Project Gutenberg's Der Kunstreiter, 3. Band, by Friedrich Gerstcker

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Title: Der Kunstreiter, 3. Band

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: June 21, 2014 [EBook #46062]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Gerstcker

  Der Kunstreiter


  3. Band

  Bosse & Co., Hamburg
  1914




25.


Hugo von Silberglanz befand sich, als er Georginen verlie, wirklich in
einem auergewhnlichen Grade von Aufregung, der nicht allein den
Reizen des schnen Weibes, sondern auch noch seinen durch sie pltzlich
berstrzten Plnen und Geschften, wie all den Verwicklungen galt, in
die er dadurch gezogen werden konnte. Und was wrde Baron Silberglanz'
Vater dazu sagen, wenn er von diesem tollen Streiche des Barons
Silberglanz' Sohn unglcklicherweise gehrt htte? Bah! das Unglck
wre zu ertragen gewesen; er war jetzt Kavalier und mute kavaliermig
handeln -- wenn es ihm auch ein paar Taler kostete -- welchen Preis
eroberte er auerdem nicht dabei fr sich -- einen Preis, um den ihn
die halbe Residenz beneiden wrde! -- Aber der Mann -- wenn Monsieur
Bertrand...

Zhbig hat recht! brummte er dabei leise vor sich hin, als er den
Fahrweg entlang dem Dorfe zueilte, sie sind keinesfalls zusammen
getraut -- nur eine wilde Ehe, wie es bei der Art Leuten ja so hufig
vorkommen soll, und dieser hochnsige Graf Geyerstein hat sich die
wunderschne Reiterin hier ins warme und bequeme Nest gesetzt. Dem aber
gnn' ich den Aerger, wenn er erfhrt, da Hugo von Silberglanz, der
verachtete, der neugebackene Baron, mit seiner Beute durchgegangen
ist. Nur allein die Genugtuung wre das ganze Abenteuer wert. -- Und
diese Georgine -- ein gttliches Weib -- ein wahrhaft gttliches Weib!
Ob sie mich nicht rein verrckt gemacht hat mit ihren Reizen? Und wie
apropos bin ich hier zur rechten Zeit gekommen -- das ist aber mein
altes Glck! Glck mu der Mensch haben, sagt mein Papa, und der Mensch
hat Glck. Hm -- ja -- aber wohin? -- Und was zerbreche ich mir noch den
Kopf? Nach Paris -- wollte ich doch nach Paris und habe den Umweg
nur ber hier gemacht -- jetzt reis' ich in Gesellschaft, und was fr
Gesellschaft! Was liegt an den paar hundert Talern -- und wenn's tausend
wren! Hugo von Silberglanz ist nur einmal jung, und will auch sein
Leben genieen wie andere Kavaliere. Ein Geschft bringt die ganze Sache
zehnmal wieder ein. Und mit dem Troste sich, teils der Klte, teils
seiner angenehmen Empfindungen wegen, die Hnde reibend, eilte er in das
Dorf hinein, dessen erste Gebude er schon erreicht hatte.

Durch und durch Geschftsmann, wurde es ihm hier nicht schwer, seine
Rolle als Getreidehndler zu spielen; aber zu wirklichen Kufen traf er,
woran ihm brigens auch nicht viel lag, keine gnstige Zeit, da Baron
von Geyfeln, wie ihm die Bauern sagten, eben deshalb verreist sei, um
einen Handel fr sein und ihr Getreide -- wenn ihnen der Preis nmlich
zusage -- abzuschlieen. Erst wollten sie deshalb einmal hren, was fr
Gebote er bekommen habe, ehe sie sich auf einen Handel einlieen -- den
Fall natrlich ausgenommen, da ihnen hier ein sehr annehmbares Gebot
gemacht wrde. Von Silberglanz war aber gar nicht geneigt, teuer
einzukaufen, und unter diesen Umstnden lie er sich nur das noch
vorhandene Getreide zeigen, wog es auf einer Wage, die er bei sich
fhrte, und schrieb sich die verschiedenen Namen der Bauern auf, um
vielleicht spter doch einmal, wie er sagte, einen Handel mit ihnen
abzuschlieen.

Vorher schon hatte er seinem Kutscher die ntigen Befehle gegeben, um
Georginens Auftrag auszufhren. Das versprochene Gepck kam auch gegen
Abend an, und am nchsten Morgen, lange vor Tage, war der Wagen schon
unterwegs nach seinem Bestimmungsort, wobei der Kutscher freilich den
Kopf schttelte, da er eine Kiste und ein paar Koffer spazieren fahren
mute.

Der Wirt im Stern wute indes nicht anders, als da der fremde Herr --
von dem der Kutscher nur sagen konnte, da er ein Baron sei, und der
sich als Baron Solbern in das Fremdenbuch geschrieben -- hier in der
Gegend die Rckkunft des Herrn von Geyfeln abwarten wollte.

So verging der Tag -- die Nacht, und Hugo von Silberglanz, whrend
er das neue Sonnenlicht mit Jauchzen begrte, konnte die Zeit kaum
erwarten, die ihm gestatten wrde, wieder zu Georginen zu eilen und den
Lohn fr seine Aufopferung zu ernten. Punkt zehn fand er sich oben
im Gute ein, und Georgine kam ihm, heute ein ganz anderes Wesen als
gestern, lchelnd entgegen.

Nun? fragte sie, haben Sie Ihre Getreidekufe glcklich beendet?

Holde Georgine, sagte Hugo, reden Sie mir jetzt nicht von Getreide
und Geschften. Ich versichere Ihnen, ich kann das Wort nicht hren.
Sprechen Sie mir von sich, gestatten Sie mir, da ich Sie ansehe, da
ich Sie an mein Herz...

Halt, mein bester Baron! sagte die Frau, ihn lchelnd abwehrend.
So weit sind wir noch nicht. Haben Sie alles besorgt, was ich Ihnen
aufgetragen?

Alles, bis aufs letzte.

Ist der Wagen fort?

Heute morgen, zwei Stunden vor Tage.

Kennen Sie den Weg zur Zaubereiche?

Wie meine Tasche -- ich bin hin und hergegangen und frchte beinahe,
ich habe mich dabei erkltet -- der Schnee war so tief.

Ist Ihr eigenes Gepck mit fortgegangen?

Alles, bis auf ein Tschchen, das ich am kleinen Finger tragen kann.

Vortrefflich! Sie sind ein Muster von Pnktlichkeit, Baron. Zur
Belohnung sollen Sie auch heute eine Spazierfahrt mit mir machen. Haben
Sie Lust dazu?

Bis ans Ende der Welt.

Um Gottes willen, nein! lachte Georgine. So weit will ich Ihre Gte
nicht in Anspruch nehmen.

Aber wann brechen wir auf? -- Jetzt?

Jetzt noch nicht. Ich mu einige Leute los werden, die mir hier im Wege
sind. Um drei Uhr heute nachmittag wird der alte Mann, der gestern
oder vorgestern verunglckt ist, unten im Dorfe beerdigt werden. Meine
Wirtschafterin und der alte Verwalter werden mit zur Leiche gehen. Um
drei Uhr fahre ich von hier fort. Seien Sie um diese Zeit, oder bald
nachher, an der Zaubereiche.

Aber warum lieen Sie mich meinen Wagen fortschicken?

Ich nehme mein eigenes Pferd mit, das ich nicht zurcklassen mchte,
und komme in einem Schlitten, in dem wir beide Platz haben. Frchten Sie
sich, mit mir allein zu reisen?

Georgine!

Gut; jetzt ist alles Ntige besprochen, und nun verlassen Sie mich. Wir
drfen keinen Verdacht erwecken.

Jetzt wollen Sie mich schon wieder fortschicken?

Sie werden meiner Gesellschaft noch berdrssig werden, lchelte die
Frau. Ich bitte Sie, jetzt zu gehen.

Ich gehorche Ihnen, sagte von Silberglanz resigniert, also um drei
Uhr an der Zaubereiche. Ich werde die Minuten bis dahin zhlen.

Dann sind Sie vollstndig beschftigt. Ist noch etwas?

Ja, sagte von Silberglanz, entschlossen auf sie zugehend und ihre Hand
ergreifend. Sie haben mich zu Ihrem Beschtzer erwhlt, Georgine; ich
bin bereit, alles daran zu setzen, Ihnen zu willfahren -- seien Sie
nicht grausam! Er legte seinen Arm um sie und wollte sie an sich
ziehen.

Wir sind keinen Augenblick hier sicher, berrascht zu werden, sagte
Georgine, ihn von sich haltend; Herr von Silberglanz war aber nicht so
leicht abzuschtteln.

Und soll ich so lange auch ohne den kleinsten Lohn bleiben? drngte
der Verliebte. Georgine -- holdes, gttliches Wesen, in wenigen Stunden
ketten Sie Ihr Geschick an das meine, und jetzt -- er drckte ihren Arm
zurck und prete, ehe sie es verhindern konnte, seine Lippen auf die
ihrigen.

Georgine duldete den Ku, dann aber sich von ihm losmachend, rief sie:
Seien Sie vernnftig, Baron! Sie setzen mich und sich der grten
Gefahr aus, unsern ganzen Plan scheitern zu machen. Gehen Sie jetzt, es
ist genug; um drei Uhr an der Zaubereiche.

Um drei Uhr, rief Hugo, der sie wie in einer Verzckung anstarrte, um
drei Uhr! und mit Gewalt sich losreiend, eilte er, so rasch er konnte,
in das Dorf zurck, um dort seine Rechnung zu bezahlen, seine kleine
Tasche zu packen und zur bestimmten Zeit an der bezeichneten Stelle
nicht zu fehlen.

Georgine blieb allein in ihrem Zimmer zurck und starrte, als Herr
von Silberglanz sie schon lange verlassen hatte, noch immer still und
schweigend vor sich nieder; aber die Zeit fr sie war auch zum
Handeln gekommen, ein Rckschritt nicht mehr mglich, und das khne,
selbstndige Weib gewann mit diesem Bewutsein auch ihre ganze Energie
und Entschlossenheit wieder.

Frei -- frei -- frei! flsterte sie wie eine Beschwrungsformel leise
vor sich hin, frei bin ich wieder, wie der Vogel in der Luft, wie das
wilde Ro, das die Steppe durchfliegt und seiner Verfolger lacht. Den
Zwang habe ich abgeschttelt, der mir die Seele wund gedrckt und Geist
und Krper niedergebeugt hat, und schon fhle ich den beweglichen Boden
wieder unter meinen Fen, fhle, wie der wehende Luftzug mir die Locken
um den Nacken peitscht -- sehe die dichtgedrngte Schar der Zuschauer,
hre ihr Jauchzen, hre ihr Jubeln und fliege im Triumph die alte Bahn
dahin. -- Georg wird wten, wenn er zurckkehrt und mich -- wenn er
sein Kind nicht mehr findet, obgleich es ihm die deutschen Gesetze
zusprechen. Weder Josefine noch ich werden jemals wieder deutschen
Boden betreten. Und will er im Schweie seines Angesichts, in ruhmloser
Beschftigung und Arbeit sein Brot hier verdienen, will er, kann er
vergessen, was er einst gewesen, als ich ihn liebte, dann verdient er
auch nicht, da ich je mit einem Atemzuge an ihn gedacht. Und nun ans
Werk, denn nur noch wenige Stunden sind mein! Und mit den Worten, als
ob sie damit alles abgeworfen habe, was sie bis jetzt noch gedrckt,
ging sie rasch und frhlich daran, den einmal festbeschlossenen und
eingeleiteten Plan zur Flucht auszufhren.

Vorbereitet war er insofern schon lange, als Georgine ihre
Knstlergarderobe gepackt in *** stehen und dort die Weisung
hinterlassen hatte, sie ihr spter dorthin zu schicken, wohin man eben
die Weisung bekommen wrde. Gestern hatte sie diese erteilt, und in
wenigen Tagen konnte ihr Auftrag vollzogen sein. Ihre wie Josefinens
ntigste Kleider waren heute morgen mit dem Wagen des Barons abgegangen,
und was sie unterwegs brauchten, konnten sie recht leicht und unbemerkt
mit in den Schlitten nehmen.

Allerdings war die Tour fr ihr eigenes Pferd etwas stark, aber es
mochte sich nachher lieber wieder ordentlich ausruhen, und auf andere
Weise konnte sie es doch nicht mit sich fortfhren. Josefine wute
freilich noch kein Wort von der beabsichtigten Flucht aus ihrer neuen
Heimat; sie htte vielleicht gegen ihre Gouvernante nicht geschwiegen,
und diese jedenfalls versucht, die Ausfhrung des Planes zu
hintertreiben. War Josefine nicht mehr da, so sah sie sich natrlich
auch ohne Stellung -- ohne Brot; und wer verliert das gern so leicht?
Da Josefine selber mit Freuden das alte frhliche Leben begren,
da sie den Vater bald vergessen wrde, davon glaubte Georgine fest
berzeugt zu sein. Ueberdies hatte das Kind keinen eigenen Willen und
mute der Mutter dahin folgen, wo diese fr ihr Glck und ihre Wohlfahrt
sorgen wollte.

Nur etwas mute sie noch besorgen, dann war sie mit allem fertig, und
zwar von des Kindes Leibwsche gengend fr die erste Zeit beiseite zu
bringen, ohne da es Mademoiselle Adele bemerkte. Ein Vorwand, diese zu
entfernen, war aber bald gefunden. Georg hatte in seiner Stube einige
alte Kupferwerke, die dem Grafen Geyerstein gehrten, und die er deshalb
sorgfltig htete. Josefine durfte die Bilder nicht besehen, wenn
er nicht selber dabei war. Heute erlaubte Georgine dem Kinde,
hinberzugehen und sich die Kupferstiche zu betrachten, bat aber die
Gouvernante, dabei zu bleiben, da ja nichts mit den Bchern geschehe
und die Erlaubnis nicht mibraucht werde. Adele wandte allerdings ein,
der Herr Baron wrde es vielleicht nicht gern sehen und bse werden,
wenn er es erfhre; Madame dagegen erklrte, die Verantwortung allein
auf sich nehmen zu wollen, und die Erzieherin konnte sich natrlich
nicht lnger weigern, dem Befehle zu gehorchen.

Die Zeit, die beide dort verbrachten, gengte vollkommen. Georgine
packte alles Ntige in zwei groe Fuscke und schrieb dann die letzten
Zeilen an Georg. Der Brief war kurz und inhaltschwer; aber mit sich im
reinen, grbelte sie nicht lange ber die Fassung. Die Zeilen flogen
auf das Papier, dann faltete sie das Blatt zusammen, berschrieb und
siegelte es und legte es, als Adele und Josefine Georgs Zimmer wieder
verlassen hatten, auf ihres Mannes Schreibtisch.

Nach dem Mittagessen ging sie noch mit der Wirtschafterin durch die
Gebude und ordnete einiges an, dann zu der Erzieherin auf die Stube und
bat diese, Josefinen warm anzuziehen, da sie ein Stndchen mit ihr im
Schlitten fahren wolle. Das war den Winter schon einigemal geschehen und
konnte deshalb keinen Verdacht erregen. Josefine selber freute sich
auch darauf, und mit dem Schlage drei Uhr hielt der eine Knecht, der den
Auftrag dazu bekommen, mit dem kleinen leichten, mit Georginens eigenem
Pferd bespannten Schlitten vor der Tr. Georgine trug selber den einen
Fusack hinunter und lie den andern dann, whrend sie das Pferd hielt,
von dem Knechte nachholen. Adele war noch beschftigt, Josefine recht
warm einzuhllen, und wenige Minuten spter klingelte das muntere Tier
mit seiner leichten Last lustig zum Tore hinaus und auf der glatten
Strae hin, dem Walde zu.

Unten im Dorfe lutete die Glocke zu dem Begrbnis des alten Tobias, dem
die Wirtschafterin und der alte Verwalter pflichtschuldigst beiwohnten,
und nach dem Begrbnis gingen die Leute ins Wirtshaus, tranken noch ihr
Glas und sprachen ber den Verunglckten und die Art seines Todes.

Von Schildheim aus schritt Herr von Silberglanz, fest in seinem Paletot
eingepackt, und ein Paar Pelzstiefel, wie sein kleines Tschchen unter
dem einen, seinen groen Pelz ber dem andern Arm, einen schmalen
Fupfad entlang gerade dem Walde zu, das ihm bestimmte Rendezvous
richtig und pnktlich einzuhalten.

Es war ein wundervoller Tag, der Schnee glitzerte und funkelte in dem
kalten Sonnenlicht, und der hellblaue Himmel war von einem leichten
Dunsthauche nur eben matt berzogen. Das muntere Pferd, mit dem leichten
Schlitten hinter sich, das berdies jetzt lange im Stalle gestanden
hatte, griff auch tchtig aus, und die Kufen glitten blitzesschnell ber
den hartgefrorenen, knisternden Schnee.

Freut es dich, Josefine, fragte Georgine, als sie den Waldessaum
erreichten, so mit mir durch die Welt zu fahren?

Ach sehr, Mama, sehr, rief das Kind, es ist gar so wunderhbsch. Wre
nur Mademoiselle bei uns!

Und mchtest du lange, recht lange so mit mir fahren? weit, weit hinweg
von hier?

Wenn Papa und Mademoiselle Adele mitfhren, gewi -- und wenn wir
wieder hierher zurckkmen.

Und wenn wir nun wieder hinausfhren in die Welt? sagte die Frau,
der diese Worte einen Stich durch das Herz gaben, wenn wir nun wieder
drauen lustig unsere Pferde bestiegen und in Glanz und Lichterpracht
dahinflgen?

Josefine schttelte das Kpfchen. Zu Hause ist's hbscher, sagte sie,
und ich habe schon beinahe vergessen, wie es frher war.

Zu Hause ist's hbscher? wiederholte Georgine, ei, ei, Josefine, hast
du ganz vergessen, wie stolz wir frher auf dich waren, wie reizend du
auf dem Pferde aussahst, und wie geschickt du deine Sachen machtest?

Ja -- aber ich mu jetzt lernen, viel lernen, da ich einmal eine
wackere, brave Frau werden kann, sagte das Kind, ich mu auch dem
lieben Gott dankbar sein, da er mir eine Heimat und Eltern gegeben hat,
die fr meine Erziehung sorgen. Die armen kleinen Mdchen, die drauen
auf den Pferden tanzen und springen mssen, haben es doch lange nicht so
gut wie ich.

Wer, um Gottes willen, rief Georgine erstaunt, hat dir die albernen
Dinge in den Kopf gesetzt?

Alberne Dinge, Mama? sagte Josefine erschreckt, ich habe eine hbsche
Geschichte von einer armen Marie gelesen, und Mademoiselle Adele hat
sie mir erklrt, und jetzt freue ich mich so darauf, da mir Papa eine
andere liebe Marie mitbringen will, mit der ich spielen und tchtig
lernen kann.

Und so sehnst du dich gar nicht wieder zu dem frheren Leben zurck,
und wenn du auch ein eigenes kleines Pferd bekmest?

Nein, Mama, sagte Josefine rasch, ich will bei dir, bei Papa und
Mademoiselle Adele bleiben, und mit Marie recht, recht fleiig lernen.
Du sollst sehen, ich werde einmal ein recht gutes, braves Mdchen.

Georgine erwiderte nichts, aber sie prete die Lippen fest zusammen, und
ihr Gaul fhlte die Peitsche, da er in toller Flucht den Weg entlang
stob.

Georgine kannte die Waldwege genau, und links abbiegend wute sie,
da sie das Forsthaus umfahren konnte, um die bezeichnete Eiche zu
erreichen. Auerdem glaubte sie kaum jemanden heute im Walde zu treffen,
denn bei dem Begrbnis einer so allbekannten Persnlichkeit, wie der
faule Tobias, von dem ihr die alte Wirtschafterin gestern abend noch
viel erzhlt hatte, litt schon die Neugierde die Leute nicht zu Hause.
Begegnete sie aber auch wirklich einem oder dem andern der Forstleute
oder Holzmacher, so rechtfertigte das schne Wetter vollstndig eine
Spazierfahrt, und niemand htte an etwas anderes denken knnen.

Georgine bog aufs neue in die vom Forsthaus nach der sogenannten
Zaubereiche fhrende Strae ein. Hier war wieder Bahn, da einzelne
Holzschlitten hin- und hergefahren sein muten. Dort vor ihr lag der
ziemlich freie, lichte Platz, an dem die alte, ehrwrdige Eiche stand.
Dort sah sie auch die dunkle Gestalt eines Mannes, und kaum eine Minute
spter zgelte sie ihr schnaubendes Tier neben der Stelle ein -- aber
Herr von Silberglanz war nicht da.

Neben der Eiche, auf einer hlzernen Bank, von der er den Schnee hinweg
gekehrt, neben ein paar roh behauenen mchtigen Steinblcken, die
der Volksmund als den Opferaltar der hier frher hausenden Heiden
bezeichnete, sa der alte Forstwart Barthold und stand ehrerbietig
grend auf, als er die Frau Baronin erkannte.

Guten Tag, Forstwart, sagte die Dame und nickte ihm zu, whrend ihr
Blick ungeduldig den schmalen Pfad hinabflog, auf dem sie den hierher
bestellten Herrn von Silberglanz erwarten mute. Wie geht's? -- was
habt Ihr da?

Einen Fuchs, gndige Frau, sagte der alte Mann, indem er seinen Ranzen
ffnete, aus dem die Lunte des berlisteten Raubtieres heraushing. Ich
habe ihn heute morgen ausgegraben, denn das ist bses, nichtsnutziges
Raubzeug, das im Winter wie im Sommer nur in einem fort zusieht, wo es
was zu stehlen findet. Wir haben unter den Menschen auch solch Gesindel,
nur da man sie nicht immer gleich am Pelz drauen so gut erkennen kann,
wie die da.

Seid Ihr schon lange hier, Forstwart?

Nein, gndige Frau -- etwa eine Viertelstunde.

Ihr seid nicht vom Dorfe heraufgekommen?

Nein -- gerade von der andern Seite aus dem Walde. Nur als ich die
Glocke unten hrte, die dem alten Tobias das Geleite zur letzten
Ruhesttte gibt, da setzte ich mich hier auf die Bank und horchte den
Tnen. Es klingt ja so heilig und erhebend, wenn man die Glocken kann
im Walde anschlagen hren, noch dazu von einem solchen Platze aus, wie
dieser, wo sie in frheren Jahrhunderten ihren Gtzen Opfer
schlachteten und von dem lieben Herrgott da oben nichts wissen wollten.
Sonntagmorgens bin ich fast immer hier, besonders im Sommer, und mit dem
Gelute unten, dem Singen der Vgel und dem Rauschen des Waldes mte
das ein verstockter Mensch sein, der da nicht von Herzen beten knnte.

Georgine hrte kaum, da er sprach. Ihr Blick schweifte unruhig ber
ihn hin und an den Stmmen der Bume vorber. Wenn er sein Wort nicht
hielte! dachte sie mehr, als da sie es durch die halb geffneten Lippen
murmelte, und fast unwillkrlich ballte sich die Rechte zornig um die
gehaltenen Zgel. Das Pferd scharrte indessen ungeduldig den Schnee und
blies den Dampf aus seinen feinen Nstern in die klare Luft hinein.

Aber, Mama, sagte Josefine, du hltst so lange still. Wird es deinem
Fingal nicht schaden?

Der alte Forstwart, der seinen Blick schon lange ernst und aufmerksam
auf der Kleinen hatte haften lassen, lchelte, als er die Worte hrte.

Sieh, wie besorgt das kleine gndige Frulein schon um das arme
Tier ist! Das ist recht; das zeigt ein gutes Herz, und was wir an dem
geringsten seiner Geschpfe tun, wird uns der Herr da oben auch wieder
zugute halten.

Fahren wir jetzt wieder nach Hause zurck, Mama? fragte die Kleine,
als Georgine den Schlitten langsam um die Eiche lenkte, das in der Tat
warm gewordene Tier etwas in Bewegung zu halten.

Nein, sagte die Frau, wir besuchen vielleicht einmal den Storchhof
oder Kleinmarkstetten.

So weit?

Der Schlitten hielt wieder neben dem Forstwart -- Georgine zerbrach sich
den Kopf, wie sie den lstigen Menschen entfernen knnte.

Ttet Ihr mir einen Gefallen, Forstwart?

Mit dem grten Vergngen, gndige Frau.

Ginget Ihr wohl einmal jetzt -- oder schicktet gleich, wenn Ihr nicht
selber gehen knnt, irgend einen der Holzmacher auf das Gut hinber,
dort zu bestellen, da ich mglicherweise mit meiner Tochter nach
Kleinmarkstetten hinber gefahren wre und in dem Falle die Nacht nicht
nach Hause kme, denn die Tour wre fr mein Pferd hin und zurck zu
gro. Sie mchten sich also nicht ngstigen.

Sehr wohl, gndige Frau -- soll pnktlich besorgt werden, sagte der
Forstwart, ohne sich jedoch von der Stelle zu rhren.

Nun? -- ist noch etwas?

Hm -- gndige Frau -- Sie lachen mich vielleicht aus, und -- ich bin
auch wohl ein alter Tor -- aber -- ich htte auch eine Bitte an Sie --
oder vielmehr an das kleine gndige Frulein.

An mich? sagte Josefine erstaunt.

Ja, sagte der alte Mann, und sein gutmtiges, faltiges Gesicht rtete
sich leicht, es ist nicht viel, setzte er aber rasch hinzu, nur
bitten mchte ich Sie, mir ein einzig kleines Mal -- die Hand zu geben.

Gern! rief das frhliche Mdchen, indem sie ihre Hand aus dem Muff zog
und dem Alten reichte.

Der alte Forstwart nahm sie, sah dabei dem Kinde recht treuherzig in
die Augen, und das kleine Hndchen dann an die Lippen drckend, sagte er
freundlich: Dank, mein kleines gndiges Frulein, Dank, tausend Dank,
aber Sie glauben gar nicht, gndige Frau, wie wohl der Anblick dieses
jugendfrischen Gesichtchens mit den groen hellen Augen meinem alten
Herzen tut. Es erinnert mich an die Zeit, wo die beiden jungen Herren
Grafen hier bei uns wohnten, und aus den Augen da ist es mir immer,
als ob der jngste der beiden, das liebe, herzige Kind, herausschauen
wollte. Ich habe den kleinen Burschen damals zu lieb gewonnen, ihn je
wieder vergessen zu knnen.

Welcher beider junger Grafen? sagte Georgine, die damit das Gesprch
abzubrechen wnschte.

Der jungen Grafen Geyerstein.

Der beiden jungen Grafen? hat Geyerstein noch einen Bruder? fragte
Georgine in dem Interesse, das sie pltzlich an der Sache nahm.

Allerdings, erwiderte der alte Mann, einen jngeren Bruder, und die
beiden jungen gndigen Herren waren als Kinder hier. Der jngste von
ihnen aber...

Wie hie der?

Georg.

Georg?

Ja, gndige Frau -- der jngste von ihnen kam aber nie wieder zurck
-- er soll drauen in der Fremde gestorben sein, setzte er mit einem
schmerzlichen Seufzer hinzu, und das Kind da, wie es mich so lieb und
mitleidig ansieht, gemahnt mich immer, als ob ich den jungen lieben
gndigen Herrn wieder vor mir she. Es ist freilich eine lange Zeit her,
und ich bin alt -- recht alt seither geworden. -- Aber ich schwatze
hier und schwatze, wo ich den Befehl Ew. Gnaden ausfhren sollte. Gott
schtze das liebe, kleine Haupt und streue ihm nur Blumen auf den Weg,
gebe ihm Gesundheit, ein langes Leben und ein glckliches Alter mit
seinem besten Segen! Und eine tiefe Verbeugung machend, trat der alte
Mann von dem Schlitten zurck, nahm dann seinen Ranzen wieder auf, sowie
sein Gewehr und schritt langsam der Richtung nach dem Gute zu.

