Project Gutenberg's Pfarre und Schule. Zweiter Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Pfarre und Schule. Zweiter Band.
       Eine Dorfgeschichte.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: July 25, 2014 [EBook #46410]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Pfarre und Schule.

  Eine Dorfgeschichte
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Zweiter Band.

  Leipzig,
  Georg Wigand's Verlag.
  1849.




Inhalt des zweiten Bandes.


                Erstes Kapitel.              Seite
  Die Kaffeegesellschaft                         1

                Zweites Kapitel.
  Plan und Gegenplan                            47

                Drittes Kapitel.
  Marie und Sophie                              61

                Viertes Kapitel.
  Die Wilddiebe                                 79

                Fnftes Kapitel.
  Das Gefngni                                 96

                Sechstes Kapitel.
  Ein Republikaner                             115

                Siebentes Kapitel.
  Wie es in Horneck aussah                     134

                Achtes Kapitel.
  Das Gestndni                               154

                Neuntes Kapitel.
  Die Schulvisitation                          170

                Zehntes Kapitel.
  Die Verabredung                              206

                Elftes Kapitel.
  Wahlert und Kraft                            220

                Zwlftes Kapitel.
  Die Begegnung                                251




Erstes Kapitel.

Die Kaffeegesellschaft.


Die kleine Gesellschaft bestand bis jetzt erst aus vier Personen, und
zwar aus der Frau Oberpostdirector von Gaulitz -- erst seit wenigen
Monaten vermhlt -- aus des Pastors rosigem Tchterlein Sophie, und den
beiden Schwestern des Herrn Geheimeraths Seiffenberger aus der Residenz,
und das bis jetzt nur ber Putz- und Modesachen gefhrte Gesprch hatte
schon einen recht erfreulichen Aufschwung genommen.

Indessen eilten aber, um den freundlichen kleinen Zirkel zu vermehren,
zwei andere Damen rasch dem Rittergute zu -- nmlich unsere alte
Bekannte _Frulein Schtte nebst Mutter_, wie sie Poller bald darauf
so eigenthmlich als bezeichnend anmeldete.

Aber Anna, keuchte die Mutter endlich, die fortwhrend ein nicht
unbetrchtliches Stck hinter ihrer flchtigeren Tochter zurckgeblieben
war, Du lufst ja, da man gar nicht zu Athem kommen kann -- wenn Du so
rennen willst, so geh' allein, ich bin's nicht lnger im Stande.

Komm nur, Mutter, bat aber Anna, als jene, dem Wort die That folgen
lassend, wirklich stehen blieb, um nur einmal ordentlich Athem
zu schpfen -- es ist wahrhaftig schon drei Uhr vorbei, und
Oberpostdirectors sollen immer so frh Kaffee trinken -- die werden gar
nicht wissen, wo wir bleiben.

Die Mutter setzte sich wieder langsam in Bewegung, und Anna, ihren
Schritt auch etwas migend, da sie an ihrer Seite blieb, fuhr --
augenscheinlich nur ihre bisherigen Gedanken laut aussprechend -- fort:

Nein Mutter, ich kann mich gar nicht darber zufrieden geben, da sich
der alte Oberpostdirector doch noch hat von der jungen hbschen Frau
scheiden lassen, um das ungebildete Ding, seine Wirthschaftsmamsell,
zu heirathen -- das ist auch ein alter Snder, der noch einmal, und
hoffentlich auf dieser Welt schon, wenn er es am wenigsten erwartet,
seinen Lohn kriegt. Na, die kann sich gratuliren, denn besser wie er
seine anderen Frauen behandelt hat, wird er's mit der auch nicht machen.
Ueberhaupt die _Frommen_, das ist so die rechte Art -- vor den Leuten
_beten_ sie, und zu Hause sind's nachher Tyrannen, und Gott wei was fr
Hallunken. -- Wenn ich nicht so neugierig wre, zu sehen, wie sie sich
zusammen vertragen, ich kme _dem_ Herrn wahrhaftig mit keinem Fue ber
die Schwelle.

Hat denn seine Frau ihr jngstes Kind wirklich hergeben mssen? frug
die Mutter, und griff fast unwillkrlich nach der Tochter Arm, die eben
schon wieder in greren Schritten vorauseilen wollte.

Nun natrlich, erwiederte diese, weit Du denn das nicht? Nicht
des Kindes wegen, denn das wird dem alten Geizhals wohl kaum am Herzen
liegen, aber der _Welt_ wegen -- der gute Mann, sollen die Leute sagen,
kann nicht ohne sein Kind leben -- was fr eine Vaterliebe -- siehst Du
Mutter, ich wnsche keinem Menschen gern 'was Bses, aber wenn ich den
Schuft knnte hngen sehen--

Schrei nur nicht so, sagte die Mutter, Deine Stimme hrt man so ber
drei Straen hinber -- da oben steht wahrhaftig der Oberpostdirector am
Fenster.

Und sich freundlich verbeugend und grend traten sie in's Haus, wo
ihnen Frau von Gaulitz mit hflichem Willkommen entgegen kam und sie
den anderen beiden Damen, Frulein Melinde und Josephine Seiffenberger,
Tchter des Herrn Geheimenraths Seiffenberger, vorstellte.

Gegen diese beiden Damen verneigte sich Anna Schtte auf das
Frmlichste, dann flog sie aber, wie aus einer Pistole geschossen,
Sophie Scheidler um den Hals, nannte sie ihr liebes herziges Soph'chen
und rief, sich darauf im ganzen Zimmer umschauend:

Nein aber, wie Sie reizend wohnen, Frau Oberpostdirector -- das ist zu
herrlich, zu gttlich -- ach, so einen Stuhl habe ich mir schon lange
gewnscht -- nein der ist doch zu wonnig -- und _die_ Aussicht -- ach
die Berge da im Hintergrunde -- das mcht' ich malen knnen -- und der
wunderschne Flgel -- das ist wohl ein Bretschneider? -- spielen Sie
denn auch?

Frau von Gaulitz wurde blutroth, antwortete aber nach kurzem Zgern:

Ein Bischen -- nur sehr wenig -- aber bitte, wollen Sie nicht Platz
nehmen? -- Louise, schenk doch den Damen ein.

Den Augenblick, meine Gndige, sagte Anna, lie sich vor dem
geffneten Flgel nieder und griff einige Accorde -- nein, was das
Instrument fr einen reizenden Ton hat -- wundervoll.

Und ohne vorherige Warnung legte sie sich pltzlich in die Tasten und
raspelte der auf's Aeuerste erstaunten Zuhrerschaft mit unzhligen
falschen Griffen -- armer Karl Maria -- Webers Aufforderung zum Tanz
herunter. Die beiden Geheimenrathstchter und Frau von Gaulitz waren
auch ber die Ausfhrung wirklich entzckt, lobten wenigstens das Spiel
auf das Angelegentlichste, und fragten nur, ob Frulein Schtte nicht
auch singen knne.

Nur wenig, entschuldigte sich diese, ich bin lange heiser gewesen,
und mu mich jetzt noch sehr schonen.

Nun _nach_ dem Kaffee erfreuen Sie uns vielleicht mit einem Liede,
sagte der Oberpostdirector, der fest entschlossen war, _nach_ dem Kaffee
einige wichtige und unaufschiebbare Geschfte zu haben.

Die Neuangekommenen nahmen nach dieser Wendung und auf nochmaliges
Nthigen ihre Sitze ein. Frulein Schtte erhielt den Platz zwischen den
beiden Geheimenrathstchter und Freundschaft war auch bald unter diesen
dreien geschlossen. Im Anfange schweifte dabei das Gesprch, da man sich
ja doch nicht nher kannte, natrlich nur ber allgemeine und
ziemlich gleichgltige Dinge hin, Wetter und Jahreszeit, beabsichtigte
Lustfahrten und die reizende Lage der hiesigen Gegend muten den
Grundstoff liefern, zu dem die verschiedenen Parteien die Variationen
ausarbeiteten; nicht lange dauerte es aber, so fing es an, auf einzelne
Individuen oder Punkte seinen Stachel hinzulenken, und wurde dadurch,
wie sich das von selbst versteht, nur interessanter.

Sie sind also voriges Jahr auch in Dresden gewesen? frug Melinde auf
eine von Frulein Schtte geuerte Bemerkung.

Ei ja wohl, beinahe fnf Monate, mein Frulein -- es ist doch eine
herrliche Stadt -- und so billig -- nein Sie glauben gar nicht, wie
billig und doch angenehm man dort wohnen kann.

Wo haben Sie denn eigentlich gewohnt, es wundert mich, da uns nie das
Vergngen zu Theil geworden.

In der Pirnaischen Gasse, im Plofeld'schen Hause -- Sie kennen es
wohl?

Das Plofeld'sche Haus? -- ei gewi, das ist dasselbe, Josephine, wo
frher Mehlheims wohnten.

Ach, _die_, sagte Frulein Josephine mit einem so bedeutungsvollen,
wenn auch etwas hhnischen Lcheln, da es augenblicklich die
vollkommene Aufmerksamkeit der Familie Schtte erregte.

Was sind das fr Mehlheims? frug Anna rasch.

Kennen Sie die Mehlheims nicht? sagte Frulein Melinde erstaunt --
Professor Mehlheims, die erst vor zwei Jahren von Breslau zu uns kamen?
-- Sie stammen aus Dresden.

Nein, von denen habe ich nie gehrt

Hm, das wundert mich, lieber Gott, _sie_ ist eine Schwester der
Regierungsrthin Hertig -- _die_ kennen Sie doch.

_Hertig_? _Hertig_? Sind die etwa mit den Hertigs in Plauen verwandt?

Das wei ich nicht, aber ihre Mutter war eine geborene Jhn, von
Assessor Jhn's die Tochter.

Ach, _die_ kenne ich ganz gut, fiel hier die Frau Commerzienrthin
ein, die haben uns einmal ein halbes Jahr lang schrg ber gewohnt --
also mit denen sind die Mehlheims verwandt; aber was wollten Sie denn
vorhin erzhlen?

O gar nichts von Bedeutung weiter, sagte Melinde, ich meine nur, sie
hatten alle Ursache aus _dem_ Logis zu ziehen, denn in _solchem_ Schmutz
und Unrath htten sie doch nicht lnger fortbestehen knnen.

Aber das begreif' ich gar nicht, fiel hier der Oberpostdirector, der
sich bis dahin am Gesprch mit keiner Sylbe betheiligte, sondern nur
manchmal aus dem Fenster nach dem erwarteten Pastor geschaut hatte, ein
-- gerade die Professorin Mehlheim ist als eine vortreffliche Frau und
gute Wirthin bekannt, und ich selbst bin schon oft bei ihnen gewesen,
und wei, da ich mich sogar ber die dort herrschende Sauberkeit sehr
gefreut habe.

Lieber Herr Oberpostdirector, fiel ihm hier die jngste Frulein
Seiffenberger in's Wort -- Sie knnen sich darauf verlassen, bei
Mehlheims ist eine schauerliche Wirthschaft -- ich wei das aus _ganz_
sicherer Quelle, und was die Professorin selber als Wirthschafterin
betrifft, so nehmen Sie mir das nicht bel, davon versteht sie gar
Nichts. Nein, die gelehrte Dame will sie gern spielen, den ganzen Tag
sitzt sie auf dem Sopha, und liest Bcher und Journale und drauen in
Kche und Speisekammer geht's drunter und drber, und die Kinder drfen
Alles herrichten, wie es ihnen gerade Spa macht.

Unser Mdchen hat auch, ehe sie zu uns zog, bei Mehlheims gedient,
sagte die Schwester, und uns schne Geschichten von dort erzhlt -- den
Wein konnte sie nur so wie sie wollte aus dem Keller nehmen, da war sie
frmlich daran gewhnt.

Aber die Mdchen reden auch manchmal mehr, als sie sollen und
verantworten knnen, sagte Sophie Scheidler, man darf wahrlich nicht
Alles glauben, was die sagen; ich wei, was nur allein hier in Horneck
schon fr hliche Sachen aus solchem unbegrndeten Nacherzhlen
entstanden sind.

Nun _da_ kommen wir wieder auf _unser_ Kapitel, liebes Sophiechen,
nickte ihr Anna zu -- das wei der liebe Gott, _die_ Noth, die man
mit den Dienstboten jetzt hat, ist entsetzlich -- unsere Rieke, das
ist soweit ein ganz gutes Mdchen, aber _das_ Klatschen -- das liebe
Mundwerk steht ihr den ganzen Tag nicht still, und schickt man sie gar
einmal aus, so kann man sich nur fest darauf gefat machen, da sie in
der ersten Stunde _nicht_ wieder kommt.

Das machen sie _alle_ so, nahm hier Frulein Melinde die Sache auf,
ich hatte einmal ein Mdchen, das durfte ich Abends gar nicht aus den
Augen lassen, und selbst im hellen Sonnenschein verging kaum ein Tag, wo
sie nicht irgend ein _Bruder_ aus der Provinz, manchmal Soldat, manchmal
Civil, besucht htte. Und kein Fertigwerden mit ihr; zum Aufwasch
brauchte sie manchmal drei volle Stunden.

Nun ich dchte fiel ihr hier Josephine in's Wort, darin leistete
unsere jetzige auch etwas -- denken Sie sich, neulich Abends nach
dem Essen hatte sie Nichts mehr zu thun, als das Bichen Messing und
Kupferzeug zu putzen, den Vorsaal und die Kche zu scheuern, und uns
noch eine Kleinigkeit von Taschentchern und Kragen zu waschen, und
wissen Sie bis wie lange sie dabei das theure Oel verbrannt hat? -- bis
Morgens um zwei Uhr -- das ist denn doch wahrhaftig zum krank rgern,
und da hilft auch kein Reden und Sagen.

Der mu es aber bei uns wie im Himmel sein, nahm hier Frulein Melinde
die Unterhaltung wieder auf, -- denn vorher war sie bei der Frau
Hauptmann Kohlwitz in Dienst gewesen, und die sollen Dienstleute
wirklich wie die Sclaven behandeln.

Nun, den _Ruf_ hat sie wenigstens, fgte, wenn das irgend noch nthig
gewesen wre, Frulein Schtte als Besttigung hinzu -- wissen Sie,
meine Gndige, -- ach, die Frau Oberpostdirector war ja nie in Dresden
-- wissen Sie, Frulein Seiffenberger, wie der Hauptmann damals das
Duell mit dem alten Bergcommissar hatte -- ich war gerade in der Zeit
auf ein paar Tage zu Besuch oben, da kam eine gute Freundin von der Frau
Hauptmann manchmal zu uns, und die hat uns entsetzliche Geschichten von
ihr erzhlt--

Und kleiden thut sich die Frau, setzte Frulein Josephine hinzu --
das ist fabelhaft, man kann ihr doch recht gut nachrechnen, was
ihr Mann eigentlich zu verzehren hat, denn das Gercht mit dem
amerikanischen Onkel war doch ein Bichen gar zu plump, und sollte
wahrscheinlich die Glubiger etwas geduldiger machen, -- und trotzdem
giebt sie allein mehr fr seidene Kleider und Hte aus, wie -- das
wei ich aus ganz sicherer Quelle -- ihr monatliches Wirthschaftsgeld
betrgt.

Wissen Sie denn, wer jetzt -- erst etwa vor zwei Stunden, in Horneck
eingetroffen ist? frug Frulein Schtte pltzlich, aber mit leiser
Stimme, als ob sie irgend ein wichtiges Geheimni mitzutheilen habe.
Die Frage verfehlte ihre Wirkung denn auch keineswegs, die Damen fuhren
blitzesschnell mit den Kpfen zusammen, und ein erstauntes wer denn?
lief durch die Reihe.

Die Frau Ministerin von Herchenthal mit Mutter und Tochter? rief
triumphirend Anna und ein erstauntes ist es denn mglich? war ihr
Lohn.

Was mu aber da nur vorgegangen sein? frug Frulein Melinde rasch.

Vorgegangen? sagte Sophie Scheidler -- weshalb soll da gerade etwas
vorgegangen sein; die Frau Ministerin -- ist seit drei Jahren jeden
Sommer herausgekommen.

-- Aber nicht mit der Mutter, mein Herz, fiel ihr Anna Schtte rasch
in's Wort -- nicht mit der Mutter und einem Reisewagen voll Koffer, als
ob sie ihre Winterquartiere beziehen wollten; und nicht Anfang April,
sondern Ende Mai, wenn die Tage _ganz_ warm und schn waren. Nein,
richtig ist die Sache nicht, darauf wollte ich mein Leben einsetzen.

Das geschieht ihr aber ganz recht versicherte in's Blaue hinein und
ungewi, auf was sich das nicht richtig eigentlich bezge, Frulein
Josephine und hielt der Wirthschaftsmamsell zum fnften Mal ihre Tasse
hin -- einen solchen Hochmuth wie _die_ Leute gehabt haben -- nein das
ist ganz unglaublich; ich wnsche keinem Menschen etwas Bses, aber das
gesteh ich, das knnte mir ordentlich einen frohen Tag bereiten, wenn
ich erfhre, da es denen einmal nach Verdienst gegangen wre.

Was will denn die aber auf dem Lande? frug Melinde -- von der
Wirthschaft versteht sie denn doch nicht _so_ viel. Kaskelts, die
dicht neben an gewohnt haben, und ihnen gerade in den Hof sehn konnten,
versicherten mich oft es sei wirklich traurig _wie_ es bei Denen zu gehe
-- einen Hasen haben sie einmal drei ganze Wochen vor dem Kchenfenster
hngen gehabt, bis er gar nicht mehr zu genieen war, denken Sie sich,
den hatten sie rein vergessen und was die allein den vier kleinen
Bologneser Hunden fttern, die sich die Frau Ministerin hlt, davon
knnten zwei arme Menschen anstndig leben. Das sollte denn doch
wahrhaftig nicht sein, und selbst in der theueren Zeit hat sie nicht
einen einzigen abgeschafft.

Eine kurze Unterbrechung entstand hier durch das Eintreten des Pastors,
der brigens keinen Theil an der Unterhaltung nahm, sondern sich mit
dem Oberpostdirector in die Ecke des Zimmers auf ein kleines Seitensopha
setzte, und dort mit diesem einiges sehr angelegentlich zu besprechen
schien. Das so interessante Gesprch der Damen wurde aber auch jetzt,
als ob sie die Gegenwart des geistlichen Herren scheuten, mit etwas
leiserer Stimme, sonst jedoch mit keineswegs vermindertem Eifer,
fortgesetzt. Die beiden liebenswrdigen Schwestern Seiffenberger
schienen sich brigens der Unterhaltung mehr und mehr zu bemchtigen
und Frulein Schtte wurde einsylbiger als man das sonst wohl von
ihr gewohnt war -- sie brannte nmlich darauf irgend ein brillantes
Gesangstck vorzutragen und hoffte bis jetzt nur noch immer auf
eine erneute Einladung als zndende Lunte -- obgleich sie im
entgegengesetzten Fall dennoch fest entschlossen war, von selber los zu
gehn.

Die Dmmerung brach indessen an, es wurde dunkel in dem, von ein paar
hohen Kastanienbumen stark beschatteten Gemach -- der Oberpostdirector
und Pastor waren in ihrer dsteren Ecke kaum noch zu erkennen, ebenso
verschwammen Frulein Schttes Umrisse, die vom Tisch aufgestanden
-- leise zu dem Fortepiano geschwebt war und sich dort schwrmerisch
sinnend auf dem kleinen gestickten Sessel niedergelassen hatte, mit dem
fahlen Hintergrund der Tapete.

Da ffnete Poller die Thr, schaute herein und sagte:

Der Herr Schriftsetzer Strohwisch wnschen die gndige Frau zu
sprechen.

Schriftsetzer? riefen Frulein Melinde und Josephine wie aus
einem Athem -- hahaha -- das ist gttlich -- das ist himmlisch --
Schrift_steller_ meinen Sie -- das ist eine reizende Verwechselung --
Herr Strohwisch ist humoristischer Schriftsteller -- das htte sich ja
gar nicht besser treffen knnen, der liefert charmante Sachen.

Wird mir sehr angenehm sein sagte, whrend aus der Ecke in der der
Oberpostdirector sa, ein leiser Seufzer emporstieg, Frau von Gaulitz
zum Bedienten gewandt. Dieser verschwand -- die Thr that sich auf
und herein trat, im schwarzen Frack und mit den unausweichbaren
papageigrnen Glachandschuhen, unter denen hervor ein Stck der derben,
fest zusammengepreten blutrothen Hand sichtbar wurde, in grocarrirten
Unaussprechlichen, die Haare allem Anschein nach noch krzer als
gewhnlich geschnitten, ebenso die Nase, _wenn_ das mglich gewesen
wre, noch stumpfer, die Augenbrauen noch mehr heraufgezogen, die Augen
noch stierer und grer, die Stirn noch schmaler, die weit abstehenden
Ohren noch feindlicher gegen einander gesinnt -- die Sporen noch
klirrender, die Reitpeitsche noch graciser in der Hand, Feodor
Strohwisch, mit einem freundlichen Lcheln auf den breiten Zgen.

Die Begrung war kurz, Strohwisch schien nicht gewohnt lange
Complimente zu machen -- =ubi bene, ibi patria=, ob sich das =patria=
nun eben so wohl um ihn herum fhlte, galt ihm ziemlich gleich.

Frulein Schtte hatte er brigens in ihrer dunklen Ecke noch gar nicht
erkennen knnen, und selbst nach dem Sopha, auf dem die beiden Herren
saen warf er, als diese sich aus ihrer Stellung nicht bewegten, einen
mistrauischen Blick, ohne jedoch im Stande zu sein, die Identitt ihrer
Personen zu bestimmen.

Frau von Gaulitz wollte Licht bringen lassen, dem widersetzten sich aber
die beiden Damen Seiffenberger o es war jetzt zu reizend, zu herrlich
hier in dem dsteren dmmernden Stbchen, -- wie schauerlich schn wehte
und rauschte die Kastanie drauen vor dem Fenster, und wie wunderhbsch
war das, da man von einander nur die Umrisse der Gestalten, gar nicht
einmal die Gesichtszge erkennen konnte. Frau von Gaulitz fgte sich,
und Feodor Strohwisch wurde bald der Mittelpunkt des Gesprchs, indem
er den Faden der Unterhaltung, den bis dahin die Damen Seiffenberger und
Schtte in Hnden gehalten, fast allein fr sich usurpirte.

Vor allen Dingen berichtete er ziemlich ausfhrlich ber den Zustand des
Wetters drauen, und gab seine Vermuthungen an, was er davon fr morgen
erwarte, wunderte sich ber das famose Frhjahr und versicherte der
lteste Mann in Horneck wisse sich, wie er das aus dessen eigenem Munde
vernommen, einer solchen Jahreszeit gar nicht zu erinnern.

Denken Sie sich fuhr er dann zur Besttigung des Gesagten fort, oben
in der Schenke sitzt Alles, bis noch zu diesem Augenblick, im Freien --
Anfang April -- das ist fabelhaft. -- Aber was mir da einfllt -- ich
habe eben drben etwas gehrt, das ich hier in Horneck wahrlich nicht
erwartet htte.

Und das wre? frag Frulein Melinde rasch.

Eine Sngerin, wie ich sie selbst in den ersten Stdten Europas
(Schker -- die grte Stadt die er je gesehen, war Dresden) nicht
getroffen. Ein Mdchen -- zwar, allem Anschein nach in hchst
mittelmigen Umstnden, auch etwas zu bleich und krankhaft von
Aussehn, um gerade schn genannt zu werden, aber eine Stimme -- famos --
glockenrein, und weich wie Sammet -- und eine Hhe! -- Sie sang zuerst
ein paar ernste Sachen -- recht brav, das mu man sagen; aber spter
trug sie ein humoristisches Lied vor -- nein, meine Damen, ich habe nie
etwas Aehnliches gehrt!

Aber warum erfhrt man das erst jetzt? frugen Melinde und Josephine
warum giebt sie nicht irgend eine Matinee, ein Concert.--

Es ist liederliches Gesindel, das im Lande umherzieht -- mischte sich
hier der Pastor in's Gesprch, und Feodor schnellte von seinem Sitze
auf, um sich nach der Ecke hin, aus welcher die Stimme tnte, zu
verbeugen -- sie wollten auch heute, am Sonntag Morgen schon singen,
das hab ich mir aber verbeten; die Welt wird wahrlich immer schlimmer.
-- Das htte einmal in einer frheren Zeit einem Christenmenschen
einfallen sollen, an einem Sonntag komische Lieder zu singen, -- er wre
gesteinigt worden; jetzt findet man das aber ganz in der Ordnung.

Und es ist ein bses Zeichen fr die gottesfrchtige Gesinnung des
Ortes, pflichtete ihm hier der Oberpostdirector seufzend bei, da so
etwas auch in unserem Orte einzureien scheint oder die Menschen nur
berhaupt Gefallen daran finden.

Bitte um Verzeihung, meine Herrn, setzte sich aber hiergegen Feodor
Strohwisch -- der auch nach der zweiten Stimme hin seine Verneigung
gemacht, zur Wehr, denn das hie seine Existenz zugleich angegriffen --
von gemeiner Komik darf und kann hier nicht die Rede sein, der _Humor_
aber ist das Salz und die Wrze des Lebens, und eben so wenig wie wir an
einem Sonntag das Salz entbehren mgen, eben so wenig ist das glaub ich,
mit dem Humor der Fall -- hahahahaha!

Frulein Schtte hatte sich auf die Tasten niedergebogen, um diese
besser erkennen zu knnen, legte dann die Finger einzeln aber
geruschlos auf, und griff jetzt schwrmerisch einige Moll Accorde.
Einer von diesen klang nicht ganz rein und Feodor warf einen
mistrauischen Blick nach der, von geheimnivollem Dmmerschein
umflossenen Gestalt hinber, schien aber gegenwrtig auf ein viel
zu interessantes Kapitel gerathen zu sein, um davon so leicht wieder
abspringen zu knnen.

Ist denn die Sngerin allein oder in Begleitung hier? frug Sophie.

Ein alter Mann, wahrscheinlich ihr Vater ist bei ihr -- sagte Feodor,
er trug einzelne Piecen sehr hbsch vor, und accompagnirte besonders
das letzte Lied reizend -- nun -- wo hab' ich es denn eigentlich -- hin
-- gesteckt? -- na das wre ein schner Spa߫ -- Er befhlte sich am
ganzen Krper in immer grerer Hast, wie Einer, nach dem geschossen
ist, und der nur noch nicht recht wei, ob ihm die Kugel in der Schulter
oder im Beine sitzt.

In dem Augenblick ging die Thre auf, und Poller trat mit der groen
Schraubenlampe herein, die er mitten auf den Tisch stellte und zugleich
das Kaffeegeschirr mit fortnahm.

Haben Sie etwas verloren? frugen die beiden Frulein Seiffenberger
besorgt.

Bitte -- bemhen Sie sich nicht -- es mu sich schon wieder finden --
es war nur das humoristische Gedicht, das von dem Mdchen so wundervoll
vorgetragen wurde -- ich glaubte es wre vielleicht fr Sie interessant
zu -- ah, hier ist es -- nein doch nicht -- das ist etwas anderes --
nun das schadet Nichts -- hahahaha -- das ist auch ein so kleines
scherzhaftes Ding was ein _sehr_ guter Freund von mir gemacht hat --
prachtvoller Humor darin -- es kommt mir immer, wenn ich es so ansehe
vor, wie eine Schachtel voll Knallerbsen -- hahaha!

Hihihi kicherten die beiden Frulein Seiffenberger und die Frau
Oberpostdirectorin -- und die Mollaccorde wurden weicher und wehmthiger
-- Feodor sa brigens den Rcken dem Clavier zugewandt, und konnte
deshalb die Spielende nicht sehn.

Ach bitte, tragen Sie uns etwas vor bat Melinde.

Ich habe schon einiges von Ihnen gelesen setzte Josephine hinzu --
nein, _zu_ reizend; todt knnte man sich darber lachen -- >Possen aus
Nossen< war, glaub' ich, der Titel -- ist die auch von Ihnen?

Von mir? -- nein -- lchelte Feodor verlegen, und eine eigenthmliche
Bescheidenheitsrthe verlieh seinem Antlitz etwas Zinnoberartiges --
ein _sehr_ guter Freund von mir -- er ist noch -- er ist noch Dilettant
-- Sie -- Sie werden Nachsicht mit ihm haben mssen.

O bitte, bitte lesen Sie baten die Damen.

Aber es eignet sich in der That gar nicht zum Vorlesen versicherte
Feodor -- es sind nur einzelne, epigrammatisch gehaltene abgerissene
Strophen, ohne Zusammenhang -- es sollte -- wie mir mein Freund gesagt
hat, ein Versuch sein, einen Vers auf das ernsthafteste, tragischeste zu
beginnen, und dann urpltzlich ganz humoristisch zu schlieen -- es ist
das eine ungeheuer schwere Aufgabe, und ich wei wirklich nicht--

Oh bitte, bitte -- lautete die einzige Antwort.

Nun, wenn Sie denn nicht anders wollen, aber zrnen Sie mir nicht, wenn
ich Sie langweile -- ahem -- ahem!--

Wollen Sie sich die Lampe nicht etwas weiter hinbernehmen? frug Frau
von Gaulitz.

Oh ich danke, meine Gndige -- ich kann herrlich hier sehen -- also
ahem -- wenn Sie denn Nachsicht mit mir haben wollen -- ahem:

Feodor rckte noch einige Male ruspernd auf dem Stuhl herum, hielt
das Manuscript etwas gegen das Licht und begann dann mit ernster,
feierlicher Stimme, die ein ernsthaft schmachtender Blick nach des
Pastors Tchterchen hinber aber Lgen strafte:

  Das Warum wird offenbar
  Wenn die Todten auferstehen!----
  Wer versetzt den Mantel mu,
  Wenn es kalt, im Fracke gehn![1]

  [1]: Diese und die nachstehenden Verse sind wrtlich einem kleinen
  Liederbuche entnommen: Faxen aus Sachsen, zweites Heft Englische
  Kunstanstalt von A. H. Payne in Leipzig.

Hahaha.

Hahaha lachten die Damen Seiffenberger und von Gaulitz und auch
Poller, der in der Thre stehn geblieben war, verzog den breiten Mund
von einer Seite zur andern. Der humoristische Schriftsteller fuhr fort:

  Zwei Seelen und ein Gedanke
  Zwei Herzen und ein Schlag----
  Ich glaube Ritzebttel
  Ist kleiner doch als Prag.

Hahahaha -- sehr gut vortrefflich!

  Wo Muth und Kraft in deutscher Seele flammen
  Fehlt nicht das blanke Schwert beim Becherklang----
  Rauch nie Cigarrn zwei Stck fr einen Dreier
  Sie machen sicher nur Gestank.

Sehr wahr -- sehr wahr kicherten die Damen Seiffenberger -- Feodor
lchelte und fuhr fort:

  Alles war im Anfang gut auf Erden.
  Alles wird durch Weisheit wieder gut--
  Drum versume ja nicht aufzukrmpeln
  Deinen alten abgeschabten Hut.

Ich will die Geduld des Lesers nicht durch noch mehr von diesen Versen
auf die Probe stellen. -- Die Damen, Frulein Scheidler und Schtte
ausgenommen, amsirten sich brigens vortrefflich und riefen, als der
junge Mann das Gedicht seines _sehr_ guten Freundes beendigt, wie im
Chor:--

O, das ist sehr drollig -- das ist allerliebst!

So abgerissen, lachte Frulein Josephine -- erst glaubt man Wunder
was fr ein ernster wehmthiger Vers kommt, und dann schliet es so
pikant und reizend -- ha ha ha ha!

Der Ernst verleiht dem Humor gerade den hchsten Reiz, versicherte
Feodor, whrend er das Gedicht in die Westentasche zurckschob. So
htten Sie nur zum Beispiel sehen sollen, mit welchem unerschtterlichen
Ernst das junge Mdchen heute mein -- das humoristische Lied sang -- es
war zu komisch, und ich -- ha wahrhaftig -- da ist es -- nun hab' ich es
doch in allen Taschen gesucht--

Ein paar angeschlagene Accorde lieen den Sehnsuchtswalzer ahnen -- aber
kurz abgebrochen wurden sie, als ob ein furchtbarer Schmerz selbst jedes
Sehnen unterdrcke.

Sie wollten uns ja ein Lied singen, mein Frulein, sagte aber jetzt
der Oberpostdirector, der nicht mit Unrecht eine Fortsetzung solch
literarischer Thtigkeit frchtete.

Ach ja, liebe Anna, bat auch Sophie, zu ihr tretend, Du kannst gewi
irgend ein kleines Lied auswendig, singe nur etwas.

Feodor hatte die zweite Auflage seiner Humoristik schon wieder zum
vollstndigen Angriffe bereit, da aber die Bitte zum Singen auch von
einer der Damen, noch dazu von Frulein Scheidler untersttzt wurde, so
konnte er dagegen doch nicht gut ankmpfen -- er legte das Papier vor
sich nieder, und nahm sein Taschentuch heraus.

Ich wei nicht -- meine Stimme ist heute so belegt, strubte sich
Anna, und Strohwisch fuhr bei den Lauten blitzesschnell herum -- _das_
war seine Hausgenossin mit ihrer gellenden Stimme -- ha, selbst bis
hierher verfolgte ihn sein Geschick.

Es wird schon gehen, ermunterte sie aufstehend der Oberpostdirector,
und schien nur eine gnstige Gelegenheit abzuwarten, um das Zimmer zu
verlassen.

Vielleicht knnten Sie uns irgend ein geistliches Lied singen? schlug
mit gewinnendem Lcheln der Pastor vor.

Feodor war bei der Nachfrage nach einem Liede fast unwillkhrlich wieder
mit der Hand an die Tasche gefahren, die aller Wahrscheinlichkeit
nach noch einen Schatz von solchen in ihren Falten barg, dieser letzte
Vorschlag lie ihn aber in Verzweiflung davon abstehen. Weiteres
Ueberlegen half jedoch auch gar Nichts, denn Frulein Schtte schien
pltzlich zu einem Entschlu gekommen zu sein; sie rckte sich
wenigstens den Stuhl zurecht -- prludirte ein wenig, und--

  Robert, Robert, mein Geliebter,
  Mein Herz lebt nur -- lebt allein durch Dich

schwoll mit steigender Bewegung durch die stillen Rume des Saales.

Die _Gnadenarie_ sthnte Strohwisch leise vor sich hin, und sank
vernichtet in seinen Stuhl zurck. Und die Gnadenarie war es auch
wirklich, die Anna, trotz der belegten Stimme, in schmetternden
Tnen, bald einen Viertelton zu hoch, bald einen halben zu tief, aber
regelmig aus dem Tact, und fast bei jedem Satze stecken bleibend,
vortrug.

Wenn ich nur meine Noten htte, entschuldigte sie sich fortwhrend
dabei -- Feodor aber nahm gar keine Entschuldigung an -- bleich und
lautlos sa er am Tisch, und nur einmal flsterte er leise mit unter der
Decke gefalteten Hnden: Ich leide unschuldig!

Unten im Hof aber war es indessen lebhaft geworden, und der
Oberpostdirector an's Fenster getreten, wo er hinter den zur Seite
geschobenen Rouleaux hervor hinabsah. Dunkle Mnnergestalten schritten
dicht bei einander ber den gelben Kies.

Sie haben ihn, sagte er, die Gesellschaft ganz vergessend, gegen den
Pastor gewandt, wenn aber auch Sophie Scheidler den Kopf wandte, so
schien doch sonst Niemand die Bemerkung gehrt zu haben, der Pastor aber
verlie rasch mit dem Gutsherrn das Zimmer.

Sie haben ihn? flsterte Sophie, und unwillkhrlich berlief ein
kaltes Frsteln ihre Glieder -- wen? -- groer Gott, wenn es mglich
wre.

Sie glitt rasch an's Fenster, und sah hinaus -- gegenber, wo das kleine
Gebude stand, in welchem zu Zeiten, obgleich sehr selten, Missethter
eingesperrt wurden, standen eine kleine Gruppe Menschen, ihr Vater trat
mit dem Oberpostdirector eben zu ihnen; dieser gab einige Befehle.

Das ist Tyrannei, und wird seine Strafe finden -- der Tag des Gerichts
ist nahe! donnerte eine Stimme vom Hofe aus, da sie selbst hinter
dem geschlossenen Fenster die Worte deutlich verstehen konnte. Auch
die Uebrigen muten etwas davon vernommen haben, denn die Frulein
Seiffenberger drehten sich rasch nach dem Fenster um, und Frau von
Gaulitz trat zu Sophien, um hinaus zu sehen. Nur Anna Schtte lie sich
nicht stren.

  Wie? Dein Herz, wie? Dein Herz hat vergessen,
  Was Du hei, was Du hei einst mir schwurst!

tnte ihre gellende Stimme durch das ganze Haus; selbst die Mgde, die
eben mit den Aeschen, in denen sie ihre Abendsuppe geholt, aus der Kche
kamen, blieben erstaunt stehen, und horchten hinauf, wem denn da oben
etwas fehle. Feodor aber sa noch immer in dumpfes dsteres Brten
versenkt.

Gleich darauf schlo sich die Thr wieder drben, Schlssel klapperten,
und der Oberpostdirector kam mit dem Pastor in das Haus zurck.

  Ach Gnade, Gnade fr Dich selber, fr Dich selber,
  Und Gnade -- und Gnade, Gnade fr mich -- Gnade -- Gnade -- Gnade
          fr mich!

schlo Anna ihre schmetternde Bravourarie, und herrlich! gttlich!
riefen die Frulein Seiffenberger wie aus einem Munde.

Wirklich schn! sagte Herr Strohwisch, und machte einen schwachen
Versuch zu applaudiren -- sehr schn, mein Frulein -- ich habe -- ich
habe auch schon frher das -- Vergngen gehabt, Sie singen zu hren--

Weitere Complimente wurden unntz, denn Melinde wie Josephine gingen auf
Frulein Schtte zu, preten sie in die Arme, kten sie, und nannten
sie einen sen melodischen Engel.

Der Oberpostdirector trat mit dem Pastor in's Zimmer, so will ich
Ihnen das andere kleine Gedicht noch vorlesen -- mit Musik macht es sich
freilich besser -- alle meine Gedichte sind fast componirt -- wundervoll
-- schn!

Um Gotteswillen, Vater, was ist da drauen eben geschehen? frug aber
Sophie, die neue Kriegserklrung gar nicht beachtend, in Todesangst
ihren Vater, so wie dieser die Schwelle nur berschritten hatte.

Nichts, mein Frulein, beruhigen Sie sich, nahm da Herr von Gaulitz
die Antwort auf -- Nichts, was Sie ngstigen drfte, im Gegentheil
etwas Freudiges -- wir haben den Burschen aufgesprt, der von der
Residenz aus steckbrieflich verfolgt ist, und Sie selber sogar gestern
im Walde angefallen hat.

Sophie hatte eine Stuhllehne erfat, und es bedurfte aller ihrer
Geistesgegenwart, sich in diesem Augenblick nicht zu verrathen.

Den haben Sie erwischt? rief da Anna Schtte frhlich dazwischen --
Gott sei Dank, jetzt kann man doch wieder vor die Thre gehen, ohne
frchten zu mssen, angefallen zu werden. Was geschieht nun mit dem
erschrecklichen Menschen?

Aber er hat uns ja gar nicht angefallen! betheuerte Sophie, denn
gewaltsam raffte sie sich zusammen, da sie recht gut fhlte, wie es
jetzt an der Zeit sei, dem Unglcklichen, was er auch sonst immer
verbrochen haben mochte, wenigstens von dieser Anklage zu reinigen --
nur vom Waldrand her, wo er wahrscheinlich gesessen, trat er auf uns
zu, als ihn auch schon das Blei des Jgers traf -- und er ist -- er ist
verwundet.

Der klare Schrot wird ihm nicht viel gethan haben, meinte der
Oberpostdirector; das bleibt sich aber auch gleich, und es soll mir
seinetwegen lieb sein, wenn ihm das nicht hrter in's Gewicht fllt. Ich
habe bei der Sache aber weiter Nichts zu thun, als da ich ihn in die
Stadt an's Criminalgericht liefere, das mag nachher meinetwegen sehen,
was es mit ihm anfngt.

Was hat er denn eigentlich verbrochen? frug Strohwisch, der seufzend
den Gedanken aufgab, heute noch und unter solchen Verhltnissen zum
Vorlesen zu kommen -- hat er gestohlen?

Das kaum, sagte von Gaulitz, dem Ministerium scheint nur sehr viel
an seiner Gefangennehmung zu liegen, es mu wohl ein sehr gefhrlicher
Mensch und Demagoge sein -- nun, wild genug sieht er aus, und es ist
mir lieb, da wir ihn hinter Schlo und Riegel haben. Aber bitte, meine
Damen, setzen Sie sich doch, Sie brauchen sich wirklich nicht mehr zu
frchten, -- er ist ganz unschdlich. -- Wir haben Sie gewi in Ihrer
Arie gestrt, mein Frulein.

Ich hatte sie gerade beendet -- aber -- bester Herr Oberpostdirector,
knnte man den Menschen denn wohl einmal zu sehen bekommen? -- ich habe
noch nie einen ordentlichen Ruber-- sie zgerte einen Augenblick, und
der Pastor fuhr lchelnd fort--

-- in aller Sicherheit hinter einem Gitter wie ein wildes Thier
betrachten knnen.

Aber Anna! sagte Sophie vorwurfsvoll--

Nun liebes Kind, ich wei wirklich nicht, ob man mit einem solchen
Menschen Mitleiden zu haben braucht, vertheidigte sich die junge Dame
-- wenn Einer einmal erst _steckbrieflich_ verfolgt ist, dann _mu_ es
ein schlechter Mensch sein.

Bitt' um Verzeihung, mein Frulein, fiel hier Strohwisch ein -- das
kann in jetziger Zeit dem Besten passiren: ein _sehr_ guter Freund von
mir hat einmal auf die politischen Steckbriefe ein Gedicht gemacht,
das-- er fing schon wieder an, in den Taschen zu suchen -- das -- in
-- der -- That -- es wird Sie vielleicht -- vielleicht interessiren--

Es klopfte in dem Augenblick stark an die Thr, und auf ein fast
unwillkhrliches lautes Herein des Dichters, der jedoch erschreckt
danach zusammenfuhr, und tausendmal um Entschuldigung bat, ffnete
sich die Thr, und ein junger Mensch, der Bote, den Herr von Gaulitz
heute in die Stadt geschickt hatte, trat herein:

Nehmen Se's nich vor ungut, Herr Oberpostdirecter, sagte dieser, da
ich so g'rad hereinfalle, aber 's war keener nich von den Bedienten da,
und da dacht' ich, de Sache htte Eile.

Nun, Christoph, was giebts? frug der Gutsherr rasch -- bringst Du
Briefe?

Ja, zwee -- eenen an den Herrn Oberpostdirecter, un eenen an den Herrn
Paster -- es sieht wild in der Stadt aus.

Was? -- Wie so? sagte von Gaulitz, indem er an den Tisch trat und den
Brief erbrach.

De Minister haben se fortgejeggt, lachte der Bursche, reene fort --
eben wie ich zum Thore 'naus wulle, gung der Spectakel los.

Um Gott, fuhr der Oberpostdirector erschreckt auf -- das wre bs--

Ja, Se kennen sich druff verlassen, -- in der Schenke han ich's en ooch
schonst verzhlt -- na, die fungen en scheenen Cravall an -- herr jes!

Der Pastor hatte indessen seinen Brief ebenfalls geffnet, von Gaulitz
bat ihn aber mit leiser Stimme, ihm auf sein Zimmer zu folgen, und
die beiden verlieen nach nur kurzer, hastiger Entschuldigung die
Gesellschaft.

Auch Christoph wollte sich mit vielen Bcklingen entfernen, um seine
Neuigkeit wahrscheinlich im Dorfe weiter zu tragen, der kam aber schn
an. Die drei Damen Seiffenberger und Schtte nahmen ihn in die Mitte,
Strohwisch besetzte die Thr, und er mute nun erzhlen, bis er,
wie eine total ausgeprete Citrone, der auch der letzte Tropfen Saft
genommen, trotz den gewaltigsten Anstrengungen nichts weiter mehr
herausgeben konnte. Erst dann berlieen sie ihn, matt und erschpft
seinem Schicksal.

Herr Pastor, sagte der Oberpostdirector indessen, als der Bediente
das Licht auf den Tisch gestellt, und das Zimmer verlassen hatte --
die Sache in der Residenz scheint allerdings schlimm zu stehen, und die
Revolution auch in unser kleines Lndchen ihre Bahn gefunden zu haben;
nur von dem Sturz des Ministeriums las ich hier noch kein Wort -- ich
hoffe, der Bursche hat in all seiner Aufregung die Sache am Ende gar
schlimmer angesehen, als sie wirklich war.

