zu finden. Der Senator erwiderte das Compliment etwas lau, und
sagte, die niedergeschlagene Verlegenheit des Doctors bemerkend, ohne
besondere Umschweife, da es ihm fast leid thue, sich durch seine
sonderbaren Verhltnisse in Verbindungen verwickelt zu sehen, die
seiner brgerlichen Existenz nachtheilig werden knnten. Ich htte
wenigstens gehofft, sprach er, nicht compromittirt zu werden, aber
ich habe mich getuscht. Indem ich heute vom Rathhause komme, nhert
sich mir ein Mann; der Krmer Ernst, bel berchtigt in der Stadt durch
seine lockre Lebensweise und die Vergehen seines Bruders, wegen welcher
derselbe im Gefngni sitzt. Der Mensch redet mich an, und fordert mich
ziemlich unverschmt auf, bei der Kriminalkammer dahin zu arbeiten, da
sein Bruder auf freien Fu gestellt werde. Da ich es ihm nun natrlich
abschlage, und mich wunderte, da er sich gerade an mich gewendet, den
er kaum kennt, so sagt mir der Mann im Vertrauen: ich kenne Niemand,
der geeigneter und verbundener wre, mir in dieser Sache beizustehen.
Ich wei ja, da Sie eben so gut Katholik geworden sind, wie ich; und
man hat mir den Anschlag gegeben, Sie zum Beistand aufzufordern. Ich
war wie vom Donner gerhrt, und hatte kaum Fassung genug, den Menschen
mit einigen Drohungen der Lge zu zeihen, und ihn von mir zu weisen;
worauf er sich rgerlich und stumm entfernte. Was soll ich nun denken?
Kaum habe ich seit wenigen Tagen -- wie in einen Strudel hinabgezogen
-- mich zum Uebertritt anregen lassen, und schon stehe ich blosgegeben
da! verrathen an Menschen, fr deren Verschwiegenheit kein Dreier zu
verbrgen ist!

Der Doctor sah verwundert den Superior an; dann betheuerte der dem
Senator, dessen Aufnahme geheim gehalten zu haben -- vor der ganzen
Gemeinde. Der Superior versetzte dagegen hochmthig und zuversichtlich:
Beruhigen Sie sich, Herr Senator. _Ich_ war's, der den armen Teufel
auf Sie aufmerksam machte. Er suchte bei mir den Beistand eines
geistlichen Vaters, und ich verwies ihn an Ihren weltlichen Schutz.
Ein gutes Wort aus Ihrem Munde kann Vieles fruchten, und setzt Sie
keinem Verrath aus; der Krmer ist mir als ein eifriges Glied der
wachsenden Kirche geschildert worden, und ich habe durchaus keine
Ursache gefunden, dieser Angabe zu mitrauen. Sehen Sie, lieber
Sohn: Eintracht, gemeinsames Wirken fhrt stets zum ersehnten Ziele.
=Concordia parvae res crescunt!= Wie nun eine Gemeinde, die sich im
Schooe der Verborgenheit bildet, einem Bruderverein im schnsten Sinne
zu vergleichen ist, so ist auch jeder der Brder dem andern Schutz und
Hlfe schuldig. Leisten Sie daher dem Supplikanten nur einen leichten
Beistand, wie er gerade in Ihren Krften steht, und zhlen Sie dagegen
auf jeden Beistand des Ganzen.

O, da ich mich in diese miliche Speculation eingelassen habe! sagte
der Senator mimuthig, und achtete nicht der zornig aufsteigenden Wolke
auf des Superiors Stirne, noch des bekmmerten Angesichts des Doctors.
Wenn Sie es vermgen, meine Brder, beweisen Sie mir den Ernst Ihrer
Worte. Rathen Sie mir in meinem uerst kritischen Verhltnisse. -- Er
erzhlte von dem Verhre des Morgens.

Der Doctor schttelte mitleidig und besorgt den Kopf. Der Superior
lchelte aber gleichmthig und erwiderte, fast spttisch: das versetzt
Sie in Unruhe? Gilt das Zeugni eines verlaufenen Ladenburschen
gegen Ihr Rathsherrnwort? Und hat man nicht Mittel, den Nothbehelf
der Erbschaft klar darzuthun, als wre er wahr wie die Sonne? Ich
verpflichte mich, Ihnen Zeugen zu schaffen, und der Pater Mnzner, der
zugleich Doctor beider Rechte ist, wird Ihnen mit einem in allen Formen
ausgestellten Testamente auszuhelfen nicht ermangeln.

Pater Superior! versetzte der Doctor stutzig: bedenken Sie! ein
fingirtes Testament! ein =falsum=!

Nun? fragte der Superior kalt: was weiter? Es gilt hier, einen
christlichen Bruder aus der Verlegenheit zu ziehen. Ich behaupte sogar,
da ein Testament, dessen Aussteller eine =persona fictitia= ist, gar
kein =falsum= darbietet. Es sei brigens Ihre Ansicht, welche sie
wolle, so wird hoffentlich der Befehl Ihrer Obern hinreichend sein,
alle Bedenklichkeiten zu heben.

Der Doctor bckte sich mit unterdrcktem Widerwillen. Der Senator
schauderte ein wenig vor der Leichtigkeit, womit der Superior eine
so trgliche Maregel durchgehen lie; aber da sein System, sollte
es ihn vor Schande retten, auf Lgen beruhen mute, lie er sich's
gefallen, da es der khne Pater bernahm, eine Zusammenstellung von
Begebenheiten und Dokumenten -- beide in der Ferne geschehen und
aus der Ferne gesendet -- zu erdichten, die dem Unbefangenen jeden
Zweifel an des Senators Aufrichtigkeit rauben mute, da man der
Verschwiegenheit des Correspondenten in Hamburg versichert sein konnte.

Sie unterscheiden jetzt, bester Sohn, sagte der Superior, wie
redlich wir es mit Ihnen meinen, und werden uns eine kleine Bitte
Ihrerseits nicht abschlagen. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich
gefunden, da unsre Handelsbcher und Register ber kirchliche
Angelegenheiten im Hause des ehrwrdigen Paters Mnzner zu exponirt
erscheinen. Ich ersuche Sie deshalb, diese =acta= in Ihren Verschlu zu
nehmen, und zu erlauben, da der Pater sich tglich etwa eine Stunde
in irgend einem abgelegenen Winkelchen Ihres Hauses damit beschftige,
wenn es einzutragen oder abzuschlieen gibt. In einem Lokale, wie das
Ihrige sich darstellt, wird solches Ab- und Zugehen unbemerkt bleiben;
Sie sind auer Gefahr, und wir knnen vllig ruhig sein.

Der Senator antwortete: Da ich mich bereits so offen in Ihre Hnde
gegeben habe, meine Vter, so mag es darum sein. Ich will Ihnen auch
im gegebenen Falle meine Bereitwilligkeit nicht entziehen. Ich will in
aller Stille ein Cabinet, an den Hof stoend, zum Gebrauch des Herrn
Doctors einrichten lassen, und die nthige Sorge tragen, da er nicht
gestrt werde.

So werde ich noch heute Abend die Bcher herbringen lassen, setzte
der Doctor bei: da der ehrwrdige Pater Superior sie bei mir nicht
sicher glaubt.

=Quidquid agas, respice finem!= bemerkte der Superior mit dem
schlauesten Gesichte: ich danke Ihnen fr die schne Bereitwilligkeit,
womit Sie unserem Antrage entgegengekommen. Ich gestehe, da derselbe
mich mit dem Mangel an Aufrichtigkeit vershnt, den Sie meinem wrdigen
Freunde, dem Pater Mnzner beweisen.

Wie so? fragte der Senator, und fixirte den Doctor, der wie beschmt
die Augen niederschlug. Der Superior fuhr, wie scherzend, fort: Der
wrdige Herr hat Ihnen Grnde der Freundschaft, der Moral und der
Pflicht angegeben, die eine Heirath zwischen Ihrer einzigen Tochter
und dem protestantischen Amerikaner dringend verbieten. Er hat, wie
er behauptet, Ihr Herz gerhrt, indem Sie versprachen, seinen Grnden
nachzugeben. Aber leider ist solche Rhrung nur ein Phantasma gewesen,
das eben so schnell zerstiebte, wie mancher gute Vorsatz. O, mein Sohn!
in Ihrem Gemthe liegt noch viel des ketzerischen Sauerteigs verborgen,
von welchem Sie nur eine reine und reife Andacht zu dem geheiligten
Herzen Jesu befreien kann! Wie knnten Sie es ansonst ber sich
genommen haben, Ihr Versprechen zu widerrufen, und, mit Flei ihre Wege
vor _uns_ versteckend, auf dem alten erwiesenen Unrecht zu beharren?

Da der Senator, seiner Verstellung berfhrt, kein Wort redete, so hob
der Doctor sanft und eindringlich zu ihm an: Ja, bester Herr Senator!
wir wissen, -- da uns nichts in die Lnge verborgen bleibt, -- da
Sie dennoch Ihre Tochter mit Herrn Birsher zu vermhlen gedenken,
... wann und wo Sie es thun wollen; und ich frage Sie noch einmal
freundschaftlichst: haben Sie auch Alles erwogen und berlegt?

Ich bin meinem Gewissen und meinem Worte Erfllung schuldig;
antwortete der Senator auf's Aeuerste gebracht: ich hasse jede
Einmischung Unberufener in mein Hauswesen. Ich habe mir nur die
Schwche vorzuwerfen, da ich vor Ihnen verhehlte, wie es mir darum
zu thun sei, _recht_ zu handeln. Knnen Sie das nicht vergeben, meine
Vter, so dispensiren Sie mich von jeder weitern Gemeinschaft mit Ihren
Kirchen und Gesellschaftsverhltnissen!

O welche bedauerliche Hitze! sagte der Superior, die Augen wehmthig
gen Himmel richtend: =Saule! Saule! cur me persequeris?= Verblendeter,
heftiger, geliebter Sohn! Glauben Sie denn, da das heilige Herz
unsers Heilands sich so schnell von Ihnen reien werde, als Ihr Unmuth
sich von ihm zu trennen begehrt? Mit nichten, mein Sohn! Der Heiland
wird Sie nicht verlassen, da Sie sich ihm einmal ergeben! Wir, seine
unwrdigen Diener, Ihre innigen Freunde, werden es auch nicht thun, und
sollten wir immer vergebens warnen, und immer vergebens ausrufen: Durch
diese Verbindung machen Sie Ihr Kind des Himmelreichs verlustig! durch
diese Verbindung bringt der Protestant Unglck in Ihr Haus, das erst
krzlich in Ihnen der Herr gesegnet hat mit Gnade, mit Erweckung, mit
dem zuknftigen Paradiese!

Die Herren schwiegen allesammt, da sich vor der Thre Schritte
vernehmen lieen. Berndt schaute demthig herein, und langte dem
Principal ein Billet hin. Der Kellerbursche aus dem Schwan hat's
gebracht, sagte er, grte hflich, und verschwand. Der Senator sah in
der Ueberschrift Georg Birshers Hand. Seine Seele war so schreckhaft
und argwhnisch geworden, da er unter jedem Siegel eine giftige
Schlange frchtete. Darum lste er auch dieses mit Herzklopfen, und
-- wie sehr seine Ahnung die Wahrheit gesprochen, -- wie giftig die
Schlange sei, die sich aus dem kleinen Briefe in seine Augen und
sein Herz bohrte, -- das bezeugte das Erbleichen seiner Wangen, das
Erstarren seines Blicks, die physische Vernichtung, die aus den
schlaffen Zgen trat. Mit einer Bewegung der Verzweiflung aufspringend,
reichte er mit zitternder Rechte das Briefchen an den Doctor, und
sank mit dem Ausrufe: Nun bin ich ohne Rettung verloren! in den
Stuhl zurck. Der Doctor las, whrend der Superior dem mit Ohnmacht
Kmpfenden beisprang, fr sich, was folgt:

  Unglcklicher Mssinger! -- Meine Hand bebt, aber mein Herz
  erbebte noch heftiger, da ich erfuhr, was mich und Sie elend macht.
  Elender! Sie haben meinen armen Vater gemordet! der mir's entdeckt
  hat, ist fast Zeuge der schndlichen That gewesen! um mich vor dem
  schauerlichen Bunde mit Ihnen zu warnen, hat er's mir gestanden!
  aber ich wei, wozu die Rache den Sohn auffordert. Die Gerechtigkeit
  anzurufen, ist meine Pflicht! um drei Uhr fahre ich bei dem
  Brgermeister vor. Ich will nichts von dem wissen, was Sie bis dahin
  unternehmen!

                                                           _Birsher_.

Der Senator schlug die verwirrten Augen wieder auf, sandte einen
trostlosen Blick nach dem Doctor, der schnell das Briefchen wieder
zusammenfaltete, dem Senator zurckgab, und sagte: Fassen Sie sich,
Sie sind nicht verloren. Nothhafts Beschuldigung -- gewi durch die
transpirirende Neuigkeit von Justinens Vermhlung veranlat -- richtet
Sie nicht zu Grunde. Ihre Seelenangst ist Ihr mchtigster Gegner: darum
-- obschon Sie gegrndete Hoffnung haben drften, von den Gerichten
erledigt zu werden -- ist es gerathener, das Unheil in der Geburt zu
ersticken. Birsher scheint gromthig handeln zu wollen. Er will Ihre
Flucht begnstigen. Hten Sie sich jedoch. Weichen Sie keinen Fu
breit. Halten Sie sich ruhig! berlassen Sie uns, fr Sie zu handeln.
Bevor es drei Uhr wird, denke ich, mten Sie aller Gefahr enthoben
sein!

Wenn Sie das knnten! rief der Senator, und warf sich dem Pater in
die Arme: mein Vater! Bruder meiner Clara! thun Sie das Mglichste!
der Verdacht! mein Ruf! die Schande! Gott stehe mir bei, wenn Sie mich
verlassen!

Hier mu dieser Mann helfen! versetzte der Doctor, auf den Superior
zeigend, der aufmerksam und erwartend da stand. Pater Superior! als
Beichtvater dieses unglcklichen Mannes fordere ich Sie, einen der
Vorsteher unsrer heiligen Gesellschaft, in Ihnen den ganzen Orden auf,
ihn vor einer dringenden Gefahr zu retten, mit der ihn Birsher bedroht.
Der Grund derselben ist ein Beichtgeheimni, aber ich beschwre Sie bei
Ihrer priesterlichen Wrde, den Folgen vorzubeugen.

Ich werde mich mit Ihnen bereden, antwortete der Superior
gleichgltig; ich werde Ihre Meinung hren, und thun, was ich
mit Gottes Hlfe vermag. Versprche aber wohl der Herr Senator,
jeden fernern Gedanken an eine Verbindung seiner Tochter mit einem
Protestanten aufzugeben? das unschuldige Kind unsrer alleinselig- und
glcklichmachenden Mutterkirche zuzuwenden? es fr ein erbauliches
Jungfrauenleben zu bestimmen, damit es im Verein mit andern gottseligen
Chorschwestern die Snden des Vaters abkaufe mit Gebet und Ergebung?
sein Vermgen nach seinem Hinscheiden der Kirche zu vermachen, der
liebenden und helfenden Gesellschaft Jesu ins Besondere? =Respondeas,
mi fili!= und dir soll geholfen sein!

Der Senator nickte sprachlos mit dem Kopfe, winkte mit der Hand, und
der Superior ergriff dieselbe, ihn beim Worte nehmend. Sie sind Zeuge,
Pater, sagte er feierlich, und nun kommen Sie, damit wir das widrige
Geschft in Ordnung bringen. Ich bin sanfter Natur, whle gewhnlich
leichte Mittel; hier aber, frchte ich, wird es auf dasjenige ankommen,
was ich schon einmal vorgeschlagen, und das Sie als zu hart verworfen
haben.

Der Doctor winkte dem Pater, zu schweigen, indem er auf den Senator
deutete, welcher aus seiner Betubung erwachte. Die Jesuiten gingen
bedchtig und stille von dannen. O, der sauern Pflichten! seufzte
der Doctor, aber sein Mund sprach keine Sylbe, die seinem Vorgesetzten
htte mifallen knnen.

Die Herren fanden in ihrem geheimen Convente die Lainez und den
ehemaligen Schauspieler Litzach. Unser Plan scheitert! sagte die
Erstere, indem sie dem Doctor das gefhrliche Medaillon zurckgab;
behalten Sie das Bild Ihres Zglings, mein Vater; es hat Aufsehen
genug gemacht, aber die Liebesleute vertragen sich nach dem heftigsten
Zanke. Vor der Hand hat mich Jungfer Justine der Mhe, ihr Gesellschaft
zu leisten, enthoben, und alle meine Entschuldigungen gingen in den
Wind.

Unser Plan glckt im Gegentheile, kurzsichtige Frau! sagte der
Superior stolz lchelnd. Sie hat Ihre Commission ganz gut verrichtet,
und es kommt nur darauf an, ob Er, Litzach, dasselbe thut.

Er fhrte den Unterthnigen in das Nebengemach. Indessen hatte der
Doctor James Portrt in seinen Schrank verschlossen, und die Thrnen
waren ihm in die Augen gestiegen, und er lehnte sich ber die in
schwler Hitze welkenden Blumen seines Fensters hinaus, in's Freie, und
betete: Du heilige Mutter! vergieb mir, da ich ein Bild, welches von
einem treuen Mutterbusen getragen wurde, bis das Herz darunter stille
stand, da ich es -- das heilige Geschenk jugendlicher Dankbarkeit --
mibrauchen lie, zu einer Betrgerei. Der Obere befahl es jedoch, und
um der Pflicht willen wirst du die Snde vergeben, gebenedeite Mutter!

Die Augen trocknend, fragte er die Lainez, ob sie den jungen James
nicht gesprochen habe. Die Lainez wute nichts von ihm, als da er ihr
mit dem frhlichen Gesichte, das sie noch je an ihm gesehen, begegnet
war, im Begriff, gegen das Thor zu eilen. Capitn Tormerpick, der
hinzu kam, hatte den jungen Menschen ebenfalls auf dem alten Glacis
angetroffen. James hatte ihn umarmt, hatte ausgerufen: Capitn! sehe
ich denn aus, wie der glcklichste Mensch in der Stadt? und hatte
sich dann entfernt -- wie sich der Capitn ausdrckte -- tanzend, wie
ein Matrose, der nach sechs Monden wieder zum ersten Male festes Land
betritt. Der Doctor schttelte ernsthaft und betrbt den Kopf, und
verfgte sich in das Seitenzimmer, aus welchem bald nachher Litzach
schlpfte, und dem Capitn bemerkte: die Herren erwarteten nun _ihn_.
Whrend Litzach davon eilte, sprach Tormerpick mit den Vtern. Ich
nehme Abschied von Ihnen, sagte er: Schlag zwei Uhr fahre ich ab. Ein
dringender Brief ruft mich nach dem Hafen. Das Schiff wird geladen. Ich
bitte mir weitern Bericht oder anderwrtige Auftrge aus.

Der Superior gab ihm ein Paket, mit dem Bedeuten, da sich darinnen
alles befinde, was auf Handelsangelegenheiten Bezug htte. Wir htten
Euch noch Jemand mitzugeben, schlo der Pater, listig lchelnd: einen
Englnder, wohl gewachsen, stark, robust; ein gutes Capital, in Batavia
anzulegen.

Der Capitn runzelte die Stirne. Wollen Sie mich foppen, meine frommen
Vter?

Nicht doch, Capitn. Versteht uns wohl! wir hassen die
Seelenverkuferei, wenn unsere Waarentransporte dadurch Noth leiden. Wo
es aber auf eigene Rechnung geht...

Ich verstehe, erwiderte der Capitn grinsend: Sie sollen Ihren
Willen haben. Wann? wie? wo? Ich habe zwei Matrosen bei mir, die auf
einem Kaperschiffe gedient haben. Den Burschen bangt vor dem Teufel
nicht.

Haltet um zwei Uhr auf dem Damme instruirte der Superior: dort
ist's abgelegen und einsam. Der Mensch, welcher vorhin wegging, wird
den Bewuten zum Damme bringen; einen groen tchtigen Mann; nicht
wahr, Pater Mnzner?

Unsern Tischnachbar im Schwan, entgegnete der Doctor. Der Capitn
lachte hell auf. Den stummen Oelgtzen? fragte er: der mich so
unverschmt anlaufen lie? Hoho, den kenne ich, und werde ihn wohl
von dem drren Magister unterscheiden. Brav! ich habe dem naseweisen
Flegel eine volle Lage zu geben! ich hab's ihm geschworen. Gut so! ein
Pechpflaster auf den Mund, Strick um Arm und Beine! wie der Teufel nach
dem Kanal gefahren; die Nacht durch gerudert, mit Tagesanbruch an der
Kste.... binnen zwei Tagen im Schiffe! herrlich! die Moorlnder sind
wenig und nur von lockerem Gesindel bevlkert! ich bringe den Passagier
glcklich durch, oder flle ihm den Kopf mit Blei, wenn er mich durch
ein unanstndiges Spektakel in Gefahr setzen wollte. Gott behte Ew.
Ehrwrden! sollen von mir hren!

Der ungeschlachte Mensch ging wiehernd weg, a im Schwan noch so
tchtig, als ob er sich auf ein Heldenwerk vorzubereiten htte, lie
unter seine Matrosen viel Branntwein austheilen, und bestieg mit ihnen
jubelnd den verdeckten Korbwagen, der ihn zum Damme, von da zum Kanal
bringen sollte. Dem Kutscher wurde noch tchtig mit Rum zugetrunken
und bei'm Abfahren schwenkte der Capitn in frechem Uebermuthe den Hut
gegen den Amerikaner, der oben aus dem Fenster sah, und brllte ein:
Auf Wiedersehen! Georg zog sich, ergrimmt ber den widrigen Seemann,
vom Fenster zurck, warf sich auf das Kanapee, sttzte den Kopf eine
Weile in die Hand, sprang dann wieder auf, legte mit erhabener Wrde
die Hnde auf seine Brust, und sagte, mit einem freien Athemzuge, zu
sich selbst: Bist doch eine wackere Seele, Georg, und hast einen
schweren aber um so rhmlicheren Sieg erfochten! Ach du mein lieber,
lieber Vater! Siehst du nicht aus den Wolken, und freust dich meines
Entschlusses? Ist gleich mein Auge zu schwach, dich zu erschauen, so
ist doch gewi der himmlische Friede, der in mein Herz einzieht, dein
Werk! Ja! Vergebung ist eine sere Rache fr dich, als das Blut des
Elenden, der denn doch sein Leben ferner nur wie eine Pestbeule mit
sich umherschleppen kann!

Er warf einen Blick auf die Speisen, die unangerhrt auf dem Tische
standen, auf die Seitenthr. Er ging hastig auf dieselbe los, ffnete
sie mit dem Schlssel, und sagte ernst: Komm' Er heraus, Monsieur!

Eine blasse, ngstliche Figur kam gebckt hervor: Nothhaft, wie ein
armer Snder.

Setze Er sich, und esse Er! fuhr der Amerikaner fort: vergesse
Er seine Schrecken. Ich habe mich besonnen, und halte dafr, es sei
besser, die ganze Anklage zu unterlassen.

Ach, wenn Sie das im Ernste wollten, -- stammelte Nothhaft -- ich
wrde neu aufleben.

Lerne Er, Mensch sprach Birsher weiter, da es nichts Gemeines
mit solchen Anschuldigungen auf sich hat. Er hat mir auf die Bibel
zugeschworen, da Alles, was Er mir heute entdeckt, reine Wahrheit sei;
ich will es glauben; nicht um Seinetwillen, denn der erbrmliche Spuck
in des Senators Hause verdchtigt ihn, aber um des seltsamen Benehmens
des Senators willen; um der Voraussetzung willen, da ein Mensch, der
nur _einen_ redlichen Blutstropfen in sich versprt, nicht auf eine
Lge hin seinen Nchsten in's Grab und in Schande strzen werde. Er
hatte nicht darauf gerechnet, da mir es einfallen knnte, die Anklage
ffentlich zu machen; Er hat mich beschworen, es zu unterlassen: das
ist ein guter Zug von Ihm; Er hat mir gestanden, da Er nur, um mich
von der Ehe mit Justine abzuhalten, mir die Erffnung gemacht, die aber
demungeachtet eine vllig wahre sei. Er hat sich endlich gutwillig in
jenes Zimmer verfgt, wo ich Ihn inne zu halten fr gut befand, damit
es mir bei der Klage nicht an dem Gewhrsmanne fehlen mchte. Bedenke
Er aber selbst, wohin meine Klage fhren wrde: zu Seiner eigenen
Haft, zu Seiner eigenen Schmach, als Hehler der begangenen Blutthat.
Der Senator wrde eines schimpflichen Todes sterben, seine Familie
wrde zu Grunde gehen, mein Schmerz wieder tausendfach erneut, meines
Vaters Gebeine in ihrem Grabe gestrt werden; und zu welchem Endzweck?
Wrde diese Genugthuung mein Herz befriedigen, den geliebten Todten
wieder in's Leben rufen? Und die Unglcklichen, die -- ihren schuldigen
Gatten und Vater beweinend -- mir, dem unglcklichen Verfolger fluchen
wrden!... ach, welch' eine Zukunft! Darum will ich lieber schweigen,
wie das Grab ber dem Todten, und verlange dasselbe von Ihm: schwre
er mir's abermals auf die Bibel, und dann gehe Er hin, von wannen er
gekommen, so wie ich nach der Heimath zurckkehren will: vergessend --
und rein von Fluch!

Nothhaft vernahm mit innigem Wohlgefallen Birshers Worte. Er htte
tausend Eide geschworen, nur um den Folgen eines Schritts zu entgehen,
den er weniger aus unverbesserlicher Bosheit, als, von frechem Trotze
und Eifersucht bewegt, gethan hatte. Er entlief mit Riesenschritten
dem Gasthause und suchte den Weg nach seinem Stdtchen. Birsher war
mit seinen Entschlssen zufrieden, und berlegte gerade, wie er dem
Senator, wenn derselbe sich nicht bereits auf der Flucht befnde,
seinen edelmthigen Vorsatz kund zu geben htte -- wie er von Justine
Abschied nehmen sollte, als der Magister aus Faldern zu ihm trat.

Was wollen Sie, Magister? fragte Georg hastig und verdrlich,
gestrt zu werden.

Der Ueberbringer des Dankes sein, welchen Ihnen zwei redliche
getrstete Herzen zollen, antwortete der Magister freundlich und
zutraulich.

_Zwei_ getrstete Herzen? -- Schon gut!

Und der Bitte zugleich, diesen Dank aus dem Munde der Getrsteten
selbst hren zu wollen.

Ihr Zgling soll zu mir kommen. Ich will ihn kennen lernen.

Und Justine, die sich sehnt, Ihnen ein dankbares Wort zu sagen.

Welche Zumuthung? Will sie sehen, wie mich die Entsagung kleidet?

Und Justine, die sich vor Ihnen rechtfertigen mchte?

Falschheit, sich rechtfertigen? Ich mag sie nicht beschmen!

Und Justine, die Ihnen etwas Wichtiges anzuvertrauen hat, das nur
Ihrem theilnehmenden Herzen vertraut werden kann; das auf das Glck
Ihres Lebens den grten Einflu haben wird?

Magister! Sie schlagen die rechte Saite an. Justine soll einen Mann
in mir finden, den Liebeskummer nicht niederbeugt; einen Mann, der das
Gute nicht halb thut. Ich bedarf dieser Prfung, um mich zu einer edeln
That wrdig zu strken. Ich folge Ihnen; ich will dem Mdchen ebenfalls
eine Nachricht bringen, die wohl manches Herz beruhigen drfte. Wo,
wann harrt meiner das Paar, das ich durch meinen Rcktritt so sehr
beglckte?

Wenn Sie mir folgen wollten?... ich fhre Sie.

Recht; geschwinde mein Freund! Sie noch einmal zu sehen -- sie
zu beruhigen, und dann schnell wiederzukehren, um meine Abreise
anzuordnen. --

Georg ging mit dem Magister weg, ohne wiederzukehren. Die Stunden
gingen vorber, der Abend war da. Der Gast im Schwan blieb aus. Die
Wirthin, die den jungen, stillen Mann wohlwollend in's Auge gefat
hatte, wurde unruhig. Mit einbrechender Nacht sendete sie in des
Senators Haus, um nach dem Amerikaner fragen zu lassen. Er war dort
nicht gesehen worden. Der Senator schickte den Kellner mit dem khlen
Bescheide zurck; ging dann auf seine Stube, heimlich seinem Gott zu
danken, und den Zettel wieder durchzulesen, den ihm um die zweite
Stunde des Nachmittags der Doctor geschickt hatte, mit den lakonischen
Worten: Fassen Sie Muth, Gebeugter! Wir verlassen Sie nicht. So eben
ist _er_ fort, um nicht wieder zu kommen. Er wird Sie ewig in Ruhe
lassen!

Der Senator kte, seiner Angst entledigt, den kurzen Brief; trat
dann zu seiner Familie und sagte: Mein armes Brutchen Justine! Dein
Verlobter scheint auf Abwege gekommen zu sein. Wir wollen morgen, am
Tage des Herrn sammt und sonders zur Johanniskirche wandeln, um den
Segen Gottes anzuflehen, da er den Handelsfreund wieder gesund zu uns
zurckbringe!

Endlich wieder ein frommer Vorsatz, erwiderte die Senatorin: nur
Schade, da der _Brgermeister_ dich heute zur Gottesfurcht bekehren
mute. Bei alle dem finde ich's ungezogen, da Herr Birsher heute
gnzlich ausbleibt. Wenn nur die leichtfertige Franzsin, die sich auch
seit dem Morgen nicht sehen lie, den zu tppigen =Sans faon= nicht
berckte!

Justine schwieg; aber in ihre Augen traten unwillkrlich Thrnen:
unwillkrlich seufzte der Mund. Ja, Vater, sagte sie, als dieser am
Abend freundlicher und ruhiger als seither Abschied von den Seinen
nahm: wir wollen morgen aus dem Grunde des Herzens beten, damit
Eintracht und Friede nicht von uns weiche!

Am nchsten Morgen stand Pater Mnzner sehr frhe auf, um sich zu
dem Gottesdienste vorzubereiten. In dem Garten kam ihm bereits sein
Pflegesohn entgegen. Leidenschaftlich fate ihn dieser bei der Hand,
und rief: Wohl mir, da ich Sie endlich allein finde, mein Vater! Des
Superiors Gegenwart hat meine Zunge gebunden, sonst htte ich Ihnen
gestern schon gestanden, wie sehr ich's bereue, da ich Sie verkannte!
Ja, mein wrdiger Pfleger! Sie wollen mein Glck; Sie wollen es, wenn
Sie mir es auch verhehlen; meinen ewigen Dank dafr!

Verstehe ich dich, Unbegreiflicher? fragte Mnzner staunend.

Ihre Gte war mir unbegreiflich, fuhr James heftig und entzckt fort:
aber die Wege der Vorsehung sind es ja auch, und dennoch gut und
dennoch beglckend! Mgen Sie es doch wissen, da ich Alles erfuhr, aus
Birshers edelmthigem Munde erfuhr!...

Birsher? um's Himmels willen! was weit du?

Da Sie mit ihm geredet, da Sie sein Herz gerhrt!.... da Justine --
das herrlichste Glck! da Justine mir gut ist, da sie, die so schlau
ihre Liebe zu verbergen wute, mein Bild, -- vielleicht hat ihre liebe
Hand es selbst entworfen -- mein Bild auf ihrer Brust trgt, -- da der
gefrchtete Brutigam zurcktritt!...

Mensch! du fabelst!

Lugnen Sie nicht, mein Vater! Ist es denn ein Verbrechen, einen
liebenden Jngling zu beglcken? Ich bin verschwiegen! Ich sehe ein,
da Sie Grnde haben knnen, vor dem Superior, der mich in's Noviziat
schleppen will, Ihr menschenfreundliches Bestreben zu verbergen, da
Sie nur Zeit gewinnen wollen!... Legen Sie jedoch uns gegenber das
Geheimni ab, und hren Sie meinen Plan. Ich werde nicht Priester! Der
Soldatenstand allein kann und wird mich Justinen nher bringen. Ich
habe gestern des letzten Schwedenknigs Leben gelesen -- es hat mich
begeistert! Noch bin ich jung; noch wetterleuchtet es am Horizonte
Europa's! Ich liebe, ich hoffe! das Glck mu mir zur Seite stehen!

Jesus Christus! versetzte der Doctor bla und betrbt: Du lssest
mich nicht zu Worte kommen, und dennoch mu ich dir mit blutendem
Herzen betheuern...

Rasche Schritte von Annhernden unterbrachen ihn. Der Superior mit
allen Zeichen des Schreckens -- die Lainez, wie ein Schatten folgend --
eilten herbei.

=Hannibal ante portas!= rief der Erstere, der einen dicken Brief
in der Hand trug: Hochwrdiger Herr! Jetzt gilt's, zum Streit sich
rsten!

Wie so? wie das? fragten der Doctor und James.

Erzhlen _Sie_, whrend ich dies Schreiben durchlaufe; versetzte der
Superior zitternd und bebend. Die Lainez sprach mit erlschender Stimme:

Wir sind verrathen; Alles kmmt an den Tag. Des Schreiner Ulrichs
Frau ist in der Nacht krank geworden; der Mann hat unser Gebetbuch
unter ihrem Kissen gefunden. Die Drohungen des Mannes, wie der Schmerz
ihres Krpers haben Sie zugleich bedrngt; sie hat gebeichtet, da sie
katholisch geworden, -- da eine stille Gemeinde bestehe, -- da in dem
Johanniterhofe...

Gott stehe uns bei! riefen die Zuhrer.

Vor einer halben Stunde... fuhr die Lainez erschpft fort, --
lt der Rottmeister, bei dem der Schreiner Alles angezeigt, den Hof
umringen, -- das Thor aufsprengen, den Verwalter fest nehmen, Alles
durchsuchen. An meiner Thre vorber dringen die Schergen in die
Kapelle. Unsre heiligen Zierden fallen in ihre Hnde. Man bemerkt mich
nicht im Tumulte: ich entspringe, um hier das Unglck anzusagen!

Litzach strzte in den Garten. O meine Herren! meine heiligen Vter!
was wird daraus werden? rief er: ich erfahre so eben, von dem Dorfe
kommend ... der Verwalter ist verhaftet, lugnet indessen noch fest;
hat nichts gestanden; der Johanniterhof wird verschlossen gehalten,
damit nichts vor der Zeit verlaute: vor dem Polizei-Aufsichter soll
um neun Uhr erst Alles klar werden! Der Sigrist, der entsprang, sagte
mirs, es Ihnen mitzutheilen!

Das Interdikt ber die Bbin, die den Herrn verrieth! zrnte der
Superior: das Etablissement, die Mission ... Alles geht zu Grunde!
Schande kommt ber uns! Lassen Sie uns Hand an die Rettung legen, Pater
Mnzner! Wir mssen fort, ehe der Lrm um sich greift.

Unsere Bcher liegen bei'm Senator; trstete der Doctor: kein Mensch
sucht sie dort. Die Translation war zweckmig.

Zweckmiger als Ihre Verwaltung, Pater Mnzner! entgegnete der
Superior zornig: solche Leute, wie die Schreinersfrau, an- und
aufzunehmen...! plaudernde Gnse...!

Mein Vorgnger hat schon... wollte sich Mnzner entschuldigen. --

Schweigen Sie! befahl der Superior heftig: Marsch, auf die Beine!
ihr Uebrigen! Er, Litzach, tummle sich schnell um einen Wagen um. Vor
dem Friederthore will ich einsteigen. Er, James, wird auf der Stelle
alle Habseligkeiten des Paters compendis zusammen packen. =Cito!
citissime!=

James eilte hinweg. Litzach rang die Hnde; ich bin der
Unglcklichste! seufzte er: was wird aus mir, -- was aus meinen
Kindern, und was aus meiner kranken Frau werden?

Was Gott will! antwortete der Superior hart und rauh: packe Er sich
fort, und besorge Er den Wagen! -- Litzach gehorchte, fast weinend. --

Laufe Sie, Lainez! sagte der Superior dringend zu dieser: ein
Weibsbild mengt sich ohne Gefahr unter Gaffer und Pbel! Horche, laufe
Sie. Wenn etwas Ungerades sich verspren lt, ... schnelle Post
hieher! --

Die Lainez eilte weg. Pater Mnzner! fuhr der Superior fort:
unsers Bleibens ist in diesem Hause nicht. Der Doctor Leupold wird
bald aufgesucht werden! Schndlicher Baalstreich! Wir flchten uns
einstweilen in des Senators Haus, wo man uns sicherlich nicht sucht.

Ich Unglcklicher! rief Mnzner, wie in Verzweiflung; da dieses
Unglck unter meiner Verwaltung geschehen mute! Welch ein Empfang
wartet meiner in unserm Hause und beim Provinzial!

Erkennen Sie, ob ich Ihr Freund bin! erwiderte der Superior, indem
er ihm den Brief reichte, den er vorhin gelesen; ich will Sie der
Traufe entziehen, weil Sie mir ein wohlgeflliger Mitbruder gewesen.
Der Provinzial trgt mir auf, ein tchtiges Mitglied nach Assumption im
Paraguay zu schicken, um den Handelsangelegenheiten vorzustehen. Ihre
Mission allhier ist leider nun erledigt; verbergen Sie Ihre Scham in
Amerika, bis der General Sie zur Rechenschaft rufen lt. Es verflieen
indessen Jahre, die Sache schlummert ein, und ein simpler Verweis tritt
an die Stelle der harten Pnitenz.

Der Doctor nahm mechanisch die Commission, ohne ein Wort zu erwidern.
Der Superior sowohl, als die Hauswirthin, die ngstlich herbeikam,
drangen in ihn, sich in Sicherheit zu setzen. Kaum, da ihm die Zeit
verblieb, seinen James zu umarmen. Ich gehe nach Paraguay! sagte er
weinend zu ihm; das Schicksal macht hier ein schnelles Ende mit uns.
Wir sehen uns vielleicht nie wieder. Folge darum dem ehrwrdigen Pater
Superior, der dein Glck will! Vergi, armer Getuschter, und zrne mir
nicht! --

Der Jngling war von dem Augenblicke zu sehr erschttert, um auf
die Rede seines Pflegevaters merken zu knnen. Der Superior ri den
Doctor unwillig mit sich fort, und ermahnte den jungen Englnder im
Novizenmeisterton, seine Packarbeit zu frdern, die Effekten vor das
Friederthor zu schaffen, und bei dem Wagen seiner zu warten, um mit
ihm sich zu entfernen. Hierauf schlugen die geistlichen Herren, die
Hte tief in die Stirne gedrckt und herabgekrempt, den Weg nach
Mssingers Wohnung ein. Ein heftig niederstrzender Regen begnstigte
ihre schnelle Wanderung. Die Kirchenglocken riefen von allen Seiten die
Glubigen zum Gottesdienste, und leerten die Straen. Ohne Aufenthalt
waren die Vter an des Senators Thre gekommen. Sie war verschlossen.

Der Senator ist in der Kirche! sagte der Superior, sich besinnend.
Wir erlaubten ihm ja gestern, als wir die Register brachten, das
Possenspiel mitzumachen, um seinen Leumund wieder zu heben.

Ich habe glcklicher Weise den Schlssel zu der Hinterthre in der
Tasche, versetzte der Doctor; er gab mir ihn, um unbemerkt zu kommen,
wann ich wollte; es ist sonderbar, da es heute zum ersten und letzten
Male sein mu.

Sie traten in das Gchen; der Schlssel pate, und die Herren stellten
sich unter das Gewlbe des Hauses, um zu berathschlagen, ob der Senator
zu erwarten, oder vielmehr rathsam sei, da der Superior oder der
Doctor zuerst sich auf die Flucht mache. --

Whrend dieses in seinem Hause vorging, sa der Senator, noch
von Allem ununterrichtet, mit den Seinigen im Betstbchen der
Johanniskirche. Das Gebude war gedrngt voll. Das schlechte Wetter
hatte es ungewhnlich angefllt. Die Orgel schmetterte die Melodie des
Liedes, und nachdem einige Verse desselben verklungen, betrat Pastor
Lammer die Kanzel. Sein Gesicht war feurig, seine Augen sprhten und
rollten in der Runde umher. Auf dem Oratorium des Senators haftete ein
drohender staunender Blick, dem alle Augen der Anwesenden folgten.
Heftig zerrte des Predigers Hand an der faltenreichen Krause; er
hustete; er ffnete den Mund, ... da fiel ein Donnerschlag ein, dessen
Vorgnger unter dem geruschvollen Orgelspiel nicht gehrt worden
waren, und ein Blitz leuchtete durch die grauen Fensterscheiben, die
der Stromregen peitschte. Lammer sah, whrend ein Laut des Schreckens
durch die Kirche ging, furchtlos nach der Seite, wo der Blitz
erschienen, ... seine Mienen nahmen eine gewisse Begeisterung an, --
verchtlich schob er das Concept seiner Predigt, das vor ihm auf dem
Kanzelrande lag, hinunter, und begann pltzlich aus dem Stegreife mit
aller Kraft seiner Stimme:

Du donnerst, Herr der Welten? Du starker zorniger Gott? ja,
Barmherziger, entziehe mich heute der schweren Pflicht, deine
Gebote zu erklren! Nimm selbst das Wort, damit gerade am heutigen
verhngnivollen Tage die Snder zittern und chzen, wenn du in
deinem Zorne sagst: Ich bin der alleinige starke Gott, und du sollst
keine Gtter haben neben mir! La deine Gewitter rollen und den
grauen Schleier vom Himmel nieder fallen, damit die Natur in Sack
und Asche traure; schreibe einen auerordentlichen Butag aus fr
auerordentliche Snden! denn sie haben dein erstes Gebot mit Fen
getreten! denn sie haben andere Gtzen neben dir! denn sie haben
dich geschndet, als wrst du nicht der starke eifrige Gott, sondern
das elende Heidenbild Dagon, ein zerbrechliches Stck Koth! aber sie
tuschen sich, denn _sie_ knieen vor den faulen Gtzen! sie betrgen
sich, denn _sie_ haben keine Bundeslade, vor welcher du den Staub
kssen mtest! sie haben sich belogen, denn ihnen ist die Hlle
worden; meine Brder! vernehmt, da das Weib aus Babylon auferstanden
war, da es sich gelagert hatte an den Thoren dieser Stadt, und da es
gesprochen: kommt her, die ihr mich heimlich lieben wollt, und sndigt
mit mir! -- O der Schande! o des Gruels! o der verfluchten Ueppigkeit!
sie sind nicht vorbergegangen an dem frechen Weibe! sie haben ihr Ohr
nicht vor der Schlange verstopft! sie haben mit ihr gebuhlt! ja, meine
Freunde! ja, meine Brder! das rmische Pabstthum hat eine Winkelstube
in unserer Stadt errichtet; es hat vielen Eurer Mitbrger das ewige
Seelenheil gegen falschen Tand abgetauscht. Doch nicht alle Sndige
waren verstockt; ihrer waren etliche, die Reue fhlten. Sie haben
bekannt. Die Kapelle ist entdeckt, die Hlle ist von der abscheulichen
Verschwrung der Finsterni gefallen! sie sind entlarvt, und harren
angstvoll der verwirkten Strafe!

Eine Bewegung der Unruhe, des Abscheus, der Bestrzung, durchlief die
Versammlung, und jedes Ohr horchte neugierig auf die Fortsetzung der
Predigt. Der Senator konnte sich kaum vor Schrecken an der Brstung des
Betstbchens erhalten; die Senatorin starrte dumm und nicht begreifend
auf den Prediger; Justine, ahnungsvoll und beklommen, behielt den Vater
ngstlich im Auge. -- Der Prediger fuhr mit erhhtem Kraftaufwande fort:

O, wie zittern jetzo die Herzen der Sndigen! wie werden sie
wnschen, gar nicht geboren zu sein! und dennoch selig noch diejenigen,
die Schaam und Reue empfinden! seliger noch diejenigen, die ihre
schweren Verbrechen durch ein aufrichtiges Gestndni vershnten! aber
dreimal verworfen diejenigen, so in ihrem Irrthume, in dem Laster
beharren! dreimal verworfen die gottlosen Priester aus Babel, die das
Volk des Herrn verfhrt haben, und Unkraut gestreut unter den Waizen!
-- Wie soll ich euch aber nennen, Gotteslugner! was soll ich euch
prophezeihen, ihr Verstockte! die mit der Abtrnnigkeit noch Heuchelei
verbinden? die mit glatter Stirne den Tempel des wahren Christenthums
besuchen, und das falsche im Busen tragen? besser wre es, ihr bliebet
aus dem Hause Gottes, das ihr durch eure betrgerische Gegenwart
verunreinigt! -- wie soll ich aber denjenigen nennen, der -- selbst ein
Richter im Volke.... der -- selbst ein Erhalter der Gesetze -- das Volk
verrth, indem er dessen Verfhrung begnstigt?... das Gesetz schndet,
indem er thut, was es in seiner Weisheit verbietet...? den ehrwrdigen
Senat, dem er angehrt, brandmarkt durch seine entsetzlichen Frevel?
ihn, der schamlos genug ist, sich allen Augen im Tempel des wahren
Gottes Preis zu geben, sich heuchlerisch darinnen zu brsten, nachdem
er, geschweige anderer Unthaten, die erst an's Licht kommen werden und
mssen, in dem teuflischen verbotenen Lotto sein Hab und Gut gewagt,
und satanisches Handgeld damit gewonnen?... nachdem er ... ich spreche
es mit Schaudern aus, meine Brder, -- nachdem er katholisch geworden?

Der von dem Feuer der tadelnswerthesten Heftigkeit ergriffene
Geistliche deutete mit Blick und Finger auf den Senator unverholen hin,
der, von Beschmung und Wuth gepeinigt, in den Schatten seiner Betloge
zurcksank, nach welcher murmelnd und blasphemirend die Menge gaffte,
auf die der wthende Prediger noch einen Hagel von Verwnschungen
niederrauschen lie. Der Auftritt sollte noch grulicher werden. Der
Senator, an seinem Stuhle nierdergleitend, hatte unbewut den Arm
seiner Frau ergriffen. Diese, die endlich mit aberglubischem Entsetzen
begriff, wo hinaus der Prediger wollte, fhlte kaum die Hand ihres
Mannes, als sie dieselbe lautschreiend zurckstie, aufsprang, mit dem
Gesangbuche nach dem Ohnmchtigen warf und kreischte: Weg von mir,
elendiger Mann! das fehlte noch, katholisch zu werden! Gott erbarme
sich unser! Ich bleibe keinen Augenblick mehr an deiner Seite! --

Vergebens warf sich Justine ihr bittend in den Weg. Schluchzend,
wthend, wie eine dem Teufel Entlaufende, drngte die Senatorin ihre
Tochter von der Thre. Weg, Satanskind! rief sie aus vollem Halse:
helft mir, ihr guten Christen! Ich gehe nicht mit einem Schritte mehr
in das Haus der Abtrnnigen!

Auf der Treppe von einem Schwarme von Betschwestern umringt, die
fragten und schimpften, und bedauerten, ging das Kreischen des
unvernnftigen Weibes in ein widerliches Heulen ber, das der Menge
Gemurre und des Predigers Stentorstimme gewltigte. Ich unglckliches
Weib! schluchzte sie: wer fhrt mich zu meinen Verwandten, damit
ich sicher sei vor dem Teufel, an den man mich verheirathet hat? Ich
habe zu Allem geschwiegen, aber nun kann ich's nicht mehr. Der elende
hat im Lotto gespielt, hat den Hollnder umgebracht, und nun erst ...
katholisch zu werden...! ich armseliges Geschpf!

