The Project Gutenberg EBook of Der Amateursozialist, by Bernhard Shaw

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Title: Der Amateursozialist
       Roman

Author: Bernhard Shaw

Translator: Wilhelm Cremer

Release Date: October 8, 2014 [EBook #47077]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER AMATEURSOZIALIST ***




Produced by Peter Becker, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net





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                             Bernard Shaw




                         Der Amateursozialist

                                 Roman


                       Gustav Kiepenheuer Verlag

                             Potsdam 1921


                    _Aus dem Englischen bersetzt_

                                  von

                            Wilhelm Cremer

                        _Autorisierte Ausgabe_

    Druck der Buchdruckerei Gustav Ascher G. m. b. H., Berlin SW 61




Erstes Kapitel.


In der Dmmerung eines Oktoberabends trat eine nervs aussehende Frau
von etwa vierzig Jahren durch eine Eichenholztr auf einen breiten
Flur, der sich im ersten Stockwerk eines alten englischen Landhauses
befand. Eine Haarlocke war ber ihre Stirne gefallen, als ob sie
tiefgebckt beim Lesen oder Schreiben gesessen htte, und sie stand
jetzt einen Augenblick still, um sie zurckzustreichen, und starrte
nachdenklich -- aber durchaus nicht trumerisch -- durch das hohe,
schmale Fenster. Von der Pracht des Sonnenuntergangs konnte sie nichts
sehen, denn dieses Fenster ging nach Osten zu, wo die Landschaft mit
ihren Schaftriften und Weidegrnden langsam in dem trben, grauen
Dunkel versank.

Die Dame blieb eine Zeitlang unschlssig auf dem Flur stehen, wie
jemand, der nur selten Ruhe und Frieden genieen kann. Dann ging sie
auf eine andere Tr zu, auf der in weien Buchstaben Klassenzimmer
Nr. 6 geschrieben stand. An der Schwelle machte sie aber wieder
halt, da sie im oberen Stockwerk eine flsternde Stimme hrte, und
blickte vorsichtig an dem breiten, runden Gelnder hinauf, das in
einer ununterbrochenen Kurve und in gleichmiger Neigung durch alle
Stockwerke des Hauses lief.

Eine jugendliche Stimme, die offenbar jemand nachffte, erscholl jetzt
von oben. Bitte, meine Damen, wir gehen nunmehr zu den =Etudes de la
vlocit= ber.

In demselben Augenblick scho ein Mdchen in einem Leinenkleid an dem
Gelnder herunter. Sie wirbelte in furchtlosem Schwung um die Kurve und
verschwand unten in der Dunkelheit. Ein stattliches Mdchen in Grn,
das beim Abwrtsgleiten ngstlich den Atem anhielt, folgte ihr, und
dann kam eine schon fast erwachsene Dame in Schwarz, die mit den Zhnen
auf ihre Unterlippe bi und entsetzt ihre schnen braunen Augen aufri.
Ihr Flug erregte einen Miniatursturmwind, der die Haare der Dame auf
dem Flur von neuem in Unordnung brachte. In atemloser Aufregung wartete
sie, bis ein zweimaliges leichtes Aufspringen und ein schwereres
Hinplumpsen des groen Mdchens ihr zeigten, da die Luftschifferinnen
glcklich im Hausflur gelandet waren.

Himmel! rief die Stimme, die auch vorhin gesprochen hatte. Da ist
Susanna.

Sie knnen Gott danken, da Sie nicht den Hals gebrochen haben,
entgegnete eine aufgeregte Stimme. Diesmal erzhl ich es MiߠWylie!
Wirklich, ich tu es. Und Sie, MiߠCarpenter: ich wundere mich, da Sie
bei Ihrem Alter und Ihrer Gre nicht mehr Vernunft haben! MiߠWilson
mu Sie ja hren, wenn Sie so aufplumpsen. Das ganze Haus zittert.

Ach, Unsinn! sagte MiߠWylie. Die Lady Abbe htet sich, uns jedes
Gerusch zu verbieten. Jetzt wollen wir --

Mdchen, sagte die Dame oben mit ruhiger, aber unheilvoll fester
Stimme.

Schweigen und uerste Bestrzung folgten. Dann antwortete MiߠWylie in
honigsem Tone. Riefen Sie uns, _liebe_ MiߠWilson?

Ja. Bitte, kommen Sie alle drei herauf.

Sie zauderten eine Weile, da jede der andern den Vortritt anbot.
Zuletzt kamen sie alle drei herauf, in derselben Reihenfolge, in der
sie heruntergeflogen waren, nur nicht in derselben Schnelligkeit. Sie
folgten Mi Wilson in das Klassenzimmer und standen in einer Reihe vor
ihr, whrend vom Westen her aus den drei Fenstern sie ein orangerotes
Licht berstrahlte. MiߠCarpenter, die grte von den dreien, glhte
vor Verwirrung. Sie lie die Arme herunterhngen und spielte mit den
Fingern an den Falten ihres Kleides. MiߠGertrude Lindsay, die in
blasses Seegrn gekleidet war, hatte einen kleinen Kopf, eine zarte
Figur und perlenfeine Zhne. Sie stand aufrecht da, mit dem Ausdruck
khler Verachtung fr Vorwrfe jeder Art. Das Leinenkleid der dritten
Snderin, das in dem grauen Zwielicht des Treppenhauses gelb gewesen
war, sah jetzt im Zimmer in der warmen Abendglut wei aus. Ihr Gesicht
hatte einen glnzenden, olivenfarbenen Ton und schien wie von einem
goldenen Flimmer berzogen. Ihre Augen und Haare waren nubraun, und
ihre Zhne, deren obere Reihe sie offen zeigte, waren wie aus feinem
Marmor. Sie standen brigens ziemlich nach auen und htten ihren Mund
verunziert, wren sie nicht von einer vollen Unterlippe und einem
fein geschwungenen, etwas dreisten Kinn getragen worden. Ihrem halb
schmeichelnden und halb spttischen Gesicht und ihrem schnellen Lcheln
konnte man nicht leicht ernst entgegentreten. MiߠWilson wute das, und
sie wollte sie nicht ansehen, selbst als sie ein krampfhaftes Auffahren
und einen rgerlichen Seitenblick MiߠLindsays bemerkte, die von ihrer
Nachbarin gezwickt worden war.

Sie wissen, da Sie die Regeln bertreten haben, sagte Mi Wilson
ruhig.

Es war nicht unsere Absicht. Wirklich nicht, sagte das Mdchen in dem
Leinenkleid in schmeichelndem Tone.

Bitte, MiߠWylie, was war denn Ihre Absicht?

Mi Wylie nahm dies unerwarteterweise als eine witzige Entgegnung und
nicht als einen Vorwurf auf. Sie stie einen komischen Schrei aus, der
in einen langen Ausbruch von Gelchter berging.

Agatha, wollen Sie wohl still sein! sagte Mi Wilson streng. Agatha
machte ein zerknirschtes Gesicht, und MiߠWilson wandte sich hastig
zu der ltesten von den dreien. ber Sie, MiߠCarpenter, bin ich am
meisten erstaunt. Sie scheinen keine Lust zu haben, mir Ihr Wort zu
halten und sich nach den Regeln zu richten, obgleich Sie alt genug
sind, um deren Notwendigkeit einzusehen. Ich werde Sie nicht mit
Vorwrfen oder Bitten belstigen, denn ich bin jetzt berzeugt, da
Sie sich doch nichts daraus machen -- hier brach Mi Carpenter nach
einem stummen Protest in Trnen aus -- aber Sie sollten wenigstens die
Gefahr bedenken, in die Sie die jngeren Mdchen durch Ihre Kinderei
bringen. Was wrden Sie sagen, wenn Agatha ihr Genick gebrochen htte?

Oh! rief Agatha und fate sich schnell mit der Hand nach ihrem Nacken.

Ich glaubte nicht, da eine Gefahr dabei sei, sagte MiߠCarpenter,
mit ihren Trnen kmpfend. Agatha hat es schon so oft getan -- oh,
mein Gott, du hast mir das Kleid zerrissen! MiߠWylie hatte ihre
Mitschlerin am Rock gezogen, und der Ruck war zu stark gewesen.

MiߠWylie, sagte MiߠWilson leicht errtend, ich mu Sie bitten, das
Zimmer zu verlassen.

O nein, schrie Agatha und faltete betrbt die Hnde. Bitte, tun
Sie es nicht, liebe MiߠWilson. Es tut mir so leid. Ich bitte Sie um
Verzeihung.

Da Sie nicht tun wollen, um was ich Sie bitte, mu ich selbst gehen,
sagte MiߠWilson streng. Kommen Sie mit in mein Arbeitszimmer, fgte
sie, zu den beiden andern gewendet, hinzu. Wenn Sie versuchen sollten,
mir zu folgen, Mi Wylie, werde ich das als eine Zudringlichkeit
ansehen.

Aber ich will ja gehen, wenn Sie es wnschen. Ich wollte Ihnen nicht
ungehorsam --

Ich werde Sie jetzt nicht stren. Kommen Sie beide!

Die drei gingen hinaus, und Mi Wylie, die in Ungnade zurckblieb,
schnitt MiߠLindsay ein grimmiges Gesicht, als diese sich noch
einmal nach ihr umsah. Als sie allein war, lie ihre Lebhaftigkeit
nach. Sie ging langsam zu dem Fenster und blickte verzweiflungsvoll
auf die Landschaft. Einmal, als von oben der Klang der Stimmen zu
ihr herunterdrang, leuchteten ihre Augen auf und ihre flinke Lippe
bewegte sich. Aber dann wurde es wieder still, und sie versank in eine
verdrieliche Gleichgltigkeit, bis ihre zwei Genossinnen mit sehr
ernsten Gesichtern wieder hereinkamen.

Nun, sagte sie pltzlich munter, hat sie moralische berredung
angewandt? Mt ihr euch in das Sndenbuch eintragen?

Still, Agatha, sagte MiߠCarpenter. Du solltest dich ber dich
selber schmen.

Nein, du solltest es, du Gans. Du hast mich in eine hbsche Patsche
gebracht!

Du warst es selbst schuld. Du hast mein Kleid zerrissen.

Ja, als du mich verklatschtest, weil ich manchmal das Gelnder
heruntergleite.

Oh! sagte MiߠCarpenter langsam, als ob sie daran noch gar nicht
gedacht hatte. Deshalb hast du mich am Kleid gezogen?

Mein Gott! Das wird dir jetzt erst klar? Du bist ein schrecklich
bldsinniges Mdchen, Jane. Was hat die Lady Abbe gesagt?

Mi Carpenter begann wieder zu weinen und konnte nicht antworten.

Sie ist natrlich entrstet ber uns, sagte Mi Lindsay.

Sie sagte, du wrest an allem schuld, schluchzte Mi Carpenter.

Oh, Liebste, das macht nichts, sagte Agatha begtigend. Schreib es
in das Sndenbuch.

Ich schreibe kein Wort in das Sndenbuch, wenn du es nicht zuerst
tust, sagte MiߠLindsay rgerlich. Du hast mehr Schuld als wir.

Gewi, Liebste, entgegnete Agatha. Meinetwegen eine ganze Seite.

Ich -- ich glaube, du schreibst _gern_ in das Sndenbuch, sagte
MiߠCarpenter hmisch.

Ja, Jane. Das ist der beste Spa, den man hier in diesem Loch hat.

Es mag dir Spa machen, sagte MiߠLindsay scharf, aber fr mich ist
es nicht sehr rhmlich, wie MiߠWilson grade sagte, da ich in der
Moralphilosophie einen Preis bekommen habe und dann einschreiben mu,
ich wte mich selbst nicht zu benehmen. Auerdem la ich mir nicht
gerne sagen, ich sei schlecht erzogen.

Agatha lachte. Was fr eine kluge, alte Person sie ist! Sie wei uns
stets bei unseren kleinen Schwchen zu fassen, die sie genau kennt.
Meinst du, sie wrde jemals mir oder Jane erzhlen, wir wren schlecht
erzogen!

Ich verstehe dich nicht, sagte MiߠLindsay stolz.

Natrlich nicht. Du verstehst aber von der Moralphilosophie nicht
soviel wie ich, trotzdem ich niemals einen Preis darin bekam.

Du hast berhaupt noch keinen Preis bekommen, sagte Mi Carpenter.

Und hoffentlich bekomm ich auch in Zukunft keinen, sagte Agatha.
Lieber wrde ich mich wie die Straenjungens im Schnee um
heigemachte Pfennige herumbalgen, als mich darum streiten, wer die
meisten Fragen beantworten kann. Ich habe genug Moralphilosophie an
Doktor Watts. Aber jetzt wollen wir uns das Sndenbuch holen.

Sie ging an ein Gestell und holte ein schweres, in schwarzes Leder
gebundenes Buch in Quartformat herunter, auf dem in roten Buchstaben
die Inschrift _Meine Vergehen_ stand. Sie warf es unehrerbietig auf ein
Pult und bltterte die Seiten um, bis sie an eine kam, die erst zum
Teil mit Bekenntnissen ausgefllt war.

Merkwrdig, sagte sie, hier sind ja zwei Eintragungen, die nicht von
mir herstammen. Sarah Gerram! Was hat sie gebeichtet?

Lies es nicht, sagte MiߠLindsay schnell. Du weit, das ist das
Schndlichste, was eine von uns tun kann.

Puh! Wegen unserer kleinen Snden braucht man nicht solches Geschrei
zu machen. Ich habe es immer gern, wenn andere meine Eintragungen
lesen, ich komme mir dann wie eine Schriftstellerin vor. Natrlich
lese ich dann aus christlicher Nchstenliebe auch das von den andern.
Also das Schuldbekenntnis der armen Sarah. >1. Oktober. Es tut mir
sehr leid, da ich heute morgen im Badezimmer Mi Chambers einen Klaps
gab und ihr dabei einen Zahn ausschlug. Es war sehr hlich, aber er
fiel schon von selbst aus, und sie hat mir verziehen, weil ein neuer
kommt. Sie hat auch nur geschwindelt, als sie sagte, sie htte ihn
heruntergeschluckt. Sarah Gerram.<

So ein Schaf! sagte MiߠLindsay. Und mit solchen kleinen Kindern
mu man sich in dasselbe Buch einschreiben!

Hier ist ein rhrendes Bekenntnis. >4. Oktober. Helen Plantagenet tut
es sehr leid, da sie gestehen mu, sie hat den ersten Platz in Algebra
gestern mit Unrecht erhalten. MiߠLindsay sagte mir vor, und --<

Oh! rief MiߠLindsay errtend aus. So dankt sie mir fr das
Vorsagen? Wie darf sie _meine_ Vergehen in das Sndenbuch eintragen?

Das geschieht dir recht, weil du ihr vorgesagt hast, sagte
MiߠCarpenter. Sie war immer eine falsche Katze, und du httest sie
besser kennen sollen.

Oh, du kannst mir glauben, ich tat es nicht um ihretwillen,
entgegnete MiߠLindsay. Ich wollte nur verhindern, da das
Jackson-Mdchen den ersten Platz bekam. Helen Plantagenet kann ich
nicht ausstehen, aber sie ist wenigstens eine Dame.

Unsinn, Gertrude, sagte Agatha mit etwas Ernst in ihrer Stimme. Wenn
man dich hrt, glaubt man, deine Gromutter ist eine Kchin gewesen.
Sei doch nicht so albern.

MiߠWylie, sagte Gertrude heftig errtend, Sie sind sehr -- oh!
oh! Halt Ag-- oh! Ich werde es MiߠW-- oh! Agatha hatte einen Finger
zwischen ihre Rippen gesteckt und kitzelte sie unertrglich.

Sst, flsterte MiߠCarpenter ngstlich. Die Tr ist offen.

Bin ich MiߠWylie? fragte Agatha, indem sie unbarmherzig mit ihrer
Folterung fortfuhr. Bin ich wirklich -- was du da sagen wolltest? Bin
ich --? bin ich --? bin ich?

Nein, nein, keuchte Gertrude und sank fast in Krmpfen in einen
Stuhl. Du bist sehr bse, Agatha. Du hast mir weh getan.

Du verdienst es. Wenn du mir noch einmal zrnst oder mich MiߠWylie
nennst, werde ich dich _tten_. Ich werde dir die Fusohlen mit einer
Feder kitzeln -- MiߠLindsay schttelte sich und verbarg ihre Fe
unter dem Stuhl -- bis deine Haare wei werden. Und jetzt, wenn du
wirklich solche Reue fhlst, schreibe dich in das Buch ein.

Du mut es zuerst tun. Du warst an allem schuld.

Aber ich bin die jngste, sagte Agatha.

Nun gut, sagte Gertrude in dem Bestreben, die Sache zu beschleunigen,
aber entschlossen, nicht zuerst zu schreiben, dann la Jane Carpenter
beginnen. Sie ist die lteste.

Oh, natrlich, sagte Jane mit klglicher Ironie. La Jane alle
hlichen Sachen zuerst tun. Ich halte das fr sehr unfreundlich. Ihr
bildet euch ein, Jane sei euer Narr, aber ihr irrt euch.

Du bist sicher nicht so nrrisch, wie du aussiehst, Jane, sagte
Agatha ernst. Aber wenn ihr wollt, will ich zuerst schreiben.

Nein, du sollst nicht, schrie Jane und ri ihr die Feder aus den
Hnden. Ich bin die lteste, und ich la mich nicht von meinem Platz
verdrngen.

Sie tauchte entschlossen die Feder in die Tinte und schickte sich an,
zu schreiben. Dann hielt sie inne, berlegte und machte ein verwirrtes
Gesicht. Schlielich wandte sie sich flehend an Agatha.

Was soll ich schreiben? fragte sie. Du verstehst dich auszudrcken,
ich nicht.

Setz zuerst das Datum, sagte Agatha.

Natrlich, sagte Jane, indem sie es schnell schrieb. Ich verga das.
Und dann?

Jetzt schreibe: Es tut mir leid, da mich Mi Wilson sah, als ich
heute abend das Gelnder hinunterglitt. Jane Carpenter.

Das ist alles?

Das ist alles. Oder du kannst auch noch etwas Selbsterfundenes
hinzufgen.

Hoffentlich ist es nicht unpassend, sagte Jane und warf Agatha einen
mitrauischen Blick zu. Doch es kann nichts Schlimmes dabei sein, denn
es ist die einfache Wahrheit. Wenn du mir aber wieder einen Streich
spielst, bist du ein hliches, gemeines Geschpf, und ich sehe dich
nicht mehr an. Jetzt kommst du an die Reihe, Gertrude. Bitte, sieh mal
nach, ob ich keinen Fehler gemacht habe.

Ich bin nicht dein Orthographielehrer, sagte Gertrude, indem
sie die Feder in die Hand nahm. Und whrend Jane etwas ber ihre
Ungeschliffenheit murmelte, schrieb sie in flotten, groen Buchstaben:
Ich habe die Regeln bertreten, indem ich heute mit Mi Carpenter und
MiߠWylie das Gelnder herunterglitt. MiߠWylie tat es zuerst.

Du Schuft! rief Agatha aus, die ihr ber die Schultern sah. Und
_dein_ Vater ist ein Admiral!

Ich glaube, es ist ganz aufrichtig, sagte Mi Lindsay
eingeschchtert, aber doch in dem Ton eines Sittenrichters. Es ist die
reine Wahrheit.

All mein Vermgen ist im Handel erworben, sagte Agatha, aber ich
wrde mich doch vor mir selber schmen, wenn ich meine Schuld auf deine
aristokratischen Schultern abwlzte. Du armseliges Ding! Hier, gib mir
die Feder.

Ich will es ausstreichen, wenn du es wnschst! Aber ich glaube --

Nein, es soll da stehen bleiben und gegen dich zeugen. Jetzt pa
auf, wie ich meine Snden bekenne. Und sie schrieb in einer feinen,
flinken Handschrift: Heute abend trafen mich Gertrude Lindsay und
Jane Carpenter oben auf der Treppe. Sie sagten, sie mchten gerne das
Gelnder heruntergleiten, und wrden es auch tun, wenn ich voranginge.
Ich sagte ihnen, es sei gegen die Regeln, aber sie meinten, das
machte nichts. Und da sie lter sind als ich, lie ich mich von ihnen
verleiten und glitt hinunter. Agatha legte das Buch offen hin. Nun,
was haltet ihr davon? fragte sie.

Sie lasen es und erhoben lauten Widerspruch.

Es ist die reine Wahrheit, sagte Agatha feierlich.

Es ist schmutzig, gemein, sagte Jane energisch. Erst wirfst du
Gertrude ihren Fehler vor und dann gehst du hin und handelst selbst
zweimal so schlecht! So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht
gesehen.

Ja, wer Wind st, wird Sturm ernten! heit es in unserm Lesebuch,
sagte Agatha und fgte ihrer Beichte noch einen weiteren Abschnitt
hinzu. Aber ich war an allem schuld. Ich war auch ungezogen gegen Mi
Wilson und weigerte mich, das Zimmer zu verlassen, als sie es mir
befahl. Ich war aber nur beim Hinabgleiten mit Vorsatz bse. Ich liebe
das Hinabgleiten so sehr, da ich der Versuchung nicht widerstehen
konnte.

La dich warnen, Agatha, sagte Jane eindrcklich. Wenn du
unverschmte Bemerkungen in das Buch schreibst, wirst du weggejagt.

Allerdings! entgegnete Agatha bedeutsam. Warte nur, bis MiߠWilson
sieht, was _du_ geschrieben hast.

Gertrude, schrie Jane in pltzlicher Besorgnis, hat sie mich
verleitet, etwas Ungehriges zu schreiben? Agatha, _bitte_, sag es mir,
wenn --

Eine Glocke ertnte. Die drei Mdchen riefen wie aus einem Munde
Futtern! und strmten aus dem Zimmer.




Zweites Kapitel.


An einem sonnigen Nachmittag trieb ein Hansom mit groer Schnelligkeit
die Belsize Avenue, St.JohnsWood, hinunter und hielt vor einem
groen, vornehmen Hause. Eine junge Dame sprang heraus, rannte die
Stufen hinauf und klingelte ungeduldig. Sie hatte einen brunlichen
Teint und scharfgeschnittene Gesichtszge, dunkle Augen mit langen
Wimpern, einen feinen Kopf, kleine Fe, Hnde mit langen, spitzen
Fingern und einen geschmeidigen und sehr schlanken Krper, der sich
mit schlangenartiger Anmut bewegte. Ein orientalischer Geschmack
schien die Farben ihrer Kleidung zusammengestellt zu haben. Sie trug
ein weies, eng anschlieendes Kleid, das mit kunstvollen chinablauen
Mustern bedruckt war, ferner einen gelben Strohhut, der mit knstlichem
Weidorn und roten Beeren bedeckt war. Die lohgelben Handschuhe
reichten bis an die Ellbogen und waren mit einer berflle von goldenen
Armbndern behangen.

Da die Tre nicht sofort geffnet wurde, klingelte sie in heftiger
Weise noch einmal und wurde gleich darauf von einem Mdchen
hereingelassen, das erstaunt schien, sie zu sehen. Ohne sich mit
einer Frage aufzuhalten, strzte sie die Treppen hinauf in das
Gesellschaftszimmer, wo eine gesundaussehende Matrone, deren Zge den
feinsten jdischen Typus zeigten, beim Lesen sa. Ein hbscher Knabe in
schwarzem Samtanzug war noch im Zimmer.

Mama, rief er, da ist Henrietta!

Arthur, sagte die junge Dame erregt, geh sofort hinaus. Und du
brauchst nicht wiederzukommen, bis du Erlaubnis bekommst.

Die gute Laune des Knaben verschwand, und er ging mrrisch hinaus, ohne
ein Wort zu sprechen.

Ist etwas passiert? fragte die Matrone und legte das Buch hin mit der
sorglosen Gleichgltigkeit eines erfahrenen Menschen, der einen Sturm
in einem Wasserglase voraussieht. Wo ist Sidney?

Fort ist er -- fort! Er hat mich verlassen! Ich -- Der jungen Dame
versagten pltzlich die Worte, und sie lie sich mit leidenschaftlichem
Schluchzen auf eine Ottomane hinsinken.

Unsinn! Ich glaubte, Sidney htte mehr Vernunft. Henrietta, sei nicht
so tricht. Ihr habt euch natrlich gezankt.

Nein! Nein!! Nein!!! schrie Henrietta und stampfte auf den Teppich.
Nicht ein Wort haben wir uns gesagt. Seit meiner Verheiratung habe ich
nicht ein einziges Mal meine gute Laune verloren -- ich schwr es dir
feierlich. Ich werde Selbstmord begehen, es gibt keinen andern Weg. Auf
mir liegt ein Fluch. Ich bin bestimmt, unglcklich zu sein. Er --

Schweig still! Was ist denn geschehen, Henrietta? Du bist doch
jetzt schon sechs Wochen verheiratet und darfst dich nicht wundern,
wenn einmal ein kleiner Zwist ausbricht. Du bist so leicht erregbar!
Du kannst aber nicht erwarten, da der Himmel immer wolkenlos ist.
Wahrscheinlich trgst du die Schuld, denn Sidney ist viel vernnftiger
als du. Hr mit Weinen auf und benimm dich wie eine verstndige Frau.
Ich werde selbst zu Sidney hingehen und alles wieder in Ordnung
bringen.

Aber er ist fortgegangen, und ich wei gar nicht, wohin. Oh, was soll
ich tun?

Was ist denn geschehen?

Henrietta machte eine ungeduldige Bewegung. Dann zwang sie sich dazu,
ihre Geschichte zu erzhlen, und sagte: Wir verabredeten am Montag,
ich sollte auf zwei Tage zu Tante Judith auf Besuch gehen, anstatt
ihn nach Birmingham auf diesen schrecklichen Gewerkschaftskongre
zu begleiten. Wir schieden im besten Einvernehmen voneinander. Er
konnte nicht herzlicher sein. Aber ich gehe in den Tod, mir ist jetzt
alles gleich. Und als ich Mittwoch zurckkam, da war er fort, und
dieser Brief -- Sie zog einen Brief aus der Tasche und weinte noch
bitterlicher als vorher.

La mich ihn lesen.

Henrietta zauderte, aber ihre Mutter nahm ihr den Brief ab, setzte
sich nahe ans Fenster und begann ihn zu lesen, ohne den heftigen
Schmerz ihrer Tochter im geringsten zu beachten. Der Brief lautete
folgendermaen:

                                                 Montag abend.

            Meine einzig Geliebte,

  ich bin fortgegangen, bersttigt von Liebe, und will mein eigenes
  Leben leben und meine eigene Arbeit tun. Ich htte Dich auf diese
  Absicht nur durch Klte oder Vernachlssigung vorbereiten knnen.
  Aber das war mir unmglich, solange der Zauber Deiner Anwesenheit auf
  mich wirkte. Darum mute ich fliehen, um mich selbst zu retten.

  Ich frchte, ich kann Dir fr meinen Schritt keine gengenden und
  verstndlichen Grnde angeben. Du bist ein schnes und kostbares
  Geschpf, das Leben gibt Dir nur dann volle Befriedigung, wenn es
  ein Karneval der Liebe ist. Mein Fall liegt grade umgekehrt. Bevor
  mir drei zrtliche Worte entschlpft sind, mache ich mir schon
  Vorwrfe wegen meiner Torheit und Unaufrichtigkeit. Bevor eine
  Liebkosung erkalten kann, regt sich schon in mir in strkster Weise
  das entgegengesetzte Gefhl. Ich mu wieder zu meinem alten, einsam
  strengen Einsiedlerleben zurckkehren, zu meinen trocknen Bchern,
  meiner Agitation fr den Sozialismus, meinen Entdeckungsreisen durch
  die Wildnis des Gedankens. Ich heiratete Dich in dem unsinnigen
  Glauben, ich htte auch jene natrliche Zuneigung, die andere Mnner
  eine lebenslange Ehe ertragen lt. Aber ich habe meinen Irrtum
  eingesehen. Du bist fr mich die lieblichste Frau von der Welt. Nun
  habe ich fnf Wochen lang mit der lieblichsten Frau von der Welt
  zusammengelebt, ich habe mit ihr geplaudert und gescherzt, und das
  Ende ist, da ich von ihr fliehe und in eine Einsiedelei gehe, bis
  ich sterbe. Die Liebe kann mich nicht beherrschen. Alles, was stark
  ist in mir, lehnt sich gegen sie auf und schttelt sie ab. Vergib
  mir, da ich Dir Unsinn schreibe, den Du nicht verstehst, und urteile
  nicht zu hart ber mich. Ich war gegen Dich so gut, wie ich es mit
  meinem selbstschtigen Wesen sein konnte. Suche mich nicht aus meiner
  Verborgenheit aufzustren, in der ich bleiben will und bleiben mu.
  Mein Anwalt wird Deinem Vater schreiben und alle geschftlichen
  Angelegenheiten in Ordnung bringen. Du sollst so glcklich sein, wie
  Wohlstand und Freiheit Dich machen knnen. Wir werden uns wiedersehen
  -- spter einmal.

            Leb wohl, meine letzte Liebe.

                                   Sidney Trefusis.

Nun? fragte Mrs.Trefusis, die durch ihre Trauen bemerkte, da ihre
Mutter den Brief gelesen hatte und voll Verwirrung nachdachte.

Wahrhaftig! sagte Mrs.Jansenius mit erregter Stimme. Glaubst
du, da er ganz richtig im Kopf ist, Henrietta? Oder hast du zuviel
Aufmerksamkeit von ihm verlangt. Die Mnner widmen nicht gerne ihr
ganzes Wesen ihren Frauen, selbst in den Flitterwochen nicht.

Er sagte, er sei nur in meiner Nhe glcklich, schluchzte Henrietta.
Noch nie hat es so etwas Grausames gegeben. Ich habe oft selbst nach
einer Vernderung verlangt, aber ich frchtete, seine Gefhle zu
verletzen, wenn ich es sagte. Und jetzt hat er gar keine Gefhle. Aber
er _mu_ zu mir zurckkommen. Nicht wahr, Mama?

Natrlich mte er. Hoffentlich ist er nicht mit einer andern
davongelaufen?

Henrietta sprang auf, und ihre Wangen wurden rot. Wenn ich das dchte,
ich wrde ihn bis an das Ende der Welt verfolgen und sie ermorden. Aber
nein, er ist nicht wie die andern. Er hat mich. Alle hassen sie mich.
Du machst dir auch nichts daraus, ob ich verlassen bin oder nicht, und
Papa nicht und niemand hier im Hause.

Mrs.Jansenius blieb noch immer gleichgltig bei der Aufregung ihrer
Tochter. Sie berlegte einen Augenblick und sagte dann friedlich:

Du kannst nichts tun, bis wir Nachricht von dem Anwalt bekommen.
Inzwischen kannst du hier bei uns wohnen, wenn du es willst. Ich habe
nicht erwartet, da du mich sobald besuchen wrdest, aber dein Zimmer
ist, seit du fortgegangen, noch nicht benutzt worden.

Mrs.Trefusis hrte auf zu weinen. Diese erste Andeutung, da ihres
Vaters Haus nicht mehr das ihrige sei, khlte sie ab. Ein wirkliches
Gefhl von Verlassenheit kam ber sie. Unter seinem kalten Einflu
gewann sie ihre Fassung wieder, und ihr Stolz legte sich wie eine
Schranke zwischen sie und ihre Mutter.

Ich will nicht lange hierbleiben, sagte sie. Wenn sein Anwalt
mir nicht sagen will, wo er ist, werde ich ganz England nach ihm
durchstbern. Es tut mir leid, da ich euch hier Strung mache.

Oh, du wirst uns keine grere Strung machen, als du es immer getan
hast, sagte Mrs.Jansenius ruhig und war befriedigt, weil ihre Tochter
den Wink verstanden hatte. Du gehst jetzt am besten hinauf und wschst
dein Gesicht. Es kann Besuch kommen, und du willst doch die Leute nicht
in dem Zustand empfangen. Wenn du Arthur auf der Treppe siehst, sag
ihm, bitte, er solle hereinkommen.

Henrietta verzog boshaft ihre Lippen und verlie das Zimmer. Dann kam
Arthur herein und stellte sich in mrrischem Schweigen an das Fenster,
indem er darber brtete, warum er wohl vorhin aus dem Zimmer verjagt
war. Pltzlich rief er: Da kommt Papa, und es ist noch nicht fnf
Uhr!, worauf ihn seine Mutter zum zweiten Male hinausschickte.

Mr.Jansenius war ein Mann von wrdigem Aussehen. Er war noch keine
fnfzig Jahre alt, aber auch nicht weit davon ab. Er bewegte sich
mit abgemessener Ruhe und machte ein Gesicht, als ob hinter seinen
wulstigen Brauen kostbare Gedanken verborgen lgen. Seine schne
Adlernase und die scharfen, dunklen Augen verrieten seine jdische
Abstammung, deren er sich brigens schmte. Die Leute, die das nicht
wuten, glaubten natrlich, er sei stolz darauf, und begriffen nicht,
warum er seine Kinder als Christen erziehen lie. Er war wohlerfahren
in Geschftsangelegenheiten und hatte auer seiner Liebe zur Familie,
seinem Streben nach Ansehen, Behaglichkeit und Wohlhabenheit keine
Leidenschaften. So hatte er nicht nur das ererbte vterliche Vermgen
bewahrt, sondern es auch betrchtlich vergrert. Er war Bankier
und stand auf dem Standpunkt, die unendlichen Ersparnisse, die das
Banksystem mit sich fhrt, soviel wie mglich aufzufangen und in seine
Tasche zu stecken und im brigen die Welt grade so hart arbeiten
zu lassen, wie sie es tat, bevor das Banksystem eingefhrt war.
Da aber die Welt unter solcher Bedingung berhaupt nicht zur Bank
gegangen wre, so gab er ihr, um sie anzulocken, ein wenig von diesen
Ersparnissen ab. So hatten die Leute ihren kleinen Vorteil und er seine
Genugtuung, da er zugleich ein wohlhabender Staatsbrger und ein
ffentlicher Wohltter war, schwer an Geld und leicht im Gewissen.

Er trat schnell in das Zimmer, und seine Frau sah, da ihn etwas erregt
hatte.

Weit du, was geschehen ist, Ruth? fragte er.

Ja, sie ist oben.

Mr.Jansenius starrte sie an. Was, sie ist schon fortgegangen? fragte
er. Welche Veranlassung hat sie, hierher zu kommen?

Das ist doch ganz natrlich. Wo sollte sie sonst hingehen?

Mr.Jansenius, der nie seiner eigenen Ansicht traute, wenn sie von der
seiner Frau abwich, entgegnete langsam: Warum ging sie nicht zu ihrer
Mutter?

Mrs.Jansenius war diesmal daran, erstaunt zu werden. Sie sah ihn mit
khler Verwunderung an und bemerkte: Ich bin doch ihre Mutter, oder
nicht?

Ich wute das nicht. Ich bin erstaunt, es zu hren, Ruth. Hast du auch
einen Brief bekommen?

Ich habe den Brief gelesen. Aber was wolltest du damit sagen, du
wtest nicht, da ich Henriettas Mutter sei? Du willst wohl Witze
machen?

Henrietta! Ist _sie_ hier? Ist das _noch_ ein rger?

Ich wei es nicht. Wovon sprichst du eigentlich?

Ich spreche von Agatha Wylie.

Oh, und ich sprach von Henrietta.

Was ist denn mit Henrietta los?

Was ist mit Agatha Wylie los?

Jetzt geriet Mr.Jansenius in Zorn, und sie hielt es fr das beste, ihm
Henriettas Bericht mitzuteilen. Als sie ihm Trefusis Brief gab, sagte
er etwas ruhiger: Ein Unglck kommt nie allein. Lies das, und gab ihr
einen andern Brief, so da sie beide zu gleicher Zeit zu lesen begannen.

Mrs.Jansenius las folgendes:

  An Mrs.Wylie,
  Acacia Lodge, Chiswick.

                                          Alton College, Lyvern.

            Sehr geehrte, gndige Frau,

  zu meinem groen Bedauern mu ich Sie bitten, sofort MiߠWylie von
  Alton College zurckzuholen. In einem Institut wie dem meinigen,
  in dem die Schlerinnen so wenig wie mglich in ihrer Freiheit
  beschrnkt sind, ist es notwendig, da alle sich ohne Klagen und
  Widerstreben den wenigen unentbehrlichen Vorschriften fgen.
  MiߠWylie hat sich diesen Bedingungen nicht unterworfen. Sie erklrt,
  da sie fortgehen will, und mat sich ein Benehmen gegen mich und
  meine Kolleginnen an, das wir in Rcksicht auf uns selbst und auf
  ihre Mitschlerinnen nicht so hinnehmen knnen. Sollte Mi Wylie
  irgendeinen Grund haben, sich ber ihre Behandlung oder ber den
  Schritt, zu dem sie uns gezwungen hat, zu beklagen, so wird sie Ihnen
  das sicher mitteilen.

  Vielleicht sind Sie so freundlich und setzen sich mit MiߠWylies
  Vormund, Mr.Jansenius, ins Einvernehmen. Ich werde dann mit ihm ein
  Abkommen treffen, da Sie ja das Schulgeld fr das laufende Jahr schon
  bezahlt haben.

            Mit vorzglicher Hochachtung

                                  Maria Wilson.

Das ist ja eine hbsche, junge Dame! sagte Mrs.Jansenius.

Das verstehe ich nicht, sagte Mr.Jansenius, der einen roten Kopf
bekommen hatte, als er den Brief seines Schwiegersohnes las. Ich kann
das nicht fassen. Was bedeutet das, Ruth?

Ich wei es auch nicht. Sidney ist wahrscheinlich verrckt, die
Flitterwochen haben die Krankheit zum Ausbruch gebracht. Aber du darfst
nicht dulden, da er mir Henrietta wieder auf den Hals ldt.

Verrckt! Glaubt er vielleicht, er knnte sich seinen Pflichten gegen
seine Frau entziehen, weil sie meine Tochter ist? Glaubt er, weil sein
Grovater von mtterlicher Seite ein Baron war, er knnte Henrietta
an die Seite werfen, sobald er ihrer Gesellschaft berdrssig geworden
ist?

Oh, das ist es nicht. An uns hat er gar nicht gedacht.

Aber ich werde dafr sorgen, da er an uns denkt, schrie
Mr.Jansenius mit lauter, aufgeregter Stimme. Er soll mir Genugtuung
geben.

Grade jetzt trat Henrietta wieder ins Zimmer und sah ihren Vater wtend
auf und ab gehen und mehrmals wiederholen: Er soll mir Genugtuung
dafr geben.

Mrs.Jansenius winkte ihrer Tochter, da sie ruhig bleiben sollte, und
sagte begtigend: Rege dich nicht auf, John.

Aber ich will mich aufregen. Verdammter Hund! Verfluchter Schurke!

Das ist er nicht! schluchzte Henrietta, indem sie sich hinsetzte und
nach ihrem Taschentuch griff.

La das nun endlich sein! sagte Mrs.Jansenius scharf. Du hast genug
geweint, ich will nichts mehr davon hren.

Henrietta sprang leidenschaftlich auf. Ich sage und tue, was ich
will, schrie sie. Ich bin eine verheiratete Frau und lasse mir
nichts befehlen. Und ich will meinen Mann wieder haben, und wenn er
sich wer wei wo versteckt. Papa, kannst du ihn nicht veranlassen,
zurckzukehren? Ich sterbe sonst. Versprich mir, da du ihn
zurckbringst.

Dann warf sie sich ihrem Vater an die Brust und verhinderte jede
weitere Auseinandersetzung, indem sie in einen Weinkrampf verfiel und
das Haus durch ihr Geschrei in Aufruhr brachte.




Drittes Kapitel.


Eine der Lehrerinnen in Alton College war eine Mrs.Miller, eine
altmodische Schulmeisterin, die nicht an MiߠWilsons System, die
Mdchen durch moralische berredung zu erziehen, glaubte und sich
nur unter Protest danach richtete. Sie war zwar nicht bsartig, aber
doch engherzig genug, um manchmal kleinlich zu handeln, und sie hatte
alle Welt im Verdacht, sie gering zu schtzen. Besonders glaubte sie
das von Agatha und behandelte sie, wenn sie mit ihr zu tun hatte,
was glcklicherweise selten war, mit verchtlicher Hflichkeit.
Agatha fhlte sich dadurch nicht verletzt, denn Mrs.Miller war eine
unsympathische Frau, die unter den Mdchen wenig Freundinnen hatte
und alle ihre Herzensgefhle auf einen groen Kater namens Gracchus
bertrug, den man meistens Bacchus nannte, indem man die harten
Anfangsbuchstaben milderte.

Eines Nachmittags sa Mrs.Miller mit Mi Wilson im Arbeitszimmer
und korrigierte einige Prfungsarbeiten. Pltzlich hrte sie einen
entfernten Schrei, der wie das Klagen einer Katze klang. Sie eilte
an die Tre und lauschte. Gleich darauf erhob sich ein langgezogener
Klagelaut, der durch zwei Oktaven hinaufging und dann langsam wieder
abnahm. Es war wirklich das Schreien einer Katze, obgleich sie nicht
bestimmen konnte, woher es kam. Aber jetzt folgte ein Kreischen und
Fauchen, ein wtendes Spucken und Raufen, das ohne Zweifel aus einem
Zimmer im unteren Stockwerk herausdrang, in welchem die lteren Mdchen
zu studieren pflegten.

Mein armer Gracchus! rief Mrs.Miller und lief so schnell die Treppe
hinunter, wie sie konnte. Sie fand das Zimmer ungewhnlich still.
Jedes Mdchen war in das Lernen vertieft, nur MiߠCarpenter, die so
tat, als ob sie ein hingefallenes Buch aufhebe, sa da keuchend vor
unterdrcktem Lachen, und alles Blut war ihr durch das Bcken in den
Kopf gestiegen.

Wo ist MiߠWard? fragte Mrs.Miller.

MiߠWard holt einige astronomische Zeichnungen, die wir brauchen,
sagte Agatha mit ernstem Blick. Grade jetzt kam Mi Ward mit den
Zeichnungen in der Hand zurck.

Ist dieser Kater hier gewesen? fragte sie, ohne Mrs.Miller zu
bemerken, und in ihrem Ton lag ein starker Widerwillen gegen Gracchus.

Agatha fuhr auf und zog ihre Fe an sich, als frchtete sie gebissen
zu werden. Sie schaute aufmerksam unter das Pult und sagte dann: Es
ist kein Kater hier, MiߠWard.

Er mu aber irgendwo stecken, ich habe ihn gehrt, sagte MiߠWard
gleichgltig, indem sie ihre Zeichnungen aufrollte und sie ohne
weiteres zu erklren begann.

Mrs.Miller, die um ihren Liebling besorgt war, beeilte sich, ihn
anderswo zu suchen. Im Flur traf sie eins von den Hausmdchen.

Susanna, sagte sie, haben Sie Gracchus gesehen?

Er schlft vor dem Kamin in Ihrem Zimmer, Madame.

Aber ich hrte ihn doch vorhin hier unten schreien. Es ist sicher eine
andere Katze eingedrungen, und sie haben sich gebissen.

Susanna lchelte mitleidig. Aber, Madame, sagte sie, das war
doch MiߠWylie. Sie spielt nur Theater. Sie macht die Biene an der
Fensterscheibe, den Soldat im Kamin, die Katze unter dem Kchentisch.
Alles ist so natrlich wie in der Wirklichkeit.

Den Soldat im Kamin! wiederholte Mrs.Miller entsetzt.

Ja, Madame. Wie ein Liebhaber, der sich im Kamin verbirgt, weil er die
Hausfrau kommen hrt.

Mrs.Millers Gesicht bekam einen entschlossenen Zug. Sie kehrte in das
Arbeitszimmer zurck und berichtete, was grade geschehen war. Dabei
machte sie einige spttische Bemerkungen darber, wie groartig die
moralische berredung die Disziplin in der Anstalt frdere. MiߠWilson
machte ein ernstes Gesicht, berlegte eine Zeitlang und sagte
schlielich: Ich mu darber nachdenken. Wollen Sie fr den Augenblick
die Sache in meine Hnde legen?

Mrs.Miller antwortete, es sei ihr gleichgltig, in wessen Hnden sie
bliebe, vorausgesetzt, da sie selbst damit nicht mehr behelligt wrde,
und nahm ihre Korrekturarbeit wieder auf. Mi Wilson, die allein sein
wollte, ging in das leere Klassenzimmer auf der andern Seite des Flurs.
Sie nahm das Sndenbuch von dem Gestell und legte es vor sich hin.
Seine Bekenntnisse schlossen mit einem Absatz in Agathas Handschrift.

MiߠWilson nannte mich unverschmt und schrieb meinem Onkel, ich
gehorchte nicht den Vorschriften. Aber ich war nicht unverschmt, und
ich habe mich niemals geweigert, den Vorschriften zu gehorchen. Das
nennt man moralische berredung!

MiߠWilson erhob sich zornig und rief: Sie soll erfahren, ob --
Sie stockte pltzlich und sah sich schnell um. Es berkam sie die
schreckliche Idee, Agatha knnte sich unbemerkt in das Zimmer
eingeschlichen haben. Nachdem sie sich berzeugt hatte, da sie
allein war, prfte sie ihr Gewissen, ob sie nicht doch Unrecht getan
htte, als sie Agatha unverschmt nannte, und kam zu dem beruhigenden
Beschlu, Agatha sei in der Tat unverschmt gewesen. Aber sie erinnerte
sich auch, da sie vor kurzem Jane Carpenter, die eine Mitschlerin
eine Lgnerin genannt hatte, es nicht gestattet hatte, sich auf gleiche
Weise zu rechtfertigen. War sie nun damals ungerecht gegen Jane gewesen
oder jetzt rcksichtslos gegen Agatha?

Ihre Kasuistik wurde durch jemand unterbrochen, der leise eine Stelle
aus der Ouvertre des >Masaniello< pfiff, die in dem Pensionat beliebt
war, weil man sie auf sechs Klavieren zwlfhndig spielen konnte. Nun
gab es nur eine Schlerin, die unweiblich und musikalisch genug war, zu
pfeifen, und Mi Wilson schmte sich, weil sie bei der Aussicht, mit
Agatha zusammenzutreffen, nervs wurde. Agatha kam in trber Stimmung
und noch immer pfeifend herein. Als sie sah, in wessen Gegenwart sie
sich befand, bat sie hflich um Verzeihung und wollte sich gerade
wieder entfernen, als MiߠWilson, indem sie alle ihre Autoritt
und Sicherheit zusammennahm und hoffte, sie wrde ihre anfngliche
Verlegenheit schon berwinden, sagte:

Agatha, kommen Sie einmal her. Ich mchte mit Ihnen sprechen.

Agatha prete ihre Lippen zusammen, atmete tief durch die Nasenflgel
ein und trat bis auf einen Schritt an MiߠWilson heran, wo sie mit
gefalteten Hnden stehen blieb.

Setzen Sie sich.

Agatha setzte sich mit einer einzigen Bewegung hin, wie eine Puppe.

Ich verstehe das nicht, Agatha, sagte sie, indem sie auf die
Eintragung im Sndenbuch hinwies. Was meinen Sie damit?

Ich werde ungerecht behandelt, sagte Agatha mit Anzeichen beginnender
Erregung.

In welcher Weise?

In _jeder_ Weise. Man erwartet von mir, da ich etwas mehr bin als
andere Sterbliche. Jeder darf sich beklagen und schwach und tricht
sein. Aber ich soll keine Gefhle haben. Ich mu immer in richtiger
Verfassung sein. Alle andern knnen Heimweh haben, zornig werden oder
niedergeschlagen sein. Ich darf keine Nerven haben und mu die andern
den ganzen Tag am Lachen halten. Alle drfen mrrisch werden, wenn man
ein Wort des Vorwurfs an sie richtet, so da die Lehrerinnen Angst
haben, sie zu tadeln. Ich mu die Beschimpfung meiner Lehrerinnen
ertragen, obgleich sie weniger Selbstbeherrschung haben als ich, ein
Mdchen von siebzehn Jahren, und ich mu ihnen schmeicheln, bis ihre
schlechte Laune, in die sie sich selbst gebracht haben, verschwunden
ist.

Aber, Agatha --

Oh, ich wei, ich rede Unsinn, MiߠWilson, aber knnen Sie von mir
erwarten, da ich immer vernnftig -- da ich unfehlbar bin?

Ja, Agatha, ich glaube, es ist nicht zu viel von Ihnen verlangt, immer
vernnftig zu sein und --

Dann haben Sie selbst weder Vernunft noch Gefhl, sagte Agatha.

Es entstand eine peinliche Pause. Sie wuten beide nicht, wie lange sie
dauerte. Agatha fhlte, sie mte etwas Verzweifeltes tun oder sagen,
oder sie mte fliehen. Sie machte eine verstrte Bewegung und rannte
aus dem Zimmer.

Sie traf ihre Kolleginnen in dem groen Saal des Hauses, in dem sie
sich nach ihren Schulstunden zur >Erholung< versammelten. Diese
Erholung war ein sehr geruschvoller Vorgang, der stets sofort
begann, wenn die Lehrerinnen gegangen waren. Agatha sa gewhnlich
mit ihren zwei besten Freundinnen auf einer hohen Fensterbank nahe am
Herd. Diesen Platz hatte jetzt ein kleines Mdchen mit flachsgelbem
Haar eingenommen, aber Agatha packte sie, ohne an das Prinzip der
moralischen berredung zu denken, bei den Schultern und setzte sie auf
den Boden. Dann nahm sie ihren Platz ein und sagte:

Kinder, ich wei etwas _ganz_ Neues!

MiߠCarpenter ri begierig ihre Augen auf. Gertrude Lindsay stellte
sich gleichgltig.

Jemand wird fortgejagt, sagte Agatha.

Fortgejagt! Wer?

Du wirst es bald genug erfahren, Jane, entgegnete Agatha und wurde
pltzlich ernst. Es ist jemand, der eine unverschmte Eintragung in
das Sndenbuch gemacht hat.

Jane bekam pltzlich Angst, und sie wurde ganz rot. Agatha, sagte
sie, Du hast mir gesagt, was ich schreiben sollte. Du weit das und
kannst es nicht leugnen.

Ich kann das nicht leugnen? Ich bin bereit, es zu _beschwren_, da
ich dir nie in meinem Leben ein Wort diktiert habe.

Gertrude wei, da du es getan hast, sagte Jane erbleichend und fast
in Trnen.

Ach, das Kind, sagte Agatha und streichelte sie, als ob sie ein
Riesenbaby wre. Nein, es wird nicht weggejagt werden. Hat schon
jemand in den letzten Tagen das Sndenbuch gesehen?

Seit unserer letzten Eintragung nicht mehr, sagte Gertrude.

Knirps, sagte Agatha zu dem flachshaarigen Mdchen, geh hinauf
auf Numero 6, und wenn Mi Wilson nicht da ist, dann hol mir das
Sndenbuch.

Das kleine Mdchen knurrte etwas Undeutliches und rhrte sich nicht.

Knirps, fuhr Agatha fort, hast du schon einmal gewnscht, nie
geboren zu sein?

Warum gehst du nicht selbst? fragte das Kind eigensinnig, aber
offenbar schon etwas in Angst.

Denn du wirst den Wunsch haben, fuhr Agatha fort, ohne die Frage zu
beachten, da du tot und begraben unter den schwrzesten Fliesen im
Kohlenkeller liegst, wenn du mir das Buch nicht bringst, bevor ich
sechzehn zhle. Eins -- zwei --

Geh sofort und tu, was dir befohlen ist, du abscheuliches kleines
Geschpf, sagte Gertrude scharf. Wie kannst du es wagen, ungehorsam
zu sein?

-- neun -- zehn -- elf -- fuhr Agatha fort.

Das Kind bekam Angst. Es ging hinaus und kam gleich darauf wieder, das
Sndenbuch mit den Armen umspannend.

Du bist ein liebes, prchtiges Kind, sobald man deine besseren
Eigenschaften durch strenge Anwendung der moralischen berredung zum
Vorschein bringt, sagte Agatha lustig. Erinnere mich daran, da ich
dir morgen abend die Rosinen aus meinem Pudding aufhebe. Und jetzt,
Jane, sollst du die Eintragung sehen, wegen derer das gutherzigste
Mdchen aus der ganzen Schule weggejagt wird. =Voil!=

Die beiden Mdchen lasen es und waren entsetzt. Jane ffnete ihren Mund
und schnappte nach Luft, Gertrude schlo ihre Lippen und sah sehr ernst
drein.

Du willst doch nicht sagen, du hast den schrecklichen Mut gehabt, das
der Lady Abbe zu zeigen? fragte Jane.

Pah, das htte sie mir schon vergeben. Aber ihr httet hren sollen,
was ich ihr gesagt habe! Sie wurde dreimal ohnmchtig.

Das ist ein Mrchen, sagte Gertrude ernst.

Was sagtest du? fragte Agatha, indem sie schnell nach Gertrudes Knie
griff.

Nichts, schrie Gertrude und wand sich krampfhaft. Tu es nicht,
Agatha.

Wie oft ist MiߠWilson in Ohnmacht gefallen?

Dreimal. Ich schreie, Agatha, ich schreie wirklich.

Dreimal, wie du sagtest. Und ich wundere mich, wie ein Mdchen,
das, wie ihr, durch moralische berredung erzogen wurde, solch eine
Unwahrheit wiederholen kann. Aber wir hatten wirklich und wahrhaftig
einen schrecklichen Streit. Sie verlor ihre Fassung. Glcklicherweise
verliere ich die meine nie.

Den Teufel glaub ich das! rief Jane zweifelnd. Aber nur weiter.

Du willst aus einer alten Familie stammen und bist beraus gewhnlich.
Ich wei nicht, was ich ihr sagte, aber die Entweihung ihres teuren
Buches wird sie mir nicht vergeben. Ich werde so sicher fortgejagt, wie
ich hier sitze.

Was, du meinst, du gehst wirklich weg? fragte Jane und bekam Angst,
als sie an die Folgen dieses Fortgehens dachte.

Natrlich. Aber was aus dir werden soll, wenn ich dir nicht mehr bei
deinen Aufgaben helfe, oder aus Gertrude, wenn ich ihr nicht mehr diese
eingefleischte Vornehmtuerei austreibe, das wei ich selber nicht.

Ich bin nicht vornehmtuerisch, sagte Gertrude, obgleich ich mich
nicht mit jedem gemein mache. Aber gegen dich habe ich nie etwas
eingewendet, Agatha.

Nein, ich wrde es dir auch nicht geraten haben. Hallo, Jane! rief
sie, als diese pltzlich in Trnen ausbrach. Was ist denn los?
Hoffentlich erlaubst du dir nicht die Freiheit, meinetwegen zu weinen.

Ja, Agatha, schluchzte Jane unwillig. Ich wei, ich mache mich durch
mein Mitgefhl lcherlich. Aber du hast kein Herz.

Gewi machst du dich lcherlich, indem du das bei jeder Gelegenheit
zeigst, sagte Agatha und schlang ihre Arme um Jane, ohne auf deren
rgerliches Struben zu achten. Aber wenn ich wirklich etwas Herz
htte, wrde ich jetzt durch diesen Beweis deiner Zuneigung gerhrt
sein.

Nie habe ich gesagt, du httest kein Herz, widersprach Jane. Ich
kann nur nicht leiden, wenn du wie ein Buch sprichst.

Du kannst nicht leiden, wenn ich wie ein Buch spreche? Meine liebe,
nrrische alte Jane! Ich werde dich sehr vermissen.

Jawohl, das wirst du, sagte Jane mit bitterer Ironie. Wenigstens
wird dich jetzt mein Schnarchen nicht mehr im Schlafe stren.

Du schnarchst ja gar nicht, Jane. Wir haben uns nur verschworen, dir
das einzureden. Ist es nicht schn von mir, da ich dir das erzhle?

Jane war berwltigt von dieser Aufklrung. Nach einer langen Pause
sagte sie in tiefer berzeugung, das wute ich schon immer, da ihr
das tatet. Aber die Art, wie ihr es durchfhrtet! Ich erklre hiermit
feierlich, da ich von jetzt ab niemand mehr glauben will.

Nun, und was denkst _du_ ber die ganze Sache? fragte Agatha, indem
sie ihre Aufmerksamkeit Gertrude zuwandte, die sehr ernst geworden war.

Ich denke -- und ich meine es wirklich so, Agatha -- da du
vollstndig im Unrecht bist.

Bitte, warum denkst du das? fragte Agatha etwas erregt.

Du mut es sein, sonst wre MiߠWilson nicht bse ber dich!
Natrlich, nach deiner eigenen Darstellung bist du immer im Recht,
und alle andern haben unrecht. Aber du httest das nicht in das Buch
hineinschreiben sollen. Du weit, ich spreche als deine Freundin.

Bitte, was wei deine armselige kleine Seele von meinen Gedanken und
Gefhlen?

So schwer ist das nicht, dich zu verstehen, entgegnete Gertrude
gereizt. Eigendnkel ist keine solche seltene Sache, da man ihn nicht
erkennen knnte. Und denke daran, Agatha Wylie, fuhr sie, wie von
einer unertrglichen Erinnerung angestachelt, fort, wenn du wirklich
fortgehst, dann ist es mir gleich, ob wir als Freundinnen scheiden oder
nicht. Ich hab den Tag nicht vergessen, da du mich eine boshafte Katze
nanntest.

Ich habe es bereut, sagte Agatha ruhig. Ich habe mich einmal
hingesetzt und Bacchus beobachtet, der auf dem Feuerplatz sa. Er
blickte mit seinen trumerischen Augen so gedankenvoll und geduldig
in die Ferne, da ich ihn um Verzeihung bat, weil ich ihn mit dir
verglichen habe. Wenn ich ihn eine boshafte Katze nannte, er wrde es
mir einfach nicht glauben.

Weil er wirklich eine Katze ist, sagte Jane mit dem Lcheln, das
meist so schnell auf Trnen folgt.

Nein, aber weil er nicht boshaft ist. Gertrude bewahrt ein Sndenbuch
in ihrem eigenen kleinen Kopf, und es ist so voll von andrer Leute
Snde -- alle in groen Buchstaben hineingeschrieben und durch ein
Vergrerungsglas zu lesen -- da sie keinen Platz hat, ihre eigenen
einzutragen.

Du drckst dich sehr poetisch aus, sagte Gertrude. Aber ich
verstehe, was du meinst, und ich werde es nicht vergessen.

Du undankbarer Wicht, schrie Agatha, indem sie sich so pltzlich
und heftig gegen sie wandte, da sie unwillkrlich zur Seite wich.
Wie oft habe ich nicht, wenn du unverschmt und falsch gegen mich
sein wolltest, deinen bsen Engel vertrieben, indem ich dich kitzelte?
Hattest du, bevor ich hierher kam, eine Freundin in der Anstalt, auer
einem halben Dutzend Bauernmdchen? Und jetzt, weil ich dich manchmal
zu deinem eigenen Nutzen auf deine Fehler aufmerksam gemacht habe,
hegst du Groll gegen mich und sagst, es sei dir gleichgltig, ob wir
als Freundinnen scheiden oder nicht!

Das habe ich nicht gesagt.

Oh, Gertrude, du weit ganz gut, da du es gesagt hast, bemerkte Jane.

Du denkst wohl, ich htte kein Gewissen, sagte Gertrude jammernd.

Ich wollte, du httest keins, sagte Agatha. Sieh mich an! Ich habe
kein Gewissen und wei, wieviel vergngter ich dabei bin.

Du kmmerst dich nur um dich selbst, sagte Gertrude. Nie glaubst du,
da andere Leute auch Gefhle haben. Auf mich nimmt berhaupt niemand
Rcksicht.

Oh, so hr ich dich gerne reden, rief Jane ironisch. Auf dich wird
berhaupt viel mehr Rcksicht genommen, als dir gut tut. Und je mehr
man auf dich Rcksicht nimmt, desto grere Ansprche stellst du.

Der Appetit, deklamierte Agatha theatralisch, kommt mit dem Essen.
Das wute auch schon Shakespeare.

Zum Henker mit Shakespeare! sagte Jane ungestm. Der alte Narr
bildet sich etwas darauf ein, da er abgedroschene Redensarten
vortrgt. Aber wenn _du_ dich beklagst, Gertrude, weil auf dich keine
Rcksicht genommen wird, was soll _ich_ denn sagen, die von allen zum
Narren gehalten wird? Aber ich bin nicht so nrrisch wie --

Wie du aussiehst, warf Agatha dazwischen. Ich hab es dir unendlich
oft gesagt, Jane, und es freut mich, da du dich endlich zu meiner
Meinung bekehrt hast. Was mchtest du lieber sein, ein grerer Narr
als du --

Oh, halt ein, sagte Jane ungeduldig, du hast mich das diese Woche
schon zweimal gefragt.

Die drei schwiegen hierauf eine kurze Zeit. Agatha berlegte, Gertrude
war verdrielich, Jane gedankenlos und unruhig. Schlielich sagte
Agatha:

Dann leidet ihr zwei wohl auch unter der Rcksichtslosigkeit und
Selbstsucht der andern, die euch miverstehen, die alles von euch
erlangen und nie Entschuldigungen fr euch gelten lassen?

Ich wei nicht, was du damit meinst, da wir zwei darunter auch
leiden! sagte Gertrude khl.

Ich ebenfalls nicht, sagte Jane rgerlich. Das ist doch grade die
Art, wie alle mich behandeln. Du kannst lachen, Agatha, und sie mag
ihre Nase rmpfen, wie sie will, du weit, da es wahr ist. Gertrudes
Idee, uns einzureden, es wrde nicht genug Rcksicht auf sie genommen,
ist weiter nichts als Gefhlsduselei, Eitelkeit und Bldsinn.

Sie sind auerordentlich roh, MiߠCarpenter, sagte Gertrude.

Meine Manieren sind so gut wie die Ihrigen und vielleicht besser,
entgegnete Jane. Meine Familie ist sicher so gut.

Kinder, Kinder, sagte Agatha in ermahnendem Tone, verget nicht, da
Ihr geschworene Freundinnen seid.

Wir haben nicht geschworen, sagte Jane. Wir wollten drei geschworene
Freundinnen werden, und Gertrude und ich waren auch dabei, aber du
wolltest nicht schwren, und so wurde nichts aus der Sache.

So ist es, sagte Agatha. Und jetzt verschwende ich all meine
Zeit, um zwischen euch Frieden zu halten. Aber, um auf unser Thema
zurckzukommen, ist es einer von euch schon einmal in den Sinn
gekommen, da niemand auf _mich_ Rcksicht nimmt?

Ich glaube, du hltst das fr etwas Spahaftes. Du handelst wirklich
danach, da man auf dich Rcksicht nimmt, sagte Jane spttisch.

Du kannst nicht sagen, ich nhme keine Rcksicht auf dich, sagte
Gertrude vorwurfsvoll.

Ja, weil ich dich kitzle.

Ich nehme Rcksicht auf dich und bin nicht kitzlich, sagte Jane
zrtlich.

Wirklich! La mich einmal versuchen, sagte Agatha und schlang ihren
Arm um Janes umfangreiche Taille, worauf sie ihr eine durchdringende
Mischung von Lachen und Schreien entlockte.

Sst--sch! flsterte Gertrude schnell. Da ist die Lady Abbe.

Mi Wilson war grade in das Zimmer eingetreten. Agatha tat so, als
bemerkte sie ihre Anwesenheit nicht. Sie zog verstohlen ihren Arm
zurck und sagte laut:

Wie _kannst_ du nur so ein Geschrei machen, Jane? Du bringst ja das
ganze Haus in Aufruhr.

Jane wurde rot vor Unwillen, aber sie mute jetzt still sein, denn die
Augen der Vorsteherin ruhten auf ihr. Mi Wilson hatte ihren Hut auf.
Sie sagte, sie mte nach Lyvern gehen, zum nchsten Dorfe. Ob einige
Damen aus der sechsten Klasse sie begleiten wollten?

Agatha sprang sofort von ihrem Sitz herunter, und Jane unterdrckte ein
Lachen.

MiߠWilson sagte, die sechste Klasse, MiߠWylie, bemerkte MiߠWard,
die auch hereingetreten war. Sie sind nicht in der sechsten Klasse.

Nein, sagte Agatha sanft, aber ich mchte mitgehen, wenn ich darf.

Mi Wilson sah sich um. Die sechste Klasse bestand aus vier
lernbegierigen jungen Damen, deren Lebensziel fr den Augenblick eine
Aufnahmeprfung an einer Universitt, oder wie man auf der Schule
sagte, das Cambridgezeugnis war. Keine von ihnen antwortete.

Dann die fnfte Klasse, sagte MiߠWilson.

Jane, Gertrude und vier andere erhoben sich und stellten sich neben
Agatha.

Gut, sagte MiߠWilson. Machen Sie nicht so lange mit dem Anziehen.

Sie eilten schnell hinaus und strmten mit Gerusch die Treppen hinauf.
Agatha, die fr das Cambridgezeugnis gar kein Interesse hatte, strebte
voll Ehrgeiz danach, stets am schnellsten die Treppen hinauf- oder
hinunterzueilen.

Sie kamen bald zum Spaziergang gekleidet zurck und verlieen zwei und
zwei in einer Prozession das Institut. Jane und Agatha gingen voran,
Gertrude und MiߠWilson kamen zuletzt. Die Landstrae nach Lyvern
fhrte ber Weideland, das frher urbar gewesen war, aber jetzt dem
Vieh berlassen wurde, weil dieses dem Eigentmer mehr Geld einbrachte
als die Pchter, denen er es weggenommen hatte. MiߠWilsons junge Damen
hatten auch Unterricht in der Volkswirtschaft. Sie wuten, da jeder
Gegenstand zu dem Zweck benutzt wurde, der am notwendigsten war, und
wenn hier der ganze Ertrag nur dem Eigentmer zufiel, so war das ganz
natrlich, weil er der vornehmste Gentleman in der Gegend war. Zwar
hatte dieser Zustand auch seine unangenehme Seite. Es gab da eine Menge
Rinder, so da sie Angst hatten, die Felder zu berschreiten, es gab
eine Menge Vagabonden, so da sie sich frchteten, ber die Landstrae
zu gehen, und es waren viel zu wenig Gentlemen da, die Verstndnis fr
den Zauber weiblicher Reize hatten.

Der Himmel war bewlkt. Agatha, die nichts auf schmutzige Schuhe
gab, watete durch die Haufen gefallener Bltter mit dem Entzcken
eines Kindes, das im Wasser herumpatscht. Gertrude setzte ihre
Fe sorgfltig hin, und die andern gingen leise plaudernd des
Weges, hchstens, da sie hier und da einmal in lauterem Tone
eine wissenschaftliche oder philosophische Bemerkung machten,
damit MiߠWilson sie hrte und auch eine Freude hatte. Auer einem
Viehtreiber, der etwas von dem Wesen und Ausdruck der Rinder, die er
leitete, angenommen zu haben schien, trafen sie keinen Menschen, bis
sie sich dem Dorfe nherten. Hier aber tauchten hinter einer Anhhe
zwei Personen mnnlichen Geschlechts in der Gestalt zweier Geistlichen
auf. Einer war gro und mager, hatte ein glatt rasiertes Gesicht, ein
Buch unter dem Arm und einen lang herausgereckten Hals. Der andere
war von mittlerer Gre, krftigem Krper und grader Haltung. Er sah
unternehmungslustig aus mit seinem schwarzen Backenbart, und auf seinem
Gesicht lag ein energischer Protest gegen alle solche Ansichten, als
ob ein Geistlicher nicht heiraten, jagen, Kricketspielen oder sonst an
einem anstndigen, weltlichen Sport teilnehmen drfte. Der Geschorene
war Mr.Josephs und sein Begleiter Mr.Fairholme. Agatha hatte eine
bse biblische Vernderung dieser beiden Namen erfunden.

Da kommen Pharao und Joseph, sagte sie zu Jane. Joseph wird errten,
wenn du ihn ansiehst. Pharao errtet erst, wenn er an Gertrude
vorbeikommt, obgleich wir das heute nicht sehen knnen.

Wahrhaftig, Josephs! sagte Jane verchtlich.

Er liebt dich, Jane. Magere Mnner wollen dicke Frauen haben. Pharao,
der ein Bauer ist, liebt blaues Blut, weil Gegenstze sich anziehen.
Deshalb fesselt ihn Gertrudes aristokratische Miene.

Wenn er nur wte, wie sehr sie ihn verachtet!

Er ist zu eitel, um das zu vermuten. brigens verachtet Gertrude jeden
Menschen, auch uns beide. Oder vielmehr, sie verachtet niemand im
besondern, sie ist nur hochmtig von Natur wie du dick bist.

Pah! Ich will lieber dick als eingebildet sein. Sollen wir uns
verneigen?

Ich tu es sicher. Ich will doch Pharao errten machen.

Die zwei Geistlichen taten so, als betrachteten sie mit Interesse den
wolkigen Himmel, und blickten erst auf die Mdchen, als sie dicht bei
ihnen waren. Jane warf Josephs mit solcher Verschlagenheit einen Blick
zu, da an ihrer Lieblingsversicherung, sie sei nicht so dumm, wie die
Leute meinten, doch etwas Wahres sein mute. Er errtete und zog seinen
niedrigen, weichen Filzhut. Fairholme grte sehr feierlich, denn
Agatha verneigte sich vor ihm in ausgeprgter Wrde. Aber als seine
Ernsthaftigkeit und sein vornehmer Zylinderhut sich in ihrem hchsten
Glanze zeigten, warf sie ihm schnell ein spttisches Lcheln zu, und
auch er errtete, und zwar um so tiefer, weil er ber sein Errten
wtend wurde.

Hast du schon einmal zwei solche Narren gesehen? flsterte Jane
kichernd.

Sie sind einmal Mnner. Sie sagen immer, Frauen seien Narren, und sie
haben recht. Aber so schlimm wie die Mnner sind wir Gott sei Dank doch
noch nicht! Ich mchte mich nach Pharao umsehen, wie er an Gertrude
vorbeigeht. Aber, wenn er das bemerkt, denkt er, ich bewundere ihn. Er
ist so schon eingebildet genug.

Die beiden Geistlichen errteten immer mehr, als sie an der Prozession
junger Mdchen vorbeischritten. MiߠLindsay blickte nach der andern
Seite der Strae, und MiߠWilsons Nicken und Lcheln waren nicht ganz
aufrichtig. Sie sprach nie mit den Geistlichen und unterhielt auch mit
dem Vikar nicht mehr Verkehr, als unbedingt notwendig war. Er hatte sie
im Verdacht, eine Unglubige zu sein, obgleich weder er, noch sonst ein
Sterblicher in Lyvern je ein Wort ber ihre religisen Ansichten von
ihr gehrt hatte. Aber er wute, da eine weltliche >Moralwissenschaft<
in der Anstalt gelehrt wurde, und hatte das Gefhl, wenn erst die Moral
zu einer Sache der Wissenschaft gemacht wrde, da dann das Interesse
fr Religion entsprechend sinken werde.

Welch ein Leben ist das, und welch eine Gegend! rief Agatha aus. Wir
treffen zwei Kreaturen, die mehr wandelnden schwarzen Kostmen als
Menschen gleichen, und das ist ein Ereignis -- ein aufregendes Ereignis
in unserm Leben!

Ich denke, sie sind schrecklich komisch, sagte Jane, schon, da
Josephs solche groen Ohren hat.

Sie kamen jetzt an eine Stelle, wo der Weg durch eine Anpflanzung von
dunklen Maulbeerbumen und Rokastanien ging. Als sie hineinschritten,
erhob sich ein Wind, die welken Bltter wurden vom Boden aufgewirbelt,
und durch die Zweige strich eine lange, rauschende Bewegung.

Diesen Teil vom Wege hasse ich, sagte Jane und eilte weiter. Grade
an solchen Stellen werden Leute ausgeplndert und ermordet.

Es ist gar kein schlechter Platz, um uns vor dem Regen zu schtzen,
denn der kommt sicher, bevor wir zurck sind, sagte Agatha, die bei
den Windsten, die ihr ins Gesicht jagten, Angst bekam. Ich werde
schn eingeweicht werden, besonders mit diesen leichten Schuhen. Ich
wollte, ich htte meine schweren Stiefel angezogen. Wenn es arg regnet,
lauf ich in die alte Htte.

MiߠWilson wird es nicht gestatten, es ist verboten.

Was schadet das? Es wohnt doch niemand darin, und das Tor ist aus den
Angeln. Ich will mich nur unter die Veranda stellen -- in das elende
Haus dringe ich gar nicht ein. brigens kennt der Eigentmer Mi
Wilson, und er macht sich nichts daraus. Da fllt ein Tropfen.

Mi Carpenter blickte auf und bekam sofort einen schweren Regentropfen
in ihr Auge.

Oh! schrie sie. Es giet! Wir werden durch und durch na.

Agatha blieb stehen, und der Zug sammelte sich um sie in einer Gruppe.

MiߠWilson, sagte sie, es wird in Strmen regnen, und Jane und ich
haben nur unsere Schuhe an.

MiߠWilson schwieg, um die Lage zu berlegen. Ein Mdchen meinte,
wenn sie liefen, knnten sie noch Lyvern erreichen, bevor der Regen
einsetzte.

ber zwanzig Minuten, sagte Agatha verchtlich, und es regnet doch
schon!

Ein anderes Mdchen riet, nach Hause zurckzukehren.

Das sind dreiviertel Stunden, sagte Agatha. Wir wrden inzwischen
ertrnkt werden.

Es bleibt uns nichts brig, als hier unter den Bumen zu warten,
sagte MiߠWilson.

Die Zweige sind ganz kahl, sagte Gertrude ngstlich. Wenn es richtig
regnet, tropfen sie schlimmer als der Regen selbst.

Viel schlimmer, sagte Agatha. Ich denke, wir gehen am besten unter
die Veranda vor dem alten Landhaus. Es ist nur eine halbe Minute von
hier.

Aber wir haben kein Recht -- Jetzt wurde der Himmel bedrohlich
dunkel. Mi Wilson unterbrach sich selbst: Ich denke, es wird noch
unbewohnt sein.

Natrlich, antwortete Agatha voller Ungeduld, fort zu kommen. Es ist
ja eine halbe Ruine.

Dann lat uns in Gottes Namen hingehen, sagte MiߠWilson, die nicht
auf die Gefahr hin, na zu werden, an ihren Bedenken festhalten wollte.

Sie eilten weiter und kamen gleich darauf an eine grne Anhhe neben
dem Wege. Auf ihrer Hhe stand ein zerfallenes Schweizerhaus, umgeben
von einer Veranda, die auf schlanken Holzsulen ruhte. Ein paar
Ranken von verwelkten Schlinggewchsen hingen daran, und die uersten
Spitzen, die noch bebten von den Sten des Windes, wurden jetzt still,
als lauschten sie auf das Kommen des Regens. Ein Tor von rohem Holz,
das sich in der Hecke befand, fhrte von der Landstrae in das Haus.
Zu ihrem Erstaunen fand Agatha, da das Tor nicht mehr aus den Angeln
war, wie das letztemal, als es nur noch durch eine rostige Kette und
ein Schlo an dem Pfosten befestigt war; man hatte es jetzt wieder
eingehngt und mit neuen Haken befestigt. Aber das Wetter erlaubte
keine langen Betrachtungen ber diese Ausbesserungen. Sie ffnete
das Tor und eilte den Hgel hinauf, gefolgt von dem Trupp der andern
Mdchen. Ihr Hinaufsteigen endete in einem Rennen, denn der Regen kam
pltzlich in Strmen herunter.

Als sie sicher unter der Veranda waren, die einen keuchend und murrend,
die andern lachend und froh, weil sie einen solchen Zufluchtsort
gefunden hatten, bemerkte Mi Wilson etwas beunruhigt einen Spaten,
der neu war wie die Haken am Tor und aufrecht in einem Stck frisch
umgegrabener Erde steckte. Sie wollte grade etwas ber dieses
Anzeichen, da hier Leute wohnten, sagen, als die Tre der Htte
aufgestoen wurde und Jane einen lauten Schrei ausstie. Ein Mann
trat heraus und ging auf den Spaten los, den er offenbar nicht im
Regen stehen lassen wollte. Dann bemerkte er die Gesellschaft unter
der Veranda und stand vor Erstaunen still. Er war ein junger Arbeiter
mit rtlichbraunem Bart, der kaum eine Woche gewachsen war. Er trug
Manchesterhosen und eine Manchesterweste mit Leinenrmel, alles
neu wie der Spaten und die Haken. Ein grobes, blaues Hemd mit einem
gewhnlichen, rot und orangefarbenen Halstuch, die ebenfalls neu
waren, vervollstndigten seine Kleidung. Und um sich vor dem Regen
zu schtzen, hatte er einen seidenen Schirm mit silberbeschlagenem
Ebenholzgriff aufgespannt, zu dem er kaum auf ehrliche Weise gekommen
sein konnte. Mi Wilson war es wie einem Knaben zumute, den man im
Obstgarten erwischt hat, aber sie nahm trotzdem eine khne Miene an und
sagte:

Gestatten Sie uns, da wir hier untertreten, bis der Regen vorbei ist?

Selbstverstndlich, Eure Gnaden, antwortete er, indem er respektvoll
mit dem Handgriff seines Spatens sein Haar zurckstrich, das bis zu
den Augenbrauen heruntergekmmt war. Eure Gnaden machen mich stolz,
da Sie vor der Unbarmherzigkeit der Strme in meiner armseligen Htte
Zuflucht nehmen. Seine Worte waren seltsam, seine Aussprache war
barbarisch, und wie ein schlechter Schauspieler schien er grade daran
Gefallen zu finden. Whrend er sprach, trat er ebenfalls unter die
Veranda und lehnte den Spaten gegen die Wand, indem er den Lehm von
seinen schweren, genagelten Schuhen trat, die ebenfalls neu waren.

Ich kam heraus, geehrte Dame, fuhr er sehr mit sich selbst zufrieden
fort, um meinen Spaten zu holen, durch den ich mir ja meinen Unterhalt
gewinne. Was die Feder fr den Dichter, das ist der Spaten fr den
Arbeiter. Er nahm das Halstuch von seinem Nacken, wischte sich die
Schlfen, als ob der Schwei ehrlicher Arbeit daran klebte, und legte
es sich ruhig wieder um.

Entschuldigen Sie eine Bemerkung von einem gewhnlichen Mann, sagte
er, Eure Gnaden haben da eine nette Familie von Tchtern.

Es sind nicht meine Tchter, sagte MiߠWilson sehr kurz.

Vielleicht Schwestern?

Nein.

Ich dachte -- vielleicht -- weil ich selbst ne Schwester hab. Nicht
als ob ich auch in Gedanken sie damit vergleiche -- sie ist nur ein
gewhnliches Weib -- so gewhnlich, wie Sie nie keine gesehen haben.
Aber die Weiber erheben sich selten ber das Gewhnliche. Letzten
Sonntag, da unten in der Dorfkirche, hrte ich den Pfarrer sagen, da
er einen Mann unter Tausend gefunden hat. >Doch ein Weib unter all
diesen<, sagte er, >habe ich nicht gefunden,< und ich denke so bei mir:
>Recht hast du!< Aber der Henker holt mich, wenn er je Eure Gnaden
gesehen hat.

Ein Lachen, das ganz fein wie ein Husten herauskam, entschlpfte
MiߠCarpenter.

Die junge Lady hat sich erkltet, sagte er mit respektvoller
Besorgtheit.

Glauben Sie, da der Regen noch lange andauert? fragte Agatha in
hflichem Tone.

Der Mann betrachtete einige Augenblicke mit wetterkundigem Blick den
Himmel. Dann wandte er sich zu Agatha und antwortete demtig: Nur
der Herr wei es, Mi. Einem gewhnlichen Mann, wie mir, ist es nicht
gegeben, das zu sagen.

Ein Schweigen folgte jetzt, und Agatha, die verstohlen den Bewohner
der Htte beobachtete, bemerkte, da sein Gesicht und sein Hals
sauberer und weniger sonnenverbrannt waren, als man es sonst bei den
gewhnlichen Arbeitern von Lyvern fand. Seine Hnde steckten in weiten
Gartenhandschuhen, die mit Kohlenflecken beschmutzt waren. Gewhnlich
machten sich Lyverner Arbeiter wenig daraus, ihre Hnde zu beschmutzen;
sie trugen nie Handschuhe. Doch sie dachte, warum sollte nicht ein
berspannter Arbeiter, der unertrglich geschwtzig war und eine
Anspielung auf die Feder des Dichters machen konnte, sich mit billigen
Handschuhen vergngen. Aber dann der seidene, silberbeschlagene Schirm
--

Die junge Lady hier, sagte er pltzlich und streckte den Schirm vor,
sieht das Ding hier an. Ich wei wohl, da es nicht fr den Geringsten
unter den Geringen pat, den Schirm eines Gentleman zu tragen, und ich
bitte Eure Gnaden um Verzeihung. Ich hab ihn durch Zufall gekriegt, und
wre froh, wenn ein Gentleman, der einen solchen Artikel braucht, mir
einen annehmbaren Preis machte.

Whrend er das sagte, rannten zwei Gentlemen, die, nach ihren
triefenden Kleidern zu urteilen, sogar dringend einen solchen Artikel
brauchten, durch das Tor und kamen auf das Landhaus zu. Fairholme
langte zuerst an und rief: Furchtbarer Schauer! Dann wandte er
sich schnell von den Damen ab, stellte sich an den Rand der Veranda
und schttelte den Regen von seinem Hute ab. Josephs, der hinter ihm
herkam, wandt sich schaudernd vor der feuchten Berhrung mit seinen
eigenen Kleidern. Er machte Mi Wilson eine Verbeugung und sagte, sie
sei hoffentlich nicht na geworden.

Das schon nicht, entgegnete sie. Aber die Frage ist, wie wir von
hier wieder nach Hause kommen?

Oh, es ist nur ein Regenschauer, sagte Josephs und schaute
hoffnungsfroh nach dem wolkenschweren Himmel. Es wird sich gleich
aufklren.

Es pat sich nicht fr einen gewhnlichen Mann, eine andere Meinung zu
haben als ein Gentleman, dessen Geschft es ist, den Himmel zu kennen,
wie man wohl sagen kann, bemerkte hier der Mann, sonst mchte ich
meinen Schirm gegen Ihren Schlapphut verwetten, da es vor sieben Uhr
nicht aufhrt zu regnen.

Dieser Mann wohnt hier, flsterte MiߠWilson, und ich glaube, er
will uns los werden.

Hm! sagte Fairholme. Dann wandte er sich an den seltsamen Arbeiter
mit der Miene eines Mannes, der keinen Spa versteht, und sagte mit
erhobener Stimme: Sie wohnen hier, lieber Mann?

Ja, Herr, mit Ihrer gtigen Erlaubnis, wenn ich so khn sein darf.

Wie heien Sie?

Jeff Smilasch, Herr, empfehle mich.

Wo kommen Sie her?

Von Brixtonbury, Herr.

Von Brixtonbury! Wo liegt das?

Ja, Herr, das wei ich selbst nicht genau. Wenn ein Gentleman wie Sie,
der Jographie und so was kennt, das nicht sagen kann, wie soll ich?

Sie sollten doch wissen, wo Sie geboren sind, Mann. Haben Sie keinen
gesunden Menschenverstand?

Wie soll so einer wie ich Menschenverstand haben, Herr? brigens, ich
war nur ein Findling. Vielleicht bin ich berhaupt nicht geboren.

Habe ich Sie letzten Sonntag in der Kirche gesehen?

Nein, Herr. Ich kam erst Mittwoch.

Schn, dann kommen Sie nchsten Sonntag hin, sagte Fairholme kurz,
indem er sich von ihm abwandte.

Mi Wilson blickte auf die Wolken, dann auf Josephs, der sich mit Jane
unterhielt, und schlielich auf Smilasch, der sich mit den Kncheln
gegen die Stirne schlug, ohne zu erwarten, da man ihn anrede.

Haben Sie einen Jungen, den Sie nach Lyvern schicken knnen, um uns
eine Fahrgelegenheit -- einen Wagen zu verschaffen? Ich will ihm einen
Schilling fr seine Mhe geben.

Einen Schilling! sagte Smilasch frhlich. Eure Gnaden sind eine
noble Dame. Zwei vierrdrige Wagen. Acht sollen Sie haben.

Es gibt nur einen Wagen in Lyvern, sagte MiߠWilson. Bringen Sie
diese Karte zu Mr.Marsch, dem Wagenverleiher, und erzhlen Sie ihm, in
welcher Verlegenheit wir hier sind. Er wird das Gespann hersenden.

Smilasch nahm die Karte und las sie mit einem flchtigen Blick. Dann
ging er in das Haus, um gleich darauf in einem lrock und einen
Sdwester auf dem Kopf wieder zu erscheinen. Er rannte durch den Regen
davon und schwang sich mit etwas komischer Eleganz ber das Tor.
Kaum war er verschwunden, so wurde er, wie das fter bei merkwrdigen
Menschen ist, der Gegenstand der Unterhaltung.

Ein bescheidener Arbeiter, sagte Josephs. Und von guten Manieren in
Anbetracht seines Standes.

Und ein geborener Narr, sagte Fairholme.

Oder ein Spitzbube, bemerkte Agatha, indem sie die Augen aufri und
die Zhne zeigte, whrend ihre Mitschlerinnen ganz entsetzt ber ihre
Khnheit in starrer Bestrzung dastanden. Er sagte Mi Wilson, er habe
eine Schwester, und er sei letzten Sonntag in der Kirche gewesen. Ihnen
aber hat er grade erzhlt, er sei ein Findling und sei erst am Mittwoch
angekommen. Seine Aussprache ist nur angenommen, er kann lesen, und ich
glaube berhaupt nicht, da er ein Arbeiter ist. Vielleicht ist er ein
Ruber und will das Silbergeschirr in der Anstalt stehlen.

