Project Gutenberg's Pfarre und Schule. Erster Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Pfarre und Schule. Erster Band.
       Eine Dorfgeschichte.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: July 22, 2014 [EBook #46368]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Pfarre und Schule.

  Eine Dorfgeschichte
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Erster Band.

  Leipzig,
  Georg Wigand's Verlag.
  1849.




_Vorwort._


Wenn der Leser auf kurze Zeit Lust hat mir zu folgen, so will ich ihn
auf ein ganz nahe liegendes und ihm doch vielleicht vollkommen fremdes
Terrain fhren -- mag er dann aber nicht zrnen, wenn er die Gestalten,
die er sich vielleicht idealisirt gedacht, nicht auch idealisirt wieder
findet. Rechts und links habe ich in das Leben hineingegriffen und
hingestellt was und wie ich es fand -- wir Menschen sind nun einmal
keine Ideale, und selbst aus dem Romane mssen diese verschwinden, wenn
er der Wirklichkeit gehren soll.

Auch kein vollendetes Ganzes war ich im Stande ihm zu bieten --
diese Bltter haben _Deutschland_ zum Schauplatz, und spielen in der
_Jetztzeit_ -- _knnte_ der Leser da ein vollendetes Ganzes auch nur
verlangen? Gewi nicht, wenn er Wahrheit dabei haben will.

Ich bin aber kein Freund von langen Vorreden, die Einleitung mag daher
den Leser auf den Schauplatz vorbereiten, und das Buch selbst ihm sagen,
was er zu erwarten hat. Ich habe geschrieben, wie mir's aus dem Herzen
kam -- mge er es in dem Sinne nehmen und verstehn.

  _Der Verfasser._




Inhalt des ersten Bandes.


                Erstes Kapitel.              Seite
  Einleitung                                     1

                Zweites Kapitel.
  Flucht und Verfolgung                         12

                Drittes Kapitel.
  Diaconus und Hlfslehrer                      39

                Viertes Kapitel.
  Parterre und erste Etage                      57

                Fnftes Kapitel.
  Der alte Jger                                75

                Sechstes Kapitel.
  Die Hornecker Schenke                        101

                Siebentes Kapitel.
  Die Pfarre                                   128

                Achtes Kapitel.
  Jgers Fritz und Schulmeisters Lieschen      160

                Neuntes Kapitel.
  Die Schule                                   182

                Zehntes Kapitel.
  Die Schulmeister                             214

                Elftes Kapitel.
  Des Musikanten Tochter                       245

                Zwlftes Kapitel.
  Die Gutsherrschaft                           270




Erstes Kapitel.

Einleitung.


Der Frhling des Jahres 1848 war gar auergewhnlich frh und mild durch
die starren, kalttrben Winterwolken hereingebrochen, und hatte Felder
und Fluren zu einer Zeit mit Grn bekleidet, wo diese sonst noch
gewhnlich unter bergender Schneedecke gleich sicher gegen bittere
Nachtfrste wie eisige Nordweste geschtzt lagen. Der Thau reinigte
selbst die Gebirgsschluchten, in denen bei anhaltenderen Wintern
manchmal wohl bis Anfang Mai frostige und schmutzig braune
Schneeschichten gelegen, von jedem Nachzgler nordischen Herrscherthums,
und Schneeglckchen und Primeln kten sich im Thal, und weinten
perlende Freudenthrnen, als die Lerche ber ihren Huptern emporstieg
und dem sonnigen Himmelsblau ihre schmetternden Jubellieder entgegen
wirbelte.

Aus dem Sden kam der ernste Storch und eilte mit raschem und immer
rascherem Flgelschlag der Stelle zu, wo er im vorigen Jahre sein Nest
gebaut und der jungen Brut das Fliegen gelehrt, und die Staare strichen
von allen Seiten herbei, erzhlten sich die bestandenen Abenteuer, die
berstandenen Gefahren und Beschwerden, und schwatzten und zwitscherten
und flatterten und schwirrten, da die Sperlinge auf den Dchern ganz
eiferschtig wurden, und der ernste Rabe, der oben in der am Weiher
stehenden Fichte sa, erst eine lange Weile mit dem Kopfe schttelte,
rechts und links hinunterschaute auf die lrmende Schaar, und dann mit
langsam scharfem Flgelschlag dem stilleren Felde zustrebte, wo er mit
den Brdern gravittisch hinter dem einsamen Pfluge herschritt, und sich
aufmerksam die frischgewhlten Furchen betrachtete, was sie ihm neues
und wohlschmeckendes zum Mahle bten.

Drauen im Raps lockte mit dem wehmthigen Rufe das Rebhuhn; ber die
Raine und Feldflchen jagten sich spielend die Hasen; der Finke sang
seine schmelzenden Melodieen im keimenden Wald; Huhn und Taube scharrten
sich nicht mehr die kleinen Fe auf dem harten Erdboden wund und
blutig, und ber die Teichwiesen und den von Felsen umdmmten Flu
strich schwirrend und blitzschnell die Wildente hin, und suchte unter
den dichten Zweigen und Dornen, die den kleinen Wald umhingen, Schutz
und Verborgenheit.

Aber auch die Pflanzenwelt war nicht mig; in gewaltiger Kraft brach
sich das junge quellende Leben die freie frhliche Bahn aus dem starren
Holze; berall sproten und schossen Halme und Grser empor, die Blthen
schwollen in farbenduftiger Flle und Tulpe und Hyacinthe, das stille
Veilchen und die schchterne Aurikel, und vor allen anderen das
neugierig muthige Leberblmchen, das sich mit seinen herzig rothen
Lippen oft schon Bahn selbst durch die Schneedecke bricht, erschlossen
die wrzigen Kelche und sandten Weihrauchopfer zu der freundlich ber
sie hingebeugten heiligen Pfirsichblthe empor.

Und der Mensch?

Im Norden und Sden, im Osten und Westen der schnen deutschen Gauen,
zwischen der erwachenden lchelnden Natur, unter den duftigen Blthen
und Knospen der Frucht- und Waldesbume -- strmte Blut; Barrikaden
fllten die Straen der sonst so friedlichen Stdte, und hemmten den
Verkehr -- zerfleischte Leichen sahen stieren glanzlosen Blicks in die
warme sonnige Luft hinauf, die fr ihre Wange keinen fchelnden Hauch
mehr hatte, und Verwundete mischten ihr Sthnen und Schmerzenswinseln
mit dem freudigen Jubelrufe der Frhlingsboten. Heeresmassen mit
blitzenden Waffen fllten die Straen, und Flammensulen lodernder
Gebude leuchteten weit in die Nacht hinaus.

Auch in den Geistern der Menschen war es Frhling geworden, aber der
Winter des kalten Zwangs und der starren Willkr hatte so lange, lange
Jahre gedauert, da es Gewalt brauchte, die bereisten Knospen zu
brechen und die Banden zu lsen, mit denen die nach Freiheit Strebenden,
Drngenden, so fest, ach so gar fest und streng umschlossen waren. Und
die Glieder bluteten in der rasenden Kraftanstrengung, mit der sie
sich dem, ihnen nur einmal dmmernden Lichte entgegen arbeiteten; aber
_durch Nacht zum Sieg_ tnte der Freiheitschrei, die Mnner der Gewalt
erbebten und die eiserne Bande, die Herzen und Arme des Volkes bis dahin
gefesselt gehalten -- borst.

In Deutschland war Frhling; aus Sden und Westen her wehte die frische
belebende Luft herber und vom nordischen und adriatischen Meer, vom
Rhein und von der Donau zogen mit den frhlichen Farben des Reichs,
mit dem so lang verpnten und verschmhten Schwarz, Roth und Gold
geschmckt, die Vertreter der Stmme zur Vorberathung des ersten
deutschen Parlaments.

In Deutschland war Frhling, und in den Sitzen der bedeutenderen
Intelligenz, in den greren und bevlkerteren Stdten, kochte und
ghrte es in Versammlungen und sich anschlieenden Vereinen, in
Ausbrchen des Zorns und Ingrimms gegen verhate, des Jubels und Dankes
gegen beliebte Brger; wo die Waffen ruhten, nahm die befreite Presse
den Kampf von Neuem auf, und jedes andere Interesse schwand in dem
einzigen Worte _Politik_.

Anders und ruhiger zeigte sich dagegen noch die Wirkung in den
kleineren, besonders den vom Hauptverkehr mit der geschftigen wirkenden
Welt mehr abgesonderten Stdtchen und Flecken. Die Tagespresse hielt
dort nicht den ruhigen Arbeiter in steter peinlicher Spannung des
Kommenden, und imponirende Massen vermochten nicht von seinen Geschften
ihn loszureien; wohl las er die Zeitung, aber meistens fand er hier nur
wchentliche Berichte, die das _Geschehene_ ruhig erzhlten, und deren
enge Spalten keinen Raum lieen fr weitere ausfhrliche Besprechungen
und Plne. Allerdings drang auch bis zu ihm der Ruf, einen Abgeordneten
fr das deutsche Parlament zu whlen, um auch ihre Stimme in Frankfurt,
wo Deutschland stark und einig tagte, vertreten zu sehen, um auch
ihren Wnschen, Forderungen und Beschwerden Worte zu geben, die nicht
wirkungslos mehr im Papierkorb der Minister schlummern sollten. Aber sie
begriffen grtentheils noch nicht die Wichtigkeit solcher Vertretung,
sie wuten nicht, was man in Frankfurt, von woher ihnen bis dahin
noch nie etwas Gutes gekommen, groes fr sie ausrichten knne, und
gleichgltig und schlfrig betrieben sie eine Sache, die ihrer ganzen
ausschlielichen Energie bedurft htte, um nicht als Fluch, statt als
Segen auf sie zurckzuwirken.

Desto eifriger wurde aber dafr das, hier so pltzlich dem Ehrgeiz
geffnete Feld von allen denen benutzt, die nun, ob Beruf, oder nicht
dafr im Herzen, Hoffnung zu haben glaubten, irgend einen Winkel
Deutschlands fr ihre Wahl bestimmen zu knnen. Besonders galt dies von
einer Klasse Menschen, die sich gleich von vorn herein in den greren
Stdten, oder da, wo man ihre bisherige Thtigkeit kannte, unmglich
wuten; diese stoben nach allen Seiten in kleine Stdte und Ortschaften
hinaus, stifteten Vereine, hielten Reden, haranguirten das Volk mit den
Schlagwrtern des Tages und strzten in Bierstuben und Tanzslen Throne
um und vernichteten Frstenthmer.

Und war die Reaction so ganz mig? That sie gar Nichts, dem Feuereifer
der Republikaner entgegen zu wirken? Nein, wahrlich nicht; mig
keinen Augenblick, aber noch zu schchtern, in der ersten Zeit wilder
Begeisterung den Kampf auf offene unerschrockene Art zu beginnen. Der
Begriff einer Reaction war auch noch zu wenig festgestellt worden, ja
die meisten, dem _zu_ raschen Fortschritt _nicht_ geneigten, schienen
sich kaum klar darber zu sein, wie weit die Mnner der Zeit eigentlich
zu gehen beabsichtigten, und wie stark daher der Gegendruck sein
msse, sie zurck zu halten, ja ob nicht doch das Ganze am Ende nur
ein einfacher Aufstand sei, der von dem Militair bald und rasch wieder
unterdrckt werden knne, und dann -- aber Berlin -- Berlin -- die
dort umsonst abgefeuerten Karttschen machten einen hchst unangenehmen
Eindruck auf Jeden, der bis dahin an die Wiederherstellung des alten
stillen Friedens geglaubt, und die hchst ungewisse Lage, in der man
sich befand, ja wo sogar noch der Zweifel aufstieg, ob man die wirklich
dagewesene Revolution auch eben so wirklich anerkennen solle oder nicht,
vereiteltete jedes entschiedene und planmige Handeln. Nur die einzige
Hoffnung blieb noch, im Geheimen und mit stillem unbeobachteten Wirken
einen knftigen Sieg anzubahnen, und das schien um so nthiger,
da selbst ein groer Theil der Beamten, die groe Majoritt des
Mittelstandes, ja sogar eine nicht unbedeutende Zahl der reicheren
und intelligenten Brger, zwar dem Whlen der Hitzkpfe und unreifen
Politiker nicht geneigt, aber doch zugleich auch fest entschlossen
schien, sich die gegenwrtigen Errungenschaften zu wahren und gleich
stark der Anarchie von unten wie von oben zu begegnen.

So lebendig nun also die Zeitverhltnisse in der Residenz des kleinen
Landes, das ich mir zum Schauplatz dieser Erzhlung ausersehen,
besprochen wurden, wo Katzenmusiken und Fackelzge anfingen zu den
allergewhnlichsten Begebenheiten zu gehren, so still und ruhig
verhandelte man in dem, nur wenige Stunden davon entfernten Dorfe
Horneck die Tagesfragen. Der ganze Mrz war verflossen, und noch kein
einziger Verein gegrndet worden, die Nachrichten aus den benachbarten
Reichen klangen den friedlichen Bewohnern wie Mhrchen aus tausend und
eine Nacht und sie htten das Ganze am Ende nur ebenfalls wie eine
Fabel und nicht einmal fr mglich gehalten, wren nicht der Schulze
und Gerichtsschreiber -- Beides sonst ein paar sehr ernste und furchtbar
strenge Gestalten, pltzlich so ganz unerklrbar freundlich geworden, ja
selbst der Rittergutsbesitzer, ein unerhrter Fall, zweimal in eigener
Person in die Schenke zu Biere gekommen.

Richtig war's nicht in der Welt, so viel stand fest, und umsonst
steckten der Pastor und ihr Gerichtsherr auch nicht immer die Kpfe
zusammen und lasen in Zeitungen, die sonst zu Horneck gar nicht gehalten
wurden. Die Bauern fingen daher, durch dies Alles neugierig gemacht,
selbst ein wenig mehr an, die sonst ziemlich vernachlssigten Berichte
von drauen her, von Frankreich und Berlin und von Leipzig und der
Trkei zu lesen, und in der Schenke gab dann ein Wort das andere. Die
Kpfe wurden hei, die Gemther erregt, die Worte hitzig -- Partheien
bildeten sich und Leute traten auf, die mit donnernden Fusten den
erstaunten Zuhrern die Beweise auf den Tisch schlugen. Aber es blieb
auch nur bei den hausbackenen einfachen Reden der Leute selber und die
konnten weiter keine aufreizende oder bedenkliche Folgen haben, denn
besonders der Landmann hlt sich gern fr eben so klug, als sein
Nachbar, und glaubt das, was der ihm sagen kann, erst recht schon, und
wer wei wie lange, besser zu wissen.

Dem konnte auch der Pastor Scheidler, der sich berhaupt gleich
von seinem ersten Amtsantritt her, viel um das Familienleben seiner
Beichtkinder bekmmert hatte, leicht begegnen, und jedes Unheil und jede
Strung durch Predigt und Wort abwenden, und nur erst, als die Zeitungen
immer unaufhaltsamer kamen und die Prefreiheit dem guten besorgten
Mann doch etwas bedenklich wurde, da grndete er einen Lesezirkel und
schickte seinen Diaconus hinein, um den Leuten die einzelnen Artikel
auszulegen und ihnen, gleich an Ort und Stelle ber verfngliche oder
solche Stze, die sie zu lngerem Nachdenken zwingen knnten, Aufklrung
zu geben.

Der einzige Mann vielleicht im ganzen Orte, der sich _gar_ nicht um
Politik bekmmerte und vollkommen damit zufrieden schien, wenn ihm der
Hlfslehrer, der ihm im letzten Jahre beigegeben worden, nur manchmal
Abends die Neuigkeiten aus der Stadt erzhlte, das war der alte
Schulmeister von Horneck, Sebastian Kleinholz, der seinen Jungen nach
wie vor die zehn Gebote und das Ein mal Eins einprgte, und das Jahr
1848 mit einer wahrhaft grndlichen Verachtung behandelte. Mit der
Revolution schien er aber nicht besonders einverstanden; der Pastor --
sein Vorgesetzter, so lange er denken konnte -- schttelte stets, wenn
er davon sprach, sehr bedenklich mit dem Kopfe, und der wute was er
that, denn der las _alle_ Zeitungen von A bis Z und legte die Bibel aus,
wie noch keiner vor ihm. Papa Kleinholz kmmerte sich brigens nur wenig
um die Auenwelt und mute oft frmlich dazu gezwungen werden, wichtige
neu eingelaufene Berichte mit anzuhren; ihm gengte es, da in
Horneck die Alten -- noch die Alten blieben, und mit den Jungen -- ei
sapperment, da wollte er allein -- heit das mit dem Hlfslehrer --
schon fertig werden.




Zweites Kapitel.

Flucht und Verfolgung.


Horneck lag in einer reizenden Gegend unseres schnen deutschen
Gaues, an einem kleinen, aber malerisch gebetteten Strome, den wir die
_Rausche_ nennen wollen. Von hoher Bergeskuppe berschaute es weit und
breit die benachbarten Thler und die ausgedehnte Niederung, die sich
gen Sden in flache fruchtbare Felder hinabzog, und dichte schtzende
Kieferkmme umdrngten den kleinen Ort gegen Norden, wo sie festen
Schirm und Hort gegen die kalten Winterstrme bildeten. Tief unten aber
rauschte und brauste der Strom ber knstliches Wehr hinweg in das Bett
hinein, das ihn der klappernden Mhle entgegenfhrte, und drben am
anderen Ufer, wo der Kahn so dicht und schaurig versteckt unter der
frisch ausschlagenden Trauerweide lag, stand, von Buchen und jungem
Eichenschlag fast verdeckt, die stille kleine Frsterwohnung, mit
dem blendendweien Anwurf und dem schindelgrauen Dach, den mchtigen
Hirschgeweihen ber der Thr, zu denen der alte Forstmann bei jedem
eine lange prchtige Geschichte erzhlen konnte, und dem schmalen
freundlichen Garten vor der Schwelle, in dem schon Tulpe und Aurikel
blhte und die duftenden Veilchen das enge Rundtheil in der Mitte mit
blauem reizenden Kranz umzogen.

Unten am Fu des Berges, auf dem Horneck lag, standen von fruchtbaren
Feldern und Wiesen gleich umschlossen und von dichten Obstgrten
begrenzt, die Wirthschaftsgebude des Rittergutes, das denselben Namen
trug, oben aber, auf der hchsten Kuppe, ja selbst auf einem theilweis
als Steinbruch benutzten Felskegel gebaut, der ihr auch groentheils
aus seinem eigenen Selbst das Material zu den starken Mauern geliefert,
ragte die kleine Kirche mit dem stumpfen abgerundeten Thurme hervor, und
gewhrte einen Fernblick selbst ber die spitzen dunkelgrnen Wipfel des
Nadelholzes hin nach den blauen zackigen Gebirgsrcken gen Norden, in
denen die Rausche ihren Ursprung fand.

Die Pastorwohnung lag dicht unter der Kirche an der Nordseite, und eine
enge in den Stein gehauene Treppe fhrte zu der kleinen Thr hinauf,
durch die der Pastor das heilige Gebude gewhnlich betrat; an der
Sdseite dagegen schmiegte sich die Schulwohnung an und vor dieser
vorbei fhrte auch der breite steile Fuhrweg selbst bis vor die
Hauptthr der Kirche.

Der Diaconus wohnte mit in der Pfarre, der Hlfslehrer in einem kleinen
Dachstbchen der Schule, das die Aussicht, ber die unter ihr liegenden
Dcher der Nachbarhuser hinweg, gerade nach dem schattigen dsteren
Schwarzholze hatte. Von der Schulwohnung aus fhrte ein kleiner schmaler
Pfad dicht an einem niederen Kieferdickicht hin, wo sich die stachlichen
Nadelzweige fest in einander schoben und ein Durchbrechen derselben fast
zur Unmglichkeit machten.

Auf dem Wege nun, der ber die Felder bis weit an die oben gen Norden
ziehende Strae lief, schritt, am Morgen des ersten April, wo die
Sonne so recht warm und freundlich auf die Erde herniederschien, Vater
Kleinholz, einen Spaten auf der Schulter, und fr sein Alter noch
rstig genug, vorwrts, und rastete nicht eher, bis er an einen kleinen
schmalen Streifen Feld kam in dessen einer Ecke, und dicht am Wege, ein
mchtiger Steinblock wohl zwei Schuh hoch aus der Erde emporragte. An
diesen lehnte er seinen Spaten, setzte sich selbst auf den Stein, und
legte fr einen Augenblick, wie ausruhend, die beiden zusammengefalteten
Hnde in den Schoo; sein Blick schweifte dabei prfend ber das kleine
Stckchen Erde hinber, das er sein nannte, und das noch starr und
ungelockert, wie es der Winter gelassen, mitten zwischen den bestellten
und wohl hergerichteten Feldern der Nachbarn lag.

Ja ja, sagte er da nach langer Pause, whrend er langsam und bedchtig
dazu mit dem Kopfe nickte -- ja ja, ich kann es Meiers Frieden nicht
verdenken, da er mir den Zwickel hier nicht aufpflgen will -- oder
nicht kann, wie er meint; so mitten in Grben drinn und hier noch
den Stein, und da drben den Wegweiser, da bleibt in der That kein
Pltzchen, wo man Kuh oder Pferd umlenken knnte, und am Rande ist man
auch immer gleich wieder. Nun mit Gott, die Jahr werden diese alten
Knochen wohl noch im Stande sein, das bischen Arbeit zu thun, und im
nchsten -- na da la ich vielleicht dem Hlfslehrer seinen Willen, der
mich lange d'rum geqult hat -- eigene Passion das -- wer wei -- hm,
ja -- wer wei, ob er's im nchsten Jahr nicht ohnedie fr sich selber
bestellen mu.

Der alte Mann zog seinen schwarzen, schon sehr abgetragenen Rock aus,
faltete ihn sauber zusammen und wollte ihn eben neben sich auf den Stein
legen, als sein Blick auf die deutlich hervortretenden hellblauen
Nthe fiel, die dem sonst ganz schwarzen und ehrwrdigen Kleide ein
eigenthmliches Ansehn gaben.

Hm sagte er, und betrachtete aufmerksam das abgenutzte Kleidungsstck
-- der Frber hat mir die Montur doch nicht so recht cht in der Kur
gehabt, und der Mller guckt berall durch -- das Blau mu eine
sehr gute Farbe gewesen sein, da es sich so durch das Schwarz
hindurcharbeitet -- ich wollte ich htte den Rock gehabt, wie er neu
war; mein Samuel soll mir doch einmal ein Bischen wieder mit Tinte
nachhelfen -- das hlt eine lange Weile und sieht ordentlich gut aus;
aber komm Sebastian, komm, der schne Sonnabend vergeht und ich darf
doch nicht wieder zu Hause gehen, ohne mich wenigstens ein Stckchen in
die Ecke hier hineingestochen zu haben.

Und vorsichtig, als ob er bange wre von dem verwitterten Kleidungsstck
vielleicht eine Ecke abzubrechen, legte er den Rock auf den Stein, griff
nach dem Spaten, und war bald beschftigt den, durch den letzten
Regen ziemlich locker gewordenen und berdie etwas sandigen Boden
umzustechen.

Noch nicht lange hatte er so, dem Waldpfad den Rcken zukehrend,
gearbeitet, als zwei Personen den kleinen Weg entlang kamen, und ruhig,
von ihm unbemerkt, den eben erst verlassenen Platz auf dem Steine
einnahmen. Es war ein Greis und ein junges Mdchen; beide bleich, und in
anscheinend rmlichen Verhltnissen, -- das Mdchen aber auch noch von
krnklichem Aussehn, mit blassen eingefallenen Wangen und glanzlosen
Augen.

Sie mute einmal recht schn gewesen sein, die arme Maid, weich und
seidendicht schmiegten sich die langen nubraunen Haare um die weie,
hohe und edelgeformte Stirn, dunkle und lange Wimpern berschatteten den
Blick; auch ihre Gestalt war schlank und zart gebaut, und die Hand klein
und zierlich wie der Fu, aber die Elasticitt der Jugend war aus der
jugendlichen Form gewichen, und ernst und schwermthig neigte sich das
schne bleiche Haupt.

Keines von beiden sprach ein Wort, der Alte aber, der eine in ein
braunes Tuch gewickelte Violine unter dem Arme trug, stemmte diese jetzt
vor sich auf den Stein, umklammerte sie mit beiden Hnden, sttzte dann
sein Kinn oben darauf, schaute dem greisen Schulmeister eine ganze Weile
schweigend zu und sagte mehr mit sich selbst redend, als zu dem Anderen
gewandt:

Auch ein sauer Stck Brod fr weie Haare -- aber doch besser wie gar
keins -- ich kenne Leute, die recht gern grben, wenn ihnen nur auch der
Boden Kartoffeln trge.

Der Schulmeister richtete sich auf, schaute sich um, und blieb, die
Rechte auf den Spaten stemmend, in eben der Stellung stehn.

Guten Morgen, ihr Leute -- woher des Weges? sagte er tief Athem holend
-- Ihr mt frh aufgebrochen sein, wenn Ihr schon von Sockwitz kommt,
und es liegt doch kein anderes Dorf mehr da hinber zu.

Wir brauchten nicht zu warten bis der Kaffee fertig war erwiederte ihm
trocken und mrrisch der Alte, da hlt's nicht auf, wenn man morgens
rasch fort will, das Frhstck hat uns auch nicht am Gehn gehindert.

Es lag so viel Bitterkeit in dem Tone, mit dem der Fremde diese Worte
sprach, da der Schulmeister ihn lange mitleidig betrachtete; endlich
ging er auf den Stein zu, auf dem sie saen, nahm seinen Rock herunter,
griff in die eine Rocktasche und frug, whrend er aus dieser irgend
etwas in Papier gewickeltes herausnahm:

Ihr seid wohl noch nchtern liebe Leute? -- ja, die Zeiten sind
schlecht, und ein armer Mann mu sehn wie er sich durchschlgt; nun
nehmt nur, ich finde was wenn ich wieder zu Hause komme.

Ihr seid der Schulmeister? frug der Bettler, und schaute whrend er
das Dargebotene zgernd annahm, etwas mitrauisch nach dem schwarzen
Rock hinber, den Jener noch in der linken Hand hielt.

Von Horneck, besttigte der Greis.

Heit Ihr Horneck?

Seh' ich aus wie ein Adelicher? lchelte der alte Mann.

Ih nun brummte der Fremde, und warf einen finsteren Blick nach der
Husermasse des kleinen Orts hinber; nach einer Weile knnte das
wahr werden -- jetzt ist's freilich noch nicht -- wenn Ihr aber der
Schulmeister vom Dorfe seid, und uns Euer Frhstck schenkt, so mu ich
mich wohl, und das recht herzlich dafr bedanken; die Schulmeister haben
sonst auch gewhnlich nicht viel wegzuschenken.

Besonders der von Horneck, sagte Papa Kleinholz mit einem wehmthigen
Zug um die Lippen, der in diesem Fall wohl eben wieder zu einem Lcheln
werden sollte, es aber doch nicht im Stande war, und nur zu einer
leisen, kaum bemerkbaren Bewegung der Lippenmuskeln wurde, -- nun, es
hat jeder sein Bndel Leid und Noth zu tragen, und da darf man nicht
murren, wenn unseres vielleicht ein klein Bischen grer ist, als das
des Nachbars; der Eine vermag auch mehr zu tragen, als der Andere, und
der liebe Gott theilt das eben jedem nach seinen Krften zu.

Herr Gott, was mssen wir doch fr Riesen sein, Marie; lachte der
Alte, und wandte sich nach seiner Tochter um; die aber antwortete
Nichts, nahm ihm nur das vom Schulmeister erhaltene Frhstck -- ein
Stck trockenes Brod -- aus der Hand, brach sich einen kleinen Theil
davon ab, und verzehrte es schweigend. -- Ihr Blick heftete in dem Thale
unten an irgend einem Gegenstand -- sie sprach kein Wort und verzog
keine Miene.

Eure Tochter ist wohl stumm? frug mit mitleidigem Blicke der
Schulmeister.

Stumm? nein, lautete die Antwort, nur maulfaul -- sie denkt
wahrscheinlich viel, aber sie hat die Gabe nicht, es von sich zu geben.
Schade drum, die Welt wird viel verlieren.

Ein vorwurfsvoller Blick des Mdchens fiel auf den Vater, als er die
Worte sprach, doch es war nur ein Blick, und es wandte rasch wieder
den Kopf. Dem Schulmeister fing es aber an unheimlich bei den Beiden zu
werden. Das Mdchen hatte augenscheinlich schon bessere Tage gesehn;
ihr Anstand war edel und selbst die Zge verriethen einen Grad von
Ueberlegenheit, der um so auffallender gegen das gleichgltige Wesen
ihres Begleiters abstach. Auch ihr Anzug gab Zeugni einer besseren
Zeit und ganz verschiedener Verhltnisse, wenn nicht die Ueberreste der
Kleider von mitleidiger Hand kamen, und jetzt nur, wie zu Spott und Hohn
die hageren Glieder mehr verhllten als bedeckten.

Marie, wie sie der Alte nannte, trug ein zerrissenes, beschmutztes Kleid
von schwerer schwarzer Seide, das an mehreren Stellen durch Stcken
bunten gewhnlichen Kattuns, ja ber dem linken Aermel sogar mit
Bindfaden zusammengehalten wurde. Die bloen Fe staken in zerrissenen,
aber feinen, mit Pelz noch hie und da verbrmten Lederschuhen, und den
Kopf bedeckte ein sonngebleichter blauer Atlashut, von dem jedoch jeder
Zierrath, der ihn sonst vielleicht bedeckte, heruntergeschnitten war,
whrend darunter einzelne unordentliche Locken des ppigen Haares
hervorquollen. Die Arme trug sie blo, und einen in frherer Zeit
vielleicht schn gewesenen Shawl, der aber jetzt durch Straenschmutz
und Regen hchst unansehnlich geworden, hatte sie, als sie mit ihrem
Vater an dem jetzigen Ruheplatze angekommen, fest um sich hergeschlagen,
jetzt aber, durch was nun auch ihre Aufmerksamkeit abgelenkt sein
mochte, nachlssig niederfallen lassen, da der bleiche Nacken, unter
dessen durchsichtiger Haut die blauen Adern schimmerten, und die eine
Schulter hervorschaute.

Nun, kannst du den Mund nicht aufmachen, Mamsell? fuhr sie nach kurzer
Pause der Alte noch einmal an, oder ist die _Madame_ vielleicht heute
Morgen nicht zu sprechen, und lt sich absagen?

Das Mdchen erwiederte keine Silbe, schien auch den Hohn, der in den
Worten lag, gar nicht zu beachten oder zu bemerken, und deutete jetzt
nur schweigend, mit der rechten, abgemagerten Hand nach dem Thale
hinunter, wo sich eine Gruppe bewegte, die auch die Aufmerksamkeit
der Mnner, sobald sie ihrer nur ansichtig wurden, im hchsten Grade
fesselte, und jedes weitere Gesprch fr den Augenblick abschnitt.

Das Thal, durch welches sich ein schmaler Fupfad links hinberwand,
und der, nach dieser Richtung hin etwa eine halbe Stunde entfernten, zur
Residenz fhrenden breiten Chaussee zulief, war ziemlich offen und nur
grtentheils von nackten Feldern und Wiesenstrichen durchkreuzt; erst
gegen den Fu der Anhhe hin bildeten sich kleine, der Hhe zustrebende
Schluchten, die mit niederem aber dichtem Gebsch bewachsen, schon
gewissermaen die Vorpostenkette der stattlicheren Waldmassen bildeten,
welche nachher von der Kuppe des Berges aus weit hin gen Norden und
Osten zogen.

Zwischen diesen Schluchten lagen immer wieder freie Feldstrecken, und
gegen den Kamm des Hgels hin, wo wir gerade den Schulmeister mit den
beiden Fremden verlassen haben, verschwanden auch die Bsche, so da
hier eine einzige ununterbrochene Flche diese von dem Walde selber
vollkommen abschnitt. Nur ein kleines Weidendickicht lag gerade mitten
auf der Kuppe, und dahinter hin dehnte sich, durch mehrere hier
krftig vorsprudelnde Quellen erzeugt, ein schmaler Streifen sumpfigen
Moorgrundes aus.

Ueber das offene Feld aber, das noch unterhalb der Schluchten, und
von dem Fupfad durchzogen lag, lief, als die Dreie eben dort
hinberschauten, ein Mann, und schien mit aller nur mglichen
Kraftanstrengung den nchsten Bschen zuzustreben. Hinter ihm aber, in
kaum zweihundert Schritten Entfernung, sprengte ein Reiter, und
trieb mit Peitsche und Sporn sein Pferd zu wildester Eile an, um den
Flchtigen einzuholen, oder ihn doch wenigstens von dem schtzenden
Dickicht abzuschneiden, wo Verfolgung im Sattel unmglich gewesen wre,
und ihn aufzuhalten, bis ein anderer Hlfstrupp, der aus vier Fugngern
bestand, und ebenfalls so rasch als mglich, aber schon anscheinend
erschpft, herbeistrmte, die Anstrengungen des Berittenen zu
untersttzen vermochte.

Der Flchtling zeigte brigens, wenn er Grund und Boden, auf dem er sich
befand, nicht schon von frher kannte, einen so richtigen Blick in der
Richtung, die er einschlug, und der Bahn, der er folgte, da er nicht
allein die fr den Reiter schwierigsten Stellen rasch nach einander
benutzte, sondern auch den alten Musikus durch seine Kraft und
Gewandtheit zu lauter Bewunderung hinri.

Bei Gott! rief dieser, das ist nicht das erste Mal, wo der einem
Gensdarmen aus dem Wege geht -- hurrah mein Junge -- nur noch ein paar
Minuten ausgehalten, und der Schnurrbart mag nachher sehn, wo er zuerst
in den Bschen hngen bleibt -- hurrah mein Herzchen -- das ist recht
-- ha ha ha -- wie der die kleine Hecke und den Dornenbusch benutzt --
jetzt links mein Schatz -- noch mehr links, nachher kommen die Steine,
und in denen bricht er Hals und Bein, wenn er sich hineinwagt -- so brav
-- so brav, hol' mich der Teufel, das war ein kapitaler Sprung -- jetzt
hinein in's Dickicht -- ha ha ha ha das thuts, das war famos ausgefhrt:

  Heia juchheia, die Hetze ist aus,
  Guten Morgen Herr Frster, itzt gehn mer zu Haus;
  Itzt gehn mer zu Haus und itzt gehn mer zu Bett,
  Und wer z'erst in den Federn liegt, g'winnet die Wett'!

Der Alte schwang sein eingewickeltes Instrument jubelnd um den Kopf
und sprang dann auf den Stein, um den weiteren Verfolg der Sache besser
bersehn zu knnen.

Der Gehetzte hatte auch wirklich, wie es ihm der Alte in eigenthmlicher
Theilnahme, obgleich weit auer Rufsweite, mit lauter ngstlicher Stimme
angerathen, eine kleine Spitze drren Haidelandes, auf dem scharfe
Felsblcke wild zerstreut umherlagen, gewonnen, und endlich, indem
er diese zwischen sich und dem Reiter lie, die Schlucht gerade in
demselben Moment erreicht, als der Gensdarm eine Pistole aus der Holfter
zog und nach ihm feuern wollte. Ghlings aber in das tiefe Gerll
hinabspringend tauchte er in dem maigrnen Laube unter, und verschwand
den Blicken der auf dem Hgel Stehenden, wie auch wahrscheinlich denen
des Gensdarmen, denn dieser wandte sich jetzt nach einigen vergeblichen
Versuchen, mit dem Pferde in das Dickicht zu dringen, gegen seine
herankeuchenden Genossen, winkte ihnen, den bewachsenen Platz zu
umzingeln und sprengte dann selbst, um den Rand des Busches hin, der
Hhe zu.

Die Dreie am Stein aber, standen wieder schweigend und in gespannter
Erwartung da, und erharreten ngstlich das Resultat dieser merkwrdigen
Jagd; ja selbst der Schulmeister, obschon sonst ein abgesagter Feind
jeder Ungesetzlichkeit, ertappte sich zu seiner eigenen Ueberraschung
auf dem Wunsch, _den_ Menschen, der doch sicherlich irgend ein
Verbrechen begangen hatte und Strafe verdiente, entwischen zu sehn -- es
ist das jenes eigene Gefhl, das unsere Theilnahme stets dem schwachen,
anscheinend unterdrckten Theile zuwendet, und der Vernunft nicht Raum
gewhrt, kalt vorher zu entscheiden, auf welcher Seite das Recht, auf
welcher das Unrecht sei.

Die Jagd nahte sich aber auch jetzt ihrer Entscheidung; denn hielt sich
der Verfolgte, wie das auch das wahrscheinlichste war, da er jedenfalls
einer kurzen Rast bedurfte, in dem Gebsch, so konnte der Berittene
leicht den oberen Theil der Schlucht besetzt halten, und ihm dadurch die
Flucht zu dem dichten Wald vollkommen abschneiden; die anderen Verfolger
aber htten zu dreien das noch lichte und durchsichtige Gebsch mit
leichter Mhe abgetrieben, so da er entweder diesen, die leichte
Jagdflinten auf den Schultern trugen, in die Hnde gefallen, oder von
dem Gensdarmen, htte er den Ausbruch erzwingen wollen, auf dem nun
ebenen Boden eingeholt wre, und was konnte der arme Teufel dann gegen
den vollkommen Bewaffneten ausrichten?

Wenn er nur nicht in dem verdammten Loch da unten stecken bleibt! rief
der Musikus, und hob sich hoch auf die Fuzehen, um den ganzen Umfang
der buschbewachsenen Schlucht so weit als mglich zu bersehn --
Wetter noch einmal! wenn er den Wald erreichte, ehe der Himmelhund von
Gensdarmen nachkommt, ich gb' meiner Seel'--

Er schwieg pltzlich, denn entweder fiel ihm ein, da er gar nichts
zu geben hatte, oder er war sich auch vielleicht nicht so ganz klar
darber, ob er in der That der Sicherheit eines Anderen, Fremden wegen,
irgend etwas geben sollte -- wenn er es htte.

Vater, sagte da das Mdchen -- wenn er wirklich bis hier oben
her kommt, so frchtet er sich vielleicht, so lange wir hier stehen,
herauszubrechen, weil er nicht wissen kann, ob wir Freunde oder Feinde
sind. Sind wir hier nicht gerade zwischen ihm und dem Wald? -- wir
wollen auf die Seite treten!

O, geh' zum Teufel! brummte der Alte, da drben kann man Nichts
sehen, und glaubst Du etwa, der wrde sich vor uns geniren, wenn er dort
hinten in's Dickicht wollte? -- Bist Du dumm, das ist ein alter Fuchs,
und sprt mit einem Blick, ob wir Ehrenmnner oder Polizeigeschmei
sind. -- Bei Gott, da kommt der vermaledeite Hegereiter um die Spitze
herum, wenn er doch den Hals brche, der Lump!

Aber lieber Freund, fiel ihm hier der Schulmeister, dem das doch
zu arg werden mochte, in's Wort, der Mann ist nur ein Vollzieher des
Gesetzes, und was sollte _ohne_ Gesetze aus uns werden? Wer wei, was
der Mensch, den sie da einfangen wollen, verbrochen hat; es sind jetzt
schlimme Zeiten, und vieles bse Volk treibt sich im Lande herum.

Der Musikant warf ihm einen halb verchtlichen, halb rgerlichen Blick
zu.

Verbrochen? brummte er -- ja, ein groes Verbrechen wird der begangen
haben -- vielleicht hat er im Wald ein trockenes Stck Holz abgebrochen,
um daheim die Kinder nicht erfrieren zu lassen, oder gar einen
hochfrstlichen Hasen erschossen, dem der liebe Gott das erlaubt hatte,
was ihm versagt war, in Feld und Wald sein tgliches Brod zu suchen.
Schreckliche Verbrechen das, aber -- he he he he he -- seht den
Hegereiter:

  Holter polter alle zwei,
  Wir fielen den Berg hinunter,
  Das Rlein streckt die Bein empor,
  Der Reiter der liegt drunter,
  Das Rlein streckt sich einmal aus,
  Und wie sie den Reiter suchen,
  Da liegt er unter Rleins Bauch
  So flach als wie ein Kuchen.

Sein jubelndes Lied war nicht ohne Grund; das Pferd des Gendarmen mute
mit dem einen Vorderbeine in eins der vielen Lcher, die hier den
rauhen Boden berall zerrissen, getreten haben und dadurch pltzlich
einknickend, schleuderte es den Reiter weit ber sich weg zur Erde.
Dieser aber, wenn er auch in die scharfen Steine hinein keineswegs sanft
gebettet fiel und an Stirn und Hnden blutete, raffte sich doch
rasch empor, hob seine Mtze auf, sprang in den Sattel des zitternden
schweitriefenden Thieres und strebte schon nach wenigen Secunden mit
fest zusammengebissenen Zhnen und zornfunkelnden Augen seinem Ziele
wieder zu. So gering aber auch der Aufenthalt gewesen sein mochte, der
durch den Sturz herbei gefhrt worden, so hatte er doch gengt, dem
Verfolgten einen kleinen Vorsprung und so viel Zeit zu geben, das obere
Dickicht, das er indessen erreicht, ohne Sumen zu verlassen, um vor
allen Dingen den wirklichen Wald zu gewinnen, wo er dann, erst einmal
dort, nicht zu frchten brauchte, so rasch entdeckt zu werden.

Wie der Musikant vermuthet, kmmerte sich jener auch wenig um die
drei Menschen, die er bald als harmlos erkannt hatte, ja er floh sogar
stracks auf sie zu, da gerade hinter ihnen die ihm nchste Waldecke lag.
Seine Lage wurde aber eine sehr miliche, denn das Pferd war nur noch
eine kurze Strecke von dem Kamm des Hgels, der Wald aber wenigstens
vierhundert Schritte entfernt, und konnte der Reiter erst den
obenliegenden verhltnimig ebenen Grund benutzen, wo er den
Verfolgten augenblicklich entdecken mute, so war nur geringe Hoffnung,
da dieser mit seinen fast erschpften Krften aushalten wrde gegen das
krftige Thier, das seinen Verfolger trug.

Jetzt flog dieses, mit khnem Sprung, und von dem Sporn des Reiters
gestachelt, auf den letzten, wohl zwei Fu hohen Rain hinauf, der schrg
am Rande des Hgels hinlief und kaum erblickte hier der, durch den Sturz
nur noch mehr erbitterte und angereizte Mann den Flchtigen, der mit
raschen Stzen ber das holprige Feld dahin sprang, als er seinem
Gaul fast die Schenkel in die Flanken drckte und zugleich, mit lautem
Triumphruf den Arm emporwarf; denn auf der offenen Flche sah er den
Flchtigen schon rettungslos in seine Hand gegeben.

Der also Gehetzte befand sich jetzt kaum funfzig Schritte von da, wo der
Schulmeister mit dem Musikanten und seinem Kinde stand, ein niederer,
flacher Graben aber, der auf der einen Seite mit Schlehen bewachsen war,
und den er hier annahm, um die Sturzcker zu vermeiden, die seine Flucht
aufhalten muten, entzog ihn auf etwa hundert Schritte ihren Blicken.
Als er wieder daraus emportauchte und jetzt von ihnen fortfloh, fhrte
ihn seine Richtung gerade auf den kleinen Weidenbusch zu, der, wie schon
erwhnt, inmitten dies offenen Feldes stand, der Schulmeister aber,
der, die Hnde gefaltet und mit ngstlich klopfendem Herzen diesem
eigenthmlichen Schauspiele zugeschaut, sagte halblaut und fast
unwillkrlich:

Groer Gott! in den Weiden ist er verloren -- dort sinkt er ein.

Vermeidet den Busch! rief da rasch entschlossen das Weib, und der
Flchtige, der die Worte nicht zu verstehen schien, wandte den Kopf nach
ihr um -- in den Weiden ist Sumpf! wiederholte eben mit noch lauterer
Stimme die Frau, und das letzte Wort wenigstens mute jener begriffen
haben, denn ohne Weiteres rechts abbiegend, blieb er auf dem Raine, der
die nchste Feldgrenze bildete. Dadurch aber beschrieb er einen kleinen
Bogen um den moorigen Busch, und so nah kam ihm dadurch der Verfolger,
da dieser, in voller Hast und der freudigen Gewiheit, den Flchtigen
endlich erreicht zu haben, die eine Pistole wieder aus der Holfter ri,
und, mit den Verhltnissen des Bodens hier unbekannt, gerade auf den
Busch zu sprengte, ber dessen niedere Strucher hin, und anscheinend
dicht vor sich er den nun wieder gerade dem Walde zu Fliehenden sehen
konnte.

Dort ist ein Sumpf! wollte auch jetzt, fast unwillkrlich, der
Schulmeister rufen, die breite Hand des Musikanten lag ihm jedoch bei
der ersten Sylbe auf den Lippen, und gleich darauf betrat das Ro den
gefhrlichen Boden.

Die dem Flchtenden gegebene Warnung schien aber keineswegs unntz
gewesen; schon bei den ersten Stzen sprang das Pferd bis ber die
Fesseln in den weichen Moor; der Gensdarm brigens, anstatt es rasch
herumzuwerfen, glaubte durch Schnelle des Bodens Schwierigkeiten am
Besten besiegen zu knnen, prete noch einmal mit den Sporen nach,
und fand sich wenige Secunden spter bis an den Sattelgurt in einem
schlammigen Graben, aus dem sich sein erschpftes Thier nur nach langer
mhseliger Anstrengung wieder heraus und auf festen Grund arbeiten
konnte.

Der Verfolgte warf, als er das pltschernde Gerusch so dicht hinter
sich hrte, einen scheuen Blick zurck, setzte aber seine Flucht
ununterbrochen fort. Wohl sprengte der Reiter, als er sein Thier
wieder befreit sah, ihm noch einmal nach, und wre der Wald nur hundert
Schritte weiter entfernt gewesen, so mte er den zum Tode Ermatteten
dennoch eingeholt haben, so aber erreichte dieser das schtzende
Dickicht und verschwand gerade, als der Gensdarme in vollem Ingrimm
seinem Pferde in die Zgel griff und beide Pistolen hinter ihm her
feuerte, zwischen dem dichten Nadelholzanwuchs, dem sich gleich dahinter
ein noch weit undurchdringlicher Eichenschlag anschmiegte.

Ha ha! lachte und jubelte aber jetzt der Musikant.

  Wirst mer's net so ibel nehme,
  Wenn i net zerckkomm heut',
  Denn i bin in schenster Arbeit
  Und da han i, Schatz, kei Zeit.

Ha ha ha! Se. Excellenz der Herr Gensdarme haben sich umsonst bemht;
kleine Bewegung schadet dem Pferdchen gar Nichts -- wird doch blos
gefttert, um einen Faullenzer zu tragen, da er keine Hhneraugen
kriegt.

Ihr werdet uns den Gensdarmen auf den Hals ziehen, sagte der
Schulmeister und schaute sich etwas ngstlich nach dem Reiter um, der
auch wirklich jetzt, whrend er zugleich frische Patronen in seine
Pistolen hinunterschob, auf die kleine Gruppe zu trabte.

Hallo da! rief er, sobald er sich den Dreien gegenber sah, und sein
in Schwei gebadetes keuchendes Thier einzgelte, wer von Euch hat dem
entwischten Schuft da etwas zugerufen? -- nun? -- knnt Ihr die Zhne
nicht auseinander bringen? oder soll ich Euch erst gesprchig machen?

_Ich_ war's! sagte das Mdchen, und schaute dabei dem zornigen
Soldaten fest und unerschrocken in das finster auf sie niederblickende
Auge.

Und was hast _Du_ mit einem entflohenen Strfling zu verkehren,
Mamsell? fuhr sie der ingrimmig an -- willst Du gestehen, Du -- Ding
Du? oder--

Bitt' um Verzeihung, Euer Gestrengen, schnitt hier der alte Musikant
rasch, aber mit einem eigenthmlichen Gemisch von Trotz, Unverschmtheit
und Scheu der Tochter die Antwort ab -- Sie wissen wohl, die Weiber
sind neugierig und wollen immer gern mehr wissen, als sie vertragen und
behalten knnen, und da frug mein dummes Ding von Mdchen da den jungen
Menschen, der in solcher Eile war, was er denn so liefe, und weshalb die
anderen Herren hinter ihm drein rennten.

Du Lgenhund verdammter! hab' ich Dich schon gefragt? schnauzte der
Gensdarme den Alten an -- wer bist Du berhaupt, und wo kommst Du her?
wo ist Dein Pa?

Hm brummte der Musikant und fuhr sich langsam mit der rechten Hand
in die Brusttasche, Lgenhund werd' ich eigentlich gewhnlich
nicht gerufen -- aber was thuts -- hier Herr Lieutenant -- bitt' um
Verzeihung, wenn die Anrede nicht klappt -- am Verdienst wird's nicht
fehlen -- hier ist der Pa -- wird wohl Alles in Richtigkeit sein.

Der Gensdarme ri das zerknitterte, beschmutzte und vielmal
zusammengefaltete Papier, das ihm der Alte reichte, an sich, ffnete und
durchflog es mrrisch, denn nicht freundlicher schien ihm das gerade zu
stimmen, da er keinen Halt an dem Musikanten fand, um seinem _Zorne_
Luft zu machen.