Auch in meinem Briefe steht keine Sylbe davon, versicherte der
Geistliche, -- fr mich aber ist hier eine sehr fatale Nachricht
enthalten. Denken Sie nur, unser Gefangener ist der Sohn unseres
Generalsuperintendenten Wahlert, der sich freilich, wie mir der
Hofprediger Bellmann hier schreibt, nach dessen letzten politischen
Umtrieben von ihm losgesagt, und ihm frmlich das Haus verboten hat --
aber, Du lieber Gott, Elternliebe lt sich nicht so ohne Weiteres und
mit solchem jungen Menschen zu gleicher Zeit vor die Thre setzen; die
bleibt zu Haus, und nagt und mahnt, und holt ihn am Ende doch
wieder herein. Der Generalsuperintendent ist, besonders bei Hofe,
auerordentlich einflureich, und ich wei in der That nicht, ob er es
uns spter danken wrde, dazu beigetragen zu haben, sein einziges Kind
aufzufangen.

Aber _freigeben_ kann ich ihn doch wahrhaftig auch nicht wieder, sagte
von Gaulitz nach kurzem Ueberlegen, whrend er mit schnellen Schritten
und verschrnkten Armen im Zimmer auf- und abgegangen war; erstlich ist
mir das Sprengen des Ministeriums vollkommen unglaublich; wer wei, was
der holzkpfige Bursche in der Stadt gehrt und sich dabei in seinem
eigenen vernagelten Gehirn zusammengestellt hat -- und dann -- wirklich
den Fall gesetzt, es wre dem so, wer brgt mir nachher dafr, da
die heute Gestrzten nicht morgen schon wieder die Zgel, und dann
sicherlich noch viel gewaltiger als vorher in Hnden haben? -- Ich
kann, man mag mir nun sagen was man will, noch immer an keine wirkliche,
ordentliche Revolution glauben; der Geist des Militairs ist noch der
alte, und lt man den Regierungen nur Zeit, da sie sich ein wenig
von ihrem ersten Schreck erholen knnen, so werden sie sicherlich das
verlorene, oder hier und da fast muthwillig selber aufgegebene Terrain
bald wieder gewinnen. Dehalb mu ich mir also den Rcken in jedem Fall
frei halten, und jetzt vor allen Dingen suchen, authentisch-officielle
Berichte ber den wahren Stand der Dinge in der Residenz zu erhalten.
Da den Ministern, wren sie wirklich gestrzt, Nichts daran liegen
wrde, einen unruhigen Kopf mehr oder weniger unter Riegel zu wissen,
versteht sich wohl von selbst, sind sie aber _nicht_ gestrzt, und war
das ein bloes, vielleicht absichtlich ausgesprengtes Gercht, -- denn
die freie Presse leiht ja jetzt zu jeder Schndlichkeit bereitwillig die
Hnde -- und htt' ich mich dann verleiten lassen, den Gefangenen wieder
_frei zu geben_ -- so knnt' ich in schne Verlegenheit hineingerathen.

Frei _geben_ drften Sie ihn auf keinen Fall, meinte der geistliche
Herr, der eine ganze Weile sinnend am Fenster gestanden und in die
dunkle Nacht hinausgeschaut hatte, sich jetzt aber pltzlich wieder
gegen den Gutsherrn wandte -- wer wrde Sie dagegen tadeln knnen, wenn
der Gefangene, durch die Hlfe irgend eines Anderen, vielleicht guten
Freundes, von hier _entwischte_.

Von Gaulitz blieb vor dem Pastor stehen und sah ihn ein paar Minuten
forschend und scharf in die kleinen schwarzfunkelnden Augen,
schttelte aber nach kurzem Ueberlegen mrrisch den Kopf, setzte seinen
unterbrochenen Spaziergang wieder fort Und sagte:

Nein -- nein -- das geht nicht -- das geht wenigstens _jetzt_ noch
nicht -- erst mu ich die gewisse Besttigung dieser Nachricht bekommen,
und mit _der_ -- werde ich wohl auch Instructionen ber mein knftiges
Benehmen erhalten. Das alte Staatennetz ist viel zu vortrefflich und
dauerhaft gewebt, als da es so mit einem Male, und schon bei dem ersten
gewaltsamen Ruck aus allen Fugen reien sollte -- eine Masche kann
wohl manchmal nachgeben -- doch das lt sich restauriren -- und die
ausgebesserten Stellen halten nachher gerade am Besten. Ich will ohne
Zgern einen zuverlssigen Boten in die Stadt zurckschicken; der kann
dann recht gut vor morgen frh wieder hier sein, und nachher wei ich,
wie ich zu handeln, was ich zu thun habe, und woran ich bin.

Aber der General-Superintendent.

Es ist eine bse Geschichte -- aber ich kann's nicht ndern -- da mir
auch das alberne Volk den Menschen gerade heute Abend einbringt -- das
verdank' ich Niemandem, als diesem Ohrwurm, dem Poller -- so lange
hat der Schuft gebohrt und spionirt und wieder gebohrt, bis ich mich
verlocken lie. Ich wei nicht, was ich jetzt darum gbe, mit der ganzen
Sache gar Nichts zu thun gehabt zu haben. Doch zum Spioniren ist er gut,
und darum soll er mir auch ohne weiteres Zgern in die Stadt hinein.

Der Oberpostdirector schritt rasch der Thre zu, als ein wunderlich
murmelndes Gerusch sein Ohr traf, und ihn fest an die Stelle bannte --
auch der Pastor hob erschreckt den Kopf, trat zum Fenster und ffnete
schnell den Flgel.

Drauen wogte und tobte eine wilde, strmende Menschenschaar in das
noch offen stehende Thor des Rittergutes herein, junge Bauerburschen und
Handarbeiter aus dem Dorfe, und an der Spitze des Zuges wer anders
als Doctor Levi, das gesinnungstchtige Nordlicht der Freiheit mit
bis obenhin zugeknpftem Rocke und fest und entschlossen in die Stirn
gedrcktem Hut.

Hurrah -- Freiheit -- Freiheit oder'n Dot -- 'raus mit'n Gefangenen --
Postdirecter 'raus -- Hurrah -- Republik soll leben -- hoch!!! -- Hurrah
-- Postdirecter abdanken -- freien Schnaps -- hurrah -- alle eine Metze
Erdbirn' und zwee Pfund Fleesch -- hurrah den Gefangenen 'raus!
Das waren die wildverworrenen Schreie und Ausrufungen, die von dem
Menschenhaufen zu den am Fenster Stehenden heraufdrangen. In demselben
Augenblicke glitt aber auch schon die bleiche, zum Tode entsetzte
Gestalt des jungen Poller in's Zimmer und rief, fast athemlos vor
innerer Angst und Aufregung:

Sie kommen, Herr Oberpostdirector, sie kommen -- sie wollen ihn
wiederholen -- das ganze Dorf ist unten, und sie haben geschworen, sie
wollen das Schlo in Brand stecken, wenn sie'n nicht gleich mitkriegen.

Unsinn! sagte Herr von Gaulitz, dem es, was auch seine sonstigen
Eigenschaften sein mochten, keineswegs an persnlichem Muth gebrach --
Du bist eine Memme, da Du gleich beim ersten Lrmschu das Hasenpanier
ergreifst -- wer ist unten?

Das ganze Dorf! rief der Erschrockene.

Sind auch die Eisenbahnarbeiter vom Sellsberge dabei?

Es kriwwelt und wimmelt von lauter Gesindel.

Das ist ja gar nicht mglich, sagte der Pastor, Christoph hat
die Nachricht vor kaum einer Stunde mitgebracht und auf die hin ist
sicherlich erst die ganze Aufregung entstanden.

Herr Oberpostdirector! rief in diesem Augenblicke der alte Poller, der
ohne Weiteres das Zimmer aufri und herein prallte -- Sie wollen mit
dem Herrn Oberpostdirector sprechen -- die ganze Gemeinde ist da.

Ist denn das ganze Haus verrckt geworden? sagte der Herr von Gaulitz,
dem Alten rasch und zornig entgegen gehend -- was ist das fr eine
Manier, zu mir in's Zimmer zu kommen -- wei er nicht besser, was sich
schickt?

Bitt' um Verzeihung, Ew. Gnaden -- aber -- das Volk -- der Schrecken --
Besorgni um Ew.-- stotterte der Alte.

Wer ist noch drauen auf dem Vorsaale? unterbrach ihn der Gutsherr
rasch und heftig.

Fritz -- der Jger, lautete die Antwort.

Er soll hereinkommen -- schnell!

Wenige Secunden spter stand Fritz auf der Schwelle und sein monotones

Zu Befehl Ew. Gnaden -- machte den jetzt wieder hastig im Zimmer auf-
und abgehenden erst auf den Gerufenen aufmerksam. Er wandte sich nach
ihm um und frug:

Wie steht's drauen, Fritz? -- Was sind das fr Schaaren, die da
lrmend und schreiend auf mein Gut ziehen -- was wollen sie?

Sie scheinen's selber nicht so recht zu wissen, lachte der junge Jger
-- der Doctor fhrt sie an und eigentlich wollen sie, glaube ich, den
Gefangenen befreien, die wirklichen Bauern aus dem Dorfe sind's aber
nicht -- eine Parthie junge Bursche meistens und Neugierige, sie whlen
unten gerade eine Deputation, um sie herauf zu schicken.

Ah gut -- la sie kommen, sagte der Herr von Gaulitz rasch -- geh'
hinunter Fritz, und fhre sie herauf zu mir -- Du bist doch wenigstens
noch vernnftig, und weit was Du sprichst, das Volk hier scheint aber
das Bichen Verstand vollendes verloren zu haben -- hinaus mit Euch --
halt da, Du, Karl -- Du wartest drauen, ich habe noch einen Auftrag fr
Dich.

Die beiden Poller glitten, zwischen Furcht vor ihrem Herrn und den
aufgebrachten Volkshaufen drauen schwankend (denn die Bewohner von
Horneck haten sie, wie sie recht gut wuten, grndlich) aus dem
Zimmer. Fritz aber fhrte gleich darauf den Doctor Levi mit zwei anderen
Vertrauensmnnern, dem Schneider aus dem Dorfe und dem Bttcher, in's
Zimmer, und Levi hielt denn auch, mit seiner ganzen liebenswrdigen
Bescheidenheit und ohne weitere Vorrede eine Ansprache an den
Rittergutsbesitzer, in der er diesen darauf aufmerksam machte, wie die
Tyrannei gestrzt und ihre Helfershelfer der Spreu gleich in alle Winde
zerstiebt wren, wie das souveraine Volk jetzt eine Weile selber
regieren wolle und ihn, den Reactionair auffordere, den Vorkmpfer
der Freiheit, den schndlich und heimtckisch gefangenen Wahlert,
augenblicklich wieder in Freiheit zu setzen. Sie -- die Deputation --
wren einstimmig vom Volke erwhlt, das unten auf Antwort harre, und
den Bayonetten zum Trotz seine Foderung mit seinem Heldenblute
untersttzen wolle -- er rechne auf unbedingte Unterwerfung.

Der Pastor stand in der einen Fenstervertiefung und rieb sich
schmunzelnd die Hnde -- der Sohn des General-Superintendenten wurde
frei und er selber damit jeder Verantwortlichkeit enthoben.

Doctor Levi aber, wie Pastor Scheidler, schienen sich Beide in ihren
Berechnungen sowohl, wie in der Person des Gutsherrn etwas getuscht
zu haben -- so rasch war dieser nicht eingeschchtert und auch
Menschenkenner genug, um an den noch scheu und unschlssig dastehenden
Gestalten der brigen Deputationsmitglieder zu erkennen, wie der Geist
des Aufruhrs sich nur fr den Augenblick kaum weiter erstrecke als
auf die Unverschmtheit des Doctor Levi, der, wie er frher ganz
uneigenntzig die Emancipation der Juden gepredigt, jetzt pltzlich
ein weiteres Feld fr seine Rednergabe fand und der gewhnlichen
Redeweise nach, in deutscher Politik machte. Diesen daher keines
Blickes oder Wortes wrdigend, schritt der Oberpostdirector auf den
Schneider und Bttcher zu und sagte, sie bei ihren Namen anredend:

Schickt Euch das ganze Dorf, Merzbach und Hantlich, oder seid Ihr
nur auf eigene Veranlassung oder Aufreizung dieses -- Menschen zu mir
gekommen?

Herr Oberpostdirector! rief der Beleidigte.

Ruhig Herr, sagte aber dieser mit so unerschrockener und finsterer
Autoritt, da dem Bttcher und Schneider nur noch unbehaglicher zu
Muthe wurde und der erstere endlich mit artigem Tone sagte:

Die Leute im Dorfe meinen, Herr Oberpostdirector, Sie knnten den armen
Teufel nun wohl wieder laufen lassen, der unter der vorigen Regierung
'was verbrochen htte, denn wir kriegten nun doch wohl andere Herren
Minister, die--

Das Volk _fordert_ seine Befreiung! schrie Levi, fuhr aber erschreckt
zurck, als sich der Gutsherr rasch nach ihm umwandte, ihn vorn an der
Brust fate, und ausrief--

Wenn die Einwohner von Horneck etwas verlangen, so werden sie einen
solchen Quacksalber nicht zu mir schicken, geschieht das aber doch, so
hat sich der auch so ordentlich und anstndig zu betragen, wie es -- an
seiner Stelle -- ein Einwohner aus dem Dorfe gethan haben wrde -- sonst
werde ich andere Maregeln mit ihm ergreifen.

Das ist Hand an einen Gesandten des Volks gelegt! schrie der Doctor
entrstet und auch wohl in etwas um seine eigene Sicherheit besorgt,
ich protestire hiermit feierlichst gegen--

Fritz! rief der Gutsherr dazwischen -- hinaus aus meinem Zimmer mit
dem Menschen!

-- Gegen jede Gewaltthat, die nicht an mir, sondern an dem souverainen
Volke geschieht, und ich verwahre mich im Voraus gegen--

Er konnte seine Rede nicht mehr vollenden; Fritz, der den fatalen
Menschen aus mehr als einem Grunde nicht leiden mochte (denn er war in
letzter Zeit besonders viel um die Schulwohnung geschlichen und hatte
das arme Lieschen schon mehrmals mit seiner zudringlichen Freundlichkeit
geqult) fate ihn einfach, trotz alles Strubens, beim Kragen und
verschwand mit ihm ruhig aus der Thr.

Die brigen beiden Deputirten wuten indessen gar nicht, wie sie sich
bei der Sache verhalten sollten, denn von der Unverletzlichkeit
eines Gesandten oder Deputirten hatten sie bis dahin einen nur hchst
unvollkommenen Begriff, der denn auch durch das, was eben erst vor ihren
leiblichen Augen geschah, keineswegs verstrkt oder besttigt werden
konnte. Herr von Gaulitz trat aber, ohne ihnen lange Zeit zum Ueberlegen
zu lassen, rasch auf sie zu, und redete sie nun mit so freundlichen und
artigen Worten an, da sie die Behandlung ihres Wortfhrers ganz darber
vergaen.

Er versicherte ihnen, da der Gefangene nicht auf Befehl der Minister,
sondern dem _Gesetze_ nach verhaftet, und vorher auch _durch_ das Gesetz
steckbrieflich verfolgt wre -- da ferner das Gesetz doch fortbestehen
msse, ob sie nun dies oder ein anderes Ministerium htten -- versprach
ihnen aber auch, noch in dieser Nacht einen Boten nach der Residenz zu
schicken und dort anfragen zu lassen, was der Eingebrachte verbrochen
habe -- sei dies dann nur politischer Natur, so gebe er ihnen die
heiligste Versicherung, da er augenblicklich in Freiheit gesetzt, und
jedem beliebigen Verlangen, da sie also an ihn stellen knnten, dadurch
auch gengt werden wrde. Uebrigens sei die Nachricht von der Abdankung
des Ministeriums keineswegs gegrndet, und sie knnten die Folgen leicht
selber ermessen, die, im anderen Falle, aus einem gesetzlosen Auftreten
von ihrer Seite entstehen mchten.

Die beiden Mnner fanden das ganz vernnftig -- sie htten eben so
gesprochen, wenn sie Herr von Gaulitz gewesen wren -- der Doctor war
berhaupt ein Krakehler, der ihnen nur vorgelogen hatte, was dem armen
Gefangenen Alles geschehen solle -- der Herr von Gaulitz mchte es nicht
vor bel nehmen, da sie so frei gewesen wren, bei ihm anzufragen --
sie wollten's den Leuten unten schon sagen, wer recht htte und wie die
Sache eigentlich stnde.

Und damit gedachten sie sich hflich grend zurckzuziehen -- von
Gaulitz war aber nicht der Mann, einen einmal gewonnenen Vortheil
unverfolgt aufzugeben -- eine Flasche mit Wein und Glser standen
auf dem Ecktische -- ein paar freundliche Worte von ihm nthigten die
Beiden, nur noch einen Augenblick zu warten -- rasch war eingeschenkt
und fnf Minuten spter verlieen der Schneider und Bttcher das Zimmer
und waren entzckt ber ihren Gutsherrn.

Nein, was das fr ein Mann ist, flsterte der Schneider, als sie,
von dem Bedienten geleitet, die breite Treppe hinabstiegen -- ich soll
morgen mit meinem Maas hinaufkommen.

Und wegen der Brauereiarbeit hat er schon mit dem Brauer das Nthige
besprochen, versicherte schmunzelnd der Bttcher -- die Krte von
einem Doctor fngt doch berall Krawall an.

Drauen vor der Thre erwartete sie brigens noch ein ziemlich
strmischer Auftritt -- der Doctor hatte die unten Versammelten durch
die Erzhlung dessen, was ihm geschehen sei, in nicht geringe Aufregung
versetzt, und einen wirklichen Sturm auf das Haus konnte nur die
Erscheinung der beiden anderen Deputirten verhindern. Mit dieser nderte
sich aber auch freilich der Stand der Dinge um ein Bedeutendes --
die beiden Mnner berichteten, wie sie empfangen seien und welche
Versicherungen man ihnen gewhrt htte -- klagten ber den Doctor, der
gegen den Gutsherrn aufgetreten wre, als ob er einen Holzhacker vor
sich habe, setzten hinzu, der Herr Oberpostdirector wisse es auch ganz
bestimmt, da die Nachricht mit dem Ministerium gar nicht wahr wre,
und nur, wenn der Gefangene gestohlen oder sonst ein frchterliches
Verbrechen begangen htte, dann sollte er in die Stadt geliefert, sonst
aber augenblicklich wieder auf freien Fu gesetzt werden.

Ein donnerndes Hurrah, das man dem Gutsherrn brachte, war die Antwort;
die rasenden Demonstrationen des auf's Aeuerste emprten Doctors
wurden nicht weiter beachtet, ja dieser sogar, als er spter eben in
der Schenke seine Absicht mit Gewalt durchsetzen wollte und durch
Schimpfwrter die Bauerburschen reizte, von diesen gefat, geprgelt und
hinausgeworfen.




Zweites Kapitel.

Plan und Gegenplan.


Die Nacht war ruhig vorber gegangen und Horneck lag so friedlich in
dem Purpurglanz der heiter und rein aufsteigenden Sonne, als ob keine
Leidenschaften in ihm getobt htten, kein lodernder Funke in seine
gemthliche Stille geschleudert wre der nun heimlich und versteckt
fortglimmen mute, bis ihn die Zeit -- und wie bald vielleicht zu
prasselnder Flamme emporfachen sollte.

Auf dem Gute herrschte brigens keineswegs solche Ruhe, sondern
eher belebte eine eigenthmliche, ganz ungewhnliche Regsamkeit
die Herrenwohnung und die daran stoenden Bedientenstuben. Der
Oberpostdirector selbst hatte den ganzen Morgen geschrieben und
gesiegelt und der junge Poller war noch in der Nacht wieder in die
Stadt geschickt, von wo her er mit Tagesanbruch auf weischumendem
Ro zurckkehrte, und zugleich mit einer Depesche der Regierung die
Nachricht brachte, es sei das beabsichtigte Militair wirklich nach
Sockwitz gelegt und der Nachbarstaat auch fr den schlimmsten Fall um
weitere Hlfe angesprochen worden.

Der Inhalt der Depesche lautete brigens wie die Sachen jetzt standen,
nichts weniger als erbaulich.

Das Ministerium stand noch und jenes Gercht vom verflossenen Abend
bezog sich nur auf eine Demonstration -- respektive Katzenmusik -- die
man den Ministern als Mistrauensvotum gebracht, und wobei der Ruf laut
geworden, da sie zum Besten des Landes abdanken sollten, die Aufregung
in der Stadt schien aber eine solche bedenkliche Hhe erreicht zu haben,
da es blos eines Anlasses es bedurfte, um den Ausbruch unvermeidlich zu
machen. In der That fehlte es auch nur an einer _Persnlichkeit_, um
dem allgemeinen Strom der Ghrung sein richtiges Bett anzuweisen und ihn
dorthin zu lenken, wo er dem alten Systeme verderblich werden _mute_
-- die fehlte aber bis jetzt in der Residenz; es war keiner unter den
Mnnern, die sich bis dahin zu Volksrednern aufgeschwungen hatten, denen
das Volk auch mit jenem blinden zuversichtlichen Vertrauen geglaubt
htte, das unumgnglich nthig dazu ist, eine Masse zu begeistern und im
wilden Todesverachtenden Sturm mit fortzureien. Die Kraft lag noch
in der weiten Menge zersplittert und wenig Gefahr drohte von den
zerstreuten Pbelhaufen.

Ein solcher Fhrer aber, wie er diesen Massen gerade fehlte, um sie
zu dem gefhrlichen Feind zu machen, der dem Absolutismus die trotzige
Stirn geboten, wre eben dieser Wahlert gewesen, den jetzt ein
tckischer Zufall der Horneckschen Gerichtsbarkeit in die Hnde
gespielt; es mute deshalb aber auch dem Ministerium, das ein rauher
Wind htte umstoen knnen, besonders daran liegen, gerade _diesen_
Menschen unschdlich zu machen und deshalb lautete auch der Befehl, den
der Oberpostdirector in der durch Erpressen gesandten Depesche erhielt,
so bestimmt und unumgehbar, den Gefangenen ohne weiteres Zgern
und unter sicherer Bedeckung an das nchst gelegene, in Sockwitz
bezeichnete, Militairpiket, sptestens bis zum nchsten Abend
abzuliefern. Um Aufregung zu vermeiden, wollte man nicht gern Soldaten
nach Horneck hineinschicken, und der Transport des Gefangenen sollte
deshalb am liebsten in einer Kutsche bewerkstelligt werden.

Das wie und weshalb war Alles klar genug angegeben, aber wie stand es
nachher in Horneck selbst? Wrden sich die Bewohner des kleinen Ortes,
denen der Gutsherr gestern Abend erst das feste Versprechen gegeben
hatte, den Gefangenen _nicht_ auszuliefern, bis seine Schuld als grobes
Verbrechen auch wirklich erwiesen wre, damit begngen, und lie
sich nicht im Gegentheil erwarten, da die Befolgung der erhaltenen
Instruktionen gerade fr den Gutsherrn von sehr fatalen Folgen sein
konnte?

Der Herr von Gaulitz sa hier in einer recht unbequemen Klemme und
sah auch in der That keinen Ausweg, der ihn htte beide ihm drohende
Schwierigkeiten gleich glcklich vermeiden lassen. Lieferte er den
Verhafteten aus, so zog er sich den Ha eines groen Theils des Dorfes
zu und in der jetzigen Zeit, wo die Leute doch einmal aufgeregt waren,
und berall in der Nachbarschaft das bse Beispiel vor sich hatten,
lie es sich gar nicht bestimmen, wie weit das spter fhren wrde
und knnte. Lieferte er ihn aber _nicht_ aus, oder lie er ihn gar
entkommen, so war auch Nichts wahrscheinlicher, als da er fr
die Folgen zu haften htte, die daraus entstnden -- und welch
frchterlicher Art konnten diese Folgen sein -- der fromme
Oberpostdirector schauderte, wenn er daran dachte -- Anarchie im ganzen
Lande -- den Rittergutsbesitzer fortgejagt wie der gemeine Mann
in seiner politischen Unschuld meinte, die Knigreiche zu Stcken
geschlagen, und in _ein_ groes deutsches Reich geschmolzen, kurz
alles Bestehende umgedreht und durchgeschttelt, wodurch alles
Nicht-Bestehende natrlich oben hin kommen mute, und eine
Convulsion, in welcher die Gesetzlichkeit vernichtet und die Masse der
gutgesinnten Staatsbrger, was gar nicht ausbleiben konnte, zum Besten
der schlechteren, d.h. rmeren, ruinirt wurde.

Es blieb, wie die Sachen einmal standen, wirklich keine Wahl, denn
hiergegen erschien der Zorn der Hornecker, und vielleicht noch dazu
eines nur kleinen Theils, gering -- vielleicht lieen sich aber
auch selbst diese noch beschwichtigen, und davon berzeugen, da die
Gefangenhaltung des gefhrlichen Menschen selbst zu ihrem eigenen Nutzen
mit geschehen sei und sich in ihren segensreichen Folgen offenbaren
werde. Jedenfalls blieb der Versuch statthaft, und im _aller_schlimmsten
Fall -- ei da lag ja in Sockwitz Militair und zum Schutz des
Eigenthums konnte das leicht und rasch heran beordert werden.

Herr von Gaulitz hatte seinen Entschlu gefat; noch heute -- und sobald
die einbrechende Nacht des Gefangenen Transport begnstigen konnte,
sollte er fort -- aber selbst der Geistliche durfte Nichts davon
erfahren, denn wer wei, welche Schritte dieser gethan htte, um seines
General-Superintendenten Sohn zu befreien, oder doch wenigstens jeden
Schein der Mitwirkung von seinen Schultern abzuwlzen -- der jetzt --
und Herr von Gaulitz schien auch deshalb gar nicht bse zu sein, -- noch
jedenfalls darauf lastete. -- Die nthigen Vorkehrungen zu treffen war
also das einzige was ihm vor der Hand brig blieb, und diese auszufhren
rief er den alten Poller zu sich in seine Studierstube und gab ihm dort
die nthigen Auftrge und Befehle.

       *       *       *       *       *

Hatte sich aber auch am letzten Abend das Dorf mit der vom
Rittergutsbesitzer erhaltene Auskunft hinsichtlich des Gefangenen
begngt, und war selbst Levi, der sonst stereotype Vorkmpfer der
Freiheit wie er sich selber nannte, durch die erlittene Mishandlung
auer Stand gesetzt augenblicklich fr die gute Sache zu wirken, ja
vielleicht auch -- und wer htte ihm das verdenken knnen, beleidigt ob
solchen Undanks des souverainen Volkes, so lebte doch noch ein Wesen in
Horneck, das mit thtigem Eifer nach dem Schicksal des jetzt wirklich
Bedrohten forschte, und zu seiner Rettung selbst entschlossen schien das
Aeuerste zu wagen.

Es war die aber Niemand Anderes, als die Tochter des armen alten
Musikanten Meier, die bekannter mit den Leuten auf dem Gut, besonders
mit dem Charakter des Gutsbesitzers selbst war, als es sich von der
armen Tochter eines herumziehenden Spielmanns htte erwarten lassen
sollen. Sie wute aber auch deshalb, in wie gefhrlichen Hnden der
Unglckliche wre und da sie keine Zeit mehr zu versumen habe, seinem
Schicksal nachzuforschen.

Ein Vorwand, auf das Gut hinunter zu gehn, wre allerdings leicht
gefunden gewesen; sie sah sich mit ihrer Existenz berhaupt einzig
und allein auf weibliche Arbeiten angewiesen, und htte leicht eine
Entschuldigung gehabt, zu diesem Zweck die Damen des Rittergutes
aufzusuchen. Dennoch zgerte sie in eigentlicher Scheu, den Schritt zu
thun, ja mied sogar, als sie am nchsten Morgen dort unten vorber ging,
die Nhe des Gutes; als sie Pferdegetrappel hinter sich hrte. Sie trat
zur Seite und warf fast unwillkrlich den Blick zurck -- es war der
Oberpostdirector, der rasch, und ohne auf sie niederzusehn, an
ihr vorber und zwar in das Dorf hineinsprengte, und wie von einem
pltzlichen Entschlu bestimmt blieb sie stehn, zgerte sinnend
einen Augenblick, schien noch zu schwanken, und kehrte dann, raschen
Schrittes, den Weg zurck, den sie eben gekommen, bog links, die erst
gemiedene Strae in das Schlo selbst hinein und betrat, immer noch
wie furchtsam, aber doch nicht unschlssig mehr, die herrschaftliche
Wohnung. Welche Mhe sie sich aber auch gab, die ersehnten Erkundigungen
einzuziehen, es gelang ihr nicht. -- Herr von Gaulitz hatte entweder
seine Plne sehr geheim gehalten, oder die arme Fremde fand, selbst bei
der Dienerschaft, die sich sonst freundlich genug gegen sie betrug, kein
Zutrauen. Auch die gndige Frau, die sie endlich um Arbeit ansprach,
schien ihre versteckten Fragen nicht zu verstehn, und hielt sie dabei
mit rasch herbeigeholter Arbeit und verschiedenen Auftrgen weit lnger
zurck, als sie berhaupt beabsichtigt haben mochte, im Schlo zu
weilen.

Da wurden unten, auf dem Pflaster, die klappernden Hufe des
rckkehrenden Oberpostdirectors laut -- Marie wollte sich rasch
entfernen -- ehe sie aber einen schicklichen Vorwand fand, hrte sie im
nchsten Zimmer eine Thr aufgehn und eine heftige Stimme rief:

Ich sage Dir, Poller, die Kutsche _mu_ bis heut Abend neun Uhr fertig
sein und angespannt im Hofe stehn -- Du haftest mir dafr; und jetzt
fort -- keinen Widerspruch weiter -- ich will den Burschen noch in
dieser Nacht aus meinen vier Pfhlen haben, sonst strmen sie am Ende
das Nest und stecken es mir ber dem Kopfe an. Nimm die alten Glieder
ein wenig zusammen, und rhre Dich.

In dem Augenblick wurde die Thre aufgerissen, Herr von Gaulitz trat
hastig herein und wollte durch das Zimmer seiner Frau gehn, als er
nur eben noch sah, wie sich die Gestalt der Fremden rasch aus der
gegenberliegenden Thr entfernte.

Was fr ein Frauenzimmer war das? frug der gestrenge Herr, indem er,
den finsteren Blick auf seine Frau geheftet stehen blieb -- was wollte
sie hier, und was hat sie da zu horchen?

Es ist das arme unglckliche Geschpf, von dem uns Herr Doctor
Strohwisch gestern Abend erzhlte, erwiederte schchtern seine Frau --
das arme Kind kam heut Morgen zu mir, mich um Arbeit zu bitten, und
da ich gerade viel auszubessern und nachzusehen habe, versprach ich ihr
Arbeit. Sie hatte die Thr schon in der Hand als Du hereintratst.

Ja -- aber sie ging nicht -- sie horchte wahrscheinlich nach dem, was
ich in der Nebenstube sprach, brummte in augenscheinlich hchst
bler Laune der Herr Oberpostdirector. Sonderbare Leute suchst Du
Dir brigens zu Deiner Beschftigung aus -- ich sollte doch wenigstens
erwarten knnen, da Du Dir anstndig gekleidete und reinliche Menschen
in's Haus nhmst -- aber Gott bewahre.

Du httest nur sehen sollen, wie sauber sie ging, unterbrach ihn Frau
von Gaulitz, wie sorgfltig war ihr Haar gekmmt und geflochten -- wie
schneewei der kleine zerrissene Kragen, den sie um den Hals trug, und
ihre Hnde sahen ebenfalls fein und zierlich aus -- das arme Kind mu
jedenfalls frher einmal bessere Verhltnisse gesehen haben.

Ach was -- Unsinn! polterte der Oberpostdirector, dem es an einer
Gelegenheit fehlte, seinem Unmuth Raum zu geben, so da er sie endlich
vom Zaune brach, -- Gesindel ist's, das sich hier schon seit ein
paar Tagen im Dorfe herumtreibt, und das ich durch den Gerichtsdiener
wahrscheinlich schon morgen werde wieder hinausschaffen lassen --
Lumpenpack ist's, das in die Huser schleicht, um sich eine Gelegenheit
zum Stehlen auszusuchen. Und auf mich hrst Du dabei gar nicht -- wie
oft hab' ich Dir schon gesagt, Dich nicht mit solchem Pack einzulassen,
aber Du scheinst ein ordentliches Wohlgefallen daran zu finden, nicht
nur meine Wnsche zu vernachlssigen, sondern Dir auch nach wie vor die
mglichst schlechteste Gesellschaft auszuwhlen. Dadurch wirst Du Dein
eigenes Benehmen wahrhaftig nicht bessern, und nur ein klein wenig mehr
Manieren annehmen, und mit solchen Vorbildern mag ich es dann nur ganz
aufgeben, eine Frau heranzubilden, die den Kreisen, in die ich sie
hineinzog, wenigstens keine _Schande_ macht, und das ist doch beim
Himmel das Bescheidenste, was ich in aller Welt verlangen kann.

Aber bester Gaulitz!

Ach was -- das Bitten und Weinen hilft mir Nichts! Wie hast Du Dich
gestern Abend wieder betragen, es war ja doch ein Schimpf und eine
Schande, und ich habe mich selbst vor dem Pastor bis in meine innerste
Seele hinein geschmt.

Aber was hab' ich denn in aller Welt gethan? bat zitternd und
hocherrthend die Frau.

Was Du gethan hast? wiederholte der Zrnende, der sich jetzt einmal in
das rechte Gleis hineingearbeitet hatte, gar Nichts hast Du gethan,
und das ist es gerade was mich so rgert -- wie ein Stock hast Du da
gesessen und kein Wort gesprochen, und nur manchmal laut aufgelacht,
wenn der -- Strohwisch seine faden unanstndigen Reime vorlas; wenn
Du Dich in gebildeten Kreisen bewegen willst, so mut Du Dir auch Mhe
geben zu lernen, wie man sich in solchen bewegt. Hier auf dem Lande
mcht' es noch gehen, denn gewhnlich wird hier nicht jeder Schritt und
Tritt so beobachtet, wie in der Residenz, aber gerade gestern war es mir
um so fataler, da diese alten Schachteln, diese Geheimenraths-Fruleins
Seiffenberger Deine Beschreibung haarklein in ihre wssrigen
Theegesellschaften hineinbringen -- ich sah recht gut, wie sie Dich
immer von der Seite betrachteten, dann zusammen flsterten und mit
einander lachten.

Lieber Gaulitz, bat die Frau.

Sei ruhig und rgere mich nicht jetzt auch noch mit Deinem Wimmern und
Winseln! rief ihr Gatte, da mich doch der ---- Er brach pltzlich
ab -- ri die Thr auf, verlie das Zimmer und warf sie hinter sich mit
wilder Gewalt in's Schlo zurck.

Seine Frau schlich auf's Sopha, sank in die eine Ecke desselben, und
barg ihr Gesicht schluchzend in den Hnden.

       *       *       *       *       *

Marie verlie langsam und sinnend den Hof. Die wenigen Worte, die sie
von des Gutsherrn Lippen gehrt, gingen ihr im Kopfe herum, und es war
kaum mglich, da sie noch eine andere Bedeutung haben konnten, als
die eine -- die Kutsche mu bis heute Abend neun Uhr fertig sein und
angespannt im Hofe stehen -- ich will den Burschen noch in dieser Nacht
aus meinen vier Pfhlen haben, sonst strmen sie am Ende das Nest, und
stecken es mir ber dem Kopfe an!

Wie mit feurigen Buchstaben waren ihr die Stze in das Hirn eingebrannt.
Wahlert gefangen -- noch in dieser Nacht den Gerichten berliefert. --
Was, um Gott, konnte der Unglckselige nur so Entsetzliches verbrochen
haben? -- Aber das durfte nicht geschehen -- nimmer, so lange sie noch
Kraft zum Denken -- Kraft zum Handeln behielt.

Langsam war sie den Weg hinangeschritten, der zur Pfarrerwohnung fhrte,
-- dabei mute sie an des Stellmachers Werksttte vorber, und dort --
ein eigenes wunderliches Gefhl von Schreck und Freude durchzuckte ihren
Krper -- dort stand die Kutsche, und der Meister war mit Gesellen
und Lehrburschen emsig beschftigt, neue Speichen in eins der arg
mitgenommenen Hinterrder zu setzen, und die sonst schadhaften Stellen
wieder auszubessern. -- Also hatte sie recht gehrt, -- in diesem
Fuhrwerk sollte der Gefangene seinen Henkern ausgeliefert werden, und
doch -- doch war es den Mnnern von Horneck gestern versprochen worden,
den Eingebrachten, wenn er nicht ein schweres und bsartiges Verbrechen
begangen htte -- ohne Weiteres in Freiheit zu setzen.

Groer allmchtiger Gott -- wie ihr das Herz schlug vor Angst und
Zagen -- wenn nun -- wenn sie nun den Wagen so htte wieder beschdigen
knnen, da es unmglich gewesen wre, ihn zu gebrauchen? -- Oder wenn
sie jetzt hinauf ins Dorf ging, und den Bauern die Nachricht brachte,
da der Gutsherr sein ihnen verpfndetes Wort im Begriff stehe zu
brechen -- oder wenn sie gar den Herrn von Gaulitz um Erbarmen -- Hilf
Himmel, wie ihr die tollen wirren Gedanken im Kopfe herum sausten und
schwirrten, und es ihr unmglich machten, zu einem festen geregelten
Entschlu zu kommen -- fast ihrer unbewut und mechanisch verfolgte
sie den Weg, den sie frher zu gehen beabsichtigt, und stieg zur Pfarre
hinauf, von deren Fenstern ihr die funkelnden Strahlen der Sonne warm
und glhend entgegenspiegelten.




Drittes Kapitel.

Marie und Sophie.


Herr Pastor Scheidler sa daheim in seiner Wohnstube, und in dem
breitlehnigen, weich gepolsterten Armstuhle, der zwischen dem Ofen und
Fenster in warmer, und doch dem Lichte nicht abgeschlossener Nische
stand. Nicht weit von ihm entfernt, an dem Fenster, das nach dem
gegenber liegenden kleinen Friedhof hinausschaute, hatte Sophie, des
Pastors ltestes Tchterlein, ihren Nhtisch stehen, sumte neues,
selbst gesponnenes Tischzeug, oder besserte die Wsche aus, die unsere
alte Bekannte Rieke -- oder auch _Grethe_, wie sie der Pastor noch
ziemlich hartnckig nannte, da ihr letztes Mdchen Grethe geheien --
eben in dem weigescheuerten Korbe hereingeschafft hatte.

Aber Vater, was hast Du nur, brach endlich Sophie das lange, lange
Schweigen, denn Vater wie Tochter schienen sich an diesem Morgen beide
ihren Gedanken vollstndig berlassen zu haben, da keines mit dem
anderen, wohl seit einer guten halben Stunde, auch nur ein einziges Wort
gesprochen -- Du starrst so still und finster vor Dich hin, ist Dir
etwas Unangenehmes widerfahren?

Der Vater antwortete eine Zeit lang nicht, und es war, als wenn er
eben bei sich berlege, ob er der Tochter auch das, was ihn eigentlich
drcke, mittheilen solle und knne -- endlich schien er aber doch zu
einem Entschlusse gekommen, rckte sich das schwarze Kppchen zurecht,
wechselte seine Stellung vom linken auf den rechten Ellbogen, und
sagte, zur Tochter gewandt, die ber ihre Arbeit hinber seinem Blicke
begegnete.

Du magst's auch wissen, was mir im Kopfe herum geht -- hast vielleicht
einen guten Rath fr mich, wenn's Dich auch selber nicht gro
interessiren kann.

Nun Vterchen? sagte die Tochter gespannt.

Du weit, da sie gestern einen Gefangenen eingebracht haben.

Sophie lie ihre Arbeit in den Schoo sinken und htte sie ihr Vater
in diesem Augenblicke angesehen, so mute er bemerken, was fr eine
Vernderung bei der bloen Erwhnung jenes Mannes in ihren Zgen vorging
-- so aber haftete sein Blick schon wieder brtend an dem Sonnenstrahle,
der in die Stube zwischen dem am Fenster hinaufschlngelnden Epheu
hereinfiel und in den fliegenden feinen Staubkrnern allerlei
wolkenartige Gestalten bildete--

Ja, flsterte die Tochter.

Der Gefangene, fuhr der alte Pastor fort, ein junger hitz- und
tollkpfiger Bursche, voll berspannter Plne und Leidenschaften ist der
einzige Sohn unseres General-Superintendenten.

Ist es mglich? rief Sophie erstaunt und berrascht.

Ja -- es ist allerdings eine wunderliche Geschichte, besttigte der
Vater, aber nichtsdestoweniger wahr und mir um so fataler, da der
General-Superintendent wei, auf welch' vertrautem Fue ich mit dem
hiesigen Gutsherrn und Gerichtshalter stehe, und -- welchen Einflu ich
bis jetzt auf ihn ausgebt. Ich habe den Oberpostdirector aber in meinem
ganzen Leben noch nicht so starrkpfig und eigensinnig gefunden, wie
gerade in diesem Falle; allen meinen vernnftigen Vorstellungen leiht er
ein taubes Ohr und ich komme in der That in die uerste Verlegenheit,
wenn er den jungen Menschen wirklich den Gerichten berliefert und einer
Strafe preisgiebt, die er sicherlich verdient hat, deren selbst nur
theilweise Ursache ich aber doch unter keiner Bedingung sein mchte --
ich wollte lieber den Knig als den General-Superintendenten zum Feinde
haben.

Aber er wird ihn nicht ausliefern, sagte Sophie, und der Ton ihrer
Stimme, der Blick, den sie dabei auf ihren Vater heftete, das Alles
verrieth, wie sie dennoch das Gegentheil von dem frchtete, was ihre
Lippen sprachen -- er hat es ja erst gestern Abend noch den Leuten aus
dem Dorfe, die bei ihm waren, versprochen -- er wird nicht wortbrchig
werden, ei denke doch Vater, wie er immer die Bibelsprche im Munde
fhrt, und oft schon, da ich es mit eigenen Ohren gehrt, zu Leuten,
die sich wegen irgend etwas verschworen, sagte: >Eure Rede sei ja ja und
nein nein, und was darber ist, das ist von Uebel< -- er drfte ja nicht
einmal seiner eigenen Rede so entgegenhandeln.

Der Pastor schttelte, als wenn er an solche Grnde nicht so recht
glauben wolle, den Kopf, stand aber endlich auf und sagte:

Ich werde den heutigen Tag noch abwarten, bis dahin mu sich auch der
Zustand in der Residenz entschieden haben und dann -- was will die Dirne
da drauen -- die Grethe lt mir doch auch Jeden herein, das ist ein
Wettermdel.

Ach, lieber Vater, das mu die Sngerin -- die Tochter des alten
Musikanten sein! rief Sophie, rasch von ihrem Sitze aufstehend -- Herr
Hennig hat uns heute Morgen bei der Zeichnenstunde von ihr erzhlt -- Du
lieber Gott, wie elend und rmlich sie aussieht -- das arme Mdchen --
und die Kleider, wie abgetragen -- was sie nur wollen mag.

Ein Almosen, sagte der Vater mrrisch -- derlei Volk will Nichts
als Almosen, darauf kannst Du Dich verlassen -- ich gehe jetzt in mein
Zimmer hinauf, um noch ein paar Briefe zu schreiben -- halt' Dich mit
der Dirne nicht lange auf, und schicke sie nur zur Mutter in die Kche
-- die wird sie schon abfertigen.

Der Pastor stieg langsam die Stufen hinauf und Sophie ffnete indessen
der Fremden, die nur einmal schchtern angeklopft hatte und dann
geduldig harrend vor der Pforte stehen blieb, die Thr.

Die Tochter des armen Musikanten war aber keineswegs, wie der Geistliche
so lieblos geurtheilt, hierhergekommen, ein Almosen zu erbitten, nur
Arbeit wollte sie, Arbeit im Hause des Wohlstandes, um das karge Leben
nothdrftig zu fristen und dem Vater, dem es Mhe kostete, allein durch
die Welt zu kommen, nicht auch noch zur Last zu fallen. Ihre Sprache
war dabei edel und bescheiden und das ganze Wesen und Benehmen der
Unglcklichen machte einen so tiefen und wehmthigen Eindruck auf das
weiche Herz der Jungfrau, da sie sich lang und freundlich mit ihr
unterhielt, ihr endlich Arbeit versprach und in der Stube Brod und eine
Tasse Warmbier anbot, weil es gerade dastand, wie sie sagte, im Grunde
aber, weil die Augen des armen Kindes so glanzlos und tief in ihren
Hhlen lagen, da sie sich des Gedankens nicht erwehren konnte, das
Mdchen habe heute noch keine Nahrung zu sich genommen, und hungere, sei
aber zu stolz, selbst das zu erbitten, was der erschpfte Krper, sollte
er nicht erliegen, bedurfte.

