The Project Gutenberg EBook of Unter den Wilden, by Adolf Heilborn

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Title: Unter den Wilden
       Entdeckungen und Abenteuer

Author: Adolf Heilborn

Release Date: October 6, 2014 [EBook #47070]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER DEN WILDEN ***




Produced by Peter Becker, Norbert H. Langkau and the Online
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                           Unter den Wilden:

                       Entdeckungen und Abenteuer


                                  Von

                          Dr. Adolf Heilborn


                       Mit 5 bunten Beilagen und
                 36 Textbildern von _Erich Sturtevant_


                                 BONGS
                             JUGENDBCHEREI


                     VERLAG VON RICH. BONG IN BERLIN


                 Alle Rechte, auch das der bersetzung
                    in andere Sprachen, vorbehalten.

           Copyright 1921 by Verlag von Rich. Bong in Berlin.

                 Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.




Inhalt


                                                                  Seite

  Vorwort                                                             5

  Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti. Von Kapitn
  _Samuel Wallis_                                                     9

  Ein Sdsee-Idyll. Von Kapitn _James Cook_                         57

  Kapitn Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln. Von Kapitn
  _James King_                                                      133

  Eine Unglcksreise nach der Nordwestkste Amerikas. Von Kapitn
  _John Meares_                                                     205

  Reise nach Guinea und Grndung von Gro-Friedrichsburg. Von
  Major _Otto Friedrich v. d. Groeben_                              245

  Geschichtliches und Geographisches zu den Berichten der
  Entdecker                                                         287




Vorwort


In jedem gesunden Kinde steckt ein gut Stck Robinsonsehnsucht. Sie
ist der letzte, kulturgezhmte Rest uralter Wanderlust, uralten
Abenteuerdranges der Menschheit. Wie wir uns immer wieder in Pfeil
und Bogen uralte Waffen verfertigen, im Spiele Htten bauen oder
Hhlen als Schlupfwinkel whlen, wie es uns immer wieder zum Tiere
zieht, es zu liebkosen und uns gefgig zu machen, so berfllt uns
eines Tages qulende Robinsonsehnsucht, und mit blanken Augen und
roten Wangen verschlingen wir dann alles, was sie zu stillen uns
verheit. Unsterblicher Robinson, unsterblicher Lederstrumpf, roter
Freibeuter, Peter Simpel und wie ihr euch sonst noch nennt, die ihr
alle etwas von einem Don Quichotte habt und Vter einer so langen
und manchmal auch recht langweiligen Reihe von Nachtretern geworden
seid ... wie jedes echte Kind hab ich euch immer von neuem gelesen,
bis ich euch fast auswendig konnte, und bis ich eines Tages in meines
lieben Vaters Bcherschrank auf andre Helden und andre Abenteuer
traf, Helden von Fleisch und Blut, wirkliche Menschen, nicht nur
am Schreibtisch erdachte Gestalten, und Abenteuer, die wirklich
erlebt, in Not und Tod, nicht nur zur Spannung naiver Leser ersonnen.
Da standen in gromchtigen, altertmlichen Lederbnden mit roten
und schwarzen Schildern auf dem goldgepreten, dicken Rcken die
Entdeckungsreisen des Kapitn Cook, sechs stattliche Bnde, daneben
die Reisen von Wallis, von Byron, von Carteret, von Meares, Portlock
... Reisen und Abenteuer in der Sdsee, an den unwirtlichen Ksten
Nordamerikas, unter braunen, nackten Wilden und Indianern. Ein Buch
immer spannender als das andere, immer schner, immer seltsamer. Was
waren das fr unvergeliche Stunden des Lesens und Trumens. Das
blaue Sdmeer lag vor meinen Blicken, von weier Brandung umgischt
tauchten Koralleninseln daraus empor, mit rauschenden Palmenhainen voll
seltsam bunter Vgel. Von Eiland zu Eiland zogen in flinken Kanus mit
Mattensegeln die braunen Kanaken und kmpften in Panzern und Helmen
mit Haifischzahnspeeren und sangen melodisch und sprangen zur Trommel
...

Sie sind Zauberer, diese groen Entdecker, voran, allen weit
voran James Cook, der einem ganzen Zeitalter den Stempel seines
Naturempfindens aufprgte. Eine Weltanschauung ward aus diesen
Entdeckungsfahrten geboren, eine Naturphilosophie, die in Seumes Worten
Seht, wir Wilden sind doch bere Menschen gipfelte, die in Rousseaus
Werken ihr Zurck zur Natur predigte. Auch unsre Zeit, durch soviel
Blut und Grauen gegangen, hat diese Sehnsucht wieder, hat nach all
der bersttigung mit raffinierter Kultur diesen gesunden Hunger nach
natrlicheren Verhltnissen. Darum gerade wird ihr die Kost, die hier
geboten, besonders munden, werden diese uns berlieferten Erzhlungen
der Entdecker wie ein erfrischender Trunk nach ermdender Wanderung
wirken. Zumal die Jugend wird sie, des bin ich gewi, mit Jubel
begren: ist doch der Robinson und all das andre in ihnen gleichsam
beschlossen. Aus diesen Reisen und Abenteuern sind jene ersonnenen
Geschichten ja erst geboren.

Aber nicht nur dem angenehmen Zeitvertreib miger Stunden vermgen sie
zu dienen: es lt sich aus ihnen auch unendlich viel lernen -- nicht
nur Erd- und Vlkerkunde, auch Kulturgeschichte. Kein Geringerer als
Schiller schrieb unter ihrem Eindruck die weithin weisenden Worte: Die
Entdeckungen, welche unsere europischen Seefahrer in fernen Meeren und
auf entlegenen Ksten gemacht haben, geben uns ein ebenso lehrreiches
als unterhaltendes Schauspiel. Sie zeigen uns Vlkerschaften, die auf
den mannigfaltigsten Stufen der Bildung um uns herum gelagert sind,
wie Kinder verschiedenen Alters um einen Erwachsenen herumstehen und
durch ihr Beispiel ihm in Erinnerung bringen, was er selbst vormals
gewesen, und wovon er ausgegangen ist. Eine weise Hand scheint uns
diese rohen Vlkerstmme bis auf den Zeitpunkt aufgespart zu haben,
wo wir in unserer eigenen Kultur weit genug wrden fortgeschritten
sein, um von dieser Entdeckung eine ntzliche Anwendung auf uns selbst
zu machen und den verlorenen Anfang unseres Geschlechts aus diesem
Spiegel wiederherzustellen. Ich mchte mir wohl wnschen, da meine
jungen Leser bei wiederholter Lektre auch auf solche Dinge ein wenig
achtgben.

In noch frischem Erinnern aus doch schon so fernen Jugendtagen
habe ich gemeint, den Erzhlungen jenen eigenen Reiz, jenen
Schmetterlingsflgelstaub belassen zu sollen, der in der bisweilen
etwas altmodischen Sprache der zeitgenssischen bersetzer liegt --
u. a. eines Georg Forster, dessen Ansichten vom Niederrhein mit Recht
ja noch heute als klassische Prosa gelten -- und nur nach heutigem
Sprachgebrauch vllig Veraltetes gendert. Und freilich das kstlich
barocke Deutsch Groebens, dessen Guineische Reisebeschreibung vor
rund 20 Jahren wieder entdeckt zu haben ich mich rhmen darf, habe
ich wohl oder bel in die Sprache unsrer Tage bertragen mssen; aber
auch so drfte dieses in seiner humorvollen Eigenart einzig dastehende
Reisewerk der Wirkung gewi sein. Gestrichen habe ich nur weniges, das,
was mir fr den erwnschten Leserkreis zu langweilig oder sonstwie
ungeeignet erschien: astronomische, nautische Berechnungen und dgl.

Ich will mir schlielich noch wnschen, da meine jungen Leser an dem
von Sturtevants Knstlerhand dem Buche beigegebenen Bilderschmuck
so viel Freude haben, wie ich sie empfinde. Der Knstler hat
mit bewunderungswrdigem Geschick hier malerische Wirkung mit
wissenschaftlicher Genauigkeit zu paaren verstanden. Alle Vlkertypen,
alle Gertschaften sind nach Originalaufnahmen und Gegenstnden des
Berliner Vlkerkundemuseums und meiner eigenen Sammlungen gezeichnet,
und so drfte dieser Bilderschmuck in seiner Art etwas Besonderes
darstellen.

                                                Dr. _Adolf Heilborn_.

[Illustration]

[Illustration]




Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti

Von Kapitn _Samuel Wallis_


Am 18. Juni 1767, etwa 2 Uhr nachmittags, -- wir waren kaum eine
halbe Stunde lang unter Segel -- entdeckten wir ein sehr hohes Land
im Westsdwesten. Da das Wetter trbe war und wir zugleich heftige
Windste auszustehen hatten, lie ich den Delphin beilegen und
gedachte, die Nacht ber, oder wenigstens bis der Nebel sich zerteilen
wrde, zu treiben. Um 2 Uhr des Morgens wurde es ganz klar, und wir
gingen daher wieder unter Segel. Bei Tagesanbruch sahen wir das Land in
einer Entfernung von ungefhr fnf Seemeilen weit vor uns und steuerten
gerade darauf hin; als wir uns um 8 Uhr ihm nherten, muten wir des
einsetzenden Nebels wegen wieder beilegen. Endlich zerteilte er sich
wieder, und wir wunderten uns nicht wenig, als wir uns von einigen
hundert Kanus umringt sahen, die sich uns unbemerkt genhert hatten.
Sie waren von verschiedener Gre und faten bald mehr, bald weniger
Leute, eines bis zu zehn Mann. Auf allen mochten meiner Schtzung nach
nicht weniger als 800 Mann beisammen sein.

Nachdem sie sich dem Schiffe bis auf einen Pistolenschu genhert
hatten, hielten sie stille, betrachteten und bestaunten uns und
besprachen sich untereinander. Mittlerweile zeigten wir ihnen allerlei
Spielsachen und luden sie ein, an Bord zu kommen. Es whrte nicht
lange, so vereinigten sie sich und hielten eine Art Versammlung, um
unter sich eins zu werden, was zu tun sei; endlich ruderten sie um
unser Schiff herum und machten uns Freundschaftskundgebungen. Einer
von ihnen hielt den Zweig einer Banane empor und beehrte uns mit einer
Anrede, die ungefhr eine viertel Stunde dauerte, und bei deren Schlu
er den Zweig ins Meer warf. Wir fuhren noch immer fort, sie einzuladen,
zu uns an Bord zu kommen.

Endlich lie sich ein ansehnlicher, starker, munterer junger Mann dazu
bewegen. Er kam an der Besanleiter am Hinterdeck herauf und sprang von
der hohen Bordwand auf das ber dem Verdeck ausgespannte Segeltuch
herab. Wir winkten ihm, da er auf das Verdeck herabkommen mchte,
und reichten ihm einige Kleinigkeiten hinauf. Er sah vergngt aus,
wollte aber nichts annehmen, bis einige von seinen Landsleuten, die
sich ganz nahe an das Schiff gewagt hatten, nach dem Herleiern vieler
Worte etliche Bananenzweige uns an Bord zuwarfen. Als er dies sah, nahm
er unsere Geschenke an, und gleich nachher kamen einige andere dieser
Eingeborenen, der eine von hier, der andere von dort her ins Schiff;
denn keiner von ihnen wute den rechten Zugang.

Einer von den Insulanern, die eben an Bord gekommen waren, stand auf
der linken Seite des Verdecks nahe am Gange, als es einer von unsern
Ziegen pltzlich einfiel, ihn von hinten mit ihren Hrnern gegen die
Hften zu stoen. Er erschrak ber diesen Sto, wandte sich eilfertig
um und sah die Ziege auf ihren Hinterfen aufgerichtet und in
Bereitschaft stehen, ihm noch eins zu versetzen. Der Anblick dieses
Tieres, das von allen, die er je gesehen, ganz verschieden sein
mochte, jagte ihm einen solchen Schreck ein, da er augenblicklich ber
Bord sprang, und alle seine Landsleute, die diesen Vorgang mitangesehen
hatten, folgten ihm mit grter Eile nach. Doch whrte es nicht lange,
so erholten sie sich wieder von ihrer Bestrzung und kehrten an Bord
zurck.

[Illustration: Einer der Eingeborenen hielt den Zweig einer Banane
empor.]

Nachdem ich sie ein wenig an den Anblick unsrer Ziegen und Schafe
gewhnt hatte, zeigte ich ihnen unsre Schweine und unser Federvieh.
Sie deuteten mir durch Zeichen an, da sie solche Tiere wie diese
selbst htten. Ich teilte hierauf Ngel und Kleinigkeiten unter sie
aus und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, sie mchten gehen und
uns einige von ihren Schweinen samt etwas Federvieh und Frchten an
Bord bringen; es schien aber, als ob sie meine Aufforderung nicht
verstehen knnten. Sie lauerten dagegen fleiig auf jede Gelegenheit,
irgend etwas zu stehlen, was ihnen eben in die Hand kam. Wir
ertappten sie aber gewhnlich ber der Tat. Endlich kam einer von den
Schiffsunteroffizieren, der von ungefhr einen neubetreten Hut auf
dem Kopfe hatte, an die Stelle, wo sie standen, und fing an, sich mit
einem von ihnen durch Zeichen zu verstndigen. Whrend er sich also
unterhielt, kam ein Eingeborener, ri ihm von hinten her pltzlich den
Hut vom Kopfe, sprang damit ber das Heckbord in die See und schwamm
davon.

Weil wir nun an der Stelle, wo wir eben lagen, keinen rechten
Ankergrund hatten, steuerten wir lngs der Kste hin und schickten zu
gleicher Zeit die Boote aus, nher an die Kste heranzufhlen. Die
Insulaner versuchten es, in ihren Kanus dem Schiffe zu folgen; da sie
aber keine Segel aufzuspannen hatten, blieben sie weit zurck und
ruderten daher bald wieder nach der Kste zu.

Das Land bietet den anmutigsten und romantischsten Anblick, der sich
erdenken lt. Gegen die See hin ist es flach und mit Fruchtbumen von
allerlei Arten, insbesondere mit Kokospalmen bewachsen; dazwischen
liegen die Huser der Eingeborenen, die blo aus einem Dache auf
Pfhlen bestehen und von weitem einer langen Scheune nicht unhnlich
sind. Innerhalb des Eilandes und ungefhr drei Kilometer weit von der
See hrt das flache Land auf und grenzt an hohe Berge, die mit Gehlz
bewachsen sind, und von deren obersten, sehr steilen Gipfeln groe
Wasserflle sich mit lautem Getse ins Meer herabstrzen. Hier sahen
wir keine Sandbnke, dagegen war die Insel mit einer Reihe von Felsen
umgeben, zwischen denen jedoch oft die Einfahrt mglich ist.

[Illustration: Der Anblick dieses Tieres jagte ihnen Schrecken ein.]

Um 3 Uhr befanden wir uns einem groen Meerbusen gegenber, und da
wir deshalb Ankergrund vermuteten, legten wir bei. Die Boote wurden
auch gleich zur Prfung abgeschickt. Whrend ihrer Beschftigung sah
ich, wie eine groe Anzahl von Kanus sich um sie her versammelte.
Ich befrchtete, da die Insulaner willens sein mchten, unsere Leute
anzugreifen. Da ich nun gern allem Unheil vorbeugen wollte, so gab
ich den Booten ein Zeichen, an Bord zurckzukommen, und feuerte, um
den Eingeborenen ein wenig Ehrfurcht einzuflen, zu gleicher Zeit
eine neunpfndige Kugel ber ihre Kpfe hinweg. Das Boot ruderte nun
dem Schiffe zu. Der Donner des Neunpfnders hatte zwar die Insulaner
erschreckt, doch lieen sie sich dadurch nicht abhalten, unseren
Booten nachzurudern, und als sie diese nach dem Schiff zurckkehren
sahen, suchten sie, einem von ihnen den Weg abzuschneiden. Da aber
dieses Boot schneller segeln konnte, als die Kanus ruderten, lie es
die es umschwrmenden Eingeborenen bald hinter sich zurck. Inzwischen
lauerten ihm verschiedene andere, die mit Insulanern gefllt waren,
unterwegs auf und warfen mit Steinen nach der Mannschaft, wodurch auch
wirklich einige Bootsleute verwundet wurden. Der Offizier im Boot
feuerte hierauf eine mit Schrot geladene Flinte auf den Mann, der
den ersten Stein geworfen hatte, und verwundete ihn an der Schulter.
Sobald die brigen Kanuinsassen die Verwundung ihres Kameraden sahen,
sprangen sie ins Meer, und die anderen Eingeborenen ruderten uerst
bestrzt und erschrocken hinweg. Nachdem unsere Boote wieder am Schiffe
beigelegt hatten, lie ich sie an Bord nehmen, und gerade wollten wir
wieder weitersegeln, als wir ein groes Kanu uns nachsetzen sahen.

Da ich vermutete, da sich in ihm vielleicht irgendeiner von den
Anfhrern dieser Leute oder sonst jemand befinden knnte, der
abgeschickt wre, um mir eine Botschaft vom Oberhaupte zu bringen,
hielt ich fr gut, es zu erwarten. Es segelte sehr schnell und war
bald an dem Schiffe, wir konnten aber unter allen Insassen keinen
unterscheiden, der etwas mehr als der andere vorgestellt htte. Jedoch
stand endlich einer von ihnen auf, hielt eine Anrede, die ungefhr
5 Minuten dauerte, und warf alsdann einen Bananenzweig an Bord.
Dies hielten wir fr ein Friedenszeichen und erwiderten es, indem
wir einen von den Zweigen, die von den vorigen Insulanern im Schiff
zurckgelassen waren, dem Redner ber Bord reichten. Mit diesem und
einigen Kleinigkeiten, die wir ihm nachher schenkten, schien er sehr
vergngt zu sein und ruderte bald darauf mit seinem Kanu wieder weg.

Die Offiziere, die mit den Booten ausgeschickt worden waren,
berichteten mir, da sie hart an der Klippenreihe gelotet und hier
ebenso tiefes Wasser wie an den andern Inseln gefunden htten. Da ich
aber auf der Seite der Insel war, die gegen den Wind hin lag, so konnte
ich mit einiger Wahrscheinlichkeit erwarten, da ich Ankergrund finden
wrde, wenn ich _unter_ dem Winde hinsegelte. Ich steuerte also in
dieser Richtung, fand aber, da am sdlichen Ende eine Menge Klippen
sehr weit in See hinausliefen; ich fate also den Wind nher und fuhr
die ganze Nacht ber fort, gegen den Wind zu steuern, um auf solche
Weise lngs der Ostseite der Insel hinlaufen zu knnen.

Um 5 Uhr morgens gingen wir wieder unter Segel. Eine merkwrdige
Spitze, die einem Zuckerhute hnlich sah, lag in Nordnordosten.
Wir waren in dieser Lage ungefhr zwei Seemeilen weit vom Lande;
dieses hatte hier ein sehr anmutiges uere und war mit Husern der
Eingeborenen weithin best. Nahe an der Kste sahen wir verschiedene
groe Kanus unter Segel, sie steuerten aber nicht auf uns zu. Um Mittag
waren wir zwei bis drei Kilometer von der Insel entfernt. Wir setzten
unsern Lauf immer lngs der Kste fort, bald kamen wir ihr auf eine
halbe Seemeile nahe, bald hielten wir uns vier bis fnf Meilen von
ihr entfernt, nirgends aber hatten wir bisher Ankergrund gefunden. Um
6 Uhr abends befanden wir uns einem schnen Flusse gegenber, und da
die Kste hier ein besseres Aussehen hatte, als an irgendeiner andern
Stelle, beschlo ich, die ganze Nacht hindurch auf und ab zu steuern
und am Morgen zu versuchen, Grund zu finden. Sobald es finster war,
sahen wir sehr viele Lichter lngs der ganzen Kste.

Bei Tagesanbruch schickten wir die Boote zur Prfung aus, und bald
nachher gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, da sie einen
35 Meter tiefen Ankergrund gefunden htten. Dies verursachte eine
allgemeine und unbeschreiblich groe Freude; wir liefen augenblicklich
gegen den Strand hin und kamen in 30 Meter auf einem reinen Sandgrunde
vor Anker. Wir lagen ungefhr eine Seemeile weit von der Kste und
einem schnen Flusse gegenber.

Sobald wir das Schiff gesichert hatten, schickte ich die Boote aus,
um lngs der Kste hin zu fahren und zugleich die Stelle, an der wir
die Flumndung sahen, in Augenschein zu nehmen. Um diese Zeit kam
eine betrchtliche Anzahl von Kanus vom Lande her ans Schiff; sie
brachten Schweine, Federvieh und Frchte in groer Menge mit sich und
berlieen uns alles gegen kleine Spielsachen und Ngel. Wir bemerkten,
da, sobald unsre Boote gegen die Kste hinruderten, die Kanus, von
denen die meisten doppelt und sehr gro waren, ihnen nachsegelten.
Solange sie noch in der Nhe unsres Schiffes waren, blieben die Kanus
in achtungsvoller Entfernung; sobald aber die Boote von uns weg gegen
die Kste liefen, wurden die Wilden khner, und endlich rannten gar
drei von ihren grten Kanus gegen eins von unsern Booten, stieen
dessen Verdeck ein und rissen seine Ausleger hinweg. Die Insulaner
machten sogar Miene, mit Keulen und Rudern unser Boot zu entern. Da
meine Leute derart sehr ins Gedrnge kamen, sahen sie sich gentigt,
Feuer zu geben. Einer von den Angreifern wurde durch die Salve gettet,
ein anderer schwer verwundet. Beide fielen gleich, wie sie getroffen
waren, ber Bord; augenblicklich sprangen ihnen alle ihre Landsleute,
die in demselben Kanu gesessen waren, in die See nach, die andern
beiden Kanus aber zogen sich zurck, so da unsere Boote von nun an
ungehindert weitersegelten. Sobald die in See gesprungenen Eingeborenen
sahen, da unsere Boote sich entfernten, ohne ihnen weiter Schaden zu
tun, schwammen sie ihrem Kanu nach, schwangen sich hinein und hoben
ihre verwundeten Landsleute an Bord. Sie stellten sie aufrecht in das
Kanu, um zu sehen, ob sie stehen knnten; da aber die armen Verwundeten
sich nicht aufrecht halten konnten, versuchten sie zu sitzen. Einer
von ihnen war stark genug dazu und wurde in dieser Lage untersttzt;
als sie jedoch hernach den andern vllig tot fanden, legten sie seinen
Leichnam der Lnge nach ausgestreckt in das Boot. Hierauf ruderten
einige Kanus ans Land, kehrten aber wieder an das Schiff zurck, um
mit uns zu handeln. Man sah also wohl, da sie aus unserm Betragen
unsre Friedfertigkeit erkannt hatten, und da sie nichts zu befrchten
htten, solange sie uns ehrlich nahten, und sie muten sich auch wohl
bewut sein, da sie alle Schuld an dem Vorgefallenen einzig sich
allein beizumessen hatten.

[Illustration: Nahe an der Kste sahen wir verschiedene groe Kanus
unter Segel.]

Die Boote beschftigten sich indessen bis Mittag vor der Kste und
kamen alsdann mit dem Berichte zurck, da der Grund sehr rein sei, da
die Kste ungefhr eine viertel Meile von der See weit etwa 9 Meter
tief sei, da aber an dem Orte, wo wir den Flu gesehen hatten, sehr
hohe Brandung an den Strand schlage. Die Offiziere sagten mir, da es
an der Kste von Eingeborenen wimmle, und da viele von ihnen an das
Boot geschwommen wren und ihnen einige Frchte und auch etwas frisches
Wasser gebracht htten; dieses Wasser hatten sie in Bambusgefen
aufbewahrt. Unsere Leute berichteten auch, die Insulaner htten sie
recht bestrmt, mit ihnen an Land zu gehen.

Des Nachmittags schickte ich die Boote wiederum an Land. Ich gab ihnen
etliche kleine Fchen mit, die oben gefllt werden und einen Handgriff
haben, an dem man sie trgt. Ich befahl ihnen, sie sollten sich Mhe
geben, ein wenig frisches Wasser zu bekommen, weil wir bereits damals
anfingen, Wassermangel zu leiden. Unterdessen blieben noch immer viele
Kanus um unser Schiff herum, weiter lie ich sie jedoch nicht kommen;
denn die Insulaner hatten mich schon so oft und so vielfltig betrogen
und bestohlen, da ich mir vornahm, zunchst keinen mehr an Bord zu
lassen.

Um 5 Uhr nachmittags kehrten die Boote zurck, sie brachten aber nicht
mehr als zwei Fchen Wassers mit. Diese beiden Fsser hatten die
Eingeborenen fr sie gefllt, fr ihre Mhe aber hatten sie sich ohne
weiteres mit den brigen Gefen bezahlt gemacht. Unsere Leute wollten
sich nicht an Land wagen, damit das Boot nicht unbesetzt bliebe; sie
lieen indes vom Boote aus kein Mittel unversucht, um die Insulaner zu
bewegen, die Wassergefe wieder zurckzugeben. Doch da war alle Mhe
umsonst. Die Eingeborenen legten ihrerseits unseren Leuten dringend
ans Herz, zu landen; diese folgten jedoch dem Gebote der Klugheit und
lehnten ab. Als unsere Boote wegruderten, befanden sich ihrer Aussage
nach viele Tausende von Eingeborenen beiderlei Geschlechts und eine
groe Anzahl Kinder am Strande.

Am folgenden Morgen schickte ich die Boote von neuem an Land, Wasser zu
holen. Ich lie sie Ngel, Beile und mehr dergleichen Dinge mitnehmen,
durch die sie meiner Ansicht nach die Freundschaft der Eingeborenen
am leichtesten erlangen knnten. Mittlerweile kam vom Lande her
eine groe Anzahl von Kanus an das Schiff; die Leute brachten uns
Brotfrucht, Bananen, eine Frucht, die einem Apfel hnlich sah, aber
ungleich wohlschmeckender war als dieser, auch Federvieh und Schweine.
Alle diese Ewaren berlieen sie uns gegen einige Glasperlen, fr
Ngel, Messer und dergleichen mehr, und wir bekamen gleich dieses Mal
Schweinefleisch genug, da unsere ganze Schiffsmannschaft zwei Tage
lang damit gespeist werden konnte und jeder Mann ein Pfund davon bekam.

Als die Boote zurckkamen, brachten sie uns nur einige wenige
Kalebassen Wassers mit; mehr hatten sie nicht bekommen knnen, weil
die Anzahl der Leute auf dem Strande so gro war, da sie es nicht
wagen wollten, an Land zu gehen. Die Eingeborenen suchten alles
hervor, um unsere Leute zum Landen zu reizen: sie brachten Frchte
und Lebensmittel allerlei Art, legten diese am Strande nieder und
luden unsere Leute durch Zeichen ein, ihnen diese Vorrte verzehren zu
helfen. Nichtsdestoweniger blieben diese fest; sie zeigten von ihrem
Boote aus den Insulanern die Wasserfchen und forderten sie auf, die
gestern verlorengegangenen wieder zurckzubringen. Dagegen blieben die
Eingeborenen ebenfalls taub; unsere Leute lichteten also ihre Anker,
sondierten in der ganzen Gegend herum, um zu sehen, ob das Schiff nicht
nher gegen die Kste landen knnte, da es die Wasserholer htte
beschtzen knnen, und htten sich in diesem Falle nicht gescheut,
der ganzen Insel zum Trotz an Land zu gehen. Als sie mit dieser
Untersuchung fertig waren und sich alsdann vom Ufer entfernten, warfen
die Weiber mit pfeln und Bananen hinter ihnen drein, lachten sie
tchtig aus und lieen alle ersinnlichen Merkmale von Verachtung und
Hohn gegen sie blicken. Meine Leute meldeten mir, da 400 Meter weit
von der Kste der Grund sandig und das Wasser 7 Meter tief sei, da es
noch einige Kabeltaulngen weiter vom Strande 9 Meter Tiefe gbe, und
da also das Schiff an einer dieser beiden Stellen gut vor Anker liegen
knnte. Der Wind blies hier gerade lngs der Kste und verursachte eine
hohe Brandung sowohl gegen das Schiff als gegen den Strand hin.

Den folgenden Morgen lichteten wir also bei Tagesanbruch wiederum
die Anker, in der Absicht, den Delphin nahe an der Wasserstelle
festzulegen. Als wir aber zu diesem Zweck weiter gegen den Wind
hinsegelten, entdeckten wir vom Mastkorbe aus ber das Land hinweg
einen Meerbusen, der ungefhr 6-8 Kilometer weit unter dem Winde von
uns liegen mochte. Wir steuerten sogleich darauf zu und schickten die
Boote mit dem Senkblei voran. Um 9 Uhr gaben die Boote das Zeichen, da
sie in einer Tiefe von 21 Meter Grund gefunden htten; diese Gegend war
von einer Reihe von Klippen umgeben, um die wir herumlaufen muten,
ehe wir an den Ort hinsteuern konnten, wo die Boote lagen. Als wir
nicht mehr weit von ihnen und gleichsam mitten zwischen beiden waren,
stie das Schiff auf Grund. Das Vorderteil sa unbeweglich fest, das
Hinterteil hingegen war frei; wir warfen augenblicklich das Senkblei
aus und fanden, da die Tiefe des Wassers auf den Klippen oder auf der
Untiefe von 31 auf 6 Meter abnahm. Wir beschlugen also in grter
Eile alle Segel und warfen alles alte Gerte, das damals an Bord war,
in die See. Zu gleicher Zeit setzten wir das lange Boot auf Wasser,
legten den Strom- und den kleinen Anker mit allem dazugehrigen Tauwerk
hinein und lieen das Boot ber die Untiefe hinauslaufen. Hier sollte
die Mannschaft die Anker fallen lassen, und wenn diese nur Grund gefat
htten, hoffte ich, der Delphin wrde mit Hilfe der Schiffswinde von
den Klippen abgebracht werden knnen. Allein zum Unglck fand sich
ber die Untiefe hinaus kein Grund. Unser Zustand war in dieser Lage
ziemlich gefhrlich zu nennen. Das Schiff schlug noch immer sehr heftig
gegen die Felsen, und wir waren von vielen hundert Kanus umringt, die
alle vollbesetzt waren. Ihrer Menge ungeachtet versuchten sie indessen
doch nicht, sich an Bord zu wagen, sondern es schien, als wollten
sie ruhig unser Scheitern erwarten. Eine ganze Stunde lang brachten
wir in dieser Gefahr voller Schreck und Angst zu, ohne da wir zur
Befreiung des Schiffs viel unternehmen konnten. Endlich erhob sich zum
Glck ein gnstiger Wind vom Lande her, und durch dessen Beihilfe kam
das Vorderteil des Schiffes wieder los. Nun lieen wir sogleich alle
Segel fallen, und es whrte auch nicht lange, so geriet das Schiff in
Bewegung, und in kurzer Zeit befanden wir uns wieder in tieferem Wasser.

Darauf entfernten wir uns schleunigst von dieser gefhrlichen Stelle
und schickten die Boote unter dem Winde hin, um die Untiefe gehrig
untersuchen zu lassen. Sie fanden, da der Klippenzug sich ungefhr
anderthalb Kilometer weit gen Westen in die See erstreckte, und da
zwischen Land und Klippenzug ein sehr guter Hafen lag. Der Bootsmann
lie also eines unsrer Boote am Ende der Klippen stillegen und
einen Anker nebst kleinen Kabeltauen und eine tchtige Wache an Bord
des langen Bootes bringen, um es gegen alle Angriffe der Insulaner
verteidigen zu knnen. Nachdem er damit fertig war, kam er selbst an
Bord zurck und fhrte das Schiff um die Reihe von Klippen herum in den
Hafen, wo wir um 12 Uhr in 30 Meter Tiefe auf einem guten Grunde von
schwarzem Sand endlich vor Anker kamen.

Bei genauer Untersuchung fand sich, da an der Stelle, wo das Schiff
auf die Klippen geraten war, sich eine Reihe schroffer Korallenfelsen
erhob, und da das Wasser innerhalb dieser Riffe sehr ungleich von 10
zu 3 Meter tief war. Zu unserm Unglck lag diese Stelle gerade
zwischen den beiden Booten, die wir vorausgeschickt hatten, um uns die
Hafeneinfahrt zu weisen. Die Leute in den Booten vermuteten indessen
nicht, da zwischen ihren Standpltzen eine solche Gefahr drohen knne;
denn das eine Boot gegen den Wind hin befand sich in einer Tiefe von
21 und das andere unter dem Wind in einer Tiefe von 16 Meter Wasser.
Kaum waren wir von diesen Felsenklippen losgekommen, als der Wind
strker zu wehen anfing, und obgleich er sich bald wieder legte, ging
doch die Brandung so hoch und brach sich so ungestm am Felsen, da,
wenn das Schiff eine halbe Stunde lnger darauf festsitzen geblieben
wre, es unvermeidlich htte zerschellen mssen. Wir untersuchten nun
den Kiel, konnten aber keinen andern Schaden daran entdecken, als da
ein kleines Stck am Vorderteil des Steuerruders fehlte und vermutlich
abgebrochen sein mute. Es schien nicht, als ob wir ein Leck bekommen
htten. Unsere Boote bten auf der Klippenreihe ihre kleinen Anker
ein; da wir indessen hoffen durften, da das Schiff selbst keinen
Schaden gelitten htte, lieen wir uns diesen Verlust nicht sehr zu
Herzen gehen. Sobald der Delphin gehrig gesichert war, lie ich alle
unsere Boote bewaffnen und bemannen und schickte sie mit dem Bootsmann
aus, um den oberen Teil des Meerbusens zu untersuchen, damit wir, wenn
wir dort einen guten Ankerplatz fnden, das Schiff vermittels seiner
Anker- und Kabeltaue innerhalb des Klippenzuges weiter hinaufziehen und
alsdann sicher vor Anker legen knnten. Auf dem Klippenzuge lag eine
groe Anzahl von Kanus, und die Kste wimmelte von Leuten. Das Wetter
war endlich wieder sehr angenehm geworden.

Um 4 Uhr nachmittags kam der Bootsmann mit dem Berichte zurck, da
es in dieser Gegend berall guten Ankergrund gbe. Ich entschlo mich
daher, am folgenden Morgen den Delphin die Bucht hinaufziehen zu
lassen, und teilte unterdessen die Mannschaft in vier Wachen, wovon
allezeit eine unter Gewehr bleiben mute. Die Kanonen lie ich alle
laden und Pulver auf die Zndlcher streuen; in die Boote lie ich
Musketen bringen und befestigen und befahl dem Rest der Mannschaft, der
nicht auf Wache war, da sich ein jeder auf dem angewiesenen Platze
einfinden sollte, sobald es befohlen wrde. Lngs der Kste schwrmte
eine groe Anzahl von Kanus umher; einige von ihnen waren sehr gro und
stark bemannt, andere, die viel kleiner waren, kamen mit Schweinen,
Federvieh und Frchten beladen zu uns ans Schiff. Wir handelten ihnen
diese Lebensmittel immer dergestalt ab, da wir und sie mit dem Handel
zufrieden sein konnten. Bei Sonnenuntergang ruderten alle Kanus an Land
zurck.

Am folgenden Morgen um 6 Uhr fingen wir an, das Schiff in den Hafen
hinaufzuziehen, und bald darauf stellte sich eine groe Menge von Kanus
am Heck des Delphins ein. Da ich sah, da sie Schweine, Federvieh
und Frchte an Bord hatten, befahl ich den Offizieren, diese Vorrte
gegen Messer, Ngel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten einzutauschen,
und ordnete zu gleicher Zeit an, da auer den hierzu ernannten
Personen niemand im ganzen Schiff sich auf den Handel einlassen drfe.
Um 8 Uhr hatte sich die Anzahl der Kanus sehr vermehrt, und die zuletzt
herangekommenen waren groe Kanus mit 12-15 Mann Besatzung. Ich sah
zu meinem grten Mivergngen, da sie eher zum Krieg als zum Handel
ausgerstet waren, indem sie fast nichts als runde Kieselsteine an
Bord hatten. Da mein erster Leutnant noch immer sehr krank war, so
lie ich Leutnant Fourneaux holen und trug ihm auf, die zur vierten
Wache beorderten Matrosen bestndig unter Gewehr zu halten, indessen
ich durch den Rest der Mannschaft das Schiff in den Hafen weiter
hinaufziehen lassen wrde. Mittlerweile kamen von der Kste her
unaufhrlich neue Kanus heran, die eine ganz andere Art von Ladung an
Bord hatten, nmlich eine Anzahl von Frauen. Unterdessen zogen sich
die mit Kieselsteinen bewaffneten Kanus immer nher um unser Schiff
zusammen; einige der Insassen sangen mit rauher Stimme, andere bliesen
auf groen Muscheln, andere auf Flten. Es whrte nicht lange, so gab
ein auf einer Art von Traghimmel auf einem der grten Doppelkanus
sitzender Mann ein Zeichen, da er neben unserm Schiff anlegen wolle.
Ich lie meine Einwilligung erkennen, und als er hierauf dicht an das
Schiff kam, reichte er einem von unsern Matrosen ein Bndel von roten
und gelben Federn und verlangte durch Zeichen, ich solle das Geschenk
annehmen. Ich nahm es auch unter vielen Freundschaftsbezeigungen zu
mir und hie sogleich einige Kleinigkeiten herbeibringen, um ihm
diese anzubieten. Allein zu meiner groen Verwunderung hatte er sich
whrend dieser Zeit schon wieder vom Schiffe entfernt und warf den
Zweig eines Kokosbaumes in die Luft. Dies war, wie ich sogleich erfuhr,
das Zeichen zum Angriff; denn auf allen Kanus erhob sich pltzlich ein
allgemeines Jauchzen. Sie ruderten schnell gegen das Schiff an und
lieen von allen Seiten her einen Hagel von Steinen hineinprasseln. Da
sie uns auf solche Weise frmlich angegriffen hatten und nichts als
unsere Waffen uns gegen eine solche Menge schtzen konnte, befahl ich
der Wache zu feuern. Zwei von den auf Verdeck befindlichen Kanonen, die
ich mit Kugeln hatte laden lassen, wurden ebenfalls fast zu gleicher
Zeit abgefeuert, und die Eingeborenen gerieten dadurch in nicht geringe
Bestrzung. Doch in einigen Minuten hatten sie sich wieder erholt und
griffen uns zum zweiten Male an. Mittlerweile hatte sich ein jeder
von uns auf seinem angewiesenen Platze eingefunden; ich befahl zudem,
da die groen Kanonen abgefeuert und einige davon stets auf einen
gewissen Punkt an der Kste gerichtet werden sollten, wo eine groe
Menge von Kanus noch immer frische Mannschaft einnahm und in der
grten Geschwindigkeit gegen das Schiff heransegelte. Als das schwere
Geschtz anfing zu spielen, waren gewi nicht weniger als 300 Kanus,
die zusammen wohl an 2000 Mann an Bord haben mochten, um den Delphin.
Viele Tausende waren noch an der Kste, und eine Menge anderer Kanus
kam auerdem von allen Seiten auf uns los.

Das Feuer trieb endlich die Kanus, die nahe dem Schiff hielten, hinweg
und schreckte auch die andern ab, nher zu kommen. Sobald ich sah, da
sie sich zurckzogen und die andern sich ruhig verhielten, lie ich
augenblicklich das Feuern einstellen in der Hoffnung, da sie jetzt
hinlnglich berzeugt wren, wie sehr wir ihnen berlegen, und da
sie daher das Gefecht nicht weiter fortsetzen wrden. Hierin irrte
ich mich aber zum Unglck; eine groe Anzahl von Kanus, die zerstreut
worden waren, stieen wieder zusammen, lagen eine kleine Zeit ber
stille und beobachteten das Schiff in einer Entfernung von ungefhr
einer viertel Meile, steckten alsdann weie Wimpel auf, ruderten
gegen das Hinterteil des Schiffes zu und fingen wie zuvor an, aus
betrchtlicher Entfernung mit groer Strke und Geschicklichkeit Steine
hineinzuschleudern. Jeder von diesen Steinen wog ungefhr zwei Pfund,
und viele von unseren Leuten an Bord wurden durch sie verwundet; ohne
Zweifel htten wir noch mehr Schaden gelitten, wenn nicht ein Segeltuch
zum Schutz gegen die Sonne ber das ganze Verdeck aufgespannt und die
Hngematten mitten im Schiff in Netzen wren aufgehngt gewesen. Zu
gleicher Zeit nherten sich verschiedene, stark bemannte Kanus dem
Bug des Schiffes, vermutlich weil sie bemerkt hatten, da von diesem
Teile noch kein Schu war abgefeuert worden. Ich lie daher einige
Kanonen nach vorn bringen, genau richten und auf diese Kanus feuern.
Zu gleicher Zeit lie ich zwei Kanonen am Hinterteil herausfhren und
diese hauptschlich auf die Angreifenden richten.

Unter den Kanus, die gegen den Bug angriffen, befand sich eines, das
irgendeinen von ihren Anfhrern an Bord haben mute, weil von diesem
Kanu aus das Zeichen gegeben worden war, auf das sich die andern
zurckgezogen hatten. Es traf sich, da ein von den andern Kanonen
abgefeuerter Schu eben dieses Kanu so genau traf, da er es mitten
durchri. Sobald die brigen dies sahen, hielten sie nicht lnger
stand, sondern zerstreuten sich so geschwind, da binnen einer halben
Stunde kein einziges Kanu mehr zu sehen war. Das Volk, das sich vorher
an den Strand begeben hatte, floh ebenfalls in grter Eile ber das
Gebirge.

Da wir nun keine begrndete Besorgnis mehr zu haben brauchten, von
neuem gehindert zu werden, zogen wir das Schiff vollends in den
Hafen hinein, und um Mittag befanden wir uns kaum mehr eine halbe
Seemeile weit von dem oberen Teile des Meerbusens, nicht ganz zwei
Kabeltaulngen von einem schnen Flusse und ungefhr 90 Meter weit von
der verborgenen Klippenreihe. Wir hatten auf diesem Fleck 16 Meter
Wassertiefe, hart an der Kste waren es 9 Meter, so da wir hier Anker
werfen konnten. Wir brachten auch die 8 Kanonen, die ich vordem in
den Schiffsraum hatte hinabschaffen lassen, wieder hinauf und an ihre
Pltze. Sobald das geschehen war, schickte ich die Boote aus, da sie
ringsherum sondieren sollten, befahl ihnen auch, da, wenn sich jemand
von den Eingeborenen an der Kste sollte blicken lassen, sie so gut wie
mglich die Gegend daselbst untersuchen mchten, um festzustellen, ob
wir etwa einen neuen Angriff von den Eingeborenen zu befrchten htten.

Der ganze Nachmittag und ein Teil des folgenden Morgens wurden mit
diesen Arbeiten zugebracht. Um Mittag kam der Bootsmann mit einer
ungefhren Karte des Meerbusens zurck. Er meldete mir, da sich
kein Kanu habe blicken lassen und da die Landung berall bequem zu
bewerkstelligen sei. Kurz nachdem mir der Bootsmann diesen Bericht
abgestattet hatte, lie ich alle unsere Boote bemannen und bewaffnen
und schickte damit Herrn Fourneaux nebst einer Abteilung Seesoldaten
mit dem Auftrag ab, dem Ankerplatz des Schiffes gegenber zu landen und
unter der Bedeckung der Boote und des Delphins an einem vorteilhaften
Punkt Stellung zu beziehen.

[Illustration: Als er ans Land stieg, kroch er auf Hnden und Fen
heran.]

Um 2 Uhr landeten die Boote ohne den geringsten Widerstand. Herr
Fourneaux richtete alsbald einen Mast auf, lie den Wimpel flattern,
ein Stck Rasen umgraben und nahm damit von der Insel im Namen Seiner
Majestt Besitz, zu deren Ehren er sie Knig Georgs des Dritten Insel
nannte. Hierauf ging er an den Flu und kostete das Wasser, das er
von vortrefflichem Geschmack fand; er lie also etwas davon schpfen,
go ein wenig Rum dazu, und seine Leute tranken eine Runde auf die
Gesundheit Seiner Majestt.

An dem Flusse, der 12 Meter breit und so seicht war, da man
hindurchwaten konnte, erblickte er jenseits zwei alte Mnner, die,
sobald sie sich entdeckt sahen, eine flehende Stellung annahmen und
dabei sehr bestrzt und erschrocken zu sein schienen. Herr Fourneaux
winkte ihnen, da sie ber den Flu kommen sollten, was auch der eine
tat. Als er diesseits ans Land stieg, kroch er auf Hnden und Fen zu
Herrn Fourneaux heran. Dieser hob ihn aber sogleich auf und zeigte ihm,
als er zitternd dastand, einige der ins Schiff geworfenen Steine, wobei
er ihm zu verstehen gab, da wir unsrerseits den Eingeborenen keinen
Schaden tun wrden, wenn sie nicht selbst versuchten, uns anzugreifen.
Er lie zwei von den Wasserfssern fllen, um zu zeigen, da wir Wasser
verlangten, und wies ihm einige Beile und andere Dinge, zum Zeichen,
da wir Lebensmittel dagegen eintauschen wollten. Whrend dieser
pantomimischen Unterredung fate der alte Mann wieder einigen Mut, und
Herr Fourneaux schenkte ihm zur Besttigung seiner Freundschaft ein
Beil, etliche Ngel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Hierauf stieg
er mit seinen Leuten wieder in die Boote und lie den Wimpel wehend am
Strande zurck.

Sobald die Boote vom Lande abgestoen waren, ging der Greis zu
dem Wimpel hin und tanzte eine geraume Zeit lang um ihn herum;
dann entfernte er sich, kam aber bald nachher mit einigen grnen
Zweigen zurck, die er hinwarf, um sich alsbald zum zweiten Male
hinwegzubegeben. Doch whrte es nicht lange, so kam er in Begleitung
von zwlf andern wieder zum Vorschein; alle nahmen eine demtige
Haltung ein und nherten sich langsam und ehrfurchtsvoll dem Wimpel.
Weil er aber zufllig im Winde stark flatterte, als sie ihm nahe
kamen, flohen sie in grter Bestrzung. Nachdem sie eine kleine
Zeitlang von ferne gestanden, gingen sie pltzlich davon und brachten
dann zwei lebendige Schweine zurck, die sie am Fue des Wimpelmastes
niederlegten. Endlich faten sie Mut und fingen an zu tanzen. Als diese
Zeremonie beendet war, brachten sie die Schweine an den Strand hinab,
stieen ein Kanu ins Wasser und legten die Schweine hinein. Der Greis,
der einen langen weien Bart hatte, setzte sich sodann ganz allein zu
diesen Tieren und brachte sie ans Schiff. Als er neben dem Delphin
anlegte, reichte er uns einige grne Bananenbltter nacheinander
herein und sprach bei jedem in einem feierlichen, langsamen Tone ein
paar Worte. Nachdem er endlich damit fertig war und auch die Schweine
hereingereicht hatte, drehte er sich um und wies auf das Land. Ich
befahl, ihm einige Geschenke zu geben, die er aber nicht annahm. Kurz
darauf stie er sein Kanu vom Schiffe ab und fuhr ans Land zurck.

Bald nachdem es finster geworden war, hrten wir das Lrmen vieler
Trommeln, groer Muscheltrompeten und anderer Blasinstrumente. Wir
sahen auch eine Menge Lichter lngs der ganzen Kste sich bewegen.

Um 6 Uhr des Morgens, als wir keinen von den Eingeborenen an der Kste
erblickten, dagegen aber den Wimpel entfernt sahen -- den die Insulaner
vermutlich, wie in der Fabel die Frsche ihren kniglichen Klotz,
hatten verachten lernen --, befahl ich dem Leutnant, eine Wache mit
an Land zu nehmen und, wenn alles ruhig wre, es uns zu melden, damit
wir mit der Fllung unserer Wasserfsser beginnen knnten. Bald darauf
lie er mir zu meiner Freude melden, da er bereits eine Anzahl von
Wasserfssern habe an Land bringen lassen; um 3 Uhr hatten wir schon
4 Tonnen voll an Bord. Whrend unsere Leute mit dem Fllen beschftigt
waren, erschienen einige von den Eingeborenen am jenseitigen Ufer unter
Anfhrung des Greises, den der Offizier am Tage vorher gesehen hatte.
Bald kam der alte Mann herber und brachte einige Frchte und etwas
Federvieh mit, das uns dann an Bord geschickt wurde.

Ich war um diese Zeit schon seit ungefhr 14 Tagen sehr krank und
befand mich eben damals so schwach, da ich kaum herumkriechen
konnte. Da ich nun nicht selbst an Land gehen konnte, gebrauchte ich
mein Fernglas, um vom Schiffe aus zu sehen, was an Land vorging. Um
9 Uhr kam eine Menge von Eingeborenen ber den Berg marschiert, der
ungefhr eine Meile weit von dem Strome ab liegen mochte. Zu gleicher
Zeit entdeckte ich eine groe Anzahl von Kanus, die um die westliche
Landspitze herumliefen und lngs der Kste sich nherten. Ich blickte
hierauf nach der Wasserstelle und bemerkte dahinter, wo die Aussicht
freilag, eine zahlreiche Schar von Eingeborenen, die unter den
Gebschen hinschlichen. Zugleich entdeckte ich eine unzhlbare Menge
Wilder, die in den Wldern gegen die Wasserstelle anrckten, und noch
mehrere Kanus, die sehr schnell um die andere Landspitze der Bucht
gegen Osten herkamen.

Ich erschrak ber diese Anstalten und fertigte sogleich ein Boot ab, um
dem Offizier am Lande hinterbringen zu lassen, was ich gesehen hatte,
und ihm zu befehlen, augenblicklich mit seiner Mannschaft wieder an
Bord zurckzukommen, ja, im Notfall die Fsser zurckzulassen. Jedoch
er hatte bereits die ihm drohende Gefahr selbst entdeckt und war
ungeheien an Bord seines Bootes gegangen, noch ehe meine Botschaft ihn
erreichte. Sobald er inne ward, da die Eingeborenen sich den Schatten
des Waldes zunutze machten, um heimlich gegen ihn heranzuschleichen,
schickte er sogleich den Greis an sie ab und gab ihnen durch Zeichen zu
verstehen, da sie in einer gewissen Entfernung bleiben sollten, und
da er nichts als Wasser verlange. Als sie merkten, da sie entdeckt
waren, fingen sie an, zu rufen, und rckten noch geschwinder gegen
ihn an. Der Offizier zog sich augenblicklich mit seiner Mannschaft
in die Boote zurck. Whrend seines Rckzuges waren die Eingeborenen
ber den Flu gegangen und hatten unter lautem Freudengeschrei Besitz
von den Wasserfssern genommen. Ihre Kanus fuhren nun aufs schnellste
lngs der Kste zum Wasserplatze, und alles Volk lief ebendahin. Eine
Menge von Frauen und Kindern aber rannte auf einen Berg, von wo aus
sie den Meerbusen und den Strand bersehen konnten, und lie sich hier
nieder. Sobald die Kanus von beiden Landspitzen der Bucht her in die
Gegend kamen, wo unser Schiff vor Anker lag, stieen sie an Land und
nahmen noch immer mehr Leute auf, die groe Scke trugen. Diese waren,
wie sich spter herausstellte, mit Steinen gefllt. Nunmehr nherten
sich alle Kanus unserem Schiffe. Ich durfte also wohl nicht mehr
lnger daran zweifeln, da die Eingeborenen ihr Kriegsglck in einem
neuen Angriff zu versuchen trachteten. Da nun meiner Meinung nach das
sicherste Mittel zur Verminderung des Unheils war, den Kampf mglichst
kurz zu gestalten, beschlo ich, ein fr alle Male den Feindseligkeiten
ein entschiedenes Ende zu machen.

Ich befahl daher meinen Leuten, die alle die ihnen angewiesenen
Pltze eingenommen hatten, zunchst auf die Kanus zu feuern, welche
schon in hellen Haufen auf dem Plan erschienen. Dies geschah auch
augenblicklich mit solchem Nachdruck, da alle Kanus im Westen der
Bucht in voller Hast an den Strand eilten, whrend die im Osten
alsbald um die Klippenreihe herumruderten, um sich der Wirkung unserer
Kanonen zu entziehen. Darauf richtete ich das Feuer nach verschiedenen
Gegenden des Waldes, so da die Eingeborenen bald daraus vertrieben
wurden und den Berg hinaufrannten, wo die Frauen und Kinder sich
niedergesetzt hatten, um der Schlacht zuzusehen. Auf diesem Berge
befanden sich nunmehr viele Tausende, die sich hier fr vollkommen
sicher hielten. Um sie aber vom Gegenteil zu berzeugen, befahl ich,
vier Schsse gegen sie abzufeuern. Ich dachte, wenn die Eingeborenen
unsere Kugeln ungleich weiter fliegen shen, als sie erwarteten, wrden
sie befrchten, wir knnten so weit schieen, wie wir berhaupt nur
wollten. Zwei von den Kugeln fielen hart an einem Baume nieder, unter
dem eine groe Menge versammelt sa, und jagten dieser einen solchen
Schrecken ein, da nach 2 Minuten keine Seele mehr zu sehen war.

Als ich nun die Kste vllig gesubert hatte, bemannte und bewaffnete
ich die Boote, schickte unter groer Bedeckung meine Zimmerleute
mit ihren xten ab und befahl ihnen, alle zurckgelassenen Kanus zu
zerstren. Noch vor Mittag war diese Arbeit vollendet, und mehr als
50 Kanus, von denen viele wohl gegen 20 Meter lang, 1 Meter breit und
zu je zweien durch Balken miteinander verbunden waren, lagen zerstckt
am Strande. Man fand in ihnen nichts als Steine und Schleudern, nur an
Bord zweier viel kleinerer Kanus waren einige wenige Frchte, etwas
Federvieh und einige Schweine.

Um 2 Uhr nachmittags kamen gegen zehn Eingeborene aus dem Walde
hervor mit grnen Zweigen in den Hnden, die sie am Strande in die
Erde steckten; alsdann gingen sie wieder fort. Bald nachher brachten
sie Schweine, denen sie die Fe festgebunden hatten. Hierauf holten
sie aus dem Walde etliche Bndel von dem Zeuge, dessen sie sich zur
Kleidung bedienen, und das dem chinesischen Papier einigermaen hnlich
sieht, legten diese gleichfalls am Strande nieder und riefen uns zu,
da wir alle Sachen abholen mchten. Da wir ungefhr 3 Kabeltaulngen
von der Kste entfernt lagen, konnten wir nicht genau erkennen, woraus
dieses Shneopfer im einzelnen bestand. Da es Schweine und auch
ein ganzer Ballen von ihrem heimischen Zeuge sein mochte, errieten
wir. Als wir aber auch andere Tiere, mit ihren Vorderfen ber dem
Nacken gebunden, verschiedene Male aufstehen und eine kleine Strecke
auf den Hinterfen fortlaufen sahen, hielten wir sie fr seltsame,
uns unbekannte Wesen und waren daher sehr neugierig, sie nher zu
betrachten. Ein Boot wurde also schnell an Land geschickt, wo natrlich
die Verwunderung sich bald lste: es waren nmlich Hunde. Unsere Leute
fanden auer den Hunden und dem Zeuge neun tchtige Schweine. Diese
wurden an Bord gebracht, die Hunde dagegen lie man los, auch das Zeug
blieb am Lande liegen. Fr die Schweine legten unsere Leute einige
Beile, Ngel und andere Dinge auf dieselbe Stelle hin und winkten
einigen von den Eingeborenen, die sich sehen lieen, da sie unsre
Gegengaben nebst ihrem Zeuge abholen und behalten sollten. Bald nachdem
das Boot am Schiff wieder angelegt hatte, brachten die Insulaner noch
zwei Schweine und machten uns Zeichen, diese zu holen. Das Boot kehrte
demnach an Land zurck und brachte die beiden Schweine mit, lie das
Zeug jedoch wieder unbeachtet liegen, obwohl uns die Eingeborenen zur
Mitnahme aufforderten. Unsere Leute berichteten mir, da die Wilden
von all den Sachen, die ich fr sie auf den Strand hatte hinlegen
lassen, nichts angerhrt htten; einer von uns war der Meinung, da sie
die Geschenke deswegen nicht nehmen mochten, weil wir auch das Zeug
abgewiesen htten, weshalb ich befahl, nunmehr auch dieses zu holen.
Der Ausgang bewies die Richtigkeit dieser Meinung. Denn sobald das Boot
das Zeug eingeladen hatte, kamen die Insulaner herab und trugen alles,
was ich ihnen geschickt hatte, unter den grten Freudekundgebungen mit
sich in den Wald fort. Unsere Leute liefen hierauf an der Kste bis zu
dem Ort hin, wo es frisches Wasser gab. Hier fllten sie alle unsere
Wasserfsser, die fast 6 Tonnen hielten, und brachten diese zum Schiff.
Wir fanden, da die Fsser, whrend sie im Besitz der Eingeborenen
gewesen waren, keinen Schaden erlitten hatten, bten aber einige
lederne Eimer und Schluche ein, die mit den Fssern zugleich in ihre
Gewalt geraten und nicht wieder zurckgegeben worden waren.

Am folgenden Morgen schickte ich die Boote mit einer Wache an Land,
um noch mehr Fsser mit Wasser fllen zu lassen; bald nachdem die
Mannschaft gelandet war, erschien ebenderselbe Greis, der am ersten
Tage ber den Flu zu ihnen gekommen war, wiederum am jenseitigen
Ufer und hielt von da aus eine lange Rede an unsere Leute, nach deren
Beendigung er endlich zu uns herberkam.

Als er nahe genug war, zeigte ihm der Offizier die Steine, die wie
Kanonenkugeln am Strande aufgehuft und seit unsrer ersten Landung
dahin gebracht worden waren; er wies ihm auch einige Scke voller
Steine, die man in den auf meinen Befehl zerstrten Kanus gefunden
hatte. Er gab sich Mhe, dem alten Manne begreiflich zu machen, da
seine Landsleute der angreifende Teil gewesen wren, und da wir nur
aus Notwehr ihnen htten schaden mssen. Der Greis schien zu begreifen,
was der Offizier sagen wollte, ber die Frage des Angriffs aber nicht
gleicher Meinung mit ihm zu sein. Er hielt indessen sogleich eine Rede
an das Volk, wies mit groer Rhrung auf die Steine, Schleudern und
Scke, und bisweilen waren seine Blicke, Stimme und Gebrden drohend
und aufs hchste erregt. Doch nach und nach legte sich der Sturm seiner
Leidenschaften wieder, und der Offizier, der es herzlich bedauerte, da
er von der ganzen Rede nicht ein Wort hatte verstehen knnen, bestrebte
sich, ihn durch Beihilfe aller nur mglichen Zeichen zu bereden,
da wir in Freundschaft mit ihnen zu leben und von Herzen gern alle
Beweise unserer guten Gesinnung zu geben wnschten. Zur Besttigung
dessen reichte er ihm die Hand, umarmte ihn und schenkte ihm einige
Kleinigkeiten, die er sich selbst aussuchen durfte. Der Offizier
konnte auerdem dem Greise verstndlich machen, da wir Lebensmittel
einzuhandeln wnschten, da die Eingeborenen aber nicht in zu groer
Zahl kommen und auf der einen Seite des Flusses, wie wir auf der andern
bleiben sollten. Hierauf ging der Greis sichtlich befriedigt hinweg,
und noch vor Mittag kam ein ordentlicher Handel zustande, vermittels
dessen wir Schweine, Federvieh und Frchte genug bekamen, da das
gesamte Schiffsvolk, ob krank oder gesund, reichlich und so viel von
diesen Lebensmitteln erhielt, als es nur verzehren konnte.

Als die Angelegenheit nun glcklicherweise so gut beigelegt war,
schickte ich den Schiffsarzt mit dem zweiten Leutnant ab, das Land in
Augenschein zu nehmen, um irgendwo einen bequemen Platz auszusuchen,
wo ich fr die Kranken Landwohnungen aufschlagen knnte. Als sie
zurckkamen, meldeten sie, da die ganze Insel, soweit sie sie gesehen
und untersucht htten, hierzu berall gleich bequem und gesund sei.
Wenn es aber zudem auf Sicherheit ankme, so knnten sie nur die
Wasserstelle empfehlen, weil allda die Kranken sowohl vom Schiffe als
von der Wache her geschtzt wren. Man wrde sie zugleich an diesem
Orte leicht beaufsichtigen knnen, da sich keiner von ihnen allzu
tief ins Land hineinwagte; man wrde sie endlich von dort auch leicht
zu den Mahlzeiten rufen knnen. Ich schickte daher die Kranken nebst
den Leuten, die Wasser holen sollten, zur Wasserstelle und bertrug
dem Waffenoffizier das Kommando ber die Bedeckungsmannschaften.
Um die Kranken gegen Sonne und Regen zu schtzen, wurde ein Zelt
aufgeschlagen, und ich lie den Schiffsarzt mit an Land gehen, damit er
ber ihr Wohlbefinden wachen und die ntigen Manahmen treffen knnte.

Als das Zelt aufgeschlagen war und er die Kranken ziemlich versorgt
hatte, nahm der Arzt eine Flinte unter den Arm und ging ein wenig
spazieren. Unterwegs traf es sich, da eine wilde Ente ber seinem
Kopfe dahinflog, er scho also nach ihr und traf sie so gut, da sie
mitten unter eine Gruppe der Eingeborenen jenseits des Flusses tot
niederfiel. Das jagte den Wilden einen solchen Schrecken ein, da sie
im ersten Augenblick alle davonliefen. Erst nach einer ganzen Strecke
blieben sie wieder stehen. Er winkte ihnen nunmehr zu, sie sollten
ihm die Ente herberbringen. Einer von ihnen traute sich vor, kam
ber den Flu und legte bla und zitternd das Tier zu seinen Fen
nieder. In ebendiesem Augenblick flogen noch verschiedene andere
Enten von ungefhr an dem Schtzen vorbei. Er scho also wieder und
traf glcklicherweise noch drei davon. Dieser Vorfall flte den
Eingeborenen eine solche Furcht vor der Feuerwaffe ein, da sie, wenn
man ihnen eine Flinte wies, sofort wie eine Herde Schafe davonliefen.

Da ich mir im voraus vorstellen konnte, da zwischen denjenigen
von unseren Leuten, die am Lande waren, und den Eingeborenen ein
Schleichhandel nicht ausbleiben wrde, und da, wenn man sie in dieser
Sache nach ihrem Gutdnken ungestrt handeln liee, nichts als Unheil
und Zwistigkeiten daraus entstehen wrden, befahl ich, da aller Handel
zwischen beiden Parteien durch die Hnde des Waffenoffiziers gehen und
von ihm ganz allein betrieben werden solle. Ich trug ihm auf, ernstlich
darauf zu achten, da unsere Leute den Insulanern kein Unrecht tten,
weder durch Gewalt noch durch Betrug; er solle sich ferner auf alle
Weise bestreben, den alten Mann, der sich uns hilfreich erwiesen, zum
Freunde zu behalten. Der Offizier entledigte sich dieses Auftrags mit
groer Gewissenhaftigkeit. Wir hatten dem erwhnten Greise vieles zu
verdanken. Durch seine Vorsicht brachte er unsere Leute dahin, da sie
gegen die Insulaner bestndig auf ihrer Hut waren, und wenn er sah, da
der eine oder der andere vom Zeltort sich entfernte, geleitete er ihn
jedesmal wieder dahin zurck. Die Eingeborenen stahlen zwar bisweilen
etwas, doch durch die bloe Furcht vor einer Flinte, die in Wahrheit
nie ernstlich gebraucht wurde, konnte der Waffenoffizier die Rckgabe
der entwendeten Gegenstnde erzwingen.

Eines Tages schlich sich ein Kerl unbemerkt ber den Flu und stahl
ein Beil. Sobald der Waffenoffizier den Verlust bemerkte, gab er dem
Greise zu verstehen, was vorgefallen war, und tat, als ob er sich mit
allen seinen Leuten fertigmachen wolle, um in den Wald zu marschieren
und dem Diebe nachzusetzen. Allein, der Greis gab ihm durch Zeichen zu
verstehen, da er sich diese Mhe sparen knne. Er ging sofort allein
in den Wald und brachte auch bald darauf das Beil wieder. Alsdann drang
der Waffenoffizier darauf, auch den Dieb in seine Hnde zu bekommen;
zwar lie sich der alte Mann offenbar nur schwer dazu bewegen, tat es
aber endlich doch. Als der Kerl herbeigebracht wurde, erkannte ihn der
Offizier sofort als einen von denen wieder, die uns schon mehrmals
bestohlen hatten, und schickte ihn daher gefangen an Bord. Ich war
nicht gesonnen, das Verbrechen anders als durch die bloe Furcht
vor Bestrafung zu ahnden, setzte den Dieb daher nach vielen Bitten
und Frbitten wiederum in Freiheit und schickte ihn an Land. Ob die
Eingeborenen ber seine glckliche Rckkehr mehr erstaunt oder erfreut
waren, ist schwer zu entscheiden. Soviel aber ist gewi, sie empfingen
ihn mit Frohlocken und fhrten ihn in die Wlder mit sich fort. Den
folgenden Tag kam unser wieder in Freiheit gesetzter Gefangener
freiwillig zurck und brachte dem Waffenoffizier einen betrchtlichen
Vorrat an Brotfrucht und ein gebratenes Schwein, vermutlich um den
Offizier wieder mit sich auszushnen.

Um diese Zeit beschftigten sich meine Leute an Bord, das Oberdeck des
Schiffes zu kalfatern und neu zu streichen, wickelten das Takelwerk
auseinander und brachten es in Ordnung, rumten auch das Magazin auf.
Kurz, ein jeder tat in seiner Art, was notwendig war. Unterdessen
hatte meine Krankheit, die eine Art Gallenkolik war, sich so sehr
verschlimmert, da ich an diesem Tage bettlgerig wurde. Das ganze
Kommando fiel also an den ersten Offizier. Diesem gab ich seine
Verhaltungsmaregeln und ermahnte ihn, auf die Landmannschaft ganz
besonders achtzugeben. Ich ordnete auch an, da man dem Schiffsvolk
Frchte und frische Lebensmittel reichen sollte, solange dergleichen
nur zu bekommen wre, und da nach Sonnenuntergang die Boote niemals
vom Schiffe abwesend sein drften.

Eines Nachmittags kam der Waffenoffizier mit einer Frau an Bord; sie
war von groer Statur, mochte ungefhr 45 Jahre alt sein und hatte
auer einer angenehmen Gesichtsbildung einen wirklich majesttischen
Anstand. Er sagte mir, sie sei erst krzlich in diese Gegend des Landes
gekommen, und da er beobachtet htte, da die andern Eingeborenen viel
Ehrfurcht vor ihr bezeigten, habe er ihr einige Geschenke gemacht.
Um diese zu erwidern, habe sie ihn in ihre Wohnung eingeladen, die
ungefhr zwei Kilometer talaufwrts liege, und dort habe sie ihm einige
recht groe Schweine geschenkt. Nachher sei sie mit ihm nach der
Wasserstelle zurckgegangen und habe Verlangen bezeigt, mit an Bord des
Schiffes zu gehen. Er habe es fr ratsam gehalten, ihr Verlangen zu
erfllen, und habe sie begleitet. Sie schien gleich beim Betreten des
Schiffes ganz ohne Mitrauen und Furcht, berhaupt ganz ungezwungen zu
sein, und die ganze Zeit ber, die sie an Bord bei uns war, betrug sie
sich mit einer ungeknstelten Freimtigkeit, die man bei allen Personen
zu bemerken pflegt, die sich ihrer Vorzge bewut und zu herrschen
gewohnt sind. Ich gab ihr einen groen blauen Mantel, der ihr von
den Schultern bis auf die Fe hinabreichte, hing ihr diesen um und
band ihn mit Bndern fest. Auch gab ich ihr einen Spiegel, Glasperlen
und viele andre Sachen mehr. Alles nahm sie auf die wrdigste Art an
und bezeigte ihr Wohlgefallen darber. Sie bemerkte, da ich krank
gewesen war, und wies aufs Land. Ich deutete mir das so aus, als ob sie
meinte, ich solle dahin gehen, um meine Gesundheit wieder vollkommen
herzustellen, und gab ihr also durch Zeichen zu verstehen, da ich
den anderen Morgen ihren Rat befolgen wolle. Als sie sich endlich
anschickte, wieder zurckzukehren, befahl ich dem Waffenoffizier, sie
zu geleiten. Nachdem er sie an Land gebracht hatte, begleitete er
sie ganz nach ihrer Wohnung und beschrieb mir diese nachher als sehr
gro und wohlgebaut. Er sagte, sie habe viele Leibwachen und Bediente
in diesem Hause, und in einiger Entfernung noch ein anderes Gebude,
welches von einer Art Gitterwerk umgeben sei.

Den folgenden Morgen ging ich also zum ersten Male an Land, und meine
Frstin oder vielmehr Knigin -- denn ihrem Ansehen nach schien sie
einen solchen Rang zu haben -- kam bald nachher mit einer zahlreichen
Begleitung zu mir. Da sie bemerkte, da ich von meiner Krankheit noch
sehr schwchlich war, befahl sie ihren Leuten, mich auf ihre Arme zu
nehmen und nicht nur ber den Flu, sondern auch den ganzen Weg bis an
ihr Haus zu tragen. Weil sie beobachtete, da einige meiner Begleiter,
insbesondere der erste Leutnant und der Schiffszahlmeister, ebenfalls
krank gewesen waren, lie sie auch diese auf die gleiche Art tragen.
Ich hatte, als ich an Land ging, eine Leibwache mitgenommen, und diese
folgte uns bei diesem Aufzuge nach. Unterwegs drngte sich eine sehr
groe Volksmenge um uns herum, sobald aber die Herrscherin mit ihrer
Hand einen Wink gab, wichen die Eingeborenen zurck und machten vor uns
Platz, ohne da sie auch nur ein Wort gesprochen htte.

[Illustration: Der Schiffsarzt nahm die Percke vom Kopfe.]

