The Project Gutenberg EBook of Die Mumie von Rotterdam, by Georg Dring

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Title: Die Mumie von Rotterdam
       Erster Theil

Author: Georg Dring

Release Date: August 22, 2014 [EBook #46657]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MUMIE VON ROTTERDAM ***




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Die Mumie von Rotterdam.


=Novelle=

=in zwei Theilen=

=von=

=Georg Dring.=


=Erster Theil.=


=Frankfurt= am Main.

Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerlnder.

1829.




Seinem verehrten Freunde

=Friedrich Mosengeil=

=der Verfasser.=




    Ich habe Dich gefunden
    Im stillen Friedensthal:
    Wir waren lngst verbunden,
    Wir wurden's noch einmal.

    So fgt sich Ring dem Ringe
    Zur Blumenkette an,
    Da sie uns sanft umschlinge
    Und unsern Lebenskahn.

    Er zieht den Strom danieder --
    Wann ruft der Schiffer: =Land=?
    Wir reichen uns dann wieder
    Am Ufer dort die Hand.




Die Mumie von Rotterdam.

Erster Theil.




1.


Am Haven von =Rotterdam= herrschte ein buntes Gewimmel von Geschftigen
und Miggngern. Einige von jenen, mit schweren Lasten beladen, schoben
langsam aber nachdrcklich diese, die eitle Neugierde oder Langeweile
hierher gefhrt hatte, zur Seite; andere, Papiere in der Hand tragend,
Schiffsconsignationen oder Frachtbriefe, drngten sich rasch und
lebendig durch die Menge, um die Zeit der Ankerlichtung irgend eines
Fahrzeuges nicht zu versumen.

Eben stimmten die Glockenspiele der Stadt ein Liedchen an, das die
sechste Abendstunde bezeichnete, als zwei Mnner, denen die Meisten der
Anwesenden mit allen Beweisen von Hochachtung und Ehrfurcht auswichen,
am Ufer der =Maas= erschienen. Es waren die zwei Handelsherrn =Tobias
van Vlieten= und =Jan van Daalen=. Beide wurden fr die reichsten
Leute der Stadt gehalten, beide wuten das und fanden deshalb nicht fr
nthig, die zahlreichen, an sie gerichteten Begrungen zu erwiedern. Am
Starrsten und Unbeweglichsten schritt Herr =Tobias van Vlieten= durch
die Raum gebende Menge hin. Seine hagere Gestalt ragte fast um
Kopfeshhe ber die Nebenstehenden empor und sein braungelbes Angesicht,
mit der scharf hervorstehenden Nase und den groen, todten grauen Augen,
bot, unter der umfangreichen, weigepuderten Percke, einen
abschreckenden Anblick. Er trug einen langen, zimmetfarbenen Tuchrock,
der trotz des sehr warmen Abends vom Kopf bis auf die Fe zugeknpft
war. Die Knpfe aber bestanden aus Doppelducaten und erregten, indem sie
im Abendsonnenstrahle weithin glnzten, die Begehrlichkeit manches armen
Taglhners, der hier mit schwerer Arbeit wenige Stber erwarb.

Herr =Tobias= hatte viele Jahre seines Lebens in =Ostindien= zugebracht.
Aber diese Zeit war fr ihn keine verlorene gewesen. In dem Handel mit
feinen Spezereien hatte er Millionen gewonnen und whrend die ungesunde
Luft =Batavia's= seine besten Krfte aufzehrte und ihn zu einer
lebendigen Mumie ausdrrte, vermehrte sich die Zahl seiner Geldscke im
wohlverwahrten Gewlbe auf das Ansehnlichste, stiegen von Posttag zu
Posttag die Summen, die er nach dem Vaterlande bermachte, da sie dort
sicher und gute Zinsen tragend, angelegt wrden. Er hatte auch in
=Batavia= geliebt und in einem kurzen Ehestande gelebt. Die Liebe
berschlich ihn, als er vernahm, da die bleiche alternde Jungfrau
=Cypriana Hoogendbel=, welche ihm in einer Theegesellschaft gegenber
sa, seit gestern die Erbin von hunderttausend Stck Dukaten geworden
sey und ganz allein und verlassen in der Welt stehe, ohne Brder und
Schwestern, ohne Vettern und Basen, die an dem reichen Erbe mitzehren
knnten.

Es war ihm zu Muthe, als habe er von der berauschenden Wurzel Bang
gegessen, da er dieses vernahm. =Cypriana Hoogendbel= mu die Meine
werden! gelobte er sich selbst mit heiem Schwure. Er nherte sich; er
wurde freundlich angesehen und aufgenommen. Besa denn =Tobias= nicht
auch schon ein Vermgen von mehr als hunderttausend Dukaten? Und hatte
denn =Cypriana= seit gestern nicht das Ansehen und die Bedeutung, welche
ein solcher Besitz gab, gehrig schtzen und wrdigen gelernt? Der
Wunsch, sie nach dem Theeschmause in seinem Wagen nach ihrer Wohnung zu
bringen, wurde dem glcklichen =Tobias= gewhrt. Auf diesem Wege
sprengte die neu erwachte Leidenschaft ihre Fesseln. Er erklrte sich
und ward verstanden, er warb um =Cypriana's= diamantenfunkelnde Hand und
sie ward ihm gewhrt. Wie nun Herr =Tobias van Vlieten= einen
jahrelangen, glcklichen Ehestand mit seiner Hausfrau verlebt, indem er
whrend dieser Zeit fast immer auf Handelsreisen von ihr fern gewesen,
das sey hier nur flchtig berhrt. Am Ende dieses Jahres schenkte ihm
=Cypriana= ein Tchterlein; sie selbst aber starb wenige Tage nach der
Geburt des Kindes. Ganz =Batavia= bewunderte die Standhaftigkeit des
jungen Wittwers bei diesem Trauerfalle. Niemand sah ihn eine Thrne
vergieen. Er verbarg den Gram so tief in seiner Brust, da seine
Freunde ihn nicht einmal ahneten, er besa Selbstbeherrschung genug,
statt der Falten des Kummers, eine zufriedene Heiterkeit auf seiner
Stirne zu zeigen. Nur sein schwarzer Anzug, die Trauerflre, mit denen
er reichlich umhangen war, verriethen sein Leid. Die Neugeborene ward
nach dem Willen der verewigten =Cypriana=, die in den letzten Monaten
ihres Lebens einige nach Ostindien verirrte franzsische Schferromane
mit groem Interesse gelesen hatte, =Clelia= genannt. =Clelia= hatte
eben das achte Jahr zurckgelegt, als ihr Vater, den das Clima zu einer
Leiche auszudrren drohete, sich entschlo, nach Europa zurckzukehren.
Die liebe Geburtsstadt =Rotterdam=, mit dem buntbemalten Standbilde des
=Erasmus= auf dem groen Markte, stieg pltzlich in einem Zauberglanze
in der sonst den Phantasie des Herrn =van Vlieten= empor. Er sah sich
selbst, der als ein armer Jngling die Heimath verlassen, nun als den
reichsten ihrer Brger in den breiten Straen der =Buitenstad= auf- und
niederwandeln, im vornehmen Dukaten-beknpften Rocke, mit stattlichem
spanischem Rohre, begrt und geehrt von jedermnniglich; er sah sich am
=Nieuwe-= und =Leuwen-Haven=, am =Blaak= und am =Boompjes=, am
=Wynkracht= und am =Haringvliet=, und an allen Orten flsterte es um
ihn: Seht, das ist =Myn Heer Tobias van Vlieten=, der =dickste= Mann
von =Rotterdam=! Und wie er es prophetisch vorausgesehen im Geist, so
geschah es auch. Er wandelte nun schon seit acht Jahren in den Straen
und in den Havenpltzen der Heimathstadt in derselben Weise, die ihm die
Ahnung gezeigt, auf seinen Wegen blieben die Leute stehen und raunten
denjenigen, die es noch nicht wuten, mit wichtiger Gebehrde ins Ohr,
dieses sey der dickste -- nmlich der reichste -- Mann der Stadt. Wenn
dann ein Fremder, dem es unbekannt war, wie bei den Hollndern =dick=
mit =reich= gleichbedeutend sey, die Mumiengestalt des Herrn =Tobias van
Vlieten= mit erstaunten Blicken ma und unglubig lchelnd den Kopf
schttelte, so konnte wohl sein von Natur phlegmatischer hollndischer
Freund in Feuer gerathen und Hab und Gut zur Wette anbieten: da dieses
die Wahrheit sey. So war es denn nach und nach gekommen, da man Herrn
=Tobias= nur schlechtweg und vorzugsweise den =Dicksten= nannte. Sein
Tchterlein =Clelia= war indessen zu einer anmuthigen und
begehrenswerthen Jungfrau herangewachsen.

Der Mann, in dessen Geleit uns Herr =van Vlieten= zum erstenmale am Ufer
der =Maas= begegnet, war in seinem ganzen Aeueren der lebendigste
Gegensatz zu dem Wesen des erstern. Herr =Jan van Daalen= ma wenig ber
vier Fu, hatte durch die sorglichste Pflege seines Leibes nach und nach
einen krperlichen Umfang gewonnen, der ihm, nchst seinen Geldscken
einen doppelten Anspruch auf die Ehrenbenennung eines =Dicken= gab, und
sah aus dem immer lchelnden runden, weien und rothen Antlitze jeden
mit den nichtssagenden Blicken der glsernen Augen so geringschtzig an,
als seyen alle brigen Menschen Nullen, er aber und sein Begleiter
vielleicht nur allein Zhler in der Seelenliste der Einwohnerschaft von
=Rotterdam=. Seine Kleidung war schlichter und geschmackvoller, als die
des Herrn =van Vlieten=; aber das chte spanische Rohr, mit dem groen
porzellanenen Knopfe oben, prangte auch in seiner Rechten und die
stattliche Percke umgab, wie eine Wolke, die obere Hlfte seiner
gedrngten Gestalt. Sein Fu hatte nie das Weichbild von =Rotterdam=
berschritten. Er hatte das ansehnliche Vermgen, das er von seinem
Vater ererbt, durch kluge, wenn gleich geheimnivolle Speculationen, so
bedeutend vermehrt, da er unter den =dicken= Leuten der Generalstaaten
einen der ersten Pltze einnahm. Immer aber blieb die Art, wie er dazu
gekommen, jedermann ein Rthsel. Er hielt keine Schreibstube und keine
Gehlfen. Alle Schreibereien machte er selbst hinter verschlossenen
Thren ab. Niemand, sein einziger Sohn =Cornelius= nicht ausgenommen,
durfte sein Schreibgemach betreten. Nur ein alter Buchhalter, den Herr
=van Daalen= als ein Erbstck mit von seinem Vater bernommen hatte und
der schon seit vierzig Jahren in die Geschfte des Hauses eingeweiht
war, schien das Vertrauen seines Prinzipals zu besitzen. Der alte Herr
=Hoontschoten= war aber fast immer abwesend, niemand wute, wo? Oft lie
er sich in Jahresfrist und manchmal auch in noch greren Zwischenrumen
in =Rotterdam= nicht sehen. Erschien er dann endlich, so strahlte Herrn
=Jan's= Antlitz in unverkennbarer Freude und immer wurden, wenige Tage
nach seiner Ankunft, groe und gewichtige Geldscke in das =van
Daalen=sche Haus geschafft. An seinem Sohne =Cornelius= hatte der alte
Herr bisher wenig Freude erlebt. Statt frhe die Feder zu gebrauchen, um
im Rechnen und Copieren sich zu dem hheren Wirken im Handelstreiben
vorzubereiten, hatte =Cornelius= das Schwerdt ergriffen und war, allen
Abmahnungen des Vaters zum Trotz, unter Knig =Wilhelm= gegen die
Franzosen zu Felde gezogen. Herr =Jan= zrnte ihm lange und wollte
nichts von ihm wissen. Als er aber einige Jahre nach dem geschlossenen
Frieden in das vterliche Haus trat, zu einem krftigen, blhenden
Manne geworden, bekleidet mit der Wrde eines Hauptmannes, da erfreuete
sich doch des Vaters Auge an ihm; als er aber gar nach einiger Zeit
erklrte, da er dem Kriegshandwerk gnzlich entsagen, um als ein guter
Ehemann und Hausvater daheim zu leben, und da die holdselige Jungfrau
=Clelia van Vlieten= es sey, die er zum Gattengespons erwhlet, da
schlo ihn Herr =Jan= gerhrt in die Vaterarme und meinte in seinem
Innern, der Apfel falle doch nicht weit vom Stamme und die Speculation
auf das liebliche Tchterlein des =Dicksten= sey in der That eines =van
Daalen= wrdig. =Cornelius= konnte versichern, da =Clelia= ihn mit
Blicken betrachte, die keinesweges gleichgltig zu nennen waren. Er
verschwieg, da er bei gnstiger Gelegenheit schon das Gestndni seiner
Liebe gegen sie gewagt habe, da dieses nicht allein gtig aufgenommen,
sondern sogar mit jungfrulicher Schchternheit erwiedert worden sey.
Die Aussicht, das ungeheuere Vermgen des Herrn =Tobias= mit dem
seinigen zu vereinen, den Vater =Clelias= vielleicht zu einer
Compagniehandlung zu bewegen, war fr den alten =van Daalen= schon
hchst lockend; die Hoffnung aber, da nun =Cornelius= auch Neigung zu
kaufmnnischen Geschften fassen und dereinst auf dem geheimnivollen
Wege, den er mit Glck gewandelt, weiter schreiten werde, erfreuete ihn
fast eben so sehr. Er uerte das auch seinem Sohne. Dieser aber
versicherte ihn ganz trocken: daran denke er nicht, es sey ihm im
Gegentheile nichts in einem so hohen Grade zuwider, als Schreiberei und
Handelschaft und er trage nichts anders im Sinne, als mit seiner
knftigen Ehefrau =Clelia= dermaleinst in Flle und Wohlleben von den
Zinsen der Capitale zu leben, die ja die beiden Vter in Ueberflu fr
ihre Kinder zusammengebracht und gespart. Herr =Jan= sah ihn auf diese
Rede mit den glsernen Augen starr und schweigend wohl eine
Viertelstunde lang an; dann wandte er sich mit einem schweren Seufzer
von ihm ab und begab sich zu Herrn =van Vlieten=, um mit diesem die
Freierei-Unterhandlungen zu erffnen, die nun mit aller Bedchtlichkeit
und Vorsicht, welche zwei so kundigen Geschftsmnnern zugetraut werden
konnten, betrieben wurden.

Dieses war der Stand der zwischen den beiden Handelsherrn obwaltenden
Angelegenheiten, als wir sie zum erstenmale stolz und im Bewutseyn
ihres Metallwerthes durch die treibende Menge im Haven von =Rotterdam=
hinschreiten sahen.

Ihr wit meinen Entschlu, Myn Heer van Daalen, sagte Herr =Tobias= in
einem herben und strengen Tone, indem er bedeutungsvolle Blicke auf
einige ihm zugehrende, in der =Maas= ankernde Schiffe warf und dann
ebenso bedeutungsvoll auf einige andere zurcksah, die im Canale,
zunchst seiner Wohnung, lagen. Fnfmalhunderttausend Stck Dukaten ist
ein artiges Smmchen, aber siebenmalhunderttausend ist noch artiger. Wir
sind beide dick, aber Ihr seyd nicht der dickste! Nur gleich und gleich
gesellt sich gut und erst, wenn Euer =Cornelius= so schwer geworden, wie
meine =Clelia=, so knnen die Glockenspiele der =Binnen-= und
=Buytenstad= ein lustiges Stckchen zu ihrer Hochzeit aufspielen.
Schade, da wir nicht in =Batavia= sind! Da hat mich's bei solcherlei
Festen am Meisten ergtzt, die schwarzen Sklaven und Sklavinnen, Abends,
wenn sie des Tages Last und Arbeit hinter sich hatten, einen lustigen
Tanz auffhren zu lassen. Sanken sie dann wohl vor Mdigkeit oder
Trgheit zu Boden, so war gleich des Aufsehers Peitsche bei der Hand,
die sie wieder in die Hhe zum Tanzen trieb und der Hauptspa war es
nun, sie mit verzerrten Gesichtern, heulend und schreiend, springen und
hpfen zu sehen. Dergleichen Vergngungen giebt es nicht in Europa, Myn
Heer =van Daalen=!

In diesem Augenblicke hemmte =Tobias= pltzlich seinen Schritt. Seine
Blicke waren starr auf einen Punkt gerichtet. Es schien, als mache
irgend ein Gegenstand ihn stutzig, als sey er ber irgend eine
sonderbare Begegnung betroffen und unwillig.

Zwei junge Leute in Studententracht waren aus einer landenden Barke ans
Ufer gesprungen. Ihre ersten Blicke fielen auf die hagere und
ausgetrocknete Gestalt des Herrn =Tobias van Vlieten=, der in seinem
canelfarbigen Rocke und mit dem zusammengedrrten brunlichen Antlitz,
laut und lachend von ihnen der ungeheuerste Zimmetstengel genannt wurde,
der jemals aus Ostindien herbergekommen sey. Ganz im Gegensatze zu
ihnen stand ein ltlicher Mann, der zwischen beide getreten war, dessen
Blicke mit einem Ausdrucke der Verzckung auf Herrn =van Vlieten=
ruheten und der nun mit hohem Ernst in seinen Mienen, mit schnarrender
Stimme und in der die Worte abwgenden Weise eines Pedanten rief:

Ruhig, meine Shne! Ruhig, ihr Kindlein der Musen! Habt Ihr je ein so
herrliches Exemplar einer egyptischen Mumie gesehen, wie das hier im
zimmetfarbenem Rocke und mit spanischem Rohre umherwandelnde? Schweigt
von Eurem schnden Zimmetstengel! Ein Sproe aus pharaonischem
Geschlechte, ein kniglicher Bewohner der Pyramiden zeigt sich Euerm
erstaunten Blicke. Er wandelt hier am Ufer der =Maas=, er schnupft Tabak
und trgt Dukaten auf dem Rocke! O wie kstlich, wenn wir ihn htten im
_theatro anatomico_ zu =Leyden=, schn eingepackt im egyptischen Sarge,
den wunderdeutsamen Ibis zu seinen Fen, ihn selbst eingehllet in
balsamische Stoffe, hieroglyphisch bermalet -- o =Isis= und =Osiris=!
die Begeisterung reit mich fort und verleitet mich, wrdige
Handelsherrn der Gegenwart fr Gestalten einer heiligen Vorzeit zu
halten! Verzeihet, Myn Heer, wandte er sich nun zu dem immer finsterer
blickenden =Tobias=, wenn Euch diese junge Leute durch unziemlichen
Scherz beleidigt! Meine Bewunderung wird Euch hoffentlich zu einigem
Ersatz dienen und solltet ihr jemals nach =Leyden= kommen, so seyd
hflich eingeladen, in dem Hause des Professor =Eobanus Hazenbrook=
einzusprechen.

Mit diesen Worten nahm der Professor seine zwei jungen Leute, die nun
etwas ernster geworden, unter den Arm und schlenderte ruhig weiter,
indem er jedoch dann und wann einen gleichsam verliebten Blick nach
Herrn =van Vlieten= zurcksandte.

Dieser murmelte einige unverstndliche Laute fr sich hin, welche eben
nicht die freundlichste Begrung aussprechen mochten. Dann richtete er
seine Aufmerksamkeit auf Herrn =Van Daalen=, der von dem Professor und
seinen Zglingen nichts gewahr geworden war und schon ein Weilchen ohne
Antwort zu erhalten, auf seinen Begleiter eingeredet hatte.

Alles wird sich zu Euerer Zufriedenheit ausgleichen, fuhr Herr =Jan=
fort, und ich kann Euch die feste Zusicherung geben, da vielleicht
schon morgen oder bermorgen mein =Cornelius= so schwer oder auch noch
schwerer ist, wie Euere =Clelia=. Heute schreiben wir den
achtundzwanzigsten Oktober 1702. Jeder Augenblick kann mir die frohe
Nachricht bringen. Wo ich gehe und stehe ist es mir, als htte ich
glhende Kohlen unter den Fen und denke ich einmal zu ruhen im
gemchlichen Grovatersessel, so treibt mich's in die Hhe, als
prickelten mich tausend Stecknadeln. O Myn Heer, Ihr seyd glcklich
mit Euern Speculationen auf Zucker und Caffee! Aber unser eins -- die
Sorgen -- die ngstlichen Nachtwachen -- die Zweifel -- die
Erwartungen. --

Was treibt Ihr denn eigentlich? unterbrach ihn neugierig sein
Begleiter, indem er stehen blieb und die todten grauen Augen forschend
auf Herrn =van Daalen= heftete. Ihr seyd reich geworden, man wei nicht
wie, Ihr vermehrt Euere Capitalien von Jahr zu Jahr, man wei nicht
woher! Myn Heer, es gehen allerlei seltsame Gerchte von Euch, denen ich
keinen Glauben beimessen mag. Viele sprechen, Ihr httet einen Bund mit
dem Bsen, der Euch das liebe Geld und Gut zutrge in der
Sylvesternacht, aber darber lache ich, denn ich bin aufgeklrt. Andere
meinen wieder, Ihr set Nachts im geheimen Kmmerlein und kochtet Gold,
wie Ihr es aus einem zuflliger Weise aufgefundenen Recepte des
berhmten Paracelsus erlernt, doch auch das scheint mir nicht
glaubwrdig, denn htte der berhmte Paracelsus die Goldmacherkunst
verstanden, so wre er nicht elend und jmmerlich durch vieler Herrn
Lnder gezogen, als ein Pillendoctor und Wurmsamenhndler. Was aber,
Myn Heer =van Daalen=, mchte wohl von den Gedanken derjenigen zu halten
seyn, bei denen Ihr in dem Verdachte steht, Ihr wret ein allzu guter
Freund der Feinde Eures Vaterlandes, Ihr wtet denjenigen, die es
bekriegen, den Franzosen und Spaniern, auf geheimen Wegen Pulver und
Blei, Waffen und Mundvorrath zuzufhren? He! Myn Heer, was sagt Ihr
dazu?

Herr =Tobias= hatte bei diesen Worten die drren Knochenfinger seiner
Rechten um den Arm des Herrn =van Daalen= gekrallt. Dieser konnte
whrend der bedeutungsvollen Rede seines Nebenmannes seine Verlegenheit
nur schlecht verbergen. Er hielt den Porzellanknopf des spanischen
Rohres bald gedankenbrtend an die Nase, bald versuchte er, gleichsam um
die innere Angst zu bewltigen, die Knpfe seines Kleides zu zhlen,
bald lachte er dumm und nichtssagend den Herrn =van Vlieten= an.

Schufte und Neider sind es, brach er endlich mit mhsam errungener
Fassung los, die mir so niedertrchtige Dinge nachsagen! Ich bin ein
so guter Patriot, wie Hugo Grotius, und wrde gegen die Feinde
ebensowohl zu Felde ziehn, wie Oranien und Horn, wenn ich anders die
Courage dazu htte. Wenn Ihr dermaleinst meinen Handel kennen lernt, Myn
Heer, und das sollt Ihr, sobald das Geschft mit der Heirath zu Stande
gebracht worden -- dann werdet Ihr sagen, der =Jan van Daalen= ist ein
schlauer Kauz und ein Vaterlandsfreund, wie es wenige gibt. Ihr werdet
bekennen mssen, da er vom Feinde, wenn auch keine Schlachten und
Festungen, dennoch werthvolle Dinge genommen, da er ihm Abbruch in
seinem Besten gethan und die Grundfesten seines ganzen Staatsbaues
erschttert hat.

Groe Worte, schne Sentenzen! erwiederte unglubig Herr =van
Vlieten=. Ueber die Sache mssen wir im Reinen seyn, ehe wir weiter
etwas abschlieen. Gebt mir ein vernnftiges Journal, ein aufrichtiges
Cassabuch in Hnden: das ist mir lieber, als die wohlklingendste
Redensart! Ich mu wissen, was Euer =Cornelius= in Handelsdingen von
Euch zu erwarten hat, ehe ich nur ein Hrchen von dem Haupte meiner
=Clelia= in die Heirathslotterie mit ihm setze. Ich will Euch in meine
Keller und Gewlbe fhren. Ihr sollt die Menge von Zuckerhten und
Caffeeballen, die Hgel von feinen Gewrzen, die wundersamen Gebude von
Theekisten dort bewundern. Dann will ich Euch die Geheimnisse meines
Comptoirs erschlieen, Ihr sollt sehen, was in Cassa befindlich und was
auf gute Zinsen ausgeliehen ist, Ihr sollt Euch aus den Bchern, die ich
vertrauungsvoll vor Euch aufschlagen werde, berzeugen, da ich meine
Zeit in Europa und Asia wohl angewandt habe. Aber Alles unter der
Bedingung, da Ihr Tags darauf ein Gleiches thut, ohne allen Vorbehalt
und Hinterlist!

Herr =Jan van Daalen= htte in diesem Augenblicke lieber an jedem andern
Orte der Welt, als in =Rotterdam=, an der Seite des =Dicksten= und daher
angesehensten Mannes daselbst, seyn mgen. Er bewegte unruhig die Fe,
er warf das spanische Rohr bald unter den rechten, bald unter den
linken Arm, er steckte beide Hnde in die Taschen, er wute nicht was er
sagen sollte.

Da erschien zu seinem groen Troste ein Befreier aus dieser Bedrngni
in der Person des Leydenschen Professors, =Eobanus Hazenbrook=. Dieser
trat, sich verlegen die Hnde reibend, wiederum gerade auf Herrn
=Tobias= zu. Die beiden Studenten folgten ihm in einiger Entfernung,
kicherten und flsterten unter einander.

O Myn Heer, schnarrte der Professor, ich mu Euch anreden im Namen
der Musen und als ein Vormund der Wissenschaften in den vereinigten
Niederlanden. Freilich werde ich Euch von Dingen sprechen, die
gewhnlichen Menschen nicht angenehm sind, aber Ihr, Myn Heer, seyd kein
gewhnlicher Mensch, Ihr tragt das Geprge des Auerordentlichen in
Euerm Antlitze, wie in Euerer Figura, und deshalb darf ich schon wagen,
zum Nutzen und Frommen der Wissenschaft eine Frage an Euch zu richten.
Habt Ihr bereits Euer Testament gemacht, Myn Heer?

=Tobias= blickte den seltsamen Frager mit einer Mischung von Zorn und
Erstaunen an. Mechanisch hob sich das spanische Rohr in seiner Hand und
es gewann fr einige Augenblicke das Ansehn, als sey Herr =van Vlieten=
gesonnen, die Antwort auf eine so unverschmte Frage, auf eine
nachdrcklichere Weise, als die gebruchliche, zu erwiedern. Da naheten
sich aber mit drohender Miene die zwei Begleiter des Professors, Herrn
=Tobias= Rohr neigte sich zur Erde und er begngte sich, in einem
heftigen Tone zu antworten:

Ihr seyd ein Unverschmter oder ein Wahnsinniger! Fr beide Flle rathe
ich Euch, diesen Platz schleunigen Schrittes zu verlassen. Es giebt hier
der Leute genug, die auf einen Wink von mir, Euch packen und Euere
Unverschmtheit im kalten Bade der =Maas= von Euch abwaschen oder, wie
ich es ihnen gebiete, Euch, wohl gebunden und bewacht, in's Narrenhaus
abfhren. Trollt Euch Euerer Wege und reizt mich nicht ferner! Ihr mt
wissen: ich bin Heer =Tobias van Vlieten=, der dickste Mann in
=Rotterdam=!

Die beiden Studenten, junge Franzosen, die auf der damals weitberhmten
Universitt =Leyden= den Wissenschaften oblagen, schlugen ein
schallendes Gelchter auf.

_Que dites vous de cet embonpoint?_ fragte der eine den andern, indem
er mit einer spttischen Gebehrde sein Schnupftuch zur Hand nahm und
Miene machte, den Umfang des Herrn =van Vlieten= zu messen.

_Morgu!_ erwiederte der andere; _il l'a vol  une squelette et il
tche  le vendre. C'est pour cela qu'il s'en vante._

Der Professor aber trat dem zurckweichenden =Tobias= noch einige
Schritte nher, und sagte mit groer Kaltbltigkeit:

Ich knnte Euch _injuriarum_ belangen, Myn Heer, darber, da Ihr Euch
ermesset, einen _professorem ordinarium_ der illustern Academie von
=Leyden= als einen unverschmten Gesellen oder gar als einen
sinnverwirrten Menschen zu erklren. Aber Ihr habt mir mein Herz
gestohlen durch Euere absonderliche Liebenswrdigkeit und eine Sehnsucht
in meiner Brust erweckt, die jahrelang darin geschlummert. Ja, Myn
Heer, ich liebe Euch! Und wenn das ein junger Fant mit tausend Schwren
seiner Liebsten versichert, so will das bei Weitem nicht soviel heien,
als mein einfaches, unumwundenes Gestndni. Ich liebe Euch
wissenschaftlich. Und deshalb wnschte ich: Ihr machtet Euer Testament!

Den Herrn =Tobias van Vlieten= berflog es bald hei, bald kalt. Es war
menschenleer auf dem Platze geworden und er sah sich vergebens nach
einigen Leuten in der Nhe um, die ihn aus den Hnden des Wahnsinnigen,
fr den er jetzt im Ernst den Professor zu halten begann, htten
befreien knnen. Von Herrn =Jan= durfte er wenig Beistand erwarten, denn
dieser sah sich auch bereits nach der Flucht um und hatte nicht den
Muth, ein Wrtchen zu verlieren, das den zwei jungen Franzosen, die sich
trotzig auf ihre langen Stodegen sttzten, htte unangenehm seyn
knnen. Er wagte einen groen Schritt um sich aus der Nhe des
Professors zu entfernen, aber dieser folgte ihm mit einem noch weit
grern und die Studenten vertraten ihm den Weg.

Hrt mich doch nur an! begann auf's Neue =Eobanus Hazenbrook=. Ich
will Euch weder krnken, noch beleidigen; ich will Euch nur einen
Vorschlag machen, den Ihr als ein Mann von Einsicht, als ein Verehrer
der Musen, gewilich eingehen werdet. Ich, der hier vor Euch stehende
=Eobanus Hazenbrook=, bin von den edlen gromgenden Heern schon vor
vielen Jahren als Professor _historiae naturalis_ und Custos _theatri
anatomici_ der erlauchten Lugduner Academie ernannt und bestallt worden.
Was knnt Ihr Uebles frchten von einem Manne in solchem Amte? Von einem
Manne, dem irgend ein anderer nur unter einem wissenschaftlichen
Rapporte wichtig seyn kann? Doch tretet einige Augenblicke mit mir zur
Seite! Das was ich Euch zu sagen habe, mu Euch erfreuen, da es Euch
eine hhere Achtung von Euch selbst einflst, aber nur vier Ohren drfen
es hren und nur unter der dichten Hlle des Geheimnisses kann dieses
Werk zum Ruhme der Universitt -- was sage ich? zur Glorie gesammter
Generalstaaten gelingen!

=Tobias= gewann bei dieser milden und schmeichelhaften Rede des
Professors einigen Muth. Er berlie ihm ruhig seine Rechte, nach der
jener gegriffen, und folgte ihm einige Schritte zur Seite.

Wenn ich Euch, Myn Heer, ersuchte, Euer Testament zu machen, hob nun
der Professor in einem leisen, sehr freundlichen Ton an, so sollte das
nur eine Einleitung zu dem eigentlichen Gegenstande meiner Bitte seyn.
Diese besteht nmlich darin: Ihr mchtet der illustern Universitt
=Leyden= und namentlich dem _theatro anatomico_ daselbst ein Legat
vermachen, das einem lngst schmerzlich empfundenen Mangel abhelfen
drfte. Dieses Legat ist aber kein anderes, als das Euerer eigenen,
hochwerthen Person!

Wthend wollte sich Herr =van Vlieten= von dem Professor losreien,
dieser aber hielt ihn fest und sah mit mildem Lcheln in das verzerrte
Antlitz.

Wie, zrnte =Tobias=, dem die heftige Aufwallung des Unwillens die
Sprache zu ersticken drohete, so da er, statt zu schreien, wie er gern
gewollt htte, nur mit gepreter Stimme reden konnte, Ihr wagt es, mir
dergleichen vorzuschlagen? Mir, der dem Doctor jhrlich hundert Dukaten
zahlt, da er ihn durch Purganzen, Mixturen und Elixire noch lange am
Leben erhlt, sprecht Ihr von Testament und Tod? Wit Ihr, da
dergleichen Redensarten ein Gift sind, das sich auf die edelsten Theile
wirft und so den wirklichen, leibhaftigen Tod herbeifhren kann? Und
dann -- Ihr Schinder und Leichendieb untersteht Euch, mich fr Euere
Sgen und Messer zu verlangen, um mich nach meinem, will's Gott! noch
weit entfernten Hintritte, zu zerschneiden und zu zerarbeiten, wie einen
Selbstmrder oder armen Snder, mich, einen Mann, der im Rathe von
Indien gesessen hat und Euresgleichen durch ein einziges Wort an den
Galgen bringen konnte. Euch soll ja --

Ihr ereifert Euch umsonst, Myn Heer! unterbrach mit unerschtterlicher
Kaltbltigkeit =Eobanus Hazenbrook= den Zrnenden. Ihr befindet Euch
in einem bslichen Irrthum und legt mir Absichten unter, die ich
keinesweges hege. Man merkt Euch aber an, da Ihr kein groer
Philosophus seyd! Httet Ihr dem Sprchlein des alten Weisen: kenne dich
selbst! Eingang in Euere Seele verstattet und danach Euere Gedanken
geregelt, so mte es Euch klar seyn, da eine Figura, wie die Eurige,
bei einer in _usum juventutis_ unternommenen Section eine gar
erbrmliche Rolle spielen wrde. Nein, Myn Heer! Wir wollen hher mit
Euch hinaus. Wir wollen Euch nicht zerstren, wir wollen Euch erhalten
auf Jahrhunderte -- was sage ich? -- auf Jahrtausende hinaus!

=Tobias= machte groe Augen. Er schlo sich wieder enger an den
Professor, eine schne Hoffnung senkte sich in seine Brust, er lchelte
freundlich und sagte im geflligsten Tone:

Wenn ich Euch jetzt recht verstehe, so habe ich Euch frher entsetzlich
miverstanden. Ihr httet Gutes mit mir im Sinne, Ihr wolltet mich
erhalten in _saecula saeculorum_, wie ihr Lateiner sagt? O, Myn Heer! Es
kommt mir auf eine Metze voll Dukaten nicht an, wenn es ein so theueres
Gut, wie das Leben gilt! Beset Ihr wirklich den Stein der Weisen, das
Lebenselixir, das gegen den Tod stich-, hieb-, schu- und krankheitsfest
macht?

Allerdings, versetzte sehr ernsthaft =Eobanus=, besitze ich die
Wissenschaft, Euern Krper vor den gewhnlichen Zerstrungen, welche im
Gange der Natur liegen, zu bewahren; doch erst nachdem der
verehrungswrdige Geist die schlechte Hlle verlassen und sich in hhere
Regionen aufgeschwungen hat. Sehet nicht finster drein, Myn Heer! Es ist
auch etwas Seltenes, fortzuleben rein leiblich auf Erden, zur
Bewunderung der Nachwelt. Diesen Vorzug will Euch =Eobanus Hazenbrook=
bereiten. Hret mich noch einen Augenblick geduldig an und Alles soll
Euch klar seyn. Unser _museum rerum naturalium_ zu =Leyden=, dessen
Custos ich zu seyn die Ehre habe, ist in allen Dingen wohl versehen und
kann den ersten Sammlungen dieser Art in ganz Europa an die Seite
gestellt werden. Es ist mein Alles, dieses Museum: meine Frau, mein
Kind, mein Vater und Mutter, mein eigenes Ich! Nun denkt Euch meinen
Schmerz, edler Herr, als vor einigen Jahren ein fremder Doctor darin
erscheint, ber Alles vornehm und wegwerfend hinblickt und zuletzt mit
verchtlichem Tone erklrt: es sey doch Alles nur jmmerliche
Rumpelwaare, da sich nicht einmal eine egyptische Mumie darunter
befinde. Ich htte dem Bsewichte einen vergifteten Pfeil von der Insel
=Java=, den ich gerade in Hnden hielt, ins Herz stoen mgen. Aber ich
bewltigte meinen Zorn, ich verschlo meinen Schmerz in diese Brust. Er
hatte leider nur zu wahr gesprochen! Schon lngst hatte ich den
schmachvollen Mangel erkannt, aber ich gestand ihn nie und bemhete mich
selbst, jeden Gedanken daran zu verbannen. Das war nun vorbei! Die
Sehnsucht nach einer egyptischen Mumie nagte mir fort und fort am
Herzen, lie mir Tag und Nacht keine Ruhe und verzehrte mich, wie einen
schwchlichen Jngling die erste, unerwiederte Liebe. O, Myn Heer, was
liegt nicht Alles in einer egyptischen Mumie: Poesie und Geschichte in
der wunderbarsten Hieroglyphik, Naturkunde einer fernen Vorzeit in
kstlichen Spezereien und Balsamen, Wissenschaftslehre in deren
chimischer Vereinigung und knstlicher Anwendung, Industrie eines fernen
Jahrtausends in den umwickelten Webestoffen und noch so vieles Andere,
das hier anzufhren die Zeit nicht erlaubt! Doch dieses Wenige, was ich
hier angefhrt, wird hinreichen, Euch mit hoher Achtung vor einer
solchen Mumie zu erfllen und Euch den Schmerz zu erklren, den ich
empfinden mute, als der malitiose Doctor bemerkte, ohne ein
Mumienexemplar sey mein Museum eine Rumpelkammer. Mein ganzes Tichten
und Trachten ging nun dahin, die gergte, schmhliche Lcke auszufllen.
Ich schrieb Briefe, ich gab Auftrge, ich verschwendete Geld ber Geld,
ich schickte sogar einen eigenen Reisenden nach Egypten, da er mir eine
Mumie aus den Pyramiden verschaffen, im schlimmsten Falle stehlen
sollte. Alles vergebens! Die Auftrge blieben unerfllt, der Reisende
wurde von ruberischen Arabern aufgefangen, ausgeplndert, mit Gewalt
zum Islam bekehrt und dann in die Wste geschleppt. Ich war der
Verzweiflung nahe. Trostlos ging ich an den ersten Merkwrdigkeiten
meines Musei vorber, deren Anblick mich sonst in Entzcken versetzt
hatte, ohne sie einer Beachtung zu wrdigen. Die herrliche _boa
constrictor_, die ich einst als meine theuerste Freundin, im sen
Wonnetaumel ans Herz gedrckt, das liebenswrdige Nilkrokodill, das ich
oft durch Freudenthrnen angelchelt hatte, waren jetzt fr mich nicht
mehr vorhanden. Ich trug nur =eine= Liebe, =eine= Sehnsucht im Herzen:
die zu einer egyptischen Mumie. Da kam mir eines Abends, als ich traurig
und sinnend auf dem Fugestelle eines mir ehedem auch sehr werthen
Elephantenskelett's sa, der Gedanke, da es wohl mglich sey, eine
solche egyptische Mumie in vollkommener Aehnlichkeit, den Kennern selbst
zur Tuschung, nachzumachen. Mein Herz flammte empor in neuer
hoffnungsvoller Liebesgluth! Von den Flgeln der Sehnsucht und Hoffnung
getragen eilte ich ins _theatrum anatomicum_. Hier hatte ich gerade
einige der reizendsten Cadaver vorrthig, die noch je unter die Hnde
eines Prosectors gerathen. Ich ging ans Werk. Ich arbeitete viele Tage
und Nchte, ich brachte endlich im tiefsten Geheimnisse eine Mumie zu
Stande, die man keck aus dem Geschlechte der Pharaonen herdatiren
konnte. Wer war glcklicher, als ich! Mit Begeisterung sah ich auf das
gelungene Werk meines Fleies. Mein Hoffen war erfllt, mein Sehnen
gestillt, das Ideal meiner Liebe war Wirklichkeit geworden. Aber, o
Jammer! Nur wenige Tage whrte mein ser Traum, nur zu schnell verflog
mein seliger Liebesrausch! Wie es schne Weiber gibt, die unter der
anmuthstrahlenden Hlle ein falsches, tckisches Innere verbergen, so
war es auch mit meiner Geliebten der Fall. Noch entzckte mich die
holdselige Gestalt, als schon die Furien von ihrem Innern Besitz
genommen hatten. Die Theuere wurde mir ungetreu: sie gab sich der
Verwesung hin. Ich beweinte sie lange und schmerzlich; aber ich verlor
den Muth nicht. Bald erstand unter meinen Hnden eine zweite Geliebte;
doch ach! sie hatte dasselbe Schicksal, wie die frhere. Neue Versuche,
neues Migeschick! Zuletzt erkannte ich mit bitterm Schmerze, da das
Wohlleben in unserm Lande, da das Clima und noch viele andere Ursachen
sich feindlich und zerstrend meinem Liebesglcke entgegensetzten. Jene
heien Winde, die in Egypten wehen, die Migkeit der Einwohner, tausend
andere Umstnde, welche dort die Menschen schon als halbe Mumien sterben
lassen, begnstigen das hohe Werk der Leibeserhaltung auf Jahrtausende
hinaus. Nun sah ich mich allenthalben nach einem Menschenexemplare um,
das alle Eigenschaften, alle Ansprche, sterbend den uralten egyptischen
Knigsthron zu besteigen, bese. Mein Streben, mein Wnschen, mein
Sehnen waren bis heute vergebens. Aber, Myn Heer, wie wurde mir, als ich
dieses gesegnete Ufer betrat, als Ihr der erste Gegenstand waret, den
mein Auge traf, als ich in Euch Alles fand, was meinem liebebestrmten
Herzen den alten Frieden wieder geben knnte? _Per aspera ad astra!_ Ja,
Myn Heer, Ihr seyd berufen, ein Enkel der Pharaonen zu werden und
deshalb sollt Ihr Euch als Legat der illustern Lugduner Academie
vermachen, da Ihr durch meine Liebe, durch meine Kunst noch
Jahrhunderte hindurch ein Gegenstand der Bewunderung und Verehrung seyd,
nicht unter dem schnden Namen eines =Tobias van Vlieten=, nein! unter
einem erhabenen, welthistorischen, den Ihr selbst nach Belieben whlen
knnt, =Amenophis= etwa, =Tethmosis=, =Pherun=, =Cheops=, =Amasis=, oder
gar =Sesostris= --

Hol Euch der Teufel mit Euern Muhmen und Knigen! brach jetzt =Tobias=
in berschumender Wuth aus, indem er gewaltsam seine Hand der des
Professors entri. Jetzt habe ich genug Eueres wahnwitzigen
Geschwtzes, Euerer tolldreisten Zudringlichkeit und unverschmten
Antrge. Ward dergleichen je erlebt in Europa, Asia, Africa oder in der
neuen Welt? Ein Mann wie ich, ein Rath aus Indien, ein Bewindhebber in
=Rotterdam= soll einem tollen Professor zu gefallen, nach seinem Tode
eine egyptische Muhme werden? Jetzt trollt Euch Eueres Weges, Myn Heer
=Eobanus Hazenbrook=, und wagt es nicht, Euch ferner freventlich an
mich zu drngen! Dort kommt die Havenwacht und =die= soll mich von
Euerer Gegenwart befreien, so wahr ich meinen ehrlichen Namen =van
Vlieten= gegen keinen Amenophel, Seestritz oder Theemops vertausche!

In der That nahete jetzt die Havenwache, die hier ein lautes Gesprch
vernahm, mit schnellen Schritten. Der Professor fand nicht fr gut, ihre
Ankunft abzuwarten. Mit einem schweren Seufzer und den Worten:

So lebe denn wohl, Grausamer, der ein liebevolles Herz so unempfindlich
zurck stt! verschwand er, von seinen zwei Begleitern gefolgt,
raschen Schrittes in die Abenddmmerung, die sich whrend seiner
verunglckten Unterhandlung auf Stadt und Haven gesenkt hatte. In seinem
Innern aber kam der Vorsatz zur Reife, den ersehnten =Tobias= immer
unter geheimer Aufsicht zu halten und im erwnschten Falle seines
etwaigen Ablebens, um jeden Preis und auf jeglichem Wege in seine Gewalt
zu bringen.

Herr =Tobias= war erschpft von dem unerwarteten, seltsamen Angriffe
auf seine Person. Er nahm den Arm des Herrn =van Daalen=, welcher nur
die Rolle eines stummen, aber verwunderungsvollen Zeugen gespielt hatte,
um sich auf ihn zu sttzen.

Wenn das nicht mein Tod ist, sagte er matt, so bin ich von Stahl und
Eisen. Ich verabschiede jeden Dienstboten, dem einmal durch
Unvorsichtigkeit das Wrtchen sterben ber die Lippe geht und wo ich
einem Leichenbegngni begegne, mache ich, wenn es seyn mu, einen
halbstndigen Umweg, um nicht in seine Nhe zu kommen. O, Myn Heer =van
Daalen=, Geld und Gut hat nur die Erde, das Himmelreich ist der Armen,
wie in der Schrift steht, und in Armuth mag ich nun und nimmermehr
verfallen! Fhret mich nach Haus, Myn Heer! Zum erstenmale seit vielen
Jahren kann ich heute die Abendgesellschaft im Prinzencollegium nicht
besuchen. Was wird man dort denken von mir? Sie werden mich fr krank
oder gar fr -- schon gestorben halten! Er sprach diese Worte mit
wehmthigem, weinerlichem Tone. Dann fgte er hinzu: ja, kommt mit
mir! Wir wollen daheim eine Schale Thee selbander trinken. Meine
=Clelia= soll ihn bereiten. Das wird mich beruhigen, das wird mir meine
Krfte wiedergeben.

Langsam und schweigend entfernten sich die beiden Handelsherrn vom Ufer
der Maas. Herr =van Vlieten= mute fters stehen bleiben, um sich zur
Fortsetzung des Weges zu strken. So langten sie erst nach einer halben
Stunde vor seiner Wohnung an, obschon diese nur in einer kleinen
Entfernung vom Haven lag.




2.


In der stattlichen Wohnstube des =van Vlieten'schen= Hauses sa Jungfrau
=van Vlieten= allein und suchte sich, wie es gehen wollte, die
Langeweile zu vertreiben. Sie zhlte bald die Fensterscheiben, sie lie
einen flchtigen Blick ber die tausendmal gesehenen Figuren des
chinesischen Wandgetfels hingleiten, sie betrachtete dann auch wohl
einige Momente lang die beiden Pagoden, die nickend in den Ecken des
Zimmers standen, oder das groe, seltsam gestaltete ostindische
Gtzenbild, das ihr Vater, aus einer besonderen Liebhaberei, aus Asien
mitgebracht und im Hintergrunde des Gemaches aufgestellt hatte. Es
begann ihr unheimlich zu werden in der wunderlichen Umgebung. Sie
glaubte, das Dmmerlicht der wenigen Kerzen, die in dem Zimmer brannten,
lie ihr heute besonders die sonst gewohnten Gegenstnde in neuer
beunruhigender Weise erscheinen. Sie zndete noch mehr Kerzen an, sie
umstellte das Gtzenbild, das ihr so grauenhaft noch nie vorgekommen
war, mit vielen brennenden Lichtern, sie zwang sich zu dem Muthe, in das
Innere des hohlen Bildes hineinzuleuchten, um sich zu berzeugen, da
hier niemand verborgen sey. Aber weder die vermehrte Erhellung, noch die
erknstelte Verwegenheit, reichten hin, sie nur auf die kurze Dauer
einer Viertelstunde gegen die furchterweckenden Eindrcke der einmal
bedeutungsvoll gewordenen Gegenstnde zu wappnen. Die glsernen Augen
des Schiwa oder Brama schienen drohend aus dem widrigen Menschenhaupte,
das auf einem Thierrumpfe sa, auf sie herabzublicken; der Gtze schien
die erhabenen Arme mit den kralligen Tatzen nach ihr auszustrecken.
=Clelia= mute die Blicke von ihm abwenden. Zitternd schwankte sie ans
Fenster und sah in den dmmernden Abend hinaus. Ein Seufzer hob ihre
schne Brust. Sie war nicht gro, aber schlank und zart gewachsen. Sie
besa eine Leichtigkeit der Bewegungen, die in einem Lande, wo sie beim
schnen Geschlechte ebenso selten ist, wie beim starken, um so mehr
auffallen mute. Ihr Angesicht war regelmig und fein gebildet, ihre
Augen waren gro und schmachtend, ihr Haar von seltener Schnheit und
die rothen Rosen auf den sdlich dunkeln Wangen gaben ihr einen ganz
eigenthmlichen Reiz.