Jacob Meier, las er halb laut, und verglich dabei mit rasch und
mitrauisch hinberschweifenden Blicken die Figur mit dem in dem Pa
befindlichen Signalement -- Alter 53 Jahr -- Haare grau gesprenkelt --
Nase kurz -- Backenknochen vorstehend -- Pockennarben -- mit Tochter
-- Marie Meier -- Haare schwarz -- Augen dunkel -- Zhne vollstndig --
Gesichtsfarbe gesund -- nun, das ist _die_ doch nicht? und er deutete
dabei auf das Mdchen, in deren Wangen bei den rohen Worten ein
leichter Hauch stieg und auf wenige Secunden zwei rothe eckige Flecken
zurcklie, dann aber eben so rasch wieder verschwand, wie er gekommen.

Das Kind sieht jetzt krank und angegriffen aus, sagte hier der
Schulmeister, dem es doch weh that, da die armen und berdies schon so
unglcklichen Leute so barsch und rauh angefahren wurden -- es wird ihr
nicht wohl sein.

Wer ist _Er_, und was hat er hier d'rein zu reden? fuhr der gewaltige
Mann des Gesetzes grob genug den erschreckt Zusammenfahrenden an.

Ich bin der Schulmeister aus Horneck, sagte dieser fast unwillkrlich,
aber selbst der schchterne Greis fhlte sich entrstet ber das
Entehrende solcher Behandlung, und mit etwas schrferer Betonung setzte
er gleich darauf hinzu: auch steh' ich hier auf meinem eigenen Grund
und Boden und habe keinen Menschen beleidigt, da ich verdiente, so
angefahren zu werden.

Dann kmmern Sie sich auch um ihre Schule und stecken Sie die Nase
lieber in ihre Bcher und nicht in anderer Leute Geschfte, entgegnete
ihm, wohl nicht mehr so herrisch, aber doch noch immer rgerlich und
trotzig genug der Gensdarme, und wandte sich wieder von ihm ab. Den Pa
dann dem alten Musikanten vor die Fe werfend, und, die Dreie weiter
keines Blickes oder Wortes wrdigend, sprengte er rasch seitwrts den
Hgel hinab und der Stelle zu, wo jetzt seine den Berg heraufklimmenden
und nicht berittenen Begleiter sichtbar wurden.

Ist das ein rauher grober Mensch, sagte Kleinholz und sah
kopfschttelnd dem Davongallopirenden nach, und doch eigentlich weiter
Nichts als ein berittener Polizeidiener, und das mu man sich gefallen
lassen.

Wird schon zahm werden, Alterchen, lachte der Musikant, wird schon
zahm werden, und lange kann's nicht mehr dauern; in Wien und Berlin sind
sie mit Kolben gelaufen, und wenn wir hier ihnen noch nicht den Daumen
auf's Auge gesetzt, so -- aber komm Marie, 'swird spt und ich mu noch
gehrig herumlaufen, da ich auch morgen die Erlaubni auftreibe --
guten Tag Schulmeister, guten Tag, schnen Dank fr den Imbi und
bessere Zeiten fr den Morgen -- Morgen? 'sist ein komischer Trost;

  Und wenn wir am Morgen zusammenkommen,
  Und denken zurck an das Heute,
  Dann finden wir, da wir zum Nutzen und Frommen
  Der alten und jngeren Leute
  Gehofft und geharret, gewnscht und getrumt
  Von nchst zu erhaschendem Glcke;
  Und was ist uns worden -- wir waren geleimt --
  Der Bettler behielt seine Krcke.
  Der Morgen bleibt morgen, wir aber wir harren
  Und hoffen und trumen -- wie Allerweltsnarren.

Und mit dem Liede noch auf den Lippen wandte er sich, von seiner Tochter
gefolgt, dem Dorfe zu, und verschwand bald darauf hinter den Hecken und
Obstgrten, die dasselbe rings umschlossen.




Drittes Kapitel.

Der Diaconus und der Hlfslehrer.


Es war gegen Mittag desselben Sonnabends, mit dem ich diese Erzhlung
begonnen, als Pastor Scheidler in seiner Studierstube sa und sich gar
eifrig fr die morgende Predigt vorbereitete. Um ihn her lagen eine
Masse Bcher, Hefte und Zettel, und er selber stand oft auf, ging mit
auf den Rcken gefalteten Hnden eine Zeit lang rasch im Zimmer auf und
ab und memorirte laut und heftig.

Es mute aber heute etwas ganz Wichtiges sein, was ihm bei seinem
Studium so schwere Sorge machte, denn sonst wurden ihm die Predigten gar
nicht so sauer, und ein paar Candidaten hatten in der benachbarten Stadt
schon ausgesprengt, er wisse genau, wo er in alten staubigen Bchern
nagelneue Sermone auffinden und benutzen knne. War das wirklich einmal
der Fall, so durfte es sicherlich auf diese keine Anwendung finden,
denn die ganze Nacht hatte er geschrieben, wieder ausgestrichen,
wieder geschrieben, und endlich schon mit Tagesdmmerung den zu Papiere
gebrachten Entwurf auswendig gelernt.

In derselben Etage, aber dicht an der Treppe und nach der Kirchmauer
zugewandt, die nur wenig Licht und Wrme in das kleine Gemach lie,
hatte der Diaconus Brauer sein Arbeitszimmerchen, und hier sa er heute
mit dem Hlfslehrer Hennig traulich auf dem Sopha, und Beide studierten
die eben durch die Botenfrau aus der Stadt gebrachte Zeitung, in der sie
des Neuen wohl viel, des Erquicklichen aber gar wenig fanden.

Ich wollte, ich wre jetzt Soldat, seufzte Hennig endlich, und warf
das Blatt unmuthig vor sich nieder auf den Tisch, in der Welt giebt's
nichts als Krieg und Aufruhr, und _wir_ sollen hier indessen den Jungen
noch die alte Geduld und Christenliebe einbluen, whrend ihre Brder
und Vettern drauen, und ohne beides, in's Feld laufen. Es giebt doch in
solcher Zeit nichts Elenderes, als einen Schulmeister.

Einen Diaconus vielleicht ausgenommen, sagte Brauer trocken, und blies
eine dichte Wolke blauen Tabacksdampfes in Ringeln gegen den Wachsstock
hin, der vor ihm auf dem Tische stand.

Hennig sah ihn verwundert an, schttelte aber dann mit einem halb
gezwungenen Lcheln den Kopf und sagte leise:

Ihr Geistlichen solltet gerade am wenigsten klagen! Ihr spielt hier,
und besonders auf dem Lande, immer die erste Rolle, habt Euer gutes
Auskommen und geltet bei den Bauern als was ganz Besonderes. Dazu haltet
ihr Sonntags einfach Euere Predigt und geht dann die brige Zeit
blos mit feierlichem Ernst in den Zgen im Dorfe herum -- es ist 'was
Erhebliches, so ein Geistlicher zu sein.

Und gerade bei Ihrem Scherz haben sie den wunden Fleck getroffen,
sagte der Diaconus und strich sich mit der Hand ein paar Mal ber die
Stirn, als ob er Bahn machen wollte den freien Gedanken, die jetzt
von Unmuth und Trbsinn umnachtet und verdstert wurden, Ihr haltet
Sonntags die Predigt und geht dann die brige Zeit blos mit feierlichem
Ernst in den Zgen im Dorfe herum. Ja, ja, in dem feierlichen Ernst
liegt Alles, was ich nur gegen Ihr Lob und Preisen erwidern knnte.

In dem feierlichen Ernst? sagte der Hlfslehrer erstaunt, nun ich
dchte doch, das wre die geringste Unbequemlichkeit, die eine Stellung
mit sich bringen knnte.

Sehen Sie, Hennig, fuhr Brauer, ohne des Freundes Einwurf zu beachten,
fort und legte ihm die linke Hand leise auf den Arm, der >feierliche
Ernst<, von dem Sie sprachen, und den das Landvolk auch im Allgemeinen
von einem Geistlichen erwartet, ja fordert, das ist die _Heuchelei_ des
Standes, die mir in der letzten Zeit und seit ich darber zum klaren
Bewutsein gekommen, am Leben nagt und meinen Frohsinn zerstrt, die
Heuchelei sich zu geben, wie man nicht ist. Und nicht blos im Dorfe und
auer der Kirche, das liee sich ertragen -- wenn es mir auch frher ein
bischen schwer angekommen ist, nur weil ich ein Geistlicher war, Tanz
und Jugendlust entsagen zu mssen, jetzt denk' ich berdies nicht mehr
daran -- nein, auf der Kanzel oben, da wo ich manchmal so recht aus dem
Herzen heraus den Leuten sagen mchte, wie _ich_ mir den lieben Gott
denke, wie _ich_ das Leben und Wesen der Religion empfinde, begreife,
fhle, da, da mt' ich mit dem >feierlichen Ernst< zu Dogmen schwren,
die ich im Herzen fr Unsinn halten mu, von ewigen Strafen sprechen,
wo mir die Brust von ewiger Liebe voll ist, mu Jesus Christus zu einem
Gott _erniedrigen_, whrend er als Mensch so hoch, so unerreichbar
stnde. Und der Firlefanz dann, der unseren Stand umgiebt, der
Priesterrock, die Krause, der bunte Fastnachtstant auf dem Altar, o
Hennig, ich schwr' es Ihnen zu, ich komm' mir immer, wenn ich von
dem verzerrten Bild des Gekreuzigten, und von all' den Qulereien der
Mrtyrer und Heiligen, mit ihren Sinnbildern, den Ochsen und Eseln,
umgeben stehe, wie ein Indischer Bramine, Buddhapriester, oder sonst ein
fremdlndisches Ungethm vor, und mu mich manchmal ordentlich umsehen,
ob es denn auch wirklich wahr ist, da ich als Christ in der >allein
selig machenden Religion< einen solchen Rang bekleide, wie der Bramine
und Feuerpriester, wie der Bonze und Fetischmacher, und da nur der
einzige Unterschied in dem Fleckchen Erde liegt, auf das uns das
Schicksal gerade zufllig hingeschleudert hat.

Nun bitt' ich Sie um Gottes Willen, rief Hennig verwundert, was fllt
Ihnen denn auf einmal ein? Sie wollen doch nicht etwa unsere christliche
Religion mit dem wilden Heidenthum der Brama- und Buddha-Anbeter, oder
wie die langarmigen Gtzen alle heien, vergleichen? na, wenn _das_ der
Pastor hrte, das Bischen Strafpredigt!

Ich wei es sagte der Diaconus mrrisch, und das gerade macht mich
so erbittert, da ich hier etwas gegen meine Ueberzeugung fr das
vorzglichste ausgeben soll, was, wenn wir das Nmliche nur mit anderem
Namen belegen, und in ein anderes Land versetzen, von uns verlacht und
verachtet wird. Unsere Religion ist schn und herrlich, Christi Lehre
in ihrer Einfachheit und Gre unbertroffen in der Geschichte, aber
weshalb drfen wir sie dem Volk nun nicht so rein und herrlich geben,
wie wir sie von _ihm_ empfangen? warum mu sie erst noch, mit alle
dem, was sptere Schreiber und Pfaffen dazugethan, unkenntlich und
ungeniebar gemacht werden? Die Schriftgelehrten sagen: was thut das,
der Kern ist die Hauptsache, der ist gut und vortrefflich, an den wollen
wir uns halten, und das was Schaale ist, wei man zu sondern; ja, aber
der gemeine Mann nimmt die Schaale fr den Kern; ihm ist der Firlefanz
so lange vorgehalten, bis er ihn fr die Hauptsache, und das Andere
Alles fr Nebensache hlt. Ein Lffel Cichorie kann, meinem Geschmack
nach, den besten Kaffee ungeniebar machen, und hat man nun gar einen
ganzen Topf voll Cichorie, und nur ein paar chte Bohnen darin, so
gehrt ein Kenner dazu, das herauszufinden. Der Bauer sieht auch die
Kirche in der That mehr als etwas Aeueres an, und wie sollte er anders,
da er von Jugend auf darauf hingewiesen wurde. Er geht nicht hinein,
weil ihn Herz und Seele hineinzieht, weil er eben nicht drauen bleiben
kann, wie es mich in die Natur, unter Gottes freien, herrlichen Tempel
zieht, sondern, weil er sich vor dem Pastor frchtet, und seinen Namen
nicht gern, kme er nach lngerer Zeit einmal wieder, von der Kanzel
herunter hren mchte. Auch die Gewohnheit trgt viel dazu bei; er sitzt
gern am Sonntag Morgen, wo er zu Hause doch nichts anderes anfangen
knnte, auf seinem Platz im >Gotteshaus,< aber nicht aufmerksam und
gespannt den Worten lauschend -- dem Sinn der Predigt folgend, sondern
mehr in einer Art Halbschlaf, mit nur theilweis hinlnglich wachem
Bewutsein, um einzelne Worte und Stze zu verstehen. Nur dann, wenn
der Pastor von der Kanzel herab ber irgend einen Mibrauch, oder noch
lieber ber eine bestimmte, ja am liebsten namhaft gemachte Person, die
er nur nicht selbst sein darf, loszieht, nimmt er die schlaffen Sinne
zusammen, und schon der Beifall, den er solcher Predigt spendet, wenn er
zu Hause kommt, beweist, in welchem Geist er das Ganze aufgefat. >Der
hat's en aber heute mal gesagt< spricht er, und freut sich dabei ber
seinen Pastor, wie er so tchtige >Haare auf den Zhnen< htte.

Aber weshalb sind Sie dann, und wenn Sie _so_ denken, berhaupt
Geistlicher geworden? frug ihn Hennig erstaunt.

Weshalb? sagte Brauer, dieselbe Frage knnte ich Ihnen zurckgeben,
denn glauben _Sie_ das Alles selber, was Sie Ihrem Amtseid nach
gezwungen sind, den Kindern im Religionsunterricht zu lehren? -- nein,
aber Sie wissen auch, wie wir im Anfang und von Jugend auf erzogen
werden, und wie sich unser Leben fast stets so, da unser freier Wille
nur dem Namen nach dabei in's Spiel kommt, gestaltet und heranbildet.
Schon mit der Taufe, unserer ersten Aufnahme in den Bund der Christen,
fangen wir an; das schreiende Kind wird mit lauwarmem Wasser begossen,
und seine Pathen besttigen in seinem Namen, wohl hufig selbst
unglubig, den >festen Glauben< des neuen Erdenbrgers. Das aber geht
noch an; es ist eine symbolische Handlung, und manche Leute hngen am
Formellen; aber nun ist der Junge vierzehn Jahr alt, also in den besten
Flegeljahren, hat von einem selbststndigen Gedanken noch keine Idee,
plappert nach, was ihm vorgebetet wird, und legt nun auf einmal, mit
dem _ersten_ Eid, den er leistet, und _wie_ oft ein Meineid, sein
Glaubensbekenntni ab. Welche Erinnerung bleibt ihm in spteren Jahren
von dieser so feierlich gehaltenen Handlung? -- da er sich da zum
ersten Mal hchst unbehaglich in einem langschssigen schwarzen Frack
gefhlt, und ungeheure Angst gehabt habe, die Oblate bliebe ihm auf
der Zunge sitzen -- weiter Nichts. Entschliet sich nun der Knabe, nach
allen diesen Vorbereitungen dazu, Theologie zu studieren, so begreift er
gewhnlich erst dann so recht aus innerster Tiefe heraus, welchen Stand
er gewhlt -- wenn es _zu spt_ ist. Schritt nach Schritt wird er seinem
neuen Berufe nher gezogen, das zweite Examen befestigt ihn endlich
unwiderruflich darin, und wenn er sich auch mit Sophismen beschwichtigen
und einschlfern will, der Geist in ihm wacht doch und ist lebendig, und
raunt ihm Tag und Nacht in's Ohr: einen Priester der Wahrheit willst
Du Dich nennen, und zweifelst selber an den Worten, die dir die todte
Schrift auf die Lippen legt.--

Aber fort mit den Gedanken, sie qulen uns umsonst, und die Sache bleibt
doch wie vorher, die Ketten, die unser Leben fest und unerbittlich
umschlossen halten.

Sie mgen bei Manchen recht haben sagte Hennig, und schien ebenfalls
pltzlich weit ernster geworden zu sein, -- das hat dann freilich Jeder
mit seinem Gewissen auszumachen, was aber das uere Leben betrifft,
so sind die Geistlichen doch unbedingt vor uns Lehrern auf das
ungerechteste bevorzugt. Sie bilden auf dem Lande die alleinige
Aristokratie, und werden von den Bauern geachtet und geehrt; wie aber
steht dies dagegen mit dem Schulmeister? -- so ein armes Thier von
Dorfschul--

Ein lautes Pochen am Hausthor unterbrach ihn hier, und der Diaconus, der
eben aufgestanden, und ein paar Mal im Zimmer auf und abgegangen war,
ffnete seine Thr, ging die Treppe hinab, und schob den Riegel zurck,
der den Eingang verschlossen hielt.

Is der Herr Paster uaben? frug ihn hier eine vierschrtige
Bauerngestalt, die einen derben, etwa elfjhrigen Jungen an der Hand,
gerade vor dem Eingange stand. Der Mann sah bse und gereizt aus, die
Pelzmtze stak ihm seitwrts auf dem struppigen blonden Haar, und mit
der linken, breiten, sehnigen Faust hielt er fest des Jungen rechten Arm
gepackt, der seinerseits ebenfalls dickverweinten Angesichts und Trotz
und Angst in den schmutzig geschwollenen Zgen, mit dem anderen freien
Ellbogen die Spuren der letzten Thrnen zu verwischen suchte.

Der Herr Pastor studiert sagte der Diaconus ruhig, Ihr wit wohl, es
ist heute Sonnabend, und da lt er sich nicht gern stren.

Ich mu ihn aber emol sprchen beharrte der Unabweisbare -- 'sis von
wgen mein Jungen do, den hat mir der Schulmaistr verschlahn.

Der Schulmeister?

Jo, der Ole -- blitzeblau is der Junge auf'm >Setz Dich druff,< un der
Rcken hat Striemen, wie meine Finger dick; soll mich der Bse bei Nacht
besuche, wenn ich mer mein Jungen verschlahn lasse, wenn er keene Schuld
nich hat.

Keine Schuld? aber woher wit Ihr das schon? wird der Schulmeister ein
Kind unverdient strafen? Vater Kleinholz ist doch sonst nicht so hart
und grausam.

Ah was, grausam hin un her! knurrte der gekrnkte Vater, mein Junge
hot mer de ganze Geschichte verzhlt, und gor nix hot er gethan, sein
Hingermann is es gewsen, der hot die ganze Suppe verdient, denn des is
dem Klausmichel sein Crischan, das Raupenluder, un den hab' ich schon
lange uff'm Striche.

Aber lieber Freund--

Ah, papperlapapp, mit dem Pastor will ich rden, wu is er, der hot noch
Zeit gening zum Studieren! und ohne eine weitere Antwort oder Erlaubni
abzuwarten, schleppte er seinen Jungen, der sich brigens bei der ganzen
Sache nicht wohl zu befinden schien, die Treppe hinauf, bis vor des
Pastors Zimmer, klopfte hier rasch an, und trat, ohne selbst das
gewhnliche Herein abzuwarten, zu ihm ein.

Der Diaconus ging in seine eigene kleine Stube zurck, wo der
Hlfslehrer noch sinnend auf dem Sopha sa, und die beiden hrten jetzt,
wie der Bauer mit lauter rgerlicher Stimme wahrscheinlich das ihm, in
seinem Sohne widerfahrene Unrecht dem Pastor klagte.

Hat denn Kleinholz Meinhardts Gottlieb so geschlagen? frug der
Diaconus den Hlfslehrer endlich, als auch jetzt des Jungen winselnde
Stimme, sicherlich erst auf gestrenge Aufforderung, laut wurde, er soll
dicke Striemen haben.

Der Meinhardt ist ein bser, durchtriebener Bube sagte mrrisch der
Hlfslehrer, htte _ich_ hier zu befehlen, die Range bekme tglich
dreimal Schlge, und das derbe, sonst wird aus dem nichts. Der alte
Kleinholz hat aber die Krfte kaum mehr, Striemen zu schlagen. Wenn er
den Bengel brigens doch gezchtigt, so mu das schon gestern Nachmittag
geschehen sein, denn heute Morgen ist er auf sein Feld hinaus, und ich
begreife dann nicht, weshalb der Mann nicht gleich auf frischer That
herber kam.

Des Pastors Thr ging drben auf, und Sr. Ehrwrden rief heraus:

Herr Diaconus -- Herr Diaconus!

Herr Pastor? sagte der Gerufene, und trat in die Thr.

Bitte, bestellen Sie doch einmal, da der Schulmeister herbergerufen
werde -- er soll aber den Augenblick kommen! Hren Sie?

Der Diaconus, gerade nicht in der Laune sehr bereitwillig zu sein,
brummte eine Art Antwort, schickte unten aus dem Haus das Mdchen nach
der Schule hinber, und kehrte in sein Zimmer zurck, der Hlfslehrer
hatte dieses aber indessen verlassen, und war in das Dorf hinunter
gegangen.

Etwa zehn Minuten mochten so verflossen sein, als der langsame Schritt
des alten Keilholz auf der Treppe gehrt wurde, und dieser gleich darauf
leise und ehrfurchtsvoll an die Thre des Herrn Pastors anklopfte.
Drinnen die Leute waren aber im eifrigen Gesprch, und hrten nicht, wie
der ngstliche Finger des Greises die Thre berhrte, dem geistlichen
Herrn mochte aber indessen die Zeit zu lange dauern, der Bauer mit
seinem Salbader hatte ihn so zu hchst unwillkommener Stunde in seinem
Studium gestrt, und rasch und ungeduldig, ri er die Thre pltzlich
auf, so da er im nchsten Augenblick vor der eben zum Klopfen wieder
niedergebeugten und jetzt ngstlich zurckfahrenden Gestalt des greisen
Schullehrers stand.

Halloh Herr, _horchen_ Sie? frug er scharf und berrascht.

Bitte -- bitte tau -- tausendmal um Verzeihung, stotterte, blutroth
vor Schaam ber die ungerechte Beschuldigung, der also Angeredete --
ich hatte schon zweimal angeklopft, aber der Herr Pastor--

Schon gut, Schulmeister, fiel ihm der Seelsorger mit Autoritt in's
Wort, kommt einmal auf ein paar Minuten herein -- bringt nur Euren Hut
mit -- Schulmeister-- und er zog dabei die Thr hinter dem, durch
die ernste Anrede etwas erschreckten kleinen Mann zu. -- Schulmeister,
Meinhardt hier beklagt sich, da Ihr seinen Jungen so unbarmherzig
geschlagen haben sollt.

Die Striamen werd mer der Junge vier Wochen mit 'rim tragen, fiel ihm
der Bauer heftig in die Rede--

Herr Pastor sagte aber Kleinholz, der jetzt wohl merkte, um was es
sich handele, der Gottlieb hat eine kleine Strafe verdient gehabt, und
meine Hand ist nicht mehr so schwer, da sie einem Kinde Schaden zufgen
knnte; von Striemen kann da wohl keine Rede sein.

Keine Rede sein? rief der Bauer, Gottlieb, gleich noch emol mit der
Jacke ringer -- keene Striemen nich -- so? -- ei da--

Der erzrnte Vater legte schon selbst mit Hand an, die gelugnete
Thatsache durch das =corpus delicti=, den geprgelten Krpertheil, zu
Tage zu frdern, der Pastor unterbrach ihn aber darin, fate ihn am
Arme, und bat ihn, die Sache ruhen zu lassen, und jetzt still nach Hause
zu gehen, er wolle schon mit dem Schulmeister sprechen, _es solle nicht
wieder geschehen!_

Der Bauer wollte noch Einiges bemerken, kam aber nicht mehr zu Wort,
und verlie bald darauf, den verdrossenen Jungen, wie bei der Ankunft,
hinter sich herschleppend, das Zimmer. Drauen aber blieb er stehen, und
die Unterredung im Innern wurde, wenigstens von der einen Seite, so laut
gefhrt, da er deutlich jedes Wort verstehen konnte.

Schulmeister, Ihr drft mir die Kinder nicht so mishandeln! sagte die
gereizte Stimme des geistlichen Herrn, es sind schon mehrfach Klagen
eingelaufen, und _ich_ habe denn doch wahrhaftig keine Zeit, mich mit
solchen Sachen fortwhrend aufzuhalten; die halbe Nacht sitz' ich
und arbeite, und mu mich jetzt wegen Euch und Eures unverzeihlichen
Betragens wegen, mitten aus meinen Studien herausreien.

Es entstand hier eine kleine Pause, und wahrscheinlich erwiederte der
Schulmeister etwas, denn der Pastor fiel gleich darauf, und mit fast
noch grerer Hitze wieder ein:

Schulmeister, macht mit Leugnen Euer Vergehen nicht noch schlimmer;
ich habe den Rcken des Jungen selbst gesehen, und von drei leichten
Streichen kriegt so ein derber Bengel nicht fnf oder sechs Schwielen
ber die Schultern -- schon gut, schon gut, ich habe mehr zu thun,
als mich mit Euch hier herum zu streiten -- ich bin fest berzeugt,
es geschieht mir nicht wieder, oder -- ich mte mich genthigt sehen,
ernstere Maaregeln zu ergreifen -- guten Morgen, Schulmeister, guten
Morgen, die Sache ist fr heute abgemacht.

Das Gerusch drinn in der Stube lie darauf schlieen, da die
Unterredung beendet sei, und der Bauer, der doch nicht gern beim Horchen
ertappt werden wollte, zog sich rasch nach der Treppe zurck, war aber
nicht im Stande sie zu erreichen, ehe Kleinholz heraustrat. Dieser
begriff leicht, da der Mann alles in des Pastors Zimmer Verhandelte,
gehrt haben mute, und ein tiefes Roth frbte fr einen Augenblick
seine Wangen, aber er sagte Nichts, und wollte grend an dem Bauer
vorber gehen, Meinhardt gab ihm fast unwillkhrlich Raum, als er aber
dicht bei ihm war, und er das bleiche abgemagerte Gesicht, und die
_Schaamrthe_ auf den fahlen Zgen sah, da fing er selbst an, sich bis
in die Seele hinein zu schmen.

Er nahm den Schulmeister, trotz dem da sich dieser leise dem Griffe zu
entziehen suchte, fest bei der Hand, fhrte ihn die Treppe hinunter,
und blieb dort einen Augenblick, wie um einen Anfang verlegen stehen.
Endlich, da er das, was ihm eigentlich auf dem Herzen lag, gar nicht
recht ausdrcken und zu Tage bringen konnte, ja vielleicht auch fhlte,
da mit Worten, die ihm selten zu Gebote standen, unverhltnimig
schwieriger sein wrde, als durch die That selber, drehte er sich
urpltzlich, und um diesem, ihm fatal werdenden Zustand ein Ende zu
machen, nach seinem Jungen um, gab dem auf's Aeuerste Erstaunten links
und rechts ein paar tchtige Ohrfeigen, da der sich schreiend und
zurckprallend mit beiden Hnden den mihandelten Schdel hielt, und
rief, indem er noch zum dritten Mal ausholte, was Gottlieb aber gar
nicht abzuwarten gedachte, hinter dem jetzt sporenstreichs dem Thor
zuspringenden Jungen her:

Da, Du Kriate Du, Du bist auch su en nixnutziger Bengel, dr seinen
Lehrer de Galle in eine furt im Ufruhr hlt -- kumm mer wieder mit
Striamen uf'm Hintern haim, un ich mach' der de Qurstriche driber, da
der der >Setz Dich druff< wie'n Damenbrt ausshn sull.

Jetzt, wo seiner Ansicht nach der Schulmeister eine glnzende
Genugthuung erhalten hatte, wandte er sich noch einmal zu diesem,
drckte ihm die Hand und sagte lchelnd:

Dr mrkt sich's, Schulmeister -- Dunnerwtter! was mer seine Noth mit
den Kingern hat.

Und damit schlug er sich den Hut fest in die Stirn, und verlie mit
vieler Selbstzufriedenheit rasch, -- wenn auch nicht so rasch wie sein
ihm vorangegangener Sohn -- die Pfarre.




Viertes Kapitel.

Parterre und erste Etage.


In Horneck, und zwar im westlichen Theile des kleinen Fleckens, gerade
da, wo Frsters Fhre von jenseits landete, und dicht an die malerischen
Ufer der toll vorbeisprudelnden Rausche stoend, stand eine Reihe
stdtisch aussehender Huser, die auch grtentheils durch Bewohner der
nicht fernen Residenz angelegt worden waren, und den des Stadtlebens
Mden im Sommer zum Lieblingsaufenthalt dienten. In diesem Jahre waren
sie denn auch wieder, und zwar auergewhnlich frh, aus der Stadt hier
eingetroffen, und hatten die so lang vernachlssigten Wohnungen bezogen;
aber nicht das Frhjahr mochte die Ursache sein, obgleich dieses
ebenfalls gar ungewhnlich zeitig seine lieben duftenden Boten gesandt
und den Wald mit Grn geschmckt, nicht die warmen Sdwinde mochten
die Schuld tragen, obgleich sie wie Sommerhauch durch die moosigen
Schluchten und Thalgrnde strichen, nicht der enteiste Strom schien die
Stadtleute hervorgelockt zu haben, aus ihren engen dsteren Straen,
wenn auch er gleich so munter und lebensfroh unter den saftgrnen
Weidenruthen und zwischen dem aufkeimenden Wiesensammet, ja von mancher
stillen Waldblume gekt und gegrt, vorber tanzte, sondern die rauhe
unruhige Zeit war es, die auf Sturmesfittigen ber dem verschlafenen,
schlafschtigen Deutschland die Lrmglocke erdrhnen machte, da im
Norden und Sden, im Osten und Westen, die Vlker zu gleicher Zeit aus
dem Traume auffuhren, und nun erstaunt, berrascht erkannten, wie hoch
die Sonne stehe, wie lange sie im Schlummer gelegen htten, und -- wie
stark, wie furchtbar stark sie selber seien.

Auch in der Residenz hatte nmlich _der_ Schall seinen Wiederklang
gefunden, und das sonst so gemthliche, vergngungsschtige Vlkchen
derselben verlie Blle und Theater; in unzhligen Vereinen traten
donnernde Sprecher auf und hielten stundenlange unverstndliche Reden,
die so einer endlosen Wste glichen, da das Volk, wenn es nur
ein einziges Mal zu einer Oase, das heit, zu einem einigermaen
verstndlichen Satz kam, rauschend applaudirte; andere sprangen dann
hinter ihnen mit Feuereifer auf die Tribne, die Schlagwrter des Tages
folgten in rascher Reihenfolge, strmischer Jubelruf begleitete fast
jeden einzelnen Satz, das Wort Freiheit wurde zu einer Geiel gedreht,
mit der man die Reactionaire blutig peitschte, das souveraine Volk
schrie jeden miliebigen Redner von dem Rednerstand hinunter,
und heitere Katzenmusiken mit obligater Fensterscheibenbegleitung
beschlossen dann gewhnlich die freudig erregten Versammlungen. Um aber
auch den ruhigeren oder vielmehr gleichgltigeren Brgern, die trotz
aller Aufmunterungen an solchen Vereinen nicht Theil nehmen wollten,
oder gar, was noch weit schlimmer war, anderen, natrlich reactionair
gesinnten Vereinen angehrten, eine ihnen hchst zutrgliche Bewegung zu
verschaffen, oder auch zu bewirken, da sie die so wichtigen Tagesfragen
ordentlich bedchten, schlug man gewhnlich, wenn die Mnner der
Freiheit um 10 Uhr zu Hause gegangen waren, Generalmarsch, und lie
dann die brigen bis um 1 Uhr Nachts die Vorgnge des Tages auf dem
Marktplatz besprechen.

Sehr Vielen behagte eine solche abwechselnde und gewi interessante
Lebensweise, Andere aber sehnten sich auch wieder nach thatenloser
Ruhe, nahmen es bel, da sie, wenn sie sich kaum um zehn Uhr Abends
niedergelegt, gleich wieder von einem Hllenlrm begrt wurden, von dem
sie nie wuten, ob er ihnen, oder dem Nachbar galt (was sich brigens
auch gleich blieb, da immer Einer wie der Andere denselben Antheil
empfing) und verlieen, sobald die warme Frhlingsluft Blumen und
Grser aus der starren Erde lockte, die Stadt mit ihrem regen, ruhelosen
Treiben.

Dieser Theil nun von Horneck, der sich sowohl an Eleganz der Wohnungen,
als auch an Reinlichkeit vor dem brigen Dorfe sehr vortheilhaft
auszeichnete, wurde brigens nicht von allen Bewohnern mit gnstigen
Augen angesehen, obgleich gerade die Besitzer desselben viel dazu
beigetragen hatten, den Wohlstand des kleinen Ortes zu verbessern.
Die Stadtleute, wie dessen Insassen in Horneck hieen, galten fr
entsetzlich stolz und die Dorfmdchen steckten immer die Kpfe
zusammen und kicherten nach Herzenslust, wenn die Stadtmamsells in
vollem Glanze durch die Kirchgasse strichen und mit den Schleppen den
Fuweg sauber fegten.

Die Stadtleute kmmerten sich aber ihrerseits wenig um die guten
Bauern, mit welchem Namen sie alle Landbewohner, trotz des gewaltigen
Unterschiedes, den dieselben in solcher Benennung machen, belegten;
erfreuten sich an der reizenden Umgegend, an der Lage des ganzen kleinen
Ortes, an dem dstern Nadelholze und dem rauschenden Strome, an den
wellenfrmigen Feldern und weichen Graspltzen, wie sie die Wiesen
nannten, an den blkenden Heerden und dem melodischen Getn der
Schafglocken, am Springen der Ziegen und dem komischen Gange und
Schritten der bedeutenden Gnseheerden, kurz, von Allem was sie umgab,
betrachteten sie nur die Bauern eben als eine nothwendige Zugabe zu
diesem allen, um die landwirthschaftlichen lebenden Bilder in Gang
zu halten, und verkehrten nicht weiter mit ihnen, als sie nothgedrungen
muten.

Unter den verschiedenen Familien, die ebenfalls und zwar schon Ende
Mrz ihre Sommerwohnungen in Horneck bezogen, befand sich auch eine alte
Kommerzienrthin Schtte mit ihrer Tochter, die besonders freundlichen
Umgang mit Pastors gesucht und gefunden hatte. Anna Schtte, ihre etwa
vierundzwanzigjhrige Tochter, war besonders die Liebenswrdigkeit
selber; der Frau Pastorin hielt sie das Garn und half ihr mit nach den
Khen sehen, setzte sich zu ihr, und erzhlte ihr tausend und
tausend Geschichten, alle natrlich auf den Buchstaben wahr, aus dem
Residenzleben (und wer htte das nicht besser gekannt, als Anna Schtte,
deren ganzes Leben _in_ der Residenz eine ununterbrochene Kaffeevisite
bildete) lobte ihre vortreffliche Butter und den delikaten Kse,
versicherte selbst, in Itzingen keinen so guten Kaffee getrunken zu
haben, und die Kinder -- nein _die_ Kinder, so 'was Herziges existirte
auf der weiten Gotteswelt nicht mehr, mein himmlisches Louischen,
meine Gttermimmi, mein Gtterkind, mein Seelenpltzchen, mein
Engelsgesichtchen -- und wie gelehrig die lieben herzigen Dinger
waren. Lieder lernten sie singen, merkwrdig schnell brachte sie die
Melodie zum Graf von Luxemburg dem fnfjhrigen Mdchen in drei
gewhnlichen Unterrichtsstunden bei, und zu Gesichterschneiden
u.s.w. zeigten die lieben Dinger eine fr ihr Alter ungewhnliche
Geschicklichkeit. Besonders in einer Sache wute sie die herzigen
Kinder zu wirklicher Vollkommenheit zu bringen, und diese war, da
sie den Namen irgend einer Person ber die Strae hinber, oder Etagen
herauf oder hinunter, mit unverwstlicher Geduld anriefen. Stand z.B.
ihr Vater ber dem Weg drben und sprach mit Jemandem, so muten die
Kleinen rufen Va--ter, und die letzte Sylbe immer eine Quinte hher als
die erste -- Va--ter -- Va--ter, bis der Vater, oder wer es nur war, der
zu solchem Anruf als Opfer ausersehen worden, in voller Verzweiflung,
denn seinem Schicksal entging er nicht, Folge leistete.

Da das unartig oder unschicklich sei, konnte man den Kindern ebenfalls
nicht gut sagen, denn Frulein Schtte hatte es sie ja gelehrt, und die
kleinen Dinger trugen ihr jedes Wort zu, was gesprochen wurde.

Frulein Schtte hatte aber noch eine andere Eigenschaft -- sie _sang_,
und zwar fast stets -- auch bei nicht auergewhnlichen Gelegenheiten
-- =fortissimo=, als ob sie auf einer sehr groen Bhne stnde und
contractlich verpflichtet wre, bis in die entferntesten Rume der
Galerien verstndlich hineinzuschreien. Allerdings klang ihre
Stimme, bei leisem Gesange, keineswegs unangenehm, bei solchen
Kraftanstrengungen wurden die Tne aber scharf und -- etwas
Entsetzliches bei jedem Gesange -- _unrein_.

In diesem Frhjahr war auch ein junger Mann aus der Residenz ganz allein
hier in Horneck eingetroffen, den man frher dort noch nicht gesehen.
Es war ein Schriftsteller, wie er sich selber nannte, und ein
sunderbares Gestell! wie ihn die Landleute titulirten. Was er
eigentlich in Horneck wolle oder treibe, wute man nicht, seiner Aussage
nach, wnschte er eine _Arbeit_ zu beenden, die Bauern schttelten
aber dazu den Kopf und sagten, wenn der eine _Arbeit fertig_ machen
wolle, so msse er auch erst dazu anfangen, jetzt sei er aber schon
vierzehn Tage im Orte, und habe nicht d'ran gegedacht, zu arbeiten,
sondern nur in einem fort geschrieben.

Dieser Literat, Strohwisch mit Namen, wohnte in demselben Hause mit
der Commerzienrthin Schtte, und zwar unten Parterre. Anstatt aber mit
denen, die gleich ihm hier an ferne Kste verschlagen worden, in recht
freundschaftlichem Verhltnisse zu stehen, schien er wunderbarer Weise
und ohne etwa vorhergegangenen Streit, auf sehr gespanntem Fue mit
den Damen zu leben, ja selber eine Art Ingrimm gegen sie im Herzen
zu tragen. Konnte das verschmhte Liebe sein? Pastors Sophie, ein
liebenswrdiges junges Mdchen von 19 Jahren, hatte ihn deshalb im
Anfang stark im Verdacht -- heit das _ihn_ -- denn wenn auch Anna die
Kinderschuhe schon lange ausgetreten haben mochte, wre sie doch noch
immer zu hbsch fr den wirklich hlichen Fremden gewesen.

Um aber auch unseren jungen Schriftsteller mit wenigen Worten bei
dem Leser einzufhren, wird es vielleicht gut sein, ihn kurz und
oberflchlich, das heit sein eigenes liebenswrdiges Aeueres, zu
schildern und abzuconterfeien.

Feodor Strohwisch war ein Mann nahe an sechs Fu hoch, mit starkem
grobknochigen Gestell, sehr hervorstehenden Backenknochen und etwas
stumpfer Nase, die Stirne dabei niedrig und eher eingedrckt als
vorstehend, die Lippen aufgeworfen, der Teint braun, das Haar struppig
braun und ganz kurz, = la malcontent=, abgeschnitten, die Augen gro
und stier, auch die Gehrsorgane sehr ausgearbeitet, einen schmalen
dunklen Schnurrbart von der Mitte des Nasenknorpels hoch an der
Oberlippe bis zu den Mundwinkeln niederlaufend, kurz ein Gesicht, wie es
Jedermann, wenn es ihm in New-Orleans oder Rio de Janeiro begegnete,
fr einem Mulatten gehrig, oder doch von Negerrace abstammend, halten
wrde. Dennoch wre diese merkwrdige Menschengestalt in der gewhnlich
schlichten Modetracht vielleicht unbemerkt vorbergegangen; aber nein,
daran lag dem Eigenthmer des Angesichts nichts; er wollte gesehen, und
mit dem Sehen auch -- bewundert sein. Ein fast weier, roth geftterter
Burnus flo, afrikanisch gearbeitet, um seine Glieder, grocarrirte
Unflsterbare deckten die langen Unflsterbaren, an den Stiefeln
klirrten ein paar mchtige Sporen, und die Hand trug malerisch eine
fischbeinerne Reitgerte mit elfenbeinernem Griff, der einen Fu und ein
zartgebogenes Mdchenknie bildete, was er auf der Strae stets
sinnend und schwrmerisch an die dicken Lippen drckte. Papageigrne
Glachandschuh vollendeten die Toilette des Gelehrten. Feodor
Strohwisch war auch musikalisch, spielte gar nicht bel Pianoforte, und
schwrmte oft bis tief in die Nacht hinein, wenn -- ihn Anna Schtte
nicht daran verhinderte -- doch davon spter.

Feodor sa unten im Parterre in seinem Zimmerchen und schrieb; er mute
augenscheinlich Gedichte machen, denn er kaute sehr viel dabei an den
Federn herum, sah manchmal ganz vergngt vor sich hin, schrieb vier
Zeilen, strich drei davon wieder aus, und fing dann mit denselben
Experimenten von vorne an. Das Singen aber schien ihn auch nicht
zu stren, es hatte wenigstens keinen uerlichen Einflu auf seine
Bewegungen, und seine Arbeit hatte ihren Fortgang, nur wenn ein falscher
Ton kam, fuhr er wie Einer in die Hhe, der pltzlich und unerwartet mit
einer Stecknadel gestochen wird, schttelte dann mit dem Kopfe, bi wie
verzweifelt in die Feder hinein, da die htte laut aufschreien mgen,
und fuhr wieder in seiner Beschftigung fort.

Anders war es mit dem ber die Strae Rufen des Fruleins -- _das_
brachte ihn in der That oft der Verzweiflung nahe, und wenn die hohe
Quinte auf der letzten Sylbe manchmal unverdrossen zehn, zwanzig Mal
hintereinander durch das Haus schallte, begann er nicht selten die
wunderbarsten Experimente, um seinem inneren Grimme Luft zu machen. Wie
das aber geschah, werden wir im weiteren Fortgange der Erzhlung sehen.

Da glitt pltzlich eine schlanke Mdchengestalt dicht an seinem Fenster
vorber, blitzesschnell fuhr er mit dem Kopfe nach und hinaus, doch
-- schon zu spt, die Gestalt war in das Haus geschlpft und Feodor
Strohwisch zog sein tief gerunzeltes Haupt wieder unverrichteter Sache
zurck. Wenige Minuten spter aber klopfte es oben bei Schtte's an
und Anna flog mit einem lautschmetternden Sie ist's -- sie ist's,
die Flagge der Liebe soll wehen! das den Dichter unten um so mehr
zur Verzweiflung brachte, da _er_ nicht einmal wute, wer es war, der
Freundin, Pastors Sophiechen, entgegen.

Ei du holder ser Engel, das ist ja prchtig, da Du mich heute
besuchst, rief sie nach der ersten Begrung, ich habe schon gar nicht
gewut, womit ich den verzweifelt langen Nachmittag heute hinbringen
wrde; nun bleibst Du ein bischen bei mir und da plaudern--

Nein, liebe Anna, fiel ihr hier lchelnd Frulein Scheidler in die
Rede, der Nachmittag ist so herrlich, da wir, so gut es mir bei Euch
gefllt, unmglich hier im engen Stbchen bleiben drfen; deshalb komm'
ich, Dich zu einem kleinen Spaziergang abzuholen.

Aber wohin, Soph'chen, frug Anna, und lie schon im Geist ihre
Garderobe an sich vorbei defiliren, um die Eingeborenen wieder mit
einer neuen Toilette in staunende Bewunderung zu versetzen; wohin,
unten am Flu hin und her? Da wohnt ja Niemand, wie drben ber der
Rausche etwa Frsters.

Du nrrisches Kind, lachte das holde Mdchen, wenn wir blos spazieren
gehen wollen, kann es uns auch einerlein sein, ob da Jemand wohnt oder
nicht; doch am Flusse sind wir schon so oft gewesen, und ich dchte
deshalb, wir wollten heute einmal auf der Strae nach Sockwitz zu
durch den Fichtenwald gehen. Du sollst nur einmal dort die herrlichen
wunderschnen Bume sehen, es ist ein reizender Spaziergang. Nur das
einzige Unangenehme hat es, da wir, von hier aus, hin und zurck durch
das ganze Dorf der Lnge nach durchmssen, sonst--

Anna's Zweifel schwanden mit einem Male.

Das schadet Nichts, sagte sie rasch, es ist jetzt trocken und am
Sonnabend Nachmittag besonders werden auch nicht die vielen fatalen
Dngerwagen hinaus auf's Feld gefahren; ist Dir's also recht, so brechen
wir gleich auf, und an mir soll es dann auch nicht liegen, wenn
wir lange aufgehalten werden; -- ich will mir nur ein anderes Kleid
berwerfen.--

Ein anderes Kleid? frug Sophie erstaunt, aber warum denn das, um
drauen im Wald spazieren zu gehen? Liebes Kind, Du bist fr das
Dorf viel zu hbsch angezogen, _das_ Kleid, versichere ich Dich, ist
vollkommen gut genug!

Ach bewahre, lachte Anna naiv, sieh nur, hier unten hat es ja gar
einen kleinen Ri, wo ich neulich einmal an einem von den hlichen
Dingern mit Holzzacken, die an den Husern aufgerichtet sind, hngen
geblieben bin -- la mich nur, ich bin den Augenblick fertig --
Friederi--_keh_ -- Friederi--_keh_! Die hohe Quinte lag wieder auf der
letzten Sylbe und der Ton schallte durch das ganze Haus.

Was soll denn das Mdchen? frug Sophie, ich kann Dir ja wohl helfen
das Kleid anziehen, wenn es denn einmal sein mu -- was hast Du denn?

La mich nur, sagte Frulein Schtte, wei der liebe Himmel, wo das
Mdchen wieder steckt, immer ist sie nicht da, wenn sie gebraucht wird,
und schwatzen thut das Geschpf, ich sage Dir, Sophie, das ist zum
Verzweifeln; der Mund steht ihr nicht einen Augenblick stille. Nein,
was man fr eine Noth mit den Dienstleuten hat. Sie trat an's offene
Fenster und sah hinaus.

Ja, lachte Sophie, das lt sich nun nicht ndern und mu ertragen
werden; uns ist es kaum besser gegangen, auch wir haben erst heute
unser Mdchen abziehen lassen, und wissen nun noch nicht einmal, wie die
einschlgt, die heute bei uns angezogen.

Das bleibt sich Alles gleich, sagte Frulein Schtte, _einen_ Satan
schickt man fort und einen _andern_ kriegt man wieder. Aber ich sehe
unsere Friederike auch gar nicht auf der Strae, die mu dort um die
Ecke gegangen sein -- Friederi--_keh_! -- Friederi--_keh_!

Feodor Strohwisch unten that einen herzhaften Bi in die Feder, sprang
von seinem Stuhle auf und lief wie ein Besessener in dem engen Zimmer
auf und ab. Wunderbare Gesticulationen machte er dabei, und Einer, der
ihn nicht nher kannte, wre, wenn er das htte unbemerkt beobachten
knnen, sicher auf die sonderbarsten Gedanken gekommen.

In seinem Arbeitszimmer nmlich, und dicht neben dem Ofen, auf einem
niederen braunlackirten Eckschranke, stand ein, wahrscheinlich der
Wirthin gehrender alter hlzerner Haubenkopf, mit sehr roth gemalten
Wangen und sehr dicht anliegenden Locken; einem ganz von Stecknadeln
durchlcherten Scheitel, ein paar dnnen, fest zusammengekniffenen
ziegelfarbigen Lippen und sehr groen stieren blauen Augen, denen ein
paar hochgestrichene rabenschwarze Brauen einen ganz eigenthmlichen
Ausdruck gaben. Es sah fortwhrend so aus, als ob der obere Theil des
Gesichts ununterbrochen ber irgend etwas auf das Aeuerste erstaunt
wre, und der untere Theil sich das unter keiner Bedingung wolle merken
lassen.

Dieser Kopf nun war der Gegenstand, mit dem Feodor Strohwisch bei
solchen Gelegenheiten, und zwar auf das lebhafteste verkehrte. Zuerst
warf er dem Kopfe nur ein paar wthende Blicke zu, die dieser auf das
erstaunteste erwiederte, scho dann noch einmal durch's Zimmer, und als
die Friederi--_keh_ von oben noch immer nicht kam, und der entsetzliche
Ruf mit einer fabelhaften Geduld und Ausdauer hernieder schallte, da
blieb er endlich vor dem Kopfe stehen, streckte ihm die eine geballte
Faust entgegen und sagte mit dumpfer drohender Stimme:

Frulein Schtte, ich bin auch nur ein sterblicher sndhafter Mensch,
und meine Geduld ist, wenn auch von Gummi elasticum, doch deshalb
nichtsdestoweniger zerreibar; ich hoffe, da Sie jetzt--

Friederi--_keh_!

Feodor sah in grimmer Wuth zu dem Kopfe auf; es war fast, als ob er eine
Gewaltthat beabsichtige, so dunkel und drohend glhten seine Augen.

Frulein Schtte, begann er noch einmal, wenn Sie glauben, da ich
bei _solchem_ Lrm, der Einem wie glhende Schwerter durch Leib und
Seele dringt, humoristische Gedichte machen kann, so erlauben Sie
mir nur, ihnen die Bemerkung zu Fen zu legen, da das eine reine
Unmglichkeit ist: ich kann viel ertragen, ich _habe_ schon viel
ertragen, Frulein Schtte, aber ich verbitte mir von jetzt an alle
dergleichen Barbarismen. Schon das _Friederike_, mit ihrer lauten
gellenden Stimme gerufen, ist grausam, das _keh_ aber hinten dran, mit
der hohen Quinte, ist kannibalisch. Ich sage Ihnen--

Friederi--_keh_! Friederi--_keh_!

