Project Gutenberg's Reise in Sdamerika. Erster Band., by Ernst von Bibra

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Title: Reise in Sdamerika. Erster Band.

Author: Ernst von Bibra

Release Date: June 29, 2014 [EBook #46141]

Language: German

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  Reise in Sdamerika

  von
  Dr. Frhr. Ernst v. Bibra.


  Erster Band.


  Mannheim.
  Verlag von Bassermann & Mathy.
  1854




  Inhalt.


                                          Seite

  I.   Vom Hause bis zur See                  1

  II.  Fahrt nach Rio Janeiro                13

  III. Rio de Janeiro                       105

  IV.  Die Fahrt um Kap Horn nach Chile     143

  V.   Valparaiso (Chile)                   167

  VI.  Reise nach Santjago (Chile)          231

  VII. Santjago (Chile)                     249




I.

Vom Hause bis zur See.


Im April 1849 verlie ich Nrnberg. Schwer und hart war der Abschied
von den Meinen. Hatte doch mein ltester Junge lange Zeit vor meiner
Abreise halbe Nchte durchweint im Gedanken an meine Fahrt, und bei
Tage sich heiter geberdet um mich nicht zu betrben. Das war der Typus
meines Abschieds berhaupt.

So ging ich aus dem Hause, hinaus in einen kalten und unheimlichen
Morgen und vom alten, ehemals weltberhmten Fembo'schen Landkartenhause
an, um die halbe Welt bis wieder zurck nach Hamburg, hat mich die
Idee nicht verlassen, da ich die Kinder nicht mehr lebend antrfe.
Glcklicher Weise waren meine Ahnungen falsch. Diese wenigstens.

Wir kamen spt des Abends in Leipzig an und fuhren des andern Tages
nach Bremen. Man reis't schnell heut zu Tage, doch glaube ich noch
schneller diese Reise von Nrnberg nach Bremen beschrieben zu haben.
Nur mu ich noch beifgen, da mich zwei Landsleute begleiteten, W.
aus Nrnberg und M. aus Erlangen.

In Bremen stiegen wir im Victoria-Hotel ab. Ich werde auch von jenem
Aufenthalte nur Weniges berichten. Die fast fieberhafte Aufregung, die
sich meiner bemchtigt hatte, lie mich nur flchtig beobachten. Doch
sah ich mit Belehrung das Museum und den Dom, und nahm so allegorischen
Abschied von deutscher Wissenschaft und Kunst. Eine Notiz ber
=Pyrosoma atlantica= und ber =Fulgurit= waren die letzten
dahin bezglichen Bemerkungen in meinem Tagebuch, Taufstein und
Schloverzierungen im Dom die ersten Skizzen in meiner Zeichenmappe. Im
Rathhause sind einige gute Holzschnitzereien. Classischer aber ist, was
unter dem Rathhause. _Hauf_ hat einen romantischen Schleier ber jene
Rume gezogen, welche des Guten viel enthalten und in welchen man
leicht des Guten _zu_ viel thut. Aber unter den Geistern des Weins
fehlten nicht selten die Schauer des Todes. Ein Freund meiner Jugend
hatte ein unglckliches Ende genommen vor nicht langer Zeit, an der
Stelle, wo ich zechend sa, und solches erfuhr ich eben dort und durch
Zufall. Ich hatte Jahre lang nichts von ihm gehrt und ihn mir in
glcklicher Stellung gedacht.

Es wurden in Bremen die noch nthigen Einkufe gemacht und zugleich
der Rheder besucht. Es wird sich Letzterer wohl schwerlich mehr meiner
erinnern, denn Waarenballen, Menschen d.h. Passagiere, und solche
werden doch theilweise immer auch ein wenig als Menschen betrachtet,
Fsser, Taue, Zwiebackkisten und Aehnliches wurden dort mit gleicher
Hast expedirt. Auf mich aber machte jenes ganze Thun und Treiben einen
widerlichen Eindruck.

Endlich erhielten wir die Nachricht, das Schiff liege fertig bei Brake
und knne in einigen Tagen in See gehen. Es wurde Abschied genommen
von Bremen und auf dem Flu-Dampfer nach jenem Neste gefahren. Unser
Kapitain machte die Fahrt mit uns. Wir hatten ihn indessen schon frher
kennen gelernt im Rathskeller, aber dort so wie hier war noch keine
Gelegenheit einen Kapitain im eigentlichen Sinne des Worts kennen
zu lernen. Erst am Bord seines Schiffes traten die unerllichen
Untugenden seines Standes hervor. Am Lande ist das Verhltni
Brautstand-artig. Ehestandlich am Bord, sehr stark ehestandlich,
flitterwochenlos. Ich komme spter auf Kapitain H.....dorf zurck,
und auf das gegenseitige Verhltni zwischen Kapitain und Passagieren
berhaupt.

Die Gegend um Brake hatte auf mich einen niederdrckenden Eindruck
gemacht. Einen noch langweiligeren aber die Bevlkerung des Fleckens.
Freilich kamen wir nur mit den Wirthen des Orts und einigen Krmern
in Berhrung, deren Unart und Dnkel theilweise dadurch entschuldigt
werden mag, da sie fast einzig mit Auswanderern in Berhrung kommen.
Mir scheint als trete da eine schlimme Seite der Menschennatur so recht
in's wahre Licht. Die fast sichere Aussicht liegt vor, da sich Wirth
und Gste nie mehr sehen, und so geht man rcksichtslos zu Werke. Alle
Prellereien, anderwrts mit obligater Artigkeit ausgefhrt, werden
hier grob und ohne Maske vorgenommen. Man hat es doch nur mit Gesindel
zu thun, und ob erst drben oder schon hier im alten deutschen
Vaterlande diese Parias beraubt werden, -- was liegt daran? Auf der
andern Seite pat leider die Benennung Gesindel nicht selten auf jene
auswandernden Massen.

Wir, die zuknftigen Passagiere der Brigg _Reform_, fanden uns
allmlig in Brake zusammen, und schon der Augenschein gab, da die
neue Genossenschaft aus besseren Elementen bestand, als gewhnlich. Die
achtzehn Passagiere der Kajte gehrten alle den gebildeten Stnden
an, und solches war auch theilweise, fast in berwiegender Mehrzahl,
bei jenen des Zwischendeckes der Fall. Bei allen aber schien
durchzuleuchten, da man sich nicht in Rohheit gefallen wolle.

Jugendlicher Uebermuth freilich fehlte nicht, und abenteuerlich genug
waren wohl Tracht und Waffen der Mehrzahl.

Mancherlei kurze Schwerter hingen da an den Hften; Bchsen und
Doppelflinten waren in jeder Hand; whrend Dolch und Pistolen (oft von
bedrohlicher Construction) halb versteckt, Gefhrliches ahnen lieen.
Den grauen, jetzt (1854) stark anrchigen Hut schmckte die rothe
Feder. Ach, es hat sich mancher gemausert auf jener Reise!

Gemeinsamer Genu von faulem Wasser und perpetuirlichem Salzfleisch
vereinigen auf merkwrdige Weise politische Meinungen, und wirken nicht
gnstig auf den erwhnten Federschmuck.

Ich habe dort die Stimmungen studirt, die sich bei den Auswanderern kund
gaben und nicht selten die Mhe, die man anwendete, sie zu verbergen.
Unter der Maske der Heiterkeit mag doch wohl manches Herz krampfhaft
geschlagen haben, denn _Keiner_, im weitesten Sinne des Worts,
_Keiner_ kann sein Vaterland gleichgltig, leichten Herzens fr immer
verlassen. Freilich ist der Begriff des Wortes Vaterland individuell.
Ich habe einen jungen Mann gekannt, und er machte die Reise mit uns,
welcher den wchentlichen Kchenzettel seines vterlichen Hauses
als sein Vaterland betrachtete. Das heit, der Begriff Heimath war bei
jenem identisch mit heimischer Speise und Trank. Familie und Freunde
sind einem andern, Gesetz und Sitte einem dritten das, woran er hngt,
was er schwer verlt, wonach er sich sehnt in der Ferne, was er
unbewut Vaterland nennt.

Der ganze Geist des Volkes, dem man angehrt, sein errungenes Wissen,
die Schpfungen seines Kunstsinnes, die Fortschritte seiner Technik,
ist wieder einem andern das Vaterland. Die =altera natura=, die
Gewohnheit, die langjhrige, die von der Wiege an unsere Begleiterin
war, giet ihren Zauber aus ber all das Genannte, vom Pflaumenmue
an, welches alle Sonnabende im heimlichen Familienkreise genossen
wird, bis zu den hchsten Errungenschaften der Wissenschaft, Kunst und
Gesittung.--

Aber da man alles das was lieb und theuer durch Gemthes-, Verstands-
und Gewohnheits-Bande, ungern verlt, wollte dort in Brake mancher
nicht Wort haben, und das perfide =ubi bene ibi patria= wurde nicht
selten gehrt, wenn wohl bisweilen mit krankem Herzen gesungen.

Auch ich verlie viel des Lieben und Theuern, aber ich wute, da ich
zurckkehren wrde, so hatte ich gut beobachten.

Nach einigen Tagen Aufenthalt in Brake wurden uns endlich die Pforten
des Paradieses geffnet. Wir durften an Bord, von unseren Kojen Besitz
nehmen, uns einrichten. In einigen Tagen sollte die Reise beginnen.
Mancher fand sich ohne Zweifel da bitter enttuscht. Man hatte sich
Kajten gedacht mit spiegelhellen Fenstern und erhebender Aussicht auf
die dunkelblauen Wogen.

Diese Kajte hatte ohne Zweifel blank gebohnte Wnde irgend eines
fremdlndischen Holzes, diese Wnde waren vielleicht eingefat mit
polirtem Messing, dem Golde hnlich. Eine Hngematte wiegte sich in
dem behaglichen Raume, den eine Cigarre aus der Havanna durchwrzte.--

Als wir mit einiger Beschwerlichkeit an Bord geklettert waren und uns
durch ein Chaos von Kisten, Koffern, Ballen, Tonnen und Aehnlichem
gewunden hatten, fanden wir etwa folgende Einrichtung: Ein schmaler Gang
fhrte vom Deck aus gegen das Steuer zu, zur Kajte des Kapitains,
und links von diesem Gange eine Oeffnung zu einer leiterartigen, vom
Zimmermann zugehauenen Treppe, auf welcher man in die Passagier-Kajte
hinab_stieg_, nach Umstnden auch _fiel_.

Nun befand man sich in einem Raume der kaum fnf Schritte breit
war. Die Wnde dieses Raums, der Kajte, waren aus Brettern
zusammengenagelt, mit einer sicher beispiellos billigen Tapete beklebt
und mit acht weiteren Oeffnungen versehen, durch welche man in die Kojen
gelangte. Das Licht in der Kajte wurde eingelassen durch ein Loch in
der Decke, das sogenannte Skylight, von etwa 4 Fu Durchmesser.

Die Kojen, die hlzernen an den Wnden des Schiffes unmittelbar
befestigten Schlafstellen, hatten einen kleinen Vorraum, in welchem ein
miger Koffer Raum fand, und ein Mann sich aus- und ankleiden konnte,
und dieser Raum war durch einen Kattun-Vorhang von der gemeinsamen
Kajte getrennt. In sechs dieser kleinen Rume waren je zwei
Schlafstellen, eine oberhalb der andern angebracht. In zwei weiteren,
davon eine ich bezog, vier Schlafstellen, auf jeder Seite zwei. In Mitte
der gemeinschaftlichen Kajte war ein, fast die ganze Lnge derselben
ausfllender Tisch von rauhem Holze befestigt, anfnglich von
Feldsthlen umstellt, von etwas zerbrechlicher Construktion, spter
von zwei festgenagelten langen Bnken. Die dem Vordertheile des
Schiffes zugewendete Seite enthielt eine Art Wandschrank, in welchem
anfnglich die Glser aufbewahrt wurden, deren Zahl aber bald bis
auf zwei oder drei geschmolzen war. Das =vis  vis= dieses Schrankes
bildete ein Sopha auf welchem vier Personen Platz hatten, und
welches gewhnlich von sechsen besetzt war. Solches war die
Kajten-Herrlichkeit der Reform. Das Zwischendeck war von unserer
Kajte nur durch eine Bretterwand geschieden. Von einer eigentlichen
Kajte war hienach keine Rede. Die Reform war ursprnglich nicht zum
Passagier-Schiff bestimmt, sondern zum Waaren-Transport; da sie jetzt
Menschen nach Kalifornien bringen sollte, wurde das Zwischendeck durch
eine Wand getrennt und die Abtheilung fr die, welche etwas mehr
bezahlt hatten, mit Papier beklebt. Im Uebrigen war der Raum sowohl uns
als den Passagieren des sogenannten Zwischendeckes im Verhltni der
Menschen-Anzahl gleich zugemessen, denn jene, etwa fnfzig an der Zahl,
konnten sich ebenfalls kaum rhren.

Wenn man zu diesen Entdeckungen, die vorlufig keine sehr behagliche
Fahrt versprachen, das Drngen und Treiben, die Unruhe und Hast
des Augenblicks nahm, so war der erste Eindruck, den die Reform
hervorbrachte, kein angenehmer zu nennen.

Ich habe dort eine Reminiscenz aus meiner Jugendzeit empfunden, und das
zwar an den ersten Tag, welchen ich im Erziehungsinstitute zu Neuberg an
der Donau zubrachte. Auch in gastronomischer Beziehung fand ich spter
mancherlei Aehnlichkeit.

Nach zwei Tagen der Unruhen und Plackereien aller Art, als wir endlich
auf dem Punkte waren, so ziemlich eingerichtet zu sein, kam eine Art
Supercargo, geschickt vom Rheder, um eine Revision unseres Gepckes
abzuhalten. Neue Scheererei. Ich war dort auf dem Punkte meinen ganzen
Vorrath von Rothwein und englischem Biere, welchen ich fr die Reise
gekauft hatte, in die Weser werfen zu lassen. Der Rheder hatte mir
zugesagt, ich htte fr mitzunehmende Victualien und Gepck Nichts zu
zahlen. Muten doch W. und ich ohnehin schon jeder fnfzig Thaler mehr
Passage zahlen, als die andern Passagiere der Kajte! Der Supercargo
forderte jetzt fr die freilich ziemlich volumins verpackten Flaschen
dreiig und etliche Thaler Fracht. Ich berief mich auf das mir gegebene
Wort. Man verlangte Schriftliches. Als die Sache anfing unangenehm zu
werden, bat mich W., ihm das Ordnen der Angelegenheit zu berlassen.
Ich willigte ein und kam mit zehn Thalern davon.

Auch der Supercargo hatte endlich die Reform verlassen. Unsere
Einrichtungen waren ziemlich beendet, das heit, es hatte jeder so
viel seines Gepckes als mglich in den ohnehin engen Raum der Kajte
gestaut, man hatte sich in den Kojen ausgetheilt und jeder hatte sich
gekleidet wie er es eben passend und wohlanstndig hielt. Schon jetzt
aber begann die eigenthmliche, indessen groentheils nothwendige
Geheimnikrmerei in Betreff der Unternehmungen des Kapitains, welche
wohl auf jedem Passagierschiff herrscht. Niemand wute etwas Sicheres
ber die Abfahrt. Dumpfe Gerchte verbreiteten sich unter den
Passagieren, man werde noch am Abend einige Stunden abwrts treiben.
Indessen nichts Gewisses. Endlich -- gegen Abend -- wurden die Anker
gelichtet und wir fingen an langsam abwrts auf der Weser zu treiben.




II.

Fahrt nach Rio Janeiro.


Der groartige erste Eindruck des Anblicks der See geht unbedingt
verloren bei der Abfahrt von Bremen. Man treibt abwrts auf der Weser,
man sieht stets die beiden Ufer des Flusses, der, wenn gleich ziemlich
breit, doch immer noch Flu ist. Aber allmlig ziehen sich die Ufer
zurck, man sieht Bremerhaven, und ist dann auf einmal in die See
gekommen, ohne zu wissen, wie.

Ueberhaupt kommt bei der Abfahrt von Bremen oder Hamburg noch hinzu,
da man den Kanal zu durchschiffen hat. Auch der Abschied vom alten
Europa wirkt nicht pltzlich ein. Allenthalben noch ein Fleckchen Land,
bald Frankreich, bald England.

Ein anderes ist es, wenn der Reisende das Festland von einem Hafen aus
verlt, der sogleich in die See fhrt. Dort fllt das Groe, das
Unendliche der Erscheinung pltzlich und massenhaft in's Auge, und
Land so wie See erscheint, gegenseitig sich zur Folie dienend, gleich
groartig. Solches war bei allen Hfen von Sdamerika der Fall,
welche ich besuchte. Hat man aber auch die See schon befahren und ist
an das Imposante des Anblicks gewhnt, so macht das unerwartete
Hervortreten desselben stets einen berraschenden und in der That
unvergelichen Eindruck.

So kletterte ich eines Nachmittags durch einige waldige Schluchten
unweit Valparaiso, bestieg endlich einige steile Gehge und glaubte,
vermge meiner jenes Mal noch mangelnden Ortskenntni, jenseits des
erstiegenen Berges in ein ausgedehntes waldiges Thal zu kommen, in
welchem ich Colibri wute, die ich jagen wollte. Aber ich war irre
gegangen, und stand nach Ersteigung des Berges an einem steilen Abhange,
der den ganzen unbeschrnkten Anblick der See gestattete. Dort wute
ich einige Augenblicke lang nicht wie mir geschah, denn wo ich mir
grnes, bebuschtes Thal gedacht, lag pltzlich eine endlose Flche
des feurigsten Ultramarin vor mir, klar, hell, glnzend in sdlicher
Sonne, nebelfrei und spiegelglatt, mit kaum zu bezeichnender Grnze
gegen den Himmel, der, wolkenlos, mit der See an Farbenpracht
wetteiferte.--

Auf hoher See selbst, ohne Blick auf irgend eine Kste, verliert
nach meiner individuellen Ansicht wenigstens die Gre des Eindrucks
bedeutend.

Ich habe nicht selten Augenblicke gehabt, in welchem mir die Entfernung
von Bord aus bis an die sichtbare Grnze der See gegen den Horizont
wirklich lcherlich nahe erschien, eine Flintenschu-Weite etwa. Man
glaubt auf einer Scheibe zu stehen, deren Mittelpunkt das Schiff ist.
Nicht ich allein erhielt diesen Eindruck, es theilten ihn viele der
anderen Passagiere. Aber schon ein schwimmender Vogel zerstrt jene
unangenehme Tuschung groentheils und ein Segel, welches am Horizonte
auftaucht, oder eine ferne Kste stellt den Begriff mchtiger
Fernsicht wieder her.--

Nach diesen Abschweifungen ber den ersten Anblick der See, kehre ich
auf die nicht sehr klaren Wogen der Weser zurck und beeile mich, die
welche den Muth haben (figrlich gesprochen, ich meine den Muth die
Langeweile zu bekmpfen) mir auf meiner Reise zu folgen, -- ich beeile
mich, sage ich, sie von der Weser auf den Kanal, und auch von dort wo
mglich baldigst auf hohe See zu bringen.

Ich folge hier einfach den Eindrcken, wie ich sie empfunden, denn
Merkwrdiges oder Neues wenigstens ist nicht zu berichten von einer
durchschifften Strecke, die schon vielfach beschrieben worden.--

Uns aber, den Passagieren der Reform, war mancherlei fremd, ungesehen
wenigstens, wenn gleich schon fters gehrt, gelesen. Unsere
erste Fahrt auf der Weser dauerte einige Stunden, dann wurden bei
einbrechender Nacht die Anker geworfen. Des anderen Tages schlechter
Wind, das heit, gar keiner, und langsames Treiben auf dem Flusse einem
Holzfloe hnlich. Enten und Mven schwrmten um das Schiff, ich
scho einige derselben, aber wir konnten ihrer nicht habhaft werden.

Endlich wieder bessern Wind; wir sahen Bremerhaven und kamen am
28. April in die Nordsee. Wangerooge wurde uns gezeigt, und auf eine
Zeit lang entschwand Europa unseren Blicken.

Auf der Nordsee sah ich die ersten Quallen. Manche derselben wurden
gefangen und von mir gezeichnet. Zu wenig aber bewandert in diesem
Zweige der Zoologie, darf ich nicht hoffen, Neues den Mnnern vom
Fach bieten zu knnen, und so mgen jene auf der Reise gesammelten,
ziemlich zahlreichen Skizzen in meiner Mappe bleiben, einfach zur
Erinnerung fr mich allein.

Indessen werde ich spter Gelegenheit haben auf diese eigenthmlichen
Geschpfe zurckzukommen und einige Notizen ber sie meinen
Lesern vorzufhren. Ich war zu jener Zeit nach einigen Tagen des
Zusammenlebens schon als der Naturforscher an Bord von den Genossen
anerkannt worden, und freundlich wurde mir Alles dahin Bezgliche
eingehndigt, dessen man habhaft werden konnte.

Hier kann ich nicht umhin einige Worte zur nheren Bezeichnung meiner
Reisegefhrten einflieen zu lassen, und es gereicht mir, der ich
stets lieber gelobt als getadelt habe, zu groer Befriedigung, der
Wahrheit getreu, hier nur Freundliches berichten zu drfen.

Die Passagiere der Kajte waren meist junge Kaufleute, welche in
Kalifornien ihr Glck zu machen hofften. Einige gehrten auch, wie ich
glaube, keinem besonderen Stande an, und durften einfach als die
Shne ihrer Vter betrachtet werden. Ein lterer Herr, ebenfalls
Kajten-Passagier, hatte frher in preuischen Diensten gestanden
und wurde Lieutenant genannt. Ich habe whrend des viermonatlichen
Zusammenlebens mit diesen Leuten fast nie einen Zank oder Streit
gehrt und kleine Mihelligkeiten, unvermeidlich auf dem engen uns
zugemessenen Raume, blieben stets in den Grnzen des Anstandes. Ein
Fall von momentaner Tobsucht, hervorgerufen durch ungewohnten Genu von
Spirituosen kann nicht wohl als Ausnahme betrachtet werden. Ich
erwhne dessen vielleicht spter. Da indessen kleine Neckereien mit
unterliefen, lt sich denken, und fast wollte es in der ersten
Zeit der Fahrt scheinen, als solle ein oder das andere Individuum zur
stndigen Zielscheibe erwhlt werden. Ich glaube einigen Theil zu
haben, da die nicht wirklich geschah.

Was das Benehmen der Genossen gegen mich betraf, so mu ich
wiederholen, da solches das freundlichste gewesen, und mit dankbarer
Anerkennung darf ich aussprechen, da meine naturwissenschaftlichen
Bestrebungen den lebhaftesten Anklang, und wo immer mglich, Hlfe und
Beistand erfuhren. Was auch zu fischen und zu haschen war auf der
See, brachte man mir, leistete hlfreiche Hand beim Prpariren und
Zeichnen, und berlie mir willig den halben Raum der Kajte zum
Lesen und Schreiben. Aber auch in anderen Beziehungen war man gefllig,
freundlich und zuvorkommend gegen mich, ich habe nie mit irgend einem
der Genossen einen Aerger gehabt, ja ich erinnere mich keines Zwistes.

Das Benehmen der Zwischendeck-Passagiere gegen mich war dasselbe wie
das der Kajten-Passagiere, und ich mu einfach das dort Gesagte
wiederholen. Indessen kamen im Zwischendecke wohl einigemal
Streitigkeiten vor, doch selten und bald geschlichtet. Da Leute von
ziemlich verschiedener Bildung, wohl auch Ansicht und Leidenschaft,
dort zusammen leben muten, und bei noch beengterem Raume als in der
Kajte, waren dort Zwiste wohl unvermeidlich. Indessen waren mehrere
recht liebenswrdige Leute im Zwischendecke und ich erwhne als einer
auffallenden und angenehmen Erscheinung eines Franzosen, der frher
in Algier gefochten hatte und nun im Goldlande sein Glck verfolgen
wollte. Ein feiner und gebildeter Mann, der ernst in's Leben schaute,
aber dabei, so viel es nur immer thunlich, die Sorgfalt seiner Toilette
nicht versumte. Ich glaube, er war der einzige Passagier der Reform,
der sich wchentlich mehrmal rasirte. Er war offenbar aus guter
Familie. Was hatte ihn nach Algier, was nach Kalifornien getrieben? Man
wute es nicht, denn solche Fragen werden nie an Bord gestellt und noch
weniger in berseeischen Lndern selbst gethan. Hkchen oder Haken
hat es da wohl nicht selten und so mag dort der alte Mantel christlicher
Liebe in die gefllige Form moderner Weltanschauung gebracht,
gegenseitig ersprieliche Dienste leisten.--

Auch musikalische Talente fehlten nicht im Zwischendecke, und wurden
mit mehr oder minderem Erfolge anerkannt. Noch mu ich eines Pudels
errwhnen, intelligent wie alle seiner Race und vielfach erfahren
in hndischen Knsten. Er unterhielt nicht selten die ganze
Genossenschaft, htte aber spter fast zu einer Tragdie Anla
gegeben.

Zu den 18 Passagieren der Kajte und den etlichen vierzig im
Zwischendecke kommen noch zwei weitere Passagiere, die in der oberen
Kajte des Kapitains Platz gefunden hatten. Der Schiffsarzt und seine
Frau hatten eine kleine Koje ohnweit der Kapitains-Kajte inne.

Ich kann nicht wohl dem freundlichen Leser meine Reise und Begebnisse
erzhlen, ohne da ich ihnen eben die erhaltenen Eindrcke vorfhre,
wie sie sich mir einprgten. Werde ich auch hufig den Ort anzugeben
genthigt sein, so mag doch die Tagbuchform nur im Nothfalle zu Hlfe
genommen werden. So melde ich denn jetzt, da wir am 28. April
gegen Mittag in den Kanal einfuhren. Wir hatten abwechselnd gutes und
schlechtes Wetter, das heit frischen Wind oder flauen, wie nmlich
die Seeleute das Wetter betrachten, nach unseren Begriffen wurde ein
kalter Regen, der hufig fiel, auch zum schlechten Wetter gerechnet.

Am 2. Mai hatten wir den Kanal passirt. Die Fahrt durch den Kanal ist
mannichfach geschildert worden, und ich will die Freunde und mich nicht
damit ermden, Dinge zu wiederholen, die wohl besser beschrieben
worden sind, als ich es vermchte, nach den flchtigen Skizzen in
Zeichenmappe und Tagebuch. Da der Kanal belebt ist, was man in diesem
Sinne belebt nennt, nmlich mit Hunderten von Fahrzeugen bedeckt,
wei jedermann und auch wir sahen Schiffe jeder Art in Nhe und Ferne.
Ohnweit Dover, welches ich der Nhe halber ertrglich zeichnen
konnte, kamen Fischer an Bord, weniger in der Absicht Fische an uns zu
verkaufen, als Briefe nach Europa von uns, gegen eine Vergtung, zu
befrdern. Ich wei nicht, ob sie Geschfte machten, und kann mich
nur erinnern, da ich in einem Anfalle von Sparsamkeits-Laune ihre
Forderung zu hoch fand, und keinen Brief nach Hause sendete, was ich
spter bereute.

Quallen und allerlei anderes Seegethier wurde auch whrend der Fahrt
durch den Kanal hufig aufgefischt und mir berbracht. Aber auch
Landbewohner kamen an Bord; Sperlinge nmlich und ein finkenhnlicher
Vogel. Sie verlieen uns wieder, nachdem sie im Tauwerk sich
hinlnglich ausgeruht.

An der Stelle des Kanals, von welcher man die franzsische und
englische Kste zugleich in Sicht hat, hing sich endlich das Gespinnst
von =Tetragnatha extensa= an Taue und Segel. Da ich bescheidene Zweifel
hege, da alle meine freundlichen Leser genau wissen, wer oder was
=Tetragnatha extensa= ist, so nehme ich mir die Freiheit zu bemerken,
da es die Spinne ist, deren fliegendes Gewebe man Sommerfden, oder
alten Weibersommer nennt. Da wir Seitenwind von der englischen Kste
her hatten und mithin die Fden ohne Zweifel in England gesponnen
worden waren, so nahm ich Gelegenheit den Reisegefhrten zu erzhlen,
da ein Englnder Chaucer im 14. Jahrhundert zuerst der Sommerfden
Erwhnung thut, und sie in einem Gedichte besang.

Man bewunderte meine Gelehrsamkeit und einige Stunden darauf eben so
die Virtuositt, welche ich in der Konsumtion von Portwein an den
Tag legte. Zu jener anfnglichen Zeit der Reise bestand zwischen dem
Kapitain und den Reisenden noch ein freundliches Vernehmen, und ersterer
hatte mehrere von uns eingeladen mit ihm ein Glas Wein in seiner
Kajte zu trinken. Es blieb nicht bei einem Glase, und mancher wurde
todtenhnlich vom Schlachtfelde gebracht. Dort habe ich Sddeutschland
glnzend vertreten.

Aber whrend ich mannichfacher Besuche erwhnte, die wir von See und
Land aus erhielten, habe ich noch mit keiner Sylbe von jenem schlimmsten
Gaste gesprochen, der dem beginnenden Seefahrer schon am Lande Angst
und Schrecken einjagt, auf der See aber directe Verzweiflung bringt.
Jedermann wei, da ich die Seekrankheit meine. -- Schon auf der Weser
wurde einigen der Passagiere bel zu Muthe. Als wir in die Nordsee
eingelaufen waren, war der grte Theil derselben seekrank. Aber
whrend bei einigen das Unwohlsein kaum einige Tage dauerte, und dann
selbst beim strksten Sturme[1] spter nicht wiederkehrte, hatten
andere whrend der ganzen Reise zu kmpfen, und waren nur bei
vollstndiger Windstille verschont. So z.B. W. aus Nrnberg, welcher
nur selten seine Koje verlassen konnte und dessen Ausdauer ich stets
bewundert habe.

Aber es giebt noch eine dritte Modifikation der Seekrankheit, jene
welche jedesmal bei schlimmem Wetter, bei hoher See wiederkehrt, und
mit mehr oder weniger Heftigkeit sich Jahre lang, Jahrzehente und selbst
lnger wiederholt.

Ich habe einen alten sehr tchtigen Seemann, einen chten
Seebren, gekannt, der dreiig Jahre lang alle Meere der Erde
befahren und wahrlich nicht aus weichlichem Stoffe geformt war. Aber bei
hoher See wurde ihm unheimlich zu Muthe. Ich habe spter eine
lngere Fahrt mit ihm bestanden, und als wir jene unangenehmen Stellen
besuchten, wo fast fortwhrend 20 bis 25 Fu hohe Wellen ihre Tcke
bten, habe ich nicht selten mit Bedauern das leidige mich ist flau
aus seinem Munde vernommen.

Das eigentliche Erbrechen, -- nennen wir es beim rechten Namen, ohne die
bei dieser Gelegenheit blichen Umschreibungen zu gebrauchen, -- ist
aber nicht allein der Ausdruck der Seekrankheit. Ich habe Passagiere
gesehen, welche lange Zeit bleich und still umherschlichen, so bald
ein wenig Wind die See bewegte, ohne sich zu erbrechen, und diese
behaupteten nicht seekrank zu sein. Aber ich glaube nicht, da sie um
Vieles besser daran waren, als die brigen.

Unter den Reisenden auf der Reform befanden sich, wie ich glaube, kaum
mehr als vier oder fnf Personen, welche verschont blieben, und ich
hatte das Glck zu diesen Bevorzugten zu gehren.

Allerdings hatte ich in den ersten Tagen der Fahrt einigemal das Gefhl
leichten Schwindels, nie aber irgendwie ein weiteres Unwohlsein, mit dem
bekannten unangenehmen Anhngsel. Durch ein Glas irgend eines geistigen
Getrnks waren jene unbedeutenden Anflle indessen leicht gehoben.

Einigermaen mag durch ein keckes Entgegentreten und festen Willen
immerhin der Seekrankheit zu begegnen sein. Ich meine nmlich die
leichteren Modifikationen derselben, deren erste Motive gewi im
Nervensystem zu suchen sind. Aber es ist schwierig, hierauf nher
einzugehen.

Uebrigens gestehe ich, da ich berzeugt war seekrank zu werden, und
mich nicht eben besonders auf die neuen Erfahrungen freute, welche ich
zu machen frchtete. Aber als bereits schon ein Theil der Reisenden in
verdchtigen Situationen zu sehen waren, whrend ich mich vollkommen
gesund befand, schpfte ich frischen Muth.

Unsere Fahrt durch den atlantischen Ocean bot keine eigentlichen
Abenteuer dar. Wir hatten keine Gefechte mit Piraten, wir litten
nicht Schiffbruch und hatten keinen Schiffsbrand. Aber doch sahen
wir Allerlei, was dem Binnenlnder neu, seltsam, und nach Umstnden
erheiternd oder bedrohlich erscheinen mochte.

Allein auf sich beschrnkt und eingeschlossen von jener unendlichen
Wasserwste, wird den Passagieren sowohl wie der Mannschaft die
kleinste Neuigkeit zum Ereignisse. Ein Fisch, der dem Schiffe folgt,
Seevgel, ein fernes Segel, oder irgend eine Erscheinung am Himmel,
alles weckt das gemeinschaftliche Interesse. So war das erste Schiff,
welches wir am 8. Mai auerhalb des Kanales trafen, fr uns ein
Gegenstand, der groes Interesse erweckte. Es wurde mit jenem Schiffe
geflaggt, d.h. der seemnnische Gru gegeben, durch mehrmaliges
Aufziehen und Herablassen der Flagge. Der Spanier, denn das Schiff war
ein spanisches, erwiederte den Gru mit Artigkeit und so zogen wir an
einander vorber wie zwei hfliche Mnner, die sich mehrfach mit dem
Hute gren, wohl auch noch mit der Hand bewinken, ehe sie gnzlich
scheiden. Alle Nationen ziehen die Flagge gegenseitig auf und geben so
ein Zeichen der Hflichkeit von sich, mit Ausnahme des Nordamerikaners,
welcher, aus Artigkeit wenigstens, vor einem Schiffe gleichen Ranges
keine Flagge aufzieht. Bei amerikanischen Kauffahrern ist dies immer
der Fall und so oft wir spter einem Yankee begegneten, habe ich
unwillkrlich an einen Gentleman gedacht, der die Hnde in den
Taschen, den Hut auf dem Kopfe und die beiden Fe auf dem Tische
liegen hat.

Den ersten Zug von Delphinen sahen wir Tags darauf, den 9. Mai, unter
1414' westlicher Lnge und 3558' nrdlicher Breite. Tmmler
(=Delphinus phocaena=) hatten wir in der Nordsee und am Eingange des
Kanals mehrere gesehen. Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, da
die Thiere, welche der Seefahrer berhaupt Delphin, oder eigentlich
Schweinfisch nennt, sehr verschiedenen Arten angehren, von welchen
viele den Zoologen nicht genau bekannt sind; denn diejenigen Arten,
welche nur auf hoher See, oder an unbewohnten Ksten sich aufhalten,
kommen nur durch Zufall in kundige Hnde, wird gleichwohl hie und da
auf der See einer gefangen. Die Fabeln, welche sich die Alten von
den Delphinen erzhlten, werden theilweise gerechtfertigt durch die
Lebhaftigkeit und Intelligenz, welche diese Thiere beweisen. Jener erste
Zug, welcher uns entgegenkam, wohl etwa dreiig bis vierzig Individuen,
begleitete das Schiff lngere Zeit, spielend um das Bugspriet, bald
vorauseilend, bald zurckbleibend und wieder dann in verdoppelter
Eile nachkommend. Es scheint dieses Begleiten der Schiffe, welches
die Delphine fast immer thun, keineswegs zu geschehen, um irgend eine
Nahrung zu erhaschen, sondern es hat den Anschein als geschehe es allein
aus Heiterkeit oder um einen Weltlauf zu veranstalten.

Der Kapitain warf mit einer Harpune nach einem der Thiere und traf es
auch wirklich; als man es aber herausholen wollte, ri die Harpune aus,
und das Thier gieng, schwer verwundet, verloren. Dies geschah brigens
fast immer, da die Widerhaken der Harpunen zu klein sind, um das Gewicht
des Thieres, sobald es aus dem Wasser ist, tragen zu knnen.

Wir haben auf der ganzen Fahrt bis nach Valparaiso nicht einen einzigen
Delphin bekommen, whrend wir sicher acht bis zehn Stcke schwer
verwundeten. Erst auf der Rckreise wurden wir einiger habhaft, und
ich schmeichle mir, dort etwas dazu beigetragen zu haben; indessen davon
spter.

Unter jenen Breitegraden trafen wir berhaupt hufig Delphine und
schon Tags darauf kam wieder ein Zug in die Nhe der Reform. Es
schienen die Thiere diesesmal eine Art Vorposten ausgeschickt zu haben,
denn der Hauptzug, etwa 50 Thiere, folgte langsam und dicht geschlossen,
whrend fnf oder sechs derselben voraus und auf das Schiff zueilten.
Als sie hierauf an der Steuerbord-Seite angelangt, sich wie gewhnlich
anschickten, das Schiff zu begleiten, harpunirte der Kapitain einen
derselben, welcher, schwer getroffen, aber noch im Wasser, so heftige
Bewegungen machte, da er losri und verloren gieng, whrend das
Eisen der Harpune durch die Anstrengungen des Thieres fast im rechten
Winkel gebogen an Bord gezogen wurde. Ich stand neben dem Kapitain, und
half ihm die Leine fixieren, da die Mannschaft noch an einigen Stellen
ebenfalls auf der Lauer stand. Das auffallende und wirklich Intelligenz
verrathende Benehmen der Kameraden des Verwundeten setzte mich dort
hchlich in Erstaunen. Sobald das Thier getroffen war und sich, die See
mit Blut frbend, wieder losgerissen hatte, waren die nchsten an Bord
mit der Schnelligkeit des Blitzes verschwunden. Bei jenem groen, in
beilufiger Entfernung von zwei oder drei Schiffslngen nachkommenden
Zuge konnte man aber die deutlichen Zeichen der Mibilligung und
Entrstung beobachten. Die Thiere sprangen knurrend und eigenthmliche
Tne von sich gebend ber das Wasser empor, schlugen augenblicklich
eine der unseren entgegengesetzte Richtung ein, und in dem vorher
wohlgeordneten Haufen war ersichtlich Verwirrung und Schrecken
eingetreten. Mir schien, als wollten uns jene Delphine ihren Zorn und
ihre Krnkung zu erkennen geben, da wir sie mrderisch empfangen,
sie, die gekommen, uns als Fremdlinge zu begren, und uns eine
Strecke weit freundlich zu begleiten.

Die Matrosen hatten eine andere Lesart. Sie sagten, wenn ein
Schweinfisch geschossen ist und geht, d.h. wenn der Harpunirte schwer
verwundet sich losreit, so freuen sich die anderen, schwimmen ihm
nach, beien ihn vollends todt und fressen ihn auf. -- Man sieht, da
die Seeleute die Sache von menschlichem Standpunkte aus auffaten. Aber
ich hatte mir meine Poesie nicht nehmen lassen. Einige Tage spter,
am 12. Mai, 16 Lnge und 3051' Breite, lie sich die Nhe des
Landes spren, ohne da wir solches in Sicht bekamen. Wir segelten
nmlich mit gutem Ostwind zwischen der afrikanischen Kste und den
kanarischen Inseln durch. Schwalben schwirrten auf See und Bienen kamen
an Bord, auch wurde mir ein kleiner Kfer gebracht. Bald zeigte sich
auch ein Falke, der auf die Schwalben Jagd machte.

Aber alle schienen Flchtlinge und Verschlagene zu sein, des Ostwinds
halber wohl afrikanische. Die Schwalben kamen an Bord, und eine fiel
bald todt auf das Verdeck. Es war unsere kleine blaue Hausschwalbe
(=Hirundo urbica=), wenigstens sah sie ihr tuschend hnlich.

Ich frage bei dieser Gelegenheit: wo ist der Instinkt dieser Thiere
geblieben, welche im Frhjahr und Herbst so weite Reisen machen, und
hier, einige Stunden vom Lande entfernt, ihre Kste nicht mehr finden
konnten? Ich kann mir hierber keine Rechenschaft geben, und auch
darber nicht, da ihnen so bald die Krfte ausgegangen waren. Unsere
Entfernung von der Kste konnte kaum mehr als vier oder fnf Stunden
betragen. Auch der Falke kam an Bord, gieng wieder und wurde endlich
von den Passagieren des Zwischendeckes gefangen, als er zum zweitenmale,
vollstndig entkrftet auf Deck sich niederlie. Man suchte ihn in
einer Art improvisirtem Bauer lebend zu erhalten und ich habe nicht
erfahren, was aus ihm geworden ist, denn er war in einigen Tagen
verschwunden.

In jenen Breitegraden fing die Nhe der Tropen bereits an, sich kund zu
geben. Das Wasser, dessen Temperatur ich, so wie jene der Luft, tglich
nahm, hatte +18R., die Luft frhe 9Uhr ebenfalls +18R.
Ach, mit welcher Behaglichkeit habe ich diese +18R. verglichen mit
der Temperatur des Kanales. In Betreff der Wrme befand ich mich dort
auf das Vortrefflichste.

Am 16. Mai sahen wir den ersten fliegenden Fisch. Von frhster Ingend
an hat fast Jedermann von diesem Wunder des Meeres erzhlen gehrt,
oder gelesen, und so lt sich wohl denken, da das erste Erscheinen
dieser scheinbaren Abnormitt allgemeines Interesse erregte. Ich
gehrte zu den Glcklichen, welche, zufllig auf Deck anwesend, den
ersten sahen. Des Nachts kamen mehrere auf das Verdeck, welche mir
am andern Morgen eingehndigt wurden. Diese Thiere scheinen fast
ausschlielich die Gegend unter den Wendekreisen zu bewohnen, denn von
da an (wir befanden uns am 16. Mai unter 2119' Lnge und 2110'
Breite), sahen wir fast tglich Zge dieser Thiere sich ber die
See erheben. Ich glaube, da es mit ihnen sich wie mit den Delphinen
verhalten mag und da manche Arten derselben wenig oder gar nicht
bekannt sind. Ich habe geglaubt, fnf Arten unterschieden zu haben,
blos von solchen, welche auf Deck fallend in unsere Hnde kamen. Aber
beweisen kann ich nichts, da ich leider nur ein Exemplar mit nach Hause
gebracht habe. Dieses Thier ist 11 Zoll lang und die Brustflossen, mit
welchen es die flughnliche Bewegung ausfhrt, messen etwas ber
6 Zoll; ich glaube, da es die bekannteste Art (=Exocoetus evolans=)
ist, und will es nicht weiter beschreiben, da es wohl in den meisten
zoologischen Museen zu sehen ist. Was ich ber das sogenannte Fliegen
dieser Thiere zu berichten wei, ist etwa Folgendes. Sie vermgen
beilufig eine Strecke von 1000 bis 1500 Schritten sich ber der
Oberflche des Wassers schwebend zu erhalten. Es ist brigens nicht so
leicht, dies mit einiger Sicherheit festzustellen, denn einmal tuschen
die Entfernungen auf See bedeutend, und auf der anderen Seite sieht man
sicher zehn Haufen dieser Fische schweben und in das Meer einfallen,
bis man einen sich erheben sieht, wahrscheinlich, weil die Nhe des
Schiffes sie strt. Es ist aber klar, da, um die Lnge des Fluges
bemessen zu knnen, man Aufstehen und Einfallen beobachtet haben mu.
Sie beschreiben in ihrem Fluge eine schwach gekrmmte, bogenfrmige
Linie, machen aber meist beim Einfallen in die See einen kurzen,
schwachen Haken. Man behauptet, da sie blos so lange sich in der Luft
zu halten vermchten, als die langen Brustflossen feucht seien, und
dies ist wahrscheinlich, eben so, da sie sich oft erheben, um den
Verfolgungen grerer Fische und der Delphine zu entgehen; indessen
glaube ich, da sie nicht selten auch einfach zu ihrem Vergngen eine
Flugpartie anstellen; ich habe wenigstens nie ein greres Thier,
einen Hai oder hnlichen Fisch an der Stelle oder in der Nhe des
Ortes, von welchem sich fliegende Fische erheben, bemerken knnen. Die
Hhe, in welcher sie sich ber das Wasser erheben, mag 4 bis 5 Fu
betragen, bei Tag sah ich sie wenigstens niemals diese Hhe
berschreiten. Dies scheint aber doch des Nachts der Fall zu sein,
indem sie dann ziemlich hufig auf Deck fallen, vielleicht von dem
Lichte beim Kompa verleitet, so glauben wenigstens die Seeleute. --
Der fliegende Fisch gehrt, wie bekannt, zu der Gattung der Hringe,
aber seine Zge sind nicht so zahlreich wie die des gemeinen Hrings
(=Clupea harengus=) und ich glaube nicht, da die Zahl eines Haufens
100 bis 200 Individuen berschreitet. Sein Fleisch bietet eine
wohlschmeckende und angenehme Speise, und stets willkommen an Bord ist
der unglckliche Verirrte, der des Morgens todt oder in den letzten
Zgen liegend auf Deck gefunden wird. -- So lange wir die Wendekreise
durchschifften, vergingen selten mehr als drei oder vier Tage, ohne da
wir mehreren Zgen dieser Thiere begegneten, ich werde aber, nun ich
ber sie berichtet, nicht weiter von ihnen sprechen; doch mu ich noch
einer Eigenthmlichkeit erwhnen.

Obgleich alle fliegende Fische, und wie ich schon anfhrte, jedenfalls
verschiedene Species, welche gefangen wurden, fett und wohlgenhrt
waren, fand ich doch im Magen von keinem derselben irgend eine
verschluckte Speise. Der Schiffskoch versicherte mich, dies sei bei
jedem fliegenden Fisch der Fall. Ich habe 18 bis 20 Individuen geffnet
und bei allen das gleiche Resultat gefunden. Nach unseren Begriffen von
fett sein und fett werden kann Letzteres leider nicht stattfinden, wenn
sich niemals etwas im Magen befindet, und so ist jene Thatsache immerhin
ein Rthsel. Ja, wenn der Kopf leer gewesen wre!

Wir befanden uns jetzt bereits seit einigen Tagen unter den Tropen, und
ich bewahre von jener Zeit die dankbarsten und freudigsten Erinnerungen.
Ich kann nicht sagen, da ich durch irgend etwas bedeutend berrascht
worden wre, nicht das nchtliche tiefe dunkle Blau des Himmels,
nicht das der See im glnzenden Lichte der Sonne, nicht die prachtvolle
Thierwelt des Meeres, die Quallen und ihre Stammverwandte, welche
Edelsteinen gleich in prunkenden Farben an uns vorber zogen, kam mir
unerwartet, obgleich Alles neu, wenigstens ungesehen war. Denn von Allem
dem hat wohl jeder Kunde, auch der die See nie gesehen, und ich hatte
mir diese Erscheinungen, wenn auch nicht figrlich getreu, doch in
gleicher Pracht, in gleichem Glanze vorgestellt. Aber genossen habe
ich diese Pracht, und ein freundliches Andenken jener schnen Zeit mir
aufbewahrt, fr die schlimmen Tage die etwa kommen wrden.

Sie sind gekommen jene Tage, sie sind gegangen, sie werden wieder kommen
und wieder gehen, aber das Bild jenes tropischen Glanzes wird keine
Perfidie trben, keine Gemeinheit verlschen knnen.

Zu den prachtvollsten Erscheinungen, die dem Seefahrer entgegen
treten, und welche sich hauptschlich eben unter den Wendekreisen am
glnzendsten gestalten, gehrt ohne Zweifel:

  _Das Leuchten der See,_

dem ich jetzt einige Seiten widmen will. Ich habe dieses Phnomen
verfolgt und beobachtet wo ich nur konnte, und obgleich ich nicht
zweifle, da die Erscheinung an sich sowohl, als auch die allgemeine
Ursache desselben ziemlich bekannt ist, kann ich doch nicht umhin einige
ber dieselbe gesammelte Erfahrungen mitzutheilen.

Es liegt in dem Blitzen und Funkeln des Meeres ein so eigenthmlicher
Zauber, ein solcher mystischer, geheimnivoller Reiz, da auch der,
welcher sich nicht um Ursache und Entstehung kmmert, stundenlang und
tglich jenem leuchtenden Spiele der Wellen zusehen kann.

Schon auf der Nordsee sahen wir zum erstenmale die See leuchten. Ich
wurde dort aus der Kajte auf's Deck gerufen, um die Erscheinung zu
beobachten. Es war nicht jenes prachtvolle glnzende Farbenspiel wie
es unter den Tropen getroffen wird, sondern es zeigte sich im Kielwasser
des Schiffes ein weilicher Schimmer, dicht am Steuer und kaum zwlf
bis fnfzehn Fu weit in die See reichend. Ich habe jenesmal, noch
nicht hinlnglich vertraut mit Bau und Einrichtung des Schiffes,
jenen Schein fr ein von einer Luke ausstrahlendes und sich im Wasser
spiegelndes Licht gehalten, und habe mich erst nach einiger Zeit
berzeugt, da das Licht kein reflektirtes war. Wie alle neue
Eindrcke, ist auch jener unverwischt geblieben, und ich sehe noch
heute das dunkle Steuer der Reform, umgeben von den fast milchwei
leuchtenden Wellen vor mir.

So lange das Meer von Menschen befahren wird, ist das Leuchten desselben
beobachtet worden; Homer und Plutarch haben es geschildert, zwar
nach dem wissenschaftlichen Standpunkte ihrer Zeit, aber auch mit der
blhenden Sprache derselben und ihrem scharfen Beobachtungsgeiste.
In neuerer Zeit sind verschiedene Theorieen ber jene Erscheinung
aufgestellt, mehrfache, ja viele Abhandlungen darber geschrieben
worden. Ich will den gegenwrtigen Notizen nicht auch einen gelehrten
Anstrich dadurch geben, da ich jene Literatur citire, obgleich
mir Manches darber zur Hand wre. Man hat zuerst in der Fulni
gestorbener Seethiere, dann in der Elektricitt den Grund zu finden
geglaubt, und erst spter, obgleich schon vor lngerer Zeit, kam man
darauf, die Ursache in gewissen Thieren zu finden, welche das Vermgen
besitzen einen leuchtenden Schein von sich zu geben.

Ich kann nicht behaupten, da nicht noch andere Grnde vorhanden sind,
aber nie, so oft ich auch beobachtet habe, ist mir ein anderer Grund
aufgestoen, als eben lebende Individuen, welche berhrt, oder
gereizt, die Ursache des Leuchtens waren.

Zerstreut in meinem Tagebuche finden sich eine Unzahl von Notizen ber
diesen Gegenstand und ich werde hier nur einige derselben folgen lassen.

Das Leuchten der See findet statt, leuchtender, intensiver, je mehr man
sich dem Aequator nhert, mithin je wrmer das Wasser ist. Ich habe
dasselbe indessen auf der nrdlichen Halbkugel weiter entfernt vom
Aequator getroffen, als auf der sdlichen. So z.B. wie ich schon
erwhnte, auch an der Nordsee, whrend ich auf der Rckreise vom
Kap Horn kommend, erst unter 41 sdlicher Breite wieder das erste
Leuchten, und das nur durch einzelne schwach schimmernde Punkte
ausgesprochen fand.

Unbedingt wird indessen die Erscheinung hufiger, und zugleich
prachtvoller auf dem atlantischen Ocean als auf dem stillen Meere
getroffen.

Tausende von Thieren, welche den verschiedensten Gattungen angehren,
haben das Vermgen zu leuchten. Obenan mgen die Akalephen und Salpen
stehen, bei denen, wegen der Gre vieler Arten, das Phnomen am
augenflligsten hervortritt. Die =Entomostraca= (Insektenkrebse)
scheinen fast alle zu leuchten.

Man hat angegeben, und Versuche scheinen die Wahrheit der Angabe
bewiesen zu haben, da der Schleim, welchen die Quallen absondern, und
ferner in Fulni bergegangene Thiere dieser Gattungen ebenfalls
leuchtend seien. Ich widerstreite dies keineswegs, aber whrend der
acht Monate, welche ich auf der See zubrachte, habe ich stets nur
_lebende_ Thiere leuchten sehen, d.h. die Thiere leuchteten, so
lange sie noch im Stande waren, sich zu bewegen, und contraktive oder
oscillirende Bewegungen zu machen. Ich habe nie ein Thier irgend einer
Art leuchten gesehen, ohne da ein fremder Reiz, d.h. vorzugsweise
Erschtterung auf dasselbe eingewirkt htte. _Ruhiges_ Seewasser
leuchtet nicht.

Ich habe nie das Leuchten der See als von Infusorien bedingt, getroffen.
-- Indem ich wiederhole, da ich hier blos _meine_ Erfahrungen ber
den fraglichen Gegenstand mittheilen, nicht aber widerstreiten will,
was etwa Andere gesehen haben mgen, will ich die beiden eben
ausgesprochenen Stze mit einigen Worten besprechen.

Ich habe nie die See weiter hin als im Umkreise des segelnden Schiffes
oder eines andern sich rasch bewegenden Krpers leuchten gesehen,
auer in zwei Fllen, welche ich gleich unten anfhren werde.
Die Thiere, welche das Leuchten bedingen, oder besser gesagt, welche
leuchten, sind vollkommen lichtlos, bis sie berhrt werden. In
den Gegenden um den Aequator, wo berhaupt das Leuchten am meisten
stattfindet, tritt die Erscheinung doppelt prachtvoll auf, wenn des Tags
ber kein zu starker Wind geherrscht, die Oberflche nicht zu sehr
bewegt gewesen.

Aber auch schon bei Tage sieht man bei solchem Wetter die Oberflche
des Wassers mit den meisten Thieren belebt. Bei strmischem Wetter
gehen ohne Zweifel diese Bewohner des Oceans in Tiefen, welche
auerhalb der bewegenden Kraft des Windes liegen. Bei ruhiger See
genieen sie, so denke ich, des Lichts und der Wrme. Der Ansto
des Schiffes direkt entweder an dieselben, oder der des heftig bewegten
durchschnittenen Wassers, bewirkt das Leuchten derselben; denn jede Art
von Reiz macht diese Wirkung auf sie.

Nicht selten treten innerhalb der Wendekreise Windstillen ein.
Aergerlich fr den Seemann, sind solche Stillen, bis auf einen gewissen
Punkt hin, fr den Naturforscher ein angenehmes Intermezzo. Vielerlei
Gethier kann dann aufgefischt, und manche Beute gewonnen werden, die bei
raschem Gange des Schiffes unserer spottend vorberzieht. Aber war auch
whrend solcher Stillen des Tages das Schiff still liegend oder nur
kaum merklich dahin treibend, umgeben mit der reichlichsten Fauna, es
zeigte sich des Nachts keine Spur von Meeresleuchten. Es wurden die
Thiere nicht durch die Bewegung des Schiffes angeregt, gereizt. Wirft
man aber in solchen Nchten irgend einen Krper in die See, ja
giet man nur ein Glas Wasser in dieselbe, so entsteht augenblicklich
lebhaftes Leuchten. Schpft man Wasser, so leuchtet die Stelle an
welcher das Gef die Oberflche des Meeres berhrt, lebhaft, und
das geschpfte und an Bord gebrachte Wasser leuchtet, wird es mit einem
Stabe geschlagen oder in einem Glase geschttelt. Dann leuchten aber
eigentlich blos einzelne grere oder kleinere Punkte, welche dem sie
umgebenden Wasser die Helle mittheilen. Diese Punkte sind mit einiger
Vorsicht und Uebung zu isoliren und erweisen sich als ein oder der
andere lebende Organismus. Giet man Schwefelsure oder eine
andere strkere Sure in die See, so entsteht momentan ein starkes
Aufleuchten, welches lnger anhlt und intensiver ist, als wenn
Wasser ausgegossen wird, da in diesem Falle nicht blos die mechanische
Erschtterung, sondern auch die chemische Einwirkung der Suren gegen
die Thiere auftritt.

