Project Gutenberg's Die Chronik der Sperlingsgasse, by Wilhelm Raabe

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Title: Die Chronik der Sperlingsgasse

Author: Wilhelm Raabe

Illustrator: Ernst Bosch

Release Date: July 25, 2014 [EBook #46411]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE CHRONIK DER SPERLINGSGASSE ***




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                         Grote'sche Sammlung
                                 von
                Werken zeitgenssischer Schriftsteller
                             Neunter Band
            Wilhelm Raabe, Die Chronik der Sperlingsgasse




                           Die Chronik der
                            Sperlingsgasse
                                 von
                            Wilhelm Raabe


                             Neue Ausgabe

        Mit Illustrationen von _Ernst Bosch_ und einem Bildnis
                  des Dichters von _Hanns Fechner_.

                             155. Auflage

                  G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
                             Berlin 1922

                      Alle Rechte, besonders das
                      der bersetzung in fremde
                        Sprachen, vorbehalten.
                      Druck von Fischer & Wittig
                             in Leipzig.

                                 Die
                      Chronik der Sperlingsgasse




                              ^Pro domo^
                     Vorrede zur dritten Auflage


Wenn es gewittert, verkriechen sich die Vgel unter dem Busch. Das wre
fast als ein gutes und warnendes Beispiel auch fr dieses kleine Buch zu
nehmen; es will sich aber nicht warnen lassen, und vielleicht darf es
auch nicht.

Als vor zehn Jahren hinten in der Trkei die Vlker aufeinanderschlugen,
da regte es zum ersten Male seine Flgel und flatterte unbesorgt aus,
wie finster auch der Himmel sein mochte. Mancherlei Wechsel der Zeit
erfuhr es, und es wre kein Wunder, wenn so viele fallende Trmmer es
lngst mit tausend Genossen unter berghohem Schutt begraben htten; aber
es fand seinen Weg, kam zu vielen Leuten, und sie nahmen es gut auf mit
allen seinen Fehlern und Wunderlichkeiten.

Wenn es aber auch nur unter _einem_ Dach eine trbe Stunde verscheucht,
eine schwere Stunde sanfter gemacht htte, wie Herr Hartmann von der Aue
sagt; wenn es nur ein Lcheln, nur eine Trne hervorgerufen htte, so
wre sein Wirken und Sein nicht vergeblich gewesen.

Nun hngen wieder die Wolken drohend herab; der Krieg schlgt mit
gewappneter Faust drhnend an die Pforten unseres eigenen Volkes, und es
ist niemand, so hoch oder niedrig ihn das Leben gestellt habe, der sagen
kann, welch ein Schicksal ihm die nchste Stunde bringen werde. Es steht
zu keiner Zeit ein Glck so fest, da es nicht von einem Windhauch oder
dem Hauch eines Kindes umgestrzt werden knnte; wieviel weniger jetzt!
In solcher Zeit stnden die Menschen am liebsten mit leeren, migen
Hnden, horchend und wartend; aber das ist nicht das Rechte. Es soll
niemand sein Handwerksgert, die Waffen, mit welchen er das Leben
bezwingt, in dumpfer Betubung fallen lassen. Ein Geschlecht gebe seine
Arbeit an das folgende ab, und, gottlob, jener Epochen, in welchen die
Menschheit ihre Mhen ganz von neuem aufnehmen mute, weil die Sturmflut
alles vorige fortgesplt hatte, sind wenige.

Auch in diesem Sinne ist nichts zu hoch und nichts zu gering, und in
diesem Sinne finden auch diese Bltter die Berechtigung, ihren Flug
durch die strmische Welt abermals vertrauensvoll zu beginnen. Mgen sie
neue Freunde zu den alten gewonnen haben, wenn wieder zehn Jahre ihres
flchtigen Daseins dahingegangen sind!

                                         _Stuttgart_, im Februar 1864.

                                                      #Der Verfasser.#




                                                      Am 15. November.


Es ist eigentlich eine bse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der
Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig
dunkel die Donnerwolken des Krieges, und ber die Nhe haben Krankheit,
Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt; -- es ist eine bse
Zeit! Dazu ist's Herbst, trauriger, melancholischer Herbst, und ein
feiner kalter Vorwinterregen rieselt schon wochenlang herab auf die
groe Stadt; es ist eine bse Zeit! Die Menschen haben lange Gesichter
und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte begegnen, zucken sie die
Achsel und eilen fast ohne Gru aneinander vorber; -- es ist eine bse
Zeit! -- Mimutig hatte ich die Zeitung weggeworfen, eine frische Pfeife
gestopft und ein Buch herabgenommen und aufgeschlagen. Es war ein
einfaches altes Buch, in welches Meister Daniel Chodowiecki gar hbsche
Bilder gezeichnet hatte: ^Asmus omnia sua secum portans^, der prchtige
Wandsbecker Bote des alten Matthias Claudius, weiland ^Homme de lettres^
zu Wandsbeck, und recht ein Tag war's, darin zu blttern. Der Regen, das
Brummen und Poltern des Feuers im Ofen, der Widerschein desselben auf
dem Boden und an den Wnden, -- alles trug dazu bei, mich die Welt da
drauen ganz vergessen zu machen und mich ganz in die Welt von Herz und
Gemt auf den Blttern vor mir zu versenken.

Aufs Geratewohl schlug ich eine Seite auf: Sieh! -- da ist der
herbstliche Garten zu Wandsbeck. Es ist ebenso nebelig und trbe wie
heute; leise sinken die gelben Bltter zur Erde, als brche eine
unsichtbare Hand sie ab, eins nach dem andern. Wer kommt da den Gang
herauf im geblmten bunten Schlafrock, die weie Zipfelmtze ber dem
Ohr? -- Er ist's -- Matthias Claudius, der wackere Asmus selbst! --
Bedchtiglich schreitet er einher, von Zeit zu Zeit stehenbleibend;
jetzt ein welkes Blatt aufnehmend und das zierliche Geder desselben
betrachtend; jetzt in die nebelige Luft hinaufschauend. Er scheint in
Gedanken versunken zu sein. Denkt er vielleicht an den Vetter oder den
Freund Hain, an den Invaliden Grgel mit der Pudelmtze und dem neuen
Stelzbein; denkt er an die neue Kanone oder an das Ohr des schuftigen
Hofmarschalls Albiboghoi? Wer wei! -- Sieh! wieder bleibt er stehen.
Was fllt ihm ein?! Lustig wirft er die weie Zipfelmtze in die Luft
und tut einen kleinen Sprung: ein groer Gedanke ist ihm aufs Herz
geschossen -- das groe neue Fest _der Herbstling_ ist erfunden -- der
Herbstling, so anmutig zu feiern, wenn der _erste Schnee fllt_, mit
Kinderjubel und Bratpfeln und Lcheln auf den Gesichtern von jung und
alt! --

Wenn der erste Schnee fllt -- -- -- wie ich in diesem Augenblick wieder
einmal einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe, da -- kommt er
herunter -- wirklich herunter, _der erste Schnee_!

Schnee! Schnee! der erste Schnee! --

In groen wrigen Flocken, dem Regen untermischt, schlgt er an die
Scheiben, grend wie ein alter Bekannter, der aus weiter Ferne nach
langer Abwesenheit zurckkommt. Schnell springe ich auf und ans Fenster.
Welche Vernderung da drauen! Die Leute, die eben noch mrrisch und
unzufrieden mit sich und der Welt umherschlichen, sehen jetzt ganz
anders aus. Gegen den Regen suchte jeder sich durch Mntel und Schirme
auf alle Weise zu schtzen, dem Schnee aber kehrt man lustig und
verwegen das Gesicht zu.

Der erste Schnee! der erste Schnee!

An den Fenstern erscheinen lachende Kindergesichter, kleine Hndchen
klatschen frhlich zusammen: welche Gedanken an weie Dcher und grne
funkelnde Tannenbume! Wie phantastisch die Sperlingsgasse in dem
wirbelnden weien Gestber aussieht! Wie die wasserholenden
Dienstmdchen am Brunnen kichern! Der fatale Wind! --

Gehorsamster Diener, Herr Professor Niepeguk! Auch im ersten Schnee?

rztliche Verordnung! brummt der Weise und lchelt herauf zu mir, so
gut es Wrde und Hypochondrie erlauben.

Auf der Sophienkirche schlgt's jetzt! -- Erst vier? und schon fast
Nacht! -- Vier! wiederholen die Glocken dumpf ber die ganze Stadt.
Jetzt sind die Schulen zu Ende! Hurra -- hinaus in den beginnenden
Winter: die Buben wild und unbndig, die Mdchen ngstlich und
trippelnd, dicht sich an den Huserwnden hinwindend.

Hier und dort blitzt nun schon in einem dunkeln Laden ein Licht auf,
immer geisterhafter wird das Aussehen der Sperlingsgasse.

Da kommt der Lehrer selbst, seine Bcher unter dem Arm; aufmerksam
betrachtet er das Zerschmelzen einer Flocke auf seinem fadenscheinigen
schwarzen Rockrmel. Jetzt ist die Zeit fr einen Mrchenerzhler, fr
einen Dichter. -- Ganz aufgeregt schritt ich hin und her; vergessen war
die bse Zeit; auch mir war, wie weiland dem ehrlichen Matthias, ein
groer Gedanke aufs Herz geschossen. Ich fhre ihn aus, ich fhre ihn
aus! brummte ich vor mich hin, whrend ich auf und ab lief; wie
verwundert mich auch alle meine Quartanten und Folianten
von den Bchergestellen anglotzten, wie spttisch auch das
Allongeperckengesicht auf dem Titelblatt der dort aufgeschlagenen
Schwarte hergrinzte!

Ein Bilderbuch der Sperlingsgasse!

Eine _Chronik der Sperlingsgasse_!

Ein Kinderkopf drckt sich drben im Hause gegen die Scheibe, und der
Lampenschein dahinter wirft den runden Schatten ber die Gasse in mein
dunkles Fenster und ber die Bchergestelle an der entgegengesetzten
Wand. Ein gutes, ein glckliches Omen! Grinzt nur, ihr Meister in Folio
und Quarto, ihr Aldinen und Elzeviere! Ein Bilderbuch der
Sperlingsgasse; eine Chronik der Sperlingsgasse! Ich mute mich wirklich
setzen, so arg war mir die Aufregung in die alten Beine gefahren, und
benutzte das gleich, um ein Buch Papier zu falzen fr meinen groen
Gedanken und einen letzten Blick hinauszuwerfen in den ersten Schnee.
Bah! -- Wo war er geblieben? Wie ein guter Diener war er, nachdem er die
Ankunft seines Meisters, des gestrengen Herrn Winters verkndet hatte,
zurckgekehrt, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Ich bin ein einsamer alter Mann geworden! Die bunten, ewig wechselnden,
ewig neuen Bilder dieses groen Bilderbuches, _Welt_ genannt, werden
meinen alten Augen dunkler und dunkler; mehr und mehr verschwimmen sie,
mehr und mehr flieen sie ineinander. Ich bin mit meinem Leben da
angelangt, wo, wie in jenem bergang vom Wachen zum Schlaf, die
Erlebnisse des Tages sich noch dumpf im Gehirn des Mden kreuzen, wo
aber bereits die dunkle, traum- und geistervolle Nacht ber alles, Gutes
und Bses, ihren Schleier breitet. Ich bin alt und mde; es ist die
Zeit, wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt.

Schaue ich auf aus meinen Trumen, so sehe ich zwar dasselbe Lcheln,
dasselbe Schmerzenszucken auf den Menschengesichtern um mich her, wie
vor langen blhenderen Jahren, aber wenn auch Freude und Leid dieselben
geblieben sind auf der alten Mutter Erde: die Gesichter selbst sind mir
fremd -- ich bin allein! -- Allein -- und doch nicht allein. Aus der
dmmerigen Nacht des Vergessens taucht es auf und klingt es; Gestalten,
Tne, Stimmen, die ich kannte, die ich vernahm, die ich einst gern sah
und hrte in vergangenen bsen und guten Tagen, werden wieder wach und
lebendig; tote, begrabene Frhlinge fangen wieder an zu grnen und zu
blhen; vergessener Kindermrchen entsinne ich mich; ich werde jung und
-- fahre auf und -- erwache!

Versunken ist dann die Welt der Erinnerung, mich frstelt in der kalten
traurigen Gegenwart, drckender fhle ich meine Einsamkeit, und weder
meine Folianten, noch meine andern mhsam aufgestapelten gelehrten
Schtze vermgen es, die aufsteigenden Kobolde und Qulgeister des
Greisenalters zu verscheuchen. Sie zu bannen schreibe ich die folgenden
Bltter, und ich schreibe, wie das Alter schwatzt. Fr einen Freund will
ich diese Bogen ansehen, fr einen Freund, mit dem ich plaudere, der
Geduld mit mir hat und nicht spttelt ber Wiederholungen -- ach, das
Alter wiederholt ja so gern -- der nicht zum Aufbruch treibt, wo die
vertrocknete Blume irgend einer sen Erinnerung mich fesselt, der nicht
zum Bleiben ntigt, wo ein trbes Angedenken unter der Asche der
Vergessenheit noch leise fortglimmt. Eine _Chronik_ aber nenne ich diese
Bogen, weil ihr Inhalt, was den Zusammenhang betrifft, gar sehr jenen
alten naiven Aufzeichnungen gleichen wird, welche in bunter Folge die
Begebenheiten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzhlen; die
jetzt eine Schlacht mitliefern, jetzt das Erscheinen eines wundersamen
Himmelszeichens beobachten, die bald ber den nahen Weltuntergang
predigen, bald wieder sich ber ein Stachelschwein, welches die deutsche
Kaiserin im Klostergarten vorfhren lt, wundern und freuen. Und wie
die alten Mnche hier und da zwischen die Pergamentbltter ihrer
Historien und Mebcher hbsche, farbige, zierlich ausgeschnittene
Heiligenbilder legten, so will auch ich hnliche Bltter einflechten und
durch die eintnigen farblosen Aufzeichnungen meiner alten Tage
frischere bltenvollere Ranken schlingen.

Ich, der Greis -- der zweiten Kindheit nahe, will von einem Kinde
erzhlen, dessen Leben durch das meinige ging wie ein Sonnenstrahl, den
an einem Regentage Wind und Wolken ber die Fluren jagen; der im
Vorbeigleiten Blumen und Steine kt, und in derselben Minute das
glckliche Gesicht der Mutter ber der Wiege, die heie Stirn des
Denkers ber seinem Buche und die bleichen Zge des Sterbenden streifen
kann. Ich schreibe keinen Roman und kann mich wenig um den
schriftstellerischen Kontrapunkt bekmmern; was mir die Vergangenheit
gebracht hat, was mir die Gegenwart gibt, will ich hier, in hbsche
Rahmen gefat, zusammenheften, und bin ich mde -- nun so schlage ich
dieses Heft zu, whle weiter in meiner schweinsledernen Gelehrsamkeit
und kompiliere lustig fort an meinem wichtigen Werke ^De vanitate
hominum^, einem ausnehmend -- dicken Gegenstande.




                                                      Am 20. November.


Ich liebe in groen Stdten diese ltern Stadtteile mit ihren engen,
krummen, dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen
hineinzublicken wagt; ich liebe sie mit ihren Giebelhusern und
wundersamen Dachtraufen, mit ihren alten Kartaunen und Feldschlangen,
welche man als Prellsteine an die Ecken gesetzt hat. Ich liebe diesen
Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um welchen sich ein neues Leben in
liniengraden, parademig aufmarschierten Straen und Pltzen angesetzt
hat, und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse biegen, ohne den
alten Geschtzlauf mit der Jahreszahl 1589, der dort lehnt, liebkosend
mit der Hand zu berhren. Selbst die Bewohner des ltern Stadtteils
scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Vlkchen zu sein, als die
Leute der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das
Volk des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernstes, und der
zusammengedrngtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren,
ergtzlicheren Szenen aneinander, als in den vornehmeren, aber auch
deren Straen. Hier gibt es noch die alten Patrizierhuser, -- die
Geschlechter selbst sind freilich meistens lange dahin -- welche nach
einer Eigentmlichkeit ihrer Bauart, oder sonst einem Wahrzeichen unter
irgend einer naiven merkwrdigen Benennung im Munde des Volkes
fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der alten
gewichtigen Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und
Dachwohnungen. Die Dmmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere
Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Tne als
anderswo. Das Klirren und chzen der verrosteten Wetterfahnen, das
Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das
Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender -- man
mchte sagen dem Ort angemessener, als hier in diesen engen Gassen,
zwischen diesen hohen Husern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder
Vorsprung den Ton auffngt, bricht und verndert zurckwirft! --

Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in
jenem gewlbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden,
an diesem Ort wahrhaftig melodischen Tonwogen ber das dumpfe Murren und
Rollen der Arbeit hinwlzt! -- Die Stimme Gottes spricht zwar
vernehmlich genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im
Donner; aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tnen,
welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt. Ich behaupte, ein
angehender Dichter oder Maler -- ein Musiker, das ist freilich eine
andre Sache -- drfe nirgends anders wohnen als hier! Und fragst du
auch, wo die frischesten, originellsten Schpfungen in allen Knsten
entstanden sind, so wird meistens die Antwort sein: in einer
_Dachstube_! -- In einer Dachstube im Wine-office Court war es, wo
Oliver Goldsmith, von seiner Wirtin wegen der rckstndigen Miete
eingesperrt, dem Dr. Johnson unter alten Papieren, abgetragenen Rcken,
geleerten Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein besudeltes
Manuskript hervorsuchte mit der berschrift: Der Landprediger von
Wakefield.

In einer Dachstube schrieb Jean Jacques Rousseau seine glhendsten,
erschtterndsten Bcher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den
Armenadvokat Siebenks zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das
Leben Fibels!

                   *       *       *       *       *

Die Sperlingsgasse ist ein kurzer enger Durchgang, welcher die
Kronenstrae mit einem Ufer des Flusses verknpft, der in vielen Armen
und Kanlen die groe Stadt durchwindet. Sie ist bevlkert und lebendig
genug, einen mit nervsem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und
ihn im Irrenhause enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren
eine unschtzbare Bhne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und
Glck, Hunger und berflu, alle Antinomien des Daseins sich
widerspiegeln.

In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist
konzentriert sich das Universum in einem Punkt, dozierte einst mein
alter Professor der Logik. Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach
in meinem Heft, bekmmerte mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses
Satzes. Damals war ich jung, und Marie, die niedliche kleine
Putzmacherin, wohnte mir gegenber und nhte gewhnlich am Fenster,
whrend ich, Kants Kritik der reinen Vernunft vor der Nase, die Augen --
nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir fr diese
Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker
zuzulegen, war ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heit: Alles
liegt ins Unendliche auseinander.

Da stand ich eines schnen Nachmittags wie gewhnlich am Fenster, die
Nase gegen die Scheibe drckend, und drben unter Blumen, in einem
lustigen, hellen Sonnenstrahl, sa meine, in Wahrheit ^ombra adorata^.
Was htte ich darum gegeben, zu wissen, ob sie herberlchele!

Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Blschen, die sich
oft in den Glasscheiben finden. Zufllig schaute ich hindurch, nach
meiner kleinen Putzmacherin, und -- ich begriff, da das Universum sich
in einem Punkt konzentrieren knne.

So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die
Bhne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch knnen
sie eine Welt von Interesse in sich begreifen fr den Schreiber, und
eine Welt von Langeweile fr den Fremden, den Unberufenen, welchem
einmal diese Bltter in die Hnde fallen sollten.




                                                      Am 30. November.


Der Regen schlgt leise an meine Scheiben. Was und wer der sonderbare
lange Gesell ist, der vorgestern da drben in Nr. Elf eingezogen ist, in
jene Wohnung, wo auch ich einmal hauste, wo einst auch der Doktor Wimmer
sein Wesen trieb, hab ich noch nicht herausgebracht. -- Es ist recht
eine Zeit, zu trumen. Ich sitze, den Kopf auf die Hand gesttzt, am
Fenster und lasse mich allmhlich immer mehr einlullen von der monotonen
Musik des Regens da drauen, bis ich endlich der Gegenwart vollstndig
entrckt bin. Ein Bild nach dem andern zieht wie in einer Laterna magica
an mir vorbei, verschwindend, wenn ich mich bestrebe, es festzuhalten.
O, es ist wahrlich nicht das, was mich am meisten fesselt und hinreit,
was ich auf das Papier festbannen kann; ein ganz anderer Maler mte ich
sein, um das zu vermgen.

Das verschlingt sich, um sich zu lsen; das verdichtet sich, um zu
verwehen; das leuchtet auf, um zu verfliegen, und jeder nchste
Augenblick bringt etwas Anderes. Oft ertappe ich mich auf Gedanken,
welche aufgeschrieben, kindisch, albern, trivial erscheinen wrden, die
aber mir, dem alten Mann, in ihrem flchtigen Vorbergehen so s, so
heimlich, so beseligend sind, da ich um keinen Preis mich ihnen
entreien knnte.

Nur das Konkreteste vermag ich dann und wann festzuhalten, und diesmal
sind es Bilder aus meinem eigenen Leben, welche ich hier dem Papier
anvertraue.

                   *       *       *       *       *

Was ist das fr eine kleine Stadt zwischen den grnen buchenbewachsenen
Bergen? Die roten Dcher schimmern in der Abendsonne; da und dort laufen
die Kornfelder an den Berghalden hinauf; aus einem Tal kommt rauschend
und pltschernd ein klarer Bach, der mitten durch die Stadt hpft, einen
kleinen Teich bildet, bedeckt am Rande mit Binsen und gelben
Wasserlilien, und in einem andern Tal verschwindet. Ich kenne das alles;
ich kann die Bewohner der meisten Huser mit Namen nennen; ich wei, wie
es klingen wird, wenn man in dem spitzen schiefergedeckten Turm jener
hbschen alten Kirche anfangen wird zu luten. Habe ich nicht oft genug
mich von den Glockenseilen hin und her schwingen lassen?

Das ist Ulfelden, die Stadt meiner Kindheit -- das ist meine Vaterstadt!

Und schau, dort oben in dem Garten, der sich von jenem zerbrckelnden,
noch stehenden Teil der Stadtmauer aus den Berg hinanzieht, gelagert,
unter einem blhenden Holunderstrauch, die drei Kinder. Da sitzt ein
kleines Mdchen mit groen glnzenden Augen, dem wilden Franz aus dem
Walde zuhrend. Franz Ralff, aufgewachsen im Wald und jetzt in der Zucht
bei dem Vater der kleinen Marie, dem strengen lateinischen Stadtrektor
Volkmann, erzhlt, ein gewaltiges angebissenes Butterbrot in der Hand,
kauend und zugleich durch seinen eigenen Vortrag gerhrt, eine seiner
wunderbaren Geschichten, die er aus der Waldeinsamkeit mitgebracht hat,
und mit denen er uns kleines Volk stets zum Gruseln brachte oder zu
bringen versuchte.

Und nun sieh da, im Grase ausgestreckt, da bin auch ich, der kleine Hans
Wachholder, der Sohn aus dem Pfarrhause; blinzelnd zu dem blauen Himmel
hinaufschauend und den kleinen weien Schfchen in der reinen Luft
nachtrumend.

Die Glocken der heimkehrenden Herden erklingen zwischen den Bergen,
ringsumher summt und tnt unendliches Leben, im Gras, in den Bumen, in
der Luft; und das Kinderherz versteht alles, es ist ja noch eins mit der
Natur, eins mit -- Gott!

Aber warum ffnet sich nicht dort unten die braune Tr, die aus dem
hbschen, vom Weinstock bersponnenen Hause mit den hellglnzenden
Fenstern in den Garten fhrt?

Wo ist der alte Mann mit den ehrwrdigen grauen Haaren, welcher da
allabendlich seine Blumen zu begieen pflegt?

Wo ist -- wo ist meine Mutter? Meine Mutter!

Keine freundliche Stimme antwortet! Ich selbst habe ja graue Haare.
Vater und Mutter schlummern lange in ihren vergessenen, eingesunkenen
Grbern auf dem kleinen Stadtkirchhof zu Ulfelden. Jngere Geschlechter
sind seitdem hinabgegangen.

Pltzlich verndert sich das sonnige, sommerliche Bild.

Da ist schon die groe Stadt! Diesmal ist es nicht Frhling, nicht
blhender Sommer, sondern eine strmische, dunkle Herbstnacht --
vielleicht wird eine hnliche auf den heutigen Tag folgen. -- In dieser
Nacht sitzt hoch oben in einem kleinen, mehr drei- als viereckigen
Dachstbchen ein Student vor einem gewaltigen schweinsledernen
Folianten, ber welchen er hinwegstarrt. Wo wandern seine Gedanken?
Drauen jagt der Wind die Wolken vor dem Monde her, rttelt an den
Dachziegeln, schttelt den zerlumpten Schlafrock, welchen der
erfinderische Musensohn, um sich und seine Studien ganz von der
Auenwelt abzusperren, vor dem Fensterkreuz festgenagelt hat -- kurz,
gebrdet sich so unbndig, wie nur ein Wind, der den Auftrag hat, das
letzte Laub von den Bumen in Grten und Wldern zu reien, sich
gebrden kann. Lange hat der Musensohn in tiefe Gedanken versunken
dagesessen; jetzt springt er pltzlich auf und dreht mir das Gesicht zu
-- -- -- das bin ich wieder: Johannes Wachholder, ein Student der
Philosophie in der groen Haupt- und Universittsstadt. Sehr aufgeregt
scheint der Doppelgnger meiner Jugend zu sein; mit so gewaltigen
Schritten, als das enge, wunderlich ausstaffierte Gemach nur erlaubt,
rennt er auf und ab.

Pltzlich springt er auf das Fenster zu, reit den improvisierten
Vorhang herunter und lt einen prchtigen Mondstrahl, welcher in diesem
Augenblick durch die zerrissenen Wolken fllt, herein.

Marie! Marie! flstert mein Schattenbild leise, die Arme gegen ein
schwach erleuchtetes Fenster drben ausstreckend, gegen dessen
herabgelassene Gardine der kaum bemerkbare Schatten einer menschlichen
Gestalt fllt, und --

Es ist eine gefhrliche Sache, in den Momenten ungewhnlicher Aufregung
-- sei es Freude oder Schmerz, Ha oder Liebe -- sich dem klaren, weien
Licht des Mondes auszusetzen. Das Volk sagt: Man wird dumm davon.
Wirklich, wunderliche Gedanken bringt dieser reine Schein mit sich;
allerlei tolles Zeug gewinnt Macht, sich des Geistes zu bemchtigen und
ihn unfhig zu machen, frderhin gemtlich auf der ausgetretenen Strae
des Alltagslebens weiterzutraben. Man wird dumm davon! -- Zauberhafte
Aussichten in phantastische, nebelhafte Grnde ffnen sich zu beiden
Seiten; nie gehrte Stimmen werden wach, locken mit Sirenensang,
flstern unwiderstehlich, winken dem Wanderer ab vom sicheren Wege, und
bald irrt der Bezauberte in den unentrinnbaren Armidengrten der Fee
Phantasie.

Ich liebe Dich, flstert mein Schattenbild, ich will Dich reich, ich
will Dich glcklich, ich will Dich berhmt machen, ich will -- der
schreibende Greis kann jetzt nur lcheln -- die Welt fr Dich gewinnen,
Marie!

Mehr noch flstert mein Doppelgnger, die Stirn an die Scheiben
drckend, hinber nach dem kleinen Stbchen, wo die Jugendgespielin,
fortgerissen von dem kalten Arm des Lebens aus der waldumgebenen
friedlichen Heimat, einsam in der dunkeln, strmischen Nacht arbeitet,
als ein anderer Schatten seine Trume von Glck und Ruhm durchkreuzt.

Da ist eine andere Gestalt; schwarze, dichte Locken umgeben ein
sonnverbranntes Gesicht, die Augen blitzen von Lebenslust und
Lebenskraft, es ist der Maler Franz Ralff, der aus Italien
zurckkehrend, voll der gttlichen Welt des Altertums und voll der
groen Gedanken einer ebenso gttlichen jngern Zeit, den Freund umarmt.

Und weiter schweift mein Geist. -- Ich sehe noch immer die junge Waise
in ihrem kleinen Stbchen unter Blumen arbeitend. Ich sehe zwei Mnner
im Strom des Lebens kmpfen, ein Lcheln von ihr zu gewinnen; und ich
sehe endlich den einen mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den
schnen Preis erfassen, whrend der andere weiter getrieben, willenlos
und wissenlos auf einer kahlen, skeptischen Sandbank sich wiederfindet.
-- Ich sehe _mich_, einen blden Grbler, der sich nur durch erborgte
und erheuchelte Stacheln zu schtzen wei, bis er endlich, nach langem
Umherschweifen in der Welt, hervorgeht aus dem Kampf, ein ernster
sehender Mann, der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes.

Ich lebe durch kurze Jahre von schmerzlich sem Glck; ich sehe whrend
dieser Jahre eine feine, blondlockige Gestalt lchelnd, wie unser guter
Genius, Franz und mich umschweben und ihre schtzende Hand ausstrecken
ber seine leicht auflodernde Wildheit und meine hinbrtende Traurigkeit
-- ich sehe bald ein kleines Kind -- Elise genannt in den Blttern
dieser Chronik -- des Abends aus den Armen der Mutter in die des Vaters
und aus den Armen des Vaters in die des Freundes bergehen, mit groen,
verwunderten Augen zu uns aufschauend -- -- -- --

Pltzlich hrt der Regen auf, an die Fenster zu schlagen; ich schrecke
empor -- es ist spte Nacht. Einen letzten Blick werfe ich noch in die
Gasse hinunter. Sie ist dunkel und de; der unzureichende Schein der
einen Gaslaterne spiegelt sich in den Smpfen des Pflasters, in den
Rinnsteinen wider. Eine verhllte Gestalt schleicht langsam und
vorsichtig dicht an den Husern hin. Von Zeit zu Zeit blickt sie sich
um. Geht sie zu einem Verbrechen, oder geht sie ein gutes Werk zu tun?
Eine andre Gestalt kommt um die Ecke -- ein leiser Pfiff --

Du hast mich lange warten lassen, Riekchen!

Ich konnte nicht eher, die Mutter ist erst eben eingeschlafen ...

Ein in der Ferne rollender Wagen macht das brige unhrbar. Die Figuren
treten aus dem Schatten; ich sehe Ballputz unter den dunkeln Mnteln.

Sie verschwinden um die Ecke, und ich schliee das Fenster.

So endet das erste Blatt der Chronik, die wie die Geschichte der
Menschheit, wie die Geschichte des einzelnen beginnt mit -- einem
_Traume_.




                                                       Am 2. Dezember.


Es ist heute fr mich der Jahrestag eines groen Schmerzes, und doch
trat heute Morgen der Humor auf meine Schwelle, schttelte seine
Schellen, schwang seine Pritsche und sagte:

Lache, lache, Johannes, Du bist alt und hast keine Zeit mehr zu
verlieren.

Jener sonderbare lange Mensch von drben, im abgetragenen grauen
Flausrock, einen ziemlich rot und schbig blickenden Hut unter dem Arme,
klopfte an meine Tr, kndigte sich als der Karikaturenzeichner Ulrich
Strobel an, breitete eine Menge der tollsten Bltter auf dem Tische vor
mir aus und verlangte: ich solle ihm fr den Winter -- den Sommer ber
bummele er drauen herum -- eine Stelle als Zeichner bei einem der
hiesigen illustrierten Bltter verschaffen. Er behauptete, meinen dicken
Freund, den Doktor Wimmer in Mnchen, sehr gut zu kennen, und malte
wirklich als Wahrzeichen das heitere Gesicht des vortrefflichen
Schriftstellers sogleich auf die innere Seite des Deckels eines
daliegenden Buches. Ich versprach dem wunderlichen Burschen, dessen
Federzeichnungen wirklich ganz prchtig waren, von meinem geringen
Ansehen in der Literatur hiesiger Stadt fr ihn den mglichst besten
Gebrauch zu machen, und er schied, indem er in der Tr mir die Hand
drckte, mich s-suerlich anlchelte und sagte:

Sie tun sehr wohl, mich so zu verbinden, verehrtester Herr, denn als
braver Nachbar wrde ich doch manche angenehme Seite an Ihnen entdecken,
die, zu Papier gebracht, sich sehr gut ausnehmen knnte. Gute Nachbarn
werden wir brigens diesen Winter hindurch wohl sein, teuerster Herr
Wachholder! denn -- Sie sehen gern aus dem Fenster, eine
Eigentmlichkeit aller der Leute, mit welchen sich auf die eine oder die
andere Weise leicht leben lt. Guten Morgen!

Um eine originelle Bekanntschaft reicher, kehrte ich zu meiner Chronik
zurck, mit der Gewiheit, dem Meister Strobel von Zeit zu Zeit darin
wieder zu begegnen.




                                                        Am Nachmittag.


Es ist heute Jahrestag. Ich werde die Erinnerung nicht los; sie verfolgt
mich, wo ich gehe und stehe.

Es war ein eben so trber, regenfarbiger Winternachmittag wie jetzt, als
ich traurig dort drben in jenem Fenster sa -- vor langen Jahren --
dort drben in jenem Fenster, von welchem aus mir eben der Zeichner
Strobel zunickt, und traurig hinaufblickte zu der grauen eintnigen
Himmelsdecke. Die Gasse sah damals wohl nicht viel anders aus als heute;
doch sind viele Gesichter, deren ich mich noch gar gut erinnere,
verschwunden und haben andern Platz gemacht, und nur einzelne, wie zum
Beispiel der alte Kesselschmied Marquart im Keller drunten, der heute
wie vor so vielen Jahren lustig sein Eisen hmmert, haben sich erhalten
in diesem ununterbrochenen Strome des Gehens und Kommens. Diese sind
denn auch mit die Anhaltepunkte, an welche ich bei meinem Rckgedenken
den stellenweis unterbrochenen Faden meiner Chronik wieder anknpfe.

Einem Wsserchen will ich diese Chronik vergleichen, einem Wsserchen,
welches sich aus dem Scho der Erde mhevoll losringt und, anfangs
_trbe_, noch die Spuren seiner dunklen, schmerzvollen Geburtssttte an
sich trgt. Bald aber wird es in das helle Sonnenlicht sprudeln, Blumen
werden sich in ihm spiegeln, Vgelchen werden ihre Schnbel in ihm
netzen. An dieser Stelle werdet ihr es fast zu verlieren glauben, an
jener wird es frhlich wieder hervorhpfen. Es wird seine eigene Sprache
reden in wagehalsigen Sprngen ber Felsen, im listigen Suchen und
Finden der Auswege, -- Gott bewahre es nur vor dem Verlaufen im Sande!

So fahre ich fort:

Es war, wie gesagt, ein trauriger unheimlicher Tag, aber nicht er war
es, welcher damals so schwer auf meine Seele drckte. An jenem Tage sah
ich von dem Fenster dort drben die Fenster der Kammer meiner jetzigen
Wohnung weit geffnet trotz der Klte, trotz dem Regen. Die weien
Vorhnge waren herabgelassen und an den Seiten befestigt, damit der
Wind, welcher sie heftig hin und her bewegte, sie nicht abreie.

Der Tod hatte seine finstere kalte Hand trennend auf ein glckliches
Zusammenleben gelegt; der kleine Stuhl dort unter dem Efeugitter auf dem
Fenstertritt vor dem Nhtischchen war leer geworden.

Marie Ralff war tot! -- --

Ich sah von meinem Fenster aus hier eine Gestalt im Zimmer auf und ab
gehen. Armer Franz! Armes kleines Kind! Armer -- Johannes! -- Sie war so
lieblich, so jungfrulich-frauenhaft mit ihrem Kindchen im Arm!

Da hngt im Museum der Stadt ein kleines Madonnenbild, wo die
Unberhrbare den auf ihrem Scho stehenden kleinen Jesus gar
liebend-verwundert und mtterlich-stolz betrachtet. Dem Bilde glich
_sie_, die eben so blondlockig, eben so heilig, eben so schn war, und
oft genug bleibe ich vor diesem Bilde, einem Werk des spanischen
Meisters Morales, den seine Zeitgenossen ^el divino^ nannten, stehen,
alter vergangener schner Zeiten gedenkend.

O, ich liebte sie so, ich hatte so gelitten, als sie mich nur Freund
und ihn, meinen Freund Franz Ralff Geliebter nannte. Und jetzt war sie
tot; einsam hatte sie uns zurckgelassen! Der Abend sank tiefer herab,
und die Dmmerung legte sich zwischen mich und das Drben. Ich hielt es
nicht mehr aus, ich mute hinber! Als ich eintrat, schritt Franz immer
noch auf und ab; er schien mich nicht zu bemerken, und still setzte ich
mich in den Winkel neben die Wiege, wo Martha die Wrterin ber dem
Kinde wachte, welches ruhig schlief und die kleinen Hnde zum Mndchen
hinauf gezogen hatte.

Ich wei nicht, wie lange ich da gesessen habe, ich wei von keinem
meiner Gedanken in jener Nacht Rechenschaft zu geben. Die tiefe Stille,
die auf der groen Stadt lag, lie nur das Gefhl mich berkommen, als
ob das Leben auch dieses zuckende, bewegte Herz eines ganzen groen
Landes verlassen habe, als ob das leise Picken der Wanduhr das letzte
verklingende Getn des Weltrades sei, und die ewige Stille nun binnen
kurzem alles Leben zurckgeschlrft haben wrde.

Das leise Weinen des Kindes neben mir erweckte mich endlich; Franz legte
mir die Hand auf die Schulter und fiel dann pltzlich erschpft auf
einen Stuhl neben mir.

Gute Nacht, Johannes, sagte er, den Kopf an meine Brust legend,
morgen wollen wir sie begraben! --

Es waren die ersten Worte, die er an dem Tage sprach.




                                                       Am 3. Dezember.


                                             ^O cara, cara Maria vale!
                                                      Vale cara Maria!
                                               Cara, cara Maria vale!^

Es war ein berhmter Dichter, welcher dies auf den Grabstein einer
geliebten Abgeschiedenen setzte, er hatte treffliche, herzerschtternde
Gesnge gesungen; _hier_ wute er nichts weiter als diese drei Worte,
herzzerreiend wiederkehrend. Und jenes: Morgen! dmmerte. Das Leben der
groen Stadt begann wieder seinen gewhnlichen Gang; der Reichtum ghnte
auf seinen Kissen, oder hatte auch wohl das Herz ebenso schwer als die
Armut, die jetzt aus ihrem dunkeln Winkel huschte, um einen neuen Ring
der Kette ihres Leidens, einen neuen Tag ihrem Dasein anzuschmieden. Die
Gewerbe faten ihr Handwerkszeug; die groen Maschinen begannen wieder
zu hmmern und zu rauschen; die Wagen rollten in den Straen, und der
Taufzug begegnete dem Totenwagen; denn es war nicht die einzige Leiche
drben in der kleinen Kammer, welche in der menschenvollen Stadt im
letzten Schlaf ausgestreckt lag.

Ich ging hinber. Der Kesselschmied Marquart -- er war damals noch
jnger und krftiger als heute -- hatte sein Hmmern eingestellt und
lehnte traurig in der niedrigen Tr, die in seine unterirdische
Werkstatt hinabfhrt; er liebte die tote Marie so gut wie alle, die mit
ihr je in Berhrung gekommen waren. Hatte sie nicht fr jeden fremden
Schmerz eine Trne, fr jede fremde Freude ein teilnehmendes Lcheln?
War sie nicht in der dunkeln Sperlingsgasse wie jene sonnige, gute,
kleine Fee, die berall wo sie hintrat, eine Blume aus dem Boden
hervorrief?

Auf dem Hausflur standen flsternde Frauen, die mir traurig, als ich
vorberging, zunickten, und auf einer Treppenstufe sa ein kleines
schluchzendes Mdchen, eine zerbrochene Puppe im Scho. O, ich wei das
alles noch! Und jetzt trat ich ein --

Da lag sie in ihrem weien mit roten Schleifen besetzten Kleide, eine
aufgeblhte Rose auf der Brust, in ihrem schwarzen Sarge; die einst so
klaren und innigen Augen geschlossen, die ewige ernste Ruhe des Todes
auf der Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge Nachbarinnen in
weien Sonntagskleidern befestigten Guirlanden von Tannenzweigen und
Immergrn, aus denen hier und da eine einsame Blume hervorschaute, um
den schwarzen Schrein.

Ach, die Armut und der Winter erlaubten nicht, allzuviel:

                          Ses der Sen

zu streuen!

Der junge Tischler Rudolf unten aus dem Hause stand die Augen mit der
Linken bedeckend, Hammer und Ngel in der Rechten zur Seite; seine junge
Braut lehnte schluchzend das Haupt auf seine Schulter. O, ich wei das
alles, alles noch! -- Einen letzten, langen langen Blick warf ich auf
die schne, bleiche, stille Gespielin meiner Kindheit, die Heilige
meiner Jnglingsjahre, die Trsterin meines Mannesalters, dann hob ich
leise Franz von ihrer Brust, ber die er hingesunken war, auf, und
fhrte ihn an die Wiege seines Kindes. -- Rudolf der Tischler begann
sein trauriges Werk. Unter dumpfen Hammerschlgen legte sich der Deckel
ber dies Reliquarium eines Menschenlebens. Ein kalter Schauer berlief
mich! ^Vale, vale cara Maria!^

Die Trger kamen, hoben die leichte Last auf die Schultern und trugen
sie die schmale enge Treppe hinab; die Frauen schluchzten, Kinderkpfe
lugten verwundert ernst durch die Haustr und wichen scheu zur Seite,
als der traurige Zug hinaustrat auf die Strae. Freunde und Bekannte
hatten sich eingefunden, das Weib des Malers auf dem letzten Wege zu
begleiten; der Kesselschmied zog das Mtzchen ab und strich mit seiner
schwarzen schwieligen Hand ber die Augen. Den wie in einem bsen Traum
gehenden Franz fhrend, schritt ich dem Bretterhuschen nach, welches
unser Liebstes barg. O, ich wei das alles noch ganz genau. So ist das
Menschenherz! Viele Jahre sind vorbergegangen seit jenem traurigen
Tage, und heute noch erinnere ich mich an alle die finstern Gedanken,
die damals durch meine Brust zogen, whrend ich so manche jngere Freude
vergessen habe!

Es lernt und sieht sich manches auf einem solchen Gange, fr den,
welcher es versteht, auf den Gesichtern der Begegnenden und
Nachschauenden zu lesen.

Sieh dort an der Ecke die arme mit Lumpen bekleidete Frau aus dem Volk,
wie sie ihr Kind fester an sich drckt und flstert: Was sollte aus Dir
werden, mein kleines Herz, wenn ich heute so still lge wie die, welche
man da forttrgt.

Dort kommt eine elegante Equipage, Kutscher und Bediente in prchtiger
Livree, mit Blumenstruen im Knopfloch. Bunte Hochzeitsbnder flattern
an den Kopfgeschirren der Pferde; der junge vornehme Mann fhrt seine
schne Braut zur Trauung; ihr Auge trifft den Sarg, welcher langsam auf
den Schultern der Trger daher schwankt, und die junge Verlobte birgt
zitternd ihr juwelenblitzendes Haupt an der Brust neben ihr.

Sieh den Arbeiter, welcher dort das Beil sinken lt und stier dem Zuge
des Todes nachsieht. Schaffe weiter, Proletarier, auch dein Weib liegt
zu Hause sterbend; schaffe weiter, du hast keine Zeit zu verlieren; der
Tod ist schnell; aber du mut schneller sein, Mann der Arbeit, wenn du
sie in ihren letzten Stunden vor dem Hunger schtzen willst.

Beugt das Haupt und tretet zur Seite, ihr kettenklirrenden Verbrecher!
Der Tod zieht vorber! Er wird auch euch einst von euren Ketten
befreien!

Beugt das Haupt, ihr armen Geschpfe der Nacht, der Tod zieht vorber,
und auch euch hebt er einst, den erborgten Flitterputz, den armen
beschmutzten Krper, die Snde der Gesellschaft euch abstreifend, rein
und heilig empor aus der Dunkelheit, dem Schmutz und dem Elend.

Von dir, du Sptter mit dem faden Lcheln auf den Lippen, fordere ich
nicht, da du zur Seite tretest! Der Zug des Todes mag _dir_ ausweichen
-- du bist wrdig, dein Leben doppelt und dreifach zu leben!

Es ist ein langer Weg aus der Mitte der groen Stadt bis zu dem
Johanniskirchhofe drauen, und nie ist mir ein Weg so lang und doch
zugleich so kurz vorgekommen. Ich dachte an den Verurteilten, welcher
dem Richtplatz nher und nher kommt, welchem jede Minute eine Ewigkeit
und der stundenlange Weg ein Augenblick ist. Ach wir armen Menschen, ist
nicht das ganze Leben ein solcher Gang zum Richtplatz? Und doch freuen
wir uns und jubeln ber die Blumen am Wege und sehen in jedem
Tautropfen, der in ihnen hngt, Himmel und Erde! Armes glckliches
Menschenherz!