Sein Bruder! flsterte Georgine leise und erschreckt vor sich hin,
sein Bruder -- und das mir ein Geheimnis, mir, der Gattin -- htte ich
das ahnen knnen -- und wenn ich nun -- zu spt! sthnte sie dann, ihr
umherschweifender Blick fiel in dem Moment auf die Gestalt des Herrn von
Silberglanz, der, unter seiner Pelzlast keuchend, im Schnee herangewatet
kam. Er schaute aber nicht nach ihr hin, sondern den Weg zurck, und als
sie den Kopf dahin wandte, bemerkte sie noch den alten Forstwart, der
den Fremden gesehen hatte und jedenfalls abwarten wollte, was er hier
suche, solange die gndige Frau noch da hielt.

Meine beste gndige Frau! rief das zierliche, im Schnee watende
Mnnchen endlich, als er nher kam, ich mu unendlich bedauern, wenn
Sie auch nur eine Sekunde auf mich gewartet haben, aber der Schnee war
-- sein Blick fiel auf Josefine, und er blieb mitten in seiner Rede
stecken -- Ihre -- Ihre Frulein Tochter?

Nun? sagte Georgine kalt.

Diese -- diese Ueberraschung...

Wnschen Sie noch uns zu begleiten?

Aber, gndige Frau, welche Frage! rief Herr von Silberglanz
erschreckt.

Sie werden dann hintenaufstehen mssen.

Erlauben Sie mir nur, da ich meine Pelzstiefel geschwind anziehe.
Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, das war ein Schnee hier herauf, da ich
beinahe stecken geblieben wre.

Im Pfad?

Ich -- verfehlte den Weg. Glcklicherweise fand ich einen biedern
Holzfller oder Khler oder was er sonst ist, der mich wieder
zurechtwies, sagte der Baron, der sich an der Holzbank den Schnee
von dem dnnen Schuhwerk schlug und in aller Hast seine Pelzstiefel
anzulegen suchte, an dem Pelz hier habe ich mich beinahe tot
geschleppt, fuhr er dabei fort, ich bin durch und durch echauffiert!

Sie werden Zeit haben, sich abzukhlen.

Das frch -- ja -- ja, gewi -- aber der Pelz hier hlt mich warm.
Wer ist brigens jener alte Frster? -- Der scheint an dieser Stelle
permanent Schildwache zu stehen, denn gestern fand ich ihn ebenfalls
hier.

Der Forstwart, sagte Georgine und drehte den Kopf nach ihm um. Der
alte Barthold aber, der jetzt gesehen hatte, da der Herr ein Bekannter
der gndigen Frau war, wandte sich langsam wieder und verfolgte seinen
Weg. Herr von Silberglanz fuhr in seinen Pelz.

Sind Sie fertig?

Vollstndig -- aber wollen Sie mir nicht gestatten, die Zgel zu
nehmen?

Ich fahre selber -- geben Sie mir Ihre Tasche in den Schlitten.

Geht der Herr mit uns, Mama? fragte Josefine.

Ja, mein Kind! Sie drehte halb den Kopf, der Baron war auf die
Pritsche gestiegen und setzte sich zurecht. Komm, Fingal! Sie
schnalzte leise mit der Zunge, und das Pferd, das ungeduldig diesen
Augenblick erwartet hatte, flog, aufwiehernd, die schmale, glatte Bahn
dahin durch den Wald.




26.


Der Abend kam, und Mademoiselle Adele hatte die Botschaft Georginens
durch einen der Holzmacher erhalten, den der Forstwart an sie
abgeschickt. Sie war allein in ihrem Zimmer, aber sie las weder, noch
arbeitete sie, wie sie es sonst an solchen Abenden tat, an denen sie
sich ungestrt wute. Unruhig ging sie in dem kleinen Gemach auf und
ab, trat ans Fenster, um hinauszusehen, und kehrte dann wieder zum Sofa
zurck -- nur, um im nchsten Augenblick aufzuspringen und ihre kaum
unterbrochene Wanderung von neuem zu beginnen. Sie sprach kein
Wort dabei; still und schweigend ging sie mit dem Lichte hinber in
Georginens Zimmer und schien dort etwas Auergewhnliches zu suchen,
so ngstlich leuchtete sie berall umher. Der Sekretr aber wie alle
Schrnke waren fest verschlossen, und die Schlssel dazu trug Georgine
stets selber bei sich.

Sie kehrte in ihr eigenes Zimmer zurck und begann von neuem, was sie
schon am Nachmittag getan, die Kinderwsche zu zhlen und nachzusehen,
und hier hatte sie sich vorher nicht geirrt. Die verschiedenen Stcke
fehlten dutzendweise, und wie sie fest berzeugt war, sich darin nicht
zu tuschen, berkam sie eine unsagbare Angst, der sie nur noch immer
keine Form, keinen Namen geben konnte.

Einmal drngte es sie, die alte Wirtschafterin zu rufen und ihr den
dunklen Verdacht mitzuteilen, der sich ihrer bemchtigt hatte; aber was
konnte die ihr helfen oder raten! -- Und doch noch war es mglich, da
sie sich irrte. Georgine konnte den Nachmittag, obgleich sie sich sonst
nie um die Wsche des Kindes kmmerte, doch vielleicht nachgesehen und
den fehlenden Stcken einen andern Platz angewiesen haben, und war es
berhaupt denkbar, da sie so, ohne Abschied von dem Gatten...? Von
einem pltzlichen Gedanken erfat, griff das junge Mdchen ein Licht auf
und eilte in des Barons Zimmer, denn smtliche Schlssel hatte sie in
Georginens Abwesenheit in Verwahrung. -- Sie brauchte dort nicht lange
zu suchen; auf dem Schreibtisch des Barons lag ein gesiegelter Brief,
dessen Adresse in Georginens Handschrift an ihren Gatten, den Baron von
Geyfeln, lautete, und viele Minuten lang stand sie schweigend, zitternd
ber den verhngnisvollen Brief gebeugt und wagte nicht einmal, ihn zu
berhren. Aber bald siegte ihr eigener klarer Verstand ber das Gefhl.
Hier durfte sie den Brief nicht liegen lassen; der Baron fand ihn
vielleicht, whrend fremde Menschen ihn umstanden, und verriet im ersten
Augenblick der Ueberraschung das Geheimnis anderen. Noch war es auch
wohl mglich, den Schritt der unglcklichen verblendeten Frau
ungeschehen zu machen, solange niemand darum wute, als sie und der
Baron -- kam es erst auf die Zungen der Nachbarschaft, so blieb der
Friede des Hauses gestrt fr immer.

Rasch entschlossen nahm sie deshalb den Brief an sich, er brannte wie
Feuer in ihrer Hand, schlo die Tr wieder und eilte auf ihr eigenes
Zimmer zurck, um dort zu berlegen, was jetzt zu tun sei, wie sie
handeln solle. Aber so viel sie hin und her dachte, Plne aufbaute und
wieder verwarf, sie konnte nichts ersinnen. Eine genaue Adresse, wo er
sich in diesen Tagen aufhalten wrde, hatte Baron von Geyfeln gar nicht
hinterlassen, und wohin also jetzt selbst einen Boten senden, um ihn, so
rasch ihn die Pferde bringen konnten, herbeizurufen? Sie mute warten --
es blieb kein anderer Ausweg fr sie, und lnger war ihr noch nie eine
Nacht -- lnger noch nie ein Tag geworden als der folgende.

Unzhligemal hatte sie dabei nach dem alten Forstwart schicken wollen,
von diesem vielleicht etwas Nheres zu erfahren; aber sie frchtete
auch, damit das Geheimnis, das nicht das ihre war, einem dritten zu
verraten. Und konnte nicht doch vielleicht die Frau noch zurckkehren --
welchen Grund hatte sie gehabt, ihrer stillen, glcklichen Huslichkeit
zu entfliehen? Unzufrieden mit ihrem Gatten? Nie war, so viel sie wute,
ein hartes, unfreundliches Wort zwischen den beiden gewechselt worden,
solange sie sich in dem Hause befand, und alles andere, was ihr das
Leben bei nicht zu bermigen Ansprchen bieten konnte, besa sie
ja doch hier. Und das Kind -- ihre liebe, liebe Josefine -- war sie
freiwillig mit der Mutter gegangen? Nein, nein und zehnmal nein; sie hat
keinen Abschied weiter von ihr genommen, als mit einem flchtigen Kusse;
das Kind hatte keine Ahnung gehabt, da die Fahrt mehr als ihr gesagt
worden, mehr als eine einfache Spazierfahrt bezwecke, und jetzt, dem
Vater entrissen, wie unglcklich, wie elend wrde sich dieser fhlen!

Noch immer hoffte sie -- hundertmal den Tag ging sie in die andere
Stube, in den Hof hinab, zu horchen, und den Weg nach dem Walde zu, den
sie von ihrem Zimmer aus bersehen konnte, lie sie nicht aus den Augen
-- umsonst. Der Abend dmmerte, jener blaue, die Nacht verkndende
Lichtschein legte sich auf die schneebedeckten Felder, die Umrisse des
Waldes verschwammen mit dem dstern Horizont, und nichts verkndete die
Rckkehr der Entflohenen.

Die Wirtschafterin war indessen wieder und wieder zu der Erzieherin
gekommen, Aufschlu ber das rtselhafte Ausbleiben der Gndigen zu
erhalten. Adele aber htete sich wohl, sie auch nur im entferntesten
den wahren Tatbestand ahnen zu lassen. Ihrer Aussage nach hatte Frau
von Geyfeln gleich von vornherein die Absicht gehabt, ber Nacht
auszubleiben, und ihr sogar gesagt, da sie sich nicht ngstigen solle,
wenn sie den Besuch noch ausdehne, da sie berdies so lange nicht bei
den alten Bekannten und Freunden vorgesprochen htte. Josefine besonders
wre gewi nicht gern wieder so rasch von den dortigen Spielkameraden
weggegangen. Aber das verdorbene Mittagsbrot -- und wie sollte sie es
jetzt mit dem Abendessen halten? Kam die Gndige noch nach Hause oder
nicht, und wenn sie kam, mute sie doch etwas Warmes zu essen finden!
Mademoiselle Adele riet ihr, Tee bereit zu halten, was ohne groe
Umstnde geschehen konnte, und das Zimmer der gndigen Frau heizen zu
lassen -- bliebe sie dann noch aus, so schadete es weiter nichts. Das
geschah, aber die Frau kehrte nicht zurck.

Es schlug acht Uhr drben an der kleinen Glocke, die sich ber der
Verwalterstube befand. Die Gouvernante, die keine Ruhe in ihrer Stube
hatte, war wieder in das dunkle Zimmer getreten, von dem aus sie den Hof
bersehen konnte. -- Da klingelte ein Schellengelute in den Hof, und
ihre zitternden Knie versagten ihr fast den Dienst, sie aufrecht zu
halten. Wer es war, konnte sie freilich nicht mehr erkennen, aber der
Schlitten hielt unten am Portal, und gleich darauf hrte sie Schritte
auf der Treppe und eine Kinderstimme.

Hatte sie sich geirrt? -- war Georgine zurckgekehrt? -- das Herz schlug
ihr, da es die Brust zu sprengen drohte, und sie wute kaum, wie sie
hinaus auf den Vorsaal kam.

Die Haushlterin leuchtete mit dem Licht den Heraufkommenden voran.

Na, das ist schn, Herr Baron, da Sie heute abend gekommen sind,
sagte sie dabei, aber Ihr Zimmer habe ich nicht heizen lassen. Wir
erwarteten Sie ja erst morgen -- aber das von der gndigen Frau ist warm
-- und die gndige Frau wird wohl erst morgen wiederkommen.

Meine Frau ist nicht zu Hause? sagte ruhig, aber erstaunt die tiefe
Stimme Georgs.

Nein -- zum Besuche nach Kleinmarkstetten, mit dem gndigen Frulein.

Mit Josefinen?

Mademoiselle Adele trat in den Schein des Lichtes. Es war der Baron
selber, der zurckgekehrt, und whrend sich ein tiefer Seufzer ihrer
Brust entrang, trat sie auf den Baron zu. Sie hatte ihre ganze Ruhe und
Festigkeit wiedererlangt.

Ah, Mademoiselle, guten Abend! rief Georg ihr entgegen, meine Frau
ist mit Josefinen ausgeflogen, wie ich hre, und hier bringe ich Ihnen
die kleine versprochene Gespielin fr Josefine -- ich werde sie so lange
unter Ihren Schutz stellen mssen.

Die Kleine drckte sich schchtern an ihren Begleiter an, Adele aber,
freundlich auf sie zugehend und sie kssend, sagte: Sei uns willkommen,
mein liebes Herz, in deiner neuen Heimat. Deine kleine Spielgefhrtin
ist freilich nicht da, aber sie wird bald wiederkommen, und du wirst
dann ein liebes, braves Schwesterchen an ihr finden und sollst dich
recht bald wohl und zufrieden bei uns fhlen.

Komm, Marie, ermunterte sie auch Georg, frchte dich nicht vor der
Dame, sie wird dir eine zweite Mutter werden und dich lieb haben. -- Das
Kind hat im Schlitten geschlafen, entschuldigte er es dann gegen
die Erzieherin, und eben erst erwacht, erschrecken es die fremden
Gesichter.

Das wird sich bald geben, erwiderte das junge Mdchen freundlich, ich
drfte Sie auch wohl bitten, Herr Baron, es selber in mein Zimmer zu
fhren, da es die Scheu erst ein ganz klein wenig ablegt. Wir wollen
dann schon recht bald gute Freunde werden. Ach, Mamsell nicht wahr, Sie
sorgen gleich dafr, da der Herr Baron seinen Tee und die Kleine ein
warmes Sppchen bekommt, nach der langen kalten Fahrt? -- Wir brauchen
kein Licht weiter -- meine Tr ist offen.

Jawohl -- ei gewi -- du meine Gte, daran htte ich gar nicht
gedacht! rief die alte gute Mamsell geschftig, das soll gleich
besorgt werden, und ein delikates Sppchen will ich selber gleich dem
armen kleinen Wrmchen kochen. Lieber Gott, das herzige Dingelchen mu
ja ganz erfroren sein im Schlitten! Und ihr Licht noch emporhaltend,
da Georg und Adele mit dem Kinde durch das dunkle Zimmer ihren Weg
finden knnten, eilte sie rasch wieder ber den Gang hinber, der Kche
zu, alles Ntige selber anzuordnen.

Georg berlief es dabei wie mit Fieberfrost -- ein bittender Blick
der Gouvernante hatte ihn getroffen -- und er fhlte, es war etwas
Auergewhnliches vorgefallen. Rasch trat er in das Zimmer, und wie
nur die Wirtschafterin weit genug entfernt war, sie nicht mehr hren zu
knnen, sagte er leise und dringend in franzsischer Sprache. Was ist
geschehen, Mademoiselle? verhehlen Sie mir nichts.

Sie mssen alles wissen, aber -- lassen Sie das Kind nichts merken,
bat die Gouvernante zurck. Seit gestern ist Ihre Gattin mit Josefinen
fort -- diesen Brief hat sie fr Sie zurckgelassen. Gehen Sie in das
Zimmer Ihrer Gemahlin und lesen Sie dort die Zeilen -- wenn ich Marie zu
Bett gebracht habe, werde ich hinberkommen, um mich zu erkundigen, was
morgen mit ihr werden soll.

Mit diesen Worten gab sie ihm den Brief, und Georg mute sich gewaltsam
zwingen, seiner Sinne bei der Schreckensbotschaft Meister zu bleiben.
Aber die Gouvernante hatte recht. Das Kind durfte von dem Ungeheuren,
was hier vorgefallen, nichts erfahren -- nicht bei seinem Eintritt in
dieses Haus, wo sich dem kleinen Kopfe jedes gehrte Wort nur so viel
schrfer und unvergelicher eingeprgt htte. Ruhig nahm er den Brief,
den er, ohne ihn auch nur anzusehen, in die Brusttasche schob, sagte
dann der Kleinen freundlich gute Nacht und verlie das Gemach. Wie er
aber in das Zimmer seiner Frau kam, wute er selber kaum. Dort warf er
sich in einen Stuhl, erbrach den Brief, auf dem die Adresse: An Herrn
Baron von Geyfeln stand, und las die wenigen Zeilen, die er enthielt.
Sie lauteten:

  An Herrn Baron von Geyfeln!

Schon diese Ueberschrift nimmt meiner Handlung jedes Bittere, das sie
sonst fr mich haben knnte. -- An Herrn Baron von Geyfeln -- der Name
ist mir so fremd, wie der Mann es mir geworden, der ihn trgt. Seit du
die Bahn verlassen, Georg, in der ich dich bewundern und lieben lernte,
seitdem mute ich mich zwingen, in deiner Nhe auszuharren -- und tat
es nur des Kindes wegen, dem ich Mutter bin und bleiben werde. Deine
Gesetze begnstigen dich, da ich nicht meinem Willen gleich von Anfang
an folgen konnte. Ich habe jetzt Sorge getragen, da sie nicht mehr
imstande sein sollen, mich zu erreichen. Folge mir, wenn du kannst, als
Baron von Geyfeln, und reklamiere das Kind, das mein ist im vollen Sinne
des Wortes. Doch du wirst klug sein und nicht einmal den Versuch machen,
von dem du von vornherein wtest, da er erfolglos bleiben wrde. --
Kehre zu deiner frheren Kunst zurck, und ich will mit Freuden in deine
Arme fliegen; verharre bei deinem tatenlosen Leben und wir sind fr
immer geschieden.

Suche nicht meinen jetzigen Aufenthalt zu erforschen; wenn du ihn selbst
fndest, ich bin und bleibe fr dich verloren. Mein Kind aber werde ich
einem Glck entgegenfhren, das es unter deiner Fhrung nimmer htte
erreichen knnen.

  Lebe wohl!

  _Georgine._

Georg, der den Brief wieder und wieder durchgelesen hatte, hielt ihn
noch in der Hand und starrte darauf nieder, als die Haushlterin mit der
Magd ins Zimmer kam und das bestellte Abendbrot brachte. Georg faltete
den Brief zusammen und steckte ihn in die Tasche, und die geschwtzige
Alte htte gern ein Gesprch mit ihm angeknpft, er wehrte sie aber
unter dem Vorgeben ab, mde zu sein, verzehrte sein Abendbrot schweigend
und fragte nur dann und wann die Wirtschafterin, die sich indessen im
Zimmer zu schaffen machte, nach verschiedenen, hchst gleichgltigen
Sachen. Die Mamsell erzhlte ihm dabei natrlich, da, gleich nachdem er
fort gewesen, auch Besuch gekommen wre: ein fremder Herr, der ihn htte
sprechen wollen.

So? -- in der Tat? sagte Georg ruhig, wie hie er?

Ja, das wei ich wahrhaftig nicht. Er gab mir seine Karte, aber der
Name stand mit so winziger Schrift darauf, da ihn meine alten Augen
nicht mehr lesen konnten. Es war aber ein Baron.

So? -- und wie sah er aus?

Ein kleiner, sehr zierlicher Herr war es, sehr hbsch und sauber
angezogen, mit einem kleinen schwarzen Schnurrbrtchen und solchen
schwarzen Locken. Er war am nchsten Morgen noch einmal da, hat aber
dann wohl nicht lnger warten knnen, und da wir an dem Nachmittage --
ach, das wissen der gndige Herr ja auch noch nicht, da der alte arme
Tobias ertrunken ist!

Tobias? -- wer ist Tobias?

I, der alte arme Teufel unten aus dem Dorfe -- er war noch am Abend vor
Ihrer Abreise hier oben und hatte wohl ein Glas zu viel getrunken, denn
sonst habe ich ihn nie frech oder unverschmt gesehen, und Ew. Gnaden
lieen ihn dann vom Hofe jagen.

Der ist ertrunken?

Er ist von hier aus nicht wieder ins Dorf gekommen. Ob er den Weg
verfehlt hat, oder was sonst die Ursache war, Gott allein wei es, aber
am nchsten Morgen fischten sie ihn aus dem Bache unten auf, und gestern
nachmittag haben wir ihn begraben -- und eine schne Leiche, wie der
arme alte Mensch noch gehabt hat!

Der -- ist -- tot? sagte langsam und sinnend Georg, wunderbar!

Ach, du lieber Gott! meinte die Haushlterin, abkommen konnte er ja
schon; zu was ntze war er doch nicht mehr auf der Welt, und Hunger und
Kummer htten ihn so vielleicht bald untergebracht; aber es tut einem
doch immer in der Seele weh, wenn ein Christenmensch auf solcher Art,
eigentlich wie ein ander Stck Vieh auch, seinen Tod findet, wenn es
auch nicht einmal ein Verwandter gewesen wre.

Georg hrte schon gar nicht mehr, was sie sprach. -- Sind noch Briefe
oder Zeitungen fr mich gekommen?

Briefe -- ja, ich wei es wirklich nicht. Der Postbote war da, die
werden aber dann wohl bei Ew. Gnaden im Zimmer liegen.

Haben Sie den Schlssel?

Den hat das Frulein.

Dann bitten Sie das Frulein, mir alles, was etwa fr mich angekommen
wre -- und auch meinen Schlssel mit herber zu bringen.

Jawohl, Herr Baron. -- Ist der Tee etwa nicht hei genug?

O, vortrefflich -- ich bin nur abgespannt heut abend und kann nicht
viel genieen -- ich werde mich ein wenig auf das Sofa legen.

Die Wirtschafterin hatte Takt genug, dies als ein Zeichen zu nehmen,
da sie sich entfernen knne, und sie verlie das Zimmer, in dem Georg
allein mit seinen Gedanken, und vor Ungeduld sich bald verzehrend,
zurckblieb. -- Und die Gouvernante kam noch immer nicht -- aber sie
hatte das Kind zu besorgen und eine volle Stunde mochte vergangen sein,
ehe er ihren Schritt hrte. Gleich darauf trat sie ein und legte einige
Briefe und Zeitungen auf den Tisch. Georg war aufgestanden und ging ihr
entgegen.

Mademoiselle, sagte er, die Hand nach ihr ausstreckend, nehmen Sie
vor allen Dingen meinen herzlichsten Dank fr die zarte Weise, in der
Sie in dieser Sache gehandelt haben, und nun, bitte, setzen Sie sich und
erzhlen mir mit kurzen Worten, was Sie wissen.

Whrend die Gouvernante der Einladung folgte, blieb Georg erwartungsvoll
am Tische stehen.

Ich habe nur meine Schuldigkeit getan, sagte das junge Mdchen, leicht
dabei errtend, werde Ihnen selber, Herr Baron, aber wenig Auskunft
geben knnen -- ich durfte nicht nachforschen, denn ohne etwas damit
gutmachen zu knnen, htte ich die Aufmerksamkeit der Leute nur
unntigerweise und vor der Zeit darauf gelenkt.

Sie hatten recht, vollkommen recht.

Der erste Verdacht stieg in mir auf, als ich eine bedeutende Lcke in
der Kinderwsche bemerkte, nachdem die gndige Frau mit Josefinen
eine angebliche Spazierfahrt unternommen hatte. Auch eine Anzahl ihrer
Kleider fehlte -- dann fand ich den Brief in Ihrer Stube -- denn Angst
und Ungewiheit lieen mich danach suchen, und ich nahm ihn an mich.

Ich bin Ihnen dankbar dafr -- aber wer glauben Sie, der mir weitere
Auskunft geben knnte -- oder haben Sie selber einen Verdacht? Es war
ein Fremder hier. -- Wie sah er aus?

Ich habe ihn gar nicht gesehen; aber gleich nach Ihrer Abreise kam er,
und obgleich er nur zweimal hier oben im Gute war, frchte ich fast, da
er der Sache nicht fern steht. Unser Hausmdchen hat ihn wenigstens zu
der Zeit, als Madame fortfuhr, zu Fu, mit seinem Pelz auf dem Arm, in
den Wald gehen sehen.

Und welchen Weg nahm er?

Darber kann ich Ihnen keine Auskunft geben. Der alte Forstwart aber
hat die letzte Botschaft der gndigen Frau, da sie am vorigen Abend
nicht nach Hause kommen wrde, hereingeschickt. Mglich, da er sie im
Walde getroffen hat und etwas Nheres wei.

Der Forstwart -- Gott sei Dank, da ist ein Faden, an den ich anknpfen
kann. Georgine fuhr im Schlitten?

Ja, mit ihrem eigenen Pferde bespannt.

Es ist gut -- ich danke Ihnen; gehen Sie jetzt wieder zu Ihrer kleinen
Schutzbefohlenen und seien Sie ihr Mutter, stehen Sie berhaupt meinem
ganzen Hause vor, bis -- ich selber wieder zurckkomme.

Sie wollen doch nicht heut abend noch...

Nein, unterbrach sie Georg ruhig, erstlich wre es nicht mglich, im
Dunklen einer Spur zu folgen, und dann wrde das auch Aufsehen erregen.
Morgen frh reite ich fort -- meine Frau in Kleinmarkstetten abzuholen
-- das gengt den Leuten. Sobald ich kann, schreibe ich Ihnen meine
Adresse -- wenn ich nicht selber indessen wiederkomme. Lange bleibe
ich auf keinen Fall aus, es mten mich denn ganz unvorhergesehene
Hindernisse zurckhalten. Schlafen Sie wohl, Mademoiselle, und seien
Sie versichert, da ich Ihnen nie vergessen werde, wie wacker Sie mir in
dieser schweren Zeit beigestanden haben.

Schlafen Sie wohl, sagte das junge Mdchen schchtern, und im nchsten
Augenblick schlo sich die Tr wieder hinter ihr, whrend Georg noch
wohl eine Stunde im Zimmer auf und ab schritt, ehe er sein eigenes Lager
suchte.

Am nchsten Morgen war Georg wieder mit Tagesgrauen auf und ging selber
in den Stall hinunter, um zu sehen, da sein Reitpferd ordentlich
gefttert und dann ihm vorgefhrt wrde. Das geordnet, schickte er einen
Boten in das Forsthaus, dem alten Forstwart zu sagen, er mge auf ihn
warten, bis er hinauskme, und ging wieder in seine eigene Stube hinauf.
Dort sah er flchtig die eingegangenen Briefe durch, wozu er sich
gestern abend keine Zeit genommen, trank den ihm gebrachten Kaffee
und bltterte noch, bis das Pferd ausgefressen hatte, in den neben ihm
liegenden Zeitungen. Er las wohl, aber er wute nicht, was er las, seine
Gedanken waren fern von da, und den Kopf in die Hand gesttzt, lie er
das Blatt wieder sinken und starrte finster vor sich nieder. Endlich
sprang er ungeduldig auf und sah nach der Uhr -- es war noch zu frh --
eine halbe Stunde mute er dem Pferde noch Zeit gnnen, denn es hatte
vielleicht einen langen Ritt vor sich. Er ordnete indessen seine
Briefschaften, versah sich mit Geld und warf sich dann noch einen
Augenblick aufs Sofa. Die vor ihm liegende Zeitung hatte er dabei
bewutlos mit der Hand zusammengeballt und leise murmelte er: Josefine
-- meine arme Josefine -- da fiel sein Blick pltzlich auf den Namen,
der, grer gedruckt als die brige Schrift, schon mit dem Zusatz
Zirkus sein Auge fesselte und alle weiteren Gedanken in sich
verzehrte. Die Worte lauteten:

  _Zirkus Royazet._

Noch nie hat der Zirkus in Altona in solchem Flor gestanden wie in der
gegenwrtigen Saison. Es haben einzelne Direktionen vortreffliche
Gesellschaften gehabt, mit ausgezeichneten Mitgliedern, deren
einzelne zu den besten zhlten; aber noch nie, wir wiederholen
es, war ein Direktor imstande, solche Krfte an einem einzigen Abend
zu vereinigen, wie der jetzige. Royazet hat den Zirkus zu einer Art
Pantheon der Reitkunst erhoben, in welchem er selbst auf der obersten
Stufe thront, rings umgeben von den glnzendsten Koryphen seiner Kunst.
Ein Abend im Zirkus heit jetzt so viel als ein Abend des Vollgenusses,
ja, fast des Uebermaes. Knstler, welche sonst die Zierden der Reitbahn
ausmachen, rangieren hier in zweiter Reihe und gewhren dem Zuschauer
die merkwrdige Gelegenheit, den Unterschied zwischen Meisterschaft und
Vollkommenheit wahrzunehmen. Ein Kranz reizender, kunstgewandter Damen
reiht sich an die mnnlichen Gren an, und der unbertreffliche Klown
Mhler, die Perle des frheren berhmten und jetzt aufgelsten Zirkus
Bertrand, ist, um das Ma vollzumachen, dieser Walhalla ausgezeichneter
Knstler gewonnen worden -- ja, andere Krfte sind ihm noch versprochen,
die, wenn mglich, diesen Kranz von Genssen noch gipfeln und erhhen
sollen. Royazet selber bildet aber stets den Glanzpunkt des Abends,
und gleichviel, welche Knste der Equilibristik neben und um ihn sich
entfalten -- er ist und bleibt stets der oberste Meister, und wir
glauben das Publikum umsomehr auf diesen, sich ihm jetzt noch bietenden
Genu aufmerksam machen zu mssen, da der Zirkus nur noch wenige Tage in
unserer Stadt verweilen wird, um einem ehrenvollen Rufe nach Petersburg
zu folgen. Ganz enorme Garantien sollen dem Knstler dort geleistet
sein.