Ganz besonders prachtvoll ist in solchen Nchten das Schauspiel, wenn
sich pltzlich ein leichter Wind erhebt und das Schiff die mit Thieren
reichlich bedeckte Oberflche der See durchschneidet. Das Bugspriet
eines Schiffes, das uns entgegenkmmt, scheint zu brennen, und
tausend glhende Tropfen spritzen wild um dasselbe empor, whrend
das Kielwasser unseres eigenen Fahrzeugs eine weithin glnzende Furche
zieht. Eine nicht minder schne Erscheinung sind Delphine, die dem
Schiffe folgen, oder wie gewhnlich das Bugspriet spielend umschwimmen.

Es scheinen die Thiere gnzlich zu glhen und hinterlassen
kometenartig einen leuchtenden, blitzenden Schweif, indem sie, feurigen
Schlangen gleich, die Wellen durchschneiden.

Das Leuchten des in's Meer geworfenen Gegenstandes, des dahin segelnden
Schiffes und jenes des schwimmenden Delphins, sie haben ein und dieselbe
Ursache. Die durch den raschen Ansto gereizten Thiere leuchten, und
die in's Meer gegossene Schwefelsure wirkt auf hnliche Art durch
chemische Reaktion.

Alle die Individuen, welche auf solche Weise durch irgend einen Reiz
veranlat leuchten, thun dies in hherem Grade bei der _ersten_
Veranlassung, hnlich wie beim elektrischen Aal die ersten Schlge die
heftigsten sind, und viele derselben scheinen nach fter wiederholter
Berhrung jenes Vermgen fast gnzlich verloren zu haben. Ich werde
durch direkte Beispiele dies spter zeigen. Aber die beiden Flle,
wo die See auf greren Strecken, und nicht bewegt durch einen
sie durchschneidenden Krper, leuchtete, deren ich eben erwhnte,
beweisen, wie empfindlich jene Organismen, wenn sie sich vorher im
Zustande der Ruhe befunden haben, auch auf die leiseste Berhrung
reagiren. Nicht weit vom Aequator entfernt, nach einem vollkommen
sonnenhellen Tage, und ebenso fast gnzlich heiterer Nacht, welche den
Sternenhimmel in vollstndiger Klarheit erblicken lie, trbte sich
pltzlich der Himmel, und bei beinahe vollkommener Windstille fiel ein
ziemlich starker lauwarmer Regen. Dort habe ich zum erstenmal das
Meer in weiter Ausdehnung und bei vollkommener Ruhe leuchten gesehen.
Tausende jener mit Leuchtkraft begabten Thiere, welche gelockt durch den
warmen hellen Tag und die entsprechende ruhige Nacht, sich dicht an
die Oberflche des Wassers begeben hatten, wurden von den fallenden
Wassertropfen getroffen, und verbreiteten alsbald auf einige Augenblicke
ihr Licht, mehr oder minder glnzend je nach der Gre des
Individuums. Es schien die See den verschwundenen Sternenhimmel ersetzen
zu wollen, und die Erscheinung war in der That eine prachtvolle zu
nennen. Sie trat natrlich am deutlichsten hervor in nchster Nhe
des fast stille liegenden Schiffes, wo man das Aufblitzen und langsame
Verschwinden des Lichts mit Mue betrachten konnte. Ich habe mich
einige Tage spter durch den direkten Versuch berzeugt, da Quallen
leuchten, wenn sie an der Oberflche des Wassers schwimmend mit einiger
Heftigkeit durch einen Tropfen Wasser getroffen werden, indem ich
auf Deck in einem Bottiche mit eingefangenen Thieren den Versuch
wiederholte. Aber schon jeder in die See geworfene Krper, oder wie ich
schon erwhnte, ausgegossenes Wasser, bringt die hnliche Erscheinung
hervor. Da sie sich im Groen nicht hufiger wiederholt (ich konnte
sie blos einmal beobachten), rhrt ohne Zweifel davon her, da die
nthigen Bedingnisse nicht stets zusammentreffen.

Erhebt sich rasch der Wind, und die See fngt an strkere Wellen zu
werfen, so entsteht hie und da ebenfalls bisweilen ein Aufblitzen des
Wassers, ohne Zweifel dadurch hervorgerufen, da die Spitzen der sich
berstrzenden Welle, die in einzelnen Tropfen herabfallen, irgend ein
Individuum treffen.

Zum zweitenmale sah ich die See in einer greren Ausdehnung im Hafen
von _Lima_, in _Callao_, leuchten. Es war ebenfalls Windstille und die
See buchstblich spiegelglatt. Ich befand mich zufllig am Bord und
des Abends auf Deck, als der Signalschu vom Fort aus gegeben wurde.
In demselben Augenblicke entstand vom Lande aus, sich rasch gegen die
Einfahrt des Hafens hin fortpflanzend, ein Ausleuchten der See, am
strksten im ersten Momente, dann schwcher werdend, und nach
einigen Sekunden fast gnzlich verschwunden. Dauer und Ausdehnung der
Erscheinung muten sogleich jeden Gedanken an einen Widerschein des
Signalschusses aufheben. Aber die, wenn auch leise Erschtterung,
welche dieser Schu auf der Oberflche der See hervorbrachte, reichte
hin, die an der Oberflche befindlichen Seethiere zu erregen und auf
einige Augenblicke leuchtend zu machen.

Von dem Obersteuermanne jenes Schiffes, einem intelligenten Seemanne,
und Mit-Augenzeuge jenes Phnomens erfuhr ich, da er Aehnliches
ebenfalls schon in andern Hfen beobachtet, und er gab dieselbe Ursache
an, welche ich so eben entwickelte.

Ich habe durch diese beiden Flle gezeigt, da die See, oder vielmehr
die Bewohner derselben, stets einer, wenn auch einer unbedeutenden
Berhrung oder eines uerlichen Reizes bedrfen, um zu leuchten
und ferner, welch eine leise Berhrung gengt, um die vorher nicht
gereizten Thiere zu erregen und leuchtend zu machen; ich habe zugleich
die einzigen Beispiele angefhrt, wo ich die See in einer weitern
Ausdehnung leuchten sah.

Ich habe ferner oben ausgesprochen, da ich das Leuchten der See
niemals von Infusorien ausgehend, angetroffen habe.

Es ist mir wohl bekannt, da man an verschiedenen Orten dieses
beobachtet haben will oder hat. Ich selbst habe an verschiedenen Stellen
und unter sehr verschiedenen Breitegraden allerdings ebenfalls das Meer
im Umkreise des segelnden Schiffes mit einem Scheine leuchten gesehen,
welcher matt, blulich oder milchwei und zugleich so gleichartig war,
so durch die ganze Masse des Wassers verbreitet, da man unwillkrlich
an ganz unendlich kleine Individuen denken mute, welche, vertheilt in
groer Anzahl durch jene Stellen des Meeres, das Leuchten bedingten.
Meist finden sich dort keine greren Thiere, wie Salpen und
hnliche, welche eine intensivere, besonders hervortretende Helle
verbreiten, und es mag der Schein ein phosphorhnlicher genannt werden.
Solche Stellen fand ich z.B. in der Nordsee, im Kanale, noch weiter
sdlich, und selbst unweit der Wendekreise in manchen Nchten. Auch
jenseits der Linie auf der sdlichen Halbkugel und in entsprechenden
Breitegraden, findet solches Leuchten statt.

Man glaubt, wenn man vom Borde aus in die See blickt, das Wasser
so gleichfrmig von dem leuchtenden Stoffe durchdrungen, da man
berzeugt ist, eine herausgespritzte kleinere Menge msse ebenfalls
und mit dem gleichen Lichte leuchten. Macht man aber den Versuch und
schpft in einem kleinern Gefe, etwa in einem Glase, welches ein
Litre fat, so ist das geschpfte und an Bord gezogene Wasser fast
immer dunkel, und hat keine _Spur_ irgend einer Lichterscheinung. Nur
in einzelnen Fllen sieht man einen oder mehrere kleine feurige Punkte
durch die Flssigkeit sich hin und her bewegen, aber diese erhellen
dann auf einige Momente die ganze im Glase befindliche Wassermenge.
Schttelt man das Glas heftig, oder schlgt man das Wasser mit einem
passenden Stabe, so kommen hufig auch in anfnglich dunklem Wasser
jene einzeln leuchtenden Punkte, welche sogleich das ganze Gef
erhellen, zum Vorschein.

Die geringe Menge einiger solcher Individuen ist also hinreichend eine
im Verhltni ihrer Masse bedeutende Quantitt Wasser auf kurze Zeit
leuchtend zu machen, und derselbe Fall, wie hier im Glase, findet auen
in der See statt.

Mit einiger Uebung gelingt es fast immer der leuchtenden Individuen
habhaft zu werden, sie zu isoliren und das Wasser bleibt dann dunkel,
es mag geschttelt oder geschlagen werden. Sie waren mithin die Ursache
des Leuchtens.

Diese Individuen aber sind, wenn auch meist sehr klein, doch stets noch
mit freiem Auge zu erkennen und gehrten sehr oft dem Geschlechte der
=Entomostraca= oder Insekten-Krebse, bisweilen aber auch anderen Formen
an, welche ich indessen nicht nher zu bezeichnen oder zu bestimmen
vermag, obgleich ich eine ziemliche Anzahl derselben unter dem
Mikroskope zu zeichnen versuchte.

Auf solche Weise also habe ich das einfrmige und schwache
phosphorhnliche Licht der See niemals durch Infusorien, sondern
stets durch Individuen bedingt gesehen, welche noch mit freiem Auge zu
erkennen waren.

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, wie verschiedenartig das Leuchten
auftritt, wenn auch die Grundursache ein- und dieselbe ist. Namentlich
scheint in der Nhe des Aequators, wie ich schon fter erwhnte, die
prachtvolle Lichtentwicklung stattzufinden, indem dort vorzglich die
greren Quallen und Salpen leuchtend gefunden werden. Meist stehen
diese Thiere in einiger Tiefe unter dem Wasser, aber in welcher
kann nicht wohl genau angegeben werden, da optische Tuschungen mit
unterlaufen. Berhrt durch das segelnde Schiff, gereizt und leuchtend
werdend, scheinen sie glhenden Glaskugeln hnlich vorberzuziehen,
und das zwar scheinbar kaum einen Fu tief unter dem Wasser, whrend
die demselben mitgetheilte glnzende Helle einige Fu in der Breite
betrgt. Ich habe bei Tag einigemal Quallen gefangen, Scheibenquallen,
langarmige und kegelfrmige Medusen, welche, auf Deck in groen
Gefen mit frischem Seewasser verwahrt, nach eingebrochener
Dunkelheit, wenn sie gereizt wurden, lebhaft leuchteten, aber es gelang
mir sehr selten, des Nachts mit dem Netze ein solches greres Thier
zu erhaschen. Aber, wie auch schon andere Beobachter angegeben
haben, fand auch ich, da das intensivste Licht von einer Salpe (der
=Pyrosoma=) hervorgebracht wird. Ich konnte nur in einer Nacht, am
22. Mai, unter 2237' Lnge und 830' Breite, einiger Exemplare
habhaft werden, da sie dort fast an der Oberflche umherschwammen.
Bekanntlich besteht die =Pyrosoma= aus einer Verwachsung einer groen
Menge kleiner Individuen, bei welchen der Mund nach auen, der After
nach innen und einer zentralen Hhle zu liegt. Die ganze Menge dieser
zusammenhngenden Thiere bildet so einen Cylinder, der an dem einen
Ende geffnet ist. Durch gemeinschaftliche Zusammenziehung aller Thiere
wird die centrale Oeffnung erweitert oder verengt und so wahrscheinlich
die Bewegung bedingt. Wir fingen in jener Nacht etwa sechs bis acht
Exemplare und lasen beim Lichte derselben in sonst vollstndig dunkler
Koje mit Bequemlichkeit. Ich habe jenesmal meinem Freunde W., der
unwohl im Bette lag, aus einem kleinen zoologischen Vademecum eine kurze
Betreibung dieser Thiere bei ihrem eigenen Lichte vorgelesen.

Wir hatten dieselben in eine Blechschssel, mit Seewasser gefllt,
gelegt, und obgleich sie ungereizt vollstndig dunkel waren, so reichte
doch die leiseste Berhrung hin, sie augenblicklich leuchten zu machen.
Wurde die Schssel von auen nur mit dem Fingernagel berhrt, so
leuchteten sogleich smmtliche, in derselben befindliche Individuen
mit dem schnsten Lichte. Wurde vorsichtig _eines_ derselben (stets
nmlich die Vereinigung der einzelnen Subjecte zum Ganzen, zur
eigentlichen Salpe, als Thier gedacht) mit einem Stbchen berhrt, so
leuchtete zuerst das gereizte Individuum, aber auch die anderen, direct
nicht berhrten fingen alsbald, wenn auch stets mit schwcherem
Lichte, zu leuchten an.

Das Licht der =Pyrosoma atlant.= ist blulich grn, von einer sehr
schnen Modifikation des Farbentones, und das Thier scheint, sobald es
leuchtet, transparent zu sein. Am glnzendsten und am lngsten dauernd
ist die feurige Furche, die das segelnde Schiff hinterlt an jenen
Stellen des Oceans, wo jene Thiere hufig sind.

Eine zierliche Erscheinung, geht ihr gleichwohl das Groartige der
flammenden See um ein groes segelndes Schiff ab, sind die Tausende
von Funken, die ein rasch gerudertes Boot begleiten, die durch jeden
Ruderschlag funkelnd in die Hhe geworfen werden und die Ruder, so wie
selbst die in See getauchte Hand feurig glnzend erscheinen lassen.

Flchtig will ich ber die Organe hinweggehen, welche bei der ganzen
Reihe der leuchtenden Seethiere dasselbe bedingen. Wissenschaftliche
Abhandlungen sind ausfhrlicher hierauf eingegangen und man hat
gefunden, da whrend einzelne Arten gnzlich zu leuchten und von dem
phosphorescirenden Lichte berzogen oder durchdrungen scheinen, andere
blos an einigen Stellen des Krpers erleuchtete Stellen besitzen. Ich
habe eine ziemlich bedeutende Anzahl von leuchtenden Thieren aller Art,
und unter sehr verschiedenen Breitegraden untersucht und habe dasselbe
gefunden.

Im Allgemeinen gnzlich leuchtend sind die stets mehr oder weniger
durchscheinenden Quallen und Salpen; mehr auf bestimmten Stellen, meist
am untern Theile des Krpers, beschrnkt, die Krebs-hnlichen kleinen
Thiere. Mglich, da die Transparenz der Medusen und Salpen eine
Tuschung vermittelt. Bei der berwiegenden Mehrzahl der kleinen von
mir untersuchten und hufig auch unter dem Mikroskope gezeichneten
=Entomostraka= habe ich mit Bestimmtheit gefunden, da die bei Nacht
leuchtenden Flecke bei Tage und selbst bei Lampenlicht rthlich
gefrbt waren.

Ich zweifle nicht, da mit Schrfe und Genauigkeit und in kurzer
Zeit sich Wahrheiten ber das Leuchtevermgen aller dieser Thiere
herausstellen lieen, wenn man sie im friedlichen Studierzimmer stets
frisch zur Hand haben und gute Instrumente, vielleicht auch chemische
Agentien anwenden wrde. Meist aber fehlen auf See, bei dem
reichlichsten Material, die meisten Hlfsmittel zur genauen
Untersuchung, der mangelnden Literatur nicht zu gedenken. Ich hatte
ein kleines Mikroskop von Plssel bei mir, aber ich konnte kaum eine
strkere Vergrerung als eine dreiigfache lineare anwenden, und
fters selbst diese nicht. Es ist nicht leicht ein Thier, was hufig
nicht die halbe Gre eines Nadelkopfes erreicht, aus einem Eimer
Wasser herauszufangen, entweder beim Lampenlichte, welches selten sehr
brillant ist, oder in der Dunkelheit, blos durch des Thierchens eignes
Leuchten geleitet, zudem da nach einigemal wiederholtem Reize dieselben
bald sterben oder wenigstens nicht mehr leuchten.

Die besprochenen Erscheinungen haben fr den, der die See befahren hat,
ein solches Interesse und erwecken so vielgestaltige an sie geknpfte
Erinnerungen, da man es mir vielleicht verzeihen wird, so lange bei
denselben verweilt zu haben. Ich werde hinfr nur selten und flchtig
des Gegenstandes mehr erwhnen. Doch mu ich, ehe ich ihn verlasse,
noch eine eigenthmliche Erfahrung anfhren, welche ich gemacht habe.
Es gelang mir nmlich nie, ein des Nachts leuchtendes Seethier, im
absolut finsteren Raume, auch bei Tagszeit leuchtend zu machen. Ich fing
fters whrend des Tages sowohl kleine, als auch grere Individuen,
von denen ich wute, da sie des Nachts leuchteten, brachte sie in
meine Koje, und reizte dieselben, um sogleich nachher bei Tageslicht
und unter dem Mikroskope das leuchtende Organ nher prfen zu knnen.
Aber ich habe nie, auch nie eine Spur eines Lichtscheins gefunden. Ich
habe diese Versuche auf der Rckreise von Peru nach Europa angestellt,
wo auf dem Schiffe durch die Geflligkeit des Kapitains alle mglichen
Hlfsmittel zu meiner Verfgung standen. Das kleine Prisma, welches
von oben die Koje erhellt, wurde auf das sorgfltigste verschlossen.
Die Thr, in Fugen laufend, und zum Schieben eingerichtet, wurde
zugeschoben und von auen so dicht mit Tchern verhngt, da absolut
alles Licht ausgeschlossen war; ich blieb dann etwa 30 Minuten in dem
verdunkelten Raum, um eine Spur etwa eindringenden Lichts zu entdecken,
und um mein Auge empfindlicher fr den geringsten Lichtreiz zu stimmen,
aber ich habe nie ein anderes Resultat als das oben angegebene erhalten
knnen. Manche der Thiere, meist grere Medusen, welche nicht
zu heftig gereizt worden waren, und welche berhaupt lnger leben,
leuchteten nach eingebrochener Nacht und dann selbst auf Deck, wo bei
Sternenhelle deutlich die nchsten Gegenstnde zu erkennen waren.

Ist das Leuchtorgan jener Thiere an eine gewisse Zeit gebunden, hngt
diese Zeit zusammen mit dem Zwecke, den die Natur berhaupt damit
verbunden hat, oder war mein Auge in der verhngten Koje immerhin
noch nicht genug an die Dunkelheit gewhnt, um die Lichterscheinung
wahrnehmen zu knnen? Ich wei es nicht, aber ich habe die Erfahrung
wiedergegeben, wie sie sich mir geboten.

_So viel vom Leuchten der See._

Die Temperatur war in jenen Breitegraden in der That eine wahrhaft
kstliche zu nennen, wenigstens nach meiner Ansicht. Wir hatten meist
gnstigen Wind, und die Stillen, welche hier und da eintreten, wie
solches dort fters zu geschehen pflegt, dauerten nicht lange, und
waren, fr mich den Medusenjger, so wie fr die Seekranken gleich
erwnscht. Regenschauer und einzelne Gewitter liefen wohl mit
unter, aber vorbergehend, indessen war dann die Schwle in unserer
sogenannten Kajte einigermaen drckend, da auf das Skylight eine
luftdicht schlieende, mit Glas versehene, Decke gesetzt wurde. Einige
jngere Passagiere, welchen die tropische Hitze keine so angenehme
Zugabe wie mir war, dem nicht leicht (physisch nmlich) irgendwo zu
warm geworden ist, wurden unwohl und dies meist solche, welche lngst
die Seekrankheit berwunden hatten.

Ich gab den Patienten Brechweinstein und spter Citronensure, und sah
auf diese Weise das Uebel leicht verschwinden.

Indessen brachte ich es auch beim Kapitain dahin, da mittelst einiger
Querhlzer jene Skylight-Decke hohl gestellt wurde, so da zwar dem
Regen gewehrt, nicht aber der Luft aller Zutritt abgeschlossen wurde.
Eine weitere Verbesserung unserer Umstnde brachte ich dadurch
zuwege, da ich den Genossen der Kajte vorschlug, unser Kostm zu
vereinfachen. Leichte leinene Beinkleider und Hemden, Pantoffel dazu --
und der Anzug fr den Tag und fr die Promenade auf Deck war beendet.
Ich gestehe es mit Errthen und Schamhaftigkeit. Wir hatten dort gewi
ein hchst ungebildetes Aussehen. Keine Strmpfe! nicht einmal jener
Reprsentant der Cultur und Bildung, die Kravatte, wodurch sich, mit
Ausnahme der behalsbandeten Kettenhunde, der Mensch vorzugsweise vom
Thiere unterscheidet.--

Noch ein anderes Schutzmittel gegen die allzugroe Hitze in der Kajte
wurde am Skylight angebracht, ein Segel von etwa 12 bis 15 Fu Hhe,
gegen unten in einen Schlauch endend, welcher in die Kajte fhrte.
Die gegen das Segel strmende frische Luft wurde auf solche Weise stets
in die Kajte gefhrt und bewirkte auf diese Art eine in der That sehr
angenehme Frische und perpetuelle Reinigung der untern Luft.

Ich mu gestehen, da ich durch allerlei Kunstgriffe das Ende jenes
Schlauches sehr hufig in unsere Koje zu leiten wute, was den drei
Mitbesitzern sehr wohl zu statten kam. Ich selbst schlief fast whrend
der ganzen Zeit, in welcher wir uns unter den Wendekreisen befanden,
unter freiem Himmel auf Deck.

Da mich die Matrosen gerne hatten, so weckten sie mich, ehe sie des
Morgens das Schiff zu scheuern begannen, und ich entging so der Taufe,
welcher nicht selten Passagiere ausgesetzt sind.

Anfnglich schleppte ich allabendlich mit Hlfe einiger freundlichen
Genossen meine Matrazze nebst einigen wollenen Decken auf die Stelle, wo
ich zu bernachten gedachte. Da aber einigemale Regen einfiel, und alle
diese Requisiten schnell und ohne Beihlfe wieder hinabgeschafft werden
muten, beschrnkte ich mich auf die wollenen Decken allein. Zuletzt
lie ich auch diese unten, und schlief = la= Diogenes einfach in
meinem Mantel auf den Brettern des Gangs. Ich lag etwas hrter, aber
ich hatte die groe Bequemlichkeit, nicht mehr den Regen frchten zu
mssen. Bei greren Schauern war ich rasch unter Deck, des Gepckes
ledig, kleinere aber wurden oben bestanden, fters schlafend, im
sen Bewutsein, da die Sonne des morgigen Tages den einfachen
Mantel leicht trocknen wrde.

Ich komme bei dieser Gelegenheit auf einen eigenthmlichen Gegenstand,
welchen ich mit einigen Worten behandeln will. Ich meine den
schdlichen Einflu, den das Mondlicht, und namentlich jenes des
Vollmonds, unter den Wendekreisen uern soll. Bei allen Seeleuten
ist der Glaube verbreitet, da der Mondschein giftig, wie sie sagen,
einwirke. Im Mondscheine wird, selbst auerhalb der Tropen, nie ein
Seemann mit unbedecktem Haupte auf Deck erscheinen.

Aber selten wird irgend ein hnlicher Glaube allgemein unter einem
ganzen Stande verbreitet sein, ohne da irgend wie eine Wahrheit, ein
Thatschliches zu Grunde liegt. Die Folge des Schlafens oder berhaupt
nur das Liegen mit unverhlltem Antlitze im Mondscheine soll Geschwulst
im Gesichte, Lhmung, Blindheit, in manchen Fllen Wahnsinn und mit
dem Tode endende Raserei herbeifhren. In Europa, irre ich nicht im
sdlichen Frankreich, sind hnliche Erfahrungen gemacht worden.

Soldaten, welche des Nachts auf den Wllen einer Festung Schildwacht
standen, wurden mondblind. Dies ist so viel ich wei der
wissenschaftliche Ausdruck fr das Leiden, Mondblindheit, =Nyctalopia=
und die vorzglichste Erscheinung mit welcher es, nach der Aussage
eines deutschen Arztes in Valparaiso, auftritt, ist eine mehr
oder weniger verbreitete Geschwulst in der Augengegend, und die
Eigenthmlichkeit, da des Nachts vollstndige Blindheit eintritt,
sei nun Mondlicht oder Feuerbeleuchtung. Jener mir befreundete Arzt
hatte als Oberarzt eine Abtheilung chilenischer Truppen ber die
Cordilleren begleitet und es fanden dort natrlich lngere Zeit
hindurch nchtliche Bivouaks im Mondscheine statt. Die Hlfte jener
Soldaten wurden mit Mondblindheit befallen, und es dauerte einige Monate
bis die Erkrankten vollstndig geheilt waren.

Ich wei nicht, ob der keusche unschuldige Mond wirklich die Schuld
an dem Uebel trgt, ob es nicht vielleicht die rasche Abkhlung nach
einem anstrengenden und erhitzenden Tagmarsche hervorgebracht hat,
oder ob nicht andere klimatische, vielleicht nicht beachtete Einflsse
dasselbe hervorgerufen haben. So viel steht indessen fest, da man
dem Liegen im Mondschein alle Schuld aufbrdet, und da eine leichte
Verhllung des Gesichtes dagegen schtzen soll.

Es verdient noch bemerkt zu werden, da unter den Seeleuten der Glaube
herrscht, da Fleisch geschlachteter Thiere, besonders aber das von
Fischen, dem Scheine des Vollmondes ausgesetzt, leichter in Fulni
bergehe als anderes, ja da solches Fleisch beim Genusse selbst
schdliche Eigenschaften habe. Es liegt eine eigene Mystik in diesem
Glauben, der zusammenzuhngen scheint mit mancherlei Erfahrungen ber
die Einflsse des Mondes, welche man von andern Seiten her gewonnen
haben will. Indessen bedecken die Seeleute sorgfltig frisches Fleisch,
was des Nachts ber auf Deck bleiben soll und ich mu gestehen, da
ich eines Nachts sehr berrascht war, ein vollstndig angekleidetes
Schwein an der Schanzverkleidung stehen zu sehen, welches mit einem
leichten Anstriche von Melancholie den Hauptmast zu betrachten schien.
Die Sache klrte sich einfach dadurch auf, da man das bei Tage
geschlachtete Thier auf Deck gehngt, aber des Mondscheins halber mit
alten Kleidern behangen und mit einem Hute bedeckt hatte. -- Dem sei
aber nun wie ihm wolle, sei die Sache ganz eine Fabel, oder sei sie
halbe oder ganze Wahrheit, -- so viel steht fest, da ich nicht die
geringste Anwandlung irgend eines Unwohlseins erfuhr, obgleich ich,
whrend wir die Wendekreise durchschifften mit wenig Ausnahmen fast
immer unter freiem Himmel und den Mondesstrahlen ausgesetzt schlief.
Nicht selten brachten auch noch einige andere Passagiere die Nacht auf
Deck zu, aber auch bei diesen zeigte sich Nichts dem Uebel hnliches.

Aber ich habe an jene Nchte eine freudige dankbare Erinnerung bewahrt,
die mich nicht verlassen hat in manchem Sturme der See und des Landes.

Wie oft habe ich dort jener lieben Herzen in der Heimath gedacht, von
welchen ich sicher wute, da sie fr mich schlugen, und deren Zahl
ich nicht nennen will, weil Beispiel, Namen und Zahlen gehssig sind.
Doch die feierliche Ruhe jener Nchte beschwichtigte den Kummer und
die Sehnsucht. Die See, scharf abgegrnzt bei Tage und scheinbar nur in
migen Dimensionen dem Auge erreichbar, erhlt dort das Geprge
von Unermelichkeit durch jene fabelhaften Wolkengebilde, die vom Monde
beleuchtet, die Grnze zwischen Himmel und Wasser verhllen. Aber
diese irdische Unendlichkeit, sie verschwindet, wenn sich der Blick zu
den Gestirnen wendet, und weicht dem Gedanken an eine Ewigkeit, an eine
Schpfung ohne Anfang, ohne Ende, eine unumstliche Wahrheit, eine
unbegreifliche, und deshalb fast eine grauenhafte.

Oft habe ich in solchen Nchten jener ersten Blicke gedacht, wo ich
als Knabe den Sternenhimmel betrachtet und wo ich nicht mehr recht die
Erzhlung meiner Wrterin glaubte, da die Sternlein lauter
Lchlein seien, durch welche der liebe Gott erlaube einen Theil seiner
Herrlichkeit im Himmel zu erblicken, wohl auch herabblicke auf artige
Kinder und sich freue ber sie.

Spter erfhrt man freilich, da der liebe Gott eine Constitution
bekommen hat, da alles nach Gesetz und Maa gehen mu, und jene
Bcher-Lehren oder wenigstens der Glaube daran nicht mehr zulssig und
statthaft sei.

Ich mag den Freunden nicht bergen, da ich dort zuweilen ein rechtes
groes Kind gewesen und wohl bisweilen gewnscht, zu glauben wie ein
kleines.

Whrend aber so in der Stille jener Nchte der Blick bald ber das
Wasser schweift und den Streiflichtern des Mondes folgt oder in den
fernen Wolken mannichfache Gebilde zu erkennen glaubt, bald in der Tiefe
des Himmels sich verliert und sich Spekulationen so verschiedener
Art hingiebt, beginnen wir allmhlig auf das Murmeln der neben uns
vorberziehenden Wellen unwillkrlich zu lauschen. Sie flstern uns
bisweilen seltsame Dinge zu diese Wellen, Dinge, die man nicht wieder
erzhlen kann und will, aber sie flstern uns in den Schlummer.

Es ist Zeit, da ich wieder einmal eines Datums erwhne, irgend etwas
Wichtiges erzhle, was vorgefallen am Bord, ein Ereigni melde. So
will ich denn mittheilen, da am 25. Mai (unter 2222' westlicher
Lnge und 458' nrdl. Breite) whrend einer Windstille ein Hai
gefangen wurde. Dieses kann aber der vollkommensten Wahrheit gem
an Bord, und besonders an Bord eines Passagier-Schiffes ein Ereigni
genannt werden. Ich hatte die Nacht auf Deck geschlafen, war aber gegen
Morgen vom Regen vertrieben in meine Koje gegangen, als pltzlich gegen
5 Uhr ein furchtbarer Lrm auf Deck entstand. Der Ruf: ein Hai! der
Alles bertnte, lie auch mich so schnell als mglich auf Deck
eilen, woselbst man eben beschftigt war, jene Hyne des Meeres
an Bord zu ziehen. Man hatte schon seit einigen Tagen eine Angel
ausgeworfen, welche unweit des Steuers befestigt, nachschleifte, aber
obgleich schon mehrere jener Gste den Kder, ein Stck Speck,
umspielt, hatte doch erst am erwhnten Morgen einer derselben ernstlich
angebissen. Das gefangene Thier war 7 Fu lang und von betrchtlicher
Strke. Es ist brigens keine ganz gefahrlose Sache, jene Ungethme,
welche natrlich an der Angel sich rasend geberden, an Bord zu bringen,
und man mu sich wohl hten in den Bereich des Rachens oder des
Schweifes zu kommen. In letzterem entwickeln sie eine furchtbare Strke
und man versichert, da unvorsichtig sich Nahenden fters Arme und
Beine zerschlagen worden seien. Der starke, 9 Zoll bis 1 Fu groe
Angelhaken hngt an einer etliche Fu langen Kette und diese an einem
Taue. Sobald nun der Fisch auf Deck gezogen ist, wird durch einige
Mnner das Tau rasch um einen irgendwo befindlichen festen Gegenstand,
etwa einen Kabelnagel geschlungen, so da die Angel mit dem Kopfe des
Thieres fixirt ist. Einer der Matrosen nhert sich dann behende dem
wthend um sich schlagenden Hai, und schlgt ihm mittelst eines
breiten Beiles rasch den Schweif ab. Gewhnlich wird hierauf auch der
Kopf mit der Axt abgeschlagen, wrde man aber dies zuerst thun, so
wrde der nicht mehr festgehaltene Krper arge Verwstungen auf dem
Decke anzurichten im Stande sein, da er, auch kopflos, noch lange Kraft
und Bewegung besitzt.

Vom Krper des Hai nimmt man gewhnlich die beiden Kiefer und das
Rckgrat, welches die Matrosen trocknen und als Raritt zu Hause
verkaufen. Alles brige wird in See geworfen. Ich erinnerte mich in
Chamisso's Reise um die Welt gelesen zu haben, da der Hai von den
russischen Seeleuten ohne Anstand gegessen wird. Auf mein Zureden gingen
einige Passagiere mit mir zum Kapitain um ihn um den Hai zu bitten,
d.h. um die Erlaubni, da der Koch ihn fr uns bereiten drfe.
Wir erhielten zur Antwort, das sei gewi unser Ernst nicht und
berhaupt auf keinem Schiffe gebruchlich. Ein Thier, was unsere
Kameraden frit, essen wir nicht, sagte mit einer gewissen Wrde der
Obersteuermann.

Vergebens wendete ich ernsthaft ein, es gebe keine bessere Revanche, als
Jemanden, der die Gewohnheit habe, unsere Freunde zu speisen, wieder zu
essen. Mit genauer Noth erhielt ich soviel, da gestattet wurde,
den mit einem Stcke des Halses abgehauenen Kopf vom Koche sieden zu
lassen. Sollte uns die eklige Speise munden, so sei uns das brige
vergnnt. Die Speise mundete uns aber ganz ausgezeichnet und nur wer
lngere Zeit fast einzig auf Salzfleisch angewiesen war, wei den
Genu frischen Fleisches gehrig zu schtzen. Als wir aber uns auf
Deck nach dem Uebrigen des Fisches umsahen, war Alles lngst von den
Matrosen ber Bord gebndelt worden.

Ich habe den Kopf jenes Haies skeletisirt und mit zurck nach Europa
gebracht. Er befindet sich gegenwrtig im Besitze eines geehrten
Freundes, welchem ich durch diese Zeilen freundlichsten Gru zu bringen
mir erlaube, wenn anders sein streng wissenschaftlicher Sinn es ber
sich gewinnen kann, diese nicht sehr wissenschaftlichen Fragmente zu
durchblttern.

Schon am 21. Mai, unter 8 Breite, beobachtete ich das erste
Zodiakallicht. Merkwrdig ist, da diese Erscheinung, welche
auffallend genug ist, um von jedem Unbefangenen bemerkt zu werden, erst
spt, Mitte des 17. Jahrhunderts beobachtet worden ist. Auch unsere
Schiffsmannschaft beachtete das Zodiakallicht nur wenig, oder ignorirte
dasselbe; aus welchem Grunde kann ich mir inde nicht erklren.
Diese Leute besitzen ein scharfes Auge, dem der geringste Punkt auf der
Flche der See nicht entgeht, und von welchem eine kleine von uns
kaum beachtete Wolke entdeckt und mit Interesse behandelt wird: und sie
sollten jenes Phnomen nicht bemerken, welches so augenfllig ist?

Indem ich aber hier der chronologischen Ordnung vorgreife und des in
Chile beobachteten Zodiakallichtes erwhne, mu ich bemerken, da
ich bei den chilenischen Dienern, welche mich auf die Cordillera
begleiteten, dieselbe Unempfindlichkeit gefunden habe. Dort, und
besonders auf der Cordillera, tritt die Erscheinung glnzender auf, als
ich sie irgendwo gesehen habe, klar, leuchtend, so da nur die Sterne
erster Gre durch sie hindurch zu bemerken sind. Als ich aber jene
Chilenen fragte, was denn jener Lichtschimmer eigentlich sei, was sie
davon hielten, bekam ich zur Antwort: =el es nada=, und die deutschen
Seeleute sagten mir, das ist Nichts, das ist ein Schein, sonst
Nichts.

Die Chilenen aber besitzen im Uebrigen einen lebhaften Sinn fr die
Schnheiten der Natur, welchem sicher eine poetische Anschauung nicht
fehlt. Das Resultat dieser Untersuchungen ist aber, da gewisse Leute
auf das Zodiakallicht nicht reagiren.

Das Zodiakallicht ist eine leuchtende Pyramide, welche etwa eine Stunde
nach Untergang der Sonne bei eingebrochener Dunkelheit an der Stelle,
wo die Sonne verschwunden, sichtbar wird. Die Basis, scheinbar etwa
30 Grade betragend, wird von den beiden andern Seiten an Lnge
bertroffen. Indessen mu ich das soeben Ausgesprochene dahin
abndern, da nicht direkt an der Stelle, wo die Sonne verschwunden,
sondern einige Grade nach Norden hin die Erscheinung sichtbar wird.
Sie folgt also dem Stande der unter den Horizont gesunkenen Sonne, sie
scheint von der letztern bedingt zu werden. Das Zodiakallicht hat den
Ausdruck einer kosmischen Erscheinung, es hat deren geheimnivolle
Ruhe.

Oft und lange des Nachts im Freien, habe ich in Sddeutschland nie ein
Zodiakallicht beobachten knnen, und alle Wahrnehmungen, welche man
hier und da auf dasselbe bezogen, erwiesen sich als einer andern Ursache
angehrig; es drfte mithin als eine, fr unsere Breitegrade hchst
seltene Erscheinung betrachtet werden.

Ich habe wohl spter Gelegenheit auf diesen Gegenstand zurckzukommen.

Am 26. Mai wurden wir ein Segel gewahr, welches bald als ein Bremer
erkannt wurde. Man signalisirte, der Landsmann nherte sich uns und da
eben ruhige See war, wurde Back gelegt und der Kapitain des befreundeten
Schiffes kam zu Boot an unser Bord. Er hatte die Westkste Amerikas
besucht, war in Kalifornien gewesen und wute viel zu berichten von
dort und den Fahrnissen bei Cap Horn. Alles Dinge, die wir bald bestehen
sollten. Er hatte Passagiere nach Kalifornien gebracht, welche sich fast
smmtlich bei Kap Horn die Finger erfroren hatten. Angenehme Zukunft
das, welche uns in Aussicht gestellt wurde, und nicht ermangelte manche
trbe Miene zu bewirken! Bei Kap Horn hatte er einen Matrosen verloren.
Der Unglckliche war in die See gestrzt und konnte nicht mehr
aufgefischt werden, ob er gleich, ein guter Schwimmer, dem Schiffe
eine Stunde lang folgte. Es ist schon schwierig einen in See Gefallenen
wieder zu bekommen, selbst wenn die See nicht eben sehr hoch geht;
bei den stets strmischen Wogen unweit Kap Horn und in jener Gegend
berhaupt, erscheint es geradezu als Unmglichkeit. Whrend der
Anwesenheit jenes Kapitains an Bord wurden Briefe geschrieben in die
Heimath und demselben mitgegeben. Ich schrieb nicht, indem ich von
Rio Janeiro als eine grere, bereits begonnene Epistel zu senden
beabsichtigte. Nachdem wir dem Kapitain einige Victualien gegeben,
welche wir bald in Rio zu erneuern hoffen durften, kehrte er auf sein
Schiff zurck, und kam bald auer Sicht.

Ich kann nicht umhin bei dieser Gelegenheit auf eine eigenthmliche
psychologische Erscheinung aufmerksam zu machen, welche sich bei vielen
der Reisegefhrten, bei allen, welche ich befragte und auch bei mir
selbst zeigte.

Es war dies ein unangenehmes Gefhl, welches mehr oder weniger bei
Allen auftrat, die theure Erinnerungen an die Heimath bewahrten und
welches sich unklar auf die Heimath und jene Lieben bezog. Es war nicht
das peinliche Gefhl der Unentschlossenheit, ob man etwa umkehren und
mit jenem Schiffe wieder nach Hause wolle, was endlich htte geschehen
knnen. Es war nicht einfache Erinnerung an das Vaterland, welche
wohl der Bremer Flagge nicht bedurfte, um erweckt, aufrecht gehalten
zu werden. Es war ein unklares Gefhl, welches eben deshalb schwer zu
beschreiben, kaum zu analysiren ist.

Die Trauer um einen geliebten Todten wird milder, ruhiger, wenn er der
Erde bergeben ist, und das zwar in der Stunde, wo solches geschehen;
ein bekanntes Gefhl, ein deshalb aber dennoch sicher nicht
hinlnglich erklrtes. Es ist nicht gleich mit dem erwhnten, aber
hat Aehnlichkeit mit demselben.

Mag man aber nicht glauben, da solche wehmthige Regungen lange
gedauert, denn bald hatte das leichtsinnige Vlkchen der Reform
vergessen, was es bewegt hatte und trotz der Einfrmigkeit, welche an
Bord herrschte, suchte man sich zu erheitern, wo es halbweg anging. Hier
unter den Tropen war es mglich auf Deck zu sein, und so wurden denn
hufig die Matrazzen hinaufgeschafft und man ruhte eine Stunde lang
auf der rechten Seite liegend aus von den Beschwerden, welche man eine
Stunde vorher erduldet hatte. Dort war man auf der linken gelegen. Die
Passagiere des Zwischendeckes hatten in diesem Betrachte gemthlichere
Winkel zur Disposition als wir. Das groe Boot, mitten auf Deck, in dem
ihnen zustndigen Bereiche aufgehngt, erlaubte mancherlei Lager und
Pltzchen sich einzurichten, welche vielfach bentzt wurden. So
hatte der oben erwhnte Franzose sich ein artiges Zelt improvisirt, in
welchem er, gehllt in den Burnus eines von ihm getdteten Beduinen,
selbst beduinenhnlich, die Abende und Nchte zubrachte. Hier und da
wurde Schafskopf gespielt, oder das edle Sechs und sechszig. Auch ich
habe dieses Spiel erlernt und lange Zeit des Abends sowohl auf der
Reform, als wie auch spter auf dem Dockenhuden gespielt, und das genau
eben so schlecht wie ich mein ganzes Leben lang alle andern Kartenspiele
gespielt habe.

Auch dem, der am Lande sich wenig aus den Freuden der Tafel macht, wird
auf See die Essenszeit bedeutungsvoll. Wer gesund, das heit nicht
seekrank ist, pflegt an Bord meist Hunger zu haben. Aber sehr oft pflegt
dieser Hunger ihm auch nach Tische ein unwillkommener Begleiter zu
bleiben, wenn er sich der Seemannskost nicht bald befreundet. Ich
spreche hier von der Reform und von den meisten Passagier-Schiffen. Auf
dem Dockenhuden, mit welchem ich die Rckreise machte, war zwar auch
Seemannskost, aber gut, und das Mglichste gethan fr die Umstnde.
Auf Kriegsschiffen ist die Tafel des Kapitains meist eine ausgewhlte
zu nennen.

Wir auf der Reform bekamen des Morgens etwa um 7 Uhr Kaffee, ohne Milch;
dies war natrlich, denn fr die 70 Passagiere htte man einer halben
Schweizerei an Bord bedurft; aber auch ohne Brod, ohne Butter und
was das Uebelste war, ohne Saft und Kraft, eine wahre Parodie auf den
chten, edlen, braunen Trank der Levante. Hinfllig und dnn,
so schwach, da der Unglckliche eben noch im Stande war, den
unfrmlichen Blechtopf zu verlassen, in welchem er uns vorgesetzt
wurde. Da die meisten der jungen Leute in der Kajte gewohnt waren ein
etwas consistentes Frhstck zu sich zu nehmen, waren sie natrlich
nicht sehr erbaut von jener dnnlichen Flssigkeit. Ich habe oben
gesagt, da die Essenszeit bedeutungsvoll sei auf dem Meere, jene
Kaffeestunde aber war leider ziemlich bedeutungslos.

Ich fr meine Person habe indessen das erwhnte Getrnke verschluckt,
ohne zu murren, einestheils, weil ich wute, da Murren nicht half,
und ferner, weil ich seit langer Zeit gewohnt war, des Morgens nichts
zu genieen als schwarzen Kaffee, ohne alle Zuthat, wenn gleich etwas
besser als der reformische. Zur Entschuldigung des See-Kaffees aber, der
berhaupt auf den meisten Schiffen nicht von besonderer Strke ist,
mu bemerkt werden, da man, was an Qualitt abgeht, durch die
Quantitt zu ersetzen sucht. Es ist mit dem Thee der des Abends
gereicht wird, derselbe Fall, und eine alte Gewohnheit auf Schiffen.
Leider ist das Wasser meist verdorben und belriechend, so da der
Seemann nur selten solches fr sich unvermischt geniet, aber die
fr den Organismus nthige Menge Wasser im verdnnten Kaffee und
Thee einnimmt. Der schlechte Geschmack des Wassers wird durch jene
Beimengungen einigermaen verdeckt.

Dem Mittagsmahle will ich eine verhltnimig krzere Zeit widmen,
als dem Morgenbrode, und in der That ist die Speisekarte auch rasch
entworfen. Abwechselnd Linsen- oder Erbsensuppe, einmal in der Woche
Fruchtsuppe, nicht s nicht sauer, eine schauderhafte Erfindung,
bestehend aus Wasser, mit welchem man einige getrocknete Kirschen oder
Preiselbeeren abgebrht hatte. Es hatte sich an Bord ein unbestimmtes
Gercht verbreitet, als seien hier und da einige Rosinen in jenem
Wasser gefunden worden, aber dieses Gercht wurde durch wirkliche
Augenzeugen nie zur Thatsache erhoben. Der Suppe folgte entweder
Salzfleisch und Kartoffel, an einem Tage der Woche gesalzener Speck mit
Sauerkohl. Dies letztere Gericht war das geniebarste.

Des Nachmittags wurde Kaffee gereicht, analog dem Morgentranke. Des
Abends: Thee, oder ein Schnittchen Kse, oder endlich eine Lapscaos
genannte Speise, -- ich wei nicht wie das Wort geschrieben wird. --
Es ist der Abhub des Mittagstisches, der, gemengt und unter einander
gequetscht, des Abends aufgetragen wird. Gesalzene Butter und wirklich
guter Senf waren indessen reichlich vorhanden.

Der wahrhaft lucullischen Tafel, welche uns des Sonntags servirt wurde,
mu ich indessen noch erwhnen. Hhnersuppe: so lange nmlich die
Hhner reichten, fr die 18 Passagiere der Kajte zwei Hhner.
=Ergo= jedes Huhn in neun Theile getheilt. Obgleich diese Thiere
entweder durch Heimweh oder andere Verhltnisse, vielleicht auch durch
die Schiffskost selbst ziemlich heruntergekommen und schlank geworden
waren, behagte doch das Stckchen frisches Fleisch, welches auch mit
unbewaffnetem Auge deutlich wahrnehmbar und fr jeden von uns der
entsprechende Antheil war, ganz ausnehmend. Dann Salzfleisch, jene
sauere Unvermeidlichkeit, endlich aber Pudding, und letzterer derb zwar
aber doch schmackhaft und reichlich. Ich verga zu bemerken, da wir
des Sonnabends gekochten Reis bekamen, ebenfalls ziemlich geniebar.

Zum Genu des Salzfleisches mu man brigens, wie ich glaube,
nothwendig von frher Jugend an gewhnt worden sein; mir widerstand
dasselbe instinktartig in den ersten Tagen, und ich glaube nicht,
da ich whrend der ganzen Ueberfahrt mehr als etwa 5 Pfunde jener
unangenehmen Speise genossen habe.

So gut wie mglich suchte man nun sich bei Tische zu belustigen, und
es fehlte nicht an scherzhaften, hie und da wohl auch rgerlichen
Auftritten. Man suchte zu vergessen, da nach vierwchentlicher Fahrt
fr smmtliche Passagiere nur noch einige Glser vorhanden waren,
denn daran war man theils selbst, theils war die See schuld. Man suchte
zu bersehen, da im Schiffs-Lexikon das Wort Serviette ausgestrichen
schien, da Messer und Gabeln in ihren Heften bedrohlich wankten, und
blos hier und da kamen Ausbrche des Tadels zum Vorschein, welche, als
sie hufiger wurden, eine unangenehme Stimmung zwischen dem Kapitain
und den Passagieren zuwege brachten. Des Abends bildeten sich je
nach Geschmack und Neigung verschiedene Gruppen, theils wenn es nicht
regnete, einem Erzhler zuhrend, theils in der Kajte trinkend,
rauchend, spielend. Die meisten von uns hatten sich von Bremen aus mit
einem Vorrathe von geistigen Getrnken versehen, und wo es fehlte wurde
wohl nicht selten getauscht oder freundlich nachgeholfen. So vergingen
die Abende heiter. Was mich anbelangt, so hatte ich des Tages ber
hinlngliche Beschftigung. Ich nahm tglich einmal zu einer
bestimmten Zeit die Temperatur der See, viermal jene der Luft und
stellte des Tages ber von frh7 bis Abend10 stndliche
Barometer-Beobachtungen an. Das Zeichnen gefangener Seethiere, die
nthigen Notizen in das, wenn gleich nur skizzenhaft gefhrte
Tagebuch, fllte ebenfalls viele Zeit aus.

Was meine _Abende_ betraf, so ging ich wohl hufig auf Deck um mich
umzusehen nach irgend etwas Absonderlichem oder Neuem, obgleich ich
augenblicklich gerufen wurde, sobald sich irgend eine Erscheinung zeigte
in Luft oder Wasser; aber da ich schon gestanden, da ich dazwischen
dem Laster des Spiels mich ergeben, und dem Sechs und sechszig
gefrhnt, so will ich noch beifgen, da ich allabendlich eine
Flasche Ale getrunken, und nicht selten dabei an die Fleischtpfe
Aegyptens gedacht habe, das ist an chtes, aufrichtiges bayerisches
braunes Bier.

Solches war der Tageslauf auf der Reform unter dem lieblichen Klima
der Tropen, mit hnlichem Typus, doch hier und da mit unangenehmen
Modificationen, auch unter anderen Breitegraden.

Am 1. Juni (245' Lnge, 038' nrdl. Breite) sahen wir einen
Zug von etwa 80 bis 90 Schwertwalen, von den Seeleuten Butzkpfe
genannt (=Delphinus gladiator=). Die Thiere zogen nicht weit von unserem
Schiffe vorber und schwammen ganz nach Art der Wallfische, indem sie
nmlich von oben nach unten, im Vorwrtsschwimmen tauchen, mit dem
Kopfe wieder hervorkommen und wieder tauchen, so da sie eigentlich
eine Reihe bogenfrmiger Bewegungen machen. Diese Art sich von Ort
und Stelle zu bewegen, verleiht dem ganzen Zuge den Anschein lebhafter
Beweglichkeit.

Der Kopf dieser Thiere, welche gewi 25 Fu lang waren, ist
stumpf-mopsartig, daher wohl der Name Butzkopf. Sie haben eine starke
spitzige Rckenflosse und sind gefrchtet, indem sie, wie die Seeleute
sagen, Boote anfallen und berhaupt grimmig und blutgierig sind. Sie
verfolgen in Haufen die Wallfische, welche sie bisweilen tdten sollen.
Auch Landenden sind sie gefhrlich.

Es ist die Gre dieser Thiere an verschiedenen Stellen sehr
abweichend angegeben, auch die Breitegrade, in welchen sie getroffen
werden. Ohne Zweifel sind hier verschiedene Arten beschrieben worden.
Ich habe spter in Valparaiso einen Unterkiefer der Art, welcher wir
begegneten, erworben; er hat auf jeder Seite elf kegelfrmige, spitze,
schwach einwrts gebogene Zhne, welche eng gedrngt an dem vordern
Theile des Kiefers stehen.--

Wir passirten am 2. Juni, eigentlich in der Nacht vom 2. auf den 3.
die Linie unter 2630' Lnge. Es fanden keine jener Festlichkeiten
statt, welche bei diesen Gelegenheiten aufgefhrt zu werden pflegen,
weil der Kapitain unangenehme Reibungen zwischen den Passagieren und der
Mannschaft frchtete, und dies vielleicht nicht mit Unrecht. Es lt
sich wohl denken, da die Scherze, welche bei der tropischen Taufe vom
Stapel laufen, nichst eben der zartesten Natur sind.

Gewhnlich erscheint Neptun an Bord, mit seinem Obersteuermann und
nicht selten mit seinem Hunde. Neptun trgt einen alten Frack oder
irgend ein anderes altes verwittertes Kleidungsstck, unvermeidlich
aber eine mchtige Perrcke von Werg oder Ziegenfell, wenn solches
irgendwo aufzutreiben. Der Obersteuermann Neptuns fhrt Parodien der
auf Schiffen nthigen Me-Instrumente in colossalen Dimensionen mit
sich. Der Hund Neptuns endlich, ein in Fell genhter oder mit Werg
decorirter Kajtenjunge bemht sich nach Krften possierlich zu sein
und den Angenehmen nach seiner Art zu spielen. Auf Schiffen, in welchen
sich keine Passagiere befinden, kmmt Neptun zum Kapitain, der an
diesem Tage einen Theil seiner Wrde ablegt, und auf den Scherz
eingeht und sagt: er habe nicht umhin gekonnt, dem Herrn Kapitain seine
Aufwartung zu machen. Letzterer erklrt, wie ihm solches sehr angenehm
sei und fragt, ob Neptun und sein Gefolge etwa ein Glas Wein zu sich
nehmen wolle. Neptun meint, dies sei nicht so bel. Man bringt nun
vier Glser und ein paar Flaschen Wein. Einer der Scherze ist nun, da
Neptun bittet, das vierte Glas wegzunehmen, da sein Hund nicht aus einem
Glase, sondern blos von einem Teller zu saufen gewohnt sei. Es wird ein
solcher gebracht und der Junge mu nun, so gut es geht, mit der Zunge
nach Hundeart den Wein aus einem flachen Teller trinken oder eigentlich
schlrfen. Nach einer Reihe hnlicher Scherze beschliet des Abends
ein Tanz der Matrosen, wobei einige Spavgel in improvisirter
weiblicher Tracht erscheinen, und ein kleines, vom Kapitain gegebenes
Zechgelage die Festlichkeit.

Auf Passagierschiffen bt sich der Witz an den Reisenden. Man soll
getauft, vorher aber mit Theer eingeseift und rasirt werden. Die
soll auf dem Rahmen eines auf Deck trichterfrmig aufgespannten Segels
geschehen, welches durch eingegossenes Seewasser wasserdicht gemacht
und dann mit Wasser angefllt worden ist. Natrlich wird der mit Theer
Bestrichene alsbald kopfber in das Segel geworfen. Man kauft sich
durch eine Kleinigkeit los, und es scheint berhaupt, als ob zu jener
Rasirgeschichte blos Subjecte ausgewhlt wrden, welche ohnedie
sich nur zweifelhafter Achtung an Bord erfreuten. Doch kmmt man nicht
leicht ungewssert durch, und fast jeder bekommt, wenn auch scheinbar
aus Versehen, pltzlich einen Eimer bergegossen. Da unter der Linie
die wenig schadet leuchtet ein.

Wie schon erwhnt, hatten wir nichts dergleichen an Bord, doch gaben
die meisten der Kajten-Passagiere eine Kleinigkeit oder Wein, was gut
auf- und angenommen wurde.

Am 4. Juni (2650' Lnge, 241' sdl. Breite) sahen wir auf
unserer Backbord-Seite ein groes Schiff, einen Dreimaster, welcher
etwa zwei englische Meilen von uns entfernt, gleichen Cours mit uns
segelte.

Das Schiff schien bel zugerichtet. Es hatte den Fockmast verloren
und schien auch sonst Havarie erlitten zu haben. Es wurde bald von uns
berholt und kam auer Sicht. Es mute jenes Schiff ohne Zweifel
von einer pltzlichen Boe berrascht worden sein, wie denn berhaupt
unter dem Aequator nicht selten auf geringe Entfernung das Wetter sehr
wechselnd auftritt. Wir auf der Reform hatten wohl auch in jenen Tagen
bisweilen schlimmes Wetter gehabt, welches man, auf der Seereise ber
den Kanal von Deutschland nach England land als frchterlichen
Sturm bezeichnen wrde, aber so arg war es uns doch nicht geworden,
da Havarie in Aussicht gestanden wre.