Die schweren, massigen Regenwolken wlzten sich dicht ber der Erde weg,
als wir aus dem Tor traten. Grau in grau Himmel und Erde! Grau in grau
Herz und Welt!

Die Bume streckten ihre leeren ste wehmtig empor, eine Meise flog von
Ast zu Ast vor dem Zuge her.

Und jetzt waren wir angelangt vor der Pforte des Friedhofes. Langsam
wand der Zug sich den Weg entlang, an frischen und eingesunkenen Hgeln,
stolzen Monumenten und drftig naivem Putz vorber, der Stelle zu, wo
die Hlle der toten Marie ruhen sollte. Im folgenden Frhling machten
wir einen hbschen lieblichen Ort daraus, wo die Goldregenbsche ihre
duftenden Trauben herabhngen lieen, und die Vgel in den
Rosenstruchern zwitscherten, heute jedoch war's ringsumher gar traurig
und unheimlich. Auf dem Grund der Grube, die unser Liebstes aufnehmen
sollte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser, in welchem sich aber
pltzlich eine lichte blaue Stelle, die oben am Himmel zwischen den
ziehenden Wolken durchlugte, widerspiegelte. -- -- Ich habe nichts,
nichts vergessen!

Und nun, ihr Mnner, lat den Sarg hinabgleiten; gebt der alten
schaffenden Mutter Erde ihr schnes Kind zurck! Und nun, Franz, wirf
drei Hnde voll Erde auf die versinkende Welt deiner Freude! -- Ergreift
die Schaufeln, ihr Clowns, und vollendet euer Geschft! Du alter
rotnsiger Bursch, bemhe dich nicht, ein wehmtiges Gesicht zu ziehen,
winke nur deinem Gefhrten, da er die Flasche bei Yaughan fllen lasse,
und brumme dein altes Totengrberlied in den Bart!

Wie die Schollen dumpfer und dumpfer auf den Sarg poltern, und wie jeder
Ton das arme Herz erzittern lt in seinen tiefsten Tiefen! Wie das Auge
sich anklammert an den letzten Schein des schwarzen Holzes, welcher
durch die bedeckende Erde schimmert, bis endlich jede Spur verschwindet,
die hinabgeworfene Erde nur noch Erde trifft, die Hhle sich allmhlich
fllt, und endlich der Hgel sich erhebt, der von nun an mit dem
geliebten begrabenen Wesen in unsern Gedanken identisch ist!

Wunderliches Menschenvolk, so gro und so klein in demselben Augenblick!
Welch eine Tragdie, welch ein Kampf, welch ein -- Puppenspiel jedes
Leben; von dem des Kindes, welches vergeblich nach der glnzenden
Mondscheibe verlangt und verwelkt, ehe es das Wort ich aussprechen
kann, bis zu dem des grbelnden Philosophen, welcher in dasselbe
Wrtchen ich das Universum legt und zusammenbricht, ein krper- und
geistesschwacher Greis, der kaum noch das Gefhl fr Wrme und Klte
behalten hat.

Sieh um dich, Johannes: Verkehrt auf dem grauen Esel Zeit sitzend,
reitet die Menschheit ihrem Ziele zu. Horch, wie lustig die Schellen und
Glckchen am Sattelschmuck klingen, den Kronen, Tiaren, phrygische
Mtzen -- Mnner- und Weiberkappen bilden. Welchem Ziel schleicht das
graue Tier entgegen? Ist's das wiedergewonnene Paradies; ist's das
Schafott? Die Reiterin kennt es nicht; sie will es nicht kennen! Das
Gesicht dem zurckgelegten Wege, der dunkeln Vergangenheit zugewandt,
lauscht sie den Glckchen, mag das Tier ber blumige Friedensauen traben
oder durch das Blut der Schlachtfelder waten -- sie lauscht und trumt!
Ja sie trumt. Ein Traum ist das Leben der Menschheit, ein Traum ist das
Leben des Individuums. Wie und wo wird das Erwachen sein?

Auf einem Berliner Friedhofe liegt ber der Asche eines volkstmlichen
Tonknstlers, der auch viel erdulden mute in seinem Leben, ein Stein,
auf welchen eine Freundeshand geschrieben hat:

   Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid,
   Sein Leben Kampf mit Not und Neid,
   Das Leid flieht diesen Friedensort,
   Der Kampf ist aus -- das Lied tnt fort! --

Ich lege die Feder nieder und wiederhole leise diese Zeilen. Ich kann
heute nicht weiter schreiben.




                                                       Am 5. Dezember.


Meinem Versprechen gem hatte ich der Redaktion der _Welken Bltter_ --
Wimmerianischen Angedenkens -- einige der Federzeichnungen meines
Nachbars Strobel vorgefhrt und konnte heute schon ihm seine Aufnahme
unter die Zeichner jenes witzigen Journals ankndigen. Da ich seine Nase
hinter den Scheiben seiner Fenster einigemal hatte hervorlugen sehen, so
machte ich mich auf den Weg hinber zu meiner alten Wohnung, in der ich,
seit ich sie verlassen, so viele ein- und ausziehen gesehen habe.

Die dicke Madame Pimpernell hat es aufgegeben, in eigener, gewichtiger
Person ber den Vorrten des Viktualienladens zu thronen, sie hat sich
in einen gewaltigen, ausgepolsterten Lehnstuhl hinter dem Ofen
zurckgezogen, von wo aus sie oft genug Dorette -- auch Rettchen genannt
-- ihre hagere Tochter und Nachfolgerin im Reich der Kse, der Butter
und der Milch zur Verzweiflung zu bringen vermag.

Das mittlere Stockwerk des Hauses Nr. Elf steht augenblicklich leer,
indem nach heftigen Kmpfen mit dem Parterre, treppauf und ab, die
letzten Einwohnerinnen: die verwitwete Geheime Oberfinanzsekretrin
Trampel und ihre zwei sehr ltlichen und sehr ansuerlichen Tchter
Heloise und Klara -- llise und Knarre von der Madame Pimpernell genannt
-- abgezogen sind. Klavier, Harfe und Guitarre, die drei
Marterinstrumente der Sperlingsgasse, nahmen sie glcklicherweise mit,
sowie auch den edlen Kater Eros und den ebenso edlen, schiefbeinigen
Teckelhund Anteros -- Geschenke eines neuen und doch schon
antediluvianischen Ablards und Egmonts.

Wie oft bin ich einst diese steilen, engen Treppen hinauf- und
hinabgeklettert; jetzt einen Haufen Bcher unter dem Arm, jetzt einen,
wie ich glaubte, Furore machensollenden Leitartikel in der Rocktasche.
Wie oft haben Mariens kleine Fe diese schmutzigen Stufen betreten,
wenn sie mit Franz zu einem prchtigen Teeabend kam, dem ich immer mit
so untadelhafter, hausvterlicher Wrde vorzustehen wute! Wie ich dann
ihr helles Lachen, welches die feuchten, schwarzen Wnde so frhlich
wiedergaben, erwartete; wie sie so reizend ber meine verwilderte Stube
sptteln konnte, und dann trotz aller meiner vorherigen stundenlangen
Bemhungen erst durch fnf Minuten _ihrer_ Anwesenheit einen
menschlichen Aufenthaltsort daraus machte! Wie ich dann spter von der
kleinen Qulerin gezwungen wurde, eine unglckliche Flte hervorzuholen
und steinerweichend eine klgliche Nachahmung von: Guter Mond, du gehst
so stille hervorzujammern, bis Franz Einspruch tat, oder mir der Atem
ausging, oder der kleinen Tyrannin die Kraft zu lachen! Es waren selige
Abende, und ich nahm das Andenken daran mit hinauf bis zur Tr des
Zeichners. Auf mein Anklopfen erschallte drinnen ein unverstndliches
Gebrumme; ich trat ein.

Manche Junggesellenwirtschaft habe ich kennen gelernt und kann viel
vertragen in dieser Hinsicht. Den Doktor Wimmer, den Schauspieler
Mller, den Musiker Schmidt, den Kandidaten der Theologie Schulze habe
ich in ihrer Huslichkeit gesehen, von meiner eigenen Unordnung nicht zu
sprechen, aber eine solche malerische Liederlichkeit war mir doch noch
nicht vorgekommen. Eine Phantasie, durch Justinus Kerners
kakodmonischen Magnetismus in Verwirrung geraten, knnte, gefroren,
versteinert, verkrpert in einem anatomischen Museum ausgestellt, keinen
tolleren Anblick gewhren! Auf einem unaussprechlich lcherlichen Sofa,
viel zu kurz fr ihn, lag, den Kopf gegen die Tr, die Beine ber die
Lehne weg gestreckt, und die Fe gegen die Fensterwand gestemmt, der
lange Zeichner, die Zigarre, die groe Trostspenderin des neunzehnten
Jahrhunderts, im Munde, ein Zeichenbrett auf den Knieen und den Stift in
der Hand. Ein dreibeiniger Tisch, der ohne Zweifel einst unter die
Quadrupeden gehrt hatte, war an diese Lagerstatt gezogen; ein leerer
Bierkrug, eine halbgeleerte Zigarrenkiste, Tuschnpfchen, bekritzelte
Papiere und andre heterogene Gegenstnde bedeckten ihn im reizendsten
Mischmasch. Drei verschiedengestaltete Sthle hatte die Bude
aufzuweisen; der eine aus der Rokokozeit diente als Bibliothek, der
andre, ein grnangestrichener Gartenstuhl, verrichtete die Dienste eines
Kleiderschranks, und der dritte, von dessen frherem Polster nur noch
der zerfetzte berzug herabhing, war ^o horror!^ -- zur -- Toilette
entwrdigt, und ein Waschnapf, Seife, Kmme und Zahnbrsten machten sich
viel breiter auf ihm als irgend ntig war. In einer Ecke des Zimmers
lehnte der Ziegenhainer des wanderlustigen Karikaturenzeichners, und auf
ihm hing sein breitrandiger Filz. In einem andern Winkel hing eine
umfangreiche Reisetasche, und die Wnde entlang war mit Stecknadeln eine
tolle Zeichnung neben der andern festgenagelt. Das Ganze ein wahres
Pandmonium von Humor und skurrilem Unsinn.

Ah, mein Nachbar! rief Meister Strobel, bei meinem Eintritt von seinem
Sofa aufspringend, mit der einen Hand das Zeichenbrett fortlehnend, mit
der andern den wackelnden Tisch am Fallen hindernd. Das ist sehr edel
von Ihnen, da Sie meinen Besuch so bald erwidern; seien Sie herzlich
gegrt und nehmen Sie Platz! Mit diesen Worten lie er die Last des
Bibliothekstuhls zur Erde gleiten und zog ihn an den Tisch, von dem er
ebenfalls die meisten Gegenstnde an beliebige Pltze schleuderte.

Ich bin gekommen, Ihnen mitzuteilen, Herr Strobel, da Ihre Bltter
groen Anklang bei der Redaktion der >Welken Bltter< gefunden haben,
und da dieselbe stolz sein wird, Sie unter ihre Mitarbeiter zu zhlen.

Sehr verbunden, sagte der Zeichner, der sich auf mysterise Weise eben
am Ofen beschftigte, bitte, nehmen Sie eine Zigarre und erlauben Sie
mir, Ihnen eine Tasse Kaffee anzubieten.

Er sah und roch in einen sehr verdchtig aussehenden Topf, den er aus
der Ofenrhre nahm. O weh, rief er, whrend ich alle Heiligen des
Kalenders anrief, die Quelle ist versiecht!

Bitte, machen Sie keine Umstnde, Ihre Zigarren sind ausgezeichnet!

Ja, sagte Strobel, sich nun wieder auf sein Sofa setzend, das ist der
einzige Luxus, den ich nicht entbehren knnte, und ich preise meinen
Stern, der mich in einer Zeit geboren werden lie, wo man die Redensart:
Kein Vergngen ohne die Damen --, in die jedenfalls passendere: Kein
Vergngen ohne eine Zigarre, umgendert hat.

Sind Sie ein solcher Weiberfeind?

Keineswegs; im Gegenteil, ich beuge mich ganz und gar dem franzsischen
Wort: ^Ce que femme veut, Dieu le veut^ und ziehe -- deshalb gerade, die
nicht so anspruchsvolle Zigarre vor, die fr uns glht, ohne das Gleiche
zu verlangen, die interessant ist, ohne interessiert sein zu wollen, und
so weiter, und so weiter!

Sie sind wirklich ein echtes Kind unserer Zeit, die durch zu viele und
zu verschiedenartige Anspannungen im ganzen bei dem einzelnen das
Gehenlassen, die Athaumasie, die Apathie zur Gottheit gemacht hat.

Puh, sagte der Zeichner, eine gewaltige Dampfwolke fortblasend, ich
konnt's mir denken, da sind wir schon in einem solchen Gesprche, wie
sie alles Zusammenleben jetzt verbittern: brigens ist unsere Zeit
durchaus nicht apathisch, aber der einzelne fngt an, das wahre Prinzip
herauszufinden, da nmlich die Sache durch die Sache gehen mu. --
Nicht jeder erste und ^taliter qualiter^ beste soll sich fhig glauben,
den Wegweiser spielen zu knnen, den Arm ausstrecken und schreien:
Holla, da lauft, dort geht der rechte Weg, dorthin liegt das Ziel!

Und die seitwrts abfhrenden Holzwege?...

Laufen alle der groen Strae wieder zu, nachdem sie an irgend einer
schnen, merkwrdigen, lehrreichen Stelle vorbergefhrt haben. Ich, der
Fuwanderer, habe nie so viel Erfahrungen fr den Geist, so viel Skizzen
fr meine Mappe heimgebracht, als wenn ich mich verirrt hatte.

Sie mssen ein eigentmliches Leben gefhrt haben und fhren! sagte
ich, den sonderbaren Menschen vor mir ansehend. Er strich mit der Hand
ber das sonnverbrannte, verschrumpfte Gesicht und lchelte.

Ein Leben, das gern auf Irrwegen geht, ist stets eigentmlich! sagte
er. brigens wird jeder Mensch mit irgend einer Eigentmlichkeit
geboren, die, wenn man sie gewhren lt -- was gewhnlich nicht
geschieht -- sich durch das ganze Leben zu ranken vermag, hier Blten
treibend, dort Stacheln ansetzend, dort -- von auen gestochen --
Gallpfel. Was mich betrifft, so bin ich von frhester Jugend auf mit
der unwiderstehlichsten Neigung behaftet gewesen, mein Leben auf dem
Rcken liegend hinzubringen und im Stehen und Gehen die Hnde in die
Hosentaschen zu stecken. Sie lcheln -- aber was ich bin, bin ich
dadurch geworden.

Ich lchelte nur ber die Richtigkeit Ihrer Bemerkung. Wir alle sind
Sonntagskinder, in jedem liegt ein Keim der Fhigkeit, das Geistervolk
zu belauschen, aber es ist freilich ein zarter Keim, und das Pflnzchen
kommt nicht gut fort unter dem Staub der Heerstrae und dem Lrm des
Marktes.

Holla, rief der Zeichner, pltzlich aufspringend und nach dem Fenster
eilend, sehen Sie, welch ein Bild!

In der Dachwohnung ber der meinigen drben hatte sich ein Fenster
geffnet. Die kleine Ballettnzerin, welche dort wohnt, lie ihr
hbsches Kindchen nach den leise herabsinkenden Schneeflocken greifen.
Das Kind streckte die rmchen aus und jubelte, wenn sich einer der
groen weien Sterne auf seine Hndchen legte oder auf sein Nschen. Die
arme, ohne die Schminke der Bhne so bleiche Mutter sah so glcklich
aus, da niemand in diesem Augenblick die traurige Geschichte des jungen
Weibes geahnt htte.

Ich habe auf Ihrem Schreibtische Bltter gesehen mit der berschrift:
_Chronik der Sperlingsgasse_, sagte Strobel, das Bild da drben gehrt
hinein, wie es in meine Skizzenmappe gehrt.

In meinen Blttern wrde es eine dunkle Seite bilden, antwortete ich,
und die Chronik hat deren genug. Wie wr's aber, wenn Sie Mitarbeiter
dieser Chronik der Sperlingsgasse wrden; Sie haben ein gar glckliches
Auge!

Glauben Sie? fragte der Karikaturenzeichner, welcher den
Kleiderschrankstuhl an das Fenster gezogen hatte und emsig auf einem
Papier kritzelte. Sie wollen keine dunkeln Bltter; kennen Sie
vielleicht die Geschichte jenes englischen Zerrbildzeichners, der vor
dem Spiegel an seinem eigenen Gesichte die Fratzen der menschlichen
Leidenschaften studierte?

Nein, ich kenne die Geschichte nicht, was ward mit ihm?

Er -- schnitt sich den Hals ab, sagte der Zeichner dumpf, seine
vollendete Skizze fortlegend.

Verwundert schaute ich auf. Das Gesicht Strobels hatte einen Ausdruck
von Trbsinn angenommen, der mich fast erschreckte. Er sprach nicht
weiter, und es trat eine Pause ein, whrend welcher drben das Kind
lachte und jubelte, und die Tnzerin den Spatzen, die sich zwitschernd
auf die Dachrinne setzten, Brotkrumen streute. Ich sah, da der Zeichner
allein sein wollte und ging; der sonderbare Mensch begleitete mich bis
zur Treppe. Dort sagte er, mir die Hand drckend und lchelnd:

Ich will aber doch Mitarbeiter Ihrer Chronik werden, Signor!

So endete mein erster Besuch bei dem Karikaturenzeichner Ulrich Strobel.




                                                      Am 10. Dezember.


Es ist jetzt vollstndig Winter geworden; der Schnee liegt zu hoch in
den Straen, als da man den Schritt der verspteten Fugnger, das
Rollen der Wagen hren knnte. Es ist tiefe Nacht.

Was ist das fr ein bleiches, verfallenes Gesicht, welches da vor mir
auftaucht? Ist das Franz -- der lebensmutige, lebensglhende Franz
Ralff, den ich einst kannte?

Drei Monate waren hingegangen, seit man die tote Marie zu ihrer stillen
Ruhesttte hinausgetragen hatte. Ich sa neben meinem Freunde, der, auf
die graugrundierte Leinwand vor ihm starrend, pltzlich begann:

Hre, Johannes, ich mu Dir eine Geschichte erzhlen. Es wird gut sein,
da Du sie kennst; auch knnte wohl der Fall eintreten, da mein Kind
sie erfahren mte. Letzteres will ich dann Dir berlassen, Johannes.

Ich mu weit dazu ausholen, ich mu in unsere frheste Jugendzeit
zurckgehen, wo wir glckliche, ahnungslose Kinder waren. O Johannes,
la mich sie zurckrufen, diese seligen Tage! Klingt es Dir nicht auch
bei jeder Erinnerung daran, wie das Luten jener im Wald verlorenen
Kirche? O, mein Jugend-Waldleben! -- Wie ich es jetzt vor mir sehe,
dieses alte, braune, verfallende Jgerhaus, mitten in der grnen,
duftenden Einsamkeit! Vorbei pltschernd der klare Bach, der dann tiefer
im Walde den stillen Teich bildet, welchen die Sage so wundersam
umschlungen hat! Wie oft bin ich, das Kinderherz voll geheimnisvollen
Bebens, an funkelnden Mondscheinabenden, wenn die Bewohner des
Jgerhauses vor der Tr saen und der alte Burchhard das Waldhorn -- Du
weit wie schn -- blies, dem durch das Dunkel glitzernden Bach
nachgeschlichen, dem stillen Wasser zu, das Treiben der Nixen und Elfen
zu belauschen. Wie fuhr ich zusammen, wenn eine Eidechse im Grase
raschelte, oder ein Nachtvogel schwerflligen Flugs ber den glnzenden
Spiegel des Teichs hinflatterte, indem ich dachte, jetzt msse das
wundersame Geheimnis ans Licht treten und sein Wesen und Weben beginnen
um die volle Scheibe des Mondes, die in der klaren, stillen Flut
widergespiegelt lag. Erst spter erfuhr ich, woher der tiefe, geheime
Zug in mir nach diesem Waldwasser stamme.

Wie oft bin ich, wenn der Sturm in den Bumen rauschte, hinaufgestiegen
in eine hohe Tanne, um mich, die Arme fest um den rauhen, harzigen Stamm
geschlungen, das Herz gepret von Angst und unsglicher Seligkeit -- hin
und her schleudern zu lassen vom Winde.

Und dann, wenn drauen die heie Julisonne, die in diese Waldnacht nur
vorsichtig neugierig hinein zu lugen wagte, auf der Welt lag: welch ein
Trumen war das! Welch eine Wonne war's, im Grase zu liegen, whrend der
Rauhbach an meiner Seite rauschte und murmelte und seine Kiesel langsam
weiterschob, whrend die Sonnenlichter an den schlanken Buchenstmmen
oder ber den Wellchen des Baches spielten und zitterten; die
Wasserjungfer ber mich hinscho; ringsumher die Glockenblumen ihre
blauen Kelche der Erde zuneigten, und der stolze Fingerhut sich trotzend
in seiner Pracht erhob, als spreche er jeden verirrten Strahl der Sonne
fr sein Eigentum an.

Welche Winterabende waren das, wenn ich dem alten weibrtigen Mann, den
ich Oheim nannte, auf dem Knie sa, mit den Quasten seiner kurzen
Jgerpfeife spielte und seinen Geschichten und Sagen lauschte, whrend
die Hunde zu unsern Fen schliefen und trumten und nur von Zeit zu
Zeit aufhorchten, wenn der alte Karo drauen anschlug.

Es war ein glckliches Leben, dieses Leben im Walde, und es ist von
groem Einflu auf meine sptere, knstlerische Entwickelung gewesen.
Noch gar gut erinnere ich mich des Tages, an welchem ich mein erstes
Kunstwerk an der Stalltr zustande brachte. Es war ein Portrt unseres
alten Burchhards und seines treuen Begleiters, des kleinen Dachshundes,
der die Eigentmlichkeit hatte, gar keinen Namen zu besitzen, sondern
nur auf einen besonderen Pfiff seines Herrn hrte.

Der folgende Zeitraum meiner Geschichte, Johannes, ist Dir fast so gut
als mir bekannt, und ich knnte schneller darber weggehen, wenn es mich
nicht berall, wo _ihr_ Bild auftaucht, so gewaltig festhielte.

Wie viele heimliche Trnen -- der Oheim liebte das Weinen nicht --
wischte ich mir aus den Augen, als der Tag kam, an welchem ich meiner
grnen Waldesnacht Ade sagen mute. Gern htte ich mich an jeden Baum,
an jeden Strauch, an welchem der Weg aus dem Walde heraus vorbeifhrte,
festgeklammert. Wie unermelich weit und gro kam mir die Welt vor. Wie
eine Eule, die man aus ihrer dunkeln Hhle in den Sonnenschein gezerrt
hat, schien ich mir anfangs in Ulfelden. Ich war unglcklich, wie ein
Kind von zwlf Jahren es nur sein kann, ehe ich mich in das ungewohnte
Leben hineinfand.

Wie deutlich steht mir der erste Abend in unserer Kindheitsstadt noch
vor dem Gedchtnis! Der Oheim war zurckgekehrt in sein einsames
Waldhaus, die Frau Rektorin wirtschaftete in der Kche, der alte Rektor
sa oben in seinem kleinen Studierstbchen ber dem Tacitus, seinem
Lieblingsschriftsteller, wie ich spter erfuhr, und -- ich kauerte
einsam mit verquollenen trnenden Augen auf der grnen Bank vor dem
Hause und blickte in dumpfem Hinbrten den vorbeischieenden Schwalben
nach: als auf einmal ein kleines, etwas schmutziges Hndchen mir einen
angebissenen rotbckigen Apfel hinhielt, ein Lockenkpfchen sich unter
meine Nase drngte und ein feines Stimmchen sagte:

Nicht weinen ... Junge ... Mama auch Eierkuchen backen.

Ich hatte damals groe Lust, die kleine Trsterin zurckzustoen, sie
lie sich aber nicht abweisen, und als ich ber ihr Mitgefhl strker zu
schluchzen anfing, fing auch sie an zu weinen. Unter diesem Trnenstrom
wurden wir von dem alten Rektor berrascht, welcher pltzlich in seinem
rotgeblmten Schlafrock -- ein Portrt von ihm gibt es dort unter meinen
Skizzen -- und mit der langen Pfeife im Munde hinter uns stand.

Nun, kleines Volk, sagte er lchelnd, das ist ja eine prchtige
Freundschaft zwischen Euch, die so mit Heulen anfngt! Wer hat denn dem
andern etwas zuleide getan?

Diese diplomatische Wendung der Sache brachte auf einmal meinen
Trnenstrom zum Stehen, und auch die kleine Marie lchelte sogleich
wieder durch die hellen Tropfen, die ihr ber beide Backen rollten.

Wird schon gehen, wird schon gehen! brummte der alte Scholarch, fuhr
mit der Hand ber meine Haare und ging dann zurck ins Haus, um seiner
Frau beim Eierkuchenbacken zuzusehen.

Die kleine Marie aber fhrte mich zu ihrem Garten im Winkel, grub eine
keimende Bohne hervor, zeigte sie mir jubelnd und versprach mir ein
hnliches Feld fr meine Ttigkeit. Dann zogen wir uns in die
Geisblattlaube zurck, wo der Tisch gedeckt war. Da fand ich neben dem
Nhzeuge der Frau Rektorin ein Buch auf der Bank -- ein Bilderbuch,
welches mich den Wald, das Jgerhaus, den Ohm, den alten Burchhard, mein
ganzes Heimweh zuerst vergessen lie. Es war ein zerlesener und
zerbltterter Band des welt- und kinderbekannten Bertuchschen Werks!
Welch eine neue Welt ging mir da auf! -- Und die kleine Marie lehnte
neben mir; lachte, erklrte und kitzelte mich mit Strohhalmen; dann kam
die Frau Rektorin mit dem Eierkuchen, und der Rektor verlie seinen
Tacitus; die Glocken der alten Stadtkirche luteten den morgenden
Sonntag ein; -- ich hatte mich gefunden! -- Erinnerst Du Dich wohl noch,
Hans, dieses Sonntagmorgens, der auf meinen ersten Tag in Ulfelden
folgte? Weit Du wohl noch, wie Du mir in der Kirche zunicktest, und
beim Nachhausegehen unsere Freundschaft ihren Anfang nahm durch eine
Handvoll Kletten, welche Du mir in die Haare warfest? Weit Du wohl,
Johannes, wie ich aus dem blden Waldjungen zu dem tollsten,
verwegensten Schlingel der ganzen Gegend heranwuchs und nur duckte, wenn
mich die kleine Marie aus ihren groen Augen so traurig ansah? Es war
eine prchtige Zeit, -- und das Latein war durchaus keine so bse
Krankheit wie das Scharlachfriesel; -- ich hatte diese Vorstellung aus
dem Walde mitgebracht -- sondern hchstens ein leichter Schnupfen, der
bald wieder auszuschwitzen war.

Dann kamen die Zeichenstunden bei dem alten Maler Gruner, der mir zuerst
die Welt des Schnen deutlicher vor die Augen legte, der in seiner
trockenen kaustischen Weise das Leben, welches er sehr wohl kannte, an
mir vorbergleiten lie, da ich verlangte und mich hinaussehnte in
diese so schn blhende Welt, wo man nur die Hand auszustrecken
brauchte, um Glck, Ruhm und Reichtum zu erfassen.

Den Wald hatte ich fast ganz vergessen; ich sehnte mich gar nicht
zurck; hinaus wollte ich in die Welt, Maler werden, tausend Trume
hatte ich, und in allen schwebte Mariens holdes Bild!

Da wurde ich eines Tags zurckgerufen in das einsame Jgerhaus und fand
meinen alten Oheim auf dem Sterbebette. Eine Erkltung, die er sich
zugezogen und nicht beachtete, hatte bei seinem vorgerckten Alter eine
tdliche Wendung genommen. Alle rztliche und geistliche Hilfe
verschmhend, hatte er nur nach mir verlangt. Eine schreckliche
Enthllung erwartete mich am Bette des Mannes, an dessen Seite ich nur
den alten Burchhard traf, whrend die Waldgrete, die bejahrte Magd des
Frsterhauses, ab- und zuging.

Als ich -- jetzt ein neunzehnjhriger Jngling -- an das Lager meines
Ohms trat, sah mich dieser, eben aus einem kurzen unruhigen Schlummer
erwachend, starr an.

Er gleicht ihm immer mehr, murmelte er. Als ich mich ber ihn beugte,
kte mich der alte strenge Mann und sagte mit erloschener Stimme:

Franz, -- Du siehst, es ist vorbei mit mir: ich brauche den Jagdranzen
nicht zu fllen und nicht fr Schiezeug zu sorgen fr den Gang, den ich
jetzt gehen mu. Heule nicht, Junge; weit, ich hab's nie leiden knnen.
Ist Weibermode! Ich mchte Dir aber noch etwas sagen, eh ich
abmarschiere vom Anstand; kannst dann daraus machen, was Du willst.
Setze Dich und hre zu! Schau, da hinten, -- der Alte zeigte durch das
offene Fenster, in welches grne Zweige schlugen, und die Abendsonne
zitterte, whrend ein Buchfink davor sang; -- da hinten hinter dem
Walde kommst Du in die groe Ebene, wo Du tagelang gehen kannst, ohne
einen Berg zu sehen. Die Leute nennen's ein schnes Land; -- mag sein,
hab's aber nie leiden knnen, und mag den Wald lieber. Einen Hgel
gibt's aber doch da, mitten in dem flachen Lande und den Kornfeldern,
mit einem Schlo, Seeburg geheien, und am Fue des Hgels ein Dorf
desselbigen Namens. Daher stammt unsere Familie, da bin ich geboren, da
ist auch Burchhard her.

Der Letzterwhnte nickte hier mit dem Kopfe und brummte vor sich hin:
Beides ne gute Art, die Ralffs und Burchhards!

Hast recht, Alter, fuhr mein Oheim fort, hoffe auch, der da (er wies
auf mich) soll nicht aus der Art schlagen, wenn er gleich unrecht Blut
in den Adern hat. Hre weiter, Junge: War ein stolz Volk, die Grafen
Seeburg, die da seit alter Zeit auf dem Neste saen. Hab's gelesen in
alten Chroniken, wie sie die Leute plagten und die Kaufleute fingen.
Trieb's auch die neue Art, die damals in seidenen Strmpfen und Schuhen
ging, nicht viel besser, wenn auch anders. Halt's Maul, Burchhard, wei,
was Du sagen willst. -- Ich war damals ein schmucker Bursch, wute
trefflich mit der Bchse umzugehen, und war Andreas Ralff bekannt als
Meisterschtze auf Kirchweihen und Vogelschieen weit und breit, wie
Deine Mutter, Franz, meine Schwester, als das schnste Mdchen im Lande.
Sagte mir damals der junge Graf, der eben von Reisen zurckkam: >Hr',
Andreas, tritt in meinen Dienst, will Dich gut halten, und soll es Dein
Schaden nicht sein.< Da fate mich der Satan, da ich's fr mein Glck
hielt und einschlug.

Der Alte sthnte hier laut auf und barg den Kopf in den Kissen, whrend
Burchhard aufstand und leise eine Jgerweise aus dem Fenster pfiff. Ich
beschwor den Ohm, seine Erzhlung abzubrechen und zu verschieben.

Hab das nie getan, sagte der alte eiserne Mann, ist nicht rechte
Jgermanier, eine Kreatur angeschossen umherlaufen zu lassen. Reine
Bchse, reiner Schu. Schuf's der bse Feind, da der Graf die Luise zu
sehen kriegte, und -- Burchhard, erzhl's dem Jungen weiter ...

Dieser, der wieder neben dem Bette seines alten Freundes sa, nickte
finster und fuhr fort in der unterbrochenen Erzhlung, den Blick auf den
Boden geheftet.

Waren wir zusammen aufgewachsen, und hatte ich sie gar lieb die Luise
mit ihren schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Hatte aber nicht den
Mut, ihr zu sagen: Herzlieb, wolltest Du mich nicht zum Manne nehmen?
Wollte Dich auch auf'n Hnden tragen! Stand ich also immer und guckte
ihr nach auf den Kirchwegen und allenthalben, wenn sie durch das Dorf
hpfte, lachend und schkernd, flink wie ein Reh, lustig wie eine Amsel!
...

Der Kranke seufzte tief auf, Burchhard legte ihm das Kopfkissen zurecht
und schwieg dann, von seiner Erinnerung berwltigt, einige Minuten;
whrend drauen die Vgel gar lustig zwitscherten, und die Sonne immer
glhender dem Untergange zusank.

Pltzlich fuhr der Erzhler fast barsch auf:

Was ist da weiter zu berichten! War sie ein jung Blut, und hatte ihr
der Pastor mehr Gutes als Bses von den Menschen erzhlt ... Wurde
Andreas in den Wald geschickt auf Antrieb des Grafen; jubelte er
mchtig, denn von je war's sein Wunsch gewesen, ein Jgersmann zu sein,
und zog er sogleich fort von Seeburg, das alte verfallene Haus, so man
ihm gab, instand zu setzen, da die Luise nachfolgen knne. War ich
damals nicht daheim, sondern im fremden Franzosenland, wo das Volk der
Plackerei und Adelswirtschaft mde geworden war und reinen Tisch
machte; schlug ich mich herum in der Champagne in dem Regiment
Weimar-Krassiere, bis der Herzog von Braunschweig und die Preuen und
alle retirieren muten durch Dreck und Regen. Kam ich zurck auf Urlaub,
putzte den Staub von den hohen Stiefeln, rieb den Harnisch so blank als
mglich, setzte den Dreimaster verwegen aufs Ohr und fate mir ein Herz
-- war ich nicht Wachtmeister in der sechsten Schwadron? -- meinen
heimlichen Schatz zu bitten um seine hbsche weie Hand. Sahen mich die
Leute so sonderbar an, als ich durch das Dorf schritt dem kleinen Husel
zu, wo mein Schatz wohnte, und begegnete mir auch der Kastellan vom
Schlo, der mich nicht leiden konnte, und grinzte er mich so hhnisch
an, da ich den Pallasch fester fate und einen welschen Fluch brummte.
Ahnte ich aber nichts und schob alles auf die Verwunderung ber mein
martialisch Ansehen und schritt mit einem Herzen, das halb freudig, halb
furchtsam klopfte, der kleinen Tre in dem Zaune zu, der das Ralffsche
Haus umgab. Hrte ich aus dem kleinen Stbchen eine Stimme singen, die
mir gar fremd und doch gar bekannt vorkam. Sang die Stimme immer nur den
Anfang eines alten Liedes:

   >Es trgt mein Lieb ein schwarzes Kleid,
   Darunter trgt sie gro Herzeleid
   In ihren jungen Tagen ...<

Nahm ich den Hut ab und trat in die Hausflur: Gr Gott, Jungfer
Lieschen, bin zurck aus Franzosenland, -- wollte ich sagen, sprach aber
kein Wort, sondern fiel mir der Hut zur Erde, und mute ich mich am
Pfosten halten, um nicht selbst zu fallen. Da sa ein bleiches Wesen mit
eingefallenen Wangen im Winkel, hatte die Hnde im Scho gefaltet und
zitterte, als ob ein heftiger Frost es schttle.

>Luise, Luise!< schrie ich auf, in die Knie vor ihr strzend, in
unmenschlicher Angst.

Die Gestalt erhob sich, kam schwankend auf mich zu und sagte, indem sie
mit eiskalter Hand mir ber die Stirne strich:

>Ei, mein schn's Lieb, bist zurck aus fremdem Land? Hab lange auf dich
gewartet, mein blankes Herz!<

Schlug mir das Herz, da mir der Harnisch zu springen drohte, den
betastete sie, und ber dessen Glanz schien sie sich zu freuen.

Was weiter vorging, wei ich nicht; noch eine Zeitlang hrte ich den
Gesang wie aus weiter Ferne:

   >Es trgt mein Lieb ein schwarzes Kleid,
   Darunter trgt sie gro Herzeleid<

-- dann vergingen mir die Sinne, -- das war meine Heimkehr aus dem
Franzosenkrieg. Ich erwachte am Abend in meinem eigenen Huschen, das
ich vermietet hatte, und die alte Frau, die damals drinnen wohnte, sa
neben mir. Glaubte ich getrumt zu haben, -- einen bsen, bsen Traum;
besann mich erst allmhlich wieder, und fgte es Gott, da ich weinen
konnte. Erzhlte mir die gute Frau den Eingang und Ausgang des Leidens,
und schaute ich nach meinen Pistolen, den bbischen Grafen hinzuschicken
vor Gottes Richterstuhl; erfuhr aber, da er auf und davon sei in ferne
Lnder; habe es ihn nicht mehr rasten und ruhen lassen, und sei er auf
einmal spurlos verschwunden gewesen, ohne ber sein Verbleiben etwas zu
hinterlassen ...

Und hat ihn Gott davor behtet, uns vor die Augen zu kommen, fiel mein
Oheim mit abgewandtem Gesicht ein.

Schrieb ich dem Andreas am andern Morgen das Geschehene, denn er wute
noch nichts davon; es war ein feiges Volk, so ihm auf vier Meilen Weges
nichts vermeldet hatte.

Der Kranke im Bett sthnte, als ob ihm das Herz zerbreche, whrend ich
schwindelnd und wortlos dasa ...

Verkauften wir unsere Liegenschaften und brachten wir die Luise und
Dich, Franz, ihr kleines Kind, hierher in den grnen Wald, allwo uns des
Frsten Durchlaucht einen Unterschlupf gab. Die Luise war immer still
vor sich hin und ward immer stiller; sie sang nicht mehr ihre alten
Liederverse und sa am liebsten in der Sonne und hielt ihre armen
mageren Finger gegen das Sonnenlicht. Dann lachte sie wohl und sagte:

>Noch immer, -- noch immer, -- wie es rinnt, rinnt!<

Und eines Morgens -- -- -- Ja, wie war's denn, was ich einmal im
Franzosenland von einem den Offizieren vorlesen hrte, als ich Wache vor
dem Zelt stand. Ich glaube, Herr Goethe oder so nannten sie ihn, der es
las (er zog mit des Herzogs Durchlaucht) und es handelte von einer
dnischen Prinzessin, die wahnsinnig wurde, weil ihr Liebster sich
wahnsinnig gestellt hatte ...

Bleib bei der Stange, Burchhard, rief mein Oheim pltzlich, sich
aufrichtend, -- eines Morgens lag sie am Rande des Hungerteiches
ertrunken im Wasser!

Laut aufschreiend strzte ich auf die Knie und verbarg den Kopf in dem
Kissen des alten sterbenden Mannes. Dieser sa jetzt auf den Ellenbogen
gelehnt aufrecht, untersttzt von der weinenden Waldgrete, seine Augen
funkelten; er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte leise:

Er war jnger als Burchhard und ich; er wird leben; -- -- -- such ihn!

Damit sank er erschpft zurck, whrend ich betubt liegen blieb.

Endlich legte mir der alte Burchhard die Hand auf die Schulter und
fhrte mich hinaus.

Ich will Dir ein Wahrzeichen geben, sagte er, als wir unter den grnen
Bumen waren, die auf jene Tragdie ebenso grn und lustig herabgesehen
hatten. Wieder einmal folgte ich dem Laufe des Baches durch die freudige
Wildnis. Mit welchen Gefhlen?! -- Jetzt wute ich, woher der tiefinnere
Zug nach dem stillen Waldteiche in mir kam! Da lag die klare Flche in
der Abendglut vor uns, der leise Wind flsterte in den Binsen, schlug
die gelben Irisglocken aneinander und schaukelte die auf ihren breiten
saftigen Blttern schwimmenden Wasserrosen; das war alles so friedlich,
so heimlich, so schn, und doch -- welch unnennbares Grauen gewhrte mir
der Anblick!

Als ich sie da fand, sagte Burchhard, hielt sie die eine Hand fest
zu, und das Gold eines Ringes schimmerte durch die starren Finger. Komm
mit!

Der Alte fhrte mich seitab in den Wald, wo ein Stein mit einem Kreuz
bezeichnet im Moose lag. Er kniete nieder, hob ihn weg und whlte eine
Zeitlang in der Erde.

Da! rief er pltzlich und schleuderte den kleinen goldenen Reif, als
habe er eine Schlange berhrt, ins Gras. Es war auch eine Schlange, die
einen wappengeschmckten Rubin mit Kopf und Schweifende umschlang. Du
wirst ihn in diesem Kstchen finden, Johannes!

An jenem Abend noch starb mein Oheim, und ich fhrte seine Leiche, wie
Du weit, Johannes, nach Ulfelden. Ich wei nicht, der Tod des alten
Mannes erschien mir als gleichgltig im Vergleich mit dem Schrecklichen,
welches mir enthllt war. -- Es war brigens ein seltsamer Zug; wir
hatten den schwarzen Sarg auf einen niedern Wagen, mit Zweigen und
Waldblumen geschmckt, gestellt; die Holzhauer mit ihren xten, die
umwohnenden Khler mit ihren Schrstangen gaben ihm das Geleit. Dicht
hinter dem Sarge schritt der alte Burchhard, die Bchse und das Waldhorn
ber der Schulter, die Hunde um ihn her. Von Zeit zu Zeit blies er eine
lustige schmetternde Jgerweise, welche er dann ergreifend und seltsam
in einen Choral bergehen lie. Unter den letzten Bumen hielt er an,
die Holzhauer und Khler um ihn her; noch einmal blies er einen
frhlichen Jagdgru, dann drckte er mir schweigend die Hand und sagte
dumpf: Lebe wohl, Franz Ralff! und schritt langsam in den Wald zurck,
und immer ferner hrte ich die Tne seines Hornes verklingen. Der Ohm
wurde auf dem Ulfeldener Kirchhof, dicht neben seiner Schwester, meiner
Mutter, begraben. Den alten Burchhard habe ich nicht wieder gesehen; ich
hielt's nun gar nicht mehr aus in der engen Welt um mich her, ich ging
nach Italien. Burchhard aber zog nach dem Harz, wo Verwandte von ihm
lebten, und wo er auch bald gestorben ist.

Das, Johannes, ist _der_ Teil meiner Geschichte, welchen selbst Du, mein
_Freund_, nicht kanntest. Ich berlasse Dir nun, welche Anwendung Du
davon einst fr mein Kind wirst machen knnen; von _jenem_ Mann habe ich
nie eine Spur entdecken knnen. Versunken und vergessen! Das Schlo
Seeburg ist jetzt eine Fabrik!

Da liegt das alte vergilbte Heft vor mir, aus welchem ich diese Bogen
der Chronik der Sperlingsgasse abgeschrieben habe. Lange sa ich noch an
jenem Tage neben meinem Freunde; er sprach viel von seinem Tode und
lchelte oft trbe vor sich hin. Whrend seiner Erzhlung hatte er mit
der Reikohle die Umrisse eines Kopfes auf der Leinwand vor ihm gezogen.
_Das_ Bild male ich Dir erst noch, Johannes, sagte er. Ich kannte die
milden Zge zu wohl, um sie nicht selbst in diesen leichten Linien zu
erkennen.

Und so geschah es! Je heller und sonniger die Farben auf der Leinwand
aufblhten, je lieblicher der Lockenkopf Mariens aus dem Grau
auftauchte, desto bleicher wurden die Wangen meines Freundes, und eines
Morgens -- war er ihr hinabgefolgt und hatte sein kleines Kind und
seinen Freund allein zurckgelassen.

                          ^Have, pia anima!^




                                                      Am 24. Dezember.


Weihnachten! -- Welch ein prchtiges Wort! -- Immer hher trmt sich der
Schnee in den Straen; immer lnger werden die Eiszapfen an den
Dachtraufen; immer schwerer tauen am Morgen die gefrorenen
Fensterscheiben auf! Ach in vielen armen Wohnungen tun sie es gar nicht
mehr. -- Hinter den meisten Fenstern lugen erwartungsvolle
Kindergesichter hervor; da und dort liegt auf der weien Decke des
Pflasters ein verlorner Tannenzweig. Es wird viel Goldschaum verkauft,
und bedeckte Platten von Eisenblech, die vorbeigetragen werden,
verbreiten einen wundervollen Duft.

Was ist ein echter Hamburger Seelwe? fragte Strobel, der bei mir
eintrat und beim Abnehmen des Hutes ein Miniaturschneegestber
hervorbrachte.

Ein Hamburger Seelwe? fragte ich verwundert. Doch nicht etwa ein
Mitglied des Rats der Oberalten?

Beinahe! lachte der Zeichner. Ein Hamburger Seelwe ist eine
Hasenpfote, auf welche oben ein menschenhnliches Gesicht geleimt ist.
Ein solches Individuum versteht an einem Tischrande gar anmutige
Bewegungen zu machen. Sehen Sie hier!

