Project Gutenberg's Briefe einer Deutsch-Franzsin, by Annette Kolb

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Title: Briefe einer Deutsch-Franzsin

Author: Annette Kolb

Release Date: August 10, 2014 [EBook #46550]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINER DEUTSCH-FRANZSIN ***




Produced by Jens Sadowski








                            ANNETTE KOLB:
                                Briefe
                       einer Deutsch-Franzsin


                            Vierte Auflage

                     ERICH REISS VERLAG  BERLIN
                                 1917

Alle Rechte -- besonders das der bersetzung -- vorbehalten.
Fnfundzwanzig Exemplare der ersten Auflage sind auf Japan abgezogen und
von der Verfasserin gezeichnet. Preis gebunden 50 Mark.




                              Prludium


                                               Mnchen, September 1914

Ich denke zurck an die paradiesischen Tage dieses Sommers vor Ausbruch
des Krieges, da keiner noch an ihn glaubte . . . Nie zuvor, erinnert ihr
euch, hing der Sommerhimmel so beschwichtigend und waren unsere Wlder
so in sich versunken. Nie sah man die Schwalben so beseligt um die
Kirchtrme streichen und unsere Wege und Brcken so versonnen stehen.
Und nie standen auch -- erinnert ihr euch? so viel schmucke Huser
fertig -- Bilder unseres Glckes -- und kletterten blumengeschmckt alle
Hgel hinauf. Und ber sie alle hin, erinnert ihr euch, die Mondsichel,
die wie in Verzckung schwebte?

Die Ersten, welche da von der Gefahr dieses Krieges redeten, verhhnte
man . . . Aber dann trieb uns eine pltzliche Angst in unsere schon
verwandelten Stdte zurck. Und dort wuchs schon wie ein ungeheures
Vorspiel jene Unruhe an, die uns alle ins Freie stie, wie jene Toten,
von denen steht, da es sie aus ihren Grbern hervortrieb, in den
Straen Jerusalems zu wandeln, als der Vorhang des Tempels zerri. Denn
also schwebte wieder ein Kreuz ber unseren Huptern, und wie jene Toten
litt es uns nicht in der Enge unserer Behausungen. Und junge Frauen, die
sich aus der stummkreisenden Menge schlichen, whnend, da sich in der
Verborgenheit der eiserne Ring um ihre Herzen in Trnenstrmen lsen
wrde, traten alsbald steifen Auges wieder vor ihre Tr. Und wie sich
dann mit dem Verhngnis die Spannung wie ein Nebel hob und jene
todgeweihten Heldenmienen offenbarte, ber Nacht zu Antiken gemeielt!
so da alle Fremden, die noch auf unserem Territorium weilten, uns
hingerissen ihre Liebe schwuren, bevor sie flohen. Sie erinnern sich
wohl.

Den Zurckgebliebenen aber saen schon die Augen im Kopfe, mit denen der
Gefangene zu dem kleinen Streifen des unendlichen Himmels emporsieht.
Wer aber da wieder hinaustrat in die Natur, wem es etwa beifiel, sich
auf den Gipfel eines Berges vor der betrten Menschheit zu flchten, mit
ihrem Ha zerfallen und weil er untchtig ist zu begreifen, da zur
Ergnzung, ja, wie Liebende zur Ergnzung geschaffene Nationen sich
hinschlachten sollen; wie ein neuer Philoktet stnde der vor den
verklrten Hhen und den friedlichen Herdenglocken, seiner Qual immer
neu berwiesen. Wie Philoktet mit der schwrenden Fuwunde jede
Betrachtung, die er fat, was immer er sagt oder vernimmt, mit seinem
Schmerzensgeheul unterbricht, so wird ihm jeder Gedanke zerrissen, jeder
Schlag seines Herzens durch das Bewutsein dieses grauenhaften Krieges
zerhmmert.




                             Erster Brief


                                                          Oktober 1914

Es ist noch verfrht (obwohl es wei Gott nicht unpatriotisch ist),
europische Worte in unseren plombierten Lndern auszusprechen. Aber
einer mu doch anfangen. Ich will jedoch niemandem Ungelegenheiten
bereiten, ich will auch nicht miverstanden werden. Und ich will nicht
diskutieren. Das ist heute zu viel verlangt.

Du und ich aber, wir waren einer Sinnesart, und du bist tot. Darum
richte ich meine Worte an dich und klammere mich an deinen Schatten. Und
du, der vielleicht nur mehr Augen fr das Unsichtbare hast, du siehst,
wie berschwenglich froh ich mein Nichts von Leben hundertmal veratmet
htte, um abzuwenden, was heute in der Welt geschieht. Wir waren wohl zu
leicht befunden und unser zu wenige, die wir uns gerne zu Geiseln
geschart und den Gorgonen entgegengeworfen htten, ihre wtenden
Schritte und auf ihren Huptern die entsetzlichen Natterngewinde zu
bannen -- die nun entfesselten -- deren giftige Brut berall nistet. Ja,
wo die gtige Erde Saaten und Frchte trug und die friedliche Kornblume
sprote, dort wogen jetzt sie geschftig ber die verwsteten Acker und
wrgen die Mnner dahin, whrend ihr Gift, wie fernwirkende Geschosse,
die unverschonten Frauen ereilt, die weit weg in den geschtzten Stdten
die Agonie ihrer Mnner vernehmen. So ist jetzt die Welt.

Hat nicht ein jeder im Leben Momente gehabt, ber die er nicht htte
hinauskommen sollen, und ist es doch; zum deutlichen Beweise, da etwas
im Menschen sein msse, das alle irdischen Begegnisse berschwebt und
also berschweben _kann_, wenn er sich nicht selbst aufgibt.

Diesen Satz las ich heute. Wer ist man? Und doch gilt es, die Treue an
sich selber zu bewahren, auch wenn es alle Gemeinschaft mit den anderen
kostet. O verlasse mich nicht! Du siehst, wie jetzt die Leute ihre
Fenster schlieen. Der Wind, der ber die Erde rauscht, ihnen trgt er
nichts zu; jeder wei, wo er hingehrt, und scharf und wie geschliffen
fllt seine Tr ins Schlo. Nur ich bin heimatlos durch diesen Krieg
geworden: Ja -- htte Gott, der den Arm Abrahams (den zur Opferung des
Sohnes schon erhobenen) zurckhielt, htte er dem rckwrtigen Lauf des
Hllenrades Einhalt geboten, und angesichts so viel wundervoller
Bereitheit zu sterben sich erbarmt, dann wrde freilich auch ich mich
freuen, das Prludium dieses Krieges erlebt zu haben. Denn wer verge
je der Gesichter, die er da sah.

Doch vom Tag an, wo das Sengen und Brennen und Schieen und Erstechen
und Niederstoen und Erwrgen und Bombenwerfen und Minenlegen anging,
von dem Tag an, siehst du, bin ich eine Ausgestoene; von einer solchen
Welt bin ich geschieden; wie ein Idiot.

Denn ich verstehe ja nicht. Wie ein Idiot erschrecke ich vor den
Menschen und frchte mich seitdem. Sonst so stdtisch, treibt es mich
seitdem in schlafende Drfer, in unbegangene Wlder hinein, als gebe es
noch eine Flucht, und als sei die Tatsache dieses Krieges nicht lngst
ins Weglose eingetragen und brtete nicht ber das verlassenste Moor.
Selbst die reinen Linien der Berge sind von ihm durchfurcht, von
grauenvollem Wissen ist der Mond umhaucht; keine Alm steht mehr in ihrer
Unschuld da. Was ihn erst unglaubhaft erscheinen lie, das gemahnt jetzt
alles an ihn. Auf keinen Tisch, keine Trklinke knnen wir die Hand
unvoreingenommen legen, wie eine bittere Hefe ist er in unser Brot
gebacken, und selbst im Traume nagt das dumpfe Wissen um ihn. Wie leicht
dnkt mir dagegen dein Schlaf! und du selbst wie bevorzugt, wie
unaussprechlich vornehm, da du diesen Zusammenbruch, Europas
unsterbliche Blamage, nicht mehr erlebtest.




                            Zweiter Brief


Komm ich bitte dich! Unterhalten wir uns ber die Gedankenlosigkeit der
Menschen. Weit du noch, wie wir einmal den Flu entlang vor deiner
Wohnung auf und nieder gingen? Die Strucher waren schon aufgeblht. Wir
sprachen ber Zeitungen, und du schlugst pltzlich mit deinem Stock auf
das Pflaster und riefest: Die Menschen sind zu borniert! Man mchte
sich manchmal schmen, da man zu ihnen gehrt.

Da aber die Dummheit _solche_ Triumphe feiern, und ihre Fanfare mit
einem solchen Geschmetter dreinfahren wrde, nein, das glaubten wir
nicht. Auch wenn wir es sagten. -- Und dennoch sahen wir die Vlker
Europas gutwillig in einen Ha ausbrechen, den sie Tags zuvor entrstet
von sich wiesen. Denn ach! es stand geschrieben -- und in der Politik
wie in allem wird der Nachdenkliche gar bald zum Fatalisten -- es stand
geschrieben, und in jedem Staate wiederholte sich dasselbe frchterliche
Schauspiel, da nicht die besten Kpfe bestimmen durften. Und so wurde
die Intelligenz Europas von ein paar Leuten unterjocht, welche teils auf
diesen Krieg hinarbeiteten, teils ihn nicht zu hindern verstanden und
ihn so gemeinsam verschuldeten; sie aber durften sich ruhigen Sinnes auf
die Strae begeben, von der Volkswut verschont, welche schon anfing,
unschuldige Menschen ber die Grenzen zu jagen.

Und alsbald geschah es, da dort, wie auf einen Wink des Antichristen
hin, schwarze Drachenfelsen die sonnenumwobenen Auen verstellten und
sich als finstere Kulissen entlang zogen; und da ein kranker Wind sich
erhob und Scharen Unglcklicher wie mde Spreu hinberwirbelte; sie
wuten nicht wie; so schnell! Eben noch als Freunde sich am Halse
liegend, mitleidig angestarrt -- aber ein neuer Windsto, und sie waren
schon gechtet, und ehe sie die Strae berschritten, ihres Lebens nicht
mehr gewi, verngstet und verflucht.

Und zugleich fing es im ganzen Erdteil wie in einem Bienenkorb zu
wimmeln und sich zu regen an von geschftig sich drngenden,
unbersehbaren Schwrmen, aus den verlorensten Tlern aufgeflogen, und
alle in ihrem knstlichen Ha zu den knstlichen Felsen hingetrieben,
aus deren Schacht nunmehr heies Blut chzend hervorbrach, zu Bchen, zu
Strmen qualvoll unversiegbar anschwellend, doch stets so, o Gott! da
die Schmerzensrufe der einen mit ihrem weithallenden Echo des Jammers
zugleich den Vorteil des anderen bedeuteten.




                            Dritter Brief


Da in dieser Zeit, in der die Taten reden mssen, noch so viel zu sagen
bleibt, ist niederdrckender als Alles. Wer soll es mit dem Schutt
aufnehmen, der sich von neuem huft? Seit ich denken lernte, nannte ich
die Geschichte meiner beiden Vaterlnder den Roman, um den das Schicksal
unseres Kontinents sich drehe. Wird man mir eher glauben als zuvor?

Wir sind am Ende des ersten Bandes angelangt, wo noch einmal alles
verschttet und zurckgeworfen liegt. Bis man an den zweiten gehen kann,
sind wir, die heute keine Kinder mehr sind, ermattet oder dahin. Das
Wirrsal ist zu gro. Ich ersticke. Es ist zu spt. Lasciate . . .

Allein die Hand verdiente zu verdorren, die heute zu kmpfen abliee,
wenn auch vergebens. Wer denkt, liegt heute erst recht im Graben: aber
nur von dem Schritt vor Schritt und unablssig Vorgedachten wird
endlich, unter tausend Opfern, und ber unsere Leiber hin, die Masse
fortbewegt. Doch die Gemter sind noch so, da die ruhigen Worte die
gewagtesten sind. Niemand trgt heute in Europa freieren Gewissens sein
geteiltes und zerhmmertes Herz, und nur allzu billig fiele mir der
Beweis, da meine geteilte Liebe eine verdoppelte und keine verminderte
ist. Nie aber glaube ich erging noch die Forderung so gebieterisch an
das Gewissen derer, die nicht im Felde stehen, sich auf die Unze genau
zu ihrem Blute zu bekennen; nur so behaupten auch sie in ihrer
Bedrngnis die ihnen zugedachten Posten. Es wre gemein zu fordern, da
einer, der seiner Abstammung nach in gleichem Mae zwei Nationen
angehrt, heute die eine oder die andere verleugne. Heute nicht! Vor all
dem vergossenen Blute erhebt sich heute die Stimme des Blutes lauter als
alles. Wie es heute in einem Halbfranzosen Deutschlands aussieht, das
wei kein Deutscher und kein Franzose, das kann nur sein Echo finden in
der Qual eines Halb-Germanen in Frankreich. Denn wie die eingestrzten
Huser unserer Grenzorte, die, wechselseitig umstritten, von den Kugeln
beider Gegner zerschossen liegen, so sind wir in uns selber
zusammengestrzt.

Du weit: ich hatte mich von meinen deutschen Landsleuten dadurch
vielfach unterschieden, da ich immer so stolz darauf war, ihnen
anzugehren, und da ich im Ausland mit der aufgezogenen Fahne meines
Deutschtums so begeistert herumging. Aber du hast auch gehrt, wie
unermdlich ich ihnen zurief: Die Verschmelzung Eurer Wesensart mit der
Eurer westlichen Brder ist fr das Heil Europas unerllich und die
Stunde fr eine Anleihe ihrer Qualitten hat geschlagen. Denn nicht eher
seid Ihr die Berufenen. Jawohl! Ich wei es schon, Ihr seid grndlicher,
mnnlicher, Euer Geist ist weiter ausgebuchtet. Aber Ihr seid die
politisch Ungeschulten, die Unpolitischen par excellence. Ihr versteht
es nicht, mit den Franzosen auszukommen, was noch alle anderen Nationen
fertig brachten. Es ist gar nicht so schwer. Nur sachte! rief ich ihnen
voll Besorgnis zu. Nicht so schnell! Um Gottes willen was macht Ihr da!
_Falsch_!

Leute wie ich, die zu ihrer Qual (denn in keinem Lande sind sie ganz
daheim) eine Vershnung der deutschen und franzsischen Elemente
verkrpern, waren sicherlich vor allen anderen befugt, ihre Meinung
abzugeben. Die Kluft war ja so gro geworden, da auer uns, die Mitte
Weges standen, nur ganz Wenige sie berschauen konnten. Doch wer achtete
unser? -- sie wuten es besser, hier wie drben; und da alles
fehlschlug, zog man es vor, die Franzosen fr erledigte, die Deutschen
fr vernichtbare Leute zu halten. Nichts von all dem! -- Indessen
glauben sie's noch immer! Ach und mir dnkt, es ist gerade genug fr ein
Menschenherz, seinen Jammer und seine Sorge um die Not _eines_ Volkes in
unseren Tagen zu bewltigen. Aber Leute wie wir werden auch noch am Tage
des Sieges sich verkriechen mssen. Denn immer wird es Jerusalem und
seine Kinder sein, um die sie weinen werden. Ach _wir_ sind es, die
htten sterben sollen!




                            Vierter Brief


Wie schwer fllt heute ein Wort, zu leicht entschlpft, auf uns zurck!
In einer Zeit, in der um ein Fr und Wider Stdte in Brand aufgehen, hat
sich jede Art von Leichtsinn verwirkt. Um eines Wortes willen verbringe
ich gefolterte Nchte, und merkwrdige Ernchterungen stellen sich ein,
du weit . . . und mein Herz ist selbst die unbeirrbare, die
eiferschtige und immer schwankende Wage.

Wie neulich: ich hatte mich fr den Abend angezogen und Kerzen vor dem
Spiegel angesteckt, als sei nichts geschehen: Die Frau, zu der ich dann
fuhr, hatte ihren Tisch mit Tulpen geschmckt, und es war wie frher,
und als htten wir vergessen.

Aber spter, vorm Kamine, im mattbeleuchteten, schattenvollen Raume
kamen wir um so leidenschaftlicher auf den Krieg zurck, als wir zuvor
nicht von ihm gesprochen hatten. Und einer von den Herren, ein Chirurg
und Sammler, einer jener kontemplativen Sddeutschen, die
unberwindliche romanische Sympathien hegen, uerte sich da voll
Ingrimm ber die neue Manier der Franzosen, uns wider jede bessere
Einsicht Barbaren zu nennen, nach allem, was gerade wir auf allen
geistigen Gebieten leisteten. Konnte das ihr Ernst sein? was ging da nur
in ihnen vor? und sich pltzlich an mich wendend: Ob ich das wte?
fragte er.

Nun hatte ich mir aber fest vorgenommen, nur zuzuhren, wenn solche
Themen zur Sprache kommen sollten, denn meine Gesinnung lasse ich mir
nicht verdchtigen; es ist aber heute so leicht, miverstanden zu
werden, wenn man nicht ganz genau dasselbe sagt und meint, was der
andere sagt und meint. Es lag jedoch im Unterton seiner Frage eine so
naive und rhrende Besorgtheit, da ich, meines Vorsatzes vergessend,
emporschnellte und ausrief: Ja, ich wei es genau!

Und ob ich es wei!

Jene berragenden geistigen Leistungen sind es ja gerade, welche zuerst
das Miverstndnis verschuldeten. Wie bei einem sehr selbstbewuten
Menschen, mag er noch so schchterne Seiten an sich haben, niemals
Schchternheit als der Grund fr seine Handlungsweise angenommen wird,
so hatte der anerkannt gedankenvolle Deutsche keinen Kredit auf seine
Ungeschicktheit. Kein Wunder! denn am Tage, an dem Deutschland mchtig
geworden war und er in Szene trat, an diesem spten Tag zeigte er sich
schon so vielfach ausgereift und von einer scheinbar so unbegrenzten
Flle der Gesichtspunkte, da man sich von dem Neuling irgendwie
berflgelt sah und er allsogleich, zu allererst von den Franzosen, sehr
ernst genommen wurde. Nachtrglich wird ja jetzt sattsam hervorgehoben,
da er des politischen Instinkts ermangle. Es ist kein Kunststck mehr,
es zu entdecken! -- a priori aber wurde bei Leuten, die noch dazu
unverweilt einen Bismarck auszuspielen hatten, auf alles andere eher
geraten, und man dachte, dieser Mangel, der vom Kleinsten und
Persnlichen ins Allgemeinste und Kolossalische ging, mte unbedingt
etwas anderes sein, als was er ist, nmlich die Achillesferse des
Deutschen und das Geheimnis seiner Unbeliebtheit. Als er der Sieger
wurde, htte er sich vor allen Territorien ein paar _Qualitten_, die
der Besiegte vor ihm voraus hatte, aneignen sollen, um seinem Triumph
die dauernde Weihe und Unanfechtbarkeit zu geben. Es wren da solche
Dinge zu requirieren gewesen wie das Talent der entgegenkommenden Form,
die Ziehharmonika der demi-mots und l'Art de ne pas froisser, eine
Kunst, die wir verschmhten, weil wir sie nicht meisterten, die aber von
grerem Werte fr uns gewesen wre als alle Milliarden, denn sie htte
uns die Franzosen selber erworben. Was half alles Gold unseres Gefhls,
da wir es fr sie nicht zu mnzen verstanden? So ergab sich das ewig
selbe Spiel, da der Deutsche ihrer Eigenliebe nicht schonte und sie
dafr mit hlichem Gekreische sich seinen zu muskulsen Griffen
entwanden. So wurde er endlich der Barbar, nur weil er nie der
Gescheitere war . . .

Aber der Arzt schttelte den Kopf. Das Miverstndnis liegt doch
tiefer, meinte er. Ich bin auf wissenschaftlichen Kongressen des
fteren mit Franzosen zusammengekommen: sie haben eine geniale Art, die
Dinge mit Elan aufzugreifen, aber wo es ein wirkliches Einfhlen gilt,
nein, da lassen sie aus.

Einfhlung? rief ich, nachdem man sich seit vier Jahrzehnten zum
beiderseitigen Nachteil systematisch entfremdet hat? Und doch brannte
man drben insgeheim auf diese Einfhlung. Wir htten es merken sollen:
fr die Potenz des deutschen Geistes war man von einer hin und wieder
deutlich hervorbrechenden Liebe, ja Verliebtheit beseelt gewesen, die
endlich in eine ungeheure und ungeheuerliche Enttuschung umschlug. Wie
mag das werden, wenn wir uns in der Folge noch mehr gegeneinander
abschlieen -- sind wir doch schon hier wie dort vielfach ber alle
Begriffe langweilig geworden: die Franzosen so anmisch, wir so
verknchert! Selbst unsere Musik ist eine Hagestolzmusik geworden.
Selbst unsere heutigen Meister schwelgen im schon Erworbenen; neue
Quellen flossen ihnen nicht! Wir verarmten, wir alterten beide.

Sie hat recht, sagte einer.

Aber die anderen fielen unverzglich ber die deutschen Diplomaten her.
Das war mir jedoch zu billig. Jetzt, da die Diplomatie mitten im
Konkurse steht, ist auch nicht der Moment, mit ihr ins Gericht zu gehen.
Die Diplomatien wren bis auf weiteres quitt. Solange es ein Deutschland
gibt, so lange wird es auerdem stets eine Auslese staatsmnnischer, so
gut wie anderer Talente hervorbringen. Nur haben diese eine Not, sich
bei uns durchzusetzen, welche aufs engste mit den Fehlern unserer
Tugenden zusammenhngt. Sie werden bei uns so lange untergeordnet (was
gewi sehr disziplinarisch ist), bis nur die Allertchtigsten unter
diesen Tchtigsten am Tage, an dem sie endlich durchdringen, ihre
Spannkraft noch nicht verloren haben.

Ach, ich sage dir: es berkam mich ein so des Gefhl, whrend ich
sprach, weil doch die Anzeichen fehlen, da wir die richtige Lehre aus
der furchtbaren Prfung dieses Krieges ziehen: nicht bei jenen Deutschen
sicherlich, welche als ein selbstbewutes und auf seine Rechte
eiferschtiges Volk aus dem heldenhaft bestandenen Kampf zurckkommen
werden, wohl aber bei den zu Hause Gebliebenen, die sich vielfach eine
merkwrdige Begriffsverwirrung und die krassesten Fehlschlsse
gestatten. So hegten sie noch vorgestern fr die Person eines
Botschafters gemeinhin eine komisch naive Ehrfrchtigkeit, und wer sich
abfllige Meinungen ber die Fhigkeiten eines so hochgestellten Herrn
gestattete, der wurde als ein ganz unverschmter Niemand
zurechtgewiesen.

Weil man indes erleben mute, da gewisse auslndische Posten, was das
Resultat anging, ebensogut vom Dornrschen htten besetzt sein knnen,
so mchten sie jetzt am liebsten das Amt eines Botschafters mit dem
Botschafter, das Kind mit dem Bade ausschtten. Man sollte es fr eine
Albernheit halten, gewisse umlaufende uerungen aufzugreifen, welche
darin gipfeln, unsere Diplomaten wrden bei den Friedensverhandlungen
berhaupt nicht mitzureden haben. Es sprechen aber so nicht nur ein paar
Geheimrte von der Sorte, welche schon Bismarck als hoffnungslos
bezeichnete, ein paar Exzellenzen und ihre wrdigen Damen, sondern eine
ganze all-weise Partei.

In einem solchen, in sich gefestigten, mit der inneren Verwaltung des
Reiches aufs engste zusammenhngenden Kreis wohnte ich krzlich einem
groen Gekicher bei, als ein junger Mann, auf Befragen, was er zu werden
gedenke, erwiderte: Diplomat. Indem man ihn so von vornherein zur
Operettenfigur stempelte, glaubte man das Problem spielend gelst zu
haben. Auf solche Weise bescheiden sich aber viele, sehr namhafte
Personen, viel zu unschuldsvoll in Dingen der ueren Politik, um auf
die Abwehr gewisser, sehr gefahrvoller Mistnde bedacht zu sein, so da
die den Schein des Rechtes fr sich haben, welche behaupten, es seien
keine Geschfte mit uns zu machen. Aber wenn sie die Kraft finden, die
Entsetzlichkeit des Krieges ber seine welthistorische Bedeutung zu
vernachlssigen, mu man von diesen rigorosen Geistern nicht verlangen,
da sie auch imstande seien, die Brden, die Strapazen und Forderungen
von Energie zu begreifen, welche der _Frieden_ auferlegt? Und wenn sie
auf die ewige Wiederkehr des Krieges schwren und alles in sich auf ihn
vorbereiten, mssen sie sich dann nicht auf die welthistorischen Rechte
des _Friedens_ gleichermaen erziehen, selbst wenn diese Erziehung nur
die Bescheidenheit bedeutete, die im Verhandeln und sich Verstndigen
liegt?