Als wir uns ihrem Hause nherten, kam uns eine groe Zahl Leute
beiderlei Geschlechts entgegen. Sie stellte mir alle Leute vor und gab
mir zu verstehen, da dies alles Anverwandte von ihr wren. Hierauf
fate sie meine Hand und reichte sie der ganzen Verwandtschaft zum
Kssen dar. Endlich betraten wir das Haus, das etwa 100 Meter lang
und 12 Meter breit war. Es bestand aus einem mit Palmzweigen bedeckten
Dache und ruhte auf Pfosten, deren sich auf jeder Seite 39 und in
der Mitte 14 befanden. Bis an die oberste Dachspitze gerechnet, war
das Gebude innen etwa 10 Meter hoch, die Pfosten aber, auf denen
das Dach am Rande ruhte, waren nur etwa 4 Meter hoch. Unterhalb des
Daches waren die Seiten alle frei und offen. Sobald wir das Innere
des Hauses betreten hatten, ntigte die Knigin uns zum Niedersitzen
und rief sogleich vier junge Mdchen. Als diese herbeikamen, lie sie
sich von ihnen helfen, mir Schuhe, Strmpfe und den Rock auszuziehen,
sodann befahl sie ihnen, mir die Haut mit ihren Hnden ganz leicht zu
massieren. Das gleiche lie sie mit dem kranken Schiffszahlmeister und
dem ersten Offizier vornehmen. Whrend diese Kur an uns vorgenommen
wurde, suchte sich der Schiffsarzt, der sich auf dem Gange hierher
sehr erhitzt hatte, ein wenig abzukhlen, und nahm in dieser Absicht
seine Percke vom Kopfe. Einer von den Eingeborenen bemerkte das und
gab seinem Staunen durch einen lauten Schrei Ausdruck. Das lenkte die
Aufmerksamkeit aller brigen so sehr auf den guten Chirurgus, da in
einem Augenblick aller Augen auf das Wunderding geheftet und mit einem
Male alle Verrichtungen unterbrochen waren. Die ganze Versammlung
stand einige Zeit ber in sprachlosem Erstaunen ganz unbeweglich
da. Sie htten sich wahrhaftig nicht erstaunter anstellen knnen,
wenn sie gesehen htten, da unser Landsmann sich alle Glieder vom
Leibe geschraubt htte. Endlich gingen die jungen Mdchen, die uns
massierten, wiederum an ihre Arbeit, und als sie diese ungefhr eine
halbe Stunde lang fortgesetzt hatten, kleideten sie uns wieder an.
Man kann sich indessen leicht vorstellen, wie ungeschickt sie sich
dabei benahmen. Indessen bekam sowohl mir als dem Leutnant und dem
Schiffszahlmeister die Massage sehr wohl.

Bald darauf lie unsere gtige Wohltterin einige Ballen von
landesblichem Rindenzeug herbeibringen und kleidete mich nebst meiner
ganzen Gesellschaft mit diesem Zeuge nach der Mode ihres Landes.
Anfangs verbat ich mir diese Gunstbezeigung. Weil ich indessen nicht
gerne den Eindruck erwecken wollte, als ob mir das nicht gefiele, was
in bester Absicht mit mir geschah, lie ich mich endlich nach ihrem
Willen kleiden.

Als wir weggingen, befahl sie, da ein sehr groes und tchtiges
Mutterschwein zum Boot hinabgebracht werden sollte, und sie selbst
begleitete uns in Person dahin. Sie hatte ihren Landsleuten geheien,
mich wie auf dem Herwege auf den Armen zu tragen. Da ich aber jetzt
lieber gehen wollte, so bot sie mir den Arm, und sooft wir an eine
Wasserpftze oder eine morastige Stelle kamen, hob sie selbst mich
hinber und das offenbar mit ebenso geringer Mhe, als es in gesunden
Tagen mich wrde gekostet haben, ein Kind hinberzuheben.

Am folgenden Morgen schickte ich ihr durch den Waffenoffizier sechs
Beile, sechs Sicheln und noch verschiedene andere Dinge. Bei seiner
Zurckkunft meldete mir der Offizier, da er sie bei der Mahlzeit
angetroffen, und da sie in ihrem groen Hause eine erstaunliche Anzahl
von Leuten, die seiner Schtzung nach sich auf mindestens 1000 Personen
belaufen mute, mit einem Gastmahl bewirtet habe. Die Speisen wurden
bei dieser Gelegenheit alle von den Bedienten, die sie zubereitet
hatten, aufgetragen. Das Fleisch war in Kokosnuschalen gefllt.
Diese waren in hlzerne Trge gesetzt, die unseren Fleischermulden
einigermaen hnlich sahen, und die Regentin teilte diese Speisen
eigenhndig an die Gste aus, die im Hause rundherum in Reihen saen.
Als sie mit der Austeilung der Gerichte fertig war, setzte sie sich
selbst auf einem etwas erhhten Sitze nieder; zwei Mdchen stellten
sich alsdann zu ihren beiden Seiten auf und reichten ihr die Speisen
so zu, da sie nur den Mund aufzumachen brauchte, um sie zu genieen.
Sobald sie des Waffenoffiziers ansichtig wurde, lie sie ihm auch
gleich eine Mahlzeit auftragen. Er konnte nicht eigentlich sagen, was
es war, das er a; er hielt es fr kleingehacktes Hhnerfleisch mit
daruntergeschnittenen pfeln, in Salzwasser zurechtgemacht. Es war
alles sehr schmackhaft zubereitet. Die Knigin nahm die Geschenke, die
ich ihr schickte, mit groem Vergngen an. Als wir auf solche Art mit
ihr in ein gutes Einvernehmen gekommen waren, fanden wir, da weit mehr
Lebensmittel aller Art als zuvor auf den Markt gebracht wurden. Allein,
obgleich alle Tage Federvieh und Schweine genug ankamen, muten wir
diese Dinge doch teurer bezahlen als im Anfang.

Eines Tages erblickte der Waffenoffizier, der noch immer des Handels
wegen am Lande blieb, eine alte Frau jenseits des Flusses, die
bitterlich weinte. Sobald sie merkte, da sie seine Aufmerksamkeit
erregt htte, schickte sie einen Jngling, der mit ihr gekommen war,
mit einem Bananenzweige in der Hand ber den Flu zu ihm hinber. Als
der junge Mensch vor ihm stand, hielt er eine lange Rede und legte
alsdann seinen Zweig zu des Waffenoffiziers Fen nieder. Darauf ging
er zurck, die alte Frau selbst zu holen, whrend ein anderer Mann zwei
groe gemstete Schweine herbeibrachte. Die Frau sah unsere Leute einen
nach dem andern an und brach abermals in Trnen aus. Als der Jngling,
der sie ber den Flu gebracht hatte, das Mitleid und Erstaunen des
Offiziers sah, hielt er eine zweite groe Rede, die lnger als die
vorhergehende war, nach deren Ende man aber die Ursache, warum die
Frau so jmmerlich weinte, ebensowenig wute als vorher. Endlich gab
sie zu verstehen, da ihr Mann und drei von ihren Shnen beim Angriff
auf das Schiff umgekommen wren. Whrend dieser Erklrung wurde sie
von ihrem Kummer so ergriffen, da sie zuletzt nicht mehr reden konnte
und ohnmchtig niedersank; die zwei Jnglinge, die sie in ihren Armen
hielten, schienen hnlich bewegt zu sein. Vermutlich waren es zwei
andere ihrer Shne oder doch nahe Blutsverwandte. Der Waffenoffizier
tat alles, was nur mglich war, um ihre Betrbnis zu lindern. Sobald
sie nur einigermaen wieder getrstet war, befahl sie, da man ihm die
beiden Schweine bringen solle, und reichte ihm die Hand zum Zeichen
ihrer Freundschaft, sie wollte aber nichts dagegen annehmen, obwohl er
ihr den zehnfachen Marktpreis dafr geboten hatte.

Am folgenden Morgen schickte ich den zweiten Leutnant mit allen Booten
und 60 Mann nach Westen, um das Land in Augenschein zu nehmen und
festzustellen, was man von dorther etwa bekommen knne. Um Mittag kam
er zurck, er war diese Zeit ber ungefhr 6 Kilometer weit lngs der
Kste hinmarschiert. Er fand das Land sehr anmutig und bevlkert und
auch mit Federvieh, Schweinen, Frchten und Pflanzen reich gesegnet.
Die Einwohner taten ihm nichts zuleide, schienen aber auch nicht
geneigt zu sein, ihm irgend etwas von ihren Waren zu verkaufen, nicht
einmal Frchte, die unsere Leute am liebsten eingehandelt htten. Doch
berlieen sie ihm zuletzt einige Kokosnsse und Bananen und verkauften
ihm schlielich auch einiges Federvieh und 9 Schweine. Der Leutnant
war der Meinung, man knne die Eingeborenen dort mit der Zeit schon
dahin bringen, da sie aus freien Stcken mit uns Handel trieben.
Allein, diese Gegend lag zu weit vom Schiffe entfernt, so da man
jedesmal eine grere Bedeckungsmannschaft htte mitgeben mssen. Er
sah eine groe Anzahl gerumiger Kanus, die die Einwohner auf den
Strand gezogen hatten, und andere, an denen noch gebaut wurde. Er fand,
da alle ihre Werkzeuge aus Steinen, aus Muschelschalen und Knochen
verfertigt waren, und schlo daraus, da sie ganz und gar kein Metall
besen. Auch fand er keine anderen vierfigen Tiere als Schweine und
Hunde, desgleichen keine irdenen Gefe. Alle ihre Speisen muten daher
gebacken oder gebraten werden. Weil sie also keinerlei Kochgeschirr
hatten, konnten sie auch Wasser nicht sieden machen. Als die Knigin
eines Morgens mit uns an Bord des Schiffes frhstckte, sah einer von
ihren Begleitern, der ein angesehener Mann war und einer von denen,
die wir fr Priester hielten, da der Schiffsarzt den Hahn an einer
Teemaschine umdrehte und auf diese Weise eine Teekanne, die auf der
Tafel stand, mit Wasser fllte. Nachdem er das mit groer Neugierde
und Aufmerksamkeit mitangesehen hatte, ging er, um die Sache selbst
zu untersuchen, nher hin, drehte den Hahn um und fing das Wasser mit
der Hand auf. Man kann sich vorstellen, wie sehr er sich verbrannte!
Kaum war das geschehen, so fing er voller Schrecken ganz rasend an zu
schreien und sprang vor Schmerz mit den lcherlichsten Gebrden in der
Kajte umher. Die anderen Eingeborenen konnten gar nicht begreifen, was
ihm fehle. Sie staunten ihn daher mit Verwunderung an und lieen das
uerste Entsetzen blicken. Indessen legte ihm der Schiffsarzt, der
unschuldigerweise die Ursache dieses ganzen Unfalls gewesen war, ein
khlendes Mittel auf; es whrte aber doch eine ganze Zeit, bis der arme
Schelm Linderung bekam.

Die Knigin war jetzt verschiedene Tage ber abwesend gewesen. Die
Eingeborenen gaben uns indessen durch Zeichen zu verstehen, da wir
demnchst einen Besuch von ihr zu erwarten htten. Am folgenden Morgen
kam sie auch wirklich an den Strand hinab, und bald darauf brachte
eine groe Menge von Leuten, die wir bisher noch nie gesehen hatten,
Lebensmittel aller Art zu Markte, so da der Marktoffizier uns diesen
Tag 14 Schweine und einen groen Vorrat von Frchten an Bord schaffen
konnte.

Am Nachmittag des folgenden Tages kam die Knigin selbst an Bord
und brachte uns zwei groe Schweine zum Geschenk mit. Sie lie sich
niemals zu einem Tauschhandel mit uns herab. Als sie am Abend an Land
zurckkehrte, gab ich ihr den Bootsmann zur Begleitung und hndigte
ihm Geschenke fr sie ein, die er ihr berreichen sollte. Sobald sie
gelandet waren, nahm sie ihn bei der Hand, hielt eine lange Rede an das
Volk, das sich rings um sie her versammelte, und fhrte ihn hierauf
nach ihrem Hause. Dort kleidete sie ihn so, wie sie ehemals auch mit
mir getan hatte, nach dortiger Landesart in Rindenzeug.

Des Tages darauf schickte sie uns einen weit betrchtlicheren Vorrat
von Lebensmitteln, als wir je zuvor an einem Tage an Bord bekommen
hatten, nmlich 48 groe und kleine Schweine, 4 Dutzend Stck Federvieh
und eine fast unzhlige Menge von Brotfrchten, Bananen, pfeln und
Kokosnssen.

Ein paar Tage spter kam die Knigin abermals an Bord und brachte
verschiedene groe Schweine zum Geschenke mit, fr die sie wie
gewhnlich kein Entgelt annehmen wollte. Als sie im Begriff war, das
Schiff zu verlassen, bezeigte sie ein lebhaftes Verlangen, ich mchte
mit ihr an Land gehen. Ich willigte ein und nahm verschiedene von
meinen Offizieren mit mir. Als wir in ihrem Hause ankamen, lie sie
uns insgesamt niedersitzen, nahm meinen Hut ab und steckte einen Busch
von bunten Federn daran, wie ihn in diesem Lande meines Wissens niemand
trug als sie selbst. Sie band auch um meinen und meiner Begleiter
Hte eine Schnur von geflochtenem Haar und gab uns zu verstehen, da
sowohl das Haar als die Arbeit daran von ihr selbst sei. Sie beschenkte
uns ferner mit einigen sehr knstlich geflochtenen Matten. Am Abend
begleitete sie uns bis an den Strand zurck, und als wir in unser Boot
einstiegen, lie sie ein groes, schnes Schwein nebst einer groen
Menge von Frchten an Bord bringen.

Als wir hierauf Abschied von ihr nahmen, deutete ich ihr durch Zeichen
an, da ich die Insel binnen 7 Tagen verlassen wolle. Sie verstand mich
sogleich und antwortete mir, es sei ihr Wunsch, ich solle wenigstens
noch 3 Wochen lang bleiben; ich knnte ja indessen eine kleine Reise
ins Innere machen, mich einige Tage dort aufhalten und von dort aus
eine Menge von Schweinen und Federvieh an den Strand herabschaffen
lassen und hernach wegsegeln. Ich gab ihr dagegen wiederum zu
verstehen, da ich unwiderruflich in 7 Tagen abreisen msse. Hierauf
weinte sie so herzbewegend, da es uns Mhe und Klugheit kostete, sie
wieder zu beruhigen.

Am folgenden Morgen schickte der Marktoffizier nicht weniger als
20 Schweine und einen groen Vorrat von Frchten an Bord. Unser
Verdeck war nunmehr ganz mit Schweinen und Federvieh angefllt. Wir
schlachteten nur die kleinsten davon, um die andern als Vorrat fr die
weitere Reise aufzubewahren. Wir fanden aber bald zu unserem groen
Verdrusse, da sowohl das Federvieh als auch die Schweine nicht leicht
etwas anderes als die hiesigen Landesfrchte fressen wollten; das
ntigte uns, sie geschwinder nacheinander abzuschlachten, als wir sonst
zu tun willens waren. Indessen glckte es uns doch, einen Eber und ein
Mutterschwein lebendig nach England zu bringen.

Zwei Tage danach schickte ich dem alten Manne, der unserm
Waffenoffizier beim Handel so groe Dienste geleistet hatte, noch
einen eisernen Topf, etliche Beile, Sicheln und ein Stck Tuch. Der
Knigin bersandte ich zwei Truthhne, drei chinesische Fasanen, zwei
Gnse, eine trchtige Katze, etwas Porzellan, einige Spiegel, glserne
Flaschen, Hemden, Nadeln, Zwirn, Tuch, Bnder, Erbsen, kleine weie
Bohnen und ungefhr 16 verschiedene Arten von Gartenpflanzensamen,
nebst einer Schaufel und einer groen Menge kurzer Eisenwaren, wie
Messer, Scheren, Sicheln und dergleichen. Wir selbst hatten bereits
whrend unserer Anwesenheit allerhand Arten von Gartensamen und auch
etliche Erbsen an verschiedenen Orten ausgest, und zu unserm grten
Vergngen war alles sehr schn und hoffnungsvoll aufgekeimt. Ich
schickte der Knigin zuletzt noch ein paar eiserne Tpfe und einige
Lffel. Als Gegengabe brachte mir der Marktoffizier 18 Schweine und
einige Frchte.

Am Morgen des 25. Juli ging ich unter kleiner Bedeckung an Land und
lie auf einer gewissen Landspitze ein Zelt aufschlagen, um dort eine
Sonnenfinsternis zu beobachten, was ich bei der Klarheit der Luft
mit groer Genauigkeit tun konnte. Als ich mit meiner Beobachtung
fertig war, ging ich nach dem Hause der Knigin und wies ihr das
Fernrohr vor, dessen ich mich soeben bedient hatte. Nachdem ich ihr
zuerst den Bau gezeigt hatte, suchte ich ihr den Gebrauch deutlich
zu erklren. Ich richtete es also auf verschiedene in weiter Ferne
befindliche Gegenstnde, die ihr wohl bekannt waren, die man aber von
ihrem Hause aus mit bloem Auge nicht erkennen konnte, und lie sie
alsdann durchsehen. Sobald sie die Dinge so nah und deutlich erblickte,
sprang sie erstaunt zurck, wandte alsdann ihre Augen dahin, wohin das
Fernrohr gerichtet war, stand eine Zeitlang unbeweglich stille, sah zum
zweiten Male hindurch und bemhte sich von neuem, wiewohl vergebens,
die eben geschauten Gegenstnde mit bloem Auge zu erkennen. Sowie
sie dieselben wechselweise sah, wenn sie durch das Rohr blickte, sie
bald wieder aus dem Gesichte verlor, wenn sie mit bloen Augen hinsah,
drckten ihre Mienen und Gebrden jedesmal eine Mischung von Erstaunen
und Entzcken aus, die keine Sprache beschreiben kann. Endlich
lie ich das Fernrohr wegschaffen und lud sie nebst verschiedenen
Standespersonen, die bei ihr waren, ein, mit mir an Bord zu gehen. Als
wir mit unsern Gsten an Bord gekommen waren, befahl ich, da eine gute
Mahlzeit zu ihrer Bewirtung zubereitet werden solle. Allein die Knigin
wollte weder essen noch trinken. Ihre Begleiter hingegen lieen sich
alles, was ihnen zum Essen vorgesetzt wurde, herzlich gut schmecken.
Doch auer reinem Wasser wollten sie nichts trinken.

Als die Knigin wieder von Bord ging, fragte sie mich durch Zeichen,
ob ich noch immer auf meinem Entschlusse beharre und die Insel zu der
angesagten Zeit verlassen wolle. Als ich ihr hierauf zu verstehen gab,
da ich mich unmglich lnger aufhalten knne, zeigte sie mir durch
eine Flut von Trnen, die sie eine Zeitlang ihrer Sprache beraubten,
wie schmerzlich sie dieses ankme. Sobald sich die Heftigkeit ihrer
Betrbnis gelegt hatte, winkte sie mir, sie wolle morgen wieder an Bord
zu mir kommen; so schieden wir voneinander.

[Illustration: Ihre Mienen und Gebrden drckten Erstaunen und
Entzcken aus.]

Am folgenden Morgen um 10 Uhr kam die Knigin ihrem Versprechen
gem mit einem Geschenke von Schweinen und Federvieh an Bord. Wir
ergnzten auch unsere Holz- und Wasservorrte und machten uns fertig,
in See zu gehen. Am nchsten Tage kam eine grere Anzahl der hiesigen
Eingeborenen, als wir sonst je gesehen hatten, an den Strand herab.
Sie schienen aus dem inneren Teil des Landes herzustammen, auch
waren viele darunter, die den ihnen erwiesenen Ehrenbezeigungen nach
Standespersonen sein muten. Um 3 Uhr des Nachmittags kam die Knigin
in grtem Staat und in Begleitung eines sehr zahlreichen Gefolges
wiederum an den Strand herab. Sie ging mit allen ihren Leuten und
dem alten Manne ber den Flu und besuchte uns noch einmal an Bord.
Sie brachte auch einige sehr schne Frchte mit sich, erneuerte mit
vielem Eifer ihr Anliegen, da ich noch 10 Tage lnger hier bleiben
sollte, und gab mir zu verstehen, da sie ins Innere des Landes
reisen und mir eine Menge von Schweinen, Federvieh und Frchten von
dorther mitbringen wolle. Ich suchte ihr fr diese Freundschaft und
Gte meine Erkenntlichkeit zu bezeigen, versicherte ihr aber, da
ich unabnderlich den folgenden Morgen absegeln msse. Sie brach
hierber wie gewhnlich in Trnen aus, und als sie sich gefat hatte,
erkundigte sie sich durch Zeichen, wann ich wieder zurckkme. Ich gab
mir Mhe, ihr die Zahl von 50 Tagen anzuzeigen, sie bat darauf durch
Gegenzeichen, da ich nicht lnger als 30 Tage wegbleiben solle. Da ich
aber gegen alle ihre Einwendungen fest immer wieder 50 andeutete, gab
sie sich endlich zufrieden. Sie blieb bei uns, bis es Nacht wurde, und
es kostete viele Mhe und Knste, sie endlich zur Rckkehr an Land zu
bewegen. Als man ihr sagte, da das Boot auf sie warte, warf sie sich
ber die Gewehrkiste hin und weinte eine Zeitlang so heftig, da sie
gar nicht wieder zu sich zu bringen war. Endlich bequemte sie sich doch
und stieg, wiewohl sehr ungern, in das Boot, wohin alle ihre Begleiter
und auch der alte Mann ihr nachfolgten.

Mit Anbruch des 27. Juli lichteten wir die Anker, und zu gleicher
Zeit schickte ich die Barke und ein anderes Boot ab, um die wenigen
Wasserfsser zu fllen, die wieder leer geworden waren. Als unsre
Leute sich der Kste nherten, sahen sie zu ihrem grten Erstaunen
den ganzen Strand weithin mit Eingeborenen berfllt. Weil sie es nun
bei diesem Anblick nicht fr ratsam fanden, sich unter eine solche
Menge hineinzuwagen, so wollten sie wieder unverrichteterdinge nach
dem Schiffe zurckkehren. Sobald aber die Eingeborenen am Strande dies
beobachteten, kam die Knigin hervor, winkte ihnen und schien die
Ursache ihrer Besorgnis zu erraten; denn die Insulaner muten sich auf
ihren Befehl jenseits des Flusses begeben. Die Boote ruderten hierauf
nach der Wasserstelle und fllten die Fsser. Unterdessen lie die
Knigin einige Schweine und Frchte an Bord des Bootes bringen, und
als unsre Leute vom Strand abstoen wollten, wre sie gern mit ihnen
gefahren. Der Offizier wollte es ihr aber nicht gestatten, weil er
Befehl bekommen hatte, keinen Eingeborenen mehr mit sich zu nehmen.
Sie lie auf diese Weigerung gleich eines ihrer doppelten Kanus in
See stechen, und ihre eigenen Leute muten sie zu uns fhren. Sie kam
gleich an Bord, konnte aber vor Wehmut nicht sprechen, sondern setzte
sich nieder und brach in Trnen aus. Als sie ungefhr eine Stunde bei
uns gewesen war, erhob sich ein gnstiger Wind, wir lichteten die
Anker und gingen unter Segel. Da sie nunmehr sah, da sie in ihr Kanu
zurckkehren msse, umarmte sie uns alle auf das zrtlichste und mit
vielen Trnen; ebenso lie auch ihr ganzes Gefolge groe Betrbnis ber
unsre Abreise wahrnehmen. Wir hatten indes kaum die Segel aufgespannt,
so flaute der Wind wieder ab und die See lag still. Ich schickte also
die Boote voraus, um das Schiff zu bugsieren. Sobald die Kanus, die
uns eben verlassen hatten, dies sahen, kehrten sie alle zusammen zum
Schiff zurck. Dasjenige, das die Knigin an Bord fhrte, ruderte an
die Waffenkammer hin. Die Leute im Raum befestigten es an der Luke,
und nach Verlauf von wenigen Minuten kam die Knigin an Bord, setzte
sich nieder und weinte ganz untrstlich. Ich gab ihr allerhand Sachen,
die ihr meines Erachtens ntzlich sein konnten, und Putzwerk. Sie nahm
alles stillschweigend und teilnahmslos an.

Um 10 Uhr waren wir durch Untersttzung unserer Boote ber die
Klippenreihe hinausgekommen, und da sich nunmehr ein frischer,
gnstiger Wind erhob, nahmen unsere Sdseefreunde und besonders die
Knigin noch einmal mit zrtlicher Freundschaft und so rhrender
Betrbnis Abschied von uns, da ich selbst ganz bewegt wurde und mich
der Trnen nicht erwehren konnte.

[Illustration]

[Illustration]




Ein Sdsee-Idyll

Von Kapitn _James Cook_


Es war Montag, den 10. April 1769, als einige von unseren Leuten, die
nach der Insel Tahiti, unserem Reiseziel, aussphten, des Nachmittags
um 1 Uhr meldeten, sie shen in demjenigen Teil des Horizontes, wo
die Insel der Lage nach zum Vorschein kommen mute, Land. Es schien
sehr hoch und gebirgig zu sein, und wir erkannten es allen Anzeichen
nach als ebendasselbe, das Kapitn Wallis Knig Georgs des Dritten
Insel genannt hatte, und das nunmehr Tahiti heit. Eine pltzlich
einsetzende Windstille hielt uns aber zurck, so da wir am Morgen des
folgenden Tages der Insel noch nicht nher waren als die Nacht zuvor.
Um 7 Uhr erhob sich endlich ein frischer Wind, und um 11 Uhr waren
wir Tahiti bereits so nahe gekommen, da verschiedene Kanus gegen das
Schiff liefen. Doch wollten nur wenige sich an uns heranwagen, und
selbst diese wenigen wollten sich nicht bereden lassen, an Bord unserer
Endeavour zu kommen. In jedem Kanu hatten sie junge Bananen und
Zweige von einem andern Baume, den die Insulaner E' Midho nennen;
diese waren, wie wir nachmals erfuhren, ein Sinnbild des Friedens und
wurden uns als Freundschaftszeichen berbracht. Aus einem von den
Kanus reichten sie uns die Insulaner an der Schiffsseite herauf und
machten uns zu gleicher Zeit mit groem Eifer einige Zeichen, die
uns unverstndlich waren. Endlich aber errieten wir ihr Verlangen;
sie wnschten nmlich, da diese Friedenszeichen an irgendeinem Orte
im Schiffe aufgesteckt werden mchten, wo man sie frei und deutlich
sehen knne. Wir steckten sie daher sofort zwischen die Bordwnde,
worber die Insulaner lebhaftes Vergngen zeigten. Hierauf kauften wir
ihnen ihre Waren ab, die in Kokosnssen und allerlei andern Frchten
bestanden, wie sie uns allen nach einer so langen Reise sehr willkommen
waren.

Wir steuerten die ganze Nacht hindurch vorsichtig nher gegen die
Kste, die Meerestiefe nahm gegen die Insel hin von 30 bis zu
21 Meter ab, und um 7 Uhr morgens kamen wir mit 23 Meter Tiefe in
der Matavaibucht vor Anker. Die Eingeborenen umringten sogleich
unser Schiff mit ihren Kanus, brachten uns Kokosnsse, apfelhnliche
Frchte, Brotfrucht und einige kleine Fische. Sie berlieen uns das
alles gegen Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Sie hatten auch ein
kleines Schwein bei sich, wollten es aber gegen nichts Geringeres
als ein Beil eintauschen. Wir weigerten uns daher, diesen Handel
einzugehen; denn htten wir ihnen gleich zu Anfang ein Beil fr ein
junges Schwein gegeben, so htten sie uns wohl voraussichtlich nachher
nie eines wohlfeiler verkaufen wollen, und das wre uns doch auf die
Dauer allzu teuer zu stehen gekommen. Die Brotfrucht wchst auf einem
Baum, der ungefhr so gro ist wie eine mittelhohe Eiche. Die Bltter
sind oft anderthalb Meter lang, von lnglicher Gestalt, mit tiefen
Krmmungen wie die Feigenbltter versehen, denen sie an Wesen und
Farbe hnlich sind; beim Auseinanderbrechen sondern sie gleich einen
milchartigen Saft ab. Die Frucht hat die Gre eines Kindskopfes und
beinahe dieselbe Form. Ihre Auenseite ist meistens wie bei der
Trffel netzfrmig, die Haut ist nur dnn, und die Frucht hat einen
Kern, der ungefhr so dick ist wie ein Messerstiel. Das Fleisch oder
der ebare Teil liegt zwischen Haut und Kern, ist schneewei und locker
wie frischgebackenes Brot. Ehe man sie it, mu man sie rsten und
zu diesem Zweck in drei oder vier Teile zerschneiden. Sie hat keinen
ausgesprochenen Geschmack, hchstens, da sie etwas slich schmeckt.

[Illustration: Wir gingen in Begleitung unseres Freundes Auhaa an Land.]

Unter den Eingeborenen, die zu uns an Bord kamen, befand sich auch ein
ltlicher Mann, der, wie wir nachher erfuhren, Auhaa hie, und Leutnant
Gore, der mit dem Kapitn Wallis hier gewesen war, erkannte ihn
augenblicklich wieder. Da ich nun wute, da er Wallis sehr ntzlich
gewesen war, nahm ich ihn nebst einigen anderen an Bord des Schiffes
und war besonders bemht, ihm soviel Freundlichkeiten als mglich zu
erweisen, weil ich hoffte, er wrde auch uns gute Dienste leisten. Da
allem Anschein nach zu vermuten stand, da wir uns ziemlich lange hier
aufhalten wrden, muten wir notwendigerweise darauf bedacht sein,
da der Wert der Waren, die wir zum Tauschhandel mitgebracht hatten,
whrend der Zeit unseres Hierseins nicht sank. Das wre aber zweifellos
geschehen, wenn man jedermann Freiheit gelassen htte, die eingekauften
Dinge nach persnlichem Gutdnken zu bezahlen. Weil daraus unfehlbar
Verwirrungen und Streitigkeiten htten entstehen mssen, stellte ich
bestimmte Regeln fr den Handel auf und befahl ihre strengste Beachtung.

Sobald das Schiff gehrig gesichert war, ging ich mit den Botanikern
Banks und Solander, einer Abteilung Bewaffneter und in Begleitung
unseres Freundes Auhaa an Land. Beim Aussteigen aus den Booten wurden
wir von einigen hundert Eingeborenen empfangen, die uns aber nur mit
ihren Augen bewillkommten, weil sie es auf andere Art zu tun nicht
wagten; denn sie bezeigten eine so tiefe Ehrfurcht vor uns, da der
erste, der sich nherte, beinahe auf Hnden und Fen herankroch. Es
ist merkwrdig, da das Friedenszeichen, das uns sowohl dieser Mann
als auch jener im Kanu berreichte, ein grner Zweig war, dessen
sich bekanntlich schon die alten und mchtigen Vlker der nrdlichen
Halbkugel zu ebendiesem Zwecke bedient hatten. Wir nahmen das Zeichen
freudig und vergngt an, und weil wir sahen, da jeder von ihnen
solchen Zweig in der Hand hielt, pflckte auch jeder von uns sogleich
einen und trugen ihn auf dieselbe Art.

Die Eingeborenen begleiteten uns unter Anfhrung Auhaas nach dem
Platze, wo der Delphin zwei Jahre vorher sein Wasser eingenommen
hatte. Als sie aber auf dem Wege dahin ungefhr eine halbe Meile
zurckgelegt hatten, machten sie halt und reinigten den Boden von allem
darauf befindlichen Rasen. Die Vornehmsten unter ihnen warfen jetzt
ihre grnen Zweige auf das nackte Erdreich und winkten uns, da wir es
mit den unserigen ebenso machen sollten. Wir bezeigten sogleich unser
Einverstndnis und unsre Bereitwilligkeit hierzu, und um die Zeremonie
noch feierlicher zu gestalten, muten die Seesoldaten in Reih und Glied
antreten und ihre Zweige niederlegen. Wir machten es hernach ebenso.

Darauf marschierten wir weiter und gelangten zur alten Wasserstelle.
Die guten Leutchen gaben uns zu verstehen, wir sollten diesen Platz
wieder beziehen. Wir fanden aber, da der Ort fr unsre Absichten nicht
besonders geeignet sei. Unterdessen hatte sich die erste Vorstellung
von unsrer berlegenheit und die daraus folgende Schchternheit bei
ihnen allmhlich verloren, und sie waren inzwischen ganz vertraulich
geworden. Sie gingen von der Wasserstelle weiter mit uns weg und
fhrten uns auf einem Umweg in den Wald. Whrend des Marsches teilten
wir Glasperlen und andere kleine Geschenke unter ihnen aus und
bemerkten mit Vergngen, da sie sehr viel Wohlgefallen daran fanden.
Der Umweg, den wir nahmen, betrug nicht weniger als 4-5 Kilometer,
und diese ganze Zeit ber wandelten wir in Hainen von Bumen, die
mit Kokosnssen und Brotfrucht berladen waren und den anmutigsten
Schatten gaben. Unter diesen Bumen lagen die Wohnungen des Volkes;
sie bestanden meistenteils aus einem bloen Dache auf Pfosten ohne
Seitenwnde; der ganze Anblick besttigte die phantastischen Berichte
der alten Dichter von dem Fabellande Arkadien. Was wir indessen gleich
anfangs zu unserm Leidwesen feststellten, war der groe Mangel an
Schweinen; denn auf unserem ganzen Wege sahen wir deren nur zwei, und
zudem nicht ein einziges Stck Federvieh. Diejenigen Leute, die mit
dem Delphin hier gewesen waren und die Verhltnisse kannten, sagten
uns, da sie bisher noch keine Standesperson unter den Eingeborenen
bemerkt htten. Sie vermuteten, da die Huptlinge des Volkes irgendwo
anders sich niedergelassen htten. Und als wir an den Platz gelangten,
wo ihren Aussagen nach ehemals der Palast der Knigin gestanden hatte,
fanden wir auf dem Fleck berhaupt keine Spuren mehr davon. Wir
entschlossen uns daher, am folgenden Morgen wieder an Land zu gehen,
um zu sehen, ob wir nicht die Vornehmen in ihren neuen Wohngebieten
aufsuchen knnten.

Ehe wir aber am folgenden Morgen noch aus dem Schiffe kamen, waren
schon verschiedene Kanus grtenteils von Westen her zu uns gekommen.
Zwei waren voller Leute, die ihrer Kleidung und ihrem Betragen nach
Standespersonen sein muten. Von diesen kamen zwei an Bord, und jeder
whlte sich einen Freund. Der eine, der, wie wir erfuhren, Mataha hie,
whlte Banks, der andere mich. Dieser feierliche Vorgang bestand darin,
da sie einen groen Teil ihrer Kleider auszogen und uns anlegten,
wogegen wir jedem von ihnen ein Geschenk mit einem Beile und einigen
Glasperlen machten. Bald nachher winkten sie uns, wir sollten mit ihnen
in ihre Wohnungen kommen, und wiesen dabei nach Sdwesten. Da ich nun
einen bequemeren Hafen zu finden und die Gesinnungen der Eingeborenen
zu erforschen wnschte, willigte ich ein.

Ich lie also zwei Boote ausheben und ging mit Banks, Dr. Solander,
den Offizieren und unseren zwei Freunden an Bord der Boote, um unter
Anfhrung der Insulaner unsere kleine Reise anzutreten. Als wir
ungefhr eine Seemeile weit gerudert waren, winkten sie uns, da wir
an Land gehen sollten, und gaben uns zu verstehen, da dieses der Ort
ihres Aufenthaltes sei. Wir stiegen also an Land, und der Zulauf des
Volkes war so gro, da wir uns bald von etlichen hundert Eingeborenen
umringt sahen. Man fhrte uns sogleich in ein Haus, das viel lnger
war, als wir dergleichen bisher gesehen hatten.

Bei unserm Eintritt bemerkten wir einen Mann, der, wie wir nachher
erfuhren, Tutaha hie. Man breitete uns sogleich eine Matte aus und
ersuchte uns, ihm gegenber Platz zu nehmen. Bald nachdem wir uns
gesetzt hatten, wurden ein Hahn und eine Henne herbeigebracht, die
Tutaha Herrn Banks und mir berreichte. Wir nahmen das Geschenk an,
und bald darauf erfolgte noch ein anderes: ein jeder von uns bekam
nmlich ein Stck Rindenzeug, das nach ihrer Gewohnheit mit etwas
Wohlriechendem zubereitet war und ganz angenehm duftete. Sie selbst
legten groen Wert auf diesen Umstand und gaben sich viel Mhe, uns
diesen Vorzug bemerkbar zu machen. Das Stck, das Banks berreicht
wurde, war fast 10 Meter lang und fast 2 Meter breit. Er erwiderte
dieses Geschenk mit einem seidenen spitzenbedeckten Halstuche, das er
eben damals trug, und mit einem leinenen Schnupftuch. Tutaha legte
diesen Schmuck sogleich mit vergngter und selbstgeflliger Miene an.

Bald nachdem wir und Tutaha einander unsere Geschenke berreicht
hatten, fhrten uns die Damen zu verschiedenen groen Husern, in denen
wir sehr ungeniert umherspazierten. Die Huser waren, wie ich bereits
gesagt habe, auer dem Dache allenthalben ganz offen.

Wir beurlaubten uns endlich von unserm guten Freunde und nahmen unseren
Weg lngs der Kste hin. Als wir ungefhr ein Kilometer weit marschiert
waren, begegnete uns an der Spitze einer groen Menschenmenge ein
anderer Huptling, namens Tuburai Tamaide, dem wir gleichfalls einen
Friedensvertrag zu besttigen hatten. Die Zeremonien einer solchen
Besttigung waren uns jetzt aber schon besser bekannt. Als wir demnach
den Zweig, den er uns berreichte, angenommen und ihm einen anderen
dagegen gegeben hatten, legten wir die Hand auf die linke Brust und
sprachen das Wort Taio aus, das unserer Meinung nach Freund
bedeutete. Der Anfhrer gab uns hierauf zu verstehen, da, wenn uns
etwas zu essen beliebe, alles dazu in Bereitschaft sei. Wir nahmen sein
Anerbieten an und lieen uns eine nach tahitischer Art zubereitete
Mahlzeit von Fischen, Brotfrucht, Kokosnssen und Bananen gut
schmecken. Die Tahitier essen einige von ihren Fischen roh und boten
uns daher solche ebenfalls an, damit dem Gastmahle gar nichts fehle.
Allein fr dieses Gericht bedankten wir uns denn doch.

Whrend dieses Besuches bezeigte eine von den Gemahlinnen unsres edlen
Wirtes, die Tomio hie, Banks die Ehre, sich dicht neben ihn auf
dieselbe Matte zu setzen. Tomio war nicht mehr in der ersten Blte
ihrer Jugend; sie schien auch niemals vorzgliche Reize besessen zu
haben. Vermutlich aus dieser Ursache erwies auch Banks ihr keine
besondere Aufmerksamkeit, und zu noch grerer Krnkung der guten Dame
ereignete es sich, da ihm gerade ein sehr reizendes Mdchen in die
Augen fiel, das unter der Menge des Volkes um die Tafel herumstand.
Ohne sich also um den Rang seiner Nachbarin zu kmmern, winkte er dem
hbschen Mdchen, da sie zu ihm kommen mchte. Nachdem sie sich ein
wenig dazu hatte bitten lassen, kam sie nher und setzte sich zu seiner
andern Seite nieder. Nun berhufte er sie mit Glasperlen und einigen
andern Spielsachen, die ihr seiner Meinung nach gefallen mochten. Es
krnkte die Prinzessin zwar einigermaen, da er ihrer Nebenbuhlerin
den Vorzug gab; doch begegnete sie ihm deswegen nicht minder hflich
als zuvor und versah ihn immer noch emsig mit Milch von Kokosnssen und
mit allen andern Leckerbissen, die sie von der Tafel herbeiholte. Diese
Szene htte voraussichtlich noch merkwrdiger und rhrender werden
knnen, wenn sie nicht pltzlich durch ein ernsthaftes Zwischenspiel
wre unterbrochen worden.

Um ebendiese Zeit beschwerten sich nmlich Dr. Solander und Leutnant
Monkhouse, da ihnen ihre Taschen ausgeleert worden seien. Dr.
Solander hatte ein kleines Taschenfernrohr in einem Chagrinfutterale,
der Schiffsarzt Monkhouse seine Schnupftabaksdose dabei eingebt.
Dieser Vorfall verdarb natrlich die gute Laune der Gesellschaft. Man
beschwerte sich wegen des erlittenen Diebstahls bei dem Huptlinge.
Und um der Klage greren Nachdruck zu geben, sprang Banks hurtig
auf und stie schnell den Kolben seiner Flinte auf den Boden. Diese
drohende Anstalt und das Getse, das die Bchse machte, jagte der
ganzen Gesellschaft einen solchen Schrecken ein, da alles in der
uersten Bestrzung zum Hause hinausrannte, ausgenommen der Huptling,
drei Frauen und noch zwei oder drei andere, die ihrer Kleidung nach
Standespersonen zu sein schienen.

Der Huptling nahm mit aller uerung von Betrbnis und Bestrzung
Banks bei der Hand und fhrte ihn zu einem groen Vorrat von Rindenzeug
hin, der am anderen Ende des Hauses aufgestapelt war. Er bot ihm ein
Stck nach dem anderen an und gab ihm zu verstehen, da, wenn diese
den vorgefallenen Schaden ersetzen und das Unrecht wieder gutmachen
knnten, er soviel er davon beliebe oder, falls er wolle, alles
mitnehmen solle. Banks legte die Stcke aber alle auf die Seite und
gab ihm zu verstehen, da er nichts verlange, als was seinen Gefhrten
unehrlicherweise entwendet worden sei. Hierauf ging Tuburai Tamaide
in aller Eile fort, lie seine Gemahlin Tomio, die whrend des ganzen
Auftritts erschreckt und verwirrt an Banks' Seite geblieben war, bei
ihm und gab ihm zu verstehen, er mchte noch solange warten, bis er
selbst wieder zurckkme. Banks setzte sich also nieder und unterhielt
sich durch Zeichen, so gut er eben konnte, ungefhr eine halbe Stunde
lang mit der Gemahlin seines Wirts. Alsdann kam dieser mit der
Schnupftabaksdose und dem Futterale des Fernrohrs in der Hand zurck.
Aus seinen Augen blitzte die Freude mit einer Strke des Ausdrucks, die
dieses Volk vor allen anderen auszeichnet, und vergngt berreichte
er dann die Sachen ihren Eigentmern. Als aber das Futteral geffnet
wurde, fand man es leer.

Kaum ward Tuburai Tamaide dessen gewahr, so vernderte sich seine Miene
augenblicklich. Er nahm Banks abermals bei der Hand, rannte, ohne ein
Wort zu sagen, wiederum zum Hause hinaus und fhrte ihn mit schnellen
Schritten lngs der Kste hin. Als sie ungefhr ein Kilometer weit
gegangen waren, begegnete ihnen eine Frau und gab Banks ein Stck Zeug.
Er nahm es ihr in aller Eile ab und setzte damit seinen Lauf hurtig
fort. Dr. Solander und Monkhouse waren den beiden gefolgt, und sie
kamen nunmehr bei einem Hause an, in dem sie von einer Frauensperson
empfangen wurden. Dieser gab Tuburai das Zeug und winkte den Herren,
da sie ihr einige Glasperlen geben sollten. Sobald das Zeug und die
Perlen auf den Flur gelegt waren, ging die Frau fort und kehrte nach
Verlauf einer halben Stunde mit dem kleinen Fernrohr zurck und und
drckte ihre Freude darber mit eben der Strke von Empfindung aus,
wie es Tuburai unlngst getan hatte. Hierauf gab sie den Herren die
Glasperlen zurck und beteuerte dabei, da sie diese nicht annehmen
knne. Mit ebensoviel Eifer wurde auch Dr. Solander das Stck Zeug als
Genugtuung fr das ihm zugefgte Unrecht aufgedrngt, und er mute es
schlechterdings annehmen. Dagegen bestand er nun seinerseits darauf,
da die Frau ein Geschenk von Glasperlen von ihm entgegennhme.

Am folgenden Morgen kamen verschiedene von den Huptlingen, die wir den
Tag vorher besucht hatten, an Bord und brachten Schweine, Brotfrchte
und andere Erfrischungen mit, fr die wir ihnen Beile, Leinwand und
andere Dinge gaben, je nachdem ihnen dergleichen erwnscht schien.

Da ich auf meinem gestrigen Spazierwege nach Westen keinen bequemeren
Hafen gefunden hatte, als derjenige war, worin wir schon geankert
hatten, nahm ich mir vor, an Land zu gehen und hier einen Platz
aufzusuchen, den die Schiffskanonen bestreichen knnten. Dort wollte
ich dann ein kleines Fort zu unserer Sicherheit aufwerfen und die
ntigen Anstalten zu unsern astronomischen Beobachtungen treffen
lassen. Ich nahm also eine Abteilung meiner Leute mit und ging in
Begleitung der Herren Banks, Doktor Solander und des Astronomen
Green an Land. Bald waren wir uns ber die Wahl des Platzes, wo die
Sternwarte aufgebaut werden sollte, einig und bestimmten einen Teil
des sandigen Strandes auf der nordstlichen Spitze der Bucht hierzu,
weil diese Stelle fr alle unsere Zwecke recht geeignet und von allen
Wohnungen der Eingeborenen entfernt lag. Als wir den Grund, den
wir besetzen wollten, abgesteckt hatten, wurde ein kleines, Banks
gehriges Zelt aufgeschlagen, das zu diesem Zwecke mit an Land genommen
worden war. Whrenddessen hatte sich eine groe Menschenmenge um uns
versammelt, vermutlich jedoch nur, um der Arbeit zuzusehen; denn keiner
von ihnen allen hatte irgendeine Schuwaffe bei sich. Zur Vorsicht
gab ich ihnen aber dennoch zu verstehen, da keiner innerhalb der
Linie, die ich gezogen hatte, kommen drfe, ausgenommen zwei, davon
einer ein vornehmer Mann zu sein schien, und der andere Auhaa war.
An diese beiden wandte ich mich nun und bemhte mich, ihnen durch
Zeichen zu verstehen zu geben, da wir den Fleck, den wir abgesteckt
hatten, nur fr eine gewisse Anzahl von Nchten beanspruchen und dann
wieder abreisen wrden. Ich kann nicht bestimmt behaupten, ob sie mich
verstanden. Das Volk fhrte sich aber so ehrerbietig und gefllig auf,
da wir uns darber freuten und verwunderten. Sie setzten sich ganz
friedfertig auerhalb des Kreises nieder und sahen uns zu, ohne uns im
geringsten zu stren, obgleich es lnger als zwei Stunden dauerte, bis
wir fertig waren.

[Illustration: Die meisten fielen zu Boden, als wren sie selbst vom
Schusse getroffen worden.]

Da wir bei dem ersten Spaziergang nach unserer Landung gar kein
Federvieh und nicht mehr als zwei Schweine gesehen hatten, so
vermuteten wir, da man die Tiere bei unserer Ankunft weiter
landeinwrts getrieben haben mchte. Dieser Verdacht wurde dadurch
noch besttigt, da uns Auhaa angelegentlichst bat, nicht in den Wald
zu gehen. Aber gerade deswegen wollten wir es tun. Wir lieen also
13 Soldaten und einen Unteroffizier zur Bewachung des Zeltes zurck
und traten in Begleitung einer groen Menge Eingeborener unsern Weg
an. Als wir auf dem Marsche einen kleinen Flu berschritten, lieen
sich einige Enten sehen, und sobald Banks hinbergekommen war, scho er
auf sie und traf drei Stck. Das jagte den Eingeborenen einen solchen
Schrecken ein, da die meisten unter ihnen pltzlich zu Boden fielen,
als wren sie selbst von dem Schu getroffen worden. Doch erholten sie
sich bald wieder von ihrer Bestrzung, und wir konnten unseren Marsch
fortsetzen. Wir waren indessen noch nicht weit gekommen, als wir ber
den Knall zweier Musketen erschraken, die von niemand anders als von
der Zeltwache abgefeuert sein konnten. Wir gingen gerade ziemlich
zerstreut und vereinzelt, Auhaa rief uns aber augenblicklich zusammen
und winkte den nachfolgenden Insulanern mit der Hand, sie sollten sich
hinwegbegeben bis auf drei. Von diesen brach jeder vom nchsten Baume
einen Zweig ab und berreichte ihn uns zum Zeichen des Friedens, den
ihre Partei einhalten wollte, und vermutlich auch um uns zu bitten, da
wir ebenfalls Frieden halten mchten.

Wir hatten leider nur zu viel Ursache, zu vermuten, da sich etwas
zugetragen hatte, und eilten deshalb so schnell als mglich zu dem
Zelte zurck, von dem wir nicht mehr als ein halbes Kilometer entfernt
sein konnten. Als wir bei dem Zelte ankamen, sahen wir von der ganzen
Menge Insulaner, die dagewesen war, nicht einen einzigen mehr, unsre
eigenen Leute aber waren vor dem Zelte versammelt. Wir erfuhren nun,
da einer der Eingeborenen einen gnstigen Augenblick abgepat, die
Schildwache unversehens berfallen und ihr die Muskete aus der Hand
gerissen habe. Hierauf hatte der Fhrer der Wache, ein Unteroffizier,
zu feuern befohlen, vielleicht weil er in der ersten Bestrzung
frchtete, da es zu greren Gewaltttigkeiten kommen wrde,
vielleicht aber auch blo aus mutwilligem Mibrauche seiner erst vor
kurzem erlangten Kommandogewalt, vielleicht endlich aus angeborener
Grausamkeit. Die Mannschaft war ebenso unbedacht oder ebenso
unmenschlich als ihr Befehlshaber und feuerte augenblicklich in den
dicksten Haufen der fliehenden Menge, die aus mehr als hundert Menschen
bestand. Sie begngte sich auch nicht damit, jene verjagt zu haben,
sondern als sie sah, da der Dieb nicht getroffen war, verfolgten
die Soldaten ihn besonders und erschossen ihn. Wir erfuhren nachher,
da zum Glck von den andern Eingeborenen kein einziger gettet oder
verwundet worden war.

Als Auhaa, der uns die ganze Zeit ber zur Seite geblieben war,
sah, da wir nun gnzlich verlassen waren, brachte er einige wenige
der Flchtlinge, freilich nicht ohne Mhe, wieder zusammen und
stellte sie um uns her. Wir suchten unsere Leute so gut als mglich
zu rechtfertigen, und bemhten uns, den Eingeborenen durch Zeichen
klarzumachen, da wir ihnen, wenn sie uns kein Unrecht tten, auch
unsrerseits kein Leid zufgen wrden. Nachdem wir uns derart, so gut
es eben mglich war, gerechtfertigt hatten, verlieen sie uns ohne das
geringste Zeichen von Mitrauen oder Rachgier. Wir brachen hierauf
unsre Zelte ab und kehrten ziemlich mivergngt ber den unglcklichen
Vorfall an Bord zurck.

Dort verhrten wir unsere Leute umstndlicher, und sie merkten wohl,
da wir ihr Betragen keineswegs billigten. Sie wandten indessen ein,
da die Schildwache, der das Gewehr entrissen worden sei, gewaltttig
angefallen und zu Boden geworfen worden sei, und da der Mann, der die
Flinte genommen hatte, nachher noch einen Sto nach der Wache gefhrt
habe, worauf erst der Unteroffizier Befehl zum Feuern erteilt habe.

Am folgenden Morgen sah man nur wenige Eingeborene am Strande, und
kein einziger kam zu uns an Bord. Das war mir Beweis genug dafr,
da unser Bestreben, die Insulaner zu beruhigen, vergeblich gewesen,
und es ging uns wirklich nahe, da selbst Auhaa, der uns bisher
stets unvernderliche Ergebenheit bewiesen und sich so sehr um die
Wiederherstellung des Friedens bemht hatte, seit dem Vorfall auch
nicht mehr zu uns kam. Da die Dinge nun ziemlich bel lagen, lie ich
die Endeavour nher an die Kste ziehen und legte sie so vor Anker,
da sie mit den Geschtzen den ganzen nordstlichen Teil der Insel und
besonders den Platz bestreichen konnte, den ich zur Erbauung des Forts
abgesteckt hatte. Am Abend ging ich indessen dennoch an Land, nahm
jedoch auer einigen Herren unsrer Gesellschaft niemand als die zur
Bemannung des Boots gehrigen Leute mit. Die Eingeborenen versammelten
sich wie frher wieder um uns her, doch erschienen sie nur in geringer
Zahl. Sie verhandelten uns Kokosnsse und andere Frchte und gaben sich
dabei allem Anschein nach ebenso freundlich wie zuvor.

Am nchsten Vormittage statteten uns die beiden freundschaftlich
gesinnten Huptlinge, die wir im westlichen Gebiet der Insel besucht
hatten, Tuburai Tamaide und Tutaha, an Bord einen Gegenbesuch ab. Sie
brachten uns als Friedenszeichen nicht Zweige, sondern zwei ganze, aber
junge Bananenpflanzen mit, und weil sie vermutlich ber den Vorfall
am Zelte Besorgnis hegten, wollten sie sich nicht eher an Bord wagen,
als bis wir das Friedenssymbol angenommen hatten. Jeder von ihnen
brachte noch auerdem, um sich bei uns wieder in Gunst zu setzen,
Geschenke mit, die in einem Vorrat von Brotfrucht und in einem fertig
zubereiteten Schwein bestanden. Letzteres war uns um so angenehmer,
weil Schweine nicht immer zu haben waren. Wir gaben also jedem unserer
vornehmen Freunde ein Beil und einen Nagel zum Gegengeschenk. Am Abend
gingen wir an Land und schlugen ein Zelt auf, worin der Astronom
und ich die Nacht zubrachten, um eine Verfinsterung des ersten
Jupitertrabanten zu beobachten; weil aber das Wetter trbe war, wurde
nichts aus der Beobachtung.

Am 18. April ging ich bei Tagesanbruch mit so vielen Leuten, als wir im
Schiffe nur entbehren konnten, an Land und fing an, das Fort erbauen
zu lassen. Die einen warfen Verschanzungen auf, die anderen fllten
Pfosten und Faschinen, und die Eingeborenen, die sich bald wie frher
um uns her versammelt hatten, waren soweit davon entfernt, uns in
unserer Arbeit zu stren, da im Gegenteil viele von ihnen freiwilligen
Beistand leisteten und die Pfosten und Faschinen aus dem Walde, wo sie
gehauen worden waren, sehr dienstfertig herbeitrugen. Indessen hatten
wir auch die Vorsicht walten lassen, ohne ihre Einwilligung nichts von
ihrem Eigentum anzutasten, und hatten ihnen jeden Stamm, soviel wir
deren zu unserm Vorhaben brauchten, ordentlich abgekauft, auch keinen
Stamm gefllt, ohne da sie uns Erlaubnis dazu gegeben hatten. Der
Boden, auf dem wir unser Fort errichteten, war sandig. Wir waren also
gentigt, die Schanzen durch Holz zu verstrken. Drei Seiten sollten
auf diese Art befestigt werden, die vierte stie an einen Flu, an
dessen Ufer ich die Befestigung durch Aufstellung einer gehrigen
Anzahl von Wasserfssern sichern wollte. An diesem Tage lieen wir dem
Schiffsvolk zum ersten Male Schweinefleisch reichen, und die Insulaner
brachten uns so viele Brotfrucht und Kokosnsse, da wir einen Teil
davon zurcksenden und durch Zeichen andeuten muten, wir wrden auf
die zwei folgenden Tage keine mehr brauchen. An diesem Tage wurde
alles gegen Glasperlen eingehandelt. Fr eine einzige erbsengroe Perle
gaben sie uns fnf bis sechs Kokosnsse und ebenso viele Brotfrchte.
Banks' Zelt wurde noch vor der Nacht innerhalb der Festungswerke
aufgeschlagen, und er schlief zum ersten Male am Lande. Ringsherum
wurden Schildwachen ausgestellt, jedoch die ganze Nacht ber versuchte
es keiner der Insulaner, sich zu nhern.

Am folgenden Morgen stattete unser Freund Tuburai Tamaide Herrn Banks
im Zelt einen Besuch ab und brachte nicht nur seine Gemahlin und
Familie, sondern auch das Dach eines Hauses, allerhand Bau-, Hausgerte
und Werkzeug mit. Soweit wir ihn verstehen konnten, war er willens,
seine Residenz in unserer Nhe aufzuschlagen. Dieser Beweis seiner
Zuneigung und Gewogenheit machte uns groe Freude, und wir nahmen uns
vor, seine Freundschaft mglichst zu befestigen. Bald nach seiner
Ankunft nahm er Banks bei der Hand, fhrte ihn aus der Verschanzung
hinaus und gab ihm zu verstehen, da er mit ihm in den Wald gehen
mchte. Als sie ungefhr ein Kilometer miteinander gegangen waren,
langten sie bei einer Art von Wetterdach an, das der Huptling bereits
hatte erbauen lassen und zu seiner einstweiligen Wohnung bestimmt zu
haben schien. Hier wickelte er ein Bndel Rindenstoff auseinander, nahm
zwei Kleider, das eine aus rotem Zeuge, das andere aus sehr hbschen
Matten, kleidete Banks darein und fhrte ihn alsdann ohne weitere
Zeremonie zum Zelt zurck.

Bald nachher brachten ihm seine Bedienten etwas Schweinefleisch und
Brotfrucht; er machte sich ber diese Gerichte her und tauchte dabei
das Fleisch in Seewasser, das ihm statt der Brhe diente. Nach der
Mahlzeit legte er sich auf Banks' Bett und schlief ungefhr eine
Stunde lang. Des Nachmittags brachte seine Gemahlin Tomio einen schn
gebildeten Jngling von ungefhr 22 Jahren zum Zelte, beide schienen
ihn als ihren Sohn zu betrachten, wir erfuhren aber nachmals, da
er es nicht war. Am Abend kehrte dieser Jngling und eine andere
Standesperson, die uns ebenfalls einen Besuch abgestattet hatte,
nach Westen hin zurck. Tuburai Tamaide und seine Gemahlin hingegen
verfgten sich nach ihrem im Walde gelegenen Wetterdache.

Der Schiffsarzt hatte an diesem Abend einen Spaziergang gemacht und
erzhlte uns bei seiner Rckkehr, da er den Leichnam des am Zelte
erschossenen Mannes gefunden habe, den man -- wie er berichtete --
in Rindenzeug gewickelt und auf eine Art von Bahre gelegt hatte, die
auf Pfosten ruhte und oben ein Dach trug. Bei dem Krper lagen einige
Waffen und andere Dinge, die er gern genauer untersucht htte, wenn der
Leichnam nicht bereits einen so unertrglichen Geruch verbreitet htte.
Er sagte, er habe auch zwei andre Srge derselben Art gesehen, in
deren einem die Gebeine eines menschlichen Krpers gewesen wren und
sehr lange dagelegen haben muten, weil sie ganz ausgetrocknet waren.
Wir erfuhren spter, da dies auf Tahiti die gewhnliche Art ist, die
Toten zu bestatten.

Man fing nunmehr an, eine Art von Markt zu halten. Der Platz war
hart am Fort gelegen, und wir wurden mit allem reichlich versehen,
ausgenommen Schweinefleisch, das sehr selten blieb. Tuburai Tamaide war
unser bestndiger Gast und ahmte unsere Gewohnheiten so eifrig nach,
da er sich sogar eines Messers und einer Gabel bediente, die er bald
mit ziemlicher Geschicklichkeit handhabte.

Inzwischen hatte Monkhouse durch seine Beschreibung von dem Orte, wo
der erschossene Mann beigesetzt war, meine Neugier rege gemacht; ich
suchte also Gelegenheit, mit einigen anderen hinzugehen und selbst den
Begrbnisplatz zu besichtigen. Wir gelangten endlich an unser Ziel. Der
Schuppen, unter dem der Leichnam lag, war dicht neben dem Hause, worin
der Mann bei Lebzeiten gewohnt hatte, aufgebaut. Noch andere hnliche
Begrbnissttten lagen nur 3 Meter davon ab. Der Schuppen selbst war
ungefhr 4 Meter lang, etwa 3 Meter breit und von verhltnismiger
Hhe. Das eine Ende war ganz offen, das andere sowie die beiden Seiten
waren zum Teil mit einer Art von geflochtenem Zaun umgeben. Die Bahre,
auf der der Leichnam lag, war eine Art von hlzernem Kasten. Der Boden
dieses Behltnisses war mit Matten belegt und ruhte auf vier Pfosten
ungefhr anderthalb Meter ber der Erde. Der Leichnam selbst war mit
einer Matte und ber dieser mit einem weien Tuch bedeckt. Neben dem
Krper lag eine hlzerne Keule, eines von ihren Kriegswerkzeugen, und
zu Hupten des Toten standen 2 Kokosnuschalen, wie sie auf diesen
Inseln bisweilen als Trinkgeschirre dienen. Am anderen Ende war ein
Bndel grner Bltter an einige drre Zweige gebunden und in die Erde
gesteckt. Daneben lag ein Stein, der ungefhr die Gre einer Kokosnu
haben mochte, und etwas weiter weg hatten sie eine junge Banane, deren
man sich, wie geschildert, als Friedenssymbol bedient, eingesetzt;
daneben lag eine steinerne Axt. Am offenen Ende des Schuppens hing
eine groe Menge aufgereihter Palmnsse. Auerhalb war der Stamm einer
ungefhr anderthalb Meter hohen Bananenpflanze aufrecht in den Boden
gesteckt und auf dem oberen Ende eine Kokosnuschale voll frischen
Wassers befestigt. An dem einen von vier Pfosten hing ein kleiner
Sack, in dem wir einige Stcke gersteter Brotfrucht fanden, die nach
und nach hineingelegt sein mochten; denn einige davon waren noch
frisch, andere schon lter. Ich bemerkte, da verschiedene von den
Eingeborenen uns mit einer Miene beobachteten, die zugleich Besorgnis
und Feindseligkeit verriet. Als wir uns dem Leichnam nherten, sah man
es ihnen an, da sie darber in Verlegenheit waren; auch blieben sie
die ganze Zeit ber, in der wir unsere Beobachtungen anstellten, in
geringer Entfernung von uns stehen und schienen recht froh zu sein, als
wir endlich wieder weggingen.

Unser Aufenthalt am Lande wre gar nicht unangenehm gewesen, wenn
wir nur nicht unaufhrlich von den Fliegen wren geqult worden.
Unter anderem hinderten sie den Maler Parkinson fast gnzlich an
seiner Arbeit. Denn sie bedeckten nicht nur den Gegenstand, den er
abmalen wollte, so sehr, da man ihn nicht mehr erkennen konnte,
sondern sie fraen sogar die Farbe vom Papier ebenso geschwind weg,
als er sie auftragen konnte. Wir nahmen deshalb unsere Zuflucht zu
den Moskitonetzen und Fliegenbeizen; diese machten zwar der grten
Beschwerlichkeit ein Ende, halfen ihr aber doch bei weitem nicht ab.

Am 22. gab Tutaha uns eine Probe von der Musik dieses Landes. Vier
Personen spielten auf Flten, die nur zwei Tonlcher hatten, und
folglich mit halben Tnen nur vier Noten angeben konnten. Sie wurden
wie unsere Querflten geblasen, nur da der Tonknstler, anstatt sie
an den Mund zu halten, mit dem einen Nasenloche hineinblies, whrend
er das andere mit dem Daumen zuhielt. Zu diesem Instrument sangen
vier andere Personen und beobachteten den Takt sehr genau; whrend
des ganzen Konzertes wurde jedoch immer nur ein und dieselbe Melodie
gespielt.

Verschiedene Eingeborene brachten uns xte, die sie von der Mannschaft
des Delphins bekommen hatten, und ersuchten uns, sie zu schleifen
und auszubessern. Unter diesen xten befand sich auch eine, die uns
viel Kopfzerbrechen machte, weil sie franzsische Arbeit zu sein
schien. Nach langem Nachforschen erfuhren wir, da nach der Abreise
des Delphin und vor unserer Ankunft ein Schiff hier gewesen wre.
Damals vermuteten wir, da es Spanier gewesen sein mochten; jetzt aber
wissen wir, da es die Boudeuse unter dem Befehl des franzsischen
Entdeckers Bougainville gewesen war.

Am 24. nahmen Banks und Dr. Solander das Land verschiedene Kilometer
weit lngs der Kste gegen Osten hin in Augenschein. Ungefhr
2 Kilometer weit war es flach und fruchtbar. Von da an erstreckten
sich die Gebirge bis hart an die Kste. Ein wenig weiterhin liefen sie
sogar ganz in die See hinaus, so da man, um weiter fortzukommen, sie
bersteigen mute. Diese unfruchtbaren Berge reichten noch ungefhr
3 Kilometer weiter und fielen dann zu einer groen Ebene ab, berset
mit Htten, deren Bewohner in groem berflu zu leben schienen. Als
unsere Spaziergnger eben den Rckweg antreten wollten, nahte sich
einer von den Eingeborenen und bot ihnen Erfrischungen dar, die sie
sich auch gefallen lieen. Sie fanden, da dieser Mann zu einer Art von
Menschen gehrte, die von verschiedenen Schriftstellern beschrieben
worden sind und nach deren Zeugnis unter vielen Vlkern zerstreut
angetroffen werden. Seine Haut war blawei, ganz ohne Fleischfarbe
und gewissermaen leichenfarbig. Das Haar, die Augenbrauen und der
Bart waren ebenfalls wei. Die Augen schienen mit Blut unterlaufen, er
selbst schien kurzsichtig zu sein. Solche Leute nennt man Albinos.

Bei ihrer Rckkehr begegnete ihnen Tuburai Tamaide mit seinen Frauen,
und diese empfanden bei dem Anblick unsrer Herren solche Freude,
da sie diese in Ermangelung eines andern Ausdrucks durch Trnen zu
erkennen gaben und eine Zeitlang weinten, ehe sie ihre Leidenschaft
migen konnten.

Am Abend lieh Dr. Solander einer dieser Frauen sein Taschenmesser,
bekam es aber nicht wieder, und den folgenden Morgen vermite auch
Banks das seine. Bei dieser Gelegenheit mu ich allen Stnden und
beiden Geschlechtern dieses Volkes das Zeugnis ausstellen, da sie
die grten Diebe auf Erden sind. Gleich am ersten Tage, als wir hier
angekommen waren, und sie also zum ersten Male an Bord kamen, waren die
Vornehmsten unter ihnen schon geschftig, alles, was sie nur bekommen
konnten, aus der Kajte zu stehlen, und ihre Untergebenen waren an
anderen Stellen des Schiffs nicht weniger emsig. Sie nahmen alles,
was sie einigermaen verbergen konnten, bis sie an Land kamen, und
sogar die Glasscheiben der Fenster waren nicht sicher vor ihnen; denn
sie nahmen gleich das erstemal zwei davon mit sich. Auer Tutaha war
Tuburai Tamaide der einzige, der dieses Lasters nicht schuldig befunden
wurde. Jetzt nun, als Banks' Messer abhanden gekommen war, erschien
auch Tuburais Ehrlichkeit fragwrdig, und Banks beschuldigte ihn daher,
so leid es ihm auch tat, ihm das Messer entwendet zu haben. Tuburai
leugnete es feierlich und blieb dabei, da er nicht das geringste davon
wisse. Banks dagegen erklrte, da er das Messer wieder haben wolle,
mchte nun er oder ein anderer es genommen haben. Das war ziemlich
deutlich gesprochen und hatte die gewnschte Wirkung. Einer von den
Anwesenden nmlich zog auf ein Wort des Huptlings einen Lumpen hervor,
in dem drei Messer sehr sorgfltig eingewickelt waren. Eines davon war
jenes, das Dr. Solander der Frau geliehen hatte, das zweite war eines
von meinen Tischmessern; wem das dritte gehren mochte, wuten wir
nicht. Mit diesen Messern eilte Tuburai augenblicklich nach dem Zelte,
um sie ihren Eigentmern zurckzuerstatten. Banks blieb unterdessen
bei den Frauen, die sehr besorgt zu sein schienen, da ihrem Herrn
und Gebieter ein Leids geschehen mchte. Als er an unser Zelt kam,
gab er das eine Messer Dr. Solander, das andere mir zurck. Zu dem
dritten wollte sich der Eigentmer nicht finden lassen. Darauf fing er
an, Banks' Messer in allen Ecken und in allen Winkeln zu suchen, wo
er es nur jemals hatte liegen sehen. Nach einiger Zeit merkte einer
von Banks' Bedienten, wonach der Insulaner suchte, und holte sogleich
das Messer seines Herrn herbei, das er den Tag zuvor weggelegt hatte,
und von dem er bis zum Augenblick nicht gewut hatte, da es vermit
werde. Als der gute Tuburai Tamaide gerechtfertigt und in seiner
Unschuld erkannt war, geriet er in die uerste Erregung, die er in
Blicken und Gebrden zum Ausdruck bringen mute: die Trnen schossen
ihm in die Augen, und er machte Zeichen mit dem Messer, da, wenn er
jemals einer solchen Tat, wie man sie ihm eben habe aufbrden wollen,
schuldig erfunden wrde, er sich die Kehle wolle abschneiden lassen.
Hierauf rannte er aus dem Fort und hin zu Banks mit einer Miene, die
diesem seinen Argwohn streng verwies. Banks erfuhr bald, da sein
Bedienter das Messer an sich genommen hatte, und nun krnkte es ihn
ebensosehr, dem guten Tuburai Unrecht getan zu haben, als jenem der
unverdiente Vorwurf nahegegangen war. Er fhlte sich schuldig und
wnschte sehr, seine bereilung wieder gutzumachen. Doch so heftig auch
die Leidenschaft des verdchtigten Huptlings war, neigte er doch nicht
zu heimlichem Grolle, und als Banks wieder ein wenig vertraulich gegen
ihn getan und ihm einige Geschenke gemacht hatte, war die Beleidigung
vergessen und Tuburai wieder vollkommen ausgeshnt.

Am nchsten Tage pflanzte ich sechs Drehkanonen auf das Fort und sah
mit Bedauern, da die Eingeborenen darber in Besorgnis gerieten.
Einige Fischerleute, die auf der Landspitze des Hafens wohnten, zogen
weiter weg, und Auhaa gab uns durch Zeichen zu verstehen, wir wrden in
Zeit von vier Tagen groe Kanonen abfeuern.