Dabei zog er den Gegenstand unseres Gesprchs hervor, hing ihn an meinen
Schreibtisch und brachte ihn durch eine Art Pendel in Bewegung.

Ist das nicht eine wundervolle Erfindung?

Prchtig, sagte ich, in meiner Jugend brachte man aber denselben
Effekt durch den abgenagten Brustknochen eines Gnsebratens, in welchen
man eine Gabel steckte, hervor; aber die Kultur mu ja fortschreiten.

Ja, die Kultur schreitet fort! seufzte der Zeichner. Sogar die
einfachen Tannen machen allmhlich diesen Pyramiden von bunten
Papierschnitzeln Platz. Papier, Papier berall! Aber was ich sagen
wollte: wre es nicht eigentlich die Pflicht zweier Mitarbeiter der
>Welken Bltter<, jetzt auf die Weihnachtswanderung zu gehen?

Auch ich wollte Sie eben dazu auffordern, sagte ich.

Vorwrts! rief Strobel und stlpte seinen Filz wieder auf, whrend ich
meinen Mantel und roten baumwollenen Regenschirm hervorsuchte.

Wir gingen. Den Hamburger Seelwen lieen wir ruhig am Tische
fortbaumeln, nachdem ihm Strobel noch einen letzten Sto gegeben hatte.
Zur Weihnachtszeit habe ich gern ein solches Spielzeug in der Nhe;
erfreute sich doch auch der alt und grau gewordene Jean Paul zu solcher
Zeit gern an dem Farbenduft einer hlzernen Kindertrompete.

Welch ein Gang war das, den ich mit dem tollen Karikaturenzeichner in
der Dmmerung des Abends machte! In wie viel Keller- und andere Fenster
mute der Mensch gucken; in wie viel kleine frostgertete Hnde, die
sich an den Ecken und aus den Torwegen uns entgegenstreckten, lie er
seine Viergroschenstcke gleiten! Welch ein Gang war das! Die Geister,
die den alten Scrooge des Meisters Boz ber die Weihnachtswelt fhrten,
htten mich nicht besser leiten knnen, als Herr Ulrich Strobel. Jetzt
betrachteten wir die phantastische Ausstellung eines Ladens, jetzt die
staunenden, verlangenden Gesichter davor; jetzt entdeckte Strobel eine
neue Idee in der Anfertigung eines Spielzeugs, jetzt ich; es war
wundervoll!

An der Ecke des Weihnachtsmarktes blieben wir stehen, in das frhliche
Getmmel, welches sich dort umhertrieb, hineinblickend. Im
ununterbrochenen Zuge strmte das Volk an uns vorbei: Vter, auf jedem
Arme und an jedem Rockscho ein Kind; Handwerksgesellen mit dem Schatz,
den sie aus der Kche der Gndigen weggestohlen hatten; ehrliche,
unbeschreiblich gutmtig und dumm lchelnde Infanteristen, feine,
schmucke Garde-Schtzen, schwere Dragoner und klobige Artillerie. --
Hier und da wanden sich junge Mdchen zierlich durch das Getmmel; jedes
Alter, jeder Stand war vertreten, ja sogar die vornehmste Welt
berschritt einmal ihre nrrischen Grenzen und zeigte ihren Kindern die
-- Freude des Volks.

Der Zeichner war auf einmal sehr ernst geworden. Sehen Sie, sagte er,
da strmt die Quelle, aus welcher die Kinderwelt ihr erstes Christentum
schpft. Nicht dadurch, da man ihnen von Gott und so weiter
Unverstndliches vorrsoniert, sie Bibel- oder Gesangbuchverse auswendig
lernen lt; nicht dadurch, da man sie -- wo mglich in den Windeln --
in die Kirche schleppt, legt man den Keim der wunderbaren Religion in
ihre Herzen. An das Gewhl vor den Buden, an den grnen funkelnden
Tannenbaum knpft das junge Gemt seine ersten, wahren -- und was mehr
sagen will, wahrhaft kindlichen Begriffe davon!

Ich wollte eben darauf etwas erwidern, als pltzlich eine Gestalt in
einen dunkeln Mantel gehllt, ein Kind auf dem Arme tragend, an uns
vorbeischlpfen wollte. Ein Strahl der nchsten Gaslaterne fiel auf ihr
Gesicht, es war die kleine Tnzerin aus der Sperlingsgasse. Ich freute
mich ber die Begegnung und rief sie an:

Das ist prchtig, Frulein Rosalie, da wir Sie treffen. Vielleicht
werden Sie uns erlauben, da wir Sie begleiten; denn um die Mysterien
eines Weihnachtsmarktes zu durchdringen, ist es jedenfalls ntig, ein
Kind bei sich zu haben.

Die Tnzerin knixte und sagte: O, Sie sind zu gtig, meine Herren;
Alfred hat mir den ganzen Tag keine Ruhe gelassen, und da kein Theater
ist, so mute ich ihm doch die Herrlichkeit zeigen.

Ja Mann, -- sagte Alfred unter einer dicken Pudelmtze gar verwegen
hervorschauend -- mitgehen!

Ich stellte der Tnzerin den Nachbar Zeichner vor, und das vierblttrige
Kleeblatt war bald in der Stimmung, die ein Weihnachtsmarkt erfordert.
Was fr ein Talent, Kinder vor Entzcken auer sich zu bringen,
entwickelte jetzt der Karikaturenzeichner. Er hatte der Mutter den
dicken Bengel sogleich abgenommen, lie ihn nun gar nicht aus dem
Aufkreischen herauskommen und schleppte ihn hoch auf der Schulter durch
das Gewhl voran. O ich bin Ihnen so dankbar, so dankbar, Herr
Wachholder, flsterte die kleine Tnzerin, zu deren Beschtzer ich mich
sehr gravittisch aufwarf.

Liebes Kind, sagte ich, ein paar solcher Junggesellen wie ich und
mein Freund wrden solche Abende wie dieser sehr bel zubringen, wenn
nicht dann ausdrcklich eine Vorsehung ber sie wachte. Sie sollen
einmal sehen, wie prchtig wir heute Abend noch Weihnachten feiern
werden; -- hren Sie nur, wie Alfred jubelt; sehen Sie, wie stolz und
glcklich er unter der Pickelhaube vorguckt, die ihm eben der Herr
Strobel bergestlpt hat!

Der Karikaturenzeichner htte sich in diesem Augenblick sehr gut selbst
abkonterfeien knnen -- er tat es auch, aber spter. Wundervoll sah er
aus. Im Knopfloche baumelte ein gewaltiger Hampelmann, in der rechten
Hand hatte er eine groe Knarre, die er energisch schwenkte; whrend auf
seinem linken Arm Alfred mit aller Macht auf eine Trommel paukte.

Kleine Dame, sagte der Zeichner jetzt zu unserer Begleiterin, stecken
Sie mir doch einmal jene Tte in die Rocktasche, ich komme nicht dazu!
Heda, alter Wachholder, schrie er dann mich an, gleiche ich nicht aufs
Haar einer Kammerverhandlung? Rechts Geknarre, links Getrommel, und fr
das Fassen und Einsacken der begehrten Sigkeiten weder Kraft noch
Platz!

Mama, _der_ Onkel aber mal rechter Onkel! rief der Kleine entzckt von
seiner Hhe herab, als Rosalie der Anforderung Strobels nachkam, und ich
ebenfalls die Tasche mit allerlei fllte.

So ging es weiter, bis uns endlich die Klte zu heftig wurde. Der
Zeichner lste sich auf -- wie er's nannte -- und berlieferte mir die
spielzeugbehangene Linke, behielt jedoch die Knarre in der Rechten, und
nun ging's durch die menschen- und lichterfllten Straen nach Hause.
Wie glnzte heute abend die alte dunkle Sperlingsgasse! Von den Kellern
bis zum sechsten Stock, bis in die kleinste Dachstube war die
Weihnachtszeit eingekehrt; freilich nicht allenthalben auf gleich
frhliche, selige, gnadenbringende Weise. Welch einen Abend feierten
wir nun! Wir lieen unsere kleine Begleiterin natrlich nicht zu ihrem
kaltgewordenen Stbchen hinaufsteigen. War ich nicht schon auf der
Universitt meines famosen Punschmachens wegen berhmt gewesen? (eine
Kunst, die mir mein Vater mit auf den Lebensweg gegeben hatte). Der
Karikaturenzeichner holte einen Tannenzweig, den er auf der Strae
gefunden hatte, hervor und hielt ihn ins Licht.

Das ist der wahre Weihnachtsduft, sagte er, und in Ermangelung eines
Bessern mu man sich zu helfen wissen.

Horch! was trappelt da drauen auf einmal auf der Treppe? Ein leises
Kichern erschallt auf dem Vorsaal und scheint noch eine Treppe hher
steigen zu wollen. Zu mir? sagt Rosalie und springt verwundert nach
der Tr.

Ach, da ist sie?! schallt es drauen, und auch ich stecke meinen Kopf
heraus.

Guten Abend, alter Herr! Guten Abend, Rosalie! Guten Abend, Rschen!
erschallt ein Chor heller lustiger Stimmen.

Wo ist Alfred, wir bringen ihm einen Weihnachtsbaum!

Hurra, das ist's, was wir eben brauchen! schreit der Zeichner, seine
Knarre schwingend. Schnen guten Abend, meine Damen, und frhliche
Weihnachten!

Aus dunkeln Mnteln und Schals und Pelzkragen entwickelt sich jetzt ein
halbes Dutzend kleiner Theaterfeen, die alle jubelnd und lachend meine
Stube fllen, und -- auf einmal alle ein verschiedenes Musikinstrument
hervorholen, welches sie auf dem Weihnachtsmarkt erstanden haben. Ein
Heidenlrm bricht los; das knarrt und quiekt und plrrt und klappert,
da die Wnde widerhallen, und Rosalie, welche beschwrend von einer der
kleinen Ratten zur andern luft, zuletzt die Ohren zuhaltend in dem
fernsten Winkel sich verkriecht.

Endlich legt sich der Skandal mit dem ausgehenden Atem und der
ausgehenden Kraft des Karikaturenzeichners, der vor Wonne ber das
Pandmonium kaum noch seine Knarre schwingen kann.

Welch ein Punsch war das! welche Gesundheiten wurden ausgebracht! welche
Geschichten wurden erzhlt! Vom Souffleur Flstervogel bis zum
Ballettmeister Spolpato, ja bis zu Seiner Exzellenz dem Herrn
Intendanten hinauf.

Heute abend malte Strobel keine Karikaturen, aber _sich_ selbst machte
er oft genug zu einer. Beim Versuch, sich auf einer mit dem Halse auf
der Erde stehenden Flasche sitzend zu drehen, beim Zuckerreiben, beim
Versuch, den glimmenden Docht eines ausgeputzten Wachslichts wieder
anzublasen und bei andern Kunststcken.

Alfred, der durch Unterlegung von Pfuffendorfs und Bayles
schweinslederner Gelehrsamkeit und durch Auftrmung verschiedener
dickbndiger Erziehungstheorien dazu gebracht war, neben seiner kleinen
Mutter sitzend, ber den Tisch blicken zu knnen, jubelte mit, bis ihm
die Augen zufielen, und er auf meinem Sofa ein- und weiterschlief bis
elf Uhr, wo das Fest endete, die kleinen Gste wieder in ihre Mntel
krochen, mich fr einen gottvollen alten Herrn erklrten, Rschen
kten und nach einem vielstimmigen gute Nacht die Treppe
hinabtrippelten. Darauf trug Strobel den schlafenden Alfred eine Treppe
hher (wozu ich leuchtete) und -- auch dieser Weihnachtsabend der
Sperlingsgasse war vorbei.




                                                         Am 1. Januar.


Neujahrstag! -- Ich habe einen Brief bekommen aus dem fernen Italien;
ein kstliches Neujahrsgeschenk. Er spricht von der alten dunkeln
Sperlingsgasse und Glck und Wiedersehen, und eine Frauenhand hat diese
feinen, zierlichen Buchstaben gekritzelt. Den Namen der Schreiberin
nenne ich aber noch nicht, sondern fahre in meinem Gedenkbuch fort, wozu
ich diesmal eine neue Mappe hervorsuchen mu.

So war ich denn allein mit der kleinen Elise, die unbewut ihres
Waisentums und des unbehlflichen Pflegevaters, auf Marthas Scho
tanzte, als ich auch von _dem_ Begrbnisse zurckkehrte in diese vor
kurzem noch so frhliche, jetzt so de Wohnung in Nr. Sieben der
Sperlingsgasse. Da stand -- es steht noch da -- auf dem Fenstertritt
Mariens kleines Nhtischchen mit unvollendeten Arbeiten, Zwirnknulchen,
Nadeln und Bndern, wie sie es an _jenem_ Abend, ber Kopfweh klagend,
verlassen hatte, um nicht wieder davor zu sitzen, nicht wieder durch die
Rosen- und Resedastcke und das Efeugitter in die dunkle Gasse hinaus zu
sehen. Da waren noch allenthalben die Spuren ihrer zierlichen
Geschftigkeit. Franz hatte die letzten drei Monate wie ein Argus ber
ihre Erhaltung gewacht. -- Dort auf jenem Stuhl hing noch ihr Htchen,
dort das Handkrbchen, welches sie bei ihren Einkufen mit sich fhrte.

Im zweiten Fenster stand Franzens Staffelei; das vollendete Bild
Mariens, lchelnd, wie sie nur lcheln konnte, -- darauf lehnend. Seine
farbenbedeckte Palette hing daneben, seine Skizzenmappen und Rollen
lehnten und lagen allenthalben. Hinter der Tr hing sein zerdrckter
Biber, den wir so oft auf unsern Spaziergngen mit Blumen und
Laubgewinden umkrnzten, und der Marien, seines jmmerlichen, manchen
sturmdurchlebten Aussehens wegen, ein solcher Dorn im Auge war.

Kein Fleckchen, kein Gert ohne seine traurig se Erinnerung.
Zerbrochenes Kinderspielzeug auf dem Boden ...... und ich allein mit dem
Kinde in dieser kleinen Welt eines verlornen Glcks, -- Erbe von so viel
Schmerz und Trnen und Verlassenheit!

Aber jetzt galt es zu handeln, nicht zu trumen. Ich mute mich
aufraffen. Ich nahm der Wrterin das kleine Lischen aus den Armen, kte
es und versprach mir leise dabei, dem Kinde meiner Freunde ein treuer
Helfer zu sein im Glck und Unglck, bei Nacht und bei Tage, und ich
glaube den Schwur gehalten zu haben. Das Kind sah mich mit seinen groen
blauen -- denen der Mutter so hnlichen -- Augen lchelnd an, griff mit
beiden Hnden mir in die Haare und begann lustig zu zausen, wobei die
alte Martha mit gefalteten Hnden zusah. Martha war schon Mariens
Wrterin im Rektorhause zu Ulfelden gewesen, war mit ihr zur Stadt
gekommen und hatte sie nicht verlassen bis an ihren Tod.

Da meine Wohnung drben in Nr. Elf zu beschrnkt war, um die ganze
kleine Welt dahin berzusiedeln, so hielt ich zuerst mit Martha einen
Rat, dessen Resultat war, da ich meine Bcher, Herbarien, Pfeifen und
unleserlichen Manuskripte nach Nr. Sieben herber holte, worauf Martha
alles aufs beste einrichtete. Indem ich alle Liebe fr die Eltern nun in
dem Kinde konzentrierte, hoffte ich, auf den Trmmern des
zusammengestrzten Glcks ein neues hervorblhen sehen zu knnen. Drben
blieb die Wohnung nicht lange leer; mein dicker Freund, der Doktor
Wimmer, zog ein und spielte eine geraume Zeit den Haupthelden und
Faxenmacher der Sperlingsgasse.




                                                         Am 5. Januar.


Elise! -- So oft ich diesen Namen niederschreibe, klingt es wider in der
immer dunkler herabsinkenden Nacht meines Alters wie ein Kindermrchen,
wie Lerchenjubel und Nachtigallenklage, umgaukelt es mich so duftig, so
leicht, so elfenhaft ...... Elise, Elise, komm zurck! Sieh, ich bin alt
und einsam! Weit du nicht, da ich dich auf den Armen schaukelte, da
ich ber dir wachte in langen Nchten, wie nur eine Mutter ber ihrem
Kinde wachen kann? -- Und aus weiter Ferne glaube ich oft eine zrtliche
wie Musik tnende Stimme zu vernehmen: Ich komme! ich komme! Geduld, nur
noch eine kurze Zeit!

Und ich warte und hoffe und flle diese Bltter mit dem Namen meines
Kindes Elise.

So tauche denn auf aus dem Dunkel, du Idyll, bringe mit dir deine
Mrchenwelt, dein Lcheln durch Trnen! Komm, mein kleines Herz; -- aus
den schweinsledernen Folianten lassen sich so hbsche Puppenstuben
bauen; schau einmal her, was fr ein prchtiges Bett gibt mein
Papierkorb ab fr die Jungfern Anna, Laura, Josephine und wie die
kleiegefllten Donnen sonst heien! Einen niedlichen goldgelben
Kanarienvogel schenke ich dir, wenn du nicht weinen willst und hbsch
herzhaft den Lffel voll brauner Medizin herunterschluckst! -- Weine
nicht, Liebchen, sieh wie der Efeu aus deiner Mutter Heimatswalde
Blttchen an Blttchen ansetzt und immer hher an der Fensterwand sich
emporrankt. Schau, wie der Sonnenschein hindurchzittert und auf dem
Fuboden tanzt und flimmert; es ist wie im grnen Wald -- Sonnenschein
und blauer Himmel! Du mut aber auch lcheln!

Und wie der Efeu hher und hher emporsteigt, so wchst auch du, mein
kleines Lieb; schon umgeben ebenso feine lichtbraune Locken, wie die auf
jenem Bilde, dein Kpfchen. Wer hat dich gelehrt, dieses Kpfchen so
hinber hngen zu lassen nach der linken Seite, wie _sie_ es tat?

Schttle die Locken nicht so und gucke mich nicht so schelmisch an aus
deinen groen glnzenden Augen! Soll das ein R sein, dieses Ungetm? O,
welch ein Klecks, Schriftstellerin! Welche Tintenverschwendung von den
Hnden bis auf die Nasenspitze! Wie wird die alte Martha waschen mssen!
Du sagst: du habest nun genug Buchstaben gemalt, du mssest jetzt
hinunter in die Gasse; du meinst: sogar die Fliegen hielten es nicht
mehr aus in der Stube, du shest wohl, wie sie mit den Kpfen gegen die
Scheiben stieen?!

Nun so lauf und fall nicht, Wildfang; ich sehe ein, wir mssen dich doch
wohl zu dem Herrn Roder in die Schule schicken, damit du das Stillsitzen
lernst.

Was ist das auf einmal fr ein helles Stimmchen, welches drben aus dem
Fenster meiner alten Wohnung in Nr. Elf ruft:

Onkel Wachholder, Onkel Wachholder! Ausgehen, ausgehen!

Qult die kleine Hexe nicht schon wieder den Doktor der Philosophie
Heinrich Wimmer, der da drben seine guten Leitartikel und schlechten
Romane schreibt? Wirklich, es ist so. Eine Bastimme brummt herber:

Wachholder, 's ist ne absolute Unmglichkeit, bei dem Heidenlrm, den
Euer Mdchen hier mit dem Buchdruckerjungen und dem Rezensenten --
(Rezensent heit der Hund des Doktors, ein ehrbarer, schwarzer Pudel)
treibt, weiter zu schreiben. Ich bin mitten in einer der sentimentalsten
Phrasen abgeschnappt, -- die kleine Range ist aus Rand und Band, und
dabei grinst der Lmmel Fritze im Winkel und will Manuskript fr die
morgende Nummer.

Schicken Sie doch das Mdchen fort, Doktor, und riegeln Sie Ihren
Musentempel hinter ihr zu! lache ich hinber.

Dummes Zeug, brummt der Doktor, der eine echte zeitungsschreibende
Bummelnatur ist, und dem die Strung durchaus nicht mifllt. Dummes
Zeug; ich schreibe >Fortsetzung folgt<, und wir fhren die Dirne in
Schreiers Hunde- und Affenkomdie; der Rezensent hat's auch ntig, da
seine sthetische Bildung aufgefrischt werde, wie ein Pack verflucht
sonderbar riechender Zeitungsnummern in der Ecke zur Genge beweist.
Machen Sie sich fertig, Verehrtester!

Damit verschwindet der Doktor vom Fenster; ich hre drben auf der
Treppe ein Getrappel kleiner Fchen, und Lise erscheint, begleitet vom
Rezensenten, in der Haustr. Mit einem Satz ist sie ber die Gasse,
ebenso schnell bei mir und im Handumdrehen fertig, wenn's sein mte,
eine Reise um die Welt anzutreten.

Einige Minuten spter strzt Fritze, der Druckerjunge, aus der Tr von
Nummer Elf mit einem Blatt Papier, welches noch sehr na zu sein
scheint, denn er trgt es gar vorsichtig und hlt es mit beiden Hnden
weit von sich ab. Jetzt erscheint der Doktor ebenfalls in der Gasse, den
sterreichischen Landsturm pfeifend, die Zigarre im Munde und mit dem
Hakenstock sehr burschikose Fechterbungen gegen einen eingebildeten
Gegner machend. Er brllt herauf:

Wetter, edler Philosoph, lassen Sie die deutsche Presse nicht zu
unvernnftig lange warten.

Halb gezogen von Lischen, halb umgeworfen vom Rezensenten, der wie es
scheint, seiner hheren Bildungsschule sehr ungeduldig entgegengeht,
stolpere ich die Treppe hinunter, ber Eimer und Besen, ber Kinder und
Krbe. Aus allen Tren blicken alte und junge, mnnliche und weibliche
Kpfe, die alle der kleinen Lise Ralff freundlich zunicken. Und
wirklich, sie ist auch -- wie einst ihre Mutter, nur jetzt noch auf
andre Weise -- das bewegende Prinzip der ganzen Hausgenossenschaft. Auf
der Gasse taucht der Klempner Marquart aus seiner Hhle auf und erhlt
von der Lise Gru und Handschlag, nicht aber vom Rezensenten, der den
Feuerarbeiter hat, und, wie es so oft in der Welt geschieht, das
Werkzeug fr die Ursache nimmt. Hat nicht Marquart auf hohe polizeiliche
Anordnung ihm, dem ehrbaren, soliden Rezensenten, dem Muster aller
Pudel, den Maulkorb mit der Steuermarke um die beschnurrbartete Schnauze
geschlossen? Wer verdenkt es dem braven Kter, wenn er wehmtigwtig vor
dem Keller den husarenfederbuschartig zugeschnittenen Schwanz zwischen
die Beine zieht und seitwrts schielend vorbeischleicht, sich in die
Bsche schlgt wie Seume und mein Freund Wimmer sagen? Und nun durch
die Gassen! Himmel, was sollen wir der Kleinen nicht alles versprochen
haben! Da eine reizende Gliederpuppe mit Wachsgesicht, an jenem Laden
wieder ein wonniges kleines Puppenservice von gemaltem Porzellan und
so fort, da der Doktor ganz wehmtig den Hut auf die Seite schiebt und
sich hinter dem Ohr kratzt.

Ja, gucke nur, Onkel Wimmer, hast Du nicht gesagt, Du wolltest mir
solch ein hbsches Kaffeegeschirr kaufen, wenn ich nicht wieder aus
Deinen alten, schmutzigen Schreibbchern dem Rezensenten einen Federhut
machen wolle?

Denken Sie, Wachholder -- sagt der Doktor zu mir -- da hatte die
Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript, das ganze
zwanzigste Kapitel der Flodoardine zu dem eben von ihr erwhnten Zwecke
vermibraucht! Denken Sie sich meine Verblfftheit, als der Kter so
geschmckt aus seinem Winkel mir entgegenstolziert, auf den Stuhl mir
gegenber springt und einen verachtenden Blick ber den Schreibtisch und
die noch brigen Bogen wirft, als wolle er sagen: Pah, aus dem andern
Schund machen wir eine ganz famose Jacke!

Kriege ich mein Geschirr? ruft der kleine Verzug zwischen uns
ungeduldig.

Ja, sagte der Doktor gravittisch; mit der zweiten Auflage der
Flodoardine!

Ach, mault die Kleine, wehmtig ber diese dunkle, ihr unverstndliche
Vertrstung, ich sehe schon, Du hast wieder mal kein Geld!

Lachend marschierte ich weiter, whrend der Doktor ebenfalls etwas
Unverstndliches in den Bart brummte.

Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmckten Bude angekommen und
einen Augenblick darauf auch drinnen. Affen und ffinnen, Hunde und
Hndinnen machten ihre Kunststcke, und die Bretter bedeuteten auch hier
eine Welt, und Affe und ffin, Hund und Hndin betrugen sich wie
Menschen. Die kleine Elise jauchzte, und Rezensent starrte verwundert
seinen Stammesgenossen auf der Bhne zu. Er schien ganz perplex, und von
Zeit zu Zeit stie er einen heulenden Laut aus, den der Doktor
verdolmetschte:

   Berichterstatter war auer sich vor Entzcken.

Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff, so meinte der Doktor, das
bedeute:

   Berichterstatter war auer sich ber die Insolenz eines so
   unreifen Knstlers, vor einem so kritisch gebildeten Publikum,
   wie das unserer Residenz, zu erscheinen.

Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch, so hie das:

   Diese junge Knstlerin verdient alle Ermunterung. Bei
   fortgesetztem, fleiigem Studium verspricht sie etwas Groes zu
   leisten.

Ghnte der Kter, so sagte der Doktor:

   Berichterstatter rt dem Verfasser dieses geistvollen Stcks,
   sein elendes Machwerk nicht fr dramatische Poesie auszugeben.
   Mit einer Tragdie hat es nichts gemein als fnf Akte!

Als am Schlu der Vorstellung das groe und kleine Publikum sich erhob
und Beifall klatschte, der Pudel aber, wie von einer groen
Verpflichtung befreit, unter die Bank sprang, erklrte der Doktor, das
bedeute:

   Gottlob, da die Geschichte vorbei ist. Jetzt kann man sich doch
   mit Gemtsruhe eine Zigarre anznden und zu Butter und Wagener am
   Gnsemarkt gehen.

Und das tat der Doktor auch. Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu
sich empor und gab ihr -- wie sehr sie sich auch strubte -- einen
tchtigen Schmatz.

Also bei der zweiten Auflage der Flodoardine schaffen wir uns ein neues
Teeservice an, sagte er lachend.

Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu sein, welcher von beiden
Parteien er folgen solle. Zuletzt gewann aber der Gedanke an
Wurstschelle und so weiter die Oberhand. Er trabte dem Doktor nach.

Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gnsemarkt. Wir kaufen
noch Obst von der alten Hkerfrau an der Ecke, und kehren glcklich --
das kleine Herz voll vom Affen Ktz mit der Laterne und dem Spitz
Hudiwudri, der lustigen Madame Pompadour und all den andern Wundern,
zurck in unsere Sperlingsgasse und schlafen, mde vom Gehen, Lachen und
Jubeln, schon beim Auskleiden ein.

Dann steigt der volle reine Mond ber den Dchern auf. Der Abendwind
weht frischere Lfte ber die groe Stadt. Der Lrm des Tages ist
vorbei; manche bedrckte Brust atmet leichter in der dmmerigen Khle.
Mancher sehnige Mannesarm, welcher den Tag ber den Hammer, das Beil,
die Feile regierte, legt sich sanft um ein befreundetes Wesen, das ihm
neuen Mut im harten Kampf gegen die Materie gibt; manche harte Hnde
heben kleine, schlaftrunkene Kindchen aus den rmlichen Bettchen, um an
den kleinen Lippen Hoffnung und Mut zum neuen Schaffen zu saugen! Und
auch ich beuge mich dann ber meine schlafende Pflegetochter, den
leisen, ruhigen Atemzgen der kleinen Brust lauschend, whrend die alte
Martha am Fuende des Bettes strickt.

Das Lockenkpfchen des Kindes liegt auf dem rechten rmchen, das
Gesichtchen ist in dem Kopfkissen vergraben; ich kann die lieblichen,
reinen Zge nicht sehen.

                   *       *       *       *       *

Da sieh! Pltzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das
Gesicht zu -- es murmelt etwas. Mama! flstert es leise, und ein
heiliges, glckseliges Lcheln gleitet ber das Gesichtchen.

Wer raunt der Waise das se Wort zu? -- Die alte Martha hat die Hnde
gefaltet und betet leise. -- Mama, liebe, liebe Mama! flstert das
Kind wieder, das rmchen ausstreckend.

Ist es ein Traum, oder kommt die erdentote Mutter zurck, ber ihrem
Kinde zu schweben?

Dann fllt wohl ein Mondstrahl glnzend durch das Efeugitter auf das
Bild Mariens, der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf, eine
Wolke legt sich vor den Mond, der Strahl verschwindet, -- das Kind
versenkt, sich umdrehend, das Kpfchen wieder in die Kissen.

Gute Nacht, Elise! ^Felicissima notte^, sagen sie in dem schnen
Italien, wo Du heute weilst, eine glckliche, liebende Frau:
^Felicissima notte^, Elise!




                                                        Am 10. Januar.


Seit ich jene Mappe, berschrieben: Ein Kinderleben, -- hervorgenommen
habe, ist in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause
eingetreten. Es soll drauen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet
es, auch Rosalie ist nicht dagegen. Ich kann nicht sagen, da ich viel
davon wte. In diesen vergilbten Blttern hier vor mir ist es sonniger
Frhling und blhender Sommer. Es macht mir Freude, mich darin zu
verlieren, und ich erzhle deshalb weiter.

Da ist so ein altes Blatt:

Wir sind sehr ungndig. Ein alter, dicker, lchelnder Herr ist
dagewesen, hat uns den Puls gefhlt, noch mehr gelchelt, einigemal mit
seinem spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berhrt, hat Tinte
und Papier gefordert und kurze Zeit auf einem lnglichen
Papierstreifchen gekritzelt. Martha hat diesen Zettel darauf
fortgetragen, der Alte hat uns auf das Kpfchen geklopft und gesagt:
Schwitzen, schwitzen!

Brr! -- --

Mhe genug hat's dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen
strampelnden Wildfang zur Rson und ins Bett zu bringen. 'S ist auch
zuviel verlangt, die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur
den Kopf frei zu haben. -- Himmel, was bringt Martha da fr einen
kleinen braunen Kerl an! Er gleicht fast: dem Sem, dem Ham oder dem
Japhet aus dem Noahkasten, trgt ein rotes Mtzchen ber das Gesicht
gezogen und mit einem Faden umbunden, und schleppt hinter sich her einen
langen papiernen Zopf. Was ist's fr ein Glck, da wir noch nicht
imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen:

                        Frulein Elise Ralff.
                   Alle 2 St. einen Elffel voll.

Wir sehen den Burschen aber doch mitrauisch genug aus unserm Bettchen
an, und der Doktor Wimmer, der zur Hilfe herbergekommen ist (natrlich
begleitet vom Rezensenten), meint gegen mich gewandt:

Geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird's nicht abgehen. Das
Volk hat sich erkltet oder erhitzt; einerlei! Schwitzen, schwitzen!
Schwei und Blut! ^Probatum est.^

Martha kommt nun mit einem Lffel, einem Glas Wasser und einem Stck
Zucker, whrend die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird, und
Rezensent immer gespannter auf die Entwicklung der Dinge zu warten
scheint.

Ich mag nicht einnehmen! wehklagt jetzt Lise, als ich dem Meister Sem
die rote Mtze abziehe -- es schmeckt so scheulich!

Aha, lacht der Doktor Wimmer -- die oktroyierte Verfassung!

Whrend ich mich mit dem Lffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer
weiter zurckzieht, nhere, suche ich vergeblich alle mglichen Grnde
fr das schnelle Herunterschlucken hervor.

Gib's dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen! ruft Lischen
endlich weinerlich.

Ja, das ist auch wahr; kommen Sie, Onkel Wachholder! Der
Redaktionspudel soll's wenigstens kosten, damit die Lise sieht, da es
den Hals nicht gilt.

Und der Doktor nimmt, den Rcken der Kleinen zukehrend, den Kter
zwischen die Kniee, tut als ob er ihm einen Lffel voll Mixtur eingsse
und liebkost den Pudel dabei, da dieser freudig aufspringt und lustig
bellt.

Siehst Du, Jungfer, wie prchtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine
Donna! Frisch herunter! -- -- -- Eins! zwei! drei! und ...

Herunter war's. Schnell das Glas Wasser und das Stck Zucker
dahinterher!

Du hlicher Hund! sagt die Kleine rgerlich, den Mund in dem Deckbett
abwischend, whrend die alte Martha sie fester wieder zudeckt.

Der Doktor geht nun zurck zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund
begleitet ihn diesesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem
Bettchen seiner grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie
herab.

Ja, gucke mich nur so an und lecke Deinen Schnurrbart, sagt Lischen.
Es schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem
Bette darf.

Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich fr ihn das Wort:

Vielleicht freute sich das arme Tier nur, da es nun auch bald wieder
gesund werden knne, es war doch ebenso na geworden wie Du und hat
gewi auch die ganze Nacht hindurch gehustet.

Nein, sagte die Kleine, er tat's nur, weil ich ihm meine Schrze ber
den Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen
Schnurrbart leckt!

Dagegen lt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich
mit ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die
moralische Seite herauszukehren.

Das war aber auch sehr unrecht von Dir, Elise! Was hatte Dir denn das
arme Tier getan? Eigentlich drfte ich Dir nun die schne Geschichte,
die ich wei, gar nicht erzhlen.

Wir wollen uns wieder vertragen, sagt Elise wehmtig und nickt dem
Pudel zu. Nicht wahr, Du?

Glcklicherweise legt Rezensent gravittisch seine schwarze Pfote auf
die Bettdecke, und so nehme ich den Frieden fr geschlossen an.

Gut denn, wenn Du hbsch artig und still liegen bleiben und weder
Hndchen noch Fchen hervorstrecken willst, so werde ich Dir eine
wunderbare Geschichte erzhlen, die noch dazu ganz und gar wahr ist.

Hre:

Es war einmal ein -- Kchenschrank: ein sehr vortrefflicher, alter,
ehrenfester Kchenschrank, und er stand und steht -- drauen in unserer
Kche, wo wir ihn uns morgen ansehen wollen! -- Er war fest
verschlossen, welches von zwei sehr wichtigen und angesehenen Personen,
die davor standen, fr das einzige bel an ihm erklrt wurde. Martha
hatte aber die Schlssel in ihrer Tasche, und beide Personen, die ich
Dir sogleich nher beschreiben will, erklrten das einstimmig -- sie
waren sonst selten _einer_ Meinung -- fr sehr unangenehm, sehr unrecht
und sehr Mitrauen und Verachtung erregend.

Ich habe schon gesagt, da beide davor sitzende Personen von groem
Ansehen und Gewicht waren, sowohl in der Kche wie auf dem Hofe und dem
Boden. Beide machten sich oft ntzlich, oft aber auch sehr unntz. Jede
hatte ein Amt zu verwalten und verwaltete es auch -- das war ihre
Pflicht; jede mischte sich aber auch nur zu gern in Dinge, die sie
durchaus nichts angingen, und das -- war sehr unartig. Vor dem
Kchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick durchaus
nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an, guckten darunter,
guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor!

Die eine dieser Personen war mit einem schnen weien Pelz bekleidet,
einen kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnschen und schritt ganz
leise, leise auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schnen,
langen, spitzen Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem
Augenblick heftig hin und her, denn sie rgerte sich eben sehr und zwar
ber drei Dinge:

   erstens: ber den verschlossenen Schrank,
   zweitens: ber die andre Person,
   drittens: ber sich selbst.

Es war, es war ... nun, Lischen, wer war es?

Die Katze, die Katze!

Richtig, die Katze, Miez, der Madame Pimpernell Katze. (Holla,
Rezensent! Du brauchst nicht aufzustehen!) Die andre Person war etwas
grer als Miez, hatte einen braunen Pelz an, marschierte auch auf vier
Beinen einher, wie Miez, aber lange nicht so leise, und sie rgerte sich
auch ber drei Dinge: das Schlo am Schranke, die Katze und sich selbst.
Ihren Schwanz htte sie ebenfalls gern hin und her geschleudert, aber
sie konnte es leider nicht, denn sie besa nur einen ganz kleinen
Stummel, nicht der Rede wert. Das machte sie fast noch ergrimmter als
Miez, denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft machen.

Nun, wer mochte diese zweite Person wohl sein Lise?

Der Hund, Marquarts Bello! schrie Elise ganz entzckt.

Geraten, es war Bello, der Edle; ein weitlufiger Verwandter vom
Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aber -- wie gesagt --
vor dem Schrank hatte er nichts zu suchen!

>Nun?< sagte Miez, den Bello anguckend.

>Nun?< sagte Bello, die Miez anguckend.

>Miau!< klagte Miez, den Schrank anguckend.

>Wau!< heulte Bello, den Schrank anguckend.

So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben.

>Packen Sie sich auf den Hof,< sagte die Katze, >was haben Sie hier zu
gaffen?<

>_Sie_ htte ich Lust zu packen,< schrie der Hund, >scheren Sie sich
geflligst auf Ihren Boden und fangen Sie Muse. Aufkriegen _Sie_ ihn
doch nicht!<

>Pah!< sagte die Katze und schleuderte ihren schnen Schweif dem Hunde
zu, welches so viel heien sollte, als: >Armer Kurzstummel, wenn ich nur
wollte!< Das war aber dem armen Bello zu viel, denn jede Anspielung auf
seinen Stummel machte ihn wtend, wie auch der Swinegel, der, wie Du
weit, mit dem Hasen auf der Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts
auf seine krummen Beine kommen lie.

Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr
schnes glattes Fell, als auf einmal ...

Piep, Piep, Piep! es im Schranke ertnte.

>Mause, Mi--ause, Mi--ause am Braten drinnen -- und ich dri--auen,
dri--auen, dri--i--i--auen!< jammerte die Katze.

>Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer
Nachlssigkeit!< heulte der Hund, und dann -- kam Martha vom Markte
zurck, und Hund und Katze gingen hin, wo sie her gekommen waren.

Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tchtig, damit wir
morgen die Stelle besehen knnen, wo diese merkwrdige Geschichte
vorgefallen ist. Und so geschah's; Lischen schlief ein, ich aber freute
mich, wieder einmal ein Mrchen beendet zu haben, wie ein wahres Mrchen
enden mu; nmlich ohne allzu klugen Schlu und Moral. Da der Doktor
nicht bei meiner Erzhlung zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb
sein. Jedenfalls htte er wieder schnde politische Vergleiche und
Anspielungen losgelassen, was mir sehr unangenehm gewesen wre.

Herr Wachholder, sagte Martha auf einmal ganz treuherzig -- das Loch
im Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Muse
knnen nun nicht mehr hinein.

Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Martha! Ich dachte an den
Doktor und seine Anspielungen.




                                                        Am 11. Januar.


Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde hher und hher hinaufsteigt an
der Wand des Fensters, gekt von der warmen Sonne, getrnkt von kleinen
sorgenden Hnden, welche alle verwelkten gelben Bltter abpflckten, da
die Pflanze immer frisch und jung dastehe!

Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das
junge Menschenkind wchst und entfaltet sich schner und blhender als
die kstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Martha wird immer lter
und gebckter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein
braunes. Zum erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat
ber der ersten Leiche geweint. Der hbsche goldgelbe Kanarienvogel, der
so zahm und lieb war, lag eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden
seines kleinen Hauses.

So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hnde, hauchte ihn an
und suchte ihn zu erwrmen, -- ach, armes Kind: die Toten kommen nicht
wieder!

Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es
jetzt schon nicht mehr vergnnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl
mchtest; auch dich hat das Leben jetzt schon erfat und in seine Wirbel
gezogen; -- gehe hin mit deinem gedrckten kleinen Herzen, da du die
Schule nicht versumst! -- Elf Jahre alt ist mein Kind jetzt in den
Blttern der Chronik. Das runde Gesichtchen zieht sich schon mehr und
mehr zu jenem Oval, welches das Bild dort an der Wand so lieblich macht;
aus Lischens Kinderstimme klingt mir nun oftmals -- wenn sie sich
wundert, sich freut oder klagt -- ein Ton entgegen, der mich fast
erschreckt auffahren lt. Es ist derselbe Ausruf, den _sie_ an sich
hatte! Wer hat ihn dich gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich fr
ewig verklungen hielt, und welcher jetzt nach so langen Jahren wieder
frisch und lebendig wird?

Weine nicht mehr, Lischen, sieh, ich will dich an ernstere Grber
fhren, drauen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die
blhenden Rosenbsche und denken, da die Welt so gro, so unendlich
gro sei, und doch nichts darin verloren gehe! Da wollen wir auch dem
toten Vogel sein kleines Grab graben und uns vorstellen, da im nchsten
Frhlinge aus seinem Leibe eine hbsche goldgelbe Blume aufsprieen
werde: zur Freude des bunten winzigen Schmetterlings und des groen,
ewigen Gottes.

Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lischen (wenn du es heute
vielleicht auch verschenken wirst) -- gib mir einen Ku und gre den
Herrn Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am
Sonntag mit uns hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch
weiter.

Lischen nickte und ging -- noch immer schluchzend; ich aber machte mich
auf den Weg zur Expedition der >Welken Bltter<, ohne eine Ahnung von
dem neuen tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen
sollte.

Mohrenstrae Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Bureau
dieses bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschfte abgemacht mit
dem Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen
Individuum mit goldener Brille und roter Percke -- jetzt lange tot --
und schwatzte noch mit den anwesenden Journalisten und den Knstlern
beiderlei Geschlechts, die gelobt sein wollten, als pltzlich die Tre
aufgerissen wurde, und der Doktor Wimmer erschien, begleitet von dem uns
nur zu wohl bekannten dicken, hochrotgesichtigen Polizeikommissar
Stulpnase. Da sie miteinander eintraten, war es nicht ausgemacht, wer
von beiden den andern eigentlich mitschleppe.

Meine Herren, schrie einen gestempelten Bogen schwingend der Doktor,
ausgewiesen!

Ausgewiesen!? ertnte es im Chor verwundert und fragend.

Auskewiesen? Was das sein, Signore dottore? fragte Signora Lucia
Pollastra, die jngst angekommene Basngerin.

Ausgewiesen -- ausgewiesen -- das heit -- ^cela veut dire^: --
^eliminito^! sagte der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen
glaubte.

^Dio mio^! rief die Sngerin, die so klug als zuvor war.

Sehen Sie, Wimmer, ich hab's mir gleich gedacht! schrie eine feine
schsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flumann aus Dresen
zugehrte -- wie konnten Sie aber auch _das_ schreiben?

Der Journalist nahm die letzte Nummer der >Welken Bltter< und las:

... Und wenn alle Esel dieser Maregel Beifall brllen sollten: ich kann
sie nur _bewimmern_!

-- Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemaregelt! sagte
der Doktor, welcher sehr gemtlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre
im Munde, auf einem hohen Dreibein sa.

Ich htte das Deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer! sagte
Brummer.

Dann httest Du ja selbst unter die Beifallsbrller gehrt, Alter!

Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin
stillgeschwiegen und nur mit Wrde geschnauft hatte.

Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor ...

Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt! lachte
der Doktor. Aber halt, Verehrtester, wrden Sie mir vielleicht wohl
erlauben, Ihnen jetzt noch eine kleine Rede zu halten? -- Fritze,
Lmmel! Gib dem Herrn Kommissar einen Stuhl!

Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei
lie sich schnaufend nieder, und ihr Opfer -- begann:

Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine
allgemein historische Tatsache, aber es knpft sich Bemerkenswertes
daran. Damals gab es dort einen raffiniert groben Philister, Deppe
genannt, der alle Augenblicke eine sehr drastische Redensart
herausdonnerte, brigens aber der Gott aller der wilden Vlkerschaften:
Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Mso- und Ostrogoten u. s. w. u. s. w.
war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche Student, viel zu
zartfhlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch angekrnkelt,
konnte unmglich _diese_ Redensart adoptieren. Ebensowenig aber konnte
er auch den Effekt derselben auf Pedelle, Manicher und dergleichen
Gesindel entbehren. Was tat er? -- Er deckte Rosen auf den Molch und
sagte: Deppe! -- Deppe berall! Deppe konnte jeder Rektor magnificus,
Deppe jeder Professor, Deppe jede Professorentochter sagen. Also, Herr
Polizeikommissarius: _Deppe!_ -- 'n Morgen, meine Herren, Addio, Signora
Pollastra, brllen auch Sie wohl! Ich mu packen!

Damit schob sich der Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer und verlie
das Expeditionszimmer der >Welken Bltter<, um es nie wieder zu
betreten.

Nie aber habe ich ein solches Gesicht wiedergesehen, als das des edlen
Stulpnase. Sprachlos sa er da; auf einmal aber sprang er auf, stlpte
den Dreimaster ber und schrie:

Man soll ja nicht denken, seinen Spa mit einer hohen Behrde treiben
zu knnen! Damit strzte auch er fort.