Endlich wurde sie fortgebracht, und mit ihr ging die Steuercommissrin
und viele Freundinnen. Da haben wir's ja! sagte die Erste
triumphirend. Da hren Sie's selbst, meine Lieben! den Hollnder
umgebracht, ... wahrscheinlich nicht minder dessen Sohn, der seit
gestern verschwunden ist...! Lotterie gespielt ... katholisch
geworden! und mit alle dem that der schlechte Mann als wie ein
Tugendspiegel! Aber mein Mann soll auf der Stelle zum Brgermeister,
und dann wollen wir sehen, ob noch Recht im Lande ist!

Whrend dessen schritt, von einem angsterregenden Menschengedrnge
umgeben, von Justine untersttzt, der todtenhnliche Mssinger durch
die Kirche und ber die Gassen. Es regnete entsetzlich. Warum gehst du
nicht zu der Mutter? fragte er die Tochter leise und ohne die Augen zu
ihr aufzuheben. Ich bleibe bei Ihnen, erwiderte sie sanft: ich kenne
die Mutter nicht mehr. Ich habe im Stillen geahnt, was Ihre Vernichtung
mir besttigt! Ach, ich habe nicht falsch gesehen,.. der Doctor!..
Aber ich liebe Sie jetzt _mehr_, um Ihres Unglcks willen, und begehre
nicht, von Ihnen mich zu trennen. -- O mein armes, einziges, liebes
Kind! sprach der Senator unter Wehmuthswellen, und schauderte sichtbar
zusammen, weil eine Menge Volks vor seinem Hause sichtbar wurde,
und die Hellebarden und rothen Rcke der Rathshatschiere von der
Thre daher blinkten. -- Ich werde in Arrest gebracht! seufzte der
Bengstigte. Justine erschrack; ihre Thrnen fielen auf seine Hand.
Der Senator erhielt im Gedrnge einen Sto auf die Brust; er sah zur
Seite und erblickte sein schweres Portefeuille, das ihm eine hlfreiche
Hand in den Busen schob. Einen Gru von den Herren! sagte der blasse
Litzach zu ihm, der sich wieder niederduckte: Sie sollen das bewahren
und fliehen. Die Bcher sind verbrannt und zerrissen. Ernst hat Sie
verrathen, fliehen Sie nach Amsterdam, der Doctor erwartet Sie.

Die Worte waren wie im Fluge gesprochen worden, und der dem Senator
unbekannte Bote verschwand. Der Senator verbarg mechanisch das
Taschenbuch, das seine Wechsel und Obligationen enthielt, ohne
darber nachzudenken, wie es wohl aus dem verschlossenen Hause in
die Hnde jenes Menschen gekommen. Zwei Senatoren, Commissarien des
Brgermeisteramts, die in ihren schwarzen Kleidern und weien Percken
ungeduldig im Regen warteten, riefen dem verdchtigen Collegen zu,
die Thre schnell aufzumachen. Mssinger gehorchte; Commissarien,
Hatschiere, Volk drangen in das Haus. Justine wurde von des Vaters
Arm gerissen, und flchtete in das obere Stockwerk, dessen Treppe von
den Hatschieren besetzt wurde. Ihre Papiere! hie es unterdessen zu
dem Senator. -- Er bckte sich, die Thre seines Cabinets zu ffnen.
Sie war schon offen. Man trat ein. Der Pult war gewaltsam geffnet
... von den Bchern der Jesuiten, die darinnen verwahrt gewesen, sah
der Senator, selber staunend, keine Spur. Unglcklicherweise jedoch
fand ein Sprhund in einem Winkel die Legenden der Heiligen Ignaz und
Xaver. Als ein Beweis des Gesuchten wurde das Buch mit Jubel empfangen.
Unwrdiger Mann! sagte ein Senator zu dem verstummenden Mssinger;
die Schlssel zu der Kasse, damit sie fr's Erste in Beschlag genommen
werde! Oeffnen Sie die geheimsten Fcher des Bureau's! sagte der
Zweite; man hat Sie mit Seelenverkufern umgehen gesehen; nach der
Aussage Ihrer eigenen Comptoirbedienten Nothhaft und Berndt. Wo ist die
Correspondenz ber diesen schndlichen Trafik? --

Mssinger lugnete und verwies auf seine Handelsscripturen.

Wer seinen Gott verlugnen kann, lgt auch vor Menschen! sagte Einer
der Commissarien: wie kmmt es aber, da Ihr Pult bereits geffnet,
gewaltsam geffnet ist? --

Mssinger bezeigte seine Unwissenheit.

Indessen kamen zwei Personen herbei, die viel Verwirrung in den
Auftritt brachten. Der Erste, ein Schwager der Senatorin, zu dem
die bsartige Frau sich geflchtet und welcher erschien, um deren
Eingebrachtes zu reklamieren; der Zweite, der Comptoirdiener Berndt,
den Neugierde und Schrecken zu kommen vermocht hatten. Der Schwager
der Senatorin mischte sich mit vielem Lrm und aufgeblasenem Benehmen
in die Geschfte der Commissarien, und diese hielten es fr gut,
den Diener Berndt verhaften zu lassen, weil gegen ihn der Verdacht
obwalte, auf vorlufigen Befehl seines Principals aus der Kirche
entwichen zu sein, und das Pult gesprengt zu haben, um die schwersten
Indicien, sowohl des Katholicismus, als des Lottospiels, als der
Seelenverkuferei, aus dem Wege zu rumen. Whrend nun der unschuldige
Comptorist deprecirte, und die Hatschiere Gewalt brauchen muten, den
jungen Mann, der seiner philadelphischen Sanftmuth gnzlich verga,
festzuhalten, -- whrend der Senatorin Verwandter seinerseits schrie
und die Commissarien bertubte, die Zuschauer sich um diese Scene
drngten, stieen, und kleine Debatten unter sich selbst hielten,
erwischte Jemand den Senator Mssinger beim Kleide, und zog ihn mit
kecker Faust in das Gedrnge, durch das Gedrnge, und Niemand bemerkte
es im Tumult. James war der Khne. Kommen Sie! flsterte er dem
Staunenden dringend zu, ri ihn durch den Ausgang, unfern von der
bewachten Treppe vorbei in den Hof, nach der Hinterthre, klinkte sie
auf, und nun stracks mit dem Geretteten fort durch das de Gchen.

Wohin, wohin, mein Freund? fragte Mssinger athemlos.

Still! kein Wort! versetzte der Jngling, und lief, so schnell
der Senator selbst konnte, nach einer Querstrae, wo er in ein Haus
schlpfte, das ein Werbschild ber der Thre trug. Er hie den
Begleiter folgen, und trat mit ihm rasch in die niedrige Stube, wo
einige Reiter, in bunten Uniformen, saen und tranken.

Kameraden! rief James, als wie begeistert: Ihr seid Katholiken!
Es gilt hier, einen Katholischen zu retten! Einen Helm, einen
Reitermantel, ein Pferd fr den Verfolgten! Zwei von Euch zur
Bedeckung, die ihn geleitet, bis zum Weichbilde geleitet, und nehmt
dafr mich hin, mit Leib und Seele! Ich begehre kein Handgeld als den
Liebesdienst!

Was thut Ihr, mein Freund? fragte Mssinger verweisend, sank
aber erschpft auf eine Bank. Ein Reiter bot ihm Wein. Die Andern
berlegten; endlich, einig geworden, da ein hbscher Bursche hier
zu werben stehe, und wohlfeil, so wie nie, sagte der Wachtmeister:
Meinetwegen, Monsieur. Geb Er mir die Hand, und trink' Er aufs
Wohlsein unsers Herrn! -- James stie eiligst an. -- Pressirt's mit
dem armen Mann? fragte der Unteroffizier weiter. James besttigte es
dringend, erzhlte, er habe gehrt, man wolle die Thore schlieen,
um sich der heimlichen Gemeinde desto gewisser zu versichern. Der
Unteroffizier lachte der ungeschickten Maregel. Unsrer Uniform
stehen, so Gott will, alle Thore offen! sagte er, trotzig den Bart
streichend: schafft nur fr den Herrn Stiefel, Mantel und Helm herbei,
ihr Bursche. Mit ihm auf's Pferd dann, in Gottes Namen! scharfen Trab!
ich bleibe indessen bei dem jungen Rekruten da!

Whrend Einer ging, die Monturstcke herbeizuschaffen, und der Andere,
die Gule aufzuzumen, umarmte Mssinger kraftlos schwankend den
Jngling. Nehmt die Hlfte meines Geldes! sagte er, die Brieftasche
hinreichend. James stie sie mit glnzendem Auge von sich. Ich
will schon meinen Lohn fordern, wann es Zeit sein wird! antwortete
er, half dann dem willenlosen Senator seine Verwandlung vollenden,
drckte ihm an Statt der Percke den Helm auf den Kopf, und empfahl
ihm, das bartlose Kinn tief in den Radmantel zu stecken. Indem er ihn
untersttzte, um ihn zum Pferd zu geleiten, rief Mssinger, wie aus
einem Traume auffahrend: Justine! Meine Tochter! Sie bleibt zurck;
und hat doch geschworen, sich nie von mir zu trennen! Edelmthiger
Mensch! wollt Ihr die Krone auf Eure That setzen, und die Angst meiner
Tochter endigen? Mein Buchhalter soll sich ihrer annehmen,..... er soll
sie mir nachfhren..... nach Amsterdam, zu van den Hcken, wo ich ihrer
sehnsuchtsvoll warte!

Es soll geschehen, Ew. Edeln, versicherte James: ich werde sie
aufsuchen; -- will's Gott! auch sie retten, Ihnen nachsenden. Gott
geleite Sie....

Armer Mensch! klagte Mssinger: wie lasse ich dich zurck? Du hast
deine Freiheit, dein Leben um meinetwillen verkauft. Schreibe, melde
mir, ob Geld dich wieder befreien kann, und ich....

Possen! rief der Wachtmeister rgerlich dazwischen: war er ein Paar
Wochen zu Pferde, so begehrt er's nicht mehr anders. Aber zu Pferde,
Herr, zu Pferde, mssen auch Sie, damit meine Bursche um Mittag zurck
sein knnen. Der Trompeter blst. Steigen Sie auf, und machen Sie
meinem Gaul keine Schande. Er geht auf's Wort.

Indessen hatte James dem Senator zugeflstert: Ich brauche kein Geld,
lieber Herr, und indem Sie mir das trauliche Du gaben, haben Sie die
Hlfte Ihrer Schuld abgetragen. Leben Sie wohl! Gott mit Ihnen!

Der Senator wurde auf's Pferd gehoben, und trabte majesttisch zwischen
den Reitern durch Stadt und Thor, welches die Stadtsoldaten gefllig
und gehorsam vor dem gefrchteten Feldzeichen aufrissen.

Justine wute von all' diesen Begebenheiten nicht das Geringste. Einer
schchternen Unentschlossenheit hingegeben, hatte sie in ihrem Zimmer
sich verborgen, um sich zu fassen. Der scandalse Auftritt in der
Kirche, die Verhaftung ihres Vaters, die Ungewiheit ihrer zuknftigen
Lage, bestrmten zugleich ihre Sinne, da sie auf einen Augenblick die
Selbststndigkeit ihres Charakters verga. Die Stimme ihres Vetters,
der endlich sich vernehmen lie, -- der die Treppen heranstieg, um die
Effekten seiner Schwgerin in Beschlag zu nehmen, der von Verschlieung
aller Gemcher redete, der rauh und ungeschliffen sich bei allen
Domestiken nach seiner Verwandten Justine erkundigte, um sie in sein
Haus, zu ihrer Mutter zu fhren, -- diese Stimme raffte Justinens Muth
zusammen. Dem eigenwilligen Mdchen erschien pltzlich nichts auf Erden
schrecklicher, als unter die Vormundschaft dieses Menschen treten zu
sollen, den es lngst gehat hatte; unter die Leitung einer Mutter, die
es von ganzem Herzen miachten mute. Justine zauderte nun nicht mehr;
sie hoffte nicht ferner auf eine Eingebung von Oben: ihr Entschlu war
pltzlich gefat. Ihr Vater im Kerker? Welcher andere Ort wre wohl
ihre Stelle gewesen? Ihr Vater verbannt? Welche Pflicht erschien ihr
theurer, als die, den Urheber ihrer Tage zu begleiten? Sie lie, in
ihre Stube eingeriegelt, den im Hause herumstbernden Schwager ihrer
Mutter seinem berlstigen Geschfte obliegen. Sie packte whrend
dessen ihr erspartes Geld, ihre Kleinodien zusammen; sie erwartete
mit Herzklopfen den Augenblick, in welchem die Wege zur Flucht rein
sein wrden; er kam. Sie entschlpfte; sie eilte die Treppe hinunter.
Nirgends mehr eine Wache; das Comptoir verschlossen, und den Vater auf
dem Brgergewahrsam aufzusuchen ihre Aufgabe.

Das Gewitter des Morgens sendete noch immer frchterliche Regengsse,
Ihrer nicht achtend, trat Justine aus dem Hause. Eine Frau strzt
ihr entgegen; die Lainez. Wohl mir, da ich Sie finde! sagt diese
athemlos: Sie glauben mich im Unrecht. Aber Sie sollen sich vom
Gegentheil berfhren. Ich habe den Moment erspht, Sie zu retten.
Kommen Sie mit mir, wenn Sie nicht nach Ihrer Mutter verlangen!

Ich verlange auch nicht nach Ihnen! antwortet Justine, und will
sich von der Franzsin losmachen: lassen Sie mich! mein Vater ist im
Gefngni! ich will -- ich mu zu ihm!

Zu ihm? Sie wissen aber nicht?...

Was, Madame?

Ihr Vater ist entwischt; Niemand wei, wohin!

Entflohen? Gott sei gelobt! Adieu, Madame, ich folge ihm!

Wie? ohne Spur? ohne Nachricht?

Der Herr wird mich erhren. Meine Angst wird ihn finden! Lassen Sie
mich!

Sie machen sich unglcklich! Der Senator hat ohne Zweifel die Stadt
verlassen!

Gleichviel! Ich suche ihn auch nicht in dieser Stadt!

Sie sind aber hier eingesperrt. Alle Thore sind geschlossen; Niemand
wird ohne die strengste Untersuchung hinaus gelassen. Man kennt Sie!
man wacht sorgfltig ber die Angehrigen des Senators. Man wird Sie zu
Ihrer Mutter bringen!

Diese Nachricht lhmte Justinens Krfte. Mit einem tiefen Ach! griff
die Wankende nach der Hand der Franzsin, die mit ihr indessen an die
Ecke der Strae gekommen war, und dringend weiter redete: Aufschub
ist's, den Sie gewinnen mssen! Lassen Sie die ersten Tage der Unruhe
vorbergehen! Sie werden ohne Zweifel Nachricht von dem Vater erhalten!
Rauben Sie sich jedoch nicht die nthige Freiheit, ihm alsdann folgen
zu knnen. Vertrauen Sie sich mir. Auch ich bin verfolgt, frchte ich;
auch _mich_ verdchtigt mein Aufenthalt im Johanniterhofe, obgleich
meine Seele rein an jenen Umtrieben ist, rein wie ein Sonnenstrahl.
Ich wei einen Ort, der uns Beide verbirgt, der uns fr's Erste den
nthigen Schutz verleiht. Folgen Sie mir. Sie werden daselbst sichrer
sein, als unter den Augen Ihrer Mutter, die vielleicht Schuld an dem
ganzen Unheile trgt, das Ihren Vater betroffen hat.

Lieber in den Tod als zu dem despotischen Onkel, -- als zu der Mutter,
deren Vorwrfe mich umbringen wrden! rief Justine; ich will noch
einmal an Ihre Aufrichtigkeit glauben. Bringen Sie mich von hier!

So eilen Sie! ermahnte die Lainez, und fhrte Justine schnell mit
sich von dannen; weit vom Vaterhause, auf dem Paulsplatz, wo sie
sehr durchnt ankamen, allein doch unbeachtet. Rasch schritten die
Frauen auf die Kirche los; heftig zog die Lainez die Glocke an dem
Pfrtchen des Thurms. Die wenigen Minuten, deren der Thrmer bedurfte,
um herabzukommen und aufzuthun, wurden den Harrenden zu Ewigkeiten.
Endlich ... Schlsselklang ... das Pfrtchen geht auf. Pahlens empfngt
verwundert, freudig erschreckt, die Einstrmenden. Gott gre Sie,
Herr Pahlens! ruft die Lainez in Eile; oben ein Nheres! und mit
flchtigem Fue eilen die Frauen ber die hlzernen Stiegen; an
Glocken und Uhr vorber, ber die finstern Wendeltreppen, durch die
finstern Gangschluchten, und an den hohen Luken vorbei, die eine
schwindelerregende Gruft vor dem Aufsteigenden erffnen; und nimmer
ruhen und nimmer rasten sie, bis der letzte Treppenabsatz erklimmt,
und die Plate-Forme des Thurms erreicht ist, wo der heftig ziehende
Luftstrom sie zwingt, in des Thrmers Stbchen einzutreten, Platz zu
nehmen, Odem zu schpfen, und endlich dem nachgefolgten Pahlens die
Absicht ihres Kommens zu erklren. Die Franzsin fat sich hierin, so
wie in Allem kurz.

Sie wissen, Monsieur, was in der Stadt vorging, sagt sie mit
vertraulichem Tone zu dem Thrmer; wir sind ebenfalls das Opfer
jener traurigen Ereignisse. Wir fordern von Ihnen Schutz und sichern
Aufenthalt fr wenige Tage, und erwarten von Ihrer Galanterie die
Erfllung unsers Begehrens!

Ein Strahl von Freude und Behagen fuhr ber Pahlens Gesicht; vergngt
rieb er sich die Hnde, und versetzte: Sie kommen zur besten Stunde,
meine Damen. Mein Gehlfe wurde gestern in das Landkrankenhaus
gebracht, und ich bin allein. Mehrere Tage hindurch kann ich mich wohl
allein behelfen, und der Magistrat wird mir die Schonung seiner Kassa
danken. Ueber diesem Zimmer, in der Kuppel des Thurms, befindet sich
das schnste Belvedere; ein Pltzchen, wie geeignet, die Gttin Venus
mit ihren Grazien und Amoretten zu beherbergen. Sie werden daselbst
wohnen, ungestrt sein, und nur die Vorsicht beobachten mssen, sich
nicht sehen zu lassen, wenn sich Neugierige oder Leute, die hier oben
Geschfte haben, auf dem Thurme einfinden.

Justine, von dem albern galanten Wesen des Thrmers unangenehm
berhrt, drang darauf, das gerhmte Kuppel-Zimmer auf der Stelle zu
beziehen. Ihrem Wunsche wurde also willfahrt, das Frauenpaar in sein
Asyl eingefhrt, das in der That eine gewisse Eleganz darbot, und
eine vielversprechende Fernsicht; heute freilich von Regenschleiern
verhllt. Pahlens, nachdem er sich in seinen besten Putz geworfen, trug
seinen Schutzbefohlenen Alles auf, was die beschrnkte Speisekammer
des Junggesellen vermochte, und lud seine Gste ein, seine Gaben nicht
zu verschmhen. Die Lainez lie sich nicht nthigen. Justine versagte,
setzte sich an's Fenster, sah hinaus in die grauen Wolkenmassen, und
weinte und seufzte, und machte Plne.

Pahlens, nachdem er vergeblich versucht, der Jungfer, die sein Herz
erobert, ein Wrtchen abzugewinnen, ging verdrlich davon, die Stunde
zu schlagen; lie die Frauen allein.

Wohin sind wir gerathen? fragte Justine heftig: wie sind Sie _hier_
bekannt geworden, Madame? Von der Discretion eines geckenhaften
Menschen abzuhngen, der mich durch seine Zudringlichkeiten rgern
knnte, machte ihn nicht seine Albernheit lcherlich! Warum habe ich
mich von Ihnen beschwatzen lassen?

Wissen Sie einen Ort, an dem man uns weniger vermuthet? an dem wir
unbemerkter sind? fragte die Lainez einsilbig dagegen, und setzte bei:
ich kenne den Herrn dieses lustigen Hauses zwar nur oberflchlich,
aber getraue mir, fr die redliche Reinheit seiner Gesinnung zu brgen.
Frchten Sie keine Beleidigung Ihrer Wrde, keine Verletzung des
Anstands. Was Sie auch von mir halten mgen ... ich bin eine Freundin
und Bewahrerin strenger Sitte, und Niemand wird mehr als ich von
einer Unbescheidenheit verletzt. Schlafen Sie deshalb ruhig. Morgen
leuchtet uns vielleicht ein gnstigerer Himmel. Vielleicht sind wir so
glcklich, etwas Nheres von Ihrem Vater zu erfahren, und Ihr Zweck ist
dann erreicht.

Dieser Zuversicht sich berlassend, fgte sich Justine in die seltsame
ungewohnte Lage. Der Abend kam, und verging bei einsamer Kerze, und
bei'm Lautenspiel des Thrmers, der sich's nicht nehmen lie, die
Frauenzimmer zu unterhalten, bis die Zehner-Glocke gelutet werden
mute. Pahlens Frsorge hatte den Damen auf den Ruhebettchen des
Belvedere ein ertrgliches Lager bereitet. Er wnschte ihnen gute
Nacht, und empfahl ihnen das Licht zu lschen, damit der Wchter, der
nach zehn Uhr auf dem Thurme einzutreffen habe, nicht Unrath merke.

Justine verriegelte die Thre. Die Lainez lschte die Kerze. Die
beiden schnen Flchtlinge versuchten, ohne ein Wort ferner zu
wechseln, zu entschlummern. Justinens Augen floh jedoch der Schlaf;
ihrer Begleiterin ging's nicht besser, denn Justine, ganz stille
ruhend, hrte pltzlich, wie sich die Lainez leise aufrichtete, und
in franzsischer Sprache, -- in der Meinung, ihre Gefhrtin schlafe,
-- zu beten anfing. Das Gebet war an die Himmelsknigin, an die
heilige Jungfrau gerichtet, und die Flehende forderte die gttliche
Mutter auf, durch ihre Gnade den traurigen Zustand zu endigen, in dem
sich gegenwrtig die Bittende befinde; ihr es mglich zu machen, den
lauernden Feinden zu entgehen, und unter den Schutz der Glubigen
zurckzukehren. Sie fgte hinzu, die Jungfrau mchte diese Gnade auch
auf ihre Gefhrtin ausdehnen, die um ihrer Eigenschaften willen, zu
dem besten Glcke wrdig und berufen sei. Sie mchte ein Wunder ihrer
Huld thun, um das Seelenheil der Protestantin zu retten, sie auf die
Bahn, die ihr Vater betreten, zu fhren, ihr alle Snden zu erlassen,
sie frei und glcklich zu machen! Wenn die gttliche Frsprecherin
alles dieses Verlangte thue, so verspreche ihr die Beterin eine
neuntgige Bubung, ein vierzehntgiges Fasten und eine Votivtafel
dem wunderthtigen Bilde zu Montserrat. Hierauf begab sich die Lainez
wieder zur Ruhe, und entschlief bald in vollkommener Friedseligkeit.

Justine, welche aufmerksam gelauscht hatte, machte ihre besondern
Betrachtungen. In dem Grade, als ihr Mitrauen gegen die Franzsin
zunehmen mute, in der sie nun eine eifrige Katholikin, und --
wie sie im Verlauf des letzten Tages geahnt hatte -- ein Werkzeug
ihrer beabsichtigten Bekehrung empfand, nahm auf der andern Seite
wieder ihr Vertrauen zu der Person zu. Die Lainez hatte ja in ihrem
Gebet die Protestantin mehr noch den himmlischen Mchten empfohlen,
als sich selbst; sie hatte fr Justinens Erleuchtung und Rettung
gebetet, sie hatte dafr ein Gelbde geleistet! Justine dankte ihr
im innersten Herzen fr die Beweise einer liebevollen Theilnahme,
und vergab ihr allen Unglimpf. Justine beneidete sogar die Franzsin
um ihr Vertrauen, um ihr glubiges Gebet, das den ruhigen Schlaf auf
die Augen der Beterin go, erzeugt von der Zuversicht, da das Gebet
erhrt, das Gelbde vergolten werden msse. Justinens Auge blieb wach
und munter ihr Ohr. Sie sah die Streiflichter der Wchterlaterne, die
um das Thurmzimmergebude die Runde machte; sie hrte Pahlens und
des ablsenden Wchters Stimme, das heisere Gebelle des Wachthundes,
die von Stunde zu Stunde gegebenen Posaunenste in die weithallende
Luft, das erschtternde Ausheben der groen Uhr, die Donnerschlge der
allzunahen Stundenglocken. Unwillkrlich dachte sie an die Mhrchen
ihrer Amme, an das Traumgesicht, das Georg Birsher erzhlt hatte.
Sie blickte sorglich nach der Gegend der Thre, ob nicht etwa des
alten Amerikaners wahrhaftiger Geist hereinschreiten werde. Aber
qulender wurde ihre Angst, marternder ihre Schlaflosigkeit erinnerte
sie sich der verflossenen Tage, des Glcksruins ihres Vaters, seiner
Verblendung, seiner Flucht, des Verschwindens ihres Verlobten. Eine
traurige Zukunft rollte sich vor ihrer Einbildungskraft auf, und sie
htte sich aus den Fenstern des Thurms in das Wolkenmeer geworfen,
wenn es mglich gewesen wre, auf demselben berzuschiffen nach der
Weltgegend, in welcher sich ihr Vater befand. Dem Andenken des,
gewi auf immer von ihr getrennten Verlobten weihte ihr Herz nur
eine vorbergehende Klage: des Vaters Bild erfllte es ganz. Seine
Fhrerin, seine Begleiterin in dem Labyrinthe seines Unglcks zu
werden, schien ihr Beruf zu sein, und sie sehnte den Tag herbei,
der ihr vielleicht Kunde zu geben bestimmt war. Der Tag kam herauf,
herrlich und prchtig, wie sein Vorgnger hlich und strmisch
gewesen war. Justine badete ihre glhende Wange in dem khl strmenden
Glanzmeere, das um des Thurmes Spitzen lag. Die Nebel des Himmels
hatten sich zerstreut, waren am Horizonte niedergesunken. Durch die
durchbrochenen gothischen Gelnder der Plate-Forme schimmerte das
tiefe Blau des Himmels, und ber dem frei ragenden Gipfel strahlte
ein feines durchsichtiges Dach von Azur. Schaaren von munterem
Gefieder strichen neckend oder majesttisch vorber. Der Storch
klapperte frhlich in seinem Neste; mit ihm um die Wette gurrten die
Ringeltauben des Thrmers. Eine kstliche Aussicht hatte sich durch
die Nacht zum Licht emporgearbeitet. Die weite Flche um die Stadt,
nur in der weitesten Ferne von Gebirgsumrissen begrnzt, prangte in
der vielfarbigen Flle des nahenden Herbstes. Stdtchen mit glnzenden
Thurmknpfen, Kirchdrfer mit luftigen Ziegeldchern, zwischendurch
belebte Landstraen, oder weite Baumgelnde, oder grne Fluren, oder
silberne Strme, oder abgelesene Felder und frisch umgewhlte Aecker,
ber deren Furchen wunderliche Herbstseidenfden ihren weichen,
eisgleichen Spiegel gezogen hatten -- entzckten das Auge. Die
ansehnliche Stadt, von grnen Bastionen, alterthmlichen Warten und dem
Strome umzogen, bildete gleichsam den Korb, aus welchem man in's Weite
sah. Justine hatte diesen Anblick noch nie gehabt. Sie hatte noch nie
hernieder gesehen in die dunkeln Straen, auf die volkreichen Mrkte,
auf die Giebel der Huser, auf die niederer liegenden Kirchen. Sie
suchte, sie fand ihr Vaterhaus, die Wiege ihrer Freuden; sie suchte
und fand den altergrauen Johanniterhof, die Wiege ihres Leidens und
des Unglcks ihres Vaters; sie suchte nicht das Gasthaus, das ihren
Brutigam beherbergt hatte, damit ihr Schmerz nicht erwache; sie suchte
aber die Straen, die von den Thoren in alle Weltgegenden ausgingen;
sie versuchte zu errathen, welche ihr Vater wohl eingeschlagen haben
mochte, oder ob er vielleicht noch in der dumpfigen Husermasse athme,
deren Bewohner sich gegen ihn und seine Schwachheit verschworen hatten.
Sie lief, ohne sich des Warum? bewut zu sein, nach der Thre,
sie ffnete dieselbe unschlssig, und hrte pltzlich vom Fue der
schmalen Treppe, die in's untere Gemach fhrte, leise Flsterworte,
eine Unterredung, die sie nahe mit anging. Pahlens und die Lainez, die
schon seit einiger Zeit das Gemach verlassen hatte, sprachen zusammen,
heimlich und vertraulich -- von Justinen.

Sie knnen sich leicht denken, sagte der Thrmer: wie mich's
allarmirt hat, als ich's vernahm. Es ist doch Schade um die magnifique
Jungfer. =Parole d'honneur!= die Mama und der Vormund wollen sie,
sobald sie ausfindig gemacht worden, in die Kostschule sperren lassen,
weil sie dergestalt an ihrem Vater hngt. Es wird behauptet, sie sei,
wie _er_ katholisch geworden, und dieser Schmutz msse abgekratzt
werden.

Nichts weniger als das, versetzte die Lainez: indessen mssen Sie,
Monsieur, uns weiter helfen. Der Superior hat mir das Mdchen auf die
Seele gebunden. Ich mu Wort halten, damit auch mir einst Wort gehalten
werde.

Ich will wohl behlflich sein, sprach Pahlens wichtig: aber um
den Lohn begehre ich auch nicht zu kommen. Sie wissen, meine Beste,
wie mich der blinde Cupido selbst =aveugle= gemacht hat. Ich bin
=amoroso= dergestalt, da ich mit Thrnen meine Speisen salze, und
tglich und nchtlicherweise von =Morpheo= verlassen werde. Wenn mir
die ehrwrdigen =Patres= die Holdselige zur ehelichen Hausfrau geloben
wollten, ... auf das Vermgen thte ich Verzicht, und baute irgendwo
mein stilles =Arcadia= an. Knnte ich alsdann in irgend einem Dome
Organist werden, so sollten die dankbarsten Liebesgtter meine Register
handhaben.

Sie sind eigenntzig, Monsieur Pahlens, entgegnete die Lainez
empfindlich.

Ich opfere auch Alles auf, bis auf die Braut, die ich =adorire=,
sagte der Geck: wenn es herauskmmt, da auch ich den Staub des
Lutherwesens abgeschttelt, so wrde ich's nicht lugnen, und folglich
meinen Bndel schnren mssen, und von denen =Musis= erwarten, wo
ich wieder meinen Unterhalt fnde. Nicht wahr? Wre hingegen Jungfer
Justine meine Verlobte.... =vraiment!= noch heute sagte ich auf, zge
morgen ab, und erhielte alsbald meinen Abschied, weil sich Zehne fr
Einen um meinen Dienst bewerben.

Das Mdchen will seinen freien Willen haben, Monsieur Pahlens.

Recht, beste Madame. Sie soll meine Devotion erkennen lernen, und
wenn sie meine liebeslustigen Sentiments erfhrt, wird sie nicht
unempfindlich bleiben. Die Zeiten sind anders. Der Papa davon gelaufen
... die Mama, die sie einsperren will; auf der andern Seite dagegen der
niedliche Pahlens, ein Virtuose auf vielen musikalischen Instrumenten
und heftig verliebt;.... ich bin gar nicht bange zu reussiren, wenn
Sie mir Ihren Beistand nicht versagen, und ein acht Tage hier oben
verweilen.

Warum nicht gar? Sie mssen uns so schnell als mglich wegbringen. Man
gibt vor, ihr Vater habe sie beschieden ... wohin? das ist gleichviel.
Sie geht in die Falle. Wir bringen sie in den Bereich des Superiors,
und das Zureden desselben, wie Ihre galante Bewerbungen werden das
Uebrige thun. Wir Weiber sind schwach, Monsieur, und weichen gerne der
Schmeichelei, wenn uns die Sttze eines Vaters fehlt.

Wenn Sie meinen..... fgte Pahlens hinzu, und das Gesprch verstummte.

Justine zog sich, emprt und erschreckt von dem, was sie vernommen,
zurck. Sie mochte berlegen, wie sie wollte, sie war gefangen und
gebunden. Dort, wenn ihre Hartnckigkeit einen freien Abzug von dem
Thurme erzwang, die schimpfliche Einsperrung in die Kostschule,
worinnen ungehorsame Tchter oder leichtsinnige Weiber oft Jahrelang
ihrer Lossprechung entgegenharrten; und dann die Autoritt eines
steifen unfreundlichen Familienraths, endlich der Spott, die
ehrenrhrigen Gerchte der migen Stadtschwtzer. -- Hier eine
begnstigte Flucht, die Hoffnung, den Ketten zu entrinnen, aber der
Zwang einer lgenhaften Verstellung, die Gewalt eines intriganten
Weibes, eines affenhaften Liebhabers, und irgend eines Superiors, den
sie nicht kannte, nicht begriff, und der entscheiden sollte, ob sie
den Thrmer zu heirathen htte, oder nicht! sie sah sich schon im Netz
heimtckischer Katholiken, und wenn hin und wieder ihr die Vernunft
schmeichelnd zuflsterte: sie mchte sich der Verstellung unterziehen,
zu glauben vorgeben, was man ihr von Vaters Befehl vorspiegeln werde,
und auf der Reise eine Gelegenheit suchen, von ihren falschen Freunden
loszukommen, -- so strubte sich doch dagegen sowohl ihr gerader
Charakter, als auch die so natrliche mdchenhafte Schchternheit. Wer
wute, ob sich jene Gelegenheit fnde? ob man sie nicht bereits in
einen katholischen Zwinger gebracht, ehe sie an ein Entrinnen denken
konnte? wer gab ihr auch zunchst die Versicherung, da sie den Vater
finden wrde, sie, ein hlfloses unerfahrenes Mdchen ohne Schutz? ja,
wenn Georg an ihrer Seite gewesen wre! auf ihn, den besonnenen und
entschlossenen Mann htte sie jede Hoffnung gesetzt! aber ... allein?

Sie verlor sich in trostlosen Betrachtungen. Die Lainez verlie sie
darinnen, um, wie sie vorgab, einen schnellen Gang durch die Stadt zu
machen, um zu erfahren, was sich Neues zugetragen. Justine wrdigte sie
kaum eines Abschiedgrues, und verschlo vor dem Thrmer, der gern den
Anfang seiner Bewerbungen gemacht htte, die Thre.

Wie sie nun da sa, und berlegte, und zu keinem klaren Willen gelangen
konnte, hrte sie auf der Gallerie schwere klingende Tritte nahen. Ein
Blick der Neugierde flog durch die ringsum freien Fenster des Belvedere.

Zwei Mnner in Uniform erstiegen die Plate-Forme, und der
Voranschreitende, mit leuchtenden Achselbndern und einer vielfarbigen
Schrpe geziert, von dessen Kasket eine breite Feder wehte, belobte
alsobald die wunderschne Rundsicht, deren man von dem hohen
Standpunkte geno. Pahlens, die Mtze in der Hand, trat zu ihm, und
beeilte sich, dem Besuchenden dienstfertig die verschiedenen Theile
des groen Rundbildes zu erklren, nannte ihm die Hauptgebude der
Stadt, die umliegenden Drfer, und lie sich eines Breitern in die
Erluterung der bestehenden Wchter- und Feuerordnung ein. Der Offizier
hrte freundlich zu, sendete Fragen auf Fragen, und schien mit seiner
Expedition auf den Paulsthurm sehr zufrieden. Sein Begleiter indessen,
in derselben Uniform, doch ohne Silber und Schrpe und Feder und
Achselquaste, ein gemeiner Reiter und dienender Gefhrte des Offiziers,
nahm keinen Antheil an dem Gesprche, und wanderte einsam um die
Gallerie, bis er auf die, dem Offizier entgegengesetzte Seite zu stehen
kam. Da legte er beide Ellenbogen auf das Gelnder, sttzte sich auf
diese, und bckte sich nachdenkend hinunter. Justine war dem Menschen
gefolgt. Er hatte -- so fremd seine Kleidung war, -- so viel Bekanntes
in seiner Haltung; ... neugierig lauschte sie, verwendete kein Auge
von ihm, und ... als er einmal das Kasket abnahm, um sich den Schwei
abzutrocknen, als ein jugendlich melancholisches Gesicht darunter zum
Vorschein kam -- da bewegte sich Justinens Herz in unentschlossener
Freude. Der Soldat war James, seine absichtslose Unbefangenheit ein
Brge, da er hier nicht auf hinterlistigen Wegen wandle; da er nicht,
mit der Lainez einverstanden, gekommen war, um Justine mit eigner Hand
noch tiefer in das Netz zu verwickeln, das sie bereits umgab. Vergessen
waren alle Beweggrnde, die einst Justinens Unmuth gegen ihn gereizt
hatten; sein soldatisches Kleid, fr Weiberherzen stets ein Vertrauen
erregendes, zeugte von einer gnzlichen Vernderung seiner Lage, sein
Gesicht von bekmmertem Ernste. Justine fhlte sich hingezogen zu
dem Jngling, der ihr ein Bekannter, ein ehemals geschtzter Freund
gewesen. Da der Vater geflohen, da Georg verschwunden -- wo htte sie
eine Seele finden knnen, ihr verwandter, angehrender als dieser junge
Mann? er oder Keiner war dazu gemacht, sie den treulosen Hnden, worin
sie sich befand, zu entreien, und ein innerer Zug bestimmte sie zur
Zuversicht auf ihn.

Ohne sich ihrer klar bewut zu sein, hatten diese Gedanken den Sieg
in ihrem Verstande, in ihrem Herzen errungen. Leise, aber dennoch
nicht ohne Gerusch, hatte sie das Fenster aufgezogen. James sah sich
um: Ueberraschung, Freude, Entzcken zogen auf seinem Gesichte die
frhlichen Wimpel auf. Justine, ihm verbindlich zunickend, winkte ihm,
behutsam zu sein. Er legte beide Hnde auf die Brust, sah sie voll
Liebe an, und erwartete ihr Begehren.

Ich bin gefangen, lispelte Justine englisch, wenn Ihr, Herr, kein
Verschworner der Lainez seid, befreit mich; doch behutsam.

James, der bei dem Namen der Franzsin eine Bewegung des Abscheus nicht
hatte unterdrcken knnen, antwortete rasch und ohne zu berlegen: Mit
Gottes Hlfe, Mi.

Mein Vater? fuhr zaudernd und ahnend Justine fort, meine Zukunft?
erfuhrt Ihr Nichts? darf ich Euch vollends vertrauen?

Die Sporen des Offiziers erklangen, des Thrmers gellende Stimme
erscholl; James winkte der holden Bittenden, sich zurckzuziehen.
Sie stellte sich hinter den offenen Fensterflgel, den Englnder
im Auge behaltend, der sich wieder an das Gelnder lehnte, den
Blick gleichgltig gegen Pahlens Taubenschlag kehrte, und nach
selbsterfundener Melodie ein Liedchen sang, das -- nicht knstlich in
Strophen und Reim geschnitten -- in seiner Nationalsprache dem Mdchen
zu wissen that, was ihm noth war: da der Senator gerettet, da er sie
nach Amsterdam beschieden, da James, ihre Spur verlierend, beinahe in
Verzweiflung gerathen; da er die Lainez hasse, Justinens Schicksal
bedaure, und Alles zu ihrer Befreiung und zu ihrer Rckkehr zum Vater
aufbieten werde. Die Thore der Stadt seien wieder offen, und Justine
wrde noch am Nachmittage Nachricht erhalten.

Justinens Busen erzitterte von Wonne. Der Offizier machte jedoch dem
improvisirten Liede ein Ende. Brav, sagte er in ziemlich schlechtem
Deutsch; ich sehe doch, da Seine Melancholie ein Ziel hat. Wenn der
Gesang auf die Zunge hpft, wird auch das Herz ruhig. Er wird mich
vollends zu Seinem Freunde machen, wenn Er aufgeweckt und munter ist.
James bckte sich, und wute, auf geschickte Weise das Kasket in Stirn
und Auge drckend, dem umherfaselnden Pahlens sein Gesicht auf's Beste
zu verbergen. Nach einigen Worten empfahl sich der Offizier, und James
folgte ihm dienstpflichtig. Der Schlssel tragende Thrmer geleitete
sie hinab.

Wie schnell hpfte nun Justine aus ihrem engen Zimmer! wie freudig
tanzte sie auf der Gallerie umher! wie verchtlich sah sie auf die
dstere Stadt, wie wonnetrunken auf die fern hinziehenden Heerwege nach
Westen, wohin der vterliche Ruf sie beschied. Sie frchtete keine
Tcke von James! sie rechnete auf das Uebergewicht, das sie ber die
Handlungen des Jnglings stets behauptet ... und nur nach Freiheit,
nach Vereinigung mit dem geliebten -- unglcklichen Vater, lechzte,
alle Bedenklichkeit vergessend, ihre Brust.

Und als Pahlens zurckkam, mit abgeschmackter Schmeichelei ihr nher
trat, und den erbrmlichsten Witz, die traurigste Galanterie an sie
verschwendete, -- als spter auch die Lainez erschien, und ihr in einer
wohl gesetzten Lge erzhlte: ihr Vater warte ihrer zu Steinstadt mit
dem grten Verlangen, und Pahlens werde sich ein Vergngen daraus
machen, sie hinzubringen, -- da lchelte sie kindlich unbefangen; die
List sprach nicht aus ihren Augen, die krause Stirn verrieth keinen
Ernst, keine prfende Ueberlegung. Sie schien die Vertrauende zu sein,
die Einwilligende, die Zufriedene. Die Verbndeten glaubten ihr Spiel
gewonnen, und nie war es so trostlos verloren.

Am Nachmittage fhrte der von Justinens Nachgiebigkeit bezauberte
Pahlens selbst einen Balsamhndler auf den Thurm, dessen verschmitzte
Augen wie Blitze aus dem bleichen Gesichte strahlten.

Der Kerl ist ein Fremder; es hat keine Gefahr! sagte Pahlens zu den
Frauen, die sich strubten, auf der Gallerie zu erscheinen, um die
Galanterien auszuwhlen, die ihnen der verliebte Thrmer zu kaufen
willens war. --

Mein Gott! ist das nicht Monsieur Litzach? fragte die Lainez nach
einem Blicke auf den Hndler. Dieser bejahte achselzuckend, und freute
sich, die Madame hier zu finden.

Einer der Unsrigen! flsterte die Franzsin dem erstaunten Pahlens
zu; was macht Ihr aber mit diesem Kram? fragte sie weiter.

Ei nun, Madame, antwortete der Schauspieler lchelnd; da es mit der
Komdie nicht fort wollte, und meiner Wohlthter Waizen auch nicht
ferner blhte, gab ich mich einem Parfmeur als Hausirer hin; will
sehen, ob das Geschft Weib und Kind ernhrt! -- Die _Herren_ werden
mich ja fr die Zukunft nicht im Stiche lassen, setzte er bedeutend
hinzu.

Seid meiner Frsorge gewi, wenn Ihr diskret seid! sagte die Lainez
mit Beziehung und warnend.

Ich wei, was ich meinen Glaubensfreunden schuldig bin, entgegnete
der Hausirer, der die Lainez verstand; und in dem Augenblicke, als die
Letztere sich zu Pahlens wendete, um ihm zu betheuern, er knne diesem
Menschen vertrauen, hatte auch schon Justine ein Blttchen Papier in
der zitternden Hand. Sie dankte dem listigen Ueberbringer mit einem
Blicke, und trat bald hinter einen Vorsprung des Thurms, um die Post zu
lesen. James schrieb:

Sein Sie um 10 Uhr Abends an der Pforte des Thurms. Ich mute meinen
Capitn in's Geheimni ziehen. Er lt Sie in seinem Wagen fortbringen,
weil er ein braver, ritterlicher Mann ist. Es qult mich, da meine
Pflicht mich hier zurckhlt. Sie sollen indessen -- so Gott will --
ein Mehreres von mir erfahren.

Das Billet flog zerrissen ber das Gelnder. Nachdem Pahlens seine
Geschenke gemacht, -- nachdem Litzach hinweggegangen, setzte sich
Justine in ein Winkelchen, ging mit sich zu Rathe. Was in aller
Welt hat Herrn White zum Soldaten gemacht? fragte sie sich; und
darf ich mich wohl der Diskretion des Capitns anvertrauen? -- Ihre
Herzhaftigkeit berwand den Zweifel; sie fhlte sich ber Furcht
erhaben, und suchte nur nach Mitteln, dem verschlossenen Thurme, den
Pahlens stets selber ffnete, um die bestimmte Zeit zu entkommen.

Endlich gelangte sie mit dem Plane auf's Reine. Sie wollte gegen die
zehnte Stunde, mit welcher der ablsende Wchter im Thurme einzutreffen
pflegte, ihr Lager verlassen, die Treppen hinabschlpfen, und hinter
einer Sule am Eingange den Thrmer erwarten, wenn er kommen werde,
dem Wchter zu ffnen. Sie wollte alsdann herzhaft den schmchtigen
Pahlens zurckstoen, und an dem Wchter vorbei durch die offene Thre
entspringen. Pahlens Vortheil, dachte sie, wrde ihn bewegen, keinen
Lrm zu machen, und der Retter nicht weit vom Thurme ihrer warten. --

Von ihren Hoffnungen ermuthigt, hrte sie mit vieler Geduld die
Schmeicheleien der Lainez, die Albernheiten des Thrmers an, womit
diese, ihr zu gefallen, den Abend tdteten, und suchte frhzeitig das
Lager auf. Die Lainez lschte die Lampe aus, und entschlief bald an
Justinens Seite. Diese Letztere versumte keinen Augenblick. Sie war
angekleidet geblieben; sie hatte das Pckchen, das ihren Schmuck und
ihre Sparpfennige enthielt, unter ihr Kissen verborgen; dieses und die
Schuhe in der Hand, entriegelte sie so leise als mglich die Thre,
fhlte sich das steile Treppchen hinab. -- Die Stiege knarrte; Justine
erschrak: zum Glcke jedoch klimperte Pahlens, in dem Lehnstuhl seines
Zimmerchens hingestreckt, auf der Laute, und kmpfte mit dem Schlafe.
Justine bemerkte dies, durch das Thrfensterchen schauend, und dankte
dem Strahle des durchschimmernden Lichts, der ihr die ersten Stufen
der Wendeltreppe zeigte. Muthig betrat sie den dunkeln Weg, vorsichtig
den Strick anfassend, der als Gelnder diente. Endlich kam sie in den
Bereich der Glockenstube, wo die Wendelsteige aufhrte, und die breiten
hlzernen Treppen begannen. Eine falbe Sternenhelle schlug durch die
riesengroen Fenster. Das Uhrwerk webte und regte sich mit wunderlichem
Gerusch neben der Fliehenden. Sie enteilte der schauerlichen, in
abgemessenem Takte pickenden und schnarrenden Nachbarschaft. Ein
schtzender Geist fhrte sie die gelnderlosen Stiegen, dicht am Rande
einer rabendunkeln Tiefe hinab. Ungeziefer raschelte ber ihren Pfad,
hpfte und kletterte auf und ab neben ihr; begleitete sie bis in die
unterste Halle, wo sie hochathmend stille stand, hinter die Sule, die
sie erfate, schlpfte, und mit hoffender Seele wartete; -- denn schon
glaubte sie, den herannahenden Wchter zu hren, -- doch -- das war
nicht der Schritt eines Einzelnen; mehrere -- immer nher kommend....;
sind's die Retter? fragte sie sich mit gespannter Aufmerksamkeit....

Und pltzlich wurde es sehr laut vor der Thre: viele Stimmen;
Flinten-Gerassel; rohe Reden; Spott, Gelchter, starker Schellenlrm;
der vielstimmige Ruf nach der Hhe endlich: im Namen des Magistrats!
Laternenglanz fiel durch das Schlsselloch. Justine schreckte auf.
Das sind Verfolger! klagte ihre ahnende Seele: ... sie kommen, dich
zu fangen! deine Freiheit soll verloren gehen! Oeffnet die Thre, so
gerthst du mitten in die Feinde!

