The Project Gutenberg EBook of Die Bekanntschaft auf der Reise, by 
Charlotte von Ahlefeld

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Title: Die Bekanntschaft auf der Reise

Author: Charlotte von Ahlefeld

Release Date: September 4, 2014 [EBook #46767]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BEKANNTSCHAFT AUF DER REISE ***




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                              Die

                 Bekanntschaft auf der Reise.


                    Eine wahre Geschichte.


                         Berlin, 1801.
                  Bei Johann Friedrich Unger.




                      Journal der Romane.


                        Drittes Stck.


                          _Inhalt_:

        1. Die Bekanntschaft auf der Reise. Eine wahre
           Geschichte.

        2. Autun und Manon. Eine Erzhlung.

                  [Illustration: Dekoration]


                        Berlin, 1801.
                _Bei Johann Friedrich Unger._




                              Die

                 Bekanntschaft auf der Reise.

                  [Illustration: Dekoration]

                    Eine wahre Geschichte.


Es war ein schwler Tag. -- Die Sonne verbarg sich hinter graues
Gewlk, das ein Gewitter verkndigte. -- Das feierliche Schweigen der
Natur verwandelte sich pltzlich in einen frchterlichen Sturm, der
den Staub der einsamen Landstrae, auf der ich reiste, als ein Spiel
seiner Leidenschaft in finstern Wolken vor mir hertrieb. -- Immer
dunkler und dunkler wurde der Horizont, nur bisweilen schauerlich von
schnellen Blitzen erleuchtet, die ein dumpfer Donnerschlag begleitete.
Ich glaubte mich fern von jedem schtzenden Obdach -- um so freudiger
begrte mein Blick ein kleines Dorf, das sich am Fu einer waldigten
Anhhe in den khlen Schatten einiger Linden romantisch versteckte.
Ernster und lauter rollte der Donner ber mir, und da, ehe wir das
Dorf noch erreichten, ein ganz ansehnliches Landhaus aus einem
Kranz schwankender Pappeln hervortrat, so entschlo ich mich, hier
abzusteigen, und einen heiterern Himmel zu erwarten, den mir vielleicht
die nchste Stunde schon geben konnte.

Ein Paar gesunder, blhender Kinder spielte an der offenen Thr,
lchelnd und sorglos, wie man die Unschuld mahlt. Mein Wagen hielt
in einiger Entfernung -- ich nherte mich ihnen, und frug nach ihren
Eltern. Die Kleinen blickten mich freundlich an, und zeigten auf die
Hausthr. Da sich kein Erwachsener sehen lie, so ging ich hinein. --

Es war nur eine einfache, lndliche Wohnung, ber deren Schwelle
ich schritt, aber sie machte einen angenehmern Eindruck auf mich,
als mancher stolze Pallast, den ich schon in meinem Leben betreten
hatte. Ordnung, wenn sie nicht pedantisch und bertrieben ist, wirkt
wohlthtig auf jedes unverwahrlosete Gemth, und hier verbreitete sie,
mit der grten Reinlichkeit verbunden, ihren mildesten Zauber ber
die einfache Einrichtung des kleinen Hauswesens, das ich bersah. Die
simple, aber rhrende Melodie eines geistlichen Liedes, von einer
reinen weiblichen Stimme gesungen, tnte leise und gedmpft aus dem
stillen Wohnzimmer mir entgegen.

Ich klopfte an, und ein schnes Mdchen von hchstens vier und zwanzig
Jahren kam heraus, und erwiederte meinen Gru mit unwiderstehlicher
Anmuth. Es giebt Physiognomien, die beim ersten Anblick einnehmen, weil
sie den Stempel der Gte und Unschuld tragen; -- mit einer solchen
hatte die Natur in einer ihrer liebevollsten Launen die Bewohnerin
dieses Hauses beschenkt, und ich betrachtete sie einige Momente mit
Wohlgefallen und Antheil, ehe ich sie anredete. Sie schien mir eine
holde Blume, an deren Innern aber ein Wurm nagt, der ihre Schnheit
frher zu entblttern droht, als die Hand der Zeit, die sie kaum
vollendete. Die Ruhe ihres Blicks war so innig mit jener rhrenden
Schwermuth verschmolzen, die ein langer, tiefer Gram erzeugt, und ber
alle ihre regelmigen Zge hatte ein so entschiedener Kummer seinen
Schleier ausgebreitet, da ich keinen Augenblick anstehen konnte, in
ihrem Herzen eine noch ernstere Trauer zu vermuthen, als ihr Gesicht
verrieth. Ihr huslicher Anzug bezeichnete jene goldne Mittelmigkeit
des Standes, die in ihren engen Grnzen oft das reinste Glck des
Lebens umschliet. Er war eben so weit von unsauberer Nachlssigkeit
als von allzuzierlicher Eitelkeit entfernt, und stellte leicht und
ungezwungen ihre schlanke reizende Gestalt in all' der Anmuth dar, die
sie schmckte.

Das herannahende Gewitter nthigt mich, sagt' ich zu ihr, Zuflucht in
Ihrem Hause zu suchen. Darf ich wohl einige Stunden hier verweilen, bis
es vorber gezogen ist? -- --

Recht gern, versetzte sie. Zwar ist meine Familie so gro, da wir kaum
fr uns selbst Raum haben -- aber es wre unfreundlich, eine Reisende,
und berdie eine Dame, bei diesem strmischen Wetter abzuweisen.
Sie nthigte mich nun, ins Zimmer zu treten, und ging hinaus, um
fr meine Leute und Pferde ebenfalls Anstalten zum Unterkommen zu
treffen. Die Wohnstube, in der ich mich jetzt umsah, war nur klein,
aber durch die gleichsam mechanische Ordnung, nach welcher jede Sache
ihren angemessenen Platz hatte, schien sie mir gerumig genug, und
rechtfertigte die vortheilhafte Idee, die ich mir schon beim Eintritt
in das Haus von der Reinlichkeit der Besitzer desselben gemacht hatte.
Ich setzte mich in einen hlzernen Stuhl -- nach einer kleinen Weile
kam meine artige Wirthin wieder herein, und fhrte mit mtterlicher
Sorgfalt und Zrtlichkeit die beiden Kinder, die ich vorhin hatte
spielen sehn.

Die arglosen, lieben Geschpfe! sagte sie, indem ihr Blick voll
Innigkeit auf ihnen ruhte -- sie lcheln dem Blitz eben so frhlich
entgegen, wie der Sonne, unbekmmert, ob die nchste Minute sie tdtet,
weil ihre beneidenswerthe Unwissenheit selbst den Gefahren, die ihnen
drohen, eine lachende Farbe giebt. Ach das sind doch die glcklichsten
Jahre des menschlichen Lebens! --

Der Seufzer, der diese letzten Worte begleitete, fand sein Echo
in meinem Busen. -- Sind das _Ihre_ Kinder? frug ich, da ich den
schwermthigen Gedanken nicht nachhngen wollte, die ihre Anmerkung
in mir erweckt hatte. -- Nein, antwortete sie, und eine feine Rthe
berzog ihr blasses Gesicht. Sie gehren meiner Schwester, die mit
ihrem Mann und ihren brigen Kleinen heut in die benachbarte Stadt zum
Jahrmarkt gefahren ist. Ich bin unverheirathet. --

Die nahm mich Wunder. Wirklich, mein Kind, sagt' ich zu ihr, die
jungen Mannspersonen mssen hier einen sehr sonderbaren Geschmack
haben, wenn sie sich nicht bestreben, Sie zu besitzen. -- Als ich
sie bei diesen Worten ansah, bemerkt' ich einen Ausdruck in ihrer
Miene, der mich bereuen lie, was ich gesprochen hatte. Ich fhlte
mit Beschmung, da ihre Empfindung feiner war, als meine Bemerkung.
Unglckliche Umstnde, versetzte sie ernst, haben mich bewogen, ledig
zu bleiben. Und meine Stimmung ist jetzt so, da ich wenig dadurch zu
entbehren glaube. Ich theile die Mutterfreuden meiner Schwester, und
vielleicht ist mein Genu reiner und ungetrbter als der ihrige, da
ihre Sorgen mir weniger nah am Herzen liegen. Oft, wenn ich von der
innigsten Theilnahme durchdrungen, sie am Krankenbett ihrer Lieblinge
zittern und weinen sah, dacht' ich: was wrd' ich nicht erst leiden,
wenn es meine eignen Kinder wren -- Kinder eines Mannes, den ich
liebte! -- Sie schwieg -- ihr Auge feuchtete sich -- zuletzt flo es
ber, und um mir die Thrne zu verbergen, die es trbte, senkte sie es
still zur Erde.

Es war nicht Neugierde allein, es war auch Antheil, der den Wunsch in
mir erregte, mit ihren Schicksalen nher bekannt zu werden. Nicht durch
gewhnliche Ereignisse des Lebens war ihre Wange so bleich, ihr Ton so
traurig geworden -- nur ein gewaltsamer Sturm konnte die jugendliche
Heiterkeit eines Herzens vernichtet haben, das so voll hoher Unschuld
ihr aus den Augen blickte. Aber sie schien nicht zu einer vertraulichen
Mittheilung geneigt zu seyn -- blo durch einen Zufall erfuhr ich, da
man sie Justine nannte.

Das Gewitter lsete sich in einen frchterlichen Regen auf, und da
mein leichter Reisewagen mich nicht ganz zu schtzen im Stande gewesen
wre, so gab ich willig Justinens Zureden nach, und entschlo mich,
noch lnger zu verweilen, da es ohne die noch hoch am Tage war.
Ermdet von der vorigen schlaflosen Nacht, die ich im Wagen zugebracht
hatte, that ich ihr den Vorschlag, eine halbe Stunde zu ruhen, und voll
reizender Geflligkeit fhrte sie mich in ihre Kammer. Hchst angenehm
waren die Empfindungen, mit denen ich sie betrat. Die edle Einfalt,
die simple Eleganz, die hier alles athmete, that meinem Auge wohl, und
die Reinlichkeit und Ordnung, die berall herrschte, verrieth mir,
da sie Justine mit unter die Bedrfnisse des Lebens zhlte, da sie
diese liebenswrdigen Tugenden so schn und leicht zu ben verstand.
Zwischen den beiden Fenstern, von dunkeln Gardinen umschattet, hing
ber einem zierlichen Arbeitstisch der Schattenri eines Mannes, und
in die grne Schleife, die ihn an die schlichte weie Wand befestigte,
war eine verwelkte Rose gewunden. Seitwrts stand das Bett, mit dem
reinsten Leinenzeuge versehen. Nur ein einziger Stuhl befand sich im
Zimmer (es dnkte mich eine klsterliche Zelle zu seyn) -- dem stillen,
ungestrten Asyl, das hoffnungslose Trauer nur fr sich allein sich
whlte.

Justine schien mein fragendes Auge zu bersehen. -- Sie verlie mich
mit dem Wunsche wohl zu ruhen, und ich blieb allein. Wirklich fand ich
in der halben Stunde, die ich, wiewohl ohne zu schlafen, auf dem Bette
lag, die nthige Erholung. Als ich wieder aufstand, war der Himmel
heiterer -- mild und leise suselte der Regen noch aus einer einzigen
grauen Wolke herab, die mitten in dem klaren Blau des Himmels schwebte,
und bald vorberzog. Ich ffnete das Fenster -- die Luft war abgekhlt
und rein. In dem kleinen Garten, den ich vor mir hatte, erhoben die
Blumen neu belebt ihre schmachtenden Kelche wieder, und die Sonne,
noch halb versteckt, gab dem Ganzen eine reizende Beleuchtung. Lange
stand ich so da, verlohren in dem lieblichen Anblick, und in einem Meer
von Gedanken, als der Schattenri zwischen den Fenstern mir von neuem
und bedeutender als das erstemahl in die Augen fiel. Ich trat nher
hinzu, ihn anzusehn, und fand ein so interessantes, ausdrucksvolles
Profil, da ich es lange mit stillem Antheil betrachtete. Auch die
verblichene Rose erregte meine Aufmerksamkeit -- irgend ein geheimer
Sinn, dacht' ich, mu mit ihr verbunden seyn, weil sie Justine so
sorgsam aufbewahrt, wie ein Heiligthum der Liebe! -- Die Thr ffnete
sich, und Justine, die ein Gerusch vernommen hatte, kam herein, um
nach mir zu sehn. Einige Verlegenheit war sichtbar in ihren Zgen, als
sie mich so tief beschftigt mit ihrem Schattenri antraf. Doch verlohr
sie sich, als ich ihre Hand ergriff, und sie theilnehmend drckte.
Diese Blume, sagt' ich zu ihr, ist Ihnen gewi sehr theuer, da sie noch
jetzt Ansprche auf Ihre Sorgfalt hat, wo der Reichthum ihres Gartens
Ihnen Gelegenheit giebt, ihre Stelle schner zu ersetzen. Schner wohl,
erwiederte sie mit einem angenehmen Lcheln, nur sanft und zart mit
stiller Wehmuth vermischt -- schner wohl, aber der ganze blhende
Frhling ist meinem Herzen nicht so viel werth, als diese einzige,
lngst verwelkte Rose, die mich an die glcklichsten Tage meines
Lebens erinnert. Kein Thau, kein Regen giebt ihr ihre frische Schnheit
wieder -- und keine Zukunft _mir_ meine ehemalige Heiterkeit -- -- so
kommen mir unsre Schicksale verschwistert vor, und ich liebe sie auch
deshalb; -- doch ist das meinige bittrer, denn der kurze Lenz ihres
Daseyns ging ihr _bewutlos_ vorber -- aber in meiner Brust kann nur
der Tod das Andenken meiner Leiden verlschen. --

Wenn das innigste Mitgefhl sie lindern kann, Justine! sagt' ich, und
wenn Sie die Erinnerung an Ihren Kummer nicht zu traurig macht, o so
entdecken Sie mir, welches Migeschick Sie so grausam um die Freuden
Ihrer Jugend betrog. Sie wissen zwar noch nicht, ob ich Ihr Vertrauen
verdiene, aber ich schwre Ihnen, da es mir heilig ist.

Meine Geschichte ist kein Geheimni, antwortete Justine. Die ganze
Gegend kennt sie, und -- das Publikum, dem ich Jahrelang zum Inhalt
seiner Gesprche diente, ist eben so wohl von den kleinsten Umstnden
unterrichtet, als ich. Als ich jede Mglichkeit verlohr, glcklich
zu seyn, da war es mir vllig gleichgltig, was die Welt von mir
dachte. Ich beschlo, die Ursach meines Elends tief in meine Brust
zu verschlieen, damit zu dem Gram ber den ich brtete, sich noch
der Ha und die Verachtung der Menschen gesellten, und so in nagender
Verbindung mit einander mich frher in das Grab fhrten, wohin ich
mich sehnte. Nur als ich einsah, da meine Rechtfertigung ein kleiner
Trost fr meine gekrnkte, sterbende Mutter war -- nur da willigte ich
in ihre letzten Bitten, und stellte mein Schicksal meinen Freunden
einfach und ungeschmckt im Gewande der Wahrheit dar. Wenn die
Erzhlung desselben Sie nicht ermdet, so bin ich herzlich bereit, sie
Ihnen zu geben. Zwar ruft sie manche harte Stunde aus dem Dunkel der
Vergangenheit, aber sie fhrt mich auch in die schnsten Zeiten meinen
Lebens zurck, und das eine entschdigt mich fr das andre.

Einige Meilen von hier liegt Mhlberg -- so heit das kleine Dorf, wo
ich gebohren ward. -- Ihr Weg hat Sie hindurch gefhrt -- dicht am
Kirchhofe geht die Landstrae vorbey. Ein weier Leichenstein blinkt
durch die dunkeln Fliederbume, die ihn umgeben -- er bedeckt das Grab
meines Vaters. Neben ihm schlummert auch meine Mutter -- sie berlebte
ihn nur ein Jahr.

Mein Vater war Schulmeister in Mhlberg. Sein Dienst, verbunden mit
einer, fr uns nicht unbetrchtlichen Einnahme, die ihm sein eignes
Vermgen gewhrte, reichte vollkommen hin, uns bei wenig Bedrfnissen
und einer eingeschrnkten lndlichen Haushaltung frohe Tage zu
verschaffen. Auch trug die Gte mit der wir von der Gutsherrschaft,
einer biedern adelichen Wittwe, behandelt wurden, viel dazu bei, unser
einsames Leben angenehm zu machen. Sie war meine Pathe -- tglich mute
ich schon als Kind bei ihr seyn, und sie suchte mit mtterlicher Treue
mein Gefhl zu bilden, meinen Verstand aufzuklren, und vor allen
Dingen meinem Charakter und meinen Grundstzen jene Festigkeit zu
geben, die uns allein, selbst im bittersten Schmerze, auf der Bahn der
Tugend erhlt.

Meine Schwester, welche sechs Jahr lter ist als ich, diente ihr als
Kammerjungfer. Frber, ein junger Mensch, der die konomie des Guts
besorgte, verliebte sich in sie. Ihr Herz war lngst sein -- sie
entdeckten sich der gndigen Frau, und diese, die so gern gute Menschen
glcklich sah, gab ihre Einwilligung zur Heirath und eine ansehnliche
Summe, mit welcher mein Schwager ohne Schwierigkeit diese vortheilhafte
Pachtung bernahm, und nun ganz in der Lage war, die er sich wnschte,
um meine Schwester heirathen zu knnen.

Ich war damahls sechszehn Jahr. Noch -- wie des gestrigen erinnere ich
mich des Tags, wo ich mit Thrnen von meiner Schwester schied, die
ihrer Bestimmung folgte, und frhlich mit dem Manne ihres Herzens in
die Ferne zog. Zwar nur ein Raum von wenig Meilen lag zwischen uns,
aber doch war er noch immer zu gro fr die Liebe, mit der ich an ihr
hing. Du weinst um Philippinen, sagte die gndige Frau, als sie meinen
Schmerz bemerkte. Auch ich empfinde ihren Verlust, doch der Gedanke,
da sie glcklich ist, macht mich wieder heiter, und auch Dich, mein
Kind, wird er nach den ersten Tagen ihrer Abwesenheit freundlich ber
ihre Entfernung trsten. -- Trennung ist nun einmahl das Loos des
menschlichen Lebens, und wenn uns nur kein Unglck von unsern Lieben
scheidet, so lt sie sich mit leichtem Muthe ertragen. Ich sehe dem
Augenblick entgegen, wo auch Du von mir ziehen wirst, und doch -- so
ungern ich Dich auch entbehren wrde, so wrde ich doch -- und mte
es schon morgen seyn -- Dir eben so wenig Hindernisse in den Weg
legen, wie Deiner Schwester, denn der Beruf eines Mdchens ist, eine
glckliche Gattin, eine gute Mutter zu seyn.

Tief prgten sich diese Worte in meine Seele, und wenn die Zukunft in
der schnsten Gestalt vor mir stand, die ihr meine Fantasie zu geben
vermochte, so waren immer die Vorstellungen: glckliche Gattin und
Mutter, mit in die sen Bilder verschmolzen, die ich mir von meinen
kommenden Tagen entwarf.

Ich zog nun an Philippinens Stelle zu meiner Wohlthterin, aber leider
nur, um ihr durch die zrtlichste Pflege drei traurige Wochen hindurch
so viel Dankbarkeit zu bezeugen, als in meinen Krften stand. Eine
schmerzliche Krankheit berfiel die edle Frau, und ihr Leben verlohr
sich in eine dumpfe Bewutlosigkeit, viel zu frh fr alle die, die sie
umgaben.

Mein Kummer war so gro, wie mein Verlust. Ich kehrte in das Haus
meiner Eltern zurck, und obgleich der bestndige Umgang mit der
gndigen Frau, und die Sorgfalt, die sie auf meine Erziehung verwandt,
mir vielleicht einen hhern Grad von Bildung verliehen hatte, als
ich in dem Kreise der Meinigen fand, so wurde es mir doch leicht, die
Pflichten meines damaligen Standes zu erfllen. Die herzliche Gte
meiner Eltern, die ich zrtlich liebte, diente mir immer mehr und
mehr zur Aufmunterung, ihnen ihr Alter leicht und bequem zu machen.
So gingen zwei Jahre ruhig hin -- ich lebte still und einsam, und war
zufrieden. -- --

Einst im Sommer, an einem heien Nachmittage, sa ich unter dem
Nubaum, der meines Vaters Wohnung beschattete, und -- sah bei
meiner Arbeit allmhlig der Zurckkunft meiner Eltern entgegen, die
zu einem Hochzeitsschmause gegangen waren. Auf einmahl hrte ich
ein Gerusch von Pferden, das mir immer nher kam. Endlich bogen
zwei Reiter um den Gartenzaun, um den der Weg sich krmmte, und im
migen Trab, doch scharf ihre Blicke auf mich geheftet, ritten sie
vor mir vorber. Der erste trug eine glnzende Uniform von Scharlach,
goldene Tressen schmckten seinen Hut, und sein Pferdegeschirr, das
prchtig im Sonnenschein funkelte, verrieth -- wenn auch nicht einen
geschmackvollen, doch einen reichen Mann. Der andre, (hier wurde
die Erzhlerin roth) der andre schien sein Jger zu seyn. Einfach
war sein grner Frack, aber er bedeckte die schnste Gestalt, die
ich je erblickte. Keine Tressen glnzten auf seinem Hute -- nur ein
hoher grner Federbusch warf seinen schwankenden Schatten ber das
ausdrucksvolle, herrliche Gesicht, und milderte den Glanz der schnen
schwarzen Augen, mit denen er fest auf den meinigen ruhte. Ich sah
ihnen lange nach -- pltzlich wandte der Erste sein Pferd, und spornte
es zurck nach mir. Drft' ich Dich wohl um ein Glas Milch bitten,
mein schnes Kind! sagte er mit abgezogenem Hute. Der Tag ist schwl,
und Dein freundliches Gesicht lt mich hoffen, da Du gastfrey seyst.
Der Jger hielt in einiger Entfernung. Er zog den Hut nicht ab, doch
lag in allen seinen Mienen ein gewisses Etwas, das mich grte, ein
Etwas, das mein Herz mit sen Ahndungen bewegte, ob ich es gleich
nicht zu nennen wute.

Ich stand bereitwillig auf, die Bitte des Fremden zu erfllen. In eben
dem Moment war er vom Pferde, das er dem Jger zu halten gab, und nun
folgte er mir in's Haus, wo ich ihm nicht ohne einige Verlegenheit die
Thr unseres Wohnzimmers ffnete. Rasch flog ich nun die Treppe in
den Keller hinunter, und als ich mit der Milch wieder herauf stieg,
begegnete mir fest und liebend Lorenzens Blick, (so hie der Jger,)
der sich, den Zgel des Pferdes in der Hand, an der offenen Hausthre
lehnte.

Ach, fuhr Justine mit gerhrter Stimme fort, lange Jahre, Jahre
voll herzzerreissenden Kummers liegen zwischen diesem Blick und der
Gegenwart, aber noch immer macht seine Erinnerung alle meine Nerven
erbeben, -- noch immer strahlt er mir entgegen mit dem vollen Ausdruck
des Antheils und der Liebe, die er mich leise errathen lie, und nur,
wenn dies Herz einst in Staub zerfllt, wird es das Andenken jener
kostbaren Minute verlieren, das in allen guten und bsen Stunden meines
Schicksals beglckend mich umschwebte, -- -- oder wenigstens doch
mildernd.

Ich fing an zu zittern, -- in meiner Brust, die noch keinem Manne
entgegen geschlagen hatte, regten sich mit sem Schauder die
Erstlingsgefhle der Liebe. Ich bot ihm das Glas, -- lchelnd schlug
er es aus, und sagte: es ist ja fr meinen Herrn bestimmt. -- Nehm
Er es nur, -- ich hole Seinem Herren ein anderes, versetzt' ich, und
errthend reicht' ich es ihm wieder. Ich wollte gehn, aber er ergriff
meine Hand, und mit einer Rhrung, die ihm ach so gut stand, sagte er:
Liebes, liebes Mdchen, Du scheinst so brav zu seyn, -- bleib es immer,
und der Himmel wird Dir's lohnen. Ein Gerusch an der Thr unterbrach
ihn, und erinnerte mich an seinen Herrn. Eilig flog ich fort, um seine
Ungeduld nicht zu erregen, aber mein ganzes, besseres Ich blieb bei
Lorenz zurck.

Als ich mit der Milch ins Zimmer trat, kam mir der Herr im
Scharlachrock mit einer widrigen Freundlichkeit entgegen. Du hast
mich lange warten lassen, mein Kind, sagte er mit glnzenden Augen,
die einen unangenehmen Eindruck auf mich machten, weil sie mich an die
schneren Augen erinnerten, die ich eben jetzt, wider meinen Willen,
verlassen hatte. Dafr sollst Du mir auch Gesellschaft leisten, und
mir erzhlen, wer Du bist, was Deine Eltern treiben, und ob man nicht
mit Geld und gutem Willen Deine Lage verbessern kann. Mich dnkt, Du
bist viel zu hbsch und artig fr die Drftigkeit, in der ich Dich
finde, und wenn Du den Antheil eines zwar neu erworbenen, aber gewi
herzlichen Freundes benutzen willst, so kannst Du ber mich gebieten.

Ich war zwar nicht im berflu, aber doch in einem unserm Stande
angemessenen Wohlstand aufgewachsen, und dnkte mir nichts weniger, als
arm zu seyn. Lachend versicherte ich die dem Fremden, und setzte ihm
die Vermgensumstnde meiner Eltern in dem hellen Licht auseinander,
in dem sie mir selbst erschienen. Er hrte mich verwunderungsvoll an.
Es ist wahr, sagte er ernst, Du bist reicher, als ich dachte, denn die
Zufriedenheit mit Deinem Schicksal ist ein Schatz, den kein Knigreich
erkaufen oder bezahlen kann.

Nachdenkend ging er auf und nieder, nur dann und wann traf mich sein
forschender Seitenblick, und jagte eine schchterne Rthe auf meine
Wange, denn das unlautere Feuer, die tckische Arglist, die in ihm
brannte, war nicht geschaffen, mir Vertrauen einzuflen, ob ich
gleich in der glcklichen Unerfahrenheit meines Herzens sie noch nicht
fr sichere Kennzeichen einer verworfenen Seele hielt. Es konnte
ihm unmglich entgehen, da mir seine Gegenwart peinlich war, aber
demungeachtet gab er mir beim Abschied die Versicherung, nchstens
wieder zu kommen, um die Bekanntschaft meiner Eltern zu machen. Ich
bin der Kammerherr Mehrfeld von Spillingen, sagte er zu mir, als er
schon zu Pferde sa, denke zuweilen an mich, mein Kind! Er begleitete
diese Worte mit einem glhenden Blick, und ritt dann vorber. Lorenz
zgerte noch. Wenn ein gnstiger Zufall meinen Namen in Dein Gedchtni
zurckruft, fragte er, wirst Du Dich dann gern und freundlich meiner
erinnern? -- Der Ton seiner Stimme, der tiefes Gefhl verrieth, weckte
das meinige zu stiller Wehmuth, die ich mir selbst nicht entrthseln
konnte. Ich reichte ihm meine Hand und schwieg; -- mir war das Weinen
so nahe! -- Er drckte sie sanft, und schwang sich mit einem Seufzer
aufs Pferd. Dann gab er ihm die Spornen, und sprengte dahin. -- Mir
war, als mt' ich ihn halten. -- Ich trat mitten auf die Landstrae,
und blickte ihm nach, so lange ich konnte. Durch eine neidische
Krmmung des Weges verlohr ich ihm bald aus den Augen, aber darum nicht
aus dem Sinn. Schwermthig ging ich zurck, -- sein Bild schwebte immer
um mich mit dem ganzen, einfachen Zauber der Wahrheit und der Liebe.

Sehn Sie, sprach Justine, indem sie das Fenster ffnete, und mir durch
eine Lcke ihres Gartenzaun's einen waldigten Berg zeigte, der in dem
blauen Nebel der Entfernung gehllt, in tiefer Perspective der Aussicht
Grnzen zog, sehn Sie den weien Punkt da oben am Gipfel jener Anhhe?
Das ist Schlo Spillingen, wo ich so glcklich, und ach! so unglcklich
war! Dort lebte der Kammerherr des Sommers, -- den Winter ber fesselte
ihn sein Dienst und seine Neigung an die Residenz.

Selbst wenn die schwarzen Augen des schnen Jgers nicht so allgewaltig
in mein Herz gedrungen wren -- selbst dann htte ich wohl oft an diese
kleine Begebenheit gedacht, die den stillen Gang meines gewhnlichen
Lebens auffallend unterbrach. So bald meine Eltern nach Hause kamen,
erzhlt' ich ihnen den Besuch des Kammerherrn; aber ich wei selbst
nicht, warum es mir unmglich war, auch Lorenzo's zu erwhnen. Ich
konnte mich nicht berwinden, von ihm zu sprechen, und doch war er
der Inbegriff aller meiner Gedanken, und die Hauptfigur auf der Tafel
meiner zrtlichsten Erinnerungen. Mangel an Vertrauen zu meinen Eltern
war es nicht, was mich zurckhielt, denn ich hing mit kindlicher
Offenheit und Liebe an ihnen -- aber dennoch, so sehr auch mein
beklommenes Herz Erleichterung bedurfte, dennoch versagt' ich sie mir
durch das tiefste, festeste Schweigen, das mir auf der einen Seite s,
auf der andern aber drckend war.

Meines Vaters Lieblingsbeschftigung war Blumengrtnerei. Ihr widmete
er alle seine Nebenstunden, und wenn sein beschwerliches Amt ihn
bisweilen ermdet, oder verstimmt hatte, so fand er am sichersten bei
seinen Blumen gute Laune und Erholung wieder. Vorzglich sorgfltig
wartete er eine Nelkenflor ab, die sein hchster Stolz und seine
hchste Freude war, und die fr den Liebhaber, selbst fr den Kenner
viel Werth hatte. Wenn dann und wann jemand bei uns einsprach, und es
war Sommer, so pflegte er seine Gste gern sogleich in den Garten zu
fhren, und mit frohen Blicken belauschte er die Bewunderung, die sie
seinen Zglingen zollten. Unermdbar war er dann, den Namen einer
jeden Nelke zu nennen, und die Erfahrungen mitzutheilen, die er sich
durch seinen genauen Umgang mit der Natur und durch seine aufmerksamen
Beobachtungen erworben hatte. Auch mocht' er gern von den Sorten
sprechen, die ihm noch fehlten, und dankbar nahm er jede Belehrung
und jede Bemerkung auf, die in sein Lieblingsfach pate. Er war zwar
immer gegen mich voll Gte und vterlicher Liebe, aber nie nannte er
mich in einem zrtlichern Tone seine liebe Justine, als wenn ich mich
beschftigte seine Blumen zu pflegen, wenn ich Wasser zum Begieen
herbei trug, oder sonst Antheil und Freude an ihnen bezeigte.

Wenig Tage nach jener, mir unvergelichen Bekanntschaft sa ich still
bei meiner Mutter und arbeitete. In die rosenfarbnen Trume, mit denen
die Liebe so gern spielt, mischten sich dunkle, melancholische Farben,
denn ich fing an zu zweifeln, da Lorenz sich eben so warm fr mich
interessirte, wie ich mich fr ihn; -- was wrde ihn sonst abhalten,
dacht' ich mimthig, auf den Flgeln der Sehnsucht zu mir zu eilen,
wenn sein Herz dem Wiedersehn eben so innig entgegen klopfte, wie das
meine. -- Da diese Besorgni, durch manche liebliche widersprechende
Ahndung verst, nicht geschaffen war, mich in eine gesprchige
Stimmung zu versetzen, ist wohl natrlich, und eben war meine Mutter im
Begriff, mich um die Ursach meines ungewhnlichen Stummseyns zu fragen,
als mein Vater mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt zu uns in's
Zimmer trat.

Denkt Euch nur, rief er frohlockend, ich werde noch die Freude haben,
da meine Nelkenflor weit und breit berhmt wird. Der Kammerherr
Mehrfeld, der doch selbst, wie man sagt, auf seinem Gute Spillingen
die schnsten Garten-Anlagen, und eine vollkommene Blumensammlung hat,
ist neugierig geworden, die meinige zu sehn, da er sie allenthalben
loben hrt. Binnen einer Stunde wird er nebst seiner Gemahlin hier
seyn -- dies meldete mir eben sein Jger, ein feiner Mensch, den er
vorausgeschickt hat, zu fragen, ob ich zu Hause wre.

Meine Mutter schob ernst das Spinnrad weg, und schttelte den Kopf. Der
Kammerherr war ihr durch den Ruf lngst als ein Mann von schlechten
Sitten bekannt. Da er im Vorberreiten sich von mir ein Glas Milch
geben lie, da ich ihm gleichsam begegnete, hatte sie nicht auffallend
gefunden; aber da er so lange bei mir verweilte -- da er so gar sein
Geld und seinen guten Willen mir antrug, und schon damahls, wo er
noch kein Wort von unsern Nelken wute, einen baldigen Besuch gegen
mich erwhnte, den er uns zu machen wnschte -- das hatte sie, als ich
es ihr gleich nachher erzhlte, mit einem bedeutenden Kopfschtteln
beantwortet, das jetzt, als sie es wiederholte, noch strkere
Schattirungen von Mitrauen an sich trug, wie das erstemahl. Der
Zusatz: mit seiner Gemahlin, verscheuchte indessen wieder die Falten
aus ihrem Gesicht, und sie eilte so sehr als ich, um Anstalten zum
Empfang unsrer vornehmen Gste zu machen.

Die frohste Empfindung meines Lebens durchdrang mein Innres mit
all' den Entzckungen, die Hoffnung und Gewiheit im freundlichen
Wechsel dem liebenden Herzen gewhren knnen, das alle seine Wnsche
in einen einzigen zusammendrngt, der seiner schnen Erfllung sich
nhert. Ich werde ihn wiedersehn! -- dieser Gedanke verschlang jede
andre Vorstellung, und wiegte mich in himmlisch se Fantasieen. Die
schwarzen herrlichen Augen, mit denen er so tief in meine Seele blickte
-- ich sah sie vor mir, wie er sie sanft und zrtlich unter den dunklen
Wimpern empor schlug -- ich bersetzte ihren rhrenden Ausdruck in
Worte, und es war ein Bekenntni der Liebe, dem mein ganzes Wesen mit
leiser Sehnsucht, mit glhender Leidenschaft entgegen wallte. Ich
werde ihn wiedersehn! -- diese liebliche Aussicht trieb mich in meine
Kammer, und mit eben so viel Eil als Sorgfalt legte ich mein bestes
Sonntagskleid an -- und als ich den Wagen heranrollen hrte, und durch
die zugezogne Gardine meines Fensters den geliebten Lorenz erblickte,
der ihn zu Pferde begleitete -- da warf ich noch einmahl einen Blick
der Unzufriedenheit, da ich nicht hbscher war, in meinen kleinen
Spiegel, und dann trat ich hervor, und hie den Kammerherrn und seine
Gemahlin willkommen.

Diese letztere war eine schne Frau, die durch ihre Gestalt und ihre
Manieren beim ersten Anblick eine gnstigere Meinung erregte, als
ihre Denkungsart bei nherer Bekanntschaft verdiente. Ihr Umgang mit
der groen Welt hatte der Herablassung, mit der sie geringere Leute
zu behandeln pflegte, etwas unendlich feines und anmuthiges gegeben.
Jede Verlegenheit, die aus ungleichen Verhltnissen entsteht, wute
sie mit ihrer einnehmenden Freundlichkeit aus dem Kreise zu entfernen,
der sie umgab, und ob gleich ihr Verstand weder sehr gebildet noch
lebhaft war, so machte doch ihre geistreiche Miene, da man selbst die
alltglichsten Einflle, die sie hatte, immer fr witziger und feiner
hielt, als sie wirklich waren.

Kaum hatte mich der Kammerherr bemerkt, als er seiner Frau einen
leichten Wink nach mir hin gab, wobei er ihr einige Worte auf
franzsisch sagte. Sie sah mich lange mit ihren hellen, forschenden
Augen an, und theilte dann das schlaue Lcheln, das auf ihren Lippen
schwebte, unter ihn und mich. Beide fhrten noch einige Minuten ein
sehr lebhaftes Gesprch, und ob ich es gleich nicht verstand, so sagten
mir doch ihre Blicke und mein Gefhl, da ich der Inhalt desselben war.
Es endigte sich mit einem Ku, den der Kammerherr zrtlich auf ihre
Hand drckte -- hierauf folgten sie meinem Vater, der vor gutmthiger
Ungeduld brannte, ihnen seine Schtze zu zeigen, und meine Mutter und
ich begleiteten sie in den Garten.

Der Kammerherr gab sich die Mine eines Kenners -- um so mehr
schmeichelte der laute entschiedene Beifall, mit dem er alles
berhufte, was er sah, und die bewunderungsvollen frohen Ausrufungen
der gndigen Frau vollendeten den Triumph meines Vaters, den die
Lobsprche, die man ihm ertheilte, in die heiterste Stimmung
versetzten. So ungern er sonst seine Blumen einem andern Schicksal als
ihrem langsamen Verblhen, Preis gab, so machte er diesmahl doch eine
Ausnahme, und hie mir, die schnsten derselben in einen Straus winden,
um ihn der Kammerherrin zu berreichen. Ich flog an's Nelkenbeet und
erfllte sein Verlangen, nur _eine_ Nelke -- mein Liebling unter allen
-- einfach an Farbe, aber von herrlichem Geruch -- -- diese brach ich
fr mich, und behielt sie zurck, weil ich eine schnere Bestimmung
fr sie ahndete. Mir war, als stnde Lorenz vor mir, und verlangte sie
mit flehendem Blicke, als ein Unterpfand meiner Gunst. Ich barg sie
tief in meinen Busen, den seelige Hoffnungen schwellten, -- Hoffnungen,
die in das Morgenroth der Liebe getaucht, kaum in der Erfllung so
s, wie in ihrem Entstehen sind, -- -- und mit eilenden, und dennoch
zgernden Schritten ging ich ins Haus, wo mich sein Anblick erwartete.

Den Ausdruck eines herzlichen, arglosen Vertrauens in seinen Zgen kam
er mir freundlich entgegen. Theure, liebe Justine! sagte er, denn er
hatte meinen Namen nennen hren, -- ich freue mich sehr, Dich wieder
zu sehn! -- Der Ton seiner Stimme bekrftigte die, und drang wie
eine schne Melodie tief und lieblich in meine Seele. Ich mich auch,
versetzt' ich leise, und stand vor ihm mit gesenktem Auge, -- Wir
wechselten noch einige Worte, -- ich wei nicht mehr, welche. Mein
Herz klopfte voll ser Betubung, -- auch Er schien innig bewegt.
Ohne zu wissen, wie? hielt ich die Nelke in der Hand, und als ich
aufsah, bemerkt' ich, da er eine Rosenknospe von seinem Hute nahm. Wir
blickten uns lange schweigend an, -- sein Auge bat, -- ich reichte ihm
die Blume hin, die in meinen Hnden zitterte, -- er gab mir dafr die
Rose, und ich prete sie mit Innigkeit an meine Brust; -- es war, als
htte sich der Tausch der Blumen auch ber unsre Herzen erstreckt! --

Die ist jene Rose, fuhr Justine mit dem stillen Ernst der Wehmuth
fort, und wie auf den Schattenri, mit dem sie verbunden war. Heilig
hob ich sie auf, als ob mir damahls ahndete, da mir nicht viel von den
schnen Tagen brig bleiben wrde, die sich an diese kstliche Stunde
knpften, und die eben so schnell als unaufhaltsam vorber flohn. Lange
Zeit, -- als ich noch nicht so ruhig war, als jetzt, -- konnte ich sie
nicht ohne Thrnen sehen; endlich aber besnftigte sich mein Schmerz,
und seitdem hab' ich manchen angenehmen Augenblick in ihrem Anschauen
zugebracht. Wenn dann die Reihe meiner sesten Erinnerungen sich
glnzend aus der trben Vergangenheit erhob, o dann schlug ich mein
Auge, zwar feucht, doch ruhig gen Himmel, und dachte: Du hast mir viel
Freuden gegeben, -- darf ich murren, da Du mir sie wieder genommen
hast, da es das Loos eines jeden Sterblichen ist, Glck und Unglck zu
tragen, wie Deine Vaterhand es austheilt. -- Dieser Gedanke go Frieden
in meine Seele, wenn sie auch zuweilen noch strmte, und immer rufe ich
ihn mir zurck, wenn eine Klage wider die Hrte meines Schicksals in
mir laut werden will.