Wenn er nur nicht herausbringt, was Deppe heit! sagte der
Hauptredakteur unter dem unendlichen Gelchter der Redaktion und der
Anwesenden, und die Versammlung lste sich auf.

Nach Hause zurckgekehrt, traf ich die kleine Lise, die bereits aus
ihrer Schule heimgekommen war, ber einer bunten Pappschachtel an, in
welche Martha den Vogel gelegt hatte. Den Doktor hrte ich drben
gewaltig rumoren, und von Zeit zu Zeit erschien er am Fenster, blies
eine Rauchwolke zum blauen Sommerhimmel hinauf oder pfiff eine Passage
aus dem sterreichischen Landsturm, seinem Lieblingsstck. Der kleinen
Lise sagte ich von dem Schicksal ihres dicken Freundes noch nichts; ich
wollte ihr das Herz nicht noch schwerer machen. Mittags konnte sie schon
so vor Betrbnis nichts essen, obgleich sie ihr Butterbrot richtig
weggeschenkt hatte. Alle Augenblicke richteten sich ihre Augen auf die
bunte Schachtel, worin das tote Tier lag.

Am Abend begruben wir es unter dem blhenden Rosenstrauch zu den Fen
der Grber von Franz und Marie. Die roten Abendwolken segelten ber uns
weg, die Rosen dufteten so herrlich; berall Licht und Blumen. Ich sa
auf dem Bnkchen neben den Grbern; Elise hatte ihr Kpfchen an meine
Brust gelegt, sie hatte sich so mde getrauert, da sie -- o glckliche
Kindheit! -- die Augen schlo und einschlummerte.

Eine schne, ltere, bleiche, schwarzgekleidete Dame kam und kniete an
einem einfachen Denkmale nieder; arme Kinder legten weiter weg an der
Kirchhofsmauer Waldblumenkrnze auf das Grab des toten Vaters; ein Greis
schritt gebckt unter den Steinen und Kreuzen umher, die Aufschriften
lesend.

In der Stadt verkndeten alle Glocken den morgenden Sonntag; voll und
rein wogten die feierlichen Klnge, die in den Straen im Rollen und
Rauschen der Arbeit ersticken, ber diese stille Welt hinweg. Immer
goldner glnzte der Himmel im Westen, immer tiefer sank die Sonne dem
Horizont zu. Nacht ward's auf der einen Hlfte dieses drehenden Balles,
whrend auf dem groen atlantischen Ozean vielleicht eben ein Schiff dem
jungen Amerika entgegensegelnd, die Sonne aufsteigend begrte.
Vielleicht ist es nur _ein_ Schiff, das jetzt im jungen Tage segelt,
whrend hier die Nacht sich ber so viele Millionen legt. Dort steht der
Fhrer auf dem Verdeck, das Fernrohr in der Hand; im Mastkorb schaut ein
freudiges Auge nach dem ersehnten Lande aus, berall Leben und Bewegung.
-- Hier zndet der einsame Denker seine Lampe an und schlgt die Bcher
der Vergangenheit auf, die Zukunft daraus zu entrtseln, und findet
vielleicht, da die Nacht, die auf den Vlkern liegt, ewig dauern wird,
in demselben Augenblick, wo auf jenem einsamen Schiff der
Willkommensschu donnert: Amerika! die zu dem Schiffsrand strzende
Auswandererschar ruft, und eine Mutter ihr kleines lchelndes Kind in
die Morgensonne und dem neuen Vaterland entgegenhlt!

Das Gras fngt an feucht zu werden, ich mu meine kleine Schlferin
aufwecken. Die bleiche Frau erhebt sich ebenfalls; sie kommt auf uns zu.
Wir kennen uns nicht; aber hier auf dem Kirchhof scheut sie sich nicht,
sich ber mich und das schlummernde Kind zu beugen.

Lassen Sie mich die Kleine kssen! sagt sie.

Ich sehe sie unter den Bumen verschwinden, ein Tuch vor den Augen.

Elise erwacht: O wie schn! ruft sie, in die Glut des Abends schauend.

Gute Nacht, Franz! Gute Nacht, Maria!

                   *       *       *       *       *

Holla! Was ist in der Sperlingsgasse los? Als wir nach Haus kommen,
herrscht ein Tumult darin, wie ich ihn noch nie darin erlebt habe. In
allen Haustren schwatzende Gruppen, jede Arbeit eingestellt:
Salatwaschen, Schuhflicken, Strmpfestopfen, Hmmern, Sgen,
Federkritzeln, alles ins Stocken geraten, nur nicht -- die Zungen!

O je, o je, Herr Wachholder, sehen Sie mal da oben! schreit Martha,
die auf der Treppe unserer Haustr, umgeben von einem Kreis
Nachbarinnen, Posto gefat hat, mir schon von weitem zu.

Was gibt's denn, Martha? Was ist los? rufe ich ihr entgegen.

Der Herr Doktor Wimmer ist los! jubeln zwanzig Stimmen um mich her,
und zwanzig Finger zeigen nach dem Fenster des vortrefflichen Burschen,
welcher bis jetzt der bunte Hund der ganzen Gasse war.

Ein groer Bogen Papier flattert dort oben, und darauf steht mit
gewaltigen Buchstaben:

                             ^Dr. WIMMER^
                              ^P. P. C.^

Aus dem offenen Fenster aber beugt sich -- Herrn Polizeikommissarius
Stulpnases ehrwrdiges Vollmondgesicht, und seine weibehandschuhten
Hnde sind bemht, den Zettel abzunehmen.

Ich berliefere schnell die verwunderte Lise der alten Martha und steige
die Treppen zu der Wohnung des Doktors hinauf, welches sehr langsam
geht, denn vor mir her schiebt sich eine unbeschreibliche, wunderbare
Masse von Kleidungsstcken chzend und sthnend den engen Weg langsam,
langsam hinauf.

Das war die dicke Madame Pimpernell, welche das Ereignis seit langen
Jahren zum erstenmal wieder in die obern Rume ihres Hauses trieb.

Das Zimmer beschrieb ich neulich bei meinem Besuch des Zeichners Strobel
und brauchte daher jetzt nur zu sagen, da der Nachla des Doktors in
einem zerspaltenen Stiefelknecht, einer leeren Zigarrenkiste ^Fumadores
regalia^, und -- einem Exemplar der Flodoardine bestand.

Stulpnase sa da auf einem Stuhl, schaute das leere Nest
wehmtig-grimmig an und chzte:

Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen! Donnerwetter -- ohne erst fr seinen
>Deppe< gesessen zu haben.

Jotte, einer armen Witfrau ihren besten Mieter abzutreiben, is das in
der Ordnung, Herr Kumzarius? Habe ich darum Ihrer Frau die Butter immer
um nen Dreier billiger gelassen? greint die dicke Madame Pimpernell,
die ebenfalls dem Beamten gegenber auf einen Stuhl gesunken ist.

Halte Sie das Maul, Frau! schnauzt Stulpnase, worauf die Dicke ein
Gesicht macht, wie es einst jenes brave korinthische Weib geschnitten
haben mu, als es das Wort des Apostel Paulus hrte: ^Mulier taceat in
ecclesia^.

Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten stt Stulpnase ein
dumpfes Geheul aus und seufzt in sich: Deppe. Pltzlich aber, mit Wut
auf seine Brusttasche schlagend, schreit er: Und hier hab' ich den
Verhaftsbefehl: Beleidigung eines Beamten im Dienst, und --
ausgekniffen!

Ich wage es nicht, den aufgebrachten Leuen durch Lachen noch mehr zu
reizen, verschwinde und platze erst auf der Treppe los, die beiden
Wrdigen einander gegenber sitzen lassend.

In der Gasse steckt mir Marquart ein Billet zu und flstert
geheimnisvoll, nach dem Fenster des Doktors deutend:

Das hat _er_ zurckgelassen fr Sie, Herr Wachholder!

Der Zettel lautet:

   _Liebster Freund_!

   Eine hohe Polizei wei, was >Deppe< heit, obgleich es nicht im
   Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt; -- ich
   verschwinde! -- In den bhmischen Wldern sehen wir uns wieder!

                                                         Dr. _Wimmer_.

   ^P. S.^ Der Redaktionspudel begleitet mich!

Onkel, was soll denn das alles bedeuten, wo ist denn der Onkel Doktor?
fragt die kleine Lise, welche, obgleich schon im Nachtzeug, nicht vom
Fenster weggekommen ist.

Ich schreibe: ^pour prendre cong^ auf einen Zettel, und Lischen, die
jetzt schon eine kleine Gelehrte ist, hat mit Hilfe eines Diktionrs
noch vor dem Schlafengehen heraus:

                     Um -- nehmen -- Abschied.

Der Onkel Wimmer mu eine kleine Reise machen, Schatz!

Damit geht Elise getrstet zu Bette und verschlft und vertrumt sanft
ihren ersten Schmerz. In diesem Alter gengt noch _eine Nacht_, ihn zu
begraben.




                                                        Am 12. Januar.


Ich hab's mir wohl gedacht, als ich diese Bogen falzte, und ich hab's
auch wohl mit aufgeschrieben, da ihr Inhalt nicht viel Zusammenhang
haben wrde. Ich weile in der Minute und springe ber Jahre fort; ich
male Bilder und bringe keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton
ausklingen zu lassen: ich will nicht lehren, sondern ich will vergessen,
ich -- schreibe keinen Roman!

Heute werfe ich zum erstenmal einen prfenden Blick zurck und mu
selber lcheln. Alter Kopf, was machst du? Was werden die vernnftigen
Leute sagen, wenn diese Bltter einmal das Unglck haben sollten,
hinauszugeraten unter sie?

Doch -- einerlei! La sie sprechen, was sie wollen: ich segne doch die
Stunde, wo ich den Entschlu fate, diese Bltter zu bekritzeln, mit
einem Fu in der Gegenwart und Wirklichkeit, mit dem andern im Traum und
in der Vergangenheit! -- Wie viel trbe, einsame Stunden sind mir
dadurch nicht vorber geschlpft sonnig und hell, ein Bild das andere
nachziehend, dieses festgehalten, jenes entgleitend: ein buntes
freundliches Wechselspiel! So schreibe ich weiter.

Manche alte verstaubte Mappe mit Bchern, Heften, Zeichnungen,
vertrockneten Blumen und Bndern liegt da; ich brauche nur
hineinzugreifen, um eine se oder traurige Erinnerung aufsteigen zu
lassen, keine aber so duftig, so waldfrisch, als die folgende, welche
ich berschreibe:

                         _Ein Tag im Walde._

Fahren wir, oder gehen wir? hatte Lischen am Abend jenes auf den
vorigen Seiten beschriebenen so ereignisvollen Tages noch gefragt.

Wir fahren! war die Antwort gewesen, und glcklich darber hatte das
Kind das Nschen nach der Wand gekehrt und war eingeschlafen.

Mit dem Wagen erschien am andern Morgen auch Roder, der Lehrer Elisens,
den leichten Strohhut auf dem Kopf, die grne Botanisierbchse auf dem
Rcken, schon an der Ecke lustig nach dem Fenster hinaufwinkend.

Die alte Martha hatte den Kaffee fertig, und Lischen, die bei ihrem
Eifer, ebenfalls fertig zu sein, diesmal mehr Hilfe als gewhnlich ntig
gehabt hatte, sprang die Treppe hinunter und erschien nun, den Lehrer
hinter sich herziehend.

Roder ist einer jener Volkslehrer, wie sie nur Deutschland hervorbringt.
Er ist, wie es sich fast von selbst versteht, der Sohn eines
Schulmeisters, der wiederum der Sohn eines Schulmeisters war; denn wenn
es einen Stand gibt, welcher sich durch Generationen fortpflanzt, so ist
es das deutsche Volkslehrertum. Da bringt der Vater vom Lande einen
seiner gewhnlich sehr zahlreichen Shne in die Stadt; mit einer Bibel,
einem Gesangbuch und vor allem einem Choralbuch als Bibliothek. Der
Junge ist der Stolz seines Vaters. Wer hat ein greres Talent, die
Orgel zu spielen? Wer hat eine bessere Stimme -- wenn sie auch gerade
sich setzt? So ausgerstet betritt der junge Gelehrte den Schauplatz
seiner weitern Ausbildung; gewaltig packt ihn anfangs das Heimweh unter
der wilden Bande seiner Mitschler, die ihn hnseln und zum besten haben
in seiner Gutmtigkeit und Unerfahrenheit. Das Leben ist ihm anfangs nur
ein erster April, wo man die Narren umherschickt -- in den April.
Selbst der Zuwachs seiner Bibliothek, bestehend aus den Schulbchern
seiner Klasse und Funkes Naturgeschichte, vermag ihn nur mittelmig zu
trsten; ein grerer Freund ist ihm in dieser Epoche seines Daseins das
alte wacklige Klavier, welches ihm der Vater fr ein billiges gemietet
und in sein Dachstbchen gestellt hat. Davor sitzt der Arme und spielt
seine Chorle und Volksweisen -- letztere nach dem Gehr, und denkt
zurck an sein Dorf, an seine Eltern und Geschwister, und vor allem an
die Schule, in welcher er der erste war -- ja sogar in der Ernte den
Vater zuweilen vertreten durfte; whrend er hier -- er der groe Bengel!
-- ganz unten seinen Platz unter den Kleinsten, Dmmsten und Faulsten
bekommen hat!

Warte nur, armer Kerl -- sieh, da bricht schon der erste freudige Strahl
in dein dunkles Sein. Gewhnlich gibt es auf jeder Schule einen Lehrer,
der ein Original, ein Sammler, vielleicht ein leidenschaftlicher
Naturfreund ist, womit meistens die Gabe der Mitteilung sich verbindet,
dem begegne, du armes einsames Gemt, und du wirst einen Freund gefunden
haben. Jetzt verndert sich alles!

Welch ein Schweifen nun ber Berg und Tal; welch ein Versenken in all
die kleinen und kleinsten gewaltigen Wunder in der Luft, im Wasser, auf
und unter der Erde! Wie sich das Dachstbchen fllt mit Kfern,
Schmetterlingen, Herbarien u. s. w. Welch eine selige Ermdung an jedem
Abend, welch ein Trumen in der Nacht, welch ein Erwachen am Morgen!

Nun zieht eine Wissenschaft alle andern nach sich; die Klassen werden
durchflogen -- den Schiller lernen wir auswendig, und die Welt dehnt
sich immer schner und weiter vor uns aus. -- Ach ein Faust zu sein, ist
es nicht ntig alles studiert zu _haben_: das _Wollen_ allein gengt,
den Mephistopheles aus dem Nebel hervortreten zu lassen!

Sttze nur die heie Stirn auf die Hand, du Sohn Deutschlands, in langen
durchwachten Nchten, beschwre nur die Geister alter und neuer Zeit
herauf, sie sind doch stets um dich, die Gespenster: Lebensnot und
Zweifel und vergebliches Streben!

Der Arm der Notwendigkeit fat dich und schleudert dich mit deinem
Wissensdrang in ein abgelegenes Walddorf oder an die Armenschule einer
groen Stadt; da begrab dein volles Herz und suche -- zu vergessen!

Glcklich, wenn du's kannst; glcklicher aber vielleicht doch, wenn es
dir gegeben ist, auch hier weiter zu suchen. Der Pulsschlag des
Weltgeistes pocht ja berall: Suchet, so werdet ihr ihn finden! sagt
das schnste der Bcher, das so leicht zu verstehen ist und so schwer
verstanden wird.

Ungeduldig klatscht der Kutscher unten vor der Tr, ungeduldig treibt
Elise; whrend Martha noch immer Zurstungen macht wie zu einer Reise
nach dem Nordpol. Endlich aber steigen wir in den Wagen.

Unsere Sonntagsodyssee beginnt.

Htte der Onkel Doktor nicht morgen abreisen knnen? fragt noch
Lischen nach dem Zettel droben schauend, auf welchem die Madame
Pimpernell ankndigt:

Hier ist eine Stube mit Kabinett zu vermieten.

Roder lchelt, scheint etwas auf dem Herzen zu haben, aber sich
gegenwrtig auf weiteres nicht einlassen zu wollen, und so rollen wir
durch die noch stillen Straen dem Tore zu. An den Wochentagen ist's um
diese Zeit schon lebendig genug, heute aber schlft das Volk der Arbeit
in den Morgen und den Sonntag hinein; es hat das Recht dazu nach sechs
Schpfungstagen.

Jetzt sind wir in den grnen Anlagen, die sich rings um die Stadt
ziehen. Landhuser und Grten fassen auf beiden Seiten die Strae ein.
Eine Eisenbahnlinie geht mitten ber den Weg, und wir mssen anhalten,
denn ein Zug fliegt eben brausend und schnaubend dem Bahnhofe zu. Der
Sonntag, welcher den Stdter hinausfhrt, bringt den Landmann hinein in
die Stadt, und alle die Tausende, die heute ein- und ausfliegen werden,
suchen alle ein andres Ziel des Genusses; jeder die Freude auf eine
andre Weise.

Schon haben wir die letzten Grten hinter uns und fahren nun langsam die
Pappelallee hinauf den Hhen zu, welche im weiten Umkreis die groe
Ebene und die groe Stadt umgrenzen. Die Sonne steigt empor ber dem
Walde; die Knospen, die Bltter, die Blumen tragen alle einen
Tautropfen, das Geschenk der Nacht; die Lerche erhebt sich jubelnd in
die blaue, frische Luft, und auch sie schttelt Tau von den Flgeln.
Wenn wir zurckblicken, liegt die groe Stadt noch verhllt in dem
silbergrauen Duftschleier, den sie selbst sich webt, und den sie, wie
Penelope den ihrigen, nur zertrennt, um ihn von neuem zu knpfen. Wie
eingewebte Goldsterne blitzen die Kreuze der Trme -- die Zeichen des
Leids -- darauf. -- Wir aber fahren schon im vollen Sonnenschein, und
jetzt sind wir am Rande des Waldes angekommen; nun brauchen wir den
Wagen nicht mehr, und schnell rollt er die Hhen wieder hinab, der Stadt
zu.

Was trappelt auf einmal vor uns und raschelt durch das welke Laub des
vorigen Jahres, das den Boden bedeckt? Was bricht da durchs Gebsch, die
Ohren und den schwarzen Pelz na vom Morgentau, lustig jetzt um uns her
bellend und springend und die hellen blitzenden Tropfen abschttelnd?

Hurra! Willkommen im Walde! ruft eine wohlbekannte Bastimme.

Wer trabt da lachend her -- hinter einer kleinen Rauchwolke, eine hohe
schwankende Knigskerze auf dem Hut, -- auf dem Fupfade, der seitab
tiefer ins Holz fhrt?

Willkommen, fahrender Recke! ruft Roder, den Hut schwingend.

Allerseits schnsten guten Morgen! grt der ausgewiesene Doktor, den
abgenommenen Maulkorb des Pudels in die Hhe schleudernd und
wiederfangend.

Hast Du mit Rezensent im Walde geschlafen? fragt die kleine Lise.

Der Herr Polizeikommissarius lt Sie gren, Wimmer! lache ich.

Jeder hat zu gleicher Zeit zu fragen und zu antworten, und jeder tut es
auch, whrend Rezensent sich immer dicht an Elise hlt, von Zeit zu Zeit
ein kurzes fideles Gebell ausstt und fest unsern Proviantkorb im Auge
behlt.

Mit pathetischer Gebrde tritt jetzt der Doktor an den Rand der Hhe,
streckt den Arm gegen die Stadt aus und deklamiert: Ha, da liegt sie --
die Undankbare, sie, in welcher ich meine Nchte durchwachte und meine
Tage verschlief -- Snger und Sngerinnen, Schauspieler und
Schauspielerinnen, Ballettnzer und Ballettnzerinnen lobte oder
herunterri -- in welcher ich so manchen Leitartikel schrieb -- in
welcher ich so manche Pfeife rauchte! Da liegt sie wollstig trumend im
Morgenschlummer, whrend ich umherirre, verbannt, vertrieben, an die
Luft gesetzt, ^eliminito^, wie der Doktor Brummer sagte; gejagt,
gemaregelt -- ein Lamm im scharfen Nordwind. Nest! -- Brste Dich mit
Deinen Gardeleutnants, Deiner famosen Musenbude, die ich dort ber die
Dcher zwischen dem Pfeffer- und Salzfasse ragen sehe; ich verachte
Dich, ein deutscher Zeitungsschreiber! Mache in der Liste Deiner unter
polizeilicher Aufsicht Stehenden ein dickes Kreuz hinter dem Namen:
Heinrich Theobald Wimmer ^Dr. phil.^, setze ein dreimal unterstrichenes
>_Ausgewiesen_< dahinter; ich schttle Deinen Staub von meinen Fen,
ich verachte Dich! -- Bin ich nicht heimatsberechtigt in
Mnchen an der Isar, stehen nicht viele Lcher offen im edlen
Was-ist-des-Deutschen-Vaterland? Zeugt nicht dieser solide Bauch (hier
schlug sich der Doktor auf den erwhnten Krperteil) von Bayern? Es lebe
Mnchen! -- Ha, prophetisch verknde ich Dir, ausweisender Pascha von
soundsoviel Roschweifen: ein Schmchtigerer aber Giftigerer wird meine
Stelle einnehmen. Erfahren sollst Du zeitungenberwachende Behrde, da
das, was Ihr Unkraut nennt, wenigstens auch die Tugend desselben hat:
nmlich nicht zu verderben und auszugehen! Fort in die Bresche, mein
unbekannter Mitkmpfer! Mein Segen begleitet Dich! ^Dixi^, ich habe
gesprochen! -- Komm, Lischen!

Damit warf der Doktor den Maulkorb den Berg hinunter der Stadt zu, hob
die Kleine empor, setzte sie mit ihrer Tasche und den ersten whrend
seiner Rede von ihr gepflckten Blumen auf seine Schulter und schrie:
Allons, meine Herren; hinein in den Wald! Kehren wir dem Nest den
Rcken zu!

Mit diesen Worten trabte der tolle Geselle auf dem Fupfad, auf dem er
gekommen war, zurck ins Holz; Roder und ich folgten lachend. Der
Exredaktionspudel sprang auch wie toll hinter uns her; ^gaudeamus
igitur^ tnte des Doktors Ba in das beginnende Konzert der Vgel, unser
Sommersonntag im Walde hatte begonnen.

Welch ein Tag war das!

Dieses erste Eintreten in die grne Bltterwelt -- dieses Aufatmen aus
voller Brust! Der Doktor hatte mit der sich gewaltig strubenden Lise
einen ordentlichen Galopp angeschlagen und war unsern Augen
entschwunden, unsern Ohren aber nicht. Die Kleine lachte -- wurde
rgerlich -- bat; der Pudel bellte aus Leibeskrften, und der Doktor
fiel aus einem seiner Studentenlieder ins andre.

Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle
gesellschaftlichen Bande fr aufgelst zu halten.

Das ist ein sonderbarer Menschentypus, sagte Roder lchelnd, als wir
langsamer hinterhergingen; die personifizierte Gutmtigkeit unter
dieser tollen, barocken Maske. Wir sind Jugendfreunde, welches sonderbar
scheinen kann, da er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte, whrend ich
auf dem Seminar mich zum Schulmeisterlein einpuppte. Ebensogut htte ein
Guelfe mit einem Ghibellinen Arm in Arm auf der ^via dei malcontenti^ in
Florenz spazieren gehen knnen. -- Aber es war so, er lehrte mich
Zigarren drehen, ich dagegen brachte ihm bei: sich auf dem Klavier mit
einem Finger zu dem famosen Liede zu begleiten:

   ^Mihi est propositum^
   ^In taberna mori ...^

Spter verlor ich ihn aus den Augen; ich wurde Hilfslehrer in Lammsdorf,
er ging auf die Universitt. Da sa ich eines Abends und untersuchte
Moose durch die Lupe, als mich pltzlich jemand auf die Schulter
klopfte, und eine Bierbastimme -- wie weiland Leibgeber zum
Armenadvokat Siebenks -- >'n Morgen, Roder,< hinter mir sagte. Es war
Wimmer, der wegen bertretung der Duellgesetze relegiert, >die groe
Tour machte,< wie er sagte. Geld besa er schon damals nicht, aber viel
Humor und guten Mut, und so hat das Schicksal uns fters wieder einander
in den Weg gefhrt, und immer war der Doktor Wimmer -- derselbe ...

Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland, so lange man noch
die Namen: Bier, Romantik und Politik nennen hrt, sagte ich.

Halt, rief der Lehrer, welch ein prchtiges ^Aconitum^, entschuldigen
Sie! Damit sprang er ins Gebsch, die Pflanze auszugraben, whrend ich
in den Bart murmelte:

Und auch deine Art, deutsche Seele, wird nicht ausgehen, so lange noch
in _eine_ Blte das deutsche Gemt sich versenken kann zwischen Weichsel
und Rhein.

Onkel Wachholder, Onkel Wachholder; kommt alle schnell, schnell einmal
her! rief jetzt Lischen in der Ferne.

Was gibt's denn Lise? ruft Roder, seine Blume in die Botanisierbchse
legend.

Ein wunder-wunderhbsches Vogelnest hat der Onkel Doktor gefunden!
schallte es wieder, und wir setzten uns in Trab.

Auf einem kleinen sonnigen Platz seitab vom Wege stand der Doktor,
hochrot vom Singen und Rennen und lie die Kleine in einen Fliederbusch
schauen. Lise, den Atem anhaltend, um die kleine piepende Welt nicht zu
stren, guckte selig durch die Zweige; whrend der Rezensent das Wunder
weiter unten suchte und, den Kopf und Leib im Laubwerk verborgen, nur
die Hinterbeine und den wedelnden Husarenbusch zeigte.

Nicht wahr, Lise, das mute ich Dir doch zeigen? 's ist doch prchtig,
wenn einen die Polizei so frh hinausjagt in den Wald!

Ein Buch guckte dem Doktor hinten aus der Rocktasche, und der Lehrer
zog's ihm heraus. Es war Reineke de Vo, des Doktors ewiger Begleiter
auf allen seinen Fahrten, den er fast auswendig wute. Bei der Berhrung
des Lehrers sah er sich auch sogleich um und begann:

   ^De quad deyt, de schuwet gern dat licht:^
   ^Also dede ok Reinke de bsewicht.^
   ^He hadde in de stad so vele missdan,^
   ^Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan.^
   ^He schuwede seer des Konniges hoff^
   ^Darin he hadde seer kranken loff! --^

Aber hier, Lise, ist's was andres; wenn wir hier ein Vogelnest finden,
so drfen wir auch hineingucken und unsere Meinung darber sagen.

O das ist wunder-wunderhbsch, ruft die Kleine, welche gar nicht hrt,
was der Doktor sagt. Sieh, der alte Vogel frchtet sich gar nicht -- o,
welche groe Schnbel -- er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und
sieht nur nach dem Rezensenten hinunter! -- Er tut Dir nichts, kleiner
Vogel, bleib ruhig sitzen! --

Jetzt lie der Doktor das Kind auf den Boden gleiten: Nun lauf zu Fu,
sagte er, das Gras ist trocken.

Welch ein Tag! Noch zogen weie Wlkchen ber die Baumwelt weg, bald
aber hatte die Sonne sie verzehrt, und das ewige Blau lchelte rein und
klar auf uns herab. Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende
Wildnis: Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflcken, Lischen? --
Die Hndchen sind schon so voll, da wir bei jedem Schritt eine
verlieren, und da der Doktor sagen mu:

Ist's nicht wie im Mrchen, wo der Vater die verlorenen Kinder durch
hingestreute Steinchen wiederfindet? Ein verfolgter Zeitungsschreiber --
schrecklich -- die Hscher sind ihm auf den Fersen -- wo hat er sich
hingewendet? -- >Ha,< sagte der erfahrenste der Sprer, ein wahrer
Pfadfinder auf der Vagabondenjagd -- >seht die Blumen -- untermischt mit
Zigarrenenden! Lat uns dieser Spur folgen, Brder! -- Ha, seht hier im
weichen Boden die Hundetapfen? -- Er ist's, er ist's -- Fort, ihm nach!<
-- Schrecklich!

Bravo, Wimmer! lachte der Lehrer, der wieder eine Pflanze im Gehen
zerlegte. Welcher Stoff fr Dein nchstes Werk; wo Du es auch schreiben
magst, ich hoffe auf ein Exemplar.

In Mnchen werde ich es schreiben, Verehrtester! Habe ich nicht einen
Kontrakt mit dem Buchhndler und Eigentmer der >Knospen< -- Gabriel
Pmpel, in der Tasche? Ist nicht Gabriel Pmpel mein Onkel? Ist nicht
Nanette Pmpel meine Cousine? Wetter, ich sehne mich ordentlich nach dem
Nannerl!

Doktor! Doktor! rufe ich lchelnd.

Wahrhaftig, seufzt der eliminierte Schriftsteller, ich habe heute
ordentlich Lust solid zu werden.

Ehrlicher alter Bursch!

Also _das_ waren Deine Gedanken, sagte der Lehrer lchelnd und
gerhrt, als Du gestern den ganzen Nachmittag auf meinem Sofa lagst?
Ich konnte Dich vor Tabaksqualm nicht recht sehen, aber Du schienst mir
auergewhnlich nachdenklich und trumerisch. Gottlob, wenn diese
Exilierung so ausschlge.

Hurra, schreit der Doktor, den Hut in die Luft werfend: Es leben die
Knospen! Es lebe das Bockbier! Es lebe das Haus Pmpel und Kompanie!

Der Exredaktionspudel ist auer sich; jetzt hat er die grte Lust,
Elise vor Wonne ber den Haufen zu werfen, jetzt springt er an seinem
Herrn in die Hhe, jetzt ist er im Gebsch verschwunden, jetzt kommt er
auf der andern Seite wieder zum Vorschein! Bumms -- da liegt er im
Grase, wlzt sich, da man nicht wei, was oben oder unten, Beine oder
Rcken, Kopf oder Schwanz ist!

Wer hat eine Uhr? Niemand? Desto besser, der Magen ist unsere Uhr. Hier
unter dieser prchtigen Buche wollen wir uns lagern. Wie das Moos so
weich ist! Ausgepackt die Taschen, den Korb, die Botanisierbchse! Eine
Flasche Wein erscheint. Wer hat einen Korkzieher? Niemand? Desto besser,
wir schlagen ihr den Hals ab; ein niedliches Glas hat Elise
mitgebracht.

Holla, Roder, aufgepat! Rezensent hat den Kopf in Ihrer Rocktasche!

Welch Behagen, sich so im weichen Grase auszustrecken! Wie das schmeckt
im grnen Walde; -- die alte Martha soll leben, sie hat prchtig
gesorgt!

Komm, Kind, unsere kleinen Beine sind doch wohl mde! Was bedeuten
diese Faden? Aha, jetzt werden wir Krnze winden. Welche prchtigen
wilden Rosen!

Sieh, da kriecht ein Marienkfer auf Deinem Arm, Lischen; -- er
entfaltet die Flgel -- prr, dahin geht er, ein kleines rotes Pnktchen
im Sonnenstrahl.

Elise schaut ihm nach und fngt an zu singen:

   Marienvogel kleine,
   Rhre deine Beine,
   Kriech an meinem Finger nauf,
   Setz dich als das Knpflein drauf!
   Ist er nicht ein hoher Turm
   Fr so kleinen roten Wurm?

Und dann mit ganz feiner Stimme:

   Roten Purpur trag' ich,
   Flglein viere schlag' ich!
   Gar kein Flglein regst du,
   Nur zwei Bein' bewegst du --
   Sechs Beine rhr' ich,
   Sieben Punkte fhr' ich,
   Fliege hher als der Turm!
   Wer ist nun der kleine Wurm? -- Etsch!

Die Sonne mu drauen gar hei und drckend sein, sie steht hoch im
Mittag. Hier aber hat sie die Herrschaft mit dem Schatten zu teilen und
zwar so, da man gar nicht mehr wei, wo Dunkel, wo Licht ist, so
flimmert und zuckt beides durcheinander.

Wirst Du mde, Lischen? Berauscht Dich der Waldduft, kleines Herz?
Komm, lege Dein Kpfchen hierher; keine Mcke, keine Fliege, und wenn
sie noch so golden wre, soll Dich im Schlummer stren. Schliee dreist
die Augen und trume einen hbschen Elfentraum von Schmetterlingen und
Blumen und kleinen Vgeln.

Wie behaglich der Pudel ghnt und, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt,
mit den Augen blinzelt.

's ist doch ein ganz ander Ding ohne Maulkorb, nicht wahr Rezensent?

Wie der Doktor so nachdenklich die blauen Zigarrenwlkchen von sich
blst! Denkt er an seinen ersten Aufsatz in den >Knospen<, denkt er an
die Mnchener Cousine?

Wie sich der Lehrer mit leuchtenden Augen in die Pflanzenschtze seiner
Botanisierbchse vertieft!

Heda, Roder, was fr ein Heft schaut da zwischen den Blttern und
Wurzelwerk hervor?

Her damit!

Der Lehrer errtet und reicht lchelnd das Heft herber.

Was sehe ich! Vermag der Schulstaub solche Blten zu treiben?!

Grinsend streckte der Doktor Wimmer den Kopf ber meine Schulter und
machte nach einigen Blicken auf das Manuskript sogleich Anstalt, es fr
die >Knospen< mit Beschlag zu belegen, aber der Lehrer tat gewaltig
Einsprache dagegen. Spter schenkte er es mir. Soll ich ein Blatt daraus
der Chronik einschieben?

Es sei! Da ist eins.

                   *       *       *       *       *

Ich lag am Rande des Baches und sann nach ber die Geschicke der Vlker
und Knige und ber -- meine Liebe. Hinten in der Trkei lagen jene
einander in den Haaren, und drben in der kleinen Gartenlaube sa mein
Schatz und schmollte. Ah!

Lippe-Detmold ist mein Vaterland, -- was geht mich die orientalische
Frage an und der General Sabalkanskoi und die Schlacht bei Navarino?!

Aber das Frauenzimmer dort?

Beim groen Pan, _damit_ mu es anders werden!

Rot wie die Liebe ist der Abendhimmel; goldne Wlkchen, weie Tauben
schweben darin hin und wider wie Liebesgedanken ... Wo sind meine
Diplomaten, wo meine Kabinettskuriere?

Es schwanken die Grser -- es regt sich -- es luft, es kriecht, es
klettert, es hpft, es flattert und fliegt -- tausendbeinig,
tausendflgelig! Es zwitschert und summt -- tausendtnig!

Dichterminister, Frhlingsrte, Liebesgesandte versammeln sich um mich
zu Rat und Tat.

Wohlan -- die Konferenzen sind erffnet! Allen Gegenwrtigen und
Zuknftigen Gru! Wen send' ich zuerst an jene dort, hinter den
Hollunderblten?

Ach! Du da -- fort mit dir zu ihr hin -- du mein leichtgeflgelter,
magenloser Herold, du, den sie den roten Augenspiegel nennen, zeig ihr
auf deinen weien Schwingen die beiden Purpurtropfen, sag ihr, es sei
Herzblut -- _mein_ Herzblut aus dem wilden Kampf um die Liebe, die rote
Liebe! ... Da flattert der Bote der Laube zu; es zittert mein Herz, mein
banges Herz. -- (_Sie -- niest!!!_) O Dank, Dank ihr ewigen guten
Gtter, Dank fr das Omen! (Erklte dich nicht, Luise, nimm ein Tuch um,
hrst du?)

Wer ist der zweite meiner Boten? Schnell, schnell, meine kleine emsige
Biene; -- hin zu ihr -- summe ihr ins Ohr, Honiggedanken, Hausgedanken,
Leinen- und Drellgedanken!

(Was hat das Frauenzimmer zu lachen ber ihrem Nhzeuge, in der kleinen
Laube?)

Und nun mein letzter Bote, mein schwarzer Trauermantel, flattere hin zu
ihr! Hr', was du ihr sagen sollst. Sag ihr: Luise, Luise, der Tag ist
zu Ende -- die Eintagsfliegen wurden mde, todmde -- der Bach schaukelt
ihre armen kleinen Leiber fort, vorber an den Blumen, an denen sie noch
vor einer Stunde tanzten und spielten. Luise, Luise, das Leben ist kurz;
Luise, die Nacht bricht herein; sieh den rotfinstern Streifen im Westen,
sieh, wie es im Osten unheimlich zuckt und leuchtet -- horch, wie es
grollt!

(Es regt sich in der kleinen Laube! Sie seufzt!) Luise, Luise!

(Sie tritt heraus!)

Luise, Luise!

Die Bume schtteln ihre Blten herab auf sie: ^Ave Louisa!^ Der
Abendwind flstert ihr zu: ^Ave Louisa!^ Die Blumen des Tages neigen
sich ihr: ^Ave Louisa!^ Die Blumen der Nacht ffnen ihre Weihrauchkelche
ihr -- ^Ave Louisa! Ave Louisa!^ (Sie winkt ... sie lchelt ...)

Friede?

Friede!

Friede! Lutet die Glocken im Reich! Erleuchtet die groen Stdte, die
Drfer; erleuchtet jedes einsame Haus, Orgelklang in allen Domen,
Kirchen und Kapellen! Auf die Knie, auf die Knie alles Volk! Mnner,
Weiber, Greise, Kinder, Jnglinge und Jungfrauen:

   Herr Gott! Dich loben wir!
   Herr Gott! Wir danken dir!

Friede! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen!

                   *       *       *       *       *

Ich kannte diese Luise des Lehrers gar gut. War sie nicht Gouvernante
bei den Kindern des Baron Silberheim? Hat sie nicht spter den Lehrer
Roder geheiratet? Hat sie nicht Glck und Kummer und Verbannung mit ihm
geteilt?

Seid gegrt, Otto und Luise Roder, wo ihr auch weilen mgt!

Ei, das war schn! sagte Lischen erwachend und das Kpfchen
aufrichtend. Sie dachte an ihren Traum im Grnen, nicht an des Lehrers
Phantasien -- die hatte sie richtig verschlafen.

Was hat Dir denn getrumt, Lischen? fragte der Doktor, und das Kind
blickte ihn verwundert an.

Hab ich denn geschlafen? fragte sie.

Das kann man bei solchem kleinen Mdchen wie Du bist, Lise, niemals
recht wissen. Was hast Du denn gesehen und gehrt? Erzhle mal! sagte
ich.

O es war wunderschn, was ich gesehen habe! Ich konnte gar nicht ber
das Gras weggucken; es war wie ein kleiner Wald, und welch eine Menge
kleiner Tiere lief darin herum! Und wenn ich die Augen zumachte, wurde
alles so rot, als brennte der ganze Himmel, da ich sie schnell wieder
aufmachen mute. Ich dachte, ich wre ganz allein, da kam auf einmal ein
wunderschner gelber Schmetterling mit zwei groen Augen in den Flgeln,
die unten ganz spitz zuliefen, der setzte sich dicht vor meinem Gesicht
auf einen Halm und sagte mit ganz feiner, feiner Stimme:

>Ein schnes Kompliment, kleines Frulein, und ob Sie nicht zum Tee
kommen wollten, zur Waldrosenknigin?<

Der Herr Lehrer las in diesem Augenblick was vor, ich htte gern weiter
zugehrt und sagte es dem Schmetterling auch. Der aber sagte: bei der
Knigin se ein gelehrter Herr, namens Brennessel, der hielte gar
nichts von der Geschichte, ich soll daher nur dreist mitkommen. Ich
fragte den Schmetterling, ob's sehr weit wre; er meinte: weit wr's
nicht, aber wir mten einen Umweg machen, da lge ein gro schwarz Tier
im Grase, das habe greulich nach ihm geschnappt, als er vorbergeflogen
sei. Das war der arme Rezensent! Dann sagte der Schmetterling: er msse
auch den giftigen Wolken ausweichen, die da herumzgen und ihm seine
hbschen Flgel ganz schwarz machten. Das war des Onkel Wimmers
Zigarrendampf! -- Ich war auf einmal so klein geworden, da mich der
schne gelbe Schmetterling ganz leicht auf seinen Rcken nehmen und
forttragen konnte zu _dem_ Rosenbusch dort bei _der_ Buche. Da war eine
gar niedliche vornehme Gesellschaft bei der Knigin. Da war der
brummige, bse, alte Herr Brennessel, dem jeder gern auswich; da war die
dicke Madame Klatschrose, welche dicht hinter der hbschen Knigin
stand. >Frulein Elise,< sagte die Knigin, >ich freue mich sehr, Ihre
Bekanntschaft zu machen. Ist das Ihr Onkel dort unten, welcher den
hlichen Dampf ausblst?< >Nein,< sagte ich, >das ist der Onkel Doktor,
den sie weggejagt haben aus der Stadt; er schreibt Bcher und ist
unartig gewesen und hat zuviel Kleckse und Schreibfehler gemacht!< >So,
er schreibt Bcher? Dann will ich ihn mal besuchen!< sagte der kluge
Herr Brennessel bse ...

Alle Wetter, lachte der Doktor hier, halb rgerlich ber Lisens Traum,
und griff mit der Hand hinter sich, um sich aufzurichten. Au, Teufel!
schrie er pltzlich. Er hatte wirklich mit der Hand in einen
Brennesselbusch gefat!

Wir lachten herzlich, und nur Lischen sagte ganz ernst: Siehst Du,
Onkel Wimmer, _das_ war er! Dann fuhr sie fort:

Wir tranken nun Tee aus wunderniedlichem Geschirr (Onkel Wachholder
gibt mir noch ein Butterbrot!) und jeder erzhlte eine hbsche
Geschichte vom Frhling, Sommer oder Herbst; vom Winter aber wuten sie
nichts -- da schlafen sie. Dabei hrte ich aber immer den Herrn Lehrer
lesen, und Herr Brennessel brummte dann dazwischen. Der war auch der
einzige, welcher vom Winter erzhlen wollte, es ward aber nicht
gelitten. -- Auf einmal hrte Herr Roder auf zu lesen, und ich lag
wieder bei Dir, Onkel Wachholder, im Grase, und Rezensent steckte dicht
vor meinem Gesicht seine schwarze Nase zwischen den Halmen durch und
guckte mich gro an. Das habe ich gesehen! -- War das nicht hbsch? Und
nun, Herr Roder -- lesen Sie Ihre Geschichten noch einmal -- bitte,
bitte!

Danke schn, sagte lachend der Lehrer. Der kluge Herr Brennessel
hatte ganz recht, und _jetzt_ sehe ich auch ein; _meine_ Geschichten
sind gar nicht hbsch.

Wie lange haben wir so getrumt, und erzhlt, und im grnen Gras und
weichen Moos gelegen? -- Schon steigt die Sonne wieder abwrts am blauen
Himmel! Mu nicht der Doktor heute noch durch den Wald nach der nchsten
Eisenbahnstation? -- Auf, Lise, winde dem Rezensenten den letzten Kranz
um den schwarzen Pelz! Lat nichts zurck von euern Sachen! Vorwrts! --
Auf engen schattigen Waldpfaden geht's nun quer durch das Holz, bis wir
endlich das Rollen der Wagen auf der groen Landstrae hren und zuletzt
den weien Streif durch die Stmme schimmern sehen. Horch, Geigen- und
Hornmusik! Im Weien Ro mitten im Wald an der Chaussee ist Tanz. Die
Haustr ist mit Laubgewinden geschmckt; Stadtvolk und Landvolk drngt
sich allenthalben davor und dadrinnen, im Haus und im Garten. Wir
erobern noch eine schattige Laube, und der Doktor gert in sein Element.
Jetzt ist er oben im Saal, schwenkt sich lustig herum mit einer frischen
Landdirne oder einer kleinen bleichen Nherin aus der Stadt; jetzt
erregt er unter den Kegelnden ein schallendes Gelchter durch einen
wohlangebrachten Witz. Jetzt sitzt er wieder bei uns, den Rock
ausgezogen, glhend, pustend, fchelnd. Und berall, wo der Doktor ist,
ist auch der Pudel. Jetzt oben im Saal wie toll zwischen die Tanzenden
fahrend; jetzt, ausgewiesen, wie sein Herr aus der Stadt, steckt er
seine feuchte Schnauze unter unserm Tische hervor.

Immer tiefer sinkt die Sonne herab. Doktor, Doktor, wir mssen scheiden!

Und der Doktor zieht den Rock wieder an und hngt die Reisetasche um.
Wir alle stehen auf.

Also mut Du wirklich fort, Onkel Wimmer? fragt Elise weinerlich.

Ja ja, liebes Kind! sagt der wunderliche Mensch pltzlich ernst. Er
hebt die Kleine empor, die sich diesmal nicht strubt, sondern selbst
ihm einen herzhaften Ku gibt.

Wirst Du auch wohl zuweilen an den Pudel und mich denken, Lischen?

Ganz gewi, schluchzt Lischen, und ich will schreiben, und der Pudel
-- nein, Du mut's auch tun! Der Doktor setzt die Kleine vorsichtig
wieder auf ihren Stuhl: Lebt wohl, Wachholder, sagt er, leb' wohl,
Roder, alter Freund!