Ach! ich rede zu dir, als ob ich die Lebenden nur anrufen knnte, indem
ich sie verlasse. Zuerst glaubte ich, da ich hinberriefe in dein
Reich, und nun rufe ich doch nur in das Leben zurck.

Aber von diesen Dingen spreche ich zu dir ein anderes Mal; heute will
ich dir sagen, wie es gekommen ist, da ich seit jenem Abend nur mehr an
dich allein, du Abgeschiedener, meine Worte richten darf, nur dich
allein mehr habe, du Entschwundener.

Als wir aufbrachen, war die Nacht tief vorgerckt und die Kohlen im
Kamin waren zusammengesunken. Der Arzt begleitete mich nach Hause. Zwar
hatte ich einen weiten Weg, aber es litt mich in keinem Wagen, und so
gingen wir zu Fu. Die Luft roch schon nach Schnee. In ihrer
Versunkenheit und Stille nahmen die Straen kein Ende, und die Huser
hatten schon etwas von der Bedrcktheit ihrer Bewohner an sich,
besonders die Fenster. Aber wenn auch unfroh, so standen sie doch
ungefhrdet, nirgends zerklftet, nirgends zu rohen Trmmerhaufen
zusammengestrzt. Ruhig und dumpf schlug die Stunde von den unbedrohten
Trmen.

In jedem Feldbrief stand jetzt zu lesen, wie glcklich man sich schtzen
msse, den Krieg nicht im eigenen Lande zu haben, und wohl dem, hie es
unaufhrlich, wohl dem!, der ihn auf dem Boden des Feindes fhren drfe.

Aber ich glaube es schon. Ich vergegenwrtige es mir zu gut! Sie waren
mir nur zu lebhaft vor Augen, die Verwstungen. Mein Blut, in dem
Strudel der Dinge mitgerissen, trug ja in sich das Wissen um die
Erbitterung derjenigen, welche die sonst so unverletzliche
vaterlndische Scholle pltzlich von fremden Menschenmassen bertreten,
beherrscht und aufgerissen sahen. Es war ja meine Not, da meine
Phantasie sich da zu heftig engagierte.

Ach, ich sage dir, es war die Nacht und ihre Einsamkeit, es war die
Stille! Gewi, es war die Ferne, und sie trug die Schuld, da mir da nur
die liebenswrdigen und nur die schnen und nur die edlen Eigenschaften
des verwandten Volkes vorschwebten, so da ich zu ihm, hingerissen, mit
ihm mich ber die Verheerungen betrbte, die es auf seinem Boden
erduldete. Und meine Liebe zu ihm beteuernd, schrie ich triumphierend in
die Nacht hinaus: Paris gehre den Franzosen, und auch andere Vlker
htten ihre Genien.

Aber das Gestndnis meines Zwiespaltes hatte keine befreiende, sondern
nur eine noch entnervendere Wirkung auf mein Inneres zur Folge, und in
die Einsamkeit meiner vier Wnde zurckgekehrt, glaubte ich, von dem
Ansturm zu verschiedener Empfindungen durchwhlt, nicht mehr, da der
Schlag eines einzigen Herzens ihnen standhalten knne. Und ich fing im
Finsteren zu chzen und laut zu reden an und teilte mir selber
angelegentlich die Dinge, die ich dachte, mit, als wte ich sie noch
nicht, als sei, von mir losgelst, noch einer, ein Schatten da, der die
Einsamkeit des Zimmers noch verschrfte, ein listiges Etwas, das sich
seltsam hier angezogen fhlte und neugierig zusah, wie hier ein
Lebendiger, seiner eigenen Identitt entsetzt, gleich ihm kein Selbst,
nur eine abgetrennte Halbheit hatte und, wie von sich selber weggerckt,
menschenunwrdig in einer Ecke kauerte. Denn so entrangen sich mir jetzt
in abgerissenen Stzen Klagen, Flche, Verwnschungen und
Selbstbeschuldigungen. Denn trug nicht jeder irgendwie schuld an dem,
was sich so widersinnig noch ereignete, da er es noch erlebte?

Zwar meldete sich die Vernunft inmitten des Zusammenbruches, und sie
verdammte dies Aufgebot von Leidenschaft. War ich dasselbe Wesen, das
stets so berschwenglich Deutschlands geistigen Himmel pries? Es war
mein Minnesang gewesen! Und konnte ich leugnen, da ich in den Pariser
Straen mit derselben Heftigkeit wie vorhin ausgerufen hatte: ohne das
Deutschtum strzte die Welt zusammen? Und jetzt, in der Stunde seiner
schwrzesten Bedrngnis und seiner grten Heroismen, wollten die Saiten
meiner Leier zerspringen? Trieb ich nur Humbug mit den heiligsten
Gefhlen? Doch was sie auch sprach und diktierte, wurde von dem
Widerwillen berboten, der mir pltzlich den Turnus des Lebens selbst
zum Ekel werden lie. Dem an die Dunkelheit gewhnten Auge schienen
jetzt, hoch aufgerichtet, die Kissen zu Hupten des Bettes. Aber der
Schlaf war nur ein schlechtes und verseuchtes Palliativ geworden, und
die Bande rissen beim Erwachen nur um so schlimmer von unserem wunden
Bewutsein los. Frierend, den Mantel zusammengeschlagen, rhrte ich mich
nicht.

Und wie aufgehaltenes, zum Stocken gebrachtes Blut, das seinen Lauf
erzwang, so quollen da jetzt mit der Schwere des Blutes stoweise jene
Trnen hervor, die so anders sind als die um unser persnliches Leid;
sie, die einem Frhlingsschauer gleich das Herz erleichtern. Was sind
wir Einzelne? Was unser Kummer? Ist nicht selbst unser bichen Liebesnot
noch Glck? Jene anderen Trnen aber, welche stoweise und mit der
Schwere des Blutes hervorbrechen, weil sie mit dem Todesschwei
unzhliger Jnglinge gespensterhaft verklebt sind wie mit der
versteckten Qual ganzer Generationen von Frauen und den schon steigenden
Schatten ihrer Schwermut, wer sie erfuhr, ja, wer immer sich heute von
der Strmung nicht einfach berfluten lie, der Frevler, der sich umsah
nach der Gomorrha unserer Zeit, mute der nicht versteinern wie die Frau
des Lot?

So kam ein neuer Tag. So dmmerte ein nchterner und winterlicher
Morgen. Wieder lie mich die Vernunft hart an und verabscheute mein
gestriges Verhalten. Zwei Zungen hingen mir ja nicht an, um die zwei
Dinge, um die es sich handelte, zugleich zu sagen. So war Lge, was
immer ich sprach.

Ich kann dir die de jenes Morgens nicht schildern. Drauen hingen
Fahnen bernchtig und durchnt von den Dchern herab ob irgendeines
Sieges. Da entglitt mir die Treue wieder, die mich doch beseelte, und
ber das Gefhl fr das Nchstliegende gebot ich nicht. Nichts von
Vernunft mehr! Nur die frchterliche Schwle irrsinnigen Wissens. Es war
die Hlle. Ich ri das Fenster auf. Das harte Pflaster der Strae ward
da zur einzigen Lockung.

Warum ist es dein Bild gewesen, das mich da umgab und aus dem
umdunkelten Zimmer bis hart an meine Knie hinrckte? Ein Ansturm
klingender Sphren, ein erhobener Stab, und der beschwingte Schatten
deiner Hnde ber eine bessere Welt. Dies alles umflatterte mich wie
Himmelsvgel und entschwand, und es blieb nur der eiserne Vorhang
trauernd herabgelassen vor dem Imperium unseres Gedankens und unserer
Musik. Aber nur dich allein, dem in der Flle des Lichts jenseits des
eisernen Vorhanges Gebliebenen, ich durfte nur dich und nicht die
Menschen, die mit mir leben, zu Vertrauten dessen machen, was ich heute
dachte. Es war nicht billig. Ich mute die eigenen Rckschlge scheuen.
Und es ging nicht an, ihnen gegenber meine Worte immer wieder
zurckzunehmen, um dann das Widerrufene neu festzuhalten.




                            Fnfter Brief


Meine Briefe an dich haben eine lange Unterbrechung erhalten, ich bin
inzwischen in Dresden gewesen und habe dort in einem eher sprlich und
zumeist mit Damen besetzten Saale einen Vortrag gehalten. Nichts wre
also leichter gewesen, als ihn totzuschweigen. Aber die Journalisten
telegraphierten bis nach Istrien, in alle Grenzlande hinein und hinaus
zu den Neutralen, was ich gesagt hatte. So wissen es jetzt alle. Kein
Wunder, da ich zufrieden bin.

Dennoch htte ich nicht gedacht, da ich eine Genugtuung darin finden
wrde, von den meisten Zeitungen beschimpft zu werden. berraschungen,
die man sich selber bereitet, sind nie ganz langweilig. Ich hatte mich
fr bescheidener gehalten.

Aber lasse dir den ganzen Hergang erzhlen, bevor ich ihn selbst in
allen seinen Zusammenhngen vergesse, _ihretwegen_ lasse sie dir
erzhlen. Denn ich liebe nichts so sehr an den Dingen, als wenn sie den
Charakter der Fgung an sich tragen, der sie ihrer sonstigen
Unwichtigkeit enthebt, man kann nicht gleich sagen, wie weit.

Im vorigen Frhjahr, mitten im Frieden, also im goldenen Zeitalter noch,
forderte mich die Dresdener Literarische Gesellschaft zu einem Vortrag
fr den kommenden Winter auf. Gezeichnet Major Nicolai. Eine solche
Einladung war mir neu. Aber der Januar 1915 lag ja in so weiter Ferne!
Ich sagte also provisorisch zu.

Sehr erfreut war die Antwort. Und welches Thema gedachte ich zu whlen?

Ich nannte Irland, aufs Geratewohl.

Irland war wie eine groe, leere Urne, in die man viel hineinlegen
konnte, wenn es wirklich dazu kommen sollte. Im brigen hatte es ja gute
Weile.

So kam der Sommer. Es kam der Krieg. Und jene Tage innerster Abkehr und
Zerfallenheit, da sich der einzelne einer Abgegrenztheit berwiesen sah,
unentrinnbar wie die des Sarges, da er sehen mute, wie er dem
Untergange standhielt und ein imaginrer Halt noch der sicherste schien.

In jenen selben Tagen kam ein Brief, um mich an den vergessenen Vortrag
zu erinnern.

Blieb es bei Irland?

Nein.

In Anbetracht der Ereignisse sei ein anderes Thema gewi vorzuziehen,
schrieb der Major Nicolai. Und hatte ich meine Wahl getroffen?

Aber ich hatte keine Ahnung und stellte eine Bedenkfrist, indessen
rckte der Major ins Feld. Es war ein anderer Herr, der sich eine Weile
spter nach meinen Beschlssen erkundigte. Dieser setzte nach Art der
neuen Besen gleich viel geschftiger ein und bedeutete mir, da zwar in
Anbetracht des Krieges die meisten Vortrge in diesem Winter ausfielen,
er aber . . . ich aber . . . _mein_ Vortrag aber . . . und es folgte
wieder die ergebenste Frage nach meinem Thema.

Ich hatte mich jetzt besonnen und schrieb zurck, da es besser wre,
wenn er unterbliebe; denn wenn ich sprche, so knnte ich nur von dem
Konflikt derjenigen reden, welche auerstande seien, sich in die
Tatsache des gegenwrtigen Krieges zu finden. Sonst htte ich auf der
Welt nichts zu sagen, was von gengendem Interesse wre.

Jetzt erst kam Tempo in die Unterhandlung.

Wie interessant! schrieb der stellvertretende Herr.

Allerdings msse er mich darauf aufmerksam machen, da nicht ber
Politik geredet werden drfe. In Dresden schon gar. berhaupt die
Dresdener! . . . Jedoch . . . Jedoch der stellvertretende Herr wollte
nicht auf mich verzichten.

ber Politik wollte ich nicht sprechen, jedoch mein Thema eigne sich
nicht.

Ihm persnlich sage es auerordentlich zu, versicherte er.

Da wollte ich die Sache noch einmal berufen und verlangte mehr Geld.

In Kriegszeiten! erwiderte er bestrzt . . . Niemand, erhielte da ein
hheres Honorar. Wenn ich auf meiner Forderung bestnde, she er sich zu
seinem grten Bedauern gezwungen -- er hoffe, es wrde nicht dazu
kommen -- einen Ersatz zu suchen.

Aber da wurde ich nicht ohne Schrecken inne welche Strecke ich
mittlerweile gelaufen und wie entschlossen, wie erpicht ich schon war,
den Vortrag zu wagen.

Es sei ja nicht des Geldes wegen, schrieb ich postwendend, und vom
Moment an, wo keine Zurcksetzung vorlge . . . Kurz, ich nahm, wie man
sagt, meine Truppen etwas zurck.

Noch am selben Tage fuhr ich ins Gebirge.

Es verweilte dort die Sonne ber einem noch unbeschneiten Berg, dessen
braune Hnge etwas von den Reflexen und dem warmen Hauch des Sommers
zurckhielten, und das Auge verga hier des Winters ganz und gar.
Sommerlich lockte da auch die beschienene Bank auf der Hhe, die ich
bestieg.

Tief unten, zu meiner Linken, lag jetzt im kalten Schatten das Dorf.

Also in Gottes Namen! dachte ich und zog ein kleines Heft und einen
Bleistift hervor.

Allein es war, als htte ein unsichtbarer Regisseur auf diesen
Augenblick gepat, um ein Signal zu geben. Denn gleichzeitig und wie auf
ein Stichwort hin wurde da unten ein groes Scheunentor aufgestoen, und
wie aus einer Kulisse brach ein Rudel zufriedener Schafe ins Freie
hervor, ergo seine wolligen Massen schnell ber die Strae, die Brcke
hin, und fing an, den sonnigen Berg zu erklettern.

Auf dieser Sommerstation arbeitete ich nun darauf los, apostrophierte
die einsame Landschaft und baute, so gut ich es wute, langsam und
hartnckig meine Worte auf. In dem altvterischen Gasthaus unten waren
zwei ostpreuische Offiziere mit schlecht verheilten Wunden zur Nachkur
angekommen. Der eine hatte Jaurs sprechen gehrt, der andere hatte
selbst Vortrge halten mssen; beide whlte ich eines Abends zu meinem
Auditorium und las ihnen den meinen vor; sie fanden ihn unmglich in
allen Punkten und sagten es unverblmt. Es gelang ihnen sogar unverweilt
eine Parodie desselben; die Gelegenheit schien einer Sonderbestellung
von Kaffee und Kuchen durchaus wrdig, es wurde viel gelacht; ich nahm
an allem teil, aber in mir war das kalte Dorf. Denn los lie ich jetzt
nimmer, fuhr am nchsten Morgen in die Stadt zurck und machte die ganze
Arbeit von vorn.

Die Zeit drngte, die Mhe war verzweifelt; ich ruderte darauf los, war
auch schon wieder ber die Hlfte Weges gelangt, als der tote Punkt
sich auftat und das unbemannte Boot an einer Sandbank festfuhr. Meine
Krfte gengten nicht, es wieder flott zu machen. Anfang und Ende lagen
wie zwei geborstene Stcke und schlossen sich nicht an, alle Energie war
vergebens. Es fehlte das Vermgen. Angestrengt und ausgelscht zugleich
starrte ich vor mich hin, als sich die Tre ffnete und ein von
Begriffen schneller Freund, der mir lange kein Lebenszeichen gegeben
hatte, unvermutet, wie auf hherem Gehei, wie der Engel vor Tobias,
unvermutet vor mir stand.

Ariel! rief ich aus, nahm nicht Zeit zu wissen, woher er des Weges sei,
noch wie es ihm ging, sondern bestrmte ihn alsbald, mir zu helfen. Er
war gleich orientiert, es bedurfte nicht vieler Erklrungen: wenn ich
nicht zu bewegen war, von der Expedition zu lassen, dann war mir nicht
anders zu helfen, als indem man mir half -- und er machte sich im
Augenblick daran, zu den paar krftigen Rucken auszuholen, zu welchen
mir der Atem ausgegangen war. Hei! Wie lustig schaukelte jetzt das
gelichtete Boot die Wellen weiter.

Und war es im brigen nicht durch seine Gesinnung verankert?

Schnell fuhr ich jetzt noch einmal in die Berge zurck und berraschte
die beiden Ostpreuen durch meine Wiederkehr. Diesmal war auch eine
Freundin zugegen. Es wiederholte sich jener Abend, nur da nicht mehr
gelacht wurde.

Ich bin ja mit jedem ihrer Worte einverstanden, sagte der ltere
Offizier, aber was glauben Sie, was Ihnen alles an den Kopf fliegen
wird, wenn Sie den Leuten das sagen?

Sie haben tausendmal recht! sagte der andere, aber Sie werden nichts
erreichen.

Es ist vergebens.

Es ist zu frh.

Meine Freundin erbot sich, fr den Kontraktbruch aufzukommen, wenn ich
nur diesen Vortrag nicht hielt. Auerdem schiene ich krank. Der Arzt
wrde nicht anstehen, mich fr reiseunfhig zu erklren. Und wie schn
sei es hier in dem verschneiten gemtlichen Gasthaus. Nein, ich drfe
nicht gehen; -- sie fuhren mich im Schlitten einen Pa empor. Dort sah
man in der Tat die Herrlichkeiten der Welt wie von der Zinne eines
Tempels; und man war ihr abgewandt, der wahnsinnig grinsenden
Todesfratze des Krieges; ferne den genarrten Menschen war man dem Leben
nah.

Sie werden sich selbst nur schaden, ohne zu ntzen, redete mir hier
einer der Herren noch einmal zu. Es ist zu spt.

Doch wie htte ich -- auf ihre Zustimmung hin -- ihrer Warnungen achten
drfen? Tausendmal recht und mit jedem Worte einverstanden, waren
dies nicht ihre Worte gewesen? Was blieb da brig, als da ich den Berg
Tabor wieder herunterging, um dem gelben Winternebel entgegenzufahren,
welcher die Stadt mit ihren elektrischen Bahnen und ihren
Zeitungsplakaten umhing?

Dort hatte ich jetzt einige Not mit meinen Bekannten: sie taten sich
durch eine recht empfindliche Neugierde hervor und machten dabei ihr
Interesse fr mich geltend, sowie ihre Erfahrungen, oder die Ratschlge,
die sie mir geben konnten. Doch wer immer den Vortrag hren wollte, der
hrte nur von den zwei ostpreuischen Offizieren und ihrer Begeisterung.
Der Eifer meiner Bekannten wuchs; sie meinten es gut, aber ich wute es
besser. Endlich setzten sie ber meinen Kopf hinweg eine Generalprobe
fest, bei der ich fehlte.

Ariel gegenber beklagte ich mich ber diese neue Art, mir zuzusetzen.
Die Warnungen der drei Eingeweihten, welche immer lauter in mir
nachklangen, je nher meine Abreise rckte, machten mir den Kopf
ohnedies schwer.

_Einen_ Verschworenen mssen Sie aber noch haben, meinte er. Ohne ein
paar Vortragsstunden wird es nicht gehen. Und er fhrte mich zu einer
Schauspielerin.

Sie erwartete uns. Erst gab sie uns Tee in einem Raum von japanischer
Leere und forderte mich dann unvermittelt auf, ihn mit Bewutsein zu
durchschreiten. Dabei stellte sich heraus, da ich eine so einfache,
stets so unbedenklich volltane Sache mit einem Male nicht mehr konnte;
Arme und Beine waren mir wie mit Brettern angeschnallt und ich trat ber
die glatten Fliesen wie durch einen Bach. Als es dann ans Lesen ging,
unterbrach sie mich zu Anfang sehr oft, schrfte mir auch ein, den
Vortrag auswendig zu lernen, denn die Befangenheit spiele dem Neuling
gefhrliche Streiche; so knnte es sein, da im kritischen Augenblick
ein wilder Tanz unter den Buchstaben tobte und meine Augen machtlos
wren, sie zu unterscheiden. Auch korrigierte sie an meiner Sprechweise
und meiner Haltung.

Sie war, obwohl noch sehr jung, die erste Schauspielerin der Stadt. Ihr
hellenisches Gesicht war von einer seltenen Klarheit, und ihr Haar
schlo sich wie ein geflgelter Helm an ihre Schlfen. Langsam schien
sich aber, whrend ich las, dies helle Bild mit Mimut, ja fast mit
Unwillen wie mit einem Gitter zu umziehen und zu entfernen. War es eine
zu offenkundige schauspielerische Unbegabtheit oder waren es meine
Worte, die sie verstimmten? -- sie lie mich reden. Kennen Sie
Dresden? fragte sie, als ich zu Ende war. Jedenfalls sind Sie doch auf
Widerspruch von seiten des Publikums gefat?

Aber nein! sagte ich. Warum denn?

Da fing ich einen raschen Blick auf, den Ariel ihr zuwarf.

Ausgezeichnet! rief sie aus, als sei sie pltzlich im Bilde, und sie
behing mich nun mit den wertvollsten Ratschlgen, wie mit Geschmeide:
ich sollte mit meiner Kette spielen, whrend ich sprach, um mir einen
Halt zu geben, und vor allen Dingen durch ein selbstbewutes, sicheres,
wenn nicht kommandierendes, wenn nicht gar impertinentes Auftreten jedem
Verdacht an mein blutiges Anfngertum vorbeugen. Im brigen wrde ich
meine Sache vortrefflich machen. Sie zweifle gar nicht daran.

Und wenn es losgeht, sagte Ariel . . .

Wenn es losgeht, fiel sie voll Eifer ein, so treten Sie zwei Schritte
vor, -- und sie nahm mir das Heft aus der Hand, und wie zu einer
tausendkpfigen Menge gewendet: Ich bestehe auf meinem Recht, zu Ende
zu reden! rief sie ihr schneidend und mit stolzer Miene entgegen.

Aber was sollte denn losgehen? Ich verlie sie ganz in Gedanken. Es war
kein Erfolg, wollte ich zu Ariel sagen. Aber da war er oben geblieben.

Als ich ein paar Tage spter noch einmal zur Probe bei ihr erschien,
lobte sie meine Fortschritte und war noch einnehmender und
liebenswrdiger als zuletzt, und erst auf der Treppe befiel mich wieder
der Zweifel: War es nicht auf Ariels Tun zurckzufhren, da sie mich
nicht entmutigte?

Meine Koffer waren gepackt --, ich stand zur Abreise bereit, als eine
Alarmdepesche des stellvertretenden Herrn eintraf, mit der Zumutung, ein
zweites Manuskript fr alle Flle mitzubringen, weil das Generalkommando
mein Thema vielleicht doch beanstanden wrde. Jetzt noch zurcktreten?
-- Ich dachte nicht daran. Hchstens auf einen zweiten Titel fr ein und
denselben Vortrag wollte ich mich unterwegs besinnen, kaufte auch
schnell ein Heft, um es zwischen Mnchen und Dresden mit einer
unleserlichen Schrift zu berziehen. Die brige Zeit lernte ich
auswendig, als gelte es mein Leben.




                            Sechster Brief


Wieder habe ich ausgesetzt. Es fehlte mir der Mut, weiter zu schreiben.
-- Whrend der Erdteil sich mit alten Leuten zu fllen scheint, weil sie
die zahlreicheren geworden sind, und die Shne die vom Tode Erlesenen
sind, _ihre_ Herzen es sind, die erkalten, inmitten des Feuers, des
Wahnsinns, des Taumels der Vlker, gebricht der Mut, so winzige Dinge
weiter zu erzhlen. Ich glaube, wir sprachen einmal davon, als du noch
lebtest.

Aber die Hauptsache ist doch der Posten, so sagtest du, gleichviel
welcher, und auch wenn es nur ein unbestallter und selbstgeschaffener
wre, und der Uniformierte sei letzten Endes nur ein sinnflliges Abbild
desjenigen Soldatentums, dem keiner entlaufen darf. So bedarf es denn
keiner Entschuldigung, vielmehr _obliegen_ mir diese Briefe, auch wenn
sie nur die eines freiwilligen Grenzwchters sind, dessen Dienste
unbegehrt, dessen verzweifelte Zeichen stets unverstanden blieben.

So hre denn, wie es weiterging.

Als ich vor dem Hotel Bellevue ausstieg, war es Mitternacht, und von der
Fahrt in der berhitzten Kohlenluft und dem Auswendiglernen erschpft,
nahm ich das erste beste Staatszimmer; zu Kriegspreisen. Auch zog noch,
trotz der spten Stunde, ein aufrechter Pikkolo mit gedeckten Schsseln
schwungvoll auf, und es waren nur mehr so abgelegene und unbeschwerte
Bilder wie die des Marquis von Carabas und des gestiefelten Katers, an
welchen ich festhielt.