Georg hatte mit immer wachsender Spannung die prahlerische Anzeige
wieder und wieder gelesen. Royazet -- sein alter Rival in mehr als einer
Hinsicht, in Altona -- der alte Mhler dort wieder engagiert, wohin
ihm Karl jedenfalls vorangegangen. Sollte Georgine -- Altona lag
unter dnischer Gerichtsbarkeit auerhalb der deutschen Gesetze, und
Petersburg -- wenn sie ihm sein Kind nach Ruland entfhrte! -- Er barg
das Antlitz einen Augenblick in die Hand, aber es war auch wirklich nur
ein Moment, in dem ihn die Sorge um die Tochter berwltigte. Schon im
nchsten war er wieder er selbst, und Hut, Handschuhe und Reitpeitsche
aufgreifend, verlie er das Zimmer gerade, als der Verwalter zu ihm die
Treppe herauf wollte, ihm anzuzeigen, da sein Pferd gesattelt wre.

Lieber Schnle, sagte Georg, ich will jetzt nach Kleinmarkstetten
hinber, habe aber auch noch andere Geschfte in der Nachbarschaft
dort, und es ist mglich, da ich mit meiner Frau erst in einigen Tagen
zurckkomme. Einen erhaltenen Brief zu beantworten, mu ich aber einen
Boten fortschicken, und da wir unsere Leute jetzt notwendig brauchen,
werde ich einen Burschen aus der Frsterei, den Forstwart oder wen
sonst schicken. -- Lassen Sie den alten Braunen herausfhren, den
Sattel auflegen und das Pferd dann, sobald Sie knnen, zum Forstwart
hinaufschicken. Verstanden?

Sehr wohl, Herr Baron! sagte der alte Verwalter, ich dchte aber,
denen im Forsthause schadete es auch nichts, wenn sie ihre Beine auf
Gottes Erdboden setzten, statt sie ber einen Sattel hinberzuhngen.

Das dauert mir dann zu lange, erwiderte Georg. Tun Sie nur, wie ich
gesagt habe. Sonst ist nichts Besonderes vorgefallen?

Nicht das geringste, Herr Baron. Wir haben wacker gedroschen in der
Zeit; Dnger ist gefahren, die Umzunung am Garten ausgebessert, und
jetzt sind nur noch die Holzfuhren zu machen, zu denen der Frster ein
wenig drngt.

Er hat recht. Es ist auch die hchste Zeit, da das Holz von dem Schlag
fortkommt -- also auf Wiedersehen, Schnle. Besorgt mir das alles gut;
in einigen Tagen sptestens bin ich wieder da.

Mit diesen Worten war er die letzten Stufen der Treppe hinuntergegangen,
legte seine Satteltasche auf, schnallte den Plaid daran fest, griff
seinen Zgel auf, schwang sich in den Sattel und trabte aus dem Hofe,
die Strae nach dem Walde einschlagend.

       *       *       *       *       *

So hart den trefflichen Reiter aber auch der Schlag im ersten Augenblick
getroffen, da ihm sein Kind, sein liebes Kind geraubt worden, so fest,
ruhig und sicher fhlte er sich wieder, als er erst einmal im
Sattel sa. Mit gutem Mut, durch eigene Kraft die List der Frau noch
ausgleichen zu knnen und zuschanden zu machen, trabte er den Weg
entlang, und wenn es ihn auch manchmal drngte, das Pferd, den wackern
Rappen, der ihn trug, zu rascherem Tempo anzuhalten, versagte er es sich
doch, weil er eben nicht wute, ein wie weiter Ritt noch heute vor ihm
lag, und er sein treues Tier zu schonen dachte. So erreichte er das
Forsthaus und fand hier den Forstwart Barthold schon seiner harrend, mit
der Flinte auf dem Rcken, vor der Tr. Als er den Herrn anreiten sah,
kam er grend auf ihn zu, Georg aber, aus dem Sattel springend, warf
seinem Pferde den Zgel ber den Nacken und sagte zu dem Alten: Guten
Morgen, Barthold; kommt nur mit, ich begleite Euch ein Stck -- ich habe
etwas mit Euch zu reden.

Gern, gndiger Herr, erwiderte der Alte, der Frster ist auch nicht
zu Hause. Er ist auf den roten Schlag hinaus, um den Fuhren das Holz
anzuweisen.

Ich wei schon -- ich will auch nicht zum Frster, sagte Georg und
schritt langsam den Waldweg entlang, bis sie aus Sicht des Forsthauses
waren. Hier blieb er stehen und sich gegen Barthold wendend, fuhr er
fort: Ihr seid neulich meiner Frau hier begegnet, als sie im Schlitten
die Strae nach Kleinmarkstetten fuhr, nicht wahr?

Ja, Ew. Gnaden.

Kennt Ihr den Herrn, der mit ihr im Schlitten sa?

Sie war allein -- das heit mit dem Frulein Tochter.

Allein? rief Georg berrascht.

Allein, meine ich, als sie vom Gute an die groe Eiche kam, besttigte
der Alte, und von dort schickte sie mich mit einem Auftrage nach dem
Gute zurck.

So habt Ihr niemanden gesehen, der bei ihr war? fragte Georg
enttuscht, denn auf den Forstwart hatte er seine ganze -- seine letzte
Hoffnung gesetzt.

O, doch, erwiderte der alte Mann. Wie ich schon ein Stck fort war,
kam ein Herr unten vom Dorfe den Weg herauf und stieg hinten auf den
Schlitten, und dann fuhren sie zusammen fort. Ich blieb noch eine Weile
stehen, weil ich glaubte, es wre der gndigen Frau vielleicht nicht
angenehm, hier im Holze allein mit einem fremden Herrn zusammen zu
treffen. Als ich aber sah, da es ein Bekannter war, ging ich meiner
Wege.

Und so kennt Ihr den Herrn gar nicht?

Nein, Ew. Gnaden -- ich wei nicht, wie er hie, sagte der Alte etwas
erstaunt, denn das unruhige Wesen des Barons fiel ihm auf.

Der Name tut nichts zur Sache, rief Georg ungeduldig, ich meine nur,
ob Ihr nicht wit, wie er aussah -- ob Ihr ihn wieder kennen wrdet.

Gewi -- an dem Tage habe ich ihn freilich nur von weitem und ganz
flchtig gesehen; den Tag vorher aber kam er schon einmal zur Eiche,
die er sich wohl neugierig betrachten wollte, obgleich er ihr kaum einen
flchtigen Blick zugeworfen und von meiner Erklrung gar nichts wissen
mochte. Es fror ihn ein wenig an den Fen.

Wie sah er aus?

Ein zierliches, geschniegeltes Mnnchen, stdtisch und ein bichen
fremdlndisch angezogen, mit einem kleinen schwarzen Schnurrbrtchen und
einer Brille auf, obgleich er noch gar nicht alt sein kann, um schwache
Augen zu haben.

Und Ihr kennt ihn genau genug, ihn mir zu bezeichnen, wenn Ihr ihn
wiedersehen wrdet?

Ich kenne ein Stck Wild wieder, wenn es mir nur einmal flchtig
ber den Weg gesprungen ist, wie viel mehr denn solch ein wunderliches
Menschenkind, dem ich Auge in Auge gegenbergestanden habe!

Gut -- habt Ihr Lust, Barthold, mich auf einer Tour zu begleiten?

Ich, gndiger Herr? gewi -- aber wohin?

Gleichviel -- rstet Euch, auf ein paar Tage auszubleiben. Fr
Lebensunterhalt braucht Ihr nicht zu sorgen; nehmt nur etwas reine
Wsche mit.

Ein Hemd und ein paar Socken stecke ich in den Jagdranzen.

Nein -- den lat zu Hause; auch Eure Flinte, die wir nicht brauchen
werden, denn das Wild, das wir suchen, fangen wir lebendig.

Soll ich denn vielleicht einen Schwanenhals oder ein Tellereisen
mitnehmen?

Nein, lachte Georg, auch das ist nicht ntig, es geht auf keine
Witterung. Ich werde jetzt mit Euch zum Forsthause zurckkehren.
Apropos, knnt Ihr reiten?

Reiten? ja -- es soll gerade nicht hbsch aussehen, wenn ich auf einem
Pferde sitze, setzte er gutmtig hinzu, und sie haben mich schon ein
paarmal deshalb ausgelacht, aber ich hnge fest, Trapp oder Galopp, und
herunter bringt mich keins.

Desto besser -- es wird vom Gute aus ein Pferd fr Euch heraufgebracht
werden. Aber eine Bedingung habe ich zu stellen -- knnt Ihr schweigen?

Sehe ich etwa aus wie eine Plaudertasche? sagte der alte Mann ernst.

Gut -- ich glaube es auch. Kein Mensch erfhrt spter, wo wir gewesen
-- hrt Ihr? -- was wir dort getan -- auch nicht, was ich vorhin ber
den Fremden mit Euch besprochen.

Kein Wort, Ew. Gnaden, sagte der Alte, der zu ahnen begann, um was
es sich hier handle. Das bichen Wsche stecke ich dann einfach in die
Tasche.

Ihr knnt es mir nachher in meine Satteltasche geben.

Ew. Gnaden wollen dem Schlitten folgen?

Ja -- wit Ihr genau, welchen Kurs er genommen?

Die gndige Frau sagte, sie wolle nach Kleinmarkstetten, der Herr aber
hat an dem Morgen seinen Wagen leer mit seinem Gepck nach Hottweil
geschickt.

Wit Ihr das gewi?

Unten im Krug haben sie so gesagt, und der Kutscher soll gestern abend
spt wieder leer durchs Dorf gefahren sein, wie mir einer der Holzmacher
heute morgen erzhlte.

War es ein herrschaftliches Geschirr?

Wohl nur ein Lohnkutscher von Haidedorf.

Gut -- wir drfen aber trotzdem keine Zeit verlieren. Besttigt sich
das, so knnen wir vielleicht, wenn wir scharf zureiten, die Station
noch erreichen, ehe der Schnellzug eintrifft. Das Pferd mu oben sein;
jedenfalls ist es da, ehe Ihr Eure Sachen zusammen habt. Und ohne
weiter eine Antwort abzuwarten, schritt Georg rasch zum Forsthause
zurck, wenn auch der Frster nicht da war, doch dessen Frau davon in
Kenntnis zu setzen, da er den Forstwart auf einen oder zwei Tage in
Geschften mit sich nehme.

Barthold hatte indessen in wenigen Minuten seine geringen Vorbereitungen
getroffen; bald darauf kam auch das Pferd, auf dem einer der Knechte
heraufgeritten war, und sehr zum Erstaunen der Frau Frsterin, die sich
den ganzen Tag vergebens den Kopf darber zerbrach, trabte Barthold
hinter dem Herrn von Geyfeln in den stillen Wald hinein. Bis sie die
Stelle erreichten, wo sich die verschiedenen Wege teilten, sprach auch
Georg kein Wort, und kehrte sich nur manchmal nach seinem Begleiter um,
zu sehen, wie er im Sattel sa. Der alte Mann hing allerdings in etwas
wunderlicher Art auf dem Pferde, aber er hatte nicht zu viel von sich
gerhmt, als er behauptete, da er wenigstens fest se. Georg fhlte
sich darber auch bald beruhigt und lie sein eigenes Tier etwas
schrfer austraben, bis er es an dem dreiarmigen Wegweiser zum erstenmal
einzgelte.

Hier schieden sich die Wege; eine gewisse Spur war aber nur schwer noch
zu erkennen, da Holz- und andere Fuhren die frische Schneebahn schon
mit ihren verschiedenen Gleisen durchzogen und durchkreuzt hatten. Eine
kurze Strecke indes langsam auf dem Wege nach Hottweil fortreitend,
fand Georg bald die zarten, feingeschnittenen Hufe von Georginens
Pferde seitwrts von der Bahn im Schnee abgedrckt, wo der Schlitten
wahrscheinlich einer ihm begegnenden schweren Fuhr ausgewichen war, und
die Zgel, ohne ein Wort weiter zu reden, wieder aufgreifend, schlug
er den frheren scharfen Trab wieder ein, dem das alte und steifere
Arbeitspferd kaum zu folgen vermochte. Die Station erreichten sie auch
in der Tat bei guter Zeit, und wohl noch eine Stunde vor Ankunft des
Zuges. Kurze Nachfrage gengte, Georg zu berzeugen, da er sich auf
der richtigen Spur befnde. Das Pferd, das Barthold geritten, bergab er
dann einem der Leute dort, es im Dorfe einzustellen, bis er zurckkehre;
sein eigenes, in zwei dazu geborgte Decken eingehllt, wurde in einen
der glcklicherweise vorhandenen Pferdekasten gefhrt, und als der Zug
heranbrauste, nahm er die Reisenden und das schon bereit gehaltene Pferd
auf, und schnob davon, auf seiner schmalen eisernen Bahn, den heien
Atem in die frostige Winterluft ingrimmig hinausblasend.




27.


In Altona herrschte ein reges Leben, und der alte Forstwart Barthold
schritt staunend an Georgs Seite durch die menschengedrngten Straen.
Das war eine Stadt -- das war ein Treiben und Schieben durcheinander,
und was fr kostbare Waren berall -- der Alte wre am liebsten vor
jedem Schaufenster stehen geblieben, immer Neues anzustaunen und zu
bewundern. -- Und aus diesem Gewimmel von Menschen, wo es, wie bei einem
Bienenschwarm, herber und hinber fuhr, sollte er den einzelnen Fremden
heraussuchen, den er drauen im Walde gesehen? Der Kopf schwindelte ihm,
und er ging die ersten Stunden wie in einem Traume umher.

Georg, der ihn begleitete, fand sich ebenfalls in furchtbarer Aufregung
-- freilich aus einem andern Grunde -- und mute sich Mhe geben,
wenigstens die uere Fassung zu bewahren. Hatte er doch sein nchstes
Ziel, den wahrscheinlichen Aufenthalt seines Kindes, seiner Josefine,
jetzt erreicht -- aber wo sie finden in der groen Stadt -- und wenn
gefunden, wie sie dann sich retten?

Gestern abend war er, aber zu spt, um noch irgend welche
Nachforschungen anzustellen, mit seinem Begleiter in Hamburg
eingetroffen, und heute morgen hatte er vergebens auf der Polizei in
Altona angefragt, ob zwei Damen, eine Frau von Geyfeln und eine Frau
Georgine Bertrand, angemeldet wren -- man wute dort noch nichts von
ihnen. Den Namen des Entfhrers kannte er ja nicht.

In der Nhe des Zirkus durfte er auch nicht wagen, sich -- wenigstens
am Tage -- blicken zu lassen, denn er blieb dort zu sehr der Gefahr
ausgesetzt, von einem seiner frheren Leute, vielleicht gar von dem
alten Mhler oder Karl erkannt und verraten zu werden. Georgine wre in
dem Fall augenblicklich gewarnt worden und sein ganzer Plan vernichtet,
jede Aussicht auf Erfolg zerstrt gewesen. Da wurde, als er eben
nach Hamburg hinber wollte, um dort den Abend abzuwarten, seine
Aufmerksamkeit auf groe Zettel gelenkt, die ein junger Bursche an den
Ecken anklebte. Ein Holzschnitt oben darber -- einen Reiter zeigend,
der mit sieben Pferden dahin flog -- lie keinen Zweifel, zu welcher
Vorstellung, und Georg trat, zitternd vor Angst und Erwartung, hinan,
den gesuchten und doch gefrchteten Namen seines Weibes -- seines Kindes
darunter zu finden -- und er hatte sich nicht geirrt. Der Name Georgine
Bertrand stand allerdings nicht auf dem Zettel, aber die pomphafte
Ankndigung eines neuen Gastes, einer Madame Georgette mit ihrer Tochter
Mademoiselle Georgette, lie ihm fast keinen Zweifel, da Frau und Kind
schon an diesem Abend, wenn auch unter anderm Namen, im Zirkus wieder
auftreten wrden.

Vorsichtig suchte er jetzt Georgettens Wohnung zu erfragen, aber die
Auskunft, die er darber erhielt, machte ihn wieder irre, denn diese
lautete dahin, da Madame Georgette, die neue berhmte Kunstreiterin, in
Royazets eigener Wohnung abgestiegen sei und ein Quartier bezogen habe,
und der Mann, der ihm diese Auskunft gab, setzte aus freien Stcken
hinzu, es hiee in der Stadt, Monsieur Royazet habe selber geuert, die
Dame sei seine ihm bestimmte Braut. Wer dann hatte Georginen entfhrt?
Royazet selber? Die Beschreibung des jungen Mannes, die der alte
Forstwart gab, pate nicht dazu, auch sollte Royazet, wie er hier
leicht erfragen konnte, Altona die letzte ganze Woche mit keinem Schritt
verlassen haben.

Die Unruhe, hierber Gewiheit zu erhalten, peinigte ihn zuletzt so,
da er beschlo, ber Tag auf gut Glck hin die Stadt zu durchstreifen,
vielleicht hier zufllig dem Entfhrer zu begegnen und ihn dann zu
zwingen, ihm Rechenschaft zu geben.

Einmal scho ihm der Gedanke durchs Hirn, Royazet selber aufzusuchen und
von ihm sein Kind, wenn nicht im guten, mit Gewalt zurckzufordern; aber
standen sie hier nicht unter dnischem Gesetz, und war Frau wie Kind
nicht mit Leichtigkeit auer seinem Bereich gebracht, wenn er den
langsamen Gang der Gesetze htte zu Hilfe rufen wollen? Royazet war
auerdem sein Feind, noch von frherer Zeit her, und auf einen Beistand
von seiner Seite nicht zu rechnen -- und doch blieb das seine letzte
Hoffnung, wenn alles andere fehlschlug.

Heute abend wollte er selber den Zirkus besuchen -- unkenntlich machte
er sich leicht auf nicht auffllige Weise durch einen breitrndigen Hut,
eine Brille und einen um das Kinn gelegten Schal, und dort konnte er mit
eigenen Augen sehen, wie weit seine Befrchtungen gerechtfertigt
seien. Bis dahin litt es ihn aber nicht, die Zeit ruhig und geduldig
abzuwarten, sein Blut kochte und wallte in den Adern, und Strae auf und
ab -- nur die unmittelbare Nhe des Zirkus ngstlich meidend -- zog er
mit seinem auf dem ungewohnten Steinpflaster schon lange mde gewordenen
alten Begleiter her und hin, sich selber nicht einmal ganz klar dabei,
was er mit dem Entfhrer anfangen solle, wenn er ihn wirklich trfe.

Aber auch diese Suche mute er endlich als durchaus hoffnungslos
aufgeben, denn Barthold leistete ihm darin nicht einmal die Dienste, die
er von ihm erwartet hatte. Durch die ganz hnliche Kleidung so vieler
Tausende nmlich fortwhrend getuscht, hielt er bald den, bald
jenen fr den Gesuchten, und brachte Georg dadurch ein paarmal so in
Verlegenheit, da er froh war, durch irgend eine Entschuldigung von
flschlich angeredeten Personen wegzukommen.

Sein Quartier hatte er in Hamburg bezogen und dort sein Pferd
eingestellt, und dahin begab er sich endlich wieder mit dem Forstwart,
den einbrechenden Abend und die Stunde der angekndigten Vorstellung
abzuwarten.

Der Abend kam, und Georg, in einen alten Mantel gehllt, nahm fr sich
und den Forstwart zwei Sitze auf dem dritten Platz, um dort keinerlei
Gefahr ausgesetzt zu sein, erkannt zu werden. Und mit welchen Gefhlen
wohnte er dem Beginn dieser Vorstellung bei -- mit welcher furchtbaren
Pein war er Zeuge ihres weiteren Verfolges.

Barthold hatte im Anfang die Zuschauer genau mustern mssen, ob er den
Fremden aus dem Walde hier wiedererkenne, aber ohne Erfolg. So sicher
er geglaubt, sich auf sein Auge verlassen zu knnen, so verwirrt sah
er sich hier in dieser neuen, ihm vllig fremden Welt, mit tausend
Gesichtern um sich her, die, alle in einer Kleidung steckend, auch fr
ihn alle den einen Stempel in Ausdruck und Form zu tragen schienen. Er
konnte den, den er suchte, nirgends finden. Sowie aber die Vorstellung
begann, wurde Georgs Aufmerksamkeit vollstndig auf diese gelenkt --
er hatte alles andere in dem einen Gefhl vergessen, sein Kind
wiederzusehen -- seine Josefine, und eine unsagbare Pein scho ihm
durchs Herz, als er sich dachte, wie.

Und die Musik begann. Der Possenreier erschien, mit seinen eklen
Gliederverrenkungen die Zuschauer zu belustigen, und Barthold htte ein
Jahr dasitzen knnen, ehe er in der buntbemalten, aus lauter Gelenken
bestehenden Gestalt mit ihren widernatrlichen Bewegungen den sonst so
steifen, ernsten Schwiegervater vom Gute wiedererkannt htte. Georg
wandte sich in Ekel von ihm ab. Jetzt schmetterten die Trompeten, jetzt
wichen die Menschen in dem schmalen Eingange zurck -- einige dnische
Offiziere und andere Kavaliere, die sich dorthin, der Damen des Zirkus
wegen, postiert hatten -- und herein auf ihrem eigenen Pferde, in Licht
und Glanz strahlend, das Antlitz ordentlich in Freude und Triumph, in
wilder, ungebndigter Siegeslust leuchtend, flog -- Georgine.

Und sie war schn, diese Knigin der Amazonen, schn wie das flammende
Meteor, das seinen Glutenstreifen pfeilschnell durch den dunklen Himmel
zieht; schn wie das zuckende Nordlicht, das mit seinen Feuerstrahlen
die kalte Winternacht erhellt. Ihre Augen flammten, ihre ganze Gestalt
hob sich, und wie das Publikum erst in staunender Bewunderung diese
pltzlich auftauchende, leuchtende Erscheinung angestarrt, so
brach pltzlich das Eis, das es bis dahin wie gebannt gehalten, und
donnernder, nicht endender Applaus grte sie beim ersten Betreten ihrer
neuen Laufbahn wieder.

Dieser Beifallssturm schien den Krper des wirklich wunderschnen Weibes
ordentlich zu durchzucken, schien ihn emporzutragen mit sich selbst.
Kaum berhrten ihre Fuspitzen den Sattel, ber dem sie mehr schwebte,
als da sie auf ihm stand, und whrend hhere, fast glhende Rte ihr
Antlitz frbte und ihre Augen leuchteten, whrend die Locken im scharfen
Luftzuge flatterten, und das Pferd selber, das sie trug, einen Teil der
Begeisterung mit zu fhlen schien, brach sich der strmische Applaus,
wie das regelmige Branden einer See, immer wieder und wieder Bahn und
bertubte selbst die schmetternde Musik. Barthold hatte sie erkannt
-- gleich auf den ersten Blick, denn diese Zge, einmal gesehen, waren
nicht so leicht wieder vergessen. Er blickte auf Georg schchtern und
erstaunt von der Seite an. Dessen totenbleiches Antlitz verriet aber nur
zu deutlich, was in ihm vorging, und er wagte nicht, ihn auch nur mit
einem Laut, mit einer Bewegung zu stren.

Die Tour war vorber -- wieder und wieder mit tobendem Beifallsjauchzen
gerufen, zog sich die schne Reiterin zurck, und ein paar der Klowns
zeigten jetzt ihre Knste.

Mademoiselle Georgette! verkndete der Mann in hohen Reitstiefeln und
mit einer langen Peitsche in der Hand, der mitten in der Arena stand,
den neuen Namen, indem er seine Waffe demonstrierend und mit einer
Verbeugung gegen den Eingang neigte.

Georgs Blut stockte; die Lichter flimmerten ihm vor den Augen, der ganze
Zirkus drehte sich mit ihm, und krampfhaft fate er seines Nachbars Arm,
sich an diesen zu halten. Aber die Schwche, die ihn berkam, dauerte
kaum lnger, als sie gebraucht hatte, ihn zu bewltigen. Er war wieder
er selbst, und sah jetzt, wie sein Kind geschmckt und aufgeputzt
auf einem kleinen muntern Pony in die Arena sprengte und den Rundlauf
begann. Wenn es aber auch das Publikum tuschte, dem Vaterauge konnte
die stark aufgetragene Schminke das vernderte Aussehen des Kindes nicht
verbergen.

Josefine sah leidend aus; ihre Augen lagen tief in den Hhlen, und statt
des frhlichen Lchelns, das sonst in solchen Augenblicken ihre Zge
belebte, trugen sie das deutlich auffallende Geprge von Angst und
Zaghaftigkeit. Ihr Blick flog nicht frei umher, sondern haftete an der
Mhne des Pferdes, und sie schien sich erst in etwas zu sammeln, als sie
den Zirkus einigemal umritten hatte.

Das Publikum verhielt sich dabei still. Die kurz vorher bewunderte
glnzende Erscheinung der Mutter hatte es zum Teil verwhnt, zum Teil
empfand es aber auch wohl die unverkennbare Angst des Kindes mit und
fhlte sich unbehaglich dabei. Die Musik wurde lebendiger, der Takt
schneller, das Pferd, gewohnt, den Lauten zu gehorchen, flog rascher
mit seiner kleinen Reiterin dahin, und whrend Josefine die frheren
Stellungen und Bewegungen auf dem dahinschnaubenden Tiere auszufhren
versuchte, erkannte Georg mit peinlichem Schmerz die Angst und
Unsicherheit, in der sie sich befand.

Da trat neben Royazet Georgine in den Gang, zwischen die Schar der dort
eingedrngten Zuschauer, und wie das Kind vorbeipassierte, rief sie ihm
einige Worte der Ermunterung zu. Die Aufmerksamkeit der Kleinen wurde
aber dadurch von ihrem Pferde abgelenkt, und gerade, als sie Georg
wieder gegenber kam, verlor sie das Gleichgewicht und mute, um nicht
zu strzen, vom Pferde springen.

Im Publikum herrschte eine Totenstille, nur auf dem dritten Rang lachte
eine Anzahl trunkener Matrosen, und einer schrie in seinem Plattdeutsch:
Nehmt doch de Deern weg, die kann ja nicht hopsen! Einer von den
Hanswursten soll hereinkommen!

Ein Teil lachte; Josefine aber hatte im Nu wieder das Pferd am Zgel;
der Bereiter sprang hinzu, ihr zu helfen, das geduldige Tier stand,
und von neuem umflog sie den Zirkus. Da wurden Reifen und Girlanden
herbeigebracht, ber und durch die sie springen sollte. Georgine stand
noch immer im Eingange, mit keiner Ahnung, wie nah ihr Gatte sei --
Josefine machte, als sie an ihr vorber flog, eine bittende Bewegung
und zeigte auf die Reifen, da diese entfernt werden sollten. Wie sie
vorber kam, schttelte Georgine mit dem Kopfe und lchelte dazu.