Die Minuten, von denen ich jetzt spreche, gehren mit unter die
glcklichsten meines Lebens. Lorenz war mir nher getreten, -- seine
Wangen glhten, -- seine Augen strahlten ein Feuer, das rein wie sein
Herz, glhend wie seine Liebe mein Inneres sympathetisch durchstrmte.
Er fate meine Hand, -- willig lie ich sie ihm, und erwiederte leise
den Druck der seinigen. In einem sem Vergessen meiner selbst verlohr
ich die ganze Welt, -- verlohr ich Vergangenheit und Zukunft aus den
Augen, -- nur die Gegenwart fhlte ich, die wie ein Engel der Freude
mir lchelte. Lorenz drckte mich an seine schlagende Brust, und der
erste Ku, den ich noch je von einem Manne, auer meinem Vater empfing,
verschlo meine brennenden, schweigenden Lippen, die sich vergeblich zu
reden bemhten.

Mir war hchst sonderbar. Wir hatten so wenig zusammen gesprochen,
und dennoch war ohne Worte eine Vertraulichkeit unter uns entstanden,
in der ich zwar nichts strafbares fand, die mich aber doch errthen
machte, da ich mir nicht erklren konnte, wie es zugegangen war. --
Ich werde Dich nun fter sehn, Justine! sagte Lorenz, aber so sehr ich
auch die wnsche, so gefllt mir doch die Art und Weise nicht, wie es
geschehen soll. Weit Du, da Dich die gndige Frau als Kammerjungfer
zu sich nehmen will?

Mich? rief ich voll Erstaunen. Sie hat mich ja heute zum erstenmahl
gesehen. --

Das thut nichts, antwortete Lorenz mit einem bittern Lcheln, dafr hat
Dich der Kammerherr zweimahl gesehen, und mich dnkt, schon einmahl ist
genug, um sich in Dich zu verlieben.

Und wenn die auch wre, versetzt' ich verlegen, so wrde die doch
gewi kein Bewegungsgrund fr die gndige Frau seyn, mich in ihre
Dienste zu nehmen.

Du kennst die Welt noch nicht, gutes, unschuldiges Geschpf! sagte
Lorenz, aber in unserem Hause wirst Du sie kennen lernen, und wenn
auch gleich von einer schlechten Seite, doch gewi nicht zu Deinem
Nachtheil. Denn das unverdorbene Herz, das Dir aus den Augen blickt,
wird Dich die Knste der Verfhrung verachten lehren, und je mehr
Du dort Gelegenheit hast, das Laster zu beobachten, je fester wirst
Du Dich an die Tugend ketten. Selbst die schnen, entschuldigenden
Namen, die man sogar den abscheulichsten Verbrechen giebt, werden
Dich nicht blenden, und Beispiele, die andre unwiderstehlich mit sich
dahin reien, werden fr Dein edles Gemth nur Bilder der Warnung
seyn. Es ist Sitte unter vielen vornehmen Leuten, die sich nicht aus
Liebe, sondern aus Ehrgeiz, oder um des Geldes willen, geheirathet
haben, sich gar nicht um einander bekmmern, und sich keineswegs zu
stren, oder Zwang anzuthun, sie mgen nun etwas gutes oder etwas bses
im Sinn haben. Auf einen solchen Fu lebt der Kammerherr mit seiner
Gemahlin. Sie hat immer ihren erklrten Liebhaber. Kmmt dieser, so
ist der Herr so galant, ihm Platz zu machen; er verreiset -- oder
kommt ihm wenigstens nicht zur ungelegenen Zeit in den Weg. Dazu
gehrt nun freilich viel Geflligkeit, denn die gndige Frau ist sehr
vernderlich, und wechselt fast mit jedem Mondenlicht ihre Anbeter.
Aber dafr ist sie auch dankbar, und thut wieder alles mgliche, was
sein Vergngen vermehren kann. Mit ihrer Bewilligung hlt er sich
immer eine, oder auch mehrere Maitressen, und nicht selten fhrt sie
selbst die armen Schlachtopfer seiner Wollust entgegen, die sein
gieriges Auge sich ersehen hat. Sie lobt oder tadelt seinen Geschmack
ganz unpartheiisch, und findet es hchst spahaft, da sie meistens
alle drei Vierteljahr genthigt ist, eine andre Kammerjungfer zu
nehmen. -- Warum ist sie denn dazu genthigt? fragt' ich mit aller
der Unschuld meines damaligen Alters, die noch kein Blick in die
verdorbenen Sitten der groen Welt entweiht hatte. Lorenz wurde roth
-- er schlug die Augen nieder, und besann sich. O wie verschnert
Bescheidenheit den Mann wie das Weib! Diese Bemerkung macht' ich bald
darauf, als der Sinn seiner vorigen Rede sich klrer mir entwickelte.
Justine! sprach er verlegen -- ich kann Dir nicht deutlich sagen,
warum? Die Ausschweifungen des Kammerherrn -- -- denk Dir das brige,
und wenn Deine reine Seele keine so schmutzigen Vorstellungen zu fassen
vermag, so begnge Dich damit, mir zu glauben, da der Kammerherr ein
sehr schlechter, und fr die meisten Deines Geschlechts gefhrlicher
Mann ist.

Meine Wangen waren mit den seinigen errthet; -- ich suchte dem
Gesprch eine andre Wendung zu geben. Ist's aber auch Recht, sagt' ich
zu ihm, da Er so freimthig die Fehler Seines Herrn entschleiert? --

Wenn ich es thue, versetzte er sanft und ernst, so geschieht es, weil
die Wahrheit mir heilig ist, sie mag Tugenden oder Laster beleuchten,
und weil ich es nicht einer bittern Erfahrung berlassen will, Dir
den Abgrund zu zeigen, den Du _kennen_ mut, um ihn zu vermeiden. O
Justine, fuhr er mit einem Seufzer fort, es ist hart -- sehr hart fr
mich, einem Menschen dienen zu mssen, den ich verachte. Hrter noch
ist's von dem Verhngni, da es alle Macht, mich zu beglcken eben
in _die_ Hnde legte, aus denen ich so ungern Wohlthaten empfange.
Doch nein -- ich bereilte mich. Ich that dem Schicksal Unrecht.
-- Mehr Macht, als ihm, gab es _Dir_ im ersten Augenblick unserer
Bekanntschaft, ber das Wohl oder Wehe meiner Zukunft zu entscheiden. O
la mich hren, wie Du sie anwenden willst? --

Er stand vor mir mit liebetrunknen, gerhrten, strahlenden Blicken,
und hielt meine bebenden Hnde zwischen den seinen. Ich verstand seine
Frage, denn das liebende Herz, das in seinen Augen sich mahlte, war
fr das meine kein Rthsel mehr -- aber Schaam und Schchternheit
verschlossen meine Lippen, und so gingen einige Momente schweigend,
aber unvergelich glcklich vorber. Nun, Justine! sagt' er leiser, da
ich nicht antwortete, willst Du mir kein Wort der Hoffnung sagen? -- Du
hast mich verstanden -- ich seh es an Deinem Errthen. Darf ich hoffen,
wenn einst eine gnstige Wendung meiner Lage mir ein ruhiges Pltzchen
giebt, was uns beide ernhren kann -- darf ich hoffen, da Du es dann
mit mir theilen wirst? --

Die Offenheit seines Wesens, und die Zrtlichkeit, die in dem Tone
seiner schnen, kraftvollen Stimme lag, lockte se Thrnen in mein
Auge. Verstellung war mir fremd -- und htte ich sie auch gekannt
-- diese Minute war zu heilig, um hinter ihrem neblichten Schleier
die mchtigen, groen Gefhle zu verbergen, die meine Seele auf den
Schwingen der Liebe zu ihm erhob. Unwillkhrlich breiteten sich statt
einer Antwort meine Arme aus -- ich fhlte sie innig von den seinigen
umschlungen, und an seine Brust geschmiegt, meine heie Wange bedeckt
von seinen Kssen, wand die Umarmung mit der ich ihn an mich schlo,
zum heiligen Schwure, der ihm Liebe und Treue gelobte.

Wir kehrten endlich aus den hhern Regionen, in denen wir schwrmten,
zur wirklichen Welt zurck -- aber wie verndert schien mir diese
seit dem seligen Augenblick, der unsre Herzen vereinigt hatte.
In ungetrbter Klarheit, wie in einem Lichtmeer schwammen alle
Gegenstnde, die mich umgaben; Liebe und Hoffnung strahlten ihren
goldenen Schimmer auf die Zukunft, die mir sonst nur in nchtliches
Dunkel gehllt, erschienen war.

Aber Lorenz, sagt' ich endlich, und ohne zu wissen wie es zuging,
verlohr sich das schchterne Er, mit dem ich ihn zuerst angeredet
hatte, in das vertrauliche, se Du der hingebenden Liebe, -- kannst Du
mir wohl dazu rathen, da ich einwilligen soll, wenn die gndige Frau
mir antrgt, ihr zu dienen? Nach der Schilderung, die Du mir von ihrem
huslichen Leben entworfen hast, schaudert mir vor dem Gedanken, mit
hinein verwickelt zu werden. Ich bin zu einfach -- krumme Wege kann ich
nicht gehen, und wenn sie selbst zu Glanz und Reichthum fhrten. Auch
ist mir es unmglich, von auen kalt zu seyn, wenn in meinem Innern
warme Empfindungen sich regen. Ich werde es verrathen, da ich Dich
liebe -- ich werde den Kammerherrn mit Abscheu zurckweisen, wenn er es
wagt, mir unanstndige Antrge zu thun -- -- ich werde seiner Gemahlin
nicht verhehlen knnen, da ich ihre Gesinnungen und ihre Lebensart
verachte -- -- mit einem Wort, ich tauge nicht unter Menschen, die ich
nicht schtzen kann.

Entzckt drckte Lorenz seine warmen Lippen auf meine Hand. O Justine!
rief er aus, wenn Du wtest, wie sehr ich Dich liebte, Du mtest
mir fr das hohe Vertrauen danken, da ich in Deine Tugend setze, und
mit dem ich Dich bitte, allen den Strmen, die dir entgegen brausen
werden, zum Trotz, dennoch nach Spillingen zu ziehn. Es ist das
einzige Mittel, uns knftig sehen zu knnen, denn meine jetzige Lage
erlaubt mir noch nicht, ffentlich um Dich zu werben. Mein Dienst ist
streng, und verstattet mir nur hchst selten eine freie Stunde, und
auch diese nicht, ohne da meine brigen Verhltnisse meinen Willen
nicht auf's uerste beschrnkten. Wollte ich auch des Nachts zu Dir
eilen, so knnte die nur mit der grten Behutsamkeit von Deiner und
meiner Seite geschehen, und wenn irgend ein Lauscher es ahndete, so
wr' es mit dem Verlust Deines guten, unbescholtenen Rufs verbunden,
der mir noch theurer ist, als der meine. Der Kammerherr hat bisher
meistens nur mit gemeindenkenden leichtsinnigen Dirnen zu thun gehabt,
die seinen Wnschen auf halbem Wege entgegen kamen. Der Widerstand,
den ein _edles_ Mdchen dem Laster thut, ist ihm fremd, und wird ihn
wenigstens beschmen, wenn auch nicht bessern. berdie haben wir
dort Gelegenheit, uns tglich zu sehn, ohne den mindesten Verdacht zu
erregen, und bei der kleinsten Gefahr, die ich fr Dich ahnde, werd'
ich Maregeln treffen, Dich zu retten, kost' es mir auch was es wolle.
Selbst die vortheilhaften Aussichten und Hoffnungen, auf die ich jetzt
in Gedanken unser knftiges Glck baue -- selbst die werd' ich mit
frohem Muthe Dir opfern, wenn es Deine Sicherheit verlangt. -- Seine
Augen fingen an zu blitzen -- Kraft und Entschlossenheit erhoben seine
Stimme. -- Ja, fuhr er dann fort, indem er mich heftig mit beiden
Armen umschlo -- selbst wenn ich genthigt wre, jedes Verhltni zu
zerreien, das mir ehedem heilig war -- hier an diesem Herzen wrde ich
dennoch, auch in der bittersten Armuth Ersatz finden, wenn es nehmlich
nie aufhrt, mich zu lieben!

Der mnnliche, ernste Muth seines Ton's knpfte mich mit den Banden
des innigsten Vertrauens an sein Wesen. Und wre die Welt in diesem
Augenblick zu Grunde gegangen, -- heiter htte ich _neben ihm_ auf
ihren Trmmern gestanden, und mit stolzer Zuversicht auf seine Kraft,
Werke der Allmacht von seinen Hnden gefordert. -- --

Die Stimme meiner Mutter, die mich rief, endigte unsre Unterredung.
Ich hpfte froh und sorgenlos in den Garten, denn mit der Gewiheit,
geliebt zu seyn, flammte alles um mich her im Sonnenglanz jener
trgerischen Hoffnung, welche in dem Frhling der Liebe und des
Lebens uns schmeichelt, da seine Blthen unverwelklich duften, und
da kein Sturm sie zu entblttern vermag. Muthig glaubt' ich allen
Widerwrtigkeiten, -- selbst der dunkelsten Zukunft, -- trotzen zu
knnen, und die hohe berspannte Zutrauen in die Krfte meines Herzens
und meiner Seele gab mir eine Heiterkeit, die mich zum beneiden
glcklich machte.

In einer Hollunderlaube des Gartens hatten sich die Herrschaften
niedergelassen. -- Der Kammerherr suchte die Freude ber seinen schon
halb gelungenen Plan hinter einer gleichgltigen Miene zu verbergen,
die ihm aber nicht recht glcken wollte. Die Frau spielte mit ihrem
Arbeitsbeutel, und lchelte mir freundlich entgegen. Auch mein Vater
blickte mich mit Wohlgefallen und Zufriedenheit an, -- nur das ernste
Gesicht meiner ehrwrdigen Mutter verrieth mir Spuren der Bekmmerni,
die ihr Herz meinetwegen empfand. Komm nher, liebes Mdchen, sagte die
Kammerherrin, komm nher und entscheide. Ich habe den bsen Vorsatz,
Dich zu entfhren, weil ich glaube, da Anlagen in Dir stecken, die
eine Entwickelung verdienen, und die Dich weiter bringen knnen, als
Dein verborgenes Leben hier unter den Deinigen. Ich will Dich mit mir
nehmen, und wenn Du Dich gut auffhrst, werd' ich treulich fr Dich
sorgen. Dein Vater ist mit meinem Plan zufrieden, -- nur Deine Mutter
hat noch Bedenklichkeiten, die Du aber leicht widerlegen kannst, wenn
Du nur Lust hast, zu mir zu ziehen.

Ich war verlegen. Der Gedanke an Lorenz mute in diesem Augenblicke der
Thrne weichen, die ber die Wange meiner guten Mutter flo, und alle
meine Gefhle in Bewegung brachte. Aber bald behauptete sein Bild in
mir die Herrschaft der wahren Liebe, die alles opfern kann, nur sich
selbst nicht, -- und selbst von der mtterlichen Wehmuth, neben die
ich es stellte, borgte es einen helleren, rhrendern Glanz. Bittend
sah ich ihn vor mir stehn, und auf seinen Lippen schwebten noch die
Versicherungen, die er mir von seinem Schutz und seiner Zrtlichkeit
gab. Doch das Bewutseyn meiner Pflichten umschleierte wenigstens den
Wunsch, den ich hatte, ohngeachtet aller Unannehmlichkeiten, die mir
drohten, nach Spillingen zu ziehn. Die Entscheidung, antwortete ich,
kommt nicht mir, sondern einzig und allein meinen Eltern zu. Ihre Gte,
ihre bessere Einsicht wird fr mich whlen, was zu meinem Frieden dient.

Auf diese Art kommen wir aber niemahls aus einander, versetzte die
gndige Frau, denn Deine Eltern sind unter sich nicht einig darber.

Es ist das erstemahl, da ich mit meinem Manne verschiedener Meinung
bin, sagte meine Mutter. Wir haben nur die einzige Kind noch um uns,
-- sie ist unsre Sttze und unsre Freude. Wenn ich Justinen auch in
der Wirthschaft entbehren knnte, wo sie mir manche Sorge abnimmt,
-- manche wenigstens mit mir theilt, -- so wrde sie darum doch
nicht zu Ihnen passen, denn sie ist in allen den Geschicklichkeiten
ununterrichtet, die die Kammerjungfer einer vornehmen Dame wissen mu.

O das thut nichts, unterbrach sie die Kammerherrin lchelnd. Die
Physiognomie mte sehr trgen, wenn die Kleine nicht Lernbegierde und
Fhigkeiten htte. Die Mhe, sie in diesen Kenntnissen zu unterrichten,
nehm' ich gern auf mich, und ich hoffe sie soll nicht vergebens
angewendet seyn.

Ich werde Justinen eben so sehr vermissen, wie Du, sagte mein Vater zur
Mutter, indessen glaube ich, ist es unsere Pflicht, sie nicht von der
guten Versorgung abzuhalten, die sich ihr darbietet, und die vielleicht
die Grundlage ihres knftigen Glcks werden kann. Ich bin berzeugt,
wir knnen sie ohne Bedenklichkeit der gndigen Frau anvertrauen. Sie
wird Nachsicht mit ihr haben, wenn sie fehlt, und im Anfang nicht zu
streng in ihren Forderungen seyn. Fr Folgsamkeit und guten Willen
stehe ich.

Mancherlei Gefhle bestrmten meine Brust. -- Der Gedanke, die stille
Htte zu verlassen, die die Wiege meiner Kindheit, der Schauplatz
meiner Jugendfreuden gewesen war, -- die Aussicht von meinen Eltern zu
scheiden, und sie knftig in einer Einsamkeit zu wissen, die sie um
so trauriger dnken mute, je mehr meine kindliche Pflege sie ihnen
sonst erheitert hatte; -- alles dies mischte etwas schmerzliches in die
Vorstellung, da mich die Liebe mit ihrer Zauberstimme nach Spillingen
rief. Unentschlossen stand ich da, aber ich blieb es nicht lange. O wie
wahr ist's, da das Weib Vater und Mutter verlassen wird, um dem Manne
zu folgen, den es sich erkohren hat! Dankbarkeit und die zrtlichste
Ehrfurcht fesselte mich an meine Eltern. Ich htte fr sie mein Leben
lassen knnen, -- nur das, was diesem Leben erst Werth gab, die Wrze
seiner Zukunft, das Bndni, das mein Herz mit Lorenz geschlossen
hatte, -- nur das htte ich ihnen nicht opfern knnen, ohne, wie ich
glaubte, vor Gram zu sterben.

Meine Mutter seufzte, und betrachtete mich mit unruhigen, ungewissen
Blicken. Nun dann, sagte sie, und wandte sich zu meinem Vater, wenn Du
wirklich glaubst, da es fr Justinen ein Glck ist, so will ich mich
nicht lnger weigern. Gott wei, da nur die Besorgni fr ihr wahres
Wohl mich so bedenklich machte, denn ich bin der Meinung, da ein
junges, unerfahrenes Mdchen nirgends mehr am Platze, und sicherer ist,
als in dem Hause und unter den Augen seiner liebenden Eltern. Aufgeben
kann ich diese Meinung so leicht nicht, aber ich will thun, was ich
kann, -- ich will sie der Deinigen unterordnen. So zieh denn in Gottes
Namen hin, Justine! fuhr sie mit Rhrung fort. Es wird Dir auch in der
Fremde wohlgehn, denn Du warst immer ein gutes, dankbares Kind! --

Sie umarmte mich herzlich; -- ich fhlte ihre warmen Thrnen auf meiner
Wange, und vermischte sie mit den meinigen.

Es war also nun entschieden, da ich nach Spillingen zog. Die
Kammerherrin berhufte mich mit Liebkosungen, und wollte mich gleich
mit sich nehmen, aber meine Eltern sowohl als ich, bestanden auf eine
Frist von vierzehn Tagen. Dieser kurze Aufschub, der uns nur ungern
bewilligt wurde, sollte das Bittre der Trennung mildern, indem er
uns nach und nach an die Nothwendigkeit des Scheidens gewhnte, aber
statt dessen knpfte jeder Augenblick uns durch den Gedanken fester
zusammen, da er langsam, aber gewi die Stunde des Abschieds heran
fhrte. Ich fhlte damahls durch meine eigene Erfahrung, da es besser
und schonender fr uns selbst, und fr unsre Lieben ist, den Kelch des
Schmerzes, den uns die Trennung reicht, in _einem_ Zuge zu leeren, als
ihn wie ein Ziel, dem wir doch nicht entgehen knnen, und dem uns jede
Minute nher bringt, vor den Augen zu haben. Ein kurzes Lebewohl lt
uns die Kraft, es mit Fassung zu sagen, -- dumpf, wie der Ton einer
Todtenglocke, wie das Grablied unserer Freuden tnt es _aus der Ferne_
herber, und die Vorstellung, es dennoch aussprechen zu mssen, giet
Wermuth in die Freuden des letzten Beysammenseyns, und lohnt unser
Zgern nicht mit Linderung, sondern mit Verdoppelung des Schmerzes, den
wir am sichersten berwinden, wenn wir ihm stark und muthig die Stirn
bieten.

Ehe unsre Gste uns verlassen hatten, war mir noch eine ungestrte
halbe Stunde zu Theil geworden, die ich mit Lorenz verplauderte. Er
entdeckte mir nun seine nchsten und wichtigsten Verhltnisse. Sein
Vater war Verwalter in Spillingen, ein guter, biederer Mann, der
blo die schwache Seite hatte, sich von seiner sehr ehrgeizigen,
herrschschtigen Frau regieren zu lassen. Um den lieben Hausfrieden
ununterbrochen zu erhalten, mischte er sich von jeher weder in das
Innere seiner eigenen Wirthschaft, noch in die Erziehung seines Sohnes,
den er jedoch zrtlich liebte. Lorenzens reines, stilles Gemth war
nicht empfnglich fr die Eindrcke des Stolzes, die seine Mutter
ihm geben wollte. Schweigend hrte er ihren Lehren und Ermahnungen
zu, in denen gewhnlich jener falsche Ehrgeiz sich mahlte, der statt
innern Werth nur usserlichen Glanz zum Ziel seines Strebens macht.
Er bedurfte ihn nicht, und verachtete sein Flittergold, denn seine
Seele war mit jenem _edlen_ Stolz bewaffnet, der den Menschen wie ein
guter Genius vor allem bewahrt, was seine wahre Wrde entweihen kann.
Die Bildung seines Herzens war sein eignes Werk, -- das Werk seines
Schicksals, das ihm einsam unter Menschen stellte, denen er sich
nicht mittheilen mochte, da sie nicht fein genug fhlten, um ihn zu
verstehen. Still und verschlossen wuchs er empor, -- abgeschieden von
allen lebenden Geschpfen, an denen seine Empfindung sich in voller
Kraft htte erwrmen und erhhen knnen. --

Der Kammerherr entdeckte in dem zum Jngling heranreifenden Knaben
seltne Anlagen, die ihn aufmerksam auf ihn machten. Die strenge
Wahrheitsliebe, die, wo sie nicht reden durfte, doch wenigstens
_schwieg_, und _nie_ wider ihre berzeugung sprach, die feste,
unbestechliche Redlichkeit, die schon in seiner Kindheit ein Hauptzug
seines Charakters war, und mit zunehmenden Jahren sich immer mehr auf
unerschtterliche Grundstze sttzte, -- alles die gefiel dem Mann,
der ohne eigene Tugenden zu haben, doch fremde schtzte, und sie gern
zu seinem Vortheil benutzte. -- Er fragte die Eltern um ihre Plane in
Rcksicht ihres Sohnes. Der Vater hatte keine, -- allenfalls nhrte er
den stillen Wunsch, da sein Sohn ein Landmann werden mchte, aber er
wagte es nicht, ihn zu ussern, da seine Frau, wie er wohl wute, fast
niemahls bereinstimmend mit ihm dachte, und ihn doch nicht gebilligt
haben wrde. Lngst war es ihr Lieblingstraum gewesen, ihren Sohn in
frstlichen Diensten zu sehn. -- Sie entdeckte dieses dem Kammerherrn,
und er versprach, ihr dazu behlflich zu seyn. Auch macht' er, ganz
wider seine sonstige Gewohnheit, Miene, Wort zu halten, lie ihn auf
seine Kosten die Forstwissenschaft lehren, und behielt ihn dann als
Jger und zugleich als Kammerdiener bei sich, bis, wie er sagte, sich
eine gnstige Gelegenheit zeigen wrde, wo er ihn dem Frsten empfehlen
knne. Diese war noch immer ausgeblieben. -- Lorenz seufzte nach einer
unabhngigen Lage, denn ausserdem, da sein freier Sinn sich nicht zum
Dienen geschaffen fhlte, hatte er mit hellem Blick lngst die Flecken
entdeckt, die den Charakter seines Herrn entstellten, und es war ihm
drckend, einem Menschen Verbindlichkeit und Dank schuldig zu seyn, den
er weder lieben noch achten konnte. Indessen, da seine Mutter es ihm
zum Gesetz machte zu bleiben, und da es seine eigne Klugheit, wenn auch
nicht sein Gefhl, ihm rieth, so trug er seine Verachtung schweigend
mit sich herum, und bemhte sich, durch Thtigkeit, Ordnung und eine
immer wache Aufmerksamkeit auf seinen Dienst den Kammerherrn die
Wohlthaten abzuzahlen, die er mit einem Widerstreben empfangen hatte.
Da er sich dadurch ihm unentbehrlich machte, und seine Verwendung
zu einer Versorgung immer mehr verzgerte, bedachte er nicht; aber
wre es ihm auch eingefallen, er wrde doch nicht anders gehandelt
haben, theils weil ihm jede Pflicht, die ihm das Schicksal auflegte,
heilig schien, theils weil er durchaus die Summe der Verbindlichkeiten
vermindern wollte, die seines Herrn Wohlwollen ihm auflegte. Und da
ihn berdie der Kammerherr selbst zu sehr ehrte, um ihn bei seinen
Liebschaften als Geschftstrger, oder Kuppler gebrauchen zu wollen, so
fand der Abscheu, den Lorenz vor jenen Lastern hatte, keine Gelegenheit
laut zu werden, und sowohl Herr als Diener beobachteten ber Punkte,
die nicht gern ber sich sprechen lassen, ein Schweigen, das am
geschicktesten war, ihr Verhltni leidlich zu erhalten.

Zuweilen erinnerte wohl die Verwalterin, der der Titel: Kammerdiener
nicht vornehm genug war, den gndigen Herrn an sein Versprechen, aber
dieser wiegte dann mit glnzenden Aussichten in die Zukunft, die er
ihr ffnete, ihren Ehrgeiz und ihre Ungeduld zur Ruhe, und da Lorenz
berhaupt von den andern Bedienten vortheilhaft ausgezeichnet wurde,
so lie sie sich jedesmahl durch die Versicherung zufrieden stellen,
da ihr Sohn einst ganz gewi durch eine ehrenvolle Laufbahn ihr
Alter erfreuen werde. Ich htte ihm schon lngst einen kleinen Dienst
verschaffen knnen, pflegte er zu sagen, aber sein nothdrftiges
Auskommen hat er ja auch bei mir, und wenn ich _einmahl_ mein Ansehn
bei Hofe anwende, so will ich auch Ehre davon haben, das heit: es
mu eine Stelle seyn, die Ihrem Sohn keinen Wunsch zur Verbesserung
seines Schicksals mehr brig lt, als allenfalls den Wunsch nach einem
hbschen Weibchen, und das wird sich dann schon finden.

Es hat sich schon gefunden, dachte die Alte dann gewhnlich mit froher
Selbstzufriedenheit ber ihre mtterliche Vorsorge, die Lorenzen
aber noch ein Geheimni war, und fr's erste auch noch eins bleiben
sollte, weil er viel zu sehr Sonderling war, um so, wie sie es
wnschte, in ihre Plne einzustimmen. Ein reicher Pachter jenseits
der Residenz hatte die auf fremden Feldern geerndteten Frchte seines
Fleies angewendet, sich ein artiges Landgut in der Nachbarschaft
von Spillingen, wo es eingepfarrt war, zu kaufen. Die Verwalterin,
die Wernern, -- so hie der neue Gutsbesitzer, -- vor Zeiten noch in
drftigen Umstnden gekannt hatte, ergo bei dieser Nachricht alle
ihre Galle in den bittersten Spott ber seine so schnell verbesserte
Lage, und nahm sich vor, seine Frau in der Kirche nicht zu gren,
wenn sie ihr das erstemahl daselbst begegnen wrde. Ihr Neid und
ihre Erbitterung stieg noch, als sie durch einige alte Weiber, die
sie durch kleine Wohlthaten verpflichtete, ihr alle Neuigkeiten der
Gegend zuzutragen, von dem berflu nher unterrichtet wurde, der
dort in allen mglichen Bedrfnissen des Lebens herrschte, und einen
sichern, festgegrndeten Wohlstand verrieth. Sie hatten der Frau Werner
bei ihrer Ankunft in ihrer huslichen Einrichtung geholfen, und ob
gleich ihre Erzhlungen von den reichlich angefllten Schrnken und
Kisten, die sie da sahen und bewunderten, ein fressendes Gift fr
die Verwalterin mit sich fhrten, die es ihres Gleichen am wenigsten
gnnte, reich zu seyn, da sie es selbst nicht war, so hrte sie
doch alles mit jener brennenden Begierde an, mit der die Migunst
jede Gelegenheit ergreift, sich zu qulen. Da ihre Nachbarin ein
Landgut besa, whrend ihr Mann nur ein fremdes verwaltete, das --
so empfindlich es auch war -- htte sie ihr dennoch verziehen; aber
da sie ihren Kaffee aus einer silbernen Kanne trank, -- selten in
die Kche ging, und auch dann nur, um zu befehlen -- da sie sich
zum tglichen Gebrauch eines eben so feinen Leinenzeugs bediente, als
_sie_ nur fr die Frau Kammerherrin weben lie -- da sie Nachmittags
auf einem bequemen und zierlichen Sopha in aller Ruhe ein paar Stunden
schlummerte -- -- mit einem Worte, da sie nicht allein Vermgen
_hatte_, sondern es auch nach ihrem Gefallen _geno_, -- das war ein
Wurm, der zerstrend an ihrer Ruhe nagte. Da sie Menschen, die sie noch
nicht kannte, nach ihrer eignen Denkungsart zu beurtheilen pflegte,
so traute sie der Frau Werner keineswegs den bescheidenen, geflligen
Charakter zu, den sie wirklich hatte, vielmehr, da sie fhlte, wie
sehr jene Vorzge des Glcks _ihren_ Hochmuth aufblhen wrden, wenn
sie sich ihrer rhmen drfte, so stellte sie sich die Unbekannte, die
unschuldiger weise ihrem Neide so viel Nahrung gab, in dem gehssigen
Lichte eines burischen Eigendnkels vor, der ihr um so drckender
schien, da er den ihrigen niederbeugte. -- Die Nrrin, sagte sie zu
ihrem Manne -- sie denkt vielleicht weil sie die groe Dame spielt, auf
dem Kanapee Mittagsruhe hlt, und ihren Kaffee aus Silber trinkt, sie
ist mehr als ich. Aber ich will ihr schon zeigen, da ich mir eben so
viel einbilde. Nicht ansehn will ich sie! --

So ganz gewissenhaft war es ihr aber doch nicht mglich, den nchsten
Sonntag Wort zu halten, als Frau Werner in die Kirche kam. Die
Neugierde, die sich bei ihr regte, beredte sie zu einem Blick, und
unwillkhrlich verlngerte er sich, als ihm weder auffallender Glanz
noch beleidigender Stolz begegnete. Auf beides hatte sie gerechnet, als
aber eine wohlbeleibte weibliche Gestalt in einem sehr anspruchslosen
Anzug, begleitet von einem hbschen rosenwangigen Mdchen, freundlich
bei ihr vorberging, und ihr durch einen hflichen Gru, mit dem sie
ihr zuvorkam, gleichsam den Rang ber sich einrumte, -- da verschwand
auf einmahl ein Theil der Falten von ihrer Stirn, und der Groll, den
sie in ihrem Herzen nhrte, verlohr sich in eine lange Gedankenreihe,
die ihr whrend der Predigt, (auf die sie ohnedem nie zu achten
pflegte,) Stoff genug zur Unterhaltung gab. Die Frau ist doch so bel
nicht, dachte sie bei sich selbst. Wenigstens hat sie doch Lebensart,
und wei sich zu betragen. Da sie zu Hause die Bequemlichkeit liebt
lieber Gott! das tht ich auch, wenn ich's knnte. Die Leute haben ja
Geld genug, -- sie wren Narren, wenn sie es nicht benutzten. Und die
Tochter sieht gut aus -- das einzige Kind ist sie auch -- -- in der
That, das wre eine Frau fr meinen Lorenz, die mir anstnde! --

Sie verfolgte diese Idee, und fand kein Hinderni von Bedeutung, das
sie zu stren drohte. Obgleich Lorenz kein Vermgen, und nur sehr
ungewisse Aussichten in die Zukunft hatte, so zweifelte sie doch keinen
Augenblick, da ihm der Plan gelingen knne, den sie so befriedigend
fr ihren Eigennutz entwarf, und dem eine vortheilhafte Heirath mit
Mamsell Werner den Kranz der Vollendung aufsetzen sollte. Und wirklich,
wenn auch sonst alle ihre Gedanken und Empfindungen Kinder eines ewigen
Irrthums waren, der nur sein eignes, fehlerhaftes Ich zum Mastabe
seiner Beurtheilungen nahm -- hier irrte sie nicht. -- Die hohe
Meinung, die sie von ihrem Sohn hatte, rechtfertigte jeder, der ihn
kannte, denn noch jetzt in einer Lage, die auch den kleinsten Schatten
von Partheilichkeit vertilgt, sag' ich mit fester berzeugung: Lorenz
wre mit Recht der Stolz der besten Mutter gewesen. Die Liebe, mit der
die Verwalterin an ihm hing, war das einzige, was ich jemahls an ihr
schtzen konnte.

Als die Kirche geendigt war, wartete Frau Werner mit Lorchen, so hie
ihre Tochter, an der Thr, um die Bekanntschaft der Frau Verwalterin
zu machen, die sie um gute Nachbarschaft und um die Erlaubni bat,
durch einen baldigen Besuch ihr zeigen zu drfen, wie geneigt sie sei,
einen freundschaftlichen Umgang zu halten. Die Verwalterin erwiederte
ihre Komplimente in bester Form, und man trennte sich beiderseits mit
einander zufrieden.

Es dauerte nur wenig Tage, so erschien das Kleeblatt der Wernerschen
Familie ganz unvermuthet bei Lorenzens Eltern, um ihren ersten Besuch
abzustatten, und um durch die ungezwungene Art, mit der sie es thaten,
jenes zwanglose, heitere Verhltni einzuleiten, das durchaus mit
lndlicher Nachbarschaft verbunden seyn mu, um sie angenehm zu machen.
Die Verwalterin wre zwar diemahl der berraschung gern berhoben
gewesen, denn es lag ihr viel daran, mit sammt ihrem Hauswesen sich
vor Werners von der besten Seite zu zeigen, und dazu war eine kleine
Vorbereitung unentbehrlich, -- indessen das treuherzige gutmthige
Benehmen ihrer Gste zerstreute bald den Verdru, den sie fhlte,
sich nicht so vortheilhaft und glnzend darstellen zu knnen, als sie
wohl wnschte, und am Ende schieden sie vertraulicher und vergngter
auseinander, als es nach einer steifen Staatsvisite mglich gewesen
wre.

Der in der Kirche gefate Vorsatz, aus Lorenz und Lorchen ein Paar zu
machen, erreichte schon an diesem Tage seine vllige Reife, und die
Hflichkeit, mit der Lorenz die Fremden behandelte, und das aufmerksame
Wohlwollen, mit dem sie ihm begegneten, rckte sie in Gedanken auf dem
Weg zum Traualtar der beiden jungen Leute um einige Schritte nher.

Wirklich war die ganze Wernersche Familie so beschaffen, da, ohne
Rcksicht auf ihr betrchtliches Vermgen zu nehmen, eine zrtliche
Mutter dem Liebling ihres Herzens wohl wnschen konnte, mit ihr
verbunden zu seyn. Indessen bei der Verwalterin war das Geld die
Hauptsache. Jede liebenswrdige Eigenschaft, die Lorchen berechtigte
auf einen glcklichen Ehestand zu hoffen, jede husliche Tugend, die
das Glck eines braven Mannes zu machen versprach, htte die Alte
gegen klingende Mnze willig vertauscht, um dadurch ihre Mitgift zu
vergrern. Sie glich so vielen thrichten Mttern, die zufrieden sind,
wenn ihre Kinder nur glcklich _scheinen_. Da die unverflschte Natur
des Menschen mehr fr eine ruhige Mittelmigkeit, als fr berflu
geschaffen ist, dnkte sie nur ein ser Traum zu seyn, mit dem die
Armuth sich ber die Bitterkeit des Mangels und des Entbehrens tuscht.
Ach der Reichthum ist ein goldener Schild, der die Pfeile des Kummers
nicht von unserer Brust zurck zu halten vermag; -- der hchstens nur
durch seinen Glanz verhindert zu sehen, wie tief sie gedrungen sind! --
Das glaubte aber die Verwalterin nicht.

Der alte Werner vereinte mit strenger Redlichkeit eine frohe, heitre
Laune, der das Bewutseyn immer Nahrung gab, kein Stiefsohn des Glcks
gewesen zu seyn, und dennoch die gnstigen Blicke desselben, nicht,
wie so viele thun, auf Kosten seines guten Namens und seines Gewissens
erschlichen zu haben. Seine Frau, ein Weib voll Herzensgte, ohne
alle Anmaungen, hatte aus ihrer ehemaligen Armuth in ihren jetzigen
Wohlstand jene seltne Stimmung des Charakters bergetragen, die mit
Phlegma verschwistert ist, und mit der gewisse Menschen gute und bse
Tage gleich freundlich anzulcheln im Stande sind. Sie war vergngt
und gutes Muthes gewesen, als ihre Umstnde sie noch zwangen, durch
harte Arbeit ihr Brod zu erwerben -- vergngt und gutes Muthes -- doch
nicht _mehr_ als vorher -- war sie auch jetzt, da Flei und Glck ihre
Lage verbessert, und ihre alle die Bequemlichkeiten selbst verschafft
hatten, die sie sonst nur bei Andern gekannt, -- aber darum nicht
beneidet hatte. Der einzige Gegenstand, wobei es sich verrieth, da
ihr stiller Gleichmuth auch in Leidenschaft bergehn konnte, war ihre
Tochter, der Augapfel beider Eltern, aber doch vorzglich von der
Mutter geliebt, die mit Freuden ihr Leben, und alles was es angenehm
machte, htte opfern knnen, wenn es nothwendig zur Zufriedenheit ihres
Lorchens gewesen wre.