Nicht so der stellvertretende Herr.

Allzu zeitig hing er schon am Telephon und gab mir seine Besorgnisse
kund. Infolge eines neuen Erlasses, da jeder Vortrag, welcher sich mit
dem Kriege befate, acht Tage vor dem Termin eingereicht werden msse,
hielt jetzt das Generalkommando mit der Genehmigung zurck.

O! Das Generalkommando wird gar nichts gegen meinen Vortrag einzuwenden
haben, sagte ich, den Ellenbogen bequem aufgesttzt, in das Rohr
hinein.

Aber nein! Aber keinesfalls! Diese Versicherung habe ich auch auf das
ausdrcklichste gegeben, und ich habe krftig vorgebaut, klang es
lebhaft, fast aufgeregt zurck.

Nun, dachte ich, da ist jemand, der ja auf das Zustandekommen meiner
Rede zu brennen scheint. Da kann ich mir den Luxus der stets so
kleidsamen Gelassenheit erlauben.

Hallo!

Ja? sagte ich.

Ah -- ich dachte, wir seien unterbrochen. Und er fragte, um welche
Zeit er die Ehre haben wrde, von mir empfangen zu werden.

Um fnf Uhr.

Er bat mich mittlerweile, den Saal des Knstlerhauses anzusehen und dort
meine Bestimmungen zu treffen. Ein Auto brchte mich in wenigen Minuten
hin.

Ich nahm die Elektrische. -- Wie eine Schsin mitten unter Sachsen fuhr
ich dahin, bis mir der Schaffner sagte, hier sei die Albertstrae. Das
Knstlerhaus stand hart vor mir. Ob mich ein Herr oder ein Frulein zum
Saal geleitete, wei ich nicht mehr, meine Wnsche aber, welche der
stellvertretende Herr ebenso viele Befehle genannt hatte, sollten sich
durchwegs als weise Vorkehrungen ergeben, insbesondere die Aufstellung
des Pultes in nchster Nhe der Tre. Sanft, aber bestimmt verordnete
ich Seitenlicht, Stehlampe und Halbdunkel. Immer dabei in die Luft
sehend, wie die Schauspielerin mir gelehrt hatte; jeder Zoll die
routinierte Rednerin. Guten Tag.

Und dann ging ich spazieren. Immerzu. Es regnete. Jedoch ich lief wie
eine Uhr. Die Museen und Kirchen waren geschlossen; die Brhlsche
Terrasse, umfinstert und na, lockte nur mich. Feldeinsam, und der Elbe
zugewandt, stellte ich mich dort auf und sagte den ganzen Vortrag
probeweise noch einmal her, die Stelle ber die Journalisten mit
besonderer Betonung.

So knnen wir gar nicht verstehen, rief ich mit aufgespanntem Schirme
und mit meiner Kette spielend den triefenden Bumen und den umnebelten
Ufern zu, so knnen wir gar nicht verstehen, da die Vlker, die doch
schon allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum
sie sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum
sie sich die noch nicht verbaten. Wann werden die Vertreter der wrdigen
Bltter dagegen protestieren, da solche Mrder der Gesellschaft sich
ihre Amtsbrder nennen? Man hat schon Regierungen davon gejagt, aber der
Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf
seiner Redaktion. Argwhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen
verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den >Matin< einzuschreiten, der
schlimmer als eine russische Knute Wahrheit, Vernunft und Migung
unterdrckt. Aber in jedem Lande, fuhr ich mit erhobener Stimme fort,
gibt es Erscheinungen, die dem >Matin< nacheifern, ohne ihn zu
erreichen; es ist unleugbar, da die ffentliche Meinung sich der Lge
leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb wre heute nichts
notwendiger auf der Welt, als da eine Sezession innerhalb der Presse
entstnde.

Der langweilige Tonfall des Regens gab mein einziges Echo ab; das war
jetzt. Heute abend wrde man nicht umhin knnen, mir hier zuzurufen. Der
groen Mehrheit wrde ich mit diesen Worten aus der Seele sprechen.
rgern konnten sich da nur die paar, die sich getroffen fhlten. Aber
was wollten sie machen?

Ich hatte ja recht. Was ich sagte, war ja wahr. Ein bedenkliches Omen
war nur dieser Mangel jeglichen Lampenfiebers. Besann ich mich recht? Es
galt, die Probe zum ersten Male zu bestehen. Aber selbst, als es schon
dunkelte, und auf dem Heimweg noch waren meine Gedanken unbeteiligt.

Indessen harrte schon mein Ritter, der betriebsame und stellvertretende
Herr in der Halle des Hotels. Er war klein und schwarz. Das
Generalkommando hielt noch immer mit seiner Genehmigung zurck und
machte ihm Sorgen. Sie wrde schon kommen, beruhigte ich ihn. Es war ein
langer Besuch. Die Dresdener kamen nicht mit der ersten Note bei ihm
weg, und da ich nicht wute, ob er ein Sachse sei, nahm ich sie hflich
in Schutz. Warum aber gab er sich die Mhe, den Mann der weiten Welt vor
mir zu spielen? und da er Vettern in Paris besa, wie gleichgltig war
das! Zugleich erschrak ich doch, da so hart vor Torschlu ein so
deutliches Gefhl der Langeweile Raum in mir finden konnte. Da flocht er
in bedeutsamem Tone ein, da die gesamte Dresdener und sogar ein Teil
der Leipziger Presse meinem Vortrag beiwohnen wrde. Jetzt war ich ganz
Ohr. Den Abend sollte ich dann als Ehrengast dieser Herren in ihrem
Kreise beschlieen. Wollte ich das?

Aber ganz gewi wollte ich das.

Als er mich verlie, war es hchste Zeit, mich umzuziehen. Die
Hoteljungfer half mir dabei. Und wie gefllig, wie sorgfltig sie war!
Sie erzhlte von ihrer Existenz; es interessierte mich. Aber pltzlich
sagte sie: O es ist spt! Da fate mich ein groes Entsetzen. Ich
eilte hinunter; es war kein Auto zur Stelle, und es kam auch keines.
Erst nach langem Warten fuhr ein alter Fiaker mhselig vor, und indes
der Zeiger ber die achte Stunde immer weiter hinaus rckte, zog er mich
gemach durch die Dunkelheit.

Doch grelles Licht ergo sich ber die Treppe des Knstlerhauses, und
blendende Flchen, von Finsternis umhaucht, zogen sich kreisfrmig ber
den Platz. Nirgends ein Kommen und Gehen mehr. Ich stieg allein und
versptet die Stufen hinauf. Durch eine zufllig sich ffnende Tr sah
ich den Saal in der vorgeschriebenen Beleuchtung.

Alle waren versammelt, vertrieben sich plaudernd die Zeit, und es fehlte
nur ich. Befrackt -- und unruhig, und doch beglckt, eilte mein Ritter
durch die Gnge auf mich zu: das Generalkommando hatte soeben den
Vortrag bewilligt. Es war also richtig niemandem eingefallen, ihn mir
vorher abzufordern. Aber wie ein anderer Benvenuto Cellini hatte ich
stets gewut, -- ohne zu wissen, -- da es so kommen wrde. Im
Knstlerzimmer wartete auch schon ein lterer Herr, um mir in aller Form
das Honorar zu berreichen. Ich unterschrieb -- schob es in meinen Muff,
und mein Ritter --, ritterlich zum letzten Male, bot mir den Arm. Es war
ein Weg, den ich aber lieber allein ging, hatte ich doch keinen einzigen
Freund, keinen einzigen Bekannten im Publikum geduldet. Ich dankte also.

Es sei Zeit, sagte er zurcktretend.

Da stieg ich schnell die paar Stufen hinauf und ffnete die Tre des
Saales. --

Doch unwillkrlich machte ich eine Geste und betrat ihn wie einen Salon.
Denn angesichts dieser versammelten Menschen berkam mich, zwischen Tre
und Pult, mir selber unerwartet -- statt Befangenheit, das grte
Sicherheitsgefhl meines Lebens. Es verlie mich auch dann nicht, als
ich vor meiner Stimme erschrak. Die Gesichter waren deutlich erkennbar:
ein Mdchen und ein junger Mann, Geschwister, wie mir schien, ein Herr
in Uniform, einer, dessen weie Haare hervorstachen, zwei andere in
mittleren Jahren, mir schon von der zweiten Seite an abhold. In den
vorderen Reihen ltere Damen. Ich hielt mich an die jungen Gesichter.
Sie zeigten Interesse, wohlwollende Neutralitt.

Da zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob
herrschten, sagte ich, war wohl unerllich. Aber inzwischen hat sich
die Luft Europas durch dieses Verfahren bedeutend verschlechtert. Man
redet voneinander, als gedchte man nie wieder miteinander auszukommen,
und dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prfung dieses
Krieges ziehen sollen, noch liegt hier Piett fr die Gefallenen.
Umsonst sind heute die Erschlagenen, die nichts mehr wissen von unserem
Hader und gemeinsam das Schattenreich bevlkern, wenn sie den Ha nur
besiegelten.

Sie verstehen gar nichts! schrie einer.

Ich achtete dessen nicht. Niemand, sagte ich, mit meiner Kette spielend,
gert in Friedenszeiten auf den Gedanken, die Verbrecherstatistiken
anzurufen, um den Geist einer Nation zu beschreiben. Heute sollen mit
einem Male solche Verwechslungen richtig, erlaubt, erwnscht sein! Wir
mssen das Bleibende im Charakter einer Nation vor so niedrigen
Berhrungen verteidigen . . .

Wie anders ist die Haltung der Offiziere! Nichts ist ihnen peinlicher
als der Gedanke, man knnte annehmen, sie htten keine ehrenhaften
Feinde! Und der Takt so manchen Pfahlbrgers hat schon durch eifriges
Forschen nach den Ungesetzlichkeiten und Greueln der Gegner peinlichen
Schiffbruch erlitten.

Es waren die zwei Stze, die Ariel mir geschenkt hatte.

Doch nichts vermochte mehr die frostige Atmosphre zu heben. Ich suchte
die lichteren Gesichter und konnte sie nicht mehr finden. Lag es an mir,
oder hatten sie sich von mir abgewandt? Ich war allein; auf meinem
Podium wie auf einer Klippe; unter mir eine kalte unruhige Flut. Es
mifllt ihnen alles, dachte ich resigniert; aber nur Mut! Jetzt kam
schon die vorletzte Seite und dann wars berstanden.

So knnen wir gar nicht verstehen, sprach ich frei und brauchte keinen
Blick in das Heft zu werfen, da die Vlker sich allesamt ihre
hetzerische Presse noch gefallen lassen. Wann werden die Vertreter der
wrdigen Bltter dagegen protestieren, da solche Mrder der
Gesellschaft sich ihre Amtsbrder nennen? Regierungen hat man davon
gejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter
des Herrn auf seiner Redaktion. Argwhnisch wird das Tun eines Monarchen
verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den Matin einzuschreiten, der,
schlimmer als eine russische Knute, Wahrheit, Vernunft und Migung
unterdrckt. Aber in jedem Lande gibt es Erscheinungen, welche dem
Matin nacheifern . . .

Infamie! schrie ein Getroffener auf

Der Mann mit den weien Haaren war vom Stuhle gesprungen. Eine
unerhrte Gemeinheit! rief er laut durch den Saal, und ihn quer
durchschreitend, ging er emprt zur Tre. Ein dritter hatte sich von
seinem Platz erhoben und schleuderte jetzt in den hohen Wellengang eine
Rede aus dem Stegreif gegen mich. Ich sah einen brtigen Kopf, von Ha
entstellt, und sah ihn so deutlich, da mich eine Ruhe, eine Genugtuung,
eine Khle berkam, wie aus der Tiefe eines Ziehbrunnens emporgeweht,
und ich diesen Wutausbruch als eine Ehrung entgegennahm. Denn ich hatte
ja recht, und was ich sagte, war ja wahr. Htte man nur zehntausend
hetzerische Zeitungsschreiber aus allen Lndern zusammengetrieben,
dachte ich geradeaus starrend, htte man nur zehntausend von diesen
Erzfeinden zusammengetrieben, die ihre finstere Gewalt ber die
urteilslose Masse mibrauchen, in allen unseren Lndern den gesunden
Kreislauf im Blute unserer Vlker unterbanden, und wo immer diese
berzugreifen und nach Ergnzung strebten, hintanhielten und endlich
zurckwarfen, wei der Teufel auf wie lange, htte man sie nur
rechtzeitig zusammengetrieben, die heute weiterklffen von allen Ufern
des Roten Meeres, das gespeist wird von dem Blute Millionen
Unschuldiger, so htte man heute nicht in allen Lndern, welche dieses
Rote Meer umgrenzen, man htte heute nicht das Schauspiel junger
Krppel, junger Blinder, berfllter Narrenhuser, zu Greisen
geschlagener Jnglinge, und gute friedliche Vlker, die sich liebten, ja
die sich liebten, sie, die sich liebten, htten nie daran gedacht, sich
Leid zuzufgen ohne Euch, die Ihr Euch hergabt zu Urhebern aller Greuel,
indem Ihr sie erzhltet, wo Ihr sie nicht erdichtetet, so da sie gleich
alle als Repressalien entstanden! Ja, htte man zehntausend
hetzerische Journalisten aus unseren Lndern zusammengetrieben und
gehenkt, o wieviel wertvolle, hoffnungsvolle Menschen wren in all
diesen Lndern heute am Leben! Statt dessen seid Ihr es, die Ihr noch
lebt, die Ihr den Glauben an die Menschheit und an die menschliche Gte
vergiftet habt, die Ihr einer bsen Schwre gleich Europa von einem Ende
zum anderen berzieht, Ihr, die Hetzer, die Mitschuldigen an diesem
Kriege, deren Knochen, wie die der Schcher, htten zerbrochen werden
sollen, bevor wir zulieen, was jetzt geschieht! --

Aufgewhlt von solchen Gedanken, starrte ich geradeaus, whrend der Mann
seine Gegenrede hielt. Aus groben Platitden zusammengesetzt und im
wstesten Zeitungsstil gehalten, war sie doch von groer Gelufigkeit
und schlo sehr wirksam mit der Aufforderung, ich sollte doch
hinabsteigen in die Grber, um mich von den Verstmmelungen und
ausgestochenen Augen, an die ich nicht glaubte, zu berzeugen; fr eine
so billige Emphase heimste er dann den ganzen, schnen, ursprnglich fr
mich gedachten Applaus fr sich selber ein.

Aber der jungen Schauspielerin eingedenk, trat ich zwei Schritte vor und
bestand auf meinem Recht, zu Ende zu reden. Doch siehe: mein Ritter
wars, welcher da mit offenem Visier auf das Podium strzte und mit
gesenkter Lanze an meine Seite stob, um jede Verantwortung fr meinen
Vortrag weit von sich zu weisen. Htte er geahnt . . . und er berief
sich jetzt auf das Generalkommando, welches auch nicht geahnt hatte. O
wie anders waren jetzt seine Sorgen als am Vormittag! Wie ferne war
Cosmopolis, und wie vergessen die Vettern in Paris! Das Dresdener
Publikum hingegen erhob er jetzt zum Richter ber mich, auf da es
entscheide, ob ich zu Ende reden drfe oder nicht.

Nun waren Ja-Rufe die erste Antwort auf diese Frage; sie wurden aber
sofort von wtenden Nein niedergeschrien, und was jetzt entstand,
darber konnte kein Zweifel sein, war ein regelrechter Tumult. Und sah
ich recht? -- ballte da wirklich ein ehrenwerter Herr die Fuste gegen
mich?

Mein Staunen war grenzenlos. Trotz aller Warnungen meiner Freunde und
ihrer so bestimmten Prophezeiungen ber die unausbleiblichen Folgen
meines Tuns, strzte ich von allen Hhen angesichts des Sturmes, den ich
heraufbeschwor. Offen gestanden hatte ich mir -- nie ernsthaft
natrlich, aber in Momenten der Mdigkeit und zur Kurzweil -- hatte ich
mir ausgemalt, wie ein rabiater Reporter mir auflauern wrde, und ich
wie Brutus vor der Tre zusammenbrechen, hierdurch aber die gute Sache
unendlich frdern und den groen internationalen Generalstreik gegen
jegliche Hetze sogleich und berall beschleunigen wrde. Ja, sogar der
Mglichkeit einer kleinen Gedenktafel hatte ich schon in Gedanken
vorgegriffen, nur die eines Tumultes hatte ich nie erwogen, und ich fiel
von allen Himmeln, als er einsetzte. Denn ich hatte ja recht. Und was
ich sagte, war ja wahr. Indessen war die Situation auch fr den
Unbelehrbarsten nicht zu verkennen: eine wste Skandalszene, als deren
Mittelpunkt ich hier oben stand inmitten einer gegen mich gerichteten
Majoritt, oder falls es eine Minoritt war, machte sie jedenfalls den
greren Spektakel, so da sie einer Majoritt gleichkam. Kurz
entschlossen griff ich da zu meinem Heft, nahm meinen Muff, und ohne
einen Gru (htte ihn doch gerade der mit den geballten Fusten fr sich
nehmen knnen!) verlie ich das Podium und war fort.

Doch kaum hatte ich das Knstlerzimmer betreten, als es von der anderen
Seite gestrmt und die gegenberliegenden Tren aufgestoen wurden. Vom
Saal her tnte noch ein so wilder Lrm, da ich angesichts dieser
fremden und aufgeregten Leute, die alle auf mich eindrangen,
unwillkrlich zurcktrat.

Es war jedoch die Schar derer, welche meine uerungen billigten und
sich nun in Sympathiekundgebungen berboten und sich entrsteten und
wollten, da ich meine Meinung ber Dresden nicht nach den Erfahrungen
dieses Abends bilde; und eine alte Frau sprach von dem Schaden, den sie
durch die Aufregung davontrug, ermahnte mich aber dabei auf eine so
merkwrdig eindringliche, so wissende, so atemlose Art, niemals meine
Worte zu bereuen, da ich zum ersten Male in innere Bewegung geriet;
aber gleich darauf wurde ich wieder munter, und Kampflust lebte wieder
auf, denn war da im Hintergrunde nicht mein Ritter, der sich mir zu
nhern suchte? Whrend er mich so umringt und nach allen Seiten danken
sah, kam er sachte auf mich zu. Richtig, und er sprach mich an. Ich
habe Sie gewarnt, sagte er verbindlich.

Nein -- _ich_ habe _Sie_ gewarnt! gab ich mit meiner schrillsten
Kopfstimme zur Kenntnis. Sie werden sich erinnern . . .

Ich habe Sie gewarnt! Dreimal! unterbrach ich ihn so weit vernehmlich,
und so entschlossen, das letzte Wort, das er mir abgeschnitten hatte,
diesmal zu behalten, da er es vorzog zu entschwinden.

Aber die Entrstung ber ihn, wie meine Partei sie uerte, brachte ich
nicht auf. So weltkundig war ich seit einer Viertelstunde geworden. --
Hier war einer, der es fr Wahnwitz hielt, es mit den Alberichen der
Presse, was immer er im stillen ber sie dachte, offen zu verderben.
Indem er Deckung suchte, tat er nur, was fast alle anderen taten. Bei
dem Schmaus, zu dem er sich jetzt begab und bei dem ich htte
prsidieren sollen (himmlisch!), wrde es ohnehin schwer auf ihn
niederhageln. Sollte ich ihm grollen, da er schnell seinen Schirm
aufri? Sah er denn wie ein Desperado aus? -- Langsam von Begriffen, zog
ich doch schnell meine Konsequenzen, und viel eher wunderte ich mich
jetzt ber die kleine Schar, die zu mir hielt.

Fr den Rckzug ins Hotel war mir sogar eine Leibgarde von vier Damen
geblieben. Das Wetter hatte sich aufgeklrt und wir gingen zu Fu. Sie
boten mir ihren Schutz, ihre Huser, ihre Gastfreundschaft, -- aber ich
hatte nur den Wunsch, mglichst schnell von Dresden fortzukommen.
Wollen Sie mir beim Packen helfen? fragte ich sie und nahm mein
unbekanntes Quartett zu mir hinauf.

Hurtiger war ich noch nie reisefertig geworden, aber so dankbar ich
ihnen war, so gut besonders die eine von ihnen mir gefiel, der Wunsch
allein zu sein, wurde mit einem Male bermchtig. Und als sie mich
verlieen und ich die Tre hinter ihnen schlo, gedachte ich die wenigen
Stunden bis zum trben Morgen zu verschlafen.

Doch kaum hatte ich das Licht gelscht und die Augen geschlossen, da
warf sich ein Frost ber mich her und schttelte mich, da meine Zhne
immer wieder zusammenschlugen. Aber zugleich schlug auch eine wirklich
beseligende Trauer wie ein Mantel ber mich hin; und jetzt erst war ich
mir bewut, was dieser Abend mir selber bedeute: -- Ein Stein, der mich
fast erdrckte, war von meinem Gewissen fortgewlzt, und ich hatte mir
eine Lichtung inmitten des Gestrpps und einen Weg erfochten. Dies und
noch etwas anderes.

Nie ist der Mensch so wahrhaft er selbst, wie in Momenten, in denen er,
seiner selbst kaum mehr bewut, nicht mehr wei, da er Augen hat und
ein Gesicht, und nichts mehr von seinen Hnden wei und gleichsam ohne
Fe wandelt. Und nie ist er doch so restlos er _selbst_, -- wer erklrt
das? -- als wenn eine Idee ihn allem Persnlichen so weit entreit, da
er -- nur mehr ein Kleiderfetzen, nur ein Schemen mehr -- dennoch
hchstem Gefhl des Seins teilhaft wird, whrend er doch in solchen
Augenblicken sein Leben, schier ohne es zu merken, verlre.

Die Laternen brannten noch, als ich zur Station fuhr, und als die
Dresdener sich ihres Morgenkaffees erlabten und ihre Morgenzeitung
entfalteten, stieg ich schon am Anhalter Bahnhof aus. -- Doch von Berlin
erzhle ich dir ein anderes Mal.




                           Siebenter Brief


Natrlich ziehe ich Mnchen vor. Berlin ist mir nur insofern lieber als
es grer ist; eine Stadt ist immer zu klein. Wenn schon, ei, so gebt
mir die grte, die es gibt, oder dann gleich die Einsamkeit der
Schlucht. Es ist ja mit den Menschen wie mit Lotterien, und nur deshalb
sind Provinzstdte so hoffnungslos zu denken, weil nicht anzunehmen ist,
da auf eine beschrnkte Zahl von Einwohnern oder von Losen ein Treffer
kommt. Die Rechnung ist von furchtbarer Einfachheit.

Darum wird man in dem unmusikalischen Berlin mehr musikalische Leute
antreffen wie in dem musikalischen Mnchen. Darum hast du und andere
groe Musiker das Pariser Publikum so sehr geliebt.

Um auf Dresden zurckzukommen, so konnte mir nach dem dortigen Abend
nicht nur keine Stadt, auch kein Hotel gro genug sein. Zaghaft sprach
ich im Adlon vor, doch ein engelsguter Herr tat nicht, als ob er meinen
Namen hrte; ich hatte ein Dach ber mir, und ich hatte ein Zimmer,
dessen Vorhnge ich alsbald zusammenschlo, das kreidige Licht des Tages
auszuschalten, denn mir schien, als htte ich frs erste einiges zu
vergessen.

Doch ein heftiges Klingeln ber meinem Kopfe schreckte mich ins
Bewutsein zurck, und der erste Kondolenzanruf aus Mnchen drang in
mein umdunkeltes Gemach.

Schon.

Die Zeit war den Leuten nicht zu schade gewesen, um sogleich den Vorfall
nach allen Gegenden des Reiches zu posaunen, und nur den wenigsten
Redaktionen war diese Zeit zu ernst, um solch aufgeregte Telegramme mit
ihrem sichtbaren Stempel der Unverbrgtheit aufzunehmen. Das gelesenste
Blatt meiner Vaterstadt gab flugs eine augenfllige Notiz zum besten,
die zu berichtigen ich mich nicht beeilte, indes der Wald meiner
Bekannten und die Flora meiner Freunde, sie, die ich so oft die
Skrupellosigkeit, mit welcher die Journalisten wider besseres Wissen, ja
geradezu auf Widerruf hin, Nachrichten verbreiteten, sowie die
Leichtglubigkeit der Vielen hatte verpnen hren, welche alles
glaubten, was in der Zeitung stand, sie glaubten jetzt so unbesehen, was
in der Zeitung stand, da sie sich nicht einmal nach meiner eigenen
Aussage umtaten, sondern, mit wenigen Ausnahmen, stiegen sie da
unverweilt zu jener Leichtglubigkeit, von welcher sie sich abseits
glaubten, und ihrem verachteten Niveau herab. Besten Falles gaben sie
mir ihr Bedauern kund, da ich es jetzt mit der Presse verdorben hatte,
doch ich dachte besser von ihr; gab es doch in der Presse, wie berall,
anstndige Leute, und ihrer war ich ganz sicher. Die andern aber . . .
ja war es denn nicht Brgerpflicht, es mit den andern zu verderben?