Einige der Klowns sprangen jetzt mit anderen dazu angestellten Dienern
auf den Rand der vorderen Galerie, um die Reifen auszuhalten und dem
Kinde das Springen durch Auf- und Niederheben so viel als mglich zu
erleichtern. Josefine aber gab, obgleich das Pferd schon drei- oder
viermal die Runde darunter durchgemacht hatte, noch immer nicht das
Zeichen, da sie bereit zum Voltigieren sei. Da endlich wurde das
Publikum ungeduldig; es wnschte diesen Schulbungen, wie einige
meinten, ein Ende gemacht zu sehen, und Georgine, dadurch gereizt, gab
den Leuten einen Wink, die Reifen auszuhalten.

Spring! rief sie dabei der Tochter zu, du hast es ja tausendmal
getan!

Der Klown, der den ersten Reifen hielt, zog ihn nochmals zurck, denn
er sah, da Josefine nicht fertig wurde -- den zweiten mute sie aber
beachten und kam glcklich hindurch, ebenso durch den dritten. Das
Publikum applaudierte, froh, dem jungen Mdchen einigen Mut machen zu
knnen. -- Wieder wurden einige Reifen aus ihrem Bereich gehoben, denn
das Kind hatte aufs neue einen Fehltritt auf dem Sattel gemacht; aber
sie gewann das Gleichgewicht wieder, stand fest, bog sich zum Sprunge
wieder und flog hindurch.

War es nun Ungeschicklichkeit des Haltenden oder ihre eigene Schuld, es
lie sich das nicht in der Schnelle, mit der das Ganze vorwrts ging,
bestimmen. Josefine blieb aber mit dem Fue an dem Reifen hngen --
der Klown lie ihn los, um sie nicht vom Pferde zu reien; doch ehe
sie wieder festen Fu fassen konnte, schnellte der elastische Reifen
zwischen sie und den Sattel, und seitwrts abgedrckt, strzte sie nach
auen auf den Rand der Balustrade.

Wohl streckten sich eine Menge Arme nach ihr aus, ihren Fall zu brechen.
Josefine selber war aber auch gewandt genug, die grte Gefahr schon
selber zu vermeiden. Den fremden Armen dabei scheu entgleitend, sprang
sie in die Arena zurck, neigte sich beschmt gegen die lautlos zu ihr
niederschauenden Menschen und verschwand dann, an ihrer Mutter vorber,
in den Gang.

Unmglich wre es, die Gefhle zu schildern, die bei dieser Szene Georgs
Herz zerschnitten, und einmal drngte es ihn schon, durch die Zuschauer
hin in den Zirkus zu springen, sein Kind aufzugreifen und mit ihm zu
entfliehen. Er mochte auch eine Bewegung dahin gemacht haben, denn
Barthold hielt ihn pltzlich erschreckt am Arme fest. Er selber fhlte
auch das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens, hier in dem fremden
Lande aus der Mitte der in Royazets Diensten stehenden Leute, in
Gegenwart Georginens, die ihn augenblicklich erkannt htte, etwas
derartiges zu versuchen. Es htte seine letzte Hoffnung vernichten
mssen. Aber er vermochte auch nicht lnger diesen Anblick zu ertragen,
und Bartholds Arm fassend, zog er ihn mit sich fort, hinaus ins Freie.

Der alte Forstwart folgte willenlos, obgleich das alles so viel Reiz
und Zauber fr ihn hatte, da er wohl noch gern eine Weile lnger
dageblieben wre. So verdutzt war er aber auch zugleich ber das
prachtvolle Erscheinen seiner frheren Herrin und ihrer Tochter -- der
gndigen Frau Baronin mit der kleinen Josefine -- und so wenig konnte
er sich in seinem schlichten Verstand das Ganze zusammenreimen, da ihm
selber vom vielen Denken wirr im Kopfe wurde. Er legte das freilich der
furchtbar lrmenden Musik zur Last, von der sie gar nicht weit gestanden
hatten, und seine Ohren gellten ihm noch, als sie schon eine Strecke die
dunkle Strae entlang geschritten waren.

Unterwegs wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Stumm und
schweigend schritten die beiden Mnner nebeneinander her, drngten sich
durch das Gewhl am Hamburger Berge, kreuzten die stillere Promenade,
die Hamburg und Altona voneinander scheidet, und wanderten dann noch
eine Strecke durch enge Straen mit baumhohen Husern, wie der
Forstwart bei sich dachte.

Barthold, so gut er im Walde drauen zu Hause war, so vllig aus seiner
Sphre fhlte er sich hier, und wenn er sich dort etwas auf seine
Ortskenntnisse zugute tat, mute er sich hier gestehen, da er wie ein
Kind von der Fhrung seines Begleiters abhngig sei. Eine Strae glich
ihm vollstndig der andern, und bogen sie jetzt rechts und dann links
ab, so htte er zehn gegen eins wetten wollen, da sie genau denselben
Weg zurck machten, den sie gekommen wren. Sehnschtig bemerkte er
indessen auf ihrem Wege eine Menge hell erleuchteter Fleischlden und
Bckerstnde, und drehte ein paarmal verlangend den Kopf danach um.
Es war auch kein Wunder; Georg in seiner Aufregung hatte den Tag noch
keinen Bissen ber seine Lippen gebracht, und dabei ganz vergessen, da
der Alte keineswegs geistig so bewegt sei, um seinen Hunger ebenfalls
darber zu vergessen.

So vertieft Georg aber auch in seine eigenen schmerzlichen Gedanken sein
mochte, so entging ihm doch nicht das zeitweilige Zgern des Alten
an solchen Stellen, und er sagte endlich, als sie wieder einmal einen
hnlichen Ort passiert hatten, ohne anzuhalten: Ihr seid wohl hungrig,
Barthold?

Hm -- da einmal gerade die Rede davon ist, meinte der Alte, so htte
ich allerdings nichts dagegen, wenn ich mir ein Stck Brot und Fleisch
kaufen knnte. In der Eile aber, in der wir daheim fortgingen, habe ich
ganz vergessen, auch nur einen einzelnen Schilling einzustecken.

Armer Barthold! sagte Georg gerhrt, habe ich Euch doch ganz
vergessen! Aber wartet nur noch wenige Minuten; wir haben gleich unser
Ziel erreicht, und dort wollen wir alle beide ordentlich essen. Wir
haben es alle beide ntig, denn wir brauchen Krfte fr den morgenden
Tag.

O, ich kann's schon eine Weile aushalten, wenn's sein mu -- nur -- da
wir hier so bequem vorber gingen, dachte ich...

Wir haben es dort noch bequemer. Seht Ihr den von vielen Laternen
beleuchteten Platz, auf den wir zugehen? Dort sind wir jetzt zu Hause.
Httet Ihr selber dahin den Weg gefunden?

Im Leben nicht -- ich wei auch nicht -- hier zwischen den hohen
Husern wird es mir so schwl und eng. Ich komme mir vor wie ein Vogel
im Bauer, und wenn ich hier bleiben mte -- ich glaube, ich strbe in
der ersten Woche vor Sehnsucht nach einem Baume.

Aber wir haben heute Bume genug gesehen.

Ja, leider Gottes, seufzte der alte Mann, und die armen Dinger haben
mich auch genug gedauert. In Reihen aufgepflanzt, stehen sie wie die
Soldaten, drfen keinen Zweig ber die Linie hinausstrecken, wenn ihnen
nicht das widerspenstige Glied weggeschnitten werden soll, und statt der
freien Himmelsluft, die gern von oben zu ihnen mchte, aber nicht kann,
bekommen sie Steinkohlenqualm und allen mglichen andern Dunst und Stank
zu atmen. Und nun erst so ein armer Baum mit einer flammenden Laterne
neben sich, wie mu dem zu Mute sein! wie elend, wie gedrckt mu er
sich fhlen! Die Bume verlangen in der Nacht so gut ihre Ruhe wie
der Mensch und das Tier, und kann so ein Baum schlafen, wenn ihm die
neugierigen Flammen fortwhrend zwischen die Aeste hinein leuchten und
Wagengerassel und Menschenstimmen ununterbrochen das Rauschen seiner
Wipfel bertuben? -- Es ist nichts mit den Bumen in einer Stadt,
und wie ein Reh kein Reh mehr bleibt, wenn man's in einen Kasten mit
Gitterstben steckt und notdrftig fttert, um das arme Ding am Leben
zu erhalten, so sind meiner Meinung nach das hier, was wir heute gesehen
haben, auch keine Bume mehr, sondern nur grne Verzierungen, die sich
das Menschenvolk dort aufgestellt. Ich kann mir auch nicht denken, da
ein solcher Baum imstande ist zu wachsen -- es ist gegen die Natur, und
sein Laub wird im Sommer auch drftig und staubbedeckt genug sein.
Was ist da solch eine ganze Allee gegen einen einzigen Baum im freien,
schnen Walde? -- gegen meine alte Eiche?

Der Alte htte noch ruhig eine Weile so fortgeschwatzt, obgleich Georg,
mit seinen Gedanken schon wieder weit zurck, nicht einmal die Worte
hrte, die er sprach; aber sie erreichten jetzt den freien Platz, auf
dem ihr Hotel lag, und Georg bog links danach ein, und betrat gleich
darauf mit dem Forstwart die unten gelegene Restauration. Fhlte er doch
selber das Bedrfnis, den abgespannten Krper auszuruhen und zu strken,
und Barthold war ordentlich heihungrig nach irgend etwas Geniebarem
geworden.

Der groe Saal war noch schwach besetzt, fllte sich aber bald mit nach
und nach eintreffenden Gsten, und Georg nahm an einem kleinen Tische
Platz, bestellte bei einem rasch herbeispringenden Kellner ein kompaktes
Abendbrot fr sie beide und hing indessen seinen eigenen trben Gedanken
nach.

Barthold wute sich besser zu beschftigen und nahm einstweilen das vor
ihn hingelegte Rundstck oder Brot in Angriff, dem knurrenden Magen nur
wenigstens etwas zu bieten. Dann betrachtete er staunend das gerumige,
prachtvoll eingerichtete Lokal, das seinem Begriff von einer Stube
auch nicht im entferntesten entsprach. Das ganze Forsthaus daheim war
nicht einmal so gro und gerumig, und auf dem Gute selber nicht die
Hlfte der Pracht an Hausgert, Tapeten und Beleuchtung. Was fr ein
schmhliches Geld mute das alles kosten, und wie reich, steinreich
mute der Mann sein, dem das gehrte! Dann interessierten ihn auch die
fremden Holzarten, die er hier sah, und er wrde diese nher untersucht
haben, wre nicht in dem Augenblick das Essen gekommen. O, wie s
das duftete! und der alte Forstwart hatte im Nu alles andere darber
vergessen.

Der Saal fllte sich indessen mehr und mehr, und dem alten Forstwart
wollte nur das nicht dabei gefallen, da keiner den andern grte und
Leute sich manchmal dicht neben andere hinsetzten, ohne auch nur so viel
wie guten Abend zu sagen. Georg hatte eine Flasche Wein bringen lassen
und schenkte dem Alten ein -- und wie vortrefflich schmeckte das! --
er trank ein Glas nach dem andern. Mehr und mehr Menschen kamen und
besetzten die nchsten Tische. Barthold unterlie dann nie, zu gren,
erhielt aber kaum ein Kopfnicken als Antwort -- nicht einmal die Hte
setzten die groben Menschen ab! Das Essen schmeckte ihm aber trotzdem,
und Georg war lange damit fertig, als er noch immer fleiig Messer und
Gabel handhabte. Mehr und mehr Gste kamen herein; an dem nmlichen
Tische, an dem Georg und der alte Forstwart saen, hatten schon neben
ihnen vier oder fnf andere Gste Platz genommen; Georg sah sie gar
nicht; vor seinen Augen schwebte nur die unglckliche bleiche Gestalt
des Kindes, das, seiner Heimat entrissen, mit einer solchen Mutter in
das wilde Leben hinaus geschleudert worden war, und Plan nach Plan baute
er auf, wie er sich ihm nahen, wie er es retten solle.

Der alte Forstwart trat ihn auf den Fu; er litt es, bis es ihn
schmerzte, dann zog er den Fu zurck, ohne weiter darauf zu achten.
Barthold aber fhlte unter dem Tische vorsichtig weiter nach dem ihm
entzogenen Gliede, und wieder fhlte Georg die schwere Sohle des Alten
auf seinen Zehen. Erstaunt sah er zu ihm auf und bemerkte jetzt erst,
da der Alte, ber seinen Teller gebeugt und auf der Gabel ein groes
Stck Beefsteak, ihm einen bedeutungsvollen Blick zuwarf und dann
seitwrts nach einem jungen Manne schielte, der, den Hut auf dem Kopfe,
eine viereckige Lorgnette ins Auge gekniffen, im Stuhle zurckgebeugt,
dicht neben Barthold sa und die Weinkarte musterte. Georg wute im
ersten Augenblick nicht, was der Alte wollte, da dieser aber irgend
eine berraschende Entdeckung gemacht haben mute, lie sich nicht
verkennen. Dem Blick folgend, den er noch immer von ihm selber auf den
Fremden fallen lie, scho da pltzlich der Verdacht in ihm auf, ob das
vielleicht der Fremde sei, den er den ganzen Tag gesucht und der ihm
also zufllig hier in den Weg gelaufen. Eine Verstndigung mit Barthold
war aber an dem Tische selbst nicht mglich; er stand deshalb auf,
gab dem Forstwart ein leises Zeichen, ihm zu folgen, und ging nach der
andern Seite des Saales hinber. Barthold verstand im Augenblick, was
er wollte -- blieb noch eine kurze Zeit sitzen und stand dann ebenfalls
auf.

Der Fremde sah ihn ber die Weinkarte an und rckte seine Lorgnette
schrfer ins Auge; der Alte aber drehte sich langsam von ihm ab und
stand wenige Sekunden spter neben Georg.

Was habt Ihr, Barthold?

Das ist er! flsterte der Forstwart rasch zurck.

Wer? -- der Fremde von Schildheim? Derselbe, den ich an der Eiche
getroffen habe, und der dann am nchsten Tage mit in den Schlitten
gestiegen ist.

Seid Ihr dessen ganz gewi? -- Ihr habt Euch heute so oft geirrt.

Alles, was ich gegessen habe, soll mir zu Gift werden, wenn das nicht
der Rechte ist, versicherte Barthold. In dem irre ich mich aber
nicht; das Gesicht ist nicht zu vergessen, und berdies hat er mich auch
wiedererkannt.

Ihr glaubt wirklich?

Wenigstens ist ihm mein Gesicht bekannt vorgekommen, denn er hat mich
ein paarmal durch sein viereckiges Glas, das er sich vors Auge klebte,
betrachtet. Sehen Sie, Herr Baron, er dreht auch jetzt den Kopf wieder
nach mir um. Das ist der Bursche, und ein schlechtes Gewissen hat er
obendrein.

Der alte Barthold hatte sich dieses Mal nicht geirrt; es war in der Tat
Baron von Silberglanz, der, in der verdrielichsten Laune von der Welt,
dort am Tische sa und die Weinkarte musterte. Da er allerdings dem,
welchem er von allen am letzten zu begegnen wnschte, so unverhofft ins
Garn gelaufen war, ahnte er noch nicht; des alten Forstwarts Gesicht und
Kleidung war ihm aber in der Tat aufgefallen. Er mute das Gesicht in
letzterer Zeit irgendwo gesehen haben; das weie Haar besonders machte
ihn stutzig -- doch wo? Er besann sich darauf, konnte aber nicht gleich
die richtige Umgebung fr ihn finden. Jetzt stand der andere Fremde auf,
der mit am Tische sa -- auch dessen Gesicht war ihm bekannt -- jetzt
folgte ihm der alte Jger, und die beiden sprachen da hinten miteinander
-- er sah sich nach ihnen um und begegnete ihren auf ihm haftenden
Blicken. Sie sprachen von ihm, und im Nu, whrend ihm das Lorgnon
aus dem Auge fiel und sein Blut zum Herzen zurckfloh, kam ihm die
Erinnerung an alle beide -- kam ihm das Bewutsein der Gefahr, in der er
sich befand.

Das war der alte Jger aus dem Walde bei Schildheim -- der andere
Monsieur Bertrand -- der Baron von Geyfeln -- wo um Gottes willen hatte
er seine Augen gehabt, da er ihn nicht gleich erkannte? Und rasch die
Weinkarte hinlegend, dachte er jetzt nur daran, sich so rasch als irgend
mglich zu entfernen, etwaigen unangenehmen Errterungen am liebsten aus
dem Wege zu gehen. Ein flchtiger Blick dort hinber berzeugte ihn
auch rasch, da er sich keineswegs geirrt. Georg, als er sah, da er
aufstand, bewegte sich durch die, dort fr ihn glcklicherweise gedrngt
sitzenden Gste der Tr zu, jedenfalls in der Absicht, ihm den Weg
abzuschneiden. Wenn er diese vorher erreichen konnte -- sein Paletot
hing dicht daneben -- so war er sicher. Baron von Silberglanz dachte in
der Tat in dem Augenblick gar nicht daran, da er Kavalier sei, was er
sonst selten verga. Sein einziger Gedanke war Flucht, und whrend er
sich so wenig auffllig als mglich Bahn durch Kellner und Gste machte,
murmelte er leise und ngstlich vor sich hin: O ja -- weiter fehlte
jetzt gar nichts mehr, um der ganzen Geschichte noch die Krone
aufzusetzen -- weiter gar nichts! Da mich der Teufel auch plagen mu,
gerade noch heute, den letzten Abend, diesem verzweifelten Menschen in
den Weg... Er streckte den Arm nach dem neben ihm hngenden Paletot
aus; mit der Linken hatte er schon die Trklinke gefat, als er eine
Hand auf seinem Arme fhlte und eine ruhige, tiefe Stimme an seiner
Seite sagte: Auf ein Wort, mein Herr.

Ja -- bitte recht sehr -- guten Abend, erwiderte Herr Silberglanz
rasch und verlegen.

Bitte, Barthold, holt mir doch einmal meinen Hut dort -- vom Tische da
drben. Ich stehe gleich zu Ihren Diensten.

Ich mu um Verzeihung bitten -- ich bin in groer Eile.

Sie haben Zeit, erwiderte Georg ruhig, berhaupt ist es besser, da
das, was wir miteinander abzumachen haben, mit so wenig Aufsehen als
mglich geschieht.

Ich begreife nicht, mein Herr -- Sie irren sich wahrscheinlich in der
Person. Ich bin Baron von Seltendorf.

Ich kenne Ihren Namen gar nicht, erwiderte vollkommen gleichgltig
Georg. Der Name tut auch hier nichts zur Sache, wo wir uns blo an die
Person zu halten haben. -- Ich danke, Barthold. Wartet hier, bis ich
wieder zurckkomme.

Aber was wnschen Sie?

Da Sie so in Eile sind, werde ich Sie ein Stck begleiten. Was wir
miteinander zu sprechen haben, bedarf berdies keiner Zeugen. Herr
Baron, ich stehe zu Diensten.

Schn -- sehr schn, sagte von Silberglanz verlegen, indem er seinen
Paletot anzog und sich in diesem Augenblick nach Paris oder London oder
in irgend eine andere sehr entfernte Gegend wnschte. Wenn es Ihnen
denn gefllig ist...

Georg machte eine auffordernde Bewegung fr ihn, voranzugehen; von
Silberglanz, sich jetzt mit einem tiefen Seufzer der Notwendigkeit
fgend, gehorchte, und wenige Minuten spter schritten die beiden Mnner
drauen am Bassin des Jungfernstiegs, von niemandem weiter gestrt,
dahin.

Herr Baron, brach Georg endlich das, fr jenen schon drckend werdende
Schweigen, es ist zwischen uns beiden nicht weiter ntig, groe
Umschweife zu machen, und das beste wird sein, einfach und rasch zur
Sache zu kommen. Ich wei nicht, ob Sie mich kennen, obgleich ich es
fast vermute.

Ich habe in der Tat nicht die Ehre...

Nun gut denn -- ich bin derselbe Mann, den Sie frher unter dem
Namen Georg Bertrand kennen lernten, und Madame Georgine, die Sie aus
Schildheim mit ihrem Kinde entfhrten, ist meine Frau.

Mein Herr -- ich gebe Ihnen mein Wort...

Halt! -- Sie sind Kavalier, unterbrach ihn Georg rasch, bedenken Sie,
was Sie sprechen, und verpfnden Sie Ihr Wort nicht an eine -- Lge.

Herr Baron...

Davon mehr nachher, erwiderte Georg kalt. Jetzt verlange ich Antwort
-- aufrichtige, unumwundene Antwort: Wo haben Sie mein Weib gelassen? --
Wo befindet sie sich jetzt und -- was war Ihre weitere Absicht mit ihr?
-- Glauben Sie dabei nicht, mich durch leere Ausflchte, durch irgend
ein Mrchen zu tuschen. Ich will die Wahrheit von Ihnen, und wenn ich
-- doch genug, brach er, sich gewaltsam fassend, in seiner Drohung kurz
ab, wir stehen hier nicht allein auf deutschem Boden, sondern Sie
sind auch gezwungen, mir Genugtuung zu geben, und da ich mir diese
verschaffen werde, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Also beantworten Sie
mir einfach und ehrlich meine Frage. Sie knnen Ihre Sache dadurch nicht
verschlimmern, sondern nur verbessern. Wo ist Georgine und ihr Kind
jetzt -- in wessen Schutze?

Herr Baron, sagte von Silberglanz, in dem Gedanken an ein Duell
mit wirklich geladenen Pistolen innerlich erbebend, indem er zugleich
einsah, da alles weitere Leugnen fruchtlos sei, ich -- sehe vollkommen
ein, da Ihr Zorn gerechtfertigt ist -- ich gestehe, da ich gefehlt
habe, und werde...

Davon spter -- bitte, kommen Sie zur Sache, unterbrach ihn Georg
kurz. Wo wohnt Georgine -- wo -- wohnen Sie?

Lassen Sie mich ausreden, bat von Silberglanz, der sich berdies
zwingen mute, seine Gedanken zusammen zu halten. Sie haben das Recht,
eine Erklrung zu fordern, und so weit, als ich sie Ihnen leisten kann,
soll sie Ihnen werden. Fr alles brige mu ich Sie aber in der Tat
bitten, sich an -- Ihre Frau Gemahlin und -- Herrn Royazet zu halten.

Royazet? sagte Georg schnell, so haben Sie fr ihn...

Bitte, miverstehen Sie mich nicht, erwiderte von Silberglanz, schon
bedeutend beruhigt, als ihm Georg weit kaltbltiger zu sein schien, als
er ihn gefrchtet haben mochte. Wollen Sie mich die ganze Sache einfach
erzhlen lassen, wie sie ist? Vielleicht finden Sie auch dann, da ich
weit weniger schuldig bin, als Sie jetzt zu glauben scheinen.

Reden Sie, sagte Georg ruhig, aber hoffen Sie nicht, mich zu
tuschen.

Ich denke nicht daran, erwiderte von Silberglanz, um Ihnen aber einen
klareren Ueberblick ber alles zu geben, mu ich etwas weiter ausholen.
Wollen Sie mich geduldig anhren?

Ja.

Ich wohne in ***. Ein Freund von mir hatte eine Reise in dieses Land
gemacht, kam zurck und erzhlte mir, da er Sie und -- Ihre Frau
Gemahlin dort in stiller Einsamkeit gefunden.

Herr von Zhbig, sagte Georg, whrend ein verchtliches Lcheln um
seine festgeschlossenen Lippen zuckte.

Erlauben Sie mir, da ich nur dann Namen nenne, wenn es dringend ntig
ist. Er sagte mir -- jener Freund nmlich -- da sich Madame Ber -- da
sich Frau Baronin von Geyfeln entsetzlich unglcklich fhle, und gab mir
dabei deutlich zu verstehen, da -- da ich -- da sie geuert habe
-- ich -- ich sei ein alter Freund von ihr -- oder sie hege Zutrauen zu
mir, setzte er rascher hinzu, als er bemerkte, da ihn Georg erstaunt
ansah.

Woher kennen Sie meine Frau? fragte er ruhig.

Ich -- ich hatte das Vergngen, sie in *** einigemal zu sehen.

Und Georgine htte Ihrem Freunde zu verstehen gegeben, da Sie ihr
helfen sollten, aus ihrer unglcklichen Lage zu kommen?

Das war der Sinn.

Sonderbar! meine Frau hat mit Herrn von Zhbig keine drei Worte
gesprochen, die ich nicht gehrt htte. Sie war nur beim Abendbrot
gegenwrtig, und ich habe in der Zeit das Zimmer nicht verlassen.
Ueberhaupt drehte sich das Gesprch, soviel ich mich erinnere, nur um
ganz gleichgltige Dinge.

Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Kavalier, da ich nur unter dieser
Voraussetzung gewagt habe, der Dame meine Dienste anzubieten.

Gut -- fahren Sie fort; die Sache ist berhaupt unwesentlich und wir
verlieren Zeit.

Ich konnte nicht denken, fuhr Herr von Silberglanz fort, da mir Herr
von -- da mir mein Freund eine Unwahrheit gesagt habe, denn als ich
nach Schildheim kam und Sie zufllig verreist fand...

War das in der Tat zufllig?

Ich kann den hchsten Eid darauf ablegen -- Sie zufllig verreist fand,
besttigte mir die Frau Baronin durch ihr ganzes Benehmen nicht allein,
nein, auch deutlich in Worten, da ich mich nicht geirrt, und bat mich,
sie zu begleiten.

In der Tat? flsterte Georg leise zwischen den fest zusammengehaltenen
Zhnen durch.

Es nderte allerdings meinen ganzen Plan. Ich war auf einer Reise nach
Paris begriffen.

Von *** ber Schildheim?

Geschfte hatten mich gentigt, den Umweg zu machen, log von
Silberglanz, aber den Bitten einer Dame konnte ich keine Weigerung
entgegenstellen.

Und Sie entfhrten Sie?

Will ich aufrichtig sein, Herr Baron, versicherte der kleine Mann
verlegen, so -- wurde ich von ihr entfhrt, denn die -- gndige Frau
ordnete alles selber an, bestimmte Zeit und Ort, sorgte fr Geschirr und
alles, und ich -- hatte eigentlich weiter nichts zu tun, als mitzufahren
-- ja, wenn ich alles zusammenrechne, so habe ich bis zu diesem
Augenblick auch in Wirklichkeit nichts weiter getan, als da ich eben
mitgefahren bin, wobei mir die gndige Frau als einzige Vergnstigung
gestattete, die Passage zu zahlen.

Und das Kind?

Baron, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, rief Herr von Silberglanz rasch,
ich hatte keine Ahnung davon, da uns das gndige Frulein begleiten
sollte. Ja, ich war im hchsten Grade berrascht und be-- und erstaunt
darber. Im Schlitten sa ich dabei hinten auf der Pritsche bei neun
Grad Klte; auf der Eisenbahn setzte sich Frau von Geyfeln mit ihrer
Tochter in ein Damenkupee, wohin ich ihr nicht folgen durfte, und
endlich in Altona angekommen...

Nun? fahren Sie fort.

In Altona angekommen, sagte Herr von Silberglanz, und es war
augenscheinlich, da er ber diesen Teil seiner Erzhlung nicht gern mit
der Sprache herausrckte, denn wenn es ihn auch in den Augen des Gatten
entschuldigen mute, so schien er sich doch als Kavalier der Rolle
etwas zu schmen, die er dabei gespielt -- aber er durfte nicht
schweigen, und fuhr deshalb etwas verlegen fort: in Altona angekommen,
entlie mich Frau von Geyfeln mit freundlichem Dank und -- quartierte
sich ohne weiteres bei Monsieur Royazet ein, den sie jedenfalls schon
von frher her kennen mute.