Lorchen war ein gutes, einfach erzogenes, einfach gesinntes Mdchen.
Still und unbemerkt war sie im Schooe der Huslichkeit und der
Familienliebe herangewachsen, und ihre bescheidenen Wnsche reichten
nicht ber den Kreis hinaus, den ihr das Schicksal angewiesen hatte, um
ihre Krfte ntzlich zu ben. Flei, Sanftmuth, Gehorsam und Ordnung --
-- alle diese Tugenden waren ihr angebohren -- sie hatte keinen Kampf
mit ihrer Neigung nthig, um sie erst zu erringen -- sie durfte nur
mechanisch ihrem Gefhle folgen, so war sie sicher, niemahls irre auf
dem Wege zu gehen, den ihre Pflicht ihr vorzeichnete. Weder Empfindung
noch Verstand waren bei ihr lebhaft, aber ihre reine, bescheidene
Gutmthigkeit htte darum doch den strengsten Forderungen gengt, weil
sie alles freundlich ersetzte, was ihr von andern Seiten noch zu fehlen
schien.

Der Umgang zwischen beiden Familien wurde nun fleiig fortgesetzt, und
die Verwalterin, die bald bemerkte, da Lorenz Eindruck auf Lorchen
gemacht hatte, glaubte, da es nun Zeit sey, mit ihrem Plan gegen die
beiden Alten herauszurcken. Sie fing mit leisen Anspielungen an, die
gehrigen Orts wohl aufgenommen, und gnstig erwiedert wurden. Auch
Lorenz machte seiner Mutter durch sein Betragen die schnste Hoffnung,
er werde in ihre Wnsche einwilligen, und jeder Lobspruch, den er mit
freundschaftlicher Wrme Lorchens Tugenden zollte, galt bei ihr fr
eine uerung der Liebe. So standen die Sachen -- es schien, da alle
Theile gleichsam schweigend in eine Verbindung der beiden jungen Leute
eingewilligt hatten, als fehle nur noch die letzte deutliche Erklrung,
um sie vllig zu schlieen, und gerade zu dieser Zeit war's, als mein
Unstern den Kammerherrn zum erstenmahl nach Mhlberg fhrte.

Was darauf folgte, wissen Sie. -- Die Anstalten zu meiner Abreise waren
bald getroffen, und endlich erschien auch der Tag, der mich meiner
neuen Bestimmung entgegen fhrte. Eine dunkle Ahndung des Kummers, der
auf mich wartete, kmpfte mit den Freuden des Wiedersehns, die ich
schon in Gedanken geno, und mischte doppelte Bitterkeit in den Becher
des Scheidens. Fest an die Brust meiner weinenden Mutter gedrckt,
versprach ich, ihren Lehren zu folgen, und den Grundstzen treu zu
bleiben, die meine verewigte Wohlthterin mir eingeprgt hatte, und die
bisher der Stolz und das Glck meines einfachen Lebens gewesen waren.
Der Ernst und die kindliche Zrtlichkeit mit der ich ihr gelobte, nie
ihre Warnungen zu vergessen, besnftigte den mtterlichen Schmerz, und
lieh der Trennung eine mildere Gestalt als vorher. Voll Vertrauen auf
den Schutz der Vorsicht, der sie mich bergab, und auf meine eigne
Festigkeit lie sie mich aus ihren Armen -- ach! um mich unglcklich
wieder zu sehn. --

Wie in Gewittertagen die Sonne oft durch finstere Wolken strahlt --
oft sich wieder hinter sie verbirgt, so wechselten se und traurige
Empfindungen in mir auf der kurzen Reise, die mich dem Nachdenken
einsam berlie. Der Abschied war berwunden -- in der Ferne winkte
mir trstend das Bild meines Geliebten -- und dennoch flossen meine
Thrnen. Ach die Ungewiheit, in deren Dunkel meine Zukunft schwamm,
war nicht gemacht, sie zu trocknen oder zu stillen. -- Bange Sorgen,
denen ich keinen Namen zu geben wute, drckten mit Centnerlast
mein Herz, das sich bald den schwermthigsten Zweifeln, bald den
frhlichsten Hoffnungen hingab. Und in dieser Stimmung, die die
Vorbedeutung meines Schicksals war, langte ich in Spillingen an.

Lorenz half mir aus dem Wagen. Seine Freude, seine Liebkosungen
verbannten bald die zagende Unruh meiner Brust, und der erste
Augenblick, den ich ungestrt in seinen Armen verlebte, shnte mich aus
mit dem Schritt, den ich gethan hatte, um seinetwillen meine stille
sichere Heimath zu verlassen.

Ich trat meinen Dienst nun an. Die ersten Wochen lieen mir nichts zu
wnschen brig, und spotteten der Furcht, mit der ich hergekommen war.
Der Kammerherr behandelte mich mit Gte und Herablassung, aber bei
aller seiner Freundlichkeit doch so offen, da auch das besorgteste
Mitrauen keine Ursach zum Argwohn gefunden htte. Seine Gemahlin
betrug sich gegen mich nicht wie eine Gebieterin, sondern wie eine
gtige Freundin. Ihr ganzes Wesen war eine Mischung von Unbesonnenheit
und Leichtsinn, aber ihre angebohrne Liebenswrdigkeit lieh ihren
Fehlern eine so gefllige, einschmeichelnde Aussenseite, da man sie
nur nach einer langen, genauern Bekanntschaft verachten konnte. Sie
hatte kein Herz, sie liebte nichts -- nur das Vergngen war ihr Abgott.
Sie konnte weinen und in Ohnmacht fallen, wenn ein Falke vor ihren
Augen eine Taube zerri, aber kalt und fhllos wandte sie sich von den
Leiden ihrer Nebengeschpfe ab, und wenn sie half, so geschah es mit
Geld, nicht aus Mitgefhl, sondern weil der Anblick des Elends ihr
zuwider war. Jene feinern Wohlthaten, die Theilnahme, Trost und guter
Rath dem Unglcklichen sind, waren ihr fremd. Sie wute nicht, da sie
den Werth der kleinsten Gabe damit unendlich erhhen knnte, oder, wenn
sie es auch wute, so war ihr Charakter zu diesen Tugenden nicht fhig.
Und dennoch vermochte diese Frau Anfangs, ehe ich sie nher kennen
lernte, durch ihre reizende Freundlichkeit, die ich fr Gte hielt,
mein argloses Herz an sich zu ziehen, denn es hing zu fest an den
sen Glauben an allgemeinen Edelmuth, als da ich ihn so leicht auf
eine bloe Warnung htte aufgeben knnen -- und kme sie selbst aus dem
Munde meines Lorenz.

Lorenz that diesen Menschen Unrecht, sagt' ich oft zu mir selbst.
Auch die heftigste Tadelsucht kann an der Art, wie sie mit mir
umgehn, nichts strafbares entdecken. Seine Liebe machte ihn besorgt,
und gab seinen Schilderungen die schwarze Farbe der Gefahr, inde
die Wirklichkeit mir nur den Glanz der Freude zeigt. -- Ich hatte
Gelegenheit, ihn tglich einigemahl zu sprechen. Se, unvergeliche
Stunden der vertraulichsten Liebe schwanden mir an seiner Seite dahin.
-- Einst sagt' ich ihm meine Meinung ber seine ungegrndete Furcht.
Gott gebe, da es so bleibt, antwortete er mit frohem Blick. Wir werden
dann beide vielen Kummers berhoben seyn.

Drei Wochen war ich ohngefhr in Spillingen gewesen, als Lorenz eines
Tages zu mir kam. Ich habe eine Bitte an Dich, sprach er. Wirst Du
sie mir auch gewhren? -- Fordere, was Du willst, versetzt' ich,
ich thue Dir alles zu Gefallen. -- Nun denn, so mache meiner Mutter
einen Besuch. Ich wnschte, da sie Dich kennen lernte, sie wird Dich
denn gewi auch lieben, und wir kommen unserer Vereinigung dadurch
um manchen beschwerlichen Schritt nher. Freilich fhl' ich wohl mit
innerm Schmerz, da sie Dir nicht behagen kann und wird, -- aber schone
ihre Schwchen, Justine! sieh sanft ber ihre Fehler hin, und denke:
Sie trug Deinen Lorenz unter ihrem Herzen. Diese Vorstellung wird
Deinem Betragen doch wenigstens einen Schein von der Achtung geben, die
sie brigens durch ihre Denkungsart Dir nicht einflen kann.

Ich umarmte ihn. Ein ser Aufruhr, vermengt mit zagender Angst, mit
bangen Erwartungen, entstand in meinem Innern bei dem Gedanken, die
Frau zu sehen, die meinem Geliebten das Leben gegeben. Ich hatte schon
lngst ihren Anblick gewnscht und gefrchtet. -- O Lorenz, rief ich
aus, sie ist Deine Mutter, und die heiligen Rechte, die ihr die Natur
ber Dich verlieh, sind Ursach genug fr mich, sie zu lieben und zu
ehren. Sieh, ich habe noch um keines Menschen Neigung geworben, -- aber
alles was in meinen Krften steht, will ich anwenden, um die ihrige zu
erlangen, und es wird mir gelingen. Das Bestreben, Liebe zu gewinnen,
kann nicht mifallen, wenn es aus einem reinen, redlichen Herzen kmmt.

Gerhrt sah Lorenz mich an, -- in sein ernstes, groes Auge traten
Thrnen. Gutes Mdchen! sagte er mit inniger Empfindung, Deine
Unschuld und Deine anspruchslose, stille Gte mu jeden, der Dich
sieht, unwiderstehlich fr Dich einnehmen. La mich die se Hoffnung
nhren, da auch meine Mutter gerecht gegen Dich seyn werde. Wre sie
es nicht, -- er drckte heftig meine Hand an seine schlagende Brust;
seine Thrnen verlohren sich, -- sein sonst so ruhiger Blick fing an zu
flammen; -- wre sie es nicht, -- o Justine! ich wrde die Seligkeit,
Dich zu besitzen, dann freilich nicht so ungetrbt und lauter genieen,
als wenn der Segen meiner Eltern auf unserm Bndni ruhte, aber ich
wrde sie dennoch mit allem erkaufen, was mir ehedem theuer war, denn
ich fhl' es, ich kann ohne Dich nicht glcklich seyn, und nicht wahr,
auch Du kannst es nicht ohne mich? -- Ich fhle mein Wesen so fest, so
unauflslich an das Deinige gekettet, da mich nichts mehr von Dir
scheiden kann. Nur, wenn ich mich in Deinem Herzen betrogen htte, --
wenn die Erfahrung mir lehrte, da Du meiner Achtung nicht werth wrst,
nur dann knnte ich von Dir lassen, -- nur dann wrde ich meine Liebe
den Pflichten des Gehorsams aufopfern, die ich meinen Eltern schuldig
bin, aber um den Frieden meines Gemths, um das Glck meines Lebens
wre es auf immer geschehn. Doch das wird nie geschehen! -- Du siehst,
und ich schwr' es Dir von neuem, da mich nichts von Dir zu trennen
vermag, als eine Unmglichkeit, die ich nicht einmahl frchte, und die
ich nur als Schatten neben dem Bilde voll Licht und Freude aufstelle,
das mir entgegen lacht, um durch den Contrast mein Glck desto
lebhafter zu empfinden.

Ich bin vielleicht zu weitluftig, unterbrach Justine ihre Erzhlung,
aber Sie mssen mir vergeben. Es ist so s schner Stunden zu
gedenken, auch wenn sie auf ewig verlohren sind, und mein nur allzu
treues Gedchtni ruft sie mir mit den kleinsten Umstnden zurck, da
ich mich gern der Erinnerung berlasse, die mich in die Vergangenheit
zurckfhrt. Auch werde ich nun krzer seyn. -- Den angenehmsten Theil
meines Lebens habe ich Ihnen bereits geschildert, -- -- nur mit Thrnen
und Entsetzen kann ich bei den Auftritten verweilen, die ihm folgten,
darum werde ich so schnell als mglich ber sie hineilen.

Mein Besuch bei der Verwalterin war der Anfang meiner Leiden. Ich
ging mit einem Herzen zu ihr, das so bereitwillig war, sie kindlich
zu verehren, da es ihres ganzen Hochmuths, den sie mich fhlen lie,
ihrer ganzen niedrigen Denkungsart, die sie mir verrieth, bedurfte,
um sich mit Widerwillen von ihr zu entfernen. Es hatte ihren Stolz
beleidigt, da ich als ein neuer Ankmmling in Spillingen, erst in
der dritten Woche einen Besuch abstattete, der, wie sie dnkte, einer
Frau von ihrem Ansehn schon in den ersten Tagen gehrte. Alle die
Kammerjungfern, die vor mir hier gewesen waren, hatten ihr kein solches
Beispiel von Geringschtzung und Unhflichkeit gegeben. berdie
war ihr auch die Herzlichkeit aufgefallen, mit der Lorenz meiner
gedacht hatte, und die sich sehr von den Lobsprchen unterschied,
die er Lorchen gab. Der Argwohn schrfte ihren Blick, und um das
Einverstndni unserer Liebe zu errathen, brauchte ihr Auge nicht
einmahl so hell zu seyn, wie es wirklich war. Lorenz und ich haten
die Verstellung, und sie milang uns selbst da, wo sie nthig war.
Unserer unbefangenen Offenheit entschlpfte mancher Ausdruck, der
unser Geheimni enthllte, statt es zu verbergen, und mich dnkt, eine
Liebe, die sich so zu verstecken wei, da man ihr Daseyn nicht einmahl
ahndet, kann unmglich so wahr und so innig seyn, wie die unsrige war.

Lorenz bemerkte die verchtliche Klte wohl, mit der seine Mutter
mich aufnahm. Ich sah ihn leiden, ich fhlte die Feinheit, mit der er
ihren gemeinen, beleidigenden usserungen eine andere Wendung zu geben
suchte, und das Herz blutete mir. Die Wehmuth, die ich empfand, mich so
abstoend behandelt zu sehen, lie mich meine gereizte Empfindlichkeit
beherrschen, und nach einer hchst abschreckenden, unfreundlichen
Begegnung von Seiten der Verwalterin trennte ich mich dennoch von ihr
mit Hflichkeit.

Lorenz wollte mit mir nach dem Schlosse zurckgehn, aber ich nahm
seine Begleitung nicht an, um die ble Laune seiner Mutter nicht noch
mehr zu erregen, da sie, wie ich mir nicht verhehlen konnte, auf unsere
Liebe mit einem sehr ungnstigen Auge sah. Als ich in meine Kammer
trat, warf ich mich aufs Bett, um recht herzlich zu weinen. Ach noch
vor zwei Stunden war ich um eine schne Hoffnung reicher gewesen --
bitter hatte sie mich getuscht. -- Jetzt lag nur eine kummervolle
Aussicht vor mir, die Aussicht mit der Abneigung seiner Mutter kmpfen
zu mssen, um glcklich zu seyn, und wie milich war dieser Kampf, da
mein eigenes Selbstgefhl mich abhielt, ihn zu wagen.

Es klopfte leise an meiner Thr. Ich glaubte, es sei Lorenz, und
trocknete schnell meine Thrnen. Als ich die Thr ffnete, stand der
Kammerherr vor mir.

So allein, mein Kind? sagte er, indem er hereintrat, und wenn ich nicht
irre, so hast Du geweint? -- Was ist Dir, Justine? ich will doch nicht
hoffen, da Dir jemand im Hause Anla zur Unzufriedenheit gegeben hat?

Ich war verlegen, da mein Kummer einen andern Zeugen hatte, als den,
um den ich ihn litt, und wute seiner Frage weder auszuweichen, noch
sie zu beantworten.

Rede freimthig, fuhr er fort, Du sprichst mit einem Freunde, der
warmen Antheil an Dir nimmt, und dem Du ganz offen den Gram und die
Sorgen Deines Herzens entdecken kannst. Hat Dich jemand beleidigt? ist
Dir sonst etwas unangenehmes widerfahren? -- O rei mich aus der Unruh,
in der ich Deinetwegen bin, und sei versichert, da ich Dein Zutrauen
verdiene.

Dies alles sagte er mit einer sanften Stimme, wie ungeheuchelte
Theilnahme zu sprechen pflegt; -- selbst den widerlichen Ausdruck,
den seine Augen gewhnlich hatten, wute er zu beherrschen, ob er sie
gleich fest und forschend auf mich heftete. Durch sein untadelhaftes
Betragen gegen mich whrend meines Aufenthalts in Spillingen war
der Argwohn so ziemlich in mir verlscht, den sein erster Anblick
unwillkhrlich in mir erregte. Die Gewohnheit, ihn tglich zu sehn,
hatte seinen Zgen das Auffallende benommen, das mich bei unserer
ersten Bekanntschaft mit einem heimlichen Schauder von ihm zurckstie,
und weit entfernt, mir die feindseelige Bedeutung, die in ihnen lag,
auf Kosten seines Charakters zu erklren, hielt ich sie blo fr ein
Spiel der Natur zum Nachtheil seiner Gestalt.

Indessen, so sehr auch meine Brust das dringende Bedrfni fhlte,
ihren Kummer mitzutheilen, um sich zu erleichtern, so wagt' ich doch
nicht, mein schchternes Schweigen zu brechen, weil ich nicht wute,
ob Lorenz meine Offenherzigkeit billigen wrde. Der Kammerherr blickte
mich unverwandt an, -- seine ernste Miene verlohr sich endlich in
ein gtiges Lcheln. So willst Du mir denn nichts gestehen, sagte
er, indem er meine Wange streichelte, ber welche noch immer Thrnen
herabflossen. Ich mu mich also wohl aufs Rathen legen. Glaube mir,
Justine, ich kenne das menschliche Herz und seine Regungen, -- und wenn
die auch nicht wre, -- diese lieben Augen, die der Spiegel Deiner
Seele sind, verrathen Dein Geheimni nur allzu deutlich, selbst wenn
Deine Lippen schweigen. Du liebst, ist es nicht wahr, Justine? -- Du
liebst meinen Jger?

Ich antwortete nicht, aber ich weinte heftiger. Ach die Liebe mchte
ihren Kummer gern der ganzen Welt verbergen, und doch ist sie nur
allzubereit, ihn zu enthllen, wenn ein ahndender Blick in ihr Inneres
dringt, und eine theilnehmende Frage, nach ihrem Zustande forscht. Der
Kammerherr fhrte mich freundlich zu einem Stuhl, und lie mich setzen,
da ich von Betrbni ganz erschpft war.

Gutes Mdchen! fuhr er fort. Die Empfindungen Deines Herzens waren mir
lngst klar, und jetzt muthmae ich auch die Ursach Deiner Thrnen.
Du kommst von der Verwalterin -- mtterlich, glaubtest Du, wrde sie
Dich empfangen, und die stolze, thrichte Frau, die sich nur von einem
vollen Kasten das Glck ihres Sohns verspricht, lie Dir ihre ganze
Albernheit fhlen. Ist es nicht so, meine Liebe? -- Ich bejahte es
durch Zeichen, denn ich war unvermgend, zu sprechen.

Beruhige Dich, nahm er das Wort auf's neue. Noch sind Deine Aussichten
so trbe nicht, wie Du vielleicht denkst, und _meine_ Verwendung bringt
Dich am schnellsten und sichersten zum Ziel Deiner Wnsche, wenn Du sie
annehmen willst.

Die Allgewalt der Freude ergriff mich. Mit der Hoffnung fand ich die
Sprache wieder. -- Ob ich will? rief ich aus, o gndiger Herr, wie
kann ich jemahls Ihre Gte vergelten? Ich lugne es nicht, mein ganzes
Herz hngt an Lorenz, und die Unfreundlichkeit seiner Mutter hat es
zerrissen, weil sie die Wahrscheinlichkeit vernichtete, mit ihrer
Einwilligung dereinst die Seinige zu werden. Wenn Sie Sich unserer
annehmen -- ach Gott! _lohnen_ knnen wir es Ihnen nicht, aber als
unsern Schutzgeist werden wir Sie ewig verehren, und lebenslang will
ich fr Ihr Glck und Ihre Wohlfahrt mit dem dankbarsten Herzen zum
Himmel beten! -- Ich fiel vor ihm nieder und umfate seine Kniee. Die
Erkenntlichkeit, die ich fr ihn fhlte, umgab ihn mit der Glorie eines
Engels fr mich. --

Hier hast Du meine Hand, versetzte der Kammerherr lchelnd, ehe ein
halbes Jahr vergeht, bist Du Lorenzens Frau; freilich nur unter einer
Bedingung -- aber diese ist zu billig, und Du bist viel zu klug, als
da Du sie nicht gern erfllen solltest.

Bestrzt sah ich ihn an. In seinen Ton mischte sich auf einmahl so
etwas schneidendes -- und in seinen Blicken brannte pltzlich ein so
dstres arglistiges Feuer, da sich mein alter lngst entschlummerter
Argwohn leise aber schrecklich wie ein Gespenst der Mitternacht wieder
hervor stahl. Und was ist das fr eine Bedingung? fragt' ich bebend.
Ich denke, sie soll Dir nicht schwer fallen, sagt' er grinzend. Sie
besteht darin: da Du mich liebst.

Diese Worte, der Ausdruck mit dem er sie sprach, und die Miene mit der
er sie begleitete, jagten einen Fieberfrost durch meine Glieder.

Mir ahndete nichts Gutes, doch sah ich wohl ein, da meine Lage eher
schlimmer als besser werden knnte, wenn ich die Angst verriethe, die
mein Innres beklemmte, darum sucht' ich sie zu verbergen, und that, als
htte ich ihn nicht verstanden, wiewohl sein verhates, brennendes Auge
selbst meiner Unerfahrenheit keinen Zweifel mehr brig lie.

Ja, ich werde Sie lieben, antwortete ich zitternd, als meinen
Wohlthter, als den Schpfer meines Glcks. -- Mehr verlangen Sie
gewi nicht von einem armen Mdchen, deren Wesen Sie genau genug
erforscht haben, um zu wissen, da Lorenz ihr Eins und ihr Alles ist.

Kleine Nrrin! erwiederte er, ich will auch Lorenzen keineswegs
Deinen Besitz streitig machen. Warum siehst Du mich so zaghaft
an? -- Verliehre nicht das Vertrauen zu mir. Ich verspreche Dir
feierlich, Du sollst Deinen Geliebten haben; aber da unsere
beiderseitige Glckseligkeit recht wohl neben einander bestehen kann
-- warum wolltest Du mir da wohl Grillen in den Weg legen, die unter
vernnftigen Leuten lngst aus der Mode gekommen sind, und die nur
Dir selbst schaden, indem sie die Erfllung Deines Lieblingswunsches
weiter hinausschieben, als nthig ist? -- Ich schaffe Lorenzen einen
Dienst, der Euch beide anstndig ernhrt -- ich bewege die Mutter
zur Einwilligung -- Dir gebe ich eine artige Aussteuer -- -- kann ich
_mehr_ thun, Dir meine Neigung zu beweisen, und wolltest Du wirklich so
grausam seyn, sie mit nichts als Deinem Gebet zu belohnen? --

Lnger konnte ich meinen Unwillen nicht verhehlen. Ich habe geglaubt,
sagt' ich bitter, da Wohlthaten, die aus einem edlen Herzen kommen,
auf weiter nichts Ansprche machen drften, als auf Dank. Sonst
verliehren sie ja ihren hchsten Werth, den Werth der Uneigenntzigkeit.

Du kennst den Lauf der Welt noch nicht, mein Kind, versetzte er
hhnisch lchelnd. Niemand thut etwas umsonst, wie kannst Du von
_mir_ verlangen, da ich fr meine Mhe leer ausgehen soll, da mir
Deine Liebenswrdigkeit eine so reiche Vergeltung anbietet? -- Du
besinnst Dich noch eines Bessern, ich gebe Dir Bedenkzeit. Ich habe
mir wohl eingebildet, da ich Hindernisse bei Dir antreffen wrde;
indessen denke ich sie zu bekmpfen. Schwierigkeiten erhhen den Reiz
der Liebe, und die Frchte, die langsam reifen, sind am sesten. Du
wirst schon einen Entschlu fassen, der Deiner Vernunft Ehre macht,
wenn Du berlegst, welch' einen Ausgang Deine Liebschaft nehmen knnte,
wenn Du mich zum Feinde bekmest -- und das wre ja unvermeidlich,
wenn Du meiner heien innigen Zrtlichkeit das Afterbild jener
lcherlichen Tugend vorziehen wolltest, die man Dir einprgte, wie man
Kinder mit dem Knecht Ruprecht zu frchten macht, und die jetzt der
gebildetere Theil der Menschen nur fr das, was sie ist, fr einen
aberglubigen Wahn erklrt, den frmmelnde Matronen ergreifen, wenn
die Jugendfreuden an ihnen vorbergeeilt sind.

Mein Abscheu brach gewaltsam hervor -- kaum konnt' ich seine erste
Heftigkeit migen. Ist Ihnen, sagt' ich verchtlich, der Gedanke nicht
Belohnung genug, zwei gute Menschen glcklich gemacht zu haben, so
kann ich Ihre Verwendung nicht annehmen. Lieber will ich unglcklich
seyn, als die Grundstze verlugnen, die mir unverbrchliche Treue zum
heiligsten Gesetz der Liebe machen.

Lorenz hat Dich wohl schon mit seinen Schwrmereien angesteckt,
unterbrach mich der Kammerherr. Bedenke alles recht genau -- nur in
Deiner eignen Hand steht das Glck oder Unglck Deines Lebens. In
einigen Tagen sprechen wir uns wieder. Eher will ich keine Maregeln
treffen, und ich schmeichle mir, Dein Betragen wird mich niemahls
nthigen, welche zu ergreifen, die Deinen Wnschen entgegen sind. Ich
befehle Dir Verschwiegenheit gegen Jedermann, selbst gegen Lorenz --
berhaupt, setzte er lachend hinzu, _soll_ und _mu_ fr ihn alles ein
Geheimni bleiben, was zwischen _uns_ vorfllt.

Mit diesen Worten ging er fort, und lie mich in einer grern
Hoffnungslosigkeit zurck, als er mich angetroffen hatte. Ich berlegte
mein Schicksal -- ich betrachtete es von allen Seiten, aber ich konnte
keine finden, die nur einigermaen freundlich war. Das stille Wohnhaus
meiner Eltern allein trat wie der einzige Ruhepunkt, der mir brig
blieb, vor die Blicke meines Geistes, die sich brigens in die Zukunft
wie in eine dunkle Nacht verlohren. Dort, rief ich mit strmischer
Wehmuth, und richtete mein nasses Auge nach der Gegend, wo Mhlberg
lag, dort in meiner friedlichen Einsamkeit war ich glcklich! O warum
mute ich sie verlassen! -- Doch nach und nach verlohr mein Schmerz
seine erste Heftigkeit, und mein Unmuth wurde milder. Leiden, sagt'
ich zu mir selbst, sind der Probierstein des menschlichen Herzens.
O Lorenz -- das Schicksal kann alle Freuden, alle Hoffnungen meines
Lebens vernichten, nur meine Liebe und meine Tugend nicht. Weg mit
aller Bangigkeit! -- Menschen knnen unsern Bund zwar erschweren, aber
doch nicht trennen; denn unsre Seelen haben ihn geschlossen, und wahre
Liebe trotzt der Ewigkeit. Ach ich wre Deines Herzens nicht werth,
Geliebter! wenn die kummervollen Stunden, denen ich entgegen sehe,
meinen Muth und meine Festigkeit erschttern knnten.

Wre Lorenz in diesem Augenblick zu mir gekommen, htte der Druck
seiner Hand mir gleiche Ausdauer, der Blick seines Auges gleiche
Liebe gelobt, so wren die Funken meiner stolzen Zuversicht, die in
mir glimmten, hell und krftig zur Flamme emporgelodert. Aber sein
Wegbleiben in einer Stunde, wo seine Gegenwart und sein Trost mir so
nothwendig war, lie sie nach und nach wieder verlschen, und ich sank
in meinen vorigen Kleinmuth zurck. Es wurde Abend, und er kam noch
nicht; -- nun wagt' ich es, mit leisen Fragen nach ihm zu sphen,
und erfuhr, da ihn der Kammerherr in dringenden Geschften nach der
Residenz geschickt hatte.

Die Absicht des Bsewichts war mir klar. Er wollte Lorenzen entfernen,
um eine vertrauliche Unterredung zwischen uns zu verhten, denn er
traute meiner Verschwiegenheit nicht, und wenn er auch khn genug war,
der wehrlosen Unschuld gegenber sich in seiner ganzen Nichtswrdigkeit
zu zeigen, so frchtete er doch den festen, verachtenden, strafenden
Blick des ehrliebenden Mannes, der, wenn Lorenz ihn auf ihn heftete,
ihn immer mit einer Art Scheu antrieb, die Plane der Verfhrung zu
verbergen, mit denen sich sein Geist beschftigte.

Als ich die gndige Frau des Abends ausgekleidet hatte, hielt sie
mich mit einem spttischen Lcheln vom Weggehn ab. Nun, Du kleiner
Tugendspiegel, sagte sie, Du bist wohl recht stolz auf den Sieg, den Du
Dir einbildest, erfochten zu haben? Wenn ich Dir aber freundschaftlich
rathen soll, so spanne die Saiten nicht hher. Mein Mann ist des
Widerstands ungewohnt, und kann ihn nicht vertragen. Du knntest Dich
leicht durch Deine Sprdigkeit zeitlebens unglcklich machen. Gieb
ihm nach, das ist das beste Mittel, ihn bald los zu werden. Ich stehe
Dir dafr, in einigen Wochen ist er Deiner so mde, da er Dich keines
Blicks mehr wrdigt, und dann kannst Du ja ganz ungestrt fr Deinen
Lorenz leben. Er giebt Dir eine anstndige Aussteuer, und auch ich will
gern etwas dazu beitragen, nur mache, da er berer Laune wird; denn
wer kann die verdrielichen Gesichter aushalten, mit denen er seit
einen Paar Stunden im Hause herum tobt, und die die einzige Antwort
sind, die ich auf meine lustigsten Vorschlge erhalte.

Wie, gndige Frau, versetzt' ich, Sie knnen im Ernst verlangen, da
ich meine Ehre aufopfern soll, um den Verdru zu verscheuchen, den
Ihr Gemahl _darber_ empfindet, da ich besser denke, als Er? -- O
Ihr Vornehmen, rief ich dann halb auer mir mit immer steigender
Hitze, ist Euch denn die Armuth so wenig heilig, da Ihr mit kalter
Gleichgltigkeit das Einzige zu zertrmmern strebt, was sie so oft
vor Euch voraus hat, das stille Glck, das in dem Bewutseyn _reiner_
Tugend liegt? -- --

Nun, nun, nur gemach, meine schne Romanenheldin! unterbrach sie mich
mit zornigen Blicken. Wer nicht hren will, mu fhlen. -- Ich denke,
mein Mann hat noch ganz andre Mittel in den Hnden, Dich zahm zu
machen, als meine Vorstellungen, die ich nicht bei Dir verschwenden
will.

Damit drehte sie sich von mir weg, und hie mich gehen. -- Die
Einsamkeit meiner stillen Kammer umfing mich mit allen Schauern der
Dunkelheit, und begnstigte die Schwermuth meines Herzens. Ach,
Lorenz, Du hast doch Recht gehabt, seufzte ich, als Du mir diese
Menschen schildertest, und mein argloser Sinn Dich der bertreibung
beschuldigte. -- Ich fhlte deutlich, da mir nichts mehr brig war,
als nach meiner Heimath zurck zu gehn, und ich beschlo, es so bald zu
thun, als mglich. Nur wollt' ich erst Lorenzens Wiederkunft abwarten,
um seine Meinung und seinen Rath zu hren. Bis dahin betete ich zu
Gott um Geduld und Muth, und endlich kehrte Ruhe, -- wenigstens ein
Schimmer, der ihr glich, in meine Seele zurck.

Die nchsten beiden Tage vergingen, ohne da sich etwas zutrug,
was mich von neuem htte ngstigen knnen. Wenn mir der Kammerherr
zuflligerweise begegnete, so waren seine Blicke so kalt und
gleichgltig, da ich hchstens nur seinen Unwillen, nicht _eine_
Spur von Liebe in ihnen finden konnte, und ich freute mich darber,
ob ich gleich dem Entschlu treu blieb, zu meinen Eltern zurck zu
gehn, und mir in dieser Rcksicht sein Zorn eben so ohnmchtig wie
seine Zrtlichkeit schien. Wie gro war daher mein Schrecken, als
ich den nchsten Abend, da ich schon im ruhigen Schlummer in meinem
verschlossenen Stbchen lag, durch das Gerusch eines Kommenden geweckt
wurde. Ich fuhr bestrzt auf, und suchte mich anzukleiden, als ich
eine Bewegung an der Thr vernahm, und einen Lichtstrahl, der durch
das Schlsselloch fiel, ber den finstern Boden zittern sah. Endlich
ging die Thr auf, -- eine mnnliche Gestalt in einen Mantel gehllt,
trat mit einer Blendlaterne herein, und zog den Hauptschlssel aus dem
Schloe. Ich erstarrte, denn es war der Kammerherr. --

Nun, Justine! ich komm Deinen Entschlu zu vernehmen, redete er mich
an.

In dieser Stunde? -- rief ich entrstet. Sie ist der Liebe am
gnstigsten, versetzte er. Keine Zierereien mehr! Du mut mein seyn,
ich habe mir es zu geschworen. Er nherte sich mir, und wollte mich
in seine Arme schlieen. -- Ein leichtes Zittern durchflog mich doch
nur fr einige Momente, -- mit allen Krften, die mir der Abscheu gab,
stie ich ihn zurck. Elender, verworfener Mensch! rief ich, glaubst
Du, da Deine Drohungen, die Schauder der Nacht und das Alleinseyn
mit Dir mich schrecken? -- Nein, Bsewicht, ich trotze Deiner Gewalt.
Er umfate mich aufs Neue, aber ich ri mich los, und strzte zum
Fenster, um Hlfe zu rufen. Er hielt mir den Mund, -- ich fhlte seine
Hand beben, und der Gedanke, da das Laster fast immer feigherzig ist,
erhhte meinen Muth.

Er schleppte mich in die Mitte des Zimmers. Mdchen, sagte er, sei
keine Nrrin, ich bitte Dich darum. Bei dem kleinsten Lrm, den Du
machst, bist Du verlohren. Giebst Du mir aber nach, so schwr ich Dir
bei allen Heiligen, ich will nicht eher ruhen, bis ich Dein Glck
vollendet, und Dich mit Lorenz verbunden habe. Beharrst Du aber bei
Deiner Thorheit, so betheure ich Dir, da ich nicht mehr die Stimme
der Menschlichkeit, nur die der Rache hren werde. Dein ganzes briges
Leben soll dann der Reue und der Thrnen ber das Schicksal geweiht
seyn, das ich Dir bereiten will. --

Seine Worte machten keinen Eindruck auf mich. Ich konnte nicht mehr
zittern vor dem Mann, den ich so tief verachtete, -- nur die leichten
Bebungen des Zorns, nicht der Angst, durchschauerten meinen Busen. Mein
Herz und meine Tugend erhoben mich so weit ber ihn, da ich seine
Drohungen verlachen konnte. Ungeheuer! antwortete ich, denkst Du, da
ich selbst meine liebsten Wnsche um einen so niedrigen Preis erkaufen
mchte? Nein und wenn Lorenz nie der Meinige wrde, -- -- ich lieb' ihn
ber alles, -- ich wrde hchst elend ohne ihn seyn, -- dennoch wrd'
ich seinem Besitz freiwillig entsagen, wenn ihn mir nur das Laster
verschaffen knnte. -- Er bi die Zhne zusammen, und lachte grlich.
Nun denn, Unglckliche, sagte er, ich habe Dich gewarnt. So werde
denn das Opfer Deiner Dummheit und Deines Starrsinns. Es wird noch
manche Stunde in Deinem knftigen Leben kommen, wo Du bedauern wirst,
diesen Augenblick verlohren zu haben. Deine Verzweiflung soll mein
Triumph seyn! -- Er verlie mich mit dem frchterlichen Schwur, mich zu
verderben.

Da ich den Rest jener Nacht schlaflos und unruhig hinbrachte, ist
wohl natrlich. Zwar traute ich mir Entschlossenheit genug zu, im
entscheidendsten Falle lieber den Tod, als den Verlust meiner Tugend
zu whlen, -- zwar gaukelte die se Hoffnung mir vor, da _die_
vielleicht die letzte Prfung des Schicksals gewesen sei, mit deren
Ende die Rosenzeit meiner Liebe ungetrbt und lachend von neuem
beginnen werde, -- zwar sicherte mich der Vorsatz, der durch diesen
nchtlichen berfall in mir entstanden war, selbst ohne Lorenzens
Zurckkunft abzuwarten, in die Arme meiner Eltern zu fliehen, vor
den fernern Verfolgungen des Kammerherrn, aber dessen ungeachtet
verdrngten finstre Ahndungen schnell jeden Strahl des Trostes, der in
meine Seele fiel, und mit heien Thrnen begrte ich das anbrechende
Morgenroth. Sein milder Schimmer schien mir zur Flucht zu winken. --
Ich packte einen Theil meiner Wsche und meiner Kleider in ein Tuch, um
es mit mir zu nehmen, weil ich befrchtete, der Kammerherr werde sehr
saumselig seyn, mir meine Sachen nachzuschicken, -- dann ging ich in
die Garderobe der gndigen Frau, die ich unter meiner Aufsicht hatte,
und brachte alles sorgfltig in Ordnung. Es war noch sehr frh, -- ich
glaubte Jedermann in tiefem Schlaf begraben, und wollte die herrschende
Stille benutzen, um unbemerkt zu entkommen. Als ich die Thr der
Garderobe leise und vorsichtig verschlo, hrt' ich jemand gehen; -- es
war Wolf, ein Bedienter, der aus den Zimmern des Kammerherrn kam. Ich
konnte es nicht vermeiden, ihm zu begegnen. Bestrzt, da schon ausser
mir jemand wach war, ging ich ihm vorber. In seinem Gesicht mahlte
sich Verwunderung, mich zu einer so ungewhnlichen Stunde zu treffen.
Neugierig und kopfschttelnd sah er mir nach bis Ende der Gallerie; --
ich glaubte, da ich keine Zeit mehr zu verliehren htte, flog in meine
Kammer, und eilte dann wie ein gejagtes Reh mit meinem Pckchen davon.

Als ich durch die Hinterthr des Hauses in den Garten, und von da in
einen Seitenweg trat, der mich in sanften Krmmungen die waldigte
Anhhe hinab fhrte, da wurde meine Brust leichter, und mir war, als
sei ich nun allen Gefahren entschlpft, die mir drohten. Mit weiten
frohen Athemzgen trank ich die khle Morgenluft in mich, und mein
glhendes inniges Gebet stieg mit dem Gesang der Lerche, die sich von
einem Waizenfelde trillernd erhob, zum Geber alles Guten empor.

Schon hatte ich den Spillinger Wald so weit hinter mir, da ich nur
leise und unterbrochen den Schlag einer spten Nachtigall noch
vernahm, die ihn bewohnte, -- meine Einbildungskraft trug mich
weiter, wie meine Augen, und zeigte mir Mhlberg, als das Ziel meiner
Wanderschaft lachend von Ferne mit all' dem stillen Frieden, den ich
mir von seinem Wiedersehn versprach. Ich wurde heiter, -- im Grase
blitzte noch der Thau, und die warmen belebenden Strahlen der Sonne
weckten all' die schlummernden Insekten und Wrmchen zum Genu des
neuen schnen Tags, der so freundlich ber uns aufgegangen war. Ich
dachte an Lorenz. Liebend htt' ich bei seinem Andenken die ganze
kleine summende und schwirrende Welt umfassen mgen, die zu meinen
Fen im Sonnenschein sich freute, -- ich fhlte mich vertraut mit
dem regen Leben der Natur, da so tausendfache kleine Gestalten in
froher Thtigkeit bewegte. Ach kalt und gefhllos geht das leere
Herz an allen Gegenstnden vorber, die es nicht mittelbar betreffen.
Nur die Liebe haucht mit sem Zauber jenes reiche Wohlwollen in die
Brust, mit dem wir auch das gleichgltigste Geschpf als ein fhlendes
Wesen betrachten: nur die Liebe knpft uns mit den zarten Banden eines
allgemeinen Antheils an alles, was uns umgiebt, weil sie den Kreis
unserer Empfindungen erweitert und verfeinert.