Der Rat der weisen alten Dresdnerin war indessen doch zur guten Stunde
gekommen, denn es war nicht angenehm, in der Halle des Hotels all die
Zeitungen aufliegen zu sehen, in welchen mein Name unter so
fantastischen berschriften zu finden war. Je weiter vom Orte der
Handlung, desto freier natrlich tummelten sich die Reporter; es kostete
ja nichts, mir in Steiermark deutschfeindliche uerungen entschlpfen
und mich in Rdesheim die deutschen Frauen, von welchen ich kein Wort
gesagt hatte, beschimpfen zu lassen. Von allen Zeitungsfirmen wirbelten
mir Ausschnitte, manche vier Spalten lang, entgegen, berall mit dem
Angebot: Willst mehr du noch hren?

Aber der Geschmhte ist, wie ich vermute, schneller blasiert wie der
Gefeierte; zu sehr gelangweilt schon, um auf weitere uerungen zu
abonnieren, erfuhr ich von den paar freundlichen Stimmen nur mehr durch
Hrensagen.

Im Gegensatz zu Mnchen nahmen meine Berliner Bekannten die Entrstung
der Journalie mit Humor. Was Wunder, da mir die uerste Linke
Sympathie bekundete? Aber auch die uerste Rechte war so seltsam. Auch
_diese_ Hand schien im stillen ber mich gebreitet und klopfte mir, wenn
niemand hersah, leise, unmerklich auf die Schulter, wenn auch unsicher,
zgernd und nicht wissend, was sie wollte . . . . . .

Mit welchen Kreisen hatte ich es denn also verschttet? -- Ich besann
mich auf eine, mit dem Reich der Mitte (oder wollen wir es die Lande der
sechs Verbnde nennen?) aufs engste verquickte Honoratiorin. Sie war
selbst am Telephon, fragte erschrocken, wie mir sei, und entschwand.
Dann kehrte sie ein wenig atemlos zurck und lud mich zu Tische ein.
Aber mit Intimitten war mir in diesen Gegenden nicht mehr gedient,
sondern ich wollte einen letzten, richtig gehenden Tee im Rundkreis
ihrer Bekannten.

Die htten jetzt so schrecklich viel zu tun, sagte sie hastig. Allein
ich zweifelte nicht, da sie kommen wrden. Da sie mich im
unausgepfiffenen Zustande kannten, wrde die Neugierde sie mir noch
einmal entgegenfhren.

Ich tuschte mich nicht: sie erschienen alle, und einige darber. Sogar
ein Tchterchen, das hier nichts zu suchen hatte und ihrem Lazarett
ausgerissen war, sa da hart vor mir und starrte mich unverwandt und
vorwurfsvoll unter ihrer Haube an, whrend man sich sehr lebhaft und
auerordentlich pointiert ber das Ma, den vorbildlichen
Gerechtigkeitssinn, die rhrende, fast langweilige Milde der deutschen
Journalisten unterhielt.

Bequem in dem besten Klubsessel hingegossen hrte ich zu. -- Hier kannte
man Parteien wieder! Ich sah vom einen zum anderen und sa wie im
Parkett. -- Bald schlug ihr eigentliches Leitmotiv, das, worauf sie alle
gestimmt waren, an, und wie von einer Strmung erfat, fielen ihre Worte
im reienden Lauf. Um alles, was sie zu behalten gedachten, handelte es
sich jetzt, und auch, was man drauen noch nicht hatte, behielten sie
hier. Ein gewichtiger Industrieller klopfte mit starken Besitzerfingern
auf den Tisch. Und wie munter sie wurden! Meiner vergaen sie ganz in
ihrem Sprudel.

O, wie durchfuhr mich da glhenden Stoes ein Erinnern! Es war kurz
zuvor in einem windumrauschten Schlo gewesen, einst so festlich, jetzt
ein Lazarett. Von den Offizieren fiel einer durch seine merkwrdig
schne, zusammengerissene Haltung auf. Er war aus dem Schlachtfeld allzu
unvermittelt in eine Atmosphre versetzt worden, die sich mittlerweile
etwas zu hnlich geblieben war. Es ging das Gercht von einem peinlichen
Auftritt zwischen ihm und ein paar Dsseldorfer Fabrikanten.

In der Tat wollte etwas in seinem Gesicht nicht zu seiner Haltung
stimmen: in seiner Gltte einem verwaschenen Steine gleich, war es so
blank und doch so abgewandt, so hell und doch von einer Trostlosigkeit
getragen, die weder die Zge noch der Ausdruck dieses Gesichtes, sondern
nur die Atmosphre dieses Menschen verriet. Und dabei war etwas so
intensiv Abwehrendes in ihm, da es keine andere Art gab, ihm entgegen
zu kommen, als ihm aus dem Wege zu gehen.

Ich war vor meiner Abfahrt trotz des Sturmes in den Park und bis zu
einem Gartenhuschen hingegangen, das schon die leeren cker berhing,
dessen bernsteinfarbene Scheiben und bemalte Mauern aber einen
sommerlichen Trug durch alle rauhen Monate hindurch behaupteten. Diese
tapfere Pagode betrat ich ahnungslos. Denn vor mir war jener Offizier,
auf einem Liegestuhle hingeworfen, und das Gesicht in die Lehne
gedrckt, als ob er schliefe; vor dem Windsto, der hinter mir die Tre
zuschlug, sprang er auf, und da war es, mein Gott! da ich ein von
wilden Trnen berstrmtes Mnnergesicht berraschte, und vor Entsetzen
ber diesen Anblick und vom Affekte hingerissen, wie eine Megre diesen
Krieg verfluchte. Aber dies verratene Gesicht und der Blick dieser
jammervollen Augen entzog sich und erkaltete noch mehr. Drauen ist es
schn, sagte er schroff.

Das nchste, was ich von ihm sah, war sein Name unter den Gefallenen.

Ihn sah ich jetzt vor mir: von Bildern gejagt, die zu Furien sich
verdichteten, und wie Orest vor ihnen hingestrzt; an ihn dachte ich
jetzt.

Denn in das Gesprch dieser daheim gebliebenen Draufgnger mischte ich
mich nicht; es lohnte sich nicht; und sie hatten ja recht! Aber so wie
die Kriegsberichte der einen recht haben, nur mu man zur Orientierung
auch die der anderen lesen. So uerten sie ber die franzsischen
Zeitungen unwiderlegliche Dinge, und wenn sie sich ber die
niedertrchtigen Beschimpfungen dieser Presse unterhielten, so war es
nicht mglich, ihnen zu widersprechen oder ihre starken Ausdrcke als zu
stark zurckzuweisen.

Aber es ist wirklich grotesk, mit welcher Naivitt Leute, welche selbst
die Insulte handhaben, berall ihre eigenen Insulten berhren; sie
merken stets nur die der anderen. Und darum werden es stets die Hetzer
sein, die sich ber die Hetze der gegnerischen Seite entrsten. Die
anderen brauchen das nicht. Sie haben kein Organ fr solche Dinge. Das
dreiste Schimpfwort Barbaren wird sie eben so wenig treffen, als sie
selbst sich erdreisten werden, Ausdrcke wie Fulnis und
Aasgeruch[1] zu gebrauchen, wenn sie von der edlen und unsterblichen
Nation der Franzosen reden. Denn sie _sind_ keine Barbaren und wissen es
infolgedessen besser.[2]

Diesen anderen aber dnken infolgedessen solche Ausdrcke durchaus nicht
fr Beleidigungen; und sie werden eine Kultur, die ihnen deshalb eine so
absterbende dnkt, weil sie keinen Schimmer von ihr haben, in allen
Tnen und Varianten morsch und putrefakt nennen.

[Funote 1: Siehe eine Sddeutsche Zeitung.]

[Funote 2: Die Anderen sind es.]

Kapitnleutnant Mcke aber, der mit ihnen kmpfte, diesen Franzosen,
welche die Zeitschrift schildert, Kapitnleutnant Mcke uert sich
folgendermaen: Der Kommandant des franzsischen Torpedobootes hatte
bei der ersten Salve beide Beine verloren. Als er sah, da ein Teil der
Mannschaft ber Bord sprang, schrie er: Bindet mich fest! Ich will nicht
berleben, da Franzosen ihr Schilf verlassen. Tatschlich ist er als
tapferer Kapitn an dem Mast gebunden untergegangen.

Nun aber die Zeitungen: Als wir die Franzosen spter fragten, warum sie
vor unseren Rettungsbooten weggeschwommen seien, sagten sie: >On nous
dit que les Allemands aimaient  tuer leurs prisonniers.< Man darf ohne
den allerletzten Beweis keinen, auch den grten Schurken, eines
Verbrechens anklagen, aber noch immer ist dies eine gesetzlose Welt den
Volksverleumdern gegenber, die wie eine Schwre ganz Europa so lange
berziehen werden, bis es endlich einen Paragraphen gegen sie gibt. Dann
erst wrden sich auch alle diejenigen besinnen, die sich heute zu ihren
Gesellen erniedrigen. Neulich bemerkte jemand so richtig: >Immer hren
wir, es trgen berall nur ganz wenige eine Verantwortung an diesem
Kriege, und die Vielen seien berall ganz unschuldig daran, whrend es
sich doch gerade umgekehrt verhlt, und berall die _Vielen_ auf
tausenderlei Weise, und wre es nur durch ihre Gedankenlosigkeit, teil
an der ungeheuren Blutschuld haben, und nur die Wenigsten mit reinen
Hnden vor ihr stehen.<

Dem Fhrer der Emden versagte die Stimme und der Schmerz bermannte ihn,
als man die Besatzung eines Schiffes, das er torpediert hatte, verloren
geben mute. Aber vor mir sa eine dicke, unntze und ordinre Baronin
und sprach ihre Genugtuung ber die Bomben aus, welche London getroffen
hatten.

O! du httest hren sollen, wie sie redeten! Und hier sa keiner, der
den Frieden um des Friedens halber ersehnte, vielmehr sa hier keiner,
der nicht irgendeinen Vorteil aus all dem Jammer zog, der heute den
Erdteil erfllt. Ein Ha wie eine dunkle Sule richtete sich in mir auf
gegen diese Gesellschaft, in deren Mitte ich zum letzten Male sa. Denn
dies ist das einzig Gute an diesem Krieg, da man aufrumt mit seinem
Umgang und nicht lnger aus diesem oder jenem lcherlichen Grund sich
mit Leuten weiterschleppt, mit denen man nichts gemein hat.

Aber etwas Witziges mu ich dir noch erzhlen: Als der Matin
nachtrglich von dem Dresdener Skandal erfuhr, beschwerte er sich auch.




                             Achter Brief


Ich begreife nicht, warum die wahren Deutschen noch nicht dagegen
protestierten, da die Alldeutschen sich Alldeutsche nennen. Sie sind
doch so undeutsch! Nichts ist doch bislang undeutscher gewesen, wie
Ungedanklichkeit und Hochmut. Und welches Deutschtum, ich bitte dich,
haben diese allbetriebsamen Leute hinter sich? Auf welche Tradition
drfen sich diese pltzlichen Emporkmmlinge berufen, die nichts sind,
wie eine ausgefallene Generation, Ahnen und Urenkel in einem, Insulaner
ohne die Entschuldigung, da sie auf einer Insel wohnen, Anabaptisten,
die ihre Wiedergeburt feiern? Etwa nicht? bertnt hier etwa nicht wie
einst das wilde Geschrei einer kleinen, aber verderblichen Sekte? Ist
dies etwa nicht ein und dieselbe Welt? Fllt je etwas aus ihr heraus?
Und schleppen wir uns nicht, noch immer, mit dem Agens verflossener
Irrtmer, ber welche sich dann immer die Nachwelt so erhaben fhlt, da
sie ihr einen unerklrlichen Wahnsinn dnken? O, ich wei sehr wohl, was
man ber kurz oder lang von den Radau-Alldeutschen sagen wird, aber es
hindert gar nicht, da sie heute die Unbesonnenen verwirren drfen und
da ihnen ein zu hchster Vervollkommnung berufenes Volk es verdankt,
da es verkannt und ungeliebt ist wie nur eins. Und keines ist doch von
so weitem Flug, wenn auch keines so beschwert. Es ist das geistigste und
geistverlassenste, das potenziell hchste, das effektiv gefhrdetste,
der Heimgarten aller Gegenstze, in welchem die blaue Blume tiefer
aufleuchtet, zugleich wilder berwuchert steht, als irgendwo. Mit
grerem Ernst als dieses berduldsame Volk hat keines die Parole von
der Gleichheit, Freiheit und Brderlichkeit, die seine strmischeren
Brder prgten, zu Taten aufgegriffen; keines war so getragen von dem
Gefhl, da der eigene Niederschlag, die eigenen Verkommenen, das eigene
Gesindel, der eigene Pbel . . . zugleich die eigene Schmach einer
Nation umfat; und schritt es da nicht schon gerade darauf aus, die
Armut aus seinem Bereiche zu verbannen und die Entwrdigung der
Niedrigen nicht mehr zu dulden? Auf eine Sanierung nach dieser Seite hin
so bedacht, da es andere Dinge bersah, wo Anderer Augen gebteren
Blickes gar aufmerksam nach den Wetterzeichen schauten und sich
vorsahen, damit, wenn der gefrchtete Sturm sich entfesseln sollte
inmitten der Luft, die sie entznden halfen, nicht _sie_ die
Inkriminierten, nicht auf _sie_ das Odium fallen, nicht sie: Feuer!
sondern: _Wir_ sind es nicht gewesen! rufen drften.

Ich tadle sie darum nicht! Es ist nur recht zu wissen, was die Geste
wert ist, und man ist der Schlechtere nicht, weil man der Gerissenere
ist.

Doch um so bedeutsamer bleibt, da kraft seiner stetig sich veredelnden
Arbeiterbevlkerung und eines Bauernstandes, der vielfach eine
Adelsklasse fr sich bildet, das politisch unreifste Volk dennoch in
gewisser Hinsicht das demokratischste geworden war, denn wenn es auch
keinen Knig hingerichtet hat, so wre es dafr gegen ein East-End
schon lange in Aufruhr. Es wrde rebellieren, bevor es sich, wie das
herrische London, eine ganze Stadt organisierter Slums, organisierten
Verbrechertums, organisierter Elender -- british subjects auch sie -- an
die marmornen Flanken schmieden liee; oder bevor es, wie das
schimmernde, ewig holdselige Paris so finster umgrtet stnde, da
nachts die Apachen -- Franzosen auch sie -- Wlfen gleich das Innere der
Stadt wie ein feindliches Lager beschlichen. Denn _sein_ Wohlstand kam
den Enterbten weiter entgegen, in keinem Lande war die Armut so bedingt,
nirgends hatte sich der einzelne Handwerker so individualisiert, seine
Bildung so zu heben vermocht und so menschenwrdig gewohnt.

Und von einem solchen Volk hat eine kleine, allen vernnftigen Deutschen
hchst fatale Korporation ein seelenloses Plakat hinausgegeben, das nun
als typisch gilt, whrend es die Verneinung alles dessen begreift, was
deutsches Gemt und deutscher Himmel ist. So haben diese plumpen
Parforce-Germanisierer sich vermessen, in Germaniens lauterem Angesicht
freche, fremde, widerliche Zge einzuzeichnen, die es bis zur
Unkenntlichkeit entstellen. An euren Frchten werde ich euch erkennen:
Zehn eiserne Gebote heit eine alldeutsche Broschre, die ganz nach
Art und Stil der Wiedertufer, im Ton der Bibelparaphrase gehalten, ein
Exempel fr knftige Psychiater herstellt: Jene reden von Mitleid und
Schonung, ihr aber sollt eure Feinde vernichten! Krieger, werdet hart!
lehrt sie, um dann in folgender Saturnalie auszuklingen:

Wir lieben den Krieg . . .

Wir danken dem Krieg . . . usw.

Ach, wer vor Ausbruch dieses Krieges starb wie du, der ist ja noch mit
der Illusion gegangen, da gewisse Ausbrche auerhalb der Umzunung
eines Narrenhauses nicht mehr mglich seien. Statt dessen fangen jetzt
schon Zahnrzte und Gouvernanten zu delirieren an, und dein Tapezierer
wurde ber Nacht von dem Irrsinn angesteckt.

Wer sie doch komisch nehmen drfte, diese Panslawisten, Pangermanisten,
Imperialisten, Nationalisten usw.! Alles Anabaptisten redivivi, die samt
und sonders auf ein Ziel losrennen, das lngst hinter uns liegt.
Trostlos lcherliches Schauspiel! O der Toren, welche da whnen,
christliche Nationen seien umzubringen als wie Phrygier oder Babylonier!
Und die es wagen, sich weiterhin Christen zu nennen, whrend sie doch
von dem Niederringen zwischen christlichen Nationen reden. Denn wie
verloren ist an ihnen, und wie unvorhanden, wie ausgeschlossen sind sie
von der Tat, welche die Zeitrechnung unseres Planeten in zwei Hlften
spaltete! Nicht einmal das eine, das einzige In-die-Augen-Springende,
was unsere Zeit vor der Antike voraus hat, nehmen sie wahr: da der
Pulsschlag der Nationen ein anderer geworden ist; da, wo solche frher
untergingen, sie sich heute wieder aufrichten, genesen, sich erneuern
knnen;[3] da es in dem alten verjhrten Sinn eine Dekadenz der Vlker
gar nicht mehr gibt, und da alles Unvernunft ist, was sie von Germanen
contra Romanen, Romanen contra Germanen hin und herber rufen, da die
Gefahr ganz anders heit: Germanen _ohne_ Romanen, Romanen _ohne_
Germanen, weil ihnen auerhalb ihrer Gemeinschaft gleicherweise keine
aufsteigende Linie mehr bevorsteht, sondern sie gleicherweise von der
eigenen Erfllung sich entfernen mssen.

Du weit, wie ungehrt ich diese knftige Binsenwahrheit seit elf Jahren
in die Welt hinausrufe: Deutschland vernichten hiee sich selbst
vernichten, denn mit ihm fiele die Welt. Es ist tausendfach wahr. Aber
nur an den gesunden Wesenselementen des dekadenten Frankreich wird das
gesunde Deutschland mit der gefhrlichen und entstellenden Beule des
Radau-Alldeutschtums mitten in dem gttlichen Antlitz genesen.

[Funote 3: Burckhardts Worte aus seiner Kultur der Renaissance, die
ich schon so lange zitiere, sind nie so beherzigenswert gewesen: Das
scheinbar krnkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar
gesundes Volk kann einen mchtig entwickelten Todeskeim in sich bergen,
den erst die Gefahr an den Tag bringt.]




                            Neunter Brief


Es ist nicht wie zu Anfang, da mir die Gefallenen so oft den besseren
Teil vorweg zu nehmen schienen. Die jetzt noch fallen, beklage ich. Wer
den Krieg bis hierher mit erlebte, fngt langsam an, den Kopf
aufzurichten, ob der Himmel sich noch auf keiner Seite lichtet. Schon
ringt er um eine Richtschnur inmitten des Wirrsals, abseits von jenen,
die noch hin- und herrennen mit dem Geschrei, wer ihn entfesselte. Auch
ein heraufziehendes Gewitter ist bis zuletzt etwas Ungewisses. Der Wind
kann die Wolken auseinandertreiben; das Gewitter kann vorberziehen.
Doch bricht es los, so darf mit Fug behauptet werden, da es kommen
_mute_, und ebenso wird es nicht einen, sondern viele Grnde dafr
geben, da es sich entlud. Und ebenso, denke ich mir, werden fr die
Nachwelt die Urheber dieses Krieges vor dessen vielverzweigten Ursachen
zurcktreten, und diese wiederum werden weiter zurck reichen als
Cromwell und der Dreiigjhrige Krieg, Peter der Groe und die Borgias.
Und seinen unzhligen Ursachen entsprechen unzhlige Gesichtspunkte. Von
diesem Gesichtspunkte aus gesehen war er eminent vermeidlich, von jenem
unvermeidlich; betrachtet ihn von dieser Wolke aus, und er war ach! so
vermeidlich! noch hher, und er mute sich noch einmal (zum letzten
Mal!) unweigerlich ergeben.

Denn alle Biologie in Ehren: aber diejenigen (und sie sind noch
zahlreich), welche da wirklich vermeinen, solche Kriege, die nur deshalb
einen solchen Ha auslsen, weil sie Bruderkriege geworden sind, solche
Kriege seien an sich etwas zu Bejahendes, fernerhin Notwendiges, und die
Zustnde, das Chaos, das sie schaffen, die seien in der Ordnung, eine
Institution gleichsam, die ihre Richtigkeit habe und in der Natur der
Dinge liege wie ein Erdbeben oder ein Orkan, die Vlker selbst hiermit
nur dem blinden Element oder der reienden Tierwelt vergleichbar, die
willenlos ist -- diese Leute sollten, falls sie weiterhin in der Welt
entscheiden drfen, doch wenigstens so viel Logik aufbringen, da sie
das Straburger Mnster wie den Klner Dom, St. Pauls Cathedral wie die
Peterskirche als vollkommen lcherliche Objekte proklamieren und dem
Schicksal der Kathedrale von Reims berweisen, das Wort Christentum aber
als das einzig wahre Fremdwort ausmerzen, oder wenigstens sollten sie
eine Doktrin, von welcher nicht die allerleiseste Notiz genommen wird,
nicht mit so fluchwrdiger Stirn der Form nach noch aufrecht halten, da
sie gar noch in den Gerichtsstuben mit ihren Sinnbildern hantieren und
auf das schwren lassen, worauf sie doch im vollsten Sinne des Wortes
_pfeifen_.

Doch, was sage ich? Sind nicht unter eben diesen Zeichen die wstesten
Greuel in der Welt entbrannt? Und hat nicht eine Wahrheit zu um so
widerlicheren Auswchsen gefhrt, je erhabener sie war? Was Wunder, da
in einer Christenheit, in welcher die Inquisition mglich war, dieser
Krieg sich noch ereignete! Denn ist dies nicht ein und dieselbe Welt?
Fllt je etwas aus ihr heraus? Ja, wir bedachten es nicht!

Jetzt aber kann man der Verwundeten und der Gefangenen nicht denken,
ohne da sich das Mitgefhl auch jenen Vereinzelten zuwendet, deren es
heute in allen Lndern gibt, die von dem Strom der Gedankenlosigkeit,
der alles umwarf, nicht fortgerissen wurden, sondern von ihrer
brennenden Erkenntnis, wie in Einzelhaft verwiesen, allein und
abgetrennt, ihn berragen.

