The Project Gutenberg EBook of Zwei Erzhlungen, by Oskar Baum

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Title: Zwei Erzhlungen
       Der Geliebte. Unwahrscheinliches Gercht vom Ende eines Volksmanns.

Author: Oskar Baum

Release Date: September 12, 2014 [EBook #46845]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski





                              OSKAR BAUM




                           ZWEI ERZHLUNGEN


                               LEIPZIG
                          KURT WOLFF VERLAG

                   BCHEREI DER JNGSTE TAG BAND 52
               GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRCKNER  WEIMAR




DER GELIEBTE


Der schweigsame kleine Pope schritt mit der Laterne voraus und
bezeichnete dem Herrn Unteroffizier, der ihm offenbar durch seine
Kenntnis des Russischen eine furchtsame, tiefe Ergebenheit abntigte,
die Huser, deren Bewohner geflchtet oder die schon von den Russen nach
Leinen- und sonstigem Verbandzeug durchsucht waren, aber Richner hatte
ihn im Verdacht, da er so vielleicht nur seine besondern Schtzlinge
vor ihm bewahren wollte. In den Slen der Schule und des Gemeindeamts
drunten lagen die Blutenden von Stunde zu Stunde immer dichter
beieinander auf ihrem Stroh.

In eines dieser Huser nun, aus dem er Gerusche zu hren glaubte -- es
war eines der letzten vereinzelten Gehfte am Waldrand jenseits des
Flusses -- drang er trotzdem ein, fand jedoch wirklich alle Rume
zerstrt und verlassen und wollte schon wieder fortgehen, als er am Ende
eines Ganges vor einer verschlossenen Tr ein junges Mdchen auf einem
Reisekorb sitzen sah, regungslos mit gesenktem Kopf, als ob sie
schliefe. Er trat mit dem Licht vor sie hin. Sie hatte offene Augen,
blickte sinnend auf ein Stckchen Boden vor sich. Sie merkte immer noch
nicht, da jemand gekommen war, obgleich beide sie anriefen und
miteinander laut von ihr sprachen.

Der Pope schien aufrichtig verwundert und geradezu beunruhigt ber ihre
Anwesenheit, fragte sie, warum sie denn nicht mit den Ihren geflchtet
sei und sich seither hier versteckt halte, da kein Mensch im Dorf unten
eine Ahnung habe, sie sei da? Er redete nachsichtig sanft wie zu einem
kranken Kinde, nannte sie bei ihrem Vornamen, warb geduldig auf alle
mgliche Weise um ein Lebenszeichen und hob ihr zuletzt das Kinn, als
ihr teilnahmsloses stumm gesenktes Gesicht nicht mehr zu ertragen war.

Sie sah ihn mit groen erstaunten Augen an, als erwache sie und erkannte
ihn wohl nicht gleich. Dann glitt ein Zittern ber ihr Gesicht, sie
lchelte verlegen und fragte in ziemlich natrlichem hflichem Ton, was
die Herren hier wnschten?

Richner wollte die Dinge aufzhlen, die er brauchte, aber der Pope
machte ihm ein Zeichen, da das hier zwecklos sei, ging gar nicht auf
ihre Frage ein, sondern redete ihr zu, doch nicht hier allein zu
bleiben, lieber mit ihm zu guten Freunden zu gehen.

Das Mdchen lchelte nur mde und geqult und sah stumm an ihm vorbei
auf den Deutschen. Sie hatte ein wenig schrgliegende dunkle Augen unter
sehr langen Wimpern. Das abgezehrte, von Leiden vergeistigte Gesicht sa
seltsam auf dem burisch breiten untersetzten Krper. Die hellen
Haarmassen auf dem Kopf schienen noch reicher dadurch, da sie, nur
unordentlich und flchtig aufgesteckt, ber Ohren und Hals hinabfielen.

Mit wachsender rtselhaft angstvoller Spannung durchforschte ihr Blick
Richners Mienen. Jetzt trat sie auf ihn zu: Ein fremder guter Mensch!
sagte sie nachdenklich und schttelte langsam den Kopf, ein solches
Gesicht kann nicht lgen!

Der Pope fate sie bei den Hnden und wollte sie mit sanfter Gewalt
fortfhren. Aber ein Zucken wie Ekel lief ihr durch den Leib und sie
schttelte das Mnnchen zornig ab. Wie lange bleiben Sie noch hier?
fragte sie Richner.

So noch ein bis zwei Wochen vielleicht, sagte er, verwirrt von der
sonderbaren Frage, bis die Kleinigkeiten da geheilt sind, er deutete
auf die verbundenen Stellen.

Nun, zwei Wochen sind auch etwas, sie nickte einigermaen befriedigt,
nicht wahr, Sie helfen gern, wo es ntig ist? Und wenn's berdies ein
unglckliches Mdchen betrifft? Es ist etwas sehr Wichtiges, von dem ich
rede. Sie senkte die Stimme. Werden Sie kommen, sich danach zu
erkundigen? Aber allein!

Der Pope winkte Richner voll Unruhe, gar nicht zu antworten, machte ihm
eifrig Zeichen, zuckte die Achseln und ging zur Ausgangstr voraus.

Ich bin nicht verrckt, flsterte das Mdchen Richner zu, kommen Sie
nur!

Als sie dann drauen den Weg fortsetzten, erzhlte der Pope, da das
Mdchen noch vor gar nicht langer Zeit frhlich und gesund und viel
schner als jetzt gewesen sei. Ihr Brutigam war im Frhjahr
verschwunden, wahrscheinlich desertiert. Er hatte sich verabschiedet, um
zu seinem Regiment abzugehen und seither fehlte von ihm jede Spur. Sie
aber wollte es nicht glauben und wartete immerfort auf Nachricht von
ihm. Ihre Angst, ihre Sorge und Unruhe sa ihr wie ein immer tiefer
eindringender Fremdkrper in Seele und Leib. Die unabsehbare Trennung,
die stete Ungewiheit und namenlose Verlassenheit war zu viel fr sie
und die Natur richtete eine Mauer gegen das Unertrgliche auf: ihr Geist
verwirrte sich.