Der Pudel blickt ganz verblfft von seinem ernsten Herrn auf uns und
wieder zurck: es mu etwas nicht ganz in der Ordnung sein.

Lebt alle wohl! Ein frhliches Wiedersehn! Alle! ^En avant^,
Rezensent! schreit der Doktor, ber die Gartenhecke und den
Chausseegraben springend, und rennt, ohne sich umzusehen, dem Walde zu.
Am Rande bleibt er noch einmal stehen und schwenkt den Hut.

^Smollis!^ ruft der Lehrer, ihm mit einem Glase zuwinkend. Gr die
Mnchener Cousine, die hbsche Nannerl!

^Fiducit!^ Soll geschehen! ruft der Doktor zurck und verschwindet
hinter den Bschen. Rezensent steht noch am Rande, blickt nach uns
herber und stt ein kurzes Gebell aus.

Jetzt ist auch er verschwunden.

Wir sitzen noch eine Weile still allein.

Gott gebe dem ehrlichen alten Gesellen Glck! sagt der Lehrer vor sich
hin. Ein Omnibus will eben nach der Stadt abfahren. Was sollen wir noch
hier? Wir nehmen Pltze und steigen ein.

Zurck geht's nun nach der groen Stadt, die staubige Landstrae
hinunter. Frhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im
dichtbepackten Wagen! Wie die Sonne so prchtig untergeht! Ade, du
schner Wald! Ade, du alter Freund Wimmer! --

Da sind wir schon in den Anlagen. Welche sonntglich geputzte Menge noch
ein- und ausstrmt! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor;
den Weg durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse knnen wir wohl
noch zu Fue machen.

Da sind wir, als es eben dmmerig wird. Sieh, dort steht die alte Martha
strickend vor der Tr; sie erblickt uns und ruft:

Guten Abend, guten Abend!

Ach, Martha, das war schn -- und -- der Onkel Doktor ist fort! sagt
die kleine mde Elise. Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt
zurck in sein einsames Stbchen, eine lange Woche mhsamer Arbeit vor
sich.

Das war ein Sommertag im Walde, den ich hier aufzeichne in einer den,
kalten Winternacht.




                                                        Am 25. Januar.


Die Klte ist aufs hchste gestiegen. Wenige Nasen werden in der
Sperlingsgasse herausgestreckt, und die es werden, laufen rot und blau
an. Welch Knstler der Winter ist; die Spatzen frbt er gelb, und den
freien Deutschen macht er ausrufen: mein Haus ist meine Burg!

Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umstnden besseres tun,
als sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu
machen und die groe Welt drauen, die allgemeine Gassengeschichte,
gehen zu lassen wie sie will?

Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner,
genannt Julius Csar Vanini, der hob, auf seinem Scheiterhaufen stehend,
einen Strohhalm zwischen den Holzkltzen auf und sagte lchelnd: Wenn
_ich_ auch das Dasein Gottes leugnen wrde, dieser Halm wrde es
beweisen! -- Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner
Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit, in
welcher sie lebten und leben, die Geschichte der Zeiten ist die
Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der Menschheit ist die
Geschichte -- Gottes! Wohin fhrt uns das? Kehren wir schnell um, und
steigen wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk.

Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters
Werner eine weihaarige gebckte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem
Ofen, spinnend vom Morgen bis zum Abend. Das ist die alte Mutter der
Hausfrau, die Tochter des Erbauers des Hauses, welche den Grundstein
legen und den Knopf auf die Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause
und seiner Geschichte verwachsen ist durch und durch.

Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen
sehen: ihre Eltern und alle ihre Geschwister, ihren Mann und alle ihre
Kinder bis auf eins, die Anna, die Frau des jetzigen Besitzers. Sie hat
den Sarg Mariens mit schmcken helfen und den Sarg Franzens; sie hat
ihre Freundin, meine alte Martha, mit hinausbegleitet zum
Johanniskirchhof, wo dieselbe begraben ward an der Seite ihrer Herrin,
und manchen andern vom Dachstbchen bis zur Kellerwohnung.

Einst war sie das schnste Mdchen der Gasse -- wie sie jetzt noch die
schnste alte Frau ist -- und als der Hausknopf geschlossen werden
sollte, und jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen
hineintat, legte sie errtend und unbemerkt ein kleines Blttchen hinzu,
welches aus fernem Land gekommen war, und die berschrift trug:

                Dieses kleine Briefelein kommt an die
                 Herzallerliebste in Herz und Liebe.

und schlo:

   ... meiner Liebsten noch einen Gru und Ku und hoff ich zu
   kommen im Frhling mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern
   freudiglich mit meinem Schatz, den grt und kt in Gedankensinn
   sein herzlieber

                                                  _Gottfried Karsten_,
                                                     Tischlergeselle.

Oft, wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen lt,
mag sie wohl an das Blttchen im Knopf darunter denken und an den, der's
schrieb, und der nun auch schon so lange tot und begraben ist.

An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete
Karsten gerufen, und wie manches junge Leben hat sie aufblhen sehen im
Hause Nr. Sieben in der Sperlingsgasse.

Wer wei so viele Wiegenlieder wie sie; wer wei so viele Mrchen, die
alle anfangen: Es war einmal und damit enden, da jemand in ein Fa
mit Ngeln und Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird? Wer im
Hause hat zu allen Tageszeiten so viele Kinder um sich, die den
Geschichten lauschen, dem schnurrenden Rade zusehen und abends mit der
zunehmenden Dmmerung immer dichter an den groen Lehnstuhl sich
drngen? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise mit Rezensent an
ihrer Seite gefunden, andchtig lauschend, und wie oft, wenn ich mit der
besten Absicht kam, sie heraufzuholen zu Bett, bin ich selbst sitzen
geblieben, den Schlu einer Historie abwartend, bis endlich auch noch
Martha herabkam, und es uns fast ging wie dem Herrn, welcher den Jochen
ausschickte, den Pudel zu holen.

Heute freilich treffe ich die kleine Lise nicht auf der Fubank am
Lehnstuhl sitzend, auch die alte Martha kommt nicht mehr herunter, uns
beide abzuholen; aber einen andern treffe ich hufig genug seit Mitte
des vorigen Herbstes, und dieser andre ist kein geringerer als unser
Freund und Nachbar, der Karikaturenzeichner Strobel. In der Werkstatt
bei Meister und Gesellen, in der Kche bei der Hausmutter, berall ist
der Zeichner ein willkommener Gast. Die Gesellen portrtiert er fr ihre
respektiven Schtze, mit dem Meister politisiert er, die Meisterin lehrt
er neue Gerichte fabrizieren -- er hat unter seiner Bibliothek ein
dickes Kochbuch -- und der Gromutter -- hrt er zu.

So traf ich ihn heute abend, als ich herunterkam, einen geborgten
Leimtopf wieder abzuliefern. Da es Feierabend war, so war die ganze
Familie in der Stube versammelt, der Zeichner hatte alle seine
Gesprchselemente bei einander und pltscherte mit Wonne darin herum.

... Also Meister, sagte er, als er eintrat, _wer_, meinen Sie, kriegt
dabei die Prgel?

Der Russe nicht! antwortet nach einer kleinen Pause bedchtig der
Meister, der mit der Brille auf der Nase die Zeitung hinter das Licht
hielt, um besser zu sehen.

Also die Alliierten?

Der Meister nimmt eine Prise, und da seine Erinnerungen nur bis zu den
Befreiungskriegen gehen, sieht er verwundert auf, es scheint ihm auch
das unwahrscheinlich. Pltzlich aber besinnt er sich:

Donnerwetter, dabei sind ja jetzt auch die Franzosen! ruft er.
Himmel! das hat sich ja auf einmal ganz umgedreht!

Richtig, Meister, sagt der Zeichner, den Tischlermeister auf die
Schulter klopfend. Richtig! Alles in der Welt dreht sich von Zeit zu
Zeit um.

Meisterin, die Kartoffeln brennen an! unterbricht Anton, der
Lehrjunge, die Politik.

Wir kommen gleich! ruft Strobel lachend. -- Ich gehe auch mit,
Meisterin, und die Kinder auch! Vorwrts! ^En avant! On with you, boys!^
Hinaus in -- die Kche!

So werden die Kartoffeln gerettet, der Meister studiert seine Zeitung
weiter, und das Spinnrad summt und schnurrt im Winkel wie immer. Endlich
kommen Strobel, die Frau Anna und die Kinder zurck, und die Alte fragt:

Also der Franzos ist auch wieder dabei? Ist das derselbe, der Anno
Sechs hier war?

Nein, sagt Strobel, jetzt trgt er rote Hosen.

Und der Napoleon -- ich meine, der ist lange tot?

Ja, Mutter, sagt der Meister von seiner Zeitung aufsehend, das ist
auch ein andrer.

Gott, sagt die Gromutter, wenn ich noch daran denke, wie das kleine,
gelbe, schwarze Volk hier war und in den Straen kauderwelschte, und
eine Sorte hatte in ihren Hten groe Kochlffel stecken, und acht
hatten wir hier im Haus.

Strobel, der jetzt die Alte da hat, wo sie ihm interessant wird, rckt
einen Schemel an ihren Lehnstuhl und sagt: Gromutter, es ist noch
frh, erzhlen Sie uns noch etwas von den achten; wenn der Meister seine
Zeitung liest, ist gar kein Auskommen mit ihm. Kommen Sie, Wachholder,
rcken Sie her. Burschen, seht, wo ihr Pltze findet und haltet das
Maul, die Gromutter will von den acht Franzosen in Nummero Sieben
erzhlen!

Die Alte lchelt und bringt ihr Rad wieder in Gang: Solchen gelehrten
Herren soll ich erzhlen? Die haben ja alles viel besser in Bchern
gelesen; von allen achten wei ich auch nichts.

Gromutter, was ich in Bchern gelesen, habe ich Gottlob nun bald
wieder vergessen, sagt der Zeichner, und wenn Sie auch von allen
achten nichts wissen, so sind wir auch mit vier zufrieden, oder mit
soviel, als Sie wollen; erzhlen Sie nur.

Nun, wenn Sie's denn wollen, so mu ich mich mal besinnen. -- Gut!

Also es war Anno Sechs, als der Franzos im Lande rumorte und drunten
schrecklich hausen sollte, denn er hatte einen groen Sieg erfochten und
glaubte das Recht dazu zu haben. Die Leute frchteten sich alle sehr,
gruben ihre Lffel weg und nheten ihren Kindern jedem ein Goldstck in
den Rocksaum, auf den Fall, da sie abhanden kmen oder mitgenommen
wrden. Aber mein Seliger tat gar nicht, als ob _ihn_ das was anginge.
-- Wenn sie kommen, sind sie da -- sagte er, und dabei blieb er, und
wenn die Nachbarn kamen und klagten und jammerten, sagte er nur: Einmal
wir, einmal sie! Und wenn sie ihm die Ohren zu voll schrieen, zog er
eine weie Zipfelmtze, die er zu meiner Verwunderung seit kurzer Zeit
immer in der Tasche fhrte -- darber und tat, als ob er einschliefe. Es
war immer ein sonderlicher Mann, Annchen, Dein Vater.

Gut. Eines Morgens erhub sich ein Lrm: Sie sind da! Heiliger Gott, mir
fuhr's ordentlich in die Knie; meine Jungen (Gott hab' sie selig) in
allen Gassen, Gott wei wo, und nur mein Annchen hatt' ich in der Wiege;
mein Alter hatte mal wieder die Zipfelmtze hervorgekriegt und
bergezogen und sgete im Hofe.

>Gottfried, Gottfried!< schreie ich, >sie sind da! sie sind da!< Er tat,
als ob er's nicht hrte, obgleich ich dichte bei ihm stand. In meiner
Angst und auch vor rger ri ich ihm die dumme Mtze ab, warf sie auf
die Erde und schrie wieder: >Und die Jungen sind auf der Strae --
heiliger Vater! -- und unsere Lffel -- Mann -- Mann!<

Er hob ganz ruhig seine Mtze auf, klopfte die Sgespne an mir ab,
setzte sie ruhig wieder auf und sagte: >Ja, -- wenn's so ist, so werden
sie wohl durchs Wassertor kommen, daher geht der Weg von Jena.< Ich
glaube so hie es. Dann sgt' er weiter.

Richtig, da trommelte es schon die lange Strae vom Wassertor her,
herunter -- mir zitterte das Herz immer mehr! --

>Meister Karsten! Meister Karsten! Schnell, schnell!< schrieen pltzlich
mehrere Nachbarn, die in den Hof strzten im besten Sonntagsstaat. >Ihr
sollt kommen, Ihr sollt mit zur Depentatschon an den franzsischen
General.<

>So?!< sagt mein Gottfried, stellte seine Sge hin und ging langsam in
das Haus, gefolgt von den Nachbarn, dem Herrn Sekretr Schreiber, dem
Herrn Rat Pusteback, dem Schornsteinfeger Blachdorf und dem Schmied
Pruster und andern. Alle zogen mit meinem Alten in die Stuben, weil sie
dachten, er wrde nun gleich in den Bratenrock fahren und mitrennen.
Aber proste Mahlzeit! -- An den Tabakskasten ging mein Alter, stopfte
sich eine Pfeife, schlug langsam Feuer und sagte:

>Nun, so kommt, meine Herren!<

Die standen alle mit offenen Mulern da, aber mein Gottfried lie sich
nicht irre machen. In Schlafrock und Pantoffeln marschierte er ruhig --
ich sehe ihn wie heute -- voran bis an die nchste Straenecke. Da blieb
er stehen und die Nachbarn um ihn herum; zeigte mit der Pfeifenspitze
auf einen Zettel, der da klebte und auf welchem stand:

                 >Ruhe ist die erste Brgerpflicht!<

oder so was, -- ich hab's vergessen -- klappte seinen Pfeifendeckel zu,
drehte sich langsam um und ging ins Haus zurck. Meine beiden Jungen
brachte er mit, worber ich seelenfroh war. >Da, Mutter,< sagte er, als
er sie in die Tre schob. >Heb sie mir auf,< sagte er, >wir brauchen sie
einstmal.<

Ich wute damals nicht, was das heien sollte; spter erfuhr ich's!

Hier traten der alten Frau die Trnen in die Augen, und ihr Spinnrad
hrte auf zu schnurren. Es herrschte eine tiefe Stille im Zimmer.

Gut. Von nun ab bekmmerte sich mein alter Seliger um nichts mehr
drauen, sondern ging wieder zu seinem Sgebock und sgte weiter, bis
die Einquartierung kam. Herr meines Lebens, da httet ihr den Mann sehen
sollen! Das ganze Haus kam in Aufruhr; das beste, was Kch' und Keller
hielt, ward aufgetischt, und je mehr die kleinen gelben Kerle
schwadronierten und sakramentierten, desto frhlicher wurde mein Alter.

>Das ist die rechte Sorte!< rief er immer, sich die Hnde reibend.
>Solche muten's sein! Wenn nur genug von ihnen da sind!<

Franzsisch hatt' er etwas von der Wanderschaft mitgebracht, und so
waren sie bald die besten Freunde miteinander und auf du und du, da die
Nachbarn ordentlich die Nasen rmpften. Die aber gingen zu allen
Depentatschonen und illuminierten und bekrnzten ihre Huser und so --
das tat aber mein Gottfried nicht, und wenn er einen vom Rat der Stadt
sah, zog er jedesmal richtig die Zipfelmtze herunter ber die Ohren.
Gut, da war ein Franzos zwischen den andern, der war von daher, wo sie
halb deutsch, halb franzsisch sprechen, den konnt' ich auch verstehen,
und es war so gut, als wenn ich franzsch' gekonnt htte. Was geschieht?
Eines Abends sitzen sie alle zusammen, und mein Alter mitten drinnen,
und kauderwelschten, da einem Hren und Sehen verging, und sa ich im
Winkel und strickte, und die Jungen spielten im Winkel. Spricht mein
Alter auf einmal zu dem Deutschfranzos: >Nun sagt mal, Kamerad, wie
lange denkt ihr denn eigentlich noch in Deutschland zu bleiben?<

Der Deutschfranzos stie mit den andern den Kopf zusammen, und sie
schnatterten was in ihrer Sprache. Dann lachten sie aus vollem Halse.

>Immer bleiben wir da!< sagt der Deutschfranzos. >Wir sein einmal da;
wir gehen nit raus wieder!<

>Woui!< schrieen die andern und hielten sich die Buche. >Nit raus! nit
raus!<

>Ne,< sagt mein Alter, >immer nicht. Ihr seid zwar da, und unsereins
kann unserm Herrgott nur dankbar sein, da er euch geschickt hat, aber
immer --<

>Nit raus! nit raus!< schrieen die Franzosen.

>Lasset euch handeln!< sagt mein Alter, >ich biete zwlf Jahr --
hchstens!<

>Nit raus! nit raus!< kauderwelschten die wieder.

>Wilhelm! Ludwig! kommt mal her!< rief mein Alter jetzt die Jungen, die
sogleich angesprungen kamen und sich an seine Knie stellten.

>Richt' euch!< rief mein Alter. >Augen rechts! Seht mal, Jungens, die da
-- das sind Franzosen, die eigentlich hier nicht in unsere Stube
gehren. Das kleine Annchen kann gar nicht schlafen vor ihrem Spektakel
-- und doch haben sie Lust, immer dazubleiben. Was meint ihr, Jungens --
wenn ihr stark genug wret?<

Guckten meine Jungen gewaltig wunderbar aus den Augen und die
Franzmnner an, und dann sich und dann meinen Alten!

>Das sich finden -- ich gro werden -- ich schon Pustebacks Theodor
zwinge,< sagte Wilhelm, mein Kleinster. Ludwig, mein ltester, sagte gar
nichts, aber auf einmal rann ihm eine dicke Trne ber die Backe, und
sein Vater klopfte ihn auf die Schulter und sagte:

>Warte nur, mein Junge, Du kommst zuerst.<

Die Franzosen hatten ihren Heidenjubel; und besonders einer -- sie
nannten ihn Pir oder so -- wute sich gar nicht zu helfen vor Lachen.
Mein Alter aber war sehr ernst geworden und sprach den ganzen Abend kein
Wort mehr. Die andre Woche zogen die Franzmnner ab und lachten noch
beim Abschied, als sie uns allen die Hand drckten und ordentlich sich
bedankten fr gute Bewirtung:

>Nit raus! Nit raus!<

>Wird sich finden,< sagte mein Alter. >Wird sich finden!< schrieen meine
beiden Jungen.

Gut, nun kamen lange Jahre und immer andre Franzosen.

>Bald ist's genug,< brummte mein Gottfried. Und einmal zogen sie alle
hinauf nach Norden, aber zurck kam keiner. Und dann fing's auf einmal
an zu rumoren im Lande, und an den Ecken klebten ganz andre Zettel, die
mein Alter immer las und wobei er mit dem Kopf nickte. Er war die Zeit
nicht viel zu Haus.

Da kam er eines Tages zurck und rief den Ludwig aus der Werkstatt, und
sie kamen beide in die Kche zu mir.

>Sieh, Mutter< sagte mein Gottfried, >'s ist gut, da Dein Feuer brennt!
Pa auf, Ludchen!< Damit zog mein Alter seine Zipfelmtze aus der Tasche
und warf sie unter meinen Topf, da sie verschwielte und das ganze Haus
voll Qualm ward; dann ging er mit meinem Ludwig fort und kam allein und
ganz still wieder.

Am andern Morgen zog ein Trupp schwarzer Reiter in die Stadt -- auch
durch das Wassertor. Einer kam zu Pferd hier in die Sperlingsgasse vor
unser Haus und stieg ab -- mir sank das Herz in die Knie -- es war mein
Ludwig! --

>Adjes, Mutter! Adjes, Vater!< rief er -- >beht Euch Gott, 's wird sich
schon machen!< -- und dann ritt er fort, den andern nach, die schon
durch das Grne Tor zogen.

>Da geht's nach Frankreich, Alte!< rief mein Mann, whrend ich heulte
und jammerte. Aber es war noch so weit nicht.

Wir hrten lange Zeit nichts, bis eines Tages alle Glocken in der Stadt
luteten, und auch im ganzen Land, wie sie sagten. Es war eine groe
Schlacht gewesen, und unsere hatten gewonnen, und mein Ludwig war --
tot!

>Der Erste,< sagte mein Alter.

Wieder ging ein Jahr hin, und einmal kam das Kanonenschieen so nahe,
da die Leute vor das Tor liefen, es zu hren; natrlich liefen mein
Gottfried und ich mit. Da kamen bald aus der Gegend her, wo es so rollte
und donnerte, Wagen mit Verwundeten, Freund und Feind durcheinander, und
immer mehr und mehr. Die wurden alle in die Stadt gebracht.

>Herr, mein Heiland!< mu ich auf einmal ausrufen, >ist das nicht der
Pir von damals, von Anno Sechs?<

Richtig, er war's. Mit abgeschossenem Bein lag er auf dem Stroh und
wimmerte ganz jmmerlich. >Den nehm' ich mit,< sagte mein Alter und bat
ihn sich aus, und wir brachten ihn hier ins Haus -- in Ihre Stube, Herr
Wachholder. Da kurierten wir ihn. Als er besser wurde, hatte mein Mann
oft seine Reden mit ihm. Einmal war der Franzos oben auf, einmal mein
Alter. Da hie es pltzlich, die Deutschen seien wieder geschlagen und
der Napoleon abermals Obermeister. Mein Alter sah den Wilhelm bedenklich
an, als ginge er mit sich zu Rat; als aber in der Nacht die Sturmglocken
auf allen Drfern luteten, wute ich, was geschehen wrde, und weinte
die ganze Nacht, und am Morgen zog auch mein Wilhelm fort mit den grnen
Jgern zu Fu, und Minchen Schmidt, die mit ihrer alten Mutter in Ihrer
Stube drben wohnte, Herr Strobel, weinte auch und winkte mit dem
Taschentuch. Vorher aber fhrte ihn mein Alter noch an das Bett des
Franzosen und sagte: >Das ist der Zweite!< -- Der Franzos schaute ganz
kurios und bewildert drein und sagte gar nichts, sondern drehte sich
nach der Wand.

Das Kanonenschieen kam nun nicht wieder so nah, und der Wilhelm schrieb
von groen Schlachten, wo viele tausend Menschen zu Tod kamen, aber er
nicht, und die Briefe kamen immer ferner her, und auf einmal standen gar
welsche Namen darauf. Die brachte mein Alter dem Franzos herauf, der nun
schon ganz gut Deutsch konnte, und sagte lachend zu ihm: >Nun, Gevatter!
Nit raus? Nit raus?< Und der Franzos machte ein gar erbrmlich Gesicht
und sagte, den Brief in der Hand: >Das sein mein 'Eimatsort, da wohnen
mein Vatter und mein Mutter.< Mein Alter aber sa am Bett und rechnete
an den Fingern: >Eins, zwei, vier -- acht. Acht Jahr, Gevatter Franzos!
Warum habt Ihr dunnemalen meine Zwlf nicht genommen?<

Die Briefe von unserm Wilhelm kamen nun immer seltener, und auf einmal
blieben sie ganz aus, und eines Tages -- kommt mein Alter nach Haus,
setzet sich an den Tisch, legt den Kopf auf beide Arme und -- weint. Ich
dachte der Himmel fiele ber mich -- -- -- -- _der_ und Weinen!

>Der andre!< sthnte mein Alter in sich hinein, und ich fiel in Ohnmacht
zu Boden.

Da vor der groen Franzosenstadt Paris mu ein Berg sein -- ich kann den
Namen nicht ordentlich aussprechen -- von wo man die Stadt ganz
bersehen kann. Da schossen sie zum letztenmal aufeinander, und da ist
auch dem Wilhelm eine Kugel mitten durch die Brust gegangen, wie der
Kamerad schrieb, und ist er da begraben mit vielen, vielen andern aus
Deutschland. -- Das ist meine Geschichte! Den Franzosen aber kurierten
wir aus, und mein Alter gab ihm einen Zehrpfennig und brachte ihn an das
Tor, wo der Weg nach Frankreich geht, den auch meine Jungen gezogen
waren, sah ihn da abhumpeln und kam wieder nach Haus, murmelnd: >Nit
raus, nit raus!< -- Gott hab ihn selig, den Mann, es war ein
wunderlicher, Dein Vater, Annchen.

So erzhlte die alte Margarete Karsten, und wir alle saen um sie herum,
als sie geendet hatte, jeder seinen eigenen Gedanken nachhngend. Der
Meister hatte lngst seine Zeitung weggelegt, und auch die Gesellen, die
nach und nach eingetreten und gewhnlich ziemlich frhlich und laut
waren, standen und saen diesmal ganz still umher.

Nun will ich noch was erzhlen! rief pltzlich die Alte, deren Augen
durch die wachgewordenen Erinnerungen in einem seltsamen Glanz
leuchteten. Ich will was erzhlen, was lange nachher geschah und doch
mit dazu gehrt! -- Wenn die Fensterscheiben nicht so gefroren wren,
knntet ihr den Turm der neuen Sophienkirche sehen, die gebaut wurde,
nachdem die alte abgebrannt ist. In der alten war's, wo eine Tafel an
der Wand hing, wo die Namen aller der drauf standen, welche in dem
Franzosenkriege aus unserem Viertel gefallen waren, und worunter auch
meine Jungen waren: Ludwig Friedrich Karl Karsten und Wilhelm Johannes
Albert Karsten. Die Tafel hatten wir unserm Kirchenstuhl gerade
gegenber, und des Sonntags schauten wir immer darauf und dachten an
unsre braven Jungen, und mein Alter war stolz auf die Tafel und ich
auch, wenn ich auch genug darber geweint habe und noch weinte. Aber es
blieb nicht so bei meinem Gottfried. Es kam eine Zeit, da schlich er an
der Tafel vorbei, ohne aufzugucken, und wenn wir an unserm Platze saen
und sein Blick fiel mal drauf hin, sah er schnell weg, oder auf den
Boden, oder murmelte etwas, was ich nicht verstand.

Gut, eines Tages gegen Abend stand ein schreckbares Gewitter ber der
Stadt; es donnerte und blitzte unbndig, und auf einmal hie es: in der
Sophienkirche hat's eingeschlagen! -- Richtig -- da brannte sie
lichterloh. Mein Alter, der sonst bei so was immer vorn dran war, rhrte
diesmal nicht Hand nicht Fu, und es htte auch nichts geholfen. Er
hatte mich unterm Arm, und wir standen in der Menschenmenge und sahen
zu. Auf einmal schwankt der Turm, der wie eine Fackel war, hin und her
und strzt dann herunter auf das Kirchendach mit einem Krach, da
Menschen und Pferde in die Knie schossen und ich mit. Mein Alter aber
blieb aufrecht stehen und kehrte sich um und brachte mich nach Hause.
Als wir in unserer Stube waren, ging er den ganzen Abend auf und ab, bis
er pltzlich vor mir stehen blieb und sagte:

>Mutter, Gottlob, die Tafel ist verbrannt! Mutter, ich konnt' sie nicht
mehr ansehen! -- Gute Nacht, Mutter!< -- Ich verstand ihn gar nicht und
fragte, was das bedeuten solle, aber er schttelte nur mit dem Kopf und
ging zu Bett. Und das will ich auch tun, mein Flachs ist zu Ende! Gute
Nacht, ihr Herrn, gute Nacht, Kinder! -- Komm, Annechen! -- Damit erhob
sich die alte Frau, und ging, auf ihren Stock und den Arm ihrer Tochter
gesttzt, hinaus, ihrer kleinen Kammer zu, um von ihrem alten Gottfried
mit dem eisernen Herzen, um von den beiden erschossenen
Freiheitskmpfern weiter zu trumen. Der Karikaturenzeichner machte
heute Abend keinen Witz mehr, der Meister sog an der erloschenen Pfeife.
Es war, als wage keiner sich von seinem Platz zu rhren; es war, als
msse nun gleich die Tr sich ffnen, und der alte, gewaltige Mann
hereintreten mit dem schwarzen Reiter und dem grnen Jger an seiner
Seite, von denen der eine an der Oder und der andre dicht vor Paris
begraben liegt auf dem Montmartre.

Ich wei, warum der Meister Karsten die Tafel nicht mehr ansehen
konnte! rief pltzlich eine klangvolle Mannesstimme, da alle fast
erschrocken aufsahen. Es war Rudolf, der Altgeselle, der sich in seinem
Winkel hoch aufgerichtet hatte.

Ich auch! rief Bernhard, der zweite Gesell, seinem Gefhrten die Hand
auf die Schulter legend.

Ich auch! rief Strobel aufspringend. Wie viel Wissende noch?

Ich auch! rief der Meister. Ich auch! sagte ich. In _dem_ Wissen
liegt die Zukunft -- Gott segne das Vaterland! Und dann -- -- kam die
Meisterin mit den Kartoffeln.




                                                       Am 10. Februar.


Und wieder berschreibe ich ein Blatt der Chronik:

                                Elise.

Wir haben gejubelt und gelacht; auch wohl geweint ber kleine Schmerzen
und verunglckte Freuden! -- Wie die Jahre kommen und gehen!

Der Efeu hat nun eine ordentliche, schattige, grne Laube gebildet; rote
und blaue Wachsbilder hat eine kleine schmckende Hand zwischen das
Bltterwerk gehngt; wieder flattert ein zahmer Kanarienvogel in der
Stube hin und her, von meinen Bchern und Schreibereien auf eine hbsche
runde Schulter im Fenster, oder auf einen niedlichen Finger, der ihm
winkend hingehalten wird. -- Elise ist nun dreizehn Jahre alt auf den
Blttern dieser Chronik. Oft wenn ein lustiger Sonnenstrahl ber das
Bltterwerk schiet, zwitschert wohl Flmmchen -- so heit der neue
kleine Freund -- frhlich auf, hpft aus seinem Bauer, dreht das
Kpfchen mit den funkelnden kohlschwarzen uglein einigemal hin und her
und flattert dann zum offenen Fenster hinaus. Einen Augenblick glnzt
es, hin und her schieend, wie ein Goldpnktchen im Sonnenschein, dann
flattert es nach der jenseitigen Huserreihe und verschwindet in einem
Fenster des mittleren Stockwerkes in Nr. Zwlf. Von dort ward es
herbergebracht, auch dort hat es ein kleines Messingbauer.

Neue Gesichter sind aufgetaucht, neue Fden schlingen sich wundersam in
unser Leben und damit heute an diesem regnichten, windigen Februartage
auch in diese Bltter.

Was tot war, wird lebendig; was Fluch war, wird Segen; die Snde der
Vter wird nicht heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte
Glied!

Eine helle frische Stimme erschallt unten im Hause; ein leichter Schritt
kommt die Treppe herauf -- Elise horcht. Nach einigen Minuten erschallt
pltzlich drauen ein Gepolter, Marthas Stimme lt sich hren, klagend
und rgerlich. Da ist er -- der Taugenichts der Gasse!

Die Tr wird halb aufgerissen, und herein schaut ein lachendes,
kerngesundes, mit unzhligen Sommerflecken bedecktes Knabengesicht.

Nun, Gustav, was gibt's wieder?

O gar nichts! sagt das ^mauvais sujet^, den Mund von einem Ohr bis zum
andern ziehend, whrend Martha jetzt klglich drauen nach Elisen ruft.
Was mag er nur angefangen haben? sagt diese aufspringend und
hinausgehend. Ein helles herzliches Gelchter, in welches ich sie
drauen ausbrechen hre, zwingt auch mich, von meinen Bchern
aufzustehen, whrend Gustav sich ganz ehrbar in einen Band von Beckers
Weltgeschichte vertieft zu haben scheint. Ich nehme die mglich
ernsteste Miene an und schreite hinaus. Welch ein Anblick erwartet mich!

Die gute Alte hat hchst wahrscheinlich ihre Mittagsruhe gehalten und
ist, das Strickzeug im Scho, eingeschlafen. Diesen gnstigen Augenblick
zu benutzen, hat der Taugenichts, der vielleicht mit sehr guten
Vorstzen die Treppe heraufkam, doch nicht unterlassen knnen.

Festgebunden sitzt die Unglckliche in ihrem Stuhle; Handtcher,
Bindfaden, das Garn ihres Strickzeuges, kurz alles nur mgliche
Bindematerial ist benutzt, sie unvermgend zu machen, sich zu rhren.
Vor ihr auf einem, noch dazu sehr zierlich gedeckten Tischchen, steht
ein groer Napf Milch, der hchst wahrscheinlich zu den wichtigsten
kulinarischen Zwecken bestimmt war, und um ihn im Kreis sitzt schlrfend
und schmatzend -- die ganze Katzenwelt des Hauses, von Zeit zu Zeit
einen hhnenden Blick nach dem Lehnstuhl werfend, von welchem aus die
gefesselte Kchentyrannin strampelt und droht, in wahrhaft tantalischen
Qualen.

Lischen -- so jag sie doch weg -- (Elise hat vor Lachen die Kraft gar
nicht dazu und sitzt atemlos auf einem Schemel) -- o der Schlingel --
aber, Herr Wachholder, jagen _Sie_ sie doch weg -- es bleibt ja nichts
brig -- o meine schne Milch -- der Bsewicht! Ja der Bsewicht -- wo
war er, als diese Tragikomdie zu Ende gekommen war, und man sich nach
dem Urheber umsah? Der Band von Beckers Weltgeschichte lag freilich noch
aufgeschlagen da, aber von Gustav -- nirgends eine Spur!

                   *       *       *       *       *

Wer ist dieser Gustav?

Der Enkel eines Mannes, dessen Name schon einmal gar unheimlich in diese
Bltter hineingeklungen ist, der Enkel des Grafen Friedrich Seeburg.

Es war im Jahr 1842, als in die Wohnung drben in Nr. Zwlf, in deren
Fenster spter der Kanarienvogel so oft hinberflatterte, eine schne,
schwarz gekleidete, bleiche Frau zog, welche sich Helene Berg nannte,
die Witwe eines vor kurzem verstorbenen Mediziners. Sie war es, die
schon einmal durch unser Leben und durch die Bltter dieser Chronik
geglitten ist, mit jenem Sonnabend im Sommer 1841, an welchem wir den
toten kleinen Vogel auf dem Johanniskirchhof begruben zu den Fen der
Grber von Franz und Marie. Sie kte damals die kleine Elise, aber wir
kannten einander nicht. -- Georg Berg stand auf dem Grabstein, an
welchem sie gekniet und geweint hatte, und in der rmlichen Wohnung
drben in Nr. Zwlf, in der engen, dunkeln Sperlingsgasse verklingt die
letzte Saite der unheilvollen wilden Geschichte, die einst der sterbende
Jger dem Maler Franz Ralff erzhlte. -- Ist das Lied vorbei? Eine junge
frhlichere Weise nahm den letzten Ton auf, und Gustav und Elise Berg
wird die neue Melodie lauten!

Wie die Letzte aus dem stolzen Hause der Grafen Seeburg das
Zusammenhngen ihres Schicksals mit dem kleinen Mdchen an meiner Seite
erfuhr? -- Ihre Geschichte?

Ich frchte mich fast, die Decke, die ber so viel kaum vergessenem und
begrabenem Unheil liegt, wieder aufzuritzen.

Sieh, welch ein schner Ring! sagte einmal Elise, der Frau Helene, die
bei uns sa, jenen Reif zeigend, welchen vor langen langen Jahren der
alte Burchhard am Hungerteiche im Ulfeldener Walde der toten Luise aus
der erstarrten Hand gezogen hatte, welcher so lange Jahre unter jenem
bekreuzten Stein gelegen hatte, und der das Wappen des Grafen von
Seeburg trug! -- Ich habe nicht ntig aufzuschreiben, was folgte! -- --
-- Wir trennten uns damals so bald nicht. Den ganzen Abend lie die
weinende Helene die kleine Elise nicht aus den Armen, und Gustav, --
Gustav, der Taugenichts der Gasse, begrte jubelnd seine Cousine auf
seine Weise.

Nachdem er lange unstt sich umhergetrieben hatte, heiratete in Italien
der Graf Friedrich Seeburg eine schne, vornehme, aber arme Italienerin;
sie ward die Mutter Helenens und starb sie gebrend im zweiten Jahr
ihrer Ehe. Die Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem
Menschtum ausgefllt durch ein Vermittelndes, das Dmonische: da
schwebten, damit das Ganze in sich selbst verbunden sei, Geister viel
und vielerlei auf und nieder; strafende und lohnende Boten der
Gottheit, und niemand entging seinen Taten. Diese Geister verfolgten
auch den Grafen: Reue, Ruhelosigkeit, Lebensberdru hieen sie, und auf
jede Lebensfreude legten sie ihre erttende Hand. Wieder zog der Graf
ber die Alpen nach Deutschland. Das Schlo Seeburg war verkauft, -- er
kam nach Wien, wo er menschenscheu und finster in einem einsamen,
kleinen Hause wohnte. Oft hrte ihn seine Tochter auf- und abgehen in
der Nacht; sie hatte keine Bekanntinnen, keine Freundin; eine alte
Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer Umgang. So verlebte sie ihre ersten
Jugendjahre fast ganz sich selbst berlassen; whrend ihr Vater immer
finsterer und finsterer ward. Er verbot ihr zu singen, zu spielen; sie
seufzte und fgte sich. Da wurde eines Morgens der alte Graf Seeburg tot
im Bett gefunden; kein Mensch war bei seinen letzten Augenblicken
zugegen gewesen, er war gestorben wie ihn Helene nur gekannt hatte --
einsam und allein. Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt, ein
junges Mdchen in einer groen, fremden Stadt, die sie nicht kannte, wo
niemand sie kannte. Es fand sich, da die Hinterlassenschaft ihres
Vaters kaum hinreichte, die whrend seines Aufenthalts in Wien gemachten
Schulden zu bezahlen.

Unter den wenigen, die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten
hatten, war ein Doktor Berg, ein nicht mehr ganz junger Mann, und dieser
war der einzige, welcher, an das Totenbett des alten Grafen gerufen,
nachdem er ihm die Augen zugedrckt hatte, sich der jungen Waise annahm.
Er brachte ihre Vermgensverhltnisse in Ordnung; er fhrte sie, die
ebenfalls fast menschenscheu Gewordene, zu guten Menschen, zu seiner
alten, freundlichen Mutter. Er schien alles, was er tat, nur als seine
Pflicht anzusehen, und er, der ihr anfangs gleichgltig war, gewann ihre
Zuneigung mehr und mehr. Da bot er ihr seine Hand, und die Grfin Helene
Seeburg ward seine zufriedene, glckliche Gattin, bald noch glcklicher
durch die Geburt eines Sohnes, der Gustav genannt wurde. Da zwangen
Verhltnisse -- auch seine Mutter war gestorben -- den Doktor Berg, Wien
zu verlassen; er zog hieher und bemhte sich, eine Praxis zu gewinnen.
Eben schien es ihm zu gelingen, als eine heftige Seuche, die verheerend
von Osten kam und ber das ganze Land todbringend zog, auch ihn
wegraffte; er lie seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurck.
Auf dem Johanniskirchhof, zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff,
ward er begraben.

Das war es, was die Frau Helene Berg erzhlte, whrend der Ring mit dem
Wappen der Grafen Seeburg, die Schlange, welche den Rubin umwand, vor
ihr auf dem Tische funkelte. Noch an demselben Abend trug ich ihn auf
die Knigsbrcke und warf ihn weithin in den Strom, nachdem ich ihn in
zwei Stcke zerbrochen hatte. Helene lehnte neben mir am Gelnder, und
schweigend gingen wir zurck in die Sperlingsgasse zu unsern Kindern.

                   *       *       *       *       *

War's nicht ein hbsches, ein glckliches Vorzeichen, dieser kleine
goldgelbe Vogel, der zwischen den beiden Wohnungen hin und her
flatterte, der seine Wohnung dort und hier hatte, oft ein kleiner treuer
Bote war, und an seinem beweglichen Hlschen gar wichtige Nachrichten,
Fragen oder Antworten hinber- und herbertrug?

Schau mal nach, Lise, das Flmmchen trgt wieder einen Zettel am Halse.
Jetzt werden wir wohl erfahren, wo der Bsewicht, ber den ich die alte
Martha drauen noch brummen hre, steckt.

Zwitschernd hpft Flmmchen auf Elisens Hand. Sie nimmt ihm den Zettel
ab, und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft:

   Lise!

   Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch
   dazu leider gezwungen bin (scheulich!) 3 Seiten, schreibe drei
   Seiten, voll lateinischen Unsinns zu bersetzen (ich mchte nur
   wissen, wozu ein Maler, und ich _will_ einer werden, Latein
   braucht?????) so bitte ich Dich, den Onkel (_Du brauchst ihm
   diesen Brief nicht zu zeigen_) ebenso auf seinem Lehnstuhl
   festzubinden, wie ich die alte Martha festgebunden habe und
   #sobald als mglich# vor die Tr zu kommen. -- Ich will Dir mal
   was Wichtiges sagen.

                                                               Gustav.

   ^P. Scr.^ Ich passe auf, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe,
   schleiche ich an den Husern hin zu Euerer Tr! Komme bald!!

   ^P. Scr.^ Bring Deine Korbtasche mit!

Was mag er nur wollen? fragt Lischen, die schon nach dem Nagel guckt,
an welchem ihre Tasche hngt, whrend ich trotz des warnenden Passus den
Brief des beltters und seine echte Tertianerlogik studiere. Es ist
prchtig: _weil_ ich ein Exerzitium von bedenklichster Lnge machen mu
-- _so komme sobald als mglich!_ Und dann die kleine Heuchlerin, die
recht gut wei, was der Faulpelz will!

Was fr einen Tag haben wir heute, Lischen?

Ah -- Sonnabend! ruft Elise. Jetzt wei ich's! Er hat sein
Taschengeld gekriegt.

Welches eigentlich die alte Martha konfiszieren mte. Hre, Lischen;
schreib ihm als Bedingung Deines Kommens vor, da die >scheuliche<
Arbeit fertig sein msse.

Wie lange dauert das wohl, Onkel? fragte die Lise ganz bedenklich; sie
zge das Sobald als mglich unbedingt vor.

Nun -- zwei Stunden, mindestens.

Oh, oh zwei Stunden?!

Ja, und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern, einer immer schlimmer
als der andre.

Onkel, Gustav sagt aber: je lnger er an einer Arbeit se, desto mehr
Bcke mache er.

Nun denn, wenn er das sagt, so soll er sie frs erste nur fertig machen
und mit herberbringen. Schreib ihm das.

Elise stellt jetzt eine groe Auswahl unter meinen Federn an und beklagt
sich sehr ber unsere schlechte Tinte; whrend Flmmchen, auf einer
Stuhllehne sitzend, anfangs geduldig wartet, dann aber, als ihm die
Sache zu lange dauert, sich bemht, ber dem Tisch flatternd, ebenfalls
in das Tintenfa zu schauen, um den Grund der Zgerung zu erfahren.
Endlich jedoch ist Elise mit ihren Vorbereitungen fertig und schreibt:

   Lieber Gustav!

   Dein Brief ist glcklich angekommen. Flmmchen hat ihn gebracht.
   Die alte Martha hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen;
   sie will Dich tchtig waschen, wenn Du kommst. Den Onkel kann
   ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der Stube auf und
   ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein
   Exerzitium fertig machen und es mitbringen, eher soll ich nicht
   kommen! Mach schnell!!! Meine Tasche bringe ich mit!

                                                               Elise.

Auch diese Botschaft wird dem Flmmchen umgehngt; die Praxis hat es
gelehrig gemacht; zwitschernd schttelt es das Kpfchen, als wolle es
sagen, nun ist's aber genug, jetzt komme ich nicht wieder, und --
verschwunden ist's. Elise sitzt wartend vor ihrem Nhtischchen unter der
Efeulaube, ich vertiefe mich wieder in meine Bcher, aber keine halbe
Stunde vergeht, da ertnt unterm Fenster ein heller Pfiff, und Elise
springt auf und schaut hinaus.

Da ist er schon! ruft sie halb zurck mir zu.

Komm herauf, Gustav! ruft sie hinunter.

Dieses weniger! erschallt unten die Schlerredensart, und mich wundert
wirklich, da der Bengel diesmal nicht die noch dazu gehrende weise
Benachrichtigung damit verbindet: Aber mein Bruder blst die Flte.

Hast Du Dein Exer? (^scilicet citium^) ruft Elise.

Versteht sich; fix und fertig, komm herunter, Du kannst es _ihm_
hinaufbringen.

Elise sieht mich fragend an, und ich nicke. Herunter ist sie wie der
Blitz, und ich gehe ans offene Fenster, hte mich aber wohl, etwas von
meiner werten Persnlichkeit sehen zu lassen.

Du bist aber schnell damit fertig geworden, Gustav! sagt Elise, und
ich stelle mir eben lebhaft vor, wie der Schlingel grinst, als er ihr
sein Machwerk einhndigt.