Man schreibt gewi nicht ohne innere Pein Stze nieder, wie ich sie
heute in der Fackel finde: Der kriegerische Zustand scheint den
geistigen auf das Niveau der Kinderstube herabzudrcken. Aber nicht
lnger bin ich der Meinung des Verfassers (was nicht geschieht, um ihm
entgegenzukommen, der ein paar Seiten weiter die uerung zu Drucke
bringt: Eine Frau soll nicht einmal meiner Meinung sein, geschweige
denn ihrer), nicht lnger teile ich seine Meinung, wenn er auf die
Frage, die er aufwirft: Was kann durch den Weltkrieg entschieden
werden? sich selbst zur Antwort gibt: Nicht mehr, als da das
Christentum zu schwach war, es zu verhindern. Ja, ich mae mir die
Meinung an, da er da wirklich mit einer unzureichenden Leuchte an das
Problem herantritt. Das Christentum war nicht zu schwach, sondern zu
stark, und die Menschheit evoluiert derart langsam und in so verzweifelt
weiten Kurven um dies Gestirn, da ihr sich trotzdem vollziehender
Aufschwung, vollends zur Stunde einer Sonnenfinsternis wie der heutigen,
dem freien Auge sich vllig entziehen mu. Aber der Gewalt des
Christentums tut die menschliche Hinflligkeit keinen Abbruch; ja
unerbittlicher knnte es nicht wider uns triumphieren, dafr, da wir
statt seiner eine irlndische, eine polnische, eine elsa-lothringische
Frage als unerschtterliche Pfeiler setzten und _deren_ Last -- wre
auch im Vergleich zu ihr jedes Joch s und jede Brde leicht --
folgerichtig auf uns nahmen, als seien _sie_, die doch im Lauf der
Jahrzehnte zerrinnen und verwehen werden wie nie Gewesenes, der Dinge
Letztes und Endgltiges!

berlegter ist es, durch das Alberne so wenig wie durch das
Abgeschmackte irre zu werden, ja selbst durch das Ekle und das
Scheuliche nicht, das giftigen Schwmmen gleich den Katholizismus
berwuchs, sich an ihm festfra und tief unter sich begrub, sondern an
dessen goldenem Befund festzuhalten, in weiten Kunstbgen der Berhrung
mit all seinen unberufenen Vertretern bedachtsam auszuweichen, um in der
Vermutung nicht gestrt zu werden, da, wo _einmal_ dieser viel
mibrauchte Kult zu seinem adquaten Ausdruck gelangt, eine Hhe des
Daseins sich ergibt, die alles andere weit unter sich lt, _solche_
Erkorene aber entsprechend seltener noch wie in der Kunst vorkommen,
weil sie weiter Abgelegenes umspannen und wieder zum Ausgleich bringen
mssen, da, wo _diese_ Wage aber stillhlt, die Wrde des Gedankens
nicht nur unbeschadet bleibt, sondern unsagbare Schwingungen erfhrt.
Nicht lnger von dem Wrtlichen, dem Absurden, noch dem Betbrderischen
genarrt, vielmehr auf das in Platons Sinne Ballfrmige erpicht, vielmehr
dem Versteckten, Verschleierten auflauernd, dringt ein solches Denken
triumphierend zum Profanen vor und vindiziert es hinzu. Nun erst dem
Verhaltenen, Entzogenen, dem Eingeraupten, in Perspektiven
Fortgetragenen und Flchtigen auf der Spur, tut sich ihm dort das ewig
Mutierende, Ebbe und Flut, der Ozean, das Planetare auf, wo andere, von
der Enge abgestoen, verzagen und verzichten. --

Da heute, wo die Welt wie nie zuvor zu einem Jammertal versank, da
sich ihr da zum ersten Male die Umrisse der Gestalt des Hirten
vollgltig umschrieben, ist diese Tatsache keiner Deutung wert? Nicht
Feind vom Feinde, nicht ihre Konfessionen scheidend, ist Impartialitt,
die hoch und einsam ber die gebeugten Vlker ragt, bei ihm allein. Ist
dies kein Innehalten wert? Die wahre Fahne, die alle umwallt, entrollte
nur er. Und wer, Jud oder Heide, spottet heute dieses Hirten ohne Herde
und dennoch Hirten, wie nie zuvor; nie zuvor so gebieterischen und so
weithin deutlichen Reliefs, von der Wahrheit selbst gleichsam
emporgehalten und hinausgestellt, aus der Ohnmacht erst geschaffen, wie
es scheint . . .

Oder soll ich es in Whrungen ausdrcken, da _sie_ es doch sind, welche
diese Zeit in ihre Bahnen warfen? Nun, wie zwei Mnzen, fr was sie
gelten und nur auf ihren Klang hin und ohne Kommentar werfe ich sie hin:
Wilson und Benedikt. Denn wer hrte nicht von selbst die schwere,
gewaltige vor der hohlen und hinflligen heraus? Wen erschreckte da
nicht der Unterschied? Sogar Amerikaner. So viel Phantasie haben sogar
sie.

berhaupt -- um von den Mnnern zu reden -- meine ich, da gegenwrtig
kein Grund vorliegt zu ihrer berhebung. Ich bin nie eine
Frauenrechtlerin gewesen und dieser Bewegung gegenber stets passiv
geblieben; aber ich mu schon sagen: da nach vielen Dezennien eines
ausschlielichen Mnnerregiments ein derartig vollendeter Wirrwarr
zutage gefrdert wurde, gibt doch zu denken. Man mchte da wirklich
meinen, da, wenn die Damen (ich nenne keine beliebigen, sondern solche,
die sich schon erprobten, die es wirklich gegeben hat, die mithin
irgendwie weiter vorhanden sind), wenn Damen vom Schlage der Markgrfin
von Bayreuth, Maria Theresia, Katharina II. und die von Siena, Julie de
Lespinasse und auch die alte Queen, da, wenn solche Frauen mehr im
Vordergrunde gestanden htten, statt ausgeschaltet zu sein, mit zu
bestimmen, statt zu schweigen gehabt htten, da dann . . . -- es lt
sich nichts beweisen.

Fest steht nur, da die Dinge, wie sie _ohne_ ihr Zutun und in dem
selbstherrlichen Mnnerstaat erwuchsen, _unmglich_ noch rger oder noch
verfahrener sein knnten, und da bei einem solchen Ergebnis ihrer
Regiekunst, wie wir es heute erleben mssen, die abgeworfene
Bescheidenheit wieder in ihre Rechte treten knnte. Man drfte, meine
ich, sich sogar darauf besinnen, da die Frauen, wo immer sie zur
Herrscherrolle gelangten, schon von der alten Dido her sich fast immer
glnzend bewhrten und groe Regentinnen waren, sei es, weil das
Regieren gar nicht so schwer ist, oder, da es erwiesenermaen so
auerordentlich schwer ist, weil sie vielleicht zu regieren berufen
sind, weil dies vielleicht sogar ihre Spezialitt sein kann. Es gefllt
mir an den Englndern, da sie, einem Impuls der Selbsteinkehr folgend,
mitten in die politische Dbcle hinein, als die ersten zur Berufung des
ersten weiblichen Diplomaten sich entschlossen haben.

Bei uns dagegen heit es jetzt, die Unpolitischen mten politisiert
werden, aber dieser Ruf, so berechtigt er ist, ergeht so spt, da auch
schon die Stunde fr eine Selbsteinkehr der Politik selbst geschlagen
hat. Denn was diese noch nicht wahrhaben wollte, war lngst in das
Bewutsein der Vlker eingedrungen. Ein Beweis dafr sind gerade jene
jngsten Vlker, die in letzter Stunde auf den Schauplatz der
europischen Geschichte traten. Rakowsky, der groe Vorkmpfer fr einen
Balkanbund, erblickte die Gewhr fr eine nationale Befreiung und
Vereinigung bei den Balkan_vlkern_ und nicht bei den Balkan_staaten_ --
und zehn Jahre spter, 1874, schrieb Karawelow: Die Hauptursache der
bisherigen Sklaverei ist die, da die christlichen Nationen auf der
Balkanhalbinsel, sowie alle andern Vlker und Nationen betrogen sind,
weil sie Hilfe, Untersttzung und Heil von den europischen Kabinetten
erwarteten, und am meisten von Ruland und Botjow: Wenn die Regierung
eines jeden Volkes der Ausdruck seines eigenen Willens und seiner
Bestrebungen gewesen wre, so htten selbstverstndlich Serbien,
Griechenland und Rumnien, sowie Montenegro lngst ihre Staatsgrenzen
berschritten und den Bulgaren geholfen -- aber, wie es scheint, haben
die Regierungen dieser Staaten sich bisher mit nichts anderem befat,
als mit der Nachahmung der klugen Devise eines Metternich: Divide er
impera! Und sich gleicherweise gegen den Panhellenismus Griechenlands
wie gegen die groserbischen Ideen wendend klagt er diese Staaten an,
da sie der Idee eines brderlichen freien sdslawischen Bundes entgegen
seien.

Die Neulinge, die das schrieben, nannte man Revolutionre. Und warum
wollten sie das Unmgliche? Gewi nicht, weil es unmglich war, sondern
weil die Gromchte ihr Prestige von so rationellen Bewegungen mit Recht
bedroht sahen, sie also niederhielten und, ihren vorchristlichen Kurs
beibehaltend, das Dogma von einem Balkanwetterwinkel aufstellten und die
Vlker mit weiser Miene dahin steuerten, wo sie heute angelangt sind.

Sie waren ja, diese Vlker, wo sie nur konnten, vor Ausbruch dieses
Krieges zueinander unterwegs: Die Deutschen nach der Provence, die
Franzsinnen mit Kisten und Schachteln nach Mnchen und Bayreuth, Autos,
berfllte Sleepings, Wanderer, wohin man sah, und statt der Salons, ich
sagte es schon, hatten die Bahnhfe ihre Habitus. Wer ein Haus besa,
war von dem einen Wunsch beseelt, es wieder los zu werden, und nur unter
den Politikern und Kapitalisten gab es noch einen Ausschu, der es fr
dringend geboten hielt, da Europa zu einem Spital zusammenbreche; sonst
war schon das grte Zueinander im Schwung: ein ewiges Kommen und Gehen;
kein Verweilen; nirgends; bei niemand.

_Und mit Recht_.

Herr Borchardt mit seiner, von allen Registern geschwellten, und doch so
weit ab von der Wahrheit hinorgelnden Rede, besinne sich doch: er traf
das Rechte nicht. O Gedanken! seid ihr denn von der Welt entflohen, seit
die schimmernden Zeppeline Bomben statt Passagiere durch die Lfte
fahren. Ach! lat mich reden! lat mir meine Narrenfreiheit! Ich sage ja
nichts anderes, als was unsere Kindeskinder sagen werden. Mgen wir
alle, die heute leben, zu Staub darber werden, ehe es sich erfllt,
_wahr_ bleibt es doch, da die Vlker, bevor sie jh und gewaltsam auf
sich selbst zurckgewiesen wurden, den Plan schon beschritten hatten,
von wo aus ihre Wege verschlungen ausliefen und das Tal der Menschheit
geweitet stand. Wie der Flu, der als Quelle der Hhe entstrzt und dann
sich ber Blcke und Flle qult und durch finstere Schchte ngstet,
bis er ans Licht und breiten Laufes strahlend dem Meer entgegenstrmt,
wie er da wohl zu auerordentlicher Hhe sich trmen wrde, wenn er vor
seiner Mndung gewaltsam in sein enges Bett zurckgedrngt, die alten
Ufer wieder aufwrtstreiben mte, ebenso werden die Vlker, die jh und
gewaltsam auf die schon verlassene Enge zurckfluten, gewi
leidenschaftlich groe Taten verrichten; aber neue Gestade sehen sie
nicht, und um ihre Bestimmung sind sie betrogen.

Aber wer denkt noch daran? Wie bezeichnend ist es, da fast alle, die
geistig zu dem Kriege Stellung zu nehmen versuchten, unweigerlich
versagten,[4] und da nur das Wort von der Ohnmacht der Gedanken ins
Schwarze traf. Die Gleichfrmigkeit, mit welcher die Kriegfhrenden das
Ritornell von dem aufgezwungenen Krieg absingen, ist nicht mehr
anzuhren. Sogar Italien stolperte nachtrglich mit demselben Notenblatt
herzu. Es ist das einzig Gemeinsame zwischen ihnen geworden.
Entschlssen sie sich doch, gleicherweise Stellung zu nehmen wider die
eigenen Besessenen, die hinter der Zeit einherlaufen, Gewesenes aus der
Taufe heben mchten und durch ihre Verblendung die verruchte Falle
stellen halfen, welche gleicherweise die Vlker in diesen rckstndigen
Krieg hineinlockte!

[Funote 4: Wie kann ein Philosoph sein Buch Genius des Krieges
nennen? Unwillkrlich empfindet man auch einen Titel wie Gedanken im
Kriege als ungedanklich. Thomas Manns Parallele zwischen Friedrich dem
Groen und dem heutigen Deutschland ist besten Falles ein scharfsinniger
Einfall, aber es ist kein Gedanke. Gedanken sind aus diesem Kriege
berhaupt nicht zu holen. Es fragt sich da nur, wessen Gedanklichkeit
einem so elementaren und blinden Wirbelsturm widerstand. Eine andere
Probe auf ein solches Exempel gibt es nicht.]

Seltsam! Inmitten des Jammers um die hingemordeten, die vermiten, die
ungeborgenen, die ewig um ihre Jugend betrogenen Shne, in einer von
Rachegefhlen unterminierten Welt stehen berall nur die Schuldigen
unbedroht. Es ginge nicht an, sie zu einem Reigen zusammenzutreiben,
einem Reigen, den Kitchener wohl am schicklichsten erffnen wrde. Denn
mit seiner, unseres Zeitalters so vollkommen unwrdigen Initiative der
Konzentrationslager hat er einen schmachvollen Zustand geschaffen,
namenlose Leiden unschuldiger Menschen inszeniert, und er ist es,
welcher durch die Preisgabe und Verfolgung der Wehrlosen den niedrigen
Instinkten des Pbels am meisten entgegenkam. Jedes Volk hlt ja in
Friedenszeiten die Spalten seiner Zeitungen fr die Aufzhlung der
eigenen Greueltaten und Verbrechen offen. Mein Gedchtnis ist nicht so
kurz. Auch der Geschichte bleibe ich eingedenk, und deshalb auch der
Tatsache, da Kitchener einen Pbel aufreizte, fr den gerade in
_seinem_ Lande die Prinzessin von Lamballe und der kleine Ludwig XVII.
so unvergelich sind.

Warum tauscht man nur Verwundete, keine Verantwortlichen aus? . . .
Welch trichter Vorschlag! Warum so tricht? Weil er unausfhrbar ist.
Sehe ich denn das nicht ein? Aber mit allen Anzeichen des Bldsinns
beharre ich auf meiner Frage: Warum ist es nicht mglich? Was ist dann
mglich? Nur das Unmgliche ist also mglich: da dieser glckliche
Erdteil sich auftat zu einem Sumpf von Blut und Wunden, der das Gemt
immer tiefer hinabzieht. Nein, ich verstehe diese Welt nicht mehr!




                            Zehnter Brief


Man mu es schon einmal sagen: denn darber wird eines Tages kein
Zweifel sein, da in dieser Zeit nur _einer_ das Recht auf seiner Seite
hatte, und das ist der parteilose und unparteiische Papst; die
Neutralen, die sich heute gerne besser dnken, keinesfalls; aber auch
die Streitenden nicht; mgen sie sich noch so vortrefflich halten: der
_ber_ dem Streit Stehende berragt sie doch weit, und _vorbildlich_ ist
nur er.

Dieser Vorbildlichkeit wegen halte ich auch stets die Erinnerung an
einige Episoden fest, die ich alle mit Namen versehen und beschwren
knnte.

Zum ersten: in London. Seit 1904 fuhr ich ziemlich regelmig hinber.
Die Phasen der Feindseligkeit whrend dieser Zeit waren mir sehr
persnlich fhlbar geworden, ebenso deutlich der zuletzt einsetzende
Umschwung. So populr endlich wie im Frhsommer 1914 -- die Geschichte
wird es bezeugen -- waren die Deutschen seit einem Menschenalter nicht
gewesen; ja, sie standen im Begriff, London im Sturme zu erobern. Ein
Deutscher, mochte er auch zu Hause als ein ziemlicher Pinsel gelten,
hier geno er a priori, lediglich weil er Deutscher war, Anspruch auf
Gedankentiefe und Geist. So weit war man schon.

Die wertvollste Orientierung ber die ffentliche Lage erstattete
jederzeit Lady C . . . . Ich kannte sie nicht, aber es gengte, ihr von
weitem zuzusehen. Stets in das allerletzte Fahrwasser getaucht, zeigte
niemand besser die Temperatur der elften Stunde an, ob dies nun die
letzte Geschmacksrichtung in der Musik, der Literatur oder der Mode oder
aber, vor allem anderen, die letzte politische Strmung betraf. Niemand
trieb so leidenschaftlich mit ihr empor und war alsbald so ganz von ihr
erfat.

Am Vorabend meiner Abreise sa ich im Salon meiner Freundin und
erwartete mit ihr Lady C . . . . Sie hatte ihren Besuch angekndigt und
erschien noch vor Mitternacht, von Juwelen berfunkelt, das gelbe Haar
von Diamanten bersprht, Wurf und Farbe ihres Kleides voranleuchtend
und noch nicht dagewesen. Ihre schnellen Blicke, whrend sie sprach,
bedeuteten mir ohne Vorbehalt, da sie aus Neugierde gekommen war, und
zwar wegen mir. Es gab kein Thema, das sie da nicht heranzog, nichts,
worber sie nicht meine Meinung, mein Urteil als ausschlaggebenden
Faktor -- denn ich war ja deutsch -- zu wissen begehrte. Und was rief
sie da nicht, bevor sie, schneller als sie gekommen, wieder entschwirrte
und ihr Auto durch die stillgewordene Grosvenorstreet der fnften oder
sechsten party des Abends entgegensurrte: Give me the Germans! rief
sie hingerissen. They are the first people in the world.

Und da ich mir noch immer in der Ferne, und wenn ich mich eine Weile
rumlich von den Germans geschieden hatte, diese Meinung ber sie
zurckerwarb, stimmte ich ihr rckhaltlos bei.

Diese ihre letzten Worte waren es auch, welchen ich folgenden Tages
gerne nachhing, whrend vor mir Ahnungslosen die englische Kste immer
weiter zurcktrat. Schafwlkchen weideten am Himmel, und ich sah
zufrieden zu ihnen auf. Denn Gott sei Dank! man war endlich vernnftig
geworden und die Gefahr war berstanden. Ich teilte meine frohen
Wahrnehmungen einem Englnder mit, den ich an Deck des Schiffes traf und
der mit den Politikern seines Landes aufs engste verquickt und
verschwgert war. Krieg, sagte ich, gibt es keinen mehr. Aber er
schttelte den Kopf: Sie lassen sich tuschen. Ich sehe nirgends
Anzeichen dafr, da man ihn vermeiden wird.

Noch waren sich aber die wenigsten Leute bewut, da es ein Serajewo auf
der Karte gab.

Fnf Wochen spter: Mnchen. Bei einem namhaften russischen Maler lebte
dessen originelle, wenn auch unzuverlssige und unkultivierbare
Schwester. Eines Tages verkrachte sie sich mit ihm, und da es ihr an
allen Mitteln, um allein weiter zu existieren, gebrach, erklrten sich
ihre bisherigen Bekannten als ihre Kundschaft, und indem sie sozusagen
eine Privatschneiderin wurde, fuhr sie fort, gesellschaftlich mit ihnen
zu verkehren. Alles ging zum besten, bis es Sommer wurde und ihre
ausstaffierten Freundinnen die Stadt verlieen. Nunmehr sa die auf
Vorzugsbehandlung gestellte Amateurnherin allein und kmmerlich in
ihrem Zimmer. Diesen lngst vorausgesehenen Moment nahm ich wahr, um
endlich auch meinerseits etwas zu bestellen.

Als ich zur Anprobe kam, war sie nicht zu Hause, erschien aber gleich
darauf hochgemut und federngeschmckt direttissimo von einem
Mittagsschmaus bei einem alten russischen Grafen. Sie legte, seitdem sie
schneiderte, ganz besonderen Wert darauf, auch weiterhin von ihrer
Gesandtschaft eingeladen zu werden, und der alte Graf tat ihr immer den
Gefallen. Der Stab war diesmal sogar vollzhlig erschienen, sie hatte
als einzige Dame den obersten Platz behauptet; so gut hatte sie es nicht
alle Tage; zerstreut, doch um so mitteilsamer steckte sie die Falten
meines Mantels zurecht, und wie ich jetzt bemerkte, hatte sie le vin
bavard. Ah! il faut une guerre! rief sie pltzlich aus . . . Oh pas
maintenant: en 1915 (und berief sich auf ihren Gewhrsattach) il le
faut . . . Les Allemands sont devenus trop arrogants.

Vous vous trouvez bien chez eux.

Kurz zuvor sa ich im Lesesaal eines Pariser Hotels. Ich sehe die
Zeitung durch; doch von belkeit und Verzweiflung berwltigt, werfe ich
sie wieder hin und strze in mein Zimmer hinauf. Es blickt auf den Flu.
Allein die weite und geliebte Stadt wird mir zur frchterlichen Enge.
Wohin soll dieser Ton, dieses Geschrei, sollen diese hhnischen Ausflle
und Drohungen, soll dieser unheilbare, unbelehrbare, planmige
Deutschenha, wohin soll er fhren?

Warum, da er nun gekommen ist, dieser Krieg, den _berall_ noch zu viele
wollten, warum wollen sie ihn _pltzlich_ alle nicht gewollt haben und
wlzen die Verantwortung fr diese ungeheuere Tragdie der Mitschuldigen
einander auf?

Weil sie recht hatte, die mutige Frau von Suttner, die vielverlachte
Friedensberta, mit ihrer Behauptung, da die erste Zwangsfolge des
Krieges die Lge sei!

Mein Gott, wie sehnlich wnschte ich, da wir, uns selber treu, den
anderen Vlkern mit der Initiative vorangingen, den inneren
todbringenden Feind zu stellen. Vielleicht warten sie in England nur
darauf, um zuzugeben, da bei ihnen jener Militarismus, dem sie bei uns
den Garaus machen wollen, in Lord Kitchener, auf den sie doch so stolz
sind, in seinem subalternsten Glanze erstrahlt; und da jener
Imperialismus, den sie, wo er als Pangermanismus auftritt, so namenlos
verabscheuen, in Churchill, von dem sie sich doch regieren lieen,
seinen typisch gromuligen Vertreter fand. Gut also. Lassen wir frs
erste die Imperialisten aus dem Spiel. Machen wir versuchsweise nur
gegen unsere Alldeutschen Front.

Die Franzosen neigen zur Suffisance. Sie haben stets etwas von Kindern.
Wir nie. Aber das Ominse und Charakteristische bei gewissen
Alldeutschen ist, da sich die Arroganz bei ihnen an Stelle der
Besonnenheit behauptet und da Tren zuschlgt, wo sonst Gedanken wren.
Von mir im Jahre 1904 geschrieben, sogar gedruckt, aber natrlich
ignoriert: Denn in keinem Lande ist es so unmglich, sich Gehr zu
verschaffen, wenn man nicht in Amt und Wrden schon ergraute, wie bei
uns. Nur Dichtern, Schauspielern und Tnzern ist bei uns Jugend
bewilligt. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich schon wieder
selbst zitiere. Hatte ich aber nicht recht, wenn mir damals schon vor
jenen Leuten bangte, ber die wir innerhalb des Reiches leichtsinnig die
Achsel zuckten, whrend man drauen nur allzu gespannt den paar
Schreiern, wie wir sie verchtlich nannten, aufhorchte, die so lange an
der Hllenpforte rtteln halfen und, wo sie einzurosten drohte, sie
wieder lten, bis sie sich von selbst in ihren Angeln drehte. Ja, aus
meinem Deutschtum heraus hasse ich sie, diese Schdlinge, wie jene
Raupen, die in ihrer mrderischen Geschftigkeit die Farbe des Laubes
annehmen, das sie zerfressen, und sich nicht unterscheiden lassen von
der kniglichen Eiche, deren Tod sie bereiten. Denn ihnen danken wir es
heute, da eine verblendete Welt mit einer Herzensklte ohnegleichen den
beispiellosen Kampf mit ansieht, den ein verkanntes Volk bestehen mu,
nur dem Griechenvolk hierin vergleichbar, ja es noch berbietend.

Jene humorlose Gilde aber, welche, den Ruberhut in die Stirne gedrckt
und den Brigantenmantel ber die Schulter geschlagen, so frchterlich
versptet in der Geschichte aufzog, schiebt sich heute Bismarck als
Gewhrsmann unter: ihn, dem sie schon _fatal_ gewesen sind, als sie noch
in ihren Anfngen steckten, weil er wohl ahnen mochte, wie sie sich
auswachsen wrden. Oder wird mir ein Kenner Bismarcks entgegnen, da die
Art, mit welchem der und jener seine eine ewig selbe Geste des
Handschuhhinwerfens meistert, nach Sinn, Art und Geschmack des
schmiegsamsten aller Staatsmnner sei? Wrde sich der Grnder des
Deutschen Reiches heute von den Alldeutschen nicht vielmehr boykottiert,
ja, verdchtigt sehen, er, welcher nach dem Sieg von 1870 Lothringen
Frankreich zu lassen riet und mit so feierlichen Worten die
Verantwortung fr diesen Krieg jenen aufbrdete, die damals diesen
seinen Rat miachteten?




                             Elfter Brief


Es stellt sich doch jedesmal als eine Illusion heraus, wenn man das
Patent auf einen Gedanken oder einen Einfall zu haben glaubte. Was uns
durch den Sinn fhrt, hngt schon so sehr in der Luft, da immer schon
ein paar Leute zuvor darauf verfielen.

Der Frhling umhing noch nicht dies welkgewordene Laub, als ich ber die
Grenze fuhr, froh zu einem unbelagerten Himmel aufzusehen. Denn in den
kriegfhrenden Lndern ist wirklich wie ein Netz ber uns ausgespannt,
das uns die Sonne und die Luft vergittert.

Doch keiner verlasse seine Heimat, der sich von seinem einseitigen
Standpunkt als wie von einem Schilderhuschen nach drei Seiten hin
beschtzen lie. Die fremde Presse darf seiner Bangigkeit nichts
hinzufgen: er darf nichts entdecken. Nur der Undpierte wage den
Anstieg. Wen es schon gleich zu Anfang umblies, der hte sich, da er
ein anderes Mal nicht vornber strze und sich die Hirnschale
einschlage.