Als Richner am nchsten Morgen, nicht ganz zufllig, an dem Hause
vorbeikam, sah er das Mdchen hinten im Garten lssig bei irgendwelchen
Erdarbeiten. Er trat an den Zaun und sah ihr zu.

Da hob sie den Kopf und erkannte ihn augenscheinlich, richtete sich auf,
sttzte sich auf den Spaten und betrachtete ihn. Herr, sagte sie, Sie
sehen meinem Brutigam hnlich!

Er fuhr zusammen; ein Schauer berlief ihn bei diesem unsglich innigen
zutraulichen Ton, der von einem schwer zurckgedrngten Schmerz unsicher
schwankte.

Der Pope hatte ihm gestern erzhlt, da ihr eine Zeitlang bei jedem eine
hnlichkeit mit ihrem Brutigam aufgefallen war. Sie hatte ihn wohl
immer vor Augen, sah ihn berall um sich her und sein Bild verdeckte ihr
jede Gestalt und jedes Gesicht.

Sie trat zu ihm an den Zaun: Wollen Sie nicht zu mir hereinkommen?
fragte sie schchtern, ich habe es hier so einsam!

Er blickte unschlssig, prfend in ihr ernstes blasses Gesicht, ganz
verwirrt von der erwartungsvollen Spannung darin.

Ach ja, nicht wahr, Sie kommen? Sie fate ihn beim Arm und sah ihm,
indem sie ein wenig den Kopf neigte, von unten herauf in die Augen, Sie
werden bei mir bleiben, ja? bis -- bis -- Es ist so unheimlich hier im
Hause allein! Gewissermaen allein oder eigentlich viel schlimmer als
das! Und weithin berall nur leere Huser! Ich war schon so am Rande.
Ich wute nicht, da ich auf jemanden wartete; erst als ich Sie sah,
fiel es mir ein. Und Sie werden auch etwas fr mich tun, nicht wahr? Mir
helfen, wenn ich Sie sehr bitte. Werden Sie, werden Sie? Das ngstlich
gespannte Kinderflehen in ihren Augen hatte etwas unsglich Hilfloses,
Verzweifeltes.

Die Trnen stiegen ihm auf. Ja, ja, natrlich! sagte er eilig, gern!

Sie nickte gerhrt und streichelte seinen Arm. Alles? fragte sie leise
und zaghaft, und wenn es das Schwerste auf der Welt wre?

Alles, erwiderte er ernst und eine Welle berstrmender inniger
Hingabe hob ihn hoch, er wre in dem Augenblick wirklich alles fr dies
fremde Geschpf zu tun imstande gewesen.

Sie stand eine Weile und atmete tief. Dann winkte sie ihm entschlossen,
ihr zu folgen und ging eilig quer ber den Garten dem Hause zu.

Er sah nach der Gartentr aus. Ja, sie war ganz nahe, aber geschlossen.
Das Mdchen wandte ungeduldig den Kopf nach ihm. Da kletterte er denn,
wiewohl es mit dem wunden Bein einigermaen beschwerlich war, ber den
Zaun. Vor dem Hause hielt sie an und wartete auf ihn.

Er stand nun vor ihr.

Ich wei ja nicht, ob es ntzen wird, sagte sie mutlos und sann mit
halbgeschlossenen Augen vor sich hin, aber tun mu man es doch! Man mu
doch! Eine Verzweiflung zuckte in ihrem weien Gesicht, die nicht
niederzuzwingen war. Ihr Mund, ihre Nasenflgel, ihre Augenlider
zuckten.

Worin soll ich Ihnen helfen? fragte er nach einer geraumen Weile, um
sie an seine Anwesenheit zu erinnern.