Sie schien jemand zu erwarten: Bei jedem Gerusche, das auf den Gngen
vor dem Zimmer entstand, horchte sie aufmerksam hin. Oft wurde ihre
Erwartung getuscht. Dann zeigte sich neben dem Ausdrucke der Furcht,
noch der des Unmuths in den Zgen des lieblichen Antlitzes. Endlich
nahm sie ihren Platz vor dem zierlich aus Rosenholz gearbeiteten
Spinnrade ein, einem Werkzeuge, das in jener Zeit, statt der bisher
gebruchlichen Spindel, bei den Damen sehr in Aufnahme gekommen war und
durch sein tacktmiges Schnurren in der That die etwa lstig erregte
Aufmerksamkeit zerstreuen und die Gedankenlosigkeit befrdern konnte.
Aber aus dem Angesichte der schnen =Clelia= wollte ein Zug, der Unruhe
und Verlegenheit ausdrckte, nicht verschwinden. Sie lauschte noch immer
unter dem Spinnen auf, sie schrack bei einem kleinen Gerusche zusammen,
sie sah sich ngstlich um.

Da hrte sie mit einemmale einen leisen aber raschen Futritt auf dem
Gange. Sie lie die Hand sinken, sie blickte voll Spannung nach der
Thre. Die Rosen auf ihren Wangen wurden so glhend, da ihr Roth das
ganze Antlitz einnahm; das ungestmer schlagende Herz hob in unruhigen
Bewegungen die jugendliche Brust. Der Kommende mute mit Hoffen und
Zagen, mit Wnschen und Bangen erwartet worden seyn!

=Clelia!= flsterte eine gedmpfte Stimme durch die Thrspalte. Darf
ich eintreten?

Das Mdchen war nicht im Stande zu antworten. Sie that schwankend einige
Schritte nach der Thre hin, ein tiefer Seufzer entrang sich der
beengten Brust. Ihre Augen hafteten ngstlich an dem Eingange, in
welchem jetzt mit leisem schwebendem Schritte und vorsichtig sphendem
Blicke, ein schlank gewachsener junger Mann erschien, der so
geschmackvoll und anstndig gekleidet war, als es sich nur mit der Sitte
der damaligen Zeit vertragen wollte.

Herr =Cornelius=, hatte jetzt =Clelia= Kraft zu stammeln. Ihr wagt es
dennoch -- trotz meiner Bitte -- wenn der Vater --

Beruhigt Euch, theuere Jungfrau, erwiederte schnellzngig der junge
=van Daalen=, indem er mit einer leichten und anmuthigen Bewegung vor
ihr stand. Der werthe Vater steigt in diesem Augenblicke mit dem
meinigen am Haven umher und hchst wahrscheinlich sind beide in sehr
tiefsinnige Gesprche, die unser beiderseitiges Glck betreffen,
verflochten. Von da spazieren die zwei wohlmgenden Handelsheern, wie
es ihre auf viele Jahre hin gestellte Lebensuhr will, in's
Prinzencollegium, um dort bei einem Dutzend oder noch mehr Tassen Thee,
die Franzosen zu Land und die Spanier zur See zu schlagen. Mgen Sie es
thun! Mgen sie tausend Kanonen und hundert Linienschiffe erobern, ohne
einen Tropfen Blutes zu vergieen, ich entsage gern dem wilden
Waffenwerke, der Fahne des unruhigen Kriegsgottes, um mich zu beugen
unter die Macht Amors, des freundlichen Liebesgottes. Ja, holdselige
=Clelia=! Als ich zum erstenmale Eure anmuthige Gestalt sah, da hatte
ich in einem Augenblicke alle Gedanken an Waffenruhm, an Ehre im Felde,
an Lust und Jubel im Kriegslager rein vergessen. Wenn ich sonst nur
immer von erschlagenen Franzosen, von angesehenen Gefangenen, von
Lobeserhebungen meiner Vorgesetzten trumte, so sah ich jetzt im Traume
nur Euer liebliches Bild, nur Euch, wie ich Euch aus der Kirche
heimfhrte, als meine wohlleibliche Ehefrau, ich hrte nur Euere Stimme,
die mich mit sen, wohlklingenden Namen nannte. Aber, Ihr sagt nichts,
mein theueres Brutlein? Keine Silbe geht ber Eueren Purpurmund und ich
hoffe und harre vergebens eines freundlichen Grues, eines gtigen
Willkommen!

Kann man denn zu Wort kommen vor Euch, Herr =Cornelius=? versetzte
lchelnd, aber dennoch schchtern =Clelia=. Und berdem bin ich auch
bse auf Euch, denn Ihr habt meinem Wunsche, =nicht= hierher zu kommen
zu dieser Stunde, entgegen gehandelt.

Bei allem Glcke Oraniens! rief mit Lebhaftigkeit der junge Mann. Ich
verehre Euch zu sehr, um selbst Euerer Rede zu trauen, wenn sie in
derselben Viertelstunde das zurcknehmen will, was sie kurz zuvor
gestattet. Nein, verehrte Jungfrau! Ihr knnt nicht von strflichem
Wankelmuth, von unbestndigem Leichtsinn regiert werden. Ihr sprecht
wenig, aber Ihr denkt desto mehr und was Ihr einmal bedacht und berlegt
habt, das ist gewilich das Rechte und ich leiste ihm Folge, ob auch
tausend Gegenbefehle kmen! Wer flsterte mir ein trauliches =Ja= zu,
als ich Sonntags Nachmittag an der Kirchthre um die Erlaubni zu
diesem Besuche bat? Ihr waret es, Holdseligste! Was Ihr spter, als ich
Euch einige Schritte weit begleitete, gesagt habt, mag ich gar nicht
gehrt haben und lasse es in der Nacht der Vergessenheit begraben seyn.
Ich habe mir nur einen Vorwurf zu machen. Es ist =der=, zu spt gekommen
zu seyn. Aber da mu mein bses Schicksal, gerade als ich das Haus
verlassen will, unsern Buchhalter, den alten =Hoontschoten=, von weiter
Reise zurckfhren, da nimmt mich der alte Mensch beim Kragen, jammert
und heult mir Dinge vor, von denen ich kein Wort begreife, bis ich ihm
endlich verstndlich mache, da mein Vater im Prinzencollegium ist, da
er dorthin gehn und seinen Jammer anbringen soll, wo er ohne Zweifel
mehr Aufmerksamkeit und Begriffhigkeit dafr finden wrde. Der seltsame
Kauz war ganz auer sich. Ich habe ihn noch nie so gesehen und ich
frchte sehr, er wird mit seinen Litaneyen meinem Vater den beliebten
Thee in betrbten Wermuthtrank verwandeln. Ach, =Clelia=, fuhr der
Gesprchige mit einem Seufzer fort, der ernsthaft seyn sollte, aber,
indem er seinen Ursprung aus einem heitern Character nicht verleugnen
konnte, eher komisch ausfiel: welche Leiden hat doch die Liebe in ihrem
Gefolge! Da ist die gespenstige Eifersucht, da ist Zweifelsucht, da ist
die bele Nachrede anderer. Ja, liebwertheste Jungfrau, es giebt Leute,
welche behaupten, wir paten nicht fr einander, weil Ihr viel denkt und
wenig sprecht, und ich gerade das Gegentheil von diesen beiden Dingen
thue. Welche Thorheit, oder gar welche Bosheit aus schwarzem Neide
entsproen! Eben um dieser Ursachen willen sind wir ganz fr einander
geboren. Ihr denkt fr mich und ich spreche fr Euch. So wandeln wir
vereinigt durch's Leben und jeder sorgt und handelt fr den andern, lebt
nur in diesem, vergit sich selbst und ist so in der einzigen und wahren
Liebe, welche allein die Sterblichen beglcken kann! Ach, wie viele
unglckliche Ehen gbe es weniger in der Welt, wenn jedermann in der
Wahl des zu liebenden Gegenstandes so vernnftig zu Werke ginge, wie
wir!

Langsam und unter dem Scheine der Unabsichtlichkeit war indessen
=Clelia= mit ihrem Verehrer zu der Fensternische geschritten, in der
zwei Sessel standen, auf denen sie nun einander gegenber Platz nahmen.

Es ist wahr, Herr =Cornelius=, begann jetzt =Clelia= in einem ruhigen
und gemessenen Tone, da mein Vater von der Mglichkeit einer
Verbindung zwischen uns beiden mit mir gesprochen hat, aber er hat mir
auch nicht verhehlt, da erst gewisse Bedingungen, die er mir nicht
nennen wollte, erfllt seyn mten, ehe er sein Jawort in einer
bestimmten Weise geben knne. Ich bin Euch von Herzen gewogen, Ihr habt
ein gutes Herz, ein treues und offenes Gemth. Ich glaube, da ich
glcklich mit Euch werden kann. Aber Ihr mt immer bedenken, da wir
noch nicht am Ziele stehen, da Alles noch sehr ungewi ist. Deshalb
mt Ihr auch meinen Ruf schonen, nicht so oft an unserm Hause
vorbergehn und heraufschauen, mich nicht an der Kirchthre erwarten,
auf der Strae mir nicht auflauern und geheimnivoll zu mir flstern.
Euch recht dringend darum zu ersuchen, war allein die Ursache, da ich
Euere Gegenwart verlangte, was ich gleich nachher bereuete, da es doch
auch zu belm Leumund Anla geben kann. Aber ich bitte Euch recht sehr
Herr =Cornelius=, bedenkt was ich Euch gesagt habe!

O, das abscheuliche Denken! rief =Cornelius=, indem er sich mit einer
Gebehrde des Unmuths durch das krause Lockenhaar fuhr. Fordert Alles
von mir, vieltheuere =Clelia=, nur das nicht! Soll ich Euch irgend einen
franzsischen Oberoffizier mitten aus seinen Leuten herausholen, mit Ro
und Waffen? Bei dem Glcke Oraniens, Ihr sollt ihn haben! Befehlt sonst
ein Wagstck, ein Unternehmen, bei dem es Blut und Leben gilt:
=Cornelius van Daalen=, gewesener Hauptmann Knig =Wilhelms=, wird
keinen Augenblick zaudern. Aber =Denken=? Das scheint mir gerade so
schwer, wie =Sprechen= leicht! Auch ist es sicherlich in den weisen
Einrichtungen der Natur nicht so begrndet, wie das Sprechen. Gibt es
doch unvernnftige Vgel, welche zum Sprechen abgerichtet werden
knnen, ohne da es noch je mglich gewesen wre, sie auf einen
gescheidten Gedanken zu bringen. Wenn ich mir einmal ein Herz fasse und
mich bemhe zu denken, dann geht's mir, wie den Krebsen, und ich
schreite mit meinen Gedanken rckwrts in die Vergangenheit, statt
vorwrts in die Zukunft hinein, in die ich eigentlich wollte. Dann
fallen mir tausend dumme Streiche ein, die ich begangen habe, und noch
mehr bereilte, zu denen ich mich in der Gutmthigkeit meines Herzens
hinreien lie und die meinen Vater Geld genug kosten. Dann rgere ich
mich und verschwre das Denken auf lange hin. Glaubt mir, sehr theuere
Jungfrau, es ist hchst weise von unsern Vtern gethan, da sie fr uns
Geld und Gut in Flle zusammengescharrt und gespart haben; denn, wenn
wir von dem zehren sollten, was ich durch Denken und Speculiren
aufzubringen vermchte, als ein wohl ehrsamer Handels-Patron, so wrde
nicht allein das Salz auf dem Brode, sondern auch das Brod unter dem
Salze fehlen. Aber Ihr knnt Euch darauf verlassen, da ich mich, Euerm
Wunsche zu Folge, in meinem Betragen ndern werde, bis die gestrengen
Vter das Facit des Rechenexempels, das sie mit uns beiden anstellen,
gezogen haben. Ihr werdet mich nicht mehr in der Kirchenthre sehn,
sondern in der Kirche selbst, wohin mich die christliche Pflicht ruft;
ich werde Euch nicht mehr auf offener Strae anreden, sondern hchstens
in einem verborgenen Gchen; ich werde bei der Fensterpromenade nicht
mehr gerade zu Euern Fenstern hinaufschauen, sondern hchstens nur etwas
Weniges hinaufblinzeln.

Eine schne Besserung! lchelte =Clelia=. Ich aber werde dazuthun,
sie zu einer wirklichen zu machen. In der Kirche gibt es auch
vergitterte Betsthle, verborgene Gchen werde ich zu vermeiden wissen,
und meinen Sitz am Fenster werde ich in die Mitte des Zimmers verlegen.

Welche strafbare Vorstze! rief =Cornelius=, indem er von seinem Sitze
aufsprang. Insubordination und Rebellion! Bei dem Degen des groen
=Marlborough=! indem Ihr Euch zu meiner Liebsten bekannt, habt Ihr zu
meiner Fahne geschworen und der drft Ihr nicht untreu werden durch
kaltes Zurckziehn, listige Winkelzge und muthlose Flucht. Ich werde
nach Kriegsgebrauch mit Euch verfahren. Ich werde Euch vor ein Gericht
stellen, dessen Prsident, Beisitzer und Anklger ich in einer Person
seyn werde. Alles geht rasch nach Kriegsmanier. Ihr werdet verurtheilt,
arquebusirt zu werden und das geschhe ohne Gnade und Barmherzigkeit,
wenn ich mich nicht im letzten Augenblicke, da Ihr schon auf dem
Sandhgel knieet, um den tdlichen Schu zu empfangen, bereit erklrte,
Euch zu heirathen, was bekanntlich ebenfalls nach einem alten
Soldatenherkommen, den armen Snder von der Todesstrafe retten kann.
Doch Holland und Oranien! was hre ich? unterbrach er pltzlich
aufhorchend sich selbst. Das ist Eueres Vaters Stimme, das ist die des
meinigen, oder ich habe nie Pulver gerochen! Sie sind schon auf der
Treppe, gleich wird sich die Thre ffnen und wir werden die
wohlmgenden Heern erscheinen sehen.

Whrend =Cornelius= noch sprach, waren seine Blicke im Zimmer nach einem
Verstecke umhergeflogen. =Clelia= war keines Wortes mchtig, sie
zitterte und mute sich an der Fensterbank halten. Schon scharrte es vor
der Zimmerthre, schon wurde die Klinke ergriffen und man vernahm
deutlich die beiden Herren, wie einer den andern zum Voranschreiten
nthigte. Es war kein Augenblick zu verlieren. Mit einem raschen Sprunge
flog jetzt =Cornelius= zu dem Gtzenbilde; indem die Thre aufging und
die kleine, runde Gestalt des Herrn =van Daalen= sich hereinschob,
schlpfte dessen liebe- und lebenslustiger Sohn in das Innere des
indischen Heiligthums.

Herr =Jan= lie einige forschende und befremdete Blicke im Zimmer
umherschweifen. Er besa ein sehr scharfes Gehr und hatte vor der Thre
deutlich die Stimme seines Sohnes im Innern des Gemaches vernommen. Er
kannte ihn hinlnglich, um ihm den verwegenen Versuch eines
Stelldicheins mit Jungfrau =Clelia van Vlieten= zuzutrauen. Er sah auf
das Mdchen, er gewahrte ihre Verlegenheit, er war seiner Sache gewi.
Aber wo war =Cornelius= hingekommen? Das Zimmer besa nur die eine
Thre, durch welche die Vter es betreten hatten. Nirgends war ein
Behltni, eine verhngte Stelle zu bemerken, wo =Cornelius= ein
Versteck gefunden haben konnte. Da fielen Herrn =Jan's= Blicke auf das
Gtzenbild, da sah er hinter dessen glsernen Augen etwas Bewegliches
und nun wute er auch, welche Kriegslist der theuere =Cornelius=
angewandt habe, sich dem unerwarteten Rencontre mit dem Gegner zu
entziehn.

Bedeutungsvoll lchelnd nherte sich der alte Herr =van Daalen= der
zagenden Jungfrau, bedauerte sehr, wenn sein, zu dieser Stunde
ungewhnlicher Besuch sie in irgend einer angenehmen Beschftigung
gestrt habe und sprach die Hoffnung aus, da sie wohl Zeit und
Gelegenheit finden werde, solche verlorene Augenblicke wieder
einzuholen. =Clelia= errthete ber und ber. Sie sah sich verrathen;
sie vermochte kein Wort zu erwiedern.

Mit einem sehr jammervollen Gesichte trat jetzt ihr Vater zu ihr heran.

=Cltje=, -- so pflegte Herr =Tobias= den Namen =Clelia= zu
verniedlichen -- sagte er weinerlich, besorge uns Thee: viel und stark!
Thue auch Zimmet und Gewrznelken hinein, damit er mich erwrme, denn es
schttelt ein Fieberfrost meine Glieder und eine wunderliche Sehnsucht,
wie ich noch nie empfunden, wandelt mich an, um die Mittagsstunde in
heier Sonnenhitze auf dem Pltzchen vor meiner Plantage am Flue
Jakkatarg, wo ich ungehorsame Sklaven oft zur Strafe den glhenden
Mittagsstrahlen preigab, zu liegen, ohne ein schattendes Obdach,
einschlrfend und gierig einsaugend jeden senkrecht niederfallenden
Sonnenstrahl.

Langsam entfernte sich die Tochter. Es war ihr lieb, sich unter einem
guten Vorwande der drckenden Gegenwart der beiden Mnner entziehen zu
knnen, aber sie fhlte sich auch zugleich von Besorgnissen um den
versteckten =Cornelius=, den leicht ein Zufall verrathen konnte, bewegt.
Sie warf, als sie schon an der Thre stand, einen ngstlichen Blick auf
das Gtzenbild. Da lchelte ihr Herr =van Daalen= freundlich zu und
machte, whrend der Vater seine Augen nachdenklich zu Boden geschlagen
hatte, eine beruhigende Bewegung mit der Rechten, die dem Mdchen sagte:
da er mit im Einverstndnisse sey und schon sorgen wolle fr eine
sichere Bewahrung des Geheimnisses. Dennoch verlie sie mit schwerem
Herzen das Gemach.

Dieser entsetzliche Professor =Eobanus Hazenbrook=! hob Herr =van
Vlieten= in einem sehr wehemthigen Tone an, nachdem er sich mit seinem
alten Freunde an einem chinesischen Tischchen in der Mitte des Zimmers
niedergelassen hatte. Womit habe ich ihn gekrnkt, da er Gift und
Galle in mein Herz schttet, da er mit boshaften, tckischen Worten
mich an das schauderhafte Ende alles Zeitlichen mahnt und mit einemmale
alle Standhaftigkeit meiner Seele niederwirft und da, wo Aufklrung und
Muth herrschten, Grauen und Furcht set? Ach, =Myn Heer van Daalen=,
seit vielen Jahren habe ich kein Wrtchen von Tod und Sterben gehrt,
ich habe jeden Gedanken daran sorglich fern gehalten, und war in den
schnen Traum eingewiegt, ich knne gar nie sterben und wrde mich
ewiglich des Lebens und seiner Gter erfreuen! Dies herrliche Gebude
der leiblichen Unsterblichkeit ist nun wie weggeblasen durch den
mrderischen Odem des schauderhaften =Hazenbrook=. Er hat mir es
angethan, ich bin wie umgewandelt, Todesfurcht liegt mir in allen
Gliedern und wohin ich sehe, erblicke ich Gespenster. Ach, Myn Heer und
Freund, habt die Geflligkeit und nehmt meinen Platz ein! Ich kann es
nicht ertragen, wie mich das hliche Gtzenbild, mir gerade gegenber,
mit starren Blicken anglotzt. Das ist das erstemal in meinem Leben, da
ich mich davor frchte, aber es ist auch heute, als stke etwas
Besonderes drin und manchmal dnkt es mich, als gewnnen die Glasaugen
Leben und schleuderten Blitze in mein bebendes Herz herab!

Herr =van Daalen= war gleich erbtig, mit =Tobias= den Platz zu
wechseln. Er hatte schon Anfangs, als sie sich niederlieen, sich bemht
an diese Stelle zu kommen, damit das Versteck des Sohnes nicht zu sehr
den Blicken des Herrn =van Vlieten= ausgesetzt sey; aber der alte Herr
hatte so fest Posto gefat, da es jenem nicht gelang, ihn vom Flecke zu
mannoeuvriren. Jetzt nderte sich Alles von selbst, wie Herr =Jan= es
wnschte, und von seinem Vater hatte der verborgene Bewohner des Bildes
nichts zu frchten.

Schon oft, sagte =Tobias= jetzt in dem kleinlauten Tone, zu dem ihn
der Antrag des Professors herabgestimmt hatte, sind mir von dem Domine
unseres Kirchsprengels Vorwrfe gemacht worden, da ich, als ein
christlicher Kauf- und Handelsheer, den heidnischen =Brama=, =Schiwa=,
=Vischnu=, oder wie sonst die Teufelsfratze heien mag, innerhalb meiner
vier Wnde aufgestellt habe. Ich lachte darber und versicherte den
Domine, ich she das seltsame Gtzenbildni nicht anders an, als eine
Curiositt, wie etwa die chinesischen Pagoden dort im Winkel, oder ein
Gemlde von einem unserer berhmten Maler, welche die Kirmessen so
getreulich dargestellt haben. Ich achtete nicht auf das Kopfschtteln
des geistlichen Heern, was er sagte, schien mir eitel Thorheit und
Aberglaube. Aber Uebermuth bestraft sich selbst! Ich sehe die Sache
jetzt ganz anders an, wie frher. Man soll den Bsen nicht an die Wand
malen! Da ich dem ehrenwerthen Domine so schnde begegnen konnte, war
sicherlich schon eine Eingebung des Satans mit den glotzenden Glasaugen,
der dort hinten auf dem Piedestale steht. Wit Ihr was, Myn Heer =van
Daalen=? Ich habe groe Lust, meinen Gewissensbissen wegen dieser Sache
mit einemmale ein Ende zu machen. Ich werde meinen Leuten rufen, da sie
den =Vischnu= in tausend Stcke zerhauen und ihn konomisch verwenden
auf dem Heerde, um eine christliche Suppe daran zu kochen.

Er war schon im Begriff aufzustehen, als Herr =van Daalen=, rasch den
kurzen Arm ber den Tisch streckend, ihn zurckhielt.

Um Gotteswillen, thut das nicht! rief dieser mit ungewhnlicher
Lebhaftigkeit. Wer wei, ob so ein Ding, aus Zorn ber ein solches
Unterfangen, die Macht, die es in Indien exerciert, dann nicht einmal
auch hier ben mchte, so da Euch und Euerem Hause entsetzliches
Unglck daraus entstnde. Wahrhaftig! mir kommt es schon vor, als
verdrehe es die Augen und richte sie mit drohendem Ausdrucke auf uns.
Myn Heer =van Vlieten=, gebt der Vernunft Gehr! Lat heute das garstige
Bild in Ruhe. Ein anderes Mal, wenn der Domine dabei ist, um durch
geistliches Wort und Gebet den Hllenhund zu bndigen, mgt Ihr's
versuchen; uns zwei armen Sndern, die immer mehr dem Weltlichen, wie
dem Geistlichen ergeben gewesen, drfte er bermchtig seyn. Er ist ein
hlicher Kerl, der =Schiwa= oder wie Ihr ihn nennt. Er verdreht schon
wieder die Augen, er bewegt den Mund --

In diesem Augenblicke lie sich in der That ein tiefer Seufzer aus dem
Innern des Gtzenbildes vernehmen. =Cornelius= fhlte seine Brust
beklemmt in dem engen Behltnisse; es ward ihm schwer, Odem zu schpfen.
Die Anstrengung, welche er hierzu verwenden mute, brachte jenen Ton
hervor, den sein Vater bemerkte und der Herrn =Tobias= schnell von
seinem Sitze auf und in einem weiten Sprunge nach der Thre hintrieb.

Der Teufel ist los und wird uns gleich am Kragen haben! schrie er
entsetzt. Gleich steigt er herab von seinem Postamente, auf das ich
Unglcklicher ihn erhoben habe. Ich sehe ihn schon durch das Zimmer
schreiten, ich hre sein furchtbares Trappeln hinter mir her, Trepp'
auf, Trepp' ab, durch alle Gnge des Hauses, wenn ich ihm zu entrinnen
suche -- ich bin ein verlorener Mann, denn er =hat= mich! Der Domine mu
herbei, =der= allein kann helfen.

=Cornelius= erstickte beinahe vor unterdrcktem Lachen in seiner dunkeln
Verborgenheit. Er konnte nicht so sehr Herr seiner einmal erregten
Lachlust werden, da nicht wiederum sein Kichern vernommen worden wre.
Herr =Tobias= glaubte in diesen Tnen die Vorboten von dem
ausbrechenden Zorne des Heidengtzen zu erkennen. Er achtete nicht auf
Herrn =van Daalen=, der mit beruhigender Gebehrde ihm nachschritt, er
sah nicht das Lcheln, das sich wider dessen Willen, auf seinem runden
Angesichte zeigte. Fort, fort! war der einzige Gedanke, dessen er
fhig war. Er ri die Thre auf, er wollte hinausstrzen; da strmte ihm
von auen herein eine fremde Gestalt entgegen, von neuem Entsetzen
ergriffen prallte er zurck, in die Arme des hinter ihm stehenden
Handelsherrn.

Der Satan hat Genossen! stammelte er. Der Rckzug ist uns
abgeschnitten.

Aber Herr =Jan= wurde in diesem Augenblicke bleicher, als =Tobias=.
Seine Augen starrten mit Blicken des Schreckens und der ngstlichsten
Erwartung den Hereintretenden an. Jeder Zug des heimlichen Spottes,
jedes Lcheln war aus seinem Antlitze verschwunden. Angst, Verzweiflung
und Entsetzen sprachen aus seinem ganzen Aeueren. Er hatte den
sogenannten Genossen des Satans erkannt: es war sein alter Buchhalter,
=Jeremias Hoontschoten=, der mit dem klglichsten Jammergesichte von
der Welt vor ihm stand.

Ich bin da, gestrenger Patron! wimmerte =Jeremias=. Aber meine werthe
Person und die wenigen Fetzen, welche ich auf dem Leibe trage, sind auch
Alles, was ich mitbringe aus Mexiko. Die reichste Silberflotte, die je
ber den Ocean gekommen, ist gekapert worden im Haven von =Vigos= und
zweimalhunderttausend Stck Dukaten, die meinem hochedeln Heern
angehrt, sind in die schmutzigen Hnde der Matrosen gefallen. Sie
fanden ebenso guten Cours bei den Englndern, wie bei unsern eigenen
Leuten und wenn ich diesen versicherte, sie seyen das Eigenthum meines
wohlmgenden Prinzipals, des Herrn =Jan van Daalen= in =Rotterdam=, so
behaupteten sie dagegen mit einem wahrhaft teuflischen Gelchter: das
sey erlogen, die Dukaten gehrten ihnen und wenn der Herr =van Daalen=
sie haben wolle, so solle er sie nur von ihnen abfordern. O, mein
hochedler Patron, ich habe mich ihnen zu Fen geworfen, ich habe
geheult, wie ein altes Weib, fr die Dukaten! Aber die Tigerherzen
waren nicht zu rhren. Sie spotteten meiner und schimpften mich einen
spanischen Hollnder, den man von Rechtswegen aufknpfen msse.

Herr =Jan= blieb stumm. Er konnte die Gre der Schreckenspost, die ihm
gebracht wurde, nicht fassen. =Tobias= war dagegen ganz Ohr geworden.
Bei dem Blicke, den er mit einemmale in das Handelsgeheimni des Herrn
=van Daalen= warf, hatte er den Domine, den Gtzen sammt dem
Gottseybeiuns vergessen. So war denn endlich entschleiert, was der
geheimnivolle Patron im Stillen getrieben, so wute man denn nun, nach
so vielem vergeblichen Sinnen und Rathen, wodurch er Geld und Gut
gewonnen! Er war, wie viele andere niederlndische Kaufleute, bei den
spanischen Gold- und Silberflotten interessirt gewesen, indessen war der
Krieg zwischen Spanien und Holland ausgebrochen, die vereinigten
Hollnder und Englnder nahmen die spanischen Schiffe, wo sie sie
fanden, und durch einen besonders glcklichen Zufall gerieth ihnen auch
die im Haven von =Vigos= liegende reich beladene Flotte in die Hnde.

Also von dort her erwartetet Ihr die zweimalhunderttausend Dukaten,
welche die Differenz in der Mitgift ausgleichen sollten? sagte jetzt
mit finsterem Angesichte und in einem sehr gedehnten Tone Herr =van
Vlieten=. Und sie sind nun hin und fort und werden eingehen am
Nimmerstage, wo alle insolvente Glubiger ihre Wechsel bezahlen? Lasset
zu Euch reden, Myn Heer =van Daalen=, wie es mir ums Herz ist in dieser
Sache! Euere ganze Handelschaft ist eitel Schwindelwesen und Ihr habt
mehr Glck als Verstand gehabt, da Ihr nicht schon lngst zu Grunde
gegangen seyd. Zucker und Kaffee, das ist solid, aber Schmuggelei mit
dem spanischen Erbfeinde kann nicht Segen haben auf die Dauer! Freilich
ist es Euch noch gut genug gegangen, da Ihr durch die Kriegsjahre und
Kriegstroublen glcklich hindurch gesegelt seyd mit Euern
Silberschiffen; allein der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht,
und Ihr gemahnt mich jetzt gerade, wie so ein zerbrochener Krug, der
keinen Henkel mehr hat, an dem ihn unsereins anfassen mag, und dem der
Boden ausgefallen ist, auf dem der Inhalt geruhet.

Der Handelsherr, an welchen diese Worte gerichtet waren, hatte indessen
einigermaen die verlorene Fassung wiedergewonnen. Er sah ein, da er
noch ohne die zweimalhunderttausend Stck Dukaten ein reicher Mann
blieb, er ahnete aber auch zugleich, da diese unausgefllte Lcke in
seiner Casse eine Kluft bilden knnte, welche sich strend zwischen die
Verbindung der Huser =van Vlieten= und =van Daalen= drngen drfte. In
dieser schlimmen Ahnung wurde er durch die Reden des Herrn =Tobias= noch
bestrkt. Er warf einen zornigen Blick auf den Buchhalter:

=Hoontschoten=, Er ist ein Esel! sagte er ingrimmig. Wre Er nicht so
alt, da Ihm die Natur bald den Abschied aus dem Leben geben drfte, so
gb ich Ihm den Abschied aus dem Dienste.

Mein Gott und Heer! versetzte bebend =Jeremias=: worin habe ich denn
gefehlt? Gebot es nicht Pflicht und Gewissen, meinen wohlmgenden Patron
sogleich in Kenntni zu setzen von einem solchen Unglcksfalle? Und
darin habe ich nicht gesumt, nach den schwachen Krften, welche mir
mein Alter vergnnt. Ich habe Euch gesucht wie eine Stecknadel, im Hause
und am Haven, im Prinzencollegium und am Boompjes, bis mich endlich ein
scharmanter Herr, ein Professor aus Leyden, dem ich Euere und Herrn =van
Vlietens= Personen weitlufig beschreiben mute, hierher verwie.

Verdammter =Hazenbrook=! schalt Herr =Tobias= fr sich hin, und die
groe Ader auf seiner Stirn schwoll in zorniger Erinnerung hher an:
Das Gespenst des verruchten Professors verfolgt mich allenthalben und
wenn ich mir ihn einmal aus dem Sinne geschlagen habe, so bringt ihn mir
ein verwnschter Zufall wieder in den Wurf.

Ich htte Ihn nicht fr so dumm gehalten, =Hoontschoten=! zrnte
indessen der alte =van Daalen= zu seinem Untergebenen. Er meint noch
Wunder wie gut er's gemacht hat und wre am Ende im Stande gewesen, die
Sache auf dem groen Markte auszuschreien! Myn Heer =van Vlieten=,
wandte er sich jetzt gnzlich umgewandelt, mit sanfter Stimme und
lchelndem Angesichte, zu diesem: der Verlust einer solchen Kleinigkeit
wird keinen Einflu auf Euere gtigen Gesinnungen fr mich und meinen
=Cornelius= haben, wir bleiben die besten Freunde, wie bisher, und
=Cltje= wird meine Tochter und =Cornel= Euer Sohn.

Prosit! versetzte mit einem herben Gesichte Herr =Tobias=. Aus der
Heirath kann ein fr allemal nichts werden, wenn die Gelder nicht bis
auf einen Deut _al pari_ stehen, und dazu ist, unter den gegenwrtigen
Auspicien, auf lange hin kein Anschein. Lebt wohl, Myn Heer =van
Daalen=! Siebenmalhunderttausend ist das Wort. Ohne das geht die Braut
nicht fort. Da habt Ihr in Reimen meine Meinung. Gott befohlen, Heer
=Jan=! Ich kann meinen Thee allein trinken. Besucht mich ber's Jahr
wieder!

Wie? rief der Fortgewiesene mit einer Miene, in der sich Staunen und
Unwille aussprachen: Ihr wollt das alte Freundschaftsband zerreien;
Ihr knntet um des lumpigen Geldes Willen die edlern Gefhle des Herzens
verleugnen? Thut das nicht, Myn Heer =Tobias=! Frchtet die Rache
Schiwa's, unter dessen Augen Ihr diesen Frevel begeht!

In seiner Herzensangst griff Herr =van Daalen= zu diesem letzten Mittel,
die Furcht des Widerwilligen auf's Neue zu erregen und sie zum Hlfsweg
bei dem Sturme auf =Tobias= Herz anzuwenden. Dieser aber hatte, unter
den neu eingetretenen Umstnden, das Entsetzen, welches ihm der Gtze
frher eingeflt, rein vergessen und rief im Fortgehen:

Was Schiwa, was Brama! Geld ist die Bank. Morgen brennt der Schiwa im
Ofen und auf dem Herde und der Kaffee, der an dem Satan gekocht wird,
soll mir wohl schmecken. Trag den Thee in mein Zimmer, =Cltje=!
herrschte er der entgegentretenden Tochter zu, die mit groem Schrecken
den Zorn des Vaters wahrnahm und im ersten Augenblicke sich und den
Geliebten verrathen glaubte. Herr =van Daalen= wird uns ein anderes Mal
die Ehre schenken, heute trinke ich allein.

Er schritt so rasch nach seinem Zimmer, da ihm die gehorchende =Clelia=
kaum folgen konnte. Herrn =van Daalens= Geduld war nun auch erschpft.
Ohne weiter des Sohnes im Schiwa zu gedenken, strmte er die Treppe
hinab und zum Hause hinaus. Aengstlich und sehr gedrckt trippelte der
Buchhalter hinter ihm her.

Er ist an Allem schuld, =Tlpel=! schrie ihn noch auf der Strae Herr
=Jan= an. Warum hat Er erstlich die entsetzliche Dummheit begangen,
sich die zweimalhunderttausend Dukaten nehmen zu lassen, warum begeht Er
zweitens die noch entsetzlichere, die ganze Geschichte im Beiseyn des
unersttlichen =van Vlieten= auszuplaudern?

Jetzt erst ging dem armen =Jeremias Hoontschoten= ein Licht auf. Er
hatte bisher nicht einmal geahnt, warum sein hochedler Prinzipal ihm
zrne. Nun sah er es ein und es kam auch zugleich eine solche Reue ber
ihn, da er anfing zu weinen und laut zu schluchzen. Er machte sich
selbst im jmmerlichsten Tone die heftigsten Vorwrfe ber seine
unzeitige Schwatzhaftigkeit. Er gerieth nach und nach in eine so
verzweiflungsvolle Stimmung, da Herr =van Daalen=, der im Grunde ein
sehr gutes Herz besa, bald sehr gerhrt wurde und in der Furcht, der
alte Mann knne sich ein Leid thun, ihn zu trsten begann. Es fruchtete
aber Alles nichts. =Jeremias= gebehrdete sich immer klglicher, das
mitfhlende Herz seines Patrons wurde immer weicher, er mute am Ende
auch weinen und als Beiden der Hausknecht die Thre des =van
Daalenschen= Hauses auf ihr Klopfen ffnete, war dieser nicht wenig
erstaunt, seinen Gebieter und den alten Buchhalter in Thrnen auf der
Strae zu finden.




3.


=Clelia van Vlieten= war ein Mdchen von einigem Verstand und einiger
Ueberlegungskraft, aber nur fr die gewhnlichen Flle ihrer sehr
beschrnkten Lebensweise. Wenn Junker =Cornelius= ihr darber etwas
Schmeichelhaftes sagte, so lag der Grund dazu theils in seiner eigenen,
einem liebenden Herzen entsprossenen Ueberzeugung, theils in dem
allgemeinen Glauben der Rotterdammer, des reichen =van Vlietens Cltje=
msse, so wie ein Wunder an Schnheit, auch eins an Verstand seyn.
=Clelia= hatte selbst, da man sie sehr oft in dieser Beziehung ins
Gesicht gelobt und niemand in ihrem Hause und in dem Kreise ihrer
Bekanntinnen ihr entgegenstand, den sie bersehen htte, eine nicht
geringe Meinung von ihren geistigen Fhigkeiten in sich aufgenommen.
Diese reichten auch vllig fr die huslichen Geschfte, fr den Umgang
mit dem Vater und den Freundinnen aus; trug sich aber etwas
Auerordentliches zu, wurde sie von einem unerwarteten Ereignisse
bengstigender oder erschreckender Art berrascht, so war es in einem
Augenblicke vorbei mit ihrer Gedankenfhigkeit, sie war dann willenlos,
Alles wurde ihr zu einem Gegenstande unklarer Besorgni und sie folgte
dann, ohne nachsinnen, ohne berlegen zu knnen, jedem Rathe, der ihr
eben gegeben wurde und den sie vielleicht in einer andern ruhigen Stunde
unbedingt verworfen haben wrde. Die Ursache dieses Mangels an
Selbststndigkeit war ohne Zweifel ihre beschrnkte Erziehung und der
einfrmige Gang ihres Lebens, in dem ein Tag wie der andere, ohne die
mindeste Abweichung von der einmal eingefhrten Ordnung, verstrich. Der
lebhafte =Cornelius= zeichnete sich durch seine krperlichen Vorzge und
durch die Gewandtheit seines Betragens zu sehr von den wenigen brigen
jungen Mnnern ihrer Bekanntschaft aus, um nicht, da er ihr auch sonst
in Hinsicht auf die Glcksumstnde seines Vaters am Nchsten stand, von
ihr mit gnstigen Blicken betrachtet zu werden. Die kecke Art und Weise,
mit der er sich ihr nherte, seine heitere Laune und die leichte, aber
doch zarte Anknpfung eines innigeren Verhltnisses von seiner Seite,
hatten ihr ganz und gar nicht mifallen. Nur als er nach und nach anfing
sich zu vergessen, als er lnger bei ihr auf der Strae und in der
Kirchthre verweilte, als frher, und sein trauliches Flstern zu =van
Vlietens Cltje'n= die Aufmerksamkeit der Leute erregte, da begann das
Mdchen nachzudenken und zu berlegen, und kam zu jenem Resultate, das
den leichtgestimmten und auch ziemlich leichtsinnigen =Cornelius= in die
chinesische Stube ihres Vaterhauses, in den Leib des =Schiwa= fhrte und
sie selbst in eine Bestrzung brachte, die von dem eben beschriebenen
Zustande der Gedankenunfhigkeit begleitet war.

Sie sa wie auf Kohlen ihrem Vater gegenber im kleinen Gemache, das
fern von dem Zimmer war, in dem sie den Geliebten zurckgelassen hatte.
Ihre Hand zitterte, als sie dem alten Herrn den Thee kredenzte. Sie
hatte den Zucker vergessen und er trank in seiner Aufgeregtheit den Thee
hinunter, ohne das zu bemerken. =Clelia= sah bei aller Betretenheit wohl
ein, da ihr Vater einen gewaltigen Groll gegen die =van Daalen= im
Herzen berge, aber sie wute die Ursache nicht und vermochte jetzt auch
nicht darber nachzusinnen. Einzelne Ausrufungen, die er unter dem
Theetrinken ausstie, gaben ebensowenig einen weitern Aufschlu. Dieser
Ausrufungen waren ohnehin nur drei, und so krftig sie sich vernehmen
lieen, so wenig klrten sie die Sache selbst auf. Als Herr =Tobias= die
erste Tasse getrunken hatte, stie er die chinesische Porzellanschale
klirrend auf den Tisch und sagte im Tone heftiger Erbitterung: Der
Windmacher! Bei der zweiten rief er ingrimmig: Der Schwindelkrmer!
Die dritte lie er unberhrt stehn, indem er wild schrie: Der Lump!
und dann hastig, ohne =Clelia= die gewhnliche gute Nacht zu wnschen,
in sein Schlafzimmer eilte, das er hinter sich verschlo.

In dumpfer, unklarer Erstarrung sah die Tochter ihm nach. Das hatte sie
noch nie erlebt. Um zweier Tassen Thee willen, hatte es ihr Vater noch
nie der Mhe werth gefunden, sich niederzusetzen; nur wenn er sein
volles Dutzend genossen, bedurfte es einiger Ueberredung, ihn noch zu
etlichen Schalen zu bewegen. Selten aber widerstand er einer solchen
Ueberredung, oft wartete er sie kaum ab. Heute war das nun ganz anders
gewesen, heute hatte Herr =van Vlieten=, zum erstenmale seit der Tochter
Gedenken, das Prinzencollegium versumt, nur wenigen Thee getrunken und
seiner =Cltje= keine gute Nacht gegeben! Schreckliche Dinge muten
vorgegangen seyn, die den pnktlichen Mann aus seinem gewhnlichen
Lebensgleise rissen! Schreckliches erwartete gewi die Tochter, wenn
=Tobias= erst zur Besonnenheit, zu einem Entschlusse gekommen war!

Sie schlich schwankend aus dem Zimmer, wo die unterbrochene Theepartie
statt gefunden hatte. In den Gngen des Hauses war es still und einsam.
Das Gesinde befand sich in den Gemchern des Erdgeschosses. Wenn Herr
=Tobias= sich einmal in seine Zimmer zurckgezogen hatte, so durften in
der Regel die Diener keine Strung von seiner Seite mehr erwarten.
=Clelia= war in einer Sinnenbetubung, in der sie nur mit Mhe =einen=
Gedanken, den an den versteckten =Cornelius=, festhalten konnte. Das
Licht, das sie in der Hand trug, erschien ihr wie ein ferner, dmmernder
Schein. Die Schlge ihres Herzens waren so stark, da sie ihre Brust
beengten und das gengstigte Mdchen einigemale stehen bleiben mute, um
Odem zu schpfen. Endlich hatte sie die Thre des groen Gemaches, das
mit dem =Schiwa= und den chinesischen Wackelkpfen auch den gewesenen
Kriegshauptmann =Cornelius= mit seinem unbesonnenen Feuerkopfe
beherrbergte, erreicht. Ihre Hand fiel mechanisch auf den Griff der
Thre und diese ffnete sich.

Da zeigte sich ihrem ersten Blicke, der besorgt in das kerzenerhellte
Zimmer fiel, der stillgeliebte Freund ihrer Seele. Er sa in einer sehr
tiefsinnigen Haltung auf dem Postamente des Gtzenbildes, mit
untergeschlagenen Armen, mit niedergesenktem Haupte. Bei dem Eintritte
=Clelia's= machte er eine geringe Bewegung, die aber nur andeutete, da
er sie bemerkt habe. Er lie die Zitternde auf sich losschreiten, er
sagte kein Wort und verlie seinen Platz nicht. Als sie endlich mit dem
blaen, zerstrten Antlitze vor ihm stand, sah er die schweigende
Jungfrau ebenfalls schweigend einige Augenblicke lang an, schttelte
dann mit dem Haupte und lie aus tiefster Brust einen laut durch das
Gemach klagenden Seufzer vernehmen. Sein Angesicht war dabei in ernste
Falten verzogen, eine Wolke des Unmuths schwebte auf seiner Stirne,
seine Augen, seine ganze Gebehrde, strebten Kummer und Wehmuth
auszusprechen; allein ein anderer, der nicht so befangen und
fassungslos, wie =Clelia=, gewesen wre, htte dieses ganze Aeuere als
eine Larve und den Schalk hinter ihr erkannt.

Um Gott, was fehlt Euch, Junker =Cornelius=? fragte zitternd und
zagend das Mdchen. Wenn unsereins seufzt, so geschieht es gar
vielemale nur zum Zeitvertreibe, wenn Ihr aber anfangt, so jmmerlich zu
thun und zu sthnen, so mu der Welt Untergang nahe seyn!

Er ist nahe; versetzte dumpf und eintnig der junge Mann. Ist unsere
Liebe nicht unsere Welt? Bei dem Marschallsstabe des Prinzen =Eugenius=!
so ist es und man hat unserer Liebe den Untergang geschworen. Ohne
Liebe kann die Welt nicht bestehen. Sie geht unter: die Sonne erlischt,
die Sterne sind ausgebrannt, die Erde fllt in Stcken.

Er hatte diese letzten Worte mit einem mchtigen Pathos ausgesprochen
und beobachtete nun die Wirkung, welche sie auf =Clelia= hervorbrachten.
Sie war noch bleicher geworden, sie zitterte noch mehr. =Cornelius= sah
ein, da sie sich jetzt in jenem Zustand befand, wo sie keiner
Ueberlegung fhig sey und den er zur Ausfhrung eines unbesonnen und
leichtsinnig von ihm entworfenen Planes gerade geeignet fand.

Ja, theuere =Clelia=, fuhr er in einem Tone der Rhrung und Weichheit
fort, der ihm sehr schwer fiel, man will uns trennen. Nicht fr Tage,
fr Monden, fr Jahre, nein! fr das ganze Leben. Und um welcher
nichtswrdigen Ursachen willen? Um welches elenden Dinges willen, das
nicht einmal wagt, sich am Lichte des Tages zu zeigen, das mit Gewalt
erst aus seiner dunkeln Verborgenheit hervorgerissen, gewaschen und
geschlagen, zur Ehrlichkeit geprgt und gestempelt werden mu, damit es
in der honetten Welt erscheinen kann? O, Gold, Gold, wie kann doch
deine Macht die edelsten Herzen tirannisch und hart machen, die
trefflichsten Gemther, wahre Lammesnaturen, in grausame Tigerseelen
verwandeln! Ja, =Clelia=, wir sollen getrennt werden. Als ich verborgen
stand im Leibe des =Schiwa=, als ich durch seine groen Glasaugen, wie
durch Fenster hinabsah in dieses Gemach, als ich unsere Vter hier
erblickte, als der alte wrdige =Jeremias Hoontschoten= zu ihnen
getreten war, um ihnen eine Hiobspost zu verkndigen, als da im
Ueberdrange der Leidenschaften ihre Seelen auf ihre Lippen traten -- da,
=Clelia=, liebwertheste Jungfrau -- da habe ich schauderhafte Dinge
gehrt!