Am 27. April speiste Tuburai mit einem seiner Freunde und mit den drei
Frauen, die ihn zu begleiten pflegten, zu Mittag bei uns im Fort. Wie
ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, hieen die drei Frauen Terapo,
Teirao und Omeia. Der gute Freund aber, den er mitbrachte, bewies sich
bei der Mahlzeit so gefrig, wie ich dergleichen noch nie gesehen
hatte. Am Abend nahmen sie Abschied und gingen nach dem Hause, das
Tuburai am uersten Teile des Waldes hatte aufrichten lassen. Nach
kaum einer Viertelstunde kam der Huptling sehr entrstet zurck,
ergriff Banks hastig am Arme und gab ihm durch Zeichen zu verstehen,
da er ihm folgen solle. Banks tat es sogleich, und sie gelangten bald
an einen Ort, wo sie den Schiffsfleischer mit einer Sichel in der Hand
stehen sahen. Hier hielt Tuburai an und meldete ihm mit so unmiger
Wut, da man seine Zeichen kaum verstehen konnte, der Fleischer habe
gedroht oder gar versucht, seiner Gattin mit der Sichel die Kehle
abzuschneiden. Banks bedeutete ihm hierauf, da, wenn er die Wahrheit
seiner Anklage erweisen knnte, der Mann dafr gestraft werden solle.
Das besnftigte ihn, und er gab Banks zu verstehen, wie sich die
Sache zugetragen hatte. Der Verbrecher habe nmlich Lust nach einem
steinernen Beile bekommen, das im Hause gelegen htte. Dieses Beil habe
er seiner Gattin fr einen Nagel abkaufen wollen; da sie aber geuert
htte, da es ihr um keinen Preis feil sei, so habe er es weggenommen,
ihr den Nagel hingeworfen und gedroht, da er ihr die Kehle
abschneiden wrde, wenn sie sich etwa widersetzte. Zum Beweise dafr
wurden Beil und Nagel vorgezeigt, und der Fleischer konnte dagegen so
wenig zu seiner Verteidigung vorbringen, da man keine Ursache hatte,
an der Wahrheit der Beschuldigung zu zweifeln.

Banks berichtete mir diesen Vorfall. Als Tuburai kurz danach mit
seinen Frauen und anderen Insulanern an Bord des Schiffes war, lie
ich den Fleischer auf Verdeck rufen, die Anklage und der Beweis
wurden dem Verbrecher vorgehalten, und um anderen hnlichen Vergehen
vorzubeugen, wie auch Banks' Versprechen zu erfllen, befahl ich, da
der Kerl abgestraft werden sollte. Die Eingeborenen sahen mit ernster
Aufmerksamkeit zu, wie er entkleidet und an die Wand gebunden wurde,
und erwarteten stillschweigend den Ausgang. Sobald man ihm aber den
ersten Streich gegeben hatte, legten sie sich ins Mittel und baten aufs
angelegentlichste, da ihm der Rest der Strafe erlassen werden mchte.
Hierein konnte ich aber aus verschiedenen Grnden nicht willigen. Und
als sie endlich sahen, da sie mit ihren Frbitten nichts erreichten,
bezeugten sie ihr Mitleid durch Trnen.

[Illustration: Der Bootsmann erkannte die Knigin sogleich wieder.]

Sie waren in der Tat so wie Kinder gleich zu Trnen geneigt, wenn
eine oder die andere Leidenschaft heftig in ihnen aufstieg; und ihre
Trnen schienen auch wie der Kinder Trnen ebenso leicht vergossen als
vergessen zu sein. Hiervon mag folgender Vorfall Zeugnis geben: Am 28.
des Morgens sehr frhe, noch vor Anbruch des Tages, kam eine groe
Anzahl Eingeborener zum Fort, und da man unter anderen Frauen auch die
Terapo auerhalb des Tores stehen sah, ging Banks hinaus und fhrte
sie herein. Er bemerkte, da ihr Trnen in den Augen standen, und
sobald sie hereinkam, brach sie in lautes Weinen aus. Er erkundigte
sich eifrig nach der Ursache ihrer Betrbnis. Allein, statt ihm zu
antworten, zog sie unter ihrem Kleide einen Seehundszahn hervor und
stie sich diesen sechs- oder siebenmal so heftig in den Kopf, da
das Blut mit Gewalt herabstrmte. Sie redete dabei sehr laut in einem
hchst traurigen Tone einige Minuten lang fort, ohne im geringsten auf
seine Fragen zu achten, die er noch dringender als zuvor wiederholte,
wobei er ihr sein Mitleid immer mehr bezeugte. Die andern Insulaner
hingegen plauderten und lachten die ganze Zeit ber, ohne sich im
geringsten an ihren Jammer zu kehren. Das kam Banks sehr seltsam vor;
ihr eigenes Betragen war jedoch noch sonderbarer. Sobald das Blut zu
flieen begann, sah sie mit lchelnder Miene auf und begann, einige
kleine Streifen Zeug aufzulesen, die sie vorher hingeworfen hatte, um
das Blut aufzufangen. Sobald sie alle aufgehoben hatte, ging sie aus
dem Zelte weg und warf die Fetzen mit vieler Sorgfalt in die See, als
ob sie gleichsam verhindern wollte, da ihr Anblick die Erinnerung an
den Anla ihrer Traurigkeit erneuern sollte. Hierauf sprang sie in den
Flu, wusch sich und kehrte dann so aufgerumt und munter nach dem
Zelte zurck, als ob ihr nicht das geringste widerfahren sei.

Den ganzen Vormittag ber langten bestndig Kanus an, und die Zelte im
Fort wimmelten von Leuten beiderlei Geschlechts, die aus verschiedenen
Gegenden der Insel hergekommen waren. Da ich selbst an Bord des
Schiffes zu tun hatte, ging mein Bootsmann, der die letzte Reise an
Bord des Delphin mitgemacht hatte, an Land. Sobald er in Banks' Zelt
trat, fiel ihm eine Frau auf, die sehr gelassen unter den anderen
dasa. Er hatte sie kaum recht angeblickt, so erkannte er sie wieder
und behauptete, da es dieselbe Dame sei, die man damals fr die
Knigin der Insel gehalten habe. Sie besttigte ihrerseits gleichfalls,
da er einer von den Fremden sei, die sie frher schon gesehen habe.
Nunmehr sah alles auf diese Dame, die nach dem Zeugnis der Entdecker
dieser Insel eine so groe Rolle gespielt hatte. Wir erfuhren bald, da
sie Oberea hie; sie schien ungefhr 40 Jahre alt zu sein und war von
groer Statur. Ihre Haut war sehr hell, und in ihrem Blick lag etwas
ungemein Geistreiches und Empfindsames. Sie schien in ihrer Jugend
schn gewesen zu sein. Jetzt aber waren nur noch einige Reste dieser
ehemaligen Schnheit zu sehen.

Sobald man ihren Rang wute, erbot man sich, sie an Bord des Schiffes
zu bringen. Sie nahm dieses Anerbieten mit Vergngen an und kam mit
zwei Mnnern und verschiedenen Frauen, die insgesamt zu ihrer Familie
zu gehren schienen, an Bord. Ich empfing sie mit allen den Ehren, die
ihr meinem Erachten nach schmeicheln konnten, und berhufte sie mit
Geschenken, von denen dieser durchlauchtigsten Dame eine Kinderpuppe am
besten zu gefallen schien. Als sie eine kleine Weile an Bord zugebracht
hatte, begleitete ich sie an Land zurck. Sobald wir dort ankamen,
machte sie mir ein Geschenk von einem Schweine und verschiedenen
Bndeln Bananen, die sie von ihren Kanus zu unserm Boote vor uns her
in einer Art von Prozession tragen lie. Auf unserem Wege zum Fort
begegneten wir dem Tutaha, der zwar nicht Knig war, aber damals doch
mit der hchsten Gewalt bekleidet sein mute. Es schien ihm gar nicht
zu gefallen, da wir der Oberea so viele Ehren erwiesen; und als sie
vollends ihre Puppe hervorzog, wurde er so eiferschtig, da ich, um
ihn zu vershnen, es fr ratsam hielt, auch ihm eine zu schenken.

Die Mnner, die uns von Zeit zu Zeit besuchten, pflegten ohne das
geringste Bedenken von unseren Speisen zu essen. Die Frauen hingegen
hatte man noch niemals bewegen knnen, einen Bissen zu kosten. Auch
an diesem Tage drangen wir in sie, da sie mit uns speisen mchten;
sie lehnten es zwar wie gewhnlich ab, verfgten sich aber nachher in
das Zimmer der Bedienten und lieen sich hier die Bananen sehr wohl
schmecken. Diese Seltsamkeit im Betragen des schnen Geschlechts war
uns ein unauflsliches Rtsel.

Am nchsten Abend stattete Banks dem Tuburai Tamaide, wie er bereits
oft getan hatte, bei Licht einen Besuch ab, fand aber zu seinem
Bedauern und zu seiner Befremdung, da der Huptling und seine ganze
Familie sehr betrbt und die meisten weinend dasaen. Banks bemhte
sich vergebens, die Ursache ihrer Traurigkeit zu entdecken, und hielt
sich deshalb nicht lange bei ihnen auf, sondern kehrte zum Fort zurck.
Als er den Offizieren erzhlte, was er gesehen habe, erinnerten sich
diese, da Auhaa ihnen vorausgesagt hatte, wir wrden innerhalb von
vier Tagen unser groes Geschtz abfeuern, und da von diesem Termin
eben der dritte Tag zu Ende ging, erschraken sie ber diesen Umstand
und gerieten auf den Verdacht, da uns von seiten der Eingeborenen
vielleicht irgendein Unheil bevorstehe. Die Schildwachen im Fort wurden
daher verdoppelt, und die Offiziere selber schliefen unter Waffen. Um
2 Uhr des Morgens stand Banks auf und wollte in eigener Person die
Gegend untersuchen. Er ging um die Landspitze herum, fand aber alles so
ruhig, da er jeden Verdacht eines berfalles als unbegrndet fahren
lie. Doch wir hatten nunmehr noch einen andern Grund, uns sicher zu
fhlen; denn unser Festungsbau war beendet. Die nrdliche und sdliche
Seite bestanden aus einem Erdwall, der innen fast 2 Meter hoch und
mit einem 3 Meter breiten und 2 Meter tiefen Graben umgeben war. Die
westliche Seite, die der Bucht gegenber lag, hatte ich mit einem
Erdwall versehen lassen, der etwa 1 Meter hoch und mit Palisaden
gesichert, aber durch keinen Graben verstrkt war, weil zur Flutzeit
die See bis an das Fort selbst heransplte. An die stliche Seite, die
ans Fluufer stie, waren zwei Reihen gefllter Wasserfsser gestellt.
Und weil diese die schwchste Seite war, lie ich zwei 4-pfndige
Kanonen und 6 Drehbassen dahinbringen und diese so aufpflanzen, da sie
die zwei einzigen Zugnge aus den Wldern her bestreichen konnten. Die
Offiziere und die am Lande wohnenden Herren mit eingerechnet, bestand
unsere Besatzung aus 45 Mann, die smtlich mit Schuwaffen wohlversehen
waren, und unsere Schildwachen wurden ebenso regelmig abgelst, als
in der wachsamsten Grenzfestung von Europa mglich gewesen wre.

Obgleich unser Verdacht sich gelegt hatte, setzten wir unsere
Wachsamkeit doch den ganzen folgenden Tag ber fort. Um 10 Uhr des
Morgens kam Tomio mit furchtsamer und trauriger Miene zum Zelt
gelaufen, nahm Banks, an den sie sich in jeder Verlegenheit und Not
zu wenden pflegte, am Arm und gab ihm zu verstehen, da Tuburai an
etwas, das unsere Leute ihm gegeben htten, sterben wolle; er mchte
also unverzglich mit ihr kommen. Banks ging mit ihr und fand seinen
braunen Freund uerst schwach und niedergeschlagen, den Kopf hatte
er an einen Pfosten gelehnt. Die Leute, die um ihn herum standen,
berichteten, da er sich erbrochen habe, und brachten ein sehr
sorgfltig eingewickeltes Blatt herbei, das ihrer Aussage nach etwas
von dem Gift enthielte, an dessen zerstrenden Wirkungen er nun sterben
msse. Banks ffnete eiligst das Blatt und fand darin etwas Kautabak,
den Tuburai sich von einigen unserer Leute ausgebeten, und den ihm
diese auch unbesonnenerweise gegeben hatten. Er mute beobachtet haben,
da sie den Tabak lange im Munde zu behalten pflegten, und da er es
ihnen vermutlich gleichtun wollte, so hatte er ihn lieber ganz klein
gekaut und mit dem Speichel hinuntergeschluckt. Whrend Banks das
Blatt betrachtete und den Inhalt untersuchte, sah ihn jeder mit der
erbrmlichsten Miene an, als wollte er sagen: es ist vorbei. Sobald
indessen Banks die Ursache und den Zustand der Krankheit erkannt hatte,
verordnete er dem Huptling reichlich Kokosmilch, und dieses Getrnk
machte denn auch der Krankheit und Todesahnung bald ein Ende.

Da Kapitn Wallis eines von den Beilen nach England gebracht hatte,
die diese Sdsee-Insulaner in Ermangelung jeglichen Metalls aus Stein
verfertigen, hatte der Sekretr der Admiralitt nach diesem Muster
eines aus Eisen anfertigen lassen und mir auf die Reise mitgegeben, um
den Eingeborenen zu zeigen, wie sehr wir sie in der Verfertigung von
Werkzeugen auch nach ihrer eigenen Landesart bertrfen. Dieses Beil
hatte ich noch niemals vorgezeigt, weil es mir seit meinem Hiersein
noch gar nicht eingefallen war. Als nun Tutaha eines Morgens an Bord
kam, uerte er groe Begierde, zu sehen, was in jeder Kiste und
jeder Schublade meiner Kajte wre. Da ich ihm nun allezeit soviel
als mglich gefllig zu sein versuchte, schlo ich ihm einen Behlter
nach dem anderen auf. Er bekam Lust zu vielen Dingen, die er sah, und
las sie zusammen. Als er aber zuletzt die Augen auf dieses Beil warf,
ergriff er es mit der grten Begierde, legte alles, was er vorher
zusammengelesen hatte, weg und fragte mich, ob ich ihm dieses geben
wolle. Ich willigte gern ein, und als htte er besorgt, es mchte mich
vielleicht gereuen, machte er sich vor Freude im Augenblick damit fort,
ohne sich noch mehr auszubitten, wie er es sonst zu tun pflegte, wenn
man ihn gleich noch so freigebig beschenkt hatte.

Am Mittag des 1. Mai kam ein anderer von den Anfhrern, der wenige Tage
vorher in Gesellschaft einiger seiner Frauen mit mir gespeist hatte,
allein an Bord. Ich hatte beobachtet, da er sich bei der Mahlzeit
von seinen Frauen regelrecht fttern lie, doch hoffte ich, da er
sich diesmal wohl dazu bequemen wrde, selbst zuzulangen. Darin aber
hatte ich mich geirrt. Als die Mahlzeit aufgetragen war und mein
vornehmer Gast Platz genommen hatte, legte ich ihm einige Speisen
vor; er aber sa unbeweglich und wollte nicht essen. Ich ntigte
ihn also, zuzulangen, er blieb aber immer noch unbeweglich wie eine
Bildsule, ohne auch nur Miene zu machen, einen Bissen zu kosten. Ich
glaube wahrhaftig, er wre ohne zu essen weggegangen, wenn ich nicht
die Ursache seines Betragens erraten und einen von meinen Bedienten
beauftragt htte, ihm die Bissen in den Mund zu stecken.

[Illustration: Der Bediente mute dem Huptling die Bissen in den Mund
stecken.]

Am Nachmittag legten wir die Sternwarte an und nahmen den Quadranten
nebst einigen anderen astronomischen Instrumenten zum ersten Male mit
an Land.

Den nchsten Morgen um 3 Uhr ging ich mit unserm Astronomen Green
hin, den Quadranten zum Gebrauch aufzustellen. Allein zu unserer
unbeschreiblichen Bestrzung war das Instrument nirgends mehr zu
finden. Es war von uns in dem fr mich bestimmten Zelte aufbewahrt
worden, und da ich diese Nacht noch an Bord geblieben war, hatte
niemand im Zelte geschlafen. Es war niemals aus dem Futteral, das
fast ein halbes Meter im Quadrat hatte und mit dem Inhalt ziemlich
schwer war, herausgenommen worden. Die ganze Nacht hindurch hatte eine
Schildwache kaum 4 Meter weit von der Tre des Zeltes gestanden, und
von den anderen Instrumenten wurde keines vermit. Anfangs argwohnten
wir, da es vielleicht von einem oder dem anderen unserer eigenen Leute
mchte gestohlen worden sein, der beim Anblick des hlzernen Kastens,
ohne zu wissen, was darin sei, vielleicht gedacht haben mochte, er
enthalte Ngel oder sonst etwas, das zum Handel mit den Eingeborenen
tauglich sei. Es wurde also sofort dem Finder des Quadranten eine groe
Belohnung angeboten, weil wir ohne dies Instrument die vornehmste
Aufgabe unserer Reise gar nicht durchfhren konnten. Wir begngten
uns nicht damit, im Fort und in dessen Nachbarschaft nachzusuchen,
sondern, da der Kasten im Falle, da er von einem unserer eigenen
Leute gestohlen worden war, nach dem Schiff zurckgebracht worden sein
konnte, wurde auch an Bord eifrigst nach ihm geforscht. Allein, alle
hierzu ausgeschickten Abteilungen kamen unverrichteterdinge zurck.
Banks, der bei solchen Zufllen weder Mhe noch Gefahren scheute
und bei den Eingeborenen mehr als irgendeiner von uns vermochte,
entschlo sich daher, den Quadranten in den Wldern zu suchen. War das
Instrument von den Eingeborenen gestohlen worden, hoffte er, es an dem
Orte, wo sie den Kasten geffnet hatten, wiederzufinden, weil sie
sogleich gesehen haben mten, da er fr sie von gar keinem Nutzen
sein knne. Wenn aber diese Erwartung tuschen sollte, schmeichelte
er sich, das Instrument durch das Ansehen, das er bei den Huptlingen
geno, wiedererlangen zu knnen. Er ging daher in Begleitung eines
Schiffsunteroffiziers und Greens fort und begegnete, als er eben ber
den Flu setzte, Tuburai Tamaide, der sogleich mit drei Strohhalmen
auf seiner Hand die Figur eines Dreiecks darstellte. Danach war es
gewi, da die Eingeborenen die Diebe waren, und Banks schlo aus
diesem Umstande, da sie zwar den Kasten geffnet hatten, jedoch nicht
geneigt waren, das Instrument auszuliefern. Nun war keine Zeit mehr
zu verlieren. Banks gab also Tuburai Tamaide zu verstehen, da er
augenblicklich mit ihm nach dem Orte gehen msse, wohin der Quadrant
gebracht worden wre. Der Huptling war sogleich dazu bereit, und sie
eilten miteinander in stlicher Richtung fort. Tuburai erkundigte sich
in jedem Hause, an dem sie vorberkamen, nach dem Diebe, den er genau
kennen mute, weil er ihn mit Namen nannte; die Leute sagten ihm auch
berall, welchen Weg er genommen habe, und wann er vorbergekommen sei.
Man hatte also von einem Orte zum andern Hoffnung, ihn einzuholen,
und das machte unsern Leuten Mut, der unertrglichen Sonnenhitze zu
widerstehen und weiterzudringen. Nachdem sie so, bald gehend, bald
laufend, einen vom Fort etwa 4 Kilometer entfernten Berg erreicht
hatten und diesen hinaufgestiegen waren, zeigte ihnen ihr Fhrer eine
Landspitze, die noch gut 3 Kilometer entfernt lag, und gab ihnen
dabei zu verstehen, da sie das Instrument nicht eher wiederbekommen
konnten, als bis sie dorthin gelangt wren. Sie hielten also eine kurze
Beratung. Sie hatten keine andere Waffe als ein paar Pistolen, die
Banks allezeit bei sich zu tragen pflegte. Sie waren im Begriff, einen
Ort aufzusuchen, der gut 7 Kilometer vom Fort entfernt lag, und wo die
Eingeborenen vielleicht nicht so gutwillig sein mochten wie in der
Nhe unseres Schiffs. Sie wollten den Wilden berdies etwas abnehmen,
das diese mit Lebensgefahr erbeutet hatten, und das sie allem Vermuten
nach behalten wollten. Das waren Umstnde, die man wohl bedenken mute,
und es war vorauszusehen, da sie immer mehr Gefahr liefen, je tiefer
sie sich auf ihrer Suche ins Land hineinwagten. Es wurde deshalb
beschlossen, da Banks und Green mit dem Huptling weitergehen sollten.
Der Unteroffizier aber sollte zu mir zurckkehren und verlangen, da
eine Abteilung Soldaten nachgeschickt werde, und mir zugleich melden,
da sie unmglich vor Nacht wieder zurck sein knnten. Auf diese
Botschaft hin machte ich mich selbst auf den Weg und nahm so viel von
meinen Leuten mit, als ich ntig zu haben glaubte. Im Schiffe aber
und im Fort lie ich Befehl zurck, da man kein Kanu aus der Bucht
wegrudern lassen, jedoch auch keinen Eingeborenen gefangenhalten sollte.

Mittlerweile setzten Banks und Green mit Tuburai Tamaide ihren Weg
fort, und an dem Platze, den der Huptling ihnen vom Berge aus gezeigt
hatte, trafen sie einen von seinen eigenen Leuten, der ein Stck
vom Quadranten in der Hand hielt. Bei diesem hchst erfreulichen
Anblick machten sie halt, und im Augenblick waren sie auch schon von
einer groen Menge Eingeborener umringt. Da aber einige der Wilden
sich ziemlich nahe an sie herandrngten, hielt Banks es fr ntig,
ihnen eine von seinen Pistolen zu zeigen. Diese Warnung hatte die
beabsichtigte Wirkung. Indessen wuchs die Menschenmenge mit jedem
Augenblick mehr an. Banks, der sie sich nicht allzu nahe kommen
lassen wollte, bezeichnete ihnen einen Kreis im Grase, den sie nicht
berschreiten sollten, und sie stellten sich denn auch sehr ruhig und
manierlich auerhalb der Grenze um ihn her. In der Mitte des Kreises
lie man den nunmehr herbeigeschafften Kasten nebst verschiedenen
Linsen und anderen Teilen des Instruments aufstellen. Der Dieb hatte
alle diese Dinge in der Eile in ein Pistolenfutteral gesteckt, das
Banks als sein Eigentum erkannte, und das er bereits seit einiger
Zeit samt einer Reiterpistole, die darin gewesen war, in seinem Zelte
vermit hatte. Banks forderte jetzt auch diese Waffe zurck, und sie
ward ihm sofort gegeben.

Der Astronom war gespannt, zu sehen, ob auch alles Zubehr vollstndig
zurckgegeben worden sei. Bei genauerer Untersuchung des Kastens fand
er, da das Gestell und einige andere Kleinigkeiten noch fehlten. Nach
diesen wurden verschiedene Personen ausgeschickt, und die meisten
der vermiten Stcke wurden zurckgebracht. Man gab ihm zugleich zu
verstehen, da der Dieb das Gestell nicht bis in diese Gegend mit sich
geschleppt habe, und da es ihm auf dem Rckwege ausgehndigt werden
solle.

Da nun auch Tuburai Tamaide diese Versicherung durch sein Wort
besttigte, so machten sich unsre Herren auf den Rckweg, weil das
wenige, das ihnen auch jetzt noch an dem Instrumente fehlte, leicht
wieder neu angefertigt werden konnte. Nachdem sie auf ihrem Rckwege
ungefhr zwei Kilometer weit gekommen waren, traf ich sie, und wir
freuten uns ber die Wiedererlangung des Quadranten, was man bei der
Wichtigkeit des Instrumentes leicht verstehen wird.

Um 8 Uhr kam Banks mit Tuburai Tamaide zum Fort zurck, fand aber
zu seinem groen Bedauern den Tutaha hier in Haft und sah, da
viele Eingeborene in uerster Angst und Bestrzung sich um das Tor
drngten. Er ging also eiligst hinein und erlaubte auch einigen der
Eingeborenen, ihm zu folgen. Als sie hineinkamen, ereignete sich ein
rhrender Auftritt. Tuburai Tamaide strzte herein und warf sich
Tutaha in die Arme. In dieser zrtlichen Stellung brachen sie beide
in Trnen aus und weinten um einander, ohne ein Wort sagen zu knnen.
Die anderen Eingeborenen weinten nicht minder um ihr Oberhaupt Tutaha,
weil sie gleich ihm whnten, er solle hingerichtet werden. In dieser
traurigen Verfassung blieben sie bis zu meiner Ankunft, die ungefhr
eine Viertelstunde nachher erfolgte. Der Anblick befremdete und
rhrte mich ungemein. Tutaha war ohne meinen Befehl gefangengenommen
worden; ich setzte ihn daher sogleich in Freiheit. Als ich die Sache
genauer untersuchte, wurde mir berichtet, da die Eingeborenen, als
sie mich mit bewaffneter Mannschaft in den Wald htten marschieren
sehen, gefrchtet haben muten, es geschhe in der Absicht, den soeben
vorgefallenen Diebstahl, den auch sie gleich erfahren hatten, so zu
ahnden, wie es die Wichtigkeit des Verlustes und die Strenge unserer
Vorkehrungen besorgen lie. Dieser Gedanke habe sie derart erschreckt,
da sie sofort angefangen htten, die Gegend des Forts mit allen ihren
Habseligkeiten zu verlassen. Leutnant Gore, dem ich whrend meiner
Abwesenheit das Kommando an Bord der Endeavour bergeben und befohlen
hatte, kein Kanu wegrudern zu lassen, habe ein Doppelkanu vom Lande
abstoen sehen und hierauf den Bootsmann mit einem Boote abgeschickt,
um es zurckzubringen. Sobald das Boot jedoch an das Kanu herangekommen
sei, wren die Insassen vor Schrecken ins Meer gesprungen, und da
zum Unglck Tutaha sich unter ihnen befand, habe der Oberbootsmann
diesen gefangengenommen, whrend er die anderen an Land schwimmen lie.
Der Wahn, da wir ihn hinrichten wrden, hatte sich Tutahas so sehr
bemchtigt, da er es sich nicht eher wollte ausreden lassen, als bis
man ihn auf meinen Befehl zum Fort hinauslie. Das Volk empfing ihn,
wie Kinder einen Vater unter diesen Umstnden empfangen htten; jeder
drngte sich heran, ihn zu umarmen. Pltzliche Freude ist gewhnlich
freigebig, ohne da sie sich ngstlich um das Verdienst kmmert.
Bei seiner unerwarteten Rettung aus der Gefangenschaft und vor dem
erwarteten Tode drang Tutaha in der ersten Freudenaufwallung darauf,
da wir ein Geschenk von zwei Schweinen annehmen sollten. Da wir uns
aber bewut waren, da wir in dieser Sache nichts weniger als Geschenke
und Gunstbezeigungen verdient hatten, so verweigerten wir wiederholt
die Annahme des Geschenks.

Am folgenden Morgen versahen Banks und Dr. Solander ihr gewhnliches
Amt als Marktbeauftragte. Es kamen aber fast keine Eingeborenen, und
die wenigen, die sich einstellten, brachten keine Lebensmittel mit.
Tutaha schickte einige von seinen Leuten, um das ihm abgenommene Kanu
abzuholen, das ihm auch sofort ausgeliefert wurde. Unter andern war
gestern ein der Oberea gehriges Kanu ebenfalls angehalten worden; sie
schickte also Tupia, der schon zu Zeiten der Ankunft des Delphin ihre
Angelegenheiten zu besorgen hatte, zu uns, um festzustellen, ob irgend
etwas an Bord weggenommen worden sei. Er kam zu uns ins Fort, blieb
hier den ganzen Tag und schlief die folgende Nacht an Bord des Kanus.

Gegen Mittag kamen einige Fischerboote den Zelten gegenber an den
Strand, wollten aber sehr wenig von ihren Ertrgnissen verhandeln. An
Kokosnssen und Brotfrucht litten wir bereits empfindlichen Mangel.
Banks begab sich deshalb in die Wlder und suchte durch seinen Umgang
mit dem Volke uns dessen Gunst und Vertrauen wieder zu erwerben. Sie
waren sehr hflich gegen ihn, beklagten sich aber ber die Mihandlung
ihres Anfhrers, der ihrer Aussage nach geschlagen und an den Haaren
gezogen worden war. Banks gab sich Mhe, sie zu berzeugen, da man gar
nicht Hand an ihn gelegt habe, was sich auch unserem besten Wissen nach
so verhielt. Doch war es freilich nicht unmglich, da der Bootsmann
eine Grausamkeit begangen hatte, die er zu bekennen sich frchtete und
schmte.

Tutaha war es inzwischen, als er sich die Sache noch einmal berlegt
haben mochte, selbst eingefallen, da wir die Schweine, die er uns
endlich doch aufgedrungen hatte, eigentlich schlecht um ihn verdient
htten, und er schickte deshalb einen Boten, der eine Axt und ein
Hemd dafr fordern sollte. Da mir der Bote dabei aber noch sagte, da
der Huptling nicht gesonnen sei, in den nchsten zehn Tagen sich im
Fort sehen zu lassen, entschuldigte ich mich und lie ihm melden, da
ich die Geschenke ihm nicht eher geben knne, als bis ich ihn selbst
she. Ich dachte mir, er wrde aus Ungeduld dann wohl selbst sich
herbequemen, um sie abzuholen, und die erste Unterredung zwischen uns
wrde der Gespanntheit der gegenseitigen Beziehungen gleich ein Ende
machen.

Des folgenden Tages fhlten wir die unangenehme Lage, in die wir
durch die Beleidigung des Volks in der Person seines Oberhauptes
geraten waren, noch strker; denn die Eingeborenen brachten so wenig
zu Markt, da es uns an den ntigen Lebensmitteln mangelte. Banks
ging daher sofort in den Wald zu Tuburai Tamaide, er solle uns aus
der Verlegenheit helfen; dieser lie sich auch nach einigem Struben
bewegen, uns fnf Krbe voll Brotfrucht zu berlassen. Ein solcher
Vorrat kam uns sehr gelegen; denn es waren mehr als 120 Stck von
dieser Frucht. Des Nachmittags schickte Tutaha abermals einen Boten
und lie sich Axt und Hemd ausbitten. Da wir jetzt zur Genge erfahren
hatten, da es schlechterdings notwendig wre, uns die Freundschaft
des Oberhauptes wieder von neuem zu erwerben, weil es uns gegen seinen
Willen beinahe unmglich war, Lebensmittel zu erhalten, lie ich ihm
melden, da Banks und ich ihm am nchsten Tag einen Besuch abstatten
wrden, wobei er dann das Verlangte erhalten solle.

[Illustration]

Am folgenden Morgen frh schickte er wieder, um mich an mein
Versprechen erinnern zu lassen, und seine Leute schienen mit groer
Ungeduld darauf zu warten, da wir uns auf den Weg machen sollten. Ich
lie daher die Pinasse ausheben und ging um 10 Uhr mit Banks und Dr.
Solander an Bord. Wir nahmen einen von Tutahas Leuten zu uns ins Boot,
und nach etwa einer Stunde langten wir bei seiner Residenz an, die den
Namen Eparre fhrte und ungefhr 4 Kilometer weit westwrts von den
Zelten lag.

Das Volk erwartete uns in so groer Menge am Strande, da wir uns
unmglich htten hindurchdrngen knnen, wenn nicht ein groer,
stattlicher Mann, der etwas gleich einem Turban auf dem Kopfe hatte
und einen langen weien Stab in der Hand trug, mit welchem er ganz
unbarmherzig um sich schlug, rasch Platz fr uns gemacht htte.
Dieser Mann fhrte uns feierlich zu dem Huptling, whrend das Volk
ringsherum uns zujauchzte: Taio Tutaha, Tutaha ist euer Freund! Wir
fanden ihn wie einen der alten Erzvter unter einem Baume sitzend,
indes um ihn her eine Anzahl ehrwrdiger Greise stand. Er winkte uns
niederzusitzen und forderte sogleich seine Axt. Ich berreichte sie
ihm zugleich mit dem Hemde und fgte dem Geschenk noch ein Oberkleid
von englischem Tuche bei, das nach der Mode seines Landes geschnitten
und mit Zwirnband besetzt war. Er empfing es mit offensichtlicher
Freude und legte das Oberkleid sogleich an, das Hemd aber berreichte
er dem Manne, der bei unserer Landung uns Platz geschafft hatte.
Dieser sa jetzt neben uns, und Tutaha bezeigte ihm hohe Achtung,
wahrscheinlich um ihn unserer Aufmerksamkeit besonders zu empfehlen.
Bald darauf kam Oberea mit andern uns bekannten Frauen hinzu und setzte
sich unter uns nieder. Tutaha verlie uns verschiedene Male, kam aber
jedesmal nach kurzer Abwesenheit zurck. Wir glaubten, es geschhe,
um sich in seinem neuen Staate dem Volke zu zeigen; damit taten wir
ihm aber unrecht, denn es geschah nur, um zu unserer Bewirtung und zur
Anordnung des ganzen Festes, das er unsertwegen anstellen wollte, die
ntigen Befehle zu geben. Als er das letztemal von uns wegging, hatte
das Gedrnge um uns dermaen zugenommen, da wir beinahe Gefahr liefen,
erstickt zu werden; wir warteten daher sehnlichst, da er zurckkommen
und uns entlassen mchte. An seiner Statt kam ein Bote und meldete uns,
da Tutaha uns anderswo erwarte. Wir fanden ihn unter dem Wetterdach
unseres eigenen Bootes sitzend, und er winkte uns, zu ihm zu kommen.
Es gingen daher unser so viele, als das Boot fassen konnte, an Bord,
whrenddessen er Kokosnsse und Brotfrucht herbeibringen lie, die wir
jedoch mehr ihm zu Gefallen kosteten, als da wir gerade Lust gehabt
htten, zu essen. Bald nachher kam ein Bote, der ihm etwas meldete. Er
verlie nach Empfang der Nachricht sogleich das Boot und lie uns kurz
darauf ersuchen, ihm zu folgen. Wir wurden nun zu einem groen Platze
oder Hofe gefhrt, der mit einem ungefhr 1 Meter hohen Bambusgitter
umgeben war und an die eine Seite seines Hauses stie.

Hier erwartete uns ein ganz neuartiges Fest, nmlich ein Wettringen.
Am oberen Ende des Platzes sa Tutaha selbst, und verschiedene seiner
vornehmsten Hofleute waren neben ihm auf beiden Seiten im Halbkreise
verteilt. Das waren die Richter, deren Beifall den Sieger krnen
sollte. Auch fr uns waren an jenem Ende der Reihe Sitze briggelassen
worden; allein, wir wollten nicht an einen festen Platz gebunden sein
und mischten uns daher lieber unter die Zuschauer.

Als alles bereit war, traten 10-12 Ringer auf den Kampfplatz. Sie waren
am ganzen Krper nackt, nur um den Unterleib trugen sie ein Stck
Rindenzeug gewickelt. Die einleitenden Zeremonien des Kampfes bestanden
darin, da die Ringer gebckt und langsam rundherum gingen und dabei
die linke Hand auf ihre rechte Brust legten, mit der flachen rechten
Hand aber sich mehrfach klatschend auf den linken Oberarm schlugen.
Das galt als allgemeine Herausforderung an die Kmpfer, mit denen
sie sich messen wollten, oder an irgendeine Person, die sonst Lust
haben mochte, einen Gang mit ihnen zu wagen. Es whrte nicht lange,
so folgten den ersten noch andere auf die nmliche Art in die Arena.
Und alsdann forderte jeder von ihnen seinen Gegner dadurch besonders
heraus, da er die Spitzen der Finger beider geschlossenen Hnde auf
die Brust hielt und zu gleicher Zeit die Ellbogen schnell auf- und
abwrts bewegte. Wenn der, an den diese Herausforderung gerichtet
war, sie annahm, wiederholte er die Geste, machte sich alsbald zum
Kampf bereit, und schon im nchsten Augenblick gerieten die Kmpfer
aneinander. Allein, abgesehen von dem ersten Griffe, durch den einer
den andern zu fassen suchte, kam es bei dem ganzen Kampfe blo auf die
Strke an; denn jeder bestrebte sich, seinen Gegner zuerst am Schenkel,
wenn ihm das milang, an der Hand, dann an den Haaren, am Hfttuche
oder, wo er ihm sonst beikommen konnte, zu packen. War dies geglckt,
so rangen sie ohne die geringste Kunst oder Geschicklichkeit so lange
miteinander, bis der eine von ihnen entweder, weil er den anderen auf
eine vorteilhaftere Art gepackt hatte, oder weil er grere Strke
besa, seinen Gegner auf den Rcken niederwarf. War der Kampf beendet,
so teilten die Richter dem Sieger ihren Beifall in kurzen Worten
mit, die sie nach einer Melodie hersangen und im Chor etliche Male
wiederholten, worauf auch das Volk dem berwinder durch ein dreimaliges
Freudengeschrei Beifall rief. Hierauf wurde eine kleine Pause gemacht,
und dann trat ein anderes Ringerpaar in die Arena und rang auf dieselbe
Art miteinander. Wurde keiner von beiden niedergeworfen, so lieen
sie einander los, nachdem der Kampf etwa eine Minute lang gedauert
hatte, oder wurden durch Vermittlung ihrer Freunde getrennt, und in
diesem Fall klatschte jeder von ihnen auf seinen Arm, um den Gegner
oder irgendeinen anderen zu neuem Kampfe herauszufordern. Whrend die
Kmpfer rangen, tanzte eine andere Gruppe von Mnnern einen Tanz,
der auch etwa eine Minute dauerte. Aber keine von den beiden Gruppen
achtete auf die andere, sondern jede richtete ihre ganze Aufmerksamkeit
auf die eigene Beschftigung. Wir stellten fest, da der Sieger den
Besiegten nie verhhnte, und da der berwundene sich niemals ber das
Glck des berwinders beklagte. Der Kampf geschah auf beiden Seiten mit
vollkommen freundschaftlichem und offenem Gebaren, trotz der Gegenwart
von wenigstens 500 Zuschauern, unter denen sich einige Frauen befanden,
deren Anzahl jedoch im Vergleich zu der Zahl der Mnner gering war. Es
waren aber auch nur Frauen von Rang, und allem Anschein nach wohnten
sie dem Kampfe nur zu unseren Ehren bei.

Diese Spiele dauerten ungefhr zwei Stunden, und der Mann, der uns
bei unserer Landung Platz geschaffen hatte, hielt auch bei dieser
Gelegenheit die ganze Zeit ber das Volk in der gehrigen Entfernung
und schlug mit seinem Stocke unbarmherzig auf diejenigen los, die
sich herandrngen wollten. Auf unsere Nachforschung erfuhren wir,
da er einer von den Beamten Tutahas war und hier den Dienst eines
Zeremonienmeisters versah. Wem die Kampfspiele des frheren Altertums
einigermaen bekannt sind, der wird ohne Zweifel zwischen dem
Wettringen der Sdsee-Insulaner und den Kampfspielen der Griechen und
Rmer eine gewisse hnlichkeit bemerken.

Als das Wettringen vorber war, gab man uns zu verstehen, da
2 Schweine und eine groe Menge Brotfrucht fr unsere Mittagsmahlzeit
zubereitet wrden, und da wir unterdessen ziemlich hungrig geworden
waren, nahmen wir diese Nachricht nicht gerade mimutig auf. Doch
mute unserem Wirt seine Freigebigkeit wieder leid geworden sein; denn
anstatt uns beide Schweine auftischen zu lassen, befahl er, da uns
nur eines aufgetragen werden und in unserem Boote verspeist werden
sollte. Anfangs waren wir mit dieser Anordnung durchaus zufrieden, weil
wir im Boote bequemer zu speisen und dem Gedrnge des Volkes nicht so
sehr wie hier ausgesetzt zu sein hofften. Als wir aber an Bord kamen,
sagte Tutaha, er wolle uns lieber zum Fort begleiten, und wir sollten
das Schwein dorthin mitnehmen. Das war rgerlich; denn nun muten wir
4 Kilometer weit rudern und unterdessen unsere Mahlzeit kalt werden
lassen. Wir hielten es aber doch fr das ratsamste, ihm den Willen
zu tun, und genossen endlich das Mahl, das er uns bereitet hatte,
gemeinschaftlich mit ihm und Tuburai Tamaide, die beide reichlichen
Anteil daran nahmen. Unsere Ausshnung mit dem Huptlinge wirkte wie
ein Zaubermittel auf das Volk; denn sobald sie erfuhren, da er bei uns
an Bord sei, wurden augenblicklich Brotfrucht, Kokosnsse und andere
Lebensmittel in groen Mengen zum Fort gebracht.

Die Dinge gingen nun wieder ihren gewohnten Gang; doch hielt es
nach wie vor schwer, Schweinefleisch zu bekommen. Wir wollten daher
versuchen, ob Schweine etwa in einer anderen Gegend der Insel zu
erhalten wren, und in dieser Absicht fuhr unser Bootsmann in
Begleitung Greens am 8. Mai des Morgens frh in der Pinasse etwa
20 Kilometer um die Insel nach Osten. Sie fanden zwar wirklich viele
Schweine und eine Schildkrte, man wollte ihnen aber weder diese noch
jene, auch nicht zu hohem Preis berlassen. Das Volk sagte berall, da
hier herum alles dem Tutaha gehre, und da sie ohne seine Erlaubnis
nichts verkaufen drften. Nunmehr fingen wir an, diesen Mann in der
Tat fr einen mchtigen Frsten zu halten; denn sonst wrde er wohl
kaum eine so ausgedehnte und unumschrnkte Gewalt besessen haben. Wir
erfuhren nachher, da er die Regierung ber diesen Landstrich fr einen
minderjhrigen Frsten fhrte, den wir jedoch nie zu Gesicht bekamen.
Als Green von der Reise zurckkam, erzhlte er uns, er habe einen Baum
gesehen, der so dick gewesen sei, da er sich's kaum zu sagen getraue.
Er habe nmlich nicht weniger als 53 Meter Umfang gehabt. Banks und
Dr. Solander erklrten uns aber bald, wie das zugehe, und sagten, es
sei eine Art von Feigenbaum, dessen ste sich zum Boden hinabneigten,
darin aufs neue Wurzel faten und solchergestalt eine ganze Anzahl von
Stmmen bildeten, die man, weil alle dicht nebeneinander stnden und
sich im Aufwachsen gleichsam miteinander verbnden, leicht fr einen
einzigen Stamm ansehen knne.

Obwohl nun die Eingeborenen unseren Markt einigermaen wieder mit
Lebensmitteln versorgten, kamen sie nicht mehr wie frher gleich bei
Tagesanbruch, so da wir schon bis um 8 Uhr gengenden Tagesvorrat
eingekauft hatten, sondern zu den verschiedensten Zeiten des Tages.
Banks lie daher der Bequemlichkeit halber sein kleines Boot vor
dem Tore des Forts aufstellen und bediente sich seiner hinfort als
Laden. Bis dahin hatten wir Kokosnsse und Brotfrucht immer noch
gegen Glasperlen eingehandelt. Jetzt aber fing der Wert dieser Mnze
zu fallen an. Wir muten daher zum ersten Male unsere Ngel zu Markt
bringen. Die kleinsten unserer Ngel waren etwa 10 Zentimeter lang.
Fr einen dieser Ngel kauften wir 20 Kokosnsse und ebensoviel
Brotfrchte. Die neue Mnze brachte es auch zuwege, da wir in kurzer
Zeit wiederum ebenso reichlich wie zuerst mit Lebensmitteln versehen
wurden.

Am 9. Mai, bald nach dem Frhstck, kam Oberea zu uns auf Besuch. Es
war das erstemal seit dem Verlust des Quadranten und der unglcklichen
Verhaftung Tutahas, da sie uns diese Ehre erwies. Sie wurde von
ihrem Freunde Obadi und von Tupia begleitet, die uns ein Schwein und
etwas Brotfrucht brachten, wogegen wir ihnen ein Beil berreichten.
Wir hatten brigens fr die Neugier unserer braunen Freunde nunmehr
eine neue und wichtige Anziehungskraft. Unsere Schmiede war nmlich
seit einiger Zeit instand gesetzt worden, und man arbeitete fast
bestndig darin. Sobald die Eingeborenen sahen, was darin vorgenommen
wurde, brachten sie allerhand Stcke alten Eisens herbei, die sie nach
unserer Vermutung vom Delphin bekommen haben muten, und wollten
sich daraus gern neue Werkzeuge verfertigen lassen. Da ich nun stets
bemht war, ihnen Geflligkeiten zu erweisen, wo es nur immer anging,
wurde ihr Verlangen erfllt, es sei denn, da es dem Schmiede an Zeit
mangelte. Als Oberea ihr Beil empfangen hatte, zeigte sie uns so viel
altes Eisen, als ihrer Meinung nach zur Verfertigung eines neuen
Beiles notwendig war, und bat uns, ein neues anfertigen zu lassen. Ich
konnte ihr diesen Wunsch leider nicht erfllen. Sie zog darauf eine
zerbrochene Axt hervor und verlangte nun, wir sollten sie ausbessern
lassen. Ich war froh, da sie mir hierdurch Gelegenheit gab, meine
Ablehnung wiedergutzumachen. Am Abend verlie uns der Besuch und nahm
das Kanu, das solange an der Landspitze gelegen hatte, mit sich.

[Illustration: Uatta drehte sich bedchtig dreimal herum.]

Der 12. Mai, ein Freitag, ist uns durch einen Besuch merkwrdig
geworden, den einige Frauen, die wir zuvor noch nie gesehen hatten,
bei uns abstatteten, und den sie mit seltsamen Zeremonien begannen.
Banks war am Tore des Forts in seinem Boote, um wie gewhnlich Handel
zu treiben, und hatte Tutaha, der eben diesen Morgen ihn besuchen kam,
und einige andere Eingeborene bei sich. Zwischen 9 und 10 Uhr traf ein
Doppelkanu am Ufer der Bucht ein, unter dessen Wetterdach ein Mann und
zwei Frauen saen. Die Eingeborenen, die bei Banks waren, winkten ihm,
er solle sein Boot verlassen und den Fremden entgegengehen. Er tat es;
allein, bis er das Fort verlassen hatte, waren jene schon ziemlich nahe
gekommen und kaum noch 9 Meter von ihm entfernt. In diesem Augenblick
hielten sie stille und winkten, da er es ebenso machen solle. Er blieb
also gleichfalls stehen. Hierauf legten sie ungefhr ein halbes Dutzend
junger Bananenpflanzen und ein paar andere kleine Gewchse auf die Erde
nieder. Das Volk stellte sich zwischen Banks und den Fremden auf beiden
Seiten in zwei Reihen auf und bildete so eine Gasse. Nunmehr trug der
Mann, der ein Bedienter zu sein schien, sechs der Bananenpflanzen eine
nach der anderen zu Banks hin und sagte bei der berreichung jedesmal
ein paar Worte her. Tupia, der bei Banks stand, versah das Amt eines
Zeremonienmeisters, nahm die Zweige jedesmal in Empfang und legte sie
auf den Boden nieder. Als das vorber war, brachte ein anderer Mann
einen groen Ballen Rindenzeug, ffnete ihn und breitete ihn stckweise
zwischen Banks und den Fremden auf dem Boden aus. Es waren 9 Stck,
von denen er jedesmal 3 Stck aufeinanderlegte. Sobald er damit fertig
war, trat die vorderste Frau, die die vornehmste zu sein schien und
Uatta hie, auf dieses Zeug, hob ihre Kleider an und drehte sich
ganz bedchtig und gemchlich dreimal um sich selbst herum; alsdann
trat sie wieder von dem Zeuge herunter. Man legte darauf 3 andere
Stcke auf die ersten 3, sie wiederholte dieselbe Zeremonie und trat
hierauf wieder ab. Endlich wurden die 3 letzten Stcke niedergelegt,
und sie machte es zum dritten Male wie zuvor. Hierauf wurde das Zeug
wieder zusammengerollt und Banks als ein Geschenk von seiten der Dame
berreicht, die sodann in Begleitung ihrer Freundin nher kam und ihn
kte. Er machte ihnen beiden entsprechende Geschenke, und nachdem sie
sich ungefhr eine Stunde lang aufgehalten hatten, gingen sie wieder
fort.

Am 13. Mai, als der Markt um 10 Uhr beendet war, ging Banks mit
seiner Flinte wie gewhnlich in die Wlder, um whrend der Tageshitze
die Annehmlichkeit des khlen Schattens zu genieen. Als er auf dem
Rckwege war, traf er Tuburai Tamaide vor seiner damaligen Wohnung
an, und als er mit ihm ein wenig plauderte, nahm ihm der Huptling
pltzlich die Bchse aus der Hand, spannte den Hahn, legte an und
drckte ab. Zum Glck versagte der Schu, und Banks nahm ihm die Bchse
augenblicklich weg, indem er sich nicht wenig wunderte, woher Tuburai
mit einem Schiegewehr so sicher umzugehen gelernt habe. Er verwies dem
Huptling den Streich mit harten Worten und drohte ihm, da es fr uns
von grter Wichtigkeit war, die Eingeborenen in der Behandlung der
Feuerwaffen gnzlich unwissend zu erhalten. Der Huptling hrte Verweis
und Drohung ruhig an; allein, kaum hatte Banks den Flu berschritten,
so zog er mit seiner ganzen Familie und allem Hausgert von dannen nach
seiner Residenz Eparre. Wir erfuhren das von einigen Eingeborenen, die
eben am Fort waren.

Da wir nun von dem Unwillen dieses Huptlings, der uns bei allen
Schwierigkeiten sehr ntzlich gewesen war, groe Unannehmlichkeiten
besorgen muten, beschlo Banks, ihm unverzglich zu folgen und ihn
zu ersuchen, wieder zu uns zurckzukehren. Er reiste daher noch am
selben Abend mit einem der Offiziere ab und fand Tuburai mitten unter
einer Menge Volks sitzen, das sich um ihn her versammelt hatte, und
dem er vermutlich erzhlte, was sich zugetragen habe, und was fr
Folgen daraus entstehen knnten. Er selbst war ein leibhaftiges Bild
des Kummers und der Niedergeschlagenheit, und die gleiche Trauer war
auch auf den Gesichtern aller Umstehenden deutlich zu lesen. Als Banks
und Leutnant Molineaux unter die Menge traten, uerte eine der Frauen
ihren Kummer auf die gleiche Art, wie Terapo einmal getan hatte;
sie stie sich nmlich einen Seehundszahn in den Kopf, bis dieser
ganz mit Blut bedeckt war. Banks wollte keine Zeit verlieren, dieser
allgemeinen Angst ein Ende zu machen. Er versicherte dem Huptling,
da alles Vorgefallene vergessen sein sollte, da auf seiner Seite
nicht die geringste Erbitterung mehr bestnde, und da also auch er
nicht mehr das geringste zu befrchten htte. Das flte Tuburai bald
wieder Zutrauen ein: er befahl also, ein doppeltes Kanu in Bereitschaft
zu setzen, und alle kehrten noch vor dem Abendessen zum Fort zurck.
Tuburai besiegelte die Ausshnung damit, da er und seine Gemahlin
in Banks' Zelt Nachtquartier nahmen. Ihre Gegenwart war jedoch kein
allvermgender Schutz; denn zwischen 11 und 12 Uhr versuchte einer der
Eingeborenen, ber den Wall in das Fort hineinzuklettern, ohne Zweifel
in der Absicht, zu stehlen, was ihm nur in die Finger kme. Er wurde
von der Schildwache entdeckt, die jedoch zum Glcke nicht feuerte, und
der Dieb lief viel zu geschwind fort, als da ihm einer unserer Leute
htte nachsetzen knnen. Das Eisen und die eisernen Werkzeuge, die in
der Schmiede bestndig verarbeitet und gebraucht wurden, waren solche
Versuchung zu Diebsthlen, da keiner von den Tahitiern ihr widerstehen
konnte.

Am 14. und 15. bekamen wir eine neue Besttigung dessen, was wir schon
mehrere Male bemerkt hatten, nmlich, da die Bewohner dieser Insel
durchgngig von jedem unter ihren Landsleuten gegen uns ersonnenen
Anschlage sogleich genaue Kenntnis bekamen. In der Nacht zwischen
dem 13. und 14. wurde an der ueren Seite des Forts eines der dort
stehenden Wasserfsser gestohlen. Bereits am Morgen aber wute jeder
Eingeborene um den Diebstahl. Und dennoch schien es, als ob der Dieb
die Sache niemand anvertraut habe; denn unserm Eindruck nach waren
sie alle bereit, uns Nachricht zu geben, wo das Fa aufzufinden wre,
wenn sie es nur gewut htten. Indessen sprte doch Banks dem Fasse
nach, freilich ohne es auffinden zu knnen. Als er zurckkam, sagte ihm
Tuburai Tamaide, da vor morgen noch ein anderes Fa wrde gestohlen
werden. Es ist nicht leicht zu begreifen, wie der Huptling dieses
Vorhaben erfahren haben mochte. Da er selber keinen Anteil daran
hatte, ist deswegen gewi, weil er mit seiner Frau und Familie an dem
Orte, wo die Wasserfsser standen, sein Bett aufschlug und sagte,
er wolle selbst dem Diebe zum Trotze fr die Sicherheit der Fsser
haften. Wir wollten das aber nicht zugeben und teilten ihm mit, da
wir zur Sicherheit eine Schildwache dort aufstellen wrden, die bis
zum Morgengrauen wachen solle. Er schaffte hierauf sein Bett wieder
in Banks' Zelt und blieb da die Nacht ber mit seiner Familie; beim
Weggehen von der gefhrdeten Stelle hatte er die Schildwache ermahnt,
ja die Augen offen zu halten.

In der Nacht kam es denn auch, wie er vorausgesagt hatte. Um 12 Uhr
stellte sich der Dieb richtig ein; da er aber bemerkte, da eine
Schildwache dastand, zog er diesmal ohne Beute wieder ab.

Banks' Vertrauen in Tuburai Tamaide war seit dem Vorfall mit dem Messer
weit grer geworden, als es vorher je gewesen war. Man entfernte daher
die verlockenden Gegenstnde vor dem Huptlinge nicht mehr. So geriet
er eines Tages in eine Versuchung, der weder seine Ehre, noch seine
Ehrlichkeit widerstehen konnte. Die bezaubernden Reize eines Korbes mit
Ngeln taten es ihm an. Diese Ngel waren weit grer als diejenigen,
die man bisher zu Markte gebracht hatte, und der Korb war vielleicht
aus strafbarer Nachlssigkeit in einen Zeltwinkel hingestellt worden.
Tuburai hatte jederzeit freien Zutritt. Banks' Bedienter sah zufllig
einen von diesen Ngeln bei Tuburai, als der Huptling unbedachterweise
den Teil seines Kleides, worunter er ihn versteckt hatte, zurckschlug.
Er meldete es seinem Herrn. Banks wute, da weder er, noch sonst
jemand Tuburai einen solchen Nagel geschenkt hatte, sah also gleich
im Korbe nach und fand, da von sieben nur noch zwei brig waren.
Hierauf sagte er, wenn auch ungern, dem Huptling auf den Kopf zu,
da er die Ngel genommen haben msse, und Tuburai gestand es auch
sofort ein. Die Sache mute ihn freilich sehr krnken, doch war sie
auch Banks nicht weniger leid. Man verlangte nun, da Tuburai die
Ngel zurckgbe; er redete sich aber damit aus, da er vorgab, die
Ngel seien zu Eparre. Allein, als er sah, da es Banks ernst darum
war, hielt er es fr ratsam, einen unter seinem Kleide hervorzuziehen.
Hierauf wurde er nach dem Fort gebracht, wo man durch Abstimmung das
Urteil ber ihn sprechen lassen wollte. Nach einer kurzen Beratung
fanden wir es jedoch zweckmig, ihn mit der Strafe zu verschonen;
damit es aber nicht scheinen mchte, als ob wir sein Vergehen fr
unbedeutend anshen, wurde ihm verkndet, da wir die Angelegenheit nur
dann auf sich beruhen lassen wollten, wenn er die anderen vier Ngel
zum Fort zurckbrchte. Er willigte in diese Bedingung, ich mu aber,
so leid es mir tut, gestehen, da er sein Wort nicht hielt. Anstatt die
Ngel zurckzubringen, zog er lieber noch desselben Abends mit seiner
Familie aus der Gegend weg und nahm seinen ganzen Besitz mit sich.

Da mir Tutaha zu wiederholten Malen hatte melden lassen, da er geneigt
sei, wenn wir ihm einen Besuch abstatten wollten, diese Gunstbezeigung
mit einem Geschenk von vier Schweinen zu erwidern, so schickte ich
meinen ersten Leutnant zu ihm, um zu versuchen, ob wir die Schweine
nicht wohlfeiler bekommen knnten, und ich befahl ihm, dem Huptling
alle nur erdenklichen Hflichkeiten zu erweisen. Der Offizier erfuhr,
da er von Eparre nach einem 5 Kilometer weiter westwrts gelegenen
Orte Tehatta gezogen sei. Er verfgte sich also dahin und wurde sehr
gut aufgenommen. Man brachte ihm sogleich ein Schwein herbei und sagte
ihm, da die anderen, die im Augenblick nicht bei der Hand wren, den
folgenden Morgen geliefert werden sollten. Mein Abgesandter lie es
sich gern gefallen, die Nacht ber dortzubleiben. Der Morgen kam, die
Schweine aber blieben aus. Da es nun nicht ratsam war, da der Offizier
sich noch lnger hier aufgehalten htte, kehrte er mit dem einen, das
er bekommen hatte, gegen Abend zu uns zurck.

Am 25. lieen sich Tuburai Tamaide und seine Frau Tomio zum ersten
Male wieder in unserem Zelte sehen. Er schien etwas mivergngt
und furchtsam zu sein, hielt es aber doch nicht fr ntig, unsere
Freundschaft und Gunst durch Wiedererstattung der vier Ngel zu
erkaufen. Banks und die anderen Herren behandelten ihn deshalb sehr
kalt. So hielt er sich nicht lange bei uns auf und ging bald wieder
weg. Der Schiffsarzt machte ihm am nchsten Morgen einen Besuch, in der
Hoffnung, ihn zur Wiedererstattung der Ngel zu bewegen und so mit uns
ausshnen zu knnen, allein vergebens.

Am 27. beschlossen wir, Tutaha unseren Besuch abzustatten, obgleich
wir uns nicht sicher darauf verlassen durften, zur Vergeltung unserer
Hflichkeit die versprochenen Schweine zu bekommen. Ich ruderte also
des Morgens frh mit Banks, Dr. Solander und noch drei anderen in
der Pinasse fort. Tutaha war inzwischen nach einem Ort gezogen, der
ziemlich fern lag und Atahuru hie, und da wir kaum die Hlfte des
Weges dahin im Boote zurcklegen konnten, wurde es fast Abend, ehe
wir ankamen. Wir fanden ihn in seinem gewhnlichen Staate unter einem
groen Baum sitzend und von einer groen Menschenmenge umgeben, wo wir
ihm alsbald die Geschenke, diesmal einen Frauenunterrock von gelbem,
wollenem Zeuge und andere Kleinigkeiten berreichten. Er befahl,
sogleich ein Schwein zu schlachten und fr unsere Abendmahlzeit
zuzubereiten, und versprach, da wir am folgenden Morgen noch mehrere
bekommen sollten. Weil es uns aber nicht so sehr darum zu tun war,
eine reiche Mahlzeit zu halten, als vielmehr Lebensmittel, die uns im
Fort fehlten, heimzubringen, bewogen wir ihn, dem Schweine heute noch
das Leben zu schenken, und wir nahmen bei der Abendmahlzeit mit den
Frchten des Landes vorlieb.

Es wimmelte da von Leuten, unter die sich viele Reisende, die hier
nicht zu Hause waren, gemischt hatten. So war zum Beispiel Oberea mit
ihrem Gefolge und noch anderen unserer Bekannten hierhergekommen, und
die Menge der Anwesenden war so gro, da die Huser und Kanus sie
nicht aufnehmen konnten. Da die Nacht jetzt hereinbrach, sahen wir
uns eiligst nach Nachtquartieren um, damit es uns nicht zuguterletzt
daran fehlen mchte; denn unsere Abteilung bestand aus sechs Personen.
Oberea bot Banks sehr hflich einen Platz in ihrem Kanu an. Er pries
sich glcklich, so gut versorgt zu sein, wnschte seinen Freunden
eiligst gute Nacht und ging fort. Dem Landesbrauche gem legte er
sich frhzeitig schlafen, und weil die Nacht sehr hei war, zog er
wie gewhnlich seine Kleider aus. Oberea bestand darauf, diese in
Verwahrung zu nehmen; denn sonst, sagte sie, wrden sie ihm sicher
gestohlen werden. Unter so gutem Schutze schlief Banks ohne alle Sorge
ein. Als er aber um 11 Uhr erwachte und aufstehen wollte, suchte
er seine Kleider vergeblich an dem Orte, wo er sie Oberea vor dem
Schlafengehen hatte hinlegen sehen; sie waren verschwunden. Er weckte
also seine Beschtzerin. Diese stand augenblicklich auf und lie,
sobald er ihr seine Not geklagt hatte, Licht anznden, traf auch in
aller Eile die ntigen Vorkehrungen, um ihm wieder zu seinem Eigentum
zu verhelfen. Tutaha selbst schlief dicht neben ihm in einem anderen
Kanu. Der Lrm weckte ihn bald; er kam hervor und machte sich mit
Oberea daran, den Dieb zu suchen. Banks selbst aber konnte nicht mit
auf die Suche gehen; denn von seinem ganzen Anzug hatte man ihm fast
nichts als die Beinkleider gelassen. Sein Rock, seine Pistolen, seine
Weste, sein Pulverhorn und viele andere Kleinigkeiten hatte man ihm
gestohlen; alles, was in den Taschen gewesen, war fort. Nach einer
halben Stunde kamen seine beiden vornehmen Freunde zurck, hatten
aber weder ber den Verbleib seiner Kleider, noch ber den Dieb das
geringste erfahren knnen. Anfangs war ihm daher nicht wohl zumute.
Seine Bchse war zwar glcklicherweise nicht gestohlen worden, aber er
hatte vergessen, sie zu laden. Er wute nicht, wo ich und Dr. Solander
uns einquartiert hatten, und konnte also ntigenfalls sich nicht einmal
zu uns flchten. Er hielt es deshalb fr das beste, die Leute, die um
ihn herum waren, gar nicht seine Besorgnis und seinen Verdacht merken
zu lassen. Vielmehr bergab er seine Flinte dem Tupia, der gleich
andern von dem Lrm erwacht war und neben ihm stand, und trug ihm
ernstlich auf, sich diese nicht auch noch stehlen zu lassen. Hierauf
legte er sich wieder zur Ruhe nieder und bezeugte dadurch, da er mit
der Mhe, die Tutaha und Oberea angewandt hatten, um seine Sachen
wiederzuerlangen, vollkommen zufrieden wre, obgleich die Bemhungen
fruchtlos geblieben waren. Man kann sich indessen ohne weiteres
vorstellen, da er unter diesen Umstnden nicht gerade gut geschlafen
habe.

Bald nachher hrte er Musik und sah nicht weit vom Boote Lichter auf
dem Lande. Es war ein Konzert, das in Tahiti wie jede ffentliche
Lustbarkeit Heiwa heit. Er berlegte sich, da bei einer solchen
Auffhrung viele Leute zusammenkmen und es nicht unwahrscheinlich
wre, da wir anderen uns auch dazu einstellten. Also stand er auf
und eilte hin. Die Lichter und die Musik fhrten ihn bald zu der
Htte, worin ich mit drei anderen unserer Abteilung lag. Als er uns
sein klgliches Abenteuer erzhlt hatte, trsteten wir ihn, wie sich
Unglckliche gewhnlich zu trsten pflegen, indem wir ihm im geheimen
anvertrauten, da es uns nicht viel besser ergangen sei. Ich zeigte
ihm, da ich selber keine Strmpfe hatte, weil sie mir unter dem
Kopfe weggestohlen worden, obwohl ich berhaupt nicht geschlafen
hatte, und jeder der anderen bewies ihm durch den Augenschein, da
er seinen Rock eingebt hatte. So unvollstndig unsere Kleidung
auch war, wollten wir doch das Konzert nicht versumen. Es wurde von
3 Trommlern, 4 Fltenblsern und verschiedenen Sngern veranstaltet.
Als es nach ungefhr einstndiger Dauer vorber war, begaben wir uns
zu unseren Ruhepltzen zurck, da sich vor Tagesanbruch kaum etwas
htte unternehmen lassen, um unsere Sachen wiederzuerlangen. Nach
Landesbrauch standen wir mit Tagesanbruch auf. Der erste Mensch, den
Banks erblickte, war Tupia, der mit der Flinte getreulich auf ihn
wartete, und kurz darauf brachte ihm Oberea einige Rindenzeugkleider,
um dem ntigsten Bedrfnis etwas abzuhelfen. In diesem seltsamen, halb
englischen, halb wilden Aufzuge kam Banks zu uns.

Unsere Gesellschaft war bald beieinander bis auf Dr. Solander, dessen
Nachtlager uns unbekannt war, und der sich auch bei dem nchtlichen
Konzerte nicht hatte sehen lassen. Bald darauf kam Tutaha zum
Vorschein. Wir drangen ernstlich in ihn, da er uns wieder zu unseren
Kleidern verhelfen solle. Doch weder er, noch Oberea lieen sich zu den
geringsten Manahmen bewegen. Wir gerieten daher auf den Argwohn, da
sie an dem Diebstahle teilhaben mochten. Um 8 Uhr kam Dr. Solander zu
uns. In einem ungefhr ein Kilometer weiter entfernt gelegenen Hause
hatte ihn sein Glck zu ehrlicheren Leuten gefhrt, bei denen er nichts
eingebt hatte.

Als wir alle Hoffnung aufgegeben hatten, unsere Kleider
wiederzuerlangen -- und wir haben sie tatschlich nicht mehr
wiedergesehen --, brachten wir den ganzen Morgen damit zu, uns um die
versprochenen Schweine zu bemhen. Es ging uns damit aber nicht besser
als mit unserem Eigentum: wir bekamen nichts. Um 12 Uhr traten wir
endlich, nicht gerade in der besten Laune, mit dem einzigen Schweine,
das wir am vorhergehenden Abend vor dem Fleischer und Koch hatten
retten knnen, unsern Rckweg zu dem Boote an.

Auf unserem Wege dahin bot sich uns ein Anblick, der uns fr die
Beschwerlichkeiten und Verdrielichkeiten dieser Reise einigermaen
schadlos hielt. Wir gerieten unterwegs an eine der wenigen Stellen
der Insel, wo der Zugang zur Kste nicht wie anderwrts durch eine
Reihe von Felsklippen versperrt war, und wo infolgedessen eine hohe
Brandung an den Strand schlug. Sie war hier so heftig, wie ich sie
frchterlicher nie gesehen hatte. Kein europisches Boot htte darin
aushalten knnen, und ich bin berzeugt, da der beste europische
Schwimmer, wenn er durch einen oder den andern Zufall ihr ausgesetzt
gewesen wre, sich vor dem Ertrinken nicht htte retten knnen, zumal
der Strand mit Kieseln und groen Steinen bedeckt war. Dessenungeachtet
schwammen mitten zwischen diesen Klippen 10 oder 12 Eingeborene zum
Zeitvertreibe herum. Sooft eine Brandungswelle sich in ihrer Nhe
brach, tauchten sie unter und kamen mit wunderbarer Leichtigkeit
wieder jenseits der Woge empor. Das Hinterteil eines alten Kanus, das
sie auf dem Strande fanden, gab ihnen Gelegenheit, diese Lustbarkeit
noch weiter zu treiben und ihre Geschicklichkeit noch besser sehen zu
lassen. Sie stieen es nmlich vor sich her und schwammen damit bis zur
ueren Klippenreihe hinaus. Hier sprangen zwei oder drei in das Wrack
hinein, drehten das viereckige Ende der sich brechenden Woge entgegen
und lieen sich mit unglaublicher Geschwindigkeit gegen die Kste und
zuweilen oft bis an den Strand treiben; gewhnlich aber brach sich die
Woge ber ihnen, noch ehe sie die Hlfte des Weges zurckgelegt hatten.
In solchem Falle tauchten sie unter und kamen auf der anderen Seite mit
dem Kanu in den Hnden wieder zum Vorschein. Dies bewundernswrdige
Schauspiel betrachteten wir ber eine halbe Stunde lang. Die Schwimmer
schienen so vertieft in ihr Spiel zu sein und so viel Vergngen daran
zu finden, da die ganze Zeit unseres Verweilens ber keiner von ihnen
Lust bekam, an Land zu gehen. Hierauf setzten wir unsere Reise fort und
langten erst spt abends im Fort wieder an.

Eines Tages beschwerten sich einige Eingeborene, da zwei von
unseren Matrosen ihnen einige Pfeile und Bogen, sowie einige Schnre
geflochtenen Haares fortgenommen htten. Ich untersuchte die Sache, und
da ich die Anklage begrndet fand, lie ich jeden der Verbrecher mit
24 Stockstreichen bestrafen.

Von den Pfeilen und Bogen der Tahitier ist bisher noch nicht die
Rede gewesen. Sie brachten diese Waffen auch nur selten ins Fort
mit. Heute aber stellte sich Tuburai Tamaide mit den Seinigen ein,
weil ihn Leutnant Gore zu einem Wettschieen aufgefordert hatte. Der
Huptling vermutete, es kme darauf an, den Pfeil am weitesten zu
schieen. Gore jedoch wettete eigentlich um den besten Treffer. Da
nun Gore ebensowenig einen Ruhm darin suchte, weit zu schieen, als
sich Tuburai aus der Kunst machte, ein Ziel zu treffen, kam es nicht
zur Probe ihrer gegenseitigen Geschicklichkeit. Um uns jedoch seine
Fhigkeit zu zeigen, scho er einen unbefiederten Pfeil -- denn nur
solche kennt man hier -- etwa 250 Meter weit. Die Art zu schieen ist
auf Tahiti befremdend: der Schtze kniet nmlich nieder und lt in dem
Augenblick, da er den Pfeil abgeschossen hat, den Bogen fallen.

[Illustration: Sooft eine Welle sich in ihrer Nhe brach, tauchten sie
unter.]

Banks begegnete einmal auf seinem Morgenspaziergang einer Gruppe von
Eingeborenen, die auf sein Befragen zur Antwort gaben, sie seien
herumziehende Musikanten, die zur Nacht da und da einkehrten. Wir
begaben uns also zu dem bezeichneten Nachtquartier. Die Bande bestand
aus 2 Fltenspielern und 3 Trommelschlgern, die von einer Menge Volks
umgeben waren. Die Trommelschlger begleiteten die Musik auch mit ihren
Stimmen, und zu unserm grten Erstaunen bemerkten wir, da _wir_ den
Stoff fr ihre Lieder abgaben. Wir hatten nicht vermutet, da wir
unter den wilden Bewohnern dieser entlegenen Sdsee-Insel einen Stand
antreffen wrden, der in jenen Lndern, wo Kunst und Wissenschaft am
schnsten geblht haben, ehemals so berhmt und geehrt war -- nmlich
Barden oder Minnesnger. Diese Musikanten waren tahitische Barden. Ihr
Lied war unstudiert und wurde aus dem Stegreif mit Musik begleitet. Sie
wanderten bestndig von einem Ort zum andern, und die Hausherren und
andere Zuhrer beschenkten sie fr ihren Vortrag mit allerhand Dingen,
deren sie bedurften.