Marie hatte sich im Anfange der freundlichen Sorge fast theilnahmlos
hingegeben, wie aber die se Blume, die dem starren und strmischen
Nordwest still doch hartnckig getrotzt und die Blthe fest und
krampfhaft jeder ueren Gewalt verschlossen hielt, ihren duftenden
Kelch rasch und sehnend dem milden wrmenden Sonnenstrahle ffnet, und
ber den linden Ku des Zephyrs die thauige Freudenthrne weint, so
schmolz endlich die zarte Schonung, die in jedem der an sie gerichteten
Worte lag und sich selbst in den Gaben zeigte, die Sophien's Hand ihr
bot, jene Rinde um das in Leiden gesthlte, erstarrte Herz. Wohl
kmpfte sie noch eine Zeit lang gegen jede Schwche an, die ihren kalten
resignirenden Ernst zu bewltigen drohte, und als sie fhlte, wie ihr
die verrtherischen Thrnen in die Augen traten, wandte sie sich ab und
suchte die perlenden Zeugen des Schmerzes vor dem forschenden Blicke
Sophiens zu verheimlichen.

Reines und heiliges Mitleid sieht aber scharf, wo es helfen und heilen
kann, und Sophie glaubte gar bald den Kummer errathen zu haben, der
in der Brust der Fremden so fest verschlossen, aber deshalb wohl noch
mchtiger und erschtternder geruht hatte, weil ihr keine Seele lebte,
der sie ihr Leiden anvertrauen konnte.

Marie, sagte sie nach einer ziemlich langen Pause, und ergriff des
Mdchens Hand -- Marie -- fehlt Ihnen etwas, das in meinen Krften
stnde, Ihnen zu verschaffen?

Die Leidende blieb eine ganze Weile stumm und regungslos stehen, dann
schttelte sie leise den Kopf.

Marie-- fuhr des Pastors Tochter schchtern fort -- ich meine es gut
mit Ihnen -- ich meine es wahrlich gut mit Ihnen -- wenn ich nur wte
was -- was Ihnen fehlte. -- Sie sind -- Sie sind nicht glcklich.

Ein zweites leises Schtteln sollte wieder die einzige Antwort sein, und
noch weiter ab drehte sie das bleiche Angesicht, aber nicht lnger lie
sich der also heraufbeschworene Schmerz bewltigen -- strker und immer
strker drngte er herauf aus dem vollen, o so bervollen Herzen und
endlich -- endlich brach er sich mit unwiderstehlicher Gewalt in wildem,
aber nicht linderndem Thrnenstrom die strmische Bahn, denn nicht
freiwillige Thrnen waren es, die den heien Augenhhlen entquollen und
sie konnten deshalb das Herz auch nicht erleichtern und das Ueberma der
aufgehuften Fluth drngte sie in's Freie, da die Gefe, die sie bis
jetzt gehalten nicht vor der ghrenden Kraft zerbersten und zertrmmern
sollten.

Aber die starre Hlle, die ihr Inneres umschlossen, schien ebenfalls mit
den vordringenden Thrnen gefallen zu sein; ihre Gestalt zitterte, die
Hand, die Sophie in diesem Augenblick ergriff, bebte wie im Fieberfrost,
und rasch und pltzlich -- dem aufblitzenden Gedanken gehorchend, wandte
sie sich, barg ihr Antlitz auf der Hand der erschreckten Jungfrau -- und
schluchzte laut.

Marie flsterte diese, mein armes armes Kind, was kann ich fr Sie
thun -- womit Ihnen helfen -- sind Sie in so groer Noth? -- ach ich
will gern-- sie schwieg; denn pltzlich fiel ihr ein, da sie ja erst
am vorgestrigen Abend ihre ganze kleine Baarschaft weggeschenkt hatte
und nicht einmal im Stande war auch nur ein Almosen zu geben -- ja --
mein Vater wird -- er _mu_ helfen, fuhr sie, rasch sich sammelnd,
fort mein Vater ist auch gut und mildthtig, nur zu viel hat er aber in
letzterer Zeit geben mssen und dadurch erscheint er manchmal hrter --
weinen Sie nicht mehr, liebe Marie, wenn Sie hier in Horneck bleiben,
knnen Sie sich darauf verlassen, da ich Alles thun werde, was in
meinen Krften steht, Ihnen zu helfen und beizustehn.

Ich bin es berzeugt flsterte die Fremde mit einem innigen Hndedruck
-- Sie sind gut und freundlich -- aber -- verzeihen Sie den Ausbruch
eines Schmerzes, den Sie, eben durch Ihre Gte selbst hervorgerufen
-- es war das erste _herzliche_ Wort, was ich seit langer langer Zeit
gehrt, und wenn es auch wohl, o so unendlich wohl that, und so s und
trstend in meine Seele klang, so beschwor es doch wieder Bilder herauf,
die besser, o weit besser in tiefster Seele begraben geblieben wren.

Sehn Sie suchte Sophie jetzt die Leidende zu trsten und zu
zerstreuen; wenn Sie hier wohnen bleiben und mit der Nadel gut
umzugehen wissen, so kann sich Ihr Leben vielleicht noch ganz glcklich
gestalten. Besonders im Sommer hat es uns bis jetzt immer an Nherinnen
gefehlt, denn die Stadtleute, die hier herausziehn, brauchen viel neue
Kleider und zerreien sich die alten fortwhrend an aufgestellten Eggen,
Dornhecken, Disteln und andern lndlichen >Unbequemlichkeiten,< wie
sie's nennen. Ich will Sie Schttens empfehlen -- die kommen berall
herum und Sie knnen sich darauf verlassen, da Sie _dann_ in kurzer
Zeit bekannt und was noch viel besser sein wird, auch beschftigt sind.

Wie freundlich Sie sind sagte, mit herzlichem Dank im Blick, die
Fremde -- Sie sollen auch sehn, ich werde sicherlich Alles thun, was in
meinen Krften steht, Ihr gtiges Frwort zu verdienen; jetzt aber haben
Sie mir auch Muth gemacht Ihnen ganz zu vertrauen und -- eine Bitte
ist es -- eine Frage vielmehr, die ich mit aller Kraft meiner schwachen
Beredsamkeit an Ihr Herz legen mchte, da Sie dieselbe bei Ihren Herrn
Vater befrworten mchten.

Und die lautet?

Sie betrifft nicht mich selbst sagte Marie und schaute dabei mit dem
jetzt von einem eigenen Feuer belebten, aber sonst festen und ruhigen
Blick in das Auge der Jungfrau -- sondern einen Unglcklichen, der
durch eine eigene Verkettung von Umstnden gerade in diesem Augenblick
so nothwendig der Hlfe fremder Menschen bedarf, denn seine Freunde --
waren zu schwach ihm zu helfen.

Und wer ist es? frug Sophie, Mariens Hand ergreifend -- wenn ich nur
zu helfen vermag, es soll gewi mit inniger Freude geschehen -- gewi
Ihr Vater?

Nein -- nicht der -- nicht jetzt wenigstens, sondern ein Fremder --
jener Unglckliche, der gestern Abend gefangen auf das Schlo -- aber
um Gott -- was ist Ihnen? -- Sie werden todtenbleich -- Sie ---- Sie
_kennen_ ihn?

Ich? -- ja -- Sie haben doch wohl von unserem Begegnen im Walde
gehrt, sagte des Pastors Tochter rasch gefasst und sich mit Gewalt
sammelnd -- er sollte uns ruberisch angefallen haben, hie es im
Dorfe, und der dazu kommende Jger verwundete noch auerdem den armen
Menschen. -- Mir hat es recht von Herzen leid gethan, da das um
meinetwegen geschehen war und -- es geht mir jedesmal wie ein Stich
durch die Seele, wenn ich an jenen Tag denke. -- Doch, wie kann ich ihm
helfen -- was kann mein Vater fr ihn thun -- wie -- ja -- wer ist er
eigentlich, und -- welchen Antheil nehmen _Sie_ an seinem Schicksal?

Der Fremden forschender Blick hatte fest und unverwandt auf der
Sprechenden geruht -- erst jetzt senkte sie ihn, und antwortete
seufzend:

Welchen Theil ich an seinem Schicksal nehme? -- Er ist unglcklich --
unglcklich, weil er den _Armen_ zu ntzen suchte, und mit freier und
khner Rede gegen Macht und Reichthum auftrat. Er selbst stammt von
achtbaren Eltern -- sein Vater ist Generalsuperintendent und ein reicher
angesehener Mann; deshalb aber hassen die Groen des Reichs diesen
Vorkmpfer der Freiheit so aus Herzensgrund, weil sie ihm nicht den
Vorwurf machen knnen, Mangel und Noth oder ein verfehltes Leben
habe ihn zu seiner politischen Meinung getrieben; deshalb sind sie
wahrscheinlich so eifrig bemht, ihn gefangen zu halten, weil sein
Beispiel nicht ein zndender Strahl werden soll, der das Verderben bis
in die Mitte der Gewaltigen schleudert, und den Thron strzen knnte,
der dem Heile des Volkes den Weg zur Freiheit sperrte. Fr das
Proletariat wirkte er mit allen Krften, deren er fhig war, diesem eine
menschliche Stellung unter den Menschen einzurumen, die Aufgabe hatte
er sich gestellt. Sollen die Armen da nicht an ihm hngen, die, denen er
sein ganzes Leben, seine ganze Existenz geopfert? -- Sollten _sie_ ihn
in der Noth verlassen, da er nur um sie in Noth gekommen?

Sophie lauschte schweigend, mit halb weggewandtem Kopfe, aber mit
freudigem Lcheln auf den lieben Zgen den Worten, die ihr so hold und
s klangen, weil sie das Lob des -- sie wagte den Gedanken noch nicht
auszudenken, aber ein Gefhl war es, das sie ergriff, als ob sie in
sonniger Morgenstunde den feierlich erhebenden Tnen der Orgel lausche
und die Seele ihr von des Chorals Accorden getragen, hher und hher
hinauf zu dem lichten Dom des Allliebenden emporschwebe.

Marie verwandte keinen Blick von ihr, und ein eigenthmlicher Ausdruck
von Spannung, Erstaunen und Zweifel lag dabei in den Zgen der Fremden.
Endlich brach Sophie wieder das Schweigen und sagte leise:

Und droht dem Manne Gefahr?

Ja, war die rasche Antwort des Mdchens, deren ganzes Streben sich
bei der Frage wieder blitzesschnell auf das eine fest und treu gehaltene
Ziel geheftet -- ja -- noch in dieser Nacht.

In dieser Nacht? rief Sophie erschreckt, und ihre Wangen frbte ein
hheres Roth, als sie sich so scharf und forschend beobachtet sah --
aber wie wre das mglich -- der Oberpostdirector--

Ist ein Schurke, erwiederte eintnig die Fremde -- und Niemand kennt
das vielleicht besser als ich -- doch wie dem auch sei, er wre zu Allem
fhig, wo es den eigenen Nutzen oder Vortheil gilt, und ich wei, da
sein Plan dahin geht, den Gefangenen heute Abend um neun Uhr an das
nchste Militairpiket wahrscheinlich abzuliefern. Das zu vereiteln ist
vielleicht nur ihr Herr Vater im Stande -- er ist Geistlicher des Ortes
-- seine Pflicht als solcher gebte ihm schon, ein Menschenleben zu
retten, wenn es in seiner Macht steht -- sein Herz wird aber diese
Pflicht zu einer doppelten machen, -- wenn nicht gar -- Mitleid fr den
Sohn seines Vorgesetzten -- er kann dem Gefhl den Namen geben, und
kein Mensch wird ihn tadeln drfen, wenn er seine Stimme auch zu Gunsten
eines Mannes erhob, den das Gericht verfehmt hatte und dessen Spuren die
Hscher, wie der Jger dem wilden Thiere, folgten.

Und noch in dieser Nacht? -- Aber der Gutsherr hat ja versprochen ihn
in Freiheit zu setzen, sobald er nicht ein schweres Verbrechen begangen
-- erst mu er hren, was der Unglckliche gefehlt, -- eher darf er
nicht richten; und ihn jetzt, in dieser Zeit ausliefern, wre so gut wie
ein Richterspruch.

Der Herr von Gaulitz hat schon Vieles versprochen aber Lge ist sein
Lcheln, und teuflische Hinterlist sein Wort -- aus der Bibel citirt
er die Sprche Jesu, aber schwarz ist das Herz, das unter der
gleinerischen Zunge schlgt.

Doch vielleicht -- vielleicht ist es ja nicht einmal so gefhrlich,
sagte Sophie pltzlich, und ein Hoffnungsstrahl durchglhte dabei ihre
Seele -- wer wei denn ob sie ihn, wie die Sachen jetzt stehen, nicht
augenblicklich wieder freilassen, so wie er die Residenz betritt, --
mglicher Weise ist es viel besser, er wird dorthin abgeliefert.

Sie haben recht, antwortete das Mdchen, und ihr Blick suchte
mit ngstlicher Gier den Ausdruck der ihr halb abgewandten Zge zu
erforschen -- _vielleicht_ lassen sie ihn frei, und so mag denn der
Gutsherr seinen Willen haben -- man kann das wenigstens glauben, und --
fllt es anders aus -- wird er vielleicht gar -- doch nein, das wre ja
nur eine Mglichkeit, und die -- haben wir nicht voraussehen knnen.

Sophie hatte in peinliches Sinnen versenkt dagestanden -- die Worte des
Mdchens schnitten ihr wie Messer in die Seele, und immer klarer wurde
sie sich bewut, da auf Hlfe, wenn einmal in den Hnden des wirklichen
Gerichts, nicht mehr zu hoffen sei, und eine Rettung des Unglcklichen
von hier jedenfalls ausgehen msse. Aber wie -- der Kopf schwindelte
ihr von all' dem Sinnen und Denken -- berall unbersteigliche
Schwierigkeiten, berall gehemmt und beschrnkt, und die Zeit mit
jeder Secunde dem entscheidenden Momente rasch, furchtbar rasch
entgegenstrebend.

Nein -- nein sagte sie endlich, mit halblauter Stimme -- sie schien in
diesem Augenblick die Gegenwart der Fremden ganz vergessen zu haben --
es darf nicht sein -- darf nicht geschehn? -- aber wie es verhten?
-- mein Vater mu da helfen. Ja, Marie -- Sie haben recht fuhr sie da
pltzlich laut, und sich der Gegenwart der Fremden erinnernd fort.
Mein Vater ist gut -- er wird nicht zugeben, da ein armer Verfolgter
ungerecht leiden soll -- selbst wenn er nicht der Sohn eines ihm
befreundeten Mannes wre, -- ich will mit ihm sprechen -- verla Dich
auf mich, was in meinen -- was in seinen Krften steht, wird er thun
und meine Schuld soll es sein, wenn ich die Sache nicht mit Bitten
untersttze -- sind Sie nun zufrieden gestellt, Marie?

Sophie hatte ihre ganze Fassung wiedererlangt, und streckte mit milder
Freundlichkeit dem erfreuten Schtzling die Hand entgegen, Marie
begegnete ihrem Blick, schaute ihr lange lange in das blaue seelenvolle
Auge, ergriff dann die gebotene Rechte, prete einen heien innigen
Ku darauf und verlie pltzlich und ohne eine Sylbe noch zu erwiedern,
Zimmer und Haus.

Sophie war allerdings ber dieses schnelle Abschiednehmen etwas
erstaunt, andere Gedanken drngten ihr aber in das zum Zerspringen volle
Herz, und ohne weiteres Zgern suchte sie vor allen Dingen ihren
Vater auf, von dem sie ja wute, da er die Befreiung des Sohnes des
Generalsuperintendenten selbst wnsche und setzte diesen von dem eben
Gehrten in Kenntni.

Hierin hatte sie sich auch nicht getuscht; ihr Vater schien durch
die Botschaft, an deren wirkliche Genauigkeit er nur noch immer nicht
glauben wollte, sehr beunruhigt, verlangte dann, allein gelassen zu
werden, schritt lange in seinem Studierzimmer auf und ab, und ging
endlich, mit der Bemerkung, man mge nicht auf ihn mit dem Essen warten,
wenn er etwa zur rechten Zeit nicht zurck sein sollte, auf das Gut
hinunter.

Aber schon lange vor Essenszeit kehrte er, und zwar in anscheinend
hchst bler Laune, heim -- allen Fragen Sophiens wich er dabei aus;
versicherte erst, den Gutsherrn gar nicht getroffen zu haben, sagte
dann, er sei ihm unterwegs begegnet und nicht im Stande gewesen,
ausfhrlich mit ihm zu sprechen, weshalb er auch gegen Abend noch einmal
hinuntergehen wolle, und schlo sich dann gleich nach Tische in sein
Zimmer ein, das er auch nicht eher wieder verlie, als bis die Sonne
schon hinter den goldglhenden Schwarzholzsaum versunken war und die
Abendglocke ihre letzten zitternden Klnge als Gru dem scheidenden
Tagesgestirn nachgesendet hatte.




Viertes Kapitel.

Die Wilddiebe.


Ehe wir aber dem Pastor Scheidler auf seinem Abendgange weiter folgen,
mssen wir uns noch einmal, um die Nachmittagszeit des nmlichen Tages
auf das Hornecker Feld und zwar auf den stlich vom Dorfe liegenden
Landstrich begeben, den dort, wie wir schon gesehen haben, einige
ziemlich tief in den Hgelhang eingeschnittene Schluchten durchzogen,
whrend hinter diesen wieder die Gegend flacher und der Boden niedriger,
aber auch fruchtbarer wurde, und einzelne breite Rapsflchen theils
mit frisch umgehackten Sturzen, theils mit noch unberhrt daliegenden
Weizenstoppeln abwechselten.

An der Ostseite der letzten schmalen Schlucht, dicht unter den Bschen,
die hier schon ziemlich hoch den Rain berragten und die Gesichter der
Niederung zugewandt, deren breite Flche vom Fue der flachen Hgel
auslief, saen drei in die gewhnliche Bauerntracht gekleidete Bursche,
und schienen eben ihr Frhstck oder Mittagsessen beendet zu haben, denn
der Eine, der Mllerbursche aus der Rauschenmhle, wickelte ein brig
gebliebenes Stck Brod und Kse in das blaubaumwollene Tuch ein, das
zwischen ihnen auf der Erde ausgebreitet gewesen, steckte es in die
Tasche und griff nach einer neben ihm liegenden einlufigen alten
rostigen Muskete mit Feuerschlo, deren Pfanne er sorgfltig prfte,
frisches Pulver aufschttete, das Gewehr dann auf seine Knie legte und
mit selbstzufriedenem Lcheln sagte:

So, nun kann's wieder losgehen -- ich hab' nichts dawider -- wenn wir
nur noch einen kriegten, da Jeder seinen Hasen mit zu Hause nehmen
knnte. -- Hol's der Henker, 's ist doch beinahe zu viel Arbeit um so
einen Bissen Fleisch; seit Tagesanbruch liegen wir nun drauen, und erst
zwei lumpige Stck; denn von den vieren, die ich angeflickt habe, werden
wir wohl nichts weiter zu sehen kriegen -- der zweite rgert mich, das
war ein ausgezeichneter Schu.

He he he, lachte der eine Bauerbursche, der schlengerte das eene
Hingerbeen nich schlecht hin un widder. Aber wie kunnte die Krete noch
auskratzen -- das sach emal kurjos aus, wie Krautsch hinger em her den
Rain nungersterzte. Aber -- weiter derfen mer wohl nich an's Dorf nan,
denn sunst kennten se uns knallen hiaren.

Dunnerwatter! fiel ihm hier Krautsch, ein anderer Bursche aus
demselben Dorfe in's Wort -- un was wrsch, wenn se's hiarten? -- La
Fritze Holken nur raus kommen, dem wullten mer heeme leichten, der sille
an uns denken -- das Aas das. -- Hrrje, was ich vor ne Bosheet uf den
Grienrock hawe; wenn mer nur erscht de Volksbewaffnung kreihn, wie's uns
der Docter versprochen hat -- aber hernagens!

Habt Ihr denn die beiden Hasen gut versteckt? frug jetzt der
Mllerbursche, der die einzige Flinte trug, seine Begleiter, und
stand, die Flur rings berschauend, von seinem Lagerplatze auf -- vor
Dunkelwerden knnen wir mit dem Wild doch nicht gut in's Dorf hinein.

Die stcken dort in den Bischern, wo das hohe Gras schteiht -- die sin
so gut verschteckt, die fingen mer selwer kaum widder. Aber wo wollen
mer denn nu jagen? noch emal durch'n Raps? -- do sitzt noch eener
drinn.

Nein, ich dchte, wir trieben eimal die kleine Schlucht hier selber
ab, sagte der Mllerbursche Gottfried Wensche oder Friede, wie ihn
die anderen Beiden kurzweg nannten, in dem dichten Grase und unter den
Brombeeren liegen sie unmenschlich gerne, und wenn ich mich oben an die
Spitze stelle und Ihr blos durchgeht und klappert, so fhrt gewi
noch so ein Braunpelz heraus, und dem will ich's besser auf die Ohren
brennen, als dem letzten.

Gut, dann wull'n mer hier nunger giahn, sagte Krautsch, drckte sich
den alten Hut in die Stirn und hob seinen Treiberstock auf -- hernagens
klappern mer von ungen heruff.

Die beiden Bauerburschen schlenderten, whrend Mllers Friede oben an
der Schluchtspitze seinen Platz nahm, von wo er rechts und links am
Buschrand hin schieen konnte, drauen auf dem Sturze an der Ostseite
der Schlucht hinunter.

An der Westseite hin glitten aber zu gleicher Zeit die Gestalten des
alten und jungen Holke, die Flinten auf dem Rcken, den Hund an der
Leine, und als sie eine Stelle erreicht, wo ein kleiner Graben, eine Art
Wasserfurche, von den Feldern aus in die Schlucht hineinfhrte,
folgten sie dieser und sahen sich bald von dichten Bschen und steilen
Seitenwnden der Delle vollkommen gedeckt.

Wr's nicht besser, Vater, wir warteten, bis sie wieder schssen,
flsterte der Fritz, und zog den Hund an sich, der rechts in die Bsche
hineinwindete, wenn wir wenigstens gerade aus bis an den Rand gehen,
knnen wir die ganzen Felder bersehen.

So viel sich von oben aus erkennen lie, erwiederte ihm der Vater mit
eben so unterdrckter Stimme, haben sie hier im Busche Halt gemacht,
und der Henker wei jetzt, ob sie noch drin stecken oder hinaus in's
Freie gegangen sind; fast glaub' ich aber, wir haben sie noch hier
unten, denn Hektor will absolut da hinein und der thut Nichts umsonst.

Horch, sagte Fritz leise und fate des Vaters Arm -- klang das nicht,
als ob ein Treiber mit seinem Stocke an einen Busch geschlagen htte?

Die Beiden horchten einen Augenblick in gespannter Erwartung -- gleich
darauf wiederholte sich das Gerusch und dem scharfen gebten Ohr der
Jger muten die wohlbekannten Laute bald entdecken, was die Wilddiebe
eigentlich beabsichtigten.

Bei Gott, wir sind mitten im Treiben drin, schmunzelte der Alte mit
einem Blicke wilder Zufriedenheit -- hoho, meine Burschen, Ihr kommt
mir heute gerade recht -- Fritz, das ist ein kapitaler Spa -- in so
einer Lage hab' ich mich auch noch nicht befunden -- ein paar alte
Fchse im Kessel -- ob wir durchbrennen?

Vorgehen werden wir auf keinen Fall drfen, sagte Fritz -- wer wei,
was fr Aasjger sich vorgestellt hat, und wenn der die Bsche sich
regen sieht, haut er am Ende hin.

Die dreie haben nur eine Flinte, meinte hierauf der Alte -- der
Schmied hat's ganz genau gesehen, er konnte nur nicht recht genau
erkennen, wer es war, oder wollt's auch vielleicht nicht gern sagen.
Jedenfalls liegt der mit der Flinte, da sie von unten auf trieben, oben
in der Spitze, wo er beide Seiten bestreichen kann und bis dahin, wo die
Haselbsche aufhren, knnen wir also recht gut vor; dort ist ja wieder
so ein Graben ausgestochen und ber den Erdaufwurf hin kann er uns
nicht bemerken -- ich kenne den Platz genau, denn ich habe mich erst vor
vierzehn Tagen etwa gerade da hindurch an den Fuchs angeschlichen, der
drauen stand -- Hektor ruhig -- Strick Du, kannst Du nicht Frieden
halten, wenn's auf Hochwild geht?

Aber schieen werden wir doch nicht, Vater? sagte der Sohn,
ich mchte nur ungern, und dann auch nur in Selbstvertheidigung,
Menschenblut vergieen.

Es wird wohl ohne das abgehen, brummte der alte Waidmann, wenn sich
Einem auch das Herz dabei umdreht, wie die Canaillenbrut wieder heute
Morgen auf dem Revier herumgeknallt hat; der Herr Schtze soll nur
eine einfache Muskete fhren, und vielleicht knnen wir ihn gerade
anspringen, wenn er die einmal abgeschossen hat -- Zndpatronen wird
er wohl nicht laden, und ehe er seinen alten Schieprgel wieder
vollstopft, behalten wir Zeit genug, ihm das weitere Jagdplaisir
abzuschneiden -- hol mich der Bse, die klappern das Holz ganz
regelrecht durch, das sind alte Hallunken.

Das Treiben kam in der That immer nher und Holke winkte seinem
Sohne jetzt mit der Hand, ihm so leise als mglich zu folgen; gebckt
schlichen sie dabei in dem Bett des kleinen, nur wenige Zoll tiefen
und mitten durch die Schlucht rieselnden Baches hin, bis sie sich bis
beinahe an den Graben, der hier von beiden Seiten der Mitte zu lief,
hingeprscht hatten. Die Treiber konnten kaum hundert Schritte hinter
ihnen sein. Hier muten sie ber einen schmalen gelben Rasenfleck, den
jedoch dichte und undurchsichtige Bsche rings umschlossen, und als sie
eben die Zweige vorsichtig auseinander bogen, um hindurch zu schlpfen,
fuhr aus dem warmen buschigen Grase ein Hase, sprang ber den niederen
Erddamm und floh gerade die Spitze hinaus und der Stelle zu, wo sich
Mllers Friede so vortheilhaft aufgestellt hatte.

Der kam apropos, lachte mit vorsichtig gedmpfter Stimme der Alte,
jetzt pa einmal auf, ob sie nicht drauf pulvern.

Noch whrend er sprach, krachte der laut donnernde Schu der alten
Muskete durch die Bsche, und das laute Klagen des Hasen verrieth gleich
darauf, da die arme Creatur waidwund oder in die Hinterlufe geschossen
sei.

Jetzt spring hinauf, Fritz, rief da der Vater schnell -- mach rasch,
mein Junge, und nimm dem Schufte die Flinte ab, ich will hier hinaus,
da ich die anderen Canaillen abfange, oder doch wenigstens zu sehen
kriege, wenn sie etwa durchbrennen sollten. -- Allo fa, Hektor?

Der Alte brach, die Bsche links und rechts zurckwerfend, durch das
Dickicht der Stelle zu, wo er das freie Feld am schnellsten erreichen
konnte, um dadurch den _flchtigen_ Wilddieben den Weg abzuschneiden;
Fritz aber glitt rasch und behende der Stelle zu, wo er den Schu gehrt
hatte; Hektor verrieth inde eher, als er es im Anfang gewollt, seine
Nhe. Kaum hrte der Hund, der sonst folgsam und klug genug war, die
klagenden Tne des angeschossenen Hasen, als er blitzeschnell seitab
durch die Strucher brach und jetzt pltzlich dicht vor dem
entsetzten Mllerfrieden, der eben emsig bemht war, den im Kreise
herumschnellenden zu erfassen, aus dem Strauch fuhr, Lampen im Genick
packte, todtbi und dann stolz und freudig aushob, ihn seinem Herrn zu
aportiren. Alle Teufel! rief der Mller berrascht, und fuhr mit der
ungeladenen Flinte im Anschlag -- denn das laute Rascheln der Bsche
verrieth ihm jetzt den unwillkommen Zeugen seines Jagdfrevels -- in die
Hhe; zurck da oder ich schiee -- zurck sag ich!

Fritz war aber nicht der Mann, der sich von so lcherlicher Drohung
htte zurckhalten lassen.

Haha, rief er -- hast wohl zwei Patronen eingeladen und erst eine
ausgeschossen -- na drck ab, aber dann her mit der Flinte und ohne
weiter einen Augenblick zu zgern sprang er gegen den entdeckten
Wilddieb an. -- Dieser, der wohl einsah, da er dem Jger nicht mehr mit
der Schuwaffe drohen knne, fate seine Muskete rasch am Lauf und
hob den Kolben, den Angreifer damit zu Boden zu schlagen, dieser aber,
gewandter als er selber, unterlief ihn, ehe er den Streich fhren
konnte, lie dicht vor ihm sein eigenes Gewehr in das Gras niederfallen
und traf den Mller zu gleicher Zeit mit der festgeballten Faust so
krftig in den Magen, da der groe starke Mann zusammenbrach als ob
ihn ein Blitzstrahl getroffen htte und die Muskete machtlos seiner Hand
entsank.

Dieser Sieg htte aber fr den Jger beinah von sehr bedenklichen Folgen
sein knnen, denn die beiden Bauerburschen stoben keineswegs, wie der
alte Holke vermuthete, rechts und links in das Feld hinaus, sobald sie
fanden, da sie entdeckt wren, sondern Krautsch besonders rannte in
wilder Wuth dorthin, wo er seinen Kameraden zurckgelassen, und mit
diesem jetzt den ihm verhaten Jgerburschen anscheinend ringen sah. So
dicht kam er dabei heran, da er in demselben Augenblick den Kampfplatz
erreichte, wo Fritz sein geladenes Doppelrohr hingeworfen hatte und
sprang nun mit wildem Jubelruf, whrend der Jger seinen Genossen zu
Boden schlug, darauf zu.

Fritz wandte rasch den Kopf und sah kaum die eigene Waffe schon fast
in des Gegners Gewalt, als er auch, jetzt wohl wissend, da es das
Aeuerste gelte, die Muskete aufgriff, vorsprang und mit dem schweren
Kolben den schtzend vorgestreckten Arm des Wilddiebes so krftig traf,
da er gelhmt an seine Seite sank. Nichts destoweniger wre der Sieg
dennoch zweifelhaft gewesen, denn der dritte, sonst keineswegs feige
Bauerbursche flog in diesem Augenblick heran -- noch im Zuspringen
hrte er aber einen Anruf an seiner Seite, wandte den Kopf und sah hier
pltzlich zu seinem Entsetzen auch noch den alten Jger mit auf ihn
selber gerichteter Flinte dastehn.

Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke an den Flchtling auf den
derselbe Jger ja erst vor wenigen Tagen ebenfalls geschossen, und ehe
er noch wirklich im Stande war einen eigenen Entschlu zu fassen, trieb
ihn das Gefhl der Selbsterhaltung zauberhaft rasch aus dem Bereich der
dunkeldrohenden Rohre. Wie er in die Schlucht kam, wute er eigentlich
selbst nicht, nur dessen erinnerte er sich spter, da er fortwhrend
durch die dicksten Bsche gesetzt und sporenstreichs und athemlos, ohne
auch nur ein einziges Mal umzuschauen, ob die Verfolger wirklich hinter
ihm wren, zu Hause gerannt sei.

Mit dem jetzt allein stehenden Krautsch, dem noch dazu, fr den
Augenblick wenigstens, der rechte Arm vollkommen gelhmt war, wurde
Fritz indessen bald und noch ehe sein Vater ihm weiter zu Hlfe kam,
fertig. Er hatte seine Flinte wiedergewonnen, und stand jetzt dem mit
fest zusammengebissenen Zhnen wthend zu ihm aufblickenden Bauer, wie
dem sich gerade von dem gewaltigen Faustschlag erhebenden Mllerburschen
fest und trotzig entgegen.

So, Ihr Lumpenpack fuhr die Beiden aber jetzt der alte Frster an, der
nun auch herbei kam, dem noch immer ruhig aportirenden Hektor den Hasen
abnahm und diesen neben die alte Muskete in's Gras warf -- so -- also
Ihr seid's, die Ihr hier drauen auf fremden Revieren und nicht einmal
auf Euren eigenen Feldern, herumknallt und Gottes Creaturen, die
jetzt hochtragend gehn und nicht einmal geniebar sind, die Glieder
verschiet. Nicht arme Tagelhner seid Ihr, die es vielleicht aus Armuth
und Hunger thun knnten, sondern reiches Lumpenpack, das zu faul zur
Arbeit ist, und am lieben Wochentage stiehlt und raubt. -- Pfui ber
solche Bande -- ich wollte mich doch in Euere Seele hinein schmen.

Wartet ir grienreckigen Holzlaifer ir! knirschte aber der seiner
Wuth kaum mchtige Bauer durch die fest zusammengebissenen Zhne sie
an -- wartet nuar -- eire Zeit kummt ooch noch, un dann soll mer der
Deibel das Licht halten, wenn ich nich meine Rechnung so gut im Kopp
behalte, wie der Wirth in der Schenke dringe -- gebt dem Mller sain
Gewhr widder ruas.

Hier liegt der Hase, den er geschossen und das Gewehr ist mein, sagte
der alte Holke ruhig, ohne sich um des Burschen ohnmchtigen Zorn weiter
zu kmmern. Ihr aber knnt Euch drauf gefat machen, da die Sache
damit noch nicht abgethan ist; heutigen Tages noch werdet Ihr angezeigt
und da der Herr von Gaulitz kein Federlesens mit Euch machen wird,
darauf drft Ihr Euch verlassen. Hier Hektor -- was hat der Hund?

Er steht -- sagte Fritz und ging mit gehobener Flinte der Stelle zu.

Hektor stand gerade da, wo die Haselbsche anfingen, vor einem kleinen
niederen aber dichten Gewirr von Gras, Dornen und Struchern fest und
regungslos, den Kopf versteckt, den rechten Vorderlauf emporgehoben,
die Augen unverwandt auf den dunkeln Busch gerichtet, und allem
Anschein nach mit grter Spannung die Luft einschnopernd, die von dort
herberwehte und jedenfalls von hchstem Interesse fr ihn sein mute.
Nur als sich sein junger Herr ihm nherte, beurkundete er seine Freude
durch ein leises, aber auch nur ganz leises Schwanzwedeln.

Mllers Friede hatte sich noch immer nicht ganz von dem erhaltenen
Schlage erholt, und auch Krautsches Arm schmerzte diesen sehr, dennoch
machten die Beiden, als sie sahen, wie der Hund vor dem Strauche blieb
und Fritz ihm nach ging, einen Schritt gegen den Ort zu, wo die Muskete
lag. Aber auch nur einen Schritt, denn des alten Holke Flinte fuhr
rasch genug herauf, und er rief ihnen mit seiner derben herausfordernden
Stimme trotzig zu:

Zurck, Ihr Schufte, oder ich will verdammt sein, wenn ich Euch die
Beine nicht mit dem klaren Schrot so voll spicke, da Ihr das Laufen auf
vier Wochen wenigstens an den Nagel hngen knnt; fort mit Euch, denn
es juckt mich schon im Zeigefinger, und ich dchte, Ihr wtet, da ich
nicht gerade viel Spa verstehe.

Allo fa! rief Fritz indessen, der sich mit einem rasch nach rckwrts
geworfenen Blick bald berzeugte, wie sein Vater die beiden Burschen
leicht allein im Respect erhalten konnte -- =en avant=, Hektor! =en
avant=, mein Hund.

Hektor hatte anfnglich, wie sich gar nicht verkennen lie, keineswegs
die Absicht gehabt, so ohne Weiteres einzuspringen, da er den Jger aber
jetzt dicht bei sich sah, und die fortwhrend aufmunternden Worte hrte,
that er ein Uebriges -- wedelte erst einmal aus Leibeskrften mit dem
braun und weien Stumpfschwanz, als ob er gerne gesagt htte, na,
wenn's nicht anders ist, und sprang dann pltzlich zu. -- Aber weder
Schnepfe noch Huhn fuhr heraus -- kein Hase sprang aus der schtzenden
Decke hervor, Hektor jedoch hatte sich keineswegs geirrt, sondern
das, auf was er mit so unverrckbarer Aufmerksamkeit gezeigt, mit den
scharfen Zhnen erfat, und einen armen schwer mihandelten, und ber
und ber mit Schwei bedeckten Lampe, dem alle vier Lufe zerschossen
und der Kopf breit geschlagen war, zog er bald darauf aus Dornen und
Gras hervor.

Als ihn Fritz an den Lffeln empor hob, brachte Hektor einen zweiten
kaum besser bedachten hervor, und des alten Holke Ingrimm machte sich
in schweren gewichtigen Flchen und Drohungen Luft; die Bauern aber,
die sich auf die Art auch das gehoffte und schon, wie sie meinten, in
Sicherheit gebrachte Wildpret entzogen sahen, schimpften und wetterten
nicht minder, und es wre vielleicht schon hier zu neuen Thtlichkeiten
gekommen, htte der dritte Mann sie nicht so feige allein und im Stich
gelassen, so aber war doch die Uebermacht und noch auerdem das gute
Recht auf der Jger Seite zu stark gegen sie, und ein Angriff mute
deshalb sicherlich nur hchst unglcklich fr sie enden.

Die Jger schienen auch etwas derartiges gar nicht zu frchten, Fritz
steckte zwei, sein Vater einen Hasen in die Tasche, der erste schulterte
dabei noch die alte Muskete, und raschen Schrittes wanderten sie dem
Dorfe zu, um die Anzeige der ertappten Wilddiebe zu machen, und endlich
einmal ein paar von den Schuften zur Strafe zu bringen, die des alten
Holke Ingrimm, besonders in der letzten Zeit schon so oft rege gemacht,
und ihm die Galle aufgerttelt hatten.

Die Bauern blieben noch eine lange Weile in der Schluchtspitze zurck,
und sprachen dabei fleiig, um ihren Aerger zu ertrnken, der grnen
Flasche zu, die der Mller neben dem Pulverhorn in seiner Rocktasche
trug; viele Plne wurden geschmiedet, Rache zu ben fr die erlittene
schmhliche Behandlung -- Plne, wie sie nur das schwrzeste Herz
gebren und ersinnen konnte. Als die Flasche dann geleert war, gingen
sie auf dem schmalen Fupfad hin, der nicht weit von der Schlucht vorbei
nach der Rauschenmhle herniederfhrte, bis zu dieser hinab, um dort ihr
begonnenes Gelage fortzusetzen, und der Beschlu sollte dann noch Abends
spt, als die Nacht schon hereingebrochen war, und andere ordentliche
Menschen ihre Heimath aufsuchten, in der Hornecker Schenke gemacht
werden, wo heute die Bauern wieder zum Lesekrnzchen zusammenkamen und
sie die schndliche Ungerechtigkeit zu schildern gedachten, die ihnen
von den grnrckigen groen Herrn Dienern angethan worden.




Fnftes Kapitel.

Das Gefngni.


Das Gefngni von Horneck war ein niedriges kleines aber sehr festes
Gebude, das dicht an eine Reihe von Stllen und darauf befindlichen
Getreide- und Heubden stie, auch dieselbe Gestalt wie diese hatte, und
sich im Aeueren durch nichts als die starken Eisengitter an den kleinen
hohen Stallfenstern von ihnen unterschied.

Nur zwei Stuben oder Kammern, wie man es nun nennen wollte, befanden
sich brigens in diesen zur Aufbewahrung von Verbrechern bestimmten
Mauern, und wurden durch einen schmalen Gang, der zu der hinteren
Bodentreppe fhrte, geschieden; die eine von diesen bewohnte der Voigt
vom Gut, der auch zugleich bei solchen Gelegenheiten die Schlieerstelle
versehen mute, und die andere wurde fr gelegentlich Eingebrachte
offen gehalten, oder sollte doch wenigstens offen gehalten werden. Da es
brigens nur uerst selten vorkam, da in Horneck irgend ein wirklicher
Verbrecher eingesperrt wurde, so benutzte der Voigt die Gefangenstube
auch gewhnlich zum Aufbewahren der aus der Mhle zurckkommenden Kleie,
und selbst jetzt lag ein mchtiger Haufen von dieser, der in der
Eile nicht hatte hinausgeschafft werden knnen, in der einen Ecke
zusammengeschaufelt und angekehrt, und in der anderen befand sich ein
kleiner Tisch und Stuhl; auf dem ersteren stand ein Wasserkrug und eine
Schssel mit eingebrockter Krbissuppe, wie sie das Gesinde bekam, und
ein Stck trockenes schwarzes Brod, aber kein Messer, sondern nur in
der Schssel ein hlzerner Lffel. In der einen Ecke lag noch eine
zusammengeklappte Matratze mit wollener Decke.

In dem kleinen Raume schritt der Gefangene mit untergeschlagenen Armen
hastig auf und ab, blieb manchmal an dem Fenster stehen, neben das er
seinen Stuhl gerckt hatte, um nur hinausschauen zu knnen, lauschte auf
das von drauen zu ihm hereintnende Gerusch, und setzte dann finster
und brtend seine einfrmige Wanderung fort.

Das also ist Dein Dank, Du blinde Menge, zu deren Heil ich meine ganze
Existenz in die Wagschale warf, das der Lohn fr alle Aufopferung von
meiner Seite, fr die reine uneigenntzige Treue, mit der ich mich
Deinem Dienste weihte. Aber nicht zurechnungsfhig bist Du, armes
verblendetes, irre geleitetes Volk -- Jahrhunderte lang in Schmach und
Knechtschaft gehalten, weht Dich der neue Freiheitstraum so pltzlich,
so unerwartet an, da Du Dein Glck noch gar nicht zu fassen vermagst,
da Du nicht begreifen kannst, welche Gewalt Dir pltzlich in die Hand
gelegt, und wie es in Deiner Macht jetzt stehe, die, die Dich bis
dahin gedrckt und in Schande und Schmach zu Boden gehalten, mit einem
krftigen Schlage zu vernichten. Erwache, mein deutsches Volk, erwache!
-- Der Morgen der Freiheit hat wirklich getagt; im schnen Frankenlande
krhte der gallische Hahn seinen weit durch die _deutschen_ Gauen
schallenden Gru, und im Norden, Sden und Westen greifen die Vlker
schon zu den Waffen, und die erstehende Sonne sieht ihr flammendes
Bild tausend und tausendfltig von blitzenden Sensen und Schwertern
zurckgeworfen.

Nicht reif seist Du, mein herrliches Volk, die schwerste Pflicht, die
Pflicht der Selbstbeherrschung auszuben, rufen Deine Feinde, die Mnner
mit Orden und Bndern, die Schranzen und Knechte sclavischer Disciplin
-- wie das Feuer seist Du, winseln sie in heuchlerischem Mitleid,
dessen Kraft gezhmt und in Schranken gehalten werden msse, um nicht
unendliches Elend ber unser schnes Vaterland zu bringen. Auf, auf,
meine deutsche lodernde Flammensule, zum Himmel empor sende Deinen
rothen Feuergru, und durch die Schaaren derer, die Deinem freien
gttlichen Lichte hemmend entgegentreten, durch die Schatten der alten
giftigen Nacht, deren Schleier der Bundestag so fest und furchtbar in
seinen Krallen hielt, ffne Dir die freie herrliche Bahn. -- Kein Brand
wirst Du sein, der sengend Stdte und Drfer in Asche legt und die
Wohnung des friedlichen Landmannes dem Boden gleich macht, sondern wie
die segensreiche Gluth sollst Du ber die Felder und Fluren ziehen,
die auf den drren Steppen das trockene holzige Gras im raschen
Flug verzehrt, und den frischen grnenden Graskeimen Raum giebt zum
frhlichen Wachsthum und Gedeihen.

Glck auf, mein Volk! Wenn auch der Einzelne darber untergeht, tausend
Andere werden erstehen, und Dich mit weitausdrhnendem Jubelruf den
Reihen Deiner Feinde entgegenfhren. Nur zusammen haltet dann, wie der
Schranzen Schwarm bis jetzt zusammenhielt. -- Die Linke fasse in des
Nachbars Grtel, die Rechte schwinge hoch das breite Schwert, und Gottes
Ungewittern gleich werft Euch vernichtend und verderbend den Massen des
schon moralisch erdrckten Gegners in die Fronte.