Agatha, sagte MiߠWilson ernst, Sie sollten sich in acht nehmen, so
etwas zu sagen.

Aber es ist so verdchtig. Seine Erklrung ber den Schirm gab er nur,
um mein Mitrauen zu entkrftigen. An der Art, wie er ihn benutzte und
sich auf ihn sttzte, sah man, da er viel vertrauter damit war als mit
dem Spaten, um den er so besorgt tat. Und all seine Kleider sind neu.

Das ist wahr, sagte Fairholme, aber das hat nicht viel zu besagen.
Arbeiter sind heutzutage die reinen Gentlemen. Doch ich will ihn im
Auge behalten.

Oh, ich danke Ihnen sehr, sagte Agatha.

Fairholme, der Verdacht schpfte, da sie sich ber ihn lustig
mache, runzelte die Stirne, und Mi Wilson warf der Sptterin einen
strengen Blick zu. Es wurde jetzt wenig mehr gesprochen -- nur ein
paar Bemerkungen ber die Dauer des Regens fielen, bis das Dach einer
Droschke, eine alte Trauerkutsche, und drei triefende Hte ber der
Hecke sichtbar wurden. Smilasch sa auf dem Bock neben dem Kutscher.
Als der Wagen hielt, sprang er herab, ging ohne ein Wort zu sprechen
wieder in das Haus und erschien mit dem Regenschirm. Er spannte ihn
ber MiߠWilsons Haupt auf und sagte:

Nun, Eure Gnaden, wenn Sie mitkommen wollen, ich werde Sie trocken in
den Wagen bringen, und Ihre geehrten Nichten werde ich eine nach der
andern abliefern.

Ich komme zuletzt, sagte MiߠWilson, verwirrt durch seine Annahme,
die Gesellschaft sei eine Familie. Gertrude, du gehst am besten vor.

Gestatten Sie mir, sagte Fairholme, indem er vortrat und den Schirm
zu nehmen versuchte.

Danke sehr, ich will Sie nicht bemhen, sagte sie sehr khl und
trippelte mit Smilasch, der mit groer Besorgtheit den Schirm ber ihr
hielt, durch das schlammige Feld. Auf dieselbe Art geleitete er auch
die andern zu dem Fahrzeug, in das sie sich mit einiger Schwierigkeit
zurechtsetzten. Agatha, die als vorletzte kam, gab ihm drei Pence.

Sie haben ein nobles Herz und einen mutigen Blick, Mi, sagte er und
schien sehr bewegt. Gott segne Sie!

Er holte dann Jane, die auf dem schlpfrigen Gras ausglitt und
hinfiel. Er brauchte seine ganze Kraft, um ihr wieder aufzuhelfen.

Ich hoffe, Sie sind nicht so na geworden von dem Regen, Mi, sagte
er. Sie sind ein feines Mdel fr Ihr Alter. Hundertzwanzig bis
hundertfnfzig Pfund schwer, glaube ich.

Sie errtete und eilte nach der Droschke, in der Agatha sa. Aber sie
war voll, und Jane mute sehr gegen ihren Willen in die Kutsche, wo sie
betrchtlich den Platz verminderte, der fr MiߠWilson freigelassen war.

Smilasch kehrte inzwischen zu dieser zurck. Nun, teure Lady, sagte
er, nehmen Sie sich in acht, da Sie nicht fallen. Kommen Sie mit.

Mi Wilson, die die Einladung nicht beachtete, nahm einen Schilling aus
ihrer Brse.

Nein, Lady, sagte Smilasch mit tugendhafter Miene. Ich bin ein
ehrlicher Mann und habe noch nie mit dem Gefngnis Bekanntschaft
gemacht, auer viermal, wovon aber nur zweimal fr Stehlen waren. Ihre
jngste Tochter -- die mit dem mutigen Blick -- hat mich mehr als
anstndig bezahlt.

Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, da diese jungen Damen nicht meine
Tchter sind, sagte Mi Wilson scharf. Warum hren Sie nicht auf das,
was ich Ihnen sage?

Seien Sie nicht so streng gegen einen gewhnlichen Mann, Lady, sagte
Smilasch unterwrfig. Die junge Dame hat mir grade drei halbe Kronen
gegeben.

Drei halbe Kronen! rief MiߠWilson aus, sehr zornig ber solch eine
Verschwendung.

Gott segne ihre Unschuld, sie wei nicht, was man so einem Menschen
wie mir geben mu? Aber ich will die junge Lady nicht bestehlen. Eine
halbe Krone ist anstndig genug bezahlt fr den Gang, und eine halbe
Krone will ich behalten, wenn es eure vornehme Gnaden gestatten. Aber
die andern fnf Schillinge will ich Ihnen fr sie anvertrauen. Haben
Sie auch schon einmal ihr mutiges Wesen bemerkt?

Unsinn, mein Herr. Behalten Sie lieber das Geld, das Sie bekommen
haben.

Was! Fr fnf Schilling soll ich die hohe Meinung, die Eure Gnaden von
mir haben, aufs Spiel setzen! Nein, teure Lady, das knnen Sie nicht
von mir erwarten. Die letzten Worte meines seligen Vaters waren --

Sie erzhlten doch vorhin, Sie wren ein Findling, sagte Fairholme.
Was soll man nun glauben, he!

Das war ich auch, Herr, aber nur von Mutters Seite. Eure Gnaden wollen
bitte das Geld zurcknehmen, denn ich behalte es nicht. Ich gehre mal
zur niederen Klasse und bin daher kein Mann von Wort. Aber wenn ich
schon einmal daran festhalte, halte ich auch wie Pech daran fest.

Nehmen Sie es, sagte Fairholme zu Mi Wilson. Nehmen Sie es ruhig.
Es war lcherlich, ihm fr das, was er getan hatte, sieben und einen
halben Schilling zu geben. Es wrde ihn nur zum Trinken verleiten.

Seine Ehrwrden sagen die Wahrheit, Lady. Die eine halbe Krone hlt
mich vollstndig betrunken bis Sonntag morgen, und mehr will ich gar
nicht.

Zhmen Sie ein bichen Ihre Zunge, mein Mann, sagte Fairholme, indem
er ihm die beiden Silberstcke abnahm und sie Mi Wilson gab. Diese bot
den Geistlichen guten Abend und ging unter dem Schirm zur Kutsche.

Wenn Eure Gnaden einen gewandten Mann brauchen, um eine
auergewhnliche Arbeit zu besorgen, dann werden Sie hoffentlich an
mich denken, sagte Smilasch, als sie den Hgel hinabgingen.

Oh, Sie wissen, wer ich bin? fragte MiߠWilson trocken.

Die ganze Gegend wei es, Mi, und verehrt Sie. Als Schmied kommt mir
keiner gleich, und wenn Sie eine geschlagene Medaille brauchen, um sie
fr gutes Betragen oder dergleichen zu vergeben, ich glaube, ich wrde
Sie schon zufriedenstellen. Und wenn Eure Gnaden geschmuggelte Spitzen
brauchen --

Nehmen Sie sich lieber etwas in acht, damit Sie nicht in
Ungelegenheiten kommen, sagte MiߠWilson streng. Sagen Sie dem
Kutscher, er sollte abfahren.

Die Wagen setzten sich in Bewegung, und Smilasch nahm sich die
Freiheit, seinen Hut hinter ihnen her zu schwenken. Dann kehrte er zu
dem Landhaus zurck, brachte den Schirm hinein und schlo die Tre,
als er wieder herausgekommen war. Er steckte den Schlssel in die
Tasche und schritt durch den Regen ber den Hgel davon, ohne von den
erstaunten Geistlichen auch die mindeste Notiz zu nehmen.

Inzwischen konnte sich Mi Wilson nicht enthalten, ihrem Unwillen ber
Agathas Verschwendung Luft zu machen, und sie erzhlte es den Mdchen
in der Kutsche. Aber Jane erklrte, da Agatha berhaupt nur drei Pence
bese, und da sie daher unmglich dem Mann dreiigmal soviel htte
geben knnen. Als sie zu Hause waren und Agatha von Mi Wilson befragt
wurde, ffnete sie erstaunt die Augen und erklrte lachend: Ich hab
ihm nur drei Pence gegeben. Er hat mir vier Schilling und neun Pence
als Geschenk geschickt!




Viertes Kapitel.


Der Samstag, der schon an und fr sich ein halber Feiertag ist,
war in der Anstalt zu Alton ein vollstndiger. Des Morgens gab es
nur Unterricht im Turnen, Tanzen, Zeichnen und im Vortrag, und der
Nachmittag wurde mit Tennisspielen verbracht. Hierzu waren dann Damen
aus der Nachbarschaft eingeladen, die ihre Ehegatten, Brder oder Vter
mitbringen durften, denn MiߠWilson wollte ihre Zglinge nicht mit der
komischen Unbeholfenheit von Schulmdchen, die an keine Gesellschaft
gewhnt sind, in die Welt schicken.

Ende Oktober kam aber ein Samstag, der sich fr Mi Wilson durchaus
nicht als ein Feiertag erwies. Um halb zwei, als der Lunch vorbei war,
ging sie hinaus auf den Rasenplatz, der zwischen der Sdseite des
Gebudes und einer Anpflanzung von Buschwerk lag. Hier fand sie eine
Gruppe Mdchen, die Agatha und Jane zusahen, wie sie eine Rasenwalze
hinter sich herschleiften. Eine von ihnen schleuderte mit einem Racket
einen Ball empor und warf ihn zufllig in das Gebsch hinein, aus dem
dann zum Erstaunen der Gesellschaft Smilasch auftauchte. Er hatte den
Ball in der Hand, kniff ein Auge zu und sagte, obgleich er nur ein
gewhnlicher Mann sei, htte er doch Gefhle wie jeder andere, und sein
Auge sei schlielich weder aus Stein noch aus Holz. Er war wie frher
gekleidet, aber sein Anzug, der mit Lehm und Kalk beschmutzt war, sah
jetzt nicht mehr neu aus.

Bitte, was wollen Sie hier? fragte Mi Wilson.

Ich glaubte wahrhaftig, Sie htten nach mir geschickt, Lady
antwortete er. Der Bckerjunge sagte es mir, als er heute morgen meine
niedrige Htte betrat. Htte nie gedacht, da er mich belgen knnte.

Es ist ganz richtig, ich habe nach Ihnen geschickt! Warum sind Sie
aber nicht an die andere Seite gegangen, zum Eingang fr Dienstboten?

Ich suche ihn ja, Lady. Eben sah ich mich danach um, als mich hier
der Ball traf -- er berhrte sein Auge. Von solch einem Hieb vergeht
einem Hren und Sehen, und ein anstndiger Kerl sieht aus wie ein
Ruber.

Agatha, sagte MiߠWilson, kommen Sie einmal her.

Ihr Diener, Mi, sagte Smilasch und zog an seiner Stirnlocke.

Das ist der Mann, der mir die fnf Schilling gab. Er sagte, er htte
sie von Ihnen bekommen. Ist das so?

Gewi nicht. Ich hab ihm nur drei Pence gegeben.

Aber ich zeigte doch Eure Gnaden das Geld, sagte Smilasch, indem er
unruhig an seinem Hut drehte. Ich gab es Ihnen. Wie soll ich an fnf
Schilling kommen, wenn nicht durch die Gte der Reichen und Vornehmen?
Wenn die junge Lady glaubt, ich htte die andere halbe Krone auch
nicht behalten drfen, so hab ich nichts dagegen, da sie mir vom Lohn
abgehalten wird, wenn ich hier Arbeit finde. Aber --

Aber das ist ja Unsinn, sagte Agatha. Ich hab Ihnen nie drei Kronen
gegeben.

Vielleicht haben Sie sich geirrt. Pence sind bald so gro wie halbe
Kronen, und das Wetter war sehr dunkel.

Das war unmglich, sagte Agatha. Jane hatte die ganze Woche ber
mein Portemonnaie, MiߠWilson, und sie kann Ihnen besttigen, da nur
drei Pence darin waren. Sie wissen, da ich immer am Ersten mein Geld
bekomme, und es reicht nie lnger als eine Woche. Der Gedanke, ich
knnte am Sechzehnten noch sieben und einen halben Schilling besitzen,
ist lcherlich.

Aber erlauben Sie, Mi, ist es nicht noch mal so lcherlich, da ich
armer Arbeiter Geld weggeben sollte, das ich nie bekam?

Eine unbestimmte Unruhe ergriff Agatha, als ob sie ihren eigenen Sinnen
nicht mehr trauen drfte.

Alles, was ich wei, sagte sie protestierend, ist, da ich es Ihnen
nicht gegeben habe. Dann mssen sich also meine Pennystcke in Ihrer
Tasche in halbe Kronen verwandelt haben.

Meinswegen, sagte Smilasch ernsthaft. Ich habe gehrt und wei es
fr gewi, da sich den reichen Leuten das Geld in der Tasche von
selbst vermehrt. Warum nicht auch in den Taschen der Armen? Warum soll
man erstaunen ber etwas, das alle Tage vorkommt?

Hatten sie damals eigenes Geld bei sich?

Woher soll so einer wie ich eigenes Geld bekommen haben? --
entschuldigen Eure Gnaden, da ich so dreist bin, so zu fragen.

Ich wei nicht, woher Sie es bekommen haben, sagte MiߠWilson
verdrielich. Ich frage Sie nur, hatten Sie Geld?

Ja, Lady, ich wei es nicht mehr. Ich will Sie nicht tuschen, aber
ich kann mich nicht erinnern.

Dann haben Sie sich geirrt, sagte MiߠWilson, indem sie ihm sein
Geld zurckgab. Hier, wenn es nicht Ihr Geld ist, unseres ist es auch
nicht. Darum ist es besser, Sie behalten es.

Es behalten! Oh, Lady, aber das ist der Gipfel der Gromut! Und was
soll ich tun, Lady, um Ihre Wohlttigkeit zu verdienen?

Es ist nicht meine Wohlttigkeit. Ich gebe es Ihnen, weil es mir nicht
gehrt, und weil ich glaube, da es Ihnen gehrt. Sie scheinen ein sehr
einfltiger Mann zu sein.

Ich danke Eure Gnaden, hoffentlich bin ich das. Und jetzt, um von der
Tagesarbeit zu sprechen, haben Sie keine Beschftigung fr einen armen
Mann?

Nein, danke sehr. Ich habe keine Verwendung fr Ihre Dienste. Ich
schulde Ihnen noch den Schilling, den ich Ihnen fr das Herbeischaffen
der Wagen versprach. Hier ist er.

Noch einen Schilling! schrie Smilasch berwltigt.

Ja, sagte MiߠWilson, die anfing sich zu rgern. Ich will, bitte,
nichts mehr darber hren. Verstehen Sie denn nicht, da Sie ihn
verdient haben?

Ich bin ein gewhnlicher Mann und verstehe sozusagen gar nichts,
entgegnete er ehrerbietig. Aber wenn Sie mir einen Tag Arbeit geben,
damit ich mir etwas helfen kann, dann heb ich all dies Geld in einer
kleinen hlzernen Sparbchse auf, die ich zu Haus habe und bewahre es
dann fr spter, wenn einmal Krankheit und Alter, wie man so sagt,
ihre Hnde auf mich legen. Ich knnte wunderschn den Rasen gltten.
Die jungen Damen machen sich kaputt mit der schweren Walze. Wenn
Tennis gespielt wird, ich stelle die Netze so stramm auf, da sich
Paradiesvgel darin fangen. Wenn der Flur geweit werden soll, ich kann
eine so grade Linie ziehen, da Sie sich kaum enthalten werden, ein
gleichseitiges Dreieck darauf zu zeichnen. Ich bin ein ehrlicher Mann,
wenn man gut auf mich acht gibt, ich kann eine Tafel aufwarten so gut
wie der Kellermeister des Lordmayors von London.

Ich kann Sie nicht ohne Zeugnisse beschftigen, sagte MiߠWilson, die
sich ber den Brocken aus Euklid amsierte und sich wunderte, wo er ihn
wohl aufgeschnappt haben mochte.

Ich habe die besten Zeugnisse, Lady. Der hochwrdige Pfarrer kennt
mich von meiner Knabenzeit her.

Ich habe gestern mit ihm ber Sie gesprochen, sagte MiߠWilson und
sah ihn streng an. Er sagte, Sie seien ihm vollstndig unbekannt.

Die Gentlemen sind so vergelich, sagte Smilasch betrbt. Aber ich
spielte auf meinen einheimischen Pfarrer an -- den Pfarrer in meinem
Heimatdorf Auburn. >Ses Auburn, lieblichstes Drfchen im Tale<, wie
der Gentleman es nannte.

Das ist nicht der Name, den Sie Mr.Fairholme gegenber erwhnten. Ich
wei nicht mehr, was Sie ihm sagten, aber es war nicht Auburn, und ich
habe auch nie von einem solchen Ort gehrt.

Nie was ber das se Auburn gelesen?

Weder in einem Geographiebuch noch in einem Lexikon. Erinnern Sie
sich, da Sie mir erzhlten, Sie htten im Gefngnis gesessen?

Nur sechsmal, verteidigte sich Smilasch, whrend seine Gesichtszge
krampfhaft zuckten. Urteilen Sie nicht zu streng ber einen
gewhnlichen Mann. Nur sechsmal, und jedesmal wegen Trunkenheit. Aber
ich habe es abgeschworen und es seit achtzehn Monaten treu gehalten.

MiߠWilson war sich jetzt darber klar, da sie es mit einem nicht
recht gescheiten, aber witzigen Landburschen zu tun hatte, einem jener
eingebildeten Originale, die sich, ohne es zu wollen, beliebt machen,
weil sie dem gesunden Verstand derjenigen schmeicheln, die ihnen
berlegen sind.

Sie haben ein schlechtes Gedchtnis, Mr.Smilasch, sagte sie
gutgelaunt. Sie erzhlen jedesmal etwas anders ber sich.

Ich wei, ich kann mich nicht mit Exaktiertheit ausdrcken. Ladies und
Gentlemen haben die Gewalt der Worte. Sie knnen immer sagen, was sie
meinen, aber ein gewhnlicher Mann kann das nicht. Die Worte kommen
ihm nicht von selbst. Er hat mehr Gedanken als Worte, und seine Worte
passen nicht zu seinen Gedanken. Soll ich mal den Rasen umwlzen und
mich bis heute abend fr neun Pence ntzlich machen?

Mi Wilson, die heute nicht nur ihre gewohnten Samstagsbesucher
erwartete, berlegte sich den Vorschlag und stimmte zu. Aber merken
Sie sich das, sagte sie. Sie sind hier fremd in der Gegend, und Ihr
Ruf in Lyvern hngt davon ab, wie Sie sich bei dieser Gelegenheit
auffhren.

Ich bin Eure Gnaden sehr dankbar. Meine Tasche, in der ich meine
Zeugnisse aufbewahre, hat ein Loch, und darum verliere ich sie immer.
Mge die Gte Eurer Gnaden das Loch zunhen. Es ist ein schlechter
Platz, dort seine Zeugnisse aufzuheben, aber es ist einmal so der
Brauch. Und darum ein Hurra dem glorreichen neunzehnten Jahrhundert!

Er zog seinen Rock aus, ergriff die Walze und begann sie mit
einer Energie hinter sich herzuziehen, die der abgemessenen eines
Berufsarbeiters fremd ist. MiߠWilson sah ihn mitrauisch an, aber sie
war in Eile und ging ins Haus hinein, ohne eine weitere Bemerkung zu
machen. Agatha beschlo, sich ihn noch einmal genauer anzusehen. Mit
einem Racket in der Hand, ging sie langsam ber das Gras und kam bis
dicht an ihn heran, als er, ohne sie zu bemerken, einen Seufzer der
Erschpfung ausstie und sich zum Ausruhen hinsetzte.

Schon mde, Mr.Smilasch? fragte sie spttisch.

Er schaute kaltbltig auf, zog eine seiner Waschlederhandschuhe ab
und wedelte sich damit Khlung zu, indem er eine feine und weie Hand
zeigte. Schlielich antwortete er in dem Tone und in der Aussprache
eines Gentleman:

Auerordentlich.

Agatha fuhr zurck. Er fchelte sich ohne die geringste Unruhe.

Sie -- Sie sind kein Arbeiter, sagte sie endlich.

Offenbar nicht.

Ich dachte es mir.

Er nickte ihr zu.

Angenommen, ich erzhlte das weiter, sagte sie und bekam mehr Mut, da
sie sich erinnerte, da sie nicht mit ihm allein war.

Wenn Sie das tun, werde ich mich schon herausreden, wie ich mich aus
den drei halben Kronen herausgeredet habe, und Mi Wilson wird zu der
Ansicht kommen, Sie seien nicht ganz bei Sinnen.

Dann habe ich Ihnen also wirklich keine sieben und einen halben
Schilling gegeben? fragte sie erleichtert.

Was glauben Sie? entgegnete er, indem er drei Pence aus seiner Tasche
nahm und sie in der Faust klingen lie. Wie heien Sie?

Das brauchen Sie nicht zu wissen, antwortete Agatha voll Wrde.

Er zuckte mit den Schultern. Vielleicht haben Sie recht, sagte er.
Ich wrde Ihnen auch nicht meinen Namen nennen, wenn Sie mich danach
fragten.

Ich habe nicht die mindeste Absicht, Sie danach zu fragen.

Nicht? Dann werden Sie also mit Smilasch auskommen und ich mit Agatha.

Es wre besser fr Sie, wenn Sie sich etwas in acht nhmen.

Wovor?

Vor dem, was Sie sagen, und -- haben Sie keine Furcht, da man Sie
ausfindig macht?

Ich bin doch schon entdeckt -- von Ihnen. Und ich befinde mich dabei
ganz wohl.

Angenommen, die Polizei macht Sie ausfindig?

Die nicht! brigens brauche ich mich auch vor der Polizei nicht zu
frchten. Ich habe das Recht, Manchester zu tragen, wenn ich ihn feinem
Stoff vorziehe. Und nun denken Sie an die Vorteile, die ich jetzt
geniee! Ich bin dadurch hier in die Anstalt hineingekommen und geniee
das Vergngen Ihrer Bekanntschaft. Entschuldigen Sie, wenn ich die
Walze weiterziehe, nur um den Schein zu wahren. Ich kann beim Walzen
sprechen.

Das knnen Sie, wenn Sie Selbstgesprche lieben, sagte sie und wandte
sich fort, als er sich erhob.

Im Ernst, Agatha, Sie drfen den andern nichts ber mich erzhlen.

Nennen Sie mich nicht Agatha, sagte sie heftig.

Wie soll ich Sie denn nennen?

Sie brauchen mich berhaupt nicht anzureden.

Ich brauche es und will es. Seien Sie nicht boshaft.

Aber ich kenne Sie ja gar nicht. Ich wundere mich ber Ihre -- sie
zauderte, das Wort, das ihr grade einfiel, auszusprechen, aber sie fand
kein besseres -- ber Ihre Dreistigkeit.

Er lachte, und sie beobachtete ihn, whrend er ein paarmal die Walze
auf- und abzog. Dann erholte er sich, indem er einen Blick auf sie
warf, und da er sie dabei ertappte, wie sie ihn ansah, lchelte er.
Sein Lcheln war etwas Alltgliches im Vergleich mit dem Lcheln,
das sie ihm zurckgab, in das ihre Augen, ihre Zhne und der goldene
Schimmer ihrer Gesichtsfarbe mit einzustimmen schienen. Er hielt sofort
mit dem Walzen ein und stand da, das Kinn auf den Walzenstiel gesttzt.

Wenn Sie Ihre Arbeit vernachlssigen, sagte sie boshaft, werden Sie
nicht mit dem Gras fertig sein, bis die Leute kommen.

Was fr Leute? fragte er verwirrt.

Oh, eine Masse Leute. Wahrscheinlich auch welche, die Sie kennen. Es
kommen Besucher von London: Mein Vormund mit Frau und Tochter, meine
Mutter und hundert andere.

Im ganzen vier. Weshalb kommen sie? Wollen sie Sie besuchen?

Sie wollen mich abholen, antwortete sie und beobachtete ihn, ob ihn
die Nachricht mivergngt machte.

Er war offenbar betroffen. Weshalb, zum Henker, will man Sie
fortnehmen? fragte er. Ist Ihre Erziehung beendigt?

Nein. Ich habe mich schlecht aufgefhrt und werde weggejagt.

Er lachte wieder. So ist es recht! sagte er, Sie fangen an,
Smilaschs Manier zu begreifen. Was haben Sie denn getan?

Ich sehe nicht ein, warum ich Ihnen das erzhlen soll. Was haben _Sie_
getan?

Oh, ich habe nichts getan. Ich bin ein unromantischer Gentleman, der
sich vor einer romantischen Lady verbirgt, die sich in ihn verliebt
hat.

Die rmste! sagte Agatha spttisch. Natrlich hat sie Ihnen einen
Antrag gemacht, und Sie haben ihn zurckgewiesen.

Im Gegenteil, ich machte den Antrag, und sie nahm ihn an. Deshalb mu
ich mich jetzt vor ihr verstecken.

Sie erzhlen hbsche Geschichten, sagte Agatha. Leben Sie wohl. Da
kommt MiߠCarpenter und will hren, worber wir uns unterhalten.

Leben Sie wohl. Es tut mir sehr leid, da Sie weggejagt werden --
Kann sich ein gewhnlicher Mann vielleicht die Frage erlauben, wo die
Schlmaschine ist?

Diese Worte waren an Jane gerichtet, die mit einigen von den andern
herbeikam. Agatha erwartete, da Smilasch jetzt sofort entlarvt wrde,
denn seine Verstellung war nun doch zu durchsichtig. Sie wunderte sich,
wie die andern sich dadurch irrefhren lieen. Es schlug jetzt zwei
Uhr, und das erinnerte sie an das bevorstehende Zusammentreffen mit
ihrem Vormund. Eine Angst berkam sie und ein Verlangen, sich an einem
einsamen Platz zu verbergen, bis man sie rief. Aber sie hatte es sich
zur Ehrensache gemacht, stets die vollkommenste Gleichgltigkeit gegen
alle Sorgen zu zeigen, und so blieb sie bei den Mdchen, lachte und
plauderte mit ihnen, whrend sie Smilasch beobachteten, der sorgfltig
die Felder markierte und die Netze ausspannte. Agatha brachte alle
zum Lachen, und grade ihre geheime Aufregung, die durch unertrgliche
Anflle von Angst verschrft wurde, trieb sie dabei an, whrend das
Romantische an Smilaschs Verkleidung ihr die Vorstellung des Trumens
einflte. Ihre Phantasie beschftigte sich bereits mit einem Drama,
in dem sie die Heldin und Smilasch der Held war, obgleich sie dem
lebendigen Mann da vor sich nicht so viel dstere Charaktergre
andichten konnte wie einer gnzlich ertrumten Person. Das Spiel ihrer
Phantasie war ein sehr einfaches, an dem sie sich im geheimen immer
wieder ergtzte. Die Heldin liebte den Helden und starb an gebrochenem
Herzen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwiderte. Denn Agatha, die
stets bereit war, bei ihren Gefhrtinnen jede Gefhlsschwelgerei
zu verspotten, die mit einem ansteckenden Sinn fr Possen begabt
war, schwelgte doch heimlich in ihrem Innern in Vorstellungen von
Verzweiflung und Sterben. Sie durchlebte oft die ganze Marter eines
erfolgreichen Clowns, der beim Publikum wahre Strme von Gelchter
auslst und sich doch im Grunde fr einen geborenen Tragden hlt. Sie
wute, da es manches in ihrem Wesen gab, das nicht grade durch ihre
so beliebte Darstellung des Soldaten im Kamin verkrpert wurde.

Um drei Uhr kamen die Gste aus der Umgegend an, und es wurde auf vier
Feldern, die Smilasch glatt gewalzt und hergerichtet hatte, Tennis
gespielt. Die beiden Geistlichen waren da mit einigen Gentlemen aus
dem Laienstande. Mrs.Miller, der Pfarrer und ein paar Mtter und
sonstige Anstandsdamen sahen zu. Sie genossen leichte Erfrischungen,
die Smilasch, der eine erborgte weie Kellnerschrze umgebunden hatte
und eine bertriebene Dienstfertigkeit entwickelte, auf Teebrettern
servierte. Eine Viertelstunde spter kam eine Botschaft von Mi Wilson,
die Mi Wylie wegrief. Die Besucher begriffen nicht, warum jetzt mit
einem Male die jungen Damen ein so zerstreutes Benehmen zeigten. Jane
brach fast in Trnen aus und gab Josephs eine unhfliche Antwort, als
er sie ganz unschuldig fragte, was denn geschehen sei. Agatha ging
anscheinend ganz gleichgltig fort, obgleich ihre Hand zitterte, als
sie ihr Racket weglegte.

In einem gerumigen Empfangszimmer an der Nordseite des Gebudes
fand sie ihre Mutter, eine schmchtige Dame in Witwentracht, mit
verblichenem braunen Haar und verweinten Augen. Auch Mrs.Jansenius
und ihre Tochter waren dort. Die beiden lteren Damen bewahrten ein
ernstes Schweigen, whrend Agatha sie kte, und Mrs.Wylie nach ihrem
Taschentuch griff. Henrietta umarmte Agatha berschwenglich.

Wo ist Onkel John? fragte Agatha. Ist er nicht mitgekommen?

Er ist im andern Zimmer bei MiߠWilson, sagte Mrs.Jansenius. Sie
erwarten dich dort.

Ich dachte, es wre jemand gestorben, sagte Agatha, Ihr seht alle
aus wie bei einem Begrbnis. Nun steck dein Taschentuch fort, Mama.
Wenn du weinst, werde ich Mi Wilson meine Meinung sagen, weil sie dich
geqult hat.

Nein, nein, sagte Mrs.Wylie erschreckt. Sie war so nett!

So gut! sagte Henrietta.

Sie ist sehr vernnftig und gtig gewesen, sagte Mrs.Jansenius.

Das ist sie immer, sagte Agatha nachgiebig. Oder habt ihr gedacht,
sie wrde in Krmpfe ausbrechen?

Agatha, flehte Mrs.Wylie, sei nicht eigensinnig und tricht.

O nein, das ist sie nicht. Ich wei das, sagte Henrietta
schmeichelnd. Nicht wahr, liebe Agatha?

Meinetwegen kannst du tun, was du willst, sagte Mrs.Jansenius. Aber
ich hoffe, du bist zu vernnftig, um ohne Grund die Beendigung deiner
Erziehung zu verscherzen.

Deine Tante hat ganz recht, sagte Mrs.Wylie. Und dein Onkel ist
sehr bse auf dich. Er wird nie wieder mit dir sprechen, wenn du dich
mit Mi Wilson zankst.

Er ist nicht bse, sagte Henrietta, aber er ist so um dein Wohl
besorgt.

Er wird natrlich verstimmt sein, wenn du so in deinem Unverstand
fortfhrst, sagte Mrs.Jansenius.

Alles, was MiߠWilson wnscht, ist eine Entschuldigung wegen der
schrecklichen Sachen, die du in ihr Buch geschrieben hast, sagte
Mrs.Wylie. Liebe Agatha, du wirst sie doch um Entschuldigung bitten?

Natrlich wird sie das tun, sagte Henrietta.

Es wre auch noch schner, meinte Mrs.Jansenius.

Vielleicht tu ich es, sagte Agatha.

Du bist mein einziges, liebes Kind, sagte Mrs.Wylie und ergriff ihre
Hand.

Und vielleicht tu ich es auch nicht.

Du tust es, Liebste, drngte Mrs.Wylie und versuchte die
widerstrebende Agatha nher an sich heranzuziehen. Um meinetwillen. Du
tust deiner Mutter einen Gefallen, Agatha. Du wirst es mir doch nicht
abschlagen, mein Herz?

Agatha lachte milde ber ihre Mutter, die schon seit langer Zeit solche
Art zu bitten aufgegeben hatte. Dann wandte sie sich zu Henrietta und
sagte: Wie geht es deinem =caro sposo=? Es war hlich, da ich nicht
Brautjungfer wurde.

Das Rot auf Henriettas Wangen leuchtete. Mrs.Jansenius fuhr schnell
dazwischen, indem sie daran erinnerte, da MiߠWilson warte.

Oh, sie macht sich nichts aus dem Warten, sagte Agatha. Sie glaubt,
ihr seid alle dabei, mir den Kopf zurecht zu setzen. Das hat sie mit
euch verabredet, bevor sie das Zimmer verlie. Mama wei, da mir
ein kleines Vgelchen alles das erzhlt. Ich mu nun sagen, ihr habt
mich bis jetzt durchaus nicht nachgiebig gestimmt. Da sich aber der
arme Onkel John schrecklich ngstlich und unbehaglich fhlen mu,
werde ich doch so gut sein, ihn aus seiner Not zu erlsen. Adieu!
Und sie schritt gemchlich hinaus. Gleich darauf steckte sie den Kopf
noch einmal in das Zimmer und sagte mit gedmpfter Stimme: Macht
euch auf etwas Entsetzliches gefat. Ich bin grade in der Laune, die
schrecklichsten Dinge zu sagen. Sie verschwand wieder, und dann hrten
sie ein Klopfen an der Tr nebenan.

Mr.Jansenius erwartete sie mit Besorgnis. Er hatte schon frhzeitig
in seiner Laufbahn die Entdeckung gemacht, da sein wrdiges Aussehen
und seine feine Stimme ihm bei den Leuten Ansehen verschafften und ihn
bei ffentlichen Versammlungen an den Vorstandstisch brachten. Er war
so sehr an diesen Respekt gewhnt, da ihn jede familire Annherung
oder Vertraulichkeit aufs hchste in Verwirrung setzten. Agatha
andererseits, der man schon als Kind Onkel John als den Inbegriff von
Weisheit und Ehrwrdigkeit gepriesen hatte, verspottete ihn stets
als einen aufgeblasenen und geldstolzen Handelsmann, dessen filziges
Gehirn unfhig war, ihre ausschweifenden Ideen zu begreifen. Sie hatte
oft schon ihre Mutter in Schrecken gesetzt, indem sie sich mit jener
absoluten Verachtung ber ihn lcherlich machte, deren nur die Kindheit
und die uerste Unwissenheit fhig sind. Sie fhlte sich stets
erniedrigt, weil er so gtig gegen sie war -- denn er gab reichliche
Geschenke -- und mit dem Instinkt eines Anarchisten sah sie es fr
ein Zeichen an, da sie auf dem richtigen Wege war, wenn sie seine
Ratschlge verspottete und seine Autoritt verachtete. Die Folge davon
war, da er sie etwas frchtete, obgleich er nicht wute, warum -- und
da sie ihn durchaus nicht frchtete und sich dessen sehr wohl bewut
war.

Als sie hereintrat, mit dem strahlendsten Lcheln, das sie ausspielen
konnte, saen MiߠWilson und Mr.Jansenius am Tisch und sahen aus
wie zwei arme Snder, die angeklagt waren. MiߠWilson wartete, da
er sprechen sollte, da sie sich auf seine imponierende Anwesenheit
verlie. Da er aber dazu nicht imstande war, bat sie Agatha, Platz zu
nehmen.

Danke sehr, sagte Agatha s. Nun, Onkel John: kennst du mich nicht
mehr?

Ich habe mit Bedauern von MiߠWilson gehrt, da du dich hier sehr
ungehrig aufgefhrt hast, sagte er, indem er ihre Bemerkung nicht
beachtete, obgleich sie ihn im stillen ganz aus der Fassung gebracht
hatte.

Ja, sagte Agatha zerknirscht, es tut mir sehr leid.

Mr.Jansenius, der nach dem Bericht der Mi Wilson die uerste
Halsstarrigkeit erwartet hatte, sah sie erstaunt an.

Sie scheinen zu glauben, sagte MiߠWilson, die Mr.Jansenius'
Erstaunen bemerkte und darber beunruhigt war, da Sie immer und immer
wieder unsere Vorschriften bertreten und dann sich mit uns wieder ins
Einvernehmen setzen knnen -- MiߠWilson bezeichnete bertretungen
nie als Snden gegen ihre eigene Autoritt, sondern als solche gegen
die Autoritt der Schule -- indem Sie sagen, es tte Ihnen leid. Bei
unserer letzten Unterredung sprachen Sie in einem ganz andern Ton.

Ich war damals rgerlich, MiߠWilson. Und ich dachte, ich htte einen
Grund zur Klage -- alle glauben dasselbe von sich. Auerdem zankten wir
uns -- wenigstens tat ich es, und ich habe mich noch stets schlecht
aufgefhrt, wenn ich mich zankte. Es tut mir _sehr_ leid.

Mit dem Buch, das war eine ernsthafte Sache, sagte MiߠWilson streng.
Sie scheinen das nicht zu glauben.

Wenn ich Agatha recht verstand, so sieht sie die Torheit ihres
Benehmens in der Sache mit dem Buch ein, und es tut ihr sehr leid,
sagte Mr.Jansenius, indem er unwillkrlich fr Agatha Partei nahm, da
sie die Strkere war und ihm am wenigsten mit Geldangelegenheiten zur
Last fiel.

Hast du das Buch gesehen? fragte Agatha eifrig.

Nein. MiߠWilson hat mir erzhlt, was geschehen ist.

Oh, lassen Sie es mich holen, rief sie aufspringend. Onkel John
schreit vor Lachen. Darf ich, MiߠWilson?

Da haben Sie's! sagte MiߠWilson unwillig. Das ist dasselbe
unverbesserliche vorlaute Benehmen, ber das ich mich beklagen mu.
MiߠWylie bringt nur Abwechslung hinein, indem sie auch vollstndig
ungehorsam wird.

Mr.Jansenius war ebenfalls entrstet. Eine feine Rte stieg in seinem
Gesicht auf bei der Idee, er wrde schreien. Still, still! sagte er.
Du mut ernsthaft sein und Mi Wilson mehr Respekt entgegenbringen.
Du bist doch jetzt alt genug, um das zu wissen, Agatha -- vollstndig
alt genug.

Agathas Heiterkeit verschwand. Was hab ich denn gesagt oder getan?
fragte sie, und dunkelrote Flecken erschienen auf ihren Wangen.

Du hast dich ber -- ber das Buch lustig gemacht, auf das MiߠWilson
groen Wert legt, und zwar mit Recht.

Wenn ich es mit Recht tat, wie kannst du es mir dann vorwerfen?

Nun ist es genug, schrie Mr.Jansenius, indem er absichtlich seine
Zurckhaltung aufgab, da er einsah, da er sie so doch nicht im Zaume
halten konnte. Sei nicht unverschmt, Mi.

Agathas Augen erweiterten sich, eine flchtige Rte bedeckte ihr
Gesicht und ihren Hals, und sie stampfte mit den Abstzen. Onkel
John, rief sie, wenn du es _wagst_, mir noch einmal so etwas zu
sagen, werde ich dich nie mehr ansehen oder ansprechen und nie mehr
dein Haus betreten. Was verstehst du von gutem Benehmen, wenn du mich
unverschmt nennst. Einer absichtlichen Roheit unterwerfe ich mich nun
einmal nicht, gradeso hat auch mein Streit mit Mi Wilson angefangen.
Sie sagte mir, ich sei unverschmt, und ich ging weg und sagte ihr,
sie habe unrecht, indem ich es in das Fehlerbuch hineinschrieb. Sie
hat berhaupt in der ganzen Sache unrecht gehabt, aber ich wollte mich
mit ihr vershnen und vergangene Dinge vergangen sein lassen, deshalb
schwieg ich. Aber wenn sie sich weiter streiten will, dann kann ich es
nicht ndern.

Mr.Jansenius, ich habe Ihnen schon auseinandergesetzt, sagte
Mi Wilson, indem sie ihren Unwillen durch einen Versuch, ihn zu
unterdrcken, nur noch verstrkte, da MiߠWylie jede Gelegenheit,
sich mit mir wieder ins Einvernehmen zu setzen, zurckgewiesen hat.
Mrs.Miller und ich haben absichtlich ber alles Persnliche in der
Sache hinweggesehen, und ich verlange nur, da sie ihre bertretung der
Anstaltsvorschriften einsieht.

Aus Mrs.Miller mach ich mir nicht _so_ viel, sagte Agatha, indem sie
mit den Fingern schnipste. Und Sie sind auch nicht halb so gut, wie
ich dachte.

Agatha, sagte Mr.Jansenius, ich wnsche, da du deine Zunge hltst.

Agatha atmete tief und sagte, indem sie sich resigniert hinsetzte: So!
Nun ist es doch so gekommen. Ich habe die Fassung verloren, und jetzt
haben wir sie alle verloren.

Du hast kein Recht, die Fassung zu verlieren, sagte Mr.Jansenius,
indem er sich einbildete, er htte jetzt einen Vorteil ber sie.

Ich bin die jngste und verdiene den geringsten Tadel, entgegnete sie.

Es hat keinen Zweck, noch etwas darber zu reden, Mr.Jansenius,
sagte MiߠWilson entschlossen. Es tut mir leid, da MiߠWylie es
vorzieht, mit uns zu brechen.

Aber ich ziehe es gar nicht vor, mit Ihnen zu brechen, und ich
halte es fr sehr hart, da Sie mich wegjagen. Niemand hat hier den
geringsten Streit mit mir gehabt, auer Mrs.Miller. Mrs.Miller zrnt
mir, weil sie mich in falschem Verdacht hat wegen ihrer Katze, aber
das ist doch nicht meine Schuld! Und wirklich, MiߠWilson, ich wei
nicht, warum Sie mir so bse sind. Wenn ich weggejagt werde, glauben
alle Mdchen, ich htte etwas Abscheuliches getan. Wenigstens mte ich
bis Ende des Schuljahres bleiben, und was das Snden- -- das Fehlerbuch
angeht, so haben Sie mir doch, als ich ankam, ganz ausdrcklich gesagt,
ich knnte hineinschreiben oder nicht, ganz wie ich wollte. Sie
wrden nie etwas diktieren oder ber eine Eintragung etwas sagen. Und
doch, das erstemal, da ich etwas schreibe, was Ihnen nicht gefllt,
jagen Sie mich weg. Niemand wird mehr glauben, da die Eintragungen
freiwillige sind.

Mi Wilsons Gewissen war schon durch die Roheit und das Fehlen der
moralischen berredung in Mr.Jansenius Wort: >Sei nicht unverschmt!<
getroffen worden, denn es klang wie das Echo ihrer eigenen Worte, und
jetzt fhlte sie sich aufs neue beunruhigt. Das Fehlerbuch, sagte
sie, ist nur zu Selbstanklagen da, es darf nicht dazu dienen, andere
zu beschuldigen.

Ich wei ganz gewi, da weder Jane noch Gertrude noch ich uns im
geringsten anklagten, weil wir die Treppen herunterglitten, aber Sie
hatten keinen Tadel, als wir das hineinschrieben. brigens sollte das
Buch der moralischen berredung dienen -- wenigstens sagten Sie das
immer, und als Sie die moralische berredung aufgaben, glaubte ich,
ich mte darber eine Eintragung machen. Natrlich war ich damals im
Zorn, aber als ich zur Ruhe kam, hielt ich es fr ganz recht, was ich
getan hatte. Und ich glaube das auch noch heute, obgleich es vielleicht
besser gewesen wre, wenn ich zu allem geschwiegen htte.

Wieso behaupten Sie, ich htte die moralische berredung aufgegeben?

Den Leuten die Tre weisen, ist keine moralische berredung. Sie
unverschmt nennen, ist auch keine.

Sie glauben also, ich mte Ihnen geduldig zuhren, was Sie mir auch
zu sagen belieben, und wie ungehrig es auch in Anbetracht Ihrer
Stellung mir gegenber sein mag?

Aber ich habe nichts Ungehriges gesagt, sagte Agatha. Dann brach
sie ungeduldig ab, lchelte wieder und sagte: Oh, wir wollen nicht
mehr streiten. Es tut mir wirklich sehr leid, und ich habe Sie und die
Anstalt so gern. Und ich will auch nach den Ferien nur wiederkommen,
wenn Sie es wnschen.

Agatha, sagte MiߠWilson schwankend, diese Worte des Bedauerns
kosten Ihnen so wenig, und wenn sie ihren Zweck erreicht haben,
vergessen _Sie_ sie so bald, da mich das nicht lnger befriedigt.
Ich bestehe durchaus nicht gerne darauf, da Sie die Anstalt jetzt
verlassen. Aber wie Ihr Onkel Ihnen gesagt hat, Sie sind alt und
verstndig genug, um den Unterschied zwischen Ordnung und Unordnung zu
kennen. Bisher haben Sie auf der Seite der Unordnung gestanden, die
wir, wie Ihnen Mrs.Trefusis erzhlen kann, frher, als Sie noch nicht
da waren, kaum gekannt haben. Trotzdem will ich durch alles Vergangene
einen Strich machen, wenn Sie mir versprechen, in Zukunft mehr auf
sich achtzugeben, und am Ende des Schuljahres werde ich dann sehen, ob
Sie weiter bleiben knnen.

Agatha erhob sich strahlend vor Freude. Liebe MiߠWilson, Sie sind
_so_ gut! Natrlich verspreche ich es. Ich werde hingehen und es Mama
erzhlen.

Bevor sie noch ein Wort dazu sagen konnte, hatte sie sich in einem
Wirbel zur Tre bewegt und floh davon, um sich einen Augenblick spter
im Empfangszimmer den drei Damen vorzustellen, die sie mit launigem
Lcheln schweigend anblickte.

Nun? fragte Mrs.Jansenius fest.

Nun, liebes Kind? fragte Mrs.Trefusis zrtlich.

Mrs.Wylie unterdrckte einen Seufzer und sah ihre Tochter flehend an.

Es hat mir unendliche Mhe gekostet, sie zur Vernunft zu bringen,
sagte Agatha nach einer herausfordernden Pause. Sie benahmen sich wie
Kinder, und ich war wie ein Engel. Natrlich bleibe ich.

Gott segne dich, mein Liebling, stammelte Mrs.Wylie und versuchte
Agatha, die ihr gewandt auswich, zu kssen.

Ich habe versprochen, in Zukunft sehr gut und fleiig und ruhig und
brav zu sein. Erinnerst du dich noch an meinen Kastagnettentanz, Hetty?

            Tra! lalala, la! la! la!
            Tra! lalala, la! la! la!
            Tra! lalalalalalalalalalala!

Und sie wirbelte in dem Zimmer herum, indem sie mit den Fingern wie mit
Kastagnetten knipste.

Sei nicht so rcksichtslos und leichtfertig, meine Liebe, sagte
Mrs.Wylie. Du wirst deiner armen Mutter noch das Herz brechen.

MiߠWilson und Mr.Jansenius traten jetzt grade herein, und Agatha
blieb bewegungslos stehen, indem sie zerstreut auf eine Vase mit
Blumen starrte. Mi Wilson lud ihre Besucher ein, an dem Tennisspielen
teilzunehmen. Mr.Jansenius blickte streng und mibilligend auf
Agatha, die als Antwort ihr linkes Auge aufri, whrend sie das
andere gleichzeitig zusammenkniff. Doch er schttelte seinen Kopf,
um anzudeuten, da Fertigkeiten im Gesichterschneiden, wie schwierig
und naturwidrig sie auch sein mochten, seine Achtung nicht gewinnen
konnten, und er ging mit Mi Wilson, mit Mrs.Jansenius und Mrs.Wylie
hinaus.

Wo ist dein Hubby? fragte Agatha darauf pltzlich Henrietta.

Mrs.Trefusis Augen fllten sich so schnell mit Trnen, da sie auf
Agathas Hand fielen, als sie ihren Kopf neigte, um sie zu verbergen.

Es ist solch ein lieber, alter Platz hier, begann sie. Die
Erinnerungen aus meinen Kinderjahren --

Was ist zwischen dir und Hubby geschehen? fragte Agatha, sie
unterbrechend. Wenn du es mir nicht sagst, werde ich ihn fragen, wenn
ich ihn treffe.

Ich wollte es dir grade erzhlen, aber du lt mir ja keine Zeit.

Das ist ja Quatsch, sagte Agatha. Aber meinetwegen, erzhle.

Henrietta zauderte. Ihre Wrde als verheiratete Frau und der Ernst
ihres Schmerzes lehnten sich gegen die seichte Auffassung des
Schulmdchens auf. Aber sie war jetzt ebensowenig wie frher als Kind
imstande, Agathas Tyrannei zu widerstehen, und sie sehnte sich nach
ihrem Mitgefhl. Auerdem hatte sie es schon gelernt, ihre Geschichte
lieber selbst zu erzhlen, als das andern zu berlassen, weil dann die
Sache durchaus nicht immer im richtigen Lichte dargestellt wurde. So
erzhlte sie Agatha von ihrer Ehe, ihrer milden Liebe zu ihrem Gatten,
seinem geheimnisvollen Verschwinden, ohne ein Wort oder eine Adresse zu
hinterlassen. Den Brief erwhnte sie nicht.

Hast du nach ihm gesucht? fragte Agatha, indem sie eine Neigung zum
Lachen unterdrckte.

Aber wo? Htte ich auch nur die entfernteste Spur, ich wrde ihm
barfu bis ans Ende der Welt folgen.

Ich glaube, du solltest alle Flsse durchsuchen -- das mtest du ja
barfu tun. Er mu irgendwo hineingefallen oder irgendwo abgestrzt
sein.

Nein, nein. Meinst du, ich wre hier, wenn ich dachte, da sein Leben
in Gefahr sei? Ich habe Grnde -- ich wei, da er nur davongegangen
ist.

Oh, wirklich! Er nahm seinen Koffer mit sich, nicht wahr? Vielleicht
ist er nach Paris gereist, um dir etwas Hbsches zu kaufen und dir eine
angenehme berraschung zu bereiten.

Nein, sagte Henrietta traurig. Er wute, da ich nichts brauchte.

Dann glaube ich, da er deiner mde geworden und davongelaufen ist.

Henriettas eigenartige dunkle Rte verschwand pltzlich von ihren
Wangen, sie ri Agathas Arm zurck und rief: Wie kannst du das sagen!
Du hast kein Herz. Er betete mich an.

Unsinn! sagte Agatha. Die Menschen werden immer einander mde. Ich
werde meiner selbst mde, wenn ich nur zehn Minuten mit mir allein bin,
und liebe mich sicherlich selbst mehr, als sich sonst zwei Menschen
lieben knnen.

Das wei ich, sagte Henrietta geqult und boshaft. Du warst immer
ganz besonders von dir selber eingenommen.

Sehr wahrscheinlich gleicht er mir in dieser Beziehung. In dem Falle
wird er seiner selbst bald mde werden und zurckkehren, und ihr werdet
bald wieder girren wie die Turteltauben, bis er von neuem davonluft.
Hu! Es geschieht dir ganz recht, warum hast du dich verheiratet? Ich
wundere mich, wie die Leute so verrckt sein knnen, da sie doch alle
verheirateten Bekannten als warnende Beispiele vor Augen haben.

Du weit nicht, was es heit, jemand zu lieben, sagte Henrietta
jammernd und doch belehrend. brigens waren wir nicht so wie die
andern Paare.

Es scheint so. Aber mach dir nichts daraus, du kannst dich drauf
verlassen, sobald er seiner eigenen Gesellschaft berdrssig wird,
kehrt er schon zurck. Qule dich nicht damit, darber nachzudenken,
komm, wir wollen eine Partie Lawn-Tennis spielen.

Whrend dieser Unterredung hatten sie das Gesellschaftszimmer verlassen
und machten jetzt einen Umweg durch die Anlagen. Sie nherten sich den
Tennisspielpltzen auf einem Pfad, der zwischen zwei Lorbeerhecken
durch ein Buschwerk fhrte.

Inzwischen wartete Smilasch in seiner weien Schrze und in Handschuhen
den Gsten auf. Er hatte sich ausdrcklich geweigert, diese abzulegen,
indem er anfhrte, er sei ein gewhnlicher Mann, und Ladies und
Gentlemen knnten aus seinen gewhnlichen Hnden nicht Speise und
Trank entgegennehmen. Er benahm sich auch untadelig, bis MiߠWilson
mit ihren Gsten ankam. Er kehrte grade mit einem vollen Teebrett zum
Tische zurck und ging so schnell, da er fast mit Mrs.Jansenius
zusammenstie. Anstatt sich zu entschuldigen, verlor er seine Fassung
und begann rckwrts zu gehen, indem er hastig das Teebrett wie einen
Schild vor sein Gesicht hielt. Gleich darauf stolperte er gegen Mi
Lindsay, die schnell gerannt kam, um einen Ball zurckzuwerfen. Ohne
auf ihren rgerlichen Blick und ihren barschen Tadel zu achten, wandte
er sich halb um und wich seitwrts in das Gebsch hinein, wo das
Teebrett gleich darauf in die Hhe und quer ber die Lorbeerhecke flog,
um mit dem Gepolter eines Theaterdonners auf dem gekrmmten Rcken des
Mr.Josephs zu landen. Mi Wilson gab der Wirtschafterin einen scharfen
Tadel, weil sie dem Mann die Bedienung berlassen hatte, und erklrte
dann ihren Gsten, da er ein Idiot aus der Umgegend sei. Mr.Jansenius
lachte und sagte, er htte zwar das Gesicht des Mannes nicht gesehen,
aber seine Gestalt erinnere ihn stark an irgend jemand, er wte nur
nicht genau, an wen.

Smilasch, der durch das Gebsch davoneilte, fand das Ende des Weges
durch Agatha und eine junge Dame versperrt, deren Erscheinen ihn mehr
beunruhigte, als es vorher Mrs.Jansenius getan hatte. Er versuchte
mit Gewalt durch die Hecke zu brechen, aber vergebens. Der Lorbeer
war undurchdringlich, und das Gerusch erregte die Aufmerksamkeit
des herankommenden Paares. Er machte jetzt keinen Versuch mehr, zu
entweichen, sondern zog seine erborgte Schrze ber den Kopf und stand
kerzengrade da mit dem Rcken nach dem Wege.

Was macht der Mann da? fragte Henrietta, indem sie mitrauisch
stehenblieb.

Agatha lachte und sagte laut, damit er es hren sollte: Es ist nur
ein harmloser Verrckter, den Mi Wilson beschftigt. Er vermummt sich
gerne in irgendeiner verrckten Art und versucht uns zu erschrecken.
Hab keine Angst, komm nur mit.

Henrietta blieb unentschlossen zurck, aber ihr Arm hing in dem
Agathas, und sie wurde wider Willen weitergezogen. Smilasch machte
keine Bewegung. Agatha schlenderte ruhig weiter, und als sie an ihm
vorberkam, erfate sie die Schrze gewandt mit ihren Fingern und ri
sie ihm vom Gesicht. Sofort stie Henrietta einen durchdringenden
Schrei aus, und Smilasch fing sie in seinen Armen auf.

Schnell, sagte er zu Agatha, sie wird ohnmchtig. Laufen sie nach
etwas Wasser. Laufen Sie! Und er neigte sich ber Henrietta, die sich
wie wahnsinnig an ihn anklammerte. Agatha war ganz verwirrt ber diese
Folge ihres scherzhaften Tuns. Sie berlegte einen Augenblick und
rannte dann nach dem Rasenplatz.

Was ist geschehen? fragte Fairholme.

Nichts. Ich mchte etwas Wasser, schnell -- bitte! Henrietta ist im
Gebsch in Ohnmacht gefallen, das ist alles.

Bitte, bemhen Sie sich nicht, sagte MiߠWilson gebieterisch, Sie
werden sich nur auf dem Wege zusammendrngen und wertvolle Hilfe
verhindern. Mi Ward, holen Sie bitte etwas Wasser, und bringen Sie
es uns. Agatha, kommen Sie mit, und zeigen Sie mir, wo Mrs.Trefusis
ist. Sie knnen auch mitkommen, MiߠCarpenter, Sie sind so stark. Die
brigen wollen hierbleiben.

Gefolgt von den beiden Mdchen eilte sie in das Gebsch, wo
Mr.Jansenius schon ngstlich nach seiner Tochter suchte. Er war der
einzige Mensch, den sie dort fanden. Smilasch und Henrietta waren
verschwunden.

Anfangs stellten die Sucher nur Fragen an Agatha ber die Stelle, wo
Henrietta in Ohnmacht gefallen war. Dann aber gab Mr.Jansenius zu
verstehen, da eine Dame in den Hnden eines halbverrckten Arbeiters
in einer gefhrlichen Lage sei. Seine Aufregung steckte die andern an,
und als Agatha sie durch die Erklrung, Smilasch sei ein verkleideter
Gentleman, zu beruhigen suchte, gebot ihr Mi Wilson, die das fr
eine Wiederholung ihrer frheren migen Ideen hielt, in scharfer
Weise zu schweigen, da es jetzt keine Zeit sei, Unsinn zu schwtzen.
Die Neuigkeit verbreitete sich unter der ganzen Gesellschaft, und die
Aufregung stieg aufs uerste. Fairholme rief nach Freiwilligen, die
zusammen auf die Suche gehen sollten. Alle anwesenden Mnner meldeten
sich, und sie waren schon im Begriff, in einem starken Trupp durch die
Anstaltstore zu eilen, als es einem Besonneneren von ihnen einfiel,
es sei besser, wenn sie sich in mehrere Abteilungen teilten, damit man
an verschiedenen Punkten gleichzeitig suchen konnte. Nun folgte fr
zehn Minuten eine Verwirrung. Mr.Jansenius setzte sich mehrere Male
in Bewegung, um nach Henrietta zu suchen, aber wenn er einige Schritte
gegangen war, kehrte er wieder um und bat die andern, doch keine Zeit
mehr zu verlieren. Josephs, der einen einfltigen Glauben hatte, zog
sich zum Gebet zurck, und es war das beste, was er tun konnte, denn so
gab es in dem Lrm von Plnen, Einwendungen und Ratschlgen, den die
brigen machten, und bei dem jeder den andern zu berschreien suchte,
eine Stimme weniger.

Schlielich beendete MiߠWilson die allgemeine Verwirrung. Sie sandte
Dienstboten zu den Nachbarn und lie aus dem Dorf die Polizei kommen.
Unter dem Kommando von Fairholme und anderer energischer Geister wurden
Abteilungen nach den verschiedensten Richtungen ausgesandt. Auch die
Mdchen bildeten unter sich Abteilungen, die durch Herren, welche die
andern verlieen, verstrkt wurden. MiߠWilson ging in das Haus hinein
und untersuchte das ganze Innere der Anstalt. Nur zwei Personen blieben
auf dem Tennisplatz, Agatha und Mrs.Jansenius, die die ganze Zeit ber
erstaunlich ruhig geblieben war.

Sie brauchen sich nicht zu ngstigen, sagte Agatha, die sich seit
ihrer Zurckweisung durch Mi Wilson abseits gehalten hatte. Ich bin
sicher, da keine Gefahr dabei ist. Es ist zwar uerst merkwrdig, da
sie fortgegangen sind, aber der Mann ist nicht verrckter als ich, und
ich wei, da er ein Gentleman ist. Er hat es mir selbst gesagt.

Wir wollen das Beste hoffen, sagte Mrs.Jansenius ruhig. Ich mchte
mich hinsetzen -- ich bin so mde. Danke sehr. -- Agatha hatte ihr
einen Stuhl hingestellt. Was sagten Sie, da Ihnen dieser Mann erzhlt
hat?

Agatha berichtete die Umstnde ihrer Bekanntschaft mit Smilasch,
indem sie aufs Mrs.Jansenius' Bitten eine genaue Beschreibung seines
Aussehens gab. Mrs.Jansenius bemerkte, es sei sehr seltsam, und sie
wre berzeugt, da Henrietta keine Gefahr drohe. Sie trank dann ein
Glas Wein und a ein paar Butterbrote. Agatha freute sich, weil sie
jemand fand, der ihr ruhig zuhrte, aber sie staunte doch ber die
Kaltbltigkeit ihrer Tante und deutete schlielich an, wenn Smilasch
auch kein Arbeiter sei, so folge noch nicht daraus, da er ein
ehrenhafter Mann sei. Aber Mrs.Jansenius antwortete: Oh, sie ist
sicher -- ganz sicher! Schlielich mu ich es wenigstens hoffen. Wir
werden schon bald Nachrichten bekommen.

Die Sucher kehrten nach und nach fassungslos zurck. Sie hatten ein
paar Hirten, die einzigen Personen, die es in der Nachbarschaft gab,
gefragt, ob sie nicht eine junge Dame und einen Arbeiter gesehen
htten. Einige hatten eine junge Frau mit einem Kleiderbndel gesehen,
vielleicht war sie das gewesen. Andere glaubten, wenn einer sie
entdeckte, dann wrde es Phil Martin, der Krrner, tun. Keiner aber
hatte eine sichere Aussage zu machen.

Der Nachmittag ging weiter, und eine Abteilung nach der andern
kehrte zurck. Alle waren ermdet von dem erfolglosen Suchen, und an
die Stelle der Erregung trat Niedergeschlagenheit. Die Unterhaltung
war nicht mehr lrmend, sie wurde im Flstertone gefhrt, und einige
Besucher aus der Umgegend schlichen sich davon in der immer strker
werdenden berzeugung, da etwas Hliches geschehen sei, und da sie
am besten nichts damit zu schaffen htten. Mr.Jansenius war, obgleich
ihn einige Worte seiner Frau berrascht und etwas beruhigt hatten, doch
noch immer in bejammernswerter Unruhe und ngstlichkeit.

Endlich kam die Polizei, und beim Anblick ihrer Uniformen erhob sich
die Aufregung von neuem. Es herrschte die allgemeine berzeugung, da
jetzt etwas Entscheidendes geschehen wrde. Aber die Beamten waren
auch nur sterbliche Menschen, und nach ein paar Minuten flsterte
man sich zu, sie seien Narren. Sie bezweifelten alles, was man ihnen
erzhlte, und drckten ihre Verachtung gegen das Suchen der Laien aus,
indem sie eine neue Untersuchung begannen und mit der grten Sorgfalt
die unwahrscheinlichsten Ecken durchstberten. Zwei gingen fort nach
Smilaschs Htte, um dort nach ihm zu suchen. Dann brachte Fairholme,
sonnenverbrannt, schwitzend und staubig, aber noch voll Energie,
den erschpften berrest seiner Abteilung zurck. Sie hatten einen
mrrischen Jungen bei sich, der den Polizeibeamten finstere Blicke
zuwarf und offenbar glaubte, er sollte an sie ausgeliefert werden.

Fairholme war berall gewesen, und da er nichts von dem verlorenen
Paar gesehen hatte, kam er zu dem Schlu, da sie berhaupt nirgends
steckten. Er fragte jeden um Auskunft und sagte, er wrde es
herausbekommen, wenn es nur mglich wre. Aber es war nicht mglich.
Das einzige Resultat seiner Bemhungen war die Erzhlung des Burschen,
dem er nicht glaubte.

Hm! sagte der Inspektor, der nicht sehr erfreut ber Fairholmes Eifer
war, obgleich er ihm imponierte. Du bist doch Wickens Junge, nicht
wahr?

Ja, ich bin Wickens Junge, antwortete der Zeuge halb verchtlich,
halb weinerlich. Und ich hab ihn doch gesehen, und wenn jemand sagt,
ich htte ihn nicht gesehen, dann ist er ein Lgner.

Still, sagte der Inspektor scharf. Wir wollen deine
Unverschmtheiten nicht hren. Aber erzhle uns, was du gesehen hast,
sonst bekommst du es nachher mit mir zu tun.

Es ist mir gleich, mit wem ich es zu tun habe, sagte der Junge
trotzig. Sie knnen mir nichts tun, weil ich ihn sah, denn das geht
keinem Gesetz was an. Ich war in der Kiesgrube in der Wiese am Kanal --

Was hattest du da verloren? fragte der Inspektor, ihn unterbrechend.

Ich durfte da sein, sagte der Junge in frechem Ton, aber er wurde
doch rot.

Wer hat dir die Erlaubnis gegeben? fragte der Inspektor weiter und
fate ihn beim Kragen. Ah, fgte er hinzu, als der Gefangene in
Trnen ausbrach, ich hab dir ja gesagt, du bekommst es mit mir zu tun.
Nun hr mit dem Geplrre auf und denk daran, wo du bist und mit wem du
sprichst. Vielleicht werde ich dich fr diesmal nicht einsperren. Also
was hast du gesehen, als du verbotenerweise auf die Wiese kamst?

Ich sah ein junges Weib und einen Mann. Und ich sah, wie sie ihn
kte. Und der Herr will mir nicht glauben.

Du meinst natrlich, du sahst, wie er sie kte?

Nein, nein. Ich kenn das, wenn einem ein Mdchen kt und man will es
nicht haben. Und ich schrie, um sie zu erschrecken. Und er rief mich
und gab mir zwei Pence und sagte: >Geh zum Teufel!< sagte er, >und sage
niemand, da du mich hier gesehen hast, sonst,< sagte er, >werde ich
mich versucht fhlen, dich zu ertrnken,< sagte er, >und was fr ein
Schrecken wrde das fr deine Eltern sein!< >O ja, jedenfalls,< sagte
ich oder so hnlich. Dann ging ich weg, weil er Mr.Wickens kennt, und
weil ich Angst hatte, er wrde es ihm erzhlen.

Da der Trotz des Knaben jetzt gebrochen war, regnete es von allen
Seiten Fragen auf ihn. Aber seine Beobachtungsgabe und seine
Beschreibung wurden dadurch nicht besser. Da er Leute, in deren
Gewalt er war, freundlich stimmen wollte, gab er, so oft er konnte,
zustimmende Antworten. Mr.Jansenius fragte ihn, ob die junge Frau, die
er gesehen hatte, eine Lady gewesen sei, und er sagte ja. War der Mann
ein Arbeiter? Ja -- nach kurzem berlegen. Wie war sie gekleidet? Das
hatte er nicht beobachtet. Hatte sie rote Blumen auf ihrem Hut? Ja.
War ihr Kleid grn? Ja. Waren die Blumen auf ihrem Hut gelb? (Agathas
Frage.) Ja. War ihr Kleid hellrot? Ja. Es war doch bestimmt nicht
schwarz? Keine Antwort.

Ich sagte Ihnen ja, er ist ein Lgner, bemerkte Fairholme verchtlich.

Nun, ich glaube schon, da er etwas gesehen hat, sagte der
Inspektor. Aber was es war oder wer es war, ist mehr, als ich aus ihm
herauskriegen kann.

Es entstand eine Pause, und sie sahen Wickens Jungen mitrauisch
an. Seine Erzhlung ber das Kssen machte es den Jansenius fast zu
einer Beleidigung, da Henrietta die Frau sein knnte, die er gesehen
hatte. Jane riet, den Kanal abzusuchen, aber ein unwilliges >st, st<
gebot ihr Schweigen, whrend man den verlassenen Eltern besorgte
und mitfhlende Blicke zuwarf. Jane verschwand dann wieder aus dem
Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, als die beiden Polizisten,
die man nach der Htte gesandt hatte, zurckkamen. Smilasch ging
zwischen ihnen, offenbar als Gefangener. Von weitem sah es aus, als ob
er eine schreckliche Verletzung am Kopf habe, als man ihn aber in die
Gesellschaft brachte, zeigte es sich, da es nur ein rotes Taschentuch
ber sein Gesicht gebunden hatte, wie um Zahnschmerzen zu mildern.
Er hatte ein ausgesprochenes Galgengesicht, als er vor dem Inspektor
stand. Er lie seinen Kopf herabhngen und hielt seine Gesichtszge von
Mr.Jansenius abgewendet, der, als er ihn forschend beobachten wollte,
nur einen Fetzen von dem roten Taschentuch sah.

Einer der Polizisten berichtete, wie sie Smilasch in dem Augenblick
gefunden htten, als er grade seine Wohnung betreten wollte. Er habe
sich geweigert, irgendeine Erklrung zu geben oder auch nach der
Anstalt zu kommen, und als sie ihn gegen seinen Willen mitnehmen
wollten, habe er ihnen Trotz geboten. Als sie dann schlielich nach
dem Inspektor und Mr.Jansenius schicken wollten, hatte er sie Esel
genannt und eingewilligt, sie zu begleiten. Der Beamte schlo mit der
Erklrung, der Mann sei entweder betrunken oder sehr hinterlistig, da
er nicht vernnftig sprechen konnte oder wollte.

Sehen Sie, Herr Wachtmeister, begann Smilasch zum Inspektor, Ich bin
ein gewhnlicher Mann -- Sie knnen keinen gewhnlicheren finden in --

Das ist er, schrie Wickens Junge, den pltzlich das Gefhl berkam,
da er ein wichtiger Zeuge sei. Das ist er, den die Lady kte, der
mir zwei Pence gab und mir drohte, mich zu ertrnken.

Und mit demtigem und zerknirschtem Herzen bedaure ich, da ich dich
nicht ertrnkt habe, du grner Halunke, sagte Smilasch. Ist das eine
Art, einen Mann, wenn auch einen gewhnlichen, zu unterbrechen, der an
Alter und Weisheit dein Vater sein knnte.

Halt deinen Mund, sagte der Inspektor zu dem Jungen. Nun, Smilasch,
wollen Sie einen Bericht geben? Aber erwgen Sie wohl, was Sie sagen,
es kann nachher gegen Sie vorgebracht werden.

Wenn Sie mich sofort von hier zum Schafott bringen lassen, Herr
Oberwachtmeister, ich kann nicht mehr als die Wahrheit sagen. Wenn ein
Mann sagen kann, da Jeff Smilasch lgt, dann soll er sich melden.

Das interessiert mich nicht, sagte der Inspektor. Da Sie hier in
der Gegend fremd sind, wei niemand etwas Schlechtes von Ihnen. Aber
ebensowenig wei jemand etwas Gutes von Ihnen.

Herr Wachtmeister, sagte Smilasch tief bewegt, Sie haben einen
durchdringenden Geist, und durchschauen einen schlechten Charakter auf
den ersten Blick. Nicht um Sie zu tuschen, bin ich so der Lge und
Faulheit und Genssen aller Art ergeben. Die einzige Entschuldigung,
die ich fr mich finden kann, ist, da es wohl so in der Natur der
menschlichen Rasse liegt. Denn die meisten Leute sind grade so schlimm
wie ich, und viele sind schlimmer. Ich spreche nicht persnlich von
Ihnen, Herr Wachtmeister, noch von den geehrten Gentlemen, die hier
versammelt sind. Denn Sie, Herr Wachtmeister, sind ein Inspektor von
der Polizei, was ich fr einen hheren Rang als den der gewhnlichen
Menschen halte. Und was die Gentlemen angeht, ein Gentleman ist kein
Mann -- wenigstens kein gewhnlicher Mann -- denn der gewhnliche
Mann ist nur der Sklave, der die Gentlemen, die ber dem Gewhnlichen
stehen, ernhrt und bekleidet.

Halt, sagte der Inspektor, der diesen Bemerkungen nicht folgen
konnte, Sie sind ein gerissener Patron, aber mir sind Sie nicht
gerissen genug. Haben Sie eine Erklrung bezglich der Dame abzugeben,
die man zuletzt in Ihrer Gesellschaft gesehen hat?

Eine Erklrung abgeben ber eine Lady! sagte Smilasch unwillig. Fern
sei der Gedanke meiner Seele!

Was haben Sie mit ihr angefangen? fragte Agatha heftig. Sein Sie
nicht so mrrisch.

Sie wissen, da Sie das nicht zu beantworten brauchen, sagte der
Inspektor, der ein wenig aus der Fassung gebracht war, weil Agatha in
ihrer unverantwortlichen Stellung so direkt auf den Kernpunkt der Sache
gekommen war. Sie knnen es tun, wenn Sie wollen. Wenn Sie aber etwas
Bses getan haben, schweigen Sie lieber. Im andern Fall knnen Sie
ruhig aussagen.

Ich will die junge Lady wegen ihrer verehrten Schwester beruhigen,
sagte Smilasch. Als die junge Lady mich erblickte, fiel sie in
Ohnmacht. Da ich erst ein junger Mensch bin und nicht mit Ladies
umzugehen wei, will ich nicht leugnen, da ich etwas erschrocken war,
und da mein Kopf keine vernnftigen berlegungen fassen konnte. Als
sie ihre Augensterne entschleierte, um mich so auszudrcken, umfate
sie meinen Hals, obgleich sie mich von Adam, unserm gemeinsamen
Stammvater her nicht kannte, und sagte: >Bringen Sie mir etwas Wasser,
und machen Sie, da die Mdchen mich nicht sehen.< Da ich nicht so viel
Verstand hatte, um fr mich selbst zu sprechen, tat ich grade, was sie
mir sagte. Ich hob sie in meinen Armen empor -- sie war ja nur ein
leichtes und zartes Wesen -- und schob, so schnell ich konnte, nach dem
Kanal. Als ich dort ankam, legte ich sie auf die Bank und holte Wasser.
Aber bei den Fabriken, Verunreinigungen und vornehmen Einrichtungen
aller Art kann man mit dem Wasser eines englischen Kanals keine Dame
bespritzen, viel weniger es ihr zu trinken geben. Da kam nun grade, wie
es der Zufall wollte, eine Barke daher und nahm sie an Bord, und --

Nein, so war es nicht, sagte Wickens Junge hartnckig und war stolz,
weil er die Unverschmtheit eines Angehrigen seiner eigenen Klasse
aufdecken konnte. Ich sah Sie beide zusammenstehen, und sie kte Sie.
Da war gar keine Barke.

Soll die jungfruliche Sittsamkeit einer geborenen Lady angezweifelt
werden wegen der Worte eines gewhnlichen Jungen, der nur durch die
Geduld der Landbesitzer und Geldbesitzer, die er mit ernhren hilft,
sein Dasein fristet? rief Smilasch unwillig. Pfui, du junger Heide,
eine Lady ist nicht aus demselben Leder geschnitten wie du. Sie wei
nicht einmal, was ein Ku ist, und wenn sie es wte, ist es zu
glauben, da sie mich nahm, da ein so feiner Mann wie der Inspektor
hier nur zu glcklich wre, ihr den Gefallen zu tun. Pfui, schme dich!
Die Barke war rot und gelb mit einem Drachen als Bugfigur und einem
weien Pferd, das sie zog. Vielleicht bist du farbenblind und kannst
rot und gelb nicht unterscheiden. Der Schifferknecht wurde von Mitleid
ergriffen, als er die arme, ohnmchtige Lady erblickte und als ihm eine
halbe Krone angeboten wurde, und er hatte eine Mutter, die wie eine
Mutter handelte. Es war eine Kabine auf dieser Barke, so gro wie der
Schrank, in dem Eure Gnaden Ihre eingemachten Sachen aufheben, und in
diesem Schrank von einer Kabine lebt der Schifferknecht ganz huslich
mit seiner Frau und Mutter und fnf Kindern. Diese Kanalboote sind
sozusagen die hlzernen Mauern von England.

Los, fahren Sie in Ihrer Erzhlung fort, sagte der Inspektor. Wir
wissen ebensogut wie Sie, was Barken sind.

Ich wollte, ich verstnde mehr davon, entgegnete Smilasch.
Vielleicht knnte ich Ihnen bei Ihrer Aufgabe etwas mehr helfen.
Aber, wie ich schon sagte, wir fuhren den Kanal hinab nach Lyvern, wo
wir ausstiegen, und die Lady nahm ein Eisenbahnbillet und fuhr damit
fort. Mit der vornehmen Offenhndigkeit ihrer Klasse gab sie mir sechs
Pence. Hier sind sie, ein Beweis, da ich die Wahrheit sage. Und ich
wnsche ihr, da sie sicher zu Hause ankommt, und wenn man mich auf
die Folter spannt, ich kann nicht mehr erzhlen, ausgenommen, da ich
nach Hause ging und da diese Polizisten gegen die englische Verfassung
Hand an mich gelegt haben. Wenn das gndige Frulein freundlichst dahin
gehen wollten, wo die Verfassung aufgeschrieben ist, und herausfnden,
was darin ber meine Rechte und Freiheiten steht -- denn man hat mir
gesagt, da der Arbeiter seine Freiheiten hat, und ich habe mich immer
dafr interessiert -- dann werden Sie einen armen Burschen mehr zum
Dank verpflichten, als er nach seiner geringen Erziehung ausdrcken
kann.

Mein Herr, schrie Mr.Jansenius pltzlich, wollen Sie nicht einmal
ihren Kopf erheben und mir ins Gesicht sehen?

Smilasch tat es und fuhr dann mit theatralischer Bewegung zurck, indem
er ausrief: Wen sehe ich?

Sie werden es kaum glauben, fuhr er fort, indem er sich an die
Gesellschaft im allgemeinen wandte, aber ich bin diesem vornehmen
Gentleman wohlbekannt. Auf Ihren Lippen, alter Herr, sah ich die Frage
nach meiner Frau, und ich danke Ihnen fr die herablassende Teilnahme.
Es geht ihr gut, Herr, und da ich hier meinen Aufenthalt habe, darber
haben wir uns vollstndig geeinigt. Was fr eine kleine Wolke auch
ber unserm huslichen Himmel geschwebt haben mag, sie ist vergangen.
Und, alter Herr, hier sank Smilaschs Stimme zu ernsterer Betonung
-- wer sich jetzt zwischen Mann und Weib schiebt, ldt eine schwere
Verantwortung auf sich. Hier lebe ich, so wie Sie mich hier sehen, und
hier will ich bleiben, genau in der gleichen Gestalt. Das heit, wenn
das Schicksal es erlaubt. Das Schicksal ist eine wunderliche Sache,
alter Herr. Als ich hierher kam, dachte ich, es sei der letzte Platz
auf der Welt, wo Sie mir vor die Augen kmen, und der Henker hol mich,
wenn Sie nicht ungefhr der erste sind, auf den ich hier stoe.

Ich beabsichtige nicht, mich an dieser Maskerade zu beteiligen.

Wenn Sie erlauben, alter Herr, da ich Ihnen das Wort aus dem Munde
nehme, Sie brauchen sich an nichts zu beteiligen. Was nun mein frheres
Benehmen angeht, Sie knnen sich darber uern oder auch schweigen.
Wenn Sie aber etwas davon sagen, werde ich das brige sagen. Alles oder
gar nichts. Sie haben das Recht, hier dem Inspektor zu sagen, ich sei
ein schlechter Kerl. Sein durchdringender Geist hat es schon von selbst
herausgefunden. Aber wenn Sie auf Namen und Einzelheiten eingehen, dann
handeln Sie nicht nur gegen die Wnsche meiner Frau, Sie zwingen mich
auch dazu, die ganze Geschichte hier offen vor aller Welt zu erzhlen
und dann irgendwohin zu gehen, wo niemand mich finden kann.

Ich glaube, je weniger gesagt wird, desto besser ist es, sagte
Mrs.Jansenius, die mit Unbehagen die Neugierde und das Erstaunen
bemerkte, das die Unterredung verursachte. Aber verstehen Sie das
wohl, Mr.--

Smilasch, teure Lady. Jeff Smilasch.

Mr.Smilasch, was Sie auch mit Ihrer Frau abgemacht haben werden, es
geht mich nichts an. Sie haben schndlich gehandelt, und ich wnschte,
ich htte in Zukunft so wenig wie mglich mit Ihnen zu tun.

Ich wnsche, da ich mit Ihnen _gar nichts_ mehr zu tun habe --
_gar nichts_! sagte Mr.Jansenius. Ich sehe Ihr Benehmen als eine
persnliche Beschimpfung fr mich an. Sie knnen leben, wie Sie wollen
und wo Sie wollen. Ganz England steht Ihnen offen, nur ein Platz nicht
-- mein Haus. Komm, Ruth. Er bot seiner Frau den Arm, und sie wandten
sich zum Gehen, indem sie sich nach Agatha umsahen, die, von der
gaffenden Neugierde der andern angewidert, sich entschlossen aus der
Hrweite der Unterhaltung zurckgezogen hatte.

Smilasch hatte mit freundlichem Interesse den Zornesausbruch des
Mr.Jansenius beobachtet, als ob es ihn nur als neugierigen Beobachter
anginge. Aber MiߠWilson lie ihre Blicke von Smilasch zu ihren beiden
aufbrechenden Besuchern gleiten. Bitte, sehen Sie die Erklrung dieses
Mannes als eine befriedigende an? sagte sie zu ihnen. _Ich_ tu es
nicht.

Ich bin ein viel zu gewhnlicher Mann, sagte Smilasch, als da ich
imstande wre, eine Erklrung abzugeben, die ein so kultiviertes
Gehirn wie das Ihrige befriedigen knnte. Aber ich mchte ganz
bescheiden andeuten, da da drben ein Junge mit einem Telegramm steht
und sich gerne durch die hochgeborene Menge drngen wrde.

MiߠWilson! schrie der Junge mit schriller Stimme.

Sie nahm das Telegramm, las es und runzelte die Stirne. Wir haben alle
unsere Mhe fr nichts gehabt, meine Damen und Herren, sagte sie mit
unterdrcktem rger. Mrs.Trefusis teilt hier mit, da sie nach London
zurckgekehrt ist. Irgendeine Erklrung anzugeben, hat sie nicht fr
ntig gehalten.

Ein allgemeines Murmeln der Enttuschung folgte.

Lassen Sie den Mut nicht sinken, Ladies, sagte Smilasch. Vielleicht
ist sie trotzdem ertrnkt oder ermordet worden. Es kann jemand das
Telegramm unter einem falschen Namen geschickt haben. Vielleicht ist
es ein Kniff. Hoffen wir um Ihretwillen wenigstens auf einen kleinen
Unfall -- vielleicht passiert etwas auf der Eisenbahnreise.

Mi Wilson wandte sich nach ihm um und war froh, da sie jemand hatte,
an dem sie so recht ihren rger auslassen konnte. _Sie_ sollten sich
lieber an Ihre Arbeit machen, sagte sie. Und lassen Sie sich nie
wieder hier sehen.

Das ist hart, sagte Smilasch klagend. Ich habe es nur gut gemeint.
Aber ich wei, warum Sie so sind. Weil das junge Ungeziefer sagte, die
Lady htte mich gekt.

Herr Inspektor, sagte MiߠWilson, Sie werden mich verbinden, wenn
Sie dafr sorgen, da er die Anstalt so bald wie mglich verlt!

Wo ist mein Lohn? entgegnete Smilasch vorwurfsvoll. Wo ist mein
gesetzlicher Lohn? Ich bin erstaunt, da eine Dame wie Sie, die zum
berlaufen voll ist von Moralphilosophie und Nationalkonomie, einen
armen Mann um das Seinige bringen will. Wo ist Ihre Zahlkasse? Wo ist
Ihr Lohnkapital?

Geben Sie ihm nichts, Madame, sagte der Inspektor. Mit dem Geld, das
er von der Lady hat, ist er reichlich bezahlt. Gehen Sie los, oder wir
werden Ihnen berraschend schnell Beine machen.

Nun gut, murrte Smilasch: Wir haben neun Pence abgemacht, und was
die Arbeit mit der Rasenwalze anging, das ffnen der Seltersflaschen
und das Hinaustragen der schweren Tabletts, mir schwebte da so etwas
vor, was wie zwei Schilling klang. Aber ich verlange nicht mehr
als neun Pence, die Lady kann den Schilling und die drei Pence als
Ersparnis behalten. Das ist eine Ausbeutung der Arbeit im Mastabe von
hundertfnfundzwanzig Prozent. Also geben Sie mir die neun Pence, und
ich marschiere sofort ab.

Hier ist ein Schilling, sagte MiߠWilson. Und nun gehen Sie.

Drei Pence zurck! schrie Smilasch. Ehrlichkeit ist immer mein --

Sie knnen den Rest behalten.

Sie haben ein nobles Herz, Lady. Aber Sie schlagen dem Gesetz von
Angebot und Nachfrage ins Gesicht. Wenn Sie auf diese Art bezahlen,
werden die Arbeiter die Anstalt strmen und der Wettbewerb wird Sie
bald von einem Schilling auf sechs Pence herunterbringen, um von neun
Pence ganz zu schweigen. So gehen die Lhne herunter und die Todesrate
hinauf, denn es ist unser Unglck, da wir uns wie Schweine auf dem
Markte verkaufen mssen.

Er wollte noch etwas hinzufgen, aber der Beamte nahm ihn beim Arm,
drehte ihn herum und zeigte nachdrucksvoll nach dem Tor. Smilasch sah
ihn einen Augenblick gedankenlos an. Dann blinzelte er Fairholme zu und
ging ruhig davon, whrend die andern ihm schweigend nachstarrten.




Fnftes Kapitel.


Was zwischen Smilasch und Henrietta vorgefallen war, erfuhr sonst
niemand. Agatha hatte gesehen, da Henrietta seinen Hals mit ihren
Armen umschlang, aber sie war schon fort, als sie >Sidney, Sidney<
rief, und sah nicht mehr, wie er ihr Gesicht gegen seine Brust drckte,
um ihre Stimme zu dmpfen, und wie er sagte: Mein einziges Lieb, ich
flehe dich an, schreie nicht. Verflucht, wir haben die ganze Bande im
Augenblick hier. Still!

Verla mich nicht mehr, Sidney, flehte sie und klammerte sich
fester an ihn an, denn sie las in seinem bestrzten Blick, der nach
dem Eingang der Gebschanpflanzung gerichtet war, da er sie im Stich
lassen wollte. Ein Gerusch von Stimmen, das aus dieser Richtung kam,
beendete seine Unentschlossenst.