Ich mochte ohngefhr eine Meile gegangen seyn, als mein Weg sich
theilte. Ich war der Strae nicht kundig, die nach meiner Heimath
fhrte, denn ich hatte Mhlberg zum erstenmahl in meinem Leben
verlassen, als ich nach Spillingen zog, und damahls beschftigten
mich so viele ernste Gedanken an die Zukunft, da ich achtlos mich
der Leitung des Kutschers berlie, der mich abholte. Ich konnte
zwar nicht irren, denn ich hatte den Himmelsstrich immer vor Augen,
unter dem das geliebte Ziel meiner Reise lag, aber dennoch wnschte
ich irgend einem Landmann zu begegnen, um zu erfahren, welcher von
den beiden Wegen am nhesten und sichersten sei. Indem ich so einen
Augenblick stehen blieb, und mich umsah, wurde ich in weiter Entfernung
eine groe Staubwolke gewahr, die sich sehr lebhaft bewegte. Der
Gedanke, da sie von Spillingen kam, machte mir einige Unruh, doch
glaubte ich nicht eher, da man es der Mhe werth finden wrde, mir
nachzusetzen, bis ich die Scharlachuniform des Kammerherrn deutlich von
seinen brigen Begleitern unterscheiden konnte. Eine namenlose dunkle
Angst bemchtigte sich nun auf einmahl meiner. Das Zittern, das mich
berfiel, war beinahe convulsivisch. Ich wollte mich verbergen, --
umsonst! Da war kein schtzendes Gestruch, keine gefllige Anhhe,
die mich den Blicken meiner Verfolger htte entziehen knnen. Endlich
wurde ich einen kleinen trockenen Graben gewahr, der seitwrts die halb
aufgeschossenen Kornfelder theilte. Brombeerenranken und Nesseln warfen
ihren kurzen Schatten darber, -- ich besann mich nicht lange, und warf
mein Bndel hinein. Eben wollte ich ihm folgen, als mich die donnernde
Stimme des Kammerherrn ereilte, der im Gallop herangesprengt kam.

Justine hielt hier einige Augenblicke inne. Ihre Nerven waren in
sichtlicher Spannung, ihre Lippen erblaten und fingen an, zu zittern.
Endlich fuhr sie fort:

Seine erste Anrede, die sehr heftig war, ging fr mich verlohren,
denn ich befand mich in einer Betubung, die mir weder zu hren noch
zu sprechen vergnnte. Als ich ein wenig zu mir selbst kam, erfuhr
ich, da man mich whrend meiner heimlichen Entweichung im Verdacht
eines Diebstahls habe. Wolf hatte mich in einer so frhen Stunde aus
der Garderobe der gndigen Frau kommen sehn; -- meine Bestrzung
war ihm aufgefallen, er hatte mich belauscht. Kurz nachher sah er
mich mit einem Pckchen unter dem Arm leise und vorsichtig durch die
Gartenthr schlpfen, -- nun war in seinen Augen nichts gewisser,
als da ein Verbrechen mich jagte. Er ging wieder in die Zimmer des
Kammerherrn, in die ihn, als er mir begegnete, die Unruh ber einen
begangenen Fehler in der Bedienung getrieben hatte, den er verbessern
wollte, ehe der Herr erwachte, weil er ihn streng zu ahnden pflegte.
Noch schlief er, und so scharf es auch verboten war, ihn im Schlaf
zu stren, so glaubte er doch, da ein so verdchtiger Fall seine
Khnheit entschuldigen werde. Er weckte ihn also, und theilte ihm
seine Muthmaungen mit. Ich bin berzeugt, da der Kammerherr in
seinem Herzen gleich im ersten Augenblick mich von dem Verdacht
eines Diebstahls frei sprach, indessen kam ihm Wolfs Vermuthung doch
erwnscht, da die Rache, die er mir gelobt hatte, vielleicht noch
planlos war, und hier am ersten Gelegenheit fand. Eilig lie er
satteln, eilig traf er die Maaregeln, die zu meinem Verderben nthig
waren, und mit all' der Schadenfreude, die ihm sein Bubenstck schon
machte, ehe es gelungen war, sprengte er dahin. Er rechnete auf eine
Menge ihm gnstiger Umstnde, die seiner Beschuldigung wenigstens einen
Anstrich von Wahrscheinlichkeit gaben. Wolfs Aussage, mein Schrecken,
als ich mich eingeholt sah, die Angst, mit der ich mein Pckchen in
den Graben geworfen hatte, gleichsam als ob das bse Gewissen mir
rieth, es zu verstecken, -- alles die und das starre Schweigen, mit
dem ich mich des Diebstahls anklagen hrte, htte vielleicht auch
einen unbefangenen Menschen wider mich eingenommen. Ach niemand konnte
ja in mein gengstetes Herz sehen, als Gott! und Gott thut keine
Wunder. Niemand hatte Mitleid mit der Dumpfheit meiner Sinne, in der
ich fhllos wie eine Bildsule da stand, ohne mich zu vertheidigen.
Man zog meinen Reisebndel hervor, und brachte es dem Kammerherrn zur
Untersuchung. Ich sah es ruhig an, -- das Bewutseyn meiner Unschuld
go wieder einen Strahl von Lebenswrme in mich, und die berzeugung
mich gerechtfertigt zu sehn, verscheuchte meine Betroffenheit. Als
aber der Kammerherr mit dem Ausruf: O die Betrgerin! sich zu den
Umstehenden wandte, die mich, inde er suchte, sorgfltig gehtet
hatten, -- als er mit den flammenden Blicken der hchsten Wuth auf
mich zukam, und mir ein Armband von Juweelen unter die Augen hielt,
das seiner Gemahlin gehrte, und das er vorgab, unter meinen Sachen
gefunden zu haben, -- da ward es Nacht in meiner Seele, -- alle
Gegenstnde schwankten um mich her, und eine tiefe Ohnmacht, in die
ich fiel, breitete wenigstens fr eine halbe Stunde einen mildernden
Schleier ber den endlosen Jammer, der mein Inneres zerri.

O warum mute ich wieder zu mir selbst kommen! -- Schrecklich, wie
mein Dahinsinken war auch mein Erwachen. Nicht einmahl der trstende
Wahn, da ein schwerer Traum mich nur gengstigt habe, verminderte die
Bitterkeit seines ersten Augenblicks, und mein Elend starrte mich in
all' seiner grlichen Wahrheit an. Ach weg! weg! rief sie weinend,
von dem Andenken jener frchterlichen Stunde. Die Erinnerung an sie
verwundet mich aufs neue, ob sie gleich noch nicht die schwerste meines
Lebens ist.

Der Gerichtsdiener, der den Kammerherrn begleitete, erhielt den Befehl,
fr mich zu haften. Man brachte einen Bauerwagen herbei, da ich mich
vor Mattigkeit nicht auf den Fen erhalten konnte. -- Der Kammerherr
ritt mit seinem Gefolge voraus, und langsam folgte ihm mein Fuhrwerk,
das der Gerichtsdiener mit grimmigen Blicken bewachte.

So kamen wir wieder in Spillingen an. Mit dem Gefhl eines Vogels, der
dem Kficht entschlpft ist, hatte ich es am Morgen verlassen, -- von
der Ungerechtigkeit meines Schicksals und von unverdienter Schande
beinahe vernichtet, sahe ich es wieder. Das Verbrechen, dessen man mich
beschuldigte, war schon vor meiner Ankunft von dem Kammerherrn und von
seinen Leuten auf dem Hofe verbreitet worden. Alles lief zusammen, um
die ertappte Diebin zu sehn. Ein ganzer Zug von Kindern und gemeinem
Volk aus dem Dorfe folgte mir, theils mit lauten Schmhreden, theils
mit kranken Spott bis vor das Schlo, und die Verwalterin lehnte sich
triumphirend weit zum Fenster ihrer Wohnung heraus, und schlug ein
schallendes Gelchter auf, als sie mich erblickte. Nur ein mitleidiges
Auge verbarg sich hinter die Gardinen ihres Zimmers, und weinte mir die
sanften Thrnen des Mitleids, -- -- es war Lorchen.

Man warf mich in einen feuchten Thurm der zum Gefngni diente, und der
selten von Missethtern und niemahls von Ungeziefer leer war. Als die
eiserne Thr hinter mir zuschlug, war mir, als htte sie mich auf ewig
von jeder Lebensfreude geschieden. Ich fiel auf das nasse Stroh, das
den Boden bedeckte, rang die Hnde und schrie voll Verzweifelung: Ach!
htte man so mein Grab verschlossen! -- Ich verlohr mein Bewutseyn
von neuem. Als ich mich erhohlte, sah ich den Gerichtsdiener neben mir
stehn. Eine dster brennende Lampe, die an einer Kette hing, brach die
schwarze Finsterni meines Aufenthalts in eine schauerliche Dmmerung,
die nicht weniger furchtbar war. Neben mir stand Wasser und Brod zu
meiner Nahrung.

Ein Strom von Thrnen strzte aus meinen Augen. Ich streckte meine Arme
bittend nach dem Gerichtsdiener aus, denn es war ja ein Mensch, und
zwar ein Mensch, den ich nie beleidigt hatte. Aber durch sein Amt war
er schon lngst an Auftritte dieser Art gewhnt -- der immerwhrende
Anblick verworfener oder leidender Geschpfe hatte sein Herz nach und
nach mit einer eisernen Rinde berzogen. Mit kalter Unempfindlichkeit
lachte er mir in's Gesicht und sagte: Nicht wahr, das ist ein khles
Nachtlager? Ja, wie man's treibt, so geht's! -- Hierauf nthigte er
mich zu essen, und als mir die unmglich war, lschte er brummend die
Lampe wieder aus, und ging.

O wie lebhaft empfand ich in jenen einsamen nchtlichen Stunden
trotz den mannichfaltigen Leiden meines Zustandes den Werth eines
vorwurfsfreien Gewissens, und einer unbefleckten Tugend. Zwar that
ich Verzicht auf jedes irdische Glck, das ich mir sonst von der
Zukunft versprochen und erbeten hatte, aber in meiner Seele erklang
wie eine reine Harmonie jene trstende Stimme, die auch das Weh der
bittersten Gefhle zu lindern vermag, die Stimme des Glaubens, da
wenigstens _ber den Sternen_ Vergeltung und Gerechtigkeit wohnt, die
die verkannte Unschuld entschdigt. O wohl dem Unglcklichen, dem
ein reines Gewissen bleibt! wohl ihm, wenn auch das Schicksal seinen
herbsten Kelch ihm reicht. Der Kummer kann ihn niederbeugen, aber sein
Bewutseyn hebt ihn wieder empor; und wenn sein Blick auch von Thrnen
getrbt wird, so bleibt ihm doch die Aussicht in die Ewigkeit klar und
hell, die den Schuldigen mit Grausen erfllt.

Die vorige schlaflose Nacht, die ich gehabt hatte, und die Ermdung des
Krpers und des Geistes, die immer auf heftige Gemthsbewegungen folgt,
wiegte mich bald in einen Schlaf, der sanfter war, als man ihn wohl
gewhnlich in Gefngnissen zu schlummern pflegt.

Als ich erwachte, war der Morgen bereits angebrochen. Sein jugendlicher
Schimmer stahl sich durch eine Ritze meines Kerkers, und weckte mich
aus den Trumen einer bessern Welt zu dem schmerzlichen Gefhl der
Gegenwart. Ach, Lorenz! was wirst du sagen, wenn du wiederkehrst?
seufzte ich mit gerungenen Hnden. -- Kann ich, darf ich noch daran
denken, dich jemahls zu besitzen? -- Ach nein! -- Die Unbescholtenheit
meines Nahmens war ja nchst einem Herzen voll treuer Liebe das
Wichtigste und Heiligste, was ich dir zubringen konnte. Ich bin
beschimpft, wenn auch nicht vor Gott, doch in den Augen der Menschen,
deren Meinung du ehren mut. Nur dereinst in jenem Leben, wo das
Verbrechen entlarvt und deine Justine gerechtfertigt seyn wird, nur da
winkt mir Vereinigung mit dir! --

So sagt' ich, aber ich lugne nicht, da sich allmhlig und leise der
Gedanke unter mein Selbstgesprch mischte: Warum soll ich unglcklich
seyn, da ich tugendhaft war? -- Kann ich mich denn nicht vertheidigen?
-- Warum soll ich meine Rechtfertigung erst von der Zukunft jenseits
des Grabes hoffen, da sie auf Erden noch mglich ist, und da meine
tadellosen Handlungen mir die krftigsten Ansprche auf sie geben? --

Ser Wahn! Du kamest freundlich wie die lchelnde Gestalt der Hoffnung
in die melancholische Abgeschiedenheit meines traurigen Behltnisses,
und ich hielt dich fest, weil dein holdes Lcheln Balsam in meine
blutenden Wunden go. Ach ich wute nicht, da die Rache eines
Wollstigen unvershnlich ist, bis sie ihren Gegenstand geopfert und
zertreten hat -- ich wute nicht, da in diesem Falle die Armuth -- sei
auch die reinste Tugend ihr Schild -- in der Gewalt eines mchtigen
Bsewichts sich nur strubt, wie ein wehrloses Lamm in den Klauen des
Wolfs, um zerrissen zu werden. Ich wute es nicht, aber bald erfuhr
ich's.

Man foderte mich vor den Kammerherrn. Ich trat mit all' dem Muth und
Stolz, den mir mein Selbstgefhl gab, unter seine triumphirenden
arglistigen Augen. Neben ihm sa seine Gemahlin und tndelte mit ihrem
Schoohunde. Das smmtliche Hofgesinde schlo einen Kreis um ihn und
mich.

Es herrschte eine feierliche Stille. Ich vernahm die Schlge meines
pochenden Herzens -- -- der Gedanke, weswegen ich hier gleichsam
vor Gericht stand, frbte meine Wangen mit dem brennenden Roth der
unwilligen Beschmung, der gemihandelten Ehrliebe.

Ei, ei! Du hast Deine Sachen dumm gemacht, redete mich die Kammerherrin
an. Wenn Du denn doch einmahl stehlen wolltest, warum gerade ein
Kleinod von so entschiedenem Werth, von einem Werth, den Du gar nicht
einmahl zu schtzen verstehst? Tausend andre Dinge, die man weniger
vermit htte, wren Dir ntzlicher gewesen, und ihre Verantwortung
wrde Dir jetzt leichter seyn.

Ich habe nicht gestohlen! rief ich mit berwallendem Zorn. Nur die
abscheulichste Bosheit, die schwrzeste Verlumdung kann mich eines
Verbrechens beschuldigen, an das ich nie gedacht habe.

Das geht zu weit, unterbrach mich der Kammerherr. Vor allen diesen
Zeugen -- er wies auf Wolf und mehrere -- hab' ich das Armband aus
Deinen Kleidern gezogen, in die Du es listig verborgen hattest, und
dessen ungeachtet bist Du so unverschmt, noch zu lugnen? Willst
Du uns alle blind machen? -- Schon Dein heimliches Entlaufen, Dein
Schrecken, als man Dich ergriff, und die ngstlichkeit mit der Du
Dein Bndel ber die Seite schafftest -- schon die allein wrde Dich
verdammen, auch wenn ich den Beweis nicht in Hnden htte, der Dich vor
aller Welt zur Diebin brandmarkt. Elendes Geschpf! in Hinsicht Deiner
Eltern will ich milder gegen Dich seyn, als die Gesetze des Landes,
die Dir wenigstens das Spinnhaus auf Lebenslang zuerkennen wrden.
Jedermann zum Beispiel und zur Warnung sollst Du heute den ganzen Tag
am Schandpfahl stehn; den Abend soll Dich der Gerichtsdiener mit
Ruthen streichen, und ber die Grnze von Spillingen bringen, die ich
Dir bei hnlicher Strafe verbiete, jemahls wieder zu betreten.

Pfui, lassen Sie das Ruthenstreichen nur weg, sagte die gndige Frau
mit einem Gesicht voll Abscheu, das aber nicht der kleinste Zug von
Mitleiden verschnerte. Es ist genug, wenn sie am Schandpfahl der
versammelten Menge beweit, wieviel an der hochgepriesenen Tugend war,
mit der sie so prahlte.

Auf ihr Zureden milderte der Kammerherr sein Urtheil. berhaupt will
ich zu ihrer Ehre glauben, da sie nicht daran zweifelte, da ich
schuldig war. Der Kammerherr hatte das Armband zu sich gesteckt, um
es unter meinen Sachen zu mischen, da meine unbesonnene Flucht den
Verdacht eines Diebstahls einmahl erregt hatte, und dieser noch immer
nicht hinlnglich war, mich ganz zu verderben, wenn der Beweis fehlte.
Es gelang ihm. -- Mit hmischem Triumph befriedigte er seine Rache,
aber die Art und Weise, deren er sich bedient hatte, um dahin zu
kommen, war doch zu schndlich, als da er sie irgend einem Menschen
htte anvertrauen knnen, wr es auch seine eigene Gemahlin gewesen,
vor der er brigens eben nicht nthig hatte, sich seiner Gesinnungen zu
schmen, da sie so ziemlich bereinstimmend mit ihm dachte.

Vergeblich betheuerte ich unter Schwren und Thrnen die Falschheit
seiner Anklage. Man berschrie, man mihandelte mich, man schleppte
mich fort. In der Mitte des Hofraums stand der sogenannte Schandpfahl,
an dem Hausdiebe und hnliche Verbrecher geschlossen wurden, um durch
die damit verbundene Beschimpfung dem Pbel, dessen Muthwillen
sie Preis gegeben waren, ein warnendes Exempel zu seyn. In dumpfer
Betubung lie ich alles mit mir machen, -- es braute vor meinen
Ohren, ein schwarzer Flor, in dem alle Farben des Regenbogens spielten,
schien vor meinen starren Augen zu schweben, -- meine Gedanken mischten
sich verworren unter einander, -- ich wute nicht, was um mich vorging.

Ach! diese Fhllosigkeit, -- da sie nimmer gewichen wre! -- Aber
leider zerrann sie wie ein vergnglicher Nebel, gerade in dem
Augenblick, wo ich ihrer am meisten bedurfte, um meine Sinne wider
die hrteste Minute meines Schicksals zu waffnen. Der donnernde Huf
eines Rosses drang dumpf durch das lrmende Geschrei der Menge zu mir
her. Eine schmerzliche Ahndung durchzuckte schneidend mein Inneres,
-- unwillkhrlich schlug ich mein gesenktes Auge empor, -- ach da
erblickt' es Lorenzen, der so eben von seiner Reise zurckgekommen
war. Bla wie der Tod, mit hingeworfenem Zgel hing er auf dem Pferde,
wie ein schauerliches Bild der Vernichtung. Erstarren, Wuth und
Verzweiflung, seine Geliebte am Pranger zu sehn, mahlte sich auf seinem
entstellten Gesicht. Krampfhaft zog sich meine Brust zusammen bei
diesem Anblick, und ein Schrei des Jammers erstarb auf meiner Lippe, --
-- weiter kann ich nichts mehr von jener zermalmenden Stunde sagen, --
immer dunkler wurde es vor meinen Blicken, -- ich fhlte nur noch, da
ich niedersank. --

Das Rtteln eines Wagens, auf den man mich geworfen hatte, brachte mich
nach einer langen Bewutlosigkeit wieder zu mir selbst. Es fing schon
an, Abend zu werden. -- Die Sonne neigte sich zum Untergange, und ihr
purpurrother Schimmer vergoldete Mhlbergs Thurm, der nur in einer
geringen Entfernung von mir in dem Kranz der freundlichen Gebsche lag,
den ich nimmer htte verlassen sollen. Mein zerrissenes Herz regte sich
in der Flle seiner Schmerzen bei dem Andenken meiner vorigen einfachen
Glckseligkeit, und bei der Annherung des erschtternden Wiedersehens,
das mir bevorstand.

Ich konnte dem Ausbruch der Thrnen nicht wehren, die mir die
Verzweiflung erprete, und mein lautes Weinen, zog endlich die
Aufmerksamkeit meines unempfindlichen Fhrers auf sich. Es war ein
Bauer aus Spillingen. Der Gerichtsdiener hatte mich ihm ohnmchtig
berliefert, mit dem Befehl, mich meinen Eltern zu bringen. Hchst
unbekmmert um meinen Zustand war er ruhig mit mir fortgefahren, ohne
sich damit zu befassen, ihn zu erleichtern. Gleichgltig langte er
bey der Wohnung meiner Eltern an, und als ich kraftlos aus dem Wagen
strzte, und weinend weder ihre Fragen zu beantworten, noch ihre Angst
zu stillen vermochte, warf er murrend, da ihm niemand beistand, meine
Sachen herunter, die man mit aufgeladen hatte, und sagte: Ja, ja, wie
die Arbeit, so der Lohn. Da habt Ihr Euer sauberes Frchtchen. Dankt
Gott, da sie noch so davon gekommen ist, und haltet sie knftig lieber
zum Gebet und Flei, als zum Stehlen an. -- Damit schwang er seine
Peitsche und fuhr fort. Ich sah nur noch meinen Vater schwanken, sein
graues Haupt entblen, und seine gerungenen Hnde mit dem gebrochenen
Blick des tiefsten Jammers zum Himmel erheben, -- ich hrte nur noch
die Frage meiner Mutter: Ach Gott! was hast Du angefangen? -- dann
entzog mir ein heftiges Fieber, das mich berfiel, meine Besinnung, und
diesen herzzerschneidenden Anblick.

Fnf Wochen lag ich ohne Hoffnung, ohne jemand zu kennen, -- ohne
meiner Vernunft mchtig zu seyn. Die wilden Fantasien, in denen ich
schwrmte, meine Ausrufungen und meine Klagen, in denen trotz der
Verwirrung meiner Sinne doch ein gewisser Zusammenhang war, der den
Stempel der Wahrheit trug, alles die verrieth den Meinigen mein
Schicksal und mein Elend. -- Ach ich war glcklicher als sie, so lang
die Raserei der Krankheit dauerte. -- Der erste Tropfen, der mir im
Becher der Genesung blinkte, war mit neuer Bitterkeit vermischt, die
mein ganzes Leben mit stillem, zehrendem Gram vergiftete.

Als ich wieder zum erstenmahl die Gegenstnde und die Personen
unterscheiden konnte, die mich umgaben, erkannt' ich meine gute
Schwester, die an meinem Bette sa. Ich streckte meine Arme nach ihr
aus, und sie drckte mich zwar mit einem Freudengeschrei, aber zugleich
mit einer Fluth von Thrnen an ihr Herz, die mich erschreckte, als ich
ihr bleiches, kummervolles Gesicht, die tiefe Trauer in ihrem Anzug und
in ihrem ganzen Wesen bemerkte. Ich konnte die ngstliche Furcht nicht
verscheuchen, die mir zuflsterte, da mir noch ein neues schweres
Leiden bevorstand. Eilig und sehnsuchtsvoll frug ich nach meinen
Eltern. Die Mutter ist krank, antwortete Philippine. Ihre Sorgfalt
fr Deine Pflege, ihr Gram ber Dein Unglck und ber mancherlei
andere Dinge hat sie aufs Krankenbett gelegt. Doch verspricht der
Doktor sie bald wieder herzustellen, und die Freude, da es sich mit
Deiner Gesundheit bessert, wird vortheilhafter auf sie wirken, als die
krftigsten Arzeneien. --

Und mein Vater? -- Philippine schwieg einige Momente, dann sprach sie
mit zurckgehaltenen Thrnen: Der Vater schlft -- ihm ist wohl!

O wenn das ist, so wecke ihn. La mich ihn sehn, da ich ihm mein
Schicksal klage, und meine Unschuld betheuere. --

Philippine fing heftig an zu weinen. Ich soll ihn wecken? sagte sie.
Ach, wenn ich _das_ knnte! -- Das vermag nur Gott, der ihn zu sich
nahm.

Justinens Auge flo hier ber -- sie nahm den Faden ihrer Erzhlung
nur nach einer langen Pause wieder auf, in der sie mit ihrem Schmerze
zu kmpfen schien. O lassen Sie mich von den Gefhlen schweigen,
sagte sie dann, die bei dieser schrecklichen Nachricht meine Seele
erschtterten. Ich erfuhr, als ich erst wieder Krfte hatte, mich nher
zu erkundigen, da der Schrecken meinem Vater eine Art von Schlagflu
zugezogen, und da der Kummer und die Vorwrfe, die er meinetwegen
sich selbst gemacht hatte, ihn nach einem kurzen Krankenlager ins Grab
gestrzt hatten. Die festere Natur meiner Mutter erhielt sie mir noch
ein Jahr -- dann folgte sie ihm vor Gottes Richterstuhl, wo sie als
Anklgerin den Urheber meines Elends erwartet.

Und Lorenz? fragte ich mit inniger Bewegung. Konnte Lorenz ein Herz
verkennen, das so edel, und so ganz sein eigen war? --

Lorenz, versetzte Justine mit einem traurigen Lcheln, Lorenz war ein
Mensch. Ob er mich wirklich einer niedrigen Handlung fhig hielt, ob
die Umstnde, die wider mich sprachen, auch ihn zu meinem Nachtheil
stimmten -- ob die Schande, die ich ffentlich erduldete, oder der
Wille seiner Mutter eine unbersehbare Kluft zwischen ihm und mich
warf -- das wei ich nicht. Nur das wei ich, da ein halbes Jahr
verging, ehe mein Schmerz ber den Verlust meines Vaters, und meine
Sorge fr die wankende Gesundheit meiner Mutter mir erlaubte, nach
ihm zu forschen. Die erste Nachricht, die ich von ihm einzog, war die
Nachricht seiner Verbindung mit Lorchen.

Es berraschte mich -- ich lugne es nicht -- es fiel mir hart.
Aber ich war nun schon so in der bung zu leiden, wenn ich mich so
ausdrcken darf, ich hatte der Hoffnung glcklich zu seyn nun schon
so ernst und freiwillig entsagt, da ich bald im Stande war, mich
zu fassen. Kurz darauf hatte ich Gelegenheit, mich von den nhern
Umstnden und dem Charakter des alten Werners und seiner Familie genau
zu unterrichten. Ich hrte so manchen Zug ihrer Rechtschaffenheit, so
manches ungeknstelte herzliche Lob, das vorzglich Lorchen betraf, da
ich nicht daran zweifeln konnte, Lorenz sei glcklich. Auch erfuhr ich,
da seine Heirath der lange ernste Plan seiner Mutter gewesen war, und
ich trstete mich durch die berzeugung, da sie nie in eine Verbindung
mit mir gewilligt, oder doch wenigstens durch ihre Abneigung und ihre
Denkungsart unser husliches Glck getrbt haben wrde.

Als ich die letzte, traurigste aller kindlichen Pflichten befolgt, und
meine Mutter zu ihrer Ruhesttte begleitet hatte, verlie ich Mhlberg,
und zog hieher zu meiner Schwester. Die freundliche Liebe, die mich
empfing, und die mich bald an ihr Haus, an ihren Mann und ihre Kleinen
fesselte, die Einigkeit in unserm engen, trauten Familienkreise, -- o
das erweckte die erste blhende Empfindung wieder, die mich aus dem
langen Winterschlaf meiner Seele ri. In Thtigkeit und Flei, und --
warum sollte ich die reinste Quelle meiner Beruhigung verhehlen? -- in
stiller Andacht und Gebet errang ich mir jene sanfte Ergebung, die sich
ruhig auch in harte Schicksale fgt. Ich dachte noch oft an Lorenz, und
trauerte um meine vergeblichen Trume. Wenn ich mir ihn als Lorchens
Gatten vorstellte, war es mir eine Art von Trost zu glauben, da ihn
nur die Meinung meines Unwerths, und kein Wankelmuth von mir geschieden
hatte, denn, -- es dnkt Sie vielleicht blo eine Schwrmerei, --
aber fest und innig ist der Glaube in meine geprftesten Grundstze
verwebt, da eine Liebe, die _von selbst_ aufhren kann, keine Liebe
_war_, und diesen heiligen Namen nimmer verdiente. Und die Gewiheit,
da mich Lorenz nicht so mit ganzer Seele geliebt htte, als ich es
meinte, -- -- ach _die_ knnt' ich schwerer ertragen, als all' mein
gehabtes Unglck, strmte es auch noch einmahl ber mich zusammen,
denn sie ist der einzige Strahl, der meine stille Abgeschiedenheit
erheitert, wenn ich an die vorigen Zeiten denke.

Und suchten Sie nicht den Bsewicht zur Strafe zu ziehen, der Ihnen
diese trben Tage bereitete, fragte ich. Drangen Sie nicht auf eine
ffentliche Genugthuung?

Nein, antwortete Justine. Bei dem Cirkel, in welchem ich lebe und bei
meinen Bekannten in Mhlberg bin ich lngst gerechtfertigt. Sie kannten
mich zu gut, um nur Einen Augenblick an meiner Unschuld und an der
Wahrheit meiner Aussage zu zweifeln. Da man auch in Spillingen wei,
da ich unverdient gelitten habe, kann mir nichts helfen, denn ich habe
keinen Sinn fr Rache, und wenn es Lorenz erfhre, so knnt' es den
Frieden seiner Ehe stren. Denn ach! -- mten nicht Reue und Schaam
sein Inneres zerreien, wenn er hrte, da ich niemahls seiner Achtung
unwerth gewesen wre, -- -- da nur meine Treue und meine Tugend mich
in Schande und Elend gestoen, und _Er_ mich ungehrt verdammt, und
den Bund der Liebe zerrissen htte, den ich durch keinen Fehltritt
entweiht? -- Nein, oft wnscht ich zwar in seinen Augen gerechtfertigt
zu seyn, aber nicht auf Kosten seiner Ruhe. Er lebt vielleicht
zufrieden und glcklich, -- knnte er es auch noch dann, wenn er wte,
wie ungerecht er dadurch gegen mich gewesen, da der Schein einer
strafbaren Handlung ihm soviel als Gewiheit gegolten habe? Ich glaube
es nicht, und darum trage ich ohne Murren das krnkende Gefhl seiner
Verachtung.

Sie sagte diese Worte feierlich und langsam mit dem Ton der stillsten
Trauer. Ich umarmte sie dankbar fr ihre Erzhlung, und konnte ihr den
Zoll des Mitleids und der Bewunderung nicht versagen. Zu gleicher Zeit
aber erregte Lorenzens Betragen den ganzen Unwillen meines Herzens,
ob ich ihn gleich nicht zu ussern wagte, da Justinens reine Gte
ihn zu entschuldigen schien. Ach verdiente das treuste Herz keine
Nachforschung, ob es auch schuldig war? dacht' ich schmerzlich bei mir
selbst, als ich Justinens blasse Gestalt, so rhrend mit dem Stempel
jener stillen Ergebung bezeichnet sah, die nur ein langwieriger Gram
hervorbringen konnte, -- jener Ergebung, die zwar geduldig die Brde
des Schicksals trgt, aber todt fr alle Freuden ist, die ihr die
Zukunft als Entschdigung bietet. In ihrem nassen Auge strahlte noch
der Liebe reinste Flamme in unvergnglicher Jugend bei der Erinnerung
des Geliebten, -- ach, und er konnte sie einem Verdachte opfern, den
nur leise zu fassen, schon Beleidigung fr ihre fromme Seele war? Nicht
allein die Innigkeit seines Verhltnisses mit ihr; auch die Pflicht
des redlichen Mannes, dnkte mich, htte ihn auffordern sollen, die
Entdeckung der Wahrheit zum Ziel seiner regesten Thtigkeit zu machen,
ihre Unschuld zu prfen, sie der Welt zu beweisen, und das Unrecht zu
rchen, das sie drckte. --

Die kindischen Ausrufungen der Freude, die wir vernahmen, kndigten
Justinen die Zurckkunft ihrer Verwandten an. Wir traten heraus,
als eben das lndliche Fuhrwerk vor der Hausthr hielt. Die Kleinen
begrten mit frohem Geschrei ihre Geschwister und ihre Mutter, die,
als mich Justine ihr vorstellte, mich zwar freundlich, aber nur
flchtig willkommen hie, und mit ihrem wohlwollenden Auge, in das
sich Unruh mischte, aufmerksam und forschend auf dem stillen, ruhigen
Gesicht ihrer Schwester verweilte, die mit den Kindern, welche indessen
froh die bunten Geschenke des Jahrmarkts betrachtet hatten, sogleich
den Schwager vermite.

Aber wo ist denn Dein Mann? frug sie Philippinen, und die Kleinen
hingen sich mit zrtlichem Ungestm an ihre Mutter und riefen: Warum
hast Du uns denn den Vater nicht wieder mitgebracht? --

Er kommt zu Fue nach, antwortete Philippine, und bringt einen
Fremden mit. Sie stiegen unten am Walde ab, um Dich nicht zu heftig zu
berraschen.

Verwundernd blickte sie Justine mit groen Augen an. Wer ist
denn dieser Fremde? sagte sie furchtsam, als ergriffen ahndende
Vorstellungen ihr Inneres. Philippine fiel ihr mit Thrnen um den
Hals. Ein Unglcklicher, sagte sie, der an Deinem treuen Herzen Ersatz
fr das verlohrene Glck der Vergangenheit sucht, um welches das
Schicksal ihn betrogen. Ach Justine, bist Du wohl stark genug, um ohne
gewaltsame Erschtterung einen alten Bekannten wieder zu sehn, der Dir
so theuer war, und der es noch ist, ob Du gleich seinen Verlust als
unwiederbringlich betrauertest?

Justine zitterte -- ihre Brust arbeitete unter heftigen Bewegungen,
ihre Lippen bebten, ohne zu sprechen. Eben kam Frber mit dem Fremden
aus dem waldigten Hintergrund. Ich sah eine hohe, schne mnnliche
Gestalt mit edlen ausdrucksvollen Zgen, denen aber stiller Kummer
seine Furchen eingegraben hatte. Dunkles Haar umflog die bleichen
Wangen, von denen der Gram die Blthe der ersten Jugend und der vollen
lachenden Gesundheit hinweg gebrochen hatte, ohne darum seinem Gesicht
die Anmuth zu rauben, die es mit unaussprechlichem Interesse beseelte.
Wre auch die hnlichkeit zwischen ihm und dem Schattenri in Justinens
Zimmer nicht so auffallend gewesen, wie sie wirklich war, so wrde
schon sein groes schwarzes unbeschreiblich rhrendes Auge, das ich aus
ihrer Erzhlung kannte, mir ihn als Lorenz genannt haben.

Obgleich Justine durch ihre Schwester und durch ihre eignen Ahndungen
auf seinen Anblick vorbereitet war, da niemand als _Er_ eine so tiefe
innige Beziehung auf ihr Herz und ihr Geschick hatte, als da sie
zweifeln konnte, _ihn_ zu sehn, so wirkte seine Annherung doch
gewaltsam, beinah vernichtend auf ihr ganzes Wesen. Sie bedeckte
ihr Gesicht mit beiden Hnden, und warf sich mit einem Laut des
durchdringendsten Schmerzes in meine Arme. Lorenz eilte, beinahe
eben so sehr von seinen Gefhlen ergriffen, wie sie, auf sie zu, und
zog eine ihrer Hnde von ihren strmenden Augen zu seinem Munde. O
Justine, sagte er leise, denn seine Stimme wurde durch die Wehmuth
halb erstickt, die ihn beherrschte: knnten wir beide alle die Leiden
vergessen, die zwischen diesem Augenblick und der Stunde liegen, in der
wir uns zum letztenmahl sahen! -- Ich beweinte Dich als eine Todte,
ach! und als ich erfuhr, da Du lebtest, hielten mich ernste Pflichten
von Dir entfernt, und ich durfte nichts, als um Dich trauern.

Du hieltest mich fr todt? schluchzte Justine: ach, das war ich auch
fr Dich -- ich mute es ja seyn, um meiner Ruhe willen und wegen
Deines eignen Friedens, da Du mich so schnell, so grausam, so ungeprft
vergessen konntest. -- Sie zog ihre Arme zurck, die sich gleichsam
mechanisch gehoben hatten, ihn zu umfassen. Der Gedanke: Er ist nicht
mehr mein! schien vor ihrer Fantasie zu schweben, und mahlte sich in
ihren starren, verzweiflungsvollen Augen.

Ich htte Dich vergessen knnen? rief Lorenz. O Justine, Du thust mir
Unrecht. Dein Andenken war unzertrennlich von mir -- es begleitete
mich wie mein Schutzgeist. Ach, wenn es von mir gewichen wre, wr'
ich vielleicht weniger unglcklich gewesen. Jetzt sind die Bande
zerrissen, die mich fesselten. Der heilige Wille meines sterbenden
Weibes giebt Dir diese Zeilen zum Vermchtni -- und mich!

Seine Thrnen flossen -- Justinens heftiger Schmerz ging in die
sanfteste Rhrung ber. Im heien Mitgefhl dieser Scene hatte ich
bisher den schwarzen Flor bersehen, der um seinen Arm geknpft war --
jetzt, als ich ihn bemerkte, als er den Sinn seiner Worte bedeutend
untersttzte, schpfte mein Herz, zwar von Wehmuth bewegt, aber doch
heiter, eine frohe Hoffnung fr Justinens knftige Tage.

Ihre bebende Hand ergriff den Brief, den er ihr reichte, aber sie
vermochte es nicht, sein Siegel zu ffnen, und ihn zu lesen. Bittend
gab sie ihn mir, und neigte ihr Gesicht an den Busen ihrer Schwester.
Ich verstand ihr flehendes Auge und ihren Wink -- es herrschte eine
allgemeine Stille, -- ich benutzte sie, erbrach ihn, und las:

Wenn am Rande meines Grabes mir noch ein Gedanke Freude machen kann,
so ist es der, da mein Daseyn nun nicht mehr zwei gleichgeschaffne
Herzen scheidet -- Herzen, die sich liebten, ehe noch das Schicksal und
meine Neigung zwischen sie trat. Justine! ich habe Ihnen wehe gethan,
knnen Sie mir vergeben? Ich habe Sie des Verbrechens fhig gehalten,
dessen man sie beschuldigte, weil ich unvermgend war zu glauben,
da die menschliche Natur bis zu der Abscheulichkeit einer solchen
Verlumdung sinken knne. Ich habe einer unglcklichen Schwachheit
gefolgt, und in dem khnen Wahn, als werde es mir gelingen, Ihr Bild in
Lorenzens Brust zu verlschen, bin ich seine Frau geworden. Ach, es war
ein Wahn, auf den sich se Trume grndeten, den aber die Wahrheit
nur allzu schnell vernichtete, da treue Liebe ewig ist. -- Mchte mein
Tod Ihnen recht bald den Geliebten wiedergeben, den, wie ich fhle, man
niemahls vergessen kann. Mchte ein langes und glckliches Leben an
Ihrer Seite den besten Mann fr den Edelmuth belohnen, mit dem er Jahre
lang seinen verschwiegenen Kummer trug, um meiner kranken Empfindung zu
schonen, die sich es nicht verhehlen konnte, da er meine Zrtlichkeit
nur duldete, nicht erwiederte. Ich nehme die Hoffnung mit mir aus der
Welt, da Sie die erste und letzte Bitte, mit der ich mich Ihnen nahe,
nicht unerfllt lassen werden. Sie besteht darin, da Sie den Triumph
Ihrer Unschuld, die Ihr Verfolger auf seinem Sterbebett bekannt hat,
in den Armen meines Lorenz genieen -- meines Lorenz, den ich nur als
den Ihrigen gern zurcklasse, und den ich Ihren ltern, von seiner
wrmsten Gegenliebe geheiligten, Ansprchen wiedergebe. Suchen Sie ihn
die trben Stunden vergessen zu machen, die er in einer Verbindung
vertrauerte, die nicht die Wahl seines Herzens schlo, und ber die er
mich so gromthig, wenn gleich vergeblich, zu tuschen suchte. Und
wenn die Zukunft, die ich fr Sie im heitersten Lichte erblicke, Sie
mit der Vergangenheit wieder ausshnt, o so verweilen Sie bei meinem
Andenken bisweilen einen Augenblick in freundlicher Erinnerung, und
wnschen Sie meiner Asche die Ruhe, nach der ich mich sehne.