Sie wendet sich entsetzt zum Rckwege. Sie eilt die Treppe hinan.
-- Neue auflodernde Angst. Von oben naht sich Schlsselgerassel,
Lampenschein ... Pahlens unzufriedenes Schelten! -- Dem verhaten
Menschen, den Verfolgern zu entgehen ... Wo das Mittel? Ihre Hand
tappt nach der Seite der Uhrstube, neben welcher sie wieder ist.
Sie findet eine angelehnte Thre; drckt sie auf; strzt hinein ...
klammert sich bebend an zwei dicke Pfosten fest, neben welchen durch
man zum Uhrwerk geht. -- Sie lt Pahlens vorber gehen, hrt ihn die
Thre ffnen, hrt, wie man ihn gewaltsam ergreift, festnimmt, zwingt,
den bewaffneten Tro hinauf zu fhren, whrend unten sorgfltig die
Thre wieder verschlossen wird. Wenige Minuten, und der Schwarm kmmt
zurck. In seiner Mitte jammert der arretirte Pahlens. -- Verdammter
heimlicher Katholik! ruft eine Stimme: du sollst schon reden lernen!
und fort tobt die Schaar, und verlt den Thurm.

Die Pforte fllt zu; Schlssel drehen sich im Schlo; schwere Tritte
kommen die Treppen herauf. Der neue Wchter gewinnt die Hhe. Seine
Tritte verhallen, seiner Lampe Schimmer vergeht; Alles wird still
-- todtenstill, und trostlos errth Justine, da sie ganz verlassen
geblieben. Keine Hoffnung zu entkommen...; kein rettender Zuruf von
Auen. Unter der Last ihrer Angst wanken ihre Kniee, schwindelt ihr das
Haupt. Da fngt das Uhrwerk an zu rasseln wie Gewitterlrm, Walzen und
Rder knarren, pfeifen und rauschen, und die furchtbar groe Glocke
schlgt an, als ob jeder Streich Justinens Leben zu vernichten htte.
Die Erschtterte sinkt unter den donnernden Schlgen, die nicht endigen
wollen, zusammen. Ihr Bewutsein schwindet. --




Dritter Theil.


Erster Abschnitt.

1721.

  Der Abend in Santa Dominica. -- Luis und Ines. -- Der Fremde.
  -- Seine Erzhlung. -- Seine Erinnerungen. -- Des indianischen
  Kindes erstes Abenteuer. -- Der Morgen in der Colonie. -- Die
  fremden Schiffe. -- Wiedersehen. -- Die Jger aus den Savannen. --
  Consultador und Rector. -- Justinens Loos. -- Der Vorschlag des
  Pfarrers. -- Die Nacht. -- Der Ueberfall. -- Die Savannen. -- Das
  Lager der Abiponer. -- Capitn und Capitana. -- Das Opfer. -- Fest
  des Siebengestirns. -- Hlfe aus der Ferne. --

Der Abend flammte purpurroth am Horizonte, den ein Kranz von schwarz
aufsteigenden Wetterwolken einfate. Die Ebene lag von schwler Hitze
berbrtet. In dem Missionsorte Santa Dominica lutete die Glocke, und
auf dem Platze vor der Kirche versammelten sich, von der Arbeit im Feld
und Haus gehend, die Bewohner der Mission; Mnner, Weiber und Kinder in
buntem Gedrnge, aber mit anstndigem Schweigen. Ein groer Kreis wurde
geschlossen, und andchtig falteten sich alle Hnde, als das Thor des
Missionshofes aufging, und der Pfarrer hervortrat, begleitet von einigen
Negern, die schwere Karren, mit zerlegtem Fleische gefllt, heranzogen,
und von stmmigen indianischen Mgden, die in langen schwankenden Krben
an Lianenstauden groe Vorrthe von Mais und Thee herbeitrugen. Der
Pfarrer, eine gesunde, obgleich siebzigjhrige Gestalt, begab sich
wrdevoll in die Mitte seiner Pfarrkinder und sagte: So ist denn wieder
mit Gottes, des Ewigen, Hlfe ein mhevoller Tag der Arbeit und des
Fleies zurckgelegt. Der wackere Mann, Euer Corregidor, meine Kinder,
hat mir den erfreulichsten Bericht ber Euer Streben abgestattet; und
neben dir, du guter Juan Bosco, -- der genannte Indianer bckte sich
geschmeichelt und demthig -- der unsere groe Caamiripflanzung so
vortrefflich zu bewssern unternommen hat, habe ich alle Uebrigen zu
loben, mit Ausnahme eines Einzigen, dessen ich leider mit verdientem
Tadel gedenken mu.

Die Leute sahen sich ernsthaft und verwundert an; aber ohne den Aufruf
abzuwarten, trat Einer aus dem Volke, ein rstiger junger Mann hervor,
und kniete mit betrbter Miene nieder, indem er ausrief: Ach, Vater
Luis! vergebt doch ja, und auch der gute Vater ber dem Himmel vergebe
mir! Ich habe gesndigt; ich habe im Zorne meine Nachbarin, die gute
Cordula, verwnscht, und Unkraut in ihren Acker geflucht. Ich bekenne
meinen Fehltritt und will ihn nie wieder thun!

Recht, Francisco, versetzte der Pfarrer; du hast die Liebe des
Nchsten und Gottes Langmuth und Frsicht beleidigt, ein schweres
Vergehen. La sehen, ob Cordula die Pflichten einer wahren Christin
besser versteht. Tritt hervor, du beleidigte Nachbarin des reuigen
Francisco, und sage, was, nach deinem Wunsche, dem Beleidiger geschehen
soll?

Cordula hatte Thrnen im Auge und antwortete, ohne sich zu besinnen:
Thut ihm nichts zu Leide, lieber Vater. Ich vergebe ihm von Herzen!

Der Pfarrer sah sich vergngt im Kreise um, nickte der Rednerin Beifall,
berhrte dann das Haupt des Reuigen und sagte sehr sanft: Hast du's
gehrt, Francisco? So geh denn um Ihretwillen straflos hin in deine
Htte, faste heute, und schme dich, damit du morgen ein anderer Mensch
seist! Der Getadelte kte inbrnstig des Pfarrers Hand, und entfernte
sich mit gebeugtem Haupte und zufriedenem Herzen.

Seht Ihr? fuhr der Geistliche freudig zu dem lauschenden Volke fort:
seht Ihr, wie viel es werth ist, da Ihr den wahren Gott und Heiland
erkennen lerntet? Was ehedem unter Euch nur die Schleuder oder der
rachschtige Pfeil entschied, schlichtet nun ein Wort des Friedens. So
kommt denn heran, Ihr Fleiigen, Ihr Milden, Ihr Mden! Esset von dem
Brode, das der Herr unter Euern Hnden wachsen lt; von dem nhrenden
Fleische, und trinket den Trank der Gesundheit, damit Ihr den Herrn noch
lange preiset und lobet!

Nun setzte sich die Menge in Bewegung, schritt in Doppelpaaren an dem
Pfarrer vorber, empfing aus der Wage seiner Begleiter, Familie fr
Familie, Fleisch, Mais und die ersehnte Unze Thee; dann sprach der
Geistliche den Segen; das Volk antwortete mit einem melodischen
Kirchenliede, und zerstreute sich in seine stillen Htten, um das Mahl
zu bereiten, und auf der bequemen Ochsenhaut die Mhen des Tages und das
herannahende Gewitter zu vergessen.

Der Pfarrer beschftigte sich noch eine Weile damit, dem Regidor und dem
Alkalden der Mission die Arbeiten und Verhaltungsregeln fr den nchsten
Tag aufzugeben, und zog sich sodann in den Hof seines Hauses zurck. Das
mannigfaltige Federvieh, das diesen Hof belebte, hatte sich vor dem in
der Ferne brausenden Gewitter in die Stlle geflchtet. Der zahme
Strauvogel des Pfarrhauses allein ging stolz und aufgerichteten Hauptes
mit gewhnlicher Gravitt auf dem zierlich gestampften Platze umher, und
lftete die Flgel dem streichenden Luftzuge entgegen. Der Pater
streichelte seine wehenden Federn, und sagte lachend zu ihm: Du mein
guter Freund und Haustrabant! kannst du mir nicht verrathen, wo dein
Spielgefhrte ist, der heute so undankbar mein Haus verlie?

Der Vogel schien altklug die langen Augenbraunen in die Hhe zu ziehen;
da erklang von Ferne ein silberner Glckchenton. Ein leichter Trab, dem
ein schwererer folgte, kam jenseits der Rohrwand, die den Hof umgab,
heran. Ein schlanker Rehkopf sah ber die Wand: die Thre in derselben
sprang unter der Pfote des Thieres auf; es trabte freudig hindurch,
mit schellenden Halsbandglocken, und kauerte sich zu des Pfarrers
Fen, als ob es seines Ungehorsams wegen Vergebung betteln wollte. Der
Pater, angenehm berrascht, bckte sich, den schmalen, graurothen Hals
zu streicheln, als auch ein Pferd mit einer hbschen Reiterin durch's
Thor strmte. Ines! Ines! rief der Pfarrer, gutmthig verweisend und
mit dem Finger drohend. Ines sprang jedoch, leicht wie eine Feder, von
dem Pferde, und jagte es mit einem Schlage ihrer Gerte wieder in's
Freie zurck. Lauf, du wilder Negro! -- rief sie, ein wenig athemlos,
indem sie die Thre zuwarf, und mit dem hlzernen Riegel verschlo:
du hast deine Schuldigkeit gethan. Suche den Weg nach deiner Weide,
ehe der Blitz kmmt! Dann nherte sie sich etwas schchtern dem
Geistlichen, senkte den Kopf und fragte freundlich: Habe ich dir Angst
gemacht, lieber Vater? Ich mute dir ja den Liebling wieder bringen.
Das leichtsinnige Thier, verspielt und possenhaft wie es ist, hatte
sich gewi schckernd von der Rinderheerde entfernt und in den Wald
verlaufen. Es dauerte lange, bis das faule Reh, im Schatten rastend,
meinen Ruf und ich seine Schellen vernahm. Ich meinte fast, ein Tiger
htte sich seiner bemchtigt. Doch endlich, die Jungfrau sei gelobt,
kann ich dir's wiederbringen, Vater Luis!

Und gehst von Hause, ohne zu sagen wohin? versetzte der Pfarrer
gekrnkt: und setzest dich selbst, in Waldschluchten dringend, dem
Tiger, durch stille Wasser reitend, dem Krokodil aus, du bses,
unbesonnenes Kind? Glaubst du vielleicht, ich sei dem Rehe in hherem
Grade gut, als dir? Habe ich dich nicht von zarten Kindesbeinen an
gepflegt und gewartet? habe ich dich nicht getauft, und somit zum
zweiten Male und edler geboren, als deine Mutter es gethan?

Ines ergriff schmeichelnd des Pfarrers Hand und kte sie. Er dankte
ihr nun fr den Liebesdienst und fgte bei: Ich habe verziehen! Sieh'
zu, wie du mit dem grmlichen Strutto, dem Dragonervogel fertig wirst,
der heute die neckende Spielgefhrtin sehr verdrlich vermite.

Ines klopfte schckernd die Brust des groen Vogels und sagte hierauf:
Ich will's einbringen, guter Bursche. Schlpfe indessen nur in die
Scheuer. Die Wolken kommen wild und schwarz ber die Parana her, und
die fernen Berge hngen voll Nebel. Fort, Gejenk![1]

Der Strau trabte ruhig nach der Scheune, die hinter ihm verriegelt
wurde. Das Reh folgte dem Herrn in die Hausflur. Ines zog die Laden
an den Fenstern zu, und sagte indessen, bedchtig innehaltend: Wenn
nur der Fremde noch ankmmt, bevor das Wetter losbricht. Es wird einen
frchterlichen Sturm geben.

Welcher Fremde, Ines?

Das Mdchen lchelte verlegen. Es scheint mir kaum ein Spanier zu
sein, sagte es alsdann, und seine brunliche Wange rthete sich
merklich; er spricht nicht so gut spanisch wie wir. Ich begegnete ihm
drauen an den Tabaksfeldern; ich holte ihn nmlich ein, im Heimkehren
begriffen. Der arme junge Mann sa traurig bei seinem Pferde, das im
Niederstrzen sich den Fu verstaucht hatte. Freilich war der Herr
unklug genug, da er nicht, wie unsere Leute, einige Pferde auffing
oder mit sich nahm; indessen hatte ich doch Mitleid, und wahrlich --
htte ich nicht dem schnellen Reh zu folgen gehabt, mein eigen Pferd
htte ich dem jungen hbschen Herrn abgetreten. Er fragte, ob er nach
Santa Dominica komme, wenn er weiter ginge, und ich bejahte es, und
wies ihn an die Ochsenfnger, die sich in weiter Ferne und im Staube
sehen lieen. Sie werden ihn wohl auf ein Pferd genommen haben, und mit
ihm auf dem Wege sein. Eilen sie jedoch nicht, so ist der Sturm viel
schneller als sie.

Ein dunkelrother Strahl, der aus den Wolken fuhr, und von einem grellen
Wetterschlage begleitet wurde, bekrftigte die Furcht der Indianerin.
Aber zu gleicher Zeit lie sich aus der Ferne, vom Eingang der Mission
kommend, das Geschrei und Getmmel der heimkehrenden Horde vernehmen,
die in den Savannen gewesen war, um Ochsen zu fangen, zu schlachten, zu
huten.

Sie kommen! rief Ines, zufrieden gestellt, und ging nach der
Hausthre, durch die Ritze zu lauschen.

Htte ich doch beinahe meines Gastes vergessen! sagte inzwischen
der Pfarrer zu sich selbst, mit einem ungeheuchelten Vorwurfe: wie
zerstreut doch das Alter macht! absonderlich, wenn man sich eines
wiedergefundenen Kindes, und dessen Geschwtzes erfreut! Er trat an
die kleine Stiege und rief hinan: Pater Xaver! Pater Xaver! nicht zu
Hause?

Keine Antwort. Der Pfarrer warf geschftig seinen Regenmantel ber,
stlpte den Rohrhut mit den beiden wasserdichten Krempen auf, und
schritt, so schnell es anging, nach dem kleinen Grtchen vor, das
zwischen Hof und Ackerfeld gelegen, den Hintertheil des Gebudes
begrnzte. Unter dem Stamme einer mchtigen Algarova[2] ruhte der
Gesuchte; vor sich hinstarrend in die Sturm brauende Luft; horchend
auf das Wellenschlagen der unfern strmenden Parana, versunken in
den Anblick der zum Schrecken sich rstenden Natur, ohne vor ihr zu
zittern; fhllosen Krpers, unbewuten Geistes. -- Die Stimme des
Pfarrers rief ihn zum klaren Bewutsein zurck. Er sah sich um und
fragte: Was wollen Sie, mein Freund?

Was wollen denn Sie beginnen? frage ich; versetzte Luis. Der Wind
beugt schon um und um die Palmen nieder, und Sie wollen ihm trotzen?
Kommen Sie in's Haus. Beunruhigen Sie mich nicht.

Der Gedankenvolle stand mechanisch auf. Ich gehorche, sagte er, ob
es mir gleich lieber wre, von dem Wetterwinde in die Haide, wo der
Tiger streift, oder in die Wellen des Stroms getragen zu werden.

Welche Reden fr einen Christen und einen Geistlichen! verwies ihm
Pater Luis sanft und ernst: lassen Sie Ihren Beichtvater dergleichen
nicht zum zweitenmale hren!

Ich redete ehedem, wie Sie, mein Vater! antwortete der Gast, aber
seit acht Tagen hat sich so Vieles anders gemacht...

Gottes Schickung! trstete der Pfarrer; halten Sie darauf, Pater
Xaver, und kommen Sie herein. Ihre Miethreiter kommen zurck, und nach
ihrem Geschrei zu urtheilen, mu der Fang betrchtlich gewesen sein:
wir wollen die Hute im Magazine unterbringen.

Die Aussicht auf das Geschft war dem trben Gaste willkommen.
Die Pforten des Lagerhauses, dieser Vorrathskammer fr die ganze
Niederlassung, wurden aufgeriegelt. Die heimkommenden Indianer
sprengten in bunter Reihe heran, warfen ihre Ladung von Fellen zum
Boden nieder, und rannten von dannen, dem Gewitter zu entkommen. Auf
so unordentliche Weise war die Beute bald niedergelegt, und Pater
Xaver stand berechnend zusammen mit dem Anfhrer der Expedition in die
Savannen, als noch ein Nachzglertrupp von Reitern kam, deren Pferde
schwer bepackt waren, und von welchen einer zweimnnisch auf dem Gaule
sa. Die wilden Jger warfen sich erst unter Dach und Fach von den
Thieren, denn drauen fiel der Regen dicht; und der Hintermann des
Doppelreiters strzte mit Jubelgeschrei an Xavers Brust. Dieser konnte
sich des Andrangs nicht erwehren; doch eben so wenig den in einen
verstellenden Indiermantel von Palmbltterzeug Gewickelten alsobald
erkennen; bis dieser den Mantel fallen lie, die Haare aus dem Gesichte
strich, und dem Ueberraschten den Ausruf entprete: James! James!
wie kmmst _du_ hieher? Welch' ein Gottesengel fhrt dich in meine
Verbannung?

James weinte einen Strom von Thrnen an des Pflegevaters Halse, und
konnte nicht sprechen, nur schluchzen, nur seufzen, nur hellauf
weinen, bis Pater Luis beide bei den Hnden ergriff, und nach dem
Innern des Hauses fhrte. -- Euer Gefhl ist fr die Neugierde der
Stierschlchter zu gut! sprach er; weint und sprecht Euch _hier_ aus,
meine Freunde, denn die Einsamkeit ist sowohl fr die, die da klagen,
als fr die, die sich im Herzen freuen!

Er verlie, bescheiden und schweigend, die eng Umarmten. Sie vergaen
des brllenden Donners, des tobenden Regens, des bebenden Hauses, das
unter Sturmesgewalt zu weichen drohte. Mnzner konnte sich am Gesichte
seines Pflegesohns nicht satt sehen, und tausendmal wiederholte er die
einfachen Worte: Du hier, mein Sohn! Du hier, guter James! ehe es ihm
einmal einfiel, nach der Art und Weise, wie Alles sich zugetragen, zu
fragen. Endlich geschah es doch. --

James erwiderte: Da Sie geschieden waren, konnte ich dem Superior
nicht folgen. Ich _konnte_ es nicht. Ich rettete jedoch den Senator.

Ich wei, mein Sohn. Die That war brav und wrdig. Aber, was du ihr
geopfert, ... das zerri mein Herz, da ich's erfuhr!

Gott fhrt uns auf allen Wegen, versetzte James; nur auf diese Weise
konnte mir's gelingen, Justine aus Angst und Gefahr zu erretten.

Du hast's gethan? fragte Mnzner berrascht; das ist mehr, als ich
gehofft. Ich glaubte sie unter Protestanten auf ewig und auf immer
verloren!

Nicht doch, mein Vater! fuhr James fort, und erzhlte von Justinens
Abenteuern auf dem Thurme, von ihrem zuflligen Wiederfinden, von dem
Entschlusse, sie von der Gefahr, die ihr die Lainez und der Thrmer
bereiteten, zu befreien. Ich liebte das Mdchen, sagte er mit
schwrmerischem und wehmthigem Feuer; ich glaubte damals, von Justine
geliebt zu sein. Mit welchem Auge konnte ich ihre Lage ansehen? sie
in des Superiors Hnden? sie in einem Kloster? whrend ich in meiner
Unbesonnenheit den Augenblick schon nahe trumte, wo ich als geachteter
Offizier um ihre Hand wrde werben knnen? ich trug erst seit zwei
Tagen die Uniform des Gemeinen; meine Einbildungskraft war Jahrzehende
vorausgeeilt, und ich wollte lieber die _freie_ Justine fern von mir,
in einem andern Welttheile wissen, als auf ewig gefesselt in meiner
Nhe. Ich ging an's Werk. Ich sann. Aber, die Mglichkeit? ich hatte
nicht Freunde, nicht Bekannte. Die Uniform schtzte mich nur, da
man nicht in mir die rechte Hand des Doctors Leupold entdeckte, ber
dessen wahren Beruf man auf's Reine gekommen war. Ich durfte mich
nirgends blo geben. Ich hatte kein Geld, den Hebel aller Dinge. Je
zuversichtlicher ich an meinen Plan gegangen war, je niedergeschlagener
wurde ich, da endlich die Unzulnglichkeit meiner Krfte sich mir
nicht verhehlen konnte. Indessen hatte ich mein Wort gegeben, und
mehr als das Wort fesselte mich die Leidenschaft. Ich gerieth auf
den abenteuerlichsten Gedanken. Der Werbcapitn war am vorigen Tage
angekommen; ein Franzose, leicht und gefllig im Benehmen; ein feiner
Mann, der unter den Neuangeworbenen gerade _mich_ zu seinem Bedienten
whlte, weil er in mir eine bessere Bildung entdeckte, -- weil ich
ihm gefiel. Ich wei nicht, wie es kam, -- aber ... ich glaubte in
dem Betragen des Mannes eine gewisse Ritterlichkeit zu verspren; ich
fate mir ein Herz; ich sprach mit ihm ungefhr so, wie in Balladen und
Romanen der dienstfertige Zwerg zum Paladin redet, den er zur Rettung
einer im Thurme des Riesen gefangenen Dame aufzufordern gedenkt. Zum
Glck fand auch der Capitn die Sache artig und seltsam genug. Ein
niedliches Mdchen befreien, dessen Rettung ich ganz _seiner_ Macht
und Gromuth anheimstellte, -- das reizte ihn. Er ahnte nicht den
Zusammenhang, den mein Herz mit der Geschichte hatte. Er sah vielleicht
ein galantes Abenteuer in der Ferne. Mir alles gleichviel, weil er nur
zusagte. Litzach brachte die Botschaft auf den Thurm. Wir warteten um
die zehnte Stunde der Nacht unfern des Thurms, mit Wagen und Pferd.
Ein rgerliches Zwischenspiel htte uns beinahe alles verdorben. Das
Unglck will, da in derselben Nacht ein Ohrenblser dem Brgermeister
die Anzeige macht, da auch Pahlens zu der entlarvten Sekte gehrt.
Es wird Wache abgeschickt, den Thrmer einzuziehen und nachzusuchen,
ob er nicht Freunde auf dem Thurme verborgen. Das Unglck will, da
Justine, ihrer List und dem gnstigen Augenblicke vertrauend, vom
Thurme herniedersteigend, beinahe in die Hnde der Wchter fllt.
Ihr guter Geist bedeckt sie indessen schtzend mit seinen Flgeln,
wie auch die Lainez, die noch Zeit findet, sich oben zu verbergen,
und der oberflchlichen Nachsuchung der Soldaten zu entgehen. --
Pahlens wird fortgeschleppt; der sogenannte Zehnerwchter bleibt an
seiner Statt im Thurme; verschliet alles sorgfltig, steigt in die
Hhe, und indem sein Laternchen immer schwcher durch die Fenster des
Thurmes strahlt, verglimmt in uns Harrenden auch jede Hoffnung, unsere
schne Schutzbefohlene zu retten. Es war indessen anders beschlossen.
Die Lainez, in ihrem Versteck beinahe verzweifelnd, sich allein und
verlassen sehend, von der Morgenrthe ihr Verderben frchtend, fat
einen kecken Entschlu, der Franzsin wrdig. Behutsam wagte sie sich
in der dunkeln Nacht an das Zimmer des Thrmers. Der Wchter, das
Branntweinglas vor sich, wendet halb trunken und nickend der Thre
seinen Rcken, und spielt mit dem Hunde. Der Schlssel des Thurmes
liegt auf dem Tische. Auf dem Trompetergnglein an der Plateforme steht
das Laternchen brennend, zum Elfergang gerichtet. Wie ein Schatten
schwebt die Lainez durch die halb offene Zimmerthre. Der Hund knurrt;
sein Herr giebt ihm Schlge, denkt aber nicht daran, sich umzusehen.
In einem Augenblicke nimmt die muthige Frau den Schlssel leise weg,
entflieht so stille, als sie kann, ergreift die Laterne, und eilt wie
ein Wirbelwind ber die Treppen. Auf der Hlfte des Weges schreckt sie
ein Gerusch. Unterdrckte Seufzer -- leise Klagen dringen aus dem
Gange zur Glockenstube an ihr Ohr. -- Entschlossen stt sie die Thre
auf. Justine richtet sich eben hinter derselben aus einer Ohnmacht
auf. Lainez fhlt das heftigste Mitleid fr die Geisterbleiche. Ohne
Rath, ohne Hlfe, ohne Aufsicht, nur dem Augenblicke und dem Triebe
nach Freiheit gehorchend, untersttzt sie die Ermattete, fhrt sie
schnell hinab ... die Thre klingt ... ffnet sich ... Justine strzt
ins Freie, die Lainez folgt, sperrt wieder vorsichtig die Pforte, und
der Wagen rollt, da wir weie Gewnder durch die Finsterni sahen,
geschwinde herbei. -- Das sind _zwei_ Damen? flstert mir der Capitn
zu; ich hatte aber nur Augen fr Justine, die sich, wie ein Kind,
vertraulich auf meine Schulter sttzte, als ich sie in den Wagen hob.
Die Lainez, unwissend und ber diese Vorbereitungen verwundert, folgte
nicht minder. Der Capitn bedeckte die schnen Flchtigen mit seinem
weichen Mantel, befahl dem Reiter auf dem Bocke, scharf zu fahren, und
behielt mich neben sich auf dem Rcksitze. -- Du begleitest mich zur
ersten Station, sagte er: von dort kehrst du mit dem Wagen zurck,
und ich bringe die Damen noch eine Strecke weiter, erwarte dich mit
meinem Pferde. Ich werde dir Nachricht hinterlassen. -- Nun fhlte
ich erst die Schwere der Subordination. Es galt aber Justine, und ich
schwieg geduldig. Ohne Aufenthalt gelangten wir unterm Schutze des
Capitns durch das Thor, und fuhren stracklich weg. Die Damen schliefen
oder stellten sich schlafend. Wir sprachen nur abgerissene Worte. Noch
war der Tag nicht angebrochen, als wir hielten. Ein elendes Wirthshaus
nahm uns auf. Hier sollte gefrhstckt werden. Hier lste sich Alles.
Die Lampe des Wirths beleuchtete unsere Zge. -- Alle Donner! rief
der Capitn: ist das nicht Madame Lainez? wie kommen Sie hierher,
meine Schne? -- die Lainez glaubte, in die Erde sinken zu mssen.
-- Das Abenteuer nimmt eine ble Wendung, sagte der Capitn hierauf
halb lachend, halb bitter zu mir: die Eine (Justine), die mir gefllt,
wird von dir mit verliebten und argwhnischen Blicken gehtet, und die
Andere ... bei'm heiligen Georg! 's ist meine Frau!

Die Lainez weinte heie Thrnen. Justine staunte; ich nicht minder.

Ei, Madame! fuhr der Capitn fort; wie erging es Ihnen, seit wir
uns trennten? und erinnerten Sie sich nicht, da wir uns heilig
zusagten, uns nie wieder zu sehen? Ich gestehe, da nur der Zufall
diese Rencontre herbeigefhrt, aber es ist doch ein verdrlicher
Zufall. Mute mich ein Duell aus Frankreich verjagen, und unter meinem
Cadetnamen in fremden Diensten nach Deutschland fhren, damit ich Sie,
meine Charmante, wiederfnde? Genug, keinen Augenblick mehr mit Ihnen!
-- Er sprang empor, -- ich hielt ihn auf. Was soll aus den Frauen
werden? fragte ich fr Justine besorgt. -- Sollen wir sie ohne Schutz,
ohne Fhrer hier auf der Strae nach Amsterdam lassen? Vollenden Sie
Ihr Werk, Herr Capitn, wie ein chter Edelmann. -- Eben deshalb!
antwortete er frivol. Ich habe mein heiligstes Wort verpfndet, nie
mehr mit dieser Dame, die einst die Meinige war, zusammen zu weilen;
nicht eine Stunde, nicht eine Viertelstunde, und ein Edelmann hlt sein
Wort. Darum, -- wenn Mademoiselle sich mir nicht allein anvertrauen,
und das intriguante Weib hier ihrem guten Glcke berlassen will, so
lasse ich die Parthie unbeendigt. -- Justine weigerte sich nun auf's
Heftigste, die Lainez zu verlassen, die _sie_ in ihrer Ohnmacht nicht
verlassen hatte; weigerte sich, mit dem Capitn die Reise fortzusetzen.
--

Pardieu! sagte endlich der leichtsinnige Franzose, dem es in
seiner Gattin Nhe sehr bange und unfriedlich zu werden schien: so
wei ich kein Mittel, als Ihnen, meine Schne, einen geliebtern
Stellvertreter beizugesellen. Monsieur Leblanc -- wendete sich mit
scherzender Liebenswrdigkeit zu mir -- Sie sind ein Galant homme,
der in den groben Rock nicht pat. Kraft der Gewalt, die ich in
meinem Depot ausbe, schenke ich Ihnen die Freiheit, und werde Ihre
Ranzion gegen meinen Frsten bestreiten. Vollenden Sie dafr meine
Ritterpflicht gegen Mademoiselle. Ihre Herzen stimmen berein, und
mein Auge hatte mich nicht getuscht. Fhren Sie jedoch nicht minder
Madame Lainez recht weit, in Regionen hinweg, wo sie recht glcklich
sei; so unaussprechlich glcklich, da es ihr nie wieder einfalle,
heimzukehren, und ihren Gatten so empfindlich zu erschrecken. -- Meinen
Dank, so wie dem Jammer, den die Lainez anhob, zu entweichen, warf er
sich in den Wagen, und lie mir eine Brse zur Fortsetzung der Reise
zurck, die ich nur annahm, weil ich Justine von jedem Hlfsmittel
entblt, und den Senator zu Amsterdam glaubte. Dieser wrde unfehlbar
die Ehrenschuld sogleich getilgt haben! -- Aber ... nun weiter. -- Was
brig bleibt, ist wenig. -- Wir setzten die Reise mit Eilpferden fort.
Justine verklrte sich in der Hoffnung, den geliebten Vater wieder zu
umarmen. Die Lainez weinte in einer Stunde eine Sndfluth, trocknete
sie in der andern; verwnschte in der dritten ihren Mann und seine
Unvertrglichkeit, lachte in der vierten herzlich ber die unvermuthete
Ueberraschung, und schwor endlich, leichtsinnig und vogelfrei gegeben,
Justine nicht zu verlassen, bis der Senator gefunden sei. Justine
hegte ein stilles Mitrauen gegen mich, das mich bekrnkte, denn nie
war ich redlicher ergeben, als gerade jetzt. -- Wir gelangten nach
Amsterdam. Nicht Sie, nicht der Senator waren mehr zugegen. Das Schiff
des Tormerpick hatte Sie schon hinweggetragen. Van den Hcken gab mir
den lakonischen Brief des Senators, in dem es nur hie: zu Assumcion in
Paraguay erwartet der Vater seine Tochter! Diese neun Worte belebten
Justine mit dem erstaunlichen Muth, der sowohl die Lainez als mich dem
Mdchen dienstbar und unbedingt gehorsam machte. Wir betrieben unsere
Abreise. Wir bestiegen das Schiff, wir befuhren die Meere. Aber je
klarer die See _unter_ uns, je heiterer ber uns der Himmel wurde, je
trber wurde meine Seele. Der Amerikaner hat mich getuscht; meine
Leidenschaft hat mich getuscht; alle Hoffnungen der Sehnsucht haben
mich betrogen. Justine ... _liebt_ mich nicht. Sie trgt mein Bild
nicht in ihrem Herzen, nicht an ihrem Halse. Mein Leben ist verloren.
Ich habe mich dem edeln Geschpfe unwrdig, falsch gezeigt; ich fhle
es: sie kann mir nicht vergeben, kann mich nur dulden, nicht achten,
nicht lieben. Nichts mehr davon: das sei todt und ab. Ich habe mich
ausgeweint, stand ich in verschleierter Nacht auf dem Verdeck des
Schiffs, wo mich die Wache duldete. Ich habe den flammenden Sternen
mein Leid geklagt! ich habe es den ziehenden Wolken mitgegeben, und in
mancher Nacht, wann der gespenstige Hollnder auf seinem Nebelschiff
durch die graupige Luft sauste, da den aberglubischen Matrosen
das Haar zu Berge stand, einen hrtern Kampf gekmpft, als jenes
Luftgespenst mit seinen weien Wolken.

'S ist nun vorber, und ich will Ihnen nur kurz erzhlen, da wir
auf der Rhede zu Buenos-Ayres Anker warfen, da wir den mchtigen
Silber- und Paraguayflu heraufschifften, und unfern von Dios Padre
mit einigen Geistlichen und ihrem Gefolge zusammentrafen, die sich
ebenfalls den Flu herauf begaben. Der Eine von ihnen ist ein vornehmer
Geistlicher Ihres Ordens aus Cordova; der Andere Rector des Collegiums
zu Assumcion. Sie gesellten sich zu uns; ihre Ruderer sind zahlreicher
als die unserigen, geschickter und gehorsamer. Sie erfuhren unsere
Namen bald, und der Rector erzhlte hierauf von Ihnen und dem Senator,
da Sie beide nach der Doctrina Santa Dominica abgegangen; Sie, um eine
Handelslieferung zu bewerkstelligen; der Senator, um seine angegriffene
Gesundheit wieder herzustellen. Diese Nachricht beunruhigte Justine,
und verdoppelte ihre Begierde, schneller fortzukommen, den Vater eher
zu sehen. Der Zufall will, da die Vter Jesuiten ebenfalls hierher
ihre Reise richten. Wir blieben daher auf der Parana auch beisammen,
und ich flog auf einem raschen Pferde voraus, unsere Ankunft anzusagen,
und den Senator vorzubereiten, damit die unvermuthete Freude seiner
geschwchten Gesundheit nicht schade. Morgen, sptestens zu Mittage
kommen die Freunde nach, um die Gastfreundschaft von Santa Dominica
anzusprechen. --

Ich heie sie im Voraus, und im Namen meines freundlichen Wirths,
willkommen, sagte Mnzner mit niedergeschlagenen Augen und zgerndem
Tone: Nur Schade, da gerade in diesem, so frhlichen Augenblicke, der
gute Senator nicht zugegen sein kann.

Nicht, mein Vater? Wo ist er?

Er hat einen Streifgang in das Land gemacht, fuhr der Jesuit wie oben
fort: wir erwarten ihn bald zurck, und dann...

Einen Gang in das Land, mein Vater? ein kranker Mann? wie konnte er's
wagen?...

Tief im Lande trufelt aus einem Baume, den sie Anguay nennen, ein
kstlicher Balsam, der an der schwchsten Brust Wunder thun soll.
Dieser Balsam mu zur jetzigen Jahreszeit gewonnen, und sogleich an Ort
und Stelle gereinigt und gebraucht werden. Dies Heilmittel aufzusuchen,
entfernte sich der Senator.

Und Sie begleiteten ihn nicht, mein Vater?.... Verhehlen Sie mir auch
nichts? --

Ich belge dich nicht, erwiderte Mnzner scharf und ungeduldig, sich
von ihm wendend; dann trat er besnftigter zu dem Jngling, reichte
ihm die Hand, und sagte: la uns von etwas Anderem reden, von etwas
Erfreulicherm; von deiner Ankunft, und immer wieder von deiner Ankunft.
Sieh, hier zu Lande fliet das Blut selbst in den Adern alter Leute
rascher, als drben. Man braust leicht auf: man liebt aber wrmer, man
freut sich lebendiger. Wirst du denn meine Freude vervollstndigen?
Wirst du _hier_ das Gelbde erfllen, das dich in Europa anwiderte? Thu
es hier! hier hast du die schnsten Werke der Gesellschaft vor Augen.

Mu denn diese Frage in der ersten Stunde meines Empfangs aus Ihrem
Munde gehen? fragte James sanft aber gekrnkt.

Ich schweige! versetzte Mnzner mit einem Seufzer: Wohl dir jedoch,
mein Sohn, wenn nur _mein_ Mund ferner diese Frage an dich richtet.
Doch, sieh! fgte er hinzu: Die Luft ist wieder hell geworden. In
diesen gelobten Lndern reinigt das wohlthtige Gewitter in kurzer Zeit
den Luftkreis. Der Abend ist wieder still und herrlich, und gewrzig
duften alle Blumen und Bsche um uns her. Werde auch du ruhig, mein
Sohn. Ich gehe, unsern ehrwrdigen Wirth auf den Besuch vorzubereiten,
der ihm werden soll. Wir erwarten dich in dem khlen Vorplatze.

Mnzner entfernte sich. James lehnte sich an eine Fensterlucke, sah
in den Hof. Der Empfang im Pfarrhause schien ihm rthselhaft; sein
Wohlthter um vieles verndert. Nicht die Zge allein, -- die in zehn
Monden um so viel Jahre lter geworden waren -- was eine Folge der
Himmelstrichsvernderung sein konnte,.... sein _Wesen_ war anders
geworden. Nicht mehr jene ruhige Bestimmtheit, jenes klare Streben,
jener einfache Gleichmuth, -- Eigenschaften, die ihn vor vielen
ausgezeichnet hatten ... eine trbe Strenge, ein tiefsinniges Brten
lag auf Stirne und Schulter des Mannes, da die Erstere sich faltete,
wie im Kummer, -- da die Letztere sich beugte, wie im Joch. James
sah auf zu dem Himmel, der ein anderer und dennoch derselbe war, wie
der, unter dem er geboren; er sah auf Huser und Felder, die so ganz
verschieden von den europischen waren, und doch eben nicht anders als
diese; und mitten unter diesen fremdartigen und doch bekannten Dingen
und Gegenstnden kam er sich so einsam, so fremd, so unbekannt vor; ...
so verlassen! -- Schon flirrte die Dmmerung, frh einbrechend, um ihn.
Ein schlankes Mdchen in der einfachen reizvollen Tracht jenes Landes
schritt durch den Hof, nach dem Lusthuschen im Garten, das, sich an
den Johannisbrodbaum und die nachbarlichen Wachspalmen lehnend, aus
engen, gegen Fliegenbesuch schtzenden Gittern von Rohr erbaut, ein
erquickendes Pltzchen in der Khle gewhrte. Der Tisch wurde darinnen
zum Thee bereitet, und James, der lieblichen Gestalt folgend, die mit
einer wohlverwahrten Glaslampe zuletzt nach der Laube ging, berraschte
sie bei der Vollendung ihres Geschfts.

Ach, sieh doch! sagte er, meine schne Helferin! Kennst du mich
noch, mein Kind? Dein Wort gab mir Trost, als ich rathlos am Wege
sa!...

Gott hilft immer! versetzte das Mdchen, ihn mit kindlicher Ruhe
betrachtend.

Durch seine Engel! fgte James seufzend hinzu, und setzte bei: die
herrliche Blthe, die deine Brust schmckt, wie nennt man sie?

Die goldne Mondblthe! antwortete das Mdchen, und reichte sie ihm
unbefangen hin: wollt Ihr sie, Herr?

James nahm die Blthe zgernd. Du giebst einen schnen Schmuck
weg, mein Kind, der dich besser ziert, als selbst das glnzendgelbe
Glaskorallenband um deinen Hals.

Das ist nicht Glas, Herr! versetzte das Mdchen ernsthaft und
unterrichtend: das ist der Balsam, der aus einem Baume fliet, weit,
weit von hier, den ich aber nicht zu nennen wei.

Wolltest du mir wohl _deinen_ Namen sagen? fragte James weiter.

Warum nicht, Herr? Ich heie Ines. So bin ich getauft, und Vater Luis
hat mich selbst getauft, damit ich zum lieben Herrn im Himmel komme.

Du Unschuldige! Wie alt bist du, gute Ines?

Seit ich hier bin, hat die Algarova zwlf Mal geblht, und im Walde
erinnere ich mich, sie drei Mal in der Blume gesehen zu haben.

Im Walde, Kind?

Ich bin darin geboren, Herr, ein wildes Kind, von Wilden.

Ja, wild bist du, meine Ines. Wie du auf dem schnaubenden Pferde
dahersprengtest, und an mir vorberjagtest; ... mir bangte fr dich.

Ines lachte. Seid ruhig, sagte sie, ich halte mich fest, und das
Pferd, das eine Mhne trgt, wirft mich nicht ab. Meine Landsleute sind
fr's Pferd geboren.

Deine Landsleute?

Ja; die Abiponer, Herr! Der Vater setzte mich stets vorn auf seines
Thieres Hals, und auch die Mutter sa zu Pferde. Ich entsinne mich
dessen noch gar wohl. Wie ich von meinem Volke kam, ist mir viel
dunkler geblieben. Ich schlief, Herr. Neben der Mutter schlief ich auf
der Matte, und es war alles Nacht und dunkel um uns her, als wir uns
niederlegten. Es waren viele Leute und viele Pferde, die um uns her im
Kreise standen, und die Feuer lie man ausgehen, weil die Sterne so
herrlich am Himmel glitzerten. Das wei ich noch gar gut; denn nimmer
habe ich seither einen so groen, weitgespannten Himmel gesehen, wie
dazumal. Wir schliefen also, und mit einem Male donnerte es, da ich
hell aufwachte. Ich sah recht Vieles um mich her: Feuer und Dampf;
Blitze und Reiter. Die Mutter war auch zu Pferde, und ich hing an
einem Sacke von Fellen an ihrem Sattel hernieder. Das Pferd rannte
fort, und pltzlich ... wachte ich wieder auf, und sah nicht mehr das
Pferd, und nicht mehr die Mutter, sondern ich lag in einem kleinen
grnen Walde, wie in einem Korbe, und die feinen Spitzen des Waldes
gingen hoch ber mir, wie ein lichtes Dach, zusammen. Die Sonne schien
sanft und gelb hindurch, und ein leichter Wind bewegte das Dach, da
es sich abwechselnd aufschlo, um mir in aller Hhe den blauen Himmel
zu zeigen, bald sich wieder zuthat, mich in die grne Einsamkeit zu
versenken. Ich schrie, trotz meinem Behagen, denn die Mutter fehlte
mir. Da raschelte es seitwrts neben mir, und durch die Halmen des
Waldes streckte sich ein neugieriger beweglicher Kopf von einem
wunderschnen Thiere, gefleckt, gestreift, in allen Farben glnzend,
und ich wute damals nicht, da eine bse Schlange mich ansah, und
streckte ihr spielend die Hnde entgegen. Der Kopf zitterte, als ob
er zaudernd witterte, immer nher, erreichte mich fast, und fuhr dann
pltzlich zurck, mit einem pfeifenden Schrei. Ein groer Schlangenleib
warf durch diese Bewegung eine seiner Windungen auf meinen Leib, ri
sich indessen schnell und krftig ins Grne und verschwand wie ein
Pfeil. Dafr kamen andere Gste lrmend und brllend einhergejagt, wie
ein Sturm, und mit einem Male sah ich ber die Spitzen des Waldes ein
breites gehrntes Haupt herniederschauen. Ich glaubte die Heerde des
Vaters in der Nhe, und schrie so laut, als der Stier brllte, und --
nicht lange, -- so stand ein dichter Kreis von solchen Thieren um mich
herum, und glotzte mich hlfloses Kind an, das sich an einer Staude
emporrichtete, und furchtsam die unbeweglichen Thiere betrachtete. Da
fand mich der Ochsenhirte von Rosario, hob mich auf, und brachte mich
dem guten Pater Luis, der mein Vater wurde, weil Gott mir die Eltern
genommen, damit ich sein _eigen_ Kind werden sollte. Die arme Mutter
mu mich, vielleicht im Schlafe, vom Schooe verloren haben, denn
der grne Wald, von dem ich redete, war nur das hohe Gras der weiten
Savanna, und ich wre dahin gewesen, ohne Gottes Schutz!

Armes Mdchen! Mutterlose, arme Waise!

Ich bin nicht arm und nicht unglcklich, Herr! Ich habe ja in Don
Luis einen Vater gefunden, und in der Kirche steht das Bild meiner
_himmlischen_ Mutter, mit Gold und Seide geputzt. Ich bete zu ihm,
ich rede mit ihm, und sie redet auch mit mir in meinen Trumen, oder
wenn ich das Gesicht auf den Boden lege, und mir die Gedanken ausgehen
lasse. Und die _heilige_ Mutter ist so gndig, so liebevoll! Sie hat
die arme dumme Ines verstndig gemacht, ihr Heil zu begreifen; sie hat
mich gekleidet, sie gibt mir Speise! Ach, Herr, ich bin nicht arm! Aber
meine Mutter im Walde mag's sein, denn sie hat ihre Tochter nicht mehr,
und auch keine im Himmel, mit der sie reden kann!

James schwieg ergriffen, und die fromme Ines ging weg. Ihre
Reden klangen in des Jnglings Ohren nach. Unwillkrlich verglich
er die Indianerin mit Justine. Beide schn, beide entschlossen
und thatkrftig; beide die Unschuld selbst, und dennoch so ganz
verschieden! -- Der feine Thee schmeckte ihm nicht. Das Gesprch der
Jesuiten, das in lateinischer Sprache vor sich ging, behagte ihm nicht.
Frhzeitig suchte er seine Matte, frhzeitig verlie er sie wieder.
Die zahlreichen Heerden brllten an der Gasse vorber. Leute mit
Ackergerthschaften drngten sich auf dem Platze. Ein Zeichen mit der
Glocke der Kirche, und die Schreitenden hielten an deren Pforte. Sie
wurde aufgethan; Lichter brannten, Weihrauch dampfte; der silberhaarige
Luis begann die Messe. Anstand und Wrde von seiner, Andacht von der
Zuhrer Seite vereinigten sich, den gewnschten Zweck hervorzubringen.
Die Indianer gingen still befriedigt an die Arbeiten des Feldes, um
unverdrossen die Stunde zu erwarten, in welcher Gott selbst durch die
Hand ihres Vaters ihnen Nahrung spenden wrde. --

James wnschte dem aus der Kirche tretenden Pfarrer Glck zu der Ruhe
und fleiigen Eintracht in seiner Colonie. Luis lchelte und sagte:
Das findest du in allen unsern Doctrinen, mein Sohn. Friede ist erste
Bedingung des Glcks, und Friede halten wir.

Diese Leute besitzen jedoch nichts, wendete der junge Mann ein: Sie
sind in jedem Stcke abhngig.

Zu ihrem Besten, Freund, sagte Luis lebhaft: eigenes Besitzthum
war die Quelle der Habsucht, des Neides, des Diebstahls, des Mordes.
Wir kennen diese Dinge kaum von Namen; niemals hat seit meiner
Amtfhrung einer von hier angesiedelten Quaraniern etwas entwendet;
niemals endigte sich ein Streit mit Blut. Diese wilden Stmme, durch
Ueberredung und Scharfsinn dem Walde, den Bergen und der Fluruberei
entfremdet, mssen wie unmndige Kinder gehalten werden. Freilich wird
einst die Zeit kommen, die auch hier die Mndigkeit befiehlt; ich
erlebe sie aber nicht mehr.

Ihre Gesundheit, mein Vater, wird noch lange der Zeit trotzen.