Wir mssen fortlaufen, Hetty, sagte er. Halte dich fest an meinem
Hals und erwrge mich nicht. Also los! Er hob sie empor und rannte
eiligst davon. Als sie an eine Mauer kamen, setzte er sie hinauf,
kletterte selbst hinber und fing sie in seinen Armen auf. Dann trug
er sie mhsam schwankend quer durch die Felder und taumelte ber
jeden kleinen Erdhgel, whrend sie in unzusammenhngenden Worten
ihm Vorstellungen machte. Du wirst mit jeder Sekunde ein paar Pfund
schwerer, mein Schatz, sagte er keuchend. Wenn du dich nicht grade
hltst, brichst du mir den Rcken. Oh, Himmel, hier ist ein Graben!

La mich herunter, schrie Henrietta in einer Ekstase von Entzcken
und Angst. Du wirst dir Schaden zufgen, und -- oh, bitte, nimm mich
--

Er arbeitete sich, whrend sie sprach, durch einen trockenen Graben und
kam auf einen Wiesenplatz, der an den Leinpfad des Kanals anstie. Hier
am Abhang einer Aushhlung, wo das Moos trocken und weich war, setzte
er sie nieder, warf sich selbst, auf seine Ellbogen gesttzt, vor ihr
hin und sagte keuchend:

Nessus, der Dejanira davontrug, war nichts gegen mich! Huh -- ja! Nun,
mein Liebling, bist du froh, da du mich wiedersiehst?

Aber --

Bitte, komm mir nicht mit aber, wenn du nicht wnschst, da ich noch
einmal und fr immer verschwinde. Ich armer Kerl habe mich, seitdem
ich von dir fortgelaufen bin, mehr als einmal unaussprechlich nach dir
gesehnt. Du hast dir natrlich nichts draus gemacht?

O wohl. Natrlich tat ich das. Warum hast du mich verlassen, Sidney?

Damit nicht noch etwas Schlimmeres kam. Aber wir wollen nicht
die wenigen Augenblicke, die wir haben, mit Auseinandersetzungen
verschwenden. Gib mir einen Ku.

Dann willst du mich also wieder verlassen. O Sidney --

Denk nicht an morgen, Hetty. Sei wie die Sonne und die Wiese, die sich
nicht im geringsten um den kommenden Winter kmmern. Warum blickst du
auf den abscheulichen Kanal, der trge seine Schlammladung von einem
Ort zum andern wlzt, bis er sie in die See ausspeit -- grade wie eine
bervlkerte Strae ihre Ladung langsam auf den Kirchhof bringt? Sieh
mich an und gib mir einen Ku!

Sie gab ihm mehrere und sagte schmeichelnd, noch immer ihren Arm auf
seiner Schulter: Du sagst das alles nur, um mich zu erschrecken,
Sidney, ich wei das wohl.

Du bist die helle Sonne fr meine Augen, sagte er und umarmte sie.
Ich fhle, wie mein Herz und mein Kopf unter deinem Lcheln versengt
werden, und ich werfe sie dir mit Entzcken als Beute zu. Wie glcklich
bin ich, da ich eine Frau habe, die mich deswegen nicht verachtet --
die mich eher noch mehr liebt!

Sei nicht nrrisch! sagte sie mit unbestimmtem Lcheln. Dann begriff
sie halb, was er meinte. Sie stie ihn voll Schmerz zurck und sagte
rgerlich: _Du_ verachtest _mich_ ja.

Nicht mehr, als ich mich selbst verachte. Oder vielmehr nicht einmal
so viel, denn manche Gefhle, die tatschlich niedrige sind, scheinen
uerlich liebenswert zu sein.

Du willst mich wieder verlassen. Ich fhle es. Ich wei es.

Du glaubst, du weit es, weil du es fhlst. Auch kein schlechter
Grund.

Dann verlt du mich also wirklich?

Du weit und fhlst es doch? Ja, meine angebetete Hetty, das tue ich
sicherlich.

Sie brach in verzweifelte Schmerzensrufe aus, und er zog ihren Kopf
an sich heran und kte sie in einer zarten Weise, der sie nicht
widerstehen konnte, und mit einem verzerrten Gesicht, das sie nicht sah.

Meine arme Hetty, du verstehst mich nicht.

Ich verstehe nur, da du mich hassest und da du von mir fortgehen
willst.

Das wrde leicht zu verstehen sein. Aber das Seltsame liegt darin, da
ich dich _liebe_ und da ich von dir fortgehen will. Nicht fr immer.
Nur fr eine Zeit.

Aber ich will nicht, da du fortgehst. Ich lasse dich nicht gehen,
sagte sie, und ein Zug von Heftigkeit mischte sich in ihr Flehen.
Warum willst du mich verlassen, wenn du mich liebst?

Wie soll ich das wissen? Ich kann dir ebensowenig das Wie und
Warum meines Handelns erklren, wie ich mich selbst an einem Grtel
hochheben und in eine andere Provinz bringen kann, was man ja gegen
die eingewendet hat, die das Perpetuum mobile erfinden wollen. Ich bin
zu sehr Pessimist, um auf meine eigenen Gefhle Rcksicht zu nehmen.
Weit du, was ein Pessimist ist?

Ein Mann, der glaubt, die andern seien ebenso abscheulich wie er
selbst, und der sie dafr hat.

Ungefhr so. Die moderne englische feine Gesellschaft, von der
ich ausgegangen bin, scheint mir so verdorben zu sein, wie sie
nur bei ihrer Einbildung auf ihre Kultur und bei ihrem Mangel an
Ehrenhaftigkeit sein kann. Ein scheinheiliger Mob, der die Lge liebt,
die Wirklichkeit hat, der Unsinn schreibt und schwatzt, der nach
Reichtum, Vergngen und Berhmtheit jagt, der die Furcht vor der Hlle
verloren hat, aber sie noch nicht durch die Liebe zur Gerechtigkeit
ersetzt hat, ein solcher Pbel strebt nur danach, sich den Lwenanteil
vom Wohlstand zu sichern, und er erpret ihn aus den Hnden der
Gesellschaftsklassen, die ihn schaffen, indem er sie mit Verhungern
bedroht. Wenn du mich mit trichten Redensarten unterbrichst, Hetty,
werfe ich dich in den Kanal und sterbe nachher vor Kummer ber meine
verlorene Liebe. Du weit, was ich nach der herkmmlichen Beschreibung
bin: ein steinreicher Gentleman. Weit du, welchen verruchten Ursprung
dieses Geld und diese Vornehmheit haben?

Oh, Sidney, hast du irgend etwas getan?

Nein, meine innigst Geliebte, ich bin ein Gentleman und habe nichts
getan. Da ein Mann nichts zu tun braucht und doch nicht verhungert,
das ist seltsamerweise kein Widerspruch. Jeder Pfennig, den ich
besitze, ist gestohlenes Geld. Aber es war gesetzlich erlaubter
Diebstahl, und was fr dich von einigem praktischen Wert ist, ich
knnte es den rechtmigen Eigentmern durchaus nicht zurckgeben,
selbst wenn ich wollte. Weit du, was mein Vater war?

Was geht uns das jetzt an? Sei nicht so abscheulich und voll von
diesen lcherlichen Ideen, lieber Sidney. Ich habe nicht deinen Vater
geheiratet.

Nein, aber du hast -- natrlich nur zufllig -- meines Vaters Vermgen
geheiratet. Der Halsschmuck, den du da trgst, ist mit seinem Gelde
gekauft, und ich kann fast die Blutflecken sehen --

Halt, Sidney. Ich kann diese Art von bertreibung nicht leiden. Es ist
alles Unsinn. Bitte, sei lieb zu mir.

Ich wei, da Schweiflecken daran sind.

Du abscheulicher Mensch!

Natrlich nicht von dir, mein Herzchen, aber von den unglcklichen
Menschen, die Sklavenarbeit tun, damit wir mig leben knnen. Ich will
dir erklren, warum wir so reich sind. Mein Vater war ein schlauer,
energischer und ehrgeiziger Baumwollhndler, der unter einem Austausch
jeder Art nur ein Geschft verstand, bei dem der eine verliert und
der andere gewinnt. Er machte es sich zur Aufgabe, so oft wie mglich
diesen Austausch vorzunehmen und dabei stets der gewinnende Teil zu
sein. Ich wei nicht genau, woher er stammte, denn er schmte sich
sowohl seiner Vorfahren wie auch seiner Verwandten, woraus ich nur
schlieen kann, da sie ehrliche und darum erfolglose Leute waren.
Jedenfalls erwarb er etwas Kenntnis vom Baumwollhandel, legte etwas
Geld zurck, erborgte noch mehr, was man ihm gerne anvertraute, weil
er im Ruf stand, die Leute im Geschft ber's Ohr zu hauen, und fing
dann, wie er mir spter wrtlich erzhlte, _fr sich selbst_ an. Er
kaufte eine Fabrik und etwas Rohbaumwolle. Nun mut du wissen, wenn
ein Mann eine Zeitlang an einem Stck Rohbaumwolle arbeitet, kann er
sie in ein Stck gewebte Baumwolle verwandeln, fertig fr Bettcher,
Hemden und dergleichen. Die gewebte Baumwolle ist wertvoller als
die Rohbaumwolle, sie kostet Abnutzung der Maschinen, Abnutzung der
Fabrik, Zinsen fr das Grundstck, auf der die Fabrik gebaut ist, und
menschliche Arbeit oder Abnutzung von Menschenleben, die durch Nahrung,
Obdach und Rast bezahlt wird. Verstehst du das?

Das lernten wir alles auf der Schule. Ich sehe aber nicht ein, was das
mit uns zu tun hat, du arbeitest doch nicht im Baumwollhandel.

Du lerntest sicherlich genau so viel, als man es fr gut fand, dir zu
lehren, aber ich glaube nicht, da du alles lerntest. Als mein Vater
fr sich anfing, gab es viele Mnner in Manchester, die auch gerne auf
diese Art gearbeitet htten. Aber sie besaen keine Fabrik, um darin zu
arbeiten, keine Maschinen, um damit zu arbeiten, keine Rohbaumwolle,
um daran zu arbeiten, einfach, weil alle diese unentbehrlichen
Produktionsmittel sich schon in festem Besitz befanden. So standen
sie da mit leerem Magen, zitternden Gliedern und hungrigen Frauen und
Kindern in einem Land, das sie ihr eigenes Vaterland nannten, in dem
aber jeder Fetzen Boden, jede mgliche Nahrungsquelle fest verschlossen
im Besitz anderer war und von bewaffneten Soldaten und Polizisten
bewacht wurde. In dieser hilflosen Lage waren die armen Teufel dann
gezwungen, um Zula zu der Fabrik und zu der Rohbaumwolle zu bitten und
mit allem zufrieden zu sein, wenn sie nur ihr Leben fristen konnten.
Mein Vater bot ihnen die Benutzung seiner Fabrik, seiner Maschinen und
seiner Rohbaumwolle unter folgenden Bedingungen an: Sie muten lange
und schwer arbeiten, von frh bis spt, und seiner Rohbaumwolle neuen
Wert hinzufgen, indem sie sie verwebten. Aus diesem so von ihnen
geschaffenen Mehrwert muten sie ihn entschdigen fr das, was er ihnen
lieferte: nmlich Miete, Obdach, Gas, Wasser, Maschinen, Rohbaumwolle
und alles andere, und sie muten ihm fr seine eigenen Dienste als
Direktor, Leiter und Kaufmann bezahlen. Soweit verlangte er nichts,
als was ihm grade gebhrte. Aber nachdem dies alles bezahlt war, blieb
noch ein Betrag, den sie nur ihrer eigenen Arbeit verdankten. >Von
allem diesen<, sagte mein Vater, >sollt ihr grade genug bekommen, damit
ihr nicht verhungert, und den Rest gebt ihr mir als Geschenk, weil
ich es so gut verstehe, Geld anzusammeln. Das ist das Geschft, wie
ich es vorschlage. Es ist nach meiner Meinung angemessen und darauf
berechnet, sparsame Gewohnheiten bei euch herbeizufhren. Wenn ihr
es nicht in dem Licht seht, knnt ihr euch selbst eine Fabrik und
Rohbaumwolle anschaffen. Meine braucht ihr nicht zu benutzen.< In
andern Worten, sie konnten zum Teufel gehen und verhungern -- Hobsons
Wahl! -- denn alle andern Fabriken waren im Besitz von Mnnern, die
keine besseren Bedingungen anboten. Die Leute in Manchester ertrugen
aber das Verhungern nicht, und sie konnten auch nicht sehen, wie ihre
Kinder verhungerten, so nahmen sie also seine Bedingungen an und
gingen in die Fabrik. Die Bedingungen, weit du, waren von der Art,
da sie nicht, wie er, sich Geld zurcklegen konnten. So schufen sie
einen groen Reichtum und lebten sehr rmlich, so da der berschu,
den sie fr nichts meinem Vater gaben, sehr gro war. Er kaufte damit
noch mehr Baumwolle, noch mehr Maschinen und noch mehr Fabriken. Er
beschftigte immer mehr Menschen, die fr ihn Reichtum schafften, und
sah sein Vermgen anwachsen wie einen herabrollenden Schneeball. Er
wurde enorm reich, aber die Arbeiter waren nicht besser daran als im
Anfang, und sie durften nicht aufsssig werden und mehr von dem Geld
verlangen, das sie schufen, denn drauen gab es immer genug hungrige
Lumpen, die gerne zu den alten Bedingungen ihre Pltze einnahmen. Oft
hatte er es mit einer Krisis zu tun, so zum Beispiel, wenn er in seinem
Eifer, sein Lager zu vergrern, durch seine Leute mehr Baumwolle
verarbeiten lie, als das Publikum brauchte. Oder wenn er nicht genug
Rohbaumwolle bekommen konnte, wie es whrend des amerikanischen
Brgerkrieges vorkam. Dann pate er sich den Umstnden an, indem er so
viele Arbeiter entlie, wie es nach dem Absatz oder dem Baumwollvorrat
ntig war. Sie verhungerten natrlich oder fielen der ffentlichen
Wohlttigkeit zur Last. Whrend des Brgerkrieges ging eine gewaltige
Liste rund fr diese armen Unglcklichen, und mein Vater zeichnete
hundert Pfund trotz seiner eigenen groen Verluste, wie er sagte.
Dann kaufte er neue Maschinen, und da an diesen die Frauen und Kinder
ebensogut arbeiten konnten wie die Mnner, und da sie billiger und
lenksamer waren, setzte er ungefhr siebzig von jedem Hundert seiner
Hnde (so nannte er die Mnner) auf das Pflaster und ersetzte sie durch
ihre Frauen und Kinder, die schneller als je fr ihn Geld machten. Zu
dieser Zeit hatte er es lngst aufgegeben, seine Fabriken selbst zu
leiten, und er bezahlte tchtigen Menschen, die selbst kein eigenes
Vermgen hatten, ein paar hundert Pfund im Jahr, weil sie das fr ihn
besorgten. Er erwarb auch Aktien von anderen Unternehmungen, die nach
denselben Grundstzen geleitet wurden. Er steckte Dividenden ein,
die in Gegenden erworben waren, die er nie besucht hatte, und von
Mnnern, die er nie gesehen hatte. Er kaufte sich von einer armen und
bestechlichen Whlerschaft einen Sitz im Parlament und half die Gesetze
bewahren, durch die er gro geworden war. Spter, als der Ruf seines
Reichtums sich immer mehr verbreitete, brauchte er niemand mehr zu
bestechen, denn die modernen Menschen verehren die Reichen als Gtter
und whlen einen Mann zu ihrem Leiter aus keinem andern Grunde, als
weil er ein Millionr ist. Er ffte den Adligen nach, wohnte in einem
Palast in Kensington und kaufte einen Teil von Schottland, um daraus
einen Jagdgrund zu machen. Es ist leicht genug, Jagdgrnde anzulegen,
denn Bume sind da nicht notwendig. Man jagt einfach die Bauern davon,
zerstrt ihre Huser und macht eine Wste aus dem Land. Zwar scho mein
Vater selbst nicht viel, er berlie gewhnlich whrend der Saison
die Jagd andern, die das taten. Er verschaffte sich auch eine Frau
von adligem Geblt -- das unbefriedigte Resultat steht vor dir. So
gelang es Jesse Trefusis, dem armen Handelsmann, ein Plutokrat und
Landedelmann zu werden. Und so bin ich, der ich nie in meinem Leben die
geringste Arbeit getan habe, berladen mit Reichtum, whrend die Kinder
der Mnner, die diesen ganzen Reichtum geschaffen haben, Sklavenarbeit
tun wie ihre Vter, oder verhungern, oder im Arbeitshaus, auf den
Straen oder Gott wei wo sie sich herumtreiben. Was denkst du darber,
mein Lieb?

Welchen Zweck hat es, sich deshalb zu qulen, Sidney? Du kannst das
jetzt nicht mehr ndern. brigens, wenn dein Vater sich Geld sparte
und die andern waren gleichgltig, dann verdiente er es, da er ein
Vermgen machte.

Zugegeben! aber er machte gar kein Vermgen. Er nahm das Vermgen,
das die andern machten. In Cambridge lehrte man mir, seine Reichtmer
seien der Lohn seiner Sparsamkeit -- jener Sparsamkeit, die es ihm
ermglichte, so viel zurckzulegen. Das beruhigte mein Gewissen, bis
ich anfing, mich zu wundern, wie ein Mann einen andern veranlassen
konnte, ihn fr eine Tugend zu bezahlen. Dann kam die Frage: woran
sparte mein Vater? Die Arbeiter sparten an Essen, Trinken, frischer
Luft, guten Kleidern, anstndigem Wohnen, an Feiertagen, Geld, an der
Gesellschaft ihrer Familie und fast an allem, was das Leben lebenswert
macht. Das war vielleicht der Grund, weshalb sie ungefhr zwanzig Jahre
frher starben, als Leute in unseren Kreisen. Aber niemand belohnte
sie fr ihre Sparsamkeit. Die Belohnung bekam mein Vater, der an gar
nichts von allen diesen Dingen sparte, sondern sie nach Herzenslust
geno. brigens, wenn Geld der Lohn fr Sparsamkeit war, dann mute
er logischerweise zehnmal so viel sparen, wenn er fnfzigtausend
Pfund im Jahr einnahm, als wenn er nur fnftausend hatte. Hier lag
ein Problem fr meinen jungen Kopf. Man suche etwas, an dem mein
Vater sparte und in dem die Arbeiter schwelgten, etwas, an dem er
mehr und mehr sparte, je reicher er wurde. Das einzige Ding, welches
pate, war schwere Arbeit, und da ich niemals einen vernnftigen Mann
gesehen habe, der einem andern etwas fr sein Faulenzen bezahlt,
so begann ich zu begreifen, da die wunderbaren Einnahmen meines
Vaters durch Gewalt erzwungen waren. Um gerecht gegen ihn zu sein, er
selbst rhmte sich nie seiner Sparsamkeit. Er betrachtete sich als
schwer arbeitenden Mann und beanspruchte sein Vermgen als Lohn fr
sein Risiko, seine Berechnungen, seine Sorgen und seine Reisen, die
er in jeder Jahreszeit und zu jeder Stunde unternehmen mute. Dies
beruhigte mich etwas, bis mir der Gedanke kam, wenn er ein Jahrhundert
frher gelebt und sein Geld in einem Pferd und in einem Paar Pistolen
angelegt htte und Straenruber geworden wre, da dann seine Absicht
-- den andern die Frucht ihrer Arbeit zu entreien, ohne ihnen etwas
Gleichwertiges zurckzugeben -- genau dieselbe und sein Risiko viel
grer gewesen wre, denn er riskierte dabei an den Galgen zu kommen.
Fortwhrendes Arbeiten, whrend ihm die Beamten auf den Hacken saen,
und Berechnungen, ob er die Post nach Dover berauben sollte, wrden
ihm bergenug Ttigkeit und Sorgen gegeben haben. berhaupt, wenn das
Parlamentsmitglied Jesse Trefusis, der als Millionr in seinem Palast
in Kensington starb, ein Straenruber gewesen wre, ich knnte keinen
tieferen Ekel vor den sozialen Einrichtungen empfinden, die eine solche
Laufbahn wie die seine nicht nur mglich, sondern auch in den Augen
seiner Zeitgenossen zu einer ehrenvollen machten. Die meisten Menschen
betrachten es als ihre Aufgabe, ihm nachzustreben, und hoffen in
derselben Art zu einem reichen und migen Leben zu kommen. Darum wende
ich ihnen den Rcken. Ich kann nicht bei ihren Festgelagen sitzen, da
ich wei, wieviel diese an menschlichem Elend kosten, und da ich sehe,
wie wenig menschliches Glck sie hervorbringen. Was ist deine Meinung,
mein Schatz?

Henrietta schien etwas geqult zu sein. Sie lchelte matt und sagte in
liebkosendem Ton: Es war nicht deine Schuld, Sidney. _Ich_ tadle dich
nicht.

Ihr ewigen Mchte! rief er aus und sa kerzengrade da, indem er den
Himmel anflehte, hier dieses Weib glaubt, das einzige, was mich an der
Sache interessiert, sei, ob sie ber mich persnlich deswegen etwas
Schlechtes denkt!

Nein, nein, Sidney. Nicht nur ich allein, niemand denkt deshalb etwas
Schlechtes von dir.

Ganz recht, entgegnete er in hflicher Wut. Niemand sieht etwas
Schlimmes darin. Das ist ja grade das Schlimme an der Sache.

brigens, bemerkte sie nachdrcklich, stammt deine Mutter aus einer
der ltesten Familien Englands.

Und was kann ein Mann mehr verlangen als Reichtum und adlige
Abstammung! Kann ein Mann glcklicher sein, als ich es sein
mte, der von einem Monopolbesitzer aller Wohlstandsquellen und
Produktionsmittel, von Land und Maschinen, abstammt? Dieser selbe
Grund und Boden, auf dem wir hier stehen, war das Eigentum des Vaters
meiner Mutter. Wenigstens erlaubte ihm das Gesetz, ihn als solches zu
benutzen. Als er ein Knabe war, da hauste hier ein leidlich glckliches
Geschlecht von Bauern, die den Boden pflgten und fr die Erlaubnis,
da sie das tun durften, ihm eine Rente zahlten. Sie erzielten genug,
um seine groen Ansprche und ihre kleinen Bedrfnisse zu befriedigen,
ohne da sie sich dabei zu Tode arbeiteten. Aber mein Grovater war
ein schlauer Mann. Er begriff, da Khe und Schafe durch ihr Fleisch
und ihre Wolle mehr Geld einbrachten als die Bauern durch ihre
Landwirtschaft. So machte er klare Bahn. Das heit, er vertrieb die
Bauern aus ihren Htten, grade wie es spter mein Vater auf seinem
Jagdgebiet machte. Oder, wie es auf seinem Grabstein hie, er entdeckte
seinem Vaterlande neue Wohlstandsquellen. Ich wei nicht, was aus
seinen Bauern geworden ist. _Er_ wute es jedenfalls nicht, und ich
glaube auch nicht, da es ihn irgendwie kmmerte. Wahrscheinlich
gingen die Alten ins Arbeitshaus, und die Jungen drngten sich in die
Stdte und arbeiteten in Fabriken, wie sie mein Vater besa. Auf ihren
frheren Wohnsttten hauste jetzt das Vieh, und es machte sich fr das
Futter, das man ihm reichte, so gut bezahlt, da mein Grovater unter
den Bedingungen der Manchestermnner Arbeiter mietete, die diesen Kanal
hier gruben. Mein Vater beteiligte sich mit Aktien an dem Unternehmen.
Als der Kanal fertig war, legten sie Schiffahrtsabgaben darauf, die
ihre Erben noch heute beziehen. Und die Shne der Arbeiter, die ihn
gruben, und des Ingenieurs, der ihn zeichnete, bezahlen die Abgaben,
wenn sie zufllig darauf fahren oder Gter darauf befrdern. Ich
erinnere mich meines Grovaters noch sehr gut. Er war ein vornehmer
Mann, ein vollkommener Gentleman in seinem Benehmen. Aber im ganzen,
glaube ich, war er schlechter als mein Vater, der nun einmal im
Rderwerk eines fehlerhaften Systems steckte und entweder andere
berauben mute oder von ihnen beraubt wurde. Aber mein Grovater -- der
alte Schuft! -- war nicht in einer solcher Verlegenheit. Er war Herr
und Meister ber seinen Anteil an dem alten, lustigen England, kein
Mensch konnte ihn zum Sklaven machen, und er htte wenigstens leben
und leben lassen sollen. Mein Vater folgte ja seinem Beispiel, als er
sich die Jagdgrnde anlegte, aber das war auch der Hhepunkt seiner
Schlechtigkeit, whrend es bei meinem Grovater nur der Anfang war.
Doch wie es auch sei und wem auch die Palme gebhrt, die beiden sind
unsere Vorbilder, denen wir alle nachstreben.

Nicht alle, Sidney. Wir zwei doch nicht. Ich hasse Unternehmer und
Grogrundbesitzer. Wir gehren zu den Kultur- und Knstlerklassen, und
wir knnen uns von Handelsleuten fernhalten.

Ja, und wir verzehren inzwischen verschiedene tausend Pfund von Renten
und Zinsen. Nein, mein Schatz, so machen es die Leute, die selbst im
Himmel leben und nicht an die Hlle erinnert werden wollen, die aber
nichts dagegen haben, da eine auerhalb ihres Bewutseins existiert.
Ich habe vor meinem Vater mehr Achtung -- ich meine, ich verabscheue
ihn weniger -- weil er das Ausbeuten und Stehlen selbst besorgte, als
die gefhlvollen Faulenzer und Feiglinge, die ihm Geld gaben, damit er
damit andere ausbeutete und bestahl, und die nach gar nichts fragten,
wenn er nur die Zinsen pnktlich bezahlte. Und was deine Freunde, die
Knstler, angeht, das sind die Allerschlimmsten.

Oh, Sidney, du hast dir in den Kopf gesetzt, alles hlich zu finden.
Knstler halten keine Fabriken.

Nein, aber die Fabriken sind auch nur ein Teil in dem Rderwerk des
Systems. Seine Grundlage ist die Tyrannei der Gehirnkraft, die unter
zivilisierten Menschen tun kann, was Muskelkraft unter Schuljungen und
Wilden tut. Der Schuljunge sagt: >Ich bin strker als du, folglich mut
du fr mich Dienste tun.< Der Erwachsene befiehlt: >Ich bin schlauer
als du, darum mut du fr mich Dienste tun.< Diese Zustnde, denen wir
uns unterwerfen, sind an und fr sich schlimm genug, sie werden aber
unertrglich, wenn die mittelmigen oder schwachsinnigen Abkmmlinge
dieser schlauen Burschen den Anspruch erheben, ihre Vorrechte zu
erben. Nun hngen aber keine Menschen so sehr an der unbeschrnkten
Herrschaft von Genie und Talent wie deine Knstler. Der groe Maler ist
nicht damit zufrieden, da er gesucht und bewundert wird, weil seine
Hnde, was auch tatschlich der Fall ist, mehr knnen als gewhnliche
Hnde -- nein, er will auch so ernhrt werden, als ob sein Magen, was
nicht der Fall ist, mehr Nahrung brauchte als gewhnliche Mgen. Ein
Tagewerk ist ein Tagewerk, nicht mehr und nicht weniger, und wer einen
Tag arbeitet, braucht dafr Unterhalt und Schlaf und Muezeit, ob er
nun Maler oder Bauer ist. Aber der Halunke von einem Maler, Dichter,
Romanschreiber, oder was er sonst fr eine Luxusbeschftigung hat, ist
nicht damit zufrieden, da er in der allgemeinen Achtung hher steht
als der Bauer, er will auch mehr Geld haben, als ob der Tag im Atelier
oder im Studierzimmer mehr Stunden htte als auf dem freien Feld. Als
ob er mehr Nahrung brauchte, um seine Arbeit leisten zu knnen, als
der Bauer. Er spricht von der hheren Art seiner Arbeit, als ob diese
hhere Wertschtzung sein eigenes Verdienst sei -- als ob er das Recht
htte, weniger fr seinen Nachbarn zu tun, als sein Nachbar fr ihn
tut, als ob der Bauer nicht leichter ohne ihn auskme, als er ohne den
Bauer -- als ob der Wert der berhmtesten Gemlde nicht zweifelhafter
wre als der einer graden Ackerfurche -- als ob nicht ebensoviele
Jahre des Lernens dazu gehrten, die Hand und das Auge eines Maurers
und eines Schmiedes auszubilden als die eines Knstlers -- als ob, um
es kurz zu sagen, der Kerl ein Gott wre, wie ihm die phantasierenden
Kunstverehrer seit Jahren versichert haben. Die Knstler sind die
Hohenpriester des modernen Molochs. Neun Zehntel von ihnen sind kranke
Geschpfe, die grade noch vernnftig genug sind, aus ihrer Nervositt
ein Geschft zu machen. Die einzige Eigenschaft von ihnen, die mir
etwas Achtung abntigt, ist eine gewisse erhabene Selbstsucht, die sie
veranlat, lieber zu verhungern und ihre Familie verhungern zu lassen,
als etwas zu tun, was sie nicht lieben.

Wahrhaftig, du bist ganz im Unrecht, Sidney. In der Sladeschule war
ein Mdchen, das seine Mutter und zwei Schwestern durch Zeichnen
ernhrte. brigens, was kannst du tun? Die Leute sind nun einmal so.

Ja, ich bin durch die Torheit der Leute Grundbesitzer und Kapitalist,
aber sie knnen mir das ja wieder abnehmen. Ich selbst habe keine
Mglichkeit, aus meiner Lage herauszukommen, auer wenn ich meine
Sklaven an Menschen abgebe, die sie nicht besser behandeln als
ich selbst, und selbst ein Sklave werde, was mir nicht so bald
einfallen wird. Nein, meine Geliebte, ich mu um deinetwillen und um
meinetwillen meinen Fu auf ihren Nacken halten. Aber du gibst nicht
viel um solches langweiliges Zeug. Mein Gewissen qult mich, weil ich
dir, mein Engel, Verdru damit machte. Du willst wissen, warum ich
hier wie ein Einsiedler in einer zweizimmerigen Htte wohne, statt
mit meinem schnen und angebeteten Weib die Freuden des Londoner
Gesellschaftslebens zu genieen?

Aber du willst doch nicht etwa hierbleiben, Sidney?

Allerdings, und ich will dir auch sagen, warum. Ich will helfen, diese
Manchesterarbeiter, die die Sklaven meines Vaters waren, zu befreien.
Um das fertig zu bringen, mssen alle ihre Mitsklaven in der ganzen
Welt zu einer groen internationalen Vereinigung zusammentreten. Sie
mssen geloben, die Arbeit der ganzen Welt gerecht zu verteilen, die
Produkte der Arbeit gerecht zu verteilen, keinem erwachsenen, rstigen
Faulenzer oder Simulanten einen Pfennig zu geben und jeden in der
Gemeinschaft als Ungeziefer zu betrachten, der mehr als seinen Anteil
vom allgemeinen Wohlstand haben will und weniger als seinen Anteil an
der Arbeit geben will. Es ist sehr schwer, das durchzufhren, denn die
Arbeiter, wie alle Leute, denen man helfen will, sehen ihre eigenen
Vorteile nicht ein und helfen oft ihren Unterdrckern, ihre eigenen
Retter unter den Klngen der =Rule Britannia= oder eines hnlichen
verlogenen Unsinns zu vertreiben. Wir mssen ihre Kpfe erst davon
befreien und inzwischen fleiig die internationale Arbeitervereinigung
ausbauen. Ich mache jetzt Propaganda fr ihre Grundstze. Der
angeblich zum Regieren, in Wirklichkeit aber zum Unterdrcken der
Nation organisierte Kapitalismus wrde bald genug unserer Vereinigung
Einhalt gebieten, wenn er unsere Absicht verstnde. Aber er glaubt,
wir seien mit Pulverkomplotten und Verschwrungen zur Ermordung
gekrnter Hupter beschftigt, und so geht, whrend die Polizei in
tlpelhafter Weise nach Beweisen hierfr sucht, unser wirkliches Werk
ungestrt weiter. Ob ich selbst wirklich die Sache frdere, das ist
mehr, als ich sagen kann. Ich verbrauche eine Menge Freimarken, bezahle
vielen gleichgltigen Lesern die Lektre, bestreite die Papierkosten
fr Pamphlete und Zettel, auf denen die Arbeiter als das Salz der
Erde gepriesen werden, bin Redakteur und Herausgeber einer kleinen
sozialistischen Zeitung und tue im allgemeinen, was in meinen Krften
steht. Es ist besser, wenn ich meinen bel erworbenen Reichtum auf
diese Weise verwende, als in einem teuren Haushalt und mit einem
Gefolge von Dienern. Ich ziehe meinen gewhnlichen Anzug und meine
zweizimmerige Htte deinem hbschen, lieben Hause vor, und deinen
hbschen, lieben Spielereien, und der hbschen, lieben Vernachlssigung
aller Arbeit, die mir am Herzen liegt. Vielleicht mache ich auch einmal
wieder Feiertage, und dann werden wir neue Flitterwochen verleben.

Fr einen Augenblick schien es, als wollte Henrietta zu weinen
anfangen. Dann rief sie pltzlich mit Begeisterung: Ich will bei dir
bleiben, Sidney. Ich will an deiner Arbeit teilnehmen, ganz gleich,
was es ist. Ich will mich als Bauernmdchen kleiden und einen kleinen
Milcheimer tragen. Die Welt ist nichts fr mich, wenn du nicht bei mir
bist, und ich wrde gerne hier leben und nach der Natur zeichnen.

Er wich zurck und errtete, ohne da er seine Bestrzung verbergen
konnte. Sie war entschlossen, sich nicht vertreiben zu lassen, sie
klammerte sich an ihn an und hielt ihn fest. Dieses war die Bewegung,
die Wickens Jungen, der im benachbarten Graben sa, zum Lachen brachte.
Trefusis war froh ber die Unterbrechung, und als er dem Jungen zwei
Pence gab und ihn fortwies, hoffte er halbwegs, da er bleiben wrde.
Aber obgleich der Junge meistens sehr eigensinnig war, zeigte er sich
diesmal ganz artig. Er verschwand auf die Landstrae, wo er einen
seiner Pence einem Phantasiespieler gab und mit ihm Kopf oder Schrift
spielte, bis das Erscheinen von Fairholmes Gruppe ihn aus seinem
Doppelzustand herausri.

Inzwischen war Henrietta mit dringendem Bitten auf ihren Vorschlag
zurckgekommen.

Wir wrden so glcklich sein, sagte sie. Ich wrde dir den Haushalt
fhren, und du knntest soviel arbeiten, wie du wolltest. Unser Leben
wre ein langes Idyll.

Mein Lieb, sagte er und schttelte seinen Kopf, als sie ihn flehend
ansah. Ich habe zuviel Manchester Baumwolle in meinem Wesen fr lange
Idylle. Und in Wahrheit, die erste Bedingung, wenn du mit mir arbeiten
willst, ist, da du fortgehst. Solange du bei mir bleibst, kann ich
nur mit dir kosen. Du bezauberst mich. Wenn ich mich einen Augenblick
von dir freimache, dann seufze ich schon voll Reue ber die Stunden,
die ich durch deine Verfhrung verloren habe und ber die nutzlos
vergeudete Energie.

Wenn du mit mir nicht leben willst, dann hattest du auch kein Recht,
mich zu heiraten.

Ganz richtig. Aber das ist weder deine noch meine Schuld. Wir haben
gefunden, da wir uns zu sehr lieben -- da unser Verkehr uns an
unserer Bettigung hindert, und darum mssen wir voneinander scheiden.
Nicht fr immer, mein Lieb, nur bis du eigene Sorgen und eigene Arbeit
gefunden hast, die dein Leben ausfllen und dich daran hindern, meines
zu vergeuden.

Ich glaube, du bist von Sinnen, sagte sie verdrielich.

Die Welt ist heutzutage von Sinnen und galoppiert zum Teufel, so
schnell die Habgier sie antreiben kann. Ich halte mich einfach von
diesem Rennen fern, weil ich das Ziel nicht liebe. Hier kommt eine
Barke, deren Fhrer mir ergeben ist, weil er glaubt, ich wollte einen
Aufruhr zur Abschaffung von Schleusengebhren und Zllen veranstalten.
Wir wollen an Bord gehen und nach Lyvern fahren. Von dort kannst
du nach London zurckkehren. Du telegraphierst am besten von der
Umsteigestation nach der Anstalt. Sie mssen jetzt die reine Treibjagd
auf uns machen. Ich werde dir meine Adresse geben, und wir knnen uns
schreiben oder auch treffen, so oft wir wollen. Oder du kannst dich
auch von mir scheiden lassen, weil ich dich verlassen habe.

Ich wei, da dir das das liebste wre, sagte Henrietta schluchzend.

Ich wrde vor Verzweiflung sterben, mein Schatz, sagte er freundlich.
Schiff ahoi! Um Gotteswillen, hre auf zu weinen, Hetty. Du zerreit
mir wahrhaftig die Seele.

Ahoi--i--i, Master! brllte der Schiffer.

Guten Abend, Herr, sagte ein Mann, der sich mit einer kurzen Peitsche
in der Hand neben dem Pferde herschleppte, das die Barke zog. Komm
an! fgte er belgelaunt, nach dem Pferd gewandt, hinzu.

Ich mchte aufsteigen und mit nach Lyvern fahren, sagte Trefusis. Es
scheint ein wohlgenhrtes Tier zu sein.

Besser genhrt als ich, sagte der Mann. Man kann aus einem
unternhrten Pferd nicht dieselbe Arbeit herausziehen wie aus einem
unternhrten Mann oder Weib. Ich bin in Gegenden in England gewesen, wo
Frauen die Barken zogen. Sie sind billiger als Pferde, denn es kostet
nichts, neue zu bekommen, wenn die alten verschlissen sind.

Warum schafft ihr sie denn nicht an? fragte Trefusis mit ironischem
Ernst. Der Grundsatz, Arbeitskrfte auf dem billigsten Markt zu kaufen
und ihre Produkte auf dem teuersten Markt zu verkaufen, hat viel dazu
beigetragen, da England das geworden ist, was es ist.

Die Eisenbahngesellschaften halten Hospitler fr _seines_gleichen,
sagte der Mann mit verschmitztem Lachen und zeigte auf das Pferd,
indem er ihm mit dem Ende seiner Peitsche klatschend gegen den Bauch
schlug. Wenn Sie jemals im Ernst versuchen, ein Arbeiter zu sein, dann
versuchen Sie es auf vier Beinen. Sie werden finden, da es bei weitem
der Arbeit auf zwei Beinen vorzuziehen ist.

Dieser Mann ist einer von denen, die ich bekehrt habe, sagte Trefusis
abseits zu Henrietta. Er sagte mir neulich, seit ich ihn zum Denken
gebracht habe, sieht er nie einen Gentleman, ohne da er die Neigung
empfindet, einen Stein gegen ihn zu erheben. Ich finde, Sozialismus
wird oft von seinen minder intelligenten Anhngern und Gegnern dahin
miverstanden, als ob er nur der natrlichen Neigung, angesehene
Personen mit Steinen zu bewerfen, Vorschub leiste. Jetzt werde ich dich
ber diese Planke tragen. Wenn du dich ruhig hltst, werden wir wohl
die Barke erreichen. Andernfalls erreichen wir den Boden des Kanals.

Er trug sie hinber und wechselte mit dem Schiffer einige freundliche
Worte. Dann nahm er Henrietta mit nach vorne und starrte in das
Wasser, whrend sie geruschlos an dem hgeligen Weidenland
vorbeiglitten.

Das wrde eine herrliche Fahrt sein, sagte er, wenn man die Frau da
unten vergessen knnte, die ihrem Mann in einer stickigen Hhle, so
gro wie dein Kleiderschrank, das Essen kocht, und --

Oh, rede kein Wort mehr von solchen Sachen, sagte sie rgerlich: Ich
kann ihnen nicht helfen. Ich habe meinen eigenen Kummer. _Ihr_ Mann
lebt bei ihr.

Sie wird ihren Platz mit dir wechseln, mein Schatz, wenn du ihr das
Anerbieten machst.

Es fiel ihr keine Antwort ein. Nach einer Pause begann er poetisch
ber die Landschaft zu sprechen und ihr verliebte Redensarten und
Schmeicheleien zu sagen. Aber sie fhlte, da er entschlossen war, sie
los zu werden, und er wute, da es keinen Zweck mehr hatte, seine
Absicht vor ihr zu verbergen. Sie wandte sich weg und setzte sich auf
einen Sto Ziegelsteine, indem sie nur rgerlich ihr Gesicht verzerrte,
wenn er sie zum Sprechen drngte. Als sie sich dem Ende der Reise
nherten, glaubte sie, da sie ihren heftigen Schmerz ber seine Flucht
nur halb zum Ausdruck gebracht htte, und das Gefhl des erlittenen
Unrechts wurde ihr fast unertrglich.

Sie landeten an einer Werft und gingen ber einen schmutzigen, von
tiefen Fahrgeleisen durchzogenen Weg auf die Hauptstrae von Lyvern.
Hier wurde er wieder Smilasch und ging ehrerbietig etwas vor ihr her,
als wenn er gemietet wre, den Weg zu zeigen. Sie sah jetzt ein, da
ihre letzte Gelegenheit, ihn anzuflehen, vorbei war, und sie brach bei
dem Gedanken fast in Trnen aus. Es kam ihr der Einfall, sie knnte
ihn vielleicht bewegen, wenn sie hier eine ffentliche Szene machte.
Aber die Strae war sehr belebt, und sie frchtete sich auch etwas vor
ihm. Keines von diesen beiden Bedenken wrde sie abgehalten haben,
wenn sie in einem ihrer wilden Zornesanflle gewesen wre, aber jetzt
war sie in ganz unterwrfiger Stimmung. Ihre wilden Launen schienen
nur zu kommen, wenn sie ihr schaden muten. Sie lie sich ruhig in den
Eisenbahnomnibus fhren, der grade von dem Gasthofvorplatz abfahren
wollte, als sie dort ankamen. Aber obgleich er seinen Hut berhrte und
fragte, ob er eine Botschaft ausrichten sollte, obgleich er ihr in
zartem Flstern eine glckliche Reise wnschte, wollte sie ihn nicht
ansehen, oder ein Wort zu ihm sprechen. So schieden sie voneinander,
und er kehrte allein zu der Htte zurck, wo er von den zwei Polizisten
empfangen wurde, die ihn nach der Anstalt brachten.




Sechstes Kapitel.


Das Jahr ging weiter, und es begannen die langen Winterabende. Die
lernbegierigen jungen Damen in der Alton-Anstalt saen an ihren Pulten,
auf die Ellenbogen gesttzt und den Kopf in den Hnden vergraben,
und frstelten in ihren Pelzkragen. Sie berluden ihr Gedchtnis mit
Darlegungen der Moralphilosophen oder schwammen, wie Menschen auf
Korkgrteln, auf den Grundproblemen der Mathematik herum. Hierbei
geschah es denn oft, je vernnftiger eine Schlerin in der Mathematik
war, desto unvernnftiger war sie im wirklichen Leben, weil es da keine
feststehenden Grundstze gab, nach denen man sich richten konnte.

Agatha, die nicht lernbegierig war und auch keine Lust hatte, im
Winter zu frieren, begann mit wachsendem Eifer die Vorschrift Nr. 17
zu brechen. Die Vorschrift Nr. 17 verbot den Schlerinnen, die Kche
zu betreten, oder irgendwie die Dienstmdchen in ihrer huslichen
Ttigkeit zu stren. Agatha brach sie, weil sie gerne braunen
Kandiszucker machte und ihn a, weil sie ein warmes Feuer liebte
und alles, was verboten war, und weil ihr die Bewunderung gefiel,
mit der die Dienstmdchen ihren musikalischen und Bauchredeknsten
lauschten. Gertrude begleitete sie, weil sie ebenfalls Zuckerzeug
liebte, und weil sie sich etwas auf ihre Herablassung zu tiefer
Stehenden einbildete. Jane ging hin, weil ihre beiden Freundinnen
hingingen, und Abenteuerlust, bses Beispiel und Liebe zu Sigkeiten
brachten oft mehr Freiwillige zu diesen Expeditionen, als Agatha fr
sicher hielt, mitzunehmen. Eines Abends ging Mi Wilson allein in
ihren Privatweinkeller hinunter und wurde in der Nhe der Kche durch
einen Lrm ausgelassener Lustigkeit aufgehalten. Sie blieb lauschend
stehen und hrte zuerst den Kastagnettentanz, der sie an den Nachdruck
erinnerte, mit dem Agatha ber Mrs.Miller mit dem Finger geschnipst
hatte. Dann kam die Biene an der Fensterscheibe, Robin Adair (in dessen
Refrain die Dienstmdchen einstimmten) und eine Verspottung ihrer
eigenen Person, wie sie Jane Carpenters bessere Natur anflehte, sich
auf die Aufnahmeprfung fr Cambridge vorzubereiten. Sie wartete, bis
die Klte und die Furcht, hier beim Spionieren entdeckt zu werden, sie
zwangen, wieder hinaufzusteigen. Sie schmte sich, da sie an einer
trichten Unterhaltung ihre Freude gehabt hatte, aber sie sah doch
lieber ber eine Verletzung der Vorschriften hinweg, als da sie einen
neuen Streit mit Agatha gewagt htte.

Es war besonders eine Sache, in der Agatha sich nicht mehr so an die
Schuldisziplin hielt wie frher. Obgleich sie eine unverhltnismig
groe Zahl von Eintragungen in das Sndenbuch geliefert hatte, war
jenes Bekenntnis, das beinahe zu ihrer Austreibung gefhrt hatte, ihr
letztes geblieben. Nicht, da ihre Auffhrung eine bessere geworden
wre, sie hatte sich im Gegenteil verschlechtert. MiߠWilson erwhnte
nicht mehr die Angelegenheit, und so blieb das Sndenbuch eine
geheiligte Sache, auf die nie angespielt wurde. Aber sie bemerkte, da
Agatha, obgleich sie nicht ihre eigenen Snden bekennen wollte, doch
den andern bei der Entlastung ihres Gewissens half. Die Witzigkeit, mit
der Jane unerwarteterweise die Seiten des Sndenbuchs anfllte, war
dafr bezeichnend genug.

Smilasch hatte jetzt auch ein Gewerbe angefangen. An den letzten
Herbsttagen hatte er sein Huschen wei getncht, Tren, Fenster und
Veranda angestrichen, das Dach und das Innere ausgebessert und den
Platz so sehr verschnert, da ihm der Grundbesitzer mitteilte, er
mte nach Ablauf der zwlfmonatlichen Pachtung die Rente erhhen. Ein
Mieter knne vernnftigerweise ein hbsches, regendichtes Wohnhaus
nicht fr dasselbe Geld haben wie eine kaum bewohnbare Ruine.
Smilasch hatte ihm sofort versprochen, es am Ende des Jahres so zu
verderben, da es wieder wie frher ausshe. Am Tor hatte er eine
Anschlagtafel angebracht mit einer Inschrift, die er von gedruckten
Karten abgeschrieben hatte. Er zeigte diese Karte den Leuten, die sich
zufllig mit ihm unterhielten.

                   =~Jefferson Smilasch~=

         =~Maler, Dekorateur, Glaser, Klempner und Grtner.
         Klaviere werden gestimmt. Hausreparaturen aller Art.
              Servieren bei Tisch und Bedienung.~=

                                         =~Villa Chamounix,~=
                                         =~Lyvern.~=

         =~Auskunft gratis.
         Kein vernnftiges Angebot wird abgeschlagen.~=

Das auf diese Weise angekndigte Geschft, so umfassend es war, blhte
doch nicht. Wenn er von Neugierigen nach einem Zeugnis fr seine
Tchtigkeit und Achtbarkeit gefragt wurde, verwies er sie sorglos an
Fairholme, an Josephs und besonders an Mi Wilson, die, wie er sagte,
ihn von seiner frhesten Kindheit her gekannt hatte. Fairholme war
froh, wenn er beweisen konnte, da er kein glattzngiger Pfaffe war,
und erklrte auf jede Anfrage, Smilasch sei der grte Halunke in der
ganzen Gegend. Josephs sagte teils aus Wohlwollen, teils aus Furcht,
Smilasch mchte einmal etwas gegen ihn wegen Verleumdung unternehmen,
er sei jedenfalls ein wirklich billiger Arbeiter, und es wrde eine
gute Tat sein, wenn man ihm zur Aufmunterung eine kleine Beschftigung
gbe. Mi Wilson besttigte Fairholmes Bericht, und der Organist der
Kirche, der seit fast einem Vierteljahrhundert alle Klaviere in der
ganzen Umgegend einmal im Jahre gestimmt hatte, schwrzte ihn als
einen Menschen an, der alles anfange und nichts knne.

Hierauf begannen die Radikalen in Lyvern, eine kleine und verrufene
Partei, zu versichern, an dem Mann sei nichts Bses, und die
Geistlichen und Mi Wilson, die in einem feinen Hause wohnte und nur
ganz reiche Mdchen als Pensionrinnen aufnahm, knnten ihre freie Zeit
besser ausfllen, als damit, einem armen Arbeiter das Brot aus dem Mund
zu nehmen. Aber da keiner aus dieser Gesellschaft husliche Reparaturen
hatte, machte ihn ihre Untersttzung durchaus nicht reicher, und der
einzige Kunde, den er fand, war ein Hausmdchen, das seine Stellung
in einem Landhaus in der Umgegend aufgab. Sie wollte ihren Koffer
ausgebessert haben, dessen Deckel abgefallen war. Smilasch verlangte
eine halbe Krone fr den Auftrag, aber auf ihr Zgern bat er sie gleich
um Verzeihung und ging auf einen Schilling herunter. Hierfr strich er
den Koffer neu an, malte die Anfangsbuchstaben ihres Namens darauf,
brachte neue Scharniere, ein Bramahschlo und Messinggriffe an. Er
hatte selbst fr zehn Schillinge Ausgaben und mehrere Stunden Arbeit.
Dem Hausmdchen gefiel die Farbe des Anstrichs nicht, sie lie ihn die
Griffe abnehmen, die sie, wie sie sagte, an einen Sarg erinnerten, und
beklagte sich, da ein Schlo mit solch einem schmalen Schlssel fr
einen so schweren Koffer nicht stark genug sein knnte. Schlielich
gab sie zu, es sei ihre eigene Schuld, weil sie sich keinen Mann
genommen hatte, der etwas von der Sache verstand. Es sprach sich bald
rund, er habe daran ein gutes Geschft gemacht, und da er, wenn man
es ihm vorwarf, das noch ausdrcklich besttigte, so erhielt er weiter
keinen Auftrag. Sein Schild diente von jetzt ab nur zur Erheiterung von
Spaziergngern und Hirtenjungen, die gerne mit Steinen danach warfen.

Ein starker Sturm blies eines Nachts ber Lyvern, und die jungen Damen
im Alton-Institut, die sich meistens vor Blitzen frchteten, sprachen
mit einigem Ernst ihre Gebete. Um halb eins machten Regen, Wind und
Donner einen solchen Lrm, da Agatha und Gertrude sich Halstcher
umschlugen und sich nach dem Flurfenster vor Mi Wilsons Arbeitszimmer
hinabstahlen, wo sie die Blitze beobachteten, die mit zuckendem
Schimmer die Landschaft erhellten. Dabei unterhielten sie sich im
Flstertone darber, ob es gefhrlich sei, nahe am Fenster zu stehen,
und ob die messingenen Luferstangen auf der Treppe die Blitze anziehen
knnten. Agatha, die bei einer einzelnen Gefhrtin ebenso ernsthaft
und freundlich sein konnte, wie sie in einer greren Gesellschaft
mutwillig und spttisch wurde, geno ruhig das Schauspiel. Das Blitzen
schreckte sie nicht, da sie wenig von dem Ernst des Lebens wute und
sich etwas darauf einbildete, gleichgltig dagegen zu sein. Sie zuckte
zusammen, wenn strkere Blitzschlge aufzuckten, aber das brachte
ihr nur ihren eigenen Mut zum Bewutsein und ihren Gegensatz zu der
ngstlichen Gertrude, die endlich vor einer gespaltenen Zickzacklinie
von blauem Licht zurckfuhr und sagte:

Wir wollen wieder zu Bett gehen, Agatha. Wir sind hier durchaus nicht
sicher.

Grade so sicher wie im Bett, und da knnen wir nichts sehen. Wie das
Haus zittert! Ich glaube, der Regen wird gegen die Fenster schlagen,
ehe --

Still, flsterte Gertrude und ergriff voll Schrecken ihren Arm. Was
war das?

Was?

Ich habe bestimmt die Klingel gehrt -- die Gartenklingel. Oh, wir
wollen wieder zu Bett gehen.

Unsinn! Wer wird in einer solchen Nacht ausgehen? Vielleicht hat sie
der Wind in Bewegung gesetzt.

Sie warteten einige Augenblicke. Gertrude zitterte, und Agatha hatte in
der Dunkelheit ein Gefhl, wie es Leute haben, die sich vor Gespenstern
frchten. Dann vermischte sich ein undeutlicher Klang in das Brausen
des Windes.

Ein paar scharfe und durchdringende Tne kamen unverkennbar von der
Gartenklingel auf dem Vorplatz. Es war eine laute Klingel, die bestimmt
war, die Dienstmdchen im Hause anzurufen, wenn das Tor geffnet werden
sollte. Denn das Pfrtnerhuschen war unbewohnt.

Was in aller Welt kann das sein? fragte Agatha. Knnen sie nicht das
Trchen finden, die Idioten?

Hoffentlich nicht! Bitte, komm herauf, Agatha.

Nein, ich will nicht. Geh nur, wenn du willst. Aber Gertrude
frchtete sich, allein zu gehen. Es ist am besten, wenn wir Mi Wilson
wecken und es ihr sagen. fuhr Agatha fort. Es ist schrecklich, in
solch einer Nacht jemand nicht hereinzulassen.

Aber wir wissen ja nicht, wer es ist.

Nun, ich wei jedenfalls, da du keine Angst vor ihnen hast, sagte
Agatha, obgleich sie das Gegenteil wute. Aber sie benutzte die
Gelegenheit, Gertrude zu beschmen und zum Schweigen zu bringen.

Sie lauschten wieder. Der Sturm wtete jetzt besonders laut, und sie
konnten die Glocke nicht hren. Pltzlich klopfte jemand heftig an
die Haustre. Gertrude schrie, und ihr Schrei erhielt aus den oberen
Rumen ein Echo. Verschiedene Mdchen hatten auch das Klopfen gehrt
und waren dadurch so erschreckt worden, als htten sie Alpdrcken. Eine
Kerze flackerte auf der Treppe, und man hrte MiߠWilsons Stimme, die
beruhigend fest klang.

Wer ist da?

Das bin ich, MiߠWilson, und Gertrude. Wir haben uns das Wetter
angesehen, und da klopft jemand an die -- Ein wtendes Hmmern mit
dem Trklopfer unterbrach sie. Dann folgte ein Laut, der durch den
Sturmwind bertnt wurde, als ob ein Mann etwas riefe.

Sie sollten lieber nicht die Tr ffnen, sagte MiߠWilson etwas
beunruhigt. Und Sie, Agatha, sind sehr unvernnftig, da Sie hier
stehen. Sie werden sich zu Tod -- O Gott! Was kann da sein?

Sie eilte, gefolgt von Agatha, Gertrude und einigen mutigeren
Schlerinnen, auf den Flur hinunter. Ein paar zitternde Dienstmdchen
standen neben der Haushlterin, die jammernd durch das Schlsselloch
fragte, wer denn da wre. Man hrte sie offenbar drauen nicht, denn
das Klopfen begann, whrend sie sprach, von neuem, und sie fuhr zurck,
als ob sie einen Schlag gegen den Mund bekommen htte. MiߠWilson
rasselte jetzt mit der Kette und fragte von neuem, wer da wre.

Lassen Sie uns ein! schrie jemand dumpf durch das Schlsselloch.
Hier ist eine sterbende Frau und drei Kinder. Macht die Tr auf!

Mi Wilson verlor ihre Geistesgegenwart. Um Zeit zu gewinnen,
antwortete sie: Ich -- ich kann nicht verstehen. Was sagten Sie?

Verdammt! rief die Stimme und richtete sich diesmal an jemand, der
sich drauen befand. Sie knnen uns nicht verstehen. Und das Klopfen
begann von neuem und mit verstrkter Heftigkeit. Agatha fate erregt
Mi Wilson an ihrem Morgenkleid und wiederholte ihr, was die Stimme
gesagt hatte. Mi Wilson hatte es deutlich genug gehrt, und sie
fhlte auch irgendwie, da sie die Tre ffnen msse, aber sie war
fast berwltigt von einer unbestimmten Furcht vor dem Kommenden. Sie
begann die Kettet abzuhngen, und Agatha half ihr bei dem Aufriegeln.
Zwei Dienstmdchen erklrten, sie wrden sicher alle in ihren Betten
ermordet werden, und liefen davon. Einige von den Schlerinnen schienen
geneigt, ihrem Beispiel zu folgen. Bis endlich die freigewordene Tr
weit aufflog und MiߠWilson und Agatha zurckwarf. Ein Wirbelwind fuhr
in den Hausflur, ri an den Kleidern der Mdchen und blies die Kerzen
aus. Agatha sah beim Aufzucken eines Blitzstrahls zwei Mnner, die sich
an der Tre abmhten, wie Matrosen an einer Ankerwinde. Dann hrte der
Wind auf, und sie wute, da die Tre geschlossen war. Streichhlzer
wurden angezndet, die Kerzen in Brand gesetzt, und man konnte jetzt
die Ankmmlinge deutlich erkennen.

Smilasch stand in bloem Kopf und ohne Rock da, seine Manchesterweste
und Hose waren schwer vom Regen. Neben ihm stand ein struppig
aussehender Mann im mittleren Alter, der die rmliche Kleidung eines
Viehhirten trug und gleichfalls ganz durchnt war. Er hatte das
armselige, geduldige und verzweifelte Gesicht eines Menschen, der
vom Unglck hart verfolgt und am Ende seiner Krfte ist. Zwei kleine
Kinder, ein Knabe und ein Mdchen, die fast nackt waren, verbargen
sich unter einem alten Sack, den sie als Schirm gebraucht hatten. Auf
der Polsterbank aber lag ein Bndel abgetragener Kleidungsstcke,
Sackleinen und zerrissener Decken, das mit Smilaschs Rock und Sdwester
bedeckt war. Unter diesem Haufen Lumpen verbarg sich ein erschpftes
Weib mit einem armseligen Sugling an der Brust. Smilaschs Gesicht
bekam einen grimmigen Ausdruck, als er nach ihr hinsah.

Verzeihen Sie, da wir Sie stren, Lady, sagte der Mann nach einem
ngstlichen Blick auf Smilasch, da er erwartete, da dieser sprechen
wrde. Aber mein Dach und eine Wand von dem Haus sind bei dem Sturm
eingestrzt, und meine Frau hat noch ein anderes kleines Kind gehabt,
und es tut mir so leid, da wir Sie belstigen, Mi. Aber -- aber --

Belstigen! schrie Smilasch. Es ist das hchste Vorrecht einer Dame,
Ihnen zu helfen -- das hchste Vorrecht.

Der kleine Junge begann hier vor lauter Elend zu weinen, und die Frau
erhob sich, indem sie sagte: Schme dich, Tom! Hier vor der Lady.
Dann aber sank sie zusammen, zu schwach, um sich noch um etwas zu
bekmmern, was jetzt geschehen konnte.

Smilasch sah ungeduldig Mi Wilson an, die zauderte und ihn endlich
fragte: Was erwarten Sie denn, da ich tun soll?

Helfen sollen Sie uns, antwortete er. Dann fgte er mit einem
Ausbruch nervser Energie hinzu: Tun Sie, was Ihr Herz Ihnen gebietet.
Geben Sie dem Weibe Ihr Bett und Ihre Kleider und lassen Sie die
Mdchen auf ein paar Tage ihre Bcher zum Teufel werfen, damit sie fr
die armen, kleinen Geschpfe etwas Kleidung anfertigen. Die Armen haben
schwer genug gearbeitet, um _sie_ zu bekleiden. Lassen Sie jetzt die
Mdchen auch einmal die Armen bekleiden.

Nein, nein. Alles was recht ist, Master, sagte der Mann,
augenscheinlich sehr bedrckt durch ein Gefhl, unwillkommen zu sein,
und er trat einen Schritt vor, um MiߠWilson gnstig zu stimmen. Die
Ladys haben keine Schuld. Wenn ich so khn sein darf, Sie um was zu
bitten, dann geben Sie nur meiner Frau bis morgen Obdach. Irgend ein
Platz gengt, sie ist dran gewhnt, sich durchzuschlagen. Wenn sie nur
ein Dach ber dem Kopf hat, bis ich im Dorf ein Zimmer finde, wo wir
einziehen knnen. Hier brachten ihn seine eigenen Worte dazu, an die
Zukunft zu denken, und er blickte verzweifelt an dem Sulengeblk des
Flures vorbei, als ob da ein Gefach sei, in dem vielleicht jemand eine
passende Unterkunft fr ihn gelassen htte.

MiߠWilson wandte entschlossen und verchtlich Smilasch den Rcken
zu. Sie hatte ihre Fassung wiedergefunden. Ich will Ihr Weib hier
behalten, sagte sie zu dem Mann. Es wird fr sie in jeder Weise
gesorgt werden. Die Kinder knnen auch hier bleiben.

Dreimal hoch die moralische Beeinflussung! schrie Smilasch begeistert
und fiel wieder in seine rohe Sprache zurck, die er in seinem Zorn
ganz vergessen hatte. Was sagte ich, Nachbar, als ich sagte, Sie
sollten Ihre Frau zu der Anstalt bringen, und Sie sagten ironisch, >Ach
ja, die werden verflucht froh sein, wenn sie uns da sehen.< Sagte ich
nicht, die Lady hat ein nobles Herz, und sie zeigt es auch, wenn solch
ein Malr an sie herantritt?

Wie knnen Sie meine bereilten Worte hier gegen mich vorbringen,
Master, da die Lady so freundlich ist? entgegnete der Mann erregt.
Ich bin Ihnen sehr dankbar, Mi, und Be auch. Wir fhlen, wie lstig
wir --

MiߠWilson, die sich mit der Haushlterin beraten hatte, schnitt
seine Rede kurz ab, indem sie ihm sagte, er solle jetzt sein Weib zu
Bett bringen. Er tat das auch mit Hilfe Smilaschs, der jetzt jubelte.
Whrend sie fort waren, weigerte sich ein Dienstmdchen, eine Bettdecke
in das Zimmer der Frau zu bringen, und sagte, solche Menschen wollte
sie nicht bedienen. Mi Wilson gab ihr im heftigsten Tone Bescheid, sie
knnte am nchsten Tag die Anstalt verlassen. Das war aber auch der
einzige Fall von belwollen gegen die Ankmmlinge. Die jungen Damen
wurden dann gebeten, wieder zu Bett zu gehen.

Unterdessen hatte der Mann seine Frau untergebracht. Es war das
reine Palastzimmer im Vergleich mit dem, das durch den Sturm ber ihr
zusammengebrochen war. Er gratulierte ihr zu ihrem Glck und bedrohte
die Kinder mit der strengsten Zchtigung, wenn sie sich nicht ganz
brav auffhrten, solange sie in diesem Hause blieben. Bevor er sie
verlie, kte er seine Frau. Sie hatte sich etwas erholt und bat ihn,
noch einmal den Sugling zu betrachten. Er tat es und gab ihm dabei
ein bses Schimpfwort, denn er dachte an die Zeit, da der Appetit des
Kleinen nicht mehr an der Brust der Mutter gestillt werden knnte,
da man fr ihn im Laden einkaufen mte. Sie lachte und machte ihm
Vorwrfe, und so schieden sie frhlich voneinander. Als er mit Smilasch
zur Halle zurckkehrte, standen da zwei Krge Bier fr sie. Die Mdchen
hatten sich entfernt, nur Mi Wilson und die Haushlterin waren
zurckgeblieben.

Zur Gesundheit, Madame, sagte der Mann, bevor er trank. Mgen Sie
auch so jemand finden, wenn Sie einmal in Sorgen kommen, was der Herr
verhte.

Ist Ihr Haus ganz zerstrt? fragte Mi Wilson. Wo wollen Sie denn
die Nacht verbringen?

Denken Sie nicht an mich, Madame. Hier Master Smilasch nimmt mich bis
morgen auf.

Seine Gesundheit! sagte Smilasch, indem er den Krug mit seinen Lippen
berhrte.

Das Dach und die sdliche Wand sind ganz fortgeweht, fuhr der Mann
fort, nachdem er einen Moment geschwiegen und ber Smilaschs Worte
gegrbelt hatte. Ich zweifle, ob noch ein Stein auf dem andern steht.

Aber Sir John wird es fr Sie wieder aufbauen. Sie sind doch einer von
seinen Hirten, nicht wahr?

Jawohl, Mi. Aber er baut nicht. Er wird nur zu froh sein, da es
glcklich zusammengebrochen ist. Er hat es nicht gern, wenn Leute auf
dem Felde wohnen. Ich hab es ihm immer und immer wieder gesagt, da
das Huschen einfallen wrde. Aber er meinte, ich knnte doch nicht
verlangen, da er fr ein Haus Geld ausgbe, das ihm keine Miete
einbrchte. Sie wissen, Mi, ich bezahlte keine Miete. Ich bekam einen
niedrigen Lohn, und das bichen Htte wurde mir dafr angerechnet, weil
ich weniger erhielt als die andern Leute. Ich konnte es nicht instand
setzen lassen, obgleich ich nach Krften daran ausbesserte. Und jetzt
werde ich sicher Vorwrfe bekommen, weil ich es einstrzen lie. Ich
werde in der Stadt ein halbes Zimmer bewohnen mssen und zwei oder drei
Schillinge Miete die Woche bezahlen, abgesehen davon, da ich jeden Tag
drei Meilen hin und zurck zu meiner Arbeit gehen mu. Ein Gentleman
wie Sir John wei schwerlich, welchen Wert ein Penny fr das arbeitende
Volk hat und wie schwer diese Gutsvorschriften und dergleichen auf uns
lasten.

Sir Johns Gesundheit! sagte Smilasch und berhrte den Krug wie
vorher. Der Mann trank unterwrfig einen Schluck, und Smilasch fuhr
fort: Das ist der glorreiche Landadel von Altengland. Gott erhalte
ihn!

Master Smilasch spat nur, sagte der Mann entschuldigend. Er ist
einmal so.

Sie sollten keine Kinder auf die Welt setzen, wenn Sie so arm sind,
sagte MiߠWilson streng. Sehen Sie denn nicht ein, da Sie sich
dadurch nur rmer machen, um die Sache von einem hheren Gesichtspunkt
zu betrachten.

Hochwrden Mr.Malthus' Gesundheit! bemerkte Smilasch und wiederholte
seine Bewegung mit dem Kruge.

Einige sagen, es kommt durch die Kinder, andere sagen, es kommt durch
das Trinken, Mi, sagte der Mann demtig. Aber so weit ich sehe,
Familie oder nicht Familie, betrunken oder nicht betrunken, mit jedem
Tag werden die Armen rmer und die Reichen reicher.

Ist es nicht widerwrtig, wenn ein Mann eine so krasse Unwissenheit
ber die gehobene Lebenslage seiner Klasse verrt? fragte Smilasch,
indem er sich an Mi Wilson wandte.

Wenn Sie beabsichtigen, den Mann mit nach Hause zu nehmen, sagte sie
und sah ihn scharf an, dann tun Sie es am besten jetzt gleich.

Ich finde es gtig von Ihnen, da Sie mich bitten, etwas zu tun.
Frher waren Sie doch so erzrnt und sagten Mr.Wickens, ich sei die
letzte Person in Lyvern, der Sie eine Arbeit anvertrauen wrden.

Das sind Sie auch -- die allerletzte Person. Warum trinken Sie Ihr
Bier nicht?

Nicht weil ich Ihr Gebru verachte, Lady. Aber ich bin nur ein
gewhnlicher Mann, und Wasser ist gut genug fr mich.

Ich wnsche Ihnen gute Nacht, Mi, sagte der Mann. Und ich danke
auch vielmals wegen Be und der Kinder.

Gute Nacht, sagte sie und ging an die Seite, um jede Begrung durch
Smilasch zu vermeiden. Aber er trat zu ihr hin und sagte mit leiser
Stimme, indem er wieder das Benehmen und den Ausdruck des Trefusis
annahm:

Gute Nacht, MiߠWilson. Sollten Sie jemals die Dienste eines Hundes,
eines Mannes oder eines Hausingenieurs gebrauchen, dann erinnern Sie
Smilasch an Be und die Kinder, und er wird sofort zur Stelle sein.

Sie ffneten vorsichtig die Tre und fanden, da der Sturm, durch den
Regen berwltigt, nachgelassen hatte. Mi Wilsons Kerze flackerte zwar
in dem Zugwinde, aber sie wurde diesmal nicht ausgelscht. Die beiden
Frauen waren jetzt allein. Sie schlossen und verriegelten die Tre
und lauschten auf die Futritte, die auf dem Kiesboden knirschten und
langsam in dem gleichmigen Gieen des Regens erstarben.




Siebtes Kapitel.


Agatha ging um diese Zeit in ihr siebzehntes Jahr. Sie hatte eine
scharfe Auffassung fr die Schwchen der andern und keinen Respekt
vor den lteren Schlerinnen, die sie fr stumpfsinnig, ngstlich und
lcherlich alltglich hielt. Aber sie war einer Einbildung unterworfen,
die die Jugend so oft dem Alter gegenber benachteiligt: sie hielt sich
fr eine Ausnahmenatur. Whrend sie Mr.Jansenius und dem gewhnlichen
Menschenpack nur eine oberflchliche Kenntnis der grbsten Tatsachen
des Lebens zutraute, fhlte sie in ihrer Seele ein zartes Verstndnis
und eine hingebende Liebe zur Natur, die nur ihre Lieblingsdichter,
ihre Roman- und Geschichtshelden teilten. Deshalb konnte sie wie die
meisten jungen Menschen viel besser die Angelegenheiten fremder Leute
beurteilen als ihre eigenen. ber ihre Mitschlerinnen, die irgendeinen
Hans oder Heinrich anbeteten, nicht aus dem kindischen Gefhl, das
die Welt Liebe nennt, sondern weil grade dieser Hans oder Heinrich
ein Phnix war, auf den die Gesetze, die sonst die Beziehungen junger
Leute regeln, nicht paten, lachte sich Agatha ins Fustchen. Je mehr
sie solche Schwchen bei ihren Freundinnen sah, desto sicherer fhlte
sie sich selbst davor. Sie war ja gewarnt. Sie glich einem Doktor, der
glaubt, er sei vor den Pocken sicher, weil er schon viele Flle davon
gesehen hat. Oder einem Seemann, der wei, wie viele Schiffe im Kanal
untergehen, und der nun ohne Steuermann fhrt, weil er die Gefahren
viel zu gut kennt, um etwas von ihnen zu befrchten. Und wie der Doktor
an einer solchen Meinung festhlt, weil er glaubt, er sei anders
veranlagt als die gewhnlichen Menschen, wie der Schiffer so lossegelt,
weil er sein Schiff -- fr einen Stern hlt: so fand auch Agatha eine
falsche Sicherheit in dem Unterschied zwischen ihren Mitschlerinnen,
die sie von auen beurteilte, und sich selbst, die sie innerlich
kannte. Als sie sich zum Beispiel in Mr.Jefferson Smilasch verliebte
-- sie entschlo sich dazu am Tage nach dem Sturm -- gab ihre Phantasie
diesem wonnigen Gefhl eine hhere Weihe, die es weit ber die
nichtigen Schwrmereien setzte, die ihr die andern Mdchen anvertrauten
und deren Gegenstand Hans oder Heinrich waren.

Ich kann ihn ganz khl und gleichgltig ansehen, sagte sie sich
selbst. Obgleich sein Gesicht einen seltsamen Einflu ausbt, der
sicherlich mit einer unerklrlichen Macht in mir in Verbindung steht,
ist es doch kein vollkommenes Gesicht. Ich habe viele Mnner gesehen,
die streng genommen viel hbscher sind. Wenn auch ein berirdisches
Licht aus seinen Augen leuchtet, es sind doch keine hbschen Augen --
sie sind nicht halb so klar wie meine. Obgleich er seine gewhnliche
Kleidung mit einer unaussprechlichen Grazie trgt, die seine feine
Erziehung mit jedem Schritt verrt, er ist doch nicht schlank,
dunkelhaarig und melancholisch, wie mein idealer Held sein wrde, wenn
ich eine solche Nrrin wre wie die andern Mdchen in meinem Alter.
Wenn ich auch verliebt bin, ich habe doch genug Verstand, um mir durch
meine Liebe nicht mein klares Urteil trben zu lassen.

Sie erzhlte niemand von dem neuen Reiz, den ihr Leben gewonnen hatte.
Sie war die strkste in dem Mdchenkreise und benutzte ihre Macht in
gutmtiger Weise, um die beliebte Anfhrerin der andern zu werden. Aber
sie schreckte auch gelegentlich nicht davor zurck, sich die Vorrechte
eines Schultyrannen zu verschaffen. Aber Beliebtheit und Vorrechte
gengten ihr nur, wenn sie die Laune dafr hatte. Die Mdchen wollen
wie die Mnner gehtschelt, getrstet und mit Aufmerksamkeit behandelt
werden, wenn sie mutlos und niedergeschlagen sind oder unerwiderte
Liebe fhlen. Solche Dienste kann aber der Schwache nicht dem
Starken erweisen, und der Starke will es nicht tun, auer wenn beide
verschiedenen Geschlechts sind. Agatha wute durch Erfahrung, da ein
schwaches Mdchen nicht versteht, warum die strkere Schwester sich
an sie anlehnt, da sie sich einfach an der Tatsache erbaut und statt
aller Trstung nur Geschwtz gibt. Agatha suchte Verstndnis und kein
Geschwtz. Da sie das nicht finden konnte, beschlo sie, auf Mitgefhl
zu verzichten und zu schweigen. Sie hatte das schon oft tun mssen,
und jetzt half ihr die Empfindung, wie lcherlich ihr Gefhl einem
gewhnlichen Auge erscheinen mute.

Ihr Geheimnis war leicht zu verbergen, da man sie auf der Schule jeder
zarteren Empfindung fr unfhig hielt. Die Liebe beeinflute sie
uerlich gar nicht. Sie versetzte sie nur in den Glauben, da jetzt
ihre Mdchenzeit hinter ihr lge, da sie jetzt eine Frau mit neu
entstandenen Trieben und Fhigkeiten sei, ber die sie noch vor kurzem
in kindischer Weise gespottet htte. Sie schmte sich jetzt ber die
Biene an der Fensterscheibe, obgleich sie das Stck trotzdem ebenso
hufig summte als vorher. Ihr Tagesplan war frher eine einfrmige
Folge von Unterrichtszeit, Ezeit, Spielzeit und Schlafzeit gewesen,
jetzt wurde er in unregelmiger Weise durch Spaziergnge nach dem
Landhaus und gelegentliche flchtige Blicke auf seinen Bewohner
eingeteilt.

Anfang Dezember stellte sich ein scharfer Frost ein, und die Schiffahrt
auf dem Kanal wurde aufgehoben. Wickens Junge kam mit der Nachricht
in die Anstalt, Wickens Weiher trge schon, und die jungen Damen
wren zu jeder Zeit willkommen. Der Weiher war nur vier Fu tief, und
da MiߠWilson viel von der krperlichen Erziehung ihrer Schlerinnen
hielt, gab sie ihnen Erlaubnis zum Schlittschuhlaufen. Agatha, die
sehr gewandt im Eislaufen war, schlug sofort vor, am nchsten Morgen
noch vor dem Frhstck sollte eine ausgewhlte Abteilung hinausgehen.
Handlungen, die an sich nicht verdienstlich sind, erscheinen uns oft
als solche, wenn man frh aufstehen mu, um sie auszuben, und so gaben
einige Kandidatinnen der Cambridge-Prfung, die nie einen Nachmittag
einem Vergngen geopfert htten, sofort ihre Zustimmung. Ohne sie wre
brigens der Plan gar nicht ausgefhrt worden. Denn als sie am nchsten
Morgen um halb sieben Agatha aufforderten, ihr warmes Bett zu verlassen
und in die schneidende Klte hinauszukommen, wrde sie sich ohne
Bedenken geweigert haben, htte sie sich nicht vor den emsigen Mdchen
geschmt, die halberfroren und hungrig dastanden und doch bereit
waren, aufs Eis zu gehen. Als Agatha sich zitternd und zhneklappernd
angezogen hatte, beschwichtigten sie ihr innerliches Unbehagen durch
ein paar Biskuits, die sie aen, nahmen ihre Schlittschuhe und gingen
quer ber die bereiften Felder an geduldigen Khen vorbei, die ganze
Wolken von Dampf ausatmeten, nach Wickens Teich. Hier fanden sie zu
ihrem Erstaunen Smilasch, der sich auf elektrisch versilberten, ganz
teuren Schlittschuhen mit allem Eifer in den schwierigsten Figuren
bte. Es zeigte sich bald, da sein Ehrgeiz grer war als seine
bung, denn er taumelte eine Weile wild umher, hielt sich ein paarmal
mit genauer Not aufrecht und strzte dann mit Ellbogen, Waden und
Hinterkopf gleichzeitig auf das Eis. Als er sich klglich zu einer
sitzenden Stellung erhoben hatte, bemerkte er, da acht junge Damen
sein Tun mit Interesse beobachteten.

Das kommt davon, wenn ein gewhnlicher Mann sich ber seinen Stand
erhebt und die Schlittschuhe eines Gentlemans anzieht, sagte er.
Htte ich mich mit einfachem Schlittern begngt, wie es mein Vater
tat, dann wrde ich jetzt ein glcklicher Mann sein. Er erhob sich
seufzend, indem er Mi Ward durch Berhren seiner Mtze grte. Dann
zog er seine Schlittschuhe aus und fgte hinzu: Guten Morgen, Mi.
MiߠWilson schickte mir die Nachricht, ich sollte hier punkt sechs Uhr
sein und den jungen Ladys die Schlittschuhe anziehen. Da erlaubte ich
mir, ein paarmal ber das Eis zu laufen, um mich warm zu machen.

MiߠWilson hat mir nichts davon gesagt, da sie Sie hierher bestellt
hat, bemerkte MiߠWard.

Wie nobel von ihr! Sie denkt an alles und lt sich doch nichts
merken. Sie ist eine gtige Lady und eine studierte -- grad wie Sie
selbst, Mi. Setzen Sie sich auf den Feldstuhl und geben Sie mir Ihren
Absatz, wenn ich so khn sein darf, eine Schraube hineinzubohren.

Er brachte willkommene Hilfe, und Mi Ward erlaubte ihm, ihr die
Schlittschuhe anzuziehen. Sie war eine Kanadierin und lief sehr gut.
Jane, die ihr zunchst folgte, hatte groe Angst, ob das Eis auch fest
genug sei. Als sie sich aber erst darber beruhigt hatte, hielt sie
sich vorzglich, denn sie liebte alle bungen und hatte die Genugtuung,
da sie auerhalb der Schule ber alle diejenigen lachen konnte, die
sie in der Schulstube verlachten. Agatha lie ganz gegen ihre sonstige
Gewohnheit ihre Mitschlerinnen vor, und ihre Schuhe waren die letzten,
mit denen sich Smilasch beschftigte.

Wie geht es Ihnen, MiߠWylie? fragte er und lie die
Smilasch-Betonung fallen, weil die andern nicht mehr in Hrweite waren.

Danke, sehr gut, antwortete Agatha scheu und gezwungen. Da ihm diese
Art bei ihr neu war, lie er ihre Abstze in seiner Hand ruhen und sah
neugierig zu ihr empor. Sie fate sich wieder, blickte ihn ruhig an und
sagte: Wie konnte MiߠWilson Ihnen die Nachricht schicken, Sie mchten
herkommen? Sie erfuhr ja von unserm Ausflug erst um halb zehn gestern
abend.

MiߠWilson hat mir gar keine Nachricht geschickt.

Aber Sie haben es doch grade MiߠWard erzhlt.

Ja. Ich mu jetzt als einfacher Arbeiter fast so viele Lgen erzhlen
wie frher als Gentleman. Oder vielleicht noch mehr.

Ich wei in Zukunft, wieviel ich von dem glauben soll, was Sie sagen.

Die Wahrheit ist die. Ich bin vielleicht der schlechteste
Schlittschuhlufer auf der Welt, und darum ist mir nach einem
natrlichen Gesetz die geringste Auszeichnung auf dem Eis mehr wert
als ein unsterblicher Ruhm auf einem Gebiete, fr das mich die Natur
besonders befhigt hat. Ich beneide Ihre groe Freundin -- Jane
heit sie, glaube ich -- mehr, als ich Plato beneide. Ich kam heute
morgen hierher, um mich im stillen zu ben, und glaubte, die ganze
Schlittschuhwelt sei zu Bett.

Das freut mich, da wir Sie dabei erwischt haben, sagte Agatha
boshaft, denn er enttuschte sie. Er sollte etwas Heroisches in seinen
Reden haben, aber das tat er nicht.

Ich glaube es, entgegnete er. Ich habe gefunden, da es das grte
Entzcken fr eine Frau ist, den Eigendnkel eines Mannes zu verletzen,
und das grte Entzcken eines Mannes, den Eigendnkel einer Frau zu
befriedigen. So gibt es wenigstens ein Geschpf, das noch niedriger
steht als ein Mann. Aber jetzt los mit Ihnen. Soll ich Sie halten, bis
Sie sich fest in den Kncheln fhlen?

Danke, sagte sie rgerlich. Ich kann sehr gut Schlittschuh laufen
und glaube nicht, da Sie mir viel helfen knnen. Und sie glitt
vorsichtig davon, denn sie fhlte, da ein Hinfallen nach solchen
Worten fr sie beschmend sein mte.

Er stand am Ufer, lauschte auf den knirschenden, jagenden Ton der
Schlittschuhe und beobachtete die immer khneren Schleifen, die sie in
das Eis einschnitten. Allmhlich wurden die Mdchen warm und gewhnten
sich an das Laufen. Sie lachten, scherzten und schrien sorglos,
wenn sie gegeneinander stieen, und segelten die ganze Lnge des
Teichs hinunter vor dem Wind in einer gefhrlichen Schnelligkeit. Je
ausgelassener sie wurden, desto finsterer blickte Smilasch.

Kein Unterschied zwischen ihnen und einer Auswahl Zweipennypuppen,
sagte er. Nur da einige von ihnen sich bewut sind, da ein Mann sie
beobachtet, obgleich es nur ein lumpiger Arbeiter ist. Sie erinnern
mich in jeder Beziehung an Henrietta. Ob ich jetzt wohl lachen wrde,
wenn die ganze Eisdecke in tausend Stcken unter ihnen zusammenbrche?

Grade jetzt krachte das Eis mit einem bedenklichen Knall, und die
Schlittschuhluferinnen, mit Ausnahme von Jane, flogen nach allen
Richtungen auseinander.

Jane, du brichst das ganze Eis in Stcke! rief Agatha aus sicherer
Entfernung. Wie kann es dein Gewicht tragen?

Ihr Narrenpack! entgegnete Jane unwillig. Das Knacken zeigt nur, wie
stark es ist.

Der Schreck, den Smilasch bei dem Krachen empfunden hatte, beantwortete
ihm seine eigene Frage. Man sollte sich das merken: Wnsche, die
auf die Vernichtung des Menschengeschlechts ausgehen, knnen noch so
vernnftig und ernst gemeint sein, sie sind gegen die Natur, sagte
er, als er seine Fassung wiedergefunden hatte. brigens, was wre
ich wohl fr ein prachtvoller Narr, wenn ich in einer internationalen
Vereinigung von Menschen mitarbeitete, die nur zerstren wollen! He,
Lady! Ein Wort, Mi! Dies galt Mi Ward, die in der Nachbarschaft
vorbeiglitt. Es ist so 'n kalter Morgen und ich habe nur armseliges
und gewhnliches Blut, sehn Sie es als eine Freiheit an, wenn ich hier
etwas mitlaufe oder wenn ich in einer Ecke ganz fr mich be?

Sie knnen da oben laufen, wenn Sie wollen, sagte sie, nachdem sie
einen Augenblick berlegt hatte, und wies nach einem verlassenen Fleck
am hinteren Ende des Teichs, wo das Eis zu uneben war, als da man da
bequem laufen konnte.

Ein nobler Vorschlag! rief er grinsend und eilte nach dem
angewiesenen Platz. Das Schlittschuhlaufen war hier nicht mglich, und
so glitt er ein paarmal auf und ab und machte sich so lange Bewegung,
bis sein Gesicht glhte und seine Finger in der frostigen Luft juckten.
Die Zeit verging schnell. Als Mi Ward zu ihm hinschickte, er solle
ihre Schlittschuhe abnehmen, entstand ein allgemeines Klagen und
Erklren, es knnte unmglich schon halb neun sein. Smilasch kniete
vor dem Feldstuhl hin und war sofort eifrig beim Aufschnallen und
Abschrauben. Als Jane an die Reihe kam, krachte der Stuhl unter ihrem
Gewicht. Agatha machte ihr wieder Vorstellungen, schalt sich aber
sofort selbst wegen ihrer Redseligkeit in Smilaschs Gegenwart, denn sie
wollte auf ihn den Eindruck eines tiefen, ernsthaften Charakters machen.