Und Du, Sonne, die Du da drben so bleich und trbe, von dmmernden
Nebeln umdrngt, zur Ruhe gehst, steige rothglhend im Osten ber
ein _freies_ Volk wieder herauf -- und wenn Du dann auch mein Grab
beschienest, ich wollte nicht klagen, drfte mein Herz dann nur mit
seinem letzten Blute den Boden eines freien _einigen_ Deutschlands
dngen!

Er war bei diesen Worten wieder auf den Stuhl getreten, hatte den
einen Arm, um sich oben zu halten, durch das Fenstergitter gezogen, und
lehnte, nach der scheidenden Sonnenscheibe hinber schauend, die heie
fieberische Stirn an die kalten starren Eisenstbe seines Kerkers.

So stand er lange und trumend, -- das Abendgelute war schon lange mit
dem frischen Hauch der von den Bergen wehte, in weiter Ferne verklungen;
dstere Dmmerung lagerte sich auf der Erde, die Sterne blitzten matt
und trbe durch eine dnne Nebeldecke nieder, die sich ber das ganze
Firmament gezogen; drben aus dem Dorfe herber funkelten die Lichter
der stillen friedlichen Wohnungen, das Feuer der Schmiede sah er
deutlich durch die Obstbume, die zwischen dieser und dem Schlo die
steile Aufdachung des Hgels deckten, niederscheinen, sah die Funken
sprhen, und hrte die regelmigen Schlge der schweren Hmmer.
Der heimkehrende Knecht, der nach Frauen Art seitwrts auf dem mden
geduldigen Ackergaul kauernd vorber zog, sang sich mit leiser Stimme
ein kleines Lied -- ein Gru an den Schatz, den er bei sich zu Hause
gelassen, und aus der Rauschenmhle kehrte der mit den gewichtigen
Mehlscken beladene Rstwagen zurck und hielt nicht weit von der Thre
des Gefangenen an, so da dieser, in einer Art Halbtraum, in dem sein
Ohr die ueren Eindrcke nur dumpf und unbestimmt vernahm,
hren konnte, wie die einzelnen Scke langsam und in regelmigen
Zwischenrumen die steile Treppe, welche zu den Getreidebden und
Vorrathskammern fhrte, hinauf getragen wurden. Dann spannte der Knecht
die Pferde aus, die allein zu ihrem Stall hinber trabten, der Wagen
wurde unter den Schuppen zurck geschoben -- das Gesinde ging zum Essen
in die Gesindestube, und lautlose Stille lag auf dem weiten Gebu des
Gutes.

Wahlert wute selber nicht, wie lange er so und in dieser Stellung mit
seinem Arm an dem Gitter verweilt, den Blick auf die bleich funkelnden
Sterne gerichtet, als leise und vorsichtig der Schlssel in das Schlo
seiner Thre geschoben und eben so geruschlos aufgeschlossen wurde.
Erstaunt wandte er den Kopf, denn sein Wrter war sonst stets rasch
und rcksichtslos zu ihm herangetreten, und eine eigene frohe Ahnung
durchschauerte ihn -- vielleicht nahte ein Rettungsbote und die wieder
aufsteigende Sonne sah auch ihn frei und frhlich wie die aufwirbelnde
Lerche ber die dampfenden, vom Nebel umschleierten Berge ziehen.--

Eine dunkle Gestalt glitt in's Zimmer und blieb wie schchtern an der
Thre stehen, die sich wieder hinter ihr schlo.

Wer ist da -- seid Ihr es, Voigt? frug Wahlert, und trat von dem
Stuhle herunter in die Stube.

Herr Wahlert, lautete die ngstlich zitternde Antwort -- ich komme,
Sie zu retten!

Heiliger Gott, diese Stimme! rief der Gefangene und prete sich, kaum
seinen Ohren trauend, die ihm den Klang der sen Laute verriethen, die
heie brennende Stirn -- Sophie--

Um Gottes Willen, sprechen Sie leise, flsterte das arme, an allen
Gliedern bebende Mdchen -- und nur wenige Secunden sind mir vergnnt,
deshalb bleibt mir auch keine Zeit, mein Hiersein zu entschuldigen. Nur
Mitleid fr Sie trieb mich her. Heute Abend um neun Uhr sollen Sie von
hier fortgeschafft und den Militairgerichten berliefert werden -- was
Sie verbrochen haben, wei ich nicht -- will es nicht wissen -- nur
die eine Frage beantworten Sie mir -- wahr und redlich, als ob Sie vor
Gottes Throne stnden, aber auch ohne Bedenken und ohne Rcksicht auf
mich und die Ursache, die mich vielleicht bestimmte, dieselbe an Sie
zu richten. Ist Ihr Leben bedroht, wenn man Sie der Militairgewalt
berliefert?

Jedes Geheimni falle, das zwischen mir und Ihnen stehen knnte, rief
da Wahlert, und ergriff die bittend gegen ihn ausgestreckte, sich seinem
Drucke nicht entziehende Hand -- kennen Sie mein Vergehen, so sind Sie
auch selber im Stande, zu verstehen, was mich bedroht. -- Man hat eine
Correspondenz aufgefangen, die ich mit Frankreich unterhalten, von dort
her unsere deutschen Brder zu Hlfe zu rufen und die frhliche rothe
Fahne der Republik auf Deutschlands Berge zu pflanzen. In diesem
Augenblicke haben die Freunde vielleicht schon einen Einfall in Baden
gewagt, oder stehen wenigstens in Waffen an der Grenze, ich aber, der
jetzt hier wirken und schaffen sollte, da auch wir, die wir unter dem
Drucke der Tyrannei geschmachtet, denen die treue Bruderhand reichen,
die Heerd und Arbeit verlassen haben, uns zu Hlfe zu eilen, ich bin
hier von Kerkermauern umschlossen und kann, darf nicht hinaus in's
Freie.

Und glauben Sie, da nach diesem Vergehen Gefahr -- vielleicht Ihr
Leben bedroht?

Mein Leben? -- ich frchte kaum -- allerdings sind die Beweise gegen
mich klar genug und dem alten Regime wre das Aeuerste zuzutrauen, wo
es ja auch vielleicht die eigene Erhaltung gilt--

Dann fliehen Sie -- fliehen Sie, so rasch Sie knnen, und verlassen Sie
Deutschland so lange noch der Frieden nicht wieder hergestellt ist, und
die Gemther sich beruhigt haben -- ich wute den Schlieer zu gewinnen
-- er dankt mir Alles, was er auf dieser Welt besitzt, und will selbst
seine Stelle daran setzen, mir zu dienen -- fort -- fliehen Sie so lange
Ihnen noch Zeit dazu vergnnt ist, hlt erst der Morgen vor der Thr, wo
Ihnen jedenfalls Bedeckung mitgegeben wird, dann ist es zu spt und Sie
sind verloren.

Und soll ich, ein flchtiger, mit Steckbriefen verfolgter Verbrecher
diesen Ort verlassen? Soll ich das einzige Land meiden, wo ich bis jetzt
gekannt bin, wo ich wirken und das gute Werk frdern kann? -- Soll ich
meinen Feinden die Freude machen, da sie mich wie einen entsprungenen
Strfling fr vogelfrei erklren und auf mich fahnden lassen drfen.
Lebte noch Recht und Gerechtigkeit, so mte das Volk mit eisernem Arm
meinen Kerker brechen, und auf seinen Schultern den in's Freie tragen,
der mit Herz und Kopf sich ihm allein geweiht, so aber schlafen sie
selbst noch in der Residenz, das Ministerium, dem Millionen fluchen,
steht fest und unerschttert, und seine Macht ist noch wie vorher
unge--

Er schwieg pltzlich, denn ein kleines Paket fiel schwer aber weich
durch die Gitterstbe des offenen Fensters auf die Kleien in's Zimmer.

Wahlert wie Sophie standen mehrere Secunden still und regungslos, und
deutlich konnten sie dabei hren, wie sich drauen Jemand leise aber
rasch entfernte.

Was war das? flsterte der Gefangene endlich und hob das Pckchen vom
Boden auf -- kommt das von Freundeshand?

Rasch lste er den Faden, der es umschlossen hielt -- es enthielt
zwei starke Feilen, einen Geldbeutel, einen kleinen Brief, ein dnnes
Wachsstckchen und eine schmale Schachtel Zndhlzchen. Leise nannte er
die Artikel, als er sie einzeln betastete und in seine Tasche schob --
nur den Brief und das Feuerzeug behielt er noch in der Hand.

Drft' ich es wagen, Licht zu machen, flsterte er, so knnte ich
wenigstens lesen, was mir mein unbekannter freundlicher Helfer schreibt
-- doch halt -- geh' ich hier dicht an die Wand unter das Fenster,
so kann man den Schein von auen unmglich erkennen, oder wird doch
wenigstens glauben, da mein Gefngniwrter einmal bei mir sei.

Rasch trat er an den bezeichneten Platz, bog sich so weit als mglich
ber, ffnete den kleinen zusammengefalteten Zettel, zndete dann
eines der Streichhlzchen an, und las bei dem mattflackernden Schein
desselben:

Fliehen Sie so rasch und schnell Sie knnen -- um neun Uhr ist es zu
spt -- sind Sie in Freiheit, so verbrennen Sie diese Zeilen. Scheidler
-- Pastor.

Mein Vater! rief Sophie erstaunt.

Hm, murmelte Wahlert, als er das verlschte Schwefelholz auf die Erde
warf und Feuerzeug wie Brief in die Tasche schob -- der Geistliche des
Orts interessirt sich fr mich, den Republikaner? -- Verdanke ich das
meiner Gesinnung oder meiner -- Geburt.

Das Ministerium sollte gestrzt werden, rief da Sophie, der es ein
schmerzliches Gefhl war, da der Mann, der sich selbst so uneigenntzig
fr Andere geopfert, gerade diese Ursache, und ach, mit viel Grund, in
ihres Vaters Handlungsweise suchen sollte -- er wird seinem Freunde,
dem Gutsherrn und Gerichtshalter, die unangenehme Nothwendigkeit
ersparen wollen, seine Pflicht zu thun -- berhaupt scheint auch wieder,
aus einer mir unbekannten Ursache, das Dorf in Aufregung zu sein; als
ich hierher eilte, standen eine Menge Menschen vor der Schenke, und der
Diaconus war kaum im Stande, den wilden tobenden Lrm in Schranken zu
halten.

Das Ministerium gestrzt? Das Dorf in Aufregung? rief da Wahlert und
richtete sich pltzlich rasch und frhlich empor -- hei mein Volk, da
schlgt der Freiheit Stunde, und hast Du so die Ketten der Lethargie
abgeschttelt, dann brauch ich auch nicht wie ein schuldbewuter feiger
Missethter zu entfliehen.

Mamsell Sophiechen! rief in diesem Augenblicke drauen vor der Thr
die warnende Stimme des alten Voigt -- Mamsell Sophiechen, was Sie thun
wollen, thun Sie schnell -- oben im Dorfe ist ein merkwrdiger Spektakel
und eben ist die Kutsche in's Gut gebracht. Wenn Sie noch lange machen,
knnen Sie am Ende selbst nicht mehr heraus.

Herr Wahlert, flsterte Sophie in Todesangst -- bauen Sie nicht --
trotzen Sie nicht auf die Menge, auf die Bauern von Horneck. -- Fr
politische Gre haben sie keinen Sinn -- wo ihr materieller
Nutzen nicht in's Spiel kommt, wo sie nicht einen wirklichen leicht
begreiflichen Vortheil zu erringen hoffen, sind es die entsetzlichsten
Egoisten -- und ein Nutzen, wie _die_ ihn im Stande sind zu verstehen,
kann ihnen aus Ihrer Befreiung nicht erwachsen. Als sie sich neulich
zusammenrotteten, bedurfte es nur weniger Worte des Gutsherrn, den Sturm
zu beschwren -- der Doctor Levi, der sich ihrer Gleichgltigkeit
mit Gewalt entgegenstemmen wollte, wurde mihandelt, und die heutigen
Zeitungen melden, wie die Bewohner der Residenz sich schon wieder
den Verfgungen der Residenz unterzuordnen scheinen, wonach es denn
wahrscheinlich wre, da sich die Minister am Ende doch noch hielten.
O fliehen Sie, fliehen Sie, wenn nicht um sich zu retten, doch um
des Volkes willen, dem Ihr Streben gilt -- fliehen Sie, ohne einen
Augenblick weiteren Zgerns -- die Minuten schwinden in rasender
Schnelle und bald, o Gott, wie bald knnte es zu spt sein.

_Zu spt_, allerdings ein bedeutungsvolles Wort, lchelte Wahlert,
aber nicht fr mich -- ist das alte Reich der Residenz aus seinen Fugen
gerttelt, ja, wre es selbst einmal noch nicht vollkommen gestrzt,
dann wird es dieser Oberpostdirector wahrlich nicht wagen, mich irgend
einem Gericht zu berliefern; ja, thte er es, er fnde keins, das sich
in diesem Augenblicke seinen Anforderungen fgte -- nein, kocht und
ghrt es schon hier in dem stillen Orte, dann ist auch kein Zweifel
mehr, da des Volkes freier Sinn den Mann, der seinethalben hier in
Banden liegt, mit krftig muthiger Hand befreien wird. Ein Gewaltstreich
mu aber erst, und zwar vom Volke aus, geschehen sein, ehe die Flamme
des Aufruhrs sich erheben und furchtbar vorwrts schieen kann ber das
weite Land -- unser Vaterland ist nun einmal zerstckelt und in jedem
kleinen Theile desselben mu leider die Revolution auf's Neue geboren
werden -- _unsere_ Aufgabe aber ist es dann, das junge, seiner kaum
bewute Kind in Blitzesschnelle zum Riesen heranzubilden, und auf seinen
Schultern lagern wir nachher in sicherer Ruhe, wenn seine Keule unter
und neben uns die Throne zu Boden schmettert und nur unser Geist die
gigantische Kraft des Kolosses zu leiten braucht.

Sie tdten mich und sich mit diesem starren Trotz, bat die Jungfrau
-- Sie kennen den Gutsherrn nicht, dessen boshaft trotziger Geist
das Aeuerste daran setzen wrde, seinen einmal ausgesprochenen Willen
durchzufhren -- verlassen Sie nur jetzt wenigstens den Hof -- um
_meinet_willen, Wahlert -- wenn nicht um Ihret-, nicht um Ihres alten
Vaters willen--

Sophie, flsterte der junge Mann, und das wilde, unzhmbare Herz, das
bei der frheren Nachricht vom Sturz des Ministeriums schon tausend und
tausend khne und luftige Plne gebaut, zitterte vor dem weichen Tone
dieser sanften Stimme und beugte sich der holden Angst des sen Kindes
-- denn diese Angst fllte ja die reine heilige Brust fr ihn -- fr ihn
lebte die schlanke Gestalt und schmiegte sich zagend, verzweifelnd an
sein Herz, als er den Arm mit leisem beschwichtigenden Trost um ihre
Achseln legte.

Sophie, flsterte er endlich und drckte einen Ku auf ihre bleiche
Stirn -- Sie schaffen mir den Kerker zu einem Himmel um, und machen
mir die Stunde, die, ehe Sie kamen, meine trbste war, zu einem seeligen
Augenblick. Ich glaubte, ich wre stark und mein einmal gefater
Entschlu nicht mehr zu ndern -- ich bin aber nur wie ein schwankendes
Rohr, das ein Hauch ihrer Lippen bewegen kann. -- Gut, ich will fliehen,
ses Kind, will Ihrem Rathe folgen, so mit Gott denn und seiner
krftigen Hlfe. Er wird ein freies wackeres Volk nicht verlassen, und
wenn er seine _Engel_ schickt, kann seine Hand nicht irre leiten. So
leben Sie denn wohl -- zum zweiten Male wohl, wo Sie mir als rettender
Schutzgeist erscheinen und mge Germania's Fylgia die That Dir lohnen,
die Du an einem ihrer treuesten Shne gethan. Schtz Dich Gott, mein
ses Kind.

Mit fieberhafter Angst hatte Sophie indessen mehr und mehr der Thre
zugedrngt, denn ihr scharfes Ohr vernahm drauen Klnge, die ihr das
Blut in den Adern erstarren machten -- das Rasseln eines leichten Wagens
wurde laut -- Rosse stampften, und dicht vor der Thr des Hauses hielt
er an.

Groer allmchtiger Gott, es ist zu spt, sthnte die Jungfrau, und
nur Wahlert's Arm hielt sie in diesem Augenblicke aufrecht, da sie
nicht vor Angst und Schmerz zusammenbrach.

Ein lautes Klopfen an der Thr besttigte ihre Worte.

Hallo da-- rief eine Stimme, die sie bald an den gellenden Tnen als
die des jungen Poller erkannte -- hallo, Voigt -- seid Ihr schon zu
Bett? -- Aufgemacht! -- Droben im Dorfe ist der blanke Satan wieder
los!

Die kleine Thre des Gefngnisses ffnete sich zu gleicher Zeit und das
bestrzte Gesicht des alten Voigt wurde drinnen sichtbar.

Sehn Sie, wie ich Sie nicht umsonst gewarnt habe, Mamsell, rief er mit
bitterer Angst im Ton, aber zu leisem Flstern unterdrckter Stimme --
jetzt nur fort und in meine Stube, sonst Gnade mir und Ihnen der liebe
Herr Gott. Und ohne eine weitere Antwort des armen Kindes abzuwarten,
ergriff er ihren Arm und zog sie rasch durch die geffnete Thr nach
seiner Stube hinber.

Aber was wird aus _ihm_? bat mit leisem Flehen die Jungfrau -- wenn
er nur durch Euer Fenster--

Jetzt, wo die Gerichtsdiener vor dem Hause stehen? zischte in
unbegrenztem Erstaunen der Greis -- na, weiter fehlte mir gar Nichts.

Hallo da, Voigt! schrie die piepige Stimme noch einmal drauen, und
ungeduldiger als vorher -- was zum Teufel hast Du da drinn zu flstern
und zu fispern -- aufgemacht -- der Herr Oberpostdirector kommt eben
die Treppe drben herunter und der -- ich dchte, Du wtest das, wartet
nicht gern lang.

Fort -- fort -- jetzt ist's zu spt! flsterte der alte Voigt
und schob das zitternde Mdchen ohne Weiteres in seine Stube, deren
Schlssel er abzog, drckte die Gefngnithre in's Schlo und ffnete
dann rasch den anderen Eingang.

Er stellte sich hier schlaftrunken, als ob er eben erst erwacht und von
seinem Lager aufgesprungen wre, die Mnner dort nahmen aber gar keine
weitere Notiz von ihm -- mit einigen krftigen Flchen, da er sie so
lange hatte warten lassen, traten sie in den Gang, lieen sich, auf
Befehl des Herrn von Gaulitz selber, der in diesem Augenblicke ebenfalls
am ueren Eingang erschien, die Gefngnithre ffnen, und fhrten
gleich darauf den Gefangenen heraus an den Wagenschlag.

Wahlert warf hier den Blick im Kreis herum, und der warnenden Worte des
holden Pastorkindes gedenkend, schien er im ersten Moment gar nicht bel
Lust zu haben, einen Versuch zu machen, ob er nicht das Freie gewinnen,
oder doch wenigstens die Leute aus dem Dorfe dadurch herbeiziehen
und vielleicht einen Aufruhr zu seinen Gunsten anfachen knne, die
Gerichtsbeamten aber, die ihn umstanden, sahen zu entschlossen und
krftig aus, um ihm auch nur die geringste Hoffnung auf gnstigen Erfolg
zu geben -- das groe Thor war dabei ebenfalls noch verschlossen, und
der dabei stehende Wchter harrte erst des Zeichens, es zu ffnen und
dem Wagen den Durchgang zu gestatten, whrend in das kleinere eben
mehrere Ackerknechte hereinkamen und ihm auch da die Flucht abschnitten.

Rasch trat er da zum Schlag und hob den einen Fu, um hineinzusteigen --
nur noch einmal wandte er den Kopf und frug den Oberpostdirector, der in
diesem Augenblicke dicht neben ihm stand:

Und wo fhren Sie mich hin?

Werdet's schon noch zeitig genug erfahren! lautete aber die barsche
Antwort, die beiden Gerichtsdiener schoben ihn in den Wagen und sprangen
selbst nach, der Schlag flog zu, der Kutscher, der schon oben auf
dem Bocke sa, knallte mit der Peitsche -- auf knarrte das Thor, die
rstigen Rosse zogen an und mit Windesschnelle rasselte die leichte
Karosse, von den krftigen Thieren gezogen, ber den Plan hinaus, den
Berg aufwrts.




Sechstes Kapitel.

Ein Republikaner.


Mllers Friede und Krautsch waren, wie schon frher erwhnt, nach der
Rauschenmhle gegangen, um dort den Aerger ber die verlornen Hasen, wie
das fatale Gefhl gar bald vielleicht wegen Wilddiebstahls vor Gericht
geladen zu werden, in spirituosen Getrnken zu ersufen. Dort fanden
sie Gesellschaft genug, und auch solche, die gern mit ihnen in ein
und dasselbe Horn stie; der wachsende Grimm, der dadurch immer
neue Nahrung, nirgends aber einen Widerstand fand, reizte die tollen
Burschen, von dem bermig genossenen Kartoffelbrandtwein krftig
dabei untersttzt, zu immer grerem Uebermuth. Der Zorn, der Anfangs in
allgemeinem Fluchen und Schwren seinen Ausbruch gefunden, lenkte
sich in eine bestimmtere Bahn, und zwar gegen die Jger und den
Rittergutsbesitzer. Der alte Holke war schon manchem von diesen
trotzigen Gesellen strend bei ungesetzlichem Forst- oder Wildfrevel in
den Weg getreten; kaum Einer befand sich hier, der nicht schon entweder
einmal vier oder sechs Wochen gesessen, oder schwere Strafe hatte zahlen
mssen, und als endlich Einer im wilden Rausch den Vorschlag machte,
noch einmal wie neulich, hinunter auf's Gut zu ziehn und den Herrn von
Gaulitz aufzufordern, seine beiden Jger zu entlassen, stimmte die
Masse jubelnd ein, und man vereinigte sich nur noch darin, erst in
der Hornecker Schenke die Gleichgesinnten aufzufordern, sich ihnen
anzuschlieen.

Etwa funfzehn junge Burschen marschirten solcher Art mit ihren Flaschen
in der Linken und groentheils tchtigen Knitteln in der rechten Faust,
Horneck zu, und wurden hier mit Jubel von einer nicht geringen Zahl zu
jedem Exce Bereiter empfangen. Diese, die noch immer den Anhang des
=Dr.= Levi bildeten, rckten den wrdigen kleinen Mann denn auch ohne
Zgern vor's Quartier, und forderten ihn auf, noch einmal ihr Fhrer und
Sprecher zu sein. Der kleine Doctor mochte aber doch wohl ein Haar darin
gefunden haben, sich an die Spitze der Hornecker Bauern zu stellen --
Hornecker Fuste hatten ihm wenigstens viel zu nachdrcklich zu verstehn
gegeben, was sie sich unter der _Freiheit_ dchten. Ueberdie war auch
noch das Gercht zu ihm gedrungen in Sockwitz liege Militair, und
er wollte es deshalb wahrscheinlich nicht darauf ankommen lassen,
vielleicht ebenfalls als Rdelsfhrer aufgegriffen und dahin abgeliefert
zu werden. Die Aristokraten leisteten noch zu vielen Widerstand,
_Horneck war noch nicht reif fr mnnliche That_, und Levi's Fenster
blieb dunkel, seine Thre verschlossen, als von unten herauf der laute
Ruf nach ihm an sein Ohr drang.

Lngere Zeit strmte und lrmte inde die Menge vor dem kleinen Haus
und durch Neugierige vermehrt war die Schaar schon zu einem nicht
unbetrchtlichen Haufen angewachsen; diesem fehlte aber ein Fhrer,
Jemand, der die Ordnunglosen htte leiten und zu einem bestimmten Ziel
hinfhren knnen. Viele schrien eben nur, weil sie sich selber gern
wollten einmal schreien hren, Andere standen ganz erstaunt und
wunderten sich, da noch immer kein Gerichtsdiener kam, der sie sammt
und sonders einsteckte, und befanden sich dabei fortwhrend auf dem
Sprung, um bei erstem Anzeichen irgend einer Gefahr ungesumt ihr Heil
in der Flucht zu suchen. Auch in den benachbarten Straen vertheilten
sich schon Einzelne und die drohende Fackel des Aufruhrs schien auch
diemal fr Horneck ruhig und unschdlich verlschen zu sollen.

       *       *       *       *       *

Als Marie die Pfarre verlassen hatte, kehrte sie in die kleine enge
Wohnung zurck, die ihr Vater fr sie Beide der Ersparni wegen in
Horneck gemiethet hatte -- aber auch hier litt es sie nicht lange --
drauen, drauen entschied sich jetzt das Schicksal eines Mannes, an
dem ihr Herz mit all seinen geheimsten und innersten Fasern hing, und
drauen mute sie sein, sollte sie nicht hier in den eng umschlossenen
Rumen vor Qual und innerer Seelenangst vergehen. Aber auch nicht oben
im Dorfe lie es ihr Ruhe; mit der Dmmerung schlich sie wieder hinunter
zum Hof und wute sich endlich in dem Wagenschuppen, hinter dort
aufgeschichteten Reisigbndeln zu verbergen, von wo aus sie das dicht
vor ihr liegende Gefngni wie die Thre des Herrnhauses zugleich und
vollkommen bersehen konnte.

Von dort aus erkannte sie des Pastors Tochter, die im dunkeln Gewande in
die Thr des Gefngnisses schlpfte; von Gefhlen gefoltert, die ihr das
Blut in rasender entsetzlicher Schnelle durch die Adern jagten, harrte
sie in ihrem Versteck der Rckkunft des Mdchens, der Rettung des
Gefangenen -- ihr war auch der helle Schein nicht entgangen, der, wenn
auch nur fr einen Augenblick, den inneren Steinfries des begitterten
Fensters erhellte -- die Minuten wurden ihr zu langsam hinschwindenden
Stunden und immer noch zgerten die Unseligen -- zgerten, wo der
nchste Moment ihr Verderben besiegeln konnte.

Da -- heiliger Gott wie ihr das Herz schlug vor Angst und Schrecken, da
rollte die leichte Kutsche des Herrn von Gaulitz, durch des Stellmachers
Gesellen geschoben, in den Hof -- hinten aus dem Stallgebude wurden die
Pferde vorgefhrt, um eingespannt zu werden -- Gerichtsdiener erschienen
-- an dem Herrenhaus blieben sie kurze Zeit plaudernd stehn -- _noch_
war es mglich -- wenn er jetzt herauskam und im Schatten des Gebudes
-- gerad' an dem Schuppen vorbei, hingeschlichen wre, htte er das Thor
erreichen knnen, ehe man ihn vermite und einmal im Freien brauchte er
nicht zu frchten in der Nacht eingeholt zu werden. -- Jetzt gingen
die Mnner auf die Gefngnithre zu -- ha -- ein dunkler Schatten
-- Heiland der Welt es war zu spt -- jener Schatten gehrte der
schleichenden tckischen Gestalt des jungen Poller -- dem feilen
Werkzeug des zu Allem fhigen Gutsherrn -- er pochte an die Thre, und
das Schicksal Wahlerts war entschieden.

Zu spt, sthnte sie, und barg einen Augenblick das Antlitz in den
Hnden, dann aber, wie von einem jhen Gedanken durchzuckt, fuhr sie
empor, glitt aus ihrem Versteck hervor, warf noch einen scheuen Blick
nach der Gruppe zurck, die jetzt die Thre, hinter welcher Wahlert
gefangen sa, fast umzingelt hielt, und floh raschen Laufes in das Dorf
hinauf und der Stelle zu, von woher noch immer einzelne Laute der durch
die Strae lrmenden Schaar zu ihr hernieder tnten.

Die Strae, in der Doctor Levi wohnte, kam eben ein Schwarm jubelnd
und ein freies Leben fhren wir singend herunter -- an der Spitze war
Krautsch und Mllers Gottfried -- Beide angetrunken und Beide wieder im
Begriff, zur Schenke zurck zu ziehen, und sich dort bei einem frischen
Glas zu bereden, was jetzt weiter zu thun sei.

Diesen trat Marie mit den bleichen erregten Zgen in den Weg, und
des vor der ungewhnlichen Erscheinung zurckschreckenden Mllers Arm
ergreifend, rief sie ihnen mit strenger befehlender Stimme zu:

Seid Ihr _Mnner_, da Ihr Einen, der nur gelebt hat, um Euer Wohl zu
sichern, aus Eurer Mitte heraus den Henkersknechten berliefern lat?
-- Unten aus dem Schlohof wird in diesem Augenblick der Gefangene
im verschlossenen Wagen fortgeschafft, um einem Militaircommando in
Sockwitz berliefert zu werden -- kein Verbrechen hat er begangen,
als da er den Arbeiter und den gedrckten Proletarier vertrat, kein
Verbrechen als das, ein Feind der Faulenzer in den Stdten und der
Frsten auf ihren schimmernden Thronen sich genannt zu haben, und wenige
Knechte der Polizei knnen ihn heraus holen, selbst aus Eurer Mitte.

Es ist schndlich -- es ist niedertrchtig! schallte von mehreren
Lippen der Marien jetzt Umdrngenden -- das sollte man nicht leiden!

Nein, sagte der Mller mit lallender Zunge -- Hol mich der Deibel,
ich wollte ich htte die Kerle hier.

Nachens wullen mer nunger! fiel da Krautsch mit Autoritt in die Rede
-- un da soll 'en der Bese das Licht haalen.

Nachher ist es _zu spt_-- bat Marie mit flehender Stimme -- nur
wenige Secunden noch, und der Wagen passirt jene Strae dort, der
einzige Platz, wo Ihr im Stande wret ihn aufzuhalten -- _den_
Augenblick versumt, und Ihr selber habt den gemordet, der Euer einziger
Retter sein knnte.

Eenzige Retter? knurrte Krautsch, und wollte das Mdchen bei Seite
drngen -- wird nich gleich in's Gras beien -- weg da Mamsell -- jetzt
missen mer erscht in die Schnke, un shn wie mer Holkens Fritze fangen
-- dr Hund is der erschte, der dran glooben mu -- Gott verdamm' mich.

Ja -- den Jger mssen mer haben, besttigten ein paar Andere --
uffhngen wullen mern -- un hernachens sull er die Flinte widder 'raus
gben, die er Krautschen abgenommen hat.

Der Jger Fritz? rief Marie, und ein glcklicher Gedanke scho ihr
durch's Hirn -- _der_ ist im Wagen mit dem Gefangenen -- der soll ihn
gerade Euren Feinden berliefern -- beim ewigen Gott! dort kommt er
schon die Strae herauf -- rasch, oder er entgeht Euch und Eurer Rache.

Der Jger in _der_ Kutsche dringe? schrien die Bauern, und schauten
nach dem ziemlich langsam den gerade hier etwas steilen Weg herauf
kommenden Fuhrwerk.

Den soll a Gwitter verschlahn! rief Krautsch, und schwang seinen
riesigen Prgel -- hurrah! und ohne eine weitere Antwort abzuwarten,
ja ohne nur nachzusehen, ob ihm die Uebrigen seiner Begleiter folgten,
warf er sich in trunkenem tollkhnen Muthe dem Wagen entgegen, und fiel
mit lautem und gellenden Jubelgeschrei den Pferden in die Zgel. --
Die Uebrigen strmten jetzt auch heran, und die Pferde, scheu gemacht,
schreckten zurck; dadurch wurde aber der Wagen seitwrts abgeschoben,
die linken Rder kamen auf hheren Boden als die rechten standen, und
die Kutsche, die sich einige Secunden auf den ersten balancirte, schlug
dermaen um, da sie im Anfange frmlich auf die Decke zu stehen kam,
und nur erst, als die Federn der einen Seite zusammenbrachen, wieder
zurck auf die Flanke fiel.

Die Schaar, durch das pltzliche Gelingen dieser ersten Gewaltthat
noch mehr gereizt, und durch den, von wilder Rachlust beseelten Bauer
angefeuert, warf sich jetzt mit Blitzesschnelle auf den Kutschenschlag,
und ri die darin Befindlichen hervor.

Armer Fritz, wie wre es Dir ergangen, htten Dich Deine trunkenen
Feinde in diesem Augenblick in ihre Gewalt bekommen -- wer wei, zu
welcher rohen Gewaltthat die Rotte reif gewesen, denn der Bauer hat sich
bis jetzt und bei solchen Gelegenheiten, was auch sonst sein Charakter
seien mochte, fast stets wilder noch als die reiende Bestie des Waldes
gezeigt. Hier aber sollte ihnen keine Gelegenheit geboten werden, ihre
Wuth wenigstens an dem ersehenen Opfer auszulassen; Fritz war schon vor
Dunkelwerden und gleich nach der Anzeige der ertappten Wilddiebe mit
seinem Vater ber die Rausche zurckgefahren, und nur zwei bleiche, zum
Tod erschreckte, und durch den Sturz halb betubte Gerichtsdiener zogen
sie aus dem aufgerissenen Wagenschlag heraus.

Whrend aber nun der eine Theil der Aufrhrer den befreiten Wahlert
umtobte, und ihm zujauchzte und jubelte, suchten die anderen noch in
voller Wuth nach dem Jger, den ihnen der Fremden List versprochen
hatte -- und die einmal zur Gewaltthat Getriebenen wren auch jetzt fast
weiter gegangen, denn ein Opfer, schien es, wollten sie haben, und die
Mihandlung der unglcklichen Diener der Gerechtigkeit, die ihnen gerade
in die Hnde gefallen, wre kaum gengend gewesen.

Auf's Schlo hinunger! rief da eine Stimme -- da stckt der Jiager --
brnnt dem Lump der Hrrschaft doch das ganze Nst iberm Schdel ab!

Auf's Schlo, auf's Schlo! tobten die Rasenden, und wilde Drohungen
und Schmhreden ber die Wortbrchigkeit des Gutsherrn, ber den Druck
unter dem sie geschmachtet, ber Jger und Beamte wurden laut -- nach
Brnden schrie ein Theil, nach Brechstangen und Aexten ein anderer;
aus den nchsten Husern wurden schon die verlangten Werkzeuge
herbeigeschleppt, und die wthende Schaar wlzte sich langsam, aber mit
jedem Schritt anwachsend, und mit dem lauten Gebrll _die Republik soll
leben_! den Hgel hinunter und dem Schlosse zu.

Um den Befreiten hatte man sich nach dem ersten Jubelruf kaum noch
mehr gekmmert, und dieser fhlte sich jetzt von einer weiblichen Hand
ergriffen, die ihn mitten aus dem Gedrnge heraus auf die Seite zog.

Eilen Sie in die Stadt! sprach dabei eine Stimme, vor der er wie von
einem jhen Schlag getroffen zusammenzuckte -- noch steht der alte
Staat, aber das Volk ist in Ghrung, nur an einem Kopfe fehlt es zu
klugen Rathschlgen, nur an einem Arme, das Banner der Freiheit voran
in die Reihen der Feinde zu tragen. Heute Nachmittag erst ist wieder
ein Bote aus der Stadt zurckgekehrt -- auf allen Lippen ist dort
_Ihr_ Name, ein neues Ministerium zu bilden und das Reich zu retten vor
Untergang und Verderben -- fort, in Ihren Hnden liegt jetzt das Wohl
des Landes -- treten Sie dort frei und unerschrocken auf, und Ihre
Feinde, die jetzt noch mchtig sind, sinken in den Staub. -- Wirken Sie
wie bisher fr die Armen, und das Volk wird Sie segnen!

_Marie_ -- sagte Wahlert mit tiefer schmerzlicher Rhrung im Ton,
und wandte leise das bleiche leidende Angesicht des Mdchens gegen den
hellen Sternenschein -- Du _hier_ und -- also? -- Meine arme Marie.

Des alten Musikanten Tochter zitterte an allen Gliedern, auf einen
Augenblick stand sie wie unschlssig zgernd, dann aber rief sie, rasch
sich sammelnd, fort, fort! -- und wandte das Angesicht wieder ab von
dem verrtherischen Schein -- die Rasenden strmen unten das Schlo,
und Ihr Name darf nicht mit der Mitwissenschaft dieses Frevels befleckt
sein -- vielleicht wre es sogar noch mglich, sie zurck zu halten -- o
eilen Sie, eilen Sie um Ihret- -- um -- Sophiens willen.

Sophie? -- Ha -- wie kommt der Name auf Deine Lippen? frug Wahlert
mehr erstaunt als erschreckt.

Sie ist unten im Schlo! sagte eintnig Marie.

Die Hand der Bauern wird sich nicht gegen ihres Pastors Tochter
erheben, rief Wahlert rasch, aber wie dem auch sei, Du hast recht,
das Entsetzliche darf nicht geschehen, nicht Mord noch Brand die Bahn
bezeichnen, die der Freiheit Spuren hinterlassen. -- Dank Dir fr den
Wink, und auf jetzt, einem freien herrlichen Ziel entgegen.

Mit flchtigen Stzen flog er den Hgel hinab der Stelle zu, von wo
wstes Toben und Geschrei zu ihm herberdrang, und eben im gnstigen
Augenblick kam er, um die entfesselte Wuth der Rasenden zu zhmen, die
sich im wilden Ansturm ber den friedlichen Hof ergieen wollte.
Das Schlo des Thores war gesprengt, und mit lautem Jubelruf schwang
Krautsch, der Fhrer der Schaar eine gewichtige Brechstange um das
bloe, von wirrem struppigen Haar umflatterte Haupt, als Wahlerts
Riesenstimme, die mit dem krftigen Wohlklange ihres Organs den
leisesten Schall seiner Worte schon ber Tausende von gespannten
Zuhrern hingesandt, sein drhnendes _Halt_ zwischen die Massen
donnerte.

Wie von einem Zauber gebannt blieben sie stehen, und aller Blicke
wandten sich der khnen edlen Gestalt zu, die sich rasch auf die niedere
Mauer des dicht an das Schlo stoenden Obstgartens schwang.

Zurck, Ihr Mnner von Horneck! rief der Mann, und sein Arm streckte
sich aus ber die lautlos zu ihm aufschauende Rotte -- zurck! -- wollt
Ihr Mord und Verwstung tragen in ein friedliches Haus, und die Kraft
die Euch gegeben ward zum ersten Mal, wo Ihr sie fhlt in Eurem Arm,
nicht ntzen, sondern gleich mit schmachvoller That _entweihen_? Der
Republik bringt Ihr ein freudiges Hoch, und whrend das Wort ber die
Lippe klingt, schndet Eure Hand den Namen, den der Lufthauch noch
nicht entfhrt. Heilig sei Euch das Eigenthum -- gegen den Arm, der das
Schwert wider Euch gefhrt, nicht wider das Schwert selber braucht Eure
Kraft -- die Wurzel reit aus dem Boden, die jene giftigen Schlinge
getrieben, nicht die Schlinge schneidet ab, denn mit jedem Frhling
wrden ihr neue entwuchern. Fest zusammen steht wie _ein_ Mann, wie
_ein_ Herz, aber macht nicht wahr was Eure Feinde von Euch sagen,
da gerade Ihr es wret, die unter Republik und Freiheit nur Mord und
Plnderung verstnden, da gerade Ihr es wret, die, blind und taub
gegen jedes ruhige Wort, nur dem wie wild gewordenen Stiere folgten,
der Euch zu roher gesetzloser That den blutigen Feuerbrand voraus
trge. Macht zu Schanden die Lgen und Verlumdungen, die jene heimlich
bohrende Reaction gegen Euch ersonnen und ausgestreut, da Ihr nicht
reif wret, ein freies Volk zu sein, nicht reif zu menschlichen Rechten
und Gerechtsamen, nicht reif zu selbststndigem Handeln und Regieren --
machet die Lgen zu Schanden, Ihr bedrftet einer strengen starken Hand,
die Euch den Zgel fest und eisern im Gebi erhielte, wenn Ihr nicht,
wie das ungebndigte Ro, toll und rcksichtslos ber die Felder toben
und Saat und Erndte in den Boden hineinstampfen und verwsten solltet.

Zeigt, da Ihr wirkliche Republikaner seid -- stellt jenen schmhenden
Lgenzungen den kalten besonnenen Mannes-Ernst und Stolz entgegen, aber
weicht auch zurck vor einer That, die Euern Namen mit Schmach bedecken
und Euere Feinde triumphiren lassen wrde -- gnnt ihnen die Freude
nicht, Euch schwach gesehen zu haben, gebt ihnen nicht die Waffen gegen
Euch selbst, durch solche That in die Hnde. Verachtung dem, der Euch
bisher in starrem Joch gehalten -- Verachtung dem, der bisher sich nicht
entbldete, der Henkersknecht eines schurkischen Systems zu sein, das
nur, wie ein knstliches Maschinenwerk, die Kraft des Einzelnen
nicht aufkommen lie, und ihn, hob er sich dennoch, unter die tausend
geschftigen, wirbelnden, schwirrenden Rder warf -- aber dorthin die
Stirn gerichtet, dorthin die Lanzen eingelegt, dorthin den Geist und
Arm gesthlt zu freiem Wort und freierer That, wo die Hand ruht, die
bis jetzt den Mechanismus dieser furchtbaren Rder gelenkt -- gegen
die Wurzel den Streich gefhrt, und kommt dann die Zeit, wo Deutschland
Eueres Armes bedarf, dann Freunde, dann Brder heran zum frhlichen
Siegeslied, zum schnen Waffentanz, und gebe dann Gott, da er mir
erlaubt, Euch, Mitbrger unseres schnen herrlichen Vaterlandes, das
schwarz-roth-goldene Banner in luftigem Windeswehen und vom scharfen
Stahl geschtzt, voran zu tragen.

Zu Hause jetzt mit Euch, ihr Leute, zu Hause, und bald, bald hoff' ich,
gren wir uns wieder im freien _einigen_ Reich.

Ein laut donnernder strmischer Beifallsruf folgte den Worten des
Redners, und zu ihm hin drngte die Menge nach der Mauer hinber,
dem aber wollte er entgehen. Rasch sprang er hier herunter und wollte
unbemerkt an den Gartenmauern und Husern in das Dorf hinein schlpfen,
um von da aus die groe, nach der Residenz fhrende Hauptstrae zu
erreichen, als ein kleiner Bursche seinen Arm ergriff und ihm zuwinkte,
seitab durch die Obstbume, die den schmalen Weg begrenzten, zu folgen.
Da die Richtung ungefhr die rechte war, sumte er auch nicht, und
befand sich bald auf einem Fuweg, der ihn durch eine hier an das Dorf
stoende kleine Lichtung nach wenigen hundert Schritten schon auf die
wei in die Dunkelheit hinein schimmernde Chaussee brachte.

Dort an einem Kirschbaum stand ein ungesatteltes Pferd angebunden,
weiter aber war Niemand zu sehen, und der kleine Junge sagte lachend:

So -- nu setzt ch uff, un immer grad naus, un denn kennt r nich
fhlen.

Aber wem ist das Pferd? frug Wahlert erstaunt.

S'is vun der Herrschaft, kicherte der Kleine, aber das macht nischt;
wenn er an's Thor kimmt, lt er'n Rappen widder loofen un vor Morgen is
der lange im Stall.

Es war augenscheinlich eines der Pferde, die ihn seinem Kerker hatten
entgegenfhren sollen, und jetzt stand es hier, bestimmt, ihn zu
Freiheit und Ehre zu tragen -- der Wechsel schien berraschend und
Wahlert konnte, besonders nach der letzten Versicherung des Knaben,
da das Pferd seinem Eigenthmer keinesfalls verloren gehen wrde, der
Versuchung nicht widerstehen. Als ein gewandter Reiter schwang er
sich rasch auf des geduldigen Thieres Rcken, dem Knaben ein kleines
Geldstck zuwerfend, drckte er seinem Gaul die Schenkel in die Flanken,
und fort klapperten in luftiger Schnelle ber die harte stubengleiche
Chaussee die Hufe des munteren Renners, als er den khnen nchtlichen
Reiter seinem Ziele entgegentrug.

In Horneck verlief sich indessen die Menge nicht sogleich, als es nach
dem ersten Eindruck der Rede wohl den Anschein hatte; die Gemther
waren zu erregt, um sobald in das alte Bett ruhigen Gleichmuths
zurckzukehren; aber der unbndige Zorn, der ihren Geist noch vor
wenigen Minuten zu wilder, gefhrlicher That getrieben, war beschworen
-- der Ruf an ihr Ehrgefhl hatte seine segensreiche Wirkung nicht
verfehlt. Aber Luft mute die Stimmung haben, Luft auf eine oder die
andere Art -- war's nicht im Bsen, so doch im Guten, und Krautsch
selbst, dem der starke Trank jetzt mehr und mehr den Sinn verwirrte,
brachte das erste gemthliche Lebehoch auf Herrn von Gaulitz aus.