Es fehlte nicht viel, so htte uns in den nchsten Tagen ein besonderer
Vorfall trotz unsrer grten Vorsicht in einen neuen Streit mit den
Insulanern verwickelt. Ich hatte das Boot mit einem Offizier an Land
geschickt, um von dort Ballast fr das Schiff zu holen. Weil nun der
Offizier nicht sogleich Steine fand, die dazu taugten, fing er an
eine Mauer niederzureien, die um einen Beerdigungsplatz gezogen war.
Die Eingeborenen widersetzten sich jedoch mit Gewalt, und ein Bote
kam zu den Zelten, mir dies zu melden. Banks eilte augenblicklich zum
Tatort und legte die Streitigkeit gtlich bei, indem er das Bootsvolk
zum Flusse schickte wo es Steine genug gab, die man auflesen konnte,
ohne die Eingeborenen im geringsten zu beleidigen. Es ist sehr
merkwrdig, da die Sdsee-Insulaner viel empfindlicher waren fr eine
Beleidigung der Toten, als wenn man ihnen selbst, den Lebenden, ein
Unrecht tat. Das war die einzige Veranlassung, die sie ihre Furcht
vor uns berwinden und zu den Waffen greifen lie; und das einzige
Mal, da sie sich wirklich unterstanden, Hand an einen unserer Leute
anzulegen, hatte eine hnliche Ursache. Monkhouse, der Schiffsarzt,
pflckte nmlich eines Tages eine Blte von einem Baume, der in einem
ihrer Friedhfe stand. Ein Eingeborener, der ihn vermutlich mit
Unwillen und sehr genau beobachtet hatte, lief pltzlich von hinten
auf ihn zu und schlug ihn. Monkhouse erwischte den Tter; weil diesem
aber augenblicklich zwei andere Eingeborene zu Hilfe eilten und den
Schiffsarzt bei den Haaren packten, war er gentigt, seinen Mann fahren
zu lassen. Sobald die anderen diesen wieder in Freiheit sahen, liefen
auch sie davon, ohne weitere Gewaltttigkeiten zu verben.

Am Abend des 19. bekam ich Besuch von Oberea. Es befremdete uns aber
nicht wenig, da sie uns die gestohlenen Sachen nicht mitbrachte,
obgleich sie doch wohl wute, da wir sie fr die Hehlerin hielten. Als
sie nun fr sich und ihre Begleiter um ein Nachtlager in Banks' Zelt
bat, wurde ihr das abgeschlagen. Da auch sonst niemand von uns Miene
machte, sie zu beherbergen, ging sie mit offensichtlichem Verdrusse weg
und bernachtete in ihrem Kanu.

In der Frhe des folgenden Morgens kehrte sie mit ihrem Kanu und
allem, was darinnen war, zum Fort zurck und gab sich so mit einer
gewissen zuversichtlichen Gre des Geistes, die unsere Bewunderung
und Erstaunen erregte, vllig in unsere Gewalt. Um uns noch geneigter
zur Ausshnung zu machen, schenkte sie uns ein Schwein und mancherlei
andere Sachen, worunter auch ein Hund war. Wir hatten kurz vorher
erfahren, da die Insulaner Hundefleisch fr einen groen Leckerbissen
hielten und dem Schweinefleisch vorzogen. Es kam uns daher die Lust
an, dieses Fleisch zu kosten, und das Geschenk Obereas verschaffte
uns gute Gelegenheit dazu. Wir bergaben also den Hund, der sehr fett
war, Tupia, und er bernahm das doppelte Amt eines Fleischers und
Kochs. Um das Tier zu tten, hielt er ihm mit beiden Hnden Maul und
Nase fest zu; es dauerte aber ber eine Viertelstunde, ehe der Hund
tot war. Whrenddessen war ein Loch in die Erde gegraben worden, das
ungefhr einen Fu tief sein mochte; man zndete ein Feuer darin an
und legte einige kleine Steine schichtweise zwischen das Holz, um sie
recht durchzuheizen. Hierauf wurde der Hund ber das Feuer gehalten und
so das Haar abgesengt. Jetzt schabte ihn einer der Wilden mit einer
Muschel so rein ab, da man htte glauben knnen, er sei in heiem
Wasser gebrht worden. Man zerschnitt ihn dann mit derselben Muschel,
nahm die Eingeweide heraus, splte sie in der See und tat sie nachher
nebst dem aufgefangenen Blut des Tieres in Kokosnuschalen. Sobald
das Erdloch hei genug war, wurden die Feuerbrnde daraus entfernt,
und man machte von den durchwrmten Steinen, die jedoch nicht so hei
waren, da sie etwas versengten, eine Unterlage und bestreute diese mit
frischem Laube. Alsdann legte man den Hund und die Eingeweide auf die
Bltter, bedeckte ihn mit anderem Laube und dem Rest der heien Steine
und schttete endlich das Loch mit Erde zu. In weniger als vier Stunden
wurde die Grube wieder geffnet und der Hund herausgenommen. Er war auf
diese Art vortrefflich gebraten und nach unserem einstimmigen Urteil
ein sehr leckeres Gericht. Die Hunde, die man hier zum Schlachten
aufzieht, bekommen kein Fleisch, sondern nur Brotfrucht, Kokosnsse,
Yamswurzeln und hnliche Pflanzennahrung zu fressen. Alles Fleisch und
alle Fische, die die Eingeborenen essen, werden auf die beschriebene
Art gebacken.

Am 26. Juni reiste ich in Begleitung Banks in der Pinasse ab, um die
Insel zu umschiffen, und wir kamen am nchsten Tage zu der schmalen
Landenge, die beide Teile der Insel miteinander verbindet. Auf Anraten
unseres tahitischen Fhrers, der uns sagte, da hier das Land gut und
fruchtbar sei, landeten wir. Der Huptling des Gebietes, Matiabo, kam
bald an den Strand zu uns herab, schien aber nicht das geringste von
uns, noch vom Handel zu wissen, den wir trieben. Seine Untertanen
hingegen brachten uns einen reichlichen Vorrat an Kokosnssen und
ungefhr 20 Brotfrchte. Die Brotfrucht muten wir teuer bezahlen; ein
junges Schwein aber, das uns der Huptling selbst verkaufte, bekamen
wir um so billiger, nmlich fr eine Glasflasche, die dem gndigen
Herrn besser gefiel als alle anderen Angebote. Er hatte brigens eine
Gans und einen Truthahn im Besitz, die vom Delphin auf der Insel
zurckgelassen worden waren. Die Insulaner hatten ihre besondere Freude
an diesen Tieren; beide waren erstaunlich feist und so zahm geworden,
da sie den Eingeborenen allenthalben nachliefen.

In einem langen Hause hier sahen wir etwas uns ganz Neues. Fnfzehn
menschliche Unterkiefer waren nmlich an einem Ende des Gebudes auf
einem halbrunden Brett befestigt und schienen ganz frisch zu sein. Was
das erstaunlichste war: es fehlte kein einziger Zahn. Ein so seltsamer
Anblick machte uns sehr neugierig; wir erkundigten uns also da und
dort nach der Bedeutung dieser Kiefer, konnten aber keine Erklrung
erhalten, weil das Volk uns nicht verstehen konnte oder verstehen
wollte.

Als wir von hier aus weiterfahren wollten, bat Matiabo um Erlaubnis,
uns begleiten zu drfen. Wir waren sehr erfreut darber; denn der
Huptling konnte uns sehr ntzlich sein, indem er uns ber verschiedene
Untiefen hinwegleitete. Wir ruderten lngs der Kste hin. Als wir
aber ungefhr zwei Drittel der fr diesen Tag vorbestimmten Strecke
zurckgelegt hatten, entschlossen wir uns, die Nacht am Lande
zuzubringen. Nicht weit vom Strande sahen wir ein groes Haus, und
Matiabo sagte uns, es gehre einem seiner Freunde. Der Wirt empfing
uns sehr freundschaftlich und befahl seinen Leuten, uns unsere
Lebensmittel, mit denen wir gerade sehr gut versorgt waren, zubereiten
zu helfen. Als man damit fertig war, speisten wir sehr gesellig und
vertraut miteinander. Nach dem Essen erkundigten wir uns nach unserem
Nachtlager; es ward uns dazu ein besonderer Teil des Hauses angewiesen.
Wir lieen also unsere berrcke holen, und Banks fing an, sich seiner
Gewohnheit nach auszukleiden. Da ihn aber der krzliche Verlust seiner
Kleider vorsichtig gemacht hatte, so behielt er diese jetzt nicht mehr
bei sich, sondern schickte sie an Bord des Bootes und gedachte, sich
auf seinem Lager mit einheimischem Rindenzeug zu begngen. Als Matiabo
sah, da wir uns unsere berrcke bringen lieen, gab er vor, da
auch er einen ntig habe. Weil er sich nun sehr ordentlich aufgefhrt
und uns wirklich gute Dienste geleistet hatte, lie man auch fr ihn
einen holen. Wir legten uns dann nieder, vermiten aber bald unsern
Gesellschafter Matiabo; doch argwhnten wir noch nichts bles, sondern
glaubten, er sei vielleicht zum Baden gegangen, wie es ja die Tahitier
vor dem Schlafengehen stets tun. Es whrte indessen nicht lange,
so verriet uns ein anderer Eingeborener, Matiabo habe sich mit dem
berrock davongemacht. Der Huptling aber hatte unser Vertrauen schon
so sehr gewonnen, da wir der Nachricht von seiner Flucht anfnglich
keinen Glauben beimaen. Da uns sein Entweichen bald darauf aber auch
von unserem Fhrer Tuahan besttigt wurde, sahen wir, da wir betrogen
waren und keine Zeit zu verlieren hatten, wenn wir das Kleidungsstck
wiederbekommen wollten. Weil wir nun keine Aussicht hatten, den Dieb
ohne Beihilfe der Leute, die um uns waren, zu erreichen, sprang
Banks auf, erzhlte den Vorfall und verlangte, da sie uns den Rock
wiederbringen sollten. Er zeigte ihnen zur Bekrftigung seines
Verlangens eine seiner Pistolen, die er immer bei sich zu tragen
pflegte, worauf die ganze Gesellschaft erschrocken auseinanderstob und,
anstatt uns den Dieb suchen zu helfen, zum Haus hinausfloh. Wir konnten
aber noch einen der Leute erhaschen und nahmen ihm das Versprechen
ab, uns bei der Verfolgung zu untersttzen. Ich eilte daher mit Banks
fort. Obgleich wir bestndig liefen, war der Schrecken doch noch mit
schnelleren Schritten uns vorausgeeilt; denn nach Verlauf von ungefhr
10 Minuten begegnete uns ein Mann, der den berrock zurckbrachte und
dabei sagte, der Dieb habe ihn bestrzt von sich geworfen. Da wir die
Sache selbst wieder hatten, hielten wir es nicht der Mhe fr wert, dem
Tter nachzusetzen, und so entkam er.

Bei unserer Rckkehr fanden wir keine Seele mehr im Hause, obgleich
vorher wohl 200-300 Eingeborene sich darin angesammelt hatten. Sobald
man indessen erfuhr, da wir niemandem als nur Matiabo zrnten, kam
unser Wirt mit seiner Gattin und vielen anderen wieder zurck, um den
Rest der Nacht bei uns zu bleiben.

Allein, es sollten uns noch mehr Unruhe und Schrecken hier beschieden
sein: um 5 Uhr weckte uns nmlich die Schildwache mit der Meldung, das
Boot sei gestohlen. Sie hatte es ihrer Aussage nach noch ungefhr eine
halbe Stunde vorher vor Anker nicht ber 50 Meter weit vom Strande
gesehen. Da sie aber nicht lange nachher Ruderschlge gehrt hatte, sah
sie wieder nach und entdeckte, da es weg war. Auf diesen Bericht hin
standen wir in hchster Besorgnis auf und liefen zum Strand hinab. Der
Morgen war heiter und sternenhell: wir konnten sehr weit sehen, aber
keine Spur vom Boote entdecken. Es stand daher sehr milich um uns, und
wir hatten Ursache genug zur uersten Bestrzung und den schlimmsten
Ahnungen. Da es vllig windstill war, konnten wir nicht annehmen,
die Pinasse habe sich von ihrem Anker losgerissen, muten vielmehr
mit Recht vermuten, da die Wilden das Boot berfallen, das Bootsvolk
gettet und die Beute weggefhrt htten. Der Unsern waren nicht mehr
als vier. Wir hatten nur eine Flinte und ein paar Taschenpistolen,
zudem auer der Ladung keine Vorrte an Pulver und Blei. In dieser
Angst und Not muten wir ziemlich lange zubringen und alle Augenblicke
erwarten, da die Insulaner sich ihren Vorteil ber uns zunutze
machen wrden. Endlich sahen wir zu unserer groen Freude das Boot
zurckkehren. Es war durch die Ebbe von seinem Anker weggetrieben
worden, ein Umstand, an den wir in der Bestrzung und Verwirrung gar
nicht gedacht hatten.

Sobald das Boot wieder eingetroffen war, frhstckten wir und eilten,
diesen Ort zu verlassen, aus Furcht, es mchte uns hier noch bleres
begegnen. Nach einiger Zeit bemerkten wir am Lande etwas Sonderbares:
die Gestalt eines Mannes, aus Ruten ziemlich unfrmig geflochten,
sonst aber nicht bel geformt, ber 7 Meter hoch, aber etwas zu dick
geraten. Das Flechtwerk bildete eigentlich nur das Skelett des Ganzen,
die uere Seite war mit Federn bekleidet, die an den Stellen, wo sie
Haut darstellen sollten, wei, an den Teilen aber, die die Eingeborenen
zu bemalen oder zu frben pflegen, ebenso wie auch auf dem Kopfe, wo
die Haare angedeutet sein sollten, schwarz waren. An dem Kopfe hatte
die Figur vier Buckel, hervorragende Beulen, drei vorne, eine hinten;
wir wrden diese nicht treffender als mit Hrnern bezeichnet haben,
die Tahitier aber nannten sie Tate Ete, d. h. kleine Mnnchen. Das
Standbild selbst hieen sie Manioe und sagten, es sei das einzige
in seiner Art auf der ganzen Insel. Sie gaben sich auch Mhe, uns
zu erklren, welche Bedeutung und welchen Zweck es htte. Wir hatten
aber damals noch nicht genug von ihrer Sprache gelernt, um ihre
Auslegung vllig zu verstehen. Jedoch erfuhren wir so viel, da es eine
Darstellung des Manioe, eines ihrer Gtter zweiten Ranges, sein solle.

Bald waren wir nicht mehr weit von dem Gebiete Paparra entfernt, das
unseren Freunden Oamo und Oberea gehrte, und wo wir unser Nachtlager
aufzuschlagen gedachten. In dieser Absicht gingen wir eine Stunde vor
Sonnenuntergang an Land, fanden aber, da sie beide ihre Wohnungen
verlassen hatten, um uns ihrerseits in der Bucht von Matavai einen
Besuch abzustatten. Wir legten auf diese Abwesenheit kein Gewicht,
sondern nahmen unser Nachtquartier im Hause der Oberea, das zwar klein
war aber einen sehr behaglichen Eindruck machte. Ihr Vater wohnte zu
dieser Zeit allein darin und empfing uns sehr freundlich. Als wir uns
etwas eingerichtet hatten, wollten wir die Zeit vor Anbruch der Nacht
noch zu einem Spaziergang ausntzen. Wir schlugen den Weg zu einer
Landspitze ein, auf der wir von weitem eine Art von Bumchen gesehen
hatten, die hier Etoa genannt und gewhnlich nur an solchen Orten
gepflanzt werden, wo die Eingeborenen ihre Toten begraben. Dergleichen
Begrbnispltze, an denen zugleich der Gottesdienst verrichtet wird,
heien bei ihnen Marai.

Als wir dort ankamen, staunten wir ber ein ungeheures Gebude, das,
wie man uns sagte, das Marai (Mausoleum) des Oamo und der Oberea
und zugleich das grte Meisterstck tahitischer Baukunst sei. Es war
aus Stein in pyramidenfrmiger Gestalt erbaut und ruhte auf einer
lnglich-rechteckigen Basis von etwa 80 Meter Lnge und 25 Meter
Breite. Die Bauart glich einigermaen den kleinen pyramidenfrmigen
Anhhen, auf die wir in England bisweilen die Pfeiler fr Sonnenuhren
aufstellen, und die wir an jeder Seite mit einer Anzahl von Stufen
versehen zu lassen pflegen. Bei diesen Gebuden waren jedoch die
Seitenstufen breiter als jene an den Enden, so da das Gebude nach
oben zu sich wie zu einem Giebeldach verjngte. Wir zhlten elf solcher
Stufen, und jede war ber einen Meter hoch, so da also die Hhe
des Ganzen fast 13 Meter betrug. Jede Stufe bestand aus einer Reihe
weier Korallensteine, die recht regelmig und viereckig behauen
und geglttet waren. Das Fundament war aus Felsenstcken gesetzt,
die gleichfalls viereckig zugehauen und zum Teil ganz ansehnlich
waren; denn eines davon war nicht weniger als ber ein Meter lang
und fast ein halbes Meter breit. Ein solches Gebude von einem Volke
ausgefhrt zu sehen, das gar kein Eisenwerkzeug zum Behauen und keinen
Mrtel zur Verbindung der Steine kannte, setzte uns in nicht geringes
Erstaunen. Da wir in der ganzen Gegend keinen Steinbruch sahen, muten
die Quadern aus groer Entfernung dahin geschafft worden sein, alles
mit der unsglichsten Mhe. Denn sie kennen kein Mittel, etwas von
einer Stelle zur anderen zu bringen, als Menschenhnde. Auch konnten
sie die Korallensteine nicht anders als aus dem Wasser heraufgeholt
haben, wo man sie in betrchtlicher Tiefe hufig finden kann. Sowohl
die Felsblcke wie die Korallensteine konnten nur mit steinernen
Werkzeugen behauen, und das mute eine unglaublich schwierige Arbeit
gewesen sein. Das Gltten hingegen konnten sie vermittels des scharfen
Korallensandes, den man am Strande findet, weit leichter bewerkstelligt
haben. Mitten auf der Spitze des Baues stand ein aus Holz geschnitzter
Vogel, und bei ihm lag eine aus Stein gehauene Fischfigur, die aber
zerbrochen war. Die ganze Pyramide nahm fast die eine Seite eines
gerumigen viereckigen Platzes ein, dessen Seiten einander beinahe
gleich waren. Dieser ganze Bezirk war mit einer steinernen Mauer
umgeben und berall mit breiten, flachen Steinen gepflastert; trotz der
Pflasterung wuchsen jedoch verschiedene Etoa-Bume und Bananen darin.

Wonach man in Tahiti am emsigsten trachtet, ist der Besitz eines
schnen Marai, und dieses hier war so ein sehr deutlicher Beweis von
der Macht der Oberea. Es ist bereits erwhnt worden, da sie zur Zeit
unserer Anwesenheit nicht mehr so viel Ansehen und Gewalt zu haben
schien, wie damals, als der Delphin hier lag. Wir erfuhren jetzt auch
die Ursache davon. Als wir nmlich lngs des Seestrandes zu ihrem Marai
gingen, sahen wir den ganzen Weg mit Menschengebeinen, besonders Rippen
und Wirbeln, bedeckt. Auf unsre Frage, welche Bewandtnis es mit dieser
Menge unbestatteter Totengebeine habe, sagte man uns, da im Dezember
1768 der Stamm der sdstlichen Halbinsel, die wir kurz zuvor besucht
hatten, einen Einfall in diese Gegend gewagt und eine Menge Menschen
gettet habe, deren Gebeine das eben wren. Nach diesem unglcklichen
Vorfall sei Oberea und Oamo, der damals die Regierung fr seinen Sohn
verwaltete, ins Gebirge geflohen. Die Sieger htten darauf die hier
gelegenen Huser, die sehr gro gewesen, verbrannt und die Schweine und
andere Tiere, die sie gefunden, mit sich fortgenommen; unter anderen
wren auch die Gans und der Truthahn, die wir unlngst bei Matiabo, dem
Diebe unseres berrockes, gesehen hatten, mitfortgeschleppt worden.
Das erklrte uns denn auch, da wir die Tiere bei Leuten angetroffen
hatten, die nicht mit dem Delphin in Handelsbeziehungen gestanden
hatten, und als wir der Kieferknochen erwhnten, die wir auf einem
langen Brette befestigt in einem Hause dort gesehen hatten, berichtete
man uns, da die Feinde solche als Siegeszeichen aufstellten.

Als wir unsere Wibegierde so befriedigt hatten, kehrten wir zu unserer
Herberge zurck und bernachteten dort in vollkommener Sicherheit und
Ruhe.

Bei unserer Rckkehr nach dem Fort, zwei Tage darauf, drngten sich
unsere braunen Freunde um uns, und keiner von ihnen allen kam mit
leeren Hnden. Ich hatte mir zwar schon lngst vorgenommen, alle bisher
zurckgehaltenen Kanus ihren Eigentmern wieder zurckzugeben; allein,
es war bisher noch immer nicht geschehen. Jetzt aber gab ich eines nach
dem andern frei, sobald sich die Eigentmer meldeten.

Allmhlich fingen wir an, uns zur Abreise zu rsten; der Wasserbedarf
war bereits in das Schiff aufgenommen, und unsere Lebensmittelvorrte
waren untersucht worden. Whrend dieser Zeit bekamen wir Besuch
von Oamo und Oberea nebst ihren beiden Kindern, dem Sohne und der
Tochter. Die Eingeborenen bezeigten diesen Personen ihre Ehrfurcht
durch Entblen des Oberleibes. Die Tochter namens Toimata war sehr
neugierig, das Fort von innen zu sehen. Ihr Vater wollte es jedoch
nicht zugeben. Teari, der Sohn des Beherrschers der sdstlichen
Halbinsel, befand sich zu dieser Zeit ebenfalls bei uns, und wir
bekamen Nachricht da auch noch ein anderer Gast angekommen sei, dessen
Besuch wir weder vermuteten, noch wnschten. Es war kein anderer als
der verschlagene Bursche, der damals Mittel gefunden hatte, uns den
Quadranten zu stehlen. Man berichtete uns, er sei willens, in der Nacht
sein Glck noch einmal zu versuchen. Alle anwesenden Eingeborenen
erboten sich, uns gegen ihn beizustehen, und baten, wir mchten ihnen
aus diesem Grunde erlauben, im Fort zu bernachten. Das ward ihnen
gern bewilligt und tat eine so gute Wirkung, da der Dieb von seinem
Versuche ohne weiteres Abstand nahm.

Am 7. Juli fingen die Zimmerleute an, das Tor und die Palisaden
einzureien, weil wir diese als Brennholz an Bord des Schiffes
verwenden wollten. Einer von den Eingeborenen bewies bei dieser
Gelegenheit wieder seine Geschicklichkeit: er stahl nmlich die
Trangel mit dem dazugehrigen Haken. Man setzte ihm augenblicklich
nach. Als die zur Verfolgung nachgeschickte Patrouille etwa 6 Kilometer
weit gelaufen war, bemerkte sie, da der Dieb seitwrts entschlpft
sein und sich in einem Schilfdickicht versteckt haben mute, so da sie
nichtsahnend an ihm vorbeigelaufen war. Sie fing also an, das Schilf
abzusuchen; der Dieb aber war bereits entkommen. Doch fand man hier ein
Kratz- und Scharreisen, das einige Zeit vorher im Schiffe gestohlen
worden war. Bald darauf brachte auch unser alter Freund Tuburai Tamaide
die Trangel wieder zurck.

Am 8. und 9. fuhren wir fort, die Festung zu schleifen. Unsere
braunen Freunde versammelten sich noch immer bei uns. Einige taten es
vielleicht aus wirklicher Betrbnis ber unsre nahe Abreise; andere
vielleicht in der Absicht, die Gelegenheit nicht zu versumen, noch
etwas von unsren Sachen zu erhaschen.

Unter den Eingeborenen, die fast bestndig um uns waren, befand sich
auch Tupia, von dem hier schon mehrmals die Rede gewesen ist. Er war,
wie ich bereits angedeutet habe, der vornehmste Minister Obereas
gewesen, zur Zeit, da ihre Gewalt am grten war. Er war zugleich
der oberste Tahaua oder Priester der Insel und kannte demnach die
Religion des Landes, ihre Grundstze und Zeremonien am besten. Auch
besa er groe Erfahrung und Verstndnis fr die Schiffahrtskunde und
eine genaue Kenntnis der Lage und Anzahl der benachbarten Inseln.
Dieser Mann hatte oft das Verlangen geuert, uns auf der Reise zu
begleiten. In dieser Absicht kam er am 12. morgens mit einem ungefhr
dreizehnjhrigen Knaben, der sein Bedienter war, an Bord und bat uns
instndig, ihn auf unsrer Fahrt mitzunehmen. Einen solchen Mann bei
uns an Bord zu haben, war aus vielen Grnden wnschenswert. Wenn wir
seine Sprache lernten und ihn die unsrige lehrten, konnten wir uns
schmeicheln, eine ungleich bessere Kenntnis von den Gebruchen, der
Staatsverfassung und Religion dieses Volkes zu erlangen, als wir
whrend unseres kurzen Aufenthalts erworben hatten. Ich willigte daher
mit Freuden ein. Tupia machte sich einen kurzen Aufschub zunutze, um
noch einmal an Land zu gehen, und sagte, er wolle uns am Abend ein
Zeichen geben, ihn abzuholen. Er verlie uns also und nahm ein kleines
Bild von Banks, um es seinen Freunden zu zeigen, und verschiedene
Kleinigkeiten mit, die er ihnen beim Abschied schenken wollte.

Nach dem Mittagessen wnschte Banks noch eine Zeichnung von dem Marai
zu bekommen, das dem Tutaha gehrte und zu Eparre lag. Ich begleitete
ihn nebst Dr. Solander in der Pinasse dahin. Sobald wir landeten, kamen
uns viele unsrer Freunde entgegen. Wir gingen sogleich zu Tutahas
Behausung, wo Oberea und verschiedene andere sich bei uns einfanden.
Sie versprachen, am folgenden Morgen frh noch einmal ans Schiff
zu kommen und zum letzten Male Abschied zu nehmen, weil wir ihnen
mitgeteilt hatten, da wir am Nachmittag bestimmt absegeln wrden.
Bei Tutaha trafen wir unter anderen auch den Tupia, der mit uns
zurckkehrte und diese Nacht zum ersten Male an Bord schlief.

[Illustration: Sie winkten den Kanus zu, solange man sie sehen konnte.]

Am folgenden Morgen, Donnerstag, den 13. Juli, fllte sich die
Endeavour schon frh mit unseren Freunden. Eine Menge von Kanus, die
von Eingeborenen niederen Standes wimmelten, umringten das Schiff.
Zwischen 11 und 12 Uhr lichteten wir die Anker, und sobald die
Endeavour unter Segel war, nahmen die an Bord befindlichen Insulaner
von uns Abschied und weinten in bescheidener und wohlanstndiger
Betrbnis, die etwas ungemein Zrtliches und Rhrendes an sich hatte.
Das Volk in den Kanus hingegen klagte laut ob unseres Scheidens, und
jeder schien seine Stimme um die Wette mit den andern zu erheben:
eben darum kam uns diese Betrbnis mehr gemacht als natrlich vor.
Tupia bewies bei diesem Auftritt eine wahrhaft bewunderungswrdige
Standhaftigkeit und Entschlossenheit. Er weinte zwar auch; allein
sowohl seine Trnen, als auch die Gewalt, die er sich antat, um sie
zurckzuhalten, machten ihm gleich viel Ehre. Er stieg schlielich mit
Banks auf den Mastkorb, wo sie beide den Kanus zuwinkten, solange man
sie sehen konnte.

[Illustration]

[Illustration]




Kapitn Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln

Von Kapitn _James King_


An der Westkste der Insel Hawaii, im Bezirk Akona, liegt eine Bucht,
die bei den Einwohnern Karakakua (Kealakeakua) heit. Sie geht ungefhr
ein Kilometer landeinwrts, und ihre Grenzpunkte sind zwei flache, ein
halbes Kilometer weit in der Richtung von Sdsdost und Nordnordwest
voneinander gelegene Landspitzen. Auf der nrdlichen, die niedrig und
unfruchtbar ist, liegt ein Dorf, das die Eingeborenen Kauraua nennen.
Ein zweites, greres, namens Kakua, liegt in der Vertiefung der Bucht,
an einem Hain von hohen Kokospalmen; zwischen beiden ragt ein steiles,
schroffes Felsenufer hervor, das von der Seeseite unzugnglich ist.
Sdwrts hat das Land, etwa ein Kilometer einwrts, ein rauhes Ansehen.
Allein, jenseits dieser Strecke hebt es sich mit einer sanften Lehne
und zeigt berall umzunte Pflanzungen mit Kokoswldchen, zwischen
denen alles mit Wohnungen gleichsam best ist. Das Seeufer rund um
die Bucht ist gnzlich mit schwarzem Korallenfelsen bedeckt; bei
strmischem Wetter ist daher das Landen sehr gefhrlich. Doch befindet
sich neben dem Dorfe Kakua ein schner mit Sand bedeckter Strand,
an dessen einem Ende man einen Begrbnisort oder ein Marai und am
entgegengesetzten einen Bach mit Swasser antrifft. Kapitn Cook fand
diese Bucht fr seinen Plan, die Schiffe auszubessern und zugleich
Wasser und Lebensmittel einzunehmen, sehr geeignet und lie deshalb die
Resolution und Discovery hier vor Anker gehen.

Die Eingeborenen hatten kaum bemerkt, da wir willens wren, in
der Bucht zu ankern, als sie schon in hellen Haufen zum Strande
herbeieilten und ihre Freude durch Singen, Jubelgeschrei und allerlei
wilde, berschwengliche Gebrden zu erkennen gaben. In kurzer Zeit
stiegen sie scharenweise an Bord, bald darauf saen sie auch schon
berall an den Seiten und im Takelwerk der beiden Schiffe in unzhliger
Menge. Eine groe Anzahl Frauen und kleiner Jungen, die keine Kanus
hatten bekommen knnen, schwammen um uns herum und blieben auch, da
sie an Bord keinen Platz mehr fanden, den ganzen Tag ber im Wasser.
Unter anderen Vornehmen, die sich an Bord der Resolution begaben,
zeichnete sich bald ein junger Mann namens Paria durch sein wrdevolles
Benehmen aus. Er stellte sich selbst dem Kapitn Cook vor und erffnete
ihm, er sei ein Vertrauter des Knigs. Letzterer war gegenwrtig auf
einer kriegerischen Unternehmung gegen die Insel Mauwi begriffen, von
wo man ihn in 3 bis 4 Tagen zurck erwartete. Kapitn Cook machte dem
Paria einige Geschenke und gewann ihn dadurch ganz und gar fr uns.
Dies war kein geringer Vorteil; denn ohne ihn wren wir schwerlich
mit seinen Landsleuten fertig geworden. Schon sehr bald ereignete
sich ein Vorfall, bei dem wir seiner Hilfe bedurften. Wir hatten
noch nicht lange vor Anker gelegen, als wir bemerkten, da sich die
Discovery stark auf eine Seite neigte, weil sich auf ebenderselben
eine ungeheure Menge Menschen angeklammert hatte. Zugleich wurden wir
auch gewahr, da die Mannschaft die groen Scharen, die sich noch
immer in das Schiff drngten, nicht mehr zurckhalten konnte. Aus
Besorgnis zeigte Kapitn Cook unserm Paria diese Gefahr, und dieser
eilte augenblicklich der Discovery zu Hilfe, trieb die Leute hinaus
und ntigte sogar die Kanus, die sich in unzhliger Menge darumpostiert
hatten, sich zu entfernen.

Dieser Vorfall schien zu beweisen, da die Gewalt der Vornehmen ber
die niederen Volksmassen in hchstem Grade despotisch sein msse. Noch
an ebendem Tage besttigte uns das ein Vorfall auf der Resolution.
Der Schwarm der Eingeborenen hatte sich an Bord so vermehrt, da wir
unsere Geschfte nicht mehr verrichten konnten. Kapitn Cook wandte
sich daher an Kanina, einen Vornehmen, der ihm ebenfalls zugetan
war. Dieser befahl sogleich allen seinen Landsleuten, das Schiff zu
verlassen. Und zu unserem nicht geringen Erstaunen sprangen sie, ohne
sich einen Augenblick zu bedenken, alle ber Bord. Ein einziger blieb
etwas zurck und hatte, wie es schien, keine rechte Lust, dem Befehl zu
gehorchen: sogleich hob ihn Kanina mit beiden Armen auf und schleuderte
ihn ins Meer.

Die beiden hier genannten Befehlshaber waren starke, schn gewachsene
Mnner von ganz besonders angenehmer Gesichtsbildung. Kanina war einer
der schnsten Mnner, die ich je gesehen habe: er hatte regelmige,
ausdrucksvolle Zge und funkelnde, dunkelfarbige Augen. Sein Gang war
ungezwungen, fest und voll Anstand.

Whrend des langen Zeitraums, den wir mit Kreuzen um die Insel
zugebracht hatten, war das Betragen der Eingeborenen, die von Zeit
zu Zeit in See zu uns kamen, untadelhaft, ehrlich und aufrichtig
gewesen und hatte nie eine Spur von diebischen Gelsten verraten.
Wir waren darber sehr erstaunt, zumal da wir es nur mit Personen
vom niedrigsten Stande, entweder Leibeigenen oder Fischern, zu tun
gehabt hatten. Nunmehr aber wandte sich das Blatt, und die unzhligen
Scharen, die in jedem Winkel des Schiffes ihr Wesen trieben, benutzten
fleiig jede Gelegenheit, unbemerkt stehlen und vielleicht sogar
entkommen zu knnen; denn unser waren wir nur wenige. Zum Teil glaubten
wir, diese Vernderung in ihrem Betragen der anfeuernden Gegenwart
ihrer Befehlshaber zuschreiben zu mssen: wenn wir nmlich einer
verschwundenen Sache nachsprten, fanden wir sie zuletzt gewhnlich im
Besitze irgendeines Mannes von Ansehen, auf dessen Veranlassung der
Diebstahl also augenscheinlich begangen worden war.

Bald nachdem unser Schiff verankert war, fhrten unsere beiden Freunde
Paria und Kanina einen dritten Befehlshaber namens Koah an Bord. Man
gab uns zu verstehen, er sei ein Priester und habe sich in seiner
Jugend als Krieger ausgezeichnet. Er war ein hagerer, schwacher, alter
Mann von unansehnlicher Gestalt, mit triefenden, roten Augen, am ganzen
Leib mit einem weien Aussatz oder Schorf bedeckt, was eine Folge des
unmigen Kawa-Trinkens war. Man fhrte ihn in die Kajte, wo er sich
dem Kapitn Cook in groer Ehrfurcht nahte und ihm ein Stck roten
Zeugs, das er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, ber die Schulter
warf. Dann trat er einige Schritte zurck, bot ein kleines Ferkel dar
und hielt es so lange, bis er eine ziemlich lange Rede beendet hatte.
Diese Feierlichkeit, die wir whrend unseres Aufenthalts in Hawaii noch
zu mehreren Malen sahen, sollte, soviel wir aus allerlei Nebenumstnden
schlieen konnten, eine Art von gottesdienstlicher Anbetung vorstellen;
denn die Gtzenbilder der Einwohner waren smtlich mit rotem Zeug
bekleidet, und ihren Eatuas (Gttern) brachten sie gewhnlich kleine
Ferkel zum Opfer dar. Nach der Zeremonie a Koah mit dem Kapitn Cook
und geno reichlich von allem, was ihm vorgesetzt wurde, nur da
er, wie berhaupt alle Bewohner dieser Inselgruppe, Wein und andere
geistige Getrnke ungern zum zweiten Male kosten wollte.

Abends begleiteten Kapitn Cook und ich ihn an Land. Wir stiegen auf
dem sandigen Strande aus, wo uns vier Mnner mit Stben empfingen,
an deren Ende ein Bschel Hundshaare hing. Sie gingen vor uns her
und riefen dabei mit lauter Stimme eine kurze Formel aus, wovon wir
indes nur das Wort Orono (Gott) unterscheiden konnten. Die am Ufer
versammelte Menge entfernte sich bei unserem Herannahen, und es lie
sich niemand sehen, einige wenige ausgenommen, die sich unweit der
Htten des benachbarten Dorfes zur Erde niedergeworfen hatten.

Ehe ich die Anbetung, die dem Kapitn Cook hier bezeigt wurde, und
die brigen Feierlichkeiten bei seinem Empfang auf dieser Insel
schildere, mu ich noch etwas von dem Marai sagen, das an der Sdseite
des Strandes von Kakua lag. Dieses dem Gottesdienste geweihte
Gebude bestand aus einem viereckigen dichten Steinhaufen, der etwa
40 Schritt lang, 20 breit und 14 Schritt hoch sein mochte. Oben war
es platt und eben, gut gepflastert und mit einem hlzernen Zaune
umgeben, auf dem die Schdel der beim Tode ihrer Vornehmen geopferten
Gefangenen steckten. Mitten in dem so eingeschlossenen Platze stand
ein verfallenes, altes, hlzernes Gebude, das mit dem Zaun zu beiden
Seiten durch eine steinerne Mauer zusammenhing, so da der ganze
Raum in zwei Teile geschieden war. Auf der landeinwrts gelegenen
Seite standen fnf, etwa 6 Meter lange Pfhle, die einem etwas
unregelmigen Gerste zur Sttze dienten. Gegenber, nach dem Meere
hin, waren zwei kleine Huser erbaut, die durch einen bedeckten Gang
miteinander zusammenhingen.

Koah fhrte uns auf einem bequemen Steige, der von dem Strande nach
der nordwestlichen Ecke des gepflasterten Hofes hinaufging, auf die
Zinne dieses Gebudes. Am Eingang in den Hof erblickten wir zwei
hlzerne Standbilder mit verzerrten Zgen, von denen jedes ein langes,
geschnitztes Stck Holz in Form eines umgekehrten Kegels auf dem Kopfe
hatte. Der brige Krper war nicht ausgearbeitet, sondern in rotes
Zeug gehllt. Hier trat uns ein junger Mann von hohem Wuchs mit einem
langen Barte entgegen und stellte Kapitn Cook den Bildsulen vor. Dann
sang er eine Art von Hymnus, in den Koah miteinstimmte, und fhrte uns
nachher an das jenseitige Ende des Marai, wo die 5 Pfhle standen. An
dieser Stelle bildeten 12 Standbilder einen Kreis, und gerade vor der
mittelsten Figur stand ein hoher Tisch oder ein Gestell, das genau dem
Uatta oder Altar in Tahiti hnlich war. Auf ihm lag ein bereits in
Fulnis bergegangenes Schwein und unter ihm eine Menge Zuckerrohr,
Kokosnsse, Brotfrucht, Bananen und se Bataten. Koah stellte den
Kapitn unter diesen Altar, nahm das Schwein herunter und hielt es ihm
vor, wobei er zum zweitenmal mit vieler Heftigkeit und gelufiger Zunge
eine lange Rede hielt. Hierauf lie er das Schwein zur Erde fallen und,
fhrte unsern Kapitn an das Gerst. Beide kletterten unter Gefahr das
beschwerliche Stck hinan. Nunmehr sahen wir oben auf dem Marai eine
feierliche Prozession herankommen. Sie bestand aus 10 Mnnern, die
ein groes lebendiges Schwein und ein groes Stck rotes Zeug trugen.
Nachdem sie noch ein paar Schritte vorwrts getan hatten, hielten sie
still und warfen sich zur Erde nieder. Krikia, der vorhin erwhnte
junge Mann, ging zu ihnen, nahm ihnen das Zeug ab und brachte es dem
Koah, der den Kapitn damit bekleidete. Hierauf brachte er ihm das
Schwein dar, das Krikia whrenddessen auf ebendie Art wie das Zeug
geholt hatte.

Als nun Kapitn Cook, so in rotes Zeug gewickelt, in einer etwas
unbequemen Stellung in der Hhe stand und sich nur mit Mhe an den
Stcken des morschen Gerstes festhalten konnte, fingen Krikia und
Koah ihren Gottesdienst an und sangen zuweilen gemeinsam, zuweilen
abwechselnd. Das dauerte eine geraume Zeit. Endlich lie Koah das
Schwein fallen und stieg mit Kapitn Cook herunter. Nunmehr fhrte er
ihn an den zuletzt erwhnten Bildsulen vorbei, sagte im Vorbergehen
jedem Bilde etwas in einem hhnenden Tonfall und schnippte mit den
Fingern gegen sie. Endlich brachte er ihn vor das mittelste Bild, das,
da es mit rotem Zeug bekleidet war, in hherem Ansehen stehen mochte.
Daher fiel er auch davor nieder, kte es und verlangte ein gleiches
von Kapitn Cook, der sich bei dieser ganzen Feierlichkeit durchaus
nach Koahs Vorschrift verhielt.

Hierauf fhrte man uns zurck in die andere Abteilung des Marai, wo
sich eine Vertiefung im Pflaster befand, die 3-4 Meter im Quadrat und
1 Meter Tiefe haben mochte. Wir stiegen hinab, und Kapitn Cook mute
sich zwischen zwei hlzerne Bildsulen setzen, indes Koah den einen Arm
des Kapitns untersttzte und mich den andern sttzen hie. Hierauf kam
eine zweite Prozession von Eingeborenen, die ein gebratenes Schwein,
einen Pudding nebst Kokosnssen, Brotfrucht und anderen Pflanzenspeisen
trugen. Als sie sich nherten, trat Krikia an ihre Spitze und hielt
das Schwein wie gewhnlich dem Kapitn vor. Zugleich fing er wie
vorher einen Gesang an, auf den seine Gehilfen bei passenden Stellen
antworteten. Nach jeder Gegenstrophe schienen die Abstze krzer zu
werden, bis zuletzt Krikia nur zwei oder drei Worte sang, worauf
denn die brigen zum Beschlu das Wort Orono ausriefen. Diese
Opferzeremonie dauerte ungefhr eine Viertelstunde. Als sie vorbei war,
setzte sich das Volk uns gegenber nieder und fing an, das gebratene
Schwein zu zerlegen, die Pflanzenspeisen zu schlen und die Kokosnsse
aufzubrechen. Andere waren mit Zubereitung des Kawatranks beschftigt,
wozu, wie auf den Freundschaftsinseln, die Wurzel des Pfefferstrauchs
gekaut wird. Krikia nahm ein Stck vom Kern einer Kokosnu, kaute es,
wickelte es in ein Stck Zeug und rieb damit dem Kapitn Gesicht, Kopf,
Hnde, Arme und Schultern ein. Hierauf ging der Kawatrank herum, und
nachdem wir davon gekostet hatten, machten sich Paria und Koah daran,
das Fleisch des Schweines in kleinere Stcke zu zerreien und uns in
den Mund zu stopfen. Ich konnte es leicht ertragen, da mich Paria
ftterte, da er sich in allen Stcken sehr reinlich hielt; allein,
Kapitn Cook, der von Koah bedient wurde, erinnerte sich an das erste,
halbverweste Schwein und konnte keinen Bissen hinunterschlucken. Dazu
kam noch, da der Alte, um ihm eine besondere Ehre anzutun, den Bissen
erst selbst durchkute, wodurch natrlicherweise des Kapitns Ekel
nicht gerade vermindert wurde.

Als diese letzte Zeremonie, die Kapitn Cook, so gut er konnte,
beschleunigte, vorbei war, verteilten wir einige Stckchen Eisen nebst
anderen Kleinigkeiten unter das Volk, das damit uerst zufrieden
schien, und verlieen dann das Marai. Die Mnner mit den Stben
begleiteten uns wieder an unsere Boote und wiederholten dabei dieselben
Worte, die sie schon vorher, als wir das Land betraten, gesagt hatten.
Die Eingeborenen zogen sich zurck, und die wenigen, die in der Nhe
blieben, fielen, whrend wir lngs dem Ufer vorbergingen, zur Erde
nieder. Wir eilten sogleich an Bord, hatten den Kopf voll von alldem,
was wir gesehen, und waren hchst vergngt, da unsere neuen Freunde
es so beraus gut mit uns zu meinen schienen. Schwerlich lt sich die
Bedeutung der verschiedenen Feierlichkeiten, womit man uns empfangen
hatte, bestimmt angeben; selbst die Mutmaungen darber knnen nur
unsicher und einseitig sein: indes verdienten sie, wegen ihrer Neuheit
und Sonderbarkeit, ausfhrlich beschrieben zu werden. Ohne allen
Zweifel lag darin der Ausdruck einer tiefen Ehrfurcht, die sogar, was
Kapitn Cook persnlich betrifft, nahe an wirkliche Anbetung zu grenzen
schien.

Am folgenden Morgen ging ich mit einer Wache von 8 Seesoldaten,
Leutnant und Korporal mitinbegriffen, an Land, um die Sternwarte in
einer solchen Lage errichten zu lassen, da ich zugleich auf die
mit Wasserfllen und andern Arbeiten beschftigten Leute achthaben
und sie erforderlichenfalls beschtzen knnte. Indem wir in dieser
Absicht einen Platz mitten im Dorfe besichtigten, der uns sehr bequem
dnkte, erbot sich Paria mit immer gleicher Bereitwilligkeit, sowohl
um sein Ansehen geltend zu machen, als auch um uns eine Geflligkeit
zu erweisen, er wolle einige Htten niederreien lassen, die uns am
Beobachten hinderlich sein knnten. Allein, wir hielten es fr das
beste, dieses Anerbieten abzulehnen, und whlten ein Batatenfeld
dicht am Marai, das man uns auch ohne Widerrede einrumte. Um aller
Zudringlichkeit von seiten der Einwohner zuvorzukommen, heiligten die
Priester sogleich diesen Bezirk, und zwar dadurch, da sie ihre Stbe
rund umher an der Mauer, die ihn einschlo, befestigten.

Diese Art von religisem Verbot heit bei ihnen Tabu, ein Wort,
das wir whrend unseres Aufenthaltes bei den hiesigen Insulanern oft
aussprechen hrten, und dessen Wirkung sich sehr weit erstreckte. Nie
wagte es ein Kanu, in unserer Nhe anzulanden. Die Eingeborenen setzten
sich wohl auf die Mauer; allein, in den verbotenen oder tabuierten
Bezirk hineinzutreten, wagte keiner, bevor wir ihm nicht die Erlaubnis
dazu gaben. Auch waren es nur Mnner, die auf unser Verlangen mit
Lebensmitteln ber das Feld kamen; die Frauen hingegen hielten sich
fern.

Wir hatten noch nicht lange unsere Sternwarte eingerichtet, als
wir in unserer Nachbarschaft die Wohnungen einer Gesellschaft von
Priestern entdeckten, die unsere Aufmerksamkeit dadurch auf sich
zogen, da sie sich zu bestimmten Zeiten am Marai einfanden, um ihre
Amtsgeschfte zu verrichten. Ihre Htten standen rings um einen Teich
mit Wasser in einem Haine von Kokospalmen, der sie von dem Strande
und von dem brigen Dorfe abschlo und vllig ein klostermiges,
ja, einsiedlerisches Aussehen hatte. Ich gab Kapitn Cook von dieser
Entdeckung Nachricht, und er nahm sich deshalb einen Besuch dortselbst
vor.

Gleich nach seiner Ankunft am Strande fhrte man ihn zu einem
geheiligten Gebude, das hier Harre-no-Orono, das Haus des Orono,
genannt wurde. Vor dem Eingange hie man ihn, am Fu eines hlzernen
Gtzenbildes niedersitzen, das von ebender Art wie jene auf dem Marai
zu sein schien. Hier mute ich wieder einen seiner Arme untersttzen,
indes Krikia ihn mit rotem Zeuge bekleidete und in Begleitung von
zwlf Priestern ihm mit den gewhnlichen Feierlichkeiten ein Ferkel zum
Opfer brachte. Man schnrte hierauf dem Tiere den Hals zu und warf es
in ein dazu bereitetes Holzfeuer. Sobald die Haare abgesengt waren,
brachte man es wieder dar und wiederholte dabei den oben beschriebenen
Gesang. Dann hielt man das tote Ferkel dem Kapitn eine Zeitlang unter
die Nase und legte es hernach nebst einer Kokosnu zu seinen Fen.
Hierauf setzten sich die Priester, bereiteten Kawa und lieen die damit
gefllte Kokosnuschale herumgeben. Zuletzt ward ein fettes, ganz
zubereitetes Schwein aufgetragen, womit man uns wie das vorige Mal
ftterte.

Sooft Kapitn Cook whrend unseres Aufenthaltes in der Bucht an Land
kam, ging einer von den Priestern vor ihm her, rief aus, da der
Orono gelandet sei, und befahl dem Volke, sich niederzuwerfen.
Ebenderselbe Priester war auch sein immerwhrender Begleiter,
sooft er sich ins Boot begab. Hier stand er mit einem Stabe in der
Hand gewhnlich im Vorderteil und verkndigte den Eingeborenen in
ihren Khnen Cooks Annherung, worauf sie unverzglich mit Rudern
innehielten, sich auf das Gesicht niederwarfen und so lange in dieser
Stellung blieben, bis er vorber war. Sooft er sich bei der Sternwarte
aufhielt, kam Krikia sogleich mit seinen Amtsbrdern herbeigeeilt und
berreichte mit den gewhnlichen Feierlichkeiten Schweine, Kokosnsse
und Brotfrucht. Bei dieser Gelegenheit baten oftmals geringere
Befehlshaber um Erlaubnis, dem Orono ein Geschenk bringen zu drfen,
und wenn ihnen diese Bitte gewhrt wurde, boten sie in eigener Person,
gewhnlich mit deutlichem Ausdruck von Furcht in ihren Zgen, das
Schwein dar, indes Krikia und die Priester den gewhnlichen Hymnus
sangen.

Soweit war das meiste nur Hflichkeitsbezeigung, nur uere Feier und
Parade. Dabei lie es jedoch die Priestergesellschaft nicht bewenden.
Unsere am Lande sich aufhaltende Abteilung erhielt tglich einen
Vorrat von Schweinen und Pflanzenspeisen, der mehr als ausreichend
fr unseren Unterhalt war. Und mit gleicher Sorgfalt und Genauigkeit
schickten sie tglich mehrere Khne mit Lebensmitteln an Bord, ohne
je das geringste dafr zu verlangen, ohne auch nur einen entfernten
Wink deswegen zu geben. Ihre Geschenke schienen, da sie mit solcher
Regelmigkeit wiederholt wurden, in der Tat viel mehr Ausbungen
einer Religionspflicht, als bloe Wirkungen der Freigebigkeit zu sein.
Wir erkundigten uns zuweilen, auf wessen Kosten man uns so herrlich
bewirtete, und erhielten zur Antwort, es geschehe auf Kosten eines
vornehmen Mannes namens Ka-u, des Oberpriesters. Dieser Mann, von dem
man uns zugleich sagte, da er Krikias Grovater wre, begleitete den
Knig und war daher abwesend.

Alles, was den Charakter und das Betragen dieses Volkes betrifft,
mu dem Leser wegen des nachher erfolgten traurigen Auftrittes
doppelt wichtig sein. Es gehrt also auch die Bemerkung hierher, da
wir nicht immer ebensoviel Ursache hatten, mit der Auffhrung der
kriegerischen Befehlshaber oder Erihs so zufrieden zu sein wie mit
der der Priester. Im ganzen Verkehr mit jenen fanden wir sie sehr auf
ihren eigenen Vorteil bedacht. Und wollte man auch ihre Diebereien
entschuldigen, weil dieser Hang unter den Insulanern der Sdsee
allgemein ist, so lieen sie sich doch noch auerdem allerlei Anschlge
zuschulden kommen, die nicht eben rhmlich waren. Hiervon nur ein
Beispiel, worin, zu meinem Leidwesen, hauptschlich unser Freund Koah
mitverflochten war. Wenn uns irgendein Mann von Ansehen Schweine zum
Geschenke brachte, pflegten wir jederzeit betrchtliche Gegengeschenke
zu machen. Die Folge war unausbleiblich: es fehlte uns nicht nur
nie an Proviant, sondern wir hatten gewhnlich weit mehr, als wir
brauchen konnten. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Koah, der unser
unermdlicher Begleiter war, sich die Schweine auszubitten, die uns zur
Last waren, und er konnte allemal gewi sein, sie sicher zu erhalten.
Einst brachte ein Befehlshaber, den Koah selbst uns vorgestellt hatte,
ein Schwein zum Geschenk, das wir als eines derer erkannten, die noch
eben zuvor an Koah verabfolgt worden waren. Wir hegten gleich den
Verdacht, da man uns zu hintergehen suchte, und entdeckten auf weitere
Nachfrage bald, da der angebliche Befehlshaber nur ein gewhnlicher
Mann war. Jetzt erinnerten wir uns auch mancher anderer Einzelheiten,
die uns zu der Vermutung veranlaten, da man uns schon mehrmals auf
hnliche Weise ausgebeutet hatte.

[Illustration]

Alles nahm seinen gewohnten Gang bis zum 24. Januar, da zu unserer
groen Verwunderung kein einziges Kanu vom Lande abstie und keiner
von den Eingeborenen aus seinem Hause hervorkam. Nach Verlauf einiger
Stunden erfuhren wir endlich, da die Bai tabuiert und der Verkehr mit
uns aufgehoben wre, weil Terriobu nunmehr ankommen wrde. Wir hatten
auf einen solchen Vorfall nicht gerechnet und fr den heutigen Tag
noch kein Gemse eingetauscht, muten also diesmal darauf verzichten.
Unsere Leute waren indessen zu sehr an diese Erfrischungen gewhnt, um
sie so pltzlich entbehren zu knnen; daher suchten sie am folgenden
Morgen die Einwohner durch Drohungen und Versprechungen herbeizulocken.
Schon war es ihnen so weit gelungen, da einige sich fertigmachten,
mit ihren Kanus vom Lande abzustoen, als ein Befehlshaber hinzukam
und die Eingeborenen auseinanderzujagen versuchte. Man scho ihm
eine Flintenkugel ber den Kopf hinweg, und dies hatte sogleich den
gewnschten Erfolg, da er sein Vorhaben aufgab, und die Zufuhr von
nun an wieder offen blieb. Nachmittags kam Terriobu, doch gleichsam
nur inkognito, um seinen Besuch an Bord der Schiffe abzustatten. Ihn
begleitete nur ein Kanu, in dem seine Gemahlin und seine Kinder saen.
Er blieb bis gegen 10 Uhr abends an Bord und kehrte dann nach dem Dorfe
Kauraua zurck.

Am folgenden Tage, gegen Mittag, fuhr der Knig in einem groen Kanu,
von zwei andern begleitet, von dem Dorfe ab und lie sich langsam
und mit groer Pracht nach den Schiffen hinrudern. In dem ersten
Kanu sa er selbst nebst seinen Vornehmen, in kostbare, mit Federn
besetzte Mntel und Helme gekleidet und mit langen Spieen und Dolchen
bewaffnet. Im zweiten kam der ehrwrdige Ka-u, der Oberpriester, und
seine Amtsbrder, die ihre Gtzenbilder auf rotem Zeug zur Schau gelegt
hatten. Diese Bilder waren riesenmige Bsten von Korbmacherarbeit,
die mit kleinen Federn von allerlei Schattierungen, hnlich wie die
Mntel der Vornehmen, berzogen waren. Die Augen bestanden aus groen
Perlmutterschalen, in deren Mittelpunkt eine schwarze Nu befestigt
war. Im Rachen fhrten sie eine groe Reihe von doppelten Hundszhnen,
und der Mund wie die brigen Gesichtszge waren sehr verzerrt. Indem
der Zug feierlich nher kam, sangen die Priester ihre Hymnen; nachdem
sie jedoch rund um die Schiffe gerudert waren, gingen sie nicht an
Bord, sondern begaben sich nach dem Strande, wo wir unsere Posten
hatten.

Sobald ich sie herankommen sah, lie ich unsere kleine Wache aufziehen,
um den Knig zu empfangen. Kapitn Cook, der vom Schiffe aus ebenfalls
bemerkt hatte, wohin der Zug seinen Weg nahm, folgte ihm und kam fast
gleichzeitig mit ihm im Zelt an. Die Eingeborenen hatten sich hier kaum
niedergelassen, als der Knig sich schon wieder erhob und mit sehr
vielem Anstande den Mantel, den er selbst getragen, ber des Kapitns
Schultern warf, ihm einen kostbaren befiederten Helm aufsetzte und
einen zierlich gearbeiteten Fcher in die Hand gab. Hierauf breitete
er noch fnf oder sechs andere Mntel von ausnehmender Schnheit und
hohem Werte vor des Kapitns Fen aus. Dann brachten seine Leute
vier groe Schweine nebst Zuckerrohr, Kokosnssen und Brotfrucht, und
die Zeremonie schlo damit, da Kapitn Cook und der Knig ihre Namen
wechselten, was auf allen Sdsee-Inseln Brauch ist und als strkstes
Freundschaftsband betrachtet wird.

[Illustration: Der Knig warf Kapitn Cook einen Federmantel, den er
selbst getragen, ber die Schultern.]

Nunmehr kam eine Prozession von Priestern zum Vorschein, die einen
ehrwrdigen alten Mann an ihrer Spitze hatte. Ihnen folgte eine lange
Reihe von Mnnern, die teils groe Schweine herbeifhrten, teils
Bataten, Bananen und dergleichen trugen. Ich merkte es unserm Freunde
Krikia an den Augen an, da dieser Alte der Oberpriester wre, von
dessen Freigebigkeit wir schon so lange gelebt hatten. Er hielt ein
Stck roten Zeugs in Hnden, wickelte es um Kapitn Cooks Schultern und
brachte ihm dann mit den gewhnlichen Zeremonien ein kleines Ferkel
dar. Man bereitete ihm alsbald einen Sitz dicht neben dem Knige.
Hierauf fing Krikia mit seinen Begleitern die Feierlichkeiten an und
Ka-u nebst den Befehlshabern stimmten bei den Antworten oder Chren
selber mit ein.

Mit Verwunderung erkannte ich in der Person des Knigs denselben
schwachen, ausgemergelten alten Mann, der uns an Bord der Resolution
besucht hatte, als wir uns noch am Nordostende der Insel Mauwi
befanden. Es whrte auch nicht lange, so hatten wir unter seinem
Gefolge zum groen Teil alle diejenigen Personen wiedererkannt, die
damals die Nacht an Bord zubrachten. Unter dieser Zahl befanden sich
des Knigs beide jngere Shne, von denen der lteste ungefhr
sechzehn Jahre alt sein mochte. Auerdem sein Enkel Maiha-Maiha, den
wir aber kaum wiedererkennen konnten, weil er sein Haar mit einem
schmutzigbraunen Teig und Puder eingeschmiert und dadurch das wildeste
Gesicht, das ich jemals gesehen, noch scheulicher gemacht hatte.

Nach den ersten Empfangszeremonien fhrte Kapitn Cook den Knig und so
viele Vornehme, als sein Boot tragen konnte, an Bord der Resolution,
wo man sie mit allen erdenklichen Ehrenbezeigungen aufzunehmen suchte.
Kapitn Cook zog dem Knige ein Hemd an und umgrtete ihn mit seinem
eigenen Hirschfnger. Der uralte Ka-u war mit etwa sechs anderen
Befehlshabern am Lande geblieben und hatte seinen Aufenthalt in den
Priesterwohnungen genommen. Die ganze Zeit ber lie sich kein einziges
Kanu in der Bucht blicken, und die Eingeborenen blieben entweder in
ihren Htten oder lagen niedergekauert auf der Erde. Ehe der Knig das
Schiff verlie, erhielt Kapitn Cook noch die Erlaubnis, den Handel
mit den Eingeborenen wieder im gewhnlichen Umfange aufzunehmen.
Dessenungeachtet jedoch blieb das Verbot fr die Frauen in voller Kraft
bestehen, aus Ursachen, die wir nicht ergrnden konnten, und keine
durfte aus ihrer Htte hervorkommen.

Durch die stille, harmlose Auffhrung der Eingeborenen war jetzt jede
Besorgnis der Gefahr bei uns gnzlich geschwunden, so da wir nicht
einen Augenblick zgerten, uns ihnen ganz anzuvertrauen und mitten
unter sie zu gehen. Tglich spazierten Offiziere von beiden Schiffen
teils in kleinen Gesellschaften, teils auch ganz allein auf der Insel
umher und blieben oft ber Nacht aus. Ich wrde kein Ende finden,
wenn ich jeden Zug von Hflichkeit und Gte aufzeichnen wollte, womit
sie bei solchen Gelegenheiten aufgenommen wurden. Auf den Wegen
versammelten sich berall die Eingeborenen um sie her, bemhten
sich eifrig, ihnen auf allerlei Art gefllig zu sein, und waren nie
zufriedener, als wenn man ihre Hilfe in Anspruch nahm. Sie ersannen
sogar allerlei Kunstgriffe, um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen
oder uns lnger in ihrer Gesellschaft zurckzuhalten. Die Jungen und
Mdchen liefen, wenn wir durch ihre Drfer gingen, vor uns her und
hielten uns auf jedem freien Platze zurck, wo Raum zum Tanzen war. Oft
luden sie uns ein, unter dem Schatten ihrer Htten Erfrischungen zu
genieen; oft saen wir mitten in einem Kreise von Frauen und Mdchen,
die ihre ganze Kunst und Geschicklichkeit aufboten, uns mit Liedern und
Tnzen zu unterhalten.

Der Genu, den uns ihr sanftes Betragen und ihre Gastfreiheit
verschafften, ward gleichwohl durch ihren Hang zum Stehlen oft getrbt.
Es schmerzte uns, da wir manchmal in die Verlegenheit kamen, ernstlich
strafen zu mssen, whrend wir doch gern alle Hrte vermieden htten,
wenn uns nicht die Not dazu gezwungen haben wrde. Einst entdeckte
man einige der geschicktesten Schwimmer und Taucher, die sich unter
den Schiffen damit beschftigten, die Ngel auszuziehen, mit denen
der Boden beschlagen war. Sie wuten dies vermittels eines kurzen
Stckchens, an dessen einem Ende ein Kieselstein befestigt war, sehr
geschickt zu bewerkstelligen. Durch diesen Zeitvertreib kamen die
Schiffe zu sehr in Gefahr, als da wir geduldig htten zusehen knnen.
Man mute endlich mit Schrot auf die Nageldiebe schieen. Allein, dies
gengte noch nicht, sie zu vertreiben. Sie tauchten unter und waren
dann vom Schiff selbst gedeckt. Also blieb kein anderes Mittel brig,
als einen von ihnen an Bord der Discovery durchpeitschen zu lassen
und damit ein warnendes Beispiel zu geben.

Das Steuerruder der Resolution bedurfte einer vollstndigen Reparatur
und ward deshalb an Land gebracht. Zu gleicher Zeit muten die
Zimmerleute in Begleitung einiger Insulaner, die Ka-u mitschickte, sich
im Lande nach Planken umsehen, um einige andere notwendige und vor
Alter morsch gewordene Stcke zu ersetzen.

Am 28. Januar besuchte Kapitn Clerke, der bisher wegen seiner
Unplichkeit fast bestndig an Bord geblieben war, zum ersten Male
den Knig Terriobu in dessen Htte. Man empfing ihn mit ebenden
Formalitten wie den Kapitn Cook. Beim Weggehen erhielt er sogar,
obwohl sein Besuch ganz unerwartet gekommen war, ein Geschenk von
30 groen Schweinen und fr einige Wochen ausreichende Vorrte an
Frchten und Wurzeln fr seine ganze Mannschaft.

Noch hatten wir von ihren Lustbarkeiten und athletischen bungen nichts
gesehen. Diesen Abend aber wurden wir auf Verlangen einiger unserer
Offiziere mit einem Boxkampf unterhalten. Zwar vermiten wir sowohl das
Feierliche und Prchtige, was diese Spiele auf den Freundschaftsinseln
so sehenswrdig macht, als auch die Geschicklichkeit und Kraft der
Kmpfer; indes war doch manches dabei bemerkenswert.

Wir fanden auf einem ebenen Platze unweit unserer Zelte eine ungeheure
Menge Menschen versammelt. In der Mitte zwischen diesen blieb fr
die Kmpfer ein langer Raum frei, an dessen Ende die Richter unter
drei Standarten saen, die oben mit einigen buntfarbenen Zeugfetzen
nebst den Huten von ein paar wilden Gnsen und anderen Vgeln, sowie
Bscheln und Federn behangen waren. Sobald alles in Bereitschaft war,
gaben die Richter das Zeichen zum Angriff, und sogleich erschienen
die beiden Kmpfer. Sie kamen langsam hervor, hoben die Fe hinten
stark in die Hhe und strichen dabei die Fusohlen mit der Hand. Indem
sie sich einander nherten, warf jeder einen verchtlichen Blick auf
seinen Gegner, ma ihn mit seinen Augen gleichsam von Kopf bis zu Fu,
blickte dann bedeutungsvoll auf die Zuschauer, strengte die Muskeln an
und machte -- mit einem Wort -- allerlei affektierte Grimassen. Sowie
sie einander erreichen konnten, streckten sie beide Arme gerade vor
ihr Gesicht hin, auf das alle Schlge gerichtet waren. Diese teilten
sie nach unserer Meinung auf eine sehr ungeschickte Art aus: denn sie
schleuderten den ganzen Arm dabei. Sie versuchten nie, den Streich
des Gegners abzuwehren, sondern entgingen ihm durch eine Beugung des
Krpers oder dadurch, da sie zurcktraten. Der Kampf ward brigens
sehr schnell entschieden: denn sobald einer zu Boden geschlagen wurde
oder auch nur unversehens fiel, ward er fr besiegt angesehen, und der
berwinder triumphierte dann in allerlei verzerrten Gebrden, die ihrer
Absicht gem unter den Zuschauern gewhnlich ein groes Gelchter
hervorriefen. Der Sieger wartete nunmehr auf einen zweiten Gegner und,
falls er diesen auch berwand, auf einen dritten, bis eben die Reihe an
ihn kam, einem strkeren unterliegen zu mssen. Bei diesem Kmpfen wird
eine sonderbare Regel beobachtet: wenn nmlich ihrer zwei zum Angriff
in Bereitschaft stehen, kann ein dritter zwischen ihnen auftreten und
sich, wen er will, zum Gegner whlen, und dann mu sich der andere
zurckziehen. Manchmal folgten einander drei oder vier auf diese Art,
ehe es zum Angriff kam. Wenn der Kampf ungewhnlich lange dauerte
oder gar zu ungleich schien, kam ein Befehlshaber und endigte ihn
dadurch, da er einen Stock zwischen die beiden hielt. Die gutmtige
Art, womit alles vor sich ging, erfreute uns hier in gleicher Weise
wie auf den Freundschaftsinseln. Da wir aber diese Spiele veranlat
hatten, erwarteten die Zuschauer durchgehends, da wir auch selbst
daran teilnehmen wrden, und forderten unsere Leute bestndig dazu
auf. Diese aber erinnerten sich weislich der Ste, die sie dabei
auf den Freundschaftsinseln bekommen hatten, und blieben gegen alle
Herausforderungen taub.

Ein Hauptbedrfnis unserer Schiffe war das Brennholz, woran es uns
jetzt sehr gebrach. Kapitn Cook trug mir deshalb auf, mit den
Priestern in Verhandlung zu treten und ihnen den Zaun oder die
Einfassung oben auf dem Marai abzukaufen. Ich gestehe, anfnglich
zweifelte ich sehr, ob dieser Antrag schicklich wre; denn es stand
zu befrchten, da man die bloe Erwhnung fr Gottlosigkeit halten
mchte. Ich hatte mich jedoch sehr geirrt. Mein Ansuchen verursachte
nicht die allergeringste Verwunderung, vielmehr erhielt ich das
verlangte Holz ohne allen Anstand, und man forderte nicht die geringste
Bezahlung von uns. Als die Matrosen es wegtrugen, sah ich, da einer
auch eines von den geschnitzten Standbildern aufgeladen hatte, und bei
nherem Zusehen fand ich schon die ganze Zahl der am Marai in einem
Kreise aufgestellten Bildsulen in unserem Boote. Die Matrosen hatten
sie im Beisein der Eingeborenen dorthin geschafft, und diese hatten
sich darber nicht im mindesten entrstet, sondern vielmehr hilfreiche
Hand dabei geleistet. Ich hielt es indes doch fr ratsam, mit Ka-u
deshalb zu sprechen. Er hrte sich alles sehr gleichgltig an und bat
sich nur das mittelste Bildwerk wieder aus, auf das man, wie ich oben
schon bemerkte, etwas mehr zu halten schien. Dies trug er dann in eine
von den Priesterwohnungen.