Sie sah auf: Ich werde es Ihnen zuerst erzhlen, und sie wies auf die
Bank neben der Tr, ohne sich selbst zu setzen. Wissen Sie, ich htte
ja einfach jemanden aus dem Dorf unten rufen knnen. Der Pope htte
mir's auch getan. Aber ich mu einen Fremden dazu haben. Ich wei nicht,
ob Sie das verstehen werden. Ich wrde es nicht ertragen, wenn es ein
Freund oder berhaupt ein Bekannter von frher wre. Nicht, da ich
frchtete, sie knnten mich steinigen. Oder doch ja, ein wenig frchte
ich mich schon auch! Sie lauschte nach dem Hause hin. Nichts rhrte
sich dort. Er ist nicht fort, begann sie geheimnisvoll, nein, er war
berhaupt nicht fort. Ach, Sie wissen ja noch gar nicht, da ich verlobt
war; doch? Nun, ich lie ihn nicht. Der Krieg dauerte damals schon so
lange. Er wurde irgendwo in der Ferne ausgekmpft. Niemand dachte, da
er uns hier angehen knnte. Er begann erst fr mich, als mein Brutigam
einberufen wurde. Am letzten Abend nun war er bei uns bis spt in der
Nacht. Und ich go wieder und wieder sein Glas voll. Ich htte es auch
ohne Absicht getan. Er war so traurig! Ja, ja, das kann er nicht
leugnen. Und ich, ach, was war ich an diesem Abend! Niemand freilich sah
mir an, wie wahnsinnig ich war. Alle weinten sie mehr als ich. Nach dem
Abschied dann, als er fortging, ging ich mit ihm vor die Tr hinaus, die
Treppe hinab, auf die Gasse. Niemand wunderte sich, da ich mich von ihm
nicht trennen konnte. Er aber wute nicht, wo er ging und fast nicht,
wer mit ihm sprach. Er lachte und sang und mein Vorhaben war leichter
auszufhren, als ich gedacht hatte. Ich fhrte ihn hinunter in unsern
Kohlenkeller, sie dmpfte ihre Stimme und fate heftig seinen Arm.
Spitz bohrten sich die umklammernden Finger ein, nicht in den andern,
wo alle unsere Vorrte lagen und jeden Augenblick jemand hineinkam! Das
war wohl berlegt. Ich band ihm Hnde und Fe, das knnen Sie mir
glauben. Band auch ein dickes Tuch um seinen Mund. Ein unabsichtlicher
Schrei oder Ausruf in der berraschung des Erwachens, dachte ich, wenn
gerade zufllig jemand am Keller vorbeikme. Und die Vorsicht erwies
sich weit notwendiger, als ich dachte, aber aus einem Grunde, den ich
wahrhaftig nicht hatte voraussehen knnen. Ich dachte nur, wenn wir es
vorher beraten und beschlieen wrden, wrde er es nicht wagen. Deshalb
hatte ich ihn dazu zwingen wollen. Doch er war mit dem Mittel zur
Rettung unzufrieden, denken Sie nur! Als er am Morgen seinen Rausch
ausgeschlafen hatte, begann ein richtiger Kampf zwischen uns. -- Ich war
frher als alle anderen im Hause aufgestanden. Nicht aus Vorsicht und
ngstlichkeit. Ich hatte die ganze Nacht nicht schlafen knnen vor
Glck, vor Freude ber den Einfall und die gelungene Ausfhrung.
Behutsam schlich ich durchs schlafende Haus. Mir war so selig zumute,
als schliche ich zu einem verbotenen Stelldichein. Wie dankbar wrde er
mir sein fr diese Eingebung der Liebe, dachte ich. Wie zu unverhofftem
neuem Leben erwacht, mute er sich doch fhlen! Statt in den Krieg zu
mssen, im Arm der Geliebten zu bleiben, in ihrem Hause, von ihr
gepflegt! Und ich malte mir aus, wie ich ihm das Leben drunten in dem
engen dumpfen Raum erleichtern und verschnern wollte, ohne selbst die
Eltern einzuweihen, da es ja allzu gefhrlich war. Aber er, -- als ich
ihn zrtlich mit Kssen weckte, als er erfuhr, was ich vorhatte, -- er
wurde tobschtig vor Zorn ber meine Zumutung. Sofort solle ich ihn
freilassen, damit er noch den Zug erreiche. Ich flehte schmeichelnd und
kosend, ohne auf seine Worte zu hren, er mchte, wenn schon nicht
anders, so aus Gte und Mitleid fr mich dableiben, da es doch ging. Er
wre einfach verschollen. Kein Mensch wrde ihn hier suchen. Ich kniete
vor ihm und bat ihn weinend mit gerungenen Hnden. Er aber stie mich
von sich und herrschte mich wtend an, ich solle mich schmen, in
solcher ernsten Sache eine so lcherliche Komdie zu machen. Ich
verstnde von diesen Angelegenheiten nichts. Was wrden die Leute im
Dorf und was seine Kameraden bei der Kompanie von ihm sagen? -- An
solche Dinge dachte er, wo es sich um sein Leben handelte! Wahrhaftig,
die Mnner wissen nicht, was das Leben ist! -- Und als er nachher, da
ich ihn um keinen Preis losbinden wollte, mit aller Kraft um Hilfe zu
brllen begann, da packte mich die Wut ber seine Dummheit und die
Verzweiflung, da er nun doch fort sollte und ich stopfte ihm ein Tuch
in den Mund und band es fest. Da mochte er beien und sich werfen,
soviel er wollte. Ich werde ihn eben zu seinem Glck zwingen, wenn er so
dumm ist, dachte ich. Er wird mir schon einmal Dank wissen. Aber
schrecklich war es, wie er so hilflos war und ganz in meiner Gewalt, er,
vor dem ich immer demtig gezittert hatte. Grauen verzerrte ihr Gesicht
und verdunkelte ihre Augen voll Trnen, hatte ich denn nicht recht?
Gehrte er nicht auch mir? Durfte er berhaupt noch allein ber sich
bestimmen? Nun, -- Sie verstehen jetzt, warum ich nicht fliehen wollte.
Ich war ja glcklich, als sie alle fort waren. Es wurde mir nicht
leicht, meinen Gefangenen mit allem Notwendigen zu versehen, ohne da
jemand etwas ahnte. Aber ich war schlau. Es gelang mir sogar,
unauffllig, einen Teil der Kohle hinaufzuschaffen. Ich kochte ihm seine
Lieblingsspeisen, brachte ihm tglich frische Tannenzweige und Blumen,
weil die Luft unten so dick und hlich war, aber ihn freute nichts von
alledem. Eine Zeitlang berhrte er die Speisen nicht und wollte
verhungern. Zu schreien oder sonstwie aus dem Loch heraus zu wollen,
wagte er nicht mehr. Er wollte nicht als Deserteur erschossen werden.
Mich hate er. Ja! Er drehte mir den Rcken, wenn ich eintrat; er stie
nach mir, wenn ich ihm nahe kam. Wenn ich mich schmeichelnd an ihn
schmiegte, von sen Hoffnungen sprach, vom baldigen Kriegsende und den
schnen Tagen unserer Zukunft, da lachte er nur so eigentmlich, da es
einem kalt den Rcken hinablief oder er wurde wild und schlug mich.

Manchmal weinte er, wenn ich kam. >Ach, wie schn auf Wiesen in freier
Luft zu schlafen,< sagte er, >zwischen den Kameraden durch Wlder
marschieren oder ber Felder hinstrmen!<

Er war nicht krank, gar nicht! Nur ein wenig schwach natrlich. Ewig in
dem Loch voll Kohlenstaub zu sein bei dem elenden Licht des llmpchens!
Wer konnte aber auch wissen, da der Krieg so lange dauern wrde?

Ich sehnte mich nach ihm, so wie er ehedem gewesen, nach einem guten
Wort, nach seinem sanften Streicheln. Aber er war stumpf und leblos
geworden wie ausgedrrt und wurde immer stumpfer und lebloser.

Das ging so Monate.