   Mit Geduld und Spucke
   Fngt man jede Mucke!

lautet die Antwort: Hier, nimm Dich in acht, es ist noch na; und hre,
Lischen -- komm schnell wieder herunter, eh er hineingeguckt hat; er
knnte mich noch zurckrufen!

Taugenichts! das mag was schnes sein! moralisiert Elise, die ich nun
die Treppe heraufkommen hre.

Da ist's, Onkel! ruft sie in die kaum handbreit geffnete Tr, wirft
das edle Manuskript auf den nchsten Stuhl, schlgt die Tr zu, und --
in drei Stzen ist sie die Treppe hinunter.

Lise, Lischen, Elise! rufe ich, aber wer nicht hrt, ist Frulein
Elise Johanne Ralff.

Komm schnell, er ruft schon! sagt unten der Schlingel, sie am Arm
fassend, und fort sind sie um die Ecke!

Da liegt nun das blaue Heft, auf dem Umschlag: Gustav Berg und drunter
die geniale bersetzung ^Gustavus Mons^ mit Angabe von Wohnort, Datum
und Jahreszahl. Ich schlage es auf, und es ist in der Tat zweifelhaft,
ob der Kollaborator Besenmeier es mit roter Tinte, oder ob es Meister
^Gustavus Mons^ mit schwarzer geschrieben hat. -- Hier sind die neuesten
Seiten. Reizend! ^Ita uno tempore quatuor locibus^ (Schlingel!)
^pugnabatur etc. etc.^ Als Schulmeister mte ich ausrufen: Was _soll_
aus dem Jungen werden? Als Nichtschulmeister aber halte ich mich an das
-- Lschblatt und rufe aus: Was _kann_ aus dem Jungen werden! -- Hier
an vier Orten schlagen sie ebenfalls Rmer, Karthager, Mazedonier,
Sarden, und zwar besser als im Latein: Pferde, Menschen, ^Hannibal ante
portas^, Triarier, Veliten, Prinzipes! Ausgezeichnet! Ich werde dem
Schlingel eine tchtige Rede halten sowohl ber seine ^locibus^ als
auch ber die Unverschmtheit, ein Heft mit solch beschmiertem
Lschblatt drin abliefern zu wollen. Das letztere aber werde ich
konfiszieren, und Zeichenstunde soll der Junge auch haben; dieser
Signifer hat doch etwas zu lange Arme.

Eine halbe Stunde sitze ich nun noch arbeitend, dann schlgt es auf der
Sophienkirche Sechs. Ich wei nicht, ist es das schlechte Beispiel,
welches mir da eben gegeben wurde, oder der blaue Sommerhimmel und die
Sonne drauen; auf meinem Papier rcke ich nicht weiter, wohl aber
unruhig auf dem Stuhle hin und her. Elise hat brigens auch recht:
unsere Tinte ist wirklich abscheulich. Ich schlage meine Bcher zu,
ziehe den Rock an und gehe den Tnen eines Fortepianos nach, welche von
drben herberklingen. Wenn ich in Nr. Zwlf die Treppe hinaufgestiegen
bin, so finde ich dort in dem einfach aber hbsch ausgestatteten Zimmer
des ersten Stockes eine Dame vor dem Klavier sitzen, die mir freundlich
zunickt, ohne sich in ihren Phantasien stren zu lassen. Ich setze mich
neben die Rosen- und Resedatpfe im Fenster, der Musik lauschend, und
kann dabei zugleich einen musternden Blick ber das Zimmer gleiten
lassen. Hier gleich neben mir unter den Blumen steht Flmmchens
Messingbauer, in welchem der kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt,
und das Kpfchen unter den Flgel gezogen hat. Mde von den
Anstrengungen des Tages, ist er frh zu Bett gegangen. Im zweiten
Fenster, mir gegenber, steht ein hnliches Nhtischchen wie das, vor
welchem ich sitze; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf.
Das ist Elisens Platz; auch sie hat wie Flmmchen hier eine zweite
Behausung. Zwischen beiden Fenstern, gegen das Licht gezogen, macht sich
ein einst rot bemalt gewesener Tisch breit; bedeckt mit Bchern,
Schreibzeug, Heften, Federmessern usw. usw.; bekritzelt, zerschnitten,
zerhackt, ist er der Schauplatz von Gustavs stillen Freuden.

Hier brtet das Genie ber seinen ^locibus^, den Kopf auf beide Fuste
gesttzt und in den Haaren whlend; hier fllen sich die Bltter mit
Fratzen aller Art, statt mit lateinischen Phrasen; hier werden alle die
Dummheiten ausgebrtet, welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung
setzen sollen; hier werden mit dem demtigsten Gesicht, der reuevollsten
Miene, die Ermahnungen und Vorwrfe, welche die Mutter von ihrem Thron
herab auf das Haupt des Taugenichts der Sperlingsgasse schttet, in
Empfang genommen und richtig quittiert durch -- einen tollen Streich,
eine Viertelstunde nachher; hier, kurz hier -- ist Gustav Bergs
Schreibtisch!

Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat, erzhle ich ihr die
Geschichte des Katzendiners, von dem sie natrlich noch nicht das
mindeste wei.

Ich kann ihn nicht bndigen! ruft sie halb lachend, halb in
Verzweiflung aus. Und die Elise verdirbt er mir auch ganz! Statt zu
sticken und Vokabeln aufzuschlagen, schieen sie sich mit Papierkugeln;
wenn er ihr einen Kfer in den Nacken gleiten lt, bin ich sicher, da
sie ihm einen Zopf ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rcken malt.
Ich spreche und schelte mich heiser und mde, aber es hilft nichts!
>Tante, er hat angefangen, ich sa ganz ruhig!< >Mutter, 's ist nicht
wahr, sie hat zuerst geschossen!< So geht das den ganzen lieben Tag! Wo
mgen sie nur jetzt wieder stecken?

Wenn man den Wolf an die Wand malt, so kommt er um die Ecke! sagt das
Sprichwort, und unsere Altvordern wuten, was sie taten, als sie es
aufbrachten. Mit Helenens Frage ffnet sich die Tr, oder vielmehr, sie
wird aufgerissen, und herein, hochrot, strzen -- Windbeutel und
Wildfang! Kaum erblickt mich aber Freund Gustav, so macht er Kehrt und
sucht schleunigst die Tr wiederzugewinnen, glcklicherweise aber bin
ich diesmal schneller.

Halt, Meister! hiergeblieben!

Ja, hiergeblieben, Gustav! ruft die Mutter.

Ich beginne nun das Verhr.

Wie alt bist Du jetzt, Gustav? Antwort!

Vierzehn und ein halb!

Welchen Platz in der Klasse hast Du jetzt?

Ich bin der Vierundzwanzigste von oben!

Und von unten?

Der -- der -- der Fnfte! -- (Pause.)

Ich lege nun ein Gesicht an wie Zeus Kronion, wenn's lange hei gewesen
ist, und er donnern will, und beginne eine Rede, die anfngt: Als ich in
Deinem Alter war (wie ^Nota bene^ alle Vter und Erzieher beginnen, seit
Adam seinen Erstgeborenen rffelte); ich flechte die Milchgeschichte
ein, gehe dann zu den ^locibus^ in der letzten Arbeit ber, bringe
einen kleinen Seitenhieb auf Elise an und ende, indem ich die
rhrend-pathetische Seite -- den Kummer der Mutter -- herauskehre.

Whrend der ganzen Dauer dieser Pauke hat mein Missetter, bald
auf dem einen, bald auf dem andern Fu stehend, mit einem
dummpfiffigreuigwehmtigen Gesicht angestrengt einen Punkt oben an der
Decke, der ihm sehr merkwrdig erscheinen mu, ins Auge gefat. Kaum
aber habe ich geendet, so verliert auch besagter Punkt alles Interesse
fr den Schlingel, die Erde hat ihn wieder, er schiebt sich hinter
Elise, die fortwhrend mit ihrer Schrze zu tun gehabt hat, und dann zu
seiner Mutter, die ihm bemerkt:

Siehst Du; ich hab's Dir oft gesagt, aber auf _mich_ hrst Du nicht.
Wie hei Ihr seid! Geh' aus dem Zugwind, Elise, Kind, Du erkltest Dich!
Wo habt Ihr eigentlich gesteckt?

Wir sind nur auf dem Fontnenplatz gewesen! sagt Elise, mit dem Rcken
der Hand ber den Mund fahrend.

So! -- Und was habt Ihr da gemacht?

Wir haben die Goldfische gefttert!

Die Goldfische?! -- Gustav, wieviel von Deinem Taschengeld hast Du
noch?

Bei dieser Wendung des Gesprchs steht Gustav auf einmal wieder auf
einem Bein und scheint sehr zu bedauern, da er sich nicht wie die Gnse
mit dem andern hinterm Ohr kratzen kann. Langsam fhrt er mit der Hand
in die Tasche, besinnt sich aber und zieht sie schnell zurck.

Nun?!

Hast Du's mir zum Ausgeben gegeben, Mama? fragt der Schlingel, den
seine Erziehung Weiberlogik kennen gelehrt hat.

Freilich -- aber -- aber -- -- --

Nun, ausgegeben hab' ich's! Lise kann es bezeugen!

Ja, das _kann ich_! ruft Lischen ganz eifrig. Darber braucht Ihr ihn
nicht auszuschelten!

Ich komme jetzt der bedrngten Tante zu Hilfe.

Ausgeben kann er's freilich, aber das >Wie< ist jetzt die Frage. Was
habt Ihr mit dem Gelde angefangen?

Das Paar sieht sich stumm an. Pltzlich greift Lise in die Tasche, zieht
einen Kirschkern hervor und schnellt ihn Gustav an die Nase. Die Frage
ist gelst.

Ach so! ruft die Tante Berg. Nun, es ist gut, da es fort ist, so
kann er wenigstens nicht wieder Zigarren dafr kaufen, wie in der
vorigen Woche.

Auch ich bin ganz damit einverstanden, whrend Elise den Vetter mit dem
Ellenbogen in die Seite stt und ihm zuflstert: Warte nur, morgen
kriege ich meins!

                   *       *       *       *       *

Glckliche Kindheit! Alle spteren Lebensalter, die eine einsame Minute
frhlich vertrumen wollen, lassen dich vor sich aufsteigen, und ich --
der alternde Greis flle diese Bogen mit lngst vergangenen, lngst
vergessenen Kindergedanken und Kindersorgen! Trumt nicht sogar die
Menschheit von einem goldenen Zeitalter, einer lngst untergegangenen
glcklichen Kinder-Welt?




                                                       Am 28. Februar.


Es ist gar kein bler Monat dieser Februar, man mu ihn nur zu nehmen
wissen! -- Da ist erstlich die ungeheuere Merkwrdigkeit der fehlenden
Tage. Wie habe ich mir einst, vor langen Jahren, den Kopf ber ihr
Verbleiben zerbrochen. Jeder andere Monat pate aufs Haar mit
Einunddreiig auf den Knchel der Hand, mit Dreiig in das Grbchen, und
nur dieser eine Februar -- 's war zu merkwrdig! -- Das ist ein Stck
aus der formellen Seite der Vorzge dieses Monats, jetzt wollen wir aber
auch die inhaltvolle in Betrachtung ziehen. Was ist an diesem Regen
auszusetzen? Tut er nicht sein mglichstes, die Pflicht eines braven
Regens zu erfllen? Macht er nicht na, was das Zeug halten will und
mehr? Der alte Marquart in seinem Keller ist freilich bel daran, seine
Barrikaden und Dmme, die er brummend errichtet, werden weggeschwemmt,
seine Treppe verwandelt sich in einen Niagarafall. Alles, was Loch
heit, nimmt der Regen von Gottes Gnaden in Besitz. Immer ist er da;
seine Ausdauer grenzt fast an Hartnckigkeit! Man sollte meinen, nachts
wrde er sich doch wohl etwas Ruhe gnnen. Bewahre! Da pladdert und
pltschert er erst recht. Da wscht er Nachtschwrmer von auen, nachdem
sie sich von innen gewaschen haben; da wscht er Doktoren und Hebammen
auf ihren Berufswegen; da wscht er Kutscher und Pferde, Herren und
Damen -- maskiert und unmaskiert, da wscht er Katzen auf den Dchern
und Ratten in den Rinnsteinen; da wscht er Nachtwchter und
Schildwachen selbst in ihrem Schilderhaus. Alles was er erreichen kann,
wscht er! Kurz: Bei Tag und Nacht allgemeiner Scheuertag, und
Hausmtterchen Natur so unliebenswrdig, wie nur eine Hausfrau um drei
Uhr nachmittags an einem Sonnabend sein kann. Das ist das Bulletin des
Februars, den man einst ^mensis purgatorius^ nannte. -- Jetzt finde ich
auch einen Vergleich fr das Aussehen der groen Stadt. Lange genug hab'
ich mich besonnen, keiner schien passend. Nun aber hab' ich's! Aufs Haar
gleicht sie einem unglcklichen Hausvater, welchen die Fluten des
sonnabendlichen Scheuerns auf einen Stuhl am kalten Ofen geschwemmt
haben, wo er sitzt -- ein neuer Robinson Crusoe -- mit Kind, Hund, Katze
und Dompfaffenbauer, die Beine auf einen hohen Schemel stehend und die
Schlafrockenden herabhngend in die Wogen.

Brr! -- Das ist mal wieder ein Wetter, um in alten Mappen zu whlen, und
ich whle auch darin schon seit geraumer Zeit! Da mu ein Brief sein,
den ich trotz aller Mhe nicht finden kann, und der doch eigentlich
schon frher der Chronik htte eingelegt werden sollen. Briefe mit
spterem Datum von derselben Hand finde ich genug; sie berichten von
Kindtaufen, und einer auch von dem Hinscheiden eines ehrwrdigen Pudels,
Rezensent genannt. Ich mchte aber gern ein lteres Schreiben haben,
welches noch nicht von Kindtaufen erzhlt! Gottlob, hier ist's! Die
Chronik htte es, wie gesagt, viel frher aufnehmen mssen, aber was
tut's. Je lter _solche_ Briefe werden, je lter ihr Schreiber selbst
geworden ist, desto frischer klingen sie!

Hier ist das Skriptum:

              Unter Verantwortlichkeit der Redaktion.

                         _Liebe und Getreue!_

Eben hatte ich diesen Anfang >Liebe und Getreue< gemacht, als sich auf
einmal ein kleines Patschhndchen auf meine Schulter legte, ein brauner
Lockenkopf sich vorbeugte, und ein Stimmchen ganz fein sagte:

>Erlaube, liebes Kind (>liebes Kind,< das bin ich, der Dr. Wimmer) --
erlaube, liebes Kind, an was fr ein Frauenzimmer willst Du da
schreiben?< Ich sah verwundert auf und erblickte -- eine kleine runde
Dame (sie sitzt neben mir und zieht mich fr das >rund< tchtig am Ohr),
die ein allerliebstes Mulchen machte:

>Liebes Kind ich mcht's halt gern wissen!<

>Sollst Du auch, Schatz,< sagte ich lachend. Gib acht, es ist eine
seltsame Geschichte! -- Es war einmal ein Mann, der lief in der Welt
herum, und die Leute nannten ihn Dr. Heinrich Wimmer; einige freilich
titulierten ihn auch >Esel< oder so. Das waren aber nur die, welchen er
dasselbe Epitheton gegeben hatte -- was er oft sogar schriftlich,
Schwarz auf Wei, tat. Gut, dieser Mensch hatte eigentlich nur wenig
wahre Freunde (Bekannte genug), denn er war so eine Art von Vagabond,
wenn auch nicht in der schlimmsten Bedeutung des Worts. Er war ein
Literat. Zu den Freunden, die ihn ertrugen und nicht >Esel< nannten,
gehrte erstens ein Schulmeister Namens Roder, zweitens ein ltlicher
Herr, Wachholder genannt, und drittens -- ein junges Mdchen (beruhige
Dich, Nannette, sie war hchstens elf Jahre alt, als wir schieden),
Namens Elise Ralff. Wir wohnten in einer groen Stadt, wo es viel Staub
gibt, und aus der sie mich, hchst wahrscheinlich aus Sorge um meine
Gesundheit, wegjagten, weil jener Staub mich stets zum Husten brachte,
ziemlich dicht zusammen, und betrugen uns gegeneinander, wie gute
Freunde sich betragen mssen. Sogar der Pudel Rezensent, mein vierter
Freund, fhlte oft eine menschliche Rhrung darber; wie es in der Tat
ein vortreffliches Vieh ist, was Du auch dagegen sagen magst, Nannerl!

Und nun hre -- grimme Othelloin, das Liebe und Getreue gilt den
_drei_ Freunden und >halt< nicht einem Frauenzimmer, Du Eifersucht!

Da wir nun aber einmal dabei sind, so la Dir auch weiter erzhlen,
liebe Nannette. Mit diesen Freunden lag ich an dem Tage, an welchem ich
den letzten Staub von den Fen ber jene Sand-Stadt schttelte, in
einem Holze, wo wir den ganzen Tag ber Vogelnester gesucht, Blumen
gepflckt und Mrchen erzhlt hatten, als auf einmal ein Gefhl
bodenloser Einsamkeit und moralischen Katzenjammers u. s. w. u. s. w.
ber mich kam. Da stieg pltzlich, mitten im grnen Walde, wo die Vgel
so lustig sangen, und die Sonne so hell und frhlich durch die Zweige
schien, ein Gedanke in mir auf, ein Gedanke an ein kleines hbsches
Mdchen, mit welchem ich einst zusammen gespielt, und an das ich oft,
oft gedacht hatte in spteren Jahren. -- Daran aber dacht' ich in dem
Augenblick nicht, da zwischen dem Kinderspiel und dem Waldtage so lange
Zeit lag; -- ich dachte -- ich dachte: Heinrich warum gehst du nicht
nach Mnchen, wo du geboren bist, wo dein Onkel Pmpel, wo dein --
kleines liebes Mhmchen Nannette wohnt?

Wie ein Lichtstrahl, viel heller und frhlicher als die Sonne --
durchzuckte mich das, ich sprang auf, warf den Hut in die Luft und
schrie: >Hurra, ich gehe nach Mnchen zu meinem Onkel Pmpel, zu meiner
Cousine Nannerl!< -- Die Freunde sahen mich verwundert und lchelnd an,
und der Lehrer Roder sagte: >Junge, das wre prchtig, wenn Du -- solide
wrdest!<

(Gib mir einen Ku, Schatz, und ich erzhle weiter.)

Sieh', da wand die kleine Lise Ralff dem Pudel einen hbschen
Waldblumenkranz um den Pelz, sie drckten mir alle die Hand -- das
kleine Mdchen weinte sogar -- und -- -- -- ich ging nach Mnchen.

Lange Jahre waren hingegangen, seit ich meine Vaterstadt nicht gesehen
hatte, und ganz wehmtig gestimmt, schritt ich in der Abenddmmerung
durch die alten bekannten Gassen der Altstadt. Da lag das Haus meiner
Eltern; -- Fremde wohnten darin. Ich lugte durch die Ritze eines
Fensterladens und sah zwei Kinder, die allein am Tische bei der Lampe
saen; sie waren sehr eifrig in ein Gnsespiel vertieft, und ich dachte
an unsere Jugend, Nannerl, und das Herz ward mir immer schwerer, --
Seidelgasse Nr. 20, da stand ich nun vor einem andern Haus. Dort hing
ein altes wohlbekanntes Schild: >^Pmpel's Buchhandlung^< darauf gemalt.
Der Laden war bereits geschlossen, der Onkel jedenfalls schon im
Hofbruhaus; ein Lichtschein erhellte noch die Fenster des obern
Stockwerks.

Ich wagte kaum die Klingel zu ziehen. Endlich tat ich's aber doch. Mein
Gott, ebenso jmmerlich klang die Glocke schon vor zehn Jahren.
Schlrfende Schritte nherten sich -- die Tr ging auf; wahrhaftig da
war sie noch, die dicke Waberl, eher jnger als lter! Der Pudel und ich
htten sie beinahe ber den Haufen geworfen; sie kannte mich nicht und
stand starr vor Schrecken und Verwunderung, als ich mit meinem
vierbeinigen Begleiter in zwei Stzen die Treppe hinauf war.

Eine kleine runde ... (Au, mein Ohr! Hr' einmal, Nannette, das ist das
Ohr, in welches es bei mir >hineingeht<, was wird das fr eine Ehe
abgeben, wenn Du mir das abkneifst. Nannette, ich wrde in Deiner Stelle
mal das andere, zu welchem es >herausgeht<, nehmen!) Dame trat mir
entgegen:

>Der Vater ist nicht zu Haus, mein Herr!< -- -- -- Ich antwortete nicht,
sondern nahm ihr das Licht aus der Hand, -- die kleine runde Dame
erschrak ebenfalls gar sehr, -- und hielt es so, da mir der Schein voll
ins Gesicht fiel.

>Herr Gott, der Vetter Heinrich!< rief die kleine rrr Dame (Nannette,
sag' mal, ich glaube, ich habe Dir in dem Augenblick einen Ku gegeben?)

>O welch' abscheulicher Bart -- -- und eine Brille trgt er auch!
Waberl, Waberl, schnell nach dem Bruhaus: der Vetter Wimmer sei da!<

Ja, er war da, der Vetter Heinrich Wimmer, und der alte Onkel kam auch;
er umarmte den Landlufer und steckte ihn in seinen Sonntagsschlafrock;
er wollte -- -- ja, was wollte er nicht alles! Der Pudel sprang wie toll
und machte sogleich, als ein vernnftiger Kter, Freundschaft mit dem
dicken Pmpelschen Kater Hinz.

Und dann -- dann ward ich Redakteur der >Knospen<, unter der Bedingung,
den fatalen politischen Husten vorher erst auszuschwitzen; dann ward ich
von Deinem Papa, meinem guten, dicken, vortrefflichen Onkel in den
deutschen Buchhandel >eingeschossen<, und dann -- -- -- Nun, Nannette,
und dann? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- _Meine
Herren und Freunde, was hab' ich Ihnen da geschrieben!_ -- So geht's,
wenn man verlobt ist und neben seiner Braut einen Brief schreiben will!
Die reine Unmglichkeit! Statt eines soliden, nach allen Regeln der
Logik und Briefschreibekunst abgefaten Berichts, schmiere ich Ihnen
meine Unterhaltung mit dem Frauenzimmer. 's ist gttlich!

Nun -- was tut's? Die Hauptmomente meiner Geschichte habt Ihr doch bei
der Gelegenheit erfahren. Ich habe eine neue Seite meines Lebens
aufgeschlagen; und wer hat diese ^vita nuova^ bewirkt? Der edle
Polizeikommissar Stulpnase nebst seinen Myrmidonen und -- meine kleine
Beatrice, genannt Nannette Pmpel! Gesegnet sei das Haus ^Pmpel et
Comp.^ bis ins tausendste Glied!! --

Ich schliee. Meine ^gentilissima^ verlangt ebenfalls Platz auf diesem
Bogen. Mich soll's wundern, was sie schreiben wird, ihre Augen leuchten
gar arglistig.

                                                           Dr. Wimmer.

                        _Liebe, kleine Elise!_

Obgleich wir uns noch nicht mit Augen gesehen haben, so kann ich doch
halt nicht unterlassen, Dir, Herz, diesen ganz kleinen Brief zu
schreiben, der bse Mensch hat nicht viel Raum bergelassen. So ganz
bse freilich ist er doch nicht, denn er hat mir viel Gutes und Schnes
von Dir erzhlt, aber sage doch den beiden Herren, die ich auch nicht
kenne, da sie das trichte Zeug, was er alles geschrieben hat, halt
nicht alles glauben. Ich hab' ihn durchaus nicht so viel ins Ohr
gekneift, als er sagt. -- Liebes Kind, Ihr mt uns einmal alle
besuchen. Ich habe zwei Kanarienvgel und einen Stieglitz, der sich sein
Futter selbst herauf zieht. Ich htte Dir gern eins von den Vgelchen
geschickt, aber der Onkel Doktor meint, sie knnten das Fahren nicht
vertragen, das knnte selbst sein hlicher Puhdel nicht. Es ist nur
gut, da das schwarze Tier sich so vor meinem schnen bunten Hinz
frchtet; sie beien sich zwar halt nicht, aber sie sehen sich oft
schief an von der Seite. Liebes Kind, besuche uns einmal und gre den
Herrn Onkel Wachholder und den Herrn Lehrer recht schn;

                                             Deine unbekannte Freundin
                                                         _Nannette P._

^P. Scr.^ Verehrtester, berreichen Sie doch meiner dicken Freundin, der
Madam Pimpernell, beifolgende drei Fnftalerscheine; da wird ein noch zu
tilgender Schuldenrest sein.

                                                                Dr. W.

^P. Scr.^ Ich mu in die Kche, sonst htte ich mich eben noch recht
ber den Doktor zu beklagen. Er ist recht bse. Gestern hat er sein
Tintenfa ber meine beste Tischdecke gegossen. Das geht mein Lebtag
nicht wieder heraus! -- Aber das ist das wenigste. -- 's ist nur gut,
da ich den Tabaksdampf gewohnt bin, auch mein Papa macht furchtbare
Wolken, und die Gardinen mssen nun noch einmal so bald gewaschen
werden. Adieu!

                                                           _Nannette._

^P. Scr.^ Der Onkel Pmpel hat sich's in den Kopf gesetzt, dem armen
>Puhdel<, wie Nann'l schreibt -- auf seine alten Tag' noch das
Todstellen beizubringen.

                                                                Dr. W.

^P. Scr.^ Bier mag er schon! (Ich meine halt den Pudehl -- so wird's
wohl recht geschrieben sein) Gott, ich mu wirklich in die Kchen!

                                                                    N.

^P. Scr.^ Nannette ist fort! Meine lieben Freunde, ich bin sehr
glcklich und fidel! Ich hoffe auf baldige Nachrichten von Euch allen.
Gru und Brderschaft!

                                                                  Euer
                                                         _H. Wimmer._

Welchen Jubel hatte einst dieser Doppelbrief mit seinen Postskripten in
der Sperlingsgasse erregt! Wie tanzte an jenem Augustnachmittag im Jahre
1841, als er ankam, der Lehrer Roder mit der kleinen Elise im Zimmer
herum! Heute, wo ich ihn wieder hervorsuchte, ist weder Roder bei mir,
-- sie haben ihn im Jahr Achtzehnhundertundneunundvierzig nach Amerika
gejagt, _sie frchteten_ sich gewaltig vor ihm -- noch guckt das kleine
Lischen, auf einem Stuhl stehend, mir ber die Schulter. Aber allein bin
ich doch nicht beim Wiederlesen; trotz dem Regen hat sich der Zeichner
Strobel herausgewagt und ist, da das Glck dem Khnen lchelt,
wohlbehalten, wenn auch etwas durchnt, bei mir angekommen.

Es ist ein prchtiges Ehepaar geworden, sagte er lchelnd, indem er
mir die Nadel einfdelte, mit welcher ich das Dokument der Chronik
anheften wollte. Seit der Doktor den bsen politischen Husten, der ihn
sonst plagte, losgeworden ist, hat er einen Umfang gewonnen, dem nur das
Embonpoint der kleinen fidelen Frau Doktorin Nannerl nahe kommt. Und
diese kleinen fetten Wimmerleins: Hansl, Fritzl und Eliserl, das
jngste Wurm, wie der Doktor sagt! -- Und diese Nachkommenschaft des
edeln Rezensent! -- Fr jedes Wimmerlein ein Pudel, einer immer
schwrzer und schnurrbrtiger als der andere. Wie heien sie doch?
Richtig: Stulpnas (gewhnlich Stulp abgekrzt), Tinte und Quirl. Es ist
ein Schauspiel fr Gtter, die Familie spazieren gehen zu sehen. Voran
schreitet der Doktor mit dem alten Grovater Pmpel, dann folgen Tinte
und Quirl, die den Korbwagen ziehen, in welchem das Kroop Elise liegt.
Neben ihnen trabt Stulp mit des Doktors Hut und Stock, und zuletzt kommt
die Nannerl, an der Rechten den Hans, an der Linken den Fritz. Von Zeit
zu Zeit treibt sie mit dem Sonnenschirm das Paar der Zugtiere an oder
ruft dem Doktor zu:

Wimmer, Du wirst gleich Dein Taschentuch verlieren!

oder:

Wimmer, renne nicht so mit dem Vater. Wir kommen halt nicht mit!

oder:

Wimmer, Stulp hat nur noch Deinen Stock!

Dann dreht sich der Doktor gravittisch um, wirft einen Feldherrnblick
ber den langsam daher ziehenden Heereszug, pustet und fchelt, knpft
die Weste auf, bindet das Halstuch ab, oder zieht wohl gar den Rock aus
und sagt:

Schatz, das Spazierengehen mssen wir aufstecken. Beim Zeus! es wird zu
angreifend fr unsereinen! -- Stulp, Schlingel, hol' meinen Hut -- dort
^allons^!

Whrend nun der Zug so lange hlt, bis Stulp mit dem Verlorenen
zurckkommt, sagt der Alte wohl:

Heinerich, pa auf, das neue Komplimentierbuch geht nicht!

Weshalb nicht, Papa?

Wir sind hier zu Lande nicht recht daran gewhnt! lautete die Antwort.

Das wei ich schon aus den Nibelungen und dem Parcival, sagt der
Doktor, eine gewaltige Rauchwolke auspuffend. Es soll aber schon
>gehen<, Onkel und Schwiegerpapa Pmpel! Das Ungewohnte und
Ungewhnliche macht am meisten Glck. Fritzl, la den Frosch in Ruhe,
setz' ihn wieder ins Gras, sonst kriegst Du ihn gebraten zum Abendessen,
was keinem jungen Bayern angenehm sein kann! -- Vorwrts! ^Yankee doodle
doodle dandy^! Damit setzt sich das Haus Pmpel & Komp. wieder in
Marsch.

Ich lachte herzlich ber diese Schilderung. Es wachse, blhe und grne
das Haus Pmpel & Kompagnie wie -- wie -- --

Hopfen! -- Vivat hoch! schrie der Zeichner, nahm den Hut und trabte
wieder davon. Wo er gesessen hatte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser:
einen Schirm brauchte ich ihm also nicht anzubieten.




                                                        Abends 11 Uhr.


Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die Geschichte der armen
Tnzerin ber mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiteten,
nicht erzhlen aus Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu
schaffen, aber die unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Bltter des
Buches _Welt und Leben_, eins nach dem andern umwendet, mit ihren
zertretenen Generationen, gemordeten Vlkern und gestorbenen Individuen,
will es anders, als der kleine nachzeichnende Mensch. Dunkel wird doch
dieses Blatt, dunkel -- wie der Tod!

Herr Wachholder, sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an
meine Tr klopfte. Herr Wachholder, das Kind der Tnzerin stirbt in
dieser Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat's gesagt. Ist's
nicht schrecklich, da die Mutter in diesem Augenblicke tanzen mu? Sie
haben ihr nicht erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben
diesen Abend: es wre heute der Geburtstag der Knigin, sie _msse_
tanzen!

Arme, arme Mutter! Ein hbscher, leichtsinniger Schmetterling,
gaukeltest du, bis die Verfhrung kam und siegte. Verlassen, verspottet,
suchtest du dein Glck nur in den Augen, in dem Lcheln deines Kindes
und jetzt nimmt dir der Tod auch das!

Arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und dem Tod im Herzen zu
tanzen! Du hrst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hrst
nicht die rauschende Musik: das chzen des winzigen sterbenden Wesens in
der fernen Dachstube bertnt alles. -- Ich steige die enge, dunkle
Treppe hinauf, die zu der Wohnung der Tnzerin fhrt. Frau Anna und der
gute, alte Doktor Ehrhard sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes.
Eine verdeckte Lampe wirft ein trbes Licht ber das kleine Zimmerchen!
hier und da liegt auf den Sthlen phantastischer Putz; eine schwarze
Halbmaske unter den Arzneiglsern auf dem Tische. Der Doktor legt das
Ohr dem Knaben auf die Brust und lauscht den schweren, ngstlichen
Atemzgen; ich stehe am Fenster und horche in die Nacht hinaus. Der
Regen schlgt noch immer gegen die Scheiben; aus einem Tanzlokal der
niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Tne einer
Geige bis hier herauf. -- Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt
leise und ernst:

Sie mu sich beeilen!

Das Kind sthnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drckt
schwer und schwerer auf das kleine, unwissende Herz, dem sich gleich ein
Geheimnis enthllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos
steht.

Auf der Sophienkirche schlgt es dumpf Zehn. Der Wind macht sich
pltzlich auf und rttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die
Februarnacht wird immer unheimlicher und dsterer.

Unter Blumenkrnzen sich verneigend, steht jetzt im Theater die groe,
berhmte Knstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der Knig,
die Knigin, das Publikum haben sich erhoben; -- der schwere,
goldbesternte Vorhang rollt langsam nieder. Die bleiche Knigin ist mde
in ihren Wagen gestiegen; die groe Knstlerin nimmt die Glckwnsche
und Schmeicheleien der sie Umgebenden in Empfang; leer wird das eben
noch so menschengefllte Opernhaus und -- die arme Choristin ist halb
bewutlos an einer Kulisse zu Boden gesunken, um, wie aus wildem Traume
zu noch wilderer Wirklichkeit erwachend, mit dem herzzerreienden
Schrei: mein Kind! mein Kind! fortzustrzen. -- Wir in dem kleinen
Dachstbchen haben das nicht gesehen, nicht gehrt, aber jeder krzer
werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte uns, was dort in dem
lichterglnzenden, musikerfllten Gebude am anderen Ende der groen
Stadt geschehe.

Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hlt drunten.

Die Mutter, sagt der Doktor aufstehend. Es war Zeit!

Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln
Mantel gehllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tr. Sie lt den
regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostm der
Teufelinnen, wie wir es in Satanella sahen, strzt sie auf das Bettchen
zu.

Mein Kind! Mein Kind! flstert sie, in grlicher Angst den Doktor
ansehend. Sie beugt sich, sie hrt den leisen Atem des Kindes: Es lebt
noch! -- Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten
und feuerroten Bndern sinkt auf das rmliche Kissen.

Mama! liebe Mama! sthnt das sterbende Kind, mit dem kleinen
fieberheien Hndchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, da
die Steine darin blitzen und funkeln. -- -- Jetzt luft ein Schauer ber
den kleinen Krper -- -- --

Vorber! -- sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drckend.

Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen bewutlosen
Mutter.




                                                           Am 7. Mrz.


Gestern Nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang
ber der groen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im
Norden wie ein Vorhang und wlzten sich langsam und schwerfllig dem
Sden zu. Ein Sonnenstrahl glitt pfeilschnell ber die Fenster und Wnde
mir gegenber, um ebenso schnell zu schwinden; ein anderer von etwas
lngerer Dauer folgte ihm, und jetzt liegt der prchtigste
Frhlingssonnenschein auf den Dchern und in den Straen der Stadt.
Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten
Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner besseren Hlfte, die nun ihre
Pflicht getan zu haben meint, erschpft auf einen Stuhl zum
Kaffeetrinken niedersinkt und lispelt: Puh! hab' ich mich abgeqult,
aber Gottlob, nun ist's auch mal wieder rein!

Ja, rein ist's! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu
grau und unansehnlich geworden war; viel mimutige, verdrossene
Gesichter haben sich aufgehellt, und -- die kleine Leiche von oben ist
fort. Die alte Gromutter Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die
arme Mutter auf die Stirn gekt, als man den Sarg hinabtrug, und hat,
gleichsam als wundere sie sich ber etwas, lange das Haupt geschttelt.
Wer wei, wie viele jngere Leben sie noch dahin schwinden sieht.

Ich habe diese Bltter, glaub' ich, einmal ein Traumbuch genannt; --
wahrlich, sie sind es auch.

Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und
traurig vorber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablsen,
ganz bedeckt von Leben und Jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche
finstere Folie auf. Die Freude verstummt, der Jubel verhallt, es ist
tote Nacht allenthalben, die nur dann und wann ein Klagelaut
unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so dunkel, ein Stern funkelt
stets hinein: Elise! -- Ich brauche nur in meine alten Mappen und
Erinnerungsbcher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen, die
Nebel sinken, und es wird wieder frhlicher Tag in mir.

                               _Elise!_

Die Knospe, die hundert duftige Blumenbltter in ihrer grnen Hlle
einschlo, entfaltet sich wie ein ses, liebliches Geheimnis. Noch ein
warmer Ku der Sonne, und die Centifolie, den reinen Tautropfen der
Jugend und der Unschuld im Busen, ist die schnste der Erdenblten.

Ich glaube an keine Offenbarung, als an die, welche wir im Auge des
geliebten Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrglich;
in dem Auge der Liebe allein schauen wir Gott von Angesicht zu
Angesicht. Die Zunge ist schwach, und des Menschen Sprache
unvollkommen; die Schrift ist noch schwcher und unvollkommener, und ein
Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu
wollen, ist ein arm tricht Beginnen. Ich drcke die Augen zu, und --
_sie_ ist vor mir mit ihrem sen Lcheln, _sie_ schlgt sie auf, diese
groen, blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde. Elise, Elise,
nun bist du ein groes, schnes Mdchen geworden, und das Bild dort,
welches dein toter Vater von deiner toten Mutter malte, gleicht einem
Spiegel, wenn du so sinnend davor stehst und so straurig lchelnd zu
ihm emporblickst. Die wilden Spiele, die tollen Streiche in dem Hause
und auf der Gasse sind vorber (wenn auch noch nicht ganz, Schelm); wo
du sonst lachtest, Elise, lchelst du jetzt, wo du sonst weintest und
klagtest, senkst du jetzt die Augen und trumst: wo du sonst den
Schrzenzipfel in den Mund stecktest oder die rmchen auf dem Rcken
ineinander wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot ber deine Wangen, -- du
bist eine Jungfrau geworden in den Blttern der Chronik, Elise!

                   *       *       *       *       *

Oftmals lssest du, vor dem Nhtischchen deiner Mutter unter der
Efeulaube sitzend, die Arbeit lauschend in den Scho sinken, das
Kpfchen in das dichteste Bltterwerk verbergend. Eine helle, frische
Stimme klingt dann von drben herber, ein Studentenlied anstimmend. Wo
will Flmmchen hin, Elise? -- Einen Augenblick sitzt es auf ihrer
Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es ihr ein wichtiges, ein
gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es aus dem
Fenster. Wo ist es geblieben?

Die Stimme drben, die pltzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt
Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verndertes, braunes Gesicht,
von dunkeln Locken umwallt, erscheint in Nr. Zwlf am Fenster; es ist
der junge Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts
der Gasse, jetzt ein denkender Knstler und, wie man munkelt, oft
genug der Taugenichts des Ateliers beim Meister Frey in der
Rosenstrae.

Cousine, Cousine Elise! Onkel Wachholder! ruft er. Die Mama ist auer
sich! Flmmchen hat ein Leinlglas umgestoen, und -- Unordnung ber
Unordnung -- nicht nur eine sehr angenehme Verschnerung auf dem
Fuboden, sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner
Zeichnung angebracht. Es ist keine Mglichkeit, weiter zu arbeiten! Wie
wr's mit einem Spaziergang?

Ich denke lchelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug
hnliches von drben herber rief; die Chronik der Sperlingsgasse hat
ihre Wiederholungen, wie alles in der Welt. -- Elise setzt ihren
Strohhut auf, und wir gehen hinber. Auf der Treppe schon empfngt uns
Gustav, noch im leichten farbebeschmutzten Malrock, den Kanarienvogel
auf dem Finger.

Da ist der Verbrecher, lacht er. Sieh, Lischen, wie unschuldig er
aussieht, gerade wie Du, die doch auch um kein Haar breit besser ist als
er.

Was? -- Was hab' ich denn verbrochen? fragt Elise.

Hre nicht auf den bsen Menschen, sagt die Tante Helene, die jetzt in
der Tr erscheint.

So; -- das ist ja prchtig, Mama! hre nicht auf den bsen Menschen!
Das ist himmlisch! Onkel Wachholder, das Frauenzimmervolk hngt wie Pech
zusammen; ich rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die
Sache ist zu wichtig, als da man sie auf der Treppe abmachen knnte.

Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz und Gustav beginnt:

Hren Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe
unter dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorstze und
Gesinnungen bewegten meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich fr
den immensen Flei, den ich heute beweisen wollte, verschiedene
Bummeleien zugute. Ich wollte, ich htte das Selbstgesprch, welches ich
hielt, stenographieren knnen, es wrde mir jetzt von groem Nutzen
sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine guten Vorstze sonst
dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal glcklich vorbei
gesegelt. Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster anbrllte, hatte
ich mich taub gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir
zuwinkte, hatte ich mich blind gestellt; gefhllos zu sein, hatte ich
geheuchelt, als Richard Breimller mich in die Seite stie und mir den
Arm fast ausrenkte, um mich mit zu einem groartigen Frhstck zu
ziehen, welches die unmoralischen Menschen, die Freiwilligen von den
Zweiunddreiigern, gaben. Ich entwickelte eine riesige Moral! Da biege
ich im vollen Gefhl meiner Sittlichkeit um die Ecke, die auf den
Gemsemarkt fhrt und -- renne gegen einen Korb oder vielmehr eine
Korbtrgerin, welche mir entgegen kommt und mir ohne weiteres mit ihrem
Sonnenschirm den Weg versperrt ...

Oh, dieser Lgner! fllt hier Elise ein. Wer hat Dir den Weg
versperrt? Hast Du mich nicht angehalten? Hast Du mir nicht einen Korb
weggenommen! Du ...

... Die mir also den Weg versperrt und ...

Verleumder! -- Hast Du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die
grte Mohrrbe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit dem Messer ...

... Die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: Sieh, das ist
prchtig, Gustav; jetzt sollst Du wider Deinen Willen einmal zu etwas
ntzlich sein; hier, nimm meinen Korb! -- Kannst Du das leugnen, Lise?

Onkel, er lgt entsetzlich, sagt Elise, er verdreht die ganze
Geschichte. Ich htte _ihn_ doch nicht den Korb tragen lassen?! Er war
es, der ihn nicht wieder herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem
Bi, den er an seine Mohrrbe tat, an einem Rosenstrau roch, welchen er
ebenfalls herausgewhlt hatte, so sagte ich: Ich habe keine Zeit mehr
und ...

Onkel Wachholder, unterbricht jetzt Gustav, ich verband das Schne
mit dem Ntzlichen! Mama, sind rohe Mohrrben nicht etwa gut gegen --
gegen alles Mgliche?

... Ich habe keine Zeit mehr, und wenn Du den Korb einmal nicht wieder
herausgeben willst, so behalte ihn und schleppe ihn, meinetwegen!

Siehst Du! Seht Ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein.
Denken Sie, Onkel Wachholder, auf einmal dreht sie sich um, rennt davon
wie eine Gazelle und lt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen
mit Rosen von Schiras und Gemse aus dem Tal von Schm. Elise, Lischen,
Cousine Ralff! rufe ich aus vollem Halse; Lise, mit dem Korb kann ich
doch nicht ins Atelier gehen! Himmlische Cousine Lischen, befreie mich
von diesem Stilleben! -- Wer aber nicht hrt, ist Elise. Was war zu tun?
Ich setze mich in Trab; mit Korb und Mappe, mit Rben und Rosen hinter
ihr her. Solch eine Jagd! -- Von Zeit zu Zeit sehe ich ihren Strohhut
oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-, Herings-, Butter- und
Ksehandel -- ich glaube sie zu haben, -- Tuschung, da ist sie wieder
hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und
verkaufenden Publikum sehr lcherlich zu werden mit meiner Mohrrbe, die
ich noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen
Eierkorb! Riesiger Skandal! -- Die Polizei erscheint! >Verkoofen Se Ihr
Grnkraut sachte,< sagt grinsend Polizeimann Nr. 69, >immer langtemang!<
-- Ich bezahle fr den Eierkorb mit blutendem Herzen und gelben
Stiefeln; von Elise keine Spur! -- Neue Jagd, -- ich glitsche ber einen
Kohlstrunk aus, -- baff, da liege ich mit Korb und Mappe; Kohlrben,
Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens Marktrechnungen im
malerischen Durcheinander um mich her. >O Jotte, det arme Kind,< sagt
eine dicke Gemsefrau, >ebent in die Eier und nu in den D...! Soll ich
Se ufhelfen, Mnneken?< -- >Immer langtemang,< grinst wieder Polizeimann
Nr. 69, der mir wie mein bses Prinzip gefolgt ist. -- Ich suche meine
Schtze, die ich zu allen Teufeln wnsche, gleich im Liegen auf und
erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen Verfassung. Auer Atem und
hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke auf den Eckstein an
derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle den Korb
zwischen die Beine und starre mit uerst bitterem Gefhl hinein. Soll
ich das Ungetm wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? Vorber
an der Kaserne der Zweiunddreiiger und an Schnollys Konditorei? --
Einen Spitznamen htte ich und meine ganze Nachkommenschaft weg -- drei
Ellen lang! Mein innerster Mensch strubt sich zu mchtig dagegen. Eine
Droschke konnte ich nicht nehmen, denn meinen Geldvorrat hatte das
Eierunglck aufgefressen, es blieb mir nichts anderes brig, als eine
neue Mohrrbe abzukratzen, meine Verzweiflung an ihr zu verbeien. Das
kommt davon, wenn man mit soliden Vorstzen von Hause weggeht! Wie
gemtlich htte ich in dem Augenblick, statt auf diesem fatalen
Eckstein, bei dem Frhstck der Freiwilligen sitzen knnen! Ich wei
nicht, wie lange ich so brtend dagekauert habe, als ich pltzlich, um
zum Himmel zu schauen, meinen Blick aufschlage, aber ihn halbwegs
erstarrt ruhen lasse! -- -- _Da sa sie_! -- Kichernd lehnt sie an dem
Eckstein der anderen Straenecke, mir gegenber, eine groe, grne,
angebissene Birne in der Hand! >Guten Morgen, Vetter!< lacht sie, ohne
sich vom Fleck zu rhren. >Knntest Du mir jetzt vielleicht meinen Korb
geben? Ich mu wirklich nach Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu
essen!< -- Ich fahre mit der Hand ber die Stirn, ich mu wirklich erst
meine Sinne zusammensuchen: ich stoe einen tiefen Seufzer aus, -- da
erhebt sie sich, als schicke sie sich an, wieder fortzurennen. In
Todesangst springe ich auf, bin mit einem Satz mit dem verdammten Korb
an ihrer Seite, hnge ihn ihr an den Arm und sinke nun auf den Eckstein
neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. -- >Hab' ich Dich
aber gesucht, Gustav!< hohnlchelt die Boshafte. >Gott, wie siehst Du
aus? Wo hast Du denn gesteckt?< -- >[Griechisch: Daimoni]!< murmele ich
dumpf, whrend es noch dumpfer auf der unierten Kirche Elf schlgt, und
die Atelierszeit ihrem Ende naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise
immer kichernd voran, ich hinkend hinter ihr her, meine Rocksche
vorsichtig zusammenhaltend. Eine derangierte Toilette, ein leerer
Geldbeutel, mde Beine, ein grlicher Nachgeschmack von den fatalen
Mohrrben, und das bodenlose Gefhl, mich unendlich lcherlich gemacht
zu haben, das waren die Ergebnisse dieses Morgens! Und nun richten Sie,
Onkel Johannes!