Schon seit einigen Tagen hatte sich Terriobu mit seinen
Unterbefehlshabern sehr fleiig nach der Zeit unserer Abreise
erkundigt. Ich ward durch diese wiederholte Nachfrage sehr neugierig,
von ihnen zu erfahren, was die hiesigen Eingeborenen eigentlich von uns
dchten, und was fr Vorstellungen sie sich von dem Beweggrunde und den
Absichten unserer Reise machten. Um ber diesen Punkt einiges zu hren,
sparte ich keine Mhe, konnte aber weiter auch nichts herausbringen,
als da sie sich einbildeten, wir kmen von einem Lande her, wo
Miwachs geherrscht habe, und bei unserem Besuch bei ihnen htten wir
weiter keine Absicht, als uns recht satt zu essen. Freilich konnte
sie die hagere Gestalt einiger von unseren Leuten, der gute Appetit,
womit wir alle von ihren frischen Lebensmitteln aen, und unsere
groe Begierde, so viel Mundvorrat, als wir nur immer habhaft werden
konnten, einzutauschen und mitzunehmen, zu einer solchen Vermutung
bringen. Dazu kam noch der fr ihre Begriffe unnatrliche Umstand, da
wir keine Frauen mitgebracht hatten, ferner unser friedliches Betragen
und unser unwehrhaftes Aussehen. Man mute lachen, wenn man sah, wie
sie unsere Matrosen mit der Hand auf den Bauch klopften, an den Seiten
hinunterfuhren und ihnen teils durch Zeichen, teils mit Worten zu
verstehen gaben, es sei jetzt Zeit, da sie sich wieder auf den Weg
machten; wenn sie aber in der nchsten Brotfruchtzeit wiederkommen
wollten, wrde man besser imstande sein, ihren Bedrfnissen abzuhelfen.
Wir konnten nicht umhin, ihnen vollstndig recht zu geben. Denn einmal
hatte sich das Aussehen unserer Leute selbst whrend dieses kurzen
Aufenthaltes sehr merklich gebessert, so da ihre wohlgestopften Wnste
den Landesprodukten alle Ehre machten. Andrerseits hatten wir in der
Zeit von nunmehr sechzehn Tagen eine so unerhrte Menge von Schweinen
und Frchten verzehrt, da die Hawaiier wohl wnschen konnten, uns
wieder abfahren zu sehen. Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, da
Terriobu bei seiner Nachfrage weiter keine Absicht hatte, als sich
auf den Abschied gehrig vorzubereiten, um uns mit Geschenken zu
entlassen, die seiner gewohnten Ehrerbietung und Freigebigkeit gegen
uns angemessen wren. Sobald wir ihm daher Nachricht gaben, wir wrden
nach zwei Nchten abreisen, bemerkten wir, da unverzglich eine Art
von Botschaft durch die Drfer erging, vermittels deren man das Volk
aufforderte, dem Knig Schweine und Frchte zu liefern, damit er sie
dem Orono bei seiner Abreise darbringen knnte.

[Illustration: Er zeigte beim Tanze die seltsamsten Verrenkungen.]

An diesem Tage gab uns einer der Eingeborenen ganz fr sich am
Strande ein unterhaltendes Schauspiel. Er hatte eine Rassel in der
Hand und um den Hals eine Schnur, woran einige Bschel Seegras
hingen; um die Beine trug er ein etwa handbreites, gut geflochtenes,
manschettenartiges Netzwerk, an das reihenweise eine groe Menge von
Hundszhnen befestigt war. Nunmehr lie er sich im Tanze sehen und
zeigte uns dabei die seltsamsten Verrenkungen. Diese Pantomime hatte
zuweilen etwas unwiderstehlich Lcherliches, im groen und ganzen
konnte ich aber ihren Sinn nicht recht verstehen. Gegen Abend ging das
Schauspiel der Faustkmpfe von neuem an, und am Schlusse brannten wir
den unbedeutenden Rest unseres Vorrates von Feuerwerk ab; nichts in der
Welt schien mehr die Bewunderung der Hawaiier zu erregen, nichts schien
ihnen einen deutlicheren Begriff von unserer berlegenheit zu geben als
ebendiese Kleinigkeit.

Die Schiffszimmerleute waren nun schon 3 Tage abwesend und hatten
nichts von sich hren lassen. Wir fingen daher an, um ihren Verbleib
besorgt zu sein. Der alte Ka-u, dem wir unser Bedenken uerten, ward
darber nicht weniger unruhig. Und schon trafen wir gemeinsam mit ihm
Manahmen, sie aufzusuchen, als sie alle wohlbehalten zurckkamen. Sie
hatten nmlich weiter, als wir anfnglich geglaubt, landeinwrts gehen
mssen, um die zu ihrem Vorhaben tauglichen Bume zu finden. Teils
dieser Umstand, teils die schlimmen Wege und die Beschwerlichkeiten des
Transports hatten sie so lange aufgehalten. Ihre Fhrer konnten sie
nicht genug rhmen: diese guten Leute hatten immer fr Lebensmittel
gesorgt und zugleich sorgfltig ihre Gertschaften bewacht.

Der folgende Tag war endlich zu unserer Abreise bestimmt. Terriobu
lie nunmehr Kapitn Cook und mich in die Gegend von Ka-us Htte
zu sich laden. Bei unserer Ankunft fanden wir den Boden ringsherum
mit Zeugbndeln bedeckt; ferner lag eine erstaunliche Menge roter
und gelber Federn da, die an Kokosfasern gebunden waren, und eine
betrchtliche Anzahl Beile und anderes Eisengert, das die Eingeborenen
durch den Tauschhandel mit uns an sich gebracht hatten. Nicht weit
davon bemerkten wir einen ungeheuren Haufen Frchte, Wurzeln und
Pflanzen aller Art nebst einer betrchtlichen Herde Schweine. Wir
wuten anfnglich nicht, ob wir dies alles als Geschenk annehmen
sollten, bis uns Krikia belehrte, da es eine Gabe, ein Tribut der
Eingeborenen an den Knig sei. Sobald wir uns niedergelassen hatten,
kamen auch die Hawaiier und legten ein Bndel nach dem andern dem
Knig zu Fen, breiteten die Zeuglappen vor ihm aus und legten Federn
und Eisengert zur Schau. Der Knig schien an diesem Beweise ihrer
Ergebenheit Wohlgefallen zu haben, suchte ungefhr ein Drittel von dem
Eisengerte, ebensoviel von den Federn und einige wenige Stcke Zeug
aus, lie sie beiseite legen und schenkte dann Kapitn Cook und mir
alles brige Zeug nebst allen Frchten und Schweinen. Wir erstaunten
ber Wert und Gre des Geschenks, das alles, was wir je auf den
Freundschaftsinseln bekommen hatten, bei weitem bertraf. Unsere
Boote muten es sogleich an Bord fhren, wo die grten Schweine zum
Einsalzen ausgesucht, die Frchte hingegen nebst etwa 30 kleineren
Schweinen unter die Mannschaft verteilt wurde.

An demselben Tage verlieen wir das Marai und brachten unsere Zelte
nebst der Sternwarte an Bord. Der Talisman, der in dem Worte Tabu
steckte, war kaum hinweggenommen, so strzten die Eingeborenen in den
freigegebenen Bezirk und suchten emsig umher in der Hoffnung, irgend
etwas Wertvolles zu finden, das wir etwa zurckgelassen haben knnten.
Ich war als letzter am Lande geblieben und wartete auf die Rckkehr
des Bootes, das mich abholen sollte. Bald versammelte sich eine Menge
Leute um mich her, und ich mute mich niedersetzen. Sie stimmten dann
ber unsere Trennung eine Wehklage an, und mir selbst ging es nahe,
mich von ihnen loszureien. Bei dieser Gelegenheit wird man es mir
nicht verdenken, wenn ich einen geringfgigen Umstand erzhle, der
hauptschlich mich selbst betrifft. Whrend unseres ganzen Aufenthaltes
in der Bucht hatte ich ber unsere Leute das Kommando gehabt und
war ebendadurch genauer mit den Eingeborenen bekannt geworden als
manche andere, die ihrer Berufsgeschfte wegen hatten an Bord bleiben
mssen. Die Eingeborenen ihrerseits kannten auch mich besser und
gaben mir durch ihr Betragen ihre Zuneigung zu erkennen. Vor allem
aber zeichneten sich ihre Priester aus, deren grenzenlose Gte und
unerschtterliche Freundschaft ich nicht genugsam anerkennen und nicht
zu oft rhmen kann. Da ich keine Gelegenheit vorbeigehen lie, mir ihre
Liebe zu sichern, war ich auch so glcklich gewesen, mir diese in dem
Mae zu erwerben, da sie mir die allerschmeichelhaftesten Anerbieten
machten: ich solle doch ihren dringenden Bitten Gehr geben und bei
ihnen bleiben. Ich entschuldigte mich damit, da Kapitn Cook seine
Einwilligung nicht geben wrde. Allein, dieser Einwendung suchten
sie durch den Vorschlag zu begegnen, ich solle mich in das Gebirge
flchten, wo sie mich bis nach Abreise unserer Schiffe verbergen
knnten. Hiergegen versicherte ich, da der Kapitn auf keinen Fall die
Bucht ohne mich verlassen wrde. Demzufolge begaben sich Terriobu und
Ka-u zu Kapitn Cook, fr dessen Sohn sie mich hielten, und brachten
ihr Gesuch, da ich bei ihnen zurckbleiben sollte, frmlich bei ihm
an. Um ein Anerbieten, das so viel teilnehmendes Gefhl verriet, nicht
geradezu von sich zu weisen, erwiderte er, da er mich zwar diesmal
nicht entbehren knne, allein nchstes Jahr, wenn er die Insel
nochmals zu besuchen gedchte, wrde er sich bemhen, alles nach ihrem
Wunsche einzurichten.

Frhmorgens am 4. Februar lichteten wir Anker und segelten in
Begleitung der Discovery und im Gefolge einer groen Anzahl von Kanus
aus der Bucht. Kapitn Cook hatte sich vorgenommen, die noch unbekannte
Kste von Hawaii vllig zu untersuchen, wobei er noch einige Hoffnung
hatte, irgendwo eine etwas mehr geschtzte Reede als die, wo wir bisher
gelegen, anzutreffen. Schlug diese Erwartung fehl, so wollte er die
Sdostseite von Mauwi in Augenschein nehmen, wo laut den Nachrichten
einiger Insulaner ein vortrefflicher Hafen vorhanden sein sollte.

Das Wetter war sowohl an diesem als am folgenden Tage sehr still,
und wir machten nur sehr langsame Fortschritte nordwrts. Noch immer
begleitete uns eine Menge von Kanus, und Terriobu gab dem Kapitn
dadurch einen neuen Beweis seiner Freundschaft, da er ihm ein
ansehnliches Geschenk von Schweinen und Frchten nachschickte.

In der folgenden Nacht suchten wir mit Hilfe einer leichten Brise,
die vom Lande her wehte, nordwrts weiterzukommen und befanden uns am
6. Februar frh, nachdem wir die westliche Spitze der Insel umschifft
hatten, einer tiefen Bucht gegenber, die die Eingeborenen Tu-ja-ja
nennen. Es schien so, als ob wir hier einen sicheren und bequemen
Hafen antreffen wrden, da im ganzen die Lage gut gedeckt war und sich
nordostwrts einige schne Wasserbche zeigten. Hiermit stimmte auch
Koahs Aussage vllig berein, der bis jetzt den Kapitn Cook noch
immer begleitete und uns zu Ehren den Namen Britanni angenommen
hatte. Wir setzten daher ein Boot aus und schickten den Lotsen mit
unserem Britanni als Geleitsmann ab, um die Bucht zu untersuchen,
whrend sich die Schiffe durch Lavieren ebenfalls langsam in die
Bucht hineinarbeiteten. Nachmittags berzog sich der Himmel, und die
Windste vom Lande her wurden so heftig, da wir alle Segel einziehen
und unter dem einzigen Kreuzstagsegel beilegen muten. Zu Anfang des
Sturms verlieen uns alle Kanus. Auch rettete der Lotse bei seiner
Rckkehr eine alte Frau und zwei Mnner, deren Kanu der Wind umgeworfen
hatte. Auer diesen Verunglckten befanden sich eine groe Anzahl
Frauen an Bord, die die Mnner in ihrer Hast, sich selber zu retten,
zurckgelassen hatten.

Gegen Abend lie der Sturm etwas nach und gestattete uns, unsere Segel
fallen zu lassen. Gegen Mitternacht jedoch setzte er mit solchem
Ungestm wieder ein, da wir unsere beiden Marssegel dabei einbten.
Gegen Morgen am 7. Februar heiterte sich der Himmel auf. Wir banden
frische Segel an die Stengen und schifften mit gelindem Winde weiter.
Indes hatte sich gegen Mittag das Wetter immer noch nicht entschieden,
und da wir bis auf 5 Seemeilen von der Kste abgekommen waren, getraute
sich keiner von den Eingeborenen, in seinem Kanu zu uns zu kommen.
Unsere weiblichen Gste muten also, grtenteils wider ihren Willen,
noch lnger bei uns vorliebnehmen, obgleich sie alle von der Seereise
krank waren und viele von ihnen ihre Suglinge am Ufer zurckgelassen
hatten.

Nachmittags nherten wir uns dem Lande, wennschon der Wind noch immer
in heftigen Sten kam. Ungefhr in einer Entfernung von 3 Seemeilen
erblickten wir ein Kanu mit 2 Mnnern, die vermutlich im letzten Sturm
verschlagen worden waren. Sie ruderten auf uns zu, und wir legten bei,
um sie an Bord zu nehmen. Allein, die Unglcklichen waren von ihrer
Anstrengung so erschpft, da sie, wofern nicht einer unserer Hawaiier
ihnen zu Hilfe in ihr Kanu gesprungen wre, dieses allein schwerlich
an dem Strick, den wir ihnen zuwarfen, htten befestigen knnen. Wir
hatten Mhe, ihnen an den Seiten des Schiffs hinaufzuhelfen und sie an
Bord zu bringen. Auch fanden wir jetzt in demselben Kanu ein Kind von
etwa 4 Jahren, das sie unter einem Quersitz festgebunden hatten, wo es
nur mit dem Kopf ber das Wasser hervorragte. Nunmehr erfuhren wir, da
sie bereits am vorletzten Morgen das Ufer verlassen und seit der Zeit
weder Speise noch Trank zu sich genommen hatten. Wir reichten ihnen
beides mit der gewohnten Vorsicht und bergaben das Kind der Pflege
eines Weibes. Am folgenden Morgen hatten sie sich smtlich erholt.

Um Mitternacht hatte es indessen einen neuen Sturm gesetzt, in dem
unser Fockmast so stark beschdigt worden war, da wir ihn grndlich
ausbessern und zu dem Zwecke nochmals an Land gehen muten. Jetzt war
nur noch die Frage, ob wir nach der Karakakuabucht zurckkehren oder
es darauf ankommen lassen sollten, auf einer der benachbarten Inseln
einen andern guten Hafen anzutreffen. Jene Bucht war freilich nicht
allzu bequem. Zudem hatten wir die dortige Gegend an Lebensmitteln
schon ziemlich erschpft. Andrerseits war es aber nicht rtlich, einer
ungewissen Hoffnung zu vertrauen, die fehlschlagen konnte.

Wir nherten uns inzwischen wieder dem Lande, um den Eingeborenen
Gelegenheit zu geben, ihre Landsleute von unseren Schiffen abzuholen.
Obgleich wir um Mittag nur noch eine Meile vom Ufer entfernt waren,
kamen jedoch nur wenige Kanus zu uns, die noch dazu vollgepfropft mit
Leuten waren. Es blieb also kein anderer Rat, als ein Boot auszusetzen
und unsere Gste darin an Land zu schicken. Der Lotse begleitete sie
und bediente sich dieser Gelegenheit, um die Sdseite der Bucht zu
untersuchen; er fand aber daselbst gar kein frisches Wasser.

Bei vernderlichem Winde und einer stark nach Norden flutenden Strmung
kamen wir nur langsam vorwrts. Am 9. Februar abends um 8 Uhr berfiel
uns abermals ein heftiger Sturm aus Sdost, und um 2 Uhr des Morgens
entdeckten wir mitten in einem der ungestmsten Windste Brandungen
dicht bei uns, und zwar diejenigen, die wir bereits ehemals etwas
nordwrts an der Westspitze der Insel Hawaii wahrgenommen hatten. Es
blieb uns gerade noch Raum genug brig, um sie vermeiden zu knnen,
und hierauf lsten wir einige Kanonen, um der Discovery die Gefahr
anzuzeigen.

Vormittags ward es ruhig, und wir erhielten Besuch von verschiedenen
Eingeborenen. Sie erzhlten uns, da die Strme groen Schaden
angerichtet htten, und da mehrere groe Kanus zugrunde gegangen
wren. Den ganzen Tag hindurch lavierten wir gegen den Wind und waren
gegen Abend eine englische Meile von der Karakakuabucht entfernt. Weil
es indessen nicht ratsam war, im Dunkeln weiterzufahren, kreuzten wir
die Nacht hindurch auf und ab und lieen endlich am folgenden Morgen
bei Tagesanbruch die Anker an unserem vorigen Hafenplatze fallen.

Der 11. und 12. Februar gingen damit hin, den Fockmast auszuheben und
ans Land zu schaffen. Es stellte sich jetzt heraus, da der Mastbaum
schon ziemlich angefault war und in der Mitte ein so groes Loch
hatte, da vier bis fnf kleine Kohlkpfe darin Platz gehabt htten.
Zum Glck hatten wir noch groe Blcke von rotem Toa- oder Keulenholze
an Bord, die wir anfnglich zu Ankerstcken bestimmt hatten. Diese
konnten so bequem zur Ausbesserung des Mastes gebraucht werden, da
wir ihn nicht zu verkrzen brauchten. Um die Zeit nicht ungentzt
verstreichen zu lassen, brachten wir die astronomischen Instrumente
wieder an Land und errichteten unsre Zelte auf dem Marai. Unsre Wache
bestand aus 1 Korporal und 6 Seesoldaten. Die Priester, mit denen wir
wieder im besten Einvernehmen lebten, schtzten die Stelle, wo wir
den Mast hingelegt hatten, alsbald durch das Tabu und pflanzten rund
um den Ort ihre Stbe auf, wodurch sie den Eingeborenen den Zutritt
untersagten. Die Zimmerleute und anderen Arbeiter konnten also ihre
Geschfte ungestrt und in vlliger Sicherheit betreiben. Unter diese
Arbeiter gehrten auch die Segelmacher, die den Schaden, den der Sturm
an unseren Segeln verursacht hatte, in einem Hause neben dem Marai, das
uns zu diesem Zwecke von den Priestern zur Verfgung gestellt wurde,
ausbessern muten.

Ich komme nunmehr auf die Begebenheiten mit den Eingeborenen zu
sprechen, durch die das traurige Schicksal des 14. Februar langsam
vorbereitet wurde. Wir erstaunten schon, da wir geankert hatten,
nicht wenig ber den groen Unterschied zwischen unserer jetzigen und
der ehemaligen Aufnahme. Dieses Mal vernahmen wir kein frhliches
Geschrei, kein Gewirr und Getmmel unter den Insulanern. Die ganze
Bucht war leer und einsam; kaum schlichen sich hier und dort einzelne
Kanus am Ufer entlang. Die Neugier, die einen so groen Anteil an der
ehemaligen Bewegung unter den Eingeborenen gehabt hatte, konnte jetzt
allerdings befriedigt sein. Allein, von den Leuten, die uns bisher
mit soviel Gastfreundschaft bewirtet hatten, erwarteten wir doch, da
sie uns, wenngleich nicht aus Neugier, so aus freudiger Teilnahme an
unserem Wohlbefinden, mit Frohlocken ber unsere Wiederkehr htten
entgegeneilen sollen.

Wir berlieen uns allerlei Mutmaungen ber diese sonderbare Stille,
bis unser Boot, das auf Kundschaft an Land gegangen war, wieder
zurckkehrte. Der grte Teil unserer Besorgnis verschwand, als wir
erfuhren, da Terriobu abwesend sei und die Bucht unter dem Tabu
oder Bann zurckgelassen habe. Die meisten von uns beruhigten sich
bei dieser Nachricht; andere waren indes der Meinung -- oder waren
es vielleicht die nachfolgenden Ereignisse, die ihnen erst hinterher
die Vermutung einflten? --, in dem Betragen der Eingeborenen sei
etwas Verdchtiges. Der abgeschnittene Verkehr mit uns in Abwesenheit
des Knigs sei nur eine Tuschung, damit der Knig sich desto besser
mit seinen Vornehmen in der Zwischenzeit beraten knne. Es werde
wahrscheinlich die Frage entschieden, wie man sich gegen uns zu
benehmen habe. Ob dieser Verdacht begrndet war, oder ob jene Aussage
der Eingeborenen der Wahrheit nher kam, konnten wir nie mit Sicherheit
entscheiden. Es war freilich mglich, da unsere schleunige Wiederkehr
ohne sichtbare Ursache den Eingeborenen auffallen und sie beunruhigen
konnte. Es gelang uns auch nur schwer, ihnen die Notwendigkeit, die uns
zurckgetrieben hatte, begreiflich zu machen. Allein, Terriobu erschien
am folgenden Morgen und besuchte Kapitn Cook. In seinem Betragen war
nichts Zweideutiges, und mit ihm kehrte auch die Menge der Eingeborenen
zurck. Sie setzten ihren friedlichen Verkehr mit uns wie bisher fort.
Dies sind immerhin starke Beweise dafr, da sie ebensowenig ein
verndertes Betragen beabsichtigten, wie sie dergleichen von unserer
Seite erwarten mochten.

Zur Besttigung der letzten Meinung dient ein Umstand, der sich schon
bei unserer ersten Landung ereignet hatte, und zwar einen Tag, bevor
uns der Knig seinen Besuch machte. Ein Insulaner hatte an Bord der
Resolution ein Schwein verkauft und den Kaufpreis bereits empfangen,
als Paria hinzukam und ihm riet, das Schwein nicht so wohlfeil zu
lassen. Diese Unart ward Paria sehr scharf verwiesen, und man stie
ihn hinweg. Bald darauf ward das Tabu ber die Bucht ausgesprochen,
und schon glaubte jedermann, den Eingeborenen sei der Verkehr mit uns
aus keinem andern Grunde verboten worden als wegen der einem ihrer
Befehlshaber angetanen Schmach. Man sieht, wie milich es ist, aus den
Handlungen eines Volkes, dessen Sprache und Sitten man nicht kennt,
Folgerungen zu ziehen; und nicht weniger, wie groe Schwierigkeiten es
hat, bei so vieler Ungewiheit, wo der kleinste Irrtum die belsten
Folgen haben kann, im Verkehr mit diesen Leuten jeden Versto zu
vermeiden.

Bis nachmittags am 13. Februar ging alles ruhig seinen Gang. Gegen
Abend gab mir ein Offizier von der Discovery, der die Aufsicht
ber das Wasserfllen am Lande hatte, Nachricht, da sich einige
Befehlshaber am Bach unweit des Strandes eingefunden und die Insulaner,
die zum Fortrollen der Tonnen als Gehilfen unsrer Matrosen gedungen
waren, fortgejagt htten. Ihr ganzes Betragen schiene dabei so
verdchtig, als ob sie es bei diesem Unfug nicht bewenden lassen
wollten. Auf sein Verlangen gab ich ihm einen Seesoldaten bei, der
aber nur das Seitengewehr mitnehmen durfte. Nicht lange nachher kam
der Offizier zum zweiten Male und brachte die Nachricht, da sich die
Eingeborenen mit Steinen bewaffnet htten und sich sehr ungebrdig
zeigten. Ich ging also selbst hin und lie mich von einem Seesoldaten
mit seinem Gewehr begleiten. Als wir uns nherten, lieen die Insulaner
ihre Steine fallen. Ich sprach hierauf mit einigen der Vornehmen, die
nunmehr das zusammengelaufene Volk auseinandertrieben und denen,
die sich willig finden lieen, ferner erlaubten, unsern Leuten beim
Wasserfllen behilflich zu sein. Nachdem ich hier alles beruhigt
hatte, ging ich Kapitn Cook entgegen, den ich eben in seinem Boot
an Land kommen sah, und erstattete ihm Bericht von diesem Vorfalle.
Er gab mir Befehl, fr den Fall, da man uns mit Steinen wrfe oder
sonst angriffe, sofort mit scharfgeladenem Gewehr auf die Feinde Feuer
zu geben. Demzufolge beorderte ich den Korporal, die Flinten der
Schildwachen statt mit Schrot mit Kugeln laden zu lassen.

Als wir eben zusammen nach den Zelten zurckkehrten, zog ein
fortdauerndes Musketenfeuer von der Discovery unsere Aufmerksamkeit
auf sich. Die Schsse waren gegen ein Kanu gerichtet, das nach dem
Lande zueilte und von einem unserer kleinen Boote verfolgt wurde. Wir
vermuteten sogleich, da ein Diebstahl vorgefallen wre. Der Kapitn
befahl mir und einem Seesoldaten, ihm zu folgen und die Leute, die aus
dem Kanu aussteigen wrden, gefangenzunehmen. Wir liefen nach dem Ort
hin, wo das Kanu landen mute: aber als wir anlangten, hatten es die
Insassen schon verlassen und waren entkommen.

Wir glaubten, die gestohlenen Sachen mten von Wichtigkeit sein, weil
man auf der Discovery so ernste Maregeln getroffen hatte. Auch
wuten wir damals noch nicht, da sie bereits wieder zurckgegeben
worden waren. Daher wollten wir die Hoffnung, sie wiederzubekommen,
nicht fahren lassen und entschlossen uns, den Flchtlingen
nachzusetzen. Wir erkundigten uns nach dem Wege, den die Entwichenen
genommen hatten, und folgten ihnen bis zur Dmmerung 3 Kilometer weit
von unsern Zelten. Hier kam es uns so vor, als wenn die Eingeborenen
uns mit erdichteten Nachrichten nur immer weiter zu locken suchten;
wir machten daher dem Nachsuchen ein Ende und kehrten an den Strand
zurck.

[Illustration: Augenblicklich strzten die Eingeborenen ber das Boot
her und plnderten es.]

Whrend unserer Abwesenheit hatte sich ein Auftritt von der
ernsthaftesten und unangenehmsten Art zugetragen. Der Offizier, den man
in dem kleinen Boot abgeschickt hatte, kehrte schon mit den gestohlenen
und wiedererhaltenen Sachen an Bord des Schiffes zurck, als er gewahr
wurde, da Kapitn Cook mit mir den Dieben nachsetzte. So bildete er
sich ein, er msse das an den Strand gezogene Kanu beschlagnahmen.
Unglcklicherweise gehrte es dem Paria, der in demselben Augenblick
von der Discovery her kam und es mit vielen Beteuerungen seiner
Unschuld wieder zurckverlangte. Der Offizier weigerte sich, es
herauszugeben. Die Mannschaft des andern Bootes, das auf den Kapitn
wartete, gesellte sich zu ihm, und jetzt entstand eine Schlgerei,
bei der Paria mit einem Ruder einen so heftigen Schlag auf den Kopf
erhielt, da er zu Boden strzte. Nunmehr fielen die Insulaner, die
in ihrer Nhe zusammengelaufen und bisher ruhige Zuschauer geblieben
waren, unsere Leute mit einem solchen Steinregen an, da diese in der
grten Unordnung die Flucht ergriffen und nach einer vom Ufer etwas
entlegenen Klippe schwammen. Augenblicklich strzten die Eingeborenen
ber das Boot her, plnderten es und wrden es vllig in Stcke
geschlagen haben, wenn nicht Paria selbst, der sich von dem Schlage
erholt und ihn schon wieder vergessen zu haben schien, sein Ansehen
gebraucht htte. Er trieb den ergrimmten Haufen fort, winkte unseren
Leuten, sie sollten wiederkommen und ihr Boot in Besitz nehmen, und gab
zu verstehen, er wolle sich Mhe geben, die davongeschleppten Sachen
wiederherbeizuschaffen. In der Tat folgte er ihnen auch, nachdem sie
vom Lande abgefahren waren, in seinem Kanu mit eines Seekadetten Mtze
und einigen andern erbeuteten Kleinigkeiten nach. Er schien uerst
betroffen und fragte, ob ihn der Orono nun tten, oder ob er ihm
erlauben wrde, wieder an Bord zu kommen. Als man ihm versicherte, er
wrde freundschaftlich aufgenommen werden, grte er den Offizier nach
Landesbrauch durch gegenseitige Berhrung der Nasen und ruderte dann
nach dem Dorfe Kauraua hinber.

Kapitn Cook war ber die Nachricht von diesem Vorfall sehr beunruhigt
und sagte, indem wir uns zurck an Bord begaben: Ich frchte, diese
Leute werden mich zu gewaltsamen Manahmen zwingen; denn wir knnen
es nicht zugeben, da sie sich einbilden, sie htten einen Vorteil
ber uns errungen. Da es indessen Abend geworden war, konnte weiter
nichts geschehen, und Kapitn Cook begngte sich damit, die Insulaner,
die sich an Bord seines Schiffes befanden, Mnner und Frauen ohne
Unterschied, fortjagen zu lassen. Sobald dies geschehen war, kehrte ich
an Land zurck.

Weil sich unser altes Zutrauen zu den Eingeborenen durch ihr heutiges
Betragen sehr vermindert hatte, verdoppelte ich die Wachen auf dem
Marai und befahl, man solle mich rufen, sobald man jemand am Strande
lauern she. Um 11 Uhr bemerkte man 5 Insulaner, die am Fue des Marai
umherkrochen und sich uerst vorsichtig uns zu nhern schienen,
sich aber, sobald sie sahen, da sie bemerkt worden waren, aus dem
Staube machten. Um Mitternacht wagte sich wieder einer dicht an die
Sternwarte. Als die Schildwache jedoch eine Kugel ber seinen Kopf
hinwegscho, ergriff er samt den brigen die Flucht, und wir hatten nun
die Nacht ber Ruhe. Am folgenden Tage begab ich mich bei Tagesanbruch
an Bord der Resolution, um die astronomische Uhr zu holen. Schon
unterwegs riefen mich einige Leute von der Discovery an, da ihr Boot
in der Nacht von der Ankerboje, woran es festgelegen, losgemacht und
gestohlen worden sei.

Als ich an Bord kam, fand ich die Seesoldaten smtlich unter Waffen,
und Kapitn Cook war im Begriffe, seine eigene Doppelflinte zu laden.
Ich begann, ihm zu erzhlen, was in der Nacht vorgefallen war, er
unterbrach mich aber sogleich, das Boot der Discovery sei verloren,
er mache Anstalt, es wiederzubekommen. Zu diesem Zwecke werde er
sich eines Mittels bedienen, das in Fllen, wo etwas von Wichtigkeit
entwendet worden, noch niemals fehlgeschlagen sei. Er wrde nmlich
den Knig oder einige der Vornehmsten an Bord zu bekommen suchen
und sie daselbst so lange als Geiseln gefangenhalten, bis er das
Boot zurckerlangt htte. Auch habe er Befehl erteilt, alle Kanus
anzuhalten, die sich unterstehen sollten, die Bucht zu verlassen. Denn
er sei willens, sich ihrer zu bemchtigen und sie in Stcke schlagen
zu lassen, wofern er nicht im guten seinen Zweck erreichen knnte.
Demzufolge wurden die Boote beider Schiffe mit Bewaffneten rings in der
Bucht umher postiert. Und noch ehe ich das Schiff verlie, hatte man
auf einige Kanus, die zu entkommen suchten, Kanonenschsse abgefeuert.

Zwischen 7 und 8 Uhr verlieen Kapitn Cook und ich gleichzeitig das
Schiff. Er nahm in seinem Boote den Leutnant Philipps und 9 Seesoldaten
mit, ich aber fuhr in einem kleinen Boote zu unseren Arbeitern am
Strande zurck. Kapitn Cook gab mir, ehe wir uns trennten, noch den
letzten Auftrag, ich solle die Eingeborenen auf unserer Seite der Bucht
besnftigen und ihnen versichern, es wrde ihnen kein Leids geschehen;
ferner sollte ich meine Leute zusammenhalten und auf der Hut sein.
Hierauf fuhr er nach Kauraua, dem Aufenthalt des Knigs, ich aber an
den Strand. Den Seesoldaten erteilte ich sogleich die gemessensten
Befehle, das Zelt nicht zu verlassen, die Gewehre scharf zu laden und
immer bei sich zu tragen. Dann ging ich in die Htten des alten Ka-u
und der Priester und erklrte ihnen, so gut ich mich verstndlich
machen konnte, was jene feindlichen Anstalten, worber sie schon in
groe Bestrzung geraten waren, zu bedeuten htten. Da uns ein Boot
gestohlen worden sei, wuten sie bereits. Ich versicherte ihnen, da
fr sie und die Bewohner des diesseitigen Dorfes nicht die mindeste
Gefahr bestnde, obgleich der Kapitn entschlossen sei, sich das Boot
wiederzuverschaffen und die Urheber des Diebstahls zu bestrafen. Diese
Erklrung muten die Priester auf mein Verlangen dem Volke mitteilen
und es zugleich ermahnen, sich ohne Furcht, aber ruhig und friedlich zu
verhalten. Ka-u fragte mich sehr dringend, ob Terriobu in Gefahr sei.
Ich beteuerte ihm das Gegenteil und beruhigte dadurch sowohl ihn selbst
als seine Amtsbrder.

Whrend der Zeit hatte Kapitn Cook noch unterwegs das groe Boot,
das an der Nordspitze der Bucht lag, von diesem Posten abberufen und
mit sich nach Kauraua genommen. Er stieg mit dem Leutnant und den
9 Soldaten an Land und marschierte dann ins Dorf. Hier ward er mit den
gewhnlichen Ehrenbezeigungen empfangen; das Volk warf sich zur Erde
nieder, und man brachte ihm wie gewhnlich Opfer von kleinen Ferkeln
dar. Da noch keiner der Insulaner von seinem Vorhaben das geringste
wute, erkundigte er sich nach Terriobu und seinen beiden Shnen,
ein paar Knaben, die an Bord des Schiffes seine bestndigen Gste
gewesen waren. Die Knaben kamen mit den Eingeborenen, die man nach
ihnen ausgeschickt hatte, bald zum Kapitn und fhrten ihn zugleich
in die Htte, in der Terriobu die Nacht zugebracht hatte und soeben
erwacht war. Kapitn Cook lenkte das Gesprch auf das gestohlene Boot
und merkte bald, da der Knig nichts von dem Anschlage gewut hatte.
Die Einladung des Kapitns, sich mit ihm einzuschiffen und den Tag an
Bord des Schiffes zuzubringen, nahm Terriobu an und erhob sich, ihn zu
begleiten.

Alles ging nach Wunsch, die beiden Knaben saen schon im Boote, und
die anderen nherten sich dem Ufer, als die bejahrte Mutter der beiden
Knaben und eine von des Knigs Lieblingsfrauen ihm nachfolgte und ihn
mit vielen Trnen bat, er mchte sich doch ja nicht an Bord begeben.
Zugleich traten zwei Huptlinge, die mit ihr gekommen waren, hinzu,
hielten den Knig zurck, bestanden darauf, da er nicht weiterginge,
und zwangen ihn, sich niederzusetzen. Von allen Seiten nherten sich
die Eingeborenen, denen das Kanonenfeuer und die Anstalten in der Bucht
vermutlich schon groe Unruhe verursacht hatten, und drngten sich
an Kapitn Cook und ihren Knig heran. Als der Leutnant seine Leute
mitten im Gedrnge sah, wo sie, wenn es schlimm kam, ihre Gewehre nicht
htten gebrauchen knnen, machte er dem Kapitn den Vorschlag, sie auf
den Klippen lngs dem Ufer in einer Linie zu stellen. Der Haufe machte
ihnen sogleich Platz, und sie postierten sich ungefhr 30 Schritt
von dem Orte, wo der Knig sich niedergelassen hatte und noch voll
Schrecken und Bestrzung sa.

Kapitn Cook, der sein Vorhaben nicht aufgeben wollte, drang nach
wie vor mit allem Nachdruck in ihn, er mchte sich entschlieen,
weiterzugehen. Sooft aber sich der Knig geneigt zeigte, dem Kapitn zu
folgen, traten die Huptlinge hervor und hielten ihn zuerst mit Bitten
und Vorstellungen, hernach mit offener Gewalt zurck. Alle waren in
der grten Unruhe, und es blieb keine Hoffnung, ohne Blutvergieen
den Knig zu entfhren. Als Kapitn Cook dies bemerkte, lie er sein
Vorhaben endlich fahren und sagte zu Herrn Philipps: Man kann ihn
nicht mit Gewalt an Bord bringen, ohne das Leben vieler Eingeborener
aufs Spiel zu setzen.

Der Anschlag, den Kapitn Cook am Lande ausfhren wollte, war also
milungen. Doch war fr seine eigene Person kein Schatten von Gefahr
vorhanden, bis ein Nebenumstand der ganzen Sache einen anderen
Verlauf gab. Einige Kanus hatten sich vom Lande zu entfernen gesucht,
die in der Bucht postierten Schiffe hatten Feuer auf sie gegeben,
und unglcklicherweise war durch den Schu ein Huptling von hohem
Range gefallen. Kapitn Cook ging, als er vom Knige zurckkam, ganz
gemchlich dem Strande zu, als die Nachricht von diesem Todesfall sich
eben im Dorfe verbreitete. Alles geriet sofort in augenscheinliche
Erregung. Die Mnner schickten ihre Frauen und Kinder fort, legten ihre
Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit Spieen und Steinen. Einer
trat zum Hohn mit einem Stein und einem langen eisernen Dolch an den
Kapitn heran, schwenkte seine Waffen und drohte ihm mit dem Steine.
Umsonst rief ihm Kapitn Cook zu, er solle sich ruhig verhalten.
Endlich ward er durch den bermut des Menschen so gereizt, da er eine
Ladung Schrot auf ihn abscho. Das Schrot prallte ab, und der Schu tat
keine Wirkung. Im Gegenteil, die Eingeborenen wurden verwegener und
begannen, die Soldaten mit Steinen zu bewerfen. Ein Huptling wollte
Leutnant Philipps mit dem Dolch erstechen, verfehlte ihn aber und bekam
dafr einen Schlag mit dem Flintenkolben. Jetzt tat Kapitn Cook den
zweiten Schu mit einer Kugel und streckte dadurch den vordersten der
Insulaner nieder. Dies war gleichsam das Signal zu einem allgemeinen
Steinregen, der mit Musketenfeuer von den Soldaten und aus den Booten
erwidert ward. Wider alle Erwartung hielten die Insulaner das Feuer
mit unerschrockenem Mute aus, und ehe man von neuem laden konnte,
fielen sie mit schrecklichem Geheul ber unsere Mannschaft her. Und nun
erfolgte ein grlicher Auftritt voll der uersten Verwirrung.

Vier Seesoldaten wurden beim Rckzug von den Klippen abgeschnitten und
der Wut der Feinde geopfert, drei andere gefhrlich verwundet. Der
Leutnant bekam einen Dolchsto zwischen die Schultern, doch hatte er
zum Glck seinen Schu noch aufgehoben und erscho den Angreifer, als
der eben zum zweiten Sto ausholte. Unser unglcklicher Befehlshaber
stand, als man ihn zum letzten Male deutlich sah, am Rand des Wassers
und rief den Bootsleuten zu, sie sollten mit Feuern einhalten und ans
Land rudern. Einige von unseren Leuten, die dabei waren, behaupteten,
man habe, ohne seinen Befehl abzuwarten, angefangen zu feuern, und er
sei aufs uerste bemht gewesen, allem weiteren Blutvergieen Einhalt
zu tun. War dies der Fall, so lt sich mit vieler Wahrscheinlichkeit
behaupten, da seine Menschlichkeit ihm das Leben gekostet hat. Denn
solange er den Insulanern die Spitze bot, wagte es keiner, Hand an
ihn zu legen. Als er sich aber umwandte, um den Booten seine Befehle
zu erteilen, stie man ihm den Dolch in den Rcken, und er strzte
vornber ins Wasser. Da ihn die Insulaner fallen sahen, erhoben sie
ein groes Jubelgeschrei, schleppten den Leichnam an Land und rissen
einander den Dolch aus den Hnden, um den Toten in wilder Wut zu
zerfleischen.

[Illustration: Als er sich umwandte, stie man ihm den Dolch in den
Rcken.]

So fiel unser groer, vortrefflicher Befehlshaber. Nicht zu frhzeitig
fr ihn selbst, fr ihn, dessen Leben eine Reihe groer, glnzender
und glcklicher Unternehmungen war, und der die Vollendung der groen
Aufgabe, zu der ihm die Vorsehung das Leben gab, noch erlebte. Nur
den Genu des Ruhms, den er bereits errungen hatte, entri ihm der
Tod. Diejenigen aber, die sich auf seine weise Fhrung voll Zuversicht
verlieen, denen seine teilnehmende Sorge ihre Beschwerden erleichterte
und Trost in Mhseligkeiten gab, fhlten seinen Verlust tief und
bejammerten ihn unaussprechlich. Wer knnte auch unseren Schrecken und
die allgemeine Bestrzung ausmalen, die auf diesen so furchtbaren und
unerwarteten Schlag folgte?

Wie schon erzhlt worden ist, wurden vier von den Seesoldaten, die
Kapitn Cook begleitet hatten, durch die Eingeborenen auf dem Platze
gettet; die brigen nebst ihrem Leutnant Philipps warfen sich ins
Wasser und retteten sich schwimmend unter dem Schutze des unablssigen
Feuerns ihres Bootes. Bei dieser Gelegenheit gab Leutnant Philipps
einen auffallenden Beweis von Tapferkeit und Liebe zu seinen Leuten.
Er hatte kaum das Boot erreicht, als er einen von den Seesoldaten,
der nicht sonderlich schwimmen konnte, mit den Wellen kmpfen und so
in groer Gefahr sah, von den Feinden ergriffen zu werden. Sogleich
sprang er, obwohl er selbst stark verwundet war, zu seinem Beistand
ins Wasser, und wennschon er dabei einen so heftigen Steinwurf an den
Kopf bekam, da er selbst beinahe untergesunken wre, ergriff er den
Soldaten und brachte ihn in Sicherheit.

Unsere Leute in den Booten, die whrend des ganzen Vorganges nur etwa
20 Schritt vom Land gestanden hatten, unterhielten noch einige Zeit
lang ein heftiges Feuer, um ihren unglcklichen Kameraden, im Fall
noch der eine oder andere von ihnen lebte, Gelegenheit zur Flucht zu
geben, und in derselben Absicht wurden auf der Resolution einige
Kanonenschsse abgefeuert. Als die Eingeborenen dadurch endlich zum
Weichen gebracht wurden, eilten fnf von unseren jungen Kadetten in
Booten zum Ufer, wo sie die Krper ihrer Landsleute leblos auf der Erde
liegen sahen. Da sie ihre Munition meistens schon verbraucht hatten
und ihrer eine so geringe Zahl war, hielten sie das Fortschaffen der
Leichen fr zu gefhrlich, lieen sie daher nebst 10 Gewehren im Besitz
der Eingeborenen und kehrten zu den Schiffen zurck.

Sobald man sich von der allgemeinen Bestrzung, die dieser unglckliche
Vorfall an Bord beider Schiffe verbreitete, etwas erholt hatte,
erinnerte man sich unserer Leute auf dem Marai, wo der Mast und die
Segel unter einer Bedeckung von nur 6 Mann am Lande lagen. Unmglich
kann ich meine Unruhe whrend der ganzen Dauer dieses Vorfalles
schildern. Da wir uns kaum ein Kilometer weit vom Dorfe Kauraua
befanden, konnten wir deutlich sehen, da sich ein ungeheurer Haufe auf
dem Platze versammelte, wo kurz vorher Kapitn Cook gelandet war. Auch
hrten wir das Musketenfeuer und bemerkten auerordentliche Verwirrung
unter dem Haufen. Nachher sahen wir die Eingeborenen fliehen, die Boote
aber vom Lande abstoen und in aller Stille zwischen den Schiffen hin
und her fahren. Mein Herz ahnte nichts Gutes; auch war es, da es auf
ein so teures, wertvolles Leben ankam, unmglich, bei so befremdlichen
Zeichen seine Ruhe zu bewahren. Ich wute auerdem, da der Kapitn
durch einen langen, ununterbrochen glcklichen Fortgang seiner
Unternehmungen und der Verhandlungen mit den Eingeborenen so viel
Zutrauen zu ihnen gefat hatte, da ich immer frchtete, er mchte
einmal in einem unglcklichen Augenblick zu unachtsam sein; und gerade
jetzt dachte ich an die Gefahr, der er sich durch dieses Zutrauen
aussetzte, ohne eben vielen Trost aus der Erfahrung schpfen zu knnen,
durch die es bedingt wurde.

Das Volk, das in groer Menge um die Mauern unseres tabuierten Feldes
versammelt war, schien ebenso ratlos als wir selbst, wie alles, was man
sah und hrte, zu erklren sei. Ich versicherte ihnen also, sobald ich
das erste Musketenfeuer hrte, sie brauchten nicht unruhig zu werden;
ich wnschte auf alle Flle, Frieden zu halten. In dieser Lage blieben
wir, bis die Boote an Bord zurckgekehrt waren. Als aber Kapitn Clerke
durch sein Fernrohr bemerkte, da wir von den Eingeborenen umringt
waren, befrchtete er, sie mchten uns angreifen, und lie mit zwei
vierpfndigen Kanonen auf sie feuern. Glcklicherweise taten die
Kugeln, so gut sie auch gezielt waren, keinen Schaden. Indes gaben
sie den Eingeborenen einen augenscheinlichen Beweis von ihrer groen
Wirkungskraft: denn eine derselben brach einen Kokosnubaum, unter
dem eine Anzahl von ihnen sa, in der Mitte durch, und die andere
zersplitterte einen Felsen, der in einer geraden Linie mit ihnen stand.
Da ich ihnen eben auf das eifrigste beteuert hatte, da sie sich in
vlliger Sicherheit befnden, war ich ber diese feindliche Manahme
uerst betreten und schickte, damit sie nicht wiederholt wrde,
sogleich ein Boot an Kapitn Clerke und lie ihm sagen, ich stnde bis
jetzt noch mit den Eingeborenen in friedlichem Verkehr; wenn mich aber
in der Folge die Umstnde ntigen sollten, mein Betragen gegen sie
zu ndern, so wrde ich eine Fahne aufziehen, um ihm anzuzeigen, da
er uns Beistand leisten mchte. Wir erwarteten nunmehr die Rckkehr
des Bootes mit grter Ungeduld. Nach einer Viertelstunde, die wir
unter der qulendsten Angst und Ungewiheit zubrachten, kam einer der
Offiziere und besttigte uns leider die Berechtigung unsrer Unruhe.
Zugleich brachte er uns Befehl, die Zelte so schnell als mglich
abzubrechen und die Segel, die zum Ausbessern an Land waren, an Bord zu
schicken. Whrend der langen Zeit hatte auch unser Freund Krikia von
einem Eingeborenen, der von der anderen Seite der Bucht gekommen war,
Kapitn Cooks Tod erfahren und kam bekmmert und niedergeschlagen zu
mir, um zu fragen, ob das wahr sei.

Unsere Lage war jetzt sehr kritisch und gefhrlich. Unser Leben stand
auf dem Spiel, und berdies handelte es sich auch um den Ausgang der
ganzen Unternehmung und um die Rckkehr unserer Schiffe. Der Mast der
Resolution und unsere meisten Segel, deren Verlust unersetzlich
gewesen wre, lagen unter der geringen Bedeckung von 6 Seeleuten am
Ufer. Und obschon die Eingeborenen bis jetzt noch nicht die geringste
Neigung geuert hatten, uns anzugreifen, so war es doch sehr
ungewi, welchen Einflu die Nachricht von dem Vorgang in Kauraua
auf sie haben wrde. Damit nicht etwa die Furcht vor unserer Rache
oder das unglckliche Beispiel, das die Eingeborenen vor sich sahen,
sie antreiben mchte, die gegenwrtige vorteilhafte Gelegenheit zu
bentzen und uns einen zweiten Streich zu versetzen, gab ich vor, ich
glaube die Nachricht von Kapitn Cooks Tode nicht, und bat zugleich
den Krikia, er mchte ihr auch seinerseits widersprechen. Zugleich
forderte ich ihn auf, den alten Ka-u und die brigen Priester in ein
groes Haus nahe dem Marai zu bringen, teils um sie fr den uersten
Fall zu sichern, teils um sie in der Nhe zu haben und mich womglich
ihres Ansehens bei dem Volke zur Erhaltung des Friedens bedienen
zu knnen. Nunmehr postierte ich die Seesoldaten auf die Hhe des
Marai, eine starke, vorteilhafte Stellung, befahl dem Offizier auf das
strengste, nur in Selbstschutz zu handeln, und ging dann an Bord der
Resolution, um Kapitn Clerke unsere gefhrliche Lage zu schildern.
Sobald ich das Ufer verlie, griffen die Eingeborenen unsere Leute
mit Steinen an, und kaum hatte ich das Schiff erreicht, als ich die
Seesoldaten schon feuern hrte. Ich kehrte daher unverzglich an das
Ufer zurck und fand, da die Lage mit jedem Augenblick bedrohlicher
wurde. Die Eingeborenen bewaffneten sich, legten ihre Mattenpanzer an
und verstrkten sich zusehends. Ich bemerkte auch verschiedene groe
Haufen, die lngs der Klippen auf uns zukamen. Anfangs warfen sie
hinter der Mauer hervor, womit ihre Pflanzung umgeben war, Steine nach
uns. Da sie aber keinen Widerstand fanden, wurden sie bald khner,
und einige entschlossene Kerle, die unter den Felsen lngs dem Ufer
fortgekrochen waren, zeigten sich pltzlich am Fu des Marai, um
ihn, wie es schien, von der Seeseite als dem einzigen zugnglichen
Orte zu erstrmen. Sie lieen sich auch nicht eher vertreiben, als
bis wir mehrmals gefeuert und einen gettet hatten. Einer von diesen
Kriegern gab ein besonders lobenswertes Beispiel von Tapferkeit. Als
er ungeachtet des Feuers unserer Gewehre zurckkehrte, um den Leichnam
eines Gefallenen fortzutragen, wurde er verwundet und mute sich nach
Preisgabe des Leichnams zurckziehen. Nach einigen Minuten kam er
wieder, wurde aber durch einen abermaligen Treffer an seinem Vorhaben
gehindert. In diesem Augenblick kam ich bei dem Marai an und sah ihn
zum dritten Male blutend und entkrftet zurckkehren. Als ich erfuhr,
was sich zugetragen hatte, verbot ich den Soldaten, zu feuern, so
da jener ruhig seinen Freund forttragen konnte. Kaum war ihm dies
gelungen, als er selbst niederstrzte und starb.

Da nunmehr eine ansehnliche Verstrkung von beiden Schiffen gelandet
war, zogen sich die Eingeborenen hinter ihre Mauer zurck. Hierdurch
erhielt ich Zugang zu den uns freundschaftlich gesinnten Priestern und
schickte sogleich einen von ihnen an das Volk ab, um zu versuchen, ob
sie zum Frieden zu bewegen wren, und um ihnen vorzuschlagen, da meine
Leute das Feuer einstellten, wenn sie ihrerseits nicht mehr mit Steinen
wrfen. Dieser Waffenstillstand ward angenommen, und man lie uns
ungestrt den Mast in See stoen und die Segel nebst den astronomischen
Instrumenten fortschaffen. Sobald wir das Marai verlassen hatten,
nahmen sie es in Besitz und schleuderten einige Steine nach uns hin,
die uns aber keinen Schaden taten.

Es war halb 12 Uhr, als ich an Bord der Discovery anlangte, wo
man ber unsere knftigen Manahmen noch keinen Rat gehalten hatte.
Wir beschlossen, auf alle Flle darauf zu bestehen, da unser Boot
zurckgegeben und der Leichnam Kapitn Cooks ausgeliefert werden solle,
und ich selbst stimmte noch dafr, da im Notfall einige entschlossene
Schritte unternommen werden mten. Obgleich man sich vorstellen kann,
da mein Schmerz ber den Tod des geliebten, geehrten Freundes groen
Anteil an diesem Entschlusse hatte, so waren doch auch viele andere
wichtige Grnde dafr vorhanden. Der bermut, den der Fall unsers
Befehlshabers bei den Eingeborenen erregt, und der kleine Vorteil,
den sie am Tage vorher ber uns erhalten hatten, mute sie ermuntern,
noch weitere Versuche zu wagen, besonders da ihnen die bisherigen
Vorflle noch keine rechte Furcht vor unsern Feuerwaffen hatten
einflen knnen, und da deren Wirkung berdies, ganz gegen unsre
Erwartung, nicht das mindeste Erstaunen bei ihnen hervorgerufen hatte.
Auf der anderen Seite war unsere Lage so gefhrlich, die Schiffe in
so schlechtem Verteidigungszustande, die Manneszucht an Bord so bel
beschaffen, da wir unmglich fr die Folgen htten einstehen knnen,
wenn man uns in der Nacht angegriffen htte. In dieser Besorgnis waren
die meisten Offiziere derselben Meinung wie ich. Und in der Tat konnte
nichts den Eingeborenen mehr Mut zu einem Angriff geben als unsre
anscheinende Neigung zu einem Vergleich, die sie sich nur aus unserer
Furcht oder Schwche htten erklren knnen.

Zur Empfehlung friedlicher Maregeln ward hingegen mit Recht angefhrt,
das Unglck sei nun einmal unwiderruflich geschehen, und die vorige
Freundschaft und Gte der Eingeborenen gbe ihnen ein Anrecht auf
unsere Achtung, besonders da der letzte traurige Vorfall kein
vorbedachtes Unternehmen schiene, und da Terriobus Bereitwilligkeit,
Kapitn Cook an Bord zu folgen, als seine Knaben sich wirklich schon
im Boot befanden, ihn ganz von dem Verdachte befreien msse, selbst
um den Diebstahl gewut zu haben. Das Betragen seiner Frau und der
Huptlinge lasse sich leicht der Furcht zuschreiben, die der Anblick
der bewaffneten Soldaten des Kapitns und der kriegerischen Zurstungen
in der Bucht bei ihnen verursacht haben msse. Diese letzteren wren
dem freundschaftlichen, vertraulichen Umgange, der bisher zwischen
beiden Teilen stattgehabt htte, so wenig angemessen gewesen, da die
Eingeborenen dem Anscheine nach begrndetes Recht haben konnten, sich
der Entfhrung ihres Knigs zu widersetzen -- wie man von einem Volke,
das seinen Herrschern so tief ergeben sei, leicht habe erwarten drfen.
Auer diesen menschlichen Grnden fhrte man noch andre an, die die
Klugheit an die Hand gab. Wir litten Mangel an Wasser und anderen
Erfrischungen, und an dem Vordermast msse man noch eine ganze Woche
arbeiten, ehe er aufgerichtet werden knne. Der Frhling nhere sich
nun allmhlich, und wir drften die Fortsetzung unserer Unternehmungen
am Nordpol nicht aus den Augen verlieren. Ein rachschtiger Streit
knne uns nicht allein den Vorwurf der Grausamkeit zuziehen, sondern
auch eine unvermeidliche Verzgerung in der Ausrstung der Schiffe
veranlassen.

Kapitn Clerke vertrat diese letzte Ansicht, und obgleich ich berzeugt
war, da unserm Empfinden durch einen unmittelbaren, nachdrcklichen
Beweis unsers Unwillens besser Genge geschehen wre, war ich doch
nicht unzufrieden, da mein Rat verworfen wurde.

Indes wir unsern Plan besprachen, blieb eine auerordentliche Menge
Eingeborener am Strande versammelt, und einige von ihnen waren so khn,
sich den Schiffen bis auf Pistolenschuweite zu nhern und uns durch
verschiedene verchtliche und herausfordernde Gebrden zu beschimpfen.
Die Matrosen konnten nur mit groer Mhe abgehalten werden, ihre
Waffen zu gebrauchen. Da wir uns aber einmal zu friedlichen Maregeln
entschlossen hatten, lieen wir die Kanus unangefochten zurckkehren.

Unserm Entschlu gem erhielt ich vor versammelter Mannschaft und in
bestimmtesten Ausdrcken den Befehl, mit allen Booten beider Schiffe,
die gut bewaffnet und bemannt sein sollten, an Land zu rudern, um
die Eingeborenen zu einer Unterredung zu bewegen und womglich eine
Zusammenkunft mit den Huptlingen durchzusetzen. Gelnge dies, so
sollte ich sie auffordern, die Leichname unserer Landsleute, vor allem
aber den unseres Kapitns, uns auszuliefern. Im Fall ihrer Weigerung
sollte ich ihnen mit unserer Rache drohen, aber nicht eher feuern, als
bis wir angegriffen wrden, und unter keinen Umstnden landen.

Ich verlie die Schiffe um 4 Uhr nachmittags. Indem wir uns dem
Strande nherten, bemerkte ich schon aus allen Anzeichen, da wir
feindlich empfangen werden wrden. Alle Eingeborenen waren in Bewegung,
die Frauen und Kinder zogen sich zurck, die Mnner legten ihre
Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit langen Speeren und Dolchen.
Wir wurden auch gewahr, da sie seit diesem Morgen an dem Platze,
wo Kapitn Cook gelandet war, Brustwehren von Steinen aufgeworfen
hatten, vermutlich weil sie frchteten, wir mchten sie von dieser
Seite angreifen. Sobald sie uns erreichen konnten, fingen sie an,
Steine auf uns zu werfen, die uns indes keinen Schaden taten. Da ich
nunmehr einsah, da alle Versuche, sie zu einer Unterredung zu bringen,
fruchtlos seien, wenn ich ihnen nicht zuerst eine Veranlassung zu
gegenseitigem Vertrauen gbe, so lie ich die bewaffneten Boote halten
und nherte mich allein mit einer weien Fahne in der Hand. Diese
ward, wie mir zu meiner groen Zufriedenheit das Freudengeheul der
Eingeborenen anzeigte, als Friedenszeichen erkannt. Die Frauen kehrten
sogleich von der Berglehne zurck, wohin sie sich geflchtet hatten.
Die Mnner warfen ihre Panzer ab, und alle setzten sich am Wasser
nieder und luden mich mit ausgebreiteten Armen ein, ans Ufer zu kommen.

[Illustration: Kapitn King nherte sich mit einer weien Fahne in der
Hand.]

Obschon dieses Betragen sehr freundschaftliche Gesinnungen auszudrcken
schien, hegte ich dennoch einigen Verdacht. Als ich indes sah, da
Koah unbegreiflich khn und zuversichtlich mit einer weien Fahne in
der Hand mir entgegenschwamm, hielt ich es fr ntig, dieses Zeichen
des Zutrauens zu erwidern, und nahm ihn in mein Boot auf. Zwar war er
bewaffnet, was mein Mitrauen nicht gerade verringern konnte. Schon
lange hatte ich nicht die vorteilhafteste Meinung von ihm gehabt.
Die Priester sagten uns immer, er sei boshaft und uns nicht gewogen.
Wiederholte Entdeckungen seiner hinterlistigen und betrgerischen
Anschlge hatten ihre Aussage besttigt. Das alles nebst dem emprenden
Auftritt an diesem Morgen, bei dem er eine groe Rolle gespielt hatte,
erregten in mir, als ich ihm so nahe sa, den grten Abscheu gegen
ihn. Und als er mit erheuchelten Trnen zu mir kam, um mich zu umarmen,
hatte ich einen so starken Verdacht gegen seine Absicht, da ich mich
nicht abhalten lie, die Spitze seines Pahua oder Dolches, den er in
der Hand hielt, zu ergreifen und von mir abzuwenden. Ich sagte ihm,
ich sei gekommen, des Kapitns Cook Leichnam zu fordern und Krieg zu
erklren, wenn er nicht sogleich ausgeliefert wrde. Er versicherte
mir, es werde sobald als mglich geschehen, und er selbst wolle sich
darum bemhen. Hierauf bat er mich so zuversichtlich, als ob nichts
vorgefallen sei, um ein Stckchen Eisen, sprang in die See und rief,
indem er ans Ufer schwamm, seinen Landsleuten zu, wir wren wieder gute
Freunde.

Wir erwarteten beinahe eine Stunde lang mit der grten Unruhe Koahs
Rckkehr. Whrend dieser Zeit waren die brigen Boote dem Ufer so
nahe gekommen, da sie sich in einiger Entfernung von uns mit einem
Teil der Eingeborenen in ein Gesprch hatten einlassen knnen, wobei
wir erfuhren, der Leichnam sei in Stcke geschnitten und landeinwrts
geschleppt worden.

Als ich nunmehr anfing, meine Ungeduld ber Koahs Verzgerung
durchblicken zu lassen, drangen die Huptlinge in mich, ich mchte
ans Ufer kommen, und versicherten mir zugleich, der Krper solle uns
unverzglich ausgeliefert werden, wenn ich selbst zu Terriobu gehen
wollte. Als sie sahen, da ich mich durchaus nicht bereden lie,
an Land zu kommen, suchten sie unter dem Vorwande, wir wrden uns
so bequemer unterhalten knnen, das Boot zwischen einige Felsen zu
ziehen, wo sie es von den brigen htten abschneiden knnen. Diese
List lie sich leicht durchschauen, und ich war schon im Begriff, die
Verhandlungen fr immer abzubrechen, als ein Vornehmer zu uns kam,
der ein besonderer Freund des Kapitns Clerke und der Offiziere des
Discovery war und auf diesem Schiffe, als wir das letztemal die Bucht
verlassen hatten, nach Mauwi hatte gehen wollen. Dieser sagte mir,
Terriobu habe ihn geschickt, um uns zu benachrichtigen, man habe den
Leichnam weiter ins Land geschafft, werde ihn uns aber am folgenden
Morgen zuschicken. Sein Betragen schien aufrichtig zu sein, und als
wir ihn befragten, ob er die Wahrheit rede, verschrnkte er die beiden
Zeigefinger ineinander, was bei den Bewohnern dieser Insel ein Zeichen
von Wahrhaftigkeit ist, in dessen Verwendung sie sehr gewissenhaft sind.

Da ich nun nicht wute, was hier weiter zu tun wre, schickte
ich einen Leutnant zu Kapitn Clerke, um ihm Nachricht von allen
Vorfllen zu geben und ihm sagen zu lassen, da ich sehr zweifelte,
ob die Eingeborenen ihr Wort halten wrden, da sie, anstatt ber das
Vergangene betrbt zu sein, vielmehr voll Mut und Zuversicht wegen
ihres letzten Vorteils wren und augenscheinlich nur Zeit zu gewinnen
suchten, uns durch List in ihre Netze zu ziehen. Der Leutnant brachte
uns den Befehl, an Bord zurckzukehren und vorher den Einwohnern
bekanntzugeben, da der Ort zerstrt werden wrde, wofern der Leichnam
am nchsten Morgen nicht ausgeliefert wrde.

Als sie merkten, da wir umkehren wollten, suchten sie uns durch die
beschimpfendsten und verchtlichsten Gebrden zu reizen. Einige von
unseren Leuten sagten auch, sie knnten verschiedene Eingeborene in den
Kleidern unserer unglcklichen Gefhrten umhergehen sehen. Unter anderm
bemerkte man auch, da einer von ihren Huptlingen den Hirschfnger
unseres ermordeten Kapitns schwenkte, und da eine Frau die Scheide
der Waffe hoch hielt. Allerdings mute ihnen unser Betragen eine
schlechte Vorstellung von unserer Macht und Tapferkeit geben; denn sie
konnten wohl nur wenig Sinn fr die Beweggrnde der Menschlichkeit
haben, die unser Betragen bestimmten.

Zufolge des Berichts, den ich Kapitn Clerke von den gegenwrtigen
Gesinnungen der Eingeborenen abstattete, wurden die wirksamsten
Maregeln getroffen, das Schiff vor einem nchtlichen berfall zu
schtzen. Die Boote wurden an Ketten festgemacht, die Schiffswachen
verdoppelt und Wachtboote ausgesetzt, die rundumher rudern und
die Eingeborenen abhalten sollten, wenn sie etwa die Ankertaue zu
zerschneiden versuchten. In der Nacht sahen wir eine Menge Lichter
auf den Bergen und wurden dadurch zu der Annahme veranlat, da die
Eingeborenen aus Furcht vor unseren Drohungen ihre Gter weiter ins
Land schickten. Ich bin aber geneigt zu glauben, da sie wegen des
ihrer Vermutung nach bevorstehenden Krieges Opfer gebracht haben.
Und noch wahrscheinlicher ist es, da man damals die Leichname
unserer Landsleute verbrannt hat. Als wir spter an der Insel Molokai
vorbeisegelten, sahen wir ebensolche Feuer, und einige von den
Eingeborenen sagten uns, man habe sie wegen des Krieges angezndet,
der einer benachbarten Insel erklrt worden sei. Das stimmt auch
mit unseren Erfahrungen auf den Freundschaftsinseln berein, wo die
Huptlinge bei einem bevorstehenden Angriff des Feindes den Mut des
Volkes immer durch nchtliche Feste anzufeuern und zu beleben suchten.

Wir blieben die ganze Nacht ungestrt und hrten nur Geheul und Klagen
vom Ufer her schallen. Frh am Morgen kam Koah und bat um Erlaubnis,
mir etwas von dem Zeug und ein kleines Ferkel zum Geschenk anbieten
zu drfen. Da er gerade nach mir fragte, lt sich leicht erklren.
Wie ich schon gesagt habe, hielten mich die Eingeborenen fr Kapitn
Cooks Sohn. Und da Cook sie bei seinen Lebzeiten immer in diesem
Irrtum beharren lie, dachten sie wahrscheinlich, nun, da er tot sei,
htte ich den Befehl bernommen. Sobald ich auf das Verdeck trat,
fragte ich Koah nach dem Leichnam unseres Kapitns. Da er mir nur mit
Ausflchten Rede stand, wies ich seine Geschenke zurck und wrde
ihn mit deutlichen uerungen von Zorn und Unmut fortgeschickt haben,
wenn nicht Kapitn Clerke es fr alle Flle besser befunden htte, die
anscheinende Freundschaft zu erhalten und ihm mit der gewhnlichen
Achtung zu begegnen.

Der verrterische Koah kam im Laufe des Vormittags noch oft mit seinen
nichtssagenden Geschenken zurck. Da er jederzeit alle Teile des
Schiffes mit groer Aufmerksamkeit betrachtete, machte ich ihn darauf
aufmerksam, da wir zur Verteidigung bereit seien. Er war uerst
zudringlich in seiner Bitte, da Kapitn Clerke und ich ans Ufer kommen
sollten, und schob die Verzgerung der Auslieferung der Leichname
ganz auf die anderen Huptlinge. Doch versicherte er uns, alles wrde
nach unseren Wnschen geschehen, wenn wir uns zu einer mndlichen
Unterredung mit Terriobu bewegen lieen. Allein, seine Auffhrung war
zu verdchtig, als da wir bei ruhiger berlegung in seine Bitte htten
willigen knnen. Auch erfuhren wir nachher wirklich einen Umstand, aus
dem wir seine Lgenhaftigkeit erkannten. Man sagte uns nmlich, der
alte Knig habe sich unmittelbar nach dem Handgemenge, in dem Kapitn
Cook sein Leben verlor, nach den steilen Gebirgen hinter der Bucht zu
einer Hhle begeben, in die man nur durch Seile hinabknne. Hier ist
er, nach der Aussage der Eingeborenen, verschiedene Tage geblieben,
whrend welcher man ihm seine Nahrung an Stricken hinuntergelassen habe.

Als Koah vom Schiffe zurckkehrte, drngten sich seine Leute, die sich
vor Tagesanbruch in groen Haufen am Ufer versammelt hatten, lebhaft
um ihn her, als ob sie aus seinen Nachrichten vernehmen wollten, was
weiter zu tun sei. Wahrscheinlich erwarteten sie die Erfllung unserer
Drohung und schienen dabei vllig entschlossen, uns die Spitze zu
bieten. Den ganzen Morgen ber hrten wir in verschiedenen Gegenden
der Kste in die Trompetenschnecke blasen und sahen groe Haufen
von Eingeborenen ber die Hgel kommen. Kurz, aller Anschein war so
beunruhigend, da wir einen Stromanker auswarfen, um im Falle eines
Angriffs die Breitseite des Schiffs gegen das Dorf richten zu knnen.
Auch stellten wir der Nordspitze der Bucht gegenber Boote aus, um
einen berfall von dieser Seite zu verhten.

Da die Eingeborenen ihr Versprechen, die Leichname der Erschlagenen
auszuliefern, nicht gehalten hatten und lauter kriegerische Anstalten
machten, hielten wir neue Beratungen ab, was fr Maregeln wir nunmehr
ergreifen sollten. Endlich ward beschlossen, die Ausbesserung des
Mastes nebst den brigen Anstalten zu unserer Abreise durch nichts
stren zu lassen, dessenungeachtet aber die Verhandlungen wegen
Rckgabe der Leichname fortzusetzen.

Den grten Teil des Tages brachten wir damit zu, den Vordermast auf
dem Verdeck in eine solche Lage zu bringen, da die Zimmerleute daran
arbeiten konnten. Auerdem muten die ntigen Vernderungen in den
Offiziersstellen vorgenommen werden. Das Oberkommando der Unternehmung
fiel nunmehr Kapitn Clerke zu, der sich an Bord der Resolution begab
und den rangltesten Leutnant zum Kapitn der Discovery ernannte.

Die Eingeborenen lieen uns ungestrt. Als die Nacht anbrach, wurde
die Barkasse wieder angekettet und, wie in der Nacht vorher, sandten
wir Wachtboote aus. Gegen 8 Uhr, als es schon sehr dunkel war, hrten
wir ein Kanu an das Schiff heranrudern. Sobald die Wachen es erkennen
konnten, feuerten sie darauf. Es waren zwei Mnner darin, die sogleich
Tinni riefen; denn so sprach man hierzulande meinen Namen King aus.
Sie wren Freunde, sagten sie, und brchten mir etwas, das dem Kapitn
Cook gehre. Als sie an Bord kamen, warfen sie sich uns zu Fen und
schienen uerst erschrocken. Glcklicherweise war keiner verwundet;
die beiden Kugeln waren nur durch das Kanu hindurchgegangen. Der
eine von ihnen war ebenderselbe, den ich zuvor unter dem Namen des
Tabumannes erwhnt habe, und der Kapitn Cook bei den geschilderten
Feierlichkeiten bestndig begleitet hatte und sich, obgleich er auf
seiner Insel ein Mann von Stande war, dennoch kaum hatte abhalten
lassen, ihm die niedrigsten Handreichungen eines ganz gewhnlichen
Bedienten zu leisten. Er beklagte erst mit vielen Trnen den Verlust
des Orono und sagte dann, er bringe einen Teil seines Krpers.
Zugleich reichte er uns ein kleines, in Zeug gewickeltes Bndel
dar, das er unter seinem Arm hielt. Unmglich kann ich das Grausen
ausdrcken, das uns ergriff, als wir darin ein Stck Menschenfleisch
von 9-10 Pfund Gewicht erblickten. Dieses sagte er, sei alles, was von
dem Krper noch brig sei. Das brige habe man in Stcke zerschnitten
und verbrannt. Terriobu und die anderen Huptlinge besen aber den
Kopf und alle Knochen, ausgenommen die Rumpfknochen. Was wir jetzt
shen, sei dem Oberpriester Ka-u zugeteilt worden, um sich dessen bei
gewissen Religionsfeierlichkeiten zu bedienen. Allein, er schicke es
uns als ein Zeichen seiner Unschuld und Treue.

[Illustration: Unmglich kann ich das Grausen ausdrcken, als wir ein
Stck Menschenfleisch erblickten.]