Die Zeit, mein Sohn, ist der Tropfen, der den _Stein_ hhlt. Gott
sei Lob indessen fr die Kraft und den Frohsinn, die mich in meine
Silberzeit begleitet haben. Weit du jedoch, woher das kmmt? ich
bin im Gemthe ruhig gewesen mein Lebelang. Ich habe nie hoch hinaus
gewollt, nie von Ehrgeiz und Wrden getrumt. Ich wundere mich selbst,
da ich Pfarrer geworden bin; ich meinte, hchstens zum Vikar tauglich
zu sein. Aber der Pater Provinzial zu Cordova meinte es anders, und
Gott hat mir mit dem Amte auch leidlichen Verstand dazu gegeben.
So lebe ich denn ruhig und zufrieden hin, ohne Sorge, ohne Plage.
Mich kmmert's nicht, was die Herren zu Cordova treiben; ich bin
seit vierzig Jahren Bauer geworden, und die Bauern um mich her haben
gelernt, mich nicht nur Vater zu _nennen_. In dieser rohen aber guten
Kinder Mitte will ich sterben, arm und geliebt: das ist Alles, was
ich wnsche. Daher bin ich auch gesund und frisch; frischer als Euer
Pflegevater, der um zwanzig Jahre Lebens jnger ist, denn ich. Er trgt
Gram auf dem Herzen; ich kenne den Kummer nicht; er hat sein Haus noch
nicht bestellt ... ich habe seit vierzig Jahren meine Lampe angezndet.
Er ist ein armer Mann, weil er zu Viel wei, weil er zu Viel zu thun
gezwungen,.... weil.... doch ich vergesse, da ich zu seinem besten
Freunde rede, der Alles dieses besser wissen mu, als ein beschrnkter
Landgeistlicher aus dem Missionlande. Beilufig nur so viel: deine
Weigerung, endlich das Kleid zu nehmen, mein guter fremder Sohn, trgt
viel zu Pater Xaver's Betrbni bei.

Mein Vater...!

Stelle dich nicht verwundert, unterbrach ihn der Pfarrer gutmthig
aber eindringlich: hre mich an: du hast dich verpfndet; du
mut dich lsen; das ist Eins. Du mut denjenigen lsen, der aus
Menschenfreundlichkeit dein Brge geworden ist; das ist das Zweite.
Du mut endlich der Welt und dem Herrn dienen; das ist das Dritte,
Nothwendigste. Wren wir in Europa, mitten im Gewebe der groen
Spinne, um Mckenjger in ihrem Solde zu werden, -- so wrde ich die
Achseln zucken, meinen Weg gehen, und mich nicht nach dem umsehen,
was du beginnst. Aber -- hier -- in dieser jungen, frischen Welt, wo
die uersten Enden des Gewebes eingreifen, wo sie leichter, feiner
sind, hier ist's etwas Anderes. Hier, auf dem Lande, hier knnen
wir ntzen. Hier kann die Mannskraft handeln, ein volles frommes
Herz glcklich sein. Lat den Herren zu Assumcion und Cordova ihre
Rnke und Regierungssorgen! Wendet Eure Bemhungen auf diese armen
Indianer, und handelt nach dem Willen des ewigen Vaters! O, mein
guter Jngling! wenn ich dich hier umherfhre, und dir die reinlichen
Haushaltungen zeige, in denen man christlich lebt und fleiig ist;
die zufriedenen Familien, die weder das nomadische Leben, noch das
betubende Chicagetrnk mehr verwstet; die Vter, die, statt auf dem
Pfhl der Trgheit zu ruhen, und dem Weibe Alles aufzubrden, jetzt die
Versorger der Ihrigen sein wrden, wenn die Gesellschaft nicht fr Alle
sorgte; die Mtter, die nicht mehr ihre unschuldigen Kinder wrgen,
um wieder der Leidenschaft zu huldigen, oder sich eine Plage mehr vom
Halse zu schaffen; die Kinder selbst endlich, die in Gottesfurcht und
Elternliebe emporwachsen, ein sanftes, friedliches, lernbegieriges
Geschlecht; -- du wirst unser Loos glcklich preisen, und dich schnell
demselben Berufe weihen, und schnell das Kleid anlegen, in welchem
meine Quaranier mich als ihren Vater verehren; in dem ich mich dann
und wann, von der Herrlichkeit meiner Bestimmung bermannt, fr einen
Strahl der Gottheit halten mchte, wenn es die einem armen Pfarrer
anstndige Demuth nur zuliee. Sieh um dich! diese Kirche habe ich
errichtet, alle diese Htten habe ich erbaut. Es ist keiner unter
vierzig Jahren im Dorfe, den ich nicht getauft, -- es liegt keiner in
unserer Kirchhoferde, den ich nicht begraben htte. Wie die Palmen,
wie die Tamarinden meines Hofes habe ich sie Alle, die da leben, jung
gesehen! Alles ist hier mit mir alt geworden, und fr das Generalat in
Rom tauschte ich nicht meine geringe Pfarrei, in der ich Melchisedechs
Wrde trage, und nicht umsonst trage, weil mir das Bewutsein sagt:
dein Leben war nicht faul, nicht vergebens!

James sah noch horchend und lchelnd in des Greises hell leuchtende
Augen, als vom Eingange der Mission sich viel Gerusch hren lie,
und der Alcade mit langen Schritten herbeikam. -- Mein Vater! sagte
er zum Pfarrer: Der Feldhter bemerkt auf dem Strome schwere Khne
aufwrts kommen, mit vielen Leuten bemannt. Befehlt, was geschehen
soll. Die Leute knnten ruberische Payaqua's oder spanische Abenteurer
sein. Soll ich die Glocken luten, Waffen austheilen? der Regidor ist
auf den Aeckern, und ich habe nach ihm geschickt.

Das sind unsere Freunde! rief James, und eilte ohne Aufenthalt dem
Strome zu. Die migen haushtenden Frauen und Greise und Kinder,
die lngs dem Ufer hin wohnten, oder Wsche hielten, oder in der
Sonne lagen, versammelten sich am Landungsplatze. Starke Reihen von
zahmen Stieren und Pferden zogen die ankommenden Schiffe an tchtigen
Fellriemen und Leinenstricken gegen die Fluthen, und vierzig Ruder
peitschten im schnellsten Takt, den Lauf zu verdoppeln den herrlichen
Strom. Mehrere riesenhafte Payaquas, bis zum Grtel im Wasser stehend,
mit brennend roth gefrbten Haaren und breiten Schultern, leiteten
die aus dem violetten Holze der Algarova gefertigten langen Khne
sorglich an Felsstcken und Sandhgeln vorbei, dem Landungsplatze zu.
Der Anblick dieser wilden Leute beunruhigte die am Ufer stehenden
Quaranier, doch ein Blick nach den Khnen selbst beschwichtigte
ihre Furcht. Zwei angenehme weie Frauengesichter sahen zwischen
krausen Negerkpfen wie Lilien aus der Nacht hervor, und neben ihnen
flatterten schwarze Mntel der Gesellschaft Jesu; _hier_ willkommene
Boten der Friedlichkeit. -- Lngs dem Strande zur Mission kehrende
guaranische Jgersleute, die den Tapir in den Sumpfwldern verfolgt
hatten, feuerten mit gellendem Geschrei, die Vter des Ordens zu
empfangen, ihre Gewehre in die Luft ab. Lebhafte Neger antworteten
mit den Pistolen und Vogelflinten, die sie an Bord hatten. Die Glocke
in der Mission lutete. Von Feldern und Wiesen strmten alle Bewohner
zusammen. Pater Luis, sammt Regidor und Alcalde und den ltesten
Indianern, erwartete am Ufervorsprung die Ausschiffung der Fremden.
Auf den starken Schultern der Payaquas schwebten die Damen ber die
Fluthen; nach ihnen wurden die geistlichen Herren herbergeschafft. Mit
ruhiger Demuth empfing der Pfarrer die Vorgesetzten; mit frhlichem
Jubel James seine Begleiterinnen. Justine sah sich mit glnzenden Augen
rund um, und rief: Ein herrlicher Ort, Monsieur White! wo aber ist
mein Vater? ist er so krank, da ihn die Nachricht von der Ankunft
seines Kindes nicht an den Strand zu fhren vermag? zu ihm! zu ihm,
mein Herr! ich kann nicht eine Viertelstunde lnger leben, ohne ihn zu
sehen!

James fhrte sie, und versuchte, sie auf die Nachricht von der
Abwesenheit des Senators vorzubereiten. Die lebhafte Jungfrau hrte
indessen nicht auf seine Worte. Vergngt, und mit strahlendem, Alles
umfassendem Blick wendete sie sich im Gehen nach allen Seiten. Das
mannigfache Grn der Cedern, der Palmen und Tamarinden, in welchem
die gelben Dcher der Colonie lagen, ... bildete eine erquickende
Aussicht. Der zarte Rasen des Ufers war ein sanfter Teppich, die
Blthen und Frchte an Hecken und Gelanden schmckten den Weg, und
neugierig folgten die Weiber und Kinder, die noch nie an ihrem Wohnorte
eine Europerin gesehen, der lieblichen Gestalt. Justine war grer
und voller geworden, ausgeprgter ihr Gesicht, schner und feuriger
ihr Auge, entschlossener ihre Haltung, ausdrucksvoller ihre Geberde;
frei und zierlich ihr Gang, wie der der Lainez. Neugierig aber
freundlich betrachtete sie das mitziehende Volk, grte, lachte mit
den Kindern, sprach mit ihnen, erhielt aber von den Nichtverstehenden
unverstndliche Worte in den Kauf. Endlich war das Pfarrhaus erreicht,
endlich stand Justine unter der Thre desselben. Ihr Herz schlug
ngstlich; ihr Mund ffnete sich, den Vater zu rufen. Pater Mnzner
erschien. Justinens Zge verdunkelten sich! -- Sein Sie willkommen,
geehrteste Tochter meines Freundes! sagte Mnzner, der diesen Eindruck
wohl bemerkte, ich wnschte Ihnen im ersten Augenblicke angenehmer zu
sein.

Das ist nicht mglich, und auch nicht nthig, entgegnete Justine
ernsthaft und entschieden: Ihr Anblick, mein Herr! erinnert mich an
zu Viel. Erlauben Sie, da ich Ihnen hier eine Freundin bergebe, die
manches um Ihretwillen gelitten hat, und die ich den Verfolgern entri,
obgleich sie, wie Andere auch, ein falsches Spiel mit mir getrieben.
Vergelten Sie mir den Dienst mit der einfachen Anweisung, wo ich meinen
Vater zu suchen und zu finden habe.

Mnzner schwieg bedeutungsvoll, und James, die ngstlich werdende
Tochter zu beruhigen, wollte statt des Pflegevaters das Wort nehmen.
Der geruschvolle Eintritt des Pfarrers mit seinen geistlichen Obern,
des Volks, das neugierig ihnen nachdrngte, unterbrach ihn. Zwei
Indianer von den Schtzen, die so eben wieder heimgekommen waren,
machten sich heftig Platz durch die Menge und nherten sich eilfertig
dem Pfarrer. Da! guter Vater Luis! sagten sie mit getrbter Geberde:
da ist Alles, was wir von deinem Gastfreunde gefunden haben! In dem
Lager eines wilden Jagurate[3], den wir erlegten, fanden wir die
traurige Beute. --

Pater Luis starrte die Boten staunend an. Mnzner erbleichte heftig,
wie auch James. Justine stie einen gellenden Schrei aus, denn -- war
ihr gleich die Sprache der Jger fremd und unbekannt, -- sie kannte
das Kleid ihres Vaters, das sie blutig und zerfetzt, zu den Fen des
Pfarrers niederlegten. -- Mit rollenden Augen schlug das Mdchen die
Hnde zusammen, und rief mit dem Tone der entsetzlichsten Furcht: Was
ist hier geschehen? was mit meinem armen Vater vorgefallen? Wer Mitleid
mit mir hat, verhehle mir nichts. Wer Gefhl in der Brust trgt,
verheimliche einer bangenden Tochter nicht das Aergste!

Todtenstille im Kreise. Endlich fate sich der Pfarrer, und sagte zu
ihr in gebrochenem Deutsch: Es ist besser, meine Tochter, da der
starke Christ die Zweifelschlange zertrete, denn die Wahrheit ist dem
Himmel lieb und der Erde angenehm. Ihr Vater ist seit lnger denn einer
Woche abwesend. Er entfernte sich ohne unser Vorwissen, um in den
unfernen Wldern den Balsam zu suchen, der seine kranke Brust heilen
sollte. Ein Indianer hat ihn begleitet. Keine Nachricht seitdem, bis
auf diesen schrecklichen Fund, der uns nur zu deutlich macht, da der
Unglckliche eines wilden Thieres Beute geworden ist. Fassen Sie sich.
Gottes Rath ist unerforschlich, aber weise.

Justine sank kraftlos in die Arme der Lainez, deren Augen selbst
heie Thrnen entfielen. Eine erschtternde Scene folgte. Luis
unterhielt seine Ordensbrder von der traurigen Geschichte; James
stand seinem Pflegevater bei, der in trber Wehmuth verging, und auf
das Ergreifendste immer wiederholte: Meine Schuld! meine Schuld! meine
greste Schuld! Justinens Schmerz wurde brennend wie die Wunde an
ihrem sehnenden, zerrissenen Herzen. Sie stie die Lainez von sich,
den trstenden James, den Doctor, der seine Leiden mit den ihrigen
vereinigen wollte. -- Weg! rief sie auer sich: Ihr Alle weicht
von mir! denn Ihr habt unser Aller Elend verschuldet! Ihr habt meines
Vaters Glck, seine Ehre, sein Leben gemordet! Was soll mir Eure
Theilnahme! -- Weg auch du! fuhr sie zrnend und weinend fort, indem
sie den ehrwrdigen Luis, der sich ihr nherte, zurckwies: Du trgst
das Kleid dieser Mrder, dieser Diebe an Gut, Leben und Ehre! Weg!
Deine weien Haare lgen, wie deine fromme Stirne! Gebt mir meinen
Vater zurck! Ich habe tausend Meilen gemacht, um Verbannung und
Unglck mit ihm zu theilen, und finde ihn im Rachen eines Ungeheuers
wieder! Und dieses Ungeheuer ist gndiger als Ihr, denn es hat ihn
schnell hinweggerafft, whrend Ihr ihn langsam hingerichtet habt! Kann
ich denn meinen Erinnerungen so wenig entfliehen, als dieser qualvollen
Gegenwart? --

Sie drngte mit erneuter Kraft die Lainez von sich; ihr Auge fiel
auf Ines, die ngstlich, aber freundlich zu der Fremden flehend, vor
ihr auf den Knieen lag, ihre Hnde drckte, ihr tausend schne Worte
sagte, und die khlende beruhigende Frucht der Quembe bot; dem Gaumen
der Erhitzten ein willkommenes Labsal. Die kindlichen reinen Zge der
Indianerin stimmten Justinens Bewegung in sanftere Wehmuth um; die
Leidende gestattete es, da einige Tropfen des khlenden Saftes ihre
Lippen benetzten, sie litt die Liebkosungen der Indianerin; sie drckte
dieselbe an ihre Brust. Ja! rief sie schmerzlich: Du, fremdes
Geschpf, du bist hier meine einzige Verwandte! Jene, die meines
Welttheils Farbe und Sitten haben, sind meine geschworensten Feinde!
Sie haben meinen Vater in den Staub getreten, sie werden mich nicht
verschonen! Sie haben ihn getdtet, sie werden auch mich vergiften.
Nur von deinen Hnden will ich meine Speise nehmen! Nur du, mein Kind,
meine Schwester, nur du sollst bei mir sein, bis mich mein Gott wieder
aus diesem Mrderlande fhrt! --

Beruhigen Sie sich! sagte der Rector von Assumcion, ein Franzose von
Geburt, schmeichelnd und s wie Honig: die arme Wilde hier versteht
nicht, was Sie ihr sagen. Ihr Widerwille gegen unsern Trost ist
dagegen unbegreiflich. Verwnschen Sie nicht uns, nicht dieses Land,
das Canaan fr Sie genannt werden mag. Gott hat Ihnen viel genommen,
allein, wie er es gegeben, kann er es auch wieder entziehen. Ihr Vater
ist in seinem Schooe, denn er ist in seiner wahren Kirche Grundstzen
gestorben. Sie haben noch den Schritt in diese Kirche zu thun, und je
schneller Sie ihn machen, je schneller wird der gttliche Trost bei
Ihnen einkehren.

Monsieur! rief Justine emprt, und ma ihn mit zornigen Blicken. Der
Rector lie sich von dem Tone der Hflichkeit dadurch nicht abbringen.
Wie gut wre es gewesen, sagte er, wenn Ihr wrdiger Vater im Stande
gewesen wre, selbst, in eigener Person, seine Tochter dem Gotte
darzubringen, dessen Gnade die letzten Jahre seines Lebens verherrlicht
hat. Aber -- in seiner Ermangelung -- liegt mir, dem Vollstrecker des
Testaments, das er vor seiner Abreise von Assumcion in meine Hnde
legte, ob, seine Pflichten gegen Sie und die Kirche zu erfllen.
Ein gnstiges Zusammentreffen wird Sie schneller an's Ziel bringen.
Pater Jose Aculcho, einer der wrdigen Consultadoren des hochwrdigen
Provincials zu Cordova, der hier steht, wird Sie unter seinem Schutze
nach Cordova bringen, sobald unsere Umreise durch die ihm zugetheilten
Doctrinen beendigt wurde. Im Kloster der Carmeliterinnen werden Sie
Unterricht, theilnehmende Herzen und eine ewige sorgenlose Existenz
finden, bereinstimmend mit den Bedrfnissen Ihrer Lage, und dem
letzten Willen Ihres seligen Vaters!

Mein Gott! rief Justine, die nun erst begriff, wo Alles hinaus
wollte; was sagen Sie? Sie getrauten sich, mich, ein freies Mdchen,
das Ihnen nicht in Lehre, nicht in Pflichten unterworfen ist, mit Zwang
zu einem Dasein zu fhren, das ich verabscheue?

Ihr Vermgen, Ihres Vaters Erbe, liegt in unsern Hnden, unbeschadet
der Ansprche, die wir noch dereinst auf Ihr europisches Gut zu machen
haben drften, lautete die trockene Antwort des Rectors.

Justine blickte fragend und durchbohrend den Doctor Mnzner an. Dieser
nickte mit dem Haupte und sagte niedergeschlagen: So ist's, beste
Jungfer. Ihr Vater verlobte der heiligen Gesellschaft schriftlich
sein Vermgen, _Sie_ der katholischen Kirche und einem beschauenden
Klosterleben!

O der Tcke, die ihn dazu gebracht! versetzte Justine uerst
heftig; Geldhunger war die Triebfeder Eurer Handlungen? So nehmt es
denn hin, das elende Geld! Wo meines Vaters Leiche blieb, bleibe auch
seine vergngliche Habe! Lassen Sie mich nur wieder von dannen ziehen
um diesen Preis! Ich will nicht klagen, will nicht murren, will mein
Brod vor den Thren betteln! Nur hinaus aus diesem Lande, worinnen
mich nicht einmal das Grab meines Vaters zurckhlt! Hier sind noch
einige Diamanten! Sie sollen von Werth sein! Nehmen Sie diese letzten
Ueberreste einer Wohlhabenheit hin, die Ihre Brder vernichteten.
Lassen Sie mich jedoch zur Stunde fort! Hier lebt nicht mein Vater!
nicht mein Glauben! Ich sterbe unter diesen Menschen!

Arme! sprach Mnzner trbe vor sich hin; _aus_ des Lwen Hhle
fhren keine Futapfen.

Der Rector lchelte ber die Aufregung Justinens, und sprach mit dem
Consultador spanisch. Dieser winkte mit der Gravitt des Vorgesetzten
dem Pfarrer, und sagte ihm: Sie stehen mir dafr, da die Person sich
kein Leid anthut, und da ich sie bei meiner Rckkehr wieder finde.

Justine, von Thrnen bermannt, und das Gesicht in ihre Hnde
verbergend, beachtete nichts um sich her. Die Lainez und die Indianerin
sprachen zu ihr, wie zu einer Bildsule. Mnzner ging hnderingend im
Hintergrunde des Gemachs auf und nieder. James starrte dster vor sich
hin, und der Pfarrer entfernte das Volk, bis auf die Obern der Colonie.
Dann sagte er bescheiden aber fest zu dem Consultador:

Mein Vater! ich erinnere Sie, da mein Pfarrhaus kein Gefngni ist.
Noch viel weniger scheint mir die Jungfrau eine Verbrecherin.

Sie gehorchen! war die kurze drohende Antwort; ich nehme Alles bei
dem Provinzial auf mich.

Bedenken Sie! sagte Luis; wenn der Generalcapitn erfhrt...

Was da? brausten Consultador und Rector auf. Hier ist der heilige
Ignacio Generalcapitn. Wo wren wir der Excellenz zu Buenos-Ayres
unterworfen? Haben wir nicht unsere Vertrge, unsere Rechte? Wo
die Gesellschaft befiehlt und den Tribut bezahlt, mu Monarch und
Statthalter schweigen.

Das nimmt kein gutes Ende! sagte Luis: ich protestire.

Mademoiselle Mssinger ist eine Fremde! sprach James, der nur mhsam
bisher an sich gehalten: wie wollen Sie, meine Vter, verantworten,
was Sie thun?

Wer spricht hier? fragte der Rector drohend entgegen: Mademoiselle
ist durch den Tod ihres Vaters meine Mndel.

Sie wollen die erschlichene Gewalt mibrauchen! rief James erhitzt.

Mein Sohn, bedenke, wo du bist! mischte sich Mnzner besorgt ein:
und Sie, meine Vter und Obern, vergeben Sie dem unbesonnenen jungen
Manne, der ein schnelles Urtheil spricht.

Das soll ihm bel bekommen! sagte der Rector aufgebracht: Des
Provincials Nachrichten aus Deutschland reden von dem widerspenstigen
Englnder, der seine Pflicht umgehen mchte. Das Provinzialat wird _ihm
hier_ sein Urtheil sprechen.

Unglcklicher! seufzte Mnzner, James Hand fassend: siehst du? meine
Ahnung!

Mein Urtheil! fuhr James auf: Was habe ich Ihnen, was dem Orden
gethan?

Du hast viel gekostet, und unsere Erwartungen betrgen wollen,
antwortete der Consultador mit harter Stimme: du hast schwere Bue
verwirkt, und nur Nachgiebigkeit kann dir einen wrdigern Platz in
unsern Husern erwerben.

Nimmermehr! entgegnete James: Dieses unschuldige Lamm soll geopfert
werden, und ich nicht minder? Machen Sie mich zu Ihrem Sklaven, aber
nicht zu ihrem Bruder!

Welche freche Sprache? polterte der Rector.

Sie soll ihm vergehen, sagte der Consultador: die Bukammer zu
Cordova soll ihn zahmer machen. Fr's Erste, Bursche, verlssest du
diese Doctrina nicht. Wie fr die Sennora, haften mir Pfarrer und
Regidor fr dich. James knirschte. Mnzner trat besnftigend vor ihn,
und sagte zu dem unwilligen Herrn von Cordova: Schonen Sie ihn um
seines Jhzorns willen! Es wird sich Alles legen. _Ich_ brge, da Sie
ihn ruhiger hier wieder finden.

Wer brgt uns denn fr Sie, Pater Xaver? fragte der Consultador
hhnisch: Ihr Schicksal habe ich in der Tasche. Ihr Provincial
reklamirt Sie. Sie werden ungesumt nach Europa zurckkehren, um sich
vor ihm ber den Ausschlag Ihrer Mission daselbst zu verantworten. Sie
sind wichtiger Punkte angeklagt.

Mnzner stand wie niedergedonnert; dann hob er die Augen gen Himmel
und sagte: Wie du willst, Herr! -- Aber dich zurcklassen, _hier_
zurcklassen, mein James? setzte er bei.

Desto besser! sprach der Rector bitter: Euer Beispiel, Ihr Deutsche,
verdirbt jeden guten Keim. Ihr bildet Raisonneurs, Grbler, und
Grbelei fhrt zur Blasphemie.

James wollte sich voll Wuth von dem Doctor losreien, der ihn
begtigend fest hielt. -- Sie werden dich noch binden lassen! sagte
er auf Deutsch zu dem Jngling, und im selben Augenblick befahl der
Consultador dem Alcalden, Negerketten herbeizubringen, und sie dem
Jngling anzulegen. Pater Luis trat schnell vor, und entgegnete mit
edlem Feuer: Meine Obern vergeben! Diese Dinge sind aber unbekannt in
meiner Mission. Wir haben nicht Ketten, nicht Peitschen; nicht einen
Strick, um einen Menschen damit zu binden. Diese armen jungen Leute
sind meine Gste. Die Gastfreundschaft duldet keine Mihandlung.

Gehorsam! rief der Consultador.

Euer Hochwrden vergeben, sagte der edle Greis wie oben: ich
bin siebzig Jahre alt geworden, ohne etwas Schlechtes zu thun. Ich
will nicht erst jetzt anfangen, selbst wenn Don Philipp, unser
allergndigster Herr, es so zu haben begehrte. Wir sind hier auf
dem Lande, unter harmlosen Menschen. Hier ist's uns auch in der
Ordenskleidung vergnnt, ein Mensch zu sein. Ich bin der Vater meiner
Untergebenen; der Freund der Fremden; nicht ihr Stockmeister. Verlangen
Sie das nicht, meine Obern.

Schwachkopf! -- sagte der Rector verchtlich vor sich hin.

Der Consultador drohte dem Pfarrer ernsthaft mit dem Finger: Sie
machen sich eine bse Note, lieber Mann, sprach er: Ohnehin hat Ihr
Vikar, der nach Cordova zurckkam, Ihrer nicht zum Besten gedacht.

Weil ich ihn fortschickte, war Luis Antwort: weil er in Kirche und
Haus, bei Mnnern und Frauen Alles das that, was unser Heiland nicht
gethan hat. Der ehrwrdige Pater Provincial wird aber auch mich hren,
und nicht allein den tckischen Andalusier. So alt ich bin, scheue ich
noch nicht, dem Recht zu Liebe, den weiten Weg nach Cordova.

Ihr werdet ruhig hier verbleiben! erwiderte ihm mit imponirendem Tone
der Consultador: Die Disciplinargesetze unserer Gesellschaft sind Euch
seit einem halben Jahrhunderte bekannt, und somit kein Wort weiter. --

Ich bin kein Rebell, antwortete der verblffte Pfarrer: aber was Sie
verlangen, ist nicht meines Amts.

Sie kommandiren Ihre Milizen als Oberst, lachte der Consultador; Sie
verstehen es aber nicht, einen Menschen zur Haft bringen zu lassen!
Sennor Corregidor! Sorgt Ihr, da dieses Mdchen sowohl, als der junge
Mensch getrennt in ein sicher verwahrtes Haus gebracht werden, bis zu
meiner Rckkehr.

Ruhig! du machst dich unglcklich, und mich noch elender, als ich
bin! sprach Mnzner begtigend zu dem auflodernden James, der mit
den Worten: auch Sie mein Vater? die Hnde sinken, Alles mit sich
beginnen lie.

Regidor und Alcade versuchten, den Befehlen des strengen Aculcho
einige Milderung abzugewinnen, aber er fate ihre schwchste Seite,
indem er sagte: Ihr seid excommunicirt, wenn Ihr lnger widerstrebt!
Der junge Mann ist ein unserm Hause Entsprungener, das Mdchen eine
Ketzerin. Beide gehren vor unser Gericht, und der Generalcapitn
zu Buenos-Ayres mit all' seinen Schergen hat ihr Schicksal nicht zu
schlichten.

Das Wort Ketzerin machte die guten Leute, die um Justine beschftigt
waren, zurcktreten. Auch Ines entfernte sich, schchtern ein Kreuz
schlagend. James lachte bitter, und folgte finster schweigend dem
Alcaden, der ihn fortfhrte.

Der Regidor bedeutete Justinen, ihm ohne Widerrede zu folgen. Durch
den Schleier ihrer Thrnen emporsehend, fragte sie erschpft: wohin
fhrt Ihr mich? -- Da aber der Regidor ihr nicht antworten konnte,
und keiner derjenigen, die ihre Frage verstanden, antworten wollte,
so folgte sie ihrem Fhrer wie ein Lamm mit den Worten: gleichviel,
wohin es geht. Nur aus dem Bereiche dieser Menschen, deren Blicke mich
vergiften! --

Sie, Pater Xaver, sprach der Consultador, geben mir Ihr
Priesterwort, sich nur, um nach Cordova und von dannen nach Europa zu
gehen, aus der Doctrine zu entfernen, und Ihrem Zgling auf keinerlei
Weise zum Entweichen behlflich sein zu wollen! --

Nach einigem Bedenken gab Mnzner das Wort. Das Erste mit Freuden,
sagte er: ich hoffe, in einigen Tagen bereit zu sein, mit dem
ersten Waarenkahn abzureisen. Das Zweite verspreche ich mit Leid;
aber berzeugt, da meine Hlfe meinen guten Sohn nur in greres
Unheil strzen wrde. Wenn brigens die Bitte eines Mitbruders fr
Sie von einigem Gewicht wre, so ersuchte ich Sie, die Tochter des
verunglckten Mssinger gndig und milde zu behandeln. Wir haben viel
an ihrem Vater und Ihr verschuldet, meine Vter, was erst in der
Folge klar werden drfte. Mich, der ich das arme Werkzeug sein mute,
bald mit wohlwollendem, bald mit blutendem Herzen, ... mich ereilt
jetzt das Schicksal; denn mein Loos in Europa wird ein hartes sein.
Erschweren Sie es nicht, meine Freunde in Christo, durch die Leiden der
unglcklichen Justine!

Die fremden Jesuiten sprachen hierauf kein Wort, und nannten den
Fortgehenden verchtlich einen Trumer, dessen Zukunft hart, aber nicht
ungerecht sein knne. Zugleich wurde die Lainez, von deren bisherigem
Wirken man, durch die, fast gleichzeitig mit ihr angekommenen Berichte,
genau unterrichtet schien, aufgefordert, bei Justine ihr Heil zu
versuchen, und nichts zu versumen, um diese auf den Weg des Heils zu
fhren. --

Zu lange, wie wir vernehmen, arbeitet Ihr schon an diesem Geschft,
sagte der Rector geringschtzend: ich mchte Euch rathen, das Brod
der Gesellschaft nicht als eine unntze Arbeiterin zu verzehren. Im
Gegentheile, wenn's Euch gelingt, die Widerspenstige, ehe der Pater
Consultador wieder kommt, zu bekehren, sollt Ihr nach Verdienst belohnt
werden. Die gottesfrchtige Frau von Gubriant, die sich vor den
Grueln der Regentschaft nach St. F flchtete, bedarf einer Kammerfrau
und Vorleserin, und dieser eintrgliche Posten soll Euch durch mein
Frwort nicht entgehen.

Die Lainez, in ihrer Eitelkeit beleidigt, rmpfte, ebenfalls
geringschtzend, die Nase, und antwortete: ich danke Ihnen fr den
guten Willen, meine Vter; bin aber zu schwach, ihn zu verdienen.
An dem Mdchen ist nicht das Mindeste zu ndern. Sie ist von einem
Eigensinn, der Ihnen zu schaffen machen wird, und, da es nun einmal so
ist, mchte ich rathen, sie lieber zu lassen, wie sie bisher war. Mein
Streben ist, was sie betrifft, geendigt, und ich will die Freundschaft,
die sie mir erzeigt, mit der sie mich gefesselt hat, nicht mit Leiden
vergelten. Madame Gubriant wird eine andere Kammerfrau finden, und
mich in Frieden nach Frankreich zurckkehren lassen, wo die Hitze
nicht so unausstehlich, die Sprache angenehmer, und die Tracht weit
anstndiger ist. --

Das mtet Ihr allerdings, versetzte der Rector hochmthig. Wir
gedenken nicht, unntze Leute von zweifelhaftem Charakter in den
Colonien zu fttern. Ihr werdet mit dem Deutschen Xaver abreisen, ein
wrdiges Paar trger Diener. Hebt Euch jetzo weg! Fr eine gute Note
wollen wir Sorge tragen!

Die Lainez ging mit diesem Bescheid. Htte ich Vermgen, sagte sie
mit Bitterkeit zu dem Pater Mnzner, dem sie Alles erzhlte, so wrden
mich die gescheuten Finanziers schon freundlich gebeten haben, da zu
bleiben. Pfui der Schande! ich eine Magd der alten unertrglichen
Frau v. Gubriant? Um solchen Preis sollte ich meine schnsten Jahre
einem Bemhen hingegeben haben, das tglich meinen Charakter und
meine Existenz gefhrdete? Aber nur Geduld, mein wrdiger Vater! Man
mihandelt auch Sie. Lassen Sie unsere Krfte vereint wirken. Mein
Provincial wird unsere Berichte getreulich nach Rom befrdern. Die
Menschen hier am Ende der Welt sollen erfahren, was es heit, einer
Frau von Stande unwrdig zu begegnen.

Madame Lainez, antwortete der Doctor ruhig: Lat uns nicht Steine
auf Andere werfen. Wir haben genug mit uns selbst zu thun. Wenn doch
Ihr Geist ebenfalls die Erschtterung empfnde, die der Meinige seit
meiner Anwesenheit in diesem Lande empfindet! ich gehe nach Europa
zurck, um elend zu werden, -- aber ich habe es nur zu sehr verdient.
--

Die Lainez entfernte sich achselzuckend, weil der Pfarrer eintrat.

Nach Europa zurck? sagte dieser vertraulich, nachdem er an Thre und
Fenstern gehorcht hatte; das wird Ihr Ernst nicht sein, Pater Xaver.
Sie rennen in Ihr Unglck. Unsere Brder in der alten Welt sind Leute,
wie die in der neuen: arglistig, neugierig, unvershnlich. Sie haben --
vielleicht unverschuldet -- das Ansehen der Gesellschaft Preis gegeben,
weil unter Ihrer Amtsfhrung jene Gemeinde, der Sie vorstanden,
verrathen wurde; das vergiebt man Ihnen nicht. Der Superior hat Ihre
Abwesenheit bentzt, sich rein zu brennen. Das Ungewitter bricht nun
gegen Sie allein, spter, aber schrecklicher, los. Opfern Sie sich
nicht ohne Noth einem wilden Parteihasse, der vielleicht Ihr rstiges
Leben zwischen vier Mauern begrbt.

Eine Strafe meiner Snden, erwiderte Mnzner schwermthig: dann --
meine Pflicht. Gehorsam hie mein Gelbde. Die Obern rufen, ich folge.
Luis schob sein Kppchen ungeduldig hin und her. -- Die Gesellschaft,
sagte er schnell, -- ist im Begriff, von einigen Gliedern derselben
durch eine Ungerechtigkeit geschndet zu werden. Ich erflle meine
Pflicht gegen ihr Wohl auf bessere Art, wenn ich dieser Schande
vorbaue. Ich bin ein alter, verbauerter Pfarrer, mein Bruder, aber
eben weil ich alt bin, kann auch der liebe Gott rufen, wann er will,
und ich will rein vor ihn treten. Ihr armer Pflegesohn, Ihres Freundes
rmere Tochter, sollen dem schmutzigen Eigennutze des Quinquevirats
zu Cordova nicht geopfert werden. _Sie_ nicht den Migriffen Ihres
Superiors. Lassen Sie die Vter abreisen. Meine Worte haben bei dem
Regidor und dem Alcade, die ich erzogen, die _ich_ aus der Gemeinde
gewhlt habe, Gewicht und Einflu. Ein Wink von mir, und sie lassen die
widerrechtlich Verhafteten frei. Ich befrdere dann ihre Flucht.

Sie, edler Mann, wollten sich der Rache der Oberen blosstellen?

In meiner entlegenen Doctrine, an den Grnzen des Gebiets barbarischer
Vlkerschaften, achte ich ihrer Drohungen fr meine Person nicht. Sie
sollen mich nicht wegfhren aus dem Lande, wo ich wirkte, wo ich den
Tag der Auferstehung erwarten will.

Gesetzt, Sie retten meinen Zgling und das arme Mdchen, dessen
Schicksal auf meiner Seele brennt ... was soll aus ihnen werden? werden
sie nicht, mitten in einem unermelichen Lande, aller Hlfsmittel
beraubt, dennoch wieder in die Hnde der Feinde fallen, oder elend zu
Grunde gehen?

Hren Sie mich an. Die Berge, die wir von hier aus sehen, verketten
sich mit den Alpgebirgen Brasiliens. Diese Hhen, dem Namen nach
dem Scepter Portugals unterworfen, sind ihrem Beherrscher beinahe
vllig unbekannt geblieben. Einzelne Wachtposten, die man so weit
herausrckte, sind kaum vemgend, gegen die Schaaren unabhngiger
Eingeborner ihre Existenz zu behaupten. Thler und Berge von
erstaunlichem Umfange haben noch nie einen Portugiesen gesehen. In
einem dieser Thler, umringt von Urwaldungen und von ghen Abstrzen,
versteckt wie das Paradies, das noch kein Weltumsegler wieder
aufgefunden, lebt, jung und krftig, ein kleiner Staat, der unsern
Flchtlingen und Ihnen vor der Hand vllige Sicherheit gewhren wrde.
Unsre Obern, wie die Regierungen von Spanien und Portugal, halten,
trotz ihrem Scharfsinn und ihren Nachforschungen, das Dasein dieses
kleinen Staates fr eine Fabel, fr eine mige Volkssage. Dennoch
existirt diese Pflanzschule eines reinen Christenthums, und die
Republik: der gute Jesus in den Wildnissen ist kein Mhrchen einer
trumerischen Amme. Ein Vetter meines Hauses, der in dem Regimente
Arragon Capitn gewesen, der in der Folge, ber Zurcksetzungen
verdrielich geworden, zu Cordova das Kleid des heiligen Franziskus
genommen, mute, um eines schweren Handels willen, den er mit unsrer
Gesellschaft hatte, flchtig werden, und zog sich in jene Wildnisse
zurck, wo er eine aufblhende Gemeinde fand, an deren Spitze er jetzo
als Vater, als Priester, als Feldherr und Knig steht. Es ist beinahe
ein Jahrzehend verflossen, seit ich die letzte Kunde von ihm empfing,
aber der riesenhafte Krperbau des Mannes verbrgt mir die Dauer seines
Lebens. Ich sende Euch, meine Freunde, an ihn. Er hat mich einst wie
seinen Vater geliebt, und wird mir ein freundliches Andenken bewahrt
haben. Dem Gengsamen wird eine Wildni bequem, und die Gelegenheit
nicht fehlen, Euch in den Norden unseres Continents zu schaffen, wo
Englands Scepter schtzt, und Penn's Colonie jeden Glaubens-Bruder
willig aufnimmt. Oder in Portugals Cabinet reifen gnstigere Ansichten
fr die Freiheit der Confessionen, zugleich mit gehssigern gegen
unsere Gesellschaft, deren wachsende Macht bald den Neid der bis jetzo
glcklich geblendeten Regenten beunruhigen drfte. Auf jeden Fall: weit
von Jupiter sein, schtzt vor dem Blitze! Beherzigen Sie das, mein
Freund. Der Indianer, der vor zehn Jahren, nach dem guten Jesus in den
Wildnissen verschlagen, mir davon Meldung zurckgebracht, lebt noch,
und sein Gedchtni wie seine Sinne sind rstig und frisch. Geprfte
Leute in nicht geringer Anzahl sollen Euch geleiten, und Euch zum
Frieden fhren, den man in dieser sturmbewegten Welt und Zeit nur in
der Einsamkeit der Troglodyten finden mag.

Mann! ich staune vor den khnen Schpfungen Ihres jugendlichen
Geistes! was Sie sagen, gleicht einem poetischen Traume!

Sind denn diese Landschaften nicht Gebilde der krftigsten Poesie?
noch strubt sich ihre Ueppigkeit gegen die Ketten unsers Verstandes;
noch ist dieser Boden frisch. Europa ist ein ausgebrannter Vulkan; hier
sprudelt noch Urkraft, und auf dem ungewhnlichen Schauplatze kann
noch Ungewhnliches gedacht und gethan werden. Gedenken Sie meines
Vorschlags. Ich will jetzt an meine Kinder die Lebensmittel austheilen,
die sie heute verdient haben, und die Khne unsrer Herren mit Vorrthen
versorgen, da sie morgen ungehindert nach der nchsten Doctrine
abreisen knnen.

Mnzner berlegte lange und schwer. Er seufzte ngstlich auf: warum
kam mir die Erkenntni nicht frher? warum erst jetzt pltzlich nach
dem Verschwinden, nach dem Tode des Senators? welche Zukunft von
Leiden? und dennoch, wie so heiter gegen die Vergangenheit! fnfzig
Jahre, die ich in stolz ruhigem Scheinbewutsein verlebte, weisen mir
nur ihr nacktes trauriges Gerippe. Keine Blthe in irgend einer Furche,
worein ich ein gutes Saatkorn zu legen glaubte! elend war meine Saat!
O, so vollende sie sich denn an mir, dem Schpfer so vielen Unglcks!
O, so geile mich die Pflicht, in deren Dienste ich Herrliches zu
vollbringen glaubte, indem ich nur Bses schuf. Losgerissen von der
Welt, will ich mich _hier_ zur Shne geben, damit jenseits mein Loos
milder werde! die Gesetze meines Standes haben mir die Ruhe genommen,
so mgen sie auch meine Tage hinnehmen. James, der junge in's Leben
tretende Mann, gehe hin in Gottes Namen. Vielleicht bringt ihm die
Wste Gewinn; vielleicht segnet in der Wste der Himmel seine Liebe!
ich will keinen Theil an seinem Schicksal haben, damit ihm nicht einst
geschehe, wie mir. Ich gehe aber, wohin mich Beruf und Gehorsam ruft:
zur ungerechten -- ach! zur gerechtesten Bue!

Ines trat zu dem Bekmmerten, zu dem Entschlossenen. Sie brachte
Erfrischungen, und sah traurig aus.

Mnzner fragte nach der Ursache ihrer Niedergeschlagenheit.

Euer Sohn dauert mich, sagte das Mdchen unbefangen, und mit der
jungen Sennora habe ich viel Mitleid. Warum sperrt man sie ein? Euer
Sohn brtet stille vor sich hin. Die Sennora weint, zrnt, und denkt
mit finstern Augen nach. Mit Euerm Sohne knnte ich reden, aber das
geht nicht wohl an. Die Sennora verstehe ich nicht. Wenn ich jedoch zu
ihren Fen sitze und sie wehmtig anschaue, so ist's als ob sie wte,
was in mir vorgeht, denn sie umarmt mich dann und herzt mich, als ob
sie meine Schwester wre. Sie ist so gut, und mu, wenn sie auch eine
Ketzerin ist, in den Himmel zum Vater kommen; nicht wahr, Don Xaver?
Pater Luis hat mir versprochen, da ich auch meine Mutter im Himmel
finden sollte, ob sie gleich nicht getauft sei. Die Sennora wird ja
auch darinnen nicht fehlen.

Das plaudernde Kind wartete vergebens auf eine Antwort. Mnzner sah
dster mit bergeschlagenen Armen vor sich hin. Ines blickte verlegen
nach dem Fenster.

Soll ich das Gitter schlieen, Vater Xaver? fragte sie schchtern;
der Abend kommt, die Fliegen finden sich ein, und -- seht doch, wie es
pltzlich dunkelt ... wie es Nacht wird...!

Sie lief zum Fenster, sah zum Himmel, und schlug mit einem Schrei
die Flgel zu. Ach! bei unsrer lieben Frau vom Rosenkranze, rief
sie erschrocken; seht doch, mein Vater, welche ungeheure Menge von
Aorkani[4] durch die Luft zieht und sie verfinstert! der Zug macht ein
schwarzes Dach ber die ganze Mission! Ach, wie das schauerlich durch
die Wolken fliegt! das bedeutet ein Unglck, ein schweres Unglck, mein
Vater!

Aberglaube! sagte Mnzner verdrlich.

Mit Eurer Erlaubni, versetzte Ines; es hat seine Richtigkeit,
was ich sage, nur glauben es unsere Leute hier nicht, weil sie vom
quaranischen Volke sind, und ich ein Abiponerkind bin. Sie lachen der
Heuschrecken, wir frchten sie aber, und immer ist etwas Schweres
geschehen, wo diese Unholde vorberzogen. Wenn nur _uns_ die heilige
Jungfrau gndig bewahrt. Ich bringe ihr alle Sonntage einen frischen
Strau im Namen der Gemeinde. Die fremden, schwarzen Herren mgen
sehen, wie _sie_ fertig werden.

Ei! sagte Mnzner verweisend; Ines, ist das Christenliebe?

Ines schmte sich. Sie entgegnete schchtern: Ihr habt Recht, Vater
Xaver. Ich habe gefehlt. Sagt es dem Vater Luis nicht. Er wird es schon
in der Beichte hren. Aber mir kmmt immer vor, die beiden Herren von
Cordova seien nur in Euer ehrwrdiges Kleid verkleidet. Vater Luis und
Ihr, -- Ihr seid ganz anders, und ich mchte lieber Zeit Lebens bei
Euch allein bleiben, als nur eine Stunde lang bei dem hagern Herrn von
Assumcion, der mich immer so seltsam ansieht, wie der ehemalige Vikar,
oder besser: wie die Schlange in der Savanne.

Die Glocke der Kirche lutete. Ines mute zur Theevertheilung. Dieses
Geschft wurde, wie alltglich, abgethan. Whrend Consultador und
Rector mit Pater Luis und Xaver das frugale Abendmahl einnahmen,
trug Ines auch den armen Gefangenen ihre Speisevorrthe zu. James
und Justine bewohnten zwei getrennte Rume im Lagerhause. Des Alkade
Sohn, der Wchter des jungen Englnders, brachte die Speisen in seines
Gefangenen Gemach. Justinens Wchter lie die freundliche Ines gern
zu der trauernden Sennora. Justine sa an dem Gitter der Fensterluke,
und sah dem Glanzspiele einiger Leuchtkfer zu, die auf den schlanken
Stauden hingen. Sie erschrak ein wenig, als Ines Finger ihre Schulter
berhrten; aber der Ausdruck der Freude folgte dem Schrecken. Hastig
zog sie das liebe Mdchen an sich, weigerte sich, von den Speisen und
dem wrzigen Tranke zu genieen, und gab der Indianerin durch Geberden
zu erkennen, da sie eine Bitte an dieselbe richten wolle. Sie zeigte
alsdann auf die Matte in der Ecke, auf den groen leeren Raum um
sich her, und versuchte der Ines begreiflich zu machen, da sie sich
allein zu bleiben nicht getraue, und es gerne sehen wrde, wenn das
dienstfertige Mdchen die Nacht bei ihr zubringen wolle. Ines verstand
Justine alsobald, und zeigte sich eben so schnell bereit, ihrem Wunsche
zu entsprechen. Der Wchter mit der Lampe wurde hinweggesendet, die
Thre wieder mit den hlzernen Riegeln von auen verschlossen; tiefe
Ruhe und tiefes Dunkel kehrten in dem Gebude ein. Auch von auen
wurde Alles ganz still. Drei Zeichen mit der Glocke gaben den Befehl
allenthalben die Lichter auszulschen, und die Strae im Dorfe wurde
nur noch in dem Augenblicke belebt, als der Pfarrer nebst mehreren, mit
Harzfackeln versehenen indianischen Knechten seine Gste von Cordova
und Assumcion nach ihren Schiffen fhrte, wo sie die Nacht zuzubringen
begehrten. Pater Luis kehrte mit seinen Begleitern nach Hause zurck,
und schlo sein Hofthor. Die Herren auf den Schiffen streckten sich
unter dem leichten Zeltverdeck derselben auf ihre Matten. Die Schiffer,
ein jeder an seinem Ruderplatze, duckten sich nieder, hllten die
Kpfe in ihre Mntel und schliefen ein. Unter Akazien am Ankerplatze
schnarchten die mden Payquas. Ein Neger hielt auf dem Vordertheile
eines Kahns, bei glimmender Laterne, Wache, mit seiner Vogelflinte
spielend. Noch mehr beschftigte ihn jedoch die Chicaflasche und er
entschlief gleich den Uebrigen. Grabesruhe auf dem dumpfmurmelnden
Flusse, an seinem Strande, in dem Missionsorte. Der umgehende Wchter
in demselben hatte sich vor einem unbedeutenden Regenschauer in seine
Htte zurckgezogen. Auf der Gasse athmete keine Menschenseele.