Das war zu viel, Feodor Strohwisch scho, wie aus einer Pistole
geschossen, auf den Kopf los, ergriff ihn mit der Linken an dem langen
dnnen Halse, und legte ihm die breite Rechte fest und entschlossen
auf den Mund. Der Ausdruck des Gesichts, dessen untere Parthien so
zugehalten wurden, da nur der vollstndig erstaunte obere Theil
desselben sichtbar blieb, nahm einen wahrhaft beunruhigenden Charakter
an, der Gereizte blieb aber unerbittlich und sagte nun nach wohl
minutenlanger Pause, in der brigens der Ruf nicht wiederholt wurde:

Sehen Sie, mein Frulein, sehen Sie? -- Sie haben es nicht anders haben
wollen, Sie haben mich frmlich zu Zwangsmaregeln genthigt; ich bitte
Sie instndigst, ich bitte Sie um ihrer selbst willen, uns Beiden das
nchste Mal solche unangenehme Auftritte zu ersparen.

Und damit schob er den Kopf auf seine Stelle zurck, ging wieder an
sein Schreibpult und war bald auf's Neue vollkommen in sein Sinnen und
Grbeln vertieft. Aber auch Frulein Schtte hatte die Genugthuung,
da ihre Friederi_keh_ endlich, nach so unermdlicher Anstrengung der
Lungen, erschien, das gewnschte Kleid wurde gebracht und angezogen,
sa ausgezeichnet, und Arm in Arm wandelten die beiden Freundinnen bald
darauf den Berg hinauf, an der Pfarre und Schenke, die Sonnabends und
Sonntags besonders stark besucht war, vorber, folgten dabei immer nur
dem ziemlich breiten und mit gelbem Kies beworfenen Fuhrweg, der bis zu
den letzten Husern des Dorfes sich erstreckte, und betraten nicht
lange nachher den herrlichen grnen Wald, in welchem sich die Strae,
allerdings immer schmler werdend, hinschlngelte, bis sie zuletzt zu
einem gewhnlichen Holzfuhrweg wurde, der durch lange schmale Streifen
Gras und alte, lange nicht aufgefrischte Wagenspuren verrieth, wie
selten er befahren, wie wenig er berhaupt benutzt wurde, indem der
Hauptweg nach Sockwitz schon frher rechts abzweigte, und in die groe,
im zweiten Kapitel erwhnte Chaussee auslief.




Fnftes Kapitel.

Der alte Jger.


Indessen war Hennig, aus dessen innerstem Herzensschacht das Gesprch
mit dem Diaconus wohl auch manch trben Gedanken zu Tage gefrdert haben
mochte, ebenfalls aus dem Dorf heraus und durch den Wald geschlendert.
Ihn trieb es, allein zu sein, denn das was _ihm_ auf dem Herzen lag war
zu schwer, zu freudlos als da er es mit dem armen Mann, der schon fr
sich ein so tchtiges Bndel zu tragen hatte, htte theilen mgen.
Es wurde Mittag, und er wute, da sie daheim auf ihn mit dem Essen
warteten, aber er konnte sich jetzt nicht gleich wieder unter Menschen
setzen, jetzt nicht gleich wieder ber alltgliche Dinge plaudern oder
wichtige Schulberichte mit anhren, wo ihm das ganze Leben so schal
und nichtig vorkam, da er sich ordentlich nach freier Luft und nach
stillen grnen Waldesbumen sehnte. Denen konnte er sein Leid klagen,
ohne von ihnen verhhnt zu werden, ja die nickten wohl auch mitleidig
dazu mit dem Kopfe und schienen in ihrem stillen geheimnivollen
Rauschen mit ihm trauern, mit ihm zu dulden.

Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als er erst wieder an die Rckkehr
dachte; lange schon hatte er den Fuhrweg verlassen und die Biegung einer
Waldwiese beibehalten, die sich wohl eine gute Stunde Weges lang am
Bergeshang hinzog und erst oben wieder durch einen schmalen Fupfad
mit der Strae zusammen hing, die auch die beiden Mdchen eingeschlagen
hatten, und die sonst nur gewhnlich benutzt wurde, um die oben auf dem
Bergeskamm gehauenen Stmme hinunter nach der Thalmhle zu schaffen.

Anstatt aber gleich den kleineren Pfad einzuschlagen, wandte er sich
ein wenig links drei hohen Eichen zu, die hier stolz aufragend ber
die niederen dsteren Fichtenstmme emporschauten. Dort quoll aus dem
weichen lauschigen Moos ein klarer Quell hervor, und rieselte mit leisem
Murmeln durch die weiche, torfige Rasendecke hin in das Thal hinab, wo
er sich -- anstatt bedchtig, wie es der grere und verstndigere Bach
that, an der Abdachung hin zu gleiten und unten, in der weidenumgrteten
Schlucht langsam in die Rausche hinaus zu treten -- in tollem Muthwillen
ordentlich die steilsten und schroffsten Felsenhnge aufzusuchen schien
und in jhen kecken Sprngen, ber moosigen Stein und starre Lehmbank
weg, wild und sprudelnd und weien Schaum jubelnd um sich her sprhend,
in den unten froh vorbeibrausenden Flu sprang.

Diese Quelle suchte Hennig auf, denn ihn drstete, als er aber den Fu
der Eichen erreichte, sah er, wie sich dort eine menschliche Gestalt
bewegte; gleich darauf schlug ein Hund an und er erkannte nher tretend,
den alten Jger Holke, der hier beschftigt war, ein anscheinend erst
verendetes Reh aufzubrechen. Sobald der aber die Schritte hinter sich
und das Bellen des Hundes hrte, hatte er, rasch auffahrend, nach der
Flinte gegriffen, jetzt jedoch, als er sah wer es war, lehnte er diese
wieder an den Baum, und fuhr, sich nur halb nach Hennig umwendend, in
seiner Arbeit fort.

Halloh Schulmeister rief er dabei und stie, um den Schlund des Rehes
einzuknpfen, den Genickfnger neben sich in eine der moosbewachsenen
Eichenwurzeln -- was zum Blitz und Hagel treibt Euch denn zur Schulzeit
mitten in den Wald hinein? es ist Euch doch nicht irgend ein Junge
entlaufen, den Ihr wieder suchen wollt? Das ist schwere Arbeit ohne
Spurschnee!

Guten Tag, Frster sagte Hennig und lie sich langsam zwischen diesem
und der Quelle, aber dicht neben der letzteren nieder; er war durch das
lange einsame Umherstreifen wieder ruhig, ja fast heiter geworden, und
freute sich den alten Mann hier gefunden zu haben, den sie alle im Dorfe
lieb hatten und der, wenn auch ein Bischen derb, ja oftmals grob in
seinem Wesen, doch treu und aufrichtig war, und Niemandem etwas in den
Weg legte oder zu Leide that -- man sieht es da Ihr schon lange aus
der Schule seid, Ihr mtet sonst wissen, da die Sonnabende frei sind,
und an ihnen keine Schule gehalten wird.

Das ist eine neuere Mode, brummte der Alte, zu meiner Zeit waren nur
die Nachmittage frei, in den Vormittagen qulten sich aber die Lehrer
auch ein Bischen mit den Blgern, und lieen sie nicht den ganzen lieben
ausgeschlagenen Tag den Eltern ber dem Hals.

Die paar Vormittagsstunden erwiederte ihm lchelnd der Lehrer, die
wir am Sonnabend Morgen gewinnen, geben wir reichlich in der Woche zu,
wo wir mehr Unterrichtsstunden halten, als uns das Gesetz eigentlich fr
den ganzen Zeitraum der Woche vorschreibt. -- Doch wenn habt Ihr denn
das Reh geschossen, es scheint noch ganz frisch und es hat doch, seitdem
ich hier in der Nhe bin, nicht ein einziges Mal geknallt.

Werd' es wohl mit Baumwolle oder Hanfleinen geschossen haben, brummte
der Jger -- das knallt nicht und macht auch keinen Rauch -- ist eine
kostbare Erfindung -- ich wollte da die verdammten Stubenhocker in der
Stadt, die derlei Geschichten ausbrten, sich und ihren nichtswrdigen
Krimskram bis in die Mitte nchster Woche hineinsprengten, nachher wrde
die liebe Seele wohl einmal auf eine Weile Ruhe haben.

Halloh Frster, Ihr seid ja entsetzlich bse und brummig heute, was ist
denn vorgefallen? -- wieder einmal Streit mit dem Pastor gehabt? --

Der Pastor soll zu -- Grase gehn, wie's mir d'ran liegt, knurrte der
Jger, hab' ihn Gott sei Dank seit acht Tagen gar nicht zu Gesicht
gekriegt. So lange wir so weit auseinander wohnen, sind wir uns auch
recht herzlich grn; hm--

Ihr seid merkwrdig bler Laune heute sagte Hennig und richtete sich
von der Quelle, an der er eben getrunken wieder auf -- ist denn irgend
etwas geschehn, was Euch gergert hat?

Aergern? wiederholte der Jger und drckte mit geschickter und starker
Hand die feste Klinge in das Schlo des Rehes, da soll sich auch Einer
nicht dabei rgern, wenn er in _der_ Jahreszeit eine Rikke aufbrechen
mu, die ein paar Wochen spter das schnste junge Kalb in den Wald
gesetzt htte, das einmal tchtiges Gehrn getragen. Gergert? -- Das
Herz im Leibe drehte sich Einem bei solcher Arbeit um, und man mchte
sich wahrhaftig lieber wnschen unter Kannibalen, als unter einer
solchen verdammten Aasjgerrace zu leben, die das Kind im Mutterleibe
nicht verschonen. Wer in der Jahreszeit nach einer Rikke schieen kann,
der schlgt auch seinen eigenen Bruder um acht alte Groschen todt.

Also Ihr habt das Reh _nicht_ geschossen? frug Hennig, der wenig oder
gar Nichts von der Jagd verstand, ruhig.

Wer? -- ich? -- schrie der alte Mann, und warf dem Lehrer einen
ingrimmig wilden Blick zu, sich pltzlich aber besinnend, da der da,
der eben _die_ Frage an ihn gerichtet, seinem eigenen Ausdruck nach ein
Stck Wild kaum von einer Windmhle zu unterscheiden vermochte, warf
er seufzend das Gescheide mit dem jungen Kalbe bei Seite, hob das jetzt
fertig ausgeworfene Reh an die Quelle, wo er es mit dem klaren Wasser
derselben rein auswusch, und sagte dann, nachher seine eigenen Hnde und
den Genickfnger ebenfalls darin absplend.

Man darf's Euch nicht so bel nehmen, Ihr verstehts nicht besser. Das
lat Euch aber gesagt sein, und es wre gut Ihr prgeltet das jetzt
schon Eueren Jungen ein, wenn's die Flegel auch spter wieder vergessen
-- da es Snde und Mord ist berhaupt eine Rikke, besonders aber noch
dazu im Frhjahr, zu schieen. Verstanden?

Eine Rikke ist das Weibchen vom Rehbock? frug der Schulmeister den
Jger.

Ja! sagte der Forstmann, und warf einen halb spttischen, halb
mrrischen Blick nach dem Frager -- die Sie'n.

Aber wer hat denn die Rikke geschossen? fuhr Jener, sich berall
umschauend, fort, sind etwa Wilddiebe hier im Holz?

Wilddiebe? wiederholte der alte Jger mit vieler Bitterkeit,
Wilddiebe? nein bei Gott, der Name ist noch viel zu ehrlich, und klingt
zu rechtschaffen fr solch nichtsntzige miserable Bande. Ich habe auch
gewilddiebt zu meiner Zeit, und ich kenne ganz respektabele Leute, die
ebenfalls Wilddiebe sind -- wenn ich auch nicht etwa den Schuften das
Wort reden will, die heimlicher Weise und bei Nacht und Nebel auf's
Revier kommen, und Einem die paar Rehe, die noch dastehen, ber den
Haufen legen, da man nicht einmal Schiegeld davon bekommt, die aber,
die solch ein armes Geschpf und zu solcher Zeit mit dnnem lumpigen
Hhnerschrot waidewund schieen, oder vielmehr blo im Wald herum liegen
und nach allem plaffen, was rauch ist, und bei denen es nachher heit,
>krieg ich's so ist's gut; und krieg ich's nicht, so hab' ich nichts
verloren,< das ist eine gottverfluchte Mrderbande, die man bei den
Beinen aufhngen sollte, da sie nur einmal erfhrt, wie es thut, wenn
man rothes warmes Blut im Herzen hat.

Es scheint als ob das ungesetzliche Schieen jetzt berhaupt hier
Ueberhand nehme sagte Hennig; die Leute benutzen die im
Lande herrschende Aufregung und denken gerade in dieser Zeit am
allerleichtesten ungestraft davon zu kommen.

Ungestraft? -- nun ich wnsche mir nur, da ich einen von den
vermaledeiten Aasjgern einmal zum Schu bekomme, ob der nachher davon
reden wird, da er _ungestraft_ im Frhjahr eine Rikke angeflickt htte,
da das arme Geschpf helle Tage lang mit dem zerschossenen Kalb im
Walde herumchzen mu.

Wenn die Leute aber nun das _Recht_ dazu bekommen, Frster? frug der
Schullehrer -- wir leben jetzt in einer gewaltigen Zeit, wo der lang
Unterdrckte endlich das Haupt erhebt und zu fhlen anfngt, da er auch
ein Mensch ist wie der, der ihm bis dahin die Ferse im eigenen Nacken
gehalten; ja wenn sie sich das _Recht_ wirklich _nehmen_, auf ihrem
eigenen Lande jagen zu drfen, was, ihnen zu verwehren auch, meiner
Ansicht nach, eine reine Ungerechtigkeit ist, wie dann? wie wirds
nachher mit der Jagd aussehen?

Unsinn! knurrte der alte Jger und schlug sich rasch wieder Feuer an,
was er, whrend der Schulmeister mit dem eben Gesagten eine Masse hchst
fataler Bilder vor ihm heraufbeschworen, indessen eingestellt hatte --
Unsinn -- fragt doch lieber wie's im Monde aussehn wird, wenn die Erde
einmal aus Versehen zusammenfllt. Ein _Recht_, hochbeschlagene arme
Geschpfe Gottes krank zu schieen? Ein _Mord_ bliebe das, ob die
verdammten Tintenklekser in der Stadt auch ganze Schreibstuben voll
Bnde und Akten darber schmierten. -- Und dann das Schieen nachher;
ei wenn sie Jedem verstatteten auf seinem eigenen Grund und Boden zu
schieen -- hahahaha -- dann mchts nachher schn im Lande aussehen. Wer
sollte denn da noch riskiren auf die Landstrae, oder berhaupt in den
Busch zu gehn? Wre man wohl seines Lebens sicher, und knnte einem
nicht hinter jeder Hecke so ein blinder Bauer eine Ladung Schrot in den
Pelz schicken? Und was wrde nachher aus dem Wild, wer sollte denn da
schonen, heh, wenn man Nichts wie Grenze hat; und ein Huhn liee sich ja
fast gar nicht mehr auf eignem Lande schieen, das wre immer und ewig
ber anderer Leute Feld. Auch -- Unsinn, ich habe wohl davon gehrt, da
sie in Berlin und Wien, oder wie die Stdte heien, Revolution gemacht
und das unterste zu oberst gekehrt haben sollen, und da jetzt besonders
der Bauer und Handwerkerstand an die Reihe kommt, sein Fett oben
abzuschpfen, aber die _Jagd_ frei, ne Schulmeister, da haben sie Euch
was aufgebunden, damit wird's Nichts -- _hoffentlich_ Nichts, so lange
wenigstens diese alten Knochen noch im Walde herumlaufen. Wenn _die_
erst einmal unter der Erde liegen -- nun dann meinetwegen, dann mag mein
Fritz sehen wie er anders durch die Welt kmmt, mit der Jagd ist's
ja auch ohnedie schon, selbst wenn sie _keine_ Jagdfreiheit geben,
vorbei.

Der alte Mann war ganz schwermthig geworden, und zog, finster dabei
vor sich nieder schauend, die dichten blauen Wolken aus dem kleinen
unbeschlagenen Maserkopf.

Und was wollt Ihr mit dem Reh da jetzt anfangen? frug Hennig, als
der Jger endlich mit einem pltzlichen Ruck seinen Genickfnger in
die Scheide zurckstie, die Jagdtasche umwarf, die Mtze fester in
die Stirn drckte, und nach der neben ihm lehnenden Doppelflinte griff,
werden sie's hier nicht stehlen?

Ich werd's ihnen vertreiben; brummte der Alte, nein wahrlich,
_anvertrauen_ mcht ich's der Bande keinen Augenblick, denn die Schufte
wissen gar prchtig, da ein Rehrcken gut schmeckt, und da es sich
wohl der Mhe lohnte ihn nach Hause zu tragen; aber mein Fritz ist schon
nach den Holzschlgern gegangen, die unten im >Buchentrog< die Stcke
ausroden, einer von denen mag das Reh in's >Stadtviertel< tragen, dort
wollten sie gern Wild haben, die wissen's auch nicht besser, und ich
bin froh wenn ich von dem armen Ding da gar nichts weiter mehr zu sehn
bekomme.

So geht Ihr also jetzt mit mir nach Horneck zurck? frug Hennig.--

Habe Nichts dawider lautete die Antwort mit meiner Runde bin ich
durch, und -- zu schieen giebts auch Nichts mehr im Wald heute, da mag
ich eben so gut heimtraben.

Und damit warf er noch einen halb mitleidigen, halb mrrischen Blick auf
das zerwirkte Reh zurck, hing sich die Flinte ber die Schulter, und
schritt rasch, und von Hennig gefolgt, auf dem schmalen Fuwege hin, der
sie der breiteren Strae zufhrte. Noch waren sie nicht lange gegangen,
als sie diese auch erreichten, und nun langsamer, um die milde Luft
besser genieen zu knnen, die ihnen warm und labend aus Sden her
entgegenstrmte, ihren Weg dem noch etwa eine gute Stunde entfernten
Horneck zu fortsetzten.

Wie still das hier zwischen den Bumen, sagte Hennig endlich, als sie
eine ganze Zeit lang schweigend neben einander hingeschritten waren; es
rhrt und regt sich Nichts, und wenn nicht manchmal ein Holzhehr oder
eine alte Krhe ihre rauhen Laute durch den Wald schickten, so sollte
man glauben, der ganze Forst sei ausgestorben. Ich wei, frher, als ich
noch in der Stadt auf der Schule war, da glaubte ich immer, wo Wald
sei, da msse es auch Hirsche und wilde Thiere geben, und in dem kleinen
Hlzchen dicht an der Stadt, durch das wir Sonntags Nachmittags immer
nach Weinhausen zu spazieren gingen, sah ich mich, sobald wir in den
dunkeln Schatten traten, eben so regelmig nach irgend einer reienden
Bestie um, und war dann sehr bestrzt, wenn ich >nicht einmal einen
Hirsch< zu sehen bekam.

Die Zeiten sind vorbei, sagte der Jger traurig, und mit einem tiefen
Seufzer, ja vor zwanzig und fnf und zwanzig Jahren, wo Schwarz- und
Edelwild hier in jeder Schlucht seine Fhrten eindrckte, wo in der
Brunftzeit die alten Zwlf- und Sechzehenender wie besessen herumliefen,
und ich schon in meinem sechzehnten Jahre mit eigener Hand drei
Hauptschweine erschossen hatte, ja da war es noch eine Freude, ein
Waidmann zu sein, damals war der Jgerstand auch noch geehrt, und mit
Horn, mit Meute und Bchse zog man zur frhlichen Lust in den Wald.
Jetzt -- ist der Name _Jger_ fast nur noch zum Hohne geworden; eine
Flinte auf der Schulter und Blei darin, gerade stark genug, Sperlinge zu
schieen, hat man weiter auf der Gotteswelt Nichts zu thun, als auf die
Holzschlger zu passen, und den Holzdieben allenfalls aufzulauern; vor
Wilddieben braucht man sich beinah nicht einmal mehr zu frchten, denn
die Zeit ist gar nicht mehr fern, wo man Hirsche auf der Messe, und
Rebhhner zahm in Kfichen zeigen wird.

Sie hatten jetzt gerade eine der Waldhhen erreicht, von der sie die
Aussicht in eine flache, mit Laubholz bewachsene Abdachung bekamen;
auffallend war hier eine niedere breitastige Zwergbuche, die mit sehr
starkem Stamme, die Wurzeln fast ganz entblt von Erdreich, gerade
inmitten der Senkung stand, und die knorrigen, aber dafr desto
krftigeren Zweige links und rechts so weit ausstreckte, da sie den
Abhang an beiden Seiten berhrte. Hier blieb der Jger stehen, nahm die
Flinte herunter, sttzte sich darauf, und schaute eine ganze lange Weile
nach der Delle hinein, die sich, bald nachher rechts abbiegend, der
Rausche zuzog, in die sie, etwas weiter unten, ebenfalls eine Quelle
hineinsandte.

Hennig schaute aufmerksam nach derselben Richtung hin, weil er glaubte,
der alte Mann bemerke dort irgend ein Stck Wild oder sonst etwas
Auffallendes; es lie sich aber Nichts erkennen, nur die verwachsene
Buche streckte die wunderlich geformten Arme wie zornig und trotzig
gegen die schlank und stolz auf sie herabschauenden Tannen und Fichten
aus.

Was giebt es denn, was habt Ihr hier: war dort etwas? frug der Lehrer.

Ja, -- Ihr habt Recht, dort _war_ wirklich etwas, erwiederte ihm
rasch, und sich wieder zum Gehen wendend, der Forstmann, -- aber jetzt
ist's vorbei. -- Drei und vierzig Jahre sind's nun her, da ich gerade
an der Buche meinen ersten Hirsch scho -- und was fr einen capitalen
Burschen. Der Schu war auch die Ursache, da ich meine Alte, die jetzt
lange unter der khlen Erde schlummert, bekam, denn der Oberfrster
freute sich unmenschlich ber das prachtvolle Geweih, ein ungerader
Zweiundzwanzig-Ender. Donnerwetter, das war ein Hirsch, und ich sehe ihn
jetzt noch, wie er nach dem Schusse einem Ungewitter gleich durch die
Bsche und Zweige rasselte.

Ihr hattet Euch an ihn hinangeschlichen, ermunterte ihn der Lehrer,
dem es mehr Freude machte, den alten Mann erzhlen zu hren, als da er
sich selbst gro fr die Jagd interessirt htte.

Hinangeschlichen? wiederholte der Alte, in der Erinnerung an den
schnen Jagdzug schwelgend, ei ich war damals ein junger gewandter
Bursch, aber das Menschenkind htt' ich sehen mgen, das sich an
den alten schlauen Gesellen htte hinanschleichen mgen; ob der sich
gewitzigt zeigte? Das erste, was man von ihm stets zu sehen bekam, war
der weie Spiegel. Nein, Schulmeisterchen, selbst der Oberfrster mute
wohl schon mehr als zwanzig Mal dem Stck Wild zu Gefallen gegangen
sein, ohne es auch nur ein einziges Mal _ordentlich_ zum Schu zu
bekommen, denn grad hinaufblaffen, wenn sich was Rothes in den Bschen
zeigt, wie es die sogenannten _Jger_ in jetziger Zeit machen, das
wollte er auch nicht. Mich wurmte aber die Geschichte, ich konnte nicht
schlafen mehr, denn im Wachen wie im Traume sah ich den Hirsch, der mir
immer bald auf die eine, bald auf die andere Art entging. Zu der Zeit
war ich auch des Revierjgers Tochter gut, der Vater wollte aber von
einer Heirath Nichts hren, und meinte nur einmal, aber natrlich auch
blo im Spa, ich sollte erst versuchen, ob ich nicht den starken Hirsch
umlegen knnte, nachher wollten wir wieder davon sprechen.

Jetzt war's nun gar mit mir aus, sobald ich mich niederlegte, und die
Augen zumachte, stand er vor mir, und ugte nach mir herber, und dann
hatt' ich nie die Bchse geladen, oder konnte die Kugel nicht in den
Lauf kriegen, oder das Pflaster hing mit anderen zusammen, oder der
Ladestock sa fest, kurz, es haperte beim Laden, und legte ich endlich
an, und drckte ab, so konnte ich mich fest darauf verlassen, da mir
das Pulver von der Pfanne brannte, und der Hirsch stolz und ruhig davon
zog. Ich hrmte mich so ab, da ich ganz mager und elend wurde; das
Essen und Trinken schmeckte mir sogar nicht mehr, und ich beschlo
endlich, es koste was es wolle, und sollte ich acht Tage nicht mehr zu
Hause kommen, den Hirsch zu schieen.

So lange war ich ihm brigens in den Fhrten herumgekrochen, da ich
endlich ziemlich genau wute, wie und zu welcher Tages- und Nachtzeit er
auf den verschiedenen Stellen herber und hinberwechselte. So hatte ich
auch ersprt, da er unten an der Schlucht gerade etwa hundert Schritte
weiter oben, als wo sich der Bach ber die Steine hinweg jh in die
Rausche strzte, jede Nacht ber den Bach hinber wechselte, und am
Bergeshang langsam hinschritt. Das Holz war aber dort viel zu dicht
und schattig, um mir auch nur ein ertrgliches Bchsenlicht zu gnnen,
trotzdem beschlo ich, wenigstens einen Versuch zu machen, und ging
eines Abends, es war im August, und eine wundervolle mondhelle Nacht,
hier auf der Bergkuppe hin, wo damals noch nicht einmal ein Fupfad,
vielweniger ein Fahrweg hinlief, bis ich gerade an die Schlucht kam,
an der wir da oben stehen blieben. In dieser wollte ich mich
hinunterprschen, denn weiter unten, wo der Mond gerade durch das lichte
Stangenholz schien, war es eher mglich, da ich Licht genug auf's Korn
bekam, um eines sichern Schusse gewi zu sein. Langsam und geruschlos
schlich ich dann mich auf dem moosigen Boden bis gerade an jene alte
Buche hin, die damals schon eben so stark und knorrig da stand, wie an
dem heutigen Tag, und wollte just um sie herumbiegen, als ich -- Hennig
ich schwrs Euch zu, das Blut kocht mir noch heute in den Adern, wenn
ich an den Augenblick zurckdenke, -- langsame, schwere aber gemessene
Tritte hre. Das Herz fing mir an zu schlagen, als ob's ihm zu eng
in der Brust wrde, und es sich aus Leibeskrften hinaus in's Freie
arbeiten wollte, und ich bekam das wirkliche regulre Hirschfieber
dermaen, da mir alle Glieder am Leibe flogen und zitterten.

So stand ich wohl zwei volle Minuten und horchte, konnte aber gar Nichts
mehr hren, denn meine eigenen Knochen schlugen so an einander, bis ich
auf einmal in dem matten Mondenscheine, und kaum zwanzig Schritte von
mir entfernt, die Bsche sich bewegen sah, und heraustrat -- will ich
mein Leben trocken Brod und Salz essen, wenn's nicht wahr ist -- eben
der Zwei und zwanzig-Ender, und stellte sich breit und schugerecht, und
so ruhig vor mich hin, als ob ich gar nicht in der Welt wre, oder nur
ein Blasrohr statt einer guten, scharfgeladenen Kugelbchse in der Hand
hielte.

Natrlich hatte ich das Rohr schon unwillkhrlich und fast in demselben
Augenblicke gehoben, wo ich die ersten Schritten im vorjhrigen gelben
Laub vernahm, aber hin und her flog die Mndung ber die helle, vom
Mondeslicht beschienene Gestalt, nicht mglich war es mir, den Lauf auch
nur eine Secunde lang ruhig zu halten. -- Ich mute wieder absetzen,
denn ich fhlte, ich htte jedenfalls vorbei geschossen. Der Hirsch aber
windete hoch gegen den Luftzug hin, der glcklicher Weise gerade aus der
Schlucht heranwehte, streckte dann ganz behaglich erst den rechten, und
dann den linken Hinterlauf, neigte ein paar mal den schnen Kopf, als ob
er mir ordentlich zeigen wollte, >sieh einmal, was fr ein Geweih,
was fr Stangen ich habe!< und zog dann ganz vertraut, kaum funfzehn
Schritte entfernt vor mir vorber.

Jetzt aber hielt ich's auch nicht lnger aus; hinter der Buche suchte
ich mir an einer Stelle des lichten Firmamentes das Korn, kam mit dem
Lauf der Bchse rasch herunter, und drckte in demselben Augenblicke
ab, als der Hirsch, der vielleicht einen Schein von dem im Mondenlicht
blitzenden Rohr erhalten, scheu und schreckend den Kopf emporwarf. Gott
sei Dank, _der_ Schu versagte _nicht_, wie er mir hundertmal im Traume
versagt hatte, und gleich nach dem Knall der Bchse brach der gewaltige
Platzhirsch wie ein Ungewitter durch die dnnen Stangen, und rasselte
die Schlucht hinunter, da es eine Lust und Wonne war.

Aber Ihr kriegtet ihn?

Ich denke, lachte der alte Jger, und blie dichte freudige Wolken aus
dem kurzen Pfeifenstummel; keine hundert funfzig Schritt war er mehr
gegangen, und ich brauchte auch nicht einmal nach dem Anschu zu suchen,
einen Spektakel machte er, wie er so in den Stangen lag, und verendend
mit den Lufen um sich herhieb, da man's auf eine halbe Stunde weit
htte hren knnen. Nun wie gesagt, an dem Abend -- alle Hagel!
unterbrach er sich pltzlich, und deutete nach vorn, denn die Biegung
der Strae hatte sie gerade zu Zeugen einer eben so merkwrdigen, als
ihre Gegenwart anscheinend erfordernden Scene gemacht.

In kaum hundert Schritten Entfernung nmlich, und mitten auf dem, hier
gerade von dichten Bschen eng umschlossenen Fahrwege, stand eine
Gruppe von drei Menschen, bei deren Anblick Hennig das Blut in den
Adern stockte. Es waren zwei Damen, und vor ihnen, den Rcken den beiden
Mnnern zugedreht, die Rechte auf einen starken Knittel gesttzt, die
Linke -- aus welchem Grunde, konnten sie von dort nicht erkennen --
gegen die Frauen ausgestreckt, ein etwas abenteuerlich aussehender Mann.

Da stie die eine Dame pltzlich einen gellenden Schrei aus, und der
Hlfslehrer, der in der ersten Ueberraschung wie an seine Stelle gebannt
gewesen war, flog jetzt mit dem angstvollen, aber doch nur halblauten
Ruf Sophie! und rasend schnellen Stzen dem Orte zu, an dem der Fremde
eben im Begriff schien, der Pastors Tochter Arm zu ergreifen, whrend
Frulein Schtte, ihre bisherige Begleiterin, mit wildem Hlfgekreische
dem Dorfe zustob.

Auch der Jger suchte jetzt so schnell als mglich an den Burschen, der,
wie er nicht anders glauben konnte, wehrlose Frauenzimmer auf offener
Strae anfiel, hinan zu kommen, und ri dabei die Flinte von der
Schulter und in Anschlag. Hatte aber der Fremde Hennigs Ausruf, oder
die lauten Schritte gehrt, er wandte den Kopf, und erkannte kaum die
herabstrmenden Mnner, als er auch schon, nur noch einen Blick auf das
zitternde Mdchen werfend, blitzesschnell zur Seite und in die nchsten
Bsche sprang. In dem Moment blitzte es aus des Jgers Rohr, und whrend
der Schu noch durch die Waldeswipfel drhnte, fing auch der junge Mann
schon die, durch Angst und Aufregung betubt niedersinkende Jungfrau in
seinen Armen auf.

Mamsell! schrie jetzt der Jger hinter der, in wilder Angst
ausstreichenden Dame her, deren Eile der Schu noch beflgelt zu haben
schien -- Mam--_sell_! -- _wir_ sind's ja! -- doch umsonst, ihr
eigenes Schreien lie sie auch schon nicht das des anderen hren,
und sie war bald in den Windungen des Pfades den Blicken der Mnner
entschwunden.

Ei so lauf Du und der Henker brummte der alte Waidmann rgerlich
hinter ihr drein, Donnerwetter, hat das Frauenzimmer eine Courage; na,
das sollte _meine_ Tochter sein.

Hennig befand sich aber indessen in Todesangst, denn noch immer gab die
bleiche Jungfrau in seinen Armen kein Zeichen des Lebens von sich, und
lag starr und regungslos auf seinem Knie; er rieb ihr die Schlfe und
das Innere der Hand, und die Stirn und den Arm -- Alles umsonst, es war,
als ob er eine Todte umschlossen hielt.--

Frster, um Gotteswillen helft mir hier! rief er endlich, und schaute
sich in aller Herzensangst nach diesem um, was sucht Ihr denn dort? --
lat das doch sein, und steht mir hier bei.

Hm, brummte der Alte, der indessen, ohne sich um die Ohnmchtige
weiter zu bekmmern, die Bsche und das Gras, wo der Flchtige
hineingesprungen war, sehr sorgfltig und aufmerksam betrachtet hatte,
-- ich habe nur einmal nach dem Anschu gesehen, aber keine Spur von
Schwei -- doch das schadet Nichts, fuhr er, sich aufrichtend und zu
der Ohnmchtigen tretend fort: weiter hin werden wir's schon finden,
denn einen Keulenschu hat er, darauf wollte ich wetten -- 's war zwar
achtzig oder neunzig Schritt und dnner Schnepfenschrot, so weit trgt
meine alte Caroline aber doch noch, und das wei ich -- ah -- sehen Sie,
die Mamsell kommt schon wieder zu sich -- hier, reiben Sie ihr einmal
den Rum in die Schlfe, das wird ihr gut thun -- nichts besser wie Rum
bei Ohnmachten, -- wenn man besonders noch einen richtigen Schluck davon
nehmen kann.

Das junge Mdchen erholte sich aber wirklich rasch wieder, athmete ein
paar Mal recht schwer und tief, und schlug dann die Augen auf. Zuerst
sah sie sich ganz erstaunt, ja fast erschreckt um -- augenscheinlich
hatte sie das ganze Vorhergegangene vergessen, und die Sinne muten sich
erst wieder zu ihrer vollen Thtigkeit sammeln, dann aber mochte ihr
doch wohl wieder einfallen, wie sie in diese Lage gekommen, denn
ein leichtes Roth frbte ihre bleichen Wangen, und sich rasch, aber
unbefangen emporrichtend, sagte sie, whrend sie dem jungen, wie mit
Purpur bergossenen Lehrer die Hand reichte:

Ich danke Ihnen, lieber Hennig!

Der Schuft wollte Hand an Sie legen! sagte der Jger, Gott soll
mich holen, wenn das nicht bald noch ber den grnen Klee geht, das
verfluchte Wildschtzenzeug nimmt ja bald Alles an, was Beine hat.

Es war kein Wilddieb, sagte Sophie, und blickte wie scheu nach den
Bschen hinber, so da der alte Jger bei dem Gedanken lchelte, sie
knne glauben, _der_ kme noch einmal dahin zurck, wo _er_ stnde --
er sah wild, verstrt und bleich aus -- ich wei nicht einmal, ob er
-- ob er uns um etwas ansprechen wollte -- nur als Anna Schtte so wild
aufschrie, ergriff er meinen Arm -- was er wollte, wei ich nicht --
aber so viel erinnere ich mich, sein Rock war von Dornen zerrissen, auch
sein Gesicht blutig, und er -- er glich eher einem unglcklichen, als
einem bsen Menschen.

Alle Wetter noch einmal! sagte da der Jger, das wird der Kerl
gewesen sein, den die Polizeidiener aus der Stadt heute Morgen gehetzt
haben; ein paar Holzschlger von mir haben oben an der Waldecke
gestanden, und sich die ganze Geschichte mit angesehen, -- der ist vom
Felde 'rein in die Haidekiefern gefahren, in den jungen Schlag, und wird
sich nun wahrscheinlich im Walde herumtreiben. Warte Canaille, solches
Wild knnten wir hier gerade brauchen, weiter fehlte uns gar Nichts.
Hren Sie Hennig, Sie gehen ja doch wohl mit dem Frulein zu Hause.

Ich glaube kaum, da ich noch etwas zu frchten habe, sagte Sophie.

Nein, das glaub' ich auch nicht, lachte der Jger, der an seine
Schrote dachte, das bleibt sich aber gleich, allein knnen Sie doch
nicht nach Hause zurckkehren, ich aber will gleich mit meinem Fritz und
den Holzschlgern den Wald hier einmal absuchen, wahrscheinlich ist er
nach dem Weidicht hinunter, in die dicken Bsche, und wenn er da drinn
steckt, da finden wir ihn vielleicht, oder treiben ihn jedenfalls in's
Dorf.

Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, warf der Alte das Gewehr, das
er indessen wieder geladen hatte, ber die Schulter, und schritt rasch
den Weg, den er vorher mit Hennig gekommen, zurck. Dieser aber, der
sah, wie erschpft die Jungfrau durch den vorigen Schreck sein mute,
denn sie hielt sich selbst jetzt noch an einer kleinen Buche, neben
der sie stand, aufrecht, bot ihr seinen Arm. Sophie zgerte einen
Augenblick, nahm ihn dann, und schweigend schritten die beiden dem noch
ziemlich entfernten Dorfe zu.




Sechstes Kapitel.

Die Hornecker Schenke.


Es war Abend; aus dem Feld herein zog pfeifend der Knecht mit den
Pferden, und der Gnsejunge trieb ebenfalls seine schnatternde Heerde
den heimischen Stllen zu; auf dem Plane vor der Schenke hatte sich eine
Schaar wilder Jungen und Mdchen eingefunden, die um die Linden herum
und ber die steinernen Bnke hin sprangen und jauchzten und tanzten und
Haschens spielten, und sich in ihrer lauten herzlichen Lust wenig daran
kehrten, da der Thau schon feucht niederfiel auf die dampfende Erde
und nebliche Dnste aus der Niederung herauf nach den Gipfeln der Berge
stiegen.

Die Botenfrau, die aus der Stadt kam, keuchte mit dem schwer beladenen
Korbe den steilen Hang hinauf, der wohl zwanzig Ellen hoch gerade hinter
der Schenke herabfhrte, und hier und da blitzte schon zwischen den
knorrigen Zweigen der Aepfel- und Pflaumenbume hindurch ein einsam
schimmerndes Licht hervor, und der Wanderer, der vorberging, sah, wie
da drinnen um die groen, mit frommem Spruch verzierten Schsseln, nach
cht patriarchalischer Sitte, der Bauer mit seinen Knechten und Mgden
sa, und Lffel nach Lffel aus der dampfenden Suppe herausholte.

Ein ganz besonders reges Leben herrschte aber in der Schenke selbst,
denn da wurden Tische und Sthle gerckt und abgestubt, Flaschen
herbeigeschafft und Glser parat gestellt. Dort in die Ecke kamen
drei Tische fr die Spielenden, zwei Lichter auf jeden, an die
entgegengesetzten Ecken der buntbeklebte Papptrichter mit den
geschnittenen Kartenfidibus auf den einen Leuchter. Auch die
Markenteller mit den Spielmarken bekamen ihren Platz und die Spucknpfe
wurden zurecht gerckt, der sauber gescheuerten Stube zu Liebe.

So, sagte die dicke Wirthin, als sie auf den runden Drath, der am
Fensterknopfe hing, frische Bretzeln gereiht, und den rostigen wieder
an den alten Platz gehangen hatte, so, itzt kennen se vor mir kummen,
Annegrethe, hast de denn aber ooch des grine Zimmer in Ordnung gebracht?
-- Blitzmdel, Du weet doch, das der Herr Diaconus pinktlich is, un es
die Bauern ooch schonst immer nich erwarten kennen.

Annegrethe, ein derbes dralles Mdchen von achtzehn oder neunzehn
Jahren, das, aber nicht nach der Horneck'schen Mode, sondern wie die
Dienstleute in der Stadt gekleidet, eben hinter dem Schenkstande
die halbgeleerten Glasflaschen (deren Etiketten bezeichneten, ob sie
Doppelkmmel, Anis, Pomeranzen oder Kirsch in den flachen Buchen
trugen) wieder aus groen steinernen Krgen vollfllte, sagte, indem
sie gerade die letzte Flasche mit einem wollenen Tuche abwischte und auf
ihren Platz zurckstellte:

Ei versteht sich, Frau Base, werde doch das beste Zimmer im Hause nicht
vergessen; gelftet habe ich's den ganzen Nachmittag, die Tische sind
spiegelblank und von der Erde knnte man zur Nacht essen -- wenn kein
Sand d'rauf lge.

Hot denn die Butenfrau de Zeidungen schonst gebracht; ich habe kenen
Zippel von 'er gesiehn.

Schon vor einer Viertelstunde.

Un die Sammeln? -- frug die Frau rasch und wie erschreckt.

Alles richtig besorgt, lachte Annegrethe, auch Cigarren hab' ich vom
Kaufmann mitbringen lassen, und ein Dutzend thnerne Pfeifen.

Bist en braves Madel, sagte die Frau und setzte sich behaglich in ihre
Ecke hinter den Ofen, wo ein kleines Tischchen mit ihrer Kaffeetasse
stand; in der Rhre oben, dicht daneben brodelte der Kaffee, und dicht
in der That mute das Gedrnge und laut der Ruf nach Bedienung in der
Schenkstube werden, ehe Mutter Lsig, oder die Mutter, wie sie ihre
Gste kurzweg nannten, ihr heimliches Pltzchen verlie, um es mit dem
geschftigeren, ruhelosen in der Kche zu vertauschen.

Es dauerte denn auch gar nicht lange, so fllte sich das ziemlich
gerumige Zimmer mit Gsten; hier und da ber den offenen Platz herber
schlenderte eine lange, mit schwarzem Schafspelz umhllte, oben in eine
weie Zipfelmtze auslaufende Gestalt, den Hgel herauf, und aus der
Seitengasse, die zwischen Obstgrten und Huslerwohnungen hin nach dem
anderen Theile des Dorfes fhrte; von berall her kamen die Durstigen,
den Sonnabend Abend, wie das von jeher Sitte in Horneck gewesen, in
gemthlicher Gesellschaft zu verbringen, und einmal wieder zu hren,
wie's drauen in der Welt eigentlich stehe.

Auch das grne Zimmer (was aber eigentlich gelb war und nur noch aus
frherer Zeit, wo es vielleicht einmal grn gewesen, den Namen trug)
fllte sich nach und nach; um die verschiedenen Lichter herum drngten
sich neugierige kurzsichtige Gste und suchten, bald mit bald ohne
Brille, dem die Augen schmerzenden Druck Inhalt und Sinn abzugewinnen,
bis der Diaconus endlich kam, der am Montag, Mittwoch und Sonnabend, und
schon seit Anfang vorigen Monats, wo es auch erst angefangen hatte in
Deutschland interessant zu werden, die Zeitungen, oder wenigstens das
Wichtigste daraus, vorlas und das Gelesene dann erklrte.

Die Landleute hrten aufmerksam zu, tranken ihr Bier dabei, und
schauten, das Kinn auf die beiden Fuste oder in die aufgestemmten Arme
gesttzt, dem Diaconus in das wohl etwas bleiche aber ausdrucksvolle
Gesicht, wie er ihnen die einzelnen Artikel vortrug, und hie und da bei
etwas schwer verstndlichen Stellen, eine Erklrung beifgte, die es
auch den minder Begabten mglich machte, zu begreifen, was eigentlich
die verschiedenen Artikel fr eine Bedeutung htten, und in welcher
engen Verbindung die an allen Orten zugleich auftauchenden Unruhen zu
einander stnden.

Er hatte ihnen auf solche Art ber das Vorparlament in Frankfurt,
das eben jetzt zusammentrat, ber den Aufstand in Italien, denn die
Oestreicher waren gerade aus Mailand verjagt, ber die Verhltnisse in
Oesterreich, und besonders in Wien selbst, wie ber den dnischen Krieg,
mitgetheilt, und ging dann auf die ihnen nher liegenden Gegenstnde,
jetzige Einberufung der beurlaubten Soldaten, die inneren Zustnde des
Landes u.s.w., ber, wo dann das Gesprch allgemeiner wurde, und die
Zeitung auch bei manchen Artikeln von Hand zu Hand ging.

Weniger geregelt war das Gesprch in der Neben- oder groen Gaststube,
wo sich die Gste nicht, wie im grnen Zimmer, um einen groen Tisch
versammelten und dadurch die Unterhaltung zu einer gemeinschaftlichen
machten, sondern, an verschiedenen Tafeln und Spieltischen vertheilt,
auch ihre Sonderinteressen verfochten, oder gar nur, in die
Kartenbltter vertieft, Acht gaben auf Eicheln und Schellen, auf Grn
und Roth. Im Allgemeinen war es aber auch selbst hier die Politik, um
die sich das Gesprch drehte, und sogar vom Schafskopf oder Scat aus
mischte sich hier und da, wenn der Streit gar zu heftig wurde, ein
Passender mit ein und warf, den scheuen Seitenblick freilich immer
noch auf das inde ununterbrochen vorwrts gehende Spiel gerichtet, sein
Wort mit ein, in Debatte oder Grundspruch.

Ja, hier steht's in der Zeitung aus Franken, sagte da mit lispelnder
aber scharf gellender Stimme ein kleines hageres Mnnchen. Pockennarben,
rthliche Haare und etwas stark gekrmmte Nase waren die Kennzeichen des
sogenannten Doctor Levi, der hier nur nach Horneck gekommen schien, um
sich nach Frankfurt in das Parlament whlen zu lassen, und schon seit
mehreren Wochen das allerdings etwas undankbare Geschft bernommen
hatte, die Bauern dieses und der benachbarten Orte aus ihrer politischen
Lethargie aufzurtteln, und seinen Ansichten befreundet zu machen. So
lange er in Horneck blieb, miethete er gewhnlich ein kleines Huschen,
das mitten im Dorfe unbewohnt lag, und beschftigte sich dann auch wohl
mit etwas Chirurgie, Aderlassen, Schrpfen u.s.w. Zog er jedoch
mit diesem manches bse Blut ab, so schuf er das, und in gewi viel
reichlicherem Mae auch auf der anderen Seite wieder, und die
ruhigeren Bauern und Ansssigen des Dorfes schttelten oft ber seine
aufrhrerischen Reden den Kopf, whrend ihm dagegen die Jugend mit
desto grerem Eifer anhing und besonders smmtliche Lehrlinge und
Ackerknechte des Dorfes fr ihn schwrmten. Wer htte ihnen auch
das Alles versprochen, was ihnen Doctor Levi versprach, wer htte
so unermdlich ber ihre Herrschaften herziehen und sie unaufhrlich
versichern mgen, da der vierte Stand, der Stand der Arbeiter, gerade
der sei, der obenan stehen msse, und ohne den die anderen Stnde gar
nicht existiren knnten, der aber auch deshalb nur recht zusammenhalten,
die Mnner whlen, die es gut mit ihm meinten, und dann sehen solle, was
er fr Wunder wirken und wie er seine Stellung gestalten knne.

Hren Sie nur, meine Herren, lispelte der Doctor weiter, als er sah,
da einige die Kpfe nach ihm umwandten:

  Von den Gutsherrschaften haben sich diejenigen, deren Eigenthum bei
  dem ersten Aufstand, woran allerdings auch _ansssige_ Bauern Theil
  genommen hatten, verschont geblieben, mit ihren Grundholden auf
  gtliche Weise verstndigt, und die Regierung von Oberfranken hatte,
  um diese Vermittlung zu Stande zu bringen, einen eigenen Commissar
  auf den Schauplatz der Unruhen abgeordnet. Auch anderwrts in
  Franken haben viele Gutsbesitzer ihren Grundholden freiwillig
  bedeutende Zugestndnisse gemacht.

Seht Ihr, die Sache wird Ernst, und in Franken wissen die Bauern
schon, was sie wollen; die Sddeutschen sind uns berdies um ein halbes
Jahrhundert voraus, und wenn es in Deutschland noch einmal Licht werden
solle, so stecken sie dort die Laternen an.

Ja, da uns nachher das Haus lichterloh ber den Kopf in Flammen
stehe, brummte der Mller, der neben dem einen Spieltische sa, und
bis jetzt dem Gang des Spieles augenscheinlich sehr eifrig gefolgt war;
solcher Aufruhr thut kein gut; denn wenn er noch allein bei den Bauern,
das heit bei denen bliebe, die wirklich ein Besitzthum haben, ja dann
liee man es sich gefallen, aber die, die _gar_ nichts haben, die reien
nachher gerade das Maul am weitesten auf und sind vorne weg. Natrlich,
_die_ Menschen knnen Nichts bei der Sache verlieren; geht Alles, wie
es gewohnt war, seinen stillen Gang ruhig fort, so bleiben sie Lumpe wie
vorher, geht aber im Gegentheil Alles drunter und drber, wird die ganze
Einrichtung auf den Kopf gestellt, ei dann schlieen sie sich mit dem
grten Vergngen dem an, _ihnen_ fllt Nichts aus der Tasche und es
mte doch sonderbar zugehen, wenn sie von dem, was Anderen herausfiele,
nicht spter was zu fischen fnden. Das kennt man schon.