Dieser Vorfall gab uns Gelegenheit, nachzuforschen, ob die Hawaiier
Menschenfleisch verzehrten. Zuerst versuchten wir durch verschiedene
unbestimmte Fragen, die einem jeden von ihnen besonders vorgelegt
wurden, zu erfahren, was man mit den brigen Leichen gemacht habe.
Sie blieben aber immer bei derselben Aussage: man habe das Fleisch
von den Knochen gelst und es verbrannt. Als wir endlich offenheraus
fragten, ob sie nichts davon gegessen htten, bezeigten sie sogleich
bei dem bloen Gedanken ebensolchen Abscheu, wie ihn nur irgendein
Europer htte fhlen knnen, und erkundigten sich sehr traurig, ob
das unter uns Sitte sei. Nachher verlangten sie mit vielem Ernst und
anscheinender Furcht zu wissen, wann der Orono wiederkommen, und wie
er sie bei seiner Rckkehr behandeln werde. Auch andere taten spter
oftmals diese Frage, und der Glaube, da Kapitn Cook wiederkommen
werde, stimmt vollkommen mit ihrem Betragen gegen ihn berein, das
immer bewies, da sie ihn fr ein hheres Wesen hielten.

Wir drangen umsonst in unsere freundschaftlichen Gste, bis am Morgen
an Bord zu bleiben. Sie sagten, wenn dieser Besuch dem Knig oder den
Huptlingen zu Ohren kme, knnte er die traurigsten Folgen fr die
ganze Priesterschaft haben. Um dieses zu verhindern, wren sie gentigt
gewesen, in der Finsternis zu uns zu kommen, und mten aus demselben
Grunde auch bei Nacht noch ans Ufer zurckkehren. Sie entdeckten uns
auch, da die Huptlinge damit umgingen, den Tod ihrer Landsleute zu
rchen, und warnten uns besonders vor Koah, der unser unvershnlichster
Feind sei und nebst den brigen eifrig eine Gelegenheit wnsche, gegen
uns zu fechten, wozu das Blasen der Schneckentrompeten, das wir diesen
Morgen vernommen, das Volk aufgefordert habe. Ferner erfuhren wir von
ihnen, da bei dem ersten Gefecht in Kauraua 17 von ihren Landsleuten,
darunter 5 Befehlshaber, gefallen wren. Zu unserm groen Leidwesen
waren dabei auch Kanina und sein Bruder, unsere ganz besonderen
Freunde, ums Leben gekommen. Acht hatten wir bei der Sternwarte
gettet, darunter drei Mnner ebenfalls von hohem Rang.

Gegen 11 Uhr verlieen uns unsere beiden Freunde und waren so
vorsichtig, da sie baten, unser Wachtboot mchte sie bis jenseits
der Discovery begleiten, damit man nicht wieder auf sie feuere
und ihre Landsleute am Ufer aufschrecke, weil sie dadurch in Gefahr
geraten knnten, entdeckt zu werden. Wir gewhrten ihnen ihre Bitte
und erfuhren zu unserer Freude, da sie sicher und unentdeckt ans
Land gekommen wren. Den Rest dieser Nacht hrten wir so wie in der
vorigen lautes Klagegeheul am Lande, und frh am Morgen besuchte uns
Koah abermals. Da die unwidersprechlichsten Beweise und die uerungen
unserer Freunde, der Priester, seine Treulosigkeit bezeugten, rgerte
es mich, da es ihm erlaubt sein solle, dieses Possenspiel noch weiter
fortzufhren, weil er zuletzt glauben konnte, wir lieen uns wirklich
von seinen Scheinheiligkeiten betrgen.

Unsere Lage war sehr ungnstig und unbequem geworden. Von den
Absichten, um derentwillen wir bis jetzt ein so friedliches Betragen
fortgesetzt hatten, war nicht eine einzige erreicht worden, und auf
unsre Forderungen hatte man uns in keiner Weise befriedigende Antwort
gegeben. Zu einem Vergleich mit den Eingeborenen war noch gar kein
Anschein vorhanden; denn sie hielten sich immer in so groer Menge am
Strande auf, als wollten sie jeden Landungsversuch zurckschlagen. Und
dennoch war diese Landung unausbleiblich notwendig geworden, da wir es
nicht lnger verschieben durften, unsern Wasservorrat zu ergnzen.

Gleichwohl mu ich zu Kapitn Clerkes Rechtfertigung bemerken, da ein
Angriff fr uns nicht ohne Gefahr gewesen wre. Dies lie die groe
Zahl der Eingeborenen und die Entschlossenheit vermuten, womit sie uns
erwarteten. Andrerseits wrde es uns mit Hinsicht auf die Fortsetzung
unsrer Reise uerst empfindlich gewesen sein, wenn wir auch nur einige
Leute verloren htten. Wenn wir hingegen unsre Drohungen erst spter
erfllten, hatten wir, abgesehen von der Geringschtzung des Mutes,
die ein solches Zgern den Insulanern einflen mute, den Vorteil,
da sie sich zerstreuten. Schon heute gingen, als sie uns in unserer
Unttigkeit verharren sahen, groe Haufen von ihnen ber die Berge
zurck, nachdem sie vorher auf ihren Schnecken geblasen und uns auf
alle Art herausgefordert hatten. Diejenigen, die zurckblieben, waren
aber deswegen nicht weniger verwegen und unverschmt. Einer von ihnen
hatte sogar die Frechheit, sich dem Schiffe bis auf einen Bchsenschu
zu nhern, einige Steine nach uns zu schleudern und Kapitn Cooks
Hut ber seinem Kopf zu schwenken, indes seine Landsleute am Ufer
ber seine Khnheit jauchzten und ihn aufmunterten. Unser Schiffsvolk
raste bei dieser Beschimpfung vor Wut. Und die ganze Mannschaft kam
auf das Achterdeck, um zu bitten, da man sie nicht lnger zwingen
mchte, diese wiederholten Beleidigungen zu dulden. Sie wandten sich
insbesondere an mich, damit ich ihnen von Kapitn Clerke die Erlaubnis
auswirken mchte, bei der ersten vorteilhaften Gelegenheit den Tod
Cooks rchen zu knnen. Als ich dem Kapitn dieses meldete, befahl
er mir, einige Kanonenschsse auf die Eingeborenen am Ufer feuern zu
lassen, und versprach der Mannschaft, wenn sie am folgenden Morgen in
ihrer Beschftigung am Wasserplatze gestrt wrde, solle sie vllige
Freiheit haben, die Feinde zu zchtigen.

Es ist sonderbar, da die Eingeborenen, noch ehe wir unsere Kanonen
richten konnten, vermutlich aus der Geschftigkeit, die sie auf dem
Schiffe wahrnahmen, unsere Absicht erraten und sich hinter ihre Huser
und Mauern zurckgezogen hatten. Wir muten also einigermaen aufs
blinde Ungefhr schieen. Indes tat das Feuer dennoch alle davon
erhoffte Wirkung. Denn kurz nachher ruderte Koah sehr eilig zu uns
und sagte, da einige Personen, darunter Maiha-Maiha, ein vornehmer
Huptling und Blutsfreund des Knigs, gettet worden wren.

Bald nach Koahs Ankunft schwammen zwei Knaben mit langen Spieen in
der Hand von dem Marai her an unser Schiff. Als sie ziemlich nahe
waren, fingen sie einen feierlichen Gesang an, dessen Inhalt sich
auf die letzte traurige Begebenheit zu beziehen schien, wie wir aus
dem oft wiederholten Worte Orono und ihrem Hindeuten auf den Platz,
wo Kapitn Cook erschlagen worden war, schlieen muten. Sie setzten
ihren klagenden Gesang 12 oder 15 Minuten lang fort und blieben whrend
der Zeit immer im Wasser. Nachher gingen sie an Bord der Discovery,
gaben ihre Speere ab und schwammen dann nach kurzem Aufenthalt ans Ufer
zurck. Wer sie geschickt hatte, und was der Sinn dieser Feierlichkeit
war, konnten wir nie erfahren.

In der Nacht wurden die gewhnlichen Vorsichtsmaregeln zur Sicherung
der Schiffe getroffen. Als es finster ward, kamen unsere beiden
Freunde der vorigen Nacht wieder. Sie versicherten uns, die Huptlinge
htten ihre feindliche Absicht keinesfalls aufgegeben, obgleich sie
diesen Nachmittag durch die Wirkung unseres Geschtzes auerordentlich
erschreckt worden wren, und gaben uns den Rat, auf unsrer Hut zu sein.

Am folgenden Tag gingen die Boote beider Schiffe an Land, um Wasser zu
fllen. Die Discovery legte sich nahe an den Strand, um sie bei der
Arbeit zu decken. Wir bemerkten bald, da die Nachricht, die uns die
Priester gegeben hatten, nicht unbegrndet sei. Denn die Eingeborenen
schienen entschlossen, uns auf alle Weise zu schdigen, ohne sich
selbst in groe Gefahr zu begeben.

Auf dieser ganzen Inselgruppe liegen die Drfer meistens nahe der See,
und der umliegende Boden ist von 3 Fu hohen Mauern eingeschlossen. Wir
glaubten anfangs, diese sonderten nur die verschiedenen Besitzungen ab.
Nunmehr entdeckten wir aber, da sie ihnen als Verteidigungswerke gegen
feindliche Einflle dienen und wahrscheinlich gar keine andere Aufgabe
haben. Sie bestehen aus lockeren Steinen, und die Eingeborenen sind
sehr gewandt, diese aufs schnellste aus einer Lage in die andere zu
bringen, um die Brustwehr so zu verndern, wie es die Angriffsrichtung
erfordert. Am Abhang des Berges, der ber die Bucht hervorragt, gibt
es kleine Hhlen von ansehnlicher Tiefe, deren Eingang hnlich durch
eine solche Mauer geschtzt war. Hinter diesen Brustwehren hielten sich
die Eingeborenen bestndig versteckt und beunruhigten unsere Leute am
Wasserplatze mit Steinwrfen, und die wenigen Soldaten, die wir am
Lande hatten, waren nicht imstande, sie durch ihr Musketenfeuer zu
vertreiben. Unter diesen Umstnden hatten unsere Leute genug zu tun,
um fr ihre eigene Sicherheit zu sorgen, so da sie whrend des ganzen
Vormittags nur eine Tonne Wasser fllen konnten. Man sah nun ein, es
sei unmglich, diese Arbeit zu verrichten, ehe nicht die Eingeborenen
weiter zurckgetrieben wren, und es ward den Kanonen der Discovery
Befehl gegeben, sie zu vertreiben. Dies ward auch mit wenigen Schssen
erreicht, und unsere Leute landeten nun ungehindert. Dessenungeachtet
kamen die Eingeborenen bald wieder zum Vorschein und fingen ihre
gewhnlichen Angriffe an, so da man es fr notwendig hielt, einige
zerstreute Huser unweit der Mauer, wo sich die Eingeborenen verborgen
hielten, in Brand zu stecken. Es tut mir weh, gestehen zu mssen,
da sich unsere Leute dabei zu unntiger Grausamkeit und Verwstung
hinreien lieen.

Man hatte, wie gesagt, befohlen, nur einige zerstreute Htten zu
verbrennen; wir erstaunten also sehr, als wir das ganze Dorf in Feuer
aufgehen sahen. Ehe noch ein Boot das Ufer erreichen konnte, um der
Verheerung Einhalt zu tun, standen auch die Wohnungen unserer Freunde,
der Priester, in Flammen. Zu meinem groen Verdru hielt mich diesen
Tag eine Unplichkeit an Bord zurck. Die Priester hatten immer
unter meinem besonderen Schutze gestanden. Unglcklicherweise aber
hatten die heute diensttuenden Offiziere wenig Gelegenheit gehabt, das
Marai zu besuchen, und kannten die Lage des Ortes zu wenig. Wre ich
zugegen gewesen, so htte ich vielleicht Mittel gefunden, die kleine
Priesterschaft vor dem Verderben zu bewahren.

Als sich die Eingeborenen aus dem Brande retten wollten, wurden einige
von ihnen erschossen, und zweien von ihnen schnitten unsere Leute die
Kpfe ab und brachten sie mit sich an Bord. Einen von den Gefallenen
beklagten wir sehr. Er war an den Bach gekommen, um Wasser zu schpfen.
Einer von den Seesoldaten scho auf ihn, traf aber nur seinen
Flaschenkrbis. Diesen warf der Insulaner sogleich von sich und suchte
zu entfliehen. Man verfolgte ihn bis in eine der oben beschriebenen
Hhlen, deren Bestimmung wir eben durch diesen Vorfall kennenlernten.
Keine Lwin htte ihre Jungen mutiger verteidigen knnen als er sein
Leben. Zuletzt fiel er aber, nachdem er zweien unsrer Leute lange
widerstanden hatte, ber und ber mit Wunden bedeckt.

Um diese Zeit ward ein lterer Mann gefangengenommen und gebunden
in ebendemselben Boot, in dem die Kpfe seiner beiden Landsleute
lagen, an Bord geschickt. Nie habe ich einen so heftigen Ausdruck des
grauenvollsten Schreckens gesehen, als in dem Gesichte dieses Mannes,
aber auch nie einen so pltzlichen bergang zur grenzenlosesten Freude,
als man ihn losband und sagte, er knne unbehindert gehen. Sein
nachheriges Betragen bewies uns seine Dankbarkeit; denn er brachte
uns mehrmals Geschenke an Lebensmitteln und leistete uns verschiedene
andere Dienste.

Bald nachdem das Dorf niedergebrannt war, sahen wir einen Mann ber den
Berg kommen, den fnfzehn bis zwanzig Knaben mit weien Tchern und
grnen Zweigen in der Hand begleiteten. Ich wei nicht, wie es zuging,
da diese friedliche Gesandtschaft von einer unserer Abteilungen mit
Flintenschssen empfangen wurde. Dies hielt sie indessen nicht auf,
vielmehr setzte sie ihren Weg fort, und der diensthabende Offizier
eilte zeitig genug herbei, um eine zweite Salve zu verhten. Als sie
nher kamen, sahen wir, da es unser trefflicher Freund Krikia war,
der bei dem Brande die Flucht ergriffen hatte, jetzt aber zurckkehrte
und an Bord der Resolution gefhrt werden wollte.

Als er ankam, war er sehr ernst und gedankenvoll. Wir versuchten, ihm
begreiflich zu machen, da wir notwendig das Dorf htten in Brand
stecken mssen, wobei denn seine und seiner Brder Wohnungen ohne
unsere Absicht mit verzehrt worden wren. Er verwies uns unsern Mangel
an Freundschaft und Dankbarkeit. Wir erfuhren erst jetzt, welch einen
groen Verlust die Priester durch uns erlitten htten. Er sagte uns,
im vollen Vertrauen auf mein Versprechen und auf die Versicherungen
der Mnner, die uns die berreste des Kapitns abgeliefert, htten die
Priester ihr Vermgen nicht wie die brigen Einwohner tiefer ins Land
geschafft, sondern ihre wertvollsten Gter nebst allem, was sie von uns
gesammelt gehabt, in ein Haus nahe dem Marai zusammengetragen, wo es zu
ihrem groen Jammer vor ihren Augen ein Raub der Flammen habe werden
mssen.

Als er an Bord gekommen war, hatte er die Kpfe seiner Landsleute auf
dem Verdeck liegen sehen. Dieser Anblick war fr ihn so emprend, da
er ernstlich bat, man mchte sie ber Bord werfen, was auch auf Kapitn
Clerkes Befehl augenblicklich geschah.

Des Abends kehrte die Abteilung, die Wasser schpfte, zurck, ohne
weiter beunruhigt worden zu sein. Die folgende Nacht war uerst
traurig; denn am Lande ertnten das Geschrei und die Klagen lauter als
jemals. Unser einziger Trost dabei war die Hoffnung, da wir knftig
nie wieder Gelegenheit zu solcher Strenge haben wrden.

Den nchsten Morgen kam Koah wie gewhnlich an die Schiffe. Da wir aber
nicht mehr ntig hatten, uns Zurckhaltung aufzuerlegen, hatte ich
vllige Freiheit, ihm gebhrend zu begegnen. Als er sich daher whrend
seines blichen Gesanges dem Schiffe nherte und mir ein Schwein und
einige Bananen anbot, befahl ich ihm, nicht nher zu kommen, und drohte
ihm, wenn er sich je wieder sehen liee, ohne die Gebeine Kapitn Cooks
mitzubringen, solle er sein nie gehaltenes Versprechen mit dem Tode
ben.

Er schien von diesem Empfange nicht gedemtigt zu sein, sondern kehrte
ans Ufer zurck, wo er sich zu einem Haufen seiner Landsleute gesellte,
die unsere Arbeiter beim Wasserschpfen mit Steinen warfen. Diesen
Morgen fand man auch den Leichnam des jungen Menschen, der sich gestern
so tapfer verteidigt hatte, am Eingang der Hhle. Ein paar von unseren
Leuten deckten eine Matte ber ihn und bemerkten kurz nachher, da
ihn einige Mnner auf den Schultern forttrugen und auf dem Wege einen
Trauergesang anstimmten.

Als die Eingeborenen sahen, da wir ihre Beleidigungen nicht aus Mangel
an Mitteln, uns zu rchen, so lange geduldet hatten, hrten sie endlich
auf, uns lnger zu beunruhigen, und am Abend kam ein Huptling namens
Eappo, ein Mann von hchstem Ansehen, der uns bisher nur selten besucht
hatte. Er brachte uns Geschenke von Terriobu und bat uns in dessen
Namen um Frieden. Wir nahmen die Geschenke an und schickten ihn mit
der alten Antwort zurck, da die Insulaner auf keinen Frieden hoffen
knnten, bis wir die Gebeine unseres toten Kapitns zurckerhalten
htten. Wir erfuhren von diesem Manne, da das Fleisch von allen
Leichnamen unsrer Leute nebst den Rumpfknochen verbrannt worden sei.
Die Gliedmaenknochen der Seeleute wren unter die geringeren Klassen
der Vornehmen verteilt worden, die des Kapitns hingegen den ersten
Huptlingen zugefallen, so da ein groer Erih den Kopf, ein andrer
das Haar, Terriobu aber die Lenden, die Hften und die Arme erhalten
htte. Als es dunkel ward, nherten sich verschiedene Eingeborene
mit Wurzeln und Frchten, und Krikia schickte uns zwei ansehnliche
Geschenke an Lebensmitteln.

Der 19. Februar verging grtenteils mit Botschaften zwischen Kapitn
Clerke und Terriobu. Eappo gab sich viele Mhe, es dahin zu bringen,
da einer von unsern Offizieren an Land gehen mchte, und erbot sich,
unterdessen als Geisel zu bleiben. Man hielt es aber nicht fr ratsam,
auf diesen Vorschlag einzugehen. Hierauf verlie er uns mit dem
Versprechen, er wolle am folgenden Tage die Gebeine bringen. brigens
erfuhren die Leute, die am Wasserplatz beschftigt waren, nicht mehr
den geringsten Widerstand von den Eingeborenen, die ungeachtet unsres
vorsichtigen Betragens sich wieder ohne das geringste Mitrauen unter
uns mischten. Am 20. hatten wir die Freude, bei guter Witterung den
Vordermast wieder aufrichten zu knnen. Dies Geschft war indessen sehr
beschwerlich und mit Gefahr verknpft, da unsere Stricke so verfault
waren, da sie mehr als einmal dabei rissen.

Zwischen 10 und 12 Uhr sahen wir eine Menge Volks in einer Art von
feierlicher Ordnung den Berg herunterkommen, der sich hinter der Bucht
erhebt. Ein jeder von ihnen trug ein oder zwei Stck Zuckerrohr auf
der Schulter und Brotfrucht, Yamswurzeln und Bananen in der Hand. Zwei
Trommelschlger, die vor ihnen hergingen, steckten bei ihrer Ankunft am
Strande eine weie Fahne auf und rhrten darauf ihre Trommeln, whrend
die brigen einer nach dem andern herantraten und ihre Geschenke
niederlegten und dann in derselben Ordnung wieder zurckgingen. Bald
nachher zeigte sich Eappo in seinem langen befiederten Mantel und trug
mit groer Feierlichkeit etwas auf seinen Hnden herbei. Er setzte sich
auf einen Felsen und machte ein Zeichen, da man ihm ein Boot zusenden
mchte. Da Kapitn Clerke vermutete, da Eappo die berreste Kapitn
Cooks brchte, fuhr er selbst zu ihm hin, um sie in seiner Schaluppe in
Empfang zu nehmen. Mir wurde befohlen, in einem andern Boote zu folgen.
Als wir am Ufer anlegten, kam Eappo in die Schaluppe und berreichte
dem Kapitn die Gebeine, die in eine Menge schnes neues Zeug gewickelt
und mit einem bunten Gewande aus schwarzen und weien Federn bedeckt
waren. Nachher begleitete er uns zur Resolution, lie sich aber nicht
bewegen, an Bord zu kommen, wahrscheinlich weil er aus einem Gefhl von
Schicklichkeit nicht bei der ffnung des Bndels zugegen sein wollte.
Wir fanden darin den grten Teil der Gebeine unseres unglcklichen
Kommandanten. Den folgenden Morgen kam Eappo mit des Knigs Sohn und
brachte die brigen Gebeine Kapitn Cooks, auerdem die Lufe seiner
Flinte, seine Schuhe und einige Kleinigkeiten. Eappo bemhte sich,
uns zu berzeugen, da Terriobu und er selbst den Frieden wnschten,
und da sie uns den besten Beweis, der in ihrer Macht stnde, hiermit
gegeben htten. Er setzte hinzu, sie wrden sich gewi weit frher
zu diesem Schritte bereit gefunden haben, wenn nicht die anderen
Huptlinge, die noch unsere Feinde wren, sie daran gehindert htten.
Er beklagte mit einiger Wehmut den Tod der sechs Vornehmen, die wir
erschossen hatten, und von denen einige unsere besten Freunde gewesen.
Das Boot htten uns Parias Leute entwendet. Vermutlich hatte er sich
durch den Raub fr den Schlag rchen wollen, den er von unsern Leuten
empfangen hatte. Tags darauf habe er es in Stcke hauen lassen. Die
Gewehre der Seesoldaten, die wir auch zurckgefordert hatten, wren
unwiederbringlich verloren, weil das gemeine Volk sich ihrer bemchtigt
htte. Blo die Knochen des Befehlshabers wren als Eigentum des Knigs
und der Erihs aufbewahrt worden.

Wir konnten nun nichts weiter tun, als unserm groen, unglcklichen
Befehlshaber den letzten Dienst erweisen, und schickten deshalb Eappo
mit dem Auftrag ab, er solle Sorge tragen, da die ganze Bucht mit dem
Tabu belegt wrde. Nachmittags versenkten wir die Gebeine, nachdem
wir sie in einen Sarg gelegt und das Begrbnisgebet verlesen hatten,
unter kriegerischen Ehrenbezeigungen ins Meer. Die Welt mag beurteilen,
welche Gefhle wir in diesem Augenblicke hatten. Diejenigen, die dabei
zugegen gewesen sind, knnen mir das Zeugnis geben, da ich auerstande
bin, sie zu schildern.

Am 22. Februar sah man den ganzen Vormittag kein Kanu in der Bucht,
da das Tabu, womit Eappo sie tags zuvor auf unser Verlangen hatte
belegen lassen, noch nicht aufgehoben war. Endlich kam Eappo zu uns.
Wir versicherten ihm, da wir nun vollstndig befriedigt seien, und
da die Erinnerung an alles Vergangene mit dem Orono begraben sei.
Nachher baten wir ihn, er mchte das Tabu aufheben und den Eingeborenen
bekanntmachen, sie sollten uns wie gewhnlich Lebensmittel bringen.
Die Schiffe waren denn auch bald von Kanus umringt; viele Vornehme
kamen an Bord und bezeigten uns ihre Trauer ber das Vorgefallene
und ihre Freude ber die Wiederherstellung des Friedens. Mehrere von
unseren Freunden, die uns nicht besuchten, schickten uns Schweine und
andere Lebensmittel zum Geschenk.

Da nun alle Anstalten, in See zu stechen, getroffen waren, erteilte
Kapitn Clerke den Befehl, die Anker zu lichten, weil er besorgte, es
mchte einen schlechten Eindruck machen, wenn das Gercht von diesen
Vorfllen frher zu den benachbarten Inseln kme als wir selbst. Gegen
8 Uhr abends schickten wir die Eingeborenen alle an Land zurck, und
Eappo nebst dem freundschaftlichen Krikia nahmen gerhrt Abschied von
uns. Wir lichteten darauf die Anker und steuerten aus der Bucht, und
als wir lngs der Kste hinfuhren, erwiderten die Eingeborenen, die
sich dort in groen Haufen versammelt hatten, unser letztes Lebewohl
mit allen uerungen ihrer Zuneigung und Freundschaft.

[Illustration]

[Illustration]




Eine Unglcksreise nach der Nordwestkste Amerikas

Von Kapitn _John Meares_


Mir war der Auftrag geworden, Seeotterfelle von den Indianern an der
Nordwestkste Amerikas einzuhandeln und nach Kalkutta zu schaffen.
Am 20. Januar 1786 kaufte ich deshalb zu dieser Expedition zwei
Fahrzeuge. Das eine erhielt den Namen Nutka und fate 200 Tonnen
Last. Das zweite, von 100 Tonnen, ward die Seeotter genannt. Das
Kommando ber die Nutka bernahm ich selber, das ber das andere
Schiff Herr William Tipping, Leutnant in der kniglichen Flotte. Den
20. Februar, da beide vllig segelfertig waren, ward dem Ausschu,
der im Namen smtlicher Eigentmer die Ausrstung besorgte, ein
doppeltes Anerbieten gemacht. Das eine bestand darin, da man die
Seeotter mit einer Ladung von Opium nach Malakka schicken wollte,
wobei ungefhr dreitausend Rupien zu gewinnen waren. Der Ausschu der
Eigentmer zgerte keinen Augenblick, diesen Vorschlag anzunehmen, und
die Seeotter ging unverzglich nach Malakka ab, von wo aus Kapitn
Tipping seinen Lauf nach der Nordwestkste von Amerika fortsetzen
und die ntigen Vorkehrungen treffen sollte, um sich dort mit mir
zu vereinigen. Das zweite Anerbieten bestand darin, da wir den
Oberkriegszahlmeister der kniglichen Truppen in Indien nebst seinem
Gefolge nach Madras bringen sollten, wofr er ebenfalls dreitausend
Rupien versprach. Diesen Vorteil konnte man auch nicht ausschlagen, und
so richtete die Nutka ihren Kurs zunchst nach Madras.

Den 12. Mrz verloren wir das Land aus dem Gesicht und setzten unsere
Fahrt ununterbrochen bis zum 27. fort, da wir auf der Reede von
Madras vor Anker gingen. Man hielt unsere Fahrt in dieser Jahreszeit
fr auerordentlich schnell. Nachdem wir unsere Passagiere gelandet
und noch allerlei Vorrte von Lebensmitteln an Bord genommen hatten,
machten wir uns segelfertig und stachen am 7. April in See. Man
hatte es whrend unseres Aufenthaltes an nichts mangeln lassen, was
zu unserer Aufmunterung und Untersttzung dienen, und was von Gte
und Aufmerksamkeit gegen uns zeugen konnte. Man mu sich dabei vor
Augen halten, da zur Zeit unserer Abreise von Bengalen alle Arten
von Schiffsvorrten dort so schwer zu erhalten waren, da unser
Schiff nur karge Provisionen auf ein Jahr mitbekommen hatte. Unsere
Lebensmittel reichten nicht einmal fr diesen Zeitraum aus, und man
sah es fr unmglich an, unter solchen Umstnden eine Reise von dieser
Art zu vollbringen. Auf Madras hatten wir uns daher gewissermaen
verlassen, und mit der Hilfe, die uns dort zuteil ward, hofften
wir nunmehr 18 Monate auszukommen. Unser Schiff hatte eine starke
Bemannung. Allein, sie war so beschaffen, da nur die Not unsere Wahl
rechtfertigen konnte. Den Zahlmeister, den Wundarzt, fnf Offiziere und
den Bootsmann miteinbegriffen, waren wir unser vierzig Europer, zu
denen wir in Madras noch zehn Laskaren annahmen. Aber alle Bemhungen,
einen Schiffszimmermann zu bekommen, schlugen fehl, und diesen Mangel
fhlten wir whrend der ganzen Reise auf das empfindlichste.

Am 23. Mai erreichten wir Malakka nach einer ungewhnlich langen
Fahrt, die dem Skorbut Zeit lie, sich unter uns zu zeigen. Schon in
dieser frhen Periode unserer Reise verloren wir unseren Bootsmann,
einen der vortrefflichsten Mnner an Bord, dessen Verlust unersetzlich
blieb. In Malakka erfuhren wir, da Kapitn Tipping schon abgesegelt
war, nachdem er sein Geschft hier beendet hatte. Wir versorgten uns
mit Holz, Wasser und Erfrischungen, von welch letzteren wir so viel
an Bord nahmen, da wir nicht nur die schon verbrauchten Lebensmittel
ersetzten, sondern uns auch im Stande sahen, Kapitn Tipping auf
alle Art behilflich zu sein, wenn wir ihn an der Kste von Amerika
antrfen. Am 29. Mai gingen wir in See, nachdem wir das hollndische
Fort mit neun Kanonenschssen begrt und einen Gegengru von gleicher
Anzahl zurckerhalten hatten. In sehr wenigen Tagen kamen wir in das
Chinesische Meer und setzten dann mit Hilfe eines starken sdwestlichen
Monsuns unsern Lauf bis zum 22. Juni fort. An diesem Tage kamen die
Baschi-Inseln in Sicht. Es whrte indes bis zum 26., ehe wir bei der
Grafton-Insel in einer kleinen anmutigen Bucht Anker werfen konnten.
Rund um diese Bucht ist das Land hoch und bis an die Gipfel der
Berge angebaut. Die Pflanzungen, die berall mit sehr netten Zunen
umschlossen sind, gewhren einen freundlichen Anblick. Auf einer
sanften Anhhe unweit der See lag ein Dorf; Gruppen oder Haine von
schnen Bumen schmckten romantisch den Abhang der Berge, von denen
ein munterer Bach hinunter ins Tal rauschte. Die ganze Gegend prangte
wirklich in auerordentlicher Schnheit. Die Spanier hatten etwa vier
Jahre vorher diese Inseln in Besitz genommen, weil sie hofften,
da sie in dem Innern der Gebirge edles Metall finden wrden. Der
Gouverneur und seine Besatzung begegneten uns mit vieler Hflichkeit
und versuchten es auf keinerlei Weise, unsern kleinen Tauschhandel
mit den Eingeborenen, allem Anschein nach ganz harmlosen Menschen, zu
stren. Wir hielten uns hier vier Tage lang auf und bekamen whrend
dieser Zeit gegen rohes Eisen eine Menge Schweine, Ziegen, Enten,
Hhner, Yams und se Bataten.

Am 1. Juli verlieen wir die Baschi-Inseln und richteten unseren Lauf
nordostwrts lngs der japanischen Inselgruppe, die wir indes nicht zu
Gesicht bekamen. In den Karten findet man verschiedene Inseln, ber die
wir htten hingesegelt sein mssen, wenn sie richtig angegeben gewesen
wren. Sobald wir ber den 25. Grad nrdlicher Breite hinausgekommen
waren, hatten wir einen undurchdringlichen Nebel, der oft so dicht war,
da wir keine Schiffslnge weit voraussehen konnten. Am 1. August,
nachdem wir die vorige Nacht beigelegt hatten, vermuteten wir in der
Nhe Land, und bei Tagesanbruch erblickten wir es auch wirklich durch
die Nebelbnke hindurch. Es waren die Inseln Amluk und Atscha. Wir
nherten uns der ersten und lagen daselbst zwei Tage lang vor Anker,
wobei uns sowohl die Russen als die Eingeborenen besuchten. Auf unserer
Fahrt von hier nach Unalaschka trieben wir zwischen fnf Inseln
hindurch und sahen uns so auf allen Seiten von Gefahr umringt; denn wir
waren auerstande, unseren Weg zu erkunden. Dennoch kamen wir glcklich
und unbeschdigt heraus. Seitdem wir ber den 35. Grad nrdlicher
Breite gekommen waren, hatten wir des ununterbrochenen Nebels wegen
nur zweimal Gelegenheit gehabt, die Sonnenhhe zu beobachten. Desto
glcklicher konnten wir uns schtzen, eine astronomische Uhr an Bord zu
haben, die uns die grten Dienste leistete.

Die fnf Inseln, zwischen denen wir in so groe Verlegenheit gerieten,
beschreibt Coxe in seinen russischen Entdeckungen unter dem Namen
Pjt Sopka (das heit die fnf Vulkankegel), und er nennt auch
viele zwischen diesen Inseln und Kamtschatka verunglckte russische
Seefahrer. Sie sind unbewohnt und scheinen weiter nichts als ungeheuere
Felsenmassen zu sein. Zwei davon sehen einander sehr hnlich und haben
ziemlich genau die Form eines Zuckerhutes.

Am 5. August sahen wir um uns her eine Menge Kanus, die, nach Kleidung
und Sitte der darin befindlichen Leute zu urteilen, von einer oder der
anderen dieser Inseln gekommen sein muten, obgleich wir eigentlich
nach unserer Rechnung viel zu weit gegen Sden sein muten, als da sie
sich htten herauswagen drfen. Diese kleine Flottille beschftigte
sich mit dem Walfang. Nachdem die Leute eine kleine Weile innegehalten
hatten, um unser Schiff anzugaffen, wobei sie die uerste Verwunderung
zu erkennen gaben, verlieen sie uns und ruderten nordwrts. Wir
jedoch steuerten noch etwas sdlicher, weil wir sowieso gegen unsere
Berechnung, wahrscheinlich durch die Strmung, etwas zu weit nrdlich
geraten waren. Der Nebel blieb immer noch so dicht, da man unmglich
20 Schritt weit vom Schiff irgend etwas erkennen konnte. Die Menge
der Kanus, bei denen wir vorbergeschifft waren, schien indes aller
Wahrscheinlichkeit nach anzudeuten, da Land, vermutlich kein anderes
als die Insel Amuchta, in der Nhe wre. In der folgenden Nacht
erschreckte uns pltzlich das Gerusch von Wogen, die sich an der
Kste brachen. Wir legten das Schiff augenblicklich um; aber als wir
etwa zwei Stunden lang in der neuen Richtung gelaufen waren, hatten
wir von einem hnlichen Gerusch einen neuen Schrecken. Nun legten
wir nochmals um, und bei Tagesanbruch erblickten wir in der Hhe des
Mastkorbes das Land auf einen Augenblick. Es schien mit Schnee bedeckt
zu sein. Bald verdichtete sich aber der Nebel wieder vor unseren
Augen und machte die ngstliche Ungewiheit unserer Lage nur noch
schrecklicher. Vier Tage lang suchten wir, aus der Finsternis der Luft
und ebenso unserer Gemter einen Ausweg zu finden, berall schienen
wir eingesperrt zu sein. Das Rauschen des Wassers an dem Felsenstrande
vertrieb uns von der einen Seite, damit wir bald wieder derselben
furchtbaren Warnung auf der andern Seite gehorchten. Wir hatten alle
Ursache, zu vermuten, da wir durch irgendeinen engen Eingang in einen
von gefahrvollen Ufern umringten Meerbusen geraten wren, aus dem nur
der einzige Kanal, durch den wir hineingekommen waren, uns zurckfhren
knnte.

Am 9. August endlich hob sich des Morgens der Nebel, und wir hatten
den grausenvollen feierlichen Anblick der glcklich vermiedenen
Gefahren. Aber diese Wirklichkeit selbst schien kaum hinreichend,
uns die Mglichkeit begreiflich zu machen. Von allen Seiten umgab
uns frchterliches, hohes Land, dessen Hnge bis auf zwei Drittel
ihrer Hhe hinunter mit Schnee bedeckt waren. Die Kste, die das
Seeufer bildete, bestand aus einer unzugnglichen, hohen, senkrechten
Felsenmauer, die keine andre Unterbrechung hatte als die Hhlungen,
an denen das Steigen und Fallen der gewaltigen Wogen jenes warnende
Gerusch, das uns rettete, verursachte. Jetzt entdeckten wir zwei
offene Kanle oder Durchfahrten: den einen sdwrts, durch den wir
hereingetrieben waren, den anderen gegen Nordosten. Htten wir in
dieser Richtung gesteuert, so wren wir gleich aus der schrecklichen
Lage befreit gewesen. Allein, wir besorgten, immer nordwrts von den
Inseln zu kommen, und dann htte es, da im Sommer die Strmungsrichtung
immer nrdlich ist, schwergehalten, wieder zurckzufahren, um so mehr,
weil hierzu ein starker Nordwind erforderlich gewesen wre und in
dieser Jahreszeit hier Sdwestwinde zu herrschen pflegen. Die Strmung
war jetzt wirklich so stark, da wir nicht wieder durch den sdlichen
Kanal auslaufen konnten; wir schifften daher nordwrts und dann stlich
bis Unalaschka, wo wir mit Hilfe eines starken Nordwindes, der zu
unserem Glck einsetzte, durch die Enge zwischen Unimak und Unalaschka
hindurchsegelten. Die Strmung lief hier so schnell, da sie mindestens
sieben Seemeilen in der Stunde betrug und auf diese Weise eine
frchterliche, strmische See erregte. Nachdem wir die Sdseite der
Insel erreicht hatten, kam ein Russe als Lotse zu uns und fhrte uns
in einen Hafen neben demjenigen, in dem einst Kapitn Cook sein Schiff
ausgebessert hatte.

[Illustration: Wir hatten den grausenvollen Anblick glcklich
vermiedener Gefahren.]

Die hier befindlichen Russen waren von Ochotsk und Kamtschatka in
Galeoten hierhergekommen. Diese Fahrzeuge halten etwa fnfzig Tonnen
und knnen jedes sechzig bis achtzig Mann fhren. Man legt sie fr den
Zeitraum von acht Jahren, den die Russen hier zubringen, in bequemen
Pltzen an Land; nach Verlauf dieser Zeit kommt eine andere Anzahl
Russen und lst die ersteren ab, um Seeottern und andere Pelztiere
zu jagen. Die Eingeborenen verschiedener Bezirke mssen ebendiesem
Geschfte nachgehen und die Frchte ihrer Arbeit als einen Tribut an
die Kaiserin von Ruland erlegen, der dieser Handel ausschlielich
gehrt. Sie erhalten dagegen einen geringen Vorrat von Schnupftabak,
den sie unmig lieben, und sind, wenn sie nur dieser Lieblingsware
habhaft werden, zufrieden mit ihrer elenden Lage, aus der sie sich
auch, wenigstens sofern man es auf ihre eigene Anstrengung ankommen
lt, nie herausarbeiten werden. Eisen und andere europische
Handelsartikel sieht man bei ihnen so selten wie bei ihren Nachbarn auf
dem Festlande.

[Illustration: Beide Teile gerieten in Schrecken.]

Die Wohnungen der Russen sind nach dem Modell derer gebaut, die sie
im Lande blich fanden. Nur ist der Mastab ungleich grer. Es sind
Gruben, die man in die Erde grbt, und die uerlich so wenig das
Ansehen einer Wohnung haben, da ein Fremder hineinfallen kann, ehe
er sich's trumen lt, da er sich an einem von Menschen bewohnten
Orte befindet. Der einzige Zugang zu diesen unterirdischen Behausungen
ist ein oben offen gelassenes, rundes Loch, durch das man auf einem
eingekerbten Pfosten hinuntersteigt. Ich sage nicht zuviel, wenn ich
von der Gefahr hineinzufallen spreche. Denn sowohl unserem ersten
Offizier, als dem Wundarzte widerfuhr schon am ersten Abend nach
unserer Landung dieses Unglck. Auf ihrem Rckwege von dem russischen
Dorf verschwanden sie pltzlich durch eines dieser Lcher und
erschienen der unten wohnenden Familie von Eingeborenen. Beide Teile
gerieten in Schrecken. Die Eingeborenen eilten so schnell, als ihre
Furcht es zulie, zum Hause hinaus und lieen unsere Herren in der
bangen Erwartung, da sie nun die Nachbarschaft wecken und ihre Freunde
herbeirufen wrden, um diesen unschuldigen berfall mit Mord und
Blutvergieen zu rchen. Als sie endlich wieder heraufgestiegen waren,
fanden sie, da die Eingeborenen, deren sanftes und liebenswrdiges
Wesen sie damals noch nicht kannten, in ihrer Angst und Verwirrung
sich nach dem Dorfe geflchtet hatten. Am folgenden Morgen erklrte
man diesen guten Leuten den Zufall und vergalt ihnen den Schrecken vom
vorigen Abend durch ein kleines Geschenk von Tabak.

An den Seiten sind diese Wohnungen durch Verschlge in Schlafstellen
abgeteilt, auf denen Tierfelle als Betten liegen. In der Mitte ist der
Feuerherd, an dem die Einwohner ihre Speisen bereiten und verzehren.
Bei sehr kaltem Wetter brauchen sie Lampen statt des Brennholzes, das
berhaupt auf diesen ganz von Bumen entblten Inseln uerst selten
ist und nur zufllig vom festen Lande her angeschwemmt wird. Fische
mit einer Brhe von Fischl sind ihre einzige Nahrung. Und selbst die
Russen nhren sich auf ebendie Art, nur mit dem Unterschiede, da sie
ihre Speisen kochen, whrend die Eingeborenen sie roh verzehren. Wir
sahen sie oft den Kopf eines Stockfisches oder eines Heilbutts, den
sie soeben gefangen hatten, mit allen Zeichen gierigen Wohlbehagens
verschlingen. Wilde Sellerie ist das einzige Kchenkraut, das auf
diesen Inseln wchst, und die Eingeborenen essen es roh, wie es aus der
Erde gerissen wird.

Zwar wohnen seit geraumer Zeit Russen auf diesen Inseln. Allein, sie
haben hier noch keinerlei Art von Anbau versucht, und sie besitzen
weder zahmes Federvieh, noch irgendein Haustier, Hunde ausgenommen.
Ob aber dieser Mangel an Bequemlichkeiten des Lebens, die sich doch
sonst so leicht erlangen lassen, ihrer Trgheit und Gleichgltigkeit
oder der Unfruchtbarkeit des Landes zuzuschreiben ist, haben wir nicht
untersuchen knnen. Bezglich ihrer Nahrung verlassen sie sich ganz auf
den Ertrag des Meeres und der Flsse. Wirklich liefern diese auch die
vortrefflichsten Fische im berflu; und wenn wir nach dem starken,
gesunden Aussehen sowohl der Eingeborenen, als auch der neuen Ansiedler
urteilen drfen, gibt ihnen diese Speise Krfte und Gesundheit in
reichlichem Mae.

Die Eingeborenen der Inselreihe, die man unter der gemeinschaftlichen
Benennung der Fuchsinseln kennt, sind eine starke, untersetzte Rasse
mit rotwangigen runden Gesichtern, auf denen man keine Spur von
Wildheit sieht. Sie zerkratzen und entstellen ihr Gesicht nicht so wie
die Bewohner des festen Landes und sind allem Anschein nach von einer
harmlosen Gemtsart, die niemandem belwill.

Die einzigen vierfigen Tiere dieser Insel sind Fchse, unter denen
es einige mit schwarzem Pelze gibt, der sehr hoch im Preise steht. Wir
bemhten uns whrend unseres hiesigen Aufenthaltes, die Russen zum
Handel mit uns zu bewegen. Allein, sie schtzen ihre Pelzwaren viel zu
hoch ein, um sie uns, wenigstens gegen das, was wir ihnen zum Tausch
boten, zu berlassen, und waren um soviel weniger dazu geneigt, da sie
im folgenden Jahre abgelst zu werden hofften.

Am 20. August verlieen wir Unalaschka, um lngs dem festen Lande
jenseits der Schumagins-Inseln hinzuschiffen. Die Wahrheit zu
gestehen, wnschten wir uns von den russischen Inseln zu entfernen,
wo wir nichts zu hoffen hatten. Den 27. August erblickten wir die
Schumagins-Inseln, und vier Seemeilen weit von der Kste kam eine
Menge Kanus uns entgegen. Diese waren ganz von derselben Bauart wie
die auf den Fuchsinseln. Auch glichen die darin sitzenden Leute
den Eingeborenen jener Inseln in Kleidung und Sprache vllig. Die
Russen verbieten es, wie es scheint, an solchen Orten, wo sie sich
niederlassen, den Eingeborenen aus irgendeiner politischen Vorsicht,
grere Kanus zu fhren als solche, die nur einen Mann fassen. Diese
Kanus sind insgesamt etwa dreieinhalb Meter lang, ein halbes Meter
breit und an beiden Enden scharf zugespitzt. In der Mitte, wo der
Ruderer sitzt, sind sie etwa ein halbes Meter tief. So gestaltete
Kanus findet man auf der ganzen Strecke von der Meerenge an, die die
beiden festen Lnder trennt, bis an das Kap Edgecumbe. Einige knnen
drei Personen fassen, die meisten aber nur eine oder zwei. Ihr Gerippe
besteht aus sehr dnnen Latten oder Brettchen von Tannenholz, die
durch Walfischsehnen miteinander verbunden und mit einer Robben- oder
Walfischhaut, der zuvor das Haar abgeschabt wird, berzogen sind.
Der untere Rand des Rockes oder Hemdes von Leder -- der gewhnlichen
Kleidung der hiesigen Insulaner -- verhindert, sobald er ber das Loch
im Kanu des betreffenden Insassen gebunden wird, jegliches Eindringen
von Wasser. Diese Kanus werden durch Rudern uerst schnell bewegt, und
die Eingeborenen wagen, damit bei jeder Witterung in See zu gehen.

Wir schrieben schon den 28. August, ohne von unserer Reise auch nur den
allermindesten Vorteil erzielt zu haben. Da wir indes glaubten, da wir
alle russischen Handelsstationen jetzt hinter uns htten, so hofften
wir, noch vor Eintritt des Winters, der schon mit starken Schritten
herannahte, Gelegenheit zu einem vorteilhaften Tausche zu bekommen.
In dieser Absicht beschlossen wir, westwrts vom Cookflu einen Hafen
zu besuchen. Indem wir nun lngs der Kste hinfuhren, sahen wir eine
weite ffnung, die von einer Insel gebildet schien. Wir steuerten
also darauf zu. Als wir uns ihr genhert hatten, schien die Einfahrt
sich weit aufwrts in nordstlicher Richtung zu erstrecken. Jetzt
erwarteten wir jeden Augenblick, da die Eingeborenen zu uns kommen
wrden. Wir waren zwanzig Seemeilen in der Meerenge vorwrts gekommen,
als sich das erste Kanu von der Landseite aus nherte. Es fhrte drei
Mann, von denen einer, ein russischer Matrose, zu uns an Bord kam.
Er war ein sehr verstndiger Mensch und belehrte uns, da dies die
Insel Kadjak sei, auf welcher die Mannschaften dreier Galeoten ihren
Posten htten, und da sich noch eine Insel gleichen Namens lngs der
Kste befnde. Diese Nachricht war nicht eben erfreulich; denn sie
vernichtete alle unsere Hoffnungen, diesseits des Cookflusses etwas
einhandeln zu knnen. Wir setzten also unsere Fahrt durch die Meerenge
fort, die wir, zu Ehren des Herrn William Petrie, Petries Meerenge
nannten, und kamen endlich bei der Landspitze, die auf Cooks Karte Kap
Douglas heit, in den Cookflu. Die Meerenge ist ber 40 Kilometer
lang und etwa 10 Kilometer breit. Sie schneidet ein groes Stck vom
festen Lande ab, das die frheren Karten noch als zusammenhngend damit
darstellten.

Wir ankerten bei Kap Douglas, und bald darauf kamen Indianer des
Cookflusses in ein paar Kanus zu uns. Sie verkauften uns zwei oder
drei Seeotterfelle und erhielten fr jedes etwa ein Pfund rohes Eisen.
ber unsere Ankunft bezeigten sie groe Freude, so da sie uns alles,
was sie in ihren Khnen hatten, zum Geschenk anboten. Tabak wollten
sie nicht nehmen, woraus wir denn deutlich sahen, da sie mit den
Russen noch nicht in Verbindung standen. Bei ihren wiederholten Rufen
Englisch, Englisch konnten wir auch nicht mehr glauben, da wir
die ersten Englnder wren, die sie sahen. Und spter zeigte sich
wirklich, da die Schiffe Knig Georg und Knigin Charlotte vor uns
da gewesen waren. Bald verlieen uns diese Indianer mit den Kanus, um
fluaufwrts mehrere Felle zu holen.

Bereits am nchsten Tage sahen wir zwei andere groe Boote mit ungefhr
18 Mann in jedem den Flu hinunterschiffen. Es waren aber Russen, die
von einer kaufmnnischen Reise in den Flu zurckkamen. Jedes Boot
fhrte eine kleine Feldkanone mit sich, und jeder Mann war mit einem
kurzen Gewehr bewaffnet. Diese Russen hatten ihren Sommeraufenthalt,
nmlich die unterwrts gelegenen Inseln im Cookflusse, jetzt verlassen
und standen im Begriff, die Winterquartiere auf Kadjak zu beziehen.
Whrend der Zeit kam der 20. September heran und mit ihm sehr
strmisches Wetter. Wir beschlossen daher, den Cookflu, wo uns einige
sehr heftige Strme so lange aufgehalten hatten, zu verlassen und uns
nach Prince-Williams-Sund zu begeben, um dort womglich zu berwintern.
Als wir dort in der von Cook so benannten Snug-Corner-Cove oder
der Bucht des sicheren Winkels ankamen, strmte es gewaltig. In
drei ganzen Tagen lie sich keiner von den Eingeborenen sehen, und
wir glaubten daher schon, da sie diese Kste verlassen und sich
sdwrts begeben htten, um den Winter bequemer hinzubringen. Auf einer
unserer Streifereien am Lande sahen wir jedoch etwas frisch mit einem
Schneidewerkzeuge abgehauenes Holz. Wir fanden auch ein Stck Bambus,
das uns berzeugte, da ein Schiff krzlich vor uns hier gewesen sein
mute; und da dies der bestimmte Ort war, wo wir unsere Gefhrten mit
der Seeotter wiederfinden sollten, so vermuteten wir, da sie schon
wieder nach China abgesegelt wren.

Unsere jetzige Lage lie uns also nichts als Ungemach erwarten. An
der Kste schienen gar keine Eingeborenen zu sein, die uns whrend
eines Winteraufenthaltes Waren zum Tausch oder Lebensmittel bringen
konnten. Andrerseits war die Witterung furchtbar geworden; es strmte
unaufhrlich unter Schneegestber und Schloen. Verlieen wir unsere
sichere Sttte, so war es sehr ungewi, ob wir irgendwo einen
anderen Zufluchtsort finden und nicht gentigt sein wrden, nach den
Sandwichinseln zu gehen. Dieser Schritt aber htte wahrscheinlich der
ganzen Reise ein Ende gemacht, da unsere Leute schon anfingen, groe
Unzufriedenheit an den Tag zu legen.

Wir beschlossen deshalb, den unwirtlichen Winter in
Prince-Williams-Sund allen Erquickungen der Sandwichinseln vorzuziehen,
da es uns schwerlich gelungen wre, die Matrosen zur Rckkehr von
jenem angenehmen Aufenthalt an die amerikanischen Ksten zu bewegen.
Der Zweck der Reise und das Interesse der Eigentmer erforderten
dieses Opfer, dem wir uns auch so wie jedem anderen Ungemach willig
unterzogen. Bei einigem Nachdenken ber die beschrnkte Macht, die
der Befehlshaber eines Kauffahrteischiffes hat, und ber den daraus
folgenden Mangel an Subordination wird man leicht begreifen knnen, da
unser Entschlu, trotz aller Schwierigkeiten hierzubleiben, ein Beweis
von unserm Eifer fr unsre Auftraggeber war.

Am vierten Tag besuchten uns einige Kanus, und die Eingeborenen
betrugen sich umgnglich und friedfertig gegen uns. Sie nannten uns
verschiedene englische Namen, die wir fr die Namen der Leute an Bord
der Seeotter erkannten. Auch gaben sie uns zu verstehen, da ein
Fahrzeug mit zwei Masten erst vor wenigen Tagen mit vielen Fellen
beladen von hier abgegangen sei; um die Menge der Felle anzudeuten,
zeigten sie uns die Haare auf ihrem Kopfe. Endlich versprachen sie
uns nach ihrer Art: wenn wir bleiben wollten, wrden sie den Winter
hindurch eine Menge Seeottern fr uns tten. Wir wuten nun, da der
Sund bewohnt sei, und es fehlte uns nur noch an einem geeigneten
bequemen Winterhafen. Unsere Boote fanden einen solchen ungefhr
15 Kilometer ostnordostwrts von dem bisherigen Orte.

Dahin brachten wir am 7. Oktober unser Schiff, takelten es ab und
fingen an, uns am Lande mit der Errichtung eines Holzhauses zu
beschftigen, das den Schmieden zur Werksttte dienen und zugleich,
solange unser Schiff in dem jetzigen Zustand wre, allerlei altes
Holzgert aufnehmen sollte. Die Eingeborenen beehrten uns tglich
mit ihren Besuchen und bten sich dabei unausgesetzt in ihrem ganz
vorzglichen Talent zum -- Stehlen. Man hatte Mhe, die Kunstgriffe zu
begreifen, mit denen sie sich eiserner Gertschaften zu bemchtigen
suchten. Oft sah man sie den Kopf eines Nagels im Schiffe oder in den
Booten, wenn er nur ein wenig aus dem Holz herausragte, mit den Zhnen
herausziehen. Und wenn wir die verschiedenen Diebereien und die Art,
wie sie ausgefhrt wurden, erzhlten, so knnte mancher leicht auf den
Gedanken kommen, da wir die diebische Geschicklichkeit dieses Volkes
auf Kosten der Wahrheit herausstreichen wollten.

Bis Mitte Oktober hatten wir noch immer erst eine geringe Anzahl von
Fellen erhandelt. Die Eingeborenen stellten sich aber in grerer
Anzahl ein und wurden so berlstig, da wir in Verlegenheit gerieten,
wie wir uns gegen sie zu benehmen htten. Klugheit sowohl als
Menschlichkeit geboten uns, womglich alle gewaltttigen Zchtigungen
zu vermeiden. Indes kam es doch des fteren vor, da unsere Leute, die
am Lande Holz fllten oder mit dem Bau des Hauses beschftigt waren,
sich gentigt sahen, an Bord zurckzukehren, weil die Eingeborenen aus
dem Walde hinter ihnen hervorkamen und ihnen ihr Gert wegzunehmen
versuchten. Das Schiff lag dem Arbeitsplatz so nahe, da wir mit unsern
Leuten am Lande sprechen konnten. Daher erhielten diese, auer wenn
ein bedachtsamer Offizier bei ihnen war, nie Erlaubnis, Schiegewehre
mitzunehmen, weil wir befrchteten, da sie einen falschen Gebrauch
davon machen wrden. Bisher hatten wir es auch berflssig gefunden,
sie zu bewaffnen, da es uns noch jedesmal gelungen war, durch einen
einzigen Flintenschu vom Schiffe aus die Eingeborenen zu verscheuchen.

Den 25. Oktober bemerkten wir, da eine groe Menge Indianer in die
Bucht kamen. Da wir ihrer so viele noch nicht beieinander gesehen
hatten, so riefen wir unseren Leuten zu, sie mchten sich an Bord
begeben. Als dies nicht augenblicklich geschah, gewannen die Indianer
Zeit, dem Schiffe gegenber anzulegen und an dem Arbeitsplatze zu
landen. Zugleich stie ein anderer Haufen aus dem Walde zu ihnen.
Vergebens wollten wir durch allerlei Zeichen den Indianern, die in
ihren Kanus gekommen waren, das Anlanden untersagen. Sie taten es zum
Trotze dennoch. Hierauf richteten wir zwei von unseren Kanonen auf
sie und erreichten dadurch unseren Zweck noch zu rechter Zeit, da sie
schon im Begriffe standen, unsern Leuten die xte aus der Hand zu
reien. Sobald sie unsere Anstalten gewahr wurden, riefen sie auf ihre
gewhnliche Art Lali-lali, das heit Freund, Freund und breiteten
ihre Arme zum Zeichen der Freundschaft weit voneinander. Nachdem unsre
Leute smtlich an Bord gekommen waren, glaubten wir, die Gelegenheit
bentzen zu mssen, die Eingeborenen durch einen Beweis von der Wirkung
unsrer Kanonen zu erschrecken. Ein Zwlfpfnder ward mit Karttschen
geladen und abgeschossen. Die Wirkung der Kugeln im Wasser setzte
sie in Erstaunen und in solchen Schrecken, da die Hlfte ihre Kanus
umkippte. Hierauf lsten wir am Ufer eine dreipfndige Feldkanone,
deren Kugel auf eine ziemliche Strecke die Oberflche des Wassers
streifte und ihnen keinen Zweifel briglie, da wir unsere Kugeln
in jeder beliebigen Richtung so weit schieen knnten, wie wir Lust
htten. Jetzt standen sie da und beratschlagten sich, wie es schien,
in nicht geringer Verlegenheit. Nun gaben wir ihnen zu verstehen,
wir htten keineswegs die Absicht, ihnen Leids zu tun, solange sie es
friedlich und ehrlich mit uns meinten; wir wnschten weiter nichts,
als mit ihnen handeln und gegen unsere Waren Felle eintauschen zu
knnen. Diese Waren hielten wir ihnen vor; und nun zogen sich nach
einem wiederholten Freudengeschrei diejenigen unter ihnen, die in Felle
gekleidet waren, augenblicklich aus und verkauften uns gegen eine
mige Zahl groer eiserner Ngel sechzig schne Seeotterfelle. Um uns
ihre Freundschaft zu erwerben, beschenkten wir die vornehmsten Mnner
unter ihnen mit Glasperlen verschiedener Farbe. Dagegen versprachen
sie, da sie uns Felle bringen wrden, so geschwind sie dergleichen nur
herbeischaffen knnten.

[Illustration: Lali-lali riefen sie, das heit Freund, Freund.]

Ihr Versuch, uns zu berfallen, war wohl ohne Zweifel vorher berlegt;
denn sie pflegen einander sonst nie in den erwhnten Booten zu
bekriegen und bedienen sich ihrer gewhnlich nur, um die Greise, die
Frauen und Kinder bei Annherung eines Feindes wegzufhren, weswegen
sie auch diese Fahrzeuge Weiberboote nennen. Jetzt aber hatten sie
sie dennoch gebraucht, um eine betrchtliche Menge Leute auf einmal
an Land setzen zu knnen, weil sie dadurch ihr Vorhaben, unsere Leute
abzuschneiden, desto sicherer bewerkstelligen konnten. Dieser Plan war
ihnen nun freilich milungen. Aber nichts leistete uns Brgschaft,
da sie in Zukunft der Gelegenheit widerstehen wrden oder auch nur
widerstehen knnten, uns alles zu stehlen, was ihnen unter die Hnde
kme, zumal wenn es Eisen enthielt, durch das sie immer in die uerste
Versuchung gerieten.

In unseren jetzigen Umstnden hielten wir es fr ratsam, unsere
ferneren Arbeiten am Land einzustellen. Wir fingen daher an, das Schiff
mit Sparren zu bedecken und von allen Seiten einzufassen, wie wir es
schon zur Hlfte getan hatten. Unglcklicherweise fiel jetzt der Schnee
in solchen Mengen und lag auf dem Lande so tief, da wir zu unserem
grten Mivergngen diese Arbeit nicht vollenden konnten. Soweit die
Bedeckung fertig war, diente sie uns, eine Stelle zum Auf- und Abgehen
trocken zu halten, und schtzte das Verdeck gegen Klte. Sie gab zu
gleicher Zeit fr den Notfall eine hinlngliche Befestigung ab gegen
jeden Angriff, den etwa die Eingeborenen wagen konnten, da von einer
anderen Seite das Eis, das sich berall um uns her zu bilden anfing,
ihnen einen sehr betrchtlichen Vorteil gab. Allein, die Neigung
unserer wilden Nachbarn mochte noch so feindselig sein: der Schrecken
ber die Wirkung unsrer Kanonen hatte sie zu grter Freundlichkeit und
Friedfertigkeit gebracht.

[Illustration]

Am 31. Oktober fiel das Thermometer bis zum Gefrierpunkt, und die
Morgen und Abende waren schon empfindlich kalt. Bisher hatten wir
Lachse in Menge gefangen. Nunmehr aber fingen die Fische an, sich
aus den kleinen Flssen fortzuziehen. Wir taten jetzt mit dem groen
Netze zwei Zge in einem Teiche zwischen den benachbarten Bergen und
fingen so viele Fische, als wir auf den Winter einsalzen konnten. Um
etwas fr den tglichen Bedarf zu erhalten, schickten wir jeden Morgen
zwei Mann aus, die nach zwei Stunden mit so vielen Fischen, als sie
tragen konnten, wiederkamen. Die Art, wie wir hier die Fische fingen,
hatte etwas Lcherliches. Man stellte sich an den Abflu des vorhin
erwhnten Teiches, wo er sich in das Meer ergiet und kaum ber einen
Meter tief ist. Sowie nun die Fische hindurchschwammen, schlug man sie
mit einer Keule auf den Kopf. Man kann sich leicht denken, da sich
unsere Matrosen den Zeitvertreib gefallen lieen, der unserem Tisch so
ppige Mahlzeiten brachte. Doch die Tage des berflusses waren bald zu
Ende. Die Gnse und Enten, mit denen wir uns ohne Unterla versehen
hatten, sammelten sich jetzt in groen Zgen und flogen sdwrts. Die
Eingeborenen hatten uns zuweilen wilde Ziegen gebracht, die einzigen
Landtiere, die wir bei ihnen wahrnahmen. Wir verlieen uns auch darauf,
da sie uns den Winter hindurch wenigstens mit einigen Arten von
Lebensmitteln aushelfen wrden. Allein, statt dessen war am 5. November
kein Vogel mehr zu sehen, und in den Wldern, wo der trockene Schnee
jetzt mindestens anderthalb Meter hoch lag, konnte man unmglich noch
fortkommen. Die Fische hatten alle Buchten und kleinen Hfen verlassen,
und das Eis sperrte uns auf allen Seiten ein. Die frchterlichen
Gebirge, die wir berall sahen, waren jetzt bis an den Rand des Wassers
mit Schnee ganz wei bekleidet, und den Eingeborenen blieben nun keine
anderen Nahrungsmittel brig als Walfleisch und -speck, den sie fr
den Winter bereitet hatten. Vom 2. November an hielt das Eis um das
Schiff schon recht gut. Unsere Leute liefen daher zum Zeitvertreibe
Schlittschuh und ergtzten sich auch sonst auf dem Eise, so da
Munterkeit und Bewegung nicht wenig zu ihrer Gesundheit beitrugen, bis
endlich der Schnee auf dem Eise ebenso hoch lag als auf dem Lande.

Den November und Dezember hindurch erfreuten wir uns einer
vortrefflichen Gesundheit. Die Eingeborenen setzten ihr
freundschaftliches Betragen gegen uns fort, bis auf das Stehlen,
wovon sie sich durch nichts entwhnen lieen, und dem sie bei jeder
Gelegenheit und trotz uerster Wachsamkeit frnten.

Das Thermometer stand im November zwischen 3-4 Klte, aber im Dezember
fiel es auf 12 unter Null und blieb da fast den ganzen Monat stehen.
Wir hatten zu gleicher Zeit nur einen schwachen Schimmer von Licht;
denn die Mittagssonne stand nur sehr wenig ber dem Horizont, und die
hohen, sdlich gelegenen Gebirge raubten uns ihren Anblick. Hier, wo
wir gleichsam eingekerkert und von dem erheiternden Lichte, von der
belebenden Wrme der Sonnenstrahlen abgeschieden waren, hatten wir
berdies auch keine andere Art von Genu, die der Einde um uns her zum
Ersatz htte dienen knnen. Die furchtbar hohen Gebirge raubten uns
beinahe den Anblick des Himmels und warfen ihre nchtlichen Schatten
mitten am Tage ber uns her. Aber auch das Land war wegen des tiefen
Schnees unzugnglich; wir hatten also keine Hoffnung, solange der
Winter whrte, auerhalb des Schiffes und unserer eigenen Gesellschaft
Erholung, Hilfe oder Erleichterung zu finden. Dies war indes nur der
Anfang unserer Mhseligkeiten.

Das neue Jahr setzte mit einem verstrkten Grade von Klte ein, und
darauf folgten sehr schwere Schneeflle, die bis zur Mitte des Januars
anhielten. Unser Verdeck konnte jetzt dem harten Frost der Nchte
nicht lnger widerstehen, und seine untere Decke war zolldick mit
einem schneehnlichen Reif besetzt, ungeachtet tglich zwanzig Stunden
lang drei Feuer brannten, die, wenn sie angezndet wurden, durch
das Auftauen eine kleine berschwemmung verursachten. Eine Zeitlang
unterhielten wir das Feuer Tag und Nacht. Der Ofen jedoch, den wir uns
aus der Schmiedeesse verfertigt hatten, rauchte so unleidlich, da die
Matrosen, von denen jetzt einige krnkelten, fest berzeugt waren, ihr
belbefinden sei ihm allein zuzuschreiben. Nach dem groen Schneefall
legten sich zwlf Mann, die an Skorbut litten. Gegen das Ende des
Monats starben vier von ihnen, und die Zahl der bettlgerigen Kranken,
unter denen auch der Wundarzt sehr gefhrlich daniederlag, stieg auf
23. Unser erster Offizier empfand einen leichten Schmerz auf der
Brust, ein Symptom, das gewhnlich einen schlimmen Ausgang in wenigen
Tagen andeutete. Er vertrieb ihn indes dadurch, da er unaufhrlich
junge Tannenzweige kaute und den Saft hinunterschluckte. Der widrige
Geschmack dieser Arznei jedoch war schuld, da sich die wenigsten
Kranken bereden lieen, mit dem Gebrauche fortzufahren.

Gegen Ende Februar hatte die Krankheit so weit um sich gegriffen,
da nicht weniger als dreiig von unseren Leuten gnzlich entkrftet
waren und sich nicht mehr aus ihren Hngematten erheben konnten.
Vier von ihnen starben whrend dieses Monats. Unsere Vorrte waren
jetzt schon so erschpft, da wir, wenn auch die heftigsten Anzeichen
allmhlich nachlieen, doch keine geeigneten Speisen hatten, mit denen
der Krankheit beizukommen war. Zu dieser traurigen Lage kam noch die
Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit unserer Leute, die schon das
geringste Zeichen der Krankheit fr einen Vorboten des Todes hielten.
Whrend der Monate Januar und Februar blieb das Thermometer fters auf
10 unter dem Gefrierpunkt. Dieser groen Klte ungeachtet besuchten
uns die Eingeborenen wie gewhnlich und stets nur in ihren Jacken aus
Robben- oder Seeotterfellen, und zwar meistens aus letzteren, wobei
sie den Pelz auswrtsgekehrt trugen. Dieser Anzug schtzte nur den
Krper und lie die Fe blo; aber sie schienen deshalb kein Ungemach
zu spren. An Mundvorrat mochte es ihnen ebensosehr wie uns fehlen.
Wir hatten einige Tonnen Tran stehen, den wir als l gebrauchten. Auf
diese Leckerei pflegten sie sich, sooft sie an Bord kamen, unter dem
Vorwande, da sie wegen des strmischen Wetters nicht auf die Waljagd
gehen knnten, bei uns zu Gaste zu bitten. Zu ihrer grten Freude und
Zufriedenheit schlugen wir ihnen diesen Leckerbissen nie ab. Ihrer
Meinung nach wtete die schreckliche Krankheit nur deshalb unter uns,
weil wir uns nicht von dieser leckern und gesunden Speise nhren
wollten.

Es nahm uns wunder, da sie nicht nur um den Tod unsrer Leute wuten,
sondern auch die Stellen kannten, wo sie begraben lagen. Sie zeigten
besonders an den Rand des Ufers zwischen die Spalten des Eises hin,
wo wir mit groer Mhe ein nicht gar tiefes Grab fr unsern Bootsmann
zustande gebracht hatten, der, als er noch lebte, anfangs ihre
Aufmerksamkeit erregte und hernach ihre Achtung erlangte, weil er mit
seiner Pfeife die Mannschaft zusammenrief. Schon besorgten wir, da
sie diese traurigen Feierlichkeiten nur darum belauscht haben mchten,
damit sie die Leichname wieder ausgraben und ein Kannibalenfest damit
abhalten knnten; denn wir zweifelten gar nicht, da wir es mit
Menschenfressern zu tun htten. Indessen entdeckten wir bald, da sie
zwar bestndig lauerten, aber nur in der Absicht, andere Haufen von
Eingeborenen abzuhalten, da sie nicht mit uns handeln sollten, ohne
ihnen etwas von dem Gewinne abzugeben. Nach ihren tglichen Besuchen zu
urteilen, htte man glauben sollen, ihre Wohnungen, obgleich wir noch
nie eine entdeckt hatten, mten in der Nhe sein. Jetzt aber erfuhren
wir, da sie ein streifendes Volk ohne feste Wohnpltze wren und da
schliefen, wo sie knnten oder Lust htten. Ja, da sie sogar zwischen
Tag und Nacht keinen Unterschied machten, sondern bald zu dieser, bald
zu jener Zeit umherwanderten. Des Nachts zndeten sie nie ein Feuer
an, aus Furcht, von anderen Stmmen, mit denen sie in unaufhrlicher
Feindschaft zu leben schienen, berfallen zu werden. Diese Feinde
htten aber ber das Eis zu ihnen kommen mssen; denn von Schneeschuhen
wuten sie nichts, und ohne diese konnte man unmglich durch die Wlder
dringen.

Der Monat Mrz erleichterte unsere Leiden nicht; er war ebenso kalt
wie die beiden vorhergehenden. Im Anfang fiel noch eine Menge Schnee,
wobei die Anzahl unsrer Kranken sich wieder vergrerte und der Skorbut
an denen, die ihn schon hatten, noch heftiger wtete. Whrend dieses
Monats hatten wir die traurige Pflicht, den Leichen unseres Wundarztes
und Lotsen die letzte Ehre zu erweisen. Diese Unflle trafen uns sehr
schwer; und der Verlust des Wundarztes zu einem Zeitpunkt, da rztliche
Hilfe uns so notwendig war, wird erkennen lassen, da unser Elend den
hchsten Grad erreicht hatte.