Der feinste Fu in der Gesellschaft, sagte er kritisch, indem er
ihren Fu zwischen Zeigefinger und Daumen hielt, als ob er irgendeine
Kostbarkeit sei, die er beurteilen mte. Und er gehrt der am
feinsten gebauten Dame.

Jane ri errtend ihren Fu weg und sagte: Wirklich! Ich bin gespannt,
was jetzt kommt.

Der andere Fu, antwortete er und machte sich an den zweiten
Schlittschuh. Als er ihn losgeschraubt hatte, blickte er zu ihr auf,
und sie warf ihm beim Aufstehen einen Blick zu, der zeigte, da sie
sein Kompliment (ihre Fe waren wirklich klein und hbsch) gewrdigt
hatte.

Gestatten Sie, Mi, sagte er zu Gertrude, die an Agatha gelehnt auf
einem Beine stand und sich selbst die Schlittschuhe auszog.

Nein, danke sehr, sagte sie khl. Ich brauche Ihre Hilfe nicht.

Ich wei wohl, da mein Anerbieten vermessen war, entgegnete er mit
einer Selbstzufriedenheit, die seinem Bekenntnis der Unterwrfigkeit
etwas Aufreizendes gab. Wenn alle Schlittschuhe abgeschnallt sind,
werde ich sie nach Anordnung Mi Wilsons mit dem Feldstuhl nach der
Anstalt zurckbringen.

Mi Ward gab ihm ihre Schlittschuhe und wandte sich fort. Gertrude
legte ihre auf den Stuhl und ging mit Mi Ward. Die andern folgten, und
er konnte auf einen Haufen Schlittschuhe starren und berlegen, wie
er sie am besten trge. Er fand keinen besseren Plan, als die Riemen
zu verbinden und die Schlittschuhe in einer Kette ber die Schultern
zu hngen. Als er das endlich fertig gebracht hatte, waren die jungen
Damen lngst verschwunden, und sein Plan, auf der Rckkehr zur Anstalt
ihre Gesellschaft zu genieen, war vereitelt. Sie waren schon im
Schulgebude verschwunden, bevor er es auch nur zu sehen bekam.

Er rgerte sich ber seine eigene Torheit und ging zum
Dienstboteneingang, um dort zu klingeln. Als die Tre geffnet wurde,
sah er MiߠWard hinter dem Dienstmdchen stehen, das ihn eingelassen
hatte.

Oh, sagte sie und blickte auf die Kette von Schlittschuhen, als ob
sie schwerlich erwartet htte, sie noch einmal wiederzusehen, Sie
haben ja unsere Sachen zurckgebracht.

Ganz nach meinem Auftrag, sagte er, denn ihr Benehmen machte ihn
bestrzt.

Sie hatten ja gar keinen Auftrag. Wie knnen Sie unter einem falschen
Vorwande unsere Schlittschuhe in Verwahrung nehmen? Ich wollte grade
zur Polizei schicken, da sie sie Ihnen wieder abnehmen sollte. Wie
konnten Sie mir sagen, Sie htten den Auftrag, mir zu helfen, wenn Sie
selbst ganz gut wuten, da es nicht wahr war?

Ich kann nicht dafr, Mi, entgegnete er unterwrfig. Ich bin ein
natrlicher, geborener Lgner -- ich war es immer. Ich wei, das
mu Ihnen schrecklich erscheinen, da Sie nie in Ihrem Leben gelogen
haben und kaum wissen, was eine Lge ist, denn Sie gehren zu einer
Gesellschaftsklasse, in der man nie lgt. Aber die gewhnlichen Leute
lgen so leicht, wie eine Ente schwimmt. Ich bitte Sie ganz demtig
um Verzeihung, Mi, und ich hoffe, die jungen Ladys knnen ein Paar
Schlittschuhe von dem andern unterscheiden, denn ich kann es verdammt
nicht.

Legen Sie sie hin. MiߠWilson wnscht Sie zu sprechen, bevor Sie
gehen. Susanna, zeigen Sie ihm den Weg.

Hoffentlich haben Sie mich armen Kerl nicht in Verlegenheit gesetzt,
Mi?

MiߠWilson wei, wie Sie sich betragen haben.

Er lchelte sie wohlwollend an und folgte Susanna zur Treppe hinauf.
Unterwegs trafen sie Jane, die ihn verstohlen anblickte und grade
vorbeieilen wollte, als er sagte:

Wollen Sie nicht ein paar Worte bei MiߠWilson fr einen armen,
gewhnlichen Burschen einlegen, geehrte junge Lady? Ich bin in
schreckliche Verlegenheit gekommen, weil ich so frei war, Ihnen heute
morgen zu helfen.

Geben Sie sich keine Mhe, so zu sprechen, erwiderte Jane scharf.
Wir wissen alle, da Sie sich nur verstellen.

Nun, Sie knnen ja meine Grnde erraten, flsterte er und sah sie
zrtlich an.

Solch ein Quatsch und Unsinn! So was hab ich in meinem Leben noch
nicht gehrt, sagte Jane und rannte davon. Sie war jetzt fest davon
berzeugt, da er diese niedrige Stellung angenommen hatte, um Einla
in die Anstalt zu finden und das Glck zu genieen, sie zu sehen.

Ich bin ein verdammter Narr! sagte er zu sich selbst. Ich kann doch
keine fnf aufeinanderfolgende Minuten wie ein vernnftiger Mensch
handeln.

Das Dienstmdchen fhrte ihn zu dem Arbeitszimmer und meldete: Hier
ist der Mann, Madame.

Jeff Smilasch, fgte er erklrend hinzu.

Herein! sagte MiߠWilson streng.

Er trat hinein und verjagte den entschlossenen, ernsten Blick, den sie
ihm von ihrem Platz hinter dem Schreibtisch zuwarf, indem er hflich
sagte:

Guten Morgen, MiߠWilson.

Sie verneigte sich unwillkrlich, als ob sie einen Gentleman empfing.
Dann fate sie sich und machte ein unerbittliches Gesicht.

Ich mu Sie um Verzeihung bitten, sagte er, weil ich
unerlaubterweise heute frh Ihren Namen gebraucht habe -- indem
ich tatschlich log. Es geschah beim Schlittschuhlaufen, als die
jungen Damen herunterkamen. Sie brauchten eine Hilfe und htten
sie schwerlich von einem gewhnlichen Mann angenommen -- verzeihen
Sie, da ich den langweiligen Ausdruck unseres Bekannten Smilasch
bernehme. So beruhigte ich sie, indem ich ihnen erzhlte, Sie htten
mich beauftragt. Andererseits haben Sie mir ein schlechtes Zeugnis
ausgestellt -- natrlich kein schlechteres, als ich verdiene -- und so
wrden sie sich offenbar geweigert haben, mich damit zu beauftragen.
Schlielich htte ich auch eine Bezahlung annehmen mssen, die ich
natrlich nicht brauchte.

MiߠWilson stellte sich erstaunt. Ich verstehe Sie nicht, sagte sie.

Nicht ganz und gar, sagte er lchelnd. Aber Sie verstehen, da ich
ein sogenannter Gentleman bin.

Nein. Die Gentlemen, mit denen ich verkehre, kleiden sich nicht so wie
Sie, sprechen nicht so wie Sie und handeln auch nicht so wie Sie.

Er blickte sie an, und ihr Gesichtsausdruck besttigte die
Feindseligkeit, die in ihrem Ton lag. Er nahm sofort in verstrktem
Mae das Wesen Smilaschs an.

Ich will nicht mehr versuchen, mich als Gentleman aufzuspielen, sagte
er. Ich bin ein gewhnlicher Mann, und Eurer Gnaden Blick erkennt mich
als solchen und ist nicht zu tuschen. Aber kommen Sie mir nicht damit,
zu sagen, ich sei nicht ehrlich, wenn ich so ehrlich bin, wie Sie es
mir nur erlauben. Es ist doch kein Verbrechen, wenn ich den jungen
Ladys die Schlittschuhe anziehe und ihnen den Feldstuhl trage.

Wenn Sie ein Gentleman sind, sagte MiߠWilson errtend, dann ist
Ihre Art, wie Sie in meiner Gegenwart bei diesen Possen beharren,
beleidigend fr mich. Hchst beleidigend.

MiߠWilson, entgegnete er unbewegt, wenn Sie auf Smilasch bestehen,
sollen Sie Smilasch haben. Es macht mir ein nrrisches Vergngen, ihn
darzustellen. Wenn Sie Sidney wollen -- mein wirklicher Vorname -- er
steht Ihnen zur Verfgung. Aber erlauben Sie, da ich das sage, Sie
mssen entweder den einen oder den andern whlen. Wenn Sie offen zu mir
sprechen, dann werde ich verstehen, da Sie sich an Sidney wenden. Wenn
Sie zurckhaltend und streng sind, an Smilasch.

Es ist mir gleich, welches Ihr Name ist, sagte MiߠWilson sehr
verdrielich. Ich verbiete Ihnen, hierher zu kommen und mit den
Mdchen, die in meiner Obhut sind, in irgendeine Verbindung zu treten.

Warum?

Weil ich das so will.

Das ist ein sehr gewichtiger Grund, MiߠWilson. Aber das sind nicht
die Grundstze der moralischen Beeinflussung, von der Sie in Ihrem
Anstaltsprospekt reden. Ich habe ihn mit groem Interesse gelesen.

Mi Wilson war seit ihrem Streit mit Agatha empfindlich in bezug auf
die moralische Beeinflussung. Niemand ist hier zugelassen, sagte
sie, ohne eine vertrauenswrdige Einfhrung oder Empfehlung. Eine
Verkleidung ist kein gengender Ersatz fr eines von diesen.

Verkleidungen werden im allgemeinen gewhlt, um Verbrechen zu
verbergen, bemerkte er kurz.

Das werden sie auch, sagte sie mit Ausdruck.

Darum habe ich, um auch das noch zu sagen, einen zweifelhaften
Charakter. Nun hat sich zwischen mir und einigen Schlerinnen eine
flchtige Bekanntschaft gebildet, die Sie, wie es scheint, mibilligen.
Sie haben mir keinen gengenden Grund angegeben, warum ich die
Bekanntschaft aufgeben soll, und Sie knnen mich nur durch Ihre Wnsche
beeinflussen, die aber gewhnlich auf zweifelhafte Charaktere keinen
starken Eindruck machen. Angenommen, ich miachte Ihren Wunsch, und
eine oder zwei Schlerinnen kommen zu Ihnen und sagen: >Mi Wilson,
nach unserer Meinung ist Smilasch ein prchtiger Mensch. Man gewinnt
durchaus bei seiner Unterhaltung. Da es Ihr Grundsatz ist, da wir nach
unserm eigenen Urteil handeln knnen, so wollen wir die Bekanntschaft
mit Smilasch weiter fortsetzen.< Wie werden Sie in dem Falle handeln?

Ich werde sie sofort zu ihren Eltern zurckschicken.

Ich sehe, Sie haben dieselben Grundstze wie die englische Kirche.
Sie gestatten Ihren Schlerinnen das Recht der eigenen Meinung unter
der Bedingung, da sie zu denselben Schlssen kommen wie Sie selbst.
Entschuldigen Sie meine Bemerkung, da die an sich ausgezeichneten
Grundstze der englischen Kirche nicht dieselben sind, wie ich sie
bei Ihnen nach Ihrem Prospekt erwartet habe. Ihr Plan ist einfach ein
starrer Zwang.

Das kann ich nicht zugeben, sagte MiߠWilson, denn sie war stets
bereit, ihr System zu verteidigen, selbst gegen Smilasch. Die Mdchen
haben die vollstndige Freiheit, nach ihrem eigenen Gutdnken zu
handeln, aber ich behalte mir die gleiche Freiheit vor, sie von der
Anstalt zu entfernen, wenn ich ihr Benehmen nicht billigen kann.

Ganz recht. Auf den meisten Schulen haben die Kinder die vollstndige
Freiheit, ihre Aufgaben zu lernen oder nicht zu lernen, ganz wie sie
wollen. Aber der Lehrer beansprucht die gleiche Freiheit, sie zu
prgeln, wenn sie diese Aufgaben nicht wiederholen knnen.

Ich schlage meine Schlerinnen nicht, sagte Mi Wilson unwillig. Der
Vergleich ist beschimpfend.

Aber Sie jagen sie fort. Und da sie an Ihnen und an der Anstalt
hngen, ist diese Entlassung eine gefrchtete Strafe. Sie haben
das alte System, Gesetze aufzustellen und deren Beobachtung durch
Strafen zu erzwingen. Wenn die Altonschule den andern berlegen
ist, so liegt das nicht an einem Unterschied im System, sondern an
den verhltnismig vernnftigen Vorschriften und an der Milde und
Rcksicht, mit der diese Vorschriften erzwungen werden.

Mein System ist von Grund aus verschieden von dem alten. Doch ich
will mich mit Ihnen nicht darber streiten. Ein Kopf, der mit den
Vorurteilen der alten Zwangserziehung ausgefllt ist, sieht natrlich
in meinem System nur eine Wiederholung des alten, anstatt einer
vollkommenen Umkehrung und Neubildung.

Er schttelte traurig seinen Kopf und sagte: Sie wollen andern Ihre
Ansichten aufdrngen, indem Sie die Widerspenstigen in Bann tun.
Glauben Sie mir, die Menschen haben nie etwas anderes getan, seit sie
begannen, sich mit Ideen zu befassen. Man hat gesagt, ein wohlwollender
Despotismus sei die beste Regierungsform, die mglich ist. Ich glaube
nicht an diesen Satz, weil ich an einen andern glaube, da die Hlle
mit Wohlwollen gepflastert ist, was die meisten Menschen, denen dieser
Satz zu tief ist, dahin miverstehen, die Hlle sei mit guten Vorstzen
gepflastert. Als ob ein wohlwollender Despot durch einen Irrtum nicht
sein ganzes Knigreich zerstren und dann wie Romeo, der seinen
Freund gettet hat, ausrufen knnte: >Ich dacht' es gut zu machen!<
Entschuldigen Sie meine Abschweifung. Ich wollte sagen, obgleich Sie
wohlwollend und gerecht sind, sind Sie doch ein Despot.

Mi Wilson, der keine treffende Antwort einfiel, bedauerte, da sie
ihn nicht kurzerhand entlassen hatte, bevor er so weit die Oberhand
gewinnen konnte. Nun aber war sie in einen Wortstreit verwickelt und
fand keinen Weg, ihn mit Wrde zu beendigen. Er half ihr, indem er
unerwartet hinzufgte:

Ihr System war die Ursache meiner trichten Heirat. Meine Frau erhielt
hier durch ihre Erziehung einen Grad von Kultur und Vernnftigkeit, da
man glaubte, sie stnde ber den schnatternden Plaudertaschen, die die
Blte der weiblichen Gesellschaft bilden. Ich bewunderte ihre dunklen
Augen und schlo nur zu gern aus ihrer Erziehung, da wir nicht nur
eine leibliche, sondern auch eine geistige Verbindung eingehen wrden.

MiߠWilson war erstaunt und beschlo, ihm khl zu sagen, sie habe keine
Zeit mehr. Aber whrend sie das aussprechen wollte, berkam sie die
Neugierde, und sie sagte nur: Wer war es?

Henrietta Jansenius. Jetzt Henrietta Trefusis, und ich bin Sidney
Trefusis, wenn ich mich Ihnen anvertrauen darf. Ich sehe, ich habe
endlich Ihr Mitgefhl geweckt.

Unsinn! sagte MiߠWilson schnell, denn in ihr Erstaunen mischte sich
wirklich ein Gefhl, da er sich an Henrietta fortgeworfen habe.

Ich lief von ihr fort und whlte diese Einsamkeit und diese
Verkleidung, um ihr nicht mehr zu begegnen. Es ging mir, wie es immer
geht, wenn man zu vorsichtig ist. Ich rannte gradenwegs in ihre Arme
-- oder vielmehr sie rannte in meine. Sie erinnern sich der Szene, die
Ihnen sehr seltsam vorkam.

Sie scheinen Ihre Eheschlieung fr keine wichtige Sache zu halten,
Mr.Trefusis. Darf ich Sie fragen, wer eigentlich an der Trennung
Schuld hatte? Natrlich Henrietta.

Ich habe ihr nichts vorzuwerfen. Ich erwartete, sie wrde ein heftiges
Wesen haben, aber das war nicht der Fall -- ihr Benehmen war tadellos.
Ich betrug mich ebenso. Unser Glck war vollkommen, aber leider bin ich
nicht fr husliches Glck geschaffen -- jedenfalls ertrug ich es nicht
lange -- so floh ich, und als sie mich wiedergefunden hatte, konnte ich
ihr keine Entschuldigung fr meine Flucht geben. Immerhin machte ich
ihr klar, da ich unsere eheliche Verbindung jetzt noch nicht wieder
aufnehmen wollte. Wir schieden nicht im besten Einvernehmen. Ich hatte
die beste Absicht, ihr einen sen Brief zu schreiben, damit sie mir
trotz allem vergeben sollte, aber nun sind die Wochen dahingegangen,
und ich bin noch immer bei der Absicht. Sie hat nicht mehr geschrieben
und ich auch nicht. Nicht wahr, MiߠWilson, das ist ein hbscher
Zustand nach allen ihren Vorzgen, die sie unter der moralischen
Beeinflussung und hhern Frauenerziehung erworben hat?

Nach dem, was Sie selbst zugegeben haben, scheint die Schuld an Ihrer
eigenen moralischen Erziehung zu liegen, nicht an der Henriettas.

Die Schuld liegt an den Umstnden unserer Verbindung. Warum sie mich
im Anfang so mchtig angezogen und nachher so entsetzlich abgestoen
hat, das ist eins von jenen Teufelsrtseln, die wir nicht entwirren
knnen, bis wir hinter die feinsten Winkelzge unserer geheimen
Schlechtigkeit gekommen sind. Doch ich frchte, ich nehme Ihnen Ihre
Zeit. Sie wollten Smilasch sprechen, und dessen Persnlichkeit habe ich
doch jetzt vernichtet. Vor der ffentlichkeit aber mu ich diese Possen
weiter treiben. Noch eins. Ich wollte Sie fragen, ob Sie sich fr den
Viehhirten interessieren, dessen Weib Sie in der Sturmnacht aufnahmen?

Er versicherte mir, ehe er seine Frau abholte, da er eine gut
eingerichtete Wohnung in Lyvern gefunden habe.

Ja. Eine wirklich sehr gut eingerichtete. Fr eine halbe Krone die
Woche durfte er mit zwei anderen Familien ein gerumiges Zimmer teilen
in einem Hause, das schwerlich in besserem Zustande war als seine durch
den Sturm zerstrte Htte. Dieses Haus, das zehn Zimmer hat, bringt
seinem Eigentmer ber zweihundert Pfund im Jahr, also mehr als die
Miete fr ein bequemes herrschaftliches Wohnhaus in South Kensington.
Es ist etwas beschwerlich, die Miete einzusammeln, aber dafr hat man
auch keine Ausgaben fr Reparaturen und sanitre Einrichtungen, die man
in Mietskasernen fr berflssig hlt. Unser Freund mu drei Meilen
bis zu seiner Arbeitssttte gehen und drei Meilen zurck. Bewegung ist
eine prchtige Sache fr Studenten und Bureaumenschen, aber fr einen
Viehtreiber, der den ganzen Tag auf den Feldern zugebracht hat, ist ein
langer Marsch nach beendeter Arbeit etwas zu viel des Guten. Er bat um
eine Lohnerhhung zum Ausgleich fr den Verlust der Htte, aber Sir
John deutete ihm an, wenn er nicht mit seiner Stellung zufrieden sei,
die knnte er leicht durch einen weniger anspruchsvollen Viehtreiber
ausfllen. Sir John lie sich sogar so weit herab, zu erklren, da er
als Unternehmer durch die Gesetze der Sozialkonomie gezwungen sei, die
Arbeit auf dem billigsten Markte einzukaufen, und unser armer Freund,
der in konomischer Beziehung ebenso unwissend wie Sir John ist, wute
natrlich nicht, da das falsch sei. Da aber die Arbeit augenblicklich
berall so billig im Preis steht -- Downing-Street und einige andere
bevorzugte Pltze vielleicht ausgenommen -- so riet ich unserm Freund,
er sollte irgendwohin gehen, wo sein Marktpreis hher ist als in dem
lustigen England. Er war gern bereit dazu, doch es fehlten ihm die
Mittel. Darum borgte ich ihm eine Kleinigkeit, und er ist jetzt auf dem
Wege nach Australien. Arbeiter sind die Gnse, die die goldenen Eier
legen, aber sie fliegen manchmal davon. Ich hre einen Gong anschlagen.
Das erinnert mich, wie schnell die Zeit vergeht und welchen Wert sie
fr Sie hat. Guten Morgen.

MiߠWilson hatte pltzlich das Gefhl, sie drfte ihn nicht
gehen lassen, ohne an seine bessere Natur appelliert zu haben.
Mr.Trefusis, sagte sie, entschuldigen Sie, aber vergessen Sie nicht
in Ihrer Gromut gegen andere etwas -- Ihre Pflicht gegen sich selbst?
Und --

Es ist die erste und hrteste aller Pflichten! erklrte er. Ich
bitte Sie um Verzeihung, weil ich Sie unterbrochen habe. Ich wollte
mich nur schuldig bekennen.

Ich kann nicht zugeben, da es die erste aller Pflichten ist, aber es
ist manchmal vielleicht die hrteste, wie Sie es nennen. Sie knnten
aber viel billiger gegen sich handeln, ohne sich all diese Mhe zu
geben. Wenn Sie ein niedriges Leben fhren wollen, dann brauchen Sie
sich doch nicht fr einen ungebildeten Mann auszugeben und nicht
solchen lcherlichen Namen anzunehmen. Warum in aller Welt nennen Sie
sich Smilasch?

Ich gebe zu, da der Name ein Fehlgriff war. Ich habe mir viele Mhe
bei seiner Konstruktion gegeben, denn ich wollte einen angenehmen
Eindruck machen. Smilasch sollte heiter und freundlich klingen. Statt
dessen reizt es nur. Das ist sehr seltsam, aber es kommt wohl daher,
weil mein Aussehen und mein Wesen so gar nicht dazu passen.

MiߠWilson sah ihn mitrauisch an, aber er blieb vollkommen ernst. Es
entstand eine Pause. Dann sagte sie kurz: Guten Morgen! als ob sie
sich entschlossen htte, beleidigt zu sein.

Guten Morgen, MiߠWilson. Ein Millionrssohn ist wie ein Knigssohn
selten frei von geistigen Krankheiten. Ich bin grade verrckt genug, um
die andern noch betrgen zu knnen. Wre ich ein bichen verrckter,
ich wrde mich vielleicht wirklich fr Smilasch halten, anstatt ihn
einfach darzustellen. Ob Sie mich nun bitten, meiner einen Augenblick
zu vergessen oder mich einen Augenblick an mich selbst zu erinnern,
ich bin der Sohn meines Vaters und kann es nicht ndern. Mit meiner
Selbstsucht, meiner Quacksalberei, meiner Geschwtzigkeit und meiner
Art, stets eigene Wege zu gehen, tauge ich zu keinem andern Geschft,
als den Erlser der Menschen zu spielen -- so wie sie es haben wollen.
Nach einer eindrucksvollen Pause wandte er sich langsam um und verlie
das Zimmer.

Wenn ich jetzt absichtlich meinen Weg verliere, sagte er, als er ber
den Flur ging, dann kann ich vielleicht den Anblick dieses Mdchens
erhaschen, das wie ein goldenes Idol ist.

Unten traf er auch auf seinem Wege zur Tr auf Agatha, die ihm
entgegenkam und mit einem Buch Fangball spielte. Der melancholische
Ausdruck ihres Gesichts, den sie immer hatte, wenn sie allein war,
zeigte, da sie sich nicht amsierte, sondern nur ihrer Rastlosigkeit
nachgab. Als ihr Blick dem emporfliegenden Buch folgte, sah sie
pltzlich Smilasch. Das Buch flog zur Erde. Er nahm es auf und bergab
es ihr, indem er sagte:

Da treffe ich ja noch zur rechten Zeit das goldene Idol!

Was? fragte Agatha verwirrt.

Ich nenne Sie das goldene Idol, sagte er. Wenn wir nicht beieinander
sind, stelle ich mir immer Ihr Gesicht als ein Gesicht von Gold vor
mit Augen und Zhnen von Chalcedon oder Achat oder von unbekannten,
wundervollen Steinen in passenden Farben.

Agatha stand fassungslos und stumm da und konnte nur abweisend zur Erde
blicken.

Sie glauben, Sie mten rgerlich ber mich sein, und Sie wissen nicht
genau, wie Sie mich das fhlen lassen sollen. Ist es nicht so?

Nein, ganz im Gegenteil. Wenigstens glaube ich, da Sie sich irren.
Ich bin der allergewhnlichste Mensch, den Sie sich vorstellen knnen
-- Sie mten mich nur kennen. Ich glaube, es ist gleich, wie ich
aussehe.

Woher wissen Sie, da Sie gewhnlich sind?

Natrlich wei ich das, sagte Agatha, und ihre Augen wanderten
unruhig umher.

Natrlich wissen Sie es nicht. Sie knnen sich nicht so sehen, wie
andere Sie sehen. Zum Beispiel, Sie haben sich niemals fr ein goldenes
Idol gehalten.

Aber das ist lcherlich. Sie tuschen sich vollstndig ber mich.

Vielleicht -- ich wei aber, da Ihr Gesicht nicht aus wirklichem Gold
gemacht ist und da es fr Sie nicht denselben Reiz hat wie fr andere
-- fr mich.

Ich mu gehen, sagte Agatha, pltzlich in Eile.

Wann werden wir uns wieder treffen?

Ich wei nicht, antwortete sie in wachsender Unruhe. Ich mu
wirklich gehen.

Glauben Sie mir, Ihre Eile ist nur eingebildet. Sie stellen sich
gewi vor, Sie benhmen sich Ihrer unwrdig und ein Netz schlinge sich
rund um Sie.

Nein, das denke ich gar nicht.

Warum sind Sie denn so ngstlich, fortzukommen?

Ich wei nicht, sagte Agatha und versuchte zu lachen, als er sie mit
gesenkten Augenlidern unglubig ansah. Vielleicht habe ich ein wenig
dieses Gefhl, aber nicht so sehr, wie Sie sagen.

Ich will Ihnen diese Erregung erklren, sagte er mit unterdrckter
Glut, die Agatha seltsam berhrte. Aber sagen Sie mir zuerst, ob es
fr Sie etwas Neues ist oder nicht.

Es ist berhaupt keine Erregung. Davon habe ich nichts gesagt.

Machen Sie sich deswegen keine Sorge. Es kommt nur dadurch, weil Sie
mit einem Mann zusammen sind, den Sie bezaubert haben. Sie wren die
Herrin der Lage, wenn Sie nur einen Liebhaber zu leiten verstnden. Es
ist das viel leichter, als ein Pferd zu leiten, Schlittschuh zu laufen
oder Klavier zu spielen oder sonst ein halbes Dutzend Kunststcke
fertig zu bringen, die Sie fr nichts achten.

Agatha errtete und hob ihren Kopf.

Vergeben Sie mir, sagte er und unterbrach ihre Bewegung. Ich
versuche, Sie zu beleidigen, um mich selbst vor meiner Liebe zu Ihnen
zu retten, aber ich habe nicht das Herz, es durchzufhren. Bei Ihrem
Leben, hren Sie nicht auf mich und glauben Sie mir nicht. Ich habe
kein Recht, Ihnen so etwas zu sagen. Irgendein Unhold ergreift von mir
Besitz, wenn ich vor Ihnen stehe. Sie sollten einen Schleier tragen,
Agatha.

Sie errtete. Ihre Wangen brannten, ihre Ohren summten, und alle
Selbstbeherrschung war verschwunden. Ein Gefhl der Erlsung berkam
sie, als sie hrte -- denn zu sehen wagte sie nicht -- da er fortging.
Ihr Bewutsein war in seliger Verwirrung, und nur ein klarer Gedanke
blieb darin, da sie endlich ihren Geliebten erobert hatte. Trefusis
Stimme, die einen aufrichtigen und ernsthaften Ton hatte, seine
schnelle Auffassung, die leidenschaftliche Warnung, nicht auf ihn zu
achten, berzeugten sie, da sie eine Verbindung eingegangen war, die
ihr ganzes Leben beeinflussen wrde.

Und doch, sagte sie und machte sich selber Vorwrfe, ich kann
ihn nicht lieben, wie er mich liebt. Ich bin selbstschtig, kalt,
berechnend, leichtfertig. Ich habe bis heute berhaupt gezweifelt,
ob es so etwas wie Liebe gbe. Wenn ich ihn doch nur unbekmmert und
ausschlielich lieben knnte, wie er mich liebt!

Smilasch sprach ebenfalls mit sich selbst, als er seines Weges ging.

Jetzt habe ich das arme Kind -- das so besorgt war, ich mchte sie
doch nicht flschlich fr ein bernatrlich begabtes und liebliches
Weib halten -- so glcklich wie einen Engel gemacht. Und dem feinen
Mdchen, das sie Jane Carpenter nennen, geht es ebenso. Hoffentlich
werden sie ber diese Sache sich keine Gestndnisse machen.




Achtes Kapitel.


Mrs.Trefusis fand ihre Eltern so gefhllos in der Angelegenheit ihrer
Ehe, da sie kurz nach ihrem Besuch in Lyvern ihr Haus verlie und bei
einer gastlichen Freundin eine Wohnung nahm. Da sie aber ber das, was
immerzu ihre Gedanken erfllte, nicht schweigen konnte, so besprach
sie die Flucht ihres Mannes mit dieser Freundin. Diese sagte einfach,
Trefusis' Benehmen sei schndlich und gemein. Henrietta konnte das
nicht ertragen und suchte Obdach bei einer Verwandten. Hier kam es zu
derselben Unterredung, und die Verwandte sagte:

Nun, Hetty, wenn ich offen sprechen soll, ich habe Sidney Trefusis
schon sehr lange gekannt, und es gibt keinen Menschen, mit dem man
leichter auskommen kann. Aber du bist, wie du weit, manchmal sehr
schwer zu behandeln.

Also jetzt, schrie Henrietta und brach in Trnen aus, nachdem er
mich so schndlich behandelt hat, mu ich mir sagen lassen, ich sei
selbst an allem schuld.

Sie verlie am nchsten Tage das Haus und folgte der Einladung einer
geschiedenen Frau, die den Gegenstand berhaupt nicht besprechen
wollte. Das erwies sich als unertrglich, und Henrietta zog zu ihrem
Onkel Daniel Jansenius, einem lustigen und nachgiebigen Mann. Er war
der Ansicht, es wrde schon alles wieder in Ordnung kommen, sobald
beide Teile vernnftiger geworden wren. Und was die Schuldfrage
anging, so lautete sein Urteil: zu sechs Teilen trge die eine Partei
die Schuld, zu einem halben Dutzend die andere. Wenn er seine Nichte
grbelnd oder weinend fand, dann lachte er und nannte sie eine
Strohwitwe. Henrietta fand, da sie alles auf der Welt eher ertragen
knnte als das. Sie erklrte, die Welt sei abscheulich gegen sie, und
mietete eine mblierte Villa in St.JohnsWood, in die sie im Dezember
einzog. Da sie aber da sehr an der Einsamkeit litt, schrieb sie bald
einen berschwenglichen Brief an Agatha und lud sie ein, die kommenden
Weihnachtsferien bei ihr zu verbringen. Sie versprach jeden Luxus und
jedes Vergngen, das unbegrenzte Zuneigung vorschlagen und unbegrenzte
Mittel gewhren konnten. Agathas Antwort enthielt einige unerwartete
Mitteilungen.

                                     Alton-Lyvern, den 14. Dezember.

              _Teuerste Hetty_,

  ich glaube nicht, da ich Deinen Vorschlag ganz annehmen kann, da ich
  Weihnachten mit Mama in Chiswick verbringen mu. Aber ich brauche
  erst Weihnachtsabend dorthin zu gehen, und wir brechen hier schon
  nchste Woche, am 20., auf. Dann fahre ich gleich zu Dir hin und
  bringe Dich mit zu Mama, wo wir die Feiertage viel besser verbringen
  werden, als wenn wir uns in einem fremden Hause langweilen. Es ist
  noch nicht ganz sicher, ob ich dann schon die Schule verlasse. Du
  mut mir versprechen, das niemand zu erzhlen, ich habe nmlich
  einen Freund hier -- einen Liebhaber. Nicht da ich in ihn verliebt
  bin, obgleich ich ihn sehr hoch schtze -- du weit, ich bin keine
  romantische Nrrin. Aber er ist sehr in mich verliebt, und ich
  wollte, ich knnte das erwidern, wie er es verdient. Die Franzosen
  sagen, die eine Person hlt die Wange hin, und die andere kt sie.
  Ganz so weit ist es noch nicht zwischen uns gekommen. In Wahrheit,
  seit er mir seine Gefhle gestanden hat, hat er kaum ein paar
  flchtige Worte mit mir sprechen knnen, wenn ich Schlittschuh laufen
  oder spazieren ging. Aber es ist wenigstens jedesmal ein vielsagendes
  Wort oder ein Blick gewechselt worden.

  Und jetzt, wer glaubst Du, da es ist? Er sagt, er kennt Dich. Kannst
  Du es erraten? Er sagt, Du wtest alle seine Geheimnisse. Er sagt,
  er kennt auch sehr gut Deinen Mann. Der htte Dich sehr schlecht
  behandelt, und Du verdientest groe Teilnahme. Errtst Du es jetzt?
  Er sagt, er htte Dich gekt -- schme Dich, Hetty! Hast Du es nun
  erraten? Er wollte mir grade noch mehr erzhlen, als wir unterbrochen
  wurden, und ich habe ihn seitdem nur aus der Entfernung gesehen. Er
  ist der Mann, mit dem Du an jenem Tag davongelaufen bist, was uns
  alle solche Angst einflte -- Mr.Sidney. Ich war die erste, die
  seine Verstellung entdeckte, und an jenem selben Morgen hatte ich
  es ihm vorgeworfen, und er gestand es mir ein. Er sagte damals, er
  verberge sich vor einer Frau, die in ihn verliebt sei, und ich wrde
  mich gar nicht wundern, wenn sich das als wahr herausstellte, denn er
  ist ein prachtvoller Mensch -- wirklich, ich kann ihn grade deswegen
  so gut leiden, weil er bei weitem der tchtigste Mensch ist, den
  ich je getroffen habe. Und doch hlt er gar nichts von sich selbst.
  Ich kann mir gar nicht vorstellen, was er an mir Kostbares bemerkt,
  obgleich er offenbar durch meine Reize gefesselt ist. Hoffentlich
  entdeckt er nicht, wie nrrisch ich bin. Er nennt mich sein goldenes
  Idol --

Henrietta ri mit einem Schrei der Wut den Brief mitten durch und trat
darauf. Als der Anfall nachlie, hob sie die Stcke auf, hielt sie so
genau zusammen, wie es ihre zitternden Hnde erlaubten, und las weiter.

  -- aber er ist nicht lauter Honig und kann Dir die ernstesten Dinge
  sagen, wenn er glaubt, er mte es tun. Er hat mich wegen meiner
  Unwissenheit so beschmt, da ich entschlossen bin, hier noch ein
  Semester zu bleiben und so eifrig zu lernen, wie ich kann. Ich
  habe bisher noch nicht damit angefangen, weil es sich am Ende des
  Semesters doch nicht lohnt, aber wenn ich im Januar zurckkomme,
  gehe ich ernsthaft an die Arbeit. Daran kannst Du sehen, welchen
  guten Einflu er auf mich ausbt. Wenn wir uns treffen, werde ich
  Dir alles ber ihn erzhlen, denn ich habe jetzt keine Zeit dazu,
  weil die Mdchen mich drngen, mit zum Schlittschuhlaufen zu kommen.
  Er gibt sich fr einen Arbeiter aus und zieht uns die Schlittschuhe
  an, und Jane Carpenter glaubt, er sei in sie verliebt. Jane ist
  auerordentlich gutherzig, aber sie hat ein unbndiges Talent,
  sich selbst lcherlich zu machen. Das Eis ist fein und das Wetter
  freundlich; aus der Klte machen wir uns gar nichts. Sie drohen mir,
  ohne mich zu gehen -- adieu!

                      Deine Dich treu liebende

                                                    _Agatha_.

Henrietta sah sich nach einem scharfen Gegenstand um. Sie griff wtend
nach einer Schere und stach damit in die Luft. Dann wurde sie sich
ihres mrderischen Anfalls bewut und erschauerte darber, aber schon
einen Augenblick spter ergriff sie von neuem ihre Eifersucht. Wie
erstickend schrie sie: Es ist mir gleich, ich mchte sie tten! Doch
sie nahm die Schere nicht wieder auf.

Schlielich klingelte sie heftig und verlangte einen Eisenbahnfahrplan.
Als sie hrte, da keiner im Hause war, zankte sie das Mdchen so
unvernnftig aus, da es einfach sagte, wenn es in einer solchen
Weise angeredet wrde, dann mchte es lieber am Ende des Monats
gehen. Diese Zurechtweisung brachte Henrietta zur Besinnung. Sie
ging die Treppe hinauf und nahm den ersten Mantel, den sie fand.
Es war glcklicherweise ein schwerer Pelzmantel. Dann nahm sie
ihre Geldtasche, setzte den Hut auf und verlie das Haus. Die
erste Droschke, die vorbeifuhr, rief sie an und lie sich nach
St.Pancrasstation fahren.

Als die Nacht hereinbrach, war die Luft in Lyvern in der schneidenden
Klte wie scharfes Eisen. Die Bume und der Wind schienen so fest
gefroren, wie es das Wasser war, und Schweigen, Stille und Sternenlicht
lagen eisig ber der Landschaft. Smilasch sa in seiner Schweizerhtte
und hielt unbekmmert um den Preis der Kohlen ein prasselndes Feuer im
Gang, das durch die vorhanglosen Fenster glhte und die Vorbergehenden
qulte, die nicht wie die Viehhirten in der Nachbarschaft wuten,
da sie ruhig hereinkommen und sich wrmen konnten, ohne da sie von
dem Bewohner eine abschlgige Antwort erhielten. Smilasch war in
guter Stimmung. Er hatte sich zu einem tchtigen Schlittschuhlufer
entwickelt, und Frostwetter galt ihm jetzt als Luxus. Es gab ihm
Spannkraft und verjagte seine trben Stimmungen. Es steigerte aber auch
sein Mitgefhl fr die Armen zu einem grimmen Humor, wenn er dachte,
da sie kein Feuer und kein Schlittschuhlaufen hatten und sich in dem
ungesunden Dunst erwrmten, den eng zusammengedrngte Menschen zu jeder
Jahreszeit entwickeln.

Smilasch pflegte sich jeden Abend um halb zehn einen heien Trank aus
Hafermehl und Wasser zu machen und dann um zehn zu Bett zu gehen. Er
ffnete die Tre, um etwas Wasser auszugieen, das noch vom letzten
Abwaschen im Kochtopf geblieben war. Es gefror, sowie es auf den Boden
fiel. Er blickte in die Nacht und schttelte sich, um das bedrckende
Gefhl loszuwerden, in dieser eisigen Umklammerung der Luft verloren
zu sein. Denn das Thermometer war unter den gewohnten Stand frischer
und zerspringender Klte gesunken und zeigte eine Temperatur, in der
die erstarrte Luft zu einer schwarzen Masse zu gefrieren schien. Nichts
rhrte sich.

Beim Henker! sagte er, das ist eine Nacht, an die man als reicher
Mann gar nicht denken darf!

Er schlo die Tre und eilte zu seinem Feuer zurck. Dort machte er
sich an seinen warmen Trank, den er mit einer Sorgfalt beobachtete
und umrhrte, die einen Berufskoch zum Lcheln gebracht htte. Als
die Brhe fertig war, go er sie in einen groen Krug, in dem sie
verlockend dampfte. Mit einem Lffel schpfte er etwas heraus und
blies es, um es abzukhlen. Pltzlich klopfte es ein paarmal an die
Tre.

Eine hbsche Nacht fr einen Spaziergang, sagte er und legte den
Lffel hin. Dann rief er: Herein!

Die Klinke erhob sich unsicher, und Henrietta, mit gefrorenen Trnen
auf den Wangen und einem unbestimmten Ausdruck von Elend und Zorn, trat
herein. Einen Augenblick sah er sie erstaunt an. Dann sprang er nach
ihr hin, nahm sie in seine Arme, und sie sank gegen ihren Willen mit
stummem Widerstreben an sein Herz.

Du bist zu Tod erfroren, rief er und trug sie aus Feuer. Diese
Pelzjacke ist wie eine Umhllung von Eis. Und dein Gesicht erst! sagte
er und kte es. Was ist denn geschehen? Warum strubst du dich so?

La mich gehen, keuchte sie heftig. Ich -- ich hasse dich.

Mein armes Lieb, du bist zu kalt, um jemand zu hassen -- selbst deinen
Mann. Ich mu dir diese schrecklichen franzsischen Schuhe ausziehen.
Deine Fe mssen ja vollkommen tot sein.

Ihre Stimme und ihre Trnen tauten jetzt in der Wrme der Htte und in
der Glut seiner Zrtlichkeiten auf. Du sollst sie nicht ausziehen.
sagte sie und weinte vor Frost und Kummer. La mich in Ruhe. Rhr mich
nicht an. Ich geh fort -- ich gehe wieder zurck. Ich will nicht mit
dir sprechen oder meine Sachen ablegen, ich rhre hier im Hause nichts
an.

Nein, mein Lieb, sagte er und setzte sie in einen gerumigen,
hlzernen Armstuhl. Dann knpfte er ihr schnell die Schuhe auf. Du
sollst auch nichts tun, was du nicht willst. Deine Fe sind wie Stein.
Ja, mein Schatz, ich bin ein Lump und nicht wert, da ich lebe. Ich
wei es.

La mich in Ruhe, sagte sie klglich. Ich will deine
Aufmerksamkeiten nicht. Ich bin mit dir fr immer fertig.

Komm, du mut etwas von diesem abscheulichen Zeug trinken. Du mut
dich strken, damit du deinem Mann all die unangenehmen Sachen sagen
kannst, mit denen du geladen bist. Nimm wenigstens einen Schluck.

Sie wandte ihr Gesicht ab und wollte nicht antworten. Er brachte noch
einen Stuhl her und setzte sich neben sie. Mein armes, verlorenes,
verratenes Lieb --

Das bin ich, schluchzte sie. Du meinst es gar nicht so, aber ich bin
es doch.

Du bist auch meine Liebste und die beste von allen Frauen. Wenn du
mich je geliebt hast, Hetty, tu es ein einziges Mal um meinetwillen und
trinke, ehe es kalt wird.

Sie schmollte, seufzte und ergab sich schlielich seinem zrtlichen
Drngen, wie ein Kind sich halb berreden, halb zwingen lt, eine
Medizin einzunehmen.

Fhlst du dich jetzt besser und gemtlicher? fragte er.

Nein, sagte sie und rgerte sich, weil sie sich doch so fhlte.

Dann werde ich noch etwas Kohlen auf das Feuer legen, sagte er
munter, als ob sie ihm in herzlichster Weise zugestimmt htte. Und wir
werden es so behaglich wie mglich haben. Mich ergreift eine milde
Seligkeit, wenn du so neben mir am Feuer sitzt und ich wei, da du
meine eigene Frau bist.

Ich wundere mich, wie du mir ins Gesicht sehen und so etwas sagen
kannst, schrie sie.

Ich wrde mich ber mich selbst wundern, wenn ich dir ins Gesicht she
und etwas anderes sagte. Hafergrtze ist das beste Erfrischungsmittel.
Die ganze Energie kommt wieder. So, jetzt sollst du einmal sehen, wie
das Feuer brennt.

Ich glaubte nie, da du falsch seist, Sidney, was du sonst auch fr
Fehler haben magst.

Da hast du recht, mein Lieb. Ich verstehe deine Gefhle. Mord,
Diebstahl, Unmigkeit oder geringere Laster wrdest du ertragen haben.
Aber Falschheit kannst du nicht ausstehen.

Ich will fortgehen, sagte sie verzweifelt und brach von neuem in
Trnen aus. Ich will nicht verspottet und betrogen werden. Ich will
barfu gehen. Sie erhob sich und versuchte die Tre zu erreichen. Aber
er hielt sie auf und sagte:

Mein Lieb, da liegt etwas Ernsthaftes vor. Was ist es? Sei nicht bse
ber mich.

Er brachte sie zu ihrem Stuhl zurck. Sie nahm Agathas Brief aus der
Tasche ihres Pelzmantels und berreichte ihn ihm, indem sie einen
schwachen Versuch machte, tragisch zu sein.

Lies ihn, sagte sie. Und sprich nie mehr ein Wort zu mir. Zwischen
uns ist alles aus.

Er nahm ihn neugierig und wandte ihn um, um die Unterschrift zu sehen.
Aha, sagte er, mein goldenes Idol hat das Unheil angerichtet.

Da haben wir's! rief Henrietta. Du hast es mir ins Gesicht gesagt!
Du hast dich selbst durch deine eigenen Worte berfhrt!

Warte einen Augenblick, mein Lieb. Ich habe den Brief noch nicht
gelesen.

Er erhob sich und ging, whrend er las, im Zimmer auf und ab. Sie
beobachtete ihn in dem zornigen Bewutsein, da er jetzt gleich seine
Fassung verlieren wrde. Pltzlich lie er den Kopf sinken, als ob
sein Rcken ihn nicht mehr trge, und in seiner gekrmmten Haltung
las er den Rest des Briefes. Als er damit fertig war, warf er ihn
auf den Tisch, steckte seine Hnde tief in die Taschen und brach
in ein schallendes Gelchter aus. Dabei zog er seinen Krper noch
mehr zusammen, als ob er sein Vergngen verstrken wollte, indem er
es auf einen mglichst kleinen Raum zusammendrngte. Henrietta war
vor Entrstung sprachlos und konnte ihren Gefhlen nur durch Blicke
Ausdruck geben. Schlielich kam er heran und setzte sich neben sie.

Und da bist du nun, sagte er, als du den Brief bekamst, in die Klte
hinausgelaufen und hast die Reise nach Lyvern gemacht. Es scheint mir
doch, du mut mich entweder sehr lieben --

O nein. Ich hasse dich.

-- oder dich selbst sehr lieben.

Oh! klagte sie und begann von neuem zu weinen. Du bist ein
selbstschtiges Tier, und du tust, was du willst, ohne dich um jemand
anderes zu kmmern. Kein Mensch gibt etwas um mich. Und jetzt willst
du dir nicht einmal die Mhe machen, den schndlichen Inhalt dieses
Briefes zu leugnen.

Warum sollte ich ihn leugnen? Es ist die Wahrheit. Siehst du denn
nicht die Ironie in dem Ganzen? Ich mache mir den Spa, einem
Schulmdchen ein paar Komplimente zu sagen, obgleich ich mir nicht mehr
daraus mache als aus irgendeinem andern ansprechenden und leidlich
hbschen Weibe, das ich treffe. Trotzdem fhle ich manchmal leichte
Gewissensbisse, weil ich denke, sie knnte mich ernsthaft lieben,
obgleich ich nur mit ihr spiele. Das arme Herz, das ich leichtfertig
umstrickt habe, tut mir leid. Und whrend der ganzen Zeit bemitleidet
sie mich aus demselben Grunde! Ihr Gewissen qult sie, weil sie nur
das Vergngen geniet, >von dem tchtigsten Mann, den sie je getroffen
hat<, angebetet zu werden, und sie ist grade so frei von Liebe wie ich
selbst! Ha, ha! Auf so etwas baut sich die Religion der Liebe auf,
deren Hohepriester die Dichter sind. Jeder Verehrer wei, da seine
Liebe nur eine flchtige Leidenschaft oder eine Lge ist, die er nach
seinem Lieblingsdichter nachempfunden hat, aber er glaubt getreulich,
da die anderen ihn selbst in echter Weise lieben. Ho, ho! Ist das
keine verrckte Welt, mein Schatz?

Du hattest kein Recht, Agatha den Hof zu machen. Du hast berhaupt
kein Recht, jemand den Hof zu machen auer mir, und ich liee es mir
auch nicht gefallen.

Du bist bse, weil Agatha dein Monopol angetastet hat. Stets ein
Monopol! Glaubst du trichtes Mdchen wirklich, ich gehrte dir mit
Leib und Seele? -- ich drfte nur durch deine Liebe erregt werden oder
nur an deine Schnheit denken?

Du kannst mich soviel beschimpfen wie du willst, aber du hast kein
Recht, Agatha den Hof zu machen.

Meine Liebste, ich erinnere mich nicht, dich beschimpft zu haben. Ich
glaube aber, du sagtest etwas von einem selbstschtigen Tier.

Das ist nicht wahr. Aber du nanntest mich ein trichtes Mdchen.

Aber, mein Lieb, das bist du doch.

Und bei dir hatte ich recht. Du bist durch und durch selbstschtig.

Das leugne ich nicht. Doch wir wollen zu unserem frheren Gesprch
zurckkehren. Warum haben wir doch den Zank angefangen?

Ich zanke mich nicht, Sidney. Du tust das.

Nun gut, warum habe ich den Zank begonnen?

Wegen Agatha Wylie.

Oh, verzeih mir, Hetty, ihretwegen fing ich sicher nicht an, mich zu
streiten. Ich habe sie sehr gern -- viel mehr, als sie, wie es scheint,
mich leiden kann. Einen Augenblick, Hetty, ehe du von neuem mit deinen
Vorwrfen beginnst. Warum kannst du es nicht leiden, wenn ich Agatha
Schmeicheleien sage?

Henrietta berlegte und sagte: Weil du kein Recht dazu hast. Du zeigst
dadurch, wie wenig du dir aus mir machst.

Es hat mit dir gar nichts zu tun. Es zeigt nur, wieviel ich mir aus
ihr mache.

Ich bleibe nicht hier, um mich beschimpfen zu lassen, sagte Hetty,
und ihr Schmerz berkam sie von neuem. Ich will nach Hause gehen.

Nicht heute abend. Es fhrt kein Zug mehr.

Dann geh ich zu Fu.

Das ist zu weit.

Daraus mach' ich mir nichts. Ich will nicht hierbleiben, und wenn ich
vor Klte am Straenrand sterbe.

Meine Geliebte, ich habe dich absichtlich geqult, weil du mir
durch deinen rger zeigst, da du mich noch gern hast. Ich habe wie
gewhnlich unrecht und bin an allem schuld. Agatha wei nicht, da wir
verheiratet sind.

Ich tadle nicht so sehr dich, sagte Henrietta und lie ihn seinen
Kopf auf ihre Schulter legen. Aber mit Agatha werde ich nie wieder ein
Wort sprechen. Sie hat sich schndlich gegen mich benommen, und ich
will es ihr sagen.

Sie wird zweifellos glauben, Liebste, du seiest an allem schuld und
ich hatte mich bewundernswert benommen. Zwischen euch werde ich dann
ohne Tadel dastehen. Aber jetzt, da es zu kalt zum Gehen ist, da es
schon spt ist und weit bis Lyvern und noch weiter bis London, so mu
ich dir hier etwas Bequemlichkeit herrichten.

Aber --

Aber da ist nichts zu ndern. Du mut hierbleiben.




Neuntes Kapitel.


Am nchsten Tage erhielt Smilasch von seiner Frau ein Versprechen, da
sie sich Agatha gegenber so benehmen wrde, als hatte der Brief keine
Beleidigung enthalten. Henrietta flehte so beweglich wie sie konnte, er
mchte doch sofort mit ihr wieder zum huslichen Leben zurckkehren,
aber er speiste sie mit zrtlichen Worten ab, versprach nichts als
ewige Zuneigung und schickte sie mit dem Zwlfuhrschnellzug nach London
zurck. Dann vernderte sich sein Gesichtsausdruck, und er ging nach
Lyvern zurck und von da nach seiner Htte wie ein Mann, der von Ekel
und Reue geplagt wird.

Kurz darauf an einem Nachmittag nahm er seine Schlittschuhe, um sich
aufzuheitern, und ging nach Wickens Teich. Da es Samstag war, war er
von Altonschlerinnen und ihren Halbfeiertagsbesuchern bevlkert.
Fairholme, der mit seiner gewohnten energischen Miene seine Kreise
beschrieb, hielt inne und starrte mit unwilligem Staunen auf Smilasch,
der hinter ihm herschwankte.

Geschieht das mit Ihrer Erlaubnis, da der Mann hier ist? fragte er
den Pchter Wickens, der umherging, als beaufsichtige er eine Ernte.

Ich denke, er ist hier, weil er Lust dazu hat, sagte Wickens
eigensinnig. Er ist mein Nachbar und mein Freund. Haben Sie etwas
dagegen einzuwenden, da ich einen Freund auf meinem eigenen Teich
habe, wenn sich ungefhr zwei oder drei Tonnen von anderer Leute
Freunde da herumtreiben, ohne da sie eine besondere Zulakarte haben?

O nein, sagte Fairholme etwas unsicher. Wenn Sie zufrieden sind,
kann niemand etwas dagegen einwenden.

Das freut mich sehr. Ich dachte schon.

Ich darf Ihnen wohl sagen, bemerkte Fairholme gereizt, da Ihr
Grundherr kaum erfreut wre, wenn er ihn hier she. Smilasch hat einen
von Sir Johns besten Hirten aus dem Lande geschickt, nachdem er ihm den
Kopf mit Ideen angefllt hatte, die ber seinen Stand hinausgingen. Ich
hrte letzten Sonntag Sir John sich sehr erregt ber ihn aussprechen.

Mglich, Mr.Fairholme. Ich hab einen Pachtvertrag auf dieses Land und
es ist ein sandiger, armer Boden -- und ich bin durchaus nicht an Sir
Johns Gefallen und Nichtgefallen gebunden. Es ist eine sehr gute Sache
fr Sir John, da ich die Pacht habe, denn es gbe keinen Mann in der
Gegend, der jetzt das Gut bernehmen wrde, wenn es morgen frei wrde.
brigens ist es noch gar nichts, da der junge Mensch dumme Sachen
ber die Rechte der Landarbeiter und dergleichen Unsinn redet, Sir
John mte ihn einmal hren, wenn er seine Ansicht ber Grundrente und
Bodenverbesserung klarlegt und wie wir Pchter darum betrogen werden,
vielleicht wrde er nchsten Sonntag erregter als je ber ihn sprechen.

Und in Wickens Lcheln, als er ihm zunickte und weiterging, lag die
ganze Befriedigung darber, da er es dem Geistlichen einmal gehrig
eingetrnkt hatte.

Grade jetzt hrte Agatha, die mit Jane Carpenter Hand in Hand lief, die
Worte an ihr Ohr klingen: Ich mu Ihnen etwas sehr Drolliges sagen.
Sehen Sie sich nicht um.

Sie erkannte Smilaschs Stimme und gehorchte.

Ich wei nicht ganz sicher, ob es Ihnen auch soviel Spa macht, wie
es eigentlich sollte, fgte er hinzu und flog wieder davon, nachdem er
Mi Carpenter einen vielsagenden Blick zugeworfen hatte.

Agatha machte sich von ihrer Gefhrtin los, lief einen Kreisbogen und
glitt nahe an Smilasch vorbei, indem sie fragte: Was ist es?

Smilasch scho wie eine Schwalbe davon und umkreiste ein paarmal
Fairholme. Dann kehrte er zu Agatha zurck und lief neben ihr her.

Ich habe den Brief gelesen, den Sie Hetty geschrieben haben, sagte er.

Agathas Gesicht begann zu glhen. Sie verga, sich im Gleichgewicht zu
halten, und wre fast gefallen.

Geben Sie acht. Dann lieben Sie mich also nicht -- in der Art der
Liebesgeschichten?

Keine Antwort. Agatha war bestrzt und wagte nicht, die Augenlider zu
erheben.

Das ist ein Glck, fuhr er fort, denn -- guten Abend, MiߠWard. Ich
habe whrend der letzten Stunde nichts anderes getan, als Ihr Laufen
bewundert -- weil Mnner immer Betrger sind. Und ich bilde keine
Ausnahme, wie Sie sogleich zugeben werden.

Agatha murmelte etwas, aber es war unverstndlich in dem Lrm des
Schlittschuhlaufens.

Sie glauben es nicht? Nun, vielleicht haben Sie recht. Ich habe Ihnen
nichts gesagt, was nicht in einem gewissen Sinne wahr ist. Sie haben
immer einen besonderen Reiz auf mich ausgebt. Aber ich wollte nicht,
da Sie das Hetty erzhlten. Knnen Sie raten, warum?

Agatha schttelte den Kopf.

Weil sie meine Frau ist.

Agathas Knchel erlahmten. Mit Mhe hielt sie sich aufrecht, bis sie
Jane erreichte und sich als Sttze an sie anklammerte.

Tu das nicht, schrie Jane. Du wirfst mich um.

Ich mu mich setzen, sagte Agatha. Ich bin mde. Ich will mich nur
festhalten, bis wir zu den Sthlen kommen.

Unsinn! Ich kann eine Stunde laufen, ohne mich zu setzen, sagte Jane.
Sie half aber doch Agatha, bis sie einen Stuhl gefunden hatte, und
verlie sie. Dann kam Smilasch, als ob er sich auch ausruhen wollte,
und setzte sich an den Rand des Weihers.

Nun, fragte er und machte sich keine Sorge, ob ihre Unterhaltung
auffiel oder nicht, was halten Sie jetzt von mir?

Warum haben Sie mir das nicht frher gesagt, Mr.Trefusis?

Das ist der Hauptspa, antwortete er mit einem spttischen Blick auf
seine Schlittschuhe. Er hatte seine Beine vorgestreckt und balancierte
seine Hacken auf dem Eise. Ich glaubte, Sie seien in mich verliebt,
und dachte, die Wahrheit wrde ein zu schwerer Schlag fr Sie sein.
Ha, ha! Und aus demselben Grunde vermieden Sie es gromtig, mir zu
sagen, da Sie nicht mehr in mich verliebt waren als in den Mann im
Mond. Jeder spielte eine Posse und tuschte dem andern vor, es sei eine
Tragdie.

Es gibt so unwrdige, lieblose und grausame Worte, sagte Agatha, da
ich nicht verstehe, wie ein Gentleman sie zu einem Mdchen sagen kann.
Bitte, sprechen Sie nicht wieder mit mir. Mi Ward! Kommen Sie doch
einen Augenblick her. Mir ist nicht wohl.

Mi Ward eilte herbei. Smilasch, der Agatha einen Augenblick erstaunt
und voll Teilnahme angesehen hatte, verschwand unter der Menge. Als er
das entgegengesetzte Ufer erreicht hatte, zog er seine Schlittschuhe
aus und bat Jane, die sich absichtlich in diese Ecke verirrt hatte, sie
mchte MiߠWylie sagen, er sei fortgegangen und wrde nicht wieder hier
Schlittschuh laufen. Ohne ein Wort der Erklrung hinzuzufgen, verlie
er sie und wandte sich nach seiner Wohnung. Als er in den Hohlweg kam,
da, wo die Landstrae durch die Anpflanzung ging, an der Seite nach
der Anstalt zu, entdeckte er einen Jungen in einer Postuniform, der
ber den gefrorenen Graben schlitterte. Ein Vorgefhl bser Nachrichten
kam ber ihn, wie ein pltzliches Dunkel ber den Himmel jagt. Er
beschleunigte seinen Schritt.

Etwas fr mich? fragte er.

Der Junge, der ihn kannte, kramte in einer Brieftasche herum und zog
einen Lederumschlag heraus. Er enthielt ein Telegramm.

Von Jansenius, London.

                          An J. Smilasch, Chamounix-Villa, Lyvern.

  Henrietta nach der Reise gefhrlich erkrankt. Verlangt Sie zu sehen.
  Arzt sagt, sofort kommen.

Er schwieg eine Weile. Dann faltete er sorgfltig das Papier und
steckte es in seine Tasche, als ob es vollstndig fr ihn erledigt sei.

Und so, sagte er, folgt vielleicht die Tragdie doch noch auf die
Posse.

Er sah den Jungen an, der vor ihm zurckwich, weil er seinen
Gesichtsausdruck frchtete.

Du hast den ganzen Weg von Lyvern bis hierher geschlittert?

Nur um schneller vorwrts zu kommen, sagte der Botenjunge zitternd.
Ich kam so schnell wie ich konnte.

Die Nachrichten, die du trugst, waren schwer genug, um das dickste Eis
zu brechen, das je gefroren ist. Ich htte Lust, dich ber den Gipfel
von dem Baum da zu werfen, anstatt da ich dir diese halbe Krone gebe.

Sie tun mir nichts, wimmerte der Junge und trat noch einen Schritt
zurck.

Geh nach Lyvern zurck, so schnell du laufen oder schlittern kannst,
und sage Mr.Marsch, er sollte mir den schnellsten Wagen schicken, den
er hat, damit ich nach der Eisenbahnstation fahren kann. Hier ist deine
halbe Krone. Und jetzt vorwrts. Wenn ich nicht zur rechten Zeit meinen
Wagen habe, dann wirst du was erleben.

Der Junge nherte sich mitrauisch dem dargereichten Gelde und rannte
davon, so schnell er konnte. Smilasch ging in seine Htte und kam nie
wieder zum Vorschein. Statt seiner kam Trefusis heraus, ein Gentleman
in einem Ulster, der eine Reisedecke trug. Er verschlo die Tre und
eilte die Landstrae nach Lyvern hinunter, bis ihn ein Wagen aufnahm,
der ihn in schnellster Fahrt zur Eisenbahnstation brachte, grade noch
zur rechten Zeit, um den Zug nach London zu erreichen.

Abendbltter gefllig? rief eine Stimme durch das Fenster, als er
sich in einer Ecke eines Wagens erster Klasse zurechtsetzte.

Nein, danke sehr.

Fuwrmer gefllig? fragte ein Dienstmann, der an der Stelle des
Zeitungsverkufers erschien.

Ah, das ist eine gute Idee. Ja, bringen Sie mir einen Fuwrmer.

Der Fuwrmer wurde hereingebracht, und Trefusis machte es sich fr
seine Reise bequem. Sie verging ihm sehr schnell, und er konnte es kaum
begreifen, als der Zug in London ankam, da die Fahrt fast drei Stunden
gedauert hatte.

Die Reisenden und die Leute, die sie am Bahnhof abholten, waren von
einer Weihnachtsstimmung erfllt. Der Dienstmann, der an die Wagentr
kam, erinnerte Trefusis durch sein Benehmen und den Ton seiner Stimme,
da jetzt die Zeit war, in der ein Gentleman frhlich und freigebig
sein mu.

Was fr Gepck? Hansom oder Droschke gefllig?

Einen Augenblick berfiel Trefusis die Vagabundenlust, in der Sprache
Smilaschs zu reden und dem Mann aufzubinden, er htte Krbe voll
Truthhnen und Plumpudding im Gepckwagen. Aber er unterdrckte es und
stieg in einen Hansom, der ihn nach der Belsize Avenue zum Hause seines
Schwiegervaters brachte. Unterwegs beobachtete er in scharfer, bitterer
Stimmung das in ihm aufsteigende Angstgefhl, das sich am Ende der
Fahrt bis zum Herzklopfen steigerte. Zwei Wagen standen vor der Tre,
als er ausstieg. Die schweigsamen Gesichter der Kutscher flten ihm
einen Schrecken ein.

Die Tre ffnete sich, bevor er klingelte. Bitte, mein Herr, sagte
das Mdchen mit leiser Stimme, wollen Sie in die Bibliothek eintreten?
Der Doktor wird sofort mit Ihnen sprechen.

Im ersten Stock an der Treppe standen zwei Herren und sprachen mit
Mr.Jansenius. Dieser zog sich schnell zurck. Aber ein flchtiger
Blick auf sein trauriges, verdrieliches Gesicht hatte Trefusis doch
schon ein seltsam prickelndes Gefhl gegeben, und es war ihm, als ob er
seit zwanzig Jahren ein Witwer gewesen sei. Er lchelte gleichgltig,
whrend er dem Mdchen in die Bibliothek folgte, und fragte sie, wie
es ihr ginge. Sie murmelte irgendeine Antwort und eilte davon. Dabei
dachte sie, der arme junge Mann wrde wohl bald seinen Ton ndern.

Gleich darauf trat ein Herr mit grauem Backenbart herein, der
sorgfltig gekleidet war und sich sehr behutsam benahm. Trefusis
stellte sich vor, und der Arzt sah ihn mit Interesse an. Dann sagte er:

Sie sind zu spt gekommen, Mr.Trefusis. Es tut mir leid, da ich
Ihnen das mitteilen mu, aber es ist alles vorbei.

War die lange Eisenbahnfahrt, die sie in dem kalten Wetter unternahm,
die Ursache ihres Todes?

Einige bittere Worte, die der Arzt oben gehrt hatte, sagten ihm, da
dies eine heikele Frage war. Aber er antwortete ruhig: Zweifellos die
unmittelbare Ursache.

Sie erhielt vor Ihrer Abreise eine unangenehme und ganz unerwartete
Nachricht. Glauben Sie, da das etwas mit ihrem Tode zu tun hatte?

Es hat vielleicht einen ungnstigen Einflu ausgebt, sagte der Arzt
steif und zog seine Handschuhe an. Die Gewohnheit, solche Ereignisse
mit dergleichen Ursachen in Verbindung zu bringen, geht in der Regel zu
weit.

Ohne Zweifel. Ich bin nur neugierig, weil dieses Ereignis etwas
Neues in meinen Erfahrungen ist. In den Ihrigen wird es wohl etwas
Gleichgltiges sein.

Verzeihen Sie. Der Tod einer Dame von solcher Jugend und solcher
gnstigen Lebenslage ist weder nach meiner Erfahrung noch nach meiner
Ansicht etwas Gleichgltiges. Der Arzt erhob whrend dieser Worte
seinen Kopf, um sich gegen jede Annahme zu verwahren, als ob sein
Mitgefhl durch seinen Beruf abgestumpft worden sei.

Hat sie gelitten?

Ja, einige Stunden. Wir konnten etwas ihre Schmerzen lindern -- das
arme Ding! Er verga ganz Trefusis Anwesenheit, als er das Nachwort
hinzufgte.

Stunden voll Schmerz! Knnen Sie mir irgend etwas nennen, wozu diese
Stunden gut waren?

Der Arzt schttelte seinen Kopf, ohne da man erkennen konnte, ob er
diese Frage verneinen wollte oder nur solche Erwgungen bedauerte. Er
machte dann eine Bewegung, als ob er aufbrechen wollte. Es war ihm
bei der Unterhaltung mit Trefusis nicht wohl zumute, denn er fhlte,
da dieser sicherlich jetzt Fragen stellen oder Bemerkungen machen
wrde, bei deren Besprechung er sich irgendwie blostellen mute. Sein
Gewissen war nicht ganz ruhig. Er wute, da Henriettas Schmerzen zu
nichts gut gewesen waren, aber er wollte das nicht zugestehen, damit er
nicht in den Ruf der Religionslosigkeit kam und seine Praxis verlor.
Er war berzeugt, da der Hausarzt, der ihn herbeigerufen hatte, als
der Fall sich verschlimmerte, Henrietta verkehrt behandelt hatte, aber
seine Standesehre band ihn so streng, da er lieber seinem Kollegen
erlaubt htte, ganz London zu dezimieren, ehe er seine Unfhigkeit
aufdeckte.

Noch ein Wort, sagte Trefusis. Wute sie, da sie sterben mute?

Nein. Ich hielt es fr das beste, da man ihr das nicht mitteilte. So
entschlief sie ohne Angst.

Dann kann man beruhigt daran denken. Das arme Kind frchtete den Tod.
Ich wundere mich, da die Torheit hier im Hause sich nicht ber Ihre
Vernnftigkeit hinweggesetzt hat.

Der Arzt verneigte sich und ging hinaus. Er schtzte sich fast
glcklich, da man ihm keine Vorwrfe gemacht hatte, weil er in seiner
Menschlichkeit Henrietta hatte sterben lassen, ohne da sie es wute.

Einen Augenblick spter trat der Hausarzt herein. Trefusis berraschte
ihn, als er den andern zur Tre begleitete, wie er drauen sein Gesicht
grade in lange Falten zog. Er unterdrckte ein Verlangen, ihn bei
der Gurgel zu fassen, setzte sich auf den Rand des Tisches und sagte
freundlich:

Nun, Doktor, wie ist es Ihnen ergangen, seit wir uns zuletzt gesehen
haben?

Der Doktor fuhr zurck, aber die ernsten Falten auf seinem Gesicht
blieben unverndert, als er salbungsvoll fragte: Hat Sir Francis Ihnen
die trben Nachrichten mitgeteilt, Mr.Trefusis?

Ja. Es ist schrecklich, nicht wahr? Es ist Gottes Wille. Heute leben
wir, morgen sind wir dahin.

Ja, ja, so ist es!

Sir Francis hat eine hohe Meinung von Ihnen.

Der Doktor blickte etwas verwirrt drein. Alles, was wir tun konnten,
Mr.Trefusis, das haben wir getan. Aber Mrs.Jansenius war sehr
besorgt, da nichts unversucht bleibe. Sie war so freundlich, mir zu
sagen, sie wollte nur deshalb Sir Francis rufen, damit Sie keinen Grund
htten, ber irgend etwas Klage zu fhren.

Wirklich!

Eine ausgezeichnete Mutter! Und solch ein trauriges Ereignis fr sie!
Ach ja! Mein Gott! Ein sehr trauriges Ereignis!

Sehr unangenehm. Und dabei das kalte Wetter. Es ist vielleicht
angenehmer, im Himmel zu sein, als hier unten in solchem Wetter.

Ach ja! sagte der Doktor, als ob ein rechter Trost in diesen Worten
gelegen htte. Ich hoffe es, ich hoffe es. Ohne Zweifel ist es so. Sir
Francis erlaubte uns nicht, es ihr mitzuteilen, und ich fgte mich ihm
natrlich. Vielleicht war es so am besten.

Dann htten Sie es ihr wohl gesagt, wenn Sir Francis keinen Einspruch
erhoben htte?

Ja, sehen Sie, es gibt da Erwgungen, ber die wir in unserm Beruf
nicht hinweggehen drfen. Das Sterben ist eine ernsthafte Sache, woran
ich Sie wohl nicht besonders zu erinnern brauche, Mr.Trefusis. Wir
haben oftmals hhere Pflichten, als die natrlichen Gefhle unserer
Patienten zu schonen.

Ganz gewi. Die Mglichkeit ewiger Freuden und die Wahrscheinlichkeit
ewiger Hllenqualen sind Trstungen, die man natrlich einem sterbenden
Mdchen nicht so leicht vorenthalten soll. Aber was vorbei ist, kann
nicht wieder gutgemacht werden. Alles in allem mu ich sehr dankbar
sein. Ich bin ein junger Mann und werde als Witwer keine schlechte
Figur machen. Und jetzt sagen Sie mir, Doktor, man ist doch oben nicht
sehr ungehalten ber mich?

Mr.Trefusis! Mein Herr! Ich kann mich nicht in
Familienangelegenheiten einmischen. Ich kenne meine Pflichten und
berschreite sie nie. Der Doktor war schlielich doch verletzt und
sprach so stolz wie er konnte.

Dann will ich hingehen und mit Mr.Jansenius sprechen, sagte Trefusis
und stand vom Tische auf.

Warten Sie, mein Herr. Einen Augenblick. Ich habe noch nicht zu Ende
gesprochen. Mrs.Jansenius bat mich, Sie zu fragen -- ich wollte Ihnen
grade sagen, da ich jetzt nicht als rztlicher Berater der Familie
spreche, sondern als ein alter Freund -- und -- ach ja! Mrs.Jansenius
bat mich, Sie zu fragen -- ob Sie nicht Mr.Jansenius entschuldigen
wrden. Er ist ganz niedergeschlagen durch den Kummer und, wie ich
Ihnen -- als Arzt -- versichern kann, nicht imstande, irgend jemand zu
sehen. Sie wird mit Ihnen sprechen, sobald sie sich dazu fhig fhlt --
vielleicht spter, im Laufe des Abends. Inzwischen, wenn Sie natrlich
irgendwelche Wnsche haben -- Sie mssen durch Ihre Reise ermdet
sein, und ich empfehle immer den Leuten, nicht so lange zu fasten,
es fhrt eine Art akuter Verdauungsschwche herbei -- also, wenn Sie
irgendwelche Wnsche haben, sie werden natrlich sofort ausgefhrt
werden.

Ich danke, sagte Trefusis nach kurzem berlegen, ich werde mir einen
Hansom kommen lassen.

Es liegt natrlich kein belwollen vor, sagte der Doktor, der
als langsamer Mann durch schnelle Entscheidungen stets beunruhigt
wurde, wenn sie ihm auch, wie dieses Mal, ganz vernnftig erschienen.
Hoffentlich schlieen Sie nicht aus dem, was ich gesagt habe --

Durchaus nicht. Sie sind sehr taktvoll gewesen. Aber ich halte es fr
das Beste, wenn ich gehe. Jansenius kann Tod und Elend mit vollkommener
Seelenstrke ertragen, wenn sie in groem Mastabe auftreten und sich
in schmutzigen Hintergassen verbergen. Aber wenn sie in sein eigenes
Haus einbrechen und sein Eigentum angreifen -- seine Tochter war bis
vor kurzem sein Eigentum -- dann ist er grade der Mann dafr, seinen
Kopf zu verlieren und mit mir zu streiten, weil ich meinen bewahre.

Der Doktor war nicht imstande, auf diese Rede, die ihm versteckte
schreckliche Ansichten zu enthalten schien, etwas zu erwidern. Da er
aber sah, da Trefusis gehen wollte, fragte er mit gedmpfter Stimme:
Wollen Sie nicht hinaufgehen?

Hinaufgehen! Warum?

Ich -- ich dachte -- Sie mchten vielleicht einen Blick -- Er
beendete den Satz nicht, aber Trefusis zuckte zusammen. Das Zaudern
hatte ihm gesagt, was der andere meinte.

Ich soll etwas sehen, was einst Henrietta war, und was wir jetzt
unter aberglubischer Mummerei hinausstoen und verbergen mssen, um
den Anschein der Frmmigkeit zu bewahren. Warum haben Sie mich daran
erinnert?

Aber, mein Herr, was auch Ihre Ansichten sind, wollen Sie denn nicht,
nur der Form halber und in Rcksicht auf die Gefhle der Familie --

Warum sparen sie nicht ihre Gefhle fr die Lebenden? Ich habe mich
deswegen oft genug vergebens an sie gewandt, schrie Trefusis und
verlor seine Geduld. Ich pfeife auf ihre Gefhle! Hiermit wandte er
sich zur Tre und fand sie geffnet. Mrs.Jansenius stand lauschend
davor.

Trefusis war verwirrt. Er wute, welchen Eindruck seine Worte machen
muten, und fhlte, es sei tricht, eine Entschuldigung oder Erklrung
zu versuchen. Er steckte seine Hnde in die Taschen, lehnte sich gegen
den Tisch und sah sie schweigend an, wobei er gespannt war, was sie
jetzt wohl tun werde.

Der Doktor brach das Schweigen und sagte zitternd: Ich habe die
betrbende Nachricht Mr.Trefusis mitgeteilt.

Hoffentlich haben Sie ihm auch gesagt, bemerkte sie streng, da,
wie sehr es uns auch an Gefhl mangeln mag, wir doch fr unser Kind
alles taten, was in unsern Krften lag.

Ich bin vollkommen befriedigt, sagte Trefusis.

Ohne Zweifel sind Sie das -- nmlich mit dem Resultat, sagte
Mrs.Jansenius hart. Ich wnsche zu wissen, ob Sie sich ber etwas zu
beklagen haben.

ber nichts.

Bitte, denken Sie nicht, da etwas durch unsere Nachlssigkeit
gekommen ist.

Worber sollte ich mich beklagen. Sie hatte ein warmes Zimmer und ein
kostbares Bett, um darin zu sterben, und die beste rztliche Hilfe von
der Welt. Eine Menge Menschen verhungert und erfriert heute, damit wir
die Mittel haben, in vornehmer Weise zu sterben. Fragen Sie _die_,
ob sie einen Grund zur Klage haben. Glauben Sie, ich will mich an
Henriettas Leiche ber den Betrag des Geldes zanken, den Sie fr ihre
Krankheit ausgegeben haben? Kann man danach abmessen, welchen Grund sie
zur Klage hatte? Ich habe ihr niemals Geld vorenthalten -- wie konnte
ich das, da ich wei, da ich umsonst mehr bekommen habe, als ich je
verschwenden kann? Oder wie konnten Sie das tun? Trotzdem hat sie
vielen Grund, sich ber mich zu beklagen. Das werden Sie wohl zugeben.

Das ist auch vollkommen richtig.

Gut, wenn ich einmal dazu gelaunt bin, werde ich mir selbst Vorwrfe
machen und nicht Ihnen. Er hielt inne und wandte sich dann heftig nach
ihr hin, indem er fortfuhr: Warum whlen Sie grade diese Stunde, um
mir solche bitteren Worte zu sagen?

Ich erinnere mich nicht, da ich etwas gesagt habe, was Sie zu einer
solchen Bemerkung berechtigt. Haben _Sie_ -- sie wandte sich an den
Doktor -- mich so etwas sagen gehrt?

Mr.Trefusis will das auch sicherlich nicht von Ihnen behaupten. O
nein. Mr.Trefusis' Gefhl ist natrlich -- ist erregt. Das ist alles.

Meine Gefhle! rief Trefusis ungeduldig. Glauben Sie, meine Gefhle
sind eine Rarittensammlung gesellschaftlicher Vorurteile, und sie
lieen sich nach Vorschrift erregen und bei Leichenbegngnissen zur
Schau stellen? Sie ist dahin, wie wir alle drei auch bald dahin gehen
werden. Wenn wir unsterblich wren, htten wir einen vernnftigen
Grund, die Tote zu bemitleiden. Da wir es aber nicht sind, sollten wir
lieber unsere Krfte anspannen, um das Unrecht zu verringern, das wir
sicher noch tun, ehe wir ihr folgen.

Der Doktor war durch diese Worte tief beleidigt, denn die Feststellung,
da er eines Tages sterben mte, schien ihm eine Bezweiflung seiner
berufsmigen Bemeisterung des Todes zu sein. Mrs.Jansenius freute
sich, da Trefusis ihre schlechte Ansicht von ihm und ihre Schilderung
ber ihn durch seine eigene Auffhrung und Sprache in des Doktors
Gegenwart besttigte. Es entstand eine kurze Pause, und dann verlie
Trefusis das Zimmer, da seine Gefhle zu weit von den ihrigen entfernt
waren, als da er die Unterredung in eine freundlichere Stimmung
hinberfhren konnte. Er wollte grade im Flur seinen berzieher
anziehen, als er es sich berlegte und ihn unentschlossen wieder
hinhing. Pltzlich rannte er die Treppe hinauf. Bei dem Gerusch
seiner Futritte kam eine Frau aus einem der Zimmer und sah ihn fragend
an.

Ist es hier? sagte er.

Ja, mein Herr, flsterte sie.

Ein peinliches Krampfgefhl legte sich auf seine Brust, er wurde bleich
und blieb mit der Hand an dem Trgriff stehen.

Haben Sie keine Furcht, Herr, sagte die Frau mit ermutigendem
Lcheln. Sie sieht ganz schn aus.

Er sah sie mit einem seltsamen Grinsen an, als ob sie einen grausigen,
aber unwiderstehlichen Witz gemacht htte. Er ging hinein, und als er
das Bett erreichte, wnschte er, er wre drauen geblieben. Er gehrte
nicht zu denen, die wenig auf den Gesichtern der Lebenden sehen und
wenig auf denen der Toten vermissen. Die Art, wie man ihr Haar auf
das Kissen gelegt hatte, der angenehme Faltenwurf und die Blumen,
die die Wrterin angebracht hatte, um den knstlerischen Eindruck zu
vervollstndigen, auf den sie so vertrauensvoll hingewiesen hatte,
alles das war fr ihn verloren. Er sah nur die leblose Maske, die das
Gesicht seines Weibes gewesen war, und bei diesem Anblick versagten
ihm die Knie, und er mute sich an der Querstange, die am Fuende des
Bettes war, festhalten.

Als er wieder aufblickte, schien das Gesicht sich verndert zu
haben. Es war keine wachsartige Maske mehr, sondern Henrietta
selbst, mdchenhaft und in ausdrucksvoller Ruhe. Der Tod schien ihre
Verheiratung und alles Frauenhafte ausgelscht zu haben, nie war sie
ihm so jung erschienen. Eine Minute verging, und dann fiel eine Trne
auf die Bettdecke. Er fuhr auf, lie noch eine Trne auf seine Hand
fallen und starrte sie unglubig an.

Das ist ein Schwindel, den ich mir nie getrumt htte, sagte er.
Trnen und doch kein Kummer. Hier steh ich und weine! Ich werde immer
sentimentaler! Und dabei bin ich froh, da sie gegangen ist und mich
freigemacht hat. Irgendwo steckt in mir das Triebwerk der Trauer.
Bei ihrem Anblick beginnt es sich zu drehen, obgleich ich keinen
Schmerz empfinde, grade so, wie sie das Getriebe der Leidenschaft in
Bewegung setzte, wenn ich keine Liebe hatte. Aber das machte fr sie
keinen Unterschied. Wenn die Rder herumgingen, war sie zufrieden.
Ich hoffe, das Getriebe des Kummers wird ebenso schnell nachlassen
und stillstehen, wie es das andere Getriebe tat. Ich glaube, es steht
schon still. Welch ein Unsinn! Solange es sich drehte, glaubte ich, ich
sei betrbt. Und doch, wrde ich sie wohl wieder zum Leben erwecken,
wenn ich es knnte? Vielleicht, und darum bin ich dankbar, da ich es
nicht kann. Er lehnte sich mit verschrnkten Armen auf das Fuende des
Bettes und redete ernst auf die tote Figur ein. Sie beeinflute ihn
noch immer so stark, da er all seinen Willen zusammennehmen mute,
um ihr mit Gemtsruhe ins Gesicht zu sehen. Wenn du mich wirklich
liebtest, ist es gut fr dich, da du tot bist -- wie konnte ich Idiot
auch glauben, die Leidenschaft, die du armes Kind mir einfltest,
wrde von Dauer sein. Jetzt sind wir beide glcklich. Ich habe mich von
dir freigemacht, und du hast dich von dir selbst befreit.

Er atmete jetzt freier und sah sich das Zimmer an, um sich durch
eine gleichgltige Handlung und den alltglichen Anblick der
Schlafzimmereinrichtung in eine nchterne Stimmung zu bringen. Er
trat an das Kissen und neigte sich darber, um das Gesicht genau zu
betrachten.

Armes Kind! sagte er noch einmal in zrtlichem Tone. Dann redete
er sich mit pltzlichem Stimmungswechsel statt seines Weibes selber
an. Armer Esel! Armer Idiot! Armer Affe! Hier liegt der Krper eines
Weibes, das fast so alt war wie ich selbst und vielleicht vernnftiger,
und ich stelle moralische Betrachtungen darber an, als sei ich Gott
der Allmchtige und sie ein kleines Kind! Je mehr man einen Mann daran
erinnert, was er ist, desto eingebildeter wird er. Scheulich! Ich
werde mich sogleich fr unsterblich halten.

Mit einem schwachen Versuch, roh zu sein, berhrte er ihre Wange und
fhlte, wie kalt sie war. Dann berhrte er seine eigene und sagte:

Auch ich fliege auf dieses Ziel hin mit der reienden Geschwindigkeit
von sechzig Minuten in der Stunde. Er stand da, die Augen auf ihr
Gesicht gerichtet, und geno lange Zeit die Bitterkeit seiner dsteren
Betrachtung. Endlich ermannte er sich und sagte etwas heiterer:

Schlielich ist sie ja gar nicht tot. Jedes Wort, das sie gesagt
hat -- jeder Gedanke, den sie gefunden und geuert hat, war ein
unauslschlicher und unzerstrbarer Eindruck. Er hielt inne, berlegte
wieder eine Zeitlang und fiel in seine trbe Stimmung zurck. Und
das Dutzend anderer Namen, die morgen mit ihr in der >Times< stehen?
Auch ihre Worte liegen noch in der Luft, um die ganze Ewigkeit zu
berdauern. Hm! Was die Luft mit Unsinn vollgepfropft sein mu? Zwei
Tne heben sich manchmal gegenseitig auf, warum sollten sie nicht auf
dieselbe Art auch Ideen gegeneinander aufheben. Nein, mein Lieb, du
bist tot und dahin, und alles ist vorbei. Und auch ich werde bald genug
tot und dahin sein, und alles ist vorbei, ehe ich noch Mue habe, mich
mit Hoffnungen auf Unsterblichkeit zu narren. Arme Hetty! Nun leb wohl,
mein Liebling. Wir wollen einen Augenblick denken, du knntest mich
hren; ich wei, da dir das gefllt.

Alles dieses sagte er in einem halbvernehmbaren Flstern. Dann schwieg
er, neigte sich ber den Krper und sah ihn aufmerksam an. Selbst
als er ihn genug betrachtet hatte und sich zum Gehen wandte, nderte
er noch einmal seine Absicht, um sie noch eine Weile anzusehen. Dann
richtete er sich auf und ging beruhigt und erfrischt mit festem Schritt
aus dem Zimmer. Die Frau wartete drauen. Als sie sah, da er nicht
mehr so betrbt war wie beim Hereintreten, sagte sie:

Hoffentlich sind Sie zufrieden, mein Herr!