Hier machte =Cornelius= wiederum eine Effectpause, die ganz seiner
Absicht entsprach. =Clelia= sank wie erschpft in einen Sessel. Dumpf
lag es in ihrem Kopfe, ihre Erkenntni war unklar, sie glaubte jetzt
Alles, womit =Cornelius= drohen konnte, sie empfand nur die Furcht vor
den schrecklichen Erffnungen, die sie von ihrem Freunde zu erwarten
hatte.

Sagt mir Alles! bebte es endlich ber ihre Lippen. Wenn der Vater
sich von mir oder gar gegen mich wendet, so habe ich ja keinen andern
Beistand auf der Welt, als Euch!

Leider ist es so; versetzte mit groem Ernste, zu dem der schalkhafte
Ausdruck der Augen gar nicht einstimmen wollte, der junge =van Daalen=.
Aber was auch geschehe, was auch Euch Schweres auferlegt werde, verlat
Euch auf meine Hlfe, auf meine Liebe! Ja, wenn es selbst Euer grausamer
Vater so weit triebe, seine entsetzliche Drohung wahr zu machen, Euch
von der Gemeinschaft derjenigen zu entfernen, mit denen Ihr einen und
denselben beruhigenden Glauben getheilt, wenn er Euch hinter Mauern,
hinter Riegel, hinter Eisenstbe verwahrt hielte, selbst dann soll mein
Beistand Euch nicht fern bleiben. Ich werde Eueren Kerker aufzufinden
wissen, und wre er in der desten Einsamkeit, wohin nie eines
Menschenfu sich verirrt, ich werde die Mauern strzen, die Riegel
zertrmmern, die Eisenstbe brechen und Euch als Preis, als
berschwenglichen Lohn meiner thtigen, unerschrocknen Liebe davon
tragen!

Aber, mein Gott! fragte in der hchsten Bengstigung, und die
schreckenvollen Blicke auf =Cornelius= heftend, das Mdchen: Trgt denn
der Vater wirklich so Arges gegen mich im Sinne? Will er mich einsperren
in ein grliches Gefngni, wo ich verlassen und ganz allein bin mit
meinem Jammer und meiner Verzweiflung? Was habe ich denn verbrochen, das
eine so entsetzliche Strafe verdiente?

Fragt danach die Tirannei? deklamirte pathetisch =Cornelius=. Dann
stieg er von seinem erhabenen Platze herab, setzte sich neben =Clelia=
nieder und fuhr im zrtlichsten Tone fort. Theure =Clelia=! der einzige
Freund, den Du auf Erden besitzest, spricht jetzt zu Dir und wird Dir
ein Geheimni entdecken, das Dich geistig und leiblich mit einem
Verderben bedroht, dem Du nur durch =ein= Mittel, auf =einem= Wege
entgehn kannst. Du liebst Deinen Vater, Du achtest ihn, aber --
erschrick nicht -- er ist ein geheimer Catholik.

Entsetzlich! rief =van Vlietens= Tochter, die in diesen Augenblicken
die Leichtglubigkeit selbst war. Und davon habe ich nie etwas bemerkt,
nie etwas geahnt.

Er wute es klug zu verbergen; sagte =Cornelius= mit einiger
Verlegenheit. Aber oft, meine Geliebte, warest Du doch Zeuge, wenn der
ehrwrdige Domine unserer Gemeinde ihn ermahnte, nicht von der rechten
Lehre abzuweichen, wenn er in leichtverstndlichen Andeutungen ihm
Lauheit und Gleichgltigkeit vorwarf. Glaube mir: der Mann hat einen
scharfen Blick und sah durch das Geheimni. Ich wei es erst seit diesem
Abende. Whrend seines Aufenthaltes in Indien mu Dein Vater in irgend
einer portugiesischen Niederlassung, vielleicht in =Goa=, seinen
Uebertritt bewerkstelligt haben. Er verrieth sich, als =Hoontschoten=
die Unglcksnachricht brachte, da mein Vater ein Paar tausend Dukaten
weniger in seiner Casse zhle, als Heer =Tobias=. Zum grten Unglck
schien er auch mich in meinem Verstecke wahrzunehmen. Da brach er los in
unbndiger Wuth. Er schwur, da Du nimmer die Meinige werden solltest,
da er Mittel in Hnden habe, unsere Hoffnungen fr immer zu vereiteln,
da er beim heiligen =Franz von Assisi= -- merke wohl auf, Theuerste, er
schwor bei einem katholischen Heiligen -- Dich nach Brabant bringen,
dort Dich zwingen wolle, ebenfalls katholisch zu werden, damit er Dich
in ein Kloster stecken knne, wo Du dann in einem langen, einsamen und
von allen Weltfreuden abgeschlossenen Leben von meinen Zudringlichkeiten
nichts mehr zu befrchten haben wrdest. So sprach der Schreckliche!
Eine Nonne sollst Du werden, Holdseligste. Eine =Nonne=! Bedenke wohl,
was alles Entsetzliches in der Bedeutung dieses Wortes liegt!

Es ist nicht mglich! sthnte =Clelia=, starr vor sich hin brtend. O
mein Kopf, mein armer Kopf! Das ist Alles so wild und verwirrt auf mich
eingestrmt, da ich ganz betubt, ganz wst im Gehirn bin. Ich kann
nicht bedenken, warum diese Dinge so sind, ich hre nur das Entsetzliche
und ich mu es glauben, ich mu es in mich aufnehmen, ich mu es
schrecklich empfinden, ohne es prfen, ohne ihm einen Widerstand
entgegensetzen zu knnen. Verlat mich nicht, Junker =Cornelius=! Gebt
mir Rath, leistet mir Beistand. Eher den Tod, als von meinem Glauben
lassen! Meinem Vater habe ich Pflichten, aber meinem Schpfer auch, und,
wo es das bessere himmlische Theil gilt, da mu das irdische nachstehn.

Das ist auch meine Meinung; stimmte der junge Mann in einem unsichern
Tone ein. Er fhlte sich durch =Clelias= Zustand gerhrt. Er machte sich
Vorwrfe ber den Leichtsinn, mit dem er an ein in der That strafbares
Unternehmen gegangen war, er war nahe daran, sich zu verrathen. Da aber
fhrte die Einbildungskraft ihm ein lockendes Gemlde der Zukunft vor:
er sah sich als den Gatten des geliebten Mdchens im beglckten
Hausstande, in dem Fluge eines Augenblickes gingen alle Reize, alles
Wnschenswerthe des Gattenlebens mit =Clelia= an seiner Seele vorber,
und -- jetzt sank mit einemmale dieses schne Bild, das allein der
wohlausgesonnene Plan verwirklichen konnte, in seine Nichtigkeit zurck,
wie ein grausam tuschender Traum, und er mute des geldgierigen
=Tobias= gedenken, der dem minder Reichen nimmer die Tochter vergnnen,
sie vielleicht dem ersten besten Bewindhebber aus =Amsterdam= oder einem
nach Indien gehenden =Rathe= hingeboten wrde! Alle Zweifel, alle
Bedenklichkeiten verschwanden. Er beschlo, das einmal begonnene
Unternehmen standhaft zu Ende zu bringen und fuhr nun, indem er die
Larve des Mitleidens und der liebevollen Theilnahme fester vornahm, zu
=Clelia= herabgebeugt fort: Du befindest Dich in einer entsetzlichen
Lage, Theuerste, aber sie ist doch nicht so verzweifelt, da wir ringsum
forschten und kein Rettungsmittel ersphen knnten. Bei dem Seeruhme
=Ruyter's= und =de Tromp's=! =Cornelius van Daalen= ist der Mann, der
hier zu helfen wei und helfen wird. Im Hause Deines Vaters darfst Du
nicht bleiben. Er selbst hat Dir Thre und Thore geffnet mit seinem
Abfalle vom rechten Glauben, mit seiner mehr als schrecklichen Drohung,
Dich zu einer Nonne zu machen. Deine Pflicht erfordert, da Du Dein
Seelenheil rettest. Hier ist nichts zu bedenken, nichts zu berlegen.
Nur eins thut noth: Entziehung aus tyrannischer Gewalt. Hre meinen
Plan, Geliebte! Hre was Dein =Cornelius= ersonnen hat, Dir zu helfen!
Nahe bei der guten Stadt =Mastricht= wohnt die einzige noch lebende
Verwandte Deines Vaters, Deine Muhme, die ehrenwerthe Jungfrau =Jacobea
van Vlieten=. Ich lag bei ihr im Quartiere in Kriegszeiten. Sie ist ein
vortreffliches Frauenzimmer, von den festesten Religionsbegriffen, und
wie sehr sie Dich liebt, wie sehr sie wnscht, Dich zum Besuche bei sich
zu sehen, das weit Du am Besten aus ihren Briefen. Zu ihr lasse Dich
fhren von mir. Hier droht Dir geistiges und leibliches Verderben, dort
wartet Dein himmlischer und irdischer Friede. Die Barke eines meiner
Freunde liegt gerstet und segelfertig im Haven. Mit dem ersten Strahle
der Sonne ist sie bestimmt, nach Antwerpen abzugehn. Er nimmt uns
freudig auf, ein gnstiger Wind fhrt uns an ein Ufer, wo Du nichts
mehr von der Grausamkeit eines Mannes zu befrchten hast, der den von
seinen Vtern ererbten heiligen Glauben verleugnen konnte und auch Dir
die Seligkeit rauben will, die er fr sich selbst nicht mehr hoffen
darf.

=Clelia= begriff von Allem, was =Cornelius= sagte, Nichts, als da die
Reise zu der Muhme sie von dem schrecklichen, gefrchteten Abfalle von
der rechten Lehre erretten, vor dem ihr durch tausend schauderhafte
Erzhlungen furchtbar gemachten Klosterzwange schtzen solle. Sie dachte
nicht an =Cornelius=, nicht an ihre Liebe. Sie war in der strengsten
Gottesfurcht, in der beschrnktesten Ansicht der Religion, wie sie
damals in den Niederlanden nach den schrfsten Grundstzen der
reformirten Lehre gebt wurde, auferzogen. Ihr Glaube galt ihr mehr, als
ihr Leben, mehr als Vater und Geliebter.

Ja, ich mu fort, ich mu zu der Muhme! stammelte sie, indem sie beide
Hnde des jungen Mannes, wie ein Schiffbrchiger das letzte
Rettungswerkzeug, ergriff. Ich will Euch fr meinen guten Engel
ansehen, wenn Ihr mich dorthin fhrt, Junker =Cornelius=. Aber allein
-- nein! ich darf nicht allein gehn. =Philippintje=, die Hausjungfer,
mu mit. Sie ist eine gute, gottesfrchtige Person und ging mir zu
Liebe, wer wei, wohin! Kommt, lieber Junker! Wir wollen =Philippintje=
aufsuchen.

Das war nun freilich eine Aenderung in dem Plane des jungen Mannes, auf
die er nicht gerechnet hatte. Dennoch hoffte er, da auch die
Verflechtung dieser dritten Person in das unbesonnene Unternehmen
glcklich von statten gehen werde. =Philippintje= war eine alte Jungfer,
die keine Predigt und keine Betstunde versumte. Jedesmal wenn sie in
das Zimmer trat, wo das Gtzenbild stand, gerieth sie in einen heiligen
Eifer. Sie disputirte heftig mit Herrn =Tobias=, sie verlangte, da das
unchristliche Bild fortgeschafft wrde aus dem christlichen Hause, aber
Herr =Tobias= steigerte dann gewhnlich noch ihren Zorn, indem er sie
auslachte und um, wie es frher seine Lust war, sich recht aufgeklrt zu
zeigen, die Meinung aussprach: alle Religionen seyen gut und der
Anbeter des Brama wie der des Mahomet, kme so gut in seinen Himmel, wie
der Christ in den seinigen, wenn er es anders verdiene. Diese oft
aufgestellte Behauptung hatte zuletzt die starkglubige Wallonin
erbittert, sie sagte gar nichts mehr ber den Schiwa, aber sie lebte nun
in der festen Ueberzeugung, da, was Religionsangelegenheiten betreffe,
=Herr van Vlieten=, zu Allem fhig sey.

=Clelia= zog den etwas bedenklich gewordenen =Cornelius= mit sich nach
dem Schlafzimmer =Philippintje's= fort. Der Weg fhrte sie durch das
Gemach, wo frher =Clelia= ihrem Vater den Thee kredenzt hatte, wo noch
dessen dritte Tasse unberhrt auf dem Tische stand. Das Mdchen ri sich
mit einem Seufzer von ihrem Fhrer los. Sie schwankte an die Thre des
vterlichen Schlafzimmers, sie lauschte, sie vernahm die Odemzge des
Schlafenden.

Er kann schlafen und trgt so arge Gedanken im Herzen! sthnte
=Clelia=.

Da erklang des Vaters Stimme im Nebengemache und er sprach mit dumpfem
Tone im Traume:

Ja, ja, er soll und mu verbrannt werden, der Strer meines
Hausfriedens! Wie will ich mich ergtzen, wenn ich ihn aufflammen sehe
in lichter Lohe!

Im Traume ist Wahrheit; flsterte =Cornelius=, der hinter =Clelia=
getreten war, dieser zu. Er spricht von mir. Mir gilt die Drohung mit
dem entsetzlichen Autodaf. Er mchte gern die Inquisition in unserm
Lande eingefhrt wissen. Das mu Euch die Wahrheit meiner Behauptung
verbrgen.

Der junge Mann hielt fr gut die Sprache der Leidenschaft, in der er
bisher die betubte =Clelia= bestrmt, jetzt, da er sie fr seine
Absicht gewonnen, herabzustimmen und zugleich das vertrauliche =Du=
wieder in das ehrerbietigere =Ihr= zu verwandeln. Er frchtete
=Philippintje's= Scharfblick. Sie htte leicht entdecken knnen, da die
Liebe mehr Theil an seinen Rathschlgen und seinem Verfahren habe, als
Noth thue, und dann wre sie wohl auch ebenso leicht auf die Vermuthung
gekommen, das Ganze sey nur eine eitle Vorspieglung gewesen, um ihre
jugendliche Gebieterin dem vterlichen Hause zu entfhren. Zeigte er
sich aber immer innerhalb den Schranken der Ehrerbietung, brachte er nur
seinen Abscheu vor der schrecklichen Glaubensverlugnung, vor der
beabsichtigten Gewaltthat des Vaters gegen die Tochter in Anschlag; so
konnte er berzeugt seyn, in =Philippintje= eine ebenso treue Helferin
zu finden, als sie ein gutes und strengrechtglubiges Mitglied der
reformirten Kirche war.

=Philippintje= hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben, als ihr liebes
=Cltje=, bleich und mit allen Zeichen groer Bengstigung, zu ihr in
das Schlafgemach trat. Vor der Thre harrte =Cornelius= mit pochendem
Herzen auf den Erfolg der gewi berraschenden Mittheilung. Von diesem
Augenblicke hing Alles ab. Sah =Philippintje= hell genug, um sein
dreistes Lgengewebe zu durchdringen, wurde sie nicht gleich Anfangs
durch die Entdeckung, da sie bisher einem heimlichen Katholiken ihre
Dienste gewidmet, in ihren reizbarsten Empfindungen berhrt und mit
Blindheit geschlagen, so war nicht allein Alles vergebens gewesen, so
mute =Cornelius= selbst frchten, seiner unbesonnenen Tuschung wegen,
=Clelia's= Gunst fr immer verscherzt zu haben und nie wieder auf eine
Hand Anspruch machen zu drfen, deren Besitz, htte sie auch nicht einen
Goldschatz von siebenmalhunderttausend Dukaten gehalten, ihm den
hchsten Zweck seines Lebens galt.

Bei dem letzten Kanonenschusse, der einst in der Welt gethan werden
wird! sagte er, indem er sein Ohr zum Schlelloche neigte. Ich will
lieber vor einer geffneten Batterie stehen, als in einer solchen Lage
vor der Schlafkammerthre einer alten Jungfer. Was ist es doch fr eine
schne Sache um ein gutes Gewissen! Stehe ich nicht hier, wie ein armer
Snder, der den Beilschlag von Meister Kopfab erwartet auf dem
Hochgerichte? Und woher kommt das ganze Unglck? Vom =Denken=, vom
verwnschten bsartigen =Denken=! Da verge ich unglcklicherweise nur
einen Augenblick meiner guten Gewohnheit, auch wenn ich allein bin, mir
nur vorzuschwatzen, und das fatale =Denken= erwischt mich beim Kragen
und flstert mir tolles Zeug ein und treibt es zur Ausfhrung, ich mag
wollen oder nicht. Und nun steht mir eben das =Denken= wieder als mein
schlimmster Feind gegenber, denn wenn die holdselige =Philippintje=
anfngt zu =denken=, so ist's aus mit meinen schnen Entwrfen, und
meine blhenden Hoffnungen sterben ab im Nachtfroste.

Aber in diesem Augenblicke erhob sich im Innern des Schlafgemachs heftig
und schneidend die Stimme der Hausjungfer:

Der Nebukadnezar, der Antichrist, der Rebell gegen Gottes Wort! O ich
habe es lngst gewut, da er den rechten Glauben abgeschworen hat, denn
er zhlt Sonntags lieber die Zuckerhte, die im Gewlbe liegen, als die
Zuckersprche, die der hochwrdige Domine spendet! Hast Du es je erlebt,
da er zur Kirche gegangen wre, meine =Cltje=? Hlt er christliche
Betstunde Abends im Hause, wie es sich geziemt fr einen rechtglubigen
Patron und Handelsmann? Aber ich glaubte immer, er sey nur ein Heide,
ein Gtzenanbeter, so ein Chinese oder Kamschadale, nun ist er gar das
Allerschlimmste, ein Rmischer, ein Belialskind, der Antichrist selbst!
Keinen Augenblick bleibe ich lnger in dem verruchten Hause. Und du,
=Cltje=, du bist sein Kind nicht mehr. Er hat sich losgesagt von dir,
als er sich der entsetzlichen Babel hingegeben, er ist dein rgster
Feind geworden, da er im Sinne trgt, dich zu verderben an deinem
himmlischen Seelenheil. Eine Nonne! Kind, weit du, was das sagen will?
Nein, du kannst es nicht wissen, aber ich sage dir, die Qualen, welche
die Verdammten in der Hlle leiden, sind kstlich, wie Zucker und
Milchcaffee, gegen das Leben im Kloster.

Jetzt sprach wieder =Clelia= mit ihrer furchtsamen und weichen Stimme.
=Cornelius= konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber es dauerte nicht
lange, so wurde =Philippintje's= Redeton wieder hrbar, und der Lauscher
vernahm Alles so deutlich, als wenn er der ehrbaren Jungfrau
gegenberstnde:

Wie, verbrennen will er den Junker =Cornelius=, den schmucken, braven
Menschen, der mir jeden Sonntag in der Kirchthre den freundlichsten und
hflichsten Gru bietet, wie ihn ein sittsames Mdchen annehmen darf?
Dafr wollen wir thun. Gewi trgt der Pontius Pilatus im Sinn, ihn in
das hintere Magazin zu verlocken, wo Pech und Schwefel in Haufen liegt,
dann heimlich die ganze Geschichte in Brand zu setzen und den lieben
Jungen, der an nichts Arges denkt, einzusperren und so seinem
Hllenglauben zum Opfer zu bringen! Ja, mein =Cltje=, du hast an Junker
=Cornelius= einen wahren Freund! Er hat dir gut, er hat dir recht
gerathen. Wir wollen fort, wir wollen zur frommen Muhme in die Fremde!
Besser, da der sterbliche Leib in Gefahren und Beschwerden komme, als
die unsterbliche Seele! Gehe, mein =Cltje=, mit dem guten Junker! Ich
will indessen das Nothwendigste einpacken: Erbstcke von deiner Mutter
selig und meine geringe Habe. Am Haven finde ich euch wieder. Der Judas
Ischarioth soll dich nicht verrathen, mein Herzenskind, und den
schmucken =Cornelius=! Wir wollen auch nichts mitnehmen von seinem
Eigenthum. Es soll ihm Alles verbleiben -- dem Belial!

=Cornelius= richtete sich schnell auf aus seiner lauschenden Stellung,
denn in jedem Augenblicke konnte jetzt die ehrbare Jungfrau
=Philippintje= hervortreten. Er hrte weinen. =Clelia= war es, der die
Trennung aus dem vterlichen Hause Thrnen erprete. Sie hatte ihr
Angesicht an die Brust der treuen Alten gelegt, die sie noch als Kind
gekannt und liebevoll verpflegt. =Philippintje= aber trstete sie mit
frommen Bibelsprchen, meinte, es sey einmal nicht anders und sie msse
nun den lieben Gott als Vater annehmen, da Herr =Tobias= sich dem Bsen
verschrieben habe. Sie trieb dann das gengstigte Mdchen zum Fortgehen
und ffnete selbst rasch die Thre, vor der, mit einer tiefen Verbeugung
ihr zugewandt, der junge =van Daalen= stand.

Da habt Ihr sie, hochedler Junker! redete ihn =Philippintje= an. Gott
hat Euch wunderbar zu ihrem Schutzengel erwhlt. Fhret sie aus dem
Hause der Snde an Bord der Arche Noah, welche die Auserwhlten trgt.
In wenigen Augenblicken folge ich Euch nach. Mein Himmel, wer htte das
gedacht, da wir einmal bei Nacht und Nebel aus dem vterlichen Hause,
aus der guten Stadt =Rotterdam= entfliehen mten!

Nachdem =Philippintje= noch ein Weilchen mit Jammern und Schelten ihr
Herz erleichtert hatte, hllte sie ihr liebes =Cltje= in einen warmen
Mantel und brachte die beiden jungen Leute vorsichtig und leise an eine
Hinterthre des Hauses, die sie mit dem Hauptschlssel ffnete. Hier
wurden die nthigen Verabredungen genommen, =Philippintje= erfuhr den
Namen des Schiffes und =Cornelius= erklrte ihr auf's Genaueste, wo es
liege.

Ich will Euch schon finden! sagte sie. Hat sich doch Alles so
wunderbar und sichtlich unter der Fhrung des Himmels gefgt, da wir in
kleinen Dingen nicht furchtsam seyn drfen. Wir ziehen aus Egypten in's
Land Gosen. Unser Pharao aber ist mit Blindheit geschlagen und es
bedarf der Zeichen und Wunder nicht, ihn zu bndigen. Sei getrost, mein
=Cltje=! hebe dein Haupt empor, mit dem lieblichen Antlitze, dessen du
dich nicht zu schmen brauchst. Es wird Alles gut gehen. Die wohledle
=Jacobea= ist fromm und gottesfrchtig. Sie ist deine nahe
Blutsverwandte, ihr Haus und ihre Arme stehen dir offen. Weine nicht,
zittre nicht und suche dich zu erheitern. Da, hochverehrter Junker,
leihet Ihr Euern Arm, untersttzt sie hlfreich, damit ihr in ihrer
gegenwrtigen Schwche der Rettungsgang nicht so schwer falle.

Ach, =Philippintje=, seufzte =Clelia=, ich vermag jetzt nichts zu
denken und ber nichts nachzusinnen! Aber wenn auch meine Religion mich
forttreibt aus der Heimathssttte und es fest in mir steht, da ich
meinem Herrgott nicht untreu werden darf in irgend einer Weise, so
schiet oft wie ein Blitz ein Gefhl in mein Herz, als begehe ich ein
groes Unrecht in dieser Stunde!

Behte, behte! versicherte, zu des betroffenen =Cornelius= groer
Beruhigung, =Philippintje=. Tritt in Frieden und Ruhe den Weg zur
Rettung deiner Seele an. Du weit, Herzenskind, wie gut ich's mit dir
meine. Sind wir erst bei der Muhme, dann wollen wir dem =Baalspriester=
schon die Bedingungen stellen, unter denen wir wieder zurckkehren. Dann
mu der Schiwa aus dem Hause und der Domine mu jeden Mittag mit uns
essen und christliche Gebete halten zur Besserung des alten Heiden.
Fort, nur fort, mein Kind! Die Bsen haben keine Ruhe im Gewissen, Tag
und Nacht. Wer wei, ob =ihn= nicht der innere Unfriede hertreibt und
dann ist die Nonnenschaft gewi und das Brandopfer in Pech und
Schwefel.

=Cornelius= war in seinem Leichtsinne nahe daran, sich durch ein kaum
unterdrcktes Kichern zu verrathen. Fast mit Gewalt von =Philippintje=
fortgedrngt, die sogleich die Hausthre hinter den Beiden verschlo,
schwankte =Clelia=, auf den Arm des Geliebten gesttzt, durch die
einsame, dunkle Strae. Das Glockenspiel vom nahen Thurme zeigte die
Mitternachtsstunde an. Ein Schauer ergriff das Mdchen und sie schlo
sich nher an ihren Begleiter, der so rasch als mglich sie mit sich
fortfhrte. Vom Himmel leuchteten weder Mond noch Sterne. Ein dichter
Nebel, wie diese in Holland hufig sind, umgab die nchtlichen Wanderer.
=Cornelius= hielt sich immer nah an den Husern, denn auf der andern
Seite befand sich der Canal, der dem Unvorsichtigen gefhrlich werden
konnte. Als er vernahm, wie =Clelia= leise weinte und mehreremale das
Wort: Vater, in wehmthigem, bebenden Tone ber ihre Lippen ging, da
wollte sich Reue in seiner Seele regen und er mute sich wieder alle
Bedrngni der Gegenwart, alle sen Trume der Zukunft verlebendigen,
um standhaft zu bleiben und nicht in die offenbarenden Worte
auszubrechen: Es ist Alles nicht wahr, Geliebte, sondern erdichtet und
erlogen. Ich habe eine tolle, unsinnige Geschichte erfunden, um dich in
Furcht zu setzen und aus dem Vaterhause zu locken in meine Gewalt und du
hast sie geglaubt, weil du sehr betreten und deiner Sinne nicht mchtig
warest. Kehre wieder zurck in die alte Wohnung. Dein Vater ist gegen
nichts aufgebracht, als gegen den Manco von zweimalhunderttausend
Dukaten und gegen den Schiwa, an dem er Caffee kochen will, aber nicht
an mir, deinem =Cornelius=, Theuere! So ungefhr wrde der ehemalige
Kriegsheld gesprochen haben, wenn er dem augenblicklichen Sturme der
Empfindungen erlegen wre. Er wute sich aber gegen diesen Sturm zu
vertheidigen und als er sich nun am Ausgange des Canals im Haven befand
und das Licht der befreundeten Barke durch den Nebel herberschimmern
sah, da erwachte sein ganzer Muth und der letzte Versuch, den die
heranstrmenden Gefhle machten, wurde ganz und gar zurckgeschlagen.

Er gab mit leisem, zischendem Pfeifen ein Zeichen nach der Barke hin,
das nach einigen Augenblicken beantwortet wurde. Der Capitn der Barke
war einer seiner Jugendfreunde, der seinen Besuch zu jeder Stunde des
Tages und der Nacht erwarten konnte und mit dem er fr einen solchen
Fall ein besonderes Zeichen verabredet hatte. =Clelia= sah in
ngstlicher Erwartung nach dem Lichte, das am Bord des Fahrzeuges
schimmerte. Sie standen hart am Canale, in dessen Mitte die Barke lag.
Jetzt wurde von dieser herber ein Brett auf das Ufer geschoben und
durch den Nebel bewegte sich rasch eine Mannsgestalt heran, mit einer
Leuchte in der Hand zur Erhellung des schmalen Steges, den die
Nachtwanderer zu betreten hatten.

Ich werde Euch fr meine Schwester ausgeben! flsterte =Cornelius= dem
Mdchen zu. Die Muhme =Jacobea= kann fr unsere beiderseitige Verwandte
gelten, zu der wir reisen, um ihrer dringenden Einladung zu gengen. In
der Frau des Capitns, meines wackern Freundes =Jansen= von Harlem,
werdet Ihr ein gutmthiges, heiteres Wesen kennen lernen, das Euch
sicherlich gefllt.

=Clelia= konnte nichts antworten. Sie war zu sehr in den Schmerz
vertieft, den die grausame Tuschung, in der sie sich befand, mit sich
fhren mute. Sie starrte den Geliebten an, ohne ihn zu sehen, sie
machte eine bejahende Bewegung, ohne es zu wissen. Der Mann von der
Barke war indessen nher getreten und erwartete =Cornelius= Befehle. Mit
seiner Hlfe brachte der unbesonnene Jngling, der jetzt bei der
zunehmenden Schwche, die sich in =Clelia's= ganzem Wesen an den Tag
legte, von der grten Besorgni ergriffen wurde, die fast
Besinnungslose an Bord. Sie hatten kaum die abgesonderte Cajte
erreicht, in der Capitn =Jansens= Frau den unerwarteten Besuch mit
einiger Befremdung empfing, als =Clelia=, von Allem, was ihr am Abende
und in der Nacht begegnet war, im tief Innersten bedrngt und gedrckt,
auf ein Ruhebett niedersank und von einer schweren Ohnmacht ergriffen,
alles Bewutseyn verlor.




4.


Es war sieben Uhr Morgens. Von allen Kirchthrmen der reichen Havenstadt
=Rotterdam= vereinigten sich die Glockenspiele zu einem musikalischen
Durcheinander, das in der That nur fr die Ohren der damit vertrauten
Einwohner nicht beleidigend seyn konnte. Der Nebel, welcher whrend der
Nacht auf Stadt und Haven gelegen hatte, war verschwunden und die
Morgensonne spiegelte sich freundlich im Flue, in den Canlen und an
den glnzenden Fensterscheiben der Huser. Die Reinlichkeit, die
allenthalben herrschte, an den Auenseiten der Gebude, in den Straen
und an den Fahrzeugen, welche in den Canlen lagen, machte das
freundliche Bild noch freundlicher und das jetzt sich entspinnende rege
Leben auf den Schiffen, Barken und Booten, auf den Pltzen und Straen,
gab ihm erst seine Bedeutung, indem es die Handelswichtigkeit des Ortes,
den Reichthum und die Thtigkeit seiner Einwohner an das Licht stellte.
Hier wurden Schiffe, die am vorigen Abende noch spt eingelaufen waren,
ausgeladen, die Matrosen lachten, lrmten und schimpften, whrend sie
die Fsser und Ballen in die geffneten Gewlbe schleppten, in deren
Eingang mit hochwichtiger Miene der Handelsherr stand, der den
Gegenstand so vieler Sorgen, die Ursache so mancher schlaflosen Nchte
nun endlich glcklich in seinem Besitze sah. Dort wurden andere Schiffe
zum Auslaufen gerstet. Die lebendigste Thtigkeit zeigte sich auf den
Verdecken. Ein gnstiger Wind erhob sich, das Halli, halloh! der
Bootsleute ertnte, in einem Augenblicke waren die Taue mit kletternden
Jungen und Matrosen angefllt, die Segel wurden aufgehit, sie schwollen
an und das Schiff zog stolz, wie ein Besieger der Wogen, ber die
Wasserflche hin, seiner unbekannten Bestimmung entgegen. An einem
andern Orte lagen zierliche, offene Barken, in denen reinlich gekleidete
und oft auch recht anmuthig gebildete Landmdchen die Gartenerzeugnisse
des Landes feil hielten, die damals in der reichen Ueppigkeit, wie sie
hier den Augen begegnete, nur von der kunstverstndigen Betriebsamkeit
der hollndischen Grtner hervorgebracht werden konnte. Aehnliche
Fahrzeuge schwebten, im bunten Gewhle mit andern, ber die
Spiegelflche der Canle hin, gelenkt von den gewandten Mdchen, die an
den Hausthren ihrer tglichen Kunden den bestellten Bedarf absetzten.
Nher am Haven befanden sich die Marktboote der aus der Ferne
zurckkehrenden Schiffe, mit glnzenden Sdfrchten, Orangen und
Sina-Aepfeln, beladen; ihnen gegenber die flachen Fahrzeuge mit
gedrrten und gesalzenen Fischen.

Auf dieses regsame Treiben sah aus einem Fenster des berhmten Gasthofes
=zum Wappen von Rotterdam=, mit einem sehr ernsthaften Gesichte, der
Professor =Eobanus Hazenbrook= herab. Es hatte ihm vom gestrigen, reich
aufgetragenen und kstlichen Nachtessen kein Bissen munden wollen, die
ganze Nacht hindurch hatte der Schlaf sein Lager gemieden und das
treffliche Frhstck, aus Fleischschnitten, gedrrtem Lachse, Edamer
Kse und dunkelbraunem Thee bestehend, war noch unberhrt auf dem Tische
an seiner Seite zu erblicken. Er hatte keinen andern Gedanken, als nur
an den halsstarrigen =Tobias van Vlieten=, der, allen Sinn fr die
Erweiterung der Kunst und Wissenschaft, fr den Ruhm seines Vaterlandes
verleugnend, sich nicht zur Mumie machen lassen wollte. Immer stand die
hagere, ausgedrrte Gestalt des Handelsherrn, die fr ihn alle
ersinnlichen Reize besa, vor seinen Augen. Je mehr seine Phantasie sich
damit beschftigte, von um so hherer Sehnsucht nach dem geliebten
Gegenstande wurde er ergriffen. Er hatte mehrere vergebliche Versuche
gemacht, die Sache, die ja doch unerreichbar schien, sich aus dem Sinne
zu schlagen. Er war schon in aller Frhe zu einem Antiquarius gegangen,
um bei diesem durch den Anblick von allerlei Curiositten zerstreut zu
werden; aber eine elfenbeinerne, zum Stockknopfe sehr zierlich
gearbeitete Sphinx, welche ihm der Mann zum Verkaufe antrug, fhrte
seine Gedanken sogleich wieder nach =Egypten=, zu den Pyramiden und dem
unseligen Gegenstande seiner hoffnungslosen Liebe, zu der Mumie. Er
entfernte sich seufzend aus dem Laden des kopfschttelnden Antiquarius,
der da bei sich selbst meinte: der Professor =Eobanus Hazenbrook= sey
nun endlich wirklich bergeschnappt, was man seiner tiefsinnigen Studien
wegen schon lngst befrchtet. =Eobanus= schritt indessen trauerig
weiter dem Haven zu. Er mochte sonst wohl sein Auge gern ergtzen an den
fllereichen Gestalten der Obstverkuferinnen, die in den anliegenden
Nachen aus dem rothwangigen Antlitze mit schalkhaften Blicken die
Vorbergehenden zum Kaufe anlockten. Er stellte sich auch heute in
gespreizter Haltung vor die Reihe der untereinander kichernden Mdchen,
er richtete seine Augen auf sie, aber er sah nicht die apfelrunden
Gesichter, die blitzenden Augen, die wohlgeflligen Gestalten; denn
immer schwebte, von dem sehnschtigen Gemthe hervorgerufen, vor seinen
Blicken das unter den Sonnenstrahlen Indiens zusammengedrrte Antlitz
des Herrn =Tobias van Vlieten= und dessen eckige Knochengestalt, dem
Professor jetzt anlockender und reizender erscheinend, als der
vatikanische Apoll oder die Mediceische Venus, von denen ihm reisende
Knstler so vieles erzhlt. An sich und seinem Glckssterne verzweifelnd
floh =Eobanus= in das Gasthaus zurck. Er bestellte das beste Frhstck
von der Welt. Die alten Wunderkrfte aber hatten ihren Zauber auf ihn
verloren. Wir fanden ihn, noch immer grbelnd, noch immer sehnend neben
dem unberhrten Frhstcke.

Jetzt tobten seine Begleiter, die zwei jungen Franzosen herein. Sie
hatten kaum den wohlbesetzten Tisch erblickt, als sie sich daran
niederwarfen und mit einem wahren Lwenhunger ber die aufgetragenen
Speisen herfielen. Die Fleischschnitten verschwanden bald bis auf
wenige, der Edammer drohete in's Nichts zurckzukehren. Dieser Anblick
brach die harte Rinde der Verzweiflung, die sich um das Herz des
Professors gelegt hatte. Wie ein Strom, der gewaltsam zurckgehalten,
endlich seine Dmme niederstrzt, so schleuderte jetzt der mchtig
erwachende Appetit die Gestalt des Herrn =van Vlieten= aus der
Erinnerung des =Eobanus= hinweg, und nur die Gegenwart behauptete ihr
Recht durch die zauberische Gewalt des Edammer und der Fleischschnitten.
Eine Brin strzt zur Vertheidigung ihrer Jungen nicht so wthend
herbei, wie =Eobanus=, um sich die Ueberbleibsel des Frhmahls zu
sichern. Die jungen Leute sahen ihn erstaunt an. Er aber sprach mit
vollen Backen und arbeitenden Kinnladen:

Entartete Musenkindlein! Mu das Euer ehrwrdiger Lehrer, der
weltberhmte =Hazenbrook=, an Euch erleben, da Ihr seinen gerechten
Schmerz mibraucht, um ihn Hungers sterben zu lassen? Habe ich nicht
Euch ernhret mit dem Honig der Kunst, mit der Kraftbrhe der
Wissenschaft? O, Ihr Undankbaren! Wer erschlo Euch das Mysterium der
Natur, wer lie Euch in die Tiefen der Schpfung blicken, wer fhrte
Euch in das Innere des menschlichen Leibes, da Ihr Euch dort lustiglich
umschautet, und frhlicher Dinge die Wunder seines Baues erkanntet? Ist
das nun das Honorarium, welches Ihr mir spendet, da Ihr mir Alles
wegspeiset vor dem Munde und einen meuchelmrderischen Anschlag
schmiedet auf mein Leben durch die grausamste Todesart?

Whrend der Professor auf diese Weise, halb im Scherze, halb im Ernste
zrnte und ganz entsetzlich drauf loskauete, verschwanden unter seiner
Thtigkeit smtliche Reste von Speisen, die sich noch auf dem Tische
vorgefunden hatten, so wunderbar geschwind, als wenn sie der
geschickteste Taschenspieler hinweggezaubert htte. Dann nahm er ruhig
einen Platz zwischen den beiden Jnglingen ein und fuhr, indem er nach
der japanischen Theekanne griff, mit milder Stimme fort:

Wo kommt man her? Wie hat man die Morgenstunden zugebracht? Ist das
Sprchlein: _aurora musis amica_, nicht gnzlich auer Acht gelassen
worden? Die Pflicht gebeut mir, auf Euere Handlungen und Gnge ein
wachsames Auge zu haben, damit Ihr mir in _moribus_ nicht dahinten
bleibt, whrend Ihr in _literis_ vorschreitet.

Wir suchten Euch bei den schnen Obstverkuferinnen, versetzte mit
einem schalkhaften Lcheln der eine der beiden jungen Leute. Wir
wissen, da Ihr Euch ein Lieblingsgeschft daraus macht, an diesen
wohlgebaueten Demoisellen die Muskellehre zu studiren.

_Recte dixisti!_ erwiederte der Professor, indem er das rechte Auge
schlo und mit dem linken blinzelnd nach dem Studenten hinsah. Dem
Reinen ist Alles rein! fuhr er fort. Und Euch, mein lieber Monsieur,
wre zu wnschen, da Ihr immer auch nur in einer solchen
wissenschaftlichen Absicht das weibliche Geschlecht anschauen mchtet.

Ich lege mich stark drauf, versicherte der junge Mann. Euer Beispiel
spornt mich an.

Das kann ich ihm bezeugen; fgte der andere hinzu. _Morgu!_ Er hat
auch hier schon in dieser Beziehung das Terrain recognoscirt, wie es uns
Franzosen im Feindeslande geziemt --

Still, still! unterbrach ihn bedeutungsvoll der Professor, indem er
auf die brigen, im Hintergrunde des Theezimmers versammelten Gste
deutete. In diesen bedenklichen Kriegszeiten werdet Ihr wohlthun, Euch
nicht allzulaut als Feinde der hochmgenden Heern Generalstaaten zu
bekennen. Was Franzosen? Ihr seyd wallonische Musenkindlein und als
solche inscribirt in das groe Buch der Academie.

Ich bin ein Franzos und sage es laut! rief jener und schlug, khn um
sich schauend, mit der geballten Faust auf den Tisch, da das japanische
Porcellan zusammenklirrte. Meint Ihr, ich heie umsonst =Le Vaillant=
und sey aus der herrlichen Gascogne in Euer miserables Land gekommen, um
mein Vaterland und meinen Namen zu verleugnen? _Caddis!_ Se. Majestt,
der allerchristlichste Knig, wird dieses Krmervolk nach seiner Pfeife
tanzen lehren, wie es ihm gefllt!

Er warf einen trotzigen Blick auf die Brgersleute und Seemnner, die
nur durch das laute Wesen des vorwitzigen Jnglings aufmerksam gemacht
wurden, aber zu seinem Glcke seine Sprache nicht verstanden. Man war
gewohnt, an ffentlichen Orten franzsisch reden zu hren, ohne gleich
deshalb die Anwesenheit von Franzosen anzunehmen, da ja auch die
befreundeten Flammlnder, Brabanons und Wallonen sich meistens dieser
Sprache bedienten.

Wenn du deinen kriegerischen Namen =Le Vaillant= geltend machen
willst, nahm jetzt der andere Student das Wort, so werde ich nicht
minder das Ansehen des meinigen zu behaupten suchen. =La Paix= klingt
wenigstens eben so gut wie =Le Vaillant=, und ist sicher im Allgemeinen
mehr beliebt. Ich bin der Balsam auf die Wunden, die Du schlgst. Du
bist der Dorn und ich die Rose, und wenn ich meine Stimme gebieterisch
erhebe, so mssen deinesgleichen schweigen und vom Schauplatze abtreten.
Doch genug der Scherze! Ich sehe Du willst dich ereifern, mein theuerer
=Le Vaillant=, und aller Eifer ist meiner friedfertigen Natur zuwider.
Wir haben wichtigere Dinge zu machen, als lppische Namenwitze. Wir
haben die wissenschaftlichen Anstrengungen unseres ehrwrdigen Lehrers
zu untersttzen, als Shne der erlauchten Lugduner Academia mssen wir
der herrlichen Mutter zu Allem behlflich seyn, was ihren Glanz erheben
kann?

Der Professor war ganz Ohr geworden. Er vernahm nur die lieblich
lautenden Worte, er sah nicht den Schalk, der in dem Auge des
muthwilligen =La Paix= lauerte.

Was meinst du, Shnlein? schmunzelte er ber den Tisch herber. Hast
Du ein seltsames Thier aufgefunden, ein Curiosum, vielleicht gar irgend
ein liebenswrdiges Monstrum, das noch in unserm _museo rerum
naturalium_ nicht vorhanden?

Noch weit mehr, als das; erwiederte mit groer Ernsthaftigkeit =La
Paix=. Wir haben den =Dicksten= wiedergesehen, und haben seine Wohnung
ausfindig gemacht.

Wie? rief =Eobanus= in neu erwachender Begeisterung. Meine Mumie,
meinen =Amenophis=, den grausamen, unbeugsamen Pharao Egyptens --

Ihn selbst; versetzte der junge Mann. Man hat uns auch allerlei
erzhlt von ihm auf unsere Erkundigungen. Seine Tochter =Clelia=, die er
schnder Weise =Cltje= nennt, soll das schnste Mdchen in =Rotterdam=
seyn. Er selbst mag wunderliche Grillen im Kopfe tragen, denn die Leute
sagen, er spotte des Christenthums und verehrte ein heidnisches
Gtzenbild des =Schiwa= oder =Brama=, das in seinem Staatszimmer auf
einem hohen Piedestal stehe.

=Brama= und =Schiwa=, =Osiris= und =Serapis=! jauchzte der Professor,
einer Verzckung nahe. Welche Verwandtschaft, welche Analogie! O Gott!
Der Mann ist zur Mumie geboren und hat den verbrecherischen Eigensinn,
seine Bestimmung verleugnen zu wollen.

_Sandis!_ hob jetzt verdrielich =Le Vaillant= an, und schlug bei
diesen Worten ein Schnippchen. Ich gebe nicht so Viel fr das
Mumientalent des dnnen Dicken. Aber die schne Tochter entflammt mich,
und ihr zu Gefallen habe ich Fensterwanderung gemacht vor seinem Hause.

_Paix!_ rief =La Paix= sich selbst aus und warf seinem Gefhrten einen
bedeutungsvollen, verweisenden Blick zu. Ich leugne nicht, da die
Grazien auch fr mich ihre Annehmlichkeit haben, allein wo die
Uebermacht der Musen erscheint, da mssen sie billig in's Dunkel treten.
Wie knnen sich diese eines Zaubers rhmen, wie jene ihn geltend machen?
Es ist keine Kunst schn zu erscheinen, wenn man es ist. Aber die
Wundermacht der Wissenschaft verleiht auch solchen Krpern
unwiderstehliche Reize, die deren gar keine besitzen. Sie kann eine
Kreuzspinne zum Gegenstande inniger Liebe, eine Krte zu dem der
tiefsten Verehrung machen und in der That, ist denn nicht jene Sage von
der Spinne, die sie nach hundert Jahren zu einem Demant verhrten lt,
nicht fast gleich mit dem egyptischen Glauben von der Lotosblume, hat
nicht die tausendjhrige Krte, die im Innern eines Steins gefunden wird
--

Lnger konnte sich der Professor nicht halten. Er fiel zur groen
Befremdung aller Anwesenden dem Jngling um den Hals und sagte:

Herzensshnlein! La Dich kssen. Du mut dermaleinst meinen Lehrstuhl
besteigen, wenn ich diese hieroglyphische Unterwelt verlassen habe, aber
dann mut Du mir versprechen, mich einzubalsamiren, nach der Art und
Kunst, die ich in meinem Testamente berichten werde. Aber fahre fort, Du
mein _successor in spe_! Was hast Du Weiteres zu erzhlen von unserer
Mumie, die noch in der chaotischen Verwirrung des Lebens der Stunde
ihrer Wiedergeburt, der beglckenden Rckkehr in die egyptische
Vergangenheit harret?