Einmal im Zug und die Bahn schien leicht gefunden -- an demselben Abend
bekamen noch -- zu seinem nicht geringen Schrecken -- der Pastor, der
Schulze, der Wirth und die mihandelten Flurschtzen, die man in ihre
Wohnungen geschafft hatte, jeder eine unbestimmte Anzahl von Vivats, ja
selbst auf die Jger htte sich dieses Wohlwollen ausgedehnt; das Haus
derselben lag aber leider am anderen Ufer der Rausche und der Flu
selbst zu weit von der Schenke ab, nach der sich die jetzt vollkommen
harmlose Schaar in spter Nachtstunde noch zurckzog, dort einen
sogenannten Schlaftrunk nahm, und dann, hchst zufrieden mit dem
genossenen Abend, die eigene Heimath -- so gut das eben ging --
aufsuchte.




Siebentes Kapitel.

Wie es in Horneck aussah.


Acht Monate waren seit den, im letzten Kapitel berhrten Umstnden
verflossen; in Deutschland hatte es in loderndem Freiheitsmuth gekocht
und geghrt, und an allen Orten und Enden waren die zngelnden Flammen
vorgebrochen. An allen Orten und Enden standen aber jetzt auch die
Frsten wieder bereit, die fr das ganze so morsche, und doch noch
nicht zusammengebrochene Staatsgebude schon kaum mehr gefhrliche
Feuersbrunst, wo sie sich nur zeigen wrde, mit vollen kltenden
Wasserfluthen zu empfangen und zu unterdrcken. -- _Die_ Gluth, welche,
auf einen Punkt concentrirt eine Welt htte zusammenschmettern mssen,
knisterte und knatterte jetzt in nutzlosen Sprhteufeln und Raketen
zwischen den Fen der lchelnd zuschauenden Potentaten herum und die
Revolution lag, wie ein verwundeter Leu -- furchtbar noch in ihrem
Tod und der Erinnerung an die Kraft, die einst diesen jetzt machtlosen
Krper belebt, mit ausquellenden Adern sterbend am Boden.

Sterbend? -- und tagte nicht noch in Frankfurt am Main das deutsche
Parlament? -- saen nicht dort noch die Mnner des Volks, die eben aus
der Revolution hervorgegangenen Vertreter des deutschen Vaterlandes
zusammen, und schmiedeten sie nicht noch rstig fort an den knftigen
deutschen Rechten eines einigen Reiches?

Ja, die _Vertreter_ des Volkes saen noch zusammen, und der Sturm und
Kanonendonner von Wien, und die tausend und tausend blinkenden Bayonette
Berlins waren nicht im Stande gewesen einen direkten Einflu auf den
ruhigen Geist einer Versammlung zu ben, die den besten Saft und Mark
von Deutschlands treusten Herzen in sich schlo, wo aber war das Volk
selber, das einige deutsche Volk, das seine Gesandten nach der alten
Reichsstadt geschickt hatte und aus ihren Hnden ihr knftiges Heil
erwartete? Von ehrgeizigen tollen Hitzkpfen an allen Orten erregt und
aufgewhlt, ri es auf der einen Seite nieder, whrend auf der anderen
gebaut wurde. Gewissenlose Menschen, meist in Verhltnissen lebend, in
denen sie, bei einem Umsturz alles Bestehenden, nie etwas verlieren und
immer nur gewinnen konnten; herumziehende politische Comdianten, die
von Stadt zu Stadt reisten und in Volksversammlungen -- und Gott wei
es, was Alles unter _Volks_versammlungen verstanden wird -- die Jugend
mit ihren tausend und tausendmal wiederholten und wiedergekuten Phrasen
aufreizten, Subjekte, die im Groen nichts verrichten konnten und es
nun im Kleinen anfingen, machten die so hei von Deutschland ersehnte
und endlich so herrlich realisirte Hoffnung des deutschen Parlamentes
zum Kinderspott. Kaum sahen sie ihre aus der Majoritt der Whler
hervorgegangenen Gesandten eingesetzt, als sie in machtlosem Ingrimm,
nicht selber mit da oben tagen zu knnen, an dem Gebude zu rtteln
anfingen, das erst eben errichtet worden. Anstatt jetzt wie _ein_
Mann zusammenzustehn und den Beschlu der Mnner, die das Wohl des
Vaterlandes nach besten Krften berathen sollten, mit ihren eigenen
Leibern zu schtzen, wenn etwa die Reaction sich gegen die, schon durch
diese Wahl bewiesene Souverainett des Volkes auflehnen sollte, damit
die Vertreter der Nation auch Vertrauen faten zur deutschen Strke
und Einigkeit, wiegelten sie die rohe ungebildete Masse gegen sie auf,
verdchtigten ihre Beschlsse, oft noch ehe sie ausgesprochen worden,
reizten zu Mistrauensadressen, die von Leuten mit unterschrieben wurden,
denen es bis jetzt noch nicht einmal klar geworden, was eigentlich
die Mnner in Frankfurt sollten, riefen, das Werk berstrzend, die
Gleichgesinnten zu einem neuen Parlamente auf, sten also Ha und
Unfrieden und verlangten Heil und Segen davon zu erndten.

War es den in ihren Grundvesten schon erschtterten Thronen da zu
verdenken, da sie, in der Uneinigkeit der Vlker die eigene Macht
wieder zu befestigen suchten? und wurden ihnen nicht gerade von den
blind und wahnsinnig sich berstrzenden Demokraten die schon fast
verlorenen Zgel selber, ja ohne nthigen Versuch einer Reaction, wieder
in die Hand gedrckt?

Die wenigen ehrgeizigen gewissenlosen oder auch blinden Menschen,
die entweder nicht sehen wollten, da Deutschland noch nicht reif zur
Selbstregierung sei, und da es an intellektuellen Krften fehle, das
Ruder einer Republik fest und sicher durch den Sturm der bewegten Zeiten
zu fhren, oder die selbst verblendet genug waren, sich fr fhig
zu halten, das siegestrunkene, aber unselbststndige Staatsschiff zu
leiten, oder die endlich, welche wirklich mit treuem und ehrlichem
Herzen fr eine groe deutsche Republik geschwrmt, und in all ihrem
Dichten und Trumen nur nicht bedacht hatten, da man zu einer Republik
auch Republikaner bedrfe, reizten das Volk, das unter Selbstregierung
nur Freiheit von Steuern und Gesetzen verstand, zu wilden und durch
Worte nicht mehr zu bndigenden Schritten an. In Versammlungen, wo die
gewhnlichen und alltglichen Phrasen ihnen nicht schmeichelten, sie
nicht freie und zu jeder Regierungsform reife Menschen nannten, wurde
jedes parlamentarische Gesetz mit Fen getreten, die Freiheit der
Wahlen selbst durch Terrorismus beschrnkt, den Abgeordneten der
Stndekammern, die frech genug waren nach eigenem besten Gewissen
handeln zu wollen, mit allem gedroht, was nur versprach, eine Wirkung
auf etwas zaghafte Gemther auszuben. Kurz ein so verworrener Zustand
trat ein, da selbst ein groer Theil der frheren Freiheitsschwrmer,
wenigstens alle die, welche nur etwas klteres Blut besaen,
zurckschraken, wenn sie bedachten, da sie mit diesen Horden _einen_
Weg gehen sollten, und die ungeheuere Zahl der ruhigen Brger, die bis
dahin einem Fortschritt keineswegs abgeneigt gewesen, und sicherlich fr
eine hchst liberale Vertretung ihrer selbst gestimmt htten, pltzlich
in Todesangst gerade zum Extrem bergingen, um jetzt, da sie glaubten,
da es noch eine Wahl fr sie gbe, lieber den alten, wenn auch faulen
Zustand zurckzufhren wnschten, ehe sie solche Menschen an der Spitze
einer nicht _Regierung_, sondern _Zerrttung_ Deutschlands shen.

Berlin war in Belagerungszustand erklrt und die Nationalversammlung
aufgelst worden; vom Stephansthurm zu Wien flatterte die schwarzgelbe
Fahne und Frst Windisch-Grtz durfte es wagen, sogar ein Mitglied der
fr unverletzlich erklrten Nationalversammlung Frankfurt's hinzurichten
-- bedarf es eines weiteren Commentars, um den Zustand Deutschlands zu
schildern?

Die Reaction hat fr den Augenblick gesiegt und der neue Frhling
mu uns auch eine neue, aber blutigere Siegespalme bringen riefen
zhneknirschend die Democraten, oder die, die sich Democraten nannten --
denn _der_ Name ist leider Gottes in letzter Zeit wahrhaft gemishandelt
worden.--

Der Anarchie sind die Hnde gebunden, schmunzelten auf der
anderen Seite die platt gesichtigen schwnzelnden Hofmenschen, die
Speichellecker der Frsten und sogenannten Groen -- ein gesetzlicher
Zustand ist zurckgekehrt -- und Adressen reichten sie ein an
die Generle, die das Machtschwert in den Hnden hielten, den
Belagerungszustand nur noch ja und um Gotteswillen ein wenig zu
verlngern, oder wenn es anginge, viel zu verlngern -- vielleicht --
o ser Gedanke -- ihn ganz fortbestehen zu lassen -- o wie wohl sich
dieses knechtische Geschmei unter dem Schutze der Kanonen fhlte.

Und der jungen Freiheit wurden indessen die Flgel beschnitten, Presse
und Vereinsrecht beschrnkt und die wenigen Errungenschaften des
Frhlings verkmmert und gekrzt; das Volk aber wthete indessen gegen
sich selbst und brach seine Kraft in unntzem schimpflichen Streit und
Unfrieden.

So stand es in Deutschland -- aber auch in Horneck, der kleinen, in
mancher Hinsicht fr sich abgeschlossenen Welt, hatte sich Vieles
verndert. Was seine uere politische Gestaltung nmlich betraf, so
war auch Horneck, wie der Pastor nmlich mit wohlwollendem Lcheln
meinte, in hchst merkwrdiger Weise mit der Zeit fortgeschritten,
und diese wrdige Weise bestand denn auch allerdings in _einer_
Errungenschaft -- die sie aber gern schon wieder los gewesen wren und
diversen anderen Versprochenschaften, nach einem neueren, durch die
Zeit gebornen Ausdruck.

Die Errungenschaft war der Communalgardendienst, denn nach den
verschiedenen tumultuarischen Auftritten vor dem Schlosse, ja besonders
der gewaltsamen Befreiung des Gefangenen wegen, hatte Herr von Gaulitz
der Gemeinde angezeigt, da er, zum Schutz des Eigenthums Militair
requiriren werde. Dagegen war aber Doctor Levi mit aller Kraft seiner
lispelnden Beredtsamkeit aufgetreten -- der Schrei Volksbewaffnung
ging damals durch das Land, und Volksbewaffnung mute auch den
Bewohnern von Horneck werden -- es war das ein _Recht_, was sie zu
_fodern_, keine Gunst, die sie zu erbitten hatten, und Militair --
verweigerte das Dorf.

Die Rede gefiel den Bauern ungemein, denen an der Einquartierung
aus mehr als einem Grunde gar nichts gelegen war, sie foderten
Volksbewaffnung und erhielten sie mit der Vorausbedingung, da sie dann
auch fr die Ruhe des Ortes haften mten, was, wie die Bauern meinten,
sich von selbst verstnde.

Doctor Levi meinte aber gerade das Gegentheil, fr die Ruhe eines Ortes
knne keine Gemeinde haften, denn man wisse gar nicht, was jeder Tag
fr neue Ereignisse gebren mge, die gerade Unruhe im wahren Sinne des
Wortes verlangten, und da sei ein solch' gegebenes Versprechen nachher
etwas sehr Unpolitisches. So schn er aber auch diese seine Ansicht
motivirte, so blieb er doch damit in einer hchst bedeutenden Minoritt
und die Brgerwehr wurde in Horneck, dem Grundsatze nach, da alle
Brger im Staate einander gleich, also auch gleich berechtigt seien zum
Besten und Schutz ihres Vaterlandes Waffen zu tragen, organisirt. Um
brigens wahrscheinlich den Grundsatz der Gleichheit besser ausfhren
zu knnen, theilte sich die kleine Gemeinde, die ohnedies kaum _eine_
ordentliche und vollzhlige Compagnie stellen konnte, in _zwei_, weil
die _Bauern_ und _Husler_ (solche, die kein Bauerngut haben, sondern
nur, gewhnlich vom Gut gepachtet, ein Haus bewohnen) doch unmglich
Seite an Seite in Reih und Glied stehen konnten. Es machte sich dabei
wie zufllig, da die Bauern, die mit vieren fuhren, den ersten,
die hingegen, die nur mit zwei Pferden fahren konnten, den zweiten Zug
bildeten, die Offiziersstellen bekamen natrlich solche anvertraut, die,
wenn sie das Commando auch noch nicht verstanden, doch angesehene Leute
im Dorfe waren, und ihrer Compagnie keine Schande machten. Sie htten
wohl einen unter sich gehabt, der sich zum Hauptmann ganz vortrefflich
geeignet htte, es war das ein alter gedienter Soldat, der die Feldzge
von Dreizehn als Corporal mitgemacht, und das Commando aus dem Grunde
verstand, das war aber leider ein ganz armer Schlucker, der keine Hufe
Landes besa, und deshalb mute allerdings von ihm abgesehen werden.

Doctor Levi hatte brigens spter Horneck verlassen, um dem
Demokratencongre in Berlin beizuwohnen, war aber vorher noch nach Wien
gegangen, und dort im Belagerungszustand verschollen, wenigstens drang
keine Kunde von ihm nach Horneck.

Den Verlust htten die Hornecker nun allerdings verschmerzen knnen, ein
weit schmerzlicherer stand ihnen aber in der Versetzung ihres Diaconus
bevor, dem Pastor Scheidler, aus Wohlwollen fr den Diaconus, wie er
selber sagte, eigentlich aber wohl aus einem anderen Grunde, eine kleine
Pfarre in einem ganz abgelegenen Winkel des Rauschenthales verschafft
hatte. Der Diaconus war nmlich, um die Sache gleich beim rechten Ende
anzufassen, fr die Bauern in Horneck ein klein bischen zu gescheut,
und -- denn das allein wre kein Fehler gewesen, wenn er es nur gut
zu benutzen verstand -- als Hauptmigriff zu _offen_ mit den Leuten.
Denken Sie sich nur, Herr von Gaulitz, hatte der durch solche
Unvorsichtigkeit auf's Hchste bestrzte Geistliche einst zum
Gutsbesitzer gesagt, der Mensch (er meinte den Diaconus) kommt neulich
mit einigen Bauern zusammen, die fragen ihn, nach ihrer albernen Weise
>auf's Gewissen<, was es mit der Trennung der Schule von der Kirche fr
eine Bewandtni habe, und ob es wahr sei, da die Kinder dann gar
keinen Religionsunterricht mehr kriegten und so aufwchsen, und
der Leichtsinnige redet ihnen das nicht allein gnzlich aus, sondern
vertheidigt auch noch die Trennung -- ja was sage ich Trennung -- das
Auseinanderreien der beiden so innig verbundenen Institute -- ja Herr
von Gaulitz, versichert den holzkpfigen Bauern gar, da ihre Kinder
dann eine bessere Erziehung bekommen wrden, weil der Mann, der sie
lehrte, frei seinem eigenen Plane folgen knne, von den Kindern, wenn er
sich Achtung und Liebe zu verschaffen wte, auch wirklich geachtet und
geliebt wrde, und nicht der untergeordnete Diener des Geistlichen, wie
das jetzt fr den ganzen Stand eine wahre Schmach gewesen, mehr sei. --
Der Mensch ist wahnsinnig, denn er wthet gegen das eigene Fleisch und
Blut.

Der Herr von Gaulitz lchelte jedoch damals und erwiederte nur ruhig:

Mein lieber Pastor, _derlei_ Sachen kennen wir besser; der Diaconus ist
jetzt noch ein sehr freisinniger, vielleicht ein fr seinen Stand etwas
zu freisinniger Mann, aber das giebt sich, Herr Pastor, das giebt sich
-- nur ein halbes Jahr Pastor und die Saiten haben einen ganz anderen
Klang.

Nach diesem Vorfalle versteht es sich brigens von selbst, da der
Pastor Scheidler aus allen Krften dahin wirkte, den Diaconus, der ihm
auch die Zeitungen viel zu radical, ja nach seiner Meinung sich selbst
zum Republikanismus hinneigend, auslegte, aus Horneck fortzubringen.
Die geheimen Conduitenlisten, die er mehr als regelmig an das hohe
Consistorium einsandte, gaben ihm dazu die beste Gelegenheit. In der
aufgeregten Zeit, wo gerade das hohe Consistorium berhaupt, von jeder
Seite her den ersten Schlag erwartete, und fortwhrend auf dem Sprunge
stand, sich in seine ursprnglichen Bestandtheile aufzulsen, gehrte
eben auch nur ein Wink, eine Andeutung dazu, um dessen guten Willen und
Hlfe im hchsten Grade zu erwerben, und der Diaconus fand sich bald,
allerdings als selbststndiger Pfarrer, aber auf einem so rmlichen,
traurigen Winkelchen der Erde, da es selbst seinen, gewi bescheidenen
Erwartungen nicht entsprach und er einer geraumen Zeit bedurfte, sich
nur nothdrftig daran zu gewhnen.

Eine andere in Horneck vorgefallene Aenderung aber, eine hchst
traurige, hatte in der Schule selbst stattgefunden, und zwar nicht fr
die Schule, sondern fr den armen, in ihrem Dienst ergrauten Lehrer
derselben, den alten Papa Kleinholz. Der Geist htte in dem alten Manne
vielleicht noch mit den unbedeutenden Beschftigungen, die ihm oblagen,
wie Buchstabiren und Lesen Schritt gehalten, aber der Krper, durch
Mangel und Noth geschwcht, von den drftigen Kleidern nicht einmal
warm gehalten, und in der dunstigen Schulstube, die ihm zum steten
Aufenthalte dienen mute, endlich ganz untergraben, hielt nicht mehr
aus.

Er wurde bettlgerig und so krank, da durch die stete Transpiration des
Leidenden der Aufenthalt unten in der Schulstube selbst fr die Kinder
unangenehm, ja sogar schdlich werden mute, und Hennig sah endlich
kein anderes Mittel, als da er selbst dem alten Manne sein kleines
Dachkmmerchen einrumte und hinunter in die dunstige Schulstube zog.
Zwar erholte sich Papa Kleinholz, wohl am meisten durch Lieschens
aufopfernde und unermdliche Sorgfalt und Pflege, nach einiger Zeit in
etwas, so da sein Zustand wenigstens nicht mehr als lebensgefhrlich
gelten konnte, aber an Schulehalten war nicht zu denken -- der bse
Husten lie ihn keine zehn Worte hinter einander sprechen; anstrengen
oder rgern durfte er sich nun gar nicht -- und Schulmeister sein und
sich _nicht_ rgern, zwei unmglich von einander zu trennende Sachen!

Eine Weile lie das der Pastor geschehen, und Hennig nahm sich mit so
warmem Eifer der Schule an, da die Eltern nicht ber Vernachlssigung
ihrer Kinder klagen durften, da die Arbeiten jetzt ganz auf _eines_
Lehrers Schultern ruhten, wo frher, wenn auch nur dem Namen nach, zwei
gewaltet und gelehrt hatten; nach einem halben Jahre aber durfte
der Geistliche, wie er meinte, dem hohen Consistorium nicht lnger
verheimlichen, da Vater Kleinholz unfhig geworden sei, dem schweren
Amt eines Schullehrers mit Erfolg vorzustehen, und deshalb -- o wie
dem alten armen Lehrer das Herz zuckte, als er das so lange gefrchtete
Schreckenswort ausgesprochen hrte -- _emeritirt_ werden mte. --
Emeritirt, mit einem Dritttheil seines Gehalts und -- sieben Kindern --
acht Personen, unter denen sieben krftig und gesund waren, und Tag
fr Tag ihre richtigen Portionen Essen verlangten, wenn sie eben nicht
geradezu hungern sollten, von _fnfzig_ Thalern jhrlich zu ernhren --
der Gedanke kam ihm furchtbar vor, und er barg das bleiche Haupt in den
sprlichen Kissen, und schluchzte wie ein kleines unglckseliges Kind.

Das also ist Dein Lohn, Du armer alter Mann -- seit sieben und vierzig
Jahren hast Du Dich nach besten Krften und Gewissen fr die Kinder
abgearbeitet und gemht -- bist Du nicht im Stande gewesen, das
zu leisten, was man von einem Manne, der die Jugend zu wackeren
selbstbewuten Staatsbrgern heranziehen sollte, vielleicht berechtigt
sein durfte zu erwarten, so kann nicht Dir die Schuld dafr beigemessen
werden, sondern denen, in deren Interesse es in frherer Zeit gelegen,
das Volk in Unwissenheit und Knechtschaft aufwachsen zu lassen, _Du_
thatest Dein Mglichstes, Du hast Dir Nichts, Nichts auf der weiten
Gotteswelt vorzuwerfen, Du hast Kummer und Noth die langen langen Jahre
hindurch, immer wachsend mit jedem neugeborenen Kind, und zu grter
Hhe anschwellend bei der Mutter Tod, ohne Murren, ohne ein einziges
hartes beschuldigendes Wort gegen die, welche den Gehalt der Lehrer
unter den eines Ackerknechtes stellten, ertragen und nur jetzt, jetzt,
da Deinem bleichen vom Kummer durchfurchteten Antlitz auch noch die
scharfe Dornenkrone des letzten Entsetzlichen in die Stirn gedrckt
wird, da bricht Dir der Schmerz das arme gequlte und zum Zerspringen
volle Herz und Du klagst nicht das Schicksal -- nicht die Tyrannei der
Menschen an, nein Du beklagst nur Dein und der Deinen Loos und bist
unsglich elend.

Hennig, der in des alten Mannes Stelle eingetreten war, that allerdings
was nur in seinen Krften stand, um dessen Lage zu erleichtern, ja
berlie sogar dem alten Manne einen groen Theil dessen, was er selbst
mehr bekam, so wenig das auch immer sein mute; er selbst hatte jetzt
aber auch mehr Auslagen, denn seine Kleider, die bis dahin ausgereicht,
wurden alt, und er mute sich neue schaffen, da ihm der Pastor schon
mehr als einmal zu verstehen gegeben hatte, der Bauer halte etwas
darauf, da sein Schulmeister einen anstndigen Rock trage und seinem
Dorf keine Schande mache. Allerdings erwiederte er darauf, wenn der
Bauer das will, weshalb giebt er denn auch nicht dem, der seine Kinder
zu ordentlichen rechtlichen Menschen heranbilden soll, so viel, da
es ihm mglich ist, den Magen auch nur einen Tag ber dem Rcken zu
vergessen? Er nderte damit aber Nichts, und da ihm selber daran lag,
nicht gerade abgerissen in der Pfarre zu erscheinen, mute er endlich
wohl in den saueren Apfel beien, und sich in die fr seine Casse
erschpfende Auslage fgen. Nichts destoweniger lie er den alten
greisen Schullehrer nicht hungern, das Verhltni zwischen ihnen bestand
nach wie vor, und wren die theuren Medicinen nicht gewesen, so htte
Hennig der wirklich Sohnesstelle am kranken Kleinholz vertrat, diesen
selbst durch die schwere Winterszeit glcklich durchgeschleppt, so aber
reichten selbst die vereinigten Krfte Beider nicht aus -- des alten
Mannes karges Stckchen Gnadenbrod war schon auf ein Vierteljahr vorher
verzehrt, selbst Hennig einige Thaler in Schulden hineingerathen, und
der emeritirte Lehrer sah sich endlich, so ungern er das auch that,
dazu gezwungen, um eine Untersttzung, d.h. um eine Erhhung seiner
sogenannten Pension einzukommen, wenn er nicht in Noth und Elend
vergehen wollte.

Er baute dabei seine feste unerschtterte Hoffnung auf den Herrn Pastor
Scheidler -- der hatte ihn ja frher oft und oft versichert, er werde
wenn er, der Schulmeister, spter einmal nicht mehr so recht fort knne,
schon Alles thun was in seinen, des Herrn Pastors Scheidler, Krften
lge, ihn zu untersttzen, und die Zeit war jetzt wirklich und in vollem
Maae gekommen. Er konnte nicht allein nicht mehr recht fort, sondern
lag sogar ganz und gar, und gab es jemals eine Periode, wo er der
Untersttzung von Seiten des Geistlichen bedurfte, so schien das die
jetzige.

Er reichte deshalb sein Bittgesuch bei diesem ein, kroch selber, mehr
als er ging, auf die Pfarre hinber, um die Bevorwortung desselben dem
Herrn Pastor noch einmal recht dringend an's Herz zu legen, und sank an
dem Abend, zwar erschpfter als je, aber auch nicht wenig beruhigt von
dem gtigen Empfang und Wort seines Vorgesetzten, zum ersten Mal seit
langer Zeit wieder mit fast freudiger Hoffnung auf sein Lager nieder.

Was Hennig selbst betraf, so hatte er sich, besonders in letzterer Zeit
ungemein eifrig mit der neuen Gestaltung der Schule beschftigt, und
Lieschen, die doch recht gut wute, wie er Pastors Sophiechen so recht
aus innerster Seele liebe, konnte sich gar nicht genug darber wundern,
da der Schulmeister, wie Hennig jetzt, als in diese Wrde eingetreten,
schlichtweg hie, nur allem Anschein nach darauf los arbeitete, sich den
Vater seiner Liebsten zum ingrimmigsten Feind zu machen. Das war, das
allerwenigste gesagt, nicht im mindesten politisch von ihm, und er htte
das seiner Liebsten schon nicht zu Leide thun drfen.

In der That hatte Lieschen, von ihrem Standpunkt aus, vollkommen recht
und Hennig selber fhlte, wie er sich dadurch ein spteres Hinderni mit
eigenen Hnden aufbaue, ein anderes, weit gewaltigeres mute aber erst
hinweggerumt werden, und dann hoffte er auch dieses, als das viel
unbedeutendere mit frhlichem Herzen zu beseitigen. Wie die Verhltnisse
_jetzt_ nmlich standen, blieb es sich, in Bezug auf seine Aussicht,
Pastors liebliches Tchterlein je als sein liebes Weib nicht in _diese_
Schulwohnung, aber doch wohl in eine bessere Stellung einzufhren,
ganz gleich, ob ihm der _Vater_ gewogen war oder nicht, denn an eine
Verbindung seiner Tochter mit _nur_ einem Schulmeister dachte dieser
so wenig wie das Mdchen wahrscheinlich selbst, das, wenn es den
jungen Mann auch wirklich gern sah, doch viel zu genau die rmlichen,
drckenden, _abhngigen_ Verhltnisse kannte, in denen ein deutscher
Schullehrer zu leben gezwungen sei, um irgend eine Neigung zu spren,
eine _solche_ Existenz je mit ihm zu theilen. Ja, Hennig htte ihr das,
wre sie selbst dazu geneigt gewesen, nicht einmal zumuthen, es
nicht einmal dulden mgen, und seinem schnen Ziel, der Schule eine
unabhngige Gestalt zu gewinnen und den Lehrerstand zu heben, lag jetzt
noch ein neuer, ihn zu voller Aufopferung treibender Beweggrund unter,
da er mit diesem auch vielleicht die Hoffnung seines eigenen Herzens
erreichen konnte. Stand er erst einmal als unabhngiger Lehrer, mit
liberalem und zum Leben gengenden Gehalt nicht mehr unter, sondern
neben dem Geistlichen, -- war ihm die Jungfrau selber dann nur nicht
abgeneigt -- (und grte sie _ihn_ nicht gerade immer so freundlich wie
_keinen_ weiter im ganzen Orte?), so verga der Pastor auch bald den
Unwillen, den er jetzt nur ber das _Streben_ des Lehrers fhlte, und
sicherlich nicht auf das _Errungene_ ausgedehnt htte.

Da Sophie einen Fremden, ja gar den Flchtling liebe, aus dessen Hnden
er sie einst selber befreit, konnte er dabei natrlich nicht ahnen,
still und unberhrt stand der Stern noch fr ihn am Himmel seines
Glcks, und jeder Abend, der ihn trumend auf seinem Lager fand, schlo
ihm die mden Lider mit dem leisen, hoffenden Gebet -- Sophie!




Achtes Kapitel.

Das Gestndni.


Nthig mchte es jetzt sein, einen, wenn auch nur flchtigen Blick auf
das Leben Wahlerts, den wir zuletzt bei seiner glcklichen Flucht aus
den Hnden des Gerichts gesehen, zu werfen.

Marie hatte ganz recht gehabt, als sie ihn damals in der Stunde der
Befreiung zugerufen, nur an einem Kopf zu klugen Rathschlgen, fehle es
in der Residenz, nur an einem Arm, das Banner der Freiheit voran, in die
Reihen der Feinde zu tragen -- seiner Ankunft, seines donnernden Wortes
hatte es nur bedurft und das Volk, das schon von auen angeregt, und
in Ghrung gehalten war, brach aus in _einem_ gewaltigen und deshalb
frchterlichen, weil fester geregelten Sturm. Das Ministerium fiel und
Mnner des Volks wurden jauchzend auf dessen Schultern zu dem erledigten
Ehrenposten getragen.

Wahlert besonders hatte man vor Allen im Auge, die Stellung eines
Ministerprsidenten auszufllen, dieser aber weigerte sich das Amt, das
ihn in seiner schwierigen Verantwortung an den einzigen Ort fesseln und
seine ganze Thtigkeit auf die eine kleine Land concentriren wrde,
anzunehmen. Wohl war er von schnster Hoffnung fr ein einiges freies
Vaterland beseelt, wohl hielt er seine Landsleute fr eben so reif und
tchtig wie Frankreichs heibltigeres Volk, im jetzt zusammenberufenen
deutschen Parlament die Souverainett derer zu erklren, die man
bis dahin gewagt hatte, _Unterthanen_ zu nennen, und die -- das viel
schlimmere, es wirklich gewesen waren, aber dennoch konnte er sich nicht
verhehlen, da der bei weitem grte Theil der Anregung noch zu sehr und
unausgesetzt bedrfe, whrend wiederum eine kleine Schaar, wie ein paar
rennlustige Pferde, das Zeichen zum Auslauf gar nicht erwarten konnten
und nur in einem fort Zaum und Halter zersprengten, Seil und Markpfahl
niederwarfen, und an Mhne und Nstern zurckgehalten werden wollten, um
nur nicht in ihrem blinden unverstndigen Eifer da zu verderben, wo sie
zu ntzen, da einzustrzen, wo sie zu bauen suchten.

Kaum sah er also die Dinge in der Residenz wieder einen geordneten
ruhigen Gang gehn -- denn Frieden mute im Reiche herrschen, bis die
Nationalversammlung in Frankfurt das Wort gesprochen, das die Throne
strzen und die acht und dreiig Scepter mit einem Schlage zerbrechen
sollte -- so zog er auf seinen frhlichen Pilgerflug durch das Land
aus, nicht um die Einheit des deutschen Volkes zu befrdern, denn dessen
bedurfte es nicht mehr -- es fhlten Alle, da nur in Einigkeit ihre
Kraft lag, -- sondern immer mehr zu befestigen und mit jener heiligen
Liebe fr das Vaterland zu beseligen, die sie freudig fr dieses selbst
das eigene Leben opfern liee.

Eine Zeitlang hrte man Nichts mehr von ihm in Horneck, einmal hie es
nur, er sei in Wien gewesen, habe dort auf den Barrikaden der ueren
Vorstdte gegen die schwrmenden Kroatenhaufen gekmpft und wre dann,
als die Truppen in die Stadt eingezogen, mit Lebensgefahr zwar, aber
doch glcklich nach Berlin entkommen -- das Gercht hatte wenigstens
in der Pfarre -- vielleicht nach einem Brief aus der Residenz -- seinen
Ursprung gefunden. Jetzt waren wieder wohl zwei volle Monate vergangen
und der Mann, der damals die stillen Bewohner von Horneck zum ersten Mal
ein wenig aus ihrer Lethargie emporgerttelt hatte, schien vergessen.

Vergessen? -- ja, von der groen Menge vielleicht, vor deren Augen
Wahlert, wie ein leuchtender Strahl nur einmal vorber gezuckt und dann
verschwunden war, zwei Herzen aber schlugen in Horneck, fr die keine
Stunde des langen, langsam schwindenden Tages verging, an dem sie nicht
still und sehnend seiner gedacht und nicht gebeten htten, da Gott sein
theures liebes Haupt beschtzen mge.

So vollkommen eines jene beiden Wesen aber auch in diesem einen Gefhl,
dieser heimlichen, heiligen Liebe fr den Fernen sein mochten, so
verschieden gestellt waren sie in jeder andern Hinsicht des Lebens, und
Sophie, des Pfarrers Tchterlein, hatte noch nie auch nur eine Sylbe
gegen Marie, des armen Musikanten Tochter, von dem erwhnt, was sie
doch, o wie gern, in das Herz einer wirklichen Freundin ausgeschttet
htte. Und dennoch war Marie fast tglich in ihres Vaters Hause, wo
besonders in letzter Zeit viel fr die Kinder zu nhen und arbeiten
gewesen, dennoch schien Sophie in jeder anderen Hinsicht volles
Vertrauen zu dem armen leidenden Mdchen gefat zu haben, und behandelte
sie eher wie eine Verwandte als eine Fremde, die eine Lohnarbeit bei
ihr gesucht und gefunden. Nur in diesem Punkte blieb ihr Mund gegen das
ernste, so wehmthig schauende Kind verschlossen, denn seit jenem
Tag, an welchem eben Marie ihr die Kunde von der drohenden Gefahr des
Geliebten gebracht, war es ordentlich, als ob eine ihr selbst unbewute
Scheu sie hindere, auch nur den Namen Wahlerts vor ihr auszusprechen.

Marie, die sich, ihrem ueren Aussehn nach, etwas wohler zu befinden
schien als frher, und auch durch Sophiens Hlfe anstndiger gekleidet
ging, brach das Schweigen ber den Abwesenden eben so wenig; kein Wort
kam, selbst jenen Abend betreffend, ber ihre Lippen und was die Herzen
in ihrer stillen Tiefe auch bergen mochten, der Mund gab dem Gefhle
keine Worte.

In den letzten Tagen des November 1848 war es, da die beiden Mdchen
auch einmal wieder zusammensaen und an einem warmen Rock fr Sophiens
Mutter nhten, denn das Haidekraut blhte gar so schn und roth drauen,
und das kndete strenge Klte, der man doch wenigstens begegnen mute;
als der Pastor pltzlich mit einem Brief in der Hand in's Zimmer trat,
und der Tochter ankndigte, da er Nachricht von dem jungen Wahlert, dem
Sohn des Herrn Generalsuperintendenten erhalten habe -- es gehe ihm gut,
und er hoffe bald Horneck wieder zu sehn -- er bemerkte gleich darauf
die Fremde, brach kurz ab, ging zu seiner Tochter hin an's Fenster
und verlie mit dieser, die es aber wohl vermied ihr Antlitz Marien
zuzuwenden, das Zimmer.

Marie lie die Hnde in den Schoo sinken, sa mehrere Minuten mit
todtenbleichen erregten Zgen da, und starrte still und schweigend vor
sich nieder.

Er kehrt nach _Horneck_ zurck! flsterte sie endlich leise mit kaum
sich bewegenden Lippen -- nach Horneck wo -- sie brach pltzlich ab,
barg nach kurzem Sinnen das Antlitz in den Hnden und gab sich mit so
peinlicher Spannung ihren Gedanken hin, da man, wie ihr das Herz auch
laut und strmisch schlug, kaum doch ihr Athmen bemerken konnte, htte
nicht das Zittern ihres ganzen Krpers ihr Leben verrathen, die Gestalt
selbst mute einer todten regungslosen Statue gleichen.

Endlich schien es, als ob sie sich gewaltsam zu sammeln suche -- sie
stand auf, legte ihre Arbeit auf den Stuhl, auf dem sie gesessen, und
trat an das Fenster, das auf den stillen Friedhof hinausschaute.

Weshalb qule ich mich denn eigentlich immer und immer wieder nur mit
meiner eigenen unbegrndeten Furcht, flsterte sie endlich und strich
sich die Hand fest und schnell ber die bleiche, marmorkalte Stirn --
Furcht! -- und darf ich da auch noch _frchten_? ist mir denn berhaupt
auch nur eine _Hoffnung_ geblieben? -- Er erschrak, als er damals meine
Stimme hrte -- er verachtet die -- Dirne. -- Sie schauderte zusammen,
und dicht an die Scheibe gepret, da ihr Hauch das Glas deckte, fuhr
sie nach kurzer Pause fort -- Soll ich hier sein Wiederkehren erwarten?
-- Darf er mich -- darf er mich gerade in diesem Hause? -- und warum
nicht? sagte sie pltzlich laut, und richtete sich schnell und fast
stolz empor -- klang seine Stimme nicht weich und liebend, als er mich
mit dem alten traulichen _Du_ anredete, und mich _seine_ arme Marie
nannte? -- o heiliger Gott, wie gern wre ich ihm damals an's Herz
gesunken und htte gerufen Franz, Franz, Du hast mir bses schmerzliches
Unrecht gethan -- unglcklich ist Deine Marie, aber schuldig nie -- nie
-- die Angst um ihn erstickte damals jedes Gefhl fr mich selbst -- ich
wei nicht einmal mehr, was ich sprach -- Sophiens Name--.

Ihre Hand fuhr krampfhaft nach dem Herzen und ein kurzer schmerzlicher
Husten zwang sie, sich niederzusetzen.

Ehe sie sich vollkommen erholte, trat der Pastor wieder ein, und wollte,
als er den Husten hrte, das Zimmer wieder verlassen, Marie bezwang
sich aber gewaltsam, der geistliche Herr kam nher, lie sich, ohne
das Mdchen, das still ihre Arbeit aufnahm, weiter zu beachten, auf dem
Sopha nieder und las die Zeitung.

Von diesem Tage an fhlte sich Marie wieder unwohler wie vorher; als
sie Abends ihre rmliche Heimath erreichte, bekam sie einen leichten
Fieberanfall und mute am nchsten Tage das Bett hten; der Vater, der
in der Woche doch nichts zu thun hatte, und nur Sonntag Abends mit in
der Schenke zum Tanze aufspielte, that ihr die kleinen Handreichungen,
deren sie etwa bedurfte, kochte das frugale Mahl, eine einfache
Kartoffelsuppe, und lie sie dann mit sich und ihren Gedanken allein,
bis er Abends nach zehn Uhr aus der Schenke, wo er so lange bei einem
Glase einfachen Bieres gesessen, zurckkehrte.

Drei Tage vergingen so, und im Dorfe wurde es bald bekannt, da der
Doctor Wahlert, derselbe, den die Wilddiebe damals aus der Kutsche
gerissen und befreit hatten, und von dem nachher so entsetzlich viel
in der Zeitung gestanden, wieder nach Horneck gekommen sei und in der
Pfarre wohne. Marie war schon um vieles wohler, ging aber doch noch
nicht zu ihrer Arbeit hinauf -- der Vater stellte sie mehrmals deshalb
zur Rede, sie gab aber ausweichende Antworten, schtzte noch peinlichen
Kopfschmerz vor und blieb.

So brach der vierte Morgen an -- es war der letzte Tag im November und
ein Donnerstag; das helle Tagesgestirn schien still und feierlich in
das rmliche Gemach des alten Musikanten, und neben dem Fenster, auf
dem einzigen hlzernen Stuhle, der in der Stube stand, sa Marie, und
schaute trumend nach den gegenberliegenden grauen Strohdchern einer
langen Reihe alter, halbverfallener Scheunen hinber, als es pltzlich
rasch und lebhaft an die Thre pochte, und sich diese, selbst vor dem
einladenden Herein, schnell ffnete.

Frulein Scheidler! rief das Mdchen, berrascht von ihrem Stuhle
aufstehend.

Hab' ich Sie doch beinahe gar nicht gefunden, liebe Marie! sagte
Sophie, freundlich ihre Hand ergreifend, Wie geht es Ihnen? -- Sie
sehen viel besser, ordentlich roth und wohl aus -- warum haben Sie sich
so lange nicht bei uns sehen lassen? Sie waren doch nicht ernstlich
krank? -- Ach, ich wre so gern schon frher einmal herber gekommen,
aber -- aber wir haben Besuch im Hause, und da giebt es so viel zu thun,
so viel zu besorgen, da man wirklich manchmal gar nicht wei, wo Einem
der Kopf steht.

Ich hrte eben, da sie Besuch htten, sagte Marie leise, und
frchtete eben zu stren, auch--

O nicht im Mindesten, gutes Kind, unterbrach sie rasch und errthend
das liebe Mdchen, wir -- wir werden Ihre Hlfe berdies vielleicht
recht bald und ziemlich bedeutend in Anspruch nehmen -- ich habe einige
recht nothwendige Arbeiten vor.

Ich bin wirklich unwohl gewesen, fuhr Marie, den Antrag zu vermeiden
suchend, fort -- so unwohl, da ich frchte, kurze Zeit wohl noch der
Ruhe pflegen zu mssen, ehe ich es wieder wagen darf, eine bedeutendere
Arbeit zu unternehmen.

O Sie drfen mich nicht im Stiche lassen, bat Sophie -- ja nicht,
liebe gute Marie, ich habe ganz fest auf Sie gerechnet -- nicht wahr,
Sie machen es mglich?--

Knnte ich da nicht vielleicht -- sagte Marie zgernd -- die Arbeit
zu mir in's Haus bekommen? -- Vielleicht ging es hier.

Aber Sie haben da -- Sie haben da gar keine Bequemlichkeit, erwiederte
Sophie, und warf einen halb scheuen, halb mitleidigen Blick in dem
kleinen, leeren, unbehaglichen Gemach umher.--

Ich kann mich hier niederlegen, wenn mich das Sitzen angreift,
entgegnete das Mdchen -- ich bin ungestrter -- und werde schneller
arbeiten.

Nun gut, wir wollen uns darber nicht streiten, beruhigte sie Sophie
-- machen Sie das, wie Sie wollen, liebes Kind -- aber -- kann ich
Ihnen nicht vielleicht mit irgend etwas--

Ich danke Ihnen herzlich, unterbrach sie, ihre freundliche Meinung
verstehend, Marie, ich habe, durch Ihre Gte, fr jetzt Alles, was wir
brauchen -- und das ist genug -- Ihnen geht es gut jetzt -- Sie sehen
recht wohl und frhlich aus.

Mir geht es _recht_ gut, liebe Marie, ich danke Ihnen, sagte Sophie
freudig -- mein Leben scheint sich auch ganz gut und glcklich zu
gestalten -- das wenigstens, was meinen Himmel bis jetzt getrbt, ist
verschwunden.

So? frug mitrauisch und schnell des Musikanten Tochter -- pltzlich
verschwunden?--

Seit gestern, erwiederte frhlich lchelnd Sophie auf die Frage --
rathen Sie einmal, Marie, was ich jetzt bin?

Was Sie jetzt sind? wiederholte erstaunt und mit stockenden
Herzschlgen Marie -- was Sie jetzt sind? ich begreife die Frage
nicht?

Nun, die ist doch einfach genug, lachte Sophie -- blos was ich
bin, sollen Sie rathen, und rathen deshalb, weil Sie's eben noch nicht
wissen.

Nun denn, des Herrn Pastor--

Ach lari fari, unterbrach sie scherzend die Jungfrau -- das will ich
nicht wissen, mehr -- hher hinauf.

Hher hinauf -- die Wohlthterin des halben Dorfes.

Sophiens Hand lag im Nu auf des Mdchens Lippen.

Das ist gegen die Abrede, rief sie rasch, ordentlich gerathen, aber
hher hinauf.

Ich bin es nicht im Stande, sagte Marie mit leiser, eintniger Stimme.

Glaub' es, tnte die frhliche Antwort, denn es kommt mir selbst
berraschend genug, und so will ich es Ihnen denn rund heraus und
einfach sagen, aber -- vorher die Hand darauf, Sie sprechen zu keinem
Menschen mit einer Sterbenssylbe davon?

Marie reichte ihr schweigend die Hand.

Nun denn, wissen Sie, was ich bin? -- Ich bin Braut -- nun Herr Gott,
was erschrecken Sie denn so, das ist doch Nichts so Erschreckliches?

Nein -- in der That nicht, erwiederte Marie mit erzwungenem Lcheln
-- da wnsche ich -- wnsche ich Ihnen recht herzliches Glck -- recht
herzlichen Segen. Aber -- mit wem?