Sie tuschen mich nicht?

Ich habe nicht den geringsten Grund dafr, irgend welche Rcksicht auf
die Dame zu nehmen, da sie nicht die geringste auf mich genommen hat.
Nach allem, was ich gesehen und erlebt, war ich nur ein Werkzeug, das
sie benutzte, solange sie es brauchte, und es dann -- beiseite warf.
Sie werden es daher erklrt finden, mein bester Herr Baron, wenn ich es
nicht fr gerechtfertigt halten wrde, da Sie nach allem, was Sie jetzt
gehrt, und was, wie Sie mir fest glauben mgen, die reine, lautere
Wahrheit ist, noch von mir Satisfaktion verlangen sollten. Ich wrde
dabei wahrhaftig auf das Unschuldigste von doppelten Ruten gepeitscht.
Es ist mir auerdem schon sehr unangenehm, Ihnen das alles erzhlen
zu mssen, und ich tue es allein in der Ueberzeugung, Ihnen es einmal
schuldig zu sein -- und dann auch auf Ihre Diskretion rechnen zu
knnen.

Baron von Silberglanz wrde sich noch weit mehr, als es schon der Fall
war, gedemtigt gefhlt haben, htte er den Ausdruck von Verachtung
sehen knnen, den Georgs Zge annahmen. Schweigend schritt dieser eine
Zeitlang neben ihm her, endlich sagte er, ohne auf die letzte Anrede ein
Wort zu erwidern: Folgte das Kind der Mutter willig?

Im Anfange, ja, antwortete von Silberglanz rasch, denn er fand eine
groe Beruhigung darin, da sein Begleiter auf etwas anderes bersprang;
in der Frage lag berhaupt fr ihn das geringste Kompromittierende, das
junge Frulein schien zu glauben, da die Reise nur eine gewhnliche
kurze Spazierfahrt sei.

Und nachher, als sie erfuhr, um was es sich handle?

Ich konnte nicht deutlich verstehen, was ihr die gndige Frau sagte. Es
war kurze Zeit vorher, ehe wir die Eisenbahnstation erreichten, und
Sie werden sich erinnern, da ich auf der Pritsche sa. Aber die Kleine
weinte dann und bat die Mama, sie nicht mitzunehmen.

Das tat sie?

Ja, wahrhaftig! Ich erbot mich auch, als ich das bemerkte, die junge
Dame sicher wieder nach Hause zurckbegleiten zu lassen, die gndige
Frau antwortete mir aber gar nicht auf den Vorschlag.

Und sind Sie spter nicht mehr mit ihr zusammengetroffen? -- Haben Sie
verstanden, was ich Sie fragte?

Ich? -- ja -- vollkommen, sehr werter Herr. Ich -- mu gestehen, ich
suchte noch einige -- wenigstens einmal wollte ich suchen, ihr zu nahen,
was aber in ihrer Wohnung nicht mglich war. Die Leute dieses Monsieur
Royazet sind ein auerordentlich rohes und ungebildetes Volk. Ich wute
mir dann heute morgen Zutritt zu einer der Proben zu verschaffen; aber
auch ohne den geringsten glcklichen Erfolg. Frau von Geyfeln behandelte
mich wie einen vollstndig fremden Menschen.

Und Josefine?

Ihre Frulein Tochter -- ja -- sie war auch in der Probe. Das arme Kind
wollte erst nicht reiten -- sie frchtete sich jedenfalls und weinte,
aber die gndige Frau waren sehr bse, und es ging nachher recht gut,
ja, ich kann wohl sagen, vortrefflich.

Und Ihre Absicht jetzt?

Meine Absicht? -- Hamburg morgen frh mit dem Schnellzug wieder zu
verlassen, um nach Paris zu gehen. Ich habe dort so dringende Geschfte,
da ein versumter Zug den Verlust eines Vermgens nach sich ziehen
knnte, rief von Silberglanz sehr rasch.

Ich will Sie nicht aufhalten, sagte Georg kalt. Nach allem, was ich
von Ihnen gehrt habe -- und ich glaube, da Sie die Wahrheit sprechen,
denn Ihr Hiersein besttigt es schon, sind Sie genug mit der traurigen
Rolle bestraft, die Sie gespielt haben. Aber, bitte, geben Sie mir Ihre
Karte.

Meine Karte? sagte von Silberglanz, der bei dem Anfang der Rede neue
Hoffnung geschpft hatte, erschreckt, ich -- ich bedaure sehr, ich habe
gar keine bei mir.

Ich bitte Sie um Ihre Karte, wiederholte Georg kalt und ruhig. Sie
werden mich nicht glauben machen wollen, da eine Persnlichkeit wie
Sie auch nur einen Schritt aus dem Hause ohne Karte gehe. Ich werde Sie
dieser Sache wegen, wenn sich in der Tat alles so verhlt, wie Sie sagen
-- nicht weiter belstigen. Verhlt es sich aber nicht so, dann mte
ich doch suchen, nher mit Ihnen bekannt zu werden. Ich bitte um Ihre
Karte oder ich begleite Sie bis in Ihre Wohnung.

Ich wei wahrhaftig nicht, ob ich mein Etui eingesteckt habe, sagte
von Silberglanz in uerster Verlegenheit. Sie knnen sich fest darauf
verlassen, da ich Ihnen kein falsches Wort gesagt habe.

Bitte, sehen Sie nach...

Der Baron fand, da er den Mann nicht los wurde, ohne ihm zu willfahren.
Flucht war unmglich -- der gewandte Kunstreiter htte ihn in wenigen
Stzen eingeholt. Er blieb stehen und suchte erst eine Zeitlang in allen
den Taschen, in denen er genau wute, da das Etui nicht stak.

Wenn ich Ihnen nun vielleicht meinen Namen aufschriebe, bemerkte er
dabei, als letzte Hoffnung auf Ausflucht.

Ich mu und will Ihre Karte haben, lautete die unerbittliche Antwort,
und von Silberglanz brachte endlich das verlangte Etui zum Vorschein.

Ah, wahrhaftig -- da ist es doch -- ich werde Ihnen gleich...

Bitte, erlauben Sie es mir, sagte Georg ruhig, nahm ihm das Etui aus
der Hand und whlte sich selber eine Karte aus, von der er berzeugt
war, da es keine fremde, erhaltene sei. Sie standen gerade unter einer
der zahlreichen, hell brennenden Gasflammen, und er las den Namen laut:

  Baron Hugo von Silberglanz,

sagten Sie mir nicht vorhin, da Sie Seltendorf hieen?

Ich? wiederholte verlegen von Silberglanz, wohl kaum -- die Namen
klingen so hnlich -- Sie haben sich vielleicht verhrt.

Mglich -- noch eins. Kann man leicht in Royazets Wohnung gelangen?

Es ist ganz unmglich, versicherte der Baron schnell. Sie mten denn
vorher durch einen ganzen Saal seiner Bereiter und -- Tnzer hindurch.
Ihre Frau Gemahlin ist mit Frulein Tochter in dem hintersten Teile der
Wohnung einquartiert, und zwar drei Etagen hoch.

Es ist gut. -- Herr Baron, wie Sie mir jetzt gegenber stehen, fhlen
Sie jedenfalls selbst am besten; es bedarf keiner weiteren Worte. Ich
hatte anfangs im Sinne, Sie nicht so leicht zu entlassen, aber ich sehe,
da ich von Ihnen keine weitere Satisfaktion verlangen kann. Gehen
Sie; das aber schwre ich Ihnen zu, begegne ich Ihnen noch morgen, nach
Abgang des ersten Zuges, hier in Hamburg oder in Altona, so befehlen Sie
Ihre Seele Gott.

Wenn ich den Zug versumte, wrde ich einen Extrazug nehmen, von hier
fortzukommen, rief von Silberglanz rasch. Ich bedaure unendlich, Ihnen
in dieser bsen Sache...

Georg drehte sich kalt von ihm ab und schritt die Strae wieder zurck,
dem Hotel zu, den Baron sich selbst und seinen eigenen, nichts weniger
als angenehmen Gefhlen berlassend.




28.


Am nchsten Morgen erhob sich Georg frh von seinem Lager, auf dem ihn
der Schlaf die ganze lange Nacht geflohen hatte. Unzhlige Plne entwarf
er dabei, aber nur um immer wieder zu fhlen, da sie unausfhrbar
wren, und keine Ruhe im Zimmer findend, kleidete er sich an, nach
Altona zurckzugehen. Dort wollte er einen dnischen Advokaten als
letzte Zuflucht aufsuchen, ihm den ganzen Fall erzhlen und sehen, was
er von ihm fr Hilfe erhoffen durfte. Konnte der ihm nicht helfen,
dann beschlo er, Gewalt zu brauchen. Wie das geschehen knne, wute
er freilich nicht, aber er vertraute auf sich und seine Kraft; fr das
brige lie er den Himmel sorgen. Den alten Forstwart konnte er jetzt
natrlich nicht mehr gebrauchen. Er lie ihn im Hotel zurck, schrieb
ihm dessen Adresse genau auf und riet ihm dann, an den Hafen hinunter zu
gehen und sich die Stadt anzusehen, bat ihn aber, um Mittag jedenfalls
wieder zurck zu sein, da er nicht wte, was bis dahin vorfallen
mchte. Dann ging er aus alter Gewohnheit zu dem Stalle, wo er sein
Pferd stehen hatte, nach diesem zu sehen, ob es ordentliche Pflege habe,
und darber beruhigt, schritt er langsam und recht schweren Herzens nach
Altona hinber.

Es war noch frh, und obgleich er in Hamburg selber schon den besten
und geschicktesten Advokaten Altonas erfragt, konnte er diesen doch noch
nicht sehen. Der Herr hatte seine Sprechstunde von zehn bis zwlf Uhr
-- vorher nahm er niemanden an. Der Advokat wohnte ganz in der Nhe
des Zirkus, und obgleich Georg nicht zu frchten brauchte, zu so frher
Stunde irgendwelchem von den Leuten zu begegnen, vermied er doch die
allernchsten Restaurationen und ging in eine andere Strae, um in einem
dortigen Caf sein Frhstck zu nehmen und Zeitungen zu lesen, bis
die anberaumte Stunde schlug. -- Zeitungen zu lesen -- lieber Gott!
er berflog die Bltter; die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, die
Zeilen schwammen durcheinander, und er verga den Platz selbst, wo er
sa. Nur eine Ankndigung fesselte wieder und wieder seinen Blick --
die von Royazet, in der er dem Publikum verkndete, da er nur noch drei
Tage in Altona verweilen und unabnderlich am nchsten Montag die Stadt
verlassen wrde, um mit seiner Gesellschaft nach Petersburg zu gehen. --
Nach Petersburg! -- das Wort schon gab ihm einen Stich durchs Herz,
und unruhig sprang er auf und trat ans Fenster. Aber dort gingen viele
Menschen vorbei, von denen manche hereinsahen; fast unwillkrlich
trat er wieder zurck und verbrachte die Zeit in einer Unruhe, die an
fieberhafte Qual grenzte.

Und, o, wie langsam rckte der Zeiger vor -- noch keine Zeit war ihm so
lang geworden, wie diese wenigen Stunden, die er in dem Caf verbrachte!
Endlich war es zehn -- noch fehlten Minuten daran, aber auch diese
muten ja endlich vergehen -- und wrde ihm der Rechtsgelehrte Trost und
Hilfe geben? -- Wenn nicht, so hilf dir selbst, flsterte da der alte
Trotz in ihm, und mit dem festen Entschlusse knpfte er seinen Paletot
bis oben hin zu, drckte seinen Hut in die Stirn und wollte eben, als
die groe Wanduhr die ersten Schlge der zehnten Stunde tat, das
Zimmer verlassen, als drauen auf der Strae lustig schmetternde Musik
erschallte und die Leute vor den Fenstern zusammenliefen.

Was ist das? fragte er, stehen bleibend, den Kellner, dem er eben
seine Zeche bezahlt hatte und der ihm beim Anziehen seines Paletots
behilflich gewesen war.

O, blo die Kunstreiter, antwortete der junge Bursche, sie halten
ihren Umzug, weil heute wieder groe Vorstellung ist.

Georg schlug das Herz, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte, aber
er besa Gewalt genug ber sich, das den Fremden nicht merken zu lassen.

So? sagte er, whrend der Kellner die Augen schon drauen auf der
Strae hatte, um nichts von dem Schauspiel zu versumen, dann werde ich
mir das erst von hier mit ansehen. Ziehen sie lange herum?

Eine oder zwei Stunden manchmal, bis sie durch die ganze Stadt sind.

Und kommen sie nachher hier noch einmal vorbei?

Nein, zurck kommen sie durch die andere Strae da drben, damit sie
sich soviel wie mglich berall zeigen. Sehen Sie, das da vorn ist die
neue Dame, die gestern zum erstenmal geritten ist -- die kann's! Royazet
wird sie heiraten. Sie soll ihrem Manne davongelaufen sein, nur um
hierherzukommen.

Georg fhlte, wie alles Blut sein Angesicht verlassen hatte; die
Aufmerksamkeit des Kellners wie aller im Zimmer befindlichen Gste war
aber in diesem Augenblick einzig und allein auf die Strae gerichtet,
und Georg trat zu einem der Seitenfenster. Vor diesem stand ein grnes
Drahtgitter, so da man wohl hinaussehen konnte, aber von drauen vllig
unbemerkt blieb, und vor ihm vorbei, kaum zwanzig Schritt entfernt,
bewegte sich der ganze Zug. Voran ritt die Musik, wie immer aufgeputzt
in grellen Uniformen mit buntgefrbten Federbschen und riesigen
Epauletten; hinter dieser, die einen lustigen Reitermarsch spielte,
kam der Herr des Zuges, der berhmte Royazet, und an seiner Seite,
siegesstrahlend und Glck und Triumph in den hellen Zgen -- ritt sein
Weib. -- Aber er sah sie kaum -- nur einen flchtigen Blick warf er auf
die Treulose, von der er sein Herz schon lange losgerissen. Sein Blick
suchte das Kind, sein armes, geraubtes Kind, und als er es nicht mit
unter den ersten des Zuges fand, durchzuckte ihn ein pltzlicher Strahl
von Hoffnung. War sie zu Hause geblieben -- befand sie sich nicht
beim Zuge, dann war es mglich, in dieser Zeit unbemerkt, wenigstens
ungehindert, zu ihr zu gelangen, und whrend der Zug... Auch dieser Plan
fiel, kaum aufgebaut, zu Trmmern -- dort ritt sie -- seine liebe, liebe
Josefine, sein Kind, an dem sein Herz mit allen Fasern blutend hing
-- dort, aufgeputzt mit buntem Flittertand, der ihm nie so schal, so
entsetzlich vorgekommen war, wie eben jetzt -- die bleichen Wangen
geschminkt, die Augen niedergeschlagen -- eine gebrochene, halbwelke
Blume, mit Farbe bermalt. Das andere kleine Mdchen an ihrer Seite
lachte und sprach mit ihr, aber sie antwortete ihm nicht; ihr Auge hing
an der Mhne des Ponys, den sie ritt -- ihre Gedanken waren weit, weit
fort von hier.

Mit Georg war pltzlich eine wunderbare Vernderung vorgegangen. Sein
Auge haftete wohl noch auf dem Zuge, aber er sah ihn nicht mehr; sah
nicht die faden Spe, die der wie frher dahinterher reitende Klown,
der alte Mhler, mit der Stadtjugend trieb, sah nicht das Volk, das
lrmend, schreiend, vorbeidrngte. Er blieb still und regungslos am
Fenster stehen, bis die letzten Reiter vorber waren und sich die
Zuschauer wieder dahinter schlossen. Dann drehte er sich langsam um,
verlie das Lokal und schritt auf die Strae hinaus, wo er stehen blieb
und sich umsah. Eine zweispnnige Droschke kam eben den Weg langsam
daher gefahren. Er winkte, und der Kutscher hielt neben ihm.

Nach Hamburg -- Hotel de l'Europe.

Sehr wohl.

Du bekommst doppeltes Fahrgeld, wenn du mich so rasch dahin bringst,
wie deine Pferde laufen knnen.

Soll ein Wort sein, sagte der Mann vergngt. Georg stieg ein, und fort
rasselte der Wagen ber das Pflaster. Die Pferde liefen vortrefflich,
und in verhltnismig kurzer Zeit hatten sie den bestimmten Platz
erreicht.

Georg, der schon vorher dem Kutscher das Fahrgeld gegeben, sprang
aus dem Wagen und stand wenige Sekunden spter im Stalle neben seinem
Rappen.

Den Sattel -- den Zaum! war alles, was er sagte, als einer der Leute
dienstfertig herbeisprang, ihm zu helfen. Er nahm das Geschirr aber nur
aus seiner Hand und legte es selber dem Pferde an. Er selber schnallte
auch den Gurt und befahl dann, als er alles in Ordnung wute, dem
Knecht, das Pferd vor das Haus zu fhren.

Wollen Herr Baron ausreiten? sagte einer der geschftig herbeieilenden
Kellner.

Ja, bitte, lassen Sie mir aus meinem Zimmer die Reitpeitsche und den
Plaid herunter holen, die zusammen auf dem Fauteuil liegen.

Sehr wohl; Charles, Reitpeitsche und Plaid fr den Herrn Baron -- auf
dem Fauteuil Nr. 21.

Der junge Bursche flog die Treppe hinauf und war wenige Minuten
spter mit den verlangten Sachen wieder unten. Georg festigte den
zusammengeschnallten Plaid an seinem Sattel, nahm die Reitpeitsche
mit ihrem schweren, bleigefllten Griff, fate den Zgel und flog im
nchsten Augenblick die Strae hinunter. Sein wackeres Tier brauchte
er auch nicht anzutreiben, denn durch den vollen Tag, den es im Stalle
gestanden, war es schon ungeduldig und rastlos geworden. Aber er wollte
es auch nicht vor der Zeit anstrengen, um seine Krfte zu schonen.
Ueberdies durfte er, sobald er in die engen Straen einbog, nicht so
rasch reiten, und sein Tier deshalb einzgelnd, trabte er, so schnell er
hier noch vorwrts rcken konnte, seinem Ziel entgegen.

Bald hatte er Altona erreicht, und um ja den gnstigen Moment nicht zu
versumen, ritt er augenblicklich dem Zirkus zu, dem Zuge dort, wenn
er etwa schon auf dem Rckwege wre, zu begegnen -- aber noch war alles
still. Ein Brieftrger, den er anredete und nach der Kavalkade fragte,
sagte ihm, da er die Kunstreiter vor kaum zehn Minuten dort irgendwo
rechts hinunter gehrt htte. Wo sie jetzt wren, wte er nicht, aber
jedenfalls mten sie hier wieder vorbei. Georg wartete nicht darauf;
er hielt der bezeichneten Richtung zu und heftete seine ganze
Aufmerksamkeit dabei nur auf die abzweigenden Straen, um nicht in
diesen irre zu werden und seinen Weg im entscheidenden Augenblick zu
verfehlen. Sein Plan war gefat; ernst und ruhig ritt er im Schritt die
Strae nieder, dann und wann haltend, ob er die laute Blechmusik durch
das Gerassel der Wagen und das Gelrm der lebendigen Stadt nicht hren
knne. Noch lie sich kein derartiger Laut unterscheiden; als er aber
wieder eine Strae entlang geritten war, kalt und umsichtig dabei jedes
mgliche Hindernis ersphend, und eben wieder um eine Ecke bog, schlugen
die fernen Klnge der Trompeten deutlich an sein Ohr. Fast unwillkrlich
zgelte er sein Tier ein, den willkommenen Tnen zu lauschen -- deutlich
unterschied er die Richtung, nher und lauter wurde der Lrm -- es war
kein Zweifel mehr, sie kamen gerade auf ihn zu. Das aber lag nicht in
seinem Plane, mit dem er fest mit sich im reinen war; aber er dachte
auch nicht daran, sich zu bereilen. Ruhig erwartete er das Nherkommen
des Zuges, sein Herz klopfte dabei fast hrbar in der Brust, sein
Gesicht war aschfahl geworden, aber keine Muskel regte sich, und erst
als er die voranreitenden Trompeter nach sich einbiegen sah, lenkte er
sein Pferd in eine kleine Gasse hinein, die hier schrg abbog und
ihn vollstndig verdeckt hielt. Dort lie er den Zug, der wieder dem
Zirkusplatze zuhielt und jedenfalls seinen Rundritt vollendet hatte,
vorber, und schon klangen die Trompeten, da der Schall durch eine neue
Biegung der Strae gebrochen wurde, wie aus weiter Ferne, als das Pferd
den leichten Schenkeldruck des Reiters fhlte.

Der Zeitpunkt war gekommen, in dem er handeln mute, und ein trotziges
Lcheln zuckte zum erstenmal wieder seit langer Zeit um die fest
zusammengepreten Lippen des Mannes. Das Pferd bog in einem leichten
Trab in die Hauptstrae ein, und eben konnte er noch die letzten des
Zuges, die Klowns, erkennen, die mit dem Volke ihre Spe trieben.
Mhler war der tollste von allen. Aber nicht diesen frchtete er mehr,
denn wenn er ihn auch erkannte, was tat's? Ehe er die vorn im Zug
Reitenden warnen konnte, war sein Plan schon gelungen -- oder miglckt,
und mit der Gefahr, der er sich aussetzte, wuchs ihm auch der Mut.
So kaltbltig hielt er jetzt in scharfem Trabe auf die voranziehende
Kavalkade zu, als ob es sich nur um einen Spazierritt handle, und mit
raschem Blick sich dabei orientierend, war er auch sicher, keinen Zoll
breit seiner Bahn zu vergeben.

Der Zug war gerade in eine der Hauptstraen der Stadt eingebogen, die
direkt auf den breit und hoch aufgefhrten Zirkus des Monsieur Royazet
zufhrte; von weitem lie sich schon das aus neuen Brettern aufgestellte
Gebude mit seinem schrg zulaufenden spitzen Dache erkennen. Georg
bersah das alles; er hatte sein Terrain an diesem Morgen genau
rekognosziert. Fest hielt er sein Tier im Zgel und lenkte jetzt um den
Menschenschwarm herum, der die Hanswurste lachend und jauchzend umtobte.
Allerdings hatten sich schon einige Reiter dem Zuge heute morgen
angeschlossen, meist Neugierige, die ihn eine kurze Strecke begleiteten
und dann wieder, durch das Schauspiel ermdet, davon abbogen. Die zu den
Kunstreitern gehrenden Personen interessieren sich aber natrlich fr
jedes Pferd, das sie sehen, besonders wenn es von edler Rasse ist, und
der alte Mhler machte keine Ausnahme davon. Mitten in seinen Sprngen
und Neckereien, bei denen er rechts und links mit seiner klappernden
Holzpritsche Schlge austeilte, haftete sein Auge an dem Pferde und
fuhr erschreckt von ihm empor zum Reiter. Den Rappen konnte er nicht
verkennen, und der leise Schreckensruf entfuhr seinen Lippen: Beim
Teufel -- Georg!

So geschickt Mhler auch bisher gewut hatte, trotz allen ausgeteilten
Hieben, Angriffen auf ihn selber zu entgehen und die Lacher auf seiner
Seite zu behalten, so ganz aus aller Fassung brachte ihn die pltzliche
Erscheinung des Mannes, den er von allen auf Erden in diesem Augenblick
am meisten frchtete. Er hatte in der Tat alles andere um sich her in
dem einen Angstgedanken vergessen, was der Mann jetzt mit Georginen
beginnen wrde. Die mute er warnen, und er sprang nach seinem Pony,
fhlte sich aber auch in demselben Augenblick wieder zurckgerissen,
denn drei oder vier Jungen hingen an seinen Schen und hielten ihn
jauchzend fest. Wie der Blitz fuhr er freilich mit seiner Pritsche
herum, aber die Jungen waren durch die frher erhaltenen Hiebe schon
gewitzigt worden, und sich fest an ihn drngend und ihn mit ihren Armen
umfassend, gaben sie ihm keinen Raum, sie ordentlich zu treffen. Das
half ihnen indes nicht viel, denn die anderen Klowns lieen ihren
Kameraden nicht im Stich. Von beiden Seiten sprangen sie zu, und so derb
hagelten diesmal die Prgel auf die ihnen verlockend genug zugedrehten
Rckteile, da die Bande, sehr zum Ergtzen des brigen Publikums,
heulend und schreiend auseinander stob. Mhler war aber dadurch in
seinen Bewegungen gehemmt worden, und Minuten vergingen, ehe er seinen
Pony wieder erreichte. In zitternder Hast warf er sich auf dessen
Rcken, und seine Flanken mit den Hacken bearbeitend, sprengte er den
Zug entlang, Royazet die gefhrliche Nhe seines Nebenbuhlers zu melden
und Georginen zu warnen.

Lange vorher aber hatte Georgs wackerer Rappe seinen Herrn am Zuge
hinaufgetragen. Die Blicke des Vaters suchten dabei und fanden das Kind,
und wenige Sekunden spter war er an dessen Seite.

Josefine hatte an dem Morgen vergebens ihre Mutter gebeten, sie
nicht mit auf die Strae zu nehmen. Bitten wie Trnen blieben gleich
erfolglos: sie mute, denn sie sollte sich wieder an das lustige
Reiterleben gewhnen und nicht allein daheim sitzen, zu denken und zu
grbeln und zu weinen. Natrlich gehorchte sie -- wie sie ihr kleines
munteres Tier aber bestiegen hatte, so sa sie noch, die Blicke an der
Mhne desselben haftend, das Antlitz bleich, der ganze kleine Krper
zitternd, und die Gedanken waren weit von da. Nicht an den glnzenden
Umzug dachte sie, an die schmetternde Musik und das gaffende Volk,
sofern an die freundliche Heimat im Walde dort -- weit von hier -- an
den Vater, dem sie entrissen worden und an dem ihre ganze Seele hing, an
ihre liebe, freundliche Erzieherin, die sich jetzt ihretwegen sorgen
und um sie weinen wrde. Und konnten sie je erfahren, wo sie sei? -- und
wenn das, wrde die Mutter sie je wieder freilassen aus diesem Leben,
dessen ganze Qual sie erst am gestrigen Abend durchgekostet? Rasche
Hufschlge neben ihr weckten sie aus ihren Trumen, und eine hohe,
dunkle Gestalt warf ihren Schatten ber sie hin.

Josefine! flsterte eine so wohlbekannte Stimme an ihrer Seite.
Staunend, erschreckt sah sie auf, und wie ihre Hand fast unwillkrlich,
und mehr um sich zu halten, als aus einem andern Grunde, den Zgel
fate, rief sie: Vater -- du -- du hier?

Willst du mit mir gehen?

Wohin du mich fhrst!

So komm -- rasch -- spring herber! rief der Mann, vor innerer
Bewegung kaum fhig, die Worte ber die Lippen zu bringen.

Den Teufel auch -- der Alte! schrie es da, und Georg sah, ehe Josefine
imstande war, ihre Sinne so weit zu sammeln, da sie begriff, was
ihr Vater von ihr wollte, wie sich einer der Reiter durch die brigen
drngte. -- Es war Karl, der in diesem Augenblick frei aus dem Zuge, mit
verhngten Zgeln nach vorn sprengte.

Spring! bat der Vater in Todesangst, denn keine Sekunde war zu
verlieren, spring zu mir, ich fasse dich!