Als die deutschen Granaten um uns hier in die Huser schlugen, kam ich
lachend und weinend vor Freude zu ihm hinunter, tanzte und sprang:
Jetzt, jetzt war die schreckliche Gefangenschaft fr ihn zu Ende, jetzt
konnte er heraus und die Rettung war besiegelt. >Siehst du, siehst du,
wo wrst du jetzt, wenn ich dich gelassen htte?< Und ich umschlang ihn
jauchzend und wollte mit ihm umhertanzen, soweit es der Raum zulie. Da
aber kam das Entsetzliche! Ein Zittern lief ber ihren Krper und sie
neigte sich vor, als she sie das, was sie erzhlte: Er schleuderte
mich von sich; bis zur Tr flog ich. >Wie kannst du dich freuen, wenn
die Feinde kommen? Du Ehrlose, Hirnlose, du Tier aus dem Stall!< Der
Schaum stand ihm vor dem Mund. Mit geschwungenen Fusten strzte er auf
mich los. Ich war zuerst wie gelhmt vor Angst und Schrecken und
Verblffung. Dann floh ich, warf hinter mir die Tr zu und versperrte
sie. Ich berlegte nicht warum, aber nicht aus Furcht meinetwegen,
wahrhaftig! Droben rast der Kampf, dachte ich, er wei jetzt nicht, was
er tut und rennt in die Kugeln. Mute ich nicht so denken? Wo, wo ist
meine Schuld? Sie schlug die Hnde vors Gesicht, geballte Fuste bohrte
sie in die Wangen. Keuchend, schwer schleppte die Brust ihren Atem. Vor
der geschlossenen Tr, fuhr sie nach einer langen Pause sehr leise
fort, auf den Stufen kniete ich atemlos, als wenn ich wer wei wie
gelaufen wre, und lauschte. Ich wei nicht, ob er mit dem Kopf gegen
die Mauer rannte oder ob er in der Raserei so unglcklich zu Boden
strzte. Es war nicht zu unterscheiden! Ich war sogleich drin, als ich
ihn hinschlagen hrte. Ich untersuchte ihn und dachte: Gottlob, es ist
ihm nichts geschehen. Es flo kein Tropfen Blut, es war keine Wunde.
Sie richtete sich mit matter Willenskraft langsam auf: Also kommen
Sie! Und sie wandte sich ins Haus.

Er sah sie forschend an: Wohin denn?

Wollen Sie mir nicht helfen? fragte sie verwundert, Sie haben mir's
doch versprochen! Und sie ging voraus.

Was habe ich versprochen? dachte er beunruhigt.

Sie fhrte ihn durch einen langen Gang, nahm eine kleine Laterne, die
dort in einer Ecke hing und stieg eine schmale gewundene Treppe hinab.
Auf den untersten Stufen blieb sie stehen und wandte sich um: Ich
bekomme ihn allein nicht herauf! flsterte sie, er ist schwer! Sie
stellte die Laterne nieder und suchte in der Tasche. Dann steckte sie
den Schlssel ins Schlo, er knackte zweimal. Die niedrige alte
Kellertr fiel schwer gegen die Mauer. Ein unertrglicher Geruch, der
schon auf der Treppe zu merken gewesen war, schlug ihnen entgegen. Sie
hob die Laterne hoch. Der Lichtkreis erreichte eine breite Mannsgestalt,
die aufrecht an der Wand lehnte. Es war keine Leiche.

So ist er seither, flsterte sie.

Ein ganz von Bart berwachsenes Gesicht mit glsernem Tierblick neigte
sich vor, schwer gelallte Laute bewegten den Mund und hagere Hnde mit
sehr langen Fingerngeln griffen nach dem Licht.

Also warum fassen Sie nicht zu? flehte sie geqult, ich werde Ihnen
dann schon helfen!

Richner streckte mechanisch die Hand nach der Schulter des Mannes aus.

Mit einem tiefen grollenden Knurren aus geschlossenem Mund zog der Mann
Arme und Beine an sich und prete den Leib trotzig gegen die Wand.

Mochte es nun der Geruch in dem Raum sein, das langgezogene wie von
fernher drohende Hundeknurren oder die Berhrung der Fingerspitzen mit
dem haarigen Hals, der so khl und feucht wie die Mauer war, -- ber
Richner schlug ein bermchtiges Grauen zusammen. Er sprang hinaus. Ein
gellendes Gelchter folgte ihm die Treppe hinauf.

Er stand auf der Strae. Etwas sa ihm im Rcken und peitschte ihn wie
Kinder im Dunkel, hinunter zwischen bewohnte Huser zu kommen, unter
Menschen!

Auf den Wiesen lag die Mittagssonne und sie spiegelte sich im Flu, als
er ber die schwankende Brcke floh.

Wie? Htten nicht vielleicht alle Frauen so gehandelt, wenn sie den
Einfall gehabt htten? -- Und er sah alle Mnner der Welt in die
lichtlosen Kellerkfige ihrer Huser ohnmchtig eingesperrt, statt auf
der verzweifelten Suche nach dem notwendigen Weg zum Glck (in der
Raserei des Zornes ber das vergebliche Umirren) miteinander um die
Macht und Ehre ihres Volkes zu ringen.

Hinter der Brcke blieb er stehen und sah zurck. Er unterschied noch
das helle Holzgitter des vorspringenden Gartenzauns.

Es widerstrebte ihm, damit jetzt zum Popen zu gehen; aber was htte er
anderes tun sollen?




UNWAHRSCHEINLICHES GERCHT VOM ENDE EINES VOLKSMANNS


Ein blauer Sommertag lag ber dem stillen Dorf. In den Feldern drauen
klangen die Sicheln und Sensen und rauschten in den Halmen zu den Reden
der Weiber. Von einigen ganz nahen hrte man es bis auf den Platz vor
der Kirche. Der Pfarrer las heute die Messe fast nur fr den Kster und
war vielleicht darum so merklich bald fertig.

In den Dorfstraen schliefen die Hunde, die Sonne brannte in die leeren
Hfe und niemand hrte einem kleinen Kinde zu, das eingesperrt im
Stbchen hinter dem Fenster in seinem Korbe lag. Es kaute am Unterleib
eines ehemaligen Kautschuksoldaten und lachte und spuckte und strampelte
und freute sich ber Gott wei was.

Da raste rasselnd, brauste, donnerte, scho ein Auto die unaufhrliche
Landstrae von der Bahnstation herunter, dampfte hohe weie graue Wolken
um sich, hinter sich langhin bis an den Himmel. Der hagere rotbrtige
Mann drin beugte sich fast gleichzeitig nach rechts und links hinaus und
seine Augen drangen auf die Huser, die Zune, die Meilensteine, die
Bume zu beiden Seiten ein.