Entzckt! Bezaubert! Die Arrangements sind auerordentlich hbsch und
geschmackvoll. Sehr trstlich. Und er gab ihr einen halben Sovereign.

Danke sehr, sagte sie und machte eine Verbeugung. Die arme, junge
Lady! Sie hat so nach Ihnen verlangt, mein Herr. Sie sagte immerzu, Sie
wren der einzige, der sich etwas aus ihr machte! Und wie wtend sie
auf ihre Mutter war. >Sagt ihm, da ich gefhrlich krank bin,< rief
sie, >und er wird kommen.< Das arme Ding wute nicht, wie wahr ihre
Worte waren. Und sie starb, ohne es zu erfahren!

Sie machte sich und mir Hoffnung. Glckliches Mdchen!

Lieber Himmel, ich wei, was sie empfand. Ich habe viele Erfahrungen.
Hierbei trat sie ihm vertraulich nher und flsterte: Die Familie war
gegen Sie, mein Herr, und sie wute das. Aber sie wollte nicht auf sie
hren. Wenn sie wohl genug war, um denken zu knnen, dann dachte sie an
nichts als an Ihr Kommen. Und -- still! Da ist der alte Herr.

Trefusis blickte sich um und sah Mr.Jansenius, dessen hbsches
Gesicht bla und entstellt von Kummer und Unruhe war. Er wich vor der
hingestreckten Hand seines Schwiegersohnes zurck wie ein zu sehr
gequltes Kind vor einem unzeitigen Versuch, es zu liebkosen. Trefusis
hatte Mitleid mit ihm. Die Wrterin hustete und zog sich zurck.

Haben Sie mit Mrs.Jansenius gesprochen? fragte Trefusis.

Ja, antwortete Jansenius in beleidigendem Tone.

Ich unglcklicherweise auch. Bitte, entschuldigen Sie mich bei ihr.
Ich war ungezogen. Die Umstnde hatten mich aus der Fassung gebracht.

Sie waren nicht aus der Fassung gebracht, mein Herr, sagte Jansenius
laut. Sie scheren sich den Teufel darum.

Trefusis wich zurck.

Sie pfeifen auf meine Gefhle, und ich will auf die Ihrigen pfeifen,
fuhr Jansenius in demselben Tone fort. Trefusis blickte unwillkrlich
nach der Tre, durch die er soeben hereingekommen war. Dann fate er
sich und sagte ruhig:

Es macht nichts. Sie kann uns nicht hren.

Bevor Jansenius antworten konnte, kam seine Frau die Treppe
heraufgelaufen, fate ihn beim Arm und sagte: Sprich nicht mit ihm,
John. Und Sie, fgte sie, zu Trefusis gewandt, hinzu, _wollen_ Sie
machen, da Sie fortkommen?

Was? rief er und sah sie spttisch an. Ohne meine Leiche! Ohne mein
Eigentum! Nun gut, es soll so sein.

Was wissen Sie von den Gefhlen eines achtbaren Mannes? fuhr
Jansenius fort und brach trotz der Anwesenheit seiner Frau von neuem in
Wut aus. Ihnen ist nichts heilig. Da sieht man, was Sozialisten fr
Kerle sind!

Und was Vter sind und was Mtter sind, entgegnete Trefusis und
verlor seine Selbstbeherrschung. Ich glaubte, Sie liebten Hetty, aber
jetzt sehe ich, da Sie nur Ihre Gefhle und Ihre Achtbarkeit lieben.
Der Teufel hole beides! Sie hatte ganz recht. Meine Liebe zu ihr, so
unvollstndig sie war, war doch noch grer als die Ihrige. Und er
verlie wtend das Haus.

Aber er blieb eine Weile auf der Strae stehen, um ber sich selbst und
ber seinen Schwiegervater zu lachen. Dann nahm er einen Hansom und
lie sich zu seinem Rechtsbeistand fahren, denn er wollte mit ihm die
Regelung der Angelegenheiten seiner Frau besprechen.




Zehntes Kapitel.


Am Tage vor dem Heiligen Abend wurden die berreste Henrietta Trefusis'
auf dem Highgate-Friedhof beerdigt. Drei Edelleute sandten ihre Wagen
zu dem Begrbnis, und die Freunde und Kunden von Mr.Jansenius kamen
in groer Zahl persnlich. Die Totenbahre war mit einer berflle
kostbarer Blumen bedeckt. Der Leichenbestatter wute, da keine Kosten
gespart werden sollten. Er hatte langschwnzige schwarze Pferde
besorgt, mit schwarzen Decken auf den Rcken und schwarzen Federn
auf den Kpfen. Die Kutscher waren mit Schleifen und langen Stiefeln
geschmckt, sie trugen schwarze Kutschdecken, Mntel und Handschuhe.
Viele gemietete Leidtragende gingen mit. Sie wren aber sofort
entlassen worden, htten sie es gewagt, irgendeine Gemtsbewegung zu
zeigen oder irgendwie ihre Aufgabe zu berschreiten, die darin bestand,
da sie Stbe mit Messingspitzen in den Hnden trugen und neben dem
Leichenwagen hergingen.

Unter den echten Leidtragenden war Mr.Jansenius, der in Trnen
ausbrach, als er etwas Erde in das Grab schttete. Ferner der Knabe
Arthur, den es verwirrte, da er zum erstenmal in einem langen Rock
an der Spitze eines ffentlichen Aufzuges marschierte, und der bei
dem Anblick seines weinenden Papas das Gefhl hatte, er sei nicht so
traurig, wie er es sein mte. Dann ein Vetter, der einst Henrietta
einen Heiratsantrag gemacht hatte und der jetzt, voll von tragischen
Betrachtungen, in dem intensiven Genu seiner Verzweiflung schwelgte.

Die brigen erzhlten sich flsternd, wenn sie es in schicklicher
Weise tun konnten, von einem befremdlichen Mangel in der Anordnung.
Der Gatte der Verstorbenen fehlte. Familienmitglieder und nher
stehende Freunde erfuhren durch Daniel Jansenius, der Witwer habe
wie ein Lump gehandelt, und die Jansenius' gben keine zwei Pfennige
darum, ob er kme oder zu Hause bliebe. Trotz der Unschicklichkeit
der Sache sei es ihnen sogar noch lieber, da er sich fernhielte.
Andere, die keinen Anspruch auf eine private Auskunft hatten, fragten
den Vertreter des Leichenbestatters. Dieser meinte, der Gentleman
wolle kein groes Leichenbegngnis haben, und auf die Frage -- warum
denn? -- sagte er, wahrscheinlich, weil er die Ausgabe scheue. Da man
aber hiergegen einwand, Mr.Trefusis sei sehr reich, so fgte der
Leichenbestatter hinzu, er habe das auch gehrt. Aber er glaube, das
Geld stamme nicht von der Frau her, und die Leute verwendeten selten
viel Geld auf ein Leichenbegngnis, auer wenn sie etwas durch den
Tod erbten. Auerdem knauserten viele Menschen desto mehr, je mehr
sie htten. Bevor sich das Leichengefolge zerstreute, hatte sich der
Bericht, den Mr.Jansenius' Bruder gegeben hatte, mit den Ansichten des
Leichenbestatters vermischt, und aus dem Ganzen war eine Geschichte
entstanden, Trefusis htte seiner Freude ber den Tod seiner Frau mit
schrecklichen Flchen Ausdruck gegeben, und zwar im Hause ihres Vaters,
whrend ihre Leiche noch da lag, und er htte sich geweigert, auch nur
einen Pfennig fr das Leichenbegngnis zu bezahlen.

Ein paar Tage spter, als das Gerede ber den Gegenstand schon
nachlie, wurde es durch einen frischen Skandal neubelebt. Ein
schriftstellernder Freund half Mr.Jansenius eine Grabschrift entwerfen
und fgte ein paar hbsche und ergreifende Strophen hinzu. Von
Henriettas Wesen wurde darin gerhmt, es sei von seltener Anmut und
Tugendhaftigkeit gewesen, und ihre Freunde wrden nie aufhren, ber
ihren Verlust zu trauern. Ein Geschftsmann, der sich als Grabbildhauer
bezeichnete, brachte ein Buch mit Abbildungen von Grabdenkmlern,
und Mr.Jansenius whlte ein auerordentlich prchtiges heraus und
erbot sich, die Hlfte der Kosten fr seine Aufstellung zu bezahlen.
Trefusis wandte hiergegen ein, die Grabschrift sei unwahr, und sagte,
er she nicht ein, warum man grade auf Leichensteinen falsche Berichte
verffentlichen drfte. Es wurde sogar berichtet, er habe seine frhere
schlechte Auffhrung noch bertrumpft, indem er seinen Schwiegervater
einen Lgner nannte und einen ganz gewhnlichen Grabstein in einem
billigen Laden in Eastend bestellte. Er hatte tatschlich den
Monumentenhndler verchtlich einen >Ausbeuter< der Arbeit genannt
und einen jungen Steinmetzgehilfen, ein Mitglied der Internationalen
Vereinigung, gebeten, zur Befriedigung Jansenius' ein Grabdenkmal zu
zeichnen.

Der Steinmetz brachte auch mit vieler Angst und Mhe einen
Originalentwurf zustande. Trefusis billigte ihn und beschlo,
ihn durch die Hand des Zeichners ausfhren zu lassen. Er mietete
ein Bildhaueratelier, besorgte nach den Angaben des Steinmetzen
Marmorblcke und lud ihn ein, sich sofort ans Werk zu machen.

Trefusis stie jetzt auf eine Schwierigkeit. Er wollte dem Gehilfen
grade den Wert seiner Arbeit bezahlen, nicht mehr und nicht weniger.
Aber das lie sich nicht berechnen. Der einzige Mastab, den er hatte,
war der Marktpreis, und den lehnte er ab, weil er nur durch den
Wettbewerb von Kapitalisten entstanden war. Diese konnten ja ihren
Profit nur erlangen, indem sie von den Arbeitern mehr Arbeitsprodukte
erhielten, als sie ihnen bezahlten -- und ihre Kunden verfhrten
sie zum Kaufen, indem sie ihnen einen Teil der unbezahlten Arbeit
als Preisermigung berlieen. Die Unternehmer gaben den Arbeitern
die unentbehrlichen Mittel zum Arbeiten und Leben nur unter der
Bedingung, da sie der migen Unternehmerklasse den Lebensunterhalt
gewhrten und sich selbst mit einer viel niedrigeren Lebenshaltung
begngten. Darum war eine gerechte Bestimmung des Austauschwertes und
ein ehrenhaftes bereinkommen mit ihnen unmglich. Trefusis mute
schlielich den Steinmetz fragen, wieviel er als anstndige Bezahlung
fr die Ausfhrung des Entwurfs verlangen mte, obgleich er wute,
da der Mann das Problem ebensowenig lsen konnte wie er selbst. Denn
wenn er auch soviel verlangte, als er zu bekommen hoffte, so wurde doch
seine Forderung durch seine Armut und durch den Wettbewerb mit dem
Grabsteinunternehmer begrenzt. Trefusis erledigte die Sache dadurch,
da er doppelt soviel gab, wie der andere gefragt hatte, und nur die
Bedingung stellte, da der Steinmetz die Arbeit selbst ausfhren
mute und keinen Nebenverdienst hatte, indem er zum Marktpreis andere
Arbeiter dafr mietete.

Der Entwurf aber sollte zum Erstaunen seines Zeichners noch besonders
bezahlt werden. Der Steinmetz schwankte lange Zeit zwischen einer
Forderung von zwei Pfund und zehn Schillingen und einer solchen
von fnf Pfund, bis ihm ein Arbeitskollege, der ihn mit Whiskygrog
traktiert hatte, Mut machte, die hhere Summe zu verlangen. Trefusis
bezahlte das Geld sofort und gab sich dann daran, herauszufinden,
was wohl ein hnlicher Entwurf von der Hand eines hervorragenden
Akademikers gekostet htte. Da er zufllig einen Gentleman in
dieser Stellung kannte, fragte er ihn und erhielt den Bescheid, da
er wahrscheinlich fnfhundert bis tausend Pfund gekostet htte.
Trefusis verhehlte nicht seine Ansicht, da ihm die Forderung des
Steinmetzgehilfen vernnftiger zu sein schiene, worauf ihn sein
knstlerischer Freund etwas unwillig daran erinnerte, wie viele Jahre
ein Akademiebildhauer darauf verwende, bis er seine Kunstfertigkeit
so weit ausgebildet htte. Trefusis entgegnete, die Lehrzeit eines
Steinmetzen sei gradeso lang, doppelt so mhsam und nicht halb so
angenehm. Der Knstler hatte sich bisher eingeredet, er sympathisiere
mit Trefusis' sozialistischen Ansichten, aber jetzt begann er sie
sowohl hlich als auch gefhrlich zu finden. Er fragte, ob denn
nichts fr das Talent bezahlt wrde, und Trefusis entgegnete heftig,
das Talent koste seinem Besitzer nichts, es sei die Erbschaft eines
ganzen Geschlechts, die zufllig einem einzelnen Menschen zugefallen
sei. Wenn nun dieser Mensch sein Monopol dazu benutze, um andern das
Geld abzunehmen, so verdiene er nichts Besseres, als aufgehngt zu
werden. Der Knstler verlor schlielich die Geduld und meinte, wenn
Trefusis auch kein Gefhl dafr habe, da die Vorrechte der Kunst
gttlichen Ursprungs seien, vielleicht knne er aber doch begreifen,
da ein Maler kein solcher Narr sei, ein Grabdenkmal fr fnf Pfund
zu entwerfen, wenn er fr ein gemaltes Portrt tausend Pfund erhalte.
Trefusis erwiderte, schon diese Tatsache, da jemand tausend Pfund
fr ein Portrt bezahle, bewiese, da er das Geld nicht erarbeitet
habe, und da er daher ein Dieb oder ein Bettler sein mte. Ein
gewhnlicher Arbeiter, der sechs Pence von seinem Wochenlohn opfere,
um seinem Schatz eine billige Photographie zu schenken, oder einen
Schilling fr ein Paar ldruckbilder oder Delfter Figuren, die er auf
den Kamin stellen wollte, ein solcher Arbeiter lege sich, um in den
Besitz eines Kunstgegenstandes zu kommen, eine grere Entbehrung
auf als der Grogrundbesitzer oder Aktionr, der viel zu reich sei,
um den Verlust der tausend Pfund zu spren, die er fr ein Bild wie
Hogarths Jack Sheppard ausgebe, also fr ein Bild, das nur Studenten
der Kriminalphysiognomie interessiere. Jetzt entstand ein lebhafter
Streit. Trefusis wies auf die Torheit der Knstler hin, da sie sich
einbildeten, sie seien eine priesterliche Kaste, whrend sie doch
nur die Parasiten und begnstigten Sklaven der besitzenden Klasse
seien. Sein Freund, der im Augenblick sein Feind war, spottete dagegen
bitter ber die Gleichmacher, die alles auf einen niedrigeren Stand
bringen wollten, anstatt auf einen hheren. Schlielich waren sie des
Zankens mde. Sie schmten sich ihrer scharfen Worte und speisten
freundschaftlich miteinander zu Abend.

Das Grabmal wurde durch einen kleinen Trupp Arbeiter, die Trefusis als
Arbeitslose entdeckt hatte, auf dem Highgate-Friedhof errichtet. Es
trug folgende Inschrift:

                       =~Hier liegt~=

                   =~Henrietta Jansenius~=

                =~Geboren am 26. Juli 1856~=
     =~Vermhlt mit Sidney Trefusis am 23. August 1875~=
       =~Gestorben am 21. Dezember desselben Jahres.~=

Mr.Jansenius sah das fr eine Beschimpfung des Andenkens seiner
Tochter an, und da andere Familien, die durchaus nicht so hoch standen
als die Janseniussche, noch viel grere Grabmler hatten, so fhrte
er es als Beweis fr die Filzigkeit seines Schwiegersohnes an. Andere
Leute bewunderten dagegen das Denkmal, und Trefusis hoffte, es wrde
seinem Schpfer zum Wohlstand verhelfen. Doch das Gegenteil trat ein.
Als der Steinmetz wieder an seine gewhnliche Arbeit gehen wollte,
teilte man ihm mit, er htte die Handwerksgebruche bertreten, und
seine frheren Arbeitgeber wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Als er sich um Rat und Hilfe an die Gewerkschaft wandte, deren Mitglied
er war, erhielt er dieselbe Antwort, und man warf ihm sogar Verrat
an seinen Arbeitsgenossen vor. Er ging wieder zu Trefusis und sagte
ihm, der Auftrag mit dem Grabstein htte ihn ruiniert. Trefusis wurde
wtend und schrieb einen polemischen Brief an die >Times<, der aber
nicht gedruckt wurde, einen spttischen an die Gewerkschaft, der nichts
erreichte, und einen groben an die Unternehmer, worauf diese mit einer
Beleidigungsklage drohten. Es blieb ihm nichts brig, als den Mann an
Kaminsimsen und andern Steinarbeiten in dem Trefusisschen Landgut zu
beschftigen. Nach einem oder zwei Jahren hatte sich der Steinmetz
dank seiner freigebigen Bezahlungen soviel zurckgelegt, um sich als
Unternehmer selbstndig zu machen. Hierbei begann er sehr schnell reich
zu werden, denn er wute durch Erfahrung ganz genau, wie viel man
von den Arbeitern erzwingen konnte, und wie wenig man ihnen zu geben
brauchte. Dann begann er sich fr die Tugenden der Sparsamkeit, der
Enthaltsamkeit und des ausdauernden Fleies zu interessieren, und er
verlie die internationale Vereinigung, deren begeisterter Anhnger er
als einfacher, arbeitender Steinmetzgehilfe gewesen war.

Inzwischen ging Agathas Schulleben zu Ende. Ihren Entschlu, noch ein
Semester eifrig in der Anstalt zu studieren, hatte sie nicht gefat,
weil sie gebildet werden wollte, sondern um Smilasch mehr wrdig zu
sein. Und als sie die Wahrheit ber ihn von seinen eigenen Lippen
hrte, wurde ihr die Idee, noch einmal an den Schauplatz dieser
Demtigung zurckzukehren, unertrglich. Sie verlie Alton unter
dem Eindruck, ihr Herz sei gebrochen, denn ihre brennende Eitelkeit
wollte natrlich nicht begreifen, da sie selbst die Ursache dieser
Krnkung war. So sagte sie denn MiߠWilson adieu, und die Biene an der
Fensterscheibe wurde nicht mehr in der Altonschule gehrt.

Die Nachricht von Henriettas Tod erschtterte sie um so mehr, weil
sie gegen ihren Willen glcklich war, da die einzige Person, die
auer Smilasch von ihrer nrrischen Liebe zu ihm wute, nun fr immer
schwieg. Dies schien ihr eine schreckliche Entdeckung ihrer eigenen
Verdorbenheit zu sein. Sie wurde darber fast religis und machte
ihrer Mutter wegen ihrer Gesundheit Sorge. Die Mutter konnte ihre
ungewohnte Ernsthaftigkeit nicht begreifen und besonders auch nicht
ihren Entschlu, ber das hliche Benehmen Trefusis' nicht zu reden,
das jetzt den vorwiegenden Gesprchsstoff in der Familie bildete.
Agatha lauschte schweigend den geschwtzigen Auseinandersetzungen
ber seine Flucht von seiner Frau, seine herzlose Gleichgltigkeit
bei ihrem Verscheiden, seine Heftigkeit und gemeine Sprache an ihrem
Totenbette, seine Geizigkeit, seinen gehssigen Widerstand gegen die
Wnsche der Jansenius', seinen billigen Grabstein mit der beleidigenden
Aufschrift, seine Verbindung mit gewhnlichen Arbeitern und niedrigen
Demagogen, seine vermutliche Teilnahme an einer geheimen Gesellschaft
zur Ermordung der Kniglichen Familie und zu Dynamitattentaten auf
die Armee, seine atheistische Glaubenslosigkeit, die er in einer
Schmhschrift an die Geistlichkeit gezeigt hatte, als er sich gegen
eine Darlegung des Erzbischofs von Canterbury, nur durch geistige
Hilfe knnte die Lage der Armen in Eastend gebessert werden, wandte,
und schlielich die Hauptschande, sein Versuch, den Gerichtshof in
Old Bailey in aufrhrerischer Weise zu beschimpfen, was ihm eine
Gefngnisstrafe von sechs Monaten eintrug. Leider befreite ihn die
Genialitt seines Anwalts von dieser Strafe, denn dieser entdeckte
einen Schreibfehler in der Klageschrift, und es gelang ihm unter groen
Kosten fr Trefusis, da das Urteil fr ungltig erklrt wurde. Agatha
wurde zuletzt mde, immer nur von seinen Missetaten zu hren. Sie hielt
ihn zwar fr herzlos, selbstschtig und verfhrt, aber sie wute, da
er kein lrmender, roher, eingebildeter und unwissender Znker war,
wie es die meisten Klatschschwestern ihrer Mutter glaubten. Sie fhlte
sogar, wenn auch widerstrebend, eine Art Dankbarkeit gegen die wenigen,
die es wagten, ihn zu verteidigen.

Die Vorbereitungen zu ihrer ersten Ballsaison halfen ihr, ihr
Migeschick zu vergessen. Sie wurde zur gehrigen Zeit in die
Gesellschaft eingefhrt und fand alles sehr langweilig. Manchmal
wurde bei ihr dieses Gefhl so stark, da sie sich fragte, ob
sie wohl je wieder glcklich sein wrde. Auf der Schule hatte es
Kameradschaftlichkeit gegeben, Spa, Regeln und Vorschriften, die
den Willen strkten, wenn man sie beobachtete, und eine entzckende
Aufregung brachten, wenn man sie bertrat. Da war man frei von
Frmlichkeit gewesen, konnte Zuckerzeug machen, das Gelnder
hinabfliegen und einer ganzen Schar Mdchen den Soldat im Kamin
vorfhren. In der Gesellschaft gab es lcherliche Gesprche, die eine
halbe Minute dauerten, oberflchliche Bekanntschaften, die sich auf
solchen halben Minuten grndeten, ein allgemeines wechselseitiges
Mitrauen, dicht gedrngte Menschenmengen, ungengende Ventilation,
schlechte Musik, die dazu schlecht gespielt wurde, langes Aufbleiben,
ungesundes Essen, vergiftende Likre, ein eiferschtiger Wettbewerb in
nutzlosen Ausgaben, Jagd nach einem Mann, Flirten, Tanzen, Theater und
Konzerte. Die letzten drei Dinge liebte Agatha, und sie machten ihr den
Unterschied zwischen Alton und London ertrglich, aber sie hatten ihre
Schattenseiten, denn gute Partner beim Tanzen und gute Auffhrungen
der geistlosen Opern und Musikstcke waren bedauerlich selten.
Flirten konnte sie nicht ertragen. Sie trieb die Mnner weg, sobald
sie zrtlich wurden, denn sie sah in ihnen die Falschheit Smilaschs
ohne seinen Geist. Die jngeren Herren ihres Bekanntenkreises hielten
sie fr ungeschliffen. Sie unterhielten sich ber Agathas schlechte
Manieren und beschlossen sie dadurch zu bestrafen, da sie sie nicht
mehr zum Tanze holten. So wurde sie, ohne zu wissen auf welche Weise,
die Aufmerksamkeiten los, aus denen sie sich auch nicht das geringste
machte, denn sie behielt die grausame Verachtung der Schulmdchen fr
>Jungens< bei. Sie geno jetzt, so gut sie es konnte, die Gesellschaft
lterer oder vernnftigerer Mnner, die nicht so unduldsam gegen
Mdchen waren.

Jedenfalls hatte sie sich noch nie so wenig glcklich gefhlt wie in
diesem Jahr. Sie brachte wiederholt ihre Mutter in Aufregung, indem sie
Plne fate, Krankenpflegerin, Sngerin oder Schauspielerin zu werden.
Jeder dieser Plne fhrte zu flchtigen, planlosen Studien. Um die
Befhigung zu einer Krankenpflegerin zu bekommen, las sie ein Handbuch
der Physiologie, und Mrs.Wylie hielt das fr einen so unpassenden
Gegenstand fr eine junge Dame, da sie weinend zu Mrs.Jansenius ging
und sie bat, ihr ungezogenes Kind doch zurechtzuweisen. Mrs.Jansenius,
besser unterrichtet, war der Ansicht, je mehr eine Frau wte, desto
vernnftiger wrde sie jedenfalls handeln, und Agatha wrde die
Physiologie schon bald aus eigenem Antrieb fallen lassen. Das erwies
sich als richtig. Agatha hatte ihr Buch, in dem sie viel berschlug,
schnell beendigt und ging nun zum Studium der Pathologie ber nach
einem Band klinischer Vorlesungen. Sie fand darin genau ihre eigenen
Empfindungen beschrieben, und zwar als Symptome der schrecklichsten
Krankheiten. Sie legte es voller Schrecken weg und nahm einen Roman
zur Hand. Dieser war frei von den Fehlern ihrer frheren Lektre, denn
keines von den Gefhlen, die in dem Roman vorkamen, glich auch nur im
mindesten denen, die sie schon gehabt hatte.

Nach einer kurzen Frist lie sie sich von einem beliebten Gesanglehrer
untersuchen, ob ihre Stimme stark genug sei fr die Bhne. Er empfahl
ihr, bei ihm sechs Jahre lang zu lernen, und versicherte ihr, da
sie am Ende dieser Zeit -- wenn sie seinen Anweisungen folgte -- die
grte Sngerin der Welt sein wrde. Hiergegen hatte sie in Gedanken
die entscheidende Einwendung, da sie in sechs Jahren eine alte Frau
sei. So beschlo sie, es selbst zu versuchen, vielleicht wrde sie
allein schnellere Fortschritte machen. Fr den Fall, da aus ihrer
Sngerinnenlaufbahn nichts wrde, beschlo sie, zum Schauspiel zu
gehen, und nahm Unterricht in der Aussprache und in Leibesbungen.
Diese bungen hatten einen so gnstigen Einflu auf ihre krperliche
und geistige Gesundheit, da ihr bisheriges Streben ihr noch gar nicht
weit genug ging. Sie versuchte nacheinander alle Knste, wurde aber
jedesmal durch ihre Willensschwche entmutigt, wenn sie versuchte,
ausdauernd zu sein. Sie wute als allgemeine Regel, da schwchliche
und lcherliche Versuche der Anfang von allem Tchtigen sind, aber sie
fand nie eine Regel fr ihren eigenen Fall und glaubte noch immer,
sie sei eine Ausnahme, grade wie sie es in ihrer Liebe zu Smilasch
geglaubt hatte. Sie lag noch ganz in den Selbsttuschungen der Jugend.

Inzwischen bengstigten ihre Fortschritte gar sehr ihre Mutter.
Diese kannte solche Anflle von heiterer Stimmung, auf die dann das
qulende Gefhl des Mierfolgs und der Nutzlosigkeit folgten, nur als
>Wildheit< und >schlechte Laune< und bekmpfte sie mit Handarbeit als
beruhigendem Mittel und Fleischtee als anregendem Mittel. Mrs.Wylie
hatte es auswendig gelernt, da die ganzen Pflichten einer Dame darin
bestnden, anmutig, gtig, hilfreich, bescheiden und selbstlos zu
sein und ruhig abzuwarten, was ihr diese Tugenden bescherten. Aber
dann hatte sie durch Erfahrung gelernt, da das Geschft einer Dame
in der Gesellschaft nur das sei, sich zu verheiraten, und da alle
diese Tugenden und Vollkommenheiten nur den Wert htten, passende
junge Mnner anzuziehen. Da diese Wahrheit unanstndig ist, berlt
man es gewhnlich den jungen Damen ein oder zwei Jahre lang, es
selbst herauszufinden. Es wird ihnen selten bei ihrem Eintritt in die
Gesellschaft ausdrcklich mitgeteilt. Daher weisen sie oft in ihrer
ersten Saison groartige Partien zurck und mssen sich nachher zu
sehr reduzierten Preisen anbieten, je nachdem wie ihre Reize anfangen
schal zu werden. Dieses Schicksal frchtete auch Mrs.Wylie, die durch
Mrs.Jansenius gewarnt war, fr Agatha. Von Zeit zu Zeit wurde ihr
ein junger, wohlhabender Gentleman vorgestellt, aber sie vertrieb ihn
jedesmal in barscher Weise, sobald er eine Anspielung auf ihre Gefhle
machte. Die angstvolle Mutter trstete sich damit, wenn ihre Tochter
auch die wnschenswerten und die nichtwnschenswerten Partien in
gleich grausamer Weise zurckstie, so knpfte sie doch wenigstens
keine unschicklichen Verbindungen an und war auerdem noch sehr jung.
Auch wrde sie wohl weniger sprde sein, wenn sie etwas lter und, wie
Mrs.Jansenius es nannte, vernnftiger wurde.

Aber eine Saison folgte auf die andere, und es blieb fraglich, wen man
mehr beglckwnschen sollte, Agatha, weil sie nach der Schulzeit das
Leben begonnen, oder Henrietta, weil sie es beendet hatte.




Elftes Kapitel.


Brandon Beeches im Themsetal war der Wohnsitz von Sir Charles Brandon,
dem siebten Baronet dieses Namens. Er hatte seinen Vater verloren,
bevor er mndig geworden war, und heiratete kurz nachher, so da er
mit fnfundzwanzig Jahren Vater von drei Kindern war. Er sah trotz
seiner Jugend etwas verlebt aus, aber er war schlank und ansprechend
und hatte eine gewinnende Art, die Unglcksflle der andern von einer
freundlichen und beruhigenden Seite zu nehmen. Er war ein guter
Erzhler, liebte Musik und konnte etwas spielen und singen. Er liebte
das Zeichnen und skizzierte in Wasserfarben, er las jede Zeitschrift
von London bis Paris, die Kunstkritiken brachte, er hatte ein paar
Reisen gemacht, er fischte etwas, scho etwas und botanisierte etwas,
er lief rastlos hinter den Frauen her und verschwendete seine Energie
auf all den tausend Wegen, die ihm sein Reichtum und seine Fhigkeiten
offen machten. Auf keinem Gebiete besa er genauere Kenntnisse, aber
er hatte sich doch vieles so weit angesehen, da er an die Stelle
vollstndiger Unkenntnis gemigte Unwissenheit setzen konnte. Er hatte
nie den Genu gekannt, etwas Groes zu vollbringen, und qulte sich
mit einer unbefriedigten Sehnsucht, die ihn melancholisch machte und
ihn berzeugte, er sei ein geborener Knstler. Seine Frau fand ihn
selbstschtig verdrielich und wankelmtig und sagte, er hielte sich
jedesmal fr gefhrlich krank, wenn er sich nur etwas erkltet habe.

Lady Brandon, die brigens glaubte, er verstnde alle die Dinge,
ber die er redete, weil sie sie selbst auch nicht verstand, war
eine seiner Enttuschungen. Ihrem uern nach glich sie keinem der
Schnheitsideale, die die Maler ihrer Zeit darstellten, aber sie hatte
Reize, fr die wenige Mnner unempfindlich sind. Sie war gro, weich
und stark, mit vollen, wohlgeformten Armen, Schultern und Hften.
Mit ihrem kleinen Kopf, den zarten Ohren, den hbschen Lippen, den
schelmischen Augen stellte sie, da sie eine sehr groe Person war,
eine Flle von halb weiblicher, halb kindlicher Lieblichkeit dar,
die selbst ernsten Mnnern das Verlangen einflte, sie in ihre Arme
zu nehmen und zu kssen. Dieses Verlangen hatte den oberflchlichen
geistigen Geschmack Sir Charles' auf den ersten Anblick besiegt. Seine
Einbildung versah sie mit jenem Verstndnis fr die hheren Knste,
das er von einer Frau verlangte, und er heiratete sie in ihrer ersten
Ballsaison, um dann zu entdecken, da das Liebesbedrfnis in ihrem
Wesen so gering und so matt war, da sie alle seine Versuche, zrtlich
gegen sie zu sein, ins Lcherliche zog und ihn um alle Liebesgensse
brachte, nach denen er sich mit dem ganzen vorher empfundenen Entzcken
gesehnt hatte. Auf geistigem Gebiete enttuschte sie seine Hoffnungen
aber noch viel mehr. Nach ihrer Meinung war seine Lieblingskunst, das
Malen, fr Amateure nur ein Zeitvertreib und fr Berufsknstler ein
Nebenzweig beim Einrichten eines Hauses. Wenn er diesen Gegenstand
mit seinen Freunden errterte, dann pflegte sie ihre Ansicht mit
einem Eigendnkel zu uern, der um so unangenehmer war, weil sie oft
die grbsten Schnitzer machte, whrend er selbst seine Schlsse mit
der hchsten Feinheit und Ernsthaftigkeit durchfhrte. Bei solchen
Gelegenheiten machte sie sich aus seinem Widerwillen durchaus nichts,
sie frohlockte sogar darber. Sie war zu der berzeugung gekommen, die
Ehe sei noch eine grere Torheit und die Mnner seien noch grere
Narren, als sie geglaubt hatte. Aber diese berzeugung verstrkte eher
ihr Pflichtgefhl, als da es sie enttuscht htte, und da sie gengend
Geld, gengend Dienerschaft, gengend Gste und gengend Reitbungen
hatte, die sie bermig liebte, so verflo ihre Zeit aufs angenehmste.
Behaglichkeit erschien ihr als der natrliche Zustand des Lebens, jede
Strung setzte sie in Erstaunen. Die Freunde ihres Mannes, die mit
Mitrauen in die Zukunft sahen und mit Bitterkeit an manche vergangene
Stunde zurckdachten, waren ihr nur Beispiele dafr, da vieles Lesen
und ein Leben ohne Bewegung die Menschen mimutig und stumpf mache.

An einem schnen Maimorgen, als sie auf einem mchtigen, braunen
Pferd die Einfahrt nach Brandon Breeches hinuntergaloppierte, ffnete
sich an dem Ende das Tor, und ein junger Mann kam auf einem Zweirad
herausgefahren. Er war von schmchtiger Gestalt mit schnen, dunkeln
Augen und feinen Nasenflgeln. Als er Lady Brandon erkannte, schwenkte
er seine Mtze, und als er sie erreicht hatte, sprang er von seinem
leblosen Stahlro ab, so da das braune Pferd scheute.

Ruhig, du dummes Tier! rief sie und schlug es mit dem Ende ihrer
Peitsche. Zwar, es ist kein Wunder, wenn es erschrickt. Wie geht es
Ihnen? Wie hbsch ist es, da man jetzt auf einem Pferd reiten kann,
das auf Rdern luft.

Aber ich bin nicht reich genug, um ein wirkliches Pferd zu halten,
sagte er und trat nher, um den Braunen zu streicheln, nachdem er sein
Rad gegen einen Baum gelehnt hatte. brigens frchte ich mich vor
Pferden, ich bin nicht an sie gewhnt. Ich verstehe auch nicht, sie zu
fttern. Mein Rad braucht kein Futter. Es beit und tritt nicht. Es
geht nie lahm, es wird nicht krank, stirbt nicht, braucht keinen Diener
und --

Das ist alles Unsinn, sagte Lady Brandon heftig. Es stolpert und
gibt Ihnen die schrecklichsten Ste, es geht lahm, weil seine Pedale
oder sonst etwas sich lsen, und trgt sich ab, und es macht zweimal so
viele Mhe, wenn man es sauber halten und den Schmutz entfernen will,
als ein Pferd. Und so ist es bei allem. Ich glaube, der lcherlichste
Anblick auf der Welt ist ein Mann auf einem Zweirad. Er strampelt nach
Leibeskrften mit den Fen und glaubt, sein Ro trge ihn, whrend er
doch, wie es jeder sehen kann, sein Ro trgt. Sie brauchen mir nicht
vorzureden, es sei ebenso leicht, eine groe, leblose eiserne Maschine
mitzuschleppen, wie auf gewhnliche Art zu gehen. Das ist heller
Unsinn.

Trotzdem kann ich es in einem Tag hundert Meilen weiter bringen, als
mich selbst allein. Das sind die Wunder der Mechanik. Doch ich wei,
neben Ihnen und diesem prchtigen Tier schneiden wir zwei nur eine
armselige Figur -- kein Mensch wirft einen Blick auf mich, whrend Sie
mit vollem Recht allgemeine Aufmerksamkeit erregen.

Sie warf ihm einen Blick zu, da ihn ein Schwindelgefhl berkam und
sein Herz schneller pochte. Das war so eine alte Gewohnheit von ihr.
Sie bewahrte sie aus Liebe zum Spa und hatte keine Ahnung, welchen
Eindruck sie auf entzndlichere Herzen als ihr eigenes machte. Er
setzte hastig hinzu:

Ist Sir Charles zu Hause?

Ach ja, das ist die lcherlichste Sache, von der ich je in meinem
Leben gehrt habe, rief sie aus. Ein Mann, der unten auf dem
Riverside Road ganz allein in einem Huschen wohnt, das so klein ist
wie eine Spielzeugsparbchse -- Sie kennen ja die Dinger, die ich meine
-- er nennt es Sallusts Haus, behauptet, es bestnde ein Wegerecht
ber unsern neuen Rasenplatz. Als ob irgend jemand da noch ein Recht
haben knnte, nachdem wir all das Geld ausgegeben haben, um es von
drei Seiten zu umzunen, nachdem wir die Mauer an der Strae entlang
errichtet, nachdem wir planiert, gepflanzt, entwssert und Gott wei
was sonst getan haben. Und jetzt sagt der Mann, all das gewhnliche
Volk und die Strolche aus der Umgegend hatten ein Recht, quer darber
zu gehen, weil sie zu faul sind, den kleinen Umweg ber die Strae zu
nehmen. Nun ist Sir Charles hingegangen, um mit dem Mann ber die Sache
zu sprechen. Natrlich tat er nicht, was ich wollte.

Und was war das?

Dem Mann schreiben, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten
bekmmern, und ihm mitteilen, die erste Person, die man bei dem Versuch
ertappte, in unser Eigentum einzubrechen, wrde der Polizei bergeben.

Dann werde ich also niemand daheim finden. Verzeihen Sie, da ich das
so nenne, aber es ist der einzige Platz, der so etwas wie ein Heim fr
mich ist.

Ja, es ist so gemtlich, seit wir das Billardzimmer gebaut und all
die hlichen Vorhnge beseitigt haben. Ich habe so lange wie mglich
versucht --

Sie wurde durch einen alten Arbeiter unterbrochen, der so schnell, wie
ihm seine Gicht erlaubte, herangehumpelt kam und ohne weitere Umstnde,
nur da er seine Kappe abnahm, zu sprechen begann.

Sie sind auf den neuen Rasen gekommen, Mylady, eine Masse Menschen!
Und ein Geistlicher ist dabei und eine Fahne! Sir Charles wei nicht,
was er sagen soll. So was ist noch nicht da gewesen.

Lady Brandon wurde bla und zog an ihrem Zgel, als ob sie ihr Pferd
aus einer Gefahr zurckziehen wollte. Ihr Besucher fragte ganz verwirrt
den alten Mann, was er damit sagen wollte.

Es kommt ein Aufzug ber den neuen Rasen, antwortete dieser, und
der Herr kann sie nicht aufhalten. Sie haben die Mauer niedergerissen,
drei Meter breit liegt sie an dem Riverside Road. Und ein Geistlicher
ist dabei und eine Fahne. Und der Mann aus Sallusts Haus ist dabei und
feuert sie an.

Die Mauer niedergerissen! rief Lady Brandon aus und wurde vor
Entrstung abwechselnd rot und wieder bla. Welch eine schndliche
Geschichte! Wo ist die Polizei? Chester, wollen Sie mitkommen und
sehen, was sie machen? Sir Charles ist zu nichts zu gebrauchen. Glauben
Sie, da eine Gefahr dabei ist?

Es sind zwei Polizisten da, sagte der alte Mann. Und den Mann aus
Sallusts Haus wagen sie nicht anzuhalten. Sie sehen ruhig zu. Und ein
Geistlicher ist dabei. Ich sah, wie er mit eigener Hand ein Stck von
der Mauer wegri.

Den Spa will ich mir doch ansehen, sagte Chester.

Lady Brandon berlegte. Aber ihr rger und ihre Neugierde berwanden
ihre Furcht. Sie berholte das Zweirad, und sie kamen beide durch
das Tor und ber die Landstrae zu dem Schauplatz, den der alte Mann
beschrieben hatte. Ein Haufen von Steinen und Mrtel lag auf der Strae
rechts und links von einer Bresche in einer neuerbauten Mauer, und
Lady Brandon konnte von ihrem hohen Sitz auf dem Pferdercken einen
Trupp von ungefhr dreiig Mann sehen, der quer ber den Rasenplatz
auf sie zukam. Sie marschierten schweigend und in guter Ordnung zu
dreien nebeneinander. Mit Ausnahme von ein paar lustigen Kerlen machten
sie alle Gesichter, als ob sie Andchtige wren, die eine religise
Handlung vornhmen. Der ernste Eindruck der Prozession wurde durch
die Anwesenheit eines Geistlichen in ihren Reihen verstrkt. Sonst
waren es Leute der mittleren Klassen und ein paar Arbeiter. Sie trugen
ein Banner mit der Inschrift: Der Boden Englands dem ganzen Volke.
Es waren auch vier Frauen dabei, auf die Lady Brandon mit uerstem
Unwillen und Verachtung blickte. Kein Mann aus der Nachbarschaft hatte
es gewagt, sich anzuschlieen. Sie standen flsternd auf der Landstrae
und versuchten dann und wann ber die Witze zweier Landstreicher zu
lachen, die stehengeblieben waren, um sich den Spa anzusehen, und die
sich gar nichts aus Sir Charles machten.

Sir Charles stand etwas vom Wege ab auf dem Rasen und stritt sich
rgerlich mit einem Mann seiner eigenen Klasse, der die Hnde in den
Taschen seines gelbbraunen Anzugs mit dem Rcken nach der Bresche zu
stand und mit stolzer Zufriedenheit die Prozession betrachtete. Lady
Brandon vermutete sofort, da dies der Mann aus Sallusts Hause sei. Die
Ergebenheit der Menge -- die meisten machten ihr Platz und faten an
ihre Mtzen -- gab ihr Mut. Sie schlug mit ihrer Peitsche heftig auf
ihr Pferd ein und ritt, da die Hufe trappelten und die Rasenstcke
umherflogen, mitten auf ihren gelbbraunen Feind los, der schnell zur
Seite springen mute, um sich zu retten. Ein strmisches Gelchter
erscholl auf der Landstrae, und der Mann wandte sich scharf nach ihr
um. Aber pltzlich lchelte er freundlich, steckte seine Hnde wieder
in die Taschen, nachdem er mit dem Hut gegrt hatte, und sagte:

Wie geht es Ihnen, MiߠCarpenter? Ich dachte, Sie wren eine
Kavallerieattacke.

Ich bin nicht MiߠCarpenter, ich bin Lady Brandon, und Sie sollten
sich etwas schmen, Mr.Smilasch, da Sie diese abscheulichen Menschen
hergebracht haben.

In seinen Augen lag ein beredtes Bedauern, da sie nicht mehr
MiߠCarpenter sei. Ich bin nicht Smilasch, entgegnete er, ich bin
Sidney Trefusis. Ich hatte grade das Vergngen, zum ersten Male mit
Sir Charles zusammenzutreffen, und wir werden die besten Freunde sein,
wenn ich ihn nur erst berzeugt habe, da es schwerlich recht ist, sich
eines Weges zu bemchtigen, der den Leuten gehrt, und sie zu zwingen,
einen Umweg von anderthalb Meilen um sein Besitztum zu machen, statt
hier durchzugehen.

Ich habe Ihnen schon gesagt, mein Herr, bemerkte Sir Charles, da
ich beabsichtige, noch einen krzeren Weg anzulegen, und ich werde
allen Arbeitern von guter Auffhrung erlauben, zweimal tglich diesen
Weg zu berschreiten. So knnen sie zu ihrer Arbeit gehen und abends
zurckkehren, und ich will den Weg auf meine Kosten im Stande erhalten.

Danke sehr, sagte Trefusis trocken. Aber weshalb sollen wir Ihnen
die Mhe machen, wenn wir selbst einen Weg haben, den wir fnfzigmal
am Tag betreten knnen, falls wir dazu Lust verspren, und auf dem uns
kein Mann den Zugang verlegt, bis ihm einmal zufllig unsere Auffhrung
gefllt? brigens wrde Ihr nchster Erbe sicherlich sofort den Weg
schlieen, wenn er das Besitztum antrte.

Wenn man ihnen einen Weg anbietet, werden sie erst recht
unverschmt, sagte Lady Brandon zu ihrem Gatten. Warum hast du ihnen
berhaupt etwas versprochen? Sie wrden es nicht fr eine Beschwerde
halten, wenn sie anderthalb oder auch zwanzig Meilen gehen mten,
um ein Wirtshaus zu erreichen, aber um zu ihrer Arbeit zu kommen, da
halten sie einen Weg von einem Meter schon fr etwas Schreckliches.
Vielleicht htten Sie es auch gern, wenn wir ihnen unseren Wagen
liehen, um darin zu fahren.

Ich zweifle nicht, da sie es gerne htten, sagte Trefusis und sah
sie freundlich an.

Bitte, la mich das in Ordnung bringen, Jane. Das ist kein Platz fr
dich. Begleite Erskine nach Hause, er mu sich hier --

Warum sorgt die Polizei nicht dafr, da sie fortgehen? fragte Lady
Brandon, die zu erregt war, um auf ihren Mann zu hren.

Bitte, Jane, sei still. Was knnen drei Mann gegen dreiig oder
vierzig ausrichten?

Sie sollten jemand als Exempel fr die andern herausgreifen.

Sie haben sich in der artigsten Weise erboten, mich festzunehmen, wenn
Sir Charles den Haftantrag stellt, sagte Trefusis.

Nun also! sagte Lady Jane und wandte sich zu ihrem Gatten. Warum
lt du ihn -- oder sonst irgend jemand -- denn nicht verhaften?

Du verstehst davon nichts, sagte Sir Charles mit dem qulenden
Gefhl, sie mache ihn ffentlich lcherlich.

Wenn du es nicht tun willst, will ich es tun, fuhr sie fort. Diese
Frechheit, auf unsern Grund und Boden einzubrechen und unsere neue
Mauer einzureien! Das wre ja noch schner, wenn die Leute mit fremdem
Eigentum tun knnten, was sie wollten. Ich will die ganze Gesellschaft
verhaften lassen.

Wrden Sie mich ins Gefngnis werfen lassen? fragte Trefusis in
melancholischem Tone.

Ich habe nicht grade Sie gemeint, sagte sie, sanfter werdend. Aber
ich werde den Geistlichen verhaften lassen, der mte doch mehr
Einsicht haben. Er ist der Anstifter der ganzen Geschichte.

Er wird entzckt sein, Lady Brandon. Er schmachtet nach dem
Mrtyrertum. Aber wollen Sie ihn wirklich in Haft geben?

Natrlich, sagte sie heftig und bekrftigte ihre Versicherung, indem
sie im Sattel auffuhr, so da das Pferd unruhig wurde.

Auf wessen Rechnung? fragte er und ttschelte das Pferd, indem er zu
ihr aufblickte.

Das ist mir gleich, auf wessen Rechnung, erwiderte sie und fhlte,
da er sie mit Bewunderung und nicht mit Mivergngen ansah. Sie
sollen ihn einfach mitnehmen, weiter nichts.

Menschen zu Pferde sind so sehr Zentauren, da jede Freiheit, die man
sich mit den Pferden erlaubt, als gegen die Menschen gerichtet gelten
knnen. Sir Charles sah, da Trefusis den Braunen ttschelte, und er
fhlte sich so sehr beschimpft, als ob Lady Brandon selbst gettschelt
worden wre. Dazu rgerte er sich ber sie, weil sie ihm solche
Vertraulichkeit gestattete. Er atmete auf, als jetzt die Prozession
nher kam. Sie hielt inne, und die Fhrer gingen zu Trefusis, der mit
ernster Stimme sagte:

Gentlemen, ich gratuliere Ihnen zu der Festigkeit, mit der Sie heute
die Rechte des Volkes vertraten, da es sich darum handelte, die
Benutzung eines der wenigen Stckchen Land zu verteidigen, die man uns
noch nicht geraubt hat.

Gentlemen, rief ein erregtes Mitglied der Prozession, ein
dreimaliges Hurra auf die Zurcknahme des englischen Landes durch das
englische Volk! Hip, hip, hurra!

Die Hurras wurden mit groer Begeisterung gegeben, und Sir Charles'
Wangen frbten sich bei jeder Wiederholung dunkler. Er blickte
rgerlich auf den Geistlichen, aber der war jetzt ganz durch die Reize
der Lady Brandon gefesselt, die ihre Verachtung ber den Anblick der
Menge durch ein Schmollen zum Ausdruck brachte, das ihren schnen
Lippen entzckend stand.

Dann trat ein Arbeiter im mittleren Alter von der Landstrae auf den
Rasen. Er hatte seinen Hut in der Hand, verbeugte sich ehrfurchtsvoll
und sagte: Sehen Sie her, Sir Charles. Achten Sie nicht auf die Kerle.
Kein Mann aus der Nachbarschaft ist dabei, keiner, der bei Ihnen
oder auf Ihrem Land beschftigt ist. Wir empfehlen uns Ihnen und der
gndigen Frau, und wir vertrauen Ihnen, da Sie schon das tun, was fr
uns recht ist. Wir wollen keine Eindringlinge von Lunnon, die uns mit
Ew. Gnaden in Unfrieden bringen, und --

Du erbrmlicher Hund, schrie Trefusis wtend, welches Recht hast
du, seinen ungeborenen Kindern die Freiheit deiner ungeborenen Kinder
fortzugeben?

Wir haben keine ungeborenen Kinder, sagte Lady Brandon unwillig, das
zeigt wieder, wie wenig Sie davon wissen.

Auch bei mir sind keine, sagte der Mann und war stolz, weil die
gndige Frau ihm half. Und wer sind Sie, da Sie mich einen Hund
nennen?

Wer ich bin? Ich bin ein reicher Mann -- einer von euren Herren, und
ich habe das Vorrecht, euch zu nennen, was ich will. Sie sind ein
kriechender, halbverhungerter Sklave. Nun gehen Sie und suchen Sie
beim Gesetz gegen mich Recht. Ich kann mir die Gesetze kaufen, um Sie
zu ruinieren, und es wrde mich weniger Geld kosten, als in Schottland
Wild zu schieen oder hier Raubzeug. Wie gefllt Ihnen dieser Zustand?
He?

Der Mann war niedergedrckt. Sir Charles wird mir beistehen, sagte er
nach einer Pause mit gezwungenem Vertrauen und einem ngstlichen Blick
auf den Baronet.

Wenn er das tut, nachdem er die Antwort gehrt hat, die Sie mir gaben,
weil ich fr Ihre Sache eintrat, dann ist er ein grerer Narr, als ich
es glaube.

Ruhig, ruhig, sagte der Geistliche. Man kann manche Entschuldigung
fr den armen Kerl finden.

Ich bin so ruhig, wie Sie wollen, gegen jeden, der im Herzen ein
freier Mann ist, sagte Trefusis. Aber Sklaven mu man hetzen, und
dieser Kerl ist ein Sklave bis ins Mark.

Trotzdem mu man nachsichtig sein. Er versteht nicht --

Er versteht eine ganze Menge mehr als Sie, sagte Lady Brandon, ihn
unterbrechend. Und das ist um so beschmender fr Sie, weil Sie es
am besten wissen sollten. Ich nehme an, da Sie irgendwie Erziehung
genossen haben. Sie werden kaum mit sich zufrieden sein, wenn Ihr
Bischof hiervon hrt. Ja, fgte sie hinzu und wandte sich an Trefusis
mit einer kindlichen Miene, als ob sie eigentlich weinen wollte, aber
gegen ihren Willen zum Lachen gezwungen wurde, Sie knnen lachen,
soviel es Ihnen gefllt -- machen Sie sich nicht die Mhe und stellen
sich, als ob Sie nur gehustet htten -- aber wir werden an seinen
Bischof schreiben, und er soll seine Strafe haben.

Um Gottes willen, Jane, schweige doch, sagte Sir Charles, indem er
das Pferd beim Zaum nahm und es von Trefusis entfernte.

Ich will aber nicht. Wenn es dir so gefllt, hier ruhig zuzusehen, wie
sie die Mauer in den Taschen davontragen, ich tu es nicht und will es
nicht. Warum kannst du die Polizei nicht veranlassen, etwas zu tun?

Sie knnen nichts tun, sagte Sir Charles und war fast auer sich vor
Scham. Ich kann auch nichts tun, bis ich mit meinem Anwalt gesprochen
habe. Wie kannst du das ertragen, hier zu stehen und dich mit diesen
Burschen herumzuzanken. Es ist so wrdelos!

Du hast gut von Wrde reden, aber ich verstehe nicht die Wrde,
es zu dulden, da andere Leute ohne Erlaubnis auf unserem Grund
herumtrampeln. Mr.Smilasch, wollen Sie die Leute veranlassen,
fortzugehen, und ihnen sagen, sie wrden alle angezeigt und ins
Gefngnis gebracht?

Sie gehen zu der Straenkreuzung, um eine ffentliche Versammlung zu
veranstalten und natrlich Reden zu halten. Ich sollte Ihnen sagen,
da sie es aufs tiefste bedauern, wenn sie mit ihrer Kundgebung Sie
persnlich belstigt haben, Lady Brandon.

Das sollten sie auch, antwortete sie. Sie sehen nicht sehr betrbt
aus. Sie bekommen natrlich langsam Angst ber das, was Sie angerichtet
haben, und sie wren offenbar froh, wenn Sie durch eine Entschuldigung
den Folgen Ihrer Handlungsweise entgingen. Aber das sollen Sie nicht.
Ich bin nicht so dumm, wie Sie glauben.

Sie glauben das nicht, Sie haben das Gegenteil bewiesen.

Jane, fragte Sir Charles verdrielich, kennst du diesen Herrn?

Natrlich kenne ich ihn, sagte Lady Brandon mit Nachdruck.

Trefusis verneigte sich, als ob er soeben in aller Form dem Baron
vorgestellt worden sei, worauf dieser die Begrung steif erwiderte,
da er nicht imstande war, einen lteren, bestimmteren und hier auch
gewandteren Mann zu ignorieren.

Es scheint das eine unnachbarliche Handlung zu sein, Sir Charles,
sagte Trefusis ganz behaglich. Aber es handelt sich um eine
ffentliche Angelegenheit, die nicht auf unsere privaten Beziehungen
berzugreifen braucht. Wenigstens hoffe ich das.

Sir Charles verbeugte sich von neuem und noch khler als zuvor.

Ich bin wie Sie ein Kapitalist und Grundbesitzer --

Wozu Sie, wenn Sie ernsthaft reden, kein Recht haben, fiel hier
Chester ein, der bisher schweigend an Sir Charles' Seite gestanden
hatte.

Gewi habe ich kein Recht, das zu sein, sagte Trefusis und sah ihn
mit Interesse an. Aber ich kann es nun einmal nicht ndern. Habe ich
das Vergngen, mit Mr.Chichester Erskine zu sprechen, dem Schpfer der
Tragdie >Die patriotischen Mrtyrer<, die mit begeisterter Hingabe dem
Genius der Freiheit und einigen berhmten Kmpfern fr seine Grundstze
gewidmet ist, und die mit kraftvollen Worten den letzten russischen
Zaren und Napoleon den Dritten der Tyrannei anklagt?

Ja, mein Herr, sagte Erskine errtend, denn er fhlte, da diese
Beschreibung seines Dramas ihn in den Augen der Anwesenden, die es
nicht gelesen hatten, lcherlich machen mute.

Dann, sagte Trefusis und streckte die Hand aus -- Erskine dachte
zuerst, er wollte die seine schtteln -- geben Sie mir eine halbe
Krone fr die Kosten unseres heutigen Unternehmens, das die Rechte des
Volkes sichern soll, den Boden zu betreten, auf dem wir jetzt stehen.

Sie sollen das nicht tun, Chester, schrie Lady Brandon. So was hab
ich in meinem Leben noch nicht gehrt. Bezahlen _Sie_ uns die Mauer und
den Zaun, die Ihre Leute zerstrt haben, Mr.Smilasch, das wrde zu
dem Zwecke besser sein.

Wenn ich tausend Mnner finden knnte, die so tchtig sind wie
Sie, Lady Brandon, ich wrde die nchste groe Revolution vor dem
Ende dieses halben Jahres durchfhren. Er sah sie einen Augenblick
forschend an, als ob er sich an etwas erinnern wollte, und fgte dann
unerwartet hinzu: Wie geht es Ihren Freundinnen? Da war eine Miߠ--
Miߠ-- ich frchte, ich habe alle Namen auer Ihrem eigenen vergessen.

Gertrude Lindsay ist hier bei uns zu Besuch. Erinnern Sie sich ihrer?

Ich glaube -- nicht, ich frchte -- nein. Warten Sie. War es nicht
eine stolze, junge Dame?

Ja, sagte Lady Brandon eifrig und verga Mauer und Zaun. Aber wer
glauben Sie, da am Donnerstag kommt? Ich traf sie zufllig, als ich
das letztemal in der Stadt war. Sie hat sich aber auch gar nicht
verndert. Sie knnen sie nicht vergessen haben, darum stellen Sie sich
nicht so verwirrt.

Sie haben mir noch nicht gesagt, wer es ist, und ich werde mich
ihrer kaum noch erinnern. Sie drfen nicht von mir erwarten, da ich
jedermann sofort wiedererkenne, wie ich Sie erkannte.

Welch ein Unsinn. Sie werden Agatha sofort erkennen.

Agatha Wylie! sagte er mit pltzlichem Ernst.

Ja, sie kommt Donnerstag. Freuen Sie sich?

Ich frchte, ich werde keine Gelegenheit haben, sie zu sehen.

Oh, natrlich mssen Sie sie sehen. Es wird so lustig fr uns alle
sein, da wir wieder wie frher zusammentreffen. Warum knnen Sie nicht
am Donnerstag zum Luncheon kommen?

Ich werde entzckt sein, wenn Sie mir nach meiner heutigen Auffhrung
wirklich erlauben, zu kommen.

Das werden die Anwlte erledigen. Jetzt, da Sie wissen, wer wir sind,
werden Sie natrlich aufhren, unsere Mauern einzureien.

Natrlich, sagte Trefusis lchelnd und zog ein Taschenbuch hervor,
um die Einladung zu notieren. Ich mu schnell machen, da ich zur
Wegekreuzung komme. Man hat mich wahrscheinlich inzwischen zum
Vorsitzenden gewhlt und wartet darauf, da ich die Versammlung
erffne. Adieu. Sie haben mir diese Gegend, deren ich schon ganz mde
geworden war, in unerwarteter Weise interessant gemacht.

Sie wechselten Blicke, wie sie es frher auf der Schule getan hatten.
Dann nickte er Sir Charles zu, winkte Erskine familir mit der Hand und
folgte der Prozession, die jetzt auer Sicht war.

Sir Charles, der schon lngst hatte sprechen wollen, aber wiederholt
durch die schnellen Worte seiner Frau und die unbedenklichen Antworten
Trefusis' daran gehindert wurde, wandte sich jetzt rgerlich an sie und
sagte:

Was soll das heien, da du diesen Burschen in mein Haus einldst?

Wirklich, _dein_ Haus! Ich lade ein, wen ich will. Du scheinst dich
wieder einmal aufzuregen.

Sir Charles sah sich um. Erskine war diskret fortgegangen und drehte
auf der Strae eine Schraube an seinem Rad fester. Die wenigen
Personen, die zurckgeblieben waren, standen auer Hrweite.

Wer und was zum Teufel ist er, und wie kommt es, da du ihn kennst?
fragte er. Er fluchte sonst nie in Gegenwart einer Dame. Nur bei seiner
Frau machte er eine Ausnahme, und auch nur dann, wenn sie allein waren.

Er ist ein Gentleman, und das kann man von dir nicht sagen,
entgegnete sie und sandte mit einem Peitschenhieb, der beinahe die
Schulter ihres Mannes traf, den Braunen in wilden Stzen durch die
Mauerbresche.

Kommen Sie mit, sagte sie zu Erskine. Wir sind zu spt zum Luncheon
da.

Sollen wir nicht lieber auf Sir Charles warten? fragte er unberlegt.

Lassen Sie mich in Ruhe mit Sir Charles, er ist schlecht gelaunt,
sagte sie, ohne leiser zu sprechen. Kommen Sie mit. Und sie ritt im
Galopp davon. Erskine folgte ihr mit dem Gedanken, da er sich fr
seinen Besuch eine sehr unglckliche Zeit ausgesucht habe.




Zwlftes Kapitel.


Am folgenden Donnerstag trafen sich Gertrude, Agatha und Jane zum
erstenmal wieder, seit sie die Schule zu Alton verlassen hatten. Agatha
war am meisten zurckhaltend von den dreien und hatte sich uerlich
am wenigsten verndert. Sie glaubte, sie sei sehr verschieden von der
Agatha aus Alton, aber sie hatte nur ihre Ansicht ber sich verndert,
ihr Wesen war dasselbe geblieben. Sie hatte bei ihren Freundinnen
eine hnliche Vernderung erwartet und zweifelte sehr daran, da ihr
Zusammentreffen ein frhliches sein werde.

Sie frchtete das mehr wegen Gertrude als wegen Jane, denn Lady Brandon
war, wie sie schon bei der kurzen Unterhaltung in London gefunden
hatte, im Benehmen, Denken und Sprechen dieselbe geblieben, die sie
als Mi Carpenter gewesen war. Aber Jane flte selbst Agatha jetzt
mehr Respekt ein als frher, denn sie hatte sich aus einem bergroen
Mdchen in eine schne Frau verwandelt und machte in ihrer ersten
Saison eine brillante Partie, whrend viele ihrer hbschen, stolzen
und klugen Altersgenossinnen, die sie auf der Schule beneidet hatte,
noch unverheiratet waren und zu Hause ein ungemtliches Heim hatten,
weil ihre Eltern die Last ihres Unterhalts los werden und durch ihre
Verheiratung ihren Geldbeutel oder ihre Stellung verbessern wollten.

Dies war auch bei Gertrude der Fall. Wie Agatha hatte sie alle
Heiratsantrge abgewiesen. Sie war stolz auf ihre Familie und ihre
Vornehmheit und wollte so wenig wie mglich mit Leuten zu tun haben,
die ihr darin nachstanden. Zuerst schlug sie die Bekanntschaft mit
verschiedenen sehr reichen und vornehm lebenden Familien ab, weil sie
ihre Vorfahren nicht kannten oder sich ihrer schmten. Nachdem sie sich
aus diesem Kreise ausgeschlossen hatte, wurde sie bei Hofe vorgestellt
und nahm von da ab nur noch Einladungen von solchen Leuten an, die nach
ihrer Meinung das Recht zu der gleichen Ehre hatten. Und sie nahm es
in diesem Punkte viel genauer als Lord Chamberlain, der, wie sie sagte,
seinen Rang geschndet hatte, indem er tatschlich der reine Kommunist
geworden sei. Sie war gut erzogen, hatte feine Sitten und Manieren und
kannte die Vorschriften der Etikette so genau, da sie damit jeden
Neuling in Verlegenheit setzte. Sie war zart gebaut, hatte feine Zhne
und ein Gesicht von fast griechischem Schnitt, wre nicht die leicht
aufgestlpte Nase und das etwas zu stark ausgeprgte Kinn gewesen.
Ihr Vater war ein pensionierter Admiral. Er hatte gengend Einflu,
um seinem Sohne, der nach der Verbindung mit einer reichen Erbin
strebte, durch die konservative Regierung eine Sinekure zu verschaffen.
Aber Gertrude blieb ledig, und der Admiral, der frher ber seine
Mittel hinaus fr ihre Erziehung gesorgt hatte und noch jetzt in
derselben Weise ihren Aufwand bestritt, beklagte sich so bitter ber
ihre Mierfolge und ber die Last, die sie ihm machte, da ihr das
husliche Leben fast unertrglich wurde. Sie kam schlielich so weit,
da sie jeden Gentleman aus guter Familie, wie unpassend auch sonst
sein Alter und sein Charakter war, genommen htte, nur damit er sie
aus der demtigenden Abhngigkeit befreite. Sie war bereit, auf alles,
wonach sich ihre Natur bei einem Manne sehnte, auf Jugend, Schnheit
und Tchtigkeit zu verzichten, wenn sie nicht anders von ihren Eltern
loskommen konnte. Nur in einem stand ihr Entschlu fest: sie wollte
lieber als alte Jungfer sterben, als einen Emporkmmling heiraten.

Ihre Plne scheiterten an der Geldfrage. Der Admiral war arm. Er hatte
kaum sechstausend Pfund Einnahmen im Jahr, und obgleich er mit der
uersten Genauigkeit wirtschaftete, um einen mglichst groen Aufwand
damit zu treiben, konnte er doch seiner Tochter keine Mitgift geben.
Nun hatten die vornehmen jungen Leute aus ihrem Kreise alle mehr
blaues Blut und weniger Reichtum, als sie brauchten. Sie bewunderten
Gertrude, machten ihr Komplimente, tanzten mit ihr, aber keiner konnte
es sich gestatten, sie zu heiraten. Einige von ihnen sagten ihr das
auch gradezu. Sie heirateten die reichen Tchter von Teehndlern,
Eisengieern oder erfolgreichen Brsenmaklern und versuchten dann
zwischen ihr und ihren niedrig geborenen Schwgern eine Verbindung
anzuknpfen.

So war also Gertrude, als sie Lady Brandon traf, heimlich in keiner
beneidenswerten Lage, und sie nahm gerne die Einladung nach Brandon
Beeches an, schon um dem tglichen Gesptte des Admirals ber die
Heiratsliste in der >Times< zu entgehen. Sie konnte das um so eher tun,
weil Sir Charles kein neugebackener Adliger war, und Jane gegenber
hatte sie ja schon auf der Schule -- die ihr jetzt als die glcklichste
Zeit ihres Lebens erschien -- anerkannt, da ihre Familie und ihr
Bekanntenkreis neben ihrem eigenen der vornehmste in Alton war. Agatha,
deren Grovater sich als Besitzer von Gaswerken seinen Reichtum
erworben hatte, hatte sie niemals ihre Freundschaft angeboten. Agatha
hatte sich diese teils durch moralische, teils durch physische Gewalt
einfach erzwungen. Aber die Gaswerke wurden doch niemals vergessen,
und als Lady Brandon als eine kstliche Neuigkeit erwhnte, sie habe
ihre alte Schulfreundin wieder gefunden und sie eingeladen, auch
herber zu kommen, da war Gertrude durchaus nicht angenehm berhrt.
Andererseits war sie, als sie zusammentrafen, die einzige, deren
Augen feucht wurden, denn sie war die am wenigsten Glckliche von den
dreien, und ihr Stolz war, ohne da sie es wute, etwas gebrochen. Sie
glaubte, Agatha habe ihre Mdchenhaftigkeit verloren, sie sei aber
dafr mutiger, energischer und gewandter geworden. In Wirklichkeit
mute Agatha ihre ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen, um ihre
Schchternheit zu verbergen. Sie entdeckte auch Gertrudes Bewegung,
denn diese versuchte im letzten Augenblick nicht mehr, sie zu
verbergen. Sie htte sie sogar frei in Worten ausgedrckt, wenn ihre
gesellschaftliche Erziehung sie nicht nur gelehrt htte, ihre Gefhle
zu verhehlen, sondern auch, ihnen Worte zu geben.

Denkt ihr noch an MiߠWilson? fragte Jane, als die drei von der
Eisenbahnstation nach Brandon Beeches fuhren. Denkt ihr noch an
Mrs.Miller und ihren Kater? Denkt ihr noch an das Sndenbuch? Wit ihr
noch, wie ich in den Kanal fiel?

Diese Erinnerungen gaben ihnen Gesprchsstoff, bis sie das Haus
erreichten und auf Agathas Zimmer gingen. Jetzt hatte Jane etwas im
Haushalt zu besorgen und mute sie verlassen. Sie tat das ungern, denn
sie war eiferschtig auf Gertrude und wollte nicht, da sie ihr bei
der Gewinnung von Agathas Zuneigung zuvorkommen sollte. Sie versuchte
sogar, ihre Nebenbuhlerin mit sich zu nehmen. Aber es war vergebens,
Gertrude wollte sich nicht rhren.

Was ist das ein schnes Haus und ein prchtiger Platz hier! sagte
Agatha, als Jane gegangen war. Und was fr ein reizender Mensch Sir
Charles ist! Wir haben immer ber Jane gelacht, aber jetzt kann sie
noch ber die glcklichste von uns lachen. Ich habe immer gesagt, sie
wrde stets blindlings ins Glck hineintappen. Ist es wirklich wahr,
da sie sich in ihrer ersten Saison verheiratet hat?

Ja. Und Sir Charles ist ein Mann von hoher Bildung. Ich kann das nicht
verstehen. Ihr Umfang geht ber alles, und ihre Manieren sind schlecht.

Ja! sagte Agatha mit einem pfiffigen Gesicht. Jane hatte immer
etwas an sich, was die Mnner anzog. Und sie ist mehr schelmisch als
nrrisch. Aber sie ist gewi ein groer Esel.

Gertrude warf ihr einen ernsten Blick zu, um anzudeuten, da sie jetzt
aus der Gewohnheit heraus sei, auf eine solche Sprache zu hren. Agatha
wurde dadurch gereizt und fuhr fort:

Hier sind wir beide und halten uns fr doppelt so ansehnlich und
umgnglich, als sie ist, aber wir sind alte Jungfern. Gertrude fuhr
zurck, und Agatha setzte schnell hinzu: Und dabei bist du doch zum
Beispiel so auerordentlich hbsch! Sie hat uns brigens ausdrcklich
eingeladen, um uns zu verheiraten.

Sie wrde doch nicht etwa wagen --

Unsinn, liebe Gertrude. Sie glaubt, wir seien ein paar Narren, die
ihre eigenen Angelegenheiten verpfuscht haben, und da sie selbst es so
gut gemacht hat, hlt sie es fr eine Kleinigkeit, uns zu helfen. Hat
sie dir etwa nicht gesagt, bevor ich ankam, es sei Zeit fr mich, da
ich mich verheiratete?

Nun ja. Aber --

Genau dasselbe hat sie mir ber dich gesagt, als sie mich einlud.

Ich wrde sofort dieses Haus verlassen, sagte Gertrude, wenn ich
dchte, sie wollte sich in meine Angelegenheiten hineinmischen. Was
geht das sie an, ob ich verheiratet bin oder nicht?

Wo hast du denn all diese Jahre gelebt, wenn du nicht weit, da eine
Frau, sobald sie eine gute Partie gemacht, nichts Eiligeres zu tun hat,
als nun auch ihre ledigen Freundinnen unter die Haube zu bringen. Jane
meint es gar nicht bse. Sie tut es aus lauter Herzensgte.

Ich brauche Janes Herzensgte nicht.

Ich auch nicht. Aber es schadet doch nichts, und sie soll sich
ruhig damit amsieren, ihre mnnlichen Bekannten zu meiner Auswahl
vorzufhren. Still! Da kommt sie.

Gertrude schwieg. Sie konnte sich nicht mit Lady Brandon zanken, ohne
das Haus zu verlassen, und wenn sie das Haus verlie, dann mute sie zu
ihren Eltern zurckkehren. Aber im stillen beschlo sie, Erskine bei
seinen Aufmerksamkeiten zu entmutigen, denn sie vermutete, da er gar
nicht in sie verliebt war, wie er behauptete, sondern sie einfach auf
eine Empfehlung von Jane hin heiraten wollte.

Chichester Erskine hatte mit Sir Charles zusammen in Palstina Skizzen
gemalt und war mit ihm durch manche europische Gemldegalerie
gewandert. Er war ein junger Mann von adliger Abkunft und hatte von
seiner Mutter eine Rente von fnfhundert Pfund geerbt, whrend das
Hauptvermgen der Familie an seinen lteren Bruder gefallen war. Da er
keinen Beruf hatte und Bcher und Gemlde liebte, hatte er sich den
schnen Knsten gewidmet, was die billigste Art war, um sich selbst
eine hohe Meinung von der Feinheit und den Fhigkeiten seiner eigenen
Natur beizubringen. Er hatte ein Drama verffentlicht mit dem Titel:
>Die patriotischen Mrtyrer< mit einem radierten Titelblatt von Sir
Charles. Eine Auflage war schnell durch die Dedikationsexemplare an
die Freunde des Knstlers und Dichters und an die Zeitschriften und
Zeitungen abgesetzt worden. Sir Charles hatte dann einen hervorragenden
Tragden, den er kannte, gebeten, das Werk auf die Bhne zu bringen
und einen von den patriotischen Mrtyrern zu spielen. Aber der Tragde
wandte ein, die Rollen der andern patriotischen Mrtyrer seien ja grade
so bedeutend wie seine eigene. Erskine weigerte sich entrstet, diese
Teile zu krzen oder fallen zu lassen, und so wurde aus der Auffhrung
nichts.

Seitdem trug sich Erskine mit dem Gedanken, ein zweites Drama zu
schreiben, ohne sich um die Forderungen der Bhne zu kmmern. Aber er
hatte es noch nicht begonnen, denn seine Stimmung kam ihm stets zu
ungelegener Zeit, meist spt in der Nacht, wenn er getrunken hatte
und nur Lust empfand, Sonette zu schreiben. Die Morgenluft und das
Radfahren waren verhngnisvoll fr die Art von Poesie, die ihm als
die einzige wertvolle erschien. Indessen war trotz des Radfahrens das
Drama, das den Titel >Hypatia< trug, auf dem besten Wege, wirklich
geschrieben zu werden, denn der Dichter hatte Gertrude Lindsay kennen
gelernt und sich in sie verliebt. Ihre fast griechischen Gesichtszge
und etwas Kenntnis von der Differentialrechnung, die sie in Alton
erworben hatte, verhalfen ihm zu dem Glauben, sie sei ein passendes
Modell fr seine Heldin.

Als die Damen herunterkamen, fanden sie ihren Wirt und Erskine in der
Gemldegalerie, die in der Umgegend berhmt war, weil sie Sir Charles
eine groe Summe gekostet hatte. Es gab neue Radierungen zu bewundern,
und der Baronet bat sie, das, was er den Ton des Bildes nannte, zu
beachten -- Agatha wrde es den Grad der Schmiererei genannt haben. Sir
Charles lie seine Augen oft von seinem Kunstwerk abschweifen. Zweimal
sah er auf seine Uhr und sagte endlich:

Ich habe den Leuten gesagt, sie sollten pnktlich mit dem Essen sein.

O ja. Es ist schon gut, sagte Lady Brandon. Sie hatte Befehl gegeben,
das Essen vor der Ankunft eines weiteren Gastes nicht zu servieren.
Zeige Agatha das Bild des Mannes in --

Mr.Trefusis, meldete ein Mdchen.

Mr.Trefusis trat herein, noch immer in gelbbraunem Anzug. Der Rock war
nicht zugeknpft. Er ging in ungezwungener Gleichgltigkeit und schien
bei keiner Gelegenheit irgendwelche Rcksicht auf gesellschaftliche
Formen fr ntig zu halten.

Da sind Sie ja endlich, sagte Lady Brandon. Sie kennen doch alle
hier?

Wie geht es Ihnen? fragte Sir Charles und bot ihm mit der ernsten
Miene eines Mannes, der eine Pflicht gegen den Gast seiner Frau
erfllt, die Hand. Er schttelte sie herzlich, nickte Erskine zu
und sah ohne eine Miene des Erkennens Gertrude an, deren frostiges
Schweigen sich gegen die Annahme der Lady Brandon zu verwahren schien,
als ob der Fremde mit ihr bekannt sei. Dann wandte er sich zu Agatha
und verneigte sich vor ihr. Sie gab ihm keine Antwort, sie war wie
erstarrt. Lady Brandon errtete vor rger. Sir Charles bemerkte den
Empfang seines Gastes mit innerer Genugtuung, aber er teilte doch auch
die Verlegenheit, die alle mit Ausnahme von Trefusis ergriffen hatte.
Dieser schien ganz gleichgltig und zufrieden zu sein und brachte
unbewut den Eindruck hervor, die andern htten sich nicht richtig
benommen, was ja auch tatschlich der Fall war.

Wir sahen uns grade ein paar Radierungen an, als Sie hereinkamen,
sagte Sir Charles und beeilte sich, das Stillschweigen zu brechen.
Machen Sie sich etwas aus solchen Dingen? Und er hndigte ihm einen
Abzug ein.

Trefusis warf einen Blick darauf, als ob er noch nie in seinem Leben so
etwas gesehen habe und nicht wte, was er damit anfangen sollte. Alle
diese Kritzeleien scheinen mir keinen Sinn zu haben, sagte er unsicher.

Sir Charles warf Erskine ein geringschtziges Lcheln und einen
bezeichnenden Blick zu. Dieser, der schon eine instinktive Abneigung
gegen Trefusis fhlte, sagte ausdrucksvoll:

Da ist keine von diesen Kritzeleien, die nicht einen Sinn hat.

Das zum Beispiel, das aussieht wie das Bein einer Mcke -- was
bedeutet es?

Erskine zauderte einen Augenblick. Dann fate er sich und sagte: Es
stellt unverkennbar -- wenigstens fr mich -- die Zeichnung eines
Fahrweges vor.

Keine Spur davon. sagte Trefusis. Nie hat es auf einem Fahrwege
solch einen Einschnitt gegeben. Es scheint ein sehr schlecht geratener
Brombeerstrauch zu sein, aber Brombeerstruche wachsen nicht mitten auf
dem Wege, besonders auf so belebten, wie der nach den ausgefahrenen
Geleisen zu sein scheint. Er legte die Radierung fort und schien keine
Lust mehr zu haben, noch einmal in die Mappe hineinzusehen. Dann sagte
er: Die einzige Kunst, die mich interessiert, ist das Photographieren.

Erskine und Sir Charles wechselten wieder Blicke, und Erskine sagte:

Photographieren ist nach meiner Ansicht keine Kunst, es ist ein
Verfahren.

Und ein viel angenehmeres und vollkommeneres Verfahren als dieses.
sagte Trefusis und wies auf die Radierungen. Die Knstler kleben nur
deshalb an dem alten, barbarischen, schwierigen und unvollkommenen
Verfahren des Radierens oder Portrtmalens, um den Monopolwert der
dazu erforderlichen Geschicklichkeit hochzuhalten. Die neue, viel
kompliziertere und vollkommenere und doch so einfache und schne
Methode des Photographierens haben sie Geschftsleuten berlassen.
Sie rmpfen ffentlich die Nase darber und nehmen heimlich ihre
Zuflucht zu ihr. Schlielich werden die Photographen bessere Knstler
als sie selbst, und das ist auch ganz natrlich. Denn wo wie beim
Photographieren das Zeichnen nichts ist, da ist das Denken und Urteilen
alles. Und wo wie beim Radieren und Klecksen eine groe Handfertigkeit
dazu gehrt, um etwas fr das Auge Geflliges hervorzubringen, da
gilt die Ausfhrung mehr als das Denken, und wenn ein Bursche, dessen
Anlagen vielleicht dazu ausreichen, Steine beim Bau hinaufzutragen,
nur so viel Ehrgeiz und Ausdauer besitzt, seine Hand auszubilden und
sich vorzudrngen, so knnen Sie ihn nicht mehr auf seinen gehrigen
Platz zurckweisen, weil gut ausgebildete Hnde so selten sind. Sehen
Sie sich die Verhltnisse in der Literatur an. Unsere Bcher sind
rein technisch die Arbeit von Druckern und Papiermachern. Sie knnen
einem Schriftsteller die Hnde abschneiden, und er ist so gut ein
Schriftsteller wie vorher. Was ist die Folge? In einer einzigen Nummer
einer Groschenzeitschrift steckt mehr Phantasie, als in einem halben
Dutzend Akademieslen whrend einer ganzen Saison. Kein Schriftsteller
kann gleichzeitig von seiner Arbeit leben und so beschrnkt sein, wie
es im Durchschnitt ein erfolgreicher Maler ist. Andererseits betrachten
Sie die Hilfsmittel der Musik -- das Klavier zum Beispiel. Niemand
auer einem Akrobaten wird freiwillig Jahre auf eine so schwierige
mechanische Aufgabe, wie die Beherrschung der Klaviatur verwenden, und
so genieen wir Beethovens Sonate durch die Auffhrungen von Akrobaten,
die einander in der Schnelligkeit ihrer Prestos oder in der Ausdauer
ihres linken Handgelenks zu bertreffen suchen. Menschen mit Ideen
werden nicht ihr Leben damit verbringen, Taschenspielerkunststcke zu
lernen. Erfinden Sie ein Klavier, das so feinfhlend dem Drehen eines
Handgriffs gehorcht, wie unsere jetzigen dem Druck der Finger, und die
Akrobaten werden wieder zu ihren Teppichen und Trapezen zurckkehren
mssen, denn die einzige Veranlagung, die der vortragende Musiker
braucht, wird die musikalische Veranlagung sein, durch nichts anderes
kann er sich Gehr verschaffen.

Die Gesellschaft war etwas verwirrt durch diese unerwartete Belehrung.
Sir Charles fhlte, da solche Ansichten sich gegen sein innerstes
Wesen wandten, da sie das Ideale zerstrten und sich an niedrige
Instinkte wandten. Er wollte schon eine verdrieliche Antwort geben,
als ihm Erskine zuvorkam und Trefusis fragte, welche Ansicht er ber
die zuknftige Entwicklung der Kunst habe. Er erwiderte sofort:

Photographie, vervollkommnet durch die neue Erfindung, die Farben
ebenso wiederzugeben wie die Umrisse. Die Historienmalerei wird durch
Photographien von lebenden Bildern verdrngt, die von tchtigen
Schauspielern und Knstlern entworfen und ausgefhrt werden und
hauptschlich zur Belehrung von Kindern dienen. Neun Zehntel unserer
heutigen Malerei wird durch den Wettbewerb solcher Photographien
verschwinden, und das andere Zehntel hlt sich gegen sie nur durch
auerordentlich hervorragende Leistungen! Unsere mitnigen und schwer
zu spielenden Orgeln und Klaviere werden durch harmonische Instrumente
ersetzt, die man so leicht handhaben kann wie Drehorgeln! Dichtungen
werden verdrngt durch interessante Gesellschaft und Unterhaltung. Die
Menschen werden aus der Kinderei herauswachsen, mit der sie sich an
Geschichten ergtzten, die ihnen gro gewordene Kinder wie Romandichter
und dergleichen erzhlten! Man wird der verrckten Konfusion ein
Ende machen, die sich hinter dem Gesamtnamen Kunst verbirgt, und
die Narretei und Tuschung unserer Theaterauffhrungen wird man
beseitigen, um dem Menschen eine hhere Kenntnis seines eigenen Wesens
zu geben! Jeder Knstler ein Amateur, und dementsprechend Rckkehr zu
der alten, gesunden Ansicht, da jeder, der mit der Kunst sein Brot
verdienen will, als ein Vagabund betrachtet wird und aus der Reihe der
anstndigen Menschen verjagt wird!

Worauf die Knstler verhungern und wir keine Kunst mehr haben.

Mein Herr, sagte Trefusis, den dieses Wort erregt hatte, ich als
Sozialist kann Ihnen erzhlen, da heute das Verhungern unmglich
ist, wenn nicht, wie in England, freie Mnner mit Gewalt verhindert
werden, ihre ntige Nahrung zu produzieren. Und Sie als Knstler knnen
mir erzhlen, da heute alle groen Knstler verhungern mssen, wenn
sie nicht durch Mildttigkeit, eigenes Vermgen oder durch mhsame
Lohnarbeit, die sie von ihrem eigentlichen Beruf abbringt, am Leben
gehalten werden.

Oh, sagte Erskine. Dann haben schlielich die Sozialisten sehr wenig
Sympathie mit den Knstlern.

Ich frchte, sagte Trefusis und nahm sich zusammen, so da er wieder
ruhig sprach, wenn ein Sozialist hrt, da man fr eine Zeichnung, die
Andrea del Sarto gerne fr einen Schilling verkaufte, hundert Pfund
bezahlt, dann qult er sein Herz nicht mit Mitleid fr den angeblichen
Verlust der Knstler, wie das die modernen Kapitalisten tun. Und doch
ist das heutzutage der einzige Weg, um Sympathie fr die alten Meister
zu zeigen. Das ist das Schlimme an der Sache, wenn Sie Ihre Zeichnungen
verkaufen wollen, dann haben sie noch nicht diesen Marktwert. Aber,
fgte er, sich schttelnd, hinzu und sah sich frhlich um, ich bin
nicht hierher gekommen, um Fachgesprche zu fhren. Wir wollen nicht an
die Sndflut denken und uns auf unsere Art weiter vergngen.

Nein, sagte Jane. Reden Sie nur ber Kunst. Es ist eine solche
Erlsung, wenn man jemand vernnftig darber sprechen hrt. Ich hasse
das Radieren. Man bekommt schlechte Augen davon -- wenigstens hat die
Sure Sir Charles' Augen angegriffen, und der Unterschied zwischen dem
ersten und zweiten Abzug besteht nur in der Einbildung, hchstens, da
der letzte Abzug schlechter ist als der -- da ist das Essen!