Halt! was geht da vor? riefen andere der Schar, die Georg nicht
kannten; Josefine sa noch immer regungslos, nicht fhig, sich zu
bewegen; aber Georg war nicht der Mann, den einmal gefaten Sieg aus den
Hnden zu geben. Sich im rechten Steigbgel niederbiegend, fate er sein
Kind mit dem rechten Arm um den Leib, und noch whrend er sie emporhob,
fhlte der Rappe den eingestoenen Sporn, der ihn nach vorn trieb. Frei
an seinem Arm hing bei dem ersten Satze des Pferdes das Kind in der
Luft, aber schon sa der Reiter wieder eisenfest im Sattel, und whrend
er die willenlose Kleine in seinen linken Arm warf, und der Rappe, das
Feuer aus dem Straenpflaster schlagend, den Zug entlang flog, fate
seine Rechte die bleibeschwerte Peitsche fest und sicher, sich seine
Bahn frei zu hauen, wenn ihm kein anderer Ausweg blieb.

Links hinber konnte er nicht; keine Strae bog hier ab, und hinter
dem Zuge wlzte sich der dichte Menschenschwarm -- also voraus, und
mit Gedankenschnelle flog er hin. Da scho Karl an Royazets Seite.
-- Dieser, durch das Getse betubt, das die dicht vor ihm reitenden
Trompeter machten, hatte von dem, was hinter ihm im Zuge vorging, noch
keine Ahnung -- als pltzlich des erschreckten Burschen Stimme in sein
Ohr drhnte: Dort ist Georg Bertrand! er entfhrt das Kind!

Georg? um Gott! schrie Georgine, erschreckt emporfahrend, und die
herandonnernden Hufe besttigten schon die kaum gesprochenen Worte. Im
Nu aber hatte Royazet seinen Zgel aufgegriffen, und dem eigenen Tiere
beide Hacken in die Flanken bohrend, flog er mit ihm wie ein von der
Sehne geschnellter Pfeil dem Feinde entgegen.

In dem Moment brauste Georg heran, und aus dem Wege stob alles vor dem
Rasenden.

Halt! donnerte ihm Royazet zu, und wie er, fast durch die Luft
fliegend, an Georgs Seite war, griff seine Faust nach Josefinens Kleid.
Da traf die schwere, bleigefllte Peitsche den ausgestreckten Arm, da
er gelhmt zur Seite sank, und der Rappe schnob mit einem Satze vorbei.
Den Verfolger war er deshalb freilich noch nicht los, denn Royazet
brauchte die andere Hand nicht fr den Zgel; sein Tier, von fast so
edlem Blute wie das, welches seinen Gegner trug, flog, nur von den
Schenkeln gefhrt, herum, den Rappen einzuholen, aber der hatte schon
eine Pferdelnge Vorsprung, und wie ein Wetter sauste er dahin.

Halt da -- halt! schrie Polizei, die dort im Wege stand, und sprang
vor, dem Pferde nach dem Zgel zu greifen -- wieder sank die Peitsche,
und mit einem Schmerzensschrei fuhr der Dienstbeflissene zurck. Ein
Schiebkarren fuhr quer ber die Strae -- der Mann lie ihn fallen und
floh zur Seite; einem Vogel gleich schnellte der Rappe darber hin,
der graue Araber, den Royazet ritt, blieb dicht an seinen Fersen. Wagen
kreuzten ihren Weg, aber die beiden, der leisesten Fhrung gehorchenden
Pferde fanden kein Hindernis, das sie nicht berwunden htten. Wie ein
Blitzstrahl scho der Rappe ber den Boden, wie der Schein, der dem
Blitze folgt, folgte ihm der Graue, und beide Pferde schienen den Boden,
aus dem sie die hellen Funken schlugen, kaum zu berhren. -- Aber der
Araber war dem Rappen nicht gewachsen, und selbst wenn er ihn eingeholt,
fhlte Royazet recht gut, da er allein dem Vater das Kind nicht wrde
entreien knnen. Doch seine Ehre als Reiter stand hier auf dem Spiele,
und weiter und weiter jagte er sein schnaubendes Ro. Der seidene
Mantel, den er trug, schlug im Wind -- wild wehten seine Haare
hinterdrein, denn das Federbarett hatte ihm der tolle Ritt schon lange
entfhrt. Aber seine Hacken trafen des arabischen Hengstes Flanken;
mit Stimme und Schlag feuerte er ihn an -- zu mehr, als er zu leisten
vermochte -- den Rappen einzuholen.

Wie in Erz gegossen sa dagegen Georg im Sattel. Sein dicht an seine
Brust geschmiegtes Kind im Arm, das dunkle Auge in Siegesjubel blitzend,
die Rechte mit der Peitsche bewehrt, so flog er dahin, sein Tier sich
selber berlassend, wie eine Erscheinung an den entsetzt zur Seite
Prallenden vorbei, bis Deutschlands Grenze, die Linie, die Altona von
Hamburg scheidet, zwischen ihm und seinem Feinde lag. Noch lie er
seinem wackern Tiere den Zgel, bis er die nchste Huserreihe fast
erreicht. Jetzt wute er, da er auf deutschem Grund und Boden war, und
nicht lnger mehr brauchte er zu fliehen. -- Wollte ihn sein Verfolger
erreichen, hier hielt er ihm stand, und mit dem festen Willen fast
parierte er sein Pferd, das so, in voller Flucht, sich auf den
Hinterbeinen hob, herumflog und wie angegossen stand. -- Aber Royazet
war klug genug, den zum uersten Getriebenen nicht auf sein eigenes
Terrain zu folgen. Die Grenze bildete fr ihn das letzte Ziel der
Verfolgung, und dort sein Pferd so rasch und sicher parierend wie Georg,
lenkte er es zurck, und war wenige Minuten spter, beschmt, besiegt,
zwischen den Huserreihen Altonas verschwunden.

Ein triumphierendes Lcheln zuckte um Georgs Lippen, aber es war nur
ein Moment. Die Gegenwart nahm ihn genug in Anspruch -- das andere lag
dahinten. Rasch schnallte er den Plaid von seinem Sattel, denn sein
wilder Ritt sowohl, wie die wunderliche Tracht des Kindes, das er vor
sich trug, erregten die Aufmerksamkeit der ruhigen, an so etwas nicht
gewhnten Brger Hamburgs -- Neugierige begannen schon sich um ihn zu
sammeln. Ohne Zgern hllte er die Kleine in den weichen Plaid, nahm ihr
das Barett vom Haupte, das er darunter barg, verdeckte ihr geschminktes
Antlitz, und trabte dabei schon wieder scharf dem nchsten Tore zu. Aus
Sicht den Leuten, und er war vergessen. In der Stadt selber konnte der
auf schweibedecktem Tier Vorbertrabende nur flchtige Aufmerksamkeit
erregen; die Leute dort hatten auch zu viel mit sich selber zu tun,
sich noch um andere, Fremde, zu bekmmern. So gewann er ohne weiteres
Hindernis sein Hotel, sprang vom Pferde, das er dem Hausknecht bergab,
um es rasch in den Stall zu fhren und abzureiben, und trug sein Kind,
noch eingehllt in den Plaid, die breite Treppe selbst hinauf.

Das Stubenmdchen erstaunte allerdings, als ihr der Auftrag wurde, so
rasch als mglich Kinderkleider fr die Kleine herbeizuschaffen; dort
aber war das leicht. In einer halben Stunde hing Josefine, Freudentrnen
weinend, in einem dunklen warmen Kleide an ihres Vaters Halse, und schon
der Abendzug, der Hamburg verlie, fhrte sie mit dem Vater und dem
alten erstaunten Barthold der Heimat wieder zu.




29.


Wolf von Geyerstein sa allein in seiner Stube, den Kopf in die Hnde
gesttzt, und vor ihm lag ein offener Brief Georgs:

Tausend und tausend Dank fr deine brderliche Liebe, mein Wolf! --
Du hast recht -- meine Stellung hier, nach dem Vorgefallenen, ist,
wenn auch nicht unhaltbar, doch hchst drckend. Durch jenen Herrn von
Zhbig, wie du aus meinen frheren Briefen weit, und durch des alten
Mhler trunkene oder seines Neffen boshafte Schwatzhaftigkeit ist
mehr unter die Leute gekommen, als ich im Anfang selbst vermutete.
Das Gercht, was ich frher gewesen bin, hat Boden gefat, und die
Gutsnachbarn ziehen sich von mir zurck, vermeiden mich wenigstens,
soviel es geht, und ich werde sie nicht aufsuchen.

Meine ganze Seligkeit ist jetzt mein Kind, das ich glcklich dem ihm
selber furchtbaren Leben entrissen habe. Auch mit dessen Mutter bin
ich im reinen. Georgine weigerte sich auf meinen ersten Brief, in eine
Scheidung zu willigen, und wollte es nur unter der Bedingung, da ihr
Josefine zurckgegeben wrde. Durch ihre Flucht hat sie sich aber selber
jedes gesetzlichen Schutzes beraubt, und auerdem scheint ihr auch
der Wunsch, jene Verbindung mit Royazet zu schlieen, den Schritt
erleichtert zu haben. Wir sind geschieden, die Papiere darber werde ich
in nchster Zeit bekommen, und frei von allen Banden, die mich bis dahin
an das alte Leben ketteten, will ich von nun an meine Bahn beginnen.

Fr dein Anerbieten, mich nach Ungarn auf das dort fr mich angekaufte
Gut zu setzen, nimm meinen heien Dank. Du hast schon mehr fr mich
getan, als selbst ein Bruder fr den andern tun kann, aber -- ich will
dich aller weitern Sorge fr mich entheben. Ich habe einen andern Plan
fr mich, der mich mir selber wiedergeben soll. Will es Gott, so sehen
wir uns dereinst noch froh und frhlich wieder, und dann kann ich der
Mutter auch getrost ins Auge schauen.

Ich will nach Amerika. Es wird mir von meinem kleinen Kapital etwa so
viel brig bleiben, mit meinen Begleitern hinberzukommen. Ich habe
ein Kind angenommen -- eine Waise -- als Josefinens Gespielin, die mit
unendlicher Liebe an der neuen Schwester hngt. Von allen meinen Sachen
nehme ich nur den Rappen mit, der mir mein Kind befreit -- aber nur bis
zu dir. Mag er dir von jetzt an so treu dienen, als er mir gedient.

Alles weitere mndlich. Ich komme auf der Durchreise nach ***, um dich,
du treues Herz, noch einmal zu sehen und dir selber fr alles, was du
an uns getan, zu danken. Wahrscheinlich folge ich diesem Briefe
unmittelbar; denn wie du mir schreibst, wird der neue Pachter schon in
acht Tagen eintreffen, und es ist alles hier so geregelt und in Ordnung,
da dem alten Verwalter das Gut auf die kurze Zeit ohne die geringste
Sorge anvertraut werden kann. Ich bin gerade dabei, ihm das Inventar zu
bergeben.

  Es grt und kt dich bis dahin

  dein _Georg_.

P. S. Da du mich nach dem Namen des traurigen Individuums fragst, das
meine Frau zu ihrer Flucht benutzte, so schreibe ich ihn dir. -- Er
nennt sich Baron Hugo von Silberglanz.

Wolf hatte den Brief wieder und wieder gelesen. Er war aufgestanden und
ging mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab.

Er darf nicht fort! flsterte er dabei, nicht nach Amerika! Er ist
das letzte Herz, das hier noch mir gehrt -- wir gehen zusammen fort
von hier -- nach Ungarn. Brennt doch der Boden auch mir unter den
Fen. Gott sei Dank, da er kommt -- besprochen ist so etwas besser als
geschrieben, und er wird -- er knnte nicht von mir gehen -- wte er
nur den tausendstel Teil von dem, was ich um ihn hier leide, setzte er
mit leiser, kaum hrbarer Stimme hinzu.

Mit dem Entschlusse, seine Stellung hier aufzugeben und die Stadt
selber, die so viele trbe Erinnerungen fr ihn barg, zu verlassen, kam
auch pltzlich Ruhe ber ihn. Er ordnete seine Papiere und lie sich
dann bei dem Frsten melden. Der Frst war aber auf die Jagd gefahren
und wurde erst am nchsten Abend zurck erwartet. Die Lakaien
schlenderten mig im Schlosse herum und zhlten vor lauter Langerweile
die Fensterscheiben.

Karl, der Bursche des Rittmeisters, hatte indessen mehr Beschftigung,
denn ihm war der Auftrag geworden, zwei Zimmer fr Gste herzurichten,
mit allem Ntigen zu versehen und ordentlich durchwrmen zu lassen, da
der Besuch jeden Augenblick eintreffen konnte.

An dem Abend war Soiree bei Herrn von Zhbig und Graf Geyerstein
ebenfalls eingeladen worden -- der sich aber entschuldigen lie. Gegen
Abend, als er durch die Stadt ging, traf er den Baron zufllig auf der
Strae.

Aber lieber, bester Freund, scho dieser auf ihn zu, zu meinem
unendlichen Leidwesen hre ich eben, da Sie uns heute abend Ihre
unschtzbare Gegenwart grausamerweise entziehen wollen. Meine Frau ist
ganz untrstlich darber.

Das bedaure ich in der Tat, sagte der Rittmeister kalt,
unaufschiebbare Geschfte verhindern mich indes, da ich in nchster
Zeit wieder lnger abwesend sein werde.

Sie wollen wieder auf Urlaub gehen? fragte Herr Zhbig rasch, und
innerlich frohlockte er dabei ber die frisch aufgefangene Neuigkeit.

Ja, erwiderte der Rittmeister, der den Grund nicht ahnte, weshalb sich
der Baron in solcher Weise dafr interessierte.

Auf Ihre Gter?

Wahrscheinlich -- apropos, haben Sie lange nichts von Ihrem Freunde
Baron Hugo von Silberglanz gehrt?

Von meinem Freunde? sagte Herr von Zhbig, dem dieses Epitheton in
Verbindung mit sich und im Munde des stolzen Grafen eben nicht angenehm
war, ich wei gerade nicht, da Baron Silberglanz zu meinen speziellen
Freunden gehrte. Er ist ein seelensguter Mensch und einmal in die
Gesellschaft eingefhrt, so da man ihn nicht gut umgehen kann, aber...

Wenn Sie ihn wiedersehen sollten, und ich wre vielleicht nicht hier,
sagte der Graf, bitte, so gren Sie ihn doch von mir.

Von Ihnen?

Ja, er wird schon wissen, was es zu bedeuten hat.

Zu bedeuten hat? wiederholte der Baron immer erstaunter, ich gebe
Ihnen mein Wort...

Ihr Wort? fragte der Graf, ohne ihn ausreden zu lassen, geben Sie das
nicht auch manchmal leichtsinnig, Herr Intendant?

Ich will nicht hoffen, sagte Baron von Zhbig rasch, aber doch mit
einem etwas unbehaglichen Gefhl, das ihm sein Gewissen in diesem
Augenblick aufdrngte. -- Haben Sie -- haben Sie etwas mit Silberglanz
gehabt?

Ich? -- nicht das mindeste -- ich kenne den Baron gar nicht, sagte
Graf Geyerstein gleichgltig. Der Baron hat, wie ich erfahren,
ein kleines Abenteuer gehabt, das er Ihnen aber wohl leider nicht
ausfhrlich erzhlen wird.

In der Tat? Sie machen mich unendlich neugierig! rief Baron Zhbig
gespannt. Sie wrden mich sehr verpflichten, wenn Sie dann die Gnade
haben wollten...

Tut mir leid, Herr Baron, nicht imstande zu sein, Ihnen darin
zu willfahren; ich bin auch nur oberflchlich darin unterrichtet.
Vielleicht kann Ihnen Ihr Orakel darber Auskunft geben.

Mein Orakel, hahaha! Herr Graf, Sie sprechen heute in lauter Rtseln.
Wen verstehen Sie unter meinem Orakel?

Frulein Franziska von Zahbern.

Hahahaha! lachte Baron von Zhbig, aber das Lachen kam nicht recht aus
seinem Herzen, denn er fhlte, da Graf Geyerstein mehr wute, als er
eigentlich sollte -- ja, was noch schlimmer in diesem Augenblick war,
mehr als er selbst. -- Sie sind gttlich, Graf, aber -- furchtbar
boshaft, da Sie die arme Zahbern zu einem Orakel machen wollen. Kommen
Sie -- beichten Sie -- wir gehen dort in den Keller hinunter und trinken
eine Flasche Wein -- und damit fate er den Grafen unter den Arm, ihn
mit sich fortzuziehen; die Geschichte von Silberglanz drfen Sie mir
gar nicht vorenthalten. Sie haben mich damit auf die Folter gespannt.

Es ist grausam, Sie darauf liegen zu lassen, Herr Baron, sagte der
Graf ruhig, aber ich werde dazu gezwungen sein. Den ausfhrlichsten
Bericht kann Ihnen jedenfalls Herr Hugo von Silberglanz selber geben,
und Sie mssen sich auf den vertrsten. Ich bitte, da Sie mich
entschuldigen -- ich habe Eile.

Sie wollen in der Tat nicht einen Augenblick mit mir...

In der Tat nicht -- guten Abend, Herr Baron, und der Graf neigte sich
leicht, whrend er sich von Herrn von Zhbig abdrehte und die Strae
hinunter schritt. Herr von Zhbig blieb in einer hchst unbehaglichen
Stimmung zurck.

Graf Geyerstein suchte indessen den Kriegsminister von Ralphen auf, um
diesem sein Anliegen vorzutragen; Seine Exzellenz mute aber gerade in
eine Session und lie den Grafen bitten, morgen frh Punkt zwlf Uhr
wieder zu ihm zu kommen, da er ihm berdies etwas mitzuteilen habe.

So lie sich denn fr heute nichts weiter tun, und der Graf verbrachte
den Abend damit, seine Briefschaften zu ordnen, alte Korrespondenz zu
verbrennen, wichtige zu versiegeln und einige notwendige Briefe auerdem
zu schreiben. Am nchsten Morgen war er wieder frh auf und setzte
seinen Burschen Karl in nicht geringes Erstaunen, als er ihm befahl,
seine Koffer herbeizuholen und smtliche Kleidungsstcke zu reinigen,
sowie zum Packen bereitzuhalten. Karl schttelte heimlich mit dem Kopfe,
denn das pate nicht zu dem erwarteten Besuche. Er war aber ein zu guter
Diener, weiter zu fragen, und ging an seine Arbeit.

Wann kommt der erste Zug? rief ihm der Graf nach.

Woher, Ew. Gnaden?

Von Berlin.

Ah so -- der wird jetzt herein sein oder doch gleich kommen. Da unten
hr' ich schon die Droschken -- er mu schon da sein.

Es ist gut. -- Wolf trat ans Fenster, und Karl ging hinaus, seine
Auftrge auszufhren.

Eine lange Reihe von Droschken kam die Strae daher, die eingetroffenen
Fremden in die verschiedenen Hotels zu fahren. Eine davon lenkte nach
seiner Tr zu und hielt. Ein Mann in einem grnen Rocke sa neben dem
Kutscher vorn auf dem Bock -- er sah herauf -- es war der alte Forstwart
Barthold von Schildheim, und Wolf flog nach der Tr, den Bruder zu
begren.

Karl! Karl!

Gndiger Herr!

Hinunter -- die Gste sind da -- schnell das Gepck herauf!

Rasche Schritte nahten von der Stiege her, Wolf trat in sein Zimmer
zurck, in der ersten Begrung nicht von Fremden gestrt zu werden, und
wenige Minuten spter lagen sich die Brder in den Armen.

Gott gr' dich, Georg -- Gott gr' dich tausendmal, und herzlich
willkommen hier bei mir! Wo sind die Kinder?

Mein guter, guter Wolf! -- sie kommen nach; der alte Barthold bringt
sie mit ihrer Erzieherin die Treppe herauf.

Den Alten hast du von Schildheim entfhrt?

Ja -- nur bis hierher. Ich mute jemanden des Pferdes wegen bei mir
haben, und er wei mit Pferden besser umzugehen, als ich ihm zugetraut.
Du hast wohl jemanden, um den Rappen vom Bahnhof abholen zu lassen?

Gewi! Nun mache es dir bequem und ruhe dich aus! Wir haben viel, sehr
viel miteinander zu besprechen. -- Karl -- wo steckt der Bursche wieder?
Karl, da die Kinder mit der jungen Dame gleich ihr Zimmer bekommen
-- es ist alles in Ordnung, Georg; ich habe auch eine Frau, eine
ganz tchtige Person besorgt, damit die Kleinen fr die Zeit ihres
Aufenthalts hier ordentliche Verpflegung haben. -- Ein Junggeselle ist
sonst nicht darauf eingerichtet.

Wir wollen dir nicht lange zur Last fallen.

Davon spter -- und nun erst her zu mir, sagte er, indem er die Tr
schlo, dann auf den Bruder zuging und ihn umarmte und kte und wieder
kte. -- Du armer, armer Georg, was hast du ertragen mssen, und doch
bei alledem so brav, so wacker dich gehalten! Jetzt bist du wieder der
Unsere. Du darfst jedem frei ins Auge schauen, und -- wir trennen uns
auch jetzt nicht mehr.

Mein braver Wolf! rief Georg, ihn fest an sich pressend, du treues,
brderliches Herz! -- Ueber meine Plne sprechen wir nachher. Doch was
fehlt dir? Du siehst verndert aus, seit ich dich nicht gesehen.

Nichts -- ein leichtes Unwohlsein. -- Und wie geht es deinem Kinde,
deiner armen kleinen Josefine -- meiner Nichte? Sie wird uns beiden wohl
fortan gehren mssen.

Du willst auch nach Amerika? rief Georg erstaunt.

Nein, das nicht, lchelte Wolf, aber deine Plne wirst du den meinen
schon fgen mssen, aus Liebe zu mir. Doch deinen Kinderraub mut du mir
ausfhrlicher, als es durch den Brief geschehen, erzhlen. Merkwrdig,
da nichts davon in den Zeitungen stand.

Das Ganze ging zu rasch, lchelte Georg, und Royazet wre der letzte
gewesen, es bekannt zu machen. Er mag auer sich genug gewesen sein,
da bei seinem prunkenden Zuge ein anderes Pferd ihn berbieten konnte.
Meinen Rappen aber holt keins von seinen Tieren ein. Ich sah, wie
Georgine erbleichte, als ich vorberbrauste -- die Falsche -- keine Ader
meines Herzens schlgt mehr fr sie; mag sie dem Leben bleiben, dem sie
sich geweiht. Das alles aber erzhle ich dir ausfhrlich, wenn wir
heute abend still und traulich beisammensitzen. Du bist doch nicht
beschftigt?

Mit keinem Gedanken, ich gehre euch; und nun zu den Kindern, da wir
die begren! Und seines Bruders Arm ergreifend, wollte Wolf eben
mit ihm das Zimmer verlassen, als Karl, ein sehr bedenkliches Gesicht
ziehend, die Tr ffnete und herein meldete: Herr Rittmeister, halten
zu Gnaden, eine Dame ist drauen, die nach Ihnen fragt.

Eine Dame? -- nach mir? rief Wolf erstaunt, des Bruders Arm
loslassend, das ist wohl ein Irrtum.

Nein; sie fragte nach dem Herrn Rittmeister von Geyerstein.

Eine junge Dame?

Halten zu Gnaden, nein; sie ist schon in den Jahren, sieht aber sehr
vornehm aus.

Und hast du nicht nach ihrem Namen gefragt?

Sie wollte ihn nicht nennen. Ich sollte dem Herrn Rittmeister nur
sagen, eine Dame wnsche ihn zu sprechen.

So geh allein voran, Georg; ich folge dir gleich nach, sagte Wolf.
Gott wei, wer es ist! Ich werde keineswegs lange aufgehalten werden.
Wir frhstcken dann zusammen.

Mach', da du bald kommst, erwiderte Georg, indem er durch die ihm
bezeichnete Tr verschwand. Karl blieb noch einen Augenblick stehen.

Alle Wetter, dachte er bei sich, der Herr sieht genau so aus wie der
famose Kunstreiter Monsieur Bertrand, und mein Herr und er duzen sich?

Nun, auf was wartest du?

Halten zu Gnaden! rief Karl erschreckt, soll ich sie hereinfhren?

Es sieht hier freilich ein wenig wild aus, aber die besseren Zimmer
sind besetzt. Wenn sie einen Junggesellen besucht, mu sie frlieb
nehmen, wie sie es findet. Bitte sie, nher zu treten. -- Apropos, den
Jger, der mit -- dem Herrn gekommen, bringe mir gut unter, und sorge,
da es ihm an nichts fehlt. Wenn alles in Ordnung ist, soll er herauf zu
mir kommen; ich will mit ihm sprechen. Noch eins -- der Johann mu dann
gleich auf den Bahnhof, um ein Pferd dort abzuholen.

Sehr wohl!

Karl verschwand durch die Tr, die sich bald darauf wieder ffnete, und
eine Dame trat herein und ging auf Wolf zu.

Gndige Frau, sagte dieser, Sie haben gewnscht...

Die Dame stand mitten im Zimmer und sah ihn lchelnd an.

Heiliger Gott! fuhr Wolf erschreckt empor. Mutter -- du?

Das war eine Ueberraschung, nicht wahr? sagte die alte Dame, indem sie
ihre Arme liebkosend um das an sie geschmiegte Haupt des Sohnes legte.
So habe ich es mir ausgedacht und mich lange, lange schon darauf
gefreut.

Karl ffnete in diesem Augenblick die Tr ein wenig, denn es war ihm,
als ob ihn sein Herr gerufen htte, schlo sie aber auch augenblicklich
wieder, als er die Gruppe bemerkte und murmelte nur leise vor sich hin:
Sonderbar! sonst ist mein Herr mit allen Leuten, die zu ihm kommen,
ganz erschrecklich kalt und kurz angebunden, und heute fllt er allen um
den Hals -- doch was geht's mich an!

Aber was fhrt dich jetzt hierher zu uns? rief Wolf, indem er seine
Mutter zum Sofa fhrte. Keine Silbe hast du davon in deinem letzten
Briefe erwhnt.

Komme ich dir so ungelegen, mein Kind?

Nie glcklicher als jetzt, rief Wolf, so lieb du mir auch immer bist,
aber frhlicher begrt htte ich nie deine Ankunft.

In der Tat? lchelte die alte Dame, und was ist heute morgen so
Besonderes vorgefallen? Apropos, da drauen standen Koffer; ist jemand
zu dir gekommen oder willst du verreisen?

Beides -- wenn auch nicht gleich, da ich dich jetzt hier habe.

Aber, Wolf, Wolf, sagte die alte Dame, ihn mit wachsender Unruhe
betrachtend, was fehlt dir? -- bist du krank gewesen? -- Deine Wangen
sind bleich und eingefallen; deine Augen liegen tief in ihren Hhlen
und haben das Feuer nicht mehr, das sie frher hatten. Ist etwas
vorgefallen? -- La mich's wissen, Wolf -- sonst, setzte sie herzlich
hinzu, war ich ja doch immer deine Vertraute.

Vorgefallen ist allerdings etwas, lieb Mtterchen, sagte Wolf, der
ihre Aufmerksamkeit von sich abzulenken wnschte, aber nichts, was mich
niederdrcken knnte. Ein leichtes Unwohlsein hat mir vielleicht fr den
Augenblick die sonst lebendigere Farbe genommen -- weiter nichts.

Nein, mein Kind, sagte aber die alte Dame, denn das Mutterauge sah
schrfer als das der anderen, das ist mehr als ein leichtes Unwohlsein.
Du warst entweder ernstlich krank, Wolf, oder irgend ein geheimer Kummer
nagt dir am Herzen. Du kannst mich nicht tuschen. -- Habe ich dein
Vertrauen verloren, Wolf?

Nein, liebe Mutter, gewi und wahrhaftig nicht, und du sollst spter
alles erfahren, was geschehen, aber nicht jetzt -- nicht in diesem
Augenblick, wo ich dir nur Freudiges zu verknden habe. Erst sage mir
aber, wo du abgestiegen bist.

Im Russischen Hofe. Ich wollte niemandem zur Last fallen. Ralphens
hatten mich allerdings in frherer Zeit gebeten, wenn ich einmal wieder
nach *** kme, ihr Haus als das meine zu betrachten, und es sind liebe,
gute Leute; ich habe es aber doch vorgezogen, ein Hotel zu whlen.
Bleibe ich lnger hier, was leicht mglich ist, so quartiere ich mich
vielleicht bei dir ein -- wenn du mich nmlich haben willst.