Der Chauffeur mute schon einiges gewohnt sein, denn er blieb sitzen,
wandte den Kopf nicht, lchelte kaum, als in dem Augenblick, da er eben
erst zu halten beabsichtigte, sein Herr schon aus dem Wagen und gegen
die Tr des Wirtshauses sprang, die er, hoffentlich nur, weil sie gerade
zufllig angelehnt war, mit den Fen aufstie. Ein markerschtternder
Schrei war sein: Wirt! Es hallte in dem leeren Hause: Wirt!

Er war nicht zu Hause und auch die Wirtin nicht; selbst die Kinder waren
drauen auf den Feldern. Nur ein alter Grovater schlurfte endlich
zittrig in seinen zerlumpten Schlafschuhen aus dem dmmrigen Hintergrund
des schmalen tiefen Gangs heran.

Ja, was soll denn das heien? fuhr der Herr los, niemand an der Bahn,
niemand hier! Was ist das fr eine Ortsgruppe?

Bier? fragte der Alte zaghaft, Wein? -- Aber mein Sohn hat leider die
Kellerschlssel mit, -- er ist so ngstlich! --

Wie die pltzlich in die wahrgenommene Welt durchgebrochene ewige
mechanische Herzensangst der toten Materie pulste, hmmerte
unerschpflich gleichmig hilflos verzweifelt die gefesselte Kraft des
stehenden Motors drauen hinter ihnen auf der Strae.

Ja, wo ist denn der Ausschu, das Komitee, der Vertrauensmann oder nur
ein Ersatzobmannstellvertreter? Nchste Woche ist doch die Wahl! Der
Herr keuchte, tobte verzweifelt, fast weinend. Er drang auf den Alten
ein: seine Augen, seine Hnde, seine Zhne funkelten.

Der Greis sah ihn ngstlich forschend an, sehr gern bereit, zu
erschrecken und zu bereuen, schuldbewut schon, weil er noch nicht
herausbekommen hatte, warum und in welcher Art es von ihm erwartet
wurde.

Siebenunddreiig Drfer, fnf Marktflecken, drei Stdte gehren zu
meinem Wahlkreis! Glaubt man hier, ich habe siebenunddreiig Wochen,
fnf Monate, drei Jahre zur Verfgung? Sie, Mann, hren Sie! Was denkt
man hier? Was stellt man sich denn hier vor?

Wie sollte der Greis, der sich gewi auch in seiner Jugend nie nher mit
Politik befat hatte, ahnen, da es sich dem Herrn unmglich um das
Gewicht der Whlerschaft in diesem rtchen handeln konnte und etwas
Tieferes auf dem Grunde dieser Erregung war? Wie sollte er ahnen, da
der Herr im Vorbeifahren beim Anblick des selig strampelnden Kleinen in
seinem Korbe hinter dem Fenster fern zu Hause sein einsames krankes Kind
nach ihm wimmern hrte und gehetzt und getrieben vor dem wahnsinnigen
Wunsche floh, schwcher zu sein, nicht so durchdrungen von dem richtigen
Notwendigen, oder kalte eiserne Maschine zu werden ohne Leben fr sich,
ohne Gefhl in den Gliedern, empfindungslose Hlse des leuchtenden
Wissens vom Notwendigen ohne Wahl, abgeschnellt seinen einen Weg
abzuschnurren. -- -- Wie sollte der Greis das ahnen? -- Aber mit jenem
rtselhaften Feingefhl, wie es manche, auch ungebildete Menschen
deutlich vor andern auszeichnet, sprte er genau, da er von dem
Schreiben der Frau an den Gemeindevorsteher, -- oder war es ein
Telegramm? -- durch das heute morgen im letzten Augenblick die schon
anberaumte Versammlung abgesagt worden, besser vielleicht nichts
erwhne.

Die Ernte! wagte er versuchsweise schchtern fr jeden Fall, wenn so
lange Regenwetter war, und dann die Sonne schn herauskommt. --

Ernte! Welche politische Reife! Der Herr lachte erbittert, begreift
ihr denn nicht, da alles Ernten, alles Sen, alles Haben und Verdienen
euch nichts ntzen kann, wenn die falschen Grundstze euch regieren, zur
Macht kommen!

Er blickte dabei die Wnde entlang nach allen Seiten, bohrend bis in die
Schatten der Winkel, als ob er durch die Decke, durch den Boden sehen
knnte, wenn er nur allen Willen in die Augen brachte. Er glaubte, er
mte es doch dem Hause von auen ansehen, wenn man drin auf ihn
wartete. Er suchte in den Augen, in den Mienen des Alten; aber er fragte
nicht! Nicht einmal, ob Fremdenzimmer im Hause seien. -- Wie qualvoll,
da es so geheim bleiben mute! Wenn er wenigstens sich htte erkundigen
drfen, ob nicht jemand durch den Ort gekommen war und nach ihm gefragt
hatte! Aber sie hatten ja nicht nach ihm gefragt. Diese Menschen waren
viel zu gefhllos, gewissenhaft und beherrscht!

Da wies das Greislein mit einer pltzlichen Erleuchtung freudig nach den
weit offenen Tren des Wirtssaals an der Seite und drin auf die sehr
nahe zusammengeschobenen Tische, die langen dichten Stuhlreihen und das
wirklich bereitstehende, einladend hohe Podium, vielleicht fr die
Musikanten des nchsten Tanzabends vorbereitet, vielleicht von einer
gestrigen Versammlung des Gegenkandidaten stehengeblieben. Ich brauche
sie nur zusammenzurufen! rief er glckstrahlend, sie werden alle
gleich da sein.

Rufen! fuhr der Herr gereizt auf, er wird sie rufen! Wie sich das
Bild der Welt im Kopfe so eines einfachen Mannes malt! Nachmittags habe
ich in Klarbach, dann in Alt-Gustiz, spt abends noch in Oberreizendorf,
morgen in Kieseck zu reden! Und jetzt will er sie -- rufen! Oh, wenn man
doch Redner und Hrer, Fhrer und Gefhrter, Gott und Welt zugleich sein
knnte! Aber so allein, allein mit seiner Pflicht! Und alle Opfer, alle
Hingabe, restlose Bereitschaft ungenommen, ungehrt, ohne Sinn, wie
ungetan verloren . . .