Ich finde unter dem 5. Juni in meinem Tagebuche einer Erscheinung
erwhnt, welche ich schon einige Tage vorher beobachtet hatte, welche
ich aber am erwhnten Tage ausfhrlicher beschrieben habe und hier
mittheilen will, da ich nirgends eine Anleitung ber dieselbe gefunden.
Bei klarem Himmel, wenn der Mond nahezu voll ist, wie bei Vollmond, und
bei ziemlich ruhiger See, findet sich der Widerschein des Mondes auf dem
Wasser besonders klar und leuchtend ausgesprochen. Die solchergestalt
beleuchtete Flche des Meeres bildet, wie natrlich, eine Pyramide,
deren Basis vom Horizonte begrnzt ist, whrend die Spitze derselben
auf den Punkt zugewendet ist (hier die Stelle an Bord), den der
Beschauer einnimmt. Betrachtet man bei dieser Lage der Dinge den
Mond und die ihn umgebende Stelle des Himmels allein, ohne besondere
Rcksicht auf dessen Reflex auf der See zu nehmen, so zeigt sich nichts
was auffallend wre. Blickt man aber aufmerksam auf den Widerschein
im Wasser und zugleich auf den Mond und die Stelle des Himmels, welche
zwischen letzterem und der See ist, so bemerkt man schon nach kurzer
Zeit, etwa 20 bis 30 Sekunden eine zweite Pyramide, welche aber _dunkel_
ist, deren Basis mit jener der leuchtenden zusammentrifft, und deren
Spitze den Mond nahe bei zu Berhren scheint. Bemht man sich, beide
Pyramiden, die helle und die dunkle, gleichzeitig lngere Zeit zu
fixiren, so nimmt das Phnomen bis auf einen gewissen Punkt hin an
Intensitt zu. Es ist klar, da die Erscheinung eine subjective ist
und in die Reihe der complementren gehrt, denn verdeckt man die
leuchtende Stelle der See mit irgend einem Gegenstande, einem Buche
z.B. oder einem kleinen Brettchen, so da blos die obere, dunklere
Pyramide gesehen werden kann, verschwindet diese schon nach einigen
Augenblicken.

Die Erscheinung wurde von Allen auf dem Schiffe gesehen, nachdem ich
darauf aufmerksam gemacht hatte. Ich glaube, da sie auf greren
Landseen und bei heiterem Himmel ebenfalls stattfindet, aber ich habe
nie Gelegenheit gehabt, sie dort zu beobachten, und wie schon oben
gesagt, ihrer auch nirgends erwhnt gefunden. Ich habe deshalb
mitgetheilt, was ich gesehen habe, auf die Gefahr hin, vielleicht etwas
bereits Bekanntes zu erzhlen.

Am 8. Juni (2925' Lnge, 1050' sdl. Breite) sahen wir 3
Seeschlangen. Ueber diese Thiere, namentlich ber jene Arten, welche
die hohe See bewohnen, ist sicher noch wenig bekannt. Man wei, da
die meisten Wasserschlangen giftig sind, und feststehende Giftzhne
haben. Aber gewi findet sich auf hoher See wenig Gelegenheit und
vielleicht noch weniger Lust diese Thiere einzufangen. Die, welche uns
zu Gesicht kamen, konnten eigentlich nur einige Augenblicke beobachtet
werden, da das Schiff einen ziemlich raschen Gang hatte. Sie mochten
5 Fu Lnge haben, waren ziemlich dick, hatten einen flachen
zusammengedrckten Kopf und breiten, fischartigen Schwanz. Sie
schwammen mit schlangenfrmiger Bewegung, doch nicht sehr rasch
vorwrts und hielten sich dicht neben einander. Ihre Farbe schien
glnzend blaugrn, da sie aber einige Fu tief unter Wasser
schwammen, so mag die wohl eine Tuschung und ihre Frbung grau
oder weilich gewesen sein, denn bei klarem Himmel und Sonnenschein
erscheinen bei einiger Tiefe auf See alle helle Gegenstnde mit grner
oder blauer Farbe.

Kurz nach den Schlangen, nachdem sich der Wind etwas gelegt und das
Schiff einen langsamern Gang angenommen hatte, kam ein groer Fisch an
die Seite des Schiffes, auf welchen sogleich Jagd gemacht wurde. Es war
=Coryphaena hippurus= welche Species von den Seeleuten allgemein Delphin
genannt wird. Warum, wissen die Gtter. Der Delphin, hie es, liebe
ausnehmend silberne Gerthschaften, und man hngte deshalb sogleich
einen Zinn- oder Blechlffel an einer Schnur ber Bord, damit er
herbeigelockt werden sollte und, mit demselben spielend, dann harpunirt
werden knnte. Der angebliche Delphin nherte sich auch wirklich
dem Lffel, indessen blos in bescheidener Entfernung, ohne Zweifel
entrstet, da man ihn mit Zinn anstatt mit Silber kdern wollte. Er
folgte noch einige Zeit dem langsam weiter segelnden Schiffe und empfahl
sich dann. Wie kurz vorher die Schlangen, hatte auch dieser Fisch eine
prachtvolle grnlich blaue Farbe, aber auch unser Pseudo Silberlffel
glnzte in hnlicher Pracht. Indessen zeigt das Thier auch auerhalb
des Wassers eine wunderschne Frbung. Ich hatte spter Gelegenheit
mehrere derselben genau betrachten zu knnen und erfuhr auch dort, es
war nmlich auf der Rckreise von Peru nach Europa, vom Kapitain des
Dockenhuden, warum eigentlich jener Lffel als Lockvogel in die See
gehngt wurde. Diese Thiere stellen nmlich den fliegenden Fischen
begierig nach, und sollen sich durch den Glanz des Metalles verfhren
lassen, dasselbe fr einen solchen Fisch zu halten. Mit Ausnahme des
Glanzes hat freilich ein fliegender Fisch wenig Aehnlichkeit mit einem
Zinnlffel, aber abgesehen von der Erfahrung, ist die Sache vollkommen
glaubwrdig, wenn man sich an die englischen Angelksten und die
in denselben befindlichen Kder erinnert. Die meisten der letzteren,
welche fr den Forellenfang bestimmt sind, sind zwar sehr zierlich und
solid verfertigt, aber es gibt kein Insekt auf der Erde, welches ihnen
hnlich sieht. Es sind Phantasie-Fliegen. Dennoch aber gehen die
Forellen begierig nach diesen falschen Kdern und werden viel leichter
durch sie gefangen, als durch wirkliche Insekten, die man als Lockspeise
verwendet.

Vielleicht gehen die Forellen und andere Fische auf den Totaleffect,
auf den Eindruck, den das Ganze hervorbringt, hnlich wie es
Kunstliebhaber und andere Leute bisweilen zu machen pflegen.

Unser anfnglich besprochener Fisch, =Coryphaena hippurus=, der
Stutzkopf oder Delphin der deutschen Seeleute, ist an 4 Fu lang,
hat einen kurzen, von der Stirne rasch abfallenden Kopf und
verhltnimig kleinen Mund. Die Rckenflosse ist sehr hoch
und luft vom Kopfe bis zum Schwanze ber den ganzen Leib. Die
Brustflossen sind klein, die Bauchflosse fngt in der Mitte des Leibes
an. Die Kiefer sind mit einer groen Menge kleiner, aber sehr spitzer,
feststehender und nach innen zu hakenfrmig gebogener Zhne besetzt.
Die grten, welche auen stehen, sind kaum eine Linie lang. Ich habe
im Ober- und Unterkiefer des Fisches 120 der greren Zhne gezhlt,
kleinere sind gewi in doppelter Menge vorhanden. Die Frbung des
Thiers ist prchtig. Oben blulich, dann an den Seiten grn, unten
orange. Grere und kleinere, gelbe und blaue Flecken laufen lngs
den Seiten hin. Die Rckenflosse ist blau und die Strahlen sind
gelb. Alle diese Farben haben Goldglanz und wechseln whrend des
Todeskampfes. Es gewhrte, obgleich mich die Thiere dauerten, dennoch
einen prachtvollen Anblick, die auf Deck in der Sonne liegenden Thiere
rasch im Wechselspiele alle Farbentne von Grn, Blau und Gelb
annehmen zu sehen. Man knnte die Erscheinung noch am passendsten mit
dem Anlaufen gewisser Metalle im Feuer vergleichen, wo die Oxydschicht
ebenfalls rasch wechselnd mannichfache Farbennancen durchluft. Diese
Fische gewhren eine herrliche und auf See stets willkommene Speise,
namentlich wenn man Monate lang blos auf Salzfleisch angewiesen war.

Ich gedenke mit dankbarer Erinnerung des 9. Juni und der freundlichen
Feier, mit welcher an Bord vom Kapitain sowohl als von den Passagieren
mein Wiegenfest gefeiert worden. Lngere Zeit vorher hatte ich
zufllig einmal des Tags meiner Geburt erwhnt, und war nicht wenig
berrascht, jene Angabe so gut im Gedchtnisse festgehalten zu
sehen. Ich hatte die Nacht auf Deck zugebracht und war gegen Morgen dem
Scheuern der Matrosen weichend, zur Koje gegangen. Als ich zum Kaffee
in die gemeinschaftliche Kajte kam, fiel mir allerdings auf, da
alle Genossen bereits versammelt waren, und eine gewisse geheimnivolle
Stille herrschte. Im Begriffe zu fragen, wurde ich durch die freundliche
Ansprache eines der Passagiere aufgeklrt. Glckwnschend, in
herzlichen und ehrenden Worten, in seinem und der Genossen Namen, wurde
mir von demselben zugleich ein kleines Gedicht gebracht, und mit einem
Lebehoch geschlossen auf mich und die entfernten Meinen. Dort habe ich
mit scherzhaftem Spruche zu antworten gesucht, aber ich war gerhrt
im Herzen und habe jene Augenblicke festgehalten bis auf die heutige
Stunde.

Als das Hoch der Genossen erklungen, erschien der Kapitain auf der
Treppe der Kajte, ebenfalls Spruch-sprechend, glckwnschend und
ein Hoch bringend. Als ich aber mit herzlichen Worten antwortete, bat er
mich auf Deck zu kommen. Dort stand mir eine neue Ueberraschung bevor.
Der Kapitain hatte smmtliche Flaggen aufhien lassen, so da das
Schiff im festlichen Schmucke segelte, und so eine besondere Feier
am Bord angedeutet war. Die Passagiere des Zwischendeckes
beglckwnschten mich nicht minder freundlich, und vier der Matrosen
beschlossen endlich mit seemnnischem Spruch und treuherziger Rede die
Reihe der mich Begrenden.

So wurde mein Wiegenfest auf der Reform festlich begangen, und der Tag
harmlos und frhlich beendet.

Schon im Eingange habe ich jenes Pudels gedacht, der im Zwischendecke
die Ueberfahrt mitmachte. Anfnglich hatte derselbe durch allerlei
Kunststcke das Seine beigetragen zur Unterhaltung mssiger Passagiere
auf Deck. Wohl erfahren in der edlen Kunst des Apportirens, ja Meister
in derselben, setzte er durch mchtige Sprnge die Mannschaft in
Erstaunen und wute die kleinsten Gegenstnde, welche ihm vorher
gezeigt und hierauf versteckt worden waren, allenthalben aufzufinden.
Aber aller Orten werden Kabalen erdacht, Intriguen geschmiedet, so
auch hier gegen Leo, den Pudel. Das Quarterdeck war mit einem starken
Wachstuche, dicht mit Oelfarbe angestrichen, bespannt, und auf dieser zu
beiden Seiten etwas abschssigen Flche, war es in mssigen
Stunden des Abends oder Morgens hchst angenehm zu liegen und je nach
Umstnden, die Sonne oder die Frische der Luft zu genieen. Fiel aber
Regen ein, so hatte jene Flche eine andere Bestimmung. Es waren am
uern Rande derselben nach Art der Dachrinnen kleine Blechrhren
angebracht, durch welche das abflieende Regenwasser unten aufgesammelt
und zu beliebigem Zwecke verwendet werden konnte. Nur wer lange Zeit
schlechtes und belriechendes Wasser genossen hat, wei auf See einen
Regen zu schtzen, und ich habe mit Wollust jenes Wasser getrunken
mit einer Temperatur von +24R. und mit allerlei gemengtem
Nebengeschmacke.

Leo hatte sich manchmal auch auf dem Quarterdecke eingefunden und
freundlich geruht unter den andern Passagieren. Aber nach einem jener
wohlthtigen Regen, whrend welchem man das Regenwasser aufgefangen
und zum Trinken bentzte, hatten sich ble Gerchte verbreitet von
bedenklichen Dingen, die sich im Wasser gefunden, Dinge, die nicht vom
Himmel gefallen sein konnten, wie das Manna der Wste zur Erquickung
der Kinder Israels, Dinge, die vom Organismus als untauglich fr den
Stoffwechsel ausgestoen worden waren, kurz Gegenstnde, welche man in
guter Gesellschaft nie bei Namen nennt, die nothwendig von einem
Pudel herrhren, und in zum Trinken bestimmtem Wasser unter allen
Verhltnissen als hchst berflssig bezeichnet werden mssen.

In Folge dieser Thatsachen, oder auch bswilligen Verleumdungen, wurde
Leo vom Quarterdeck verbannt, und selbst das Apportiren auf Deck
wurde miliebig angesehen. Nun sa er halbe Tage trbsinnig und
unbeschftigt am Fallreff in die See starrend und wie es schien in der
Hoffnung, irgend etwas aus dem Wasser holen zu drfen, was zu Hause
eine erlaubte Ergtzlichkeit, aber hier zur Unmglichkeit geworden
war. Wenigstens mute er fters mit Gewalt zurckgehalten werden,
nicht einem zufllig ber Bord geworfenen, nutzlosen Gegenstande
nachzuspringen.

Mssiggang ist bekanntlich aller Laster Anfang, und so mochte es
kommen, da der Hund sich pltzlich in die See strzte, ohne Zweifel
verfhrt durch irgend einen sich emporschnellenden Fisch.

Es war fast Windstille, so da die Bewegung des Schiffes kaum
zu bemerken war, aber doch war in kurzer Zeit der Hund weiter als
Schiffslnge von uns entfernt, denn ein Schiff auf hoher See, welches
vollkommen stille und an demselben Ort zu liegen scheint, bewegt sich
doch stets von der Stelle; theils wirkt selbst der leiseste Hauch des
Windes auf dasselbe ein, wohl aber am meisten die Dinung und hier und da
auch eine Strmung.

Man kann sich denken, da das arme Thier allgemein bedauert wurde.
Der Kapitain lie Back legen, aber eben weil kaum eine Spur von Wind
vorhanden, so folgte das Schiff nur langsam den gegebenen Befehlen, wir
drehten uns so, da wir den wacker schwimmenden Pudel bald Backbord
bald Steuerbord in Sicht hatten, aber er entfernte sich immer mehr von
Bord, statt nher zu kommen, das heit, _wir_ trieben weiter, und
der Hund blieb zurck. Das kleine Boot war erst Tags vorher frisch
angestrichen, und fr die Ankunft in Rio Janeiro vorbereitet worden,
man setzte es also nur ungern aus; doch versprach der Kapitain das
Mglichste zu thun, um des Hundes wieder habhaft zu werden. Da
entschlo sich einer der Passagiere des Zwischendeckes, den Hund
schwimmend zu holen. Dieser Entschlu verrieth mehr Muth als
Besonneneit, und wurde allgemein beanstandet. Dessen ungeachtet aber
begann G. sich zu entkleiden, und schickte sich, trotz der ernstlichen
Einreden des Kapitains, an, ber Bord zu gehen. Ohne Zweifel htte
letzterer mit Bestimmtheit das tollkhne Unternehmen verbieten knnen,
allein, da in der letzten Zeit zwischen ihm und verschiedenen der
Passagiere bereits Mihelligkeiten entstanden waren, wollte er
wahrscheinlich kein Machtwort sprechen, und alle friedliche Zusprache
ntzte nicht.

Whrend mir der bereits zum Sprunge Bereitete noch seine Schlssel und
andere kleine Gegenstnde zum Aufheben gab, sprach ihm der Schiffsarzt
zu, sich wenigstens an der Bogleine befestigen zu lassen. Die wurde
angenommen, aber fehlerhafterweise die Leine zu kurz fr die Hhe des
Sprungs genommen, so da dieselbe ri, ehe noch der sich in die See
Strzende das Wasser erreicht hatte. Doch schwamm er rstig weiter und
hatte bald den Pudel erreicht, da sich beide, Hund und Mann, entgegen
kamen. Recht sichtbar aber wurde erst hier das Thrichte des ganzen
Unternehmens, und es nahm dieses eben so schnell eine bedenkliche
Gestalt an.

Als G. den Hund erreicht hatte, kletterte der letztere, bereits
ermdet, sogleich auf den Rcken des Schwimmenden, so da derselbe
nach mehrmaligen Versuchen den Hund abzuschtteln, untertauchen und
sich hierauf auf den Rcken werfen mute, um sich des Thieres erwehren
zu knnen. Der Hund schwamm bald allein fr sich weiter, und jetzt
konnte man bemerken, da whrend es schon _ihm_ nicht mglich war das
Schiff einzuholen, der Mann weiter hinter ihm zurckblieb. Ein
leichter Wind erhob sich jetzt zur ungnstigen Zeit das Bedrohliche
des Augenblicks erhhend, und uns allen an Bord wurde gleichzeitig die
Gefahr klar, in welcher der Schwimmende schwebte.

Es ist eine eigenthmliche Sache darum, einen Menschen, noch dazu einen
Mann, mit dem man lngere Zeit freundlich verkehrt, so pltzlich in
drohende Todesgefahr versetzt zu sehen, und so lt sich leicht die
Aufregung begreifen, die am Bord der Reform sich kund gab. Wir halten
uns rasch eingetheilt um den Matrosen hlfreiche Hand zu leisten, wo
es nthig und mglich war, ohne mehr zu stren als zu ntzen, aber
bereits begannen hhere Wellen den Schwimmenden anfnglich auf kurze,
bald auf immer lngere Zeitdauer zu verbergen, und der mit den Wogen
Kmpfende war sich sicher seiner Gefahr bewut, ja hatte vielleicht
bereits die Hoffnung aufgegeben, gerettet zu werden. Man hatte
mittlerweile das Boot losgemacht, um es in See zu bringen, aber da
dasselbe nur zum Trocknen auf Deck und ziemlich hoch anfgehngt
war, dauerte dies lngere Zeit. Endlich war es flott, mit vier der
tchtigsten Matrosen bemannt, und ruderte rasch nach der Richtung des
Schwimmenden, den wir nur selten und in bedeuteter Entfernung sehen
konnten. Auch das Boot verschwand jetzt in Zwischenrumen hinter den
immer hher werdenden Wellen. Es vergingen Minuten des Zweifels und
der Angst, bis endlich vom Mast aus der Ruf erscholl: Sie haben ihn!
Wohl selten wurde ein lebhafteres und freudigeres Hurrah gerufen, als in
jenem Augenblicke von den Reisenden auf der Reform. Nach einigen Minuten
wurde das Boot sichtbar und kam rasch nher. Unser Freund sa in
denselben, sehr hinfllig und bescheiden, wie es schien, aber glnzend
in allen Farben, einem Chamleon gleich. Wir konnten uns die Ursache
dieser optischen Erscheinung erst erklren, als wir bemerkten, da
die frischen Oelfarben des Bootes sich abgedrckt hatten auf seinen
Krper, als man ihn in dasselbe gezogen hatte.

An den Hund, den unschuldigen Anstifter alles dieses Unheils, hatte
Niemand mehr gedacht, so lange man den Menschen in Gefahr wute; als
dieser aber geborgen im Boote sich dem Schiffe nherte, lugte man
auch nach Leo. Er schien verschwunden, und nur einzelne der Passagiere
wollten ihn bald da bald dort in weiter Entfernung gesehen haben.
Das erste lebende Wesen aber, was an Bord gehit wurde aus dem
zurckgekehrten Boote, war der Pudel, der sich, dem Genius seiner Race
getreu, erst hier rechtschaffen schttelte, und dann auf unbefangene
Weise im Getmmel verschwand.

Der Gerettete brach, kaum auf Deck angelangt, vollstndig entkrftet
in sich zusammen, und war erst nach mehreren Stunden Ruhe im Stande,
seine Koje zu verlassen.

So endete das Abenteuer mit Leo dem Pudel. Mgen die freundlichen Leser
entschuldigen, da ich so lange sie aufgehalten mit demselben.--

Ich habe vorhin von Mihelligkeiten gesprochen, welche zwischen
Kapitain und Passagieren entstanden, und mu hierauf zurckkommen.
Ich habe erzhlt, wie man it und trinkt, wie man schlft und sich
langweilt an Bord, ich habe die Unterbrechungen der Langweile durch
Haie, fliegende Fische, Delphine und Quallen angegeben. Aber wir haben
noch 8 Tage, bis wir Rio de Janeiro erreichen, und ich glaube sie
zweckmig auszufllen, wenn ich jenes Unfriedens, und berhaupt des
Verhltnisses zwischen beiden Parteien gedenke.

Es steht irgendwo geschrieben, das Weib solle dem Manne unterthnig
sein und ihm folgen in allen vernnftigen Dingen. Alle Welt wei, da
dies geschieht, und da das Weib wirklich bisweilen folgt, so lange es
ein Ding vernnftig findet.

Hier und da aber sind die Meinungen getheilt ber das, was vernnftig
und unvernnftig ist, und dann entstehen Mihelligkeiten, bisweilen
sogar Familienverhltnisse.

Aehnliches findet an Bord statt, -- auf einem Kauffahrteischiffe
nmlich[2]. Ernstlich gesprochen, glaube ich, da wirklich von beiden
Seiten viel Takt dazu gehrt, um ein fortwhrend gutes Vernehmen
aufrecht zu erhalten. Es trifft sich oft, da der Kapitain irgend etwas
an Bord zu verbieten genthigt ist, es mag auch sein, da bisweilen
Verbote mit unterlaufen, welche eben so gut oder noch besser vielleicht,
ganz unterblieben wren, aber in beiden Fllen hat er nicht die
hinreichende Macht, seine Befehle zu untersttzen.

Die ist gleichgefhrlich zu Wasser und zu Land.

Wollte der Kapitain irgend einen Passagier durch die Matrosen zwingen
lassen, Folge zu leisten, so wre auf einem Passagierschiffe, so z.B.
auf der Reform mit 70 und etlichen Reisenden, ein Zusammenstehn der
meisten, und mithin offenbare Meuterei sehr zu befrchten gewesen. Aber
auch wenn nicht dergleichen in Aussicht steht, so hat der Kapitain
doch immerhin den Ruf des Rheders zu bewahren, den Ruf der sogenannten
Humanitt und des freundlichen Benehmens gegen die Reisenden.

Es gehen viele Leute ber die See, aber in Hamburg und Bremen gibt es
auch viele Rheder.

Es bleibt mithin das Verhltni des Kapitains stets ein sehr
eigenthmliches. Dazu kommt, da die berwiegende Anzahl der
Passagiere, so wie der Kapitaine und Seeleute berhaupt, ganz gewi
die verschiedensten Lebensansichten haben.

Die meisten der ersteren haben nie die See gesehen, von den wenigsten
der letzteren kennt einer das eigentliche Leben auf dem festen Lande,
mit Ausnahme der amphibienartigen See- und Hafenstdte. Meist
unweit der Kste geboren und selbst Kind eines Seemanns, Lootsen
und dergleichen, kommt der Knabe mit 13-14 Jahren an Bord als
Kajtenjunge, wird spter Matrose oder Leichtmatrose, macht, wenn
befhigt, einige Monate in der vterlichen Hafenstadt die Studien
der Steuermannskunst, wird hierauf Unter- spter Obersteuermann und im
gnstigen Falle Kapitain, wenn er nmlich Glck und Geschick hat und
nicht etwa zufllig -- verloren geht. (Landratten-Sprache: bei einem
Schiffbruche ertrinkt.)

Die Seeleute, die deutschen wenigstens und eben so die von andern
Nationen, die ich kennen lernte, sind fast alle wackere, muthige und
brave Mnner, sie sind barmherzig gegen Mensch und Thier; sie sind
bescheiden und ihrem Worte treu!

In nherer Berhrung mit ihnen auf der Rckreise whrend lngerer
Zeit, bin ich fters sogar auf den Gedanken gekommen, als sei der
Mensch von Natur aus doch nicht so sehr =filou= (es macht sich Das
franzsisch besser), als es gewhnlich scheinen will.

Aber dieser Seemensch hat vom Landmenschen, speciell aber von der
Species Passagier, einen verzweifelt schlechten Begriff.

Seiner Ansicht nach ist der Passagier ein Gegenstand, dessen Gegenwart
an Bord den Zweck hat, die nicht vorhandene Fracht des Schiffes nach X
oder Y zu decken, d.h. die Kosten des Rheders fr die Fahrt, um von
dort andere Waare, Tabak, Ochsenhute, Pfeffer, Farbholz oder andere
Sachen einzunehmen.

Der Passagier ist in den ersten Tagen ein jmmerliches Ding, welches
seekrank ist, das Deck verunreinigt und allenthalben im Wege steht. Dann
wird es neugierig, rsonnirt ber Salzfleisch und Wasser und lt
vor Allem unaufhrlich merken, da seine einzige Sehnsucht nach dem
Lande steht.

Ob die Klagen, welche die Passagiere der Reform fhrten, gegrndet
waren oder nicht, will ich nicht entscheiden. Einige mgen wohl
gerecht, andere unbillig gewesen sein. Aber wohl war an den meisten
jener Beschwerden der Kapitain unschuldig. Sie betrafen vorzglich
die Kost und das Wasser. Erstere hchst einfach, und das Wasser
belriechend. Aber Alles dieses war die Schuld des Rheders, welcher das
Schiff nicht zum Besten ausgerstet hatte.

Die stndige Antwort des Kapitains auf alle, endlich tglich, ja
stndlich wiederholte Klagen war, da er nicht mehr geben knne als
er habe, und da es auf andern Schiffen auch so sei. Aber mehr und
mehr fand sich eine gegenseitig gespannte, gereizte Stimmung ein, welche
einen unheimlichen Eindruck hervorbrachte, ja bedenklich wurde.

Kapitain und Passagiere grten sich nicht mehr bei der Begegnung auf
Deck; ein, ich mu es leider sagen, fters rcksichtsloses
Benehmen fand bisweilen von beiden Seiten statt, und als wir uns der
brasilianischen Kste nherten, wurde eine Schrift entworfen, welche
von allen Passagieren unterzeichnet und dem Konsul in Rio de Janeiro
bergeben werden sollte.

Diese Schrift enthielt alle Klagen und Beschwerden, welche man gegen
den Kapitain zu fhren sich berechtigt glaubte und war ein Mittelding
zwischen Mitrauensvotum und Anklage-Adresse, ein Nachklang des Jahres
1848. Ich glaube, da alle Passagiere, auer ich und die beiden in der
obern Kajte wohnenden Reisenden, jene Schrift unterzeichnet haben.

Die Stellung, welche ich in Hinsicht auf diese Mihelligkeiten an
Bord beobachtet, war die, welche ich seit langer Zeit unter hnlichen
Verhltnissen allenthalben eingenommen habe.

Einzeln den Parteien gegenber, gab ich jeder Unrecht, suchte aber
deren Recht zu vertheidigen nach Krften bei der andern.

Ich habe die Genossen erinnert, da sie sich nicht in einem Hotel
befnden, und da man fr 300 Thaler von Bremen bis nach Kalifornien
keine lucullische Tafel verlangen knne. Ich habe ihnen gesagt,
da man wohl auf andern Schiffen zheres Fleisch, fauleres Wasser,
schmalere Bissen antrfe.

Dem Kapitain aber versicherte ich unter vier Augen, da man doch mehr
thun knne fr die gegebene Summe, da das Fleisch sehr zh, das
Wasser sehr belriechend und die Bissen sehr schmal wren.

Da man durch die dicksten mittelalterlichen Mauern einer alten freien
Reichsstadt, ber ganze Straen und Stadtviertel hin, genau hrt, was
gesprochen wird in den Husern unserer Freunde und Nichtfreunde, was
Wunder, wenn solches geschah auf einem Schiffe, wo einige dnne Bretter
die dickste Scheidewand?

Auf der Reform aber hatte jene akustische Bauart nicht die blen
Folgen, die auf dem Lande nicht selten durch sie erzielt werden, und
eine friedliche Lsung der schwebenden Fragen mag bisweilen durch sie
bewirkt worden sein.

Ich ward betraut mit der Stelle eines Mittelsmannes zwischen Kapitain
und Passagieren; habe Hader verhtet und groe Errungenschaften
erworben. Man traute mir, da ich jedem meine Meinung sagte, unverholen
und mit so viel Derbheit, Artigkeit oder Laune, als ich eben zur Hand
hatte. Es mu die Seeluft ein besseres Medium sein fr unverholene
Meinungen und Scherze, als die auf dem Lande, und es ist hieran
vielleicht ein grerer Jodgehalt der ersteren schuld[3].

Um aber wieder auf meine Errungenschaften zu kommen, so mu ich
berichten, da ich unter Andern wchentlich einen Pudding erwirkt,
fr die Zwischendeck-Passagiere, und eine Thranlampe mehr, zur
abendlichen Beleuchtung. Fr die Kajten-Passagiere aber habe ich
_zwei_ Lichter erhandelt durch gute Worte beim Kapitain, ein Schlchen
eingemachter Frchte zum Sonntagstisch, und Kse fr einen Abend in
der Woche um die Frugalitt des Souper zu vermindern.

Ich habe die schwebende Zuckerfrage zu einem glcklichen Ende gebracht,
und trgt mich mein treuloses Gedchtni nicht, so wurden durch meine
diplomatischen Verhandlungen selbst auf einige Zeit die Speckportionen
um ein Unmerkliches grer.

Aber auch dem Kapitain leistete ich wichtige Dienste. Erffnete ich
nicht statt seiner den Passagieren, da leider die Sauerkohlportionen
kleiner werden und bald ganz aufhren wrden? Beschwichtigte ich nicht
jenen tobenden Sturm, als unter Absingung der Marseillaise und anderer
aufrhrischer Lieder, ein Stck Salzfleisch, welches zufllig grn
statt roth war, ber Bord geworfen wurde?

Ernsthaft aber gesprochen, so drehen sich, trgt nicht specielle ble
Laune und widerwrtiges Benehmen eines Individuums die Schuld, die
Uneinigkeiten an Bord zwischen Kapitain und Reisenden meist um das
Essen, und es mag mir wohl bisweilen gelungen sein, rgerliche
Auftritte zu verhten. Ganz aber war die Spannung nicht zu heben. Sie
brach unangenehmer als vorher aus, als wir Brasilien wieder verlassen
hatten und machte mir manche trbe Stunde. Ich wei nicht mehr,
ob jene Klagschrift in Rio de Janeiro bergeben worden ist. Unweit
Valparaiso wurde aber eine zweite entworfen, unterzeichnet und dort
wirklich dem Konsul eingehndigt.

Doch genug von diesen rgerlichen Hndeln. -- Ich will einer
lieblichen Erscheinung gedenken, welche ich unter diesen Breitegraden,
38 Lnge, 22 S.B. in meinem Tagebuch verzeichnet finde. Ich
glaube, da wir dieselbe dort zufllig das erstemal beobachteten,
obgleich sie bei gnstigen Verhltnissen unter allen Breitegraden
vorkommen mu, und spter auch noch verschiedenemale gesehen wurde.
Ich meine den Regenbogen, welcher bisweilen an der Leeseite des
Bugspriets gesehen wird.

Die Erscheinung zeigt sich, wenn bei vollkommen klarem Himmel und nicht
zu hohem Stande der Sonne ein schwacher Wind sich pltzlich erhoben
hat, so da das Schiff rasch durch eine noch nicht zu stark bewegte See
geht. Die Sonne mu auf der Luverseite des segelnden Schiffes, nmlich
auf der stehen, wo der Wind herkmmt. Da der Wind die am Bugspriet
empor geschleuderten kleinen Wassertropfen nach der Leeseite treibt, so
ist die dort entstandene regenbogenartige Erscheinung sichtbar, wenn man
sich so stellt, da man die Sonne im Rcken hat.

Aehnliche Phnomene kommen hufig bei Wasserfllen und selbst bei
greren Fontainen vor, und mssen auch an den Rdern der Dampfboote
gesehen werden; der am Bugspriet der Segelschiffe sich zeigende farbige
Bogen aber hat die Eigenthmlichkeit, da er sich durch Reflex tief in
den Grund der See fortzusetzen scheint, was, verbunden mit dem fteren
pltzlichen Verschwinden und dem raschen Wiedererscheinen desselben,
einen wunderhbschen Anblick gewhrt.

Noch mu ich des sdlichen Himmels erwhnen, den wir spter bei Kap
Horn freilich noch sdlicher, aber nicht in der Klarheit wie hier
unter den Wendekreisen zu sehen bekommen. Jeder hatte vom sdlichen
Himmel gehrt, gelesen, von seiner Pracht und Herrlichkeit sich je nach
Begriff und Phantasie ein glnzendes Bild entworfen. So kam es, da
das edle =Nil admirari= auf der Reform gnzlich vernachlssigt wurde,
und alle Welt schwrmte fr den Glanz der sdlichen Sternenwelt.
Insbesondere war es das Kreuz, was zur Bewunderung hinri. Leider
aber zeigte es sich, da die Ansichten ber das Kreuz differirten,
nmlich, da sehr verschiedene Stellen am Himmel angegeben wurden, wo
sich das Kreuz befinden sollte, und erst spter hat der Kapitain mir
das wirkliche Kreuz gezeigt. Die se Henriette (es hatte aus mir
unbekannten Grnden einer der Passagiere diesen Namen an Bord erhalten)
uerte bei dieser Gelegenheit, es gbe nicht blos ein sdliches,
sondern auch ein nrdliches, stliches und westliches Kreuz, und jeder
she das seinige an einer andern Stelle des Himmels oder der Erde.--

Da das sdliche Kreuz keine so auerordentlich glanzvolle
Erscheinung darbietet, wie man im Norden nicht selten glaubt, geht
vielleicht aus dem Gesagten hervor, denn es mgen die Urtheile
Unkundiger, die noch dazu den besten Willen hatten, Herrliches zu
erblicken, und sich doch nicht einigen konnten, wohl hiefr einen
Beweis liefern. Ein schnes Sternbild aber ist immerhin das Kreuz.
Auffallender aber, und fr mich, den Nichtastronomen, interessanter
waren die zwei maghellanischen Wolken und die schwarzen Flecke, oder die
Kohlenscke der Seeleute.

Die maghellanischen Wolken, besonders die grere, haben das Licht
der Milchstrae, machen aber wegen ihres Vereinzeltstehens einen
eigenthmlichen Eindruck. Man glaubt ein abgerissenes Stck derselben
zu sehen. Es hat die grere dieser beiden leuchtenden Flecken des
Sternenhimmels eine Gre von 42 Quadratgraden, whrend die kleinere
nur 10 Quadratgrade hat. Sie bestehen aus Nebelflecken, Sternschwrmen,
Sternhaufen und vielen einzelnen zerstreuten Sternen.

Die immensen Fortschritte, welche die Naturwissenschaften, besonders die
populren, im gebildeten Publikum gemacht haben, berheben mich
der Mhe anzudeuten, was Nebelflecken, Sternschwrme etc. eigentlich
sind, und ich darf sogleich zu den _schwarzen Flecken_ bergehn,
welche am besten geschildert sind durch ihre Benennung selbst. Es
sind in der That dunkle Stellen am Himmel, gerade das Gegentheil jener
leuchtenden Wolken und von den Astronomen dadurch erklrt, da an
jenen Stellen sich im Raume eine geringere Anzahl von Himmelskrpern
befinden, und da ihre Dunkelheit noch hervorgehoben wird durch die
Dichtheit der sie umgebenden Sternschichten.

Auffallend und fremdartiger noch werden ohne Zweifel dem Bewohner der
nrdlichen Halbkugel diese _schwarzen Flecken_ erscheinen, als die
maghellanischen Wolken, da auf unserer Erdhlfte Nichts Analoges
sich am Sternenhimmel dem unbewaffneten Auge darbietet, whrend
die Milchstrae uns schon an die ihr hnliche Erscheinung der
maghellanischen Wolken gewhnt hat.

Wenigstens war dies der Eindruck, welchen jene beiden
Eigenthmlichkeiten des sdlichen Himmels auf mich hervorbrachten, der
Totaleindruck aber war gegen jenen unserer Halbkugel kein gnstiger
zu nennen. Nur glnzendere Fixsterne erster Gre vermgen
einigermaen die Sternenleerheit des sdlichen Himmels, namentlich in
der Nhe des Pols, zu decken.

Da der nchtliche Himmel unter den Wendekreisen berhaupt schner
und lieblicher, als nher den Polen, bedarf keiner Erwhnung. Die
Helle und Klarheit dieser Nchte bei mondfreiem Himmel kommt nicht
selten einer Nacht unter unseren Breitegraden gleich, die von halbvollem
Monde erhellt wird, und das tiefe prachtvolle Blau entspricht allerdings
den Schilderungen, die hievon entworfen worden sind.

Wir sahen am 17. Juni zum erstenmal die Kste von Brasilien.
Scheinbar steile Abhnge, hier und da von fast kegelfrmigen Formen
unterbrochen. Aber die Abstufung dieser Kegel verscheuchte den Gedanken
an basaltische oder doleritische Gebilde, und lieen granitische Massen
vermuthen. Ich habe, wo es thunlich war, Profile der Ksten gezeichnet,
und was mir dort whrend der Arbeit bisweilen als eine nutzlose
Beschftigung erschien, giebt mir jetzt, wenn ich mein Skizzenbuch
durchblttere, eine klare Erinnerung an das Gesehene, ein, wenn auch
schwaches, geognostisches Bild, und ruft mir jene Stunden der Erwartung
deutlicher in's Gedchtni zurck, als die Notizen meines Tagebuchs.

Kurz nachdem wir die Kste in Sicht gehabt hatten, fiel Regen und bald
darauf verhllte ein ziemlich dichter Nebel alle Aussicht, bis endlich
pltzlich des Nachmittags die Nebel fielen, und wir in prachtvoller
Sonnenbeleuchtung und nicht allzugroer Ferne die brasilianische Kste
vor uns hatten.

Die Geschftigkeit der Seeleute hielt der Schwrmerei der Passagiere
die Wage. -- Brasilien! Eine Menge fast unbewuter Begriffe verbinden
sich mit diesem Namen, welcher mir wenigstens in frher Jugendzeit
stets der Reprsentant aller tropischen Pracht, aller berseeischen
Herrlichkeit gewesen. Kann ich aber leugnen, da bei nherer Ansicht
der Kste, bei der Hoffnung, wohl morgen schon das Land zu betreten,
all das, was ich gelesen ber dasselbe in den Werken gelehrter
Reisenden, zurckgedrngt wurde von der Erinnerung an jene Phantasien
des Knaben? Alle jene Bilder, welche seit mehr als 30 Jahren vergessen
in irgend einem Gedchtniwinkel gelegen, tauchten dort mit
wunderbarer Frische wieder auf. Dort habe ich Bertuch's groes
Bilderbuch wieder vor mir gesehen mit den riesigen Faltern und
glnzenden bunten Vgeln, welche Zeugni geben von der prachtvollen
Fauna jenes Landes. Ich habe die ermahnende Stimme jener gtigen
verehrten Frau, die Mutterstelle an mir vertreten, wieder gehrt,
warnend, nicht so in Affect zu gerathen und den Theetisch nicht
umzuwerfen. Als aber dort die Kste pltzlich uns entgegentrat,
vergoldet von der abendlichen Sonne und umdonnert von der Brandung des
durchschifften Oceans, habe ich mich gefreut, da ich alles das jetzt
sehen wrde, jene Falter und Vgel, die Palmen und die Neger und die
mchtigen Stmme des Urwaldes mit ihren Schlinggewchsen. Ich habe
mich fast verwundert, da das jetzt doch geschehen, was ich als Knabe
fr so ganz unmglich gehalten, trotzdem, da so vieles geschehen,
_mir_ geschehen, was ich als Knabe, als Jngling und als Mann fr noch
viel unmglicher gehalten.

Ich habe vorhin von der Geschftigkeit der Seeleute beim Anblicke der
Kste gesprochen und ich komme darauf zurck. Theils rstete man
sich zur baldigen Landung und traf Vorkehrung, um die Anker werfen
zu knnen, anderntheils aber schien es mir, als wisse man nicht ganz
genau, wo man sei und sei bemht, sich zu orientiren. Gegen Abend wurde
etwas von der Kste abgehalten und es dauerte bei der in jenen Gegenden
so rasch eintretenden Finsterni nicht lange, als wir Feuer am Lande
und zugleich einen Leuchtthurm mit Drehfeuer erblickten. Aber es war
an diesem Drehfeuer nicht zu erkennen, ob wir Kap Frio oder Rio vor uns
hatten. Ich kann mich nicht mehr der Unterschiede erinnern, durch welche
beide Leuchtthrme erkannt werden. Im Allgemeinen sind die Drehfeuer
so eingerichtet, da einige Sekunden das Licht erscheint, dann eine
bestimmte Anzahl von Sekunden verschwindet und hierauf wieder, und
bisweilen mit verndertem Farbentone, sichtbar wird. Whrend wir aber
nun sicher waren, eines der beiden Leuchtfeuer vor uns zu haben, traf
keins der in den Handbchern angegebenen Signale mit dem von uns an der
Kste gesehenen zusammen. Ich habe mich hievon berzeugt, indem ich
abwechselnd mit dem Kapitain die Zeitdauer des Lichts beobachtete.
Da besonders fr Schiffer, die das erstemal die Kste von Brasilien
besuchen, und eben so bei nebligem Wetter die beiden Leuchtthrme, oder
vielmehr die Orte, wo sie stehen, leicht zu verwechseln sind, so dchte
ich, da es ganz einfach und sicher unterscheidender wre, dem einen
der Thrme weies, dem andern rothes Drehfeuer zu geben. Ein in
gewissen Intervallen verschwindendes Feuer ist brigens nothwendig,
da in grerer Entfernung und bei Nebel das Signal leicht mit irgend
einem andern, zufllig an der Kste brennenden Feuer verwechselt
werden knnte, und umgekehrt.

Unser Kapitain, jung zwar, er machte die erste Reise als Kapitain, aber
vorsichtig und gewissenhaft, entfernte sich wieder von der Kste,
und da es bei Anbruch des folgenden Tages neblig war, kreuzten wir des
Morgens, ohne uns zu nhern. Windstille folgte, und bald auf dieselbe
gegen Abend eine ziemlich starke Boe. Es wurden die Segel gerefft, und
alles angewendet, um uns von der Kste zu entfernen.

Jeder, der einige Zeit lang Salzfleisch gegessen, wei, da auf hoher
See nur weniges zu befrchten, da aber eine gewisse Gefahr immerhin
an der Kste in Aussicht steht. So war auch bei den Reisenden hie und
da ein Anhauch von Aengstlichkeit nicht zu verkennen, und bedenkliche
Mienen zeigten sich, als die Feuer an der Kste nicht verschwinden
wollten, der Wind strker und das Schwanken des Schiffes immer heftiger
wurde. Doch ging die Nacht ohne Unfall vorber.

Wir kreuzten des andern Vormittags fortwhrend an der Kste, nherten
uns aber endlich derselben so weit, da wir den Eingang zum Hafen in
Sicht hatten. Bereits wurde die See belebter. Vgel, Mven in
groer Anzahl schwrmten umher, Quallen von ein bis anderthalb Fu
Durchmesser und scheibenfrmig gestaltet, zogen ganz langsam am Bord
vorber und Zge von Delphinen wurden nahe und ferne gesehen. Da nur
ein sehr schwacher Seewind wehte, so hatten wir Gelegenheit Alles
mit Mue beobachten zu knnen. So war nicht weit von uns ein
eigenthmliches Schauspiel zu bemerken. Ein Zug Delphine schwamm in
gleichem Curse mit der Reform, und eben so langsam wie sie dem Hafen zu,
und wurde von den allenthalben umherschwimmenden Mven bemerkt.
Alsbald versammelten sich diese Vgel ber den schwimmenden
Delphinen, anfnglich einzelne, bald mehrere Hunderte, und begannen
ein eigenthmliches Treiben. Sie strzten sich aus der Luft mit
Blitzesschnelle auf die Delphine, verweilten dort entweder einige
Sekunden, oder schwangen sich eben so schnell wieder in die Luft.
Entweder nehmen diese Vgel irgend eine Art Parasiten von der Haut der
schwimmenden Thiere ab oder bentzten sie die Gelegenheit um kleine
Fische zu fangen, welche nicht selten die Zge grerer warmbltiger
Seethiere begleiten. Ich habe deutlich beobachtet, da sich einzelne
Mven an Delphine anklammerten und unter Wasser gingen, wenn diese
tauchten, und erst beim Wiedererscheinen derselben sich in die Luft
schwangen. Die Delphine selbst schienen sich nicht im Mindesten um die
Vgel zu kmmern, sie setzten mit grter Unbefangenheit ihren Weg
fort, und die letzteren gaben ihre Beschftigung erst auf, als der Zug
der Delphine sich uns auf Schiffsweite genhert hatte.

Kurz hierauf kamen wir an einige Stellen, woselbst die See ganz roth
gefrbt war. Die Ursache war eine Unzahl kleiner rother Krebse,
von welchen ich einige aufgefischt, sie aber leider spter in Chile
verloren habe.

Bereits sahen wir schon den Leuchtthurm des Hafens. Er scheint von ferne
gesehen hart am Ufer zu stehen, befindet sich aber in Wirklichkeit weit
ab von demselben, auf einem isolirt in See stehenden Felsen, -- erinnere
ich mich recht, vielleicht zwei englische Meilen vom Eingange des Hafens
entfernt.

Wir lieen den Leuchtthurm Backbord liegen und hatten uns kurz vor
Untergang der Sonne dem Eingange des Hafens bis auf eine kurze Strecke
genhert.

In nchster Nhe hatten wir einige vereinzelt liegende ziemlich steile
Felseninseln vor uns, und auf ihnen sahen wir die ersten Palmen. Weiter
entfernt gegen rechts bewaldete Hhen, auf welchen die scheidende Sonne
eben noch erlaubte, die wunderbaren Formen der tropischen Vegetation
zu begren. Noch weiter gegen das Land zu, gegen rechts, liegt
am Eingange des Hafens das Fort Santa Cruz, welchem gegenber der
Zuckerhut, ein steiler, etwa 1300 Fu hoher Felsen, den anderen Theil
des Hafeneinganges bildet. Ihm schlieen sich Berge und Felsen an,
prangend im tiefsten prachtvollen Grn des Pflanzenwuchses.

Es wurde das Loth geworfen, um Tiefe und Beschaffenheit des Ankergrundes
zu erforschen und der Kapitain bat die Passagiere um Ruhe und Stille auf
einige Zeit, um ungestrt jene Arbeit vornehmen zu knnen.

Denken lt es sich, da Alles auf Deck war, was sich rhren konnte
an Bord; aber mit Ausnahme der beschftigten Seeleute, welche hie und
da einen Befehl empfingen und Antwort gaben, sprach dort Niemand eine
Sylbe und es wurde dem Willen des Kapitains die mglichste Folge
geleistet. War es die Achtung vor dem Worte desselben, war es die stille
Lust am neuen nie gesehenen Anblicke, hatte sich Aller eine stille
beschauliche Stimmung bemchtigt? Ich wei es nicht, aber ich wei,
da wenig Momente im Leben (angenehmen Andenkens nmlich) mir so
unvergelich sein werden, als jene nchtlichen Stunden.

Wir hatten die Anker geworfen und ein leichter Landwind brachte uns eine
Flle von Wohlgerchen an Bord, whrend groe Nachtschmetterlinge um
das Kompa-Licht flatterten und dann wieder verschwanden.

Der Mond, welcher nur kurze Zeit geleuchtet, hatte den Sternen
gestattet, uns das prachtvolle Blau jenes glcklichen Himmels in seiner
ganzen Herrlichkeit zu zeigen. Dabei Klnge vom Land, Musik in
der Entfernung, in grerer Nhe menschliche Stimmen in fremder
unverstndlicher Sprache und bewegliche Feuer. Im Hintergrunde
und durch das Thor des Hafens ersichtlich die Stadt, beleuchtet von
Tausenden von Lichtern lngs dem dunklen Saume der Kste.

Alles das ist nichts besonderes. Aber es macht einen eigenen Eindruck
wenn man es erfhrt nach einer fast zweimonatlichen Seereise an der
Kste eines Landes wie Brasilien und mit der Hoffnung, morgen jenes
Land betreten zu knnen!




III.

Rio de Janeiro.


Der freundliche Leser, welcher in Geduld mich bis hieher begleitet hat,
hat ohne Zweifel eine betrchtliche Dosis Langweile ausgestanden.
So mag man mir denn nicht widerstreiten, da ich recht treffend
geschildert, und es dahin zu bringen gewut, die Gefhle des Autors
berzutragen auf den Leser. Denn trotz des Zaubers der Tropennchte,
der Poesie des sdlichen Himmels und des Reizes der dunkelblauen
Wogen, ist ein achtwchentlicher Aufenthalt in der Atmosphre von
Salzfleisch und Zwieback immerhin hchst langweilig.

Leider vermag ich nicht glnzende Genugtuung zu geben, und jetzt
durch Schilderung des Aufenthaltes in Rio de Janeiro den Leser in die
Heiterkeit meiner Stimmung zu versetzen.

Wir fuhren am 22. Juni gegen Mittag in den Hafen von Rio ein. Vielfach
ist seine Einfahrt und die wirklich prachtvolle Lage des Hafens
beschrieben worden. Ich will deshalb so rasch als mglich ber die
dennoch unvermeidliche Schilderung jener ersten Eindrcke hinweggehen.

Die Einfahrt in den Hafen ist etwa 3000 Schritte breit und ist links
gebildet durch den sogenannten Zuckerhut, einen steilen, etwa 1300 Fu
hohen Felsen, rechts durch das Fort Santa Cruz. Von dieser Einfahrt bis
zur Stadt sind aber wenigstens noch ein und eine halbe englische Meile
zu durchschiffen bis man das Land erreicht. Weiter aber noch in der
Breite dehnt sich der Hafen aus, um ihn liegt die Stadt, im Hintergrunde
das Orgel- und Sterngebirge.

Abgesehen von verschiedenen Forts, welche neben dem genannten, sowohl
die Einfahrt als auch in Nhe der Stadt diese letztere selbst decken,
sind im Hafen selbst zwei Inseln mit Forts, von welchen namentlich das
auf der Ilha das Cobras, die Schlangeninsel, die Stadt gut zu schtzen
vermag.

Ich mu offen gestehen, da sowohl zur Zeit wo ich in den Hafen
einfuhr, als auch gegenwrtig, die strategische Wichtigkeit dieser
smmtlichen Fortificationen mir nicht besonders am Herzen lag, aber
ihre wirklich malerische Vertheilung an und im Hafen selbst, hat mich
entzckt und gewhrt in der That einen reizenden Anblick.

Allenthalben hebt das glnzende Grn jener tropischen Vegetation die
Weie der Mauern, und unfern der Kanonen steigen schlanke Palmen empor,
oder das riesige Blatt der Banane beschattet dieselben.

Es lt sich kaum die Belebtheit des Hafens schildern. Hunderte
von Booten von allen Gren durchkreuzen nach jeder Richtung hin
denselben. Die meisten sind mit Negern bemannt, halbnackten, krftigen
Gestalten. So ist das in der Sonne blitzende Grn des Wassers mit der
buntesten Staffage decorirt.

Obgleich ich dort noch nicht die Bekanntschaft des edlen Onkel Tom
gemacht, stiegen doch allerlei philantropische Gefhle in mir auf, als
ich die ersten dieser Boote erblickte.

Eins derselben nherte sich unserem langsam vorwrts treibenden
Schiffe, und obgleich am Steuer ein Weier, mit einem etwas
verfnglich aussehenden Bambusstabe stand, schien dennoch im
schwarzen Volke der Geist ungestrter Heiterkeit zu herrschen. Schnell
vorbergleitend an unserm Borde streckten uns smmtliche Neger die
Zunge entgegen, und solches war der erste Gru, den wir von unsern
schwarzen Brdern und berhaupt von menschlichen Wesen im neuen Lande
erhielten.

Bald folgte ein zweiter. Unweit eines jener Forts angelangt, rief man
uns von demselben aus in englischer Sprache zu: _Anker geworfen_! Mag es
nun sein, da von uns der Befehl nicht gehrig verstanden oder nicht
rasch genug befolgt wurde, gleich darauf donnerte ein Kanonenschu
ber uns hinweg und unmittelbar nach demselben der zweite Ruf: Anker
geworfen, oder ich schiee scharf!

Etwas verwirrte hastige Thtigkeit an der Ankerspille und obligate,
vielleicht auch hier und da etwas ngstliche Verwunderung der auf Deck
befindlichen Passagiere war die Folge der freundlichen Mahnung. Der
Grund derselben aber, da kein fremdes Schiff jene Linie berschreiten
durfte, ohne vorher von Douane und Sanittscommission besucht worden zu
sein.

Als der Anker geworfen, kamen bald Boote in unsere Nhe, welche uns in
Augenschein nahmen, theils Leute, welche Geschfte zu machen suchten,
theils mige Gaffer. Die Neger schnitten uns wieder Fratzen und
riefen uns, wie ihre Geberden zeigten, Schimpfworte zu, von welchen
uns indessen blos das Wort Californi verbindlich, wenn gleich
nicht erklrlich war. Wir erfuhren erst spter dessen Bedeutung und
Ursprung.

Douane und Sanittscommission kamen kurz nach einander an Bord. Es
wurde geprft, gezahlt, was allenthalben auf der Welt die Hauptsache zu
sein scheint, und hierauf die Erlaubni gegeben an's Land zu kommen.

Jetzt legten fast zu gleicher Zeit zwei Boote bei uns an, und es kamen
die Agenten zweier Kaufleute an Bord in der Absicht, Kapitain und
Passagieren ihre Dienste anzubieten. Die Sache hatte auf den ersten
Blick etwas seelenverkuferisches an sich und erinnerte an die lieben
Landsleute, welche in Nordamerika landende unerfahrene Reisende um den
Rest ihrer Habe bringen. Aber es zeigte sich das Gegentheil. Diese Leute
suchten nur jene Vorrthe und Bedrfnisse an uns zu verkaufen, von
welchen sie wissen, da sie Reisenden nthig, und dafr helfen sie
uns ber eine Menge Schwierigkeiten hinweg, die sich dem Ankmmlinge
im fremden Lande entgegenstellen. Ich schlo mich mit einem groen
Theil der Passagiere dem Agenten eines Schweden, _Holm_, an, von welchem
wir spter alle unsere Bedrfnisse kauften und gut bedient worden
sind. Nur wenige Gegenstnde, welche berhaupt in Rio zu haben
sind, fehlten im Verkaufsgewlbe dieses Mannes, und verlangte, nicht
vorhandene wurden sogleich aus andern Lden herbeigeschafft. Holm
besorgte alle Briefe der Passagiere, lie dieselben in Huser fhren,
welche sie nicht zu finden wuten, und wohin man etwa Empfehlungen
hatte, und wurde nicht mde eine Unzahl mssiger und unntzer Fragen
zu beantworten, welche unaufhrlich an ihn gethan wurden.

Vorlufig fuhr ich mit seinem Boote vom Bord aus an's Land. Hier erst
im raschen Durchgleiten des Hafens konnte ich seine ganze Schnheit
bewundern und fand die ganze Besttigung dessen, was ich schon in
Europa gehrt, da nmlich der Hafen von Rio zu den schnsten
Punkten der Erde gehrt.

Rio de Janeiro ist vielfach beschrieben worden, und die
naturhistorischen Schtze Brasiliens wurden ausgebeutet und geschildert
mit Gelehrsamkeit und Phantasie von Reisenden, welche das Glck hatten,
Jahre lang jenes Land durchziehen zu knnen.

_Wir_ hielten uns etwa nur vierzehn Tage in Rio auf und selbst whrend
dieser Zeit konnten wir nur kleine Ausflge in die Umgegend machen,
da der Kapitain die Dauer des Aufenthaltes niemand mittheilte, und uns
anbefahl, jeden Tag der Abreise gewrtig zu sein.