O ja, o ja, lachte der kleine Doctor, versteht sich -- wer soll denn
aber auch sonst die Revolution machen; die, die was haben, sitzen gern
still und halten beide Fuste auf die vollgestopften Taschen, die aber,
die Nichts haben, das sind die Menschen, die sich am freiesten bewegen,
die unparteiisch auf den Standpunkt des Besitzes hinberblicken knnen.

Ein groer Theil der Zuhrer lachte, dadurch wurde der kleine Mann aber
erst recht bse gemacht, sah sich einen Augenblick im Kreise um und rief
dann:

Lacht nur, grinst nur und zieht die Muler von einem Ohre bis zum
andern, und wenn Ihr's nicht anders haben _wollt_, so bleibt meinetwegen
hier hinter Eueren Oefen sitzen, und wartet, bis sie Euch das, was die
Anderen jetzt _fordern_, auf dem Prsentirteller bringen und Euch um
Gotteswillen bitten, es doch nur anzunehmen.

Oho, fiel ihm hier einer der Bauern in die Rede, so schlimm is es
ooch noch niche -- mer wissen wuhl, was mer wolle, un ufgsetzt is es
ooch schonst; 's hat nur de rchte Gischtalt noch niche, es fehlt em
noch de Fassong. Den Pastor han mer freilich drim gebeten, er sillts uns
mache, der will aber net, do hat's der Diaconus ibernommen; des is en
ganzer Kerl.

Ja, de Jagd misse mer frei han, fiel hier ein Anderer vom Spieltisch
aus in's Wort, der Hos', der mer mei Kraut frit, dem schlag' ich de
Flinten uffen Kopp, da er's bese Elend kreiht! und die hoch gehobene
Karte kam mit den Kncheln schallend auf den Tisch nieder.

Un die Ablsung misse mer ooch han, sagte der erste wieder -- oh,
'ssein  ganze menge Sachen, denn i zohl kei Hundekorn mehr, und schick'
keine Hihner un Eier un Kapauner und Gnse uf's Gut; wenn se Kapauner
fressen wolln, megn se se ooch selwer ziehen un stoppen.

Recht so, fiel hier der Doctor ein, das klingt schon ein Bischen
besser, aber nach Frankfurt mt Ihr dann auch solche Leute whlen, die
wissen, was Euch fehlt und die Haare auf den Zhnen haben, und da die
gestrengen Herren nachher schon einwilligen werden, ich dchte,
dafr brgte uns die neueste Erfahrung. Ihr habt doch gehrt, da von
Frankreich herber 90,000 Mann im Anmarsch sind, um hier in Deutschland
die Republik zu proclamiren?

Ne, keen Wort, riefen Viele und wandten sich neugierig zu ihm hin.

Was? lachte der Doctor, davon wit Ihr noch Nichts? potz Schulmeister
und Diaconusse, wozu habt Ihr denn da die Woche dreimal Euere geheimen
Vorlesungen, wenn Ihr die Hauptsache nicht erfahrt? Aber das ist
natrlich, da es der _Geistlichkeit_ nicht gerade gelegen kommt, wenn
es den _Beichtkindern_ klar wird, wo Barthel eigentlich den Most holt.

Aber Doctor, warum geht Ihr denn nicht mit hinein in's grne Zimmer,
mischte sich hier der Wirth hinter den Schenktisch in's Gesprch, da
drinn wird ja die ganze Geschichte verhandelt.

Zu den Reactionairen! brummte entrstet der Mann des Blutes, nein,
wir haben uns auf den Barrikaden unsere Freiheit erkmpft, und die
wollen wir schtzen im freien Vereinsrecht, wie in der freien Presse,
derlei Umtriebe aber, wie sie schon anfangen im Lande ihr giftiges Netz
auszuspannen, sollten Mnner, die sich dessen, was ihnen gebhrt, bewut
sind, gar nicht dulden. Wenn es auf mich ankme, sprengten wir die ganze
Gesellschaft dadrinn auseinander.

Von wegen dem freien Vereinsrechte! lachte der Wirth.

Unsinn! rief Levi rgerlich, wenn das Volk souverain ist, braucht es
die Verrther im eigenen Hause wenigstens nicht zu dulden. Ihr wrdet es
Euch ebenfalls nicht gefallen lassen, wenn sich Jemand in Euerer Stube
hinsetzte und Plne machte, Euch aus Euerem rechtmigen Hause zu
verjagen.

Ne sagte der Wirth, und bei mir ist das Volk nicht einmal souverain.

Ein paar von den Bauern lachten, ehe aber der Doctor etwas darauf
erwiedern konnte, ging die Thr des grnen Zimmers auf, und die
Lesegste, die jetzt die wichtigsten Tagesneuigkeiten gehrt hatten,
kamen heraus in das groe Wirthszimmer, um sich dort gemthlicher
bewegen, und das Gehrte noch etwas freier besprechen zu knnen.

Die ebengefhrte Unterhaltung wurde dadurch auf kurze Zeit unterbrochen,
und auch der Doctor hatte sich zu einem der Tische zurckgezogen, wo
er sein Glas Bier, mit einem Glschen Pfeffermnze daneben, stehn hatte,
als einer der Bauern, neben den sich der Diaconus eben gesetzt, diesen
bat, er mchte doch einmal in das Gedruckte hinein sehn, ob etwas
von den 90,000 Mann darin stnde, die von Frankreich aus zu uns herber
kommen sollten.

Neunzig Tausend Mann, lachte der Diaconus, wer hat denn das wieder
ausgesprengt? Ueber dem Rhein drben sollen sich, wie die Zeitung sagt,
einzelne unordentliche Banden herumtreiben, aber von 90,000 Mann ist
keine Rede.

Keine Rede? knurrte der Doctor aus seiner Ecke vor, warum denn nicht?
-- man will es dem Volke hier nur noch verheimlichen, damit es nicht
aufsteht, sich mit den, bis jetzt in Frankreich verbannten und
nun herber strmenden Brdern vereinigt, und seinen bisherigen
Unterdrckern mit Gewalt den Daumen auf's Auge setzt.

Mein guter Herr Doctor erwiederte ihm freundlich der Diaconus, aus
fremden Lande blht uns keine Hlfe, und von dorther drfen wir nicht
auf Beistand hoffen oder rechnen. In uns selbst mu die Kraft, mu
die Hlfe liegen, und wenn wir nicht im Stande sind sie aus uns selbst
heraus zu schaffen, dann sieht es auch mit unserer Freiheit traurig aus.
Gott wolle uns vor einem Zustand bewahren, den uns fremde Schaaren und
wenn sie sich selbst _Arbeiter_ nennten, brchten; nur im Stande wren
sie einzureien, und nicht Raum noch Athem bliebe zum Wiederaufbau.

Wiederaufbau, Wiederaufbau -- das ist so das rechte Wort, brummte der
Doctor, und stie heftig das Glas vor sich auf den Tisch, _erst_ mu
eingerissen werden, ehe man aufbauen kann, denn von vorne anfangen
knnen wir die Geschichte nicht; hab ich recht oder unrecht?

Ne, das hat seene Richtigkeet sagte da der Schmid, der auch mit aus
der grnen Stube herausgekommen war, wenn mer hier ene angere Schenke
herbauen wllen, so missen mer die erscht nieder reien.

Na, das sieht ja ein Kind ein triumphirte der Doctor.

Aber bedenkt Leute, nahm der Diaconus wieder das Wort, da sich
Einreien und Aufbau auch nach ueren Umstnden richten mu.

Wie so? frag Einer der Bauern.

Wir wollen einmal hier bei der Schenke stehn bleiben, erklrte Jener,
sich in den einfachen Sinn seiner Umgebung schickend, wenn wir die
Schenke hier einreien, um eine andere zu bauen, so ist das leicht, die
steht frei und hat einen gehrigen Raum vor sich, um das alte Gerumpel
abzuwerfen und den neuen Steinen und Balken Raum zu geben, und so war es
auch mit Amerika, als sich jenes Land seine Freiheit erkmpfte, dort war
Raum genug den alten Schutt abzufahren, und das neue Gebude stieg rasch
und schn empor. Wie wre es aber, wenn Ihr drben des Wagners Haus
abbrechen und ein anderes dafr hinstellen wolltet? Ging das so ohne
Weiteres? Wohin sollte er mit dem Schutt? Die Nachbarn wrden sich
bedanken, den solange in ihre Grten zu nehmen; auf die Strae vor
dem Haus drft Ihr ihn auch nicht werfen, reit Ihr also Vor- und
Hintergebude gleich zusammen ein, so sitzt Ihr nachher mitten im
Gemenge drin, und kein Baumeister kann Euch mehr helfen, denn Ihr
habt dem, indem Ihr seine freien Bewegungen hemmtet, selbst die Hnde
gebunden.

Das ist aber mit unseren Verhltnissen ganz anders, fiel hier der
Doctor rgerlich ein.

Allerdings lchelte der Diaconus, aber nur noch viel schlimmer, denn
wenn diese jungen Leute, die jetzt berall auftauchen und von Umsturz
des Bestehenden und Reorganisation ganzer Lnder sprechen, erst einmal
den Zgel in Hnden htten, wer wre dann im Stande, ein solches Gewirr
von Vlkerstmmen und Nationalitten zu vereinigen und in Ordnung zu
halten? Wer sollte so rasch die Grenzlinie ziehn zwischen Anarchie und
Volksherrschaften, und jene im Zaum halten, ohne von dem Volke selbst
als Reactionair verschrien zu werden?

Das mu die Regierung thun! sagte der Doctor ernsthaft.

Ei was streiten wir uns denn dorum fiel hier der Schmid dem Doctor
in's Wort, wenn jetzt die Franzosen kummen, da werd' sich die Sache
schonst finden. So'ne neinzig Tausend Mann sin ooch keen Hund.

Da Ihr denn einmal bei den 90,000 bleibt meinte der Diaconus, so
ist's vielleicht besser, ich lese den darauf Bezug habenden Artikel
gleich vor; es ist eine Bekanntmachung, die das Generalcommando der
Rheinprovinz erlassen hat, und lautet:

>Nach von mehrern Seiten bei der Militairbehrde eingegangenen
zuverlssigen Nachrichten, sind von der franzsischen Grenze her
Einflle bewaffneter _ungeregelter ungeordneter Arbeiterschaaren_ in
die Rheinprovinz beabsichtigt. Um diesen zu begegnen ist die Aufstellung
eines Corps gegen die Schaar erforderlich. Dazu ist, auer den Truppen
in Trier -- etc. etc.<

Da haben Sie die ganze Geschichte; das sind Ihre 90,000 Mann gegen die,
nur der Vorsorge wegen, ein paar Regimenter ausgeschickt werden.

So? rief der kleine Mann hhnisch und hatte indessen schon, whrend
Jener las, ein anderes, zerknittertes Zeitungsblatt aus der Tasche
geholt -- so? da haben Sie wohl die Allgemeine oder die Kindermuhme?
Das glaub ich, da die solche Opiate zu verabreichen suchen -- aber da
ist hier ein anderes Blatt >Die rothe Fahne!<, an dem wir Mitarbeiter
wie Pelz und E. O. Weller haben, das sagt Ihnen anderes, was Sie wissen
sollen -- Hier hren Sie:

>Brger! Die Zeit der Rache ist gekommen -- die Ketten, die Euch
so lange in Euer klirrendes Elend geschlagen, strzen von Euren
erstarkenden Gliedern. -- Der Tag der Vergeltung ist erschienen,
die Throne zittern und das souveraine Volk steht jauchzend auf und
vernichtet die Tyrannen. Brger -- schaart Euch um die rothe Fahne der
Freiheit -- aus dem Westen, aus dem gttlich freien Lande der Republik
reicht uns ein freies Volk die entfesselte Rechte -- 90,000 Mann< --
hren Sie das, Herr Diaconus -- >90,000 Mann berschreiten in diesen
Tagen den Rhein -- 90,000 Mann fliegen Euch mit triumphirendem
Siegesschrei an das Bruderherz. Oeffnet Eure Arme sie zu empfangen und
reicht Euch dann die Hnde zum frhlichen Spiel. Unsere Schwerte
sollen die Schlger und Kronen die Blle sein, mit denen wir die Zeit
verkrzen, bis wir des Spaes mde sind, und den Plunder bei Seite
werfen. Es lebe die Republik!<

Und das steht gedruckt? sagte der Gerichtsschreiber erstaunt und
drngte sich durch die Bauern, die den kleinen Mann umstanden.

Das steht gedruckt lachte dieser triumphirend, und Einer unserer
thtigsten Kmpfer der Freiheit, unser =Dr.= Wahlert, durchstreift
schon seit vierzehn Tagen das Land im frhlichen Pilgerzug, die Guten zu
sammeln und zum festen Werke zu einigen.

Neben dem Ofen sa eine eng in sich zusammengekauerte Frauengestalt, die
bis jetzt wenig oder gar keinen Antheil an dem Gesprch gezeigt hatte,
nur da sie manchmal, wenn Einer oder der Andere der Mnner sprach, den
matten Blick zu ihm hob, dann aber gleich wieder in ihre alte Stellung
zurckfiel. Jetzt bei dem letztgenannten Namen aber, zuckte sie rasch
und heftig empor, und schaute, whrend der folgenden Unterredung bald
die sich dabei Betheiligenden, bald die Umstehenden, scheu und ngstlich
an.

Wahlert? sagte der Diaconus, ist, wie ich heute als ganz gewi
gehrt habe, in der Stadt wegen offenen Aufruhrs und berwiesenen
verbrecherischen Verkehrs mit den Feinden des Vaterlandes verhaftet
und eingezogen worden; man spricht davon, da er das Zuchthaus besuchen
wrde.

Hahaha lachte der kleine Doctor, die Nrnberger hngen keinen, sie
htten ihn denn erst; eben habe ich Briefe mit der Botenfrau aus der
Stadt bekommen, da Wahlert heute allerdings sollte verhaftet werden.
Er erhielt aber vorher einen Wink, entzog sich der Ausfhrung durch die
Flucht und ist, wenn auch verfolgt, doch noch nicht eingefangen; die
nach ihm ausgesandten Polizeiknechte sind wenigstens unverrichteter
Sache zurckgekehrt.

Die Thr ging in diesem Augenblick auf, und der alte Jger trat, einen
kurzen Gru links und rechts hinbernickend, in die Stube.

Annegrethe, mein Bier, sagte er, whrend er sich auf seinen
gewhnlichen Platz zwischen dem Fenster und dem Schenkstand niederlie
-- aber ein wenig warm.

Wei es Herr Frster, rief das flinke Mdchen, und fllte das
hochaufschumende Glas aus dem schon vorher, in Erwartung des Kommenden,
warm gestellten Blechmaa, drngte sich dann damit, zwischen der jetzt
aufgerichtet neben dem Ofen stehenden Frau -- unserer Bekannten von
dem nmlichen Morgen her, und dem auch eben erst gekommenen Rhrmeister
durch, und stellte das Glas, mit einem freundlichen Knix vor den
mrrisch herumschauenden Jger hin.

Die Unterhaltung war durch den Eintritt der Beiden, nach denen sich die
Meisten umschauten, einen Augenblick in's Stocken gerathen.

Der Rhrmeister, der die letzten Worte des kleinen Doctors noch gehrt
hatte, trat jetzt weiter vor und rief, sich an diesen wendend:

Hrt einmal Doctorchen, wie sieht denn der Bursche aus, von dem Ihr da
sprecht -- trgt er etwa einen kleinen schwarzen Schnurrbart und hat er
eine Narbe ber's Gesicht herber?

Die hat er, sagte der Doctor schnell, habt Ihr Wahlert gesehen?

Dann ist es derselbe, den sie heute Morgen hier bis in die Haidekiefern
gehetzt haben, fuhr der Rhrmeister fort, ich kam gerade aus der Stadt
und sprach auch nachher einen von den Holzschlgern, an dem er dicht
vorbeigesprungen war.

Hier bis Horneck? frug der Doctor schnell.

Ja hier gleich bis oben in den Wald, wo das kleine Weidenbschchen
steht.

_Wie_ heit der Bursche? mischte sich jetzt der Jger in's Gesprch,
und stand von seinem Platze auf, um besser nach dem Sprechenden
hinbersehn zu knnen.

Wahlert, =Dr.= Wahlert! lautete die Antwort.

Und einen Schnurrbart hat er?

Ja, und dunkle Haare, wie eine hohe, stattliche Figur; wer ihn einmal
gesehn hat, vergit ihn nicht so leicht wieder.

Nun ich denke, er wird sich meiner auch wohl etwa vierzehn Tage
erinnern, lachte der Jger und nahm seinen Platz wieder ein.

Was? -- wie so? -- Ihr habt ihn gesehen? -- wo ist er jetzt? --
haben sie ihn wieder? So etwa lauteten die Fragen, die nun in rascher
Reihenfolge an den Jger gerichtet wurden, und dieser sah sich pltzlich
als den Mittelpunkt aller der neugierig ihm zugewandten Gesichter.

Weil ich ihm die Hinterlufe mit Schrot gespickt habe lachte der
Alte; zwar nur Nr. 6 aber doch gerade hinreichend fr einen derartigen
kleinen Denkzettel.

Aber wo? -- weshalb -- wie kam das -- wenn denn? fiel hier das Chor
wieder ein.

Wo? wann? Im Holz drin, heut' Nachmittag, und weshalb? -- ei weil er
ein paar Frauenzimmer angefallen hatte wie ein Straenruber und sie
schon plndern wollte als ich und der Schulmeister, der Hlfslehrer mein
ich, gerade noch zur rechten Zeit und zum Schu kamen.

Aber wo ist er jetzt? ist er gefhrlich verwundet? sagte der Doctor
rasch und erschreckt.

Hm -- 's kann g'rade nicht so gefhrlich sein, meinte der Jger
kopfschttelnd, 's Auskratzen ging wenigstens nachher noch so ziemlich
gut. Schwei konnten wir auch nicht finden, aber mit meinem Fritz und
den Holzschlgern bin ich ihm nachher nach, und richtig kriegten wir
ihn auch wieder zu Gesicht, denn wir trieben das ganze Weidicht unten
ordentlich ab. Mein Fritz und ich, wir nahmen die Flgel und wie wir
oben an die Schwarzholzecke kamen, stellten wir Beide uns nach dem Dorf
zu vor, und lieen die Holzmacher links herauf schwenken. Der Kerl war
auch wei es Gott im Treiben, und wollte, gleich wo's nachher nach dem
Flu zu geht, wie ein alter Fuchs durch die Treiber brechen. Das wre
ihm auch, da sie doch wenigstens funfzig Schritt auseinander gehn
muten, beinah gelungen, denn das Unglck wollt' es, da er gerade
zwischen dem alten lahmen Gottlieb und Richters Jungen hinein kam, die
ihn alle Beide nicht wieder eingeholt htten. Gerade da aber, wo er
durchbrechen wollte, war ein offener Haidefleck -- der Streifen Feld da
oben, Wagner, wo wir vor zwei Jahren die jungen Kiefern steckten --
und wie er eben ber den hinspringen will, luft der alte Gottlieb mit
seinem Stock auf ihn an und schreit ihm zu, er soll sich ergeben. Hol'
mich der Teufel, wie der den Stock auf sich gerichtet sieht, wobei er
wahrscheinlich auch schon an das Blei dachte, das er bei sich trug,
stie er einen lauten Schrei aus, und sprang wie ein Donnerwetter in die
dichten Bsche zurck.

Und was ist nachher aus ihm geworden?

Der Teufel wei es brummte der Jger, er ging wieder nach vorn,
und wenn er nicht nachher doch noch einen Rckwechsel gefunden hat, so
bleibt weiter gar nichts anderes mglich als da er durch das Ufer des
trockenen Baches, gerade unter den Dornen hin in das Dorf gekrochen
ist.

In das Dorf? riefen der Verwalter und Gerichtsschreiber, die jetzt
ebenfalls an des Jgers Tisch getreten waren, das kann ja doch gar
nicht sein; der Graben oder was es ist, luft gerade in Pastors Garten
aus, und er wird sich doch wahrlich nicht, wenn einmal verfolgt, aus dem
ihm allein noch Sicherheit bietenden Wald, mitten zwischen seine Feinde
wagen?

Der Doctor sagte kein Wort mehr, ging aber eine ganze Weile, und zwar im
tiefsten Nachdenken, im Zimmer auf und ab, bis er wieder in die Nhe des
Jgers kam; dort blieb er stehn, wandte sich noch einmal an diesen und
frug ihn:

Und Ihr glaubt wirklich, da er durch den Graben nach dem Dorfe zu
entkommen wre?

Ich wei wenigstens nicht wie er sonst durchgeschlpft sein knnte,
meinte der Jger, ohne da ihn Einer von uns auch nur gesehn, oder in
dem Laube gehrt htte. Der Wald ist dort viel zu licht, als da Einer,
erst dort hinein getrieben, lange Verstecken spielen drfte.

Knnte er aber nicht in einen Baum geklettert sein? frug der
Doctor noch einmal, im letzten verzweifelten Versuch, auch nur an die
Mglichkeit einer anderen Flucht glauben zu drfen, aber der Forstmann
schnitt ihm auch diese Hoffnung ab.

Oh was, brummte er, in die Rauschenecke hatten wir ihn hinein, soviel
ist gewi, und dort waren wir ihm, wenn's auch da wirklich Bume gbe,
in die man sich verstecken knnte, viel zu dicht auf den Hacken, als da
er an so etwas htte denken drfen. Der ist im Dorf, und wenn er's hier
nicht ganz schlau anfngt, so kriegen wir ihn doch noch, denn ich habe
unten am Garten sowohl da, wo's nach der Strae niedergeht, wie oben
nach dem Wald zurck, und an dem Weg in's Dorf hinein meine Wachen
ausgestellt, die keine Katze, vielweniger einen so baumlangen Kerl
durchlassen.

Hm, hm-- murmelte der kleine Mann vor sich hin, und drngte sich,
ohne etwas weiter darauf zu erwiedern, der Thre zu. Am Schenkstand
bezahlte er seine Zeche und verschwand gleich darauf, die einbrechenden
90,000 Freischaarer und die rothe Republik gnzlich der Gnade und
Ungnade der Zurckbleibenden berlassend, aus der Wirthschaftsstube.

Auch das fremde Mdchen verlie das Zimmer, schritt aus dem Haus bis
unter die groe Linde, setzte sich auf die dort angebrachte hlzerne
Bank, in den Schatten des gewaltigen Baumes, barg das bleiche Antlitz
zwischen den dnnen abgemagerten Fingern, und schluchzte leise und
heftig.

Die Sterne blitzten und funkelten aus dem dunkeln, von keinem
Mondenstrahl erhellten Himmel nieder, durch die breitstigen Wipfel
der Linden rauschte und brauste der khlfeuchte Nachtwind; im Dorfe
herrschte Todtenstille, nur manchmal tnte das Bellen eines treuen
Wachthundes aus Hof oder Garten her, oder der Schritt der jetzt einzeln
aus der Schenke Heimkehrenden schallte hohl von dem harten Boden wieder.
Auch die Lichter der verschiedenen Wohnungen waren fast alle verlscht,
nur in der Pastorwohnung, das Haus lie sich deutlich erkennen, denn
dicht dabei stieg der dunkle kahle Thurm starr und schroff empor,
brannte noch in einem der oberen Fenster ein einsames Lmpchen.

Marie! rief die Stimme des alten Musikus von der Thre der Schenke
aus -- Marie -- wo zum Donnerwetter steckt mir die Dirne nun wieder --
_Marie!_ will ich doch verdammt sein, wenn mir die nicht noch die Galle
an den Hals rgert. Ei so geh' zum Teufel brummte er noch eine Weile,
als er vergebens gehorcht und gewartet hatte, denn die dunkle
Gestalt unter der Linde rhrte und regte sich nicht -- wenn sie Dich
ausschlieen, magst Du sehn wie du in's Haus kommst.

Und schimpfend warf er die schwere Thre in's Schlo.

Hell und freundlich schienen die liebenden funkelnden Sterne auf die
stille Erde nieder; in den Zweigen und Aesten des alten Baumes rauschte
und flsterte es geheimnivoll und das Kuzchen, das mit geruschlosem
Flgelschlag ber die Huser strich, setzte sich auf das nchste Dach
und rief sein wehmthiges unheimliches Komm mit -- komm mit. --
Unbeweglich aber lehnte an dem knorrig rauhen Stamm das einsame Mdchen,
fest und schweigend hafteten an den fernen glnzenden Himmelskrpern
ihre feuchten Blicke, und erst als vom dsteren Thurm drben die Glocke
Mitternacht schlug, schlich sie durch die Thre, die ihr der Vater
offen gelassen zu ihrem kalten harten Lager hinauf, unter das Dach der
Schenke.




Siebentes Kapitel.

Die Pfarre.


Als Frulein Anna Schtte sah, wie der Fremde nach Sophiens Arme griff,
und sich nur einen Augenblick unbeachtet wute, ja auch schon dann
vielleicht, als sie den ersten panischen Schrecken berwunden hatte,
da ein wild aussehender Mensch aus dem stillen Holz, wie ein Blitz aus
heiterem, sonnenklaren Himmel auf sie herniederfahren konnte, floh sie
in flchtigen Stzen die Strae entlang, und erfllte mit ihrem Geschrei
den friedlichen Waldesdom. Selbst der Heher schwieg, bestrzt vor
den gellenden Tnen, und dachte erst spter daran, sie wie das brige
Vogelgeschrei, mit spottendem Flgelschlag nachzuffen; die brigen
Waldvgel aber mieden scheu den Platz, wo ihrer Ansicht nach, etwas
Entsetzliches passirt sein mute. Sie wre auch sehr wahrscheinlich
eben in solcher Art bis in das Dorf hineingerannt, htte sie nicht
glcklicher Weise gerade am Ausgange des Waldes einen Ackerknecht
getroffen, dem sie ohne weiteres um den Hals flog, und nun hier so zu
weinen und jammern anfing und solche grliche Geschichten von Mrdern
und Rubern erzhlte, die dicht hinter ihr wren, da es dem armen
Teufel selber ganz angst und bange wurde, und er nicht recht wute, was
er am Meisten zu frchten habe, die nahenden Ruber, oder den
Zustand der fremden Dame, der ihm schon anfing mehr als bedenklich zu
erscheinen.

Der Bursche war brigens unter solchen Umstnden eben so wenig von
der Stelle zu bringen; denn im Walde hatte er nach der erhaltenen
Beschreibung gar Nichts weiter zu suchen, und zu Hause, von woher er
erst kam, wollte er auch nicht gleich wieder. Frulein Schtte schien
jedoch ebenfalls nun, da sie zum Glck einen Beschtzer gefunden, fest
entschlossen, keinen Schritt weiter allein zu thun, und so trafen sie
noch Hennig und Sophie, als sie aus dem Walde auf das freie Feld traten.

Sophien schien es lieb zu sein, die Freundin noch hier zu finden, sie
eilte gleich auf sie zu, ergriff ihren Arm, und versprach ihr, sie zu
Hause zu geleiten, bat sie aber auch zugleich, von dem Vorgefallenen im
Dorfe Nichts zu erzhlen, da solche Sachen immer gleich verschlimmert
und dem armen Flchtling, der sie im Walde angeredet, vielleicht gar
wieder die entsetzlichsten Absichten untergelegt wrden.

Davon wollte nun freilich Frulein Schtte im Anfang Nichts hren, lie
sich jedoch zuletzt berreden, und bat nur Sophien, als sie endlich zu
Hause angelangt war, wenigstens so lange bei ihr zu bleiben, bis die
Mutter, die irgend einen Besuch gemacht hatte, zurckkehre, denn wenn
sie jetzt, und mit Dunkelwerden allein im Zimmer sitzen solle, frchte
sie sich zu Tode.

Das sagte ihr Sophie gern zu, denn sie selbst mochte nicht gerade
jetzt gleich, und in der Aufregung, in der sie sich befand, nach Hause
zurckkehren.

An dem nmlichen Abend beendete, ungestrt und nicht behindert durch
Singen oder Rufen, Feodor Strohwisch ein humoristisches Gedicht, --
es war frher einmal ein altes Liebesgedicht gewesen, das er in ser
schwrmerischer Stunde gemacht, und er hatte es heute zu einem launig
politischen Epos umgendert -- es blieb nichts zu wnschen brig,
viermal hinter einander las er es sich mit immer wachsendem Beifall
selbst laut vor, und sprang endlich in aller Freude auf, schritt rasch
zu dem ihn erstaunt anschauenden Haubenkopfe hin, streichelte ihm
die zinnoberrothen Backen, und nannte ihn sein liebes, frommes,
schweigsames Mdchen.

       *       *       *       *       *

In der Dmmerung war es indessen, da durch den kleinen Obstgarten, der
dicht hinter der Pfarrerwohnung lag, und hier zugleich die Grenze des
Dorfes nach dem Walde zu bildete, eine menschliche Gestalt aus dichtem
Gestrpp und Dornenwerk hervorkroch, und an der Hecke hin und von dieser
gedeckt der kleinen hlzernen Thre zu schlich, die hinaus auf einen
schmalen Pfad fhrte, der den steilen, mit Obstbumen bepflanzten Hgel
hinab, und durch das Dorf, dem Flusse zu lief. Dort aber kaum angelangt
und schon mit der Hand auf dem Thrdrcker, zuckte er pltzlich von
jhem Schreck berhrt, zusammen, denn dicht ber sich, so nahe, da er
den Sprecher htte mit der Hand erreichen knnen, hrte er eine Stimme,
die ihm nur zu deutlich die Gefahr verrieth, in der er sich befand.

Du, Kahle, sagte Einer der dort Stehenden, der kann hier gar nich
'nein sin, sonst werd' er ja doch nicht in den Diarndern stecken bleiben
-- der is widder in's Hulz zurck, un mer stehn hier umsunst, un han
Maulaffen feel.

Schweig still, brummte der Andere dagegen mit unwilliger, aber leiser
und unterdrckter Stimme, -- in den Graben is er nein, un wr't Ihr mir
gefulgt, so htten mer'n jetzt; nu aber kennen mer de halbe Nacht
hier schtehn, un erwischen en doch nich. Na, Fritze mu gleich mit den
Angeren kummen, un nachher laassen mer den Hund nein -- _der_ find't
en!

Wenn er aber nu drben 'nausfhrt? frug die andere Stimme besorgt.

Haste keene Angst nich, sagte Kahle mit leisem, heiserem Lachen,
davor is gesurgt, 'raus kommt er hier nich, wenn er nich beim Paster
nein fhrt, und da is de Thire verschlossen. Doch bis jetzt ruhig -- 's
is wohl noch hlle, in den Bischern drinn kennte er aber doch so nahe
'ran kriechen, da er Eenen heren kennte, und nachens wrsch Essig.

Der Flchtling lag zitternd unter die Hecke gedrckt, und schaute
verzweifelnd nach einem Ausweg auf Rettung umher. Kam die gedrohte
Verstrkung mit dem Hunde, so war er verloren, und hier, von allen
Seiten umstellt, -- es blieb ihm kein anderer Ausweg, als die Pfarre,
dort hinein mute er.

Ein dichter Holunderbusch, der schon fast vollstndig seine Bltter
getrieben hatte, machte es ihm mglich, unentdeckt wieder die Mitte
des Gartens zu gewinnen, und von hier aus kroch er in einer Vertiefung,
einer Art trockenem Graben, der dazu diente, das an der Hausthr
ausgegossene schmutzige Wasser, wie auch den vom Dache niedertrufenden
Regen in die Schlucht hinab zu fhren, bis dicht zum Haus hinan.
Vorsichtig hob er sich empor und ergriff die Klinke. -- Die Dmmerung
wurde glcklicher Weise immer dichter, und gerade dieser Theil des
Hauses lag in tiefem Schatten. -- Aber wehe. -- Die Thr war wirklich
verschlossen, und den Berg herauf -- er horchte mit klopfendem Herzen
den nahenden Tnen -- kamen Menschen, und Hundegebell tnte dazwischen.

Tod und Teufel! murmelte er vor sich hin, und so unbewaffnet
diesen Bauerlmmeln in die Hnde zu fallen -- versuche ich's aber
durchzubrechen nach dem Walde hin, so schieen sie mir wie einem tollen
Hunde auf den Leib, -- trag' ich denn nicht selbst jetzt die Schrote
von dem Schuft in der Haut, und hat nicht nachher schon wieder Einer der
blutdrstigen Hallunken auf mich angelegt? Und geradezu herausgehen und
mich ergeben? -- das wre ein verdammt gewagtes Ding -- wei der Bse,
wie auch all' die Sachen so ganz auf einmal gegen mich aufgetaucht
sind. Ja, wre mit dem Volke hier etwas zu machen, da liee sich der
Geschichte leicht eine andere Wendung--

Er erschrak, denn dicht neben ihm wurden inwendig im Pastorshause
Schritte laut, der Schlssel drehte sich im Schlo, und Wahlert behielt
nur noch eben genug Zeit, hinter ein paar, dort gerade neben der Thr
lehnende Breter zu treten, als sich diese ffnete, und die Magd mit
einem groen Kbel voll Wasser heraustrat, etwa zwanzig Schritte weit
nach dem Graben zu ging, in welchem er eben heraufgekrochen, und das
Wasser dort hinein ausgo. Eine solche Gelegenheit kam nicht wieder,
Wahlert glitt unter den Bretern hin, in's Haus hinein, und die
knarrenden Stufen hinauf in den ersten Stock. Hier sah er noch eine
kleine Treppe, ber deren dritter Stufe ebenfalls eine kleine Thr
befindlich war -- jedenfalls ging die auf den Boden, sie war auf, und er
sprang hinein.

Alle Wetter, murmelte er aber, und prallte daraus zurck -- das ist
ja ein Zimmer-- durch den matten Lichtstrahl, der noch durch's Fenster
fiel, konnte er den weien Ueberzug eines Bettes und ber den einen
Stuhl hngende Frauenkleider erkennen.

Er wollte das Gemach rasch wieder schlieen, und sein Heil wo anders
suchen, da hrte er auf der Treppe Schritte, der Strahl eines Lichtes
fiel herauf, und es blieb ihm nun gar keine andere Wahl, als geradezu
wieder zurck zu springen, und die Thre hinter sich zu zu ziehen;
er mute auf gnstigeren Zeitpunkt warten, ein sichereres Versteck zu
suchen.

Es war die Magd, die mit einem groen Kbel Wasser in den Hnden, und
das Licht in den einen Finger geklemmt, die Treppe langsam heraufstieg.
Vor der Kammer, in welcher Wahlert stak, blieb sie stehen, hob den Kbel
auf die Stufen, schob ihn dicht an die Thr, stellte das Licht daneben,
und ging dann wieder hinunter, noch mehr Apparate zu ihrem Scheuerfeste
zu holen.

Wahlert versuchte jetzt, die Thr wieder zu ffnen, um ber den Gang
hinber wo mglich die Bodentreppe auszusphen, aber -- fest und
unweichbar stand das schwere Wassergef davor, nicht einmal einen Zoll
breit konnte er seinen Kerker lften, und sollte er Gewalt brauchen?
-- Das ging auch nicht, dann warf er den bis zum Rand gefllten
Kbel gerade zu die Stufen hinab, und das Gepolter, und die in's Haus
niederstrmende Flut mute ihm die Verfolger auf den Hals hetzen. Er
behielt aber auch nicht einmal lange Zeit zum Ueberlegen, das Mdchen
kam bald wieder zurck, und blieb nun oben auf dem Gange, den sie gleich
darauf mit Scheuerbesen und Tchern wacker in Angriff nahm.

Wie sollte das enden, wer wohnte berhaupt in dem Zimmer? Wahlert warf
sich, den Kopf sinnend in die hohle Hand gesttzt, auf einen der ihm
nchsten Sthle, und berdachte seine Lage -- die Mglichkeit seines
Entkommens, -- bedachte die Gefahr, der er ausgesetzt war, wenn er
wirklich gerade jetzt, wo noch den Gerichten, wenigstens hier im
Lande, nicht alle Macht genommen worden, in ihre Hnde fiele. Auch die
Erlebnisse ging er in seinem stillen Brten durch.

Den, nach ihm ausgesandten Hschern glcklich entgangen, stand ihm jetzt
die Welt offen -- er konnte fliehen, konnte vielleicht die franzsische
Grenze erreichen -- aber was sollte er nachher dort? -- Womit seine
Existenz sichern, was berhaupt dort wirken, schaffen, ntzen? -- Nein,
hier in Deutschland lag sein Ziel -- Deutschland forderte von ihm seine
Thtigkeit.

Das alte System, was sich lange Jahre hindurch, den Vlkern zum Trotz
und Hohn auf ihrem Nacken behauptet, war durch die jetzige Revolution
nicht gestrzt, nein, nur kaum erst erschttert worden, und nun galt es,
da die Mnner der Freiheit Hand an's Werk legten, das schmachvolle
Joch gnzlich darnieder zu schmettern und den neuen Tempel der
Volkssouvernett in herrlicher Schne aus seinen Trmmern emporsteigen
zu lassen. Und war _er_ nicht vor tausend Anderen der Mann, der im
heiligen Kampf vorangehen mute, den Unschlssigen? War ihm nicht die
Gabe der Rede verliehen? Hatte er nicht seit dem 18. Mrz schon zweimal
das Volk zu wildem strmischen Enthusiasmus erregt, und war es beide
Male etwa nicht den Bayonetten gelungen, die berreif aufschwellende
Knospe der Freiheit zurck zu halten und zu bewltigen? Fluch der alten
Disciplin, die dem Soldaten noch wie Blei in den Gliedern lag, und ihn
nicht wollte begreifen lassen, wie auch er ja nur eines Brgers Sohn
selbst wieder zum Brger wrde, wenn er den Rock auszge, der ihm im
Kampfe gegen seine Brder nicht mehr ehre, sondern schnde.

Der Zeitpunkt war jetzt erschienen, wo die letzte Hand an das groe Werk
gelegt werden mute, wenn es nicht -- wie das Jahr 1830 geschehen
war, als ein bloes Possenspiel endigen sollte -- der Zeitpunkt war
erschienen, wo es galt, das ganze ungeheure Gewicht der Volksherrschaft
den Privilegien der Frsten und des Adels gegenber in die Schaale zu
werfen, und Fluch dem _knechtischen_ Volke dann, wenn es nicht _mit_ ihm
jubelte, da der Schrei -- ein Todesrcheln der Tyrannei -- durch alle
deutschen Gauen drang -- es lebe die deutsche Republik!

Doch hier mute er erst einen Halt unter dem Volke gewinnen, die Masse
war noch zu roh, und ein energisches Auftreten von ihrer Seite, ohne
vorherige wirkliche Veranlassung kaum zu hoffen -- was konnte aber von
_hier_ aus auch geschehen, sie zu begeistern? -- Gar Nichts, in
die Residenz zurck mute er vor allen Dingen, die Katastrophe des
gewaltigen Werkes selber mit zu leiten, und nur ein Mann lebte hier im
Orte, der ihm dazu behlflich sein konnte -- der Doctor Levi, ein
alter Bekannter von ihm, und ein Charakter, der ihm zum Werkzeug dienen
konnte, seine _edleren_ Plne auszufhren. -- Wie aber war er im
Stande, dessen Haus erstlich heraus zu bekommen, und wenn das wirklich
geschehen, es unentdeckt zu erreichen? -- Wo wohnte der Doctor, und
befand er sich gegenwrtig wirklich in Horneck? -- Tod und Teufel! --
der Gedanke war Wermuth und Galle in die khne Seele dessen, der sich
hier fr die Freiheit eben des Volkes aufopferte, das ihn wie einen
Verbrecher verfolgte, wo er sich nur ffentlich zeigte, mit Kerker und
Eisen bedrohte, und wie auf ein wildes reiendes Thier nach ihm scho.
Aber fort mit dem Gedanken, das Volk war nicht schlecht, nur ein
Schleier lag noch vor seinen Augen, und mit der Brgerkrone wrde es
den bald lohnen, der ihm die Sehkraft wieder gab, und die Waffe in die
riesenhafte Rechte drckte.

In wilden, wechselnden Bildern zuckten ihm die Gedanken und Plne rasch
und bunt durch das Hirn, bald aber wurde er wieder, und auf eben nicht
trstliche Weise zur trben, trostlosen Gegenwart zurckgerissen. Das
Mdchen drauen auf dem Gange rckte ihr Scheuerfa und er fuhr rasch
und lauschend von seinem Stuhl empor -- noch aber hatte er Nichts zu
frchten -- sie war nur zu einem andern Platz gegangen, und begann hier
gleich wieder von Neuem.

Wenn ich nur das Haus dieses Doctor Levi wte, murmelte der Gefangene
fr sich hin, was fr Folgen aber selbst die einfachste, an einen
fremden Menschen gerichtete Frage fr mich haben kann, ist mir heute
bewiesen worden. -- Wie das eine liebe Kind erschrak -- -- da der
Teufel den Jger hole. Vorsichtig lie er sich wieder auf den eben
verlassenen Stuhl nieder, und fuhr eben so leise fort -- ich htte
mir's brigens denken knnen, da so schchterne Dinger Zeter schreien
wrden, wenn ihnen ein solches dornzerrissenes wild aussehendes Subjekt
wie ich jetzt bin, vor die Augen trte; -- ich bin, beim Himmel, in
einer verzweifelten Lage.

Ein neues Gerusch vor der Thr mahnte ihn, auf seiner Hut zu sein --
der Kbel wurde bewegt. -- Er legte das Ohr an das Schlsselloch -- Gott
sei Dank, endlich nahm die verwnschte Magd den Kbel von der Thr und
trug ihn -- ja, sie ging damit fort, er konnte es deutlich an ihrem
Gange hren -- den Corridor hinunter. Jetzt war ihm auch die Mglichkeit
gegeben, diesen gefhrlichen Aufenthaltsort zu verlassen, wo er jeden
Augenblick entdeckt werden konnte. Nur so lange mute er warten, bis
drauen die verschiedenen Ingredienzien fort und, allem Vermuthen nach,
in eine der entfernteren Stuben transportirt waren.

Aber auch drauen vor dem Fenster wurde es laut -- das muten seine
Verfolger sein -- ob er es wagte, sich dorthin zu schleichen? -- ei,
wenn er leise ging, konnte ihn unten, falls wirklich Jemand darunter
wohnte, doch Niemand hren: auf den Zehen schlich er deshalb bis an das
Fenster und schaute aus der dunkeln Stube heraus vorsichtig hinter den
Gardinen vor in den Hof hinab, wo, wie er noch recht deutlich erkennen
konnte, eine Anzahl von Mnnern versammelt stand und eifrig mit einander
sprachen. Um aber zu hren, ber was sie sich unterhielten, htte er das
Fenster ffnen mssen, und das durfte er nicht wagen. Er prete das Ohr
an die Scheibe, aber nur unverstndliche Sylben waren es, die zu ihm
herauf tnten. Er suchte die Gestalten zu erkennen -- Einige trugen
Flinten oder Stcke, er vermochte nicht deutlich zu sehen was --
wahrscheinlich das erstere -- man deutete auf die Pfarrwohnung -- er
konnte der Versuchung nicht lnger widerstehen, leise, leise schob
er den vorgedrehten Fensterriegel zurck und suchte nun den Flgel so
geruschlos als nur mglich zu ffnen; glcklicher Weise knarrte
das Holz auch nicht im mindesten; alt und vom Zahn der Zeit schon
angegriffen, bewegte es sich weich und ohne Laut aus seinen Fugen und
es gelang ihm, das Fenster gerade genug zu ffnen, um Alles zu hren und
doch von unten aus nicht gesehen zu werden.

Da wurden pltzlich Stimmen auf dem Vorsaal laut -- eine Hand lag auf
der Klinke -- Wahlert's Herz schlug wie ein Hammerwerk in der Brust,
nicht einmal Zeit blieb ihm, das Fenster wieder zu schlieen, nur
eindrcken konnte er es und dann zurck in die dunkle Ecke neben die
Gardinen springen, als sich die Thre ffnete und eine weibliche Gestalt
eintrat. Sie blieb aber auf der Schwelle stehen, legte Hut und Mantel
ab, und wollte eben wieder zurcktreten, als der Luftzug auf's Neue den
Flgel aufstie und sie sich rasch danach umwandte.

Ueber die Mdchen, murmelte sie, als sie die Thr hinter sich schlo
und der Stelle, wo Wahlert fest in dem engen Winkel geschmiegt stand,
zuschritt, ausdrcklich habe ich hier noch heute Morgen gesagt, mein
Fenster ja fest zuzumachen, aber Gott bewahre, da ist doch eine wie die
-- _ha!_

Ein laut gellender Schrei des Entsetzens entfuhr ihren Lippen, denn
whrend sie mit der Linken das Fenster schlo, wollte sie mit der
Rechten die vorgefallene Gardine zurckschieben, und ihre Hand kam
dabei mit der hier versteckten Gestalt des Flchtlings, die dabei
unwillkrlich zusammenzuckte, in Berhrung.

Um Gotteswillen, mein Frulein, verrathen Sie mich nicht, rief aber
Wahlert, der bei dem helleren Lichte des Fensters das Antlitz der jungen
Dame erkannt hatte, und nun wohl vermuthen konnte, wen er vor sich
hatte, schnell entschlossen -- ein Wort von ihren Lippen und ich bin
ein Kind des Todes!

Hrr Jses, Frlen, was geiht's denn do? rief die Magd in dem
Augenblicke drauen auf dem Gange, und kam rasch herbeigeschlurrt --
was hewe Se denn?

Ihretwegen bin ich hier und _Sie_ wollen mich dem Henker berliefern?
flsterte noch einmal der Entdeckte -- mein Leben liegt in Ihrer Hand.

Sophie sammelte sich mit krampfhafter Anstrengung und schritt auf die
Thre zu, in der jetzt eben die Magd, glcklicher Weise ohne Licht,
erschien.

Ich habe Dich doch gebeten, das Fenster nicht aufzulassen, sagte sie,
ihr entgegentretend.

Aber Frlen, ich hob' es wee der Himmel zugadriaht -- was hatten Se
denn nuar?

Das Fenster stand auf, und wie ich es schlieen wollte, stie ich mich
in's Auge -- es that weh -- ich habe wohl geschrien?

Als wenn Se am Spiee stiaken, lachte das Mdchen, Hrr Jeses, ich
dachte der Deibel wr' lus -- wullen Se Licht hawe?

Nein, ich danke Dir, ich komme gleich hinunter; essen sie schon?

Se sitzen gerade drim herim, der Hrr Pastor is aber noch nich heeme.

Und das Mdchen nahm ihren Eimer, klappte damit die Treppe hinunter und
ffnete die Thre wieder, um ihn auszugieen.

Was war denn im Hause? frug in dem Augenblicke unten vor der Thre
eine Stimme die heraustretende Magd -- wer schrie denn so -- ist der
Kerl etwa drinn?

Megte wissen wie, lachte das Mdchen, unser Frlen hat sich blos
an'en Kopp geschtuen -- na is die schreckhaft -- wenn iche jedesmal
kreischen wullte, wo ich wo anrenne, nachen's htt' ich Arbet.

Sophie, die oben mit klopfendem Herzen in der Thre stand und den Worten
lauschte, konnte nichts weiter verstehen, denn die Redenden traten mehr
vor das Haus und gleich darauf wurde auch das Thor wieder geschlossen.
Sie drckte ihre eigene Thre in's Schlo, schob den kleinen Riegel vor,
that ein paar Schritte gegen das Fenster und sagte hier mit leiser, aber
vor innerer Angst zitternder Stimme:

Was um Gotteswillen hat Sie unglcklicher Mann in dies Haus getrieben
-- wie kamen Sie in dies Zimmer, und wer hat sie hereingelassen?

Der Zufall und mein gutes Glck lieen mich, unbemerkt von Anderen,
die rechte Thre treffen, sagte jetzt Wahlert, und trat, durch das
Gefhrliche seiner Lage gezwungen, eine Nothlge zu machen, leise auf
sie zu -- aber Sie, mein Frulein, Sie allein waren die Ursache, die
mich hierher gefhrt.

Ich? -- wie um Gottes Willen -- ich?

Gehetzt wie ein wildes Thier, fuhr der Flchtling mit leiser aber
bitterer Stimme fort, bin ich seit heute Morgen durch Wald und Forst
gestreift, und weshalb -- weil ich ein freies Wort gesprochen, weil ich
dem Volke Glck und Freiheit geben wollte, und nicht darauf achtete,
ob ich dabei die Groen der Erde erzrnte. Aus jahrelangem Schlaf ist
Deutschland erwacht, die Fesseln der Tyrannei wirft es fort, und wren
wir ein einziges Volk, jetzt, jetzt blhte die Zeit, wo wir mit _einer_
Kraftanstrengung die Nacken heben, das Joch brechen knnten, aber
whrend sich in dem einen Staate, in der einen Stadt das Volk in keckem
Todesmuthe den Bayonetten entgegenwirft, sieht das Nachbarlndchen
mig zu, und wartet, bis auch an seine Grenze die Reihe kommt, und die
Frstenknechte erst in dem einen Gebiete gesiegt haben, um nun auch in
dem anderen, falls es dann noch Lust verspren sollte, sich wirklich
zu erheben, die Bande fester schrzen, die Knechtschaft unzerreibarer
machen zu knnen. Ihr dann, die Ihr der Gewalt khn die Stirne bietet,
werdet verfolgt, gefangen, und hlt Euch erst einmal der Kerker
umschlossen, o Ihr Armen, dann, wehe, wehe Euch, Ihr seht das Licht
nicht wieder.