Der lebhafte =Le Vaillant= rckte ungeduldig auf seinem Sitze hin und
her. =La Paix= aber gab ihm aufs Neue einen Wink, der ihn wiederum zur
Uebung einiger Selbstbeherrschung veranlate. Dann befriedigte jener das
Verlangen des Professors, indem er antwortete:

Euer Gedanke, hochverehrter Lehrer, den dicksten Mann der guten Stadt
Rotterdam fr die Nachwelt einzumachen, indem ihr ihn zugleich der
Vorwelt als eines ihrer wunderbarsten Geheimnisse in den Schoo legen
wollt, hatte so viel Reizendes, ich kann sagen, Begeisterungsvolles fr
mich, da ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Schon in der ersten
Frhe des Tages machte ich mich mit =Le Vaillant= auf den Weg, zog
Erkundigungen ber den wohlmgenden Herrn =Tobias van Vlieten= ein und
lie mir sein Haus zeigen. Dann begaben wir uns zu diesem. Noch war
Alles verschlossen. Wir hatten aber nur wenige Minuten davor gestanden
und das stattliche Gebude aufmerksam betrachtet, als pltzlich dessen
Thre aufgerissen wurde und der Gegenstand Euerer Freude, Euerer
Hoffnung und Euerer Sehnsucht darin erschien. Aber -- _Caddis_ wrde
=Le Vaillant= ausrufen: wie war der Mann entstellt! das anmuthige Braun
seines Angesichtes, das Euch so sehr entzckte, als Ihr ihn zum
erstenmale sahet, hatte sich in ein dunkles Roth verwandelt, seine
Blicke schossen Blitze, seine langen Arme fuhren wild in der Luft umher.
Irgend etwas Ungeheures mute ihm begegnet seyn! Er schrie und tobte mit
dem hintenstehenden Hausgesinde, er that mit einemmale einen gewaltigen
Sprung mitten in die Strae, sah sich nach allen Seiten forschend um,
und fuhr eben so schnell wieder in's Haus zurck. Die entsetzliche
Alteration mu eine unglckliche Folge fr ihn haben. Ich wette darauf:
der Schlag rhrt ihn noch heute und er fhrt hin, ohne ein Testament
gemacht zu haben.

Das kann, das darf er nicht! rief entschlossen =Hazenbrook= und sprang
von seinem Sitze auf. Ich nehme die Obrigkeit zu Hlfe, ich appellire
im Namen der Universitt, er mu, will er nicht im Guten, mit Gewalt
genthigt werden, seinen schtzbaren Leichnam unserer Musensttte zu
testiren. Auf, Ihr Jnger der Wissenschaft! Wir wollen hin, wir wollen
in das Innere seines Domicil's dringen. Ich mu ihm noch einmal in's
Gewissen reden. Ist die schne Hoffnung, da er bald das Zeitliche mit
dem Ewigen wechselt, keine grausame Tuschung, knnte ein schnell Ruhe
bringender Schlagflu der von ihm schmhlich beleidigten Wissenschaft zu
Hlfe kommen, dann soll und mu er vorher sein Testament machen, wie ich
es wnsche, oder ich -- halt! Was ich sonst im Sinne trage, will ich
nicht verrathen. Erst Frieden, dann Krieg auf List und Gewalt!

Die beiden jungen Leute hatten keine andere Absicht gehabt, als ihren
Mentor zu einem neuen Versuche auf Herrn =Tobias van Vlieten= zu
bewegen, indem sie hofften bei einem Besuche in dessen Hause, die
gerhmte Schnheit der Tochter bewundern zu knnen. Whrend sie dem
Professor auf die Strae folgten, gaben sie sich hinter seinem Rcken
allerlei Zeichen, die ihre Zufriedenheit ber die gelungene List
aussprachen.

=Eobanus= ging mit groen Schritten vorwrts. Er trug seine amtliche
Kleidung, die in einem weiten, schwarzen Talar und einem rothen Barette
bestand. Die Brger, welche ihm begegneten, grten ihn ehrerbietig. Es
fiel ihm ein, da es nicht wohl gethan seyn wrde, den Herrn =van
Vlieten= gleich wieder mit dem Verlangen zu bestrmen, das dieser
gestern mit so groem Unwillen zurckgewiesen hatte. Er beschlo, auf
Umwegen sich dem Ziele zu nhern, um so mehr, da dem Gegner in seiner
eigenen Wohnung hinlngliche Mittel zu Gebote standen, die etwa
berlstigen Gste zu entfernen. Er legte sein Gesicht in die
freundlichsten Falten, er besann sich auf anmuthige und gewinnende
Redensarten, die den Handelsherrn kirren mchten, er rechnete Viel auf
die Wirkung seiner Amtstracht, die ihm, wie er glaubte, ein
ehrwrdigeres Ansehen gab, als das schlichte Reisekleid am gestrigen
Abend. Als seine Begleiter ihm in der Ferne das =van Vlietensche= Haus
zeigten, ermahnte er sie, in aller geziemenden Hflichkeit einzutreten
und whrend des Besuches sich im Allgemeinen ganz nach seinem Beispiele
zu richten. Je mehr er sich dem Hause nherte, desto heiterer wurde
seine Miene, sein Schritt wurde hpfend und mit hflich vorgebogenem
Oberleibe stand er endlich vor dem Eingange.

Dieser war gegen die herrschende Sitte weit geffnet. Man sah im
Hintergrunde des gerumigen Vorplatzes mehrere Leute ngstlich hin- und
herrennen. Die Thren der Schreibstuben standen offen. Eine groe
Verwirrung schien zu herrschen. Aus dem obern Stocke herab vernahmen die
drei Eintretenden eine scharfe belfernde Stimme, in der =Hazenbrook= die
des Gegenstandes seiner Wnsche und seines Sehnens zu erkennen glaubte.
Er schritt khn die Treppe hinauf, ihm folgte, nach allen Seiten mit
scharfen Blicken die schne =Clelia= suchend, das Studentenpaar. Sie
hatten ungefhr die Hlfte der Stufen zurckgelegt, als ihnen von oben
herab ein Mann rasch entgegenkam, der eine Art Uniform trug und sich
durch den weien Stab in seiner Hand als einen Gerichtsdiener der guten
Stadt =Rotterdam= auswies. Er warf argwhnische Blicke auf die
Besuchenden. Der Trotz aber, mit welchem =Le Vaillant= ihn ansah und ins
Besondere die stattliche Professortracht =Hazenbrooks= fls'ten ihm
Respect ein, so da er ehrerbietig bei Seite trat und den Hut abzog.

Sie hatten jetzt einen Gang im obern Stocke des Hauses erreicht. Durch
eine offenstehnde Thre berblickten sie einen Theil des vor ihnen
liegenden Zimmers. Da sahen sie das scheuliche Fratzenbild des Gtzen
und die wackelnden Pagoden; aus einem Winkel des Gemaches aber, der
ihren Blicken verborgen lag, ertnte eine klagende Stimme:

O =Cltje=, =Cltje=, warum hast du mir das gethan? Was hat dich
herausgetrieben aus dem Hause des Ueberflusses in eine Welt der
Entbehrung, wo du jedes Loth Thee unmig bezahlen, den Zucker dir
sparsam zumessen, den kleinsten Zimmetstengel mit Gold aufwiegen mut?
Hattest du denn nicht den Schlssel zu den Gewlben in jeder Stunde des
Tages, da du Rosinen und Mandeln naschen konntest nach Belieben? War
dir der Keller, wo der kostbare Muscat- und Canariensect liegt, jemals
verschlossen? O =Cltje=, du brichst mir das Herz und, ich glaube, ich
sterbe noch in diesem Augenblicke!

Das wollen wir uns verbeten haben! sprach =Eobanus= hastig in sich
hinein und schritt mit Eil in das Zimmer. In diesem befand sich niemand
als Herr =Tobias van Vlieten=. Er sa in einer Fenstervertiefung auf
einem niedern Sessel, die Ellenbogen auf die Kniee, den Kopf in die
Hnde gesttzt. Er schien das Gerusch gar nicht wahrzunehmen, das der
Eintritt des Professors und seiner Begleiter verursachte. Wie diese
gemeldet hatten, war in der That die dem =Eobanus= so wohlgefllige,
braungelbe Farbe seines Angesichtes in ein dunkles Roth bergegangen,
die Adern an der Stirn waren mchtig angeschwollen und sein Kopf war in
einer bestndigen zitternden Bewegung.

Ja! sagte =Hazenbrook=, als er ihn erblickte, leise fr sich hin. Er
ist ein _Candidatus mortis_. Der Schlagflu rckt heran. Wir mssen
sanft und freundlich mit ihm zu Werke gehen, um den kritischen Moment
hinzuhalten, bis er testirt hat.

Erst als der Professor dicht vor ihm stand und durch ein halblautes
Ruspern sich bemerkbar zu machen suchte, blickte =Tobias= auf. Die
Anwesenheit der Fremden schien ihm nicht unangenehm zu seyn. Im
Gegentheile erheiterte sich sein Angesicht und er begrte, indem er
sich erhob, den =Eobanus= mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

Wie, hochmgender Herr Brgermeister, hob er, von einer Tuschung
befangen, an, die des Professors stattliche und ihn unkenntlich machende
Amtstracht veranlate, Ihr selbst habt die Gewogenheit, Euch zu mir zu
bemhen, um mir Trost und Beruhigung zu bringen in meinem groen Kummer,
um mir Hlfe und Untersttzung zuzusichern fr eine Angelegenheit, die
jeden ehrsamen Brger von Rotterdam, der eine mannbare Tochter im Hause
hat, mit Angst und Besorgni erfllen mu? Ja, verehrungswrdiger
Vorstand unserer guten Stadt, meine =Cltje= ist mir geraubt worden
nchtlicher Weile und mit ihr die tugendsame Jungfrau =Philippintje=!
Niemand anders ist der Ruber als der Sohn des verrtherischen =van
Daalen=, der seine Seele den Spaniern verkauft fr schndes Gold, aber
von dem gerechten Schicksal geprellt worden ist um den Sndenlohn.
Hochmgender, ich klage den gewesenen Kriegshauptmann =Cornelius van
Daalen= des Verbrechens einer doppelten Jungfrauenentfhrung an, ich
verlange, da die alte Strafe des Sckens wieder erneuert und auf ihn
angewendet werde. Schon hat sich der Polizeimeister in das Haus des
Verbrechers begeben, um Alles genau zu durchsuchen, um das _corpus
delicti_, wie die Gelehrten sagen und welches bei dieser Gelegenheit
leider meine eigene eheleibliche Tochter ist, aufzufinden. Lasset, =Myn=
hochmgender =Heer=, in dieser Sache allein das Recht walten und nicht
die Gnade, lasset das Schwerdt der Strafe niederfallen auf das Haupt des
Verbrechers, wie er es verdient. O, da mir Dieses nicht in =Batavia=
begegnet ist, als ich noch daselbst im hohen Rathe von Indien sa! Da
htte ich nach eigenem Urtheilsspruche den Majesttsbeleidiger spieen,
rsten oder von Elephanten zertrampeln lassen knnen. Hier aber -- ach!
ich frchte sehr, da ich es nicht einmal bis zum Scken bringe.

Der Professor wute nicht, wie er sich bei dieser seltsamen Verwechslung
benehmen sollte. Er stand noch immer mit tief gebeugtem Haupte, so da
dem Herrn =van Vlieten= sein Angesicht verborgen war. Whrend er darber
nachsann, wie er der Sache eine andere Wendung geben knne, ohne den
Handelsherrn zu sehr zu alteriren und die tdliche Catastrophe zu
beschleunigen, theilten sich flsternd die beiden Studenten ihre
Bemerkungen ber das Gehrte mit, aus dem sie erkannten, da der Anblick
der schnen =Clelia= ihnen fr diesesmal entzogen bleiben wrde. Das
Abentheuerliche ihres Verschwindens erregte die ganze Theilnahme der
jungen Leute. Die Entfhrung eines Mdchens war in ihren Augen eine
Heldenthat, der sie nur eine vorziehen konnten, nmlich =die=, dem
Entfhrer die Entfhrte wieder abzujagen. Sie brannten vor Begierde,
Nheres zu erfahren, sie waren im Drange der Erwartung dicht hinter den
Professor getreten! Dieser hatte indessen einen Plan gemacht, von dem er
sich fr seine wissenschaftliche Herzensangelegenheit den gnstigsten
Erfolg versprach. Eben wollte er sich demaskiren, eben wollte er die
nthigen Einleitungen zu seinem Vorschlage, bei dessen Verwirklichung er
viel auf den Unternehmungsgeist seiner zwei jungen Freunde rechnete,
anspinnen, als sich pltzlich die Szene vernderte und aus dem
bisherigen Frieden in einen tumultuarischen Zustand berging.

Es trappelte auf der Treppe, es strmte herauf in wilder Eile und mit
verwirrtem Getse. Mehrere Stimmen wurden laut, aber man konnte nicht
unterscheiden, was sie sprachen. Der Professor und die Studenten traten
zur Seite, =Tobias= schritt bebend vor.

Sie bringen meine =Cltje=, stammelte er kaum vernehmlich. Man hat
sie gefunden, man fhrt sie her: sie und =Philippintje= und den
schndlichen Jungfrauenruber!

Aller Blicke waren nach dem Eingange gerichtet; aber nicht die reizende
=Clelia=, nicht die ehrbare =Philippintje=, nicht Junker =Cornelius=,
der kecke Kriegsmann, traten herein, sondern vielmehr Herr =van Daalen=
selbst, von einem ganzen Huflein Polizeitrabanten begleitet, und in
heftiger zorniger Bewegung. Das fette Antlitz des kleinen Mannes
wetteiferte mit dem hagern des Herrn =Tobias= in dunkelglhender Rthe,
die glsernen Augen funkelten mchtig und das spanische Rohr war hoch in
der Rechten erhoben, wie zum Angriffe und Ausschlagen.

Gebt mir meinen =Cornelius= heraus; brllte er mit Lwenstimme,
schafft ihn sogleich herbei, Ihr Menschendieb und Seelenkooper, oder
man wird Euch peinlich befragen, was Ihr mit dem edeln Jungen angefangen
habt?

Einige Polizeitrabanten hatten sogleich den Eingang besetzt, andere
nherten sich dem Gtzenbilde und umzingelten dieses. Herr =van=
=Vlieten= starrte einige Augenblicke lang den frechen Eindringling und
seine Begleiter in verstummendem Erstaunen an. Dann brach er los:

Ist denn der Bsewicht nicht durchgegangen in dieser Nacht mit meiner
=Cltje= und hat noch die tugendbelobte =Philippintje= als Dreingabe
mitgenommen, wer wei wohin? Und seyd Ihr nicht der Hehler dieses
Verbrechens, das zu gelinde noch mit einfacher Sckung bestraft werden
wird?

Da erschallte aus dem Munde des Herrn =van Daalen=, der jetzt den
Zusammenhang des Ganzen einzusehn begann, ein unauslschliches
Gelchter. Er winkte die Polizeimnner zu sich heran, er lie den Stock
sinken, er nahm den Hut ab, den er bisher aufbehalten hatte.

Nun wenn es so ist, so ist Alles gut! sagte er in einem Tone, den das
fortdauernde Lachen zu ersticken drohete. Auf und davon also sind die
Kinder, der tolle =Cornelius= und Euer liebliches =Cltje=? Lasset keine
Sorge in Euerm Gemthe erwachen deshalb: er thut ihr nichts zu Leid und
der ehrbaren Jungfrau =Philippintje= ebenso wenig, wenn ich ihn recht
kenne. Aber, Herzensfreund, nun sind ja pltzlich alle Differenzen
verschwunden! Was wir Jahrelang in ser Hoffnung auf unsere Kinder
verhandelt, ist mit einemmale geschlichtet: sie sind ein Paar geworden
und es kommt auf die zweimalhunderttausend Dukaten mehr oder weniger
nicht an. Gebt mir die Hand und lat uns treu zusammenhalten als
freundliche Schwher!

Zitternd und mit einer gewaltsamen Bewegung stie Herr =van Vlieten= die
dargebotene Rechte des Herrn =Jan= zurck.

Nimmermehr! rief er aus. Ihr meint, Ihr habet mich gefangen und
geprellt und ich msse nun des Schimpfs halber meine Einwilligung geben
zum schmhlichen Ehebndni! Aber, prosit! Noch gibt es Gesetze gegen
Jungfrauenraub und Betrug. Die ungehorsame Tochter werde ich zu
bestrafen wissen und auch Euch, den Mitwisser des schndlichen Frevels,
den Handlanger des verruchten Sohnes, wird das Gericht ereilen.

Pah! erwiederte ruhig der Bedrohete, indem er seinen Hut wieder
aufsetzte. Ich wei von der ganzen Sache weiter nichts, als da mein
=Cornelius= gestern Abend bei Euerer =Cltje= war zum Stelldichein und
da er dort im =Schiwa= steckte, als der alberne =Hoontschoten= seinen
Unglcksbericht brachte. Ihr httet das ebenso gut sehen knnen wie ich,
wenn Euch nicht die aberglubische Furcht verblendet gehalten oder wenn
Ihr den Muth gehabt httet, die Augen aufzuschlagen. Hat nicht das
Gtzenbild ein Paar fenstergroe Glasaugen und flackerte nicht hinter
diesen der orangefarbene Kragen von meines Sohnes Kriegsrocke immer hin
und her, so da man bei der hellen Beleuchtung, die Nhte daran erkennen
konnte? Und dann Euerer Tochter Verlegenheit bei unserem Eintritte? Bei
dem Degen des Herzogs von =Marlborough=! wie mein =Cornelius= zu sagen
pflegt, es war keine Kunst, die Sache zu entdecken, aber da der tolle
Bursche einen so klugen Streich machen wrde, htte ich ihm nimmer
zugetraut. Ergebt Euch drein, Myn Heer =van Vlieten=! Denkt, da es
einmal so ist, und nicht anders. Sucht Euere Seele zum Frieden geneigt
zu machen. Nachmittags komme ich wieder vor und hoffe dann das Geschft
in aller Eintracht mit Euch abzuschlieen.

Nach diesen Worten entfernte er sich, und die Polizeitrabanten, deren
Anfhrer er Einiges zuflsterte, folgten ihm auf dem Fue. Herr =Tobias=
war nicht im Stande, ihm noch vor seinem Abgange eine Antwort zu geben,
denn die immer mehr im Innern aufkochende Wuth erstickte seine Stimme.
Er mute sich auf einen Stuhl sttzen, der in seiner Nhe stand. Erst
als sein Gegner schon die Hausthre hinter sich haben mochte, erholte er
sich einigermaen und gewann die Sprache wieder. Rasch wendete er sich
gegen den Professor, den er noch immer fr den Brgermeister hielt und
sagte:

Ihr habt es vernommen, hochmgender Heer! Er selbst hat gestanden, da
er mit im Complott war --

Da sah =Tobias= pltzlich in das Antlitz =Hazenbrooks=, der sich in
diesem Augenblicke lang aufrichtete, da erkannte er den gefrchteten
Mumien-Professor, da erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Aber =Eobanus=
grinsete ihn freundlich an, haschte nach seiner Hand und sprach:

_Pax vobiscum!_ Wir kommen im Frieden und nicht zum Streite. Die Lage
der Dinge hat sich wunderbarlich verndert und wir knnten uns wohl zu
einem Vergleiche vereinigen, der beiden Partheien, der illustern
Lugdunenser Musenstadt und dem wohlmgenden Handelspatron, Herrn =Tobias
van Vlieten=, zum Nutzen und Frommen gereichte. Ihr sehnt Euch nach
einem Tchterlein, wir sehnen uns nach einer Mumie. Euch ist das
Tchterlein verloren gegangen; denselben Possen hat uns schon manche
Egyptierin aus meiner Fabrik gespielt. Gleiches Leid, gleiche Wnsche!
Erinnert Euch ohne Groll meines Vorschlags vom gestrigen Abende. Jetzt
kann ich Euch einen Tausch bieten. Wir haben viele Bekanntschaften,
weitlufige Verbindungen, allenthalben unsere Commissionare und Agenten.
Wir verschaffen Euch das Tchterlein wieder, Ihr dagegen testiret
Eueren schtzbaren Krper, nachdem solchem das innenwohnende Leben
entflohen, mir zur eigenmchtigen Verfgung. Bedenket, edler =Myn Heer=,
da der Vortheil ganz auf Euerer Seite ist. Eine reizende, blhende
Jungfrau, voll Geist und Leben, im Schmucke der Jugend, ein Wesen, in
dessen Adern Euer eigenes Blut rinnt -- und was ist der Preis dieses
Meisterstckes der Schpfung, das jeder fhlenden Seele wnschenswerth
erscheinen mu? Ein Gegenstand, der aus den Wohnungen der Menschen mit
Abscheu hinweggewiesen wird, ein leeres Gef, dem der geistige Gehalt
entflohen, ein Ding, das den Wrmern zur Speise dient, wenn es
eigensinnig die Wissenschaft zurckweis't, die es auf den Thron der
Pharaonen erheben will. O Myn Heer, wie knnt Ihr nur zaudern, wie knnt
Ihr den glcklichen Moment Euch entgehen lassen? _Eheu fugaces_ --

Aber schon hatte die Beredsamkeit =Hazenbrooks=, von dem Drange der
Umstnde untersttzt, gesiegt.

Es sey! sagte der Handelsherr mit entschlossener Stimme. Ich wage
mich dran, um mein =Cltje= wieder zu haben, um den schndlichen
=Cornelius= seines Frevels berfhren zu knnen, damit ihm die
wohlverdiente Sckung werde im Armensnder-Canale und dem alten
Bsewicht obendrein, der ihn im =Schiwa= gesehen, ohne mir's zu
offenbaren. -- Kommt her, Myn Heer Professor, wir wollen es schriftlich
miteinander machen und die Scheine austauschen, wie es sich unter
rechtlichen Geschftsmnnern geziemt!

Nichts konnte dem Professor erwnschter seyn, als diese Aufforderung.
Auf dem Fugestelle des Gtzenbildes befand sich Papier und Schreibzeug.
Nach wenigen Augenblicken hatte =Eobanus= die Contracte aufgesetzt, sie
wurden unterzeichnet und ausgewechselt.

=Hazenbrook= betrachtete seinen knftigen Egyptier mit Blicken der
Freude und Liebe. Es fiel ihm schwer, sich von dem Gegenstande seiner
Hoffnungen zu trennen, aber er mute sich dem Gebote der Nothwendigkeit
unterwerfen.

Lebt wohl, theuerer Myn Heer! sagte er, indem er =van Vlietens= Hand
nahm und unbemerkt den Schlag des Pulses untersuchte. Seyd heiter und
guter Dinge! Lasset Euch nichts abgehn an leiblicher Ergtzlichkeit. Ihr
habt eine gute Natur, die schon ein Glschen Canariensect mehr vertragen
kann, wie eine andere. Ich wnsche Euch Methusalems Alter, denn Gott
behte! da ich selbst um der heiligen Wissenschaft Willen eines
Menschen Tod ersehnen mchte. Solltet Ihr aber dennoch wider Verhoffen
in eine schwere Krankheit verfallen, so bitte ich, mich sogleich davon
zu benachrichtigen. Jetzt geht's der Tochter nach! Finden wir sie, so
wird sie Euch und Ihr werdet mir; finden wir sie nicht, so haben wir
alle beide nichts. _Cura ut valeas, amice dilectissime!_

Er lie ihn los, er wandte sich zur Thre. Ehe er aber diese erreichte,
kam er, von einem glcklichen Gedanken ergriffen, noch einmal zurck.

Noch Eins, _Amice_! sagte er. Zwei oder drei Zeilen an die Tochter,
streng, ermahnend, vterlich! Ein Beglaubigungsschreiben fr mich oder
meine Commissarii!

Der Alte sah sogleich ein, da dieses Verlangen nicht anders, als billig
und vernnftig sey. Er schrieb und bergab dem Professor den Zettel, in
welchem er der Tochter mit Fluch und Enterbung drohete, wenn sie nicht
sogleich zurckkehre in das vterliche Haus.

Kaum hatte =Hazenbrook= das Papier in Hnden, so verlie er in groer
Eile das Gemach, in dem Herr =Tobias=, von Zorn und Betrbni erfllt,
zurck blieb. =La Paix= und =Le Vaillant= folgten dem Professor, whrend
sie ber diese Wendung der Angelegenheit, die sie zu Rittern und
Beschtzern der schnen =Clelia= zu bestimmen schien, einander ihre
Freude und ihre vorlufig gefaten Vorstze mittheilten.

Kinder! sagte der Professor, als er mit ihnen unter den Bumen am
Canal hinstrmte, und jetzt eine der schnen, weibemalten Zugbrcken
berschritt: wir mssen uns trennen. Ihr mt der Jungfrau =Cltje=,
oder wie sie sonst heit, nachsetzen, sie schleunig inhaftiren und zur
Stelle bringen. Der Alte macht es nicht lange mehr. Sein Puls trommelt
zum Abmarsche und ich mu das Frauenbild beibringen, ehe er abfhrt. Im
Nothfall aber habe ich auch dafr Rath, doch darf ich nicht weichen noch
wanken vom Platze und mu ihn bewachen mit Argusaugen. Ihr aber mt
seyn, wie die heilige =Isis=, als sie den verlorenen Gatten =Osiris=
suchte; klug, wachsam, forschend und muthig. Gehet hin, Kindlein, Ihr
Sttzen der Wissenschaft! Wohl sollet Ihr die Musen lieben und ihnen
dienen, aber htet Euch, alle Weiber fr Musen anzusehen. Da ist das
Creditiv von Myn Heer =van Vlieten=! Geld tragt Ihr hinlnglich im Sack,
denn Ihr habt erst gestern die Quartalwechsel erhoben. Fort, Shne!
Erobert Troja und bringt die Prinzessin Helena nach Griechenland
zurck!

_Sandis!_ erwiederte =Le Vaillant=, indem er auf seinen langen
Raufdegen schlug. Das soll ein Seelengaudium seyn fr unser einen und
den Sire =Cornelius= wollen wir schon coramiren.

Alles in Hflichkeit und Frieden, fgte =La Paix= sanft hinzu, aber
wir bringen Euch das Mdchen oder Ihr sollt uns nicht fr wrdig
halten, dereinst den Doctorhut der Weltweisheit zu tragen, die ja auch
mit der Weltklugheit nahe verwandt ist.

Die Jnglinge flogen dem Haven zu. =Hazenbrook= eilte in den Gasthof
=zum Wappen von Rotterdam= zurck, verlie ihn aber, in einen weiten
Mantel verhllt, nach kurzer Zeit wieder, um still und verborgen eine
neue Wohnung in einer kleinen Matrosenherberge zu beziehen, die dem
Hause des Herrn =van Vlieten= in schrger Richtung gegenber lag.




5.


Es war ein sehr heiterer Herbstmorgen, an welchem die zierliche
=Syrene=, Capitn =Jansen=, die =Maas= hinauffuhr. Der Wind wehete so
gnstig, da die aufgesetzten Segel schon hinreichten, das leichte
Fahrzeug, selbst den Wellen entgegen, rasch fortzubringen und deshalb
der gewhnliche Vorspann von Pferden entbehrt werden konnte. Die Barke
selbst bot jedem, der solchen Dingen gern seine Aufmerksamkeit schenkt,
besonders den Seemnnern und Schiffbauleuten, einen sehr erfreulichen
Anblick. Ihre Seitenwnde von starkem Eichenholze waren lichtbraun
lakirt und von den sorglichen Matrosen in einer Sauberkeit erhalten, die
ihnen den Glanz eines Spiegels gab. An dem weien, mit einer Malerei von
grnem Laube gezierten Vordertheile, prangte in kunstvoller
Bildhauerarbeit die =Syrene=, von der das Fahrzeug den Namen hatte, und
sie glich so einem weiblichen Wesen, das eben im Begriff ist, mit dem
Oberleib aus einem grnenden Gestruche sich emporzurichten. Die
niedlichen Fenster der Cajten waren mit grnseidenen Vorhngen geziert.
Der schlanke Mast warf in seiner glnzenden Politur die Strahlen der
Morgensonne tausendfltig zurck, und auf den frisch gebleichten Segeln
war kein Fleckchen zu sehen. Auch fr die Sicherheit des Fahrzeuges, die
in diesen kriegerischen Zeiten leicht gefhrdet werden konnte, war
gesorgt, denn auf dem Verdecke standen mehrere nicht unansehnliche
Bller und in einigen offenstehenden Kisten waren Schiegewehre und
Sbel aufgeschichtet.

Schon vor einigen Stunden hatte das Schiff die Anker gelichtet, und noch
immer war dem jungen =van Daalen=, der die bald nach ihm und =Clelien=
eintreffende =Philippintje= bei dem ohnmchtigen Mdchen zur Pflege
zurckgelassen, keine Nachricht von dem Zustande der Letzteren geworden.
Er selbst war mehreremale hinabgeschlichen, um sich Kunde zu
verschaffen, aber er hatte die Thre der Cajte von Innen verschlossen
gefunden. Er hatte gelauscht, aber nichts vernommen. Er hatte leise
=Philippintje= bei Namen gerufen; Alles war still und stumm geblieben.
Er stand jetzt auf dem Vordertheile des Schiffes, lehnte sich nachlssig
an das Gelnder und hatte den Arm um den schlanken Leib der =Syrene=
geschlungen. Aber nicht lange blieb er in dieser Stellung. Die Unruhe
seines Innern trieb ihn fort. Er war besorgt um die Geliebte, dann regte
sich auch wohl von Zeit zu Zeit in ihm das bse Gewissen, mehr aber bei
seinem Leichtsinne die Furcht, wie =Clelia= das Geschehene aufnehmen
werde, wenn sie erst wieder zur vlligen Besonnenheit gekommen sey.
Htte er nur =Philippintje= sprechen knnen! Sie besa einen groen
Einflu auf das Mdchen, und mit ihrer Hlfe durft er hoffen, dem
drohend heranziehenden Unwetter eher zu entgehen.

Er war, solchen beunruhigenden Gedanken hingegeben, bis zu der
Schiffsffnung fortgeschritten, durch die er jetzt in das Innere der
Kche blicken konnte, in der seines Freundes =Jansen= junge Frau mit
Zubereitung der Mittagsmahlzeit beschftigt war. Der Glanz des Feuers
rthete das runde Angesicht der artigen Frau auf eine anmuthige Weise,
ihre ganze fllereiche Gestalt, so wie alle Gegenstnde in der kleinen,
hchst reinlichen Kche zeigten sich in einer so zauberischen
Beleuchtung, da =Cornelius= einige Augenblicke lang versucht war zu
glauben, er sehe eins jener Gemlde von =Schalkens= vor sich, die sich
durch eine unbertreffliche Anwendung des Helldunkels auszeichnen. Bald
aber wurde er durch die Stimme der heraufblickenden jungen Frau, die
ihn bemerkte, in diesem Wahne gestrt.

Ei, Junker, sagte sie lachend, wo habt Ihr denn die Topfguckerei
gelernt? Waret Ihr etwa, da Ihr im Felde standet gegen die Franzosen,
mehr bei den Kasserollen und den Bratspieen beschftigt, als bei den
Kanonen und dem Blutvergieen, mehr bei den Feldhhnern als bei den
Feldstcken, mehr beim Trinken und Kauen, als beim Stoen und Hauen --

Frau =Jansens= Znglein war im guten Zuge; =Cornelius= aber unterbrach
den Strom ihrer Beredsamkeit, indem er mit klglicher Stimme einfiel:

Ach, Frau =Beckje=, -- so wurde die junge Frau gewhnlich statt
=Rebekka= genannt -- ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt! Ein andermal
stehe ich Eueren Angriffen gern zu Dienst mit billiger Erwiederung. Sagt
mir lieber, wie es meinem Schwesterlein geht? Ich hr' und sehe nichts
von ihr und habe sie doch in einem gar beunruhigenden Zustande
verlassen.

Thut der Mensch doch um das Schwesterlein, als wenn es ein Brutlein
wre! versetzte etwas schnippisch die Capitnsfrau. Unterbricht mich
da in meiner besten Rede, aus der er ohnehin, wenn er nicht seinen
ganzen Verstand in meine Kochtpfe versenkt hat, schon abnehmen mu, da
Alles rein und gut steht auf der =Syrene=, da kein Kranker an Bord ist
und ber dem Fahrzeuge das Fhnlein der Gesundheit lustig flattert und
flaggt! Ihr seyd mir ein rechter Kriegsheld, bei dem die Courage theuere
Waare wird, wenn er ein Frauenbild in Ohnmacht fallen sieht! Da mt Ihr
Euch an ganz andere Dinge gewhnen, wenn Ihr einmal heirathet.

Die Schwche ist also vorber und sie befindet sich wohl? fragte
hastig =Cornelius=. Sie ist wieder bei Besinnung und hat wohl schon
nach mir gefragt?

Keins von Beiden! antwortete Frau =Jansen=, indem sie sich bckte und
das Feuer anblies. Der junge Mann wurde von heftiger Ungeduld ergriffen,
aber er mute warten, bis das dringende Geschft gethan war und die
sorgsame Schiffsherrin fortfuhr. Aus der Ohnmacht ist ein gesunder
Schlaf geworden und die Jungfrau liegt auf dem Ruhebette mit zwei rothen
Bcklein, so frisch und gesund, wie Granatpfel. Sie athmet sanft und
leicht und Alles zeigt an, da sie bald neu belebt und gestrkt an Leib
und Seele erwachen wird!

Nassau und Oranien! sagte der junge Mann leise zu sich selbst. Wie
wird's mir dann ergehen, wenn sie wieder bei lichten Sinnen ist und mit
ihrem verzweifelten Nachdenken mein ganzes schnes Luftgebude von
Autodaf und Klosterzwang ber den Haufen stt? Ade, fein's Liebchen,
Ade, wird's heien, wie im deutschen Liede, aber man wird mir kein
goldenes Ringlein schenken auf den Weg, sondern manches Scheltwort auf
den Rcken. Frau Beckje, wandte er sich entschlossen zu der
Capitnsfrau, ich mu =Philippintje= sprechen, ehe meine Schwester
erwacht. Sucht es einzurichten, wie Ihr wollt, aber verschafft mir
einige Augenblicke ungestrter Unterredung mit der Alten! Mein Glck
hngt davon ab, und Ihr als meine Freundin werdet mir nicht entgegen
seyn in einer wichtigen Sache!

Hrt, junger Herr! sagte die Frau und erhob drohend den Zeigefinger
der rechten Hand. Ich bin sehr geneigt zu glauben, da es mit der
Schwesterschaft nicht ganz richtig ist und da allerlei Kriegslisten
dahinter stecken. Bei Nacht und Nebel braucht man keine Schwester an
Bord zu bringen; das kann bei hellem Tage geschehen. Aber ich wei recht
wohl, da Jugend nicht Tugend hat und Ihr am allerwenigsten. Ich drcke
=ein= Auge zu, allein das andere bleibt desto weiter offen und siehet um
so schrfer darauf, da Alles in Ehren zugeht auf der =Syrene=. Das lat
Euch gesagt seyn ein fr allemal. Ihr seyd ein guter Freund zu meinem
Manne, aber Recht geht ber Freundschaft. Sonst diene ich Euch gern, und
da bei der verlangten Zusammenkunft mit der holdseligen =Philippintje=,
fgte sie lachend hinzu, hoffentlich nur die tugendhaftesten Absichten
zum Grunde liegen, so will ich Euch das Kind heraufschicken. Ihr mt
aber, whrend ich sie rufe, meinen Platz am Heerde einnehmen, das
Backobst fleiig umschtteln, da es nicht anbrennt, und das Feuer unter
dem Pkelfleisch unterhalten. Kommt herab, da ich sehe, wie Euch der
Kchenschrz ansteht!

=Cornelius= ging gern auf einen Scherz ein, der fr seine miliche und
verwickelte Angelegenheit eine gnstige Wendung herbeifhren konnte. Mit
einem khnen Sprunge war er unten bei Frau =Beckje=. Das muntere
Weibchen band ihm lachend und schkernd eine blendend weie Schrze vor,
gab ihm den Kochlffel in die Hand und sagte:

Da habt ihr Eueren Commandostab! Haltet Ihr gute Ordnung in meinem
Feldlager, so werde ich's zu rhmen wissen, denn das zeigt von guter
Anlage zum Ehemanne und Hausvater. Zerfllt mir aber das Fleisch, wird
das Backobst schwarz und rauchig, so mt Ihr eben ein Junggeselle
bleiben Euer Lebelang, denn es fehlt Euch an der nothwendigsten Sache
fr den Hausstand, an der lieben Ordnung.

=Beckje= legte rasch ihr Kchencostm ab und sprang die kleine Treppe
hinauf, um sich nach der Cajte zu begeben, in der =Clelia= mit
=Philippintje= eingeschlossen war. Indessen wachte der gewesene
Kriegshauptmann =Cornelius= so aufmerksam und sorgfltig bei den
Kochtpfen, wie er frher als Soldat auf nchtlichen Posten dem Feinde
gegenber gewacht hatte. Er hielt den Kochlffel mit militrischem
Anstande in der Rechten, als wre es der Degen, mit dem er eben das
Zeichen zum Angriffe geben wolle. Sein Auge beobachtete mit ngstlicher
Aufmerksamkeit die Flamme, als aber die Fleischbrhe pltzlich
berkochte und zischend in die Gluth flo, so da diese zu verlschen
drohete, da wute er weder Rath noch Hlfe, sondern brach in den
Schreckensruf: Frau =Beckje=, Frau =Beckje=! aus. Wer aber nicht
hrte, war Frau =Beckje=.

Potz Raa und Backbord! lie sich dagegen Capitn =Jansens= Stimme von
oben herab vernehmen. Was fllt dir ein, =Cornelius=, da du meine Frau
vorstellen willst am Heerde und die Suppe ins Feuer anrichtest, statt
auf den Tisch? Du solltest dich nur sehen und das arme Sndergesicht,
das du schneidest in diesem Augenblicke und du mtest laut auflachen
ber dich selbst! Komm herauf! Der Schiffsjunge mag so lange die Tpfe
hten, bis =Beckje= wiederkommt. =Der= versteht das Ding besser, als
du.

Der muntere Knabe, der auf des Capitns Wink herbei sprang, war auch
gleich unten und hatte rasch und umsichtig das von =Cornelius=
angestiftete Unglck bald wieder gut gemacht. Dieser warf ihm ein Paar
Stber zu und erschien nun mit einem verdrielichen Gesichte auf dem
Verdeck. Das Lachen, in welches Capitn =Jansen=, gleich nachdem er jene
Worte gesprochen, ausgebrochen war, wurde jetzt lautschallend und
unmig. Er deutete auf =Cornelius= Antlitz, er wies auf den
Kchenschrz, den dieser noch nicht abgelegt hatte. Den Schrz
schleuderte der junge Mann rgerlich hinweg, als ihm aber sein Freund
erklrte: Die Kochtpfe htten schwarze Spuren seiner Vertraulichkeit
mit ihnen auf Nase und Wange zurckgelassen und diese gben ihm ein so
furchtbar komisches Ansehen, da keiner, der ihn she, sich des Lachens
erwehren knne, trat er kaltbltig an das Wasserbecken und sagte, indem
er sich reinigte, mit groer Ruhe:

Das kommt nicht von den Kochtpfen, lieber =Jansen=! Das kommt von
Deiner lieben Frau, die mich herzend und kssend empfangen, als ich ihr
Besuch abstattete im unterirdischen Reich.

Da mte sie einen schlechten Geschmack haben! erwiederte
selbstgefllig der Capitn, und dehnte die mchtigen Glieder seiner
riesigen Gestalt. Er war um Kopfshhe grer, als der Junker =van
Daalen=, und sah in diesem Augenblicke auf ihn herab, wie auf ein Kind.
Bei seiner Gre gab ihm die fleischige Flle seines Krpers ein
wahrhaft herkulisches Ansehen. Sein wohlgebildetes Antlitz trug den
Ausdruck der Offenheit, der frohen Laune und einer krftigen Derbheit.
Seine Bewegungen waren langsam und nachlssig, wie man sie oft bei sehr
starken Menschen findet, denen sich in Unternehmungen, welche
Krperkraft erheischen, selten anreizende und zu rascher Thtigkeit
auffordernde Hindernisse in den Weg stellen. Was sollte sie mit einem
Knbchen anfangen, wie du bist? Sie ist einmal geboren eines
Schiffcapitns Frau zu seyn und du magst wohl zur Noth mit dem Messer,
das du an der Seite trgst, handthieren knnen, wenn es aber darauf
ankommt, ein Schiff lufwrts oder leewrts zu halten, das Raasegel
aufzuhien, den Anker zur rechten Zeit schieen zu lassen und die tollen
Jungen, die beim Sturm in den Tauen herumtanzen, wieder nach der
Commandopfeife tanzen zu lassen, da bist du ein verlorener Mann, da hat
dein Compa die Richtung verloren, da steuerst du frisch auf die
Sandbank los, bis du strandest und dein leckes Boot untergeht mit Mann
und Maus. Dort blick hin aufs Backbord! Da steht eine in einer
Takellage, die fr dich pat. Das ist ein Schtzlein fr meinen
=Cornelius=, das ihm auch so leicht keiner abspenstig macht.

Bei diesen Worten ergriff er seinen jungen Freund bei den Schultern und
drehete ihn rasch um, so da =Cornelius= nun die Aussicht nach dem
vordern Theile des Schiffes hatte. Da fielen seine Blicke sogleich auf
Jungfrau =Philippintje=, die vor der =Syrene= stand und ihn mit heftigen
Bewegungen zu sich heranwinkte. Er gnnte seinem Freunde kein weiteres
Wort, er lie ihn stehen und war in drei Sprngen bei der Alten.
=Jansen= schickte ihm ein schallendes Gelchter nach, er aber berhrte
es und sprach mit ungemeiner Freundlichkeit zu der Jungfrau:

Wie geht es Euerer schnen Schutzbefohlenen? Gewilich recht gut, denn
unter einer solchen mtterlichen Pflege kann die zarte Pflanze nur
gedeihen und in frischer Gesundheit emporblhen!

Ja, mein hochwerther Junker, versetzte =Philippintje=, die sich sehr
geschmeichelt fhlte, das mu wahr seyn, ich bin dem Mdchen immer gut
gewesen, wie eine leibliche Mutter und ohne mich, die sie stets auf dem
Wege zum wahren Christenthume gehalten, wre sie nach dem Beispiele des
sndigen Vaters, eine Heidin geworden und so eine =Schiwa=-Verehrerin,
die ein Stck Holz fr den lieben Herrgott ansieht. Aber da habe ich sie
seit ihrem siebenten Jahre tglich zum Domine gefhrt in die
Glaubenslehre, wenn der Patron in der Schreibstube oder den Gewlben
sein Wesen trieb, da habe ich sie Abends bei mir im still heimlichen
Kmmerlein wiederholen lassen, was sie in Sprchen und biblischen
Erzhlungen bei dem Domine gelernt, und deshalb ist sie fromm und schn
geworden, denn wer dem Herrn mit wahrhaftiger Liebe zugethan, den
schmckt er auch mit lieblicher Gestalt und freundlichem Wesen. Alles,
was sie ist, hat sie mir zu danken, die =Cltje=: das gute Gemth und
die Schnheit, und das lasse ich mir nicht bestreiten.

Wer wollte auch das thun? fiel =Cornelius= ein, der Mhe hatte seine
Ungeduld zu bewltigen. Die Lust an dem Weihrauche, den =Philippintje=
sich selbst streuete, hatte sie ganz von der Beantwortung seiner Frage
abgefhrt. Er wiederholte sie jetzt dringender und fgte hinzu, er
frchte sehr fr =Clelias= Gesundheit, der doch leicht der Schreck, wie
die feuchte Nachtluft, nachtheilig gewesen seyn knne.

Nichts von allen Dem! entgegnete kopfschttelnd die Hausjungfer. Sie
liegt im besten Schlafe von der Welt und ihre Wnglein blhen, wie die
schnsten Tulipanen in Heern =van Vlietens= Blumengarten, wie der =Duc
van Doll=, oder der Admiral =Enkhuysen=. Wer ein gutes Gewissen hat, dem
kann der Bse nicht so leicht etwas anhaben in Weh und Krankheit! Ich
freue mich nur darauf, wenn sie ausgeschlafen hat und sich nun frei
sieht in der weiten Gotteswelt, der schrecklichen Gefahr, ihrem Glauben
entsagen und eine Nonne werden zu mssen, entgangen.

Herr =Cornelius van Daalen= konnte diese Freude nicht theilen. Vor
seinen Geist trat in diesem Augenblicke Alles, was er bei =Clelias=
Erwachen zu erwarten, was er von ihrer wiederkehrenden Besinnung und
Erkenntni zu frchten hatte. Vorwrfe, einige Klte und etwas Jammer
nach dem Vater -- auf diese Dinge war er gefat. Wenn aber =Clelia= ihm
vielleicht ihre Liebe entziehn, wenn sie seine Unbesonnenheit so
entsetzlich bestrafen wollte, ihn aus ihrem Angesichte zu verbannen,
dann war das Aergste geschehen, dann blieb er ewiger Reue ber ein
Unternehmen hingegeben, das statt ihm die Geliebte zu sichern, sie ihm
geraubt hatte. =Philippintje= nher mit sich zu verbinden, schien ihm
durchaus nothwendig. Er nahm einen gehenkelten Doppeldukaten aus seinem
wohlgefllten Ledergrtel, hielt ihn zwischen zwei Fingern, so da er
lockend im Sonnenlichte erglnzte, und sagte im schmeichelhaftesten
Tone, den er aufzubringen vermochte:

Wir Beide sind vom Schicksale erkoren, ber die Lebenspfade der lieben
=Clelia= zu wachen. Wir mssen gleich seyn in Gesinnungen und
Handlungen, aber auch sonst im Aeueren vor den Leuten. Deshalb verlange
ich es als eine Gunst von Euch, da Ihr dieses Goldstck annehmet und in
Antwerpen, wo Ihr dergleichen leicht haben knnt, Euch mit einem
stattlichen Reiseanzug bekleidet. Nicht wahr, gute =Philippintje=, Ihr
schlagt es mir nicht ab?

Behte Gott! antwortete =Philippintje=, indem sie mit groer
Gelassenheit den Doppeldukaten annahm und rasch in ihren ansehnlichen
Tragsack gleiten lie. Soll ich =Cltje's= Mutter vorstellen und
=Cltje= Euere Schwester, so seyd Ihr ja nichts anders, als mein
leiblicher Sohn, und von =dem= kann ich dergleichen wohl annehmen. Es
ist mir auch daran gelegen, da ich vor der Muhme =Jacobea= nach Stand
und Wrden erscheine: das gibt Euch und der ganzen Sache ein Ansehn.
Aber, junger Herr, fuhr sie mit einem verschmitzten Blicke fort, Ihr
habt mir noch ein Rthsel zu lsen, das mir schon lange Nachdenken
macht. Wie kamet Ihr denn in den =Schiwa= und berhaupt, durch welche
Veranstaltung gelang es Euch, Eingang in das verschlossene Haus zu
finden?

Ach! entgegnete =Cornelius= und nahm mit einer schwermthigen Miene
auch einen sehr schwermthigen Ton an: kennt Ihr die Macht der Liebe
nicht, Jungfrau =Philippintje=? =Sie=, welche auf dem Throne herrscht,
wie in der Htte des Armen, =sie=, die den Bettelstab zum Zauberstabe
=Fortunens= macht, die den Hlflosen auf einmal auf den Gipfel des
Reichthums und der Freuden erhebt, und den Mchtigen und Reichen
niederwirft zu den Fen der Niedrigkeit und Armuth? Beim Waffenruhme
des Prinzen Eugenius! Ihr httet mehr als zwanzig Jahre hinter Euch und
die Liebe wre Euch unbekannt geblieben?

Nein, nein! sagte fast weinend =Philippintje=. Ich kenne sie nur zu
gut. Sie hat mich glcklich und unglcklich gemacht, sie hat mir Freuden
gegeben, wie sonst nichts mehr, aber auch Leiden, wie sonst nichts mehr!
O mein =Balthasar=, mein =Balthasar=! Es war gerade in der Zeit, wo die
Gebrder =De Witt= ermordet wurden, als ich ihn zum erstenmale sah, es
mag nun schon ein Paar Jhrchen her seyn --

Verzeiht, edle Jungfrau, unterbrach sie mit schonungslosem Muthwillen
=Cornelius=, seit jener Zeit sind nun schon ber dreiig Jahre
vergangen. Aber das thut nichts zur Sache. Ich glaube Euch Alles gern,
was Ihr gesagt habt und noch sagen wollt; aber hrt nun auch mich an.
Vernehmt ein Gestndni, das Euch nicht befremden kann, da Euch die
Liebe nicht fremd, sondern im Gegentheile nur zu gut bekannt ist. Ich
liebe Euch, holdselige =Philippintje=.