Sie gingen dann hinab. Trefusis sa zwischen Agatha und Lady Brandon,
mit der er sich ausschlielich unterhielt. Sie plauderten zusammen,
ohne da sie sich viel durch das Geschft des Essens stren lieen.
Denn Jane hatte trotz ihres Umfangs nur einen geringen Appetit und
frchtete sich, zu fett zu werden, und Trefusis war grundstzlich
mig. Sir Charles zeigte sich ungewhnlich schweigsam. Er frchtete
sich, ber Kunst zu reden, damit ihm nicht Trefusis widersprechen
sollte, der, wie er schon fhlte, sich weniger daraus machte, aber
mehr davon verstand als er selbst. Nachdem er Agatha zuerst ein paar
Bemerkungen ber die Schnheit des erwachenden Frhlings gesagt und
sie dann gefragt hatte, ob sie von der Reise ermdet sei, hatte er
auch alles gesagt, was ihm bei einem solchen ersten Zusammentreffen
einfallen konnte. Sie selbst richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf
Trefusis, der nach ihrer Meinung doch wissen mute, da ihm alle mit
Ausnahme von Jane feindlich gesinnt waren. Aber er schien ebenso
selbstzufrieden zu sein wie damals, als er sie zum Narren gehalten
hatte. Dieser Gedanke stumpfte ihren Zorn ab. Sie zweifelte nicht an
ihrer aufrichtigen Antipathie gegen ihn, obgleich sich heimlich in ihr
ein Widerspruch regte, als sie sich einredete, sie sei unzufrieden, ihn
wieder zu treffen und sie wolle nicht mit ihm sprechen. Gertrude gab
inzwischen Erskine kurze Antworten und lauschte auf Trefusis. Sie hatte
aus dem huslichen Geznke der letzten Tage so viel entnommen, da Lady
Brandon gegen den Willen ihres Mannes einen berchtigten Demagogen,
den reichen Sohn eines erfolgreichen Baumwollspinners, zu einem Besuch
auf Beeches eingeladen hatte. Sie war entschlossen, solch einen Mann
von oben herab zu behandeln. Als sie aber den lngst vergessenen
Smilasch wiedererkannte, war sie so erstaunt, da sie nicht wute, was
sie tun sollte. So verharrte sie in steifem Schweigen, und um nichts
Unpassendes zu tun, tat sie gar nichts, wie das die Gewohnheit der
englischen Damen in solchen Fllen ist. Nach und nach hatte dann sein
unbefangenes Selbstbewutsein sie ebenso gefesselt wie die andern, und
ihre Absicht, ihn verchtlich zu behandeln, verschwand, wie so viele
Vorstze, die man nicht ausfhrt. Erskine blieb allein frei von dem
Einflu des Eindringlings. Er wnschte sich selbst an einen andern Ort,
aber abgesehen von Gertrude strte ihn die Gegenwart oder Abwesenheit
irgendeines Menschen sehr wenig.

Wie geht es den Jansenius'? fragte Trefusis pltzlich und wandte sich
an Agatha.

Danke, es geht ihnen sehr gut, sagte sie in gemessenem Tone.

Ich traf krzlich John Jansenius in der Stadt. Sie kennen Jansenius?
fgte er zu Sir Charles gewendet bei. Cotmans Bank -- der letzte
Cotman, der in der Firma war, starb, bevor wir geboren wurden. Der
Prsident der Transkanadischen Eisenbahngesellschaft.

Ich kenne den Namen. Ich bin selten in der City.

Natrlich, stimmte Trefusis bei. Denn wer wollte sich wohl selbst
damit qulen und sich, ohne dazu gezwungen zu sein, unter eine solche
Sklavenmenge begeben? Ich meine natrlich Sklaven des Mammon. In
Cornhill an ihren Gesichtern vorbei Spieruten zu laufen, das kann
einen feinfhlenden Mann auf Stunden zur Verzweiflung bringen. Nun,
Jansenius, der eine hohe Stellung am Hofe Mammons einnimmt, sieht sich
dort nach einem guten Posten fr seinen Sohn um. Jansenius ist brigens
der Vormund von MiߠWylie und der Vater meiner verstorbenen Frau.

Agatha htte dem am liebsten widersprochen, da es aber wahr war, mute
sie es ruhig anhren. Sie wollte aber zeigen, da die Beziehungen
zwischen ihrer Familie und Trefusis keine herzlichen seien, und fragte
absichtlich: Hat Mr.Jansenius mit Ihnen gesprochen?

Gertrude blickte auf, als sei das eine unpassende Bemerkung fr eine
Dame.

Ja, sagte Trefusis. Wir sind die besten Freunde in der Welt --
wenigstens so weit das mglich ist. Er wollte meine Unterschrift zu
einem Fonds haben, der den Armen aus Eastend dadurch hilft, da er
ihnen die Auswanderung mglich macht.

Ich nehme an, Sie haben reichlich gezeichnet, sagte Erskine. Das war
doch eine Gelegenheit, auch _praktisch_ etwas Gutes zu tun.

Ich hab es nicht getan, sagte Trefusis und lchelte ber den Spott.
Diese Transkanadische Eisenbahngesellschaft hat von der kanadischen
Regierung eine groe Menge mageres Land umsonst erhalten. Sie hlt
es nun fr eine gute Idee, englische Arbeiter dort anzusiedeln und
eine Rente von ihnen zu beziehen. Viele englische Arbeiter, die durch
Maschinen, billige fremde Arbeit oder durch sonst etwas brotlos
geworden waren, wollten gerne gehen. Da sie aber die berfahrt nach
Kanada nicht bezahlen konnten, wandte sich die Gesellschaft an die
ffentliche Mildttigkeit, durch Unterzeichnung fr sie zu bezahlen, da
der Wechsel ihre elende Lage verbessern werde. Ich sah aber nicht ein,
warum ich Geld ausgeben sollte, um eine reiche Gesellschaft mit Farmern
zu versehen, und ich sagte das auch Jansenius. Er entgegnete, wenn es
auf Geld und nicht auf Redensarten ankme, dann wrden die englischen
Arbeiter bald einsehen, wer ihre wirklichen Freunde seien.

Ich verstehe nichts von solchen Fragen, sagte Sir Charles und machte
ein Gesicht, als ob er etwas berzeugendes vorbrchte. Aber ich sehe
nicht ein, was man gegen die Auswanderung vorbringen knnte.

Die Idee der Auswanderung, entgegnete Trefusis, ist wirklich eine
fr uns gefhrliche. Machen Sie den Arbeiter erst damit vertraut,
dann wird er eines Tages einsehen, was fr eine famose Sache das ist,
wenn er mich und Sie und das Oberhaus mit der ganzen Sippe miger
Besitzer nach St.Helena verschickt und uns als Entschdigung ein
reizendes Geschenk mit der Insel macht. Wir sind solch ein ruheloses,
unglckliches Geschlecht, da ich nicht wei, ob das Ganze nicht
auch fr uns gut sein werde. Die Arbeiter wrden nichts verlieren
auer dem Anblick unserer eleganten Person, unserer feinen Manieren
und unseres delikaten Geschmacks. Vielleicht schtzen sie sich gegen
diesen Verlust, indem sie ein paar von uns herauswhlen und als Zierrat
benutzen. Keine Nation, die Sinn fr Schnheit hat, wrde Lady Brandon
oder MiߠLindsay oder MiߠWylie verjagen.

Solch ein Unsinn! sagte Jane.

Sie werden es kaum glauben, wieviel Geld ich schon ausgegeben habe,
um Arbeiter ins Ausland zu senden, trotzdem das ja nach meiner Ansicht
nicht im Interesse des Landes liegt, fuhr Trefusis, zu Erskine
gewandt, fort. Sobald ich einen Arbeiter bekehrt habe, benutzt er die
erstbeste Gelegenheit, um irgendwo in einer Rede seine neuen Ansichten
darzulegen. Sein Brotherr entlt ihn dann, er gibt ihm den Laufpa,
wie man sagt. Die Entlassung ist das Schwert des Kapitalisten, und
der Hunger hlt es stets scharf fr ihn. Sein Schild ist das Gesetz,
das durch seine eigene Klasse ausdrcklich zu dem Zwecke gemacht ist.
So gewappnet, ruiniert er meinen armen Bekehrten, und dieser kommt
in seinem Elend zu mir und bittet um meine Hilfe. Da ich ihm fr sein
ganzes Leben keine Rente bezahlen kann, schaffe ich ihn mir vom Halse,
indem ich ihm helfe, auszuwandern. Manchmal geht es ihm gut, und er
bezahlt mir das Geld zurck. Mitunter hre ich auch nichts mehr von
ihm, oder er kommt, wie er vorher gewesen war, wieder zurck. Ein Mann,
den ich nach Amerika sandte, erwarb sich ein Vermgen, aber er war kein
Sozialdemokrat. Er war ein Handlungsgehilfe, der eine Unterschlagung
gemacht hatte und sich an mich um eine Untersttzung wandte, weil
er glaubte, ich halte es fr eine sehr verdienstliche Sache, einem
Kapitalisten die Kasse zu bestehlen.

Er war jedenfalls ein praktischer Sozialist, sagte Erskine.

Im Gegenteil, er war ein etwas zu habgieriger Individualist. Aber wie
es auch sei, ich ermglichte es ihm, seine Unterschlagung wieder gut zu
machen -- in der City kann man jede Unterschlagung wieder gut machen,
wenn man das Geld zurckzahlt -- und nach Neuyork zu gehen. Aber er
wute es besser als ich, denn er erwarb sich ein Vermgen, indem er
mit Geld spekulierte, das nur in der Einbildung derer existierte, mit
denen er Geschfte machte. _Er_ hat mir nie etwas zurckbezahlt. Er ist
offenbar ein viel zu guter Geschftsmann, um Geld zurckzuzahlen, das
man ihm nicht durch gesetzliche Mittel oder Abschneidung des Kredits
abnehmen kann. Mr.Erskine, fgte Trefusis, zu dem Dichter gewandt,
mit ruhigerer Stimme hinzu, es ist unrecht, da Sie gegen Ihre eigene
Natur die Partei von Halunken und Glcksjgern nehmen, selbst wenn
diese von einem Mann angegriffen werden, der das Photographieren dem
Radieren vorzieht.

Aber ich versichere Ihnen -- Sie miverstehen mich wirklich, sagte
Erskine verwirrt. Ich -- Er stockte, blickte Sir Charles um Hilfe an
und sagte dann lebhaft: Ich zweifle nicht, da Sie vllig recht haben.
Ich hasse Geschfte und Geschftsmenschen, und was die sozialen Fragen
angeht, so habe ich da nur einen Glaubensartikel, da das einzige
Schne im Menschenleben die schne Kunst ist.

Und ich glaube, da das einzige Schne in der Kunst das Menschenleben
ist. Die Kunst wchst, wenn die Menschen wachsen, und sie verkommt,
wenn die Menschen verkommen. Was ist Ihre Meinung?

Ich stimme in mancher Beziehung mit Ihnen berein, entgegnete Sir
Charles nervs, denn ein Mangel an Interesse fr seine Mitmenschen und
ein berma von Interesse fr sich selbst waren die Ursache, da er
nichts von sozialen Dingen verstand. Da er aber glaubte, ein Baronet
mte das eigentlich auch wissen, frchtete er sich natrlich, irgend
jemand zu widersprechen, der in zuversichtlicher Weise davon anfing.
Wenn Sie an Kunstsachen Interesse haben, kann ich Ihnen, glaube ich,
manches Sehenswerte zeigen.

Das wird mich freuen. Ich werde Ihnen dafr gelegentlich eine Sammlung
von Photographien zeigen, von denen ich viele selbst aufgenommen habe.
Vielleicht wird sie Ihnen einige Belehrung bieten.

Ohne Zweifel, sagte Sir Charles. Wollen wir zur Galerie
zurckkehren? Ich habe da ein paar Schtze, die die Photographie so
bald noch nicht bertreffen wird.

Ich denke, wir gehen durch das Gewchshaus, sagte Jane. Lieben Sie
Blumen, Mr.Smi-- Nie kann ich mich doch auf Ihren richtigen Namen
besinnen.

Das ist seltsam, sagte Trefusis.

Sie erhoben sich und betraten ein langgestrecktes Treibhaus. Lady
Brandon hatte Erskine an ihrer Seite -- Sir Charles und Gertrude gingen
vor ihr. Aber sie sah sich nach Trefusis um, denn sie beabsichtigte,
unter dem Vorwand, ihm die Blumen zu zeigen, ein wenig mit ihm zu
flirten. Er war nicht zu sehen, aber sie hrte seine Schritte auf dem
Wege an der andern Seite des Gewchshauses. Agatha war ebenfalls nicht
zu sehen. Jane, die diese Anordnung nicht ndern durfte, wenn sie nicht
ihre Absicht auffllig machen wollte, mute mit Erskine weitergehen.

Agatha hatte ohne jede Absicht den andern Durchgang betreten. Als sie
sah, was sie getan hatte, und sich wirklich ganz allein mit Trefusis,
der ihr gefolgt war, fand, tadelte sie ihn deswegen und war schon
dabei, zurckzugehen, als er khl bemerkte:

Waren Sie bestrzt, als Sie von Henriettas pltzlichem Tod hrten?

Agatha kmpfte einen Augenblick mit sich selbst und sagte dann mit
unterdrckter Stimme: Wie knnen Sie es wagen, mit mir zu sprechen?

Warum nicht? fragte er erstaunt.

Ich will mich nicht in eine Auseinandersetzung mit Ihnen einlassen.
Sie wissen ganz gut, was ich meine.

Sie glauben, Sie wren durch mich beleidigt. Das ist klar genug. Aber
wenn ich von einer jungen Dame in freundlichster Weise scheide und sie
mich nach Jahren, whrend derer ich sie nicht gesehen und ihr nicht
geschrieben habe, gefragt werde, wie ich es wagen drfte, mit ihr zu
reden, dann bin ich natrlich erstaunt.

Wir schieden nicht in freundlichster Weise.

Trefusis spannte seine Augenbrauen an, als ob er sein Gedchtnis
anspannen wollte. Wenn wir es nicht taten, sagte er, so habe ich es
auf mein Ehrenwort vergessen. Wann schieden wir voneinander, und was
geschah da? Es kann nichts sehr Ernsthaftes gewesen sein, sonst mte
ich mich dessen erinnern.

Seine Vergelichkeit verwundete Agatha. Sie sind zweifellos sehr daran
gewhnt -- Sie unterbrach sich selbst, und es gelang ihr schnell,
wieder in ihren gewhnlichen Unterhaltungston einem Herrn gegenber
zu kommen. Jetzt, da ich nachdenke, erinnere ich mich kaum, was es
eigentlich war. Wahrscheinlich irgendeine Kleinigkeit. Lieben Sie
Orchideen?

Die haben jetzt nichts mit unserer Sache zu tun. Die Orchideen
interessieren Sie auch gar nicht so, sie wollen nur von dem
Miverstndnis davonlaufen, anstatt es aufzuklren. Das ist immer eine
kurzsichtige Politik.

Agatha wurde unruhig, denn sie fhlte, wie sein frherer Einflu sie
wieder berkam. Ich habe nicht den Wunsch, darber zu sprechen, sagte
sie fest.

Ihre Festigkeit war bei ihm verloren. Ich wei noch immer nicht, worum
es sich berhaupt handelt, sagte er. Aber ich mchte es wissen,
denn ich glaube, es liegt da ein Miverstndnis vor, und es ist eine
Gewohnheit Ihres Geschlechts, Miverstndnisse zu verewigen, indem
Sie sich jede Anspielung darauf verbitten. Als ich Lyvern so schnell
verlie, habe ich vielleicht vergessen, ein Versprechen zu erfllen
oder Lebewohl zu sagen oder sonst irgend etwas. Aber wissen Sie,
wie pltzlich ich weggerufen wurde? Ich erhielt eine telegraphische
Nachricht, da Henrietta im Sterben liege, und ich hatte kaum die Zeit,
meine Kleider zu wechseln -- Sie erinnern sich ja an meine Vermummung
-- um den Zug zu erreichen. Und schlielich war sie schon tot, als ich
ankam.

Ich wei das, sagte Agatha ngstlich. Bitte, sagen Sie nichts mehr
darber.

Nicht, wenn es Sie betrbt. Hoffentlich denken Sie aber auch nicht,
ich machte Ihnen Vorwrfe wegen Ihres Anteils an der Sache, oder ich
htte Jansenius davon erzhlt. Das tat ich nicht. Ob ich Orchideen
liebe? Ja. Eine Pflanze, die auf einem Holzbrettchen leben kann, ist
ein Beweis fr die Sparsamkeit der Natur --

_Sie_ machen _mir_ Vorwrfe! schrie Agatha. Ich habe es nie den
Jansenius' erzhlt. Was wrden sie von Ihnen gedacht haben, wenn ich es
getan htte?

Sie htten schlimmer ber Sie gedacht als ber mich, natrlich mit
Unrecht. Sie waren die unmittelbare Ursache der Tragdie, ich nur
die entfernte. Jansenius ist nicht weitblickend, wenn seine Gefhle
gekrnkt werden. Die wenigsten Mnner sind das.

Ich verstehe Sie nicht im mindesten. Welche Tragdie meinen Sie?

Henriettas Tod. Ich nenne ihn konventionell eine Tragdie, obgleich er
natrlich in Wirklichkeit nichts Ungewhnliches an sich hatte.

Agatha machte eine Pause und starrte ihn an. Was soll das heien,
was Sie jetzt sagten? Ich sei die unmittelbare Ursache der Tragdie,
und Sie reden von Henriettas -- von Henrietta? Ich hatte mit ihrer
Krankheit nichts zu tun.

Trefusis sah sie an, als berlegte er, ob er weitergehen sollte. Dann
sagte er, indem er sie mit der Neugierde eines Vivisektors beobachtete:
Es ist seltsam, Agatha -- sie fuhr stolz zurck, als sie den Namen
hrte, aber wenn Sie nicht gewesen wren, lebte Henrietta vielleicht
noch. Ich bin sehr froh, da sie es nicht tut, und so brauchen Sie
sich also meinetwegen keine Vorwrfe zu machen. Sie starb durch eine
Reise nach Lyvern, die sie in groer Erregung und Trauer und bei
auerordentlich kaltem Wetter machte. Sie veranlaten sie zu der Reise,
denn Sie schrieben ihr einen Brief, der sie eiferschtig machte.

Wollen Sie mir etwa vorwerfen --

Halt! Nein, sagte er schnell, und seine ganze Vivisektionslust
verging vor ihrer zitternden Stimme. Ich werfe Ihnen gar nichts
vor. Warum sprechen Sie nicht aufrichtig zu mir, wenn Sie in Ihrer
gewhnlichen Stimmung sind? Wenn Sie Ihre wirkliche Ansicht nur auf der
Folter gestehen, wer sollte nicht Lust bekommen, Sie zu foltern? Man
mu Ihnen gleich eine Mordtat vorwerfen, damit Sie von etwas anderm als
Orchideen sprechen.

Aber Agatha hatte durch ihre frheren Erfahrungen gelernt und wollte
sich nicht mundtot machen lassen. Es war nicht meine Schuld, sagte
sie. Es war Ihre -- ganz allein Ihre Schuld.

Ganz allein meine Schuld, stimmte er zu und war froh, Sie unwillig
statt ngstlich zu finden.

Diese wrtliche Zustimmung besnftigte sie nicht. Ihr Benehmen war
eines Mannes sehr unwrdig. Ich habe Ihnen das auch gesagt, und Sie
konnten es nicht leugnen. Sie behaupteten, da Sie -- Sie behaupteten,
Sie htten Gefhle -- Sie gaben sich Mhe, mir den Glauben daran
beizubringen -- Oh, was bin ich tricht, da ich mit Ihnen rede. Sie
wissen ganz gut, was ich meine.

Vollstndig. Ich versuchte, Ihnen den Glauben beizubringen, da ich
Sie liebte. Woher wissen Sie, da es nicht wahr war?

Sie verschmhte es, zu antworten. Aber da er ruhig wartete, sagte sie:
Sie hatten kein Recht, in mich verliebt zu sein.

Das ist kein Beweis dagegen, da ich es nicht doch war. Sehen Sie,
Agatha, Sie gaben vor, mich zu lieben, und es lag Ihnen doch gar nichts
an mir. Das sprachen Sie deutlich genug in jenem Unglcksbrief aus,
den ich noch irgendwo zu Hause habe. Er ist quer durchgerissen, und
die Spur von ihrem Absatz ist noch daran zu sehen. Das arme Mdchen
mu ihn in ihrem Zorn mit Fen getreten haben. So kann ich Ihnen also
Ihre eigene Handschrift als Beweis zeigen, da Sie mit mir gespielt
haben, und Sie klagen mich -- ohne jeden Beweis -- an, ich htte Sie
getuscht.

Sie sind klug und knnen alles verdrehen. Welch ein Vergngen macht es
Ihnen, mich zu qulen?

Ha! rief er in einem abgebrochenen, bitteren Lachen. Ich wei es
nicht. Ich glaube, Sie behexen mich.

Agatha gab keine Antwort und ging ruhig zu dem Ende des Gewchshauses,
wo die andern auf sie warteten.

Wo haben Sie gesteckt und was haben Sie die ganze Zeit ber
angefangen? fragte Jane, als Trefusis eilig hinter Agatha herkam. Ich
wei nicht, wie Sie das nennen, ich nenne es einfach ungehrig.

Sir Charles errtete ber das schlechte Benehmen seiner Frau, und
Trefusis erwiderte ruhig: Wir haben die Orchideen bewundert und uns
darber unterhalten. MiߠWylie interessiert sich dafr.




Dreizehntes Kapitel.


Eines Morgens erhielt Gertrude von ihrem Vater einen Brief:

  _Meine liebe Gerty_, ich habe grade von Madame Smith eine Rechnung
  von 110 Pfund fr Deine Kleider erhalten. Darf ich mir vielleicht die
  Frage erlauben, wie lange das noch so weitergehen soll? Ich brauche
  Dir wohl nicht zu erzhlen, da ich nicht die Mittel habe, eine
  solche Verschwendung noch fernerhin zu untersttzen. Ich bin, wie Du
  weit, immer ngstlich besorgt, da Du Deiner Stellung entsprechend
  auftreten kannst. Aber wenn das nicht anders geht, als da ich
  dabei jede Saison Hunderte von Pfund an Madame Smith wegwerfen mu,
  dann ist es besser, wenn Du die Gesellschaft aufgibst und zu Hause
  bleibst. Ich kann es tatschlich nicht aufbringen. Soviel ich sehe,
  hat das ganze Gesellschaftsleben Dir nicht viel gentzt. Vorigen
  Monat mute ich 500 Pfund bei Franklands erheben, und es wre noch
  schner, wenn ich noch mehr erheben mte, um Deine Kleidermacherin
  zu bezahlen. Wenn Du wenigstens eine Privatperson beschftigtest,
  oder eine, die keine solche Preise macht. Madame Smith erklrt mir,
  sie will nicht lnger warten, und sie verlangt fr jedes einzelne
  Kleid 60 Pfund. Ich hoffe, Du hast mich jetzt richtig verstanden, da
  diese Sache ein Ende haben mu.

  Ich hre von Deiner Mutter, da sich der junge Erskine mit Dir bei
  den Brandons aufhlt. Ich halte nicht viel von ihm. Er ist nicht
  wohlhabend und wird es auch kaum werden, da er sich mit Poesie und
  dergleichen abgibt. Und dann habe ich gehrt, da ein Mann namens
  Trefusis jetzt sehr oft Beeches besucht. Er mu ein Narr sein, denn
  er trat bei der letzten Wahl in Birmingham als Kandidat auf und
  erhielt ganze zweiunddreiig Stimmen, weil er sich als Sozialdemokrat
  oder mit einem hnlichen auslndischen Unsinn bezeichnete, statt
  wie ein Mann zu sagen, er sei ein Radikaler. Ich glaube, der Name
  blieb ihm in der Kehle stecken, denn seine Mutter war eine von den
  Howards auf Breconcastle. So fliet gutes Blut in ihm, obgleich sein
  Vater ein Niemand war. Ich wollte, er htte Deine Rechnungen zu
  bezahlen. Er kann mich zehnmal kaufen und verkaufen, trotz meiner
  fnfundzwanzig Jahre Staatsdienst.

  Da ich vorhabe, das Haus etwas instand setzen zu lassen, so wre es
  mir lieb, wenn Du diesen Monat noch nicht zurckkmst, falls Du Dich
  nur irgendwie bei den Brandons halten knntest. Empfehle mich ihm
  und bestelle seiner Frau meine freundlichsten Gre. Ich wre Dir
  dankbar, wenn Du einige Schierlingbltter bekommen knntest und sie
  mir zuschicktest. Ich brauche sie fr meine Salbe. Das Zeug, das die
  Apotheker verkaufen, taugt nichts. Deine Mutter leidet wieder an den
  Augen, und Dein Bruder Berkeley hat gespielt. Er scheint zu glauben,
  ich mte seine Schulden bezahlen. Das alles macht mir vielen Kummer,
  und ich hoffe, da Du bis zu Deiner Verheiratung vernnftiger
  bleibst und mir nicht mehr diese immerwhrenden Rechnungen auf
  den Hals schickst. Du genieest das Leben und bist fern von allem
  Unangenehmen, aber es lastet doch schwer auf

            Deinem Dich liebenden Vater

                                  C. B. Lindsay.

Ganz schwache Falten, die ersten Anzeichen des beginnenden Alters,
erschienen auf Gertrudes Gesicht, als sie den Brief las. Aber sie
beeilte sich, die Gre des Admirals ihren Wirtsleuten mitzuteilen, und
besprach dann mit ihnen voll Mitgefhl den Gesundheitszustand ihrer
Mutter. Nach dem Frhstck ging sie in die Bibliothek und schrieb ihre
Antwort:

                                                    Brandon Beeches.
                                                       Dienstag.

  _Lieber Papa_, es sind drei Jahre her, da Du zuletzt eine Rechnung
  an Madame Smith bezahlt hast, und damals machte es einschlielich
  meines Kleides fr den Hof nur 150 Pfund aus. Ich sehe daher nicht
  ein, wie ich noch sparsamer sein kann, auer ich mu in Lumpen gehen.
  Es tut mir leid, da Madame Smith zu so ungelegener Zeit um Bezahlung
  gebeten hat, aber als ich Dir im Mrz vorigen Jahres riet, ihr etwas
  zu bezahlen, sagtest Du mir, ich sollte sie durch einen guten Auftrag
  beruhigen. Ich wundere mich gar nicht ber ihre Unhflichkeit, denn
  sie hat unter ihren Kundinnen eine Menge Kaufmannstchter, die ihr
  fr ihre Kleider mehr als 300 Pfund im Jahr bezahlen. Ich trage jetzt
  einen Rock, den ich vor zwei Jahren erhielt.

  Sir Charles fhrt Donnerstag in die Stadt, er wird Dir den Schierling
  mitbringen. Sage Mama, da hier eine alte Frau wohnt, die ein
  wunderbares Mittel gegen schlechte Augen kennt. Sie will die
  einzelnen Bestandteile nicht nennen, aber es kuriert jeden. Es hat
  auch keinen Zweck, einem Augenarzt zwei Guineen zu geben, damit der
  uns erzhlt, da das Lesen im Bett schdlich fr die Augen ist. Wir
  wissen ja doch ganz gut, da Mama diese Gewohnheit nie aufgibt. Wenn
  Du Berkeleys Schulden bezahlst, dann vergi nicht, da ich noch von
  ihm drei Pfund bekomme.

  Es ist noch eine andere Schulfreundin von mir hier auf Besuch, und
  ich glaube, Mr.Trefusis wird noch einmal das Vergngen haben,
  ihre Rechnungen zu bezahlen. Er ist ein groer Liebling von Lady
  Brandon. Sir Charles war zuerst bse, weil sie ihn einlud, und wir
  wunderten uns alle darber. Der Mann hat einen schlechten Ruf, und
  er fhrte einen Pbelhaufen an, der die Mauern des Parks niederri.
  Wir glaubten auch kaum, da er den Mut haben wrde, nach alledem
  noch zu erscheinen. Aber er scheint sich nichts daraus zu machen,
  ob wir ihn gern hier haben oder nicht, und er kommt, wenn er will.
  Da er interessant redet, betrachten wir ihn als ein Geschenk Gottes
  an diesem den Platz. Es ist wirklich nicht solch ein Paradies, wie
  Du denkst. Aber Du brauchst keine Angst zu haben, da ich frher
  zurckkomme, als ich dazu gezwungen bin.

                    Deine Dich liebende Tochter
                                      Gertrude Lindsay.

Als Gertrude den Brief geschlossen und den ihres Vaters zerrissen
hatte, dachte sie noch etwas ber beide nach. Sie htten sie vielleicht
unglcklich gemacht, wenn sie vorher glcklich gewesen wre. Aber
hoffnungslose Unzufriedenheit war jetzt ihr gewhnlicher Zustand und
Frhlichkeit ein seltener Zufall. Daher versetzten diese gegenseitigen
Beschuldigungen in dem Briefwechsel mit ihrem Vater sie hchstens
in eine schlechte Laune, aber sie wurde dadurch nicht im mindesten
enttuscht oder gedemtigt.

Um etwas Bewegung zu haben, beschlo sie, den Brief selbst zu dem
Postamt im Dorfe hinzutragen und den Riverside Road zurckzukehren.
Sie hatte dort Schierling stehen sehen. Sie gab sich Mhe, ungesehen
hinauszukommen, denn sie frchtete, da Agatha sich anschlieen wollte
oder da Jane vorschlagen wrde, sie sollten nachmittags zum Postamt
hinausfahren. Und Jane wre den ganzen Tag verdrielich gewesen, wenn
der Ausflug nicht auf den Nachmittag verlegt worden wre. Gertrude nahm
zum Schutz gegen Stromer einen groen Berhardinerhund namens Max mit.
Dieses junge, lebhafte Tier hatte eine starke Zuneigung zu ihr und
hatte das offen und strmisch zum Ausdruck gebracht. Und sie, deren
Gefhle zu Hause und in der Gesellschaft verhungert waren, hatte ihn
mit mehr Freundlichkeit ermutigt, als sie jemals einem menschlichen
Wesen gezeigt hatte.

Als sie im Dorf den Brief aufgegeben hatte, schlug sie einen Pfad ein,
der zum Riverside Road fhrte. Max, der nicht wute, warum sie den
lngsten Weg nach Hause whlte, war damit nicht zufrieden. Er blieb
mitten auf dem Pfade stehen, wedelte heftig mit dem Schwanz und lie
ein mrrisches Bellen hren.

Sei nicht so dumm, sagte Gertrude ungeduldig, ich gehe diesen Weg.

Max verstand sie jetzt offenbar. Er flog hinter ihr her, berholte sie
und verschwand in einer Wolke von Staub, die er aufgewirbelt hatte, als
er gengend vorausgelaufen war und nun pltzlich halt machte. Als er
zurckkam, kte sie seine Schnauze und lief mit ihm um die Wette, bis
sie ebenso keuchte wie er und stehenblieb, um Atem zu schpfen, whrend
er herumsprang und wtend bellte. Seit Jahren hatte sie nicht mehr
solchen Spa gehabt, und da ihr das einfiel, kamen ihr die Trnen in
die Augen. Etwas verdrielich bat sie Max, ruhig zu sein, ging langsam
weiter, um sich abzukhlen, und spannte ihren Sonnenschirm auf zum
Schutze gegen Sommersprossen.

Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Zur Rechten von Gertrude an einer
Bschung stand Sallusts Haus und gab mit seinen zimtbraunen Wnden und
dem gelben Fries der sonst ganz englischen Landschaft ein fremdartiges
Geprge. Sie ging vorbei, ohne daran zu denken, wer dort wohnte. Etwas
weiter auf dem Wege, auf einem Stck wsten Landes, das durch einen
trockenen Graben und einen niedrigen Erdwall von der Strae getrennt
war, stand ein fast sechs Fu hoher Haufen von Schierlingpflanzen
und vergiftete die Luft mit seinem Geruch. Sie kreuzte den Graben,
nahm ein Paar Gartenhandschuhe aus ihrem aus Stroh geflochtenen
Handkorb und machte sich eifrig an die Schierlingsbltter, indem sie
die zartesten abri, sie von den Stengeln befreite und den Korb mit
dem Grn anfllte. Sie verga Max, bis das Gefhl eines tdlichen
Schweigens, als ob die ganze Erde erstarrt sei, sie veranlate, in
unbestimmter Angst um sich zu blicken. Trefusis stand ganz in ihrer
Nhe und beobachtete sie. Er hatte seine Hand dem Hunde zum Spielen
berlassen, der versuchte, sie ganz in seinen Mund hineinzuziehen.
Gertrude erblate und kam schnell zwischen den Struchern hervor. Dann
hatte sie die seltsame Empfindung, als ob hoch ber ihrem Kopfe irgend
etwas geschehen sei. Sie hrte ein drohendes Knurren, einen befehlenden
Ruf, und dann folgte eine unerklrliche Stille, bis sie sich liegend
auf dem Rasenrand fand, wobei der aufgespannte Sonnenschirm ihr
Gesicht schtzte. Ein pltzliches Lecken von Max' feuchter, warmer
Zunge an ihrem Ohr brachte sie wieder zur Bewegung. Sie setzte sich
auf und sah Trefusis an ihrer Seite knien. Mit ruhigem Gesicht hielt
er den Sonnenschirm, whrend an der andern Seite Max mit rastloser
ngstlichkeit sie beschnupperte.

Ich mu nach Hause fahren, sagte sie. Ich mu sofort nach Hause
fahren.

Durchaus nicht, bemerkte Trefusis begtigend. Sie haben grade
Nachricht geschickt, es sei alles in Ordnung und Sie brauchten nicht zu
kommen.

Haben sie das wirklich? fragte sie matt. Dann fiel sie wieder hin,
und es schien ihr, als ob eine sehr lange Zeit vergehe. Pltzlich fiel
ihr ein, da Trefusis sie sanft mit seiner Hand gesttzt hatte, damit
sie nicht zu hart zurckfiel. Sie erhob sich von neuem und kam diesmal
mit seiner Hilfe auf ihre Fe zu stehen.

Ich mu nach Hause fahren, sagte sie wieder. Es handelt sich um
Leben und Tod.

Nein, nein, entgegnete er sanft. Es ist alles in Ordnung. Sie knnen
sich auf mich verlassen.

Sie sah ihn mit ernstem Blick an. Er hielt ihre Hand, um sie zu
sttzen, denn sie schwankte ein wenig. Sind Sie sicher? fragte sie
und ergriff ihn beim Arm. Sind Sie ganz sicher?

Vollstndig sicher. Sie wissen doch, da ich immer recht habe.

Ja, o ja! Sie sind immer aufrichtig gegen mich gewesen. Sie -- Hier
kehrte pltzlich ihre Besinnung wieder. Sie lie seine Hand fahren, als
ob sie rotglhend geworden sei, und fragte scharf: Wovon sprechen Sie
eigentlich?

Ich wei es nicht, antwortete er und nahm lachend sein gleichgltiges
Wesen wieder an. Geht es Ihnen besser? Ich werde Sie nach Beeches
fahren. Mein Stall liegt nur einen Steinwurf von hier entfernt. Ich
kann in zehn Minuten ein Gespann haben.

Nein, danke sehr, sagte Gertrude stolz. Ich will nicht fahren. Sie
machte eine Pause und fgte etwas verwirrt hinzu: Was ist geschehen?

Sie wurden ohnmchtig, und --

Ich wurde nicht ohnmchtig, sagte Gertrude unwillig. Ich bin in
meinem Leben noch nicht ohnmchtig geworden.

Es ist aber so.

Verzeihen Sie, Mr.Trefusis. Ich wurde nicht ohnmchtig.

Sie sollen selbst urteilen. Ich kam ber dieses Feld und sah, da Sie
Schierling sammelten. Schierling ist interessant durch die Geschichte
des Sokrates, und Sie waren interessant als Dame, die Gift sammelt.
So blieb ich stehen und sah Sie an. Gleich darauf kamen sie aus dem
Gebsch heraus, als ob Sie eine Schlange gesehen htten. Dann fielen
Sie in meine Arme -- was mich auf die Vermutung bringt, Sie seien
ohnmchtig geworden -- und Max, der glaubte, ich sei daran schuld,
sprang mir fast an die Kehle. Sie wurden betubt durch die Ausdnstung
des Wasserschierlings, die Sie zehn Minuten oder noch lnger eingeatmet
haben mssen.

Ich wute nicht, da eine Gefahr dabei war, sagte Gertrude
niedergedrckt. Ich fhlte mich schon vorher sehr mde. Daher habe ich
auch das zweitemal so lange dagelegen. Ich konnte mir wirklich nicht
helfen.

Sie haben nicht sehr lange dagelegen.

Nicht beim erstenmal. Ich wei, das war nur fr ein paar Sekunden. Ich
mu mindestens noch zehn Minuten dagelegen haben, nachdem ich wieder zu
mir gekommen war.

Sie waren ungefhr eine Minute lang ohne Besinnung, als Sie zum
erstenmal fielen. Und nachdem Sie wieder zu sich gekommen waren, wurden
Sie noch einmal fr eine Sekunde ohnmchtig. Dann phantasierten Sie,
und ich erfand passende Antworten, bis Sie mich pltzlich fragten,
worber ich redete.

Gertrude errtete etwas bei dem Gedanken, sie knnte in ihrer
Verwirrung unvorsichtig geredet haben. Es war sehr tricht von mir,
da ich ohnmchtig wurde, sagte sie.

Es war nicht Ihre Schuld, Sie sind nur ein menschliches Wesen. Ich
werde mit Ihnen nach Beeches gehen.

Danke sehr, ich will Sie nicht bemhen, sagte sie schnell.

Er schttelte seinen Kopf. Ich wei nicht, wie lange die Nachwirkung
von diesem abscheulichen Giftkraut dauert, sagte er. Ich darf Sie
jetzt nicht allein gehen lassen. Wenn Sie es vorziehen, will ich Sie
durch meinen Grtner hinfahren lassen, aber ich wrde Sie am liebsten
selbst begleiten.

Sie geben sich wirklich eine ganz unntige Mhe. Ich will gehen. Ich
bin wieder ganz wohl und brauche keine Hilfe.

Sie brachen auf, ohne noch etwas zu sagen. Gertrude mute alle
ihre Willenskraft zusammennehmen, um vor ihm zu verbergen, da sie
schwindlig war. Eine betubende Mdigkeit hatte sie ergriffen, und sie
glaubte schon, da sie nur trumte, als er sie aufweckte, indem er
sagte:

Nehmen Sie meinen Arm.

Nein, danke sehr.

Seien Sie nicht so unvernnftig eigensinnig. Sie werden sich an
die Hecke anlehnen mssen, um sich zu sttzen, wenn sie meine Hilfe
zurckweisen. Es tut mir leid, da ich nicht darauf bestand, den Wagen
zu holen.

Gertrude hatte eine solche Sprache seit ihrer Kindheit nicht mehr
gehrt. Ich fhle mich vollkommen wohl, sagte sie scharf. Sie sind
wirklich sehr zudringlich.

Sie fhlen sich nicht vollkommen wohl, und Sie wissen das auch. Aber
wenn Sie tapfer kmpfen, werden Sie vielleicht auch ohne meine Hilfe
gehen knnen, und die Anstrengung wird Ihnen gut tun.

Sie sind sehr grob, sagte sie hartnckig.

Ich wei das, entgegnete er ruhig. Sie werden drei Klassen von
Mnnern finden, die hflich gegen Sie sind -- Sklaven, Mnner, die viel
von Ihren Manieren und nichts von Ihnen selbst halten, und solche, die
Sie lieben. Ich gehre zu keiner von diesen und gebe Ihnen daher Ihre
schlechten Manieren mit Zinsen zurck. Weshalb widerstehen Sie Ihrem
besseren Selbst und unterdrcken solche aufrichtigen und natrlichen
Regungen. Sie kommen oft genug ber Sie und bringen in Ihr Gesicht
einen Blick, der einen Bren zahm machen wrde. Aber Sie beeilen sich,
diesen Blick auszulschen, wie ein Dieb seine Laterne auslscht, sobald
er nur einen Futritt hrt.

Mr.Trefusis, ich bin nicht daran gewhnt, mich belehren zu lassen.

Eben deswegen belehre ich Sie. Ich war neugierig, was aus Ihrer guten
Erziehung, auf die Sie, wie ich glaube, groen Wert legen, wohl unter
gnzlich neuartigen Umstnden wrde, zum Beispiel, wenn ein Mann
Ihnen seine aufrichtige Meinung sagt. Was ist nun das Ergebnis meines
Versuchs? Anstatt mich freundlich und wrdig zurckzuweisen, was ich
trotz aller frheren Beobachtungen von Ihnen erwartet habe, verbitten
Sie sich in grober Weise die angebotene Hilfe, die Sie wirklich
brauchen, nennen mich selbst sehr roh, sehr zudringlich und tun, kurz
gesagt, was Sie knnen, um meine Lage unangenehm und demtigend zu
machen.

Sie sah ihn hochmtig an, aber in seinem Gesicht lag nichts von
Beleidigung oder Furcht, und er fuhr, da sie keine Antwort gab, fort.

Ich wrde alles das von einer arbeitenden Frau ohne Einwendung
ertragen, denn sie schuldet mir weder feines Benehmen noch feine
Gefhle. Aber Sie sind eine Dame. Das heit, viele haben sich in
schmutzigem Elend abgeqult und haben gehungert, damit Sie weie und
zarte Hnde, schne Kleider und feine Manieren haben -- da Sie eine
lebende Quelle von allem sind, was die Natur und das Leben schn macht.
Wenn ein solches kostbares Ding wie eine Dame bei der ersten Berhrung
durch eine feste Hand zusammenbricht, dann fhle ich mich berechtigt,
sie zu beklagen.

Gertrude ging schnell vorwrts und sagte zwischen den Zhnen: Ich will
nichts mehr von Ihren lcherlichen Ansichten hren, Mr.Trefusis.

Er lachte. Meine armen Ansichten! sagte er. Jedesmal, wenn ich
eine unbequeme Bemerkung mache, wird sie als uerung einer gewissen
gefhrlichen Verrcktheit, mit der ich behaftet sein soll, zur Seite
geworfen. Wenn ich Sir Charles andeute, da einer seiner Lieblingsmaler
etwas nicht genau beobachtet hat, bevor er daranging, es zu zeichnen,
dann entgegnet er: >Sie kennen unsere verschiedenen Ansichten ber
diese Dinge, Mr.Trefusis.< Als ich MiߠWylies Vormund sagte, sein
Auswanderungsplan sei nicht viel besser als ein Betrug, meinte er:
>Sie mssen mich entschuldigen, aber ich kann auf Ihre merkwrdigen
Ansichten nicht eingehen.< Eine meiner augenblicklichen Ansichten
ist die, da MiߠLindsay unter dem Einflu des Schierlings viel
liebenswrdiger ist als unter dem des sozialen Systems, das sie so
unglcklich gemacht hat.

Nun gut! rief Gertrude sehr beleidigt. Dann sagte sie nach einer
Pause: Ich glaubte, ich sei in der Begleitung eines Gentleman.
Trefusis blieb vllig ungerhrt, und sie fgte nach einer weiteren
Pause hinzu: Woran sehen Sie, da ich unglcklich bin?

An einem gewissen Mangel in Ihrer Haltung. Ihnen fehlt die letzte
Schnheit, die nur das Glck verleiht. Ich sehe es ferner an einem
Mangel in Ihrer Stimme, der nie verschwinden wird, bis Sie es lernen,
die zu lieben oder zu bemitleiden, mit denen Sie sprechen.

Sie irren sich, sagte Gertrude mit ruhiger Verachtung. Sie verstehen
mich nicht im mindesten. Ich hnge sehr an meinen Freunden.

Dann habe ich Sie nie in ihrer Gesellschaft gesehen.

Auch darin irren Sie sich.

Wie knnen Sie denn so sprechen, blicken und handeln, wie Sie es tun?

Was meinen Sie damit? Wie blicke oder handle ich?

Wie einer von den Gitterstben auf dem Belgrave Square blicken
und handeln wrde, wenn er Bewutsein htte. Er wrde sich vor dem
Urteil der andern Stbe frchten und Angst haben, aus der Reihe
herauszufallen. Sie sind kalt, mitrauisch, grausam gegen nervse und
unbeholfene Menschen, und Sie frchten sich mehr vor der Kritik der
Leute, mit denen Sie tanzen und essen, als vor Ihrem eigenen Gewissen.
Wenn alles das nicht wre, wrden Sie den Blick eines Engels haben.

Danke sehr. Sie glauben wohl, Komplimentemachen gehre zur Vollendung
eines Gentleman?

Habe ich Ihnen schon viele gemacht? Meine letzte Bemerkung war nicht
als Kompliment gemeint. Ich gebe Ihnen mein Wort, die Engel brauchten
nicht lieblicher zu sein, als Sie wren, wenn Sie jenen Blick in den
Augen und den Ton in der Stimme htten, von dem ich vorhin sprach. Ich
wei nicht, wie das Ihr Mifallen erregen kann, wenn Sie das hren.
Wre ich besonders hbsch, ich htte es gern, wenn man mir so etwas
sagte.

Es tut mir leid, da ich es Ihnen nicht sagen kann.

Oh! Ha, ha! Was fr eine Entgegnung, Mi Lindsay! Es tut Ihnen gar
nicht leid, Sie sind sogar froh darber.

Gertrude wute das und war rgerlich ber sich selbst. Nicht weil ihre
Entgegnung falsch war, sondern weil sie dachte, sie pate sich nicht
fr eine Dame. Sie haben kein Recht, mich zu qulen, rief sie gegen
ihren Willen aus.

Nein, das habe ich auch nicht, bemerkte er demtig. Und wenn ich es
getan habe, so vergeben Sie mir, bevor wir voneinander scheiden. Ich
will Sie jetzt nicht weiter begleiten. Max wird Lrm machen, wenn Sie
auf der Allee ohnmchtig werden. Aber das wird wohl kaum geschehen, da
Sie ja den ganzen Schierling vergessen haben.

Oh, es ist zum Tollwerden! schrie sie. Ich habe meinen Korb liegen
lassen.

Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Ich werde ihn finden und ihn
Ihnen gefllt zuschicken.

Danke sehr. Es tut mir leid, da ich Ihnen die Mhe mache.

Sie machen mir keine Mhe. Hoffentlich wollen Sie nicht den Schierling
dazu bentzen, um sich der Last des Lebens zu entledigen.

Unsinn. Ich brauche ihn fr meinen Vater, der ihn als Heilmittel
bentzt.

Ich werde ihn morgen selbst bringen. Ist das frh genug?

Vollstndig. Ich bin nicht in Eile. Danke vielmals, Mr.Trefusis.
Adieu.

Sie gab ihm ihre Hand und lchelte sogar ein wenig. Dann eilte sie
davon. Er blieb stehen und sah ihr nach, wie sie unter den Buchen die
Allee hinunterging. Einmal, als sie in einen Streifen Sonnenlicht trat,
das durch eine ffnung zwischen den Buchenkronen durchbrach, gab sie in
ihrem violett und weien Frhlingskleid ein so hbsches Bild, da seine
Augen leuchteten, als er sie sah. Er nahm sein Notizbuch heraus und
trug ihren Namen und das Datum ein mit einem kurzen Bericht.

Ich habe sie weich gemacht, sagte er zu sich selbst, als er sein
Buch wieder einsteckte. Bevor ich von ihr scheide, soll sie eine oder
zwei Lektionen lernen, die sie einmal ihren Kindern geben kann. Etwas
schlecht erzogen ist sie auch, sonst wrde sie nicht so viel auf ihre
Erziehung geben. Henrietta pflegte gerade so ein Kleid zu tragen.
Es freut mich, da keine Gefahr dabei ist, wenn sie an mir Gefallen
findet.

Er wandte sich um und sah ein altes Weib vorbeigehen, das unter einer
Last Reisig gebeugt war. Er sah sie neugierig an. Sie warf ihm einen
finsteren Blick zu und eilte weiter.

Hallo, sagte er.

Sie ging noch ein paar Schritt. Dann aber sank ihr Mut, und sie blieb
stehen.

Sie sind doch Mrs.Hickling?

Jawohl. Eure Gnaden.

Sie sind die Frau, die letzten Winter ein altes Holzgitter, das auf
Sir Charles Besitztum lag, fortnahm und als Brandholz bentzte. Sie
muten dafr sieben Tage ins Gefngnis gehen.

Sie knnen mich wieder hinschicken, wenn Sie wollen, entgegnete sie,
und ihre Stimme knirschte zornig. Aber der Herr wird es Ihnen eines
Tages vergelten. Verflucht seien die, die die Armen und Notleidenden
bedrngen. Das ist eine von den sieben Todsnden.

Die grnen Latten, die Sie da auf dem Rcken haben, sind die Reste
meiner Gartentre, sagte er. Die erste Hlfte haben Sie letzten
Samstag fortgeholt. Das nchstemal, wenn Sie Feuerung gebrauchen, dann
kommen Sie ins Haus und verlangen Sie Kohlen. Meinen Zaun knnen Sie in
Ruhe lassen. Ich denke, das Feuer wird Sie auch wrmen, wenn Sie den
Brennstoff nicht gestohlen haben. Und jetzt sagen Sie mir als Vergtung
fr das Gitter etwas, was ich wissen mchte.

Oh, Sie sind ein gtiger Herr. Gottes Segen --

Wozu braucht man Schierling?

Schierling, gtiger Herr? Natrlich fr die Skrofeln.

Skrofeln! rief er und fuhr zurck. Der Vater von diesem schnen
Mdchen! Er wandte sich nach Hause zu und schlenderte mit gesenktem
Kopf weiter, indem er murmelte: Alles faul bis auf die Knochen. O
Kultur! Kultur! Kultur!




Vierzehntes Kapitel.


Was ist eigentlich in Gertrude gefahren? sagte Agatha eines Tages zu
Lady Brandon.

Wie? Ist etwas mit ihr geschehen?

Ich wei es nicht. Sie ist nicht mehr dieselbe, seit sie sich
vergiftet hat. Und warum hat sie nichts davon erzhlt? Wenn Trefusis
nicht wre, wten wir es gar nicht.

Gertrude hat immer aus allem ein Geheimnis gemacht.

Sie war die zwei folgenden Tage in abscheulicher Laune, und jetzt ist
sie ganz verndert. Sie versinkt in langes Brten und hrt kein Wort
von allem, was um sie herum gesprochen wird. Dann kommt sie wieder zur
Besinnung und bittet einen mit der grten Sanftmut um Verzeihung, weil
sie nicht verstanden hat, was man gesagt hat.

Ich kann sie nicht leiden, wenn sie hflich ist, das liegt nicht
in ihrer Natur. Und da sie so ins Trumen versinkt, das kommt von
dem Schierling. Wir kennen einen Mann, der in einem Bad einen Lffel
Strychnin nahm, und er war nachher nie wieder derselbe.

Ich glaube, sie hat sich entschlossen, Erskine zu ermutigen, sagte
Agatha. Als ich hierherkam, durfte er es kaum wagen, mit ihr zu
sprechen -- wenigstens behandelte sie ihn sehr verchtlich. Jetzt lt
sie ihn reden, so viel er will. Sie schickt ihm sogar Nachrichten und
lt ihn ihre Sachen tragen.

Ja. So eine wie Gertrude habe ich in meinem Leben nicht gesehen.
Wenn in London Mnner aufmerksam gegen sie waren, warf sie ihnen
Zudringlichkeit vor. Lie man sie in Ruhe, so fhlte sie sich
vernachlssigt. Nach meiner Meinung kann sie mit Erskine sehr zufrieden
sein.

Hier erschien Erskine an der Tre und sah sich im Zimmer um.

Sie ist nicht hier, sagte Jane.

Ich suche Sir Charles, bemerkte er und zog sich etwas steif zurck.

Welch eine Lge! sagte Jane und war mivergngt, weil er ihren Scherz
so aufgenommen hatte. Er hat noch vor zehn Minuten mit Sir Charles im
Billardzimmer gesprochen. Die Mnner sind solche eingebildete Narren.

Agatha ging langsam an das Fenster und sah unzufrieden ber die
Landschaft. Frher, auf der Schule, tat sie das oft, wenn sie allein
war, jetzt auch manchmal in der Gesellschaft. Die Tre wurde wieder
geffnet, und Sir Charles erschien. Auch er sah sich um, aber als sein
flchtiger Blick Agatha erreicht hatte, lie er ihn an ihr haften und
trat herein.

Haben Sie jetzt was vor, MiߠWylie? fragte er.

Ja, sagte Jane schnell. Sie wollte grade einen Brief fr mich
schreiben.

Wirklich, Jane, sagte er. Ich denke, du bist doch alt genug und
kannst deine Briefe schreiben, ohne erst MiߠWylie zu bemhen.

Wenn ich meine Briefe selbst schreibe, findest du immer Fehler daran,
entgegnete sie.

Ich dachte, Sie wrden vielleicht Lust haben, mit mir ein Duett zu
singen, sagte er zu Agatha.

Gewi, antwortete sie und hoffte es gut zu machen, indem sie ihm
willfahrte. Der Brief wird schon vor der Postzeit fertig werden.

Jane errtete und sagte kurz: Ich will ihn selbst schreiben, wenn du
es nicht tun willst.

Sir Charles verlor jetzt seine Selbstbeherrschung. Wie kannst du
so verflucht roh sein? fragte er seine Frau. Was hast du dagegen
einzuwenden, wenn ich mit MiߠWylie Duette singe?

Das ist eine hbsche Sprache! sagte Jane. Ich habe nie behauptet,
ich htte etwas dagegen. Und du hast kein Recht, sie zum Klavier zu
holen, wenn sie grade einen Brief fr mich schreiben will.

Ich will nur, da MiߠWylie das tut, was ihr am besten gefllt.
Aber Briefe an deine Handwerker zu schreiben, das scheint mir keine
angenehme Beschftigung zu sein.

Bitte, nehmen Sie auf mich keine Rcksicht, sagte Agatha. Es macht
mir durchaus keine Mhe. Auf der Schule pflegte ich alle Briefe fr
Jane zu schreiben. Ich denke, ich schreibe jetzt zuerst den Brief, und
dann singen wir das Duett. Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn Sie
fnf Minuten warten?

Ich kann natrlich so lange warten, wie es Ihnen pat. Aber es scheint
mir so ein unvernnftiger Mibrauch Ihrer Gutmtigkeit, da ich
unbedingt protestieren --

Oh, la den Brief warten! schrie Jane. Wie kann man nur solch einen
lcherlichen Unsinn reden, weil ich Agatha bitte, mir einen Brief zu
schreiben, grade wenn du von ihr deine Duette gespielt haben willst.
Ich bin sicher, sie hat sie so von Herzen satt, da es ihr bel davon
wird.

Um diesem Streit zu entfliehen, ging Agatha auf die Bibliothek und
schrieb den Brief. Als sie in das Gesellschaftszimmer zurckkehrte,
fand sie niemand mehr vor, doch kehrte Sir Charles gleich zurck.

Es tut mir leid, MiߠWylie, sagte er, als er ihr den Flgel
aufmachte, wenn Sie durch die lcherliche Eifersucht meiner Frau
belstigt werden.

Eifersucht!

Natrlich. Es ist bldsinnig!

Oh, Sie irren sich, sagte Agatha unglubig. Wie knnte sie nur auf
_mich_ eiferschtig sein?

Sie ist auf jeden und auf alles eiferschtig, antwortete er bitter.
Und sie kehrt sich an niemand und an gar nichts. Sie wissen nicht, was
ich manchmal von ihr ausstehen mu.

Agatha hielt es fr das Beste, sich sofort hinzusetzen und anzufangen:
Ich wollt, da meine Liebe. Whrend sie sang und spielte, dachte
sie darber nach, was Sir Charles grade gesagt hatte. Sie liebte
seine Gesellschaft. Er war frhlich, hatte Sinn fr Musik und Spa,
war hflich und aufmerksam. Er wute ihre Anlagen zu schtzen, war
schlagfertig, ohne zu berlegen zu sein, und als verheirateter Mann
ungefhrlich in seiner Zuneigung. Aber jetzt schien es ihr doch, als ob
sie in der letzten Zeit etwas zuviel zusammengewesen seien.

Sir Charles war jetzt in ihre Tonart hineingekommen. Er erinnerte sie
wieder an die Musik, indem er innehielt und sie fragte, ob er richtig
spiele. Sie kannte schon aus Erfahrung die Fehler, die er gewhnlich
machte. Sie gab ihm seinen Ton an und spielte weiter. Sie hatten aber
noch nicht lange gesungen, als Jane zurckkam und sich hinsetzte,
wobei sie die Hoffnung ausdrckte, sie wrde wohl nicht stren. Aber
sie strte sie. Agatha hatte das Gefhl, sie sei nur gekommen, um sie
zu berwachen, und Sir Charles wute es. Und dann war Lady Brandon
stets unruhig in ihren Bewegungen, selbst wenn sie innerlich nichts
bewegte. Wegen der Musik konnte sie nicht sprechen, und obgleich
sie ein aufgeschlagenes Buch in der Hand hielt, konnte sie nicht zu
gleicher Zeit lesen und beobachten. Sie ghnte und lehnte sich ber
das eine Ende des Sofas, bis sie im Begriff war, das Gleichgewicht zu
verlieren und sich mit einem mchtigen Ruck wieder aufrichtete. Der
Boden zitterte bei jeder Bewegung, die sie machte. Zuletzt konnte sie
nicht mehr lnger schweigen.

Lieber Himmel! sagte sie laut ghnend. Es mu mindestens schon fnf
Uhr sein.

Agatha drehte sich auf dem Klavierstuhl herum. Sie fhlte, da die
Musik und Lady Brandon sich nicht vereinigen lieen. Sir Charles
gab sich seines Gastes wegen die grte Mhe, seine Erregtheit zu
unterdrcken.

Das kannst du leicht auf deiner Uhr sehen, sagte er.

Danke fr die Auskunft, sagte Jane. Agatha, wo ist Gertrude?

Aber Jane, wie in aller Welt kann dir denn Mi Wylie sagen, wo sie
ist? Ich glaube, du bist heute verrckt geworden.

Sie spielt wahrscheinlich mit Mr.Erskine Billard, sagte Agatha
schnell, um einer Antwort Janes und der dann unvermeidlichen
Auseinandersetzung zuvorzukommen.

Ich halte es fr sehr merkwrdig, da Gertrude den ganzen Tag mit
Chester im Billardzimmer ist, sagte Jane unzufrieden.

Es ist auch nicht im geringsten etwas Unpassendes dabei, sagte Sir
Charles. Wenn MiߠLindsay als unser Gast nicht ber jede Vermutung
erhaben ist, dann sollten wir uns etwas schmen. Was wrdest du sagen,
wenn sonst jemand eine solche Bemerkung machte?

Ach, Unsinn, sagte Jane verdrielich. Du machst wegen jeder
Kleinigkeit solch ein groes Geschwtz. Ich habe gar nicht behauptet,
da sich Gertrude unpassend benehme. Sie ist nach meiner Meinung viel
zu frmlich, um eine angenehme Gesellschaft zu sein.

Sir Charles war nicht imstande, sich noch lnger zu beherrschen. Er
machte ein finsteres Gesicht und verlie das Zimmer, whrend Jane ihm
ein verchtliches Lachen nachsandte.

Mache niemals die Dummheit und verheirate dich, sagte sie, als
er gegangen war. Sie blickte, whrend sie das sagte, auf und wurde
ngstlich, weil Agatha, die auf dem Flgel sa, wie in der Schulzeit
eine schwingende Bewegung mit den Fen machte.

Jane, sagte sie und warf ihrer Wirtin einen khlen Blick zu, weit
du, was ich an Sir Charles' Stelle tte?

Jane wute es nicht.

Ich wrde einen dicken Stock nehmen, dich braun und blau schlagen und
dich dann eine Woche lang bei Wasser und Brot einsperren.

Jane erhob sich etwas mit rotem, rgerlichen Gesicht. Wa -- was?
fragte sie und sank wieder auf das Sofa zurck.

Wenn ich ein Mann wre, ich liee mich nicht aus einfacher Galanterie
wie ein lstiger Hund behandeln. Du brauchst eine gesunde Tracht
Prgel.

Ich mchte den sehen, der _mich_ schlgt, sagte Jane. Sie hatte sich
wieder erhoben und reckte ihren gewaltigen Krper. Dann brach sie in
Trnen aus und sagte. Ich will mir so etwas nicht in meinem eigenen
Hause sagen lassen. Wie kannst du es wagen?

Du verdienst es, weil du auf mich eiferschtig bist, sagte Agatha.

Janes Augen erweiterten sich vor Zorn. Ich -- ich! -- eiferschtig
auf dich! Sie sah sich nach einem Wurfgescho um. Da sie nichts fand,
setzte sie sich wieder hin und sagte mit trnenerstickter Stimme: Eif
-- eiferschtig auf _dich_, herrlich!

Du hast guten Grund dazu, denn er hat mich lieber als dich.

Jane ri krampfhaft ihren Mund und die Augen auf, aber sie konnte nur
nach Luft schnappen, und Agatha fuhr ruhig fort: Ich bin hflich gegen
ihn, und das bist du nie. Wenn er mit mir spricht, lasse ich ihn seinen
Satz beendigen, ohne da ich wie du ihn mit einer vorgefaten Meinung
unterbreche, die nicht des Anhrens wert ist. Ich ghne und spreche
nicht, whrend er singt. Wenn er sich mit mir ber Kunst und Literatur
unterhlt, wovon er zweimal so viel versteht als ich und wenigstens
zehnmal so viel als du -- Jane schnappte wieder nach Luft -- dann
gebe ich ihm keine verrckte Antwort oder wende mich an meinen Nachbar
auf der andern Seite mit einer Bemerkung ber den Pferdestall oder das
Wetter. Wenn er bereit ist, sich zu unterhalten, und das ist er immer,
dann bin ich unterhaltend. Und deswegen hat er mich gern.

Er hat dich _nicht_ gern. Er ist gegen jeden Menschen so.

Mit Ausnahme seiner Frau. Er hat mich so gern, da du wie eine
wirkliche Gans -- was du ja auch bist -- hereinkamst, um unsere Duette
zu berwachen. Und du machtest dich so unangenehm, wie du nur konntest,
whrend ich mich angenehm machte. Der arme Mann schmte sich deiner.

Das tat er nicht, sagte Jane schluchzend. Ich habe nichts getan und
nichts gesagt. Ich la mir das nicht gefallen. Ich will mich scheiden
lassen. Ich will --

Du wirst dein Benehmen bessern, wenn du noch etwas Vernunft hast,
sagte Agatha ohne Reue. Mach nicht solchen Lrm, sonst kommt jemand
und sieht, was es gibt, und ich mu von dem Flgel herunter, wo ich
sehr bequem sitze.

_Du_ bist eiferschtig.

Oh, wirklich, Jane? Ich habe bisher Sir Charles nicht gestattet, sich
in mich zu verlieben, aber ich kann das sehr leicht tun. Was willst du
wetten, da er mich vor morgen abend kt?

Es wird sehr gemein und schmutzig von dir sein, wenn er es tut. Du
denkst wohl, ich liee mich wie ein Kind behandeln?

Du bist auch ein Kind, sagte Agatha. Sie stieg von ihrem Sitz
herunter und schickte sich an hinauszugehen. Ein gelegentlicher Klaps
ist dir ganz gut.

Es geht dich nichts an, ob ich mich mit meinem Manne gut stehe oder
nicht, sagte Jane in pltzlicher Wut.

Solange ihr euch zankt, wenn ihr allein seid, wie das gut erzogene
Paare tun, gewi nicht. Aber wenn es in meiner Gegenwart vorkommt, dann
macht es mir Unbehagen, und das lasse ich mir nicht gefallen.

Du wrdest berhaupt nicht hier sein, wenn ich dich nicht eingeladen
htte.

Stell dir nur vor, Jane, wie langweilig ohne mich das Haus wre.

Wirklich! Es war vor deiner Ankunft gar nicht langweilig. Gertrude hat
sich wenigstens immer wie eine Dame benommen.

Es tut mir leid, da ihr Beispiel so gar keine Wirkung auf dich
ausgebt hat.

Ich ertrage das nicht, sagte Jane schluchzend und lie sich auf das
Sofa fallen, da die Glasprismen an dem Kronleuchter klirrten. Ich
wrde dich nie eingeladen haben, wenn ich gedacht htte, du knntest so
gehssig sein. Ich werde dich nie wieder bitten.

Ich werde veranlassen, da sich Sir Charles wegen der
Unvertrglichkeit deines Charakters von dir scheiden lt, und ihn dann
heiraten. Dann habe ich das ganze Haus fr mich allein.

Er kann sich Gott sei Dank deswegen nicht scheiden lassen. Du weit
nicht, was du redest.

Agatha lachte. Komm, Jane, sagte sie gutmtig. Sei kein alter Esel.
Wasch dein Gesicht, bevor es jemand sieht, und denk daran, was ich dir
ber Sir Charles gesagt habe.

Es ist sehr hart, in seinem eigenen Hause ein Esel genannt zu werden.

Es ist noch hrter, als ein solcher behandelt zu werden, wie es deinem
Mann geschieht. Ich werde im Billardzimmer nach ihm sehen.

Jane lief hinter ihr her und fate sie beim rmel. Agatha, bat sie,
versprich mir, da du nicht gemein bist. Sage, da du dich nicht in
ihn verliebst.

Ich will es mir berlegen, entgegnete Agatha ernst.

Jane sank sthnend in einen Sessel, der unter ihrem Gewicht krachte.
Agatha wandte sich auf der Schwelle um, und als sie sah, wie Jane den
Kopf schttelte, die Augen zusammenprete und in unterdrckter Wut mit
den Abstzen auf den Boden hmmerte, sagte sie schnell:

Da kommen die Waltons und die Fitzgeorges und Mr.Trefusis die Treppe
herauf. Wie geht es Ihnen, Mrs.Walton? Lady Brandon wird sich sehr
freuen, Sie zu sehen. Guten Abend, Mr.Fitzgeorge.

Jane sprang auf, wischte sich die Augen und lief zu einem Spiegel,
whrend sie sich mit den Hnden die Haare ordnete. Da aber keine
Besucher erschienen, begriff sie, da sie wieder und vielleicht zum
hundertstenmal in ihrem Leben einem Schelmenstreich Agathas zum Opfer
gefallen war. Diese war befriedigt, weil ihr Versuch, die alte
Herrschaft ber Jane wiederzugewinnen, geglckt war. Sie hatte es
selbst nicht geglaubt, obgleich sie sich ganz ruhig gestellt hatte.
Jetzt ging sie hinunter in die Bibliothek, wo Sir Charles in traurigem
Brten sa und versuchte, seinen huslichen rger durch Beschftigung
mit der Kunstkritik zu vergessen.

Ich dachte, Sie wren im Billardzimmer, sagte Agatha.

Ich habe nur flchtig hineingeschaut, entgegnete er. Aber es scheint
da etwas Besonderes vorzugehen, und ich hielt es fr das Beste, mich
davonzuschleichen. So bin ich die ganze Zeit allein geblieben.

Das Besondere, was Sir Charles nicht unterbrechen wollte, war weiter
nichts als eine Partie Billard. Es war die erste Gelegenheit, die
Erskine jemals gehabt hatte, mit Gertrude allein und in Mue zu
sprechen. Doch war ihre Unterhaltung noch nie eine so alltgliche
gewesen. Sie liebte das Spiel und spielte gut, whrend sie gleichgltig
plauderte. Er spielte schlecht und brachte gegen seinen Willen die
trivialsten Gesprchsstoffe vor. Nachdem sie anderthalb Stunden
gespielt hatten, sagte Gertrude, da jetzt das letzte Spiel komme. Er
dachte voller Verzweiflung, wenn er so weiter die Blle auslie, dann
mute die Partie bald zu Ende sein, und dann hatte er eine Gelegenheit,
die vielleicht niemals wiederkam, unbenutzt vorbeigehen lassen. Er
beschlo, ihr ohne weitere Einleitung zu sagen, da er sie anbete. Als
er aber seine Lippen ffnete, kam ganz von selbst eine Frage ber die
persische Art, Billard zu spielen, heraus. Gertrude war nie in Persien
gewesen, aber sie hatte im Indischen Museum einige orientalische
Queues gesehen. Hatten nicht die Hindu eine wunderbare Fhigkeit,
Filigranarbeit, Teppiche und dergleichen anzufertigen? Ob er nicht auch
der Ansicht sei, da die Verschrobenheiten ihrer Teppichmuster ein
Mangel seien? Viele Leute gben vor, grade das zu bewundern, aber sei
das nicht alles Unsinn? War nicht ein moderner, gebohnter Fuboden mit
einem Teppich in der Mitte viel besser als der alte Teppich, der in den
Ecken des Zimmers angebracht wurde? Ja. Viel besser. Unendlich --

Aber, woran denken Sie heute, Mr.Erskine? Sie haben mit meinem Ball
gespielt.

Ich denke an Sie.

Was sagten Sie? fragte Gertrude, die den ernsten Sinn, den er der
Unterhaltung gegeben hatte, noch nicht begriff und ihr Queue zu einem
Sto anlegte. Oh, ich spiele so schlecht wie Sie. Das war, glaube ich,
der schlechteste Sto, den ich je gemacht habe. Verzeihen Sie, Sie
sagten grade etwas.

Ich wei es nicht mehr. Es war nichts Wichtiges. Und er sthnte ber
seine eigene Feigheit.

Ich schlage vor, wir hren auf, sagte sie. Es hat keinen Zweck, die
Partie zu Ende zu spielen, wenn unsere Hnde unsicher sind. Ich bin
ziemlich mde geworden.

Gewi -- ganz, wie Sie wnschen.

Wenn Sie wollen, knnen wir auch zu Ende spielen.

Durchaus nicht. Was Ihnen gefllt, gefllt mir auch.

Gertrude machte ihm eine leichte Verbeugung und stie mig mit ihrem
Queue nach den Bllen. Erskines Augen wanderten umher, seine Lippen
bewegten sich unentschlossen. Er war mit sich darber im klaren
gewesen, da er eine offene Erklrung geben wollte -- Herz gegen Herz.
Er hatte es sich genau ausgemalt, wie er in zarter Weise ihre Hand
ergriff und sagte: Gertrude, ich liebe Sie! Darf ich Ihnen das ewig
versichern? Aber diese Form schien ihm jetzt gar nicht ausfhrbar.

MiߠLindsay.

Gertrude, die sich ber das Billard neigte, blickte beunruhigt auf.

Dieser Augenblick ist eine gute Gelegenheit, denn ich will -- ich soll
-- ich will --

_Soll_, wiederholte Gertrude. Haben Sie jemals die Lehre von der
Notwendigkeit studiert?

Die Lehre von der Notwendigkeit? fragte er verwirrt.

Gertrude folgte einem Ball an die andere Seite des Billards. Sie erriet
jetzt, was kommen sollte, und wollte es erwarten. Nicht weil sie die
Absicht hatte, ja zu sagen, sondern weil sie wie andere junge Damen,
die in solchen Auftritten Erfahrungen haben, die Heiratsantrge, die
man ihr machte, zhlte, wie die Rothute die abgeschnittenen Skalpe.

Wir haben hier eine sehr schne Zeit verlebt, sagte er und legte
die wichtige Lehre von der Notwendigkeit als unerklrbar zur Seite.
Wenigstens habe ich es getan.

Nun, meinte Gertrude schnell, die leicht eine verborgene Anspielung
auf ihre persnliche Unzufriedenheit vermutete, ich auch.

Ich bin sehr glcklich darber -- viel mehr, als ich Ihnen in Worten
ausdrcken kann.

Was geht das Sie an? fragte sie und gab ihrer blen Laune nach, die
er, ohne es zu wissen, in ihr wachgerufen hatte. Sie vermutete auch
Mitleid in seinem Bemhen, teilnehmend zu sein.

Ich wollte, es drfte mich etwas angehen. Das Glck dieses ganzen
Aufenthalts habe ich nur Ihnen zu verdanken.

Wirklich, sagte Gertrude und zuckte zusammen. Denn alle bsen Dinge,
die ihr Trefusis ber sie gesagt hatte, traten jetzt wieder in ihre
Erinnerung, als Erskine seine unglckselige Anspielung auf ihre Macht,
andere zu erfreuen, vorbrachte.

Hoffentlich qule ich Sie nicht, sagte er mit Ernst.

Ich wei nicht, worber Sie reden, entgegnete sie und richtete sich
in pltzlicher Ungeduld auf. Sie scheinen zu glauben, es sei sehr
leicht, mich zu qulen.

Nein, sagte er furchtsam und war ganz verwirrt durch den Eindruck,
den er hervorgebracht hatte. Ich frchte, Sie miverstehen mich. Ich
bin sehr unbeholfen. Vielleicht ist es besser, wenn ich nichts weiter
sage.

Gertrude wandte sich weg und nahm ihr Queue wieder auf. Sie wollte
ihm dadurch zeigen, da es seine Sache sei, darber nachzudenken. Sie
beabsichtigte nicht, sich deshalb stren zu lassen. Als sie ihn wieder
ansah, stand er bewegungslos und ngstlich da, mit einem traurigen
Gesichtsausdruck, wie ihn ein Hund zeigt, der eine Zrtlichkeit
angeboten hat und getreten worden ist. Reue und ein unbestimmtes
Gefhl, in ihrem Benehmen gegen ihn liege etwas Niedriges, berkamen
sie. Sie sah ihn einen Augenblick an und verlie das Zimmer.

Ihr Blick erregte ihn. Er verstand ihn nicht und wagte auch nicht,
ihn zu verstehen. Aber es war ein Blick, den er nie vorher auf ihrem
Gesicht oder auf dem Gesicht einer anderen Frau gesehen hatte. Es
packte ihn als eine pltzliche Offenbarung eines Wortes aus den
Patriotischen Mrtyrern: Das kstliche Geheimnis eines Frauenherzens
-- und es gab ihm das Gefhl, da er sich jetzt keiner gewhnlichen
gesellschaftlichen Unterhaltung widmen drfte. Er eilte aus dem Hause
und ging schnell die Allee hinunter nach der Htte, in der er sein Rad
stehen hatte. Er hinterlie Bescheid, da er einen Ausflug mache und
wahrscheinlich nicht zum Essen zurck sein werde. Dann bestieg er sein
Rad und fuhr den Riverside Road hinunter. In weniger als zwei Minuten
passierte er die Pforte zu Sallusts Haus, wo er beinahe ein altes Weib
berrannt hatte, das mit einem Korb Kohlen beladen war. Sie stellte
ihre Last hin und schickte Verwnschungen hinter ihm her. Das brachte
ihn zur Besinnung, da seine unvernnftige Schnelligkeit gefhrlich
sein knnte. Er lie etwas nach und sah gleich darauf Trefusis, der
hingestreckt am Fluufer lag, das Gesicht auf die Ellbogen gesttzt,
und aufmerksam las. Erskine hatte ihm vor ein paar Tagen ein Exemplar:
Die patriotischen Mrtyrer und andere Dichtungen verehrt, und er
versuchte jetzt, einen Blick auf das Buch zu werfen, in dem Trefusis
so ernsthaft las. Es war ein Blaubuch, voll von Zahlen. Erskine fuhr
enttuscht weiter und trstete sich mit der Erinnerung an Gertrudes
Gesicht.

Die Landstrae entfernte sich jetzt vom Flu und stieg zu einer
steilen Anhhe empor, auf deren Gipfel er haltmachte und sich umsah.
Das Tageslicht bekam einen rtlichen Schein, und die Schatten wurden
lnger. Trefusis lag noch hingestreckt in dem Grase, und das alte Weib
war auf dem Felde und sammelte Schierling.

Erskine fuhr in vollem Schwung den Hgel hinunter und sah sich nicht
mehr um, bis er bei Sonnenuntergang eine kleine Stadt erreichte.
Er lie sich Bier und Butterbrot geben und a ohne groen Appetit.
Gertrude hatte ihn in eine Aufregung versetzt, die ihm die Geduld zum
Essen nahm.

Es war jetzt dunkel. Er befand sich viele Meilen von Brandon Beeches
und kannte nicht einmal genau den Rckweg. Pltzlich beschlo er, heute
abend noch seinen abgebrochenen Heiratsantrag zu vollenden. Er konnte
nicht schnell genug zurckfahren, um seine Ungeduld zu befriedigen. Er
versuchte den Weg abzuschneiden, verlor sich und verbrachte fast eine
Stunde damit, die Landstrae wieder aufzufinden. Endlich kam er an eine
Eisenbahnstation und konnte grade noch einen Zug erreichen, der ihn bis
auf eine Meile an seinen Bestimmungsort brachte.

Als er aus den Polstern des Eisenbahnwagens herausstieg, fhlte er sich
doch etwas ermdet und bestieg steif sein Fahrrad. Aber sein Entschlu
stand so fest wie vorher, und sein Herz klopfte heftig, als er in dem
Huschen sein Rad zurcklie und durch den tiefen Schatten der Buchen
die Allee hinaufging. Nahe beim Hause erreichten ihn die ersten Noten
von >=Crudel perche finora=<, und er ging mit leisen Schritten auf
den Rasen zu, damit das Gerusch seiner Futritte auf dem Kies nicht
die Hunde aufschreckte, die durch ihr Bellen die Musik gestrt haben
wrden. Ein Rascheln veranlate ihn, stehenzubleiben und zu lauschen.
Dann flsterte Gertrudes Stimme durch die Dunkelheit:

Was meinten Sie mit dem, was Sie mir da drinnen sagten?

Eine ganz seltsame Empfindung berkam Erskine, verwirrte Ideen aus
einem Feenland flogen durch seine Phantasie. Dann folgte eine bittere
Enttuschung, als ob er aus einem glcklichen Traum erwachte, als
Trefusis' Stimme in weicherem Tone, als er sie jemals gehrt hatte,
antwortete:

Einfach, da das Reich der Sterne, die ber uns funkeln, nicht
unbegrenzter ist als meine Verachtung fr MiߠLindsay und nicht
strahlender als mein Vertrauen auf Gertrude.

Bitte, Mr.Trefusis, fr Sie bin ich immer MiߠLindsay.

Fr mich sind Sie niemals MiߠLindsay. Das sind Sie fr die, die nicht
in Ihre Seele hineinblicken knnen, die Gertrude ist. Es gibt Tausende
MiߠLindsays auf der Welt, die alle frmlich und unecht sind. Aber es
gibt nur eine Gertrude.

Ich bin ein schutzloses Mdchen, Mr.Trefusis, und Sie knnen mich
nennen, was Sie wollen.

Einen Augenblick kam Erskine der Gedanke, dies sei eine gute
Gelegenheit, vorzuspringen und Trefusis, dessen Gestalt er jetzt
undeutlich unterscheiden konnte, ein blaues Auge zu schlagen. Aber er
zauderte, und die Gelegenheit ging vorbei.

Schutzlos! sagte Trefusis. Aber Sie sind doch rings umzunt und
eingeriegelt in Sitten, Vorschriften und Lgen, die die Wahrheit von
den Lippen eines jeden Mannes zurckschrecken wrden, dessen Glaube an
Gertrude weniger stark wre als der meine. Gehen Sie zu Sir Charles und
erzhlen Sie ihm, was ich zu Mi Lindsay gesagt habe. In zehn Minuten
werde ich auerhalb dieses Tores sein, mit einer Warnung, mich ihm nie
mehr zu nhern. Ich bin in Ihrer Gewalt, und wre ich nur in der Gewalt
von MiߠLindsay, ich htte wenig mehr zu sagen. Glcklicherweise sieht
Gertrude ein, obgleich sie es nur dunkel fhlt, da MiߠLindsay ihre
bitterste Feindin ist.

Das ist lcherlich. Ich bestehe nicht aus zwei Personen, ich bin
nur eine. Was mache ich mir daraus, ob Ihre Verachtung fr mich so
grenzenlos wie die Sterne ist?

Ah, Sie erinnern sich dieser Worte. Wenn Sie einen Mann ber die
Sterne reden hren, dann knnen Sie sicher sein, da er entweder ein
Astronom oder ein Narr ist. Aber Sie und eine schne Sternennacht
knnen aus jedem Mann einen Narren machen.

Ich verstehe Sie nicht. Ich gebe mir alle Mhe, aber es gelingt mir
nicht. Oder wenn ich Sie verstehe, dann wei ich nicht, ob Sie ernst
reden oder nicht.

Ich rede im vollen Ernst. Lassen Sie doch ein fr allemal diese
Befrchtungen fallen, ich scherzte mit Ihnen, oder ich wollte eine
mige Stunde vertndeln, wie das Mnner tun, die in Gesellschaft einer
schnen Frau sind. Was ich sage, meine ich wrtlich und im tiefsten
Ernst. Sie zweifeln an mir, wir haben ja die Gesellschaft so weit
gebracht, da wir uns gegenseitig mitrauen. Aber die Wahrheit erzwingt
sich von denen, die imstande sind, sie zu begreifen, frher oder spter
doch Glauben. Jetzt darf ich wohl Mi Lindsay zur Besinnung bringen,
indem ich sie daran erinnere, da wir schon zehn Minuten hier drauen
sind und da unsere Wirtin nicht die Frau ist, die unser Fortbleiben
ohne Bemerkung zult.

Wir wollen hineingehen. Ich danke Ihnen, da Sie mich daran
erinnerten.

Ich danke Ihnen, da Sie es vergaen.

Erskine hrte, wie sich ihre Futritte entfernten, und sah die zwei
gleich darauf in den Lichtschein hineintreten, der aus der offenen
Tre des Billardzimmers hervorleuchtete, durch das sie ins Haus
gingen. Trefusis, ein Mann, der heute in der wunderschnen Landschaft
gelegen hatte, blind fr alles auer den Ziffern eines Blaubuchs,
war sein erfolgreicher Nebenbuhler, obgleich man schon an dem Klang
seiner Stimme hren konnte, da er Gertrude nicht liebte -- da er
sie nicht lieben konnte. Nur ein Dichter konnte das. Trefusis war
kein Dichter, sondern ein schmutziger, roher Patron, der hchstens in
einer Volksversammlung Interesse erregen konnte, aber nicht bei einem
Weibe, und am allerwenigsten bei einem so zarten Weibe wie Gertrude.
Dabei war sie noch stolz, und doch hatte sie dem Burschen erlaubt, sie
zu beschimpfen -- hatte es ihm verziehen, weil er ihr ein paar grobe
Komplimente machte. Erskine wurde zornig und spttisch. Der Vorfall
beleidigte sein poetisches Gefhl. Anstatt da sein Herz von einem
tragischen Schmerz erfllt war, wie ihn ein patriotischer Mrtyrer
unter hnlichen Umstnden empfunden htte, fhlte er sich verhhnt und
verspottet. Und was ihm zuerst als ganz selbstverstndlich erschienen
war, da Trefusis tief unter ihm stehe, das war ihm jetzt gar nicht
mehr so sicher.

Er blieb unter den Bumen stehen, bis Trefusis wieder erschien, um
nach Hause zu gehen. Er machte dabei, wie Erskine dachte, mit seinen
Abstzen auf dem Kies ein Gerusch, das ein ganzes Regiment fein
erzogener Menschen nicht hervorgebracht htte. An dem Wrterhuschen
fragte er noch etwas und ging dann hinaus, und seine Schritte erstarben
in der Dunkelheit.

Erskine war steif und erfroren und hatte eine Empfindung, als ob er
sich eine bse Erkltung zugezogen htte. Als er ins Haus hineinkam,
war er froh, da sich Gertrude schon zurckgezogen hatte und da Lady
Brandon, trotzdem sie bestimmt glaubte, er sei in der Dunkelheit in den
Flu hineingefahren, doch ein warmes Abendessen fr ihn bereit gehalten
hatte.




Fnfzehntes Kapitel.


Erskine fand jetzt Stoff genug, seinem neu erworbenen bitteren Spott
nachzuhngen. Gertrudes Benehmen gegen ihn wurde so milde, da er
glaubte, sie htte ihr Herz seinem Nebenbuhler geschenkt und wollte ihn
jetzt zu einem Antrag bewegen, um ihn zurckzuweisen. Sir Charles, dem
er den Auftritt in der Allee erzhlt hatte, drckte ihm sein Mitgefhl
aus, aber er schien auch zugleich befriedigt zu sein, weil hinter
Trefusis' Aufmerksamkeiten gegen Agatha keine ernsthaften Absichten
steckten. Daraufhin schrieb Erskine drei bittere Sonette ber falsche
Freundschaft und zeigte sie Sir Charles, der nicht wute, da sie
sich auf ihn bezogen, und sie sehr lobte. Sir Charles zeigte sie dann
Trefusis, ohne den Autor um Erlaubnis zu bitten. Trefusis bemerkte nur,
in einer verdorbenen Gesellschaft zeugten Ausdrcke des Mivergngens
immer von dem Feingefhl eines Schriftstellers, aber sonst lobte er die
Verse nicht viel.

Wie ist er denn auf solche Sachen gekommen? fragte er. Hat er in der
letzten Zeit irgendeine Enttuschung erlitten? Hat er Mi Lindsay einen
Antrag gemacht und eine Absage bekommen?

Nein, sagte Sir Charles, erstaunt ber diese offene Anspielung auf
einen Gegenstand, ber den sie nie vorher gesprochen hatten. Aber er
beabsichtigt auch nicht, MiߠLindsay einen Antrag zu machen.