Mit wem? nun mit Wahlert--

O! rief Marie, und sprang rasch nach dem Fenster, an dessen Gesims sie
sich festhielt.

Was ist da? frug Sophie und folgte ihr -- was gab es da?

Das Kind dort -- wre -- wre beinahe unter den Wagen gekommen --
das unvorsichtige, sagte Marie und deutete, whrend es sich wie ein
schwarzer Flor um ihre Augen zog, nach der Strae hinunter.

Welches? Der Knabe da? frug erstaunt Sophie -- nun seh' Einer den
kleinen kecken Kerl an, da steht er noch ganz ruhig und schaut hinter
dem Wagen her, als ob gar Nichts vorgefallen wre -- aber ich habe Ihr
Versprechen, Marie?

Ich will schweigen wie das Grab, erwiederte die Arme.

Aber nur nicht so ernst -- der Brautstand ist eine frhliche Zeit,
und da mu man auch frhliche Gesichter um sich haben. Also mit meinem
Brautkleide lassen Sie mich nicht sitzen, morgen komm ich wieder
herunter und da wollen wir das Nhere darber besprechen -- oder Sie
kommen zu mir herauf. -- Ach ja, liebe Marie -- nicht wahr Sie kommen?
Sie haben den Doctor Wahlert ja auch schon frher gesehen und sich
selbst fr ihn interessirt, weil er die Rechte des armen Mannes so
vertrat.

Aber Wahlert, sagte Marie endlich gesammelt, und mit fester, jedoch
noch immer leiser, fast furchtsamer Stimme, als ob sie sich scheue,
selbst den Namen des, ach so hei geliebten Mannes auszusprechen --
Doctor Wahlert war ja von seinem Vater, dem Generalsuperintendenten,
verstossen -- der Vater hatte sich losgesagt von dem Sohne, und wollte
ihn nicht wiedersehen, bis er seine politische Meinung gendert habe,
und _hat_ er das gethan?

Ei bewahre, mein liebes Kind, erwiederte ihr freundlich Sophie, das
thut er nie, doch mde ist er geworden des nutzlosen Ankmpfens gegen
Menschen, die, wie er uns gestern sagte, aus ihren Schreibstuben
heraus oder hinter der Hobelbank vorgesprungen sind, und nun blind in's
Geschirr hinein politisiren, und alle befehlen, aber keiner gehorchen
wolle -- mde ist er's, fr ein Volk zu kmpfen, das nicht einmal selbst
den eignen Arm zu seinem Schutze erheben will und in einem kleinen Theil
ihn untersttzt, in einem anderen ihn anfeindet. Ja seine eignen Freunde
sind gegen ihn aufgetreten, weil er nicht die Republik mit Brgerblut
beginnen wollte, sondern sie auf den Volkswillen zu grnden strebte. Er
wird ganz traurig, wenn er nur von unseren Verhltnissen reden hrt, und
will jetzt nach Amerika auswandern.

Nach Amerika, flsterte leise Marie.

Sein Vater hat ihm selber den Vorschlag gemacht, den er mit Freuden
ergriff -- denken Sie sich nur, Marie -- ich gehe mit nach Amerika --
htten _Sie_ dazu den Muth?

Marie konnte sich nicht mehr helfen, sie barg das Antlitz in den Hnden
und lehnte sich, um nicht zu strzen, an das Fensterbret.

Nun _so_ frchterlich ist es auch nicht auf der See, lachte aber
Sophie, die in ihrer Frhlichkeit die Bewegung des armen Mdchens, das
sie unbewut mit furchtbaren Martern qulte, gar nicht verstand -- aber
ich stehe hier und plaudere, wo ich schon lange wieder oben sein sollte,
sein Sie nicht bse, Marie -- aber lieber Himmel, Sie sind wirklich
krank -- sehn Sie nur, wie bla -- nein ich schicke Ihnen das Kleid
herunter, und dann schneiden wir es hier zusammen zu. Adieu Marie -- auf
ein frohes Wiedersehn.

Sie sprang, noch einen Gru zurckwinkend, die steile dunkle Treppe
flchtig hinab, und Marie blieb in dem kalten leeren Gemach still und
allein zurck.




Neuntes Kapitel.

Die Schulvisitation.


Die erste Morgen- und Religionsstunde des Freitag Vormittags war eben
vorber, die Kinder bekamen eine kurze Rastzeit verstattet, um sich
erst ein wenig zu sammeln, und die untere Klasse mute dann in dem einen
Theil der Stube still und ruhig auf ihren Pltzen sitzen und
zuhren, whrend der Lehrer mit der ersten seinen zweiten Unterricht,
Verstandesbungen, vornahm. Hennig brachte diese Stunde stets nach dem
Religionsunterricht, da er diesem, den Schulgesetzen zu Folge, eine
volle Stunde zu widmen verpflichtet war, Kinder aber, die noch das
eigentliche Wesen Gottes -- das wenn wir ihn, den Allliebenden, erst
einmal im eigenen Herzen erkennen lernen, uns mit einem so heiligen,
sen aber auch stolzen Gefhl durchschauert -- nicht selbst begreifen
und empfinden knnen, sondern nur dadurch in einer gewissen Scheu und
Ehrfurcht gehalten werden, da man ihnen sagt, Gott habe sie erschaffen
und she Alles was sie Gutes und Uebles thten, fhlen darin allerdings,
sobald ihnen die Gottheit vorgefhrt wird, und die Aufforderung zum
Gebet zu ihm den Allmchtigen an sie ergeht, einen gewissen Reiz, ja
ich will sogar zugeben, ein ahnungsvolles Leben -- eine volle Stunde ist
aber der Lehrer wohl selten im Stande, sie aufmerksam und gespannt auf
das zu erhalten, was sie immer nur _glauben_, nie _begreifen_ knnen,
und der zu sehr erregte Geist erschlafft.

Zweckmig dennoch dnkte ihm eine freiere Unterrichtsstunde, auf die
sich die Kinder jedesmal freuten, und der sie sich mit aller Liebe und
Aufmerksamkeit hingaben. Hennig sprach hierin nmlich von allerlei, was
entweder aus Geschichte und Geographie zufllig zur Sprache kam,
oder sonst in das wirkliche Leben eingriff, und that dann Kreuz- und
Querfragen an die Kinder, die sie ihm nach besten Krften beantworten
muten. Allerdings kam da oft wunderliches Zeug genug zur Sprache,
denn viele der Knaben waren mit einer so hartnckigen und fabelhaften
Dummheit gesegnet, da, wenn nur irgend Wahrheit in Sprichwrtern liegt,
ihnen ihr knftiges Glck in der Welt gar nicht htte entgehen knnen;
oft lag aber auch ein tiefer, ich mchte sagen instinktartiger Sinn in
anscheinend verkehrten Antworten, und anstatt dann, wenn sie nicht auf
die Fragen paten, darber hinzugehn, wie das leider fast stets von
den Schullehrern geschieht, ging er vielmehr selbst auf die Sache ein,
forschte nach der Ursache, die den Knaben zu solcher Antwort gefhrt und
berichtigte oder ermunterte, wie es nun gerade der Fall verlangte.

Eine Strung trat brigens, gerade vor dem Beginn der Stunde ein, ein
Bauer trat in die Schulstube, und schleppte seinen Jungen, einen dicken,
runden, schmutzigen, vierschrtigen, blondhaarigen und blauugigen,
etwa fnf Jahr alten Bengel, der sich verschmt und ngstlich an seine
Rocksche klammerte, und mit Hnden und Fen gegen jede Bildung
und Cultur auf das Entschiedenste anstrampelte, hinter sich her zum
Schulmeister hin, fate seinen Jungen ohne weitere Umstnde beim Kragen,
stellte ihn mit dem verdrossenen und verweinten Gesicht ruhig vor den
Schulmeister hin und sagte:

Hiar, Schulmeester -- hiar bring ich main Aelsten, der Bngel hat
sich schonst lange gwinscht in die Schule zu kummen -- macht mer was
Gescheit's aus'em -- ufgenummen hat'en der Herr Paster schunst -- er is
nur noch en Bischen verschreckt.

Schon gut, Schnel sagte Hennig, ich will mein Bestes versuchen --
komm Kind, frchte Dich nicht, es geschieht Dir Nichts -- sei brav
und setze Dich da drben auf die Bank -- komm -- sieh mir einmal in's
Gesicht.

Ich will aber niche! heulte der Junge.

Die anderen lachten.--

S'is en Wetterbngel grinste der Vater, und freute sich
augenscheinlich ber die Charakterfestigkeit seines Sohnes -- kumm,
Gottlob -- stiah uff sunst krichste 'ne Schlle, da de Dich rimm und
rimm driahst.

Gottlob schien sich jedoch auf seine Unverletzlichkeit zu verlassen,
er zog, da er doch mit einem Beine, seines Schwerpunktes wegen, auf der
Erde bleiben mute, das andere bis ans Knie herauf, drckte sich selber,
so weit die breite Faust seines Vaters das zulie, hinunter, und deckte
sich das Gesicht mit dem linken Arm und Ellenbogen.

Kriate! sagte sein Vater und hielt die angedrohte Schelle, der sein
Sohn auch nicht die mindeste Ble gab, zurck, schttelte denselben
aber mit solcher Kraft, da ihm alle Glieder am Leibe zitterten, und
in diesem Augenblick wirklich nur noch die engen drallen Kleider, die
lederne Hose und blaue Jacke, die kleinen Gelenke zusammen zu halten
schienen. Gottlob mute brigens an derlei Behandlung schon gewhnt
sein, denn er verblieb, wie aus Blei gegossen in seiner Stellung, und
bi nur die Zhne recht fest auf einander, als ob er frchtete, da ihm
die aus dem Munde fliegen knnten. Hennig legte sich endlich ins Mittel,
nahm den Jungen seinem vterlichen Freund und Schtzer ab, und trug ihn
mehr als er ihn fhrte auf eine Bank. Dort setzte er ihn hin, redete ihm
zu, ein guter Junge und hbsch artig zu sein, und versicherte ihn, da
er in dem Fall auch nicht das Mindeste von ihm zu frchten habe.

So is's rcht, Schulmeester, sagte der Bauer, und schaute wohlgefllig
auf seinen heulend dasitzenden Jungen hin -- er werd sich's schonst
mrken, denn _Mrks_ hot er, und er machte dabei die Bewegung einer
Maulschelle, ging dann auf seinen Zgling zu, drckte ihm ein riesiges
Butterbrod, das er eingewickelt in der Rocktasche getragen, in die Hand,
klopfte ihm freundlich auf den Kopf, versprach ihm auf den Mittag Klse,
wobei die brigen Jungen einen neidischen Blick auf den Glcklichen
warfen, und verlie das Zimmer.

Gottlob blieb von da an still und regungslos, aber auch ohne den Kopf
aus dem Arm zu nehmen, auf seinem Platz sitzen, und Hennig lie das
gern geschehen, da er sich doch erst, wie er meinte, an die _Schulluft_
gewhnen msse.

Die bis dahin durch diese Unterbrechung gestrte Stunde begann jetzt
damit, da der Lehrer einige Fragen aus der biblischen Geschichte an die
Ersten der Klasse that, und sie darauf hinzuleiten suchte, wie Manches,
was uns jetzt sonderbar oder vielleicht lcherlich in den alten
Gebruchen und Handlungen vorkomme, durch damalige Verhltnisse bedingt,
und dem dortigen Land und Klima anpassend gewesen wre. Die Antworten,
die er freilich manchmal auf seine Fragen erhielt, lauteten oft komisch
genug, die Kinder gewhnten sich aber doch daran, ihnen fern liegende
Sachen zu bedenken, und fingen dabei auch nach und nach an einzusehen,
da die Leute in der biblischen Geschichte, die sie sich eigentlich
wie lauter Heilige und hchst merkwrdige Wesen gedacht, doch auch nur
Menschen mit Tugenden und Fehlern, wie es jetzt deren auch gab, gewesen
wren.

Als er so die erste Klasse eine Zeitlang gebt, wandte er sich auch an
die Kleineren, und berraschte diese pltzlich mit der, etwas aus der
Luft gegriffenen Frage:

Hrt einmal, Ihr da drben, -- Noah hatte drei Shne, Sem, Ham und
Japhet, das wit Ihr doch?

Ja, lautete die einstimmige, schnell bereite Antwort.

Nun gut -- also wer war nun der Vater von Noahs drei Shnen -- eben von
den Sem, Ham und Japhet?

Die Jungen sahen sich verlegen unter einander an -- schwiegen aber.

Was? -- Ihr habt Euch nicht einmal so viel aus der biblischen
Geschichte gemerkt, die wir Euch jetzt eine volle halbe Stunde
vorgepredigt haben, sagte Hennig lchelnd -- nun, wartet einmal, ich
will Euch die Sache mit einem Beispiele klarmachen. Unseren Nachbar, den
Bauer Schultze, kennt Ihr doch Alle mit einander, wie heit der?--

Gottlieb Schultze.

Nun gut, der hat, wie Ihr wit, drei groe erwachsene Shne, den
Friedrich, den Jrgen und den Caspar; wer ist also der Vater von
Friedrich, Jrge und Caspar Schultze?

Gottlieb Schultze, schrie die ganze kleine Klasse wild und strmisch
durch einander--

Seht Ihr wohl? Das war recht geantwortet; nun wollen wir uns also
wieder zur ersten Frage wenden -- Noah hatte drei Shne, und zwar Sem,
Ham und Japhet -- wer war also nun der Vater von _Noah's_ drei Shnen?

Gottlieb Schultze! jubelte der ganze Chor wieder in wilder und lauter
Freude, den Nagel jetzt voll und prchtig auf den Kopf getroffen zu
haben.

Ein allgemeines Gelchter der ersten Klasse folgte dieser Antwort, die
Kleinen saen verdutzt, und Gottlieb Schnel, der natrlich glaubte, die
ganze Klasse htte weiter Nichts zu thun, als sich um ihn zu bekmmern,
und das Lachen gelte auch nur einzig und allein seiner kleinen Person,
rckte verdrossen auf seinem Sitz herum, und fing von Neuem an zu
heulen.

Die biblische Geschichte hatte durch diese Antwort brigens einen
entschiedenen Sto bekommen, denn Noahs oder seiner ganzen Familie Name
durfte z.B. gar nicht mehr erwhnt werden, ohne da die halbe Klasse
anfing zu kichern, und die andere Hlfte gerade so aussah, als ob sie
smmtlich den bedeutendsten Theil ihres Frhstcks darum gegeben htte,
wenn sie nur einmal so recht von Herzen herausplatzen knnte.

Der Lehrer sprang deshalb auf etwas ganz anderes, und zwar den jetzigen
Zustand ber, in welchem sich in Deutschland die arbeitende Klasse
befnde, entwickelte darin, wie Arbeit berhaupt nothwendig sei, die
menschliche Gesellschaft unter sich zusammen zu halten, und bewies den
Kindern, da Jeder im Staat, vom Knig herab bis zum unbedeutendsten
Gnsejungen -- Gottlob bezog das wieder auf sich, und zog ein nettes
Register -- einen gewissen Theil und eine bestimmte Arbeit, die auch
wieder ihrerseits den Andern zu gute kme, verrichten mte. Er lie nun
abwechselnd die Knaben auch ihrerseits die Grnde angeben, weshalb
sie glaubten, da es nthig und ntzlich fr sie sei, zu arbeiten, und
weshalb es besonders schon das Billigkeitsgefhl verlange, ebenfalls
etwas fr andere zu thun, da Andere doch unausgesetzt fr uns selber
beschftigt wren.

Die Knaben schienen das im Anfang nicht recht begreifen zu wollen, es
war ihnen unklar, wie sie, besonders aus Billigkeitsgefhl fr Andere,
zum Beispiel Holz hacken sollten. Hennig aber fuhr fort:

Arbeitet denn Euer Vater nicht, um einen Euch allgemein bekannten Fall
zu setzen, fortwhrend fr Euch, da Ihr Speise, Trank und Kleidung
habt? -- Ist es deshalb nicht recht und billig, da Ihr auch fr ihn
mit Hand anlegt, und Alles thut, was in Euren Krften steht, ihm wieder
dafr zu helfen? Arbeitet nicht auch z.B. der Schneider fr Dich,
Christian?

Ja, sagte der Junge, und schlenkerte dabei vergngt mit den Beinen.

Gut, also versteht es sich von selbst, da Du fr ihn, oder andere
Menschen, die es bedrfen, ein Gleiches thust; es ist dies das Band,
wodurch die menschliche Gesellschaft mit einander verbunden wird, und im
Stande ist, als ein geselliges Ganzes zu existiren.

So arbeitet also auch der Schuhmacher fr Dich, Leberecht?

Ne! grinste Leberecht, und verzog das Maul von einem Ohre bis zum
anderen. -- Die Anderen lachten laut auf.

Nein? -- und weshalb nicht? frag Hennig, selber lchelnd--

Vater hot' en de letzten Stiebeln noch nich bezahlt.

Hennig mute sich Mhe geben ernsthaft zu bleiben, bewies aber auch dem
Knaben dadurch gleich um so verstndlicher, da nun sein Vater ebenfalls
fr den Schuhmacher arbeiten msse, bis er mit dem, was er leiste,
einen gleichen Werth dessen erreicht habe, was fr ihn oder seinen Sohn
geleistet worden.

Gottlob hatte indessen mehrere Male, zur nicht geringen Belustigung der
brigen Schuljugend, versucht heimlich zu desertiren, fand aber, auf
einen Wink des Lehrers, die beiden schmalen Psse, die zur Stubenthr
fhrten, stets so stark vertheidigt, da an einen gewaltsamen Durchbruch
gar nicht zu denken war. Auf seine Bank zuletzt ganz ernsthaft
hingewiesen und jetzt sogar, wenn er gar nicht gehorchen wolle, mit
einer Zchtigung bedroht, sa er eine Weile still und verdrossen da,
lie die Unterlippe bis weit auf's Kinn herunter hngen, wischte sich
den thrnenfeuchten Schmutz auf eine immer bedenklichere Weise im
Gesicht herum und presste das Butterbrod, dessen papierne Hlle
schon lange heruntergefallen, so fest zusammen, da es weit
auseinanderklaffte, und vor Schmerz das inwendig aufgestrichene
Pflaumenmu (der Name _Butterbrod_ war nmlich, obgleich all' die
Mubrdte so genannt wurden, nur eine Schmeichelei) preiszugeben schien.
Endlich mute er aber zu einem Entschlu gekommen sein; er stand auf,
sah sich ein paar Mal mit wildem schchternen Blick im Kreise um,
ging dann in einer Art verzweifelten Trotzes auf den, lchelnd zu ihm
niederschauenden Lehrer zu, blieb vor ihm stehen, hielt ihm sein Brod
entgegen, und sagte weinerlich aber ziemlich laut:

Hier, Herr Hennig -- hier hast De meine Bemme, aber la mich giahn.

Armer Gottlob, auch selbst dieser Versuch der Bestechung gelang Dir
nicht, Du wurdest frchterlich ausgelacht und mutest auf einem kleinen
Bnkchen links am Fenster den brigen Theil der Morgenstunde ruhig und
schweigsam mit ausharren.

Wieder mit seinen Fragen wechselnd, kam Hennig jetzt auch auf die
Bewegung der Erde um ihre eigene Axe und um die Sonne herum zu sprechen,
und darber waren denn freilich die Begriffe der Knaben noch sehr
verworren. Er wollte ihnen das allerdings damit beweisen, da er
anfhrte, wie ein in einen Reif gestelltes Glas Wasser ebenfalls um
den Kopf geschwenkt werden knne, ohne einen einzigen Tropfen Wasser
zu verlieren, ein paar der Knaben hatten das aber schon versucht und
meinten, sie htten das Glas mit dem Wasser durch die Fensterscheibe
geschlengert. Er mute es ihnen -- und hierfr fing sich auch Gottlob
an zu interessiren -- endlich vormachen, und wie er das bewiesen, frug
er den ihm nchst Sitzenden, woher seiner Meinung nach das Drehen der
Erde herrhre.

Mller sa muschenstill, antwortete keine Sylbe und starrte nur in
eifrigem Nachdenken stier vor sich nieder.--

Nun, Mller, was glaubst Du, ist die Ursache, da sich die Erde dreht?
frug der Lehrer noch einmal.

Hahaha, sagte der endlich -- ich wit's wohl.

Nun heraus mit der Sprache; wenn Du's weit, brauchst Du Dich doch
nicht zu scheuen, es zu sagen? Also was dreht die Erde?

Das Wasser -- erwiederte verschmt der Knabe.

Hm, erwiederte ihm Hennig lchelnd, whrend die anderen Schler
hochaufhorchten, als ob ihnen jetzt auf einmal ein groes Geheimni klar
geworden wre -- das klingt gar nicht so bel, und Du hast das _fr_
Dich, da Dir hier im Dorfe wohl kaum einer den Gegenbeweis wrde
liefern knnen. Was aber hat Dich auf den Gedanken gebracht, und wie
willst Du mir fr diese Vermuthung einen Grund angeben?

Ih nu siahn Se, Herr Hennig-- sagte der Junge und sah verschmt vor
sich nieder, unsere Rausche, die fliet gerade su, wie mein Vater sin
Mhlwehr, un das treibt ooch en Rad, wo's driber hinleeft. -- Nu leeft
doch die Rausche ber de Erde hin un Sie han uns neilich verzehlt, da
es noch veele greere Flisse gebe, un da das Meer ooch so flesse wie de
Rausche, nur da man's drauen nich so siahn kennte, un da -- da han ich
mir gedacht, das triebe de Iharde. (Erde.)

Die Erklrung ist allerdings gar nicht so bel, erwiederte ihm Hennig,
dennoch aber nicht richtig, denn--

Die Thre wurde in diesem Augenblicke aufgerissen und einer der Schler,
der vor wenigen Minuten darum gebeten hatte, einmal herausgehen zu
drfen, strzte wieder herein und schrie mit verdutztem und erschrecktem
Gesicht:

Der Hrr Suprindent un der Hrr Paster!

Die Jungen fuhren smmtlich wie durch einen elektrischen Schlag
getroffen, von ihren Sitzen in die Hhe, des Lehrers donnerndes
_Ruhe_! bannte sie aber bald wieder auf ihre Pltze nieder, und
der, der mit solcher Nichtachtung jeder Sitte und jeden Respects
hereingebrochen war, mute zu seinem Entsetzen und gerade in solchem
entscheidenden Augenblicke auf dem Strafplatze neben dem Ofen stehen
bleiben.

Im gleichen Angenblicke ging aber die Thre auf und der Superintendent,
welchem die gewhnliche Schulinspection oblag, trat mit dem, sonst so
ernsten und stolzen, jetzt aber auf einmal ungemein freundlichen und
geschmeidigen Pastor in's Schulzimmer. Er grte den Schullehrer hchst
herablassend, aber nur mit etwas vornehmem Kopfnicken, winkte den
Kindern, die sich erst niedergesetzt, und die, wie aus der Pistole
geschossen, von ihren Sitzen wieder emporfuhren und in den gewhnlichen
monotonen Lauten ihr Guten Morgen Hrr Suprindent! -- und dann nach
kaum athemlanger Pause in demselben Tone guten Morgen Hrr Paster!
riefen, freundlich sich niederzulassen, und sagte dann, die Hand
gegen den von seinem niederen Katheder herunter tretenden Schullehrer
schwenkend, ziemlich ernst:

Fahren Sie fort, Herr Hennig -- lassen Sie sich nicht stren rrrrrr.
-- Der Herr Superintendent schnarrten ein wenig hinter jedem Satze und
die Jungen htten gern gelacht, nur der Respect und die bergroe Angst
verboten das.

Die Stunde ist beendet, Herr Superintendent, erwiederte aber Hennig,
ich glaube sogar, da ich schon einige Minuten darber gehalten habe.

Ah -- und was ist Ihre nchste Lection? -- drft' ich um Ihren
Unterrichtsplan bitten -- rrrrr?

Mit Vergngen, sagte Hennig, schob den schrgen Deckel seines
Schreibpultes empor, nahm ein zusammengelegtes Papier heraus und bergab
es dem frommen Herrn.

Hm -- gut -- nicht bel -- hm -- ja -- Verstandesbungen --
Verstandesbungen rrrrrrr -- Verstandesbungen -- die haben Sie ja
_alle_ Tage, und Religionsstunden nur eins, zwei, drei, vier Mal --
etwas ungleich vertheilt, Herr Hennig, etwas ungleich vertheilt -- Sie
ndern das vielleicht -- rrrrrre!

Hennig bi sich auf die Lippen, erwiederte aber Nichts.--

Sie haben also jetzt Schreibestunde?

Der Lehrer verneigte sich.

Bitte, drft' ich Sie einmal um die Schreibebcher ersuchen -- ah, da
kommen sie schon; sehr schn, mein Knabe -- leg' sie nur daher -- wie
heit Du -- rrrrrrr?

Iche? -- lautete die Gegenfrage als Antwort.

Ja, Du.

Berner's Christoff.

Hm -- gut -- das ist die erste Klasse, nicht wahr -- rrrrrr? -- hm, hm,
hm, das sieht nicht zum Besten, hm, hm -- sehr flchtig geschrieben
-- hm -- sehr flchtig, und gar nicht sauber -- rrrrrrrr! -- hm -- wem
gehrt denn das Buch hier -- rrrrr? -- Hans Mller? -- Hans Mller, komm
einmal her zu mir! -- wer hat denn hier den Kleks auf die Zeile
gemacht, he -- rrrrrr? -- und wer denn da, rrrrrrrr? -- und wer denn da,
rrrrrrrrrrrr? -- Hans Mller, stell' Dich einmal dahinter an den Ofen zu
dem anderen bsen Knaben, und bleib da stehen, bis ich wieder fort bin,
rrrrrr -- und wie ist das geschrieben -- rrrrrrr? -- sieht das nicht
aus, als ob die Hhner und Gnse darauf herumgekrappelt htten, he --
rrrrrrrr?

Hans Mller stand wie aus den Wolken gefallen -- Herr Hennig hatte ihn
bis jetzt vor allen Uebrigen, gerade seines Schreibens wegen, immer
gelobt und ausgezeichnet, und jetzt--

Nun wird es -- he? -- fuhr ihn da der gestrenge Herr Superintendent an
-- Herr Hennig, ich mu gestehen, da ich mehr Gehorsam in ihrer Schule
erwartet htte, rrrrrrr -- wir haben noch keine Emancipation Herrrrrrrr,
da wir jetzt schon oben hinausthten, als ob wir alleiniger Meister in
der Schule wren, rrrrrr -- noch keine Emancipation Herr Hennig, noch
keine Emancipation, und werden sie auch, mit Gottes Hlfe, im Leben
nicht kriegen -- rrrrrr. -- Hm -- das sieht etwas besser aus, aber auch
eine unbestimmte flchtige Hand -- keine Methode -- keine Methode -- mu
besser werden, viel besser werden, hm, hm, hm rrrrrrrrr.

Die Schreibbcher wurden einer hchst scharfen Kritik unterworfen,
beinahe in jedem sah Sr. Ehrwrden etwas zu tadeln und zu rgen, und nur
Einer -- ein Einziger fand Gnade vor seinen Augen, und dieser -- Hennig
konnte ein Lcheln, das sich auf seine Lippen stahl, kaum zurckhalten,
als der Herr Superintendent dem dmmsten Jungen seiner Klasse so
freundlich die runde apfelrothe Backe streichelte. Es war der lteste in
der Klasse, ein Bengel, der, trotz Ermahnungen und Schlagen, in seinem
dreizehnten Jahre kaum eine erkennbare, aus Nichts als Grundstrichen
bestehende Schrift schrieb, das aber gefiel dem frommen Herrn; er sah
darin eine feste mnnliche Hand, klopfte dem Jungen -- sein Vater
war zufllig der reichste Bauer in Horneck und stand mit dem Herrn
Superintendenten in ziemlich naher Geschftsverbindung -- freundlich auf
die Schulter, und ermahnte ihn, in Flei und Eifer so fortzufahren wie
bisher, rrrrrrrrrrrrr.

Als dies beseitigt war, flsterte der Pastor dem frommen Herrn etwas
in's Ohr, dieser nickte beifllig mit dem Kopfe, wandte sich dann an den
Schullehrer und sagte:

Drfte ich Sie bitten, Herr Hennig -- Ihr Buch -- ich wnschte eine
kleine Religionsstunde zu halten -- hm.

Wir haben heute Morgen schon Religionsunterricht--

Ich wei es, ich wei es -- bitte -- so schn -- hm.--

Und der Herr Superintendent lie sich, die Klemmbrille fest auf die
Nase gedrckt, hinter dem Katheder nieder, faltete die Hnde ber den
aufgeschlagenen Katechismus, warf einen andchtigen Blick zur getnchten
Decke empor -- hustete und rusperte sich und sprach dann mit weicher,
andchtiger Stimme:

Betet, lieben Kinder -- Vater unser, der Du bist im Himmel--

Geheiliget werde Dein Name! fiel das Chor, den gewonnenen Anlauf rasch
benutzend, ein, und das Gebet des Herrn sagten sie mit so richtigem
Ausdruck und so guter ruhiger Ordnung her, da sich der Herr
Superintendent nicht erwehren konnte, einige Male beifllig mit dem
Kopfe zu nicken.

Nachdem dies beendet, ging er auf den Katechismus ber, und that hier
die wunderlichsten Kreuz- und Querfragen, so da die Schler, in dem
Fach berdies nicht ganz fest, da Hennig es nicht fr nthig hielt, mit
dem Auswendiglernen einer Masse von Sprchen zu qulen und zu ermden,
anfingen, ngstlich zu ihrem Lehrer aufzuschauen und eins um's andere
mit Glanz feststaken. Die Stirn des Herrn Superintendenten umfinsterte
sich dabei mehr und mehr, auch der Herr Pastor schttelte ein paar Mal
sehr bedenklich mit dem Kopfe und einem losbrechenden Unwetter wurde
wohl nur durch ein paar gute Antworten der ersten Mdchenklasse
vorgebeugt, von denen besonders die eine, des Wirths Tochter aus
Horneck, eine so fatale Rckfrage that, da sich der Herr Pastor und der
Superintendent verlegen dabei ansahen, und rasch auf ein anderes Kapitel
bersprangen.

Gott ist ewig! sagte der Herr Superintendent und wandte sich damit an
einige Kleineren in der Klasse -- wit Ihr was das heit -- Du da --
hm.

Er hat keenen Anfang gehabt, sagte der, auf dem sein Blick ruhte,
indem er mit Zittern von seinem Sitze aufstand -- so kann er auch kein
Ende haben, und was keinen Anfang und kein Ende nich hat, das ist ewig.

Gut -- hm, nickte der fromme Herr und wandte sich gleich darauf mit
freundlichem Blick zu demselben, dessen Schreiben er vorher gelobt.--

Nun sage mir einmal, Peter Schwelbe, wenn also Gott keinen Anfang
gehabt haben soll, wann ist er denn da eigentlich geboren?

Der Junge sah stier und verdutzt vor sich hin, kratzte sich erst mit der
Rechten, dann mit der Linken in dem struppigen Kopf, wischte sich die
Nase mit dem Aermel, sah erst den Superintendenten und dann den Ofen an
und sagte endlich:

Davon haben wir keene Kenntni niche.

Sieh, lieber Schwelbe, entgegnete darauf der Superintendent, ohne,
wie er das bei anderen Fragen gleich gethan, zu dem Nachbar berzugehn,
wenn Gott gar keinen Anfang gehabt hat, was kann er denn auch also
nicht sein?--

Das wissen wir noch nicht! erwiederte Peter abermals unerbittlich,
whrend sich die kleineren Jungen unter einander zuflsterten:

Geboren -- geboren -- geboren.

Geboren, Peter, geboren kann er nicht sein, sagte der Herr
Superintendent und nickte dem Bengel wohlwollend zu, als ob _er_ die
Frage beantwortet habe. Ah Du da -- hm -- der Nchste -- Du zeigst mir
wohl einmal Dein -- hm -- Dein Thema von der letzten Predigt -- komm,
schnell -- und er streckte den Arm gegen den verdutzt dasitzenden
Jungen aus und winkte dazu mit den Fingern. Nun? -- hm -- wird's bald
-- hm, rrrrrr? wiederholten Sr. Ehrwrden, ich habe doch deutlich
genug gesprochen -- Dein Thema rrrrr -- wo hast Du's?

Sie entschuldigen, nahm sich hier Herr Hennig des Jungen an, ich
lasse die Knaben das Thema in der Kirche nicht aufschreiben, weil--

Sie lassen das _Thema_ nicht aufschreiben, Herr Hennig, rrrrrrrr?
sagte, sich in unbegrenztem Erstaunen nach ihm umwendend, der fromme
Herr -- Sie lassen das Thema nicht aufschreiben? rrrrr.

Ich habe gefunden, daߠ--

Ich bitte, da Sie _gar_ Nichts finden -- hm -- Herr Hennig, rrrrrr --
unterbrach ihn aber mit scharf verweisender Stimme der Superintendent --
gar Nichts finden, hm -- rrrrrrrr -- sondern den von mir -- hm --
von mir verordneten Regeln -- ja Regeln rrrrr -- folgen, wie sie Ihnen
vorgeschrieben sind rrrrr. -- Ich hoffe, da ich das nchste Mal ein
Thema finde, Herr Hennig -- rrrrrr -- hm -- hm -- da ich das nchste
Mal ein Thema finde rrrrrrrr.

Der Superintendent schwieg einen Augenblick und sah mit etwas erhitztem
Angesicht die ngstlich dasitzenden Knaben an, endlich wandte er sich
wieder an den, von dem er das Thema zuerst gefordert und sagte:

Also weit Du auch gar nicht, was gestern gepredigt worden ist? rrrrr
und

O ja, fiel der Junge, der sich hier auf festem Grunde wute ein --
das wee ich!

So? -- hm -- und was? hm -- wenn man fragen darf rrrr?

Wie viel es ntze, sagte der Knabe, einer der besten Kpfe in der
Klasse -- wenn wir den Ausspruch des Gamaliels, Apostelgeschichte 5,
34-42. >Menschenwerk vergeht, Gotteswerk besteht< zu unseren Grundstzen
nehmen.

=a.= dann werden wir vielen Zweifeln entgehn.

=b.= wir werden uns vor so manchen verkehrten Urtheilen bewahren.

=c.= wir werden unsere Tugend vor vielen Gefahren schtzen.

Hm -- gut -- hm -- gut geantwortet, sagte der Herr Superintendent,
vielleicht nicht einmal ganz zufrieden, bei dieser Gelegenheit keinen
weiteren Anla zum Tadel gefunden zu haben. Die brigen Knaben, die
er frug, waren brigens fast eben so taktfest und er begann jetzt,
biblische Sprche zu examiniren, von denen ihm die Kinder immer gleich
aus dem Kopfe die Quellen angeben muten. Hierin fand er sie ebenfalls
wieder nicht besonders gebt, denn Hennig hielt es fr ntzlicher,
seinen Zglingen den Sinn der Sprche als den Ort, wo sie in der
Bibel standen, einzuprgen, der Herr Superintendent waren aber anderer
Meinung, fuhren jetzt die Kreuz und Quer im alten und neuen Testament
herum und citirte und tadelte so lange, bis zufllig ein kleiner
Bursche aus einer Ecke heraus einen der von dem gestrengen Examinator
angegebenen Sprche nachschlug und augenblicklich triumphirend --
natrlich aber in aller Unschuld, verkndete, da der bezeichnete Spruch
nicht da -- sondern da und da zu finden wre.

Die Knaben flsterten unter einander, der Herr Superintendent aber, der
sich nicht wenig rgerte, hier eine so fatale Ble gegeben zu haben,
und den Eindruck doch gern verwischen wollte, ging rasch auf die
biblische Geschichte ber, in der er sehr bewandert war, und sogar ohne
Buch die Fragen scharfsinnig genug stellen konnte, um selbst den Pastor
und Schulmeister, worauf es jetzt besonders angelegt war, in Erstaunen
zu setzen. Zu seiner Ueberraschung fand er die Kinder jedoch darin viel
fester als er erwartet, und bekam ganz gute Antworten. Das bse Geschick
trieb ihn jedoch, mit unerbittlicher Strenge gerade auf _einen_ Punkt
hin, an dem er scheitern _mute_ -- ein unglcklicher Zufall brachte
ihm die Familie Noah auf die Lippen und kaum war die Frage heraus,
wer Japhets Vater gewesen, als die ganze Classe in ein unwiderstehlich
schallendes Gelchter ausbrach.

Der Herr Superintendent stand erstaunt und scho dabei einen so
strengen, Unheil kndenden Seitenblick auf den Lehrer _dieser_ Schule,
da Hennig, wre er von anderem Stoff als er gerade war, gewesen,
jedenfalls htte in die Erde sinken mssen, so aber bi er selbst, das
Komische des ganzen Auftritts mehr, als irgend einen bedeutungsvollen
Ernst fhlend, die Lippen zusammen und sah still vor sich nieder.

Der Pastor glich einer Statue stummen Entsetzens, und stand da, wie wenn
der Himmel sich jetzt wirklich unmittelbar genthigt sehen wrde, auf
sie alle herunterzukommen, und mit Mann und Maus in der Schulstube
zusammen zu quetschen und zu begraben.

Herr Hennig, brach sich da endlich der bis jetzt nur allem Anschein
nach, durch seine Ueberraschung zurckgehaltene Zorn und Unwille des
frommen Herrn die Bahn, und damit auch eine Pause, in der selbst die
ausgelassensten der Schuljugend das frchterliche Vergehen, dessen sie
sich schuldig gemacht, zu begreifen anfingen, und still und verlegen,
bald den Herrn Pastor, bald ihren Lehrer anschauten. Herr Hennig --
drft ich _Sie_ vielleicht um eine Erklrung dieses Auftritts, rrrrrrr
-- an dem Sie sich selbst, wie mir fast vorkommen will, zu ergtzen
scheinen, _ersuchen_ rrrrrrrrrr? -- und er sprach das letzte Wort mit
einem so beienden Nachdruck, da Hennig bald merken mute, in wie hohem
Grade sein mchtiger Vorgesetzter ber ihn erbittert sei.

Herr Superintendent, nahm er deshalb um nicht selber noch muthwillig
den Groll zu erhhen, das Wort, die Kinder sind ungezogen gewesen,
whrend des Religionsunterrichtes zu lachen, gerade heute und bei
dieser Frage wrden Sie es aber auch entschuldigen, wenn Sie den
Verstandesbungen mit beigewohnt htten, wo Einer von den Kleineren
eine, ebenfalls sich auf Noah beziehende Frage so komisch beantwortete,
da wir Alle lachen muten. -- Die neue Nennung des Namens ruft dies
jetzt in das Gedchtni der Kinder zurck, und es ist wohl natrlich,
da sie dabei nicht ernsthaft bleiben konnten; kam mir doch selbst das
Lachen an, und mute ich mir Mhe geben, es zu unterdrcken.

Das ist recht hbsch von Ihnen, Herr Hennig, sehr hbsch, Herr Hennig
-- rrrrrr -- und Sie mgen das, wie ich gar nicht bezweifeln will --
wenn Sie allein mit den Kindern sind, Herr Hennig rrrrrrrr, auch so
halten -- obgleich es mir -- der guten Sache wegen, versteht sich,
eigentlich lieber wre, wenn es _nicht_ geschhe -- rrrrrr -- in meiner
Gegenwart aber, und in den wenigen Minuten, die ich hier in Ihrer
Schulstube gegenwrtig bin, rrrr, mcht' ich mir das in Zukunft
hflichst verbeten haben, Herr Hennig -- rrrrrrrrrr.

Herr Superintendent, ich versichere Sie--

Und noch auerdem mchte ich Ihnen bemerken, Herr Hennig, da ich in
Ihrer Classe berhaupt, und mit groem Misfallen eine Unaufmerksamkeit
finden mu, die nie, am allerwenigsten aber in einem Religionsunterricht
statt finden sollte -- rrrrrrr.--

Herr Superintendent--

Wir haben noch keine Emancipation, Herr Hennig, rrrr -- unterbrach ihn
der fromme Herr, der fest entschlossen schien, den Schullehrer gar
nicht zu Worte kommen zu lassen, auf's Neue wir haben noch keine
Emancipation, sage ich Ihnen, und es thut mir ungemein leid, rrrrrr
-- Nichts gnstigeres ber Sie und die Ihnen anvertraute Schule an
ein hohes Consistorium berichten zu knnen -- wir haben noch keine
Emancipation, Herr Hennig rrrrrrrrrrr.

Wollte Gott wir htten sie, Herr Superintendent, fiel ihm aber jetzt
Hennig, dem das Blut auch berzuwallen begann, vor all den Kindern so
unwrdig behandelt zu werden, in's Wort -- dann htte dieser Auftritt,
der nur bestimmt zu sein scheint, den Lehrer um die Achtung der Kinder
zu bringen, nie und nimmer statt finden knnen.--

Herr Hennig! riefen der Herr Superintendent und der Herr Pastor in
einem Chor, voll starren staunenden Entsetzens.--

Wollte Gott wir htten sie wiederholte aber, jetzt von seinen Gefhlen
ganz hingerissen und bewltigt, und unbekmmert um irgend einen der
Vorgesetzten, der junge Mann, da der Geist des Lehrers frei und
stark die von ihm erfate Bahn festhalten und verfolgen knnte, und
segensreich auf das Schicksal seiner ihm anvertrauten Zglinge, auf das
Schicksal knftiger Geschlechter einwirken _drfte_ -- kein Heil ist fr
Deutschland zu erwarten, so lange der Lehrer unter die Oberaufsicht von
Leuten _erniedrigt_ wird, die vom Schulwesen Nichts verstehn, und sich
doch ein Urtheil ber ihn anmaen, und in deren Hnden es noch berdie
liegt durch heimliche Conduitenlisten den so schon genug Unterdrckten
noch gnzlich zu verderben, indem sie Beschuldigungen auf ihn
hufen, oder ihn durch Anklagen verdchtigen, gegen die er sich nicht
vertheidigen kann, weil er sie nicht einmal erfhrt, und erst in ihrer
verderblichen Wirkung kennen lernt.--

Herr Hennig rrrrrrr -- riefen aber jetzt der Herr Superintendent, der
in seinem Grimm und Staunen bald roth und bald bla geworden war, und
dem _also_ Aufgeregten, der nicht einmal seinen Stand mehr achtete, und
es, mit einer Khnheit, die _ihm_ beispiellos dastand, wagte, vor der
ganzen Schule in solcher Art gegen ihn aufzutreten, auch am Ende gar
noch etwas Schlimmeres -- vielleicht gar Thtlichkeiten zutraute --
Herr Hennig, rrrrrrr -- wir werden uns rrrrrrrr -- wir werden uns
wieder sprechen, rrrrrrrrr -- 'pfehle mich Ihnen Herr Hennig --
rrrrrrrrr -- 'pfehle mich Ihnen Herr Hennig -- rrrrrrrrrrrrr.

Durch den Schwarm der ngstlich und schnell Raum gebenden Knaben brach
er sich Bahn, und verlie, von dem Pastor gefolgt, rasch die Schule. --
Etwa hundert Schritt von deren Thr entfernt, hielt sein Wagen, denn er
war mit Willen nicht ganz vorgefahren, um den Lehrer besser berraschen
zu knnen. Nach einigen, mit Pastor Scheidler nur noch flchtig
gewechselten Worten, stieg er ein, rief dem Kutscher den Namen des
Orts zu, den er besuchen wollte, und rollte gleich darauf, von den
neugierigen Blicken der Dorfbewohner verfolgt, den Weg entlang, der auf
das nur etwa anderthalb Stunden entfernte Bachstetten zufhrte.

Hennig war indessen, die sich schchtern zusammendrngenden Kinder
nicht weiter betrachtend, in dem engen Raum, der ihm vor den Bnken frei
blieb, mit raschen Schritten und verschrnkten Armen auf und abgegangen,
als sich die Thr wieder ffnete, und Pastor Scheidler noch einmal
herein trat. Er blieb jedoch auf der Schwelle stehn und als Hennig zu
ihm auf, und die Kinder nach ihm umschauten -- sagte er zu diesen mit
freundlicherer Stimme als sie es vielleicht erwartet:

Ihr knnt zu Hause gehn -- es wird gleich zwlf schlagen -- haltet
hbsch Ordnung.