Da meine Trauer berall dieselbe ist, durfte ich es riskieren, da ich
die Schweiz nach allen Richtungen befuhr. Ostern, der erste Frhlingstag
war gekommen. Sein sanft geschwellter Hauch erhob sich ber Genf, und
der entschleierte Berg leuchtete wissend und bleich am Ende des Tales.
Ich hielt eine Blume, eine frhe, duftende, vom besonnten Hgel
Champels, und stand ber die Brcke gebeugt, vor mir die Spiegelung des
Sees. Aber wir, die noch in Sonne, Wind und Regen ber der Erde
wandelten, waren ja nur Leidtragende mehr, jede Wiederkehr des Frhlings
wrde sich uns auftun wie mit Grabesschwrze; wir blieben die gepreten
und umflorten Zeugen seines berschwangs und seiner Glorie, die fr uns
durchsetzt blieb von Klngen des Grams um die gemordete Hoffnung. Ostern
nur ein Allerseelen mehr fr uns, die wir um das vernderte und
zerklftete Antlitz dieses Erdteils wissen, der zum weiten Todesacker
verwandelt, so bervlkert ist von den Schatten der Geopferten, o, und
von dem Spuk namenloser Qualen so untrstlich umweht! Der Frhling.
Frwahr! Auf Jahrzehnte hin griff ich da seiner Wiederkehr allzu
verwegen zuvor, und vor dem Ansturm von Melancholie rettete sich das
Bewutsein nicht.

Gewi ist ja das Leben um so _Vieles_ trennender als wie der Tod, da er
geradezu den Prfstein der wahren Zusammengehrigkeiten bildet, welche
das krause Leben mit solcher Vorliebe verdrngt. Kme ein Marsbewohner,
vor seiner Fremdheit bangte uns nicht. Warum dies Grauen vor dem so nah
verwandten Geisterreich? Von ihm befleckt, wie die Wellen von der
besonnten Luft, verrinnen doch unsere Tage. Und doch, wo immer wir dem
Lockruf, den es entsendet, zu innig lauschen, entsetzen wir uns; wovor?

Als ich wieder emporsah, waren die Ufer und der Himmel entschwunden, und
Laternenschein herrschte im Dunkel der angebrochenen Nacht. Vor den
flimmernden Schaufenstern gingen Menschen aufrechten Ganges hin und her;
eine Buchhandlung lag hart am erleuchteten Quai. Ich eilte auf sie zu,
mischte mich unter die Kunden, griff nach den Bchern und bltterte
darin. Aber mit welcher de, mein Gott! fate ihre Wirklichkeit an: Der
Krieg, La guerre, La guerra, The war! wute man nicht im voraus, was
sie widereinander brachten?

Ein einziges trug noch die Jahrzahl 1914 und stammte aus der
unwiederbringlich verlorenen, der groen paradiesischen Zeit. Es hie:
L'Enigme Allemande von Georges Bourdon, und ich stie da gleich auf
folgenden Satz:

Si demain, dans une crise de criminel dlire nos deux peuples se
heurtaient, ce n'est pas en Allemagne seulement qu'il en faudrait
chercher les raisons profondes et les responsabilits.

Dieses Buch kaufte ich alsbald und verschlang es noch in derselben
Nacht.

Dtestons d'abord, las ich da, ces hommes redoutables qui dans leurs
mains ingnues et avides portent la menace d'affreux malheurs; ensuite
plaignons-les. Plaignons-les d'tre  ce point ferms  tous les vastes
espoirs qui composent la noblesse de l'homme . . . Tristes et colreux
pangermanistes, frres irrits et injustes de tous les dclamateurs
colreux et tristes, dont les fureurs en toutes les langues, rpondent
aux ntres, que vous avez bien tort de tenir pour vos ennemis;
pangermanistes de la Spre et du Main, qui pardessus les frontires
recevez le souffle fraternel du _panslavisme russe_, de _l'irredentisme
italien_, de _l'imprialisme anglais_, du _nationalisme franais_, que
voulez vous? . . .

Les Allemands se rient du pangermaniste. A ses extravagances ils
haussent les paules. Ils le trouvent comique et s'esclaflent  la
nouvelle, que les Franais puissent lui accorder crdit. Si comique et
si haissable que soit le pangermaniste, les Franais n'ont pas
tout--fait tort de prter l'oreille  ses vocifrations. Le
pangermaniste a sur la molle opinion allemande la sorte d'action que
possde toujours dans l'indcision des foules, l'homme qui s'agite, qui
crie, qui fouette, qui infatigablement, rpte les mmes appels,
infatigablement va veiller au fond des mes incertaines et troubles les
goismes, les instincts, les passions, les apptits, les vanits, les
fanatismes, les barbaries . . . c'est un parti de furieux, o
s'exaltent, comme dans l'ardeur d'un creuset, tout l'goisme, tout
l'orgueil, toute l'pret, toute la cupidit d'un peuple qui, longtemps
malheureux et pauvre, ne s'est pas encore habitu  sa force,  sa
grandeur,  une richesse trop neuve. Toute l'Allemagne laborieuse et
raisonnable le renie; mais pourquoi faut-il qu'elle mette dans son
reniement des intermittences, et qu'en certains jours il lui arrive de
le reconnatre, de parler son langage? . . . Patrie de Luther, n'est ce
donc pas dans sa langue, que le rude rformateur, ayant dpouill la
robe augustine, terrass le pape et controvers avec le diable,
s'criait: L'humaine raison est quelque chose de surnaturel, un soleil
et une divinit placs dans notre existence pour tout dominer? . . .

Da stand es ja lngst und ich hatte geglaubt, dir etwas Neues
geschrieben zu haben.




                            Zwlfter Brief


Leute wie du und deines Schlages sind wohl quitt mit dieser Welt -- so
denke ich mir -- hat doch unser bester Ausschu nur mehr bedingt mit ihr
zu schaffen. Das Verwirrende auf Erden ist nur die gemeinsame Benennung,
wo so Grundverschiedenes sich ein und derselben Gattung unterschieben
darf: Kobolde, Larven, Trolle und Lemuren, Halb- und Viertelmenschen,
Vampyre, Schemen, Puppen und Wechselblge, die alle unter demselben
Namen gehen wie der wirkliche Mensch und unfehlbar Unglck und
Verwirrung stiften werden, weil die Finsternis ihrer Halbheit oder ihrer
Unvernunft sich stets als das strkere Element in der Familie wie im
Staate erweist. Im Staat wie in der Familie.

Warum sage ich das?

Ja, glaubt man etwa an diesem rckstndigen Krieg htten noch unsere
_Menschen teil_? Glaubt man, _sie_ wren so wenig guten Willens gewesen,
da sie sich nicht kinderleicht verstndigt htten? O kinderleicht!
Kinderleicht. -- Aber nicht so die Ab- und Unterarten, all die vom rein
Menschlichen so unheimlich weit abgerckten Halb- und Viertelsleute, an
denen sich jene ganz spezifischen nationalen Auswchse und nationalen
Unzulnglichkeiten kristallisieren, welche die fhrendsten Vlker,
soferne man sie _nur_ unter dem Gesichtspunkt ihrer Mngel betrachtet,
hchst wert erscheinen lassen, da sie zugrunde gehen. Nur da liegt aber
die wahre Lehre dieses Krieges, nur da die wahre Sicherung gegen seine
Wiederkehr, da fr die Tage des aufgehobenen Burgfriedens der
allmchtige Kampf einsetze um die eigne Luterung. Aus dem Ha heraus zu
hassen, lassen wir das den lcherlichen Lissauern aller Lnder. Was ich
sagen wollte: es fllt mir natrlich gar nicht ein, da ich die
Englnder hasse, ich habe sie sehr gern.

Eine Eisenbahnepisode in Yorkshire hat sich mir eingeprgt. Ich fuhr mit
zwei typischen Anglosachsen in ideal praktischen Sportanzgen, die sich
intensiv ber Fischfang unterhielten. Beide wunderschn, dachte ich,
aber ebenso borniert. Jeder gerade nur so viel im Kopfe, als man frs
Angelwerfen braucht. Echt englisch. Und damit trat ich ans Fenster, an
dem sie sich gegenber saen, denn meine Station war gekommen. Ich hatte
auch schon den Wagenschlag aufgestoen, da blieb der Zug in voller
Fahrt, ich aber, schon halb hinausgebeugt, wre rettungslos
hinausgeflogen, htten mich da nicht von beiden Seiten -- mit jener
Flinkheit, die vielen Fischen das Leben kosten mochte, je zwei Arme
gefat und in den Wagen zurckgerissen. Da sa ich nun wieder auf meinem
Platz und hatte meine Lehre weg und konnte mich fragen, was jetzt wohl
aus mir wre ohne die Geistesgegenwart der beiden bornierten Herrn,
welche da ohne eine Miene zu verziehen aus ihren kurzen Pfeifen
weiterrauchten und ihr Gesprch ber Fischfang wieder aufgenommen hatten
. . . Echt englisch.

Aber weit du, was mir neulich jemand sagte, der meine Briefe an dich
gelesen hatte: Ja, wozu schreiben Sie denn das alles? Es ist ja nur,
was alle vernnftigen Leute _denken_? Welch deprimierende Bemerkung,
nicht wahr! und wie bezeichnend fr unsere Vernnftigen! Unermdlich
wird indessen das _Unvernnftige_ in die Welt hinausgerufen, denn wie
regsam sind doch die anderen: die Zersetzer, de Zerstrer, unsere
Kobolde, Larven und Trolle, und wie geschlossen marschieren sie! Ist
denn kein Korpsgeist in den Guten, da sie mutlos zurckstehen und
geschehen lassen? Es sind ihrer doch Viele, warum sind sie so still?

Heute vor drei Jahren war mein letzter Abschied von Paris. Ich darf
nicht daran denken. Und welche Ironie, mein Gott: es war auf der Place
de la Concorde in einer blauen Pariser Nacht. Gestehen Sie, sagte mir
ein franzsischer Freund, indem er mit einer Geste die Stadt vom Louvre
bis zu den sanft ansteigenden Champs Elyses umschrieb, gestehen Sie,
da es nichts hnliches gibt.

Kennen Sie den Spessart? fragte ich.

Le Spessart? was ist das?

Es ist ein groer Wald. Die Straen steigen und fallen dort, als sei
die Erde eine Riesenschaukel. So fliegen sie gegen Himmel und wieder
hinab, und kaum haben sie eine Hhe erreicht, so sausen sie wieder nach
unten. An der abgelegensten Stelle aber strebt der umwachsene Weg
senkrecht dem Erdinnern zu wie auf der Flucht vor dem Tag. Und so ist
es. Denn am Rande eines kleinen schwarzen Sees blht hier ein altes
Schlchen, wie aus einem Mrchen von Perrault. Die Schweden hatten es
an dieser verborgenen Stelle nicht entdeckt, und so steht es noch in der
Tiefe, wie es damals schon als ein altes Schlchen stand. Gehen Sie
hin. Finden Sie es. Und sagen Sie mir dann, ob es in Paris ein Stck
Architektur von einer edleren und noch verfeinerteren Grazie gibt wie
dieses Schlchen, das einzige im ganzen Umkreis, das nicht zu einem
Schutthaufen verheert wurde. Und dann sind auch noch in unsern Stdten
genug Straen, Fassaden und Mauerschweifungen verschont geblieben, um zu
bezeugen, wie identisch unsere Zivilisation gewesen ist. Es sind da
Grabmler und Brunnen, eine gewisse bemalte Madonna in Wrzburg -- o wie
verschwistert war unsere Kunst! Nur war die unsere inniger und morbider
noch, als wisse sie um ihr frhes Grab; ja in ihrer zarten,
hellseherischen Lauterkeit lag wie ein Verzicht auf diese mitleidslose
Welt, die jenem verfluchten Rechenfehler gem verfuhr, da die
Schnheit des eigenen Landes um so glcklicher erstrahlt, je grndlicher
die des andern vernichtet liegt. Inmitten einer Zertrmmerung und einer
Verarmung so gro, da sie eine Verwilderung war, mute unser
verdrngter Formensinn im Reich des Unsichtbaren Elysische Gefilde
retten -- und im Affekt packte und schttelte ich seinen Arm. Furchtbar
entstellt als ein geblendetes Volk aus unserem vollendeten Elend heraus
bereicherten wir die Welt; ein tolles, gttliches Volk, rief ich aus,
solche Rache zu ben!

Sie vergessen! sagte er aufgebracht und machte sich los.

O nein! rief ich inbrnstig in die Nacht hinaus; ich wollte, das Ma
unserer Gromut wre voll.

Aber da stand er schon auf dem andern Trottoir. Eh bien non! rief er
herber. Eh bien non! vous tes par trop Allemande. Es war mein
letzter Abend in Paris und man schrieb den 3. Januar 1913.

In England aber, besonders als ich von Irland zurckkam, fhlte ich mich
noch viel strker zu hnlichen Redensarten hingerissen. Wie kalt, wie
finster und wie grausam war seine Geschichte! Welche Summe der
Verbrechen! Wie wenig Erbarmen!

We do like her, sagten meine dortigen Freunde von mir. But she really
is too german.

Aber es kam der Krieg. Und jene Tage kamen vormrzlichen Siegesrausches
und der groen Verwandlung. Der kranke Sturmwind, von dem ich dir schon
sagte, hatte berall die einen ber die Grenze gejagt, die andern
zusammengewirbelt und mich beiseite gefegt; denn ein Irrsinn des
Nichtbegreifens war mir auf den Fersen und trieb mich aus den
bervlkerten Stdten ins Gebirge. Zu meinen Wahnideen gehrte dabei
auch, da ich glaubte, binnen wenig Tagen wrden alle von, dem Taumel
erwachen und der Krieg wieder rckgngig werden. Es war ja nicht anders
mglich.

Als eines Tages die besonnten Felsen von der im Tale unten
einherrauschenden Bahn so friedlich widerhallten, war ich meiner Sache
gewi: die Streitenden hatten sich geeinigt, in der Stadt wute mans
schon und es war alles vorbei. Zurck zu den Menschen! Was tat ich noch
fern von ihnen? Und ich rannte den Berg hinab zur Station. Dort hatte
der Zug sich gerade in Bewegung gesetzt. Aber ein Blick in die Zeitung
gengte, um mich meiner unberlegten Hoffnung wieder zu berauben, und
wie ein verlaufenes Tier, das berall umkehrt, so suchte ich wieder
meinen Ausgangspunkt, die verdeten und feierlichen Berge, das
vielstimmige Flchen auf, an dessen Ufer der kiesige Grund so klar im
Wasser schimmerte, wie Glck, wie Menschenglck. Aber laut aufschreiend
sah ich Gurkhas an die Kehle eines Weien gehetzt und feine
Franzosenkpfe zerschmettert, und stie wilde Rufe der Wut, der Schande
und des Ekels aus. Und wohl durfte mich auch Ekel vor mir selbst
berkommen, denn wie hatte ich dahingelebt? Mit welchen Illusionen denn?
Wie der Idiot neben seiner Dorfgemeinde, so hatte ich mit meinen
Illusionen neben der Wirklichkeit dahingelebt. Illusionen! Illusionen!
Ich dachte an mein Gerede auf der Place de la Concorde. Weil wir so
Namenloses erduldeten, hatte ich gesagt, und unsere Geschichte dabei die
gutartigste sei, _darum_ stnden wir so hoch.

Bei jeder Schroffheit aber, jeder Hrte, jeder Unmenschlichkeit, welche
der Krieg nun mit sich brachte, heulte die Welt auf, sowie sie von
Deutschen begangen wurde, und verlor kein Wort ber die Untaten der
anderen. ber das, was in Ostpreuen zum Himmel schrie, war sie ganz
still. Was _an_ Deutschen verbt wurde, ahndete sie nicht. Sie waren
vogelfrei. Was sie _verbten_, wurde mit flammendem Griffel vermerkt.
Nicht aus Ha allein. Ich glaube das nicht. Es war auch ein
Schmerzensgeheul der Enttuschung und der Verwunderung, jenes Volk, das
im hchsten Mae -- wenn auch uneingestandenerweise -- das Vertrauen der
Menschheit besa, -- so vornean in allem, was zu ihrer Entshnung und
Erleuchtung fhrte -- nun auch kopfber in so vergangene Abgrnde
strzen zu sehen, das Volk der Jakobsleiter in die Arena, deren Tore man
schon verschttet glaubte, zurcktreten zu sehen, Teilhaber zu sehen der
entsetzlichen Blutschuld. --

Denn wehe! es stand geschrieben, da Europas knftiger Torwart diese
Erfahrung machen wrde, ehe es ganz zu sich selber gelangte. Nirgends
wird ja die Sturzwelle so reiend zurckschlagen, ein so tiefer Abscheu
gegen das Kriegerische einsetzen, als wie in dem geographisch
eingepferchten, durch trbe Erfahrungen gewitzigten, allzu gewitzigten
Deutschland, das die Gefahren des Besiegten wie die des
Schlachtengewinners im Laufe der Jahrhunderte so bis ins letzte erlebte.

Denn der so emprende Gedanke ist es gewesen, da es wie eine niedrige
Beute dem Osten ausgeliefert werden sollte, dieser Plan, diese Parole
ist es gewesen, welche die Masse zu einem Kampf elektrisierte, den sie
nicht nur als einen Verteidigungskampf, sondern einen Verzweiflungskampf
auf sich nahm.

Dies ist die Wahrheit. Fr das Volk ist es die _ganze_ Wahrheit gewesen.
Mit keinem anderen Glauben als diesem erhob es sich, den Untergang im
Auge, wider eine Welt.

Auf diesem Hhepunkt seines Seins aber warfen sich ihm da die inneren
Feinde in den Weg und rissen es von seinem Sockel. Mit der Maske des
Luzifers traten sie statt seiner vor, Drachenzhne zu sen und es zu
verleumden. Und whrend es -- auf Rettung bedacht -- sein Blut nach
allen Himmelsrichtungen verstrmt, lassen diese inneren Feinde (die
einzig Unabkmmlichen) nicht ab, von Zerschmettern, Enteignen und
Vernichten zu reden. In der Not, welche die Mnner an der Front
zusammenschweite, hat sich, wie Funken aus einem Feuerstein, ein
vielfach unvergleichlich hohes Niveau gerade der niederen Leute
ergeben. Aber nie hat ein Volk so tragisch im Schatten gekmpft.




                          Dreizehnter Brief


Ich kann dir nur mehr stoweise einiges sagen.

Es heit, da ich die Dinge viel zu tragisch nehme, und es ist wahr, da
ich dazu neige. Von jeher und instinktiv habe ich mich jenen
verpflichtet gefhlt, welche durch Spott, Ulk und Gelchter oder auch
nur durch einen leichten Ton die latente Malosigkeit in mir
korrigierten. Nur hat sich leider Gottes herausgestellt, da wir im
Gegenteil die Dinge viel zu leicht, nicht da wir sie zu tragisch
nahmen. Wer htte sich ber die Presse zu sehr alterieren knnen?
bringt sie Lgen ber Greuel, so werden Greuel daraus, soll man ber
diese Tatsache hinweg kommen? ber die Gedankenlosigkeit der Menschen,
sich keine Gedanken zu machen? ist das die hhere Weisheit, ja? es gibt
verschiedene Nationen, aber nur eine Presse[5], schreibt Kraus. Aber in
der Presse wie berall gibt es anstndige Menschen, habe ich gesagt.
Nach einer Sezession der Presse habe ich in Dresden gerufen. War das so
tricht? -- Dabei ist sie in Wirklichkeit lngst vorhanden. Es gibt in
jeder groen Stadt Deutschlands eine Zeitung oder eine Zeitschrift,
welche durch all diese trostlosen Monate hindurch Ma, Humanitt und
Anstndigkeit der Gesinnung bewahrte und ihre Bros jeder Art von
Niedertracht hartnckig geschlossen hielt. Die Macht freilich
kristallisierte sich um diese Bltter noch nicht zur Genge.

[Funote 5: _Anmerkung_. Wie bezeichnend fr ihren Durchschnitt ist das,
was Reiche aus der Zeit der Befreiungskriege berliefert hat. Im ersten
Augenblick fand man Napoleons Unternehmen tollkhn und abenteuerlich.
Wie er aber dennoch Fortschritte machte und seine Macht mit jedem Tage
wuchs, wurden die Stimmen immer kleinlauter und besorglicher, wovon die
damaligen franzsischen Tagesbltter einen deutlichen, dabei komischen
Gradmesser abgaben. Sie lauteten:

Der Unhold ist aus seiner Verbannung entronnen. Er ist von Elba
entwischt. --

Der korsische Wolf ist bei Luz-Juan ans Land gestiegen.

Der Tiger hat sich zu Gap gezeigt. Truppen sind auf allen Seiten gegen
ihn in Bewegung. Er endete damit, als elender Abenteurer in den Gebirgen
umherzuirren; entrinnen kann er nicht. --

Das Ungeheuer ist wirklich, man wei nicht durch welche Verrterei,
nach Grenoble entkommen.

Der Tyrann hat in Lyon verweilt, Entsetzen lhmte alles bei seinem
Anblick.

Der Usurpator hat es gewagt, sich der Hauptstadt bis auf sechzig
Stunden zu nhern.

Bonaparte nhert sich mit starken Schritten, aber niemals wird er bis
Paris gelangen.

Napoleon wird morgen unter den Mauern von Paris sein.

Der Kaiser ist in Fontainebleau.]

                   *       *       *       *       *

Vergangenen Sommer wurde hier der Parsifal sehr oft, immer bei
dichtbesetztem Hause, aufgefhrt. Aber mein Gott, wie schien er mir doch
von uns abgerckt, die Wellen weit hinabgeflossen, und am Rand des
Horizonts verblaut. Als im ersten Akt der tote Schwan regiegem auf
einer Bahre snftiglich hereingetragen wurde, und Gurnemans mit
gewaltigem Pathos von Parsifals mutwilliger Leistung als von einer
ungeheuren Tat zu singen anfing, sah ich mich unwillkrlich um. Aber es
lachte niemand. Viel eher schien das Publikum der Rhrung nahe und sich
des kaputten Vogels zu erbarmen . . . .

La haine, schrieb ein Soldat aus dem Schtzengraben an Romain Roland,
la haine, ils en ont fait une vertu civique! -- Comme vous le dites,
quiconque ne hait pas est suspect . . . Imaginez, monsieur, la torture
de vivre dans une telle atmosphre! Devant tant de malheurs sans nom, il
devrait n'y avoir plus que des paroles de piti -- tandis que ce ne sont
qu' exhortations  la haine, sanctifiant la vengeance et le meurtre
. . . Voil les paroles qu'on a entendues depuis un an. Et c'est pour
cela que les vtres ont fait tant de bien. Nous ne savons pas har, et
c'est l notre consolation . . . Puisque vous parlez aux deux pays,
dites-leur, monsieur,  ces pauvres Allemands, qui doivent gmir comme
nous de tant de maux, qu'il y a des hommes en France, qui n'ont pour eux
que de la commisration et que, tout en les combattant, nous les
paignons  cause de leurs souffrances pareilles aux ntres. Nous ne
pouvons survivre  tant de tristesse qu' force d'amour.

                   *       *       *       *       *

Aber eine sddeutsche Zeitschrift spiegelt ein anderes Frankreich
wieder, ein ebenso gedankenloses wortkriegerisches Frankreich und ein
ebenso wesenloses wie das Deutschland, das sie erfunden haben.

Die Vlker erwarten reale Garantien, sie erwarten Land, Leute und
Besitz. Es ist ein Frevel, schreiben sie, die furchtbare Wahrheit des
Krieges mit sanftem Friedensgetn zu verflchtigen. Unsere Toten sind
wirklich tot, unsere Krppel haben ihre lebendigen Glieder auf dem
Schlachtfeld oder im Lazarett gelassen; unsere Witwen und Waisen
schreien nach ihrem leibhaftigen Schtzer und Ernhrer.

Die sddeutsche Zeitschrift hat gut reden. Es ficht sie nicht an, sie,
die weit hinter der Front mit so viel Temperament dem Kriegsgott Blumen
streut, es ficht sie nicht an, da es noch mehr und immer mehr der
Krppel geben soll, die ihre lebendigen Glieder auf dem Schlachtfeld
lassen, immer mehr der Witwen und Waisen, die nach ihrem Beschtzer
schreien. Immer mehr; denn es sind ihrer noch nicht genug. Es sind der
Blinden, es sind der Jammergestalten noch nicht genug. Fragt sie, die
Soldaten aller Vlker, ob ihnen diese Monatshefte nach dem Herzen reden?
Fragt sie doch, es kommt ja nur auf eine Rundfrage an; lat sie doch
abstimmen, ob sie Land, Leute und Besitz oder ihre Ruhe ersehnen.

Land, Leute und Besitz in der Tat! Wer da besitzen wird, wei man nur zu
wohl. Wo aber die Leute sein werden, wenn es so weiter geht? und wo das
Land, wo die Provinzen, wo der Kstenstrich -- mein Gott! wert unseren
Erdteil ihretwegen zu verspielen!