Er hat aber die Absicht gehabt?

Gewi wollte er das tun, aber er hat die Idee aufgegeben.

Warum? fragte Trefusis und mibilligte offenbar sehr diese
Sinnesnderung.

Sir Charles zuckte mit den Schultern und gab keine Antwort.

Es tut mir leid, da ich das hre. Ich wollte, Sie knnten ihn
bewegen, diesen Entschlu aufzugeben. Er ist ein prchtiger Mensch
und kann ganz anstndig leben, obgleich er nach Ihren Anschauungen
ein armer Mann ist, so da sie ihn vollstndig uneigenntzig heiraten
kann. Es wird ganz gut fr sie sein, wenn sie jemand heiratet, der
ihr keinen pekuniren Vorteil bietet. Sie wird viel mehr Selbstachtung
empfinden. Denn wenn sie auch aus Liebe heiratet, so wird es ihr doch
nicht am Lebensunterhalt fehlen, und sie braucht ihren Mann nicht
wegen seiner Abkunft zu verachten. Machen Sie eine Partie daraus, wenn
Sie eben knnen. Ich interessiere mich fr das Mdchen, es hat gute
Anlagen.

Sir Charles' Vermutung, Trefusis mache Agatha wirklich den Hof,
kehrte nach dieser Unterredung zurck. Er wiederholte sie Erskine,
der sich rgerte, da man seine Gedichte einem Leser von Blaubchern
gezeigt hatte, und im brigen glaubte, Trefusis wollte damit nur seine
Absichten auf Gertrude verbergen. Sir Charles wollte diese Ansicht
nicht gelten lassen, und die beiden Freunde gerieten scharf aneinander,
als sie sie besprachen. Nach dem Diner, als die Damen weggegangen
waren, drngte Sir Charles nachgiebig und herzlich Erskine, er sollte
mit Gertrude sprechen, ohne sich an die Aufrichtigkeit Trefusis' zu
stren. Aber Erskine wute, da er eine Abweisung nicht ertragen
konnte, und es widerstrebte ihm, sich einer solchen Gefahr auszusetzen.

Htten Sie den Ton ihrer Stimme gehrt, als sie ihn fragte, ob er im
Ernst sei, Sie wrden nicht so zu mir sprechen, sagte er mutlos. Ich
wollte, er wre nie hierhergekommen.

Nun, das war wenigstens nicht meine Schuld, mein lieber Freund, sagte
Sir Charles. Er kam gegen meinen Willen hierher. Aber jetzt, da es
scheint, da er wegen des Rasens im Recht ist -- wenigstens gesetzlich
-- wrde es gehssig aussehen, wenn ich ihn schnitte. brigens ist er
wirklich kein schlechter Mann, wenn er nur die Mdchen in Ruhe liee.

Wenn er mit MiߠLindsay sein Spiel treibt, werde ich ihn bitten, ber
den Kanal zu kommen, und mich mit ihm schieen.

Ich glaube nicht, da er mitkommen wrde, sagte Sir Charles
zweifelnd. Wenn ich an Ihrer Stelle wre, ich versuchte sofort mein
Glck mit Gertrude. Trotz allem, was Sie gehrt haben, glaube ich
nicht, da sie einen Mann von seiner Herkunft heiraten wrde. Sein Geld
gibt ihm ja gewi einige Aussichten, aber Gertrude hat schon reicheren
Mnnern, als er ist, den Laufpa gegeben.

Ich will ehrlich gegen ihn sein, sagte Erskine. Ich irre mich
vielleicht, denn alle Menschen knnen sich in ihrem Urteil ber sich
selbst irren, aber ich glaube doch, da ich sie glcklicher machen
knnte, als er es kann.

Sir Charles war dessen nicht ganz gewi, aber er entgegnete freundlich:
Gewi. Er ist berhaupt nicht der Mann fr sie, aber Sie sind es. Er
wei das auch selbst.

Pah! murmelte Erskine und erhob sich verchtlich. Wir wollen
hinaufgehen.

brigens, wir mssen ihn morgen besuchen und sein Haus und die
Photographien besichtigen. Die Photographien! Ha, ha!

Der Teufel hole sein Haus! sagte Erskine.

Am nchsten Tage gingen sie nach Sallusts Haus. Es stand mitten auf
einem Felde, das mit Ausnahme eines Kchengartens unbebaut war. Das
Wrterhuschen am Eingang war unbewohnt, und vor dem offen stehenden
Tor waren Schmutz und abgefallenes Laub aufgehuft. Zwei verlaufene
Ponys, eine Ziege und ein Vagabond, der auf dem Rasen schlief, hatten
so Eingang gefunden. Das Weib des Vagabonden sa in der Nhe und
bewachte ihn.

Ich mchte am liebsten wieder gehen, sagte Sir Charles und sah sich
voll Ekel um. Der Platz ist schndlich vernachlssigt. Sehen Sie nur,
wie der Lump da direkt vor den Fenstern schlft.

Ich bewundere seine Khnheit, sagte Erskine. brigens ein hbsches
Paar Ponys.

Sallusts Haus war viereckig und hatte einen zimtbraunen Anstrich.
Unter dem Gesims war ein gelber Fries mit Figuren von tanzenden
Kindern, eine Nachahmung von Bildern Donatellos in sehr ungeschickter
Ausfhrung. Dann war da eine armselige Sulenhalle von vier Sulen,
rot angestrichen, und ein schmuckloser, gelb angestrichener Giebel.
Die Farben, die zu dem Anstrich der Wnde passen sollten, standen in
Wirklichkeit dazu in einem schreienden Widerspruch. Sie waren von einem
offenbar farbenblinden Knstler frisch erneuert worden. Die Tre unter
dem Sulengang stand offen. Sir Charles klingelte, und eine ltere Frau
meldete sich. Aber bevor sie die Besucher anreden konnte, erschien
Trefusis in einem weien, baumwollenen Malerkittel. Sie folgten ihm
ins Haus und fanden, da es ein leeres Viereck bildete, das einen Hof
mit einem Bad in der Mitte und einem Brunnen darin einschlo. Der
Hofraum, der frher unter freiem Himmel gestanden hatte, war jetzt
mit einem schmutzigen Glasdach bedeckt. Die Nymphe, die einst das
Wasser des Brunnens ausgegossen hatte, war beschdigt und trocken.
Das Bad war zum Teil mit alten Brettern bedeckt, der freie Raum
enthielt in einer Ecke einen Haufen Kohlen, in der andern einen Haufen
Kartoffeln, ferner ein Bierfa, ein paar alte Teppiche, ein Segeltuch
und einen zerbrochenen Nachen. Der Marmorboden erstreckte sich bis
zu den Auenwnden des Hauses und war an den Seiten durch die oberen
Stockwerke berdacht, die durch gerillte, steinerne Sulen getragen
wurden. Die Sulen waren alle beschmutzt und zerfallen. Trefusis fhrte
seine Besucher zu einem breiten Treppenhaus, das an der Hinterwand des
Hauses lag und durch einen Gang zu den oberen Rumen fhrte.

Dieses Haus ist im Jahre 1780 von einem Vorfahren meiner Mutter erbaut
worden, sagte Trefusis. Er galt fr einen Mann von auserlesenem
Geschmack. Er wollte, dieses Haus sollte fr immerdar -- er gebrauchte
in seinem Testament ausdrcklich dieses Wort -- als Familiensitz
gelten, und er sammelte eine schne Bibliothek, die ich gut gebrauchen
konnte, denn alle die Bcher kamen in gutem Zustande in meinen Besitz,
bei den meisten waren nicht einmal die Bltter beschnitten. Es gibt
Leute, die grade fr unaufgeschnittene Bcher von alten Ausgaben
hohe Preise bezahlen. Ein Hndler gab mir fr einen Teil von ihnen
dreihundertundfnfzig Pfund. Ich kam auch in Besitz einer Anzahl
Familienfetische -- oder Erbstcke, wie man sie nennt. Da war noch
ein Schwert, das einer meiner Vorfahren bei Edgehill und in andern
Schlachten zur Zeit Karls des Ersten trug. Wir kmpften natrlich auf
der verkehrten Seite, aber das Schwert brachte doch fnfunddreiig
Schilling ein. Sie werden es kaum glauben, da mir hundertundfnfzig
Pfund fr einen goldenen Becher angeboten wurden, der ungefhr
fnfundzwanzig wert war, nur weil einmal die Knigin Elisabeth daraus
getrunken hat. Dies ist mein Arbeitszimmer, es war als Festsaal
gedacht.

Sie betraten einen Saal, der so lang war wie die Front des Hauses. An
einer Seite befanden sich vier hohe Fenster. Dazwischen standen eckige
Pfeiler mit den korinthischen Kapitlen, die das Gesims trugen und halb
in die Wand hineingesunken waren. hnliche Pfeiler befanden sich auf
der gegenberliegenden Seite, aber zwischen ihnen waren anstatt der
Fenster Bogennischen angebracht. In den Nischen standen lebensgroe
Gipsfiguren, alle zerbrochen und unglaublich entstellt. Der Fuboden
war aus schrg gestellten, schmalen Parketthlzern zusammengesetzt. Er
hatte keinen Teppich und war nicht gebohnt. Die Decke war mit Fresken
geschmckt, die sofort Sir Charles' Interesse erregten. Mit Unwillen
entdeckte er, da ein groer Teil der Malerei an der nrdlichen Seite
des Zimmers zerstrt und durch ein eingesetztes Glasdach entstellt
war. An andern Stellen waren Haken hineingetrieben, um die Seile eines
Trapezes und anderer Stcke eines gymnastischen Apparats zu tragen. Die
Wnde waren geweit, und es erschien ungefhr vier Fu ber dem Boden
ein dunkler Streifen, der von Bleistiftnotizen und kleinen Zeichnungen
herrhrte, die auf den weien Grund gekritzelt waren. Das eine Ende des
Raumes war unmbliert, nur ein gymnastischer Apparat befand sich da,
eine photographische Dunkelkammer, eine Leiter, die in der Ecke stand,
und ein gewhnlicher, billiger Tisch, der mit lkannen und Farbentpfen
bedeckt war. Am andern Ende des Raumes hatte man einen fast luxurisen
Anblick. Es standen da ein groer Bcherschrank, eine kunstvolle
Verbindung von Sekretr und Schreibtisch, ein Gestell mit einem Gewehr,
einem Satz Rapieren und einem Schirm daran. Auf einem Tisch befanden
sich verschiedene Albums in Folioformat; einige bequeme Sthle und
Sofas und ein dicker Teppich vervollstndigten die Einrichtung. Dicht
dabei und gar nicht dazu passend stand eine Tischlerbank mit dem
gewhnlichen Zubehr und eine Anzahl von Brettern verschiedener Strke.

Das ist eine Art Bequemlichkeit, die sich nur ein reicher Mann leisten
kann, sagte Trefusis, sich umwendend, und berraschte seine Besucher
dabei, wie sie sich Blicke des Erstaunens ber seinen Geschmack
zuwarfen. Ich halte mir einen Salon der gewhnlichen Art, um Gste zu
empfangen, gegen die man konventionell sein mu, aber ich betrete ihn
nur bei solchen Gelegenheiten. Wie gefllt Ihnen dieses Arbeitszimmer?

Wirklich, Trefusis, ich glaube, Sie sind verrckt, sagte Sir Charles.
Das Zimmer sieht aus, als ob es eine Belagerung durchgemacht htte.
Wie haben Sie das angefangen, diese Statuen so zu zerbrechen und die
Wnde in einer so schrecklichen Weise zu beschdigen?

Trefusis nahm eine Zeitung von dem Tisch und sagte:

Hren Sie, bitte: >Trotz des ungnstigen Wetters war das Jagdergebnis
des Kaisers und seiner Gste in Steiermark ein ausgezeichnetes. In
drei Tagen wurden zweiundfnfzig Gemsen und neunundsiebzig Hirsche und
Rehe durch neunzehn einlufige Gewehre erlegt, da der Kaiser keine
andern erlaubte.< -- Ich teile die Lust des Kaisers am Schieen, aber
ich bin kein Schlchter und brauche den kniglichen Geschmack am
Blut fr meinen Sport nicht. Und ich teile auch nicht den Geschmack
meines Vorfahren an Statuen. Deshalb -- Hier ffnete Trefusis eine
Schublade, zog eine Pistole heraus und feuerte nach der Hebe, die in
der entferntesten Nische stand.

Gut gemacht! sagte Erskine khl, als das letzte Bruchstck von Hebes
Kopf unter der Berhrung mit dem Gescho in Splitter ging.

Eine sehr nutzlose Arbeit, sagte Trefusis. Ich bin ein guter
Schtze, aber was ntzt mir das? Nichts. Ich traf einmal einen
Wildhter, einen Methodisten. Er war ein ganz ausgezeichneter Redner,
aber ein schlechter Schtze. Wenn er seine Anlagen mit meinen htte
austauschen knnen, ich wrde ihm gerne zehntausend Pfund zugegeben
haben, obgleich er schon bei dem Austausch an sich ebensoviel Vorteil
gehabt htte wie ich. Ich habe nicht mehr Verlangen oder Bedrfnis,
ein guter Schtze zu sein, als Knig von England oder Eigentmer eines
Derbysiegers oder sonst einer komischen Sache, und doch habe ich nie in
meinem Leben mein Ziel verfehlt -- dank meiner Verhltnisse ohne Zweck!

Knig von England! sagte Erskine mit verchtlichem Lachen, um
Trefusis zu zeigen, da andere Leute ebenso freiheitliebend seien als
er. Ist es nicht lcherlich, da sich eine Nation seiner Freiheit
rhmt und doch einen Knig ertrgt?

Oh, zum Teufel mit Ihrem Republikanismus, Chester! sagte Sir Charles,
der im stillen nicht viel von der politischen Seite der patriotischen
Mrtyrer hielt.

Ich lasse mir in dem Punkt nichts sagen, entgegnete Erskine. Ich
bewundere einen Mann, der einen Knig ttet. Darin werden Sie doch mit
mir bereinstimmen, Trefusis?

Durchaus nicht, sagte Trefusis. Ein Knig ist heutzutage nur eine
Puppe, die man aufstellt, um das Feuer von den wirklichen Unterdrckern
abzulenken. Und das bichen Gehalt, das er nach Gefallen ausgeben
kann, ist gewhnlich viel zu klein fr sein Risiko, seine Sorgen und
den Zustand persnlicher Sklaverei, dem er unterworfen ist. Welcher
Privatmann in England ist bler dran als der konstitutionelle Monarch?
Wir gestatten ihm keine Zurckgezogenheit, er darf nicht heiraten,
wen er will, sich nicht seinen Umgang aussuchen, sich nicht nach
seinem Geschmack kleiden, oder leben, wo er will. Ich glaube nicht
einmal, da er das essen und trinken kann, was er am liebsten hat.
Eine Vorliebe fr Schweinebauch oder Zwiebeln von seiner Seite wrde
eine Beschwerde des Kronrats herbeifhren. Wir schreiben ihm alles vor
mit Ausnahme seiner Gedanken und Trume, und selbst diese mu er fr
sich behalten, wenn sie nach unserer Ansicht fr seine Stellung nicht
passend sind. Die Arbeit, die wir ihm auferlegen, hat alle Beschwerden
der gewhnlichen Arbeit. Sie ist unfruchtbar, anhaltend, eintnig, und
mu meistens mit qulender Langeweile ausgefhrt werden. Wir machen
ihm sein Knigreich zur Tretmhle und treiben ihn darauf von einem Ende
zum andern herum. Schlielich, nachdem wir ihm sonst alles weggenommen
haben, was uns Menschen wertvoll ist, fallen wir ber seinen Charakter
her und ber den Charakter jedes Menschen, dem er es wagt, seine Gunst
zu zeigen. Wir legen ihm enorme Ausgaben auf, halten ihn knapp und
sticheln ber seinen Geiz. Wir gehen mit ihm um, wie ich mit diesen
Statuen umgehe -- wir stellen ihn auf einen Ehrenplatz, damit wir ihn
um so leichter verunstalten und mihandeln knnen. Wir schicken ihn
durch unsere bervlkerten Stdte und behaupten, er sei die Ursache
von allem Guten und allem Schlechten in der Nation. Und er wei, da
die meisten Menschen das glauben, er wei, da es eine Lge ist, da
er nicht den Arbeitstag um eine Stunde verkrzen kann, da er nicht
die Lhne um einen Groschen erhhen kann, da er nicht das kleinste
Gerichtserkenntnis umstoen kann, so ungerecht es ihm auch erscheinen
mag. Er wei, da jeder Bergarbeiter im Knigreich Dynamit anfertigen
kann, da Revolver fr weniger als einen Schilling das Stck verkauft
werden. Er wei, da er nicht kugelfest ist, da man schon auf jeden
europischen Knig in den Straen geschossen hat. Er mu lcheln und
sich verbeugen und eine Miene grazisen Vergngens bewahren, whrend
der Brgermeister und die Rte ihm diese geistlose Ansprache halten,
die er schon tausendmal gehrt hat. Ich verlange nicht von Ihnen, da
Sie knigstreu sind, Erskine, aber ich erwarte, da Sie aus einfacher
Menschenliebe Mitgefhl mit der Hauptfigur in dem Possenspiel haben,
die fr die mannigfachen bel und Schndlichkeiten in ihrem Reich nicht
mehr verantwortlich ist, als der Lord-Mayor fr die Diebsthle der
Taschendiebe, die seinem Umzug am neunten November folgen.

Sir Charles lachte ber die Mhe, die sich Trefusis gab, um seine
Ansicht klarzulegen, und sagte beschwichtigend: Mein lieber Freund,
Knige sind an so etwas gewhnt, sie erwarten es so, und sie lieben es
so.

Und offenbar sehen sie es ebensowenig in demselben Lichte wie ich, wie
es die meisten Menschen tun, stimmte Trefusis zu.

Welch ein feines Gesicht! rief Erskine pltzlich und blickte auf
eine Photographie in einem Rahmen von schwerem Gold und Korallen, der
auf einer mit rotem Samt verzierten Miniaturstaffelei stand. Trefusis
wandte sich schnell um und war augenscheinlich so befriedigt, da
sich Sir Charles beeilte, auszurufen: Reizend! Dann blickte er erst
auf das Bild und fgte, etwas erstaunt, hinzu: Es ist sicherlich ein
auergewhnlich anziehendes Gesicht.

Vor Jahren, sagte Trefusis, als ich dieses Gesicht zum erstenmal
sah, da hatte ich dasselbe Gefhl, was Sie jetzt haben.

Es trat ein Schweigen ein. Die beiden Besucher sahen das Bild, und
Trefusis blickte sie an.

Eine fremdartige Schnheit, sagte Sir Charles schlielich etwas
zurckhaltender als zuvor.

Trefusis lachte unangenehm. Erkennen Sie in ihr den Knstler -- den
begeisterten Amateur? sagte er und ffnete eine andere Schublade, aus
der er ein Bndel Zeichnungen herausholte, die er ihnen zur Ansicht
gab.

Sehr gut. Wirklich sehr gut, sagte Sir Charles. Ich mchte die Dame
kennen lernen.

Ich war oft nahe daran, sie zu verbrennen, sagte Trefusis. Aber sie
sind noch immer hier und werden auch wahrscheinlich hierbleiben. Das
Portrt ist viel bewundert worden.

Knnen Sie uns nicht mit dem Original einmal bekannt machen, alter
Freund? fragte Erskine.

Glcklicherweise nicht. Sie ist tot.

Sie waren unangenehm berhrt und sahen ihn einen Augenblick mit
Abneigung an. Dann wandte sich Erskine mitleidig und enttuscht zu dem
Bilde und sagte: Armes Mdchen! War sie verheiratet?

Ja. Mit mir.

Mrs.Trefusis! rief Sir Charles aus. Ach! Lieber Himmel!

Erskine, der jetzt einen Beweis vor sich hatte, da es auch einem
schnen Mdchen mglich war, Trefusis zu heiraten, sagte nichts.

Ich halte mir ihr Bild immer vor Augen, um meine natrliche
Verliebtheit zu bekmpfen. Ich verliebte mich in sie und heiratete sie.
Seitdem habe ich mich noch ein- oder zweimal verliebt, aber ein Blick
auf meine verlorene Hetty hat mich auch von der leisesten Neigung zu
heiraten, geheilt.

Sir Charles gab keine Antwort. Es kam ihm der Gedanke, da Lady
Brandons Bild, wenn sonst nichts mehr von ihr da sei, wohl in derselben
Art ntzlich sein werde.

Oh, Sie werden sich schon demnchst einmal wieder verheiraten, sagte
Erskine und zwang sich zu einem ermutigenden Tone.

Es ist mglich. Mnner sollten heiraten, besonders reiche Mnner. Aber
ich versichere Ihnen, augenblicklich habe ich keine Neigung, es zu tun.

Erskines Gesicht verdunkelte sich, und er ging zu dem Tisch, auf dem
die Albums lagen.

Dies ist die Sammlung von Photographien, von denen ich sprach,
sagte Trefusis, indem er ihm folgte und eins von den Bchern ffnete.
Viele von ihnen habe ich selbst aufgenommen, wobei mir das Licht
groe Schwierigkeiten machte -- die einzige Schwierigkeit, die Geld
nicht immer beseitigen konnte. Dies ist eine Ansicht von dem Hause
meines Vaters -- oder vielmehr von einem seiner Huser. Es kostete
fnfundsiebzigtausend Pfund.

Wirklich sehr hbsch, sagte Sir Charles voll innerlichem Widerwillen,
weil er eine Photographie eines gewhnlichen Landhauses, wie sie
Husermakler zeigen, bewundern sollte, einfach nur aus dem Grunde, weil
es fnfundsiebzigtausend Pfund gekostet hatte. Die Zahlen waren sogar
in das Bild hineingeschrieben.

Dies ist das Gesellschaftszimmer und dies eines der besten
Schlafzimmer. Auf der rechten Seite des Kartons finden Sie eine
Aufstellung ber die Kosten der Mbel, der Einrichtung, des Weizeugs
und so fort. Sie waren von der kostbarsten Art.

Sehr interessant, sagte Sir Charles und verbarg kaum die Ironie
seiner Bemerkung.

Hier ist eine Ansicht -- es ist dies der erste meiner Versuche -- des
Zimmers von einem der unteren Diener. Es ist bequem und gerumig und
solid ausgestattet.

Das sehe ich.

Dies sind die Stlle. Sind sie nicht hbsch?

Palastartig. Die reinen Sle.

Da ist jeder Luxus, den sich ein Pferd wnschen kann, einschlielich
einer Menge von Bedienten, um ihm aufzuwarten. Sie bemerken hoffentlich
die Zahlen. Es sind die Kosten des Gebudes und der jhrlichen Ausgaben
fr jedes Pferd.

Ich sehe es.

Hier ist das uere eines Hauses. Was halten Sie davon?

Es ist sehr malerisch in seinem verfallenen Zustand.

Malerisch! Wrden Sie darin leben wollen?

Nein, sagte Erskine. Ich sehe nichts wirklich Malerisches daran.
Was hat Sie denn veranlat, eine solche verkommene alte Ruberhhle zu
photographieren?

Hier ist eine Aufnahme des besten Zimmers darin. Die Photographie gibt
Ihnen ein treues Bild von dem zerbrochenen Fuboden und den verklebten
Fensterscheiben, aber den Schmutz und den Geruch in dem Zimmer mssen
Sie sich selber vorstellen. Einige von den Flecken kamen durch den
durchsickernden Regen, andere durch den Dunst und den Schmutz. Der
Hausverwalter hat das Haus von einem Pair und vermietet es weiter. Drei
Familien wohnten in diesem Zimmer, als ich es aufnahm. Sie knnen an
den Zahlen in der Ecke sehen, da es dem Besitzer mehr einbringt als
durchschnittlich ein Haus in den feineren Teilen Londons. Hier ist der
Keller. Er ist an eine Familie fr anderthalben Schilling die Woche
vermietet, was fr besonders billig gilt. Die Sonne scheint natrlich
niemals hier herein. Ich habe ihn bei Blitzlicht aufgenommen. Zu der
Miete mssen Sie den Betrag fr eine gengende Menge schlechten Bieres
hinzufgen, die den Mieter unempfindlich gegen den Schmutz in seiner
Wohnung macht. Bier ist das Chloroform, das den Arbeiter befhigt, die
schwierige Operation des Lebens auszuhalten. Deshalb knnen wir uns
auch immer, wenn wir beim Wein sitzen, gegenseitig versichern, das
Elend all dieser Lumpen komme nur durch das gewohnheitsmige Saufen.
Wir verbeln ihm das, denn wenn er das Leben ohne Bier ertragen knnte,
wrden wir das Geld fr das Bier sparen -- und ihn gegen niedrigere
Lhne kaufen knnen. Kurz gesagt, wir wrden reicher und er nchterner
sein. Hier ist der Hofraum, die Zustnde sind unbeschreiblich. Sieben
von den Bewohnern hatten vor Jahren in der Spinnerei meines Vaters
gearbeitet. Das heit, sie hatten einen groen Teil der ungeheuren
Geldsummen geschaffen, auf die ich Sie zu Ihrem Mivergngen vorhin
aufmerksam machte.

Das war ich nicht, sagte Sir Charles zaghaft.

Sie knnen sehen, wie sehr ihre Lage gegen die der Pferde meines
Vaters zurcksteht. Die sieben Mann, die ich erwhnte, wurden mit
dreihundert andern durch dieses hier auf die Strae gesetzt. Hier
schlug er ein Blatt um und zeigte die Photographie einer komplizierten
Maschine. Sie ermglichte es meinem Vater, auf ihre Dienste zu
verzichten und dafr ein paar Frauen und Kinder einzustellen. Er
hatte das Patent der Maschine fr fnfzig Pfund von dem Erfinder
gekauft, denn dieser war fast ruiniert durch die Ausgaben seiner
Erfinderttigkeit und wrde fr eine Handvoll bares Geld alles
geopfert haben. Hier ist ein Portrt meines Vaters in seinen
Freimaurerabzeichen. Er glaubte, da die Freimaurer im allgemeinen
in der Welt vorwrtskmen, und da es der Hauptplan seines Lebens
war, vorwrtszukommen, so trat er zu ihnen ber und wollte, da ich
dasselbe tun sollte. Aber ich wollte von diesen angeblich geheimen
Gesellschaften und ihrem Hokuspokus nichts wissen und weigerte
mich. Sie sehen, was er war -- ein wrdevoller, unternehmender,
selbstschtiger Geschftsmann. Betrachten Sie den erfolgreichen Mann,
den kniglichen Kaufherrn mit Schiffen auf allen Meeren, den Brotherrn
von Tausenden von Arbeitern, den freigebigen Wohltter bei allen
Veranstaltungen ffentlicher Mildttigkeit, den Kirchenvorsteher, den
Parlamentsabgeordneten, den mildttigen Freund seiner Verwandten --
seine Selbstgerechtigkeit lag immer im Kampf mit seiner angeborenen,
niedrigen Geldgier -- den unwissenden und unersttlichen Ausbeuter
fremder Arbeit, den Mann, der seine eigene Meinung und seine Wrde fr
Luxus und Delikatessen verkaufte, die zu genieen er viel zu grob war,
und fr die Gesellschaft von Leuten, die ihm seine niedrige Herkunft
bei jeder Gelegenheit zu verstehen gaben --

Und den Mann, dem Sie alles verdanken, was Sie besitzen, sagte
Erskine grob.

Ich besitze sehr wenig. Alles, was er mir hinterlie, habe ich mit
Ausnahme von ein paar Gemlden lngst ausgegeben, und auch das wurde
durch seine Sklaven und nicht durch ihn erworben. Mein Reichtum kommt
jeden Tag frisch durch die Arbeit der armseligen Menschen, die in
solchen Hhlen wohnen, wie ich sie Ihnen vorhin zeigte, oder von ein
paar Aristokraten der Arbeit, die sich vielleicht zehn Schilling die
Woche besser stehen. Indessen gibt es eine Entschuldigung fr meinen
Vater. Ich geriet einmal bei einem Wahltumult in einen offenen Kampf.
Ich bin ein friedfertiger Mensch, aber da ich mich wehren mute, wenn
ich nicht niedergeschlagen und mit Fen getreten werden wollte,
so schlug ich mich mit Mnnern, die vielleicht ebenso friedfertig
veranlagt waren wie ich selbst. Mein Vater, der in einen freien
Wettbewerb geriet -- frei in dem Sinne, da der Kampf frei, das heit
durch kein Gesetz gehindert ist -- mein Vater hatte die Wahl, entweder
selbst ein Sklave zu sein oder die andern zu Sklaven zu machen. Er
whlte das letztere, und da er Beifall erhielt und hoch gepriesen
wurde, weil er Erfolg hatte, wer darf ihn da tadeln? Ich nicht.
brigens tat er auch etwas, um die Anarchie zu zerstren, die es ihm
ermglichte, die Gesellschaft so ungestraft auszuplndern. Er stattete
mich, seinen Feind, mit der mchtigen Waffe eines groen Vermgens aus.
So brtet unser System, die Industrie zu entwickeln, oft selbst die
Eier aus, aus denen seine Zerstrer hervorbrechen. Trgt Lady Brandon
viele Spitzen?

Ich -- Nein, das heit -- Wie zum Kuckuck soll ich das wissen,
Trefusis? Welch eine merkwrdige Frage?

Dies ist die Photographie einer Hkelschule. Es war ein schmutziger,
zwlf Quadratfu groer Raum. Er war mit Ziegelsteinen gepflastert,
und die Kinder durften nicht ihre Schuhe tragen, damit die Spitzen
nicht schmutzig wurden. Da aber dort zwanzig Kinder -- alles Mdchen
-- fnfzehn Stunden tglich arbeiteten, litten sie nicht sehr durch
die Klte. Sie waren hbsch eng zusammengepackt -- oder mgen es noch
sein, was wei ich. Sie brachten mitunter drei oder vier Schilling in
der Woche ihren zrtlichen Eltern heim, denn sie hatten flinke Finger,
die kleinen Geschpfe, und arbeiteten fleiig, weil die Aufseherin sie
jedesmal schlug, wenn sie aufsahen oder --

Trefusis, sagte Sir Charles und entfernte sich von dem Tische,
ich bitte Sie um Verzeihung, aber ich habe keine Lust, jetzt solche
abscheulichen Dinge zu genieen. Sie mssen mich wirklich nicht bitten,
Ihre Sammlung durchzugehen. Sie ist zweifellos interessant, aber ich
kann sie nicht ertragen. Haben Sie nichts Angenehmes, um mich damit zu
unterhalten?

Pah! Sie ekeln sich. Immerhin, Sie sind ein Neuling, und wir
wollen uns das brige aufheben, bis Sie sich daran gewhnt haben.
Die Bilder sind durchaus nicht so schrecklich. Jeder Band befat
sich mit einem andern Lande. Dieses zum Beispiel enthlt Bilder zu
der modernen Zivilisation in Deutschland. Das da ist Frankreich --
das Britisch-Indien. Hier haben Sie die Vereinigten Staaten von
Amerika, die Heimat der Freiheit, die Schaubhne des allgemeinen
Wahlrechts, das knigslose und adellose Land des Schutzzolls, des
Republikanismus und des durchgefhrten radikalen Programms, wo man
alle schwarzen Haussklaven in Lohnsklaven verwandelt hat (grade wie
die weien Sklaven meines Vaters). Diese Befreiung der Sklaven in
Amerika hat achthunderttausend Menschenleben und einen unberechenbaren
Wohlstand gekostet. Sie und ich, wir sind Bettler im Vergleich mit
den Grokapitalisten jenes Landes, wo die Arbeiter mit den Chinesen
wie Hunde um einen Knochen kmpfen. Viele von diesen groen Mnnern
versahen mich mit Photographien ihrer Jachten und Palste und hatten
keine Ahnung, welchen Gebrauch ich davon machen wrde. Hier sind einige
Portrts, die Ihre Gefhle nicht verletzen werden. Dies ist meine
Mutter, eine Frau aus guter Familie, jeder Zoll eine Lady. Hier ist ein
Mdchen aus Lancashire, die Tochter eines gewhnlichen Bergarbeiters.
Sie hat krperlich genau dieselben Merkmale wie meine adelige Mutter
-- denselben kleinen Kopf, zarte Gesichtszge und so fort. Sie knnten
Schwestern sein. Diese beiden Mnner mit den Halunkengesichtern sehen
wie Zwillingsbrder aus, nur da der auf der rechten Seite gute Laune
in seinen Gesichtszgen hat. Der gutgelaunte ist ein Schiffer auf dem
Lyvernkanal, der andere gehrt dem hchsten englischen Adel an. Sie
zeigen, da die Natur, selbst wenn sie Generationen lang durch Hunger
und Elend verdorben ist, sich doch nicht an die Unterscheidungen kehrt,
die wir zwischen den Menschen errichten. Diese Gruppe von Mnnern und
Frauen, alle ertrglich intelligent und von gedankenvollen Gesichten,
sind sogenannte Feinde der Gesellschaft -- Nihilisten, Anarchisten,
Anhnger der Kommune, Mitglieder der Internationale und so weiter.
Diese andern armen Teufel, abgeplagt, gezwungen, skrofuls, unbeholfen,
geistlos und sogar gewhnlich -- nur hier und da ist eine halbwegs
hbsche Frau darunter, sind europische Knige, Kniginnen, Groherzge
und dergleichen. Hier sind Schiffskapitne, Verbrecher, Dichter,
Mnner der Wissenschaft, Pairs, Bauern, Nationalkonomen und Vertreter
aller mglichen Berufe. Der Zweck der Sammlung ist, die natrliche
Ungleichartigkeit der Menschen zu zeigen und das Verfehlte einer
knstlichen Ungleichartigkeit zu beweisen.

Es scheint mir eine Art hllischer Sammlung zu sein, um die Ansichten
der Leute zu verwirren, sagte Erskine. Sie sollten es eine
Paradoxenmappe nennen.

In einem vernnftigen Gesellschaftszustand wrden sie Paradoxe sein,
aber so beweist die Zeit ihre Richtigkeit, grade wie bei Hamlets
Paradox. Sie ist aber eine Sammlung von Tatsachen, und ich will ihr
keinen Phantasienamen geben. Sie lieben keine Zahlen?

Ich liebe die Kunst.

Hier sind ein paar Zahlen, und es ist keine Kunst dabei. Dies ist
die Bilanz eines Versuches, den ich vor Jahren machte, um die Idee
der Internationalen Vereinigung der Arbeiter -- gewhnlich unter dem
Namen die Internationale bekannt -- auszufhren, der Vereinigung
aller Arbeiter in der ganzen Welt, um die Interessen der Arbeit zu
verteidigen. Sie sehen das Ergebnis. Ausgaben: viertausendfnfhundert
Pfund. Zeichnungen von Arbeitern zweiundzwanzig Pfund, sieben Schilling
und zehn und einen halben Penny. Die englischen Arbeiter zeigten ihr
Verstndnis fr meine Bemhungen, sie freizumachen, indem sie mich
anklagten, ich wollte die Vereinigung benutzen, um meine eigene Tasche
zu bereichern. Sie schmhten und steinigten mich. Jetzt helfe ich ihnen
nur noch, wenn sie die Neigung zeigen, sich selbst zu helfen. Ich
beschftige mich zum Teil damit, einen Plan zur Neugestaltung unserer
Industrie auszuarbeiten, dann aber greife ich auch meine eigene Klasse
mit Frauen und allem an, gradeso wie ich Sie angreife.

Ich frchte, es hat wenig Zweck, uns anzugreifen, sagte Sir Charles.

Es hat viel Zweck, entgegnete Trefusis zuversichtlich. Sie haben
jetzt eine ganz andere Ansicht von unserer prahlerischen Kultur
wie damals, als ich Ihre Mauer niederri und diese Fanatiker der
Bodenreform einlud, ber ihre Spielpltze zu gehen! Sie haben in meinem
Album etwas gesehen, was Sie vor einer Stunde noch nicht kannten, und
Sie sind infolgedessen nicht mehr derselbe Mensch, der Sie vor einer
Stunde waren. Meine Bilder haften lnger in meinem Gedchtnis als Ihre
gekritzelten Radierungen oder die verschwommenen Sachen, in deren Grau
Sie sich einbilden, zarte Harmonien zu sehen. Erskines nchstes Drama
mag wieder die Freiheit zum Vorbild nehmen, aber seine patriotischen
Mrtyrer werden dann etwas Besseres zu tun haben, als ein unsinniges
Geschwtz gegen Puppenknige zu richten, die in ihrem ganzen Leben im
geheimen nicht so viele feige Gemeinheit, Habgier, Grausamkeit und
Tyrannei geplant haben, als es bei jeder Halbjahrsversammlung von
einem Dividenden verschluckenden Gewrm offen beschlossen wird, deren
armselige Lohnsklaven sich sechszehn von den vierundzwanzig Stunden
abschinden mssen.

Und was soll das Ende von dem allen sein? fragte Sir Charles etwas
verwirrt.

Sozialismus oder Zerstrung. Sozialismus, wenn der Kampf schlielich
die Fhigkeit entwickelt, die Aufgaben der Gesellschaft zu ordnen;
denn die Gesellschaft ist zu bervlkert und zu kompliziert, um noch
lnger nach dem alten Zufallssystem des Privateigentums geleitet zu
werden. Wenn wir nicht unsere Gesellschaft sozialistisch neuordnen
-- vom menschlichen Standpunkt aus ein sehr erhabenes und prchtiges
Unternehmen, volkswirtschaftlich ein sehr einfaches und gesundes --
dann wird der Freihandel durch sich selbst England zugrunde richten,
und ich will Ihnen genau sagen, auf welche Weise. Als mein Vater sein
Vermgen erwarb, hatten wir einen Vorsprung vor allen andern Vlkern
durch die Entwicklung unserer Industrie und den Reichtum an Eisen
und Kohle. Andere Vlker kauften unsere Erzeugnisse billiger, als
wenn sie sie selbst hervorgebracht htten, und doch noch so hoch ber
unserm Herstellungspreis, da der Verdienst unsere Kapitalisten wie
eine Meeresflut berfiel. Als die Arbeiter durch ihre Gewerkschaften
ihren Anteil an dem Segen in Form von Lohnerhhungen verlangten,
war es billiger, ihnen das wenige, was sie zu verlangen wagten, zu
bewilligen, als den Goldstrom zum Stillstand zu bringen und sie zu
bekmpfen und sie zu zerschmettern. Aber jetzt haben unsere Kunden in
ihren eigenen Lndern unsere industriellen Methoden nachgeahmt und
verbessert, und sie haben Pltze entdeckt, an denen man Kohle und
Eisen noch billiger haben kann als heute in England. Sie produzieren
fr sich selbst, oder kaufen das, was sie frher bei uns gekauft
haben, anderswo. Unser Verdienst verschwindet, unsere Maschinen
stehen still, unsere Arbeiter liegen auf der Strae. Heute macht
es sich bezahlt, die Fabriken zu schlieen und die Gewerkschaften
zu bekmpfen und zu zerstren, wenn die Mnner nicht etwa fr eine
Lohnerhhung, sondern gegen eine Lohnherabsetzung streiken. Jetzt, da
diese Gewerkschaften geschlagen werden und hilflos in dem Mae, in
dem die Zahl der Arbeitslosen in ihren Reihen zunimmt, dem Bankrott
entgegengehen, jetzt werden sie von unserer Klasse gehtschelt und
gepriesen -- ein unfehlbares Zeichen, da sie in ihrer Aufgabe,
uns zu vernichten, keine weiteren Fortschritte machen. Die kleinen
Kapitalisten hat die Ebbe auf den Strand gesetzt, die groen folgen
der Strmung des Wassers und bauen ihre Werke da, wo Dampfkraft,
Wasserkraft, Arbeitskraft und Gterbefrderung billiger sind als in
England, das frher in diesen Dingen am billigsten war. Die Arbeiter
werden mit den Fabriken auswandern, aber sie werden sich immer noch
strker vermehren, als sie auswandern, und man wird ihnen vorwerfen,
da sie durch ihre malosen Lohnansprche das Kapital ins Ausland
trieben. Und das wird so weiter gehen, solange noch ein Chinese oder
Indier unbeschftigt ist und sie unterbietet. Wenn die englischen
Fabriken geschlossen sind, werden sie durch Villen ersetzt werden.
Die Industriegegenden werden sich in elegante Aufenthaltsorte fr
Kapitalisten verwandeln, die von den Ertrgnissen ihrer auslndischen
Anlagen leben. Die Bauerngter und Viehwirtschaften werden zerstrt
und in Jagdgrnde verwandelt. Alle Dinge, die irgendwie an andern
Orten hergestellt werden knnen als dort, wo sie gebraucht werden,
kommen von auswrts. Sie sind eine Bezahlung fr die Benutzung der
Jagdgrnde durch auslndische Jagdliebhaber oder fr die Dividenden
der in England lebenden Kapitalisten. Aber da diese Kapitalisten
ihre Unternehmungen im Auslande haben, so wird die Einfuhr nicht
durch eine Ausfuhr bezahlt, denn fr Mieten und Zinsen wird berhaupt
kein Gegenwert gegeben. Diese Tatsache wollen die Freihandelsmnner
nicht einsehen oder wenigstens nicht eingestehen, obgleich sie der
Schlssel zu dem ganzen Geheimnis ihrer Gegner ist. Man wird strmisch
nach Zollschutz verlangen. Aber keiner will zu einem nachweislich
unvernnftigen Mittel seine Zuflucht nehmen, das zuerst die Preise
erhht und dann erst die Lhne, und das nirgendwo den Arbeiter geholfen
hat. Es wird nur noch solche Beschftigung geben, die an Ort und
Stelle getan werden mu, wie das Auspacken und Verteilen der Einfuhr,
das Bedienen der Eigentmer als Haussklaven, das Theaterspielen,
Predigen, Straenpflastern, Laternenanznden und so weiter. Und auch
in diesen Berufen werden immer weniger Leute beschftigt werden,
da die Kapitalisten zu der Erkenntnis kommen, da der bertriebene
Prunk nicht vornehm ist, und ein einfacheres Leben genieen werden.
Ein ungeheueres Proletariat, das sich zuerst aus den frheren
Arbeitern in der Exportindustrie entwickelt hat, wird mit seiner
Nachkommenschaft dauernd ohne Beschftigung sein. Sie werden ihren
Anteil an dem Land und an den Maschinen verlangen, um fr sich selbst
zu produzieren, und man wird sie zurckweisen. Dann zerschlagen sie ein
paar Fensterscheiben und werden zerstreut. Ihre Fhrer bekommen eine
Warnung. Sie stecken einige Huser in Brand, ermorden einen oder zwei
Polizisten, und jetzt wird an denen, die man verwarnt hat, ein Exempel
statuiert. Sie machen einen Aufstand, werden mit Maschinengewehren
niedergeschossen -- aus dem Lande verjagt und irgendwie und irgendwo
vernichtet. Denn die besitzenden Klassen denken gar nicht daran und
sehen auch keine Mglichkeit, anders den berechtigten Ansprchen der
Arbeiter nachzukommen. Sie selbst, Sie haben nur zu leicht fnfzig
Pfund fr Jansenius' Auswanderungsfonds gegeben, aber Sie wrden
Polizei, Militr und die Aufstandsgesetze anrufen, wenn die Leute
nach Brandon Beeches kmen und Sie aufforderten, auszuziehen und
mit den andern fr ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Nun, wenn das
berflssige Proletariat vernichtet ist, dann bleibt eine Bevlkerung
von Kapitalisten brig, die von einer unverdienten Einfuhr lebt und
von einem unzufriedenen Gefolge bedient wird. Eines Tages wird die
unverdiente Einfuhr aufhren, vielleicht weil drauen Revolutionen
oder Staatsbankrotte ausgebrochen sind, weil der Zinsfu fllt, weil
Regierungen die Unternehmungen fr lumpige Summen bernehmen, die
man dann anderweitig nicht wieder anlegen kann, oder aus sonstigen
Grnden. Unsere Kapitalistengemeinschaft ist dann auf den Rest der
letzten Dividende angewiesen, die sie lngst verzehrt hat, ehe sie die
zerstrten Maschinen wiederhergestellt hat, um sich durch eigene Arbeit
am Leben zu erhalten. Pferde, Hunde, Katzen, Ratten, Brombeeren, Pilze
und Kannibalismus schieben dann das Ende hinaus, bis --

Hah! ha! ha! rief Sir Charles laut. Bei meiner Ehre, Trefusis, ich
dachte anfangs, Sie redeten ernst. Aber jetzt gestehen Sie nur, Sie
alter Bursche, es war alles Spa von Ihnen. Ich hatte Sie halb im
Verdacht, Sie seien etwas verdreht. Und er blinzelte Erskine zu.

Was ich jetzt beschrieben habe, ist das unausbleibliche Ende unserer
heutigen Freihandelspolitik ohne Sozialismus. Die Theorie des
Freihandels ist nur auf ein Austauschsystem anwendbar, nicht auf eins
der Ausbeutung. Wir haben ein Ausbeutungssystem, und wenn wir es nicht
verlassen, mssen wir entweder zum Zollschutz zurckkehren oder auf
die Art, die ich soeben dargelegt habe, zugrunde gehen. Nun wrde der
Cobden Klub, ehe er die Anhnger des Schutzzolls triumphieren liee,
lieber selbst unter das Volk gehen und den Arbeitern zeigen, da
Schutzzoll die englischen Besitzer zwingt, Sklaven zu beschftigen,
die in England wohnen, und die daher wahrscheinlich -- wenn auch nicht
notwendigerweise -- Englnder sein mssen. Das wrde schlielich dem
Volke die Augen darber ffnen, da es gar nicht im Besitze Englands
ist. Wenn sie das erst begriffen haben, werden sie es bald zu ihrem
Eigentum machen, und wenn erst England der Gemeinbesitz seiner Bewohner
ist, dann wird England sozialistisch. Die knstliche Ungleichheit
wird vor der wirklichen Vertragsfreiheit verschwinden. Ein freier
Wettbewerb, ein ungehindertes Nacheifern werden uns vorwrtsbringen,
und der Freihandel wird endlich seine Versprechungen erfllen.

Und die Faulenzer und Bummler, fragte Erskine. Was wird aus denen?

Sie und ich natrlich, sagte Trefusis, wir werden wohl verhungern
mssen, wenn wir es nicht vorziehen, zu arbeiten, oder wenn man uns
nicht mit Rcksicht auf unsere schlechte Erziehung untersttzt.

Glauben Sie, man wird uns ausplndern? fragte Sir Charles.

Ich glaube, man wird uns daran hindern, die andern weiter
auszuplndern. Wenn die Arbeiter Bedenken tragen, uns bis aufs Hemd
auszuziehen oder uns die Kehlen abzuschneiden, falls wir den geringsten
Widerstand leisten, dann zeigen sie uns mehr Erbarmen, als wir ihnen je
gezeigt haben. Denken Sie daran, was wir getan haben, um unsere Zinsen
aus Irland und Schottland zu holen und unsere Dividenden aus gypten,
falls Sie meine Photographien und ihre Belehrung ber unsere heimische
Grausamkeit vergessen haben. Ermorden wir nicht die groe Masse dieser
armen Arbeiter durch berarbeit und Bedrckung? Ihre durchschnittliche
Lebenszeit ist nicht halb so lang wie unsere, obgleich die menschliche
Natur in uns dieselbe ist wie in ihnen. Wenn wir ihrem Ansturm
widerstehen, wenn es uns gelingt, die Ordnung wiederherzustellen,
wie wir das nennen, dann werden wir sie erbarmungslos fr ihre
Unbotmigkeit bestrafen, grade wie wir es 1871 in Paris taten, wo wir
ihnen brigens auch lehrten, wie tricht es ist, seinen Feinden Pardon
zu geben. Wenn sie uns berwinden, dann werden wir unsere Schlge
bekommen, und es geschieht uns ganz recht. Da ist es doch viel besser,
schon jetzt vernnftig zu sein und Blutvergieen zu vermeiden. Nicht
wahr, Erskine?

Erskine berlegte grade, welche Antwort er geben sollte, als ihn
Trefusis aus der Fassung brachte, indem er klingelte. Gleich darauf
erschien eine ltliche Frau, die einen lnglichen Tisch vor sich
herschob, der wie ein Handwagen auf Rdern ging.

Danke sehr, sagte Trefusis und entlie sie. Hier ist guter Wein,
gutes Wasser, gutes Obst und gutes Brot. Ich wei, da Sie am Wein
hngen wie an einer guten, gewohnten Herzstrkung. Was mich angeht, so
mache ich keinen Unterschied zwischen ihm und andern Pflanzengiften.
Ich geniee sie niemals. Wasser zur Beruhigung, Wein zur Anregung. In
mir sprudeln genug Quellen der Anregung, ich habe niemals Mangel daran
und brauche nur nach Beruhigung zu suchen. Indessen -- hier entkorkte
er die Flasche, ein voller Becher hiervon wird Sie fr wenigstens
eine halbe Stunde sich wie Gtter fhlen lassen. Sollen wir auf Ihre
Bekehrung zum Sozialismus trinken?

Sir Charles schttelte den Kopf.

Wie, Mr.Donovan Brown, der groe Knstler, ist ein Sozialist, warum
sollten Sie keiner sein?

Donovan Brown? rief Sir Charles interessiert aus. Ist das mglich?
Kennen Sie ihn persnlich?

Hier sind verschiedene Briefe von ihm. Sie knnen sie lesen. Schon das
einfache Autograph eines solchen Mannes ist interessant.

Sir Charles nahm die Briefe und las sie aufmerksam durch, whrend ihm
Erskine ber die Schulter sah.

Ich stimme vollstndig mit allem berein, was er hier sagt, bemerkte
Sir Charles. Es ist ganz richtig.

Natrlich stimmen Sie mit uns berein. Donovan Browns Bedeutung als
Knstler hat mir einen Rekruten erworben, und Ihre Bedeutung als
Baronet wird mir noch mehrere gewinnen.

Aber --

Aber was? sagte Trefusis und ffnete schnell eins von den Albums, da
das Bild eines widerlichen Zimmers zeigte. Sie sind doch hiergegen,
nicht wahr? Donovan Brown ist dagegen, und ich bin dagegen. Sie mgen
sonst in allem anderer Meinung sein, aber Sie sind doch auf unserer
Seite. Nicht wahr?

Aber es kann die Folge von Trunksucht, Gleichgltigkeit oder --

Das Einkommen meines Vaters war fnfzigmal so gro wie das von Donovan
Brown. Glauben Sie, da Donovan Brown fnfzigmal so trunkschtig und
gleichgltig wie mein Vater war?

Gewi nicht. Ich leugne auch gar nicht, da vieles richtig ist an
dem, was Sie sagen. Aber Sie verlangen da von mir einen sehr wichtigen
Schritt.

Durchaus nicht. Ich verlange gar nicht, da Sie sich durch Ihre
Unterschrift, Ihren Beitritt oder eine Brgschaft an irgendeiner
Gesellschaft oder einer Verschwrung beteiligen sollen. Ich mochte
nur Ihren Namen zur Erwhnung gegenber solchen Feiglingen, die den
Sozialismus fr ganz richtig halten, aber ihn nicht bekennen wollen,
weil sie ihn nicht fr geachtet ansehen. Sie werden sich nicht mehr
ihrer berzeugung schmen, wenn sie hren, da ein Baronet sie teilt.
Sie sehen also, da Ihnen der Sozialismus schon etwas bietet, er gibt
Ihrem sonst wertlosen Titel einen wirklichen Wert.

Sir Charles errtete ein wenig und wurde sich bewut, da das Beispiel
seines Lieblingsmalers ihn mehr beeinflut hatte als seine eigene
berzeugung oder die Beweise Trefusis'. Was meinen Sie, Chester?
fragte er. Wollen Sie sich anschlieen?

Erskine ist schon durch seine verffentlichten Schriften dafr
bekannt, da er fr die Sache der Freiheit eintritt, sagte Trefusis.
Drei von den Broschren auf diesem Bchergestell zitieren die
patriotischen Mrtyrer.

Erskine wurde rot, da es ihm schmeichelte, da er zitiert worden war.
Diese Aufmerksamkeit war ihm erst einmal zuteil geworden, und zwar
durch einen Kritiker, der dadurch zeigen wollte, da die patriotischen
Mrtyrer nachlssig geschrieben seien.

Nun? fragte Trefusis. Soll ich Donovan Brown schreiben, da seine
Briefe die aufrichtigste Zustimmung und Sympathie von Sir Charles
Brandon gefunden haben?

Gewi, gewi. Das heit, wenn mein unbekannter Name fr ihn im
geringsten von Interesse ist.

Gut, sagte Trefusis und fllte sein Glas mit Wasser. Lat uns mit
unserm Bruder Sozialdemokrat anstoen.

Erskine lachte laut, aber gezwungen. Welch ein Esel sind Sie,
Brandon! sagte er. Sie, mit Ihrem groen Landbesitz und Scken
von Gold, die in Eisenbahnen angelegt sind, Sie nennen sich einen
Sozialdemokraten. Wollen Sie alles verkaufen und verteilen nach dem
Wort: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen? --

Keinen Pfennig, erwiderte Trefusis schnell fr Sir Charles. In
diesem Lande kann ein Mann kein Christ sein. Ich habe es versucht und
gefunden, da es unmglich ist, sowohl wegen der Gesetze als auch
wegen der Zustnde. Ich bin ein Kapitalist und ein Grundbesitzer. Ich
habe Eisenbahnaktien, Grubenaktien, Gebudeaktien, Bankaktien und
Aktien von fast jeder Art, und sie machen mir die grten Sorgen. Aber
diese Aktien sind ja kein wirklich existierender Reichtum. Sie sind
nur ein Pfandbrief auf die Arbeit von ungeborenen Generationen von
Arbeitern, die arbeiten mssen, um mich und die Meinen in Miggang
und Luxus zu erhalten. Wenn ich sie verkaufte, wrde dann wohl der
Pfandbrief ungltig gemacht und die ungeborenen Generationen aus ihrer
Knechtschaft befreit werden? Nein. Er wrde nur in die Hnde eines
andern Kapitalisten bergehen, und die arbeitende Klasse wre durch
meine Selbstaufopferung nicht besser daran. Sir Charles kann nicht dem
Gebot Christi folgen, er soll es nur einmal versuchen! Er mag sein
Land fr einen ffentlichen Park hergeben, aber nur die reicheren
Klassen werden die Mue haben, ihn zu genieen. Und wenn er ihn dicht
bei den Wohnungen der Armen anlegt, damit sie wenigstens seine Luft
einatmen, so wird er nur den Wert der umliegend Huser steigern und
die Armen daraus vertreiben. Lassen Sie ihn eine Schule fr die Armen
ausstatten, wie Eton oder Christs Hospital, und die Reichen werden
sie fr ihre eigenen Kinder nehmen, grade wie in den zwei soeben
genannten Fllen. Sir Charles will nicht die Armut pflegen, sondern sie
zerstren. Es ist gleichgltig, wieviel Sie den Armen geben, alles,
mit Ausnahme der nacktesten Existenzmittel, wird ihnen mit Gewalt
wieder abgenommen. Alles Reden ber praktisches Christentum oder selbst
einfache Gerechtigkeit ist heute nur Verschwendung von Worten. Wie
knnen Sie einem Arbeiter einen gerechten Lohn geben, wenn Sie dank
der allgemeinen Gewohnheit, ihm seine Arbeit zu stehlen, ihren Wert
gar nicht festsetzen knnen? Ich wei das aus Erfahrung. Ich wollte
den richtigen Preis fr das Grabmal meiner Frau bezahlen, aber ich
konnte seinen Wert nicht herausfinden und werde es auch nie knnen.
Der Grundsatz, nach dem wir unsere nationale Industrie einzelnen zur
Ausplnderung verpachten, die sich fr die Rente durch Erpressungen
entschdigen, hat uns so verdorben und schlecht gemacht, da wir gar
nicht mehr ehrenhaft sein knnen, selbst wenn wir es wollen. Und der
Grund, weshalb wir das so ruhig ertragen, ist, weil sehr wenige es
wirklich anders wollen.

Ich mu diese wichtige Frage studieren, sagte Sir Charles unruhig und
fllte seinen Becher wieder. Knnen Sie mir ein gutes Buch ber den
Gegenstand empfehlen?

Jede gute Abhandlung ber Nationalkonomie gengt, sagte Trefusis.
In der konomischen Wissenschaft fhren alle Wege zum Sozialismus,
obgleich in neun von zehn Fllen der Studierende nicht sein Ziel
erkennt und den Fluch auf sich ldt, den Jeremias ber die ausspricht,
die gegen Belohnung die Bsen in Schutz nehmen. Ich werde Ihnen ein
oder zwei Bcher aussuchen. Und wenn Sie das nchste Mal, da Sie in
London sind, Donovan Brown aufsuchen, so wird er sich, das wei ich
sicher, sehr freuen. Er trifft sich mit sehr wenigen Mnnern, die
sowohl mit seiner sozialen als auch seiner knstlerischen Anschauung
bereinstimmen.

Sir Charles Augen glnzten, als er an Donovan Brown erinnert wurde.
Ich werde mir eine Einfhrung bei ihm zu hoher Ehre anrechnen, sagte
er. Ich hatte keine Ahnung, da er ein Freund von Ihnen war.

Ich war ein sehr ttiger junger Sozialist, als ich ihn zum erstenmal
traf, sagte Trefusis. Als Brown noch unbekannt und ein erbrmlich
armer Mann war, kaufte meine Mutter auf Bitten eines seiner Freunde
aus Barmherzigkeit eins seiner Bilder fr dreiig Pfund, und er war
sehr froh, das Geld zu bekommen. Nach zehn Jahren, als meine Mutter
tot und Brown berhmt war, wurden mir achthundert Pfund fr dieses
Bild angeboten, das brigens nach meiner Meinung ein sehr schlechtes
war. Nun wrde, wenn ich auch den gewhnlichen, ungerechtfertigten
Abzug machte, fr die Zinsen der dreiig Pfund whrend der zwlf
Jahre, die ungefhr verflossen waren, mir der Verkauf des Bildes doch
noch einen Verdienst von ber siebenhundertundfnfzig Pfund gebracht
haben, eine unverdiente Bereicherung, auf die ich keinen Anspruch
hatte. Mein Anwalt, demgegenber ich die Sache erwhnte, meinte, ich
knnte mit Recht die siebenhundertundfnfzig Pfund einstecken. Meine
Mutter habe sie durch ihre Mildttigkeit verdient, mit der sie ein
voraussichtlich wertloses Bild von einem unbekannten Maler kaufte.
Er berzeugte mich aber nicht davon, da ich ein Recht htte, mir
die Tugenden meiner Mutter bezahlen zu lassen, obgleich wir darin
bereinstimmten, da weder ich noch meine Mutter irgendeine Vergtung
in Form von Vergngen bei der Betrachtung des Bildes empfangen hatten,
denn es war seit seiner Erwerbung durch das Blindwerden der Farben im
hohen Mae verdorben. Schlielich ging ich mit dem Bilde nach Browns
Atelier. Ich sagte ihm, es habe fr mich keinen Wert, da ich es fr ein
besonders schlechtes Bild halte, und er sollte es fr fnfzehn Pfund,
die Hlfte des frheren Preises, zurckhaben. Er sagte mir sofort, ich
wrde von jedem Hndler mehr dafr bekommen, als er selbst mir geben
knnte. Aber er sagte auch, ich htte kein Recht, mit seiner Arbeit
ein Geschft zu machen, und er bot mir den Originalpreis von dreiig
Pfund an. Ich nahm sie und sandte ihm dann den Mann zu, der mir die
achthundert angeboten hatte. Zu meinem Verdru weigerte sich Brown,
das Bild berhaupt zu verkaufen, weil er es fr seiner unwert hielt.
Der Mann bot bis fnfzehnhundert Pfund, aber Brown blieb standhaft,
und so fand ich, da ich ihm nicht nur keine siebenhundertundsiebzig
Pfund in die Tasche gesteckt, sondern ihm sogar dreiig weggenommen
hatte. Ich bot ihm daher an, die dreiig Goldstcke zurckzugeben.
Brown empfand dieses Anerbieten als eine Beleidigung und lehnte jede
weitere Auseinandersetzung mit mir ab. Dann bestand ich darauf,
da die Angelegenheit dem Schiedsgericht unterworfen werde, und
verlangte fnfzehnhundert Pfund als den vollen Handelswert des
Gemldes. Alle Schiedsrichter fanden das ungeheuerlich, worauf ich
mich damit zufriedengab, wenn sie mein Anrecht auf den Handelswert
nicht anerkennen wollten, dann sollten sie mir wenigstens mein Anrecht
auf den Gebrauchswert anerkennen. Sie stimmten dem zu und setzten
ihre Entscheidung fr vierzehn Tage aus, um Adam Smith zu lesen und
zu entdecken, was in aller Welt ich mit meinen Gebrauchswerten und
Handelswerten meinte. Ich zeigte ihnen darauf, da das Gemlde fr mich
keinen Gebrauchswert habe, da ich es nicht liebte, da ich daher zu gar
nichts berechtigt sei und Brown die dreiig Pfund zurcknehmen mte.
Sie freuten sich, mir dies auch zuzugeben, da sie alle Kunstfreunde
von Brown waren und nicht wnschten, da er bei dem Handel sein
Geld verlre, obgleich sie heimlich ebenso wie ich das Bild fr ein
schlechtes hielten. Hierauf wurden Brown und ich sehr gute Freunde. Er
duldete anfangs meine Annherung, damit es nicht ausshe, als ob er
ber die Herabsetzung seines Werkes beleidigt sei. Nach und nach ging
er zu meinen Ansichten ber, gradeso wie Sie es getan haben.

Das ist sehr interessant, sagte Sir Charles Wie vornehm --
fnfzehnhundert Pfund zurckzuweisen! Er konnte sie wahrscheinlich gut
gebrauchen.

Heldenhaft war es -- nach den Ansichten des neunzehnten Jahrhunderts
ber Heldentum. Aus freien Stcken auf eine Gelegenheit, Geld
zu verdienen, zu verzichten. Das ist das =non plus ultra= des
Mrtyrertums. Browns Frau war sehr bse ber ihn, weil er so gehandelt
hatte.

Es ist eine interessante Geschichte -- oder knnte als eine solche
gelten, sagte Erskine. Aber Sie machen mich ganz verdreht mit Ihrem
verdammten Wertaustausch und dergleichen Unsinn. Alles ist bei Ihnen
eine Zahlenfrage.

Das kommt daher, weil ich kein Poet bin, sagte Trefusis. Aber wir
Sozialisten sollten die romantische Seite unserer Bewegung studieren,
um die Frauen zu gewinnen. Wenn Sie eine Sache gro machen wollen, dann
interessieren Sie jedes weibliche Wesen dafr. Sie ist verheiratet
oder wird es eines Tages sein, und dann widerspricht sie ihrem Mann
mit Fetzen aus unsern Beweisgrnden. Ein Wortstreit wird folgen, und
ihr Sohn wird zuhren und zu denken anfangen, wenn er berhaupt dazu
fhig ist. So setzen sich unsere Ideen in die Kpfe der Leute. Ich habe
schon manches junge Mdchen bekehrt. Die meisten wissen nicht mehr von
der volkswirtschaftlichen Theorie des Sozialismus, als sie von Chalda
wissen, aber sie frchten und verurteilen nicht mehr lnger diesen
Namen. Oh, ich versichere Ihnen, es kann auf diesem Gebiete viel von
Mnnern getan werden, die nicht ngstlich vor Frauen sind und Zeit
haben, ruhig zu warten, bis ihre ausgestreute Saat aufgegangen ist.

Nehmen Sie sich in acht. Eine von Ihren weiblichen Proselyten wird
einmal die Oberhand ber Sie bekommen. Der zuknftige Ehemann, dem man
widerspricht, kann auch Sidney Trefusis sein. Ha, ha, ha! Sir Charles
hatte ein zweites groes Glas mit Wein geleert und war etwas erhitzt
und laut.

Nein, sagte Trefusis, ich selbst habe genug bekommen von der Liebe,
und ich bin auch nicht der Mann, der so leicht welche einflt. Frauen
machen sich nichts aus Mnnern, denen, wie Erskine sagt, alles eine
Zahlenfrage ist. Frher flirtete ich mit Frauen, jetzt belehre ich sie,
und ich verabscheue das Flirten eines Mannes noch mehr als das einer
Frau. Noch etwas Wein? Oh, Sie drfen den Rest dieser Flasche nicht
umkommen lassen.

Ich denke, wir gehen am besten, Brandon, sagte Erskine, der ein
wachsendes Mitrauen gegen Trefusis empfand. Wir haben versprochen,
vor zwei zurck zu sein.

Das sollen Sie auch, sagte Trefusis. Es ist jetzt noch nicht
Viertel nach eins. brigens, ich habe Ihnen noch nicht Donovan Browns
Lieblingsdokument zur Erneuerung der Gesellschaft gezeigt. Hier ist es.
Eine Riesenpetition, die verlangt, da es fr ein schweres Verbrechen
erklrt wird, wenn man einem Arbeiter irgendeinen Teil des Wertes, den
seine Arbeit hat, vorenthlt. Das ist alles.

Erskine stie leise Sir Charles, und dieser sagte schnell: Danke sehr,
aber ich will lieber nichts unterzeichnen.

Ein Baronet soll eine solche Petition unterzeichnen! rief Trefusis
aus. Ich dachte gar nicht daran, Sie darum zu bitten. Ich zeige es
Ihnen nur als ein interessantes geschichtliches Dokument, das die
Unterschriften einiger Knstler und Dichter enthlt. Hier ist zum
Beispiel die von Donovan Brown. Er hat auch die Petition angeregt,
die kaum viel Gutes erwirken wird, da die Sache gar nicht auf solche
Art durchgefhrt werden kann. Indessen, ich habe Brown versprochen,
so viele Unterschriften wie mglich zu sammeln. Darum mgen Sie
sie wenigstens unterzeichnen, Erskine. Sie enthlt zwar nichts in
Blankversen ber die heilige Pflicht des Tyrannenmordes, aber sie ist
doch ein Schritt vorwrts auf dem rechten Wege. Sie werden doch nicht
bei einer solchen Kleinigkeit Bedenken haben -- oder sind Sie durch die
Kritiken ngstlich geworden? Kommen Sie, Ihren Namen und Ihre Adresse.

Erskine schttelte den Kopf.

Haben Sie denn nur dann revolutionre Gefhle, wenn Sie dadurch Ruhm
als Dichter gewinnen knnen?

Ich zeichne einfach nicht, weil ich keine Lust dazu habe, sagte
Erskine erregt.

Mein lieber Freund, sagte Trefusis fast herzlich, wenn ein Mann
ein Gewissen hat, so kann er in berzeugungssachen nicht schwanken.
Ich habe irgendwo in Ihrem Buch gelesen, da der Mann, der fr die
Freiheit seines Bruders nicht sein Blut vergiet, ein Feigling und ein
Sklave ist. Wollen Sie nicht einen Tropfen Tinte vergieen -- dazu noch
meiner Tinte -- fr das Anrecht Ihrer Brder an ihrer Hnde Werk? Ich
machte mir auch zuerst nichts daraus, diese Petition zu unterschreiben,
denn ich knnte ebensogut einen Tiger bitten, seine Beute mit mir
zu teilen, wie unsere Herrschenden, die gestohlene Arbeit, von der
sie leben, fahren zu lassen. Aber Donovan Brown sagte zu mir: >Sie
haben keine Wahl. Entweder glauben Sie, da dem Arbeiter der Ertrag
seiner Arbeit gehrt, oder Sie glauben es nicht. Wenn Sie es aber
glauben, dann bekennen Sie auch Ihre berzeugung, selbst wenn das so
nutzlos sein wird, als das Hndewaschen des Pilatus.< So habe ich denn
unterzeichnet.

Donovan Brown hatte recht, sagte Sir Charles. Ich will
unterzeichnen. Und er schrieb sorgfltig seinen Namen hin.

Brown wird entzckt sein, sagte Trefusis. Ich werde ihm heute
schreiben, da ich wieder eine gute Unterschrift fr ihn erlangt habe.

Zwei Unterschriften, sagte Sir Charles. Sie sollen zeichnen,
Erskine. Der Teufel soll mich holen, wenn Sie es nicht tun! Es ist nur
gegen die Halunken, die davonlaufen und ihren Arbeitern nicht ihre
Lhne bezahlen.

Oder, die sie nicht ganz bezahlen, bemerkte Trefusis mit seltsamem
Lcheln. Aber unterzeichnen Sie lieber nicht, wenn Sie keine Lust
haben.

Chester, wenn Sie nach mir nicht zeichnen, sind Sie ein Duckmuser,
sagte Sir Charles.

Ich wei nicht, was es bedeutet, sagte Erskine unschlssig. Ich
verstehe nichts von Petitionen.

Es bedeutet, was es sagt. Man kann Sie nicht fr irgendeine Meinung
verantwortlich machen, die nicht darin ausgedrckt ist, erwiderte
Trefusis. Aber lassen wir es sein. Sie mitrauen mir, glaube ich,
etwas und mchten lieber nichts mit meinen Petitionen zu tun haben.
Aber Sie werden eine bessere Ansicht darber bekommen, wenn Sie
erst mehr mit mir bekannt sind. Inzwischen hat es ja keine Eile.
Unterschreiben Sie jetzt noch nicht.

Unsinn! Ich zweifle gar nicht an Ihrer ehrlichen berzeugung, sagte
Erskine schnell und leugnete seinen Verdacht, den er wohl fhlte,
fr den er aber keine Begrndung wute. Hier haben Sie es! Und er
unterzeichnete auch.

Sehr gut! sagte Trefusis. Das wird Brown fr einen Monat glcklich
machen.

Es ist jetzt Zeit fr uns, da wir gehen, meinte Erskine verdrielich.

Besuchen Sie mich zu jeder Zeit. Sie sind mir willkommen, sagte
Trefusis. Sie brauchen in keiner Weise formell zu sein.

Dann schieden sie voneinander, und Sir Charles versicherte Trefusis,
da er noch nie einen so interessanten Vormittag verlebt habe. Er
schttelte ihm dreimal lange die Hand. Erskine sagte wenig, bis er mit
seinem Freunde auf dem Riverside Road war, dann aber brach er pltzlich
heraus:

Was zum Teufel soll das heien, da Sie mittags um ein Uhr zwei
Glas von solch einem berauschenden Zeug trinken, und dazu noch im
Hause eines so gefhrlichen Menschen, wie er es ist? Es tut mir sehr
leid, da ich den Burschen besucht habe. Ich hatte schon vorher meine
Besorgnisse, und sie sind vollstndig eingetroffen.

Wieso? fragte Sir Charles und fuhr zurck.

Er hat uns angefhrt. Ich war ein richtiger Narr, da ich das Papier
unterzeichnete, und Sie auch. Deswegen hat er uns nur eingeladen.

Unsinn, mein lieber Junge. Es war nicht sein Schriftstck, sondern das
von Donovan Brown.

Das bezweifle ich. Wahrscheinlich hat er Brown ebenso zum Zeichnen
beschwatzt, wie er uns beschwatzt hat. Seine Wege sind grade so schief
wie seine Ansichten. Hrten Sie, wie er ber MiߠLindsay log?

Oh, Sie haben sich darber geirrt. Er macht sich gar nichts aus ihr
oder aus sonst jemand.

Gut, wenn Sie zufrieden sind, ich bin es nicht. Sie wrden darber
nicht in so guter Laune sein, wenn Sie so wenig Wein getrunken htten
wie ich.

Pah! Sie sind zu komisch. Es war famoser Wein. Glauben Sie etwa, ich
sei betrunken?

Nein. Aber Sie wrden auch nicht unterschrieben haben, htten Sie
nicht das zweite Glas getrunken. Wre ich nicht durch Sie gezwungen
worden -- nachdem Sie das Beispiel gegeben hatten, konnte ich nicht
anders -- ich htte ihn lieber am Galgen gesehen, als mich mit seiner
Petition abgegeben.

Ich sehe nicht ein, was das fr schlimme Folgen haben kann, sagte Sir
Charles und unterdrckte mit Gewalt eine in ihm aufsteigende Unruhe.

Nie wieder betrete ich sein Haus, sagte Erskine mrrisch. Wir waren
wie zwei Fliegen in einem Spinnennetz.

Unterdessen schrieb Trefusis, wie er versprochen hatte, an Donovan
Brown.

                                                  Sallusts Haus.

  Lieber Brown, ich habe den Vormittag damit verbracht, zwei noch sehr
  junge Fische zu angeln, und ich habe sie mit mehr Mhe ans Land
  gebracht, als sie es wert sind. Einer ist ein hohes Tier. Er ist
  Baronet und Kunstliebhaber, mit Respekt zu sagen. Alle meine Grnde
  und mein kleines Museum von Photographien waren an ihm verloren, aber
  als ich Ihren Namen nannte und ihm Ihre Bekanntschaft versprach,
  bi er sofort an. Er war halb betrunken, als er unterschrieb, und
  ich htte ihn nicht das Papier berhren lassen, wenn ich mich
  nicht vorher berzeugt htte, da er es ehrlich meinte und da
  mein Wein nur seine bessere Natur von ihrer gewhnlichen Feigheit
  und Voreingenommenheit befreit hatte. Wir mssen es in mglichst
  vielen Zeitungen verffentlichen, da er unsere groe Petition
  unterschrieben hat. Das wird andere verlocken, gradeso wie Ihr
  Name ihn verlockt hat. Der zweite Neubekehrte, Chichester Erskine,
  ist ein junger Dichter. Er wird uns nicht viel ntzen, obgleich
  er ein Vorkmpfer der Freiheit in Blankversen ist und seine Werke
  Mazzini und andern widmet. Er hat widerstrebend unterschrieben. Ihr
  ganzes Zaudern ist die Unentschlossenheit, die von der Unwissenheit
  herrhrt. Sie haben aus sich heraus noch nicht die Wahrheit gefunden
  und wagen es nicht: mir zu vertrauen, da es sich hier um Dinge
  handelt, in denen keiner dem andern vertrauen kann.

  Ich habe hier eine hbsche junge Dame kennen gelernt, die Ihnen als
  Modell fr Ihre Hypatia dienen knnte. Sie ist vollgepfropft mit
  allen adeligen Vorurteilen, aber ich bin dabei, sie zu kurieren. Ich
  habe es mir in den Kopf gesetzt, sie mit Erskine zu verheiraten, und
  er ist eiferschtig auf mich, weil er glaubt, ich stellte ihr nach.
  Das Wetter ist hier fein, und ich fhre ein lustiges Leben, aber ich
  finde, da ich dabei zu mig bin. Usw. usw.




Sechzehntes Kapitel.


An einem sonnigen Vormittag sa Agatha auf der Trschwelle vor dem
Treibhaus und las. Der Schatten ihres seidenen Sonnenschirmes wurde
pltzlich dunkler, und als sie aufblickte, sah sie Trefusis vor sich
stehen.

Oh!

Sie bot ihm sonst keinen Gru an, denn sie war mit ihm bereingekommen,
soviel als mglich alle Begrungen und Frmlichkeiten zu vermeiden. Er
schien es nicht eilig zu haben, etwas zu sagen, und so begann sie nach
einer Pause: Sir Charles --

Ist in die Stadt gegangen, sagte er. Erskine ist mit dem Zweirad
aus. Lady Brandon und Mi Lindsay sind in dem Wagen ins Dorf gefahren,
und Sie sind hier herausgekommen, um die Sommersonne zu genieen und um
braun zu werden. Ich wei schon alle Ihre Neuigkeiten.

Sie sind sehr klug und irren sich, wie gewhnlich. Sir Charles ist
nicht in die Stadt gegangen. Er ist nur wegen einiger Papiere zur
Eisenbahnstation gegangen und wird vor dem Essen zurck sein. Woher
wissen Sie das alles, was hier vorgeht?

Ich war mit meinem Feldstecher auf dem Dache meines Hauses. Ich sah
Sie herauskommen und hier Platz nehmen. Dann kam Sir Charles vorbei.
Dann Erskine. Dann Lady Brandon, die mit groer Energie losfuhr und
einen bemerkbaren Gegensatz zu der hochmtigen Ruhe Gertrudes bot.

Gertrude! Mir gefllt Ihre Dreistigkeit.

Sie wollen sagen, Ihnen mifllt meine Anmaung.

Nein, ich halte Dreistigkeit fr ein bezeichnenderes Wort als
Anmaung, und ich will sagen, da sie mir gefllt -- da sie mich
amsiert.

Wirklich! Was lesen Sie jetzt?

Ich lese, was Sie jetzt grade sagten, nmlich Unsinn. Einen Roman.

Also eine erlogene Geschichte von zwei Menschen, die niemals gelebt
haben, und die ganz anders handeln wrden, wenn sie lebten.

Das ist richtig.

Knnten Sie sich nicht etwas ebenso Amsantes aus sich selbst
erdenken?

Vielleicht, aber es wrde mir zu viele Mhe machen. brigens benimmt
einem das Kochen den Appetit zum Essen. Ich wrde keinen Geschmack an
Geschichten haben, die ich selbst geschrieben habe.

Bei welchem Band sind Sie jetzt?

Beim dritten.

Dann sind wohl der Held und die Heldin grade dabei, sich zu
vereinigen?

Ich wei es wirklich nicht. Es ist einer von diesen geistreichen
Romanen. Ich wollte, die Personen wrden nicht soviel reden.

Das ist Nebensache. Zwei von ihnen sind doch ineinander verliebt?

Ja. Sonst wrde es doch kein Roman sein.

Glauben Sie in Ihrem geheimsten Innern, Agatha -- ich nehme mir die
Freiheit, Sie beim Vornamen zu nennen, weil ich sehr ernst sein will --
glauben Sie wirklich, da schon einmal zwei menschliche Wesen selbstlos
genug gewesen sind, sich in der Art der Romane zu lieben?

Natrlich. Wenigstens vermute ich es. Ich habe nie viel darber
nachgedacht.

Ich bezweifle es. Meine Ansicht geht dahin, da heutzutage kein Mann
mehr an die Tiefe und Dauer seiner Zuneigung zu seiner Gefhrtin
glaubt. Trotzdem zweifelt er nicht an der Aufrichtigkeit ihrer
Gestndnisse, und er verbirgt die Unredlichkeit seiner eigenen vor ihr,
zum Teil, weil er sich schmt, zum Teil auch, weil er mit ihr Mitleid
hat. Und sie auf der andern Seite spielt genau dieselbe Komdie.

Ich glaube, da die Mnner das tun, aber nicht die Frauen.

Wirklich! Bitte, erinnern Sie sich, wie Sie einst vorgaben, Sie seien
sehr in mich verliebt, als --

Agatha errtete und sttzte ihre Hand auf die Trschwelle, wie um
aufzuspringen. Aber sie blieb ruhig und sagte: Halt, Mr.Trefusis.
Wenn Sie darber sprechen, werde ich gehen. Ich wundere mich ber Sie!
Haben Sie kein Taktgefhl?

Gar keins. Und ich, der beleidigte Teil war an jenem -- halt, gehn Sie
nicht fort. Ich will nicht wieder darauf anspielen. Ich frchte mich
immer mehr vor Ihnen. Sonst pflegten Sie vor mir Angst zu haben.

Ja, und Sie pflegten mich einzuschchtern. Sie haben die Gewohnheit,
Frauen einzuschchtern, die schwach genug sind, sich vor Ihnen zu
frchten. Sie sind viel klger als ich und wissen wohl auch mehr, aber
ich frchte Sie nicht im mindesten.

Dazu haben Sie auch keinen Grund, ebensowenig wie Sie frher einen
hatten. Wenn Henrietta am Leben wre, sie knnte es bezeugen, da
der einzige Mangel in meinen Beziehungen zu Frauen der ist, da
ich zu bertrieben liebenswrdig bin. Ich knnte einer Frau keinen
Herzenswunsch verweigern, auer wenn sie meine Hand zur Ehe haben
wollte. Solange Ihr Geschlecht davor halt macht, kann es mit mir tun,
was es will.

Wie grausam! Ich dachte, Sie wren sozusagen verlobt mit Gertrude.

Die gewhnliche Deutung einer Freundschaft zwischen einem Mann und
einer Frau! Ich habe nie an so etwas gedacht, und ich bin sicher, da
sie es auch nie getan hat. Wir sind nicht halb so vertraut miteinander
wie Sie und Sir Charles.

Oh, Sir Charles ist verheiratet. Und ich rate Ihnen, sich zu
verheiraten, wenn Sie nicht durch Ihre Freundschaften Miverstndnisse
schaffen wollen.

Trefusis war betroffen. Anstatt zu antworten, stand er da, nachdem er
ihr einen berraschten Blick zugeworfen hatte, und starrte unbeweglich
auf den Knchel seines Zeigefingers.

Haben Sie Mitleid mit unserm armen Geschlecht, sagte Agatha boshaft.
Sie sind so reich und so klug und sehen wirklich so hbsch aus, da
Sie sich mit jemand verheiraten mten. Gertrude wrde nur zu glcklich
sein.

Trefusis lchelte und schttelte langsam, aber bestimmt den Kopf.

Ich glaube, ich wrde keine Aussicht haben, fuhr Agatha pathetisch
fort.

Ich wrde natrlich entzckt sein, entgegnete er mit gespielter
Verwirrung, aber mit einem lauernden Aufleuchten seiner Augen, das sie
vielleicht zurckgeschreckt htte, wenn sie es bemerkt htte.

Heiraten Sie mich, Mr.Trefusis, flehte sie und faltete ihre Hnde in
bermtigem Spott. Bitte, tun sie es.

Ich danke Ihnen, sagte Trefusis entschlossen. Ich will es tun.

Ich bin ganz sicher, da Sie es nicht tun, sagte Agatha, nachdem sie
einen Augenblick unglubig geschwiegen hatte. Dann sprang sie auf und
fate ihren Rock an, als wollte sie davonlaufen. Sie glauben doch
nicht etwa, es sei mir ernst gewesen?

Ohne Zweifel tu ich das. Und ich bin im Ernst.

Agatha zauderte und wute nicht, ob er nicht vielleicht mit ihr
spielte, grade so wie sie vorhin mit ihm gespielt hatte. Nehmen Sie
sich in acht, sagte sie. Ich knnte meine Ansicht ndern und auch im
Ernst sein. Und wie wrde es Ihnen dann zumute sein, Mr.Trefusis?

Ich denke, unter den vernderten Beziehungen sollten Sie mich lieber
Sidney nennen.

Und ich denke, wir sollten lieber mit dem Scherz aufhren. Es war
sehr geschmacklos von mir, und ich htte es vielleicht nicht tun
sollen.

Es wre ein schndlicher Scherz, und darum habe ich gar nicht die
Absicht, ihn als solchen zu betrachten. Ich werde Sie beim Wort halten,
Agatha. Sind Sie in mich verliebt?

Durchaus nicht. Nicht im allergeringsten. Ich wei auf der ganzen Welt
niemand, in den ich weniger verliebt wre oder in den ich mich weniger
verlieben knnte.

Dann mssen Sie mich heiraten. Wenn Sie in mich verliebt wren, wrde
ich davonlaufen. Meine verstorbene Henrietta betete mich an und ich
erwies mich ihrer Anbetung unwrdig -- obgleich sie mir unendlich
schmeichelte.

Ja, gewi. Die Art, wie Sie Ihre erste Frau behandelt haben, mte
gengen, um jedes Mdchen zu warnen, Ihre zweite zu werden.

Jedes Mdchen, das mich liebt, wollen Sie sagen. Aber Sie lieben mich
ja nicht, und wenn ich davonlaufe, dann haben Sie das Vergngen, mich
los zu sein. Unser Heiratsvertrag kann so eingerichtet werden, da er
Ihnen fr diesen Fall mein halbes Vermgen zusichert.

Sie werden nie die Mglichkeit haben, von mir davonzulaufen.

Ich werde es auch nicht wnschen. Ich bin nicht mehr so eigen, wie ich
frher war. Ich glaube nicht, da ich von Ihnen davonlaufen werde.

Ich glaube es auch nicht.

Gut, und wann wollen wir uns heiraten?

Niemals. sagte Agatha und wollte weglaufen. Aber bevor sie einen
Schritt getan hatte, erfate er sie.

Tun Sie es nicht, sagte sie atemlos. Nehmen Sie Ihren Arm weg. Wie
knnen Sie es wagen?

Er lie sie frei und schlo die Tre zu dem Gewchshaus. Wenn Sie
jetzt davonlaufen wollen, dann mssen Sie ins Freie laufen.

Sie sind sehr unverschmt. Lassen Sie mich sofort gehen.

Wollen Sie, da ich Sie um Ihre Hand bitte, nachdem Sie mir Ihre
Zustimmung aus freien Stcken gegeben haben?

Aber ich scherzte doch nur. Ich mache mir gar nichts aus Ihnen, sagte
sie und sah sich nach einem Ausweg um.

Agatha, sagte er mit grimmiger Geduld, vor einer halben Stunde hatte
ich nicht mehr die Absicht, Sie zu heiraten, als eine Reise nach dem
Mond zu machen. Aber, als Sie mir den Vorschlag machten, da fhlte ich
mit einem Male alle Gewalt, die darin liegt, und jetzt kann mich nichts
auf der Welt zufrieden stellen, als Sie beim Wort zu halten. Von allen
Frauen, die ich kenne, sind Sie die einzige, die nicht ganz ein Narr
ist.