Wie, mich? rief =Philippintje= im Tone der auerordentlichsten
Verwunderung aus und trat einen Schritt zurck. Ich hoffe, in allen
Ehren! fgte sie, als sie keinen Zug des Scherzes oder Spottes in
=Cornelius= Zgen zu entdecken glaubte, hinzu.

Freilich! versicherte dieser. So sehr in allen Ehren, da ich auch
nicht die mindesten Absichten auf Euch habe. Ueberhaupt werdet Ihr die
Ehrlichkeit meiner Gesinnung schon daraus erkennen, wenn ich Euch
offenbare, da ich Euch nur als die Erzieherin und Freundin =Clelia's=
liebe, die ich zu meinem eigentlichen Herzensgespons erkoren habe.

Ah, =so= meint Ihr es! erwiederte gedehnt das ltliche Mdchen. Ihr
mt nur nicht glauben, da Ihr mir da etwas Neues sagt, fuhr sie,
indem die Spur eines Unwillens ber getuschte Erwartung im Tone der
Rede und in ihrem Antlitze zurckblieb, fort: ich habe Euere
Fensterpromenaden am Canale auf und nieder, die verliebten Blicke, die
Ihr nach =Cltje's= Fenster schicktet, wohl bemerkt. Aber was hat das
mit Euerm Logement im Schiwa gemein, was mit Euerm Eindringen in des
Patrons Haus?

Herzliebste =Philippintje=, lenkte =Cornelius= mit mglichster
Freundlichkeit wieder ein, Ihr habt ja auch schon der Beispiele erlebt,
da Frauenzimmer sich in diejenigen wieder verliebt haben, die ihnen
durch Fensterpromenaden und dergleichen Dinge ihre Neigung bezeigt. So
ist es auch der liebenswrdigen =Clelia= mit meiner geringen Person
ergangen.

Er fuhr nun fort, ziemlich der Wahrheit gem, zu berichten, was beide
Vter oft von einer Verbindung der Kinder gesprochen, wie diese dann
erst beim Kirchgang und andern Gelegenheiten sich einander genhert, wie
endlich am gestrigen Abende, auf sein vielfaches Zureden, =Clelia= ihm
den heimlichen Eintritt in das Haus bewilligt und verschafft, wie er,
durch des Herrn =Tobias= unerwartete Rckkehr, nothgedrungen in den Leib
des =Schiwa= kriechen mssen und dort, ohne es zu wollen, Zeuge der
Entzweiung beider Vter geworden und die schrecklichen Anschlge
vernommen, welche der alte =van Vlieten= gegen ihn und die Tochter im
Sinne trage, indem dieser zugleich seines geheimen Uebertrittes zu einem
andern Religionsglauben gedacht. Bei dieser Abweichung von der Wahrheit
zur Lge mute =Cornelius= zu seinem groen Erstaunen und zu seinem noch
grern Verdrusse die Bemerkung machen, da =Philippintje= mit einem
unglubigen Lcheln zu ihm aufsah, eine sehr listig seyn sollende Miene
annahm und bedenklich den Kopf schttelte. Das kam ihm durchaus
unerwartet. Der Eifer, den die Hausjungfer bei der ersten Entdeckung an
den Tag gelegt hatte, schien ihm ein hinlnglicher Brge ihrer
Leichtglubigkeit zu seyn; aber, wie es jetzt das Ansehn gewann, hatte
er sich getuscht und wurde von ihr in seinem, freilich nicht allzu fein
angelegten Betruge durchschaut. Er war nun bemht, sie von weitern
Gedanken und Ueberlegungen, die diesen Punkt betrafen, abzuziehn. Er
sprach von seiner groen Liebe zu =Clelia=, von der gerechten
Verzweiflung, die ihn ergriffen, da er Herrn =Tobias= pltzlich
entstandenen Widerwillen gegen die schon so gut als abgeschlossene
Verbindung erkannt, von dem beispiellosen Glcke, das er =Clelien= als
zrtlicher Gatte zu bereiten gedenke, von seiner Dankbarkeit gegen
=Philippintje=, die ein solches Kleinod gebildet, und von den reichen
Geschenken, von der Hochachtung bis ins spteste Alter, mit denen er
jene Dankbarkeit bethtigen wolle.

Hochedler Junker, sagte =Philippintje=, nachdem er geendigt und
zwischen beiden Personen eine erwartungsvolle Stille geherrscht hatte,
bedchtig, es gibt Dinge, die ich am Tage anders ansehe, als in der
Nacht. So geht es mir mit Euerer Geschichte von des Patrons
Glaubensvernderung, von =Cltjes= Nonnenschaft, von Euerer Verbrennung;
sie kommt mir vor wie ein Traum, und: Trume sind Schume, sagt ein
altes Sprchwort. Ich habe schwer und bse getrumt, aber ich bin nun
erwacht. Der alte =Tobias= mag wohl ein schlechter Christ seyn und mehr
am heidnischen Schiwa, als an der christlichen Liebe hngen, aber so arg
treibt er's doch nicht, da er ein Catholik geworden wre und den Herzog
von =Alba= wieder aus dem Grabe erwecken mchte, sammt der Inquisition
und ihren Blutgrueln. Davon hat mir mein =Balthasar= selig erzhlt, der
die Geschichte auf ein Haar wute. Nein! der gestrenge Patron
verabscheut vielmehr die Spagnolen, schon des Zuckers und Caffees, der
Muskaten und des Caneels halber, mit denen sie gern allein handeln
wollen. Ihr habt uns diese Nacht in der ersten Bestrzung einen
mchtigen Bren aufgebunden, mir und meiner =Cltje=: so gro, da sie
ihn gleich erkennen wird, wenn sie nur ihre Aeuglein aufthut!

Holland und England! fuhr =Cornelius= unbedacht heraus. Das ist ja
mein einziger Kummer. Glaubt Ihr, ich kenne =Clelia= nicht genug, um das
vorauszusehn?

Sndenlohn ist der Snden Schuld! versetzte das Mdchen, indem sie
mit groer Selbstzufriedenheit ber den bewiesenen Scharfsinn den Kopf
mit der langgehrten Spitzenhaube hin und herwiegte. Ihr httet Euch
auch selbst verrathen, wenn ich Euch nicht errathen htte. Ihr knnt
dergleichen Streiche im ersten Augenblick wohl unternehmen, aber Ihr
seyd nicht schlimm genug, sie durchzufhren. Ich war eine rechte Thrin,
Euren Spiegelfechtereien Glauben beizumessen; allein es reuet mich
nicht, denn es ist schon seit lange einer meiner innigsten Wnsche,
einmal in der Welt herumzufahren, und allerlei Schicksale und
Begebenheiten zu erleben. Aber =Cltje=? =Die= denkt nicht so, die wird
ein andres Stcklein anstimmen, das Euch widrig in die Ohren gellen und
Euer Mthchen gewaltig herabstimmen drfte!

Unvergleichliches =Philippintje=, da mt Ihr helfen! bat dringend
=Cornelius=. Euch verdankt sie das edle Gemth, die Schnheit und den
Verstand. Ihr vermgt Alles ber sie. Sucht sie bei dem Glauben an Herrn
=Tobias= tyrannische Absicht zu erhalten, malt ihr das Nonnenleben noch
weit entsetzlicher, als Ihr schon gethan habt, stellt ihr die Qual der
Verdammni vor --

Das thue ich nicht! entgegnete mit einem bsen Gesichte und
entschlossener Stimme =Philippintje=. Ueberhaupt, wenn Ihr auf dem
Lgenpfade fortschreiten wollt, so drft Ihr nicht darauf rechnen, mich
zur Reisegefhrtin zu besitzen.

Nicht bse, Engels-=Philippintje=, nicht bse! versetzte hchst
klglich der muthlos werdende Kriegsmann. Wenn Ihr mich verlat, so bin
ich ja von Allem verlassen, selbst von dem letzten Troste des armen
Snders, von der Hoffnung. Helft mir und rathet mir in dieser Sache und
ich schwre Euch, wenn Ihr es dahin bringt, da =Clelia= die meinige
wird, so soll es Euch nie fehlen an irgend Etwas Euer Lebelang, wir
wollen Euch hegen und pflegen, wie eine Mutter und Ihr sollt jhrlich
hundert Dukaten blos fr Euere Nebenausgaben haben.

Das war eine starke Versuchung fr =Philippintje=. Sie hatte im Hause
des Herrn =Tobias= Gelegenheit gehabt zu bemerken, da der geizige
Herr, seitdem sie in die Jahre getreten, wo ihr die huslichen Geschfte
nicht mehr so flink von der Hand gingen, wie frher, sie mit scheelem
Auge ansah, oft um Geringfgigkeiten Willen Ursache zum Streit mit ihr
suchte und sie in einer Weise ausschalt, aus der sie ersah, da sie ihm
lstig falle, sie hatte sogar aus seinem Munde hren mssen, da, wer
nicht arbeite, auch nicht des Brodes werth sey, das er esse. Diese
Hartherzigkeit, diese Undankbarkeit des alten =van Vlieten= erbitterte
sie auf's Aeuerste; sie sah von diesem Augenblicke Alles, was er that,
in einem schwarzen Lichte an. Seine Abgeneigtheit, den Domine zu
bewirthen, galt ihr fr Mangel an Christenthum, seine Liebhaberei am
Schiwa war ihr ein Beweis, da er im Heidenlande, wie sie Ostindien
nannte, auch heidnische Gesinnungen angenommen habe. Sie war in ihrer
durch =Tobias= selbst fortgenhrten Erbitterung geneigt geworden, das
Entsetzlichste von ihm zu glauben. Deshalb ging sie so leicht in die von
=Cornelius= gestellte Falle, deshalb wirkte sie bereilt zu einem
Unternehmen mit, dessen Bewegungsgrnde ihr, sobald ihr Gemth Zeit zu
Ruhe und Nachdenken fand, als Tuschungen, als Ausgeburten der
Unbesonnenheit und des Leichtsinnes erscheinen muten. Sie durfte nicht
hoffen, bei einer etwaigen Rckkehr in =Cleliens= Vaterhaus, von dem
Prinzipal entschuldigt und wieder in Gnaden angenommen zu werden. Im
Gegentheile stand zu erwarten, da Herr =Tobias= in ihr die Verbndete
des Junkers =Cornelius= sehen, seinem langgenhrten Grolle Luft machen
und ihr den oft in unzweideutigen Ausdrcken gedroheten Abschied
ertheilen wrde. Nun kam des jungen =van Daalen=, gegen jede Noth des
Alters schtzender Antrag und mit ihm eine Gelegenheit, deren
Frauenzimmer in =Philippintje's= Jahren sich so gern bemchtigen,
nmlich =die=, eine Heirath stiften zu knnen, und dabei noch die
Aussicht, an dem filzigen =Tobias= Rache zu nehmen -- =Philippintje=
widerstand nicht lnger, aber sicher wollte sie sich setzen und nicht
einem bloen Versprechen das Glck ihrer Zukunft, das vielleicht nie
wieder so lockend sich bieten wrde anheimstellen.

Was Ihr mir da sagt, ist wohl recht schn und gut, hochedler Junker!
hob sie mit angenommener Gleichgltigkeit an, aber nehmt mir's nicht
bel, wer kann Euch trauen? Habt Ihr Euch kein Gewissen daraus gemacht,
mich und auch gar Euere Herzliebste bei Nacht hinter der Wahrheit
herumzufhren, so werdet Ihr es bei Tage ebensowenig thun. Ich wei
recht gut, Ihr seyd ein reicher Erbe, Euer Vater ist ein dicker Herr in
der guten Stadt =Rotterdam= und es wird dermaleinst nicht viel fr Euch
seyn, jhrlich einhundert Dukaten einem armen Mdchen hinzuwerfen, das
sie wohl durch vielfache Sorgen und Nachtwachen bei dem lieben =Cltje=
verdient hat. Aber wer verbrgt mir Euer Wort? Wit Ihr was, Herr
=Cornelius=, gebt mir's schriftlich und dann will ich sehn, was ich bei
=Cltje= thun kann. Mit einem solchen Papier in der Tasche hat man
gleich mehr Muth, der Verstand schrft sich und man wei fr jeden
Nothfall eine gute Aushlfe!

Nassau und Oranien, Ihr traut meinem Worte nicht? entgegnete mit
einiger Heftigkeit =Cornelius=. Dann aber fuhr er lachend und indem er
sich eines Gefhles von Beschmung nicht ganz erwehren konnte, fort.
Aber ich kann es Euch nicht verdenken. Ich habe es danach getrieben,
da Ihr mich mehr fr einen Wortmacher, als einen Worthalter ansehn
mt. Ich will Euere gute Meinung wieder gewinnen. Gleich stelle ich
Euch die Schrift aus, die Ihr verlangt, aber, sowahr ich =Clelia= mehr
als Alles liebe, fr diesen Fall httet Ihr keiner anderen Versicherung
bedurft, als meines Wortes.

Besser ist besser! sagte =Philippintje= mit zweifelhaftem
Kopfschtteln fr sich, whrend =Cornelius= hastig nach dem Tische des
Steuermannes schritt, auf dem sich Papier und Schreibzeug befand. Von
diesem Augenblicke sah die Hausjungfer des jungen Mannes Angelegenheit
fr ihre eigene an. Sie berlegte hin und her, auf welchem Wege sie am
besten ihr =Cltje= zu milden Gesinnungen fr den unbesonnenen
Kriegsmann aus dem Unwillen berleiten knne, der das liebe Kind
sicherlich beim Erwachen ergreifen wrde, wie sie die Besnftigte dann
weiter zur Fortsetzung der Reise, zu dem Besuche bei der Muhme =Jacobea=
bewegen mge, damit der alte =Tobias= nicht, noch etwa vor dem
geschlossenen Bunde, seine scheidende Vaterhand zwischen den Junker und
=Cltje= hinstrecken knne. Eben als =Cornelius= herbeitrat und ihr das
gewnschte Papier berreichte, glaubte sie die rechte Art und Weise
gefunden zu haben.

Lat mich nur machen! sprach sie in dem Tone des nun herrschenden
traulichen Einverstndnisses. Der alte Heide =Tobias= soll Euern
Herzenswnschen nicht entgegentreten und =Cltje= selbst wird gern =ja=
sagen, wenn ich mit ihr geredet habe. Htet Euch nur vor ihr Angesicht
zu treten, bis ich Euch einen Wink gebe. Beruhigt Euch: Es wird Alles
gut gehn.

=Philippintje= verbarg die erhaltene Verschreibung im tiefsten Grunde
der groen Ledertasche, die sie unter der Schrze, an ihrem Leibe trug.
Dann trippelte sie fort, die kleine Treppe hinab, welche zu =Cleliens=
Aufenthalte fhrte.

Die Ufer des Flues, den die =Syrene=, von schwellenden Segeln rasch
fortbewegt, hinauffuhr, erweiterten sich. Die zierlichen, roth und wei
gemalten Landhuser mit den freundlichen, hellgrnen Laden und Thren,
wurden seltener und sahen nur noch aus der Ferne herber. Man nherte
sich der Gegend, wo die =Maas=, mit einem Arme der =Schelde= und mehrern
andern Gewssern vereinigt, eine Art von See bildet, in dessen
Mittelpunkt man, wie auf offenem Meere, keine Kste mehr erblickt. Die
Barke kam jetzt, obgleich die Zugpferde ausgespannt wurden, noch
schneller vorwrts, als bisher, da der Richtung ihres Laufes die
eintretenden Strmungen anderer Gewsser Hlfe leisteten. Die
Schiffenden sahen bald den weiten Spiegel vor sich liegen. Viele Segel
waren in der Nhe und Ferne zu erblicken.

Da trat mit einer ernstern Miene, als gewhnlich, der Capitn zu seinem
Freunde:

Hre einmal, Landlufer, sagte er, du hast oft genug zu thun gehabt
mit den Franzosen auf festem Grunde und Boden, jetzt kann dir
desgleichen mit ihnen oder den Spagnolen auf dem beweglichen Wasser
begegnen. Die welschen Seehunde sind frech und bermthig geworden. Sie
wagen sich in Schaluppen und selbst in Schoonern in die Flumndungen
hinein, um im Innern des Landes den Handel zu stren und Beute zu
machen. Ich stehe dir nicht dafr, da so ein naseweiser Franzose oder
ein hochmthiger =Don= uns nicht in den Weg kommt und wir einen Strau
mit ihm auszufechten haben, den man hren wird von =Dortrecht= bis
=Antwerpen=. Dafr ist meine sonst friedfertige =Syrene= mit Bllern
gerstet, mit Schiegewehr und Pulver wohl versehen. Sie sollen nur
kommen! Capitn =Jansen= hat nicht umsonst unter =Ruyter= und =de Witte=
seine Lehrjahre gemacht.

Mein Degen soll an den Galgen gehngt werden, wenn er ihnen nicht die
Wege weist auf gut oranisch! rief sehr lebhaft =Cornelius=, indem die
Aussicht auf ein kriegerisches Unternehmen ihn einige Augenblicke die
Sorge fr =Clelien= vergessen lie. Gleich darauf setzte er jedoch
bedchtig hinzu, aber meine Schwester -- wie wird es ihr ergehen,
welche Lage fr das Mdchen --

Pah! fiel =Jansen= mit einem rauhen Gelchter ein. Wenn du besorgt
bist um ihretwillen, so wirst du nur desto besser fechten, und was sie
betrifft, so mag sie's mit meiner Frau halten, die bei solchen Tnzen
nicht auf dem Verdeck fehlt und ihren Bller so schugerecht abfeuert,
wie ein gelernter Canonier. Potz Bramsegel und Fockmast! Es ist nicht
das erstemal, da sie dabei ist. Du solltest sie nur sehen, mit welcher
Geschwindigkeit sie ladet, zielt, die Lunte einschlgt und immer dem
Schiff in die Weichen trifft, da es eine Freude ist. Ja, sie ist
geboren zu eines Seemanns Frau, die =Beckje=! Und wie es auch drunter
und drber geht, wie die Kugeln ber das Schiff schwirren und die
Enterhaken der Feinde durch den Dampf herberglnzen, so schweigt keinen
Augenblick ihr Spottlied:

    Die Geusen wollen jagen
    Auf den hispan'schen Don,
    Doch wo sie nach ihm fragen,
    Lief er schon lngst davon!

Das ist ganz vortrefflich von der =Beckje=, erwiederte gedehnt der
Junker =van Daalen=, und es wrde =mir= allerdings eine groe Freude
seyn, sie in ihrer kriegerischen Thtigkeit zu bewundern, aber meiner
Schwester wegen, die keine solche Heldin ist, wre es mir doch lieber,
du setztest uns in =Dortrecht= oder, wo es sich sonst gut thun lt,
an's Land!

Ich glaube gar, du frchtest dich? versetzte mit einem Anfluge von
Spott der Schiffscapitn. Du mut aber nun schon aushalten, bis wir in
den Haven von =Antwerpen= einlaufen, denn gerade an den Ksten wimmelt
es von feindlichen Kreuzern in einer Menge, der ich nicht gewachsen bin.
Halte dich nur ruhig im untern Raum, wenn's drauf und dran geht,
=Beckje= wird dich schtzen.

Hlle und =Marlborough!= fuhr =Cornelius= wild auf und eine dunkele
Gluth berzog sein Antlitz. Htte mir ein anderer, als du das gesagt,
=Jansen=, so mte er den Schandflecken mit seinem Blute mir abwaschen.
So aber wei ich, da du nur scherzest, denn du kennst recht wohl die
Bedeutung dieser goldenen Ehrenkette, die mir der ruhmwrdige Knig
=Wilhelm= eigenhndig angelegt. Ich habe die Sache nun auch schon besser
berlegt und denke nicht mehr daran, mich mit den Weibern auszuschiffen.
La sie nur kommen und du sollst sehen, da ein Landlufer, wie du mich
zu nennen beliebst, mit Gescho und Degen so gut umzugehen versteht, wie
eine Wassermaus!

=Jansen= schttelte lchelnd seinem Freunde die Hand.

Nimm's nicht bel, Bruderherz! sagte er gutmthig. Aber, du mut uns
Seeleuten schon die Eigenheit hingehen lassen, da wir gern Euch
Landhelden ein Wenig aufziehn. Die Geusen haben Holland frei gemacht und
deshalb steht ihnen auch wohl eher ein Wort frei, als andern. Unsere
=Tromp=, =Ruyter= und =de Witte= beherrschten das weite Weltmeer,
whrend ihr Mhe hattet, die Grenze zu behaupten.

Freilich, entgegnete =Cornelius= in einem angenommenen Tone eben
solcher Gutmthigkeit, haben die =Wilhelme= und =Moritz von Oranien=
nichts gethan, dem alten =Ouwerkerk= ist der Degen in der Scheide
festgefroren und ihr habt den Franzosen =Jean de Baert= allenthalben
geschlagen, wo er euch aufgestoen.

Der letzte Scherz war zu beiend, als da =Jansen= ihn ruhig ertragen
konnte. Er schleuderte die Hand des Freundes, die er ergriffen hatte,
fort und ging, ein Wort des Unwillens in sich hineinmurmelnd, nach dem
hintern Verdeck.

Die Barke schwebte jetzt zwischen zwei der Inseln hin, die da, wo =Maas=
und =Waal= unter dem Namen der =Merwe= vereinigt flieen, sich bilden.
Die Ufer der Inseln bestanden aus hohen Bollwerken von Pfhlen und
Zweiggeflechten, die den sandigen Boden gegen den Andrang der Wellen
schtzten. Fernher sah aus Wiesen und Gebschen ein freundliches
Bauernhaus oder eine strohbedeckte Fischerhtte. Noch einmal stieg in
=Cornelius= Seele der Gedanke auf, ob nicht Pflicht und Gewissen von ihm
forderten, die Tochter des Herrn =van Vlieten= zu einem Orte zu fhren,
wo sie den Beunruhigungen des Krieges nicht ausgesetzt war, aber auch
nur zu leicht wieder sich aus seiner Nhe entfernen und ins Vaterhaus
zurckkehren konnte. Nein, nein! rief da mit Allgewalt die Stimme der
Leidenschaft in der Brust des jungen Abentheurers. So verliere ich sie
gewi, und auf dem Wege, der durch Kampf und Gefahren fhrt, kann ich
sie mir gewinnen. Wenn sie mich als Sieger, als den Retter ihres Lebens
vor sich sieht, wenn sie erkennt, da niemand sie treuer und muthiger zu
schtzen vermag ihr Lebelang, als =Cornelius van Daalen=; dann mu sie
mir die thrigte Uebereilung verzeihen, dann mu sie die Meinige werden,
dann wird sie auch der frsprechenden =Philippintje= nicht widerstehn!

Seine ganze Phantasie erfllte sich jetzt mit Bildern des Kriegs und
blutiger Kmpfe. Er schritt das Verdeck auf und nieder, musterte die
vorhandenen Waffen und den Munitionsvorrath. Die Barke war ungewhnlich
stark bemannt, wahrscheinlich um den drohenden Kriegsgefahren im
Nothfalle begegnen zu knnen! =Cornelius= zhlte an zwanzig Mnner, alle
von krftigem Krperbau, mit verwegenen Gesichtern, die da sagten, da
sie nicht allein mit Segel- und Tauwerk, sondern auch, wenn es gelte,
mit Feuergewehr und Sbel, mit Enterbeil und Enterhaken umzugehen
verstnden. Viele von ihnen trugen in tiefen, vernarbten Einschnitten
die Bilder von Galgen und Rad auf dem gebrunten Antlitze, Spuren von
Zwistigkeiten, die sie mit ihren Cameraden gehabt hatten und die, nach
der unter dem hollndischen gemeinen Volke beliebten Weise mit der
Spitze des Messers ausgemacht worden waren. Dennoch herrschte unter dem
rohen Haufen die grte Ruhe und Ordnung, der strengste Gehorsam.
=Jansens= riesenkrftige Gestalt, die Bestimmtheit und der Ernst, mit
denen er seine Befehle ertheilte, schienen den besten Eindruck zu machen
und jeden Ausbruch roher Heftigkeit in den nthigen Schranken zu
halten.

Indessen war =Philippintje= voll zweifelhafter Erwartung auf den Ausgang
des Unternehmens, dessen Mitgenossin sie geworden, in das Innere der
Cajte getreten. Hier sa =Clelia= schon erwacht und aufrecht auf dem
Ruhebette, sie sah still und ernst vor sich hin, sie schien in einer
wichtigen Ueberlegung begriffen.

=Philippintje=, redete sie die Eintretende mit grerer Fassung an,
als diese vermuthete, wir sind beide grausam getuscht worden. Man hat
meine Unerfahrenheit, man hat eine Schwachheit von mir benutzt, mich zu
einem groen Vergehen gegen meinen Vater zu verleiten. Als ich erwachte,
wute ich nicht, wo ich mich befand und es war mir Alles wie im Traume.
Jetzt aber ist meine Besinnung zurckgekehrt, ich kenne die Schlingen,
in welche man dich und mich verlockt hat, und die kindliche Pflicht
erfordert von mir, mich ihnen zu entreien.

Gewilich sind wir bel daran, erwiederte die Hausjungfer, welche fr
diese Anrede schon ihre Antwort in Bereitschaft hatte, aber was knnen
wir Anderes, was knnen wir Besseres thun, als uns vor der Hand in unser
Schicksal ergeben und die Muhme =Jacobea= besuchen, wo wir Rath, Hlfe
und Frsprache bei dem Vater hoffen drfen?

Nimmermehr! versetzte eifrig =Clelia=. Wir mssen umkehren mit der
ersten Gelegenheit, wir mssen in's Vaterhaus zurck, dort Alles
gestehen und die Verzeihung des schwer beleidigten Mannes erflehen.
Oder, =Philippintje=, ahnest du vielleicht noch nicht einmal, welches
ruchlose Spiel man mit uns getrieben hat, mu ich dir erst Alles
erzhlen und erklren, meine eigene Thorheit und unglckliche
Geistesschwachheit --

Nein, nein! unterbrach sie im klglichen Tone =Philippintje=. Ich
wei Alles, der unglckliche junge Mann hat mir Alles entdeckt. Ach, es
steht bel mit ihm! Er ist sehr zu beklagen. Ich frchte fr sein Leben,
fr sein irdisches und sein himmlisches Heil.

Diese rthselhaften, auf irgend ein dem Junker =van Daalen=
bevorstehendes Unglck deutenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht.
=Clelia= erblate. Die Liebe, die sie fr den unbesonnenen Jngling
empfand, berwog in diesem Augenblicke ihren Unwillen. Sie war in
Verlegenheit, sie wute nicht, wie sie, ohne ihre gtigeren Gesinnungen
zu verrathen, eine weitere Erkundigung einleiten sollte. Endlich, nach
einer ziemlich langen Pause, die =Philippintje= ruhig abwartete, sagte
sie mit erknstelter Klte:

Von wem sprichst du, =Philippintje=? Wer ist der Unglckliche, fr
dessen Leben du frchtest?

Wer anders, als Junker =Cornelius van Daalen=; antwortete tief
aufseufzend des jungen Mannes Verbndete. Du kannst dir nicht denken,
Kind, fuhr sie fort, in welchem entsetzlichen Zustande er heute
Morgens zu mir kam! >=Philippintje=,< sagte er zu mir, und die Thrnen
standen ihm dabei in den schnen blauen Augen, >um mein Glck ist's
geschehen! Die himmlische =Cltje= habe ich zu schwer beleidigt und sie
kann mir nicht verzeihen. Ich war verblendet, ich war auer mir, als ich
ihr Dinge vorschwatzte, die sie, sobald sie erwacht, fr thrigte und
strafbare Vorspiegelungen erkennen mu. Sie wird mich einen Betrger
schelten, sie wird den heftigsten Unwillen auf mich werfen, mir ihre
Liebe entziehen und das berlebe ich nicht.< Bei diesen Worten sah er
mit einem so sonderbaren Ausdruck in seinen Gesichtszgen hinab in die
Wellen, die an die Seitenwand des Schiffes schlugen, da mir angst und
bange wurde, er wolle sich im Augenblicke ins Wasser strzen. Ich hielt
ihn mit beiden Hnden fest, ich ermahnte ihn sein Seelenheil zu
bedenken, als ein guter wallonischer Christ. >Was hilft mir Alles,<
rief er da mit einer wahrhaft verzweiflungsvollen Stimme aus, >wenn
=Cltje= nicht die Meinige wird, in deren Besitz ich allein mein Heil
suche? Die Liebe zu ihr macht mich unglcklich, denn ich habe sie nicht
aus Bosheit, sondern aus bergroer Liebe beleidigt. Als ich in dem
=Schiwa= steckte und des alten Herrn =Tobias= Schreckensworte hrte,
mit denen er meinem Vater erklrte, da ich nun und nimmermehr mir
Rechnung auf die Hand seiner Tochter machen drfte, da war es, als
ergriff mich ein hllischer Geist und umnebelte meine Sinne. Der Gedanke
sie zu verlieren, erfllte mich mit Verzweiflung. Ich wute nicht, was
ich sagte. Nur Eins stand fest vor meiner Seele, da ich ohne =Cltje=
nicht leben knne, da ich sie mir erringen msse auf jeglichem Wege und
um jeglichen Preis. Ach, wie tuschte ich mich, indem ich auch sie
tuschte! Ich dachte nur an den nchsten Augenblick, nicht an die
fernere Zukunft. Erst als der Morgen kam, als die Vaterstadt schon weit
hinter uns lag, als ich ruhiger ward, sah ich mein Vergehen ein,
berzeugte ich mich, da sie die Tuschung erkennen und mich dann --<
er wurde ganz bla bei den Worten -- >aus ihrer Nhe verbannen wrde.
Das ertrage ich nicht, =Philippintje=! Wo das Wasser am Tiefsten ist, da
ist es nicht zu tief fr die verzweifelte Liebe.< Er machte wieder eine
heftige Bewegung nach den unten strmenden Wellen hin. Als ich ihm nun
aber recht freundlich zusprach und ihm die Versicherung gab, da du,
mein =Cltje=, nicht unvershnlich seyn, da du gewi verzeihen wrdest
in einer Sache, von der du selbst die Hauptschuld trgest, da
verminderte sich sein entsetzliches Jammern und er berlie sich nur
noch einem stillen ruhigen Schmerze. Er sitzt da, wie ein blaes Bild
der Reue und des Kummers. Er spricht nichts und bewegt sich nicht. Sein
Freund, der Capitn, wei nicht, was er aus ihm machen soll, und selbst
die rohen Matrosen betrachten ihn mit Bedauern. Du solltest ihn nur
sehen, =Cltje=! Sein betrblicher Anblick wrde dir gewi zu Herzen
gehen, besonders da du die einzige Ursache seines Unglcks bist.

Wie kannst du nur so sprechen? versetzte mit einem Tone, in den sich
Theilnahme und Unwille mischten, =Clelia=. Habe ich ihn durch irgend
Etwas zu der Meinung berechtigt, ich wrde mich aus freien Stcken einer
Betrgerei hingeben, die mich aus dem Vaterhause entfernt? Sage selbst,
=Philippintje=, hat er nicht ganz abscheulich an mir gehandelt, indem er
mich durch eine Unwahrheit dazu brachte, gleich einer verlaufenen Dirne
mit ihm in die Welt zu gehen?

Ewiger Herr! entgegnete die Hausjungfer und verdrehete die kleinen
grauen Augen: wie kann man nur so scharfsichtig und dabei so ganz
entsetzlich bld seyn, da man das Staubsplitterchen im Auge des
Nchsten und den baumlangen Balken im eigenen nicht bemerkt? O,
=Cltje=, meinst du denn, man knne Unkraut sen und Waizen erndten?
Hast du der Lehre des Domine vergessen, die da sagt: thuet Gutes Denen,
die Euch Uebles gethan haben, denn die Rache ist mein, spricht der Herr!
Und =Cltje=, wie kannst du dich nur rein waschen in dieser Sache? Wer
lie den Junker bei Nacht und Nebel ein durch die Hinterthre des Hauses
zur heimlichen Zusammenkunft? Hierin liegt der Grund alles Uebels. Ein
Mdchen, das ein Mannsbild und noch dazu einen gewesenen Kriegsmann auf
solche Weise bei sich sieht, ist an Allem schuld, was ihr nachher
begegnen kann, und darf sich ber nichts beklagen. Das mu ich besser
wissen, wie du, denn ich bin ein Paar Jahre lter und habe auch meine
Erfahrungen. Durch dich ist der Junker in's Haus gekommen, durch dich in
den =Schiwa=, durch dich ist er Zeuge geworden von dem Streite der
beiden Vter. So warst du die Ursache, da er in Verzweiflung ber
deinen bevorstehenden Verlust gerieth, da er in seiner entsetzlichen
Lage nach dem einzigen Mittel griff, das ihm sein =Cltje= zu erhalten
schien, da er in seiner Verblendung blieb bis an den heutigen Morgen,
wo ihn nun die Reue und die Furcht ergriffen haben und er nahe daran
steht, sich ein Leids zu thun. Der arme Mensch! Er wird sicherlich das
Opfer seiner Liebe, wenn du ihm nicht durch einen freundlichen Blick
neue Hoffnung und neue Lust am Leben einflest.

Wir sehen, da =Cornelius= an =Philippintje= eine ebenso treue, als
eifrige Bundesgenossin gewonnen hatte. Je lnger das alternde Mdchen
die Aussicht auf die jhrliche Pension von einhundert Dukaten
betrachtete, desto gerechter schien ihr des Junkers Sache. Sie fing erst
an, mit allem ihr zu Gebote stehenden Scharfsinne Entschuldigungsgrnde
fr sein Verfahren aufzusuchen. Kaum hatte sie einige derselben, mochten
sie auch noch so unhaltbar seyn, gefunden, so glaubte sie auch schon
daran und war bereit, ihre Aechtheit und Wahrheit gegen jedermnniglich
in Schutz zu nehmen. In der Weise, von der wir ein Prbchen gehrt
haben, sprach sie noch lange auf =Cltje= ein und es gelang ihr
wirklich, dieser einen Theil ihrer Ansichten aufzudringen. Wie gern
nimmt die Liebe selbst das Unwahrscheinlichste an, was den geliebten
Gegenstand von Vorwrfen zu reinigen vermag, deren Begrndetheit sich
trennend zwischen die zwei Herzen stellen mte!

Als =Philippintje= bemerkte, da ihr =Cltje= sich immer mehr der
Neigung zum Verzeihen berlasse und nur noch durch die Gedanken an den
Zorn des Vaters und an das Gerede unter den Verwandten und Bekannten
daheim zu =Rotterdam=, hauptschlich beunruhigt werde, ging sie in
einen andern Ton ber und sagte scherzhaft:

Was ist es denn auch Schlimmes um eine Spazierfahrt mit einer ltern
Freundin und dem Brutigam, der schon vor aller Welt als solcher genannt
und bekannt ist? Wer wei, da die Vter sich entzweit haben am Abend
vor der Abreise? Jetzt nach der Abreise werden die beiden Alten wohl so
gescheut seyn, und Niemanden etwas davon sagen! Und ein Mittelchen gibt
es, das macht Alles wieder gut, Herzenskind. La den Brautstand aufhren
und den Hausstand anfangen! Bei der Muhme =Jacobea= ist gut seyn und des
Vaters Schwester kann wohl Vaters Stelle vertreten und an seiner Statt
das Jawort geben, wenn der Domine es verlangt, um Euere Hnde segnend in
einander zu fgen!

Nimmermehr! fiel =Clelia= heftig und errthend ein. Ohne des Vaters
Einwilligung, ohne seine Verzeihung thue ich nie diesen Schritt, und ich
kann nicht begreifen, wie du, die immer von ihrer mtterlichen Liebe zu
mir spricht, mir dazu rathen kannst?

Recht, Kind, ganz Recht! versetzte einlenkend =Philippintje=, die noch
zur rechten Zeit einsah, da sie zu weit gegangen war. Ich wollte dich
nur auf die Probe stellen. Ohne des Vaters Jawort drfen wir freilich
den Domine nicht kommen lassen. Aber das wird sich Alles zusammenfinden
ohne Anstand und Hinderni, wenn wir einmal bei der Muhme sind. Jungfrau
=Jacobea= mu dem wohledeln Herrn einen rhrenden Brief schreiben,
Junker =Cornelius= einen noch rhrendern und du machst auch deinen
kindlichen Schnrkel dran. =Dem= kann der Alte nicht widerstehn und wenn
ihm der =Schiwa= auch noch so heidnische und gottlose Gedanken eingbe!
Und was kann er denn Besseres verlangen fr seine =Cltje=, als den Sohn
des Mannes, der nchst ihm der dickste ist im guten =Rotterdam=? Mein
Himmel, auf zwei Finger breit dicker oder dnner kommt es nicht an vor
dem Auge unseres Herrgottes und wenn er recht drein sieht, so sind wir
Erdenwrmer alle so dick oder so dnn, einer wie der andere. Das sage
ich dir, =Cltje=, unter die Haube mut du mir, ehe wir wieder nach
=Rotterdam= hineinkommen, als Frau =van Daalen= mut du in den Haven
einlaufen, oder sonst thue ich =mir= ein Leids an, denn das Gerede, was
auerdem entstnde, brchte mich doch ums Leben in den ersten
vierundzwanzig Stunden. Das Entsetzlichste aber ist dir noch gar nicht
eingefallen: die Kirchenbue an der Kirchthre, die der Domine zu deiner
ewigen Schande ber dich verhngen wird.

Dieser Schlag traf. =Clelia= erwiederte nichts. Sie seufzte und stand
auf. Die Besorgnisse, welche ihr =Philippintje's= Bericht von dem
verzweiflungsvollen Zustande ihres Geliebten, beigebracht hatte, lieen
ihr keine Ruhe. Sie stieg die Treppe hinauf, die nach dem Verdecke
fhrte. Hier wollte sie, wenn =Cornelius= nun als ein rechtes Bild des
Jammers und der Reue vor ihr stnde, durch einen trstlichen Blick,
durch ein friedliches, wenn auch nicht freundliches Wort ihn erheben.
=Philippintje= folgte ihr. Auf dem kurzen Wege, den sie zu machen hatte,
stellten sich ihrer einmal aufgeregten Einbildungskraft alle
schrecklichen Entschlsse in ihrer Ausfhrung dar, zu denen die
Verzweiflung den beklagenswerthen Jngling bewegen knne. Sie betrat in
groer Bengstigung das Verdeck. Ihre Blicke flogen nach allen Seiten
hin, um sich zu berzeugen, da er noch da, da er noch am Leben sey und
nicht bereits nach dem letzten Hlfsmittel der Verzweiflung gegriffen
habe. Siehe! da stand er frisch und frhlich an der rauchenden Oeffnung,
die der Kche zum Schornsteine diente und rief eben mit heller, heitrer
Stimme hinab:

Macht, da bald angerichtet wird, Frau =Beckje=, denn ich habe ganz
entsetzlichen Hunger!

Ein bitteres Lcheln zeigte sich in =Clelia's= Antlitz. Sie wandte sich
mit einer Gebehrde des Unwillens ab und schritt nach dem Vordertheile
hin.

Er redet irre, der arme Mensch! sagte =Philippintje= in tdlicher
Verlegenheit. =Clelia= fhlte sich tief gekrnkt. Sie lie die herben
Empfindungen, welche ihre Seele ergriffen hatten, nicht laut werden;
aber um Thrnen zu verbergen, die in ihr Auge aufstiegen, trat sie
dicht an das Bordgelnder und sah hinab in die treibenden Wellen. Wie
ganz anders hatte sie erwartet den Geliebten zu finden! Er konnte
scherzen, er konnte, was noch weit schlimmer war, einen gewhnlichen,
gemeinen Hunger empfinden, whrend sie aus Liebe zu ihm, aus qulender
Angst um sein Wohlergehn, um sein Leben, die Mahnungen der
Kindespflicht, den gerechten Unwillen ber seine Tuschung, bekmpft und
zurckgewiesen hatte. Das war zu arg! Einem solchen Leichtsinne konnte
keine wahre Reue zugetraut werden. =Clelia= stand auf dem Punkte, wieder
zu allen Ansichten und Vorstzen zurckzukehren, die sie vor
=Philippintje's= wirkungsreichen Ermahnungen gehegt hatte.

Da fhlte sie sich leise am Kleide gezupft. Sie sah sich um und
erblickte =Philippintje=, neben dieser mit einem wahren armen
Sndergesichte den Junker =Cornelius=. So wie er jetzt vor ihr dastand,
schien er nichts weniger, als von einem unwiderstehlichen, nagenden
Appetit geqult zu werden, und wirklich hatte er auch, sobald die
Hausjungfer ihn auf die Gegenwart der Geliebten aufmerksam gemacht,
sobald er diese in nachdenklicher Stellung, mit allen ersichtlichen
Zeichen des Unwillens, am Vorsteven erblickt, in einem Augenblicke alle
Sehnsucht nach Backobst und Pkelfleisch verloren, seine ganze
Sndenschuld war ihm schwer auf das Gewissen gefallen und er trat nun
vor =Clelia= mit den Gefhlen eines Delinquenten hin, der vor dem
peinlichen Halsrichter erscheint, um den Ausspruch ber Leben oder Tod
zu vernehmen. Er stand in erwartungsvollem Schweigen. Er wagte nicht,
die Blicke zu der schwer Beleidigten zu erheben. Alle Zeichen, die
=Philippintje= gab, er mge die drckende Stille unterbrechen, gingen an
ihm verloren. =Clelia= aber wurde durch den Zustand, in dem sie ihn
jetzt sah, um Vieles besnftigt. Die Nachtwache, die peinigenden Zweifel
ber die Art und Weise, wie die Geliebte ihm nach ihrem Erwachen
begegnen wrde, hatten seinem Angesichte ihre Spuren eingeprgt, so da
es eine ungewhnliche Blsse und Eingefallenheit zeigte. =Clelia=
konnte sich, als sie dieses bemerkte, einer mitleidigen Regung nicht
erwehren. =Philippintje's= Hindeutungen, da sie doch eigentlich die
Schuld des ganzen seltsamen Verhltnisses trage, indem sie die Hand zu
der heimlichen Zusammenkunft geboten, kamen ihr wieder in den Sinn und
stellten sich ihr als wohlbegrndete Vorwrfe dar. Sie wurde jetzt
beinahe ebenso verlegen, wie =Cornelius=. Sie htte gern das Gesprch
erffnet, aber sie vermochte, wie sehr sie auch darauf sann, keinen
schicklichen Eingang zu finden. Die ltere Freundin ahnete jetzt, welche
Vernderung in den letzten Augenblicken in ihr vorgegangen sey und
beschlo die gnstige Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehn zu lassen.
Sie ergriff des Mdchens Hand und sagte in einem Tone, dem sie die
mglichste Feierlichkeit zu geben suchte:

=Cltje, Cltje!= Blick um dich! Nichts wie Himmel und Wasser und das
letzte Stckchen Landes verschwindet eben dort hinten, wie ein grauer
Flor. Das Wasser unter uns ist der Tod, der uns in jedem Augenblicke
verschlingen kann; im Himmel ber uns aber ist Einer, der da gebietet,
da wir den Zorn nicht in uns aufkommen lassen, den Ha nicht in uns
nhren sollen. Wenn nun jetzt die Wellen, die gierig nach uns
heraufschnappen, pltzlich das Schiff hinunterschlucken mit Mann und
Maus und du im Unfrieden strbest, mit einem unvershnlichen Gemthe
gegen den Junker, der es doch wahrlich nicht bse gemeint? Oder willst
du warten bis zum letzten Augenblicke und meinst du, da dann noch Zeit
genug brig wre, ein Wrtchen der Verzeihung auszusprechen, mit welchem
auf der Lippe man ruhig von hinnen fahren knne aus diesem irdischen
Jammerthale? Glaube Das nicht, =Cltje=! Noth und Todt liegen so nahe
zusammen, da sie mit einander wechseln knnen, ehe die Hand sich wendet
und wenn du dann denjenigen, dem du hartnckig die Vershnung versagt,
vor dir erblicken mtest bleich und leblos, mit gebrochenen Augen, die
dich nie mehr liebevoll anschauen, mit blassen Lippen, die nimmer mehr
ein freundliches Wort zu dir sprechen knnten, dann wre es zu spt,
dann wrde sich die Reue vergebens in deinem Herzen erheben, dann
wrdest du umsonst den armen Junker =Cornelius= zurckrufen, ihn
trsten, ihm verzeihen wollen --

Jetzt hatte Jungfrau =Philippintje= den Hhepunkt ihrer Beredsamkeit
erreicht. Weiter konnte sie nicht. Sie fing an sich zu verwirren, zu
stottern; aber sie durfte sich auch bereits des glnzendsten Erfolgs
erfreuen. =Clelia= reichte in Thrnen schwimmend dem entzckten
=Cornelius= die Vershnungshand. Ihre Einbildungskraft hatte ihr Alles
in tuschenden Vorspieglungen gezeigt, was =Philippintje= mit Worten
dargestellt. Sie sah =Cornelius= als eine Leiche im Sarge liegen, mit
dem weien Todtentalare bekleidet, wie sie bei der Leichenausstellung
des letztverstorbenen hochmgenden Herrn Brgermeisters von =Rotterdam=
diesen gesehen; auf dem Sarge fand sich eine Inschrift in groen
silbernen Buchstaben, die den Namen, Stand und Alter des Todten besagte.
Ihre Phantasie ging noch weiter, als =Philippintje's= Darstellung. Sie
sah, wie der Todte sich im Sarge aufrichtete, wie die Augenlieder sich
ffneten, die gebrochenen Blicke sie vorwurfsvoll anstarrten, pltzlich
die rechte Hand sich drohend erhob -- da war es um ihren Trotz
geschehen, sie mute in Thrnen zerflieen, sie mute verzeihend dem
nchsten Augenblicke zuvorkommen, der ja das Entsetzlichste bringen
konnte.

Nach diesem ersten vershnenden Schritte, hatte die weitere
Verstndigung zwischen den Liebenden ihren ungestrten Fortgang.
=Cornelius= war auer sich vor Freude. Er bauete tausend Luftschler
in die Zukunft hinein, von denen immer eins unhaltbarer war, als das
andere. =Clelia= aber gefiel sich sehr darin, sein Feuer durch altkluge
Ermahnungen zu dmpfen, indem sie ihm auseinandersetzte, auf welche
Weise sie, nachdem sie bei der Muhme glcklich angekommen wren, sich um
die Einwilligung des Vaters bemhen mten, ohne welche sie durchaus
nicht die seinige werden knne. So machte sie den von =Philippintje=
ausgedachten Plan zu dem ihrigen, whrend die Hausjungfer
seelenvergngt ber die gnstigen Aussichten, die sich ihrer Zukunft
erffneten, nach dem Steuerbord trippelte, damit die beiden jungen Leute
sich selbst berlassen blieben und auch noch den letzten Groll vom
Herzen kosen mchten. Sie war so froh bewegt, da sie ein Glas Genever,
welches ihr der Bootsmann zutrank, dankbar annahm und indem sie auf
gutes Gedeihen des begonnenen Werkes nur nippen wollte, zum Erstaunen
des Darbringenden auf einen Zug leerte. Dann setzte sie sich still auf
die Schiffsbank und fiel bald in einen sanften Schlummer.