Naturhistorische Forschungen waren mithin kaum anzustellen, wenigstens
wre wohl nur meist schon Bekanntes zu erzielen gewesen. So war ich
darauf hingewiesen, dort nur das Leben und Treiben zu beobachten und --
selbst zu leben, weshalb nur kurze Schilderungen zu erwarten aus jener
glnzenden Tropenstadt.

Ein Theil der Passagiere, zu denen auch ich gehrte, wurden von Holm
in einen ziemlich guten Gasthof, Nationalhotel von August Sprengel,
gewiesen, und ich brachte den ersten Abend und den grten Theil
des folgenden Tags damit zu, in der Stadt umher zu streifen, um einen
Totaleindruck zu erwerben. Ich kann ihn nicht wiedergeben, denn viele
Bogen wrden nur ein unvollstndiges Bild hervorrufen. -- Mit Ausnahme
einzelner grerer, und meist ffentlicher Bauten sind die meisten
Huser zweistckig und haben die Bauart des sdlichen Europa,
unbedingt aber modificirt durch den Einflu der Tropen. Da die
farbige Bevlkerung fr ein ungewhntes Auge anfnglich wohl
den meisten Reiz hat, lt sich denken. Kann ich aber hier Neues
berichten? Wohl schwerlich, denn je nach der Auffassungsgabe einzelner
Individuen sind alle diese Dinge uns schon unzhlige Male erzhlt
worden.

Als recht charakterisirend und bezeichnend aber fr den reichlichsten
ppigsten Ueberflu, welchen jener glckliche Himmelsstrich erzeugt,
mu ich des Victualien-Marktes erwhnen. Ich habe selten vorher ein
reizenderes, lieblicheres und zugleich belehrenderes lebendes Bild
gesehen. In einer groen, im Viereck gebauten Halle liegen alle jene
Frchte aufgehuft in massenhafter Menge und um einige Pfennige
zu kaufen, welche bei uns theils mit so viel Thalern bezahlt werden
mten, theils gar nicht zu haben, ja kaum dem Namen nach bekannt
sind.

In Mitte mchtiger Hgel von Ananassen, Orangen von allen Arten und
von unglaublicher Gre, von ebaren sen Citronen, Bananen,
Cocosfrchten, Feigen, Yams, sen Zwiebeln, Artischoken und einer
Unzahl anderer Dinge mit barbarischen Namen aber hchst kultivirtem
Geschmacke, sitzen frische, reizende Negerinnen, lustig und guter Dinge
ihre Waare anpreisend, singend und trllernd, wohl auch kokettirend,
und um sie und zwischen den Frchten glnzen die glhenden Blthen
des Landes zum Verkauf oder zur Zierde dorthin gestellt. Andere jener
schwarzen, plaudernden Dirnen sind fast gnzlich versteckt hinter
Bergen von riesenhaften Gemsen. Dort habe ich mich kaum getraut, den
biedern deutschen Kohlkopf als Landsmann zu begren, so mchtig war
sein Haupt, so tropisch seine Haltung.

Fabelhaftes Seegethier, lebend und todt, wird in andern Regionen zu Kauf
und Schau geboten. Fische in allen denkbaren Formen und Farben, Krebse,
Hummer, Krabben, Austern und Muscheln aller Art, und dort knnte der
Zoologe reiche und ganz gewi noch unbekannte Schtze erwerben, welche
vielleicht hundert Jahre lang verkauft und gespeist worden sind, ohne
die Ehre gehabt zu haben, wissenschaftlich beachtet zu werden.

So habe ich selbst spter in Valparaiso, dessen Fauna gegen jene von
Rio eine rmliche zu nennen, einen neuen Schmarozerkrebs gefunden, der
ohne Zweifel, so lange jene Stadt besteht, in einem Seeigel zu Markte
gebracht und tglich dort gegessen wird.

Das bunteste und lebendigste Gemlde aber bietet auf jenem Markte in
Rio der Geflgel-Verkauf, oder besser der Wildpretmarkt, der
einen weitern Theil der Halle einnimmt. Wildhhner und Enten, alle
Variationen des Haushuhns, Perlhhner und Truthhne, wechseln mit
lebenden glnzenden Aras und bunten Papageien. Dazwischen sind in
Kfigen jene groen schwarzen Schweine ohne Rckenborsten zu sehen,
deren Fleisch ganz dem Schwarzwild hnlich, oder ein Stachelschwein,
oder ein kleines unzenartiges Thier, was sich anstndig und zahm
geberdet, dann Affen von allen Arten und anderes fremdlndisches
Gethier.

Fremde von allen europischen Nationen, die sich jenes Treiben
besichtigen, Schwarze aus allen Stmmen Afrikas, verkaufend und
einkaufend, arbeitend und mig einherschlendernd, beleben das Ganze
und vermehren dessen Reiz.

Die ersten Tage in Rio bentzte ich um einige Empfehlungsbriefe
abzugeben, die ich dahin hatte. Die Mehrzahl derselben habe ich spter
bei Kap Horn in die See geworfen, und sie sind ohne Zweifel von den
Albatrossen verschluckt worden, die dem Schiffe folgten. Binden nicht
spezielle Bande den Schreiber und Empfnger solcher Briefe, oder walten
nicht besondere gnstige Verhltnisse ob, so bringen sie meistens
wenig Nutzen.

Halb Nabob halb Englishman steht der Empfnger des Briefes vor
euch, die Daumen in den Armlchern der Weste, mit den Augen halb den
Schtzling musternd, halb zur Thre hin bekomplimentirend, und aus
allen diesen Halbheiten wird euch bald ganz klar, da ihr am besten
sogleich wieder geht. Ich habe es redlich gethan, freundlich, lachend,
und mit hflich ausgesprochenem Troste, da ich nicht wieder kommen
werde. Zu Schutz und Entschuldigung aller jener Empfnger braucht aber
kaum bemerkt zu werden, da, wenn jeder derselben nur einen halben Tag
einer solchen Empfehlung opfern wollte, der Leichtsinn, mit welchem sie
hufig gegeben werden, ihm wohl wenig freie Zeit brig lassen wrde.

Als ich am ersten Tage des Abends in das Gasthaus zurckkehrte,
fand ich einen ziemlichen Theil der Schiffsgenossen krank und in
jmmerlichem Zustande. Der unmige Genu von Frchten trug ohne
Zweifel die Schuld. Ich empfahl Migkeit fr die Folge und lie
heien starken Thee ohne irgend eine andere Zuthat nehmen. Durchfall
und Erbrechen hoben sich berraschend schnell und die gefrchteten
Fieber blieben aus. Ich fr meine Person habe whrend meines dortigen
Aufenthaltes ganz nach Belieben meine Lieblingsfrucht, die Orange, und
eben so Ananas gegessen, dazwischen selbst mit Einschlu des Wassers,
jedes Getrnke genommen, ohne je irgend ein Uebelbefinden zu spren.
Auch die gefrchteten Muskitos lieen sich ertrglich an, und ich
habe in Franken in manchen Jahren whrend einer Nacht mehr von den dort
sogenannten Schnaken (=Culex pipiens=) ausgestanden als whrend meines
ganzen Aufenthalts in Brasilien von den Muskitos. Im Innern des
Landes und in der Nhe von Smpfen leugne ich natrlich nicht
das Beschwerliche dieser Gste. Diejenige Art derselben, welche
uns heimsuchte, war klein, etwa zwei Linien lang und mit gefiederten
Fhlfden. Sie summt und pfeift nach Art unserer deutschen Schnaken
und ihr Stich hinterlt einen kleinen Hugel, der mehrere Tage bleibt
und in der Mitte einen schwarzen Punkt hat. Wir hatten auf dem Schiffe,
nachdem wir Rio verlassen hatten, einige Tage lang fast mehr von ihnen
zu leiden, als am Lande selbst.

Einen der lohnendsten Ausflge in der Umgegend von Rio de Janeiro
machte ich nach einigen Tagen meines dortigen Aufenthaltes nach dem
Corcovado, dem hchsten Berge in der Nhe der Stadt. Man geht eine
groe Strecke lngs einer Wasserleitung, welche allenthalben berhmt
ist und sicher diesen Ruf verdient. Ueber zwei Stunden weit wird vom
Corcovado aus das Wasser einer Quelle des Rio Catetes in die Stadt
gefhrt. Der Bau besteht aus achtzig Doppelbogen, und ist an manchen
Stellen ber hundert und sechzig Fu hoch. Das Wasser luft in
demselben gedeckt und verschlossen, aber an vielen Stellen kann der
Vorbergehende seinen Durst lschen, indem Oeffnungen mit eisernen
Gittern das Schpfen erlauben.

Die nchste Umgebung der Stadt, der Weg nach dem Berge selbst,
der durch den bereits unweit der Stadt liegenden Urwald fhrt, die
kostbaren Fernsichten, welche sich allenthalben, wo der Wald eine Lcke
bildet, erffnen, so wie die phantastischen Formen jener Vegetation,
bieten einen unbeschreiblichen Zauber dar. Man wandert zwischen
prachtvollen Stmmen riesiger Geoffracen, Rhexien, Cisalpinen und
anderer gigantischer Bume, die durch fast armsdicke Schlinggewchse
decorirt und verbunden sind, und zwischen ihnen hindurch leuchten in
brennenden Farben Bignonien, Lantanen, Pasifloren und hunderte jener
Blumen, die bei uns mit Mhe gezogen werden.

Der Vordergrund jener herrlichen landschaftlichen Gemlde, die hufig
durch Lichtungen des Waldes erblickt werden, wird bald durch vereinzelte
Negerhtten in Mitte mit Frchten berschtteter Orangenbume,
bald durch pittoreske Felsparthieen, bald wieder durch gefallene und mit
Parasiten bedeckte Stmme gebildet. Wohl blickt man auch, frei ab von
der Hhe, ber eine waldige Thalschlucht hinaus in die glnzende
Ferne, auf den Hafen und einen Theil der Stadt und des Orgel- und
Sterngebirges.

In geognostischer Beziehung habe ich dort manches Interessante gefunden,
konnte aber leider nur wenige bezeichnende Stufen schlagen, da ich den
Fehler beging, neue, noch ungeprobte Eisen mit mir zu nehmen, welche
smmtlich nach den ersten Schlgen zersprangen.

Schwarzer Glimmer scheint bedeutend vorzuherrschen in dem dortigen
Granite, aber Form und Geprge dieser Gesteine wechseln bedeutend.
Schnen edlen Granat habe ich unter anderen Mineralien in einem frisch
geffneten Bruche dicht an der Strae gefunden. Die interessanteste
Erscheinung aber, welche man dort aller Orten beobachten kann, ist die
Verwitterung des Granits und die Zersetzung dieses Gesteins in einer
Intensitt, von welcher man sich bei uns kaum einen Begriff zu machen
im Stande ist. An manchen Stellen finden sich Thonlager von 40 und
mehreren Fuen Mchtigkeit, welche theils wohl von verwittertem
ausgewaschenem Gesteine herrhren, theils aber auch blos umgewandelter
Granit sind, welcher dort anstand und sich gnzlich gesetzt hat, bis
auf unvernderte Quergnge und hier und da noch sichtbar auftretende
Glimmerparthieen. Bisweilen aber glaubt man noch unverndertes,
vielleicht nur hchstens an der Oberflche verwittertes granitisches
Gestein vor sich zu haben, so deutlich ist die Form der Bestandtheile
derselben noch erhalten; aber man kann mit leichter Mhe einen Stock
seiner ganzen Lnge nach bis an die Faust in den scheinbaren Felsen
stoen, und ich habe mit einer sieben Fu langen, am Wege liegenden
Stange denselben Versuch mit gleichem Erfolge gemacht.

Ich habe dort mitten im unzersetzten frischen Granite flache, kaum einen
Zoll mchtige plattenfrmige Gebilde anstehen gefunden, welche ich
auf einen Fu Tiefe in das granitische Gestein verfolgen konnte. Diese
Platten sehen so auerordentlich tuschend gewissen Formen des oberen
Keupersandsteins hnlich, da ich an Ort und Stelle fast an die
geognostische Unmglichkeit geglaubt htte, Nester von Keupersandstein
mitten im Granite zu finden. Mitgebrachte Handstcke, welche ich noch
heute besitze, belegen die Richtigkeit des Ausgesprochenen und sind
von Sachverstndigen stets als Keupersandstein angesprochen worden,
obgleich sie blos zersetzter Granit sind.

Die warmen Regen, die dort zu gewissen Zeiten ziemlich hufig fallen,
im Verein mit der bald wieder erscheinenden glhenden Sonne jenes
Himmels, bewirken ohne Zweifel jene rasche und energische Zersetzung,
welche fr unsere Breitegrade ohne Beispiel ist.--

Ich will nicht nochmals von der Aussicht sprechen, die von dem Gipfel
des Corcovado sich darbietet und eben so wenig der baumartigen Farren
weiter erwhnen, welche dort sich in aller Pracht entfalten, da
gelehrte Botaniker den letzten Gegenstand wenn nicht erschpft, doch
hinlnglich berhrt haben.

Dagegen will ich eines Negertanzes erwhnen, den wir, heimkehrend,
zu beobachten Gelegenheit hatten. Im Hofe eines jener Landhuser,
die schon unweit der Stadt beginnen, und dann stets isolirter und
vereinzelter bis in weite Entfernung von derselben angetroffen werden,
hatten sich die Schwarzen beiderlei Geschlechts versammelt und fhrten
einen ihrer National-Tnze auf. Die Wahrheit zu gestehen, war bei
diesem Tanze wenig zu bemerken von kindlicher Unschuld eines Naturvolkes
oder ungeknstelter Grazie. Die Tanzenden waren je nach dem Geschlechte
in zwei Reihen gestellt. Einer der Mnner sprang vor und nherte
sich mit hpfenden Schritten, welche allerdings einige entfernte
Aehnlichkeit mit regelrechten =Pas= hatten, der weiblichen Reihe. Die
gewhlte Dame, vor welcher er stehen blieb, trat vor, und nun begann
der Tnzer eine Reihenfolge von Bewegungen, welche nichts weniger als
zweideutig genannt werden drfen, sondern vielmehr hchst unzweideutig
und nicht nher bezeichenbar waren. Hatten smmtliche schwarze Herren
ihre Tour beendet, begannen die Damen dieselben Manver. Ich brauche
wohl kaum zu bemerken, da was, gelinde bezeichnet, bei den Mnnern
als burlesk betrachtet werden konnte, von Frauen ausgefhrt hchst
widerlich erschien. Das Ganze lste sich in eine wilde, verworrene,
jauchzende und tobende Gruppe, worauf wieder das vorher geschilderte
Spiel begann.

Als begleitendes musikalisches Instrument diente ein rohes an der Sonne
getrocknetes Kalbfell auf eine Tonne gelegt, nicht gespannt, und mit
einem harten Holzstcke geschlagen und fast ununterbrochen von den
Tanzenden mit einem eintnigen Gesange begleitet. Wir glaubten die ewig
wiederholten Worte =Aira, Aira, re!= verstanden zu haben.

Man hat mich von glaubwrdiger Seite versichert, da jener Tanz ein
Nationaltanz der Neger sei und nicht die Parodie oder Nachffung des
Menuett, wie ich theilweise zu glauben geneigt war.

Das Interessanteste, was ich auf jener Excursion in zoologischer
Hinsicht getroffen, war ein negatives Resultat. Ich habe nmlich keinen
einzigen Kfer getroffen, obgleich mir die Fundorte dieser Thiere wohl
bekannt sind, und ich kein ungebtes Auge besitze. Ich glaube
nicht, da die Jahreszeit hieran die Schuld trug, denn =Dipteren,
Hymenopteren, Hemipteren= und prachtvolle =Lepidopteren= waren zahlreich
zu treffen. Am hufigsten unter den greren Schmetterlingen war der
schne Bombyx Atlas, der dem chinesischen und japanischen kaum etwas
an Gre nachgab. Auch =Aeronauta phorbanta= oder eine ihm wenigstens
sehr hnliche Species sa hufig an den glatten Stmmen jener
mchtigen Bume, mit den groen blau gefrbten Flgeln schlagend
und ausschwitzende Sfte saugend. Fr mich, der ehemals
leidenschaftlich gesammelt hatte, war es ein eigenthmliches
bitterses Gefhl, diese prachtvollen Thiere, die Idole meiner
Knabenzeit, lebend und in solcher Menge zu sehen, ohne sie fangen zu
drfen. Aber ich hatte mir zum Grundsatz gemacht, hier in Brasilien
wenigstens keine Schmetterlinge mitzunehmen, da Transport ohne
Beschdigung auf der weiteren Reise kaum mglich gewesen wre. Die
leicht transportirbaren Kfer aber sollen, wie man mir sagte, in der
Umgebung von einigen Stunden berhaupt sehr selten sein, da eine
Menge von Speculanten ihre Neger ausschicken, um sie einzufangen und an
europische Naturalienhndler zu versenden. Auch in ornithologischer
Beziehung sahen wir nur einige kleine finkenhnliche Vgel, hingegen
drei Gesellschaften von Brasilianern, welche mit Vogelflinten bewaffnet
jagten, indessen auch noch ohne sonderliche Beute waren.

Auer einem mchtigen Regenwurme, vielleicht eine neue Lumbricus-Art,
welchen ich aber nicht mitnehmen konnte, war ebenfalls kein kriechendes
Thier zu sehen.

Ich bedaure, meinen Lesern nicht von einem Kampfe mit einer
Klapperschlange erzhlen zu knnen oder vor ihren Augen eine =Boa
constrictor= erlegen zu drfen, aber ich vertrste sie auf Chile! Dort
werde ich sie ber die Gipfel eines Urwalds hinwegfhren, sie werden
auch ein hchst merkwrdiges Abenteuer mit einem Lwen bestehen
sehen, und berhaupt die interessantesten Dinge vernehmen. Zwar nichts
Neues, Alles schon dagewesen! Aber wer vermag lauter Nova zu liefern,
wenn er wahr sein und nicht ungebhrlich _decoriren_ will!

Das lebhafte rege Leben, was in tropischen Stdten erst mit dem Abende
beginnt und bis in die spte Nacht fortdauert, ist so bekannt, da
eine Schilderung desselben vollstndig berflssig.

In Rio de Janeiro aber sind die Abende schon vor Sonnenuntergang
prachtvoll, weil der Seewind, der dort herrscht, kostbar erfrischt. Ich
brachte bisweilen, war ich gerade nicht auf einer grern Excursion,
solche Abende in einer jener Restaurationen nahe am Hafen zu, welche
einem Franzosen gehrte, und woselbst ich spter kurz vor der Abreise
auch einige Tage wohnte. In diesen Anstalten herrscht eine merkwrdige
Mengung von franzsischer Eleganz, brasilianischem Ueberflusse und
zugleich, wie soll ich mich ausdrcken, -- einer gewissen Einfachheit
der Sitten.

Die groen bogenfrmigen Thren sind in den zu ebener Erde und gegen
die See liegenden Speisezimmern stets geffnet, so da die frische
Luft ungehindert Zutritt hat, an den Wnden schne Kupferstiche, die
kleinen Speisetische mit Silber und Kristallglas geziert und in der
Mitte des gerumigen Gemaches eine Art Buffet zierlich, ja malerisch
geschmckt mit allen jenen ebaren Produkten des Landes aus Thier- und
Pflanzenreich, die bei uns mit Gold gewogen, dort um einige Kreuzer zu
haben sind, eine Miniatur-Ausgabe des besprochenen Victualienmarktes.
Hinter einem andern in der Tiefe des Zimmers befindlichen Buffet
beaufsichtigt eine zierliche Franzsin die Spirituosen. Aber der
Kellner geht in Hemdrmeln, in abgetretenen Pantoffeln, nicht selten
ohne Strmpfe und die Bedienung ist, wenn gerade nicht langsam, doch
eigenthmlich. Ich war Augenzeuge, wie ein Fremder ein Glas Cognac
verlangte. Der am Buffet lehnende Garon hatte zufllig die linke Hand
in der Tasche seiner Beinkleider stecken. Es war ihm lstig, sie zu
entfernen, und so ergriff er die in der Nhe stehende Cognac-Flasche
mit der Rechten, beseitigte den Stpsel mit den Zhnen, fllte ein
Glschen und verkorkte die Flasche wieder auf dieselbe Weise, ohne die
Linke zu rhren. Hier wute die Linke nicht, was die Rechte that und
umgekehrt, wie es hufig in unsern Kammern der Fall ist.

In jener Restauration versammelte sich ein groer Theil der Reisenden,
deren Schiffe im Hafen lagen, und das babylonische Gewirre aller
Sprachen, welches meist dort herrschte, ist schwer zu beschreiben. So
war ein nordamerikanisches Schiff, welches, wie wir, nach Kalifornien
bestimmt war, bei Kap Horn wegen Havarie gezwungen gewesen, umzukehren,
und dessen Passagiere gaben uns jeden Abend Gelegenheit, Yankee-Sitte
vor Augen zu haben. Eine Cigarre oder Kautabak im Munde, und war es
halbweg mglich beide Fe auf dem Tische, spuckten diese Gentlemen
mit bewundernswrdiger Virtuositt weit ab von sich an Wnde
und Gerthschaften. Aber ich hatte auch Gelegenheit, den durchweg
praktischen Sinn jener Leute zu beobachten. Sie hatten an einem
Abend auf der Strae vor dem Gasthause Hndel mit den Brasilianern
angefangen, man hatte die Messer gezogen, und einige der Nordamerikaner
waren, ich wei nicht auf welche Art, durch tiefe Querschnitte ber
den Rcken verwundet worden. Es war nthig, vor der Uebermacht auf
der Strae sich durch das Haus auf die andere Seite in's Freie
zurckzuziehen, und sie bewirkten diesen Rckzug, indem sie
gnsemarschartig sich mit auerordentlicher Geschmeidigkeit durch
alle Gste schoben, den Einzelnen wegstoend, greren Gruppen
ausweichend und die Verwundeten so mit sich schleppend, da diese
mit beiden Hnden sich an den Schultern des Vordermanns festhielten,
whrend ihr Hintermann sie selbst am Kragen gefat hielt.

       *       *       *       *       *

Nicht leicht habe ich den Ausdruck heiterer und harmloser Freude ber
eine ganze Bevlkerung ausgebreitet gesehen als in Rio de Janeiro am
Vorabende des Johannis-Festes.

Sicher ist es eine der glcklichsten Segnungen der meisten warmen
Lnder, da ihre Bewohner eine gewisse kindliche Gemthlichkeit,
einen eigenthmlichen gtlichen Leichtsinn bewahren, die sich bei
jeder Gelegenheit uern. Am Johannis-Feste freut sich alles, eben
weil man sich freut. Auf den Straen eine heitere, wogende, jubelnde
Menge, in den Husern geladene Gste, freundliche Hausherren und
geschftige Diener, Scherz und Lust in jedem Winkel des Hauses, in
jeder Laube des duftenden Gartens. Sobald es zu dunkeln beginnt, erheben
sich tausende von farbigen Ballons in die Luft, die entweder in der
Hhe verschwinden oder durch ein angebrachtes Feuerwerk in Flammen
gerathen und Leuchtkugeln oder Raketen auswerfen. Aber auch auf der Erde
entznden sich allenthalben pltzlich farbige Leuchtstze und nicht
selten wird irgend eine zrtliche Gruppe unfreiwillig beleuchtet,
Raketen steigen in die Hhe, Schwrmer und sogenannte Frsche blitzen
und knallen aller Orten. Das eigentliche Johannisfeuer aber, von welchem
sich auch in Deutschland an mehreren Orten noch Spuren erhalten
haben, brennt vielfach in jeder Strae und auf greren Pltzen in
mchtigen Flammen. Alte Kisten und Tannen, unbrauchbares Hausgerthe
und hundert andere brennbare Dinge werden aufgespart auf diesen Tag,
und Jedermann sucht sein Scherflein beizutragen fr diese allgemeinen
Freudenfeuer.

Mich hat dort verwundert, wie geduldig die Pferde ber jene Feuer
hinwegliefen, denn da die letzteren in ganz engen Straen brannten,
wo an kein Ausweichen zu denken war, muten alle Wagen, welche zu
hunderten die Stadt durchzogen, durch die Flammen fahren, so da
brennende Holzstcke oft zwanzig Schritte weit von den Rdern
hinweggefhrt wurden.

Die Heiterkeit des Abends wurde wieder durch eine Anzahl Nordamerikaner
gestrt, welche Unfug verbten und durch die Polizei zur Ruhe gebracht
werden muten. Wir erfuhren bei dieser Gelegenheit die Bedeutung des
Wortes Californi! welches man uns bei der Einfahrt in den Hafen
zugerufen hatte. Es hatten schon vor unserer Ankunft die Passagiere
mehrer gleichzeitig im Hafen von Rio verweilender nordamerikanischer
Schiffe manchfache Tollheiten und Unarten verbt, in Schenken z.B.
statt die Zeche zu zahlen, Gerthe zerschlagen, Raufereien begonnen,
Dirnen mihandelt u.s.w. Da jene Schiffe nach Kalifornien bestimmt
waren, so kam unter dem Volke als Schimpfwort jener Name in Umlauf, mit
welchem man ohne Unterschied alle nach Kalifornien Reisenden belegte.--

Man wird von mir keine statistische Notizen ber Rio verlangen, die
allenthalben eben so gut oder schlecht als ich sie geben knnte,
nachzuschlagen sind. Da die 100,000 Einwohner, welche mit Einschlu
der Neger die Bevlkerung ausmachen, sich durch das, einige Monate nach
meiner Anwesenheit ausbrechende gelbe Fieber bedeutend vermindert haben,
ist bekannt; aber solche Verluste ersetzen sich schnell in der neuen
Welt, theils durch fremde Ankmmlinge, theils wie hier in Rio, durch
Schwarze.

Das Militair hat keinen sehr gnstigen Eindruck auf mich gemacht. Es
besteht, mit Ausnahme von Fremden, welche in brasilianische Dienste
getreten sind, aus Negern, und es ist in der That kein Scherz, wenn ich
sage, da der erste Anblick dieser Krieger mich an eine Affen-Komdie
erinnert hat. Sich selbst berlassen, stehn die Schwarzen meist
mit gebogenen Knieen, wodurch die ohnedies langen Arme noch lnger
erscheinen und dies, vereint mit den schwarzen, bisweilen wirklich
fratzenhaften Physiognomien bringt jenen pavianartigen Typus zuwege.
Doch stehen sie wacker und ernsthaft Schildwacht und wissen, ganz auf
europische Weise, Zudringliche von verbotenen Stellen zu entfernen.

Ich habe den Kaiser Dom Pedro mehrmals auf der Parade gesehen, welche
er zu Pferde besuchte. Die Generle und hohen Stabsoffiziere fahren in
kleinen einspnnigen, geschlossenen Wagen dorthin. Der Kaiser scheint
durchgngig beliebt zu sein und zwischen den beiden dort herrschenden
Parteien die Wage zu halten. So viel mir whrend meines kurzen
Aufenthaltes von den dortigen politischen Verhltnissen klar geworden,
besteht eine sogenannte altportugiesische Partei, welche die frheren
Verhltnisse zurckwnscht, und auf der andern Seite die Partei der
Brasilianer, welche das constitutionelle Kaiserthum erhalten wissen
will, wohl auch noch weitere Fortschritte in diesem Sinne wnscht.
Der Kaiser, welcher eine sehr geringe Civilliste bezieht, soll bei
ernstlichen Hndeln zu verschiedenen Malen mit Bestimmtheit gedroht
haben, abzudanken, was stets eine rasche Vereinigung der streitenden
Krfte herbeifhrte. Von beiden Seiten mag man wohl eingesehen haben,
da einestheils ein Kaiser in Brasilien wenigstens fr die Gegenwart
und ohne eine vollstndige Anarchie herbeizufhren, nthig,
vielleicht haben auch gefrchtete Eingriffe von Auen, im Falle
einer Umwlzung, das ihrige beigetragen. Wohl aber ist es auch beiden
Parteien klar, da man mit so wenigen Opfern wie gegenwrtig kaum
irgendwie ein Staatsoberhaupt werde erhalten knnen. -- Vielleicht ist
hier, da ich doch einmal begonnen, von politischen Dingen zu sprechen
der passendste Ort der Sklaverei zu gedenken.

Die Sklaverei ist in Brasilien zwar nicht aufgehoben, indessen insofern
beschrnkt, da keine neuen von Afrika aus eingefhrt werden sollen.
Das heit, es existirt ein Gesetz[4], welches dies verbietet; nichts
desto weniger kommen indessen fortwhrend Ladungen dieser schwarzen
Waare an die Kste, werden heimlich ausgeladen, in die Pflanzungen
geschafft und dann endlich nach und nach in die Stdte gebracht, wenn
man ihrer bedarf.

Man braucht nicht zu sagen, da die Behandlung der Sklaven eine
schlechte sei, es reicht hin, zu bedenken, da sie eine _willkrliche_
ist.

Wenn aber ein Individuum der Willkr eines andern, und wie hier, kaum
mit dem Schatten eines Gesetzes geschtzt, berlassen ist, kann man
die Folge wohl errathen. Selbst bei bessern Gemthern liegt es leider
oft nahe, Aerger und ble Laune an der Umgebung auszulassen. Es ist
klar, da gemeine und boshafte Naturen jede ble Disposition den
unbeschtzten Schwarzen fhlen lassen. Ein verfehltes Handelsgeschft
trgt dem Sklaven Prgel ein von seinem Herrn, und die Frau, der etwa
ein Liebeshandel entdeckt oder vereitelt worden, peinigt ihre Sklavin
bis auf's Blut, wie die Damen berhaupt mit eigentlichem methodischen
Qulen in jeder Beziehung besser umzugehen wissen, als Mnner, welche
einmal derb darein schlagen, physisch oder moralisch, und dann Ruhe
geben, wenigstens auf einige Zeit.

Was mich am meisten emprt hat, ist das Mihandeln der Mtter in
Gegenwart ihrer Kinder und umgekehrt. Ich habe zehnmal und fter
vielleicht in einem Morgen gesehen, wie die Herrin in der Kche der
dort beschftigten Sklavin im Vorbergehen einige Hiebe versetzte, je
nach Bequemlichkeit auf Kopf oder Rcken, und mit dem Gegenstande, den
sie eben gerade in der Hand hatte, whrend ihre Gehlfin das Kind der
Negerin mit einem Futritte aus der Kche schleuderte.

Wit ihr, Freunde der Humanitt, was ich dort gethan habe? Ich habe
jenem schlagenden Drachen Confect berreicht, welches ich zufllig
vorher gekauft hatte, und der Schwgerin, welche dem Kinde
ihre Aufmerksamkeit durch Fuste erzeigte, sagte ich einige
Schmeicheleien, denn beide Damen waren sanfte, deutsche Landsmnninnen.
Man begreift, da verdoppelte Mihandlungen die Folge gewesen wren,
htte ich gewagt, Gegenvorstellungen zu machen. War man Zeuge einer
solchen Behandlung, und ich habe Analoges fter gesehen, so begreift
man schwer, wie der lustigste heiterste Theil der Bevlkerung doch
unbedingt immer die Neger sind. Der kurz vorher durchgeprgelte
Schwarze entwickelt ganz ungetrbt Frhlichkeit, wenn die Folgen
der Strafe ihn nicht allzudeutlich an dieselbe erinnern, ja er wird
unverschmt, wenn er nicht stets im Zaum gehalten oder an sein
Verhltni߫ erinnert wird.

Ich will jetzt erzhlen, wie ich selbst Neger geprgelt habe.

Fast smmtliche Passagiere der Kajte hatten bei Kaufmann Holm sich
Bedrfnisse fr die weitere Reise gekauft und einer der Passagiere und
ich hatten aus Geflligkeit den Transport dieser Gegenstnde auf unser
Schiff bernommen. Ich mu hier ausdrcklich bemerken, da jener
Passagier, ein junger begabter Mann, fr Freiheit, Menschenrechte und
dergleichen groartig schwrmte und in Folge des Jahres 1848 sich 1849
etwas rasch aus Deutschland entfernt hatte.

Wir hatten etwa 20 Neger gemiethet, denselben unsere verpackten Waaren
gegeben, und wollten sie so zum Hafen fhren. Aber schon nach den
ersten Straen, welche wir zurckgelegt hatten, schnitten uns die
Neger Fratzen, fhrten allerlei Kapriolen aus, und machten ersichtlich
Anstalt, sich nach allen Richtungen hin zu zerstreuen. So machte
mir mein junger Freund selbst den Vorschlag, um uns Respect zu
verschaffen, einige, allenthalben zum Verkaufe ausstehende Bambusrhre
zu erstehen. So rasch dies geschah, so schnell waren die Neger wieder in
Reihe und Glied, singend und guter Dinge zum Hafen wandernd.

Ich bin mir dort sonderbar vorgekommen, mit meinem Bambusstocke eine
Reihe Sklaven fhrend.

Angekommen am Kai, lohnten wir die Neger bedungenermaen ab, aber
einige derselben gaben uns durch leicht verstndliche Zeichen
zu erkennen, sie wnschten ein Trinkgeld. Ich gab mehreren eine
Kleinigkeit, nun aber hatten sie mich vollstndig zum Besten, drngten
uns immer weiter an den Rand des Kai, und gerade die, welche etwas
erhalten hatten, waren die tollsten und ausgelassensten.

Als mich endlich einer bei den Schultern fate, ri meine Geduld,
ich holte aus, und schlug derb auf die wolligen Krauskpfe nach allen
Richtungen hin, whrend mein freisinniger Freund, gleiches thuend,
mich getreulich untersttzte. Der Erfolg war, da die Neger
auseinanderstoben und sich mit Gelchter zerstreuten. So waren wir
also, eigentlich buchstblich um uns zu schtzen, genthigt, eine
Handlung auszuben, welche wir wohl beide vorher als eine Rohheit
erklrt hatten.

Ich glaube, da eine strenge Behandlung nthig ist, wo einmal
Sklaverei herrscht, ja da dieselbe eines der Mittel ist, wodurch eine
allgemeine Emprung verhtet wird. =Exempla sunt odiosa.=

Aber der Hauptgrund, weshalb wenigstens in Rio de Janeiro und Brasilien
berhaupt kein eigentlicher Sklavenaufstand ausgebrochen, ist der,
weil die meisten der Sklaven, wenigstens der importierten, sich unter
einander tdtlich hassen. Sie gehren verschiedenen Stmmen Afrika's
an, die, in der Heimat sich bekriegend, und selbst gegenseitig als
Sklaven an die Weien verkaufend, hier in Brasilien ihre Feindschaft um
so eifriger fortsetzen, da sie sich wechselseitig als die Ursache ihres
gegenwrtigen schlimmen Looses betrachten.

Die Sklaverei ist allerdings etwas Schndliches und das Emprende
derselben ist noch augenflliger fr den, der nicht von erster Jugend
an diesen Anblick gewhnt ist, und fr den -- welcher keinen Vortheil
davon hat.

Man hat eingewendet, da man von den frhesten historischen Zeiten an
Sklaven gehabt, und sie behandelt, wie man es gegenwrtig thut; man hat
gesagt, da im Vaterland der Neger selbst die Sklaverei zu Hause;
das ist Alles richtig, ja es ist sogar wahr, da man bei sehr vielen
Negerstmmen nicht selten einen wohlgenhrten Sklaven, welcher ein
zartes Fleisch zu liefern verspricht, aufspeist.

Aber giebt das frommen und glubigen Christen, oder den
aufgeklrten freien Republikanern ein Recht, solche heidnische und
barbarische Gebruche beizubehalten? Oder hat es Grund, da die
Fortschritte des Menschengeschlechts vorzugsweise reprsentirt werden
durch Dampfmaschinen und Schnellpressen, durch Kleider ohne
Naht und Streichfeuerzeuge, durch vulkanisirten Kautschuck,
Missionsgesellschaften und die Anwendung der Galvanoplastik?

Eine traurige Thatsache ist, da unter den Tropen weie Mnner kaum
oder gar nicht Feldarbeit verrichten knnen und da der dort geborene
Indianer nie zu gedungener Arbeit zu bringen ist, so da afrikanische
Arbeiter unvermeidlich erscheinen, wenn Weie jene Lnder berhaupt
bentzen und bewohnen wollen.

Die ganze Welt wei, da diese Wahrheit eine der wichtigsten
Lebensfragen fr die Einigkeit wenigstens der nordamerikanischen
Freistaaten ist.

Der Preis eines Sklaven ist sehr verschieden, 200 Thaler ( 2 fl.30
kr.) fr ein mnnliches Individuum, was halbweg rstig, ist wohl das
Minimum, aber diese Preise steigen mit der Kunstfertigkeit des Negers
bedeutend, 800, 1000 Thaler und auch hher, wie man mir sagte.
Weiber sind im Verhltnisse billiger, indessen bestimmen auch hier
krperliche Vorzge und Geschick den Preis.

Wer sich krzere Zeit in Brasilien aufhlt, kann sich Sklaven miethen
und hier sind die Preise ebenfalls wieder bedingt durch die Fhigkeiten
derselben, durchschnittlich 20-30 Thaler per Monat. Ja man kann sich in
Rio de Janeiro aller Orten Sklaven auf Tag und Stunde miethen, indem es
dort eine hufige Spekulation ist, die Schwarzen beiderlei Geschlechts
des Morgens hinauszuschicken, um eine gewisse Summe zu verdienen, welche
des Abends abgeliefert wird. Der Mehr-Verdienst gehrt den Sklaven, was
beim Weniger geschieht, braucht kaum erwhnt zu werden.

Ein freundlicheres Bild als diese Sklavenzustnde giebt der botanische
Garten, aber in allen Notizen ber Rio de Janeiro ist dessen erwhnt,
so da ich nur wenig ber denselben berichten werde. Der Stifter
dieses Gartens war ein Mnch, und die Grundidee, welche denselben
leitete, die, alle Kulturpflanzen der Erde, einheimisch unter gleichen
Breitegraden oder im wrmeren Klima berhaupt, dort zu vereinigen, die
Bedingnisse ihres Gedeihens zu studiren, und sie dann in Brasilien
zu verbreiten. So viel ich wei, ist dieser Zweck nur unvollkommen
erreicht worden, obgleich von Zeit zu Zeit die Regierung ihn krftig
untersttzt hat. Ich halte diesen Garten fr den schnsten der
Welt und habe ihn an Ort und Stelle fr eine lebende Illustration zu
Tausend und eine Nacht erklrt.

Die Anlage desselben ist einigermaen im altfranzsischen Style
gehalten, aber jene Kinder der tropischen Flora haben sich nicht binden
lassen durch Schnrleib und Percke, und so ist nur das Zierliche der
Etikette geblieben, und deren Steifheit verschwunden.

Man kann sich denken, welchen Effect mchtige Baumgruppen machen,
die zusammengestellt sind aus den abenteuerlichsten und prachtvollsten
Blattformen der Erde.

Eine lange Allee des australischen Brodfruchtbaums fllt beim ersten
Anblick in die Augen und berrascht durch die eigenthmliche Form der
Stmme. Mchtige Gruppen von Bambusrohr imponiren durch ihre Hhe,
whrend anderwrts ein Feld mit Theestauden, ferner Kaffeebume,
Baumwollenbume, Cacaobume und alle Gewrze Indiens vor unsern
Augen blhen oder Frchte tragen. Lauben, mit phantastischen
Schlinggewchsen berzogen, kleine knstliche Bassins, das
mystische Dunkel mehrerer Partien des Gartens, so wie die allenthalben
beschftigten Neger vollenden das prachtvolle Bild, jener Abtheilung
des Gartens gar nicht zu gedenken, in welcher man die kostbarsten Blumen
blhen sieht und wo selbst europische Zierpflanzen, mglichst khl
gehalten und durch Tcher vor der Sonne geschtzt, gezogen werden.

Wenn man das ber den Hafen fahrende Dampfboot bentzt, hat man von
der Stadt aus etwa eine Stunde bis zum botanischen Garten. Auf jenem
Wege habe ich wieder auffallende Beweise von der stellenweise so starken
Verwitterung des Granits gefunden und bezeichnende Handstcke erworben.

Einige Tage, ehe wir Rio verlieen, liefen abermals einige Schiffe ein,
welche theils bei Buenos Ayres, theils nher bei Kap Horn so bedeutend
beschdigt worden waren, da sie umwenden und im Hafen von Rio den
erlittenen Schaden ausbessern muten. Zugleich verbreitete sich
das Gercht, als sei in diesem Jahre die Schifffahrt bei Kap Horn
gefhrlicher als je. Das schien bedenklich.

Mehr aber noch war die fast gleichzeitig eingelaufene Nachricht vom
Vaterlande aufregender Art. Die Revolution sei erneut und vollstndig
ausgebrochen. Ein Theil der Frsten sei getdtet, die anderen verjagt,
die Armeen zum Volke bergetreten. Blutige Rache werde genommen
an Besitzenden, und Deutschland gehe einer freien, schnen Zukunft
entgegen.

Vielleicht hat selten eine Nachricht bei Leuten verschiedener Parteien
einen gleicheren Eindruck hervorgebracht.

Diejenigen, welche an die Schnheit jener Zukunft glaubten, bedauerten,
das Vaterland verlassen zu haben im entscheidenden Augenblicke.
Wir anderen, die bescheidene Zweifel hegten, waren in Sorge, der
zurckgelassenen Angehrigen halber. So bedauerte jeder, nicht
anwesend zu sein in der Heimat, und wir trsteten uns beinahe
gegenseitig, statt uns zu befeinden.

Es war die erste Nachricht vom badischen Aufstande, welche also
vergrert ber die See gedrungen war. Erst in Chile erfuhren wir
durch vor uns gekommene Dampfer den wirklichen Verlauf der Sache.

Nun aber, ehe ich Rio de Janeiro verlasse, will ich noch einige Angaben
ber die Temperatur des Wassers und der Luft beifgen -- auf See, und
ber die in Rio selbst.

Ich habe von Bremen an tglich dreimal die Temperatur der Luft genommen
und die des Wassers einmal, die Barometerstnde wurden anfnglich nur
einmal verzeichnet, spter indessen, vom 31. Grade nrdlicher Breite
an bis zum Aequator, von da bis zu Kap Horn und wieder weiter bis Chile,
stndlich von frh 9 Uhr bis des Abends 10 Uhr.

Fr die vorliegenden Bltter wre die Angabe dieser bedeuteten Reihe
von Zahlen natrlich eine zu ausgedehnte, und eine langweilige Zugabe
fr den Leser. Ich habe daher unten gewissermaen nur einen Auszug
gegeben, indem ich von Bremen an bis zum 21. Grade nrdlicher Breite
die Temperatur der Luft und des Wassers blos wochenweise gebe, von
dort an aber bis zum Aequator und weiter bis nach Rio de Janeiro die
tglichen Stnde anfhre. Die Barometerstnde habe ich gnzlich
weggelassen, eben so die Angabe des Windes. Durch die Angabe der Lnge
und Breite aber kann genau die Stelle gefunden werden, wo sich das
Schiff am bezeichneten Tage befunden und der ganze Kurs desselben liegt
mit etwaiger Beihlfe einer Karte vor.

Es ist die Lnge von Greenwich aus genommen und die Temperatur,
genommen im Schatten auf Deck, nach dem Thermometer von Reaumur
angegeben. Das Seewasser war mit passender Vorrichtung von der
Oberflche geschpft.

  +-----------+------------+------------+-----------+------------+
  |           | Temperatur | Temperatur |           |            |
  |  Datum    |  der Luft  | des Wassers|   Lnge   |  Breite    |
  |  1849     | des Mittags| des Morgens| westliche | nrdliche  |
  |           |   12 Uhr   |    9 Uhr   |           |            |
  +-----------+------------+------------+-----------+------------+
  | April  23.|   +  7.0   |   +  5.7   |  Nordsee  | u. Kanal   |
  |  "     29.|   +  7.0   |   +  6.5   |   2 32'  |  51 52'   |
  | Mai     5.|   + 10.5   |   + 10.0   |   9 22'  |  45 50'   |
  |  "     11.|   + 15.3   |   + 14.3   |  14 58'  |  32 58'   |
  |  "     16.|   + 18.7   |   + 18.0   |  21 19'  |  21 10'   |
  |  "     17.|   + 18.8   |   + 17.0   |  22 30'  |  18  9'   |
  |  "     18.|   + 18.8   |   + 17.5   |  22 36'  |  15 22'   |
  |  "     19.|   + 19.3   |   + 18.7   |  22 36'  |  12 38'   |
  | Mai    20.|   + 20.0   |   + 19.2   |  22 30'  |  10 35'   |
  |  "     21.|   + 21.5   |   + 20.5   |  22 21'  |   8 36'   |
  |  "     22.|   + 23.0   |   + 21.0   |  22 37'  |   8 30'   |
  |  "     23.|   + 20.0   |     --     |  22 33'  |   4 50'   |
  |  "     24.|   + 22.5   |   + 21.5   |  22 19'  |   4 37'   |
  |  "     25.|   + 23.0   |   + 22.2   |  21 55'  |   4 36'   |
  |  "     26.|   + 22.3   |   + 22.0   |  22 22'  |   4 58'   |
  |  "     27.|   + 21.5   |   + 22.2   |  19 38'  |   4 52'   |
  |  "     28.|   + 21.8   |   + 22.3   |  20 23'  |   4 24'   |
  |  "     29.|   + 22.5   |   + 21.5   |  20 10'  |   4  5'   |
  |  "     30.|   + 22.5   |   + 21.5   |  21 41'  |   2 38'   |
  |  "     31.|     --     |   + 21.8   |  23 28'  |   1 20'   |
  | Juni    1.|   + 21.8   |   + 21.5   |  24 56'  |   0 38'   |
  |  "      2.|   + 21.5   |   + 21.2   |  26 16'  |   0  4'   |
  |Passiren d.| Aequators  |            |           |sdl. Breite|

  +-----------+------------+------------+-----------+------------+
  |           | Temperatur | Temperatur |           |            |
  |  Datum    |  der Luft  | des Wassers|   Lnge   |   Breite   |
  |  1849     | des Mittags| des Morgens| westliche |  sdliche  |
  |           |   12 Uhr   |    9 Uhr   |           |            |
  +-----------+------------+------------+-----------+------------+
  | Juni    3.|   + 22.0   |   + 21.1   |  26 30'  |   0 35'   |
  |  "      4.|   + 22.4   |   + 22.4   |  26 50'  |   2 41'   |
  |  "      5.|   + 22.4   |   + 21.9   |  27 46'  |   5 36'   |
  |  "      6.|   + 22.1   |   + 21.6   |  28 47'  |   8  9'   |
  |  "      7.|   + 22.2   |   + 21.4   |  29 35'  |  10 50'   |
  |  "      8.|   + 21.1   |   + 21.0   |  31 14'  |  12 48'   |
  |  "      9.|   + 21.5   |   + 21.0   |  32 55'  |  14 12'   |
  |  "     10.|   + 21.4   |   + 20.8   |  32 55'  |  14 11'   |
  |  "     11.|   + 20.9   |   + 20.5   |  32 55'  |  15  4'   |
  | Juni   12.|     --     |   + 20.4   |  34 39'  |  16 13'   |
  |  "     13.|   + 20.5   |   + 19.9   |  36 22'  |  17 48'   |
  |  "     14.|   + 20.0   |   + 19.0   |  37 46'  |  19 23'   |
  |  "     15.|   + 20.5   |   + 19.3   |  38 36'  |  20 49'   |
  |  "     16.|   + 19.8   |   + 18.5   |  39 13'  |  22 50'   |
  |  "     17.|   + 19.9   |   + 18.8   |  42 30'  |  23 49'   |
  |  "     18.|   + 17.0   |   + 17.1   |    --     |    --      |
  |  "     19.|   + 15.1   |   + 17.3   |  22 57'  |  21 --    |
  |  "     20.|   + 18.0   |   + 17.4   |    --     |    --      |
  |  "     21.|   + 20.3   |   + 18.0   |    --     |    --      |

Bescheidene Zweifel hegend, da jeder der freundlichen Leser diese
Tabelle einer genauern Beachtung gewrdigt, ja beinahe berzeugt,
da der berwiegende Theil derselben dies nicht gethan hat, fge ich
einige Mittelzahlen bei.

Vom 2110' bis 04' nrdlicher Breite war im Mittel von 17
Beobachtungen die Temperatur der Luft +21.1R., und in denselben
Breiten und ebenfalls in 17 Beobachtungen, jene des Wassers +20.5R.

Von 035' bis 2049' sdlicher Breite ergiebt das Mittel von
12 Beobachtungen die Temperatur der Luft +21.4R., und in denselben
Breiten in 13 Beobachtungen das Wasser eine Temperatur +20.9.

Es war also, obgleich auf der nrdlichen Halbkugel Sommer und auf der
sdlichen Winter war, die Luft und das Wasser auf der letzteren um
etwas Weniges wrmer als auf der nrdlichen. Man kann indessen nach
dem Vorliegenden und mit Vernachlssigung dieser geringen Differenzen
die Temperatur des Wassers und der Luft unter den Tropen und auf See
fr die nrdliche und sdliche Halbkugel als eine gleiche betrachten.

In Rio de Janeiro war im Mittel von 9 Beobachtungen des Morgens um 6,
des Mittags und 8 des Abends die Temperatur in der Rua de Cotovello im
Schatten:

Des Morgens 6: +22.0R., des Mittags 12: +24.5R., des Abends 9
+22.8R. Immerhin ein ganz artiges Winterwetter.




IV.

Die Fahrt um Kap Horn nach Chile.


Wieder auf der Reform und geschaukelt auf den sanften Armen der alten
Thetis, schien uns anfnglich Alles sich vereinigt zu haben, die Fahrt
zu einer angenehmen zu machen. Segelnd _bei_ dem Winde mit Nord-Ost,
oder mit Nord _vor_ dem Winde und bei aufgesetzten Leesegeln kamen wir
so rasch vorwrts, da wir in den ersten Tagen fast tglich drei
Breitegrade durchfuhren und bald die Hhe von Buenos-Ayres erreicht
hatten.

Am Bord war ein reges Leben. Die Passagiere suchten die in Rio de
Janeiro gekauften Vorrthe, meist alle ebarer Natur, unterzubringen.
Ich verpackte und verstaute Naturalien, welche ich dort erworben,
indianische Waffen und andere Gegenstnde, und des Abends wurde dem
erstandenen Lissabonwein, der an Portwein erinnert, aber ser ist,
nicht selten wacker zugesprochen. So machte es wenig Eindruck, da,
kaum aus dem Hafen von Rio ausgelaufen, uns der Expre߫ begegnete,
ein Schiff unseres Rheders, welches vor uns von Bremen abgesegelt und
auf der Hhe von Buenos-Ayres bel zugerichtet worden, so da es
umkehren und in Rio bessern mute. Die Barke hatte am linken Mast
Braam- und Royalstangen verloren und sah hchst jmmerlich und
zerschunden aus.

Die Fauna des Meeres ist in jenen Breitegraden eine reichliche. Wir
sahen hufig Quallen von allen Arten, unter welchen Scheibenquallen von
mehreren Fuen Durchmesser nicht selten. Delphine begegneten uns, Zge
von Butzkpfen wurden gesehen, und mannichfache Seevgel, worunter
auch schon Albatrosse, begleiteten das Schiff.

Aber auf der Hhe von Buenos-Ayres schon begannen wir einen
Vorgeschmack zu bekommen von den Freuden des Kap Horn. Die See ward
strmisch und die hufigen Gewitter, welche unter jenen Breiten
herrschen, trieben uns bald ost- bald westwrts. Dort kamen die
ersten starken Wellen ber Bord und ich erinnere mich noch des
eigenthmlichen Anblicks, welcher uns in der Kajte whrend des
Mittagessens durch einen solchen unwillkommenen Gast zu Theil wurde.
Eine ziemliche Anzahl der Passagiere des Zwischendeckes standen an der
Luvseite des Schiffes, als pltzlich eine mchtige See ber Bord
schlug, und da gleichzeitig sich das Schiff rasch auf die Leeseite
legte, wurden sie smmtlich ziemlich unsanft, aber desto rascher von
der Backbordseite auf die Steuerbordseite geschleudert, begleitet und
durchnt von einer mchtigen Wassermasse. Da unser Skylight mit
vergittertem Glase gedeckt war, blieb es unbeschdigt, aber keiner von
uns in der Kajte konnte sich anfnglich erklren, was die Menge von
Armen, Beinen und Kpfen zu bedeuten hatte, welche rasch und polternd
und bunt durcheinander gemengt, das Skylight passirte.

Bald brigens erlangt man die Uebung beurtheilen zu knnen, ob eine
See ber Bord kommen wird oder nicht, und kann so der namentlich in
hheren Breitegraden unangenehmen Durchnssung ausweichen, oder sich
schtzen.

Die meisten Gewitter, welche uns dort berraschten, kamen des Nachts
und waren von einem heftigen Winde begleitet. Das Schaukeln des
Schiffes, das Brllen des Donners und der ber Bord schlagenden
Wellen, in Gemeinschaft mit dem Lrmen, der durch Bergen der Segel
und auf Deck nicht selten herumrollenden Gegenstnde verursacht
wurde, machten manchem der Genossen schlaflose Nchte, zudem da die
Seekrankheit wieder alle dafr Empfngliche stark befallen hatte. Ich
selbst blieb davon verschont und wurde auch von dem nchtlichen Lrmen
nicht sonderlich beunruhigt, indem ich mich bald an denselben gewhnt
hatte.

Es wurde jetzt von Tag zu Tag die See strmischer, und das, was wie
es scheint beinahe allen Schiffern, die Kap Horn umsegeln, geschieht,
begegnete auch uns, wir verloren unsere Hhner. Es wurde nmlich der
Hhnerkasten eines Morgens von einer starken Welle zerschlagen und ein
Theil seiner Insassen theils ber Bord gesplt, theils beim Bruche
des Behlters getdtet, die wenigen wieder eingefangenen aber, welche
trbselig und durchnt im nothdrftig reparirten Kasten ihres
weiteren Schicksals harrten, wurden sammt dem Kasten in folgender Nacht
vollstndig in die See gesplt.

Wir hatten jene Hhner in Brasilien eingenommen, sie waren von einer
hochbeinigen Race und schienen das Seeleben berhaupt nicht gut
zu vertragen, indem sie sichtlich abmagerten und berhaupt sich
jmmerlich geberdeten, whrend die frher von Deutschland
mitgenommenen frisch und munter blieben, wurden sie gleichwohl nicht
bermig fett befunden.

Am 16. Juli unter 5054' Lnge und 4450' sdl. Breite, wurde
mir von den Matrosen ein Regenbogen gezeigt, welcher am Himmel stand,
whrend an dem Orte, wo wir uns befanden, weder Regen noch Sonnenschein
war. Die Seeleute nennen die Erscheinung Sturmstack, wohl vom englischen
Stake herkommend, welches Stock, Pfosten bedeutet. Wie der Ausdruck
bezeichnet, bezieht man sie auf nahenden Sturm, welcher aber jenesmal
sich nicht einstellte.--

War schon auf der Hhe von Buenos Ayres hufig Wasser ber Deck
gekommen, so war jetzt buchstblich keine trockene Stelle mehr auf
demselben, indem sich das Wetter tglich verschlimmerte, und neben den
fortwhrend einschlagenden Wellen hufiger kalter Regen fiel. Auch
die Temperatur sank bedeutend, des Mittags z.B. stand am 16. Juli das
Thermometer +6.3R. Dazu kam, da whrend in der Kajte selten
gelftet werden konnte, es doch auch dort kaum wrmer war, weil
die fortwhrende Nsse, erzeugt theils durch von oben eindringendes
Wasser, theils durch die Menge der durchnten Kleidungsstcke,
Alles erkltete. Geheizt wurde jetzt so wenig als spter, da kein Ofen
vorhanden, und dunkle Gerchte, die sich von einem am Bord befindlichen
Ofen verbreitet hatten, welcher in jenen Breiten aufgestellt werden
sollte, sich nicht besttigten. So wurde der Aufenthalt auf der Reform,
je mehr wir uns dem Sden nherten, stets unbehaglicher, und diese
Unannehmlichkeiten wurden noch vermehrt durch die erneut ausbrechenden
Mihelligkeiten zwischen Kapitain und Passagieren.