Da kam von Sden her ein fernes, leises Getrappel. Es schwieg in
kleiner Entfernung vom Dorfe. Einige Hunde knurrten, schwiegen jedoch
ebenfalls pltzlich, und mehrere leicht gleitende Schatten kamen ber
Zaun, Graben und Gehge in den Ort herein; mit Blitzesschnelle hin und
wiederfahrend, schauend, horchend, verschwindend, wie sie gekommen
waren. Gerusch von leise webenden Sgen, Knarren von aufgehenden
Gatterthren, und ber den breiten Fahrweg, weit sich aber alsdann ber
den frischen Rasen zu beiden Seiten desselben verbreitend, zog still
und geruschlos eine Schaar von Reitern in das Dorf. Stumme schnaubende
Hunde ihnen zur Seite, lange Speere in ihren Hnden; versteckte
Fackeln mitten im Zuge. Halt auf dem Platze, kurzes unverstndliches
Gemurmel unter den Nachtgsten, pltzlich hochblinkende Feuerbrnde,
entsetzliches Geheul und kriegerischer Ruf.

Dieser Schrei, die Losung des Entsetzens, dringt wie der Donner
des Himmels in die friedlichen Htten der Quaranier. Schlaftrunken
springen die Mnner an die Thren und Fenster. Zum zweitenmale tnt der
grliche Schrei, und, mit dem Tone zugleich, fliegen brennende Pfeile
in die Stroh- und Binsendcher der Cabanen.

Die Abiponer! 's ist ihr Kriegsruf! antwortete der Weiber Wehlaut,
und wthend greifen die Mnner nach der Axt. Die Glocke klingt gellend
vom Thurme. Der nachlssige Wchter erinnerte sich zu spt seiner
versumten Pflicht. Indessen weht aber schon der Brand in der Luft,
wrgt schon der Feind am Boden. Ein wehmthig Schauspiel! wilde Reiter,
nackt auf den Pferden hngend, von abenteuerlichem Kopfputz grlicher
gestaltet, bestrichen mit grellen, Blut und Tod kndenden Farben rasen
hin und her durch die Gassen, schmettern mit ihrer frchterlichen
Schleuder alles zu Boden, was an ihnen vorberrennt, werfen ihre langen
Speere nach der keuchenden Menschenbrust, und Brnde in die Gluth,
damit die Flammen noch hher aufflackern, die betrbende Scene wrdig
zu beleuchten!

Eine Horde wilder Ruber hatte das Lagerhaus erstrmt, sich der Waffen
und Mundvorrthe bemchtigt. Die Quaranier konnten ihnen nirgends die
Spitze bieten, nirgends ihrer Raublust ein Ziel setzen; kaum dem Morde
entgehen. Denn in engem Kreise hielt um den Missionsort eine furchtbare
Linie von Reitern mit drohendem Speere, und nur die Verzweiflung selbst
schlug sich durch. Mit den Bolas bewaffnet, die jeder Bauer an sein
Pferd hngt, wenn er ber Land reitet, warfen die Entschlossensten der
Quaranier einen Trupp von Pferden darnieder, ffneten ihren Freunden
und Verwandten einen Pa. Die dem Strande zunchst wohnenden Leute
flchteten sich nach den vor Anker liegenden Schiffen. Die Herren
derselben, von dem Mordgetse aufgeschreckt, befahlen, die Seile zu
kappen. In die Strandfluth des Flusses strzte sich die hlfsbedrftige
Menge; Kinder und Greise auf den Schultern der Eltern, der Shne; sie
jammerten nach Hlfe, nach Aufnahme, kaum die Kpfe aus den Fluthen
hebend. Umsonst; die Vter auf den Khnen, nur ihre eigene Rettung vor
Augen, frchteten der Schiffe Ueberfllung, wiesen die Flchtlinge
mit harten Worten zurck, lieen die Fahrzeuge stromabwrts treiben.
Aber Noth kennt kein Gebot; aber die Abiponer waren im Rcken der
Flchtlinge. Die riesenhaften Payaquas, die das Ruder in Hnden,
-- obwohl blinde Heiden, gewissenhafter den Rckzug ihrer Herren
vertheidigten, als diese das Wohl ihrer christlichen Mitbrder sich
zu Herzen nahmen, -- fielen todt hin unter der Uebermacht. Schon
netzen die Wellen der Parana die Fe der Abiponerpferde; schon
strzen sich diese wilden Krieger blutbegierig bis zum Kinn in den
Strom... Gewaltsam halten die Flchtlinge von Dominica die Schiffe auf,
schwingen sich gewaltsam hinein, und die Vter mssen geschehen lassen,
da wider ihren Willen das treue Holz der Algarova auch die schlechten
Indianer dem Mordstahle entfhrt.

Welch ein Graus, wendet man den Blick von jenen Geretteten nach dem
brennenden Pfarrhause. Vergebens strmt die Glocke der Kirche. Sie
vermag nicht dem lang gedehnten Brande in den hlzernen Gebuden und
Rohrwnden zu wehren. Sie vermag nicht, die treuen Diener zu erwecken,
die fr ihren Vater auf der Schwelle seines Hauses das Leben hingegeben
haben. Sie haben sich umsonst geopfert. Der Raub drang dennoch hinein.
In dem sonst lebendigen Hofe regt sich nur noch der von Flammenangst
und Todeskampf gepeinigte Strau, der von zwei Pfeilen durchbohrt, mit
den ungelenken Flgeln flatternd, einen Ausweg sucht, und -- blind vor
Schreck -- nicht findet. Ferne tnen die Silberglocken des Rehs; es
sucht seinen Herrn; doch dieser fllt so eben, -- mit dem Alcade dem
Lagerhause zueilend -- in die Hnde des barbarischen Feindes, whrend
auf den Stufen der Kirche Pater Xaver von einigen Abiponern gebunden
wird, die in ihm den Padre des Orts zu fangen glauben. -- Aus den
Fensterffnungen des Lagerhauses, das ebenfalls schon brennt, dringt
nebst dichten Rauchwolken der Wehruf ngstlicher Weiber. Zwei Krieger,
furchtbar anzuschauen in den ungeheuern Federkronen, die ihre Eitelkeit
dem Strauvogel der Savannen sammt der Haut abstreifte, strmen
hinein, dem Rufen entgegen. Krachende Thren strzen von oben auf
sie hernieder. Ein Mann mit zwei Weibern, auer sich, mit versengten
Haaren, stt auf die Wilden, die ihn mit Lwenkraft aufhalten, packen
und sammt seinen Begleiterinnen in's Freie schleppen.

Hier lodern Fackeln und Brandglut. Hier halten die Caziken auf ihren
dampfenden Gulen, und unter ihren rothen goldverzierten Kopfbinden
hervor rinnt der Schwei der Ermattung auf die Brust der Starken. Der
Anblick schner Frauen reizt der rauhen Obern Lust. Ein Streit droht
zwischen Rettern und Befehlshabern zu entspringen, da wirft sich das
jngste der Weibern zu Fen des Obersten, und ruft ihm zu: Siehst du
denn nicht, da ich deines Volkes bin? Gnade deshalb und Schutz fr
mich und dieses Weib, das meine Schwester geworden ist!

Verwunderung spricht aus den Blicken der Zuhrer; jedoch berwltigt
von dem sen Klang der vaterlndischen Zunge, klatschen sie lebhaft in
die Hnde, und rufen: wahrlich! sie ist ein Kind unsers Grovaters,
und sie mit ihrer Schwester soll heilig sein und frei!

Justine und Ines wurden auf weie Pferde gehoben, und folgten dem Zuge
der Fhrer, die sich den Jammer besahen, den sie angerichtet.

James wurde in der Kirche mit einigen andern lebendig Gefangenen,
unter welchen sich sein Pflegevater befand, zusammengebunden. Nicht
die Schmerzen der Brandwunden, die er, im Begriff, Justine zu retten,
davongetragen, nicht die Ungewiheit seiner traurigen Lage zerri
ihm Herz und Gehirn. Seines zweiten Vaters, Justinens Verhngni
war seine Plage, war sein Kummer. -- Er weinte Thrnen des Mitleids
und ohnmchtiger Wuth auf die Hnde, die gebundenen Hnde seines
ehemaligen Versorgers. Dieser stand vor ihm, -- aufgerichteter als
je -- in seinen Leiden, wie ein verklrtes Menschenbild. Wenn eine
Folter meine Seele pret, so ist es die Angst um dich, um Justine,
-- sagte der Muthiggewordene. Mein Schicksal beunruhige dich nicht.
Glaube mir, in diesem Drange des Unglcks wird mein vom Zweifel und von
der Snde gespaltenes Herz wieder _eins_. Es klammert sich wieder an
_eine_ Hoffnung an: an die auf unsern Heiland. Nun ist der Augenblick
gekommen, in welchem ein verlornes halbes Jahrhundert vielleicht
durch die Mrtyrkrone, die so vielen meiner Brder zu Theil geworden,
Bedeutung gewinnt. Diese Krone ist die schnste, denn sie ist eine
vershnende!

James schwieg niedergeschlagen, theils von der Wrde des Redners
ergriffen, der in seinen Banden so frei war, theils von der Nichtigkeit
aller Trostgrnde berzeugt, in einer Stunde, deren nchste Minute
allen Ueberwundenen den Tod bringen konnte; -- gewisser, als der
nchste Mond ihre Freiheit. Mnzner blieb aber ruhig, und betete still
fr sich aus vollem Herzen.

Inzwischen war die Nacht aus geworden, und der Morgen trat aus der
Dmmerung. Wie die Sterne erbleichten, so erbleichte auch der Brand
von Santa Dominica. Die von dem Sonnenauge beschmten Flammen krochen
gebndigter in das strzende und verkohlte Sparrenwerk zurck, aber die
schwarzen rauchenden Sttten zeugten von ihrer Wuth, und der Anblick
der Leichen in den Gassen und Rumen der Mission von der bsen, bsen
Nacht. Die Hter der Gefangenen bedeuteten diese, sich auf den Weg zu
machen. Auf dem Platze klang die Pfeife und die dumpfe kleine Trommel,
zum Aufbruche mahnend. Die Gefangenen wurden mit Lianen auf Maulthiere
gebunden, und deren Zgel von Reitern geleitet. Der Abzug der Abiponer
Horde war siegreich und lrmend.

Jeder Krieger, beritten, und noch einige Pferde zum Wechseln neben
sich fhrend, hatte sich mit Beute aller Art beladen. Die leichtesten
Schwrme hteten die Seiten des Zugs, in dessen Mitte die blckenden
Schafheerden, die gleichmthigen, aber vor Hunger brllenden Ochsen in
unbersehbarer Zahl gingen. Schaaren von Hunden hielten diese lebendige
Beute zusammen; und ihr Geheul und Gebell bildete, vermischt mit dem
Getse der plaudernden, lachenden und singenden Wilden, einen seltsamen
Einklang. Ueber erstochene Pferde und Menschen ging der Zug hinweg, wie
ber den weichen Rasen, an den Husertrmmern vorber, und sdwrts
durch niedergetretene Tabaks- und Cacao-Pflanzungen. Die Gegend, die
gestern noch in allem Reize des Wohlstands und der Herrlichkeit geblht
hatte, lag nun zerstrt vor den Augen der Fortziehenden. Der rckwrts
Blickende sah mit Wehmuth die Rauchsulen aus den Trmmern Dominica's
emporsteigen, und die hohen Palmen ihre Bltter ber dem hllischen
Schauspiele senken. So weit das Auge auf der Parana reichte, war kein
Schiff mehr zu sehen.

Die gewandten Abiponer stellten sich hin und wieder aufrecht auf die
trabenden Rosse, und wendeten ihr Falkenauge im Rennen nach allen
Seiten hin. Auf dem Flusse konnte nichts mehr wahrgenommen werden, und
so lenkte denn der Trupp der Anfhrer, der weit vor dem ganzen Zuge
hinritt, landeinwrts. Noch einige Zeit ging es vortrefflich durch
Baumwlder und schattige, frisch grnende Sumpfebenen. Bald nderte
sich jedoch die Landschaft. Immer mehr und mehr wichen pltzlich die
Wlder zurck. Der hohe Baum schrumpfte zum niedern Busch, der Busch
zum drftigen Gestrpp ein, und endlich verkroch sich auch dieses in
einen nackten einfrmigen Boden, der kaum hin und wieder Sandstriche
bot, aber nirgends einen Stein. Auf dieser Flche angelangt, die in der
Sptmorgenhitze den Gefangenen unertrglich schien, fing der Abiponer
erst an aufzuleben. Die unbeschlagnen, leicht gezumten Pferde flogen
nur dahin. Lebhaft schwangen die Reiter ihre hlzernen Speere, und
die kleine Jagd begann. Nach allen Seiten streiften die Hunde aus, um
Kaninchen aufzustbern. Der Abiponer, ohne seinen Weg zu unterbrechen,
stellt sich auf sein Ro, spannt den Bogen, zielt und fehlt fast nie
das von den Hunden herbeigetriebene Ziel.

Aber mitten in dieser Beschftigung wird von den Vorderreitern ein
langer grner Saum gesehen, der lngs dem Boden hinzieht, und das Meer
zu sein scheint, oder ein viele, viele Meilen lang gedehnter Strom.
Sie werfen ihre Federbsche in die Luft, und ihr jubelndes Geschrei,
das sich den andern schnell mittheilt, verkndigt die Nhe einer ihnen
angenehmen Gegend. Die Pferde werden heftiger angetrieben. Gleichviel,
ob einer der Reiter strzt. Er verlt das zu Grund gerichtete Thier,
um sich auf ein anderes zu schwingen. Immer nher kmmt der grne Saum;
hher bald, bald niederer scheinend.

Die Savanne! ruft Abiponer und Quaranier aus; jener freudig, dieser
niedergeschlagen, weil sich dort sein Schicksal entscheiden soll.

Man betritt endlich den Rand dieser ungeheuren Grasebene, auf welcher
kein Baum steht, und kein Fels und kein wirthliches Dorf: nur etwa die
leichte Htte des wilden wandernden Jgers. Ein riesiger Strau steht,
wie der Wchter der grnen Wste an ihrem Saume, und gafft neugierig
nach den Kommenden. Ein gewandter Schtze sprengt auf ihn an. Zu spt
denkt das verfolgte Wild an die Flucht. Schon wendet es sich, spreitet
die Flgel aus, um mit ihrer Hlfe, schneller als das Pferd, das Weite
zu suchen, -- da zerschmettert ein Pfeilschu ihm das Beingelenk!...
er strzt, wird eine Beute des Siegers, der ihm die Federn entreit,
mit denselben den Sattel seines Pferdes schmckt, und lachend mit den
Freunden in die Ebene einsprengt.

Welch' ein reges Leben in diesen Flchen, von unglaublich hohem Grase
bewachsen! Flchtige Hirsche durchstreifen, wie ungewisse Schatten,
kaum durch ihre Geweihe kenntlich, die Ferne. Tausende von wiehernden
Pferden fliegen rechts durch die Halmen. Nicht geringere Geschwader von
Stieren setzen links durch das Grasmeer und lagern sich brllend in
demselben, das ihnen Schatten vor dem glhenden Sonnenbrand gewhrt.
Und der wilde Abiponer, dessen Pferd bis zum Sattel in den Halmen
schwimmt, ereilt das flchtige Ro, und zhmt es durch die einfache
Schlinge; er fllt den wildern Stier an, zerrt ihn mit der Schleife zu
Boden, tdtet ihn mit einem Streich, und nicht Nothwehr, nicht Hunger
rechtfertigt die tollkhne That: nur der leichtsinnige Muthwille, der,
berlegener Kraft bewut, und ihr vertrauend, spielend die Gefahr
reizt, hat sie ersonnen, und begonnen und vollendet.

Wenn nun die armen Gefangenen im Rcken des Zuges jene Aeuerungen
ungebeugter Kraft wenig beachteten, so waren sie doch den Freiern, mit
solchen Scenen Unbekannten, oder derselben Entwhnten, ein besseres
Schauspiel.

Justine, deren Pferd von einem hflichen Abiponer geleitet wurde,
verga Leiden und Gefahr in dem neuen Anblick. Ines sah mit Herzklopfen
die Gebruche ihres Volkes wieder, und die Erinnerung einer recht
frhen Zeit wurden vllig in ihr lebendig, und mit der Erinnerung kamen
auch die schweren Worte der Abiponer hufiger in ihren Kopf, gelufiger
auf ihre Zunge. Ein Abiponer-Sklave, der einige Jahre zu Santa Dominica
gearbeitet und gelitten, hatte damals die Landsmnnin gekannt, und mit
ihr die heimathliche Sprache geredet, und dem nun lngst verstorbenen
Manne verdankte Ines nun die bedeutende Hlfe, sich gegen ihre
Landsleute verstndlich zu machen, und ihrer Freundin Justine, die
nicht einmal spanisch redete, ntzlich werden zu knnen. Wie gerne
htte sie dann und wann die Spitze des Trosses verlassen, um nach den
lieben Gefangenen zu sehen, nach dem Vater Luis, dessen Leben sie
auch erbeten, nach dem jungen Manne, an dem sie so innig Theil nahm,
nach dem fremden Geistlichen, ihr ehrwrdig, weil er des Jnglings
Pflegevater gewesen. Auch Justine, -- obschon das Herz in dauerndem
Groll von Mnzner und James gewendet, -- sah -- unfhig ein schnes
Mitgefhl zu unterdrcken, -- hufig nach der Gegend hin, wo die
letzten Staubwolken aufflogen. Die Leute, die ihren Groll verdienten,
waren seit der Schreckensnacht gewissermaen ihre vershnten Freunde
geworden. Nur von _ihren_ Lippen, mitten unter Hunderten von tobenden
Barbaren, konnte sie ja die Tne hren, die ihr Ohr verstand; die
Tne der Muttersprache, die unter solchen Umstnden den Gemeinsten
im Glauben des Vornehmsten adeln. Aber -- es war nicht mglich, von
den Obern der Schaar sich zu trennen. Der Fhrer, ein alter Cazik von
einnehmenden Zgen und khnem Blicke, ritt zwischen den Mdchen, und
lie sie nicht aus den Augen. Neugierig und verwundert betrachtete er
von Zeit zu Zeit Justine, und ihr edles, bleiches Gesicht flte ihm,
wie seinen Leuten, sichtlich Ehrfurcht ein. Nachdenkender betrachtete
er Ines, und, wie selten auch seine Geberden zu Justine sprachen, -- so
hufig redete sein Mund zu Ines.

Du armes Kind ohne Vater! sagt er mitleidig zu dem Mdchen; dort
dmmern die Spitzen unserer Dcher. Vergi alles Leid. Du wirst viele
Mtter und Schwestern finden, und ein Jeder von uns ist dein und der
Fremden Freund, weil du sie liebst.

Ihr werdet doch den Uebrigen kein Leid zufgen? fragte Ines forschend
dagegen.

Der Capitn, mein Bruder, hat darber zu entscheiden, und die weise
Pilagoterigenat! erwiderte der Cazik achselzuckend; je mehr ich
aber dich ansehe, Kind, je bewegter wird mein Herz. Ich habe nie eine
Tochter gehabt, sonst mtest du die Meinige sein.

Das Lager des Stamms wurde sichtbar und deutlicher. Leichte Rohrdcher
auf schlanken Pfhlen ragten in die Luft. Einige zerfetzte, irgendwo
den Spaniern abgenommene Zelte brsteten sich, von fliegenden Wimpeln
umgeben, in der Mitte der regellos zerstreuten Htten. Ein Graben
schlo das Lager ein, aber diesseits des Grabens weideten die Pferde
des Volks, und der erste Laut, den die Ankmmlinge vernahmen, war die
Glocke der Madrina[5]. Einige Augenblicke spter ertnte ein gellender
Ruf aus vielen Weiberkehlen. Aus dem hohen Grase stiegen Pferde auf.
Auf ihrem Rcken hingen die abiponischen Weiber: Mdchen und Frauen.
Die Ersteren trugen den aus der Ferne gesehenen Mnnern Schluche mit
Chika, die Zweiten die Suglinge an der Brust entgegen. Ihr Jubel war
grenzenlos, und scheuchte die Hundebanden in's Weite, die auerhalb
des Lagers an den Ueberbleibseln der geschlachteten Ochsen und Schafe
nagten. Gestreckten Laufs kamen die Weiber heran, -- schne Gestalten,
den wohlgebauten Mnnern nicht nachstehend, freundlichen Angesichts,
mit rabenschwarzen Haaren. Das Wiedersehen hatte alles Feuer des Sden.
Ein lustiges Getmmel mischte sich in den kriegerischen Zug. Die Lanzen
und Bogen wurden den Mnnern abgenommen, der Meth ihnen kredenzt,
und nach dem ersten Sturme des Willkommens reihte sich die Schaar
der Weiber um Ines und Justine. Die blendende Farbe der Letztern,
ihr fremdartiger Anzug; die Entschlossenheit, mit der sie zu Pferde
sa; ihre Freundlichkeit, trotz der Lage einer Gefangenen, erregte
Theilnahme. Die Weiber berhrten ihre Hnde, ihr Gesicht; zogen ihre
seidenen Haare durch die Finger; erstaunten ber ihre Augenbraunen und
Wimpern, welche von den Abiponern vertilgt werden; verwunderten sich,
da sie kein eingetztes Kreuz auf der Stirne trug, noch eingegrabene
Figuren auf den Armen und Fen, wie die Abiponerinnen, sagten ihr
tausend Schmeichelworte, von welchen die arme Deutsche nichts begriff,
und fhrten sie, sammt der lebhaft begrten Ines, die nicht genug
erklren konnte, nach dem Zelte der Capitana, whrend der ganze
Kriegertro sich's in der wandernden Heimath bequem machte, die Weiber
mit Geschenken vergngte, das Gepck ablud, und die Pferde in die Weide
jagte. Die Capitana sa unter dem Eingange des Zeltes, und auf ihrem
Schooe ruhte ein vor wenigen Tagen geborner Sohn. Die Mdchen klopften
mit Zweigen an die Wand des Zelts, und riefen: Heil bringe dem Sohne
die Fremde, die wir ihm zufhren! -- Die Frau des vornehmsten Caziken,
dieselbe, die unter dem Eingange sa, ein nicht mehr junges, aber
rstiges Weib, stand auf, ging Justinen entgegen, und hielt eine lange
Anrede. Ines antwortete der Begrung. Nun schlugen pltzlich alle
Umgebenden verwundert in die Hnde, und riefen: Bei unsern Vorfahren!
ist diese nicht die Tochter unserer Mutter? Der Gejenk der Savannen
hat noch nie zwei Eier gelegt, die sich hnlicher gewesen wren! --
Die Capitana schrie auf, und fiel in Ines Arme. -- Ach! sagte sie
weinend: bist du's denn, arme, verlorne Misinga? die ich, auf der
Flucht vor den bsen Waldreitern, entschlafen auf dem Pferde, aus den
Armen verlor? Hat dich das Raubthier nicht verzehrt? Hat dich der
Spanier nicht mihandelt? Bist du's denn gewi und keine Zauberin, die
eine Mutter tuscht?

Ines erkannte der Mutter Stimme wieder. Sie durfte, sie wollte nicht
mehr zweifeln. Die Weiber schlugen jauchzend die Trommeln, und die
Capitana ri mit dem Rufe: komme zum Vater! die Tochter und Justine
ihr nach in's Zelt. Hier lag der Capitan, der Sitte des Volks gem,
auf einer Matte, in Decken eingewickelt, und hielt in strengem Fasten
die Wochentage seiner Frau. Allenthalben, wie eine Wchnerin, vor Zug
und Sonnenstrahl geschtzt, und mit Bedeckung berflssig versehen,
horchte er gerade in seiner trbseligen Lage, whrend Freunde um
sein Lager saen und schmausten, auf das Mhrchen, das ihm ein
hliches Weib erzhlte, welches, abenteuerlich mit Federn und Zweigen
geschmckt, neben seiner Matte auf der Erde sa. Kaum vermochte die
Nachricht von dem glcklich errungenen Siege, und dem Wiederfinden
seiner Tochter ihn zu bewegen, die Stellung, worin er sich befand,
einigermaen zu verlassen. Er streckte der weinenden Ines die Hnde
entgegen, und rief ihr Willkomm zu. Einige junge Leute, die mit
im Streifzuge gewesen waren, begrten und umarmten Ines als ihre
Schwester. Die Capitana war auer sich vor Freuden, und endlich priesen
alle vereint sowohl das Schicksal, das ihnen dieses Vergngen gemacht,
als die mildthtigen Menschen, die fr Misinga Sorge getragen. -- Ines
benutzte diesen Zeitpunkt, und sagte: Vater! Mutter! Brder! diese
Menschen sind von Euch gefangen. Lst ihre Bande, und erfllt fr mich
die Pflicht der Dankbarkeit!

Sie sollen meine Gste sein, wenn Pilagoterigenat es erlaubt, sagte
der Cazike, nach dem hlichen Weibe sehend.

Dieses, die Zauberin und Wahrsagerin der Horde, verdrehte berlegend
die Augen, klopfte mit seltsamen Geberden auf die Trommel von
Otternhaut, die ihr zur Seite stand, und antwortete mit singendem Tone:
Balichu[6] will mehr als geschlachtete Pferde! er will Hirnhute der
Feinde, sonst wird nimmer der Grovater genesen.

Mit diesen Worten kam pltzlich allgemeine Betrbni ber die Weiber:
sie warfen sich zur Erde, zerschlugen sich die Brust, zerrauften das
Haar.

Der Grovater[7] ist krank, und lt sich nicht am Himmel sehen,
erluterte der Cazike seiner Tochter sehr niedergeschlagen; Balichu
will ihn umbringen. Noch nie ist er so lange ausgeblieben. Es mu
geschehen, was Pilagoterigenat befiehlt.

Misinga's Wohlthter mssen am Leben bleiben! rief ein Bruder des
Mdchens: wir haben Quaranier gefangen. _Sie_ mgen fallen!

Mordet doch keine Menschen! bat Ines mit ngstlicher Rhrung: das
bringt Euch nimmer Segen!

Die Gefangenen wurden in das Zelt gebracht. Die Zauberin sah nach
dem dmmernden Himmel und sagte: Steh' auf, Capitan, deine Zeit ist
vorber. Dein Kind hat nichts mehr zu befahren. I und trink, und whle
mit deinen Freunden Balichu's Opfer!

Eilfertig folgte der Cazike dem Befehl, lie Speise und Trank
herbeischaffen, und setzte sich mit seinen Freunden, den Anfhrern,
unter den Eingang des Zeltes zum Schmause und Gericht. Der ehrwrdige
Luis erffnete den Trupp der Gefangenen, erschpft aber muthig.
Mnzner folgte ihm, standhaft, emporgerichtet: auf Alles gefat.
James, der Dritte, warf einen Blick in Justinens Auge, das Vershnung
und Angst ausdrckte, und dieses Auge gab ihm Muth. Einige Indianer,
gebunden und niedergebeugt, machten den Beschlu. Ines flog an Luis
Hals, streckte ihre Arme ber James und seinen Pfleger aus, und rief:
Diese sind mein! diese drfen nicht sterben, sondern beim Vater
bitten fr uns! Pilagoterigenat, von dem Ehrfurcht gebietenden
Aussehen der Priester gerhrt, nickte mit dem Kopfe, und die Bande der
Geschtzten wurden gelst; sie setzten sich zum Mahle des Capitans
nieder, der ihre Stirne berhrte, ihnen zu essen reichte, und somit
ihre Freiheit heiligte. Ines fhrte Justine mit schmeichelnder
Geberde in den Kreis der Mdchen, die, wie die Frauen, abgesondert
standen. Alle Blicke richteten sich nach den, zum Opfer bezeichneten
Quaraniern, und des edeln Luis Mund bewegte sich, um eine Frbitte
fr die Armen einzulegen. Der Abiponersprache mchtig, so wie diese
Wilden mit dem Spanischen etwas vertraut, durfte er hoffen, angehrt
zu werden. Die Quaranier hingegen, die geschmeidigen Leute, ihr
Schicksal voraussehend, versuchten das letzte Mittel, eilten auf
die blutdrstige Zauberin zu, warfen sich ihr zu Fen, gaben ihr
hundert Schmeichelnamen, -- nannten sie den blhenden Vollmond, und
bettelten bei ihr um das Leben. Die Eitelkeit der alten Frau wurde
rege. Die Flehenden waren hbsche, junge Leute, die sich ihrer Frbitte
anvertrauten. Sie nickte bald, bald schttelte sie nachdenklich das
Haupt, und an ihren Bewegungen hing der Caziken Auge. Nun rhrte das
Weib abermals die Trommel, starrte vor sich hin, renkte und krmmte
sich, murmelte viele unverstndliche Worte, und sang dann wie in
Verzckung: Hrt, Capitane! Hrt, Abiponer! ihr schnellen Reiter in
den Haiden! Ihr schnellen Feinde der Strauenbrder![8] Hrt, was
Pilagoterigenat Euch verkndet! Ihr seid menschlich und liebevoll im
Streite; Ihr macht Eure Gefangenen zu Euren Brdern![9] Ihr fraet sie
nie, wie die bluttriefenden Chiriguaner! Ihr werdet auch _diese_ hier,
ob sie gleich schlechte, weichliche Quaranier sind, nicht schinden,
aber Balichu hat Hunger, der gestillt werden mu, damit er den
Grovater wieder loslasse. Ihr seid glcklich im Siege, der Meth ist
gerathen, die Pferde sind gesund, und Ihr lebet lange, weil Ihr gerecht
seid! Eure Snde hlt den Grovater nicht in Schwei und Mattigkeit
gefesselt. Eine fremde Snde mu es also thun; und diese Snde liegt in
dem Fremden, den Bitalighuru vor wenigen Sonnen in's Lager brachte. Ihr
erquickt, ihr Menschlichen, in ihm des Grovaters Tod. Ich koche ihm
keinen Trank mehr. Ich rste ihm nicht mehr die Algarova. Betrachtet
sein Sthnen, sein Seufzen, seinen Schreck vor dem Schatten der Wolken!
wie er zitterte, als neulich das Gewitter daher fuhr! wie er bebte
und die Hnde rang! Er ist ein Verbrecher, und sein Tod -- das ist
Pilagoterigenats letztes Wort -- besnftigt allein unsern Feind.

Mit lautem Geschrei wurde der Hexenmeisterin Vortrag aufgenommen,
und viele junge Leute strmten fort nach der abgelegenen Htte, die
den Unglcklichen, so kaltbltig zum Tode Verurtheilten beherbergte.
Jesus, was wird das geben! sagte der Pfarrer von Dominica zu dem
Pater Xaver: Hat mein Auge nicht schon der Gruel genug gesehen?

Mnzner seufzte still vor sich hin. James forschte nach Erluterung der
seltsamen Bewegung um ihn her. Justine blickte neugierig und beunruhigt
nach der Ferne, woher der Lrm der Rckkehrenden sich vernehmen lie.
Ein armer, leidender Mensch wurde auf einer Stierhaut herbeigetragen.
Zwei Jnglinge mit Skalpirmessern tanzten vor ihm her. Neugierig erhob
sich Alles, den zum Tode Bestimmten zu sehen, der vor dem Capitan
niedergelegt wurde. Die Schwarzknstlerin, begierig, endlich ihren
Willen erfllt, Blut flieen zu sehen, geberdete sich rasend, auf den
Verdammten zeigend, und schreiend: _Der_ ist's! _der_ ist's! herunter
mit seinen Haaren! Aus dem Leibe sein Herz!

Die Weiber heulten laut auf. Die Mnner sangen ein Todtenlied.
Die Opferer nherten sich mit seltsamen pathetischen Geberden dem
Schlachtopfer: Luis und Xaver knieten, zugedrckten Auges, betend
hinter dem stehenden Volke. Ines umklammerte zitternd Justine. Diese
jedoch strzte mit einem hellauf jammernden Schrei auf den Gegenstand
des Bedauerns und der Wuth hin, umfate ihn krampfhaft, und kreischte,
da die weite Ebene hallte: Um Gottes Barmherzigkeit und Gnade willen!
Menschen! haltet ein! das ist mein Vater!

Eine allgemeine Verwirrung entsteht nun. Das Beginnen der stummen
Fremden erregt Staunen. Die Priester blicken auf, erkennen den
Senator, der, abgehrmt wie der Tod, kmmerlich in eine Decke gehllt,
ohnmchtig an dem Busen der verzweifelten Tochter hngt; James sieht
die Mordmesser ber Justinen's Haupte schweben. Des geliebten Mdchens
Gefahr reit ihn ber die Schranken jeder Bedenklichkeit: Justine!
ruft er, und setzt in den Kreis, stt die Mordlustigen von dem Mdchen
zurck, trotzt jeder Mihandlung. Die aufhetzende Zauberin wthet ihm
gegenber, Schaum vor dem Munde, und Zittern in allen Gelenken. Fort
mit der tollen Fremden! brllte sie: das Bse sitzt in ihr. Fort mit
ihr, wenn Euer Leben und der Grovater Euch lieb sind!

Es giebt unter der Menge Gemther, die dem Aberglauben unbedingt
gehorchen. Diese werfen James zu Boden, und schleppen ihn zur Seite.
Ines, ihre geliebte Senora zu retten, umfat Justine mit voller
Gewalt, und die brigen Weiber, ohne auf ihr Zettergeschrei zu hren,
zerren sie von dem Vater hinweg. Der Aermste ist aber noch nicht dem
Feinde Preis gegeben, denn, stark wie ein Lwe, und stolz wie dieser,
umschlingt den Betubten der Pater Xaver. Ein Sieg verdienender
Heldenmuth blitzt aus seinem Auge, zwanzig Jahre scheinen von seinem
Scheitel entflohen zu sein. Mssinger! ruft er dem sich Ermannenden
in's Ohr: Du lebst noch! _noch_ sehe ich, der Reuige, dich wieder!
Vergieb, wie ich bereue. Mein Blut fr dich, oder _mit_ dem deinen!

Lchelnd sieht er gen Himmel: aus dem dmmernden Azur scheint die
Marterkrone auf sein Haupt hernieder zu schweben. Clara! sagt er mit
leiser himmlischer Sehnsucht: Ich bringe ihn dir! wir kommen zusammen!
hilf uns empor!

Whrend James wthet, Justine laut jammert, die Zauberin rast, und die
Haufen, um das fest umschlungene Paar versammelt, unschlssig auf das
Schauspiel sehen, redet Pater Luis mit Donnerkraft zu den Caziken,
und schildert ihnen die Schndlichkeit des Mords, die Unzulssigkeit
ihres Wahns, die Lgen ihrer Prophetin. Sie horchen aufmerksam zu, aber
betrbt klingen stets die Worte wieder: der Grovater stirbt: Vater!
sollen wir ihn sterben lassen!

Gott ist Euer Vater! predigt mit jugendlichem Feuer der Greis: jene
Sterne sind nicht Eure Ahnen, sondern ein Werk seiner mchtigen Hand!
Seinen Gesetzen folgen sie, und treten aus den Wolken, wann Er, unser
einziger, heiliger Gott, es will; _nicht_, wann Ihr einen Menschen
schlachtet. Noch mehr, meine Freunde! _ein_ Gedanke fliegt aus meiner
Seele zum Himmel auf, ein _Einziger_, -- _eine_ Bitte, und dort
leuchtet schon das Siebengestirn!

Den Zeitpunkt der Wiederkehr des Sternbilds geschickt bentzend, deutet
der Jesuit gen Himmel, wo es in seiner Pracht hervorgetreten war. Aller
Augen folgten dem Fingerzeig; alle Mienen belebten sich mit Freude
und Lust. Ein helles Gejauchze erschttert den Plan. Grovater!
rufen Mnner, Weiber und Kinder, springend, tanzend und in die Hnde
klatschend: Bist du endlich wieder zu uns Verlassenen zurckgekehrt?
Bist du nicht mehr bse auf uns? wie danken wir dir, lieber Vorfahr!
sei gegrt!

Und Feinde umarmen sich, und fr die Gefangenen fliet Meth und Chika
in vollen Strmen, und an Mord wird nicht mehr gedacht, noch an die
Zauberin, die sich beschmt entfernte; Justine liegt ungehindert in
des Vaters Armen, James in denen des Pflegers, die Caziken zu den
Fen des Priesters, dessen Wort und Gottesverheiung so schnell in
Erfllung gegangen. Im Nu ist ein anderer Geist lebendig geworden, die
Trauer ist gewichen, und das Siegesmahl und das Fest des Siebengestirns
verschmelzen in _eine_ Feier. Jeder liefert seinen Beitrag hiezu. Der
Platz vor des Capitans Zelte wimmelt von frohen Menschen. Lebensmittel
und Getrnke kommen im Ueberflusse herbei. Trommeln und Pfeifen
blasen zum Tanz, und rufen die Mdchen, die ihren Reihen bilden.
Nach der seltsamen Musik einer mit Steinen gefllten Krbisflasche,
tanzt in wsten Stellungen die Schwarzknstlerin, die sich wieder
eingefunden. Gruppen von jungen Leuten ringen und springen; andere
singen Kampfgesnge; die Weiber, auf ihren Matten abgesondert, stimmen
mit ein, und auf den Huten des Yagurate, oder des Stiers, gelagert,
trinken die Mnner aus Hirnschdeln erschlagener Feinde oder getreuer
Hunde, oder aus groen Stierhrnern den berauschenden Meth, die
ghrende Chika; hren dem Pfarrer von Dominika zu, preisen den Gott der
Spanier, und beschlieen im Rausche, zum Dank Christen zu werden. Wir
haben deine Kinder getdtet, sagen sie dem Pater treuherzig, weil wir
Euch fr unsre Feinde hielten, und nach Beute lstern waren; aber --
_wir_ selbst wollen von nun an dich Vater nennen, und deinen Caziken
gehorchen, und dem, den du Gott nennst, denn er ist ein starker Geist,
und, wahrlich, des Fremden Blut htte es nicht allein gethan!

James und Mnzner hatten sich indessen, Arm in Arm verschlungen, aus
dem Gewhle entfernt, und gingen, erzhlend und dankend und zufrieden,
lngs dem Graben hin. Sie kamen an ein schmales Rohrzelt, wohin Ines
den Senator mit Justine hatte bringen lassen, damit sie ungestrt
seien. Auf dem Tummelplatze des freudigen Schmauses brannten hundert
Fackeln, hier leuchtete nur der milde Sternenschimmer. Der kranke
Vater schlief. Justine sa zu seinen Fen, und ihr Herz war leidend
und selig froh zugleich. Ines hatte sich herbeigeschlichen, und die
Mdchen kauerten einander gegenber, und drckten sich nur die Hnde,
und streichelten sich nur die Wange, und bedurften der Sprache nicht
im Geringsten. Das Abendlicht war so helle, da Justine ohne Mhe
den Doctor und seinen Begleiter erkennen mochte, als sie in das Zelt
traten. Sie stand schnell auf, streckte ihnen die Hnde entgegen,
und sagte, voll von dem ruhigen Schmerze, gegen den die Bosheit
selbst keine Waffen hat: was wollt Ihr hier, Herr Doctor? was Ihr,
Monsieur White? O, kehret um, ich bitte Euch. Dort liegt mein Vater --
vielleicht in seinem letzten Schlummer! lat ihn, wenigstens im Tode,
seiner Tochter. Ihr habt den Wein seines Lebens vergeudet, lat mir die
Neige.

Sie setzte sich stumm zu des Kranken Seite nieder, und die Mnner
flohen vor ihrer Rede. Sie gingen weiter. James mit Thrnen im Blicke,
Mnzner mit Feuerqual in der Brust. -- Kaum wieder neu belebt durch
das Leben meines Freundes, sagte der Doctor schwermthig, so verstt
mich auch schon wieder der Tochter allzugerechter Vorwurf aus dem
wiedergewonnenen Paradiese. Wie sehr bin ich der Vergebung bedrftig!
auch der deinen, mein Sohn! Ich habe falsch geglaubt, falsch gehofft,
falsch gehandelt! Gutes wollen, und Uebel thun, -- welch' verlornes
Leben!

Wir wollen zusammen gehen! erwiderte James. Zusammen und vereint
dulden, wenn diese wilden Ruber uns nicht vereint noch tdten! hren
Sie, wie ihre Stimmen jubeln? vernehmen Sie den trunknen Gesang? welche
Schrecken, welche nie erhrte Lage umgiebt uns? ist es nicht ein Traum,
da ich auf der Parana schiffte, in Dominica sie wiederfand? da wir
nur durch ein Wunder dem Brande, dem Tode entgingen, da wir hier
in den Savannen athmen, und unter diesem Himmelsstriche den Senator
wiedergefunden haben? Rtteln Sie mich, mein Vater, da ich erwache;
denn sicher wohnen wir noch in der Rahmgasse, und Alles ist nur
Tuschung, eines schweren Schlummers Werk.

Wre es doch also! versetzte Mnzner. Leider leben wir in der
rauhsten Wirklichkeit. Dieser Himmel ist der Sdamerika's, dort ragen
die Zelte und Rohrdcher der Abiponer; in der Ferne heult der Tiger,
und der Kaiman weint nach einem Raube. Alles ist wirklich um uns her,
und Gottes Allmacht ist auch hier mit uns, so wahr als dort ganz in der
Ferne von den Hhen ein Feuermeer zu wallen scheint.

Wahrlich! sagte James, hinsehend; welch neue Erscheinung! ist nicht
alles wunderbar in diesem zauberischen Lande? brennt dort ein vom Winde
bewegter Wald? Oder fliet ein glhender Lavastrom um den Saum der
Savanne?

Mit raschen Schritten eilten sie dem Feste zu. Die Indianer hatten die
Erscheinung ebenfalls bemerkt, und standen, sie still betrachtend. Das
Feuer, wandelnd, abwrts steigend, verschwand bald, bald kam es wieder
hervor; endlich wogte es tief unter, da nur der Schein am Firmamente
es bemerkbar machte.

Das ist nicht Wald, nicht Erdfeuer! sagte ein Abiponer, dessen Augen,
im Dunkel sogar, Falkenschrfe hatten; das sind wandelnde Holzbrnde!
ein Feind, der uns das Gras abbrennen will, ist, der dort kmmt.

Die Abiponer geriethen in strmische Bewegung. Die Mnner pfiffen
den Pferden, die Weiber den Hunden, Kinder und Heerden, Alte und
Kranke, Waffen und Vorrthe wurden auf einen Haufen geschleppt, alle
Fackeln ausgelscht; tiefe Stille geboten, und lauschend drckten
die vordersten Wachen des Volks das Ohr an die Erde. -- Diese Kinder
der Natur, mit den geschrftesten Sinnen, hren aus weiter Ferne das
Schnauben von Thieren, die aus dem stillen Lager im Grase gejagt
schienen, Gemurmel und Getse von Menschen.

Beruhigt euch, sagte Pater Luis zu seinen beiden Gastfreunden, dem
Doctor und James, ich wei, was sich uns naht. Ich hoffe darauf mit
Zuversicht. Jene Berge sind Brasiliens Vormauern. Der Indianer, von
welchem ich Ihnen sprach, mein Vater, war unter den Gefangenen der
verwichenen Nacht, war mit mir auf's selbe Pferd gebunden, wute seine
Bande zu lsen. Gott schtze dich, Vater, sagte er, leise vom Pferde
unter den Tro des Viehs gleitend, ich bringe dir Hlfe. Dort hinter
den Bergen liegt der gute Jesus in den Wildnissen, und ich bin dort wie
ein Pfeil, wenn mich kein Abiponer erschiet. -- Im Grase kriechend
verlor er sich aus den Augen, und gewi -- ganz gewi ist jenes
Lichtmeer ein Bote seiner Hlfe. Unsere Fackeln zeigten den von den
Bergen Steigenden die Richtung nach unserm Aufenthalt, und sie kommen
jetzt sicher, um uns zu befreien.

Die Abiponer rhrten sich nicht, im Anschauen der seltsamen Erscheinung
verloren, und vertrauten auf des Pfarrers Wort, der ihnen versicherte,
es wrde nicht ihnen, nicht den Ihrigen ein Leides geschehen, so
lange er auf ihrer Seite stnde. Der Tag war bereits angebrochen,
als sich im Strahle des Morgenlichts die Scene entwickelte. Durch
die grasige Ebene nherte sich ein groer Haufe. Gewehre blitzten in
langer Reihe. Dieser Anblick entmuthigte die Abiponer, und sie wollten,
dem Pulverblitze feind, die Flucht ergreifen. Pater Luis hielt sie
mit seiner Beredsamkeit im Zaume. Die fremden Krieger machten auf
Flintenschuweite Halt. Sie hatten sich beinahe smmtlich mit Pferden
der Savanne beritten gemacht. Eine schimmernde Fahne flatterte in ihrer
Mitte. Die Abiponer staunten das Panier mit dem goldenen Kreuze an,
und blickten auf Don Luis, der die Obersten aus ihnen whlte, und von
ihnen, Pater Xaver, James und der dienstfertigen Ines begleitet, wie in
einer feierlichen Procession, mit weien Federn wehend, auf die Fremden
losging. Weie, schwarze und rothbraune Mnner saen regungslos, den
Karabiner oder die lange Flinte in der Faust, auf den Pferden; drftig
gekleidet, aber voll von Kraft und Muth. Bei dem Paniere hielt, von
einigen besser gekleideten Anfhrern umgeben, der Hauptmann des
ansehnlichen Trupps: eine herrliche Mannsgestalt mit schwarzem Bart
und frisch gertheten Wangen, in eine leichte braune Kutte gehllt,
Stiefel und Sporen an den Fen, einen Strohhut mit einer bunten Feder
auf dem Kopfe. Ein breiter Ledergrtel hielt ein Paar Pistolen und
einen gewichtigen Sbel. Eine Doppelflinte hing ber seinen Rcken. --
Kaum hatte er von ferne den Pater Luis wahrgenommen, als er vom Pferde
sprang, und strmisch auf ihn zulief. Beim heiligen Jakob! rief er
ihm auf spanisch zu: Onkel! kennen Sie den Vetter Vereira noch? finden
wir uns hier, und bin ich nicht gekommen wie der Blitz? Ihr Name, den
mir der Bote nannte, war genug; mein Korps stie zusammen, und hier
sind wir; fast unzufrieden, Euch nicht mehr in Ketten zu finden, um
Euch zu beweisen, wie Ernst mir's war.

Ich bringe Euch hier ein Volk von Gefangenen, sagte Luis hierauf;
Gefangene im Glauben. Statt ihr Feind zu sein, werdet Ihr Taufpathe!


Zweiter Abschnitt.

  Die Taufe. -- Trennung. -- Unschuldige Liebe. -- Zug in die Berge.
  -- Der gute Jesus in den Wildnissen. -- Fernandez. -- Der Flchtige.
  -- Der Frst der Wildnisse. -- Das Bild des Erlsers. -- Reue,
  Bekenntni und Vershnung. -- Sehnsucht nach auen. -- Der Doctor
  in den Wldern. -- Der Vorposten. -- Hauptquartier zu la Guasta. --
  Brigadier und Assistent. -- Gezwungener Verrath. -- Kriegssturm.
  -- Das Asyl in den Felsen. -- Die verdchtigen Fremden. -- White's
  Edelmuth. -- Die Flucht aus den Felsen. -- Strand, Schiff und
  Heimath. -- Der Maierhof zu St. Dominica. -- Xaver's Brief. --
  Schlu. --

Die Abiponer, eiferschtig, ihr Wort zu halten, wenn sie es gleich im
Rausche gegeben, -- von Dankbarkeit fr den Pater Luis durchdrungen,
weigerten sich der Taufe nicht, die mit so vielen Feierlichkeiten statt
fand, als in der Savanne nur anzuwenden waren.