Die Barke wurde auf dem weiten Wasserspiegel von gnstigen Winden so
rasch vorwrts getragen, als schwebe sie auf offener See. Der Himmel
blieb heiter, kein Wlkchen zeigte sich und die Strahlen der
Mittagssonne fielen so erwrmend nieder, da man darber die vorgerckte
Jahreszeit verga, in der man sich befand. Das Ufer im Hintergrunde war
verschwunden. Dagegen zeigte sich in weiter Ferne vor den Schiffenden
ein schwarzer Punkt, der sich, je nher man kam, vergrerte. Er wurde
bald fr eine Insel von bedeutendem Umfange erkannt. Rechts von einem
aus der Wasserflche auftauchenden Ufer zeigten sich wei
herberglnzend die Gebude von =Dortrecht=. Links in der Ferne wurden
neben jener groen Insel noch einige kleinere sichtbar.

=Jansen= war selbst zum Steuerruder getreten. Er lenkte weit ab von dem
Dortrechter Ufer. Er wute, da dieser Haven mit seinen Umgebungen
besonders von den feindlichen Kreuzern zum Schauplatze ihrer oft sehr
verwegenen Unternehmungen auserkoren war. Der Lauf, den das Fahrzeug
jetzt beschrieb, schien zu seinem Richtpunkte die Durchfahrt zwischen
zwei der kleinern Inseln bestimmt zu haben. Mit groer Aufmerksamkeit
und einiger Unruhe in seinem ganzen Wesen untersuchte der Capitn durch
das Fernrohr den Gesichtskreis, den er berblicken konnte. Er bemerkte
nichts, was ihm htte Besorgni erwecken knnen. Nach dem Gestade von
=Dortrecht= hin war Alles ruhig, zwischen der Stelle, wo sich jetzt die
Barke befand, und den vornliegenden Inseln, waren nur einige
Fischernachen sichtbar und ein in weiter Entfernung hinter der =Syrene=
erscheinendes greres Fahrzeug, kam, wie seine Laufbahn erkennen lie,
ebenfalls die =Maas= herauf und mute demnach von friedlicher Bedeutung
seyn. Des Capitns Antlitz erheiterte sich bei diesen Wahrnehmungen. Er
hatte eine reiche Ladung von =Utrechter= Sammet und Seide an Bord. Die
Kaufleute, denen die Sendung angehrte, hatten in den gegenwrtigen
kriegerischen Zeitlufen damit gezgert und waren erst dann, als der
kecke =Jansen= sie auf seine eigene Gefahr bernommen, zur Ausfhrung
geschritten. =Jansen= setzte in dieser Sache sein ganzes bedeutendes
Vermgen auf das Spiel; aber er fand eine eigene Lust, sich an
Wagestcken zu versuchen, von denen andere Schiffsfhrer sich gern
zurckzogen. Als er noch Bootsmann auf einem Kriegsschiffe der
hollndischen Flotte gewesen, hatte er in vielen Gefechten einen Muth
bewiesen, der an Tollkhnheit grenzte und seinen Namen unter den
Seeleuten seiner Nation bekannt und in einem gewissen Grade berhmt
machte. Die Matrosen und Bootsmnner nannten ihn nur den =tollen
Jansen= und nebenbei stand er auch seiner ungeheuern Krperstrke wegen
unter ihnen in groem Ansehn. Spter hatte er die muntere =Beckje=
kennen gelernt, die einiges Vermgen besa. Beide Leutchen gefielen
einander, sie heiratheten sich und von =Beckje's= Geld und =Jansen's=
Ersparnissen wurde nun die Barke angeschafft, der sich der Junker =van
Daalen= mit seiner Herzliebsten anvertraut hatte.

In dem sen Liebesgesprch, das sich zwischen =Cornelius= und der
verfhrten =Clelia= entsponnen hatte, wurden sie durch das Luten der
Mittagsglocke und durch die Anrede =Jansens=, der freundlich lachend zu
ihnen trat, gestrt:

Deine Sehnsucht wird nun gestillt werden, =Cornelius=; sagte er. Frau
=Beckje= hat aufgetragen und du, der ihr treulich beigestanden bei den
Kochtpfen, wirst gewi die besten Bissen erhalten. Ob aber die Jungfrau
Schwester mit der groben Schiffmannskost zufrieden seyn wird, bezweifle
ich sehr!

=Clelia= versicherte, sie werde der Tafel alle Ehre anthun, zu der sie
ein langes Fasten und die zehrende Herbstluft fhig mache, und folgte,
von schnen Hoffnungen belebt und erhoben, am Arme des Geliebten dem
voranschreitenden Capitn nach der Cajte. Vergebens suchten sie im
Vorbergehen =Philippintje= zu erwecken, die noch immer auf der
Schiffsbank im tiefen, todthnlichen Schlaf lag. Der Nektar, von dem sie
allzureichlich genippt, hielt sie in seinen Zauberbanden gefangen. Sie
blieb taub gegen alle Aufforderungen und das junge Liebespaar mute sich
entschlieen, sie auf dem harten Lager, das sie sich selbst erwhlt
hatte, ihren beseligenden Trumen zu berlassen. Da sie von solchen
heimgesucht werde, verrieth ein lchelnder Zug in ihrem Antlitze und der
Name: =Balthasar=, der im schmachtendsten Tone ber ihre Lippen glitt.

Im Innern der sehr reinlich und zierlich gehaltenen Cajte empfing Frau
=Beckje= ihre Gste. Sie hatte, um nicht zu sehr in ihrem Aeueren gegen
die Begleiterin des Junker =Cornelius= abzustechen, ihren besten Staat
angelegt. Das knapp anliegende Kleid von schnem schwarzen Utrechter
Sammet stand ihr recht wohl und das rothbckige, volle Schelmengesicht
sah unter dem Spitzenhubchen, so freundlich und anmuthig hervor, da
=Clelia=, durch den lieblichen Anblick berrascht, fr einige Momente
ihre gewhnliche Gravitt ablegte, erst die dargebotene Hand des
lchelnden Weibchens annahm und dann auf die frischen Lippen, die ihr
entgegenkamen, einen herzlichen Ku drckte.

Nun ist die Freundschaft gemacht, sagte =Beckje=, und setzte sie
schalkhaft hinzu, der Junker da kann Euch kein besserer Bruder seyn,
als ich Euch eine Freundin bin!

=Clelia= errthete. Nur da sie eine Unwahrheit behaupten helfen sollte,
trieb das Blut auf ihre Wangen; sie ahnete nicht, da die Capitnsfrau
auf eine Vermuthung der Wahrheit, ja, da diese schon zu der
Ueberzeugung ihrer Nicht-Blutverwandtschaft mit =Cornelius= gekommen
sey!

Wir machen gerade einen hbschen Tisch voll! fuhr indessen =Beckje=
fort, indem sie =Clelien= gegenber, ihren Platz zwischen den beiden
Mnnern einnahm. Es ist nur Schade, da Ihr zwei Schwester und Bruder
und nicht auch Mann und Frau, oder doch wenigstens Brutigam und Braut
seyd! Es ginge dann noch weit lustiger her, denn es mag mir einer sagen,
was er will, die Liebe ist doch eigentlich =Das=, was dem Leben erst
seine wahre Freude, seine rechte Lust gibt!

=Cornelius= vermochte kaum seinen Unwillen zu bekmpfen, da =Beckje
Clelien= gegenber in ihrem Scherze so weit ging. Er warf ihr einige
sehr ernste und finstere Blicke zu, die den guten Erfolg hatten, da sie
ihr stets fertiges Znglein ein wenig im Zaume hielt. Das Gesprch
wandte sich auf andere Gegenstnde und =Jansen= trug nun in den
Zwischenrumen, die ihm die Befriedigung seines sehr guten Appetits
lie, die Kosten der Unterhaltung, indem er mit vieler Laune und
Lebendigkeit manches Abentheuer erzhlte, das ihm in seinem vieljhrigen
Seeleben begegnet war. Gegen das Ende der Tafel, bei der er mehr dem
Genever, als dem spanischen Weine, dem =Cornelius= den Vorzug gab,
zusprach, wurde er sehr lustig und rief:

Nun mu ich Euch doch noch die wunderliche Geschichte erzhlen, wie ich
zu dem Ballaste da -- hier wie er auf =Beckje= -- in meinem
Lebensschifflein gekommen bin! So wie Ihr mich hier sehet, bin ich ein
Bursche, der schon seine vierzig hinter sich hat, aber die frische
Seeluft hat mich =frisch= erhalten und ich wette drauf, mein =Beckje=
vertauscht mich gegen keinen Hasenfu von zwanzig Jahren! Ich hatte
schon meine sechs Fahrten nach =Batavia= gemacht, hatte unter =Ruyter=
gedient, ihm zur Seite gestanden, als er siegreich an der Kste von
Sicilien seinen Tod fand, war mit Oraniens Glck nach England
hinbergegangen und kam eben von einem Kreuzzuge unter =Wassenaar=
zurck, als ich mich entschlo, meine armen Verwandten in =Amsterdam=
einmal zu besuchen, ihrer Noth nach Krften abzuhelfen und nebenbei die
groe Stadt zu sehen, von der ich so Vieles gehrt hatte und die ich
noch nicht kannte. Die Flotte lag gerade zu der Zeit im Texel und wurde
ausgebessert. Es fiel mir deshalb nicht schwer, einen Urlaub von einigen
Wochen zu erhalten. Ich hatte mir etwas zusammen gespart. Ich kann Euch
sagen, ich trat ans Land, aufgetakelt wie ein Kirmesbaum, und mit dem
besten Willen, meine Jahreslhnung, die ich eben erhalten, an allerlei
Narrenspossen zu verthun. Mehr aber keinen Stber, denn das Uebrige war
fr die Verwandten und fr den Sparpfennig bestimmt, an dem ich seit
meiner frhen Jugend gesammelt. Wenn ich Euch erzhlen wollte, wie es
zuging, da ich schon am ersten Tage in =Harlem= fnfzig Gulden fr eine
garstige braune Zwiebel wegwarf, blos aus Respect, weil man sie den
Admiral =Enkhuysen= nannte, wie ich dann die Zwiebel wieder gegen eine
Flasche chten Genever aus =Schidam= vertauschte, wie ich fr andere
fnfzig Gulden fnfzig hbsche Mdchen bei einer Kirmes auf einem Dorfe
in der Nhe von =Harlem= mit bunten Halstchern beschenkte und mich
hernach mit ihren Liebhabern herumschlagen mute, -- ja! wenn ich Euch
das Alles genau berichten wollte, so htte ich viel zu thun und
=Beckje= wrde es vielleicht nicht einmal gern hren --

Meinethalben magst du reden, was du willst! fiel schnippisch =Beckje=
ein. Mir sind auch bunte Halstcher geschenkt worden, ehe ich dich
gekannt habe, und ich bin keinem ein Geschenk schuldig geblieben.

Deshalb passen wir auch so gut zusammen, lachte =Jansen= und leerte
ein groes Glas Genever mit einem Zuge, denn wir haben einander nichts
vorzuwerfen. Uebrigens, fuhr er in seiner Erzhlung fort, sind das
nicht die einzigen tollen Streiche, die ich damals gemacht habe. Genug!
Als ich nur noch eine Stunde von Amsterdam entfernt war, hatte ich auch
nur noch einen Gulden in der Tasche, mein Hauptcapital aber in guten
Wechseln auf der Brust eingenht. Es war gerade Abend. Ich sah durch die
Dmmerung schon die Thurmspitzen der Stadt, auf dem Canale, neben dem
ich doch ein Bischen bedenklich ber die Magerkeit meines Geldbeutels
hinschlenderte, waren zahllose Barken und Nachen in lebendiger und
frhlicher Beweglichkeit. Ich blieb stehen und ergtzte mich an dem
bunten Treiben. So verga ich einigermaen meine ble Lage und gewann
nach und nach, von dem Frohsinne, der unter den Menschen auf dem Canale
herrschte, angesteckt, einen Theil meiner guten Laune wieder. Es war
indessen ziemlich dunkel geworden. Ich sah ein, da ich dran denken
msse, das Ziel meiner Reise zu erreichen. Wute ich doch nicht, wohin
ich in der groen Stadt meine Fahrt richten sollte, da ich nur die
Namen, aber nicht die Wohnung meiner Verwandten kannte, und also, ohne
Lootsen und Compa, auf gut Glck in den fremden Haven einlaufen mute!
Ich setzte alle Segel bei und kam rasch vorwrts. Auf dem Canale hatte
das Treiben und Lrmen fast gnzlich aufgehrt; nur einzelne Fahrzeuge
schwammen noch manchmal geruschlos vorber. Ich berlie mich wieder
ganz meinen Betrachtungen und fing an, mich ber mich selbst und meine
begangenen Dummheiten zu erboen. Ich konnte aus meinen eigenen
Gedanken, so lstig sie mir waren, nicht herauskommen, wie ein
Ostindienfahrer, den in der Strae von =Sumatra= die entsetzliche
Windstille fest legt. Da wurde ich pltzlich durch einen lauten Lrm,
der sich heranwlzte, durch ein wildes tobendes Gelchter und ein
dazwischen tnendes Jammergeschrei aus diesem widerwrtigen
Gemthszustande gerissen. Ich horchte auf. Ich hrte schelten und
lrmen, dann wieder lachen und einen klglichen Ruf nach Hlfe. Nun flog
ich ber's Land hin, wie eine wilde Gans ber's Wasser, der Stelle zu,
wo das Getse statt fand. Der Mond war aufgegangen und ich konnte Alles
sehen, was nicht in einer allzugroen Entfernung vor mir lag. Da
gewahrte ich denn bald einen Haufen von etwa einem Dutzend bser Buben
von fnfzehn bis achtzehn Jahren, die einen einzelnen Mann vor sich
hatten und diesem gewaltig zusetzten, indem sie ihn immer nach dem
Canale hindrngten. Was treibt ihr hier? rief ich und trat unter sie:
Wollt ihr Krabben wohl in euere Hangematten und euch nicht zu zwlf
ber Einen hermachen! Gelt, da habt ihr Courage, wenn sich einer auf
den andern verlassen kann und wo vierundzwanzig Arme sich gegen zwei
erheben? Aber noch einmal! Macht, da ihr heimkommt oder es sollen euch
ein Paar Arme heimfhren, die wohl so viel werth sind, als euere zwei
Dutzend! -- Die Buben sahen mich gro an. Einer von ihnen aber trat
bald vor und sagte in einem frechen Tone: Kmmert euch um euch und
nicht um Hndel, die euch nichts angehen! Wir thun ein gutes Werk. Wir
haben einen Juden gefangen, =der= soll getauft werden und dann
Schweinefleisch fressen, damit er ein Christ wird. =Jeremias= hat seiner
Mutter expre ein Stck Schinken gestohlen fr ihn und das darf nicht
umkommen! Die Cameraden des frechen Menschen stimmten ein hhnisches
Gelchter an. Dabei drngten sich die Rangen hart um mich her, als
gedchten sie auch mir irgend einen schlimmen Streich zu spielen. Aber
der Mann, den noch einige von ihnen hielten, streckte die Arme nach mir
hin und rief, so laut er konnte: Ach, hochmgender Heer, errettet mich
aus der Gewalt der Rotte Korah, und der Gott Abrahams wird Euch
vergelten! Ich bin ruhig meiner Strae gewandelt, da haben mich die
Kinder der Goi's festgepackt und wollen mir's anthun mit verfluchtem
Wasser und Fleisch von dem unreinen Thiere, in das der Teufel gefahren
ist. Ich bin ein armer Jd, aber ein rechtschaffener Jd, und habe noch
nie einen Goi betorkelt im Schacher. Ach, hochmgender Heer, nehmet Euch
meiner an, befreiet mich, damit ich in Frieden heimkehre in die gute
Stadt =Amsterdam= und in meine Behausung auf der =Jdenkracht=
daselbst! Ich mute lachen ber die Hochmgenschaft, zu der mich die
Angst des Juden mit einemmale erhoben hatte. Whrend er sprach, hatte
ich Zeit ihn genau zu betrachten. Es war ein alter Mann, der vielleicht
schon seine sechszig Jahre zhlte. Er trug einen langen Bart, sein
Angesicht schien durch die Furcht verzerrt und entstellt. Seine Gestalt
war klein und schmchtig. Die wenigen Krfte, welche ihm vielleicht die
Verzweiflung gab, konnten gegen die vereinigten Bemhungen dieser Heerde
wilder Rangen wenig ausrichten. Er schien der rmern Classe seiner
Nation anzugehren, denn seine ganze Takellage war erbrmlich und sein
Rcken gekrmmt, als verbeuge er sich zum Betteln um ein Almosen. Mein
unwillkhrliches Lachen schien den Krabben ein Signal, da ich ihre
Corsarenjagd auf den armen Juden billige, und sie machten auf's Neue
Anstalt, den alten Mann zu entern und zu kielholen. Hinunter mit ihm
zur Taufe! schrieen sie. Frisch, Jude! Erst Wasser und dann
Schweinefleisch, hernach mut du das Glaubensbekenntni auswendig
lernen. Mit wildem Toben warfen sie sich alle auf den jammernden
Israeliten, der sich schon fast heiser geschrieen hatte. Da verlor ich
die Geduld. Bramsegel und Backbord! rief ich, nun ist es genug. Ich
will euch einen Lappen aufhien, der euch in einem Augenblick aus der
offenen See in den Winterhaven fhrt! Bei diesen Worten hatte ich die
nchststehenden ergriffen und sie um halbe Kabeltau-Lnge
fortgeschleudert. Die Rippen im Leibe mochten ihnen krachen, denn sie
erhoben ein erbrmliches Geheul und hatten nichts Eiligeres zu thun,
als so schnell, wie es gehen mochte, fortzuhinken. Einem Paar Anderen,
welche die grten und krftigsten waren, und mir trotzig
entgegentraten, ging es nicht besser. Die brigen flogen auseinander,
wie ein Heer wilder Gnse, das der Sturm zerstreut. Der Jude stand nur
noch allein vor mir und zitterte am ganzen Leibe. Es whrte eine gute
Zeit, ehe er sich fassen konnte. Dann warf er sich mir zu Fen und
sagte, noch zhneklappernd vor Furcht: Der =Simson= ist wiedergekommen
und hat die Philister geschlagen. Der weise =Salomo= ist aufgelebt und
hat die Ungerechten bestraft. Der gndige =Ahasverus= hat den armen
=Mardochai= befreiet und der gottlose =Haman= ist geklopft worden, wie's
ihm gehrt. Ich hob den Alten auf. Ich hatte Mhe das Lachen zu
verbeien, zu dem mich seine Rede antrieb: aber ich bedachte sein Alter
und die Schndlichkeit der Buben, die ihn in die Enge getrieben, und da
wurde mir es ganz ernsthaft zu Muthe. O, verlat mich nicht und gebt
mir das Geleit bis an die Thore der guten Stadt =Amsterdam=, hochedler
Herr! sprach er weiter: Ihr seyd die Palme aus dem Lande =Gosen=,
unter deren Schutz ich sicher wandeln kann, geht Ihr aber von mir, so
kehren die Philister zurck und ich bin ein verlorener Mensch. Ich
sagte ihm, er knne mit mir gehen, er mge aber frisch mit dem Winde
segeln, da ich keine Zeit zu verlieren htte. Auf dem kurzen Wege, den
wir nun zusammen zurcklegten, erzhlte mir der Jude, da er in
=Amsterdam= wohne, in der Regel aber in der umliegenden Gegend einen
kleinen Handel mit alten Kleidungsstcken und sonstiger Trdelwaare
treibe. Er sprach dabei soviel und in so bertriebenen Ausdrcken von
seiner groen Armuth und Drftigkeit, da er zuletzt den Verdacht in mir
erweckte, er sey im Gegentheile ein ganz wohlhabender Mann und stelle
sich nur arm, um mir nicht etwa eine Belohnung anbieten zu mssen, zu
der er sich vielleicht verpflichtet glaubte. Als wir in die Stadt
eingewandert waren und eben im Begriffe standen uns zu trennen, ergriff
er noch einmal meine Hand und sagte: Der Gott meiner Vter mge Euch
belohnen, fr das, was Ihr an mir gethan, hochmgender Heer! Solltet Ihr
aber jemals den armen Jden =Abraham Eleazar= in seiner geringen
Behausung aufsuchen wollen, so erinnert Euch, da diese auf der
=Jdenkracht= liegt, zunchst der Schule, wo unsere Leute hin beten
gehen. Er entfernte sich und ich verga bald, whrend ich in den
Straen der groen Stadt ohne Steuer und Compa umherirrte, das
Abentheuer, das mich mit ihm zusammengefhrt hatte. Ich sah jetzt ein,
da ich unbesonnen gehandelt hatte, mich in ein unbekanntes Gewsser zu
begeben, ohne vorher ber steile Klippen und Sandbnke, durch die ich
meine Fahrt lenken mute, eine genaue Kenntni eingezogen zu haben.
Meine Verwandten jetzt noch bei eintretender Nacht aufzufinden, schien
eine Unmglichkeit. Ich beschlo also, meinen letzten Gulden an baarem
Geld fr ein Nachtquartier und ein Abendessen, so gut sich Beides dafr
finden wolle, aufzuopfern. Ich kam an verschiedenen Husern vorber, wo
der einladende Strohkranz heraushing, in denen es noch lustig herging
und viel Licht brannte. Sie schienen mir aber alle zu vornehm fr meinen
demthigen Geldbeutel. Um ein geringeres Wirthshaus aufzusuchen, wo ich
kleines Wasser fr mein leckes Schiff finden durfte, verlie ich die
groen, breiten Straen und steuerte auf gutes Glck in enge winklige
Gchen, in denen es so dunkel war, da ich mich oft mit den Hnden
weiter fhlen mute. Da sah ich am Ende eines Winkelgchens, das hier
wie ein Sack verschlossen war, hinter einem kleinen Fenster ein dsteres
Licht brennen. Ich hrte rauhe Stimmen, ich vernahm Glserklirren, ich
erkannte, als ich nahe trat, den bedeutungsvollen Strohwisch ber der
niedrigen Hausthre und glaubte nun den Haven gefunden zu haben, wo ich
sicher vor Anker gehen knnte. Einige krftige Seemannsworte, die aus
dem niedrigen Hause klangen, lieen mich hoffen, hier Cameraden zu
finden. Ich nahm mir aber vor, mich nicht als einen Mann zu erkennen zu
geben, der schon in den Meeren Ost- und Westindiens seine Flagge
aufgezogen hatte. Ich schmte mich meiner geringen Baarschaft, die mir
nicht erlaubte, bei der Heimkehr auf das feste Land ein Paar Flaschen
Genever zur Bewirthung einiger frhlichen Wassergesellen springen zu
lassen. Lieber wollte ich fr eine Landratte angesehen werden, als fr
einen Seehund, der keine Haare auf dem Felle mit heimbrchte. Als ich
die Thre des Huschens ffnen wollte, fand ich sie verschlossen. Auf
mein Klopfen aber ward sogleich aufgethan. Wer glaubt Ihr wohl, Jungfer
=Clelia=, sey mir da entgegen getreten, um mich einzulassen und mir in
dem engen, dunkeln Hausgange zu leuchten? Niemand anders als =Beckje=,
die Ihr da seht und die jetzt mit mir auf dem Fahrwasser des Lebens
gemeinschaftlich hinsegelt. Sie schien ordentlich vor mir zu
erschrecken, als sie mich erblickte, sie stie ein lautes: Ach! aus und
lie die Lampe fallen, die sie in der Hand trug.

Wahrscheinlich warst du damals nicht hbscher, als du jetzt bist? fiel
in dem neckenden Tone, der zwischen den beiden Freunden gebruchlich
war, =Cornelius= ein.

Nun, entgegnete mit einigem Eifer Frau =Beckje=, er sah wenigstens
ebenso gut aus, als irgend ein Offizier von den Landgeusen, der
hundertmal unter Knig =Wilhelm= vor dem Marschall von =Luxemburg= davon
gelaufen ist.

Ihr seyd gut bewandert in den Kriegshndeln, erwiederte lchelnd der
junge =van Daalen=: Euer Znglein ist in jedem Falle schrfer, als der
Degen Eueres Marschalls und Ihr wit es gut zu fhren, wenn Ihr Euern
Mann zu vertheidigen habt. Aber sagt mir, wie lange ist es schon her,
da Ihr an seiner Statt kommandirt auf der =Syrene=?

=Beckje= hob drohend die kleine Hand und wollte etwas Beiendes
erwiedern, aber =Jansen= schnitt ihr die Rede ab, indem er sagte:

Lat die Possen und strt mich nicht in meiner Geschichte! Ich wei
sonst nicht, wie weit ich bin, und stelle Euch ein Schiff hin mit
Vordersteven und Steuerbord, an dem aber das Backbord und Hauptverdeck
fehlt. Meint Ihr, ich wre =Domine= auf einem Kauffahrer gewesen und
knne die Reden nur aus den Aermeln schtteln? Nein, nein, Ihr mt mir
Ruhe lassen, wenn ich erzhlen soll! Das hbsche Mdchen also, das vor
mir stand, fuhr er fort, lie in einer Anwandlung von Schreck oder
Ueberraschung die Lampe fallen, die sogleich verlosch, so da wir uns in
eine vllige Dunkelheit versetzt sahen. Um Gotteswillen, geht -- bebte
es kaum vernehmlich ber ihre Lippen. Da ffnete sich eine Seitenthre
und bei dem herausdmmernden Lichte erschien in ihr ein ltlicher Mann
in Hemdrmeln, dessen finsteres Gesicht durch einen Wust von rothen
Haaren, der es umgab, noch abschreckender gemacht wurde. Nicht eine
Lampe knnt Ihr festhalten in den Pfoten! fuhr er das Mdchen an. Ihr
seyd das Brod nicht werth, das Ihr et. Tretet herein, Herr! wandte er
sich jetzt zu mir, indem er sein widriges Gesicht zu einem freundlichen
Lcheln zu zwingen suchte, das wie ein hhnisches Grinsen anzusehen war.
Ihr findet hier den besten Wachholder im ganzen Quartier und eine
Gesellschaft, die nicht schlechter ist. Unter diesen Worten hatte er
sich zwischen mich und die Hausthre gedrngt und diese wieder
verschlossen und verriegelt. Ich sah hierin nichts Verdchtiges, ich
ahnete nicht, da der alte Corsar eine falsche Flagge aufgezogen habe.
Die Worte des Mdchens waren mir kaum verstndlich geworden, so leise
und bebend war ihre Stimme gewesen. Sie schlich eingeschchtert in das
Zimmer zurck, whrend ich und der Alte ihr folgten. Bei meinem
Eintritte fielen die Blicke von einem Dutzend wilder Bursche auf mich,
die auf langen Wandbnken an einem schmalen Tische saen, groe Glser
mit Brandwein vor sich stehn hatten und sich am Wrfelspiele ergtzten.
Ich setzte mich weitabwrts von ihnen, in einem Winkel nieder. Nicht
weil mir das Spielen durchaus zuwider gewesen wre, sondern weil meine
Ladung am Baaren so leicht war, da ich nicht wagen konnte, die Flagge
Fortunens vor den Spielenden, die zu meiner Verwunderung mit Gulden um
sich warfen, als wren es Stber gewesen, sehen zu lassen. Sie
bekmmerten sich weiter nicht um mich und fuhren im Wrfeln fort. Ihre
Flche und Schwre, so wie manche grobe Spe besttigten meine frhere
Vermuthung, da es Matrosen seyen. Das Glas Genever, den Edammer und das
Brod, welche ich gleich beim Eintritte bestellt hatte, wollte mir das
Mdchen, von dem auch die brigen Gste bedient wurden, bringen. Der
Rothkopf aber ri es ihr aus der Hand und ich glaubte zu bemerken, da
sie mit einem Seufzer und einem theilnehmenden Blick auf mich, sich
abwandte und wieder in ihre Ecke schlich, wo sie am Spinnrade
beschftigt war.

Es ist ganz wahr, wie er's erzhlt! unterbrach, trotz der
vorhergegangenen Mahnung ihres Mannes, =Beckje= diesen, indem sie im
Tone eiferiger Betheuerung zu =Clelia= sprach: Der Spitzbube hatte
mir's angethan im ersten Augenblicke mit seinem ehrlichen und
treuherzigen Gesichte.

=Jansen= lie die Unterbrechung ungergt hingehn und fuhr fort: Mit dem
Wunsche, mir es wohl bekommen zu lassen und der Aufforderung, tchtig
zuzulangen, da noch hinlnglicher Vorrath in Kche und Keller sey,
stellte mir der Wirth das Verlangte vor. Er trat dann hinter die
Spielenden, ging von einem zum andern und flsterte ihnen Worte zu, die
mir unverstndlich blieben. Ich achtete auch in der ersten Zeit wenig
auf ihn und die brigen Gste. Das hbsche Mdchen hatte meine
Aufmerksamkeit erregt und es war mir gar nicht recht, da sie so
entfernt von mir, in einem dstern Winkel ihren Platz genommen hatte, wo
ich sie nur undeutlich sehen konnte. Lange Zeit gab ich mir vergebliche
Mhe, ihre Gesichtszge aus der Dunkelheit hervorzusuchen. Ich lie
endlich davon ab und fing an, meinen Appetit zu stillen, der nicht
gering war. Der Genever, den man mir vorgesetzt hatte, schien mir
ungewhnlich stark. Das war aber eben kein Umstand, der einem Seemanne,
welcher so oft, wie ich, die Linie passirt hatte, vom Trinken
zurckhalten konnte. Das Gelrm am andern Tische ward indessen immer
toller. Flche, Verwnschungen von der einen Seite, hhnisches, lautes
Gelchter von der andern, vermischten sich zu einem wilden Getse. Die
Bursche, die es so arg trieben, zogen endlich meine Aufmerksamkeit auf
sich. Es waren lauter Gesichter, auf denen Zgellosigkeit, Verwegenheit
und eine Tcke, die sonst einem ordentlichen Seehunde fremd ist,
eingegraben standen. Sie sind gewi von irgend einem Kauffahrer, dessen
Capitn ein Lump ohne Verstand und Respect ist: dachte ich bei mir. Sie
hatten alle ihre krummen Messer vor sich auf dem Tische liegen, als
wollten sie gegen einen Angriff, der unerwartet und pltzlich von einem
auf den andern erfolgen knne, bereit seyn. Besonders fiel mir einer
unter ihnen auf, der sehr listig aussah, ruhiger wie die andern sich
verhielt und, er mochte mit gnstigem oder ungnstigem Winde fahren,
lustig und guter Dinge blieb. Erfolgte bei einem seiner Cameraden ein
Ausbruch des Unwillens ber eine getuschte Hoffnung, einen erlittenen
Verlust, so brachte er gleich einen Scherz vor, einen lustigen Schwank,
der das drohende Unwetter zerstreuete und statt des Messerkampfs, zu dem
es leicht htte kommen knnen, ein allgemeines wildes Lachen, in das
selbst der eben noch Erboste einstimmte, hervorbrachte. Er schien lter
als die brigen. In seinen gebrunten Zgen lag ein Ausdruck von
Erfahrung und Klugheit, der ihm selbst bei seinen rohen Genossen eine
Art von Ansehn zu Wege brachte. Ich bemerkte, da sein listiger Blick
oft nach mir hinflog, auf mir forschend ruhete, wenn er aber wahrnahm,
da ich auf ihn achtete, sogleich sich nach einer andern Seite wandte.
Die Art, wie er sich gegen die andern benahm, gefiel mir. Der Bursche
hat mehr gesehn, als jene! sagte ich zu mir selbst. Er wei mit dem
Winde zu segeln, zu laviren und die Lappen einzuziehn, wenn es Zeit
ist. Seine Spe und Schwnke machten mich selbst einigemale laut
auflachen. Er hrte es und es schien mir, als wenn sich bei dieser
Bemerkung ein gewisses Wohlbehagen auf seinem Angesichte zeigte. Der
Wirth trat jetzt zu meinem Tische und sagte: Gelt, das sind lustige
Bursche? Ihr mt Euch an ihren heftigen Manieren nicht stoen. Die
Seeleute sind einmal nicht anders, wenn sie auf's Land kommen. Da mu
Jubel, Trinken und Spielen sie entschdigen fr die Entbehrung und
strenge Observanz auf dem Schiffe. Euch mag das Ding freilich sonderbar
vorkommen. Ihr scheint mir auf dem Lande geboren und erzogen, und habt
wohl niemals andern Theer gerochen, als im Laden des Krmers? Sein
Gesicht verzog sich hmisch bei diesen Worten. Ich hielt es nicht der
Mhe werth und hatte auch, wie schon gesagt, keine besondere Lust, meine
wahre Farbe zu zeigen. Ich durfte ja nur in die Brusttasche greifen und
meine Bestallung als Hochbootsmann auf dem Linienschiffe =Medusa=
hervorholen, um den Wirth und die Bursche alle, wie sie da waren, in
Respect zu setzen. Ich lie es aber bleiben und lachte still in mich
hinein ber die Tlpelhaftigkeit und Dummheit des Kerls, der einen
Delphin fr ein Murmelthier ansah. Er wandte sich wieder von mir ab und
trat jenem Matrosen mit dem listigen Gesichte gerade gegenber, so da
er mir den Rcken zukehrte. Der Matrose warf einen fragenden Blick auf
ihn -- erst spter sah ich ein, da dieses ganze Benehmen seine
besondere Bedeutung hatte -- dann stand er pltzlich auf und sagte,
indem er sein Messer einsteckte, zu seiner Gesellschaft: ich habe genug
gespielt. Seht meine leeren Taschen an. Wer noch einen Gulden an das
wagen will, was drin ist, dem stehe ich zu Dienst, sonst niemand! Mit
einem wilden Gelchter und einigen groben Spen wurde das Anerbieten
beantwortet. Der Mann zndete seine Pfeife an dem einzigen Lichte, das
sich in der Stube befand, an und nherte sich dann langsam meinem
Tische. Er forderte noch ein groes Glas Brandwein und setzte sich dann
mir gegenber. Es war mir ganz angenehm, Gesellschaft zu bekommen, die
mir eine muntere Unterhaltung versprach. Ich beschlo aber nichts
destoweniger auf meinem Vorsatze zu beharren, und mich nicht als Seemann
zu erkennen zu geben. Freilich war das eine schwierige Sache, denn schon
damals hatte ich die Gewohnheit, die gebruchlichen Schiffsredensarten
in das gewhnliche Gesprch zu mischen; aber ich dachte, eine rechte
Aufmerksamkeit auf mich selbst knne mich wohl davon abhalten und mich
unerkannt unter fremder Flagge segeln lassen. Meine Mahlzeit war
verzehrt und mein Glas geleert. Ich htte wohl noch gern getrunken, aber
ich durfte auf meinen Gulden los nicht zu durstig seyn. Der Seemann sa
einige Minuten lang mir gegenber, ohne Anstalt zu machen, mich zu
entern. Er brummte ein Liedchen vor sich hin, trank dazwischen und lie
dem bald geleerten Glase ein anderes folgen. Ihr scheint kein Freund
vom Wrfeln, Landsmann! redete er mich endlich an. Ich kann's Euch
nicht verdenken. Das verdammte Kncheln kostet mich schon manchen
schnen Gulden und wenn ich den guten Humor nicht htte, so htte ich
mir aus Zorn ber mein ewiges Unglck schon einmal ein Leid angethan.
Aber der gute Humor mu immer obenaufschwimmen, wie der Kork an der
Loglinie, und wenn auch einmal der Bse sein Spiel hat und bei dem
letzten Deut im Beutel nach der armen Seele angelt, so mu ihn doch der
gute Humor gleich vertreiben. Der Humor soll leben! rief er, indem er
sein Glas erhob und nach mir hinhielt. Aber, Blixen und Mordblei! Ihr
habt ja keinen nassen Tropfen mehr im Glase? Wirth, schrie er diesem
zu: noch ein Glas Genever fr den Landsmann! Es geht auf meine
Rechnung. Wir mssen zusammen trinken. Ich wollte seine Einladung
ablehnen, aber er lie mir keine Ruhe, bis ich mit ihm anstie und
trank. An dem andern Tische wurde es jetzt sehr laut. Das sind rechte
Tlpel und einfltige Gierhlse, sagte mein Mann, die sich in die
Launen des Spiels gar nicht finden knnen! Sie meinen, sie mten Alle
gewinnen und denken nicht daran, wer dann verlieren sollte. Blixen und
Mordblei! Ihr werdet gleich sehen, da einer von ihnen nach dem
Krummmesser greift, um dem andern Galgen und Rad ins Gesicht zu
zeichnen. Meiner Seel! der tolle =Hann= ist schon dran. Hat dich denn
der Schwarze einmal wieder am Kabeltau -- Mit diesen Worten sprang er
auf und in das Getmmel hinein. Es ging auch wirklich jetzt an dem
Tische drunter und drber, wie auf einem geenterten Schiffe. Fluchen
und Schreien, Schimpfreden und Drohungen mischten sich durcheinander.
Alle waren aufgesprungen, ihre Messer blitzten bei dem matten
Lampenscheine in den hoch erhobenen Hnden und es schien, als ob es auf
Schlimmeres, als auf bloen Schnittkampf abgesehen sey. Ich berlegte
eben noch, ob ich mich in das tolle Treiben hineinmengen solle, um ein
Unglck zu verhten und Ruhe und Frieden herzustellen, als mein
Trinkgenosse, ein untersetzter starker Bursche, schon mitten unter ihnen
war, den Unheilsstifter zu Boden geworfen hatte und mit einer wahren
Commandostimme rief: Hinaus mit dem Stnker! Er mag seine Hitze in der
Gosse abkhlen, oder, wenn ihn seine Besoffenheit in den Canal fhrt, so
ist's ihm auch gesund und das ungewaschene Maul wird ihm dann einmal
gewaschen! -- Richtig! schrieen die andern. Er mu hinaus: In den
Canal! Er hat so nichts, als Meuterei und Schlechtigkeit im Kopfe! In
der Luft schwebend wurde mit Sturmeseile der brllende =Hann= durch das
Zimmer, nach dem Ausgange getragen. Alle drngten sich nach der
Hausflur, auch der Wirth, der am Aergsten auf den Friedensstrer
schimpfte. Whrend sie den Rasenden aus dem Hause schafften, blieb ich
einige Augenblicke allein bei dem Mdchen, das bis jetzt seinen dstern
Winkel nicht verlassen hatte. Kaum war der lrmende Haufen drauen, so
kam das Mdchen in rascher und ngstlicher Bewegung aus der Ecke an
meinen Tisch hervor und flsterte schnell und mit zitternder Stimme:
Ihr habt meiner Warnung nicht geachtet oder sie berhrt! Das
Schlimmste steht Euch bevor, wenn Euch nicht ein besonderer Glcksfall
rettet. Verrathet nichts, zeigt keinen Verdacht! Ihr befindet Euch unter
-- Was hat die freche Dirne mit den Gsten heimlich zu verkehren?
unterbrach sie pltzlich die Donnerstimme des rothhaarigen Wirthes, der
unter der Thre erschien und rasch vortrat. Deine Unverschmtheit wird
dich noch ins Spinnhaus bringen, alle Ermahnungen sind umsonst und bei
deiner Mutter Bruder hat sich das Unglck ins Haus geladen, als er dich
aufnahm. Das Mdchen schlich still nach seinem Winkel zurck. Ihr
verfahrt zu hart mit dem Kinde! sagte ich, so ruhig ich vermochte. Sie
war blos fr die Wirthschaft bedacht und fragte mich, ob ich nichts
bedrfe? -- Ei, was! entgegnete mrrisch der Rothkopf. Ich bin des
Mdchens Vormund und mu wissen, was an ihr ist und wie ich mit ihr
umzugehen habe. Hinauf mit dir, auf deine Kammer! rief er ihr jetzt
heftig und befehlend zu: Ich kann jetzt meine Gste schon selbst
versehen und bedarf deiner nicht mehr. Das Mdchen schritt zgernd nach
einer Hinterthr des Zimmers. Soll ich der Dirne Beine machen? schrie
der erbote Corsar jetzt voll Wuth und warf ein Glas nach ihr, das dicht
neben ihrem Kopfe vorbei an die Wand fuhr und in tausend Stcke
zersplitterte. Sie entfloh so schnell sie konnte, durch die Hinterthre.
Ich war aufgesprungen und wollte eben dem alten Bsewicht an den Kragen,
als lrmend und lachend die wilde Rotte ins Zimmer zurckstrmte. Ich
bedachte, da er unter ihnen gewi Beistand und Hlfe finden wrde, da
ein einzelnes Schiff, wenn es auch noch so gut getakelt und bewaffnet
sey, nichts gegen eine ganze Flotte vermge, und verbi meinen Grimm.
Die Worte des Mdchens und ihr wunderlicher Sinn gingen mir im Kopfe
herum. Dennoch dachte ich mehr an das hbsche Ding selbst, als an ihre
Rede. Ich hatte mir aus vielen schlimmen Lagen meines Lebens immer so
glcklich herausgeholfen, und war mir denn doch auch meiner Kraft
hinlnglich bewut, da mich die Ahnung einer Gefahr, die ich nicht
einmal einsah und erkannte, nicht so leicht in Schreck versetzen konnte.
Ich nahm mir nur fester vor, meinen Stand und meinen Namen nicht zu
verrathen. Mochte auch irgend ein Bedrngni fr mich entstehen, so,
glaubte ich, msse am Ende meine Bestallung als Hochbootsmann auf der
Flotte der hochmgenden Heern Generalstaaten mich aus jeder Verlegenheit
reien knnen. So verga ich bald der Warnung des Mdchens; aber ihr
Bild blieb in meiner Seele und ich konnte nicht mde werden, da das
hbsche Affengesicht zu beschauen.

Grober Mann! rief =Beckje= mit zorniger Miene, indem sie das Glas, das
vor ihm stand, wegnahm. Zur Strafe dafr sollst du auch keinen Tropfen
Genever mehr bekommen. Ihr werdet schon sehen, fuhr sie dann, zu
=Clelia= und =Cornelius= gewendet, voll Eifer fort, wozu das
Affengesicht ntze war. =Er= se nicht hier vor Euch, als Capitn der
=Syrene= und als ein gemachter Mann, wenn das Affengesicht ihm nicht aus
der Patsche, in die er sich thrigt hineinbegeben, geholfen htte!