Unser erster Offizier fhlte wieder eine Anwandlung seiner
Unplichkeit und nahm seine Zuflucht abermals zu dem Mittel, das
ihm bereits so heilsame Dienste geleistet hatte. Er machte sich
Bewegung und nahm den Saft des Tannenbaums ein. Eine Abkochung von
Tannensprossen, die er sich hergestellt hatte, schmeckte sehr ekelhaft
und blieb, auch sehr verdnnt, nicht leicht im Magen. Sie wirkte
vielmehr zu wiederholten Malen als ein Brechmittel, ehe man davon
Fortschritte in der Kur bemerkte. Aber vielleicht kam gerade das
Erbrechen, indem dadurch die ersten Wege gereinigt wurden, den ferneren
heilsamen Wirkungen dieses antiskorbutischen Mittels zustatten. Der
zweite Offizier und einer oder ein paar von den Matrosen beharrten
bei ebender Methode, hatten denselben guten Erfolg und erholten sich
aus einem sehr entkrfteten Zustande. Unglcklicherweise ist eines
der schlimmsten Symptome dieser traurigen Krankheit eine gnzliche
Abneigung gegen alle Bewegung und ein Schmerz, der an die heftigsten
Qualen grenzt, sooft man es nur versucht, sich Bewegung zu machen, die
doch das wesentlichste Heilmittel zu sein scheint.

Nachdem wir unsern Wundarzt verloren hatten, fehlte es uns nun gnzlich
an allem rztlichen Beistande. Soweit die zrtlichste und wachsamste
Sorge den Kranken Erleichterung schaffen konnte, erhielten sie diese
von mir, von dem ersten Offizier und einem Matrosen, den einzigen
Personen, die noch imstande waren, ihnen diesen Dienst zu leisten.
Wir muten aber noch mit Jammer sehen, da die schreckliche Krankheit
allmhlich einen nach dem andern von unserer Mannschaft hinwegri. Nur
zu oft ward ich zu der schauerlichen Arbeit gerufen, die Leichname ber
das Eis zu schleppen und sie in ein nicht tiefes Grab zu legen, das
wir mit unseren eigenen Hnden ausgehauen hatten. Der Schlitten, auf
dem wir unser Holz holten, war ihre Bahre, die Spalten im Eis wurden
ihre Gruft. Doch diese unvollkommene Totenfeier ward von einer so
wahren und aufrichtigen Betrbnis begleitet, wie sie nicht einmal den
Stolzen bei ihren prunkenden Leichenbegngnissen in die Totengewlbe
folgt. Frwahr, das einzige Glck, die einzige Erleichterung in unserem
Elend bestand darin, da wir uns zuweilen von dem Schiffe entfernten,
um in der Einsamkeit das Gechze der Leidenden nicht zu hren und
unsere rettungslose Lage zu vergessen. Alle herzstrkenden Mittel
waren lngst aufgebraucht, und es blieb uns zur Speise fr die Kranken
nichts anderes als Zwieback, Reis und ein geringer Vorrat an Mehl.
Wir hatten weder Wein noch Zucker mehr fr sie. An gesalzenem Rind-
und Schweinefleisch fehlte es uns zwar nicht; allein, wre das jetzt
auch eine geeignete Kost fr uns gewesen, so htte doch der Abscheu,
den unsere Leute vor ihrem bloen Anblicke zeigten, alle heilsamen
Wirkungen vereitelt. Fische und Geflgel konnten wir jetzt im Winter
nicht mehr bekommen. Zu den seltensten Leckerbissen gehrte zuweilen
eine Krhe oder eine Seemwe, und ein wahrer Schmaus waren die Adler,
von denen wir einige erlegten, da sie um uns herschwebten, als ob sie
vielmehr uns zum Raube ausersehen htten, anstatt uns zur Speise dienen
zu sollen. Endlich muten wir uns wider Willen entschlieen, unsere
Ziege und den Ziegenbock, die auf der ganzen Reise unsere Gefhrten
gewesen waren, abzuschlachten, um die Kranken vierzehn Tage lang mit
der Brhe und anderen Zubereitungen von ihrem Fleische zu erquicken.

Ende Mrz kam heran, ohne da die Witterung sich nderte. Die Klte
dauerte mit unerbittlicher Strenge fort. Doch flte uns der Anblick
der Sonne, wenn sie am Mittag nur eben ber die Gipfel der Gebirge
hervorkam, einige Hoffnung ein. Das Thermometer hatte diese Zeit ber
meistenteils auf 10 unter Null gestanden.

In den ersten Tagen des Aprils hatten wir harten Frost und heftige
Strme, und auch noch gegen die Mitte des Monats strmte es einige
Male frchterlich von Sden her. Diese Winde jedoch bringen hier den
Sommer mit, so wie die Nordwinde gewhnlich im Sommer herrschen.
Der vernderte Wind verursachte, wie man sich vorstellen kann, eine
merkliche nderung in der Lufttemperatur. Allein, er brachte daneben
Schnee in groer Menge, und da er nicht anhielt, sondern bald wieder
der Nordwind an seine Stelle trat, so ward die Klte wieder so streng
wie zuvor. Gegen Ende des Aprils kmpften diese entgegengesetzten
Winde unaufhrlich gegeneinander; und dies war um so lstiger, als
es trbes Nebelwetter verursachte. Whrend des Sdwindes wurden die
Kranken elender. Wir hatten in diesem Monat vier Europer und drei
Laskaren zu begraben. Der zweite Offizier und der Matrose, die sich
zum Gebrauche des Tannensaftes entschlossen hatten, fhlten sich jetzt
soweit wiederhergestellt, da sie auf das Verdeck kamen und den kurzen,
aber willkommenen Sonnenschein genossen. Dieser Umstand bewog manchen
von unseren Kranken, sich an den Tannensprossensaft zu halten, und
einige lieen sich auch bereden, damit fortzufahren. Die meisten aber
bekmmerten sich nicht darum und blieben fest entschlossen, nach ihrem
derben Ausdruck, lieber allmhlich zu verrecken, als die Qual eines so
ekelhaften und peinlichen Heilmittels zu erdulden.

Gegen Ende des Monats stieg das Thermometer in der Mittagssonne bis
zum Gefrierpunkt. Aber in der Nacht fiel es wieder ziemlich tief.
Whrend der letzten drei Tage im April brachten uns die Eingeborenen
einige Seevgel und Heringe. Die Fische verteilte ich selbst unter
die Kranken; und keine Worte knnen die Freude schildern, die beim
Anblick dieser wohlttigen und erquickenden Speise aus ihren hageren
Gesichtern hervorleuchtete. Ich versumte es nicht, die Eingeborenen
auf alle Art und Weise aufzumuntern, da sie fortfahren mchten, uns
mit diesem strkenden Nahrungsmittel ununterbrochen zu versorgen.

Jetzt fingen sie auch an, uns mit der Versicherung zu trsten, da
die Klte bald ein Ende haben wrde. Sie hatten uns durch Herrechnen
der Monde jederzeit zu verstehen gegeben, da der Sommer Mitte Mai
anfinge. Jetzt beschrieb die Sonne schon einen groen Kreis ber die
Berge, und in der Mitte des Tages war sie uns sehr erquickend. Wir
erhielten auch fters Fische und wagten es wieder, uns mit der Hoffnung
zu schmeicheln, da wir briggebliebenen noch diesem den, unwirtlichen
Lande entrinnen und wieder in unser Vaterland zurckkehren knnten.
Diese Gedanken belebten unsere Kranken so sehr, da sie sich auf das
Verdeck bringen lieen, um die Sonnenstrahlen zu genieen. Viele von
ihnen wurden indes ohnmchtig, sobald sie an die frische Luft kamen.
Seltsam war es auch, da viele dem Anschein nach noch eine erstaunliche
Lebhaftigkeit des Geistes behalten hatten und, solange sie im Bette
lagen, wie gesunde Leute von allem sprechen und alles vernehmen
konnten, hingegen bei der geringsten Bewegung, ja, wenn man nur die
Seiten der Hngematten berhrte, die heftigsten Schmerzen bekamen und
von einer Ohnmacht in die andere fielen, so da man jeden Augenblick
ihr Ende erwarten mute. In diesem Zustande blieben sie dann lnger als
eine halbe Stunde, ehe sie sich wieder erholten.

Bis zum 6. Mai vernderte sich alles um uns her auf eine erstaunliche
Art. Diejenigen Matrosen, die nicht gar zu sehr entkrftet waren,
erholten sich nach Gebrauch des Saftes mit einer ans Wunderbare
grenzenden Geschwindigkeit. Wir hatten Fische, soviel wir nur
verlangten, und wurden von den Eingeborenen mit vielen Seevgeln
versorgt. Auch hatten wir schon manchen Zug wilder Enten und Gnse ber
unsere Kpfe wegfliegen sehen, leider aber war uns noch keiner der
Vgel nahe genug vor die Flinte gekommen.

Am 17. Mai kam eine Gesellschaft von Indianern, die den Huptling
dieses Sundes namens Schenowh an ihrer Spitze hatte, mit groer
Feierlichkeit an Bord, um uns wegen der Rckkehr des Sommers zu
beglckwnschen. Sie berichteten uns zugleich, da sie zwei Schiffe
in See erblickt htten. Diese Nachricht ward uns verschiedentlich von
andern Wilden besttigt. Wir wagten es aber kaum, sie zu glauben, bis
am 19. die Ankunft zweier Kanus, die ein europisches Boot geleiteten,
sie bewahrheitete. In diesem Boote besuchte uns Kapitn Dixon,
Kommandant der Knigin Charlotte, die zugleich mit dem Knig Georg
unter Kapitn Portlock von London auf der Montague-Insel angelangt
war, wo Dixon auf die ihm von den Indianern bermittelte Nachricht die
Schiffe verlassen hatte, um uns zu besuchen.

Wenn man alle Umstnde bercksichtigt, wird man nicht umhin knnen,
diese Zusammenkunft fr etwas Auerordentliches zu halten. Und erwgt
man die schauderhafte Lage unserer Mannschaft, ihre Krankheit, ihre
Betrbnis, ihre lange Abgeschiedenheit und die ttende Furcht, da
selbst, wenn nun die gnstigere Jahreszeit einsetzte, ihre Entkrftung
und der Zustand des Schiffes ihnen dennoch die Abreise unmglich machen
wrden, so wird man sich nicht wundern, da Kapitn Dixon von uns wie
ein Rettungsengel mit Freudentrnen bewillkommnet ward.

Gegen den 12. Mai wirkte die Mittagssonne bereits sehr krftig, und der
anhaltende Sdwind machte die Luft mild und angenehm. Das Thermometer
stand den Tag ber im Schatten auf 5 Wrme. Aber in der Nacht fiel
es wieder zum Gefrierpunkt, und alsdann berzog sich das, was bei
Tage aufgetaut war, mit einer dnnen Eiskruste. Die groe Eismasse,
die uns umgab, fing nun an, sich vom Ufer zu trennen. Die Flut, die
hier 18 Meter steigt und fllt, zerbrckelte sie unaufhaltsam, und
zugleich fhrte das vom Auftauen im Lande abflieende Wasser ganze
Stcke Eis mit sich in See. Bald nachher taute alles um das Schiff her
auf, und wir sahen mit Vergngen, da es sich wieder um seinen Anker
bewegte. Unsere Kranken nherten sich zusehends ihrer Genesung, wiewohl
ihrer zwei, ungeachtet der rckkehrenden Sonne und unserer uersten
Sorgfalt, die Zahl der Opfer vermehrten, denen das Schicksal ihren
letzten Schlaf an diesen grauenvollen Ufern bestimmt hatte. Das Land
blieb noch immer mit Schnee bedeckt, und auer Tannensprossen zeigte
sich uns keine erreichbare Spur von Pflanzenwachstum. Wir muten uns
brigens glcklich preisen, da der strenge Winter uns noch diese
gelassen hatte, und da sie jedem, der anhaltenden Gebrauch davon
machte, ein wirksames Heilmittel wurden.

Am 17. Mai lste sich in der ganzen Bucht alles Eis, und da wir
uns wieder in offenem Wasser befanden, so erquickte die Hoffnung,
jetzt bald diese Szenen des Grauens und Leidens zu verlassen, unsere
erschpften Gemter mit unaussprechlichem Troste.

Die Zahl der von uns hier festgestellten Indianer betrug nicht ber
fnf- bis sechshundert. Sie sind eine starke, grobknochige Rasse und
wohl etwas grer als der Durchschnittseuroper. Sie haben weder
Stdte noch Drfer oder sonst einen bestndigen Wohnort, sondern
wandern unaufhrlich im Sunde auf- und abwrts, wie Laune und Not
sie dazu treiben. Diesen ganzen Bezirk halten sie fr ihr Eigentum
und dulden darin keinen anderen Stamm, den sie mit ihrer bermacht
abhalten knnen, auer wenn er ihnen einen Tribut dafr entrichtet.
Dringt aber, wie es zuweilen geschieht, ein strkerer Stamm in das
Gebiet, so ziehen sie sich auf gewisse Felsengipfel zurck, die nur
vermittels einer Leiter, die man nach sich hinaufnimmt, zugnglich
sind. Dahin schleppen sie sogar ihre leichtgebauten Kanus. Sie haben
einen Huptling. Schenowh, der jetzige, war ein ganz alter Mann
und fast gnzlich wieder zum Kinde geworden. Als er im verflossenen
Herbste den ersten Besuch bei uns machte, brachte er drei Frauen mit,
die er uns als seine Gattinnen bezeichnete. Wir erwiesen ihnen daher
gebhrende Aufmerksamkeit und beschenkten sie mit allerlei Sachen, von
denen wir vermuten konnten, da sie ihnen Freude machen wrden. Auer
diesen haben wir nur noch drei oder vier andere von den Frauen der
Eingeborenen gesehen. Wir htten sehr gewnscht, einen von ihren Knaben
bei uns zu behalten, um von ihren Sitten und ihrer Sprache einiges zu
erlernen. Allein, sie weigerten sich bestndig, unser Verlangen zu
erfllen, wenn nicht auch wir einen von unseren Leuten bei ihnen lassen
wollten. Der Huptling selbst traute sich nicht, an Bord zu kommen,
wenn nicht whrend des Besuchs einer von unseren Matrosen in seinem
Kanu blieb.

Im Oktober 1786 brachte uns der Huptling eine junge Frauensperson und
bot sie uns zum Kaufe an. Wir erhandelten sie fr eine kleine Axt und
eine geringe Menge Glasperlen. Anfnglich glaubten wir, sie sei eine
von seinen eigenen Frauen; allein, sie gab uns bald zu verstehen, da
sie eine Kriegsgefangene und nebst einer Anzahl von Landsleuten ihren
Feinden in die Hnde gefallen sei. Die anderen wren alle gettet und
verzehrt worden, was das allgemeine Los der Kriegsgefangenen sei. Sie
allein htte man leben lassen, damit sie den Frauen des Huptlings
aufwarten solle, die jetzt vermutlich ihrer Dienste berdrssig oder
vielleicht gar eiferschtig auf sie geworden waren. Sie blieb beinahe
vier Monate lang bei uns und schien sehr zufrieden mit ihrer Lage. Wir
erfuhren von ihr, da sie zu einem weiter sdwrts wohnenden Stamme
gehre. Wir hatten uns vorgenommen, im folgenden Sommer lngs der Kste
hinzufahren, Pelzwerk einzuhandeln und sie ihren Verwandten wieder
zurckzugeben, wenn nicht die Unglcksflle, die uns hier trafen, diese
Absicht gnzlich vereitelt htten. Die Einwohner des Sundes schilderte
sie uns jederzeit, wir wissen freilich nicht mit welchem Rechte, als
die wildesten Leute an der ganzen Kste, wobei sie immer wiederholte,
da nichts als die Furcht vor unseren Kanonen sie abhielte, uns
totzuschlagen und zu verspeisen.

Whrend des harten Frostes im Januar und Februar besuchten uns einige
fremde, weiter sdwrts wohnende Stmme aus der Nachbarschaft ihres
Volkes. Durch diese Stmme schickte unser Mdchen eine Einladung
an ihre Verwandten, uns zu besuchen. Wir fgten ein Geschenk von
Glasperlen hinzu, um jene zu diesem Besuch aufzumuntern. Das Mdchen
bestimmte uns die Zeit, da wir ihre Ankunft erwarten knnten, und
wirklich erschienen sie ziemlich genau zu dem angegebenen Termin in
drei einzelnen Kanus und brachten einen geringen Vorrat an Pelzwerk
mit. Das Mdchen bat uns dringend um die Erlaubnis, mit ihnen zu
reisen. Da wir uns aber von den Nachrichten, die sie uns geben konnte,
einigen Vorteil fr den Sommer versprachen, so erhielt sie eine
abschlgige Antwort. Whrend indes einmal unsere Leute zum Frhstck
gegangen waren, benutzte sie die Zeit, um in die Kanus zu entkommen,
und wir haben sie nie wiedergesehen. Damals, als das Mdchen uns
verlie, hatte der Skorbut noch nicht mit der Bsartigkeit wie spter
um sich gegriffen. Doch gab sie uns zu erkennen, da auch ihr Volk
an dieser Krankheit litte, da man aber, sobald sich die Anzeichen
bemerkbar machten, sdwrts in ein besseres Klima zge, wo Fische in
Menge zu haben wren, die die Heilung stets bewirkten.

Die Einwohner des Sundes halten ihr Haar ziemlich kurz und hinten und
vorn in gleicher Lnge. Daher hngt es ihnen gewhnlich so ins Gesicht,
da sie, Mnner wie Frauen, es unaufhrlich wegstreichen mssen, um
nur vor sich hinsehen zu knnen. Die Mnner haben durchgehends einen
Schnitt in der Unterlippe, zwischen dem vorstehenden Teil der Lippe
und dem Kinn, und zwar in gleicher Richtung mit dem Munde, so da
der Einschnitt einem zweiten Munde hnlich sieht. Die Knaben haben
an derselben Stelle zwei, drei oder vier Lcher. Vielleicht ist also
dieser Einschnitt ein Zeichen der Mannbarkeit. Die Frauen haben
ebensolche ffnungen wie die Knaben und stecken kleine Stckchen von
Muscheln hinein, die wie Zhne aussehen. Mnner und Frauen durchbohren
den Nasenknorpel und tragen gewhnlich einen groen Federkiel oder
ein Stck Baumrinde darin. Brte, die man freilich gewhnlich nur
an bejahrten Personen sieht, haben sie auf der Oberlippe und am
Kinn; im Winter hngen oft Eiszapfen daran. Die Jngeren reien
sich scheinbar die Haare aus, sobald sie zum Vorschein kommen. Ihre
Backenknochen sind hoch hervorstehend, ihre Gesichter rund und
platt, die Augen schwarz und klein, das Haar pechschwarz. Ihr ganzer
Anblick ist wild und grlich. Die Ohren werden mit vielen Lchern
durchbohrt, in denen Gehnge von Knochen oder Muschelwerk befestigt
werden. Sie bedienen sich einer Art von roter Farbe, um sich Hals
und Gesicht zu beschmieren. Wenn ihnen aber ein Verwandter stirbt,
so brauchen sie dafr schwarze Farbe. Ihr Haar ist beinahe ganz mit
Vogeldaunen bedeckt. Ihre Kleidung besteht in einem einfachen Rock
von Seeotterfell, der bis auf die Knie herunterhngt und ihre Fe
unverhllt lt. In ihren Kanus bedienen sie sich einer anderen
Kleidung, die sie aus den Drmen des Wals verfertigen. Sie bedecken den
Kopf damit und binden die herabhngenden Sche um das Loch fest, in
dem sie sitzen. Auf diese Weise kann kein Wasser in das Boot dringen,
und sie sitzen trocken und warm. Eigentlich ist dieses ihr Hauptanzug,
da sie bei weitem den grten Teil ihres Lebens in ihren Kanus
zubringen. Man findet in den hiesigen Waldungen alle die verschiedenen
Arten des Tannengeschlechts, die an der jenseitigen Kste von Amerika
gedeihen. Ferner Schlangenwurz und Ginseng, wovon die Eingeborenen
immer etwas als Arznei bei sich fhren, obwohl wir es nie in Mengen
auffinden konnten.

Die Wlder sind sehr dicht und erstrecken sich ber zwei Drittel der
ganzen Hhe der Gebirge, die oben in ungeheuren, nackten Felsenmassen
endigen. Die schwarze Kiefer, die hier in groer Menge wchst, liefert
sehr gute Segelstangen. Auch bemerkten wir bei unserer Ankunft im Sunde
im September einige schwarze Johannisbeerstrucher, aber sonst keine
andere Art von Frchten oder Gemsekrutern. Damals waren die Hhen
auch schon mit Schnee bedeckt und die niedrigen Grnde durch die Strme
geschmolzenen Schnees von oben her gnzlich berschwemmt.

Die einzigen Tiere, die wir hier sahen, waren Bren, Fchse, Marder,
wilde oder Bergziegen und Hermeline. Von den letzteren tteten wir nur
zwei Paar, die von verschiedenen Gattungen waren.

Zur Zugzeit sahen wir Gnse in groer Menge nebst mancherlei anderen
Wasservgeln. Aber auer Krhen und Adlern kamen uns keine in den
hiesigen Wldern einheimische Vgel zu Gesicht. Das Eisen hatte von
all unseren Waren den hchsten Wert fr die Indianer, und sie whlten
vorzglich solche Stcke, die an Gestalt der Spitze einer Lanze hnlich
sahen. Grne Glasperlen waren ebenfalls sehr begehrt, zu anderen Zeiten
aber wieder blaue und rote. Die Indianer bezeigten auch viel Vergngen
an unseren wollenen Jacken und an allen alten Kleidungsstcken der
Matrosen.

Ihre Nahrung besteht gnzlich in Fischen; vorzugsweise aber essen sie
den Wal. Weil l und Tran ihnen als grte Leckerbissen gelten, sind
ihnen natrlicherweise die ligen Fische am liebsten. Sie pflegen
sie sehr selten zuzubereiten. Wenn es aber geschieht, so znden sie
ein Feuer an, indem sie einige trockene Stcke Tannenholz aneinander
reiben. Sie verfertigen sich wasserdichte Krbe und legen heie Steine
hinein, um das Wasser und die Fische zu kochen. Allein, selten geben
sie sich die ihres Erachtens entbehrliche Mhe, ihre Speisen auf
diese Art zu bereiten. In den kltesten Wintertagen sahen wir sie nie
von ihren Kchen Gebrauch machen; doch konnte das vielleicht auch
von Nebenumstnden abhngen, die ihnen gerade damals die Kocherei
erschwerten.

Unstreitig sind diese Menschen eine sehr rohe, wilde Rasse und besitzen
einen ungewhnlichen Grad von Unempfindlichkeit gegen krperlichen
Schmerz. Hiervon sahen wir ein auffallendes Beispiel bei folgender
Veranlassung: whrend des Winters hatte man unter allerlei anderem
Kehricht auch einige zerbrochene Flaschen aus dem Schiffe geworfen.
Einer von den Indianern, der den Haufen nach tauglichen Gegenstnden
untersuchte, schnitt sich mit einer Glasscherbe sehr tief in den Fu.
Sobald wir ihn bluten sahen, zeigten wir ihm, was ihn verwundet hatte,
verbanden ihn und gaben ihm zu verstehen, dies sei die Heilmethode,
deren wir uns in hnlichen Fllen bedienten. Allein, jetzt machte er
mit seinen Gefhrten unser ganzes Verfahren lcherlich. Sie ergriffen
auf der Stelle die Glasscherben und zerfetzten sich damit Arme und
Beine auf eine frchterliche Art, wobei sie uns belehrten, da ihnen
nichts Derartiges schaden knne.

Mit unbegrenzter Freude verlieen wir am 21. Juni die Bucht, die Heimat
eines Volkes von solchem Charakter und von solchen Sitten, in der wir
den strengsten Winter berdauert hatten. Am folgenden Abend waren wir
in offener See. Unsere ganze Mannschaft bestand aus 24 Mann, mich, die
Offiziere und die beiden Matrosen mitgerechnet, die von dem Schiffe
Knig Georg zu uns gekommen waren. Dreiundzwanzig Menschen hatten wir
leider in dem unwirtlichen Sunde begraben. Die briggebliebenen waren
indes guten Mutes, wennschon es einigen noch an Krften fehlte, selbst
an Bord zu gehen.

Kaum hatten wir uns vom Lande entfernt, so blieb der Wind sdlich
und hllte uns in einen dichten Nebel. Diese Witterung, die uns in
unserm erschpften Zustande kaum ertrglich war, brachte uns zu dem
Entschlusse, in der Nhe der Kste zu segeln.

Zehn Tage lang hatten wir die See gehalten, ohne weiter sdwrts als
zum 57. Grad zu kommen. Unsere Leute, die auf dem Verdeck durchnt
wurden, klagten ber Schmerzen in den Beinen. Und diese schwollen ihnen
dermaen, da einige das Bett hten muten. Hierauf beschlossen wir,
landwrts zu steuern, da die Kste nur 40 Seemeilen entfernt war. Wir
erblickten bald einen hohen Pik von sonderbarer Gestalt; und nicht
weniger sonderbar waren sowohl dem ueren Ansehen nach wie in ihren
Sitten auch die Einwohner in dessen Nachbarschaft.

Sobald wir uns dem Lande genhert hatten, kamen uns eine groe Menge
Kanus entgegen, die sich von denen im Prince-Williams-Sunde an Gestalt
sehr unterschieden. Sie bestanden aus einem einzigen Baumstamme, und
viele waren zwischen fnfzig und siebzig Fu lang, aber sehr schmal,
nmlich nicht breiter als der Baum. Die Frauen waren die seltsamsten
und greulichsten Menschengestalten, die wir jemals gesehen hatten. Wie
die Mnner im Prince-Williams-Sund hatten sie alle einen Einschnitt in
der Unterlippe. Doch mit dem Unterschied, da er hier viel breiter war
und auf jeder Seite um einen guten Zoll mehr in die Wange hineinging.
In dieser ffnung tragen sie ein eirundes Stck Holz, wenigstens von
sieben Zoll Umfang und einem halben Zoll Dicke, das rings um den Rand
eine Hohlkehle hat, damit es in der Lippenspalte festgehalten werden
kann. Vermittels dieser scheulichen Erfindung ziehen sie die Lippe
von den Zhnen abwrts und entstellen so ihr Gesicht auf die denkbar
hlichste Art. Dieses Volk schien die Einwohner des Sundes, die wir
ihnen als Doppelmuler beschrieben, zu kennen. Auch schienen sie
jenen in der Sprache verwandt. Doch war der hiesige Stamm bei weitem
zahlreicher. Vor uns hatte noch kein anderer Seefahrer diese Leute
besucht. Htte sich nicht in der Nacht ein gnstiger Wind erhoben, so
wren wir einige Tage bei ihnen geblieben.

Jetzt hatten wir bei heiterem Wetter nrdlichen Wind, der
ununterbrochen andauerte, bis wir die Insel Hawaii erblickten.
Glcklicherweise war unsere berfahrt vom festen Lande hierher von
kurzer Dauer. Htten wir nicht die Vorteile einer gnstigen und schnen
Witterung genossen, so lt es sich, nach dem Zustande unseres Schiffes
zu urteilen, sehr bezweifeln, ob wir je die Sandwichinseln erreicht
haben wrden. Die schauderhafte Krankheit, an der unsere Mannschaft
so lange gelitten hatte, begleitete uns wirklich noch auf diesem Weg,
und wir bten noch einen Mann daran ein, ehe wir das wohlttige Klima
erreichten, von dessen Zephiren man sagen kann, da sie Gesundheit auf
ihren Fittichen tragen. Zehn Tage nach unserer Ankunft in Hawaii war
jede Spur von Krankheit unter uns geschwunden.

Wir verweilten hier einen Monat, und whrend dieser Zeit schienen
die Insulaner kein anderes Vergngen zu kennen, als uns Wohltaten
zu erzeigen und ihre Gastfreundschaft an uns zu ben. Mit Freuden
empfingen sie uns, und mit Trnen sahen sie uns wieder abfahren.

Nach einer sehr glcklichen Fahrt, auf der wir immer Passatwinde
hatten, kamen wir am 20. Oktober 1787 in Typa, dem Hafen von Makao,
an. Doch kaum hatten wir hier Anker geworfen, als sich schon die
Vorboten eines Sturmes zeigten, mit dem es unser halbwrackes Schiff
keineswegs aufnehmen konnte. Zwei franzsische Fregatten, die ungefhr
ein Kilometer von uns vor Anker lagen, vermehrten unsere Besorgnisse.
Menschen, die wie wir so lange von Unglck und Widerwrtigkeiten aller
Art gemartert wurden, und die so lange keine politische Nachricht
erhalten hatten, sind eben dazu geneigt, bei einer so ungewhnlichen
Erscheinung, wie es franzsische Kriegsschiffe in jenen Meeren sind,
auf die ungnstigste Vermutung zu verfallen. Als wir verschiedene Boote
mit Soldaten von diesen Schiffen abstoen sahen, erwarteten wir das
Schlimmste. Und da uns hier der neutrale Hafen schwerlich geschtzt
htte, so fingen wir schon an, einer Gefangenschaft als der Schluszene
unseres Unglcks entgegenzusehen. Die Boote fuhren indes an uns vorbei
und, wie wir spter erfuhren, nach einem spanischen Kauffahrteischiff,
um daselbst einige entlaufene Matrosen aufzusuchen. Die franzsischen
Schiffe waren die Fregatte Kalypso von sechsunddreiig Kanonen
und ein Proviantschiff. Wir waren gleichsam dazu bestimmt, bis auf
den letzten Augenblick von Unfllen verfolgt zu werden. Die Elemente
verschworen sich gegen uns, sobald unsere Furcht vor dem Feinde in
menschlicher Gestalt verschwunden war. Es erhob sich nmlich jetzt ein
so frchterlicher Sturm, da die Kalypso sich nur mit Mhe und Not
auf ihrer Stelle hielt, indem sie fnf Anker auswarf. Man urteile nun,
in welcher Lage wir uns an Bord der Nutka befanden, da wir jetzt
nur einen Anker brig hatten. Nach einigen glcklich berstandenen
gefhrlichen Augenblicken sahen wir uns zuletzt gentigt, das Schiff
auf den Strand zu jagen, um das einzige Rettungsmittel, das uns noch
brigblieb, nicht zu verscherzen. Das war das Ende unserer Reise.

[Illustration]

[Illustration]




Reise nach Guinea und Grndung von Gro-Friedrichsburg

Von Major _Otto Friedrich v. d. Groeben_


In neun Tagen sind wir vom Kap Verde bis zum Knigreich Sierra Leone
gesegelt, das seinen Namen nach dem Flusse hat, in den wir eingelaufen.
Wir fanden daselbst ein dnisches Schiff vor Anker liegen, dem wir
drei Tage zuvor begegnet, als es dem Stranden nahe war, was uns damals
auch leicht htte geschehen knnen, da uns der Wind so nahe an die
Kste getrieben hatte, da wir bisweilen nur fnf Faden Wasser loteten.
Als wir Anker geworfen, haben wir in aller Eile den Kurprinz und
den Morian mit Holz und Wasser versehen; darauf bin ich mit einigen
jungen Edelleuten in das nah gelegene Negerdorf gegangen, wo wir den
Huptling Jan Thomas ungefhr mit 40 Mnnern und 30 Frauen antrafen,
die wir mit Branntwein bewirteten. Dieser Huptling sprach ein wenig
Deutsch, das hauptschlich in folgenden Redensarten bestand: Donner
Sakrament, fr mich Kapitn Jan Thomassen, mu Holz und Wasser
bezahlen. Die Frauen und Mnner setzten sich um uns, hernach tanzten
sie mit ihrem Huptling zum Klang unsrer Schalmeien.

ber ihr Leben, Handel und Wandel will ich folgendes bemerken: Von Kap
Verde bis nach Sierra Leone leben die Mohren unter der Herrschaft
ihrer Knige, die sie je nach dem Verbrechen hart oder gelinde strafen.
Wenn einer mihandelt wurde und Gericht gehalten wird, sitzt der Knig
ffentlich. Um ihn stehen die Richter. Dann tritt der Klger hervor,
fllt auf die Knie, sttzt das Haupt mit den Ellbogen und spricht zum
Knig: Donda, worauf die Richter antworten: Mo. Darauf wird in
des Knigs Gegenwart die Klage einem der Rte vorgetragen, der sie
ffentlich den andern Richtern erzhlt. So geht's der Reihe nach herum
bis zum letzten Rat, der die Klage nebst dem Urteil, das die andern
gesprochen, dem Knig vortrgt. Dieser besttigt das Urteil oder ndert
es nach seinem Gutdnken. Hat der Verklagte den Tod erwirkt, so werden
seine Gter bis auf Kindeskinder eingezogen, und er selbst wird in
den Krieg geschickt, um an der Spitze gegen den Feind wie ein Sklave
bis auf den Tod zu fechten. Die Htten dieser Neger sind ganz klein,
oben und unten mit Palmzweigen bedeckt, in einer runden oder langen
Form, etwa 3-4 m hoch und etwa 2 m weit; ihre Tren sind nur
etwas ber 1 m hoch, so da man, ohne einen Bckling zu machen, nicht
hineingehen kann. Ihre Schlafstelle ist an einer Seite der Htte aus
Lehm gemacht, ganz niedrig und nur etwa meterbreit, eine Matte aus
Rohr- oder Binsengeflecht liegt darauf. Der Herd besteht aus zwei
Feldsteinen, die mitten in diesem Palaste liegen, und worauf sie
Hirse, Fische oder Fleisch kochen. Roter Lehm oder der natrliche
Grund bilden den Estrich. Jedes Dorf hat einen besonderen Platz,
fr Zusammenknfte bestimmt, der etwas hher als die andern Htten
liegt und einen etwa halbmeterhohen Lehm- oder Tonestrich zeigt. Hier
versammeln sie sich mit ihren Fhrern, rauchen Tabak, Mnner, Frauen
und Kinder durcheinander, indem sie das Rauchen so lieben, da sie
nicht allein stets bei Tage rauchen, sondern auch des Nachts den
Tabak als teures Kleinod in kleinen Sckchen am Halse hngen haben.
Ihren Leib, das Gesicht und die Hnde pflegen sie mit mannigfachen
Figuren, die sie in die Haut schneiden, zu schmcken, und in die
Schnittwunden reiben sie Pulver oder Pflanzenasche ein, damit die
Figuren nie verschwinden. Je schwrzer sie sind, um so schner dnken
sie sich: ja, sie halten so viel auf ihre schwarze Farbe, da sie sich
alle Morgen von Haupt bis Fu mit Fett oder l einschmieren. Wenn nun
die Sonne brennt, schmilzt das Fett, das sie in die Haut eingerieben,
und sie glnzen den ganzen Tag darnach wie ein Spiegel. Das tun sie
aus zwei Grnden. Einmal, weil sie schwarz davon werden. Sodann aber
verhindert das Fett, da von der groen Hitze die Haut aufspringt, weil
sie nackend gehen. Solche unertrgliche Pein nimmt die Fettigkeit ganz
hinweg und macht ihnen die Haut geschmeidig, wie ich selbst gesehen.
Diese Gewohnheit ist allen Schwarzen gemein.

[Illustration: Wir bewirteten die Neger mit Branntwein.]

Was ihren Gottesdienst anlangt, so beten sie den Teufel an, dem sie
jhrlich einen Teil ihrer Gter, alle fnf oder sieben Jahre aber einen
Menschen opfern, auch wohl zwei oder mehr, je nachdem sie vom Teufel
Schaden erlitten oder groe Snden begangen haben. Ihre Kirche ist ein
Zaun von Staketenpfhlen, ohne Dach. Ehe sie hineintreten, legen sie
alles ab bis aufs Messer, alsdann gehen sie in den Betraum, fallen auf
die Knie, strecken die Hnde von sich und schlagen sie ber dem Haupt
zusammen, neigen das Antlitz zur Erde und bitten vom Teufel, was sie
ntig haben. Sobald solch Gebet drei- oder viermal verrichtet, gehen
sie wieder davon. Indem sie nun ihre fette Stirn auf die Erde stoen
und der Staub und Unflat ihnen an der Stirn kleben bleibt, drfen sie
ihn nicht abstreichen, sondern mssen ihn so lange daran lassen, bis
er von selber abfllt. Von ihrer Kleidung ist wenig zu sagen, da sie
ganz nackt gehen und nur ein schmales Lendentuch tragen. Die aber am
Meeresstrande wohnen und etwas Vornehmes sein wollen, tragen auf dem
Haupte einen alten Hut oder eine bunte Leinenmtze und ein Hemd von
gestreifter Leinwand mit groen rmeln.

Ebenso gehen die Weiber ganz barfu. Hinter sich haben sie die Kinder
in einem Hfttuche. Ihr Oberkrper ist ganz bunt mit Narben geschmckt,
die sie mit der Spitze eines Messers in die Haut schneiden und dann
mit Pulver blau frben, vor andern damit zu prunken. Sonst prunken sie
auch viel mit dem Haar, das seiner Art nach ganz kurz und schwarz wie
Lmmerwolle wchst. Dieses Haar, so kurz es auch ist, wissen sie sehr
niedlich zu Mustern zu flechten, etliche wie eine Krone, andre wie eine
Haube, etliche wieder auf noch andre Art. Hinterher beschmieren sie es
mit einem weien Fett oder Palml und gehen darauf in die Sonne, die
das Fett ber den ganzen Leib flieen macht. Das reiben sie dann stark
in die Haut ein, so da sie wie Ziegenbcke duften und wie Spiegel
glnzen.

Ihre Tcher weben sie meist selbst auf einem Gestell, das in die Erde
geschlagen ist. Ebenso machen sie knstliche Matten und Sckchen aus
Binsen oder Baumbast und frben sie mit Blttern oder rotem Holz
unterschiedlich. Tabak rauchen sie so stark, da sie die Pfeife nie
aus dem Munde lassen. Die Frauen bereiten die Speisen zu, nmlich
Rindfleisch, Hirse, eine Art von Korn, die man erst kocht, dann
trocknet und in hlzernen Mrsern so fein wie Sand zerstampft. Dann
wird die Hirse in einem Topf dick wie gequollener Reis gekocht, in eine
hlzerne Schssel getan und mit den Hnden zu Kgelchen geknetet und
gebacken. Dieses Gericht ist mir immer so vorgekommen, als wenn man bei
uns Kapaunen mit Teig mstet.

Wenn von andern Drfern die Freunde einander besuchen, so umarmen sie
sich und umfat einer des andern mittelsten Finger, den sie geschickt
so stark auseinander ziehen, da es laut knackt.

Die Toten werden in der Erde begraben. Dann kommen die nchsten Freunde
zum Grab, setzen darauf Frchte, Palmwein, eine Schssel voll Hirse,
Tabak nebst einer Pfeife, und was sie sonst noch erdenken knnen. War
der Verstorbene ein Handwerksmann, so legen sie alles Werkzeug, was er
bei seinen Lebzeiten gebraucht hat, auf das Grab, bei einem Schmiede
z. B. die Zangen, Blaseblge, Ambos, Kohlen und Eisen, bei einem
Fischer Netz, Angel, Fische, Reusen, und was zum Fischen ntig ist.
Zudem schnitzen sie aus Holz eine kleine menschliche Figur, etwa ein
halb Meter hoch. Die setzen sie auf das Grab, und kein Schwarzer darf
sich unterstehen, etwas vom Grabe zu entfernen. Die Frauen, die keine
hlzernen Figuren machen knnen, nehmen einen Wisch Stroh, binden oben
anstatt des Kopfes einen Knopf und setzen das, dem Verstorbenen die
letzte Ehre zu erweisen, auf das Grab.

Bei einem Begrbnisse kommen alle des Verstorbenen Freunde zusammen,
300-400 Menschen oft, und bleiben bis zum dritten Tage gewhnlich
beisammen und machen ein wunderliches Gerase: der eine springt, der
andre weint, der dritte lacht, der vierte spielt, und schreien alle
durcheinander. Dann stecken sie dem Toten alle seine goldnen Ringe auf
die Finger und begraben ihn mit all seinem Gold, Elfenbein, Tpfen,
ja, all seinem Gert, damit er auch im Jenseits reich sei und bei dem
Himmelsherrscher in Ansehen stehe. Den Leichnam geleiten sie smtlich
zu Grabe, indem sie glauben, der Verstorbene werde angesichts des
groen Gefolges sofort beim Himmelsfrsten eine Audienz erlangen und
ein vornehmer Mann werden.

Den dritten Tag nach unserer Ankunft kam der schon erwhnte
Wasser-Kapitn Jan Thomas an Bord, sein Wasser und Holz bezahlt zu
haben, wofr wir ein halb Viertel Branntwein und ein paar Flaschen Wein
gaben. Zu beweisen, was er fr ein ehrlicher Mann sei, zeigte er uns
einige Empfehlungsschreiben von verschiedenen Schiffen, von denen ich
das empfehlendste hier mitteilen will: Der Wind weht aus Osten und
Westen. Htet euch vor den schwarzen Hunden; denn ihnen ist nicht zu
trauen, weil sie falsche Schelme sind. Zur Nachricht: habe gegeben fr
Wasser und Brennholz eine Flinte, drei Pfund Pulver, drei Flaschen
Branntwein. Sierra Leone. Das Schiff N. N.

Spter bin ich etlichemal noch an Land gegangen. Wohin ich aber auch
kam, sind die Eingeborenen vor uns in den Busch geflohen, so da ich
nichts als hie und da einen Krppel, der nicht mitlaufen konnte,
daneben etwa noch eine Katze oder einen Hund angetroffen habe. Auch
in den Htten fand ich nichts als z. B. ein Messer, einen hlzernen
Mrser, einen Topf und eine Matte.

Weil der englische Gouverneur, den wir bei unserer Ankunft bewirtet,
uns gebeten hatte, ihn auf seiner Insel zu besuchen, setzte ich
mich eines Tages mit dem Kapitn und den beiden Ingenieuren in eine
Schaluppe und fuhr nach der Insel Bens, die drei Meilen stromaufwrts
liegt. Unterwegs kamen wir an verschiedenen Negerdrfern vorbei, sahen
auch viel Fischreusen, in denen sich die herrlichsten Fische fangen.
Zahlreiche Inseln im Flusse sind sehr fruchtbar an Palmen, Limonen,
Zitronen, Bananen, Ananas, Bataten und andern mir noch unbekannten
Frchten mehr. Der Gouverneur kam uns entgegen und bewillkommnete
uns mit sieben Kanonenschssen, tat uns alle erdenkliche Ehre an und
bewirtete uns mit kstlichen, krzlich aus England gekommenen Weinen,
auch mit Hhnern, Schafen und einem Wildschwein, das ein Neger diesen
Abend zu unserm Glck geschossen hatte. Dieses Wildbrets gibt es viel
auf den Inseln.

Die englische Faktorei liegt auf einer Anhhe und ist mit einer
zweiundeinhalb Meter hohen Mauer befestigt, auf der acht grere und
kleinere Kanonen stehen. Hinter der Mauer steht ein kleines, aus
Feldsteinen aufgefhrtes Haus, darin der Gouverneur wohnt. Weiterhin
liegt ein Steinhaus, in das nachts die Sklaven eingesperrt werden, die
Tag und Nacht paarweise an den Fen angekettet sind. Unterhalb des
Berges liegt ein Negerdorf, wo die Schar der Sklaven und Sklavinnen
wohnt, die auf der Insel allerlei Dienste verrichten mssen. Unten im
Tal ist ein Brunnen tief in den Felsen gehauen, der ein herrliches,
ses Wasser gibt. Hier steht auch eine lange Htte fr die Matrosen
und sonstigen Europer.

Als wir fast drei Tage lang uns von dem Englnder hatten bewirten
lassen und unser Geblt mit frischen Speisen erfrischt hatten, versah
der Gouverneur auch unsere Schaluppe noch mit Limonen, wurde von uns zu
einem Gegenbesuch eingeladen und kam gleich mit uns mit, da er andern
Tags ein Schiff abfertigen mute, das die andern Faktoreien anlaufen
sollte. Wie wir nun lngs des Kurprinzen beilegten, bewillkommneten
wir den Gouverneur unsrerseits mit sieben Schssen und lieen es uns
angelegen sein, alle uns erzeigte Hflichkeit zu erwidern. Den andern
Tag fuhren wir zu einer Landzunge, um hier Austern zu suchen. Des
Englnders Schwarze hieben so groe von den Felsen, da wir sie in vier
Teile schneiden muten, ehe wir sie essen konnten. Die Neger zeigten
uns auch eine Austerschale, die noch fest an einem Felsen hing, und
worin ein Stckchen steckte. Das, sagten sie, machten die Affen (deren
es hier viele Tausende gibt), wenn das Wasser mit der Ebbe abluft,
damit die Austern ihnen die Pfoten nicht einklemmen. Hinterher langen
sie die Austern ganz appetitlich aus der Schale.

Soviel ich von dem englischen Gouverneur erfahren konnte und auch
selbst sah, sind die Eingeborenen von Sierra Leone falsche, diebische
Leute, die nicht nur heimlich, sondern auch ffentlich stehlen und
mit ihrem Raub buscheinwrts laufen und dazu die Weien auslachen.
Zudem sind sie sehr faul und wollen nicht arbeiten. Sie ziehen weder
Khe noch Pferde, sondern behelfen sich mit Elefantenfleisch, Ziegen,
Antilopen, Hhnern wie auch mit den Landesfrchten, die sie in solchem
bermae haben, da sie im November und Dezember ganze Schiffe umsonst
damit beladen knnen.

Das Land ist auch sehr reich an Geflgel, Meerkatzen und Papageien.
Besonders berichtete mir der Englnder von einer Art von Affen, die
Menschenverstand in ihrem Tun und Lassen htten, nur da ihnen die
Sprache fehle, weil sie nichts als ho sprechen. Sie rauchten Tabak,
fdelten eine Nadel ein, zapften Bier und tten alles, was man ihnen
befehle. Der Knig von Sierra Leone fngt viele Elefanten, die er mit
seinem Volk umbringt. Man treibt die Tiere mit groem Geschrei in einen
Sumpf, ttet sie mit Pfeilen und verteilt dann das Fleisch unter die
Jger. Bei des Knigs Residenz steht ein Baum von 30 Meter Umfang, in
dem viele Namen eingeschnitten zu lesen sind.

Den andern Tag kam das erwhnte englische Schiff an, und der Gouverneur
verfgte sich darauf. Wir lichteten whrenddessen die Anker und liefen
in See nach Kap Monte zu, das wir am achten Tage erreichten. Unsere
Kranken, deren wir schon an die zwlf hatten, wurden von den frischen
Frchten alle gesund.

Etliche Meilen hinter Kap Monte fngt die Grein-Kste an. Dieser
Grein, den man auch Malgette nennt, ist eine Art von Pfeffer,
jedoch etwas schrfer. An dieser Kste wird nicht nur Pfeffer, sondern
auch gutes Elfenbein und Gold gehandelt, das die Schwarzen in den
Flssen finden. Die Eingeborenen sind hier groe Fischer, fahren mit
ihren kleinen Kanus 3-4 Meilen in die offene See hinaus den ankommenden
Schiffen entgegen. Sind sie bei diesen angelangt, so schpfen sie mit
der rechten Hand Wasser, gieen es ins Auge und schreien Guipo! Auch
der Kapitn des Schiffs mu so tun. Das ist der Freundschaftsschwur.
Haben ihn beide Teile geleistet, so kommen die Schwarzen ins Schiff,
zu handeln. Sie sind im brigen sehr bse, diebische und verrterische
Kerle, weshalb es keinem Europer zu raten ist, aus ihren Kalebassen
Wasser zu trinken oder aus ihren Pfeifen Tabak zu rauchen. Denn sie
knnen so geschickt mit Gift umgehen, da sie zwar als erste trinken
oder rauchen, dann aber das unter den Ngeln verborgene Gift unvermerkt
in die Krbisschale oder die Tonpfeife fallen lassen, um ihrem Gegner
so den Garaus zu machen.

An vielen Orten ist das Land noch wst, da die Eingeborenen so wild
sind, da sie Menschen fressen, weswegen niemand der Schiffsmannschaft
sich ans Land zu gehen traut, um die kstlichen Frchte wie Bananen,
Ananas, Limonen, Pomeranzen und anderes schmackhafte Obst zu holen, das
hier im berflusse wchst.

Sie beten den Teufel an und holen sich von ihm Orakel und Rat.
Desgleichen verehren sie die Toten. Alle Neumond feiern sie mit Singen
und Springen ein Fest. Dabei spielen sie auf einer etwa meterhohen
Trommel, die aus einem Palmbaum gehauen und ausgehhlt und mit einer
Haut berspannt ist. Darauf schlagen sie mit einem Knppel, in der
andern Hand halten sie eine Art von Kuhglocke, und auf den Armen haben
sie eiserne Ringe zum Rasseln, was ihnen zusammen die lieblichste
Harmonie dnkt. Die andern tanzen und jauchzen danach so lange, bis sie
vor Mdigkeit umfallen. Man kann diese liebliche Musik bei stillem
Wetter weithin auf See hren.

Als wir des Abends vor Kap Monte Anker geworfen, starb unser
Kajtenwchter an der Landseuche (Malaria). Er war ein starker,
gesunder Jngling, in vier Tagen frisch, gesund, tot und begraben.

[Illustration: Die Mohren kamen mit einem Kanu an unser Boot gefahren.]

Am andern Tag kam ein Negerboot an unser Schiff mit drei Schwarzen,
die sich Wasser in die Augen gossen und von uns den Treueid forderten,
den wir auch in der gleichen Weise leisteten. Dennoch wollten sie uns
nicht trauen, sondern fuhren um unsern Kurprinz herum wie die Muse
um den Speck. Endlich kamen sie doch an Bord und versprachen, den
nchsten Tag mit Elfenbein wiederzukommen. Ihre Furcht rhrt daher,
da oft franzsische Schiffe kommen und unter dem Vorwande, handeln
zu wollen, die ins Schiff gelockten Neger gefangennehmen und nach
Westindien als Sklaven verkaufen. Erst am dritten Tage kam das Kanu
wieder mit ungefhr 1000 Pfund Zhnen. Die andern aber blieben aus.
Fr das Elfenbein handelten sie Kupferkessel, Kleider und eine Flinte
ein. Nachmittags fuhr ich mit dem Kapitn an Land, um zu sehen, ob
sie so viel Elfenbein htten, wie sie vorgaben. Da wir noch einen
Pistolenschu vom Lande waren, kamen an die fnfzig Schwarzen ans Ufer
und schrien, wir sollten ans Land kommen. Doch trauten wir ihnen nicht;
denn sie sind so bse, da sie Europer oft lange gefangenhalten,
bis diese sich mit ein paar tausend Reichstalern an Waren ausgelst
haben. Zudem konnten wir nicht landen, da die Brandung dermaen hoch
ging, da die Strandwellen unser Fahrzeug, wenn sie es gepackt, in
tausend Stcke zerschlagen htten. Die Mohren versuchten immer wieder,
uns ans Land zu locken, kamen mit einem Kanu an unser Boot gefahren,
zeigten uns wohl an 1000 Pfund Zhne, die sie, wie sie riefen, gern an
unser Boot brchten, wenn es die Brandung erlaubte. Am vierten Tage
nahm der Kapitn de Vo einige Waren und fuhr wieder zur Kste. Die
Neger brachten einen Schwarzen in sein Boot und begehrten dafr einen
Matrosen als Geisel. Als das geschehen, begannen sie den Handel, hatten
aber doch den Schelm im Nacken, insofern sie dem Schwarzen befohlen
hatten, aus unserm Boot zu springen und ans Land zu schwimmen, worauf
wir dann unsern Matrosen teuer htten auslsen mssen. Wir merkten aber
den Possen, zogen deshalb unserm Mohren einen Rock an und knpften
diesen ihm von oben bis unten zu, da wir ihn daran festhalten konnten.
Als er den Rock aufzuknpfen und sich zur Flucht bereitzumachen begann,
nahmen wir, als wir es merkten, einen Strick und banden ihn so lange
fest, bis sie unsern Matrosen wieder ins Boot brachten. Das geschah
ihrerseits mit groem Bedenken und Unterhandeln, indem sie ihn schon
zu bereden angefangen hatten, er mchte bei ihnen bleiben. Zuletzt
brachten sie uns unsern Mann und nahmen den ihrigen wieder mit.

Wir lichteten die Anker und gingen sdwrts nach Kap Miserada, wo
wir unsre Fregatte Morian wieder trafen, die uns drei Tage vorher
verlassen hatte. Auf unser Flaggensignal kam der Kapitn Blonck
alsbald an Bord des Kurprinzen und teilte mir mit, da mein Fhnrich
v. Selbing in den letzten Zgen liege. Ich traf ihn am nchsten Morgen
besinnungslos an, er starb zwei Stunden spter an der Landseuche, und
da ich nicht wagen konnte, ihn am Lande zu begraben, lie ich ihn in
die See versenken.

Nachmittags fuhr ich mit beiden Kapitnen an Land, mit keinem Gewehr
versehen, weil mir Kapitn Blonck versichert hatte, die Neger wren
ruhige Leute, die man leicht durch die Schuwaffen erschrecken und vom
Handeltreiben fernhalten knnte. Wie wir nun an Land kamen, fanden wir
dort gegen fnfzig baumstarke Schwarze mit wenig Frauen und zweien
ihrer Huptlinge. Anfnglich handelten sie ehrlich, zuletzt aber
begannen sie, miteinander heimlich zu reden und meines Erachtens
sich zu beraten, wie sie uns alle mchten gefangennehmen. Und es wre
sicher zu Mihelligkeiten gekommen, wenn sich nicht ein alter Huptling
dazwischengelegt und die andern hart mit Worten gestraft htte. Als
wir solches merkten, zogen wir uns in unser Boot zurck, nachdem
wir versprochen, am nchsten Tage mit vielen Waren wiederzukommen.
Inzwischen dankten wir Gott, da wir mit heiler Haut unser Schiff
erreichten. Seitdem habe ich es mir zur steten Warnung dienen lassen,
nie unbewaffnet mehr an Land zu gehen. Denn die Neger htten uns
nur alle gefangenzunehmen brauchen und hernach so viel Lsegeld zu
begehren, wie sie wollten, htten uns auch wohl allen knnen die Kpfe
abschlagen (nach erhaltenem Lsegeld), und es htte kein Hahn darnach
gekrht. Dabei wren wir nicht die ersten gewesen, denen es so ergangen.

Des andern Tags besetzte Kapitn de Vo die Schaluppe mit einigen
Bootsleuten und fuhr mit einem der Ingenieure an Land. Es wre ihm aber
beinahe bel bekommen; denn der Schwarzen waren an die zweihundert,
unsere Leute aber an Zahl nur acht und nur mit Degen und Pistolen
bewaffnet, mit denen sie nicht viel ausrichten konnten. Sie muten
deshalb ihre Waren weggeben, wie die Neger es wnschten. Nach Verkauf
aller Gter versprach der Kapitn, andere aus dem Schiffe zu holen,
stieg mit allen seinen Leuten in die Schaluppe und fuhr davon.

Den dritten Tag nahm ich 30 bewaffnete Soldaten und 15 Matrosen,
mit denen fuhr ich samt dem Kapitn und den beiden Ingenieuren an
Land, unser morsches Boot zu dichten. Wenn uns die Neger angreifen
wrden, gedachte ich, mit ihnen den Tanz zu wagen, und htte mich wohl
unterstanden, mit meinen 50 Mann gegen 500 zu fechten. Kaum waren
wir gelandet, so lie ich meine Pfeifer blasen, indes die andern die
Fahrzeuge auf den Strand zogen, sie zu verpichen. Wie wir nun bei der
Arbeit waren, kamen vier Mohren zu uns als Spione, zu sehen, ob wir
bewaffnet wren. Als sie solches erkundet, blieben sie ohne Scheu
bei uns, riefen auch die andern herbei, bis ungefhr 35 Neger zu
uns kamen mit der Bitte, den Handel zu erffnen. Da sie abschlgige
Antwort erhielten, verkauften sie uns nur Hhner, Reis und andere
Erfrischungsmittel. Einige von unseren Leuten wuschen Leinenzeug; denen
ward von den Mohren ein buntes Schnupftuch entwendet. Da ich etliche
Schwarze etwas ernsthaft darum befragte, fingen sie alle miteinander
an so schnell buschein zu laufen, da man sie kaum mit einem Pferde
htte einholen knnen. Zwei Huptlinge aber blieben stehen, riefen
die andern zurck, und einer nach dem andern mute in den Flu gehen,
die Augen ffnen und Wasser dareingieen. Auf die ich einen Argwohn
hatte, die muten ihr Hemd ausziehen. Das tat ich, nicht wegen des
gestohlenen Tuchs, sondern aus Begierde, zu wissen, was sie an ihrem
Halse hngen htten, weil ich einige Schnre daran gewahr geworden. Da
sah ich auf dem nackten Krper allerlei Fellstcke, in das sie Zhne,
Klauen, Schlangenkpfe und hnliches mehr als Amulett vernht hatten.
Auf meinen Wunsch begannen sie, zu Ehren des Donnergottes, gegen den
diese Amulette schtzen sollten, zu tanzen. Einige nahmen ihre Speere,
andre ihre Messer, ein Teil brummte durch die Nase. Darauf liefen sie
wie verzckt mit seltsamen Gebrden im Sande herum, schrien, verletzten
sich mit ihren Speeren und Messern, verdrehten die Augen, knirschten
mit den Zhnen, bis zuletzt einer ganz unsinnig aus eifriger Andacht
wurde. Da liefen die andern herzu, nahmen ihm mit Gewalt den Spie aus
der Hand und klopften ihm so lange auf den Kopf, bis ihm der Eifer
verging und er sich besnftigen lie. Spter zeigten sie mir, wie
sie wider ihre Feinde fechten. Sie liefen schnell von mir fort und
wandten sich im Augenblick gegen mich, als wenn sie mich durchstoen
wollten, sprangen dabei zugleich in die Hhe, als wollten sie ber mich
hinwegspringen. Darauf gingen wir wieder an Bord.

Den vierten Tag lichteten wir die Anker und segelten sdwrts zum Rio
Sester. Als wir angesichts der Kste lavierten, kamen zwei kleine Kanus
zu uns, und die Neger berichteten, der Knig von Sanguin liee uns
bitten, in seinem Gebiet zu ankern; sie fhrten uns auch zur Reede.
Ich wunderte mich, da die Schwarzen sich so weit in die See hinaus
auf ihren Kanus wagen, die nichts andres sind als ein ausgehhlter
Baumstamm, ungefhr zweieinhalb Meter lang und etwas ber einen halben
Meter breit, darin sie auf den Fen hocken und mit kleinen Rudern
fahren. Wenn die See zu hoch geht und das Kanu umwirft, wissen sie das
Wasser behende auszuschtten und sich wieder hineinzuschwingen. Unser
Bootsmann wollte auch probieren, damit zu fahren; er war aber kaum auf
einer Seite hineingestiegen, so lag er schon auf der andern im Wasser.

Sobald wir Anker geworfen, fuhr ich mit dem Kapitn an Land. Hier
warteten viele Schwarze auf uns, die uns berichteten, da morgen der
Knig, der 3 Meilen fluaufwrts im Lande wohnt, an den Strand kommen
werde. Statt seiner besuchte uns der knigliche Prinz, der mich in dem
nahe am Strande gelegenen Dorfe herumfhrte und mir auf seine Art groe
Hflichkeit erwies.

Des andern Tags kam der Prinz ins Schiff, uns die Ankunft des Knigs zu
melden. Weil es Mittag war, ntigte ich ihn zur Tafel und lie whrend
des Essens Pfeifer und Geiger spielen. Diese ihm fremde Musik schien
ihn sehr zu ergtzen. Er war ein wohlgestalteter junger Mann von etwa
25 Jahren und konnte sich in unser Essen und Trinken wohl schicken. Er
rhrte keine Speise an, bevor er gesehen, wie ich es machte. Das merkte
ich und nahm darauf mit zwei Fingern etwas Butter aus der Schssel.
Der gute Prinz fuhr alsbald mit der ganzen Hand in die Butterschssel
und hinterdrein damit so appetitlich zum Munde, da uns allen die Lust
weiterzuessen verging.

Folgenden Tags gingen wir mit der Schaluppe an Land und trafen den
Knig, der sich Peter nannte, am Flusse in einer Negerhtte sitzen. Er
empfing uns mit seinen zwei Brdern und dem ganzen Rat sehr hflich,
ntigte uns, bei sich zu sitzen, und bewirtete uns mit Palmwein.
Gem ihrer Gewohnheit, alsbald nach dem Namen der Fremden zu fragen,
begehrte auch Knig Peter zu wissen, wie ich heie. Ich gab ihm zur
Antwort Peter (denn ich wollte nicht weniger bedeuten als der Knig),
worber er sich sehr freute und sprach: Ich Peter, du Peter, sei mein
Freund. Er war ein ehrbarer, alter Mann, aus dessen Augen man etwas
Groes lesen konnte. Sonst war er von den andern Schwarzen an nichts
zu unterscheiden als an dem Respekt, den ihm die Umsitzenden und die
Untertanen zollten. Seine Autoritt war so gro, da, als uns von den
Negern eine Flasche Branntwein aus dem Boot gestohlen worden war und
wir unter den Hunderten den Dieb nicht herausfinden konnten, ein Wort
von ihm gengte, sie uns wieder zuzustellen.

Als wir etwa eine Stunde bei dem Knige gesessen hatten, beschenkte
er uns mit einem Korbe voll Reis und einem Ziegenbock, lie uns aber
eine halbe Stunde spter durch den Dolmetscher um ein Gegengeschenk
ersuchen. Dieser brachte seine zierliche Rede folgendermaen vor:
Knig Piter mi segge, ick juw segge, Knig Piter segge mi, segge
Knig Piter, Dassie hebbe, mi segge, kike Dassie. Soll heien: Knig
Peter hat mir gesagt, ich soll euch sagen, er wolle gern auch sein
Geschenk sehen. Wir schickten ihm darauf eine Stange Eisen, einen
Kupferkessel und ein Kleid. Unterdessen kauften wir fr unseren
Bedarf fr wenige weie Perlen zwei Fsser Reis und an die 30 Hhner.
Damit schieden wir von dannen. Die Neger hier an der Kste sprechen
etwas Englisch, Hollndisch und Portugiesisch durcheinander, so da
man zu tun hat, wenn man sie verstehen will, und sich meist wie bei
Taubstummen der Fingersprache bedienen mu, wenn man etwas von ihnen
kaufen will.

Nach neuntgiger Reise gelangten wir zum Kap Palmas und zur Zahn- oder
Quaquakste. Sie fhrt diesen letzteren Namen von der Sprache der
Eingeborenen, darin alles auf qua-qua endet, und als ich sie reden
hrte, mute ich an einen Haufen Enten denken, die in einem Pfuhl
schnattern. Zahnkste wird sie des Handels wegen genannt, weil es hier
zahlreiche Elefantenzhne gibt, die die Neger in ihren Kanus an Bord
bringen und gegen Eisen, Kessel oder Armringe eintauschen. Wir haben
uns nicht getraut, an Land zu gehen, weil die Kste sehr ungesund ist
und an vielen Orten noch wilde Schwarze wohnen, die Menschen fressen.

Wir fuhren weiter die Kste entlang, warfen hier und da Anker und
warteten, da die Neger in ihren Kanus zu uns kommen sollten. Es kamen
aber keine. Einmal sahen wir sie Feuer anznden, wodurch sie einander
die Anwesenheit fremder Schiffe signalisieren. Weil wir gerne wissen
wollten, warum die Schwarzen nicht zu uns an Bord kmen, wie sie doch
sonst zu tun pflegen, schickten wir die Schaluppe mit fnf Mann an
Land, mit dem Auftrag, keinesfalls das Boot zu verlassen, auch die
Neger nicht in das Boot kommen zu lassen. Als nun die Schaluppe einen
Pistolenschu weit vom Ufer haltmachte, kamen die Neger in See. Ein
Kanu legte neben der Schaluppe bei, und sogleich sprangen drei Schwarze
in unser Boot, in der offenbaren Absicht, sich seiner zu bemchtigen.
Aber unsere Leute waren auf ihrer Hut, zumal sie bemerkt hatten, da
etliche hundert Schwarze, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, am Ufer
standen. Folgenden Tags fuhren beide Kapitne mit den Ingenieuren an
Land, die Ursache solchen Mitrauens genauer zu erkunden. Die Schwarzen
wollten aber nicht recht mit der Sprache heraus, sondern gaben nur kurz
Bericht, da vor einiger Zeit zwei Schiffe mit weien Flaggen die Kste
passiert und alle Schwarzen, die an Bord gekommen, mit sich fortgefhrt
htten. Wir sahen nun wohl, da hier nichts zu machen wre, und
segelten deshalb weiter. Als wir einmal an Land gingen, Holz zu fllen
und Wasser einzunehmen, fanden wir viele Stcke eines zerschlagenen
Bootes und im Gestrpp einen Totenschdel. Mein Bootsmann berichtete,
da hier vor sechs Jahren die Neger 13 Mann, die in ihrem Boote Wasser
geholt, berfallen und erschlagen htten. Wir sahen nur in der Ferne
Scharen von 30-40 Eingeborenen, die sich aber nicht getrauten, nher zu
kommen. Als wir hernach bei Kap Lahoe vor Anker gingen, kamen die Neger
haufenweise mit Zhnen an Bord; unsere beiden Schiffe konnten gegen
4000 Pfund fr 30 Fsser mit Armringen einhandeln.

Sooft die Schwarzen an Bord kamen, schrien sie Quaquaqua, was so
viel als Freunde bedeuten sollte. Sie sind alle baumstarke Leute und
tragen an ihrem Krper keinen Faden von Wolle oder Leinwand, sondern
Lendenschurze aus Baumbast. Ihr Haar flechten sie auf verschiedene
Manier: die einen zu Strhnen so dick wie Bindfaden, und damit es
lnger sei, knpfen sie schwarzen Bast von Bumen darein; die andern
drehen es zu Hrnern zusammen, binden auch kleine Ziegenhrner
daran, wieder andere flechten es zu Knpfen. Ihren Krper frben sie
scharlachrot. Dabei kauen sie stets Kolansse nebst einer Wurzel, da
der Mund rot wie Zinnober aussieht. Bisweilen halten sie die zerkaute
Nu stundenlang zwischen den Lippen und wlzen sie dann mit der Zunge
so appetitlich im Munde herum, da einem Hungrigen auf drei Tage die
Lust zu essen schwindet. Ihre Zhne feilen sie so scharf wie Nadeln,
da sie wie Hundszhne voneinander stehen.

Weil wir unsere Armringe nicht so bald loswerden konnten, bekam der
Morian den Auftrag, hier noch liegenzubleiben. Am Rio Sueyro de Costa
brachten die Neger uns zum ersten Male Gold an Bord. Auch boten sie
uns zwei kleine, etwa fnfjhrige Mdchen an, die die grausamen Eltern
fr drei Musketen verkaufen wollten. Auch fr das Gold verlangten sie
Musketen. Nach geschehenem Kauf begehrte ihr Huptling ein Geschenk zum
Andenken daran, da er auf unserm Schiffe gewesen sei. Ich antwortete
ihm, er solle mir auch ein Andenken geben, da ich Afrika besucht.
Da sagte er: Ich schwre bei meinem Fetisch, komm ans Land, so will
ich dir nicht allein Palmwein, Hhner und Ochsen geben, sondern auch
meine Frau. Gedachter schwarzer Herzensfreund kam dann allein zu
mir und dem Kapitn in die Kajte, lie die Tr schlieen, um uns im
Vertrauen etwas Vorteilhaftes fr unsern Handel zu offenbaren, falls
ihm der Kapitn dafr eine Flinte und ein Tuch verehren wollte. Als
ihm solches versprochen worden war, sagte er: Lichte deine Anker und
fahre weiter nach Isseni; dort wirst du fr deine Gewehre noch einmal
soviel Gold erhalten als hier, weil sie dort Krieg fhren. Der
Kapitn antwortete: Ich glaube dir nicht, du willst mich betrgen.
Darauf forderte er zum Zeugnis, da er wahr gesprochen, man solle
ihm den Fetisch, den er anbete, zu essen geben. Wir mischten etwas
schwarzes Zahnpulver mit einem Lffel Wein, und das schlang er unter
entsprechenden Grimassen herunter. Das ist der grte Schwur, den sie
tun knnen; ja, sie glauben fest, da, wenn sie im Namen ihres Fetischs
auch das rgste Gift nhmen, es ihnen, sofern sie die Wahrheit gesagt,
doch keinen Schaden bringen knnte.

An der Goldkste haben vornehmlich die Hollnder ihre Faktoreien. Stets
liegen hier ihre Kauffahrteischiffe, die Waren hin und Gold zurck
nach Holland fhren. Vordem waren die Portugiesen Herren der ganzen
Goldkste. Die Europer haben es ihrem Handelsneid selber zu danken,
wenn die Mohren nun so klug sind, da sie manchen Kaufmann im Handel
beschmen. Sie sind so verschlagen, da sie wohl 4-5 Stunden um einen
Reichstaler Wert handeln, diese und jene Ware zu schauen begehren, und
wenn sie ganz zu unterst im Schiffe verstaut wre. Wenn an einem Platze
zwei oder drei Schiffe liegen, so rudern sie, um einen bessern Preis zu
erzielen, von einem zum andern, ehe sie den Kauf abschlieen. Das Gold
haben sie vorher aufs allergenaueste abgewogen und in kleine leinene
Lappen getan, 2-6 Quentchen (= ein viertel Lot; 1,667 Gramm) in jeden.
Diese Bndelchen stecken sie in einen hlzernen Schrein und mit dem
zusammen in einen schmalen Sack von Bast, den sie an sechs bis sieben
Stellen verknpfen und sich dann um den Hals oder Leib festbinden. Wenn
sie nun in das Schiff zu handeln kommen, dauert es wohl drei Stunden,
ehe man ber den Preis eins wird, und dann disputieren sie noch ber
das Gewicht. Ist der Kauf abgeschlossen, so zeigt sich, da das Gold
mit Kupfer oder Staub vermengt ist. Der kluge Kaufmann schttet deshalb
das Ganze in eine Schale und trennt durch Blasen das Gold vom Kupfer
und Sande. Ich habe oft dabei gesessen, wenn unser Kaufmann so ber die
Hlfte Kupfer und Sand vom Golde trennte. Zuletzt, nach geschehenem
Handel, fordern sie ein Geschenk (Dassie genannt), das man ihnen
geben mu, sofern sie wieder an Bord kommen sollen. Alle, die mit Gold
zu den Schiffen fahren, sind gewhnlich Makler, die von den im Lande
Wohnenden das Gold erhalten und, weil sie der portugiesischen Sprache
ein wenig kundig sind, an die Europer zum Vorteil ihres Landsmannes
verkaufen sollen. Es sind meist ble und verschlagene Gesellen.
Mein Bootsmann erzhlte mir davon ein charakteristisches Beispiel.
Als er zwei Jahre vorher an der Goldkste war, kam ein Makler nebst
seinem Auftraggeber an Bord. Als der Makler nun das Gold verkauft
hatte, sprach er zum Bootsmanne: Jetzt habe ich Euch dieses Mannes
Gold verkauft; was wollt Ihr mir nun fr den Kerl selbst geben? Fr
15 Stangen Eisen kriegt Ihr ihn. Der Bootsmann, den des einfltigen
Bauern jammerte, schickte aber den Schelm von Makler mit einem Verweise
von Bord.