Und wenn Lorenz zuweilen mein stilles Grab besucht, und mit einer
Thrne auf den Hgel blickt, der meine schlummernden Gebeine bedeckt
-- o so halten Sie diese Thrne, die nur das Opfer seiner Freundschaft
ist, nicht fr einen Hochverrath der Liebe, und zrnen Sie der Rhrung
nicht, mit der er sich meiner treuen Anhnglichkeit erinnern wird. Ach
diese Anhnglichkeit war es ja, die mein Herz im frhen Todeskampfe
brach -- mein Herz das nur darum dem Sterben muthig entgegen schlug,
weil es fhlte, da es selbst mit dem redlichsten Bemhen nicht die
Foderungen seiner Sehnsucht zu stillen vermochte. -- O Justine, reizend
lachte mich einst das Leben an, aber was ist das Leben ohne Liebe --
was ist Liebe ohne Erwiederung? -- Seyn Sie glcklich -- machen Sie
Lorenz glcklich! Das ganze berma des Segens, womit der Himmel seine
Lieblinge berschttet, wird mein Gebet dann auf Sie hernieder flehen,
und mein Geist, auch noch jenseits mit Bildern der Vergangenheit
beschftigt, wird, wenn es ihm vergnnt ist, Sie unsichtbar umschweben
und mit wehmuthsvoller Freude Antheil an dem Glck Ihres Bundes nehmen.

Wir weinten alle, und eine feierliche Stille umfing unsern Kreis, als
ich aufhrte zu lesen, gleichsam als fhlten wir Lorchens geheime
Gegenwart in einem linden Wehen, wie man das Nahen der Geister sich
denkt, und als suchten wir ihr Andenken durch Schweigen und Thrnen zu
ehren.

Endlich ermannte sich Lorenz. Bescheiden hoffend trat er vor Justinen,
und hob seine schnen, nassen Augen bittend und mit der ganzen
Innigkeit der Liebe zu ihr empor. O Justine, rief er, und seinen
mnnlichen Ton brach sanft die Rhrung, die noch aus seinen Blicken
leuchtete, stimmt Dein Herz nicht mehr in die Wnsche des meinigen
ein? Darf ich, wenn ich mein Betragen gegen Dich gerechtfertigt habe,
wenn ich Dir geklagt habe, wie tief und endlos mein Kummer um Dich
war, darf ich dann nicht hoffen, da Dein Besitz mich fr meine Leiden
entschdigen werde, und da Du nicht blo um das Verlangen der guten
hingeschiedenen Seele zu erfllen, die sterbend unser Glck von Gott
erbat -- nein, da Du aus eigner Neigung mir diese liebe Hand reichen
werdest, die so lange schon das Ziel meines heiesten Strebens war?

Justine trocknete ihr Auge, und lehnte matt ihr Gesicht an Philippinen,
die sie freundlich und liebevoll untersttzte. Ach Lorenz, sagte sie
sanft, schone meiner Schwche. Schmerz und Freude Dich wieder zu sehn,
berraschung und Wehmuth machen mich unfhig, Dir jetzt zu antworten.
Begnge Dich mit dem Gestndni, da Dein Bild noch eben so fest in
meiner Brust steht, als in jenem Augenblick, der es zuerst mit den
Flammenzgen der Liebe ihr eingrub. Erklre mir erst, wie es mglich
war, da Du mich meinem harten Schicksal so ganz berlassen konntest,
ohne es durch Deinen Beistand lindern zu wollen -- helle mir das Dunkel
auf, das feindseelig ber dem Theil der Vergangenheit liegt, den ich
nie begreifen konnte, und dann -- sie verstummte. Lorenz deutete ihr
Schweigen, und drckte sie mit Wrme an sein Herz.

Da auf meiner ganzen Reise, (hub er seine Erzhlung an) die mir der
Kammerherr mit der dringendsten Eil anempfahl, _Du_ mein Hauptgedanke
bliebst -- da _Du_ mitten in den Geschften, die mich verwickelten,
der Gegenstand meiner innigsten Sehnsucht warst, das glaubst Du gewi
meinen Betheuerungen, in die sich noch nie die kleinste Unwahrheit
mischte. Es war mir unmglich gewesen, Dir Lebewohl zu sagen, denn
ich sah jeden meiner Schritte bewacht, und die ngstlichkeit des
Kammerherrn, mit der er mich zur Abreise trieb, htte sicher meinen
Argwohn erregt, wenn nicht der Unmuth ber die unartige Behandlung
meiner Mutter strker in mir gewesen wre, als die Verwunderung ber
seine sonderbare Eil. Gespornt -- nicht blo von seinen Befehlen,
sondern von dem Verlangen bald wieder zu kommen, verfolgte ich meinen
Weg und suchte meine Auftrge mit der mglichsten Schnelligkeit zu
besorgen. Ach mit einem Herzen, das Dir so heftig entgegen schlug, das
so gern durch die ganze Flle seiner Zrtlichkeit Dich fr die trben
Stunden entschdigt htte, die die Unfreundlichkeit meiner Mutter
und meine schnelle Entfernung Dir schufen, kehrte ich nach Spillingen
zurck, und hoffte, Deiner verwundeten Seele Trost durch meinen
Anblick zu bringen. Der Auflauf von Menschen auf dem Hofraum erregte
nur flchtig meine Neugierde. Unbekmmert, was es bedeuten mochte,
sphte mein Auge nach allen Fenstern des Schlosses, in der Erwartung,
Dich an einem derselben anzutreffen, aber vergebens. Alle bekannten
Gestalten, nur die geliebtere nicht, begegneten meinem Blicke, und so
richtete ich ihn dann mimuthig auf den Punkt, um den sich lrmend
das Gedrnge des Volks herzog. Groer Gott, wie wurde mir zu Muthe,
als ich Dich am Schandpfahl erblickte! -- Ich fhlte eine Lhmung in
allen meinen Gliedern, mein Blut erstarrte, meine Pulse stockten. Ich
wei nicht, wie ich vom Pferde kam. Meine starke Natur trotzte zwar
einer gnzlichen Ohnmacht, aber eine dumpfe Betubung, die ihr glich,
hielt meine Sinne wie mit dunkler Nacht umfangen, und ich war unfhig,
fr mich selbst zu denken und zu handeln. Man hatte mich zu Bette
gebracht, da ich mehr einem Todten, als einem Lebenden glich. Nach
einigen Stunden, die ich wohl so zugebracht haben mochte, kehrte meine
Besinnung wieder. Es kam mir vor, als htt' ich getrumt, und eben
wollt' ich mich aufrichten, um zu fragen, was mit mir vorgegangen war,
als eine heie Thrne auf mein Gesicht fiel, und eine warme weibliche
Hand die meinige ergriff und leise drckte. Ich wendete mich um, und
sah Lorchen, die neben meinem Bette stand, und sich mit jenem sanften
Ausdruck des Mitleids ber mich bog, der auch unbedeutende Zge
mit dem stillen, aber tief eindringenden Reiz der herzlichsten Gte
schmckt. Sie reichte mir einige strkende Tropfen und ein Glas Wasser,
aber nur mit den Schreckensbildern beschftigt, die vor meiner Fantasie
schwebten, wies ich jede Hlfsleistung zurck, und forschte nur nach
Dir!

Soll ich Ihnen eine so unangenehme Erzhlung nicht auf eine ruhigere
Stunde aufsparen? sagte Lorchen mit bittenden Mienen, und suchte meine
Aufmerksamkeit von einem Gegenstand wegzulenken, der mir so traurig
und doch so wichtig war. In diesem Augenblick trat meine Mutter
herein. Ich las, -- ach Justine, warum mu ich es sagen, ich las in
ihrem hhnischem Lcheln, was mir Lorchens zarte Schonung verschweigen
wollte, -- ich las die Besttigung der Scene, die wie ein dunkler
Traum vor meinem Geiste schwankte, und bald vernahm ich von ihren
Lippen wessen man Dich beschuldigte.

Wre ich Deiner Liebe wohl jemahls werth gewesen, wenn ich nur _einen_
Moment die Reinheit Deiner Seele durch den Verdacht htte entweihen
knnen, da diese schndliche Behauptung gegrndet war? Und doch --
ist der Stolz nicht verzeihlich, der sich bitter in mir regte, der
Stolz, dem es wohl thut, den Gegenstand seiner Leidenschaft vor der
ganzen Welt geachtet zu sehn, und der selbst in der festen berzeugung,
da Du unschuldig littest, mit grellen Farben und wthendem Schmerz
nicht blo den Anblick Deiner Leiden, sondern auch ihre Folgen mir
mahlte. Ich htte weinen mgen, wie ein Kind, denn nicht allein die
Unbescholtenheit Deines Gemths, auch Deines Namens, galt mir mehr,
wie der halbe Erdball, und ich htte ihn willig hingegeben, wenn er
mein gewesen wre, um den Flecken auszulschen, den diese unglckliche
Beschuldigung Deiner Ehre anhing.

Alle Rcksichten, die ich sonst fr nthig hielt, fielen jetzt vor
mir weg, -- ich verhehlte weder meinen Kummer noch meine Liebe, und
beschwor Deine Unschuld mit aller Wrme meines gereizten Gefhls. --
Die Unschuld wei sich zu vertheidigen, sagte meine Mutter. Sie luft
nicht bei Nacht und Nebel davon, und fhrt auch keine brilliantene
Armbnder bei sich, die ihr nicht gehren. Frage nur alle die, die den
gndigen Herren begleiteten, als er ihr nachsetzte, ob er sie nicht
in ihrem Beiseyn ber den Beweis ihres Verbrechens ertappt hat. Was
die Liebschaft betrifft, die Du mit ihr hattest, so bist Du viel zu
vernnftig und ehrliebend, als da Du nicht einsehen solltest, da
daran nicht mehr zu denken ist. Welcher Mensch mit fnf gesunden Sinnen
und rechtlicher Denkungsart wird wohl ein Mdchen nehmen, das wegen
berwiesener Spitzbberei ffentlich am Schandpfahl gestanden hat? --

Justine konnte ein leises Schluchzen nicht unterdrcken. Ich thue Dir
weh, sagte Lorenz, la mich abbrechen. -- Nein, versetzte Justine,
fahre nur fort, und kehre Dich nicht daran, wenn Deine Erzhlung
Gedanken und Erinnerungen in mir weckt, die mir Thrnen kosten. Ach sie
kann ja doch nicht herber seyn, wie alles das, was ich litt.

Lorchens Auge, fing Lorenz wieder an, benetzte sich sanft. O wer htte
hinter diesen holden, lieblichen Zgen eine so erniedrigende Handlung
vermuthen knnen, sagte sie. Es that mir unbeschreiblich weh, als man
sie zurckbrachte, und um ihr den Schimpf ihrer Strafe zu ersparen,
htte ich gern alles, was in meinem Vermgen ist, hingeben mgen.
Aber gleichwohl kann ich sie unmglich fr unschuldig halten, so sehr
ich auch wnschte, da sie es wre, denn ihre Flucht, ihr Bemhen,
das Bndel zu verstecken, worin sich das Armband befand, und die
Betroffenheit, die sie zeigte, als sie sich entdeckt sah, alles die
spricht leider nur all zu sehr zu ihrem Nachtheil, und ich kann sie
wohl bedauern, aber nicht entschuldigen.

Jedes ihrer Worte war ein Dolchstich, der in mein Inneres drang. Ob
ich gleich nie bis zu einem Zweifel an Deiner Redlichkeit sank, so
konnte ich mir doch das Rthsel Deines Benehmens nicht lsen, und
die Ungewiheit in dem, was Dich dazu bewogen haben konnte, war mir
hchst schmerzlich, ob mich gleich alles zu berreden suchte, da eine
Erklrung nicht anders, als noch schmerzlicher seyn knne.

Da ich dem Kammerherrn keine Nachricht von dem Erfolg meiner Auftrge
gab, kam er selbst, um sich darnach zu erkundigen. Er bedauerte
theilnehmend meine Unplichkeit, die er dem bloen Zufall zuschrieb,
und spielte, was mein Verhltni zu Dir betraf, meisterhaft den
Unwissenden. Da er indessen den Vorgang nicht wohl mit Stillschweigen
bergehen konnte, so sprach er so unbefangen davon, wie nur ein gutes
Gewissen, oder die hchste Frechheit es im Stande ist. Wer htte diesem
hbschen Mdchen ein solches Laster zutrauen sollen, sagte er. Gott
wei, da es mir recht nahe ging, hart, oder vielmehr gerecht gegen sie
zu seyn, aber vielleicht bessern sie die Folgen dieser verunglckten
Probe fr ihr ganzes knftiges Leben, und das soll mir herzlich lieb
seyn.

Die Gewiheit, mit der er von Deinem vermeintlichen Vergehen sprach,
emprte mich zu sehr, als da ich sogleich htte antworten knnen. Er
schien zu bemerken, was in mir vorging, und entfernte sich schnell,
um den gewaltsamen Ausbruch meiner Gefhle zu vermeiden. Unter dem
Vorwand der Sorgfalt um meine Gesundheit gab er den Befehl, mich genau
zu bewachen, den meine Mutter nur gar zu gern befolgte. Man behandelte
mich vllig wie einen Kranken. Meine Klagen und Verwnschungen, die
immer Bezug auf Dich hatten, hielt man fr Fieberfantasien, und suchte
durch starke Aderlsse und andere medicinische Ermattungsmittel
meinem kochenden Blut einen ruhigern Gang zu lehren. Aber mit dem
letzten Tropfen desselben wre doch die geheimnivolle Allmacht nicht
geschwcht worden, die mich mit tausend zarten unsichtbaren Banden an
Dein Wesen kettete. Acht Tage lang hielt ich den Zwang aus, der mich
fesselte, weil mir der Verlust meiner Krfte zu fhlbar war, als da
ich die Hindernisse htte hinweg rumen knnen, die jeden Versuch nach
Dir zu forschen, vereitelten. Endlich aber raffte ich mich auf, und
erklrte fest und entschlossen meinen Vorsatz, Dich zu sehn, und Dich
aufzusuchen. Meine Mutter hrte meinen Entschlu unruhig an. Ihr Blick,
ihre Miene, ihr Ton war sanfter, wie gewhnlich. O mein Sohn, sagte
sie, vergi doch das Vergangene. Selbst wenn Justine unschuldig wre,
selbst wenn ihre Schande sie nicht auf immer von Dir geschieden htte,
wrde sie jetzt fr Dich verlohren seyn. -- Sie ist todt! -- Todt? rief
ich frchterlich erschttert, ach unmglich, unmglich!

Leider ist es wahr, sagte Lorchen, die seit dieser unglcklichen
Geschichte wie ein Glied unserer Familie bei uns geblieben war, und
mit aller Wrme der zrtlichsten Freundschaft meine Pflege mit meinen
Eltern getheilt hatte. Sichere Nachrichten haben uns verkndigt, da
sie schon vor einigen Tagen gestorben ist. Ach was mu sie nicht
gelitten haben, da sie so pltzlich in der vollen Blthe der Jugend und
Gesundheit ein Opfer des Todes wurde! Gewi hat sie Schmerz, Schaam und
Reue zum frhen Grabe gefhrt. --

Tod! ich vermochte den Gedanken nicht zu fassen. -- Nein, sie lebt, sie
lebt! rief ich, aber die Vorstellung, wenn es nun doch so wre? schnitt
mit Hllenquaalen in mein blutendes Herz. Ich sattelte mein Pferd. Was
willst Du machen? fragte meine Mutter.

Ich will hin nach Mhlberg, ich will mich selbst berzeugen, -- aber
wehe dem, der durch eine Lge die grliche, vernichtende Bild vor mir
aufstellte. Ich wrde die Pein, dir ich jetzt leide, frchterlich an
ihm rchen. Doch nein, nein, setzte ich weicher hinzu; ich wrde ihm
vergeben, -- ich wrde ihm danken, da es nur Lge war.

Ich schwang mich aufs Pferd, und hatte eben den Hof verlassen, als ich
des Kammerherrn Stimme fast athemlos hinter mir hrte. Nur eine Minute
hielt ich den Zgel an, um zu vernehmen, was er wollte. Unbesonnener,
zurck! rief er, ich mu fr Dein Bestes sorgen. Der Anblick, dem Du
entgegen eilst, taugt nicht fr einen Halbgenesenen.

Nein, gndiger Herr, ich gehe nicht zurck. Meine Liebe und meine
Pflicht ruft mich vorwrts, und wenn Sie die Rechte der Menschheit
ehren, so halten Sie mich nicht auf.

Zurck, ich befehl es Dir, sagte er drohend und gebieterisch.

In diesem Augenblick folg' ich nur dem heiligern Befehl meines Herzens.

Wie, Du willst Dich widersetzen, Unverschmter, rief er mit loderndem
Zorn, wende gleich um, oder geh aus meinen Diensten.

Das fllt mir nicht so schwer, als Ihnen zu gehorchen, war meine
Antwort, und ich sprengte dahin.

Eine tiefe, traurige Stille herrschte im Dorfe, als ich durch Mhlberg
ritt. Ach beinahe war es mir willkommen, da mir niemand begegnete, den
ich htte fragen knnen, denn selbst in meiner peinlichen Ungewiheit
lag noch eine Art von Trost, die wenigstens einen Schimmer von Hoffnung
zulie.

Mit klopfendem Herzen, auf dem die ngstlichste Erwartung mit bleiernem
Gewicht lag, nahte ich mich Deinem Hause, aber ach, wie kann ich Dir
beschreiben, was ich empfand, als ich es von schwarz gekleideten Leuten
umringt sah, und in ihrer Mitte einen Sarg erblickte, den man eben im
Begriff war, fortzutragen. Niedergedonnert von allen Schrecknissen der
Fantasie und der Wahrheit gerieth ich ausser mir. Mein Pferd wurde
bei dem ungewohnten Anblick scheu, und sprang auf die Seite, -- indem
stimmte man einen geistlichen Gesang an, der meiner Meinung nach _Dich_
zur Ruhe begleiten sollte, und zu gleicher Zeit begann der Leichenzug.
Ich drckte den Hut tief in die Augen, gab dem bumenden Ro die
Sporen, und jagte mit verhngtem Zgel, -- gleichviel wohin.

Der Zufall, der so oft ber die Wege entscheidet, die wir auf der Bahn
des Lebens whlen, veranstaltete diemahl, da ich ohne es zu wissen,
den nach meiner Heimath einschlug. Gedankenlos ritt ich die bekannte
Strae, die mir vorkam, als fhre sie durch lauter fremde, dmmernde
Gefilde, -- gedankenlos langte ich in Spillingen bei dem Hause meiner
Eltern an, und als ich mich von ihnen theilnehmend umringt sah, glaubte
ich in der Zerrttung meines innern Sinnes unter feindseelig gesinnten,
unbekannten Menschen zu seyn.

Mein Zustand war ihnen frchterlich. Er schien die Dumpfheit der
tiefsten Verzweiflung zu seyn, die nur eines geringen Anlasses
bedurfte, um in tobenden Wahnsinn berzugehn. Endlich als ich weinen
konnte, wurde es leichter in meiner Seele, aber es war nur Ermattung,
nicht Ruhe, die mit dem Sturm abwechselte, der in mir braute.
Ich wurde gefhrlich krank, doch behielt ich stets meine vllige
Besonnenheit, vielleicht um desto empfindlicher zu leiden. Lorchen
und ihre Eltern nahmen den innigsten Antheil an der Traurigkeit,
die an meinen besten Krften zehrte, und da theils die Behandlung
meiner Mutter nicht delicat genug war, um nicht stndlich meinen
Schmerz zu erneuern, theils sich auch in Spillingen mir eine Menge
Erinnerungen aufdrangen, die ihn nhrten, so schlug mir Werner vor,
meine Wiederherstellung in seinem Hause zu erwarten. Vernderung
der Gegenstnde und der Luft war mir von dem Arzt empfohlen, und so
gleichgltig, so verdrielich mir beinahe meine Genesung war, so
konnte ich doch der freundlichen Einladung nicht widerstehen, ohne die
reinste Gutmthigkeit zu beleidigen. Ich zog also nach Langenfeld, und
hier fingen meine Wunden zwar nicht an zu heilen, aber man suchte
ihr Bluten durch den mildernden Balsam jener feinen Aufmerksamkeit
zu stillen, die sorgsam alles entfernt, was schwermthige Ideen
hervorrufen knnte.

So waren drei Monate verstrichen, und je mehr ich wieder zu mir selbst
kam, je inniger fhlte ich mich durch Dankbarkeit und Freundschaft an
Werners liebevollen Familienkreis gefesselt. Man erwhnte Deinen Namen
nicht, und ich empfand wohl, da es nicht aus Gleichgltigkeit geschah,
sondern um mein Herz zu schonen. --

Meine Eltern besuchten mich zuweilen, und klagten jedesmahl ber die
Hrte, mit der sich der Kammerherr jetzt gegen sie benahm. Auch mir
hatte er den Abschied in den ungerechtesten zornigsten Ausdrcken
geschickt, und vielleicht da er so sehr ber mich erbittert war, bewog
ihn nur die allgemein anerkannte Redlichkeit meines Vaters und seine
eigene Unkenntnis der Wirthschaft ihm nicht ebenfalls den Dienst
aufzusagen. Ich sahe wohl ein, da es nicht der rhmlichste Weg meines
Fortkommens war, bei Leuten, die ohngeachtet ihrer Gte mir doch nur
immer Fremde waren, im sorgenlosen Miggang meine Tage zuzubringen,
und beschlo, ihnen bei der ersten schicklichen Gelegenheit den
Vorsatz, mich in der Ferne um irgend einen Dienst zu bemhen, zu
entdecken. Sie fand sich bald, und ich erklrte ihnen meinen Entschlu
im Beysein meiner Eltern mit den lebhaftesten Gefhlen von Dank fr die
unvergeliche Nachsicht, mit der sie die Launen und Phantasien eines an
Leib und Seele Kranken bisher geduldet hatten.

Lorchen wurde bla, als sie meinen Willen vernahm. Ihr Auge fllte sich
mit Thrnen, und schweigend verbarg sie es an der Brust ihrer Mutter.
Der alte Werner schttelte den Kopf, und ging nachdenkend im Zimmer auf
und ab. Mein Vater schwieg, -- meine Mutter sah bedeutend bald auf mich
bald auf Lorchen.

Hren Sie, lieber Lorenz! fing Werner auf einmahl an, ich kann nicht
lugnen, da ich seit Ihrem Aufenthalt bei mir den Gedanken genhrt
habe, er werde immer dauern.

Immer, Herr Werner? -- Schon zu lange, frcht' ich, hab ich Ihre
Gastfreiheit gemibraucht.

Lassen Sie die Komplimente weg, junger Mann, und reden Sie deutsch und
offen mit mir, wie ich mit Ihnen. Meine Tochter liebt Sie, -- warum
soll ich es verhehlen? Sie liebt Sie mehr als alles in der Welt. -- Ihr
Verhltni zu Justinen ist zerrissen, aber die Art, wie es geschah,
macht es nothwendig, da Sie ein neues Band knpfen, das Ihnen Ihren
Verlust ersetzt. Zwar werden Sie mir den Einwurf machen, da man nicht
so leicht sein Herz dem einen entziehen und dem andern zu wenden knne,
aber darauf bin ich gefat. Ich war auch kein leidenschaftlicher
Liebhaber, und wurde doch ein guter Ehemann. Nicht wahr, setzte er
mit einem frohen Blick auf seine Frau hinzu, die ihm mit Herzlichkeit
die Hand zur Bekrftigung seiner Behauptung reichte. -- Also prfen
Sie Sich wohl, fuhr er fort. Ich will Ihnen meine Tochter keineswegs
aufdringen, nur weil Sie so innig geliebt werden, weil ich glaube, da
Sie durch ihre huslichen Tugenden glcklich seyn knnen, und weil
ich selbst Ihnen von Herzen gut bin, -- nur deswegen wnsche ich Ihre
Verbindung, und wenn Sie keine Abneigung dagegen haben, so umarme ich
Sie mit der Einwilligung Ihrer Eltern hiermit als den knftigen Gatten
meines Lorchens und als meinen Sohn.

Ich war betroffen, und zu gleicher Zeit gerhrt. Lorchen schluchzte
laut, und vermochte es nicht, ihr thrnenschweres Auge zu mir zu
erheben. Meine Mutter weinte auch, und rief: Sto Dein Glck nicht
muthwillig von Dir. -- Den tiefsten Eindruck machte aber mein Vater
auf mich. Er nahte sich mir, und fate bewegt meine Hand. Gnne meinem
Alter die Freude, Dich glcklich verheirathet zu sehn, sagte er, wo
mglich in einem noch sanftern vterlichem Tone als er gewhnlich zu
mir sprach. Und wenn der Kammerherr mich aus dem Dienst stt, in
dem ich grau geworden bin, o so la mich dann bei Dir ein ruhiges
Pltzchen finden, wo ich sterben kann.

Die Mglichkeit eines solchen Falles trat lebhaft vor meine Seele,
und bestimmte mich zu dem Entschlu, mich der Zufriedenheit anderer
aufzuopfern, da mir eigenes Glck versagt war. So empfing ich Lorchens
Hand, und da sie mir auch ihr ganzes Herz gab, lehrten mir tausend
Proben ihrer treuen, zrtlichen Liebe. Zwar vermochte ich es nimmer
ber mich, sie zu erwiedern, aber ich that, was ich konnte, und
begegnete ihr stets mit allen Aufmerksamkeiten der Freundschaft, die
ich fr sie empfand, und mit all der Achtung, die sie verdiente.
Fr ihr sanftes Gemth war die Liebe, was der Sonnenschein der
unentfalteten Blume ist. Jede holde Fhigkeit, jede anmuthige
Eigenschaft ihrer Seele entwickelte sich in ihrem wrmenden Strahle,
und jede hatte den Zweck mich zu beglcken. Ach es wre mglich
gewesen, htte ich nie Justinen gekannt! --

So schlichen mehrere Jahre vorber, -- Jahre, die noch jetzt in der
Erinnerung mit Centnerschwere auf mir lasten, da ich mir vorwerfen mu,
im vergeblichen, unverhehlbaren Kampf mit meiner so tief eingewurzelten
Liebe zu Dir, Lorchens Herz oft, zwar wider meinen Willen, aber doch
bitter, gekrnkt zu haben. Dein Aufenthalt war so tief verborgen, und
wir selbst sahen unsere Tage so einsam, so unbekmmert um alles, was in
der Gegend vorging, verstreichen, da die Nachricht Deines Lebens erst
spt in unsere Abgeschiedenheit zu dringen vermochte.

Sie ergriff mich mit allen Schaudern der Wehmuth und der Freude. Kaum
konnt' ich ihr glauben, und doch war sie mir zu s, als da ich an
ihr htte zweifeln mgen. Im ersten Rausch der berraschung entwarf
ich eine Menge lachender Plane, Dich wieder zu sehn, und Dich an die
liebende Herz zu drcken, das noch immer so ganz Dein eigen war,
-- aber schnell zertrmmerte ein Blick auf meine Lage die goldenen
Luftschlsser, die sich die Hoffnung erbaute, und ich fhlte mich
wieder elend wie zuvor.

Lorchen hrte mit mir zu gleicher Zeit, da das Gercht Deines Todes
ungegrndet war. Ein Bauer, der damahls gerade von Mhlberg kam,
hatte in dem Hause Deiner Eltern, wo Du so gefhrlich krank lagst,
erfahren, da man frchtete, Du werdest den Abend nicht erleben, und
die Wahrscheinlichkeit galt ihm so viel, wie Gewiheit. Der Tod Deines
Vaters, den man eben begrub, als ich mich selbst berzeugen wollte,
wie es mit Dir stand, besttigte mir frchterlich die vernommene
Trauerpost, denn unfhig zu fragen oder zu untersuchen, _wem_ das
schauerliche Leichenbegngni eigentlich galt, hielt ich es in der
schrecklichen Idee, mit der ich hergekommen war, fr das Deinige, und
nahm so den Wahn mit mir hinweg, der uns auf so lange trennte, und der
giftig an dem Frieden meiner Seele nagte.

Die Bewegungen meines Innern entgingen Lorchen nicht, die bescheiden,
aber aufmerksam jede meiner Regungen mit dem scharfem Blick der Liebe
bewachte. Zwar sah sie, da ich Meister meiner glhenden Wnsche
war, und da ich keinen Versuch machte, irgend eine meiner Pflichten
durch Deinen theuern Anblick zu verletzen, aber sie bemerkte auch die
Anstrengung, die es mir kostete, und berlie sich dem geheimen Gram
gekrnkter Zrtlichkeit, ohne da eine Klage, oder nur ein Wort, das
einem Vorwurf glich, die Sanftmuth ihrer Lippen entweiht htte.

So nherten wir uns allmhlig dem Zeitpunkt, der fr uns entscheidend
war. Der Kammerherr, dessen Unwillen gegen mich die Entfernung nicht
besnftiget hatte, lie mich auf einmahl nebst Lorchen zu sich fodern.
Da wir saumseelig waren, seinen Befehl zu erfllen, sandte er uns
seinen eigenen Wagen mit der Bitte, an sein Sterbebette zu kommen.
Ein frchterlicher Traum hatte sein bses Gewissen gengstigt.
Um den dstern Eindruck zu schwchen, den die Rckerinnerung auf
seine Stimmung machte, beschlo er, sich durch einen Spazierritt zu
zerstreuen, und dieser wurde durch einen unvorsichtigen, unglcklichen
Sturz vom Pferde die Ursach seines Todes.

Als er die Annherung desselben fhlte, regte sich das Andenken
seiner lasterhaften Handlungen schmerzlich in seiner Seele mit allen
den ngstlichen Vorstellungen der Zukunft jenseits des Grabes, die,
-- wenn auch die Welt ein langes Menschenleben hindurch partheiisch
richtete, mit einer strengen unbestechbaren Gerechtigkeit, vor der der
Bsewicht erschrickt, Gutes und Bses aus einander wiegt. Ach er hatte
es sich nie einfallen lassen, da in der Sterbestunde die lachenden
Farben verbleichen, unter denen das Laster oft seine eigenthmliche
Hlichkeit verbirgt, und was ihm sonst im Genu der Gesundheit und der
rauschenden Freude als leichte, verzeihliche Galanterie erschienen war,
grinzte ihn jetzt frchterlich in der Gestalt des Verbrechens an.

Nicht ohne die lebhaftesten Erinnerungen an Dich betrat ich das Haus
wieder, in dem Du so viel gelitten hattest, und an das Bild Deiner
Thrnen, das sich mir vorstellte, knpfte sich das holde Andenken
der Tage unsrer Liebe, und beides machte mein Herz weich, und mein
Auge na, das sich vergeblich sehnte, eine Spur zu erblicken, die mir
Dein ehemahliges Daseyn verrieth. Man brachte mich mit Lorchen in das
Schlafzimmer des Kammerherrn. Er hatte dem Geistlichen erklrt, da
er in meinem Beisein und vor mehreren Zeugen ein Dich betreffendes
Bekenntni ablegen wolle. Meine Eltern waren ebenfalls herbei gerufen
worden, um gleichsam seine letzte Beichte mit anzuhren. Schweigend
bildeten wir einen Kreis um das Bette, wo er entstellt, und in
frchterlichen Krmpfen lag. Die gndige Frau spielte einstweilen in
ihrem Zimmer Piket mit einem jungen Offizier ihrer Bekanntschaft. --

Mhsam rang der Sterbende nach so viel Krften, als eine kurze
Erzhlung fordert, und in abgebrochenen Stzen, doch klar und
bestimmt, und unter allen Zeichen der Angst und der Reue erklrte er
Deine engelreine Unschuld, und klagte sich selbst als den Urheber
Deines Unglcks an. Ob ich gleich nie daran gezweifelt hatte, da
der Verdacht, der auf Dir ruhte, ungegrndet wre, so machte doch
die entsetzliche Gestndni einen Eindruck auf mich, den meine Brust
beinahe nicht weit genug war zu fassen. Selbst bei einer genauen
Kenntni des Kammerherrn hatte ich ihn doch einer solchen berlegten
Abscheulichkeit nicht fhig gehalten, und sie stand mit allen ihren
traurigen Folgen, wie eine geffnete Halle, vor meinem starrenden Blick.

Alle Anwesenden, und auch meine Mutter waren aufs heftigste
erschttert, besonders Lorchen, die, als sie die entsetzliche
Nachricht vernahm, mit einem lauten und dennoch leisen Schrei, wie er
nur aus einem gebrochenen Herzen kommen kann, ohnmchtig zur Erde fiel.
Die Sorge um sie entfernte mich aus dem Krankenzimmer. Ich brachte sie
an die freie Luft, wo sich ihre Lebensgeister wieder sammelten. Nach
einer halben Stunde kam der Pfarrer heraus, und verkndigte mir, da
der Kammerherr so eben unter convulsivischen Zuckungen verschieden sei.
Bitten um unsre Vergebung waren seine letzten Worte gewesen.

Ich machte Anstalten, Lorchen nach Hause zu bringen. Sie selbst bat
mit einer Hast darum, die mir verrieth, da sie die Schwche ihres
Zustandes fhlte. Stumm sa sie neben mir im Wagen, nur zuweilen hob
ein leises Schluchzen ihre beklommene Brust, die den verzehrenden
Krampf des tiefsten Schmerzes verbarg. Bald nahm sie die Liebkosungen
an, mit denen ich den Aufruhr ihres Innern zu stillen versuchte, bald
wie sie sie zurck und verbarg ihre Thrnen. Als wir in Langenfeld
ankamen, hatte schon ein Fieber mit zersthrender Gewalt ihren Krper
ergriffen, der viel zu zart war, um nicht dem schleichenden Gifte
eines langwierigen Grams und dem Sturm einer solchen Erschtterung
zu unterliegen. Wir schickten sogleich nach dem Arzt, aber Lorchen
mibilligte es, als sie es erfuhr. Meine Stunde hat geschlagen, sagte
sie, und Gottlob! da es so ist. Ich sehe freudig meiner Auflsung
entgegen.

Sie bat uns, sie allein zu lassen, und verlangte Schreibzeug. Ich
bewachte im Nebenzimmer ihre kleinsten Bewegungen, um ihr sogleich
beizustehn, wenn sie Hlfe bedurfte, aber sie war ganz ruhig, und
schrieb mit vieler Fassung den Brief an Dich, den sie bis zu ihrem
letzten Augenblick in ihrem Busen aufbewahrte. Als sie geendigt
hatte, verlangte sie nach mir. Mit einer rhrenden Innigkeit schlo
sie mich in ihre Arme, und bat mich um Vergebung, da sie, nchst dem
Kammerherrn, das Werkzeug meiner Trennung von Dir gewesen sei. Sie
entdeckte mir, da sie lngst eingesehen habe, da sie nicht im Stande
sei, mich fr Deinen Verlust zu entschdigen, und ersuchte mich mit
Wehmuth, wenigstens ihres guten Willens freundlich zu gedenken. Die
unschuldige Ursache Deines Kummers wird bald nicht mehr seyn, sagte sie
zu mir, -- o benutze dann Deine Freiheit, um so glcklich zu werden,
als ich Dich gern gemacht htte! --

Endlich erschien der Arzt. In seinen bedenklichen Mienen lasen wir
die Gefahr der lieben Kranken, ob er uns gleich aufmunterte, noch
nicht alle Hoffnung sinken zu lassen. Verhehlen Sie mir es nicht,
Herr Doktor, sagte Lorchen, der er Muth einsprach, da mein Ende
nicht mehr fern ist. Sie wrden mich dadurch um unersetzlich kostbare
Stunden betrgen. Hat man doch bei jeder kleinen Reise den theuern
Zurckbleibenden so viel zu sagen, -- wie viel mehr bei einer so
ernsten Reise, als mir bevorsteht, -- bei einer Reise, von der man
niemahls wiederkehrt. --

O Justine! la mich die bangen Stunden mit Stillschweigen bergehn,
in denen ich an ihrem Bette sa, und Zeuge der frmmsten, sanftesten
Ergebung war, mit der sie den Kelch des Todes hinnahm. So endigt sich
nur ein Leben, das so schuldlos war, wie das ihre, -- so stirbt nur die
Tugend, der eine fleckenlose Vergangenheit Ansprche auf die reinste
Seeligkeit des Himmels giebt! -- -- --

Ehe sich ihr Auge auf ewig schlo, wandte sie es noch einmahl auf
mich und ihre trostlosen Eltern, die mit mir ihr Lager umringten. Sie
streckte uns zrtlich ihre Hnde entgegen und sagte sanft: Weinet
nicht, meine Lieben! mir ffnet sich eine bessere Welt, -- mir winken
die Gefilde eines ewigen Friedens! Ich sterbe gern, mein Lorenz, denn
das Ende meines Lebens wird der Anfang Deines Glcks seyn. O geniee
es so rein und unverflscht, als mein Herz mit seinen letzten Schlgen
Dir es wnscht, und gieb, wenn ich todt bin, der edlen, unschuldigen
Justine mit Deiner Hand und Deiner ihr lngst gewidmeten Liebe die
Zeilen, die ich mit inniger Empfindung fr sie geschrieben habe, und
die man bei mir finden wird.

Sie mute abbrechen, um sich zu erholen, denn das Reden wurde ihr schon
schwer. Dann kehrte sie sich zu ihren Eltern, und sagte ihnen mit der
ganzen Wrme ihres dankbaren Gefhls das letzte, bittre Lebewohl. Ich
hoffe, fgte sie mit schon brechender Stimme hinzu, Sie werden nie
vergessen, da Lorenz das Liebste ihres Lorchens war. Lassen Sie ihn
immer die Rechte eines Sohns genieen; -- er wird suchen, Sie durch
Sorgfalt und Pflege ber den Verlust einer Tochter zu trsten, die Sie
doppelt gut und liebenswrdig in Justinen wieder erhalten werden.

Hierauf verstummten ihre sanften Lippen. -- Ihre Brust hob sich noch
einige mahl unter strkern Athemzgen, wie gewhnlich, -- und ihre
schne Seele war entflohn.

Die Betrbni, die ich empfand, erreichte beinahe den Schmerz der
biedern gebeugten Alten, und wurde ein Band, das uns noch fester an
einander knpfte, als das Verhltni der Verwandtschaft und der Liebe.
Wie die erste Heftigkeit unseres Kummers nachlie, drangen sie in mich,
den Forderungen meines Herzens zu folgen, die jetzt nur geschwiegen
hatten, da die Trauer der Freundschaft ihre heiligen Rechte behauptete.
Sie betrachten Dich als ein theures Vermchtni ihres Lorchens, von
ihr selbst erkohren, die schmerzliche Lcke auszufllen, die ihr
Tod in unserm Cirkel ri, und mit offenen Armen versprachen sie mir
freiwillig, Dich zu empfangen, und durch alle die Zrtlichkeit, die
sonst der lieben Verstorbenen gehrte, Dir Deine ehemahligen Leiden
vergessen, und unser vereintes Leben angenehm zu machen. Ich reite
also ab, und ein Zufall verschaffte mir in dem benachbarten Stdtchen,
durch welches ich kam, die Bekanntschaft Deines Schwagers, die ich
seegne, da sie mich um so eher zu dem Ziel meiner Reise fhrte.

Ach! und Deine Mutter? -- unterbrach ihn Justine, kmpfend mit Furcht
und Hoffnung, und gespannt auf seine Antwort.