Ich habe, wie ich schon frher erwhnte, dort mehrfach begtigt und
mancherlei ersonnen, um die streitenden Theile auseinander zu halten,
bald mit mehr, bald mit minderem Erfolge, aber ich gehe ber diese
Dinge hinweg, die den Leser ermden mten, wie sie mir zu jener Zeit
zum Ekel geworden sind.

Wir beobachteten am 21. Juli unter 56 Lnge und 4654' sdl.
Breite den ersten Tang und einige Tage hindurch wurden von Zeit zu Zeit
Stcke desselben gesehen und aufgefischt. Ueber 495' Breite hinaus
konnte ich kein Exemplar dieser Pflanze mehr entdecken, obgleich
ich trotz des schlechten Wetters oft Aussphe hielt. Es war =Fucus
pyriferus Linn=, und bald darauf wurde auch =Fucus antarcticus
Chamisso= an Bord gebracht. Diese von uns aufgefangenen Tange, welche
sonst bisweilen eine Lnge von 300 Fu erreichen, hatten indessen nur
hchstens eine Lnge von 10 bis 15 Fu, und es bleibt bemerkenswerth,
da wir weiter gegen Sden zu keine mehr zu sehen bekamen. Auch als
ich etwa ein Jahr spter Kap Horn abermals umschiffte, traf ich nur
sehr wenige und kurze Stengel dieser Pflanzen, so da es scheint,
als sei das Fortkommen derselben in diesen Breiten vernderlich, oder
unbekannten Zuflligkeiten unterworfen, indem andere Reisende von
80 Fu langen Stcken des =Fucus pyriferus= sprechen, welche dort
aufgefischt worden, und dessen Hufigkeit in jenen Breitegraden
hervorheben. Auch war an den von mir aufgefangenen Fucus-Stcken kein
lebendes Wesen zu finden, was sonst selten der Fall zu sein
scheint, indem fast alle anderen Beobachter groe Mengen der
verschiedenartigsten Thiere auf denselben gefangen haben.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Juli hatte ich Gelegenheit eine
eigenthmliche Modifikation eines Mondhofes zu beobachten. Der
Mond stand bei leicht bedecktem Himmel etwa 15 Grade hoch. Genau dem
Durchmesser des Mondes gleich zeigte sich in senkrechter Richtung ein
leuchtender Streif ober- und unterhalb desselben, von einer Totallnge
von ebenfalls etwa 15 Graden und ziemlicher Lichtstrke, welche am
intensivsten in der Nhe des Mondes selbst war. Rasch vorber ziehende
Wolken oder Nebelschichten dmpften oder hoben, je nach ihrer Strke,
die Lebhaftigkeit des Lichtes, welches bisweilen ziemlich glnzend
erschien. Man kann sich die Erscheinung am leichtesten versinnlichen,
wenn man sich einen gewhnlichen, aber ziemlich groen und hellen Hof
um den Mond denkt, an welchem auf beiden Seiten, bis an die Rnder der
Mondscheibe hin, zwei Segmente abgenommen worden sind.

Obgleich ich hufig Gelegenheit gehabt hatte, sowohl in Europa als auch
auf und ber der See den nchtlichen Himmel zu beobachten, habe
ich doch blos einmal spter in Nrnberg (Mrz 1852) eine hnliche
Erscheinung gesehen, indessen, wenn ich mich so ausdrcken darf, blos
angedeutet, nicht klar ausgesprochen, und von geringer Intensitt[5].

Wir gingen am 28. Juli des Morgens zwischen Staatenland und Good
Succe, der sdlichsten Spitze des Feuerlandes, hindurch und hatten
Gelegenheit bald die eine bald die andere der beiden Ksten ziemlich
deutlich beobachten zu knnen. So viel theils mit freiem Auge, theils
durch einen Feldstecher von Plssel zu beobachten war, mchte ich die
sichtbar gewordene Kste des Feuerlandes in der massenhaften Bildung
ihrer Formen sehr hnlich bezeichnen mit dem Typus der Westkste
Amerikas berhaupt. Kleine Hgel schienen mehr oder weniger weit in
See vorgeschoben und bildeten die uerste Kste. Sie waren dunkel,
fast schwarz gefrbt, theilweise in pittoresken Formen und schienen
basaltischen und doleritischen Gebilden oder plutonischen Conglomeraten
anzugehren, wie solche so hufig allenthalben an der Westkste in
grerer oder geringerer Ausdehnung getroffen werden. Das mit Schnee
bedeckte Gebirge, das gegen das Innere zu sich ber jene dunklen
Vorgebirge erhebt, trgt den Charakter granitischen Gesteins in
weiterer Ausdehnung des Begriffes, wie denn solches eben auch an
der Westkste der Fall, wo mchtige Massen von Granit, Gnei und
Glimmerschiefer das Festland bilden, bis sie durchbrochen werden von
der Andeskette, jener gigantischen Musterkarte aller plutonischen und
vulkanischen Gesteine der Erde.

Staatenland, uns, den Vorbersegelnden, auf der Backbordseite liegend,
zeigte im Allgemeinen hnliche Formen und jene in's Meer reichenden
Felsgebilde traten bisweilen noch klarer ausgesprochen hervor. Es mag
nicht bezweifelt werden, da Staatenland verbunden gewesen mit dem
Feuerlande, und entweder getrennt worden ist von demselben bei der
Hebung beider ber die Oberflche des Meeres, vielleicht aber auch
durch eine jener gewaltigen spteren Katastrophen, die periodisch
eingetreten sein mssen noch nach der Entstehung jener Lnder.

Wem, wohnend auf dem, wenigstens wie es scheint geognostisch ziemlich
feststehenden Boden unsers guten alten Deutschlands, eine solche
gewaltsame Trennung so bedeutender Massen in vorhistorischer Zeit
unglaublich erscheint, den verweise ich auf die erst vor 100 Jahren
(1746) vor sich gegangene Entstehung der Insel San Lorenzo bei Callao,
welche frher ein Theil des Festlandes, im genannten Jahre durch ein
Erdbeben losgerissen wurde und jetzt eine Viertelstunde weit in See
liegt.

Wir hielten uns, verloren wir auch bald die Kste aus den Augen, doch
stets nicht weit vom Lande entfernt, und die Temperatur sank in Folge
dessen ziemlich bedeutend, so da das Wasser jetzt stets um einige
Grade wrmer war als die Luft; so stand des Abends am 28. Juli das
Thermometer an 0R., whrend das Wasser +4R. zeigte.

Eine kleine Tabelle ber die Thermometerstnde, welche ich weiter
unten im Auszuge folgen lassen werde, erlutert am besten diese
Verhltnisse, welche ich fr jetzt in Zahlen ausgedrckt nicht weiter
berhren werde.

Ich will aber hier eine kurze Schilderung unseres Lebens und Treibens
whrend der Umschiffung des Kap Horn geben.

Jmmerlicher und trostloser kann nicht leicht etwas gedacht werden
als eine solche Reise fr den Passagier. Wir passirten das Kap unter
5618' sdl. Breite, aber wie ich schon erwhnt, hatte das schlimme
Wetter bereits auf der Hhe von Buenos-Ayres begonnen und so hatten wir
ber fnf Wochen mit Unannehmlichkeiten aller Art zu kmpfen.

Eine See, die fast unaufhrlich 20 Fu hohe Wellen wirft, Regen,
Schnee, Hagel und eisige Nebel, das waren die Erholungen auf Deck, wenn
man sich retten wollte aus der Kajte vor dem Gesthne der Seekranken,
der kalten dumpfen Luft, dem ekelnden Schmutze, der Nsse und der
Finsterni, welche dort herrschte.

Die Tageshelle begann zwischen 10 und 11 Uhr, und verschwand wieder vor
3 Uhr des Nachmittags. In der Kajte aber war die einzige Helle die,
welche durch die geffnete Thr von oben eindringen konnte, oder die
sprlichen Strahlen, welche durch die einen Zoll breiten und etwa sechs
Zoll langen Prismen in die einzelnen Kojen fielen, denn das Skylight war
durch einen hlzernen Kasten gedeckt worden, da die unaufhrlich ber
Deck einschlagenden Wellen dasselbe in kurzer Zeit zertrmmert htten.

Trotzdem, da die Fugen dieses Kastens mit Theer und Werg verklebt
waren, drang doch hie und da, von besonders ungnstig einschlagenden
Wellen, Wasser durch dasselbe in die Kajte, und eben so kamen
durch die geffnete Thr hufig ganz artige Wassermengen in unser
Gefngni, und vermehrten die Nsse und den Schmutz.

Es war durchaus nthig von Zeit zu Zeit auf Deck frische Luft zu
schpfen. War man aber auch durch Uebung im Stande, meistens den
einschlagenden Wellen auszuweichen, so wurde man doch durch den fast
unaufhrlich fallenden Regen unbedingt durchnt und kehrte in die
Kajte mit nassen Kleidern zurck. Da diese aber nie getrocknet werden
konnten, so besa in kurzer Zeit Niemand mehr ein halbweg trockenes
Kleidungsstck.

Man kann sich eine Vorstellung machen von der Atmosphre in dem
engen uns angewiesenen Raume, in welchem 18 Menschen aen, schliefen,
theilweise Tabak rauchten, ihre nassen Kleider aufbewahrten und nebenbei
zum groen Theile seekrank waren, mit allen Erscheinungen jener
Krankheit, welche ich nicht nher bezeichnen will.--

Kap Horn ist als die Region des fortwhrenden Regens bezeichnet, oder
besser als die Region der continuirlichen meteorischen Niederschlge,
und in der That wechseln dort Schnee, Regen und Hagel ohne Aufhren,
und nur selten wurde auf einige Augenblicke die Sonne gesehen als eine
gelbliche, schwach leuchtende Kugel, verdrielich zwischen Wolken
hervorblickend und sofort wieder von diesen verdeckt. Bisweilen fiel ein
so dichter Nebel, da auf keine 20 Schritte weit gesehen werden konnte
und vom Steuer aus am Bugspriet stehende Mnner vollkommen unkenntlich
waren.

Schlimmes Wetter, wie es die Seeleute nennen, herrscht immer in jenen
Breiten, aber es ist von der Art, da man es getrost heftigen Sturm
nennen kann. Bisweilen aber treten pltzliche Windstillen ein, die
einige Stunden anhalten, so da das Schiff dem Steuer nicht mehr folgt
und buchstblich treibt. Aber die heftige Dinung, d.h. die
hohen stoenden Wellen, welche vom kurz vorher strmenden Winde
zurckgeblieben sind, werfen das Schiff dann so nach allen Seiten hin,
und ohne eine bestimmte Richtung, da wie die Seekranken sagen, diese
Bewegung unangenehmer ist, als die des hchsten Sturmes. Meist wird
eine solche Windstille durch eine pltzliche heftige Boe beendet, bei
welcher nicht selten die Schiffe zu Schaden kommen. Strmungen des
Meeres von West nach Ost erschweren die Fahrt in jenen Regionen, wenn
man beabsichtigt westwrts zu gehen, wozu noch kommt, da am Kap Horn
und in jenen Breiten berhaupt fast stets Westwinde wehen.

Unser Leben war dort ein kmmerliches und trbseliges, und blieb ich
auch von der Seekrankheit verschont, so hatte ich desto mehr von der
Klte zu leiden, welche stets mein arger Feind gewesen ist. Es ist eine
schlimme Aufgabe Tag und Nacht Frost und Nsse zu ertragen, mehrere
Wochen hindurch, ohne sich nur ein einzigesmal halbweg erwrmen zu
knnen. So kam, trotzdem, da die Temperatur in der Kajte nicht
unter +6R. fiel, doch hufig Erfrieren der Hnde und Fe
vor, und ich selbst hatte viel daran zu leiden, obgleich ich frher
in Deutschland zu manchen Zeiten bei hohen Kltegraden den Tag und die
halbe Nacht hindurch im Freien zugebracht hatte. Das Uebel machte
sich bemerkbar durch Rthung und Anschwellen der Finger und Zehen und
brennenden Schmerz in denselben. Ich habe als das beste Mittel gegen
dasselbe, bei andern und bei mir, Bleisalbe erprobt, welche rasch
heilend wirkte, und bei mir wenigstens keine der spter wiederkehrenden
Folgen erfrorener Glieder bemerken lie.

Ich bin in jener Zeit tglich, wie sonst des Morgens auf Deck gegangen
und habe mich mit Seewasser gewaschen, wobei ich mich freilich
sonderbar genug behelfen mute, da des heftigen Schwankens halber kein
Waschgef gestellt werden konnte, oder vielmehr stehen blieb. Den
brigen Theil des Tages brachte ich grtenteils in der Koje liegend
zu, welche ich mir mglichst artig und behaglich mit in Brasilien
gekauften Schaffellen ausgefttert hatte. Halb schlafend, halb wachend,
habe ich dort bse Trume gehabt, und wer sich je eine erlaubte
anstndige Erholung damit verschaffte, mich zu qulen und zu krnken,
kann mit Satisfaction diese Zeilen lesen. Die stndlichen Beobachtungen
des Barometers und die der Temperatur waren die einzige ntzliche
Beschftigung, welche ich dort vorgenommen habe.

Noch jetzt ist die eigentliche Gefahr bei der Umschiffung des Kap Horn
nicht ganz beseitigt und manche Schiffe werden dort bel zugerichtet.
In frherer Zeit aber gehrte diese Fahrt zu den berchtigten. Manche
Schiffe waren gezwungen, umzuwenden, und um das Kap der guten Hoffnung
segelnd, den groen Ocean und das Ziel ihrer Bestimmung zu erreichen.
Anson's Reise in den Jahren 1740-1744 giebt hierber interessante
Aufschlsse und Beispiele wie ganze Geschwader zerstreut
und verschlagen wurden, und wie gegen die Jetztzeit eine
unverhltnimig groe Menge von Schiffen vollkommen zum Dienste
untauglich wurden, oder selbst verloren gingen.

Man verdankt den Verbesserungen in der Schifffahrt, vor allem wohl den
Aenderungen im Bau der Schiffe selbst die gegenwrtige sehr verringerte
Gefahr, denn eine bedeutende Vernderung in den klimatischen
Verhltnissen, in Windrichtung und Strmung und in der Intensitt
beider ist nicht wohl denkbar und geht aus den Schilderungen jener Zeit
und den Erscheinungen der Gegenwart auch nicht hervor.--

Wir hatten am 31. Juli des Morgens Kap Horn in Sicht. Ich zeichnete die
Felsengruppe, wie ich es vorher auch bei den Ksten von Feuerland und
Staatenland gethan hatte. Kap Horn ist eine wild und grotesk aus dem
Meere hervorgehobene Felsenparthie und gehrt, so wie Diego Ramirez und
andere Felseninseln jener Region wohl unzweifelhaft den basaltischen und
doleritischen Formen an, deren ich schon vorher erwhnte, als ich von
der Kste des Feuerlandes und Staatenland gesprochen habe. Zwei dunkle
mchtige Felsen, scheinbar dicht an einander liegend, wurden uns als
das eigentliche Kap bezeichnet, dann aber breitet sich gegen Osten hin
eine kleine Kette mit Schnee bedeckter kegelfrmiger Berge aus, welche
wohl in der Wirklichkeit hher sind, da sie aber weiter zurck liegen,
niedriger erscheinen.

Kap Horn in Sicht hatten wir nach kurz vorausgegangener Windstille eine
heftige Boe aus Nordwest und dann pltzlich Ostwind, so da wir, was
selten der Fall, mit ganzen Leesegeln rasch vorber segelten. Es ist
brigens kein seltener Fall, da man nher vorber fahrend dennoch
das Kap nicht zu sehen bekmmt, da hufig dichte Nebel dort alles
verdecken; viele Schiffe gehen auch weiter sdlich, so da man sich
immer glcklich preisen kann, bei der Umschiffung den berchtigten
Felsen selbst gesehen zu haben.

Den meisten Passagieren stieg der Muth als wir so rasch dahin flogen und
der grte Theil der Beschwerden war vergessen, trotz des Hagels,
der dicht auf unsere Kpfe fiel, und des Eises am Tauwerk, welches
trotzdem, da das Thermometer +2R. zeigte, erst gegen Mittag
verschwand.

Des folgenden Tages, am 1. August, stieg gegen Abend das Barometer
pltzlich sehr rasch, und es stellte sich alsbald ein so heftiger
Nordostwind ein, da wir die schlimmste Nacht der ganzen Reise hatten,
und selbst der alte Steuermann versicherte nicht oft so schlimmes
Wetter erlebt zu haben.

Auch die bestmglichst verstauten Effekten der Passagiere flogen in
allen Ecken umher; Fsser und Kisten, unsere Privatvorrthe, Mtzen,
Pfeifen und Schuhe, kurz, all unser rmliches Gerthe wurde bunt durch
einander gewrfelt, und Manches zerstrt und verdorben. Bei dieser
Gelegenheit ging auch der Rest der fr unsern Gebrauch bestimmten
Trinkglser in Stcke, und die einzige Wasserkanne entleerte im
Sterben ihren Inhalt in die Koje eines Freundes, der sich bel
geberdete, und anfnglich die pltzliche Nsse den durch einen Leck
eindringenden Meeresfluthen zuschrieb.

Es hat sich nicht selten getroffen, da in jenen Breiten auf ein
Steigen des Barometers etwas weniger bles Wetter folgte, und mein
pariser Aneroid, vermge welchem ich leichter, als es auf des Kapitains
Quecksilber-Barometer geschehen konnte, ein leichtes Steigen oder Fallen
anzugeben im Stande war, hatte sich Ruf erworben am Bord, aber in jener
Nacht erlitt sein prophetischer Ruf einen bedeutenden Sto.

Bis zum 5. August blieb der Himmel stets so bedeckt, da weder Lnge
noch Breite genommen werden konnte, und zugleich fiel unaufhrlich ein
kalter Regen, hufig mit Hagel wechselnd. Wir sahen, muthmalich unter
dem 50. sdl. Breite die ersten Wallfische an der Westkste, und
hufige Zge von Butzkpfen, aber sonst mit Ausnahme weniger Vgel,
Albatrosse und der kapischen Taube, kein lebendes Wesen, eben so keine
Spur von Leuchten der See. Delphine indessen und eine ziemliche Anzahl
Vgel verschiedener Art zeigten sich wieder am 6. und die folgenden
Tage. Endlich am 10. August sahen wir zum erstenmale die Kste
von Chile, welche ich mit speziellem Interesse betrachtete, da ich
beabsichtigte, dort lngere Zeit zu verweilen.

Die erwhnten schwarzen doleritischen und basaltischen Formen fehlten
hier, und es schien, von der Ferne gesehen, die Kste aus einer Reihe
flacher und sanft abgerundeter Hgel zu bestehen, hinter welcher aber
direct sich eine Kette schroffer mit Schnee bedeckter Berge erhob, in
welcher Piks und groteske Formen nicht fehlten.

Wir sollten in einigen Tagen, so hie es, in Valparaiso, wrtlich: im
Thal des Paradieses sein, und konnten uns nicht recht erklren, wie die
Palmen und Orangenhaine dieses glcklichen Landstriches so dicht bei
wilden eisigen Bergen liegen sollten.

Man verga das wieder, als wir, abhaltend von der Kste, sie bald
wieder aus dem Auge verloren; aber ich, der ich spter in Chile blieb,
trug den Glauben, als seien die Gipfel dicht an der Kste liegender
Berge mit Schnee bedeckt wohl zehn Tage mit mir umher, und habe
gezeichnete Skizzen auch in diesem Sinne, wie ich es sah, behandelt.

Erst spter habe ich erfahren, da jene schneeigen Gipfel, welche wir
schon von Bord aus gesehen, die Andeskette waren, die =Cordillera alta=,
das vielbesprochene, aller Welt bekannte Gebirge. Eine eigenthmliche
optische Tuschung, welche fast allenthalben in Chile auftritt, lie
die 40 bis 50 Stunden weit von jenem niedern Ksten-Gebirge entfernte
Kette der hohen Cordillera uns als dicht hinter demselben aufsteigend
erscheinen. Es fehlte das, was die Maler Lichtperspective nennen, und
ich hatte spter von der Cordillera aus, gegen See blickend, eine
hnliche Erscheinung.

Noch an demselben Tage beschied mich der Kapitain in seine Kajte und
erffnete mir, da wir demnchst in Valparaiso einlaufen wrden,
zugleich stellte er mir die Schiffsbcher zur Disposition, so da ich
zu meinen Thermometer- und Barometer-Beobachtungen die tgliche Lnge
und Breite beizufgen im Stande war.

Es ist Gebrauch auf den meisten Schiffen, auf welchen sich viele
Passagiere befinden, sorgfltig die Lnge und Breite geheim zu halten.
Ja selbst die Matrosen wissen kaum wo sie sich befinden, und vermgen
nur muthmalich zu schtzen. Es hat dies seinen guten Grund. Abgesehen
davon, da der Kapitain sich kaum retten knnte vor der Unzahl
miger Fragen taktloser Reisenden, warum man z.B. westwrts und
nicht mehr nach Osten steure, und umgekehrt, warum es heute so langsam
gehe, und bis zu welcher Zeit man diesen oder jenen Ort erreichen werde,
wrde auch der Mimuth der Passagiere besonders bei Reisen, wie die
um Kap Horn, bedeutend gesteigert werden, wenn man sich pltzlich
um einige Grade zurckgeworfen oder verschlagen sieht, oder wenn
der Kapitain zu laviren gezwungen ist. Bei bedrohlicher Stimmung der
Mannschaft aber, und offener Meuterei, hat der Kapitain immer die Mittel
in der Hand irgendwo einzulaufen oder wenigstens in die Nhe eines
Hafens zu gelangen, wo Hlfe und Schutz erwartet werden mag. Mir
speciell hatte der Kapitain die freundliche Erlaubni schon in der
ersten Zeit der Reise gegeben, tglich nach dem Journale die Lnge
und Breite verzeichnen zu drfen. Aber ich lehnte dankend ab, da
ich einerseits, als Mitwisser des alle interessirenden Geheimnisses,
ebenfalls bestrmende Fragen befrchtete, auf der andern Seite aber
Sorge trug, fr den Verrther desselben gehalten zu werden, wenn etwa
der Wahrheit nahe kommende Vermuthungen laut geworden wren. So zog ich
vor, erst jetzt das Fehlende nachzutragen in den freigelassenen Spalten
meiner Tabellen.

Wir sahen am 11. des Nachmittags zum zweitenmale die Kste von Chile
und liefen am 12. August des Morgens in den Hafen von Valparaiso ein.

Verwhnt von der ppigen Pracht Brasiliens, wollten uns die kahlen,
verbrannten Hgel, die vor uns lagen, keinen besonders glnzenden
Eindruck hervorbringen, doch trstete man sich fr die Folge mit
Ausflgen in's Innere, fr die nchste Gegenwart aber mit der
Hoffnung, bald wieder festen Boden unter den Fen zu haben, und, vor
Allem, Landkost zu verspeisen.

Ehe ich aber fr immer die Reform verlasse, will ich, wie es oben
geschehen, Auszge mittheilen aus meinen Notizen ber die Temperatur,
um einen Ueberblick zu geben ber diese Verhltnisse bei Kap Horn.

  +-----------+------------+------------+------------+-----------+
  |           | Temperatur |Temperatur  |            |           |
  |  Datum    |  der Luft  |des Wassers |   Lnge    |   Breite  |
  |  1849     | des Mittags|des Morgens |  westliche |  sdliche |
  |           |   12 Uhr   |   9 Uhr    |            |           |
  +-----------+------------+------------+------------+-----------+
  | Juli    6.|   + 10.3   |  + 13.8    |   50 18'  |   39 22' |
  |  "     11.|   +  6.6   |  +  8.5    |   50 20'  |   44 15' |
  |  "     16.|   +  6.3   |  +  6.7    |   50 54'  |   44 50' |
  |  "     17.|   +  5.3   |  +  8.2    |   51 34'  |   43 32' |
  |  "     18.|   +  6.3   |  +  6.5    |   52 28'  |     --    |
  |  "     19.|   +  9.5   |  + 11.5    |     --     |   44 24' |
  |  "     20.|   +  5.2   |  +  5.5    |   55  9'  |   46  8' |
  |  "     21.|   +  3.8   |  +  3.5    |   56  0'  |   46 50' |
  |  "     22.|   +  3.9   |  +  3.8    |   56  0'  |   47 46' |
  |  "     23.|   +  4.5   |  +  3.9    |     --     |     --    |
  |  "     24.|   +  5.0   |  +  5.4    |     --     |     --    |
  |  "     25.|   +  5.0   |  +  4.3    |   62 36'  |   49 49' |
  |  "     26.|   +  4.2   |  +  4.0    |   63 30'  |     --    |
  |  "     27.|   +  3.5   |  +  4.0    |   63 47'  |   52 38' |
  |  "     28.|   +  2.1   |  +  4.0    |     --     |   54 52' |
  |  "     29.|   +  0.5   |  +  3.5    |     --     |     --    |
  |  "     30.|   +  2.0   |  +  3.5    |   64 37'  |   56  6' |
  |  "     31.|   +  2.5   |  +  4.0    |     --     |   56 18' |
  | Kap Horn  |            |            |            |           |
  | in Sicht  |            |            |            |           |
  | Aug.    1.|   +  3.8   |  +  4.8    |     --     |     --    |
  |  "      2.|   +  5.0   |   +  5.0   |     --     |     --    |
  |  "      3.|   +  2.5   |   +  5.0   |     --     |     --    |
  |  "      4.|   +  5.5   |   +  5.5   |     --     |     --    |
  |  "      5.|   +  5.3   |   +  5.5   |     --     |     --    |
  |  "      6.|   +  5.3   |   +  5.9   |  77 18'   |   47 23' |
  |  "      7.|   +  6.3   |   +  7.0   |  77 21'   |   44 50' |
  |  "      8.|   +  8.0   |   +  8.2   |  76 30'   |   41 26' |
  |  "      9.|   +  8.2   |   +  9.0   |  75 32'   |   38 54' |
  |  "     10.|   +  9.2   |   + 10.0   |  73 59'   |   35 46' |
  |  "     11.|   + 10.5   |   + 10.5   |     --     |     --    |

Es fllt bei Durchsicht dieser kleinen Tabelle und bei etwaiger
Vergleichung derselben mit der vorher gegebenen, die Tropen betreffend,
sogleich in die Augen da, whrend dort die Temperatur des Wassers
stets eine etwas niedere war als jene der Luft hier in hheren
Breitegraden, etwa von 40 sdl. Breite an bis am Kap Horn und wieder
auf dieselbe Hhe, das Wasser durchschnittlich, ja fast immer, eine
hhere Temperatur als die Luft zeigte.




V.

Valparaiso (Chile).


Natrlich ist vor Allem die Frage: wie wird das Wort ausgesprochen? Man
schreibt Valparaiso, aber spricht man auch Valparaiso? oder spricht man
Valparaso? oder vielleicht gar Valpareso? Die groartige Wichtigkeit
dieser Frage hat mir erst eingeleuchtet, als ich, nach Deutschland
zurckgekehrt, von fast allen meinen Freunden mit solchen Fragen
bestrmt worden bin. Leider habe ich an Ort und Stelle mein deutsches
Blut so weit verleugnet, keine Nachforschungen anzustellen, welches die
richtige, von dortigen Gelehrten anerkannte Aussprache ist. Ich
kann also nicht verbrgen, ob Valparaiso oder Valpareso recht oder
fehlerhaft, aber ich kann sagen, da die Chilenen beide Aussprachen
gebrauchen, bald so, bald so sprechen, und da mir an Ort und Stelle
die ganze Sache hchst gleichgltig gewesen ist. Woher die Stadt den
Namen bekommen, werde ich spter berichten.

Nachdem, leider indessen hchst mangelhaft, dieser unzweifelhaft
interessanteste Punkt abgehandelt, mu ich mit wenig Worten
vorausschicken, wie und in welcher Form ich berichten werde, was ich
in Chile gesehen. Ich werde einige der grten Stdte, welche ich
besuchte, beschreiben und das Leben und Treiben daselbst, die Sitten und
Gebruche schildern, so viel mir davon bekannt geworden. Dann werde ich
deren Umgebung gedenken, weiterer Excursionen, und der Reisen durch das
Land. Indem mir so Gelegenheit werden wird, der Thier- und Pflanzenwelt
zu erwhnen, der Berge und Thler, der Flsse und Seen, so wie
klimatischer Verhltnisse, mag es vielleicht gelingen eine Skizze zu
geben von Chile, ohne durch tgliche Berichte den Leser zu ermden.

In den ersten Tagen aber mag es mir vergnnt sein, mehr von mir selbst
zu sprechen als es spter geschehen soll.

Kaum an's Land gestiegen, wo sich die Passagiere nach allen Richtungen
zerstreuten, eilte ich zu dem Kaufmanne, auf welchen ich Wechsel zu
beziehen hatte, um solche zu prsentiren, wie man es, wenn ich nicht
irre, nennt, und zugleich zu bitten, den Betrag noch zu verwahren, da
ich in fremdem Lande mich nicht mit unnthigem Gelde beschweren
wollte. Alle Geldgeschfte haben von jeher fr mich etwas so unendlich
Widerwrtiges gehabt, da ich sie so rasch als mglich beendete, und
eben dessen froh, das Store verlassen wollte, als ich mit Gerstcker
bekannt gemacht wurde, der bereits seit drei Wochen in Valparaiso, sich
ebenfalls im Store eingefunden hatte, um Landsleute zu begren und
Neues aus Europa zu hren.

Gerstcker war der erste Landsmann, ja der erste Mensch, der in der
neuen Welt mir mit der liebenswrdigsten Freundlichkeit und Offenheit
entgegengekommen ist, und mir sogleich am ersten Tage unserer
Bekanntschaft die wesentlichsten Dienste erzeigte, indem er mit
Aufopferung seiner eigenen Zeit mir eine Wohnung suchen half.

Ich hatte an einen deutschen Kaufmann, dessen Namen ich vergessen habe,
einen Empfehlungsbrief von Haus mitgebracht, und wurde empfangen, wie
ich bereits in Brasilien frostige Vorlufer erhalten. Ich erhielt
den Rath, so bald als mglich in's Innere zu reisen, da in Valparaiso
nichts fr einen Naturforscher zu machen, und wurde zugleich wiederholt
gefragt, was denn _eigentlich_ mein Geschft sei, auf das Naturforschen
allein reise man ja doch nicht. Natrlich lie ich mich nicht in
weitlufige Erklrungen ein, wie ich denn doch nur allein in diesem
Artikel mache, sondern bat, wie ich ausdrcklich sagte, als erste
und letzte Freundlichkeit, mir auf eine halbe Stunde einen jungen Mann
mitzugeben, welcher mir, der noch keines Wortes der spanischen Sprache
mchtig, eine Privatwohnung mge suchen helfen, aber ich wurde
abgewiesen; man sei zu sehr beschftigt und Aehnliches, kaum aber
Spuren entschuldigender Formen.

Ich lie den Menschen in seinem Musterlager sitzen und erzhlte gleich
darauf Gerstcker die Geschichte, der ob er gleich, wie ich spter
erfuhr, dringende Arbeiten fr Europa hatte, dennoch jenen Tag
noch mehrere Stunden mit mir umherlief, mit seinem wie er sagte
sechswchentlichen Spanisch wacker dolmetschte, und mir wirklich eine
fr Valparaiso ganz ertrgliche Wohnung verschaffte.

Ich habe manche heitere Stunde mit Gerstcker in und um Valparaiso
verlebt, wir versprachen uns, auf weiterer Reise nicht die Hlse zu
brechen, gesund nach Hause zurckzukehren und uns in Europa wieder zu
treffen. Wir haben uns getreulich Wort gehalten und ein freundliches
Wiedersehen in Nrnberg gefeiert. Wer aber wissen will, wie Gerstcker
nach Chile gekommen und Weiteres, mag seine Reisebeschreibung kaufen,
die ohne Zweifel bereits erschienen ist, whrend ich Gegenwrtiges
schreibe.

Bald hatte ich das nordamerikanische Hotel, in welchem ich zuerst
eingekehrt, verlassen, und war in meiner neuen Wohnung eingerichtet.
Vier kahle Wnde, ein mit gebrannten Steinen gepflasterter Boden, eine
aus Holzstckchen zusammengesetzte Decke und freies Wasser, was man
sonst in den meisten Husern kaufen mu, war die Herrlichkeit, welche
monatlich eine halbe Unze[6] kostete, d.h. etwa ein und zwanzig
Gulden. Ich miethete einen alten Tisch fr einen Peso per Monat, warf
meine Matrazze auf den Boden und indem ich meine drei Koffer als Sopha
und Stuhl benutzte, war meine erste Einrichtung beendet. Ich hatte meine
Hausfrau nur einmal gesehen, den Hausherrn in den ersten 8 Tagen gar
nicht, ich hatte Haus- und Zimmerschlssel, obgleich ersterer kaum
nthig, da das Haus bis nach Mitternacht stets offen. So war ich
wieder, nach langer Zeit einmal Herr in meinen vier Pfhlen und lief
in's Freie, mir die Stadt zu besehen.

Valparaiso mag eine schne Stadt genannt werden, wenn vielleicht nicht
ganz im alteuropischen Sinne, wo manchfache Prachtgebude gefordert
werden. Aber der unverkennbare Ausdruck des raschen und rstigen
Vorwrtsschreitens, des fortwhrenden Wachsens wirkt wohlthtig und
erfreulich auf den Fremden, der sich zum erstenmale die Stadt besieht.
Wohl eine Stunde und weiter, zieht sich dieselbe dicht am Ufer des
Hafens hinweg, schmal, an vielen Stellen fters nur einige Straen
breit, an einer Stelle nur zusammenhngend durch wenige Huser, an
andern Orten aber sich wieder weit ausbreitend, wie es eben die Berge
erlauben, an welchen die Stadt liegt, und welche an manchen Stellen fast
an die See vorgeschoben sind. Der ausgebreitetste Theil der Stadt ist
der, wo frher das Dorf Almendral lag. Jetzt ist dort die Calle des
Almendral, eine breite, jeder Hauptstadt wrdige Strae, und von dem
Kothe, von welchem frhere Reisende mifllig berichten, ist dort
nichts mehr zu sehen. Auf den Hgeln nchst der Mitte der Stadt
und unweit des Hafens, liegen zierliche Huser in sdeuropischem
Geschmacke meist mit kleinen Grten versehen, umrankt und beschattet
von Schlingpflanzen und mit kostbarer Aussicht auf Hafen, See und
Stadt. Meist werden diese lieblichen kleinen Villen von den reicheren
Kaufleuten und hufig von Deutschen bewohnt, und sind gastfrei
dem geffnet, der einmal Zutritt gefunden. Ich werde seiner Zeit
Freundliches hievon zu berichten haben, denn ich bin artig aufgenommen
worden von allen Deutschen, die ich kennen lernte; zuvorkommend aber und
herzlich von mehreren Mnnern, denen ich stets ein dankbares Andenken
bewahren werde.

In den Thlern zwischen jenen Hgeln und den nicht selten steil
abfallenden Schluchten, werden wohl auch noch hie und da hbsche
Huser getroffen, doch wohnen dort meist rmere Leute, und oft weit
sich an jenen Abhngen verzweigend, enden Huser und Htten, immer
mehr sich vereinzelnd endlich die Stadt.

Recht deutlich knnen diese Auslufe der eigentlichen Stadt
ohnweit der Almendral bemerkt werden, und ich mchte solches als
charakteristisch bezeichnen fr die meisten greren Stdte
Sdamerikas. Die ansehnlicheren Gebude werden in solchen Theilen
der Stadt allmlig seltener und wechseln mit kleineren bescheidenen
Wohnungen, welche endlich in Htten bergehen. Gleichzeitig
verschwinden die Trottoirs, bald auch das Pflaster, man findet sich
nicht selten im tiefsten Kothe, ohne recht zu wissen, wie man dorthin
gekommen.

Die Htten aber, anfnglich dicht an einander gebaut, stehen bald
vereinzelter und knnten endlich isolirte Gehfte genannt werden,
wren sie bedeutender. In Rio de Janeiro sind es freundliche
Landhuser, welche, so allmlig von der Stadt sich entfernend, den
Thlern einen malerischen Reiz verleihen, hier aber in Valparaiso
sind jene Vorposten der Stadt von den Lazaroni Chiles bewohnt. Die
europische Tracht, die im civilisirten Theile der Stadt allgemein ist,
macht hier dem halb indianischen Kostme Platz und tief braun gefrbte
Frauen mit wildem verworrenen Rabenhaar und glhenden Augen sitzen
an der Erde, kaum halb bekleidet, und umzingelt von ihren nackten
unbndigen Sprlingen.

Das ist wohl noch Ursitte des Landes. In der Stadt selbst mchte ich
die Bauart als eine dreifache bezeichnen. Es sind die meisten Huser
zweistckig erbaut, und man hat, Rcksicht nehmend auf die hufigen
Erdbeben, alle Mhe darauf verwendet, sie gleichsam elastisch zu
construiren. So bildet korbartiges Flechtwerk die Mauer, ausgefllt
mit Lehm und Sand, und ein leichtes Dach deckt das Ganze. Beim Einlegen
alter Huser habe ich diese Bauart beobachtet, welche jetzt aber,
wie es scheint, mehr und mehr verschwindet und sich auf die Wohnungen
rmerer Leute beschrnkt.

Die bessere Methode, welche Eingang gefunden hat, ist die Construction
hlzerner Huser, nur leicht mit Fachwerk bekleidet, und gefgt nach
Art der Schiffszimmerung, leichten Sten widerstehend, und selbst
strkeren Erschtterungen ausweichend, nachgebend, ohne bedeutend zu
leiden.

Endlich findet man aber auch groe, selbst massiv von Stein erbaute
Huser in Valparaiso, dreistckig und wrdig der grten Stadt
des alten Europa. Aber die meisten sind neu erbaut und es steht zu
befrchten, da das nchste grere Erdbeben arge Verwstungen
anrichten wird in jenen Prachtbauten, whrend die Huser der lteren
Bauart sicher eher widerstehen drften.

Bei allen lteren Husern findet man den Boden mit gebrannten Steinen
gepflastert und dann wohl mit einem Teppiche oder einer Strohmatte
belegt. In neueren und namentlich greren Bauten trifft man hlzerne
Dielen. In ganz Sdamerika aber findet sich keine Zimmerdecke mit
Mrtel beworfen, sondern sie bestehen aus leichtem Fachwerke mit
dnnen Brettern von etwa 2 bis 3 Fu Lnge und 2 bis 5 Zoll Breite,
welche mittelst Ngeln an die Balken der Decke befestigt sind. Es
wrde ein Mrtelbewurf an der Decke in Valparaiso z.B. keine vier
Wochen halten, ohne, allmlig erschttert und gelst durch
leichte Erdste, endlich durch einen etwas intensiveren auf die
Gerthschaften des Zimmers oder wohl auch auf die Kpfe der Bewohner
geworfen zu werden.

Die ffentlichen Bauten, meist von der Regierung in frherer Zeit
gebaut, sind fast durchgngig bescheiden, wenn auch ihrem Zwecke
entsprechend.

Von den Kirchen, die eigentlich den Baustyl reprsentiren sollten,
vermag ich leider wenig Trstliches zu berichten. Reminiscenzen an
altspanische, mitunter fast maurische Zeit, aber jmmerlich, ja
barock verflochten mit Zopf und Percke, und mit einer hie und da so
sonderbaren Ornamentik versehen, da ich keinen Vergleich mit unserem
Lande dafr zu finden wei, das ist der Eindruck, welchen ich von
den Kirchen in Valparaiso bewahrt habe. Ein einfaches, blos aus dem
Erdgeschosse bestehendes Gebude ist das Hospital, welches vielleicht
recht die ltere Bauart vertritt, wie sie noch zu Zeiten der spanischen
Herrschaft gebt wurde. Es ist ziemlich weitlufig und besteht aus
mehreren Vierecken, deren innere Hfe den Genesenden zum Spazierengehen
dienen. Luftige Arkaden im Innern fehlen natrlich nicht und das Ganze
scheint seinem Zwecke zu entsprechen. Die Krankensle sind luftig, frei
und reinlich gehalten. Da in jenem glcklichen Lande fast stets Thren
und Fenster geffnet erhalten werden knnen, so ist das erstere nicht
mit besonderen Schwierigkeiten verknpft. Es befinden sich 180 Betten
fr mnnliche Kranke und 154 fr weibliche dort, welche natrlich
getrennt sind. Eine medicinische und chirurgische Abtheilung besteht
indessen nicht, und die Kranken liegen unter einander, so viel ich
wei, in der Ordnung, wie sie eben in die Anstalt kommen. Ein Oberarzt
leitet das Ganze und ihm sind zwei Assistenten beigegeben, von welchen
jeder 20 Peso den Monat Besoldung bezieht. Im Hospitale befindet sich
ein Sectionszimmer und eine Apotheke mit Laboratorium. Beide gut und
zweckmig eingerichtet. Ich habe bei dieser Gelegenheit den Preis
eines Blutegels erfahren, der 6 Realen ist. Zu meiner Schande aber mu
ich gestehen, da ich nicht wei, ob man im Lande selbst diese Thiere
fngt, oder ob sie alle aus Europa dorthin gebracht werden. Da dies
mit greren Sendungen der Fall ist, habe ich erst spter erfahren.

Es mag im Allgemeinen bemerkt werden, da die hufigsten
Krankheitsformen Icterus, Syphilis in ihren verschiedenen Formen, und
eben so Phthisis und Tuberculose sind.

Die wenigen Notizen ber den Krankheits-Genius von Chile, welche ich
gesammelt habe, mu ich indessen fr einen andern Ort versparen,
da ich eigentlich hier nur von den Gebuden der Stadt zu sprechen
beabsichtigte.

Ein anderes Hospital, erbaut auf einem der Hgel, welche die Stadt
umgeben, ist fr kranke Seeleute bestimmt, doch werden, wie mir schien,
auch vermgende Kranke aus anderen Stnden angenommen, welche ihre
Verpflegung bezahlen. Es ist dort eine wirklich lurxurise Einrichtung
und das Haus liegt versteckt in einem wohl gepflegten Garten mit
kostbarer Aussicht auf Hafen und See.

Ich sollte jetzt noch vom Theatergebude berichten und etwa von dem
Justizpalaste oder wie man eben die Anstalt benennt, in welcher die
ffentliche Rechtspflege ausgebt wird. Abermals aber mu ich ein,
wenn nicht reuevolles doch offenes Bekenntni ablegen, wie oben in
Betreff der Blutegel. Ich habe mich um das Wesen der Justiz, um
die ffentlichen Sitzungen und um die wirklichen theatralischen
Vorstellungen im Opernhause so wenig gekmmert, als ich es auch stets
in Deutschland gethan habe und so vermag ich, da das Innere mich wenig
interessirt hat, auch nur anzugeben, da das Aeuere der Gebude
einfach und zweckmig erscheint und nicht strend einwirkt auf den
guten Geschmack.

Vom Hauptsitze des Gouvernements, von Santjago aus, werde ich spter
ber Regierung und staatliche Einrichtungen zu sprechen haben, da ich
dort zuverlssige Nachrichten erhalten.--

Um aber die flchtige Skizze der Stadt und ihres Weichbildes zu
beenden, sei es mir erlaubt der nchsten Umgebung von Valparaiso
zu gedenken, so weit ein guter Fugnger dieselbe zu durchstreifen
vermag.

Ich habe schon der Hgel gedacht, zwischen und theils auf welchen sich
die Stadt lngs der Meeresbucht hinzieht. Diese Hgel gewhren an und
fr sich ein kahles und trostloses Ansehen. Sie bestehen aus Granit,
aber die Oberflche desselben ist verwittert und so hat sich ein
eintniges Braun erzeugt, bedeckt mit sprlichem und wenig zierlichem
Pflanzenwuchse, und das nur an einigen Stellen.

Der vier bis fnf Fu hohe =Cactus Chilenis=, der sich am meisten
auszeichnet und an den steilsten und abschssigsten Gehgen
vortrefflich gedeiht, giebt derselben allerdings ein sdliches
Ansehen, aber die verwnschte Stachelbewaffnung desselben macht oft das
Erklimmen jener Gehge hchst beschwerlich. Neben ihm trifft sich
am hufigsten eine Nesselart (=Losa acerifolia=), Ortiga in der
Landessprache, und diese macht, wo sie zahlreicher vorkmmt, jedes
Durchdringen unmglich. Sie erreicht ebenfalls eine Hhe von drei bis
vier Fu und blht gelb im August und September, aber die geringste
Berhrung ihrer Bltter bringt heftigen brennenden Schmerz hervor, und
die abgebrochenen feinen Stacheln erzeugen auf der Haut Pusteln, welche
hart werden und vierzehn Tage bis drei Wochen lang schmerzen.

Weiter entfernt von der Stadt und auerhalb des Bereiches der dichteren
Ansiedelung trifft sich in den Schluchten, welche jene Hgel trennen,
oft eine prachtvolle Vegetation. Die Sohle jener schmalen Thler ist
fast immer bewssert und nhrt so den Pflanzenwuchs, der weiter gegen
oben durch Wassermangel und glhende Sonne auf ein Minimum reducirt
ist. Schlinggewchse und zierliche Farren, die Quile, ein Rohr von oft
betrchtlicher Hhe, vereinzelte Palmen und hundert andere
Pflanzen von den verschiedensten Blattformen, bilden dort einen oft
phantastischen Baumschlag, und wahrscheinlich war es eines jener
Thler, welches die Spanier bei ihrer Landung an jener Kste zuerst
betraten und =Val paradiso=, Paradiesthal nannten, da ihnen der
Gegensatz mit der brigen groenteils sterilen Kste aufgefallen war.

Erklimmt man die Spitze jener grern Hgel[7], so nimmt allmhlig
die Landschaft einen andern Charakter an. Es beginnt der Pflanzenwuchs
auch gegen die Hhen hin mehrfachere Ausbreitung zu gewinnen und
anfnglich kleine, bald aber ausgedehntere Gehlze oder Buschwerke
bedecken die Hhen. Die =Mimosa cavenia=, mit ihrem gleichsam
besenfrmigen Wuchse und der strahligen Ausbreitung ihrer zahlreichen
Aeste, ber und ber mit Stacheln bedeckt, und dabei mit dem
zierlichsten feinen Laube, bildet einen angenehmen Contrast mit den
dunklen dickbuschigen Massen des =Laurus caustica= und zwischen ihnen
erhebt sich die =Puretia corocata=, deren 6 Fu hoher und mit tausenden
von Blthen bedeckter Blumenstengel wrzige Dfte aushaucht, whrend
eine Unzahl drei bis vier Fu langer Bltter mit spitzen, hakenfrmig
gebogenen Stacheln den Fu jener Blumenkrone bewahren[8]. Dort bieten
sich reizende Fernsichten dem Auge gegen das Innere des Landes zu, ber
waldige Schluchten und fruchtbare Ebenen, und wendet man den Blick --
auf das unermeliche Meer, wie sich denn dort wirklich Land und See
gegenseitig zur hebenden Folie werden.

Gegen Norden zu und dort, wo die oben beschriebenen Auslufe
der Stadt unweit der Almendral sich allmhlig verlieren, beginnen
pittoreske Felsenparthieen die Ufer der See zu bilden. Fischerhtten
und einzelne kleine Landhuser liegen malerisch zerstreut zwischen
jenen steilen Felsenabhngen. Bisweilen ist der Weg an und um dieselben
so schmal, da man kletternd und halb ber dem Wasser hngend, sich
um irgend eine Ecke winden mu.

In den ersten 10 bis 12 Tagen meines Aufenthaltes hatte ich bereits
einige der nthigsten Worte und Fragen gelernt, um mich im Spanischen
verstndlich machen zu knnen. So war ich in jenen Klippen streifend
auf ein kleines fast von der See bespltes Plateau gekommen, wo einige
Chilenen sich mit Einsammeln von Muscheln beschftigten, und frug,
da mit Ausnahme der Seite an welcher ich gekommen, allenthalben steile
Wnde waren, wo der Weg sei. Die Leute zeigten alle mit der
grten Bereitwilligkeit auf eine senkrecht stehende Felsenwand, und
blos ihre freundlichen und unbefangenen Mienen bewiesen mir, da
sie mich nicht zum Besten hatten, indem sie mir eine scheinbar
unbersteigliche Mauer als Weg bezeichneten.

Nher getreten aber und bei genauerer Beobachtung fand ich bald
einzelne Vorsprnge und Einbiegungen, so wie Spuren von Futritten
und indem ich jenesmal zuerst wie auf einer Leiter aufwrts kletterte,
berstieg ich auf spteren Excursionen hufig jene Stelle ohne mehr
der Hnde zum Klimmen zu bedrfen.

Von jenen Felsengruppen aus giebt es einzelne wundervolle Blicke auf
die Stadt und den Hafen, welcher mit seinen Schiffen und der Unzahl von
Barken, die ihn beleben, den Vordergrund bildet. Ich habe dort,
fast allzu schwrmerisch, manche halbe Stunde vertrumt, statt
pflichtschuldigst Exemplare zu formen von den Graniten, und diverses
Gewrme in den Klften und Spalten des von der See besplten Gesteins
zu fangen.

Folgt man in dieser Richtung hin noch weiter der Kste, so wird
das Ufer wieder flacher und blos einzelne Felsgebilde stehen aus dem
sandigen mit Muschelfragmenten bedeckten Boden hervor.

Blos ungewhnlich hohe Springfluthen dringen weiter vor und man kann
zu Pferde bequem allenthalben weiter kommen, wenn man die oben auf den
Bergen hinziehende Strae, die in's Innere fhrt, verlt.

Jene bewaldeten Schluchten, von welchen ich oben gesprochen, mnden
dort hufig gegen die See hin aus, und es bilden sich nicht selten
einzelne Parthieen so zierlichen Baumschlages, eingeschlossen in
Felsgruppen, da man unwillkrlich an knstliche Gartenanlagen denkt.

Mit Ausnahme von Seethieren, die hufig erworben werden knnen am
Fue jener vorher geschilderten, dicht an See abfallenden Felsen, hat
man bisher nur eine geringe Fauna getroffen, und nur hie und da
schwimmt dort eine Mve oder es sitzt auf einem Felsenvorsprunge ein
gravittischer Seerabe. Aber hier belebt sich die Gegend. Gegen das
Meer hin sitzen oft hunderte der verschiedensten Seevgel auf dem
sandigen Ufer, ausgeworfene Muscheln und anderes Gethier suchend und
verspeisend.

Am grnen Saume der Berge aber und in den Schluchten schwrmt der
=Trochilus gigas= und =sepharoides= um Blthen und Blumen und es werden
diese beiden einzigen Colibri des Flachlandes von Chile dort nicht
selten getroffen in Gesellschaft grerer, wenn gleich nicht so bunt
befiederter Genossen ihres Geschlechts.

Besteigt man die Hgel, zwischen welchen sich jene Schluchten
hinziehen, so findet man die Hhe meist bewaldet, doch fehlen auch
angebaute Felder nicht, indem sich in gnstiger Lage einzelne Ansiedler
niedergelassen haben.

Aber es ist Zeit, da wir zur Stadt zurckkehren und versuchen, deren
Leben und Treiben nher kennen zu lernen.

Ich hatte meine Zeit etwa in der Art eingetheilt, da ich des einen
Tages die Umgegend durchstreifte, Mineralien, Gebirgsarten und Pflanzen
sammelte und geognostische Durchschnitte zeichnete, oder mit der Flinte
auf dem Rcken in den Schluchten kletternd, Vgel scho, wohl auch am
Ufer der See Conchylien und andere Seethiere fing. Des folgenden
Tages wurde das Erworbene geordnet. Die erlegten Vgel abgebalgt, die
Pflanzen eingelegt und Notizen in's Tagebuch eingezeichnet. Was ich von
Thieren lebend erhalten konnte, suchte ich zu beobachten, so lange als
mglich, und man mag sich wohl denken, da es bunt genug in meiner
Stube ausgesehen und ich genug Arbeit hatte.

Bald hatte sich ein kleiner Kreis von jungen Deutschen um mich gebildet,
welche, meist Kaufleute, dort eine Stelle zu finden hofften, aber
vorlufig noch ohne Beschftigung waren. Sie haben mir getreulich
beigestanden und mich vielfach untersttzt in allen meinen Geschften,
indem sie mich theils auf die Jagd begleiteten und thtigen Antheil
nahmen an derselben, theils freundlich genug waren, die mineralogischen
Hmmer, den Barometer und die Botanisirkapsel zu tragen, wohl auch bei
greren Excursionen den Mundvorrath zu schleppen. Da auch bei der
sichtenden Arbeit des folgenden Tages ich hufig mich solcher Beihlfe
zu erfreuen hatte, so vermochte ich in kurzer Zeit mannichfache
Schtze zu sammeln und wurde bald als der deutsche Naturforscher in
Valparaiso bekannt, dem noch berdies manche freundliche Gabe geboten
wurde von selbst gesammelten Naturalien und allerlei Eigenthmlichem,
welches man eben durch Zufall erworben.

Auch von den Passagieren der Reform erhielt ich Besuche, so lange noch
das Schiff im Hafen lag, und Beweise von freundlicher Gesinnung gegen
mich. Ich hatte in Bremen einen greren Vorrath von Rauchtabak
gekauft, konnte aber der Douane halber denselben nicht gnzlich an's
Land schaffen, obgleich ich einen Theil desselben, so wie Cigarren, wohl
theils durch Nachsicht der Mauth-Bediensteten eingeschmuggelt hatte.

Arbeitend in meinem Zimmer wurde ich kurz vor der Abreise der Reform
berrascht durch den Besuch von zwlf der Passagiere, welche, meine
Klause fast gnzlich ausfllend, von mir knurrend und brummend
empfangen wurden, mit rgerlichen Redensarten von Strungen in
der Arbeit, welche selbst in Sdamerika eben so fortdauerten wie in
Deutschland, und anderen halb scherzhaften halb verdielichen Worten.
Aber ich wurde berrascht und beschmt, als jeder der Besuchenden mir
ein Pfund jenes zurckgelassenen Tabaks berreichte. Sie hatten,
wohl wissend, wie ungern ich denselben vermite, ihn einzeln an's Land
geschmuggelt und so den letzten Beweis ihrer Freundschaft gegeben.

Lange verbrannt sind jene Bltter, aber noch heute freue ich mich
aufrichtig jenes mir bewiesenen Wohlwollens.

Einige Tage darauf segelte die Reform aus dem Hafen ihrem eigentlichen
Bestimmungsorte St. Francisko zu, und ich sah mit theilnehmendem
Herzen die Mnner einem ungewissen Schicksale entgegen gehen, die
mir freundlich gesinnt waren und mit welchen ich manche Fhrlichkeit
bestanden, manches Ungemach ertragen.

Ich habe durch Gerstcker, der mit ihnen nach Kalifornien reiste,
ber Einzelne erst in der Neuzeit Nachricht erhalten, das Schicksal
der Meisten aber ist mir unbekannt geblieben. Gleich mir blieben in
Valparaiso zurck ein junger Kaufmann, Mnchmeier, und ein Musiker
aus Bremen mit seiner Familie. Ich blieb whrend meines Aufenthaltes in
Chile mit dem Ersteren im freundlichsten Verhltnisse und wir wechseln
noch heute Briefe.--

Wie ich dann nach der Abreise der Reform mit den in Valparaiso lebenden
Europern und Deutschen zuerst in nhere Beziehung getreten, will ich
ihrer auch zuerst erwhnen, da ich von den Bewohnern der Stadt und von
Chile's Bevlkerung im Allgemeinen spreche.

Namentlich fr Valparaiso erscheint dies nicht unbillig, da, wenn auch
nicht der grere, doch jedenfalls ein bedeutender Theil der Einwohner
dort aus Fremden, d.h. aus Europern besteht.