Ihr Sddeutsche, sagte mir krzlich ein Berliner, seid so debonnair,
und bei euch ist der Grenwahn noch Import. Aber wenn ihr ihn
hereinlat, dann gnad Gott! denn ihr seid dann die weitaus
widerwrtigsten von allen.

Ist dies nicht in viel weiterem Sinne wahr? Der Pangermanismus pat auf
das Volk der Denker wie die Faust aufs Auge. Ein arges Bild! Ist es da
nicht folgerichtig, da von allen gleichwertigen Bestrebungen er es ist,
der sich am widerwrtigsten prsentiert? --

Ach! und Sddeutsche gar! ich sah mir neulich Bilder von Spitzweg an. O
wie deutsch! Was knnte deutscher sein? und was knnte, weil es so
deutsch ist, weniger mit diesem Krieg zu schaffen haben wie dieser
Spitzweg, der sich im Mannesalter nach Paris aufmachte, um erst durch
den Kontakt, die Verquickung mit franzsischer Kunst zu jenem echten
Spitzweg zu werden, welcher den Schalk, die Wonnen und das versteckte
Lachen der Natur beschlich, jenem spitzfindigen Spitzweg, der sich das
Spiel der Wolken und die Flte Pans auf die Palette stahl.

Denn mit deutscher Wesensflle ist es gar seltsam und kompliziert
bestellt. Ohne Pfropfreis und von alleine hat sich noch keiner zu ihr
vermocht.

                   *       *       *       *       *

Ich wei nicht, warum mir vorhin bei dem erschossenen Schwan, ber den
niemand lachte, der Tiergarten und seine Monumente einfiel, ber welche
niemand weint. Da die Berliner sich achselzuckend und mit ein paar
Witzen darber hinwegsetzten, war doch unbedacht. Es hat sich dort
meines Wissens kein Komitee gebildet, um zu fordern, da ein hohes
Gitter die Siegesallee mit allem, was sie Tag und Nacht vor aller Welt
ausbreitet, umziehe, und ihre Besichtigung keinem Zugereisten gestattet
werde. Haben die Alldeutschen sich denn noch nie Gedanken ber den
Desaster dieser Trophen gemacht?

                   *       *       *       *       *

Ich bin zu Ende. Der Rest ist Klage. Seelenkonflikte des einzelnen aber,
wei man noch, was das ist? Selbst vor dir wrde ich meine Zerrissenheit
nicht ausgetragen haben, fiele sie nicht ganz mit dem Elementarsten
zusammen: denn Blut ist alles, was in ihm webt, ist nicht des Staubes.
Darum wird seine Stimme von keiner Brandung bertnt. Von
Staatsangehrigkeit wei das Unsterbliche nichts. --

Nie hatte ich mich so wenig mit den Franzosen befat wie in den letzten
Jahren. Mein Umgang mit ihnen war durch ihren Deutschenha getrbt, und
vollends ihre Zeitungen zu verfolgen besa ich nicht mehr den Mut. Wozu,
dachte ich, sich ewig den Verdru antun? Alles Vernnftige, hier wie
drben, scheiterte ja doch, wenn nicht bswillig ihrerseits, so doch
ganz gewi plumperdings bei uns. Glcklicherweise, -- so dachte ich auch
-- wird ja nichts so hei gegessen, wie gekocht, und damit betubte ich
meine Angst, und lebte so dahin. Als ich aber im Frhling vor dem Krieg
London verlie, fuhr ich nicht ber Paris, nicht einmal das, obwohl es
mir von seinem linken Ufer aus betrachtet gerade das letzte Mal im
hchsten Grade merkwrdig erschien. Die meisten Deutschen sind ja, was
die Franzosen anbelangt, von einer Oberflchlichkeit, die sonst gar
nicht in ihrem Charakter liegt; dafr wird im gegebenen Fall die
Oberflchlichkeit mit entsprechender Grndlichkeit betrieben, und fr
die meisten Deutschen resmiert sich Paris als eine Art von Monte Carlo
in Restaurants, Vergngungsanstalten und Kokotten. Die Femme honnte
zum Beispiel, dieser in der Heimat der Jeanne d'Arc so entzckend
ausgeprgte und so intelligente Typ, blieb in Deutschland ebenso
unbeachtet wie die lautlos fast verzehrende Geistigkeit, der fast
puritanische Ernst und Eifer der Jeune cole; vor lauter Moulins und
Folies bersah man die Sorbonne und sprte nicht die immer schrfer
werdende Hhenluft in der Gegend des Panthons und merkte nicht, da es
mit Paris kein Fertigwerden gibt, denn es ist unerschpflich, und fr
jede Morschheit, die ihm widerfhrt, hlt es sich durch neue Triebe,
bltenbeladene neue ste schadlos. Aber so teuer die silberne und
immergrne Stadt mir blieb, so hatte ich dennoch angefangen, sie zu
meiden, denn vorwiegend war ich deutsch, und es erbitterte mich, sogar
die Schulbcher mit Verleumdungen angefllt zu finden, und da man sogar
die Kinder in Ha und Lge unterwies. Und ich wurde den Grimm nicht los,
den Geist und die Sprache meines Vaterlandes stetig zurckgedrngt und
an Boden verlieren zu sehen. Denn fr den deutschen _Himmel_, ja fr
_ihn_ ambitionierte ich die ganze Erde: die ganze Erde sollte er decken,
denn wessen Auge ber ihn hinschweifte, wie mchte der ohne ihn leben?
Die Welt schien mir beraubt, wo sie nichts von ihm wute, und gemein, wo
sie seiner entriet.

Aber dann kam dieser Krieg, und inmitten des Hasses, der ringsum wie
eine kalte Sintflut stieg, und der Wlle, mit denen sich pltzlich die
Menschen gegen ihr frheres Denken, Fhlen und Erinnern verschanzten,
strzten mir alle Schranken zusammen. Welchen Halt konnte da gewesene
Kritik oder Verdrossenheit noch bieten? Wie Strohhalme war das alles von
einem Strom der Liebe, der Zugehrigkeit, des Eingedenkens berrauscht.
Die Franzosen waren jetzt nicht minder meine Brder als die Deutschen,
denn sie waren mir nicht minder anverwandt, da ich sie widereinander
heilig hielt, war meine Not, aber meine Heimat lag jetzt _zwischen_
ihnen! Mochte man in Polen immerzu vordringen und als Shne fr
Ostpreuen von Ruland an sich reien so viel man wollte; gerne![6] Aber
je tiefer nach Frankreich hinein der Boden von den Schritten der als
Feinde vordringenden Deutschen erdrhnte, je fremder, je verbannter fing
ich an mich unter ihnen zu fhlen. Und wer vor mir die Franzosen
schmhte, dem fuhr ich ins Gesicht, eh ich es wute; so ganz entglitt
ich mir! Wie der Zndstoff, der an die Flamme gert. Nicht _er_ ist in
Frage. Oder wer gebte dem Sturm? da nicht _ich_ es war, gab die
Berechtigung. Der Anprall wars, mit nichten, da er mich zermalmte.
Gesetzt ein Krieg zwischen Christen und Juden wre entbrannt, und ich
eine halbe Jdin, so wrde ich ohne weiteres als eine solche gelten --
und es wrde niemand von mir verlangen, da ich mich fr eine
Vernichtung der Israeliten begeistere. Was aber einer halben Jdin recht
wre, ist einer halben Franzsin -- so dchte ich -- zum mindesten
billig. So dchte ich. Daher der Titel dieses Buches. Mein Blut hat die
Fanfare nur zu wohl vernommen. Ich preise die andern glcklich, aber ich
beneide sie nicht; sie drfen unterscheiden zwischen Freund und Feind;
ich aber darf nicht betuben und nicht abirren von einer Qual, die vor
Gott selbst ein solcher Jammer ist.

[Funote 6: Es ist ja so gro!]

Wenn auch kein einziger mir seine Zustimmung gbe, es beirrte mich
nicht; so stark ist der Ruf. Und dann ist ja der heutige Tag nicht so
geartet, da ich ihn zum Richter ber mich erhebe. Falls diese Briefe
mich berleben, wird man sie nicht wegen ihres Titels verhhnen. Nur
indem ich heute in Deutschland auch die franzsische Fahne hochhielt,
gab ich auerdem die Gewhr, wie unverbrchlich treu ich heute in
Frankreich zu der deutschen stnde.

Denn an zwei Fahnen hat dieser entsetzliche Krieg mich vereidet. Zwei
Fahnen, schwesterlich umflort, halten meine Hnde umklammert. Ich wrs
zufrieden, trge man sie beide -- wo immer ich sterben mag -- meinem
Sarge voran; auch die Tricolore! so heigeliebt! --

Und du mein Deutschtum! Angebetetes! Und wolkenumhllt -- als htte es
die Gottheit unseren eigenen Blicken entrckt, unvershnt, wie einst, da
sich der Tag der Griechen nicht erfllte, eh nicht Orest und mit ihm
Pylades, der Gleichwertige, und gleich Gefhrdete -- eines des andern
Retter -- an die finsteren Ufer hinverschlagen -- gemeinsam die Schwelle
des Tempels berschritten, in welchem die freudelose Iphigenie das Bild
der einheimischen Gttin in der Verbannung hegte.

Nicht eher, nicht anders wird sich der Tag erfllen.




                                Anhang


             Die Internationale Rundschau und der Krieg.
                      Ein unpolitischer Vortrag
              gesprochen zu Dresden am 15. Januar 1915.

Am 18. Dezember vorigen Jahres traten in Mnchen unter dem Vorsitz Ludo
Hartmanns eine Anzahl Wiener Professoren zusammen mit ihren Mnchener
Kollegen, Rechtsanwlten und Vertretern der Presse. Die Einladung zu
dieser Sitzung bestand in einem Aufruf folgenden Inhalts:

Neben dem Weltkriege mit eisernen Waffen wird ein zweiter Feldzug mit
vergifteten Waffen gefhrt, ein Verleumdungsfeldzug, in dem jedem Volke
die unglaublichsten Schndlichkeiten, Hinterhltlichkeiten und
Gemeinheiten vorgeworfen werden, und dieser zweite Feldzug, den giftige
Federn vom sichern Schreibtisch aus fhren, ist fast noch gefhrlicher
als der andere. Das Ziel des Krieges ist der Friede -- das Ziel dieses
zweiten Feldzuges jedoch ist der unauslschliche Ha, der auch nach
formellem Frieden jede Vershnung ausschliet.

Darf die menschliche Ehre ein Angriffsobjekt im Kriege sein, drfen
Schauermrchen hben und drben die Bestie im Menschen erwecken, so da
der Glaube an die Menschheit versinkt? Diese ganze Verleumdungsaktion
hat geringen unmittelbaren Einflu auf Sieg oder Niederlage; auf die
eigentlichen Kmpfer wirkt sie nur insofern, als sie zu unntigen
Grausamkeiten den Vorwand der Vergeltung bietet; sie ist auch kaum auf
die Kmpfenden, weit mehr auf die Zuschauer berechnet, und Zuschauer ist
hier nicht nur die zivilisierte, sondern auch die unzivilisierte
Menschheit.

Bisher war der beste Schutzwall der weien Rasse deren sittliche
berlegenheit; die Verleumdung zerstrt diesen Nimbus, und rascher als
durch kriegerische Selbstzerfleischung sinkt Europa von seiner Hhe
herab, wenn die brige Welt hrt und glaubt, welcher Schandtaten
Europer fhig sind.

Kulturnationen! Es ist eine Pflicht gegen uns selbst, diesem
selbstmrderischen Treiben ein Ende zu machen und ehrlich zu prfen, was
Lge, was Wahrheit ist. Sollten sich unter den neutralen, sowie unter
den kmpfenden Vlkern nicht genug Mnner finden, die so hoch ber den
Sumpf hinausragen, da sie den Verleumdern, gleichgltig ob Freund oder
Feind, die Wahrheit entgegenzuhalten wagen? Es wre betrbend, wenn sie
nicht vorhanden wren oder sich feige verkrchen. An diese Mnner ergeht
die Aufforderung, auf streng neutralem Boden sich zu finden und durch
ein absolut unabhngiges, objektives Organ den Glauben an die Menschheit
wieder aufzurichten.

Indem wir der Wahrheit dienen, wollen wir durch Vershnlichkeit den
Frieden vorbereiten, gleichgltig, wann und unter welchen
Voraussetzungen er kommen wird -- und wir wollen verhindern, da
berflssigerweise jene Fden zerrissen werden, welche die kultivierte
Menschheit zusammenhalten.

Also wollen wir helfen, einen Frieden vorzubereiten, der den Ha
beseitigt und eine Vershnung anbahnt, damit das Ziel des groen Krieges
der groe Friede sei.

Ein literarisches Organ dieser Art darf nur auf neutralem Boden
geschaffen und von Personen geleitet werden, deren Neutralitt ber
jeden Zweifel erhaben dasteht. Deshalb soll es in der Schweiz entstehen
und einen franzsischen und einen deutschen Schweizer zu Herausgebern
haben. Diese Mnner werden die Sicherheit bieten gegen die naheliegende
Gefahr, es knnte die Zeitschrift aus ihrem objektiven und vershnlich
gedachten Geleise herausgedrngt und unter dem Vorwand der Neutralitt
einseitigen Zwecken dienstbar gemacht werden.

In dieser Zeitschrift sollen die uns alle bewegenden Probleme des
Weltbrandes in der Weise behandelt werden, da zu den aufgeworfenen
Fragen, neben hervorragenden, objektiv denkenden Neutralen gleichmig
bedeutende Vertreter der kriegfhrenden Teile das Wort erhalten, die in
knapper Form die Ansicht ihrer Volksgenossen frei von bertreibung und
Gehssigkeit zum Ausdruck bringen.

So hoffen wir in ehrlicher Kulturabsicht und mit allen Kautelen gegen
Mibrauch ein Organ zu schaffen, welches der Wahrheit und der
Menschlichkeit dienen und neben den schrecklichen Seiten des Krieges
auch eine allen guten und edlen Menschen erfreuliche Frucht zeitigen
soll.

Fr solche Dinge, werden Sie sagen, ist es entweder zu spt oder zu
frh. Dies sagten sich auch diejenigen, welche nach reiflicher
berlegung sich dennoch zu dem Unternehmen bekannten. Vielleicht
interessiert es Sie zu hren, wie es entstand.

Professor Brockhausen in Wien schilderte in jener Sitzung, wie ihm die
fortgesetzten Zeitungsberichte von den Greueltaten der serbischen
Soldaten keine Ruhe lieen. Es ist ja sicherlich beschmend genug fr
den Gebildeten, was ihm heute, in einem Zeitalter, das wir fr ein
zivilisiertes hielten, noch zugemutet wird, was er lesen, was er
aussprechen, womit er sich noch befassen soll.

Nun also! In sterreich hie es allgemein, die serbischen Soldaten
besen eine wahre Vorliebe, den sterreichischen Verwundeten die Augen
auszustechen. Der Professor wohnte in nchster Nhe eines Lazaretts, wo
neuerdings solche beklagenswerte Opfer in Pflege lagen, und er erachtete
es als seine Pflicht, sich davon zu berzeugen. Frs erste aber
berraschte er seine Frau durch ein Gesuch um fnfzig Kronen. Sie
meinte, er brauchte sie doch nur selber zu nehmen. Aber er bestand auf
seiner Bitte und begab sich dann mit der Summe ins Lazarett. Dort
uerte er den Wunsch, zu einem von Serben in besagter Weise
zugerichteten sterreicher gefhrt zu werden, weil er ihm fnfzig Kronen
zu berbringen habe. Es lt sich denken, da man ihm sogleich
willfahrte, mit dem Bemerken allerdings, da der Betreffende zwar das
Augenlicht verloren habe, jedoch durch einen Schu.

Der Professor ging daraufhin keinen Schritt weiter und berief sich auf
sein Mandat, das ganz ausdrcklich nur einem Verwundeten galt, der von
serbischen Soldaten verstmmelt worden sei. Da gbe es ja leider Gottes
Lazarette genug, wurde ihm versichert, wo er solche Opfer serbischer
Grausamkeiten antreffen knnte. Er machte sich nun anheischig, von einem
zum andern zu wandern; berall fhrte er sich auf dieselbe Weise ein,
ziemlich berall fanden sich Soldaten mit schweren oder unheilbaren
Augenverletzungen, aber an keinen dieser Unglcklichen brachte er seine
Gabe an, denn immer waren Kopfschsse die Ursache der Erblindung
gewesen.

Professor B. wollte hiermit in keiner Weise bestreiten, da die
genannten Greueltaten vorgekommen seien; er wollte nur wahrheitsgetreu
berichten, da er selbst nach allen Wiener Lazaretten gewandert sei, die
fnfzig Kronen aber noch heutigen Tages besitze.

Das Ergebnis dieser erfolglosen Nachforschungen aber war, da er zur
berzeugung gelangte, hier msse etwas geschehen; und er fuhr in die
Schweiz, um sich mit seinen dortigen Kollegen ber einen Plan zu
besprechen, den er mittlerweile gefat hatte. Es sollte durch ein
internationales Organ der systematischen oder gedankenlosen Verhetzung
entgegengetreten werden. Dabei stie er auf die Bedenken und den
Widerstand, den er erwartet hatte, fuhr aber unverdrossen bis nach Genf,
wo er es unter anderen auf Romain Rolland abgesehen hatte, welcher die
Zweckmigkeit, ja Unerllichkeit des Vorhabens wrdigte und seine
Bereitwilligkeit, sich daran zu beteiligen erklrte; unter der
Bedingung, da die strengste Neutralitt gewhrleistet wrde und
Verwaltung wie Herausgabe in neutralen Hnden verblieben. Mittlerweile
hatten sich auch die Berner und Zricher Freunde die Sache berlegt, und
der Professor fand sie auf seinem Rckweg nicht mehr so abgeneigt, wenn
auch ebenso skeptisch. Aber auch sie glaubten angesichts der heillos
verschtteten und, wie es schien, nicht mehr freizumachenden Wege, da
sie es mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren knnten, wenn sie
unttig blieben, auch, wenn sie an dem Erfolg ihrer Arbeit zweifelten.

Sowohl in der deutschen, wie in der franzsischen Schweiz fand sich der
Herausgeber fr die Zeitschrift; es wurden die finanziellen Mittel
aufgeboten, sie ins Leben zu rufen, und es kam dann noch zu jener
Sitzung, die ich zu Anfang erwhnte.

Es war eine Einladung an mich ergangen, derselben beizuwohnen, und ich
mu Ihnen gestehen, von der absoluten Notwendigkeit des Unternehmens,
von der sich die verantwortlichen Leiter nur widerstrebend und nach
langem Erwgen aller Fr und Wider berzeugten, war ich gleich so
durchdrungen, da ich mich bei den sachlichen Bedenken keinen Augenblick
aufhielt, vielmehr die eigene Unsachlichkeit so weit trieb, da ich mich
sofort verbrgte, zehntausend Franken fr die Frderung einer so
verdienstvollen Sache aufzubringen. Ein Mann htte sich zuvor besonnen,
ob er denn Aussichten htte, die Summe zusammenzubringen. Aber so sind
die Frauen. Ich mu jetzt sehen, wie ich sie auftreibe. Aber was geht
mich diese Sache an, werden Sie vielleicht fragen. Warum mische ich mich
da hinein? Nun, ich kann Ihnen beweisen, da ich nur recht tue, wenn ich
seit jenem Tage nichts anderes mehr im Sinn habe als die Propaganda
dieses so problematischen Unternehmens. Und wenn ich nicht davor
zurckschreckte, in die ffentlichkeit zu treten, vor der ich zum ersten
Male spreche, so geschieht es, weil auch ich es vor meinem Gewissen
nicht verantworten knnte, wenn ich auch nur eine einzige Mglichkeit
unbentzt liee, in diesem Sinne wirksam zu sein.

Warum ich diese Propaganda nicht lieber Geschulteren und Redegewandteren
berlasse? Weil es niemanden geben kann, dem das Ziel solcher
Bestrebungen mehr am Herzen lge, und weil es so eng mit dem
zusammenhngt, was ich fhle, da ich sogar eine Entschuldigung fr die
voreiligen Versprechungen habe, zu denen ich mich hinreien lie.

Sie, verehrte Anwesende, haben gewi schon viele Dinge gedacht! Ich aber
immer nur eins. Aber dieses _Eine_ hat durch die Ereignisse eine solche
Strkung erfahren, da ich alle persnlichen Rcksichten aufgeben und es
verfechten mu. Und was kommt schlielich auf den einzelnen an? Kann
sich doch der Schalste und Eingebildetste von uns nicht mehr wichtig
nehmen. Da er ganz und gar nur auf Ersatz da ist, wute jeder nie so
gut. Aber gerade deshalb ist noch nie die Forderung so streng an ihn
ergangen, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn wir sind nicht mehr die
Zeitgenossen des vergangenen Sommers, die noch leichtsinnig und
glcklich waren, und die noch Illusionen hatten; die Leute der achtziger
oder neunziger Jahre oder der Jahrhundertwende; wir sind heute die
berlebenden, wir sind alt! Mag fr die Amerikaner das Sterben noch ein
Unfug sein, wir Europer sind so von ihm eingeschlossen, da es lngst
von unserem Bewutsein Besitz ergriffen hat. Erinnern Sie sich noch des
Widerhalles, den die Katastrophe der Titanic in uns allen weckte?
Damals stand der Tod noch auerhalb. Heute haben wir uns an ihn gewhnt.
Verluste, die sich auf Hunderttausende beziffern, werden fast ohne
Kommentar verzeichnet, und unser _Leben_ ist es, das auer Kurs geraten
scheint. Unsere _Zeit_ aber ist dafr um so kostbarer geworden. Es ist
die Zeit der Rechenschaft, in der auch Gedanken nicht mehr zollfrei
sind. Man hat nicht mehr die Wahl, sie zu unterdrcken, etwa weil sie zu
harte Anforderungen an uns stellen oder aus Entmutigung.

Ihnen steht es frei, alle internationalen Bemhungen im Augenblick fr
unstatthaft zu halten, mir nicht. Ihrem Empfinden drfen sie fremd
bleiben. Dem meinen nicht. Sie drfen sogar meinen, da eine Berhrung
zwischen den geistigen Fhrern der feindlichen Nationen auf dem Boden
einer internationalen Zeitschrift berflssig, da er sogar schdlich
sei. Ich darf nicht so denken.

Es hat sich in diesem Kriege gezeigt, schrieb mir krzlich jemand, der
seine Ablehnung gegenber den Bestrebungen, die ich vertrete, begrnden
wollte, es hat sich bei allen Nationen gezeigt, da die Liebe zum
Vaterlande die grte und heiligste Empfindung ist, eine strkere als
die Liebe zu Frau und Kind, strker als Liebe und Glaube an die
Menschheit; sie fhlt sich eins mit der Liebe zu Gott, sie ist Religion
geworden. Fr eine andere Empfindung knnen das deutsche Volk und seine
geistigen Fhrer heute keinen Sinn haben. Solange Deutschland um sein
Leben kmpft, hat es kein Bedrfnis nach geistigen Berhrungspunkten mit
den feindlichen Nationen. Primum vivere, deinde philosophari.

Ich wei solche Anschauungen zu wrdigen, wenn ich auch nicht in der
Lage bin, sie zu teilen; wenn ich mich auch nicht darber hinwegtuschen
darf, da ich heute abseits stehe, vom engeren Ringe einer Gemeinschaft
mit Ihnen ausgeschlossen, des intimeren Heimatrechtes beraubt. Wenn Sie
wten, wie sehr ich Sie darum beneide! Ihre Gedanken sind
ausschlielich auf Ihre Mnner, Ihre Shne, Ihre Brder gestellt, und es
wre ein Frevel, das Ziel Ihrer Sorgen weiter hinauszustecken. Es gibt
kein besseres in der Welt! Nach wie vor sind es die Mannen des Hagen,
die es in Ewigkeit nicht anders wissen werden, als in der Stunde der Not
ihr friedliches Tagewerk zu lassen und hinzustrmen, wohin die Gefahr
sie ruft; ohne Neugierde, zu wenig neugierig fast. Es ist ihnen genug,
die Tore des Reichs bedroht zu wissen. Die Wchter des Rheins werden
noch als die Wchter Europas aufstehen, wenn erst die gemeinsame Not es
zusammenschlo. Dann werden diese heute noch Unausgeglichenen in der
Mittagstunde ihrer Reife stehen, uns aber, wer sagt uns, da wir es noch
erleben werden, sie nicht mehr gehat zu sehen? Indessen scheint man es
bis auf weiteres auch mit diesem Ha aufnehmen zu wollen. Nur ich kann
mich nicht darein finden! Denn als Halbromane hege ich fr das
Deutschtum eine Liebe, die nicht wie die Ihrige auf reiner Zugehrigkeit
beruht, unvermischt und fraglos mit ihrem Gegenstand identisch ist. So
liebt man seine Nchststehenden, den Mann, oder die Frau, mit einem von
Eifersucht und Verliebtheit vielleicht nicht freien, zugleich aber viel
deutlicheren Gefhl, als sich selbst. Und wer drfte behaupten, da man
sie deshalb weniger liebt?