Nach dem Hauptmanne Vereira, einem Neffen des Priesterfrsten vom
guten Jesus in den Wildnissen, wurden alle Mnner des Stammes
Fernandez, -- nach der liebenswrdigen Cazikentochter Misinga, alle
Frauen und Mdchen Ines genannt. -- Als die Ceremonie vorber war,
kamen alle Fhrer der Abiponer auf Luis zu, drckten ihm die Hnde,
kten sein Kleid und sagten: Wahrlich, du bist ein guter Mann, was
auch Pilagoterigenat sage, die wir in's Freie gejagt haben, da sie
nicht wiederkomme. Du hast uns den Grovater und des Capitans Tochter
wiedergegeben, und deinen Gott mit uns getheilt. Wenn du uns ernhren
und nicht strafen willst, so begehren wir, mit dir nach deiner Heimath
zu ziehen. Wir haben deine Htte verbrannt: wir wollen sie wieder
aufbauen; wir wollen dein Volk werden, und nicht in das Gebirge mit dem
fremden Manne gehen, weil wir dort unsere Pferde schlachten mten.
In deinem Lande hingegen ist's _eben_, und Wild und Gras und Wasser
fehlt nicht, und, weil du Misinga erhalten, wirst du uns _auch_ nicht
verlassen, und darum lieben wir dich.

Die Antwort des Pfarrers war bejahend, und des redlichen Alten Brust
hob sich freudiger bei dem Gedanken, in seinen entvlkerten Pflanzort
wieder neue Kinder des Segens einzufhren. Alle Bedenklichkeiten des
jungen Vereira widerlegend, beschlo er die Heimkehr an der Spitze
der Abiponer, und bat seinen Vetter nur, die Fremden nicht verlassen
zu wollen, die nicht nach St. Dominica zurckkehren durften. Vereira
versprach's mit aufrichtiger Herzlichkeit, und Jedes ging seinerseits
dahin, die Vorbereitungen zur nahen Trennung zu treffen. In dem
Getmmel, das dadurch entstand, begegnete dem Doctor Mnzner Justine,
die ihn unter der Menge ausgespht hatte. Schnell zusammengetroffen,
standen Beide einander gegenber. -- Justines Antlitz drckte
Verlegenheit, Mnzners staunende Ueberraschung aus.

Ein Wort, mein Herr, sprach Erstere schchtern: ein Wort der Bitte,
mein Herr, wenn Sie es anhren wollen. Sie haben gestern gromthig
und edel meines Vaters Leben beschtzt, -- mit Ihrem eigenen Leben;
-- ich erfuhr es heute erst durch den Vater; ich war gestern blind
vor Schmerz; ich danke Ihnen aus voller Seele; ich bitte um Vergebung
meiner Hrte. Ich bitte Sie, zu meinem Vater zu kommen, der nach Ihnen
verlangt. -- Schlagen Sie ihm die Wohlthat, -- mir die Gelegenheit
nicht ab, Ihnen auf's Neue dankbar verpflichtet zu werden.

Sie schwieg erwartend, sie hatte viel ber sich und ihren Groll
gewonnen.

Mnzner stand beschmt vor der Tugend eines Kindes, das seinen Vater
ber alles liebt. Meine beste Jungfer... erwiderte er, ... wenn Sie
wten, wie Ihre Worte mein Herz berhren... Er vollendete nicht;
Thrnen, die seine Augen nur mit Gewalt zurckdrngten, verhinderten
ihn daran. Aber, als er seinen Freund wieder sah, -- dahin siechend auf
armseliger Matte, -- aller Arznei, aller Bequemlichkeit entbehrend,
und dabei ruhig und geduldig, wie ein schon Abgeschiedener, da kamen
dennoch die Thrnen auf's Neue ber ihn, und er wurde ihrer nimmer
Meister. Ueber den Senator bckte er sich, legte seine Stirne an die
fieberhaft brennende des Kranken, und sagte nur die Worte: So uns
wiedersehen, mein Freund?

Ach! schon genug, da _Wir_ uns noch wiedersahen! erwiderte der
Senator: ich war des Lebens berdrssig geworden. Meine Krankheit
nahm zu. Meine Tochter wieder zu sehen hoffte ich nicht mehr. Die
Zeit schlich mir trge dahin. Endlich dachte ich: es sei das Beste,
den Anguaybaum aufzusuchen, von dem mir die Quaranier so viel sagten.
Sein Balsam sollte mich heilen, oder die Mhseligkeit des Wegs mich
umbringen. Euch nicht im Voraus zu beunruhigen, hielt ich den Vorsatz
geheim, fhrte ihn ohne Euer Mitwissen aus. Der zweite Morgen unserer
Reise war auch schon der Letzte meines armen Fhrers. Mit unserer
Reisetasche und meinen Kleidern beladen, ging er vor mir her. Ein
Tiger, der mit schon blutigem und dampfendem Maule aus dem Dickicht
mit entsetzlichem Sprunge setzte, ri ihn zu Boden, schleppte ihn
unbarmherzig in das Gestrpp. Ich floh -- beinahe unbekleidet, ohne
Speise, und ohne den Weg zu wissen. Ein Abiponer fand mich am Abend,
beinahe verschmachtend am Boden liegend, und brachte mich in das Lager
seiner Horde. Die Wilden verpflegten mich menschlich, aber vielleicht
ist der Name St. Dominica, den ich stammelte, mit eine Veranlassung zu
Euerm Unglck gewesen. -- Zu _meinem_ Glcke. Ich habe _Sie_ wieder
gesehen, mein Freund. Ich darf hoffen, in Ihren und der Tochter Armen
zu sterben.

Ich gehe nach Dominica zurck, antwortete Mnzner verlegen und trbe:
meines Standes Pflicht ruft mich nach Europa.

So ist es wahr? seufzte der Senator, wehmthig die Hnde faltend:
Sie wollen mich verlassen, whrend ich mich an Sie gewhnte, wie das
Kind an die Mutter! _Sie_ mich verlassen, und ich hnge an Ihnen!

Mnzner zeigte bedeutend auf Justine, die bleich und schweigend
gegenber sa.

Sie haben eine vortreffliche Tochter, sagte der Doctor.

Ja, Dank sei dem Vater im Himmel! versetzte Mssinger, Justinens
Hand drckend: Sie ist gut, aber ihre zrtliche Liebe gengt dem
Sterbenden, dem Schwerbeladenen nicht. Ihre heiligste Pflicht hlt Sie
hier zurck.

Mnzner schwieg, sinnend, widerstrebend, vergleichend, in schwerem
Kampfe. Justine erhob sich, trat vor ihn, und sprach mit einfacher
rhrender Milde zu ihm: ja, mein Herr! Ihre _heiligste_ Pflicht. Mein
guter Vater wrde, frchte ich, in Verzweiflung gerathen, wenn Sie von
uns scheiden. Sie haben verstanden, sich mit ehernen Banden an sein
Herz zu ketten; zerreien Sie es nicht mit der Fessel! --

Wie, Mademoiselle? fragte Mnzner schwankend; _Sie_, Sie halten mich
auch zurck? Sie, die mich hat, -- die mich verachtet?

Ich bin nicht unvershnlich, sagte Justine mit vieler Klarheit:
ich habe Sie nie verachtet ... Gott! nein! gefrchtet hab' ich Sie
und verabscheue noch Ihr Kleid! Aber -- knnten Sie zweifeln, da
ich Ihnen das Verderben meines Hauses aus voller Seele vergebe, wenn
Ihre Gegenwart auch nur um eine Stunde meines geliebten Vaters Leben
verlngert? Bleiben Sie daher; ich beschwre Sie jetzt so aufrichtig,
als ich Sie gestern aus diesem Zelte wies. Theilen Sie mit mir die
Sorgfalt fr meinen Vater.

Mnzner konnte nicht widerstehen: nicht dem Bitten des Senators, nicht
der einfachen Rede der Tochter. Sie sammeln glhende Kohlen auf mein
Haupt, sagte er: ich bleibe bei Ihnen, meine armen Freunde. Kmmt die
Zeit, die unumgnglich die Erfllung meiner Ordenspflicht begehrt, so
finde ich auch ber St. Sebastian meiner Reise Ziel.

Recht, mein Freund, sagte Pater Luis, der -- die letzten Worte
hrend, -- mit Vereira und James in das Zelt trat. Vergessen Sie den
guten Jngling nicht, der nicht nach Dominica zurckkehren kann, ohne
das Kleid zu nehmen, das er nicht liebt, und der durch den Antheil, den
er an Ihrem Schicksale nimmt, wohl auch Ihre Theilnahme verdient.

Darf ich? fragte James schchtern, ohne kaum die Augen gegen Justine
aufzuschlagen.

Mein Retter! rief der Senator freudig, drckte ihn an seine Brust
und weinte: womit kann ich dich belohnen, was du fr mich gethan? Ich
bin ein Bettler geworden, mein guter James. Ich habe nichts, als mein
schwaches, kaum noch schlagendes Herz! Ich mu verhungern, wenn nicht
Wilde mich speisen, oder mitleidige Christen mich untersttzen.

Ihr Unterhalt ist die Sorge dieses Mannes, antwortete Luis, auf
Vereira zeigend: Ihre Heilung drfen Sie getrost von seinem Oheim
erwarten. Im Uebrigen sind Sie kein Bettler. Ihr Testament mu Ihnen
zurckgestellt werden. Ich werde an den Provinzial berichten.

Hoffen Sie nicht darauf, sagte ihm bekmmert und leise Mnzner in's
Ohr: der Empfangschein des Documents wurde mit dem Pfarrhause ein Raub
der Flammen.

Ines, von ihren Eltern begleitet, trat herein, lief auf Justine zu,
umarmte sie unter heftigem Schluchzen, nahm unter den lebhaftesten
Geberden von ihr Abschied, und sagte alsdann zu Luis gewendet: Alles
ist bereit, mein Vater! fhre uns Alle, die der Jungfrau Gnade
erweckte, in unsre zweite Heimath. Wir folgen Dir!

Luis blickte auf die Freunde, die er verlie, -- sein Auge wurde
feucht. Seinen besten Segen legte er auf Mssingers Haupt, und verlie,
ohne ein Wort zu reden, das Zelt. Alle, bis auf Justine, die beim Vater
blieb, folgten ihm.

Um Gotteswillen! sprach er zu den Mnnern, die seine Hnde
schttelten: macht mich armen alten Smann nicht weich und kindisch.
Keinen zrtlichen Abschied. Ich brauche alle meine Kraft, um in meinem
ein und siebzigsten Jahre wieder da anzufangen, wo ich vor vierzig
Jahren anfing. Wohl werden neue Htten zu Dominica entstehen; wohl
werden viele meiner Kinder wieder dahin zurckkehren, und Gott mir
beistehen, da ich die bekehrten Widersacher zum Frieden leite. Fr
einen erschpften Greis ist aber das Werk dennoch gro und zweifelhaft.
Lat mich daher ohne Kummer und Schwche scheiden. Ueber den Himmeln
sehen wir uns wieder, und ich will der Erste sein, der auf dem Platze
ist. Gott, Glck, Heil und Segen -- kurz -- Gott mich Euch!

Er wendete sich rasch um, nach der Gegend zu, wo die Abiponer zu Gaule
saen, Vereira folgte, eine Thrne zerdrckend, seinem Beispiele, und
ging zu seinen Leuten. Lebt wohl, Vater Luis! rief James; eine
Seelenmesse fr die arme Lainez! rief ihm Mnzner nach. Ines kam
hastig auf James zu, ngstliche Unruhe in den Blicken. --

Wie, mein Herr und Freund? sagte sie: dort steht ein Pferd fr Euch
gezumt. Zgert Ihr? Kommt!

Nein, mein gutes Kind! antwortete James: ich kann, ich darf nicht
mit dir gehen.

Alle Rthe trat von den Wangen des Mdchens zurck. Nicht? stammelte
sie; nicht? Jago! nicht mit mir?

Es wrde mein Unglck sein, Ines! ich mte darinnen vergehen!

Unglcklich sollt Ihr nicht sein, Herr, wo Ines glcklich ist. Nicht
sterben, wo Ines lebt. Aber Ines wird arm sein, wird sterben, wo Ihr
nicht seid.

James schwieg erschttert. Mit dem Weinen kmpfend, fuhr Ines fort:
sagt mir wenigstens, wo Ihr hinzieht. In jene blauen Berge? in die
Gegend, wo das groe Wasser sein soll? James nickte. Ich ziehe mit
Euch, Jago!

James erschrack. Was willst du thun, Ines? fragte er. Welch ein
Gedanke?

Hret, Jago. Mein Vater, der Capitan, ist aus dem Stamme der Ruhaker
entsprungen, und hat sich die Mutter aus dem Stamme der Yaaukaniga
geholt, und sie folgte ihm, Alles dahinten lassend.

Das Erstaunen des Jnglings stieg. Ines, welche Rede?

Ich will Euer Weib sein, Jago, wenn Ihr mich leiden knnt! --

Ines! wo denkst du hin? Deine Eltern....

Eltern und Brder willigen ein. Es ist eine Ehre fr sie. Kommt mit
uns, oder lasset mich mit Euch gehen.

Keines von Beiden, Ines! vergi mich, und folge einem andern wackern
Manne. Ich darf nicht annehmen, was mir deine Unschuld bietet.

Ines weinte heftig. Gesteht es nur! sagte sie schluchzend, die
Sennora ist schner, als ich. Bedenkt aber, Jago, da sie eine Ketzerin
ist.

James lchelte wider Willen. Dieses Lcheln zerschnitt das Herz der
Indianerin. Emprt wollte sie fliehen; er hielt sie, gut machend, sanft
zurck, sah ihr ehrlich in's Auge, und sprach: Behalte mich lieb. Die
Sennora wird nicht mein Weib. Ich mu ohne Gattin bleiben, wie Pater
Luis und Xaver.

Ines lchelte etwas zufriedener. Nehmt mich auf Eure Pfarre, Vater
Jago, begann sie nun, ich will fromm sein, und Euch bedienen, wie den
guten ehrwrdigen Vater Luis; unverdrossen und freudig, wie man der
heiligen Mutter dient.

Und du wolltest den ehrwrdigen Vater verlassen? fragte James mit
gelindem Vorwurf: gerade jetzo, wo er deiner Hlfe am meisten bedarf?
und die Eltern verlassen, die du kaum wieder gefunden? mir in die
rauhen Berge folgen, wo vielleicht der Mangel meiner harrt? Besinne
dich.

Ines schlug die Augen nieder, wischte sich die blinkenden Tropfen von
der Wange, verbi den neu aufquellenden Schmerz, und antwortete: ich
danke Euch, Vater Jago. Ihr habt mich erinnert, da ich meine Eltern
und den Vater Luis zu pflegen habe. Ich will Euch gehorchen; ohne
Murren. Die Mutter im Himmel wird mich ja beruhigen. Denkt meiner,
betet fr mich.

Sie reichte ihm zgernd und dennoch sehnend die Hand, und wendete sich
halb von ihm. Er drckte die Rechte der Jungfrau. Schnell zog sie die
Finger aus den Seinen, rief mit ausbrechender Klage: Ach! und dennoch
werdet Ihr sehen, Jago, da Niemand in der Welt Euch liebt, wie ich
es thue! ri sich krftig von ihm los, und eilte wie ein fliegender
Vogel den Landsleuten zu. Wie betubt sah ihr James nach, und als ob
mit der unschuldvollen liebenden Indianerin ein Theil seines Herzens
sich losgerissen htte. Augenblicklich setzte sich die Abiponer-Horde
in Bewegung. Ines sa weinend, ohne zurckzuschauen, auf ihrem Pferde.
Neben ihr ritten die trstenden Eltern, und Luis, der noch einige Male
zurckblickte, mit seinem Tuch winkte, und endlich unter dem Schwarme
der Neubekehrten verschwand. Der Zug wurde dem Auge undeutlicher. Die
fernen Grasspitzen wuchsen immer hher an die Pferde der Fortziehenden
hinan. Endlich ragten nur noch die schwankenden Speere am Horizonte
hervor, und James stand noch immer mit untergeschlagenen Armen da,
den zerrinnenden Schattenbildern nachstarrend. Das Horn der Krieger
des guten Jesus rief ihn wieder zum Leben empor. Der Senator wurde so
eben, auf einer bequemen, von Stauden geflochtenen Tragbahre vorber
geschafft, um von dem sanftesten Thiere getragen zu werden.

Stumm schlo sich James Justinen an, die sorglich ordnend, und
ngstlich beobachtend dem Vater folgte. Der junge Mann gewahrte Thrnen
in Justinens Augen, und fragte bescheiden nach deren Ursache.

Ich weine der guten Ines nach, antwortete Mssingers Tochter; dem
Mdchen, das mich, ohne mit mir reden zu knnen, inniger liebte, als
irgend eine Seele auf der Welt. Ich mchte fast bedauern, da sie ihre
Eltern fand, und ihnen folgte. Sie htte sich nicht von mir getrennt.
Jetzt bin ich allein, denn auch die arme Lainez fra des Feindes
Schwert, oder das Feuer!

Allein, beste Jungfer? fragte James mit schonendem Vorwurf: sind wir
Ihnen nicht geblieben? werden Sie unsere freundliche Hand zurckstoen?
haben Sie noch nicht gelernt, mir zu vertrauen?

Ach, mein guter Monsieur! sagte Justine entgegen, -- Eurem Herzen,
-- ja selbst dem des Doctors -- vertraue ich gern mich selbst und
den Vater an. Euerm Kopfe jedoch nur ungern. Die Wste schmiedet uns
zusammen. Verargt mir's jedoch nicht, wenn ich befrchte, da ein
leichteres Verhltni uns wieder scheide in Groll, in Meinung, in
Erinnerung. Ich kann mich nicht deutlich aussprechen. Denkt jedoch an
die Kette eines Sklaven, die ihn mit einem Andern verbindet, obschon
sein Geist von Kette und Gefhrten sich frei zu machen wnscht.

Das ist mir genug, entgegnete James sehr gekrnkt, und blieb weit
hinter Justine zurck. Der Zug setzte sich in Bewegung, und ging
langsam der Abendkhle entgegen. Im tiefsten Dunkel gelangten die
Reisenden an den Fu der Berge. Hier wurde der Kranke auf die Schultern
rstiger Trger genommen, und von vielen Harzfackeln umgeben, ging's
bergan. Die Pferde flohen in die Savannen zurck. Blos die Maulthiere
fr Vereira, Justine und den Pater blieben bei der kletternden Schaar.
Die Morgenrthe fand sie auf der Berghhe, in romantischen Waldpfaden,
die immer noch bergan fhrten, bis sie in eine trockne, steinigte
Flche ausgingen, ringsum von niedersteigendem Wald begrenzt, eine
Schlucht ausgenommen, durch welche sich eine herrliche Fernsicht zeigte.

=He acqui el nuestro paraiso del buen Jesu en los bosques!= rief
Vereira mit Lwenstimme, nach der Ferne deutend, und warf sich
unter dem Schatten der letzten Bume nieder. Die Seinigen folgten
jubelnd seinem Beispiele, und der Zug rastete, damit die Sonnenhitze
vorbergehen, und jedes Auge sich an dem schnen Anblick ergtzen mge.

Das gelobte Land! sagte Mnzner zu seinem Zgling, auf das Thal
deutend, das sich unter ihren Fen ausbreitete. Es schien zur Ruhe
geschaffen; ein versteckter, stiller, reizender Erdwinkel. Die Abhnge
von schwellendem grnen Rasen belegt, hin und wieder nur von Felswnden
unterbrochen; aber auch diese lebten, denn silberne Sturzquellen
entsprudelten ihnen, umnickt und umwinkt von steinsprengenden blhenden
Bumen. Lang, schmal und halbmondfrmig zog sich das Thal in die
Tiefe entlang, bewssert von murmelnder Fluth, bepflanzt mit ppigen
Bumen, durchschnitten von ruhigen und in Flle liegenden Feldern,
von heitern gelben Fupfaden, geschmckt mit zierlichen Cabanen, mit
Htten von Rasen oder Rohr erbaut. Da, wo das Thal sich krmmt, lag
eine ansehnliche Gruppe von Husern, leicht und schlank gebaut, mit
schmucklosen Dchern, im Schatten von kleinen dichten Hainen hinan
gehend bis zum Saume der ringsum schtzenden Wlder. Eine freundliche
Sonntagsruhe schien ber das Thal gebreitet, die Felder unbevlkert,
keine Heerde auf den Triften, kein Mensch in Feld und Flur und auf den
Wegen.

Es ist heute Feiertag, erluterte Vereira, und alle unsre Greise
und Weiber sammt ihren Kindern in der Kirche. Die rstigen Mnner sind
alle hier unter den Waffen bei mir, und nur der Oheim mit den Schwachen
htet das Haus. Wartet nicht auf Glockenklang und Chorgesang. Beides
ist nicht Sitte bei uns, damit der fern hindringende Schall nicht
unser Dasein dem Feinde verrathe; denn Feind ist uns jeder Portugiese,
jeder Spanier, der im Dienste seines Herrn und bewaffnet kmmt.
Die Portugiesen thun in neuester Zeit dergleichen, als wollten sie
wirklich das Innere ihres Landes sich eigen machen, und ihr uerster
Wachtposten la Guasta ist kaum sechs Wegstunden vom guten Jesus
entfernt. Allein die schroffe, steinige Wste, die uns gegen jene Seite
hin umgibt und versteckt, wird die Weichlichen schon abhalten, ihre
Entdeckungslust weit zu treiben. Wre es auch.... wehe ihnen! Lebendig
kme das Detachement nicht aus unserm Thale.

Aber, Herr, fragte James verwundert; man rhmt ja Eures Oheims
Milde und die patriarchalische Gutmthigkeit, die die Grundlage seiner
Regierung ausmachen soll. Wie vereint sich das mit Eurem kriegerischen
Thun und Eurem Stand?

Ich bin nicht geistlich, antwortete Vereira lchelnd, und wenn ich
in einer Kutte gehe, die dem Kleide des heil. Franziskus hnlich sieht,
so geschieht das blos, um meines Oheims Uniform zu tragen; eigentlich,
um mich vor dem Volke als den sogenannten Kronprinzen vom guten Jesus
in den Wildnissen zu legitimiren. Mein Onkel, der ein tapferer Soldat
in den Carabiniers von Arragon gewesen, denkt brigens wie ich, da der
Friede nthigenfalls nur durch den Krieg erhalten werden knne. Die
Jnger Loyola's und die Statthalter des Knigs Johann sind uns gleich
verdchtig. Wahrlich, mein Vater, wret Ihr nicht ein kaltbltiger
Deutscher, der mehr Ehre im Leibe hat, als ein Portugiese oder ein
Franzose, bequemer schweigt, und die Gastfreundschaft des guten Pater
Luis, -- welcher leider auch Euer Kleid trgt, -- genug zu schtzen
wei, um ihn, der Euch empfahl und Uns, seine Verwandten, nicht zu
verrathen, -- ich wrde Euch nicht mitgenommen haben. -- Mit einem
Portugiesen macht man brigens nicht so viel Federlesens. Man schiet
ihn vor den Kopf, und er mache dann was ihm beliebt.

Sie sollten eine Armee kommandiren, -- antwortete Mnzner lchelnd. --

Beim heiligen Jakob! fuhr der kampflustige Fernandez fort: das
wre eben meine Freude. Ein Commando gegen die Portugiesen! Ihr werdet
Euch freilich wundern, wenn ich Euch sage, da unser Haus selbst aus
Portugal stammt; da einer unsrer Vorfahren selbst vor achzig Jahren
den Hollndern -- Gott verdamme die Krmer, -- das Land lngs den
Ksten abnahm; das brasilische, meine ich. Aber der Undank, womit
man ihn belohnte, bewog unsre Branche, die schon frher nach Spanien
verpflanzte, in spanischem Dienste zu bleiben, bis denn endlich auch
hier der Dienst so schlecht wurde, da sich mein Onkel geistlich
machte, und spter auch mich vermochte, meinen Freibrief zu nehmen. Ich
war Lieutenant unter den Pikenierern des Regiments der Milizen zu Lima;
hing aber gerne Schrpe und Federbusch bei Seite, da mich der Onkel
beschied. Seitdem suchen wir uns nun in dem Lande, wo unser glorreicher
Verwandter Wunder der Tapferkeit gethan, zu behaupten; dem Knig Johann
und allen Jesuiten des Knigreichs zum Trotz. Unter Anderm, Pater
Xaver, thut mir die Liebe, und legt Euer Kleid ab.

Wie? fragte Mnzner berrascht: Verstehe ich Sie, Sennor Vereira?

Nichts Leichteres, fuhr der junge Mann leicht und lebhaft fort;
Ihr werdet mich verbinden, und Euch einen bessern Empfang bei meinem
Oheim bereiten, der schon vor dem schwarzen Rocke allein einen
unberwindlichen Abscheu hegt.

Das thut mir leid, entgegnete der Doctor, klter werdend: ich lege
aber den Rock nicht ab.

Wie? diese Geflligkeit versagt Ihr mir? fragte Vereira: Stellt
Euch nicht gewissenhaft, wo es unnthig ist. Pater Luis hat einige
Worte fallen lassen, die mir bewiesen, da Ihr selbst Euern Stand nicht
besonders liebet. Was soll denn das Struben?

Wenn ich auch den Fall setzen mchte, da ich meinen Orden nicht
liebe, entgegnete Mnzner, so ehre ich ihn doch, und verlugne seine
Insignien nicht. Ohne den Befehl oder die Erlaubni meiner Obern lege
ich das Kleid nicht ab.

Ihr machet mich lachen, sprach Vereira etwas bitter: Ihr sprecht von
Euern Obern, in einer Wste, fnfzig Meilen von jeder Mission, noch
weiter von einem Ordenshause entfernt. Machet es, wie Ihr Herren es mit
den Fasten macht: dispensirt Euch selbst.

Wenn es den Umgang mit Protestanten glte, so knnte ich's auf mich
nehmen, versicherte Mnzner mit unerschtterlichem Ernst; Gegen
Religionsbrder lge ich nicht. Der Pabst hat unser Gewand geheiligt
und besttigt. Ich darf es mit Stolz berall zeigen, wo man zur Messe
geht.

In unserm Gebiete nicht! fuhr der junge Fernandez auf: ich verbiete
es Euch!

So werde ich umkehren mssen! entgegnete Mnzner entschlossen, und
stand auf.

Vereira hielt ihn zurck.

Wenn ich Euch nun gehen liee? sagte er mit scharfem Blicke. --
Versuchen Sie es. -- Ohne Lebensmittel, ohne Begleitung, ohne Obdach?
in Gottesnamen! wollt Ihr um Eures Orden Ehre willen in der Savanne
verschmachten? in Gottesnamen! Euern Zgling halte ich zurck, wie
Euern _Freund_. Ich stoe Euch allein, ganz allein, hinaus. Es sei:
lebt wohl!

James, der mit gespannten Blicken Vereira's Gesicht gehtet hatte,
hielt den Pater auf, den Fernandez pltzlich freundlich umarmte.

Ihr seid ein Mann! sagte er: Eure Gesellschaft ist zu beneiden, da
sie solche standhafte Glieder zhlt. Kommt getrost mit mir; ich will
meinen Oheim schon stimmen, da er ber dem Mann den Rock vergesse.
Wre ich ein legitimer, nicht ein wilder Prinz, ich wrde Euch, allem
Vorurtheil zum Trotz, zu meinem Beichtvater und Hofkaplan erheben. Ich
liebe die entschlossenen Menschen sehr, und Eure erste Handlung mte
sein, mich mit jener wunderhbschen Deutschen zu trauen; denn wahrlich:
sie gefllt mir wohl, und verdiente Besseres, als nur die Knigin
dieser Wildnisse zu sein.

Der eiferschtige Blick James folgte dem glhenden, den Fernandez nach
Justine sandte, die, ein lebendes Bild der Piett, unfern sa, den
Vater pflegend, wartend, erheiternd. Eine trbe Ahnung schlich durch
des jungen Englnders Gehirn, und es sank ihm ein Centnerstein von
der Brust, als Fernandez sich erhob, und sein Maulthier bestieg, um
vorauszureiten. -- Er empfahl den Uebrigen, sich zu ordnen, und bald
nachzukommen. Darauf verlor er sich, nur von seinen Hunden und einigen
Schtzen, die seitwrts durch die Bsche strichen, begleitet, in den
Wald, der nach dem Thale hinunterfhrte.

Er war, in Gedanken vertieft, nicht allzuweit bergab geritten, als in
dem Gebsche seine Hunde anschlugen, und ein Jger seinen Gefhrten
pfiff. Zugleich raschelte es in dem Gestrpp des Abhangs, wie das
Gerusch eines Laufenden, und in der That ri sich auch ein Mann mit
der grten Gewalt durch Busch und Hecken; kraftlos an einem Steine
niedersinkend, als er den Reiter vor sich erblickte. Fernandez stutzte
nicht wenig ob der fremden Erscheinung, und sprang vom Sattel, den
Sbel in der Faust, denn der Niedergesunkene trug Portugiesische
Uniform.

Ha! Elender! was machst du hier? -- rief er ihm rauh entgegen, und
schwang die Klinge.

Der Entkrftete warf einen muthigen Blick auf den Bewaffneten, schlo
dann die Augen, und erwartete den Streich.

Dieses Benehmen machte die Hand Vereiras sinken. -- Wer bist du? wie
kmmst du hieher? -- fragte er milder, und winkte den Schtzen, die
nachdrangen, ferne zu bleiben.

Der Fremde antwortete in schlechtem Portugiesischem: Ich bin Soldat
..... will's nicht mehr sein, ... lieber sterben! --

So? was hat man dir gethan? woher kmmst du?

Von =la Guasta=. Heute war unser Detachement abgelst, und auf dem
Rckmarsche, noch unfern von dem Wachthause, mihandelte mich der
Knabe, der Fhndrich. Ich warf ihn zu Boden -- entfloh, -- hier bin
ich. Tdtet mich, liefert mich aber nicht aus.

Du sprichst wie ein Mann; du bist auch einer und doch kein Portugiese,
wie ich vernehme.

Ich bin ein Fremder. Ein elender Seelenverkufer hat mich in diese
Gegend gebracht. Ein portugiesischer Kaper bemchtigte sich unsers
Schiffs und verhandelte mich an die Soldateska auf der Kste von
Fernambuk; diese sendete mich weiter in das Land. Nie fand ich
Gelegenheit zu entkommen, als heute auf's Aeuerste getrieben.

Wohin wolltest du?

Ich wei nicht Weg noch Steg. Lieber in den Tod, als zurck.

Recht. Du weit nicht, wer ich bin, wer jene Leute sind, die mir
folgen?

Der Soldat sah nach der Hhe, wo zwischen grnen dmmernden Blttern
die Spitze des Zugs erschien, und sagte gleichgltig: Ich kenne, auf
Ehre, nicht Euch, nicht Eure Leute, und will nichts von Euch, als
entweder den Tod auf der Stelle, oder Freiheit und ein Stck Brod; ich
bin den ganzen Tag gegangen und gelaufen, und sinke um vor Hunger und
Mdigkeit.

Ein Schtze reichte ihm eine erquickende Frucht, und Fernandez fuhr
fort: Es soll dir nichts mangeln, als die Freiheit, die ich dir auf
ein Paar Tage nehmen mu, damit man sehe, welch ein Vogel du bist; ob
ehrlich, oder Spion!

Spion? Herr! ich bin ein Englnder!...

So? ich htte das an deiner Mundart merken sollen. Dein Name?

Dem Fremden wurde die Antwort erspart. Ein Schrei der Ueberraschung
lie sich aus der Mitte des Zugs vernehmen.

Vater, -- rief Justinens Stimme: -- Um Gotteswillen! sehen Sie auf.
Es geschehen Wunder! Herr Birsher! Georg Birsher!

Wer ruft mich? -- fragte um sich blickend der Soldat, und stand wie
versteinert, die Braut, ihren kranken Vater, James, den Doctor vor sich
sehend. Er rieb sich die Augen, die Stirne, wollte auf Justine zugehen,
und fuhr schnell und erschreckt vor dem Senator zurck. Mssinger,
der Ueberraschung unterliegend, vermochte kein Wort zu stammeln. Ein
heftiger Krampf packte seine kranke Brust, er sank, wie mit dem Tode
kmpfend, zurck. Jammernd warf sich die Tochter ber ihn. Vereira gab
Befehl, den rthselhaften Fremden festzuhalten. Es geschah.

O ja, ihr Freunde! -- rief Georg auer sich seinen Schergen zu; --
Reit mich hinweg von diesem Anblicke, der mein Herz zerschmettert.
Ich bin nicht kalt, bin nicht ruhig in diesem Augenblicke. Ich kann den
Mrder nicht in's Augen fassen!

Auf einen Wink des Fernandez wurde Georg schnell fortgefhrt; und
schnell folgte ihm der Zug, damit der dem Tode nahe Kranke sobald als
mglich unter Dach und die Obhut des heilerfahrnen Priesterfrsten
komme. Einen wohlthuenden Gegensatz zu der Bestrzung, die ber die
Europer gekommen war, machte das Betragen des Doctors. Von Freude
leuchtend, ging er dem Tro zur Seite, betete still, betete laut,
streckte die Arme gen Himmel, und sagte: Wie kann ich dir danken,
du gndiger Herr dort oben, da du mich diesen Tag sehen lieest?
Wahrlich, James, -- sagte er zu dem neben ihm tiefsinnig und
betrbt einher Schleichenden, -- Was ich nicht zu hoffen wagte, ist
eingetroffen. Ich sehe den Armen wieder, den ich unglcklich machen
half; ich sehe ihn frei unter Freien. O Herr! hast du ber meinen armen
Freund beschlossen, so erhalte seine Sinne nur eine Stunde noch bei
voller Kraft, da sich von ihm lse, was ihn qult; denn dazu ist jetzt
der Augenblick, -- dazu der Ort, -- und ich will dich loben ewiglich!

Nur einen Abglanz Ihrer Strke! bat James, bla wie ein Sterbender,
mit inniger Klage; -- nun ist jede Hoffnung auf mein irdisch Glck
dahin! Selbst die Wste vereint mich nun nicht mehr, mit der, die ich
liebe; die Unschuld, die an mir mit voller Seele hing, wies ich schnde
von mir. Ich mu allein stehen, belohnt fr mein hinterlistig Streben,
bestraft fr den Trug, zu dem meine Jugend verleitet wurde. Vater
Mnzner! kehren Sie mit mir nach Dominica, nach Assumcion zurck! Euer
bin ich nun, ihr schlauen und geschftigen Ordensleute! Ich will mich
an Eure Selbstsucht, an den Schein Eurer Tugend ketten, da mich die
Wahrheit verlt und die Liebe!

Du betrbst mich, mein Sohn! -- entgegnete Mnzner krftig: Wo ist
die Strke, womit du prahltest? Wo das Wohlwollen gegen die Menschheit,
das dich auszeichnete? Du willst jetzo diesen Rock nehmen, indem du
ihn verachtest? Weiche zurck von der Snde! _Denke_ sie nicht. Dem
schwachen Erdensohne ist's erlaubt, -- es ist sein Loos, getuscht
zu werden, harmlos die Schlange zu nehmen, die ihn alsdann tdtet.
Wer aber mit der Erkenntni das Bse thut, ist verchtlich. -- Mich,
den Schwergetuschten, la immerhin an dem Platze fallen, der mir zum
Kampfe angewiesen wurde. Treu meinem Schwure, weiche ich nimmer aus dem
Streite, der mich verdirbt. _Dir_ verbiete ich aber jetzo, ferner an
den Orden zu denken. Du wrdest darinnen ein Ungeheuer, whrend ich nur
schwach war. La ab! Deinen Wortbruch nehme ich auf mich, weil ich ihn
verschuldete.

James warf sich weinend an des Pflegers Brust. Beide zu sich gekommen
sahen sich um. Sie standen im Thale, an der Pforte eines luftigen
Hauses. Eine Doppelreihe von Jungfrauen und Kindern bewegte sich heran,
bunt und festlich gekleidet, Frchte in den Hnden, und boten sie mit
stiller Gastfreundlichkeit den Ankommenden. Unter dem leichten Vordache
des Hauses, ber welches sich zwei Palmen lehnten, stand der Frst des
guten Jesus, in der einfachen, groben Tracht des heiligen Franziskus,
mit nackten, sandalentragenden Fen, vom drftigen Strick umgrtet.
Der einzige Schmuck des hochbejahrten Mannes war sein weies Haupthaar,
der wie aus Schneefden gesponnene Bart, der zum Grtel hernieder
flo, und die heitern, wohlwollenden Augen in dem braunen, ehrwrdigen
Gesichte. Er sprach mit einfachen Worten den Segen ber Alle, und
richtete milde Trostworte an Justine, wie an den Senator, der sich
mhsam von seiner Ohnmacht erholte.

Dies euer Haus, meine Gastfreunde! sagte er. Heil den Fremden, die
es wohl meinen, wie wir es mit ihnen machen wollen! Heil dem Kranken,
denn Gott will, da er genese! Heil den Abwesenden, und vorzglich dem
guten Vater Luis, denn er gab uns Gelegenheit, barmherzig zu sein, und
Freude bringe ihm dieser Abend!

Der Senator wurde in das Haus gebracht, und wie mit Zauberschnelligkeit
war ein Trank bereitet, von welchem der Vater Franzisco viel versprach
und erwartete. Alles Volk hatte sich ohne Gerusch nach seinen Husern
begeben; die stille Sabbathsruhe war wieder allenthalben eingetreten,
Alles verdet; nur auf Felsspitzen rings um das Thal gewahrte das Auge
bewaffnete Schildwachen, die das Thal in die Ferne mit Spherblicken
hteten. Franzisco, der Frst dieser Wildnisse, sa neben dem Kranken,
der in eine heftige Crisis fiel. Des Priesters Hand verlie den Puls
nicht, wie die Augen der knieenden Justine die Zge des Vaters nicht
verlieen. Fernandez lehnte in der Ecke, und beschaute das Mdchen, das
ihn sehr anzog; James kmpfte, unfern sitzend, mit seinem Herzen; mit
gefalteten Hnden stand Pater Xaver an der sehr groen Fensterffnung,
die beinahe eine ganze Seite der Stube einnahm, mit einer Balustrade
versehen war, und die Aussicht auf einen groen Platz gewhrte, mit
Rasen bewachsen und frei; von Platanenreihen im Halbkreise umringt. Ein
einfacher Altar erhob sich in seiner Mitte, und, beinahe die Baumreihe
berragend, stand hinter dem Altar ein riesengroes Bild des Heilands,
sitzend und sprechend: Lat die Kindlein zu mir kommen! Der Kopf der
Bildsule, ein Meisterwerk von Schnitzarbeit, sah ernst und sanft in
das Zimmer, und nach ihm gewendet lag der Kranke, zu ihm gewendet
betete Xaver.

Des Senators Zustand besserte sich indessen, aber eine groe Schwche
befiel ihn. Die Thre ffnete sich, und ein Mann, zurckgehalten von
einigen Wchtern, wollte herein. Franzisco winkte ihm, leise nher zu
kommen. Der Kranke hat nach Euch verlangt, sagte er, schont seinen
Zustand!

Georg trat, um vieles gefater, mit ruhiger Stimme auf den Senator zu,
der ihm schwach die Hnde entgegen reichte. Ich ahne, sagte Georg,
was Sie bewogen haben mag, meine Nhe zu fordern. Sie glauben an der
Pforte des Todes zu stehen, und wollen ein qualvolles Bekenntni in
meinen Schoo wlzen. Lassen Sie die traurige Pflicht. Vershnen Sie
sich mit dem Himmel; ich habe Ihnen vergeben, und auch mein armer
Vater, der uns jetzo sieht, wird die Grausamkeit, die Sie an ihm
begingen, nicht rgen. Er wird bei dem Ewigen um des Mordes willen, den
Sie an ihm verschuldet, um Gnade bitten.

Des Senators Krper zitterte. Justinens Busen hob sich heftiger.
Mnzner trat langsam nher. O wie ist es mglich, seufzte Georg, sich
selbst vergessend, und in den Anblick des Kranken verlierend, da
dieser Mann, in dessen Gesicht jetzt die engelgleiche Sanftmuth liegt,
da dieser gerade gegen den Gastfreund seine Wuth kehren, da er ihn
erwrgen konnte! Was ist der Mensch?

Ein Irrender, Herr Birsher, antwortete Mnzner; und auch Sie sind im
Irrthum, vershnlicher, verzeihender Sohn. -- Hier ist Ihr grausames
Gericht, -- hier ist die Folter nicht zu frchten, -- hier ist keine
Rcksicht auf ffentliche und geheime Lebensverhltnisse zu beachten,
Herr Senator. Reden Sie mit dem jungen Ehrenmanne, da der grimmigste
Verdacht weiche, da der Eine bezeichnet werde, der die meiste Schuld
an Ihrem Unglck trgt.

Der Senator erholte sich ein wenig, und redete dann zu dem jungen
Birsher. Sie sind ein klarer Engel, Herr, Sie vergeben mir unbedingt,
ob Sie gleich scheinen, das Schrecklichste von mir zu glauben. Und
dennoch, -- wahrlich, Herr, -- so viele Schuld ich an Ihres Vaters
Hinscheiden habe,.... verflucht sei meine Hand, wenn sie je sich an dem
edeln Manne vergriffen.

Wie? fragte Birsher. Justine athmete freudig auf.

Ich bin zu Grunde gerichtet, sagte ich zu dem Mahnenden, dessen Gte
ich nicht ahnte, eben so wenig, als seinen Namen, fuhr der Senator
fort; ich mu sterben eher, als mich bankerott bekennen; ich ri die
fr mich geladene Pistole aus der Schublade. Herrgott! wollen Sie mich
morden? fragte Ihr Vater auffahrend, und in selbem Augenblick sank er,
der von der Reise bereits Ermdete, von schlafloser Nacht Erhitzte, von
dem unangenehmen Geschfte und dem pltzlichen Schrecken aufgeregt,
vom Schlage getroffen zu Boden. Mein Entsetzen ... wer beschreibt es?
Ich wollte dem Rchelnden die fest zugezogene Halsbinde lften.... ich
war ungeschickt: um so schneller starb er unter meinen Hnden; und der
entsetzliche Gedanke, den nchsten Anla zu seinem Verscheiden gegeben
zu haben, warf mich selbst zu Boden.

Georg sann nach, als der erschpfte Erzhler geschwiegen, und fragte
dann: Wenn ich den Worten eines Sterbenden auch glaube, -- und
die Lge sitzt nicht auf Ihrer Stirne -- woher Ihre Befangenheit,
Ihre Angst .... woher das rthselhafte Schweigen gegen mich, da ein
freimthiges Erklren Alles beigelegt haben wrde?

Der Senator konnte nicht mehr reden, Mnzner nahm fr ihn mit
erschtternder Wahrheit das Wort: Ich gebe Ihnen mein heiligstes
Priesterwort, im Angesichte des Heilands, der dort so hehr und rein
sein gttliches Haupt in den Himmel hebt: der Senator spricht die
Wahrheit. Dazumal war jedoch die Schlange seines Bewutseins ihm so
schreckend, da ihm selbst die nackte Wahrheit ein Gruel wurde. Seines
vielseitigen Unrechts gegen die Gesetze seines Standes und seiner
Vaterstadt bewut, frchtete er von deren harten und parteiischen
Gerichten das Beginnen eines Prozesses, der ihn zu Boden gerissen,
mehrere Jahre im Gefngnisse gehalten haben, ihn _vielleicht_, dem
Schein zu Liebe, seinem Lugnen zum Trotz, auf das Schaffot, --
unschuldig unter das Schwert gebracht haben wrde. So viel von seinem
unerklrlichen Schweigen gegen den erregten Verdacht. Die Qualen
seines _Bewutseins_ habe ich zu tragen, und dieses Bekenntni ist nur
eine geringe Vorbue fr das, was ich gegen Sie alle, meine Lieben,
verschuldet habe. Clara, -- mein Freund, -- empfahl Sie meiner Liebe!
Mit aufrichtiger Theilnahme an Ihnen hngend, wute ich Ihnen keine
bessere Wohlthat zu bereiten, als den Eintritt in meine Kirche, -- die
Wiedervereinigung mit Claren, jenseits des Fegfeuers. Ich bedurfte
eines Bandes, Sie festzuhalten. Ich bentzte den finstern Wahn, in dem
Sie lagen, als ob Sie eigentlich durch ihre Drohung den ehrenwerthen
Vater dieses Mannes getdtet; ich brauchte ihn als Schreckni; ich
zeigte Ihnen die Vergebung der entsetzlichen Snde nur in dem Schooe
des katholischen Glaubens. Endlich war mir das Werk gelungen, Sie
waren unser; ich bemhte mich nun, Ihre Furcht vor dem eingebildeten
Verbrechen durch die Lossprechung zu tilgen. -- Umsonst! der Wurm
blieb, wurde schrecklicher, denn zuvor; Folge knpfte sich an Folge,
eine verderblicher, als die andere. Ihre Bekehrung wurde Sache des
Ordens, -- ich sah Sie aus meinen Hnden gerissen, vllig zum Abgrund
geschleudert; ich sah die unseligen Wirkungen meines Beginnens, das in
aufrichtiger Liebe entsprungen; ich schauderte selbst vor meinem Werke
zurck, und _mute_ nun Stein zu Stein tragen, Trug auf Trug bauen,
um.... o, lassen Sie mich schweigen! Sie aber, edler Georg, vergeben
Sie mir, da auch Sie endlich unserer Sicherheit Opfer werden muten.
Wenn Sie gewut htten...! Wir fuhren auf demselben Schiffe: Sie,
in den Fesseln des Raums, wurden von dem Senator nicht gesehen. Zu
Buenos-Ayres angelangt, mute ich Sie, unserer Selbsterhaltung willen,
Ihrem traurigen Schicksale berlassen...! Welche Fgung des Herrn, da
Sie, statt nach Batavia geliefert zu werden, hieher kommen muten! Hier
sind alle Schleier gefallen! hier sehen Sie das Ungeheuer vor sich,
das Ihre harmlose Menschenliebe, Ihre Hoffnungen, Ihren Brautstand,
vielleicht Ihr ganzes irdisches Glck, und die Glckseligkeit dieser
Beiden, und den Frieden jenes jungen Mannes unbarmherzig zernichten
mute! Gott sei Dank; endlich habe ich meine Gefhle reden lassen
drfen, und nun beginnen Sie mit mir nach Gutdnken.

Georg und James wendeten sich entsetzt ab; Justine betrachtete den
furchtlosen Mann des Jammers ohne Verachtung nur mit Bangigkeit und
innerer Freude ber seiner, zur Wahrheit gehobenen, Seele Kraft: denn
er hatte ja den Vater von der gefrchteten Blutschuld freigesprochen,
und Birsher durfte ihnen nicht gerecht zrnen, und James war auch
gerechtfertigter, als das Mdchen jemals vermeint hatte; und, wenn es
Bedauern erregt, einen Gutdenkenden in Snde versinken zu sehen, so
erquickt den Krftigen doppelt der Wiederaufschwung des neu erstarkten
gefallenen Herzens!

Der Senator winkte dem Pater Xaver zu, und lispelte: Sie wollten mich
um Clara's Willen dem Paradiese weihen, mein Freund. Ich spreche Sie
frei, und danke Ihnen fr diesen Augenblick. _Ich_ hasse Sie nicht.

Nicht ich, rief James weinend, und an den Hals des Lehrers fliegend.

Nicht ich, setzte Georg edel entschlossen bei, und drckte ihm die
Hand, alles, was wir um uns sehen, ist Gottes Werk, und so auch die
Handlungen der Menschen, und so auch Ihr gutes, aber zum Unsegen
bestimmt gewesenes Herz! Gott hat uns schwer geprft; aber ist es nicht
auch seine Schickung und sein Friede, da wir uns hier zusammenfinden?
Ich verzeihe, ich vergesse, ich hasse nicht _Sie_; was jedoch den Orden
betrifft, der...

O, mein Herr! bat Pater Mnzner weich; Auf mich allein die Schale
Ihres Zorns! Ich habe Niemand angeklagt, als mich allein. Ich habe zu
ben. Die Fremden, die Unschuldigen verschone Ihr Unwille. Ich dchte:
der Geist der Duldung stnde dem Protestanten wohl an. Verdammen Sie
nur den, der das Ueble mit seiner Hand gethan.

Georg nickte ihm zu, ging zu dem Senator, und gab ihm seine Hand.
Schchtern reichte er die Linke an Justine, die errthend, aber gerne
sie annahm.