Ich glaube man kann sagen, da die Hlfte der dortigen Kaufleute
Deutsche sind, whrend der Rest aus Englndern und Franzosen besteht.
Der Deutsche geniet in ganz Sdamerika, besonders aber in Chile, die
allgemeinste Achtung und dieser Ruf ist wohl begrndet und erworben
durch Flei, Thtigkeit und ein reelles Benehmen, so wie er durch eine
gewisse Gentilitt erhalten wird. Die dortigen Deutschen untersttzen
Aermere und nicht ganz unwrdige Landsleute und suchen allenthalben
das Ansehen der Nation aufrecht zu erhalten. Wie sehr die chilenische
Regierung die Deutschen bevorzugt, geht schon allein daraus hervor, da
sie keine anderen als deutsche Einwanderer haben will, und solchen die
gnstigsten Bedingungen stellt.

Eine Partei in Deutschland, die der Mivergngten und Superklugen,
erschpft sich in unaufhrlichen Lamentationen ber die wenige
Achtung, welche der Deutsche im Ausland besitze. Der Grund solcher
Wehklagen braucht kaum entwickelt zu werden, es soll vor allem das
Mivergngen gesteigert werden. Was indessen Nordamerika betrifft,
haben diese Leute leider Recht. Aber ich glaube, sie selbst sind so gut
wie ich im Innern berzeugt, da weder unsere Regierungen, noch
der Mangel einer Flotte schuld an dieser Miachtung ist, sondern
das arbeitsscheue Gesindel selbst, oder jene Menschen, welche die
abenteuerlichsten Ideen dort zu realisiren suchen, und welche zusammen
die berwiegende Masse der Einwandernden bilden.

Man wrde sich einer groben Unwahrheit schuldig machen, wollte man
Aehnliches von Sdamerika behaupten, sowohl hinsichtlich des Charakters
der Einwanderer, als auch der Achtung, in welcher sie stehen.

Es versteht sich von selbst, da in Chile ansssige Deutsche nicht
jedem Landsmann sogleich den Zutritt in ihre Familie gestatten, ohne
denselben vorher genauer zu kennen. Ich war aber dennoch bald herzlich
aufgenommen und wurde wie ein alter langjhriger Freund behandelt. So
namentlich in Valparaiso von Alto Uhde, in dessen Hause ich frhliche
Stunden verbrachte, und dessen Benehmen gegen mich whrend meines
ganzen Aufenthaltes eine Reihe von Freundschaftsbezeigungen gewesen ist,
von J. Freundt, dessen Empfehlungsbrief nach Santjago mir mehr geholfen
als smmtliche von Europa mitgebrachten Briefe, und von andern dortigen
Deutschen. Auch mit einem deutschen Arzte, =Dr.= Ried, bin ich bekannt
geworden und in freundschaftliche Berhrung gekommen. Neben der
herzlichsten Aufnahme in seinem Hause verdanke ich ihm manche
schtzbare Notiz ber Chile und die interessantesten Mittheilungen aus
seinem vielbewegten Leben.

Die Englnder sind nach den Deutschen die beliebtesten; dann kommen
die Franzosen. Ich bin in Chile mit den stolzen Shnen Albions wenig
in Berhrung gekommen, da ich mich nicht berufen fhlte, alle die
Ceremonien zu berstehen, welche verlangt werden, um Zutritt zu
erhalten; aber mit den leichtsinnigen Franzosen habe ich mich gut
vertragen, und sie dort so liebenswrdig gefunden, wie allenthalben auf
der Erde.

Die Eingeborenen von Chile, d.h. die Abkmmlinge der Spanier mgen
keck als ein gutes, ja liebenswrdiges Volk bezeichnet werden. Es
fehlen nicht die Snden und Mngel des sdlichen Blutes, aber sie
werden aufgewogen durch die Tugenden, die es bedingt.

Beide fehlen nicht bei den hheren Stnden, aber, theils
abgeschliffen, theils verdeckt durch die Kultur, treten sie hier weniger
hervor als beim Volke. Ich habe manchfach den Vorwurf aussprechen
hren, als seien die Chilenen eigenntzig, aber ich glaube, da sie
dieser Vorwurf nicht mehr und weniger trifft als jeden andern Menschen,
wenigstens habe ich nie Gelegenheit gehabt, das Gegentheil zu erfahren.
Aber ich habe sie bescheiden gefunden, und, so viel Untugenden stets
verknpft sind mit habschtiger unverschmter Zudringlichkeit, so
kann auf der andern Seite der bescheidene Mann schon von vorne
herein mit gnstigem Auge betrachtet werden. Durch kleine, scheinbar
unbedeutende Zge aber gibt sich oft Solches zu erkennen.

Oft bin ich, allein in den Bergen umherschweifend, Jgern begegnet,
welche mich um Pulver oder Schrote ansprachen. Aber nie hat einer
derselben, war mein Vorrath nur noch klein, die Gabe angenommen. Da ich
neben dem greren, in der Tasche befindlichen Pulverhorne ein kleines
fhrte, und meist aus diesem das Gewnschte geben wollte, habe ich oft
und mit Vergngen dies beobachtet. Derselbe Fall war mit Tabak zu den
dort vorzugsweise im Gebrauche stehenden kleinen Papier-Cigarren.

Ich bin einmal in jenen oben geschilderten Felsen an der See unweit
Valparaiso umhergeklettert, und traf auf mehrere Fischer, welche zwar
mit Tabak versehen waren, aber kein Papier zur Fertigung der Cigarren
hatten. Sie sprachen mich an, und ich wollte ihnen ein weies Blatt
aus meiner Schreibtafel geben. Da drngte sich der ganze Haufe mit fast
mich anfangs berraschender Heftigkeit um mich, um das zu verhindern:
es sei schade um das schne Buch, sie wrden eher den Tabak in die See
werfen. Und das waren sonnenverbrannte, wilde, halb nackte Menschen,
die diesen Takt entwickelten, den ihnen kein Hofmeister und keine
Gouvernante andressirt hatte. Dort sprang ich zurck, ri rasch eine
Handvoll weier Bltter aus dem Buche und warf sie in die Luft. Nun
freilich wurden sie aufgehascht und selbst die in See gefallenen geholt.
So war ich denn nach mancher Verstndigen Urtheil ein eben so groer
Narr als jene, die eine gebotene Gabe aus Bescheidenheit ausschlugen,
whrend ich sie ihnen aufdrang.

Es liegt im chilenischen Volke ein Zug von poetischer Auffassung
wirklicher Naturschnheiten, der schon an und fr sich auf ein feines
Gefhl hinweist. Als ich mich spter einige Wochen auf der Cordillera
aufhielt und zwei chilenische Knechte mit dorthin genommen hatte, wurde
mir manche Gelegenheit, dies zu beobachten. Beide waren so wenig als
ich jemals in der Cordillera, und ich staunte, welchen Eindruck
eine glnzende Fernsicht auf sie hervorbrachte, oder eine wilde und
groartig durch einander geworfene Felsenmasse, die uns pltzlich vor
Augen kam. Sie sprangen in solchen Fllen jauchzend in die Hhe, oder
tummelten verwegen ihre Pferde auf den Klippen, indem sie riefen: Nicht
wahr, unsere Cordillera ist schn! Oder haben andere Lnder auch eine
solche Cordillera!

Ich bin vor Jahren einmal in Begleitung eines deutschen Knechtes
fureisend in eine der schnsten Felsenpartien der frnkischen
Schweiz getreten. Nun, Claus, rief ich, was sagst Du _dazu_? Ich bin
froh, da alle diese Steine nicht zu Hausse bei uns sind, da knnte
der Teufel Frucht bauen. war Clausen's prosaische Antwort.

Ein Nordamerikaner htte ohne Zweifel berlegt, ob jene Steine etwa zu
einer groartigen Kalkbrennerei tauglich, und ein Schweizer htte das
Heimweh bekommen -- nach einer _rentablen_ Gebirgs-Herberge der Heimat.
Lndlich, sittlich!

Doch noch einen chilenischen Zug. In einem jener wilden grotesken
Thler der Cordillera, die pltzlich durch einen schwarzen, in die
Wolken reichenden Kegelberg mauerartig geschlossen erscheinen, hielt ich
einst mit Carlos, dem jngeren der Knechte, an. Eingedenk der deutschen
Volksromantik der Teufelsmauern, Teufelsbrcken u.s.w., rief ich
aus. Das ist das Haus des Teufels! Aber Carlos erwiederte. Nein,
Herr! Das ist das Haus _Gottes_!

Liegt hierin nicht eine tiefere, eine kindlichere und feinere Poesie als
in zehn Druckbogen rosenfarbener Verse?

Trotzdem giebt Euch der chilenische Wechsler in den Stdten fast immer
einen oder den andern nicht gltigen Realen, und der Handwerksmann, der
Euch den Fremden ansieht, verlangt unmige Preise, =tout comme
chez nous=; aber dafr beginnt dort in den Stdten die Industrie zu
blhen, Bildung und Intelligenz entwickeln sich krftig, und jene
Prellereien werden als Geschft behandelt.

Es mag durch Lebensweise und Gebruche, so wie durch das Aeuere
brigens vielleicht am besten der Charakter des Menschen entwickelt
werden.

Die Chilenen beiderlei Geschlechts sind eher unter als ber der
Mittelgre, mit auffallend kleiner Hand und zierlichem Fue. Die
Augen kohlenhnlich, die Haare von so glnzender Schwrze, da sich
kaum in Deutschland ein gleiches finden wird. Anlage zur Dickleibigkeit
fehlt nicht gnzlich, schien mir indessen bei Frauen seltener als bei
uns. Auch Kahlkpfigkeit habe ich selten getroffen. Das Ergrauen
der Haare aber kommt hufiger vor und scheint wohl wie allenthalben
individuell zu sein. Rasch erblhend und reifend, altert das Weib auch
verhltnimig schneller; eine gewisse Regelmigkeit der
Zge aber, bei vielen Individuen, bewahrt auch dann noch die Spur
jugendlicher Schnheit. Vielleicht ist dies bei der rein erhaltenen
spanischen Race mehr der Fall als bei Familien, welche frher mit dem
indianischen Blute sich vermischt haben. Doch ist dies blos Vermuthung
und etwas Gewisses lt sich jetzt kaum mehr hierber entwickeln. Die
Bewegungen der Frauen sind gracis und zierlich. Gleich in den ersten
Tagen unserer Ankunft wurden unsere Passagiere der Reform und ich in
das Haus eines Kaufmanns geladen und gebeten, auch fr die Folge an den
wchentlich einmal stattfindenden Abendunterhaltungen Theil zu nehmen.
Kaum noch eines Worts Spanisch mchtig, war ich dort in bedeutender
Bedrngni, aber ich war erstaunt ber sie Artigkeit, mit der man mir
zu Hlfe zu kommen sich bemhte, und zugleich ber die Schnelligkeit,
mit welcher man eine fremde Sprache auf solche Weise erlernt. Dort
habe ich die Lieblichkeit bewundert, mit welcher die Frauen alle
europischen Tnze ausfhrten, und vorzglich die Leichtigkeit,
mit welcher sie sich im deutschen Walzer bewegten. Im Schweie
meines Angesichts habe ich manche halbe Nacht dort auf den Fuspitzen
zugebracht, rastlos tanzend mit allen Damen, und -- kreuzlahm des andern
Morgens.

Ein solcher Salon ist meist mit einigen Nipptischen geziert, welche
Seltenheiten enthalten und Luxusgegenstnde aus Europa, aber
selten fehlen auch die reichen silbernen Gerthe, die noch von dem
Silberberflusse frherer Zeit ein Zeugni geben. Ist der Hausherr
zufllig Minenbesitzer, sind meist auch pracht- und werthvolle Stufen
aus den Bergwerken zur Schau gestellt, nach welchen ich oft begehrliche
Blicke geworfen.

Wachslichter auf groen silbernen Leuchtern brennend, erhellen das
Gemach, dessen Thren und Fenster geffnet sind und meist den Blick in
den Garten gestatten, der selbst zu jener ersten Zeit meines Dortseins,
zur Winterzeit, reichlich mit Blumen geschmckt ist. Trotzdem hat die
Hausfrau auf dem Sopha im Kreise der geachtetsten lteren Damen meist
den Brasero, das Kohlenbecken, vor sich, an dessen Gluth sich bisweilen
die Damen die Finger wrmen, obgleich im Salon die wohl kaum nthig.
Der Hausherr sitzt in einer Ecke sich auf einem Lehnstuhl wiegend,
und auf Bnken rings an den Wnden haben die brigen Gste Platz
genommen. Nie fehlt der Flgel, und nach kurzer Zeit der Unterhaltung
musicirt oder tanzt man. In den Pausen wird chinesischer Thee gereicht,
aber stets auch Paraguay-Thee nach der Sitte des Landes, dann Eis, feine
Likre und Backwerk. Die Cigarre ist dem Cavalleros unvermeidlich.
Vor dem Ende einer solchen Abendunterhaltung, mehr eigentlich einer
nchtlichen, denn man versammelt sich gegen 9 Uhr und geht um eins oder
zwei des Nachts auseinander, werden stets alle Heimkehrenden mit Blumen
beschenkt, wie denn auch schon whrend des Abends bisweilen die Damen
irgend einem der Mnner Blumen oder Zuckerwerk senden, oder selbst
bringen.

Aber diese se duftende Sitte mag den Eitlen nicht glauben lassen,
da er besonders bevorzugt sei. Sie ist blos durch Artigkeit bedingt
und spricht keine specielle Auszeichnung aus. Mnnern, mit denen die
Damen nur halbweg bekannt sind, werden Blumen in's Haus geschickt,
und es wird sehr freundlich angenommen, macht man ein analoges
Gegengeschenk. Ich war kaum drei Wochen in Valparaiso, so war ich stets
mit so vielen Blumen versehen, da ich fglich eine Ziege htte
ernhren knnen. Jenen prosaischen Gebrauch habe ich nun freilich
nicht von den zarten Kindern der Flora gemacht, aber ich habe Galanterie
und Oekonomie vereinend, jene Blumenstrue umgebunden, so unkenntlich
gemacht und mit beschnittenen Stielen zu Gegengeschenken verwendet.

Nun ich des heiteren Lebens der hheren Stnde gedacht, will ich der
Freuden des Volks erwhnen. Handel und Wandel, Handwerk und Arbeit mag
spter seine Licht- und Schattenseiten zeigen.

Das _Befreiungsfest_ in Chile giebt hiezu eine passende Gelegenheit. Es
beginnt am 18. September und ist der Jahrestag, an welchem sich Chile
fr unabhngig von der spanischen Herrschaft erklrt hat.

Mit dem frhesten Morgen erweckte der Donner smmtlicher Kanonen
von allen Forts des Hafens die Bevlkerung der Stadt. Die im Hafen
liegenden fremden Schiffe, zu jener Zeit sicher 70 bis 80 grere
Fahrzeuge, hatten alle Flaggen aufgezogen, wobei natrlich die
chilenische[9] nicht fehlte und meist an der Spitze prunkte. Eben
so waren alle Huser der Stadt mit Fahnen geschmckt, wohl auch am
meisten die chilenische vorherrschend, doch flatterten die Farben
aller Nationen dazwischen, denn jedes Banner darf entfaltet werden, mit
Ausnahme des spanischen. Dann Glockengelute, festlicher Gottesdienst
und Parade.

Das eigentliche Fest des Volks begann aber erst jetzt und wurde mit
einem Wettrennen der Boote im Hafen begonnen. Eine ziemlich weite
Strecke wird mit fabelhafter Schnelle durchrudert, und die Rudernden
sollen oft so angegriffen sein, da sie rztliche Behandlung
bedrfen. Den Weltkampf drfen auch die Matrosen fremder Schiffe
mitmachen, ich glaube aber an jenem Tage bestanden die Kmpfenden blo
aus Chilenen; der erste Preis besteht aus zwei Unzen Gold.

Des Abends und die Nacht hindurch wurde beleuchtet, indessen ohne Zwang.
Ich sah Laternen und farbige Glser in welchen Lampen brannten, meist
wieder die Landesfarben und hie und da ein Transparent. Sehr glanzreich
war das Ganze eben nicht. Am Theater waren zwischen Transparenten zwei
Inschriften angebracht:

=La independencia nos hara fuertes y la libertad grandes=,

und

=Valparais recuerda con gratituda a los Patriotos de 1810=.[10]

Spter war gegen Entre von einem Peso groer Maskenball im
Theatergebude, welcher indessen von smmtlichen Damen besucht wurde,
die der Gattung =Phalaena nocturna= angehrten. Ich kann nicht sagen,
ob er glnzend gewesen, denn ich habe ihn nicht besucht, aber die
Masken, welche ich auf der Strae gesehen habe, schienen mir in's
Chilenische bersetzte Tyrolerinnen, Grtnermdchen, Trken und
Ritter unsers Faschings zu sein. Das Fest dauerte 8 Tage, und erst an
diesen sprang die Eigenthmlichkeit des Volks und seiner Belustigungen
in die Augen, whrend am ersten und Haupttage europische Formen
vorherrschten.

Auf einem der groen Plateaus, unweit des Leuchtthurms, waren Zelte und
Buden aufschlagen und dort trinkt, it und tanzt man. Aber man sitzt
nicht friedlich Stunden lang an einem und demselben Orte, mit Andacht
genieend, was der liebe Gott bescheert hat, sondern man ras't und
tobt von einer Bude zur andern, ein Glas hinunter strzend, und wieder
weiter eilend, und das hufig zu Pferde; Mann, Weib und Kind wie toll
unter einander umher jagend, ber Grben setzend, und wo es halbweg
der Raum erlaubt, nicht das Terrain, denn das ist gleichgltig,
wettrennend.

Der fast einzige Tanz, den ich dort habe tanzen sehen, ist die
Zambacueca, welche man den chilenischen Fandango nennen kann. Sie
gehrt dem Volke an, und ich habe gefunden, oder glaube gefunden zu
haben, da man in den hheren Stnden sie vor Fremden nicht gerne
tanzt, da man sie nicht fr europisch mithin fr gebildet genug
hlt. Ein einziges Paar fhrt den Tanz aus, welcher aus einer Menge
zierlicher und mehr oder weniger leidenschaftlicher Bewegungen besteht.
Lockend beginnt der Mann. Das Weib zieht sich fliehend zurck, der Mann
folgt, scheint endlich zu verzichten und wendet sich; nun nhert sich
die Sprde halb entschuldigend, halb aufmunternd, um spter wieder das
frhere Spiel zu beginnen. Die Bewegungen sind gracis, nicht heftig,
und beide Theile haben ein Taschentuch, auf dessen zierliche Handhabung
bald Lockung und Einladung, bald Schutz und Abwehr bedeutend, viel
ankmmt. Selten begleitet mehr als eine Guitarre den Tanz, aber die im
Kreise sitzenden Frauen begleiten ihn mit Gesang, der unerllich ist.
Eine einfache, fast klagende Liebesweise mit unzhligen Versen, die
wohl hufig aus dem Stegreife gesungen werden, z.B.

  Himmel! wo ist meine Geliebte?
  Himmel! wo ist mein Stern?
  Ach er entschwand meinem Blicke,
  Doch nimmer aus meinem Herzen.

             Oder:

  Grausame Du hast mich geblendet!
    Fr immer der Augen beraubt,
  Denn Dunkel ist wo Du fehlest,
    Wo Du bist, zu glnzendes Licht.

       *       *       *       *       *

Die sind wrtliche und absichtlich nicht in Reim gezwngte
Uebersetzungen. Meist habe ich ltere Frauen die Zambacueca mit Gesang
begleiten hren, und bitter-se Erinnerungen mgen manche Strophen
begleitet haben. Fast immer sind die Tnzer gewandt und es ist ein
Genu dem Tanze zuzusehen, doch habe ich ihn auch von Eingebornen
so plump und tppisch ausgefhrt gesehen, da mir graute, whrend
Europer, die Pas einflechten wollten, in affenartige Sprnge
verfielen.

Die wilde tolle Lustigkeit auf solchen Pltzen, durch Tanz und
Wein auf's hchste angeregt, macht sich bei der Heimkehr durch das
verwegenste Reiten Luft. Es ist in Valparaiso verboten im Galopp
durch die Straen zu reiten oder zu fahren, und nur die berittenen
Polizeidiener und die Aerzte drfen die thun. Streng wird hierin die
Ordnung gehandhabt und hufig sah ich Uebertreter von den Vigilanten
eingeholt und zur Strafe (ein Peso!) gebracht. In jenen Tagen aber ras't
alles in wthender Carrire durch die Stadt. Mnner und Frauen,
oft 6- oder 7jhrige Kinder hinter sich, und in Haufen zu zwanzig bis
dreiig Personen, sprengen so durch die Straen, da von dem Feste
heimkehrend, alles durch die Stadt passiren mu.

Hufig umschlingen Liebende, wer wei vielleicht auch Eheleute, sich
mit den Armen whrend des rasendsten Laufes der Pferde, und es werden
Kunststcke ausgefhrt, welche jedem Kunstreiter zur Ehre gereichen
wrden. Es ist ein beliebtes Spiel der Chilenen, sich reitend dicht an
einander zu drngen und zu versuchen, ob einer den andern vom Pferde zu
bringen vermag. Die Thiere, meist hieran gewhnt, untersttzen ihren
Reiter, indem sie sich, im Sinne seiner Bewegung, gegen das andere Pferd
neigen, so da beide Reiter einen spitzen Winkel bilden. An einer stark
abschssigen Stelle des vom Feste abfhrenden Weges, habe ich dort
gesehen, wie galoppirend zwei Mnner dieses Spiel bten, und der eine
bereits hart bedrngt, fast zu unterliegen schien, als ein schnes
junges Weib, seine Freundin oder Frau, ihm zu Hilfe eilte, mit einem
gewaltigen Satze ihres Pferdes an seine Seite kam, und stets nebenher
sprengend durch ihr Gewicht den Freund in's Gleichgewicht brachte, so
da bald der Gegner abstehen mute.

So macht sich Lust und Jubel im bermthigsten Reiten Luft, aber die
Gewandtheit der Reitenden und die Gte und Sicherheit der Pferde
macht die Sache weniger gefhrlich, als sie dem unkundigen Zuschauer
erscheint.--

Was die Gesammt-_Lebensweise_ betrifft, so spreche ich absichtlich erst
hievon, nachdem ich solche einzelne Bilder gegeben. Mir schien, als
haben die in Valparaiso wohnenden Fremden einen Theil der Sitten des
Landes angenommen. Man steht ziemlich spt auf, hingegen wird mehr
als die halbe Nacht wachend zugebracht. Man macht Besuche des Nachts
um zehn, um eilf Uhr. Da der Gang des ganzen ffentlichen und
gesellschaftlichen Lebens hienach eingerichtet ist, mu sich jeder
nach demselben richten, selbst wenn es ihm anfnglich unbequem fallen
sollte. Des Morgens um 9 Uhr wird ein Frhstck nach englischer Weise
genommen, Thee, Kaffee, Eier, Schinken, Fische u.s.w. Des Abends
um 5 oder 6 Uhr die Mittagsmahlzeit. In den Husern der Fremden ist
natrlich mehr oder weniger die Kochkunst ihres Landes reprsentirt,
der Norddeutsche geniet mit Anstand seine se Fruchtsuppe, von
welcher sich der Sddeutsche und Franzose schaudernd abwendet. Wie in
den meisten wrmern Lndern spielt der Pfeffer[11] in der chilenischen
Kche eine bedeutende Rolle und ist beliebt bei arm und reich. Man
gewhnt sich rasch an denselben, obgleich im Anfange die den Speisen
zugesetzte Menge dieses Gewrzes fast bedrohlich erscheint.

Die vorzglichste Nahrung des Volkes, das heit wie es scheint die
beliebteste, sind die Erbsen, Garbanzos genannt. Sie werden mit wenig
Fett in grerer Menge geschmort, anfnglich warm, und dann spter
meist kalt, hie und da aber auch einige Mal wieder aufgewrmt gegessen.

Man hat mancherlei Ideen von der besonderen Nahrhaftigkeit dieser
Erbsen gehabt und ich bin mehrfach nach meiner Zurckkunft aufgefordert
worden, Aufschlsse ber dieselben zu geben. Sie unterscheiden sich
indessen in Nichts von den unsrigen. Ich habe solche Erbsen nicht
selten an Ort und Stelle selbst gegessen und habe auch eine Quantitt
derselben mit nach Europa gebracht und sie untersucht. Aber in wrmern
Lndern ist die Masse der Fleischnahrung nicht nthig, welche in
klteren Gegenden unter hheren Breitegraden zum Bedrfni wird.
_Liebig's_ hierber aufgestellte Stze sind allgemein bekannt, ich
brauche sie nicht zu wiederholen. Sie haben sich auch hier besttigt,
wie vieles, was dieser Gelehrte ausgesprochen, und was man angegriffen
hat.

Ein Englnder, Besitzer eines Landguts unweit Valparaiso, erklrte
seinen chilenischen Arbeitern, sie vermchten unmglich bei jener
schlechten Kost die gewnschten Dienste zu leisten, und lie ihnen
krftige Fleischnahrung reichen, aber smmtliche Chilenen erklrten
nach einigen Tagen, da die Fleischkost ihnen nicht behage, und da,
sollten sie arbeiten, ihnen wieder die Erbsen gereicht werden mten.

Instinktartig greift hier der Mensch nach dem Tauglichsten. Die Macht
der Gewohnheit lt freilich den Fremden in jedem Lande lngere oder
krzere Zeit seine alte Lebensweise beibehalten, nicht selten wohl zu
seinem Nachtheile; bergesiedelt aber, befolgt die zweite Generation
die Gesetze der Natur.

Es ist indessen in Chile Fleischnahrung nicht ausgeschlossen, man fhrt
auf Reisen den Charque, das getrocknete Ochsenfleisch mit sich, und auch
der Auslnder gewhnt sich leicht an dasselbe, obgleich dessen Genu
anfnglich einigermaen an Talglichter erinnert.

Das frische Rindfleisch ist sehr schmackhaft, und es hat die
Eigenthmlichkeit sogleich von frisch getdteten Thieren genossen
werden zu knnen. Ich habe Ochsen mit dem Lasso fangen, tdten
und zerstcken sehen. Aber whrend die noch von thierischer Wrme
rauchenden Stcke an den Wnden der Htten hingen, siedete schon
eine andere Portion desselben Fleisches im Topfe und wurde nach kaum
anderthalb Stunden von uns als vollkommen wohlschmeckend befunden.
Trefflich ist die Hhnersuppe, die Casuela, welche ungewhnlich rasch
bereitet, dem im Lande Reisenden hufig eine sehr willkommene Speise
abgibt.

Unweit der See wird fast alles gegessen, was man fangen kann, oder was
durch die Fluth an's Land geworfen wird. Krabben, Seespinnen, Krebse
aller Art, Echiniten und fast alles was das Aussehen einer Muschel hat.
Vielerlei hievon wird in der Stadt zum Verkaufe ausgeboten, und ich habe
dort einen neuen Schmarozerkrebs aufgefunden und mit nach Deutschland
gebracht, welcher fast in jedem Exemplare der Seeigel getroffen wird,
die dort verkauft und sammt jenem Eindringling gespeist werden.

Arme Leute, welche nicht weit entfernt vom Ufer des Meeres wohnen, gehen
zur Zeit der Ebbe dorthin, lesen die von der See ausgeworfenen Thiere
auf und essen sie roh oder auch gekocht, wenn eben ihre Bequemlichkeit
erlaubte, einen Topf und Feuerung mitzunehmen. Da ich bisweilen in
Gesellschaft solcher Leute die Kste besuchte und Mahlzeit mit ihnen
hielt, wohl auch ein paar Vgel, die ich geschossen, zum Besten gab,
so habe ich ohne Zweifel mehrere zoologische Seltenheiten verzehrt, ohne
sie im Drange der Zeit gehrig zu wrdigen.

Diese meine Gastfreunde fhren im Uebrigen ein sehr freies, sehr faules
und, wenn man will, ein sehr glckliches Leben, und unterscheiden sich
wesentlich von dem Chilenen der Stadt, welcher Handel treibt und ein
Gewerbe ausbt, oder vom eigentlichen Landmanne.

Eine kleine, fast nothdrftig zusammengebaute Htte, die
allernothwendigsten Kleidungsstcke und analoger Hausrath ist ihr
Besitz! Um zur Ergnzung des mit der Zeit Fehlenden einige Realen zu
gewinnen, bringen sie einmal einige Fische oder Krebse zur Stadt,
oder arbeiten auch, etwa im Hafen Last tragend, einen Tag. So wird
das Nthigste erworben, Tabak und Erbsen gekauft, und im Schatten der
Htte liegend geraucht, geschmaut oder geschlafen, bis entweder die
See neue Speise an's Land bringt, oder nach einiger Zeit der Erwerb im
Hafen wieder hervorgesucht wird.

Die fr die Fremden bestimmten Gasthfe sind in Valparaiso gut, wenn
gleich nach unseren Begriffen eben nicht sehr billig. Es ist dort ein
amerikanisches Hotel und ein franzsisches, deren Namen ich vergessen
habe, und auerdem mehre andere Gasthuser, fast alle aber von
Auslndern gehalten. Man zahlt fr den Mittagstisch einen Peso, eine
Flasche Wein, Bordeaux (weier Wein mit Ausnahme von Champagner wird
kaum getroffen), Bier[12] ebenso einen Peso, chilenisches Bier 2 bis 3
Realen. Champagner 2 Peso. Eine Portion Kaffee 2 Realen, derselbe mit
Brod 3 Realen, Beefsteaks 2, 3, mit Ei auch 4 Realen. Fr die ganze
Verpflegung mit Einschlu der Wohnung, aber ohne geistiges Getrnke,
nur 2 Peso des Tages. Man ist hierbei gut gehalten und fr den, welcher
des Abends nach der um 5 Uhr gehaltenen Mahlzeit noch etwas zu genieen
wnscht, stehen im Gastzimmer die Reste des Bratens oder hnliche
Speisen zu beliebiger Disposition. Trinkgelder werden nicht gegeben, und
auch nicht auf Rechnung gesetzt. Auer diesen Gasthfen existiren noch
eine ziemliche Menge kleiner Schenken verschiedenen Ranges, in welchen
man speisen kann und Fremde, welche sich nur kurze Zeit dort aufhalten,
oder nicht Zutritt in Familien haben, bringen manchen Abend in einer
der beiden Conditoreien zu, wo zugleich Kaffee, Bier, Wein und alle
verschiedenen andern Getrnke geschenkt werden.

Das Volk in ganz Chile ist mig in Speise und Trank, und geistige
Getrnke werden nicht, wie fast allgemein bei uns, tglich genossen,
sondern blos bei besonderen Gelegenheiten und selbst dann nicht mit
jener Virtuositt wie in gewissen andern Lndern. Es ist vorzugsweise
der einjhrige rothe Wein, welcher vom Volke getrunken wird und den
man Choqali nennt. Er wird am hufigsten in Conception gebaut, indessen
auch weiter gegen Sden zu. Man keltert, lt ber den Hlsen
ghren und fllt ihn dann in groe, oft mannshohe Tpfe oder in
Schluche. Die Chincha, ein gegohrner Apfelwein wird, wie mir scheint,
mehr im Sden, in der Provinz Valdivia bereitet und auch genossen, doch
wurde mir auch in Valparaiso ein gutes derartiges Getrnke vorgesetzt.

Der Markt ist, namentlich was Gemse und Frchte betrifft, sowohl in
Valparaiso und Santjago, als auch in Valdivia und nher dem Sden
zu, gut bestellt. Man findet dort _alle_ Gemse, welche im sdlichen
Deutschland gezogen werden, und alle gut. Derselbe Fall ist es mit
Frchten, bei welchen ich aber die Pfirsiche ausnehme, denn diese
wohlschmeckendste der Frchte, welche die Ananas und Orange an Aroma
bertrifft, ist dort schlecht, und wird von der in deutschen Grten
gezogenen weit bertroffen. Dafr treten die Erdbeeren, Frutillos, in
einer so enormen Gre auf, da ich die ersten, welche ich sah, fr
eine fremde, unbekannte Frucht hielt. Die Sandilla, die Wassermelone,
ist eine hufige beliebte Speise der rmeren Chilenen, man erhlt
vier Stcke derselben von einem Schuh Lnge fr einen Medio und ihr
Genu ist unschdlich, wird er nicht bertrieben; man hlt ihn fr
ein gutes Mittel gegen Syphilis, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht.
Es ist die Bemerkung vielleicht nicht uninteressant, da diese Melonen
sich auf der See sehr lange Zeit halten. Ich habe deren am Bord
verwahrt von Chile bis nach Peru und von da, um Kap Horn bis fast an
den Aequator, mithin fast fnf Monate lang. _Alle_ haben sich nicht
gehalten, und auch diese hatten natrlich nicht mehr das frhere
Aroma, allein es war doch immer eine frische, dem Seefahrer willkommene
Frucht.

Auerdem besitzt man Granaten, Citronen, Mandeln, Kastanien, Oliven,
Orangen, die Cheremoya und andere Frchte, aber an Wildpret, mit
Ausnahme der Wildenten, ist der Markt schlecht bestellt, und an
vierfigem Wilde ist vollkommener Mangel, wenigstens in Valparaiso.
Der Waizen ist die Krnerfrucht, welche am hufigsten gebaut und
selbst nicht unbedeutend ausgefhrt wird, dann Mais und Gerste. Hafer
und Roggen wurde blos in Valdivia bis jetzt vorzugsweise von Deutschen
gebaut.

Da ich spter auf die Verhltnisse der Agrikultur zurckkomme,
will ich jetzt nicht weiter von derselben sprechen, aber noch kurz des
Maaes erwhnen, nach welchem diese Frchte, bedarf man grere
Mengen, verkauft werden. Man kauft dann nach der Fanega, so da man von
Allem was gewogen wird zu sagen pflegt, die Fanega kostet drei, sechs,
zehn Peso, oder eben einen bestimmten Preis; aber man wrde sich sehr
irren, wenn man glauben wrde, nach _gleichem_ Gewichte gekauft zu
haben. Die Fanega fast jeder Frucht hat _verschiedenes_ Gewicht. Ich
lasse hier des Beispiels halber einige Proben folgen:

  =Aji=, Knoblauch,                wiegt die  Fanega  35 span. Pfd.
  =Alpiste=, Kanariensaamen                      "   175    "    "
  =Anis=                                         "   112    "    "
  =Azafran=, Safran                              "    15    "    "
  =Cal de concha=, gebrannter Kalk aus Muscheln  "   175    "    "
  =Cal de piedra=, gebr. Kalk aus Steinen        "   175    "    "
  =Cebada=, Gerste                               "   155    "    "
  =Cocos=, Kokosnsse                            "   140    "    "
  =Camino=, Kmmel                               "    72    "    "
  =Frangollo=, gekochtes Getreide                "   160    "    "
  =Garbanzos=, Erbsen                            "   200    "    "
  =Guindas secas=, getrocknete Kirschen          "   150    "    "
  =Harina=, Mehl                                 "   200    "    "
     "        "  andere Sorten                   "   160    "    "
     "        "  andere Sorten                   "   150    "    "
  =Higos=, Feigen                                "   170    "    "
  =Lentejas=, Linsen                             "   200    "    "
  =Mais=, Mais                                   "   160    "    "
  =Nueces=, Nsse                                "    96    "    "
  =Hrigo=, Waizen,                               "   160    "    "
     "        "  andere Sorten                   "   155    "    "

       *       *       *       *       *

Wie namentlich in den hheren Stnden europische Sitte durchweg in
Chile tiefere Wurzel schlgt, so ist dies auch mit der Kleidung der
Fall. Man trgt sich, in den Stdten wenigstens, allgemein nach
europischer Mode und sucht ngstlich das Neueste zu erhalten.

Meist werden bereits fertige Kleidungsstcke von Europa aus importirt,
welche indessen wo mglich alle aus Paris sein mssen. Wie manches
ehrliche deutsche Beinkleid als pariser Fabrikat mit unterluft,
will ich nicht entscheiden. Ich war in diesem Bezuge bel daran. Gut
ausgerstet mit Reise-, Reit- und Jagdkostm, war ich nur sprlich
versehen mit dem, was die Mode erheischte, und indem dort, wenigstens
sicher nicht minder als anderwrts, Kleider Leute machen, war ich
gezwungen, zu theuren Preisen mir jene Dinge zu kaufen. Liebig sagt: Der
jhrliche Verbrauch der Seife sei der Mastab fr den Kulturzustand
eines Volks. Ich mchte aussprechen, da die Grenzsteine dieser Kultur
durch den schwarzen Hut reprsentirt sind. Wo _der_ ist, folgt der
Frack bald nach, und das Bischen andere Bildung kommt dann schon
spter.

Ich war alsbald in Valparaiso gezwungen, mir einen solchen
Reprsentanten fr eine halbe Unze Gold zu kaufen, und zu analogen
Preisen hnliche Dinge, die ich in Europa, theuer gerechnet, fr den
vierten Theil des Preises bekommen haben wrde.

Es versteht sich von selbst, da die Damen noch erpichter auf die
neuesten europischen Moden versessen sind als die Mnner,
indessen finden sich doch in Valparaiso, wie in ganz Chile, noch zwei
Luxus-Gegenstnde, welche, wenn auch nicht chilenisch, doch wenigstens
nicht aus Europa gebracht werden.

Es ist das schwere und reich mit Handstickerei versehene groe
Umschlagtuch aus China fr die Damen, der Strohhut aus Panama fr die
Mnner.

Ich habe den chinesischen Shawl in Santjago hufiger getroffen als in
Valparaiso, woselbst er durch die sogenannte franzsische Mode auch
schon theilweise verdrngt erscheint. Der Panama-Hut aber ist mit
Ausnahme der Wintermonate noch allgemeiner im Gebrauch und fr die
feineren Sorten wird ein Preis bezahlt, der uns in Deutschland fabelhaft
erscheint. Es kostet die geringste Sorte etwa vier Thaler, ein halbweg
anstndiger Hut aber zwlf, zwanzig, dreiig und vierzig Thaler und
es giebt welche, die mit zwlf Unzen, also fast mit 500 Gulden bezahlt
werden. Diese sind freilich selten, allein jene fr zwanzig bis
dreiig Thaler sind hufig im Gebrauche. Der Hut ist ganz hnlich
unseren Strohhten, niedrig und mit breiter, doch nicht allzugroer
Krempe, das Gewebe natrlich dem Preise nach stets feiner und bei den
besseren Sorten feiner Leinwand hnlich. Da sie ohne allen Schaden
gewaschen werden knnen, und die Form derselben durch die Mode nie
verndert wird, kann derselbe Hut viele Jahre getragen werden und es
wird hiedurch der hohe Preis etwas modificirt.

Mit Vergngen berichte ich, da eine unserer Modethorheiten,
Handschuhe im Sommer zu tragen, in Chile kaum bis jetzt Eingang gefunden
hat.

Eine beim Volke noch ganz allgemeine Tracht ist der Poncho, eine eigends
hiezu gewebte Decke, mit einer Oeffnung in der Mitte, durch welche der
Kopf gesteckt wird, whrend die beiden Seiten des Poncho ber Brust
und Rcken fallen und zugleich die Arme theilweise bedecken. Die
reichen Hacienda- (Landgut) Besitzer und alle Stdter, welche Reisen
oder Partien im Lande machen, tragen dieses Kleidungsstck, welches
von einigen Peso an ebenfalls bis auf mehrere Unzen je nach Feinheit des
Gewebes im Preise steht.

Ich glaube, da der Poncho von den Indianern auf die spanische
Bevlkerung der Westkste bergegangen ist, denn bei den jetzt in
Chile lebenden freien Indianern, den Araukanern, ist er ganz allgemein
in Gebrauch und eben so wird er auf mehreren der Sdseeinseln[13]
getragen. Da spanische Maulthiertreiber in Spanien selbst ebenfalls
wollene Decken auf hnliche Weise tragen, beweist wenig, auch unsere
Fuhrleute bedienen sich bisweilen einer solchen Tracht.

Der grte Luxus wird in Chile mit dem Reitzeuge getrieben, und
obgleich in Stdten der englische Sattel ebenfalls, doch meist aber nur
bei den Fremden in Gebrauch ist, bedient man sich bei greren
Touren doch fast allgemein des chilenischen Sattels, welcher, ist
man gezwungen, im Freien oder in irgend einer Htte zu bernachten,
zugleich als Bett dient. Es besteht derselbe aus fnf oder sechs
bereinander auf das Pferd gelegten Schaffellen, welche festgegrtet
werden. Hierauf folgt ein hlzernes Gerste als eigentlicher Sattel,
und dem ungarischen Bocke hnlich, dann kmmt manchmal die gleiche
Anzahl der unten liegenden Decken, und ber das ganze thurmartige
Gebude liegt zuletzt der sogenannte Pellon, ein gefrbtes feineres
Schaffell. Man sitzt nicht so warm als man glauben sollte auf allen
diesen Fellen, aber jedenfalls unendlich fest und bequem, und es
haben alle Nationen, welche vorzglich gut reiten, z.B. die Ungarn,
Trken, hnliche Sttel, statt auf einem kaum gekrmmten und
spiegelglatten Stck Leder zu sitzen, welches den englischen Sattel
vorstellt.

Die Sporen der Chilenen sind mchtig gro, die Rder derselben haben
zwei bis drei Zoll im Durchmesser und ich habe in Santjago ein
Paar gekauft und mitgebracht, bei welchen die Rder sieben Zoll im
Durchmesser haben und welche sechs bayerische Pfunde wiegen.

Entsprechend sind die Steigbgel, meist schwer aus Holz geschnitzt,
whrend das Riemen- und Zaumzeug aus geflochtenem Leder, beim Zaume von
der Dicke eines Fingers besteht. Bei den reichen Chilenen finden sich
alle diese Gegenstnde entweder, so wie die Sporen, ganz von Silber
oder so schwer beschlagen und berkleidet, da ein vollstndiges
Reitzeug auf tausend Peso wohl auch hher zu stehen kmmt. Die
Alforia, die Reisetasche, hngt bei lngeren Reisen fast immer am
Sattel, unentbehrlich aber ist der Lasso, den man bekanntlich in ganz
Sdamerika trefflich zu handhaben wei.

Man wei anfnglich nicht, soll man die Kunstfertigkeit des
chilenischen Reiters, oder die Ausdauer des Pferdes mehr bewundern,
indessen gehren beide zusammen um so vollkommen zu sein, wie sie
wirklich sind. Ich habe in der ersten Zeit meines Dortseins fter
geglaubt zufllig einem Kunstreiter vom Fach zu begegnen, welcher
Privat-Uebungen anstellte. So ging ich noch whrend der ersten Tage
meines Aufenthaltes in Valparaiso auf einem schmalen, sehr abschssigen
Pfade, der rechts von einer scharfen Felswand, links von einem mehrere
hundert Fu tiefen Abgrunde begrenzt und kaum mehr als drei Fu breit
war. Indem ich nun ber mir, an der Felswand, den Granit mit einer
jener Quarzadern durchzogen sah, fr welche ich mich sehr interessirte,
suchte ich eine passende Stelle, um aufwrts zu klettern und den
Quarzgang in der Nhe betrachten zu knnen. Da hre ich, eben
halb hngend, halb stehend auf einem kleinen Vorsprunge, pltzlich
Hufschlag und sehe zugleich einen Chilenen im wthenden Galopp den
schmalen Weg dergestalt abwrts jagen, da ich der festen Ueberzeugung
war, das Pferd sei im wildesten Durchgehen begriffen, und jeden
Augenblick einen furchtbaren Sturz in die Tiefe erwartete. Da hlt,
keine zehn Schritte von mir, der Reiter pltzlich sein Pferd an, und
das mit einem so gewaltigen Rucke, da es sich vollstndig auf die
Hinterbacken setzt, und schneller als ich das Folgende niederschreiben
kann, hat er sich eine Papier-Cigarre gewickelt, angebrannt, sprengt
sein Pferd vom Platze aus wieder zum Galopp an und ist eher um eine
schroffe Biegung des Weges verschwunden als ich mich besinnen kann.
Warum ist jener Mensch so unsinnig geritten? Einfach zum Vergngen! Und
ich selbst bin vier Wochen spter, soll ich es gestehen, nicht _ganz_
zum Vergngen, doch aber, nun -- eben um nicht zurckzubleiben, eben
so toll einen hnlichen Weg hinab gejagt, indem ich einem deutschen
Landsmann folgte.

Man gewhnt sich rasch an dieses Reiten, da man bald die
Vortrefflichkeit der Pferde erkennt, welche selten straucheln, aber fast
nie strzen, und welche man zudem durch das scharfe Gebi gut in der
Hand hat und fast buchstblich niederreien kann.

Eine beliebte Uebung des chilenischen Landvolks ist folgende: Von
einem frisch geschlachteten Stiere wird die Haut mit der feuchten
und schlpfrigen inneren Seite aufwrts auf dem Boden mit Pflcken
befestigt. Man stellt sich zwei bis dreihundert Schritte davon auf,
sprengt im Carriere an und arretirt auf der spiegelglatten Haut.

Aber die Pferde, gewhnt von Jugend auf an solche Uebung, sind willig
und gutartig und haben dabei eine Sicherheit des Ganges und eine
Ausdauer, welche unglaublich erscheint.

Man reitet zwanzig bis fnf und zwanzig Stunden des Tags ohne das Pferd
nur ein einziges Mal zu fttern, hchstens reitet man es bis an den
Bauch in einen Bach, lt es nach Belieben trinken und reitet im
Galopp weiter, denn alle diese Reisen werden galoppirend gemacht, das
Traben kennt man nicht.

Aber hat man solche starke Touren gemacht, so lt man das Pferd
wenigstens einige Wochen lang ausruhen, und geht es an, auch lnger.
Ueberhaupt bleibt ein Pferd nicht lnger im Dienste als etwa vier
Wochen. Man schickt es dann auf's Land, wo es eben so lange Zeit frei
umherluft, auf den Felsen umherklettert, und berhaupt ganz nach
Willkhr lebt. Es giebt Landleute, welche grere und unbebaut
liegende Landstrecken zu diesem Zwecke bentzen. Man schickt seine
Thiere einem solchen, und die bereits ausgeruhten werden mit dem Lasso
gefangen und wieder zur Stadt zurckgebracht.

Selbst in den Stdten besitzt fast jedermann einige Pferde, auf dem
Lande aber, wo der Unterhalt derselben fast gar Nichts kostet, ist kaum
irgend Jemand, der nur eine Hufe Landes besitzt, ohne fnf, zehn oder
mehrere Pferde, welche alle frei umherlaufen, grasen und sich, bis
man ihrer bedarf und sie mit dem Lasso fngt, vollstndig selbst
berlassen sind. Auch die Stlle in den Stdten sind von den
unsrigen sehr verschieden. Es sind Schuppen, in welchen die Thiere frei
umherlaufen und sich des Winters gegen etwaigen Regen, oder im Sommer
gegen allzustarke Sonne, unter einem im Ecke des Schuppens angebrachten
Dache schtzen.

Es erhellt aber, da auf solche Weise das Pferd nie den freien
Gebrauch seiner Glieder verliert und nachdem es wochenweise auf Felsen
umhergeklettert ist, um sich seine Nahrung zu suchen, spter ebenfalls
nicht ngstlich ist oder strauchelt, wenn es seinen Reiter ber
schmale Felsenpfade oder an Abgrnden vorber tragen soll.

Die Pferde werden mit Gerste gefttert, da man den Hafer nicht kennt,
Grnfutter ist indessen die vorzglichste Nahrung derselben.

Der Preis eines Pferdes ist sehr verschieden; um zwei bis drei Unzen
erhlt man ein ganz taugliches Pferd, bisweilen aber werden wohl
auch vier bis fnfhundert Peso fr eins gezahlt. Ich mu als eine
Eigenthmlichkeit erwhnen, da man in Chile die Gewohnheit mancher
Pferde, im Pagange oder Schritt die Vorderfe ber einander zu
werfen, fr eine ganz besondere Schnheit hlt, whrend bei uns dies
fr einen sogenannten Schnheitsfehler angesehen wird. Indessen wei
ich weder den deutschen noch den spanischen Kunstausdruck fr diese
Tugend oder Untugend der Pferde, obgleich ein solcher existirt. Man
sucht sorgfltig Stuten und Hengste, welche diese Eigenschaft haben,
zusammen zu bringen, und gut ausgefallene Fohlen, welchen man mglichst
noch durch Dressur nachhilft, werden dann zu den oben angegebenen hohen
Preisen verkauft.

Maulthiere und Esel werden von den Chilenen weniger zum Reiten als zum
Waaren-Transport und Lasttragen verwendet, doch sieht man rmere Leute
auf Eseln reiten. Unbedingt aber zieht man in Chile die Pferde den
Maulthieren fr gefhrliche Gebirgsreisen vor. Letztere sind, wie
Alles was zum weitverzweigten Geschlechte der Esel gehrt, strrisch
und eigensinnig, ja selbst boshaft, und es gilt in Chile als
Regel, strzt man mit einem Maulthiere, sich sogleich, selbst bei
gefhrlichem Terrain, so weit als mglich vom Thiere hinweg zu
wlzen, da es augenblicklich nach dem Kopfe des Liegenden schlgt.

Ich habe den Pferden und dem Reiten eine, vielleicht anscheinend
ungebhrlich lange Stelle gewidmet, aber da der Chilene als Kind von
drei Jahren auf's Pferd kmmt, und die siebzigjhrige Matrone noch
Tagreisen auf demselben macht, so mag dem treuen Genossen jener Menschen
diese Schilderung seiner Vorzge wohl gegnnt sein[14].

Ich komme jetzt auf einen eigenthmlichen fast schwierig zu
behandelnden Gegenstand, welcher nichts desto weniger mit einigen Worten
erwhnt werden mu. Ich meine das, was man die Sittlichkeit eines
Volkes im engeren Sinne des Wortes nennt.

Allenthalben ist man geneigt sdlichen Vlkern einen greren
Hang zur Sinnlichkeit beizumessen, als solchen, welche in klteren
Landstrichen wohnen. Man spricht von heiem Blute, von unbezhmbaren
Leidenschaften, von dem Feuer, welches sich in jenen glhenden Blicken
verrathe u. dgl. mehr. Ich mchte dem nicht unbedingt beipflichten,
nach Allem was ich erfahren habe in kalten und heien Lndern, und
vielleicht gerade in _dem_ Punkte, im Punkte der sinnlichen Liebe. Es
will mir scheinen als sei der Saame der alten Erbsnde nahebei gleich
stark vertheilt in den Herzen aller Menschen, unter Blonde, Braune und
Schwarze, und es neige sich der Sohn des kalten Nordens so stark zu
verbotener Liebe, als das Kind der tropischen Sonne.

Aber ein bischen mehr Verstellung versteht der erstere zu ben, mancher
zgellose Wunsch wird dort mit dem Schleier der Sittsamkeit bedeckt,
und die scharfe Zunge einer Heuchlerin tadelt an der Nachbarin das
Vergehen, dessen sie selbst schuldig.

Nher dem Aequator ist man nicht so ngstlich bemht seine
Leidenschaft zu verbergen, man sndigt weniger geheim, und begeht
deshalb in Wirklichkeit weniger Snde, weil man minder lgt, minder
heuchelt.

Eigentlich mag Valparaiso im Betreff der Sittlichkeit, behalten wir den
Ausdruck bei, keine sichere Norm abgeben, denn es ist eine Hafenstadt
und in dieser begegnet man auch in tugendreichen Landen, mehr als in
andern Stdten, gefallenen Tchtern und verlorenen Shnen.

Aber eben wegen der Freiheit, mit welcher man in Chile gewisse Dinge
behandelt, tritt kein so strenger Gegensatz zwischen andern Stdten des
Innern auf, und dort, so wie hier, ffnen des Abends jene Damen, von
welchen ich oben erzhlte, da sie den Maskenball besuchten, ihre
Thren und lassen ein Paar Blumen, ein Paar Bilder an den Wnden, ein
Licht und eine freundliche Miene sehen. Fremde und Einheimische treten
ein, man spricht, scherzt, die Guitarre erklingt (bisweilen indessen
verzweifelt verstimmt) und man trinkt wohl auch ein Glas aus der
Nachbarschaft geholten Weines. Endlich werden die Thren wieder
geschlossen, und die Besuchenden sind gegangen. Ich kann keine
Rechenschaft ablegen davon, ob nicht etwa einer derselben geblieben ist,
aber ich kann bezeugen, da der Vorbergehende nicht in diese Zimmer
gelockt oder gerufen wird, ohne Zweifel blo dehalb, weil man wei,
da ohnedie eintritt, wer Belieben dazu trgt. Das ist schon ein
groer Unterschied zwischen Valparaiso und andern Hafenstdten in
Europa. Bisweilen sieht man vor solchen geschlossenen Thren einen Mann
oder ein altes Weib kauern und friedlich wartend eine Cigarre rauchen.

Ein Freund, der sich nhere Kenntni erworben, hat mir versichert,
die sei nach der Aussage der Mdchen =un amigo= oder =mi matre=,
welche vorlufig auen verweilend, den Schlaf der Freundin oder
Tochter bewachen, und spter wieder eintreten. Lndlich, sittlich!

Mancherlei noch wute mein Freund zu berichten, aber streng und
nrdlich gesinnt, habe ich Alles wieder vergessen, bis auf die burleske
Schilderung, die er mir entworfen von der knstlerischen Ausschmckung
jener Zimmer. Es bestnden die Bilder an den Wnden dort meist aus
deutschen Lithographien, und friedlich habe er dort neben einander
hngen gesehen europische und deutsche Frsten, Marien und Heilige,
Robert Blum und Hecker. Sieht man da nicht, sagte mein Freund, wie
Liebe, Unschuld und ein kindliches Gemth alle Gegenstze zu einen
wissen?

Im Kreise der hheren Stnde und der Leute, welche Geld besitzen,
hat man sich ohnedem ganz nach europischem Typus eingerichtet, wie
solches, mit Ausnahme der Glac-Handschuhe, auch mit den Kleidern
geschehen ist; es ist also wohl auch derselbe Fall mit der Tugend und
Moralitt eingetreten, gegen auen wenigstens.

Aber manche rosenfarbene Snde, die geheim betrieben wurde, mag auch
durch geheime Bue und Reue geshnt worden sein, denn noch sind die
Frauen fromm und glubig in Chile.

Aber es ist Zeit wieder einmal von mir selbst zu sprechen. Ich hatte
fast acht Wochen in Valparaiso und der Umgebung zugebracht. Da meine
Excursionen mich oft weit ab von der Stadt fhrten, hatte ich hufig
Gelegenheit, oder war viel gezwungen, auf dem Lande in einem einsamen
Gehfte oder einer Htte zu bernachten, das Leben der Landbewohner
kennen zu lernen und praktisch so viel Spanisch zu erwerben, da
ich nothdrftig ein Gesprch fhren konnte. Allenthalben wurde ich
gastlich aufgenommen, und obgleich von Chilenen selbst vor Rubern
gewarnt, ist mir doch nie das Geringste begegnet. Indessen wurde einmal
whrend meines Aufenthalts in Valparaiso eine Ruberbande, oder
wenigstens in die Gattung einschlagendes Gesindel eingebracht. Von einem
Morde aber oder von einem ruberischen Anfalle verlautete whrend der
ganzen Dauer meines Aufenthaltes Nichts. Frchten aber mag man sich
wohl vor Aehnlichem. Wenn ich des Abends oder whrend der Nacht allein
auf einsamen Straen ritt und mir ein oder mehrere Reiter entgegen
kamen, bin ich denselben nicht ausgewichen, sondern ritt stets auf
derselben Seite der Strae, welche sie behaupteten; meist wich dann der
Entgegenkommende schon in der Entfernung aus. Lenkte ich aber mein Pferd
nochmals auf die Seite der fremden Reiter, so bogen jene hufig von
der Strae ab, gaben auch wohl querfeldein Fersengeld. Freilich war ich
stets bewaffnet und mag einem Ladron nicht unhnlich gesehen haben
in meinem Reise- und Jagdcostme.