Still und geruschlos glitten Knaben und Mdchen, denen es anfing
unheimlich in dem Raum zu werden, an ihm vorber, ins Freie hinaus und
der Pastor wandte sich, als auch der Letzte das Zimmer verlassen, mit
wohl ernsten, aber nichtsdestoweniger herzlichen Worten an den gereizten
jungen Mann, der im Anfang schon eine zweite Strafpredigt erwartet
hatte, und -- jedes eigene Interesse hintenansetzend, fest entschlossen
schien, sich keiner gewaltigen Hand mehr zu beugen, jetzt aber, durch
die freundliche Stimme erst berrascht, bewegt wurde -- einen Augenblick
schwieg und dann, ihre sonstige Stellung ganz vergessend, des Pastors
Hand ergriff und mit leiser, fast bittender Stimme sagte:

Sein Sie mir nicht bse, Herr Pastor, da ich mich eben von meiner
Heftigkeit so hinreien lie, gegen den Herrn Superintendenten so harte
Worte auszustoen. Ich will allerdings nicht leugnen, da sie ernstlich
gemeint waren, ich mte sonst, wollte ich das, mein eignes Selbst mit
abschwren, aber sie sollten den alten Herrn nicht beleidigen, und ich
frchte fast, da das geschehen ist -- darf ich auf Ihre Gte rechnen,
darin ein freundliches Wort fr mich einzulegen?

Lieber Hennig, erwiederte ihm hierauf der Pastor -- Sie haben ein
Versehen gemacht, das Ihnen, frchte ich, nicht so leicht vergeben
werden wird, als Sie jetzt zu denken scheinen -- der Herr Superintendent
fuhr in uerster Entrstung fort, und -- es thut mir leid, es sagen zu
mssen -- er hatte in der That recht.

Herr Pastor.

Ja ja, lieber Hennig, ich habe sonst, wie Sie recht gut wissen, nur
sehr wenig gegen die Art einzuwenden, wie Sie Ihre Schule halten
-- _gar_ nichts dabei gegen Ihren eignen Flei und Eifer, die
Unaufmerksamkeit Ihrer Classe war aber heute wirklich auffallend, und
ich kann es dem Herrn Superintendenten gar nicht verdenken, da er ein
paar tadelnde Worte darber sprach, ja ich glaube, es ist sogar, was er
gethan, nur seine Pflicht und Schuldigkeit gewesen.

Herr Pastor, nahm da Hennig ernst und ruhig das Wort, ich glaube,
da Sie es gut mit der Schule -- und auch mit _mir_ meinen; ich will es
wenigstens hoffen, denn ich habe gerade Ihnen noch nie Gelegenheit zum
Gegentheil gegeben. Das Herz in der Brust thut Einem aber weh, wenn
man sich nun das ganze Jahr in der Schule mht und qult, seine besten
Krfte, seine besten Lebensjahre daran wendet, etwas Tchtiges und
Ordentliches aus den Kindern zu ziehen -- wenn man den richtigen
Saamen in ihre Seele gelegt, und dafr auch deren leiseste fernste
Seelen_krfte_ kennen gelernt hat, und nun einen Mann hereinkommen
sieht, den Gott -- Sie verzeihen mir den Ausdruck -- zufllig zum
Superintendenten gemacht, der von der Schule nur wenig, von der
Behandlung der Kinder gar Nichts versteht, seine eigenen selbstschtigen
Ansichten mit herein bringt, berall anstt, von den Kindern heimlich
ausgelacht wird, da sie, bei den Blen, die er giebt, bald durchschauen
mssen, was eigentlich hinter ihm steckt, und der denn doch Macht
und Gewalt genug hat, gerade den, den die Schler am hchsten achten
sollten, ihren Lehrer, in den Staub nieder zu treten und zu vernichten.
Gerade der _Uebermuth_, Herr Pastor, ist es, der endlich selbst einem
armen Dorfschulmeister hat den Nacken heben, und das unertrgliche Joch
fhlen lassen, und _das mu_ abgeschttelt werden, Herr Pastor, oder
nicht allein _wir_, das wre das wenigste, und Deutschland brauchte
nicht zu trauern, nein, die ganze knftige Generation geht zu Grunde,
und mu zu Grunde gehen. Der Fluch komme dann auf die Hupter derer, die
es verschuldet.

Da die Kinder unaufmerksam wurden, fuhr er nach einer Pause von
wenigen Secunden fort, ist kein Wunder -- sie waren abgespannt -- der
Religionsunterricht vorher, dann die Verstandesbungen, dann wieder
Religionsunterricht, wo soll da die Aufmerksamkeit herkommen? Danach
aber fragt der Superintendent nicht -- wie sein Wort die Dienste des
Lehrers fesseln kann, glaubt er auch den Geist der Kinder in der Hand
zu haben; der aber ist leicht und frhlich, und wenn ihn die Krause auch
schrecken kann, fassen und unterdrcken wird sie ihn nur langsam und
nur -- nach einem systematischen Mordplan -- dem er endlich unterliegen
mu.

Sie gebrauchen etwas starke Ausdrcke, lieber Hennig, aber ich will
das Ihrer jetzigen Aufregung zu Gute halten, und Ihnen einen Vorschlag
machen, der vielleicht nicht allein die ganze eben vorgefallene
Geschichte mit dem Herrn Superintendenten, und zwar selbst bei diesem
in Vergessenheit bringt, sondern Ihnen auch von wesentlichem Nutzen sein
kann. Ich wenigstens wei nichts auf der Welt, was ich Ihnen abschlagen
knnte, wenn Sie nur die eine Mal diesem, meinem Rathe folgen wollten.

Und der wre? sagte Hennig aufmerksam werdend und gespannt -- ich
habe doch sonst in allen Stcken, Herr Pastor, gerade Ihrem Rathe so
gern und willig Folge geleistet.

Ja -- allerdings -- in _fast_ allen Stcken -- nur in dem einen nicht,
und doch knnte gerade dieses eben jetzt die Folge recht bser und
unangenehmer Folgen fr Sie sein -- Sie verstehen was ich meine?

Der Lehrer nickte traurig und schweigend mit dem Kopfe, und sagte
endlich, nachdem er lange und sinnend vor sich niedergestarrt:

Aus dem Herzen soll ich all' meine Hoffnung, mein festes heiliges
Vertrauen auf eine Zukunft reien, elend und arm soll ich, mich selbst
verachtend, dastehen in der Welt, und -- dafr wollen Sie ein hastig
gesprochenes Wort vergessen, und mir wieder gndige -- _Herren_ sein.

Herr Hennig!

Zrnen Sie mir nicht, Herr Pastor, da ich nicht anders handle, als ich
es eben thue -- wre ich _hier_ schwankend, wer brgte Ihnen dann dafr,
da ich in meinem Eifer, in meiner Liebe zu den mir anvertrauten
Kindern nicht auch schwankend wrde? Lassen Sie mich auf meiner Bahn
fortschreiten, und Alles ber mich ergehen, was da ergehen soll -- ich
frchte berdie, da ich den Leidenskelch noch nicht _geleert_. -- Mag
der Herr Superintendent sein Aeuerstes thun, was jedenfalls geschehen
wird, wenn ich ihm nicht morgen sptestens zu Fen falle und um
Verzeihung bitte -- mag er die Blitze des Consistoriums auf mich herab
beschwren, ich bleibe meinen Ansichten treu, und gerade _Sie_, Herr
Pastor, zu dessen _besten_ Eigenschaften seltne Charakterfestigkeit
gehrt, werden mir darber am wenigsten zrnen drfen.

Ich wei nicht recht, sagte der geistliche Herr, keinesfalls mit
dem Resultat zufrieden, und halb verlegen lchelnd, ob die >beste
Eigenschaft< eine Schmeichelei oder eine -- Grobheit fr mich sein soll,
will sie jedoch im besten Sinne nehmen. Damit kommen Sie brigens nicht
durch, Hennig -- damit kommen Sie nicht durch. -- Wenn ein vernnftiger
Mensch mit dem Kopfe absolut durch eine Wand fahren will, so prft
er wenigstens vorher, ob sie aus Stein oder Lehm besteht, und ist
das erstere der Fall, so giebt er es auf -- oder er ist eben kein
vernnftiger Mann mehr. Sie, lieber Hennig, wollen mit dem Kopfe durch
eine solide Steinwand brechen, erlauben Sie mir aber die Bemerkung, da
der Stein doch noch etwas hrter ist, als Ihr Kopf, und das Resultat
kann da, nach allen Gesetzen der gesunden Vernunft, auch nicht im
Mindesten mehr zweifelhaft sein. Ich meine es gut mit Ihnen, und wrde
Ihre Befrderung zu einer besseren Stelle mit Freuden gesehen haben,
stoen Sie aber jede Hand, die Ihnen Hlfe bietet, gewaltsam von sich,
so wundern Sie sich auch nicht, wenn sich Ihr Schicksal, wenigstens
nicht in nchster Zeit so gnstig gestalten sollte, als Sie es
vielleicht wnschen. Ich will Sie jetzt mit Ihren Gedanken allein lassen
-- berlegen Sie sich noch einmal, was ich Ihnen gesagt -- auch nicht
einmal ein Zugestndni verlange ich dann von Ihnen, nur Ihr Betragen,
nur Ihre ganze Handlungsweise mag mir in nchster Zeit beweisen, ob
Sie zur Vernunft gekommen sind, ob Sie den Versuch mit der Mauer noch
wirklich machen wollen.

Er verlie die Schule, und Hennig stand in dem den, leeren Raum allein.




Zehntes Kapitel.

Die Verabredung.


Der Abend brach an, die Sonne sank hinter den glhenden Gipfeln der
Bume in ihr rosenbestreutes Bett und hier und da funkelte einer
der klaren blitzenden Sterne nach dem andern von dem mattblauen
Himmelsgewlbe nieder.

Auf dem Hofe des Rittergutes zu Horneck sah es ziemlich still und leer
aus, die Knechte waren noch in der Schenke oben, oder saen in der
Gesindestube -- die Mgde melkten die Khe, um recht bald fertig zu
sein, und den Tanz nachher nicht zu versumen, und die Brennerei und
andere Gebude standen fest verschlossen. Nur im Zimmer der Herrschaft
brannte helles Licht und eine laute Stimme schallte manchmal von
dort herber ber den stillen Hof, da Eines oder das andere vom
vorbergehenden Gesinde wohl einen Augenblick stehen blieb, zuhorchte,
dann mit dem Kopfe schttelte und weiter ging.

Die breite steinerne Treppe, die, von zwei Seiten und in der Mitte
zusammenlaufend, zur Eingangsthre der herrschaftlichen Wohnung
hinauffhrte, stieg jetzt ein Mann hinauf, der wohl schon eine
Viertelstunde unten im Schatten der Kastanien gestanden und der Stimme
gelauscht hatte. Er blieb auch auf den Stufen noch einige Male stehen,
und schien berhaupt gar nicht so recht entschlossen, ob er weiter gehen
oder vielleicht gar lieber wieder umkehren solle. Endlich entschied er
sich aber doch wohl fr das erstere, sprang schnell die noch wenigen
Stufen hinauf, ffnete rasch die Thre und sah gerade wie von dem
Schlsselloch links -- nach derselben Stube hinein, aus der das laute
Sprechen tnte, eine dunkle Gestalt blitzesschnell zurck und der in die
Gesindestuben niederlaufenden Treppe zufuhr.

Poller! rief aber der eben Gekommene, und der junge Bursche, der hier
so unversehens beim Horchen ertappt worden, wandte sich rasch um und
blieb stehen.

Poller -- pst! wiederholte aber der Erstere, auf ein Wort!

Hallo, Krautsch, sagte mit berraschter, aber unterdrckter Stimme der
Horcher, und kam mit geruschlosen Schritten auf diesen zu -- was zum
Teufel fhrt Dich denn eigentlich hierher -- la Dich nur um Gottes
Willen nicht -- und besonders _heute_ nicht von dem gndigen
Herrn blicken, der ist schon wthend genug auf Dich wegen Deines
Wilddiebstahls, eine Snde, die Du einmal nicht lassen kannst, und heute
kmst Du ihm auerdem gerade recht.

Nu, was giehts denn grade hinte an en Sonndag? frug Krautsch -- hot
he sich mit Jemand gezankt?

_Mit_ Jemand? -- nein, die, welche Ursache htte gegen ihn zu zanken,
thut den Mund nicht mehr auf, so gut sie auch sonst die Zunge zu
brauchen wute!

Was? -- habt' Ihr ene Leiche im Haus? rief Krautsch erstaunt.

Nein, frchte Dich nicht, lachte Poller -- 's ist nur die neue Frau
von Gaulitz, die jetzt Schlge kriegt nach Noten.

De Frau von Gaulitz Schlge? -- Papperlapapp, sagte unglubig der Mann
-- ja, wenn unse Eeener verheirath' is, und seiner Olen eimal ene im
Vertrauen sticht -- aber die gndige Frau von Gaulitz--

-- Wird von dem alten Schuft mihandelt, da es eine Art hat, ergnzte
Karl Poller in nicht gerade ehrerbietiger Weise des Freundes Rede --
Die Geschichte spielt brigens schon ein paar Monate -- ja seiner
ersten Frau, einer wirklichen Dame, hat er's nicht besser gemacht, und
da braucht sich die jetzige, seine frhere Haushlterin, denn auch nicht
zu wundern, da es ihr nicht besser geht -- na, _verdient_ hat sie's --
wenn auch nicht gerade um ihn.

Verdient? -- wie so? frug Krautsch neugierig.

Hm, meinte Poller wichtig -- das sind Familiengeheimnisse, die besser
>unter uns< bleiben -- man hat auch seine Rcksichten zu nehmen. --
Aber was fhrt Dich eigentlich auf's Schlo her, willst Du wirklich den
gndigen Herrn selbst sprechen.

Ne, ich danke, brummte der Wilddieb, dr mechte mer schiane uf de
Hucke steigen -- ich wulle Dich sprchen -- he Karl, wie stiahts denn
egentlich mit meiner Geschichte -- han ich was zu ferchten, un is es
verleicht besser, ich bin emal Morgens ganz wegg?

Besser _jedenfalls_, erwiederte ihm vorsichtig Poller -- auerdem
liegt der Wilddiebstahl nicht allein gegen Dich vor, sondern ich wei
aus ganz sicherer Quelle, da, der Teufel mag errathen woher, noch eine
andere Klage gegen Dich aufgetaucht ist, die -- doch Du wirst schon
wissen, was ich meine.

Dunnerwetter! rief, aber mit ganz leiser, erschreckter Stimme der
Bursche -- das wiare en schiane Geschichte, aber Mosje Poller, in dr
stiaken mer nich alleene drin -- zu _dr_ sein noch angere Personen
nethig, die nachens eben so dusemang fortmachen kennten wie unser Ener.

Sprich nicht so laut, flsterte Poller -- ich wei wohl, es ist eine
verfluchte Bescheerung und ich werde Dich darin nicht im Stiche lassen;
ich kann's aber am besten noch abwarten, denn _hier_ sitz ich an der
Quelle, und bin jeden Augenblick im Stande, zu erfahren, wie die Sachen
stehen. Ist's nachher Zeit, nun zum Henker noch einmal, dann mt's
ja keine Eisenbahnen geben, und so viel, da man nicht gerade gleich
_verhungert_, nun dazu wird wohl noch Rath werden.

Here, bei dem _Verhungern_, flsterte Krautsch, fllt mer en
verflucht guder Gedanke in -- wie wrsch denn nu, wenn mer--

Pst! sagte Poller, und horchte aufmerksam nach der Thr herber,
hinter der der Lrmen gerade von Neuem auszubrechen schien -- jetzt
geht's wieder los, na der klopft seine eine Hlfte in der Nacht noch
windelweich -- so einen Mann wnscht' ich mir auch, wenn ich eine Frau
wre -- alt, geizig wie ein Harpar, hlich wie die Nacht, ein Tyrann
wie ein Tiger und ein frommer Betbruder dabei, der so voller Bibelverse
steckt, wie ein alter Kse voller Maden.

Jetzt sagt _sie_ wuhl was? flsterte Krautsch, hinberhorchend.

Poller erwiederte Nichts, sondern schlich nur, whrend im Innern die
klagende Stimme der Frau laut wurde, vorsichtig wieder auf seinen alten
Platz zur Thre, und legte erst das Auge und dann das Ohr so dicht als
mglich an das Schlsselloch an.

Ich bitte Dich um Gottes Barmherzigkeit Willen, Gaulitz, schlage mich
nicht mehr, flehte die Frau, was habe ich Dir denn zu Leide gethan,
da Du Alles das, was Du mir frher geschworen, so ganz vergessen
hast, und mich jetzt wie eine Verbrecherin behandelst -- wohl _bin_ ich
schuldig und heute -- heute seh' ich ein, was ich an _ihr_ begangen,
aber Du wahrlich solltest doch der letzte Mann auf der weiten Gotteswelt
sein, der mich darum mihandelte.

Hinaus mit Dir -- hinaus und in die Gesindestube hinunter, wohin Du
gehrst, rief aber jetzt, durch diesen Vorwurf wohl um so mehr gereizt,
da er so sicher gezielt war, da er das schlummernde Gewissen des Mannes
im innersten Herzen traf, der Oberpostdirector -- in die Gesindestube
mit Dir und--

Hlfe! schrie die Frau, und ehe Poller, der in diesem Augenblicke
gerade versucht hatte, einen Blick in das Innere zu gewinnen, im Stande
war, zurckzufahren, flog die Thr auf und traf den Horchenden mit
solcher Gewalt an die Stirn, da er rcklings zur Erde geschleudert
wurde. Krautsch behielt eben noch so viel Zeit, sich in die
Fensterbrstung zu drcken. Poller aber fhlte sich, ehe er im Stande
war, wieder in die Hhe zu springen und zu entfliehen, in der krftigen
Faust des Oberpostdirectors, der den Stock, den er eben in der Hand
hielt, derb auf Kopf und Schultern niederfallen lie und den armen
Teufel so lange bearbeitete, als er nur noch einen Arm mglicher Weise
rhren konnte.

So -- Canaille! rief er endlich, als er erschpft inne halten mute,
da-- und er stie ihn verchtlich mit dem Fue von sich -- das
hast Du fr's Horchen und ich will Dich lehren, Deine Ohren wieder an
Zimmerthren zu legen, hinter denen ich spreche -- thust Du's, dann sei
versichert, da ich Dich Jesum Christum noch besser erkennen lehre.

Damit trat er zurck, warf die Thre hinter sich mit aller Gewalt in's
Schlo und lie den Mihandelten fast bewutlos vor Schmerz und Wuth auf
der Erde liegen.

Dieser raffte sich endlich mit leisem Sthnen und einem bitteren,
zwischen den Zhnen hervorgemurmelten Fluch auf und wandte sich, als
ob er die hintere Treppe hinunter gehen wollte, Krautsch aber glitt in
diesem Augenblicke aus der Fenstervertiefung vor, fate den Freund am
Arm und zog den nicht Widerstrebenden, ohne weiter ein Wort mit ihm zu
wechseln, zur vordern Thr hinaus, die steinerne Treppe, dem Thore
zu, hinunter, und vor das Gut, in den dicht daran stoenden in dieser
Abendzeit sonst von keinem Menschen betretenen Obstgarten hinaus.

Nun, was hast Du? -- was soll? knurrte Poller endlich, mrrisch
und erzrnt genug, als sein Freund hier, und an der hchstgelegensten
Stelle, von wo aus sie nach allen Richtungen hin das Nahen eines
Dritten leicht erblicken konnten, stehen blieb und lauschte, ob sie
auch wirklich allein und von Niemandem behorcht seien -- was soll die
Allfanzerei, Gott verdamm mich, ich fange an, es satt zu kriegen, vor
dem >gestrengen Herrn< da drinn Versteckens zu spielen. Hol' ihn der
Teufel, ich will mich nicht wei brennen, aber geniren wrd' ich
mich, die Sonne auf mich niederscheinen zu lassen, wenn ich ein
so niedertrchtiger und hundsfttischer Schurke wre wie der Herr
Oberpostdirector.

Willst Du Dich rchen, flsterte ihm Krautsch leise und vorsichtig
in's Ohr. Poller fuhr rasch nach ihm herum, und schaute ihm fest und
fragend in das schlau blinzende tckische Angesicht.

_Ob_ ich's will, sagte er nach einigen Secunden, aber wie? -- weit
Du ein Mittel? -- _verrathen_ darf ich ihn nicht -- ich stecke selbst
zu verdammt tief mit in alle den Geschichten, sonst gb' es Nichts
leichteres auf der weiten Gotteswelt, als _den_ Burschen Hals ber Kopf
in's Zuchthaus zu schicken.

Zuchthaus? meinte Krautsch verchtlich -- da sgst Du dernach aus, so
'ne hohe Perschon in's Zuchthaus zu kriegen, als ob die nich Winkelzige
genug kennten, drim herim zu gehn -- ene Krahe hackt der angeren de
Oogen noch lange nich aus, un wo mer sich hier nich selber hilft, da
husten Enen die Angeren erscht recht was -- ne Poller, aber ich wee Der
en Mittel -- machst De mit?

Nun heraus mit der Sprache -- erst mu ich's jedenfalls wissen, ehe ich
'was Bestimmtes dazu sagen kann -- he?

Ich habe schonst oben im Hause davon angefangen, als der Spektakel
losgung -- Du meentest doch 'was von Verhungern--

Hm -- und weiter.

Nun siehst De, fuhr Krautsch eben so leise fort -- wir zwee Beede
haben das Heifige gerade nich -- wenn mer aber so en Platz witen, wo
mer mit eenem Ruck -- verstehst De mich -- so was zesammen derwischen
kennten.--

Nun?--

Nu? -- ih nu, denn meen ich, mer lieen uns de Zeit nicht lange whren,
en griffen zu. -- Merkst De _noch_ nix?

Hm -- nun sprich aus, sagte Poller sinnend, und seinen Freund dabei
etwas mitrauisch von der Seite anschauend.

Da is weiter nischt mehr gro auszesprechen, brummte aber der Bursche
-- wenn De mich alleweile noch nich verstiahst, so hast'n Brt vorm
Kopp -- Willst es aber absolut deitsch haben, so kannst' es ooch kreihn
-- wie viele Geld hat der Postdirecter neilich mit heeme gebracht?

Wie viel? -- hm -- wenn wir _Beide_ es htten, knnten wir fr unser
knftiges Leben zufrieden sein.

Na also, un _worum_ kennen wir Beede das _nich_ etwa kreihn? Das mecht
ich wissen.--

Das geht nicht, sagte Poller nach kurzem finsteren Brten -- am Tage
ist das Zimmer, wo das Geld liegt, fest und sicher verwahrt, und liegt
so von den brigen Wohnungen umgeben, da an ein Einbrechen gar nicht zu
denken wre, und in der Nacht schlft jetzt, seit es auf dem Gute ist,
der Oberpostdirector selbst darin, und hat immer zwei geladene Pistolen
neben sich ber dem Bette hngen. Das Einzige wre--

Nu -- 'raus mit das Eenzige.

Das Einzige wre, wenn er einmal wieder in dieser Zeit sein
gewhnliches Reien bekme und das Bett den Tag ber hten mte; _dann_
ging es allenfalls, dann sind wir, ich und mein Alter, die einzigen
Personen, die zu ihm hinein drfen, und nachher -- Gift und Tod, das
mte eine Wonne sein, dem alten schurkischen Geizhals den so heilig
gehaltenen Mammon von der Seele reien zu knnen, und _das_ wre
allerdings eine Rache. Ich glaube, er lie, wenn ihm die Wahl gegeben
wrde, zehntausendmal lieber sein Leben als sein Geld, und verdammt will
ich sein, wenn er es da nicht auch ganz richtig taxirt. -- Wart Bursche,
den Karl Poller hast Du nicht umsonst wie einen Hund geschlagen und
getreten, und gedenken thut Dir's der, so lange er ein Glied rhren und
einen Plan ausbrten kann.

Also wenn er im Bette liggt, nachens kennten mer ankommen? frug
Krautsch.

Die Leute wren nur immer noch zu sehr im Weg, brummte Poller leise
vor sich hin -- wenn man nachher etwas auffinden knnte, sie alle
hinten nach den Scheunen hinzulocken.

Hm, das wre nu grade keene Kunst niche, lachte der Mann -- en kleen
Bischen Feier in's Untertenne mite ungeheier schiahn ausshn -- nachens
sterzten se sicher Alle hinger.

Brandstifter? sagte Poller erschreckt -- alle Wetter nein -- das geht
doch nicht -- da steht Kettenstrafe drauf und zehn oder funfzehn Jahre
mit einer Kette am Bein Straen zu kehren -- nein, damit wre der Spa
doch ein Bischen zu theuer erkauft.

Papperlapapp! sagte mit heiserem Lachen Krautsch, wenn mer sich
derwischen lt, so hat mer's nich wegen Brandstiften, sondern wegen's
d'Erwischen lassen verdient -- mer werd aber nich so dumm sin -- _mir_
kommen weck, davor sin mer sicher.

Ich wei doch nicht -- die Sache ist mir zu gefhrlich, das will ich
gerade nicht sagen, klingt aber zu bs und -- knnte Einen in verdammte
Verlegenheiten bringen -- ich will mir's lieber noch eine Weile
berlegen -- wir knnen morgen wieder einmal darauf zurckkommen.

Zurckkommen? brummte Krautsch rgerlich -- wenn se mich _vor_- und
die angere Geschichte rauskreihn, nachens, dcht' ich, sprchen mer
Beede nich sehre mehr von Zerickkommen, un da mer nu noch da sin, wr's
meiner Six de rechte Zeit. Nu, Poller, machst De mit?

Du willst das Feuer anlegen, und mich nachher -- la einmal sehen --
ja -- an der Blutbuche neben der kleinen Waldwiese treffen und wenn wir
dann im nchsten Dorf leicht einen Wagen kriegen knnten, der uns auf
den Bahnhof bis Tagesanbruch fhrte--?

Na ob -- ich bin en merkwirdiger Feierwerker -- aber wie wrsch denn,
wenn mer die Sache gleich morgen machten? da han se ja Treibjagd uff'n
Feldern.

Nein morgen geht es noch unter keiner Bedingung -- den Tag wrd' ich
schon bestimmen -- also _Du_ besorgtest das, und nachher?

Dann theelen mer.

Gleiche Hlften?

Nu verstht sich -- worum denn niche?

Hm -- ja, versteht sich ------ ich will mir die Sache doch lieber
noch einmal erst berlegen.

Poller wollte sich abwenden, um zum Schlo zurckzugehen, Krautsch frug
ihn lachend, ob er sich vielleicht noch eine zweite Tracht Prgel und
einige Futritte holen wolle -- der Oberpostdirector scheine gerade
dazu in der rechten Laune gewesen zu sein. -- Poller ging mit
untergeschlagenen Armen bis ans Thor des Obstgartens, blieb da stehen,
kehrte wieder zurck und flsterte dann mit dem ihn lchelnd Erwartenden
wohl noch eine halbe Stunde auf das Angelegentlichste zusammen, dann
glitt er leise und vorsichtig wieder in das Thor des Schlohofs hinein,
dessen kleine Pforte noch aufstand und erreichte auch, ohne vermit zu
sein, die Stube, die er mit seinem Vater theilte, whrend Krautsch durch
den Obstgarten hinging und am anderen Ende desselben ber die niedere
Lehmmauer stieg, die ihn von der in's Dorf hineinfhrenden Strae
trennte.




Elftes Kapitel.

Wahlert und Kraft.


Treibjagd in Horneck -- ei, was fr ein frhliches frisches Leben da
gleich ber die Leute kommt, die sonst so still und stolz ihre Bahn
gehen; ist es denn nicht gerade, als ob sie mit den Wasserstiefeln und
der Pelzmtze auch den Philister aus- und den vernnftigen Menschen
auf einmal angezogen htten, und nun mit ihres Gleichen, das heit, mit
anderen zweibeinigen Shnen Gottes, mgen sie ein paar tausend Thaler
mehr oder weniger im Vermgen haben, als sie selber, so freundschaftlich
und vertraut verkehren, als wie gerade mit -- eben ihres Gleichen?

Auf der Jagd hrt jeder Standesunterschied auf, die verschiedenen Herren
Barone, Grafen und Rittmeister von so und so sind eben nicht Barone,
Grafen und Rittmeister mehr, sondern einfach, mit den Bauern, Jgern,
Pachtern etc. etc. die Herren Schtzen, und die Hasenfelle kehren sich
eben so wenig an den Stand, sondern brennen durch, wo sie ein Loch
sehen, mag das nun durch einen Grafen oder Bauer gemacht sein.

Auf der Jagd hrt jeder Standesunterschied auf, lieber Leser? Bitte um
Verzeihung, wenn Du das glaubst, bist Du noch nie mit in _Horneck_ auf
der Jagd gewesen, denn gerade da wre Dir der Unterschied der zwischen
>von< und >nicht von< gemacht wurde, um so mehr aufgefallen, da Du ihn
in der einfachen, sonst so gemthlichen Dorfkneipe doch sicherlich nun
und nimmer vermuthet.

Herr von Gaulitz, dem die Jagd gehrte, hatte nmlich zu dieser,
der ersten Treibjagd in diesem Jahr, eine sehr groe Schtzenzahl
eingeladen, da die Aufhebung der Jagdgerechtigkeit zu nahe bevorstand,
um nicht wenigstens jetzt noch Alles todt zu schieen, was irgend
vorkam. An Schonen konnte gar kein Gedanke mehr sein, denn da er, wie
_ihm_ die Bauern geneigt waren, die Jagd unter keiner Bedingung von
denen in Pacht bekam, und wenn er sie wirklich htte auergewhnlich
hoch bezahlen wollen, lag auf der Hand. Die Losung hie daher, da auch
einige Stcken Holz sollten mit abgetrieben werden, Rikke und Bock,
und wenn Fasanen vorkamen, Hahn und Henne.

Druff uf Alles was rauch is, sagten die Bauern -- ich wre mich aber
hiten un en Reh schieen; die loofen mer gut genung bis zum nchsten
Jahre rim, un nachens han ich se slber -- nur rchte Lecher machen.[2]

  [2]: Lcher machen, beim Treibjagen nicht die richtige Entfernung
  von seinem Nebenmann halten, da eine zu groe Lcke oder ein _Loch_
  entsteht.

Da es aber nun auer aller Frage war, da der Herr Oberpostdirector von
Gaulitz eben die Sprlinge altadliger Geschlechter mit den Schtzen
-- die er nun doch einmal gezwungen war einzuladen, damit sein Treiben
nicht zu klein, und die Rehe und Hasen nicht verscheucht wrden, ehe
nur einmal zum Eindrcken abgeblasen wre -- nicht in eine und dieselbe
Stube sperren und mit einem und demselben Frhstcke versehen konnte, so
war der Wirth der Hornecker Schenke angewiesen worden, das gewhnliche
Gastzimmer fr die Schtzen und Treiber, oder mit anderen Worten fr
Alles, was zu Fu oder in Droschken kam, und das _grne_ Zimmer, zu
dem auch noch ein besonderer Eingang von auen fhrte, fr die
Herrschaften, oder alles das, was in eigenen Equipagen oder zu
Pferde kam, herzurichten. In der Gaststube gab es dabei Eierbier,
Franzbrdchen, Bratwrste und richtigen Korn; in der grnen Stube
dagegen Wein, Caviar, Schweizerkse, Franzbrdchen und Gnse- und
Schweinebraten.

Und vor der Thr standen die Treiberjungen in ihren abgerissenen Jacken
und Hosen -- denn zur Jagd wurde natrlich immer das Schlechteste
angezogen -- mit groen rauhgeschnittenen Stcken in der Hand, die Hnde
in die Jacken vorn gesteckt, und die schmutzigen Mtzen bis ber die
Ohren gezogen, und schauten sehnschtig hinein nach den wohlbesetzten
Tischen und zechenden Gsten, nach den lockenden Braten und gut
duftenden Wrsten. O, was htten sie d'rum gegeben, nur ein einziges
Mal so recht aus vollen Krften und mit unbeschrnkter Quantitt
hineinbeien zu drfen in all' das Wonneausstrmende -- nur ein einziges
Mal auch sich mit so fettigem Mund und Seligkeit strahlenden Zgen,
in der rechten Hand eine Gnsekeule, in der linken ein Glas blinkenden
Rothwein dastehen zu sehen, wie den kleinen dicken Mann in dem grnen
Rock und der flachen Mtze -- aber nein -- laufen durften Sie mit, und
Hasen schleppen -- angeschossenen nachjagen, bis sie nicht mehr konnten,
und Jagdtaschen tragen und Hunde fhren, aber sonst brauchten sie nichts
-- das Stckchen Schwarzbrod, was sie in der Tasche trugen, war ihre
einzige Nahrung -- und auch das fror manchmal, wenn der Nordwind so
recht ber die harten Sturzcker und durch ihre dnnen Kleider pfiff
-- auerdem bekamen sie auch wohl noch einen Schnaps und fnf
Silbergroschen auf den Tag.--

Aber den Anblick hatten sie frei -- sie konnten doch wenigstens sehen,
wie der lange Herr da mit dem groen Schnurrbart und dem riesigen Muff
um den Leib, ein halbes Franzbrod nach dem anderen die unermdliche
Kehle hinabsandte, und nur manchmal die Brod- und Fleischteller
verlie, um eine verhltnimige und angemessene Quantitt Flssigkeit
nachzusphlen -- oder jener beleibte Herr mit dem Pfaffengesicht --
nur ein Buchhndler aus der Residenz, aber Einer, der sich gern mit zur
Aristokratie zhlte, oder sich wenigstens unter jeder Bedingung dazu
hielt -- unbestimmte Massen in zu diesem Zwecke besonders mitgebrachtes
Papier einwickelte, und--

Wollt Ihr fort da, verdammte Jungen! fuhr sie in dem Augenblick eine
grimme Bastimme an, und die armen Teufel stoben wie Spreu vor einem
pltzlichen Sturmwind aus einander -- es war der Rittmeister von
Gaulitz, ein Vetter des Gutsherrn, der, einen wilden Blick um sich
herwerfend, und zornige Flche dabei in den fuchsrothen Bart murmelnd,
aus der Thre stolzirte, um sich drauen in frischer Luft von dem etwas
zu eifrig eingeladenen Frhstck ein wenig zu verschnaufen. Die Treiber
zogen sich etwas ngstlich vor der breitkrftigen Gestalt in
einen entfernteren Theil der Hausflur zurck, und die Thr zu den
Herrschaften wurde geschlossen.

Lebendiger und wo mglich noch weniger ceremoniell ging es in der
Gaststube zu, wo sich die eingeladenen Revierjger aus der Umgegend,
die Bauern, Verwalter etc. etc. mit Amtsschreibern, Steuerbeamten,
Controleuren etc. etc. versammelt hatten, und zwischen ihnen durch die
Treiber mit ihren langen Stecken manchmal hin und herschritten, und
bald hier von dem einen Schnaps, bald von dem eine Tasse Eierbier
eingeschenkt bekamen.

Besonders um einen Tisch in der Mitte hatte sich eine muntere Gruppe
gebildet, deren Glanzpunkt ein kleiner wohlbeleibter Bauer mit rother,
in's bluliche spielender und ungewhnlich groer Nase war. Die kleine
dicke Gestalt sprudelte von einer Art trockenen Humors, und das ganze
Aussehen des Mannes gab jedem, was er sagte, etwas nur um so mehr, und
oft unwiderstehlich Komisches. Je fter ihn die Umstehenden zu necken
suchten, mit desto schrferer Mnze zahlte er sie zurck, bis das
Gesprch endlich ernster und ernster, und auch auf den jetzigen wie den
knftigen Zustand der Jagd gelenkt wurde.

Nun Beukel, und was macht _Ihr_ denn, wenn Ihr die Jagd auf Eueren
eigenen Aeckern und Wiesen wirklich in Wald und Teich freibekommt,
schont Ihr? frug den Bauer einer der Revierjger.

Nich 's Kalb im Mutterleibe schwur Beukel und schlug mit der schweren
Hand donnernd auf dem Tisch -- die Freude dauert doch am Ende
nicht lange -- und nachher rgerte man sich erst recht, wenn man den
Gromthigen gespielt htte.

Na das wird eine schne Aasjgerei werden -- nachher kann unser Einer
nur die Flinte an den Nagel hngen.

Habt sie auch lange genug auf fremder Leute Grund und Boden
herumgeschleppt meinte Beukel -- dem Bauer schmeckt sein Hase auch.

Da er dran erstickte murmelte der Jger leise vor sich hin.

Ne ne, lachte aber der Bauer, der die kaum hrbaren Worte doch
verstanden hatte, _der_ erstickt schon nicht dran, berhaupt wissen die
armen Leute jetzt noch gar nicht einmal, da Hasenbraten gut schmeckt,
und es wre doch recht schn, wenn sie das bei der Gelegenheit auch
einmal erfhren.

Bei _der_ Gelegenheit nun schon nicht sagte ein Frster, der hinter
Beukels Stuhl stand und seine Pfeife stopfte.

Bei _der_ Gelegenheit nicht? -- und weshalb? Wenn der Gutsbesitzer
nicht mehr alle Hasen allein schieen darf, und die kleinen Leute auch
hinausgehn knnen, und ihr Stck Wild hereinholen, wirds da nicht etwa
besser fr die Armen? -- die groen Herren haben ihnen doch wahrhaftig
bis jetzt auch Nichts geschenkt.

Die Bauern, die um den Tisch herum standen, lachten, der Frster lie
sich aber nicht irre machen und brummte dagegen:

Die kleinen Herrn aber noch viel weniger und dann hat's mit der
Jagdfreiheit auch einen anderen Haken. Da sie Einer den Andern auf dem
Felde todtschieen werden, wenn jeder mit seinem Kuhfu drauen 'rum
laufen und knallen darf, versteht sich von selbst und ist jetzt auch
schon genug dagewesen, das schadet aber auch Nichts, _die_ Art Schtzen
mag sich unter einander selbst aufreiben, und ordentliche Jger werden
ihnen schon nicht zu nahe kommen, aber der _arme_ Mann ist gerade der,
der unter der Jagdfreiheit zu leiden hat -- nicht etwa die >groen
Herrn< wie sich's der Bauer immer auf allen Bierbnken rhmt.

Der arme Mann? sagte Beukel erstaunt und drehte sich nach dem Frster
um, na um die Erklrung gb' ich auch ein Tpfchen Bier.--

Dem armen Mann thats wuhl guat, wenn de Raichen Hasenbraten fraen?
frug ein anderer dabei stehender Bauer lachend, und die Uebrigen
stimmten mit ein.

Gewi thats ihm gut fiel aber hier der Frster mit Wrme ein, denn
whrend der Reiche Wildpret verzehrte, konnte er kein anderes Fleisch
essen, und Rindfleisch z.B. behielt einen Preis, den dann und wann auch
wohl einmal ein _armer_ Mann bestreiten und bezahlen konnte. Wie
wird das aber jetzt werden, wenn das Wild, wenn Hasen und Rehe alle
weggeschossen sind, heh? -- Wir wollen einmal die Residenz nehmen; zu
ganz geringem und durchschnittlichen Maasstab gerechnet sind dorthinein
bis jetzt jhrlich doch wenigstens 20000-25000 Hasen geschafft und darin
consumirt worden -- ebenso eine verhltnimige Quantitt Rehe, Hhner,
Birkwild, Fasanen, etc. Wer verzehrt die Alles? -- Die Reichen und
fehlt ihnen das Wild, so sind die natrlich die Letzten, die _ohne_
Fleisch leben; knnen sie kein Wildpret, keine Hhner, Rehe und Hasen
bekommen, ei so essen sie Rind- Kalbs- oder Schweinebraten, diese 20000
Hasen und die vielen tausend Pfund anderes Wild fehlen aber jetzt, dafr
wird anderes Fleisch also verbraucht, und dieses mu natrlich bei einem
so gesteigerten Bedarf auch ebenso verhltnimig im Preise steigen.
Wird der Arme nun _noch_ im Stande sein, sich dann und wann ein Huhn in
seinen Topf oder ein Pfund Rindfleisch zu kaufen? -- Fragt einmal bers
Jahr wieder nach, und Ihr werdet hren, wie sie in den Stdten darber
schimpfen.

Ah bah, in den Stdten mgen sie's thun lachte Beukel, so schpfen
wir auf dem Lande doch wenigstens das Fett von der Suppe.

Wir? -- die schpfen es, welche die Schssel schon bis jetzt immer
vor sich gehabt sagte rgerlich der Jger -- die armen Husler und
Tagelhner, die kein eignes Feld haben, kriegen immer noch nichts.
Uebrigens schpft nur -- ein, hchstens zwei Jahr habt Ihr noch ein paar
Rebhhner zu schieen, und nachher wird Sturm gelutet, wenn sich einmal
ein Hase auf dem Felde drauen blicken lt.

Treiber vor! tnte eine Stimme drauen auf der Diele, und die Treiber,
die sich in der Stube befanden, bewegten sich langsam der Thre zu, um
sich drauen zu prsentiren und hinaus zu der Stelle gefhrt zu werden,
von wo das erste Treiben ausgehen sollte.

Wo hren wir denn eigentlich wieder auf? frug da ein Verwalter aus
der Nachbarschaft, wenn wir nicht hierher zurckkommen, mcht' ich auch
meinen Mantel fortschicken.

In Skorditz sagte der alte Holke, der in diesem Augenblick in's Zimmer
getreten war und die Anwesenden zu berzhlen schien -- gleich neben
der Windmhle.

Die Skorditzer Bauern haben gesagt, wenn die Schtzen auf _ihre_ Felder
kmen, schlgen sie Generalmarsch im Dorfe und rckten aus meinte ein
Bauer aus Horneck, der mit dem Verwalter an einem Tische sa.

Die Skorditzer Bauern knnen zu -- Grase gehn, brummte Holke, ohne
sich in seinem Zhlen irre machen zu lassen -- sechs und zwanzig, --
sieben und zwanzig, -- acht und zwanzig, -- denen ist auch zu wohl,
und sie wollen erst einmal versuchen wie's thut, wenn man einen Haufen
Militair im Orte hat -- neun und zwanzig -- dreiig -- hol sie der
Teufel alle mit einander -- eins, zwei, drei, vier, fnf, sechs, sieben
und dreiig im Ganzen -- hm wird wohl langen -- ist Fritz noch nicht
dagewesen?

Er war erst vor einer Viertel Stunde bei den Treibern drauen, Herr
Frster, sagte das Schenkmdchen mit freundlichem Gru und stellte
ein Glas gewrmten Bieres vor ihn hin -- vielleicht ist er hinber zur
Herrschaft gegangen -- soll ich einmal nachsehn?

Nein, danke schn -- es wird bald ausgeblasen!

Er go das Bier mit raschem Zuge hinter, strich sich den grauen groen
Bart aus und verlie mit einem Gleich wirds fortgehn, das Zimmer
wieder.

Die Bauern wollen's nicht leiden, da wir in Skorditz jagen? frug ein
Controleur aus der Stadt und schnallte sich den neben ihm liegenden Muff
dabei um.

Ne, sagte einer der Treiber, der noch hinter seinem Stuhle stand und
eben im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, se han gesaiht se werren
erscht alle de Jiagers met Schtung un Stiel usrotten, he se se uf ehre
Flder liaen -- das sin Mordskerle -- die ferchten sich vor'n Deibel
nich.--

Er schttelte lachend mit dem Kopf und sprang schnell hinaus als drauen
das Signal zum Sammeln geblasen wurde -- die meisten der Jger standen
ebenfalls auf, dem Ruf Folge zu leisten, whrend die lteren, und mit
dem gewhnlichen Gang des Treibens schon mehr vertrauten, noch ruhig bei
ihrem Glase oder Warmbier sitzen blieben, den Schwarm erst ablaufen zu
lassen, und nachher mit aller Gemthsruhe einzurcken.

       *       *       *       *       *

Die Jger zogen mit den Treibern in einem dichten, nur hier und da
durch einzelne Auslufer umgebenen Trupp, einen engen Dorfpfad, der
von niederen Mauern eingeschlossen zwischen den hher liegenden Grten
hinfhrte, dem Felde zu, und etwa zweihundert Schritte hinter ihnen
kamen, zwei und zwei mit einander plaudernd, hier und da auch Einer
allein in stillem Ernst die Herrschaften. Den Schlu bildeten einzelne
Nachzgler, oder spter Gekommene.

Dieser schmale Gartenweg lief ziemlich sdstlich aus dem Dorfe hinaus,
und weiter oben, gerade nach Norden hinauf lag die grere, schon
fter erwhnte, und unfern von da in's Holz, nach Sockwitz laufende
Fahrstrae, von der aus man gerade die Felder, auf denen das erste
Treiben gehalten werden sollte, berschauen konnte.