Die Eingeborenen der Goldkste sind meist starke, hochgewachsene Leute,
die sehr kriegslustig sind und mit Schiegewehr sehr gut umgehen
knnen, wie ich selbst gesehen habe. Sie sind sehr bse und verkaufen
nicht allein die im Kriege erbeuteten Gefangenen, sondern auch Weiber,
Kinder und die nchsten Freunde. Ihre Frauen behandeln sie wie Hunde
und heiraten so viele, als sie bezahlen knnen. Weil nun der Preis
gering ist, nimmt ein Schwarzer viel Frauen; denn er kann von ihren
Eltern eine um einen Ochsen oder ein paar Ziegenbcke kaufen. Selbiger
Ochs wird ffentlich gebraten. Dazu ldt man die Freunde von beiden
Seiten ein, die sich hier und da ein Stck von dem halbrohen Braten
abschneiden und es mit den Zhnen zerreien, da das Blut nur so
herabrinnt. Dabei jauchzen, schreien und tanzen sie durcheinander wie
nicht gescheit.

Wenn ein Neger stirbt, der einigen Reichtum hinterlt, so hat sein
nchster Freund das meiste Anrecht auf das Erbe. Wenn dieser nun
das Erbe antreten will, mu er sein Leben der ltesten Frau des
Verstorbenen anvertrauen, ihr ein groes Messer in die Hand geben, vor
ihr niederknien und den bloen Hals darbieten. Begehrt das Weib, selbst
die Gter zu erben, so hat sie die Macht, dem Freunde den Kopf mit
drei Streichen abzuschlagen, aber sie wird vom Dorfe darauf mit aller
Verachtung gestraft. Zieht sie jedoch die Ehre vor, so schlgt sie den
Freund mit der flachen Seite des Messers auf den Nacken und lt ihn
leben. Alsdann gibt ihr der Freund von dem Nachlasse einen kleinen
Teil, und das Weib bleibt ehrlich. Wenn der Mann gestorben und mit
groem Geschrei bestattet ist, beweinen ihn die Frauen fnf bis sechs
Tage lang. Whrend dieser Trauerzeit werden sie von den Verwandten
besucht; oft kommen an die hundert Frauen zusammen und vollfhren ein
seltsames Klagegeheul. Nach den Trauertagen kommen die Freunde und
beschenken die Leidtragenden mit goldenen Ringen und bunten Tchern.
Der Freund, dem, wie geschildert, das Leben geschenkt wurde, besucht
gleichfalls seine Wohltterin, verehrt ihr einige Ringe, Kleider und
wohl gar einen Elefantenschwanz. Dieser Schwanz ist oben mit rotem oder
gelbem Zeug benht, im brigen Teil mit l bestrichen und so schwarz
poliert, da er wie ein Spiegel glnzt. Solchen Schwanz hngt man sich
zum Schmuck an den Hals und wehrt damit die Fliegen ab. Diese Schwnze
kommen von der Zahnkste, und es gilt hier einer an die zehn Dukaten.
Manche tragen sie auch an ihrem Gewehr; denn sie sind sehr selten an
der Goldkste.

Whrend wir vor Abeni drei Tage vor Anker lagen, kamen tglich einige
Schwarze mit Gold an Bord. Den ersten Tag hatten wir ein grausames
Gewitter mit Blitz, Donner und Regen, dem keines in Europa zu
vergleichen war. Denn einmal regnete es so stark, als ob man mit Eimern
Wasser gsse. Zudem schlug der Blitz so erschrecklich an die 18 Schlge
rund um unsern Kurprinzen, da uns allen die Haare zu Berge standen,
und jeder Schlag das Schiff zu zerschmettern drohte. Das Wetterleuchten
war so hell, da man die Bume am Lande auf eine halbe Meile weit vom
Schiffe aus sehen konnte.

Folgenden Tages liefen die Schwarzen am Strande in hellen Haufen umher
und schossen unaufhrlich mit ihren Musketen. Darauf kamen drei Kanus
mit Jauchzen und Schreien an Bord. Sie hatten ihren Huptling bei sich,
der sein Heer zusammengezogen hatte, um wider die Bewohner von Isseni
in den Krieg zu ziehen. Er kaufte von uns einige Fchen Branntwein und
an 800 Pfund Pulver, hielt sich aber nicht lange auf, sondern sprach:
Wenn ich glcklich aus der Schlacht komme, will ich morgen wieder bei
euch sein. Darauf verfgte er sich wieder zu seinem Heer, das ihn mit
vielen Musketenschssen bewillkommnete. Die Neger ziehen mit groen
Streitkrften in den Krieg. Einige gebrauchen Musketen, andere Speere
und groe Schlachtmesser; sie fechten so rachgierig, da sie in offener
Schlacht niemals Pardon geben, sondern wie blind ins Getmmel sich
strzen und, wenn sie keine Rache ben knnen, sich selbst mit eigenen
Hnden ums Leben bringen.

Am Tage darauf langten wir am Kap St Apollonia an. Wieder kamen die
Schwarzen mit vielem Gold an Bord. Wohl zwanzig Neger blieben ber
Nacht bei uns im Schiff und brachten diese mit solchem Gerase zu, da
es unmglich war, ein Auge zu schlieen. Des Morgens kauften sie an
500 Musketen und 400 Pfund Pulver, ihren Krieg fortzusetzen. Abends
stie unsre Fregatte Morian wieder zu uns.

Unsre weitere Fahrt brachte uns, vorber an einigen hollndischen Forts
und Faktoreien, nach Commende, wo wir wieder Anker warfen. Als wir
hier einen Tag lagen, auch bereits eine ziemliche Menge Gold empfangen
hatten, schickte der hollndische Generaldirektor der Guineischen
Kste seinen Oberkaufmann mit zwei Assistenten an unser Schiff, um zu
protestieren: wir tten ihrem Handel groen Abbruch und htten doch
gar kein Recht, hier Handel zu treiben. Sie ersuchten uns deshalb,
uns mit unsern Schiffen zu packen; andernfalls wrden sie sich der
natrlichen Rechte bedienen und uns mit Gewalt von dannen treiben. Wir
hielten hierauf Kriegsrat und gaben den Deputierten zur Antwort, da
wir verpflichtet seien, dem Befehl Sr. Kurfrstlichen Durchlaucht von
Brandenburg nachzukommen, und weil sie sich Herren der ganzen Goldkste
nannten, wren wir damit einverstanden, da sie ihren Untertanen den
Handel mit unsern Schiffen verbten. Weil sie dies aber nicht tun
knnten, wre es klar, da es sich um ein freies Gebiet hier handle, in
dem jeder seinen Geschften nachginge, den die Eingeborenen zulieen.
Wrde im brigen der Generaldirektor sich seiner Machtmittel bedienen,
so mten wir den Ausgang eben abwarten und wrden uns unsre Freiheit
mit den Mitteln, die wir selbst besen, zu bewahren suchen. Wir
behandelten die Deputierten sehr hflich und lieen bei ihrer Abfahrt
unser ganzes Geschtz scharf Feuer geben, um ihnen zu zeigen, da wir
stndlich bereit wren, denjenigen, der uns hier vertreiben wollte,
gebhrend zu empfangen. Am anderen Tag sandten wir beschleunigten
Befehl an den Morian, sich augenblicklich zu uns zu verfgen.
Zugleich mit ihm kam ein Lordentrger (Kaperschiff) aus Seeland,
Grau-Gat genannt, und legte sich nicht fern von uns. Wir nahmen uns
vor, hier 6 Tage zu bleiben und zu warten, was die Hollnder tun oder
lassen wrden, und machten uns zum Kampf bereit.

Whrend wir dergestalt den Feind erwarteten, kamen am nchsten Tage
die erwhnten drei Deputierten wieder und ersuchten uns namens ihres
Generaldirektors und der ganzen Guineischen Kompagnie, ihnen behilflich
zu sein, den seelndischen Lordentrger, der ungefhr auf Schuweite
von uns vor Anker lag, zu nehmen und an das Fort zu bringen. Dagegen
erboten sie sich, uns allen etwa daraus entstehenden Schaden zu
ersetzen und die Beute zur Hlfte mit uns zu teilen. Wir hielten
abermals Kriegsrat und beschlossen aus vielen Grnden, dem Ansuchen der
Hollnder zu willfahren, lehnten jedoch jeden Anteil an der Beute fr
uns ab. Damit machten wir uns zur Verfolgung des Kapers fertig. Der
aber hatte unser Vorhaben bereits bemerkt und floh. Wir setzten ihm
mit beiden Fregatten nach, hatten aber das Unglck, da uns die groe
Marssegelrahe brach, was uns zwei Stunden in unsrer Fahrt aufhielt,
so da der Kaper entkam. Wir kehrten also um und lieen durch die
Deputierten dem Generaldirektor melden, da es nicht an unserm guten
Willen gelegen htte, sondern da der Kaper uns im Segeln berlegen
gewesen wre. Am nchsten Tag sandte uns der Hollnder durch einen
Schwarzen ein Schreiben, darin er sich fr unsere Mhe und Hilfe
bedankte, zugleich uns aber auch Vollmacht erteilte, alle hollndischen
Kaper, wo wir sie antreffen wrden, nach Belieben zu nehmen.

Weil uns nun gewisse Geschfte nach dem Kap Tres Puntas riefen, wandten
wir unseren Kurs wieder zurck. Vor Bautry trafen wir ein Schiff der
hollndischen Handelskompagnie, das Wappen von Sizilien, an mit einer
Admiralsflagge, weil es den neuen Generaldirektor hierhin berfhrt
hatte. Sein Kommandant war der Kapitn de Vo, der Vater unsres
Kapitns. Ich setzte mich mit dem Bootsmann in die Schaluppe und fuhr
an das Schiff, den Kapitn zu sprechen, traf ihn aber nicht an, da er
im Fort bei dem Faktoreileiter zu Gast war. So lie ich mich denn dahin
rudern. Der Kaufmann und der Kapitn entsetzten sich sehr, da wir
Brandenburger uns trauten, an ihr Fort zu kommen. Als wir ihnen aber
das Schreiben des Generaldirektors zeigten, das uns ermchtigte, an
alle hollndischen Schiffe zu fahren und ihre Bestallungen zu lesen, ob
es nicht etwa Kaperschiffe wren, erstaunten sie noch mehr.

Des Morgens frh gingen wir unter Segel und erreichten nach zwei
Tagen das Dorf Attaba. Von hier aus zogen wir unser Schiff an einem
Wurfanker an die zwei Meilen stromauf und kamen an ein kleines, im
Bau befindliches Dorf, dessen Bewohner durch Krieg vertrieben worden
waren. Die Neger brachten uns viele Ananasse und Palmwein zum Kauf. Wir
bewirteten sie alle mit Branntwein und machten Mnner wie Frauen damit
trunken. Um sich dafr dankbar zu erweisen, lie der Huptling ein Huhn
mit Malgette (Pfeffer) zurichten und lud uns zu Gaste. Wir wurden in
ein kleines Lehmhuschen gefhrt und setzten uns dort zu Tische. Ein
jeder hatte ein paar schwarze Dianen zur Seite. Rundherum war die ganze
Htte von Mohren erfllt, die bel dufteten. Der Huptling steckte
alle Finger in die Schssel und kostete so die Suppe, zum Zeichen, da
wir keine Vergiftung zu befrchten htten. Ich war zweifelhaft, ob ich
meine Augen an den anmutigen Frauengestalten oder den Magen an dem
appetitlichen Huhn sttigen sollte. Ich htte fast vergessen, das
Merkwrdigste bei diesem Gastmahle zu melden: der ganze Tischapparat
nmlich bestand lediglich aus dem -- Erdboden. Nach der Mahlzeit ging
es wieder an die frische Luft. Zufllig flog ein Raubvogel ber uns
hinweg. Ich ergriff meine Flinte und scho ihn im Fluge. Da begannen
die Schwarzen, zu schreien und mir Glck zu wnschen, und es htte nur
wenig bedurft, mich fr einen Zauberer auszugeben. Mir lag aber an den
Glckwnschen herzlich wenig, da sie mir im Hinzudringen beinahe die
Kleider vom Leibe rissen.

Wir gingen wieder an Bord und richteten unsern Kurs auf die erste
Spitze des Kap Tres Puntas (Dreispitzenkap). Da liegt ein groes,
langgestrecktes Dorf Accada, das wir noch am selben Abend besahen.
Die Gegend und die ganze Lage gefiel uns so wohl, da ich bei den
Huptlingen anfragen lie, ob sie damit einverstanden wren, da wir
hier ein brandenburgisches Fort erbauten. Sie gaben freudig ihre
Einwilligung. Ich ersuchte sie deshalb alle, am nchsten Tag auf den
Kurprinzen zu kommen, und versprach, sie in unsern Booten abholen
zu lassen. Am Nachmittage kamen auch acht Huptlinge zu uns an Bord,
mit denen ich zunchst mndlich einen Vertrag abschlo, den ich am
nchsten Tag aufsetzen und von ihnen unterzeichnen lassen wollte.
Wir bewirteten sie hernach auf Deck unter dem Sonnenzelt, und sie
muten schlielich wegen ihrer Trunkenheit an Seilen in die Fahrzeuge
hinabgelassen werden. Sie wollten aber nicht eher vom Schiff, als bis
ich sie smtlich beschenkt hatte.

[Illustration]

Obschon wir sehr daran zweifelten, da an der ganzen Kste von Guinea
ein gnstigerer Ort zur Erbauung eines Forts zu finden wre, wollte ich
dennoch nichts Schriftliches mit den Eingeborenen von Accada abmachen,
bevor ich nicht die Huptlinge von Tres Puntas, an die ich abgeschickt
und mit denen ein Jahr vorher schon Kapitn Blonck einen Vertrag
geschlossen hatte, gesprochen und ihr Gebiet gesehen htte.

Ich fuhr deshalb mit den beiden Kapitnen und Ingenieuren an Land,
die Nacht dort zu verbringen und bei Tagesanbruch nach Tres Puntas
zu fahren. Die Eingeborenen waren sehr hflich und brachten uns nach
Mglichkeit unter. Als wir des Morgens uns erhoben hatten, versprachen
sie uns, beim Bau des Forts jede Hilfe zu leisten, worauf wir ihnen
einen silbernen Degen zum Pfande lieen, da wir wiederkommen wrden.

Noch in der Ausfahrt trafen wir den Faktoreileiter von Bautry mit einem
Boot und vielen kleinen Kanus. Als wir ihn nach dem Wohin fragten,
gab er zur Antwort: Ich bin vom Generaldirektor nach Accada gesandt,
hier so lange zu wohnen, bis die Faktorei fertiggestellt ist. Der
Huptling von Accada hat mich dazu abgeholt. Damit fuhr er an Land
und lie auf einem der Huser die hollndische Flagge hissen. Als wir
uns so betrogen sahen, fuhren wir ihm nach und verwiesen den Schwarzen
ihre Untreue, die uns herzlich gern behalten htten und uns die
Halbinsel zum Bau schenken wollten, wofern wir begehrten, uns neben
den Hollndern bei ihnen niederzulassen. Weil wir auf dieses Anerbieten
nicht eingehen konnten, fuhren wir an unser Schiff. Bei Anbruch der
Dunkelheit aber brachen wir wieder nach Tres Puntas auf.

Uns war zwar die Gegend bekannt, in der jene drei Huptlinge hausten,
mit denen Kapitn Blonck seinen Vertrag geschlossen hatte, nicht
aber ihre Dorfschaften. So ruderten wir denn beim Morgengrauen an
Land, stiegen ber hohe Berge, arbeiteten uns durch dichtes Buschwerk
hindurch und gelangten endlich in eine weite Ebene, wo wir viele
fruchtbare Bume, jedoch nur eingefallene und verlassene Negerhtten
fanden. Wir glaubten, unsere Schaluppe wrde uns lngs der Kste
folgen, sie war aber am Landungsplatz liegengeblieben, weswegen wir vor
Durst fast verschmachteten. Die Sonne brannte so hei, da wir es nicht
eine Stunde mehr htten aushalten knnen, wenn nicht Kapitn Blonck von
ungefhr eine Quelle in den Felsen entdeckt htte. Daran erlabten wir
uns; trotz aller Bemhungen fanden wir im brigen jedoch nichts als
Verwstungen. Endlich wurden wir eines hohen Berges gewahr, der eine
halbe Meile von uns entfernt lag. Weil die andern uns vor Erschpfung
nicht folgen konnten, machte ich mich mit dem Kapitn allein weiter auf
den Weg, in der Hoffnung, Schwarze anzutreffen, die uns Nachricht von
den Huptlingen geben knnten. Diese Hoffnung trog aber; wir fanden
nichts als ein groes, zerstrtes Negerdorf, das uns wunderliche
Gedanken machte. Whrend wir nun den Berg einer genauen Musterung
unterzogen -- er schien uns zur Erbauung eines Forts sehr gnstig --,
kamen gegen zwanzig mit Musketen bewaffnete Neger den Berg hinauf, die
uns berichteten, da alle Bewohner dieser Gegend durch die Neger von
Adom vertrieben und erschlagen worden wren, welches Schicksal gewi
auch unsere drei Huptlinge betroffen htte. Damit gingen sie ihren und
wir unsern Weg.

Als wir wieder zu den Unsrigen gelangt waren, berichteten wir ihnen
von unsern Erkundungen und sandten einen Neger zu unsrer Schaluppe,
mit dem Entschlu, kommenden Tages die Lage des Berges und die ganze
Situation noch genauer zu erforschen. Unterdessen stiegen wir alle,
um einigermaen Khlung zu haben und uns vor der Grausamkeit der
unertrglichen Hitze zu bergen, bis an den Hals ins Wasser und fingen
mit bloen Hnden viele Fische, die uns, kaum da wir sie ans Land
trugen, von den Raubvgeln gleichsam unter den Hnden weggenommen
wurden. Deswegen mute einer nach dem andern bei den Fischen mit bloem
Degen Schildwache halten. Endlich kam unser Fahrzeug, konnte aber wegen
der groen Sturzseen nicht landen, sondern wir muten ihm bis an die
Klippen entgegengehen.

Am nchsten Tag fuhr ich mit meinen beiden Ingenieuren und Kapitn de
Vo an Land, die Situation des Berges genau zu erkunden und ihn zu
vermessen. Als das geschehen, sahen wir 1000 Schritt vom Berge einen
kleinen Flu, zu dem wir gingen und in dem wir beim Loten herrliche
Austern in groer Menge fanden. Unterdessen sahen wir neun bewaffnete
Neger auf uns zukommen, die uns ausfhrlich berichteten, wie die drei
Huptlinge ums Leben gekommen und die Einwohner vertrieben worden waren.

Weil wir nun den Berg zur Erbauung einer Festung fr sehr gnstig
gelegen erkannt hatten, beriet ich mich mit den beiden Kapitnen und
Ingenieuren darber, und wir beschlossen, ohne fernere Weitlufigkeiten
hier Fu zu fassen. Ich lie daher die Soldaten zusammentreten, stellte
ihnen vor, da wir willens wren, hier ein Fort zu errichten, und
fragte sie, wer von ihnen Lust htte, hier eine Zeitlang in Garnison zu
bleiben. Darauf meldeten sich unter gewissen Bedingungen smtliche.

Also zogen wir nach einem Salut von fnf Schssen unter Trommeln und
Pfeifen an Land und erfuhren hier, da zwei Huptlinge uns auf dem
Berge erwarteten. Mit fliegender Fahne marschierten wir bergan, die
Huptlinge kamen uns entgegen, ntigten uns in eine Htte, hier gab ich
ihnen mein Vornehmen kund, und nach wenigen Worten erklrten sie ihr
Einverstndnis. Noch am selben Tage lie ich sechs Feldkanonen auf die
Spitze des Berges schleppen, was ohne Hilfe der Eingeborenen unmglich
gewesen wre; denn der Berg war hoch und der Weg schwierig. Ich lie
mir selber ein Zelt aufschlagen und blieb ber Nacht am Lande.

Am folgenden Tage, dem 1. Januar 1683, brachte Kapitn de Vo die
groe Kurfrstlich Brandenburgische Flagge vom Schiff, die ich
alsbald unter Trommeln und Pfeifen aufholen, mit allen unter Gewehr
stehenden Soldaten begren und an einem hohen Flaggenstock aufziehen
lie, whrend ich zugleich mit fnf scharf geladenen Feldstcken das
Neue Jahr salutierte; jedes der Schiffe antwortete ebenso, und ich
dankte wiederum mit drei Schssen. Und weil Seiner Kurfrstlichen
Durchlaucht Name in aller Welt gro ist, nannte ich den Berg den
Groen Friedrichs-Berg. Diesen Tag bauten sich unsere Soldaten ihre
Baracken, und ich lie durch die Neger fr mich und meine Offiziere
auch eine lange Baracke errichten. Inzwischen berief ich die beiden
Huptlinge zu mir ins Zelt, gab ihnen mein Vorhaben nochmals zu
verstehen und begehrte, mich ihrer Treue durch einen Eid zu versichern.
Sie antworteten, ich brauchte daran nicht zu zweifeln, sofern ich mit
ihnen Fetisch trinken wrde, da auch wir es treu mit ihnen meinten,
sie nie verlassen und sie gegen ihre Feinde verteidigen wollten. Als
ich einwilligte, wurde eine Schale Branntwein gebracht und Schiepulver
hineingerhrt. Daraus mute ich die angenehme Gesundheit zu trinken
anfangen, die beiden Huptlinge folgten und beschmierten mit dem Reste
den umstehenden Schwarzen die Zunge, damit auch sie treu bleiben
mchten. Nach Verrichtung dieser herrlichen Zeremonie beschenkte ich
die Huptlinge und ihre Untergebenen reichlich, in der Meinung, ich
wrde nicht mehr ntig haben, noch weitere Prsente auszuteilen.
Allein, die Zeit hat mich nachmals eines andern belehrt. Am selben Tage
brachten wir noch zwei Sechspfnder auf den Berg.

Den nchsten Tag ward von den Ingenieuren das Fort abgesteckt. Die
Neger schafften Palisaden heran, und meine Soldaten stellten sie auf.
Whrend wir noch an unsrer Arbeit waren, meldete sich bei uns ein
Huptling aus Axim, der eine hollndische Flagge bei sich hatte, mit
dem Auftrage von dem dortigen Faktoreileiter, diese Flagge auf dem
Berge wehen zu lassen, wofern wir noch nicht dort Fu gefat. Er mute
aber, wie er gekommen, wieder abziehen.

Tglich passierten viele Huptlinge mit ihren Leuten den Berg, weil
eine Strae ber ihn fhrte; sie machten fast alle bei uns ihren Besuch
und beschenkten uns mit einer Schssel Reis oder ein paar Hhnern,
wofr ich meinerseits Gegengeschenke und vor allem ihnen Branntwein
zu trinken geben mute. Einige zogen weiter, andere blieben bei uns
und bauten sich Htten am Berge zwischen unseren. Zum Kommandanten des
Forts ernannte ich Kapitn Blonck, der darauf den Morian unter das
Kommando von Kapitn de Vo stellte und auf dem Berge bei uns Quartier
bezog. Kurz darauf kam ein englisches Schiff; es war das erste, das
unsere Flagge mit Kanonenschssen begrte und bei uns ankerte. Kapitn
de Vo ging dann mit dem Morian nach Kap St. Apollonia, um dort
Handel zu treiben.

Ich kann nicht unterlassen, hier der Freigebigkeit der Schwarzen zu
gedenken, wenn ich sie beschenkt oder ihnen etwas versprochen hatte.
Sie fuhren alsdann behend zur Erde, ergriffen ein Stckchen Holz, oder
was sie sonst erwischen konnten, und steckten es mir zum Zeichen der
Dankbarkeit in die Hand. Wenn sie mir nun ein Huhn oder eine Schssel
Reis brachten, wollte ich mich auch ihrer Mode bedienen. Aber das
wollten sie nicht gelten lassen: sie waren vielmehr der Ansicht,
solcher Brauch sei nur bei den Schwarzen, nicht aber auch bei den
Weien Mode!

Des andern Tages warf ein dnisches Kaperschiff bei unserer Festung
Anker und begrte sie mit fnf Schssen. Ich fuhr zu ihm, erquickte
meinen Geist mit gutem Zerbster Bier und bernachtete hernach im
Kurprinzen. Als ich im besten Schlafe lag, berichteten mir meine
Leute die Ankunft einer heimlichen Gesandtschaft, die mich sprechen
wollte. Weil aber den Schwarzen nicht allzeit zu trauen ist, zumal des
Nachts nicht, ich auch den Grund dieses nchtlichen Besuches nicht
erraten konnte, gab ich ihnen zunchst keine Audienz. Als sie mir
aber keine Ruhe lieen, nahm ich ein paar Pistolen unter den Rock und
lie sie vor. Ich erkannte in ihnen Eingeborene aus Accada, die mich
berreden wollten, unsern Berg zu verlassen und bei ihnen ein Fort zu
erbauen. Als ich sie wegen ihrer Untreue tadelte, sprach der Gesandte:
Herr, sieh, hier bin ich ein Huptling, dieser ist mein Bruder, da
ist seine Frau und sein Kind; die lasse ich dir als Geiseln. Begehen
wir eine Untreue an dir, so tue ihnen, was dir gefllt. Ich beschied
sie auf den andern Tag wieder, da ich erst ber ihr Angebot Rat halten
mute. Wir teilten ihnen dann mit, sie mten sich gedulden, bis wir
bers Jahr mit unseren Schiffen wiederkmen; dann liee sich darber
reden, was in dieser Sache zu tun wre.

Folgenden Tags brachte ich den Vertrag zu Papier, den ich mit den
Huptlingen geschlossen; es wohnten nunmehr deren vierzehn auf dem
Berge, und sie hatten mehrmals darauf gedrungen. Als ich ihnen von
der Gesandtschaft aus Accada Mitteilung machte, waren sie noch
mitrauischer und hatten Furcht, wir knnten sie im Stich lassen.
Deshalb berief ich sie in mein Zelt, begab mich mit dem Kommandanten
Blonck und ihnen zu Tisch, setzte ihnen noch einmal die einzelnen
Punkte des Vertrags auf portugiesisch auseinander und verlangte, sie
sollten diese Punkte beschwren. Sie forderten zunchst bestimmte
Waren, wofr sie uns den Berg und die Umgegend zu Eigentum verkaufen
wollten. Dann lie ich eine Schale mit Branntwein, Wermutextrakt und
Violensaft zubereiten, nahm einen Lffel zur Hand und fragte den
ltesten, ob er gewillt sei, Fetisch zu trinken. Ja, ich trinke,
sagte er, die Punkte, die man mir vorgelesen hat, zu halten, unter
dieser ber uns wehenden Flagge zu leben und zu sterben. Breche ich
meinen Eid, so lasse mich der groe Knig im Himmel augenblicklich
sterben. Einige der Huptlinge wollten zwar Fetisch trinken, knnten
aber, sagten sie, mit den Ihrigen nicht vor Verlauf von 3, 4-6 Monaten
den Berg beziehen, was die andern nicht zugeben wollten. Nachdem sie
nun alle den Eid geleistet, nahm der lteste Huptling die Schale in
die Hand und begehrte: Ich sollte nebst dem Kommandanten ihnen allen
schwren, sie wider ihre Feinde zu beschirmen und in keiner Not zu
verlassen, ihnen Weib und Kind nicht fortzunehmen oder zu verkaufen
und sie namentlich gegen die Hollndische Kompagnie zu verteidigen.
Wir versprachen ihnen, das alles zu halten, ausgenommen, wenn sie
den Hollndern Anla zu einem Eingriff gben oder etwas entwendeten.
Damit steckte mir der Huptling einen Lffel voll des Tranks in den
Hals, da ich sechs Wochen davon genug hatte. Dann kam der Kommandant
an die Reihe, der scherzweise uerte, wenn er nicht die Frauen und
Kinder nehmen solle, so mten sie ihm ein Weib geben. Sogleich fiel
ihm einer der Huptlinge in die Rede: Wenn wir nach Landesbrauch uns
verheiraten wollten, so wrden sie uns ihre Tchter geben. Wir nahmen
das Anerbieten im Scherz an, beschenkten die Huptlinge und lieen sie
ziehen.

Andern Tags lie sich der Faktoreileiter von Axim bei mir melden, er
habe einen Auftrag auszurichten. Als ich ihn zu mir entbieten lie, kam
er feierlichst mit zwei Fhnlein angezogen. Ich sandte ihm einen der
Ingenieure entgegen mit der Bitte, er mchte doch seine Begleitung und
die Fahnen unten am Berge lassen; denn der Berg vertrge nicht mehr
als eine Fahne. Er gab dem Ansuchen auch statt. Als meine Soldaten
in Reih' und Glied standen und die Trommeln und Pfeifen ertnten,
stieg der Herr Gesandte den Berg herauf. Er trug einen scharlachenen
Rock mit durchbrochenen, silbernen Knpfen; auf der Schulter, am Hut
und Degen hatte er einen groen Busch von Bndern, wie ihn die alten
Klopffechter zu tragen pflegten. Unter dem Rocke zeigte sich ein
leberbraunes Kamisol, blautaftene Hosen und an einem fleischfarbenen
Grtel ein langes, grnes Degengehenk. Die Schuhe waren gestickt und
die Strmpfe von weier Seide. Wren noch mehr Farben bei den Pariser
Krmern zu finden gewesen -- ich wette, er htte sie sich auch auf
den Leib gehngt. Hinter ihm schritten seine zwei Assistenten fast in
gleicher Livree. Darauf folgten acht Schwarze, die auf ausgehhlten
kleinen Elefantenzhnen eine seltsame Musik vollfhrten, zu der ein
Kerl auf einer kleinen Trommel mit einem krummen Haken den Takt schlug.

[Illustration: Der Herr Gesandte stieg den Berg hinauf.]

Das klang so, als wenn bei uns auf den Drfern die Hirten zur
Christmesse blasen. Nachdem ich den vornehmen Herrn ins Fort gentigt
hatte, lie er sich durch einen Schwarzen entkleiden, damit wir auch
die goldenen Knpfe, die er an Hemd und Hosen trug, zu sehen bekmen.
Er erlabte sich dann an einem Trunk Weins und brachte schlielich
einen Protest zum Vorschein. Ich fertigte ihn aber kurz ab, indem ich
erklrte: Wir haben dieses Gebiet von den Schwarzen gekauft; wollten
sie dagegen protestieren, so mchten sie das in Berlin tun. Wrde er
aber mit seiner Kompagnie unser Freund bleiben, so wollten wir ihm
von unserer Seite alle Gegenfreundschaft erzeigen. Andernfalls stnde
ihnen frei, zu tun, was sie nicht lassen knnten. Hierauf ward noch
etlichemal getrunken, und dann verabschiedete er sich.

Allmhlich begannen meine Leute, einer nach dem andern, krank zu
werden. Ich arbeitete so lange mit den Schwarzen, bis auch mich die
schwere Landseuche (Malaria) durch ein grausames Fieber niederwarf. Als
das Fieber auf einen Tag etwas nachgelassen, kamen unsere Huptlinge
mit ihren Frauen und brachten mir und dem Kommandanten unsere Brute.
Es waren Kinder von 9 Jahren, und sie waren mit allerlei Farben bemalt.
Ich mute mich in meinem Schlafpelze mit dem Kommandanten zu Tische
setzen, und unsere Zuknftigen nahmen neben uns Platz. Ein rechtes
Hochzeitsmahl wurde zugerichtet, und da der Wein nicht fehlen durfte,
kann man sich wohl denken. Die Mnner saen dabei nach Landesbrauch
abseits und tranken treulich auf den Branntwein los. Hernach wurden
uns unsere Brute von den Eltern bergeben und empfohlen. Unterdessen
begannen die Frauen mit solchem Geschrei zu tanzen, da ich gezwungen
ward, die angenehme Gesellschaft zu verabschieden und mich wieder zu
Bett zu begeben. Weil unsere Brute kein Portugiesisch verstanden,
lieen wir ihnen durch meinen Jungen sagen, sie sollten jetzt nur
wieder nach Hause gehen; wenn wir sie ntig htten, wrden wir sie
schon holen lassen. Meine Krankheit machte mir viel zu schaffen; mein
schwarzer Engel besuchte mich tglich, was freilich meistenteils
deswegen geschah, den hungrigen Magen zu fllen und etwas geschenkt zu
bekommen.

Diese grimmige Landseuche nahm so berhand, da von 40 Mann nicht
mehr als ihrer 5 Wacht tun konnten. Wir andern lagen alle zu Bette.
Ich war oft besinnungslos und raste, der Kommandant, die Ingenieure,
der Feldscher und alle Soldaten konnten sich nicht rhren. Tglich
starb einer und so schleunig, da man tagsber nichts zu tun hatte
als Grber zu machen. Mich selbst hatte man schon zweimal fr tot
gehalten. Ich war in so elendem Zustande, da die Huptlinge alle ihre
Mittel versuchten, mir zu helfen. Als ich einmal in tiefer Ohnmacht
lag, kam einer mit einem Haufen Riemen, an denen eiserne Ngel hingen;
die zhlte er ber meinem Kopfe hin und her und sprach dazu bestimmte
Worte, die meine Leute nicht verstehen konnten. Ein anderer segnete
mich mit einem Ei. Ein dritter brachte einen jungen Hund, in den er all
meine Krankheit bannte; hinterher ertrnkte er das Tier. Unterdessen
fra der Tod die beiden Ingenieure, den Sekretr, einen Sergeanten,
zwei Matrosen und vier Soldaten.

Die angefangene Arbeit blieb liegen, weil auch unsere zwei Zimmerleute
krank waren. Endlich kam der Morian zurck. Von dem nahmen wir
15 Matrosen an Land, die nebst einigen noch gesunden Soldaten das
Wohnhaus und die Baracken fertigstellten und die Palisadenumzunung mit
Erde ausfllten.

Kaum war unser Werk getan, da schickte der Huptling von Axim seinen
Sohn und lie uns warnen, wir mchten gute Wache halten. Denn die Neger
von Adom wollten uns binnen zwei Tagen mit drei- bis viertausend Mann
berfallen. Mir war bei der Sache nicht wohl zumute. Waren wir doch nur
ungefhr fnfzig Mann, die vom Schiffe mitgerechnet, und zweihundert
wohlbewaffnete Schwarze.

Am nchsten Tage kamen in aller Frhe unsere Huptlinge mit der Bitte,
wir mchten doch ihr Weib und Kind, Hab und Gut ins Fort nehmen; denn
der Feind wre schon da. Zugleich hrten wir auch etliche tausend Mann
unweit im Gebsch mit ihren Musketen knallen. Wir hatten uns auch
fertiggemacht und unsere Kanonen mit Karttschen geladen. Da nun der
Feind, der vielleicht meinte, wir sollten vor Schreck davonlaufen,
unter stetem Schieen nher rckte, befahl ich, mit einem Sechspfnder
unter sie zu schieen. Die Kugel schlug recht in den grten Haufen
ein. Damit hatte der Krieg ein Ende; denn die Mohren knnen nichts
weniger als das grobe Geschtz vertragen. Sie hrten auf zu schieen
und flohen in aller Eile. Unsere Schwarzen setzten ihnen noch ein gut
Stck Weges nach.

[Illustration: Die Kugel schlug recht in den grten Haufen ein.]

Als nun der Krieg beendet und unsre Festung in Verteidigungszustand
versetzt war, stellte ich den Kommandanten als solchen den Soldaten
vor, nahm Abschied von meiner Truppe und den Huptlingen und begab
mich, noch schwer krank, auf den Morian. Alle Leute zweifelten an
meinem Wiederaufkommen, da ich einem Toten hnlicher sah als einem
Lebendigen. Und was das rgste war: ich kam in ein Schiff, das nichts
anderes hatte als verschimmelte Zwiebcke, dreiig Pfund verdorbenen
Stockfischs, verdorbenes Fleisch und faule Erbsen. Davon konnte ein
Kranker nicht genesen. Dieser Proviant benahm mir selbst und allen
meinen kranken Leuten die Hoffnung. Aber Gott verlt die Seinen
nicht. Nachdem wir voneinander Abschied genommen, beabsichtigten wir,
ber den quator zu schiffen. Zu der Kranken Glck trieb aber ein
ungnstiger Wind uns lngs der Kste nach der Insel St. Thomas, wo
wir uns mit Schweinen, Hhnern, Zuckerrohr, Kokosnssen und andern
Erfrischungen reichlich versehen konnten, die uns auch unsre Gesundheit
wiederherstellten.

[Illustration]




Geschichtliches und Geographisches zu den Berichten der Entdecker


Bald nach Antritt seiner Regierung fate Georg III. von England den
Entschlu, Schiffe auf Entdeckung unbekannter Lnder auszusenden, um
dadurch die Ausbreitung des englischen Handels zu befrdern. Wir, die
wir im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizitt leben, knnen uns
kaum vorstellen, welche Schwierigkeiten sich der Ausfhrung solches
Planes damals entgegenstellten. Ein Segelschiff ist einzig und
allein auf den Wind als die Quelle eigener Fortbewegung angewiesen.
Widrige Winde werfen es aus seinem Kurs, halten es im Hafen fest
oder fern von ihm, lassen es zum Spielball gefhrlicher Strmungen
und der Brandung werden. Monate-, ja, jahrelang war der Seefahrer
oft von aller Kultur wie abgeschnitten: die unsichern politischen
Verhltnisse und Vlkerrechtsanschauungen muten ihn so in jedem
Schiff anderer Nationen einen zu frchtenden Feind sehen lassen;
Kaperschiffen aller seefahrenden Vlker waren die Meere erwnschte
Jagdgebiete. Zur Unkenntnis der Erdkunde, die sie ja durch ihre Fahrten
erst erhellen sollten, gesellten sich fr die khnen Seefahrer die
Schwierigkeiten der Verpflegung: der Skorbut, jene bei ausschlielichem
Genu von gepkeltem Fleisch und Konserven und dem Mangel frischer
Pflanzennahrung auftretende Blutkrankheit, raffte sie zu Hunderten
dahin. Auf Cooks (spr. kuhks) zweiter Reise um die Welt (1772), auf
der die beiden berhmten deutschen Naturforscher und Philosophen
Johann Reinhold und Georg Forster (Vater und Sohn) seine Begleiter
waren, nahm man deshalb -- das mag hier der Kuriositt halber erwhnt
sein -- sechzig groe Fa Sauerkraut und die kurz vorher in England
erfundenen, aus frischem Rindfleisch, Knochen und Abfall verfertigten
Bouillonkuchen, wir wrden heut sagen: Bouillonwrfel, mit gutem
Erfolge mit.

Der erste der Entdecker, deren Berichte hier nach dem Werke von John
Hawkesworth (spr. hohksu) mitgeteilt sind, Kapitn Samuel Wallis
(spr. uohls), trat seine Weltumseglung am 22. Juli 1766 von Plymouth
(spr. plimmes) aus auf dem Dolphin (d. h. Delphin) an, einem
Kriegsschiff sechsten Ranges, das 24 Kanonen fhrte, und dessen
Bemannung aus 3 Offizieren, 37 Unteroffizieren und 150 Mann bestand.
Ihn begleitete anfnglich Kapitn Philipp Carteret (spr. kahtert) auf
der Schaluppe Swallow (spr. suollo, d. h. Schwalbe), der aber
von der Magalhaensstrae (spr. machaljahngs) an ein besonderes Ziel
verfolgte. Nachdem Wallis zunchst Patagonien einen Besuch abgestattet
hatte, wandte er sich mit nordwestlichem Kurs der Sdsee zu und
entdeckte neben einigen kleineren Inseln der Paumtugruppe am 18. Juni
1767 Tahiti oder Otaheite, das er Knigs Georg III.-Insel nannte. Die
Entdeckung schildert unser Bericht, dem wir nur noch hinzufgen wollen,
da die Insel bereits im Jahre 1605 von dem spanischen Seefahrer Pedro
Fernandez de Quiros gesehen worden war. Auf seiner weiteren Fahrt fand
Wallis noch einige kleine Inseln sdlich der Sama- und in der Gilbert-
und Marshall-(spr. mahschell-)Gruppe auf. Seine Reise endete auf den
Marianeninseln, von wo aus er ber Batavia und das Kap der Guten
Hoffnung am 13. August 1768 England wieder wohlbehalten erreichte.

Unser zweiter Bericht erzhlt von einem Besuche des Kapitns Cook
auf Tahiti. Der Ansto zu dieser Reise ging von der Kniglichen
Gesellschaft der Wissenschaften zu London aus, die im Februar 1768
dem Knige den Wunsch aussprechen lie, zur Beobachtung des fr das
Jahr 1769 zu erwartenden Venusdurchgangs, d. h. des Vorberziehens
des kleinen Planeten Venus vor der Sonnenscheibe, eine Expedition
in die Sdsee zu entsenden, um auf einer gnstig gelegenen Insel
dort das wichtige astronomische Ereignis beobachten zu knnen. Der
Knig willfahrte dem Wunsche der gelehrten Gesellschaft, und die
Admiralitt stellte die Bark Endeavour (spr. endiwe, d. h. Streben)
zur Verfgung, ein Schiff von dreihundertundsiebzig Tonnen, das
ursprnglich fr den Kohlenhandel bestimmt und ein ausgezeichneter
Segler war. Das Kommando darber wurde dem damaligen Leutnant in der
Kniglichen Marine James (spr. djehms) Cook bertragen. Dieser nachmals
berhmteste aller englischen Entdecker war damals schon vierzig Jahre
alt.

Als Sohn eines Landarbeiters am 27. Oktober 1728 in dem Drfchen Marton
(Grafschaft York, Nordengland) geboren, hatte Cook nur den einfachsten
Schulunterricht genossen und war dann mit 13 Jahren zu einem Hutmacher
und Krmer in die Lehre gekommen. Dieser selbstgewhlte Beruf gefiel
ihm aber nicht: schon nach einem Jahre entlief er seinem Lehrherrn
und wurde Schiffsjunge auf einem Kohlenschiffe. Als solcher machte er
Reisen nach Petersburg und Norwegen mit und wute sich dabei das Geld
fr den Unterricht in der hheren Nautik (Schiffahrtskunde) zu ersparen
und zum Untersteuermann aufzurcken. Den im Jahre 1755 zwischen England
und Frankreich ausbrechenden Krieg um die nordamerikanischen Kolonien
machte er als Vollmatrose auf einem Kriegsschiffe mit und kehrte erst
1759 wieder nach England zurck. Durch Frsprache seines bisherigen
Kapitns erhielt er nunmehr die Stellung eines Master (spr. mahste,
d. h. Lotsen) auf der Mercury (spr. mkjuri, d. h. Quecksilber).
Jetzt hatte er, zitiere ich Hennigs Darstellung, Gelegenheit, seine
glnzenden Fhigkeiten, seine groe Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit
in der Aufnahme von Seekarten zu beweisen, die seine spteren
Entdeckungen zugleich zu einem wertvollen Erwerb der geographischen
Wissenschaften machen sollten. Die Zuverlssigkeit seiner Aufnahmen im
St. Lawrence- (spr. lorenz-) Strom und -Golf, die den Flottenangriff
auf die Stadt Quebec (spr. kwibek) vorbereiten halfen, ist um so
bemerkenswerter, als die Arbeit angesichts des Feindes, teilweise
bei Nacht, ausgefhrt werden mute, und rechtfertigte das Vertrauen,
das sich in seiner Versetzung an Bord des Admiralschiffes aussprach.
Hier trieb er -- im strengen Winter der nordamerikanischen Kste --
die fr seinen Beruf so notwendigen mathematischen und astronomischen
Studien. Nach der Eroberung von Neufundland (1762) kehrte er fr ein
paar Monate in die Heimat zurck und vermhlte sich hier mit Elisabeth
Battes, einer Kaufmannstochter. Er wurde bald wieder nach Neufundland
zurckberufen, und im vierjhrigen Vermessungsdienste hier erweiterte
und festigte er seine nautischen und astronomischen Kenntnisse. Seine
Arbeiten trugen ihm die Befrderung zum Leutnant und die Berufung
zur Fhrung der wissenschaftlichen Expedition zur Beobachtung des
Venusdurchganges ein.

Auf der mit 10 Kanonen und 12 Drehbassen fr die Fahrt ausgersteten
Endeavour befanden sich auer der 84 Mann starken Besatzung der
Astronom Green (spr. grihn), der gemeinsam mit Cook die Beobachtung
machen sollte, der junge Gelehrte Josef Banks, ein wohlhabender
Mann, der aus Liebe zu den Naturwissenschaften die gefahrvolle Reise
mitmachte und als seinen Assistenten den schwedischen Botaniker Dr.
Solander, einen Schler Linns, bei sich hatte. Diesen beiden Forschern
verdankt, nebenbei bemerkt, die Naturwissenschaft die Kenntnis einer
groen Anzahl von Pflanzen und Tieren, die auf den von Cook entdeckten
Inseln gefunden wurden. Dem hier mitgeteilten Hawkesworthschen Berichte
liegen so neben Cooks eigenen Aufzeichnungen auch die Tagebcher von
Banks zugrunde.

Am 26. August 1768 lichtete die Endeavour in Plymouth die Anker und
steuerte ber Madera und Rio de Janeiro (spr. riu de janehru) zunchst
nach Feuerland, wo interessante Beobachtungen an den Eingeborenen, der
Tier- und Pflanzenwelt gemacht wurden. ber Kap Horn ging es dann nach
dem im Jahr zuvor entdeckten Tahiti, um hier den Venusdurchgang zu
beobachten. Das Leben auf Tahiti schildert nach dem Bericht von Cook
und Banks unser Sdsee-Idyll; Cook hatte Befehl, nach Erledigung des
astronomischen Auftrags weitere Entdeckungen in der Sdsee anzustellen.
So wandte er sich denn nach genauer Vermessung und Umschiffung Tahitis
und Auffindung der brigen Gesellschaftsinseln sdwestlich, um das
Sdmeer nach dem schon im Altertum vermuteten groen Sdkontinent
abzusuchen. Am 13. August 1769 entdeckte er eine der Inseln der
Tubuai-Gruppe und richtete seinen Kurs dann auf Neuseeland. Durch
Umsegeln, wobei er im Januar 1770 die nach ihm benannte Cookstrae
entdeckte, stellte er fest, da Neuseeland aus zwei Inseln besteht. Er
richtete hierauf seinen Kurs westlich nach der Ostkste Australiens
und landete am 28. April in der von ihm nach den zahlreichen hier
gefundenen Gewchsen benannten Botany-Bai (spr. boteni, d. h.
Botanik). Der Kste entlang nach Norden ziehend, am groen Barrierriff
beinahe scheiternd, fand er am 21. August die Torresstrae wieder auf,
jene Durchfahrt zwischen Australien und Neuguinea, die von dem khnen
Steuermann des schon erwhnten Spaniers de Quiros, Luis Vaez de Torres,
im Jahre 1605 den Namen empfangen hatte, der wissenschaftlichen Welt
und den Seefahrern des 18. Jahrhunderts aber nicht mehr bekannt war.
Von Neuguinea aus segelte die Endeavour nach Batavia und ber das Kap
der Guten Hoffnung nach England zurck, wo er am 12. Juli 1771 vor
Dover Anker warf. Unser Tauwerk und die Segel, schrieb Cook schon
Mitte Juni in sein Tagebuch, waren jetzt so schlecht, da tglich das
eine oder das andere in Stcke ging.

Die auerordentlichen Erfolge Kapitn Cooks brachten es mit sich,
da er bald von neuem mit einer Weltumseglung beauftragt wurde.
Die Aufgabe, die man ihm nunmehr stellte, galt der Erforschung
des sagenhaften, sich angeblich bis zum 30. Grad sdlicher Breite
erstreckenden Sdkontinents. Trotzdem Cook auf der ersten Reise,
bis zum 40. Grad sdlicher Breite vorstoend, nirgends ein Festland
gefunden hatte, glaubte man in den Kreisen der Geographen doch nach
wie vor (s. a. u.), es msse wie im Norden der Erdhalbkugel auch in
ihrem Sden ein groes Festland vorhanden sein -- zur Erhaltung des
notwendigen Gleichgewichts, wie Georg Forster in seiner Wrdigung
der Verdienste Cooks launig spottet, um, ich wei nicht welch
ein berschlagen unsres Planeten zu verhten. Cooks Instruktion
lautet demnach, die Sommermonate der sdlichen Halbkugel (d. h. also
unsre Wintermonate) zu Entdeckungen in der Richtung auf den Sdpol
anzuwenden, die strmischen, trben Wintermonate aber zu genauerer
Erforschung der krzlich entdeckten Sdseegebiete zu benutzen. Fnde er
keinen Sdkontinent, so sollte er, so nahe dem Sdpol als nur mglich,
ostwrts fahren, bis er die Erdkugel umsegelt htte.

Wieder whlte Cook wie bei seiner ersten Reise aus Grnden der
Zweckmigkeit gut segelnde und geringen Tiefgang habende, dabei
verhltnismig sehr gerumige Kohlenschiffe fr die Fahrt. Das
grere, 462 Tonnen haltende und mit 16 Kanonen bestckte Schiff,
die Resolution (spr. resolljuhschn, d. h. Entschlu߫) fhrte er
selber. Er hatte 112 Mann Besatzung, und an Bord befanden sich die
schon erwhnten beiden deutschen Naturforscher Reinhold und Georg
Forster, der Astronom Wales (spr. uhls) und der Landschaftsmaler
Hodges (spr. hodjs). Am Kap der Guten Hoffnung kam noch der schwedische
Naturforscher Andreas Sparrmann dazu. Das kleinere Begleitschiff, die
Adventure (spr. edwentsche, d. h. Abenteuer), stand unter dem
Befehl des Kapitns Fourneaux (spr. furnoh).

Am 13. Juli 1772 verlieen die beiden Schiffe Plymouth und segelten
ber das Kap der Guten Hoffnung hinaus in die sdlichen Polargegenden.
Hier trennte ein Sturm die Schiffe, die sich der Verabredung gem
erst in Neuseeland wieder vereinigten. Die folgenden Sdsommer immer
wieder mit neuen Vorsten ins Sdliche Eismeer zubringend, entdeckte
Cook nach der Rckkehr in die Sdsee am 23. September 1773 die Cook-
oder Hervey-Inseln (spr. hrweh); am 1. Oktober fand er die von dem
Hollnder Abel Tasman 1643 entdeckten Tonga-Inseln, am 11. Mrz 1774
die Osterinsel und am 8. April die Marquesasgruppe (spr. markesas)
wieder auf. Im Juli und August des Jahres stie er auf die von de
Quiros und kurz vorher von dem Franzosen Bougainville (spr. bugngwil)
schon gesehenen Neuen Hebriden, und am 4. September entdeckte er
Neukaledonien. Die Rckkehr fhrte ber Feuerland und das Kap der Guten
Hoffnung, und am 30. Juli 1775 lie die Resolution auf der Reede von
Spithead (spr. sptthed) die Anker fallen. Die Adventure, die die
Verbindung mit dem Hauptschiff bei der zweiten Ankunft auf Neuseeland
endgltig verloren hatte, war schon ein Jahr frher heimgekehrt.

Das Ergebnis dieser zweiten Reise, die zugleich die erste Weltumseglung
von Westen nach Osten darstellt, hat Cook beim Verlassen des
Polargebiets in seinem Tagebuch folgendermaen zusammengefat:
Ich habe jetzt die Umseglung des Sdlichen Meeres in hoher Breite
ausgefhrt (er war bis ber den 70. Breitengrad hinausgedrungen) und
es _so_ durchquert, da keinerlei Raum mehr fr das Vorhandensein
eines Festlands bleibt -- abgesehen von der Nhe des Pols auerhalb
des Schiffahrtsbereiches. Indem ich das Tropenmeer (Sdsee) zweimal
besuchte, habe ich nicht nur die Lage einiger frherer Entdeckungen
festgelegt, sondern auch manche neue gemacht und, wie ich glaube, in
diesem Gebiet wenig mehr zu tun briggelassen. So schmeichle ich mir
denn, da der Zweck der Reise in jeder Hinsicht vollstndig erfllt,
die Sdhalbkugel gengend erforscht und der Suche nach einem sdlichen
Kontinent, der so lange die Aufmerksamkeit der Seemchte auf sich
gezogen und eine Lieblingstheorie der Geographen aller Zeiten gebildet
hat, endgltig ein Ziel gesetzt ist[1].

Diese zweite Entdeckungsfahrt gab Cooks Namen europische Berhmtheit.
Der Knig ernannte ihn zum Postkapitn und verlieh ihm dazu eine mit
einem Ehrensolde verbundene Stelle. Die Knigliche Gesellschaft der
Wissenschaften whlte ihn zu ihrem Mitgliede und schmckte ihn mit der
goldenen Medaille. Aber mehr als alles andere zeigen uns den Weltruhm
Cooks zwei Schriftstcke, die freilich erst nach seinem unerwarteten
und damals auch in Europa noch unbekannten Tode verffentlicht wurden.
Zwischen England, Amerika und Frankreich war 1775 der Krieg um die
Unabhngigkeit der ehemals englischen Kolonien Nordamerikas entbrannt:
am 4. Juli 1776 hatten die dreizehn vereinigten Staaten unter Leitung
Washingtons (spr. uoschingtn) und Franklins (spr. frnklin) ihre
Unabhngigkeit erklrt. Cook, der, wie wir gleich erfahren werden, 1776
seine dritte Entdeckungsreise angetreten hatte, war dem Kriegsbrauche
nach also als Feind Frankreichs und Amerikas zu betrachten. Deshalb
erlie der franzsische Marineminister, als Cooks Rckkehr nach
Europa zu erwarten stand, auf Anregung des groen Staatsmannes Turgot
(spr. trgo) im Mrz 1779 folgenden Befehl an alle franzsischen
Schiffskommandanten: Da Kapitn Cook, der an Bord der >Resolution< im
Juli 1776 Plymouth verlie, um an den Ksten, auf den Inseln und in den
Meeren von Japan und Kalifornien Entdeckungen zu machen, im Begriff
ist, nach Europa zurckzukehren und solche Entdeckungen von allgemeinem
Nutzen fr alle Nationen sind, so ist es des Knigs Wille, da Kapitn
Cook wie der Befehlshaber einer neutralen und verbndeten Macht
behandelt werden soll, und da alle Kapitne, die diesem berhmten
Seefahrer begegnen, ihm die diesbezglichen Befehle des Knigs
vorzeigen. Gleichzeitig sandte Benjamin Franklin, damals Gesandter der
Vereinigten Staaten zu Paris, ein hnlich lautendes Schreiben an alle
Schiffskommandanten der amerikanischen Flotte, mit der Aufforderung,
den so berhmten Seefahrer und Entdecker mit aller mglichen
Hflichkeit und Gte zu behandeln und ihm als gemeinsamem Freunde der
Menschheit allen Beistand zu leisten, dessen er etwa bentige.

Das Ziel der dritten Entdeckungsreise Cooks war die Auffindung
eines fr den Handel so wichtigen krzeren Weges nach Japan, China
und Indien: die Aufsuchung einer nrdlichen Durchfahrt aus dem
Atlantischen in den Stillen Ozean. Man wute es Cook nahezulegen, sich
mit diesem Plane, auf dessen Ausfhrung eine Prmie von 20000 Pfund
Sterling gesetzt war, eingehend zu befassen, und er war nicht der
Mann danach, vor den groen, unleugbaren Gefahren dieses Planes
-- er sollte sich auch dem Nordpol soweit als mglich nhern --
zurckzuschrecken[2]. So ging er denn noch vor Ablauf eines Jahres,
nmlich am 12. Juli 1776, von neuem mit der Resolution, die fr die
neue Bestimmung besonders sorgfltig ausgerstet war, unter Segel.
Als Begleitschiff wurde ihm diesmal die Discovery (spr. diskaweri,
d. h. Entdeckung) unter dem Befehl des Kapitns Clerke (spr. klk)
mitgegeben, die nach hnlichen Prinzipien gebaut und ausgerstet war.

An Bord hatte die Resolution einen interessanten Gast. Kapitn
Fourneaux hatte nmlich bei seiner Heimfahrt einen jungen Eingeborenen
von Ulietea (Gesellschaftsinseln) namens Omai an Bord genommen und
nach England gebracht. Der junge, liebenswrdige Sdsee-Insulaner
hatte in der Londoner Gesellschaft begeisterte Aufnahme gefunden,
war berreich mit allen erdenklichen Dingen beschenkt worden und
sollte nun zu seinen braunen Landsleuten zurckkehren, um ihnen die
erhabensten Begriffe von der Macht und Gromut der britischen Nation
beizubringen. Omai vergo zwar bittere Trnen beim Abschied von seinen
englischen Freunden, verriet aber doch ebenso unzweifelhaft seine
helle Freude, wieder nach Ulietea zurckkehren zu drfen. Man hatte
den Schiffen ferner als ntzliches Geschenk fr die Sdsee-Insulaner
verschiedene Haustiere wie Khe, Schafe, Ziegen, Hhner, Enten,
Getreide- und Gartenpflanzensamen mitgegeben, wie denn Cook schon auf
seiner vorherigen Reise mehrfach die Eingeborenen durch solche Gaben
zur Viehzucht und zum Getreidebau (allerdings mit geringem Glck) zu
veranlassen versucht hatte. Hohe Menschlichkeit und tiefes Verstndnis
fr die Eigenarten fremder Vlker ist ja berhaupt einer der schnsten
Zge im Charakterbilde dieses bedeutendsten aller englischen
Entdecker, ein Charakterzug, der hell aufleuchtet auch aus der hier
mitgeteilten Schilderung des Kapitns James King von der Ermordung
Cooks.

ber das Kap der Guten Hoffnung und die kurz zuvor von dem
franzsischen Seefahrer Kerguelen (spr. kergelng) entdeckten
gleichnamigen Inseln ging die Reise nach Tasmanien und Neuseeland; ein
paar Inseln im Cook-Archipel (griech. = Inselmeer) und am 24. Dezember
1777 die nrdlich des quators gelegenen Weihnachtsinseln wurden bei
weiteren Fahrten aufgefunden. Dazu kam als wichtigste Entdeckung am
18. Januar 1778 die der Sandwich (spr. nduitsch) oder Hawii-Inseln.
Cook whlte diese Gruppe als Sttzpunkt fr die nunmehr beginnende
Suche nach der nrdlichen Durchfahrt. Etwa unter dem 45. Breitengrad
traf er zuerst auf die nordwestamerikanische Kste und gelangte dann
unter heftigen Strmen und mancherlei Gefahren nach Alaska und zu
den Aluten. Durch das Beringmeer nordwrts vorstoend und schon am
Eingang der Beringstrae zwang ihn eine unberwindliche, nach dem
Sden treibende Eismauer zur Umkehr. Um die erzwungene Mue nicht
ungenutzt zu lassen, kehrte er nach Hawaii zurck, und hier fand er am
14. Februar 1779 den gewaltsamen Tod, wie unser Bericht schildert.

Die Eingeborenen hatten in Cook anfnglich eine Gottheit, den
wiederkehrenden Geist eines verstorbenen groen Huptlings, gesehen,
wofr ja auch seine weie Leichenfarbe[3] zu sprechen schien.
Mancherlei Vorflle trugen dazu bei, diesen gttlichen Nimbus zu
zerstren: die Huptlinge, die ihren Einflu sinken fhlten, schrten
eine Gegenbewegung. Miverstndnisse, aus der Unkenntnis der Sitten
und der religisen Anschauungen der Eingeborenen beruhend, lieen
die Flamme der Emprung immer heller auflodern, und so kam es zu dem
beklagenswerten Ende des groen Entdeckers. Ein Obelisk bezeichnet
heute die Stelle, wo er den Tod fand.

Nach seinem Tode versuchte Kapitn Clerke, der das Kommando auf der
Resolution bernommen hatte, noch einmal einen Vorsto zur Entdeckung
der nrdlichen Durchfahrt. Er war vom Glck wenig begnstigt und starb
auf der Rckfahrt nach Kamtschatka. Kapitn King, der ursprnglich
als Navigationsoffizier und ausgezeichneter Astronom an Bord der
Resolution gewesen war, und Kapitn Gore fhrten dann die Schiffe
ber China und das Kap der Guten Hoffnung in die Heimat zurck, wo
sie erst am 22. August 1780, nach einer Abwesenheit von mehr als vier
Jahren also, eintrafen.

Mute nun auch damit der Versuch der Auffindung eines neuen
Handelsweges nach Ostasien und Indien als gescheitert betrachtet
werden, so hatte die letzte Entdeckungsreise Cooks doch andrerseits die
Aufmerksamkeit der englischen Kaufleute auf die nordwestamerikanische
Kste als auf ein besonders aussichtsreiches Pelzhandelsgebiet
hingelenkt. Von den Versuchen, sich diesen bedeutenden, freilich, wie
sich herausstellte, von den Russen schon vorher besetzten Markt zu
erschlieen, erzhlt der hier mitgeteilte Bericht des Kapitns Meares
(spr. mihrs) von seiner Unglcksfahrt dorthin.

In eine andre Zeit und ein andres Erdgebiet versetzt uns die
Schilderung, die der famose kurbrandenburgische Major _Otto Friedrich
v. d. Groeben_ von seiner Reise nach der Kste Westafrikas im Jahre
1682 hinterlassen hat. Im Auftrage Friedrich Wilhelms des Groen
Kurfrsten sollte er dort eine Kolonie grnden, d. h. eine Festung
erbauen, und wie er diesen Auftrag ausfhrte, was er an den Ksten
Guineas erlebte, das hat er in seiner Guineischen Reisebeschreibung
mit kstlichem Humor und guter Beobachtungsgabe aufgezeichnet.

Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte seine Jugendjahre fern von der
Heimat, am Hofe Friedrich Heinrichs von Oranien, seines Verwandten,
des groen Kriegsmannes und Statthalters der Niederlande, verlebt.
Die Eindrcke, die er hier in Holland von dem Reichtum und der Macht
empfing, den Seehandel und der Besitz blhender Kolonien einem Volke
zu verleihen vermgen, sind auf ihn sein ganzes Leben hindurch wirksam
geblieben. Seefahrt und Handlung sind die vornehmsten Sulen eines
Staats, wurde schon frh sein volkswirtschaftlicher Leitsatz. Als
Friedrich Wilhelm 1640 zur Regierung kam, fegte ber Deutschland
noch der Dreiigjhrige Krieg dahin. Kmpfe gegen die Polen, mit den
Schweden und Franzosen lieen den Kurfrsten erst rund 40 Jahre spter
zur Ausfhrung seiner Kolonialplne kommen. Der hollndische Reeder
Benjamin Raule war es, der, in brandenburgische Dienste getreten,
Friedrich Wilhelm vorschlug, Handelsfahrten nach Afrika zu unternehmen.
Im Herbst 1680 stachen das Wappen von Brandenburg, eine Fregatte
von 22 Kanonen, und der Morian, eine solche von 18 Kanonen, in See
nach Westafrika. Die grere Fregatte wurde trotz des Friedens von den
Hollndern an der Guineakste genommen, dem Morian aber gelang es
unter Fhrung des Kapitns Philipp Pietersen Blonck an der Goldkste,
in der Nhe des Dreispitzenkaps, mit drei unabhngigen Negerhuptlingen
am 16. Mai 1681 einen vorlufigen Handelsvertrag abzuschlieen und
einen zur Anlage einer Festung geeigneten Ort zu erwerben. Die
Negerhuptlinge erhielten, nebenbei bemerkt, dafr: 2 Stck indischen
Stoffs, 1 Rapier, 1 Hut, 2 zinnerne Schsseln, 2 Faden (= 4 m)
trkischen Stoff, 1 Kleidchen und endlich die brandenburgische Flagge,
womit sie erweisen knnten, da sie S. Kurfrstliche Durchlaucht fr
ihren Herrn angenommen haben. Um diesen Vertrag nutzbar zu machen,
wurde auf Raules Betreiben im Mrz 1682 die Afrikanische Kompagnie
begrndet, gewissermaen eine Gesellschaft mit beschrnkter Haftung,
deren Grundkapital ganze 50 000 Taler betrug, und im Juli eine
militrische Expedition unter Fhrung des Majors v. d. Groeben nach
Westafrika entsandt.

Der Kurfrst htte keine glcklichere Wahl treffen knnen: Groeben
war ein an Kriegserfahrungen reicher, fr seine Zeit hochgebildeter
Offizier, dazu ein weitgereister Mann, der sich schon manchen Wind um
die Nase hatte wehen lassen. Noch nicht 17 Jahre alt, unternahm er in
Gemeinschaft mit einem polnischen Obersten eine achtjhrige Reise, die
durch Italien zunchst nach Malta fhrte. Von hier aus lie er sich
als Freiwilliger auf einem gegen die Trken kreuzenden Kaperschiff
anwerben. Aus dem Beuteerls -- er war brigens gleich im ersten
Treffen verwundet worden -- bestritt er die Kosten einer Reise durch
Palstina. Auf der Rckkehr nach Deutschland ward sein Schiff von den
Trken genommen; er entkam mit knapper Not, gelangte nach Tripolis
und schlo sich einer Karawane nach gypten an. Auch die Rckreise
von gypten aus war reich an Gefahren und Kriegsabenteuern: wiederum
wurde Groeben bei einem Kampfe mit Seerubern verwundet. Wir finden ihn
hernach fr kurze Zeit in spanischen Diensten, und mit den Spaniern
durchzog er ganz Italien. Auf Anweisung seiner Eltern besuchte er dann
zu weiterer Ausbildung Frankreich, England und Holland. Den endlich in
die Heimat Zurckgekehrten zog der Groe Kurfrst an seinen Hof, und
dem erst Fnfundzwanzigjhrigen vertraute er die Leitung der Expedition
nach Guinea an.

Schildern wir noch in Krze schlielich den Fortgang der
brandenburgischen Kolonisation. Zum Fort Gro-Friedrichsburg
gesellten sich 1684 das benachbarte Fort Dorothea und etwas spter
die Forts Taccarary und Sophie Luise, alle in derselben Gegend
gelegen. Die fortgesetzten Feindseligkeiten der Hollnder taten dem
brandenburgischen Unternehmen aber bald viel Abbruch. Sie kaperten
die Schiffe und berfielen, allerdings erfolglos, 1687 die Forts.
Die Afrikanische Handelskompanie hielt sich noch ohne rechte
Lebenskraft bis zum Regierungsantritt Friedrich Wilhelms I., der das
ganze Unternehmen fr 6000 Dukaten an die Hollnder verkaufte. --
Als im Jahre 1884 die deutsche Korvette Sophie in der Gegend des
einstigen Forts Gro-Friedrichsburg landete, zeigten die Eingeborenen
den Offizieren die Trmmersttte. Aus dem Schutte grub man die alten
Brandenburgischen Geschtzrohre hervor. Sie werden heute in der
Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses aufbewahrt, die letzte Erinnerung
an die erste deutsche Kolonie in Afrika.

                                                  Dr. _Adolf Heilborn_.


Funoten

[1] Es darf hier nicht verschwiegen werden, da die geographische
Forschung spterer Tage das Problem des Sdkontinents doch in anderm
Sinne als Cook zu lsen und auf der Kugelkappe um den Sdpol ein
Festland grer als Europa festzustellen vermochte.

[2] Es sei hier gleich erwhnt, da Cook 1778 vom Beringmeer aus nur
bis an das Nordkap von Asien gelangte. Die nordstliche Durchfahrt um
Asien herum ist spter dem berhmten schwedischen Polarforscher Adolf
Nordenskjld (spr. nurdenschld) auf der Vega (1879) gelungen. Die
nordwestliche Durchfahrt um Amerika herum glckte erst 1906/07 dem
khnen Norweger Roald Amundsen auf der Gja.

[3] Auch die farbigen Rassen erbleichen nach dem Tode.




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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
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  | Der Schmutztitel wurde entfernt, das Inhaltsverzeichnis an den   |
  | Anfang des Buchs verschoben. Folgende Inkonsistenzen wurden      |
  | belassen, da beide Schreibweisen blich waren:                   |
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  | anderen -- andern                                                |
  | anderer -- andrer                                                |
  | argwohnten -- argwhnten                                         |
  | benutzen -- bentzen                                             |
  | bewillkommten -- bewillkommneten                                 |
  | danach -- darnach                                                |
  | Felsenklippen -- Felsklippen                                     |
  | heut -- heute                                                    |
  | Instruments -- Instrumentes                                      |
  | portugiesisch -- Portugiesisch                                   |
  | Schiffs -- Schiffes                                              |
  | ungeheure -- ungeheuere                                          |
  | ungenutzt -- ungentzt                                           |
  | unserer -- unsrer                                                |
  | unseren -- unsern                                                |
  |                                                                  |
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  | S.  85 "Taburai" in "Tuburai" gendert.                          |
  | S. 144 "Eris" in "Erihs" gendert.                               |
  | S. 188 "Molotai" in "Molokai" gendert.                          |
  | S. 193 "Kauina" in "Kanina" gendert.                            |
  | S. 220 "trotz alle" in "trotz aller" gendert.                   |
  | S. 239 "Giseng" in "Ginseng" gendert.                           |
  | S. 243 "wiederabfahren" in "wieder abfahren" gendert.           |
  | S. 252 "wann" in "wenn" gendert.                                |
  | S. 282  eingefgt.                                              |
  | S. 290 "Eingebornen" in "Eingeborenen" gendert.                 |
  | S. 292 "Tasmann" in "Tasman" gendert.                           |
  +------------------------------------------------------------------+







End of the Project Gutenberg EBook of Unter den Wilden, by Adolf Heilborn

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER DEN WILDEN ***

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Literary Archive Foundation

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Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
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