Aber mein Herr--

Verzeihung, Frulein -- ich dachte an Deutschland -- nicht an mich --
so hren Sie denn. -- In eine fremde Gegend hierher geschleudert, wo mir
Weg und Steg fremd war, wute ich nicht, an wen ich mich, von Verfolgern
umgeben, wenden knne, um die nchste Richtung nach der Grenze zu
erfahren -- jeder Mann, den ich anredete, konnte ein Feind sein. Da sah
ich von meinem Versteck aus Sie vorbergehen -- Ihr holdes Angesicht,
in dem kein Falsch lag, kein Verrath lauerte, gab mir Muth, ich trat
auf Sie zu, wollte mit wenigen Worten ihre Furcht ber meinen Anblick
beschwichtigen, das Wort der Bitte dann an Sie richten, da -- ein
sicherer Schtze war es, der das Blei nach mir sandte -- doch vielleicht
war es gut -- es krzt meine Leiden ab.

Groer Gott -- Sie sind verwundet? rief Sophie rasch und erschreckt.

Lassen Sie das-- sagte Wahlert mit leiser Stimme und ein Gedanke
an Rettung zuckte ihm durch das Hirn -- mein Halstuch hat die Blutung
gestillt und ich finde vielleicht morgen Jemanden, der mir die Kugel
aus der Wunde zieht -- ich wollte -- ich wollte nur nicht der Gefahr
ausgesetzt sein, vielleicht -- vielleicht an Blutverlust im Walde liegen
zu bleiben -- ohne vorher wenigstens bei Ihnen rein dazustehen --
die andere Dame schien mich fr einen Ruber zu halten, der hlflose
Frauen--

Heiland der Welt, bat Sophie in Todesangst -- wie knnen Sie glauben
-- ich war -- ich wute--

Sophie! rief in dem Augenblicke eine Stimme von der Treppe herauf --
Sophie!

Die Jungfrau eilte zitternden Schrittes zur Thre, ffnete diese und
antwortete:

Ja Mutter -- ich komme gleich.--

Nein, Kind, machst Du lange, sagte die Stimme unten, die Suppe wird
ja ganz kalt -- der Vater ist auch eben gekommen.

Ich komme den Augenblick, Mutter!

Die Thre unten ging wieder zu.

Sie mssen fort -- gleich fort, wandte sich jetzt das arme Mdchen
in Todesangst an den Fremden, aber wohin wollen Sie fliehen, wohin
_knnen_ Sie, verwundet und ohne Beistand.

Wenn ein Wundarzt hier im Orte wre, dem ich mich anvertrauen drfte,
flsterte der Flchtling, es soll hier ein Doctor Levi in Horneck
wohnen.

Das war ein glcklicher Gedanke, rief schnell Sophie, auch ist
der seiner radicalen Gesinnungen wegen bekannt, und wird Sie nicht
verrathen!

Aber wie find' ich sein Haus -- wie verlass' ich diesen Ort, ich bin
ja wie ein Wolf, wie ein gehetztes Thier des Waldes umstellt -- doch was
thut's -- was schadet es, hab' ich mich doch jetzt wenigstens in _Ihren_
Augen gerechtfertigt -- halten _Sie_ mich doch nicht mehr fr schlecht
-- was kmmert mich's da, wie die Welt von mir denkt, was die Welt jetzt
mit mir thut.

Bleiben Sie jetzt noch hier oben, bis wir gegessen haben, sagte Sophie
rasch und entschlossen, ich werde Gelegenheit finden, dem Doctor ein
paar Zeilen zu schreiben, spter soll er Sie abholen; mit Hlfe von
meines Vaters Hut und Mantel wird das mglich sein. Wenn auch Wachen
ausstehen, kann man Sie nicht in _der_ Kleidung vermuthen. -- Heiliger
Gott, mein Vater kommt -- wenn er hier eintrte.--

Der schwere Schritt des Pastors wurde auf den knarrenden Stiegen laut --
im nchsten Augenblicke klopfte er an der Tochter Zimmer.

Sophie, sagte er dabei, mach' rasch, da du hinunter kommst. Die
Mutter wartet und wird schon ganz ungeduldig -- aber -- wie ist mir denn
-- hier -- hier ist ja gescheuert -- ich will doch nicht hoffen -- er
eilte schnellen Schrittes nach seiner weit offen stehenden Stube hinter,
und die laut zrnende Stimme verrieth bald, _was_ er dort gefunden haben
mute.

Nein da hrt Alles auf -- Sophie -- Frau -- nun das hat mir noch
gefehlt -- Sophie -- wo ist das Mdchen, Christel, Rose oder Grete, wie
heit sie denn nur eigentlich -- Christel.

Halten Sie sich ruhig -- ich hole Sie bald ab, flsterte Sophie, schob
den Riegel zurck und glitt rasch aus dem Zimmer, das sie hinter sich
wieder verschlo.

Aber Mtterchen, was giebt es denn nur?

Wer hat dem unglckseligen Geschpf von einem Mdchen gesagt, da es
meine Stube scheuern soll? frug hier der gestrenge Herr Pastor und
stand, mit dem Lichte in der Hand, dem Hut auf dem Kopfe und den Mantel
noch umgehangen, auf der Schwelle seiner Stube -- wer hat der Liese
oder Christel oder Grethe, wie sie heit, aufgetragen, mich hier mit
meinen Papieren unter Wasser zu setzen?

Ih Du meine Gte, was giebt es denn da oben nur eigentlich, warum kommt
Ihr denn heute gar nicht zum Essen? frug die Frau Pastorin, und ihr
Kopf erschien eben hoch genug, um durch das hlzerne Treppengitter
hin den Gang entlang sehen zu knnen. Was hast Du denn, Scheidler? Du
machst ja einen entsetzlichen Spektakel?

Wer hat meine Stube scheuern lassen! frug der Pastor hiergegen in
lakonischer Krze -- wer war der Unglckliche.

Deine Stube? rief die Frau Pastorin erschreckt und kam rasch die
Treppe ganz herauf -- ei Du lieber Gott, wenn man seine Augen doch auch
nicht allerwegen hat -- Rieke -- Rieke -- wo nur das Wettermdel wieder
steckt -- Sophie, ruf mir doch einmal die Rieke herauf, sie soll den
Augenblick herkommen. Und mit den Worten nahm sie ihrem Gatten das
Licht aus der Hand, und hob dieses, die Stube betretend, aus der ihr ein
feuchter warmer Dunst entgegenquoll, hoch empor.

Allerdings hatte aber auch der Pastor Ursache, erzrnt zu sein, und
er wurde es erst noch, als er den vollen Umfang der angerichteten
Verwirrung vollkommen berschauen konnte.

Die ganze Stube war gescheuert, aber nicht allein die Stube, sondern
auch alles Holzwerk, es mochte nun Wasser vertragen oder nicht. Die
Bcherbreter standen abgerumt und na, und auf den Sthlen, auf
dem Ofen, auf Bett und Sopha lagen die Bcher, sorgfltig aber wild
zusammengeschichtet ber einander. Ja selbst der einfache Schreibtisch
war der Scheuerwthigen nicht entgangen, die Papiere, deren sie
doch allein Anschein nach nicht smmtlich Herr werden konnte, staken
rcksichtslos in die oberen Fcher hineingestopft, oder flogen jetzt,
da in diesem Augenblicke das Mdchen gerade unten mit einer neuen Tracht
Wasser in's Haus kam, durch den Zug der geffneten Thre getrieben, von
Bett und Sopha aus zerstreut in der nassen Stube herum. Kein Blatt, kein
Buch, kein Stuhl lag oder stand an seinem alten gewohnten Platze, und
der Raum glich eher jedem andern Zimmer, als dem stillen Studierstbchen
eines fleiigen Pastors am Sonnabend Abend, wo er sich erst recht
sorgsam auf die morgen zu haltende Rede vorbereiten sollte.

Der Pastor schritt rasch auf seinen Schreibtisch zu, sah sich hier
mit ngstlich forschenden Blicken berall um, und wandte sich dann in
stummer sprachloser Verzweiflung gegen die Thre, wo eben die zankende
Stimme seiner Frau laut und das bestrzte dummverdutzte rothbreite
Antlitz der Magd sichtbar wurde.

Wo hat Sie die Papiere hingethan, die auf meinem Schreibtische lagen,
Christel? -- rede Sie, Sie unglckseliges Geschpf!

Die Magd sah, nicht wissend ob sie oder Jemand anderes mit dem
Christel gemeint sei, ngstlich von Einem zum Anderen, erwiederte aber
gar Nichts--

Rieke heit sie, fiel die Frau Pastorin, gegen ihren Eheherrn gewandt,
ein, wo hast Du die Papiere hingethan, Rieke, und wer hat Dir berhaupt
gesagt, da Du hier im Zimmer scheuern solltest?

Hrr Jeses, klagte das Mdchen, das mu mer nur wissen, aber de
Schtube sach so erschrecklich aus, un _der_ Schnupptaback drinne, un
_die_ Flecken un _die_ Papierschnitzeln--

Wo _sind_ die Papierschnitzeln, Grethe -- rief jetzt der Pastor,
immer mehr sich ereifernd und vergebens bemht, den Namen des heute
erst angezogenen Mdchens zu behalten, wer hat Ihr gesagt, da Sie Ihre
Fuste an meine Papiere legen soll.

Nu, wo sollen se sin, brummte die Magd, ufgereimt han ich se, das
versteht sich doch? -- Die sin Se los -- de groen Stcken han ich
in den Korb da gsteckt, wu schonst mehr Papier dringe stock, und die
kleenen Schnitzelchen liegen im Ofen -- ich han's Feier mit angemacht,
da es schnell dreige wren slle.

Der Pastor fuhr erschreckt nach dem Ofen, aber das Grliche war
wirklich schon geschehen, es glimmte dort von dnnen Holzscheiten
genhrt ein kleines gemthliches Feuer, und die leichte graue
Papierasche, die ihm entgegenflog, besttigte jedes Wort, was das
Mdchen gesprochen.

Die groen Stcken in den Papierkorb, und die Schnitzelchen in den
Ofen, sthnte der Pastor und faltete die Hnde, meine kostbaren Citate
und Bibelstellen, nach groen und kleinen Papierschnitzeln sortirt --
Herr vergieb mir meine Snde, aber bei dieser Gelegenheit mchte ein
frommer Christ doch wahrhaftig aus der Haut fahren -- Miene, Miene, Sie
hat mir hier einen Streich gespielt, den ich Ihr im Leben nicht vergesse
-- und meine Predigt -- entsetzliche Person, meine Predigt; wenn Sie die
auch verbrannt hat, mu Sie mir wahrhaftig morgen, am Tage des Herrn,
wieder aus dem Hause.

Der Pastor konnte schwer berredet werden, sein Suchen vor der Hand
aufzugeben, und erst zum Essen hinunter zu kommen, das verlassen und
einsam auf dem Tische stand. Glcklicher Weise fand er wenigstens den
grten Theil des Vermiten wieder, und die _weitere_ Nachforschung bis
nach dem Abendessen verschiebend, hing er Hut und Mantel, da in seiner
eigenen Stube kein Zoll breit Raum mehr war, auch nur einen Handschuh
abzulegen, drauen vor der Thr auf einen Stuhl von wo sie Sophie, als
die Eltern vor ihr her die Treppe hinunter gingen, rasch wegnahm,
in ihre Stube legte, die Thre wieder verschlo, und dann, um keinen
weitern Verdacht zu erregen, mit zu Tische ging.

Das Abendgesprch bildete natrlich zuerst das eben angerichtete
Scheuerunglck und dann der Entflohene, von dem der Pastor gehrt, wie
auch, da er seine eigene Tochter angefallen habe. Diese Anklage des
Unglcklichen wies aber Sophie bestimmt ab; der Mann sei, wie
sie sagte, gerade auf sie zu aus dem Walde getreten, und habe sie
wahrscheinlich um etwas bitten wollen, als Anna Schtte, einen wilden
Angstschrei ausstoend, davon gelaufen sei; der dazu kommende Jger aber
wre jedenfalls viel zu voreilig gewesen, gleich auf einen Menschen zu
schieen, von dem er noch nicht einmal wissen konnte, ob er schuldig
oder unschuldig sei.

Dagegen eiferte der Pastor, nannte den Entsprungenen einen Whler und
sehr gefhrlichen Menschen, der sich aber auch sonst noch habe viel
Schlechtes zu Schulden kommen lassen und schlo mit dem herzlichen
Wunsche, da er seinem Schicksale nicht entgehen und wieder eingefangen
werden mge, ehe er etwa gar mehr Unheil anrichte, und andere Menschen
in's Verderben fhre.

Sophie war von den Erlebnissen des Tages aufgeregt und erschpft --
klagte ber heftige Kopfschmerzen und Herzklopfen, und bat die Mutter,
Friederiken noch einmal nach dem Doctor hinein schicken zu drfen, da
er ihr ein Flschchen von den Tropfen schicke, die ihr frher so gut
gethan.

Ich mchte dem Mdchen aber wohl den Namen aufschreiben, sagte sie,
als sie aufstand, es zu bestellen -- wer wei, was sie mir sonst
ausrichtet.

Gewi, gewi, rief der Vater schnell, und zndete sich das Licht
wieder an, um die unselige Verwirrung seiner Papiere, so weit das
berhaupt noch mglich war, zu heben -- und schreib's ihr ausfhrlich
auf, _der_ ist Alles zuzutrauen; unsere Anna Marie, die heute abzog,
hatte das Pulver auch nicht erfunden, aber so dumm, wie diese Hanne,
war sie denn doch wahrhaftig nicht -- da sie mir nur nicht wieder ber
meine Schwelle kommt, so viel sag' ich Euch.

Und damit verlie er das Gemach und stieg langsam in sein Studierzimmer
hinauf.

Eine Viertelstunde spter ging das Mdchen in das Dorf zum Doctor,
der eben aus der Schenke heim gekommen war. Von diesem erhielt sie ein
kleines Flschchen, das sie auch glcklich zerbrach, ehe sie hundert
Schritte weit gegangen war. Unverdrossen kehrte sie aber wieder um, lie
sich dasselbe noch einmal geben, und brachte es diesmal auch wirklich
bis vor die Pfarre, wo es jedoch das Schicksal des ersten theilte. Noch
einmal umkehren ging nicht an -- der Wchter im Dorfe tutete eben zehn,
und mit thrnenden Augen und Todesangst ging sie zum Frlen hinein und
klagte ihr Unglck.

Es schadete Nichts, die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, aber
warum ging das Frlen nur nicht zu Bette -- da wurde bei Rieken der
Kopfschmerz immer gleich wieder gut. -- Sophie wollte noch ein Bischen
auf dem Sopha sitzen bleiben, die Pferdehaarkissen khlten ihre Schlfe
und thaten ihr wohl.--

Nu Hrr Jeses, do nhm ich mer doch was mit ze Bette, meinte die Magd.

Es ist schon gut, Rieke, geh' nur, ich komme auch gleich nach, sagte
des Pastors zitterndes Tchterlein, und barg die fieberglhende Stirn an
dem khlen Polster.

Halb elf Uhr war's und in der Pfarre wachten noch drei Menschen. Der
Eine sa zwischen wsten Bcher- und Papierhaufen, die zu ordnen er
an diesem Abende in Verzweiflung aufgegeben, und studierte, von der
Auenwelt ganz abgeschlossen, an seiner morgenden, wenigstens
stckweis geretteten Predigt. Der Andere stand, die heie Stirn an die
Fensterscheibe gepret, oben in der Jungfrau lauschigem Gemach, und
zhlte in peinlicher Ungeduld die Viertelstunden, wie sie der dstere,
links ber den Kirchhof hervorragende Thurm langsam und schlfrig zu ihm
herber wimmerte -- schaute zu den Wolken auf, die rasch und geisterhaft
an den funkelnden Sternbildern vorber glitten, und horchte mit
klopfendem Herzen dem leisesten Gerusch, das aus Garten oder Hofraum zu
ihm herauf tnte.

Der Dritte aber, die scheue, angstdurchschauerte bebende Jungfrau,
stand, die Hnde krampfhaft auf den furchtsam wogenden Busen gefaltet,
im kalten Zuge der Hausflur, und harrte in athemloser Erwartung des
verlangten Zeichens.

Endlich -- endlich wurden drauen leise, vorsichtige Schritte hrbar --
dreimal klopfte es an -- tick, tick, tick -- tick, tick, tick -- tick,
tick, tick, und leise aber ohne Zgern erwiederte sie die Parole.

Kein Wort wurde gesprochen, rasch nur glitt sie die Treppe hinauf und
kehrte nach wenigen Secunden mit einer in einen Mantel gehllten, den
Hut tief in die Augen gedrckten Gestalt wieder zurck.

Hier, nehmen Sie, und Gott sei mit Ihnen, flsterte sie leise, und
drckte dem Flchtenden die kleine Brse, all' ihr Erspartes, in die
Hand.

Sophie, sagte Wahlert, und eine eigene Rhrung berkam sein sonst
sanften Regungen nicht leicht zugngliches Herz -- ich wei nicht --
darf ich--

Nehmen Sie, die Augenblicke sind kostbar -- es ist nur ein Darlehn, das
sie mir in glcklicher Zeit zurckerstatten knnen.

Du mitleidsvoller Engel, aber nicht krnken will ich Dich jetzt durch
kalte Weigerung -- Dank -- Dank, tausend Dank und -- Lebewohl--

Leise umfate sein Arm die zitternde willenlose Gestalt -- er zog sie
an sich und ein langer, glhender Ku brannte auf den bleichen, kalten,
unentweihten Lippen der Jungfrau.

Leise entzog sie sich endlich seiner Umarmung.

Fort -- fort-- flsterte sie -- an jeden Augenblicke kann sich das
Verderben hngen.

Rasch, doch geruschlos schob sie den schweren Riegel zurck -- auch das
Schlo wich, und chzend ffnete sich die Thr -- aber der Pastor oben
vernahm nicht den Laut, der zu jeder Zeit seine ganze Aufmerksamkeit in
Anspruch genommen htte, tiefbrtend sa er ber der schwlstigen Rede,
die morgen in vernichtender Kraft von der Kanzel hernieder donnern
sollte, und durch den Garten drauen, an der Hecke hin, den schmalen
Pfad hinunter auf dem breiten Weg, der in's Dorf fhrte, und in dieses
hinein, bis zu dem kleinen niedrigen, von breitstigen Kastanien
beschatteten Huschen des Doctors schritten rasch und wortlos zwei
Mnner und verschwanden bald in die, sich augenblicklich wieder hinter
ihnen schlieende Thr.

In ihrem Kmmerchen aber, das holde thrnenfeuchte Angesicht fest,
fest in die Kissen hineingeschmiegt, und die Brust nur von dem einen
Gedanken, dem einen Bewutsein tiefen unsglichen Schmerzes erfllt, lag
die Jungfrau und weinte -- weinte, als ob ihr von diesem Augenblicke an
alle und jede Freude auf der weiten schnen Gotteswelt abgestorben und
gebrochen wre.




Achtes Kapitel.

Jgers Fritz und Schulmeisters Lieschen.


Es war ein freundlicher sonntgiger Frhlingsmorgen, der zweite April im
Jahre unseres Herrn 1848, der Himmel spannte sich blau und sonnig ber
die schne, blthengeschmckte Erde, der Wald lag schlummernd unter der
leichten, maigrnen Laubdecke, die Lerchen stiegen frhlich wirbelnd
empor aus der schon wogenden Wintersaat, und der Storch stand langbeinig
und ernst oben auf dem Kirchendach, lie sich nicht stren durch den
munteren Krhenschwarm, der oben um den Thurmgiebel krchzte, und
schaute gar bedchtig in das Dorf hinunter, als ob er selber neugierig
wre zu sehen, wer heute bei dem herrlichen, kstlichen Wetter wohl in
die kalte, feuchte, dumpfige Kirche kme, um zu seinem Gott zu beten,
und es nicht vorzge, drauen im Freien, in jeder Blthenknospe, in
jedem zwitschernden, jubelnden Snger des Waldes und Feldes seinen
Schpfer und Erhalter, seinen liebenden, sorgenden, waltenden Vater zu
verehren.

Unten an den Glockenstrngen hing eine Schaar jubelnder, ausgelassener
Schulkinder, und ri an den hanfenen Seilen, whrend droben der Klppel
summend und drhnend gegen seine metallene Hlle schlug, und manche
geschftige Mdchenhand eilte das Mieder rascher zu schnren, und die
bandgeschmckte Haube zu ordnen, manchen breitgeschweiften Hut in die
struppige Stirn seines Eigenthmers drckte und ihm das schwarzhutige
Gebetbuch unter den Arm schob.

Und drben, am dunkelgrnen Rande des Nadelholzes stand ein schlankes,
scheues Reh, und lauschte vorsichtig nach den wohl oft gehrten, aber
doch unbegriffenen Tnen hinber; auch der Storch drehte manchmal den
Kopf dem summenden Laute zu, als wenn er sehen wollte, ob es der Klppel
oben oder die wilde Jugend unten am ersten berdrssig wrde, und die
Lerche jubelte harmonisch in den Klang hinein und hob sich, wie von den
schwellenden Tnen getragen, hher und hher; die aber zitterten durch
die blaue, weihauchige Luft, ber die thauschweren Blthen und Halme
hin, nach dem Wald hinber, und dem hehrrauch geflltem Thal; und in die
fernen Schlchte und Grnde, in die Zweige und Bsche hinein, schmiegte
sich der Schall, und der Luftzug trug ihn fort, weiter, immer weiter
hin in dem Aethermeer, bis er in blauer Ferne ber die Halden, ber
die Hnge hin verschwamm, und Maiblumen und Veilchen nur noch wie
ahnungsvoll und grend hinber nickten, und die perlenschweren Kelche
wiegten und schaukelten.

Fromme, oder wenigstens pnktliche Kirchengnger zogen die engen Pfade
entlang dem Gotteshause zu, rothe gesundwangige Mdchengesichter, die
Augen zchtig auf die blankgewichsten Schuhspitzen niedergesenkt,
und gebeugte Greise, die schon die Zeit berechneten, wo sie in ihrem
schmalen, letzten Haus den Pfad hinauf _getragen_ wrden, den sie
jetzt noch alterschwach, aber nicht lebensmde, -- denn der junge Lenz
pflanzte auch neue Hoffnung in ihre alten Herzen -- hinauf wandelten.

Warm und wohlthuend schien die schon hoch ber dem fernen Wald stehende
Sonne in des Schulmeisters kleines, aber freundliches Grtchen, das
von seines Tchterleins fleiiger Hand gepflegt, der lieben Blumen
und Blthen gar viele und herrliche trieb; Frhtulpen und Narcissen,
Veilchen und Aurikeln, Maiglckchen und Leberblmchen wetteiferten im
Farbenschmelz und sem Duft, und Schulmeisters Tchterchen selber war
nicht die unbedeutendste Blume in ihrem lieben, freundlichen Garten.

Niemand wute das brigens besser, als Fritz Holke, des Jgers ltester
Sohn und Gehlfe, der erst krzlich seinen Militairdienst beendet hatte,
und nun hoffen durfte, in spterer Zeit entweder in seines Vaters Stelle
besttigt zu werden, oder doch irgend einen anderen Posten, der seinen
Mann ernhrte, zu erhalten. Um aber auf alle Flle gesichert zu sein,
glaubte er nichts Eiligeres zu thun zu haben, als sich nach einer
knftigen Hausfrau schon bei Zeiten umzusehen, und seinem Geschmack
machte es allerdings Ehre, da er dazu Schulmeisters Lieschen gewhlt.
-- Ein herzigeres Kind, eine bessere Tochter, ein rechtschaffeneres
Mdchen gab es nicht im weiten schnen Land, und was ihr Aussehen
betraf, so konnte sie mit den gesundheitfrischen Wangen und den
schelmischen Grbchen drinn, den treublauen Augen und der schlanken fast
zarten Gestalt, auch den Vergleich mit Mancher aushalten, die sich
sonst vielleicht weit schner und besser dnkte, als eben Schulmeisters
Lieschen.

Bei Schulmeisters war schon Alles seit Tagesanbruch munter und
geschftig gewesen, und so frh es auch noch an der Zeit sein mochte,
liefen doch die Kinder schon gewaschen und angezogen im Hause herum, in
der frisch gescheuerten Schulstube, denn diese diente der ganzen Familie
zum Aufenthalt, kruselte sich der klare schneeige Sand, und auf dem
Tisch lag ein schloenweies Tuch mit dem schwarzen Brod, der kernigen
Butter und dem blinkenden Messer darauf, weil der Vater gern, ehe er in
die Kirche ging, einen Imbi nahm. Niemand Anderes als Lieschen hatte
das Alles besorgt, jetzt aber schlpfte das maifrische Kind selber zur
Thr hinaus, durch den Garten, und stand bald, von einem Fliederbusch
gedeckt in dem kleinen Pfrtchen, das auf den in den Wald
vorbeilaufenden Pfad hinausfhrte. Einen grnen Rock hatte sie am
Fenster drauen vorbei gehen sehen, und aus dem Fliederbusch streckte
sich ihr jetzt mit herzlichem Gru eine Hand entgegen, und eine
freundliche Stimme sagte:

Guten Morgen, Lieschen, das ist brav von Dir, da Du zum Morgengru
heraus kmmst, wir sehen uns doch so selten, und es ist Einem den ganzen
Tag wohl, wenn man gleich in aller Frhe in ein so liebes Gesichtchen
geschaut hat.

Guten Morgen, Fritz, lchelte seine Braut, aber Du bser Mensch,
willst am heil'gen Sonntag, und mit der Flinte in den Wald? Ist das
auch recht? -- na, wenn Dich der Herr Pastor she, der wrde ein schnes
Gesicht schneiden.

Er hat mich gesehen, lachte der junge Jger, ich war erst beim
Gerichtsschreiber, wegen des Burschen, den wir gestern verfolgt haben,
und mute nun den Kirchweg herauf. Gewhnlich ist der Pastor nicht am
Fenster, heute aber stand es auf, und er daneben, mit einem Papier in
der Hand; er sah auch gerade nach mir herber. Ei, was schiert das mich
-- sein Geschft ist in der Kirche, meines im Walde, und wenn wir Beide
dem obliegen, kann sich keiner ber den anderen beklagen.

Am Sonntage ist aber Deines auch in der Kirche, sagte Lieschen; wenn
nun Alle so denken wollten, da kme ja weiter kein Mensch zur Predigt,
als der Pastor und Schulmeister selber; das wr' eine schne Kirche.

Der Jger lachte bei dem Gedanken, da der Pastor einmal keinen weiteren
Zuhrer htte, als den Schulmeister, sagte aber, schmeichelnd die Hand
streichelnd, die er noch immer in der seinen hielt:

La gut sein, Lieschen, Du hast vielleicht Recht--

Nein, nicht vielleicht, ich--

Du hast _gewi_ recht, aber sieh, heute geht's nicht anders; der
Strauchdieb, der wehrlose Frauen im Walde anfllt, mu jedenfalls wieder
zurckgewechselt sein, und da will ich nur einmal abspren, wo er hinein
ist, denn in dem feuchten Graben kann man jede Fhrte genau bestimmen.
Geschweit hat er auch, vielleicht machen wir ihn noch aus, ehe er
weiteres Unheil anrichtet.

Du lieber Gott, sprichst Du doch da von einem Christenmenschen, als ob
es nur ein unvernnftiges wildes Thier wre.

Ei was, ein Schuft, der Frauen anfllt--

Aber er _hat_ sie ja gar nicht angefallen -- Herr Hennig--

Er hat sie nicht angefallen? -- ist denn mein Vater nicht gerade dazu
gekommen, wie er des Pastors Tochter gefat hatte und plndern wollte?

Aber la mich doch nur erst ausreden, Fritz-- rief Lieschen eifrig
-- Herr Hennig ist ja auch dabei gewesen, und mit Sophiechen Scheidler
nachher nach Hause gegangen, und _die_ mu es denn doch wohl am Besten
wissen, ob sie angefallen ist oder nicht.

Man sollte es denken, meinte der Jger.

Nun die also -- Herr Hennig hat uns die ganze Geschichte gestern Abend
bei Tische erzhlt -- behauptet steif und fest, er htte sie _nicht_
angefallen, sondern sei nur aus dem Walde auf sie zugetreten, um sie
wahrscheinlich nach irgend einem Weg zu fragen, vielleicht auch um
etwas anzusprechen, und da habe die Mamsell aus der Stadt gleich Zeter
geschrien, Dein Vater aber, der gerade dazu gekommen, Feuer gegeben, als
der Fremde, wohl ber das Schreien erschreckt, eben in den Wald zurck
fliehen wollte.

Hm, das klingt freilich anders, als der Vater mir erzhlt hat, der
meinte--

Dein Vater ist aber weit davon entfernt, und Sophiechen dicht dabei
gewesen, vertheidigte das Mdchen ihren Schtzling, die mu es also
auch besser gesehen haben, und sie soll recht traurig gewesen sein,
da der arme Mensch so ohne alles Verschulden, vielleicht ihretwegen
verwundet ist. Herrn Hennig war's eben so -- der hat selber den ganzen
Abend kein Wort weiter gesprochen, und wir muten ihm das, was wir
berhaupt von ihm heraus haben wollten, Sylbe bei Sylbe vom Herzen
ziehen. -- Ich wei aber wohl warum, so dumm ist unser eines auch
nicht.

Nun warum denn? frug der Jger erstaunt, der Schulmeister hat doch
mit der ganzen Geschichte weiter Nichts zu thun gehabt, als da er dem
Frulein beigesprungen ist.

Ach bist Du blind, seufzte mit komischem Mitleiden des Schulmeisters
Tchterlein, Hennig ist bis ber die Ohren in Pastors Sophie
_verliebt_, und geht nun so traurig herum, weil er die doch im ganzen
Leben nicht bekommen kann.

Nicht bekommen kann? nun das sehe ich denn doch nicht ein, sagte der
Jger, wenn sie ihm wieder gut ist, was sollte sie da Beide hindern,
sich zu heirathen?

Ein Schulmeister eine Pastorstochter? entgegnete ihm kopfschttelnd
sein Brutchen, das mag wo anders Sitte sein, aber hier zu Lande im
Leben nicht. Ach du lieber Gott, _unser_ Herr Pastor seine Tochter einem
_Schulmeister_ zur Frau geben -- na, ich mchte dabei sein, wenn er um
sie anhielte.

Der Jger runzelte die Stirn und sagte finster:

Ich mchte nur wissen, was ein Pastor denn so weit Besseres wre, wie
ein Schulmeister, -- wenn Dein Vater uns Jungen nicht ordentlich erzogen
und belehrt htte, da she es jetzt wild im Dorfe aus, und der Herr
Pastor knnte sich von der Kanzel herunter heiser schreien, es kehrte
sich kein Mensch an ihn und seine Predigt. Ich will Dir auch etwas
sagen, Lieschen, frher, wie wir uns noch nicht kannten, und wie mir der
Schulmeister weiter Nichts war, als >der Lehrer<, um den sich die Jungen
in spterer Zeit leider immer wenig genug kmmern, da war mir's auch
einerlei, was so _vom_, und wie _ber_ den Schulmeister im Dorfe
gesprochen wurde; aber schon, wie ich anfing Dir gut zu sein, ehe Du
mich nur selber so recht freundlich angesehen hattest, rgerte es
mich, wenn es hier und da bei Gelegenheiten hie -- >es ist _nur_ der
Schulmeister<, oder >wenn's der Herr Pastor will, der Schulmeister mu
schon--<, der >_Herr_ Schulmeister< fiel keinem Menschen ein zu sagen.
Wie ich erst einmal auf der Spur war, kam ich auch bald weiter -- ich
dachte d'ran, wie wir Jungen es in der Schule gemacht, und was fr
Schlge ich einmal zu Hause von meinem Vater bekommen, als ich gegen den
Schulmeister mit dem Pastor gedroht; jetzt erst sah ich, wie demthig
der Schulmeister den Herrn Pastor immer grte, und wie freundlich
_herablassend_ dieser dankte. Ei zum Donnerwetter, was ist denn der
Pastor eigentlich besseres als der Schulmeister -- da er den Leuten
etwa Sachen vorpredigt, von denen er eben auch nicht mehr wei, wie wir
anderen Menschen?--

Fritz -- Fritz, bat hier ernst das Mdchen, -- greif mir meinen
_Glauben_ nicht an, ber die Menschen magst Du sagen, was Du willst,
aber nicht ber den.

Du hast recht, mein Herz, sagte der junge Mann leicht besnftigt, mir
that es nur weh, da auch Ihr selber, Du sowohl, wie Dein alter Vater,
den Pastor ebenfalls fr etwas Besonderes haltet, und Euch ordentlich
vor ihm frchtet. Doch das mu anders werden; in der Stadt drinn, wo ich
vorgestern war, sprachen sie ganz offen davon, da die Schule von
der Kirche getrennt werden, und die Geistlichkeit mit dem Lehramt
gleichgestellt werden sollte, nachher hrt die Unterthnigkeit von
selber auf. Es ist auch gerade so mit der edlen Jgerei -- edel, lieber
Gott, der Revierjger wird gewhnlich von dem gndigen Herrn wie der
Bediente behandelt, und Jger sind wir fast gar nicht mehr, hchstens
noch Forstlufer, die nach den Holzschlgern und Holzdieben sehen, und
das Pflanzen der jungen Sprlinge, wie die Auctionen der geschlagenen
Klaftern und Haufen besorgen mssen -- mir graust's vor dem Dienste.

Aber lieber Fritz, sagte das Mdchen traurig, jeder Stand hat doch
seine--

Lieschen -- Lieschen! rief's in dem Augenblick aus dem Haus -- wo
steckt denn das Blitzmdel wieder -- Lieschen!

Ich mu in die Kirche, sagte Lieschen rasch -- beht' Dich Gott,
Fritz, und -- nicht wahr, wenn Du den armen Menschen im Walde triffst,
so thust Du ihm nichts? Er ist gewi unschuldig und vielleicht gar
schwer verwundet.

Nummer 6. lachte Fritz, und auf 80 oder 90 Schritte, er wird's kaum
gesprt haben, -- adieu Lieschen, leb recht wohl, heut' Abend, wenn ich
darf, komm ich ein halb Stndchen herber, am Sonntag leidt's schon.

Ein herzlicher Hndedruck, ein flchtiger halbgestohlener Ku, und der
junge Jgersmann schritt, zur unbndigen Freude seines Hundes, dem die
Zeit hier am Gartenzaune schon entsetzlich lang geworden war, rstig den
Pfad entlang dem Holze zu; Lieschen aber schlpfte rasch in's Haus, und
ging bald darauf, zchtig und ehrsam ber den kleinen Plan hinber und
in die groe Kirchthr hinein, die ihrer Stube gerade gegenber lag.

Der Vater war mit dem Hlfslehrer schon vorausgegangen, und die
feierlichen Klnge der Orgel grten sie, als sie in das kleine, mit
bunten Bildern, Ernte- und Todtenkrnzen und grobgeschnitzten Statuen
von Mrtyrern und frommen freigebigen Rittern geschmckte Heiligthum
trat.

       *       *       *       *       *

Von dem Hgel aus, auf dem die Schenke stand, konnte man das ganze
Rauschenthal nach Westen zu bersehen, und ein lieblicher Anblick war
es, den die weite, fruchtbare, nur hie und da mit dunklen Waldschatten
durchzogene, und im fernsten Hintergrund von blauen Bergwnden begrenzte
Ebene dem Auge bot. Tief unten schumte der Strom, aber nur da, wo er
sich, etwas weiter sdlich, in leisem Bogen nach der Frsterwohnung
hinberzog, lie sich ein kleiner Theil seines in der warmen Frhsonne
blinkenden Wassers erkennen, sonst deckte theils der baumbepflanzte
Hgel, theils die unten angebauten Huser seine Flche. Aber drben,
am anderen Ufer, wechselte dafr der Farbenschmuck der frisch keimenden
Felder um so freundlicher und belebter; breite Rapsflchen stachen mit
ihrem saftigen Grn wohlthuend gegen das dstere Braun der Sturzcker
ab, junger Kieferschlag umdmmerte weite langgedehnte Wiesengrnde und
mehr nach Norden hinauf, gerade zwischen dem schwarzen Nadelholz des
diesseitigen, und dem noch unbelaubten Eichenhgel des jenseitigen Ufers
hin, blitzte ein klarer, weidenumschlossener Wasserspiegel, der groe
herrschaftliche Fischteich des dicht benachbarten Gutes, wie eine
glnzende Perle aus ihrer matt smaragdenen Fassung, leuchtend hervor.

Oben um die Schenke herum war Alles still und wie ausgestorben; des
Pastors schwerstes Interdikt lag auf dem, der whrend der Kirche es
gewagt htte die Schenke zu betreten und es schien ordentlich als ob
sich der Wirth selber scheute in seine eigene Stube hinein zu gehn, denn
er trieb sich faul und schlfrig unter der Linde auf dem freien Platz
vor seinem Haus herum, und schaute nur manchmal ungeduldig nach dem ber
die Pfarrwohnung vorragenden Kirchthurm hinber, ob die Zeit denn noch
nicht bald heranrcke, wo seine Gste, aus der Kirche zurckgekehrt,
ihre nicht mehr als billige Station in der Schenke machten.

Seine Frau und Mutter, und Magd und Knecht, alle waren sie fort,
Gottes Wort zu hren und nur das eine gewhrte ihm jetzt eine
wirklich vollkommene Beruhigung, da er heute einmal ganz hinlngliche
Entschuldigung hatte _nicht_ auf seinem Stuhl gerade vor der Kanzel (er
war brigens fest entschlossen _den_ Platz von Ostern an aufzugeben und
einen bescheidneren mehr seitwrts zu nehmen) zu sitzen und sich zwei
volle Stunden lang die grt mglichste Mhe zu geben munter zu bleiben.

Im Garten aber, der westlich vom Hause und durch breitbuschige
Hecken links von dem Dorfe und rechts von einem vorbeifhrenden Wege
abgeschnitten lag, sa auf einem kleinen sonnigen Rasenfleck, das
Antlitz dem vor ihr ausgebreiteten lieblichen Thal zugewandt, die
Schulter gegen einen stmmigen Aepfelbaum gelehnt, die Hnde im Schoo
gefaltet, den Kopf gesenkt, wie im Anschaun des Waldgrundes vertieft,
doch aber auch wieder mit einem Blick, der nur an leerer Luft zu haften
schien, Maria, die Tochter des alten Musikanten.

Lange hatte sie schweigend so dagelehnt, und wohl recht trbe traurige
Gedanken mochten es sein, die dem armen kranken Kinde durch Herz und
Seele zogen. Endlich strich sie sich mit der Hand, als ob sie dem
Schmerze wehren wolle, ber die Augen, seufzte tief auf und pflckte,
wie um sich zu zerstreuen, ein paar neben ihr wachsende Veilchen ab.
Doch auch das war nicht im Stande ihre Aufmerksamkeit zu fesseln; die
Blthen entfielen unbeachtet ihrer Hand, der Blick haftete wieder fest
und seelenlos am fernen Horizont und die Lippen ffneten sich endlich zu
einem leisen schwermthigen Lied, das sie mit wunderbar klangvoller aber
nur halblauter Stimme sang und die beiden zarten Hnde dabei fest und
krampfhaft auf dem Herzen faltete:

  So will ich denn nun von hinnen gehn,
  Und will Dich auf immer verlassen;
  Gebrochen hast Du mir Deinen Schwur
  Ich sollte Dich eigentlich hassen.

  Doch kann ich es nicht; Erinnerung bleibt
  Von frheren lieberen Tagen,
  Es war ja doch meine schnste Zeit
  Als ich dich im Herzen getragen.

  Ich sage _als_ -- ach Du lieber Gott
  Ich thue das ja noch immer,
  Und wenn ich Dir auch entsagen mu --
  Vergessen kann ich Dich nimmer.

Na, la du nur den Pastor ber dich kommen rief da pltzlich eine
rauhe mrrische Stimme hinter ihr -- der wrde Dir's Handwerk legen,
whrend der Kirche zu singen.

Singt er nicht auch in _seiner_ Kirche? frug die Tochter, ohne ihre
Stellung zu verndern oder auch nur den Kopf empor zu heben, warum ich
nicht in der _meinen_?

Nein lachte der alte Mann und schaute mit einem halb verchtlichen,
halb spttischen Blick nach der Kirche hinber -- Da thust Du denen
unrecht, wenn Du sagst sie _sngen_; ich bin einen Augenblick drin
gewesen, konnte aber _das_ Gebrll keine zehn Minuten aushalten.
Herr, Du mein Gott und davon sind die Menschen erbaut, _das_ soll sie
_erheben_. Der Schulmeister spielte wunderschn die Orgel, das mu man
ihm lassen, aber von der Gemeinde schrie einer da und einer dort hinaus,
und wenn er gar einmal wie es ihm gerade in Fingern und Gefhl lag,
einen halben Takt lnger Pause hielt, dann htt'st Du das Nebenbei
schrein der Lmmel, das Kopfschtteln vom Pastor auf der Kanzel und das
Kichern und Lachen von den Jungen auf dem Chor hren und sehn sollen. --
Es war mir ordentlich wohl, wie ich wieder vor der Thr drauen stand.

Und was hast Du ausgerichtet? frug ihn die Tochter.

Ausgerichtet? -- ei, eine ganze Menge -- aber wie gewhnlich nicht viel
Gutes -- wr's mit dem Morgenconcert heute etwas geworden, so htten wir
gleich wieder auf eine Zeitlang zu leben; Du glaubst gar nicht wie sich
die Leute im Dorfe, besonders im Stadtviertel freuten, als ich es ihnen
sagte, und wie sie mir versprachen zu kommen. -- Da es der Pastor
verbieten wrde, daran dachte ich ja doch mit keiner Sylbe, aber mein
Seel, mu mich das Unglck auch gerade in dem Augenblick zum Apotheker
'nein fhren, wie der Pastor drinne sitzt und eine Tasse Kaffee trinkt,
und kaum hrt der von meiner Einladung, als er sich in die Brust wirft
und mir gerade zu erklrt aus einem Morgenconcert in _seinem_ Dorfe
knne _Sonntags_ unter keiner Bedingung etwas werden, das lenkte die
Kirchgnger nur von ihrer Andacht ab, oder verhinderte sie wohl gar
im Gotteshause zu erscheinen. Ich protestirte; sagte ihm da ich schon
meine ganzen Einladungen gemacht htte -- ja Du lieber Himmel, was
kehrte sich der Herr Pastor daran, ob ein so armer Lump von Musikant
noch einmal bis zehn Uhr Nachts, und mit leerem Magen im Dorf herum
laufen und das selbst wieder abbestellen und zerstren mu, was ihm
morgen doch wenigstens ein paar Groschen zu Brod gebracht htte. Herr
Du mein Gott, s'ist doch gerade zum aus der Haut fahren, wenn sich jetzt
auch noch die Pastoren den Musikanten quer vor's Handwerk legen. -- Aber
zum Henker -- was rgere ich mich denn auch eigentlich ber den Quark
-- giebt's denn auf der Welt etwa ein vortrefflicheres Leben als das
unsere?

  Wo er naht, da tanzt man eben,
  Durch das ganze Land,
  Ist es nicht ein herrlich Leben
  So ein Musikant?

  Darum, sei's auch noch so schlimm hier,
  Bleibt's der schnste Stand,
  Und wenn's angeht, Mdchen, nimm Dir
  Nur 'nen Musikant! -- Juchhe!

Und die andern Spielleute? frug die Tochter leise.

Die lachten als ich es ihnen sagte, und meinten, das htten sie vorher
gewut, da mten sie ihr Prachtexemplar von einem Pastor nicht kennen.
Die haben aber gut lachen, die sitzen warm und sicher, und denen ists
einerlei, ob sie heute ein paar Groschen verdienen oder nicht -- bei mir
wird's aber zur Lebens- oder vielmehr zur Morgensfrage.

Die Beiden schwiegen und starrten, Jedes in seine Gedanken vertieft,
in das schne sonnige Thal hinaus, und das eigene Herz mute Ihnen, im
Gegensatz zu all der Herrlichkeit, die sie umgab, wohl noch viel trber
und trauriger erscheinen. Endlich flsterte Marie, als ob sie sich
frchte, die Frage laut zu thun--

Und wie wird es hier mit uns? -- in der Schenke knnen wir doch nicht
bleiben, Du weit was uns der Wirth gesagt hat?

Das hab' ich abgemacht.

Abgemacht?

Nun, nicht etwa mit baarem Gelde, lachte der Musikant, aber der Wirth
will uns Nichts abnehmen, wenn wir heute Nachmittag, nach der Kirche
heit das, und sobald die Gste heraufkommen, ein Stndchen musiciren.
Ich spiele und Du singst -- aber Marie -- Du hast die Nacht wieder recht
gehustet, wirst Du auch bei Stimme sein? -- es schadet Dir doch nicht?

Das Mdchen lchelte wehmthig und sagte leise, whrend es sich vom
Vater abwandte:

Was soll _mir's_ schaden -- doch Vater-- fuhr sie, nach leichtem
Zgern und mit leiserer Stimme fort -- weit Du wem das Gut hier
gehrt?

Der Alte nickte nur einfach mit dem Kopf, und brummte endlich ein
mrrisches:

Ja -- was solls?

So la uns lieber fort von hier ziehn -- bat die Tochter -- ich
mchte nicht hier bleiben, wenn wir hoffen drften, wo anders unser Brod
zu finden.

Wir _drfen_ aber nicht hoffen, wo anders unser Brod zu finden,
_Mamsell_! rief der Vater heftig und sah sie mit finsteren Blicken an.
Zum Donnerwetter ber das ewige Nasenrmpfen -- berall stehts der Dame
nicht an -- einmal ist ihr die Gesellschaft zu schlecht, einmal der Ort
selber nicht recht und bald die bald das nicht; zum Teufel, ich habe
das Herumziehn jetzt satt -- hier ist mir Hoffnung geboten, wenigstens
den Sommer hindurch aushalten zu knnen, und hier blieb ich, wenn selbst
zehn und zwanzig solche alte Halunken wie der Oberpostdirektor hier
lebten; der wird _uns_ schon aus dem Wege gehn, und wir brauchen ihn
ebenfalls nicht aufzusuchen.

Aber Vater!

HeiligesHimmelDonnerwetter jetzt halt das Maul! zankte der rohe Alte
und streckte drohend den Arm gegen das Mdchen aus -- komm' mir noch
einmal mit solch albernen Vorschlgen und sieh was ich thue. -- Unsinn
verdammter brummte er dann, und wie sich selbst zu beschwichtigen,
hinter drein -- jetzt wieder fort von hier zu gehen, wo's grade anfngt
gut zu werden -- na weiter fehlte mir gar Nichts. Die Aussichten sind
jetzt gerade vortrefflich. Erstlich hab' ich fr uns, unten im Dorfe
d'rin, ein kleines Kmmerchen gemiethet, wovon wir den Zins wenigstens
nicht gleich zu zahlen brauchen, und dann ist heute Abend hier oben
Tanz, wobei ich, durch des alten Schulmeisters Verwendung, ebenfalls
mit angenommen bin; ein paar Groschen wirft's da doch immer ab, theuer
scheint's hier im Orte auch nicht zu sein, und da werden wir also wohl
auch nicht gleich verhungern.

Vater sagte das Mdchen, das in tiefen Gedanken verloren eine lange
Weile schweigend vor sich nieder starrte, Vater, hast Du Nichts
wieder von -- von dem Manne gehrt, den sie gestern in den Wald hinein
verfolgten?

Ich! -- nein -- doch ja, beim Schulmeister sprachen sie noch gestern
Abend davon; der soll des Pastors Tochter und noch so eine andere
Mamsell angefallen, und der gerade dazu gekommene Jger auf ihn
geschossen haben; nachher meinten sie, wr' er hier dem Dorfe zu
geflchtet, sie sind aber von seiner Spur abgekommen. Soviel wei ich,
erwischt ist er noch nicht -- aber weshalb fragst Du?

O um Nichts -- ich dachte nur gerade an ihn -- komm Vater, wir wollen
hier fortgehn, die Kirche ist aus, und die Leute kommen den Berg
herauf.

Sie stand auf und schritt langsam, unter den Obstbumen hin, den Garten
hinab, als ihr der Vater noch nachrief.

Lauf aber nicht weit -- der Wirth hat uns auch heute Mittag einen
Teller warme Suppe versprochen -- das geht mit ein.

Sie nickte nur schweigend, da sie es gehrt, und verschwand dann durch
die kleine Pforte, die hinaus auf den Hgel fhrte, der Musikant aber,
in den Gedanken an die Suppe vertieft, und nur einen sehnschtigen Blick
nach der Thurmuhr werfend, wie lange Zeit er bis zum Empfang derselben
noch etwa zu warten habe, schritt langsam am Wirthshaus vorbei in's Dorf
hinein, und summte dabei leise vor sich hin:

  Es strebt die Seele himmelwrts,
  Hinauf, hinauf, zu hh'rer Sphre,
  O Gott, wie wollt' ich dichten, Herz--
  Wenn ich nicht manchmal hungrig wre!




Neuntes Kapitel.

Die Schule.


Der Nachmittagsgottesdienst war vorber, Schulmeister Kleinholz hatte
an Pastors Statt Betstunde gehalten, die dafr bestimmte Abtheilung der
Schuljugend die Kirche ausgelauten, und aus dem Stadtviertel sowohl,
wie aus dem Orte selbst belebten, des reizenden Tages sich freuend,
Spaziergnger die Wege und Hnge, die nach dem Rauschenbett hinabliefen
und die reizende Aussicht ber das frhlingslichte Thal gewhrten. Nur
in der Schule saen die Bewohner derselben noch in ihrer Sonntagsruhe um
den weigescheuerten Tisch herum, auf dem die braunglnzende Kanne
mit den blaugeblmten Tassen und den blankgeputzten zinnernen Lffeln
prangte, und den nicht asiatischen, sondern mehr vaterlndischen Duft
von gebrannten Mhren (die nichtsdestoweniger den fremdlndischen
Namen Kaffee trugen) zur Decke emporqualmte, da er in den freundlichen
Sonnenstrahlen, die schrg durch das geffnete Fenster hereinfielen,
allerlei wunderlich phantastisch wechselnde Figuren und Gestalten
bildete.