Ruhig, =Beckje=! erwiederte lachend der Capitn und reichte der
Grollenden treuherzig die Hand. Es war nicht bse gemeint und was ich
unter dem hbschen Affengesicht verstanden habe, das machte wahrlich der
heidnischen Schnheitsgttin =Venus= keine Schande. Doch weiter im Text,
sagt der Domine; ich sage: weiter in der Fahrt! Es wurde wieder ruhiger
im Zimmer. Wenige setzten sich auf's Neue nieder. Die meisten legten
sich auf den Bnken und auf den Fuboden vor Anker, um hier nach wenigen
Augenblicken in einen tiefen Schlaf zu fallen. Der Seemann, der vor dem
Tumulte mir gegenber gesessen, nahm seinen Platz wieder ein. Sie haben
den wilden =Hann= gekielholt im Canale! sagte er lachend. Es war dem
Burschen gesund. Das Wasser machte ihn in einem Augenblicke wieder
nchtern; er schwamm durch, wie ein Delphin, und schickte uns von der
andern Seite eine volle Lage von Verwnschungen zu. Aber, Blixen! fuhr
er auf: wir sitzen wieder fest auf der Sandbank im leeren Glase. Schenk
ein, Wirth! Mir und dem Landsmanne! Ich hoffe, du hast noch ein
tchtiges Stck Kreide fr den =Claas=! Mit groer Geschftigkeit war
der Rothkopf bei der Hand und fllte unsere Glser. Ich lie es
geschehen, denn der Trunk fing an mir zu munden und ich dachte: morgen,
wenn du dein Papier zu Geld gemacht hast, kannst du es dem lockern
Seehunde zehnfach wiedergeben. Er trank mir zu auf das Wohlergehn aller
Seeleute, und ich that ihm mit so vieler Lust und Frhlichkeit Bescheid,
da er mich mit den listigen Augen gro ansah und ich wohl merkte, er
wittere Seeluft. Bald aber schien dieser Gedanke wieder ganz von ihm
gewichen, er behandelte mich als eine Landratte, spottete ber das
ewige, langweilige Werkeltagsleben in Stdten und Drfern und fing nun
an, auf eine vertrauliche Weise mir von dem Treiben auf der See zu
sprechen, mir die Lust und das Wohlergehn auf den Schiffen gar herrlich
auszumalen, die Merkwrdigkeiten von Ost- und Westindien zu preisen, mit
solcher Uebertreibung und Unwahrheit, da ich, der das Alles vielleicht
besser kannte, als er, unwillkhrlich vor mich hinlachen mute. Ich
merkte nun, da er mich anwerben, da er einen Rekruten fr irgend einen
Ost- oder Westindienfahrer aus mir machen wollte. Jetzt glaubte ich auch
die Warnung des Mdchens zu verstehen. Damit hat es gute Wege! dachte
ich: der =Jansen= wei auch, wie das Salzwasser in der Bay von
=Batavia= schmeckt und sieht keine Piratenflagge fr die Farbe der
Ehrlichkeit an. Mein lchelndes Gesicht mochte den Burschen glauben
machen, da mir seine Reden gefielen und ich blindlings in das Netz
segle, das er so lockend vor mir ausgebreitet hatte. Er rckte
zutraulich nher. Seine Zunge wurde noch geschwtziger. Er plapperte,
wie es die Werber zu machen pflegen, gleich einem Papagey in einem fort.
Hundert lustige Seemannsstckchen kamen an den Tag, dazwischen manche
Geschichte von einem und dem andern, der als bloer Matrose nach den
Indien gegangen und als ein reicher Bewindhebber zurckgekehrt sey. Alle
diese Knste waren mir bekannt und belustigten mich sehr. Er lie noch
mehreremale einschenken und ich trank mit ihm, denn vor seinem Genever
brauchte ich mich nicht zu frchten, das wute ich aus vielfltigen
Erfahrungen, in denen ich auf ganz andere Proben gesetzt worden war und
See gehalten hatte. Gelt! sagte endlich, nachdem er eine gar lustige
Geschichte erzhlt, ber die ich sehr lachen mute, der Bursche mit
einer verschmitzten Miene zu mir: Das Leben gefllt Euch und Ihr
mchtet es auch gern so haben? Nun das kann geschehen und an einem
hbschen Handgeld soll es auch nicht fehlen! So ein zwanzig Gulden etwa,
dchte ich, wren Euere Sache? Jetzt stieg mir der Aerger in den Hals.
Einem Kerl, wie mir, lumpige zwanzig Gulden zu bieten! Ich verga meinen
Vorsatz, ich nahm die falsche Flagge ab, lie lustig das Seemannswimpel
wehen und rief: Halsen und Schoten, was bildet Ihr Euch ein? Der Sturm
aus dem Brandweinglase hat Euch das Takelwerk verwirrt, da Ihr einem
Manne, der schon als zwlfjhriger Junge die blauen Berge von =Sumatra=
gesehen und in den Riffen von =Ceilan= Schiffbruch gelitten hat, einen
so niedertrchtigen Vorschlag macht. Geht in Euere Hangematte und
schlaft den Rausch aus! Morgen knnt Ihr mit mir trinken zur Revange,
aber bringt gescheidtere Gedanken mit. Ich stand auf und sah auf meinen
Mann, der auch aufgesprungen war, herab wie der Goliath auf den David.
Er sagte nichts. Seine Blicke flogen aber unruhig ber seine Cameraden
hin, als wolle er untersuchen, ob im Falle der Noth ihr Beistand ihn
untersttzen werde. Sie lagen jetzt smmtlich in einem so tiefen
Brandweinschlafe, da ich bei der geringsten verdchtigen Bewegung des
Meisters =Claas=, ihn zehnmal htte kalt machen knnen, ehe sie einmal
zur Besinnung gekommen wren. Er mochte das selbst einsehen und setzte
sich ruhig wieder an seinen Platz. Ich rief jetzt dem Wirthe, da er mir
mein Schlafzimmer zeigen solle. Ey, Ihr wollt allein schlafen? sagte
er gedehnt. Nun dann mt Ihr auch vorlieb nehmen mit dem, was Ihr
bekommt, denn auf Schlafgste bin ich gerade nicht eingerichtet. Der
Rothkopf zndete eine Lampe an, ich wnschte dem Meister =Claas= lachend
eine gute Nacht, die er nicht erwiederte, und folgte dann meinem Fhrer
ber einen langen Hof, zu einem dstern Hintergebude. Auf diesem Wege
bemerkte ich zu meinem Erstaunen, da ich nicht ganz fest auf den Beinen
sey. Eine wunderliche Mdigkeit, wie ich sie noch nie empfunden, lag
lhmend in allen meinen Gliedern. Wie betubt stieg ich hinter dem
Wirthe, der sich fter nach mir umsah, eine schmale Treppe hinauf, die
kein Ende nehmen wollte. Sind wir bald an Bord? fragte ich endlich,
als wir unter dem Dache angekommen waren, das, schrg und niedrig
ablaufend, mich am Geradestehn verhinderte. Hier ist es; antwortete
der Rothkopf. Er stie zugleich eine Thre auf, durch die ich mich
gebckt in eine kleine Kammer hineinbugsierte. Ich konnte nichts mehr
sehen, ich konnte das Gemach nicht untersuchen; meine Augen fielen zu
und ich sank angekleidet, wie ich war, indem das letzte Restchen von
Bewutseyn schwand und ich noch, wie aus weiter Ferne, das hhnische
Gelchter des Rothkopfs zu vernehmen glaubte, auf die Lagerstatt nieder.
Wie lange ich so, gleichsam in der Windstille des Todes als ein
unbrauchbares Wrak, gelegen, wei ich nicht. Als ich anfing, wieder zu
mir zu kommen, fhlte ich einen heftigen Schmerz am Munde, an den Hnden
und den Fen. Es war mir noch so wst im Mastkorbe, da ich mich mit
Gewalt zusammen nehmen mute, um einen vernnftigen Gedanken zu fassen.
Sturm und Wetter! Denkt Euch, was die Hunde gethan hatten? Ein scharfer
Knebel sa mir im Munde, meine Hnde waren mit einschneidenden Stricken
auf den Rcken gebunden, meine Fe ebenso an die Pfeiler der
Bettstelle befestigt, meine Brust mit einem ledernen Riemen an diese
festgeschnrt. Ich war keiner Bewegung mchtig. Nur den Kopf konnte ich
mit Mhe etwas heben und ihn vorwrts beugen. Das konnte mir nicht
whrend eines gewhnlichen Schlafes, nicht einmal in einem tchtigen
Rausche geschehen seyn, ohne da ich erwacht wre. Man mute mir etwas
Giftiges, Betubendes in den Brandwein gethan haben. Durch eine Dachluke
hoch ber mir fiel ein Lichtstrahl herein. Indem ich den Kopf mhesam
vordrckte, sah ich bei dem matten Dmmerlichte, das in der Spelunke
herrschte, da man mir meine guten Kleider ausgezogen und mich mit
Lumpen bedeckt hatte. Mein Kopf that mir wehe. Vergebens strengte ich
mich an, noch mehr ber meinen Zustand nachzudenken, ber die
Veranlassungen dazu, ber den gestrigen Abend, ber die Menschen, die
mich in diese Lage versetzt, und ber die Absicht, die sie mit mir haben
mchten. Es legte sich wieder, wie Blei, auf meine Glieder, im Kopfe
wurde es mir ganz dumm und ohne einzuschlafen, die offenen Augen immer
nach der Luke im Dache gerichtet, war es mir doch immer, als lge ich in
einem schweren Traume. Da hrte ich pltzlich ein Gerusch, das mit
einemmale, wie ein Blitz, in mein Gehirn fiel und dieses erhellte. Es
war ein heiseres, hhnisches Gelchter aus einem Winkel der Kammer. Es
schien mir nicht unbekannt, ich mute ein hnliches schon gehrt haben.
Ich versuchte zu sprechen, aber ich brachte nur einen kaum hrbaren,
dumpfen Laut hervor. Da wurde das Lachen lauter und derjenige, von dem
es kam, trat so dicht an mich heran, da ich ihn sehen konnte. Klippen
und Sandbank! Es war kein anderer, als Meister =Claas=, der mit
untergeschlagenen Armen neben mir stand, mit den scharf blickenden Augen
mich von oben bis unten ma und spttisch grinsend sagte: Warum habt
Ihr doch die zwanzig Gulden Handgeld nicht genommen? Es wre immer eine
gute Ladung gewesen fr Euere Tasche, die nun leer ist und wenig
Hoffnung hat, bald wieder befrachtet zu werden. Jetzt liegt Ihr hier so
lange fest, bis ich Euch flott mache zur lustigen Fahrt. Oder habt Ihr
Euch vielleicht besonnen, sind Euch bessere Gedanken im Schlafe
gekommen, als im Wachen? Ich will's einmal darauf wagen und Euch das
Zungenband lsen. Aber das sage ich Euch, kommt ein lauter Ruf, ein
Schrei, ein Wort ber Euere Lippen, das man auch auerhalb dieser Coje
vernehmen knnte, so ist's um Euer Leben geschehen, und Ihr athmet nie
wieder weder See- noch Landluft! Bei diesen Worten schwang er drohend
in der einen Hand sein Krummmesser, whrend die andere den Knebel
ls'te. Ich mute mit mir geschehen lassen, was er thun wollte, ich lag
da, wie ein Stck Holz. Nun sprecht, bester Freund und Landsmann! Wollt
Ihr jetzt freiwillig die Flagge streichen und mein lieber Camerad seyn
auf dem Schiffe, zu dem ich Euch fhre, so soll's immer noch auf die
zwanzig Gulden nicht ankommen; besteht Ihr aber auf Euerem halsstarrigen
Sinn, so bekommt Ihr keinen rothen Deut und bleibt angeschnrt und
geknebelt, bis wir die Anker lichten und Ihr eingepkelt werdet in den
untern Raum, den Ihr dann erst auf offener See verlat. Meine Zunge
klebte vor innerer Hitze am Gaumen fest und war durch den Zwang, den man
ihr angethan, wie gelhmt. Der Bsewicht bemerkte das. Er langte einen
Krug Wasser herbei, hielt ihn mir an die Lippen und sagte: Trinkt
einmal! das soll nicht gesagt seyn, da =Claas= seinen knftigen
Cameraden verdursten lasse. Ich wei es aus hundert Erfahrungen mit
hundert hnlichen Thoren, wie Ihr! Das Opiumgebru macht verdammt
trocken im Halse. Ich trank in langen, durstigen Zgen. Es war, als
brenne ein hllisches, unauslschliches Feuer in mir. Endlich gewann ich
die Rede wieder. Die Wuth lag glhend in meiner Brust, wie die Lunte an
einem Vierundzwanzigpfnder, und ich konnte sie kaum zurckhalten vom
heftigsten Ausbruche. Aber ich migte mich, denn ich sah ein, da ich
in der Gewalt des Schurken und ihm auf Gnade und Ungnade preigegeben
war. Ihr mgt Euch freilich einbilden, sagte ich, da Ihr ein rechtes
Kunststck begangen habt mit Euerer gewaltthtigen Werbung; aber es
nutzt Euch nichts, denn Ihr mt wissen, da ich schon seit mehreren
Jahren Hochbootsmann bin auf dem Linienschiffe der hochmgenden Herrn
Generalstaaten, auf der =Medusa=. Darum gebt mich nur wieder los und ich
verspreche Euch, von der ganzen Geschichte nichts verlautbaren zu
lassen! -- Wir wissen Alles, Freundchen! erwiederte der Bube und
lchelte noch hmischer, als bisher. Wir haben ja deine Bestallung und
deine Wechselbriefe gefunden in dem Landratzenfelle, das uns zur guten
Prise geworden. Die Bestallung habe ich ins Feuer geworfen und die
Wechsel werde ich einlsen, wenn du sie unterschrieben haben wirst, wozu
du seiner Zeit schon genthigt werden sollst. Sieh, Brderchen, solche
Leute, wie dich, knnen die Herrn Bewindhebber auf den Kapern gerade
brauchen. Was kmmert es uns, ob du auf der =Medusa= fr einen Deserteur
und Schuft gehalten wirst? ob dein Bild am Galgen neben den Landstraen
mit einer verstndlichen Unterschrift den Vorbergehenden sagt: das ist
der entlaufene Hochbootsmann =Jansen=; wer ihn wieder einbringt, erhlt
eine gute Belohnung? Die Hauptsache ist: du kennst den Dienst, es fehlt
dir nicht an Kraft und Gewandtheit und, wenn du deine Schuldigkeit thust
gegen die spanischen =Don's= und franzsischen =Mosje's=, so kannst du
es ber Jahr und Tag wieder zum Hochbootsmann auf einem ehrbaren
Kaperschiffe bringen. Gelt, Brderchen, die Aussicht ist so bel nicht
und wenn wir brav spanische Gallionen aufbringen, so bekommt auch die
Mannschaft ihr gutes Theil davon. Sprich dein freiwilliges =Ja=, bester
Camerad; mache dich los von dem lecken Schiffe, das doch die See nicht
mehr halten kann! Lichte die Anker mit deinem Herzensfreunde =Claas=,
der es am Besten mit dir meint auf der ganzen Welt und dich liebt, wie
einen spanischen Brasilienfahrer, dem er gut Gold abzuzwicken gedenkt,
oder einen vollen Geldbeutel, der immer sein bester Helfer in der Noth
war. -- Der Hohn und die Niedertrchtigkeit des Buben brachten mich
auf's Aeuerste. Ich konnte mich nicht mehr halten. Indem ich vergebens
mit einer heftigen Bewegung mich von meinen Banden loszureien suchte,
rief ich: Verdammter Schurke und -- =Seelenkoper=! fiel der Kerl mit
der grten Kaltbltigkeit ein, whrend er mir den scharfen Knebel so
heftig in den Mund zurckstie, da mir das Blut aus Lippen und Zunge
drang. Ich sehe wohl, fuhr er eben so gelassen fort, da noch kein
vernnftiges Wort mit Euch zu sprechen ist. Ich hoffe aber, da Euch die
Einsamkeit, Euere angenehme Lage, und Hunger und Durst bis heute Abend
geschmeidiger machen werden. Wir haben sonst auch noch andere Mittelchen
im Rckhalte, denen die Halsstarrigsten nicht widerstehen konnten. Was
haltet Ihr von der Peitsche? Ich kann Euch auf Seemannsparole
versichern, da einer, der sie gut zu fhren versteht, in Zeit von einer
Viertelstunde einem Andern die Schreibkunst beibrachte, so da dieser
schn und deutlich seinen Namen unterzeichnete, wohin man wollte und was
er bisher allen freundlichen Bitten und Ermahnungen verweigert. Merkt
Euch das, Meister =Jansen=! Ich knnte der eine und Ihr knntet der
andere seyn, wenn Ihr nicht heute Abends Euern Trotz in den untern Raum
einsperrt. Bis dahin gehabt Euch wohl! -- Der Kerl ging und ich hrte,
wie er von Auen einen schweren Riegel vor die Thre schob. Ich schumte
vor Wuth. Jetzt erst waren die Reden und Signale des Mdchens mir
verstndlich geworden, die ich frher viel zu leichthin gedeutet hatte.
Die =Seelenverkufer= und unter diesen die schndlichsten und
grausamsten, die Mkler der Kaperschiffe, hielten mich in ihren Klauen.
Ich wute, da die Obrigkeiten bei diesem abscheulichen Menschenhandel
ein Auge zudrckten, wenn er auf Rechnung der ostindischen Compagnie
gefhrt wurde. Dieser htte es sonst an Rekruten fr ihre Flotten, fr
die Besatzungen in =Batavia= und den brigen Colonieen gefehlt. Der
groe Vortheil, den die Compagnie dem Staate brachte, verpflichtete
diesen, sie auf alle Weise zu untersttzen, wenn es auch oft wider Recht
und Billigkeit war. Desto strenger wurde die =Seelenkoperei= der
Privatleute, derjenigen, die sich einen Kaperbrief auf eigenen Gewinn
und Verlust gels't hatten, bestraft. Am Galgen fanden sie gewhnlich
den Lohn ihrer Verwegenheit, mit den Werbern der Compagnieherrn nach
derselben Richtung des Compasses steuern zu wollen. Deshalb trieben sie
ihr Geschft immer in der tiefsten Verborgenheit, in Schenken, die auer
ihren Handlangern niemand besuchte und in denen oft, wie man sich
erzhlte, diejenigen, die sich allzustarrkpfig gezeigt, einen
gewaltsamen Tod gefunden hatten, damit sie nie zu Verrthern an ihren
bbischen Bedrngern werden mchten. Das Alles wute ich. Mit hundert
Geschichten aus solchen Husern, eine immer schrecklicher, als die
andere, hatten wir uns oft whrend der Abende auf den Schiffen
unterhalten. Wen einmal sein Unglck in eine solche Mordhle gefhrt
hatte, der kam nur als ein Sklav des Kapercapitns oder als eine Leiche
wieder heraus. Eins dieser zwei Loose erwartete nun auch mich und dabei
die qulende Aussicht, von meinen Vorgesetzten, von meinen Cameraden auf
der =Medusa= fr einen Ausreier gehalten, fr ehrlos erklrt zu werden.
-- Mein Kopf brannte mir wie im hitzigen Fieber. Ich wute mir nicht zu
rathen und zu helfen. So lag ich mehrere Stunden lang in einem dumpfen
Hinbrten, in dem Zustande eines Schiffes, das zwischen Klippen und
Sandbnke gerathen ist und weder vor noch hinter sich kann. Dennoch
brannte, wie eine Kohle unter der Asche, der Entschlu im tiefsten
Grunde meiner Seele, lieber den Tod zu leiden, als meine Schande zu
berleben und den Schurken zu Willen zu seyn. Hunger und Durst fingen
an, sich zu melden. Bald muten sie zu peinigenden Gefhlen werden und
ich nahm mir fest vor, diesen zu trotzen, wie allen Drohungen, allen
Grausamkeiten der nichtswrdigen Seelenkoper. Mein einziger Trost war
die Helligkeit, die durch die Dachlucke in meinen Raum fiel. Ich konnte
ein Stckchen blauen Himmel sehen, ich konnte den Zug der Wlkchen
erkennen, die in weien Nebelflocken drber hin flogen. Gedankenlos
starrte ich immer nach diesem einen Punkte. Da verdunkelte sich zu
meinem Schrecken pltzlich auch dieser; aber eine Stimme, in der ich den
Laut eines Engels zu vernehmen glaubte, rief mich nun bei Namen und
mein Schreck verwandelte sich mit einemmale in die lebhafteste Freude,
denn wer, meint Ihr, sah aus der Lucke mitleidig und freundlich auf mich
herab, wie ein Sternlein vom Himmel? Wiederum niemand anders, als eben
das Affengesichtchen da!

Das ist zu arg! rief jetzt =Beckje= ernstlich bse werdend, sprang auf
und lief nach der Thre hin. Aber mit drei mchtigen Schritten hatte sie
=Jansen= wieder eingeholt, drckte ihr einen derben Ku auf die vollen
Purpurlippen und fhrte sie zu ihrem Sitze zurck, indem er schmeichelnd
sprach: Habe ich dich denn nicht einen Engel genannt und ist denn ein
Engel, ernst und wohl gemeint, nicht weit mehr, als ein
Affengesichtchen, das ich dir im Scherz auf deinen lieben Hals lge? Ich
will dich aber gern auch die Wahrheit hren lassen und da bist du, so
gewi ein Orlogschiff keine Calebasse ist! mein Schutzengel, meine
Retterin aus Schimpf und Schande und Todesgefahr gewesen.

Befriedigt nahm die Capitnsfrau ihren Platz am Tische wieder ein und
=Jansen= fuhr, whrend der Cojenbub Orangen und andere Frchte
aufstellte, folgender Gestalt in seiner Erzhlung fort:

Das liebe Gesichtchen da -- ich will sie durch keinen Beisatz weder
rgern, noch stolz machen -- trug nicht die Wimpel der Ruhe und Freude
so in seinen Zgen, wie jetzt. Es schien ein ganz anderes =Beckje=, von
Furcht, Angst und Kummer bewegt und entstellt. Ach, Ihr armer Mann,
flsterte sie herab, doch deutlich genug, da ich es vernehmen konnte,
warum habt Ihr nicht meiner Warnung geachtet und seyd nicht bei dem
ersten Schritte in dieses Haus des Verbrechens wieder umgewendet und
geflohen, so schnell Euch Euere Fe tragen mochten? Aber das ist nun zu
spt, der Jammer ist unntz und wir mssen darauf sinnen, ob Hlfe
mglich und wie sie zu bewerkstelligen ist? Ich bin aus meinem
Kmmerlein ber das Dach herbergeklettert, denn ich ahnete wohl, da
sie Euch in diese Mordkammer geschleppt htten, wo schon manches
Herzblut geflossen seyn mag, denn ich sah den abscheulichen =Claas=
herabsteigen. O, wie haben sie Euch gebunden und geknebelt, die
Schndlichen! Jetzt sehe ich's erst, da mein Auge sich an die Dmmerung
gewhnt hat. Doch wartet einen Augenblick. Ich komme gleich wieder und,
ist meine Hand nicht ganz ungeschickt, so sollen Euere Bande bald
gels't seyn. Sie verschwand und es war mir, als erlsche das Sanct
Elmo's-Feuer auf der Mastspitze meiner Lebensfregatte. Ich sah wieder in
den blauen Himmel. Ich grbelte vergebens darber nach, wie sie es
anfangen wolle, aus dieser Hhe und Entfernung meinen Mund von dem
Knebel, die Brust von dem pressenden Riemen, Hnde und Fe, von den
Stricken zu befreien. Nach einigen Minuten, die mich eine Ewigkeit
dnkten, zeigte sich wieder das liebe Gesicht in der Lucke. Ich athmete
neu, ein Vorgefhl der Freiheit durchstrmte mich schon erquickend. Das
herrliche Mdchen streckte einen Arm durch die Oeffnung. Sie hielt in
der Hand ein weies Papier, das mir in jenem Augenblicke wie eine
Freuden- und Friedensflagge vorkam. Gebt Acht! sagte sie. In dieses
Papier habe ich ein Messer gewickelt. Wenn es mir nur gelingt, es so
auf Euer Lager zu werfen, da Ihr es mit den Fingern greifen knnt, so
ist Euch vor der Hand geholfen und wir wollen dann das Weitere bereden.
Sie hob den Arm zum Wurfe. Ich betete so inbrnstig, als wre ich auf
einem Schiffe, das eben der Sturm in den Abgrund schleudern wolle. Das
Messer entfuhr ihrer Hand und Derjenige, der im Sturm und Wetter die
Schiffe ber der Tiefe erhlt und die Wogen wieder ebnet, lenkte den
Wurf: es fiel in die Bettstelle, dicht neben meinem Leibe nieder.

=Jansen= schwieg einige Augenblicke. Man sah, da diese Erinnerung ihn
mit einem feierlichen Ernste erfllte. Die Thrnen standen ihm in den
Augen. Niemand strte die Stille. =Clelia= war bla geworden und ihr
ganzes Wesen zeigte, wie sehr sie im Innern bewegt sey. Nach einer Pause
reichte der Capitn seiner Frau treuherzig die Rechte ber den Tisch
hinber, die sie, ihn offen und freudig anblickend, nahm. Dann sprach er
weiter:

Lag auch das Messer, das mich von der Klippe, auf der ich fest sa, los
machen konnte, an meiner Seite, so kostete es doch unsgliche Mhe,
unsgliche Anstrengungen des hart zusammengeschnrten und gebundenen
Krpers, ehe es mir gelang, erst mit der Spitze eines Fingers es nher
zu bringen, dann es mit mehreren zu fassen und endlich mit der ganzen
Hand zu ergreifen. Jetzt fhlte ich erst, da die Hnde von dem starken
Zusammenschnren, dicht ber den Gelenken, wie taub und empfindungslos
geworden waren. Nach und nach wurden sie durch die fortgesetzten
Bewegungen der Finger, die erst matt, dann immer krftiger an der
Trennung des nchsten Strickes arbeiteten, wieder belebt. Ich kann Euch
sagen, es war die hrteste Arbeit meines Lebens. Ich habe in den
wildesten Strmen der indischen Meere das oberste Segel gehit und
wieder gelst, in der grten Noth Raan und Maste gekappt, und wer die
Sache kennt, wei, da sie kein Kinderspiel ist, da in solchen
Augenblicken das Leben nicht einen Deut gilt und der Tod schon den Anker
nach der armen Seele auswirft! Aber ich habe in diesen Strmen nicht
die qulende Angst empfunden, wie unter dem Sgen an dem Stricke. Wenn
die Worte, welche das Mdchen von oben herab zu mir sprach, mich nicht
ermuntert und gestrkt htten, ich htte vielleicht der Abspannung, die
sich meiner zu bemchtigen drohete, erlegen und -- die Bluthunde htten
zu ihrer eigenen Sicherheit ihr mrderisches Werk zu Ende bringen
mssen. Aber endlich, endlich -- es war, als brche die Sonne im Sturme
hervor -- endlich sprang das hartgespannte Band mit einem Gerusch, das
selbst das Mdchen vernahm, und ein: =Gottlob!= in das ich von Herzen
einstimmte, bebte ber ihre Lippen. Nun ich einmal die eine Hand los
hatte, war das Befreiungswerk bald vollendet. Stricke, Riemen und der
schndliche Knebel lagen neben mir am Boden. Ich sprang auf, ich dehnte
die entfesselten Glieder, ein lautes langes: =Ach!= in dem sich die
geprete Brust Luft machte, war der erste Ton, der aus meinem Munde
drang. Ich empfand Schmerzen und Abspannung in allen Theilen meines
Krpers. Die gepeinigte Lage, in der ich mehrere Stunden lang verweilen
mssen, hatte vielleicht ebenso viel Theil daran, als das betubende
Getrnk, das mich meiner Besinnung beraubt und fhllos hingestreckt
hatte, wie einen Klotz. Ich schritt, so rasch ich konnte, einigemale in
dem kleinen Gemache auf und nieder, um mich in dem Gebrauche meiner
Glieder zu ben. Dann blieb ich stehen, sah zu dem Mdchen hinauf und
sagte: Ich wei Euch nicht gro mit Worten zu danken, aber man soll
mich wie einen schbigen Hund an der Raa-Noke aufhngen, wenn's mir
nicht jetzt in der Seele ist, wie an dem Tage, wo ich meinem Vater selig
die Augen zudrckte und sie ihn dann hinablieen in das weite Grab des
Meeres, aber diesesmal nicht vor innerem Jammer, sondern vor
Dankbarkeit! Jungfer, ich will nicht viel sprechen, aber bin ich
glcklich heraus aus diesem Teufelsloche, so mt Ihr meine Frau werden
oder ich thue mir ein Leid an. -- So unbehaglich der Sitz des Mdchens
auf dem schrgablaufenden Dache seyn, so sehr ihr meine noch immer
nicht berstandene Gefahr am Herzen liegen mochte, so mute sie doch
laut auflachen bei dieser seltsamen Werbung. Ach, denkt an andere
Dinge! sagte sie dann wiederum in einem ngstlichen Tone! Es liegt
noch Viel zwischen diesem Augenblicke und dem, wo Ihr wieder frei in
Gottes freier Luft wandelt und Euere Schritte hinlenken knnt, wohin Ihr
wollt. Auf Nahrungsmittel und eine Strkung, die Ihr ohne Besorgni
genieen knnt, habe ich mich vorgesehen. Es ist freilich nichts
Besonderes, aber ich bringe, was ich heimlich bei Seite schaffen
konnte. Ein Paket fiel von oben herab; ich fing es mit meinen Hnden
auf. Meinen Dank glaubte ich der Geberin nicht besser beweisen zu
knnen, als durch die schleunigste Untersuchung und Verwendung seines
Inhalts. Die guten Nahrungsmittel und vor Allem ein reiner
unverflschter Genever, gaben mir meine Krfte zurck. Whrend ich noch
mit Essen und Trinken beschftigt war, rief ich wiederum frohen Muthes
zu dem Mdchen hinauf: Jetzt la sie kommen! Sie sollen fhlen, da
der Hochbootsmann der =Medusa= wieder von Stapel gelassen ist und mit
gutem Winde fhrt. Ihrer sechs frchte ich nicht. -- Vertraut nicht zu
Viel auf Euere Kraft! wandte das Mdchen im Tone der Besorgni ein.
Gelnge es Euch auch die Treppe hinab, ber den Hof und in den Vorplatz
des Hauses zu kommen, so wrdet Ihr doch da immer eine Menge
entschlossener und bewaffneter Bsewichter finden, deren vereinten
Anstrengungen Ihr unterliegen mtet. Nennt mir lieber irgend einen
Bekannten, den Ihr in der Stadt habt und der leicht und gleich zu finden
ist, denn jeder Augenblick Verzugs kann Euch Gefahr bringen. Ich will
Alles thun, Euch zu retten. Ich will -- doch Ihr werdet schon sehen, was
zu Euerer Befreiung geschieht, wenn mir nur irgend Jemand beisteht, der
hier bekannt ist in der Stadt, denn ich selbst bin gnzlich fremd. Aber
zgert nicht: nennt mir Euern Freund! -- Ich mute mir gestehen, da
das Mdchen Recht hatte. Ich besann mich hin und her. Meine Verwandten
konnten mir zu nichts dienen, denn ich wute ja kaum mehr von ihnen,
als ihre Namen: nicht einmal ihre Wohnung. Da fiel mir der Jude =Abraham
Eleazar=, auf der Jdenkracht zunchst der Synagoge, ein. Ihn nannte ich
dem Mdchen, sagte ihr zugleich, welchen Dienst ich ihm am gestrigen
Abende geleistet htte und da er die einzige Person in der groen Stadt
=Amsterdam= sey, von der ich, wenn auch nur mit weniger
Wahrscheinlichkeit, einen Beistand in diesem Nothfalle erwarten knne.
Er ist ein Jude, versetzte das Mdchen, aber er ist auch ein Mensch.
Kann ich nur glcklich aus dem Snderhause entwischen, so bin ich in
einer Viertelstunde bei ihm und ich lasse ihm keine Ruhe, bis er
mitkommt zur Hlfe. Lebt wohl bis dahin, aber unternehmt nichts, als im
dringendsten Falle zu Euerer Vertheidigung! Ich hrte sie am Dache
hinabklettern. Ich lauschte auf das Gerusch, so lange es zu vernehmen
war und als es nun gnzlich verhallte, kam ich mir vor, wie ein
Ausgesetzter auf einer wsten Insel. Ich fhlte mich in einer groen
Aufregung, aber ich erkannte auch, da ich aller meiner Krfte wieder
mchtig sey und nahm mir vor, sie, wenn es Noth thue, mit Aufsetzung
aller Segel zu gebrauchen. Meine Blicke fielen auf das Messer, das noch
auf dem Bette lag. Ich nahm es in die Hand: es hatte eine gute scharfe
Klinge. Messer gegen Messer, dachte ich, wenn es so kommt! und
steckte es in den Grtel, zu dem ich einen der Stricke machte, indem ich
mir ihn um den Leib knpfte. Die Schndlichkeit des rothkpfigen Wirthes
und des heuchlerischen =Claas= ging mir in einemfort im Kopfe herum und
erfllte mich mit Ingrimm. Ich war auf ihren Eintritt gefat, ich wollte
ber sie herfallen, wie der Sturm nach der Windstille, sie unschdlich
machen und mein Heil weiter suchen, wenn nicht schon frher meine
Befreiung durch das Mdchen erfolgen wrde. Wie das Alles geschehen
sollte, mute ich dem Augenblicke berlassen. Ich schritt in unruhiger
Erwartung das kleine Gemach auf und nieder. Ich untersuchte auch die
Thre und die Seitenwnde; jene bestand aus starkem, unerschtterlichem
Eichenholze, diese waren gemauert und hielten das Dach in einer Hhe,
die ich nicht erreichen konnte. Die Bettstelle brach unter meinem
Versuche, sie von der Stelle zu rcken, zusammen. Sie war in dem Boden
befestigt gewesen und mit ihr wurde meine Hoffnung, sie als Werkzeug zu
einer mglichen Flucht durch eine Oeffnung in dem Dache, die ich
freilich erst htte brechen mssen, zu gebrauchen, vernichtet. Ich blieb
also der Erwartung auf meine Freunde oder meine Feinde berlassen. Die
Spannung, in der ich wiederum einige Stunden hinbrachte, kann ich Euch
nicht beschreiben. Der Abend kam; von dem Mdchen hrte und sah ich
nichts. Kein Signal, kein Gerusch, das Hlfe verkndigte! Jeden
Augenblick konnte ich jetzt die verdammten Seelenkoper eintreten sehen.
Ich befand mich in einer Aufregung meiner Krfte, wie ich sie noch nie
empfunden hatte, und nur meine innere Wuth konnte ihr gleichen. Ich
wnschte fast, da jetzt die Bsewichter erschienen, um mit eigener Hand
Rache an ihnen nehmen zu knnen. Da hrte ich ein Getrappel auf der
Treppe, das immer nher kam, da vernahm ich Stimmen -- ich erkannte die
Sprechenden: es waren die beiden Menschenhndler, der Rothkopf und sein
Geselle =Claas=. Sie lachten und schienen guter Dinge. Ich habe einmal
in =Bengalen= ein Tigerthier gesehen, das auf seine Beute lauerte. So
mu ich damals in dem Winkel neben der Thre meines Kerkers gestanden
haben, um ber den ersten Eintretenden herzustrzen. Dennoch beschlo
ich in dieser ungeheuren Emprung meines ganzen Wesens, kein Blut zu
vergieen, wenn es mglich wre. Da rasselten die Schlssel an der
Thre, da klirrte der Riegel, da nannte =Claas= mit hhnischer Stimme
meinen Namen -- aber zugleich hatten ihn auch meine Fuste an der Kehle
ergriffen, ich drang, ihn schwebend haltend, hinaus, er wrgte vergebens
nach einem Hlferuf, mit einer Kraft, die ich mir selbst nicht zugetraut
htte, schleuderte ich ihn in einen Winkel, da er besinnungslos da lag,
keines Wortes, keiner Bewegung mchtig. Heulend flog der Wirth die
Treppe hinab, ich mit Riesenschritten hinter ihm her. So ging es ber
den Hof, nach dem Vorplatze. Der Teufel hat ihm geholfen! Herbei, ihr
Freunde! Er bringt mich um! Er schlgt mich todt! rief der Schurke im
Fliehen. Auf dem Vorplatze, vor der Thre des Gastzimmers, in das er
eben strzen wollte, erwischte ich ihn am Genicke. Aber schon hatte sein
Geheul seine Helfershelfer herbeigerufen. Wohl an zwanzig Kerle, denen
Mord und Todschlag aus den Augen blitzten, drangen aus der Thre. Er
hat den =Claas= ermordet! Haltet ihn fest, macht ihn kalt! sthnte der
Rothkopf. Ich warf ihn zu Boden. Wohin ich blickte, glnzten mir Messer
entgegen, Mordgebrll strmte auf mich ein. Ich drngte mich an die
Wand, entschlossen mein Leben theuer zu verkaufen. Noch trennte mich der
am Boden liegende, ohnmchtige Wirth von dem Gesindel. Da nahmen ihn
einige auf, um ihn bei Seite zu bringen. Ich sah den Augenblick vor mir,
in dem nun Alle ber mich herstrzen wrden. Blut um Blut! dachte ich
und griff nach dem Messer in meinem Grtel. Ehe ich es noch zog, ehe ich
meinen Gegnern noch zeigen konnte, da auch ich nicht waffenlos sey,
erklang pltzlich ein heftiger Lrm vor der Thre des Hauses, der den
im Innern noch bertnte. Im Namen der Obrigkeit! riefen viele Stimmen
von Auen. Ein schneidender Pfiff schallte aus der Mitte des mich
umgebenden Haufens. Die Kerle stiebten auseinander, wie Staub vom
Wirbelwinde getroffen. Viele eilten in das Zimmer zurck; andere flohen
ber den Hof nach dem Hinterhause. Aber schon war die Thre des Hauses
unter den Schlgen der Hscher zusammengebrochen. Sie drangen ein, sie
strmten in das Zimmer, sie fanden hier die Seelenverkufer im Streite
mit einer Anzahl ihrer Cameraden, die durch die Fenster eingestiegen
waren. Ich hatte mich ruhig von einigen der Hscher, die sich gleich
Anfangs meiner bemchtigten, ergreifen lassen und wartete den Augenblick
ab, wo ich meine Flagge aufziehen und mich zu erkennen geben konnte.
Indessen ging es wild im Zimmer und im Hinterhause her, wo sich die
verwegenen Schurken gegen die Uebermacht der anstrmenden Hscher zu
vertheidigen suchten. Ein groer Haufen Volks hatte sich vor dem Hause
versammelt und vermehrte, durch seine gegen die Seelenkoper
ausgestoenen Flche und Verwnschungen, das Getse. Den Eingang hielt
ein Polizeibeamter besetzt und verwie mit seinem Stabe diejenigen, die
sich zu nahe herbeidrngten, zur Ruhe. Ich war bei meiner frheren
Bemhung die Thre zu erreichen, an eine Stelle gelangt, wo ich, immer
von den Hschern bewacht und gehalten, dem Beamten ganz nahe stand. Ein
Laut, so lieblich, wie das Wort: =Land!= nach einer langen und
unglcklichen Seefahrt traf pltzlich durch den gewaltigen Lrm mein
Ohr. Das ist er! das ist er! rief eine zarte Stimme in meiner Nhe.
Wir sind noch zur rechten Zeit gekommen. Sie haben ihn nicht
umgebracht! Er ist gerettet! Ich blickte auf. Neben dem Polizeibeamten
stand in der Thr das Mdchen, dem ich meine Freiheit und mein Leben
verdankte. Ihr Angesicht strahlte wie die glnzende See bei heiterem
Himmel. Ueber ihre Schulter sah der Jude =Abraham Eleazar= herein. Der
Gott Abrahams und Jacobs sey gepriesen, sagte er, der unser Werk
gelingen lie! Eine Hand wscht die andere im Leben und so mir der
Christ nicht htte geholfen von dem Schmaddern und von der Speise vom
unreinen Thier, so htte ich ihm nicht knnen wiederhelfen aus der
egyptischen Gefangenschaft, von dem Verrathe der bsen Rotte =Korah=.
Ich nickte Beiden zu. Der Polizeibeamte mochte nun einsehen, da ich
nicht zu den Seelenkopern gehrte, er gab seinen Untergebenen Befehl,
mich frei zu lassen, und rief mich in seine Nhe. Er wute meinen Stand
und meinen Namen. Er sagte, da ich es fr ein groes Glck halten
knne, lebendig dieser Mordhle entkommen zu seyn, da sie schon lange
Nachricht von ihrem Daseyn gehabt, aber immer vergebens ihr nachgesprt,
bis jetzt endlich die Entdeckungen des Mdchens und des Juden sie zur
rechten Zeit an den rechten Ort gefhrt htten. Ich berichtete ihm in
wenigen Worten, woher der Wind in den letzten Stunden geblasen habe und
wie es mir gelungen sey, aus meinem Gefngnisse zu brechen. Der Jude und
das Mdchen hrten aufmerksam zu. Es war jetzt stiller geworden im
Zimmer. Die Seelenkoper hatten der Uebermacht unterlegen, man brachte
sie gebunden und geknebelt heraus. Mehrere von ihnen bluteten stark,
auch einige der Hscher waren verwundet. Jene wurden sogleich weiter,
mitten durch die tobende Volksmenge, die nur mit groer Mhe von
Mihandlungen zurckgehalten werden konnte, ins Gefngni geschafft.
Auch die Schurken, die in den obern Raum des Hinterhauses geflchtet
waren, erschienen jetzt, von den Hschern herbeigeschleppt: unter ihnen,
chzend und sthnend, der elende =Claas=. Er warf mir einen grimmigen
Blick zu, aber auch er wurde mit seinen Genossen ohne Aufenthalt den
brigen nachgetrieben. Ganz zuletzt fand man, unter einem leeren Fasse
versteckt, den rothkpfigen Wirth. Er mute sich whrend des Getmmels
erholt haben und dorthin gekrochen seyn. Er konnte oder wollte nicht
gehen. Man warf ihn auf einen Karren, der zufllig in der Nhe hielt.
Der Pbel begleitete ihn spottend und verwnschend nach dem Stadthause.
Ich will es nun so kurz wie mglich machen und mit vollen Segeln ans
Ziel steuern! =Beckje= rckt schon ungeduldig den Stuhl und mchte gern
den Caffee kochen, der ihr fast ebensosehr am Herzen liegt, wie mir der
Genever. Genug! Das Sndenhaus wurde von dem Polizeibeamten in allen
Rumen und Verdecken durchsucht. -- Er witterte glcklich meine Kleider
und Papiere aus. Ich erhielt sie zurck und zugleich die Weisung, da
ich nun hingehen knne, wohin ich wolle. Aber ich blieb dennoch. Das
Mdchen, dem ich so Viel schuldig war, sah ngstlich dem Treiben des
Beamten zu, der Alles verschlo und versiegelte. Sie befand sich, allem
Anscheine nach, in groer Verlegenheit. Als endlich der Beamte auch die
Hausthre sperrte und mit dem obrigkeitlichen Siegel versah, gestand
sie, da sie nun nicht wisse, wohin sie sich wenden solle, da ihr
ganzes elterliches Erbe, dessen sich der Rothkopf, als Stiefbruder ihrer
verstorbenen Mutter und ihr Vormund, bemchtigt habe, in dem Hause
befindlich sey und sie niemanden kenne, der in der groen Stadt sich
ihrer annehmen wrde. Der Polizeibeamte hrte das gleichgltig an,
meinte, er knne da nicht helfen, aber sie solle am nchsten Tage vor
der Obrigkeit erscheinen und dort ihre Ansprche geltend machen. Kommt
mit mir! sagte der Jude. Ich will Euch fhren in mein Haus, aber ich
kann Euch nicht behalten ber Nacht, als das Kind eines Goi. Wir mssen
Rath schaffen, wir mssen eine Schlafstelle fr Euch suchen bei Euern
Leuten. Da fiel mir zum Glcke ein, den Polizeimann, der eben fortgehen
wollte, nach meinen Verwandten zu fragen. Er kannte sie, er wute ihre
Wohnung. Nun war uns geholfen. Ich dankte dem Juden fr Alles, was er zu
meiner Rettung gethan, ich versprach nochmals ihn zu besuchen, ich sagte
ihm unbedachtsam, da er als ein guter Christ an mir gehandelt habe.
Als ein guter Jd! versetzte er eifrig und mit einem saueren Gesichte:
denn auch unser Gesetz sagt: du sollst den Nchsten lieben, als dich
selbst. Er entfernte sich in groer Eile. Whrend ich nun in der
Dmmerung mit dem Mdchen nach der Gegend hinschritt, wo meine
Verwandten hausen muten, nannte sie mir ihren Namen und erzhlte mir,
da sie von =Alkmaar= gebrtig sey, vor einigen Wochen ihre Eltern kurz
nach einander verloren habe, dann von dem Wirthe des Werbhauses, ihrem
einzigen noch lebenden Verwandten, von dessen Geschft und Handthierung
sie nichts geahnt, samt ihrem elterlichen Erbe nach Amsterdam abgeholt
worden und hier nun bald mit Entsetzen wahrgenommen habe, da der Mann,
der sich Vaterrechte ber sie angemat, ein verabscheuungswrdiger
Bsewicht, da Seelenverkuferei sein Handwerk, da es seine Absicht
sey, sich ihres Vermgens zu bemchtigen. Sie war auf das Strengste
gehalten, wie eine Magd zu den geringsten Arbeiten genthigt, selbst
thtlich mihandelt worden. Was sie sehen und hren mute in der kurzen
Zeit ihres Aufenthaltes in dem Werbhause, hatte sie mit Abscheu erfllt.
Sie wre so gern entflohen, aber sie wute nicht wohin. Sie war der
Verzweiflung nahe, als ich die Schwelle des Hauses betrat. Ich habe Euch
gesagt, was der Antheil, den sie an mir nahm, bewirkte. Sie war als ich
ihr den Juden =Eleazar= genannt, sogleich aus dem Hause entwischt und
zu jenem geeilt. Es dauerte lange, ehe sie dem Juden die ganze
Geschichte begreiflich machen konnte. Endlich wurde sie ihm klar und er
nahm nun sogleich Mantel und Schabbesdeckel, um mit =Beckje= zum
Polizeimeister zu gehen. Soll mir Gott, dem Goi mu geholfen werden!
Hatte er gesagt: Der =Eleazar= leidet keine Schulden und will bezahlen
auf den letzten Deut, das Capital samt den Procentje. Zum Glck war der
Polizeimeister der nahe Verwandte eines ostindischen Compagnieherrn. Er
gerieth, als er die Sache vernahm, in den grten Zorn und schickte
sogleich die Wache ab, die gerade ankam, als ich nicht weit davon war,
wider meinen Willen hinauf in die himmlische Ewigkeit gehit zu werden.
Bramsegel und Backbord! ich bin wieder so weitlufig geworden, wie ein
altes Weib beim Caffeegeschwtz. Aber nun soll's auch im Sturmwinde ans
Ende gehen! Meine Verwandten nahmen uns freundlich auf, nach vier Wochen
voll Laufereien und Hin- und Her-Geschreib erhielt =Beckje= ihr Vermgen
heraus, ich selbst am Morgen des nmlichen Tages den verlangten,
ehrenvollen Abschied und am Nachmittage gab uns der Domine fr die
Lebensfahrt zusammen. Als wir nach einigen Tagen Amsterdam verlieen, um
nach Rotterdam zu ziehen, traten uns von der Schanze am Thore, ein Paar
Elende an und bettelten um ein Almosen. Sie waren mit Lumpen bedeckt,
sie schleppten an Ketten schwere eiserne Kugeln nach und wurden von
einem Schergen bewacht. Das wulstige rothe Haar des einen schob sich zur
Seite: wir erkannten den Wirth. Der andere sah auf, es war =Claas=. Ich
warf ihnen, was ich von Silbergeld in der Tasche trug, hin. Sie rafften
es gierig auf, sie wollten danken -- da erkannten sie uns, ein wstes
Geheul, Flche und Verwnschungen strmten ber ihre Lippen. =Beckje=
drngte mich nach der Barke hin, die im Canale unserer wartete, whrend
jene sich selbst und ihre Ketten auf die Bastion zurckschleppten.

=Jansen= schwieg. Niemand hatte seiner Erzhlung mit grerer
Aufmerksamkeit zugehrt, als =Clelia=. Das vielbewegte Leben, das sich
hier vor ihrer Erkenntni entrollte, contrastirte zu sehr mit dem,
welches sie bisher gefhrt hatte, um nicht durch seine Neuheit und
Frische sie zu reizen und ber ihren gewhnlichen Gesichtskreis zu
erheben. Es schien ihr selbst angenehm, dergleichen erfahren zu haben
und in einer spteren, ruhigen Zeit, in einem beglckenden Gefhle der
Gegenwart, die Erinnerungen daran zu verjngen. Wie wenig
Bemerkenswerthes und Wichtiges hatte doch ihre Vergangenheit
aufzuweisen? Die unerwartete Entfernung aus dem Vaterhause, die
pltzliche Reise, welche sie schon in ein vertrauliches Verhltni mit
zwei ihr vorher gnzlich unbekannten Personen, =Jansen= und =Beckje=,
gesetzt hatte, der Wechsel der Umgebungen, selbst das Geheimni der
vorgeblichen Geschwisterschaft mit =Cornelius=, waren die ersten Dinge,
die, wie es ihr jetzt dnkte, ihrem Leben einen Reiz verliehen, dessen
es bisher entbehrt hatte. Ihre, unter dem Drucke der Alltglichkeit
schlummernde und unthtig gewordene Phantasie war mit einemmale, durch
die Begegnisse eines Tages, durch die Mittheilung der wunderlichen
Verheirathungsgeschichte eines Paares, das sie vor Augen hatte, zu der
regsamsten Thtigkeit belebt worden. Sie sah ein, da sie in der Lage,
in die sie gerathen, auf ihre eigene Selbststndigkeit rechnen msse,
sie fhlte, da sie diese aufrecht erhalten knne, wenn sie gegen die
Rckkehr ihrer alten Gemthstrgheit, die man ihr flschlich fr
Gedankentiefe angepriesen hatte, auf der Hut sey, wenn sie sich im
Voraus auf alle noch so abentheuerliche und gefahrvolle Begebenheiten
gefat halte. =Clelia= war einer von denjenigen Characteren, die erst
sehr groer, ganz aus dem gewhnlichen Geleise sie fhrender
Erschtterungen bedrfen, um ihre innere Kraft und Wahrheit in das
uere Leben treten zu lassen.

Whrend der Wechsel der Ansichten und Empfindungen, den wir so eben zu
schildern versucht haben, mit Blitzesschnelle in ihr vorging, hatte
=Jansen= das volle Glas ergriffen, das ihm die wieder freundlich
gewordene =Beckje= hingeschoben, und sagte mit einer Rhrung, die man
dem rauhen und jovialen Seemanne nicht zugetraut htte:

Ja, ihr Freunde! So ist es gekommen, da =Beckje= und ich jetzt an
einem Steuerruder sitzen. Was ich dachte und sprach, als ich fest
geschnrt und geknebelt auf dem Marterlager des Rothkopfs ausgestreckt
lag, als mein Schutzgeist, durch die Dachluke zu mir herabsah und mir
Hoffnung und Erquickung spendete, als ich ihn wieder erblickte, Freiheit
und Erlsung aus der Gewalt der verdammten Piraten bringend, das ist nun
Alles wahr geworden und ich habe es in den fnf Jahren, da wir nun
zusammen segeln, keinen Augenblick bereut. Stot an! Sie soll leben.
Vivat mein Affengesicht! setzte er, rasch in einen frhlichen Ton
bergehend, hinzu.

Die Glser waren gehoben, die Mnner wollten in Genever, die Frauen in
feinem Muscatwein Bescheid thun, da erhob sich unerwartet ein wilder
Lrm auf dem Verdecke, die Mannschaft lief unruhig hin und her und eine
Alles bertnende Stimme rief hastig und rauh:

Ein Segel auf der Lufseite! Nur zwanzig Schiffslngen weit! Es tritt
hinter der Insel hervor, es steuert auf uns zu -- Hlle und Teufel! Es
ist ein Spagnol! Eine Schebecke von zehn Canonen!