Der Alte aber hrte nicht auf ihn, drckte sich demtig, geduckt, voll
Vorsicht in der Tr an ihm vorbei und klopfte mit seinem Stock hastig
die Strae hinab. Es schien, als versuche er, ob es mit kleineren
Schritten vielleicht schneller vorwrts ginge, so sehr war alles an ihm
Eifer und Bewegung. Sie werden schon kommen!

Der Herr sah ihm verzweifelt nach, griff sich mit den Fusten in die
Haare. Wenn nur einer von diesen Menschen hier ahnte, was auf dem Spiele
stand: die Zukunft des Staates! Sie wuten ja gar nicht, was das war!
Glck und Freiheit aller, vielleicht die erlsende groe Einsicht, die
Gerechtigkeit von oben, vom Sitz der Macht! -- Da schlich, kroch, schob
sich der schlurfende Greis; nun war er schlielich doch um die Ecke
verschwunden. Er kam ja niemals auch nur zum ersten Feld! Und whrend
auf irgendeiner Station, auf der nchsten vielleicht, jetzt eben die
Jahrzehnte herbeigesehnte Gelegenheit fr Beglckung und Befreiung des
Volkes einstieg und weiterfuhr, weiter und weiter vor ihm her,
vielleicht nicht mehr zu erreichen, -- mute er hier stehen und warten.
--

Ja, aber warum wartete er? Warum setzte er sich nicht auch ein und fuhr
davon? Warum kam ihm dieser Gedanke gar nicht? War das die Schuld? Da
Worte in ihm drngten, Dinge, die er den Leuten zu sagen hatte, gerade
diesen Leuten, die stumpf und taub waren gegen die Notwendigkeit, da
jeder einzelne mit seinem Willen den Staat belebe! -- Da es wenige
waren? Ach, wenn das Wort in ein richtiges Ohr fiel, konnte es oft
wichtiger sein als ein Meetinggewimmel, und wann konnte man wissen, wo
dieser eine war und wo er nicht war? --

Nur wer die menschliche Natur nicht kennt oder die Vorgnge in seinem
Innern nicht nachfhlen will, kann sich wundern, da der Mann bis ins
Innerste vor Ungeduld wund und zitternd schon als er die ersten
Landleute von fern kommen sah, verschwitzte Gesichter, Rechen und Sensen
ber der Schulter, ein paar Weiber und Kinder hinter ihnen, sogleich ins
Haus eilte und in den Saal, zur Tribne emporzusteigen.

Da hob sich hinter ihm drauen aus dem Auto, aus den Falten des
zurckgeschlagenen Dachs vielleicht, aus einem Geheimfach,
Geheimverschlag der Rckenlehne ein erregter blasser Damenkopf mit ganz
unzerdrckter Frisur, -- aus solch kleinem Raum! -- eine elegante
lichtblaue Seidenbluse, wie aus dem Boden emporwachsend ein ganz kurzer
lichtgrauer Seidenrock und hohe lichtgraue Tuchschuhe; sie schwebte,
reckte sich wie auf einem dritten Trittbrett hinter dem Auto stehend,
beugte sich weit vor und blickte ihm nach: wie er dahinschritt! Er, der
Berhmte, Gefeierte, der nie solchem verlorenen Nest die Ehre antat.
Stundenweit strmten die Leute aus dem Umkreis herbei, wenn irgendwo
seine Rede angekndigt war. Und hier hatte er sich selbst angeboten zu
kommen und sie fanden es nicht selbstverstndlich, am Sonntag! -- Und
dennoch stieg er nicht ein und fuhr fort: nein, wartete, um zu ihnen zu
reden. Also nicht der Premier mute es sein, nicht groe Entscheidungen
braucht's, jedes Wirtshaus voll Bauernohren war ihm wichtiger als Weib
und Kind! Noch sah er nicht ein, berfiel ihn nicht die Klarheit, da
sie aus Liebe, aus Gte, aus mehr Weitblick und tieferem Erkennen des
Lebens seine Bemhungen um Glck und Freiheit aller hate und verdammte.
Nicht aus Eifersucht, obwohl sie ihn der Familie vllig entzogen, auch
nicht, weil er sein groes Geschft, die Zukunft seiner Kinder dem
schlfrigen Direktor und dem gar nicht zuverlssigen Kompagnon berlie,
nein, nur weil er selbst dabei zugrunde ging, seinen Krften viel zu
viel zumutete und sich aufrieb. Darber, da sie die Bemhungen
Ambitionen nannte, dachte er, wrde sie nicht hinausgehen. Als sie ihm
beim Abschied nachrief: Auf der Walstatt sehen wir uns wieder! hatte
er herzlich ber den Scherz gelacht; so kannte er sie. -- Ein anderer,
jeder andere htte diese Agitationsreise, wenn sie so furchtbar gern mit
wollte, auch noch ein drittesmal aufgeschoben, als ihr Kleid immer noch
nicht fertig war. Nun gut, das konnte ihm unmnnlich scheinen. Das war
ungeschickt von ihr gewhlt. Aber als man ihm, -- gleich auf die erste
Station, -- nachtelegraphierte, da es eben als er fort war, geliefert
worden und sie in derselben Stunde verschwunden sei, niemand wisse
wohin, -- htte da nicht ein anderer sich darber Gedanken gemacht, ob
sie nicht an der geringen Zeit, die er nur zu warten gebraucht htte,
messen mute, wie viel sie ihm war? Und man berichtete ihm, da gleich
nach ihrem Verschwinden das Kind, das liebe se Wrmchen schwer
erkrankt sei und sich das Mdchen keinen Rat wisse. Aber er hrte diese
Meldungen vielleicht gar nicht, weil man ihm gleichzeitig
telegraphierte, da der Ministerprsident ihn gesucht habe, kaum er vom
Hause fort war, um mit ihm etwas uerst Wichtiges, Unaufschiebbares
geheim, wohl unter vier Augen zu verhandeln. Der Ministerprsident mit
ihm! Ja, das zndete, das hatte sie gut gewhlt. Das lie ihn nicht los.
Augenblicklich wollte er da natrlich die Reise unterbrechen, aber als
seine Nachricht den Minister nicht mehr erreichte, weil der ihm sogleich
nachgefahren war, -- so groe Eile hatte es, -- da dachte er nicht mehr
daran umzukehren. Immer dringender telegraphierte das Mdchen: da der
Zustand des Kindes sich verschlimmere, wo denn die Frau sei? Es sei so
selten ein Arzt zur Stelle in dieser schrecklichen Zeit. Die
Verantwortung sei ihr zu schwer. Sie war viel zu gewissenhaft. Herzlose
vielleicht, die htten das mit ansehen knnen, aber sie, sie
telegraphierte ihm ihre Kndigung. -- Er suchte und jagte den Premier
von Ort zu Ort des Wahlkreises, immer erregter, weil er sich mit ihm,
der vielleicht vor ihm herjagte, nicht verstndigen konnte. Sie durften
nicht viel telephonisch oder telegraphisch hin- und herfragen; es htte
auffallen knnen. Die Beamten konnten, vom Parteifieber der Wahltage
ergriffen, unzuverlssig sein. Und es durfte auch nicht das geringste
Gercht von einer solchen Zusammenkunft in die ffentlichkeit dringen.
Die hchsten Staatsinteressen waren in Gefahr. Vielleicht waren die
Gegenstze im Volke durch die Erregung der Tage und die uern Vorgnge
zu unberechenbarer Malosigkeit aufgestachelt. Aber hier dieser
armselige Wirtssaal vermochte ihn aufzuhalten. Hier wartete er, um zu
ein paar Bauern zu reden. Keine Sorge strte, beirrte ihn. Er wute
nicht, da er ein Heim, eine Familie hatte, sah nicht fern sein Kind
einsam sterben, die Frau umherirren, ihr verlorenes Glck suchen. -- Mit
dem Ernst und der Entschlossenheit eines Mannes, der seine oberste
Pflicht kennt, schreitet er dahin, auf dem die ganze schwere
Verantwortung des Vertrauens aller ruht und der sich wrdig fhlt, weil
die Sache ihm heilig ist, nicht Ruhm, nicht Einflu, nicht einmal Liebe
des Volkes ihn lockt, nichts, nichts an ihm ihm selbst gehrt, alles
allen, der Zukunft, der Nation. -- Und er steigt zwischen den leeren
Tischen, den eingeschobenen Stuhlreihen zur Tribne empor, merkt gar
nicht, da der Saal leer ist, -- sie hob sich auf die Fuspitzen, um in
die Fenster zu sehen, -- steht schon oben und beginnt wirklich seine
Rede. Wie bei solchem Manne, solchem Erflltsein vom Feuer der Ideen
nicht anders zu erwarten, bemerkte er nicht, da die Bauern, die er
gesehen hatte, und auch alle Nachfolgenden sich nicht hereinzukommen
getrauten, als sie ihn drin schon reden hrten, sondern ehrfrchtig
drauen vor der Tr stehen blieben und lauschten. Die stille, immer
schwlere Mittagsluft wurde durchschnitten von seinen immer
leidenschaftlicher herausgeschleuderten Anklagen, Forderungen,
Beschwrungen, Beweisen. Die Luft zitterte, die Fenster klirrten, die
Bretter der Bhne bebten von der Erregung seiner Fe.