Wenn aber selbst Bediente und Lakaien, ja sogar das Gesinde der Ritter-
und Bauergter ihre eigene Stube haben, wo sie nach des Tages Last und
Arbeit zusammenkommen knnen und dem lstigen Gewirr enthoben sind, so
war der Schulmeister, den die Gemeinde von Horneck direct, das ganze
Land aber indirect einen Theil seiner heranwachsenden Bevlkerung
mit dem Theuersten, was er besitzt, mit Geist und Herz, vertraut und
bergeben hatte, kein solcher Raum angewiesen, in dem er wenigstens
menschlich existiren konnte.

_Der Schulmeister von Horneck war mit seiner ganzen Huslichkeit einzig
und allein auf die allgemeine Schulstube beschrnkt._

Auer dieser besa er, zu seiner eigenen Verfgung gestellt, nur ein
kleines, kaum an Raum hinlngliches Kfterchen, wo er mit den Seinen,
mit all seinen Kindern schlafen konnte -- ein anderer, ebenfalls unter
das Dach gedrckter und noch viel kleinerer Raum konnte dem Hlfslehrer
angewiesen werden, und die dunstige Schulstube, die berdies so feucht
lag, da _alle zwei Jahre neue Dielen gelegt werden muten_,[1] war
Wohn-, Studier- und Kinderstube des armen Schulmeisterleins. Der Pastor
hatte hinlngliche Rumlichkeit, ja, _ihm_ ist sogar im Gesetz ein Platz
zur Studierstube ausdrcklich bestimmt; da aber der Lehrer, der sich
doch auf seine Stunden ebenfalls, und eigentlich mehr noch vorbereiten
mu als der Pastor auf die allwchentliche -- Gott wei am Besten wie
oft schale und wsserige -- Predigt -- da dieser, sage ich auch, ein
Zimmer haben sollte, in dem er ungestrt von Kinderlrm existiren, wo
er die kurze Zeit wenigstens, whrend er keinen Unterricht giebt, eine
reine, gesunde Luft athmen msse, um nicht erst krperlich und dadurch
endlich auch geistig zu Grunde zu gehen, das scheint den Herren bis
jetzt keineswegs eine dringende Nothwendigkeit gewesen zu sein. Ich wei
allerdings recht gut, da es in den _meisten_ Schulwohnungen wirklich
der Fall ist, aber nicht geringere Schmach trifft deshalb, wenn das auch
nur an einem einzigen Orte geduldet werden konnte, die, deren Aufsicht
dort die Bildung der Jugend anvertraut worden.

  [1]: Diese Schilderung ist nicht bertrieben, denn noch _bis zu
  diesem Augenblicke_ findet ganz das nmliche in dem Dorfe Roitzsch
  bei Wurzen statt.

Wenn auch Hennig besonders darauf sah, da die Stube fortwhrend
gelftet wurde, und Lieschen das Ganze so reinlich hielt, wie es nur
mglicher Weise gehalten werden konnte, der eigenthmliche Dunst, der
zuerst von den feuchten Dielen ausging, und dann berhaupt auch
einer Schulstube immer eigen ist, konnte durch alle Vorkehrungen und
Anstrengungen nicht abgehalten, oder wenn er sich gebildet hatte --
entfernt werden -- die Brust vermochte in der schweren Atmosphre nicht
frei zu athmen, und nur die Gewohnheit war im Stande, eine Existenz an
solchem Orte einigermaen ertrglich zu machen.

Die Ecke hinter dem Ofen diente der ganzen Familie, wie auch dem
Hlfslehrer, der in seinem Schlafkfterchen keinen Raum hatte, einen
Arbeitstisch aufzustellen, zum gewhnlichen Aufenthalte, und nur wenn
Hennig etwas recht Nothwendiges zu arbeiten hatte, was eben unten nicht
mglich war, dann ging er hinber zum Diaconus, der ihm das erlaubt
hatte, und benutzte dessen freundlich sonniges Stbchen.

Da aber die arme Schulmeisters Familie unter solchen Verhltnissen von
einer bequemen und nur einigermaen freundlichen Wohnlichkeit absehen
mute, versteht sich von selbst. Die smmtlichen Mbeln, die sie hier
mglicher Weise aufstellen konnten, bestanden in einer groen Kommode,
die zugleich zum Bcherschrank und zur Speisekammer diente, in drei
Holzsthlen, einem festen Tisch von Eichenholz und einem in der Ecke
befestigten abgerundeten Bret, auf dem eine grne Glasflasche mit
hineingestecktem halb niedergebrannten Talglicht und ein irdener
Wasserkrug standen. In diesem engen Raume, der von der allgemeinen
Schulstube gerade auf dieselbe Art geschieden war, wie man wste
Territorien und Lnder von einander scheidet -- durch eine gedachte
Linie -- lebte Vater Kleinholz mit sieben lebendigen, regen, muntern und
durch Lieschen's aufopfernden und nimmer rastenden Flei auch reinlich
gehaltenen Kindern. Seine zweite Frau, die Mutter seiner Kinder, hatte
er vor wenigen Sommern zu Grabe getragen.

Vater Kleinholz _lebte_ dort, sagte ich, d.h. er existirte -- aber
wie? -- Auf welche Art wurde ein Leben erhalten, das von einer ganzen
Gemeinde bestimmt war, die Jugend zu braven, wackeren und tchtigen
Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden?

Ursprnglich war der ganze Gehalt, den der Mann fr seine Leistungen
als _Schulmeister_, _Organist_, _Kirchner_ oder _Kstner_ und _Glckner_
bezog, Einhundert und funfzig Thaler gewesen -- und es ist das nicht
etwa eine der _schlechtesten_ Stellen unseres Vaterlandes, denn sie
gehen bis zu hundert und zwanzig Thaler jhrlich, ja wohl noch tiefer
hinunter. Papa Kleinholz gehrte aber zu den wenigen Menschen, die auer
dem Nothwendigsten, keine Bedrfnisse kennen. Mit wenig Kenntnissen
allerdings ausgestattet, machte er aber auch dafr wenig Ansprche,
schien zufrieden, wenn er so viel hatte, wie der geringste Tagelhner
zum Leben brauchte (und auf mehr konnte er mit seiner groen Kinderzahl
auch kaum rechnen) und that seine Pflicht, so viel das in seinen Krften
stand und mit so freudigem Eifer wie nur irgend ein anderer Schulmeister
im weiten Lande. Die Kinderzahl im Dorfe nahm aber in demselben
Verhltnisse fast zu, als seine Krfte abnahmen, es wurde deshalb
nthig, ihm wenigstens einen Hlfslehrer zu geben, und zu der Zeit und
gleich nach seiner Frau Tod war Hennig hierher berufen worden.

Die Stelle selbst trug jedoch nur 150 Thaler, die Regierung legt in
solchem Falle Nichts hinzu, die Gemeinde kann es nicht, und das, was
der _ganzen Gemeinde als unmglich zugestanden wird_ -- _mu der arme
Schullehrer mit seiner groen Familie und seinen 150 Thalern allein
bestreiten_. Papa Kleinholz hatte an den Hlfslehrer Hennig 40 Thaler
abzugeben und ihn in Kost und Logis zu nehmen.

Von dieser Zeit an begann eine schwere sorgenvolle Zeit fr den armen
alten Mann, und sie wre wohl noch viel schwerer und sorgenvoller
geworden, htte er an Hennig nicht einen so wackeren und gutmthigen
Gehlfen gefunden, der wirklich Alles that, was in seinen Krften
stand (wenn das auch noch so wenig sein mochte) ihm seine trbe Lage zu
erleichtern. Der Druck des ihm vorgesetzten Geistlichen lag damals auch
sehr gewichtig auf dem armen, so schon genug geplagten Greis, das aber
empfand er weit weniger als vielleicht mancher Andere an seiner Stelle.
Aufgewachsen im alten Zwang und an die fast knechtische Ehrfurcht
gegen den geistlichen Vorgesetzten gewhnt, fhlte er nicht das oft
Demthigende und Unwrdige einer solchen Behandlung und freute sich nur,
wenn ihm einmal ein wohlgeflliges Lcheln, ein Wort der Zufriedenheit
-- und wie selten wurde das dem armen alten Manne -- fr unausgesetztes
Mhen und Leiden lohnte.

Nur das eine machte ihm manchmal Sorge und trbte den sonst so klaren
Blick, wenn er in die Zukunft hinberschauen wollte -- der Gedanke an
seinen Tod, und was dann aus den Seinen werden sollte, oder -- das noch
fast Schlimmere -- wenn er die Zeit berleben wrde, in der er wirken
und schaffen konnte, und nun -- emeritirt, das heit mit _einem Drittel_
seines jetzigen Gehaltes, also mit funfzig Thalern jhrlich -- in
Ruhestand versetzt worden wre -- Funfzig Thaler und sieben Kinder --
selbst der alte geduldige Mann schttelte bei dem Gedanken den Kopf und
es kam ihm dann manchmal vor, als ob sein Stand doch ein recht schwerer
und keineswegs hinlnglich und ausreichend belohnender sei. Doch
vertraute er auch in der Hinsicht wieder vollkommen auf eben seinen
Vorgesetzten, denn Pastor Scheidler hatte ihn mehr als einmal und zwar
unaufgefordert versichert, er wrde spter, wenn er, der Schulmeister,
einmal nicht mehr so recht ordentlich fort knnte, Alles thun, was in
seinen Krften stehe, ihn zu untersttzen -- und was stand nicht Alles
in den Krften eines so einflureichen Mannes -- oho, fr Papa Kleinholz
war hinreichend gesorgt, der brauchte sich keinen unnthigen und
unzeitigen Kummer zu machen.

Diese stille, anspruchslose hoffende Zufriedenheit sprach sich denn
auch nicht allein in seinem Wesen und Charakter, sondern auch in seiner
ganzen sonstigen Umgebung vollkommen und deutlich aus. Selbst das
kleine Winkelchen, was ihm in der dunstigen Schulstube zum eigenen
Aufenthaltsort gelassen worden, war mit den wenigen Mitteln, die ihm zu
Gebote standen, ausgestattet, ja ausgeschmckt. Auf der breitbauchigen
Kommode -- wahrscheinlich einem alten Erbstck vergangener Zeiten
-- stand in der Mitte ein groer Pokal aus gegossenem Glas, ein
Hochzeitsgeschenk seiner Gemeinde; daneben lehnten in zwei langen
Bierglsern (von denen das eine aber gesprungen und mit Bindfaden wieder
gebunden war) zwei lange braunfedrige Schilfblthenbschel und ber dem
Ganzen hing ein breiter Kranz von gelben und rothen Strohblumen, mit
einem groen weien K in seiner Mitte.

Ein kleiner Spiegel in roth lackirtem Rahmen, der die ihm anvertrauten
Gesichter auf das Scheulichste entstellt zurckgab, vollendete den
ganzen Zierrath des sonst in jeder Beziehung ungemthlichen Raumes, und
selbst der morsche, mit zerrissenem Lederwerk berzogene alterschwache
_Sorgen_stuhl des Papa Kleinholz vermochte nur wenig dazu beizutragen,
diesem Orte auch das Aussehn zu geben, als ob er wirklich dazu bestimmt
sei, einem Manne zur bleibenden Sttte zu dienen, von dem man als Lehrer
jedenfalls Bildung erwarten und verlangen konnte.

Papa Kleinholz sa in diesem Sorgenstuhle -- neben ihm auf dem schmalen
Tische dampfte seine zweite Tasse Kaffee, in den er heute, als an einem
Sonntage, von dem wirthschaftlichen Lieschen auch Sahne bekommen hatte
(welcher Luxusartikel sich brigens keineswegs auf den brigen Theil
der Familie mit ausdehnte) und sein Blick hing sinnend und ernst an dem
verblichenen, wohl schon Jahre alten Kranz, der sicherlich irgend einen
der wenigen und bescheidenen Freudentage in sein Gedchtni zurckrief,
die eine _frhere_ Zeit fr ihn gehabt, denn jetzt, armer alter Mann,
wo Du eigentlich den Lohn Deines jahrelangen Mhen und Fleies erndten
solltest, jetzt lag das Leben trb und traurig vor Dir und seine Rosen
blhten nur in der Vergangenheit.

Der Hlfslehrer Hennig stand mit Lieschen an dem einen Fenster, das auf
den schmalen betretenen Pfad nach der Pfarrwohnung hinaussah, und das
stets muntere lebensfrohe Mdchen -- lebensfroh in ihrer freudigen
Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zukunft -- war emsig
bemht, dem, besonders seit einigen Tagen auffllig ernsten und fast
schwermthigen jungen Mann etwas aufzuheitern und womglich auch die
Ursache seines Trbsinns nicht erst zu erfahren -- nein, die wute sie,
wie wir frher gesehen haben, schon lange -- nur von seinen eigenen
Lippen und mit seinen eigenen Worten zu hren.

Hennig blieb aber still und schweigsam, antwortete ihr auf ihre Fragen
nur einsylbig und schien berhaupt viel lieber seinem eigenen Nachdenken
berlassen zu bleiben, als diesem, und damit auch vielleicht den
zugleich heraufbeschworenen Bildern und Phantasien entzogen zu werden.
Er hielt ein Zeitungsblatt, das er vorher gar aufmerksam wohl drei bis
vier Mal durchgelesen, in der Hand.

Die Kinder spielten drauen auf dem sonnigen Plane, bauten (denn Herr
Hennig hatte ihnen das in den letzten Stunden ausfhrlich erklrt
und beschrieben, wie es jetzt in den groen Hauptstdten Deutschlands
hergegangen sei) aus Trgen, Bnken, Sgebcken und Bretstcken
Barrikaden und Festungen und strmten diese, wenn kaum errichtet, nach
Herzenslust.

Da klopfte es an die Thr der Schulstube, und auf das rasche Herein
ffnete sie Pastors Kchin, die gerade aus der Kche vom Aufwasch zu
kommen und in grter Eile zu sein schien, nur eben weit genug, um in
ihrer derben, aber nichtsdestoweniger freundlichen Art hereinrufen zu
knnen:

Gott gri Uech mitenanger -- der Schulmeester sulle doch mit 'em Herrn
Hennig uffn Ogenblick nach'm Herrn Pastor 'riber kommen, er htte emm
was ze sagen.

Und ohne weitere Antwort abzuwarten, und berzeugt, da sich die
Erfllung der Aufforderung ganz von selbst verstnde, drckte Rieke die
Thr wieder in's Schlo, und lief spornstreichs zu Hause zurck, um
dort mit ihrer Arbeit bei Zeiten fertig zu werden, und heute Abend den
angekndigten Tanz ja nicht zu versumen.

Zum Herrn Pastor? sagte Kleinholz und setzte verwundert die Kanne
nieder, die er eben gehoben hatte, seine dritte und letzte Tasse
einzuschenken -- ich denke, der ist in die Stadt gefahren, wozu htte
ich denn sonst heute Nachmittag in der Kirche lesen mssen?

Der Herr Pastor wird wohl den Nachmittag ein Bischen geschlafen haben,
sagte da Lieschen -- Carl warf sich die Nacht so im Bette herum, und
wie ich aufstand, sah ich drben in der Pfarre noch Licht -- der Strahl
fllt hinber auf das gegenber liegende Scheunendach und man konnte
es von oben aus deutlich erkennen -- wahrscheinlich ist er spt
aufgeblieben, um seine Predigt zu studieren.

Was werden wir denn da nur sollen? sagte Papa Kleinholz, und stand
etwas ngstlich von seinem Stuhle auf, ich wei doch nicht, da etwas
vorgefallen wre.

Aber, lieber Vater, so trink doch nur erst deinen Kaffee, bat
Lieschen, er wird Dir ja ganz kalt bis Du wieder herber kommst, und
gewrmt schmeckt er doch auch nicht.

Nein, der Herr Pastor wartet, sagte der alte Mann, und schaute sich
nach seinem Hute um; er ist so, wenn auch ohne meine Schuld, bse auf
mich.

Trinken Sie nur erst Ihren Kaffee, Herr Kleinholz, bat ihn jetzt aber
auch Hennig, ich gehe keinen Schritt eher aus der Stube -- der Pastor
_mag_ warten.

Ja aber Kinder, bat der Greis -- ich wei doch nicht--

Ungehorsam wird nicht geduldet, lachte Lieschen, fate den Vater an
den Schultern und zog den nur noch schwach Widerstrebenden langsam in
seinen Stuhl zurck.

Wenn ich nur wte, was er von uns will, sagte der alte Mann, nachdem
er den heien Trank mit grtem Eifer eine Weile geblasen hatte, bis ihm
selbst die Pfeife darber ausgegangen war -- Sonntag Nachmittag -- das
ist doch etwas ganz Auergewhnliches -- und wir alle Beide.

Machen Sie sich keine Sorge, guter Herr Kleinholz, lchelte Hennig,
als er das ngstliche Gesicht selbst des armen Lieschen bemerkte, das
durch des Vaters Angst angesteckt schon nichts Geringeres befrchtete,
als eine strenge Strafpredigt, weil ihr Fritz heute auf die Jagd
gegangen. Da ihr Vater und der Hlfslehrer deshalb gar nicht
verantwortlich sein knnten, fiel dem armen Kinde nicht einmal ein, es
war das Einzige auf der weiten Gotteswelt, was ihr Gewissen drckte, und
all' ihre Angst und Sorge um den armen Jungen, ihren Fritz, der ja
doch wohl nur geglaubt hatte, seine Schuldigkeit zu thun, lag in dem
ngstlich scheuen Blick, den sie auf den Hlfslehrer wandte, als ob sie
von dem ihrem Vater an Kenntnissen weit berlegenen jungen Manne, der
berdie in der Residenz erzogen und ein Stdter war, Trost und Hlfe
erwarte.

Doch auch dieser stand jetzt, den Ellbogen gegen die Wand, und die Stirn
in seine Hand gesttzt, am Fenster, und schaute in trbem Sinnen ber
das kleine Grtchen hinaus nach dem fernen Schwarzholz hinber; ja
selbst die Kinder hatten aufgehrt zu spielen, als sie Pastors Kchin in
die Schulstube gehen sahen, und eine so gedrckte, ngstliche Stimmung
herrschte pltzlich in dem noch vor wenig Augenblicken so freundlich
stillen Raum, da sich auch Lieschen nicht mehr widersetzte, als der
Vater noch im Aufstehen seine Tasse leerte, die Kanne zurckschob und
nach seinem Hute griff.

Kommen Sie, Hennig, wir wollen doch sehen, was der Herr Pastor von uns
will!

Ich kann mir's etwa denken, erwiederte Hennig, whrend er seinem
Beispiel folgte, und langsam zur Thre schritt.

Denken? frug Lieschen schnell, wurde aber pltzlich feuerroth und
schwieg, Hennig, der ihr Errthen jedoch nicht bemerkte, sagte halb
lachend:

Eine Ermahnung wird's sein, uns, als wrdige _Diener der Kirche_, von
der politischen Bewegung der Gegenwart fern zu halten -- nicht daran zu
denken, uns von unserer Mutter -- der Kirche nmlich -- los zu sagen,
wie das gottlose Menschen in der Welt drauen gethan, und, wie bisher,
liebe _folgsame, geduldige Schaafe_ zu sein -- unter unserem Hirten, dem
Herrn -- das wird's sein, was er uns zu sagen wnscht.

Ja aber solche Sachen wollen wir gar nicht, lchelte Papa Kleinholz
schon bei dem Gedanken an einen derartigen Frevel -- Du lieber Gott,
wir sind hier zufrieden, wenn _uns_ die Menschen nur in Ruhe lassen, wir
selber wollen gern nicht mit Ihnen anbinden, nicht wahr, Hennig?

Was hlfe es uns auch, -- was hlf' es dem Einzelnen? sagte Hennig mit
tiefem schmerzlichen Seufzer, die Stimme eines armen Dorfschulmeisters
wrde verhallen, wie eine Stimme in der Wste, und -- wer wei, ob unser
Loos nicht nachher noch am Ende gar ein schlimmeres, gedrckteres wrde,
-- aber kommen Sie, kommen Sie, -- wir werden ja hren.

Die Mnner schritten rasch der Pfarrerwohnung zu, Lieschen aber trat
an's Fenster, von wo sie den Weg dorthin berschauen konnte, und so
lange sie im Stande war, ihnen mit den Augen zu folgen, geschah das, als
sie aber um die Kirche herumgebogen waren, schlich sie wieder zurck zu
ihrem Nhpltzchen, wo der Holunder schon seine frischen Bltter gegen
die Scheiben drckte, sttzte da das kleine Kpfchen in die Hand, und
sann und sann, und ward endlich sogar unwillig ber sich selbst, da sie
gar nicht heraus bekommen konnte, weshalb sie eigentlich heute nur so
traurig und betrbt wre.

       *       *       *       *       *

In des Pfarrers Studierstbchen, wo indessen die Papiere und Bcher
wieder mit manchem schweren Seufzer, und mancher leise, ganz
leise geflsterten, aber deshalb nicht weniger herzlich gemeinten
Verwnschung, geordnet waren, sa in der einen Ecke des Sophas der Herr
Pastor _Scheidler_, in der anderen, aber wie aus ehrerbietiger Scheu
auf der kleinsten, unbedeutendsten Ecke, die sein Gewicht kaum noch zu
tragen im Stande war, Papa _Kleinholz_, der Schulmeister. Vor dem Tisch
dagegen, auf hingercktem Stuhl, Hennig, und am Fenster lehnte, ein Buch
durchbltternd, ohne dem Inhalt jedoch viel Aufmerksamkeit zu schenken,
der Diaconus.

Lieber Schulmeister, sagte endlich der Pastor, nachdem die ersten
hflichen Begrungen und Gesundheitsfragen vorber waren, und er den
Mnnern jedem eine Cigarre angeboten hatte, die sich der Diaconus gleich
am Feuerzeug anbrannte, whrend sie die beiden Schullehrer unangezndet
in der Hand behielten -- ich hab Sie blos rufen lassen, um einmal ein
paar Worte mit Ihnen und Herrn Hennig ber die Tagesfragen, die uns denn
doch immer dringender an's Herz gelegt werden, zu sprechen. Sie haben
sicherlich schon ber das neue Verhltni nachgedacht, lieber Kleinholz,
das mein' ich, was da entstehen wird, wenn man Kirche und Schule von
einandergerissen hat, wie es die Neuerer so gerne heut' zu Tage wollen,
und wie selbst in letzterer Zeit in Ihrem eigenen Stande -- ich will nur
Kell in Leipzig nennen -- Stimmen laut geworden sind, die ihrer Collegen
Herzen fr diese angebliche Freiheit zu entflammen suchen -- Sie haben
sicherlich, sag' ich, schon darber nachgedacht?

Ich? -- Bitt' um Verzeihung, noch im Leben nicht, rief Vater Kleinholz
so rasch, und in so augenscheinlicher Verlegenheit, da sich der
Diaconus, ein Lcheln auf den Lippen, ab und dem Fenster zuwandte, und
Hennig blutroth -- aus Scham fr seinen alten Freund -- wurde.

Das wre in der That viel, lchelte freundlich, die Hnde dabei
gefaltet, und die beiden Daumen fest gegeneinander gestemmt, der Pastor
-- sehr viel, und ein seltenes Beispiel fr unsere aufgeregte Zeit;
-- aber _Sie_ doch wohl dagegen desto mehr, Herr Hennig, und sein
forschender Blick haftete, unter den kurzen borstigen Brauen vor, scharf
und beobachtend auf dem Hlfslehrer.

Allerdings Herr Pastor, kann ich nicht lugnen, da mich die Sache,
besonders in den letzten Tagen viel beschftigt hat, sagte Hennig, und
rckte dabei auf dem Stuhl immer noch etwas verlegen hin und her.

Sind Sie von selbst darauf gefallen? frug der Pastor hingeworfen--

Ja und -- nein erwiederte Hennig -- ja, denn schon seit lngerer
Zeit, seit einem Jahr wohl -- eigentlich seit ich hier bin, hat mich
der Gedanke an eine mgliche Selbststndigkeit der Lehrer erfllt; ich
dachte mir immer ein Lehrer sei doch eben -- _neben_ dem Geistlichen --
das Hchste auf der weiten Gotteswelt, denn durch ihn, durch sein Herz,
durch seinen Geist sollte die heranwachsende Generation, von der der
Staat, die Welt einst Segen oder Fluch zu erndten habe, gebildet werden;
in seiner Hand liegt, ich mchte sagen, fast das Schicksal der
jungen Erdenbrger, die er zu edlen Menschen heranziehen, oder --
vernachlssigen und dadurch verderben kann.

Ja ja, sehen Sie, mein junger Freund, fiel ihm hier der Pastor,
wohlgefllig dabei mit dem Kopfe nickend, in's Wort, sehen Sie, da
kommen wir gerade auf das Kapitel, auf das ich Sie eigentlich haben
wollte, _das_, wie Sie das ganz richtig, ganz vortrefflich schildern,
wrde der eintretende Zustand der Schule, das Verhltni des Lehrers zu
seinen Kindern sein, wenn die Schule getrennt von der Kirche da stnde,
oder -- mit anderen Worten, der Oberaufsicht der Geistlichkeit, die eben
dieses Wirken berwacht, entzogen wre, in den Hnden jedes einzelnen
Lehrers wrde dann, ich mchte sagen, das Schicksal einer ganzen
Gemeinde liegen, und Vter und Mtter drften keine Nacht ruhig
schlafen, aus Furcht, der Lehrer, der jetzt keinem Menschen weiter
Rechenschaft schulde, verderbe in der Schule ihr einziges Kind, und
schicke es nachher, verwahrlost an Leib und Seele ihnen wieder zu
Hause.

Der Diaconus trommelte an der Fensterscheibe und sah hinaus.

Ich wei doch nicht, fuhr Hennig, durch die Sache selbst etwas wrmer
werdend, fort, ich wei doch nicht, ob gerade die Oberaufsicht des
Geistlichen das zu verhindern im Stande ist; ja, ob es in unseren
jetzigen Verhltnissen nicht den Lehrer gerade eher einschlfert, und
gleichgltiger gegen seine Erziehungsresultate macht, als es der Fall
wre, wenn auf ihm allein die Verantwortung lge, er allein aber auch
die _Ehre_ davon htte. Jetzt nimmt der Geistliche die Kinder in die
Schule auf, und entlt sie wieder, die Censur kommt ebenfalls vom
Geistlichen, der auch die Oberaufsicht der Klassen fhrt, und von dem
Kinde natrlich mit weit hherer Ehrfurcht betrachtet wird, als selbst
sein Lehrer, und ich mu aufrichtig gestehen, da in meiner Brust selber
oft die Frage aufgestiegen ist -- mssen bei dem Kinde nicht Zweifel
entstehen, _wem_ es eigentlich seinen Unterricht zu verdanken habe,
und kann es dann _die_ herzliche Dankbarkeit gegen seinen _wirklichen_
Lehrer bewahren, die diesen doch allein in der weiten Gotteswelt, fr
all' die Noth und Sorge, fr all' die Entbehrungen und Aufopferung die
ein armer Dorfschullehrer gezwungen ist zu tragen, entschdigen kann?

Hm -- hm, mein guter Herr Hennig, sagte kopfschttelnd und mit einem
eigenen Ausdruck in den Zgen, der Pastor, Sie scheinen mir da die
neuen Ideen schon ganz tchtig eingesogen zu haben -- die Saat ist bei
Ihnen auf fruchtbaren Boden gefallen, darf man fragen, was den ersten
Anla dazu gegeben hat?

Zu jeder anderen Zeit wrde Hennig, der doch noch einen tiefgewurzelten
Respect vor seinem geistlichen Vorgesetzten im Herzen trug, scheu vor
dem fast strengen Blicke des frommen Mannes zurckgebebt sein, und dann
htte ihm auch nicht die Todesangst entgehen knnen, die bei solchen
frevelnden Worten in den stieren, bleichen Zgen des alten Schulmeisters
lag, denn der alte Mann sa auf seiner uersten Sophakante gerade
so, als ob es rothglhendes Eisen, und nicht weichgepolsterte
Pferdehaarkissen gewesen wren, die er unter sich fhlte. Hennigs
Gedanken schienen aber mit seinen letzten Worten auch einen ganz anderen
Flug genommen zu haben -- starr und nachdenkend schaute er, weder die
drohenden Anzeigen in des Pastors, noch die flehenden in seines Seniors
Angesicht bemerkend, vor sich nieder, und wurde erst durch die directe
Frage des ersteren wieder zu sich selbst gebracht. Rasch richtete er
sich empor und sagte, an Papa Kleinholz vorbei nach dem Diaconus, der
noch immer am Fenster stand und hinaussah, deutend:

Den _ersten_ Anla gaben Gesprche mit meinem Freunde--

Mit _mir_? rief der alte Schulmeister, und sprang ber das
Frchterliche solcher Beschuldigung entsetzt, von seinem Sitze auf.

Mit Herrn Brauer, fuhr Hennig, den Greis beschwichtigend, fort, den
zweiten, _strkeren_ aber erst in der That heute Morgen, und zwar durch
einen Artikel der letzten Nummer der schsischen Schulzeitung von J.
Melde geschrieben, und _Aufmunterung_ betitelt.

Sie haben die Zeitung bei sich? frug der Pastor mit wieder ganz
freundlichem aufmunternden Lcheln, das nur dem alten Kleinholz
unheimlich vorkam, weil er allein von allen Uebrigen den vorigen
Zornesblick aus den nmlichen Augen blitzend, gesehen hatte.

Hennig holte als Antwort das Papier aus der Tasche, und berreichte es
dem Pastor, dieser schlug es auf; ein mit Bleistift bezeichneter Satz
fiel ihm vor allen Dingen in die Augen, und er las:

Kann Deutschland frei werden, ohne eine freie Volksschule? Kann das
deutsche Volk stark und einig werden ohne eine freie Volksbildung?
Knnen sich die freien Institutionen, welche unsere freisinnigen Frsten
gaben, dauernd erhalten, ohne eine gediegenere Volksbildung? Das sind
Fragen, die insonderheit den deutschen Lehrerstand erfllen sollen.

Die Volksbildung kann und darf nicht mehr einseitig und klerikal
betrieben, die Lehrer knnen und drfen nicht mehr wie Kinder
bevormundet und bemaregelt werden. Die Schule soll und darf nicht
mehr als Magd betrachtet und behandelt werden; soll anders der groe,
himmelanstrebende Bau der deutschen Volksfreiheit nicht wie ein Haus auf
Sand gebaut, zusammenstrzen.

Ja ja, sagte er, whrend er die vorher aufgesetzte Brille wieder
abnahm, und neben das Papier legte -- das klingt nicht bel, und ich
kann mir denken, wie es durch sein bestechendes Aeuere junge Leute
wie Sie sind, lieber Hennig, mit fortreien mag. Glauben Sie denn aber
wirklich, da _uns Geistlichen_ etwas daran gelegen wre, die Schule mit
der Kirche eng verbunden zu halten, wenn wir es nicht der guten Sache
wegen thten? Glauben Sie wirklich, da die Schule _ohne_ die Kirche
fort bestehen kann? -- Sehen Sie, lieber Hennig, fuhr er fort, ohne dem
jungen Manne Zeit zu einer Antwort zu lassen: Das sind eben _Fragen_,
die dem Publicum hier vorgelegt werden -- ich will nicht sagen, _um_ es
irre zu machen, aber doch etwa mit demselben Erfolge; Deutschland kann
allerdings nicht ohne freie Volksschule -- _frei_ werden, wenn Sie es
denn einmal so nennen wollen, das deutsche Volk eben so wenig >stark und
einig< ohne freie Volksbildung sein, und ebenso gehrt eine gediegene
Volkserziehung dazu, die Vlker der Gaben werth zu machen, die sie bis
jetzt von ihren gndigen Herren und Frsten erhalten haben. Diese drei
Fragen will ich Ihnen also von Herzen gern, und ganz in Ihrem, wie in
des Schreibers Sinn, mit _nein_ beantworten, nun aber beweisen Sie
mir einmal, da wir _keine_ freie Volksschule haben; da unsere freie
Volksbildung _gehemmt_ sei, und da uns nicht Alles freistehe, was wir
als vernnftige Menschen thun wollen und knnen, das Volk gediegener zu
bilden? -- Hab' ich z.B. Ihrem von Ihnen selbst entworfenen Schulplane
je etwas in den Weg gelegt? Hab' ich mich hineingemengt, was Sie den
Kindern in Geschichte und Geographie, in freien Ausarbeitungen und
Verstandesbungen lehrten? -- nie -- nur das fr den jungen Geist
Gefhrliche half ich aussondern, und das Erz reinigte ich mit Ihnen von
den Schlacken; unsere Schule _ist_ frei, denn da der Geistliche als der
Vorstand derselben dasteht, scheint mir, als Einwirkung auf die Sache
selbst, nur von geringer Bedeutung. Uebrigens, und um Ihnen zu beweisen
da ich Verbesserungen wie sie wirklich das Wohl der Schule befrdern
knnen, keineswegs feindlich gesinnt bin, habe ich sogar selber
schon darauf gedacht eine Aenderung in diesem, wie Sie sagen fr
den Schullehrerstand drckenden Verhltni herbeizufhren und den
sogenannten Uebelstand dadurch vollkommen abzuschaffen -- doch davon
spter ein mehres. Fr jetzt, mein guter Hennig, erlauben Sie mir, auch
Ihnen ein paar Fragen vorzulegen, die _nicht_ in dieser _Aufmunterung_,
wie der Artikel ja wohl berschrieben ist, stehn, vorausgesetzt, da Sie
eine Trennung der Kirche von der Schule wnschen. Diese Fragen sind:

Mchten Sie den _Religionsunterricht_ der Kinder verlieren? und ist
dieser nicht gerade das, was das kindliche Herz so innig an den Lehrer
fesselt? -- ist er nicht gerade die Mittheilung jenes geheimnivollen
gttlichen Waltens -- der Erschlu, mchte ich sagen, eines bis dahin in
des Kindes Brust noch ungeahnten Gefhls, der es mit scheuer liebender
Ehrfurcht zu dem Lehrer hinzieht? Und das wollten Sie muthwillig, fr
das todte nichtssagende Wort >Freiheit der Schule,< aufgeben? -- ich
glaube kaum; wenn die Lehrer untereinander die Sache nur erst einmal
ordentlich berdacht haben werden -- kommt jedenfalls ein anderes
Resultat heraus, als das bisherige. Noch liegen wir im frhlichen
Jubelrausch der so unverhofft gewonnenen Errungenschaften -- aber es ist
eben auch nur ein Rausch, der bald verfliegen und die, die ihm frhnten,
nchtern und mit Reue ber ihr thrichtes unbedachtes Streben zurck
lassen wird.

Aber das ist noch nicht Alles -- ich habe das nur vorher erwhnt,
was des _Lehrers_, des wahren guten und treuen Lehrers Seele am ersten
rhren und bestechen mu -- die Liebe und Anhnglichkeit seiner Schler;
nun kommt das noch, was leider mit seinem Geiste Hand in Hand gehn mu,
und eine Zurcksetzung eben so wenig vertrgt, wie dieser, da es sonst
zu strend auf ihn zurckwirken wrde -- und das ist der _Krper_ -- das
leibliche Wohl des Schullehrers.

Der Diaconus trommelte schrfer auf der Scheibe und Hennig, der
whrend der letzten Worten den Kopf gesenkt und das zurckerhaltene
Zeitungsblatt fester und fester zusammengedreht hatte, sah jetzt
wieder zu seinem Vorgesetzten auf, als ob er gespannt dessen weitere
Auseinandersetzung erwarte.

Daran haben Sie noch nicht gedacht, nicht wahr? schmunzelte der
Pastor, dem die Bewegung des jungen Mannes nicht entgangen war; ja
lieber Hennig, wenn sich die Schule von der Kirche absolut trennen
_will_, und unsere hohe Staatsregierung natrlich ihre Einwilligung dazu
giebt, was brigens kaum zu erwarten steht und Gott verhten mge, dann
bleibt der Schullehrer auch natrlich nur auf seine _Schuleinnahme_
angewiesen, und Alles was er bis jetzt an Glckner-, Kster- und
Cantor-Accidenzien eingenommen, fllt, wie sich das von selbst versteht,
weg. Es wird nmlich wohl kein Schulmeister so thricht sein, seinen
vollen Gehalt fr Luten, Orgelspielen etc. etc. nach wie vor zu
verlangen, da ja das Dorf dann noch besonders einen anderen Mann zu
halten und zu bezahlen gezwungen wre -- und _doppelt_ zahlen die
Bauern _Nichts_, ich dchte das bedrfte, Ihnen Beiden gegenber, keiner
weiteren Besttigung. Nun berechnen Sie sich selbst was Ihnen alles,
wenn Sie sich wirklich in den Fall einer Trennung setzten--

Bester Herr Pastor.

Ich nehme ja nur den mglichen -- fr jetzt _erdachten_ Fall, guter
Kleinholz -- was Ihnen Alles, sage ich abginge an Ihrem jetzt schon
nichts weniger als brillanten Gehalt -- Sie wrden vielleicht nicht
einmal im Stande sein zu _leben_ und glauben Sie, da Sie einem besseren
Loos entgegengingen, wenn Sie von den Bauern allein abhngig in Ihrer
Besoldung wren?

Sehn Sie, meine Freunde, jede Sache hat, wie ich Ihnen das auch
eigentlich gar nicht mehr zu sagen brauche, ihre zwei Seiten -- eine
gute und eine bse -- und es ist nicht allein nothwendig, nein es ist
auch unsere Pflicht, die Schattenseiten dessen, was einst einen so
wichtigen Theil unseres Lebens ausmachen soll, zu beleuchten, um
sie entweder vorher kennen zu lernen oder -- wenn wir sie fr gar zu
schwierig halten, zu vermeiden.

Damit habe ich Ihnen Beiden brigens keineswegs alle die
Unannehmlichkeiten aufgezhlt, die eine Trennung der Schule und Kirche
fr den Lehrer haben mte; nein, das lag auch gar nicht in meiner
Absicht, denn Sie knnen sich wohl denken, da es mir, des Nutzens
wegen, den es mir bringt, ziemlich gleichgltig sein kann, ob ich
Schulvorstand bin oder nicht; es ist das ein Amt, was mir _viel_
Zeit raubt und gar Nichts einbringt, aber, da wir doch einmal gerade
daraufkamen, hielt ich es fr meine Pflicht, Ihnen wenigstens meine
Ansichten darber mitzutheilen -- berlegen Sie sich die Sache nur
selbst und prfen Sie -- Ihr gesunder Geist wird Sie dann schon das
richtige _whlen_ lassen.

Doch, was eigentlich die Hauptsache dessen war, worber ich mit Ihnen
zu sprechen wnschte, -- Sie haben wohl heute hier in Horneck eine Art
Conferenz der benachbarten Lehrer?

Allerdings, sagte Hennig, ich glaube sogar, da sie schon
grtentheils eingetroffen sein mssen, wenn sie nach dem
Mittagsgottesdienst von zu Hause weggegangen sind.

Horneck liegt so von all den umliegenden Drfern in der Mitte
entschuldigte Kleinholz die Versammlung.

Ei ja wohl, ich finde das ganz natrlich fiel rasch und beistimmend
der Pastor ihm in's Wort, es ist mir aber lieb, da es sich so
getroffen hat, und ich vorher noch im Stande war, Ihnen etwas
mitzutheilen, was jedenfalls von Interesse fr Sie und Ihre Freunde
sein wird. Es ist nmlich keinem Zweifel mehr unterworfen, denn meine
Berichte aus der Residenz sind ziemlich zuverlssig, da die Minister
einer Trennung der Kirche von der Schule vollkommen entgegen sind,
wenigstens werden sie nie die Zustimmung der ersten Kammer dazu
bekommen, wir Geistlichen selbst sehen aber ein, da eine Reform in den
jetzigen Verhltnissen, wenn auch nicht gerade unumgnglich nthig, doch
jedenfalls nicht ganz unzweckmig wre, wir finden es sogar billig, da
den Schullehrern auch das Recht zustehn mte, ihre Schulen selbst
und durch aus ihrer eigenen Mitte gewhlte und sachverstndige Mnner
revidiren zu lassen.

Der Diaconus wandte sich erstaunt nach dem Pastor um, und auch Hennig
horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem Zugestndni, das er
nie erwartet hatte von des Geistlichen eigenen Lippen zu hren.

Um also Allem und Jedem zu gengen, was nur vernnftigen Menschen, die
nicht gerade das Unmgliche, und mit dem Kopf absolut gegen die Wand
rennen wollen, auch vernnftiger Weise verlangen knnen, geht mein
Plan dahin, da knftig der Schulvorstand aus _fnf_ Mitgliedern oder
Theilhabern bestehe, von denen _drei_, also die Majoritt _Schullehrer_
-- _zwei_ aber, und zwar die Minderheit, _Geistliche_ sein mssen, wobei
zugleich sonst jeder dazu gewhlt werden kann, der den Betheiligten,
also dem Schullehrerstande berhaupt, am meisten zusagt. Ist das
geschehen, so denk' ich knnen Sie versichert sein, da keine Klagen
weiter ber Uebergriffe der Pastoren vorfallen knnen, die Majoritt
des Schulvorstandes, also die Lehrer htten sich das nur sonst
selbst zuzuschreiben. Die ist also ein Gegenstand, der Ihre grte
Aufmerksamkeit verdient, und es wre mir sogar lieb, mein guter Herr
Hennig, wenn Sie es heute Nachmittag in Ihrer Versammlung zur Sprache
bringen wollten. Mit einigen meiner Amtsbrder hab' ich darber
schon verkehrt, werde auch ebenfalls der nchstens zusammentretenden
Geistlichkeit den Vorschlag machen, und bin ihrer Einwilligung ziemlich
gewi. Es wre vielleicht auch nicht unpassend, wenn wir Alle zusammen,
Lehrer und Geistliche eine gemeinschaftliche Bittschrift hierber an ein
hohes Ministerium aufsetzten und bergben, damit dieses sich von
der wahren Stimmung im Lande berzeugen und danach handeln und
wirken knnte. Ich glaube bestimmt, da Ihre Collegen ein solches
Entgegenkommen von unserer Seite freudig begren werden, und wie
segensreich das dann auf die uns anvertraute Jugend zurckwirken mu,
wenn wir, die wir fr die Bildung des Geistes und der Seele vereinigt
dastehen, auch vereinigt und freundschaftlich handeln, brauche ich Ihnen
doch wahrlich nicht erst weiter auseinanderzusetzen.

Jetzt also, mein lieber Kleinholz, will ich Sie Beide Ihren Freunden
nicht lnger entziehen; morgen vielleicht, oder wenn Sie die Sache nher
besprochen und berlegt haben, reden wir weiter darber!

Die beiden Schullehrer erhoben sich bei diesen Worten von ihren Sitzen,
empfahlen sich dem Pastor, der ihnen freundlich und mit einigen gtigen
Abschiedsworten die Hnde drckte, und verlieen das Zimmer. Der
Diaconus wollte sie begleiten; diesen aber hielt der Pastor noch zurck
und Hennig und Kleinholz schritten allein und schweigend, Jeder mit
seinen Gedanken ber das eben Gehrte beschftigt, in die Schulwohnung
langsam hinber.




Zehntes Kapitel.

Die Schulmeister.


Zu Hause fanden die beiden Mnner schon die Botschaft ihrer Collegen,
die voraus in die Schenke gegangen waren, und sie bitten lieen, so bald
als mglich nachzukommen. Der Pastor hatte sie gar so lange aufgehalten,
und ungesumt folgten sie dem Rufe; Papa Kleinholz, dem brigens seines
Hlfslehrers Keckheit beim Herrn Pastor fast den Athem versetzt hatte,
benutzte den kurzen Weg von der Schule in die Schenke hinunter, um ihn
darber zur Rede zu stellen, und zu bitten, doch nur um des Himmels
Willen zu bedenken, in welche Verlegenheiten er sich dadurch bringen,
und was fr Folgen so etwas fr ihn und seine knftige Laufbahn haben
knne.

Hennig antwortete all' diesen Vorstellungen aber nur hchst einsylbig,
oft zerstreut; des Pastors Worte hatten einen wilden Sturm feindlicher
Gefhle in seiner Brust erweckt, und Pflicht und Liebe schlugen in
dem armen Herzen ihre erste, aber deshalb gewi nicht minder heftige
Schlacht. Schweigend schritt er an seines Vorgesetzten Seite dem
verabredeten Berathungsplatze zu und unschlssig kmpfte er mit sich,
was er in dieser Sachlage thun, wie er handeln und auftreten solle.

In der Schenke zu Horneck hatten sich indessen zahlreiche Gste
eingefunden; der Wirth verstand selber die kunstgerechte Bereitung der
edlen Gerste und braute ein ganz vorzgliches Bier, und der Horneck'sche
Kartoffelkuchen war weit und breit berhmt; kein Wunder denn, da das
warme Frhlingswetter, das dem Mai selbst an Milde und Lieblichkeit
nichts nachgab, eine Menge Hungriger und Durstiger herbeigezogen hatte,
die nun im Garten oder in dem neuen, Veranda hnlichen Ausbau des Hauses
saen, und den einzelnen Melodien des Orchesters lauschten.

Kleinholz und Hennig hielten sich jedoch nicht zwischen den Gsten
auf, nur herber und hinber grten sie, wo sie vielleicht einen
alten Bekannten sitzen sahen, drngten sich durch die zahlreich in der
Hausflur und dem Billardzimmer nach dem Garten vielfach hin und her
Wandernden, und stiegen zu einem kleinen stillen Hinterstbchen hinauf,
das ihrer Conferenz von dem Wirthe eingerumt worden.

Hier von dem Lrm und der Musik unten nicht gestrt, da seine Fenster
nicht nach dem Garten, sondern nach dem Dorfe aussahen, saen um einen
langen, in die Mitte gerckten Tisch die Schullehrer der benachbarten
Ortschaften, und waren, allem Anschein nach, schon recht tief und eifrig
in die Debatte hinein gerathen. Bei der Neuankommenden Eintritt wurde
diese nun allerdings auf kurze Zeit unterbrochen, doch nur so lange,
als es bedurfte, eine Bank, da es heute bei dem Andrange von Gsten an
Sthlen fehlte, zum Tisch zu rcken, auf der dann Kleinholz und Hennig
zusammen Platz nahmen.

Bis das Mdchen wiederkam, welches den Schullehrern bei ihrer Ankunft
ein Glas Bier oder ein Schnpschen besorgt hatte, schoben ihnen die
Nachbarn ihre eigenen Glser nher, und der Prsident, ein alter
wrdiger Schullehrer von Kosholz, der die Verhandlungen leitete,
wiederholte nochmals mit kurzen Worten den schon besprochenen Gegenstand
der Debatte -- die Trennung der Schule von der Kirche, _fr_ die sich
zwei, _gegen_ die sich aber schon vier Stimmen erhoben hatten. Er setzte
auseinander, wie nthig es sei, da sie sich ber diesen Gegenstand, der
in gar kurzer Zeit alle ihre Energie in Anspruch nehmen msse, vorher
klar und bewut wrden, da jeder selber darber ein Urtheil bekme und
nicht blos, entweder von seinen Vorgesetzten auf der einen, oder auch
von leichtsinnigen, neuerungsschtigen Menschen, die nur immer Freude
am Niederreien und nimmer am Aufbau fnden, auf der anderen Seite
getuscht und irre geleitet wrden.

Meine lieben Amtsbrder, nahm da Vater Kleinholz, von seinem Sitze
aufstehend, mit zitternder Stimme das Wort, ich bin kein Redner, und
das, was ich auf den Herzen habe, kann ich nur mit kurzen und nicht
zierlich gestellten Worten herausbringen, aber es kommt auch dafr
gerade _vom_ Herzen, und ich mchte es Ihnen ebenfalls an die Herzen
legen. Ich bin _gegen_ eine Trennung der Schule von der Kirche, und
zwar aus recht vielen und wichtigen Grnden. Wir kommen Beide eben, Herr
Hennig und ich, vom Herrn Pastor Scheidler, der mir stets, mit _sehr_
wenigen Ausnahmen, ein freundlicher Vorgesetzter gewesen ist, und ich
glaube, wir knnen uns mit dem, was er, als Geistlicher, uns selber
vorschlgt, recht gut begngen. Ich bin gegen eine Trennung der Kirche
und Schule, weil es mir in der Seele weh thun wrde, wenn wir mit dem
Religionsunterricht auch das se Einverstndni verlren, was wir
jetzt, durch diesen, ber den Geist der Kinder gewinnen; ich bin aber
auch gegen die Trennung, weil sie fr uns unmglich ist, weil der
Schulmeister ohne die verschiedenen Einnahmen, die ihm sein Kirchner-,
Glckner- und Cantordienst abwirft, mglicher Weise gar nicht mehr
existiren knnte. Ich habe jetzt mit meiner Familie etwa 100 Thaler
jhrlich, und der Herr wei es, oft genug esse ich in Sorgen mein
Brod, und grble und grble, wie ich es nur anzufangen habe, einfach
auszukommen. -- Das Jahr ist lang -- die Kinder wollen das _ganze_ Jahr
essen und gekleidet sein, und 100 Thaler sind eine entsetzlich kleine
Summe fr eine so gewaltig lange Zeit. Wren wir im Stande, uns ohne
jene auer der Schule liegende Einnahme zu behelfen? -- _nein_, das
wren wir nicht, wir gingen der Noth und dem frchterlichsten Elend
entgegen, und wollen wir also den Nutzen nicht aufgeben, den wir
durch jene Arbeiten genieen, so drfen wir uns auch der Mhe und den
Unbequemlichkeiten nicht entziehen, die daraus hervorgehen. Meine
Stimme ist deshalb _gegen_ eine Trennung, und ich hoffe, auch Ihr lieben
Freunde werdet zuletzt einsehen, da sie uns und der Schule nur
zum Nachtheil gereichen, keineswegs aber eine gehoffte Besserung
herbeifhren wrde.