Wenn man aber fragt, warum ich eigentlich jenen Reitern entgegen
geritten, so mu ich antworten, da dieses ziemlich aus demselben
Grunde geschehen, aus welchem sie auswichen. Da ich denn doch nicht
wute, wem ich das Vergngen haben sollte zu begegnen, so zog ich vor,
das Prvenire zu spielen.

Vierzehn Tage wohnte ich whrend jener Zeit auf den Windmhlen etwa 2
Stunden von Valparaiso. Ein deutscher Aufseher, Namens Schmids, der dort
wohnte, trat mir freundlich eine Stube ab, stellte mir seine Pferde
zur Disposition, und half mir gefllig in meinen Arbeiten. Ich habe in
seiner Begleitung grere Touren in das Land gemacht, und noch spter
berbrachte er mir fr mich gesammelte Naturalien nach Valparaiso. Mit
wahrhaft aufrichtiger Freude gedenke ich stets der deutschen Landsleute
aus allen Stnden, welche mir im fernen Lande so freundlich entgegen
gekommen sind, und ich schalte bei dieser Gelegenheit ein, da whrend
meines zweiten Aufenthaltes in Valparaiso, vier Monate spter, mir
mehrere deutsche Handwerker, welche dort als Gesellen arbeiteten, Kfer
und Conchylien berbrachten, da sie durch das Gercht erfahren hatten,
da ich Naturforscher sei und solche Dinge sammle.

Die Abende auf jener Mhle wurden gewhnlich bei einem Italiener
zugebracht, welcher eine Frau aus Buenos-Ayres geheirathet hatte und
dort an der Strae nach Santjago einen kleinen Kaufladen und eine
Schenke unterhielt. Sein Lager war ziemlich gut mit verschiedenem
Getrnke versehen, aber wie berhaupt in jenen Lndern gebruchlich,
waren alle Flaschen und Vorrthe auf Gestellen lngs den Wnden
aufgestellt, und durch krzlich vorgenommene Baureparaturen in einige
Unordnung gekommen. Selten war das Richtige zu finden, und so kam es,
da statt chilenischem Biere Portwein, statt Teneriffa Ale, und statt
Madeira Bordeaux gereicht wurde. Nach einigem Suchen berreichte der
Wirth irgend eine Flasche mit der stehenden Redensart. Ich wei
nicht, was es ist, aber es wird wohl auch gut sein, und auch die
Preise wurden willkrlich gemacht.

Diese Art, Wirthschaft zu betreiben, ergtzte mich hchlich. Die durch
Zufall erworbene Flasche wurde meist mit den Wirthsleuten getheilt,
whrend ich an ihrem Abendessen Theil nahm und Paraguai-Thee mit ihnen
trank. Obgleich bei Tage schon strkere Hitze eingetreten, waren doch
die Abende und Nchte ziemlich khl, da der Berg, auf dem die
Mhlen erbaut, der hchste der nchsten Umgebung und dem Winde stark
ausgesetzt war, und es fehlte bei diesen abendlichen Unterhaltungen nie
der Brasero. Ich habe dort gemthlich am Kohlenfeuer sitzend manche
schtzenswerthe Aufschlsse ber Chile und die benachbarten Lnder
erhalten, welche theils der Deutsche, theils der Italiener durchzogen
hatte, und welche ich groen Theils, einmal aufmerksam gemacht,
besttigt fand.

Ich mu bei dieser Gelegenheit einer eigenthmlichen Notiz erwhnen,
welche mir dort mitgetheilt wurde, und welche zwar allerdings theilweise
gewi eine Fabel, eben so gewi aber auch nicht ganz aus der Luft
gegriffen ist. In den La Plata-Staaten -- erzhlte der Mller -- also
auf der andern Seite wie man in Chile zu sagen pflegt, existirt
ein sonderbares und gefhrliches Thier. Es ist eine Schlange von etwa
fnfzehn Fu Lnge, aber von der Dicke eines sehr starken Mannes,
wohl auch strker. Dieses Thier hat eine nur langsame Bewegung, aber
eine furchtbare Kraft im Athem. Selbst grere Sugethiere, zum
Beispiel Fchse, werden, sind sie einmal auf zehn oder zwlf Schritte
im Bereich der Schlange, von ihr angezogen und verspeist. Die Thiere,
welche, einzig durch das mchtige Einziehen der Luft, dem Unthier
immer nher gebracht werden, stemmen sich mit aller Kraft dagegen, und
schreien hufig aus Angst, aber alles ist vergebens. Die Schlange zieht
auf gleiche Weise kleine Kinder an sich und ist sehr gefrchtet, da sie
sich nicht selten in der Nhe von Drfern und Stdten blicken lt.
So bei Mendoza, San Juan, La Bioja. Da sie keine raschen Bewegungen hat,
knnen krftige Mnner ihrer Herr werden, und man erschlgt sie mit
Aexten. Ihre Haut giebt dann Riemen und Lederzeug und wird in Streifen
geschnitten und zu Reitpeitschen verwendet. So weit der Mller. Da
die Geschichte mit dem Anziehen durch den Athem eine Fabel ist, begreift
jedermann. Aber da dort ein Thier von hnlicher Form und Gre
existirt, was von unsern Naturforschern bis jetzt noch nicht gekannt
ist, unterliegt fast auch keinem Zweifel. Ich habe spter mit einem
deutschen Arzte in Santjago, welcher sich vielfach mit der Fauna jener
Gegenden beschftigte, ber die Sache gesprochen, und er sagte mir,
da jene allgemein verbreitete Sage in Betreff der Gre der Schlange
ihre Richtigkeit habe und es sei ihm durch die glaubwrdigsten Zeugen
besttigt, da kleinere Sugethiere, Vgel und Amphibien sich
wirklich der Schlange nhern und von ihr verspeist werden. Aber die
Haut der Schlange sei stets klebrig, so da eine Menge von Insekten,
ja selbst kleine Vgel auf derselben klebten und diese sowohl als die
greren, spter zum Opfer fallenden Thiere, shen die Schlange
selbst fr einen liegenden Baumstamm an, dem sie wirklich hnlich
sehe. Auf diese Weise wrden letztere eine Beute des Unthiers, indem
sie sich der kleinen fest klebenden Thiere bemchtigen wollten. --
=Relata refero!=

Aber selten ist eine so allgemein im Volke verbreitete Sage wie die eben
erzhlte ganz ohne Grund; und ich halte es fr Pflicht des Forschers
ihrer zu erwhnen um sptere wissenschaftliche Reisende aufmerksam zu
machen.

Bei meinem Aufenthalte auf den Mhlen traf ich einige Mal Leute,
welche aus den Vorbergen der Cordillera herabkommend, verschiedene
Volksheilmittel und hnliche Gegenstnde zum Verkaufe brachten. Ich
bin durch einen eigenthmlichen Zufall, den ich nicht nher erwhnen
kann, um jene Medikamente gekommen, aber ich glaube, da sie wenigen
Werth fr die Wissenschaft gehabt htten, indem die Wurzeln und
Kruter, aus welchen sie bestanden, meist zu unscheinbarem Pulver
zerrieben waren, whrend ihre Bezeichnung der beim Volke gebruchliche
Name der Pflanze ist, der sich noch hufig nur auf kleinere Distrikte
beschrnkt.

Des Beispiels halber fhre ich indessen einige solche Artikel an,
welche ich im Hausschatze einer Landbewohnerin fand, bei welcher ich
fter auf Excursionen einkehrte:

_=Voican=_, klein geraspelte Holzsphne, gegen Leucorrhoea;

_=Mansarilla de Castilio=_, Blattfragmente gegen Magenschmerzen;

_=Goma[15] de Mimbrilla=_, Samenkrner, gegen Hmorrhagien aller Art;

_=Triaca[16]=_, Wurzel gegen Magenschmerzen;

_=Pichoa=_, Blattfragmente, als Purgirmittel gebruchlich;

_=Pietra de aguila=_, Adlerstein, wurde als reines Eisenoxydhydrat
befunden, von der Besitzerin aber als eine groe Seltenheit und theurer
Gegenstand geschtzt. Es wird gegen Fallsucht angewendet.

Endlich _=Asarcon=_ gegen Verstopfung. Dieses Mittel bestand aus reinem
Mennige, welcher im Spanischen =minio= heit. Woher der Name =asarcon=,
wei ich nicht, wenn nicht vielleicht von =asarse=, verbrennen.
Die Frau hielt dieses Mittel, vielleicht wegen der rothen Farbe, am
hchsten in ihrem ganzen Arzneischatze. Ich gab ihr einige Alo-Pillen
mit der Anweisung _zwei_ derselben bei vorkommenden Fllen zu
gebrauchen, und die Mennige zu entfernen. Als ich des andern Tages
wiederkehrte, fand ich ihre Magd, ganz nach Art der deutschen
Stubenmdchen, mit verbundenem Kopfe und mrrischer Miene
umherschleichen, und nachdem sie sich entfernt hatte, gestand mir die
Herrin mit heimlicher Freude, sie habe, um die Strke meines Mittels zu
prfen, dem Mdchen _fnf_ Pillen gegeben. =Well!= man sieht hieraus
wie der Drang, wissenschaftliche Experimente anzustellen, selbst
unschuldigen Naturkindern einwohnt.




VI.

Reise nach Santjago (Chile).


Wieder von den Mhlen nach Valparaiso zurckgekehrt, beschlo ich
nach kurzer Zeit tiefer in's Innere von Chile zu gehen, und vorlufig
mich nach Santjago zu verfgen. Ich miethete und bezahlte meine Wohnung
auf zwei Monate im Voraus, um einen ruhigen Platz fr meine bereits
gesammelten Naturalien zu haben, nahm von meinen Freunden Abschied und
wurde von Uhde, Freundt und =Dr.= Ried mit sehr guten Empfehlungsbriefen
versehen, welche mir mehr Nutzen und bessere Aufnahme gebracht haben als
alle anderen zusammen, die ich aus Europa mit mir genommen.

Ich nahm eine Berloche, einen zweirdrigen und zweisitzigen Wagen, fr
welchen ich nebenher gesagt 20 Peso bis nach Santjago zahlen mute,
und machte mich eines Morgens etwa gegen 9 Uhr auf den Weg. Die Art, auf
welche man durch solche Berlochen fortgeschafft wird, ist folgende. Der
Wagenlenker erscheint am Hause, reitend, und fhrt das in einer Gabel
gehende Wagenpferd am Zgel. Die Effekten des Reisenden werden gepackt,
d.h. nach Seemannsart _festgestaut_, angebunden, eingekeilt, kurz
eigentlich mehr _befestigt_ als verpackt. Dann fhrt man durch die
Stadt; an irgend einer Ecke gesellt sich ein zweiter Berittener zum
Wagen, und schon am Ende der Stadt erscheint ein dritter mit etwa
zwanzig oder dreiig ledig laufenden Pferden, und kaum vor der Stadt,
wo auf dem Wege nach Santjago zu sogleich ein Berg ansteigt, beginnt die
tolle Jagd, aus welcher eigentlich die ganze Fahrt besteht. Man lenkt
sogleich auf den uersten Rand der Strae, wo hufig kein Gelnder
gegen das Strzen in den Abgrund schtzt, und fhrt bergan bergab im
schnellsten Galopp, und auf der Ebene oft Carriere. An steilen Stellen
helfen beide Reiter aufwrts ziehen, indem sie Haken, welche mit
starken Riemen an ihrem Sattel befestigt sind, am Wagen einhngen und
so zu beiden Seiten nebenher galoppiren.

Der dritte Reiter treibt, den Lasso schwingend, die frei laufenden
Pferde neben her, welche bald zurckbleiben, an gnstigen Stellen ein
wenig grasend, dann wieder im vollsten Laufe an der Berloche vorber
rasend, voraus eilen. Hie und da wird angehalten, eines dieser Pferde
mit dem Lasso heraus gefangen und statt des ermdeten eingespannt. Ein
eigentliches Wettrennen beginnt auf den weiten Ebenen, welche man an
mehreren Stellen des Wegs antrifft und woselbst der von der Sonne hart
gebrannte Boden das gnstigste Terrain bietet. Da fast alle Reisenden,
welche von Valparaiso nach Santjago gehen, zu gleicher Tagszeit
abreisen, so treffen auf jenen Flchen hufig die Berlochen zusammen
und nun beginnt die Wettfahrt.

Wenn man es mit einem -- wie soll ich mich ausdrcken -- mit einem
etwas aufgeregten Menschen zu thun hat, mu man entweder die grte
Ruhe beobachten, oder was auch bisweilen hilft, sich noch unsinniger
geberden. Wir fuhren dort mit noch zwei anderen Wagen fast in einer
Reihe. In dem einen zwei chilenische Herrn, in dem zweiten zwei Damen
mit einem Negerkinde. Als das raschere Fahren begann, setzten die Damen
das Kind neben sich auf den Boden der Berloche und hielten verschiedene
Schachteln und Bchsen mit den Hnden fest, und die Herren nahmen
des strkeren Luftzuges halber die Hte ab, niemand aber zeigte eine
besondere Aufregung oder Verwunderung, sondern jene Vorkehrungen wurden
mit derselben Ruhe getroffen, mit welcher man eben bei uns, fngt es
gelinde an zu regnen, den Regenschirm aufspannt, oder einen Handschuh
auszieht und in die Tasche steckt. Dort rief ich meinen Chilenen zu.
=mas pronto!= (rascher!) Sie sahen mich einen Augenblick verwundert
an, denn solches war ihnen wohl noch selten gesagt worden, hierauf aber
begann ein wirklich so verrcktes Jagen, da wir bald unsere Rivalen
hinter uns hatten.

Durch diese Narrheit hatte ich mir die dauerhafteste Achtung und
Ergebenheit meiner Berlocheros erworben, welche mich von diesem
Augenblicke an fr einen chten Caballero hielten.

Man kehrt auf dem Wege nach Santjago zweimal ein; einmal in Casa
blanca, wo man zu Mittag speist und Siesta hlt, das zweite Mal um
zu bernachten, in Curicavia. Die Gasthfe an beiden Orten sind so
ziemlich in europischem Style eingerichtet, und man befindet sich wohl
dort. Von Curicavia geht man bald des Morgens ab, und kmmt bei guter
Zeit in Santjago an. Die ganze Strecke, welche 40 bis 50 Stunden Weges
betrgt, fhrt man in nicht ganz 15 Stunden.

Dem von Valparaiso nach Santjago Reisenden ist ein Ueberblick ber
das Land wohl gestattet. Es mag das chilenische Land kurz so bezeichnet
werden. Seiner ganzen Lnge nach ist der schmale Landstrich, welcher
Chile bildet, von zwei Gebirgszgen eingeschlossen und begrenzt. Gegen
Westen, und die Kste des stillen Oceans bildend, ist es die sogenannte
Cordillera de la Costa, die Kstenreihe, ein Gebirgszug, welcher in
wechselnder Hhe 800 bis 1200 Fu ansteigt und selten die Hhe
von 3000 Fu bersteigen wird. Bisweilen in sanfteren Krmmungen
abfallend gegen die See, erhebt sich jene Bergreihe doch meist in
steilen schroffen Ufern, an welchen eine donnernde Brandung sich bricht.
Es ist dieselbe gegen Sden auf dem Gipfel und gegen das Land zu
hufig bewaldet, aber im nrdlichen Theile Chile's fast durchgngig
kahl und schroff. Indessen auch dort, wo schon die glhende Sonne kaum
auf den Hhen mehr eine Vegetation aufkommen lt, sind noch jene
Schluchten, die ich schon oben erwhnte, so wie bei Valparaiso, mit
ppigem Grne bekleidet, dem einzelne schlanke Palmen und mchtige
Schlinggewchse ein tropisches Ansehen verleihen.

Hat man diese Ksten-Cordillera berstiegen, so breitet sich das
Flachland von Chile vor unsern Blicken aus und gewhrt den erfreulichen
Anblick eines Landes, von welchem die Cultur Besitz genommen hat, ohne
schon vollstndig die Freiheit der Natur verdrngt zu haben. Kleinere
und grere Besitzungen, von der Htte des armen Landmannes, der nur
wenige Hufen Landes besitzt, bis zu der wohl eingerichteten Hacienda des
Reichen, welche Tausende von Thalern jhrlichen reinen Ertrag abwirft,
bieten sich allenthalben dem Auge dar, aber waldige Thler, felsige
Schluchten und selbst de, nur mit der Espina[17] sprlich bedeckte
Ebenen, liegen zwischen jenen Zeugen des Fleies und beweisen, da
noch fleiige Hnde dort Beschftigung finden wrden, und der Fluch
der Uebervlkerung dort noch nicht eingetroffen.

Einzelne kleinere Gebirgszge, aber nicht so regelmig fortgesetzt
wie die Kstenreihe, wohl auch isolirte kegelfrmige Berge,
unterbrechen jene Ebene, bis endlich die hohe Reihe der Anden, la
Cordillera alta, Chile vom anderen Theile Sdamerikas trennt.

Im Allgemeinen ist dies der landschaftliche Charakter des Landes und
namentlich im mittleren Theile. Whrend im Norden und Sden aber beide
Hauptgebirgszge sich gleichmig fortziehen wie im mittleren Theile,
und auch jene Unterbrechungen der Ebene durch einzelne Bergformen
stattfinden, wird das landschaftliche Bild im Norden modificirt durch
den Mangel der Flora und erinnert bereits an die nachbarliche Wste von
Atacama. Im Sden hingegen zeigt eine noch weit ausgebreitete waldige
Flche und Strme, die sie durchziehen, da hier zwar der im
Norden mangelnde, alles befeuchtende Regen nicht fehlt, wohl aber noch
Bevlkerung und Arbeitskraft.

Stellen, auf welchen man Belege fr das eben Ausgesprochene findet,
sind die Cuesta[18] de Valparaiso, die Cuesta de Zapata und die Cuesta
de Prado. Die Cuesta de Valparaiso, auf welcher die Mhlen erbaut
sind, ist ein Glied der Ksten-Cordillera. Ich habe sie nach meinen
barometrischen Messungen 1279 Fu hoch gefunden; die Cuesta de Prado
2277 Fu hoch. Der letztere Berg steigt steil an und die Strae,
welche ber denselben fhrt, luft im Zickzack aufwrts, wenigstens
30 Windungen machend. Von dort hat man eine besonders schne Fernsicht
ber das Land, whrend die wilden steilen Abhnge und Schluchten
einen romantischen Vordergrund bilden.

Ich habe in einer grern wissenschaftlichen Abhandlung, welche in den
Denkschriften der k.k. Akademie der Wissenschaften in Wien erschienen
ist, die geographischen Verhltnisse von Chile so ausfhrlich
behandelt als es mir nach den gemachten Erfahrungen mglich war, und
ich mu auf jene Abhandlung denjenigen verweisen, welcher sich speciell
fr Geognosie interessirt. Als kurze Skizze eines geognostischen
Bildes, und vorzugsweise das mittlere Chile betreffend, mchte etwa
Folgendes anzufhren sein. Granitisches Gestein bildet die Hauptmasse
der Kstenreihe. Meist gegen Sden, z.B. in Valdivia, als
Glimmerschiefer auftretend, herrscht bei Valparaiso der eigentliche
Granit vor, hie und da vertreten durch Sienit, oder bergehend
in Gneis. Zahlreiche Gnge vom basaltischen, doleritischen und
vorzugsweise porphyrischen Gesteine, durchdringen die granitischen
Formen, an der Kste hufig als kegelfrmige Erhebungen aus den
Fluthen ansteigend, in den Gebirgen des Landes aber mchtig sich
ausbreitend an manchen Stellen, so da der flchtig untersuchende
Geognost an ein Ueberwiegen wohl glauben mag. Wirklich aber beginnt
ein solches Vorherrschen dieser vulkanischen Gesteine weiter gegen das
Innere, gegen die hohe Cordillera zu. Es treten endlich dem Forscher
die Vorberge derselben entgegen, Trachyte, Dolerite, Porphyre der
verschiedensten Art werden immer hufiger, sie sind kaum mehr als
Gangbildung zu betrachten, sondern als selbstndige Formen und bilden
groe mchtige Kegelberge. Dort wird das granitische Gestein in
allen seinen Modificationen seltener, bis endlich in der Kette des
Andes-Gebirges selbst, das wildeste bunteste Gemenge aller Felsarten der
vulkanischen Reihe auftritt, bisweilen aber auch noch von vereinzelten
granitischen Schichten bedeckt, die offenbar empor gehoben worden sind,
nicht selten aber auch einschlieend und umhllend mchtige Massen
darstellen, die mehr oder weniger verndert und umgestaltet sind.

Es giebt vielleicht wenige Landstriche der Erde, fr deren Entstehung,
d.h. fr ihre Erhebung aus der Tiefe, aus den Fluthen des Meeres,
leichter eine glaubwrdige Theorie aufgestellt werden kann, als fr
Chile und einen groen Theil der Westkste. Aber wir haben keinen
Mastab mehr auf unserer Erde fr jene gewaltigen Reactionen, welche
dort vorgegangen sein mssen, und gegen welche sich das Erdbeben
von Lissabon verhlt, wie ein emporgeschnelltes Sandkorn gegen das
Auffliegen eines mchtigen Pulverthurmes.

Ohne Zweifel war der grere Theil von Sdamerika, der jetzt die
stliche Seite bildet, lngst empor gestiegen, als durch einen
jener gigantischen Vorgnge im Innern der Erde sich eine neue Spalte
ffnete, und ohne Zweifel mchtig erschtternd das ganze schon
bestehende Festland, die Kette der hohen Cordillera feurig flssig aus
jener Riesenkluft hervordrang. _Gleichzeitig_ mag das wohl geschehen
sein, wenigstens das Emporsteigen des grten Theils der Andes-Kette,
wenn auch nicht gleichzeitig nach _unsern_ Begriffen von Raum und Zeit,
fr welche hundert Jahre schon eine Periode.

Durch jene kolossalen glhenden Felsmassen hindurch bahnten sich wieder
neue nachdringende Massen einen Weg, theils erstarrend ehe sie die
Oberflche erreicht, theils sie durchdringend und mehr oder weniger
flssig sich ergieend ber dieselbe. Lngs der ganzen Reihe des neu
entstandenen Gebildes aber blieben Kanle offen nach der ghrenden,
schmelzenden Tiefe. Fortwhrende vulkanische Ausbrche fanden statt
durch dieselben, eine Reihe meteorologischer Erscheinungen hervorrufend,
deren Intensitt wir nur zu ahnen vermgen, nehmen wir auch die
analogen Processe zu Hlfe, welche noch heute vor unsern Augen bei den
Ausbrchen unserer jetzigen Vulkane vor sich gehen.

Spter wohl erst hob sich das Flachland von Chile und den andern
Lndern, welche jetzt die Westkste bilden. Sind nun jene Gnge
und Spalten-Ausfllungen, welche den Granit und die Gesteine des
Flachlandes durchziehen, schon entstanden als noch das Meer alle jene
Formen bedeckte, oder erst spter, so viel ist sicher, mchtige
Erschtterungen mssen durch eine lange Reihe von Jahren das neue Land
heimgesucht haben, davon geben die Erdbeben Zeugni, welche noch heute
dort hufiger als irgendwo sonst auftreten.

An manchen Stellen in Chile, unweit Valparaiso, unweit Santjago, im
Norden und im Sden, trifft man neptunische Formen den granitischen
aufgelagert, und diese oft Versteinerungen fhrend; die Schichten
sind ohne Zweifel der alte Meeresgrund, in der Tiefe schon frher dem
Granite aufgelagert und spter dann mit demselben emporgestiegen. Aber
auch mchtige Alluvialgebilde werden hufig in Chile getroffen und man
begegnet auf der Reise von Valparaiso nach Santjago vielfachen Spuren,
da mchtige Wassermassen dort gestrmt haben mssen, so wie die
schroffen und steilen Schluchten der Ksten-Cordillera, offenbar blos
mchtige Wasserrisse, ebenfalls dessen Zeugni geben.

Alles deutet mit vollstndiger Sicherheit darauf hin, da diese
mchtigen Fluthen nicht von der See aus gegen das Land hin gedrngt
worden sind, sondern sich vom Lande aus gegen das Meer hin ergossen
haben.

Dies wird klar, so bald man sowohl dem Laufe der Flsse folgt, mithin
jenen Rissen und Vertiefungen, die noch heute Wasser fhren, als auch
den Ablagerungen jener Gerlle und der Form der Schluchten.

Jene Gewsser strmten (und wahrscheinlich in einzelnen fters
wiederkehrenden Perioden) von der Andes-Kette aus hinab ber das
Flachland von Chile, Gesteinstrmmer und Blcke von dort mit sich
fhrend und allenthalben zurcklassend, bis sie, aufgehalten durch
den Damm, den die Ksten-Cordillera bildete, sich dort aufstauten und
endlich gewaltsam Bahn brachen durch jenes Hemmni.

So sind jene Schluchten entstanden, in denen hufig noch jetzt ein
kleines Bchlein die frheren gewaltigen Wasserstraen reprsentirt,
welche sich durch dieselben in das stille Meer ergossen haben mssen.

Es ist nicht schwer zu errathen, durch welche Vorgnge von der hohen
Cordillera herab solche Wassermengen gekommen sind, ja selbst die
Gegenwart giebt erklrende Beispiele hiezu, wenn gleich nicht in dem
kolossalen Mastabe jener vergangenen Zeit.

Nach Hebung der Andes-Kette war ohne Zweifel ein Zeitpunkt lngerer
Ruhe eingetreten und die mchtigen Gipfel und Hhen bedeckten sich mit
Schnee und Gletschereis, wie es noch heute der Fall ist. Aber die, man
kann sagen dichtgedrngte Reihe von Vulkanen, in jener Zeit wohl
noch zahlreicher als jetzt, verharrte nicht immer in jener Ruhe, und
massenhafte Ausbrche erfolgten von Zeit zu Zeit. Es ist bekannt, da
selbst in unsern Tagen bei dem Ausbruche eines einzelnen Vulkanes sich
elektrische Anhufungen oberhalb desselben in der Luft ansammeln,
Gewitter entstehen, Guregen auf den Berg herabstrzen, und ist
derselbe mit Schnee bedeckt, oft Ueberschwemmungen in der Nachbarschaft
verursachen. Denkt man sich aber jene Masse von mchtigen Feuerbergen,
welche ohne Zweifel vereint, oder doch wenigstens in grerer Menge
und bedingt durch ein und dieselbe unterirdische Reaction, gleichzeitig
zu arbeiten begannen, denkt man sich die Masse der Elektricitt,
welche sich so entlangs eine grere Strecke der Cordillera oberhalb
derselben angesammelt, und Wolkenbrche auf dieselben herab ergossen,
nimmt man hiezu noch eine sehr wahrscheinliche Erwrmung der mit
Schnee bedeckten Auenseite der Krater an, so ist leicht erklrt,
wie pltzlich mit reiender Schnelle, theils durch die meteorischen
Niederschlge, theils durch geschmolzenes Gletschereis bedingt,
solche mchtige, Alles zerstrende, allenthalben sich Bahn brechende
Wassermassen ber das Land sich ergieen konnten. Die tiefen Thler
der Andeskette, auch heute von Flssen durchstrmt, welche einzig
dem Gletschereise ihren Ursprung verdanken und deren zeitweiliges
Anschwellen durch analoge Ursachen, wie die oben angefhrten,
bethtigen vollstndig das so eben Ausgesprochene.

Dem freundlichen Leser, welcher vielleicht kein besonderer Freund
geognostischer Studien, sich gelangweilt hat bei diesen Notizen, kann
ich leider kaum ein kleines Reiseabenteuer bieten, was ihn entschdigen
mchte.

Flchtiger daher noch, als ich selbst im Galopp jene Strecke
zurckgelegt, will ich ihn, nun er die Gegend kennt, oder wenigstens
doch eine leichte Skizze derselben erhalten hat, durch dieselbe hinweg
und nach Santjago fhren.

Ich begrte auf den Mhlen Abschied nehmend den Italiener, und
erhielt nach gewohnter Weise statt des verlangten Glases Portwein,
Cayrock mit der Bemerkung: da er auch sehr gut sei. Er ermahnte mich
beim Scheiden, ja nicht so schnell fahren zu lassen, und man wei
bereits, wie ich durch =mas pronto= seine Lehren befolgte.

Ich bin ferner einer Masse von Ochsenkarren begegnet, welche zwischen
ganz unsinnig hohen Rdern einherschleichen und sich auf die Lnge
einer Viertelstunde durch schauderhaftes Knarren und Pfeifen derselben
ankndigen. Man hat vier, ja sechs Paar Ochsen vor dieselben gespannt
und der Fuhrmann fhrt einen vier oder fnf Klafter langen, dnnen
Stab mit eiserner Spitze, mittelst welcher er die Thiere antreibt.
Fhrt man mit diesem Wagen einen steilen Berg abwrts, so spannt
man ein Paar der Ochsen aus und hngt sie hinter dem Wagen an, diese
mssen das Fuhrwerk aufzuhalten suchen, whrend man die vorderen zum
raschen Laufen und Anziehen antreibt. Ich habe nicht recht begriffen,
warum man berhaupt nicht gleichmig fhrt, ohne auf der einen
Seite bermig anzureizen, so da man auf der andern aufhalten
mu. Da aber die politischen Zustnde mehrerer Lnder ein hnliches
Bild bieten, mu die Sache vielleicht doch einen vernnftigen Grund
haben.

Im Ganzen ist der Weg nach Santjago stets belebt. Neben jenen
Ochsenkarren, welche den Waaren-Transport mit dem Innern vermitteln,
begegnet man unzhligen Reitern und ganzen Zgen von Maulthieren und
Eseln, ebenfalls mit Waaren oder auch mit Victualien beladen.

Auch die Fauna wird reichlicher. Vgel aller Art schwrmen im
Gebsche, oder treiben sich auf dem Felde umher, so mehrfache
Geierarten und zierliche wilde Tauben. Indessen zeichneten sich mit
Ausnahme der bereits erwhnten Kolibri-Arten alle diese Vgel kaum
durch besonders glnzende Farben aus. Der =Sturnus militaris= mit
glnzender rother Brust macht hievon allein halbweg eine Ausnahme. Die
ziemlich reichliche Ausbeute in zoologischer und botanischer Hinsicht,
welche ich in Chile erwarb, habe ich in der bereits erwhnten
Abhandlung in den Denkschriften der k.k. Akademie in Wien angegeben,
und werde daher mit der Anfhrung lateinischer Namen hier nicht den
Leser ermden, wenn ich nicht etwa ber die Lebensweise irgend eines
Thieres oder die eigenthmlichen Eigenschaften einer Pflanze etwas
Besonderes anzufhren im Stande bin.

Ich habe indessen auf dieser Fahrt immerhin etwas Interessantes in
anthropologischer Beziehung getroffen, eine Greisin von unendlich hohem
Alter, welche an der Cuesta de Prado in einer kleinen Lehmhtte wohnte
und die Vorberreisenden um Almosen ansprach. In einen alten schwarzen
Fetzen gehllt, von weiem Haupthaar umflattert, und mit nicht
unbedeutendem gleichgefrbten Barte, machte diese lebende Mumie einen
fast grauenhaften Eindruck. Sie sprach mich mit einigen Worten an,
welche etwa bedeuteten: Gebt einer alten Unglcklichen, welche selbst
nicht wei, wie alt sie ist, eine Kleinigkeit. Ich reichte ihr etwas,
worauf sie eine segnende Geberde machte, aber meine Knechte riefen
=Vamos!= und fuhren wie verrckt von dannen. Es ist des Teufels
Gromutter, sagte der eine, die jeden verflucht, der ihr nichts
schenkt. Sie erzhlten mir ferner, da das Weib schon vor der ersten
Revolution (1810) an jener Stelle gewohnt, und vorgebe, so alt zu sein,
da sie ihr Herkommen vergessen habe, und auch die ltesten Mnner
htten sie, als sie noch Knaben gewesen, schon in diesem Zustande
gekannt. Also eine Art stabile Ahasvera.

Ich habe in Santjago dasselbe ber die Alte gehrt, wo man
hinzusetzte, sie sei die einzige ffentliche Bettlerin, welche kein
Privilegium[19] habe, welche aber niemand antaste, und ernhre sich
fast einzig von Brod und -- Branntwein!

Auf der Hhe der Cuesta de Prado tritt dem Reisenden die Cordillera
schon nher und imposant entgegen. Ich hielt dort einen Augenblick, um
den Stand meines Aneroid-Barometers zu bemerken, dann wurde natrlich
wieder am uersten Rande der Strae, und was die Pferde laufen
konnten, bergab gefahren, und bald war die Ebene von Santjago erreicht.

Die Cordillera, an deren Fue die Stadt erbaut zu sein scheint,
entwickelte sich hier zum ersten Male vor meinem Blicke in grerer
Ausdehnung. Es reichten ihre beschneiten Gipfel, so schien es, gerade
bis an die Wolkenschicht, welche oberhalb derselben schwebte, und ich
staunte ber die Hhe des Gebirges. Aber oben in den Wolken bemerkte
ich einen schwarzen Fleck, den ich mir nicht erklren konnte.

Da vertheilte sich pltzlich jener Wolken- oder Nebelschleier, rasch
und in Zeit von wenigen Minuten der Sonne weichend, und vor mir stand
die Andes-Kette in _doppelter_ Hhe. Jene Wolken hatten die obere
Hlfte des Gebirges bedeckt und der schwarze Fleck von vorhin war eine
steil emporstehende, nicht mit Schnee bedeckte Felsenspitze gewesen.

Dort habe ich wie ein Kind diesem wundervollen Anblick entgegen
gejubelt, und noch heute -- -- nun noch heute sagen meine verstndigen
Freunde, es sei eine Kinderei, ber einen unfruchtbaren Berg solchen
Lrmen aufschlagen.




VII.

Santjago (Chile).


Wenn man die Stadt nahebei erreicht hat, wird man erst inne, da man
von dort, bis an den Fu, an die Vorberge der hohen Cordillera,
noch drei bis vier Stunden zu reisen hat, trotzdem da von einiger
Entfernung aus gesehen, Stadt und Gebirge sich zu berhren scheinen.

Theils die Gre und Hhe des Gebirgs, welches es nher erscheinen
lt, trgt an dieser Tuschung die Schuld, theils aber auch eine
eigenthmliche in Chile auftretende Erscheinung, ich meine den Mangel
dessen, was die Maler mit Luftperspektive bezeichnen. Es ist
dort schwierig auf grere Entfernungen hin die wirkliche Weite
abzuschtzen, in welcher sich irgend eine Stadt, ein Berg u.s.w.
befindet, indem alle diese Objekte sich fast in gleicher Klarheit
darstellen, seien sie eine, zehn oder zwanzig Stunden weit entfernt.
Ich habe spter von der Cordillera aus das 15 Stunden weit entfernte
Santjago so deutlich vor mir gesehen, da ich auf einen Abstand von
hchstens anderthalb Stunden geschlossen haben wrde, htte ich nicht
den Weg von dort selbst zurckgelegt, und in Valdivia htte ich dem 50
Stunden weit gelegenen Vulkane von Villarica hchstens 8 bis 10
Stunden Entfernung gegeben. Die Trockenheit der Luft und Mangel an
Wasserdnsten in derselben kann kaum hieran allein schuld sein, denn
obgleich trocken im Flachlande von Chile, war in der Cordillera
selbst die Luft feucht genug, und in Valdivia war zu jener Zeit der
Hygrometerstand etwa wie der mittlere von Deutschland. Ich erwhne
mithin diese Erscheinung, ohne sie nher erklren zu knnen[20].

Flchtig will ich ber die Beschreibung der Stadt hinweggehen und nur
den allgemeinen Eindruck zu schildern versuchen, den sie hervorruft. Es
ist Santjago, die Hauptstadt Chiles, nur mit Ausnahme von Lima wohl die
grte der Westkste, schon frher hinreichend geschildert, und
es hat sich seitdem dort im Ganzen nur wenig gendert. Alle Straen
derselben schneiden sich im rechten Winkel, sind breit und mit Trottoirs
versehen; durch die Mitte vieler derselben laufen starke Rinnen, theils
auch gedeckte Kanle zum Abzug der Unreinlichkeiten. Die durch die
parallel laufenden Straen entstandenen Vierecke werden Quadras genannt
und haben einen Flchenraum von etwa zwei bayerischen Tagwerken.
Die Auenseiten der Huser, welche diese Quadras bilden, haben
durchschnittlich ein klsterliches Ansehen, wenigstens die aus lterer
Zeit. Meist einstckig sind sie hufig mit kleinen vergitterten
Fenstern versehen, und einfach wei angestrichen. Durch jene
Eintheilung in Quadras aber bleibt Raum fr den Privatbesitz, so
da eine behagliche Einrichtung im Innern nicht fehlt. Ein ziemlich
gerumiger Hof mit kleinem Garten bildet dann die Mitte des Gebudes,
die Thren sind meist gegen diesen Hof hin geffnet, und es hat mich
der Gesammt-Typus dieser Wohnungen, ich wei nicht mit Recht oder
Unrecht, unwillkrlich immer an die alten rmischen erinnert.

Indessen hat man auch grere zwei- ja dreistckige Huser erbaut,
welche den hufigen Erdsten bis jetzt mit mehr oder weniger
Glck gut widerstanden haben. Am Hauptplatze, der Plaa, steht das
Gouvernements-Gebude und einige Kasernen. Die Mnze ist ein wirklich
groartiges Gebude zu nennen, eben so die Universitt, und unter
den durchschnittlich gut gebauten Kirchen nimmt die Kathedrale den
Hauptplatz ein und drfte ihn auch in mancher groen Stadt Europas
behaupten.

Schne ffentliche Brunnen zieren die Stadt, aber das Wasser der
meisten derselben ist trbe, d.h. fast milchhnlich gefrbt und es
befinden sich in allen Husern Filtrir-Apparate, wo vermittelst
eines Sandsteins das Wasser klar erhalten wird. Man nennt die dort
destilliren.

Die Ursache dieser Unreinheit des Wassers ist die, da alle Brunnen
der Stadt mit Fluwasser gespeist werden. Aber diese Flsse selbst
verdanken ihre Entstehung dem geschmolzenen Schnee der Cordillera, von
welcher herab sie sich in's Flachland ergieen. Die geschieht im
Gebirge selbst mit einem solchen starken Falle, und in Folge dessen mit
einer so reienden Schnelle, da man in einem jener Gebirgswasser,
welches kaum einen Fu Tiefe hat, hufig nur mit Mhe zu stehen
vermag.

In Folge dieser Heftigkeit des Laufes werden aber eine bedeutende Anzahl
grerer oder kleinerer Fragmente der Gesteine losgerissen,
durch welche die Gewsser strmen und diese Geschiebe reiben sich
fortwhrend theils unter einander, theils an den noch fest stehenden
Felswnden des Flubettes, so da das Wasser mit einer Menge
unendlich kleiner nicht nur aufgelster, sondern auch suspendirter[21]
Theile geschwngert wird, welche es trbe und milchhnlich erscheinen
lassen. Ich habe eine Zeit lang unweit der Schneegrnze auf der hohen
Cordillera am Ufer eines solchen Flusses geschlafen und bin hufig
in der Nacht durch das donnerhnliche Getse geweckt worden, was
pltzlich vorbergefhrte Steinmassen verursachten, indem whrend
der Nachtzeit alle diese Gewsser strker anschwellen und heftiger
strmen, da sie durch den durch die Sonnenhitze des Tages geschmolzenen
Schnee verstrkt werden.--

Es ist mir die Einwohnerzahl von Santjago auf 80 bis 90,000 angegeben
worden, allein die ziemlich zahlreiche Geistlichkeit und das Militr
sollen bei dieser Schtzung nicht mit inbegriffen sein, und ich mu
berhaupt bemerken, da ich eher mehr als weniger Seelen fr die
Stadt annehmen mchte.

Was den Charakter der Bevlkerung von Santjago betrifft, wie ihre
Sitten und Gebruche, so gilt fr dieselben was fr Valparaiso
bereits ausgesprochen wurde. Doch herrscht in Santjago, trotzdem, da
europische Mode auch hier allgemein, doch noch mehr eigenthmliches
Leben und die Sitte altspanischer Zeit vor.

So ist z.B. die ganz verstndige Sitte, gegen Abend einen leichten
Mantel zu tragen, dort ganz allgemein, und selbst die Senoritta schlgt
keck und malerisch den groen Shawl um sich, wenn sie sich in den
Rumen ihres Hauses bewegt.

Auch die glnzenden Lden und Verkaufsgewlbe werden in
Santjago nicht angetroffen, wie in Valparaiso. Die Mehrzahl der
Verkaufslokalitten sind in Santjago eigentlich nichts weiter als
Kramlden, in welchen mancherlei Waaren bunt genug gemengt verkauft
werden.

Der eigentliche Ausdruck des chilenischen Lebens ist also in Santjago
besser kennen zu lernen als in Valparaiso.

Ich war im englischen Hotel abgestiegen und hatte bald darauf einige
Deutsche aufgesucht, an welche ich Briefe von Valparaiso hatte. Von
=Dr.= Segeth, einem deutschen Arzte, wurde ich sogleich eingeladen, in
seinem Hause zu wohnen. Es ist mir von jeher durchaus zuwider gewesen,
_in einer Stadt_ auf solche Weise Gastfreundschaft anzunehmen, indem
man, selbst seiner Freiheit beraubt, den Gastfreund dennoch stets mehr
oder weniger strt. Als ich aber Segeth ganz unverholen deshalb meine
Meinung erffnete, sagte er lachend, er sei ganz meiner Ansicht, aber
er habe einige Quadras weiter noch ein anderes Haus, blos von einem
Jger bewohnt, und das solle ich als alleiniger Herr ungestrt in
Besitz nehmen. Ich schlug ein, und hatte mich bald ganz behaglich
eingerichtet. Auer dem Jger (einem Deutschen in Segeth's Diensten),
dessen Familie, einer unbestimmten Anzahl von Knechten, Pferden und
Maulthieren, einem lebenden Condor, verschiedenen Papageien und
anderem Gethiere, war niemand im Hause, und ich hatte bald eine gewisse
Obergewalt usurpirt.

Segeth war Minenbesitzer, hatte Landgter und betrieb noch andere
Geschfte. Er hatte sechszig und etliche Pferde und eine, wie ich
glaube, noch grere Anzahl von Maulthieren. Mir standen daher
stets Pferde zu Gebot, so viel ich bentzen wollte, und ich machte
reichlichen Gebrauch von diesem Anerbieten, indem ich in Begleitung des
Jgers sowohl als auch allein oder mit einigen Knechten Ausflge
in die Umgegend machte. Die Abende brachte ich dann, heimgekehrt von
solchen Excursionen, hufig bei einem deutschen Kaufmanne, F. Schulze,
zu, welcher mit gastlicher Freundlichkeit sein Haus allen Deutschen
geffnet hatte und bei welchem ich heitere Stunden verlebte. Noch steht
lebhaft in meinem Gedchtnisse ein kolossaler Feigenbaum in Schulze's
Garten, unter welchem wir oft halbe Nchte in frhlichen Gesprchen
verbrachten und in dessen Gipfel der =Trochylus gigas=, der grte
Colibri Chile's, nistete.

Im Umkreise von einigen Stunden Weges sind mehrere hbsche kleinere
Landseen bei Santjago, und dorthin ritten wir hufig um Wasservgel
zu schieen, Amphibien und Insekten zu fangen und die Gesteine der
Umgegend zu sammeln. So erwarb ich reichliche Ausbeute in der Laguna de
Quilicana. Der See hat eine Ausdehnung von etwa einer halben Stunde in
der Lnge und Breite und ist auf der einen Seite von ziemlich steilen
Hgeln eingeschlossen, welche etwa 900 Fu hoch sein mgen; dort
fallen auch seine Ufer ziemlich steil ab und das Wasser hat eine
Tiefe von 8 bis 10 Fu; auf der andern Seite aber verflacht er sich
vollstndig und geht in eine sumpfige Wiese aus. Er soll durch ein
Erdbeben entstanden sein. Trachyt und Dioritporphyr in manchfacher
Variation bilden die Hgel, und ich habe spter einige der dort
auftretenden Gesteine in der Algodonbay in Bolivien wieder gefunden,
tuschend, und zum Verwechseln hnlich. Glasiger Feldspath,
Magneteisen und Kupferkies wurden in jenen Gesteinen unter anderen
Beimengungen gefunden.

In jenem See lebt ein groer 7 bis 8 Zoll langer Frosch, er ist
indessen schwer zu erhalten und scheint eine neue Art zu sein. Ich habe
trotz aller Mhe ein einziges Exemplar mit nach Europa bringen knnen.

Wundervolle Jagdparthieen und zugleich gute naturhistorische Beute ergab
eine andere Lagune, irre ich nicht, etwa drei Stunden weit von der Stadt
entfernt.

Ich habe dort den =Ibis albicollis= geschossen und =Ibis nigricollis=,
wundervoll schne Enten und die ersten Papageien. Am meisten aber
interessirte mich die Jagd des Coypo[22], einer anderthalb Fu langen
Ratte, welche die Ufer des Sees bewohnt. Auf jenem See sowohl, als
auch auf anderen in der Umgegend der Stadt war das Thier frher sehr
hufig, wird aber jetzt selten getroffen. Obschon lngst bekannt und
wie es scheint in ganz Sdamerika zu Hause, sind dessen anatomische
Verhltnisse doch erst in neuerer Zeit nher bekannt geworden, so
z.B. die Eigenthmlichkeit, da das Weibchen die Sugewarzen auf
dem Rcken hat, ohne Zweifel aus dem Grunde, weil es schwimmend seine
Jungen lngere Zeit mit sich umhertrgt. Das Thier schwimmt ziemlich
rasch und taucht unter sobald es Gefahr bemerkt; mit der Schnelligkeit
des Blitzes aber luft es ber liegendes Schilf und andere
Wasserpflanzen hinweg, welche selbst in nur schwacher Schicht die
Oberflche des Wassers bedecken. Das Pelzwerk ist graubraun und hat
Aehnlichkeit mit dem Biberfelle.

Da der See lngs dem Ufer und bisweilen ziemlich weit gegen die Mitte
hin mit Schilf bedeckt war, konnten wir uns mit dem Boote hinlnglich
versteckt halten, und es gelang mir, ein schnes und groes Exemplar
des Coypo zu erlegen, welches sich gegenwrtig in der Sammlung der
Gewerbsschule zu Schweinfurt befindet.

Geognostische Studien knnen in Santjago beinahe schon in der Stadt
selbst gemacht werden. Dicht an derselben, noch fast eingeschlossen von
ihr, liegt der Monte San Lucia, ein Hgel von etwa 250 Fu Hhe, auf
welchem ein Englnder mit Erlaubni der chilenischen Regierung zur
Zeit meiner Anwesenheit eine Sternwarte erbaute. Die Hauptmasse dieses
Felsens ist ein graugrner Porphyr, in welchem glnzende Kristalle von
Feldspath hufig eingemengt sind. Hier und da findet sich Magneteisen
und bisweilen, doch seltener, Hornblende. Es finden sich kugelfrmige
Absonderungen, welche aus concentrischen Lagen begehen, die grere
Masse des Felsens aber ist hufig plattenfrmig gespalten, und in den
Absonderungsflchen findet sich, ohne Zweifel als secundres Produkt,
Kalkspath in Kristallen.

War es nicht ein kleiner Anfall von Heimweh, da es mich lebhaft
erfreute, in diesem Gesteine einen alten Bekannten getroffen zu haben?
In Franken, am Fue des Steigerwaldes, und dort ganz vereinzelt alle
Formen des Keupers durchbrechend, tritt nmlich ein Gestein auf,
welches mit dem des Monte San Lucia so tuschende Aehnlichkeit hat,
da neben einander gelegte Exemplare kaum zu unterscheiden sind. Ich
habe dort im fernen Lande mich lebhaft der Arbeiten erinnert, welche
ich vor Jahren ber jenes Gestein in der Heimath unternommen, und,
nebenher, an manches Gute und vieles Schlimme, was ich seitdem erfahren.

Auch der Cerro blanco, der weie Hgel, liegt dicht an der Stadt, an
deren nordstlichem Ende. Eine reizende Fernsicht ergiebt sich dort auf
Stadt und Umgegend, und am Berge selbst, der kegelfrmig emporgeschoben
ist, zeigen sich einige merkwrdige Erscheinungen. Er ist auf der
sdlichen Seite durch Steinbruch-Arbeit aufgeschlossen, und dort finden
sich Ablagerungen von Gerll und Geschieben, welche mit Sand wechseln.
Auf dem trachytischen Gesteine selbst liegt unmittelbar Sand, hierauf
Gerll und dann wieder Sand. Jede Lage hat fast einen Fu Mchtigkeit
und die Gerlle sind abgeschliffen, also jedenfalls von weiter
hergefhrt. Es fllt der Berg an der Stelle, wo ich diese Formen fand,
steil ab, etwa in einem Winkel von 40 Graden, aber die Ablagerungen der
Gerlle fallen genau ebenfalls in diesem Winkel, also parallel mit
dem Abhang des Berges. Man mu also annehmen, da sie frher sich
abgesetzt haben an der Stelle, wo der Berg sich gegenwrtig befindet,
und mit demselben spter gehoben worden sind. Jene mchtigen Fluthen,
deren ich oben erwhnte, haben also schon in einer frheren
Periode statt gefunden, nach welcher noch das ganze Land mchtigen
Erschtterungen ausgesetzt war, denn ohne solche mag es wohl kaum
abgegangen sein bei der Hebung und dem Emporsteigen eines Kegels von
etwa 800 Fu Hhe. Man kann den Cerro blanco als Trachyt-Porphyr
ansprechen. Gegen die Stadt zu ist das Gestein weigrau mit
Einmengungen von Quarz-Krnern, Feldspath und glasigem Feldspathe.
Hornblende entdeckt man nur durch das Mikroskop in demselben. Gegen
Norden zu herrscht eine mehr rthliche Farbe vor, aber fast in der
Mitte und auf der Spitze des Hgels zeigt sich, gangartig auftretend,
ein dunkles Gestein. Manchmal sind in demselben Trmmer des rthlichen
Trachyt-Porphyr eingeschlossen und geben der Bildung das Ansehen eines
Conglomerats.

Einige Stunden von Santjago gegen die Cordillera und in der Nhe
eines Klosters liegen die Bder von Apoquindo. Ich bin durch diese
Bade-Anstalt lebhaft an gewisse kleine Bder in Deutschland erinnert
worden, welche bei uns allenthalben getroffen werden, so wenig ihre
Existenz auch ber den Umkreis von einigen Stunden hinaus bekannt sein
mag. Hier besteht die grte Anzahl der Kurgste meist aus Frauen der
Umgegend, mehr oder weniger mit fabelhaften Zustnden behaftet, und
mit Ausnahme der Zunge, hinfllig und leidend. Die Mnner bilden die
Minderzahl, durchschnittlich ltere Leute, Pensionisten, ein Pfarrer,
ein Candidat oder Lehrer, vielleicht auch irgend ein Kranker, dessen Kur
von einer mildthtigen Anstalt bestritten wird. Mit wenig Ausnahme war
dort in den Bdern von Apoquindo dasselbe Publikum, derselbe Typus der
Badegste, nur, wenn man so sagen darf, vom Deutschen in's Chilenische
bersetzt. Es sind zwei lange Gebude zur Aufnahme der Kurgste
errichtet, blos aus einem Erdgeschosse bestehend, und von Lehm erbaut,
mit einfachster Einrichtung im Innern. Die einzelnen Gemcher dieser
Huser waren meist, ja fast smmtlich von Damen in Anspruch genommen
und ich hatte dort Bedenkliches zu berstehen. Ein deutscher Landsmann,
welcher mich begleitete, erffnete nmlich den Frauen, da ich ein
groer und weltberhmter Arzt sei (=risum teneatis amici=?!); man
beobachtete ehrfurchtsvolles Schweigen bis ich die Temperatur der
Quellen genommen, und flchtig die Wassermenge bestimmt hatte, welche
dieselben lieferten, dann aber wurde ich von ihnen umringt, sollte
helfen, retten, gesund machen, selbst Krppel heilen, vor allem aber
=un remedio= geben. Ich frug meine Kranken, ob sie schon in Santjago
einen Arzt befragt htten, und erffnete ihnen, als die meisten
bejahten, gravittisch, da deutsche Aerzte nicht gewohnt seien einander
ihre Kranken abspenstig zu machen (Lieber Gott! wen hat nicht schon
_eine_ Frau zum Lgen gebracht und erst hier sicher ein Dutzend!), aber
das half wenig. Ich wurde von Zustnden in Kenntni gesetzt, von deren
Existenz ich vorher keine Ahnung gehabt hatte, und konnte mich zuletzt
kaum durch die Flucht retten, indem ich mit Mhe mein Pferd gewann,
bald wieder zu kommen versprach und davon ritt.

Man nennt die fnf dortigen Quellen warme. Drei derselben entspringen
aus einem rthlichen Porphyr, die brigen zwei brechen aus
Schuttland hervor, welches jedoch wohl nur in geringer Mchtigkeit das
porphyrische Gestein bedeckt. Dicht an der Quelle hat man Vertiefungen
in den Boden gegraben, in welcher sich das Wasser sammelt, und welche
man mit leichten, hie und da ziemlich durchsichtigen Reisightten
bedeckt hat, und in diesen badet man.

Die Temperatur der drei aus dem Porphyr brechenden Quellen
war I+17.0R. II+19.5R. III+19.0R., die aus dem
Schuttlande kommenden hatten IV+17.0R. und V+19.5R.

Uebrigens entspringen alle fnf nur in geringer Entfernung von
einander, so da der Abstand der beiden entlegensten kaum 15 Schritte
betrgt. Die Gesammtmenge, welche alle Quellen zusammen geben, betrgt
etwa 60 Litres fr die Stunde. Eine Analyse der Quellen ist nicht
vorhanden, aber vier derselben haben einen sehr unschuldigen Geschmack
und die medicinische Wirksamkeit scheint, nach allem, was ich erfahren
konnte, sich ebenfalls in sehr engen Grenzen zu bewegen[23].

Eine derselben aber wurde mir als kupferhaltig bezeichnet, ihr Wasser
wird nicht getrunken und fr giftig gehalten. Ich habe noch in der
Folge von mehreren kupferhaltigen Wassern der Westkste zu berichten,
welche dort kaum zu den Seltenheiten gerechnet werden drfen, und den
Kupferreichthum bezeugen, der allenthalben dort in tiefer liegenden
Gngen vorhanden sein mu.

Als einer freundlichen Erinnerung mu ich des Dorfes Renca unweit
Santjago gedenken, das reich geschmckt mit Rebengelndern und
prachtvollen Feigenbumen, einen lndlichen Vergngungsplatz fr die
Stadtbewohner abgiebt. Ich habe selten so artig gehaltene und zierliche
lndliche Wohnungen gesehen als eben dort, wo die Kunst kaum etwas,
aber die Natur alles zur Verschnerung gethan hat. An Sonn- und
Feiertagen aber ist auch stets eine zahlreiche Volksmenge dort
versammelt. Unter den Belustigungen, mit welchen man dort sich ergtzt,
ist mir eine Art theatralische Vorstellung lebhaft im Gedchtni
geblieben. Heilige, gekrnte Hupter und einige Teufel trieben sich in
lebhaftem Wechselverkehr auf einer kleinen improvisirten Bhne herum,
bisweilen unterbrochen durch eine Reihe grotesker Tnze, welche von
einem der Schauspieler aufgefhrt wurden. Obgleich ich kaum von den
rasch und heftig hergesagten Rollen etwas verstand, und auch wenig
Aufschlu ber das eigentliche Wesen der Spiele erhalten konnte, hat
das Eigenthmliche desselben doch einen bleibenden Eindruck auf mich
gemacht. So wie ich auf dem Wege nach Santjago das schauderhafte
alte Weib gesehen habe, so sah ich nebenher gesagt, hier in Renca das
schnste Mdchen[24].