Gute Mutter.

Es ist mir in der letzten Zeit, fuhr die alte Dame fort, recht weh
und einsam zu Hause geworden. Ich wei eigentlich selber nicht, wie es
kam, aber -- alles schien mir wie ausgestorben um mich her, und alte
trbe Gedanken gewannen mit jedem Tage, soviel ich mich auch gegen sie
wehrte, mehr Gewalt ber mich. War es die Wiederkehr des Jahrestages, an
dem uns Georg damals verlassen, setzte sie leise und schmerzlich hinzu,
ich kann es nicht sagen, aber meine Sehnsucht ergriff mich nach dir,
mein Wolf, nach meinem einzigen Kinde, das mir noch geblieben, der ich
endlich nicht lnger widerstehen konnte. War es eine Ahnung, Wolf? -- Du
hast vielleicht gerade in der Zeit gefhrlich krank gelegen, ohne deine
Mutter ein Wort davon wissen zu lassen und sie an dein Lager zu rufen?

Nein, liebe Mutter, sagte Wolf mit vor innerer Bewegung erstickter
Stimme, denn ihn drngte es, den Sohn wieder an das Herz der Mutter zu
fhren. Ich nicht, aber dennoch hat dich deine Ahnung nicht getuscht.
Ein anderer lag schwer krank danieder, wenn auch nicht an Krper, doch
an Geist, und ist jetzt vollstndig und froh genesen. Mutter -- liebe
Mutter -- bist du stark genug, eine recht groe Freude zu ertragen?

Wolf! rief die alte Dame und Leichenblsse deckte in dem einen Moment
ihre Zge, ich -- ich kenne nur eine groe Freude in der Welt. --
Wolf, fuhr sie fort, indem sie mit zitternder Hand des Sohnes Arm
ergriff, weit du -- weit du von Georg?

Er lebt, sagte Wolf leise, die Mutter dabei umfassend.

Er lebt? Gott sei ewig gelobt, und seinen Segen auf dein Haupt, mein
Kind, fr diese Kunde -- und -- geht es ihm gut?

Ja, Mutter -- er -- wird kommen -- hierher.

Hierher? wann, Wolf -- wann?

Bald -- recht bald. Er hat viel gelitten und ertragen, aber die
frheren Fehler auch bereut und abgebt -- wirst du ihm verzeihen?

Fragst du das die Mutter? Vater im Himmel, meine ganze Seele drngt
hin nach dem verlorenen Kinde. O, er ist hier, Wolf, qule mich nicht
lnger; ich bin stark -- ich bin krftig. Die Freude ttet nicht; da
es die langen Jahre der Schmerz, der bitter nagende Schmerz nicht
vermochte. O, la mich hin zu ihm!

So rasch geht es nicht, Mutter, lchelte Wolf unter Trnen, indem er
mit Gewalt nach Fassung rang. Ich will ihn rufen lassen; er selber hat
ja noch keine Ahnung von deiner Nhe. Bleibe indessen hier -- ich bin
bald wieder bei dir.

Und du kehrst bald zurck? -- mit ihm?

Noch wei ich ja nicht, ob ich ihn gleich finde -- aber heute noch
sollst du ihn sehen -- gewi. Sammle dich, Mtterchen, bis dahin. Du
wirst groe Freude an ihm haben, denn er ist ein wackerer, braver Mann
geworden in der Zeit. -- Und selber zitternd vor Freude und ngstlicher
Erwartung verlie Wolf das Zimmer, den Bruder auf dieses Wiedersehen
vorzubereiten. Alles, was ihn selber drckte und beengte, hatte er auch
vergessen, vergessen in dem einen frohen Gedanken, den Bruder -- die
Mutter wieder vereinigt, glcklich, zufrieden zu sehen. Das andere lag
alles entfernt, und mit dem Gefhl der eigenen Kraft, dem Bewutsein,
gut und treu gehandelt zu haben, hob sich ihm die Brust froh und leicht,
und er empfand das reinste, schnste Glck dieser Welt: im eigenen
Entsagen eine gute, edle Tat getan zu haben.

Doch wer knnte mit Worten dieses Wiedersehen schildern -- die
Seligkeit, die jetzt die Herzen dieser guten Menschen fllte! Georg lag
vor der Mutter auf den Knien, seine Arme um sie geschlagen, sein Antlitz
an ihrem Herzen bergend, und whrend sie das liebe Haupt wieder und
wieder kte, fielen heie Freudentrnen in die dunklen Locken des
Sohnes. Wolf war Zeuge dieses ersten seligen Augenblicks, dann aber
verlie er leise das Zimmer, die Glcklichen nicht zu stren, und als er
wieder, Josefinen an der Hand, zurckkehrte, sa die Mutter neben
ihrem wiedergefundenen Sohne, ihre beiden Hnde fest um seine Rechte
geschlossen, als ob sie ihn jetzt festhalten und wahren wolle fr alle
Zeiten; sie schaute in seine treuen, klaren Augen und wurde nicht
satt, ihn anzusehen und die lieben Laute seiner Stimme zu hren. Was
er sprach, verstand sie freilich nicht, die Tne verschwammen ihr wie
ferner Glockenklang vor den Ohren, aber sie hatte ihn wieder -- sie
hielt seine Hand, sie hrte seiner Stimme Musik, und jeder ihrer
Atemzge war ein Dankgebet zu Gott. Und da die Enkelin -- zitternd fuhr
sie von ihrem Sitz empor, und Josefine, schchtern halb, halb ahnungslos
dem sen, ungekannten Klange des Wortes Gromama entgegen lauschend,
glitt zu ihr hin, die Hand der ihr noch fremden Dame zu kssen, und
fhlte sich von ihren Armen umschlungen, fhlte sich emporgezogen zu
ihr und geherzt und gekt, und weinte still jetzt an der neuen Mutter
Brust. Wie aber nur der erste Freudenrausch vorber war, da fate sich
Georg zuerst, und mit kurzen Worten, kein Hehl der Mutter gegenber
haltend, schilderte er ihr klar und einfach sein frheres Leben, sein
verzweifelndes Herz, den kindischen Trotz, der ihn in eine falsche,
wilde Bahn geworfen, bis seines Bruders treue Liebe ihn daraus errettet
und ihn sich selber wiedergegeben hatte. Dann beschrieb er sein Leben
auf Schildheim, wie er dort gekmpft und gerungen, die Seinen mit sich
emporzuheben aus ihrer frheren Lage, und wie ihm das miglckt. Der
Gattin Flucht dann beschrieb er -- seine Verzweiflung bei dem Verluste
des Kindes, und wie er, zum Aeuersten getrieben, das Aeuerste auch
gewagt, es zu retten. Jetzt sei er frei -- das frhere Leben liege wie
ein Traum hinter ihm; ein neues aber zu beginnen brauche er frischen
und freien Boden, wo nichts ihn an die frheren Ketten mahne, die er
getragen. Das durchzufhren, fhle er die Kraft in sich, und sei das
Ziel, das er sich gesteckt, auch weit, er hoffe es zu erreichen und sich
selbst dort wiederzufinden.

Die Mutter horchte seinen Worten wie einem Mrchen. Das Bild, welches er
vor ihr entrollte, lag ihrem eigenen Leben und Wirkungskreise so fern,
da sie nicht halb es fate und begriff. Durch alles das aber schimmerte
nur immer das eine selige Gefhl, den Sohn wieder zu haben, den
verlorenen, und whrend sie die Enkelin an ihre Brust geschmiegt hielt,
lauschte sie Georgs Worten wie frohen Sagen einer andern Welt. Wolf
indessen, der einzige, der klar und ruhig das Ganze berschaute, und
fr sie alle schon gedacht, gehandelt, lie den Bruder seine Erzhlung
ungestrt beenden, lie ihn von seinen Plnen, seinen Hoffnungen
sprechen, und als er geendet, legte er ihm und der Mutter mit klaren,
einfachen Worten den Plan vor, den er sich selber fr sie ausgedacht.
Nach Schildheim konnte und sollte Georg nicht mehr zurck, in Ungarn
aber, einem fernen, reichen Land, hatte Wolf in Gemeinschaft mit seiner
Mutter, die damals freilich noch nicht ahnte, zu welchem Zweck, eine
groe prchtige Besitzung billig angekauft. Dorthin wollten sie alle
ziehen -- dort sollte die Mutter, im Kreise der Ihrigen, ihr Leben
wieder frisch erblhen sehen, und dort fnde auch Georg die neue Heimat
weit besser als in dem fernen, berseeischen Lande, das sie aufs neue
nur getrennt und das kaum geknpfte Band zerrissen htte. Georg wollte
sich dagegen struben: es drngte ihn, selbstndig aufzutreten und
seine Lebensbahn mit eigener starker Hand erst aufzubauen und fest zu
begrnden -- aber die Mutter lie ihn nicht -- des Kindes wegen schon,
das sie umschlossen hielt.

Das hast du mir geschenkt, sagte sie unter Trnen lchelnd, seine Hand
gefat, das darfst du mir nicht wieder nehmen, wenn du dich selber zum
zweitenmal vom Herzen der Mutter reien knntest. Ihr Mnner denkt vor
allem nur an euch, wo aber dieses arme Kind und die kleine Waise, deren
du dich angenommen und von der du mir erzhlt, eine Mutter wiederfinden
sollen, das fllt dir gar nicht ein.

Und wenn ich nun daran gedacht htte? rief Georg, wenn ich dir heute
nicht allein den Sohn, nein, auch die Tochter brchte fr dein sptes
Alter?

Die Mutter und der Bruder sahen erstaunt zu ihm auf, Georg aber sprang
von seinem Sitz empor und verlie das Zimmer, und nach wenigen Minuten
zurckkehrend, fhrte er an seiner Hand die Erzieherin seines Kindes,
Adele, herein, die schchtern und errtend der alten Dame gegenbertrat.

Wenn ich euch folge, sagte er dabei, so sei es nur mit dieser
Brgschaft fr unser aller knftiges Glck. Adele, aus einem alten,
edlen franzsischen Geschlecht, deren Grovater mit Karl dem Zehnten aus
Frankreich verbannt wurde und seine Enkelin, die Waise, in der Fremde
zurcklie, ist meinem Kinde nicht allein eine so treue Mutter geworden,
und Josefine hngt mit so herzlicher Liebe an ihr, sie hat auch in der
schweren letzten Zeit mir so treu und aufopfernd zur Seite gestanden,
da weder ich, noch meine Josefine uns je wieder von ihr trennen
knnen.

Die alte Dame war bewegt von ihrem Sitz aufgestanden, und dem jungen,
in ihrer Verlegenheit gar so lieben Mdchen entgegentretend, sagte sie
freundlich: Und wollen Sie, mein liebes Kind, wirklich Ihr Leben an das
dieses unruhigen, wilden Geistes fesseln? wollen Sie meiner Enkelin eine
Mutter, wollen Sie mir eine Tochter sein?

Gndige Grfin! stammelte Adele verwirrt.

Die alte, sonst so stolze Dame aber, ihr Herz von dem Glcke erweicht,
das eigene, lang beweinte Kind wiedergefunden zu haben, schlo sie
freundlich in die Arme, und an der Brust der Mutter, schluchzend in
Glck und Jubel, hing Adele.

Herr Rittmeister haben befohlen, sagte Karl, der in diesem Augenblick
die Tr ffnete und, ber die neue Umarmung betroffen, mitten in seiner
Rede und in der Tr stecken blieb.

Was gibt's? sagte Wolf, was hast du?

Herr Rittmeister haben befohlen, fuhr Karl rasch und etwas bestrzt
empor, da der Alte in dem grnen Rock zu Ihnen heraufkommen sollte,
wenn er unten fertig wre. Er steht vor der Tr.

Unser alter Forstwart Barthold von Schildheim, den uns Georg von dort
mitgebracht, rief Wolf rasch, du kennst ihn ja, Mutter.

Gewi; es ist noch ein Stck aus der alten Zeit.

Er soll noch warten, sagte Wolf.

Zu Befehl, Herr Rittmeister.

Halt! rief Georg, bitte, la ihn herein -- er gehrt mit dazu, und in
diesem schnsten Augenblick meines Lebens darf mir der alte Mann nicht
fehlen, der noch mit treuem Herzen an dem wilden Knaben hngt.

An welchem Knaben? fragte Wolf erstaunt.

An mir, erwiderte Georg, aber er kennt mich nicht; la ihn jetzt zu
uns kommen, denn in der rauhen Schale steckt ein wackerer Kern.

Wolf winkte seinem Diener, und wenige Sekunden spter trat, den Hut
verlegen in der Hand herumdrehend, der alte Mann ins Zimmer und blieb an
der Tr stehen.

Kommt hierher, Forstwart, sagte Wolf, ich freue mich, Euch hier und
wohl zu sehen.

Gndigster Herr Graf sind gar zu gtig, sagte der Alte, der
Aufforderung Folge leistend.

Meine Mutter dort will Euch guten Tag sagen.

Die gndigste Frau Grfin auch hier? stotterte der Alte, whrend sein
Blick erstaunt und verwirrt von ihr zu den beiden Shnen hinberflog.

Kennt Ihr mich noch, Barthold? fragte die alte Dame, es ist eine
lange Zeit, da wir uns nicht gesehen haben.

Werd' ich Sie nicht kennen, gndigste Frau Grfin! sagte der alte
Mann, indem er auf sie zuging und die ihm gereichte Hand ergriff und
kte. Ihr lieber Blick tut meinen alten Augen wohl und bringt die
alte, langverflossene Zeit wieder lebendig herauf. -- Aber -- wie ist
mir denn? setzte er hinzu, und wieder fiel sein Blick von Wolf auf
Georg, so hatte ich es mir eigentlich wohl oft gedacht, aber...

Was habt Ihr Euch gedacht?

O, nichts, gndigste Frau Grfin! rief der Alte bestrzt, nur
alberne Gedanken von mir, wie es mir oft geschieht, da ich die Jahre
verwechsele und mich manchmal um ein Menschenalter dabei verrechne.
Halten Sie es mir zugute.

Wir ziehen nach Ungarn, Barthold, sagte Wolf, httet Ihr Lust,
Schildheim zu lassen und uns zu begleiten?

Nach Ungarn -- so? Es soll ein schnes, reiches Land sein, mit
prchtigen Wldern und weiten Steppen, wie ich oft gehrt -- aber daheim
-- ich habe so viele alte Bekannte in meinem Walde stehen, da sich
das Herz wohl schwer von ihnen losreien wrde. Wenn der Herr Graf aber
befehlen...

Von Befehlen ist keine Rede, Barthold, sagte Wolf, es mte Euer
freie Wille sein.

Wollt Ihr nicht mit mir gehen, Franz? sagte Georg, ihn ruhig und
lchelnd ansehend.

Franz? rief der alte Mann fast erschreckt, indem er den Redenden gro
ansah, Franz? lieber Gott, so hat mich nur einer genannt, vor vielen,
langen Jahren, und der...

Den kennt Ihr nicht mehr oder wollt ihn nicht mehr kennen? fragte
Georg gerhrt.

Den will ich nicht mehr kennen? rief Barthold, bestrzt die Hnde
faltend, groer Gott, wie ist mir denn? -- die Frau Grfin hier und der
Herr Graf und Sie -- wie zwei junge Eichen von demselben Stamme!

So habt Ihr mit dem Georg so lange gelebt, sagte dieser herzlich, und
doch nicht gemerkt, da er derselbe kleine wilde Bursche sei, der damals
auf Euch geritten und Euch bs geneckt. Alter Franz, wollt Ihr mit uns
gehen?

Bis ans Ende der Welt! schrie der Alte, dem die groen, hellen Trnen
ber die Backen liefen, indem er des jungen Grafen Hand ergriff und mit
seinen Kssen bedeckte, bis nach Amerika und Australien, und zu den
Menschenfressern, wenn's sein mu! Guter, lieber Gott! nehmen Sie's
nicht ungndig, Herr Graf, aber das Herz ist mir ber und ber voll, und
solche Freude hatte ich mir nicht mehr gedacht. Der kleine Georg -- so
hat er doch Wort gehalten und ist wiedergekommen -- und wie sich meine
Vgel erst freuen wrden, wenn ich es denen noch erzhlen knnte!

Ihr sollt es ihnen erzhlen, Barthold, sagte freundlich Wolf, wenn
auch nur Euren Vglein. Ihr mgt morgen wieder nach Hause reisen, um
Briefe von mir an den Verwalter und Eure Sachen gleich in Ordnung zu
bringen. Jetzt geht zu Karl und lat Euch Euer Frhstck geben. Nachher
sprechen wir weiter.

Wolf mute heute fr alle denken; die Freude, einander wieder zu haben,
hatte selbst den sonst so ernsten und gesetzten Georg betubt, da er
sich, wie in einem Traume, nur noch dem Glcke hingab, der Mutter wieder
zu gehren. Whrend aber die alte Dame jetzt, Adelens Hand in der ihren
und mit der Rechten Josefine an sich pressend, auf dem Sofa sa und
sich erzhlen lie, und auch die kleine Marie herbergerufen war, nicht
allein und verlassen in diesem allgemeinen Glcke zu sein, ging Wolf
in sein Schlafzimmer, um sich anzukleiden und zur bestimmten Zeit beim
Kriegsminister einzutreffen. Um zwlf Uhr war er dorthin beschieden
worden, und es blieb ihm gerade noch Zeit, die Ralphensche Wohnung bis
dahin zu erreichen.




30.


Als Wolf die breite, teppichbelegte Treppe hinaufstieg, murmelte er
leise vor sich hin:

Zum letztenmal! -- Wie viel leichter ist mir jetzt, da ich das alles
abgeschttelt habe! Melanie -- es war ein schner Traum, aber auch
nichts weiter -- sie hat kein Herz, sonst htte sie nicht so sich von
mir losreien knnen. Fort damit! In wenigen Wochen liegt das alles nur
noch in der Erinnerung -- und rasch die letzten Stufen hinaufspringend,
bat er einen der herbeieilenden Diener, ihn bei seiner Exzellenz
anzumelden. Der Bediente ersuchte ihn, ihm nur zu folgen, da Seine
Exzellenz schon nach dem Herrn Rittmeister gefragt htten. Er fhrte
ihn aber nicht nach des Ministers Arbeitszimmer, sondern nach Melanies
Gemchern und klopfte hier an, ehe Graf Geyerstein eine Einwendung
dagegen machen konnte.

Herein!

Der Diener steckte den Kopf in die Tr und meldete: Der Herr Graf von
Geyerstein sind eben gekommen und lassen anfragen, ob Exzellenz...

Soll herein kommen! rief die frhliche Stimme des alten Herrn, wollen
die Sache gar nicht so frmlich machen.

Der Diener warf die Tr weit auf, und seinen Helm im Arm, stand im
nchsten Augenblick Graf Geyerstein auf der Schwelle von Melanies
Zimmer, die sich bei seinem ehrfurchtsvollem Grue verlegen halb von
ihrem Sitze erhob.

So, das ist recht, lieber Geyerstein, sagte die alte Exzellenz, ihm
herzlich die Hand reichend, da Sie so pnktlich Wort halten. Ich habe
Ihnen heute auch eine angenehme Kunde zu bringen.

Der Kanzleibote steht auch noch im Vorsaale, Exzellenz, erinnerte der
Diener.

Lieber Gott, auch den hatte ich ganz vergessen! rief der
Kriegsminister, unwillig mit dem Kopfe schttelnd, den mu ich erst
abfertigen -- aber das ist gleich geschehen. Bleiben Sie nur einen
Augenblick hier bei meiner Tochter -- ich bin gleich wieder da und
bringe Ihnen dann auch die Papiere mit.

Welche Papiere, Exzellenz?

Werden schon sehen -- da du mir indessen nicht plauderst, Melanie!
Und der Tochter mit dem Finger drohend, verlie der alte Herr das
Zimmer.

Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Graf? sagte Melanie leise.

Graf Geyerstein nahm, ohne seinen Helm abzulegen, sich leicht
verneigend, einen Stuhl der jungen Dame gegenber.

Ich hoffe nicht, da ich stre, Komtesse.

Melanie verneinte durch eine Bewegung.

Dann mchte ich den mir vergnnten Augenblick zugleich benutzen, mich
Ihnen -- auf lngere Zeit -- zu empfehlen.

Sie wollen wieder auf Urlaub gehen? sagte Melanie, und ein einziges
wehes Gefhl ergriff ihr Herz.

Dieses Mal nicht, sagte Graf Geyerstein ruhig, der Zweck meines
Besuches bei Seiner Exzellenz ist, ihn darum zu bitten, mein
Entlassungsgesuch aus ***schen Diensten bei dem Frsten zu befrworten.
Ich habe im Sinne, den Dienst fr immer zu quittieren.

In der Tat? sagte Melanie ruhig, um sich auf Ihre Gter
zurckzuziehen?

Ja, Komtesse -- mit meiner Mutter. Die Grfin Geyerstein hat mich heute
morgen durch ihre Ankunft berrascht. Ich habe eine Besitzung in Ungarn
gekauft, die ich selber zu bewirtschaften gedenke.

Mit Ihrer Mutter? rief Melanie erstaunt.

Finden Sie das so auerordentlich, Komtesse? Wir haben so lange
getrennt gelebt, da wir beide das Bedrfnis fhlen, von jetzt an
einander nher zu stehen. -- Meine Familie wird von da an auch das
einzige sein, auf das ich angewiesen bleibe.

Melanie neigte leise das Haupt, erwiderte aber nichts. Sollte die alte,
stolze Grfin Geyerstein ein solches Verhltnis billigen knnen? Sollte
sich der Graf selber so weit vergessen, jener -- Frau die Hand zu
reichen? Die Gedanken tauchten in ihr auf, ohne da sie sich selber
Rechenschaft zu geben wute. Das Gesprch berhaupt wurde ihr peinlich
-- sie wnschte, da ihr Vater zurckkomme, und mehr um die drckend
werdende Stille zu unterbrechen, als eine Antwort zu erhalten, sagte sie
nach einer Pause: Sie hatten noch ein anderes Gut, wenn ich nicht irre,
Schildheim?

Allerdings, Komtesse.

Es soll reizend gelegen sein.

Hat Ihnen vielleicht Herr von Zhbig eine Beschreibung davon
geliefert? fragte Graf Geyerstein pltzlich mit so kalter und scharfer
Betonung, da Melanie berrascht, fast erschreckt zu ihm aufsah.

Ich wute nicht, setzte sie rasch hinzu, da Ihnen schon die
Erwhnung jenes Gutes so unangenehm war; ich wrde es sonst vermieden
haben.

Komtesse, sagte Graf Geyerstein, sich langsam von seinem Stuhl
erhebend, ich wei nicht, auf welche Art Sie in den Besitz meines
Geheimnisses gelangt sind -- sogar ehe ich selber imstande gewesen
war, es Ihnen zu enthllen, denn ich hatte keine Ahnung, da Sie es mit
solcher Strenge beurteilen wrden.

Herr Rittmeister? rief Melanie erstaunt.

Wie dem aber auch sei, fuhr Wolf bewegt fort, ich habe mir keinen
Vorwurf zu machen. Was jugendlicher Leichtsinn verbrach, hat der Mann
gebt und gut gemacht, so viel in seinen Krften stand.

Herr Graf, sagte Melanie ruhig, ich hoffe nicht, da Sie mir
gegenber eine Entschuldigung des Geschehenen fr ntig halten, wie
ich ebenso darauf verzichte, die Triebfedern zu erfahren, welche Sie zu
handeln zwangen, wie -- Sie eben nun einmal gehandelt haben.

Nein, Komtesse, sagte der Rittmeister, whrend auch der letzte
Blutstropfen seine Wangen verlassen hatte, meine Worte sollen, selbst
Ihnen gegenber, keine Entschuldigung enthalten. Wie ich gehandelt habe,
ich konnte nicht anders, ich htte denn das eigene Herz, das Herz der
Mutter zerfleischen mssen. Mir blieb nur die Wahl, mich von meinem
Bruder loszusagen und ihn rettungslos auf der eingeschlagenen Bahn
zugrunde gehen zu lassen, oder ihn mit starker, hilfreicher Hand zu
fassen und mir, der Mutter -- der Welt zu erhalten. Ich habe dabei
gehandelt, wie ich es mit meiner Ehre, mit der Ehre meines Namens
vereinbarlich hielt -- da ich Sie dadurch verloren, Melanie, schmerzt
mich tief, nicht allein meinet- -- nein, auch Ihretwegen; aber selbst
um diesen Preis, um den ich mein Leben selber gern und freudig in die
Schanze schlagen wrde -- selbst um diesen Preis mchte ich das, was ich
getan, nicht ungeschehen machen.

Von Ihrem Bruder? sagte Melanie, die den letzten leidenschaftlichen
Worten des Mannes mit immer wachsender Spannung gelauscht, Sie sprechen
in Rtseln, Herr Graf. Ich habe keine Ahnung gehabt, da Ihnen berhaupt
ein Bruder lebt.

Graf Geyerstein sah die Sprechende gro und erstaunt an. Gndige
Komtesse, sagte er, fr eine bloe gesellschaftliche Redensart ist
Ihr Erstaunen zu wahr -- wenn aber nicht -- was dann noch konnte Sie
bewegen, mich so zurckzuweisen -- woher wuten Sie dann von einer --
entehrenden Verbindung, in der ich mit jener Kunstreitergesellschaft
gestanden?

Aber was -- was hat Ihr Bruder mit den Kunstreitern zu tun? fragte
Melanie, durch das ernste, stolze Benehmen des Grafen nur noch
verwirrter gemacht.

Entweder Sie spotten meiner, entgegnete Graf Geyerstein bewegt, und
kein Augenblick wre unglcklicher dazu gewhlt gewesen als der jetzige,
oder ein eigenes Verhngnis hat uns beide verwirrt. Antworten Sie mir
ehrlich, Komtesse Melanie -- es soll die letzte Frage sein, die ich in
diesem Leben an Sie stelle -- wuten Sie nicht, da Georg Bertrand mein
Bruder sei?

Georg Bertrand? hauchte Melanie, in Todesschreck die Hnde faltend,
so wahr ich einst selig zu werden hoffe -- nein.

Welch anderes Geheimnis flte Ihnen denn solche Verachtung gegen mich
ein, Komtesse? sagte der Graf ruhig, aber ich habe nicht danach zu
fragen, brach er kurz und bitter ab. Da ich, der Graf Geyerstein,
der Adjutant des Frsten und Offizier, den Kunstreiter als meinen
Bruder anerkannte, da ich ihn jenem Leben, in das ihn sein jugendlicher
Leichtsinn geworfen, entzog, da ich ihn nach Schildheim brachte,
freilich in der vergeblichen Hoffnung, auch seine Frau einem geregelten
Leben zu gewinnen -- und heute nun geerntet, wo ich geset, heute den
Sohn wieder an das Herz der Mutter legen konnte und seinem Haupte ihren
Segen gerettet habe, das hielt ich fr mein Verbrechen Ihnen gegenber
-- das einzige, dessen ich mich schuldig wei, und damit werde ich mich
jetzt von einem Stande zurckziehen, dem ich, wie ich bis heute glauben
mute, Ihrer Meinung nach nicht mehr mit Ehren angehren konnte.

Graf Geyerstein! rief Melanie und ihre ganze Gestalt zitterte, ihr
Auge hing in Schmerz und Angst an den bleichen, ernsten Zgen des jungen
Mannes. Dieser aber fuhr ruhig fort: Eine groe und schwere Last wre
von meiner Seele genommen, wte ich, da dem nicht so sei. -- Doch wie
auch immer, Komtesse, leben Sie wohl, und vielleicht bringt Ihnen einmal
eine sptere Zeit die Ueberzeugung, da der Mann, der es gewagt hatte,
selbst Ihren Besitz zu erhoffen, dessen vielleicht nicht wrdig gewesen
sei -- nie aber seiner selbst unwrdig gehandelt haben konnte. Leben Sie
wohl -- ich sehe, meine Nhe ist Ihnen peinlich; ich werde die Rckkunft
Seiner Exzellenz im Vorsaal erwarten.