Dem Chauffeur wurde es drauen unheimlich. Dazu, dachte er, das viele
Benzin, das jetzt so unerschwinglich teuer ist und manchmal einfach
berhaupt nicht zu haben? Und er sah auf die Menge, die sich immer mehr
vor dem Hause staute. Langsam kamen sie, sehr langsam, einzeln, in
Gruppen, aber unaufhrlich und immer zahlreicher -- da sah er zwischen
ihnen die Landstrae herunter -- oder wuchs sie hinter dem Auto aus dem
Boden hervor? -- die Frau seines Herrn wirklich und wahrhaftig auf sich
zukommen, mitten unter den Landleuten mit ihrer stdtischen Kleidung und
ihrem stdtischen Gang, leicht, vielleicht schwebend, mit einem kleinen,
aber darum nur um so wunderbareren Abstand zwischen ihren Fen und dem
Boden und winkte ihm; ihm, dem Chauffeur, unleugbar und in einer Weise,
in der man Untergebenen nicht winkt, auer in einer einzigen, bei einer
wirklichen Dame unbegreiflichen Absicht.

Einundzwanzig Jahre diente der Mann der Organisation und man kann sich
denken, da er alle diese Zeit ber nicht immerwhrend gleich jung
geblieben war. Aber sie winkte ihm wirklich, deutlich, lebhaft, mit ein
wenig verzogenem Mund, jawohl! es gibt Prahlhnse, die sagen wrden, mit
einem verheiungsvollen Lcheln. Die Frau des Herrn, ein Teil vom ihm!
dachte er vielleicht. Es war ungehrig, da sie ihm winkte, aber wie
unertrglich unziemlich wre es gewesen, wenn er nun auch noch gar nicht
gefolgt wre. Konnte man sich's nur berhaupt vorstellen? War es nicht
eine Ehre, da sie ihm winkte? Welch eine unerhrte berhebung,
Frechheit wre es gewesen, dies nicht so aufzufassen? In mancher
Hinsicht geradezu eine Beleidigung des Herrn! --

So verkehrt empfindet naive Demut manchmal, so wehrlos!

Die Frau deutete auf ein Haus und schwebte mit ihrem schwellenden jungen
Krper, den zarten weien Gliedern, den runden duftenden voraus. Der
Chauffeur war unglcklich, peinvoll zerrissen, gedrckt und beklommen,
als er ihr folgte.