Onkel, la das Richten nur sein, sagt Elise. Er hat sich schon selbst
gerichtet. Hat er nicht?

Ich glaube auch, sagt die Tante Berg.

Ich desgleichen, gebe ich mein Verdikt ab.

Das dachte ich wohl, brummt der denkende Knstler. Wann htte je die
Unschuld gesiegt?! Abgemacht. Wie wird's nun mit unserem Spaziergang?

Ja, wo wollen wir hin? ruft Elise, und Gustav meint:

Ein Vorschlag zur Gte: wir gehen nach dem Wasserhof; da ist ^bal
champtre^! Was meinst Du, Lischen?

_Kann_ man da hingehen? fragt die Tante Berg bedenklich.

Warum nicht? Sind _wir_ doch dabei! sagt der denkende Knstler,
gravittisch den Halskragen in die Hhe zupfend brigens ist heute auch
das Atelier mit seinen Schwestern da; ebenso der Professor Frey mit
seinen sechs Nichten, und ...

Nach dem Wasserhof! rufe ich elektrisiert. Tante Berg, man _kann_
dahin gehen!

Und wir gehen hin. --

Wer kennt nicht den Wasserhof? Hat ihn nicht Goethe im >Faust<
unsterblich gemacht? Der Weg dahin ist gar nicht schn. Welcher Weg um
diese Stadt ist schn? Es lebe der Wasserhof! Da gibt es Schatten und
khle Lauben am Tage; Musik, bunte Lampen und fliegende Johanniswrmer
am Abend; da gibt es Kellner mit einst weien Servietten, die in der
rechten Hosentasche stecken; da gibt es vor allem einen -- prchtigen
Tanzplatz im Grnen!

Lischen, heute Morgen hast Du mir einen Korb gegeben; ich will Dir das
verzeihen, wenn Du mir jetzt keinen anhngen willst: Mein Frulein, darf
ich um den ersten Walzer bitten?

La uns erst ankommen, Vetter! sagt Lischen, die auf dem ganzen Wege
stets die Vorderste wre, wenn nicht Gustav gleichen Schritt mit ihr
hielte. -- --

Da sind wir! Heda, da sitzt schon der alte Meister Frey mit der langen
Pfeife hinter einer Flasche Wein, behaglich dem lustigen Treiben
zuschauend, und lchelnd das schwarze Kppchen auf den langen, weien
Haaren hin und her schiebend. Schon aus der Ferne winkt er uns, als wir
uns durch die Menge drngen, und ruft uns sein Willkommen entgegen.
Hurra, da ist das Atelier mit seinen Schwestern, wie Gustav sagt, und
die sechs Nichten des Professors. Eine lustige Gruppe: lange Haare,
schwarze Sammetrcke, Kalabreser mit gewaltigen Troddeln; dann wieder
weie Kleider, bunte Bnder, Strohhte; und Gustav und Elise natrlich
sogleich mitten dazwischen. Beim heiligen Vocabulus, ist das nicht der
lange Oberlehrer Besenmeier, der da, ^aptus adliciendis feminarum
animis^, der dicken Frau Rektorin Dippelmann einen Stuhl erobert?
Wahrlich, er ist's, und da ist der Rektor selbst, der Ruten und Beile so
vollstndig abgelegt hat, da ihn in diesem Augenblick jeder Sekundaner,
ohne bse Folgen, um -- Feuer fr seine Zigarre bitten knnte. Wen haben
wir hier? Darf ich meinen Augen trauen! der knigliche Professor der
Gottesgelahrtheit, Hof- und Domprediger Dr. Niepeguck!? -- Wirklich, er
ist's; mit Frau und Kindern steuert er durch die Menge. Weg die
Dogmatik! lautet das Studentenlied: warum sollte der alte Hallenser das
an einem solchen prchtigen Abend nicht auch noch einmal in -- das
Doppelkinn summen drfen? Wie die Universitt vertreten ist!
Professoren! Privatdozenten und Studenten von allen Fakultten und
Verbindungen! Dacht' ich mir's doch, da sind die unmoralischen
Menschen, die Freiwilligen! Natrlich durften sie nicht fehlen! --

Guten Abend, Ccilie, Anna! Guten Abend, Elise, Johanne, Klrchen,
Josephine! Das ist ja prchtig, da Ihr auch da seid! schwirrt und
summt das durcheinander!

Gott, wo bleibt mein Tnzer! der abscheuliche Mensch wird mich doch
nicht >_sitzen_< lassen?!

Auf keinen Fall, mein Frulein! sagt der Auskultator Krippenstapel,
sein ambrosisches Haupt ber die Schulter der erschrockenen Sprecherin
streckend und etwas von nur Personalarrest murmelnd.

Lischen, keinen Korb -- bitte! ruft Gustav, ein Paar wundersame
Handschuhe anziehend und eine Rosenknospe ins Knopfloch steckend.

Nun, Vetter, -- wenn's denn nicht anders sein kann -- so komm' schnell,
die Musik fngt schon an.

Hre, Peter van Laar, sagte Gustav, schon im Rennen, zu einem
wohlbeleibten Kunstjnger, wenn Du mich wieder auf den Fu trittst, wie
neulich, stecke ich Dich morgen mit der Nase in Dein Terpentinfa! Komm,
Lischen! --

Prr -- davon sind sie: Mutwill'ge Sommervgel.

Ich habe unterdessen mit der Tante Helene Platz am Tisch des Meister
Frey genommen, der eben unter schallendem Gelchter eine Schnurre aus
seinem italischen Wanderleben beendet. Der Domprediger redet ber die
Wirkungen des Weibieres auf seine Konstitution, whrend Petrus und
Paulus, seine Sprlinge, sich unter dem Tisch wlzen und balgen und die
Frau Domprediger sich darber aufhlt, da die Kellner sich mit der Hand
schneuzen.

Es ist immer noch besser als in die Serviette! sagt der Rektor
Dippelmann, eine Prise nehmend und in der Zerstreuung die Dose der Tante
Helene anbietend. An ein und demselben Punkte werden nun zwei Gesprche
angeknpft: die Weiber plumpsen in die groe Wsche, und der Domprediger
mit dem Rektor Dippelmann in die -- Theologie.

Kommen Sie, Wachholder, sagt der Professor Frey, wir wollen lieber
den Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wsserig und schwl zugleich.

Da ich wirklich etwas hnliches in mir spre, nehme ich den Vorschlag
mit Freuden an, und wir wandeln durch die Gnge mit den bunten Lampen
und Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben.

Welche prchtigen Reflexe! ruft der alte Maler ganz enthusiasmiert.
Sehen Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz
seiner sporadischen Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen _echten_
Knstler mache. Nun ^fanello^, wendet er sich an den Herbeieilenden,
ich hoffe, Ihr werdet meine Mdchen nicht >drren< lassen -- wie sie
sagen!

Der denkende Knstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise:

Wir tun unser mglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter
Laar! Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit Frulein Julie dahin?
Hier knnen Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, da er keine
Fortschritte mache. Sehen Sie nur, wie er weiter kommt. Sehen Sie, wie
-- buff! Dacht' ich's doch! Da bohrt er den Auskultator Krippenstapel
mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter! das gibt Skandal! Da mu ich
retten!

Herr! schreit der knigliche Auskultator wtend aufspringend und seine
Tnzerin trostlos-lcherlich auf ihrem ^sant^ sitzen lassend. Herr,
knnen Sie nicht sehen, haben Sie keine Augen im Kopfe, Sie ...

Halt, Krippenstapel! fllt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des
Juristen aufhebend. Sie sollen frchterlich gercht werden, ich gebe
Ihnen mein Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetm! ein
schreckliches Los harrt morgen Deiner! -- Mein Frulein, Sie haben sich
doch nicht weh getan? Wollen Sie eine kalte Messerklinge auflegen, das
soll gut sein gegen Beulen? -- Frulein Julie, geben Sie doch geflligst
dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite einen tchtigen Nasenstber als
Vorgeschmack! -- Krippenstapel, sei'n Sie ein guter Kerl und fangen Sie
keinen Lrm an; kommen Sie, lassen Sie sich von Ihrer Dame eine
Stecknadel geben, ehe Sie weiter schweben. Vergessen Sie's nicht, es ist
wichtig; ich als sthetiker mu das wissen!

Ein allgemeines Gelchter lst die Sache in Wohlgefallen auf.
Krippenstapel schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebsch;
seine Dame verkndet hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge
anwenden zu wollen; Peter Holzmann stolpert mit Frulein Julie zu einem
Sitz, und alle brigen Paare ordnen sich zu einem neuen Tanz.

Schon whrend des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert,
nirgends Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles
Lachen zu hren; als nun ein neuer Tanz beginnt, und sie auch jetzt
nicht erscheint, wird mir die Sache bedenklich.

Gustav, heda hier! Wo hast Du denn meine Lise gelassen?

Ich? -- Onkel, fragen Sie lieber: wo hat Dich die Lise gelassen. Sie
behauptet bse zu sein und ist mit Frulein Henriette Frey weggelaufen,
nachdem sie mich einen -- einen -- >Teekessel< genannt hat.

So? -- was habt Ihr denn wieder vorgehabt?

Ich kann mich auf weiteres nicht einlassen! sagt der denkende
Knstler, zieht ein wehmtig-seinsollendes Gesicht und verschwindet
unter der Menge.

Wenn die Sachen so stehen, lacht der alte Frey, so werden die Mdchen
jetzt wohl bei der Wsche und Theologie sitzen. Kommen Sie, wir mssen
uns doch erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache
nicht prchtig?) da fr Unheil und Unfrieden angestiftet hat?

Ich kann's mir schon vorstellen, brumme ich in den Bart, und so
schlagen wir uns seitwrts ins Gebsch und gelangen zu unserm Tisch
zurck.

Richtig, da sitzen die Turteltubchen! ruft der Professor. Wie
andchtig sie dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhren scheinen und doch ganz
wo anders sind! Kurre, kurre, kurre, Frulein Elise, mein Tubchen, was
hat Ihnen denn ein gewisser -- hm -- gewisser >Teekessel< getan?

Wer? fragt Lischen, die sich dicht an die Tante gedrngt hat und von
ihr mit einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, whrend Henriette an ihrer
andern Seite emsig sich mit ihrer Teetasse beschftigt.

Wer? fragst Du! nehme ich das Wort. Nun wir begegneten eben jemand,
der ziemlich nahe am -- >berkochen< war.

Ach, Du meinst den Vetter! -- Pah -- _Der_!

Nun, was hat's gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon
ihr Herz ausgeschttet?

Nein! sagt die Tante. Haben sie sich wieder gezankt?

Es scheint so! Frulein Henriette, Sie wissen gewi etwas Nheres
davon?

Soll ich's sagen, Lischen? fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am
Ohr zupfend.

Meinetwegen! sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenha und Reue
einen Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und
mit aller Gewalt sich in ihren Locken fangen will.

Er hat -- Herr Gustav hat gesagt: -- wenn er ihr nicht die Tnzer
schicke und Propaganda (ich glaube so heit's) fr sie mache, so wrde
sie -- ihr Lebtag auer ihm keinen kriegen. Sie msse daher hbsch
dankbar und zuvorkommend gegen ihn sein und -- --

Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen.

Abscheulich! ruft die Tante Berg. ^Finis mundi!^ lacht der Rektor
Dippelmann. Schndlich! chzt die Frau Rektorin; Grlich! die Frau
Dompredigerin. Beim Himmel, das ist stark! meint ihr Gemahl. Das
htte ich nicht gedacht! brumm' ich. _Das_ soll er ben, ruft der
Professor Frey, und ...

Er bt es schon! sagt eine Stimme, und der beltter guckt durch das
Gebsch hinter Elisens Platze. Teilweise hat er es sogar schon gebt!

Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt
sich ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der
andern Seite rckt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie
legend, hlt er folgende Rede: Lischen, englische Cousine Ralff, ich
beschwre Dich, hre mich! -- Glaubst Du etwa, ich habe, nachdem Du
jenem Schauplatz eitler Freuden den Rcken gewandt, weiter gewalzt? Du
irrst! Du irrst! Gute Werke habe ich getan, meine Schuld zu shnen: den
edlen Holzmann, -- Holzmann, komm mal her und gib mir die Schachtel mit
den feurigen Trnen! -- den edlen Holzmann habe ich aus den Klauen des
racheschnaubenden Krippenstapels gerettet; Frulein Thekla Stichel habe
ich aus der amsantesten aller Lagen, oder vielmehr Sitzungen,
emporgezogen; als mitten im Kontertanz dem Freiwilligen Breimller der
Steg ri und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte, habe ich
ihm eine Droschke herbeigepfiffen; kurz berall, wo Trnen zu trocknen
waren, war auch ich -- wie gesagt, nur um meine Schuld zu ben. Und
hier, Lischen (Holzmann, gib mir die Schachtel), nicht allein getrocknet
habe ich Trnen, auch gesammelt habe ich welche! -- Sieh, Lischen!

Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stt Elise trotz ihrem Groll
aus, als ihr der Bsewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Scho
schttet, und unzhlige, funkelnde, leuchtende Johanniswrmer um sie
herum kriechen und schwirren.

Die Lampen sind weit genug entfernt, da die Tierchen in ihrem ganzen
Glanz erscheinen knnen, und es ist wirklich ein hbscher Anblick --
diese besternte Elise!

Das sind meine Reuetrnen, und Du -- kriegst Tnzer leider zu viel --
ohne mich! -- und ich _bin_ ein Teekessel und ^et cetera^ -- Lischen?!
-- Lischen, gucke _mich_ mal an!

Taugenichts! sagt Elise, dem Snder in die Haare greifend, und -- der
Friede ist geschlossen! --

War denn der alte Meister Frey an diesem Abend ganz aus Rand und Band?
Auf einmal verkndete er, da er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es
war der letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen
Gelegenheiten das Improvisieren den wahren Genu und Jubel hervorbringe.
Das halbe Atelier machte er halb betrunken, die ganze weibliche Welt
ganz angeheitert. Ein Kranz wurde ihm aufgesetzt trotz allem Struben,
-- ein Kranz, der nur so sein mute. Der Domprediger hielt eine Rede,
die verehrter Greis anfing und hnlich endete, und Reden wurden
losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwlf Uhr. Dann erhob sich das
alte bekrnzte Geburtstagskind, beklagte sich ber Nachtkhle und
Nachtfeuchte, und -- das Fest war vorbei.

                   *       *       *       *       *

Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?

Tot ist der alte Meister Frey, zerstreut in alle Welt sind seine
Schler. Peter Holzmann, genannt Peter van Laar, oder auch Bamboccio,
ist 1849 in einer rmischen Villa von franzsischen Plnderern
erstochen, als er eine Raphaelsche Madonna vor ihrer Zerstrungswut
schtzen wollte. Der Domprediger ist noch immer nicht zum Mormonentum
bergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier hat Frulein Julie Frey
geheiratet und steht, -- mit dem Grtel, mit dem Schleier reit der
schne Wahn entzwei, -- frchterlich unter dem Pantoffel. Die Frau
Rektor Dippelmann knpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl die
Halsbinde um, steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung
gewickelt, in die Rocktasche und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster,
wie er ber die Friedensbrcke nach dem Schimmelstdtischen Gymnasium
wandelt.

Und _Gustav_ und _Elise_? -- -- -- Ich werde nachher dieses Blatt der
Chronik hinbertragen zu jener schnen ltlichen Frau in Nr. Zwlf der
Sperlingsgasse, deren Fortepianoklnge sich schon den ganzen Nachmittag
ber in meine Gedanken verwoben haben. Dann werden wir von _Gustav_ und
_Elise_ sprechen!




                                                          Am 14. Mrz.


Hren Sie, Wachholder, sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten
Bogen der Chronik aufs Knie schlagend, wenn Ihnen einmal Freund Hein
das Lebenslicht ausgeblasen hat; irgend jemand unter Ihrem Nachla diese
Bltter aufwhlt, und er sich die Mhe gibt, hineinzugucken, ehe er sie
zu gemeinntzigen Zwecken verwendet, so wird er in demselben Fall sein,
wie der alte Albrecht Drer, der ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich
beklagte: er knne nicht recht unterscheiden, was eigentlich die Hunde,
und was die Hasen sein sollten. Sie wrfeln wirklich Traum und Historie,
Vergangenheit und Gegenwart zu toll durcheinander. Teuerster, wer
darber nicht konfus wird, der ist es schon! Und wenn Sie noch Ihre
Bilder einfach hinstellten, wie ein alter, vernnftiger, gelangweilter
Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr Mitarbeitertum
der >Welken Bltter< zwischen die Beine, da putzen sie Ihre Erinnerungen
auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt; hngen hier ein Glckchen
an und da eins, und ehe man's sich versieht, haben Sie ein Ding
hingestellt wie -- wie ein Gebude aus den bunten Steinen eines
Kinderbaukastens. Das ist hbsch und bunt, aber -- es pat nichts recht
zusammen, und wenn man es genau besieht -- puh! -- Nehmen Sie's nicht
bel; aber manchmal gleicht Ihre Chronik doch dem Machwerk eines
angehenden literarischen Lichts, das sich mit Rousseau getrstet hat:
^Avec quelque talent qu'on puisse tre n, l'art d'crire ne s'apprend
pas tout d'un coup.^

Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehrt,
jetzt sagte ich, whrend ich erbost meine Pfeife ausklopfte: Sie haben
vor einiger Zeit versprochen, ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu
wollen, ich nehme Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik
sogleich beim Wort und -- lasse Sie mit Tinte, Feder und Papier allein,
da Sie ihren Beitrag derselben auf der Stelle anhngen. Der einst
Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit aufwhlen. Guten Abend!

Der Karikaturenmaler lachte, sagte ^fiat^ und begann eine Feder zu
schneiden, whrend ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefhl eines
Menschen, der eine belebte Strae hinabzieht unter der festen
berzeugung, da ihm hinten ein ungreifbares ellenlanges Band vom
Vorhemd ber den Rockkragen baumelt. Und recht hat er doch! brummte
ich, indem ich die Treppe hinabstieg. Wenn nur die Lise erst wieder da
wre! Komm zurck, Schlingel von Gustav, und bringe sie mit, da Euer
alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke ^de vanitate^ weiter schreiben
kann!

Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuhe an, als sich
oben mein Fenster ffnete, der Karikaturenzeichner den Kopf
heraussteckte und herunterrief:

Hren Sie, alter Herr, ich kann Sie so nicht weggehen lassen -- ich
habe Gewissensbisse und mu erst l in Ihre Wunden gieen! Hren Sie,
meine Tante teilt die Bcher in zwei Arten: gute, ber welche sie nach
Tisch einschlafen kann, und schlechte, bei denen das nicht geht. Ihre
Chronik wrde sie unter die ersteren rechnen, wenn sie, aufgewhlt, ihr
in die Hnde fallen sollte. Adieu!

Ich wandte dem unverschmten Gesellen lachend den Rcken und marschierte
ab.




                                                             Am Abend.


Ich bin zurckgekommen von meinem Spaziergang und sitze wieder allein
und einsam vor den zerstreuten Bogen meiner Chronik. Der
Karikaturenzeichner hat wirklich ein Blatt vollgekritzelt, alle meine
Federn verdorben, einen Tintenklex auf dem Fuboden gemacht, meinen
Siegellackvorrat zerbissen, zerdreht und zerbrochen und -- eine Ecke von
meinem Schreibtisch abgeschnitzelt. -- Er hat mir fast die Fortsetzung
der Aufzeichnung meiner Phantasien verleidet, und es war doch so s,
wenn der Blick an irgend einen Gegenstand meines Zimmers, dort an jenes
kleine leere Messingbauer, an jenen Sessel vor dem Nhtischchen, an ein
altes Blatt, eine vertrocknete Blume, eine bunte Zeichnung in meiner
Mappe sich fest hing, und allmhlich eine Erinnerung nach der andern
aufstieg und sich blhend und grnend darumschlang. Wir sind doch
trichte Menschen! Wie oft durchkreuzt die Furcht vor dem
Lcherlichwerden unsere innigsten, zartesten Gefhle! Man schmt sich
der Trne und -- spottet; man schmt sich des frhlichen Lachens und --
schneidet ein langweiliges Gesicht; die Tragdien des Lebens sucht man
hinter der komischen Maske zu spielen, die Komdien hinter der
tragischen; man ist ein Betrger und Selbstquler zugleich! -- Mit einem
Kinderbaukasten verglich Strobel diese bunten Bltter ohne Zusammenhang?
Gut, gut, -- mag es sein, -- ich werde weiter damit spielen, weiter
lustige, tolle Gebude damit bauen, da _die_ fern sind, welche mir die
farbigsten Steine dazu lieferten? Ich werde von der Vergangenheit im
Prsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen, ich werde Mrchen
erzhlen und daran glauben, Wahres zu einem Mrchen machen, und zuerst
die bekritzelten Bltter des Meisters Strobel der Chronik anheften! Hier
sind sie:

                            #Strobeliana#

3 Uhr. Ich habe mir eine Zigarre angezndet, den Bogen neben mich ins
Fenster gelegt und beginne meine Beobachtungen. Zuerst bringe ich zu
Papier natrlich das Wetter: das holdseligste Himmelblau, den
prchtigsten Sonnenschein. Htte ich nur einen Funken poetischen Feuers
in mir, so wrde ich mir beide durch ein junges, schnes Paar
personifizieren, welches da hoch oben im Himmelszelt auf seinem weien,
weichen Wolkendivan tndelt und kost und total vergessen hat, da noch
so viel hunderttausend deutsche Hausfrauen auf -- Mrzschnee warten zum
Seifekochen! Wahrhaftig, da ist ja eine Fliege! Welch ein Fund fr einen
Chronikschreiber! Summend stt sie gegen die sonnenbeschienenen
Scheiben, die wir schnell schlieen wollen, um das arme Tierchen zu
seinem Besten vor dem heuchlerischen Frhling da drauen zu bewahren.
Sie scheint auch jetzt ihre Torheit einzusehen, sie lt ab und umfliegt
mich. Halt, jetzt setzt sie sich auf meine Knie, nach mehreren
vergeblichen Angriffen auf meine Nasenspitze; sie nimmt den Kopf
zwischen beide Vorderbeine, kratzt sich hinter den Ohren und -- -- --
kleiner ...! -- Dahin geht sie, eine Spur hinterlassend auf meinem Knie
und -- in der Chronik der Sperlingsgasse. Ich wollte, es gbe ein
Sprichwort: Schmt Euch vor den Fliegen an der Wand. Um wie viel
menschliche Tollheiten und Torheiten schnurren diese winzigen
Flgelwesen. Wer wei, was der Punkt, den der kleine Tourist da eben
niedergelegt hat, eigentlich bedeutet? Wer wei, ob es nicht ein
deponiertes Tagebuch ist, voll der geistreichsten Bemerkungen; ein
Tagebuch, das man nur aufzurollen und zu entziffern brauchte, wie einen
gyptischen Papyrus um wunderbare, unerhrte Dinge zu erfahren. Welch
eine Revolution wrde es hervorbringen, wenn dem so wre; wenn man sich
vor den Fliegen an der Wand schmen mte! Wie wrden die
Fliegenklatschen in Gang kommen. Arme Fliegen! Kein redlicher Greis in
gestreifter kalmankener Jacke wrde euch mehr verschonen zur
Wintergesellschaft. Wie den Vogel Dudu wrde man euch ausrotten, und
hchstens -- einige in Uniform gesteckt, mit einer Kokarde auf jedem
Flgel, als Regierungsbeamte besolden. Es wre schrecklich, und ich
breche ab. --

3 Uhr. -- Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir
erweckt! An solchen Vorfrhlingstagen, wo der Geist die Last des Winters
noch nicht ganz abgeschttelt hat, ist's, wo die Sehnsucht nach der
Ferne uns am mchtigsten ergreift. Es ist ein sonderbares Ding um diese
Sehnsucht, die wir nie verlieren, so alt wir sein mgen. Da zupft etwas
an unserem tiefsten Innern: Komm heraus, komm heraus, was sitzest du so
still, du Tor, und hltst Maulaffen feil? Hier findest du nicht, worber
du grbelst, wonach du dich sehnst, ohne es zu kennen. Sieh, wie blau,
wie duftig die Ferne! Viel, viel weiter liegt's! Komm heraus, heraus!

Bah, diese blaue, duftige Ferne; wie oft hab' ich mich von ihr verlocken
lassen. Die Erde lt uns ja nicht los; wir sind ihre Kinder, und sie
ist nichts ohne uns, wir nichts ohne sie. -- Folge jetzt der lockenden
Stimme, deine Fe werden schon in dem weichen Boden versinken;
nrrische Sprnge wirst du mit den Erdklen an den Stiefeln machen!
Fhle, da zur Zeit, wo die Sehnsucht am strksten ist, auch die Fesseln
am strksten sind; kehre um, ziehe Pantoffeln an und nimm die gestrige
Zeitung vor die Nase: das Glck liegt nicht in der Ferne, nicht ber dem
wechselnden Mond! --

3 Uhr. -- Da hre ich eben unten in der Gasse eine merkwrdige
Redensart aus dem Munde eines Tagelhners, der einen andern, sehr
belgelaunt Aussehenden, mit den Worten auf die Schulter klopft: Man
mu nie verzweifeln; kommt's nicht gut, _so kommt's doch schlecht
heraus_! In demselben Augenblick ffnet sich nebenan ein Fenster. Eine
beschmierte rote Sammetmtze auf einem Wald schwarzer Haare beugt sich
hervor; es ist mein wrdiger Freund ^Monsieur Anastase Tourbillon^,
seines Zeichens ein franzsischer Sprachlehrer. Er scheint die Redensart
drunten auch gehrt und -- verstanden zu haben und ghnt: ^Ah, ouf,
quelle bte allemande! Eh vogue la galre, jusqu' la mort tout est
vie!^

Da habt ihr die beiden Nationen und ...... Wetter! -- da gebe ich nicht
acht und -- meine Fliege von vorhin entschlpft summend aus dem
wiedergeffneten Fenster! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund
Wachholder umschwirren, nie mehr auf dem Rande der Zuckerdose
umherspazieren oder gegen die Scheiben stoen! Sie hat, was sie wollte
-- unbegrenzte Freiheit, aber ach -- heute Abend -- keinen warmen Ofen
mehr, sich daran zu wrmen; in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse fliet
weder Milch noch Honig! -- Verflucht sei die Freiheit! Amen! --

3 Uhr. Die meisten Dichterwerke der neuesten Zeit gleichen dem Bild
jenes italischen Meisters, der seine Geliebte malte als Herodias, und
sich in dem Kopfe des Tufers auf der Schssel portrtierte. Da pinseln
uns die Herren ein Weibsbild, Tendenz genannt, hin, welches anzubeten
sie heucheln, und welches auf dem Prsentierteller, hochachtungsvoll und
ergebenst, uns das verzerrte Haupt des werten Schriftstellers selbst
berreicht. Die Ntzlichkeit solchen Treibens lt sich nicht
abstreiten, also -- nur immer zu! -- Wie komm' ich _darauf_. --

4 Uhr. -- Es ist merkwrdig; seit ich dieses Blatt bemale, ist dieselbe
Traumseligkeit ber mich gekommen, welche dieser Chronik ein so
zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben hat. Wachholder hat recht, es ist
ein eigentmlich behagliches Gefhl, seinen Gedankenspielen sich so ganz
und gar hinzugeben, ohne sich Geist-herausqulend im Kreise zu drehen,
wie ein hartleibiger Pudel.

Wo war ich eben, als das Kindergeschrei drunten auf der Strae mich
aufweckte? Ich will es versuchen, es der Chronik einzuverleiben, worin
zugleich fr meinen ehrenwerten Freund Wachholder die grte Genugtuung
fr meine vorigen Reden liegen wird.

Es war an einem Sonntagmorgen im Juli, als ich auf braunschweigschem
Grund und Boden am Uferrand der Weser lag und hinberblickte nach dem
jenseitigen Westfalen. Frh vor Sonnenaufgang war ich, ber Berg und Tal
streifend, mit dem ersten Strahl im Osten, in ein gleichgltiges Dorf
hinabgestiegen. Ich hatte Kaffee getrunken unter der Linde vor dem
Dorfkrug, hatte behaglich das Treiben des Sonntagsmorgens im Dorf
belauscht und andchtig der kleinen Glocke zugehrt, die in dem spitzen,
schiefergedeckten Kirchturm lutete. Manchem hbschen, drallen,
niederschsischen Mdchen, das sich ber den sonderbaren, pltzlich ins
Dorf geschneiten Fremdling wunderte, hatte ich lchelnd zugenickt; ich
hatte Bekanntschaft mit der gesamten Kinder-, Hhner-, Gnse- und
Entenwelt des Krugs gemacht, dem weien Spitz den Pelz gestreichelt
und manche Frage ber Woher und Wohin beantwortet. Mit meinem Wirt
(der zugleich Ortsvorsteher war) hatte ich das Bienenhaus besucht;
darauf die Gemeinde, den Kantor und Pastor in die Kirche gehen sehen,
und hatte mich zuletzt allein im Hofe unter der Linde gefunden, nur
umgeben von der quakenden, piepsenden, geflgelten Schar des Federviehs.
Aus diesem ^dolce far niente^ hatte mich pltzlich das Schreien eines
Kindes aufgeschreckt. Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich,
aufzustehen und in das niedere, vom Weinstock umsponnene Fenster zu
sehen. Eine alte Frau war eben beschftigt, einen widerspenstigen,
heulenden, strampelnden Bengel von vier Jahren mit Wasser, Seife und
einem wollenen Lappen tchtig zu waschen, welcher Prozedur drei bis vier
andere kleine Blaen angstvoll zusahen, wartend, bis die Reihe an sie
kommen wrde.

Nun, Mutter, sagte ich, mich auf die Fensterbank lehnend; und Ihr
seid nicht in der Kirche?

Die Alte sah auf und sagte lachend: Et geit nich immer; ek mott dsse
lttgen Panzen waschen und antrecken -- Herre -- Kinderschrieen is ok
een Gesangbauksversch!

Ich nahm den Hut ab und trat unwillkrlich einen Schritt zurck. Welch
eine wunderbar schne Predigt lag in den fnf Worten des alten Weibes!
Eine Schwalbe beschrieb eben ihren Bogen um mich, ihrem Neste unter dem
niedrigen Dachrande zu, und klammerte sich, ihre Beute im Schnabel, an
die Tr ihrer kleinen Wohnung, begrt von dem jubelnden Gezwitscher der
federlosen Brut. Ich konnte der alten Frau kein Wort mehr sagen.

Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch! murmelte ich leise, zu
meinem Tisch unter der Linde zurckgehend. Ich ri ein Blatt aus meiner
Brieftasche, schrieb darauf: Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch,
und zog es mit einem Strau Waldblumen unter das Hutband.

Trumend schritt ich dann durch die Tr des Dorfkirchhofs, vorber an
den bunten, geputzten Grbern, zu dem offenen Kirchtor (auf dem Lande
braucht der Protestantismus seine Kirchen whrend des Gottesdienstes
noch nicht zu schlieen) und lehnte andchtig an der Esche davor. Mit
groer Freude hrte ich, wie der junge Pastor eine Gellertsche Fabel in
das Gleichnis aus dem fernen Orient schlang; whrend die Schwalben in
dem heiligen Gebude hin und her schossen, und ein verirrter
Schmetterling seinen Weg durch die geffnete Kirchtr eben wieder
zurckfand.

Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch! rief ich, ber die niedere
Mauer in das freie Feld springend, und durch die gelben Kornwogen mit
ihrem Kranz von Flatterrosen am Rande, der Weser zuwandernd. Da hatte
ich mich ins Gras unter einen Weidenbusch geworfen und trumte in das
Murren des alten Stromes neben mir hinein; whrend drben im
katholischen Lande eine Prozession singend den Kapellenberg zu dem
Marienbild hinaufzog, und hinter mir die protestantischen Orgeltne
leise verklangen. Welch ein wundervoller, blauer, lchelnder Himmel ber
beiden Ufern, ber beiden Religionen, welch eine wogende Gefhlswelt im
Busen, anknpfend an die fnf Worte der alten Buerin! Ich war damals
jnger als jetzt und legte das Gesicht in die Hnde:

   Nenn's Glck! Herz! Liebe! Gott!
   Ich habe keinen Namen
   Dafr! Gefhl ist alles -- -- -- --

Ein nher kommender Gesang weckte mich pltzlich; ich blickte auf.
Brausend und schnaufend, die gelben Fluten gewaltig peitschend, kam der
Hermann die Weser herunter. Der Kapitn stand auf dem Rderkasten und
griff grend an den Hut, als das Schiff vorbeischo. Hunderte von
Auswanderern trug der Dampfer an mir vorber, hinunter den Strom, der
einst so viele Rmerleichen der Nordsee zugewlzt hatte. Ein Mnnerchor
sang: Was ist des Deutschen Vaterland, und die alten Eichen schienen
traurig die Wipfel zu schtteln; sie wuten keine Antwort darauf zu
geben, und das Schiff flog weiter. Die Weser trgt keine fremden Leichen
mehr zur Nordsee hinab; wohl aber murrend und grollend ihre eigenen
unglcklichen Shne und Tchter! -- Ich verlie meinen Ruheplatz und
ging durch den Buchenwald den nchsten Berg hinauf bis zu einer freien
Stelle, von wo aus der Blick weit hinausschweifen konnte ins schne Land
des Sachsengaus. Welch eine Scholle deutscher Erde! Dort jene blauen
Hhenzge -- der Teutoburger Wald! Dort jene schlanken Trme -- die
groe germanische Kultursttte, das Kloster Corvey! Dort jene Berggruppe
-- der Idth! ^cui Idistaviso nomen^ sagt Tacitus. Ich bevlkerte die
Gegend mit den Gestalten der Vorzeit. Ich sah die achtzehnte, neunzehnte
und zwanzigste Legion unter dem Prokonsul Varus gegen die Weser ziehen
und lauschte ihrem fern verhallenden Todesschrei. Ich sah den Germanicus
denselben Weg kommen und lauschte dem Schlachtlrm am Idistavisus; bis
der groe Arminius, der ^turbator Germaniae^ durch die Legionen und
den Urwald sein weies Ro spornte, das Gesicht unkenntlich durch das
eigene herabrieselnde Blut, geschlagen, todmde. Ich sah, wie er die
Cheruska von neuem aufrief zum neuen Kampf gegen die ^urbs^; wie das
Volk zu den Waffen griff: ^pugnam volunt, arma rapiunt; plebes,
primores, juventus, senes^!

Aber wo ist denn die Puppe? kam mir damit pltzlich in den Sinn. Ich
schleuderte den Tacitus ins Gras, stellte mich auf die Zehen, reckte den
Hals aus, so lang als mglich, und schaute hinber nach dem Teutoburger
Walde. Da eine vorliegende Bergdruffel (wie Joach. Heinr. Kampe sagt)
mir einen Teil der fernen blauen Hhen verbarg, gab ich mir sogar die
Mhe, in eine hohe Buche hinaufzusteigen, wo ich auch das Fernglas zu
Hilfe nahm. Vergeblich; -- nirgends eine Spur vom Hermannsbild! Alles,
was ich zu sehen bekam, war der groe Christoffel bei Kassel, und mit
einem leisen Fluch kletterte ich wieder herunter von meinem luftigen
Auslug. Hatte ich aber eben einen leisen Segenswunsch von mir gegeben,
so lie ich jetzt einen um so lauteren los. Ich sah schn aus! Das hat
man davon, brummte ich, whrend ich mir das Blut aus dem aufgeritzten
Daumen sog, das hat man davon, wenn man sich nach deutscher Gre
umguckt: einen Dorn stt man sich in den Finger, die Hosen zerreit
man, und zu sehen kriegt man nichts als -- den groen Christoffel.
rgerlich schob ich mein Fernglas zusammen, steckte den Tacitus zurck
in die Tasche und ging hinkend den Berg hinunter, wieder der Weser zu.
rgerlich warf ich mich, am Rande des Flusses angekommen, abermals ins
Gras. Was hatte sich alles zwischen die gefhlsselige Stimmung von
vorhin und den jetzigen Augenblick gedrngt! Der Himmel war noch ebenso
blau, die Berge noch ebenso grn, der Papierstreifen von vorhin steckte
noch neben den Waldblumen an meinem Hute, und doch -- wie verndert
blickte mich das alles an! Htte das Dampfschiff mit seinen Auswanderern
nicht spter kommen knnen, da es doch sonst immer lange genug auf sich
warten lt! Htte ich Narr nicht unterlassen knnen, nach dem
Hermannsbild auszuschauen? Wie ruhig knnte ich dann jetzt im Grase
meinen Mittagsschlaf halten, ohne mich ber den groen Christoffel, den
so viele brave Katten mit ihrem Blute bezahlt haben, zu rgern! -- Ich
versuchte mancherlei, um meinen Gleichmut wieder zu gewinnen; ich
kitzelte mich mit einem Grashalm am Nasenwinkel, ich portrtierte einen
dicken, gemtlichen Frosch, der sich unter einem Klettenbusch sonnte, --
es half alles nichts! -- Der Dmon Mimut lie mich nicht los, wtend
sprang ich auf, schrie: Hole der Henker die Wirtschaft! und marschierte
brummend auf Rhle zu -- -- -- -- -- -- Wetter, was ist das fr ein Lrm
in der Sperlingsgasse?! Heda, -- da ist ein Hundefuhrwerk in einen
Viktualienkeller hinabgepoltert, und ich -- ich, der Karikaturenzeichner
Ulrich Strobel, sitze hier und schmiere Unsinn zusammen! Hol' der Henker
auch die Chronik der Sperlingsgasse! -- Adieu, Wachholder!




                                                   Am 21. Mrz. Abend.


Es gibt ein Mrchen -- ich wei nicht, wer es erzhlt hat -- von einem,
der nach groem Unglck sich wnschte, die Erinnerung zu verlieren, und
dem in einer dunkeln Nacht sein Wunsch gewhrt ward. Er empfand von da
an keinen Schmerz, keine Freude mehr; er verlernte zu weinen und zu
lachen; es ward ihm einerlei, ob er Blumenknospen oder Menschenherzen
zertrat: alles das hbsche Spielzeug, welches das Leben seinen Kindern
mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum Grabe, zerbrach ihm in den
Hnden mit der Erinnerung. Das ist eine schreckliche Vorstellung! Ihr
Weisen und Prediger der Vlker, nicht der Gedanke an Glck oder Unheil
in der Zukunft ist's, der liebevoll, rein, heilig macht; nie ist dieser
Gedanke rein von Egoismus, und ber jede Blte, die das Menschenherz
treiben soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht: die wahre, lautere
Quelle jeder Tugend, jeder wahren Aufopferung, ist die traurig se
Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb
verklungenen Taten und Trumen. Wer knnte ein Kind beleidigen, der
daran denkt, da er einst selbst sich an die Mutterbrust geschmiegt, da
ein Mutterauge auf ihn herabgelchelt hat? Die Erinnerung ist das
Gewinde, welches die Wiege mit dem Grabe verknpft, und mag das dunkle
stachlichte Grn des Leidens, des Irrtums, noch so vorwaltend sein;
niemals wird's hier und da an einer hervorleuchtenden Blume fehlen, bei
welcher wir verweilen und flstern knnen: Wie lieblich und heilig ist
diese Sttte!

Ich habe meine kleine Lampe angezndet und trume wieder ber den
Blttern meiner Chronik. Das, was die ltliche, freundlich-schne Frau,
die mir heute den Strau junger Veilchenknospen herberbrachte, auf den
Wogen ihrer Melodien sich schaukeln lt, kann ich ja nur auf diese
Weise festhalten. -- Ich habe bis jetzt Bilder gezeichnet aus unserer
Kinder Kinderleben, heute will ich ein andres farbiges Blatt malen, wie
ein Zauberspiegel voll blhenden Lebens, voll sen Flsterns, voll
trumenden Sehnens und lchelnden Trumens, -- ein einziges Blatt aus
der vollen Pracht des Herzensfrhlings, ein einziges Blatt aus der Zeit
der jungen Liebe!

   O, da sie ewig grnen bliebe,
   Die schne Zeit der jungen Liebe!

sang der Dichter, und berall treffen wir den Spruch an auf
Kaffeetassen, in Stammbchern und auf Pfeifenkpfen. Das soll kein Spott
sein! Was das Volk erfat hat, will es auch vor sich sehen, es spielt
mit ihm, es spricht den gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum
gemacht hat, oft zwar mit einem Lcheln auf den Lippen aus, aber es
trgt ihn darum doch tief im Herzen. Das Volk steigt nicht zu dem Wahren
und Schnen hinauf, sondern zieht es zu sich herab; aber nicht, um es
unter die Fe zu treten, sondern um es zu herzen, zu liebkosen, um es
im ewig wechselnden Spiel zu drehen und sich ber seinen Glanz zu
wundern und zu freuen. ber der Wiege des ewigen Kindes Menschheit
schweben die guten Genien, die groen Weltdichter, schtten aus ihren
Fllhrnern die goldenen Weihnachtsfrchte herab und sind mit ihren
Wiegenliedern stets da, wenn hliche, schwarze Kobolde erschreckend
dazwischen gelugt haben.

Schn ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendmmerung,
wo der Himmel im Osten leise sich rtet, wo Knospen, Blumen und alles
Leben dem kommenden Tage in die Arme schlummern, und nur hin und wieder
eine Lerche, den Tau von den Flgeln schttelnd, jubelnd,
glckverkndend emporsteigt. Noch bedeckt der Nebelduft zauberhaft,
geheimnisvoll alle Abgrnde und den Stellen des Lebens; die jungen
Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge und bunte
nesterbauende Vglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen.

Ses Geliebtsein, seres Leben! hat ein anderer Dichter einmal
ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der
Hand, denke an die Grber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern
meiner Jugend: Maria! -- -- -- -- -- -- -- -- Wrde ich diese
Erinnerung mit all ihrem Schmerz fr der ganzen Welt Macht, Reichtum,
Weisheit lassen? -- -- -- -- Ich glaube nicht. --

Der Mond kommt wieder hervor ber die Dcher und vermischt sein weies
Licht mit dem kleinen Schein meiner Lampe; ber und durch den alten
immergrnen Efeu aus dem Ulfeldener Walde schiet er seine blanken
Strahlen, seltsame Schatten auf den Fuboden und an die Wnde werfend.
Mit sich bringt er das heutige Blatt der Chronik der Sperlingsgasse.