Auf dieser hin schritt langsam, in schwarzem Filzhut und braunem mit
Schnren besetzten Burnus, ein Mann, hielt dann und wann an, die rege
Gruppe der Jger zu beobachten, die gerade ihren Sammelplatz auf einer
flachen Wiese erreicht hatte, und von dort, um das ganze Treiben zu
umzingeln, nach rechts und links Schtzen und Treiber abwechselnd
aussandte, und blieb endlich an dem nmlichen Steine stehen, an welchem
wir dem alten Schulmeister Kleinholz gleich im Anfang unserer Erzhlung
begegneten.

Eine Viertelstunde mochte er so gestanden haben, und das Treiben unten,
das auch einzelne der kleinen Schluchten mit umschlo, war ziemlich
zugezogen, als auf der Strae von Sockwitz her ein anderer Mann im
einfach braunen, etwas abgetragenen Ueberrock, den schwarzen alten Filz
ebenfalls auf dem Kopf, langsam den Weg niederschritt, und eben grend
an dem jungen Mann vorbergehen wollte, als dieser, der vorher nur einen
flchtigen Seitenblick nach ihm hinbergeworfen, sich rasch umdrehte,
und ihm die Hand entgegenstreckend, ausrief:

Kraft!

Wahlert? -- sagte der Schullehrer, unser alter Bekannter, noch von der
Versammlung her, erstaunt. Sie hier in Horneck? -- Was um des Himmels
willen hat Sie hergefhrt -- Ihre Freiheit ist doch nicht mehr bedroht?

Nicht mehr hier -- was in Berlin der Fall wre, mchte eine andere
Frage sein, lchelte der junge Mann -- ja ja, lieber Freund,
so wechseln die Schicksale, erst wie ein gemeiner Verbrecher von
Steckbriefen und Hschern verfolgt, dann nach mir geschossen, wie nach
einem wilden, reienden Thiere -- dann gefangen -- wieder befreit --
der Abgott des Volkes, von Frsten gesucht, im Rath der erste zur
Ministerprsidentschaft berufen, aus der Nacht mit einmal zum hchsten
strahlenden Lichtesglanz emporgeschleudert -- und jetzt? -- ein
flchtiger, oder doch wenigstens geflchteter Demagog, ein _miliebiger_
Republikaner, der mit seinen schnen Trumen endlich wahrscheinlich
-- _auswandern_ mu, um sie, wenn auch nicht mehr in Deutschland, doch
wenigstens in _Deutschen_ realisirt zu finden.

Auswandern? frug Kraft erstaunt -- weshalb denn gerade _auswandern_?

Es wird Nichts in Deutschland, sagte Wahlert, finster vor sich
niederblickend, jetzt wenigstens noch nicht, bis nicht eine frische
Anregung von auen kommt, und die jetzt vorzubereiten, das sei das Werk
derer, die wie wir es ehrlich mit dem Vaterlande meinen.

Anregung von _Auen_ wiederholte Kraft, traurig dabei mit dem Kopfe
schttelnd; ach, lieber Wahlert, so lange wir in Deutschland nicht
selber im Inneren reif zu einer Selbstregierung sind, da hilft uns
auch keine Anregung von Auen, komme sie, woher sie wolle; sie kann die
Ordnung wieder zerstren, die Gesetze umstoen, das ungebildete Volk
reizen, und zum wilden zerstrenden Aufruhr locken, ihm aber die Kraft
und Einigkeit und besonders die Einsicht geben, deren es, ach leider so
nothwendig bedarf, um seine schlimmsten Feinde zu erkennen, und
keinen Unterschied mehr zwischen schleichenden Reaktionairen oder
bramarbasirenden Whlern zu machen, _das_ kann eine Anregung von auen
_nicht_, das mu Flei und Ausdauer im Inneren wirken.

Reif, reif und immer nur reif, sagte Wahlert unwillig, sind auch Sie
Einer von denen, die das Wort zum Mantel brauchen, ihre eigene Furcht
darunter zu verstecken? -- Reif -- weshalb soll der Deutsche nicht eben
so gut reif zur Freiheit sein, wie ein anderes Volk -- weshalb ist er
pltzlich _reif_ und ein _Republikaner_, wenn er ber die See und
nach Nordamerika kommt? reift ihn etwa die Seeluft oder wird dort ein
besonderer chemischer Proce vorgenommen, der ihn in mistbeetartiger
Schnelle die hier noch nicht besessene Reife giebt?

Sein Sie nicht bse auf mich, meiner Aeuerung wegen, sagte Kraft
freundlich, Sie wissen aber noch von frherer Zeit wohl her, wo ich
in der Residenz als Lehrer Ihres Vaters Haus besuchte, da ich frei und
derb mit meiner Meinung herauskomme, und nicht >meine Furcht unter einem
Mantel< verstecke.

Wahlert reichte ihm schweigend und das rauhe Wort abbittend, die Hand,
der alte Lehrer fuhr aber lchelnd fort:

Lassen Sie's gut sein, Sie sind ein junger Brausekopf, und ich sehe das
lebendige Leben eben so gern in dem jugendlichen Krper, wie den Geist
im Champagner und den Uebermuth im jungen Ro, nur einen Irrthum will
ich auf ihrer Seite berichtigen, einen Irrthum, der besonders in
dem letzten Semester auf eine traurige Weise ausgebeutet worden ist,
Unerfahrene zu berrumpeln und einen Beweis fr etwas zu liefern, das
sich auf eine andere Art eben nicht beweisen lie. Sie wissen, lieber
Wahlert, da ich, ehe ich in die Residenz zurckkehrte, von wo aus
ich gleich, durch des Herrn Generalsuperintendenten Vermittelung und
Frsprache--

Weil Sie seinem Sohne aus der Flut das Leben gerettet--

-- Eher vielleicht, weil er mich passend fr die Stellung hielt, fuhr
Kraft fort -- die Stelle in Bachstetten bekam, mich eine Zeit lang in
Amerika herumgetrieben hatte. Wir haben oft darber zusammen gesprochen,
und ich suchte Ihnen stets von unseren Landsleuten in Amerika eine
so gnstige Meinung beizubringen wie nur mglich -- ich liebe mein
Vaterland und dessen Shne und wre der Letzte, der einer ungerechten
Beschuldigung gegen sie Worte gbe, wollen Sie mir aber mit _denen_
beweisen, da die zurckgebliebenen Bewohner unseres Deutschlands
ebenfalls reif wren, so rennen Sie da in einen Irrthum hinein, den Sie
nie schmerzlicher einshen, als wenn Sie selbst nach Amerika kmen.

Da der Deutsche _unfhig_ sei, sich in einer Republik zu regieren, das
wolle Gott verhten, da ich das behaupte -- es hie, ihm sein gesundes
Herz, seine Fhigkeiten absprechen und leugnen, er ist aber eben nur
_fhig_ dazu, und wie das Kind, das den knftigen Gelehrten noch im
ersten innersten Keime mit sich herum trgt, und nicht einmal lesen
kann, ehe es ihm von lteren Leuten gelehrt wurde, so mu auch der
Deutsche vor allen Dingen noch _lernen_, sich selbst zu regieren, ehe er
diese schwere Kunst, soll es nicht zu seinem Verderben zu frh geschehn,
in Ausfhrung bringen kann.

Aber Amerika -- die Amerikaner selber--

Sind mir der Beweis dessen, was ich hier gesagt -- Amerika schttelte
damals das englische Joch ab, proclamirte die Republik und wurde damals
der blhendste Staat der Welt; sind aber dessen damalige Verhltnisse
mit den unseren hier in jetziger Zeit auch nur im Entferntesten zu
vergleichen? Nein, wahrlich nicht -- Amerika war vom ersten Augenblicke
an, wo die Separatisten-Colonie in den Schiffen _Mayflower_ und
_Speedwell_ zu Plymouth im Jahre 1592 landeten, eine Republik. Schon
an Bord des ersten Fahrzeuges entwarfen und unterzeichneten sie ein
Instrument, das zur nthigen Grndung und Besttigung ihrer knftigen
Einrichtungen dienen sollte, und in jenem einfachen Document wurde
schon, und zum ersten Male, das groe Princip einer freiwilligen
Confderation von _unabhngigen_ Mnnern ausgesprochen, die einen Staat
grndeten, >nicht der Regierenden, sondern der Regierten wegen<. Dort
begann sie auf einem freien, noch unentweihten Feld ihre staatliche
Einrichtung, und wenn auch England sein Scepter darber hielt, so
bestand doch die ganze Botmigkeit, die es ber seine amerikanischen
Colonien ausben konnte, nur eigentlich in der Einsetzung von englischen
Gouverneuren, in dem Vorbehalt, ihm miliebige Gesetze ndern oder
annulliren zu knnen, und in der Auflage von Steuern und Taxen.
Der freien Entwickelung des Volkes konnte vom Mutterland aus nicht
entgegengearbeitet werden, die in Amerika Gebornen wuchsen, von heier
Liebe fr ihr Vaterland beseelt, und mit nur geringen Sympathien
fr Alt-England auf, und wie ihnen endlich der Druck von dort her zu
beengend und unertrglich wurde, da schttelten sie eben nur das ber
das Meer her aufgelegte Joch ab und -- waren frei. Sie hatten kaum etwas
weiteres zu thun, als in die Stelle der vertriebenen Gouverneure
eigene einzusetzen, die Verfassung, die sie sich gaben, wurde nur wenig
verndert, in Rhode-Island zum Beispiel fast gnzlich beibehalten und
kein Mensch wird hiernach die Amerikaner als ein Volk zum Beispiel
aufstellen knnen, das rasch von der Monarchie zur Republik bergegangen
wre.

Was aber nun die _Deutschen_ betrifft, die dort hinber auswandern, und
von denen auch Sie leider, lieber Wahlert, vor wenigen Minuten dieselbe
Phrase gebrauchten, die im Munde der sogenannten Republikaner bei den
unteren Schichten unserer Gesellschaft so vieles Glck macht, >ob
die Deutschen, die nach Amerika gingen, etwa auf der See Republikaner
wrden, da sie es drben so ganz auf einmal, und hier doch gar nicht
gewesen wren<, so will ich Ihnen nur darauf einfach antworten, >_sie
werden es auf der See, und auch selbst drben nicht_, bis sie nicht ihre
gehrige Lehrzeit bestanden haben<. Denn wollen Sie das nur zum Beweis
gelten lassen, da sie _whlen_, so macht doch wahrlich die Abgabe
seiner Stimme den Republikaner noch nicht.

Wie aber wollen Sie beweisen, da die herber gekommenen Deutschen
_nicht_ Republikaner im edlen Sinne des Wortes seien? frug Wahlert
begierig, sind nicht eben die Deutschen ihres Vaterlandes und
ihres ehrlichen, treuen und umsichtigen Charakters wegen, gerade in
Nord-Amerika allgemein geachtet und geliebt?

Wollte Gott, ich knnte _die_ Frage mit _Ja_ beantworten, dann se
ich nicht hier im Vaterlande und e das schwere sauere Brod -- und eben
auch nur Brod, eines Dorfschulmeisters, der sich noch glcklich schtzen
mu, durch einen freundlichen Gnner eine der _wenigen guten_ Stellen
von -- 200 Thaler jhrlichen Gehalt bekommen zu haben, und dafr jetzt
Aerger und Verdru, Sorge, Entbehrungen und Beschwerden das ganze
geschlagene Jahr in vollem Mae einrntet.

Wie soll ich das verstehen? frug Wahlert erstaunt.

Es ist einfach genug, sagte Kraft, und ich will es Ihnen, da es
doch genauen Bezug auf unser jetziges Gesprch hat, mit kurzen Worten
mittheilen. Auch ich kam damals mit all den schnen Hoffnungen von
Deutschthum nach den Vereinigten Staaten, und glaubte in der That,
der Name >ein Deutscher< werde dort schon gewissermaen allein als ein
Freipa zur ehrenvollsten Aufnahme gelten -- Groer Gott, wie hatte ich
mich getuscht. Nur kurze Zeit hielt ich mich in Neu-York auf, das ganze
Wesen und Treiben der Deutschen dort gefiel mir nicht, auch schien
mir eine Art Ha zwischen diesen und den Amerikanern zu bestehen. Nach
Cincinnati zog es mich, der >Knigin des Westens<, dort im Westen,
mute auch der Deutsche, seines Fleies und sittlichen Betragens wegen,
geachtet sein -- so dachte ich, und was fand ich? -- >=You shall call me
a dutchman=< -- >Du sollst mich einen Deutschen nennen, wenn das und das
wahr ist<, -- lautete das Sprichwort der Amerikaner und leider nicht nur
der niederen Klassen. =God damn the dutch= tnte es wohl hundert Mal des
Tags in meine Ohren, und das Herz, glaubte ich, sollte mir brechen vor
Weh und Scham. -- Ich zog in die Wlder, trieb mich viele Jahre in den
dnnen Ansiedlungen der weien Pioneere, -- Jahre lang zwischen den
halbcivilisirten Indianern herum, und kehrte endlich, eines geselligen
Verkehrs bedrftig, nach den Vereinigten Staaten zurck. Und was fand
ich dort? -- gerade zur Zeit der Wahlkmpfe traf ich in Philadelphia
ein -- auch Deutsche brauchten ihr Recht, das Recht der freien Wahl, das
Recht eines freien Brgers -- und _wie_ brauchten sie es? Kaufen lieen
sie sich von Whigs oder Demokraten, nicht wer das meiste bot, denn
_schlecht_ waren sie eigentlich nicht, nein, wer das _erste_ bot, wer
ihnen zuerst in den Weg kam und sie zu berreden wute, dem berlieen
sie sich. Keinen Begriff hatten sie von dem, was die Wahl eigentlich
bedeute, was sie fr einen Einflu auf sie selbst, auf das ganze Land,
ausben knne -- >ach was< hrt ich Viele sagen, >ob ich den oder den
Wisch in den Kasten stecke, darum bleibt Amerika doch stehn und wir
kriegen auch nicht mehr Lohn.< Anderen machte ich Vorwrfe ber ihr
schndliches schaamloses Betragen und erhielt die Antwort: >Geht zum
Teufel -- wir sind hier freie Amerikaner, und knnen stimmen wie wir
wollen.<

Und das waren meine Landsleute, das waren die Mnner, die ich mir als
>Republikaner< getrumt, fr die ich geschwrmt, die ich zum Beispiel
fr Andere, gerade wie Sie es gethan, aufgestellt hatte. Und von
_solchen_ Menschen knnten wir in Deutschland eine Besserung der
Zustnde erwarten? -- Lange kmpfte ich damals mit mir selbst, was ich
thun, wie ich handeln sollte, endlich war mein Entschlu bestimmt --
nach Deutschland kehrte ich zurck und in Deutschland lag ferner, so
lange diese schwachen Krfte noch ausreichten, mein Wirkungskreis. Das
Volk, oder wenigstens den kleinen mir anvertrauten Theil desselben,
wollte ich heranziehn nach besten Krften, wollte _Mnner_ aus ihnen
machen, Mnner, die wissen, was sie sich und ihrem Vaterlande -- seien
sie nun darin geboren oder aus freier Wahl hervorgezogen -- schuldig
sind -- wollte mit einem Worte wrdige _Republikaner_ heranbilden,
die ihre Zeit begriffen und verstanden. Was ich dabei unter Republik
verstehe, vertrge sich auch recht gut mit einer constitutionellen
Monarchie, wenn diese Form, der Masse wegen, beibehalten werden mte,
aber ein Knig oder Kaiser wrde dann auch nur der Prsident der Staaten
sein und die Macht in der Majoritt -- im Volke ruhen.

Das, mein guter Herr Wahlert, ist _meine_ Politik und ob ich recht
gehabt, mag die Zeit lehren. Unser -- Deutschlands Heil liegt nicht
in der Gegenwart, obgleich ich gar nicht leugnen will, da die letzte
Revolution heilsam, ja sogar nthig war, die starre Rinde erst einmal
zu brechen, die uns mit ihren Banden umschlossen hielt -- die Freiheit
mute _geboren_ werden, ehe sie berhaupt bestehen konnte, jetzt aber
haben wir sie heranzubilden und zu pflegen nach besten Krften, da
sie in der aufwachsenden, von ihr beseligten Jugend eine starke, einige
Sttze finde und nachher, lieber Wahlert, nachher wollen wir wieder von
der Abnderung der jetzigen Staatsform sprechen. Ist dann die Majoritt
des Volks, mit ihrem vollen Bewutsein _fr_ Republik, ei lieber Gott,
_wer_ will sie ihr dann vorenthalten knnen, und ist sie es nicht? Gut,
dann wird sie auch wissen weshalb, und sich der Majoritt zu fgen, ist
selbst Pflicht des Republikaners. -- Wenn er nmlich wirklich auch ein
Republikaner im Herzen ist, und sich nicht blos in eitlem prahlerischen
Dnkel den Namen und die rothe Cokarde beilegt, zugleich aber gegen
die Titel und Orden, die doch in dem Fall nur ganz dasselbe sind, in
phrasenreichen Reden donnerte. Und Sie schweigen?

Wahlert stand, den linken Fu auf den Stein gehoben, den linken Ellbogen
auf das Knie, in die Hand den Kopf und die rechte auf seinen Stock
gesttzt, still und schweigend wohl mehrere Minuten da und sagte endlich
leise:

Manchmal, in recht trben, schweren Stunden, haben mich hnliche
Gedanken berkommen, und ich zweifelte dann, wenn ich mich hie und
da einmal in meinen Hoffnungen getuscht, in meinen liebsten Plnen
verlassen sah, an der Ausfhrung des hohen herrlichen Ziels. Aber nein,
nein, es kann, es darf nicht sein, rief er, sich pltzlich hoch und
freudig emporrichtend -- nur ngstliches Alpdrcken ist das, was uns
jetzt Herz und Seele manchmal beengt, noch nicht hineinfinden knnen
wir uns in den Gedanken an so Gttliches. -- Es ist wahr, in der
Volksversammlung jauchzt die Menge nur dem Redner zu, der ihm die
schwlstigsten Phrasen, die grbsten Schmeicheleien in den Bart wirft --
mit Mismuth und Aerger hab' ich beobachtet, wie in den Versammlungen der
Demokraten besonders, wo leider am wenigsten die Intelligenz vertreten
war, einige Wenige die Debatte leiteten und die Masse nur dazu da zu
sein schien, beim Abstimmen ihrer Fhrer Meinung zum Beschlu zu erheben
-- aber das sind einzelne Misgriffe, die von selber in ihr Nichts
zurckfallen werden. Das Volk selbst, das heit der Kern des Volks, der
Landmann, der Brger wei was er will und das einzige was _wir_ jetzt zu
thun haben ist, ihn dazu anzutreiben, da er auch _will_, was er wei.

Gut sagte Kraft ernst -- so gehn Sie denn hier im Lande herum und
betrachten Sie sich das, was sie den _Kern_ desselben nennen -- kommen
Sie zu dem Bauer, Grtner, Husler, zu dem Knecht und Tagelhner, gehen
Sie selbst zu den bemittelteren Bewohnern in Horneck und Bachstetten und
wie die umliegenden Ortschaften alle heien, und _dann_ sagen Sie mir
wieder, ob _das_ Republikaner sind, die Sie da finden, ob Sie sich
getrauen, mit _dem_ Volk eine Republik zu grnden. Sie wissen selbst am
Besten, wie Sie hier von den >Arbeitern,< weil Sie denn einmal den Titel
wollen, frmlich einem wilden Thiere gleich gehetzt wurden. -- Ja ich
wei schon, damals konnten die Leute es Ihnen noch nicht ansehn, da Sie
Ihr Leben und Vermgen blos _seinem_ Wohl geopfert und Alles verlassen
hatten was den Menschen an die Heimath fesseln kann, nur um die
Undankbaren von ihren Fesseln zu befreien und -- glcklich zu machen.
Aber jetzt -- jetzt wissen sie das Vorgegangene, jetzt wissen sie, da
man Sie damals nur verfolgte, weil Sie Ihre Meinung zu frei geuert
und die Massen versucht hatten, zur Erkenntni ihrer selbst zu bringen.
Jetzt wissen sie, da kein Verbrechen auf Ihnen lastet, jetzt wissen
sie, da Sie nur stets des armen Mannes Bestes gewollt und erstrebt, und
blind folgte Ihnen die Schaar, wohin Sie die Fahne trgen. Treten Sie
ihr aber einmal mit festem Wort entgegen, versuchen Sie den Strom zu
dmmen, der im Begriff ist, sein Ufer zu berschwemmen, und Alles ist
vergessen, was frher geschehn, gethan, -- >Reaktionair!< brllt die
Menge, und einmal verdchtigt, knnten Sie selbst die besten heiligsten
Motive vor ihrem Fluch nicht schtzen. Die eigenen Fhrer sind die
ersten, die von den siegestrunkenen _Republikanern_, wollten sie die
Republik _jetzt_ proklamiren und nachher dem Mord und der Plnderung
Einhalt thun, an die Laternenpfhle geknpft wrden.--

Doch ich predige da tauben Ohren und es ist mit der Politik, wie mit
der Religion; zwei, die verschiedener Meinung sind, kommen zusammen,
zanken und disputiren sich Stunden lang, gerathen in Eifer, werden oft
bittere Feinde und wissen doch voraus, da sie nie des Anderen Meinung
ndern knnen. -- Dort unten scheint inde das Treiben zusammengekommen
zu sein; wie die armen Hasen springen, und selbst noch mit zerschossenen
Lufen ihren Feinden, den Hunden, und den noch weit rgeren, den
Menschen zu entgehn suchen -- arme Thiere, Ihr seid eingekesselt, und
ringsherum rcken die todtbringenden Rohre zusammen -- whlt Euch einen
sicheren Schtzen zum letzten Sprung, der es bald mit Euch vorber
macht, mit zerschossenen Gliedern die kalte Nacht im Felde zu liegen und
dann nicht sterben zu knnen, mu gar traurig sein.

Haben Sie einen besonderen Zweck, der Sie heute nach Horneck fhrt,
lieber Kraft? frug Wahlert endlich nach ziemlich langer Pause, da ich
hier sei, konnten Sie doch kaum wissen, und schienen auch erstaunt mich
zu sehn.

Allerdings erwiederte der Lehrer mein Besuch gilt auch eigentlich nur
dem armen alten Kleinholz, der vor lngerer Zeit schon emeritirt wurde
und jetzt in frchterlichster Noth, sich an das Ministerium um Zulage
gewandt hat. Er wollte aber dabei meinem Rath nicht folgen und sich
_direkt_ an den Minister wenden, sondern zog den Weg durch den Pastor
und zwar mit dessen Bevorwortung vor, Pastor Scheidler meinte er, oder
der >Herr Pastor Scheidler,< wie er sagte, htte ihm schon in frherer
Zeit versprochen, Alles aufzubieten, was in seinen Krften stnde,
ihn in der Noth zu untersttzen und auf dessen Bericht hin, der in dem
gewhnlichen steifen amtlichen Styl gehalten wird, kann ich mir
nicht denken, da das Ministerium viel thun wird -- es kommen zu viel
derartige Eingaben. Doch es ist ja mglich, und ich wollte nur
einmal sehn ob es dem armen alten Mann etwas besser geht, und ich ihm
vielleicht einige Untersttzung bringen kann.

Steht sich der alte Schullehrer hier im Orte so schlecht? frug
Wahlert, es ist doch ein so groer Ort, und sollte sicherlich gerade
_den_ Mann hegen und pflegen, der all seine Bewohner vielleicht gro,
und viele zu braven wackeren Menschen herangezogen hat.

Du lieber Gott, darber liee sich so Manches sagen erwiederte ihm
Kraft seufzend. Mit funfzig Thalern soll der Mann auskommen, sieben
gesunde Kinder ernhren -- und nicht betteln gehn, -- es ist lcherlich
-- aber recht traurig. Doch leben Sie wohl, lieber Wahlert -- ich habe
geschwatzt und geschwatzt und die schne Zeit damit versumt, Wasser
in die Rausche zu tragen. -- Gott bessere es -- vielleicht sehn wir uns
heut' Abend im Dorfe wieder, ich werde in der Schenke bernachten und
erst morgen frh nach Bachstetten zurckkehren.

Und einen herzlichen Hndedruck mit dem jungen Manne wechselnd, schritt
er rasch auf dem breiten, mit gelbem Kies berworfenen Weg entlang,
dem Dorf zu, das er in kurzer Zeit gerade da erreichte, wo der
kleine Fupfad nach Schule und Kirche hinber und zwischen Sturz- und
Stoppelfeldern hin, rechts abfhrte.




Zwlftes Kapitel.

Die Begegnung.


Wahlert stand noch eine lange Zeit, und schaute erst mit stierem, aber
an Nichts haftendem Blick nach der Richtung hinaus, die sein alter
Lehrer genommen, und dann, als dieser hinter den Gebuden und Obstbumen
verschwunden war, in das Thal hinunter, wo die Treiberjungen eben die
geschossenen Hasen auf einem Rain zusammenschleppten, und in eine
Reihe legten, und die Schtzen inde in langer Linie auf einem schmalen
Stoppelfeld weiter in's Revier hinunter gingen, das zweite Treiben zu
beginnen. Endlich richtete er sich empor aus seinem dumpfen Brten,
sttzte einen Augenblick noch die Stirn in seine linke hohle Hand, warf
dann pltzlich, wie in neu erwachendem Stolz und gekrftigten Entschlu
den Kopf zurck, und schritt mit verschrnktem Arm rasch, und weder
rechts noch links mehr schauend, in den Wald hinein.

Es war ein schner, aber auch dsterer Morgen, links neben den Feldern
hin breiteten sich weite Flchen rosig blhender Haidedecken, hier
und da mit grnen Kieferbschen wie berstreut. Dazwischen herauf
aber ragten graue schroffe Felsblcke, halb eingehllt in den
blthengeschmckten Teppich, und einzelne entlaubte Eichen schttelten
darber hin ihre drren Aeste. Weiter drben jedoch, wo das fruchtbarere
Land begann, wechselten gelbe Stoppeln mit grn schimmernden
Rapsflchen ab, und hier und da fllte die, in den wellenfrmigen Boden
eingerissenen Schluchten, junger krftiger Baumschlag von Birken und
Buchen.

Ueber diese hin lag, gerade den Gipfel des entferntesten Hgels krnend,
das kleine Drfchen Skorditz, bis auf dessen Fluren die Hornecker
Jagdgerechtigkeit reichte, und ein langer, scharf gegen den Horizont
abstechender Pappelnkamm, zog sich von einem Ende desselben bis
zum anderen, die ganze Huser und Baumgruppe wie mit einem Diadem
umschlieend, hinber.

Wahlert hatte eben eine breit ausgehauene Waldschneuse erreicht, durch
die hin er, auf die eine Seite wie durch ein Perspectiv nach Skorditz
hinbersehen konnte, whrend er auf der anderen, von einer kleinen
Anhhe begnstigt, einen weiten, von Wald umschlossenen Wiesenplan
berschaute. Es war dieselbe Stelle, in deren Nhe er damals, gerade als
er die Schneuse berspringen wollte, die beiden jungen Damen getroffen,
angeredet, und von dem dazukommenden Jger so rauh behandelt war, und
das Gedchtni jener Tage mochte ihm wohl recht peinlich, und doch in
ihren Folgen auch s und trstend durch die Seele ziehen. Er lagerte
sich in das weiche, duftige Haidekraut, und schien eine lange Zeit
vollkommen in seinen Gedanken und Erinnerungen verloren.

Wunderliches Schicksal, murmelte er vor sich hin, whrend sein Blick
die Stelle berflog, wo er damals seine jetzige Braut zuerst gesehen,
konnt' ich wohl denken, als ich die schlanke, liebe Gestalt auf mich
zugleiten sah, da jenes holde, herzige Wesen fr den Mann Mitgefhl,
und dann _Liebe_ empfinden sollte, der mit zerrissenen Kleidern, mit
wirrem Bart und Haar, bleich und verstrt, einem Ruber hnlicher als
einem Unglcklichen, in ihren Weg sprang? -- Aber bestimmt denn auch
das Kleid den Werth des Menschen? Bleibt nicht das Herz sich gleich im
Bettlerrock, wie unter-- Er hielt pltzlich inne, schaute erst einen
Augenblick still und starr vor sich nieder, und barg dann mit tiefem
Seufzer das Antlitz in den Hnden. Ein bleiches, schmerzdurchschauertes
Bild zog mit vorwurfsvollen Blicken an seiner inneren Seele vorber, und
strafte die Worte Lgen, die sein Mund gesprochen.

Leichte Schritte wurden gehrt, den Weg aus dem Holz heraus kam eine
Frauengestalt, in ein einfach dunkles Gewand gekleidet; sie hatte einen
alten Shawl fest um sich hergeschlagen, und in der rechten Hand hielt
sie einen Strau von Kornblumen, wie sie noch drauen auf den Rainen
blhten. Langsam kam sie die Strae herab, und als sie die Stelle
erreichte, wo der junge Mann auf der kalten Erde lag, und die Stirn noch
immer in das buschige, blumige Haidekraut hineingepret hielt, da blieb
sie stehen, und schaute halb neugierig, halb ngstlich zu ihm nieder.

Sind Sie krank, Fremder? sagte sie endlich mit gedmpfter mitleidiger
Stimme -- kann ich etwas helfen?

Wahlert hob rasch den Kopf empor, sah das bleiche Mdchen dicht vor
sich, ber ihn hingebeugt, und strich sich schnell mit der Hand ber die
feuchte Stirn, als wenn er sich erst wirklich berzeugen wolle, ob
er wache oder noch fort trume in seinen wilden, wehdurchzuckten
Phantasien.

Marie? -- sagte er emporspringend, und mit noch immer zweifelnder,
kaum verstndlicher Stimme -- Du hier? -- im Wald -- allein?

Ueber des Mdchens Zge hatte sich Todtenblsse gebreitet, und die
beiden hellrothen Flecke glhten in eigenthmlichem fieberhaften Feuer,
aber sie sprach kein Wort -- kein Laut des Erstaunens kam ber ihre
Lippen, den Mann hier zu finden, dessen Anwesenheit im Dorf ihr schon
Herz und Seele mit peinlich qulender Angst erfllt hatte.

So standen sich die Beiden viele Minuten lang schweigend gegenber, es
war fast, als ob sich Jedes scheute, den Zauber zu brechen, der ber dem
Begegnen lhmend ruhte. Marie war die erste, die sich sammelte.

Guten Tag, Herr Wahlert! sagte sie leise, und wandte sich zum Gehen--

Marie, bat da der junge Mann, und ergriff die Hand, die sich nur
schwach dagegen strubte, der seinigen zu begegnen, -- wie geht es
Dir -- Du siehst bleich, krank und -- leidend aus, (er konnte das Wort
_drftig_, das ihm auf den Lippen lag, nicht aussprechen) kann ich etwas
fr Dich thun?

_Sie_? sagte das Mdchen, und schaute ihn erstaunt mit ihren groen,
fast geisterhaften, dunkeln Augen an -- _Sie_? -- Was knnen _Sie_ fr
mich thun, Herr Wahlert? Sie, der Brutigam Sophiens, der im Begriff
steht, sein Vaterland und seine Familie zu verlassen, um in fernen Zonen
an der Seite der Geliebten eine neue Heimath zu suchen?

Und sollen wir _so_ auf immer scheiden? frug Wahlert, von dem weichen
Ton der Jungfrau schmerzlich berhrt, Du gabst mir damals die Freiheit
wieder, Marie, als mich die Hscher dem Kerker entgegenfhrten --
rettetest vielleicht dadurch mein Leben, denn es lag ihnen in der Zeit
viel daran, _mich_ gerade unschdlich zu wissen.

Und jetzt sind Sie von keiner Gefahr mehr bedroht? frug mit monotonen
Lauten das Mdchen.

_Hier_ von keiner, das Volk hat gesiegt, und Glck und Wohlstand wre
ihm verbrgt, wenn es jetzt, o nur jetzt, fest und treu zusammenhielte.

Glck und Wohlstand, murmelte Marie, und wickelte sich frstelnd
fester in ihren Shawl ein -- Glck und Wohlstand -- und wenn es fest
und treu zusammenhielte -- wiederholte des Musikanten Tochter die Worte
des jungen Mannes mit schmerzlicher Bitterkeit -- was aber kann der
eine Theil dafr, wenn sich der andere kalt und -- treulos von ihm
abwenden -- von ihm losreien _will_? -- Was verschuldete _er_, um in
Unglck und Elend hinausgestoen zu werden -- whrend der Andere das
Glck einer Welt in seine Arme zieht? Glck und Wohlstand fr Alle --
fr Alle, nur nicht fr die Elenden und in den Staub Getretenen, nur
nicht fr--

Das Mdchen, dessen Wangen bei den letzten Worten eine fliegende
Gluth wie mit berirdischem Glanz bergo, und ihr fr Momente mit dem
feurigen Strahl der groen Augen, fast die frhere Schnheit wieder auf
ihr Antlitz zurckzauberte, hielt pltzlich inne, strich sich mit der
einen Hand die in die Stirn gefallenen Haare zurck, wandte sich dann ab
und sagte mit leiser, wieder ganz ruhiger Stimme:

Es ist besser, wir scheiden so, und kein Wort wird weiter unter uns
gewechselt -- ich will keinen Stachel der Reue in Ihre Seele drcken,
jetzt, wo Sie die Pflicht bernommen, ein treu an Ihnen hngendes
Mdchenherz mit starker, nicht schwankender Hand durch's Leben zu fhren
-- nur eines noch, eines liegt mir auf der Seele, und selbst Gott knnte
nicht von mir verlangen, da ich _das_ Bewutsein sollte mit in mein
Elend -- mit in mein Leben hineinziehn.

Marie, was ist Dir, Du bist frchterlich erregt? sagte mit Mitleid in
Ton und Blick der junge Mann.

Sie glaubten mich _schuldig_, fuhr die Unglckliche, sich wieder zu
ihm hinwendend und seinem Auge mit festem offnen Blick begegnend, fort
-- ich bin es _nicht_.

_Nicht_? rief Wahlert erschreckt und schaute mit ngstlicher Spannung
auf das erregte Antlitz der einst, ach so hei Geliebten -- nicht
schuldig? -- aber groer Gott -- wie kam es da -- weshalb -- wie ist
mir denn, mir wirbelt der Kopf vor Allem, was sich mir toll und
sinnverdrehend hineinwirft -- nicht schuldig -- und Dein Kind?

Marie barg das Antlitz eine Zeit lang in den Hnden und groe schwere
Thrnen drngten sich zwischen ihren Fingern hindurch.

Mein armes Kind! flsterte sie leise.

Du sprichst in Rthseln.

Deren Lsung Ihnen das Herz brechen wrde, erwiederte Marie, jetzt
pltzlich sich gewaltsam zusammenraffend -- genug -- genug -- nur nicht
als Schuldige, Treulose wollte ich in Ihrem Gedchtnisse leben, der
Gedanke war mir zu frchterlich in all' dem Leide, das berhaupt auf
meinem Pfade liegt. -- Sie wissen, da ich Sie _nie_ belogen, und werden
mir glauben -- jetzt leben Sie wohl und -- glcklich -- recht glcklich,
und wenn Sie manchmal der armen Marie gedenken, sei es -- in -- in
Mitleid -- aber nicht in Ha.

Mit flchtigen Schritten eilte sie davon, wenige Secunden spter aber
stand Wahlert auch an ihrer Seite und ihren Arm ergreifend, und sie fest
dadurch an die Stelle bannend, rief er rasch und heftig:

Marie, nicht so -- beim ewigen Gott, nicht so -- ruht hier ein dunkles
Geheimni, so mu ich es lsen, und will es wissen -- sprich, wenn noch
ein Strahl von Liebe fr mich in Deinem Herzen lebt, sprich.

Aus eben dem Grunde sollte ich schweigen, sagte die Unglckliche --
weshalb dieselbe Last auf ein zweites Herz bertragen, wenn das erste
dadurch nur um ein so geringes erleichtert wird -- es wre Snde. Gehe
wie bisher Deine Bahn, kalter, erbarmungsloser Mann, und schaue, mit
Deinem Ziel im Auge, nicht nach den Blumen zurck, die Du zertreten
hinter Dir lt.

Du bist grausam, Marie, und folterst mich durch Dein Schweigen -- nur
die beiden Fragen beantworte mir, wenn Du den Frieden meiner Seele hher
achtest, als den Stein, den Dein Fu aus Deiner Bahn wirft -- wer ist
der Vater Deines Kindes?

Meine Schmach, sthnte Marie und barg Stirn und Augen in ihrer Linken.

Du schweigst? flsterte Wahlert, und der eigene Laut seiner Stimme
machte die Jungfrau erschreckt zu ihm aufschauen.

Und auch jetzt noch Mitrauen? sagte sie und warf noch einen Blick auf
den vor ihr Stehenden mit leisem Vorwurf im Ton -- so sei es denn, und
dies Gestndni mge mir Gott zur Shne meiner Snden rechnen -- der
Oberpostdirector von Gaulitz.

Der Bube! zischte Wahlert zwischen den zusammengebissenen Zhnen
hindurch.

Sie wissen, fuhr Marie, jetzt wieder hochroth von Schaam bergossen,
und von Wahlert abgewandt, fort -- da die traurigen Verhltnisse
meines Vaters mich zwangen, mein Brod mir auer dem Hause zu verdienen;
-- Sie lernten mich dort kennen -- lieben. Mein unseliges Verhngni
wollte aber, da jene herrliche Frau, bei der ich fast wie ein eigenes
Kind gehalten wurde -- starb -- ich mute meine Stellung aufgeben
und ein bser Geist fhrte mich in das Haus des Oberpostdirectors von
Gaulitz als Wirthschafterin. Sie selbst waren kurze Zeit vorher auf
Reisen gegangen. Jener weihaarige Bsewicht hielt nicht lange mit
seinen schndlichen Antrgen zurck -- ich wies sie mit Abscheu von mir
und wollte sein Haus verlassen -- die letzte Nacht -- heiliger Gott,
ersparen Sie mir das Gestndni -- ein hllischer Saft, den ich unbewut
trank, mu mir die Besinnung geraubt haben -- am andern Morgen war ich
verrathen und -- elend.

_Teufel_ der, rief Wahlert, mit dem Fue stampfend.

Ich floh zu meinem Vater, sagte Marie mit kaum hrbarer Stimme, und
hoffte von Stunde zu Stunde auf Ihre Rckkehr -- Sie _kehrten_ zurck,
aber nicht zu mir. Ein Brief, den ich an Sie, mit der ganzen Erzhlung
der an mir verbten That -- mit der Bitte, um Hlfe, um _Gerechtigkeit_
sandte -- kam unerffnet wieder in meine Hnde. Mein Kind starb, in der
Residenz fand ich bei anstndigen Leuten, da ich nicht einmal die Mittel
besa, mich ordentlich zu kleiden, kein Unterkommen mehr -- mit meinem
Vater, dessen rohe Vorwrfe mir tglich die Seele zerfleischten, zog ich
von da an durch das Land -- und wir sangen vor den Thren der Leute --
um unser Brod.

Marie, rief da, von wildem Schmerz ergriffen, Wahlert, und schwere
Thrnen rollten seine bleichen Wangen herab, arme, mihandelte,
unglckselige Marie, o sprich -- giebt es ein Mittel auf der weiten
Gotteswelt, Dir nur in etwas das Leiden zu vergten, was Du erduldet,
denn von jetzt an sollst Du wenigstens keine Noth mehr leiden -- keine
Sorge mehr kennen -- von jetzt an--

Nicht um Almosen zu betteln, hab' ich Ihnen mein Schicksal erzhlt,
sagte das Mdchen und richtete sich stolz empor -- nicht Ihr Mitleiden
wollte ich wecken -- nicht Ihre Reue, nur gerechtfertigt -- nicht
schuldig, nicht sndhaft wollte ich in Ihrer Erinnerung -- neben Sophien
meinen Platz gewahrt wissen. -- Leben Sie wohl, Wahlert, -- leben Sie
glcklich -- _mich_ sehn Sie nimmer wieder.

Marie! rief Wahlert, und streckte bittend die Arme nach ihr aus.

Denken Sie an Sophien, sagte die Unglckliche ernst, den Arm gegen ihn
erhebend; dann drehte sie sich ab von ihm und wanderte still und ohne
sich wieder nach ihm umzuschauen, aber mit raschen festen Schritten, die
Strae entlang dem Dorfe zu.


Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite 13:
  "" entfernt
  (fest entschlossen war, von selber los zu gehn.)

  Seite 14:
  "dem" gendert in "den"
  (mit den unausweichbaren papageigrnen Glachandschuhen)

  Seite 22:
  "" eingefgt
  (Wo Muth und Kraft in deutscher Seele flammen)

  Seite 22:
  "" eingefgt
  (Sie machen sicher nur Gestank.)

  Seite 22:
  "" eingefgt
  (Alles war im Anfang gut auf Erden)

  Seite 24:
  "erlegte" gendert in "er legte"
  (er legte das Papier vor sich nieder)

  Seite 33:
  "" eingefgt
  (auf- und abgegangen war; erstlich ist mir das Sprengen)

  Seite 51:
  "Staatsbger" gendert in "Staatsbrger"
  (und die Masse der gutgesinnten Staatsbrger)

  Seite 52:
  "-" eingefgt
  (seines General-Superintendenten Sohn zu befreien)

  Seite 68:
  "Fieberforst" gendert in "Fieberfrost"
  (bebte wie im Fieberfrost)

  Seite 72:
  "dehalb" gendert in "deshalb"
  (deshalb sind sie wahrscheinlich so eifrig bemht)

  Seite 75:
  "" eingefgt
  (_vielleicht_ lassen sie ihn frei)

  Seite 77:
  "," eingefgt
  (in das blaue seelenvolle Auge, ergriff dann)

  Seite 77:
  "ihn" gendert in "ihr"
  (andere Gedanken drngten ihr aber in das)

  Seite 81:
  "" eingefgt
  (un was wrsch, wenn se's hiarten?)

  Seite 81/82:
  "" eingefgt
  (ihn die anderen Beiden kurzweg nannten, in dem dichten Grase)

  Seite 91:
  "." eingefgt
  (um des Burschen ohnmchtigen Zorn weiter zu kmmern.)

  Seite 120:
  "" entfernt
  (durch die Strae lrmenden Schaar zu ihr hernieder tnten.)

  Seite 123:
  "etzt" gendert in "jetzt"
  (der Bauer hat sich bis jetzt und bei solchen Gelegenheiten)

  Seite 140:
  "" eingefgt
  (und diese wrdige Weise bestand denn auch allerdings)

  Seite 145:
  "nnd" gendert in "und"
  (nur ein halbes Jahr Pastor und die Saiten haben)

  Seite 148:
  "brechtigt" gendert in "berechtigt"
  (vielleicht berechtigt sein durfte zu erwarten)

  Seite 154:
  "" eingefgt
  (der Freiheit voran, in die Reihen der Feinde zu tragen)

  Seite 160:
  "" eingefgt
  (er verachtet die -- Dirne. -- Sie schauderte zusammen)

  Seite 161:
  "ei" gendert in "sei"
  (nach Horneck gekommen sei und in der Pfarre wohne)

  Seite 168:
  "e nsterbret" gendert in "Fensterbret"
  (lehnte sich, um nicht zu strzen, an das Fensterbret)

  Seite 174:
  "anf" gendert in "auf"
  (ging dann auf seinen Zgling zu)

  Seite 176:
  "" eingefgt
  (Alle mit einander, wie heit der?--)

  Seite 178:
  "" entfernt
  (Die Knaben schienen das im Anfang)

  Seite 179:
  "zn" gendert in "zu"
  (heimlich zu desertiren, fand aber)

  Seite 196:
  "" eingefgt
  (noch keine Emancipation, Herr Hennig, rrrr -- unterbrach ihn)

  Seite 196:
  "" eingefgt
  (zu Worte kommen zu lassen, auf's Neue)

  Seite 203:
  "" eingefgt
  (und mir wieder gndige -- _Herren_ sein.)

  Seite 220:
  "" eingefgt
  (die Herren Schtzen,)

  Seite 225:
  "" entfernt
  (eine Tasse Eierbier eingeschenkt bekamen.)

  Seite 228:
  "eine" gendert in "ein"
  (frug ein anderer dabei stehender Bauer lachend)

  Seite 239:
  "sie" eingefgt
  (die Verfassung, die sie sich gaben, wurde nur wenig verndert)

  Seite 242:
  "" eingefgt
  (und knnen stimmen wie wir wollen.<)

  Seite 245:
  "Versammlung" gendert in "Versammlungen"
  (wie in den Versammlungen der Demokraten besonders)

  Seite 258:
  "" eingefgt
  (ich bin es _nicht_.)

  Seite 262:
  "Denkeu" gendert in "Denken"
  (Denken Sie an Sophien,)]






End of the Project Gutenberg EBook of Pfarre und Schule. Zweiter Band., by 
Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PFARRE UND SCHULE. ZWEITER BAND. ***

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