Die Worte, die der Herr drin im Wirtssaal zu sagen hatte, waren
hinausgeglht und er eilte durch die enge Gasse zwischen den Tischen
davon. Ein Schauer ergriff die Menge drauen vor den Fenstern, als in
diesem Augenblick ber die leeren Tische ein gewaltiger Applaus
hinrauschte und von den eingeschobenen Sesselreihen jubelnde Zurufe
einer begeisterten Menge ertnten. Er achtete nie darauf, wie die Reihe
Gesichter vor ihm zugehrt hatte, das Verstndnis, der Wille der anderen
ihm antworteten. Es muten doch alle bis ins Innerste von dem
durchdrungen werden, was so wahr war? Wenn einzelne so bse oder so
unglcklich waren, es nicht zu verstehen, durfte ihn das ja nicht
berhren.

Als er nun hei und strahlend unter die Leute vors Haus trat, wichen,
prallten sie ehrerbietig zu beiden Seiten zurck und er nickte ihnen mit
Handbewegung und durchleuchtetem Blick Abschied zu, sich mit leichtem
elastischen Schwung, wie Frstlichkeiten nach festlichen Empfngen, ins
Auto schwingend und sah erst, als er schon drin war, den einen Fu noch
auf dem Trittbrett, da der Chauffeur nicht da war. Er sah sich um:
Nirgends! Nur die Verlegenheit der Leute, die betretene angstvoll
neugierige Spannung, der instndige Wunsch aller Gesichter, er mchte
doch nicht hin, gerade hinschauen, wies seinen Augen den Weg. Nur einen
Augenblick huschten die zwei Gesichter an dem Fenster ohne Vorhang
vorbei, aber seinetwegen htte der Vorhang nicht zurckgezogen sein
mssen. Er sah durch die Mauer, sah die Hnde des Chauffeurs mit seiner
Frau beschftigt. Ja natrlich, sie war es! Welche Frau htte er denn
auch sonst sogleich ohne Toilette erkennen knnen? -- Aber wie war er
vollkommen Politiker! Als jetzt sein Bewutsein, Willen, Denken gefroren
aussetzten, ffneten sich seine Lippen und sagten, -- er hrte es, --
mit berzeugender Nachlssigkeit: Der Kerl sei nicht zurckzuerwarten!
Er habe ihn nur mit einem Telegramm zur Bahn geschickt und wohl wegen
des dummen Benzins habe der kleinliche Mensch nicht das Auto bentzt. Ob
vielleicht jemand von ihnen oder im Dorf ein Auto lenken knne? Nein? --
Er habe unmglich Zeit zu warten! Die Versammlung in Klarbach. -- Er
msse es zu Fu versuchen. Man solle ihn also sogleich nachschicken,
wenn er komme.

Er sprang von seinem Sitz und eilte. Er hatte sich geirrt! Im nchsten
Dorf wartete seine Frau auf ihn, konnte er denken, je weiter er war, nur
schnell! damit sie nicht zu lange warte! Mitten in der ersten
Zuhrerreihe der nchsten Versammlung wrde sie sitzen, hinter der Tr
des nchsten Wirtssaals mit einem Baff hervorspringen, sobald er
ffnete; oder hatte sonst eine berraschung fr ihn vor. Sie war doch
solch ein Kind, solch ein ses groes lustiges Kind!

Aber zu diesen Menschen gehrte er nicht. Er dachte: Mein Kind ist tot,
die Frau ist tot. -- Aber ich habe keine Zeit!

Er lief; er flog. Der Ministerprsident wartete auf ihn! Er hatte nie
gewut, da man so schnell laufen konnte. >Vielleicht handelte es sich
um die Altersversorgung der abgeschufteten berbleibsel armer
mibrauchter Menschmaschinen oder um die Behtung der Kinder vor Hunger,
schlechter Luft und Ha und zerstrender Arbeit. -- Ich habe unrecht
getan und es geschieht mir unrecht. Oder geschieht mir vielleicht recht!
Aber ich habe keine Zeit! -- Auf jeden entfllt das entsprechende Ma
Glck und Unglck, wenn er sich nur natrlich benimmt. Aber sie warten
alle, die auf mich vertrauen! Wie sind sie doch mehr als ich, ich
einzelner! Der Ministerprsident wartet auf mich! --<

Er lief, raste, aber gleichmig, hetzte nicht! Oh, er hatte sich in der
Gewalt, wenn es nottat. Er mute ja lange ausdauern. Er wollte das Ziel,
verschmhte die kluge Migung nicht, wute, da sie mehr war als die
Tollheit. -- >Vielleicht handelte es sich um eine neue Verteilung des
Bodens, um reine, lichte, hohe Wohnungen fr jeden, fr alle, um die
Abschaffung der Gefngnisse, der Kriegsrstungen. Fr jeden sein
Huschen, sein Gtchen, sein kleines irdisches Glck, auf dem das ewige
Groe seiner Seele und seines Geistes gesund und gerade wachsen konnte.
Vielleicht --<

Alles an ihm wurde Fu. Er hatte nur diese Muskeln. Er sah nicht, hrte
nicht, roch nicht. Sein Atem ging gehorsam im Schritt.

Der Chauffeur war aus Pflichteifer so rasch hinter ihm hergefahren, aus
Reue, Treue. Die versumte Zeit einzubringen, ihn rasch einzuholen, und
merkte nichts von dem Hindernis, das er berrannte. Die Strae war
schlecht. Und als man ihn spter zu dem blutigen zerquetschten Leichnam
fhrte, ihn zu agnoszieren, wollte er lange nicht glauben, da er es
gewesen sei, der seinen Herrn berfahren hatte.

***

Der blaue Sommernachmittag lag ber dem Dorf. In den Feldern klangen
wieder die Sicheln und Sensen und rauschten in den Halmen zu den Reden
der Weiber. Von einigen ganz nahen hrte man es bis vor das Wirtshaus,
wo ein Teil der Bauern zurckgeblieben war, die einen in Scheu, die
andern in erregtem Lrm das Erlebte besprachen.

In den Dorfstraen schliefen die Hunde, die Sonne brannte in die leeren
Hfe und das Kind hinter dem Fenster war von seiner Mutter gesugt und
wieder in seinem Stbchen eingeschlossen, schlief in seinem Korbe und
lachte im Schlaf und hatte den Finger im Mund.





End of the Project Gutenberg EBook of Zwei Erzhlungen, by Oskar Baum

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWEI ERZHLUNGEN ***

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