Ich wrde ein groer Narr sein, wenn --

Wenn Sie mich heirateten, wollen Sie sagen. Aber ich bin nicht Ihrer
Meinung. Ich bin der einzige Mann von Ihrer Bekanntschaft, der nicht
ganz ein Esel ist. Ich kenne meinen und Ihren Wert. Und ich liebte Sie
schon lange, als ich noch kein Recht dazu hatte.

Agatha zog ihre Brauen zusammen. Nein, sagte sie. Es hat keinen
Zweck, noch weiter hierber zu reden. Die Sache ist ganz auer Frage.

Aber seien Sie doch nicht rachschtig. Ich war aufrichtiger, als
Sie es waren. Sie haben unsere wieder angeknpfte Bekanntschaft dazu
benutzt, sich gegen mich zu verteidigen, mir Vorwrfe zu machen, mich
zu hnseln und zu verlocken. Seien Sie einmal gromtig, und sagen Sie
gutwillig ja.

Oh, ich habe Sie _nie_ verlockt, schrie Agatha. Ich tat es nicht.
Das ist nicht wahr. Er antwortete nichts, sondern bot ihr die Hand
dar. Nein, gehen Sie fort. Ich will nicht. Er blieb unbewegt und sie
fhlte pltzlich, wie die Kraft ihres Widerstandes verschwand. Voller
Schrecken sagte sie hastig: Es hat durchaus keinen Zweck, mich zu
qulen. Ich werde Ihnen heute keine Antwort geben.

Versprechen Sie mir bei Ihrer Ehre, da Sie morgen ja sagen werden,
und ich will Sie bis dahin in Frieden lassen.

Ich will nicht.

Der Kuckuck hole Ihr Geschlecht, sagte er klagend. Sie kennen jetzt
meinen Entschlu, und ich mu hier stehen und mit Ihnen kokettieren,
weil Sie selbst Ihren eigenen nicht kennen. Wenn ich auf meine
Bequemlichkeit Wert legte, wrde ich Junggeselle bleiben.

Ich rate Ihnen, das zu tun, sagte sie, und stahl sich rckwrts
nach der Tre hin. Sie sind ein sehr interessanter Witwer. Eine
Frau wrde Ihnen diesen Vorzug nehmen. Und dann bedenken Sie die
Unannehmlichkeiten des Haushalts.

Ich liebe Unannehmlichkeiten. Sie machen stark -- aha! Sie hatte
nach dem Trknopf gegriffen, und er legte schnell seine Hand auf die
ihrige und hielt sie zurck. Noch nicht, wenn ich bitten darf. Knnen
Sie denn nicht wie eine Frau reden -- wie ein Mann, meine ich? Sie
mgen Max einen Knochen vorenthalten, bis er sich auf den Hinterfen
aufrichtet und schn macht, aber mich sollten Sie nicht wie einen Hund
behandeln. Sagen Sie offen ja, und lassen Sie mich nicht lnger bitten.

Warum in aller Welt, wollen Sie mich denn heiraten?

Weil ich so veranlagt bin, einen Haushalt auf den Schultern zu tragen,
und weil ich es tun will. Ich will das tun, was fr mich das Beste
ist, und ich werde nie wieder eine so gute Wahl haben. Und dann kann
ich auch gar nicht anders, ich wei nicht warum. Das ist die volle
Wahrheit in der Sache. Sie wollen doch eines Tages jemand heiraten.
Sie schttelte ihren Kopf. Gewi werden Sie das tun. Warum wollen Sie
mich nicht heiraten?

Agatha bi auf ihre Unterlippe, blickte klglich ber den Rasen und
sagte nach einer langen Pause widerstrebend: Nun gut. Aber bedenken
Sie, da Sie sehr tricht handeln, und wenn Sie nachher enttuscht
sind, mssen Sie _mir_ keine Vorwrfe machen.

Ich bernehme die Verantwortung fr mein Handeln, sagte er und lie
ihre Hand frei. Dann zog er sein Taschenbuch heraus und lehnte es
gegen die Tre. Sie brauchen sie fr Ihr Handeln nicht zu bernehmen,
und ich hoffe, da Sie nicht das schlechtere Los von uns beiden
ziehen. Wir haben heute den siebzehnten Juni. Welcher Tag vor dem
vierundzwanzigsten Juli wird Ihnen passen?

Sie meinen doch den vierundzwanzigsten Juli nchsten Jahres?

Nein, ich meine dieses Jahr. Ich mu an diesem Tage, verheiratet oder
nicht, ins Ausland gehen und einer Konferenz in Genf beiwohnen, und
ich mchte Sie mitnehmen. Ich will Ihnen eine Menge Pltze und Dinge
zeigen, die Sie nie vorher gesehen haben. Es ist Ihr Recht, den Tag zu
bestimmen, aber Sie haben keine ernsthaften Besorgungen und ich habe
sie.

Aber Sie wissen ja gar nicht, was ich alles besorgen mte. Sie warten
besser, bis Sie vom Festlande zurck sind.

Sie brauchen fr gar nichts auer der Wohnung und Ihrer Aussteuer
zu sorgen. Die Aussteuer, das ist alles Unsinn, und Jansenius kennt
mich, wie schnell ich eine Wohnung einrichte. Ich war in sechs Wochen
verheiratet.

Ja, sagte Agatha scharf, aber ich bin nicht Henrietta.

Nein, Gott sei Dank, nicht, stimmte er ruhig zu.

Agatha fhlte Gewissensbisse. Es war hlich von mir, das zu sagen,
bemerkte sie. Und von Ihnen auch!

Was wahr ist, soll man sagen, ob es hlich ist oder nicht. Wollen Sie
am vierundzwanzigsten mit nach Genf kommen?

Aber -- Ich dachte wirklich nicht, als ich -- Ich wollte nicht sagen,
ich wrde -- Ich --

Ich wei es. Sie wollen mitkommen, wenn wir verheiratet sind.

Ja. _Wenn_ wir verheiratet sind.

Wir werden verheiratet sein. Schreiben Sie nicht, weder an Ihre Mutter
noch an Jansenius, bis ich Sie darum bitte.

Ich habe gar nicht die Absicht. Ich wte nicht, was ich darber
schreiben sollte.

Sie Schelm! Und seien Sie nicht eiferschtig, wenn Sie mich dabei
ertappen, wie ich Lady Brandon den Hof mache. Ich tue das immer, sie
erwartet es von mir.

Sie mgen den Hof machen, wem Sie wollen. Das geht mich nichts an.

Hier kommt der Wagen mit Lady Brandon und Ger-- und Mi Lindsay. Ich
darf sie jetzt nur noch Gertrude nennen, wenn Sie nicht dabei sind.
Bevor die andern uns unterbrechen, darf ich Sie wohl noch einmal an
drei Punkte erinnern, ber die wir uns einig sind. Ich liebe Sie. Sie
lieben mich nicht. Wir heiraten vor dem Vierundzwanzigsten nchsten
Monats. Jetzt mu ich eilen und der gndigen Frau beim Aussteigen
behilflich sein.

Er lief zur Haustre, vor der der Wagen grade gehalten hatte. Agatha
war verwirrt und schmte sich, ihren Freundinnen gegenberzutreten. Sie
ging durch das Gewchshaus in ihr Zimmer und schlo sich ein.

Trefusis ging mit Gertrude in die Bibliothek, whrend sich Lady Brandon
noch im Hausflur aufhielt, um ihre Handschuhe auszuziehen und an die
Hausmdchen einige Fragen zu stellen. Als sie dann folgte, fand sie die
beiden nebeneinander am Fenster stehen. Gertrude hrte ihm mit dem
geduldigen Ausdruck zu, den sie jetzt oft zeigte, wenn er sprach. Er
lchelte, aber es fiel Jane doch auf, da er etwas unruhig war.

Ich begann grade, sagte er, MiߠLindsay von dem auerordentlichen
Ereignis zu erzhlen, das in Ihrer Abwesenheit vorgekommen ist.

Ich wei schon, rief Jane mit pltzlicher berzeugtheit aus. Die
Heizvorrichtung im Gewchshaus ist gesprungen.

Mglich, sagte der Trefusis. Aber wenn es der Fall ist, ich habe
nichts davon gehrt.

Wenn sie nicht gesprungen ist, wird sie noch springen, sagte Jane
verdrielich. Dann zwang sie sich mit einiger Mhe, fr Trefusis'
Neuigkeiten Interesse zu zeigen, und fgte hinzu: Nun, was hat sich
ereignet?

Ich plauderte vorhin mit MiߠWylie, und da fiel uns eine merkwrdige
Idee ein. Wir besprachen sie eine Zeitlang, und das Ergebnis ist, wir
werden uns vor Ende des nchsten Monats verheiraten.

Jane errtete und starrte ihn an, und er blickte scharf nach ihr
zurck. Gertrude wechselte, obgleich sie unbeobachtet war, ihre ruhige,
glckliche Miene keine Sekunde, aber eine grnlichweie Farbe erschien
auf ihrem Gesicht und machte nur langsam ihrem gewhnlichen Teint Platz.

Wollen Sie sagen, Sie verheiraten sich mit _Agatha_? fragte nach
einer Pause Lady Brandon unglubig.

Ja. Ich hatte diese Absicht noch nicht, als ich Sie das letztemal sah,
sonst htte ich es Ihnen gesagt.

So was habe ich in meinem Leben noch nicht gehrt! Sie haben sich also
innerhalb fnf Minuten ineinander verliebt?

Lieber Himmel, nein! Wir sind nicht ineinander verliebt. Glauben Sie,
ich wrde mich aus solch einem leichtfertigen Grunde verheiraten? Nein.
Die Idee kam ganz pltzlich, und die Vorteile einer Heirat zwischen uns
drngten sich mir gewaltsam auf. Ich war glcklich genug, sie zu meiner
Ansicht zu bekehren.

Gewi, es wird ein starker Druck bei ihr ntig gewesen sein.
Freilich! sagte Jane und warf Gertrude, die ausdruckslos lchelte,
einen Blick zu.

Wie Sie durchblicken lassen, bemerkte Trefusis khl, mag ihr
Widerstreben nur Verstellung gewesen sein. Sie war vielleicht nur zu
glcklich, einen solchen reizenden Gatten zu bekommen. Aber in diesem
Falle hat sie das sehr gut zu verbergen gewut.

Gertrude nahm ihren Hut ab und verlie, ohne etwas zu sagen, das Zimmer.

Das ist meine Rache, weil Sie Brandon geheiratet haben, sagte er dann
und nherte sich Jane.

O ja, entgegnete sie ironisch. Ich glaube Ihnen das natrlich alles.

Sie haben fr seine Wahrheit denselben Beweis wie fr all die
trichten Dinge, die ich Ihnen gestehe. Hier! Er zeigte auf einen
Spiegel, der Janes Figur in voller Gre zurckwarf.

Ich sehe nichts, was daran zu bewundern ist, sagte Jane und sah
sich mit groem Wohlgefallen an. Hchstens meine Gre, wenn Sie die
bewundern.

Es ist unmglich, von einer guten Sache zuviel zu haben. Aber ich
darf Sie jetzt nicht mehr ansehen. Wenn auch Agatha sagt, sie liebt
mich nicht, so wei ich doch nicht sicher, ob es ihr angenehm ist, wenn
ich jemand anderm einen Liebesblick zuwerfe.

Sie sagt, sie liebt Sie nicht! Glauben Sie ihr das nicht. Sie hat sich
Mhe genug gegeben, Sie zu fangen.

Sie schmeicheln mir. Sie selbst haben mich doch ohne Mhe gefangen,
und doch wrden Sie mich nicht haben wollen.

Es gehrt sich, da ein Mdchen wartet, bis sie gefragt wird. Ich
glaube, Sie haben an Gertrude schndlich gehandelt -- hoffentlich sind
Sie nicht beleidigt, weil ich Ihnen das sage. Ich tadele Agatha am
meisten. Sie ist ein schrecklich falsches Geschpf.

Wieso? fragte Trefusis erstaunt. Was hat MiߠLindsay damit zu tun?

Das wissen Sie sehr gut.

Ich versichere Ihnen, da ich es nicht wei. Wenn Sie von sich selbst
sprchen, knnte ich es verstehen.

Oh, Sie verstehen sich schlau herauszuwinden, wie alle Mnner. Aber
mich knnen Sie nicht tuschen. Sie htten nicht tun sollen, als ob
Sie Gertrude liebten, wenn Sie wirklich ein Band mit Agatha anknpfen
wollten. Und sie, die so tut, als wollte sie mit Sir Charles flirten --
als ob er sich auch nur so viel aus ihr machte!

Trefusis schien etwas verwirrt. Ich hoffe, Mi Lindsay hat nicht
solche -- aber das konnte sie ja auch nicht.

So, konnte sie das nicht? Sie werden das ja bald sehen.

Sie haben uns falsch beurteilt, Lady Brandon. MiߠLindsay wei es
besser. Und dann bedenken Sie, da mein Antrag gar nicht vorher
beschlossen war. Heute morgen hatte ich durchaus keine zrtlichen
Gedanken an irgend jemand -- ausgenommen an eine, die ich jetzt nicht
nennen kann.

Oh, das sind alles Redensarten. Es hat _jetzt_ keinen Zweck mehr.

Ich will nichts mehr sagen. Ich mu zum Dorfe fahren, um an meinen
Anwalt zu telegraphieren. Wenn ich Erskine treffe, will ich ihm die
gute Nachricht mitteilen.

Er wird entzckt sein. Er, wie wir alle, dachte, Sie wollten ihn bei
Gertrude ausstechen.

Trefusis lchelte, schttelte seinen Kopf und ging mit einem Blick
bewundernder Huldigung fr Janes Reize hinaus. Jane betrachtete sich
im Spiegel, bis ein Dienstmdchen sie bat, zu Master Charles und Mi
Fanny zu kommen. Sie eilte die Treppe hinauf in die Kinderstube, wo ihr
Sohn und ihre Tochter sich um das Vorrecht balgten, das Baby zu qulen.
Sie waren durch Janes Eintritt etwas erschreckt, aber durchaus nicht
besnftigt. Sie schalt, schmeichelte, drohte, gab gute Worte, zitierte
Dr. Watts, flehte das Kindermdchen an und beschimpfte es dann, fragte
die Kinder, ob sie einander liebten, ob sie Mama liebten, und ob sie
eine gehrige Tracht Prgel haben wollten. Schlielich geriet sie auer
sich, weil sie nicht imstande war, Ordnung zu schaffen. Sie nahm das
Baby, das ununterbrochen laut geschrien hatte, und sagte, es tte das
mit Absicht, und sie wollte ihm einen wirklichen Grund zum Schreien
geben. Sie gab ihm einen gehrigen Schlag und befahl den andern
beiden, zu Bett zu gehen. Der Knabe war entsetzt ber das Schicksal
seines kleinen Bruders und machte den Vermittlungsvorschlag, er wollte
brav sein, wenn MiߠWylie kme und mit ihm spielte, worauf ihm seine
eiferschtige Mutter eine Ohrfeige verabreichte, da er heulend in
seine Ecke flog. Dann verlie sie das Zimmer, nachdem sie in der Tre
sich noch einmal umgewandt und erklrt hatte, wenn sie heute noch einen
Laut hrte, dann knnte man von ihr das Schlimmste erwarten. Als sie
erhitzt und rgerlich in das Gesellschaftszimmer herabkam, fand sie
Agatha dort allein. Sie blickte mit einem Ausdruck zum Fenster hinaus,
als ob die Landschaft etwas besonders Unbefriedigendes bte.

Selbstschtige, kleine Bestien! rief Jane und erregte mit ihren
Rcken einen kleinen Wirbelwind, als sie hereinkam. Charlie ist direkt
ein kleiner Teufel. Er verbringt alle seine Zeit damit, nachzudenken,
wie er mich qulen kann. Ach ja! Er ist genau wie sein Vater.

Danke sehr, mein Schatz, sagte Sir Charles vom Eingang her.

Jane lachte. Ich wute, da du da warst, sagte sie. Wo ist Gertrude?

Sie ist ausgegangen, sagte Sir Charles.

Unsinn! Sie ist soeben erst mit mir von der Ausfahrt zurckgekommen.

Ich wei nicht, was du mit dem Wort Unsinn willst, sagte Sir Charles
gereizt. Ich sah sie, wie sie den Riverside Road entlang ging. Ich war
auf der Dorfstrae, und sie sah mich nicht. Sie schien in Eile zu sein.

Ich traf sie auf der Treppe und sprach sie an, sagte Agatha. Aber
sie hrte mich nicht.

Hoffentlich ist sie nicht fortgegangen, um sich im Flu zu ertrnken,
sagte Jane. Dann wandte sie sich zu ihrem Manne und fragte ihn: Hast
du schon die Neuigkeit gehrt?

Die einzige Neuigkeit, die ich gehrt habe, ist aus dieser Zeitung,
sagte Sir Charles und zog ein Blatt heraus, das er auf den Tisch
schleuderte. Hier wird in einem Artikel gesagt, ich htte mich einer
hllischen sozialistischen Verbindung angeschlossen, und dann habe ich
auch gehrt, da in der >Times< ein Aufsatz ber die Ausbreitung des
Sozialismus steht, in dem mein Name genannt ist. Das verdanke ich alles
Trefusis, und ich glaube, er hat mir einen ganz schndlichen Streich
gespielt. Das werde ich ihm auch sagen, sobald ich ihn treffe.

Du solltest dir lieber in Agathas Gegenwart berlegen, was du ber
ihn sagst, bemerkte Jane. Oh, du brauchst nicht aufgeregt zu
werden, Agatha. Ich wei schon alles. Er hat es uns in der Bibliothek
erzhlt. Wir fuhren diesen Morgen aus -- Gertrude und ich -- und als
wir zurckkamen, fanden wir Mr.Trefusis und Agatha am Eingang zum
Gewchshaus in sehr vertrautem Gesprch. Sie hatten sich grade verlobt.

Wirklich! sagte Sir Charles verwirrt und mivergngt und versuchte
zu lcheln. Dann darf ich Ihnen also gratulieren, MiߠWylie?

Sie brauchen das nicht, sagte Agatha und bewahrte ihre Fassung, so
gut sie es konnte, Es war nur ein Scherz. Wenigstens kamen wir im
Scherz dazu. Er hat kein Recht, zu sagen, wir seien verlobt.

Unsinn! Dummes Zeug! sagte Jane. Das geht nicht, Agatha. Er ist
fortgegangen, um an seinen Sachwalter zu telegraphieren. Es ist ihm
vollstndig Ernst.

Ich bin ein groer Narr, sagte Agatha. Sie setzte sich hin und rang
ratlos die Hnde. Ich glaube, ich habe irgend etwas gesagt, aber ich
habe mir wirklich nichts dabei gedacht. Er brachte mich zum Sprechen,
bevor ich wute, was ich sagte. Ich habe mir da eine schne Suppe
eingebrockt!

Es freut mich, da du endlich einmal bertlpelt worden bist, sagte
Jane mit schadenfrohem Lachen. Du hast nie mit mir das geringste
Mitleid gehabt, wenn ich im Augenblick nicht die richtigen Worte finden
konnte.

Agatha lie die Stichelei unbeachtet. Ihr Blick wanderte umher und
blieb zuletzt flehend auf Sir Charles haften. Was soll ich tun?
fragte sie ihn.

Nun, MiߠWylie, antwortete er ernst, wenn Sie keine Lust hatten,
ihn zu heiraten, dann htten Sie es ihm nicht versprechen sollen. Ich
mchte mich nicht gleichgltig verhalten, und ich wei, da es sehr
schwer ist, Trefusis los zu werden, wenn er auf etwas Absicht hat, aber
noch --

La sie in Ruhe, unterbrach ihn Jane. Sie will ihn ebenso ernsthaft
haben, wie er sie haben will. Du wrdest ja ganz unglcklich sein, wenn
er davonliefe, trotz allem deinem interessanten Sprdetun.

Es ist wirklich nicht so, sagte Agatha ernst. Ich wollte, ich htte
mir Zeit ausbedungen, um darber nachzudenken. Jetzt hat er es wohl
schon aller Welt erzhlt.

Dann knnen wir die Sache wohl als entschieden betrachten? fragte Sir
Charles.

Natrlich kannst du das, antwortete Jane verchtlich.

Bitte, Jane, la MiߠWylie fr sich selber sprechen. Ich gestehe, ich
wei nicht, warum Sie noch im Zweifel sind -- wenn Sie ihm wirklich
Ihre Zusage gegeben haben.

Ich glaube, ich habe mich einverstanden erklrt, sagte Agatha. Mir
ist es, als ob ich noch ein schlimmes Bedenken gehabt htte, aber ich
wei nicht mehr, was es war. Ich wollte, ich htte ihn nie gesehen.

Sir Charles war verwirrt. Ich verstehe das Benehmen der Damen in
solchen Dingen nicht, sagte er. Da es indessen nicht mehr zweifelhaft
scheint, da Sie und Trefusis verlobt sind, so werde ich ihm natrlich
nichts sagen, was ihm seine Besuche hier unangenehm macht. Aber ich mu
doch bemerken, da er -- um mich gelinde auszudrcken -- mir gegenber
leichtfertig gehandelt hat. Ich unterzeichnete in seinem Hause ein
Schriftstck unter dem ausdrcklichen Vorbehalt, da es streng privat
sei. Und jetzt hat er es in die ganze Welt ausposaunt und ffentlich
meinen Namen nicht nur mit seinem zusammengebracht, sondern auch mit
dem von Personen, von denen ich nur wei, da ich nichts mit ihnen zu
tun haben mchte.

Was macht es? fragte Jane. Niemand legt den geringsten Wert darauf.

Ich lege Wert darauf, sagte Sir Charles rgerlich. Kein
vernnftiger Mensch kann mir vorwerfen, ich berschtzte meine eigene
Bedeutung, wenn ich dagegen protestiere, da mein Name ffentlich zur
Untersttzung von Bestrebungen benutzt wird, die ich nicht billige.

Vielleicht hatte Mr.Trefusis nichts damit zu tun, sagte Agatha. Die
Zeitungen verffentlichen doch, was sie wollen.

So ist's recht! fiel Jane boshaft ein. La niemand etwas Bses ber
ihn sprechen.

Ich spreche nichts Bses ber ihn, sagte Sir Charles, bevor Agatha
erwidern konnte. Es ist nur eine Vermutung, und ich wrde sie gar
nicht erwhnt haben, wenn ich die vernderten Beziehungen zwischen ihm
und MiߠWylie gekannt htte.

Bitte, sprechen Sie nicht davon, sagte Agatha. Am liebsten wrde ich
mit dem nchsten Zug davonfahren.

Inzwischen kehrte Erskine von seinem Morgenausflug zurck und traf im
Dorf Trefusis, an dem er mit einem Kopfnicken vorbeizukommen suchte.
Aber Trefusis rief ihn an, zu halten, und er stieg widerstrebend ab.

Ich mchte nur sagen, da ich mich verheirate, sagte Trefusis.

Mit --? Erskine konnte Gertrudes Namen nicht herausbringen.

Mit einer Ihrer Freundinnen auf Beeches. Raten Sie, mit welcher.

Mit MiߠLindsay vermutlich.

Wer zum Teufel hat Ihnen allen in den Kopf gesetzt, Mi Lindsay und
ich seien besonders miteinander befreundet? rief Trefusis aus. Sie
sind mir immer als der richtige Mann fr MiߠLindsay erschienen. Ich
werde mich mit MiߠWylie verheiraten.

Wirklich! rief Erskine mit einem Gefhl, als ob pltzlich nach einem
strengen Frost Tauwetter eingetreten sei.

Natrlich. Und jetzt, Erskine, haben Sie den Vorteil, ein armer Mann
zu sein. Lassen Sie das prchtige Mdchen nicht fr Geld heiraten. Wenn
Sie wie bisher weiter zgern, dann machen Sie sich selbst und sie auch
unglcklich. Er nickte ihm zu und ging weiter. Der andere stand da und
starrte ihm nach.

Wenn er sie hintergangen hat, ist er ein Schuft, sagte Erskine. Es
tut mir leid, da ich ihm das nicht gesagt habe.

Er bestieg wieder sein Rad und fuhr langsam den Riverside Road
hinunter. Er vermutete zuerst, Trefusis habe ihn getuscht, aber dann
kam er doch dazu, ihm zu glauben, und beschlo auf jeden Fall, seinem
Rat in bezug auf Gertrude zu folgen. Die Unterhaltung, die er in der
Allee belauscht hatte, machte ihn noch unsicher. Er konnte sie nicht
bereinbringen mit Trefusis Gestndnis, da er keine Absichten auf
Gertrude habe.

Sein Rad trug ihn geruschlos auf den Gummireifen zu der Stelle, an
der der Schierling wuchs, und hier sah er Gertrude auf dem niedrigen
Erdwall sitzen, der das Feld von dem Wege schied. Ihr Strohkorb, mit
der Schere darin, lag neben ihr. Sie hatte ihre Finger gekreuzt und
lie ihre Hnde auf den Knien ruhen. Ihr Gesichtsausdruck war ganz leer
und verriet so wenig ernsthafte Bewegung, da Erskine lachte, als er
dicht neben ihr absprang.

Sind Sie mde? fragte er.

Nein, entgegnete sie ganz ohne berraschung, und sie lchelte
mechanisch, was eine ungewhnliche Herablassung von ihrer Seite war.

In Trume versunken?

Nein. Sie setzte sich etwas zur Seite und bedeckte den Korb mit ihrem
Kleid.

Er fing an zu frchten, da etwas nicht in Ordnung sei. Ist es
mglich, da Sie sich wieder unter diese vergifteten Pflanzen gewagt
haben? fragte er. Sind Sie krank?

Durchaus nicht, antwortete sie und richtete sich etwas auf. Ihre
Besorgnis ist ganz weggeworfen. Ich fhle mich vollkommen wohl.

Ich bitte Sie um Verzeihung, sagte er gekrnkt. Ich dachte -- halten
Sie es nicht fr gefhrlich, auf diesem feuchten Erdwall zu sitzen?

Er ist nicht feucht. Er zerfllt vor Trockenheit in Staub. Ein
unnatrliches Lachen, mit dem sie schlo, verstrkte den Eindruck ihrer
inneren Ruhelosigkeit.

Er begann einen Satz und hielt wieder inne, und um Zeit zu gewinnen,
stellte er sein Rad in den gegenberliegenden Graben. Sie sah ihm
ungeduldig zu, als sie seine Absicht, hier zu bleiben und zu sprechen
erkannte. Sie war aber die erste, die etwas sagte, und sie tat es mit
einer so stumpfen Gleichgltigkeit, da er erschrak.

Haben Sie die Neuigkeit gehrt?

Welche Neuigkeit?

ber Mr.Trefusis und Agatha. Sie sind verlobt.

Trefusis erzhlte es mir. Ich traf ihn im Dorfe. Ich war sehr erfreut,
als ich es hrte.

Natrlich.

Aber ich hatte einen besonderen Grund, erfreut zu sein.

Wirklich?

Ich hatte eine verzweifelte Furcht, bevor er mir die Wahrheit
erzhlte, da er andere Absichten htte -- Absichten, die meinen
teuersten Hoffnungen unheilvoll gewesen wren.

Gertrude runzelte die Stirne, und ihr Stirnrunzeln stachelte ihn auf,
sie herauszufordern. Er verlor seine Selbstbeherrschung, die schon
durch ihr seltsames Benehmen erschttert war. Sie wissen, da ich Sie
liebe, MiߠLindsay, sagte er. Es mag vielleicht keine vollkommene
Liebe sein, aber, menschlich gesprochen, ist sie eine treue Liebe. Ich
war ja ungefhr so weit, Ihnen das zu sagen, als wir an jenem Tage
zusammen in dem Billardzimmer waren. Aber an demselben Abend tat ich
etwas sehr Unehrenhaftes. Als Sie mit Trefusis in der Allee sprachen,
stand ich dicht dabei und belauschte Sie.

Dann haben Sie ihn gehrt, schrie Gertrude heftig. Sie hrten, wie
er schwur, es sei ihm ernst.

Ja, sagte Erskine zitternd. Und ich dachte, er meinte, da er
Sie im Ernst liebte. Sie drfen mich kaum deswegen tadeln. Ich war
selbst verliebt, und die Liebe ist blind und eiferschtig. Ich gab
alle Hoffnung auf, bis er mir erzhlte, da er sich mit Mi Wylie
verheiraten wrde. Darf ich jetzt mit Ihnen sprechen, da ich wei, da
ich mich geirrt habe, oder da Sie andern Sinnes geworden sind.

Oder da _er_ anderen Sinnes geworden ist, sagte Gertrude hhnisch.

Erskine, den eine neue Angst um sie befiel, zuckte zusammen. Ihr Stolz
war ihm teuer, und er sah, da ihre Enttuschung sie gleichgltig
dagegen machte. Sagen Sie mir jetzt nichts, MiߠLindsay, damit Sie
nicht --

Was habe ich gesagt? Was soll ich sagen?

Nichts, auer ber meine eigenen Angelegenheiten. Ich liebe Sie von
Herzen.

Sie machte eine ungeduldige Bewegung, als ob das eine sehr
gleichgltige Sache sei.

Ich hoffe, Sie glauben mir das, sagte er furchtsam.

Gertrude machte eine Anstrengung, um ihre gewhnliche Zurckhaltung als
Dame wiederzugewinnen, aber ihre Energie lie nach, bevor sie mehr als
ihren Kopf erhoben hatte. Sie sank in ihre Teilnahmlosigkeit zurck und
machte eine schwache Bewegung des Widerstrebens.

Es kann Ihnen doch nicht ganz gleichgltig sein, wenn Sie geliebt
werden, sagte er und wurde ungeduldiger und dringender. Sie sind mein
ganzes Glck. Ich biete Ihnen meine Dienste und meine Verehrung an.
Ich bitte Sie um keine Belohnung. Er sprach jetzt sehr schnell und
fast unhrbar. Sie mgen meine Liebe annehmen, ohne sie zu erwidern.
Ich wnsche -- ich suche keinen Vorteil zu erlangen. Wenn Sie einen
Freund brauchen, so knnen Sie sich auf mich viel vertrauensvoller
verlassen, da Sie wissen, da ich Sie liebe.

Oh, Sie glauben das, unterbrach ihn Gertrude. Aber Sie werden
darber hinwegkommen. Ich bin nicht die Art von Frauen, in die sich die
Mnner verlieben. Sie werden bald Ihre Neigung ndern.

Sie sind nicht die Art? Oh, wie wenig wissen Sie! sagte er und wurde
beredt. Ich hatte bergenug Zeit, anderen Sinnes zu werden, aber ich
bin darin so fest wie jemals. Wenn Sie Zweifel haben, dann warten Sie
und stellen Sie mich auf die Probe. Aber behandeln Sie mich nicht rauh.
Sie qulen mich mehr als Sie denken, wenn Sie heftig oder gleichgltig
sind. Ich spreche im Ernst.

Ha, ha! Das ist leicht gesagt.

Nicht von meiner Seite. Ich wechsele in meinem Urteil ber andere
Leute je nach meiner Stimmung, aber ich glaube standhaft an Ihre Gte
und Schnheit -- als ob Sie ein Engel wren. Mir ist meine Liebe zu
Ihnen so ernst wie meine Liebe zu meinem eigenen Leben, das ich nur
durch Ihre Hilfe und Ihren Einflu vervollkommnen kann.

Sie irren sich sehr, wenn Sie glauben, ich sei ein Engel.

Es ist unrecht, da Sie sich selbst mitrauen. Aber ich denke an das,
was ich Ihnen schuldig bin, nicht an das, was ich von Ihnen erwarte,
wenn ich Sie einen Engel nenne. Ich wei, da Sie fr sich selber kein
Engel sind. Aber fr mich sind Sie es sicher.

Sie sa da und verharrte in eigensinnigem Schweigen.

Ich will Sie jetzt nicht zu einer Antwort drngen. Ich bin zufrieden,
da Sie meine Gefhle jetzt kennen. Wollen wir zusammen zurckkehren?

Sie sah sich langsam um und blickte nach dem Schierling und von da ber
den Flu. Dann nahm sie ihren Korb, erhob sich und wandte sich mit
gezwungener Bewegung zum Gehen.

Wollen Sie noch etwas Schierling? fragte er. Ich will Ihnen gerne
welchen pflcken.

Ich wollte, Sie lieen mich allein, sagte sie in pltzlichem rger.
Dann fgte sie, etwas beschmt, hinzu: Ich habe Kopfschmerzen.

Es tut mir sehr leid, sagte er bestrzt.

Ich habe nur nicht gerne, wenn man mit mir spricht. Es schmerzt meinen
Kopf, wenn ich zuhre.

Er nahm demtig sein Rad aus dem Graben und fuhr, ohne weiter ein Wort
zu sagen, neben ihr her bis Beeches. Sie gingen durch das Gewchshaus
in das Speisezimmer, wo sie voneinander schieden. Bevor sie ihn
verlie, sagte sie etwas reuig: Ich hatte nicht die Absicht, Ihnen weh
zu tun, Mr.Erskine.

Er errtete, murmelte etwas und versuchte, ihre Hand zu kssen. Aber
sie ri sie weg und ging schnell hinaus. Diese Zurckweisung krnkte
ihn, und er stand da und qulte sich mit den Gedanken daran, bis ihn
der Eintritt eines Dienstmdchens aufstrte. Er erfuhr von ihr,
da Sir Charles im Billardzimmer war. Er ging zu ihm und fragte ihn
gleichgltig, ob er schon die Neuigkeit gehrt habe.

ber MiߠWylie? fragte Sir Charles. Ja, ich dchte. Ich glaube,
die ganze Gegend wei es schon, obgleich sie noch keine drei Stunden
verlobt sind. Haben Sie dieses hier gesehen? Und er legte ein paar
Zeitungen auf den Tisch.

Erskine mute sich ein paarmal zusammennehmen, bevor er lesen konnte.
Sie waren ein Narr, da Sie dieses Schriftstck unterzeichnet haben,
sagte er. Ich habe es Ihnen damals schon gesagt.

Ich verlie mich darauf, da der Bursche ein Gentleman sei, sagte
Sir Charles erregt. Ich sehe nicht ein, da ich ein Narr war. Ich
sehe nur, da er ein ungehobelter Patron ist, und wegen der Sache mit
MiߠWylie mchte ich ihm meine Meinung sagen. Ich will Ihnen nur sagen,
Chester, da er mit MiߠLindsay ein falsches Spiel gespielt hat. Oben
ist der Teufel los. Sie hat grade Jane erzhlt, da sie sofort nach
Hause fahren mu. MiߠWylie erklrt, sie wolle nichts mit Trefusis zu
tun haben, wenn MiߠLindsay ein frheres Anrecht an ihn habe, und Jane
ist entrstet, weil er alle Welt bewundert, nur sie nicht. Es geschieht
mir recht. Mein Instinkt warnte mich von Anfang an vor diesem Kerl.

Grade jetzt wurde das Essen angekndigt. Gertrude kam nicht herunter.
Agatha war schweigsam und verdrielich. Jane versuchte von Erskine
einen Bericht ber sein Zusammentreffen mit Gertrude zu bekommen, aber
er enttuschte ihre Neugierde, indem er aus seiner Beschreibung alles
auslie, was ber alltgliche Redensarten ging.

Ich finde ihr Benehmen sehr seltsam, sagte Jane. Sie besteht darauf,
mit dem Vieruhrzug abzufahren. Ich betrachte das als eine Unhflichkeit
gegen mich, besonders da sie immer so viel auf ihr feines Benehmen
gegeben hat. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen!

Nach Tisch gingen sie zusammen in das Gesellschaftszimmer und waren
kaum dort angelangt, als Trefusis gemeldet wurde. Er war auch schon im
Zimmer, ehe sie die Bestrzung verbergen konnten, die sein Name auf
ihren Gesichtern hervorrief.

Ich komme, um mich zu verabschieden, sagte er. Ich finde, da ich
mit dem Vieruhrzug zur Stadt fahren mu, um meine Angelegenheiten
persnlich in Ordnung zu bringen. Die Telegramme, die ich erhalten
habe, reden nur von Aufschub. Haben Sie die >Times< gelesen?

Gewi habe ich das, sagte Sir Charles nachdrcklich.

Sie stehen auch schon in einigen anderen Zeitungen und werden im
Laufe der nchsten vierzehn Tage noch in ein weiteres halbes Dutzend
hineinkommen. Leute, die sich zu einer Ansicht bekannt haben, haben
immer rger mit den Zeitungen, einige, weil sie nicht hineinkommen
knnen, andere, weil man sie nicht draus lt. Wenn Sie ein donnerndes
revolutionres Manifest erlassen htten, keine Tageszeitung wrde
es wagen, darauf anzuspielen. Es gibt doch keine Feigheit, wie die
Feigheit vor der Fleetstreet! Ich mu forteilen, Ich habe noch viel
zu tun, bevor ich abreise, und es geht auf drei Uhr an. Adieu, Lady
Brandon, und die andern.

Er schttelte Jane die Hand, nickte den andern einzeln zu, wobei er zu
Agathas Gunsten keine Ausnahme machte, und eilte hinaus. Sie starrten
ihm einen Augenblick nach, und dann rannte Erskine hinaus und die
Treppe hinunter, indem er immer zwei Stufen auf einmal nahm. Trotzdem
mute er bis zur Allee laufen, bis er seinen Mann einholte.

Trefusis, sagte er atemlos, Sie drfen nicht mit dem Vieruhrzug
fahren.

Warum nicht?

MiߠLindsay fhrt mit demselben Zug zur Stadt.

Um so besser, mein lieber Junge, um so besser. Sie sind doch jetzt
nicht mehr eiferschtig auf mich?

Sehen Sie, Trefusis. Ich wei nicht und frage auch nicht, was zwischen
Ihnen und Mi Lindsay vor sich gegangen ist. Aber Ihre Verlobung hat
sie ganz aus der Fassung gebracht, und sie flieht nur deswegen nach
London. Wenn Sie hrt, da Sie mit demselben Zug fahren, wird sie bis
morgen warten, und ich glaube, der Aufschub wrde ihr sehr unangenehm
sein. Wollen Sie ihr auch diese Pein noch zufgen?

Trefusis war augenscheinlich verwirrt und sah Erskine zweifelnd an,
indem er einen Augenblick berlegte. Ich glaube, Sie sind in dieser
Sache auf einer falschen Fhrte, sagte er. Meine Beziehungen zu
MiߠLindsay hatten nichts mit Gefhlen zu tun. Haben Sie ihr etwas
gesagt -- ich meine, in Ihrer eigenen Sache?

Ich habe ber beide Angelegenheiten mit ihr gesprochen und wei aus
ihrem eigenen Munde, da ich recht habe.

Trefusis stie einen leisen Pfiff aus.

Es ist nicht das erstemal, da ich in dieser Sache einen klaren
Einblick gewann, sagte Erskine bezeichnend. Bitte, behandeln Sie die
Sache ernsthaft, Trefusis. Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen offen
sage, da nur Ihr gnzlicher Mangel an Gefhl sie wegen der Art, wie
Sie gegen sie gehandelt haben, entschuldigt.

Trefusis lchelte. Verzeihen Sie mir dafr meine Neugierde, sagte er.
Was antwortete sie Ihnen auf Ihren Antrag?

Erskine zauderte und zeigte durch sein Benehmen, da Trefusis nach
seiner Ansicht kein Recht zu dieser Frage hatte. Sie sagte gar
nichts, antwortete er.

Hm! sagte Trefusis. Gut, was den Zug angeht, so knnen Sie sich auf
mich verlassen. Hier ist meine Hand darauf.

Ich danke Ihnen, sagte Erskine mit Wrme. Sie schttelten sich die
Hnde und schieden voneinander. Trefusis ging mit einem Grinsen davon,
das alles andere als Vertrauen erweckte.




Siebzehntes Kapitel.


Gertrude, die nichts davon wute, in welchem Grade sie schon ihre
Enttuschung verraten hatte, glaubte, da ihre Besorgnis fr die
Gesundheit ihres Vaters, die sie als Grund zu ihrer pltzlichen
Abreise angab, ihre Freunde tuschen knnte. Es war ihr vllig
unmglich, mit Agatha zu sprechen oder ihre Anwesenheit zu ertragen.
Eine heftige Wut erfate sie, wenn sie an die Art von Mitleid dachte,
die man gewhnlich verlassenen Mdchen widmet. Das Schlimmste aber war
ihre Furcht, mit Trefusis zusammenzutreffen. Sie hatte ihn seit einiger
Zeit fr einen rechtschaffenen und vollkommenen Mann gehalten, der sich
aufs strkste fr sie interessierte. Aber obgleich ihre Erziehung eine
verhltnismig freie gewesen war, dachte sie doch nicht entfernt an
die Mglichkeit, da sich ein Mann fr eine Frau interessieren knnte,
ohne sie heiraten zu wollen. Er hatte es in seinen ernsthafteren
Stimmungen versucht, ihr eine Empfindung dafr beizubringen, wie
gewhnlich ihre gesellschaftliche Oberflchlichkeit war. Aber er
schmeichelte ihr dabei nur durch seine unverhehlte und auch wirklich
ernst gemeinte berzeugung, da sie eines hheren Lebens fhig sei. Und
dazu kam seine unverbesserliche Galanterie, der sein Humor und seine
Zrtlichkeit gegen Frauen, die er leiden konnte, Reiz und Abwechslung
gaben. Alles das konnte in einem Augenblick an die Stelle seiner
Ernsthaftigkeit treten, und Gertrude hatte ein viel zu gleichmiges
Wesen, um ihm darin zu folgen. Sie glaubte, er rede noch immer im
vollen Ernst, wenn er lngst in blhender Romantik schwrmte, und wurde
dadurch gefhrlich getuscht. Er empfand gar keine Bedenken bei seinem
Liebesspiel, weil er sich nicht fr einen Mann hielt, der den Frauen
so leicht Liebe einflte. Andererseits wute Gertrude nicht, da ihre
Schnheit jeder Stunde, die man mit ihr verbrachte, einen Reiz gab, dem
wenige Mnner von Phantasie und Gefhl widerstehen konnten. Sie, die
seit ihrem Austritt aus der Schule immer auf dem Heiratsmarkt gelebt
hatte, betrachtete das Liebeln als das ernsthafteste Geschft von der
Welt. Fr ihn war es nur eine angenehme Spielerei, deren Reiz durch ein
leises Bedauern, da gar so wenig dahintersteckte, nur gehoben wurde.

Von allen Umstnden bei ihrer Abreise war ihr der Ku, den sie Agatha
anbieten mute, am unangenehmsten. Sie war auf der Schule schon auf
sie eiferschtig gewesen, trotzdem sie sich fr die vornehmere von
den beiden hielt. Aber dieser Vorzug konnte sie kaum ber Agathas
schnellere Auffassung trsten, ber ihre Gewandtheit, ihren Mut, ihre
Erfindungsgabe, ihre Fhigkeit, schwierige Gedankengnge zu finden oder
ihnen zu folgen, und die daraus folgende Macht, andere zu verwirren.
Ihre Eifersucht auf diese Eigenschaften war jetzt noch verstrkt
worden, weil sie fhlte, da Agatha darin viel mehr mit Trefusis
verwandt war als sie selbst. Es machte ihr wenig aus, wie sie sich
selbst im Vergleich mit Agatha vorkam. Aber es machte alles aus, da
sie Trefusis langsam, steif, kalt und geknstelt vorkam, und da sie
ihn nicht davon berzeugen konnte, wie sie in Wirklichkeit war. Denn
sie wollte die Richtigkeit des Eindrucks nicht zugeben, den sie durch
ihr Benehmen machte, da sie ja meist das Gegenteil von dem tat, was sie
tun wollte. Sie sah sich in ihrer Einbildung nicht so, wie sie war,
sondern wie sie sein wollte. Was die einzige Eigenschaft anging, in der
sie sich stets Agatha berlegen gefhlt hatte, die sie >gute Erziehung<
nannte, so hatte grade darin Trefusis ihren Dnkel so sehr zerstrt,
da sie jetzt anfing zu zweifeln, ob es nicht ihr Hauptmangel sei.

Sie konnte kein Wort hervorbringen, als sie ihre Schulfreundin umarmte,
und Agathas Zunge war ebenfalls gelhmt. Ein Gefhl von Reue und
geheimer Zrtlichkeit erstickte ihre Worte, und ihr Schweigen wrde
peinlich gewesen sein, wenn nicht Jane fr alle drei genug geredet
htte. Sir Charles sa drauen im Wagen und wartete, um Gertrude nach
der Station zu fahren. Erskine hielt sie im Hausflur auf, als sie
hinausgehen wollte. Er sagte ihr, er wrde trostlos sein, wenn sie fort
wre, und bat sie, seiner zu gedenken. Seine kleine Bitte rhrte sie
wenig, und ihr fiel nur auf, da sie das beredte Flehen, das in seinen
dunklen Augen lag, schon einmal bei den Knguruhs im Zoologischen
Garten gesehen hatte.

Whrend sie auf der Station zum Zuge ging, brachte er die Pferde in
Ordnung, um von der peinlichen Unterhaltung ber die pltzliche Abreise
seines Gastes entbunden zu sein. Er hatte ein paar Bemerkungen ber die
ngstlichkeit der jungen Pferde gemacht und ber das Wetter, bis sie
das hbsche Stationsgebude erreichten, das auf freiem Felde stand und
von dem Bahnsteig aus einen Blick ber den Flu gewhrte. Zwei Wagen
waren da, zwei Gepcktrger, ein Bcherstand und ein Erfrischungsraum,
hinter dessen Bar sich eine verblhte Schnheit abhrmte. Sir Charles
hielt sich noch am Schalter auf, um fr Gertrude, die schon auf den
Bahnsteig gegangen war, ein Billett zu kaufen. Der erste Mensch, den
Gertrude sah, war Trefusis, der dicht neben ihr stand.

Ich fahre mit diesem Zuge zur Stadt, Gertrude, sagte er schnell. Ich
darf mich Ihnen wohl zur Verfgung stellen. Ich habe Ihnen etwas zu
sagen, denn es ist da ein Miverstndnis zwischen uns entstanden, das
ein Ende nehmen mu. Sie --

Grade jetzt kam Sir Charles heraus und stand erstaunt da, als er sie in
der Unterhaltung sah.

Ich fahre zufllig mit diesem Zug, sagte Trefusis. Ich will fr
MiߠLindsay sorgen.

MiߠLindsay hat ihr Mdchen bei sich, sagte Sir Charles fast
stotternd und blickte auf Gertrude, deren Gesichtsausdruck
undurchdringlich war.

Wir knnen in den Pullmanwagen einsteigen, sagte Trefusis. Wir sind
dort so ungestrt wie in einer Ecke eines berfllten Salons. Ich darf
doch mit Ihnen reisen, nicht wahr? sagte er, als er Sir Charles'
verwirrten Blick sah, und wandte sich an sie um besondere Erlaubnis.

Sie fhlte, wenn sie ihn abwies, dann stie sie ihre letzte Aussicht
auf Glck von sich. Indessen beschlo sie, es doch zu tun, und wenn
sie vor Schmerz auf dem Wege nach London sterben sollte. Als sie ihren
Kopf erhob, um es ihm um so ausdrucksvoller zu verbieten, begegnete sie
seinem Blick, der ernst und erwartungsvoll war. Fr einen Augenblick
verlor sie ihre Fassung, und so sagte sie: Ja, ich werde mich sehr
freuen.

Gut, wenn das der Fall ist, sagte Sir Charles in einem Tone, als ob
seine Sympathie durch ein unverzeihliches Verbrechen verwirkt worden
sei, dann hat es keinen Zweck, wenn ich hier warte. Ich lasse Sie in
den Hnden von Mr.Trefusis. Adieu, Mi Lindsay.

Gertrude fuhr zurck. Es wurde ihr schwer, von einem Mann, der sonst
immer freundlich war, beim Abschied diese Unfreundlichkeit zu ertragen.
Sie wollte ihm schon schweigend die Hand anbieten, als Trefusis sagte:

Warten Sie, bis wir abfahren. Wenn wir zufllig auf der Reise gettet
werden -- was auf einer englischen Bahn leicht mglich ist -- werden
Sie sich selbst spter Vorwrfe machen, wenn Sie uns nicht im letzten
Augenblick gesehen haben. Hier ist der Zug, Sie werden keine Minute
verlieren. Sagen Sie Erskine, da Sie mich hier gesehen haben, da
ich mein Versprechen nicht vergessen habe, und da er sich auf mich
verlassen kann. Gehen Sie hier hinein, MiߠLindsay.

Mein Mdchen, sagte Gertrude bedenklich, denn sie wollte nicht so
kostspielig reisen. Sie --

Sie kommt mit uns, um auf mich acht zu geben. Ich habe fr alle
Billette, sagte Trefusis und half ihnen hinein.

Aber --

Bitte einsteigen, sagte der Schaffner. Fahren Sie mit, mein Herr?

Adieu, Sir Charles. Gren Sie vielmals Lady Brandon und Agatha und
die lieben Kinder. Und ich danke auch fr die sehr angenehme -- Jetzt
fuhr der Zug ab, und Sir Charles wurde weich. Er lchelte und schwenkte
seinen Hut, bis er pltzlich Trefusis' Gesicht sah, auf dem ein so
satanisches Lcheln lag, da er ganz versteinert mitten in seinen
Gestikulationen einhielt und mit seinem ausgestreckten Arm wie ein
optischer Telegraph aussah.

Die Rckfahrt beruhigte ihn wieder etwas, aber er war noch ganz voller
Erstaunen, als er im Gesellschaftszimmer in Beeches Agatha, seine Frau
und Erskine traf. Im Augenblick, als er hereintrat, sagte er ohne jede
Einleitung: Sie ist mit Trefusis davongefahren.

Erskine, der gelesen hatte, fuhr empor und packte sein Buch, als wollte
er es nach jemand schleudern. Dann schrie er: War er am Zug?

Ja, und er ist mit nach der Stadt gefahren.

Erskine schleuderte das Buch heftig auf den Boden. Dann ist er ein
Schurke und ein Lgner, sagte er.

Was ist los? fragte Agatha, sich erhebend, whrend Jane ihn mit
offenem Munde anstarrte.

Ich bitte Sie um Verzeihung, MiߠWylie, ich verga sie. Er verpfndete
mir seine Ehre, da er nicht mit diesem Zuge gehen wollte. Ich werde
-- Er eilte aus dem Zimmer. Sir Charles lief hinter ihm her und holte
ihn unten an der Treppe ein.

Wo gehen Sie hin? Was wollen Sie tun?

Ich will dem Zug folgen und ihn an der nchsten Station abfangen. Ich
kann das mit meinem Rad.

Unsinn, Sie sind verrckt. Sie haben einen Vorsprung von
fnfunddreiig Minuten, und der Zug macht fnfundvierzig Meilen in der
Stunde.

Erskine setzte sich auf die Treppe und starrte ausdruckslos auf die
gegenberliegende Wand.

Sie mssen ihn miverstanden haben, sagte Sir Charles. Ich sollte
Ihnen mitteilen, da er sein Versprechen nicht vergessen habe und da
Sie sich auf ihn verlassen knnten.

Was ist denn geschehen? fragte Agatha, die, von Lady Brandon gefolgt,
herunterkam.

MiߠWylie, sagte Erskine aufspringend, er gab mir sein Wort, als ich
ihm sagte, da MiߠLindsay mit diesem Zuge fhre, da er nicht hingehen
werde. Er hat sein Wort gebrochen und diese Gelegenheit benutzt, da
ich tricht und leichtglubig genug war, ihm davon zu erzhlen. Wenn
ich an Ihrer Stelle gewesen wre, Brandon, ich htte ihn eher erwrgt
oder unter die Rder geworfen, ehe ich ihn htte gehen lassen. Wie
bei jeder Gelegenheit, hat er sich auch jetzt wieder als Schwindler
und Verschwrer gezeigt, als ein Mann von Schleichwegen, Rnken,
Kunstgriffen, verlogenen Spitzfindigkeiten, herzloser Selbstsucht,
grausamem Zynismus -- Er hielt inne, um Atem zu schpfen, und Sir
Charles legte sich ins Mittel.

Sie regen sich wegen gar nichts auf, Chester. Sie sind mit ihrem
Mdchen und vielen andern Leuten in einem Pullmanwagen, und sie gab
ihm ausdrcklich Erlaubnis, mit ihr zu fahren. Er fragte sie offen
in meiner Gegenwart, und ich mu gestehen, ich fand es eine starke
Zumutung, da sie zustimmen sollte. Jedenfalls stimmte sie zu, ich war
natrlich nicht in der Lage, ihn zu hindern, nach London zu gehen,
wenn es ihm Spa machte. Also machen Sie keine Szene, alter Junge. Wir
knnen es nicht ndern.

Es tut mir sehr leid, sagte Erskine und lie den Kopf hngen. Ich
wollte keine Szene machen. Ich bitte Sie um Verzeihung.

Er ging auf sein Zimmer, ohne noch etwas zu sagen. Sir Charles
folgte ihm und versuchte, ihn zu trsten. Aber Erskine erfate seine
Hand und bat, ihn allein zu lassen. So kehrte denn Sir Charles in
das Gesellschaftszimmer zurck, wo seine Frau endlich einmal vor
Verlegenheit kaum zu bemerken wagte, da sie so etwas noch nie in ihrem
Leben gehrt htte.

Agatha verhielt sich schweigend. Sie war schon vor langer Zeit ganz
von selbst zu der Ansicht gekommen, da sie und Trefusis die einzigen
Mitglieder der Gesellschaft auf Beeches waren, die viel gesunden
Verstand hatten. Deshalb glaubte sie auch nicht leicht, da bei einem
Miverstndnis Trefusis unrecht und Erskine recht hatte. Agatha besa
eine leichtfertige Art, die Leute, deren Gewohnheiten und Gedanken von
den ihrigen abwichen, als Esel abzutun. Von allen Arten von Mnnern
verkrperte ein unbedeutender Dichter am meisten ihre Vorstellung von
einem menschlichen Esel, und Erskine, obgleich er wirklich ein hbscher
Mensch und durchaus gut und anstndig war, er war doch nach ihrer
Meinung nur ein minderwertiger Dichter und daher ein ausgesprochener
Esel. Trefusis dagegen war der letzte Mann in ihrer Bekanntschaft,
den sie fr einen wirklich hbschen Menschen oder einen sittsamen
Gentleman gehalten htte. Aber er war kein Esel, obgleich er hartnckig
an seinen sozialistischen Liebhabereien hing. Sie hatte ihn wirklich
im Verdacht einer fast eselhaften Schwche gegenber Gertrude gehabt,
aber in ihren Beziehungen zu Frauen waren nun einmal alle Mnner
Esel, und seit er seine Schwche auf sie bertragen hatte, brauchte
er keine Rechtfertigung mehr. Aber jetzt, da sie sich ber Erskine,
den sie bemitleidete, beruhigte, empfand sie die Reise Trefusis' mit
Gertrude voll Unwillen als einen Eingriff in ihren soeben erlangten
Alleinbesitz seiner Person. Gertrude hatte einen gewissen Schein von
aristokratischem Stolz an sich, um den Agatha sie frher beneidet
hatte, und sie frchtete jetzt, Trefusis mchte ihn fr ein Anzeichen
von Gesinnungsadel und feiner Lebensart halten. Agatha glaubte nicht,
da ihr Unwille das gewhnliche Gefhl war, das man Eifersucht nennt,
denn sie hielt sich noch immer fr eine Ausnahmenatur, aber es gab
ihr doch eine Empfindung, gekrnkt zu sein, was ihre Stimmung nicht
verbesserte.

Das Diner war langweilig. Lady Brandon sprach in einem leisen Tone, als
ob im Nebenzimmer eine Leiche liege. Erskine litt unter dem Bewutsein,
da er am Nachmittage seinen Kopf verloren und tricht gehandelt habe.
Sir Charles kam auch nicht ber die bange Ungewiheit fort, die sie
alle wegen der Reise nach London empfanden. Er a und trank und sagte
nichts. Agatha, die sich ber sich selbst und ber Gertrude rgerte und
schwankte, ob sie sich auch ber Trefusis rgere oder ihm herzliches
Vertrauen schenken sollte, folgte dem Beispiel ihres Wirtes. Nach dem
Essen begleitete sie ihn bei einer Reihe Schubertliedern. Aber das
machte die Stimmung nicht leichter, sondern noch schwerer. Sir Charles
zog melancholische Lieder vor, da er grade den Schmerz am besten zum
Ausdruck bringen konnte. Und da seine musikalischen Ansichten wie
bei den meisten Englndern sich auf dem grndete, was er in seinen
Kinderjahren in der Kirche gehrt hatte, so war sein Vortrag unangenehm
eintnig. Agatha benutzte die erste passende Gelegenheit, um sich vom
Klavier zurckzuziehen. Sir Charles fhlte, da sein Vortrag nicht
gelungen war, und bemerkte, nachdem er ein- oder zweimal gehustet
hatte, er htte sich wohl auf der Rckfahrt von der Station erkltet.
Erskine sa mit gesenktem Kopf auf dem Sofa und lie die gefalteten
Hnde zwischen den Knien herabsinken. Agatha stand am Fenster und sah
in die letzte Glut des Sommerabends. Jane ghnte und brach dann das
Schweigen.

Du hast genau den Blick wie auf der Schule, ich knnte mir fast
vorstellen, da wir wieder auf Numero Sechs wren.

Agatha schttelte ihren Kopf.

Seh ich jemals so aus wie jene -- wie ich damals war?

Niemals, sagte Agatha bestimmt, indem sie sich umwandte und die
Gestalt betrachtete, von der Mi Carpenter nur eine unreife Vorstufe
gewesen war.

Aber warum nicht? fragte Jane murrend. Ich sehe nicht ein, warum ich
das nicht sollte. Ich habe mich doch nicht so verndert.

Du bist eine auergewhnlich schne Frau geworden, Jane, sagte Agatha
ernst und wandte dann, ohne zu wissen warum, ihren forschenden Blick
auf Sir Charles, der unruhig wurde und hinausging. Eine Minute spter
kehrte er zurck und hatte zwei gelbbraune Umschlge in der Hand.

Ein Telegramm fr Sie, MiߠWylie, und eins fr Chester.

Erskine fuhr, bla vor unbestimmter Furcht, auf. Agathas Farbe verlor
sich und kam in verstrktem Mae wieder, als sie las:

  Ich bin wohlbehalten angekommen und lcherlich glcklich. Lesen Sie
  tausend Dinge zwischen den Zeilen. Ich werde morgen schreiben. Gute
  Nacht.

Du kannst es lesen, sagte Agatha und gab es Jane.

Sehr hbsch, bemerkte diese. Grade fr einen Schilling
Aufmerksamkeit -- genau zwanzig Worte! Er kann sich mit Recht einen
konom nennen.

Pltzlich begann Erskine ein krhendes Lachen, da sie sich nach ihm
umwandten und ihn anstarrten. Welch ein Unsinn! sagte er errtend.
Was das fr ein Kerl ist! Ich lege nicht den mindesten Wert darauf.

Agatha fate das Telegramm an einer Ecke und zog langsam daran.

Nein, nein, sagte er und hielt es fest. Es ist zu lcherlich. Ich
glaube nicht, da ich --

Agatha ri es jetzt an sich und las den Inhalt laut vor. Das Telegramm
war von Trefusis.

Ich verzeihe Ihnen Ihre Gedanken seit Brandons Rckkehr. Schreiben Sie
ihr heute abend und folgen Sie morgen persnlich Ihrem Brief, um eine
zustimmende Antwort zu bekommen. Ich versprach Ihnen, Sie knnten sich
auf mich verlassen. Sie liebt Sie.

So was habe ich in meinem Leben noch nicht gehrt, sagte Jane.
Niemals.

Er ist wirklich ein ganz seltsamer Mensch, sagte Sir Charles.

Ich bin um meinetwillen froh, da er nicht so schwarz ist, wie man
ihn gemalt hat, sagte Agatha. Sie knnen jedes Wort davon glauben,
Mr.Erskine. Tun Sie bestimmt, was er Ihnen sagt. Er wei ganz sicher,
da er sich nicht irrt.

Pah! sagte Erskine und zerknitterte das Papier und steckte es in die
Tasche, als wre es keines zweiten Blickes wert. Gleich darauf schlich
er sich fort und kam nicht wieder. Als sie im Begriff waren, sich
zurckzuziehen, fragte Sir Charles ein Mdchen, wo er sei.

In der Bibliothek, Sir Charles. Er schreibt.

Sie sahen sich gegenseitig bezeichnend an und gingen zu Bett, ohne ihn
zu stren.




Achtzehntes Kapitel.


Als Gertrude sich mit Trefusis in dem Pullmanwagen befand, wunderte
sie sich, wie sie dazu kam, gegen ihren Entschlu, wenn nicht gegen
ihren Willen, mit ihm zu fahren. Es waren noch zwei Frauen da, die
sie mit mitrauischen Blicken beobachteten, als ob sie mit schlechten
Absichten hierhergekommen sei. Ferner ein Herr, der etwas weiter absa
und sie bewunderte; ihr Mdchen, das Trefusis' Zeitungen las und grade
auerhalb der Hrweite war; ein Herr vom Lande, der gleichgltig und
mrrisch aus dem Fenster blickte; ein Kaufmann aus der City, der in
den >Economist< vertieft war, und eine hfliche Dame, die sie zwar
nicht anstarrte, aber doch im stillen beobachtete. Gertrude fhlte,
da sie in Gegenwart aller dieser Menschen keine Szene machen durfte,
aber sie wute, da sie nicht hierhergekommen war, um eine gewhnliche
Unterhaltung zu fhren. Sie brauchte auch darber nicht lange im
ungewissen zu bleiben. Er begann sofort zu sprechen und ging ohne
Umschweife auf den Kernpunkt der Sache los.

Was denken Sie ber meine Verlobung?

Diese Frage war mehr, als sie ruhig ertragen konnte. Was geht das mich
an? fragte sie unwillig. Ich habe nichts damit zu tun!

Nichts? Dann ist es mit Ihrer Freundschaft fr mich nicht weit her.
Und ich hielt Sie fr einen meiner besten Freunde.

Sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihn anblicken. Aber sie besann
sich. Sie prete ihre Lippen zusammen und starrte auf den leeren Sitz
vor ihr. Fr den Vorwurf, den er nach ihrer Ansicht verdiente, fand sie
keinen Ausdruck.

Ich habe noch immer diese berzeugung, trotzdem MiߠLindsay so
gleichgltig gegen meine Angelegenheiten ist. Aber ich mu auch
gestehen, ich wei kaum, wie ich Ihnen etwas mehr Teilnahme fr mich
einflen soll. Sie sind erstens niemals verheiratet gewesen, ich
aber wohl. Dann sind Sie so viel jnger als ich, und zwar nicht nur
an Jahren. Hchst wahrscheinlich stammen Ihre Ansichten ber solche
Dinge meistens aus Romanen, in denen ein glcklicher Ausgang schon so
wie so an sehr seltsame Umstnde geknpft ist -- an Umstnde, die im
wirklichen Leben ganz andere Folgen haben. Wenn Ihre Freundschaft ein
Kapitel aus einem Roman wre, was wrde wohl das Ende sein? Nun, ich
mte Sie entweder heiraten oder Ihnen durch meine Treulosigkeit das
Herz brechen.

Gertrudes Augen wanderten umher, als habe sie die Absicht, zu
entfliehen.

Aber unsere Beziehungen sind solche des wirklichen Lebens und darum
viel zartere als die eines Romanes. Ich habe nie davon getrumt, Sie
zu heiraten. Ich habe Ihre Freundschaft gewonnen und sie genossen,
ohne dabei geschftliche Plne zu haben, von denen sich die Menschen
des neunzehnten Jahrhunderts sonst nicht einmal im Schlafe freimachen.
Und Sie sind mir gegenber ebenso uninteressiert und denken gar nicht
daran, sich das Herz brechen zu lassen. Aber ich glaube, da Sie etwas
verletzt sind, weil ich einen so wichtigen Schritt, wie die Heirat
mit Agatha, berlegt und ausgefhrt habe, ohne Ihnen meine Absicht
anzuvertrauen. Und zur Strafe sagen Sie mir, da Sie nichts damit zu
tun htten -- da es Ihnen ganz gleichgltig sei. Doch ich habe diesen
Schritt gar nicht vorher berlegt und konnte ihn daher auch nicht vor
Ihnen verhehlen. Es geschah in weniger als einer Minute, da ich den
Entschlu fate und ihn ausfhrte. Obgleich meine erste Heirat eine
trichte Liebesgeschichte und ein Fehler war, so war ich mir doch immer
darber im klaren, da ich wieder heiraten mte. Ein Junggeselle ist
ein Mann, der sich jeder Verantwortlichkeit und jeder Verpflichtung
entzieht. Ich suche sie aber grade und halte es fr meine Schuldigkeit,
bei meinem ungeheuren berflu an Reichtum meine Neigungen nicht zu
sehr anwachsen zu lassen. Bei alledem hatte ich aber keine Eile. Es
gab so viele Dinge, die mich beschftigten, ich liebte die Freiheit
meines Junggesellenlebens und wute auch manchmal nicht, ob es recht
war, noch mehr Miggnger auf die Welt zu setzen, die die Arbeiter
ernhren muten. Dazu kam die gewhnliche Schwierigkeit, ein passendes
Mdchen zu finden. Ich wollte keine Gehilfin haben, ich kann mir selber
helfen. Ebensowenig erwartete ich eine hingebende Liebe zu finden. Das
Menschengeschlecht hat noch keinen Mann hervorgebracht, den man bei
intimer Bekanntschaft liebt. Sogar meine Eigenliebe ist weder tief noch
dauernd. Ich wollte einen munteren Gefhrten fr das husliche Leben
haben, und es kam mir pltzlich der Gedanke, Agatha sei vielleicht
noch das Passendste, was ich auf dem Heiratsmarkt finden konnte. Denn
es ist sehr schwer, hier etwas Zusagendes zu finden, und wenn man
in der Hoffnung, etwas Besseres zu finden, zu lauge zaudert, dann
schnappen einem die andern noch den besten Handel vor der Nase weg.
Ich bewundere Agathas Mut und Befhigung. Ich glaube, ich werde ihr
Zuneigung zu mir einflen, und dann wird unsere Vereinigung zu einem
festen Bande verwachsen, wie es fr zwei verschiedene Wesen zutrglich
und notwendig ist. Vielleicht tusche ich mich ber ihren Charakter,
denn ich kenne sie nicht so, wie ich Sie kenne, und ich habe schwerlich
soviel Zutrauen zu ihr, um mit ihr ber solche Sachen wie mit Ihnen
zu sprechen. Und doch liegt auch ein romantischer Anstrich ber dem
Ganzen, der mir Mut gibt. Agatha hat etwas Bezauberndes an sich. Finden
Sie das nicht auch?

Gertrudes Bewegtheit war verschwunden. Sie antwortete mit khler
Verachtung: Es ist wirklich romantisch. Agatha ist sehr glcklich.

Trefusis lachte und seufzte gleichzeitig und war froh, weil sie soviel
Selbstbeherrschung zeigte. Es klingt so -- und vielleicht ist es auch
nichts anderes als die selbstschtige Berechnung eines enttuschten
Witwers. Sie wrden ein solches Angebot nicht besonders schtzen und
auch die Empfngerin nicht beneiden.

Nein, sagte Gertrude mit ruhiger Geringschtzung.

Und doch liegen hinter allen Antrgen solche Berechnungen. Wir
heiraten, um unsere Neigungen zu befriedigen, und je vernnftiger
unsere Neigungen sind, desto mehr Aussicht haben wir, da sie wirklich
befriedigt werden. Ich sehe, Sie sind ber mich enttuscht. Ich
habe das befrchtet. Sie gehren zu der Art Frauen, die nur eine
Entschuldigung fr die Ehe kennen -- die Liebe, die reine Gefhlsliebe,
die fr jede berlegung blind ist.

Ich interessiere mich wirklich nicht --

Sagen Sie das nicht, Gertrude. Ich beobachte ngstlich jeden Schritt,
den Sie tun, und ich glaube nicht, da es Ihnen gleichgltig ist, ob
ich mich wrdig verhalte. Glauben Sie mir, Liebe ist eine berschtzte
Leidenschaft. Man wrde lngst jedes Zutrauen dazu verloren haben, wenn
nicht die jungen Leute und die Romanschriftsteller, die von solchen
Tollheiten leben, ein immerwhrendes Interesse daran htten, dieses
Zutrauen wieder aufzufrischen. Keine Verbindung, die verschiedenartige
Pflichten und einen stetigen Verkehr zwischen zwei Menschen in sich
schliet, kann dauernd auf der Liebe allein begrndet bleiben. Doch
soll man die Liebe nicht geringschtzen, wenn sie einer zarten Natur
entspringt. Es gibt einen Mann, der Sie genau so liebt, wie ich nach
Ihrer Ansicht Agatha lieben mte -- wie ich sie aber nicht liebe.

Gertrudes Erregung erwachte von neuem, und sie errtete. Sie haben
jetzt kein Recht mehr, mir so etwas zu sagen, bemerkte sie.

Warum darf ich nicht fr einen andern eintreten? Ich spreche von
Erskine. Ihre Farbe verschwand, und er fuhr fort: Ich htte gerne,
wenn Sie ihn heiraten. Als verheiratete Frau werden Sie mich besser
verstehen, und unsere Freundschaft, die jetzt einen Sto erhalten hat,
wird sich vertiefen. Denn jetzt, da Sie mich nicht mehr miverstehen
knnen, darf ich Ihnen wohl sagen, da mir kein weibliches Wesen auf
der Welt teurer ist, als Sie es sind. Das ist der Grund, den meine
Selbstsucht bei der Angelegenheit hat. Erskine ist ein armer Mann, und
seine behagliche Armut -- verzeihen Sie den Ausdruck -- wird Sie vor
der Erniedrigung bewahren, sich fr Reichtum und Ansehen verheiraten zu
mssen. Fr Mdchen Ihrer Klasse ist diese Erniedrigung eine stndige
Gefahr. Die andern Mdchen bewerben sich darum, Sie aber drfen das
nicht tun. Erskine ist ehrenhaft und liebt Sie. Er ist jung, gesund und
umgnglich. Was glauben Sie, da Ihnen die Welt mehr bieten knnte?

Hoffentlich viel mehr! Bedeutend mehr!

Ich frchte, die Namen, die ich den Dingen gebe, sind nicht romantisch
genug. Er ist ein Dichter. Vielleicht wrde er ein Held sein, wenn das
einem Manne heute mglich wre. Aber das neunzehnte Jahrhundert wird
einst in der Geschichte als die schndliche Zeit dastehen, in der alle
Macht ber die Natur nur dazu diente, die Habgier des Menschen zu
schrfen und die Aushungerung der Mitmenschen als offenes Kampfesmittel
zu proklamieren. Erskine ist wenigstens kein Spieler und kein direkter
Sklavenhalter. Wenn er von der Ausbeutung der Arbeit lebt, so kann er
ebenso wie ich gar nicht anders. Sagen Sie nicht, da Sie viel mehr
erhoffen. Aber erzhlen Sie mir, wenn Sie knnen, worauf Sie sonst
Aussicht haben. Ich frage nicht, was Sie wnschen -- wir haben alle
ausschweifende Wnsche. Ich frage Sie, was Sie mehr erreichen knnen.

Ich halte Mr.Erskine nicht fr einen solchen wundervollen Menschen,
wie Sie das tun.

Er ist eben nur ein Mensch. Kennen Sie sonst jemand, der wundervoll
ist?

brigens wrde auch meine Familie nicht damit einverstanden sein.

Das ist hchst wahrscheinlich. Wenn Sie es ihnen recht machen wollen,
mssen Sie sich an irgendeinen reichen Fabrikvampyr oder einen groen
Landbesitzer verkaufen. Wenn Sie sich an den armen Dichter weggeben,
der Sie liebt, wird ihre Enttuschung grenzenlos sein. Wenn heute ein
Mdchen ihren Vater und ihre Mutter so ehren will, da sie zufrieden
sind, mu sie sich selbst entehren.

Ich verstehe nicht, warum Sie so ngstlich bedacht sind, mich an einen
andern zu verheiraten!

An einen andern? fragte Trefusis verwirrt.

Ich meine nicht, an einen andern, sagte Gertrude schnell und
errtete. Warum soll ich berhaupt heiraten?

Warum heiratet berhaupt jemand? Warum heirate ich? Weil das eine
Aufgabe ist, die jeder erfllen soll. Wenn Sie nicht beizeiten aus
freier Wahl heiraten, werden Sie spter durch die Zudringlichkeit Ihrer
Bewerber und Ihrer Eltern dazu getrieben werden, oder Sie tun es, weil
Sie der Ungewiheit Ihres jetzigen Lebens mde sind. Haben Sie Mut bei
Ihrer Heirat! Werfen Sie sich nicht weg und verkaufen Sie sich nicht.
Verschenken Sie sich. Erskine hat ebensoviel zu verlieren wie Sie, und
doch bietet er sich ohne Furcht an.

Gertrude erhob stolz ihren Kopf.

Es ist ja richtig, fuhr Trefusis fort, der etwas rgerlich diese
Bewegung bemerkte, da er von Ihnen eine etwas hhere Meinung hat,
als Sie es verdienen, dafr unterschtzen Sie ihn auch wiederum.
Wenn Sie ihn heiraten, dann mssen Sie ihn vor einer grausamen
Enttuschung bewahren, indem Sie sich wirklich zu dem hohen Standpunkt
emporschwingen, den Sie in seiner Einbildung innehaben. Das kostet Sie
etwas Mhe, und diese Anstrengung wird Ihnen guttun, ob Sie nun dabei
Erfolg haben oder nicht. Und was ihn angeht, den Standpunkt, auf dem er
in Ihren Gedanken steht, wird er schon immer erreichen, wenn nur Ihre
Gedanken ihn erreichen knnen.

Gertrude machte eine Bewegung der Ungeduld.

Wie! sagte er schnell. Mein langatmiger Appell an Ihre Vernunft ist
Ihnen wohl unangenehm? Ich glaube, ich spreche wider Willen so, weil
ich schlielich doch auf den Burschen eiferschtig bin. Aber ich rede
im Ernst. Ich mchte, da Sie sich verheirateten, obgleich ich immer
einen geheimen Groll gegen den Mann haben werde, der Sie heiratet.
Agatha hat mich im Verdacht der Treulosigkeit, wenn Sie es nicht tun.
Erskine wird enttuscht sein. Sie selbst werden verdrielich, elend und
-- unverheiratet sein.

Gertrudes Wangen rteten sich bei dem Wort eiferschtig und dann noch
einmal bei der Erwhnung Agathas. Und wenn ich es tue, sagte sie
bitter, was dann?

Wenn Sie es tun, wird Agatha zufrieden und Erskine glcklich sein.
Sie haben sich selbst geopfert und werden das Glck finden, das einem
wertvollen Opfer folgt.

Sie sind es, der mich geopfert hat, sagte sie, indem sie ihr
Stillschweigen aufgab. Sie blickte ihn jetzt zum erstenmal whrend
ihrer Unterhaltung an.

Ich wei es, sagte er in halb geflstertem Tone und neigte sich zu
ihr hin. Ist nicht Entsagen der Anfang und das Ende aller Weisheit?
Ich habe Sie geopfert, weil ich unsere Freundschaft nicht entweihen
wollte, indem ich Sie bat, mein ganzes Leben mit mir zu teilen. Sie
sind dafr nicht geeignet, und so gehe ich eine andere Verbindung ein.
Aber ich bitte Sie, meinem Beispiel zu folgen, damit wir nicht einander
zu einem Schritt drngen, der bald beweisen wrde, wie recht ich mit
meinem Wort habe, da Sie fr mich nicht geeignet sind. Ich habe Ihnen
nie gestattet, durch alle Zimmer meines Bewutseins zu streifen, aber
ich habe fr Sie dort ein Allerheiligstes und will es unentwegt fr Sie
bewahren. Selbst Agatha soll den Schlssel dazu nicht haben. Sie mu
zufrieden sein mit den andern Zimmern -- dem Gesellschaftszimmer, dem
Arbeitszimmer, dem Speisezimmer und so fort. Alle diese wrden Ihnen
nicht passen, Sie wrden weder die Einrichtung noch die Gste lieben
und nach einiger Zeit nicht einmal mehr den Hausherrn. Wollen Sie mit
dem Allerheiligsten zufrieden sein?

Gertrude bi auf ihre Lippen, die Trnen traten ihr in die Augen. Sie
sah ihn flehend an. Wren sie allein gewesen, sie htte sich in seine
Arme geworfen und ihn gebeten, alles auer ihrer gegenseitigen starken
Zuneigung zu vergessen.

Und wollen Sie einen Winkel in Ihrem Herzen fr mich bewahren?

Langsam warf sie ihm einen schmerzlichen Blick des Nachgebens zu.

Wollen Sie tapfer sein und sich dem armen Mann opfern, der Sie liebt?
Er wird Sie vor nutzloser Einsamkeit und vor einer oberflchlichen Ehe
bewahren -- ich knnte den Gedanken nicht ertragen, da eins von diesen
beiden Ihr Schicksal sein wrde.

Ich mache mir nichts aus Mr.Erskine, sagte sie und war kaum
imstande, ihre Stimme zu beherrschen. Aber ich will ihn heiraten, wenn
Sie es wnschen.

Ich wnsche es ernstlich, Gertrude.

Dann haben Sie mein Versprechen, sagte sie, und wieder kam ein
bitterer Ton in ihre Stimme.

Aber Sie werden mich doch nicht vergessen? Erskine wird alles haben
auer diesem stillen Gedenken.

Kann ich mehr tun, als ich grade versprochen habe?

Vielleicht, aber ich bin zu selbstschtig, um etwas noch
Gromtigeres zu verstehen. Unser Entsagen wird uns fester
aneinanderbinden, als es unsere Vereinigung je htte tun knnen.

Sie sahen sich lange an. Dann zog er seine Uhr heraus und begann ber
die Lnge der Fahrt zu sprechen, die jetzt ihrem Ende entgegenging. Als
sie in London ankamen, war die erste Person, die sie auf dem Bahnsteig
sahen, Mr.Jansenius.

Ah! Sie erhielten also mein Telegramm, sagte Trefusis. Vielen Dank
fr Ihr Kommen. Warten Sie, bitte, whrend ich diese Dame zu Ihrem
Wagen begleite.

Als der Wagen geholt war und Gertrude mit ihrem Mdchen darin sa,
flsterte er ihr noch schnell zu:

Trotz allem drckt es mich hier wie Bleigewicht. Er zeigte auf sein
Herz. Sie sind tapfer und ich bin vernnftig gewesen. Antworten Sie
mir nicht, aber denken Sie daran, da wir fr immer treue Freunde sind.

Er drckte ihre Hand und wandte sich an den Kutscher, dem er die
Fahrtrichtung sagte. Gertrude sank in eine Ecke des Wagens zurck, als
er sich in Bewegung setzte. Trefusis aber atmete auf, wie ein Mann,
der grade von einer schweren, drckenden Last erlst ist, und ging zu
Mr.Jansenius.

Da geht ein echtes Weib, sagte er. Ich habe sie berredet, den
besten Schritt zu tun, der ihr mglich war. Ich begann als ehrlicher
Mann vernnftig zu sprechen und qulte mich damit eine halbe Stunde,
aber sie wollte mich nicht anhren. Dann redete ich fnf Minuten lang
romantischen Unsinn von der gewhnlichsten Sorte, und mit Trnen in
den Augen stimmte sie mir zu. Wir wollen diesen Wagen nehmen. He!
Belsize Avenue. Ja, man mu manchmal mit den Weibern weiblich reden,
grade so, wie man mit einem Narren nrrisch reden mu. Haben Sie jemals
darber nachgedacht, Jansenius, ob ich ein ungewhnlich ehrenhafter
Mann bin oder eines der schlechtesten Produkte dieser Gesellschaft, die
ich mit aller Macht zu vernichten suche -- ob ich also, kurz gesagt,
ein hllischer Schurke bin?

Aber ich bitte Sie, seien Sie doch nicht so tricht, sagte
Mr.Jansenius. Ich wundere mich, wie ein Mann von Ihrer Befhigung
manchmal so handeln und sprechen kann, wie Sie es tun.

Ich hoffe, ein wenig Aufrichtigkeit ist entschuldbar, wenn man sie als
Chloroform gebraucht -- um einer Frau ber die Schmerzen verletzter
Eitelkeit hinwegzuhelfen. brigens, auf dem nchsten Postamt, an dem
wir vorbeikommen, mu ich zwei Telegramme aufgeben. Nun ja, wie ich
Ihnen schon mitteilte, ich werde mich mit Agatha verheiraten. Es war
nur noch ein anderer einzelner Mann und ein anderes Mdchen unten in
Brandon Beeches, und jetzt sind sie so gut wie verlobt. Und darum:

      Hans nimmt sein Gretchen.
      Jeder sein Mdchen;
      Es find't seinen Deckel jeder Topf,
      Und allen geht's nach ihrem Kopf.

                               _$Ende.$_


  +------------------------------------------------------------------+
  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Folgende Inkonsistenzen wurden belassen, da beide Schreibweisen  |
  | blich waren:                                                    |
  |                                                                  |
  | adelige -- adlige                                                |
  | anderen -- andern                                                |
  | anderer -- andrer                                                |
  | bekomm -- bekomme                                                |
  | benutzt -- bentzt                                               |
  | besondern -- besonderen                                          |
  | gehen -- gehn                                                    |
  | glaube -- glaub                                                  |
  | gerade -- grade -- grad                                          |
  | Hohepriester -- Hohenpriester                                    |
  | hheren -- hhern                                                |
  | keines -- keins                                                  |
  | Ladies -- Ladys                                                  |
  | Lord-Mayor -- Lordmayor                                          |
  | Schierlingbltter -- Schierlingsbltter                          |
  | sechszehn -- sechzehn                                            |
  | seh -- sehe                                                      |
  | sehen -- sehn                                                    |
  | seiest -- seist                                                  |
  | steh -- stehe                                                    |
  | trocknen -- trockenen                                            |
  | tu -- tue                                                        |
  | ungeheueres -- ungeheuren                                        |
  | unseren -- unsern                                                |
  | Vagabond -- Vagabund                                             |
  | Versuches -- Versuchs                                            |
  |                                                                  |
  | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:                  |
  |                                                                  |
  | S. 6  ">" durch  ersetzt.                                       |
  | S. 7  ">" durch  ersetzt.                                       |
  | S. 8  "sagt" durch "sagte" ersetzt.                              |
  | S. 8  "" eingefgt.                                             |
  | S. 32 Absatz eingefgt.                                          |
  | S. 32 "." eingefgt.                                             |
  | S. 36 "" eingefgt.                                             |
  | S. 39 "hat" durch "hatte" ersetzt.                               |
  | S. 41 "" eingefgt.                                             |
  | S. 45 "Manschesterhosen" durch "Manchesterhosen" ersetzt.        |
  | S. 46 "Manschesterweste" durch "Manchesterweste" ersetzt.        |
  | S. 47 "Schwesters" durch "Schwestern" ersetzt.                   |
  | S. 48 "" entfernt.                                              |
  | S. 50 "." durch "?" ersetzt.                                     |
  | S. 50 "!" durch "." ersetzt.                                     |
  | S. 50 "Es" durch "Er" ersetzt.                                   |
  | S. 55 "bischen" durch "bichen" ersetzt.                         |
  | S. 60 "kaput" durch "kaputt" ersetzt.                            |
  | S. 64 "Manschester" durch "Manchester" ersetzt.                  |
  | S. 65 "?" durch "." ersetzt.                                     |
  | S. 65 "Sie" durch "sie" ersetzt.                                 |
  | S. 65 "auf und abzog" durch "auf- und abzog" ersetzt.            |
  | S. 69 "" eingefgt.                                             |
  | S. 70 "," durch ":" ersetzt.                                     |
  | S. 81 "" eingefgt.                                             |
  | S. 70 "Besonneren" durch "Besonneneren" ersetzt.                 |
  | S. 118 "den" durch "denn" ersetzt.                               |
  | S. 145 Die Zeilen                                                |
  |          "Nachricht schicken, Sie mchten herkommen? Sie         |
  |          erfuhr"                                                 |
  |          "ja von unserm Ausflug erst um halb zehn gestern"       |
  |        mit der Zeile                                             |
  |          "an und sagte: Wie konnte Mi Wilson Ihnen die"        |
  |        vertauscht.                                               |
  | S. 189 "htte" eingefgt.                                        |
  | S. 199 "" entfernt.                                             |
  | S. 219 "Salusts" durch "Sallusts" ersetzt.                       |
  | S. 223 "" eingefgt.                                            |
  | S. 224 "Sie" durch "Sir" ersetzt.                                |
  | S. 225 "mir" durch "mich" ersetzt.                               |
  | S. 227 "einer" durch "einen" ersetzt.                            |
  | S. 238 "das" durch "des" ersetzt.                                |
  | S. 245 "" entfernt.                                             |
  | S. 286 "" entfernt.                                             |
  | S. 307 "." eingefgt.                                            |
  | S. 313 "" eingefgt.                                            |
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  | S. 320 "Trefusius" durch "Trefusis" ersetzt.                     |
  | S. 337 "." durch "?" ersetzt.                                    |
  | S. 348 "?" durch "!" ersetzt.                                    |
  | S. 353 "" eingefgt.                                            |
  | S. 354 "deinen" durch "deinem" ersetzt.                          |
  | S. 356 "" entfernt.                                             |
  |                                                                  |
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End of the Project Gutenberg EBook of Der Amateursozialist, by Bernhard Shaw

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER AMATEURSOZIALIST ***

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Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