Ich schwre es, rief er, Euch nie zu verlassen, meine Lieben, so
lange das Geschick uns in der Irre, auf wstem Meer des Lebens treibt.
Lat uns Alle enge zusammentreten, vereint durch Noth, durch Friede,
durch Vershnung. Liegt nicht das Elend hinter uns in der alten Welt,
und kann nicht das Glck auf's Neue _hier_ uns aufblhen?

Sein Blick traf auf Justine. Er las in ihren Augen Freude und
Vertrauen. Gieb mir deine Tochter, wenn du heimgehst, Vater! sagte
er zu dem Senator, und dieser legte die Hnde des Brautpaares weinend
in einander. James hatte den Muth, seinen Landsmann glckwnschend zu
umarmen, und Mnzner theilte die hier statt gefundene Vershnung und
ihre Folgen dem Priester Franzisko und seinem Neffen mit.

In diesem Thale, sagte er, wre fr die Leute ein stilles Glck zu
hoffen, bis die Auenwelt wieder fr sie zugnglich wird. Drfen sie
aber auf Ihren Schutz rechnen, mein Vater?

Jesus ist die Liebe und der gute Hirt, antwortete Franzisko: wer
tugendhaft ist, wohnt gut in diesem Thale, und -- wenn der den
Portugiesen entflohene Mann nur unsere Felsengrnzen nicht verlt, so
ist er sicher immerdar.

Beim heiligen Jacob! versetzte Fernandez, an seinen Sbel
schlagend: Ich beschtze ihn selbst, weil er brav sein mu, da die
schne Deutsche ihn liebt, fr welche ich gerne meine altspanische
Ritterlichkeit bewhren mchte! So geschah es also, da sie in dem
kleinen Staat des guten Jesus in den Wildnissen eingebrgert wurden.
Die Einwohner, ein harmloses Volk, aus allen Farben zusammengewrfelt,
theils vom Unglck hieher verschlagen, theils im stillen Thal
erwachsen, schlossen sich bald an die fremden Brder an. Ein Haus
von schlankem Rohre wurde denselben gebaut. Die Nahrung gab ihnen
Vater Franziska aus dem Vorrathhause der Gemeinde, bis ihre Felder,
ihre Bume Frchte tragen wrden; er gab durch seine Bemhung dem
Senator das Kstlichste: die Gesundheit, wieder. Die Seelenruhe
des Mannes befrderte seine Heilung, und ehe achtundzwanzig Tage
vergingen, so strich er schon mit seiner Tochter und mit Georg durch
die freundlichen Fluren um die Colonie. Die Liebe des Paares verjngte
seinen Geist, und, ungeduldig aufbrausend, wiewohl gutmthiger, als
in der verwichenen Zeit, sagte er zu seinen Kindern: Ihr liebt Euch;
Ihr wollt es nicht verhehlen! Warum wird mir nicht das Glck, Euch
verbunden zu sehen? Warum hat Franzisko noch nicht den Segen ber Euern
Bund ausgesprochen? Ein Patriarch knnte es nicht besser, als dieser
edle Mann.

Justine und Georg sahen sich an, ernst, einverstanden, drckten des
Vaters Hand, und die Tochter sprach: Nicht hier, mein lieber Vater!
Hier herrscht nicht unser Glaube, und den Lockungen der andern Kirche
seit langem widerstrebend, soll auch nicht die Einsamkeit den Sieg ber
mich erringen.

Nicht ewig, redete Georg, wird uns das Geschick an diesen Boden
fesseln, ich ahne es, wir werden meine Heimath sehen, und dann, Vater,
dann knpfen wir dort das Band vor dem _unsichtbaren_ Gotte.

Der Senator schlug beschmt die Augen nieder, und Justine, um seine
Verlegenheit zu endigen, setzte schonend bei: Wie wollen Sie auch, da
ich glcklich sei, so lange noch ein Mann in unserer Nhe lebt, den die
Leidenschaft beim Anblick dieses Bundes elend machen wrde?

Sie zeigte auf James, der unfern vorberging, sinnend, brtend,
gesenkten Hauptes, ohne sich umzusehen.

Sie waren ihm hold, beste Jungfer! sagte Georg, ihm nachblickend.
Der Unglckliche, da er diesen Lichtblick seines Lebens nicht fr
sich gewann!

Zu meinem Frieden! antwortete Justine. Angezogen und zugleich
abgestoen von ihm, danke ich den Rnken, zu welchen ihn seine Erzieher
verleiteten, meine Ruhe. Ich hasse die Falschheit -- und nur redliche
klare Besonnenheit kann mein Herz gewinnen. Darum rechnen Sie, mein
bester Herr, auf dieses, wenn es Ihnen angenehm ist, und vor Allem --
lassen Sie uns sammt und sonders auf baldige Erlsung nach der Heimath
hoffen. Denn, nicht zu lugnen, da hier in diesem Frieden, dieser
Stille, nur ein geschmckter Kerker zu schauen ist.

Justine sprach wahr. Franzisko bte, seinen Verhltnissen gem, die
strengste Despotie; mit Wachen war das Thal umstellt: Niemand sollte
das Thal verlassen; auf die Fremden wurde das wachsamste Auge gehalten;
besonders auf den Jesuiten, dessen Gewand, das er hartnckig behielt,
einen greren Verdacht erregte, als die portugiesische Uniform, die
Georg abgelegt hatte, um kein Aergerni zu geben. Und gerade Mnzner
mute es sein, der pltzlich aus dem wohlgehteten Gefngnisse entwich,
ohne es selbst zu ahnen.

Bei all dem herzlichen Vergessen, das die Freunde ihm bewiesen, war
der Stachel in seiner Brust zurckgeblieben. Er konnte sich nicht
heimisch unter diesen Menschen fhlen. Seine Gewissenhaftigkeit
trieb ihn, da der Senator genesen war, wieder nach dem heimathlichen
Boden, vor die Schranken seines Provinzials. Der stille Kummer, worin
sich James verzehrte, machte sein Herz bluten. Es qulte ihn, diesen
Unfrieden eines geliebten Jnglings mit ansehen zu mssen. Botanik,
eine Lieblingswissenschaft seiner jngern Jahre, bot ihm Zerstreuung
und Genu. Er entfernte sich von den Landsleuten; er kletterte Tage
lang an dem Gestein der Hhen, durchkroch die Furchen des Thalbodens.
Die Wchter waren seiner Wanderungen gewhnt worden. Dem schlichten
einfachen Manne mitraute keiner mehr; sie lieen von ihrer Achtsamkeit
nach, und so kam es, da der Pater sich eines Nachmittags, von seiner
Forschbegierde verleitet, weiter verstieg als sonst, und sich mit
einem Male hoch ber den Wachtposten erblickte. Die herrliche Flora,
die um ihn erblhte, fhrte ihn weiter. Die Waldpflanzen boten ihm
einen blumigen Pfad, der ihn mehr und mehr verlockte, und, wie das
Kind der Lockung ser Frchte folgt, so folgte hier der Mann, dessen
Herz sich seit Langem wieder einer ruhigen Freude hingab, dem Streben
seiner Wibegierde. Aber immer weiter war er gegangen. Der Wald hatte
sich hinter ihm mit tausendstmmiger Wehrmauer zugeschlossen. Nur der
Laut der Vgel sprach zu dem Wandernden; nur die Furche, die von der
mchtigen einsamen Schlange durch das Gras gezogen wird, war sein Pfad,
und endlich dmmerte es schon unter den hohen Bumen, als er Halt
machte und auf den Rckweg bedacht wurde. Wo jedoch diesen finden?
Kein Sonnenstrahl mehr; noch kein Stern; grne duftige Waldnacht
allein. Mnzner versuchte sein Heil, indem er auf's Gerathewohl einen
Seitenpfad einschlug, wo von Ferne eine schwache Helle aufzudmmern
schien. Je weiter er ging, je tiefer die Dmmerung wurde, je deutlicher
wurde der helle Punkt; er blitzte auf: eine Feuerflamme redete zum
Auge des Wanderers. Er frderte seine Schritte. Auf feuchtem Grunde,
an hochwachsenden, ppiggebltterten Sumpfstauden vorber -- immer
auf das Ziel zu, das die Gegenwart von Menschen verrieth. Mochte das
Raubgethier um und um in der Ferne heulen und krchzen; er verfolgte
die Spur. Schon erkannte er einen flammenden Holzsto, Menschen um
denselben gelagert. Seine Annherung, von dem rauschenden Gestrpp
verrathen, erregte die Aufmerksamkeit der Lagernden. Wer da! rief
eine portugiesische Zunge, und der Pater sah die Mndung einer Flinte
gegen ihn gerichtet. Ein Verirrter!... antwortete er, und im Nu umgab
ihn die Schaar der Aufspringenden: ein Dutzend von Mnnern in braune,
grobe Mntel gehllt, mit herunterhngenden Hten auf dem Kopfe, Sbeln
an der Seite und Musketen in der Faust. Einer von ihnen, der unter
dem Mantel eine Uniform sehen lie, mit den Galonen eines Offiziers,
fragte gravittisch, da die Cigarre zwischen seinen Zhnen nicht
erlsche, woher der ehrwrdige Vater komme und wohin er wolle. Auf die
unbestimmte Antwort Mnzners, da er sich verirrt habe, schttelte der
Offizier unglubig den Kopf, kte indessen dem Pater die Hand und
erwiderte: Ihre Aussage ist dunkel, Ew. Hochwrden. Ich mu sie in's
Hauptquartier schaffen lassen, da Sie mir nicht angeben wollen, wo Ihr
Wohnort ist.

In's Hauptquartier? Nach la Guasta; einige Stunden von hier
entfernt. Sie werden gefllige Leute daselbst finden, mein Vater.
Aber mit welchem Rechte? Ich bin Soldat, hochwrdiger Herr. Das
entschuldige mich. Miguel und du, Olao! nehmt eine Fackel mit Euch, und
fhrt den ehrwrdigen Herrn zu Sr. Excellenz, dem Brigadier.

Welche Behandlung, da ich hier nur Schutz fr diese Nacht suchte!

Befehl, hochwrdiger Herr! Geben Sie uns Ihren priesterlichen Segen,
wenn es Ihnen gefllig wre!

Die ganze Truppe senkte sich auf die Knie. Mnzner that das Verlangte,
und nachdem ihm noch von Allen auf's Inbrnstigste Hand und Kleid
gekt worden war, mute er sich auf den Weg machen. Der Offizier bot
ihm Cigarren und einen Tropfen Wein zur Erfrischung. Niedergeschlagen
und gergert verweigerte Mnzner Beides, und folgte den Soldaten,
die alle ersinnliche Ehrfurcht und Frmmigkeit gegen ihn bewiesen,
ihn jedoch nicht aus den Augen lieen, die gespannte Flinte im Arme
haltend. So verging die Nacht auf gefhrlichem, halsbrecherischem
Wege. Das Morgenlicht fand den Verhafteten auf der steifen und den
Bergplatte la Guasta. Abgrnde ringsum; in der Tiefe Wlder; ein
drftiges Wachthaus bot ein Obdach; aber der sonst de Ort wimmelte
von gelagerten Soldaten einiger Milizen-Compagnien, Strauchdieben
hnlicher, als geregelten Kriegern; in abgetragenen Rcken und
zerrissenen Schuhen. Die durchlcherten Hte, niedergekrempt, saen
verwegen auf den lglatten, schwarzen, hngenden Haaren, und das
olivengelbe Gesicht wurde furchtbar und drohend durch die groen,
schwarzen Feueraugen, und den unordentlich gehaltenen Schnauzbart.
Spielend, schlummernd, plaudernd lagen sie am Boden um Trommel und
Fahne, die Waffen, in Pyramiden zusammen gestellt; so wie sie des
nahenden Geistlichen ansichtig wurden, flogen die Hte herunter; die
Mannschaft lag auf den Knieen, und die Benediction war das Erste,
was sie verlangten. In dem Augenblicke traten zwei Mnner unter den
Eingang des Wachthauses. Ein hoher Offizier, wie das Kleid verrieth,
und der Ungestm, mit welchem das Militr aufsprang, ihm die Honneurs
zu machen; dann ein Vater der Gesellschaft Jesu, der sehr verwundert
schien, einen Bruder vor sich zu sehen. -- Mnzner war erstaunt
ber dieses Zusammentreffen, das, in Mitte so vieler Waffen, einen
bedeutenden Zweck zu haben schien. Der Sergeant Miguel berichtete. Der
Brigadier nherte sich dem Pater Mnzner bescheiden, und fragte ihn:
Wollen Sie nicht aufrichtiger gegen uns sein, als gegen den Lieutenant
des Vorpostens, mein Vater? Sie sind, wie aus Allem zu schlieen,
unbekannt in diesen unwegsamen Gegenden, und jede Ausflucht, die Sie
ersinnen mchten, uns ber diesen Punkt zu tuschen, wrde vergebens
sein. Wren Sie etwa bekannter in der Region, nach welcher wir unsern
Marsch gerichtet haben? in dem Thale des guten Jesus in den Wildnissen?

Mnzner erschrak. Die Ahnung vom Verderben seiner Freunde scho durch
seinen Kopf. Entschlossen, nichts zu verrathen, lugnete er, ohne
jedoch einen Vorwand zu finden, der seine Existenz in diesen Landen
beschnigen konnte.

Ich wiederhole Ihnen, mein Vater, fuhr der Brigadier gemessen, ernst,
aber immer hflich fort, da Sie Ihre Lage verschlimmern. Wir lassen
uns nicht tuschen. Sie mchten sich die Folgen selbst zuzuschreiben
haben. Woher kommen Sie? die nchste Mission liegt noch ferne von
hier, und Ihr Gesicht scheint dem hochwrdigen Vater Assistenten der
Missionobern zu St. Sebastian gnzlich unbekannt? Gestehen Sie, da
Sie ein Einwohner der wider des Knigs Willen und Gottes Erlaubni
errichteten Colonie in den Wildnissen sind.

Mnzner wollte sich in sein Leugnen beschrnken. Der Pater Assistent
durchbohrte ihn mit den Augen, ohne ein Wort zu reden. Der Brigadier
fuhr stolz und schneidend fort: Es ist wahrscheinlich, da die
spanische Krone die aufrhrerische Niederlassung auf Don Juans
Eigenthum begnstigt, und Vter der Gesellschaft Jesu aus ihrem
Paraguay herber sandte, dieselbe zu regieren, mglich indessen
auch, da Sie das Kleid und die Tonsur blos als Maske tragen, um
verbrecherische Spherrnke darunter zu verbergen. Mindestens sollten
Sie Ihre Lection besser gelernt haben. Wenn Sie, wie Sie vorgeben
wollen, zu Santa Catalina als Vicar stehen, wie kmmt es, da Sie hier
aufgehalten werden konnten? Man pflegt keine botanische Wanderung auf
fnfzig Leguas in der Runde anzustellen. Diese Grnde werden mich
bewegen, Sie nach St. Sebastian abfhren zu lassen, woselbst Alles klar
werden soll.

Mnzner bckte sich schweigend, sich in sein Schicksal ergebend. Der
Pater Assistent winkte indessen dem Brigadier verstohlen zu, nahm den
Doctor bei der Hand, fhrte ihn in ein einsames Gemach des Wachthauses,
und sagte hier zu ihm: Mein verehrter Mitbruder im Herzen Jesu! Ich
habe Sie durchschaut, und bescheide mich, die Grnde Ihres Betragens
zu tadeln, weil ich dieselben gefunden zu haben glaube. Ihr Name, Ihre
Verrichtung?

Mnzner nannte sich, seine Heimath, sein Profehaus, seine Sendung
nach Amerika. Der Assistent lchelte zufrieden und sagte: Ihr Name
ist mir bekannt, das Haus Minhao zu St. Sebastian fhrt ihn in seinen
Registern und Correspondenzen. Ich fasse Vertrauen zu Ihnen, wie unsere
Pflichten es wollen. Sie drcken sich aber nicht klar aus. Seit Ihrer
Entfernung aus der Savanna unfern Dominica bleibt eine Lcke, die
Sie nicht ausfllen wollen. Wenn Sie dem Soldaten allein nicht Rede
stehen wollten, kann ich's nicht schelten. Das Volk mit dem Degen nimmt
hufig das Prae vor unserm Stande und Beruf. Mir gegenber ist es ein
Anderes. Sie sollen wissen, da ich auf Befehl des hochwrdigen Paters
General zu Rom mich hieher verfgt habe. Lngst haben wir Kunde von dem
guten Jesus in den Wildnissen, und den dort herrschenden Usurpatoren.
Theils aber, um die spanische Krone in ihrer Unwissenheit zu lassen,
-- theils aus Mangel an energischer Untersttzung unsers Statthalters,
lieen wir die Einverleibung jener Gemeinden in den Schoo derer
Missionen, die _Uns_ mit Fug und Recht gehren, dahin stehen. Endlich
ist der Augenblick gekommen. Hinreichende Mannschaft unter dem Commando
eines Brigadiers begleitet mich. Wir stehen an den Pforten jenes
lichtscheuen Staats, um ihn fr den Knig und den Orden zu behaupten.
Zwei Kundschafter des elenden Franciskaners, der dort regiert, sind in
unsere Hnde gefallen. Das Geheimni unsers Anrckens ist unverletzt.
Wir sind im Besitz aller nthigen Weisungen. Aus Ihrem Munde, dem
eines Gebildeten, Vertrauten, wnsche ich nun den obigen Aufschlu zu
erhalten. -- Weigern Sie sich noch, und stempeln sich dadurch als einen
Theilnehmer jener Usurpation? als einen Verrther an den Interessen
unserer Gesellschaft?

Mein Vater! unterbrach ihn Mnzner mit lebhaftem Unwillen bei der
letzten Frage. Das Wohl unsrer heiligen Gesellschaft geht mir ber
Alles, bin ich gleich das unwrdigste ihrer Glieder.

Sie sind zu bescheiden, versetzte der Andere mit schmeichelnder
Ueberredung; es hngt nur von Ihnen ab, auf der Stelle ein sehr
wrdiges zu werden, indem Sie in meinem Wunsche den des gesammten
Ordens befriedigen.

O, mein Vater! rief Mnzner bewegt; erlassen Sie mir diese
Nothwendigkeit. Ich mte Dankbarkeit und Freundschaft mit Fen
treten. Ich bin ein einzelner schwacher Mensch; ich kann Ihres
Unternehmens Fortgang nicht aufhalten; aber Sie bedrfen meiner eben so
wenig, um es zu beschleunigen.

Sind Sie ein Bruder der heldenmthigen Congregation, aus der der
khne und kluge Jacob Lainez, der glaubensstarke Xaver hervorging?
fragte der Pater Assistent mit dem Tone des Vorwurfs. Wollen Sie eitle
Privatverhltnisse vorschtzen, wo die Gesellschaft von Ihnen ein so
geringes Opfer, ein Paar Worte, fordert? Sind Sie der Sprache der
Vernunft und der Bruderliebe unzugnglich, so folgen Sie der Stimme des
Gehorsams. Bei ihrem Gelbde, Pater Xaver. Ich stehe hier an der Statt
unsers wrdigsten Generals, und befehle Ihnen, mir ohne Umschweife
Alles mitzutheilen, was Sie wissen.

Der Befehl erschtterte den Pater Xaver auf's Aeuerste. Eine grimmige
Verachtung gegen den hartherzigen Gebieter war sein erstes Gefhl;
Ehre, Furcht vor den beschworenen Statuten seines Ordens, das darauf
folgende. Einen bittern Kampf aushaltend zwischen dem Vortheil der
Freunde und dem gelobten Gehorsam, erblate er bei dem Siege des
Letztern. Was ihn aufrecht erhielt, war die Betrachtung, da ja ohnehin
die Colonie bereits in den Hnden der Bedrnger sei, und da seine
Aussagen nur vershnend, nicht verschlimmernd wirken konnten.

Die Kundschafter, von denen Sie sprachen, mein Vater, haben Ihnen
bereits entdeckt?

Der Pater Assistent nickte gespannten Blicks mit dem Haupte.

So bin ich bereit, Ihnen der pflichtschuldigen Gehorsam und Demuth
zufolge, nicht lnger das Wenige zu verhalten, was ich wei.

Der Verhrende begann seine Fragen: Sie begriffen so gut als Alles:
die Lage, die Einwohnerzahl, die Regierungs- und Religionsform, die
militrische Strke, die Produkte der Colonie zum guten Jesus. Mnzner
wurde von einer Frage zur Andern gezogen, mit dem subtilen Scharfsinn,
der schon zum Voraus aus den funkelnden Augen des Assistenten sprach.
Der Jesuit notirte sich Namen und Zahlen in dem Taschenbuche, und drang
darauf, den Weg nach der versteckten Gemeinde deutlich angegeben zu
wissen. Als nun Mnzner mit der Behauptung der eigenen Unwissenheit
hervortrat, und der Assistent immer dringender, immer hrter wurde,
so entschlpfte dem staunenden Pater, nachdem er ungefhr die
Himmelsgegend angegeben, nach welcher der gute Jesus lag, die Frage:
Aber wie ist es mglich, mein Vater, da die gefangenen Emissarien
Franzisco's, -- als Eingeborene des Thals -- Ihnen nicht die genaueste
Auskunft gegeben haben sollen?

Der Pater Assistent antwortete nicht, aber wohl strmte der Brigadier
zornroth in das Gemach. -- Sehen Sie die Folgen Ihrer Langmuth,
mein Vater? rief er wie wthend: Htten Sie doch zugegeben, da
meine Soldaten die Hunde von Topinambou's, von elenden Indianern, mit
brennenden Lunten zum Gestndni peinigten! _Nun_ erfahren wir von den
verdammten Spionen Franzisco's keine Silbe mehr. Sie haben sich in
ihrem Loche mit der Zunge erstickt, und spotten unsrer, kalt und steif,
wie sie sind!

Richtig, Ihro Excellenz, versetzte der Assistent lchelnd und
kaltbltig; die Bursche haben ihren Lohn dafr, und, wenn sie selbst
schweigen, so redete doch der gute Pater hier um so mehr!

Triumphirend wies er dem Brigadier die Schreibtafel hin. Dieser ri
die Thre auf, und rief hinaus: In Ordnung, Soldaten! Die Sache hat
sich gewendet! Wir ziehen nicht ab! -- Mnzner, die Bosheit seiner
Handlungsweise durchschauend, sank auf die Bank, und verhllte sein
Gesicht. Sie haben mich bitter getuscht! sagte er: Ich bin nun der
einzige Verrther. Jene Wilden, die fr ihren und ihrer Freunde Heerd
starben, sind Heilige geworden!

Ihr blasphemirt! rief ihm der Pater Assistent zu: Eurer
schwachherzigen Tcke setzte ich erlaubte List entgegen. Simson
gebrauchte sie auch gegen die boshaften Philister. Ihr habt die
Gesellschaft und den Heiland durch Euer Benehmen beleidigt. Ihr lebtet
im Einverstndni mit dem Rebellen im Thale, mit den Unterthanen des
Franziskaners! Ich wittre eine schwere Schuld in Euerm Leben. Ich werde
dafr sorgen, da Ihr pltzlich nach St. Sebastian gebracht werdet, um
in unserm Hause abzuwarten, was ber Euch beschlossen werden drfte.
Mindestens ist's unsre Pflicht, solch heuchelnd Unkraut wieder nach
Europa zurckzuwerfen, woher es uns gekommen. --

Er verlie den Pater Mnzner in der trostlosesten Lage, und lie
wirklich ein kleines Commando beordern, das ihn auf der Stelle nach
St. Sebastian fhren sollte. Mnzner wollte nun noch das Letzte thun:
um Schonung seiner Freunde, um gtige Behandlung seines Pflegesohns
bitten. Der Assistent verschlo seine Ohren vor ihm. Er wurde einsam
bewacht. Erst nach mehreren Stunden, nachdem Botschaft von der Vorhut,
die sich nach der, von Mnzner bezeichneten Richtung, vorwrts begeben
hatte, angekommen war, da man von einem wohlverborgenen, noch nie
entdeckten Klippenhgel das Thal berschaue und Huser darinnen
unterscheide, machten die Truppen, die heute unverrichteter Sache den
Rckmarsch hatten antreten sollen, da ihnen Lebensmittel ausgegangen,
Aufbruch. Im selben Augenblicke wurde Mnzner auf das ledige
Maulthier eines Marketenders gesetzt, und auf den, dem guten Jesus
entgegengesetzten Pfaden, fortgebracht. Mit welchen Gefhlen er die
lange Reise antrat?

Muthiger, mit hochschlagender Brust, mit Durst nach eingebildeten
Schtzen, ging die Mannschaft des Brigadiers weiter, aber stille,
behutsam, vorsichtig. Der Abend senkte sich nieder, als die Soldaten
nach unsglichen Mhen an den Rand des Thalkessels gelangten und
von den Hhen auf die stille Colonie niederblickten. Die jenseits
postirten Wachen gewahrten die furchtbaren Fremdlinge, und Alarmschsse
durchzitterten die Luft. Rings um die Wachtpostenkette ging der
Feuerlrm. Bald wimmelte es im Thale. Die rstigen Leute liefen aus
Hfen und Husern zusammen. Waffen glnzten berall. Noch standen die
Portugiesen unschlssig, keines dienlichen Pfades ansichtig, der sie
in Masse herunterfhren mchte. Da wollte das Unglck, da Montehol,
der khnste Kletterer aus Trazos-Montes, ein aufspringendes Wild
verfolgend, sich lngs den Felsen hinabwarf, und in den vorsichtig
verborgenen, von einem Wachthause verschlossenen Hohlweg gerieth,
der in die Thalschluchten fhrt. Der unerschrockene Bursche schrie
laut seinen Kameraden zu. Einige Schsse aus den Schiescharten des
Wachthauses streckten ihn nieder, aber -- in seinem Blute schwimmend,
von den Kugeln der Feinde zerfleischt, -- rief er, bis sein Leben
verlosch: Hieher! Milizen! hieher! Es lebe der Knig und Portugal!

Der willkommene Ruf hatte Erfolg. Die Menge strzte sich in den
Hohlweg, nicht aufgehalten von den mrderischen Schssen, die gebte
Hnde hinter der Wehrmauer nach ihnen richteten. Im Namen der Jungfrau
Maria und aller Heiligen! schrieen die Soldaten und der vorarbeitende
Trupp der Schanzgrber mit den Beilen in der einen und der Picke in der
andern Faust, strzten wie die Lwen auf das Thor des Verhau's, whrend
ihre Hintermnner mit Granaden das Dach des Hauses in Brand steckten.
Der Hohlweg war gedrngt voll von Strmern; und diesem Andrang, wie
dem Brande und den Axthieben der Pioniers muten endlich Gatter, Angel
und Riegel weichen. Der Wachtposten Franzisco's war in zgerndem
Rckzuge begriffen, und vom Thale herauf kam ein ansehnlich bewaffneter
Haufe, und aus groen Standrhren schossen die gegenberstehenden
Wachen und trafen nicht selten. Aber so gnstig das Feuergewehr den
Angegriffenen diente, so muthig sie unter der Anfhrung des tapfern
Fernandez stritten, und die Angreifer aufhielten: sie muten ihrem
Ungemach erliegen. Der Brigadier kommandirte donnernd, whrend seine
ersten Reihen feuerten, den Uebrigen, die Bajonnette auf die Musketen
zu setzen. Es geschah; im Nu theilten sich die Schtzen; die Rotten
der mit dem frchterlichen Flintendolch Bewaffneten warfen sich auf
die Feinde: die neue, in diesen Thlern noch nicht gekannte Waffe that
in ihrer unwiderstehlichen Gewalt Wunder des Schreckens. Zerstreut
und von panischer Furcht befallen, kehrten sich Franzisco's Leute zur
Flucht. Die Fahne mit dem Kreuze, in der Faust ihres hingestreckten
Trgers, blieb in den Hnden der Sieger, die, ber Waffen und
Leichen wegschreitend, im Sturmmarsch das Thal betraten und sich den
Husern nherten. Vor den drohenden Bajonnetten, vor den streifenden
Seitenbanden der Schtzen, rettete sich, wer konnte. Flammen gingen im
Thale auf. Keiner der Krieger Franzisco's hielt mehr das Feld. Weiber
und Kinder, entwaffnete Flchtlinge, warfen sich in den Staub, kten
des Brigadiers, des Jesuiten Fe, bettelten um Gnade.

Whrend diese Scene des Schreckens vorging, hatte sich Franzisco
mit vielen Weibern und Greisen und einigen treuen Anhngern in
eine Schlucht gerettet, die, in mannichfachen Windungen das Gebiet
durchschneidend, und endlich, Waldstrme und Smpfe dem Forscher
entgegensendend, nach den spanischen Besitzungen fhrt. Unter den
mit dem Priester Fliehenden befand sich Mssinger, seine Tochter und
James, den Georg gebeten hatte, nicht von der Seite seiner Freundin
zu weichen. Er selbst wollte, ob streitend, ob beobachtend, sehen,
wie sich Alles gestalten wrde. Unter schtzenden Felsen, auf ihren
drftigen Habseligkeiten ruhend, erwarteten die Flchtlinge Nachricht
von dem Schauplatze des Gefechts, dessen Schsse, vom Echo verdoppelt,
zu ihren Ohren drangen, frher als ein belebendes oder entmuthigendes
Wort. -- Endlich erschien Georg, von dem Fernschusse eines Portugiesen
an der Achsel gestreift, und brachte keinen Trost. Endlich erschien
Fernandez, schwerer verwundet, mit dem Rest seiner Leute, und brachte
die baare Nachricht des Unglcks. -- 'sist aus mit uns! rief er dem
Oheim zu: Rettet Euch, Don Franzisco! Die schurkischen Portugiesen
haben den Sieg durch ihre niedertrchtigen Musketenspeere errungen.
Hieher sollen sie jedoch nicht dringen. Diesen Pa vertheidigen wir
bis zu unserm Tode. Was mir aber das gallige Blut zum Herzen drngt,
da es bersten mchte vor ohnmchtiger Wuth, ist, da der Jesuit, der
schndliche Deutsche, uns verrathen hat. Er wurde seit gestern vermit,
und die scharfen Augen meiner Jger haben ihn im Hintertreffen der
Portugiesen neben dem Brigadier gesehen!

Mnzner? riefen alle seine Landsleute: wre es mglich? Georg
nickte schweigend. James sprang aber, von edler Ungeduld ergriffen,
auf, und sprach: Welche Verlumdung! Mein Pflegevater ein Verrther?
Nein! er lgt, wer das behauptet!

Junger Mensch! zrnte ihm Fernandez drohend zu: Ihr verget, da ich
einen Sbel trage, der --

Der dem Dienste des Ganzen jetzo geweiht sein mu! -- fiel Franzisco
ein, herbeitretend: in einem unntzen Kampfe um eines Wortes willen,
soll sich Euer Blut nicht verspritzen, meine Freunde!

Die Streitenden schwiegen beschmt vor der mahnenden Stimme des
ehrwrdigen Alten. Zugleich lie sich ein bedeutender Lrm in dem Lager
der Flchtlinge hren.

Die Feinde? -- fragte Franzisco, und das alte Soldatenfeuer blitzte
aus seinen Augen, whrend seine Hand nach einem Sbel griff.

Nicht doch, Oheim, -- versetzte Fernandez. -- Der tapfre Neger Pablo
hlt mit seinen Schwarzen Wache am Eingange dieser Thalschlucht. Die
gegen ihre ehemaligen Zwingherren Erbitterten haben geschworen, eher
zu sterben, als sich berwltigen zu lassen. Ich wei im Uebrigen
von einem Entsprungnen, da die Portugiesen das Eindringen in diesen
unbekannten engen Pa vermeiden werden, bis ihr Nachtrab angelangt sein
wird.

Ein Bewaffneter brachte die Nachricht: die ausgestellten Wachen htten
auf den Hhen gegen Osten einige Fremde in europischer Kleidung
ergriffen, und sie herbeigefhrt.

Htten uns die Elenden umzingelt? -- fuhr Fernandez auf, und lie
die Fremdlinge heranbringen. -- Vier sonnverbrannte Gesichter, in
unscheinbarer Kleidung steckend, mit metallnen heiligen Bildern auf den
Hten und Rosenkrnzen um den Hals; ohne Waffen, wie sie der Soldat
trgt; blos mit Messern, eisenbeschlagenen Stcken und Feuerzeugen
versehen. Aber nicht die Gestalten, nicht die Gesichter verriethen
Spanier oder Portugiesen; ihre Sprache, -- ein unbeholfenes Kastilisch,
zeigte vollends die in der europischen Halbinsel vllig Fremden
an. Sie brachten einen Pa, von dem Statthalter des Knigs, zu St.
Sebastian, vor, in dem sie als irlndische Bergwerksleute angegeben
waren, die auf Befehl der Regierung von Brasilien das Innere dieses
Landes zu durchstreifen htten, um nach edeln Erzen zu forschen, oder
nach Demantgruben.

Mndlich berichteten sie, ber einen Gebirgsstock gewandert zu sein,
und sich in den unermelichen Gelnden verloren und verirrt zu haben,
bis der Zufall und das Schieen, das sie vernommen, sie hiehergefhrt.

Franzisco, ihren Aussagen nicht mitrauend, begngte sich, sie zu
fragen, ob sie portugiesische Truppen gesehen, und -- auf ihre
desfallsige Verneinung -- sie unter einige Aufsicht zu stellen. Von dem
unglcklichen Frsten der Wildni weggehend, begegneten die Fremden dem
Master Georg. Befremdet blieb dieser, den Ersten ansichtig werdend,
stehen. Auch Jenem fiel des Amerikaners Antlitz auf. Georg Birsher!
rief er pltzlich. -- Harry! Harry Haverly, entgegnete der Andere
nicht minder freudig, und sie schttelten sich treuherzig die Hnde.

Du _hier_? fragte Harry englisch und mit beflgelten Worten; wir
glaubten dich vom Hay verschlungen!

Ach, Bruder! entgegnete Georg, wie steht's zu New-York?

In Hlle und Flle. Ich verlie es erst vor einigen Monden. Dein
Compagnon fhrt, unerschtterlich deiner Rckkehr vertrauend, die
Geschfte fort, und das Glck hat seine Bemhungen tausendfach belohnt.

Aber du, mein Freund?

Verrathe mich nicht an diese Menschen. Gieb vor, da du mich in Irland
kennen lerntest. Klugheit! reinen Mund! ein andermal mehr.

Die Wchter der vorgeblichen Irlnder nthigten sie, weiter zu gehen,
und fhrten sie an einen abgelegenen, von den brigen getrennten Platz.

Fernandez hatte von Ferne ihr Zusammentreffen mit Georg angesehen, und
sprach zu seinem Oheim: die fremden Leute haben unserer Colonie Unheil
gebracht. Alle sind mir als Portugals oder Spaniens Spione verdchtig.
Wollen wir abwarten, da sie uns, -- den Feinden so nahe -- vollends
verderben? Standrecht ber sie. Wir wollen nicht ungercht mindestens
untergehen.

Junger Mann! wohin verleitet dich dein Zorn? fragte der Alte
verweisend. Soll ich den letzten Schimmer meiner Patriarchen-Gewalt
mit einem Verbrechen besudeln? La uns lieber die Nachtzeit benutzen,
um auf spanisches Gebiet zu flchten. Santa Dominica nimmt uns unter
verndertem Namen auf, und wir drfen daselbst auf Ruhe hoffen.

O unglcklicher Ausgang schner Plane! seufzte Fernandez. -- Das
Unglck soll uns jedoch in jenen fremden Gsten nicht weiter begleiten.
Wir lassen sie zurck. Schuldig, werden sie bei unsern Feinden Schutz
und Hlfe, -- unschuldig, Gottes bessern Beistand finden.

Der Greis, von Fernandez Argwohn ergriffen, willigte in dessen Wunsch,
und lie die Anstalten zum nchtlichen Aufbruch in geheimster Stille
vornehmen. Georg kehrte indessen nach der Hhle zurck, woinnen
Mssinger und seine Tochter seiner mit peinlicher Ungeduld warteten.
James stie auf ihn. In der Dmmerung bemerkte Georg, da der Jngling
seine portugiesische Uniform angelegt hatte.

Wohin in diesem Aufzuge? fragte Birsher staunend; wollt Ihr Euch von
den Unsern erschieen machen?

Verzeiht, Herr, da ich Euer Kleid nahm, entgegnete James ein wenig
heftig, -- aber mir brennts auf der Seele, da Doctor Mnzner ein
Verrther sein soll. Ich will trotz Tod und Teufel hinber, um zu
erfahren, ob Fernandez wahr sprach, -- ob er log.

Wie, Sir White? unter die Feinde?

Dies Kleid schtzt mich, und die Nacht. Und glte es mein Leben, ich
mu mich berzeugen, ob mein Pflegevater der Bsewicht ist, wofr man
ihn ausgeben mchte. Lebt wohl, Mr. George. Ich bringe gute Botschaft,
oder keine mehr in diesem Leben. Grt dann Justine von mir ... sagt
ihr.... doch nein! sagt ihr nichts,.... und seid glcklich!

James! reit Euch das Feuer der Leidenschaft von hier? was habt Ihr
vor?

Georg hatte gut ihm nachrufen; schon war er im steigenden Dunkel
verschwunden. Auf geheimen, Thymian duftenden Pfaden kletterte
James zum Ausgang der Schlucht hinab, und kroch, leise wie eine
Schlange, an dem Hinterhalt der Negerpartei vorber. Unfern an einem
niederrauschenden Bache stand der Vorposten der Feinde, die es nicht
wagen mochten, ohne Verstrkung in die Schlucht einzudringen. Rings an
den Hhen brannten ihre Wachtfeuer. Mitten im Thale loderte ein Haus in
vollen Flammen: Franzisco's bescheidene Wohnung. Die meisten Soldaten
des Pikets waren dem Brande zugekehrt, und James glitt durch Stauden
und hohes Gras an dem Zelte vorbei, ohne bemerkt zu werden. Neben
dem Bache sich haltend, und in tiefes Dunkel verschleiert, nherte
er sich den Htten. Vor ihren Thren standen die zurckgebliebenen
Einwohner, mit Schmerz und Hnderingen auf die Trmmer ihres bisherigen
bescheidenen Glckes sehend. Um den Betplatz war die grte Menge
versammelt, und viele Soldaten standen, theils bewaffnet, theils
in bequemer Ruhe, umher. Der Pater Assistent, begleitet von dem
Brigadier und den Pionniers, fhrte hier ein merkwrdig Schauspiel
auf. Nieder mit dem Bilde, das hier die Heiden unserm Heiland zu
Hohn und Spott errichtet haben! rief er mit wilder Begeisterung, in
seiner Hand selbst ein Beil schwingend; nieder mit dem Gtzenbilde
eines wahnsinnigen Opferdienstes! der elende Franziskaner hat euch, ihr
Verblendeten, nur vorgespiegelt, da diese Riesengestalt euern Erlser
vorstelle; er hat aber den Teufel hinein gebannt, wie die heidnischen
Mexikaner in den grlichen Huitulopochtuli! -- Vergebung der Snden
dem, der mit thtiger Hand hier angreift, wie ich! Nieder mit dem
Zauberblendwerk des verruchten Bettelmnchs!

Er fhrte den ersten Streich nach dem Bilde des Erhabenen, dessen
Jnger er sich doch prahlend selbst nannte, und zwanzig Fuste wtheten
wie der Blitz gegen die ehrwrdige Gestalt. Sie sank zerstckt in den
Rasen. Ihre Trmmer flogen in das wilde Feuer des angezndeten Hauses,
das der schadenfrohe Soldat mit allem erdenklichen Muthwillen, sammt
dem Garten, verwstete, weil seine Hoffnung, Schtze darinnen zu
finden, vereitelt worden war. An stillen Tugenden war das Thal reich
gewesen, an Gold und Edelsteinen rmer als das Grab. -- James, obgleich
von dem emprenden Auftritte, den er mit angesehen, unwillig erregt,
wie von dem rohen Geheul, womit die Soldaten, um das Feuer tanzend,
das unsinnige Fest beschlossen, fhlte eine wohlthuende Empfindung in
seiner, von der Unschuld seines Pflegers berzeugten Brust. Ich wute
es ja wohl! sagte er zu sich selbst. Irren mochte er in seinem Leben,
ein Schurke war er nie; und in der Tugend Frieden schied seine Seele,
wenn ihn auch ein Raubthier, ferne von unsrer Hlfe, zerfleischte!

Mit zufriedenem Herzen machte er sich auf den Rckweg, unfhig, dem
Soldatentumulte lnger zuzusehen. Seine Eile erregte indessen Verdacht.

Warum luft der Kamerad? fragten sich zwei vorberstreifende
Portugiesen, und: Halt! rief eine Patrouille dem Eiligen zu. Der
Corporal hielt ihm die Pike vor. Wo ist dein Quartier? dein Posten?

Dort beim Piket, ihr Leute!

Bist unbewaffnet, Patron, und ein Auslnder? -- Welche Fragen!
-- Halt da! das Feldgeschrei! -- Die Jungfrau und alle Heiligen,
antwortete James auf gut Glck. -- Gefehlt! halt! Du bist ein
maskirter Bursche, ein Spion! halt ein!

Man ergriff den Entdeckten. In seiner Bestrzung kam eine englische
Verwnschung ber seine Lippen. Heda! rief ein alter Soldat, der
einst auf einem englischen Schiffe gefangen gelegen, das ist englisch,
meine Freunde, die Ketzersprache! Bindet den unchristlichen Jungen!
-- Aber, meine Brder...! -- Der Satanas ist dein Bruder! fuhr
ihn der Corporal an, ich bin aber entweder verrckt, oder du bist der
Deserteur, dessen Steckbrief uns auf dem Marsche hieher mitgetheilt
wurde.

Sennor Corporal!

Aha, nun wird er hflich. Beim heiligen Tufer! Seht selbst,
Kameraden! Gro, schlank; dunkle Haare, ernsthafter und kecker Blick,
ohne Schnauzbart, ein Englnder! Er ist's, wir haben die achttausend
Rees verdient, die auf seinen Fang gesetzt sind!

Wie? fragte James, ber Georgs drohende Zukunft erschrocken, nachdem
der Jubel der geldhungrigen Soldaten sich gelegt hatte. Ihr sucht den
Englnder? Ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt?

Ja, beim heiligen Jakob! hie die Antwort. Wir htten nicht
nachgelassen, dich zu suchen, Ausreier, damit ein Beispiel gegeben
werde.

Mein Gott! seufzte James fr sich, Georg in dieser Nhe, in solcher
Gefahr? und Justinens Verzweiflung!... Freunde! setzte er schnell und
entschlossen hinzu, das Schicksal und die Reue berliefert mich euren
Hnden. Was wird mit mir geschehen? Ei, die Excellenz wird dich zu
deinem Regiment schicken. Bereite dich indessen zum Letzten. Httest du
blos der Fahne und dem Knig den Eid gebrochen, kmst du mit Prgeln
davon, aber du hast deinen Fhndrich geschlagen, und das kostet dir das
Leben! James schauderte. So macht es denn kurz, sagte er kalt und
resignirt, fhrt mich zu eurem Commandeur! ich bin derjenige, den ihr
sucht!

Vergngt und lrmend brachten ihn die Soldaten nach dem Quartiere
des Brigadiers. Mitten in der Nacht brachte ein aus den Banden
entsprungener Neger die Nachricht von des Jnglings Geschick, und
wie er sich darein ergeben, in Franzisco's Lager. Wohl bekomm's dem
Ueberlufer! sagte Fernandez trocken, und kmmerte sich weiter nicht
darum, mit wichtigeren Angelegenheiten beschftigt. Einen bei weitem
tiefern Eindruck machte die Kunde der Begebenheit auf Georg, auf den
Senator; einen unbeschreiblich bittern auf Justine. James! rief
sie, mit dem ihr eigenthmlichen Scharfsinn errathend, _wie_ alles so
gekommen, wit ihr denn, meine Lieben, da er sich fr unser Wohl
hingegeben? O wie diese That ihn so glnzend aus dem zweideutigen Nebel
seiner Vergangenheit hervorhebt! Wie wohlthuend diese Kunde in ihrer
Bangigkeit zu meinem Herzen spricht! Wre es mglich? sagte der
Senator, whrend Georg nachsinnend und betrbt vor sich hinstarrte,
wre er dazu berufen, sich immer fr die zu opfern, die seinem Herzen
weh thaten? die seinen liebsten Hoffnungen ein Hinderni waren? _er_
dazu bestimmt, Georg von einer drohenden Gefahr zu retten?

Gewi! gewi! versetzte Justine mit leuchtendem Auge, zweifeln Sie
nicht, mein Vater, sonst lugnen Sie den Edelmuth in der Menschenbrust!
Die wildeste Gefahr droht uns. Wenn morgen der Feind dieses Thal
erstrmt, wenn sie Georg gefangen htten, auf welchen ihre Blicke
gerichtet waren? Jetzt glauben sie ihr Opfer zu halten. Jetzt ist ihre
Aufmerksamkeit beruhigt. Jetzt knnen wir hoffen, whrend der muthige
James hingeht, um fr den dankbarsten Freund in das Gefngni zu
treten.

Sagen Sie: den Todesplatz! rief Georg mit heftiger Bewegung in
ihre Rede, Gefngni bt nicht das Vergehen gegen den knechtischen
Gehorsam, das ich verbte. Darauf steht der Tod!

Justine wurde fast ohnmchtig. Krampfhaft packte sie Georgs, des
Vaters Hnde. Der Tod? stammelte sie: Entsetzlich! Grlicher als
ich je gefrchtet! Den Tod? Herr Georg! Fr Uns soll er sterben? Nein!
das drfen wir nicht zugeben! Vom Arrest htte ihn Frsprache, einst
vielleicht unser Geld, endlich gewi die Zeit befreit.... aber den Tod
leiden? Nein! nein! guter James! es mte kein Tropfen warmen Bluts in
unsern Adern rinnen, wenn wir hier noch zgern knnten! Kommen Sie,
Vater! kommen Sie, Herr Birsher!

Wie? wohin? fragten Beide staunend. Das muthige Mdchen fuhr
aufgeregter fort: Hinber in's portugiesische Lager, zu den Fen
des Commandanten! ihm alles zu entdecken, bei ihm um des armen Mannes
Freiheit zu betteln! Doch nein, setzte sie bei, ihr Mnner versteht
die Sprache der Bitte nicht; ihr seid nicht thtig, nicht stark in
eurer trgen Betrbni. Das Unglck rhrt euch nicht, wie es das
Weib ergreift! -- Bleibt! _ich_ will gehen! allein! unbeschtzt,
unbewacht! Es mte kein Gott ber uns leben, wenn ich nicht zum
Befehlshaber drnge! Ich kann freilich nicht wimmern, nicht weinen,
nicht schmeicheln; ich habe es nie gelernt; aber der Wahrheit wird
der Commandant nicht widerstehen, und der Portugiese wird die
Ritterlichkeit gegen Damen nicht verlernt haben!

Tochter! rief Mssinger, sie zurckhaltend. Was wollen Sie
beginnen? ermahnte Georg. In tiefer Nacht? des Wegs unkundig? Durch
unsre und des Feindes argwhnische Posten? Der Tod lauert auf Sie. Sie
betrben uns durch diesen Entschlu zum Sterben! Justine warf einen
sehr ernsten Blick auf ihn, und entgegnete: Monsieur, ich verstehe
Sie nicht, ich werde an Ihrem Herzen irre. Wissen Sie nicht mehr, da
James meinen Vater gerettet? da er mich ber Land und Meer gefhrt
hat? mich, Ihre Braut? _er_, der mich liebte? auf dessen Liebe ich
jetzt erst stolz werde? Zu diesem Allen mgen Sie wissen, da ich ihm
herzlich gut war, da ich ihn jetzt doppelt ehre, nachdem so Vieles
ausgeglichen, nachdem er diese Heldenthat begonnen! Und Sie, der
starke, besonnene Mann, Sie, den ich vorzog aus Ueberzeugung, Sie
knnen mir verwehren....?