Infolge einer solchen Abgercktheit nun trug ich im Ausland nichts von
der manchmal zu groen Bescheidenheit meiner Landsleute zur Schau,
sondern berief mich auf mein Deutschtum mit einem fast prahlerischen
Enthusiasmus. Auch dies Bewutsein gibt mir den Mut, Ihnen zu sagen, da
ich nicht in der Lage bin, dieselben Dinge zu denken und zu empfinden
wie Sie. Aber welchen Sinn htte es dann, da ich hier stehe? Ist nicht
der einzig mgliche Zweck meiner Worte der, da ich etwas anderes zu
sagen habe? Zwar wurde mir seit Anfang des Krieges des fteren
nahegelegt, ich sollte mich bis auf weiteres ganz abstrakten, den
gegenwrtigen Ereignissen mglichst fernen Dingen zuwenden. Aber wer von
uns knnte das? Zu anderen Zeiten, in anderen Kriegen wohl. Aber heute
ist es ein unmgliches Ansinnen geworden. Keiner kann sich abseits
halten; selbst die Friedfertigsten und Zurckgezogensten von uns haben
so wenig die Wahl, etwas anderes als Streitende zu sein, als die jungen
Philologen, die jungen Privatdozenten und Musiker, die Liebhaber der
Knste und Wissenschaften, die Trumer, die Verliebten, die auch mit der
Waffe in der Hand nichts anderes mehr im Sinne haben als die Ehre und
Existenz ihres Landes. Geben wir uns keinen Illusionen hin. Es ist der
Krieg gekommen, der keine innere Flucht zult. Er ist jedermanns Sache,
ja, mehr noch: Jeder mu heran. Denn noch ein anderes Ringen spielt sich
ab. Ich sehe ein geistiges Schlachtfeld. Auch dort ist das Getmmel und
die Not. Es sind die beiderseitigen Verschanzungen, das
Sich-in-Schach-halten; die erbitterte Defensive. Und es ist ein Kampf,
der sich ins Endlose auszudehnen droht, der unrhmlich und unblutig im
Dunkeln vor sich geht und gleicherweise der Kundschafter, wie der
notwendigen Vorposten entbehrt.

Und hier nun behaupte ich, weil ich es beweisen kann, da ich zu den
paar Leuten gehre, welche Patrouillendienste verrichten und inmitten
des Wirrsals als Aufklrer taugen knnten. Ich meine uns, die
Halbgermanen Frankreichs, die Halbromanen Deutschlands -- eine Zahl, so
gering, da es sich lohnt, uns anzuhren, bevor wir ganz aus der Welt
verschwunden sind. Denn wir stehen mitten auf einem Laufbrett ber dem
Graben, der sich seit vierundvierzig Jahren so sehr erweitert hat, da
wir allein, von unseren weit hinausgestellten Posten aus, zwei Lager
bersehen knnen, die sich gnzlich aus den Augen verloren haben. Unsere
Einsamkeit ist dort eine so verzweifelte geworden, da ich mich sogar an
Ihr Mitgefhl wenden wrde, wren die Zeiten minder hart. So aber rufe
ich nur Ihren Gerechtigkeitssinn an, und auch das nur, weil unser
verschwindendes Huflein allen Ernstes Ihre Aufmerksamkeit verdient;
weil wir naturgem Dinge berschauen, die Sie nicht sehen knnen.

                   *       *       *       *       *

Durch jenes stete Abrcken zwischen den beiden Vlkern sind die
Rassengegenstze, die wir in uns vereinigen, so erstarkt, da sie selbst
in Friedenszeiten eine Tragik fr sich bedeuteten. Heute nun, wo vor dem
vergossenen Blut das Blut lauter in uns spricht als je zuvor, heute wird
von dem Halbgermanen Frankreichs -- reden wir von ihm -- heute wird von
ihm verlangt, da er sich jeder Sympathie fr uns entuere. Seiner
inneren Zerrissenheit darf keinen Augenblick Rechnung getragen werden.
Ihr widerfhrt keine Schonung. Es wird von ihm verlangt, da er sich
seines besseren Wissens um uns begebe und sich als loyaler Staatsbrger
fr unsere Vernichtung begeistere. Und er wird sich Gewalt antun, dem
Gebote Folge zu leisten. Aber wenn er kein Knecht ist, wird er in dem
verzweifelten Kampf, den er uerlich bestehen wird, vor sich selber
unterliegen . . . Das Blut seiner Vter wird in einen solchen Tumult
geraten und sich zu solcher Brandung erheben, da die paar Bretter
seiner ueren Zustndigkeit daran zerschellen. Die Bedrngnis ist
berall zu ungeheuer! Die Bereitheit zu sterben ist berall zu gro! Aus
ihr steigen die Genien der Nationen, die heute wie in der Ilias die
Heere widereinander schirmen -- mit Begeisterung und List! -- Ihr
_doppeltes_ Walten aber findet nur in _seinem_ Inneren einen Widerhall:
die ihm als Brder zugewiesenen Franzosen erkennt er dort als seine
Halbbrder wieder, und Sie wissen nicht, ich aber wei, mit welcher
Spannung, welchem Entsetzen er, der vielleicht im Felde steht, seines
inneren Jubels inne ward, als er auf dieser bedrngten, ihm so teuren
franzsischen Erde, die er doch mit allem Ingrimm des Patrioten wider
die verhate Invasion verteidigt, die Kunde vernahm, da ein aus allen
Adern blutendes Volk heroischer als einst die Griechen fr sich und fr
Europa die Befreiung erkmpfte, indem es die unerhrte bermacht
Rulands zurckwarf. Ein hherer Genius als der des Krieges hat es
gewollt, da da bis tief ins Abendland hinein die Glocken luteten. Er
aber, von dem ich hier rede und der so unvergolten an uns leidet, er
wird den Aufruhr seines Innern, der doch in Wahrheit seine Treue ist,
verbergen und eine Maske tragen mssen wie ein Verrter. So mag er an
der Spitze eines Sturmangriffs wider uns fallen, aber fragt mich nicht,
mit welchem Herzen.

Sie werden nicht beanstanden, nicht wahr, Sie begreifen vielmehr, da
sein besseres Wissen um uns so tief in ihm grndet. Aber keiner von
Ihnen hat noch seiner gedacht. Nur wir, die paar romanischen Deutschen,
die es zur Zeit noch gibt, wissen genau, was uneingestanden in ihm
vorgeht. Denn er ist unser engerer Landsmann, und wir fhlen wie er. Fr
uns spreche ich heute, denn wir leiden am meisten. Fr alle anderen ist
sie gro, diese Zeit, nur wir begreifen sie nicht; nur wir sind berall
die Verbannten und die Auenstehenden. Glauben Sie ja nicht, da der
franzsische Germane kein guter Franzose sei. Sein bedrohtes Land ist es
ihm tausendfach wert, da er sich dafr opfere. Und glauben Sie nicht,
da ich weniger deutsch fhle als Sie. Infolge meiner teilweisen
Abgercktheit liebe ich Deutschland eiferschtigeren und geschrften
Sinnes vielleicht, als Sie sich selber lieben knnen. Nicht um ein Minus
handelt es sich bei uns, sondern in den Zustzen liegen unsere
Konflikte. Wir sind heute die anderen: Halbdeutsche oder Halbfranzosen,
wie Sie wollen, aber keine Deutschen wie Sie, keine Franzosen wie die
drben; von einer doppelten Liebe beseelt, jeder nur durch ihren Hader
von den Seinen geschieden. Unsere Sonderstellung in der Welt ist es, fr
die ich eintrete, denn unser ist ein zu _edles_ Erbteil, als da wir es
preisgben! Zwar sind wir die zur Unzeit Geborenen; wir haben eine
Mission und schleichen den Husern entlang; wir haben eine kostbare
doppelte Mitgift, und wir sind die Kreditlosen und die Enterbten, und
wir sahen in ein gelobtes Land, nur, um es doppelt zu verlieren. Wir,
die selbst die Vershnung entgegengesetzter Elemente darstellen, wir
sind heute selber der Krieg, und in uns selbst wtet der Kampf um die
entrissenen und wieder gehiten Fahnen. Wir haben nichts gemein mit den
Flaumachern, den Alarmisten und Schwarzsehern, noch mit den Neutralen
und ihrer, neben der unseren gehalten, so spielerischen Parteinahme,
ihrem kalten, unbeteiligten Eifer. Aber es wre nicht der Mhe wert, von
uns zu reden, wenn wir nicht auch die Unbeeinflubaren wren, die nichts
auf der Welt von ihrer schmalen Bahn hinunterstt, und wenn wir nicht
ein Recht auf unsere Zerrissenheit und unser inneres Gesetz besen. Von
der Natur auf unsere heute verlorenen Posten hinausgewiesen, sind uns
dort Dinge bersichtlich, ich sagte es schon, die sich Ihren Blicken
entziehen. Es ist keine Besserwisserei bei uns im Spiel. Der Weise aus
der Ebene wird sich nichts vergeben, wenn er den Toren fragt, was er von
seiner Anhhe aus sieht . . .

Aber ich mache Sie nur ungeduldig, indem ich praktische Dinge
verspreche, die fr jeden gelten sollen, und fortfahre, einen
persnlichen Zufall zu errtern, wie dies Halbgermanentum inmitten
uerster nationaler Gegenstze.

Es ist aber ein Zufall, der mir das Recht innerer Erfahrungen gibt, die
im einzelnen zu zerlegen nicht der Moment sein mag, die mir aber den
unerschtterlichen Glauben geben, da das letzte Urteil ber
Gemeinsamkeit oder Feindschaft zwischen den Nationen nicht aus dem
gegenwrtigen Krieg erwachsen darf. Und es ist nachgerade, als ob
hierber nichtdie Waffen, sondern die tglichen Stimmerheber zu
entscheiden htten, die aus dem ewigen Unwert der menschlichen
Gesellschaft Folgerungen auf ihre Werte ziehen und ihre Einheit
zerstren. Niemand gert in Friedenszeiten auf den Gedanken, die
Verbrecherstatistiken anzurufen, um den Geist einer Nation zu
beschreiben. Heute sollen nun mit einem Male solche Verwechslungen
richtig, erlaubt, erwnscht sein! Wir mssen das Bleibende im Charakter
einer Nation vor so niedrigen Urteilen verteidigen. Und hier mu auch
gegen gewisse Ausartungen Protest erhoben werden.

Da zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob
berall herrschten, war wohl unerllich. Aber inzwischen hat sich die
Luft Europas durch dies Verfahren bedeutend verschlechtert. Man redet
voneinander, als gedchte man nie wieder miteinander auszukommen, und
dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prfung dieses
Krieges ziehen sollen, noch liegt hierin Piett fr die Gefallenen. Wenn
diese Lebensfrohen sich alle so willig opferten, so geschah es, um einen
Streit auszutragen, der sich auf keine andere Schlichtung mehr besann.
Umsonst wren sie erschlagen, die nichts mehr wissen von unserem Hader
und gemeinsam das Schattenreich bevlkern, wenn sie den Ha nur
besiegelten. Wie anders ist die Haltung der Offiziere, die aus dem Felde
zurckkehren! Nichts ist ihnen peinlicher als der Gedanke, man knnte
annehmen, sie htten keine ehrenhaften Feinde! Und der Takt so manches
Pfahlbrgers hat schon durch eifriges Forschen nach den
Ungesetzlichkeiten und Greueltaten der Gegner peinlichen Schiffbruch
erlitten.

Wenn wir es billigen, da Lge und Hetzerei verbreitet werden, obwohl
wir sie durchschauen, so ist es, weil wir meinen, es sei gut, des
anderen wegen. Aber wir sind im Irrtum, wenn wir glauben, da diese
Methode eine ungefhrliche sei, und wir vergessen dabei, da wir fr die
Jugend verantwortlich sind, die dies alles nicht fr eine fromme Lge
hlt.

Hren Sie, was jener Gegner einer Internationalen Rundschau mir noch
geschrieben hat:

Nur der Friede, schrieb er, kann der Boden fr einen erneuten Kontakt
zwischen den Vlkern sein. Glauben Sie mir, er ist dann im Augenblick
wiederhergestellt und es geht an geistigen Gtern keiner Nation etwas
verloren. Im Gegenteil, der Krieg und der Frieden wird allen Nationen
eine geistige Wiedergeburt bringen und einen geistigen Kontakt auf einer
hheren Grundlage.

Ich mu sagen, da mir fr mein Teil noch keine grere Utopie begegnet
ist. Viel eher knnte es sein, da dann diese Grundlage, wenn wir sie
nicht zum Gegenstand unserer Sorge machen, verschwunden wre.
Wahrscheinlicher ist, da die einst so vertrauten Wege sich als zu
weithin, zu tief verwstet erweisen, als da sie wieder begangen werden
knnten. Viel eher knnte es sein, da an Stelle ihrer verwehten Spuren
der Turm Babel der Verwirrung herrschte.

Was ist das Heilige? Das ist's, was viele Seelen zusammenbindet. Bnde
es auch nur leicht wie die Binse den Kranz.

Dieses leichte Band ist nun zerrissen. Aber Goethe fhrt mit vermehrtem
und prophetischem Nachdruck fort:

Was ist das Heiligste?

Was heute und ewig die Geister tiefer und tiefer gefhlt immer nur
_einiger_ macht.

Warum sind diese Worte so unendlich deutsch? Nur durch die so weit
bergreifende Erkenntnis, die aus ihnen atmet.

Und hier ist die Stelle, verehrte Anwesende, wo ich Sie an das erinnern
mu, was ich von uns, dem verschwindenden Huflein der franzsischen
Germanen und der romanischen Deutschen sagte; denn hier ist die Bresche,
die wir behaupten. Sie fassen festeren Griffes das Nchstliegende auf;
wir knnen das Gesamtbild nie aus den Augen verlieren. Unser Wille ist
dabei nicht in Frage. Vielmehr hegen wir eine mit Neid untermischte
Sehnsucht nach allem, was glcklich umgrenzt, nicht zugleich ins andere
hinberspielt, whrend es das eine ist. Wir mssen teuer bezahlen fr
alles, was wir sehen. Und wir sehen, da sich deutsche Wesensflle seit
vierundvierzig Jahren nicht nher geklrt hat. Die Krankheitssymptome
des uns immer mehr entfremdeten Frankreichs hat keiner drastischer
geschildert als Romain Rolland in seinem Jean Christophe, einem Buch,
das uns andere unbeschreiblich irritiert, weil die Dinge, die es enthlt
und die lngst Gemeinpltze sein sollten, noch so gnzlich neu sind.
Erinnern Sie sich des Wortes Burckhardts in seiner Kultur der
Renaissance: Das scheinbar krnkste Volk kann der Gesundheit nahe sein,
und ein scheinbar gesundes kann einen mchtig entwickelten Todeskeim in
sich bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt. Sehen Sie, Stze
solcher Art sind es, an denen wir nie vorberhren. Immer wieder wird
das Bild von den mnnlichen und den weiblichen Nationen hingeworfen:
warum macht sich keiner daran, es auszumalen? Sie wundern sich ber den
Ha der Franzosen, die Sie doch selber nicht eigentlich hassen. Aber
wird der Groll der Verschmhten nicht viel erbitterter sein, als der des
ungeschickten oder zaudernden Freiers, der die Gelegenheit nicht
wahrnahm oder die richtigen Worte zur Werbung nicht fand?

Gewi schlgt die schn beredte Muse d'Annunzios den Rekord der
Gedankenarmut; und die heutigen Meister der franzsischen Sprache sind
in dem Mae von einer gewissen Hohlheit zerqult, je grndlicher sie die
Verbindung mit uns verloren haben. Wir brauchen nur Flaubert mit Anatole
France zu vergleichen. Andr Gide und Romain Rolland, beide auf ihre Art
sehr angedeutschte Geister, werden uns am meisten sagen knnen.

Aber auch auf _unsere_ Literatur der letzten Jahrzehnte gehrt als Motto
jener uralte Ausspruch: Es ist nicht gut, da der Mensch allein sei.
Unsere Grten stehen heute ihrer Anlage nach unseren Allergrten nicht
nach; ich denke an Gerhart Hauptmann, und es lt sich das Schnste ber
sie sagen, was es gibt, nur nicht, da sie sich selbst bertrafen, nur
nicht, da sie ihr letztes gaben; nur nicht, da sie sich vollendeten.
Nein, wenn wir jetzt zurckdenken: es ist doch keine Lust gewesen zu
leben. Der groe Deutsche vor der Zeit der groen Entfremdung war gerade
dadurch eine so berbietende Erscheinung, da er, wie ein groer
Komponist implicite ein groer Dirigent sein kann, sich spielend
gleichsam auch der romanischen Vorzge bemchtigte. Nicht ohne sie hielt
er Haus. Es war aber gerade sein Deutschtum, das dabei seine
glcklichste Entfaltung und seinen mchtigsten Ausdruck fand. Er, und
nur er brachte es dann zu jener berragenden Bedeutung, durch die er den
groen Romanen den Rang ablief. Wenn ich Goethe im Gegensatz zu Victor
Hugo nenne, wird man mich sogleich verstehen. Ich nenne ihn aber auch im
Gegensatz zu Hebbel. In seiner _Universalitt_ liegt das Geheimnis,
warum der rauhere Deutsche im Grunde eine strkere Beziehung zur Antike
hat, als bei allem Formensinn der Franzose. Selbst ein so verrannter
Nationalist wie Maurice Barrs fhlte sich ber die Goethesche Iphigenie
zu dem Gestndnis, zu der Huldigung hingerissen: Jaime la Grcque
germanise. Vergleichen wir Racine mit Gluck. Und welcher lateinische
Komponist hat auch nur annhernd die Grazie eines Mozart erreicht! Wer
allerdings hat sich lateinischeren Einflssen zugnglicher gezeigt?
Vergessen wir auch nicht, da einer der grten Diplomaten aller Zeiten
ein Deutscher war. Wer aber hatte es gelernt, ein grerer Meister
dessen zu werden, wofr wir bezeichnenderweise kein gleiches deutsches
Wort besitzen: die Nuance?

Hier liee sich freilich manches weiterspinnen, aber es ist nicht der
Ort, noch sind mir Befugnisse erteilt worden, ber die Politik zu
sprechen -- ber die es so viel zu sagen gbe. Aber sicher wird es mir
gestattet sein, einen Satz Ernst Moritz Arndts aus der Jahren der
Freiheitskriege anzufhren: Die Zeit, worin wir leben, schrieb er
1815, hat uns Deutschen zugemutet, politische Menschen zu werden. Es
hat schwerer Jahre bedurft, da wir aus dem dmmernden Traum einer
Gleichgltigkeit erweckt wurden, die dem deutschen Namen fast mit dem
Untergang drohte. Gottlob! uns ist wieder ein Vaterland gezeigt worden,
ein Ziel, worauf alle Deutschen als Volk schauen, wofr sie streben und
arbeiten sollen. Immer aber gilt noch mit Recht die Klage, da wir nicht
politisch genug sind. Damit wir dies immer mehr werden, dafr mu jeder
redliche Deutsche denken und streben und auf seine Weise den Kampf
durchkmpfen helfen, der nicht allein auf den Schlachtfeldern
entschieden werden kann.

Ich werde mich streng an meine Weisung halten und in keiner Weise
untersuchen, ob wir diese politischen Qualitten, die Arndt uns so
dringend empfahl, innerhalb dieser hundert Jahre erworben haben. Ich
mchte nur einen anderen Satz anfhren, aus einem Aufsatz Thomas Manns
im Dezemberheft der Neuen Rundschau. Da steht: Wir htten die Kultur
als Wort und Begriff dem Worte Zivilisation stets vorgezogen, weil es
rein menschlichen Inhaltes ist, whrend wir beim anderen einen
politischen Einschlag und Anschlag spren, der uns ernchtert, der es
uns zwar als wichtig und ehrenwert, aber nun einmal nicht als ersten
Ranges erscheinen lt -- weil dieses innerlichste Volk der Metaphysik,
der Pdagogik und der Musik ein nicht politisch, sondern moralisch
orientiertes Volk ist.

Dies hundert Jahre nach Arndt, und nachdem Deutschland inzwischen zu
einem geeinigten Reich und einer Gromacht erstarkt war.

Ich werde weiter nichts sagen, als da ich an diesem Satze rgernis
nahm. Denn wir, die Herausgestellten, haben einen anderen Ehrgeiz, wir
sehen gar keinen Grund, warum wir dieses politische Volk mit einer
politischen Sprache nicht ebensogut sein sollten wie andere. Viele
meinen ja auch: _Jetzt_ mssen wirs werden, kein einziger scheint sich
zu fragen, _wie_. Ein vorstzliches Abschlieen von den politischeren
Nationen ist sicher nicht der richtige Weg. Was sie vor uns voraus haben
-- nehmen wir ihnen doch nur, indem wir es von ihnen lernen.

Ich will es jedoch anderen berlassen, dies Thema weiter zu errtern.
Ich habe nur noch zwei Dinge zu sagen. Es ist gewi auerordentlich
kindisch, uns unsere groen Mnner streitig machen zu wollen oder sie
herabzusetzen. Nicht minder weit vom Schusse sind wir aber, wenn wir uns
immerzu auf sie berufen, denn groe Mnner sind noch lange nicht die
Nation. Und wir drfen nicht vergessen: da sie immerhin als ziemliche
Dulder in unserer Mitte lebten, noch auch die scharfe Kritik, die sie an
uns bten. Es besteht sogar immer die Mglichkeit, da groe Mnner
ihrer Nation verloren gehen. Wren allerorts diese Auserwhlten eines
Volkes auch dessen fhrende Geister, Europa bte heute ein anderes Bild!
Es sind aber ganz im Gegenteil die Zeitungen und unter ihnen nicht die
besten, welche diese Rolle bernahmen . . .

Ich sprach von unserer Sonderstellung und den Dingen, die wir besser
sehen. Aber vielleicht sind die Dinge, die wir _nicht_ sehen, noch
bezeichnender.

So knnen wir gar nicht verstehen, da die Vlker, die doch schon
allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum sie
sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum sie
sich die noch nicht verbaten; warum sie noch nicht zusammentraten und
gegen _die_ rebellierten? Es unterliegt keinem Zweifel mehr, da die
Greuel der belgischen Bevlkerung infolge verleumderischer und
aufreizender Zeitungsartikel als _Repressalien_ entstanden sind. Wann
werden die Vertreter der _wrdigen_ Bltter dagegen protestieren, da
solche Mrder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrder nennen?

Man hat schon Regierungen davongejagt, aber der Herausgeber eines
Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion.
Argwhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen verfolgt, wer aber
hat es gewagt, gegen den Matin einzuschreiten, der schlimmer als eine
russische Knute Wahrheit, Vernunft und Migung unterdrckt?

In jedem Lande aber gibt es Erscheinungen, die dem Matin nacheifern,
ohne ihn zu erreichen, es ist unleugbar, da die ffentliche Meinung
sich der extremen Lge leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb
wre heute nichts notwendiger auf der Welt, als da eine Sezession
innerhalb der Presse entstnde.

Es wird Sie nicht mehr befremden, da ich mir die Interessen der
Internationalen Rundschau zur Gewissenssache machte, auch wenn ich
hinzufge, da es aus freien Stcken geschah, ohne irgendeinen Auftrag
von seiten der Herausgeber. Und erlauben Sie mir, nachdem ich mit so
viel Entschiedenheit meine Behauptungen vorzutragen unternahm, da ich
mit einer _Vermutung_ schliee.

Wir versprechen uns so viel von den Erleuchtungen, die uns auf allen
Gebieten _nach_ diesem groen Krieg geschenkt werden. Aber ist es nicht
wahrscheinlicher, da, wenigstens in den _ersten_ Friedensjahren, nur
diejenigen Ideen Ansehen genieen werden, die _schon im Kriege_ sich
einen Platz in den Gemtern errangen und teil hatten an dem heutigen
Schwung und der Erhebung der Geister?

Sprechen wir also heute schon von einer Einheit der kmpfenden Nationen
durch die letzten Gter der Menschheit. Denn wir mssen sie dieser
Feuerprobe der Beurteilung unterwerfen, gerade inmitten der
gegenwrtigen uersten Not und Anspannung.

                   *       *       *       *       *

                Gedruckt bei Otto v. Holten, Berlin C.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 101]:
   ... uns selber treu, den anderen Vlkern mit der Iniative ...
   ... uns selber treu, den anderen Vlkern mit der Initiative ...






End of Project Gutenberg's Briefe einer Deutsch-Franzsin, by Annette Kolb

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Foundation as set forth in Section 3 below.

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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     www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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