Es steht vielleicht zu erwarten, da Chile in nicht sehr langer Zeit
das Ziel fr manche deutsche Auswanderer werden wird, und in diesem
Sinne drfte es manchem der Leser nicht unangenehm sein, die Notizen
zu durchblttern ber die Form der Regierung, ber das Militr und
Studienwesen, Handel und Gewerbe, welche ich hier folgen lassen will.
Bekanntlich ist Chile eine Republik und vielleicht hat nie ein Volk mit
mehr Recht eine Revolution begonnen, als eben die Chilenen.

Ich habe mehrfache Notizen gesammelt ber die Bedrckungen, welche
die Spanier gegen ihre Provinzen ausgebt haben, zwar von in Chile
wohnenden Deutschen, aber von Mnnern, welche unbefangen waren und
parteilos, so viel es berhaupt ein ehrlicher Mann sein kann, und
man wei nicht, soll man unwillig oder bedauernd auf das Verfahren
hinblicken, welches die spanische Regierung eingeschlagen hatte,
indem sie Alles that um in allen ihren Besitzungen an der Westkste
Unzufriedenheit hervorzurufen, Nichts aber um sie sich zu erhalten. So
durften unter andern blos spanische Handelsschiffe die dortigen Hfen
besuchen, so da der Handel auf das Aeuerste beschrnkt war. Eine
der unsinnigsten Maregeln war aber ohne Zweifel die, da kein im
Lande, d.h. in Chile, Peru u.s.w. Geborener irgend einen hheren
staatlichen Posten dort begleiten konnte, sondern da alle diese
Stellen stets mit geborenen Spaniern besetzt werden muten. Der Sohn
des loyalsten Anhngers der Regierung wurde als _Fremder_ betrachtet,
war er in Chile geboren, und so gewissermaen schon zum Feinde Spaniens
bei seiner Geburt gestempelt.

Die Erbitterung, welche sich allmlig einschlich, wurde durch jedes
spanische Schiff mit neuen Ankmmlingen strker angefacht, denn diese
benahmen sich stolz und abstoend gegen die eingeborenen Chilenen, und
man betrachtete sich gegenseitig mit argwhnischen und feindseligen
Blicken, besonders nachdem einmal die ersten Unruhen ausgebrochen waren.

Es wurde nie vielleicht ein Brgerkrieg mit mehr Erbitterung gefhrt,
als der chilenische Befreiungskampf. Die vom Mutterlande eingefhrten
Truppen schlugen sich mit beispielloser Tapferkeit und ohne Zweifel
htte sich, da die meiste taktische Kraft auf ihrer Seite war, auch
fr sie der Sieg entschieden, htte nicht die Untersttzung von
Spanien aus gefehlt. Hatte man dort die Mittel hiezu nicht, lag Perfidie
im Spiele, oder war es Nachlssigkeit, ich wei es nicht, aber es ist
sicher, da die Bewaffnung der Truppen, der Stand der Forts, der
Hfen und alle Hlfe von auen zu jener Zeit in demselben schlechten
Zustande war, wie vor hundert Jahren schon Anson dies geschildert hat.

So siegten die Chilenen. Diese Revolution verdankt nicht dem Beispiele
Nordamerikas ihren Ursprung, sie wurde nicht erzeugt durch Nachahmung
franzsischer Grundstze, nicht durch englische speculative
Einflsterungen, sie ging aus dem Bedrfnisse, aus der unabweisbaren
Nothwendigkeit hervor, das spanische Joch abzuwerfen, sie wurde von
_Besitzenden_ des Landes, von den am meisten Begterten, und von dem
intelligentesten Theile der Nation entworfen und ausgefhrt, und diese
halten auch noch gegenwrtig die Zgel der Regierung in den Hnden.

Die Form der _Regierung_ ist etwa folgende: Ein Prsident, der das
Prdicat Excellenz hat, steht an der Spitze. Er wird auf fnf Jahre
gewhlt, und kann hierauf auf's Neue fr die gleiche Zeit, aber
nicht fr die folgenden fnf Jahre gewhlt werden. Die Wahl des
Prsidenten geschieht durch Wahlmnner, welche vom Volke gewhlt
werden.

Die Regierung wird durch die Nationalversammlung, den Congreso nacional,
geleitet. Er besteht aus zwei Kammern. Die der Senatoren aus 20
Mitgliedern bestehend, welche 9 Jahre im Amte bleiben, und die der
Deputirten, welche alle drei Jahre neu eintreten. Die Kammer der
Senatoren hat unter andern das Recht die Ernennung der Erzbischfe
zu besttigen oder zu verwerfen und spricht, im Falle ein Minister
angeklagt wird, das Urtheil. Der _gesammte_ Congreso nacional aber
bestimmt die Strke des Heeres, bewilligt die Etatsausgaben, stimmt
fr Frieden oder Krieg, nachdem der Prsident die betreffenden
Vorschlge gemacht hat. Die Gerechtigkeitspflege wird durch
verschiedene Gerichtshfe gebt, welche von unten herauf folgende
sind:

_=Inspectores=_, mit Urtheil ohne Appellation ber Dinge von 12 Peso
Werth, und mit Freiheit des Verurtheilten zu appelliren, bis zu 39 Peso.

_=Subdelegatos=_ (wrtlich: Unterbevollmchtigte). Sie urtheilen in
erster Instanz ber Sachen von 40 bis 150 Peso Werth, und in zweiter
Instanz ber solche von 12 zu 40 Peso.

_=Alcades ordinarios=_, mit Urtheil in zweiter Instanz ber Sachen von
40 bis 150 Peso und in erster Instanz ber hhere Werthe.

_=Jueces de latras=_, entscheiden endlich alle Processe die ber 150
Peso Werth haben, und in erster Instanz alle Processe gegen die vorher
genannten Richter, ebenso in Strafsachen.

Dann folgen in hherer und hchster Instanz ein _Appellationsgericht_
und ein _Oberappellationsgericht_.

Es mgen folgende Bestimmungen, Auszge aus der Constitution und aus
Gesetzbchern, vielleicht am besten geeignet sein, einiges Licht auf
den Geist der Regierung zu werfen:

Es darf Niemand verhaftet werden, auer durch Gerichtsbeschlu oder
auf frischer That ertappt.

Die Sklaverei ist abgeschafft[25].

Die Tortur und der Eid des Angeklagten in Kriminalsachen ist
abgeschafft.

Das Briefgeheimni ist garantirt.

Es besteht vollkommenste Prefreiheit. (Hiebei mu indessen bemerkt
werden, da die Justiz, liberal im hchsten Sinne des Worts, kein
Prevergehen zu kennen scheint. Macht sich aber irgend Jemand unntz,
und zeigt sich als Feind der Regierung, so wei ihn die Polizei zu
fassen. Auslnder werden in diesem Falle auf das nchste beste Schiff
einer befreundeten Macht gesetzt und friedlich in ein anderes Land
gefahren. Einerlei wohin: Bolivien, Centralamerika, Peru.)

Alle Abgaben und Lasten sind gleich.

Die Industrie ist vollkommen frei.

Literarisches Eigenthum ist gegen Nachdruck geschtzt.

_Die ffentliche Macht gehorcht, sie deliberirt nicht_.

Eine Maregel, welche in Gegenwart oder in Folge einer Aufforderung der
ffentlichen Macht getroffen worden ist, ist als nichtig zu betrachten.

Jede Reprsentation des Volkes, auer durch den Congreso nacional, ist
Aufruhr.

Bei Aufruhr kann der Belagerungszustand eintreten.

Beim Belagerungszustand ist die Constitution rtlich und zeitlich
aufgehoben.

Das Militr in Chile besteht aus den Linientruppen und der Landmiliz.

Die Soldaten der Linie werden geworben. Ich kann keine Nachricht geben,
ob blos nur Chilenen oder ob auch Auslnder eintreten knnen. Indessen
wei ich, da whrend ich in Valparaiso war, ein Nordamerikaner als
Militrarzt angenommen wurde. Der Stand der Landarmee ist im Frieden
auf 3000 Mann festgesetzt. Zur Zeit meiner Anwesenheit betrug derselbe
indessen nur 2770 Mann. Der chilenische Soldat liegt whrend des
Friedens gerne im Schatten und raucht seine Cigarre, speist gerne und
thut am liebsten Nichts. In Sauberkeit der Uniform wre Manches zu
wnschen. Im Kriege geht er wie toll auf den Feind und macht Mrsche,
deren Gre ich hier nicht niederschreiben will, weil man mir nicht
glauben wrde. Bei solchen Fllen herrscht strenge Mannszucht, und
ich will ein Beispiel anfhren, welches mir von einem hchst
glaubwrdigen Augenzeugen erzhlt wurde. Die chilenische Republik
fhrte Krieg, ich glaube mit der argentinischen, doch wei ich die
nicht mehr so genau und ebenso nicht den Namen des Generals, welcher
einsah, da es durchaus nthig war, zu einer bestimmten Zeit ber der
Cordillera zu sein. Die Jahreszeit war bel, die Wege gefhrlich
und mhsam zu erklimmen. Jener Anfhrer aber erlie fast wrtlich
folgenden Tagesbefehl:

    Mitbrger! Soldaten!

  Wir _mssen_ ber die Cordillera. Ich habe nur zwei Dinge zu befehlen:

  Bei dem Marsche ber die Cordillera gibt es keine vollstndige Musik,
  fr je 30 bis 40 Mann reicht eine Guitarre aus!

  Bei dem Marsche ber die Cordillera gibt es keine Mdigkeit. Der
  zurckbleibende Mde wird erschossen!

Man kam in unglaublich kurzer Zeit ber das Gebirge, indem man beim
Klange der Guitarre marschirte und es meldete sich nicht ein Mann als
mde.

Die Offiziere der chilenischen Linie haben durchaus die Haltung der
europischen und alle die ich gesehen habe, schienen mir feine Mnner
zu sein.

Da jeder Chilene in die Liste des Heeres eingetragen ist, so betrgt
auf dem Papiere die Anzahl der Miliztruppen fast 80,000. Wie viele
indessen hievon dienstfhig und ob alle Milizen verpflichtet sind ber
die Grenze zu gehen, wei ich nicht. Indessen uniformirt und bewaffnet
der Staat diese Landwehr auf seine Kosten, und wenn sie im Diente sind,
werden sie besoldet. Den Rang eines Generals giebt der Congreso und vom
Major aufwrts ernennt derselbe ebenso alle Offiziere der Miliz, welche
Leute vom Fach sein und bereits bei der Linie gedient haben mssen. Vom
Major abwrts whlt die Miliz sich ihre Offiziere selbst. Es kmmt
kaum vor, da hiebei Mnner zur Wahl kommen, welche, wie soll ich
sagen, miliebig sind.

Es mag sich treffen, wie anderwrts auch der Fall ist, da die
militrischen Uebungen der Miliz nicht mit derselben Sorgfalt und
Prcision ausgefhrt werden, wie jene der regulren Truppen; aber im
Kriege hat sich die chilenische Landwehr stets vortheilhaft benommen und
Tchtiges geleistet. Da die Cavallerie vorzglich ist, braucht kaum
erwhnt zu werden, wenn man bedenkt, da jeder Chilene ein geborener
Reiter.

Der Stand der Marine ist kein glnzender. Chile hat eine Fregatte, zwei
Corvetten und noch zwei andere kleine Schiffe. Es wollte mich bednken,
als segle die Fregatte nicht sehr rasch und sei zum Dienste auf hoher
See nicht wohl zu brauchen. Obgleich nur allein Kstenland, hat Chile
doch vielleicht eingesehen, da im Fall einer Mihelligkeit mit einer
greren Macht Europas oder mit Nordamerika, gegen jene bedeutenden
Seemchte mit aller Aufopferung doch Nichts auszurichten sei; da
aber Chile auerdem mit Ausnahme zweifelhafter Stationen in der
Maghellanstrae, keine berseeischen Besitzungen oder Colonien
hat, und berdem keine bedeutende Ausfuhr an Landesprodukten durch
chilenische Schiffe stattfindet, hlt man wohl die Kosten einer
greren Flotte fr nicht quivalent ihrem Nutzen.--

Ueber das _Unterrichtswesen_ wei ich nur wenig zu sagen.

In Santjago ist eine Universitt und ein hheres Gymnasium;
Realgymnasien (Collegio) sind in jeder Provinz, niedere Brgerschulen
in jeder Stadt. Auerdem ist in Santjago eine Militrakademie, ein
geistliches Seminar, ein Schullehrer-Seminar und eine Hebammen-Schule.
Eine Navigationsschule ist in Valparaiso, eine Bergwerksschule ist in
Coquimbo.

Das Laboratorium der Universitt zu Santjago ist vollstndig
zweckmig erbaut und reichlich mit Instrumenten und Gerthschaften
ausgerstet. Ich habe mich in demselben heimischer gefhlt als fast
irgendwo auf meiner ganzen Reise. Domeyko steht demselben vor und ist
berhaupt die Seele aller naturwissenschaftlichen Unternehmungen des
Landes. Ich bin erstaunt ber das vielseitige und gediegene Wissen
dieses Mannes und ber seine rastlose Thtigkeit. Aber ich habe nie
auf die in mein Fach einschlagenden Gegenstnde des Unterrichts nher
eingehen knnen, und vermag keine Aufschlsse zu geben ber den Gang
der Gymnasialbildung, die Form und die Gesetze, welche dort eingehalten
werden bezglich des Uebertritts auf die hohe Schule und ob dort alte
Sprachen, wie bei uns, vorzugsweise betrieben werden.

Im Uebrigen wei ich aus guter Quelle, da die Regierung sich
lebhaft fr das Erziehungs- und Unterrichtswesen interessirt, dasselbe
cultivirt und nach ihrem Sinne regelt.

Obgleich Chile nach seinen gegenwrtigen Verhltnissen eher bestimmt
ist, den Ackerbau und das Bergwesen zu cultiviren, als vorzugsweise
ein Handel treibender Staat zu sein, ist der Handel doch einer der
wichtigsten Gegenstnde fr das Land und das schon deswegen, weil
sowohl wirkliche Luxusgegenstnde, als auch zum Leben unentbehrliche
Bedrfnisse von Auen eingefhrt werden. Obgleich ich vielleicht im
Stande wre, ziemlich ausfhrliche Nachrichten in Betreff des
dortigen Handels mitzutheilen, mu ich mich doch auf einen kurzen Raum
beschrnken, da der Zweck der gegenwrtigen Notizen nur der ist, eine
allgemeine Uebersicht zu geben.

Die Artikel, welche ausgefhrt werden, sind vorzugsweise: _Silber_,
=plata pinna= und =plata en barras=, d.h. in kurzen runden Blttern
und Barren, und gemnzt, Pesos, als Zahlung nach Europa; _Gold_, doch
weniger. -- _Kupfer_, ein Hauptartikel, in Erzen sowohl nach England
und Hamburg, vorzugsweise aber =cobre in ejes=, d.h. schon einmal
geschmolzenes, ferner in Barren und fast vollstndig rein. Das
chilenische Kupfer geht nach ganz Europa und nach den Vereinigten
Staaten.

_Wolle_, Schafwolle; indessen scheint es als wrden blos geringere
Sorten ausgefhrt, und man behielte die feinsten im Lande.

_Ochsenhute, die Felle der Chinchilla_, letztere als ganz feines
Pelzwerk hufig nach Europa.

An Produkten des Ackerbaues, jedoch fast einzig fr die benachbarten
Lnder der Westkste, wird am hufigsten ausgefhrt Waizen, dann
Gerste und Bohnen. Mit Ausnahme dieser letzteren Gegenstnde, welche
meist durch chilenische Handelsschiffe verfahren werden, geschieht die
Ausfuhr der anderen durch fremde Schiffe, welche sie in den chilenischen
Hfen abholen.

Der Import aber ist ohne Zweifel in Chile der bedeutendste Handelszweig.
Dies wird vollstndig klar werden, sobald ich weiter unten die
gewerbliche Thtigkeit Chiles erwhne.

Dieser Handel ist durchgngig in den Hnden von Europern. Deutschen,
Englndern und Franzosen, und durch sie werden die Erzeugnisse ihrer
Lnder nach Chile gebracht. Handelshuser in Europa haben dort, meist
in den Hfen und vorzugsweise in Valparaiso, ihre Agenten, diesen
werden die verlangten und gangbaren Waaren zugeschickt und von ihnen
in greren Parthieen an die Handelsleute verkauft, welche sogenannte
offene Geschfte, d.h. Lden haben. Nicht blos alle Eisen-, Stahl-
und Messingwaaren, sondern auch Glser, Papier, Linnen, Kattune,
Seidenzeug und tausend Artikel, die unter dem Namen der kurzen Waaren
begriffen sind, werden auf diese Weise eingefhrt.

Kaum braucht bemerkt zu werden, von welcher Wichtigkeit fr die
europische Industrie diese Verhltnisse sind, wenn man bedenkt,
da die stets wachsende Bevlkerung von Chile, ja fast der ganzen
Westkste, diese Produkte unsers Fleies von uns zu beziehen
genthigt ist, indem keine Fabrik in jenen Lndern existirt, und
wohl nach dem gegenwrtigen Stande der Dinge auch Manufaktur- und
Fabrikwesen so bald keine festen Wurzeln dort fassen drfte.

Ohne unseren dortigen europischen Landsleuten irgendwie zu nahe treten
zu wollen, lt sich doch von vorne herein denken, da dieselben
sicher der Errichtung und dem Aufblhen einer Fabrik mit allen Krften
entgegentreten werden, denn der Absatz europischer Waare wrde
stocken, und mithin ebenfalls ihr Verdienst.

Auf der andern Seite glaube ich nicht, da die Chilenen selbst gute
Arbeiter fr solche Geschfte abgeben wrden; sie haben wenig
Sinn fr sitzende Lebensart und berhaupt ist das Land, welches
allenthalben noch Feld genug bietet zum Ackerbau, nicht bestimmt, seine
Kinder in dem Baumwollstaube einer Spinnerei verkmmern oder in einer
Farbfabrik chronisch vergiften zu sehen[26].

Endlich aber wird wohl schwerlich die chilenische Regierung selbst
besonders lebhaft sich fr die Errichtung von Fabriken interessiren.
Einestheils hat sie wohl eingesehen, da dauernder Wohlstand in Chile
vorzugsweise nur durch Acker- und Bergbau begrndet werden kann. Auf
der andern Seite aber wrde durch das Aufhren des Imports fremder
Waaren ein unersetzlicher Ausfall in den ffentlichen Finanzen
entstehen, denn es ist der _Eingangszoll_, welcher vorzugsweise die
Ausgaben des Staats decken mu.

Ich will kurz die Einnahme des Staats und mithin zugleich die Abgaben
berhren. Es kmmt sogleich nach dem Zolle das _Tabaksmonopol_ in
Betreff der Ergiebigkeit fr den Staat. Es darf in Chile kein Tabak
gebaut werden und die Einfhrung unterliegt der Aufsicht der Regierung.
Im Jahre 1845 hat die Einfuhr des Tabaks und der Verkauf im =Estano
publico= des Staates, demselben 663,356 Pesos getragen.

Der _Zehnte_, vorzugsweise von Vieh und Getreide erhoben, ist nicht
bedeutend, da er nicht strenge eingefordert oder vielmehr geringer
gegeben wird, doch will ihn das Volk nicht abgeschafft wissen, da man
dann eine andere Steuer frchtet.

Der _Catastro_, eine Art Grundsteuer, unbedeutend.

Der _Alcabala_, welches mit Handlohn bersetzt werden kann, wird
mit 4 Procenten beim Verkaufe von Grundstcken entrichtet; er trug im
Jahre 1845 102,176 Peso.

Die _Patente_, Gewerbsteuer, beim Kaufmanne 50 Peso nicht bersteigend,
beim Gewerbtreibenden nicht 25.

Ferner. Die _Post_, das _Wegegeld_, das _Stempelpapier_ und die
_Mnze_, Alles aber nur sprliche Einnahmen, so, da die Mnze im
Jahre 1845 nur 23,959 Peso, die brigen drei Punkte aber eine noch
geringere Einnahme boten.

Der Eingangszoll aber betrug im gedachten Jahr 1,763,739 Peso, und weder
die Regierung noch das Volk werden diese glcklich erdachte Steuer
missen wollen. Glcklich erdacht nmlich fr Chile, indem die ganze
Masse der Fremden und alle Schiffe, welche Bedrfnisse einnehmen,
dieselbe mittragen mssen und beider Anzahl, gerade fr Chile, das
Kstenland, eine bedeutende ist.

Auerdem besteuert sich durch den Zoll gewissermaen das Publikum
selbst, indem der Luxus theuerer besteuert ist als Nothwendiges, feinere
Waaren hher als geringere. So richtet sich z.B. bei Linnen und
Baumwollenzeugen die Gre der Steuer nach der Anzahl von Fden,
welche auf einen Quadratzoll gehen.

Der Empfnger gibt den Werth der Waaren an und scheint derselbe der
Zollbehrde zu gering, so hat sie das Recht gegen Erlegung des Preises
sie zu behalten.

Einige, durchschnittlich berechnete, Einfuhr-Anstze sind folgende:

  Baumwollenwaaren              20 - 30 Procent d. Werthes,
  Garn                          20         "         "
  Wollenwaaren                  20         "         "
  Seidenwaaren                  15         "         "
  Leinen                        20         "         "
  Metalle                       10         "         "
  Schiffsmaterialien             2 - 20    "         "
  Wein                          20 -100    "         "
  Bier                         100         "         "
  Spirituosen                   40 - 75    "         "
  Eisen u. andere Metallwaaren  20         "         "
  Glas                          20         "         "
  Steingut, Porcellan           20         "         "
  Lederwaare                    30 - 35    "         "
  Kurze Waare berhaupt         20 - 35    "         "
  Mobilien                      30         "         "
  Papier                        20         "         "

Diesen Notizen fge ich bei, da die Zollbeamten artig sind und
Privatleuten, von welchen sie voraussetzen, da dieselben keinen Handel
treiben, durch die Finger sehen. So habe ich offen einen groen Theil
meines Tabakes und meiner Cigarren vor das Mauthhaus in Valparaiso
gebracht, aber man that, als bemerkte man denselben nicht, nachdem man
erfahren, da ich =medico i naturalista= sei.

Den Schiffkapitnen aber der Kauffahrteischiffe lauern sie ganz
speciell auf, da dieselben fast alle schmuggeln. Ich selbst habe die
chilenische Zollbehrde um nichts gebracht, als um den Zoll von 100
Flaschen englisches Bier, welche ich bei meiner Abreise von einem
amerikanischen Schiffe[27] auf das unsrige schmuggelte.

Jene Geschichte hat mir 40-50 Peso erspart und viel Vergngen, d.h.
romantisches, verschafft, leider aber kann sie nicht ganz erzhlt
werden, eben so wenig wie eine andere analoge Schmuggel-Expedition,
welcher ich spter beiwohnte. Man mu oft das Interessanteste
verschweigen, und kann als =naturalista= nicht berichten von jedem
Schmetterling, den man gefangen, und von jeder Jagd (=caza=) die man
unternommen.

Der _Stand der Gewerbe_ in Chile geht zum Theil aus dem vorher ber
den Import Gesagten hervor. Man kann z.B. annehmen, da der grte
Theil der nach europischem Schnitte verfertigten Kleider auch von
Europa aus schon fertig eingefhrt werden, obgleich es Schneider in
Chile giebt, die ganz gut arbeiten und es ist mit analogen Dingen,
Schuhen, Hten u.s.w. derselbe Fall.

Geht man auf die einzelnen Gewerbe ein, so findet man, da viele
Gewerbe, welche bei uns in sehr verschiedene Fcher zerfallen, dort in
ein einziges vereinigt sind. Selbst Auslnder, die dort ansssig sind,
betreiben auf diese Art ihr Geschft. So habe ich in Valparaiso die
ziemlich bedeutende Werksttte eines Franzosen gesehen, der Schmied,
Schlosser, Waffenschmied und Bchsenmacher zu gleicher Zeit war, und
welcher zwar gute, indessen ziemlich theuere Arbeit lieferte. Ich mute
demselben fr einen ganz einfachen Mineralienhammer drei und fr einen
Ladestock mit Krtzer vier Peso bezahlen.

Viele Gewerbe sind sehr schlecht vertreten, z.B. das der Dreher; fast
alles in diese Fcher Einschlagende wird importirt. Ein gleicher Fall
ist mit Optikern und Mechanikern, und wohl grtentheils auch mit
Uhrmachern. Leder- und Riemenzeug wird im Lande sehr solid gefertigt,
doch zieht man, wenn es halbweg angeht, europischen, oft wenig
dauerhaft gefertigten Kram vor.

Ich glaube fast, da unter den Gewerben, welche reine Luxusartikel
fertigen, Gold- und Silberarbeiten am besten vertreten sind. Die
Zierlichkeit und Dnnheit europischer Schmuck-Gegenstnde findet man
nicht bei den dort gefertigten, obgleich viel eingefhrte theuer
genug verkauft werden; aber noch sind Anklnge vorhanden altspanischer
Luxusliebe und des Reichthums und Ueberflusses an edlen Metallen,
der bei Entdeckung der Westkste angetroffen wurde. Von den schweren
Beschlgen an Sattel und Reitzeug habe ich schon oben gesprochen, aber
auch andere Dinge werden schwer und reich gefertigt. Ich habe mir dort
eine silberne Mechara, eine Lunte zum Anznden der Cigarren fr vier
Peso gekauft, aber ich habe solche von Gold gesehen, welche zwlf
Unzen kosteten. Aehnlich sind die im Lande gefertigten Ketten, Dosen und
dergleichen.

Whrend meiner Anwesenheit in Santjago kam bei einem mir bekannten
deutschen Goldarbeiter eine Sendung kalifornisches Gold im Werthe zu
etwa 9000 bis 10,000 Peso an. Alles wollte Schmucksachen von diesem
Golde besitzen, und der Vorrath war rasch aufgearbeitet. Ich wohnte
fters diesen Arbeiten bei und kann behaupten, da aus einer
Tabatire, wie sie dort gefertigt wurden, sicher sechs von jenen
htten gemacht werden knnen, wie sie bei uns im Gebrauche sind,
und dabei fehlte eine gewisse, wenn auch eigenthmliche Eleganz jenen
Arbeiten durchaus nicht.

Die Gewerbe, welche die zum Leben unentbehrlichen Dinge liefern, werden
meist von eingebornen Chilenen betrieben, so z.B. sind Maurer und
Zimmerleute meistens Landeskinder. Ich habe da die Bemerkung gemacht,
da gewisse Handthierungen vollstndig den Unterschied der Nationen
aufzuheben scheinen. Der chilenische Maurer z.B. ist das lebendige
Ebenbild seines deutschen Collegen. Hier ist alle spanische Grandezza,
alles Feuer des Sdamerikaners verschwunden. Er ist Maurer mit Herz und
Seele. Er nimmt aus einer groen Dose, die sich knarrend ffnet, seine
Prise, und bedient sich mit Gerusch eines blauen Taschentuches. Er
bedarf die dreifache Zeit, welche jeder andere Mensch bedarf, um von
einer Stelle des Baues zur andern zu gehen und streicht den Mrtel so
langsam und bedchtig auf, als wolle er dessen Erhrten abwarten. Mit
dem ersten Schlage der Feierstunde aber lt er die Kelle aus der Hand
fallen und geht unerwartet raschen Schrittes von dannen.

Auch der chilenische Tncher braucht, wie der deutsche, stets zwei Tage
lnger als er versprochen hat zur Arbeit, und beschmutzt nach Krften
alle benachbarten Gegenstnde.

So umschlingt ein groes gemeinschaftliches Band alle Menschen als
Brder!

Andere Gewerbe befinden sich noch auf der Stufe mglichster
Einfachheit. So z.B. die Weberei. Das Spinnrad und der eigentliche
Webstuhl sind unbekannt. Man spinnt mit der Spindel, und wie frher
unseren Frauen einzig die Weberei oblag, wird sie noch heute in
Chile allein von denselben betrieben, und das zwar auf mhsame und
beschwerliche Art. Die Kette wird an zwei Stben von der Breite des zu
verbindenden Tuches befestigt, und diese Stbe werden Anfangs in der
ganzen Lnge der Fden an der Kette angespannt und sechs Zoll hoch
ber dem Boden an Pflcken befestigt. Auf einem langen dnnen Stabe
ist der Einschlag aufgewunden und wird zwischen den Fden der
Kette durchgeschoben, und diese wird durch Schlingen mittelst eines
durchgeschobenen schweren Holzes in die Hhe gehoben. Diese Arbeit ist
sicher mhevoll und beschwerlich, und je nach der Feinheit des Gewebes
knnen des Tags hindurch eine bis drei Ellen gefertigt werden. Aber
dennoch weben die Frauen und Mdchen jene feinen Ponchas, von welchen
ich schon gesprochen habe und welche theuer bezahlt werden.

Auch das Frben besorgen die Frauen, und die gewebten Wollenzeuge sind
schn und dauerhaft gefrbt; ich wei indessen nicht auf welche Weise
und mit welchen Farben sie die bewerkstelligen, obgleich ich mich
mehrfach bemhte, es zu erfahren.

Ich will noch kurz der Mhlen und Tpferei gedenken.

Die chilenische Mhle wie solche auf dem Lande allenthalben im
Gebrauche, besteht aus einem niedern horizontal und festliegenden
Steine. Durch diesen geht eine Welle und in dieser luft der obere
Stein. Unten sind horizontal eine Art keilfrmige Speichen angebracht,
die man am Ende lffelfrmig ausgehhlt hat. Ein Wasserstrahl gegen
dieselben geleitet, treibt das Rad. Es giebt auch Mhlen, bei welchen
der Mhlstein in einer hlzernen Rinne auf und ab bewegt wird, ganz
auf hnliche Weise wie bei uns an manchen Orten Aepfelwein bereitet
wird.

Auslnder aber haben groartige Mhlen eingerichtet nach neuem
amerikanischem System und deren befindet sich eine in Conception und
eine andere in Santjago, welche letztere einem Amerikaner gehrte.
Dicht an neben diesem Etablissement, welches auer der eigentlichen
Mhle noch aus verschiedenen groen Hfen, Speichern u.s.w.
besteht, befindet sich eine jener kleinen rmlich construirten, bei
welcher der Mhlstein in einer Rinne luft, eine Maus neben einem
Elephanten. Ihr Besitzer verlachte den Amerikaner als er seinen Bau
begann und wartet noch jetzt auf seinen Ruin, aber der Amerikaner macht
die besten Geschfte. Der Windmhlen bei Valparaiso habe ich bereits
gedacht. Ihr Eigenthmer ist ein Englnder.

Der Tpferei erwhne ich vorzugsweise wegen der eigenthmlichen Form
der dort gefertigten Arbeiten. Es bedienen sich Wohlhabende meist aus
Europa eingefhrter eiserner Tpfe und nur rmere Leute, und nur
solche, welche weiter im Innern wohnen und das eiserne Geschirr schwer
erhalten knnen, haben irdenes. Die Form dieses irdenen Geschirres ist
merkwrdiger Weise ganz dasselbe wie sie noch heut zu Tage in allen
germanischen Grbern gefunden wird, welche man von Zeit zu Zeit
in Deutschland ffnet. Ich habe frher in Franken mehrfach solche
Ausgrabungen geleitet, und dabei Mittel eingeschlagen die Gefe
_ganz_ aus der Erde zu bekommen; ich habe aber dort nicht _eine_ Form
ausgegraben, welche nicht in Chile noch tglich gefertigt wird, und im
Gebrauch ist. Eine _zufllige_ Aehnlichkeit ist nicht mglich, denn
die Uebereinstimmung ist allen Einzelnheiten der verschiedenen Gefe
ist zu gro. Es findet also irgendwie ein Zusammenhang statt.
Aber welcher? Ich habe spter in der Algodon-Bai Grber der alten
Titicacaner geffnet und Reste von Tpfergeschirr gefunden, welche
allerdings Aehnlichkeit mit dem in Rede stehenden hatten, aber aus
jenen Fragmenten war eine _Gleichheit_ kaum mehr zu entwickeln. Die
Titicacaner-Race aber ist bereits 1000 bis 1500 Jahre von der Erde
verschwunden. In den Grbern der ihnen folgenden Inca-Race finden sich
Gefe von ganz anderer Form, hingegen bedienen sich die Ureinwohner,
welche von Panama an bis nach Kalifornien gefunden werden, ganz
derselben Geschirre, wie man sie in Chile findet, und fast an der
ganzen brigen Westkste sind sie in Gebrauch. Ist die Form dieses
Tpfergeschirres von den Spaniern nach Sdamerika gebracht worden,
oder haben dieselben jene von den Eingeborenen angenommen? Weder an
Ort und Stelle habe ich etwas Nheres hierber ermitteln, und hier
in Deutschland eben so wenig erfahren knnen, welches Kochgeschirr man
gegenwrtig noch in Spanien gebraucht, so einfach die auch erscheint.
Die wichtigen Fragen, welche in ethnographischer Beziehung sich hieran
knpfen lassen, brauche ich wohl nicht anzufhren.--

Fast hnlich wie es mit dem Mhlenwesen in Chile geht, verhlt es
sich auch mit dem Ackerbaue. In greren Hacienden wird, hnlich
wie in jener amerikanischen Mhle, mit verbesserten Hlfsmitteln und
vergrertem Vortheile gearbeitet, auf kleineren Gtern aber ist die
Art und Weise des Ackerbaues noch auf niederer Stufe. So hat man gegen
den Sden zu kaum eisernes Gerthe, auer eine Axt, eine Sichel mit
gekerbter Schneide, also ganz antike Form, und ein starkes Messer.
Der Pflug ist ein gekrmmtes Holz mit einer ebenfalls hlzernen
Pflugschaar und die Egge ein Bndel irgend einer dornigen Staude. Die
Schaufeln bestehen aus dem Schulterblatte eines Ochsen oder Pferdes.
Gewhnliche Transporte oder Lasten, die fr Maulthiere zu schwer sind,
werden auf Ochsenhuten fortgeschleift, zweirdrige Karren sind fast
schon ein Luxus und bei diesen bestehen die Rder einfach aus dem
Querschnitte eines starken Stammes. Aber auch weiter gegen den Norden
und auf greren Besitzungen sind noch sehr einfache Methoden im
Gebrauch, so z.B. das Dreschen vermittelt Pferden. Es war die eine
der ersten Eigenheiten des Landes, welche ich, als ich mich Santjago
nherte, bemerken konnte und welche mir noch vollkommen neu war. Man
hatte einen groen Fleck des Landes geebnet, eingezunt, dort das
Getreide aufgeschttet und jagte nun etwa mit 100 Stuten im tollsten
Rennen auf demselben umher. Die ausgefallenen Krner werden gegen den
Wind geworfen und so von der Spreu gereinigt. Wie viel Getreide auf
solche Weise verloren geht, kann man sich denken.

Die Viehzucht ist in Chile sehr blhend, obgleich auf ziemlich andere
Weise betrieben, als bei uns. Kleinere Gutsbesitzer lassen ihr Vieh in
der Nhe ihrer Huser weiden wie es ihm gutdnkt und man fngt,
je nachdem man vielleicht zum Verkauf oder zum Schlachten ein Stck
bedarf, das ausgewhlte mit dem Lasso. In der Nhe des Gebirges aber
treibt man das Vieh jhrlich dorthin, wo es unter der Aufsicht von
Kuhhirten den Sommer ber bleibt, und nur in den Wintermonaten, wo der
Schnee sich in tiefere Regionen herabzieht, wird es ebenfalls weiter
abwrts gebracht.

Ich bin, als ich aus der Cordillera zurckkehrte, einem solchen Zug von
Rindern begegnet, aber glcklicher Weise durch eine Schlucht getrennt.
Es wurde dort eine Heerde von etwa 6 bis 8000 Stck getrieben, obgleich
oben schon eine bedeutende Anzahl zerstreut war. Wir waren froh, zur
Heimkehr nicht jenen Weg auf der entgegengesetzten Seite der Schlucht
gewhlt zu haben, denn dort wre kein anderes Mittel gewesen, als
umzukehren und mit dem rennenden Vieh bis an den Ort seiner Bestimmung
zurck zu reiten. Der ganze Haufe rannte in der That wie toll und
besessen auf dem schmalen und gefhrlichen Bergpfade, dessen eine Seite
von einem tiefen in die Schlucht fhrenden Abgrunde begrenzt wurde,
vorwrts, blkend und brllend und ohne Zweifel alles niederwerfend,
was nicht gleichen Schritt hielt. Einzelne Vaceros mit furchtbaren
Spornen und starken bis an die halben Schenkel reichenden
Ledergamaschen, hie und da mit langen speerartigen Stachelstcken, alle
aber mit dem Lasso bewaffnet, ritten mit, leitend und antreibend, und es
gab das ganze wilde Treiben ein wirklich anziehendes Bild.

Oben angelangt, zerstreut sich das Vieh in den Bergen, indem es bereits
die dortigen Weiden kennt, wird indessen von den Vaceros in steter
Aufsicht gehalten. Die trchtigen Khe werden nher zum Lagerplatz
getrieben, um die jungen Klber gegen den Puma und den Condor
beschtzen zu knnen, widerspenstige Thiere aber werden mit dem Lasso
niedergeworfen und so wird ihnen ein gewaltiger Respekt vor demselben
beigebracht.

Einmal im Jahre bringt man einen Theil des Viehes in die Nhe der
Hacienda und sucht dort dasjenige aus, welches zum Schlachten bestimmt
wird, ich glaube, da auch bei dieser Gelegenheit die einjhrigen
Klber gebrannt, d.h. mit dem Zeichen des Besitzers versehen
werden. Man hat dann in der Nhe der Hacienda einen sogenannten Corral
aufgerichtet, nmlich eine starke Umzunung in welche die Rinder
getrieben werden. Man sucht diejenigen aus, welche zum Schlachten
bestimmt sind, trennt sie von den andern und lt sie noch einige
Monate auf gut bewsserten Wiesen in der Umgegend der Hacienda weiden,
bevor sie getdtet werden; das brige Vieh aber wird wieder in's
Gebirge zurckgeschickt.

Auch Schaf- und Schweinezucht werden betrieben und in neuerer Zeit hat
man englische Schweine eingefhrt, welche sehr gut gedeihen.

Ich habe von allen den Gegenstnden, welche ich im Vorhergehenden
berhrte, keineswegs ausfhrliche Nachrichten geben wollen, sondern
ich beabsichtigte eine Skizze der Zustnde und der Verhltnisse des
Landes zu geben. Aber es ist auch Zeit _diese_ abzubrechen.


                  #Mannheim.#

  Schnellpressendruck von _Heinrich Hogrefe._




Funoten:


[1] Landratten-Ausdruck. Seemanns-Sprache: schlimmes Wetter.


[2] In jeder Beziehung ist auf Kriegsschiffen ein anderes Verhltni.
Dort ist jeder Kapitain unumschrnkter Herr. Er mu es dort nothwendig
sein, und jedermann an Bord sieht die ein. Es trifft sich selten der
Fall, da auf Kriegsschiffen Passagiere mitgenommen werden. Geschieht
aber die, so mu der Reisende sich unbedingt in die Befehle des
Kapitains fgen. Ich wei einen Fall, wo ein Passagier in Ketten
gelegt wurde, weil er hartnckige Widersetzlichkeit an den Tag legte.


[3] Bericht ber die Arbeiten von Chatin, E. Marchand, Niepce, Meyrac
ber das Vorkommen des Jods. =Compte rend. XXXV.= 505, und Erdmann:
Journal f. pract. Chemie. Band 57, Seite 468. 1852. Vorzugsweise zu
bercksichtigen die Abhandlung v. Niepce: Abhngigkeit des Cretinismus
von Mangel des Jod in der Luft, im Wasser und in den Nahrungsmitteln.


[4] Dieses Gesetz wurde bereits im Jahre 1830 gegeben.


[5] Bei dieser Gelegenheit mu ich der Uneigenntzigkeit unserer
Matrosen auf der Reform lobend erwhnen. Ich hatte vorher gegen
dieselben ausgesprochen, da ich fr jede eigenthmliche Erscheinung
am nchtlichen Himmel, welche man mir zeigen werde, zwei Thaler geben
wolle. Sie hatten mich des Nachts gerufen, um mich auf jenen Mondhof
aufmerksam zu machen, aber keiner war auch durch die freundlichsten
Worte zu bewegen, die bedungenen zwei Thaler zu nehmen. Ich habe
Aehnliches bei allen deutschen Matrosen getroffen. Gerne _verdienen_ sie
Geld durch wirkliche Arbeit und Mhe, aber was ihnen keine Aufopferung,
keine Anstrengung kostet, lassen sie sich nicht bezahlen. Eine andere
Sache ist es mit Wein und hnlichen Dingen, z.B. Cigarren, welche
gerne jederzeit von dem Matrosen angenommen werden. Ja er hlt es nicht
fr unanstndig, kann er irgendwie ber den Vorrath des Passagiers
gerathen, sich selbst zu bedienen. Stellt man aber selbst solche
Gegenstnde unter die Obhut der Matrosen, schenkt man ihnen Vertrauen,
so wird kein Atom derselben verschwinden. So mag ich wohl sagen, da
ich die Seeleute derb, ja roh getroffen, nie aber gemein. Als solcher
mag der bezeichnet werden, der unbedingt geschenktes Vertrauen
mibraucht, und auch wohl den Vertrauenden fr einfltig oder schwach
hlt.


[6] Um fr die Folge nicht stets berrechnen zu mssen, und einen
Anhaltspunkt fr die Preise zu haben, hier folgende Bezeichnungen der
vorzglichsten Mnzen und Geldsorten. Eine Unze Gold, _Onza_, gleich
17 Thaler spanisch, etwa 25 Thaler preuisch oder 43 Gulden. Dann
die halbe _Onza_, die viertel oder der _Escudo_, und der _Escudito_ oder
die achtel Unze. Diese in Gold geprgt, viertel und achtel aber nicht
hufig. In Silber ist ein Thaler, _Peso_, etwa 2 Gulden 30 Kreuzer am
hufigsten. Die halben und viertel Thaler, _medio Peso_ und _Pesata_,
habe ich selten getroffen. Die gewhnlichste kleinere Silbermnze ist
der Real und der _doppelte Real_, 18 und 36 Kreuzer, dann der halbe
Real 9 Kreuzer. Der Quartillo, der viertels Real und Kupfergeld, kommt
ebenfalls im Verkehr der greren Stdte weniger vor. In Kupfer hat
man brigens Zwei-Centaro-Stcke gleich ein Quartillo, und 1 Centaro.
Es mag beigefgt werden, was von Seite der Wechsler hufig Gelegenheit
gibt den Unkundigen zu prellen, da die Unze Gold 17 Thaler in
_Realen_ gilt, in _harten Thalern_ aber nur 17 Thaler, und da der
_harte Thaler_ ebenfalls gewechselt wird mit 8 Realen, whrend
unter einem Peso, Thaler, gewohnlich 8 Realen verstanden werden, d.h.
man nennt 8 Realen einen Peso.

Von Realen sind aber zwei Geprge da, als altspanische, unfrmlich von
Barren gehauene Silberstcke, mit dem Stempel und der Zahl I oder
II versehen, und neue nett geprgte. Bei jenen ersten, welche meist
gewaltig abgeschliffen sind, entscheidet die Zahl, welche eben noch
sichtbar, ob sie einen oder zwei Realen galten, so da oft ein kleines
Stck auf dem die II noch zu erkennen auch fr so viel genommen wird,
whrend das grere, offenbar als Doppelreal geprgt, nur einen
gilt.


[7] Ich habe den scheinbar hchsten desselben barometrisch gemessen und
1309 Fu hoch gefunden.


[8] Ich habe an den dicken knolligen Wurzeln dieser =Puretia= eine
eigenthmliche Erscheinung beobachtet. Der holzige Blthenstengel und
die scharfstachlichen Bltter werden von den Chilenen zu verschiedenem
Zwecke hufig nach Hause gefahren. Die starken und durch das Abhauen
der Bltter blosgelegten Wurzeln frben sich dann, wenn sie lngere
Zeit der Sonne ausgesetzt waren, so intensiv schwarz und werden so
kohlenhnlich, da man eine ausgebrannte Feuerstelle an solchen Orten
vor sich zu sehen glaubt. Diese schwarze Schicht dringt zolltief und
noch weiter in die Wurzel ein, und Schwchere dnnere Partien sind
ganz durchaus in die schwarze Substanz verwandelt, sie ist zerreiblich
und hat alle ueren Eigenschaften wirklicher Kohle. Eine Partie
solcher schwarzen Fragmente, welche ich nach Deutschland zur chemischen
Untersuchung mitnehmen wollte, ist mir leider abhanden gekommen. Ich
habe bei keiner andern Pflanze ein hnliches Verhalten getroffen.
An eine wirkliche freiwillige Verkohlung, an eine Zersetzung und ein
Entweichen der anderen Bestandtheile und ein Restiren des Kohlenstoffes
darf, wie ich glaube, kaum gedacht werden, es mte also das Auftreten
irgend eines Farbstoffes angenommen werden. Vielleicht gelingt es mir
noch, die dort so hufige Substanz zur Untersuchung zu erhalten.


[9] Die chilenische Flagge besteht aus drei Feldern, aus zwei oberen,
das eine blau mit weiem Sterne, das zweite ganz wei, das dritte,
untere, roth.


[10]: Die Unabhngigkeit macht uns stark und die Freiheit gro,
Einwohner von Valparaiso erinnert Euch mit Dankbarkeit an die Patrioten
von 1810.


[11] Ich glaube =Caspicum annuum=. Er ist roth, und wird in kleinen
ausgehhlten Krbissen zum Verkauf gebracht.


[12] Deutscher, speziell _bayerischer_ Landsmann! Drei Glser Bier
fnf Gulden! Welch ein Land! Aber die Chilenen trinken kaum dieses
edle Getrnke, und obgleich sogar das oben bezeichnete immer halbweg
ertrgliche Bier im Lande gebraut wird, wird es doch meist von Fremden
consumirt. Es ist kein Scherz, wenn ich Folgendes erzhle. Ich habe
an einem Abende der Heimath gedenkend einmal eine zweite Flasche Ale
verlangt, aber man getraute sich nicht zu verstehen, so ungeheuerlich
erschien dem Kellner dies Begehren. Er zeigte mir endlich die
beigebrachte Flasche in der Entfernung, ob er auch recht verstanden,
und spter versammelten sich Neugierige unter der Thr, um den Mann
zu betrachten, der zwei Flaschen solch bittern Zeugs ohne Schaden zu
verschlingen vermge. Kaum half es, da ich mich als Deutscher zu
erkennen gab.


[13] So besitze ich einen zierlichen, aus Baumbast gefertigten Poncho,
der whrend meiner Anwesenheit in Valparaiso von einem von jenen
Inseln kommenden Schiffer gebracht wurde, und welcher Spuren lngeren
Gebrauchs trgt.


[14] Der Pferdefreund fragt mich: Welche Race? Ich wei es nicht. Das
chilenische Pferd ist, hnlich seinem Herrn, von Mittelgre, eher
aber kleiner als dieselbe berragend. Es ist zierlich und schlank
gebaut und erinnert an die ungarische Race. Jedenfalls ist es zuerst
von den Spaniern mitgebracht worden und auch die wilden Pferde auf der
Ostkste Amerikas stammen von spanischen Pferden ab, aber wie es sich
zur gegenwrtigen Race andalusischer Pferde verhlt, ob und wie es
verndert, vermag ich nicht anzugeben.


[15] =Goma=, eigentlich Gummi, Harz. In meinem Tagebuch finde ich
bei der =Goma de Mimbrilla= verzeichnet: ist auch in der Pharmacie
bekannt, aber ich habe hier nicht entwickeln knnen, woher der Name
kmmt.


[16] =Triaca=, wrtlich Theriak, oder allgemeines Gegengift.


[17] Eine Akazien-Art mit langen Stacheln, welche erst spter im Sommer
sich belaubt.


[18] Cuesta heit auch die Hhe eines Berges, wird aber hufiger noch
als Abhang, als die abschssige Seite des Berges gebraucht, whrend
=los altas= den eigentlichen Gipfel, die Hhe bezeichnet. Die Chilenen
gebrauchen vorzglich den Ausdruck Cuesta, wie mir scheint, um das
Hinderni zu bezeichnen, was sich den Reisenden beim Uebersteigen
entgegenstellt.


[19] Es giebt in Chile privilegirte Bettler, welche durch ein
Messing-Schild an der Brust kenntlich sind. Meist Blinde oder solche
Leute, welche keine Angehrige haben und absolut arbeitsunfhig sind.
Ihre Zahl ist sehr beschrnkt, und andere Bettler trifft man kaum.


[20] In Peru habe ich nichts dem Erwhnten analoges gefunden.


[21] Ich habe von meinem verehrten Freunde, Hrn. Professor _Domeyko_ in
Santjago die Ergebnisse der Analysen einiger Flu- und Brunnenwasser
aus Santjago und der Umgebung erhalten, welche ich hier mittheile.

                  _Wasser des Flusses Maipo_

                                            7 Stunden
                             in Santjago   von Santjago
  Chlornatrium                   0.193         0.170
  Schwefelsaure Kalkerde         0.474         0.623
  Kohlensaure Kalkerde           0.115         0.054
  Kohlensaure Talkerde           0.048         0.060
  Eisen und Thonerde             0.010         0.014
  Kieselerde                     0.033         0.118
                                ------        ------
  Summe der gelsten Stoffe      0.873         1.039
  Suspendirte Stoffe             1.100         1.545


                       _Brunnen-Wasser._

                              _Brunnen_       _Brunnen_
                               aus dem       v. d. Plaa
                            Flusse Velasco   in Santjago
  Chlornatrium                   0.096         0.042
  Schwefelsaure Kalkerde         0.204         0.275
  Kohlensaure Kalkerde           0.103         0.129
  Kohlensaure Talkerde           0.003         0.020
  Eisen und Thonerde             0.007         0.015
  Kieselerde                     0.017         0.035
                                ------        ------
  Summe der gelsten Stoffe      0.440         0.516
  Suspendirte Stoffe              ---          0.040

Die untersuchten Mengen waren jedesmal ein Quartillo, gleich 1265
Grammen.

Spuren von Chlorkalium und Chlormagnesium wurden in allen Wassern
gefunden. In einigen der chilenischen Fluwasser auch Spur von Jod und
Brom.

_Domeyko_ trennte durch Filtriren die suspendirten und fand in
denselben.

  Kieselerde                 0.501
  Eisen und Thonerde         0.351
  Kalkerde                   0.086
  Vermit                     0.062
                             -----
                             1.000


[22] =Myopotamus Coypus.=


[23] Erst spter erhielt ich aus den Sessionsberichten der Academie in
Santjago eine Abhandlung von _Domeyko_, worin derselbe eine Analyse
des Wassers verffentlicht und zugleich einige Notizen ber dasselbe
giebt. Diesen Berichten ist ein weiterer beigefgt von =Dr.= _Veillon_
ber die Wirksamkeit des Wassers. Da diese Mittheilungen ziemlich
das Gegentheil von dem enthalten, was ich oben ausgesprochen habe,
so erwhne ich ihrer nachtrglich, weil mein Zweck bei allen meinen
wissenschaftlichen Arbeiten sowohl wie bei den vorliegenden Skizzen der
ist, die Wahrheit zu geben nach Krften. _Veillon_ giebt glckliche
Erfolge an, die er mit dem Wasser bei verschiedenen Krankheiten
erhalten hat, welchen ich nicht widersprechen kann, wenn sie vielleicht
gleichwohl in die Reihe derjenigen zu setzen sind, welche man hufig
auch bei uns in hnlichen Fllen beobachtet hat. Beim Gebrauche von
solchen Bdern sind der Glaube, die vernderte Lebensweise und ein
wenig guter Wille mchtige Agentien. _Domeyko_ indessen hat das Wasser
analysirt, und die Arbeiten dieses tchtigen Chemikers verdienen alles
Vertrauen. In dem zum Trinken bentzten Wasser fand er auf 1000 Theile
Wasser:

  =Chlor calcium=            2.165
  =Chlor natrium=            1.177
  =Chlor magnesium=          0.034
  Schwefelsauren Kalk        0.052
  Thonerde und Eisen         0.020
  Kieselerde                 0.035
  Organische Substanz         Spur
                             -----
                             3.483

Domeyko fand Spuren von Jod und Brom im Wasser, aber _Kupfer_ konnte er
in keiner der Quellen finden. Die qualitative Zusammensetzung der Wasser
ist gleich, sie variiren nur in quantitativer Beziehung.

Domeyko sagt ferner: =El aqua de Apoquindo es clara, cristalina, sin
olor, de un sabor mui desagradable, dificil de describir etc.=, d.h.
das Wasser von Apoquindo ist klar, kristallhell, ohne Geruch und von
einem hchst unangenehmen, schwer zu beschreibenden Geschmacke. Hierzu
habe ich nur zu bemerken, da jene Quelle, welche mir als kupferhaltig
bezeichnet wurde, allerdings einen eigenthmlichen blen Geschmack
besa, die anderen Quellen aber, und eben so die Trinkquelle, sich
nach meinem Dafrhalten im Geschmacke nicht von jedem andern guten
Brunnenwasser unterschieden.


[24] In Chile nmlich. In Europa giebt es natrlich reizendere Damen
und ohne Zweifel auch schauderhaftere alte Weiber jeden Alters und
Geschlechts.


[25] Sie war in Chile nie sehr im Gebrauche. Mir scheint, als bethtige
sich hier, was ich oben bei Brasilien ber die Sklaverei ausgesprochen.
In Chile, wo der Weie arbeiten kann, war die Sklaverei nie sehr
im Schwunge, durch die Einfhrung der Republik wurde sie gnzlich
aufgehoben. Auch in Peru hat man Republik gemacht, aber die Sklaverei
hat man gelassen. Der Transport der schwarzen Waare ist zwar aufgehoben,
aber die einmal vorhandenen werden fortgezchtet wie ntzliche
Hausthiere. Aber Peru liegt unter den Tropen.


[26] Es wurde vor drei Jahren eine Tuchfabrik in Santjago etablirt, sie
ist jetzt bereits wieder eingegangen.


[27] Jeder Gegenstand, der im Hafen von einem Schiffe auf das andere
gebracht wird, mu verzollt werden, als sei er am Lande verkauft
worden. Streifende Boote der Zollwacht fhren scharfe Aufsicht.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche
Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext beibehalten.
Eine Liste der vorgenommenen nderungen befindet sich hier am Ende
dieses Textes.


nderungen

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text


  Seite 58
  unter 2222' westlicher Lnge und 458' sdl. Breite
  unter 2222' westlicher Lnge und 458' nrdl. Breite

  Seite 70
  Am 1. Juni (245' Lnge, 0. 38' nrdl. Breite) sahen wir
  Am 1. Juni (245' Lnge, 038' nrdl. Breite) sahen wir

  Seite 83
  sich wenigstens an der Bogleine befestigen
  sich wenigstens an der Bugleine befestigen

  Seite 92
  ein Schlchen eingemachter Frchte zum Sonntagsfisch
  ein Schlchen eingemachter Frchte zum Sonntagstisch

  Seite 102
  aber leider spter in Chili verloren habe
  aber leider spter in Chile verloren habe

  Seite 107
  Schilderung des Aufenhaltes in Rio de Janeiro
  Schilderung des Aufenthaltes in Rio de Janeiro

  Seite 149
  am 21. Juli unter 56 Lnge und 46 54'' sdl. Breite
  am 21. Juli unter 56 Lnge und 46 54' sdl. Breite

  Seite 180
  trifft sich am hufigsten eine Nesselart (Losa acerifolia)
  trifft sich am hufigsten eine Nesselart (Loasa acerifolia)

  Seite 246
  Beziehung getroffen, Eine Greisin von unendlich hohem Alter
  Beziehung getroffen, eine Greisin von unendlich hohem Alter

  Seite 285
  Es giebt auch Mhleu, bei welchen
  Es giebt auch Mhlen, bei welchen]






End of the Project Gutenberg EBook of Reise in Sdamerika. Erster Band., by 
Ernst von Bibra

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN SDAMERIKA. ERSTER BAND. ***

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