_Weil_ ich besonnen bin, fiel Georg gekrnkt und heftig ein, wenn
Sie gleich an meinem ehrlichen Herzen zweifeln sollten!

Justine! bat der Senator mit all' der Lebendigkeit, die ihm sonst
zu Gebote gestanden, wenn du die Worte des Freundes nicht hrst, so
vernimm die des Vaters. Was Georg Birsher nicht sagt, mu _ich_ sagen.
Deine heftige Begeisterung fhrt dich und uns in's Verderben! Geh hin!
verrathe durch deine vergebliche und unbesonnene Frbitte deinen besten
Freund, deinen Brutigam. Weihe _ihn_ dem Tode, weil er an dir hing,
und nicht weiter vor seinen Widersachern floh. James Unschuld mu an
den Tag kommen. Sein Regiment wird ihn nicht erkennen, seine Tuschung
entdecken: die Menschlichkeit des Statthalters ihn mit leichter Strafe
belegen. Alles wird dann gut, und des Jnglings Bewutsein verst ihm
tausendfach die Haft. Du willst das gefhrliche Spiel umkehren. Um
den wenig bedrohten Freund zu retten, schleppst du den biedern Georg
in's Grab; Georg, den du achtest und ehrst, -- Georg -- dessen Weib du
werden sollst, -- Georg, den du liebst, innig liebst, -- wenn sich auch
dein Gefhl hinter die Maske der gleichgltigen Frmlichkeit flchtet.

Justine stand wie eine Bildsule, mit niedergeschlagenen Augen. Nicht
so hart! bat Georg den Vater. Mssinger fuhr jedoch, wie oben, fort:
Ich wei, da ich dein Herz verwunde; aber es ist von Erz, und mu
stark berhrt werden, soll die Glocke wohlthtigen Klang geben. Sieh,
Justine, welchen Jammer du mir bereitest. Ich habe Alles verloren:
Habe, brgerliche Ehre, mein eigenes Bewutsein. Alles gut zu machen,
habe ich nur _Dich_. Von der Heimath, dem lieblosen Weibe und meinen
Gtern geschieden, ist mein einzig Glck noch in der Hoffnung auf
deinen Ehebund gegrndet. Willst du durch den raschen, unberlegten
Schritt uns Alle verderben? dich zur Beute des Soldaten, -- _ihn_ auf
Georg deutend, -- zum Schlachtopfer, und mich zum verwaisten Greis
machen?

Die heftige Rede erschtterte die Tiefen in Justinens Brust. Eine
Fluth von Thrnen scho aus ihrem Auge, sie warf sich an des Senators
Brust, und schluchzte: Vergeben Sie, grausamer Vater, ich hatte das
nicht bedacht! ich bin ja nicht bse; um Gotteswillen; wie mchte
ich, ohne zu schaudern, daran denken, den Herrn hier zu opfern, der
mir so -- werth, so achtbar ist? Glauben Sie das von mir? setzte sie
fragend, und zu Birsher gewendet, bei, und mitten durch den Schmerz
ihres Antlitzes zuckte ein anmuthiges Lcheln, das Georgs trben Ernst
besiegte, da er ihre Hand ergriff, und sagte: Bewahre mich der
Allmchtige, da ich solches von meiner Braut glauben knnte. Diese
Stunde hat von der Vortrefflichkeit Ihres Herzens ein neues Zeugni
gegeben, und fr James bin ich unbesorgt, denn aus den Wolken hat der
Herr Ihren -- den heiligsten -- Schmerz gesehen. Des jungen White
Angedenken folge Ihnen unverkmmert in meine Heimath! Fern sei es von
mir, es zu verwischen, meines Retters Gedchtni, und wenn wir zur
Heimath gelangen, und wenn Gold seine Fesseln brechen kann: mein ganzes
Vermgen sei nicht zu viel, die Riegel seines Kerkers aufzuschlieen:
mein Haus nicht zu klein, den Vertriebenen auf ewig aufzunehmen!

Nicht also, Herr Birsher, sagte Justine gemigt; es sei uns eine
Freude, in der Ferne sein Glck zu begrnden; doch in unserer Familie
weile er nicht. Ich wrde Sie und mein eigen Gefhl beleidigen, wollte
ich, indem ich dieses sage, einer eingebildeten, unmglichen Schwche
mitrauen. Ich bin eisern fest und eisern treu, mein Herr! aber James
wrde unglcklich, und -- Sie werden sehen, -- ich mte seinen
Charakter nie gekannt haben, -- oder er schlgt unsern Antrag rund aus
dem Felde, ginge es ihm noch so schlimm.

Es ist beinahe sonderbar, versetzte Mssinger mit leichtem Lcheln,
da wir hier so ernsthaft bereden, wie wir das Glck eines Menschen
machen wollen; und uns selbst umschliet ja noch die Wste, uns selbst
blht nicht die Hoffnung, jemals in den sichern Port von New-York
zu gelangen, .... wir selbst sind eher dem Schicksale unterworfen,
unter der Portugiesen Sbel zu fallen, als jemals frei zu werden! Der
gute, arme Mnzner ist uns wahrscheinlich auf dem Wege zum Himmel
vorangegangen, und uns fehlt noch die Heimath!

Ach, das se Vaterland! seufzte Georg in seinem vaterlndischen
Idiome.

Gesegnet sei es! antwortete ihm eine Mannsstimme in denselben Lauten.
Georg erkannte beim Schimmer der Laterne den Landsmann und Schulfreund,
Harry Haverly. Dessen Gefhrten traten vorsichtig und leise auch herbei.

Gott sei gedankt, da ich Euch hier finde, fuhr Harry fort, das
weissagt uns ein gutes Glck, das wir nicht gehofft.

Was soll die rthselhafte Rede? fragte Georg entgegen. So wit Ihr
denn nicht, sagte Harry, da seit lnger als einer halben Stunde der
alte Bettelmnch mit seiner ganzen Schaar in aller Stille abgezogen?
Vor einigen Minuten kam, nachdem sich unsere Wache verloren, ein
Neger, der uns die Kunde brachte, unsere Bande lste, und sich eiligst
davon machte. Wir gingen auf's Gerathewohl umher, berathend, was wohl
anzufangen sei, als ich das englische Wort hrte, das mein Herz erbeben
machte. Wie kommt es jedoch, da Ihr nicht zu den Abgezogenen gehrt?

Man hat uns mit Vorbedacht zurckgelassen! entgegnete Georg nach
einigem Ueberlegen: in's Himmels Namen denn! Wer bis hierher half,
wird auch weiter helfen.

So ist denn das Unglck noch nicht mde, uns zu verfolgen! brach
der Senator mit Unwillen aus. Justine beruhigte ihn durch ihren Muth.
Mein lieber Vater! sagte sie: folgten wir denn bisher dem Glcke?
Welches war unser Loos im Gefolge jenes alten Priesters? Flucht und
Verfolgung; wie _vor_ dem Einfall der Portugiesen ein Zwang, der dem
freien Herzen widersteht. Wir sind uns jetzt selbst berlassen. Bessern
konnten wir nicht anvertraut werden; mit uns wird der Herr sein! Vater!
Herr Birsher! fassen Sie einen Entschlu, wie er sich auch gestalte;
vergessen Sie in mir das zrtere Weib. Ich werde Alles unternehmen,
weil es gilt, meinen schwachen Vater zu untersttzen.

Der Entschlu sollte nicht schwer fallen, meinte Harry Haverly: wir
vier bieten unsre Hnde zur schnellsten Flucht, wenn Sie es nicht
vorzgen, nach dem portugiesischen Lager zu gehen, oder den Einmarsch
der Soldaten in dieses Thal zu erwarten, der sich nach Tagesanbruch
nicht verzgern drfte. Es steigen Raketen aus dem benachbarten Thale
auf, ohne Zweifel ein Zeichen fr nachrckende Truppen. Nein! nicht
zu den Portugiesen! riefen Justine und der Senator mit besorgten
Blicken auf den gefhrdeten Georg.

So folgen Sie uns, entgegnete Harry Haverly: Wir haben triftige
Grnde, die Bekanntschaft jener Herren zu frchten. Unsere Papiere
und unsere Sendung sind nicht die richtigsten. Wir sind die Agenten
einer Handels-Compagnie, die sich gebildet, um die spanischen und
portugiesischen Besitzungen, die so sorgfltig vor uns geheim gehalten
werden, zu erforschen, und zu erwahren, wie hoch sich im Besonderen
der Reichthum an Metallen und edeln Steinen belaufen mge. Wir sind
Alle von New-York, und kehren dahin zurck, weil wir hier die Grenzen
_unserer_ Mission berhrten. Ist es Ihnen gefllig, meine Freunde,
unserem Trupp sich anzuschlieen, so verbrge ich eine gute, fast
bequeme Reise an den Strand. Die grere Zahl macht grern Muth, und
einem Landsmann sammt seinen Freunden zu helfen, ist unsere Pflicht.

Ihr seid falsche und unrichtige Gesellen, sagte hierauf Birsher
mit gerunzelter Stirne: mit Sphern und Pa-Fabrikanten, und in
Katholiken vermummten Protestanten habe ich nicht gerne zu thun: ich
mag's Euch nicht verhehlen. Da jedoch Gottes Hand uns so sichtlich hier
zusammenfgte, mag's geschehen, wie du meinst.

Eine groe Ehre, wackerer Georg! erwiderte Harry Haverly lachend.
Du warst von jeher ein steif und altklug gehender Bursche. Du siehst
jedoch, da dein gerader Gang dich nicht um ein Haar breit weiter
brachte, als uns die Schlangenlinie. Wir sind dem Sittenprediger nicht
bse, und denken, er werde zu besserer Einsicht kommen.

Wollen wir uns auf den Weg machen, so denke ich, wir thun es
alsobald! rief Mssinger ungeduldig: Auf, meine jngern Freunde! wenn
mein altes Herz nach Freiheit drstet, -- wo bleibt Eure Sehnsucht?

Alle erklrten sich bereit. Werden Sie nicht zu schwach sein, allein
zu gehen, mein Vater? fragte Justine. Sttzen Sie sich auf meinen
Arm, Ich ermde nicht unter dieser Last.

Lasse mich! antwortete Mssinger. Ich fhle mich stark; Glieder,
Herz und Gewissen frei und leicht. Sollte ich dennoch ermatten, -- ein
Blick auf meine beherzte Tochter wrde mich schnell erkrftigen.

Von den Streiflichtern des nahenden Morgens gefhrt, betraten die
Wanderer die Pfade, auf welchen die New-Yorker Diamantenspione
hergekommen waren. Haverly wute mit ziemlicher Bestimmtheit den Weg
zurck zu finden: Die Schwierigkeiten huften sich nach und nach. Mhen
und Bedrfnisse wurden fhlbar. Alles jedoch berwand der menschliche
Muth im Verein mit der gtigen Natur. Hatte ein steiniger Absturz die
Fe der Wanderer gelhmt, und ihre Geduld erschpft -- flugs breitete
sich ein herrlicher Wiesenteppich aus, sie zu vershnen. Hatte glhende
Sonne ihren Scheitel versengt, schnell erstanden vor ihnen duftende,
hallende Schatten des Waldes. Qulte sie Hunger, die nchsten Bsche
gaben wohlschmeckende Frchte; peinigte sie der Durst, -- der nchste
Fels gab einen Waldstrom, einen silbernen Quell. Sie flohen die Nhe
wilder Menschenhorden, -- das wilde Thier ging ihnen aus dem Wege, und
von Tag zu Tag wuchs ihr Vertrauen, und ihre -- selbst des verwundeten,
von Justinen's Hand gepflegten Georgs -- Kraft. Da stiegen sie endlich
hernieder aus den Gebirgen in die Thler, in das trauliche Dorf, in
die stille Pflanzerwohnung, wo neben dem Flei, der Gengsamkeit und
der Frmmigkeit, auch die Gastfreundschaft zu Tische sitzt, und als
sie an die erste Kirche kamen, wurden ihre Gefhle noch milder und
erhebender. Die Protestanten standen entblten Haupts, mit andchtigen
Mienen, vor dem Tempel der feindlichen Religionspartei, die Gegenwart
des Allmchtigen, dem sie zu danken hatten, in diesen Rumen, wie in
ihren eigenen Kirchen, ahnend. Der Senator betrat allein das kleine
Gotteshaus, warf sich nieder vor dem schlechten Bilde des Altars: er
war, wie das Kirchlein, der heiligen Clara geweiht. Hier betete er zu
dem Ewigen mit Worten, hier in Gedanken und Gefhlen zu der Clara, die
er auf Erden gekannt, die er in dem Himmel verehrte. Hier gewann er
neues Vertrauen auf eine leitende Vorsehung; _hier_ nahm er Abschied
von dem Cultus, dem er nur kurze Zeit, im Verborgenen, angehrt. Denn
ihm bednkte, als ob Clara's Stimme aus den Wolken riefe: Dein Unglck
begann, seit du falsch gegen mich gewesen. Du hast gebt, und der
Glaube, den du damals leichtsinnig gelogen, hat dir die Bue recht
schwer gemacht. Ermuthige dich jedoch, tritt aus dem Kreise, der dich
nur wie ein Zauber umschlieen konnte. In meiner seligen Wohnung ist
nur _eine_ Wahrheit. Getrost! wir werden uns wiederfinden.

Aus der Kirche getreten, warf sich Mssinger an der Tochter, des
Eidams Brust, und sagte heftig, aber gerhrt: Nehmt mich jetzt hin,
meine Kinder. Ich bin jetzo wieder ganz der Eurige geworden. Nehmt den
Bettler hin, und macht mich wieder reich im Abglanz Eurer Liebe!

Nun ging es im Fluge vorwrts, denn in einem von bevlkerten
Ortschaften entlegenen Meierhofe fanden die Herren Haverly und
Compagnie ihre Wagen, mit rstigen Pferden bespannt. Immer mehr dem
Uferlande sich nhernd, jauchzten die Reisenden ihrem Ziele entgegen.
Kein gefrchteter Alkade, -- sie bckten sich alle vor dem Namenszuge
des kniglichen Statthalters auf dem zweifelhaften Passe, -- hinderte
die Fahrt. Nirgends ein Soldat von dem Milizenregimente, in welchem
Georg hatte dienen, die Messe besuchen und leiden mssen. Unverrckt
ging eben und gerade der ersehnte Weg. Dort lag endlich der Hafenort,
umsplt von schumender Meeresbrandung. Dort flatterten die Wimpel des
vertrauten Amerikanerschiffs. Keine Zeit wurde verloren. Die Agenten
schlossen ihre Berichte, die Schiffer ihre Fsser und Kisten. Birsher
fhrte triumphirend Braut und Vater auf das erwnschte Fahrzeug. --
Hier ist schon Heimathboden! rief er frhlich, und Alle dankten dem
Lenker ber den Sternen, als der letzte Ballen, der letzte Passagier,
an Bord gekommen. Die Anker wurden gelichtet, die Flaggen aufgezogen,
und hinaus in das ruhige Meer trieb der von siegreichen Hoffnungen
befrachtete Kiel. Die See war gndig, wie der Himmel es bisher gewesen.
Die Fahrt war mit Segen bekrnzt. In kurzer Zeit wurde die Strecke
zum Asyle zurckgelegt. Endlich -- an einem lieblichen Morgen, --
kaum hatte die Sonne die Nebel berwunden, -- ri sich die Ansicht
einer freundlichen Stadt vor den entzckten Reisenden auf. Hier die
Rhede, dort der Flaggenthurm; hier die Festung mit ihren Fahnen und
blinkenden Waffen, dort die lebendigen Landungspltze: Gewimmel von
Schiffen um sie her, -- wehende Wimpel, blendende Segel! die Kanonen
donnern von Schiff und Kastell. Hurrah! rufen die ungeduldigen
Matrosen. New-York! ruft Georg Birsher, und drckt frohlockend, und
allen frmlichen Zwang vergessend, die geliebte und liebende Justine
an die Brust. Stadt, Festung, Hafen und das darinnen webende Volk,
ankerhaftende Schiffe und bewegliche Meereswellen nimmt der Edle zu
Zeugen des Eides, den er ablegt, seine Liebe glcklich zu machen, --
und Georg Birsher hat nie sein Wort gebrochen.

       *       *       *       *       *

Es waren mehrere Jahre verflossen, als sich eines Abends, bei noch
funkelndem Sonnenglanze, mehrere Reiter dem Dorfe Santa Dominica
nherten. Drei derselben, bewaffnete Diener, wie es schien, blieben
ehrfurchtsvoll hinter dem Vorausreitenden, der, ein junger Mann, mit
vernarbtem, kriegerischem Gesichte, eine goldverzierte Uniform unter dem
schlichten Mantel bergend, bald schnell ritt, die Gegend wie mit
begeisterten Augen berschauend, bald langsam, den trben Blick zu Boden
schlagend. Die Diener schwiegen, wie die von Arbeitern leeren Felder,
und der Herr sprach leise mit sich selbst. Dort liegen die neuen,
muntern Htten! sagte er, der Ort, den ich, auf la Guasta, in dem
Thale des guten Jesus stehend, mit klopfendem Herzen herbeiwnschte, er
ist da. Werde ich ihn wieder froh verlassen, den ich froh und ahnend
betrete? Da sind die bekannten Wege; dort steht die Kirche, dort liegt
des Pfarrers Hof! Ehrwrdiger Luis! Wo bist du, du mein Trster?

Der edle Mann war heimgegangen. Frische Tamarinden, die er so sehr
geliebt, beschatteten sein Grab mit leichtem Blttergewebe. Unter dem
Thore seiner ehemaligen Wohnung stand ein Anderer: ein Geistlicher,
mit vornehmem, flachem Gesichte; rauchte seine Cigarre, grte den
Reiter herablassend, und sendete ihm, da dieser betrbt vorberzog,
eine Dienerin nach, ihn zur Herberge einzuladen. Die Magd trug
abiponische Zge. Der Offizier redete mit ihr. Wo ist Euer Pfarrer
Luis? -- Dort! antwortete das Weib und deutete gen Himmel und nach
dem Kirchhof. -- Des Reiters Auge wurde na. Ich habe nichts mit Eurem
jetzigen Pfarrer zu schaffen, sagte er, wiewohl milde. Danke ihm,
mein Kind, in meinem Namen, und sage du mir, wo ich die schne Ines
finden mag. Sie ist aus deinem Stamme, wie mir bednkt. -- Ines,
Herr? Wir heien Alle Ines. -- Die Tochter Euers Kaziken, die einst
verlorne Misinga?

Das Weib zeigte nach einem seitwrts liegenden hbschen Meierhofe,
von Palmen umweht. Fragt dort nach Misinga, Herr! sagte die Magd
und ging gleichmthig davon. Der Reiter trieb das Pferd; in einer
Minute stand er am Gatter des Hofs; ein Mann kam freundlich entgegen,
lftete den Strohhut. Fernandez Vereira! rief der Ankmmling, vom
Pferde springend. -- Sennor White! antwortete der Andere, und bot
ihm freundlich die Hand. Ihr hier? Ihr da? wiederholten Beide einige
Male, und in den schattigen Vorsprung des Gebudes, zu herrlichem
Weine, zog den Offizier der Meier. Die Flucht aus Egypten bekam
mir wohl, sagte er zu dem Besucher; wir verbargen uns hier, unter
den Flgeln des wackern Luis. Mein Vater erhielt in der Folge seine
Begnadigung, und lschte dann seine Lampe. Ich bin hier geblieben, --
ein schlichter Bauer, -- und mir wrde zu dem Glcke meines Lebens
nichts fehlen, htte ich den lieben Vater, htte ich den Pfarrer Luis
noch, die beide fast an einem Tage in's ewige Vaterland gingen.

Beneidenswerthester! entgegnete James, schwermthig seine Hand
drckend. Mich Armen flieht das Glck, wenn's mich auch noch mit
mehreren Goldgalonen bekleidete. Ich hatte mich fr Freund Georg
hingegeben. In San Sebastian wurde meine List entdeckt. Der Kommandeur,
gerhrt und menschlich, gab mir schnell die Freiheit, und der
Statthalter, eine That bewundernd, die doch so natrlich war, verlieh
mir den Rang eines Sergeanten. Meines Pflegers, meiner Hoffnungen in
der alten wie in der neuen Welt beraubt, schlug ich ein, und trug die
Hellebarde heldenmthig fr den Knig, den ich nicht kenne, fr das
Land, das ich nicht liebe. Es war aber von jeher mein Loos gewesen,
das thun zu mssen, dem mein Herz widerstrebte, und die Erlsung von
des Lebens Fesseln suchte ich in dem kriegerischen Stand. Auch diese
Hoffnung trog. In den Gefechten mit den widerspenstigen Eingebornen
suchte ich den Tod, und fand Rang und Ehre. Ich bin Capitn geworden,
knnte alle Freuden des Lebens genieen, -- verschmhe sie, und suche
sie hier -- hunderte von Meilen von St. Sebastian entfernt -- in der
Erinnerung an eine schmerzlich-se Zeit. Ich finde jedoch nur Grber!

Auf ihnen wchst das Gras, wie einst auf den Unsrigen, bemerkte
Fernandez: Lat indessen auch Gras ber den Argwohn und Verdacht
wachsen, den ich vor Zeiten gegen Euch und Eure Freunde hegte. Ich habe
Eure Handlungen wrdigen und weiser sein gelernt... Was ist aus diesen
Freunden geworden, mein biedrer Herr?

Mein Pflegvater ist nach Deutschland zurckgekehrt, versetzte James
seufzend: zu spt, als schon Soldatenpflicht mich band, erfuhr ich
es. Ich htte ihn nie verlassen. Der Senator lebt bei seinen Kindern
in New-York, wie ich vernahm; und glcklich, wie es heit, hat sich
Aller Loos gestaltet. Ach, wie wnsche ich es ihnen! Mag mir der Himmel
zrnen, wenn er nur Justinen lacht. In ihrer und ihres Gatten Tugend
liegt der Segen, -- nicht in Birshers Reichthum, nicht in Mssingers
Banknoten, die --

Die er verlor, fiel Fernandez ein: Luis Verwendung ntzte nicht. Die
Vter des Collegiums zu Assumcion lugneten das Leben des Senators,
prunkten mit dem Testamente, und haben, es zu vollstrecken, die Sennora
Mssinger zu Cordova bei den Carmeliterinnen einkleiden lassen.

Justine? fragte James bestrzt: ich falle aus den Wolken! Ist's ein
Scherz oder ein unbegreifliches Rthsel?

Eine begreifliche Bosheit, antwortete Fernandez mit verchtlichem
Achselzucken, wenn es wahr ist, was Vater Luis behauptete: da das
Provincialat zu Cordova eine Franzsin, die Euch hierher begleitet, und
sich in der Mordnacht auf dem Schiffe der Jesuiten gerettet, gezwungen
habe, unter dem falschen Namen der Sennora Mssinger in jenes Kloster
zu treten.

Abscheulich!

Und nicht zu bezweifeln. Luis verlumdete nicht, und war selbst nach
Cordova gereist. Die Ueberzeugung, da weder Mssinger noch seine
Tochter jemals wiederkehren wrden, ihre Ansprche zu behaupten,
die Begierde nach den bedeutenden Summen des Testaments waren die
Triebfedern, und die schwere Ordensregel hindert das arme Schlachtopfer
der trgerischen Willkr auf ewige Zeiten, ihre Beschwerden ffentlich
zu machen!

O! So hat auch diese, in den Netzen, die sie weben half, befangen,
ihre Strafe gefunden! sagte James, nachdenkend vor sich hinstarrend:
der Fluch, der diese Werkzeuge verfolgt, lt in mir fast nicht die
Hoffnung aufkommen; raubt mir fast den Muth, Euch, mein verstndiger
Fernandez, nach der schnen Ines, der Tochter des abiponischen
Oberhauptes zu befragen.

Ines? Des Kaziken Tochter? Was fhrt Euch zu dieser Frage?

Ich bin des Einsiedlerlebens zu St. Sebastian mde geworden. Dort
habe ich kein Herz gefunden, mit dem ich, was das Schicksal mir gab,
theilen mchte. In Paraguay hat mir einst von Glck getrumt, -- von
einem Glcke, das ich schnde abgewiesen, um eines Schattens willen,
der zerflo; um einer Hoffnung willen, die entschwand. Freund! ich will
offen gegen Sie sein, mich redlich aussprechen. Misinga-Ines hat mich
einst geliebt, mir's gestanden. Das Andenken ihrer Unschuld, ihrer
liebenswrdigen Neigung, ist lebendig vor mich hingetreten. Wie mich
einst, durch rthselhaften Traum verkndet, das Bild der Versagenden
in die Gebirge lockte, weit von der Gewhrenden weg, so zog mich
jetzo das Bild dieses holden Indianerkindes ber Berg und Thal, Strom
und Savanne. Hier soll ich es finden. In Eurem Hause soll ich seinen
Aufenthalt erfahren. O sagt ihn mir. Bei Ines allein kann mein Herz
gesunden; das wunde an einem liebenden. Zu ihren Fen will ich die
Gter des Lebens niederlegen, sie beschwren, mein eitles Glck mit mir
zu genieen; ihr Gatte sein, von ihr beweint hinbergehen!

Er hatte im Feuer der Rede Fernandez Hand ergriffen, dessen Stirne sich
verdsterte, whrend sein offenes Auge eine bekmmerte Freundlichkeit
aussprach. Langsam entzog der Spanier dem Bittenden die Hand, stand
auf, schlug sinnend die Augen gegen die Decke, berlegte einen Moment,
whrend James Blicke bittend an den Seinigen hingen, und sagte hierauf
mit ernstem aber bewegtem Tone: Kommen Sie mit mir, Sennor, ehe ich
Ihnen antworte. --

James erschrak vor diesem Tone. Sie sprechen wie ein schauerliches
Orakel! sagte er bange: soll ich Ihnen zu einem Grabe folgen? zu den
Wohnungen Ihrer Vter? Ach! der Muth des Soldaten besteht nicht vor
solchem Anblicke!

Statt einer Antwort winkte ihm Fernandez noch einmal, schweigend,
zu folgen. Mit Anstrengung, mit ahnendem Widerwillen that es der
Capitn. Sie gingen durch das Haus, nach einem reizenden Gebsch, das
den Hofraum begrnzte. An blhenden Algaroven und Mondblumen vorber,
traten sie vor eine stille dunkle Laube. Auf dem Rasensitz darinnen
ruhte ein schner als alle Blumen blhendes Weib. Es schlummerte, und
an ihrer Brust hing mit geschlossenen Augen ein lchelnder Sugling.

Ines! seufzte leise -- denn seine Brust vermochte, zusammengeschnrt,
keinen lauten Ton zu geben, -- der Capitn, und fuhr erbittert gegen
sein Geschick, beschmt vor dem Glcklichen, zurck. -- Mein Weib!
sagte Fernandez leise und schonend. Er wollte hingehen und die
Schlummernde wecken. Mit Riesenkraft, sich ermannend, ri ihn James von
der Stelle weg. Um aller Heiligen Willen! bat er auer sich: haltet
ein, Fernandez. Strt nicht ihren Frieden, mehrt nicht meinen Schmerz.
Den offenen Augen dieses verscherzten Engels mte ich unterliegen.
Nennt ihr meinen Namen nicht, damit sie glcklich sei. Ich bin fertig
mit den Freuden der Erde. Lebt wohl! Hinaus in die Savannen, in die
Felsgebirge, mit der Handvoll Staub, die zertreten werden mute, um die
Blumen fremden Doppelglcks zu treiben! --

Er schwang sich wie rasend, ohne auf Fernandez Zureden zu hren, auf
sein Ro, und die Diener hatten Mhe, dem Zurckeilenden zu folgen, so
spornte er das Thier, so trug ihn der Wind. Die vor die Htte tretenden
Abiponer, -- der Tage ihrer wilden Kraft sich wohlgefllig erinnernd,
priesen den unerschrockenen Reiter; er hrte aber nicht ihr Lob, er sah
nicht mehr die Grber der Freunde, nicht mehr die Pracht der Felder,
und wilder als die Thiere der Haide die vor ihm flohen, ritt er mit dem
Staubwirbel, mit den Wolken der Nacht um die Wette; aber, allenthalben
auf seinem Rosse hinter ihm, sa der dunkle brennende Schmerz.

       *       *       *       *       *

  Der Pater Xaver Mnzner an den Hochwohlgebornen Herrn Baronet James
  White, Major unter dem 2ten Milizregiment zu St. Sebastian.

                                    Aus dem Profehause, im Jahre 1733.

  Auf die Adresse gehrt der Titel; in der Rede gebrauche ich ihn
  nicht bei dir, mein geliebter Sohn. Konnte doch der Majorrang dich
  meinem Herzen nicht nher bringen. Knnte ich dir doch mit dem
  demthigsten _Sie_ nicht die Hlfte der Freude ausdrcken, die dein
  Brief in meine Einsamkeit brachte; oder den Dank dafr. Schreibe es
  daher meiner Nachlssigkeit, meiner Gleichgltigkeit nicht zu, da
  diese Antwort erst nach mehreren Jahren erfolgt. Bis heute haben Zeit
  und Raum mich verhindert, mit dir zu reden; wovon in der Folge ein
  Mehreres. Zuerst von dir, mein Sohn! Ich habe Freude an dir, denn du
  dienst einem frommen Knige, der das Irdische geringer schtzt, als
  das Ewige, und, um vollkommener Salomo zu sein, nur mit dem heiligen
  Vater zu Rom mehr Frieden halten sollte. -- Du bist vom niedern
  Stande zu einem glnzenden heraufgestiegen, und die Wrdigkeit ist
  in dir belohnt worden: freue dich dessen, denn in der Welt mu Macht
  und Ansehen sein, und dem Diener des Knigs, wie dem Knige selbst,
  gebhrt Ehrfurcht, so lange Beide vor Gott wandeln, und nicht aus den
  Grnzen ihres Rechts treten; widrigenfalls sie natrlich und leider
  den ursprnglichen Rechten ihrer Untergebenen verfallen mssen. --
  Das ist nicht von dir zu frchten. Du bist gottgefllig, ein milder
  Herr. Woher also der Unfriede, der dich qult? Das Gefhl, so man
  Liebe zum Weibe nennt, ist freilich ein blindes, wie es auch bereits
  die Poeten und Bildner des Alterthums in Figuren und Gedichten
  dargestellt haben; aber dein Alter, guter James, sollte schon ein
  hellsehendes sein. Wohl gethan ist's zu freien, sagt ein heiliger
  Mann, aber besser, es zu lassen. _Zwecklose_ Liebe ist jedesmal sogar
  verwerflich.

  Danke dem Himmel, da er dich von der Protestantin ri: sie
  htte deine Seele verderbt; danke ihm, da er die Indianerin
  dir nahm, denn sie verehrt den Heiland und die Mutter wie eine
  Gtzendienerin, und kennet den ewigen Vater nicht. Ich kann auch
  nicht glauben, da in der That dein Herz noch bluten sollte, ob
  dieser eingebildeten Wunden. Du bist zu vernnftig dazu, und es
  mchte nur ein Selbstbetrug sein, der dich mit Kummer beschwert.
  Ich halte dafr, da diese Bekmmerni eine Bue sei, die dir der
  gndige Vater auferlegte, weil du nicht gethan nach seinem Befehl
  und deinem Versprechen. Du fhltest dich freilich nicht geschickt,
  in unsere Gesellschaft zu treten; ich selbst -- bereuend gestehe
  ich's -- redete dir zu einer Zeit das Wort, da ich in deinen Glauben
  mich verwickelt hatte, und vor deinem Widerwillen schauderte. Ich
  armer einfltiger Mensch! Dem gereizten Herzen eines Jnglings ohne
  Ziel vertraute ich, -- nichttrauend der Macht und der Gnade unsers
  Erlsers, der auch das widerspenstigste -- ja, das unwrdigste der
  Gefe zu heiligen vermag. Gedenke Sauls, der ein Held des Glaubens
  wurde, nachdem er dessen Feind gewesen. Darum hat der Herr Plage
  ber dich gesendet, die nur eine aufrichtige Reue haben kann, und
  die Lossprechung vom Gelbde, die dir, um der Bue willen, nicht
  der General unsers Ordens, nicht der heilige Vater zu Rom versagen
  werden. Gehe darber mit dir zu Rathe, und meide den Stand der Ehe,
  damit du wenigstens in diesem Punkte dem Herrn geweiht bleibest.
  Du wirst dann den Frieden gewinnen. -- Deine Leiden fhren mich
  von selbst auf das bewundernswerthe Schicksal, das Uns Alle
  betroffen hat; auf die unerforschlichen Wege der Vorsehung. Auch
  der Leichtsinn der Lainez hat seinen Lohn gefunden, aber -- wie aus
  allen Zchtigungen des Himmels das Heil erwchst, so wird auch _sie_
  in ihrer gottseligen Schwesterschaft daran nicht immer verzweifeln
  drfen. -- _Meine_ Seele endlich hat ausgelitten durch die Gnade
  des Hchsten und die Bemhungen eines wrdigen Mitbruders, der mein
  Beichtvater geworden ist. Irrthum und Zweifel waren meine Verbrechen,
  und die Ursachen meiner Schmerzen. -- Sieh, lieber James! Ich war
  ein lenksamer, gehorchender Mann bis zu der Stunde, da mich Gott
  und meiner wrdigen Obern Wille zu einer Sendung berief, der meine
  Krfte nicht gewachsen sein konnten, da ich vom Pfade abirrte. Ich
  bin nie gehssig gewesen: ich habe nie den Neid empfunden, nie eine
  Verfolgung angestiftet. Ein reines Wohlwollen fr alle Menschen
  beseelte mich. Ich war -- ein Fnfziger -- noch ein gutmthiges Kind,
  aber ein schwaches. Der Schwester letzte Bitte zu erfllen, nahm
  ich's ber mich, den Senator und seine Tochter selig zu machen. Sie
  verdienten's, diese Menschen: aber mein Uebermuth hat sie und mich
  verdorben. Was ich an ihnen zu thun begann, wagte ich fr mich, zu
  meiner eigenen Zufriedenheit zu thun, und dieses war mein Vergehen
  gegen die Pflicht, nur fr den Zweck des Allgemeinen zu arbeiten,
  nur im Sinne und zum Vortheil des Ganzen, der heil. Gesellschaft,
  der ich angehre, zu wirken. Daher alle folgende Uebel, mit denen
  uns der Herr heimsuchte, zu dessen grerer Ehre allein wir handeln
  sollen, -- den ich aber verga, um eigener Schpfung Behagen zu
  finden. So wie ich thtig fr mich selbst wurde, trat ich aus des
  Ordens Schranken, und mute dann, wie ein aus seiner Bahn geworfener
  Stern, meinem Schicksale folgen. -- Das ist mir erst seit einigen
  Jahren klar geworden, da mein Irrthum geschwunden war, der in Europa
  schon begonnen, der sich in der neuen Welt ausgewachsen. Ach,
  jene neue Welt war auf dem Punkte, mich gnzlich von der Mutter
  loszureien. Jenem gefhrlichen Boden entkeimt auch Gefahr fr eine
  schwache Seele! Man glaubt, dort mit hellen Augen zu sehen, wie Gott
  die herrlichsten Gaben der Natur an Christen und Heiden spendet,
  gleichsam ohne Unterschied; wie der blindeste Gtzendiener ruhig
  stirbt, wie nur der frmmste Diener des Herrn. Man gerth leicht
  in Versuchung, zu glauben, diese Unchristen mchten selig werden,
  wie wir: man mchte zweifeln an dem, was die Satzungen der Kirche
  sagen. Aber, -- indem man zweifelt, reit uns schon der Strudel
  der Verderbni mit fort, und, htte mich nicht das Pflichtgefhl
  erhalten, auch ich wre untergegangen.

  Von dem Senator frchte ich dieses, und wnsche, du knntest mir
  das Gegentheil berichten. Denke dir, wie schmerzlich es fr mich
  sein mte, den Mann, um dessen Seligkeit ich fast die meinige
  geopfert htte, wieder versinken zu sehen! Und dennoch kann ich
  nichts Anderes hoffen! Ich, das Werkzeug, wollte sein selbststndiger
  Retter sein, und nur zu wahrscheinlich ist's, da eben darum mein
  wichtiges Werk in Staub zerfallen mu. Justine -- das vielleicht
  berufene und erwhlt gewesene Mdchen -- scheint verloren. -- Ihr
  Starrsinn htte sich vielleicht unter die Gesetze der mildesten
  Kirche gebeugt; aber -- verbunden mit dem Amerikaner Birsher, der
  -- ein klares, aber kaltes Gestirn, -- seine Bahn zieht, giebt sie
  keine Hoffnung mehr! -- Wer wei indessen, was die Zukunft verbirgt?
  Der Herr hat Justine, den Senator und Herrn Birsher groen Prfungen
  unterworfen. Sie haben in Wildnissen die Entbehrung und Gengsamkeit
  kennen gelernt; -- sie haben unter wthenden Heiden die Nichtigkeit
  des Lebens eingesehen; -- sie haben Fassung und Geduld gebt; sie
  konnten bemerken, welchen Segen in barbarischen Regionen unsere
  ehrwrdige Kirche durch ihre ehrwrdigste Gesellschaft verbreitet.
  Ihrer heiligen Schutzengel Schuld ist's nicht, wenn dieser gute
  Saame nicht in der Folge gute Frchte trgt. Manchmal, lieber James,
  ist mir zu Muthe, als mte ich ber's Meer hinfliegen, wo sie, die
  Leute, die ich immer noch liebe, wohnen; als mte ich, von der
  feurigen Apostelzunge entflammt, zu ihnen reden, sie berzeugen...!
  aber -- Gott will es nicht, meinem frherem Uebermuthe zur gerechten
  Strafe. Ich beuge mich daher seinem Willen, und wrde, wre ich
  selbst ein kleiner Vogel, nicht durch die Stbe meiner Fenster
  entfliehen! -- Ach, James, ich sehe jetzt erst, da ich schrieb, was
  ich dir verheimlichen wollte, und was ich -- vielleicht um in deinem
  Mitleiden zu schwelgen -- nicht mehr ausstreichen mag. So wisse es
  denn: Sie haben mich gefangen gesetzt, und werden mich freilassen,
  wenn einmal der Provinzial es gut heit. Sie haben mir bewiesen, da
  _ich_ die geheime Gemeinde und den Orden blo gegeben; da _ich_
  jenes Unternehmen zerstrt, da _ich_ dich der Gesellschaft abwendig
  gemacht, da ich pflichtwidrigen Gedanken und Worten Raum gegeben,
  da ich dieselben verbreitet. -- Ich mute endlich Alles zugeben,
  und danke von Herzen meinen Vtern und Brdern die milde christliche
  Strafe; sie konnten dem alten Snder das Kleid nehmen, und haben's
  nicht gethan, sie konnten mich verstoen, oder in einen feuchten
  Kerker, dunkel und schaurig, sperren, und sie haben mich behalten;
  ich sitze in einer warmen Zelle; leibliche Speise bringt mir der gute
  Litzach, der -- Wittwer und kinderlos geworden -- unser Pfrtner
  ist. -- Geistlichen Trost bereitet mir mein ehrwrdiger Beichtvater.
  Ich sehe freilich sonst keinen Menschen, aber dafr meinen innern;
  ich hre kaum etwas von der Welt, -- aber -- ist's denn auch der
  Mhe werth? Whrend im Reiche Polen und Sachsen und Frankreich Krieg
  brennt, wohne ich im stillsten Frieden, lese die Bcher geistlicher
  Autoren, die Lebensbeschreibungen der heiligen Mrtyrer und unsrer
  Ordenslichter, -- und denke zuweilen ber die Seele hinaus -- an dich
  und an Mssinger -- dann an meine guten Eltern und die arme Clara
  ber den Sternen, -- und endlich an die Zeit, da ich sie Alle dort
  oben wiederfinden werde. Wenn ich meinen Beinen glaube, die -- der
  gewohnten Bewegung ermangelnd -- mir dann und wann den nthigsten
  Dienst versagen, so drfte bald die Hlle fallen; _noch_ schlgt
  jedoch das Herz gesund, und der Geist brennt hell genug, dein Bild
  vor meine trbern Augen zu bringen. Der Brief, den du mir durch den
  Kaufmann gesendet, hat, vermittelst des guten Litzachs, den Weg in
  meine Klausur gefunden; in's Geheim; denn dazumal lebte der alte
  Superior noch, der mich zu meinem Heil unter der strengsten Aufsicht
  hielt. Dieser Brief war mein Labsal, meine tgliche Erquickung am
  Morgen und am Abend. Du bist ja der einzige Mensch, der mich liebend
  mit der Auenwelt, -- ach -- mit der fernsten -- zusammenhlt!
  Empfange daher auch liebend diese Zeilen, die mir, zu schreiben, der
  neue Superior, -- ein stiller Mann von vielem Kummer und Leiden, --
  erlaubt, und zu befrdern versprochen hat. Vielleicht ist dieser
  Brief, an dem meine zitternde Hand schon eine Woche schreibt, --
  mein letzter Pulsschlag an dich; verzeihe also dem alten Vater die
  weitschweifige Lnge. Wenn ich jedoch noch tausend Worte hinzusetzen
  wollte -- sie wrden alle heien: Sei glcklich! ich liebe dich! ich
  bete fr dich!

                                                          _Xaver._

       *       *       *       *       *

Dieses Schreiben eines nicht minder geliebten, einem grausamen Loos
verfallenen Mannes, der mit kindlicher Unbefangenheit und Hingebung
dieses Loos duldete, es sogar, in blinder Pflicht versinkend, gerecht
nannte, erschtterte im tiefsten Gefhle den Empfnger. Sich den
Fesseln des Dienstes entreiend und den reinsten Sohnespflichten
Gehr gebend, verlie James Brasilien, kam nach Lissabon, ging mit
Empfehlungen des Patriarchen versehen, nach Rom, erbettelte vom
Jesuitengeneral und vom Pabste des Pflegevaters Freisprechung, --
brachte sie nach dem Profehause, wo der Unglckliche schmachtete. Er
hatte schon ausgelitten: Er hatte sich, mde, und getrstet im Glauben,
-- in die Erde gelegt. James fand ein Vermchtni vor, das ihm gehrte:
das in den letzten Jahren viel durchlesene Brevier des Verstorbenen.
Fr den Senator hatte Xaver das wohlgetroffene Bild der verewigten
Clara, das bisher an seinem Bette gehangen, bestimmt.

Dieses Bild gelangte -- eine Aussaat von vielen Thrnen -- in die
rechten Hnde. -- Den Namen des Baronets und Obristlieutenants James
White fand man spter auf der Liste der in der Schlacht bei Culloden
fr den Prtendenten gefallenen Offiziere.

                              _(Ende.)_




Funoten.

[1] Des Strauvogels Name in abiponischer Mundart.

[2] Johannisbrodbaum in Paraguay.

[3] Tiger.

[4] Heuschrecken. (Abiponische Mundart.)

[5] Eine zahme Leitstute, die eine Schelle am Halse trgt. Die Pferde
folgen diesem Klang.

[6] Balichu: der Teufel, das bse Prinzip.

[7] Darunter wird das Siebengestirn verstanden, das eine Zeit hindurch
nicht am Himmel Sdamerikas gesehen wird. Die Abiponer nennen die
Sterne ihre Vorfahren.

[8] Spottname der Spanier, oder im Allgemeinen der Europer, um ihrer
Augenbraunen willen erfunden.

[9] Die Abiponer behandeln in der Regel ihre Gefangenen menschlich.




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    | Anmerkungen zur Transkription:                               |
    |                                                              |
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    | Cabinett, gibt - giebt, Plane - Plne, Alcade - Alcalde)     |
    | wurden beibehalten, sofern sie beide um 1855 gebruchlich    |
    | waren.                                                       |
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    | S. 4, "kein n" durch "keinen" ersetzt                        |
    | S. 4, "eintr" durch "einer" ersetzt                          |
    | S. 9-11, "Jakobine" durch "Jacobine" ersetzt                 |
    | S. 15, "ihnen" durch "Ihnen" ersetzt                         |
    | S. 17, "lungernten" durch "lungerten" ersetzt                |
    | S. 18, "Ballustrade" durch "Balustrade" ersetzt              |
    | S. 18, "Dir Senator" durch "Der Senator" ersetzt             |
    | S. 18, "Wer sind die" durch "Wir sind die" ersetzt           |
    | S. 20, "her Gefahr" durch "der Gefahr" ersetzt               |
    | S. 20, "ihrer" durch "Ihrer" ersetzt                         |
    | S. 21, "lies" durch "lie" ersetzt                           |
    | S. 26, "Wagen" durch "Wangen" ersetzt                        |
    | S. 32, "er" durch "Er" ersetzt                               |
    | S. 44, "pickende" durch "tickende" ersetzt                   |
    | S. 46, "Hiemit" durch "Hiermit" ersetzt                      |
    | S. 52, "ein" durch "eine" ersetzt                            |
    | S. 55, doppeltes "und" entfernt                              |
    | S. 69, "glaubige" durch "glubige" ersetzt                   |
    | S. 73, "Widersehens" durch "Wiedersehens" ersetzt            |
    | S. 74, "floen" durch "flossen" ersetzt                      |
    | S. 75, "Wiede finden" durch "Wiederfinden" ersetzt           |
    | S. 76, "Jakobinens" durch "Jacobinens" ersetzt               |
    | S. 77, "peofitirt" durch "profitirt" ersetzt                 |
    | S. 86, "Stappel" durch "Stapel" ersetzt                      |
    | S. 90, "an- aufnehmen" durch "an- und aufnehmen" ersetzt     |
    |         (wie in anderen Ausgaben des Buches)                 |
    | S. 94, "begleitete" durch "begleiteten" ersetzt              |
    | S. 95, "Uns" durch "uns" ersetzt                             |
    | S. 115, 116, 121 "erwiederte" durch "erwiderte" ersetzt      |
    | S. 122, "ihr" durch "Ihr" ersetzt                            |
    | S. 128, "Visittenrobe" durch "Visitenrobe" ersetzt           |
    | S. 133, "Rathause" durch "Rathhause" ersetzt                 |
    | S. 134, "das" durch "da" ersetzt                            |
    | S. 142, "laure" durch "laufe" ersetzt                        |
    | S. 144, "niederauschen" durch "niederrauschen" ersetzt       |
    | S. 144, "Sentorstimme" durch "Stentorstimme" ersetzt         |
    | S. 159, "verwies ihm" durch "verwies ihn" ersetzt            |
    | S. 168, "Trapir" durch "Tapir" ersetzt                       |
    | S. 174, "Widerspendige" durch "Widerspenstige" ersetzt       |
    | S. 178, "Asumcion" durch "Assumcion" ersetzt                 |
    | S. 179, "Mitbruder" durch "Mitbrder" ersetzt                |
    | S. 179, "sturzen" durch "strzen" ersetzt                    |
    | S. 180, "Frne" durch "Ferne" ersetzt                        |
    | S. 180, "versenkten" durch "versengten" ersetzt              |
    | S. 185, "viel" durch "viele" ersetzt                         |
    | S. 185, "gefesset" durch "gefesselt" ersetzt                 |
    | S. 191, "Ihnen" durch "Ihren" ersetzt                        |
    | S. 192, "Worten" durch "Worte" ersetzt                       |
    | S. 199, "Wchten" durch "Wchtern" ersetzt                   |
    | S. 200, "Umd" durch "Und" ersetzt                            |
    | S. 202, "Franziska" durch "Franzisko" ersetzt                |
    | S. 203, "des Hhen" durch "der Hhen" ersetzt                |
    | S. 203, "des Wanderes" durch "des Wanderers" ersetzt         |
    | S. 207, "rie" durch "ri" ersetzt                           |
    | S. 208, "den Huser" durch "den Husern" ersetzt             |
    | S. 215, "grern" durch "grern" ersetzt                    |
    | S. 220, "Herzens" durch "Herzen" ersetzt                     |
    |                                                              |
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License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

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have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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