=Jansen= strzte den Inhalt seines Glases hinab und warf dieses zu
Boden, da es in unzhliche Splitter zertrmmerte.

Der verdammte =Biesbosch=![A] sagte er. Zwischen seinen tausend
Inseln und Inselchen verkriegen sich die feigen Don's und warten es ab,
bis sie ein Fahrzeug erlauern, das sie unbewaffnet oder dem sie sich
berlegen glauben. Aber Bramsegel und Backbord! Capitn =Jansen= wird
ihnen das Fahrwasser weisen. Meine Bller sollen ihnen auf keine Frage
die Antwort schuldig bleiben!

[A] So heit eine Art von See zwischen den Grenzen von Holland und
    Brabant, der sich erst im Jahre 1421 durch Ueberschwemmung gebildet
    hat.

Er strmte hinaus und hinauf; =Beckje=, im ganzen Gesichte erglhend,
ihm nach. =Cornelius= war bei dem ersten Rufe aufgesprungen und hatte,
von kriegerischem Ungestm belebt, nach seinem Degen und seinen Pistolen
gegriffen. Jetzt dachte er an =Clelia=, jetzt fiel ihm bei, wie er durch
seine Unbesonnenheit die Geliebte in eine Gefahr gebracht habe, in der
ihre Freiheit, ihr Leben, ihre ganze Zukunft bedroht erschienen. Ein
Kleinmuth, wie er ihn noch nie empfunden, bemchtigte sich seiner. Er
wagte nicht, das Mdchen anzusehen. Mit niedergeschlagenen Blicken
nherte er sich ihr, die auch ihren Sitz verlassen hatte, und sprach in
ngstlich gepretem Tone:

Bei allen Waffenthaten =Wilhelms von Oranien= schwre ich Euch,
hochwerthe =Clelia=, da mich der Gedanke, Euch in diese Lage versetzt
zu haben, trostlos macht. Ich bin auer mir, ich kenne mich selbst nicht
mehr. Sonst jubelte und jauchzte es in mir, wenn ich hrte, der Feind
sey nahe, und noch vor einer Stunde dachte ich es mir als das
Herrlichste und Grte, fr Euch zu kmpfen, vielleicht Euer Leben zu
erhalten durch irgend eine kriegerische That. Aber das ist nun mit
einemmale vorbei, da die Wirklichkeit eintritt. Das Gefhl meiner Schuld
liegt mir lastend in der Brust und mein ganzer Muth ist niedergedrckt
unter seiner Schwere.

Schmt Euch, Junker =Cornelius=, und ruft nur immer den ersten Gedanken
zurck, der Euch und der Liebe, die Ihr mir so oft gelobtet, Ehre
bringt! versetzte das Mdchen in einem so festen und aufmunternden
Tone, da der gewesene Kriegshauptmann ein anderes, fremdes Wesen zu
hren glaubte und berrascht aufblickte. =Clelia= stand in ruhiger
Haltung vor ihm. Sie war sehr bla, aber ein Feuer der Begeisterung und
der Seelenstrke glnzte aus ihren Augen, das den jungen Mann irre in
seiner eigenen Wahrnehmung machte. Warum sollte mich entsetzen, fuhr
sie fast heiter fort, was Viele meines Geschlechtes schon vor mir
erfahren haben? Kommt, Junker! Zeigt Euch des Ruhmes wrdig, den Ihr
schon in Kriegswerken erworben habt. Ein muthiger Mann mehr im Streite
vermag Viel. Kommt! Auch ich will sehen, wie es oben steht. Ich mu den
Feind erkennen, mit dem wir um Freiheit und Leben streiten werden. Habe
ich auch nicht den verwegenen Sinn und die mnnliche Keckheit von
=Jansens= Frau, die sie treibt, an dem Kampfe Theil zu nehmen, so will
ich doch auch nicht feiern. Schickt mir die Verwundeten herab, an denen
es nicht fehlen wird. Ich will sie verbinden und ihrer pflegen, wie ich
es vermag.

=Clelia!= erwiederte, von Bewunderung erhoben, =Cornelius=. Ihr habt
Euch in kurzer Zeit wunderbar verndert. Ich stehe beschmt vor Euch,
wie eine Memme vor einem Helden. Jetzt erst fhle ich die ganze
Unwrdigkeit meines Betragens, aber -- beim Schwerdte des groen
=Marlborough=! -- ich will Euerer wrdig werden, oder untergehen in
diesem Kampfe, dessen Schrecknissen Ihr mit dem Muthe eines alten
Kriegers entgegen seht.

Das Mdchen drngte ihn fort. Sie waren im Begriff die Cajte zu
verlassen, als heulend und schreiend =Philippintje= hereinstrzte und
mit den Gebehrden einer Wahnsinnigen ihre Gebieterin umklammerte.

Wir sind verloren, wir werden erschossen und erstochen, wir werden, wie
die Schiffsleute sagen, geentert werden! jammerte sie. Du, =Cltje=,
und ich, und wenn sie uns geentert haben, die Satanskinder aus Hispania,
so machen sie uns katholisch und wir kommen in das Unglck, vor dem wir,
wie vor einem Hllenspuk davon gelaufen sind. Was helfen mir alle
Dukaten, wenn mich der Spanier hat, mich und meine unsterbliche Seele? O
wre ich wieder daheim bei Herrn =Tobias= und bei dem Schiwa, bei den
gefllten Caffeeschachteln, bei den chinesischen Theebchsen und den
kanarischen Zuckerhten! Ich wollte ja nimmer wieder, wie ich bisher
gethan, manches Pfund der edeln Waare heimlich mitgehen heien und es
dem Domine zutragen. Vergieb mir meine Snden, Herr, und fhre mich
glcklich wieder heim zu den Theebchsen und dem Schiwa!

Sie wute nicht mehr was sie sprach. Sie sank mit gefalteten Hnden auf
das Polster der Cajtenbank zurck und betete in unverstndlichen Tnen
fort.

Alle zu Hauf! erklang in diesem Augenblicke =Jansens= Stentorstimme
auf dem Verdecke. Zeigt ihnen die Geusenflagge, damit die spanischen
Hunde sehen, mit wem sie es zu thun haben!

Dieser Ruf bewog =Clelia=, sogleich die Cajte zu verlassen und auf das
Verdeck zu eilen. =Cornelius= wollte sie untersttzen; sie lehnte es ab
und stieg rasch und ohne alle Hlfe, die Treppe hinauf. Whrend
=Cornelius= zu seinem Freunde flog, um diesen zu befragen, wie er ihm
auf die beste Weise ntzen knne, blieb =Clelia= in der Cajtenthre
stehen und sah mit ruhigem, unerschrockenem Blicke auf die Umgebungen.
Sie fhlte sich ber sich selbst erhoben, es dnkte ihr, sie sey jetzt
edler und besser, als frher. Die Blsse, die auf dem schnen, ruhigen
Antlitz lag, gab ihr etwas Ueberirdisches. Alles um sie herum war in der
lebendigsten Bewegung. Schiebedarf wurde herbeigetragen, Gewehre wurden
ausgetheilt, =Beckje= ging zu jedem Einzelnen der Schiffsbemannung,
schenkte ihm ein Glas Genever ein und ermunterte die Leute. Die Gestalt
des Mdchens, die sich in der Cajtenthre so ruhig und furchtlos
zeigte, machte einen besondern Eindruck auf die rohen Mnner. Sie
betrachteten sie mit Bewunderung, sie machten einander auf die liebliche
Erscheinung aufmerksam und wenn die khne Todesverachtung noch durch
irgend Etwas htte erhht werden knnen, so wre es durch den Gedanken
gewesen, da sie, indem sie fr Freiheit und Vaterland kmpften, auch
zugleich eine so wunderbare weibliche Schnheit zu beschtzen hatten.

Indessen suchten =Clelia's= Blicke das feindliche Schiff und fanden es.
Still und drohend lag es in einer geringen Entfernung. Es schien sehr
leicht gebaut, die Segel waren eingerefft, die Stckpforten noch
verschlossen. Man mochte auch dort durch die pltzliche Begegnung der
bewaffneten Barke berrascht worden seyn und noch in Zweifeln schweben,
mit wem man es eigentlich zu thun habe. Ein verwirrtes Gedrnge war auf
dem Verdecke zu bemerken. Es unterlag keinem Zweifel, da die Schebecke
an Bemannung und Streitkrften der =Syrene= berlegen sey. Auch war sie
gewi ein schnellerer Segler, als diese. Die spanische Flagge wehete
lustig am Vordertheile und diese Verwegenheit in einem Binnenwasser der
vereinigten Generalstaaten, erfllte =Jansens= Leute mit Wuth.

Das Geusenzeichen auf! Lat den Besen sehen, der die Meere fegt von den
spanischen Don's! riefen mehrere ungeduldige Stimmen dem Bootsmanne zu,
der fluchend umherrannte und im Eifer keinen Besen finden konnte.

Da habt Ihr die Flagge! schrie =Beckje's= feine Stimme dazwischen,
indem sie aus der Kche einen alten Borstenbesen heraufreichen lie.
Lat sie rasch auffliegen! Wir wollen, denk' ich, diesen
Schebecken-Caper damit hinwegfegen, da ihm die Lust vergehen soll,
jemals wieder den =Biesbosch= zu befahren.

Die gefrchtete Geusenflagge, wie spottweise von den Hollndern selbst
der Besen genannt wurde, flog klappernd am Maste empor und schwebte nach
wenigen Augenblicken fest an dessen Spitze. In gespannter Erwartung,
welchen Eindruck diese Erscheinung auf dem feindlichen Fahrzeuge
hervorbringen wrde, vergingen mehrere Minuten. Mit gedmpfter Stimme
sagte whrend dieser Zeit =Jansen= zu seinem Freunde:

Es steht uns ein harter Kampf bevor! Die Schebecke ist strker, wie
wir, sie hlt mehr aus und ihre Mannschaft zhlt wohl das Doppelte der
meinigen. Ich mag nicht Reiaus vor ihr nehmen und knnte es nicht, wenn
ich auch wollte. Ihre Segel berholen die unserigen, ihr ganzer Bau ist
auf Geschwindigkeit eingerichtet. Wenn das Schiff, das wir vor dem
Essen, als einen schwarzen Punkt weit hinter uns sahen, noch zeitig
herankommt, so haben wir gewonnen Spiel und der Don mu streichen und
sich ergeben auf Gnade und Ungnade. Aber der Teufel wei, wo es steckt!
Im Biesbosch kann man keine Viertelstunde weit sehen vor lauter Inseln
und Inselchen.

Besinne dich, =Jansen=! versetzte in groer Aufregung =Cornelius=.
Giebt es nicht irgend eine Kriegslist, ein khnes Wagstck, wodurch wir
die Uebermacht des Feindes zu Schanden machen knnten? Uebertrag es
mir! Bei der Asche Oraniens! Es soll dich nicht gereuen.

Wenn es Abend wre, erwiederte nachdenklich der Capitn der =Syrene=,
dann wre etwas zu thun, dann wollten wir den Don anbrennen und braten
in seinem eigenen Fette. Ich habe griechisches Feuer, Petarden und
Brandkrnze, die kein Wasser lscht -- aber es ist nichts! Am hellen
Tage knnen sie uns nichts helfen.

Jetzt blitzte es auf aus einer der Stckpforten der =Schebecke=. Eine
Kanonenkugel tanzte ber die Wellen hin und flog dicht am Vordertheile
der Barke vorbei. Der dumpfe Schall des Geschoes donnerte durch die
Lfte.

Der Don ist aus seiner Trgheit erwacht; rief =Jansen=: gebt Acht, er
wird uns gleich noch mehr zu hren geben.

Und so geschah es auch. Mitten aus dem Getmmel, das auf dem feindlichen
Schiffe herrschte, whrend nun die brigen Stckpforten sich aufthaten
und blitzende Gewehre sich am Bord zeigten, schallten in gebrochenem
Hollndisch, durch das Sprachrohr, die Worte herber:

Ergebt Euch, Ihr Lumpen! Streicht Eueren Besen, da wir ihn zu Ruthen
fr Euch gebrauchen oder wir bohren Euch in den Grund, wo Ihr die Fische
aus ihren Schlupfwinkeln fegen knnt!

Soll ich antworten? fragte der Bootsmann, ein kleiner untersetzter
Bursche, mit einer ungeheuren Schmarre im Gesichte, die von der Stirn
dicht neben dem schielenden linken Auge hinweg bis zum Kinne lief,
seinen Capitn. =Jansen= machte nur eine bejahende Bewegung mit der Hand
und sogleich lag der Bootsmann mit halbem Leibe auf dem grten der
Bller, richtete ihn und stand dann rasch auf, um die brennende Lunte
zur Hand zu nehmen.

Das soll ihm wohl bekommen! sagte er grimmig in sich hineinlachend.
Wie die Frage, so die Antwort.

Er hieb auf, der Bller entladet sich mit einem Getse, das dem einer
Canone gleich kam. Noch verbarg der aufsteigende Dampf die Wirkung des
Schues, als er sich aber zerstreut hatte, sah man, da der wackere
Schtz die Seitenwand des feindlichen Schiffes, gerade auf der Spitze
ihrer Wlbung getroffen hatte. Logeriene Planken trieben in den
Wellen, ein verwirrter Menschentumult an einem Punkte, auf dem Verdeck
der Schebecke, lie vermuthen, da die Kugel weiter gedrungen sey und
auch unter der Mannschaft Tod und Verwstung verbreitet habe.

Backbord und Fockmast! jubelte =Jansen=. Noch vier solcher Pillen dem
Don in das Unterdeck geworfen und er mu daran glauben. Aber er kommt
nher, er will sich die heien Brocken mit den Fingern aus der Suppe
holen, die wir ihm kochen.

Wirklich hatte der Spanier seine Stellung verlassen und rckte ber
Schuweite vor. Dann erfolgte eine volle Lage seines Geschtzes, dicker
Rauch umgab beide Fahrzeuge und als dieser von einem Lftchen, das sich
eben erhob, langsam zur Seite getrieben war, sah man die Schebecke im
Begriffe sich zu wenden, um auch aus den Stcken des anderen Bordes
Verderben auf ihren Gegner zu schleudern.

Er meint es gut mit uns! rief der Capitn der =Syrene=. Aber wendet
auch! Zeigt ihm die Spitze, da seine Kugeln in die leere Luft fahren!

Whrend dieses Mannoeuver rasch und pnktlich vollzogen wurde, warf
=Jansen= einen forschenden Blick auf sein Schiff. Zu seiner Beruhigung
fand er, da die erste Begrung des Feindes diesem durchaus keinen
Schaden zugefgt hatte. Es schien ihm gleich Anfangs, als gingen die
Sche der Schebecke zu hoch und er wute aus Erfahrung, da die Spanier
in der Regel schlecht trafen, weil sie zu bequem waren, genau zu zielen.

Indessen hatte sich ein dunkles Gewlk ber den zwei streitenden
Schiffen zusammengezogen. Dem Lftchen, das eben noch leicht geweht,
folgten einige heftige Windste, in gleicher Richtung wurden die
Fahrzeuge von den hher schwellenden Wogen aus der Nhe der Inseln auf
die freie Wasserflche getrieben.

=Cornelius= flog auf dem Verdecke hin und her, vertheilte Geld unter die
Leute und befeuerte ihre Kampflust. Da fiel sein Auge auf die Thre,
die zu der Cajte fhrte. Noch immer stand hier in ruhiger Haltung
=Clelia= und hatte die Blicke auf die Bewegung des feindlichen Schiffes
gerichtet.

Ich beschwre Euch, geht hinab! sagte er drngend zu der Geliebten.
Euere Gegenwart lhmt meinen Muth, Euer Anblick macht mich erbeben;
dagegen wird der bloe Gedanke, Euch in der Nhe zu wissen, fr Euch zu
kmpfen, mich begeistern und unberwindlich machen. Noch einmal, geht
hinab! Ihr seyd ein lockendes Ziel fr das Gescho des Feindes, Ihr
knnt ja doch hier nicht ntzen, Ihr knnt nur hindern.

Gut! erwiederte =Clelia=, dieses einsehend. Ich gehe hinab, aber nur
in der Erwartung, da mir die Verwundeten zur Pflege nachgesendet
werden.

Die ganze Affaire hat wahrscheinlich nicht viel zu bedeuten; sprach
=Cornelius=, mehr um jede etwa erwachende Besorgni der Geliebten zu
zerstreuen, als weil er selbst daran geglaubt htte. Das befreundete
Fahrzeug, das wir in der Ferne uns folgen sahen, kann mit jedem
Augenblicke eintreffen und dann wird der Spanier alle Segel aufsetzen
und so rasch, als mglich das Weite suchen.

Das ist zweifelhaft; antwortete sehr ruhig =Clelia=. Wir haben nur
auf den Augenblick zu denken und mssen der Gegenwart dienen, jeder nach
seinen Krften.

Mit diesen Worten wandte sie sich von dem Junker und stieg langsam die
enge Treppe hinab.

Herrliches Mdchen! sagte dieser fr sich, indem er ihr entzckt
nachsah. Wie sehr habe ich dich verkannt! Wie sehr habe ich gegen dich
gesndigt! Mute denn erst mein Vergehen die tief liegende Strke deines
Characters, deine Geisteskraft, vor der ich mich gern beuge,
hervorrufen?

Diese Betrachtungen wurden durch die Kanonensche der Schebecke, die
jetzt schnell aufeinanderfolgten, unterbrochen. Sie war durch ihre
wohlausgefhrte Wendung der =Syrene= nher gekommen. Als aber die
Spanier bemerkten, da diese ihnen jetzt nur den Vorsteven zur
Zielscheibe ihrer Geschoe darbot, gaben sie ihr nicht die
beabsichtigte ganze Lage, sondern bestrichen sie mit einzelnen Schen,
die aber, wenn sie trafen, unschdlich an den starken eichenholzenen
Seitenwnden hinschwirrten.

Auf die Leeseite! erklang jetzt des hollndischen Capitns
Commandoruf. Wir wollen ihnen eine Anzahl eiserner Erbsen zuschicken,
die ihnen den Appetit verderben soll. =Herrmanneke=, schrie er nach dem
Bootsmann hin, richte schnell die Stcke. Dein Auge ist fest und wohin
es sieht, ist's schon so gut, als wenn getroffen wre!

Whrend das finstere Gewlk, das sich vor einigen Minuten erst ber den
Huptern der Streitenden gezeigt hatte, nach und nach den ganzen
Horizont einnahm und die Tageshelle in beginnende Dmmerung verwandelte,
wurde den Befehlen =Jansens= eilige Folge geleistet. =Beckje=, die zwar
diesesmal keinen thtlichen Antheil am Kampfe nahm, trug doch durch ihre
Scherze, durch ihre immerwhrend heitere Miene und durch Erquickungen,
welche sie vertheilte, Viel zur Erhaltung und Belebung der allgemeinen
Kampflust bei. Sie begann jetzt mit heller, klingender Stimme, die auf
dem ganzen Verdeck vernommen wurde, das Lied zu singen:

    Die Geusen wollen jagen
    auf den hispanschen Don,
    doch wo sie nach ihm fragen,
    lief er schon lngst davon!

=Jansen= und die Schiffsleute wiederholten die zwei letzten Zeilen im
Chor. Eben als sie die zweite Strophe begonnen hatte:

    Der Spanier kann fischen,
    doch fangen kann er nichts,

lag die =Syrene= mit der Lnge ihres Bordes der =Schebecke= gegenber,
flammende Blitze fuhren aus den donnernden Bllern und ber den Dampf
hinweg, den die Dicke der Atmosphre auf die Wellen niederdrckte, sah
man Spieren und Segelwerk der =Schebecke= zerrien in den Lften
flattern. Ein allgemeines Jubelgeschrei erklang auf dem hollndischen
Fahrzeuge.

Zurck! donnerte =Jansens= Stimme dazwischen. Wir sind ihnen zu nahe
gekommen. Geben sie uns jetzt eine Lage, so sind wir verloren.

Als wolle die Natur der =Syrene= zu Hlfe kommen, wlzte sich jetzt eine
groe Welle zwischen sie und den Spanier, und warf sie weit von dem
Gegner ab.

Es gibt Sturm! sagte =Cornelius=, der neben =Jansen= stand, zu diesem.
Der Himmel will nicht haben, da wir den =Don= nehmen oder =er= uns.

Nein, nein! antwortete der Capitn. Das ist nur vorbergehend. Hier
halten sich die Wetter nicht. Sie eilen der offenen See zu.

Whrend =Jansen= sprach, wendeten sich seine Blicke nicht von dem Gegner
ab. Es war ziemlich dster geworden, aber das scharfe Auge eines
Seemanns konnte doch erkennen, da die feindliche Schebecke bedeutend
gelitten hatte. Zu seinem Erstaunen vergingen einige Minuten, ohne da
sie aufs Neue anfing zu feuern. Als aber jetzt pltzlich eins, zwei
Segel zwischen ihrem Tauwerk sich entrollten, vom Winde gefat wurden
und das leichte Fahrzeug blitzschnell in gerader Richtung auf die
=Syrene= zustrmte, erkannte er mit einemmale ihre drohende Absicht.

Alle zu Hauf'! gebot seine gewaltige Stimme. Die Schurken wollen
entern. Sie sehen, da sie an unsern Nssen sich die Zhne ausbeien,
whrend wir die ihrigen mit leichter Mhe knacken. Bchsen und Piken
herbei! Alles zum Vorsteven! Das Steuer scharf gehalten, da sie nur an
der Spitze fassen knnen! Backbord und Bramsegel! sagte er mit
gedmpfter Stimme zu =Cornelius=. Die Geschichte kann arg werden! Ihrer
sind mehr, als wir, und Mann gegen Mann sind die Spagnols bissige
Hunde.

Hre =Jansen=! versetzte, von einem khnen Gedanken ergriffen,
=Cornelius=. Jetzt lass' mich ein Stckchen nach meiner Art versuchen.
Gib mir die =Jlle=, die am Steuerbord anhngt, vier khne Bursche und
dein Brandwerk. Es ist dunkel genug zu einem Handstreiche. Whrend der
Don anlegt und alle seine Leute auf einem Punkte zum Entern
herbeidrngen, fahre ich unbemerkt auf seine andere Seite und heize ihm
ein, da er seine Schebecke bald fr einen Backofen ansehen soll.

Respect! erwiederte =Jansen=, indem er mit groen Augen auf ihn
herabblickte. Du verdientest ein Seemann zu seyn! Wenn dir der Streich
gelingt, =Cornelius=, so ziehe ich meine Mtze vor dir und will nie mehr
spotten ber die Landkrebse.

Er rief, whrend die angeordnete Haltung der =Syrene= mit der grten
Pnktlichkeit bewerkstelligt wurde und sie der herannahenden Schebecke
immer das Vordertheil zukehrte, =Herrmanneke=, den verwegenen Bootsmann,
herbei und noch drei andere Matrosen, die er als die tollkhnsten der
Mannschaft kannte. Piken und scharfgeladene Hakenbchsen wurden von den
brigen in wilder Eil herbeigeschleppt. Nur wenige Worte flsterte
=Jansen= dem Bootsmanne und seinen Cameraden zu. Dann eilten diese, die
gebrunten Gesichter zu einem grimmigen Lcheln verziehend, mit
=Cornelius= an der Spitze nach dem Steuerborde. Niemand, als der Mann am
Ruder bemerkte, wie sie leise an den Borden des Schiffes in die =Jlle=
hinabglitten, wie der letzte von ihnen einen groen Kasten, mit einem
Deckel von Eisenblech verwahrt, hinabschaffte und dann mit einer raschen
Bewegung nachfolgte. Die =Jlle= stie ab und nherte sich, indem die
flachgehaltenen Ruder kaum hrbar ber die Wellen hinschlugen, und ihr
eigenes Schiff sie den Augen der Feinde verbarg, der Schebecke, die nun
in wenigen Augenblicken die Enterhaken nach der =Syrene= auswerfen
konnte. Das schwarze Gewlk am Himmel senkte sich drohender herab, es
ward in diesem Augenblicke dsterer, als bisher, die gespannteste
Erwartung verkndete sich in der allgemeinen Stille auf beiden Schiffen.

=Jansens= scharfes Auge bewachte jede Bewegung der Gegner. Er sah, wie
ihre Absicht einzig und allein darauf gerichtet war, an Bord seines
Fahrzeuges zu gelangen, um hier durch ihre Uebergewalt den Sieg zu
erringen. Er erkannte, da der entscheidende Augenblick gekommen sey.

Feuer! gebot seine Donnerstimme und die wohlbedienten Hakenbchsen
trafen in dieser Nhe so sicher, da in der vordern Reihe der Spanier
mehrere todt oder verwundet niederstrzten. Aber dieses Migeschick
vermehrte nur die Wuth der andern. Mit frchterlichem Gebrll warfen sie
die Enterhaken in den Vordertheil der =Syrene=; die Schiffe hingen
aneinander, ein Haufe grimmiger Gestalten drang mit gehobenen Aexten und
Sbeln von der Schebecke an Bord des hollndischen Fahrzeugs. Der
krftige =Jansen= und seine khnen Leute setzten ihnen den
entschlossensten Widerstand entgegen.

Hinab mit den Schurken! In die Wellen mit den Don's! schrie er und
sein Arm schleuderte jeden, der sich ihm nherte, unwiderstehlich in die
Flut. Aber immer strmten neue Haufen heran und er sah nun ein, da er
die Anzahl der Gegner zu gering geschtzt hatte. Schon muten die
Hollnder vor der drngenden Menge weichen, schon waren einige von ihnen
gefallen und =Jansen= erkannte, da er mit seinen Leuten unmglich das
Schiff halten knne -- da stieg pltzlich ein weilicher Dampf von dem
Mittelborde der Schebecke auf und wurde im Fluge weniger Secunden zum
dicken schwarzen Rauche, dem sogleich die ausbrechende Flamme folgte.
Die Anzahl der angreifenden Feinde verminderte sich. Viele von ihnen
eilten hin, um das Feuer zu dmpfen. =Jansen= und die seinigen drangen
wieder vor.

Sieg! Sieg! Oranien hoch! Die Geusen hoch! jubelte =Beckje=, von der
Hhe des Cajten-Verdecks, die sie, um das Ganze berblicken zu knnen,
eingenommen hatte. Die Mannschaft der =Syrene= stimmte ein. Vor ihrem
neubelebten Muthe flohen die Gegner auf ihr brennendes Schiff zurck.
=Jansen= packte mit Riesenkraft den letzten Spanier, der fliehend die
=Syrene= verlassen wollte, und schleuderte ihn hinter sich auf das
Verdeck.

=Den= behalten wir zum Andenken an diesen Tag! rief er. Jetzt die
Enterhaken weg, die Schiffe von einander! Der Spagnol mag allein zur
Hlle fahren!

Im Fluge des Augenblicks wurden seine Befehle ausgefhrt. Alles griff zu
den Rudern. Mit einer Schnelligkeit, als htte sie Flgel, entfernte
sich die =Syrene= aus der gefahrdrohenden Nhe der aufflammenden
Schebecke. Aller Blicke hingen an dem Schiffe, dessen entsetzliche Lage
das Angstgeschrei der Mannschaft verkndigte. In diesem Momente brachen
sich die Wolken, die Sonne strahlte vom Himmel herab. =Jansen= sah, wie
die Schaluppe der Schebecke ausgesetzt wurde, um wahrscheinlich die
Bemannung aufzunehmen. Das Feuer griff weiter um sich, es wthete schon
in dem Tauwerk und den Masten. Mchten sie sich retten! wnschte
=Jansen=, dessen Mitleidsgefhl grer war, als der Ha, den er auf die
Spanier geworfen hatte. Aber er mute sehen, wie die Schaluppe, als sie
die Oberflche des Wassers berhrte, umschlug und von den Wellen
fortgerissen wurde. Ein herzzerreiender Schrei der Verzweiflung klang
von dem spanischen Schiffe herber. Zu gleicher Zeit wurde aber
=Jansens= Aufmerksamkeit von einem andern Gegenstande gefesselt. Hinter
der nchsten Insel bewegte sich mit schwellenden Segeln und die Flagge
der vereinigten General-Staaten entfaltend, ein stattlicher Kutter
hervor.

Zu spt! sagte =Jansen= unwillig fr sich. Eine Viertelstunde frher
und Alles wre anders gekommen!

Eine zarte Hand fate die seinige. Er wandte sich um. Zwischen zwei
schwer verwundeten, am Boden liegenden Matrosen, stand =Clelia=. Ihre
Gesichtszge waren verstrt, ihre Blicke irrten unruhig umher, ihre Hand
bebte. Sie holte schwer Odem, sie schien mit Gewalt die Kraft der Rede
aufbieten zu mssen.

Wo ist =Cornelius=? sthnte sie aus tiefer Brust. Ich suche ihn
allenthalben; ich finde ihn nirgends!

Sturm und Windstille! rief auer sich =Jansen=, der in dem Drange der
Ereignisse seines Freundes vergessen hatte. Ihm verdanken wir unsere
Rettung. Er hat die Schebecke angezndet. Er war darauf oder -- er ist
noch dort!

Seine Blicke flogen wild ber die Wasserflche. Nirgends war die Jlle
zu sehen. Einen Augenblick lang trieb der Wind die Rauchwolke zur Seite,
welche die Schebecke umgab. Die Aussicht hinter ihr wurde frei, auch
dort keine Spur des Nachens, der das Verderben zu dem feindlichen
Fahrzeuge getragen hatte! Todtenbleich stand =Clelia=, mit schlaff
herabhngenden Armen, die groen trockenen Augen starr auf das brennende
Schiff geheftet. Ihre Hnde und Arme zitterten, sonst schien die ganze
Gestalt starr, regungslos erhalten durch die allgewaltige Spannung, die
sich ihres Innern bemchtigt hatte.

Wir mssen es wagen, wir mssen ihn retten! schrie =Jansen= mit einer
Stimme, die Alle ergriff. Die Ruder bewegt! Noch einmal an die
Schebecke!

Da flammte von der Oberflche des Wassers ein ungeheurer Blitz empor zum
heiter gewordenen Himmel. Eine schwarze, breite Rauchwolke stieg rasch
auf von der Stelle, wo man so eben die Schebecke gesehen hatte. Dann
folgte ein entsetzliches Krachen, der Himmel verdunkelte sich, die
Wellen geriethen in Ghrung, Todtenstille herrschte auf der Syrene. Als
die finstere Rauchwolke sich vertheilt hatte, waren nur noch einzelne
Trmmer des spanischen Schiffes zu erblicken, mit denen die Wellen
spielten. Das Jammergeschrei derer, die noch vor einer Stunde lebensfroh
und krftig auf ihr gewaltet, war im Todeskampfe verstummt, des Schiffes
stolzer Bau vernichtet.

In tiefer Ohnmacht lag =Clelia= neben dem erstarrten =Jansen=. Ruhig und
majesttisch zog der Kutter ber den bewegten Wellenspiegel heran.




In demselben Verlage sind folgende empfehlenswerthe Bcher erschienen:


=Dring=, Georg, =Sonnenberg=. Eine Novelle in drei Theilen. 12.
Geheftet Rthlr. 4. 20 ggr. oder fl. 8. 24 kr.

Wir drfen dieses neue Produkt des beliebten Verfassers, mit um so
grerem Rechte der Theilnahme des Publikums empfehlen, da hier das
Interesse der Dichtung selbst und zugleich die Wahl des historischen
Hintergrundes, auf welchem jene erscheint, von hoher Bedeutung fr den
=deutschen= Leser sind. Wenn =Walter Scott= mit vorziehender Liebe die
frhere Geschichte seiner Heimath benutzte, um sie mit seinen Dichtungen
zu verschmelzen und in diesen zu verlebendigen, so ist dasselbe in
Hinsicht auf die Geschichte unseres Vaterlandes gewi mit nicht weniger
Liebe von unserm Verfasser in der gegenwrtigen Novelle geschehen. Uns
scheint das Zeitalter, der Kampf und Untergang Adolphs von Nassau mit
lebendiger Erkenntni aufgefat und dargestellt, die handelnden Personen
scharf und anziehend gezeichnet, die Hauptgeschichte -- der rein
romantische Theil des Werkes -- von auerordentlichem, fortwhrend
spannendem Interesse, und die Darstellung des Ganzen so blhend und
ansprechend, wie sie die Lesewelt von dem Verfasser zu erwarten
berechtigt ist. Wir erwhnen nur noch, da dieses -- nach den seit
Walter Scott angenommenen Bestimmungen -- die erste historische Novelle
seyn drfte, die, indem die reizendsten Gegenden unseres Vaterlandes ihr
zur Scene dienen, einen allgemein wichtigen Zeitabschnitt umfat, da
=Hauffs Lichtenstein= sein Interesse nur aus der wrtembergischen
Geschichte schpft und =Spindlers Jude= berhaupt mehr in den
Sittenzustand, als in die Geschichte Deutschlands selbst eingreift.


=Dring=, Georg, =Phantasiegemlde= fr 1829. 8. Gebunden, mit einem
Kupfer von =Fleischmann=. Rthlr. 1. 12 ggr. oder fl. 2. 45 kr.

Dieses Werk erfreut sich schon seit einer Reihe von Jahren einer so
ausgezeichneten Gunst des Publikums, da es berflssig scheinen drfte,
diesen neuesten Jahrgang noch besonders zu empfehlen. Dennoch halten wir
es fr unsere Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, da die reiche
Phantasie des Verfassers sich hier in einer Flle entfaltet, wie noch in
keinem der frheren Jahrgnge, indem sie, bald das Meer, bald England
und Frankreich, bald selbst das ppig herrliche Ostindien zum
Schauplatze ihrer hchstanziehenden Darstellungen macht.


=Knig=, H., die =Wallfahrt=. Eine Novelle. 12. Geh. Rthlr. 1. 8 ggr.
oder fl. 2. 24 kr.

Aus der Niederung eines geheimen Vergehens fhrt uns die anmuthige
Erzhlung zur Hhe eines Hlfsberges und zum Ueberblick alles
Wallfahrenden auf Erden. -- Einheit der Idee in ihrer verschiedenen
Lichtbrechung, heitre Darstellung bei tiefer Bedeutsamkeit und die dem
Verf. eigne Ironie zeichnen dieses Bchlein aus, das der Leser nicht
ohne Erquickung durch guten Humor und erfreuliche Ansichten des Lebens
weglegen wird. Der verkappte Jesuit knpft die Fabel an die jngste Zeit
an.




Liste der vorgenommenen Korrekturen


Seite 15, "pflegmatischer" durch "phlegmatischer" ersetzt (... so konnte
wohl sein von Natur phlegmatischer hollndischer Freund in Feuer
gerathen ...)

Seite 16, "Spekulationen" durch "Speculationen" ersetzt (Er hatte das
ansehnliche Vermgen, das er von seinem Vater ererbt, durch kluge, wenn
gleich geheimnivolle Speculationen, so bedeutend vermehrt, ...)

Seite 24, "Grovaterseel" durch "Grovatersessel" ersetzt (... und
denke ich einmal zu ruhen im gemchlichen Grovatersessel, so treibt
mich's in die Hhe, ...)

Seite 30, "sey" durch "seyd" ersetzt (Ihr seyd ein Unverschmter oder
ein Wahnsinniger!)

Seite 32, "tausen" durch "tausend" ersetzt (Und wenn das ein junger Fant
mit tausend Schwren seiner Liebsten versichert, ...)

Seite 33, "lugduner" durch "Lugduner" ersetzt (... als Professor
_historiae naturalis_ und Custos _theatri anatomici_ der erlauchten
Lugduner Academie ernannt und bestallt worden.)

Seite 33, "kannn" durch "kann" ersetzt (Von einem Manne, dem irgend ein
anderer nur unter einem wissenschaftlichen Rapporte wichtig seyn kann?)

Seite 35, "meinen" durch "meinem" ersetzt (..., um mich nach meinem,
will's Gott! noch weit entfernten Hintritte, ...)

Seite 36, Doppelpunkt vor der wrtlichen Rede ergnzt (... er lchelte
freundlich und sagte im geflligsten Tone:)

Seite 37, "hieb,-" durch "hieb-," ersetzt (... das Lebenselixir, das
gegen den Tod stich-, hieb-, schu- und krankheitsfest macht?)

Seite 40, "hoffunngsvoller" durch "hoffnungsvoller" ersetzt (Mein Herz
flammte empor in neuer hoffnungsvoller Liebesgluth!)

Seite 46, "eiuer" durch "einer" ersetzt (So langten sie erst nach einer
halben Stunde vor seiner Wohnung an, ...)

Seite 47, "Lichter" durch "Lichtern" ersetzt (..., sie umstellte das
Gtzenbild, das ihr so grauenhaft noch nie vorgekommen war, mit vielen
brennenden Lichtern, ...)

Seite 53, "ausser" durch "auer" ersetzt (Der seltsame Kauz war ganz
auer sich.)

Seite 56, "Fodert" durch "Fordert" ersetzt (Fordert Alles von mir,
vieltheuere =Clelia=, nur das nicht!)

Seite 61, "unwarteten" durch "unerwarteten" ersetzt (..., welche
Kriegslist der theuere =Cornelius= angewandt habe, sich dem unerwarteten
Rencontre mit dem Gegner zu entziehn.)

Seite 66, "myn Heer" durch "Myn Heer" ersetzt (Wit Ihr was, Myn Heer
=van Daalen=?)

Seite 72, "nnd" durch "und" ersetzt ( sagte jetzt mit finsterem
Angesichte und in einem sehr gedehnten Tone Herr =van Vlieten=.)

Seite 73, "ingrimmeg" durch "ingrimmig" ersetzt (=Hoontschoten=, Er ist
ein Esel! sagte er ingrimmig.)

Seite 74, "weitluftig" durch "weitlufig" ersetzt (... ein Professor
aus Leyden, dem ich Euere und Herrn =van Vlietens= Personen weitluftig
beschreiben mute, hierher verwie.)

Seite 75, "myn Heer" durch "Myn Heer" ersetzt (Lebt wohl, Myn Heer =van
Daalen=!)

Seite 76, "verlugnen" durch "verleugnen" ersetzt (...; Ihr knntet um
des lumpigen Geldes Willen die edlern Gefhle des Herzens verleugnen?)

Seite 83, "Prinzenkollegium" durch "Prinzencollegium" ersetzt (...,
heute hatte Herr =van Vlieten=, zum erstenmale seit der Tochter
Gedenken, das Prinzencollegium versumt, ...)

Seite 95, "erreten" durch "erretten" ersetzt (..., als da die Reise zu
der Muhme sie von dem schrecklichen, gefrchteten Abfalle von der
rechten Lehre erretten, ...)

Seite 97, "fester" durch "festen" ersetzt (... aber sie lebte nun in der
festen Ueberzeugung, ...)

Seite 101, "uud" durch "und" ersetzt (... wie es sich geziemt fr einen
rechtglubigen Patron und Handelsmann?)

Seite 105, "Ihrem" durch "ihrem" ersetzt (Gott hat Euch wunderbar zu
ihrem Schutzengel erwhlt.)

Seite 106, "Relegion" durch "Religion" ersetzt (Aber wenn auch meine
Religion mich forttreibt aus der Heimathssttte ...)

Seite 110, "Kapitns" durch "Capitns" ersetzt (In der Frau des
Capitns, meines wackern Freundes =Jansen= von Harlem, werdet Ihr ein
gutmthiges, heiteres Wesen kennen lernen, ...)

Seite 114, "Marktbte" durch "Marktboote" ersetzt (Nher am Haven
befanden sich die Marktboote der aus der Ferne zurckkehrenden Schiffe,
...)

Seite 119, "Morgenstuuden" durch "Morgenstunden" ersetzt (Wie hat man
die Morgenstunden zugebracht?)

Seite 121, "Sr. Majestt" ersetzt durch "Se. Majestt" (Se. Majestt,
der allerchristlichste Knig, wird dieses Krmervolk nach seiner Pfeife
tanzen lehren, wie es ihm gefllt!)

Seite 123, "Eobanaus" durch "Eobanus" ersetzt (Wie? rief =Eobanus= in
neu erwachender Begeisterung.)

Seite 126, "mir" durch "wir" ersetzt (Dann begaben wir uns zu diesem.)

Seite 133, "Burgermeister" durch "Brgermeister" ersetzt (Wie,
hochmgender Herr Brgermeister, hob er, von einer Tuschung befangen,
an, ...)

Seite 135, "noch" durch "nach" ersetzt (Da htte ich nach eigenem
Urtheilsspruche ...)

Seite 139, "schmlichen" durch "schmhlichen" ersetzt (... und ich msse
nun des Schimpfs halber meine Einwilligung geben zum schmhlichen
Ehebndni!)

Seite 139, "Handlager" durch "Handlanger" ersetzt (..., den Handlanger
des verruchten Sohnes, wird das Gericht ereilen.)

Seite 145, "ich," hinter "bitte" eingefgt (Solltet Ihr aber dennoch
wider Verhoffen in eine schwere Krankheit verfallen, so bitte ich, mich
sogleich davon zu benachrichtigen.)

Seite 153, "das" durch "da" ersetzt (... schon abnehmen mu, da Alles
rein und gut steht auf der =Syrene=, ...)

Seite 160, "Backbort" durch "Backbord" ersetzt (Dort blick hin aufs
Backbord! Da steht eine in einer Takellage, die fr dich pat.)

Seite 167, "gauben" durch "glauben" ersetzt (Ihr mt nur nicht glauben,
da Ihr mir da etwas Neues sagt)

Seite 170, Komma eingefgt (von dem beispiellosen Glcke, das er
=Clelien= als zrtlicher Gatte zu bereiten gedenke ...)

Seite 173, "ihr" durch "Ihr" ersetzt (Wenn Ihr mich verlat, so bin ich
ja von Allem verlassen, ...)

Seite 175, "=Philippinje's=" durch "=Philippintje's"= ersetzt (... eine
Gelegenheit, deren Frauenzimmer in =Philippintje's= Jahren sich so gern
bemchtigen, ...)

Seite 177, "Angeleheit" durch "Angelegenheit" ersetzt (Von diesem
Augenblicke sah die Hausjungfer des jungen Mannes Angelegenheit fr ihre
eigene an.)

Seite 180, "weit" durch "weist" ersetzt (Mein Degen soll an den Galgen
gehngt werden, wenn er ihnen nicht die Wege weist auf gut oranisch!)

Seite 182, Fehlendes einleitendes Anfhrungszeichen ergnzt (...
erwiederte gedehnt der Junker =van Daalen=, und es wrde =mir=
allerdings eine groe Freude seyn, ...)

Seite 182, "Malborough" durch "Marlborough" ersetzt (Hlle und
=Marlborough!= fuhr =Cornelius= wild auf ...)

Seite 185, "Kmpfen" durch "Kmpfe" ersetzt (Seine ganze Phantasie
erfllte sich jetzt mit Bildern des Kriegs und blutiger Kmpfe.)

Seite 189, Komma hinter "Unglck" entfernt (Diese rthselhaften, auf
irgend ein dem Junker =van Daalen= bevorstehendes Unglck deutenden
Worte verfehlten ihre Wirkung nicht.)

Seiten 189 bis 191, die im Originaltext zur Markierung geschachtelter
wrtlicher Rede verwendeten verdoppelten Anfhrungszeichen wurden
durch >halbe Guillemets< ersetzt.

Seite 198, "ausserdem" durch "auerdem" ersetzt (..., denn das
Gerede, was auerdem entstnde, brchte mich doch ums Leben in den
ersten vierundzwanzig Stunden.)

Seite 203, "Umfrieden" durch "Unfrieden" sowie "warlich" durch
"wahrlich" ersetzt (Wenn nun jetzt die Wellen, die gierig nach uns
heraufschnappen, pltzlich das Schiff hinunterschlucken mit Mann und
Maus und du im Unfrieden strbest, mit einem unvershnlichen Gemthe
gegen den Junker, der es doch wahrlich nicht bse gemeint?)

Seite 205, "ausser" durch "auer" ersetzt (=Cornelius= war auer sich
vor Freude.)

Seite 205, "Einwillung" durch "Einwilligung" ersetzt (... auf welche
Weise sie, nachdem sie bei der Muhme glcklich angekommen wren, sich um
die Einwilligung des Vaters bemhen mten, ...)

Seite 220, "kielhohlen" durch "kielholen" ersetzt (..., und sie machten
auf's Neue Anstalt, den alten Mann zu entern und zu kielholen.)

Seite 226, "sey" durch "seyd" ersetzt (Ihr seyd gut bewandert in den
Kriegshndeln, erwiederte lchelnd der junge =van Daalen=:)

Seite 228, "Brandtwein" durch "Brandwein" ersetzt (..., die auf langen
Wandbnken an einem schmalen Tische saen, groe Glser mit Brandwein
vor sich stehn hatten ...)

Seite 246, "gedehnt. Nun" gendert in "gedehnt. Nun" (Ey, Ihr wollt
allein schlafen? sagte er gedehnt. Nun dann mt Ihr auch vorlieb
nehmen mit dem, was Ihr bekommt, ...)

Seite 252, "gewatlthtigen" ersetzt durch "gewaltthtigen" (... da Ihr
ein rechtes Kunststck begangen habt mit Euerer gewaltthtigen Werbung;
...)

Seite 267, "Judenkracht" ersetzt durch "Jdenkracht" (Da fiel mir der
Jude =Abraham Eleazar=, auf der Jdenkracht zunchst der Synagoge, ein.)

Seite 267, "viertel Stunde" durch "Viertelstunde" ersetzt (Kann ich nur
glcklich aus dem Snderhause entwischen, so bin ich in einer
Viertelstunde bei ihm und ich lasse ihm keine Ruhe, bis er mitkommt zur
Hlfe.)

Seite 269, "gleicheu" durch "gleichen" ersetzt (..., und nur meine
innere Wuth konnte ihr gleichen.)

Seite 274, Semikolon hinter "Worten" durch Komma ersetzt (Ich berichtete
ihm in wenigen Worten, woher der Wind in den letzten Stunden geblasen
habe ...)

Seite 275, "geschaft" durch "geschafft" ersetzt (Jene wurden sogleich
weiter, mitten durch die tobende Volksmenge, die nur mit groer Mhe von
Mihandlungen zurckgehalten werden konnte, ins Gefngni geschafft.)

Seite 279, "begreiftich" durch "begreiflich" ersetzt (Es dauerte lange,
ehe sie dem Juden die ganze Geschichte begreiflich machen konnte.)

Seite 285, "uud" durch "und" ersetzt (... noch vor einer Stunde dachte
ich es mir als das Herrlichste und Grte, fr Euch zu kmpfen, ...)

Seite 295, "mir" durch "wir" ersetzt (Aber er kommt nher, er will sich
die heien Brocken mit den Fingern aus der Suppe holen, die wir ihm
kochen.)

Seite 301, "wie" durch "wir" ersetzt (Der Himmel will nicht haben, da
wir den =Don= nehmen oder =er= uns.)

Seite 301, Fehlendes ffnendes Anfhrungszeichen vor "Das" ergnzt
(Nein, nein! antwortete der Capitn. Das ist nur vorbergehend. Hier
halten sich die Wetter nicht. Sie eilen der offenen See zu.)






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even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
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or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
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are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
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the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
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Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
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access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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with this eBook or online at www.gutenberg.org

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with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
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- You comply with all other terms of this agreement for free
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forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