Vater Kleinholz setzte sich wieder nieder, und von mehreren Seiten
standen die Redner auf, die alle, wie der vorhergehende Sprecher,
gegen eine Trennung waren, Viele beriefen sich dabei auf ihre eigenen
Geistlichen, die mit ihnen ausfhrlich ber die Sache gesprochen, Alle
aber waren darin einig, da das Aufgeben des Religionsunterrichtes ein
Verlust fr den Lehrer sein wrde, den gar kein errungener Vortheil
wieder aufwiegen oder ausgleichen knne.

Mitbrder und liebe Genossen, sagte da endlich Hennig, der bis
jetzt noch kein Wort in die Debatte gesprochen und manchmal fast
augenscheinlich mit sich gekmpft hatte, jetzt aber pltzlich zu einem
festen bestimmten Entschlu gekommen zu sein schien. Ich bin zwar noch
jung, viel jnger, als Manche hier, die in ihrem Ehrenamte ergrauten,
aber desto weniger bin ich auch vielleicht mit den alten Gewohnheiten
verwachsen, die es nachher so viel Mhe kostet, wieder abzuschtteln.
Ich fhle eben so gut, wie Sie, da wir dem Religionsunterrichte der
Kinder nicht entsagen drfen, der Lehrer wrde durch den Verlust dieses
Zweiges zu einer bloen knstlichen Maschine, die den Kindern nur das
Ein mal Eins und das Geheimni der Buchstabenstellung einblut. Herr
Pastor Scheidler hat uns Beiden zwar heute Nachmittag gesagt, da wir
ihn wirklich einben mten, wenn wir uns von der Kirche losrissen,
aber es ist das doch auch nur die Meinung eines einzelnen Mannes, noch
dazu eines bei der Sache interessirten, die wahrlich nicht magebend fr
uns sein darf.

Aber bester Herr Hennig, sagte Kleinholz erschreckt.

Er mag es, fuhr Hennig fort, ohne die Unterbrechung zu beachten,
vielleicht recht gut mit uns Schullehrern meinen, ich will das gar
nicht bezweifeln und -- wre der letzte der ihn krnken mchte, aber ich
glaube, er sieht die Sache mit zu schwarzen Farben, und ich will Euch
deshalb _meine_ Ansicht darber mittheilen. Wer hat uns denn schon
eigentlich verbrgt, da wir, bei einer Trennung der Schule von der
Kirche, auch nothwendiger Weise den Religionsunterricht verlieren
_mten_? Wer hat uns das bis jetzt gesagt, als nur allein die
Geistlichen selber, und sind wir denn so gewi, da das nicht hier und
da, und im Anfang vielleicht, auch grtentheils deshalb mit geschehen
ist, um uns in unserem Streben irre zu machen, oder davon abzubringen?
Der Religionsunterricht ist eben ein _Unterricht_ und gehrt zur
Schule und so wenig wie er in den Schulen der groen Stdte fehlt,
die gleichfalls schon der keineswegs fr den Lehrer ehrenvollen
Beaufsichtigung der Geistlichen entzogen sind, eben so wenig wird er
in den Landschulen fehlen drfen und wirklich fehlen. Selbst hier liegt
brigens ein Ausweg fr uns ganz klar und leicht zu Tage; wir wollen
uns ja gar nicht losreien von der Kirche und dieser feindlich
gegenberstehen, im Gegentheil; das Wirken der Schule und Kirche ist ein
so gleiches -- oder sollte doch wenigstens ein so gleiches sein -- da
ein frmliches Losreien keinem zum Vortheil, Beiden aber vielleicht
zum groen Nachtheil werden knnte; stehen Kirche und Schule aber neben
einander, und glaubt der Staat, da es nothwendig fr die religise
Erziehung der Kinder sei, den Pastor, wie bisher, Theil am
Religionsunterrichte nehmen zu lassen, ei dann schadet das auch nichts,
und gewhrt uns hchstens eine wenn auch kleine Erleichterung unserer
schweren Pflichten; an uns ist es nachher noch immer, den Stundenplan
zu machen, in unsere Hand gegeben auch auer den vom Prediger ertheilten
Lectionen durch moralische Belehrung den vollen Einflu auf das
kindliche Herz zu behalten, dessen wir uns bis jetzt erfreut haben. Ich
meinestheils wrde darin sogar einen neu errungenen Vortheil sehen, wenn
wir der wirklichen Dogmen enthoben wrden, und es dem Pastor berlassen
knnten, diese zu lehren und -- zu vertreten. -- Der Lehrer mag dann
sehen, ob er im Stande ist, auch ohne die Bibel den Glauben an Gott in
des Kindes Brust zu festigen und die herrliche Natur wird ihm das
Buch sein, in dem er auf jedem Blatt, wohin er sich auch wendet, die
heiligste Besttigung seiner Lehre findet. Lat es denn einen Wetteifer
werden, lieben Brder, in einem ehrenvollen und selbst fr die Kinder
segensreichen Kampfe, in dem Ihr noch dazu so unendlich im Vortheil
seid, denn der Geistliche wird, wie bisher, die jungen Gemther in
scheuer Ehrfurcht vor dem kaum geahnten Thron eines _allmchtigen_
Gottes stehen lassen, whrend Ihr Euere Schutzbefohlenen mit lchelndem
Angesicht in die unmittelbare Nhe des _Alliebenden_ fhrt.

Aber selbst das ist noch keine nthige Folge einer Trennung der Schule
von der Kirche, denn war der Schullehrer bis jetzt noch befhigt genug,
den Religionsunterricht zu ertheilen, so sehe ich nicht ein, weshalb
das spter nicht eben so gut der Fall sein soll. Die _Aufsicht_, die der
Pastor darber gehalten, fiele allerdings weg, aber es mte uns erst
bewiesen werden, da die nthig gewesen ist, und da sie auch wirklich
der Erziehung der Kinder gentzt, nicht _geschadet_ habe.

Was nun die Kirchner- und Glcknerdienste betrifft, so ist der
Gehalt, den wir fr diese, wie das Orgelspielen bekommen, allerdings
betrchtlich genug, um ihren Verlust Leuten fhlbar zu machen, die nicht
einen Thaler von ihrem Gehalte einben drfen, wenn sie nicht Mangel
und Noth leiden sollen. Aber auch das, glaube ich, beruht nur auf einer
thrichten Angst von unserer Seite, der wir uns um Gotteswillen nicht
weiter hingeben drfen. Es wird Niemanden von uns einfallen, sein
_ehrenvolles_ Cantoramt, das Spielen der Orgel, aufgeben zu wollen, denn
dort ist der Schullehrer schon deshalb auf seinem Platze, weil es in
die Ausbung des von ihm gelehrten Gesangunterrichts fllt, und er die
Kinder auf der Orgel unter seiner unmittelbaren Leitung behlt. Die
Gemeinde hat aber auch in ihrem Bezirke keinen andern, der es versteht,
und einen besondern Organisten zu halten, kann ihr schon der zu hohen
Kosten wegen, welche die gnzliche Unterhaltung eines solchen Mannes
mit sich bringen mte, gar nicht einfallen. Der andere Dienst aber, der
Glckner- und Ksterdienst, _mu_ wegfallen, denn er gerade ist es, der
das Amt des Schullehrers bis jetzt _entwrdigt_ und diesen zum directen
Diener des Pastors gemacht hat.

Hier in den alten General-Artikeln, von denen es eine Schmach und
Schande ist, da sie, die 1580 entworfen wurden, 1848 fast noch ohne
Vernderung in Geltung sind, heit es ausdrcklich:

  Auch ein jeder Pfarrer, in deme seinem Glckner zu befehlen und zu
  gebieten hat -- er ihm auch hierinnen billigen Gehorsam zu leisten
  schuldig und nicht widerstreben soll.

Ferner sollen sie nach Vorschrift eben dieser General-Artikel tit.
XXXVIII:

  Auf die Pfarrer in allen Kirchenmtern bei den Predigten, Taufen,
  Sakramentreichen und Besuchung der Kranken warten, und deswegen ohne
  ihr Wissen und Willen nicht ausreisen, damit sie ihrer gewi sind.

Den besten Aufschlu ber das Verhltni der Schullehrer zu
den Pastoren giebt aber unstreitig M. Gottlieb Schlegel's >Der
Churschsische legale Schulmann<, der mit klaren drren Worten als
Anleitung fr die Schullehrer, wie sie sich zu ihren Vorgesetzten zu
verhalten haben, besonders die vorgenannten Stellen citirt und daraus
den, leider Gottes auch von unseren Gemeinden, und was noch schlimmer
ist, von uns selbst angenommenen Schlu zieht:

  Hieraus ersieht man, in welches Verhltni die Landesgesetze den
  Schulmeister oder Kster gegen seinen Pfarrer gesetzt haben. Er
  ist der _Diener_ des Pfarrers und hat ihn nicht blos als seinen
  Vorgesetzten, sondern auch als seinen _Herrn_ anzusehn. Diese
  Gesetze sind keineswegs antiquiret, wenngleich ein vernnftiger
  Pfarrer seine Superioritt dem ihm untergebenen Schulmeister nicht,
  wie in vorigen Zeiten, auf eine demthigende Weise wird empfinden
  lassen. Es sollen aber, heit es in dem nur angefhrten 37.
  General-Artikel: Auch die Pfarrer ihre Glckner, ferner nicht, denn
  soviel ihr Kirchendienst belangt, mit Botenlaufen oder anderen, zu
  ihrem Nutzen dringen oder beschweren, sondern sie ihren befohlenen
  Dienst jederzeit unvernderlich abwarten lassen.

  Aus diesem Verhltnisse, in welchem der Schulmeister gegen seinen
  Pfarrer steht, folget nun, da er den Erinnerungen desselben, und
  was ihm dieser im Kirchendienst befiehlt, gehorsamlich nachkommen,
  die Lieder, die in der Kirche gesungen werden sollen, nicht etwa
  durch einen Schulknaben, sondern in eigener Person abholen; nicht
  eher, als er sich bei dem Pfarrer gemeldet, einlauten; ihn
  bei Amtsverrichtungen begleiten, und wenn dergleichen bei den
  eingepfarrten Drfern vorfallen, den Priesterrock tragen[2], in
  Abwesenheit des Pfarrers den Gottesdienst und was demselben anhngig
  nach der ihm gegebenen Vorschrift besorgen; die eingegangenen
  Missiven abschreiben; dieselben, insofern solche nicht durch eigene
  Boten besorgt werden, weiter befrdern; die Collectengelder, wenn es
  nicht nach der Gewohnheit des Orts die Kirchvter thun, wie auch die
  Berichte des Pfarrers in Kirchen- und Schulsachen dem Superintenden
  einhndigen; da er sich aber auch uerlich gegen seinen Pfarrer
  ehrerbietig beweisen, in dessen Gegenwart nicht den Hut aufbehalten,
  nicht Taback rauchen soll, _denn welcher Herr wrde seinem Diener so
  etwas verstatten_? So darf er auch ohne Vorwissen des Pfarrers nicht
  verreisen und ber Nacht aus dem Hause bleiben. Da pflegen es nun
  manche blos zu melden, da sie da oder dorthin verreisen wrden,
  wenn etwa der Herr Pfarrer etwas zu bestellen htte. Das ist
  aber nicht genug, sondern sie mssen ihn um Erlaubni bitten, und
  zugleich anzeigen, was sie in ihrer Statt wegen der Schule und des
  Kirchendienstes fr Vorsehung getroffen haben u.s.w. u.s.w.

  [2]: Interessant ist die Note, die zu dieser Anforderung im legalen
  Schulmann steht; ich will sie deshalb beifgen. Sie heit:

  Ob er schuldig sei, dem Pfarrer, wenn er auf's Filial geht, den
  Priesterrock zu tragen, kommt auf jeden Orts Observanz an. Ich will
  den Fall setzen, es htte der vorige Pfarrer zwei Priesterrcke,
  einen in der Mutterkirche und den andern auf dem Filiale gehabt,
  und Nachfolger wollte sich nur einen anschaffen und dem Schulmeister
  zumuthen, denselben bei jeder Amtsverrichtung auf das Filial und
  wieder nach Hause zu tragen, so wrde Jener damit nicht fortkommen,
  der Schulmeister wrde dieses als eine _Neuerung_ ansehn
  und berechtigt sein, diesfalls von dem Pfarrer eine billige
  Ergtzlichkeit zu verlangen. Bei Pfarr-Vacanzen hingegen kann er
  dergleichen von dem vicarirenden Prediger nicht fordern.

Ich habe Ihnen den langen und gewi schon bekannten Satz noch einmal
vorgelesen, lieben Freunde, um Sie erneut darauf aufmerksam zu machen,
wie gerade die Glckner- und Ksterdienste es sind, die den Schullehrer
zum eigentlichen Diener des Pastors machen, und den Schullehrerstand
berhaupt _entehren_. Meiner Ansicht nach mu es daher eine unserer
Hauptsorgen sein, von diesen befreit zu werden, und nicht darf uns
dabei die Furcht zurckschrecken, da deshalb eine Verringerung unserer
Einnahme stattfinden wrde. Das kann, darf und wird nicht geschehn und
die Ursachen dazu liegen klar genug auf der Hand.

Nimmt das deutsche Parlament, welches jetzt in Frankfurt vereinigt ist,
die Sache auf, oder wird die Ordnung dieser Angelegenheit selbst den
einzelnen Regierungen berwiesen, so werden diese, wenn wir Alle wie ein
Mann zusammenstehn, der Schule ihre Recht wiederfahren lassen _mssen_,
und sie von den Fesseln befreien, die sie jetzt drcken und entehren.
Dann aber, und bei einer ganz neuen Reorganisation, mu auch der Lehrer
so hingestellt werden, da er mit seinen Einnahmen nicht mehr fast
ausschlielich auf ungewisse Einnahmen und Deputate hingewiesen ist,
und selbst von diesen nicht genug hat, sein Leben auf anstndige Art zu
fristen. Wie kann er dem Unterricht seiner ihm anvertrauten Kinder mit
freiem frhlichen Herzen sein ganze Zeit und Aufmerksamkeit widmen, wenn
es Nahrungssorgen sind, die ihn qulen, und ihn sich abhrmen lassen,
wie es um ihn und die Seinen morgen und bermorgen stehen werde? Das
alte fabrikmige >Stunde geben< knnte allerdings dabei fortbestehen,
aber was wrde die Folge sein? Die Kinder wrden fort erzogen werden,
wie sie bis jetzt erzogen sind und in Druck und Knechtheit aufwachsen,
die Freiheiten, die ihre Vter fr sie errungen haben, wrden sie nicht
begreifen, nicht zu wrdigen verstehen, der gnstige Zeitpunkt aber fr
die Mglichkeit einer solchen Reorganisation wre verflossen, und statt
des Segens knftiger Geschlechter, den wir _jetzt_ verdienen, wenn wir
uns um die Bildung des gemeinen Mannes, des Bauern, des arbeitenden
Theiles der deutschen Nation bemhen, erndeten wir ihren _Fluch_, mit
dem sie, lassen wir Alles ungenutzt vorbergehn, unserer Lethargie,
unsere Theilnahmlosigkeit, unsere unverzeihliche Verblendung, ja
Feigheit verdammen mten.

Doch, ich habe Ihre Aufmerksamkeit wohl schon zu lange in Anspruch
genommen, und will jetzt nur noch kurz einen vermittelnden Vorschlag
erwhnen, den uns Herr Pastor Scheidler heut Nachmittag gemacht. Er
lautet dahin, da er die Ansprche anerkennt, welche die Lehrer haben,
sich aus ihrer eigenen Mitte ihre Vorgesetzten zu whlen, weil er es
aber fr gut hlt auch den geistlichen Stand dabei vertreten zu sehn,
und um besonders ein zu schroffes Entgegenstehn beider, der Schule
gegen die Kirche zu vermeiden, will er der nchstens zusammentretenden
Geistlichkeit den Vorschlag machen, freiwillig von ihren bisher
genossenen Vorrechten zu abstrahiren, und die hohe Staatsregierung, dann
aber mit den Lehrern, vereint, zu bitten, eine Schulcommission von fnf
Personen durch die Schullehrer selbst whlen zu lassen, von denen die
Majoritt, also drei, _Schullehrer_, die andern zwei aber _Geistliche_
sein sollten. So sehr, wie ich aufrichtig gestehen will, mich dieser
Vorschlag im Anfang durch seine anscheinende Gerechtigkeit bestochen, so
mu ich mich meines Theils fr jetzt _dagegen_ erklren, und bitte die
Versammlung, ihre Meinung darber auszusprechen.

Es entstand jetzt eine lebhafte Debatte ber das eben Gehrte, das
zu viel Wahrheit enthielt, um es ganz ableugnen zu knnen, aber auch
zugleich der bis dahin so fest und gewaltig eingewurzelten Ehrfurcht
gegen ihre hohen Vorgesetzten so schnurstracks entgegenlief, um
nicht viel mehr Widerstand als Vertheidiger zu finden. Nur der letzte
Vorschlag wurde fast allgemein freudig begrt und besonders uerten
die lteren Lehrer: es sei das ein neuer Beweis von des Herrn Pastors
Scheidler Humanitt, der ihm nur zur Ehre gereichen, und von ihnen
mit verbindlichen und dankbaren Herzen aufgenommen werden msse. Eine
Trennung der Kirche von der Schule sei berhaupt etwas unnatrliches --
es wre als ob man das Kind von der Mutter reien wollte und knne keine
segensreichen Folgen haben. Allerdings gestanden die Mnner die schweren
bsen Uebelstnde ein, die von dem Kster- und Glcknerdienst herkmen,
gestanden ein, da ihnen das dienstliche Verhltni, in dem sie zu ihren
verschiedenen Pastoren stnden, oft, o wie oft, drckend geworden, und
mancher Mibrauch auch, von Seiten der Geistlichkeit, vorgefallen wre,
aber durfte man frchten, da die auch ferner geschehe; hatten nicht
die Zeitereignisse einen ganz gewaltigen Wechsel in den beiderseitigen
Stellungen hervorgebracht? Zeigten sich die Pastoren jetzt nicht
viel freundlicher und herablassender als je, und war es nicht
auch Schuldigkeit der Lehrer, die Hand zu ergreifen, die ihnen in
Freundschaft und Einigung entgegengestreckt wurde. Ja lag es nicht im
eigenen Vortheil des Lehrers das Verhltni zwischen Pastor, Lehrer und
Gemeinde, wie es bisher bestanden, auch fortbestehen zu lassen? --
War es nicht der Pastor, der so oft, und besonders wenn er mit dem
Schullehrer auf gutem Fue stand vor ihn gebrachte Klagen der Eltern
mit wenigen Worten beseitigte, die, wenn sie htten sollen jedesmal an
die Schulinspektion gehn, gerade ihrer Unbedeutenheit wegen so fatal
und unangenehm gewesen wren? Ueberhaupt, was half ihnen eine Besserung
ihres Zustandes, wenn sie nachher mit denen in Unfrieden leben sollten,
auf die sie bis jetzt angewiesen gewesen, und konnte das nachher
berhaupt eine Besserung genannt werden? Nein -- dankbar wollten sie
nehmen was man ihnen bte, sich des Gegebenen dann freuen, und
mit frischen Krften an ihr groes schnes Werk gehn, die Kinder
heranzuziehen zu guten Menschen und treuen Unterthanen.

Es lag etwas Rhrendes in dieser Resignation der armen bedrckten Klasse
-- in der scheuen Ehrfurcht mit der sie von ihren Geistlichen sprachen,
die ihnen nur in den wenigsten Fllen mehr als eben Vorgesetzte gewesen.
Selbst Hennig, obgleich im Ganzen mit seinen Amtsbrdern nicht ganz
einverstanden, fhlte sich davon ergriffen, und es entstand eine
ziemlich lange Pause, in der sich Jeder zu scheuen schien, das Wort zu
nehmen.

Ein bleicher hagerer Mann mit eingefallenen Wangen und hohl liegenden
aber feurigen Augen, dabei mit edlen lebendigen Zgen, khn gewlbter
Stirn und freier Haltung, hatte bis jetzt an der entferntesten Ecke des
Tisches schweigend gesessen und den einzelnen Ansichten gelauscht. Oft
schien es auch als ob er, nur in seine eigene Gedanken vertieft, dem
Lauf der Debatte gar keine Aufmerksamkeit weiter schenke, der rasche
forschende Blick aber, der gleich darauf wieder, bei irgend einer, noch
nicht geuerten Idee aus seinen dsteren Augen blitzte, mute jede
solche Vermuthung bald verbannen und ein genauerer Beobachter htte
sogar das rasche Athmen der Brust, die wechselnde Farbe seiner sonst
eigentlich fahlen Zge und die Unruhe, die in seinem ganzen Wesen lag,
bemerken knnen. Es war der Lehrer Kraft aus Bachstetten.

Mitbrder sagte er endlich mit leiser, doch leicht verstndlicher,
klangvoller Stimme -- Ihr seid _gegen_ eine Trennung der Schule von
der Kirche, weil Ihr es fr das Wohl der Schule besser haltet. Ihr seid
_fr_ den, vom Pastor Scheidler vorgeschlagenen Schulvorstand, weil Ihr
meint, die Geistlichkeit meine es ehrlich mit Euch und wolle wirklich
den Fortschritt. Mitbrder, ich bin ein alter Schulmeister, neun und
zwanzig Jahre esse ich das sauere Brod eines Dorflehrers -- neun und
zwanzig Jahre bin ich der Diener manches bald guten bald schlechten
Geistlichen gewesen und neun und zwanzig Jahre hindurch habe ich es
erprobt und als eine traurige Wahrheit befunden, da der Geistliche
_stets_ mein Vorgesetzter, _nie_ aber mir das gewesen ist, was uns
Verstand und Ueberlegung sagen mu, da er doch eigentlich sein sollte
-- der rathende Freund des Lehrers. Er mag noch so gtig gegen den
Schulmeister sein, stets wird er es ihn doch merken lassen, da er
ihm sub-, nicht coordinirt ist und dieses Uebergewicht, das er
dadurch erhlt, ist es gerade, was ich fr das Gedeihen der Schule so
verderblich halte.

Das Kind soll vor seinem Lehrer Respekt haben, das kann aber nicht der
Fall sein, wenn es nicht ebenfalls sieht wie _der_ Mann, den es selber
achten soll, auch von anderen Menschen, besonders von _seinen_ Eltern
und Nachbarn geachtet wird. Geschieht das aber? -- Ich sage nein -- nein
und tausendmal nein. Es geschieht _nicht_ und wre es auch nur vor allen
Dingen des leidigen todten Mammons wegen. Der Schullehrer bekommt 120
bis 200 Thlr. -- Sie Alle wissen wie selten mehr; beim Pastor gehrt
eine Stelle von achthundert Thalern keineswegs zu den bedeutendsten und
schon das hebt ihn in den Augen des Bauern, der gewohnt ist, den Werth
des Menschen nach Pferden und Schaafen oder Ackern Land zu schtzen, um
gerade so viel, als seine Einnahme die des Schullehrers bersteigt. Das
hat aber auch Einflu auf seine ganze Rede und Ausdrucksweise, denn es
fehlt ihm das feine Gefhl selber zu bestimmen, wo in einem Wort oder
Blick etwas krnkendes fr den fein fhlenden Mann liegen knnte. Schon
die gewhnliche Anrede giebt den Beweis: >Schullehrer< heit's -- >wie
geht's Euch< -- der Pastor wird stets mit einem ehrerbietigen _Herr_
angesprochen. Kommen die Kinder zu Hause und klagen, da ihnen der
Lehrer Unrecht gethan, so droht Vater oder Mutter mit dem Pastor, und
nicht selten geschieht es, da dieser sogar dem schuldigen Theile noch
Recht, dem armen schutzlosen Schulmeister gegenber, giebt. Ich will nur
ein Beispiel hier erzhlen, und ganze _Bnde_ lieen sich mit hnlichen
ausfllen.

Vor ungefhr zwlf Jahren war der jetzige Seminar-Direktor Gehler
Pastor in T-- und ein Freund von mir wurde Knabenlehrer und Cantor
daselbst. In der Zeit gab es in T-- eine wahre Brut von Jungen und es
war wirklich nthig, Strenge zu ben, um nur das eingerissene Uebel erst
einmal zu dmmen, und bessere Sitte einzufhren. Dem Lehrer blieb denn
auch einst, nach der beispiellosesten Geduld kein anderes Mittel,
einen der schlimmsten Buben zur =raison= zu bringen, als krperliche
Zchtigung, und er mag ihm die wohl auch freigebig genug zugemessen
haben. Das geschah Frh. Nachmittags wird er zum Herrn Pfarrer gerufen
und findet dort Niemand Anderes als eben den gestraften Buben und seine
Mutter. Der Pfarrer hlt nun, in Gegenwart dieser Beiden ein Verhr und
tadelt den Schulmeister, da er den Knaben geschlagen habe. Dieser will
sich vertheidigen, der Herr Pfarrer hrt aber nicht darauf, sondern holt
einen Apfel, giebt diesen mit Liebkosungen dem Knaben, _und bittet ihn,
es nicht bel zu nehmen_ -- ja der Lehrer mute sogar noch, wollte er
seine Stelle nicht verlieren, versprechen nicht wieder zu prgeln. Und
das ist der nmliche Mann, der vor einigen Tagen bei einer Versammlung
von Geistlichen auftrat und zu behaupten wagte, die Lehrer seien noch
gar nicht reif zur Emancipation.

Wie mu dadurch bei den Schulkindern die Achtung vor dem Lehrer sinken
und ist es zu verwundern, da dieser zuletzt selber mismuthig und
verdrossen wird, und anfngt zu verzweifeln, das schne Ziel, nach dem
er im ersten Jugendfeuer und Eifer strebte, je zu erreichen?

Auch das trgt nicht dazu bei, den Schullehrer in der Achtung der
Kinder zu erhhen, wenn der Pastor manchmal so recht unverhofft in die
Schulstube hineintritt, um, wie die Bauern sagen, den Lehrer einmal auf
einem faulen Pferde zu erwischen. Ja, nicht selten kommt es sogar vor,
da er drauen erst eine Zeitlang vor der Thre horcht, vielleicht in
der besten Meinung den Lehrer durch sein Erscheinen nicht auer Fassung
zu bringen -- denn es giebt noch Thoren genug unter uns, die ihn
wirklich frchten -- vielleicht auch in schlechtester Meinung irgend
einen Haken an dem ihm Untergebenen zu finden, an dem er sein Mthchen
einmal khlen, seine Autoritt beweisen knne.

Doch das nicht allein, die ganze Stellung, die der Pfarrer hier dem
Schulmeister gegenber einnimmt, mu dazu dienen, diesen in den Augen
der Gemeinde herabzuwrdigen, oder doch ihm den Lohn zu schmlern, den
er auch manchmal wieder in seinem Amte finden knnte -- wenn der Pfarrer
nicht wre.

>[3]Man bringt das Kind, den rohen Sohn der Natur, zur Schule; acht
volle Jahre hat der Lehrer an ihm sein mhevolles Tagewerk zu treiben;
er kann oft kaum sprechen und die einfachsten Begriffe sind ihm
fremd. _Der Pfarrer nimmt ihn auf_. Das Kind macht mehr oder mindere
Fortschritte. _Der Pfarrer beurtheilt dieselben, und versetzt es nach
den Prfungen, zu Ostern oder Michaelis_. Es hat die Klasse durchlaufen:
_Der Pfarrer versetzt es in eine hhere_. Zge es weg von seinem
bisherigen Schulorte, -- so schreibt der Lehrer allerdings das Zeugnis,
allein es mangelt noch an Legalitt: _Der Pfarrer unterzeichnet es_.
Das Kind versumt die Schule, der Lehrer schreibt die Versumnitabelle,
_der Pfarrer aber unterzeichnet sie_. Ostern und Michael nahen heran,
und mit ihnen die Prfungen: _Der Pfarrer schreibt die Ordnung der
Gegenstnde vor_. Die Prfung fllt nun so oder so aus -- _der Pfarrer
lobt oder tadelt_, oft nach den momentanen Produktionen; oft das
Kind, das der schlechteste Schler im ganzen Halbjahr war, mit Lob
berschttend, oft den besten fleiigsten Schler durch herben Tadel
zurckschreckend. Der Schulmann ist in seinem Amt -- _Der Pfarrer
inspicirt alle vierzehn Tage_ -- der alte Polizeistaat, der in jedem
Menschen einen treulosen erblickt, zeigt sich hier in seiner vollsten
Glorie. Der Lehrer will ein neues Schulbuch einfhren, er hat's
geprft, es ist ihm von Anderen empfohlen worden. _Der Pfarrer mu seine
Genehmigung dazu geben_, mag er auch noch so wenig davon verstehen. Das
Kind verlt endlich die Schule. Acht Jahre sauren Schweies hat es
dem Lehrer gekostet: _Der Pfarrer entlt es_, nachdem der Lehrer
noch vorher das Wort vterlichen Ernstes an dasselbe gerichtet.
Glcklich der Lehrer, dem man es zugesteht, da nicht der letzte
Confirmanden-Unterricht, sondern _sein_ treuer Flei es wesentlich
gefrdert haben. Gab es ein Schulfest im Lauf des Jahres: _Der Pfarrer
hatte es zu genehmigen, denn ohne ihn vermag der Lehrer nichts_.<

  [3]: Schsische Schulzeitung.

>Die Lehrer haben Nichts zu ordnen, zu verfgen, zu bestimmen, sie
haben immer ihre Stellung im Auge zu behalten!< sagte einst ein Ephorus
zum Director eines bedeutenden Lehrervereins und es ist bis jetzt leider
Gottes nur zu wahr gewesen. Auch die schmhlichen geheimen Inspections-
und Revisionsberichte, Schulprotocolle und geheimen Conduitenlisten, die
der Pfarrer an das Consistorium einsendet, ohne da dem Lehrer das Recht
zugestanden wird, zu erfahren was _gegen_ ihn gemeldet worden, damit
er sich vertheidigen oder rechtfertigen knne, sind ein _Fluch_ unseres
jetzigen Zustandes und mssen uns vor allen Dingen die Augen ffnen,
wie der Schulmeister zum Pfarrer eigentlich steht, und was wir von einem
Vorschlag wie Herr Pastor Scheidler ihn unserem alten Freunde Kleinholz
und Hennig gemacht hat, zu erwarten haben. Auch ich bin, wie Herr
Hennig, _gegen_ den Vorschlag -- die alte Ehrfurcht steckt noch zu viel
im Schulmeisterrocke -- er sieht in dem Pastor noch immer wirklich etwas
Besseres, als er selbst ist, und so rasch ist das auch nicht heraus
zu treiben. Bekmen wir also jetzt wirklich eine solche fnfkpfige
Schulinspection von drei Schullehrern und zwei Pastoren, wobei
sicherlich und mit Recht die ltesten Schullehrer zu solchem Ehrenamt
gewhlt wrden, so wre es doch sonderbar, wenn unter den dreien sich
nicht _Einer_ fnde, der von den beiden Pastoren zu ihren Beschlssen
gewonnen werden knnte, und die Majoritt wre dann, aber mit noch weit
bseren Folgen als bisher, auf jener Seite, denn bis jetzt duldeten wir
nur, weil wir unterdrckt waren und nicht anders konnten; dann wrden
wir aber gar kein _Recht_ mehr haben uns zu beklagen, denn es wre
unsere freie Wahl gewesen, und ausgelacht wrden wir noch ber unsere
Thorheit.

Was dann noch den einen, vorher erwhnten Punkt betrifft, da der
Pastor, wie das Verhltni jetzt ist, oft vermittelnd zwischen den
Eltern der Kinder und dem Schullehrer auftritt, so gebe ich zu, da
dadurch manche Streitigkeiten und fr den Lehrer sonst vielleicht
unangenehme Folgen gehoben und beseitigt werden. Was aber, lieben
Freunde, ist denn die eigentliche Ursache eben dieses erwhnten
Uebelstandes? -- wahrlich nichts anderes, als auch gerade die
gedrckte, untergeordnete Stellung, in welcher der Lehrer in seinem
Dienstverhltni zum Pastor unmittelbar der Gemeinde gegenber steht.
Es wrde keinem der Bauern einfallen, wegen wahren Erbrmlichkeiten
manchmal ihren Pastor zu verklagen, aber den Schulmeister -- ei
sapperment, dem soll's der Pastor einmal sagen, da er gewagt hat zu
thun, als ob er der Herr in der Schule wre. Was ist auch hiervon die
Folge? -- Die Kinder behalten -- wenn sie den wirklich je gehabt, keinen
Respect vor dem Schulmeister -- >er darf uns nichts thun, sonst sagt's
mein Vater dem Pastor -- und da kriegt er's.< Das wird der Trotzspruch
der Knaben und demthigend allein ist das schon fr den armen, berall
zurckgesetzten Lehrer, da er durch ein solches Verklagen auch von
der Gemeinde den Grundsatz ausgefhrt sieht -- der Schulmeister ist der
Untergebene des Geistlichen. Glaubt deshalb nicht, Freunde, da dadurch
in Zukunft ein Zankapfel in den Kreis Eures stillen Wirkens geschleudert
wrde, wenn der Pastor den Streit nicht mehr mit wenigen Worten
schlichten kann, sondern ihn an die Schulinspection verweist -- das sind
blinde Gespenster die Ihr dort seht, -- steht der Schullehrer mit dem
Pastor auf gleicher Stufe, d.h. geniet er erst einmal die Achtung, die
er verdient, dann wird es auch den Eltern gar nicht mehr einfallen ihn
fr ein so unmndiges Subject zu halten, als das bis jetzt geschehen,
und es wird -- eine Lebensfrage fr die Selbststndigkeit des Lehrers --
auch nicht mehr, wie das bisher bei solchen Gelegenheiten der Fall
war, in der Hand des Pastors und von seinen Launen abhngig liegen,
den Lehrer durch ein Wort, ja durch einen Blick der Verachtung oder
Geringschtzung bei den klagenden Eltern zu verdchtigen. -- Der
Geistliche wird die Klagenden nicht mehr an die Schulinspection weisen
knnen, weil es eben keine Klagenden mehr geben wird, ausgenommen es
wre wirklich etwas Ernstes vorgefallen, und der Lehrer htte sich einen
Fehler zu Schulden kommen lassen -- und dann ist die Schulinspection
auch gerade der Gerichtshof, wo die Klage angebracht werden _mu_, und
wohin sie gehrt.

Also stehet fest zusammen, lieben Mitbrder, und beweist einmal durch
festes, vereintes Auftreten, da Ihr auch wirklich verdienet frei zu
sein. Die alten Vorrechte werden jetzt berall den bis dahin bevorzugten
Stnden genommen, lat nicht die schlimmsten von allen, die der
Geistlichkeit, nach ihrem Willen den strebenden Geist der Vlker zu
unterdrcken, auf Euch allein und geduldig lasten, und bedenket, da Ihr
nicht nur fr Euch, da Ihr fr _Deutschland_ arbeitet, fr Deutschland
und seine heranwachsenden Generationen.

Der Lehrer setzte sich nieder, aber fnfe, sechse traten nach einander
gegen ihn auf. Keiner widerlegte das, was er gegen die Geistlichkeit
gesagt -- Alle stimmten ihm darin bei, da das Uebelstnde seien, denen
abgeholfen werden _mte_, denen aber auch abgeholfen wrde, sobald
nur einmal die neue Schulinspection, wie sie der Herr Pastor Scheidler
vorgeschlagen, in Wirksamkeit trte; fr jetzt aber, meinten sie, sei
es zu gewagt, feindlich gegen die Kirche aufzutreten, wo sie noch unter
der Botmigkeit derselben stnden-- Pflichten zu verweigern, die sie
bis jetzt geleistet, und fr die sie Zahlung bekommen htten, ohne
auch gewillt oder in den Verhltnissen zu sein, die mit ihnen genossene
Nutznieung mit ihnen aufzugeben. Nein, man vereinigte sich dagegen zu
einem Gesuche an die hohe freisinnige Regierung, die Mibruche der vor
Jahrhunderten gegebenen Gesetze abzuschaffen, man erbitte eine baldige,
durchgreifende Reform des Volksschulgesetzes, man beantrage, da
dem Lehrer eine, seinem Stande und seiner Bildung wrdigere, mehr
coordinirte als subordinirte Stellung angewiesen werde, und sei
dann berzeugt, da die bis jetzt so gehssigen Fatalitten zwischen
Geistlichen und Lehrern von selber wegfallen wrden -- so lautete das
Resultat.

Hennig trat noch einmal mit Kraft fr seine Meinung auf, doch vergebens,
er wurde berstimmt, und sogar eine Adresse an die brigen Lehrer des
Reichs beschlossen, um diese davon abzuhalten, da sie einer Trennung
der Schule von der Kirche das Wort redeten, dagegen aber aufzufordern,
in der nchst zu haltenden groen Lehrerversammlung kampf- und
schlagfertig zu erscheinen, und ihre Ueberzeugung dort zu verfechten.

Da stand Kraft auf, griff nach seinem Hut und sagte, whrend er hinter
seinen Stuhl trat:

Lieben Mitbrder, Ihr habt Euch entschieden, und ich sehe die Folgen,
die dieser Euer Entschlu haben wird. Nicht, da Ihr die Trennung der
Schule von der Kirche werdet aufzuhalten vermgen, nein, die _Mehrzahl_
der Lehrer hat hoffentlich Energie genug, jetzt, wo ihr die Waffe der
freien Rede in die Hand gegeben ist, sie auch zu gebrauchen und ihre
Rechte damit zu erkmpfen; aber wehe thut es mir, den Geist erkannt zu
haben, der in dieser Gegend noch die Herzen der Lehrer beherrscht,
ja, bange Zweifel fangen schon an, in mir aufzusteigen, ob selbst
die Emancipation im Stande sein wird, den Geist des Selbstgefhls zu
erwecken, da er ein Joch abschttele, nicht etwa nur weil es ihn drcke
oder beschwere, nein, sondern weil es berhaupt ein Joch ist, und ein
Joch, das noch dazu anfngt, ihn zu _schnden_, weil er es freiwillig
tragen will. Da die Pastoren, noch ehe sie dazu gezwungen werden,
schon ein selbst so precres Zugestndni machen, und uns das Recht
zugestehen, unsere Schulinspectoren wenigstens zum Theil aus unserer
Mitte zu whlen, das htte Euch die Augen ffnen knnen, wie sie das
Geringe geben, weil sie damit einem greren _Mu_ vorzubeugen gedenken.
Blinde kurzsichtige Menschen die es sind, da sie meinen, der einmal
entfesselte Geist liee sich sobald wieder in die alten Banden der
Knechtschaft hineinpressen.

Lebt wohl, lieben Freunde -- berathet Eure Adresse und sendet sie in
alle Welt, gebraucht auch, als zu Eurer Conferenz gehrig, meinen Namen,
verlangt aber nicht, da ich selber unterschreiben soll, was mir das
Herz in der Brust wenden wrde. Ich will nach Bachstetten zurck, und
vielleicht kommt die Zeit, wo ich im Stande bin, fr Euer, fr unser
Wohl zu wirken!

Er verlie das Zimmer, und nur Hennig folgte ihm von all' den Uebrigen.




Elftes Kapitel.

Des Musikanten Tochter.


Kraft und Hennig stiegen die Stufen der Treppe hinunter, und befanden
sich gleich darauf im wirren Getreibe des Schenklebens, das sie in
lauten frhlichen Massen umtobte.

Sie blieben einen Augenblick neben der Gartenthre stehen und
berschauten die Menge, die hier, der wunderherrlichen Frhlingsluft
froh, theils um einzelne Tische sa, theils langsam in den Gngen auf-
und niederschlenderte, oder auch kurze Zeit nach dem kleinen Orchester
hinber horchte, das Mrsche, Walzer, Rutscher und Galopps spielte, und
aus den gewhnlichen Dorfmusikanten bestand, die auch Abends beim Tanz
den lustigen Reigen aufgeigten.

Nur manchmal schien sich die Aufmerksamkeit dem Orchester ganz und fast
ungetheilt zuzuwenden, und das war stets, wenn ein einzelner Mann, unser
alter Bekannter, mit seiner Tochter auf die Bank trat und auf seiner
Violine, nicht Marsch oder Tanz, aber doch so eigenthmliche Weisen und
mit fr Horneck so unerhrter Geschicklichkeit spielte, da den Bauern,
nach ihrer eigenen Besttigung, Maul und Nase aufstand, und sie
manchmal nicht wuten, ob er an der linken Hand fnf oder zehn Finger
htte.

Kraft und Hennig waren aber noch viel zu sehr mit der eben verlassenen
Conferenz beschftigt, um das rege Leben um sich her viel zu beachten;
sie schritten dicht an Haus und hinter den Hecken hin, die hier einen
schmalen Raum des Gartens von den brigen offenen Theilen abschied, um
in's Freie hinaus den Weg zu gewinnen, an der engen Gartenpforte
aber, die hier nach dem Felde hinauslief, fanden sie ein solch' wirres
Menschengedrnge, da sie, um dem zu entgehen, wieder rechts
einbogen, und endlich gerade unter der Stange anhielten, die hier zum
Sternschieen errichtet war, und neben der ein paar noch unbesetzte
Bnke standen.

Mir thut es in der Seele weh, brach Kraft endlich das Schweigen, da
gerade hier von Horneck aus ein Schritt geschehen soll, ber den die
Feinde des freien Lehrerstandes triumphiren werden. >Seht Ihr,< hre ich
sie schon rufen, >sie selber wollen es nicht -- sie selber sehen ein,
da durch ein Losreien von der Kirche die Schule selbst gefhrdet sei
-- sie selber fhlen, da sie der Aufgabe nicht gewachsen sind<.

Und wo bedrften sie einen besseren Beweis fr ihre hochmthige
Behauptung -- die Lehrer seien noch nicht reif zur Emancipation,
seufzte Hennig -- diese Adresse wird ihnen eine furchtbare Waffe gegen
uns in die Hand geben.

Das wolle Gott nicht, rief Kraft -- das wird aber auch nicht geschehn
-- ja wenn wir hier nur etwas fr uns selbst, fr die materielle
Verbesserung des Schullehrerstandes erringen wollten, wenn hier nicht
das Interesse des ganzen Deutschlands mit in's Spiel kme, dann Freund,
dann mchten Sie Recht haben, die Uneinigkeit wrde dann unser Verderben
sein, so aber ist die Sache gewaltiger, als Sie uns Allen jetzt hier
vorkommt, und bricht sich endlich schon von selber Bahn. Die Adresse
dauert mich auch deshalb nur der Leute wegen, die sie unterzeichnet,
nicht um der guten Sache selbst willen, denn um die stnde es schlimm,
vermchte eine kleine Conferenz unbedeutender Schulmeisterlein an ihrer
Basis zu rtteln, ihre Grundpfeiler zu untergraben.

Aber es ist eine Schaufel voll Erde unter dem Fundamente weggenommen,
seufzte Hennig, wieder und wieder und immer wieder eine, und wer wei,
ob der Bau nicht dennoch endlich schmetternd nachstrzt.

Ich glaube nicht, sagte Kraft, und starrte die gefalteten Hnde fest
zwischen seine zusammengedrckten Knie gepret, gerade vor sich nieder
-- ich glaube nicht, denn nach dem, was ich bis jetzt von der ganzen
Erregung Deutschlands in den Zeitungen gelesen habe, mte ich mich sehr
irren, wenn nicht gerade die Schule zuletzt das sein wird, wonach sich
die liberale Partei gezwungen sieht zu greifen, um ihre Hoffnungen zu
realisiren; und da so etwas dann nicht unter den jetzt zwischen Schule
und Kirche bestehenden Verhltnissen geschehen _kann_, versteht sich,
mcht' ich sagen, von selbst.

Ich begreife nicht recht, wie Sie das meinen, sagte Hennig.

Sehen Sie, lieber Freund, sagte der alte Schulmeister, leiser noch
fast als vorher und in der frheren Stellung verharrend, fort, ich
habe nicht viel mehr in den Funfzigen zu suchen, und Manches in der Welt
gesehn und erlebt -- denn ich war die neun und zwanzig Jahre keineswegs
in einem Striche fort Schulmeister, und meine Lebensbeschreibung gbe
gewi gar interessanten Stoff zu einem recht starken dickbndigen
Romane, wenn -- ich als Schullehrer nur damit herausrcken drfte --
doch das ist Nebensache, _wie_ ich meine Erfahrungen gesammelt -- es ist
das einzige, was ich auf dieser Welt sammeln konnte, die aber sagen mir
dafr auch Manches, was andere Leute erst durch bittere Enttuschung zu
lernen haben und -- sie lgen selten. Doch zur Sache. Ich war vor drei
Tagen in der Residenz und durch frhere Schulkameraden sah ich mich
pltzlich in das ganze tolle Gewirr der jetzigen politischen Bewegung
hinein versetzt -- hrte ihre fr Freiheit und Einheit schwrmenden
Reden, sah den Jubel, der die jungen Herzen in aller Wonne frisch
erkeimender Hoffnungen erfllte, und kann wohl gestehen, da ich
alter Kerl im ersten Augenblick selbst mit hineingerissen wurde in den
wirbelnden Rausch der jungen Ideen und Plne. Der Sieg, den das Volk auf
den Barrikaden Berlins gegen die bis dahin fr unbesiegbar gehaltenen
Bayonette erkmpft hatte, ri noch kaltbltigere Leute, als ich sonst
gewhnlich bin, in seinem Taumel mit fort; ich fhlte aber endlich
wieder Grund, stemmte die Strmung, sah, wohin dies urpltzliche und
tolle Durchbrechen aller Banden und Dmme fhren msse und werde -- und
watete langsam wieder an's stille Ufer zurck, von da aus den Verlauf
der Sache besser und unparteiischer betrachten zu knnen.

_Republik!_ ging der Ruf durch die Versammlungen; _das Volk ist
reif und hat seine Ketten zerbrochen_ -- _fort mit der Tyrannei;
die Volkssouverainett allein ist die Macht, die wir anerkennen_
-- einstimmig wurden alle Beschlsse angenommen, denn wer sich als
Einzelner der Masse entgegen gestellt htte, wre, wenn er recht gut
weg kam, einfach hinausgeworfen -- selbst beim Abstimmen wurden die,
die sich durch Handaufheben vielleicht als eine sehr geringe Majoritt
herausstellten, ausgelacht und verhhnt -- das war ein Vorspiel
zur Volkssouverainett. Wenn brigens die Massen noch keinen
parlamentarischen Takt besitzen, so lt sich das gewi mit der Neuheit
ihrer jetzigen Verhltnisse entschuldigen -- was thut es, wenn sie
beim Abstimmen manchmal beide Hnde in die Hhe heben, in gemigteren
Vereinen die Galerien fllen und die Redner der Gegenparthei nicht zu
Worte kommen lassen, etc., das mu sich erst abschleifen, und eben so,
wie unsere junge Prefreiheit manchmal ausarten und hinten ausschlagen
wird, wie ein tolles lebensfrohes Fohlen, so wchst sie doch mit der
Zeit zu einem edlen Renner heran, der zwar seinen Reiter, den Geist, in
Sturmesflug ber die weite Flur dem schnen Ziele entgegentrgt, aber
eben keine Seiten- und Bockssprnge mehr macht.

Nur die Volkssouverainett, lieber Hennig, die, die kann ich noch
nicht anerkennen -- das Volk _hat_ seine Ketten gebrochen, ja, wie der
entfesselte Leu steht es ingrimmig brllend da und weist seinen frheren
Kerkermeistern die frchterlichen Fnge, und wre er jetzt in einer
Wildni, so mchte er in Gottesnamen mit der neugewonnenen Kraft toll
und rcksichtslos in die Welt hineinstrmen, das Echo mit dem Laut
seiner gewaltigen Stimme erwecken und die gigantischen Stmme erzittern
machen, wenn er sich in bermthiger ausgelassener Lust dagegen wirft,
um die eisernen Pranken in das zhe Holz zu schlagen. So aber befinden
wir uns gegenwrtig mit eben diesem Leuen mitten in einer civilisirten
Stadt, und so lange er eben nur noch ruhig dasteht und seinen Feind
anstarrt, mag das gehen, beim ersten Seitensprung aber wird er in irgend
einen Porcellan- oder Spiegelladen hineinfahren, eine Menge Leute, ohne
sich selber zu ntzen, zum Tode erschrecken, kaum glaublichen Schaden
anrichten, das Oberste zu Unterst kehren, endlich selbst die um ihre
Sicherheit besorgt machen und gegen sich aufbringen, welche sich erst
ber die Freiheit des schnen stolzen Thieres gefreut haben, und sich
doch noch zuletzt in irgend einer Sackgasse oder engen Bahn des ihm
_fremden_ Terrains, auf's Neue umstellt, gefangen und -- Gott wolle
verhten, da ich Wahrheit rede -- gar besser bewacht finden als
frher.