                   *       *       *       *       *

Dort auf dem Sthlchen im Fenster zeichnet sich die feine, liebliche
Gestalt Elisens dunkel in der Monddmmerung eines lange vergangenen
Abends ab; whrend auf einem anderen Stuhl niedriger neben ihr eine
andere Gestalt sitzt. Was haben die beiden so heimlich, so leise sich
zuzuraunen, was haben sie zu kichern? Ein Garnknuel, der von Lischens
Nhtisch fllt und, ber den Boden rollend, um Stuhl- und andere Beine
sich schlingt, ein verirrter Nachtschmetterling, eine vorbeischieende
Fledermaus, ein Ball, welcher von der Strae ins Zimmer fliegt und ber
dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert,
alles, alles wird in dieser Mondscheindmmerung zu einem Mrchen, zu
einem Traum. Ist nicht die Dmmerung die Zeit der Mrchen; ist nicht die
Zeit der jungen Liebe die Zeit des Traums? --

Liebe kleine Elise! flstert Gustav, in das mondbeglnzte zu ihm sich
herabbeugende Gesicht schauend.

Lieber groer Junge! lchelt Elise, indem sie dem vormaligen
Taugenichts der Gasse die Locken aus der Stirn streicht. Sie sagen
einander weiter nichts, aber diese abgebrochenen Worte enthalten alles,
was das Menschenherz in seinen heiligsten Augenblicken bewegt.

Ich liebe Dich so! flstert Gustav wieder, worauf Elise nichts
erwidert, sondern den Kopf in die Bltter ihres Efeus verbirgt. Der Mond
kann sich in diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden
Perlentrpfchen, das in einem blauen Auge hngt, spiegeln, und als das
Kpfchen sich wieder erhebt aus dem grnen Bltterwerk, ist an Gustav
die Reihe, Elise die Locken aus der Stirn zu streichen.

Sieh, wie der Mond da oben schwimmt, sagt Elise. Warum macht er uns
oft so tiefes Heimweh, als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu
Hause wren, Gustav? Sieh, da ist nur noch ein einziger kleiner Stern,
mutterseelenallein, wie ein goldener Funken. Sieh, -- rechts vom Monde!

Ich sehe noch zwei! sagt Gustav. Ganz nah', und habe darum auch gar
kein Heimweh und -- willst Du wohl wieder die Augen aufmachen,
Blondkopf! -- Sieh, das hast Du davon; was ich noch Weises sagen wollte,
hab' ich nun rein vergessen!

Dann war's gewi eine Lge, Braunkopf! meint Elise lachend. Und nun
steh' auf, der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im
Dunkeln; -- es ist sehr unrecht, da wir uns gar nicht um sie bekmmern.
Komm, wir mssen wirklich zusehen, ob sie nicht eingeschlafen sind.

Gewi waren sie nicht eingeschlafen. Nur das Spinnrad der alten Martha
hatte aufgehrt zu schnurren, und schlummernd sa sie in ihrem Winkel.

Soll ich Euch Licht anznden, oder -- sollen wir wieder einmal einen
Mondscheingang machen? fragt Elise, mir den Arm um die Schulter legend.

_Euch_? fragt die Tante Helene. Warum denn nur >_Euch_< Licht
anznden?

Das will ich Dir sagen, Mama, mischt sich Gustav ein. Du kannst
bekanntlich keine Muse _sehen_, und da es seit einiger Zeit hier beim
Onkel Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt, so sind wir Deinetwegen
so aufopfernd, im Dunkeln zu sitzen.

Waren das etwa Muse, was wir da am Fenster knuspern und pispern
hrten? frage ich.

Ich habe nichts gehrt! sagt Lischen treuherzig, whrend Gustav:
Versteht sich! ruft und den Inhalt eines Obstkrbchens in seine Tasche
ausleert.

Was machst Du da, Museknig? fragt seine Mutter.

Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt, Mama; Lischens
Frage war natrlich hchst berflssig. Da, Lise, nimm den Rest -- ich
kann nicht mehr lassen.

Elise lt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre
Frage fr unntig zu halten. Nach einigen Einwendungen der Tante wegen
kalter Abendluft usw. machen wir uns auf, hinaus in die
Sommermondscheinnacht!

Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Huserwnden, das
Glitzern der Fensterscheiben, die ziehenden, beleuchteten Wolken am
dunkeln Nachthimmel, die flsternden Gruppen in den Haustren und an den
Straenecken, alles wird nun zu einem Bild fr Gustav, zu einem Mrchen
fr Elise. Da beleben sich die Straen, Gassen und Pltze mit den
wundersamsten Gestalten; auf den Ecksteinen lauern, zusammengekauert,
grimmbrtige Kobolde; aus den dunkeln Torwegen der alten Patrizierhuser
treten seltsame Gesellen mit nickenden Federn und weiten Mnteln, und
schne Damen besteigen weie Zelter, in die Nacht davonreitend; Sldner
im Harnisch, die Partisanen auf den Schultern, ziehen ber den Markt;
Prozessionen vermummter Mnche winden sich langsam aus dem Domportal,
und alles liegt morgen, in den hbschesten Skizzen festgebannt, auf
Elisens Nhtischchen oder treibt sich auf dem Fuboden umher.

Natrlich sind Gustav und Elise uns immer einige Schritte voraus, und
nur von Zeit zu Zeit kann ich abgerissene Stze ihrer Unterhaltung
erfassen. Ich denke an Paul und Virginie unter den Palmbumen von ^Isle
de France^; ich denke an die beiden seren Gestalten des deutschen
Mrchens, an Jorinde und Joringel, von denen es heit: Sie waren in den
Brauttagen, und sie hatten ihr grtes Vergngen eins am andern. --
Nachdem wir manche Strae durchstreift und vor dem erleuchteten
Opernhause die ein- und ausstrmende Menge, die harrenden Equipagen, die
Blumen und Zuckerwerk verkaufenden Kinder betrachtet haben, finden wir
uns zuletzt auf dem Schloplatz, an dem Becken des lustig im Mondschein
sprudelnden Springbrunnens zusammen. Von den Rasenpltzen bringt ein
warmer Luftzug den Duft der Nachtviolen, der Hollunder- und
Goldregenbsche zu uns herber; am sdlichen Himmel wetterleuchtet eine
dunkle Wolke prchtig in die Mondnacht hinein, und neben uns pltschert
und murmelt -- als wolle er sich selbst in den Schlaf sprechen -- der
Springbrunnen. Es ist eine herrliche Sommernacht!

Woran denkt Elise? Wie nachdenklich sie, das Kinn in die Hand gelegt,
dem schwatzenden Wasserspiel zuschaut!

Lischen, woran denkst Du? fragt die Tante Helene.

Ihr wrdet lachen, antwortet Elise. Es ist ein Traum und ein
Mrchen.

Erzhlen! erzhlen! ruft Gustav, den Arm ihr um die Hfte legend.

                   *       *       *       *       *

Was soll ich anfangen heute an diesem einsamen Abend? ich ergreife ein
Heftchen von blarotem Papier, bedeckt mit mdchenhaft zierlichen
Schriftzgen, durchwoben mit hbschen feinen Federzeichnungen. Da ist's!
So erzhlte Elise an jenem fernen Abend, als der Brunnen neben uns
pltscherte:

Ich sa neulich des Abends ganz allein. Du warst ausgegangen, Onkel;
Gustav war am Morgen schon mit seiner groen Mappe abgezogen, um Bume
und Bauernhuser zu zeichnen; wo die Tante war, wei ich nicht; kurz,
ich war mutterseelenallein, und nur mein guter, dicker Kater schnurrte
auf der Fubank neben mir und putzte sich den Schnauzbart. Ich hatte
eine Menge Augen an meinem Strickzeug fallen lassen und durchaus keine
Lust, sie wieder aufzunehmen. So schrob ich denn die Lampe tief herunter
und blickte aus dem Fenster in den Mond, der nicht ganz so voll wie
heute ber die Dcher und Schornsteine heraufkam. Es war ganz dmmerig
in der Stube, und nur zuweilen tanzte ein Lichtschein aus den Fenstern
drben ber die Wnde. Da pltzlich war der Mond hoch genug gestiegen,
ein glnzender lustiger Strahl scho wie ein weier Blitz ber meinen
Topf mit Nachtviolen und ein Glas mit Waldblumen, welches neben mir
stand und -- mit ihm kam mein Mrchen oder mein Traum. Es war zu hbsch!
-- Zuerst guckte ich eine ganze Weile in die glnzende Strae auf dem
Boden, die immer weiter rckte, als -- auf einmal -- Ihr glaubt's gewi
nicht, -- der ganze Strahl von unzhligen, kleinen, zierlichen,
durchsichtigen Flgelgestalten lebte, die darin auf- und abschwebten und
durch ihren Glanz selbst die Bahn bildeten. Halb erschrocken und halb
erfreut, sah ich diesem wundersamen Weben zu, als pltzlich das
Blumenglas im Fenster einen schrillen, langanhaltenden Ton, wie er
entsteht, wenn man mit dem Finger um den Rand eines Glases streicht, von
sich gab. Das Wasser darin hob und senkte sich, blitzte, funkelte und
bewegte die Waldrosen hin und her; die Blten der Nachtviolen ffneten
sich, und aus jeder schwebte ebenfalls ein zierlich geflgeltes Wesen,
fast noch feiner als die Lichtgeisterchen. Nach allen Seiten flatterten
sie, den kstlichsten Duft verbreitend. Whrenddessen tnte der schrille
Ton des Glases fort, bis er mit einem Male aufhrte, gleich einem Faden
durchschnitten, worauf eine tiefe Stille eintrat. -- Jetzt hatte der
Mondstrahl Deinen Schreibtisch erreicht, Onkelchen; das kleine
Geistervolk tanzte lustig ber Deinen Bchern und Papieren, und soweit
hatte ich mich schon von meiner Verwunderung erholt, da ich herzlich
ber die sonderbaren Kapriolen einiger der winzigen Dingerchen lachen
konnte, die auf alle Weise sich bemhten, in unser groes Tintenfa zu
gucken, ohne den Mut zu haben, sich in die Nhe zu wagen. Andere wieder
schwebten ber den Federn, und noch andere machten sich um einen recht
dicken, abscheulichen Tintenklecks zu schaffen, welcher nicht trocknen
wollte; sie schienen ihm das Lebenslicht mit aller Macht ausblasen zu
wollen. Ich wei nicht, wie lange ich diesen zauberischen Wesen
zugesehen hatte, als eine Menge feiner Stimmchen: Folge! folge! rief,
und ich, immer kleiner werdend, endlich selbst als ein solches
geflgeltes Figrchen in den Tanz gezogen wurde und mit den Geistern des
Mondlichts und den Duftgeistern der Waldblumen und der Nachtviolen
langsam dem Fenster zuschwebte. Denn wie der Mond noch hher stieg, zog
sich auch der Strahl mit seinen glnzenden Bewohnern wieder zurck und
lief hinab an der Hauswand, um in die Gasse hinunter zu steigen. -- Ich
hatte durchaus keine Furcht, trotzdem da es da drauen wie eine
verzauberte Welt war. -- Die ganze Gasse war ein Gewirr von Tnen und
Licht, und nichts von dem Leben und Weben des Geistervolks war mir mehr
verborgen, und von Geistervolk lebte und webte alles! Dabei hatte ich
auch nicht die Fhigkeit verloren, die grbere, gewhnliche Welt zu
schauen und zu vernehmen; ich kannte und belauschte die Leute in den
Haustren, die Kinderkpfe in den Fenstern, die schlafenden Sperlinge
und Schwalben in ihren Nestern; es war wunderhbsch! -- Jetzt zog der
Strahl mit seinen Bewohnern schrg ber unsere Wand fort und glitt auf
die Fenster unserer Nachbarn zu. Halb zehn Uhr hrte ich's schlagen, als
der Reigen vor dem Fenster der armen Frau Nudhart, die mit ihrem kranken
Kind da wohnt, ankam, und zitternd ber einen knospenden Rosenbusch in
das kleine Zimmer glitt. Leise singend schwebten die Geisterchen des
Lichts, und ich mit ihnen, ber den Fuboden hin, jagten sich um den
Schatten des Rosenbusches auf dem Boden, kten das bleiche
Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso bleichen Zge der darber
hingebeugten, armen, sorgenvollen Mutter. Wir bringen Hoffnung, wir
bringen Genesung, wir bringen Leben! flsterten die Geister. Das kranke
Kind legte seine mageren Hndchen lchelnd in den zitternden Strahl auf
seinem Kissen. Wir bringen Hoffnung Genesung, wir bringen Leben, sang
ich mit im Chor, und fast widerstrebend folgte ich dem zurckweichenden
Strahl. Noch einen letzten Blick konnte ich zurck ins Zimmer werfen,
und im nchsten Augenblick schwebte ich schon wieder in der Gasse. Die
Tante aber mute jetzt wohl nach Haus gekommen sein, denn pltzlich
mischten sich die Tne ihres Flgels in den Reigen; ich hrte, wie der
alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen zur Ruhe ermahnte.
Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende. Wir waren jetzt vor dem
Fenster des ersten Stockes unseres Nachbarhauses; ein heller
Lampenschein drang aus dem Zimmer hervor, und ber ein Glas mit
Goldfischen und das Strickzeug in den Hnden der Frau Hofrtin Zehrbein
schwebten wir hinein, lustig und glnzend, ohne eine Ahnung des
Schrecklichen, welches uns bevorstand. Mein Frulein, lispelte eine
Stimme, in deren Inhaber ich den Assessor Kluckhuhn erkannte. Mein
Frulein, inkommodiert Sie diese abominable schwle Luft nicht zu sehr,
bitte, so lassen Sie uns noch einmal jene kstliche Barcarole aus Hayde
hren. -- Um Gottes willen! dachte ich, aber schon war's zu spt, meinen
winzigen Begleitern das Drohende mitzuteilen und zu schneller Flucht zu
raten; schon hatte Eulalia begonnen:

   Das Lido-Fest ist heute
   Lust und Vergngen ringsum lchelt ...

Entsetzen fate die Geisterschar; ihre schillernden, glnzenden Farben
verblichen; von dem Resonanzboden des chzenden Musikkastens (wie Gustav
sagt), und zwischen den Lippen der Sngerin entwickelte sich eine
migestaltete Gnomenschar, die, gespenstisch kreischend und jammernd,
sich in der Luft berstrzte und berschlug und grimmig ber die Geister
des Lichts herfiel. Es war schrecklich! Schon fhlte ich mich von einem
koboldartigen ^C^, welches mich an dem Halse gepackt hielt, halb
erdrosselt, und zappelte wie eine unglckliche Mcke in den Krallen der
Spinne; da -- erhob sich die Frau Hofrtin; die weie Gardine sank
herab: wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich und das ganze
Heer des Lichts! Gerettet! -- An der Auenseite des Tuchs hing der
Strahl mit seinen Kindern, bleich und angegriffen; drinnen aber tnte es
fort:

   Ein schner Herr, ein holder Jngling,
   Mit mildem, liebendem Aug',
   Umflattert mich, mit schmeichelnder Zunge! ...

Schnell und schneller sank jetzt der Strahl herab, und eben berhrte er
die Erde, da -- erwachte ich, und Gustav, dicht vor mir, den Kopf auf
beide Fuste gesttzt, grinste mich an. -- (Au! nein, Du hast mich nicht
angegrinst?) Eine dicke schwarze Wolke stand vor dem Mond, und mein
Traum war zu Ende, mein Mrchen ist zu Ende!

                   *       *       *       *       *

Das Mrchen war zu Ende, aber noch nicht unser Mondscheinabend damals.

Und nun, Gustav, Qulgeist ... hier ... da ...

Mit diesen Worten greift Elise in das Wasserbecken neben ihr und
schleudert eine Hand voll blitzender Tropfen ihrem nichts ahnenden
Gefhrten ins Gesicht. Erschrocken und pustend springt dieser zur Seite,
worauf die beltterin, bse Folgen ahnend, sogleich, um das Becken
herum, die Flucht ergreift.

Ihr seid Zeugen, da _Sie_ angefangen hat! ruft Gustav, ebenfalls die
Hand ins Wasser tauchend und Elisen nacheilend.

Tante! Tante! -- Onkel, Hilfe! schreit diese, mit der abgebundenen
Schrze den Verfolger im Rennen abwehrend und ihn mit der anderen freien
Hand unaufhrlich bespritzend.

Warte, Wasserjungfer! ruft Gustav und bemchtigt sich der Schrze.
Das sollst Du ben, Verrterin!

Mit einem Schrei lt Elise ihre gide fahren, und -- wie ein Reh ist
sie seitwrts im Gebsch hinter den Hollunderstruchen verschwunden,
doch nicht, ohne ihren durchnten Verfolger auf den Fersen zu haben.

Diese Wildfnge! seufzt die Tante Helene, auf eine Bank sinkend;
whrend ich Taschentuch, Arbeitskrbchen und umherrollende pfel,
welches alles das Frauenzimmer, den Ausgang ihres Attentats
vorhersehend, sogleich zu Boden geworfen hat, aufsuche, wie es einem
guten Onkel und Vormund geziemt. Hren Sie nur, wie das Mdchen
kreischt!

Indem wir noch der wilden Jagd zwischen den Bschen lauschen, belebt
sich pltzlich die Szene, und andere Figuren kommen durch die
Monddmmerung. Mdchen- und Mnnerstimmen, kichernd und summend und
Opernmelodien pfeifend! Jetzt treten die Kommenden aus dem Schatten in
den helleren Lichtkreis um das Fontainenbecken: Der Onkel Wachholder!
rufen verwundert mehrere Stimmen, und im nchsten Augenblick sind wir
von den Nachtschwrmern und Abendfaltern umgeben und erkennen in ihnen
wohlbekannte Freunde und Freundinnen von Gustav und Elise. Ein Gewirr
von Begrungen und Fragen erhebt sich nun. Wo ist Frulein Ralff, wo
ist Lischen, wo ist die Lise, wo ist Herr Gustav, wo steckt der Mensch?
schwirrt das durcheinander und wird beantwortet; bis endlich Gustav und
Elise zurckkommen von ihrer wilden Jagd, keuchend und rot, die Haare in
Unordnung, Elise mit einem groen Ri im Kleide, aber beide Arm in Arm,
wie artige, vertrgliche Kinder. -- Jetzt geht der Jubel erst recht an!
Das ist schn, das ist prchtig, das ist ausgezeichnet; guten Abend,
Natalie; guten Abend, Ida; ich gre Sie, mein Frulein; wo kommt ihr
her, ihr Herumtreiber usw. usw.

Wie ist doch die Jugend so schn; wie wenig bedarf sie, um glcklich zu
sein! Ein bichen Mondschein, ein paar klingende Wassertropfen, die
Strophe eines Liedes, und die jungen Herzen fhlen Gedichte, wie sie
noch nie dem Papier anvertraut werden konnten. Ich, der alte Mann, welch
ein Dichter, welch ein Maler mte ich sein, wenn ich alle diese
frischen, blhenden Gestalten, die da heute an diesem einsamen Abend
wieder um mich her auftauchen, mit ihrem frhlichen Lachen, ihren
kleinen Sorgen und Freuden, ihren kleinen Snden und Tugenden, mit ihren
verstohlenen Seufzern, noch verstohleneren Zrtlichkeiten und ihren
lauten Neckereien auf die Bltter dieser Chronik festbannen wollte. Wie
abgeblat und schal sieht alles aus, was ich bis jetzt zusammengetragen
und niedergeschrieben habe; wie farbenbunt und frisch erlebte es sich!

Aber wo war auf einmal der Mond geblieben? Die dunkeln Wolkenmassen, die
im Sden lange genug gedroht hatten, hatten sich unbemerkt herangewlzt;
es grollte und murrte in der Ferne, und schwere, warme Regentropfen
schlugen vereinzelt in die ^lenes susurros sub noctem^, in das leise
Geflster im Schatten der Nacht.

Kennt ihr das Rette sich wer kann! bei einem pltzlich
hereinbrechenden Gewitter in einer groen Stadt? Alle Gruppen lsen
sich; -- Schrzen werden ber den Kopf, Taschentcher ber die Hte
gebunden; hier flchtet ein Prchen unter eine laubige Akazie, dort ein
dicker alter Herr unter den Vorsprung eines Hauses; hier schlpft
leichtfig ein junges Mdchen dicht an den Huserwnden hin, dort
wandelt langsam und gleichmtig ein Naturmensch daher, nichts vor dem
Regen schtzend als seine glhende Zigarre.

Die Droschken scheinen sich zu vervielfltigen, und -- s ist's, vom
sichern Hafen Schiffbrchige zu sehen, an allen Fenstern erscheinen
lachende Gesichter. Studenten, Referendare, junge Theologen usw. wischen
ihre Brillen ab; Maler verlassen ihre Paletten und Staffeleien und
machen Studien nach dem Leben; Tanten und Mtter schelten ber Indezenz.
-- Platsch! platsch! alle Dachrinnen senden, wie hmische Ungeheuer,
ihre Wassergsse der dahertrabenden Menschheit in den Nacken. Es ist
lcherlich-schrecklich bei Tage, schrecklich bei Nacht!

Siehst Du, Lischen, das hast Du erst gewollt, -- so lange hast Du mit
dem Wasser gespielt! Das kommt davon! ruft rgerlich die Tante Helene.
Gustavs Jubel erreicht den hchsten Grad, und lachend schleppt er seine
Mutter nach, whrend diesmal ich mit Lisen vorauslaufe. Nach allen
Seiten haben sich unsere Freunde und Freundinnen von vorhin zerstreut.
Das Gewitter kommt immer nher, der Donner brummt ganz artig, und die
Blitze sind gar nicht bel. Selbst Gustav meint: Gottlob, da ist die
Sperlingsgasse! Welche berschwemmung! -- Gute Nacht und keine langen
Worte! -- Gustav verschwindet mit seiner Mutter hinter ihrer Haustr,
und auch wir erreichen glcklich die unsrige.

Gott, Herr Wachholder, was habe ich fr 'ne Angst gehabt! ruft die
alte Martha uns von der Treppe entgegen.

Lischen pustet und chzt und lacht, hlt Arme und Hnde weit ab vom
Leibe und wird so schnell als mglich ins Bett geschickt. Gustav ruft
natrlich von drben noch einige Fragen herber, auf welche wir aber
nicht antworten, und der Mondschein-Spaziergang ist zu Ende.




                                                         Am 15. April.


Der April, der einst ^mensis novarum^ hie, ist der wahre Monat des
Humors. Regen und Sonnenschein, Lachen und Weinen trgt er in _einem_
Sack; und Regenschauer und Sonnenblicke, Gelchter und Trnen brachte er
auch diesmal mit, und manch einer bekam sein Teil. Ich liebe diesen
januskpfigen Monat, welcher mit dem einen Gesichte grau und mrrisch in
den endenden Winter zurckschaut, mit dem anderen jugendlich frhlich
dem nahen Frhling entgegenlchelt. Wie ein Gedicht Jean Pauls greift er
hinein in seine Schtze und schlingt ineinander Reif und keimendes Grn,
verirrte Schneeflocken und kleine Marienblmchen, Regentropfen und
Veilchenknospen, flackerndes Ofenfeuer und Schneeglckchen,
Aschermittwochsklagen und Auferstehungsglocken. Ich liebe den April,
welchen sie den Vernderlichen, den Unbestndigen nennen, und den sie
mit Herrengunst und Frauenlieb in einen so bswilligen Reim gebracht
haben. --

Ich wurde diesen Morgen schon ziemlich frh durch das Gerusch des
Regens, der an meine Fenster schlug, erweckt, blieb aber noch eine
geraume Zeit liegen und trumte zwischen Schlaf und Wachen in diese
monotone Musik hinein. Das benutzte ein schadenfroher Dmon des
Trbsinns und des rgernisses, um mich in ein Netz trauriger,
regenfarbiger Gedanken einzuspinnen, welches mir Welt und Leben in einem
so jmmerlichen Lichte vorspiegelte und so drckend wurde, da ich mich
zuletzt nur durch einen herzhaften Sprung aus dem Bette daraus erretten
konnte. -- Aprilwetter! Die Hosen zog ich -- wie weiland Freund Yorick
-- bereits wieder als ein Philosoph an, und der erste Sonnenblick, der
pfeilschnell ber die Fenster der gegenberliegenden Huser und die Nase
des mir zuwinkenden Strobels glitt, vertrieb alle die Nebel, welche auf
meiner Seele gelastet hatten. Frischen Mutes konnte ich mich wieder an
meine ^Vanitas^ setzen, und als ich gar in einem der schweinsledernen,
verstaubten Trster, die ich gestern von der kniglichen Bibliothek
mitgebracht hatte, eine alte vertrocknete Blume aus einem vergangenen
Frhling fand, konnte ich schon wieder die seltsamsten Mutmaungen ber
die Art und Weise, wie das tote Frhlingskind zwischen diese Bltter
kam, anstellen. Hatte sie vielleicht an einem lang vergangenen Feiertage
ein uralter, lngst vermoderter Kollege mitgebracht von einem lustigen
Feldwege, oder hatte sie vielleicht eins seiner Kinder spielend in dem
Folianten des gelehrten Vaters gepret? Hatte sie etwa ein Student von
der Geliebten erhalten und hier aufbewahrt und vergessen? Welche
Vermutungen! hbsch und anmutig, und um so hbscher und anmutiger, als
sie nicht unwahrscheinlich sind.

O, versteht es nur, Blumen zwischen die den Bltter des Lebens zu
legen; frchtet euch nicht, kindisch zu heien bei zu klugen Kpfen; ihr
werdet keine Reue empfinden, wenn ihr zurckblttert und auf die
vergilbten Angedenken trefft!

Sei mir gegrt, wechselnder April, du verzogenes Kind der alten Mutter
Zeit und -- --

Beschtze Deinen Sohn Ulrich Georg Strobel! -- Guten Morgen, Meister
Wachholder! sagte eine Stimme hinter mir.

Es war der Karikaturenzeichner, welcher, den grauen Filz auf dem Kopf,
die Reisetasche ber der Schulter, den Eichenstock in der Hand, hinter
mir stand.

Ach Gott, nun ist mein' Zeit vorbei! fuhr er lachend fort. Ich komme,
Ihnen Lebewohl zu sagen, alter Herr.

Was, Sie wollen fort? Was fllt Ihnen ein?

   Kann Deutschland nit finden
   Rutsch allweil drauf 'rum!

sang der Zeichner und zeigte auf eine lustige blaue Stelle zwischen den
ziehenden Wolken. Es ist nicht anders; haben Sie einen Gru an die
freie, weite Welt zu bestellen, heraus damit! Oder noch besser; kommen
Sie -- dort steht Ihr Regenschirm -- begleiten Sie mich. Hren Sie, wie
lustig der Spatz da ins Fenster pfeift!

Was sollte ich machen; ich schlug meinen Folianten zu, der tolle
Vagabonde bot mir seinen Arm, und wir traten hinaus in die Gasse.

Leben Sie wohl, Mama; viel Glck, mein Frulein! rief der Zeichner
seiner Hausgenossenschaft zu, die ganz aufgeregt in der Tr stand. Gott
gr' Euch, Freund Marquart; lebt wohl, Mutter Karsten; lebt wohl,
Meister und Meisterin; lebt wohl, lebt wohl! rief er nach rechts und
links hinber. An der Ecke warf er noch einen letzten Blick hinauf nach
seiner verlassenen Wohnung, wo die Fenster offen standen und eine
zerrissene Gardine lustig im Frhlingswinde flatterte, und brummte: Zum
Teufel, Du Nest!

Und wo wollen Sie nun hin? fragte ich meinen wunderlichen Begleiter.

Der Zeichner lachte. Was meinen Sie, sagte er, wenn ich mir das
Vlkergewhl im Orient ein wenig anshe, Kostme zeichnete und ber das
Bemhen lachte: einen neu eintretenden Faktor der Menschheitsentwicklung
durch Lancasterkanonen und Kriegsschiffe aufhalten zu wollen?

Was?! rief ich mit offenem Munde.

Wem gilt das >Was?< lachte Strobel. Meinem Vorhaben oder meiner
Meinung?

Sie glauben ...

Ich glaube, da die Erde jung ist, alter Freund! Wir brauchen frisches
Blut und wollen nicht meinen, da, weil man uns nur Geschichte der
Vergangenheit lehrt, es keine der Zukunft geben werde. Wir leben uns gar
zu gern in alles ein: in unseren Rock, in unseren Krper, in unsere
Familie, in unser Volk; wir freuen uns, wenn ein kleiner verwandter
Mitbrger das Licht der Welt erblickt; wir rgern uns, wenn wir den Rock
zerreien oder ein Krhenauge bekommen; wir betrben uns, wenn unser
Vater, unsere Mutter stirbt; aber wir halten das alles fr natrlich, --
blo weil wir es leichter bersehen knnen. Soll nun auf einmal in dem
Krhenaugenkriegen, Geborenwerden und Sterben der groen Vlkerfamilie
der Erde ein Stillstand eintreten; ein ^deus ex machina^ mit Manschetten
in das ewige Werden fahren und sagen: ^Stop!^ halt da; entwickelt euch
in euch selbst und -- entschlaft an Euthanasie? Bah!

Der Redner blies eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Zigarre und fuhr
fort, whrend ich den Kopf bedachtsam schttelte:

Es hat den Griechen nichts geholfen, die besten Dichter, Bildhauer und
Maler zu sein, die geistreichsten philosophischen Systeme aufstellen zu
knnen: die eisernen Mnner Roms klopften an, stellten die griechische
Bildung ^sub hasta^, spielten Wrfel auf den Gemlden, fabrizierten
korinthisches Erz aus den Metall-Statuen, und -- die Weltgeschichte ging
einen Schritt vorwrts. Es hat den Rmern nichts geholfen, die grten
Kriegs- und Verwaltungsknstler zu sein, -- Zndnadelgewehre und
Lancasterkanonen sind Spielzeug im Kampf gegen die _eine_ Macht im
Weltall, welche die Gestirne treibt und die Wandervgel, und welche die
Vlker bewegt zur rechten Zeit. Die Barbaren kmmerten sich nicht um
Kommandowrter; sie strmten die Tore Roms und -- die Weltgeschichte
ging einen Schritt weiter!

Ich schttelte wieder das Haupt und brummte: Immer zertrmmern,
zertrmmern!

Meine Mutter starb, indem sie mich gebar! sagte der Zeichner grimmig
und stand still. Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht; ein
kleiner Handwagen, mit Kisten und Kasten beladen, versperrte uns den
Weg. Jetzt will ich Ihnen auch sagen, wo ich _in der Tat_ hin will;
nicht wohin ich gehen _knnte_, sagte Strobel. Kommen Sie!

Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden.

So ist das menschliche Leben. Lange, lange Jahre hatte ich in dieser
Gasse gewohnt, tglich fast war ich vor diesem Hause, vor diesen trben
Fenstern vorbeigegangen, und heute, am letzten Tage, den die arme hier
wohnende Familie dahinter zubringt, steige ich zum ersten Male die
feuchten Stufen hinab zu ihr. Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn
vor, dem Schuhmacher Burger, einem Manne, welchem eine ganze
Passionsgeschichte vom Gesichte abzulesen war. Heute Abend fhrt ihn und
die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu, von wo sie ein Schiff nach
einer neuen Heimat, nach dem jungen Amerika bringen soll; und der
Zeichner -- will die Familie begleiten nach Hamburg.

Die wenigen des Mitnehmens werten Habseligkeiten der rmlichen Wohnung
waren schon zusammengepackt; die bleichen, traurigen Gesichter der
Eltern, das teilnahmlose der alten Gromutter, die auch heute noch am
gewohnten Platz hinter dem Ofen spann, die Kinder, welche verwundert in
den Winkeln kauerten, alles machte einen tiefen, wehmtigen Eindruck auf
mich.

Es ist nicht mehr die alte germanische Wander- und Abenteuerlust, welche
das Volk forttreibt von Haus und Hof, aus den Stdten und vom Lande;
welche den Khler aus seinem Walde, den Bergmann aus seinem dunkeln
Schacht reit, welche den Hirten herabzieht von seinen Alpenweiden, und
sie alle fortwirbelt, dem fernen Westen zu: Not, Elend und Druck sind's,
welche jetzt das Volk geieln, da es mit blutendem Herzen die Heimat
verlt. Mit blutendem Herzen; denn trotz der Stammzerrissenheit, trotz
aller Biegsamkeit des Nationalcharakters, der so leicht sich fremden
Eigentmlichkeiten anschmiegt und unterwirft, -- worin brigens in
diesem Augenblick vielleicht allein die welthistorische Bedeutung
Deutschlands liegt -- trotz alledem hngt kein Volk so an seinem
Vaterland als das deutsche.

In englischen Schriften luft Deutschland fters als ^the fatherland^
[Griechisch: kat' exochn]. Das wird zwar mit einem gewissen ^sneer^
gesagt, aber es ist eine Ehre fr unsere Nation, und wir knnen stolz
darauf sein.

O, ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands, sagt und schreibt
nichts, euer Volk zu entmutigen, wie es leider von euch, die ihr die
stolzesten Namen in Poesie und Wissenschaften fhrt, so oft geschieht!
Scheltet, spottet, geielt, aber htet euch, jene schwchliche
Resignation, von welcher der nchste Schritt zur Gleichgltigkeit fhrt,
zu befrdern oder gar sie hervorrufen zu wollen.

Als die Juden an den Wassern zu Babel saen und ihre Harfen an den
Weiden hingen, weinten sie, aber sie riefen:

Vergesse ich Dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen!

_Die_ Worte waren krftig genug, selbst die zuckenden Glieder eines
Volkes durch die Jahrtausende zu erhalten.

Ihr habt die Gewohnheit, ihr Prediger und Vormnder des Volkes, den
Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatsdorfes zu
schreiben; schreibt:

Vergesse ich Dein, Deutschland groes Vaterland: so werde meiner
Rechten vergessen!

Der Spruch in aller Herzen, und -- das Vaterland ist ewig!

Das letzte Hausgert war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in
der Gasse gelegt. Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer
verdeten Wohnung, die alle Leiden und Freuden der Familie gesehen
hatte, um.

's ist 'n hart Ding, 's ist 'n hart Ding! sagte seufzend der Meister,
und Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter.

Es ist Zeit, Mann! Fat Euch ein Herz, geht Eurer Frau mit einem guten
Beispiel voran.

Der Totengrber hat versprochen, er will unseres Fritzen Hgel drauen
nicht verrotten lassen! schluchzte die Frau.

Burger wischte sich mit dem rmel ber die Augen, erhob sich aus seinem
Hinbrten und ging, seine alte Mutter hinaufzufhren auf die Gasse;
seine Frau weinte laut, brach einen Zweig von der verkmmerten Myrte im
Fenster, legte ihn in ihr Gebetbuch und nahm ihr jngstes Kind auf den
Arm, whrend sich die anderen an ihre Schrze und ihren Rock hingen. Die
Familie stieg die enge schwarze Treppe, welche auf die Strae fhrt,
hinauf, -- sie hatte ihren langen Weg begonnen!

Drauen wechselte Regen mit Sonnenschein, wie der April es mit sich
brachte. Der Meister zog seinen Wagen voraus, wir anderen folgten. Einen
letzten Blick werft zurck in die enge, dunkle, arme Sperlingsgasse --
ihr werdet wohl oft genug an sie denken -- und dann hinaus in die weite
Welt, ihr Wanderer!

Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schtzlinge. Ein
letzter Hndedruck, ein letzter Gru! Wer wei, ob wir nicht noch einmal
uns wieder sehen, Strobel! Lebt wohl! lebt wohl! -- Und wieder einmal
konnte ich einsam und allein zurckkehren, einsam und allein dies Blatt
der Chronik der Sperlingsgasse aufzuzeichnen.




                                                     Am 1. Mai. Abend.


Ich sa heute Nachmittag drauen im Park in den warmen Sonnenstrahlen,
die hell und lustig durch die noch kahlen Zweige der hheren Bume und
durch das mit zartem, frischem Grn bedeckte niedere Gestruch fielen.
Kinder mit Struen von Frhlingsblumen zogen an mir vorber; ein
Maikfer, mit einem Zwirnfaden am Bein, hing schlaftrunken an einem
Zweige mir zur Seite, und ein stubengesichtiger junger Mann, dem ein
Buch hinten aus der Rocktasche guckte, grub sorgsam eine Pflanze aus. Es
war ein prchtiger Frhlingsnachmittag. Da begannen auf einmal in der
Stadt die Glocken zu luten, den morgenden Sonntag zu verknden, und
wieder schwebte, von den Himmelstnen getragen, eine se Erinnerung
heran.

Es war auch ein erster Mai. Da war der Frhling gekommen mit jungem
Grn, bauenden Schwalben und einem -- Hochzeitstage in der alten,
dunklen Sperlingsgasse. Sie hatten Blumen gestreut, und mit Blumen und
Laubkrnzen die Pfosten umwunden; sie hatten Sonntagskleider angezogen
in der Sperlingsgasse, und alle hatten frhliche, frhliche Gesichter.
Und der Himmel war blau, und die Sonne schien strahlend durch den Efeu,
welchen vor so langen Jahren Marie Ralff im Ulfeldener Walde ausgegraben
hatte; aber weder Himmelsblau noch Sonnenschein kamen an heiliger
Reinheit dem Gesichtchen gleich, das sich an jenem ersten Mai an meine
Schulter schmiegte und durch Trnen lchelnd zu mir aufschaute. Das Bild
der Mutter sah aus seinem Rahmen und den Krnzen, die es heute umwanden,
ebenfalls lchelnd auf uns herab. Lcheln, Lcheln berall! Und als das
junge Herzchen an meiner Brust pochte, auf der anderen Seite Gustav mir
den Arm um die Schulter legte; als Helene weinend der jungen Braut den
Kranz in die Locken drckte, da war es mir, als sei nun ein lange
dunkles Rtsel gelst, und ich senkte das Haupt vor der geheimnisvollen
Macht, welche die Geschicke lenkt und ein Auge hat fr das Kind in der
Wiege und die Nation im Todeskampf. Wie die Fden laufen muten, um hier
in der armen Gasse sich zusammen zu schrzen zu einem neuen Bunde! Wie
so viele Herzen fast brechen wollten, um ein neues Glck aufsprieen zu
lassen! Das ist die groe, ewige Melodie, welche der Weltgeist greift
auf der Harfe des Lebens, und welche die Mutter im Lcheln ihres Kindes,
der Denker in den Blttern der Natur und Geschichte wahrnimmt. --

Wir sprachen an jenem Tage nicht viel! Das Glck ist stumm, und was die
Liebe -- die wahre Offenbarung Gottes -- sich zuflstert, hat noch kein
Dichter auf Papyrus, Pergament oder Papier festgehalten. Die kleine
Kirche war gar feierlich heilig, als der junge Maler -- er dachte in dem
Augenblick gewi nicht an sein gefeiertes Bild, Milton, den Galilei im
Gefngnis zu Rom besuchend -- als der junge Maler seine schne Braut
hineinfhrte an den geschmckten, lichterglnzenden Altar. Und niemand
fehlte in dem Kreise teilnehmender Gesichter umher! Da war das Atelier,
da waren Elisens Freundinnen, da war vor allem die alte Martha und die
Hausgenossenschaft und Nachbarschaft der Sperlingsgasse. Die Orgel
begann den Choral -- und die Jungfrau Elise Johanna Ralff und Herr
Gustav Theodor Maximilian Berg wurden durch ein ganz leises, leises Ja
und ein anderes viel lauteres, auf eine gar verfngliche Frage, Mann und
Frau! --

                   *       *       *       *       *

Die Chronik der Gasse nhert sich ihrem Ende. Was sollte ich auch noch
vieles erzhlen? Unsere Kinder sind glcklich in dem schnen Italien;
die alte Martha schlft nicht weit von Mariens Grabe auf dem
Johanniskirchhofe; ich bin alt und grau. Wenn ein Paket von Rom gekommen
ist, so gehe ich hinber zu der freundlichen, schnen, weihaarigen
Frau, die da drben in Nr. Zwlf gewhnlich strickend am Fenster sitzt,
und unsere alten Herzen schlagen hher bei dem frischen Lebensglck,
welches uns aus den engbeschriebenen Bogen entgegenleuchtet. Wir folgen
den Kindern durch alle die alten und neuen Herrlichkeiten, wir stehen
mit ihnen vor dem Laokoon, wir steigen mit ihnen zum Kapitol hinauf,
unsere Schritte hallen an ihrer Seite in den Slen des Vatikans, in den
Loggien Raffaels wider. Wie eine reizende Mrchenarabeske ist jeder
Brief: blauer Himmel und Sonne und ein frhliches Lachen auf jeder
Seite!

Es ist spt in der Nacht, als ich dieses schreibe; tiefe Dunkelheit
herrscht in der Gasse; kein einziges erhelltes Fenster ist zu erblicken.
Der einzige Laut, den ich vernehme, ist das Schlagen der Turmuhren oder
der Pfiff des Nachtwchters. Da liegen alle die bekritzelten Bogen vor
mir! bunt genug sehen sie aus! --

Was sollte ich noch viel hinzufgen? Wenn die alten Chronikenschreiber
ihre Aufzeichnungen bis zu ihren Tagen fortgefhrt und ihr Werk beendet
hatten, hefteten sie noch einige weie Bogen hinten an, damit der
knftige Besitzer die wenigen Ereignisse, welche vor dem Untergang der
Welt noch geschehen wrden, darauf nachtragen knne. Das nachzuahmen
habe ich nicht im Sinn. Diese Erde wird sich noch lange drehen, in
dieser engen Gasse wird noch manches Kind geboren werden, manche Leiche
wird man hinaustragen, und unter den letzteren vielleicht in nicht
langer Zeit auch den, welchen sie Johannes Wachholder nannten. -- Was
die paar Tage, die mir noch brig sind, bringen werden, will ich in Ruhe
erwarten; viel Neues knnen sie mir nicht zeigen. --

Ich ffne das Fenster und blicke in die dunkle, stille, warme Nacht
hinaus. Hier und da flimmert ein einsamer Stern an der schwarzen
Himmelsdecke. Wie feierlich der Glockenton in der Nacht klingt! Zwlf
Uhr. In wie viele Trume mag sich dieser Schall verschlingen? Der
grbelnde Gelehrte wird von seinem Buche verwirrt aufsehen, das junge
Mdchen wird von Tanz- und Ballmusik trumen, der arme Kranke wird von
dem kommenden Tage Genesung erflehen, die Mutter wird im Schlaf ihr
kleines Kind fester an sich drcken, und der Herrscher, die Stirn wund
vom Druck einer Krone des Zeitalters der Revolution, wird das Haupt in
die Kissen senken und seufzen: Ein neuer Tag! --

Meine Lampe flackert und ist dem Erlschen nahe. Mit mder Hand schliee
ich das Fenster und schreibe diese letzten Zeilen nieder:

Seid gegrt, alle ihr Herzen bei Tag und bei Nacht; sei gegrt, du
groes, trumendes Vaterland; sei gegrt, du kleine, enge, dunkle
Gasse; sei gegrt, du groe, schaffende Gewalt, welche du die ewige
_Liebe_ bist! -- Amen! Das sei das Ende der Chronik der Sperlingsgasse!




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert. Fetter Schriftstil wurde #so#
markiert.

Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
beibehalten. Nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 17]:
   ... machen, ich will -- der schreibende Greis kann jetzt nur ...
   ... machen, ich will -- der schreibende Greis kann jetzt nur ...

   [S. 17]:
   ... lcheln -- die Welt fr Dich gewinnen, Marie! ...
   ... lcheln -- die Welt fr Dich gewinnen, Marie! ...

   [S. 25]:
   ... der Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge, ...
   ... der Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge ...

   [S. 58]:
   ... und klobige Artillerie. -- Hier und da wandten sich ...
   ... und klobige Artillerie. -- Hier und da wanden sich ...

   [S. 96]:
   ... welchen die Madame Pimpernell ankndigt: ...
   ... welchem die Madame Pimpernell ankndigt: ...

   [S. 103]:
   ... Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflcken, Lischen? ...
   ... Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflcken, Lischen? ...

   [S. 103]:
   ... Ist's nicht wie im Mrchen, wo der Vater die verlorenen ...
   ... Ist's nicht wie im Mrchen, wo der Vater die verlorenen ...

   [S. 104]:
   ... Wahrhaftig, seufzt der eliminierte Schriftsteller ich ...
   ... Wahrhaftig, seufzt der eliminierte Schriftsteller, ich ...

   [S. 110]:
   ... Menschen ein Wohlgefallen! ...
   ... Menschen ein Wohlgefallen! ...

   [S. 144]:
   ... Gustav Berg und drunter die geniale bersetzung Gustavus. ...
   ... Gustav Berg und drunter die geniale bersetzung Gustavus ...

   [S. 144]:
   ... Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl ...
   ... Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl. ...

   [S. 192]:
   ... dieser Chronk ein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben ...
   ... dieser Chronik ein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben ...

   [S. 216]:
   ... Die Hosen zog ich -- wie weiland Freund Yorik ...
   ... Die Hosen zog ich -- wie weiland Freund Yorick ...






End of Project Gutenberg's Die Chronik der Sperlingsgasse, by Wilhelm Raabe

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