Nur zu sehr, versetzte Lorenz, hat die Erfahrung ihr gelehrt, wie
unauslschlich meine Liebe war, und wie elend es mich machte, sie
verbergen zu mssen. Sie selbst bittet Dich, in meine Wnsche
einzuwilligen, und lt mich hoffen, da wir, -- wenn auch in keinem
herzlichen, doch in einem anstndigen Vernehmen mit ihr leben knnen.

Justinens Wangen berflog das reizendste Roth. Und die Kammerherrin?
fragte sie schnell, gleichsam in Verwirrung, die sie verbergen wollte.

Da sie, erwiederte Lorenz, wegen ihrer bisher gefhrten Lebensart
nicht mehr so recht in der Residenz in guten Gesellschaften geduldet
wird, so hat sie beschlossen, Spillingen zu verkaufen, und im Auslande
Gelegenheit zu neuen Abentheuern zu suchen, in denen sie wahrscheinlich
nicht ehrenvoller bestehen wird, als in ihrem Vaterlande. Der Tod ihres
Gemahls soll ihr nicht unangenehm gewesen seyn, weil sie erstlich
dadurch unumschrnkter ber ihr Vermgen gebieten kann, und zweitens,
weil sie fr ihre Schnheit die Trauer vortheilhaft hlt. Sie hat
ihre Reise bereits angetreten, und also auch von dieser Seite ist die
Luft jener Gegend rein, -- wiewohl uns eigentlich ihr Daseyn eben so
gleichgltig als ihre Abwesenheit seyn knnte, da eine sorgenfreie,
wohlhabende Lage unsere Zukunft von jedermann unabhngig macht,
ausgenommen von denen, denen ich sie danke. Werners, die mich, seit
Lorchen starb, wo mglich noch mehr wie vorher als ihren Sohn ansehn,
bestehen nmlich darauf, da ich schon jetzt Langenfeld als mein
Eigenthum betrachten soll, aber mir ist die kindliche Einschrnkung zu
lieb, in der ich bisher unter ihnen lebte, als da ich nicht streben
sollte, sie beizubehalten, da ihre Gte meine lebhaftesten Wnsche
bertrifft.

Justinens Auge hing am Boden, und glnzte von Thrnen, aber nicht von
Thrnen, wie sie der Kummer erpret. Lorenz beugte sich zu ihr, und
umschlang sie innig. La mich nun das se Wort vernehmen, sagte er,
das vor dem Altar unsre Hnde vereinigt, wie unsere Herzen es schon
lange waren. Justine errthete tiefer, -- sie erhob ihren gesenkten
Blick mit dem lieblichsten Ausdruck, der ihm ein sanft verschmolzenes
Gemisch von Freude, Rhrung und Zutrauen gab, und lchelnd neigte sie
sich seiner Umarmung entgegen. Ja, Lorenz! sagte sie, ich war Dein, und
ich bin es noch. Ach meine unendliche Liebe zu Dir ist es einzig, die
mich werth macht, die Nachfolgerin eines so edeln Weibes zu seyn, wie
das, welches Du verlohren hast. --

Zu den Glckwnschen und Freudenbezeugungen ihrer Verwandten gesellten
sich auch die meinigen, die Justine nicht weniger herzlich aufnahm.
Gern htte ich der allgemeinen Einladung nachgegeben, die mich
nthigte, trotz dem sparsamen Raume des Hauses, die Nacht zu verweilen,
aber mein Schicksal rief mich vorwrts, und ich mute mich beugen unter
dem eisernen Zepter der Nothwendigkeit. Unendlich interessant und
theuer war mir trotz unserer kurzen Bekanntschaft jedes einzelne Glied
dieser kleinen, lieben Familie geworden. An Frbers fand ich ein Paar
treuherzige, ebenfalls wie Justine ber ihren Stand gebildete Menschen,
die aber den hhern Grad ihrer Kultur nur dazu anwendeten, wozu ihn
eigentlich der reine Zweck einer guten Erziehung bestimmt, nmlich:
zum feinern Genu des Lebens, und zur wrmern Ausbung huslicher und
geselliger Tugenden, die, wenn sie auch ihren Wohnplatz zuweilen in
einer rohen, ungebildeten Brust aufschlagen, doch nur unvollkommen
dort, wie die Frchte eines milden Klimas unter einen nrdlichen
Himmelsstrich gedeihen.

Mit warmen Dank fr ihre gastfreien Anerbietungen verlie ich das
glckliche Ehepaar, deren stiller, einfacher Wandel gewi den beiden
Verlobten das schnste Beispiel eines unerschtterlichen, huslichen
Friedens gab. Justinen versprach ich in der Umarmung des Abschieds mit
eben dem Antheil, den ich an ihrer traurigen Vergangenheit genommen
hatte, sie einst in Langenfeld zu berraschen, und mich mit ihr ihrer
schnern Zukunft zu freuen. Mir war, als fesselten mich tausend Banden
an diese kleine, trauliche Htte, in der ich so viel Edelmuth und Gte
angetroffen hatte, -- endlich mute ich doch von ihr scheiden, aber
das Bild ihrer liebenswrdigen Bewohner nahm ich in meinem Herzen mit
hinweg.




                           Autun und Manon.

                            Eine Erzhlung.


Als ich eines Tages eine meiner Freundinnen besuchte, fiel es mir nicht
wenig auf, eine ltliche Frau, begleitet von einem jungen Frauenzimmer,
ins Zimmer treten zu sehen. Die Schnheit der jungen Dame bertraf
alles, was ich bisher noch gesehen hatte, sie war ungefhr fnfzehn
Jahre alt, und die Tochter des ltern Frauenzimmers, wie ich nachher
erfuhr. Sie war kaum aus dem Kloster gekommen, um ihren Vater zu sehen,
und sollte nach drei Monaten wieder dahin zurckkehren, weil ihre
Mutter nicht gern eine so groe Tochter um sich sah, da sie selbst noch
Ansprche auf Schnheit machte. Damahls sah ich zum erstenmahl eine
Person, die mein knftiges Schicksal bestimmte.

Herr _von Ribaupierre_ war Offizier, er hatte die Welt gesehen, und
groe Reisen gemacht, durch die er zwar an Erfahrung reicher, aber an
Vermgen desto rmer geworden war. Alle Plne, die er zur Vergrerung
seines Vermgens entworfen hatte, waren mislungen, und zuletzt hatte
er gelernt, dem Glck nicht mehr zu trauen. Bei der Belagerung von
_Charenton_ wurde er mit drei Stichen in den Leib tdtlich verwundet.
Man gab ihm die letzte lung, und nach einer allgemeinen Beichte,
erhielt er die Absolution nicht eher, bis er gelobt hatte, sich mit
seiner Frau, mit der er lngst schon auf einen vertrauten Fu gelebt
hatte, trauen zu lassen. Sie wurden auf seinem Bette getraut, und als
er sich wieder erholte, streute man aus, da er schon seit einem
Jahre heimlich verheirathet gewesen sey. Nach sechs Wochen erfolgte
die Niederkunft des Fruleins _von Ribaupierre_; ihr Gemahl wollte es
niemahls erlauben, da man sie Frau nennen durfte. Sie gebahr ihm eine
Tochter. Nach der Geburt dieses Kindes lebte die Mutter sehr gut mit
ihrem Gemahl, aber da sie schn und jung, und Herr _von Ribaupierre_ in
seinem achtundfunfzigsten Jahre war, so bekam er bald die unheilbare
Krankheit der alten Mnner. Er wurde mistrauisch, und lebte in keiner
groen Harmonie mit einer Frau, der man weiter keine Vorwrfe machen
konnte, als da sie mehr Aufmerksamkeit zu erregen suchte, als einer
verheiratheten Frau erlaubt ist.

Als der Tod diese Ehe zerri, war es gerade um die Karnevalszeit,
und Herr _von Ribaupierre_ besuchte einen Ball bei dem Marquis von
S., der sonst ein Freund des Fruleins _Ribaupierre_ war. Er wute
die Nachricht von ihrem Tode, und sie betrbte ihn nicht wenig. Doch
ehe man sichs versah, trat Herr _von Ribaupierre_ in einer eleganten
Maske in den Saal, wo er schne Gesellschaft fand. Er prsentirte
dem Marquis einen Beutel voll Louisd'ors; der Marquis und mehrere
andere von der Gesellschaft lieen sich ins Spiel ein, und verlohren.
_Ribaupierre_ gewann ansehnlich und gestand nachher, da die der
einzige glckliche Tag in seinem Leben gewesen sei, indem er zugleich
den Tod seiner Frau zu seinem Gewinn schlug. Da er sich im Spiel so
gro angekndigt hatte, nahm man ihn fr einen reichen Mann und bat
ihn, sich zu erkennen zu geben. Anfangs weigerte er sich, aber als
er die Maske vom Gesichte zog, erkannte ihn der Marquis, und der
Schrecken prete ihm einen lauten Schrei aus. Wie! sagte er, ein
Mann, dessen Frau eben verschieden, kann sich in einem solchen Aufzug
sehen lassen? Unglcklicher Mann! fuhr er fort, sind dieses die
Thrnen, die Sie um eine Gattin vergieen, die eine der schnsten und
tugendhaftesten Frauen der Welt war? -- Mildern Sie Ihre Ausdrcke,
mein Herr! gab ihm jener zur Antwort, der Verlust meiner Gemahlin
ist vielleicht grer fr Sie, als fr mich, _mir_ gehrte sie an,
aber _Sie_ besaen sie, ein Vortheil wiegt vielleicht den andern auf.
Ich wrde weinen, wenn ich mein Geld verlohren htte, oder wre doch
traurig geworden, und dadurch htte ich vielleicht den Damen gefallen,
die meine Betrbni auf die Rechnung meiner verstorbenen Gemahlin
geschoben htten, aber jetzt habe ich das Recht, mich zu freuen. Ich
verliehre eine Frau, die mich immer betrbte, und gewinne sechshundert
Louisd'ors. Ich mu mich freuen, aber nicht Sie, Herr Marquis, Sie
verlohren Ihr Geld und eine Geliebte, und hiermit gute Nacht. So
verlie er den Saal, ohne eine Antwort abzuwarten.

Der Marquis schalt ihn, als er fort war, einen Narren und rohen
Menschen; er bat seine Freunde, die Zeugen dieses Auftritts
gewesen waren, um Verschwiegenheit; auch seinen Bedienten gebot er
Stillschweigen, und erklrte feierlich, da er in seiner knftigen Frau
so viel Klugheit mchte erwarten knnen, als er in der Gemahlin des
Herrn _von Ribaupierre_ gefunden. Der Wittwer, der Verstand hatte, und
erfuhr, da sein Miverhltni mit seiner verstorbenen Gemahlin kein
Geheimni mehr war, frchtete, man mchte ihm Hndel zuziehen, zumahl,
da schon hin und wieder ein Gerede von Vergiftung entstand. Er lie
rzte und Wundrzte herbeirufen, und den Leichnam ffnen. Da man den
Tod seiner Gemahlin natrlich fand, so lie er sie beerdigen. brigens
gab er selbst die erste Veranlassung, seine Gemahlin fr untreu zu
halten, weil er behauptete, da niemand ihre Auffhrung kenne, als er
selbst. Und dieser Grundsatz ist so allgemein in der Welt angenommen,
da, sobald ein Mann selbst ber die Treue seiner Frau Zweifel
aufwerfen kann, es die andern zwiefach berechtigt, das Bse zu glauben.

Aber seine Tochter konnte man trotz der usserungen ihres Vaters
nicht verkennen, sie war ihm zu hnlich, und je grer und schner
sie wurde, desto mehr nahm diese hnlichkeit zu, ob er gleich selbst
einer der hlichsten Menschen war. Der Tod ihrer Mutter brachte
keine Vernderung der Lage des Fruleins _von Ribaupierre_ hervor,
denn der Vater wollte nicht die Last auf sich nehmen, ber eine
Tochter von siebenzehn Jahren die Aufsicht zu fhren. Allein da er
anfing, schwchlich zu werden, rief er sie zu sich. Sie erschien in
der Welt und trug Sorge fr ein Vermgen, das sie einst zu erwarten
hatte. Um diese Zeit, in ihrem zwanzigsten Jahre sah ich sie zum
erstenmahl wieder, seitdem ich sie bei meiner Freundin gesehen hatte.
Schon damahls war ihre Schnheit bewundernswrdig, aber als ich sie
zum zweitenmahle sah, hatte sie noch unendlich gewonnen. Ihr Wuchs
war majesttisch, ihr jugendliches Aussehn war durch die Weie der
Gesichtsfarbe noch erhht; schne schwarze Augen zugleich schmachtend
und lebhaft, die Nase schn geformt, ein kleiner rother Mund und alle
Gesichtszge in schnster Harmonie, machten sie zum treusten Abbilde
der heiligen Jungfrau. Ihr Anstand war edel und fest, ihre Bewegungen
waren lebhaft, aber von einer natrlichen Sittsamkeit begleitet, die
mich entzckte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Herz verwahren
knnen, ich gab es hin; ich liebte _Manon_, oder vielmehr ich betete
sie vom ersten Augenblick an, als ich sie sah. Umsonst stellte ich mir
die Gerchte vor, die bei dem Tode ihrer Mutter verbreitet worden, das
wenige Vermgen, was ihr zu Theil werden wrde, und ich glaubte fast,
obwohl sie die schnste Person von der Welt war, die ich je gesehen,
sie doch mit Gleichgltigkeit anzusehn. Aber ich betrog mich, ich sah
sie den folgenden Tag in der Messe; ein einziger Blick, den sie auf
mich warf, der mich whnen lie, er fordre mein Herz, zerstrte alle
meine Entschlieungen. Ich entschuldigte die Mutter, ihr Vater dnkte
mich nur ein Unmensch, ein Verrther, und ich urtheilte, eine Frau, die
nicht vollkommen tugendhaft gewesen wre, htte einer solchen Tochter
nicht das Leben geben knnen. Ich berlie mich meiner Leidenschaft,
und meine Aufmerksamkeit wurde nicht gleichgltig aufgenommen. Ich
sprach, sie hrte mich an, aber ohne mir eine entscheidende Antwort
zu geben. Lange schwebte ich in Ungewiheit, bis ein Vorfall mich die
Entdeckung machen lie, da _Manon_ mich liebte, und im Ernst daran
dachte, mir ihre Hand zu geben.

Eines Tages fand sich ein Geistlicher bei ihr ein, und nach manchen
gleichgltigen Gesprchen kamen wir auf die Ehe zu sprechen, und
was sie aufheben oder verhindern knnte. Der Geistliche sagte, da
die Kirchengesetze ehemahls strenger als jetzt gewesen wren, und
erzhlte einige Beyspiele zum Beweise, da man sonst nicht einmahl
erlaubt habe, da zwei Menschen, die zusammen ein Kind aus der Taufe
gehoben, sich htten verheirathen drfen, da man aber jetzt keine
Gewissenssache daraus mache, obgleich diese geistige Verbindung eine
krperliche aufheben sollte. So she man, setzte er im heiligen
Eifer hinzu, tglich die Erfahrung besttigt, da die Kinder aus
einer solchen Ehe eben so gut, wie die, welche aus einer Ehe, wo die
Eltern zu nahe verwandt erzeugt wren, ihr ganzes Leben hindurch mit
widrigen Schicksalen zu kmpfen htten, und auch in ihren Sitten der
verderbliche Einflu bemerkt werden knnte. Gott zeige eben dadurch,
welchen Abscheu er vor solchen Verbindungen habe, weil er keinen Segen
dazu gbe, so oft man auch Lossprechungen dafr zu erlangen suche.

Noch erzhlte er uns, da er bei einem rechtschaffenen Mann im Hause
wohne, dessen Frau ehestens niederkommen wrde, und lngst schon darauf
gedacht habe, mich und _Manon Ribaupierre_ zu Pathen ihres Kindes zu
whlen. Die Niederkunft erfolgte, der Vater trug mir die Pathenstelle
an, und ich so wie die Eltern des Kindes glaubten, auch _Manon_ wrde
einwilligen. Aber die Rede des Geistlichen hatte tiefern Eindruck
auf sie gemacht, und da der Vater kam, um sie zur Erfllung dieser
christlichen Pflicht zu bewegen, und ihr sagte, da er auch von mir das
Versprechen habe, so antwortete sie lchelnd: Ich habe mich nur im
Scherz dazu verstanden, aber um Ihres Kindes willen darf ich es nicht,
denn alle Kinder, bei denen ich Pathenstelle vertrat, und deren sind
schon mehr als zwanzig, sind gestorben. Jede berredung war fruchtlos,
sie wollte nie darin willigen, mit mir die Pathenstelle bei dem Kinde
anzunehmen. Ihr Betragen machte mich empfindlich, und ich machte ihr
Vorwrfe ber ihre Hartnckigkeit. Aber sie lachte der Vorwrfe, und
erinnerte mich unvermerkt an die Worte des Priesters. Mein Gedchtni
ist treu! fuhr sie errthend fort, und verlie mich. Diese unerwartete
Erklrung, so verfnglich sie auch fr ein Mdchen war, war mit soviel
Schamhaftigkeit begleitet, da ich nicht wute, ob ich mehr erstaunen,
oder mehr entzckt darber seyn sollte. Aber auf einmahl wurde das
Gesprch mit dem Geistlichen mir wieder gegenwrtig, ich ernannte eine
andere Pathe, und _Manon_ war nur bei dem Gastmahl gegenwrtig.

Ich dankte ihr fr eine so ausserordentliche Erklrung, wir vereinigten
uns ber unsere Hoffnungen und es wurde beschlossen, da ich um sie
bei ihrem Vater werben lassen sollte. Ich war unabhngig und in
einem Alter, wo ich niemand mehr Rechenschaft ablegen durfte; ohne
Verwandte, die ich ber meine Handlungen htte um Rath fragen mssen.
_Ribaupierre_ htte keinesweges Ursach gehabt, ber einen Antrag
dieser Art beleidigt zu werden; meine Familie war der seinigen gleich,
mein Vermgen weit ansehnlicher, als das seine, und ich konnte in
der That noch Ansprche auf eine weit vortheilhaftere Verbindung
machen. Alles die lie uns hoffen, da er uns nicht im Wege seyn, und
sogleich meinen Vorschlag annehmen wrde. Aber wir betrogen uns. Er
antwortete meinem Frsprecher, da er mir sehr fr die Ehre verbunden
wre, die ich ihm erzeigen wolle, aber da er sie nicht annehmen
knne weil es ihm unmglich sei, sich von einem groen Theil seines
Vermgens zu entblen, das nur zu seinem anstndigen Lebensunterhalt
hinreiche. Solle er es mit seinem Schwiegersohn theilen; so werde er
sehr eingeschrnkt leben mssen; ausserdem habe er auch das Wenige,
was er mit groer Mhe von den Trmmern seines Vermgens gerettet,
fr sich selbst gerettet. Nur um ihn in seinem Alter zu pflegen, und
ihm das beschwerliche Leben zu erleichtern, habe er seine Tochter aus
dem Kloster gezogen, wo er sie andernfalls gelassen haben wrde, und
nicht, um sie in die Arme eines Mannes zu fhren, der sie vielleicht
gar noch abhalten knnte, fr ihren Vater die schuldige Anhnglichkeit
und Achtung zu zeigen. Wenn sie nicht seinem Willen gem handeln
wolle, so wisse er zu gut, was er bese, und da sie nichts von ihm
verlangen knne, als ihr Mtterliches. Um sein Vermgen nach seinem
Tode zu erhalten, msse sie es erst durch ihre Zuneigung gegen ihn zu
verdienen suchen, wo nicht, so wisse er, woran er sich zu halten habe.
Die sei sein letzter Entschlu, setzte er noch hinzu, und er bitte
sehr, da man gegen ihn nie mehr davon sprechen solle, seine Tochter zu
verheirathen, wenn man sein Freund bleiben wolle.

Diese so bestimmte Antwort war ein entscheidendes Urtheil. Seine
Tochter weinte darber, und ich war in Verzweiflung, aber es gab
kein Mittel dagegen. _Ribaupierre_ war zu bestimmt in seinem Willen,
und er hatte Zeit gebraucht, um diesen Entschlu reifen zu lassen.
Das letzte Mittel, das wir ergriffen, weit entfernt, uns weiter zu
bringen, wie wir es gehofft hatten, htte uns bald unwiederruflich
zu Grunde gerichtet. Wir steckten uns hinter seinen Beichtvater, der
ihm vorstellte, da seine Tochter nicht leicht eine vorteilhaftere
Heirath thun knnte, da sie bald ein Alter erreichte, worauf man
Rcksicht zu nehmen nthig htte, und da es hohe Zeit sei, sie zu
verheirathen; da ich darin willigte, sie ohne Heirathsgut zu nehmen,
nur die Versicherung verlange ich, da ich ihn nach seinem Tode allein
beerben solle. Indem er sich einen Schwiegersohn whle, so htte er,
statt einer einzigen Sttze, deren zwey. Selbst sein Gewissen nahm er
in Anspruch und stellte ihm vor, da er dazu verpflichtet wre, und
tausend bsen Vorfllen dadurch vorbeugen knnte; denn ein Mdchen, dem
man Zwang auflegte, und das von der Leidenschaft beherrscht wrde, wre
leicht auf Abwege zu bringen. Kurz, der Geistliche erschpfte mit der
grten Beredsamkeit, die ihm die geistliche Liebe nur eingeben konnte,
alle Grnde fr unsere Vereinigung, aber sie gelang ihm nicht. Er hatte
mit einem Manne zu thun, dessen Gemth durch sein eigenes Unglck
erbittert war, den die Erfahrung belehrt hatte.

Er gbe gern zu, sagte er, da die Verbindung fr seine Tochter dem
Anschein nach vortheilhaft wre, da er aber niemanden Rechenschaft von
dem Zustand seines Vermgens gegeben htte, so knnte es sich doch
vielleicht nach seinem Tode finden, da sie eine so vortheilhafte
Parthie wre, als ich. Ihr Alter wre noch nicht so gefhrlich, um die
Sache so eifrig zu betreiben. Drey oder vier Jahre mehr wrden nicht
mehr Falten in ihr Gesicht bringen, und wenn sie spt heirathete, so
wrde sie wenig Kinder bekommen, aber sie wrden gesund seyn, und
von einer starken Constitution. Sie wrde ihren Verstand vollkommen
ausgebildet haben, besser ihre Wirthschaft zu fhren im Stande seyn und
nicht mehr Gefahr laufen in die Zerstreuungen der Jugend zu fallen. Was
mein Anerbieten betreffe, ihm den Genu seines Vermgens zu berlassen,
so lang er lebe, so danke er gar sehr fr die Gnade, ihn genieen zu
lassen, was sein Eigenthum sei. Beides, den Gebrauch des Geldes, so
wie das Recht daran, knne ihm niemand streitig machen, und er wolle
es sich auch bis an sein Ende bewahren, denn wenn er einmal sich des
Rechts entussert htte, nach Gefallen darber zu gebieten, so wrde
sein Sohn, wie seine Tochter glauben, da dieser Genu ein Raub wre,
den er an ihnen begangen htte. So gut bin ich nicht, sagte er, um
zu sterben, weil es ihnen Freude macht, auch sollen sie nicht die Snde
auf sich laden, Gott zu beleidigen und meinen Tod zu wnschen. Die Welt
giebt Beyspiele genug von Greisen, die einfltig gewesen sind, um sich
aus miverstandener Gte fr ihre Kinder unglcklich zu machen, diese
sollen mir nicht zum Muster dienen. Meine Tochter soll, so ist mein
Wille, immer von mir allein abhngen, ohne weder mich, noch sich selbst
der Gromuth eines Schwiegersohns zu berlassen.

Ich betheure bei Gott, setzte er hinzu, da sie nie dieser Gefahr
ausgesetzt seyn soll. Ich bedarf auch der Untersttzung eines
Schwiegersohns nicht, meine Geschfte bedrfen keines Gehlfen, noch
keiner rechtlichen Frsprache, alles ist im Klaren und in Ordnung,
ich habe keine gerichtlichen Verfolgungen zu befrchten, weil ich
niemand einen Heller schuldig bin. Ich selbst brauche nur die Dienste
meiner Kchin und eines Bedienten, um mir den Stock zu reichen, wenn
ich aufstehen will. Was mein Gewissen betrifft, so bin ich kein
Casuist, aber ich finde nicht, da ich dem gemeinen Menschenverstand
zuwider handle, und ich verstehe noch weniger, wie von einer Heirath
meiner Tochter mein Heil abhngen sollte. Fast scheint es, da man
mich einige Abweichungen von ihrer Seite wolle befrchten lassen,
um mich bei einem hhern Gericht verantwortlich zu machen, wenn ich
sie nicht verheirathen wollte. Aber auf dieses habe ich nur ein Wort
zu erwiedern. Ich gebe gern zu, da die Vter oder Mtter bei einer
blen Auffhrung ihrer Kinder nicht schuldlos sind, wenn sie ihre
Neigungen zwingen wollen, sei es durch eine Heirath oder durch das
Kloster. Aber keines von beiden hat sie von mir zu befrchten. Bin ich
tod, so ist sie frey, und kann nach ihrer Neigung eine Wahl treffen.
Noch weniger bin ich gesinnt, sie wieder ins Kloster zu schicken, ich
habe sie fr mich und weil ich ihrer bedarf herausgenommen. Inde
wenn es ihr Wille wre, wrde ich sie auch davon nicht zurckhalten,
doch frchte ich dieses nicht, da es ihr so am Herzen liegt, sich zu
verheirathen. Was die Befriedigung der Bedrfnisse unserer Kinder
angeht, so finde ich die ltern sehr strafbar, wenn sie ihre Kinder
in die Nothwendigkeit versetzen, zu der Brse anderer ihre Zuflucht
zu nehmen. Aber bei meiner Tochter ist die nie der Fall gewesen,
sie hat alles, was sie bedarf und noch zum berflu. Ich versagte
ihr nichts, und war immer der Erste ihren Beutel zu fllen, ohne
erst zu erwarten, da sie mich darum bat, und sie brauchte mir nie
Rechenschaft darber abzulegen. Darum wrde es nicht Noth seyn, die sie
zu Ausschweifungen fhrte, sondern nur Sinnlichkeit, und dafr kenne
ich ein untrgliches Mittel, ich werde sie niemahls aus dem Gesichte
verlieren, auch ihrer Kammerjungfer, auf die ich mich verlassen kann,
befehlen, sie niemahls aus den Augen zu lassen. Ich werde sie jederzeit
in die Messe begleiten, und sie immer in meinem Zimmer beschftigen,
ohne sie herausgehen zu lassen, wenn sie nicht von sichern Leuten
beobachtet wird. Jede Art von Andachtsbungen und Wallfahrten, die
ausser meinen Wnden geschehen knnten, werde ich zu hindern wissen.
Briefe erlaube ich herzlich gern zu schreiben, denn diese sind es
nicht, die das Geschlecht vermehren. Auch werde ich selbst Herrn
_d'Autun_ nicht verbieten, sie zu sehen, aber die mu immer unter
meinen Augen geschehen. Sollte ich aller Maaregeln ungeachtet betrogen
werden, so wrde _Manon_ schuldiger vor Gottes Augen seyn, als ich. Ich
werde nicht um fremder Snde willen verdammt werden, und berlasse sie
ihrem eigenen Gewissen. Ich hoffe, sie ist klug und zu gut erzogen, um
Thorheiten zu begehen, aber wrde sie sich welcher schuldig machen,
so mu sie allein dafr ben, und sie wrde in diesem Fall aller
Ansprche auf mein Vermgen verlustig werden. --

Seine lange Antwort war hier zu Ende, aber nicht sein Gesprch mit dem
Beichtvater. Er hrte ein Gerusch, und konnte nicht zweifeln, da ich
mit seiner Tochter gehorcht htte, wie auch der Fall war; wir waren
in der grten Verlegenheit, er brach in laute Schmhungen aus, und
beschmte seine Tochter so sehr, da ihre Thrnen flossen. Wir zogen
uns zurck, muten aber zuvor noch eine trefliche Ermahnung hren, die
er an den Beichtvater richtete, ohne das Ansehen zu haben, als sprche
er mit seiner Tochter.

Bin ich nicht recht unglcklich, mein Herr, sagte er, ich habe mich
erschpft, und mein ganzes Leben alle Krfte angewendet, mehr als man
mir glauben wird, und jeder Versuch schlug mir fehl. Schreckliche
Unglcksflle haben mir den besten Theil meines Vermgens geraubt,
ber diese klage ich nicht, Gott wollte es; ich habe vielleicht nur
wenige Zeit noch zu leben, von vielen beln gedrckt, fast ganz
gelhmt will man mich meines Vermgens berauben. Und wer ist es?
Meine einzige Tochter, die mir alles verdankt, und der allein meine
Gte einiges Recht auf mich nach meinem Tode giebt. Man will mich
berreden, mein Vermgen wegzugeben, das ich nicht entbehren kann,
und an einen Menschen, der mir vielleicht nie danken wird. Denn meine
Tochter wird nicht das Privilegium haben, einen Mann zu finden, der
von anderm Teig geformt ist, als wir alle, und nach uneigenntzigen
Grundstzen handeln wird. Ich beurtheile ihn nach mir, ich hatte ihrer
Mutter in den Tagen meiner Liebe geschworen, sie ewig zu lieben, sie
war unverstndig genug, mir zu glauben, und erlaubte mir alles; drey
glckliche Tage dauerte diese Verblendung, nach dieser Zeit war es das
Herz nicht mehr, das mich zu ihr zurckfhrte, es war nur ein Bedrfni
der Sinne. Auch ist es wahr, da wenn sich nicht die Folgen dieser
Liebe gezeigt htten und ich meine Krankheit nicht tdtlich geglaubt
htte, ich sie nie, ohngeachtet meiner Schwre und meines Versprechens
geheirathet haben wrde. Ich heirathete sie nur um meines Kindes
willen, man machte es mir zur Gewissenssache und es war mir unmglich,
dem Jesuiten zu widersprechen, dem ich meine Beichte ablegte. Ich
liebte sie nicht mehr, der Genu hatte die Liebe getdtet. Noch ist
es mir unbegreiflich, wie ich dahin gebracht werden konnte, aber man
sagte mir in jedem Augenblicke, da ich sterben msse, und weil ich
es so oft hrte, so glaubte ich es am Ende selbst. Die Furcht des
Todes hatte mich meiner ruhigen berlegung beraubt. Man sieht in einem
solchem Augenblicke die Dinge aus einem ganz andern Gesichtspunkt an,
als in gesunden Tagen. Meine Frau wre tugendhaft, sagte man mir, und
ich glaubte es, man knpfte meine ewige Seeligkeit an ihre Hand. Ich
nahm sie nicht aus Liebe zu ihr, sondern um das Paradies zu erwerben.
Ich erwarb es nicht, weil ich noch auf der Erde bin; aber doch war ich
nicht in der Hlle, sondern im Fegefeuer, wo ich dafr bte, da ich
am Leben blieb. Sie starb endlich, und ich gestehe es offenherzig, ihr
Tod machte mir Freude. Und es ist so wahr, da ich keine Liebe fr sie
mehr hatte, indem ich eine Stunde nach unserer Trauung ein Testament
machte, worin ich ihr sehr wenig bestimmte, und auch den Hnden meiner
Frau nicht die Verwaltung des Vermgens anvertrauen wollte, das ich
fr unsere Tochter ausgesetzt hatte. Da sie frher starb, so hebt
sich dieses Testament auf. Ich lebte ziemlich ruhig mit ihr, weil ich
es nicht ndern konnte, aber ohne den Gedanken an meine Tochter, die
ich immer liebte und noch liebe, htte ihre Mutter sicher kein gutes
Leben bei mir gehabt. Ich verschlo meine Augen ber ihr Betragen, aber
nichts entging mir, und ich wollte nur das Aufsehen vermeiden, was
ich nie liebte. Ich selbst wollte nicht Dinge enthllen, die mir die
Ehre befahl, zu verbergen, und die mehr auf die Tochter, als auf die
Mutter nachtheilig htten wirken mssen, zudem hat sie immer den Schein
beibehalten, der mich bei dem Betragen meiner Frau das Wesentlichste
dnkt, denn das brige ist unbedeutend.

Ich sage es Ihnen, ehrwrdiger Vater, fuhr er fort, und unter dem
Siegel der Beichte, da ich immer unglcklich war; sey es in meiner
Jugend durch meine Anstrengung und durch meinen Verlust, oder in
sptern Jahren durch meine Heirath, indem meine Frau das Geheimni
besa, mich wthend zu machen, und doch die Herrschaft in Hnden zu
behalten; jetzt bin ich es durch meine Krnklichkeit und durch eine
Tochter, die mir so viele Verbindlichkeiten schuldig ist, und mich doch
verlassen, mich entblt zurck lassen will, vielleicht mich gar als
ihren Verfolger ansieht. Aber weil es ihr so wenig kostet, sich von mir
loszureien, so will ich auch versuchen, mich von ihr loszumachen, und
das erstemahl, da mir wieder jemand, durch sie veranlat, von einer
Hochzeit spricht, oder die erste Thorheit, die sie begeht, wird mich
bestimmen, sie zu verlassen. Ich werde an einen Ort flchten, dem ich
alles, was mir brig geblieben ist, bergeben, und wo ich das Glck
finden werde, ruhig sterben zu knnen. Ich wei nicht, ob er mehr
sagte, denn seine Tochter zog sich zurck, sehr gebeugt durch ihre
Neugierde, und darber, da ich alles mit gehret hatte, sie bewog mich
also, mich auch zurckzuziehen.

Wir hatten alle Ursache zu glauben, da er die Bosheit haben wrde
in uns wechselsweise Widerwillen gegen einander zu erregen. _Manon_
sollte durch sein Beispiel mir abgeneigt werden, und ich ihr durch
das Beispiel ihrer Mutter. Diese Gedanken brachten uns in eine solche
Verwirrung, da wir es nicht wagten, uns anzusehen. Endlich kam der
Beichtvater heraus und theilte uns das Resultat seiner Unterhaltung
mit, so weit sie die Heirath betraf; von _Manons_ Mutter, so wie von
allem, was uns betrben konnte, schwieg er. Er sagte uns nur, wir
sollten nicht mehr an eine Heirath denken, weil es verlohrene Zeit und
Mhe seyn wrde. Er wollte selbst nicht rathen, noch mit Herrn _von
Ribaupierre_ darber zu sprechen, er wre zu fest und unerschtterlich
in seinem Entschlu; und wrden wir darauf bestehen, ihn zu einer
Sinnesnderung zu bewegen, so wrden wir uns selbst am meisten schaden.
Er wrde niemahls mehr fr uns mit Herrn _von Ribaupierre_ sprechen und
sollte er auch hundert Jahre leben. Gott bewahre! rief ich aus. Und
ich wei selbst nicht, mit welcher Miene ich es mu gesagt haben, denn
der Beichtvater und das Frulein schlugen ein lautes Gelchter auf.

Der Vater lie seine Tochter bald nach dem Gesprche des Geistlichen
rufen. Sie bat mich noch den Abend wieder zu kommen, ich knnte, wenn
das Wetter zum Spaziergang nicht gnstig wre, an ihrer Thre sie
aufsuchen, und so verlie ich sie.

Glaubst Du, sagte er zu seiner Tochter, als sie in sein Zimmer trat,
da die Welt ihrem Ende schon so nahe sey, da ein Priester Deine
Sache ausfechten soll, wie ehemahls bei Deiner Mutter der Fall war.
Entsage diesem Wahn, denn man hat nicht alle Tage eine so andchtige
Krisis. La Dir's nicht einfallen, mich in meinen Handlungen zu leiten,
ich bin zu alt, um Lehren anzunehmen, ich selbst gebe Dir keine. Ich
lasse Dir Deinen Willen, Dich nach Deiner Phantasie zu betragen,
aber beobachte Dich wohl, damit ich nicht Ursache finden kann, mich
ber Dich zu beklagen. Es war anfangs mein Entschlu, Dir den Umgang
mit Deinem Geliebten _d'Autun_ zu untersagen, aber es mchte bei den
Leuten zu viel Gerede machen, und ich habe meine Meinung gendert.
Deine Mutter gab viel Anla zum Geschwtze, und den will ich ersparen.
Willst Du daher, da ich an Dich denken soll, so erinnere mich selbst
nicht daran. Betragt euch klug, Du sowohl, wie Dein Geliebter, und so,
da die Welt so wie ich mit eurem Betragen zufrieden seyn kann. Du
kennst mich zu gut, und weit, da die Sprache eines Pdagogen meinem
Charakter nicht angemessen ist. Ich sagte Dir nie etwas ber diesen
Punkt, ich glaube, da Du immer weise gewesen bist, und hoffe, Du wirst
es auch ferner seyn. Ich werde niemahls wieder ber diese Sache mit
Dir sprechen, aber gieb mir nie Gelegenheit zum Handeln, es brauchte
nur eines Augenblickes, Dich unglcklich zu machen, und Du wrdest ihn
Dein ganzes Leben hindurch beweinen. Nach dieser Anrede schwieg er,
und hielt Wort, denn seit dieser Zeit ffnete er den Mund ber diese
Angelegenheit nicht mehr. Ich mute mich dann entschlieen, entweder
das Vaterland zu verlassen, oder als ein treuer Romanenheld mein Leben
im Gewebe der Liebe hinzutrumen, bis zu dem Tode des Herrn _von
Ribaupierre_.

Ich hatte alle Ursache zu glauben, da ich geliebt wrde. Jede Gunst,
die nicht strafbar war, wurde mir erlaubt, ich sahe _Manon_ tglich,
und wir machten sogar Spaziergnge mit einander. In _Ribaupierre's_
Hause war ich willkommen, er bezeigte mir seine Freundschaft durch
tausendfache Ausdrcke, ob er gleich wohl im Herzen berzeugt war, da,
wenn es in meiner Macht gestanden htte, ich ihn gern in eine andere
Welt gesandt haben wrde.

       *       *       *       *       *

Familien-Geschfte nthigten mich nach A. zu reisen, und ich hoffte
in lngstens sechs Wochen wieder in Paris zu seyn. Ich bat _Manon_
beim Abschiede mir ihr Bild zu geben, und gab ihr das meinige zuerst,
wie sie es gewnscht hatte. Es war in einer einfachen emaillirten
Dose, mit einem Spiegel in der Mitte, dem Bilde gegenber. Das
ihrige erhielt ich erst am letzten Tage vor meiner Abreise. Es war
auf Emaille vortreflich gemahlt und sehr hnlich. Eine Einfassung von
Perlen umgab es, und eine zweite auf der andern Seite den Spiegel. Die
Dose war auch emaillirt und stellte auf der einen Seite _Dido_ vor,
die den Scheiterhaufen besteigt, mit dem Dolch in der Hand; das Meer
mit Schiffen bedeckt war im Hintergrunde und deutete auf die Flucht
des Aeneas, um den Rand waren die Worte eingegraben: Ihrem Beispiele
wrde ich folgen; die andere Seite auf dem Rcken des Spiegels stellte
einen Reiter vor, dessen Pferd in vollem Lauf war, vor ihm her flog
ein Amor und that, als wollte er den Zgel halten, und es von einer
Stadt entfernen, die im Hintergrunde war, und wo man mehrere weibliche
Figuren erblickte. Unten standen die Worte: Nichts hlt einen
Liebhaber auf, den die Liebe leitet.

Das Geschenk war von groem Werth, der Gedanke sinnreich, der Reiter
legte mir ans Herz, bald zurckzukehren, und die Gelegenheit zu
vermeiden, wo ich ihr die Treue brechen knnte, _Dido_ versicherte mich
der ihrigen bis zum Tode. Ich reiste ab, und konnte nicht so schnell
zurckkehren, als ich hoffte; meine Reise verzgerte sich stets und
statt sechs Wochen blieb ich viele Monate abwesend. Aber ohngeachtet
dieser langen Abwesenheit kam ich doch mit mehr Leidenschaft zurck;
auch _Manon_, schien mir's, zeigte mehr Lebhaftigkeit in den Ausdrcken
ihrer Liebe, als vor meiner Abreise. Ich schrieb ihr mit jedem
Posttage, und erhielt auch jede Woche Briefe von ihr; auch fgte ich
von Zeit zu Zeit kleine Geschenke hinzu, die sie mehr an mich erinnern
sollten.