Aber die Frsten, warf Hennig ein, werden sich jetzt doch, nach dem
Siege in Berlin, gezwungen sehen, berall nachzugeben -- was knnen die
kleineren machen, da die Freiheit in den greren gesiegt hat?

Ich bin kein Politiker, lieber Hennig, erwiederte ihm Kraft, ich kann
auch nicht sagen und vorher bestimmen, welchen Einflu diese gewaltigen
Ereignisse auf das brige Deutschland haben werden, mir nur ist es so
ngstlich zu Sinn, da ich selbst keine Rettung in dem gengstigten
Erfolge finden kann. Sehen Sie sich unsere Bauern hier in Horneck, in
Buchstetten, in der ganzen Umgegend an, gehen Sie Dorf fr Dorf, Flecken
fr Flecken durch, und sagen Sie mir dann, wie viele Leute Sie gefunden
haben, die im Stande wren, auch nur zu begreifen, was fr Freiheiten
in ihre Hnde gelegt wurden. Es thut mir leid, da ich's sagen mu, aber
unser Bauer, wie er _jetzt_ ist, pat nur fr das Joch, in dem bis dahin
sein Nacken steckte -- er ist von Herzen gutmthig, aber dabei strrisch
und hartkpfig, mitrauisch bis zum uersten Grad -- kriechend hflich
gegen die, in deren Hnden die Gewalt liegt, bermthig bis zum Ekel
gegen die Untergebenen und rcksichtslos unverschmt, wo er sich im
Rechte glaubt oder wei. Der Tagelhner dagegen, der Knecht und Husler
ist von Jugend auf in einem Zustande heraufgewachsen, der ihn nur
nothdrftig an seine _krperliche_ Bildung, an seine geistige fast gar
nicht denken lie. Das Bischen Schreiben und Lesen, was dem Jungen bis
ins zwlfte, dreizehnte Jahr eingeprgt wurde, hat der Flegel, wenn er
sechszehn alt ist, fast schon wieder vergessen, und wahrlich, es ist
ihm auch nicht zu verdenken, wenn man sieht, wie er von Morgens frh bis
spt in die Nacht das ganze Jahr hindurch arbeiten und schaffen mu, um
nur das Bischen Leben elend genug zu fristen. Abends ist aber der Krper
so ermdet und angegriffen, da von Lesen, Schreiben oder Denken
gar keine Rede mehr sein kann. Ist es da also mglich, hier bei
den erwachsenen jungen Burschen und alten Leuten noch einmal mit
Schulunterricht, und schlimmer als Schulunterricht mit der Belehrung
dessen anzufangen, was sie eigentlich sein sollten, um dem Zwecke freier
Mnner zu gengen? -- Nein, _die_ Zeit ist versumt, denn was wir den
_Kindern_ nicht lehren _durften_, das knnen wir jetzt den Alten auch
nicht mehr in die Schdel zwingen. Ja frher, da wre der Augenblick
gewesen, uns aber waren die Hnde gebunden, das Beispiel hatten wir alle
Tage vor Augen -- wir sahen, wie die Schwalbe ihren Jungen das Fliegen
und ihre Krfte zu prfen lehrte, _uns_ aber, den denkenden mit Vernunft
und Seele begabten Menschen war das, wenn auch nicht _vom_, doch _durch_
das hohe Consistorium untersagt -- den Fluch dieser Verdummung erndten
wir jetzt, und mit bitterer Erfahrung wrden wir es bezahlen mssen,
wren wir thricht genug zu glauben, ein Volk knne aus solcher
Knechtschaft, wie wir sie eben abgeschttelt, gleich mit _einem_ khnen
Sprung zu der herrlichsten aber gerade durch ihre Einfachheit auch
schwierigsten Regierung, der _Selbstregierung_ gelangen. Unsere
Tagelhner und Husler, unsere Knechte und Bauern sind eben Menschen,
die noch kein eigenes Urtheil haben und sich deshalb so lange von
anderen Menschen werden leiten und bei der Nase herumfhren lassen,
bis die heranwachsende Generation einmal mit frischen lebendigen
Geisteskrften und klarem Bewutsein ersteht, _das_ aber ist jetzt
_unsere_ Aufgabe, eben die heranwachsende Generation und mit ihr das
ganze knftige, und Gott wolle es fgen, _einige_ Deutschland, ist in
_unsere_ Hnde gegeben, da wir den Saamen in das fruchtbare Erdreich
streuen und in unseren eigenen Kindern die frhliche herrliche Erndte
aufkeimen und reifen sehen.

Der Mann hatte sich bei den letzten Worten hoch aufgerichtet und sein
ber Hennig hinschweifender Blick hing wie begeistert an den blarothen
Abendwolken, die von der untergehenden Sonne mit zartem Rosenhauch
bergossen, wie sehnschtig und liebend ihr nachzustreben schienen in
das Gluthenmeer ihres leuchtenden Grabes.

Hallo Schulmeester un keen Ende, lachte da pltzlich eine derbe aber
gutmthige Stimme, und Meinhardt, ein Bauer aus Horneck, derselbe,
der am Sonnabend Nachmittag Klage beim Pastor gegen den alten Lehrer
gefhrt, trat aus einer der nchsten Gruppen auf die beiden Mnner zu
-- hul mich diasar und jner, wu mer hiar hintrett, trett mer uff'n
Schulmeester, 's kriwwelt und wimmelt urdentlich von em. Aber lieb
is mer'sch, da ich Uech finge, Herr Hennig, Ihr kennt mer en groen
Gefallen duhn.

Wre der Herr Pastor das nicht vielleicht eher im Stande? frug Hennig,
der den Auftritt vom vorigen Morgen noch zu frisch im Gedchtni hatte,
nicht ohne Bitterkeit.

Ach papperlapapp! brummte der Bauer und kratzte sich unter der Mtze
den dicken Schdel, der Pastor sieht ooch durch en Brt -- wenn en Loch
drinne is -- aber -- Ihr hatt recht -- ich han's gestern dumm angefangt,
aber main verwetterter Junge hatte de Schuld -- Jimine, wie han ich en
ooch gekeilt -- na, der lgt mer nich mehr de Hucke vull -- doch -- was
ich nuch sagen wolle, Schulmeester -- mein Junge war en Strick geweest
-- der Alte hatte'n gar nich so gehaun, Mllers Gottlieb warsch gewsen,
bei dem meine Krete dreuge Aeppel gemaust hatte -- nu, Recht iss'n
geschhn -- ich wlle, se hatten em de Hingerpastete so waich gekluppt
wie en Bingel Flachs -- un nu han ich dem Schulmeester Unrecht gethan,
un ich han em en ganzen Kurb vull Wirschte un Speck un Eier nuff
geschickt -- un den Jungen ooch; an den soll er sich nu noch en ganz
besonderes Plaisir machen, un wenn er en halwes Dutzend Schtecken uff'm
verschlaiht, ich han nischt derwidder.

Aber was kann ich dabei thun? sagte Hennig kopfschttelnd, denn mit
innerem Weh durchzuckte ihn der Gedanke, wie Unrecht nun dem armen alten
Lehrer gestern in Gegenwart dieses Mannes, in Gegenwart seines
eigenen Schlers, und wie sich nun herausstellte, so ganz grundlos und
unschuldig geschehen sei -- gekrnkt habt Ihr den alten Mann durch
Worte und That -- glaubt Ihr _das_ jetzt wieder durch Geschenke
ungeschehen machen zu knnen?

Ne-- sagte der Bauer und kratzte sich immer bedenklicher den blonden
struppigen Kopf -- ne, un desserwgen sullt Ihr mer en Bischen mit
uf's Rad steigen, da mer nich umkippen. -- Ihr hatt's Maulwerk uff
der richt'gen Stlle, un da megt ich uech bitten, den Schulmeester en
Bischen ummen Bart rim zu gehn, bis er widder gut is -- den Jungen sill
er prgeln bis er blau un schwarz sicht, un wenn sich meine Ole das
Maul noch e Mol vrbrennt, dann kreiht se eens druff -- nich wahr
Schulmeester, Ihr sidd so gut?

Ich will mein Mglichstes thun, ihn davon zu berzeugen, da es Euch
von Herzen leid thut, ihn so ungerechter Weise beschuldigt zu haben--

Rcht so, Schulmeester! rief der Bauer -- Ihr sidd en ganzer Kerl, un
Eier Schade sills ooch nich sin -- verstanden? Aberscht Herr Je -- was
klwet Jr denn hiar in dar Ecke? -- Das Mchen fengt grade widder an zu
singen -- Dunnerwetter! die singt schiane, da is unsen Vursnger, unsen
Karl Gottlob saine Stimme Haberstroh dagegen -- kommt Schulmeester --
wee Heppchen, 's geht grade los -- ich will nur oben 'rim ghn, un mei
Bier runger holen.

Und damit schttelte der Bauer dem jungen Lehrer noch einmal herzlich
die Hand, nickte dem anderen vertraulich zu, und drngte sich rasch
durch die Menge nach der Stelle hin, wo des alten Musikanten Tochter
eben ein kleines, wehmthig klingendes Lied, aber mit so ser,
schmelzender und glockenreiner Stimme sang, da die beiden
Freunde selbst ihre Unterhaltung darber vergaen und erstaunt den
wunderlieblichen Tnen lauschten.

Das Mdchen war zwar noch in dasselbe rmliche Gewand gekleidet, wie wir
sie im zweiten Kapitel mit ihrem Vater gefunden, aber sie ging jetzt
im bloen Kopf, das dunkle volle Haar glatt auf der weien Stirn
gescheitelt, und den Shawl fest und dicht um ihre Schultern gezogen, da
er den oberen, zerrissenen Theil ihres Gewandes vollkommen verhllte,
und schlank und zart stand so die edle Gestalt des armen Kindes an den
einen Pfeiler des niederen Orchesterdaches gelehnt, und schaute, als sie
das kleine Lied beendet, still und schweigend vor sich nieder.

Das sin immer so kurze Dinger, sagte da ein reicher Bauer aus Horneck,
der dicht daneben an seinem Tische sa, und mit tiefem Athemzug den
schumenden Bierkrug eben von den Lippen genommen hatte -- wenn mer
ben glaubt es sille recht ordentlich lus ghn, dann is es g'rade widder
aus -- wee de Jungfer nischt langes?

Ja -- en langes Lied, mit recht viele Vrsche -- fielen hier noch ein
paar andere junge Bauerburschen ein -- da mer ooch de Melodie behalten
kann -- un nich so traurig.

Sing doch einmal die >Fahrt in's Heu<, Marie, stie sie der Vater an
-- das hren sie gerne.

Marie schttelte leise mit dem Kopfe--

Nu? -- wolln mer noch en Bischen? frug der Bauer.

Die Ballade, Vater! flsterte die Tochter -- whrend dieser die auf
das Knie gestellte Geige stimmte.--

Ach, das langweilige Ding, brummte der Alte, Marie trat aber einen
Schritt von ihm zurck, hllte sich fester in ihr Tuch, und schien
entschlossen zu sein; das Publicum wurde dabei ungeduldig und Meier, der
wohl einsah, da er sich fgen mute, nahm die Violine in die Hh',
und stimmte nach kurzem Vorspiel eines jener reizenden schottischen
Volkslieder an, die erst nur einzeln zu uns herber geklungen sind
und das Herz mit so ser, schmerzlicher Wehmuth erfllen. Die Tochter
lauschte den Tnen erst mehrere Secunden lang und ihre Hand folgte fast
unwillkhrlich dem Tact des Liedes, bis sie endlich am Schlusse
des Vorspiels mit anfangs leiser, dann aber immer bewegterer und
schwellenderer Stimme einfiel:

  Es steht am Meeresstrande
  Eine stille bleiche Maid,
  Barfu im kalten Sande
  Mit flatternd dnnem Kleid.

  Und auf die schaumzersprhten
  Und krausen Wogen aus
  Streut sie zerpflckte Blthen
  Aus einem frischen Strau.

  Und wie mit den empfangenen
  Die Welle naht und flieht,
  Singt sie mit unbefangenen
  Tnen ein leises Lied:

  Mein Lieb, in Meeresgrnden,
  Komme, o komm zu Licht,
  Der Strau hier mag Dir's knden,
  _Ich_ bin's! -- Hrst Du mich nicht?

  _Ich_ bin's, in Windeswehen,
  In Sturmgeheul und Graus
  Schaut ich, nach Dir zu sehen,
  Mir bald die Augen aus.

  Die Leute spotten meiner,
  Ich sei im Geist verwirrt,
  Weil ich hier harrend Deiner,
  So lang' umhergeirrt.

  Sie wissen's nicht, die Thoren,
  Da so, wie wir geliebt,
  Und so, wie wir geschworen,
  Es keine Trennung giebt.

  So komm, la mich nicht lnger
  Vom Frost durchschauert hier,
  Wo's mich nur bang' und bnger
  Hinunter zieht zu Dir.

  O, hre Lieb mein Flehen,
  Schon netzt die Fluth den Fu,
  Sende in Sturmeswehen
  Treuer Liebe den Gru!

  Ha! -- klang nicht aus dem Grimme
  Des Meers der theure Laut? --
  Das -- das war seine Stimme!
  Hier ist -- hier kommt die Braut!

  Am stillen den Strande,
  Vom Fluthenstrom umzischt,
  Am Muschelkies und Sande
  Bricht sich der Wellen Gischt.

  Doch auf den schaumzersprhten,
  Und krausen Wogen hin,
  Treibt, zwischen Blum' und Blthen
  Die todte Sngerin!

Marie schwieg, als sie das Lied vollendet, und nahm den Blick nicht auf
von dem Boden, an dem er haftete. Einzelne der Zuhrer applaudirten, und
Hennig war von dem einfachen Liede so ergriffen worden, da er fhlte,
wie ihm die groen hellen Thrnen in die Augen traten -- er bckte
sich unter irgend einem Vorwande, sie heimlich weg zu wischen, denn er
schmte sich -- wute er doch selbst nicht weshalb -- seiner Schwche.

Aus der, vor dem Orchester stehenden Schaar von jungen Leuten bog sich
aber pltzlich unser alter Freund Strohwisch, der bis dahin mit seinen
papageigrnen Glacehandschuhen sehr zur Belustigung der berall in
den Obstbumen hngenden Hornecker Jugend aus Leibeskrften applaudirt
hatte, so weit, als es ein dicht vor ihm stehender dicker Bauerbursche
gestattete, nach dem Mdchen vor und flsterte:

Bravi, bravi mein holdes Kind, -- ganz vortrefflich -- aber viel zu
traurig -- ich bin selbst humoristischer Schriftsteller und wei den
Werth eines heiteren Liedes zu schtzen -- singen Sie uns einmal etwas
Lustiges -- bitte meine Holde, etwas Lustiges!

Ja wahrhaftig, was Lustiges! stimmten eine Menge Ladenschwengel aus
der Stadt, mit rothen Gesichtern und noch viel rtheren Fusten, ein --
bitte Mamsell, was Lustiges!

Sehn Sie, mein Frulein, einstimmig angenommen, lchelte Feodor und
holte dabei ein Blatt Papier aus der Rocktasche -- hier haben Sie etwas
Lustiges -- Melodie: >Ich bin der Doktor Eisenbart<, ein wunderhbscher
Text -- pikant witzig -- die Menge mu es bringen.

'Raus mit das Lustige! rief der kleine Bauer, der dicht vor Strohwisch
stand, 'raus dermit, juchhe! und den Hut schwang er dabei in der Luft,
sprang in die Hh und kam gerade wieder auf Feodors einem Hhnerauge
nieder, da dieser laut aufschrie und mit dem emporzuckenden Knie dem
dicken Burschen dermaen unter den letzten Rckenwirbel fuhr, da er ihn
jhlings bis dicht an das Orchestergelude ansandte.

Das Gedrnge lie aber keine Zeit zu weiteren Errterungen -- die Menge
war augenscheinlich fest entschlossen was Lustiges zu hren und da
auch der Wirth nicht weit von dem Orchesterplatz auf einen Stuhl
trat und mit den Armen nach dem Mdchen hinbertelegraphirte -- denn
berschreien lie sich der Lrmen nicht, -- da drang auch Meier selber
in die Tochter und fuhr sie endlich, da sie sich immer noch weigerte,
mit rauher unfreundlicher, aber nichts destoweniger unterdrckter Stimme
heftig an:

Donnerwetter, dumme Liese -- was stehst Du da und lt den Kopf hngen
wie eine geknickte Levkoye -- siehst Du nicht was der Wirth da drben
herber winkte? Willst Du etwa, da wir heut Abend hungrig zu Bett gehn
sollen? Dunkel wirds auch schon -- das fehlte noch, da _Du_ Dich an zu
zieren fingest -- da -- hier ist der Wisch, Du wirst's wohl eben noch
lesen knnen, - na -- wird's? -- Und ein hlicher Fluch entfuhr seinen
Lippen und frbte die Wangen des bleichen Kindes mit hherer Rthe. Der
Alte hatte aber indessen die Geige genommen, das Lied prludirt und
der Gesang des Mdchens fiel in die absichtlich schrill und komisch
gehaltenen Tne des Instruments mit einem Wohllaut ein, der die Worte
des faden Liedes Lgen strafte, und von ihren Lippen klang, als ob es
wre auf einer Orgel gespielt worden.

Eine ganze Menge Verse mute das arme Kind der rohen Zuhrerschaar
vorsingen, und nach jedem Refrain jauchzten und jubelten sie, und
zugleich stellte sich bei ihr selber der alte fatale Husten wieder ein
und gab dem Fleck auf ihren Wangen eine eigene fliegende Rthe. Endlich
war das Lied beendet, rauschender Applaus schallte ihr von allen Seiten
entgegen, und mit ngstlicher Verbeugung, das Tuch noch fester um sich
herziehend, stieg sie die schmalen Stufen herunter, um das Papier dem
Eigenthmer wieder zurck zu geben.

Freund Strohwisch stand aber noch immer in wthenden Applaus versenkt,
seinen linken Glacehandschuh hatte er schon im wahren Sinn des Worts
geopfert, denn das papageigrne Leder war, wie ob solcher Behandlung
verzweifelt, auseinandergefahren.

Bravi, bravi -- excellentissime! schrie er dabei kirschroth vor Freude
und sein Hut, der ihm grad oben auf dem kurzen struppigen Haar sa, zog
sich durch eine eigene Bewegung der Stirnmuskeln, bis fast dicht auf die
buschigen Brauen hernieder, so da seine Augen unter dem Rande wie
eine Schildkrte, die sich eben in ihr Schild zurckgezogen hat,
hervorsahen.--

Hier mein Herr! flsterte Marie und reichte ihm den zerknitterten
Zettel.--

Ah -- vortrefflich -- vortrefflich -- augeeignet -- rief rasch, und
sich galant gegen das arme Kind verbeugend, der Ritter im afrikanischen
Burnus -- Sie haben wirklich entschiedenes Talent zum Heiteren, mein
Frulein -- erlauben Sie, da ich vielleicht--

Unter der Hand glitt sie ihm fort und zwischen den Mnnern hin dem Hause
zu, in dessen jetzt schon dunklen Rumen sie verschwand, und Hennig,
der, seit er zu dem Stand getreten war, lautlos den Tnen des fremden
Mdchens gelauscht hatte, wandte sich langsam nach seinem Gefhrten um
und verlie mit diesem die Menge.

Das arme Kind brach Kraft endlich das Schweigen -- scheint auch
bessere Tage gesehen zu haben -- es ist gar hartes und saueres Brod den
Leuten etwas vorzusingen und zu spielen, wenn's Einem gleich gar
nicht wie singen und spielen um's Herz ist -- wenn mich das ungewisse
Abendlicht nicht getuscht hat, so ist die Arme auch noch dazu krank,
oder wenigstens schwach und leidend, was fr eine gottvolle Stimme
sie hat; o wie mte die singen knnen, wenn's ihr so recht aus voller
jubelnder Brust herausqulle und nicht -- durch ein kaltes, todtes
Maschinen- und Rderwerk herausgetrieben wrde.

Kraft sagte Hennig und legte seine Hand auf dessen Arm -- ich kann
Ihnen gar nicht sagen, wie mich das letzte Lied ergriffen hat.

Das _letzte_? Das fade humoristisch sein sollende Ding? sagte der alte
Schulmeister erstaunt.

Ergriffen fuhr Hennig fort weil ich mich dabei des Gedankens nicht
erwehren konnte, es sei so, als ob man eine Leiche schlage.

Das soll in Ruland noch manchmal vorkommen, wenn der zur Knute
Verurtheilte unter den Streichen stirbt und die ihm zugetheilte
Quantitt doch empfangen mu߫ erwiederte Jener zusammenschaudernd --
brrrr, mir lufts eiskalt dabei ber den Rcken hinunter -- das ist ja
ein frchterlicher Vergleich!

Das arme Mdchen sollte etwas >Lustiges< singen, weil der langweilige
Gesell vor ihr wahrscheinlich eins seiner eigenen Produkte, oder irgend
etwas Aehnliches vorgetragen wnschte, und wenn ihr auch das Herz vor
innerem Weh zu brechen drohte, die Lippen muten dem wssrigen Liede
Worte geben. -- Heiliger Gott, ich fhle ordentlich, wie ihr das in die
Seele schnitt.

Auch mir fiel der ernste Ausdruck des Mdchens bei dem Liede auf sagte
Kraft, aber ich schrieb ihn mehr der gleichgltigen Gewohnheit des
tglich Vorkommenden zu. -- Doch -- alle Wetter -- was giebt es da? --
-- Wahrhaftig, des Doctor Levi Stimme, der wahrscheinlich wieder eine
seiner Philippiken gegen Gott und die Welt vom Stapel laufen lt?

Der Doctor scheint es allerdings zu sein rief Hennig -- hier mu aber
etwas Ernstes vorgefallen sein -- das Volk ist so aufgeregt, wie ich es
noch nie gesehen.

Die Mnner schritten rasch einem dichten Menschenknul nher, der durch
immer neu hinzustrmende Massen mit jedem Augenblick mehr anzuschwellen
schien. Aus diesem aber drang ihnen bald in verworrenen Stimmen der Ruf
entgegen -- _Das Ministerium hat abgedankt_ und Einer jauchzte es dem
anderen zu, Einer nahm von den Lippen des Anderen die willkommene Kunde;
denn was die Herzen der Jugend mit lauter jubelnder Siegeslust erfllte,
das fachte selbst in den Herzen der lteren Mnner freudige, kaum
getrumte Hoffnungen an. Es war fr sie, fr ihr Land das erste Zeichen
der siegreichen Revolution und mit dem Sturz der verhaten glaubten sie
nun auch eine bessere Zeit erwarten zu drfen.

Ein Mann aber vor allen Uebrigen schien frmlich auer sich vor lauter
Jubel und Siegeslust, und das war der Doctor Levi. -- Vor dem Tanzsaal,
in der zweiten Abtheilung des Gartens, hatte er sich in die auszweigende
Gabel eines knorrigen Apfelbaums geschwungen, und mit seiner
weitgellenden, dnnen, lispelnden Stimme, welche von der
telegraphenartigen Bewegung der Arme wrdig accompagnirt wurde,
schleuderte er seine Ideenflle in die, ber solchen Eifer fast noch
mehr als ber die Nachricht erstaunte Schaar der Bauern hinaus. Ueber
die erduldete Schmach sprach er, die bis jetzt den Namen Deutschlands
geschndet htte, ber die kommende Gre Deutschlands jubelte er, ber
seine Einigkeit und seinen Sieg, ber den Phnix, der aus der lodernden
Gluth der Knechtschaft erstanden sei, und sich nun in erneuter
Jugendschne dem freien reinen Aether entgegenschwingen werde.

Die Bauern verstanden keinen Satz davon, aber die Worte Sieg,
Knechtschaft, erduldete Schmach etc. etc. gaben ihnen einen ungefhren
Begriff von dem, was eigentlich gemeint sei, und ein lautes donnerndes
Hurrah -- sie hatten sich lange nicht so herzhaft schreien hren --
fllte jede Pause, in der der kleine hitzige Mann fr einen Moment
rasten mute, um nur wieder Athem zu schpfen und frische Krfte zu
sammeln.

Von dem Lrmen angelockt, strmten immer mehr Mnner und auch Frauen
aus dem Dorfe herbei und die Versammlung wuchs so von Minute zu Minute.
Unterdessen geschah aber in Horneck selber etwas, das seiner Bewohner
Interesse noch fast mehr in Anspruch nahm als selbst die Ministerkrisis,
da es den Leuten gewissermaen vor der eigenen Thre passirte, und sie
selber mithandelnde Personen oder doch Zuschauer sein konnten. Dazu
mu ich aber etwas weiter ausholen und will deshalb ein anderes Kapitel
beginnen.




Zwlftes Kapitel.

Die Gutsherrschaft.


Die Kirche war eben ausgelauten und die frommen Leute, die den
Nachmittagsgottesdienst beigewohnt, gingen raschen Schrittes zu Hause
und freuten sich den ganzen Weg auf die braune Kaffeekanne, die, wie sie
recht gut wuten, jetzt in der verschlossenen Rhre stand und zischte
und brodelte. Die frhliche Knabenschaar sprang jauchzend ber
den grnen Plan und neckte und tollte in muthwilligem sprudelnden
Jugendmuthe, whrend die Mdchen, verschmt unter sich kichernd und
lachend, zwei und zwei gar zchtig den Steg hielten, und sich erst
da trennten, wo die Pfade links und rechts und gerade aus nach den
verschiedenen Theilen des Dorfes hinunter fhrten.

Auch Fritz, des Jgers Sohn, schritt raschen Schrittes zwischen ihnen
hin, aber nicht aus der Kirche kam er, denn die Doppelflinte hing ihm
auf der Schulter, und auch nicht freundlich, wie er sonst gewohnt,
nickte er herber und hinber, sondern mrrisch und augenscheinlich
mit recht finsteren, rgerlichen Gedanken beschftigt, eilte er, ohne
aufzusehn von seinem Pfad, oder das herzliche und oft gerufene Gott
gri Uech auch nur einmal anders als mit stummem Kopfnicken zu
beantworten, rasch den steilen Seitenpfad zum Gut hinunter, ber den
Hof hin und stand bald darauf im Vorsaal des hohen hchst elegant
eingerichteten Gebudes, das der Eigenthmer des Rittergutes im
Sommer regelmig, manchmal aber auch sogar den ganzen Winter hindurch
bewohnte.

Ist Herr von Gaulitz zu Hause, frug er hier einen grmlichen
Bedienten, der mit einem ganzen Arm voll Teller gerade aus der Stube
kam.

Bei Tische, lautete die lakonische, mrrisch genug gegebene Antwort
des Alten, der, ohne den Grnrock, wie er ihn unten in der Kche
titulirte, weiter eines Blickes zu wrdigen, langsam und gravittisch
durch die andere Thre verschwand.

Das fehlte auch noch, murmelte Fritz, ging zum Fenster, setzte sich
dort auf den Sims und stellte, den Kopf mde an den eingeklappten Laden
sttzend, die Flinte zwischen seine Knie, wo er sie bequem mit der Hand
halten konnte. Der Bediente kam inde wieder zurck, ging in die Stube,
kam nach etwa einer halben Stunde zum zweiten Male heraus und blieb
jetzt, nachdem er durch kurze Seitenblicke vergebens gesucht hatte,
die Aufmerksamkeit des jungen, geduldig harrenden, aber ganz mit seinen
Gedanken beschftigten Jgersmannes auf sich zu lenken, dicht vor diesem
stehen und sagte mit scharfer, nselnder Stimme und mit recht hmischem
Tone:

Der junge Herr hat wohl gar nichts weiter zu thun?

Nein, erwiederte trocken dieser, ohne seine Stellung im Mindesten zu
verndern, oder auch nur den Kopf nach dem Frager herumzudrehn.

Hm -- verdammt kurz angebunden, knurrte der Bediente und ma den
Jger mit tckischem Blicke -- hat wohl heute einmal gefllig Nichts zu
betteln von der gndigen Herrschaft.

Fritz antwortete Nichts, nur die Finger seiner einen Hand umklammerten
den Flintenlauf etwas fester, whrend er mit der anderen einen raschen
Marsch auf dem Fensterbrete trommelte.

Hat sich auch die Stiefeln wieder nicht abgetreten, der Mosje, fuhr
der Alte, augenscheinlich eine Ursache zum Streit suchend, fort, und
schmiert die fettige Mtze an der wei und sauber lackirten Wand herum
-- wir sind hier nicht in der Schenke.

Wren wir's, fuhr aber jetzt der heute berdies nicht gut gelaunte
Jger auf, dem die Geduld doch endlich ri -- so solltest Du sehen,
Molch Du, wie ich Dir das ungewaschene Schandmaul stopfte.

Alle Wetter! rief der greise Bediente, vor diesem unerwarteten Angriff
zurckprallend.

Was giebt's da wieder? sagte aber in diesem Augenblicke die Stimme des
Gutsbesitzers und Oberpostdirectors von Gaulitz, knnt Ihr denn nicht
die paar Minuten, die Ihr hier zusammenkommt, in Ruh' und Frieden
verbringen? -- Komm herein, Fritz, und Du Peter bekmmerst Dich um Deine
Teller und Schsseln und treibst Dich knftig nicht auf dem Gange hier
herum, wenn Du anderweit zu thun hast.

Er trat rasch in das Zimmer zurck und der Jgerbursche, der seine
Flinte vorher in die Fensterecke gelehnt hatte, folgte ihm dort hinein
und blieb auf der Schwelle stehen.

La mir den Alten in Ruh', redete ihn hier, gleich beim Eintritt,
der gestrenge Herr von Gaulitz an -- Du hast fortwhrend an ihm
herumzuhkeln.

Halten zu Gnaden, platzte Fritz heraus -- der alte Schuft peinigt
mich, wo er mich sieht, bis auf's Blut, weil ich seinen Sohn Karl bei
Schulmeisters--

Ich verbitte mir in meiner Gegenwart alle Schimpfworte, sagte der
Herr scharf und streng, und Ruhe jetzt -- ich habe nicht Deine Anklagen
hren, sondern Dir nur die Wiederholung der Excesse verbieten wollen.
Ich habe Dich wegen zweierlei rufen lassen.

Eure Gnaden zu Befehl, sagte der Jger, der nur mit Mhe den gewaltsam
aufdrngenden Unmuth verbi.

Zuerst, fuhr der Oberpostdirector fort, hat der Herr Pastor Scheidler
heute erst und zwar wiederholt Klage ber Dich gefhrt, da Du die
Kirche nicht allein regelmig versumst, sondern Deine Frechheit
sogar noch so weit treibst, mit der Flinte auf dem Rcken unter seinen
Fenstern vorber zu gehen.

Herr Oberpostdirector.

Ruhe jetzt -- ich will Dich nicht erst darauf aufmerksam machen, wie es
schon um Deiner Seelen Heil willen nothwendig wre, da Du die Predigt
anhrtest und in Dein sndhaftes Herz aufnhmest -- Dein Schulmeister
htte Dich das schon von Kindheit auf lehren mssen, wenn der
Religionsunterricht nicht gerade durch die Lehrer auf wahrhaft traurige
Weise vernachlssigt wrde. Nur ermahnt mchte ich Dich hiermit haben,
in Gottes und Christi Namen, seinem Rufe zu folgen -- meide die Schenke
und andere bse Gelste, die der Versucher Dir entgegen halten knnte
und blicke hinauf zum Herrn, der da ist die Liebe und die Herrlichkeit
-- Amen!

Der Jger erwiederte kein Wort und sah nur still und finster vor sich
nieder, Herr von Gaulitz aber ging mit andchtig gefalteten Hnden ein
paar Mal im Zimmer auf und ab, blieb dann pltzlich vor Fritz Holke
stehen, sah ihm fest in's Gesicht und fuhr fort:

Das Andere, wegen dessen ich Dich zu sprechen verlangte, ist die
Wilddieberei -- der junge Poller hat heute Morgen ein krankes und ein
verendetes Reh im Walde gefunden und ist zwei fremden Burschen mit
Bchsen begegnet, die sich, wie er mich versichert, nicht einmal sehr
vor ihm gescheut htten, sondern so ruhig ihre Strae gegangen wren,
als ob sie auf den gesetzlichsten Wegen wandelten. Das mu mir anders
werden, Fritz, oder Ihr, Dein Vater und Du und ich, wir bleiben keine
guten Freunde.

Halten zu Gnaden, Herr Oberpostdirector, sagte Fritz jetzt, als der
gestrenge Herr schwieg und finster nach ihm hinberschaute -- die
Wilddieberei im Holze _ist_ schlimm, und der Vater und ich wissen das
alle Beide gut genug, wir liegen aber auch Tag und Nacht im Holze und an
den Holzrndern herum und thun unser Bestes, dem Uebel zu steuern. Ganz
es zu heben ist aber uns zweien nicht mglich, das Revier ist zu gro,
und die Rausche, die es noch dazu in zwei Theile schneidet, macht es
manchmal zur Unmglichkeit, an allen bedrohten Stellen zugleich zu sein.
Wren es brigens ordentliche Wilddiebe, die regelmig hinausgehen und
ihr Reh todtschieen, so bliebe das immer schlimm genug, sie thten
aber nicht so groen Schaden und lieen sich auch endlich ausspren und
aufheben, oder doch wenigstens verscheuchen, so aber laufen die Bauern
selber mit alten Schrot- und Communalflinten, in die sie klares Zeug
laden, drauen herum, knallen auf Alles, was ihnen vorkommt und flicken
Rikke und Kalb an, da es spter im Walde elendiglich verkommen mu.
Schneidet man dann einmal so einem Burschen den Weg ab und kann er
zuletzt gar nicht mehr fort, so wirft er seine alte Flinte, die des
Aufhebens gewhnlich nicht werth ist, in den nchsten Busch und leugnet
nun Stein und Bein, selbst einen Schu gehrt zu haben; er ist meistens
auch auf seinem eigenen Grund und Boden, und wei recht gut, da sich
solcher Art nichts gegen ihn ausrichten lt.

Das ist ja eine recht erfreuliche Botschaft, sagte der
Oberpostdirector mrrisch -- da halte ich zwei ausgelernte Jger, einen
alten und einen jungen auf meinem Gute, und mu nun hren, da die mir
ganz aufrichtig und ungenirt melden, die Wilddieberei nehme so berhand,
da es _ihnen_ selbst zu arg wrde. Ei zum -- mit Verlaub, mein Bursche,
_ich_ soll wohl hinausgehen und Euch die Wilddiebe forttreiben, damit
Ihr bequemer schlafen knnt.

Bitt' um Verzeihung, Herr von Gaulitz, erwiederte Fritz, das Holz
hat fnf Stunden im Umfang und die Rausche nthigt schon, da Einer
gewhnlich an jedem Ufer bleiben mu. Eure Gnaden wissen dabei recht
gut, wie es die Holzdiebe schon einmal im vorigen Jahre meinem Vater
gemacht haben, den sie, weil er allein zwischen sie kam, an einen Baum
banden, und die ganze Nacht in der Klte stehen lieen. In diesem Jahre
aber, und nach den Vorfllen in Berlin und Wien, ist mit den Leuten noch
weit weniger auszukommen als frher. Heute Morgen traf ich zum Beispiel
unten in der Rauschenmhle ein paar Bauern, die mir ganz rund heraus
erklrten: die Leute aus der Stadt, die sie zu Abgeordneten whlen
wollten, htten sie versichert, auf ihren eigenen Feldern und in ihren
eigenen Gehlzen seien sie nicht allein berechtigt zu jagen, sondern es
wrde auch in krzester Zeit ein Gesetz herauskommen, das es ihnen in
Wirklichkeit zusprche, und nchstens gingen sie daher selbst in's Holz
und schssen todt, was ihnen in den Weg kme. Ich mchte nun gleich bei
Eure Gnaden anfragen, wie ich mich in einem solchen Falle zu verhalten
habe, und ob es da doch nicht besser wre, wenn wir noch ein paar Mann
zum Forstschutz herbekmen.

Forstschutz? -- Das fehlte mir auch noch, rief der Oberpostdirector,
der indessen seinen Geschwindmarsch auf und ab ununterbrochen
fortgesetzt hatte, und nun jetzt vor dem Jgersmanne mit finsteren
Blicken stehen blieb -- noch mehr Faulenzer ernhren, um die anderen in
ihrem Miggange zu bestrken, nicht wahr? -- Nein, dafr giebt's andere
Mittel, wer sich auf meinem Reviere blicken und beim Wilddieben ertappen
lt, dem schiet Du eine Ladung Schrot auf den Pelz. Zum Henker, man
mu der Canaille nur einmal zeigen, da man Ernst macht. Das verwnschte
Nachgeben hat schon viel zu viel Unheil angerichtet. Uebrigens habe ich
von unserem Ministerium die Nachricht, da es nach Sockwitz, wo sich
erst neulich bedauerliche Zeichen von Anarchie kund gethan, eine
Compagnie von der Linie verlegen wolle; das wird die Kerle schon Jesum
Christum erkennen lassen.

Euer Gnaden, warf hier der Jger ein, und spielte verlegen mit dem
Genickfngergriffe, der ihm am Grtel stak -- es ist das mit dem
Schieen so eine eigene Sache; todt kann man doch die Menschen eines
gestohlenen Hasens oder Rehes wegen nicht gut schieen, und krank? --
Flick' ich einem Bauer die Beine mit No. fnf oder sechs an, so vergit
er mir das in seinem ganzen Leben nicht und -- wrde das Alles wahr, was
jetzt die Leute -- selbst der Diaconus und der Doctor -- von Frankfurt
reden, dann bekmen sie sogar das _Recht_ dazu, und nachher knnte unser
Einer gar sehen, wo er bliebe, wenn er das ganze Dorf zum Feinde htte.

Nun jetzt hab ich's satt! rief eben der Gutsherr, der mit immer
wachsendem Staunen und Zorn eine solche Neuerungsrede von den Lippen
seines Untergebenen gehrt hatte -- Was untersteht Er sich! -- Er will
hier als Jger dem wilddiebischen Gesindel wohl auch gar noch die Brcke
treten? -- und was den Diaconus und den Doctor betrifft, so werd' ich
mich nach denen nher erkundigen. Potz Donner und Blitzen, das hat mir
noch gefehlt.

Aber Euer Gnaden, so war es doch gar nicht gemeint, ich wollte ja
nur--

Nun ich will Dir's wnschen, da ich Dich falsch verstanden habe.
Jetzt fort, wo Du hingehrst, und da Ihr mir bald Meldung von einem
eingefangenen oder bestraften Wilddiebe macht, oder -- ich mache Euch
fr das verlorene Wild verantwortlich. Wo steckt Dein Vater heute?

Er ist heute ber der Rausche drben, die Vorbereitung zur Auction der
Stockklaftern und Haufen zu treffen, die wir von den, fr die Eisenbahn
gelieferten Stmmen brig behalten haben.

Aha -- also nicht geschont -- nur einmal _Einem_ der Bande die Jacke
recht tchtig voll geschossen, und die Uebrigen lassen sich das schon
eine Warnung sein -- _ich_ vertret' es.

Die Thr ging in diesem Augenblick auf, und der alte Bediente trat
herein.

Mein Karl ist drauen, Euer Gnaden, er htte etwas zu melden.

Ich empfehle mich, Euer Gnaden sagte Fritz, und wollte sich entfernen.

Soll herein kommen -- halt, noch Eins, Holke, wie ist denn das gestern
Abend mit dem Flchtling abgelaufen? -- Habt Ihr keine Spur wieder von
ihm gefunden?

Nicht das Mindeste, bis zu Pastors Obstgarten hatten wir ihn getrieben,
denn als wir spter die Hunde hinein brachten, wurden die laut, und
es lie sich nicht verkennen, da etwas darin gewesen war; er mu aber
zurckgewechselt sein, denn die ausgestellten Posten haben gar Nichts
von ihm gesehen. Uebrigens soll er die jungen Damen, wie ich ganz
bestimmt wei, gar nicht angefallen, sondern nur angeredet haben;
Frulein Sophie Scheidler hat das selbst gesagt.

Die Thr ging auf, und Karl Poller, der Sohn des alten Bedienten, ein
bleicher, hagerer junger Mensch mit grnen Augen und dnnen, fast weien
Haaren, trat mit einer tiefen Verbeugung ein, und blieb dann, die Mtze
in der Hand drehend, auf der Schwelle neben Fritz Holke stehen. Er that,
als wenn er den Jgerburschen gar nicht she.

Nun, Karl, wie ist's? -- richtige Fhrte?

Alles in Ordnung, grinzte, mit widerlichem Lachen der Angeredete, der
Fuchs steckt richtig im Loch drinnen, ich hab' ihn nicht allein gehrt,
sondern sogar mit leibhaftigen Augen gesehen.

Wahrhaftig? -- gut! -- herrlich! -- dann drfen wir aber ja keine Zeit
verlieren, ihn abzufangen -- ruf' mir den Gerichtsschreiber herauf,
Karl, rasch -- er soll im grnen Zimmer auf mich warten--

Sehr wohl, Euer Gnaden, erwiederte der Bursche, und schwenkte mit
rascher Bereitwilligkeit rechts um, blieb jedoch noch einmal stehen und
sagte zgernd--

Bis Dunkelwerden mchten wir aber doch wohl damit warten -- ich wei
nicht, die Bauern haben in letzter Zeit ganz andere Reden gefhrt wie
frher.

Von denen haben wir Nichts zu frchten, lachte der Gutsherr hhnisch,
die hat mir der Pastor so unter der Fuchtel, da sie sich hten werden,
ein Wort in meine Gerichtsbarkeit hinein zu werfen, doch es mag sein,
also nach Dunkelwerden. Allons, marsch!

Der Bleiche glitt wie ein Ohrwurm zur Thr hinaus, Fritz aber, der
zuerst bei dem tlpischen Jagdvergleich desselben verchtlich die Nase
germpft hatte, konnte doch nicht umhin, der spteren Verhandlung,
die jedenfalls irgend ein wichtiges Ereigni betraf, aufmerksamer zu
horchen. Herr von Gaulitz lie ihn jedoch nicht lange ber das, was er
bis dahin nur zu errathen gesucht hatte, in Zweifel.

Siehst Du? -- sagte er, als sich die Thr hinter dem Burschen schlo
-- die haben bessere Nasen, als Ihr Jger mit allen Euren Treibern --
die wissen, wo der Flchtige zu Bau gegangen ist!

Wer? -- Der, den wir aus dem Walde getrieben? rief Fritz erstaunt.

Allerdings, und heute Abend soll er ein sichereres Quartier haben, als
sein jetziges ist. Du aber, Fritz, magst ebenfalls in der Nhe bleiben,
bis sie den Gefangenen eingebracht haben; nicht etwa, da ich glaubte er
wrde sich zur Wehr setzen, oder da ich irgend eine andere Gewaltthat
befrchtete, aber -- es ist doch besser. Nach Dunkelwerden sollen
sie ihn bringen, und jetzt geh einmal indessen hinauf zum Pastor, und
bestell' dort, ich liee ihn bitten, zum Kaffee herunter zu kommen,
seine Tochter, die heute bei uns gegessen hat, bleibt auch noch unten --
ich htte etwas Wichtiges mit ihm zu sprechen.

Sehr wohl, Euer Gnaden--

Also Holke!

Zu Befehl, Euer Gnaden!

Haltet mir die Bauern unter; find ich oder Jemand Anderes wieder ein
angeschossenes oder verendetes Stck im Walde, ohne da der Thter, wenn
nicht bestraft, doch angezeigt wre, so knnt Ihr Euch Beide freuen --
Du und Dein Vater--

Der Jger erwiederte Nichts weiter darauf, sondern verbeugte sich nur,
und verlie das Zimmer.

Als sich der Oberpostdirector gerade wandte, um in den Speisesaal
zurck zu kehren, trat der alte Poller mit einer riesigen Kaffeemaschine
herein, und hinter ihm her kam die Wirthschaftsmamsell mit zwei Krbchen
voll Gebackenem.

Ist der Bote noch nicht aus der Stadt zurck? frug Herr von Gaulitz
diese.

Nein, Euer Gnaden, lautete die Antwort, er wird auch wohl vor
Dunkelwerden gar nicht hier sein knnen.

Wer war denn das Mdchen, welches da eben ber den Hof ging? -- Hat der
Gerichtshalter etwas herber sagen lassen?

Nein, Euer Gnaden, es war das Mdchen der Frau Kommerzienrthin
Schtte, die sich hat erkundigen lassen, ob die gndige Frau heut'
Nachmittag zu Hause blieben, und ob sie strten, wenn Sie ein Bischen
herber kmen.

Herr, Du mein Gott! seufzte der Oberpostdirector halblaut vor sich hin
-- das wird ein angenehmer Nachmittag werden -- nun fehlte mir nur noch
unser tgliches Brod -- der Literat Strohwisch.

Das Mdchen, dem die Worte nicht entgangen waren, lchelte und
verschwand gleich darauf mit ihrem Backwerk im anderen Zimmer, wo
indessen die Damen um den groen runden, mit weicher Damastdecke
berhangenen Eichentisch Platz genommen hatten.


Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite VI:
  "295" gendert in "270"
  (Die Gutsherrschaft      270)

  Seite 38:
  "" angefgt
  (Und hoffen und trumen -- wie Allerweltsnarren.)

  Seite 45:
  "" angefgt
  (so tchtige >Haare auf den Zhnen< htte.)

  Seite 49:
  "." eingefgt
  (den hat mir der Schulmaistr verschlahn.)

  Seite 53:
  "" eingefgt
  (_es solle nicht wieder geschehen!_)

  Seite 64:
  "" angefgt
  (zu arbeiten, sondern nur in einem fort geschrieben.)

  Seite 69/70:
  "Dienstleuleuten" gendert in "Dienstleuten"
  (was man fr eine Noth mit den Dienstleuten hat)

  Seite 81:
  "zumeiner" gendert in "zu meiner"
  (Ich habe auch gewilddiebt zu meiner Zeit)

  Seite 90:
  "Tocher" gendert in "Tochter"
  (Zu der Zeit war ich auch des Revierjgers Tochter gut)

  Seite 91:
  "zn" gendert in "zu"
  (beschlo ich, wenigstens einen Versuch zu machen)

  Seite 93:
  "ich'" gendert in "ich's"
  (Jetzt aber hielt ich's auch nicht lnger aus)

  Seite 97:
  "" eingefgt
  (doch das schadet Nichts, fuhr er)

  Seite 110:
  "," eingefgt
  (fiel ihm hier einer der Bauern in die Rede, so schlimm)

  Seite 113:
  "die Thr die Thr" gendert in "die Thr"
  (ging die Thr des grnen Zimmers auf)

  Seite 123:
  "," eingefgt
  (Mein Fritz und ich, wir nahmen die Flgel)

  Seite 123/124:
  "," eingefgt
  (Der Teufel wei es brummte der Jger, er ging wieder)

  Seite 127:
  "Himmelskrper" gendert in "Himmelskrpern"
  (an den fernen glnzenden Himmelskrpern ihre feuchten Blicke)

  Seite 133:
  "hinabzu" gendert in "hinab zu"
  (niedertrufenden Regen in die Schlucht hinab zu fhren)

  Seite 137:
  "Beide" gendert in "beide"
  (war es beide Male etwa nicht den Bayonetten gelungen)

  Seite 158:
  "zugngliche" gendert in "zugngliches"
  (sein sonst sanften Regungen nicht leicht zugngliches Herz)

  Seite 169:
  "," verschoben, ">" eingefgt
  (Schulmeister mu schon--<, der >_Herr_ Schulmeister< fiel)

  Seite 172:
  "," eingefgt
  (Wasserspiegel, der groe herrschaftliche Fischteich)

  Seite 176:
  "Kaffe" gendert in "Kaffee"
  (der Pastor drinne sitzt und eine Tasse Kaffee trinkt)

  Seite 177:
  "vorhergewut" gendert in "vorher gewut"
  (und meinten, das htten sie vorher gewut)

  Seite 178:
  "" eingefgt
  (lachte der Musikant, aber der Wirth will uns)

  Seite 206:
  "sogenanten" gendert in "sogenannten"
  (und den sogenannten Uebelstand dadurch vollkommen abzuschaffen)

  Seite 208:
  "Lauten" gendert in "Luten"
  (seinen vollen Gehalt fr Luten, Orgelspielen)

  Seite 221:
  "nehmeu" gendert in "nehmen"
  (wie bisher, Theil am Religionsunterrichte nehmen zu lassen)

  Seite 222:
  "unserst bew iesen" gendert in "uns erst bewiesen"
  (aber es mte uns erst bewiesen werden)

  Seite 230:
  "Misbrauch" gendert in "Mibrauch"
  (und mancher Mibrauch auch, von Seiten der Geistlichkeit)

  Seite 232:
  "Krafft" vereinheitlicht zu "Kraft"
  (Es war der Lehrer Kraft aus Bachstetten)

  Seite 233:
  ":" eingefgt
  (die gewhnliche Anrede giebt den Beweis: >Schullehrer< heit's)

  Seite 263:
  "," eingefgt
  (Melodie: >Ich bin der Doktor Eisenbart<, ein wunderhbscher Text)

  Seite 281:
  "" entfernt
  (Er that, als wenn er den Jgerburschen gar nicht she.)]






End of the Project Gutenberg EBook of Pfarre und Schule. Erster Band., by 
Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PFARRE UND SCHULE. ERSTER BAND. ***

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