So bekannt mir ihr Verstand durch unsere Gesprche war, so bertrafen
doch ihre Briefe alle Vorstellung. Selten hatte wohl ein Frauenzimmer
einen leichtern, mittheilendern Verstand. Sie denkt nicht nach ber
das, was sie sagen will, und doch ist alles, was sie sagen kann,
richtiger und schner gesagt, als andere denken. Ihr Styl ist bestimmt,
natrlich und pathetisch, mit einem gewissen rhrenden Ausdruck
begleitet, der tausendmahl mehr das Herz ergreift, als ihr belebtes
Gesprch, das der Ton ihrer Stimme und die schnsten Bewegungen
ihres Krpers begleiten. Ich war so erfreut, eine solche Geliebte
zu besitzen, da ich, um mich bei einigen Damen in der Provinz zu
rechtfertigen, die es nicht artig fanden, da ich bei ihnen so
gleichgltig wre, _Manons_ Bild zeigte. Die reiche Aussenseite erregte
ihr Erstaunen, aber mehr noch wunderten sie sich ber die Schnheit,
die sie verbarg, und sie sagten mir, da die Devisen, die darauf
stnden, wohl nicht von ihr erfunden seyn knnten. Sie setzten hinzu,
es msse eine vollkommene Person seyn, wenn sie so viel Geist als Reize
bese. Ich erwiederte hierauf, da gewi alles von ihrer Erfindung
sey, und um sie zu berzeugen, so zeigte ich ihnen einen Brief, den ich
eben empfangen hatte. Manon schrieb mir:

Wenn ich mir selbst glaubte, so schriebe ich Ihnen nicht, denn ich
bin in allem Ernst bse auf Sie. Nichts ist fr mich so beleidigend,
als die Freiheit Ihres Geistes in Ihren Briefen, und diese vollkommene
Gesundheit, deren Sie sich rhmen. Tausendmahl sagten Sie mir, da Sie
mich liebten, und ich glaubte es. Sie versprachen mir in einem Monat
zurckzukehren, und unter dieser Bedingung lie ich Sie abreisen.
Schon sind vier Monate seit dieser Zeit verflossen, und nach einer
solchen Abwesenheit sind Sie doch noch vergngt und wohl. Wie glcklich
sind Sie, ein Herz und einen Verstand zu haben, die bei einer solchen
Abwesenheit die Probe aushalten! Wie ungleich bin ich Ihnen in diesem
Punkt! Ich bin eiferschtig bis zum Wahnsinn, ich wnsche selbst, da
Sie von aller Welt gehat werden mchten, da Sie von allen Seiten
zurckgestoen, genthigt wrden, zu mir zurckzukehren. Aber diese
Gesinnung ist fr Sie zu beleidigend, als da ich ihr Dauer wnschen
knnte, und schon in diesem Moment sage ich mir, da, jemehr Sie
geliebt werden, jemehr werde ich meine eigene Neigung rechtfertigen.
Ich mchte, da alle Mdchen, um Sie zu sehen, meine Augen borgten,
aber ich mchte, da Sie nur mich anshen! Allen Ihren Geliebten
wnsche ich Verdienste, damit das Opfer, das sie Ihnen brchten, dem
meinigen eine Folie unterlegte. Aber glauben Sie nicht, was ich da
sage, meine Eigenliebe spricht aus mir, und ich verlange kein Opfer,
sondern nur Liebe. Knnten Sie es thun, so sagen Sie mir's nicht,
ich wrde versuchen, mich selbst zu betrgen. Aber wo finde ich ein
Mittel Ihre Nachligkeit, Ihren Kaltsinn in Ihren Briefen, Ihre lange
Abwesenheit und die treffliche Gesundheit, zu entschuldigen? Beinahe
ist es mir zur Gewiheit geworden, da Sie untreu sind; die Schnheiten
in der Provinz haben mich verdunkelt, der gegenwrtige Gegenstand ist
immer anziehender, als eine abwesende Geliebte. Sie haben nichts als
ein Bild, das nur eine Idee und Farbe ist; ich mchte verzweifeln, da
ich es Ihnen geben konnte. Sie vergleichen es nun mit Ihren Schnen,
diese gefallen Ihnen, und ich nicht mehr! Wann werden Sie zurckkehren?
Soll ich Sie nicht mehr sehen? Werden Sie mich vergessen? -- Wenn Sie
mich so lieben, wie Sie sagten, wie Sie mir's berreden mchten, wrden
Sie nicht die Liebe allem andern vorziehen? Knnen Sie mir kein Zeichen
geben, als die Schrift, die mich vielleicht betrgt? -- Leben Sie wohl,
ich bin so bewegt, da meine Ungeduld auf dem Papier sichtbar wird. Ich
hatte beschlossen, mit Ihnen zu zanken, aber der Gedanke an Sie ist mir
lebhafter geworden und hat meinen Zorn verlscht. Mlle. M. hat heute
ihr Gelbde abgelegt, nun ist sie endlich Nonne geworden! Wie glcklich
ist sie, wenn ihr Herz frei ist! Aber wie unglcklich ist sie, wenn sie
an B. denkt, nur mit einem Theil der Gefhle, die in meinem Herzen
erwachen, wenn ich an Sie denke!

Dieser Brief vollendete bei den Damen die Schilderung des Fruleins
_Ribaupierre_, sie waren davon entzckt, und ohne da ich es selbst
wollte, gewannen sie mein Zutrauen. Ich suchte meine Geschfte so viel
wie mglich zu beschleunigen, und doch mute ich noch lnger als zwei
Monate nach Empfang dieses Briefes dort bleiben, und unter der Zeit
machten die Briefe, die ich von _Manon_ erhielt, den grten Stoff
meiner Unterhaltungen aus. Man wnschte mir Glck ber meine Wahl,
man munterte mich selbst auf gegen ein solches Mdchen, die es so
verdiente, nie die Treue zu verletzen.

Ich bekam in der letzten Zeit meiner Abwesenheit einen Nebenbuhler.
Herr _von Melville_ war es, der Sohn eines ~Officier de la maison
du Roi~. Er lie sich einfallen, dem Frulein seine Liebe zu zeigen,
aber es war ein Jngling, der kaum aus der Klasse gekommen war, wo
er die Rechte studiert hatte, und dabei so albern, wie ein Pariser,
der niemals andere Aussichten gehabt hatte, als den Kirchthurm seines
Kirchspiels. _Manon_ machte sich ber ihn lustig, und schrieb mir in
einem Ton von demselben, der selbst der Gravitt eines Cato ein Lcheln
htte abzwingen knnen.

Ich kam nach Paris zurck mit mehr Liebe im Herzen, als da ich
abreiste, und in der Absicht alles Mgliche zu versuchen, um unsere
Heirath zu Stande zu bringen. Der alte _Ribaupierre_ hatte einige
meiner Briefe ber diesen Gegenstand gesehen und hatte seine guten
Vorkehrungen getroffen. Wer begreift nicht, mit welcher Freude wir uns
zum erstenmahl wieder umarmten! Wir vergossen heie Thrnen und ich
blieb beinahe unbeweglich zu den Fen meiner Geliebten liegen. Ich
entschlo mich fest den letzten Versuch zu wagen, und unsere Heirath,
koste es auch, was es wolle, zu vollziehen. In der Absicht ging ich
am folgenden Morgen aus, Herrn _von Ribaupierre_ zu besuchen, whrend
seine Tochter in der Messe war, ich whlte mit Absicht diesen Zeitpunkt.

Ich warf mich ihm zu Fen und bat ihn um die Hand seiner Tochter, ich
erbot mich, sie ohne Vermgen, ohne irgend eine Verbindlichkeit von
seiner Seite, und ohne alle Hoffnung auf seine Erbschaft zu heirathen.
Nur seine Einwilligung verlangte ich, er selbst solle die Ehepakten
aufsetzen, ohne da ich je etwas von ihrem Vermgen hoffen wollte,
sollte er seiner Tochter alle mgliche Vortheile von meiner Seite
zusichern, auch wollte ich es selbst ffentlich bekennen, da er ihr
eine Aussteuer gegeben habe, die er selbst bestimmen solle.

Wie konnte ich mehr thun? Er schien ber meine Heftigkeit verlegen,
aber da er nicht unvorhergesehenes Spiel spielte, da er einige Briefe
von mir an seine Tochter gesehen hatte und darauf vorbereitet war,
so antwortete er mir, da meine lange Abwesenheit ihn habe glauben
lassen, ich denke nicht mehr an seine Tochter, und da sich die Dinge
seit meiner Abreise sehr gendert htten. Ich habe mich, sagte er, in
eine Verbindung mit einem meiner ltesten Freunde eingelassen, dessen
Sohn meine Tochter gewi eben so liebt, wie Sie, und der ihr, wie
ich glaube, auch nicht mifllt. Ich habe sie ihm versprochen, und
alle Geister der Hlle knnten mich nicht dahin bringen, mein Wort
zurckzunehmen. Gleichwohl will ich meiner Tochter Neigung keine
Gewalt anthun, willigt sie nicht in die Verbindung, die ich fr sie
einging, so darf man nicht mehr daran denken. Fahren Sie fort, rief
ich aus, und warf mich noch einmahl ihm zu Fen, und weil Sie endlich
Ihre Einwilligung geben, da sie heirathen soll, so geben Sie sie mir,
wenn sie es will.

Die Bewegung, in der ich war, lie mich noch manche Grnde hinzufgen,
die mir entfallen sind, aber von denen er so lebhaft gerhrt wurde,
da er versprach, sie mir zu geben, wenn sie sich fr mich erklrte;
erklre sie sich aber fr den andern, so solle ich eine andere
Verbindung suchen. Ich will es gern, sagte ich, denn ich glaube
nicht, da es schwer seyn wird, Ihre Tochter zur Erklrung zu bewegen,
und ich bin ihrer Einwilligung gewi. Desto besser fr Sie, war
seine Antwort, aber hten Sie sich, sich selbst zu tuschen. Sie
kennen die Frauen nicht, sie sind feiner, als Sie wohl glauben, und
bewahren sich oft solche Ausflchte auf, da auch der feinste aller
Mnner sie nicht voraussehen kann. Ich hoffe nicht, war meine
Antwort, da das Frulein welche finden knnte, die mich betrben
wrden. So ist es gut fr Sie, sagte er noch, und ich konnte nichts
weiter von ihm heraus bringen. Aber da er es der Wahl seiner Tochter
berlie, so hatte ich gewonnen Spiel. Er wollte meine Eifersucht
erwecken, ich fhlte sie in mir erwachen, aber sie wurde bald wieder
zerstreut.

Ich erwartete Manon in einem Zimmer des untern Stockwerks; sie war
verwundert, mich so frh bei sich zu sehen, denn ich ging nur des
Nachmittags gewhnlich zu ihr. Aber noch mehr wuchs ihr Erstaunen,
als ich ihr sagte, was mich zu ihr fhrte. Sie wollen uns verderben,
sagte sie, der Schritt, den Sie gethan haben, ohne mich zu fragen,
kann sonderbare Folgen haben, Sie htten dahin nicht kommen sollen,
ohne mich vorher zu fragen, und ohne meine Einwilligung zu erwarten.

Ihre Antwort brachte mich auf, und ich sagte ihr, da ich die Folgen
nicht frchtete; und wre etwas zu befrchten, so wre es nicht fr
sie. Der Ton, in dem Sie mit mir sprechen, fuhr ich fort, lt
mich wohl glauben, da Ihr Vater nicht unrecht hatte, wenn er Ihren
Ausspruch zu meinem Vortheil bezweifelte, und allem Anschein nach
bestimmen Sie sich dem neuen Liebhaber, von dem Ihr Vater mir sprach.
Ich sprach in einem so hohen Tone, und war so lebhaft, da ich nicht
wei, ob ich nicht gar in Schmhungen ausgebrochen wre, wenn _Manon_
mir Zeit gelassen htte. Mein Vater hat Ihnen dieses gesagt! rief
sie aus, und hob die Hnde zum Himmel; sagte er Ihnen, da ich einen
neuen Liebhaber htte? -- Er sagte mir mehr, er sagte auch, da Sie
ihn liebten. Hren Sie mich, sagte sie ruhig, dies lt mich einen
neuen Kunstgriff seiner Art argwhnen. Ich habe Ihnen niemals Anla
gegeben, Mitrauen in meine Offenheit zu setzen. Hier knnten wir keine
Erklrung haben, ohne behorcht zu werden, finden Sie sich heute um
drey Uhr im Garten des Arsenals ein, wir knnen dort unter vier Augen
sprechen; ich werde mich mit Ihnen auf eine Weise erklren, die Sie
befriedigen wird. Diese Worte waren mit solcher Unbefangenheit und
Aufrichtigkeit gesprochen, da ich mich ergab und die Zusammenkunft
annahm. Unsere Unterredung dauerte lange, und ich erzhlte ihr Wort fr
Wort, was ich ihrem Vater gesagt hatte, und seine Antwort.

Ich wei nicht, sagte sie, was ich Ihnen darauf erwiedern soll, ich
bin in einer grern Verlegenheit als Sie. Die Ehrfurcht, die ich ihm
schuldig bin, verhindert mich, etwas gegen ihn zu sagen; aber so viel
ich davon urtheilen kann, so betrgt er uns; er wei zu gut, da ich
niemals in eine andere Heirath einwilligen wrde, als mit Ihnen, und
unter der Bedingung will er mich nicht verheirathen, so lange er lebt.
Was den Liebhaber betrifft, den er mir giebt, so wei ich nicht, auf
wen ich rathen soll; denn seit Ihrer Abreise sah ich niemanden, als den
jungen _Melville_. Sein Vater ist der Freund des meinigen, aber die
Art, mit welcher ich Ihnen von ihm schrieb, lt mich hoffen, da Sie
das Mhrchen nicht glauben. Selbst mein Vater sieht ihn noch wie ein
Kind an. Htte sein Vater mit dem meinigen gesprochen, wovon ich nichts
wei, so giebt es dafr ein gutes Mittel. Da er Ihnen sagte, da ich
die Ihrige werden sollte, wenn ich darein willigen wrde, so wird die
Sache bald zu Ende seyn; denn ich bin bereit, ihm meine Gesinnungen zu
erklren, so bald es Ihnen gefllt; ob er sie gleich wei; denn ich
habe mich mehr als einmal darber erklrt, aber ich werde es vor ihm,
wie vor der ganzen Welt thun, wenn es nthig seyn sollte, und heute
noch, wenn Sie wollen. Ich glaube nicht, da man bestimmter sprechen
kann. Sagen Sie, was Sie wollen, das ich thun soll, ich werde es ohne
Anstand thun. Glauben Sie mir, eilen Sie, ihn zu einer bestimmten
Erklrung zu bringen, weil er sein Wort gab; setzen Sie ihn in die
Nothwendigkeit, es zu halten, und aus diesem Grunde geben Sie zu, da
ich zu ihm und in seiner Gegenwart spreche. Ich hielt sie beim Wort,
und bat, da es in demselben Augenblick geschehen mchte.

Wir stiegen zusammen in die Kutsche, die sie hergefhrt hatte, es
war ein Fiacre, sie hatte mit Flei weder den Wagen ihres Vaters,
noch den meinigen angenommen. Wir kamen in der Meinung an, ihn beide
zu sprechen, und pltzlich Ja oder Nein von ihm zu hren; aber wir
hatten mit einem Manne zu thun, der sich nicht, wie wir glaubten, zu
beherrschen wute. Die Wrme, mit der ich zu ihm am Morgen sprach,
und die heftigen usserungen meiner Liebe, die aus meinen Worten
hervorleuchteten, hatten ihn berrascht und eine vorbergehende
Empfindung des Mitleidens bei ihm erregt, deren sich selbst die
bsen Geister nicht erwehren knnen. Er hatte mich angenommen und
bereute es in dem nchsten Augenblick schon wieder, denn er wollte
seine Tochter niemals verheirathen. Er suchte also Mittel auf, das
Versprechen aufzuheben, das er eingegangen war, sie mir zu geben,
wenn sie es wollte; aber doch wollte er auch nicht, da ich seine
Tochter zuerst unsers Bruchs beschuldigen sollte; denn er sah mich
doch als ihren knftigen Gemahl an, ob er es gleich nicht bei seinem
Leben erlauben wollte. Sein Wille war nicht, mich wegzustoen, sondern
nur wegzuschieben. Aus dieser Absicht war er wirklich whrend meiner
Abwesenheit in Traktaten mit _Melville_, dem Vater, getreten, ob er
gleich in der That seiner Tochter niemals einem Mann von so geringen
Verdiensten geben wollte, und der so wenig in guten Umstnden war. Da
er nicht zweifelte, da ich ihn bald nthigen wrde, zum Entschlu zu
kommen, da ich seine Tochter in seiner Gegenwart zu einer Erklrung
gegen mich treiben wrde, so beschlo er, uns zuvor zu kommen.

Er wute unsre Zusammenkunft, und kaum war seine Tochter aus dem Hause,
so schickte er zu dem alten _Melville_, einer dringenden Angelegenheit
wegen, ihn einzuladen. Der Sohn, der eben dem Frulein einen Besuch
abstatten wollte, fand sich zu gleicher Zeit mit seinem Vater zufllig
an der Thr. Sobald _Ribaupierre_ sie ankommen sah, beschlo er, sie
eben so gut zum Besten zu haben, wie mich und seine Tochter. Nach den
ersten Hflichkeitsbezeugungen sagte er dem alten _Melville_, da er
ber das nachgedacht, was sie zusammen ber die Heirath ihrer Kinder
ausgedacht htten; da er sich alt und gebrechlich fhle, so htte er
beschlossen, die Sache so bald als mglich zu beendigen. Der junge
_Melville_ konnte, wie wir nachher vernahmen, diese Rede nicht ohne
Kitzel hren, er lie seinem Vater nicht einmal Zeit zur Antwort,
sondern sprach zuerst, und so wenig man seinen Verstand aus den Reden
erkennen konnte, so viel Liebe sah man doch darin fr das Frulein.
Er schlang sich um den Hals seines neuen Schwiegervaters, und sagte
ihm, da es neues unerwartetes Glck fr ihn sey, aber da er es mit
dem besten Herzen annhme. Der Vater, der miger in seinen Ausdrcken
war, dankte dem alten _Ribaupierre_ eben mit solchem Vertrauen, als
wenn er wirklich gute Absichten gehabt htte, und da seine Antrge
ihm sehr vortheilhaft waren, so nahm er sie auf der Stelle an. Man
sprach schon von den Artikeln des Ehecontracts. _Melville_ beraubte
sich zur Gunst seines Sohnes seiner Bedienung und trat sie ihm ab.
Sie bewilligten alle Forderungen, die ihnen _Ribaupierre_ machte, und
die Sache wurde mit solchem Ernst betrieben, da sie als geschehen
angesehen werden mute, und wo auch _Ribaupierre_ selbst sich nicht
mehr htte zurckziehen knnen, wenn seine Tochter eingewilligt htte;
aber er wute sehr wohl, da sie dieses nicht thun wrde, und alles
geschah nur in der Absicht, um ihr selbst einen solchen Streich zu
spielen, da sie genthigt werden sollte, sich dem zu widersetzen, was
er wnschte, da er ihr immer betheuert hatte, keine Gewalt zu brauchen.
Er bereitete sich also, ohne irgend Gefahr zu laufen, eine Komdie, die
unnachahmlich war, weil die Spieler so natrlich ihre Rollen spielen
muten, und sie so wenig eingelernt hatten, als falschen Schmuck
kannten.

Wir kamen eben dazu, als sie noch bei der Aufsetzung der Artikel von
dieser vorgeblichen Heirath beschftigt waren. _Melville's_ Anblick,
den ich nicht kannte, brachte mich fr einen Augenblick zum Schweigen,
doch blieben sie mir beide nicht lange fremd; _Melville's_ Anrede
an das Frulein unterrichtete mich bald von ihren Absichten. Mein
Frulein, sagte er zu ihr, wollen Sie mir erlauben, Ihnen meine
Freude ber das Glck zu zeigen, dessen mich Ihr Vater versichert hat,
da er mir Ihre Hand giebt? Ich glaube Sie zu gehorsam, um von Ihnen
Widerspruch zu erwarten. In einem solchen beleidigenden Ton htte er
noch lange fortgeredet, wenn ich ihn nicht unterbrochen htte. Sie
sagen, Herr _von Ribaupierre_ giebt Ihnen sein Wort auf die Hand seiner
Tochter? Ja, mein Herr, war seine Antwort. Nun dann, erwiederte
ich, Herr _von Ribaupierre_ versprach mir es noch diesen Morgen, es
auf seiner Tochter Entscheidung ankommen zu lassen. Ich habe eben so
gut Ansprche auf sie und eben so gegrndete, und doch berlasse ich
es ihrer Wahl, und Sie, mein Herr, da Sie sie zu gehorsam glauben,
als da Sie Widerspruch von ihr befrchten, sind gewi zu klug und
edelgebohren, und selbst zu rechtschaffen, um ihr Zwang anzuthun, und
sich nicht dem zu unterwerfen, was ihre Meinung entscheiden wird.
Sprechen Sie nun selbst, mein Frulein, redete ich sie an, diese
Gelegenheit ist zu schn und zu gnstig. Sie errthete, aber sie blieb
keinen Augenblick unschlssig. Sie fiel ihrem Vater zu Fen, ohne
_Melvilles_ anzusehn, und ich hrte von ihr alles, was ein kluges,
frommes, rechtschaffenes und geistvolles Mdchen sagen kann; von dem
Ausdruck der heftigsten Leidenschaft begleitet, hatte sie ihren Worten
noch mehr Gewicht gegeben. Sie endigte damit, da sie ihrem Vater die
Versicherung gab, da sie niemals etwas thun wrde, was der Tugend
zuwider und was sein Misfallen erwecken knnte; aber sie bat ihn sehr,
da er sie nicht zwingen mchte, indem er ihre Hand ohne ihre Neigung
vergeben wollte.

Auch ich fate meinen Entschlu, und ob ich gleich die Betrgerei
ahndete, so unterlie ich nicht, so gut zu meinem Vortheil zu sprechen,
da selbst der alte _Melville_, der ein sehr rechtschaffener Mann war,
sich zu unserm Beschtzer aufwarf. Er sagte dem alten _Ribaupierre_,
wenn ihm die Gesinnungen seiner Tochter und die meinigen bekannt
gewesen wren, so wrde er niemahls an diese Verbindung gedacht haben.
Man knnte nichts besseres thun, als zwei Menschen zu verbinden, deren
Herzen schon so fest an einander gekettet wren; dies sei der Rath, den
er ihm als rechtschaffener Mann gbe, und um dessen Befolgung er ihn
als Freund bte.

_Ribaupierre_, der eine solche Bitte nicht erwartet hatte, war einen
Augenblick darber verlegen. Aber da er schon lngst seinen Entschlu
gefat hatte, so sagte er ohne Umschweife, da seine Tochter ein
unverschmtes Mdchen wre, in einem solchem Tone in Gegenwart so
vieler Menschen zu sprechen; sie verletzte die ihm schuldige Ehrfurcht,
und die Zurckhaltung, die sie sich selbst schuldig sey, so da er
nichts besseres thun knnen, um sie zu bestrafen, als sie zu lassen,
wer sie wre. Er wrde ihr niemals Zwang auflegen, weil er es ihr
versprochen, aber er wrde auch seine Einwilligung nicht geben, weil
sie es wnschte. Aber Sie versprachen mir ja, sie mir zu geben, wenn
sie darein willigen wrde, und nun fordere ich Sie selbst auf, mir Wort
zu halten, sagte ich. Das sind Kleinigkeiten, war seine Antwort.
Sie hielten mir damahls den Degen in die Seite, und ich verga es, da
ich _Manon_ schon an Herrn _von Melville_ versagt hatte. -- Ich gebe
Ihnen Ihr Wort zurck, sagte dieser, das soll Sie nicht abhalten, mit
diesem Herrn in Verbindung zu treten. So wird es auch nichts, sagte
_Ribaupierre_ erzrnt, und drehte sich nach der entgegengesetzten Seite
seines Bettes um, und machte es uns in der That unmglich, noch eine
Antwort herauszubringen.

Der alte _Melville_ wute nicht, was er davon denken sollte, der Sohn
wollte verzweifeln, seine Hoffnungen verschwinden zu sehn; das Frulein
verlie uns mit Thrnen in den Augen, aber ich konnte nicht lnger
schweigen, da ich die ganze Betrgerei entdeckt hatte. Sie wissen,
mein Herr, sagte ich, da ich schon lngst an Ihre Tochter gedacht
habe, Sie wissen auch, da ich ihr nicht gleichgltig bin; Sie lassen
Herrn _von Melville_ zwischen uns treten und geben ihm den Vorzug. Ich
habe nicht die Ehre ihn zu kennen, aber meine Eigenliebe schmeichelt
mir genugsam, um zu meiner Gunst jeden Unterschied aufzusuchen, der
sich zwischen uns finden mag; ich glaube, da dieser Herr mir sie nicht
streitig machen knnte, wenn ich ganz von ihm gekannt wre; ich mchte
wenigstens mich um seinetwillen in nichts verndern, auf welche Art
es auch seyn mchte. Es wird mir schwer, mich auf eine solche Art zu
erklren, aber die Ungerechtigkeit, die Sie an mir begehen, zwingt mich
dazu. Wie es auch sey, mein Herr, was Sie bewegen kann, so zu handeln,
so werde ich dem Beispiel Ihrer Tochter folgen, ich werde schweigen,
weil ich frchten mu, da die Leidenschaft, die in mir erweckt ist,
mich die Grenzen der Ehrfurcht berschreiten lassen mchte, die ich dem
Vater eines Mdchens schuldig bin, das ich liebe, ja ich mchte sagen,
das ich bis zur Raserey liebe. Ich verlie das Zimmer in der That und
suchte sie auf. Sie weinte, und ich bedurfte des Trostes, aber ihr
Schmerz rhrte mich strker, als der meinige. Wir sagten uns, was uns
in den Mund kam, aber wir beschlossen nichts, als uns ewig zu lieben,
was auch der harte Vater ersinnen mchte, uns zu trennen. Sie lie mir
eine zrtliche Furcht in ihrem Herzen lesen, da ich doch abgeschreckt
werden knnte, aber ich versicherte sie vom Gegentheil, und gelobte ihr
ewige Liebe und Treue.

Die beiden _Melvilles_ verlieen das Haus. Ich frchtete, einem Zwist
nicht ausweichen zu knnen, aber ich betrog mich. Der Vater war
rechtschaffen, er sagte mir, die Art, wie ich die Sache genommen,
habe ihn nicht beleidigt, auch nicht die Verachtung, mit der ich von
seinem Sohn in seiner Gegenwart gesprochen htte; er schrieb alles auf
Rechnung meiner Leidenschaft, und sagte: es wre unvernnftig, auf
Vernunft in der Verzweiflung der Liebe zu rechnen. Diese uerungen
muten mich Entschuldigungen auffinden lassen, und das Frulein that
noch einen nachdrcklichen Schritt; denn nachdem sie sich ber die
Nothwendigkeit ihrer festen Erklrung entschuldigt hatte, so setzte
sie hinzu, indem sie ihr Gesprch an den Sohn richtete: Sie wissen
sehr wohl, mein Herr, da man nicht Herr seines Herzens ist; htte ich
Sie frher als Herrn _von Autun_ gekannt, Ihre Verdienste wrden mein
Herz gerhrt haben; aber Sie erschienen mir, da mein Herz schon von
einem andern Gegenstand erfllt war. Ich knnte Ihnen nichts geben, als
meine Achtung; Sie sind zu rechtschaffen, um es bel aufzunehmen, was
ich Ihnen sage, auch verzeihen Sie mir die Bitte, die ich im Beiseyn
Ihres Vaters an Sie thue, nie mehr einen Anla zu irgend einer Art von
Aufsehen zu geben. Ich verstehe Sie wohl, sagte der Vater, Sie
haben mein Ehrenwort, da er Sie niemals wieder belstigen soll. Und
ich befehle ihm, in diesem Augenblick von Ihnen auf ewig Abschied zu
nehmen. Niemals, fuhr er fort, und wendete sich zum Sohn, mu ein
rechtschaffener Mann irgendwo berflig scheinen. Du spieltest hier
eine schlechte Rolle, setze dich niemals wieder dieser Gefahr aus, und
versprich es dem Frulein in meinem Beiseyn, sie niemals wieder zu
besuchen. Da deine Liebe nicht gut aufgenommen wurde, so sey wenigstens
dein Gehorsam gegen sie in ihren Augen ein Verdienst. Wir schieden
nach vielen wechselseitigen Hflichkeitsbezeigungen von einander.

So war ich von meinem Nebenbuhler befreit, ohne deswegen glcklicher
zu seyn! Jeder Versuch war uns abgeschnitten; und wir hofften nur von
der Zeit allein noch eine gnstige Wendung. _Manons_ Vater sprach mit
seiner Tochter kein Wort mehr, weder von _Melville_, noch von mir;
es war, als htten wir nie gelebt. Er machte weder ihr noch mir ein
finsteres Gesicht; ich ging bestndig zu ihm. Er beobachtete aber so
ein tiefes Stillschweigen ber alles, was uns anging, da wir uns in
der grten Verlegenheit befanden. Wir hatten inde nichts mehr von
ihm zu befrchten; er hatte uns ermdet und zurckgestoen, und mehr
verlangte er nicht.

Er hatte sein Versprechen erfllt, er wollte unsere Verbindung
aufheben, ohne da seine Tochter mir den kleinsten Anla zur
Unzufriedenheit geben sollte. Er sah mich als den Mann an, den er ihr
bestimmte, aber ich wute nicht, da er mich wirklich liebte; und doch
war es so; denn er bewie es mir einige Monate nachher, auf eine sehr
gromthige Weise.

Ich hatte lngst eine Stelle zu kaufen gesucht, jetzt fand sich eine
erledigt; aber die Rede war nun von der Bezahlung. Ich hatte ohngefhr
zwey Drittheile von dem nthigen Gelde; aber ich hatte mich verbindlich
gemacht die ganze Summe auf einen einzigen Termin zu bezahlen. Zu
meinem Unglck starb in dieser Zeit der Banquier, der mehr als zwanzig
tausend Thaler von mir hatte; und da die Sachen so standen, da
man auer Stande war, mir sogleich die ganze Summe auszuzahlen, so
hielt ich mein Geld fr verlohren, oder wenigstens sehr dem Zufall
berlassen. Ich suchte Geld aufzutreiben, wo ich nur konnte, aber mein
Credit war nicht gro genug, um eine so groe Summe aufzubringen,
zumahl zu einer Zeit, wo die Banquerotte so hufig waren. Ich wei
nicht, durch welchen Zufall _Ribaupierre_ es erfuhr; denn seine Tochter
wute nichts von mir, und es wurde ihr erst bekannt, da sie ihr Vater
zu mir schickte. Er borgte Geld, wo er nur welches bekommen konnte,
selbst einen Theil seines Silberzeugs setzte er zum Pfande, und als ich
mir es am wenigsten vermuthen konnte, so sah ich _Manon_ in mein Zimmer
treten. Sie brachte mir zwlf tausend Thaler, und sagte, ihr Vater habe
erfahren, das ich Geld bedrfe, und htte ihr aufgetragen, von mir zu
erfahren, wenn es nicht hinreiche, er brge fr mich, und wrde alle
Krfte aufbieten, mir das nthige zu verschaffen. Es war mehr als ich
zu meinem Vorrath noch bedurfte. Sie sagte, sie htte befrchtet, der
Vater wrde ihr einen neuen Streich spielen, da sie gesehen, da er auf
einmal alles Silber verkauft htte. Aber jetzt wre ihre Freude desto
grer, da sie seine Absichten entdecke.

Diese Gromuth von seiner Seite erweckte in meinem Herzen eine tiefe
Rhrung, da ich zumal in einer Lage war, wo mir baares Geld so
unentbehrlich war. Er sandte mir die Summe am Morgen des nmlichen
Tages, an welchem ich die Zahlung leisten sollte. Meine erste Sorge
war, ihm zu danken. Ich zeigte ihm ganz, wie gro meine Dankbarkeit
sey, und sagte ihm offenherzig, aus welcher Verlegenheit er mich
gerissen habe. Er unterbrach mich in meinen Danksagungen, und ohne die
Art und Weise zu ndern, mit der er mich sonst behandelte, sagte er
mir ganz trocken: ich solle nun gehen, meine Geschfte zu beendigen.
Man lerne seine Freunde in der Noth vorzglich kennen, und er wre der
meinige mehr als ich dchte, ob er gleich berzeugt wre, da ich ihn
im Herzen oft verwnscht htte. Kommen Sie zum Abendessen wieder,
sagte er noch. Da ich sahe, da er ohne Zwang mit mir umging, so
behandelte ich ihn auf eine hnliche Weise. Ich ging meinen Geschften
nach, und endigte sie nach Wunsche.

Ich brachte den Abend in _Ribaupierre's_ Hause zu, und wollte noch
immer in meinen Danksagungen fortfahren, aber er unterbrach mich. Ey
zum Henker, rief er, weil Sie so oft wieder dasselbe Lied beginnen,
so mu ich auch reden. Ist's nicht wahr, da wenn ich Ihnen meine
Tochter nebst meinem Vermgen gegeben htte, so htte ich Ihnen keinen
Dienst geleistet, weil ich es hernach nicht mehr htte thun knnen,
oder Sie htten es wohl nicht nthig gehabt? Und htten Sie meine
Tochter ohne Vermgen erhalten, wie Sie sie verlangten, so wrden Sie
glauben, es sey Ihr eigenes Gut, was ich Ihnen gegeben, und nicht
das meinige? Und ist es nicht auch noch wahr, da Sie mir jetzt mehr
Verbindlichkeit haben, als wenn Sie mein Schwiegersohn wren? Ist es
nicht so, da Sie mehr Dankbarkeit empfinden, und mit einem Wort mehr
gerhrt sind. Ich gestand es ihm zu. Nun das ist's eben, was ich
meine, lieber Freund, erwiederte er, indem er mich treuherzig auf die
Schultern klopfte. Sey immer Herr des Deinigen, und berla Deinen
Kindern, wenn Du welche hast, Dir den Hof zu machen, ohne sie und Dich
selbst je in den Fall zu setzen, da Du _ihnen_ den Hof machst. Es ist
sehr angenehm, sein eigner Herr zu seyn, Du wirst auch einst Kinder
haben, handle auch mit ihnen, wie ich mit Dir handelte, so wirst Du
immer gefrchtet und geehrt seyn.

So viel ich auch gegen seine Moral einzuwenden hatte, so mute ich sie
doch sehr vernnftig finden, und wenn alle Eltern mit ihren Kindern
so handelten, so wrden die Kinder mehr Achtung und Ehrerbietung vor
ihnen haben. Denn er sagte sehr wahr, da die Kinder immer ihre Eltern
wiederfnden; aber die Vter und Mtter nicht immer ihre Kinder; und
dann sey es auch beschmend von denen abzuhngen, die uns das Leben
verdanken; aber im Gegentheil wre es sehr natrlich und ein heiliges
Gesetz, da wir von denen abhngen, die wir als die Urheber unsers
Daseyns verehren.

Ich mute den Mann bewundern, der mir willig sein Vermgen anvertraute,
und mir doch seine Tochter versagte, weil er den festen Entschlu
hatte, sich nicht zu entblen: denn im Grunde liebte er mich, und mit
einem solchen Zutrauen, da nie davon die Rede war, da ich ihm eine
schriftliche Sicherheit geben sollte. Denn als ich ihm einen Theil des
berflssigen Geldes zurck gab, und fr das brige eine schriftliche
Versicherung brachte, so nahm er jenes zwar wieder; fragte mich aber
dabei, ob ich dchte frher als er zu sterben, und setzte hinzu, da
Leute von Ehre einer solchen Vorsicht nicht bedrften, die ihren
Ursprung immer dem Mitrauen zu danken habe.

Indem diese Gelegenheit mir bewie, welchen Antheil er an meinem Glcke
nahm, erfolgte noch ein Vorfall, der mir seinen Antheil an meiner
Person zeigte.

In dem Hause, wo ich wohnte, fand sich ein schnes junges Mdchen, und
da ich keine eigene Haushaltung hatte, so a ich bei der Dame meines
Hauses. Man sagte das Mdchen sei von einer guten Familie, auch hatte
sie wirklich sehr gute Sitten, und nicht gemeinen Anstand. Sie hatte
oft Verrichtungen in meinen Zimmern, und machte sich noch fter darin
zu thun, als nthig war. Ich war jung, die Leidenschaft fr _Manon_
hatte meine Sinne aufgeregt, das Mdchen war leichtfertig, und froher
Laune, wir kamen weiter als es die Sittsamkeit erlaubte, und sie
sprte die Folgen unsers Verstndnisses, das eine lange Zeit, ohne
Aufsehen zu machen, fortdauerte. Man hatte keinen Verdacht auf mich,
aber endlich wurde es doch entdeckt. _Ribaupierre_, der weitluftige
Verbindung hatte, und berall Freunde, war auch davon unterrichtet,
als das Mdchen ihrer Niederkunft nahe war, und wute, da sie mir
einen Rechtshandel auf den Hals bringen wrde, da sie mich schon bei
den Gerichten verklagt hatte. Wirklich war schon der Verhaftsbefehl
ausgefertigt. _Ribaupierre_ erzhlte mir, da ihm alles bekannt sei,
und strzte mich durch dieses Gestndni in die grte Verlegenheit,
in die ich je in meinem Leben gekommen bin. Zwar wollte er mit mir
nicht in Gegenwart seiner Tochter darber sprechen, aber sie behorchte
uns. Es ist nur eine Kleinigkeit, sagte er, nachdem er seine Rede
geendigt hatte, aber sie knnte Ihnen doch durch ihre Folgen Kummer
machen, wenn Sie verhaftet wrden, und es wrde noch dazu schlimmen
Eindruck machen, da Sie im Begriff sind, eine Stelle zu erhalten,
zu der man einen Mann von makellosem Rufe verlangt. Bleiben Sie bey
mir, hier wird man Sie nicht suchen, und man wird Zeit gewinnen, die
Sachen auf einem guten Wege einzuleiten; doch ist's immer gut, zu
wissen, ob Sie nicht in Ihren Versprechungen zu weit gegangen sind,
da Sie das Mdchen zuerst zu einem solchen Umgang beredeten, oder ob
Sir ihr Geschenke gemacht haben? Ich versprach nichts, war meine
Antwort, aber dreiig Louisd'ors gab ich ihr. Lachend sagte er:
Hier ist eine Todsnde theuer genug bezahlt! Gaben Sie ihr seit der
Zeit nichts mehr? Nein, denn sie wollte nichts mehr annehmen, ob ich
es ihr gleich verschiedene male angeboten habe. So hatte sie ihre
Absichten, war seine Antwort, aber mag es seyn, da beim erstenmal
das Interesse sie zu einem solchen Schritt brachte, das Vergngen
leitete sie in der Folge, und zu Ihrem Nachtheil. Aber lassen Sie mich
machen, wir werden uns gut herauszuziehen suchen, bleiben Sie hier,
und erwarten mich. Er lie eine Snfte holen, und ohngeachtet seine
Tochter und ich ihn baten nicht auszugehen, denn er hatte seit sechs
Monaten das Zimmer nicht verlassen, weil er die Erlaubni hatte, in
seinem Hause Messe zu hren, so hrte er auf unsere Bitten nicht und
verlie das Haus.

Es ist mir noch jetzt unbegreiflich, da er in einem Zeitraum von
zwey Stunden wieder zu Hause war, und zwar mit einem Dokument in
Hnden. Sehen Sie, sagte er und zeigte mir's, ~emplastrum contra
contusionem~; nun kann Ihre Schne Sie nicht mehr festhalten, und
Sie knnen sie in ihrer Wohnung einziehen lassen. Aber ich hoffe, Sie
sind kein solcher Bsewicht, um das arme Geschpf ins Gefngni zu
schicken, die Furcht mssen Sie ihr inde einflen, da es in Ihrer
Gewalt ist. Alle Gerichtsdiener wissen, da Sie einen Verhaftsbefehl
gegen sie in Hnden haben, sie wird es bald selbst erfahren. Lassen
Sie sie kommen, sie wird mit sich reden lassen, und wir werden sie
bringen knnen, wozu wir nur Lust haben. Er lie in der That einen
Unteroffizier holen, von dem er wute, da er ein Freund des Mdchens
war. Er gab den Verhaftsbefehl in seine Hnde, aber kein Geld, um nicht
das Ansehn zu haben, als wolle er ihn bestechen; er versprach ihm nur
nach Beendigung seines Geschfts eine Belohnung. Der Sergeant that was
er erwartet hatte. Er gab dem Mdchen Nachricht, sie sah sich in groer
Verlegenheit, denn sie fhlte wohl, da man ihr unangenehme Hndel zu
ziehen knnte, wenn sie darauf bestehen wollte, mich ohne meinen Willen
zu heirathen, indem sie es zugleich gegen den Willen von Leuten thun
wollte, die unendlich reicher und mchtiger waren, als sie. Nun wurde
mit ihr von einem Vergleich gesprochen, und _Ribaupierre_ betrieb die
Sache mit einem solchen Feuer, da alles innerhalb zwey Tage abgethan
war. Es ist wohl wahr, da es mir einiges Geld kostete, und da ich
versprechen mute, mich des Kindes anzunehmen, aber das starb bald nach
der Geburt. _Ribaupierre_ und seine Tochter thaten noch mehr zu ihrer
eigenen Beruhigung; sie verheiratheten das Mdchen.

Diese Geschichte aber hatte doch zwischen _Manon_ und mir Zwist
erregt, sie behauptete, da ich die Treue gegen sie verletzt habe, und
wurde nicht eher ganz beruhigt, bis das Mdchen mit ihrem Mann Paris
verlassen hatte. _Ribaupierre_ lachte darber. Er war keinesweges
zum Vortheil des andern Geschlechts gestimmt; und pflegte sich bei
solchen Unterhaltungen eben nicht zu migen, noch seine Worte in
seiner Tochter Gegenwart genau abzuwgen. Es ist ein schrecklicher
Zustand, sagte er, wenn die Mdchen sich von der Sinnlichkeit
hinreien lassen, zumal in ihrer Jugend. Aber die Beyspiele so vieler
Unglcklichen dienen ihnen nicht zu Warnung, ob sie sie gleich tglich
vor Augen haben, im Gegentheil, je mehr Unglckliche es giebt, die
sich ihren Begierden berlassen, desto mehr Nachahmerinnen finden sie.
Ich stelle mir vor, setzte er hinzu, sie sagen zu sich selbst, diese
und jene haben ihre gute Ehre verlohren, und ihren guten Ruf, aber
sie hatten nicht Verstand genug, ihr Geheimni zu verwahren, wie so
manche andere, deren man gar nicht erwhnt. Auch selbst Weiber gaben
uns Beispiele, da man nicht nthig habe, den Mnnern die Treue zu
halten, und ungeachtet sie die grten Gefahren bei ihrer Niederkunft
ausstehen, so vergessen Sie leicht die vorhergegangenen Schmerzen, und
folgen den Trieben ihrer Sinnlichkeit. Die Neugierde ist der erste
Schritt zur Ausschweifung, das Nachdenken erweckt die Sinne; endlich
unterliegt man aus Schwachheit, und nun ist der erste Schritt gethan,
der unwiederbringlich weiter fortreit. _Ribaupierre_ sprach in diesem
Ton fort, der seiner Feinheit keine Ehre machte, aber doch seiner guten
Laune; es war unmglich ihn ber diese Gegenstnde mit Ernsthaftigkeit
anzuhren. Selbst seine Stimme nderte sich, er hatte einen gewissen
schreienden Ton, der das Gesprch noch belustigender machte. Seine
Tochter verlie das Zimmer, so oft sie merkte, da er in einen solchen
Ton fallen wollte, aber er besa das Geheimni, sie zum Bleiben zu
zwingen, denn er pflanzte sie an eine Ecke des Tisches, wo sie nicht
herauskonnte. Sie mute sich endlich gewhnen ihn anzuhren, erst
antwortete sie ihm sogar, und vertheidigte ihr Geschlecht, so gut sie
konnte, ohne ihn jedoch in seiner Meinung irre zu machen.

Aber, sagte sie einmal zu ihm, wenn Sie von der Schwachheit meines
Geschlechts so berzeugt sind, warum erlauben Sie, da ich auf Treu und
Glauben leben darf, wie ich lebe? Warum glauben Sie nicht, da ich auch
Thorheiten begehen knne, wie jede andere? Glauben Sie, da ich eine
Ausnahme von der Regel sey, und mich allein gut zu betragen wisse, Sie,
der allen Glauben an die gute Auffhrung eines Mdchens verloren hat?
Wrde mich jemand abgehalten haben, mich schlecht aufzufhren, wenn
ich die Neigung dazu htte, da Sie mir alle Freiheit lieen? Selbst
der Umgang mit Herrn _d'Autun_ knnte weit fhren, er wrde mich nicht
auf den rechten Weg zurckbringen, oder ich mte mich sehr betrgen.
Die wrden Sie nicht, sagte ich, und ich mchte Ihnen offenherzig
in Ihres Vaters Gegenwart gestehen, da Sie Unrecht haben, nicht auch
durch Ihr Beispiel die Meinung zu besttigen, die er von Ihrem ganzen
Geschlecht hat.

Davon ist nicht die Rede, sagte _Ribaupierre_, jeder handelt
in der Welt nach seinen Einsichten. Ich bin weder Spanier, noch
Italiener, oder Trke, und baue auf die Enthaltsamkeit der Frauen nicht
sonderlich, wenn sie durch Schlsser verwahrt sind. Die gute Auffhrung
eines Mdchens hat keinen Werth, wenn sie nicht ihrer eigenen Tugend
berlassen bleibt. Es ist eine Eigenthmlichkeit der Menschen,
besonders der Frauen, mit Wrme gerade nach demjenigen zu streben, was
verboten ist. Die ist gewi der Grund, da es in Spanien und Italien
mehr verdorbene Sitten giebt, als in Frankreich, und mehr Libertins,
als bei uns, wo die Frauen Freiheit haben, und wo sie sehr selten
die ersten Schritte thun. Die wahre Tugend der Frauen besteht in dem
Widerstande, den sie der Versuchung entgegen setzen; und eben deswegen
sind die Franzsinnen, die ihre Reinheit bewahren, viel mehr zu
preisen, als Frauen anderer Nationen, die ich vorher nannte; denn sie
sind durch ihre freiere Geselligkeit stets der Versuchung ausgesetzt,
da im Gegentheil die andern ihre Sittlichkeit nur den Mauern verdanken,
die sie einschlieen.

Wenn ich, sagte er zu uns beiden, da ich euch nicht verheirathen
wollte, dir _Manon_ verboten htte _d'Autun_ zu sehen, httest du
mir gehorcht? gesteh es aufrichtig. Wenn ein Mdchen heimliche
Zusammenknfte mit ihrem Geliebten hat, ohne den Willen ihrer Eltern,
so mu sie die Zeit dazu stehlen; aber sie verliert dann auch keinen
Augenblick. Der Geliebte bringt seine Angelegenheiten viel weiter in
einer Viertelstunde, als er es bringt, wenn er seine Geliebte tglich
sehen kann. Nur in solchen Fllen htte ich frchten mssen, da du zu
sehr den Neigungen deines Herzens folgen mchtest; aber da ich dich
mit ihm leben lie, und ganz nach deiner Phantasie, so bin ich gewi,
da er nun seine Zeit zu nichts schlimmern verwendet, als zu klagen,
oder mich zu verwnschen, und schwerlich httet ihr eure Zusammenknfte
unter andern Umstnden eben so unschuldig gehalten.

Ich war auch jung wie ihr. Ich liebte ein Mdchen, mit der ich mich
ehelich verbinden wollte. Ich wurde von ihr geliebt, und so dreust und
khn ich gegen die andern Frauen war, so war sie die Einzige, die
mir Achtung einflte. Vielleicht hat mich die Liebe, mit der ich sie
liebte, auch verschmt gemacht, und nie hat mich meine Khnheit zu weit
verleitet. Ich wei also aus Erfahrung, da man ein Mdchen, um dessen
Hand man sich bewirbt, mit ganz andern Augen ansieht, als eine andre.
Habe ich mich betrogen? sagte er zu mir, htten Sie die Zeit auer
meinem Hause auch auf eine so unschuldige Art zugebracht?

Ich wei nicht, sagte ich, aber das wei ich, da ich die Ehrfurcht
gegen das Frulein nie wrde verletzt haben, und da sie sich immer
gleich anstndig betragen haben wrde!

Und ich glaube es nicht; sagte er.

Aber was fr ein Vergngen kann es Ihnen machen, uns der Gefahr
auszusetzen, einer Versuchung zu unterliegen? Warum willigen Sie nicht
in unsre Verbindung? da Sie sie nicht mibilligen.

So endigte sich immer unser Gesprch, und _Ribaupierre_ brach entweder
von der Materie ab, oder er sagte, da wir nicht zu eilen htten.

So verlebten wir die Zeit, jeden Augenblick konnte ich zu ihm gehen,
ich a tglich bey ihm, und es fehlte nichts da ich wirklich sein
Schwiegersohn war, als da ich mit der Tochter in einer solchen
Entfernung lebte. Vergebens erschpfte ich meine Beredsamkeit bey ihr,
und suchte durch alle Grnde die ich finden konnte, uns einander nher
zu bringen, aber sie blieb unbeweglich, und lie sich zu nichts bereden.

Ich hatte eine Art zu leben, die mir selbst unbegreiflich war. Tglich
sah ich einen Mann, dessen langes Leben mir Kummer machte, und den
ich nicht hassen konnte. Alles abgerechnet was er fr mich gethan
hatte, so empfing er mich immer wie seinen Sohn, und belustigte mich
durch seine gute Laune, und witzigen Einflle. Tglich fand ich mich
in der Gesellschaft eines Mdchens, die ich bis zur Raserey liebte,
und von der ich mich geliebt glaubte, und doch fhlte ich keine
dieser strmischen Empfindungen, die die Liebe in uns erweckt, wenn
die Leidenschaft sich des Herzens bemchtigte. Es ist als wenn nach
so vielen fruchtlosen Versuchen, das Herz und die Sinne sich der
Gewohnheit unterworfen htten, sich von der Vernunft leiten zu lassen,
die ber beide ihre Herrschaft ausbt.

Nachdem wir lange auf diese Weise fort gelebt hatten, berfiel den
alten _Ribaupierre_ unerwartet eine solche Schwche, der die Natur in
wenig Augenblicken unterlag. Er hatte lange genug gelebt, um nicht vom
Tode berrascht zu werden, und er bereitete sich zu diesem Schritte als
ein Christ. Da er fhlte, da er nicht wieder genesen knne, so wollte
er auch mit mir sich ausshnen, und mich in seinem Herzen lesen lassen.
Nachdem er die letzte Oelung empfangen hatte, lie er mich und seine
Tochter an sein Bette rufen.

In wenig Worten, und ohne sich zu schmeicheln, erzhlte er mir sein
Leben. Ich sah darin eine stete Folge von erlittenen Verlusten
und Unglcksfllen; aber bey aller Schuld, die er durch eine
unordentliche Lebensart auf sich geladen hatte, bemerkte ich doch einen
unerschtterlichen Grund von Rechtschaffenheit; gewi war er einer der
biedersten Menschen; wre er es weniger gewesen, er wrde unermeliche
Reichthmer erworben haben, die er aber lieber verachtete, als da
er gegen sein Gewissen gehandelt htte. Er gestand mir, da die
berzeugung, da er nicht zum Glck gebohren sey, ihn gezwungen htte,
sich gegen alle Zuflle zu verwahren. Zwar htte er nie im Ernst
gezweifelt, da ich und seine Tochter ihn gut behandeln wrden, wenn
er unsre Heirath bewilligte; aber er gestand mir doch, da die Furcht
vor der Zukunft in seinem Herzen zu gro und unberwindlich gewesen
sey. Ich gebe Ihnen nichts, wenn ich Ihnen meine Tochter gebe, sie
gehrt Ihnen schon an, aus vielen Grnden. Verzeiht mir beide, da ich
mich so lange eurer Verbindung widersetzte, aber ich verdiene mehr
Entschuldigung als Verzeihung, ich konnte eine Schwachheit in mir nicht
unterdrcken, die die Annherung des Todes allein bekmpft. Ich wei,
Sie lieben _Manon_ aufrichtig, und ich kann sie in keinen bessern
Hnden zurcklassen, als in den Ihrigen. Sie sey Ihnen auch um Ihrer
selbst willen empfohlen, auch um meinetwillen darf ich hinzusetzen,
es ist die Bitte eines Sterbenden, der Ihnen mit Wahrheit betheuert,
da er Sie immer unendlich geliebt und geschtzt hat. Gebt Euch die
Hnde, sagte er: ich hoffe, sie wird Ihnen nach der Heirath eben so
theuer seyn, als sie es bisher war, und niemals Anla geben, da Sie
Ihre Wahl bereuen. Ich bitte Gott, da er Euch seinen Segen gebe, den
meinigen gebe ich Euch, aber, indem er sich zu seiner Tochter wendete,
unter der Bedingung, da du durch Tugend dich dessen wrdig machst, und
durch eine wahre unverbrchliche Anhnglichkeit an Herrn _d'Autun_.
Danke Gott, da er dir einen solchen Mann bestimmte, hege alle die
Zrtlichkeit gegen ihn, die er verdient, und alle Dankbarkeit fr
die Ehre die er dir erzeigt; denn er knnte natrlich auf eine hhere
Verbindung Ansprche machen. Bewahre ihm alle Treue und Ergebenheit und
Ehrfurcht, die eine tugendhafte Frau ihrem Mann schuldig ist; die sind
die Bedingungen, unter denen ich dir meinen Segen gebe.

Gehen Sie nun, sagte er zu mir, wiederholen Sie meinem Beichtvater
was ich Ihnen sagte, und fragen ihn, ob es erlaubt ist, Sie in meinem
Zimmer zu trauen? Ich habe keine Forderung mehr an die Welt zu machen;
ich strbe vllig beruhigt, wenn ich Euch noch verbunden sehen knnte,
und meine Tochter vor meinem Tode noch unter sicherm Schutz, und in
einer Verbindung, die vielleicht manchen Hindernissen ausgesetzt seyn
knnte, wenn ich nicht mehr bin. Eilen Sie, wenn Sie wollen, da ich
noch diesen Wunsch erfllt sehe. Ich fhle meine Krfte, und habe nur
noch wenige Stunden zu leben.

Es war, als wenn er voraus she, was nach seinem Tode geschehen
knnte. Gern htte ich diese gute Stimmung benutzt, aber ich glaubte
nicht, da es schon so weit mit ihm wre; denn seine Sinne waren noch
ungeschwcht, sein Urtheil bestimmt, seine Gesprche reichhaltig,
und zu dem hatte er eine starke Stimme, und lebhafte feurige Augen.
Sein Zustand schmerzte mich aufrichtig, die Thrnen seiner Tochter,
die aus einem wahrhaft gerhrten Herzen flossen, durchdrangen mich.
Ich bewunderte die Ruhe, mit der ihr Vater ihr Trost einsprach; kein
Zeichen von Ungeduld gab er von sich, kein Wort verrieth einen Wunsch
in die Welt zurckkehren zu knnen. Ich sprach in seiner Gegenwart mit
dem Beichtvater, und er besttigte alles was ich sagte. Der Geistliche
durfte uns aber ohne die Einwilligung des Erzbischoffs von Paris nicht
trauen; doch versicherte er, da er gar nicht zweifle, sie unter diesen
Umstnden zu erhalten. Wir baten ihn, sich selbst hin zu bemhen. Er
that es, nachdem er vorher unsern Namen und Stand aufgezeichnet hatte,
und lie bei dem Kranken einen andern Geistlichen. Auch wir blieben
bei ihm, und ich sah in dem Sterbenden eine wahre Ergebung und eine
ungeheuchelte Entsagung aller irrdischen Dinge, mit einem Wort solche
Gesinnungen, wie sie sich jeder wnschen sollte.

Die Erlaubni zu unserer Trauung kam zu spt, eben als er seine Augen
geschlossen hatte; sie wurde uns unnthig, denn der Geistliche wollte
nun nicht davon Gebrauch machen. Er sagte, der Erzbischof habe nur
die Erlaubni ertheilt, um das Gewissen eines Sterbenden zu beruhigen,
und um sein Herz von weltlichen Angelegenheiten loszumachen; aber der
letzte Seufzer desselben habe alle diese Ansichten verndert, wir wren
nicht mehr in der Lage uns den gewhnlichen Ceremonien der Kirche
entziehen zu drfen.

Ich erschpfte vergebens meine Beredsamkeit, so wie auch die Tante des
Fruleins; man bot dem Geistlichen eine ansehnliche Summe, um ihn dahin
zu bringen, uns den Segen zu geben; aber alles war umsonst.

Ich fhrte nun _Manon_ in mein Haus, und bat die Freundin, bei der ich
sie zum erstenmale sah, ihr Gesellschaft zu leisten, ich selbst ging zu
_Ribaupierre's_ Wohnung zurck, wo sich die Tante mit ihrem Sohn nebst
noch mehreren Verwandten des Verstorbenen befanden. Sie betrachteten
mich alle als Herrn des Hauses, und berlieen meiner Einsicht alle
Einrichtungen. Ich lie versiegeln, ordnete das Leichenbegngni an
und die Seelenmessen, und nahm alle Kostbarkeiten in meine Verwahrung.
_Manon_ unterschrieb alles, was ich wollte, und verlie sich ganz auf
mich. Ihre Erbschaft machte wenig Umstnde, sie war die einzige Tochter
und Erbin, also waren keine Einsprche zu befrchten. Bald war sie
in alle ihre Rechte eingesetzt, und als ich sie wieder in ihr Haus
zurckfhrte, war sie so erschpft, und bewegt, da ich nicht wagen
durfte, mit ihr sobald von unserer Heirath zu sprechen.

Ihre Tante aber erklrte ihr in meiner Gegenwart, da sie sich nicht
sobald nach dem Tode ihres Vaters verheirathen drfe, weil diese
Eilfertigkeit zu vielen Gesprchen Anla geben knnte. Sie war die
erste, die darein willigte, und ich mute nachgeben, so schwer es
mir auch fiel; zumal da dringende Geschfte mich wieder nach A--
riefen. Da die Tante dafr hielt, da es sich fr ein unverheirathetes
Frauenzimmer nicht schicke, mit so vielen Bedienten allein zu
wohnen, so rieth ich ihr, die Zeit meiner Abwesenheit bei der Tante
zuzubringen, wo die lebhafte Gesellschaft zugleich ihren Kummer
zerstreuen wrde.

Nach vierzehn Tagen ging ich zum letztenmal vor meiner Abreise zu ihr;
ich sah sie Briefe schreiben, und auf die Post geben. Die beunruhigte
mich nicht, da ich wute, da sie Herr ber ihr Vermgen war, und,
weil ein Theil davon in einer entfernten Provinz stand, leicht
Veranlassungen zum Schreiben haben konnte. Aber ich entdeckte doch,
da ein Brief darunter war, dessen Aufschrift sie mir verbergen wollte.
Will man einem Liebhaber etwas verheimlichen, so ist die gerade ein
Mittel, seine Neugierde zu erregen. Unser Verhltni erlaubte mir
die Frage an sie zu thun, an wen dieser Brief gerichtet sei? aber
ich that sie nicht, und begngte mich damit, da ich einen Handschuh
fallen lie, und den Kopf erhob, indem ich ihn aufnahm. Da die Adresse
umgekehrt lag, so konnte ich nur den Namen _Rosier_ lesen, ohne zu
sehen, nach welchem Ort er gerichtet war; ich hatte niemals einen
hnlichen Namen gehrt, und bekmmerte mich nicht weiter darum.

Ich trat meine Reise an, nach deren Beendigung unsere Heirath vollzogen
werden sollte; der Abschied war zrtlicher als das erstemahl. Diemahl
war ich wie ein Mann, der vor Begierde brennt, sich des Besitzes zu
erfreuen. Ich sah in A-- nur Menschen, mit denen ich Geschfte hatte,
selbst einen Theil meiner Ansprche und Rechte opferte ich auf, um
meine Geschfte nur schnell zu beendigen, und war vierzehn Tage frher
wieder in Paris, als man mich erwartete.

Ich ging sogleich zu _Manon_, noch eh ich in meine eigne Wohnung
trat. Sie war nicht zu Hause. Es kamen zwei Briefe an sie an. Da ich
ihre Geschfte zu besorgen gewohnt war, so lie mich die Kammerfrau
die Briefe in Empfang nehmen. Ich empfahl ihr meine Ankunft zu
verschweigen, weil mir's einfiel, einen Brief von meiner Hand in einen
von diesen einzuschieben, um sie in Verlegenheit zu setzen, und mich
ber sie lustig zu machen. Die Kammerfrau versprach das Geheimni zu
bewahren, und ich ging in meine Wohnung, um mich umzukleiden. Ich
war berzeugt, da die Briefe nur von Geschften handelten, die ihre
Erbschaft betrfen, und da sie nicht darber bse werden knnte,
wenn ich einen davon aufbrche. Ich zauderte also nicht lange. Der
Brief war mit dem Namen _Rosier_ unterschrieben. Die erinnerte mich
an die Sorgfalt, die sie angewandt hatte, mir einen Brief mit dieser
Aufschrift zu verbergen. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich wute
keinen Ausweg. Der Inhalt des Briefs machte mich schaudern. Man schrieb
ihr:

  Mit der grten Freude, mein Frulein, empfing ich Ihren Brief vom
  neunzehnten, und ich erfuhr, da Sie nicht mehr unter der Tyrannei
  eines Vaters seufzen mten. Tausendmal habe ich Ihre Geflligkeit
  fr ihn bewundert, und Ihre Tugend, mit der Sie seine blen Launen
  ertrugen. Ich glaubte nicht, da die kindliche Liebe so weit gehen
  knnte. Endlich sind Sie frey, ich danke Gott tglich dafr um meinet-
  und Ihrentwillen. Ich bleibe nur noch kurze Zeit hier, sptestens in
  vierzehn Tagen hoffe ich zu Ihnen zu kommen, und in Ihrer Nhe alle
  Freuden zu genieen, die eine glckliche Liebe verspricht; nach so
  vielen Durchkreuzungen des Schicksals und nach den Hindernissen, die
  ein glcklicherer Nebenbuhler, von einem Manne begnstigt, von dem Sie
  abhngig waren, uns in den Weg legte. Mag er seyn, wer er will, dieser
  Nebenbuhler, so schwre ich es Ihnen zu, er ist verloren bei meiner
  Ankunft, oder meine Mutter wird mich von dem schrecklichen Anblick
  befreien, Sie in seinen Armen zu sehen. Sie wollen mein seyn, nichts
  wird mich von meinem Glck abhalten, und ich werde Ihnen Beweise
  geben, da niemand zrtlicher und treuer geliebt hat, als Ihr

                                                       _Rosier_.

Knnte der Schmerz tdten, so wre ich in diesem Moment gestorben.
Eine ganze Stunde blieb ich fast ohne Bewutseyn, so hatte mich dieser
unerwartete Schlag betubt. Aber die Wuth folgte dem Schmerz bald nach.
Ich horchte nur auf die Stimme der Rache, und entschlo mich, diesem
Menschen zuvor zu kommen, der mir den Tod drohete, ehe er mich gesehen
hatte. Ich nahm die Feder, aber ich wei nicht, was ich in der Bewegung
niederschrieb. Ich sandte _Manon_ die Briefe zu, auch den meinigen. Ich
stieg wieder aufs Pferd und nahm den Weg nach _Grenoble_; ich hatte
den Plan, jenen _Rosier_ selbst ausfindig zu machen, und zu sehen, ob
er eben so tapfer in der Nhe als in der Ferne wre. Der Zorn gab mir
Flgel; in dreiig Stunden war ich dort. Ohne auszuruhen machte ich
Anstalt den Menschen aufzusuchen, wo ich nur hoffen konnte, Nachrichten
von ihm einzuziehen; aber ich konnte ihn nicht finden. Endlich von den
vielen milungenen Versuchen abgeschreckt, mehr noch als wthend ber
die Untreue meiner Braut durchreiste ich das Lioner Gebiet und den
Wald, und ging nach A-- zurck, wo ich entschlossen war zu bleiben, bis
die Zeit das Andenken an _Manon_ in meinem Herzen getilgt haben wrde.
Vier Monate blieb ich dort, aber ich erreichte nicht meinen Zweck. Ich
wre lnger geblieben, htte mich meine Stelle nicht gezwungen nach
Paris zurckzukehren.

_Manon_, die meine Ankunft sogleich erfuhr, kam gleich den andern Tag
zu mir in mein Haus, aber ich lie mich verlugnen und verbot meinen
Bedienten, sie je zu mir zu fhren, so oft sie auch kommen mchte. Sie
schrieb mir einigemal, aber ich schickte die Briefe unerbrochen zurck,
auch ihr Bild und alle Briefe, die ich von ihr hatte, schickte ich ihr
wieder. Ihre Verwandten machten viele fruchtlose Versuche zu unserer
Ausshnung, aber diese Verrtherey war zu schwarz in meinen Augen, als
da ich htte leicht verzeihen knnen. Ich suchte aber ihren _Rosier_
nicht mehr auf, denn ich hielt es fr die beste Rache, die ich nehmen
konnte, sie beide zu verachten.

So lebte ich eine geraume Zeit mit dem Anschein einer ruhigen Klte,
aber doch merkten meine Freunde, da mein Herz ein schwerer Kummer
drckte. Einer von ihnen, der mir am nchsten war, und mein Vertrauen
mehr besa als die andern, nahm sich das Herz, in einem Gesprch meine
Verhltnisse mit _Manon_ zu berhren, da wir einmal mehr als gewhnlich
auf eine vertrauliche Art zusammen sprachen.

Ist das Frulein, sagte er, dir untreu, so billige ich dein Verfahren
sehr. Sie verdient alsdann nicht, da ein rechtschaffener Mann an
sie denkt; aber ich, der ich nicht so befangen urtheile, wollte fast
schwren, da ein Miverstndni zum Grunde liegt. Wie htte sich
in der That so ein Verhltni entspinnen knnen, mit diesem Herrn
_Rosier_, den du niemals gesehen hast, da du doch tglich bey ihr
warst. Warum sollte sie zwey Menschen zugleich ihre Hand versprochen
haben? Warum dir ihr Versprechen nicht halten, nachdem sie so viele
Schritte zu deinem Vortheil gethan hatte? Warum htte sie dich so oft
aufgesucht? was wre aus _Rosier_ geworden? und warum sollte sie dir
noch schreiben? Warum, wenn sie dir untreu ist, eine Vershnung mit dir
versuchen wollen? Dahinter steckt ein Geheimni, und ich bin sicher,
da zum wenigsten eine bereilung von deiner Seite, und ein Spiel des
Zufalls von der ihrigen zum Grunde liegt, oder sie ist die grte
Betrgerin, die in der Welt ist.

Seine Grnde machten auf mein Herz einigen Eindruck. Ich dachte der
Sache tiefer nach, und bat ihn endlich, wenn er _Manon_ sprche, die
Unterredung auf mich zu leiten. Thue was du kannst, um die Wahrheit zu
entdecken. Als ich ihr neulich begegnete, machte mich ihr Blick, der
gerade auf mich gerichtet war, stutzen, und zerstreuete einen Theil
meines Zorns, darum mchte ich nicht gern mit ihr selbst sprechen,
weil ich meinem Herzen nicht traue; aber suche Du sie auf.

Ich werde heute Gelegenheit haben sie zu sehen, sagte mein Freund, da
ich ihren Verwandten besuchen mu, und erlaubst du es mir, so will ich
suchen _Manon_ zu sprechen und das Gesprch auf dich lenken.

Er ging, und ich erwartete mit Unruhe seine Zurckkunft. Kaum war er
wieder ins Zimmer getreten, so ging ich hastig auf ihn zu. Welche
Nachrichten bringst du mir? Hast du mir gute zu bringen? Nein, sagte
er lchelnd; aber ich soll dich schelten in _Manons_ Namen, die sehr
unschuldig an jenem Briefe ist, den du an sie gerichtet glaubst. Man
liebt dich immer und ist auch deiner Liebe gewi. Man hlt dich nur fr
einen Thoren und unhflichen Menschen, aber man lt dir Gerechtigkeit
widerfahren, und ist bereit dir die Hand zu geben. Hier ist das
Bild der Braut wieder zurck, und auch der schne Brief, den du ihr
schriebst. Du sollst den ganzen Irrthum erfahren, so bald du sie sehen
wirst.

Nun, nachdem ich das wute, was meinem Herzen am nchsten lag, so
erzhlte er mir den Inhalt und die Wendung seines Gesprchs.

Bei seinem Eintritt ins Zimmer war _Manon_ sehr erfreut ihn wieder zu
sehen, denn er war lange abwesend gewesen. Er sagte ihr, da er sich
als ein Fremdling wieder in seinem Vaterlande fnde; so wre er sehr
glcklich gewesen, Herrn _d'Autun_ zu begegnen, der ihn sehr gtig
aufgenommen habe, und ihm dadurch gezeigt htte, da er noch die alte
Freundschaft fr ihn habe. Es ist, setzte er hinzu, ein rechtschaffener
Mann, dem ich gern dienen mchte. Sie knnen es, sagte _Manon_, wenn
Sie ihm seine Vernunft wiedergeben, die er seit acht Monaten verloren
hat. -- Mir schien er ganz vernnftig, erwiederte mein Freund. -- Und
doch ist er von Sinnen, sagte sie; Sie werden mir Recht geben, wenn
Sie hren, welcher Thorheiten er sich gegen mich schuldig machte. --
Ich wei, sagte mein Freund, was zwischen Ihnen beiden vorgefallen
ist. -- Hat er Ihnen die schnen Trumereyen erzhlt, die er sich in
den Kopf gesetzt hat? fragte _Manon_. Anfangs hatte ich Mitleid mit
ihm, fuhr sie fort. Ich that mein mglichstes ihm die Wahrheit zu
enthllen, und lie mich's nicht verdrieen, mehrere Mahl zu ihm zu
gehen, ob er gleich so unhflich war, mich an seiner Thr abzuweisen.
Dieses Betragen hat der Welt ein groes rgerni gegeben, man sprach
viel davon, aber es hat mich doch nicht abschrecken knnen. Ich
schrieb ihm einen Brief nach dem andern, aber auch diese schickte er
mir unerbrochen zurck. Ja, er treibt es noch weiter, er sucht mich
zu beleidigen, wo er mir begegnet, und ist weit entfernt nur die
gemeinste Hflichkeit zu zeigen, die sein Geschlecht dem meinigen
schuldig ist; und die alles um eines Briefes willen, dessen Inhalt ich
ihm hundertmahl habe erklren wollen, ohne da er mich hren wollte.
Sagen Sie selbst, fgte sie noch hinzu, ist es nicht zum Erstaunen, da
ein Mann, der thrigt genug ist, nach Dauphin zu reisen, um sich mit
einem Nebenbuhler zu schlagen, es abschlagen kann nur einen Schritt
der Ausshnung gegen ein Mdchen zu thun, das er liebt? Denn wie sehr
er sich auch berreden mag, da er mich hasse, so betrgt sich doch
der arme Freund. Ich kenne ihn zu gut, um an eine Vernderung seiner
Gesinnung zu glauben. Ich fr meinen Theil verberge meine Neigung
nicht, obgleich ich sehr groe Ursache htte, sie zu unterdrcken. Ich
wollte seine Eifersucht wecken, um eine Erklrung herbei zu fhren,
aber ich verlohr meine Zeit fruchtlos. Nur von mir hing es ab mich zu
verheirathen, und auf eine vortheilhafte Art; aber ich kann nur an ihn
denken, und sterbe unverheirathet, wenn ich ihm meine Hand nicht geben
kann. Ich sehe ihn nicht allein als meinen Verlobten an, weil es meines
Vaters letzter Wille war, sondern weil ich ihn liebe. Lange habe ich
seine Vernderung beweint, oder vielmehr seine Halsstarrigkeit; ich
habe noch keinen Trost finden knnen! Aber es mu aufhren. Sie sind
sein Freund, haben Sie Mitleid mit unserm Zustand. Ich bin es mde,
mich unntzer Weise so zu qulen. Erzeigen Sie uns diese Geflligkeit,
ihn nur zu fragen, wann er meine Rechtfertigung hren will; es wird
bald geschehen seyn; ich brauche nur zu wiederholen, was ich ihm schon
oft geschrieben habe. --

Aber wenn Sie sich nicht vershnen, wie dann? fragte mein Freund. -- So
werde ich Ihnen danken, da Sie in mir den Entschlu befestigt haben,
ins Kloster zu gehen, ehe noch diese Woche zu Ende ist. Aber ich hoffe
wir knpfen wieder an, denn ich bin sicher, da er mich liebt wie
ehemals; und Sie sollen sehen, in welchem hohen Grade ich ihn liebe, da
sogar dieser Brief nicht meine Liebe vermindern konnte.

Sie gab ihm den Brief, den ich damals in der Wuth schrieb, und dessen
Inhalt mir jetzt selbst fremd war, da ich ihn mit einer mehr ruhigen
Besinnung durchlas.

Der Zufall, schrieb ich: entdeckt mir Ihre Treulosigkeit. Den Brief
Ihres theuren Liebhabers sende ich Ihnen zurck, dem ich selbst die
Antwort bringen werde ber das was mich darin angeht. Sie haben ihm
ohne Zweifel gesagt, da ich ein Feiger sei, weil er mein Verderben
beschliet, ohne mich zu kennen. Ich mu diesen neuen Mars sehen. Mein
Leben bringe ich ihm, oder nehme das seinige. Ich will Sie nicht von
ihm trennen, Sie verdienen es nicht; ich wrde mich betrben, einen
solchen Schritt um einer Treulosen willen gethan zu haben. Er soll
sehen, da Sie nicht die Wahrheit sagten, wenn Sie ihm sagen konnten,
da ich keinen Muth htte. Ich habe doch so viel, um mich an Ihnen zu
rchen, und Sie zu verachten als ein unwrdiges Wesen. Sie verdienen
weder Mitleid noch Ha. Leben Sie wohl. Ihr Schicksal wird mich rchen.
Alles was ich von Ihnen erhielt, schicke ich zurck. Ihre Briefe habe
ich verbrannt. Ihre Gunstbezeugungen sind mir nicht mehr werth, als die
der leichtsinnigsten Ihres Geschlecht.

Sie sehen daraus, sagte Manon zu meinem Freunde, nachdem er den Brief
gelesen hatte, da Ihr Freund zu leicht Verdacht geschpft hat, und
Sie sehen wohl auch, da ich ihn billig nicht wieder aufsuchen sollte;
aber ich liebe ihn zu sehr, um nicht Mitleiden mit dem Kummer zu haben,
den er sich selbst bereitet. Ich vertraue Ihnen den Brief an, lassen
Sie ihn Ihren Freund noch einmahl lesen. Ich sah ihn lngst als meinen
Gemahl an, und nur in dieser Rcksicht kann ich ihm seine ble Laune
vergeben. Aber wenn er noch einmahl meine Gte mibrauchen knnte, so
versichern Sie ihm, da es das letzte Mahl seyn wird.

Aber erlauben Sie mir zu bemerken, sagte mein Freund zum Frulein
_Ribaupierre_, der Brief, den _d'Autun_ ffnete, war an Sie gerichtet,
er stimmte mit Ihren Begebenheiten zusammen; er war von einem
begnstigten Liebhaber, und ich sehe nicht ein, warum _Autun_ nicht
sollte Feuer gefangen haben. -- Es ist wahr, da der Brief _an mich_
gerichtet war, aber es ist nicht wahr, da er _fr mich_ war. Ich werde
ihm, sobald er es verlangt, den Mann zeigen, der ihn schrieb, und
das Frauenzimmer, dem er galt. Sie sind jetzt verheirathet, und ich
bin nicht lnger verpflichtet ihr Geheimni auf Unkosten meiner Ruhe
zu bewahren; sie sind in Paris, und in ihrer Gegenwart will ich mich
erklren. Mein Freund wird ihm gern seine Handschrift zeigen, und er
wird zugleich erfahren, warum die Briefe an mich gerichtet wurden. Ich
hoffe, er wird kommen und meine Rechtfertigung hren, und wir werden
als Freunde auseinander gehen.

Aber was soll ich ihm sagen, wenn er nicht kommen will? fragte der
Freund lchelnd. -- Da ein Platz im Irrenhaus seiner wartet, sagte
_Manon_ gleichfalls lchelnd; und um ihm zu bezeugen, da Sie auf
meinen Befehl sprechen, so bringen Sie ihm seinen schnen Brief mit
meinem Bilde zum Pfande. Geben Sie es ihm zurck, und sagen ihm, da er
ein Thor war, mir es zurck zu schicken. Ich bewahre das seinige stets,
und werde es behalten, so lange ich lebe.

Ich sehe wohl, sagte mein Freund, da Ihre Ausshnung leicht gemacht
seyn wird; wenn Sie ihn lieben, so schwre ich Ihnen zu, da er Sie
nicht weniger liebt, und da nur ein verliebter Groll ihn zurck hlt.

Gestehen Sie offenherzig, sagte _Manon_, da er ein Schwrmer ist, und
sich jetzt bittere Vorwrfe macht, die Mittel verschmht zu haben, die
ich ihm darbot, um seinen Irthum aufzuklren. Bringen Sie ihn zu mir,
sobald er will, wenn er meiner Versicherung Glauben beimit.

Wie glcklich war ich ber den Versuch meines Freundes, und ber den
glcklichen Erfolg seiner Bemhungen. Ich eilte zu _Manon_, warf mich
ihr zu Fen. Von Ihnen will ich meine Verzeihung hren, schnste
_Manon_, rief ich aus; in Ihren Blicken lese ich Ihre Unschuld, und
mein Irthum bringt mich zur Verzweiflung.

Es ist Ihnen alles vergeben, sagte sie, und umarmte mich mit Thrnen.
Nicht an mir ist es, ungerechte Ansprche zu machen, ich will alles
vergessen, und indem ich es Ihnen zusage, so bitte ich Sie, sich ins
knftige nicht so leicht durch den Schein tuschen zu lassen.

Ich habe ihr Wort gehalten. Wir sind glcklich, und ich sehe nicht mehr
in die Vergangenheit zurck, als um mein Schicksal zu preisen, das mir
selbst meine Irrthmer lieb macht, weil ich durch sie den Werth meines
jetzigen Glcks doppelt fhle.




Notizen des Bearbeiters:
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Unterschiedliche Schreibweisen von Wrtern wurden - wie im Original -
berwiegend beibehalten

  Bsp.:
    damals / damahls ,
    dies / die ,
    foderte / forderte ,
    Fantasien / Phantasien ,
    reiste / reite ,
    trefflich /  treflich ,
    usw.

Einige wenige Schreibweisen wurden korrigiert und vereinheitlicht:

  Bsp.:
    Karakters / Charakters ,
    Gemahlinn / Gemahlin





End of the Project Gutenberg EBook of Die Bekanntschaft auf der Reise, by 
Charlotte von Ahlefeld

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BEKANNTSCHAFT AUF DER REISE ***

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Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

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