Er verbeugte sich vor der jungen Grfin und wollte sich so
verabschieden; da aber hielt sich Melanie nicht lnger.

Graf Geyerstein! rief sie, die Arme nach ihm ausstreckend, Wolf! --
knnen Sie mir verzeihen?

Melanie! hauchte der Graf, in freudigem Schreck zu ihr aufschauend;
die Jungfrau aber, ihrer selbst nicht mchtig, wankte auf ihn zu, und
ihr Haupt an seine Brust legend, whrend Wolf in jubelndem Entzcken sie
an sich prete, flsterte sie: Wie tief und unverdient hab' ich dies
edle, treue Herz gekrnkt!

Scharmant! rief in diesem Augenblick die lachende Stimme des alten
Herrn, der gerade in der Tr erschien. Da mache ich mir die bittersten
Vorwrfe, da ich den Grafen so lange warten und sich langweilen lasse,
und in der Zeit hat der meine Tochter beim Kopf und antichambriert auf
die Art nach Herzenslust. Was machen Sie da, Geyerstein?

Exzellenz!

Er hat mich gebeten, Vterchen, sagte da Melanie, unter Trnen
lchelnd, whrend sie ihre Stellung nicht verlie und nur etwas den Kopf
gegen den Vater wandte, doch sein Frsprecher zu sein, da du ihm seine
Entlassung aus ***schen Diensten bewilligtest.

Das sieht beinahe so aus, lachte der Kriegsminister, und Entlassung
aus dem Dienste? Was fllt dem Herrn Major denn jetzt auf einmal ein,
den Dienst zu quittieren, in dem er sich als Rittmeister so lange Jahre
wohlbefunden?

Major? rief Graf Geyerstein, erstaunt den Kriegsminister anblickend,
der ein groes, mit einem mchtigen Siegel petschiertes Kuvert in der
Hand und ihm lachend entgegenhielt.

Da auf dem Ding, rief er dabei, steht wenigstens die Adresse gro
und breit, dem Major Grafen Wolf von Geyerstein, von des Frsten eigener
Hand geschrieben. Den Herrn Major werde ich jetzt aber auch um eine
Erklrung bitten und besonders fragen mssen, ob er seine Wartezeit
nicht besser anzuwenden wei, als anderer Leute Tochter den Kopf zu
verdrehen?

Exzellenz, sagte der junge Mann, in einem wahren Taumel von Glck und
Seligkeit, ohne jedoch die noch immer an ihn geschmiegte Melanie aus
seinem Arm zu lassen, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da ich in diesem
Augenblick selber nicht wei, wo mir mein eigener Kopf steht -- ich bin
zu glcklich, zu selig, Sie auch nur...

Um deinen Segen zu bitten, Papa! flsterte Melanie, sich ihm
entwindend und zum Vater eilend, an dessen Hals sie flog. Ich war ein
bses -- bses Kind, Papa, und habe viel, gar sehr viel gut zu
machen; aber, setzte sie mit herzlichem Tone hinzu, indem sie dem
Ueberglcklichen die Hand entgegenstreckte, auch eine ganze Lebenszeit
vor mir, es zu vollbringen.

Dann nehmt von ganzer Seele meinen Segen, sagte der alte Herr gerhrt.
-- Sie, Graf, war ich gewohnt, seit langen Jahren als mit zum Hause
gehrig zu betrachten, und da Sie die letzten Monate sich dem so
entfremdeten, hat mir wehe getan. Die Sache hattet ihr beiden mitsammen
auszumachen, und nur die Plne, die eure Mama -- aber alle Teufel, wei
denn die Mutter schon um dieses Bndnis, das die beiden kriegfhrenden
Mchte auf einmal miteinander geschlossen haben?

Melanie schttelte den Kopf.

Gut, lachte der alte Herr still vor sich hin, dann kann sie sich die
Neuigkeit gleich selber holen, denn das ist ihre Stimme drauen. Und
nun, Herr Major, bitte ich mir auch aus, da Sie mich nicht den ganzen
Tag hier mit dem Patent in der Hand stehen lassen. Sie scheinen sich
keinen Pappenstiel daraus zu machen.

Bester Vater!

Ahem, da bekomme ich gleich einen neuen Titel. Schn, werde
augenblicklich Gebrauch davon machen. -- Frau von Ralphen, wandte er
sich in dem Moment zu der eben eintretenden Exzellenz, die mit einem
Brief in der Hand das Zimmer ihrer Tochter betrat und berrascht schien,
den Grafen Geyerstein hier zu finden. Ich habe die Ehre, Ihnen hier
Herrn Major von Geyerstein vorzustellen, der Sie durch mich ersuchen
lt, ihm fr heute abend ein gutes Souper herzurichten und ihm in
Zukunft eine gndige liebevolle Schwiegermutter zu sein.

Eine Schwiegermutter? rief die alte Dame, im hchsten Erstaunen von
einem zum andern blickend, Melanie!

Meine liebe, liebe Mutter! flsterte Melanie an der Mutter Brust,
ich habe ihn ja immer geliebt -- und bin so glcklich jetzt -- so
herzensfroh!

Aber, liebes Kind, sagte die alte Exzellenz bestrzt, das ist -- Herr
Graf, Sie entschuldigen -- eine Wendung, auf die ich in der Tat nicht
gefat war. Graf Selikoff schreibt mir soeben, da er dich um deine
entscheidende Antwort bittet, da er in nchster Zeit hier wieder
eintreffen will.

Nun, da ist ja noch gar nichts versumt, lachte Herr von Ralphen
gutmtig, da kann er's ja noch immer bis dahin erfahren.

Aber, Melanie! rief Frau von Ralphen.

Hast du dem Grafen Selikoff ein Versprechen gegeben?

Nein, Papa.

Oder ihm Hoffnungen gemacht?

Nie, sagte Melanie mit fester Stimme, ihrem Vater dabei offen ins Auge
schauend.

Bon! sagte der alte Herr, sich vergngt die Hnde reibend. Der
Selikoff ist ein herzensguter und ganz gescheiter Mensch, mit dem man
recht angenehmen Umgang haben kann, und htte Melanie ihn zu ihrem
Gatten gewhlt, nun, so wrde ich mich dem gefgt haben, denn meinem
Kinde will ich keinen Zwang antun. Wie die Sache aber jetzt steht, ist
mir der neugebackene Major lieber, und da auch du ihm eine freundliche
Mutter sein wirst, drfen wir von dir erwarten.

Aber ich begreife gar nicht...

Nachher, Mtterchen, nachher, bat Melanie, whrend Graf Geyerstein auf
sie zuging und ehrfurchtsvoll ihre Hand an seine Lippen zog, der Graf
selber begreift es noch nicht, und ihm bin ich vor allen anderen eine
Erklrung schuldig, dann kommst du und Papa auch daran. Nicht wahr, ihr
lat mich einen Augenblick mit ihm allein?

Ja, wenn wir hier aus dem Zimmer geworfen werden, Mtterchen, dann
mssen wir wohl gehen, lachte Herr von Ralphen; und ob mir der
verzweifelte Mensch nur den Brief aus der Hand genommen htte, setzte
er hinzu, indem er das Schreiben mit komischem Zorn auf den Tisch warf.

Und das alles hier -- begann die Mutter noch einmal; ihr Gatte aber
nahm ihren Arm in den seinen, und mit einem freundlichen Macht's kurz,
ihr beiden, und Sie, Major, kommen dann zu mir hinber, zog er die
noch immer halb Widerstrebende lachend aus der Tr und mit sich in sein
Arbeitszimmer, um dort den glcklichen Brutigam zu erwarten.




31.


Bei Herrn von Zhbig war groes Diner zur Geburtstagsfeier der gndigen
Frau.

Geladen waren: Herr Staatsrat von Zdnitz mit Gemahlin, Herr General von
Schoden mit Frulein Euphrosyne von Schoden, Herr Geheimer Finanzrat
von Eitelbrand mit Gemahlin und Tochter, Frulein Franziska von Zahbern,
Herr Baron Hugo von Silberglanz, Herr Gerichtsassessor Freiherr von
Helmersdorf.

Das Diner war verzehrt, die Diener schafften Schsseln und Weinflaschen
hinaus, die Damen und Herren hatten sich in einen benachbarten Salon
begeben, wo Kaffee serviert wurde, und whrend sich die Gste hier
in kleinen Gruppen absonderten, gelang es dem Staatsrat von Zdnitz
endlich, wonach er schon lange gestrebt, den Baron Hugo von Silberglanz
in einem Knopfloch zu erwischen.

Aber, mein Herr Baron, rief der etwas ausgetrocknete Herr, indem er
sein scharfmarkiertes Gesicht in ein sliches Lcheln zog, man wird
Ihrer ja gar nicht habhaft, und ich habe mir bis jetzt die grte, wenn
auch immer vergebliche Mhe gegeben, Ihnen auch nur einmal fr einen
Moment beizukommen.

Herr Staatsrat, ich stehe ganz zu Ihren Diensten, sagte unser alter
Freund Hugo von Silberglanz mit einer tiefen Verbeugung, Sie haben nur
zu befehlen.

Zu bitten, Verehrtester, zu bitten, nmlich uns einige Data ber Ihre
franzsische Reise. -- Ach, Paris, Baron -- es gibt doch nur ein Paris!

Da kommen Sie uns zu Hilfe, mein lieber Staatsrat, sagte Frulein von
Zahbern, die an seiner Seite stand. Aus dem Baron ist aber nicht so
viel herauszubekommen. Wissen Sie, da ich ihn in Verdacht habe, in
Paris unter die Freimaurer gegangen zu sein?

Ich glaube schwerlich, da er dazu in Paris wird Zeit gehabt haben,
lchelte die Frau Staatsrtin, eine volle ppige Gestalt, neben der ihr
Gatte sich in den Falten seines Fracks zu verlieren schien.

Allerdings nicht, gndige Frau, sagte von Silberglanz, sich
verneigend, ich war sehr beschftigt dort, wenn auch nicht in der
Weise, wie Sie zu glauben scheinen. Aber auch Frulein von Zahbern tut
mir unrecht, denn ein so schlechter Erzhler bin ich doch wahrhaftig
nicht.

Mein lieber Silberglanz, nahm aber auch Herr von Zhbig gegen ihn
Partei, indem er seine kleine Gestalt mit dem vom genossenen Weine
seligen Gesicht zwischen die Gruppe schob. Die Damen haben vollkommen
recht -- ganz ausschlielich. Sie sind eine Sphinx, eine wahre steinerne
Sphinx, und da wir Sie jetzt hier eingefangen und fest haben, mache ich
den Vorschlag, Sie nicht eher wieder freizugeben, als bis Sie uns Ihr
Abenteuer aus Schildheim gebeichtet haben.

Aber, Baron, ich bitte Sie um tausend Gottes willen, flsterte leise
und erschreckt Hugo von Silberglanz.

Tut mir leid, hilft Ihnen aber nichts, lachte von Zhbig, der sich
gerade in einer Stimmung befand, alle leichteren Hindernisse des
menschlichen Lebens als gar nicht bestehend zu betrachten. Machen
Sie keine unntigen Schwierigkeiten, Freund, Sie sitzen einmal in der
Falle.

Bravo! bravo! rief frhlich in die Hnde schlagend Frulein von
Zahbern, die sich heute schon den ganzen Tag in ausnahmsweise froher und
heiterer -- selbst harmloser Stimmung befand -- etwas, das sich von
der jungen Dame nicht immer sagen lie. Da in die Ecke wollen wir ihn
setzen lassen, Herr von Zhbig, und dann Wache bei ihm stehen, bis er
auch das letzte gebeichtet hat.

Aber was ist das mit Schildheim? fragte die Frau Staatsrtin. Ist das
nicht das Gut, das der Grfin Geyerstein gehrt und da oben irgendwo an
der schwedischen oder norwegischen Grenze liegt?

Dasselbe, Verehrteste, schmunzelte von Zhbig, und ein leichtfertiger
Baron hat da, wie ich frchte, ein paar abnorme Abenteuer bestanden,
von denen es seine Bescheidenheit jetzt nicht erlaubt, Rechenschaft zu
geben.

Ein paar gleich? sagte die Frau Staatsrtin, und sollte ihm seine
Bescheidenheit dabei wirklich im Wege stehen? Die ist sonst Ihr Fehler
nicht, nicht wahr, Baron?

Gndige Frau, erwiderte von Silberglanz etwas pikiert, es tut mir
leid, Ihnen diesmal widersprechen zu mssen, denn meine Bescheidenheit
verbietet mir allerdings, verschiedene Abenteuer zu erwhnen, und diese
nicht allein, sondern auch meine Diskretion.

Aber, Herr Baron, klagte Frulein von Zahbern, Sie machen uns dadurch
ja nur noch immer neugieriger.

Seien Sie nicht ngstlich, mein gndiges Frulein, beruhigte sie
von Zhbig mit einer entsprechenden Handbewegung, seine Diskretion
erstreckt sich nicht bis auf Hlderleins Keller, und dort hat er mir
schon, gleich gestern nach seiner Ankunft und trotz dieser entsetzlichen
Diskretion, ein offenes Bekenntnis der Hauptdata wenigstens abgelegt...

Aber dabei auf die Ihrige gerechnet, Baron.

Ohne Vorbehalt, Freundchen, schmunzelte von Zhbig gndig den kleinen
Mann an, ohne den geringsten Vorbehalt.

Aber Sie werden doch nicht...

Erzhlen, da Sie die gttliche Georgine Bertrand wirklich entfhrt
und sie jetzt, ein zweiter Aeneas, auf Naxos haben sitzen lassen? Gott
bewahre, lachte von Zhbig, das wre in der Tat indiskret.

Ich will doch nicht hoffen -- mischte sich hier etwas rasch Frau von
Zhbig in das Gesprch.

Da er so glcklich war? -- allerdings, lachte ihr Gatte, aber das
Interessanteste verschweigt er grausamerweise.

Aber, Baron, ich bitte Sie ernstlich.

Pst! Freundchen, jeder solcher der Gesellschaft vorenthaltene Punkt ist
ein Raub, den wir an ihrer Unterhaltung, also an ihrer ganzen Existenz
begehen, und sollte einen Platz im Kriminalgesetzbuche finden, wenn
berhaupt Gerechtigkeit in der Welt wre. -- Er verschweigt nmlich, was
geschehen ist, als er mit dem betrogenen und gekrnkten Gatten wieder
zusammentraf.

In der Tat? rief Frulein von Zahbern, jetzt ganz Ohr.

Und etwas mu da vorgefallen sein, fuhr von Zhbig erbarmungslos fort.

Lieber Zhbig, sagte von Silberglanz entschlossen, Sie mgen mich
als einen indiskreten oder vielmehr zu vertrauensvollen Freund kennen
gelernt haben, aber da ich ein Prahlhans sei, kann mir niemand
vorwerfen.

Also Sie haben sich duelliert? fragte Frulein Franziska rasch. Gott!
wie schrecklich!

Sie sehen, mein gndiges Frulein, da ich noch gesund vor Ihnen
stehe, bemerkte von Silberglanz.

Unser Monsieur Bertrand ist ebenso gesund davongekommen, kaute der
Staatsrat mit seiner breiten Stimme und einem vergngten Grinsen.

Aber woher weit du das? sagte seine Frau.

Woher, mein Schatz? -- als ob ein Mann in meiner Stellung nicht alles
wissen mte.

Alles? lchelte die Frau Staatsrtin und warf ihrem Gatten einen
spttischen Seitenblick zu.

Alles, mein Kind, besttigte ihr Mann, und daher wei ich denn auch,
da eben dieser Georg Bertrand vor etwa drei Wochen drei ganze Tage lang
im Hause des Grafen Geyerstein war und dort mit seinem Kinde gewohnt
hat.

Mit seiner Tochter? rief von Silberglanz rasch.

Mit seiner Tochter. Sie scheinen auch in der Familie nher bekannt.

Aber, Herr Staatsrat, rief Frulein von Zahbern, davon sollten wir in
der Residenz gar nichts erfahren haben?

Da es Ihnen entgangen ist, mein gndiges Frulein, wundert mich
selber, bemerkte der Staatsrat, aber seine Abreise stand mit der der
Grfin Geyerstein in genauester Verbindung, denn sie sind -- in einem
Wagen abgereist.

Und davon haben Sie uns die ganze lange Zeit kein Wort gesagt?

Dann hat ihn auch die alte Grfin mit auf ihre neuen ungarischen Gter
genommen, rief von Zhbig, und dahin ist denn auch jedenfalls vor acht
Tagen das junge Ehepaar nachgereist.

Aber in welcher Verbindung knnte Georg Bertrand mit ihnen stehen?
fragte die Staatsrtin; Franziska, das mten Sie uns eigentlich
herausbekommen. Sie sind ja mit der alten Exzellenz von Ralphen ein Herz
und eine Seele, und Melanie...

Ich habe seit dieser Verbindung keinen Fu wieder in das Haus gesetzt,
sagte Frulein von Zahbern, den Kopf stolz zurckwerfend.

Ein neues Rtsel, rief der Staatsrat, und die ganze Stadt behauptete,
es sei einzig und allein Ihr Werk gewesen.

Dann tut mir die ganze Stadt zu viel Ehre an, erwiderte Frulein von
Zahbern kalt. Melanie hat den Grafen Geyerstein nur genommen, weil sie
sich Hoffnungen auf Selikoff gemacht hatte und diese zuletzt doch wohl
nicht haltbar fand. Sie mochte nicht als alte Jungfer sterben.

Sehr vernnftig von der jungen Dame, bemerkte der Staatsrat mit
einem bedenklichen Blick auf Frulein von Zahbern, der aber von dieser
glcklicherweise nicht bemerkt wurde.

Apropos, Selikoff, sagte von Silberglanz, der bei der neuen Wendung
des Gesprches eine Last von seinem Herzen gewlzt fhlte. Als ich
damals abreiste, hie es ja, da er nur nach Petersburg ginge, um einige
Geschfte zu ordnen.

Das hie damals so, sagte Frau von Zdnitz, seit sich die Sachen hier
aber so gendert haben, wird er schwerlich wiederkehren.

Gndige Frau mchten sich darin doch vielleicht irren, erwiderte
Frulein von Zahbern, und ein eigener triumphierender Blick scho dabei
nach dem Baron Silberglanz hinber, von dem er jedoch total abprallte.
Ich wei aus ganz sicherer Quelle, da Melanie von Ralphen keinen
Einflu auf sein Herkommen oder Wegbleiben hat, und da er also,
trotz Komtesse von Ralphens Heirat und sehr unbekmmert darum, in etwa
vierzehn Tagen hier wieder eintreffen wird.

Ei, ei, mein gndiges Frulein, schmunzelte von Zhbig, sollen wir
da vielleicht veranlat werden, andere zarte Bande als Magnet zu
betrachten, die ihn hierher ziehen knnten? Selikoff hat Ihnen einmal,
ehe er sich so ganz nach Ralphens hinzog, entsetzlich die Tour gemacht.

Nein, da tun Sie Frulein von Zahbern unrecht, Herr Baron, rief der
Staatsrat, ihre Partei ergreifend, diesmal ist das gndige Frulein
nicht allein vortrefflich unterrichtet, sondern interessiert sich
auch aus vollkommen uneigenntzigen Absichten fr den jungen Russen.
Allerdings ist dieser ber seine sich frher gesetzte Zeit ausgeblieben
-- wahrscheinlich hat er nicht frher nach *** zurckkehren knnen
-- jetzt wei ich aber bestimmt, da er in vierzehn Tagen wieder hier
eintreffen wird, um -- der Residenz seine junge Frau vorzustellen.

Frulein von Zahbern sah vor sich nieder und flsterte: Nun, mein Herr
Staatsrat, so weit ist die Sache denn doch eigentlich nicht.

Allerdings, mein gndiges Frulein -- Pardon, wenn ich Ihnen
widerspreche. Die Trauung wird am 17. dieses Monats mit der jungen
Frstin Orlikoff vollzogen werden.

Frulein Franziska wurde leichenbla; im nchsten Moment aber auch schon
zog sich ein hhnisches Lcheln um ihre Lippen, und sie erwiderte: Der
Herr Staatsrat geruhen zu phantasieren, die Braut soll er sich wohl im
Vorbeigehen aufgelesen haben!

Bitte um Entschuldigung, entgegnete von Zdnitz mit der boshaftesten
Geflissenheit, er hat um sie nach alten Rechten und Gebruchen geworben
-- wahrscheinlich, um Komtesse Ralphen zu beweisen, da er nicht um eine
gute Partie verlegen zu sein braucht, denn die junge Frstin soll eine
der ersten Partien in Petersburg sein.

Es ist eine boshafte Erfindung von Ihnen, sagte Frulein von Zahbern,
indem ihr Antlitz eine fast dunkle Frbung annahm und ihre Augen wie ein
paar Brillanten leuchteten.

Dann habe ich auch wahrscheinlich diesen Brief geflscht, sagte der
Staatsrat, indem er ein Kuvert aus der Tasche und sorgfltig und sehr
langsam ein zierliches Billett aus diesem nahm. Hchst vorsichtig und
umstndlich faltete er es dabei auseinander, indes Frulein Franziska
wie auf Nadeln neben ihm stand und sich augenscheinlich alle Gewalt
antun mute, es ihm nicht aus den Fingern zu reien. Von Zdnitz sah das
auch recht gut, wenn sein Auge auch nicht nach ihr hinberflog, und ein
leises Lcheln zuckte ihm dabei um die dnnen Lippen. Aber er beeilte
sich deshalb nicht im geringsten, und endlich das zartduftende Billett
vor sich haltend, las er:

  Lieber Zdnitz!

Ich wei, da Sie Anteil an mir nehmen, deshalb zeige ich Ihnen hiermit,
und nur Ihnen, meine am 17. dieses Monats stattfindende Vermhlung mit
Feodorowna Frstin von Orlikoff an. Teilen Sie es meinen Freunden mit.
Zugleich bitte ich Sie, mir zu Ende des Monats und fr den Sommer ein
passendes Quartier in *** auszumachen, in bester Lage, und mit jeder
irgend mglichen Rumlichkeit fr uns, Dienerschaft und zehn Pferde.
Der Preis ist natrlich gleichgltig. Indem ich Sie bitte, mich Ihrer
liebenswrdigen Frau Gemahlin zu Fen zu legen, bleibe ich wie immer
Ihr --

Bitte, gndiges Frulein, kennen Sie die Unterschrift?

Selikoff, las Frulein von Zahbern, die sich indessen gewaltsam
gesammelt hatte, vollkommen gleichgltig. Der Herr Staatsrat muten
nach solcher direkten Anzeige allerdings besser unterrichtet sein als
wir.

Aber die liebenswrdige Frau Gemahlin, bemerkte Frau von Zdnitz, hat
ja bis jetzt kein Wort, nicht einmal von dem Gru erfahren.

Weil ich den Brief zehn Minuten vorher erhielt, ehe wir von Hause
fortfuhren, mein Schatz, erwiderte ihr Gatte, und ich dann von deiner
brillanten Toilette so geblendet war, da ich alles andere darber
verga.

Und Frulein Franziska httest du die Nachricht auch nicht so
unvorbereitet mitteilen sollen.

Der Blick, den die junge Dame in diesem Augenblick -- vielleicht
unbewut, aber gewi nicht unbeobachtet -- auf die Frau Staatsrtin
warf, htte, wre er ein Dolch gewesen, ihren unmittelbaren Tod zur
Folge haben mssen. Lchelnd aber erwiderte sie: Und warum nicht
mir, gndige Frau? Sie glauben doch hoffentlich nicht, da ich solches
Interesse an jenem sibirischen Grafen nehme, wie -- vielleicht manche
andere liebenswrdige Damen dieser Stadt? -- Aber, Herr von Zhbig,
ich dchte, es wre Zeit zum Theater, und ich mchte das heutige Stck
um keinen Preis versumen.

Parbleu! das gndige Frulein hat recht, rief Herr von Zhbig,
erschreckt nach seiner Uhr sehend, in so angenehmer Gesellschaft htte
ich beinahe meine eigene Pflicht versumt. Bitte, meine Herrschaften,
lassen Sie sich ja nicht durch mich stren -- aber ich mu fort.

Donnerwetter, Zhbig, es ist wohl Theaterzeit, rief der alte General
von Schoden vom Fenster aus, warten Sie -- wir gehen alle mit.

Aber, liebe Euphrosyne, rief Frau von Zhbig, Sie wollen doch nicht
auch schon fort?

Wenn ihr Weiber hier noch einen Klatsch zusammen haben wollt, so habe
ich nichts dagegen -- du kannst noch da bleiben, Kind, sagte der alte
General.

Papa, je vous prie! rief das gndige Frulein, die Hnde
zusammenlegend.

Die Gesellschaft war aber einmal gestrt, das Zeichen zum Aufbruch
gegeben. Die Herren sehnten sich auch hinaus in die freie Luft, ihre
Zigarre zu rauchen -- die Damen muten noch Toilette zum Theater machen
-- die Wagen hielten auerdem schon groenteils vor der Tr, und
eine Viertelstunde spter sa Frau von Zhbig allein in ihre Sofaecke
hineingeschmiegt, sah trumerisch vor sich hin, und ein eigenes Lcheln
spielte um ihre Lippen, als sie an ihre arme Freundin Franziska dachte.


  _Ende._




[ Hinweise zur Transkription


Gegenber der Erstausgabe aus dem Jahr 1861 wurde die vorliegende
Ausgabe im Jahr 1914 berarbeitet, ohne dem Werk gerecht zu werden:
Modernisierung der Rechtschreibung, groenteils Verzicht auf
Texthervorhebungen in gesperrter Schrift, Verzicht auf Textmarkierungen
in Antiqua-Schrift, teilweise Zusammenlegen von Abstzen, teilweise
nderung von Textpassagen, Neuaufteilung der drei Bnde des Buches.

       *       *       *       *       *

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext
beibehalten. nderungen in der Schreibweise sind in der nachstehenden
Liste ausgewiesen, nderungen in der Zeichensetzung nicht.


nderungen:

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 8
  und der alte Verwalter werden werden mit zur
  und der alte Verwalter werden mit zur

  Seite 15
  Georg trug selber den einen Fusack hinunter
  Georgine trug selber den einen Fusack hinunter

  Seite 19
  vom Forsthaus nach der solenannten Zaubereiche fhrende Strae
  vom Forsthaus nach der sogenannten Zaubereiche fhrende Strae

  Seite 22
  ber ihn hin und an den Stmmen der Bnme vorber
  ber ihn hin und an den Stmmen der Bume vorber

  Seite 23
  und in dem Falle die Nacht nicht Hause kme
  und in dem Falle die Nacht nicht nach Hause kme

  Seite 28
  Wer ist brigens jener alter Frster?
  Wer ist brigens jener alte Frster?

  Seite 36
  Wir erwartete Sie ja erst morgen
  Wir erwarteten Sie ja erst morgen

  Seite 48
  es mten mich denn ganz unvergesehene Hindernisse zurckhalten
  es mten mich denn ganz unvorhergesehene Hindernisse zurckhalten

  Seite 70
  zu fhlen schien, brach sie der strmische Applaus
  zu fhlen schien, brach sich der strmische Applaus

  Seite 73
  Girlanden herbeigebracht, ber und durch die sie sprin- sollte
  Girlanden herbeigebracht, ber und durch die sie springen sollte

  Seite 84
  dicht neben Barthold sa und die Weinkarte muerte
  dicht neben Barthold sa und die Weinkarte musterte

  Seite 89
  um Verzeihung bitten -- ich bin in grorer Eile
  um Verzeihung bitten -- ich bin in groer Eile

  Seite 101
  Anfang der Rede neue Hoffnug geschpft hatte
  Anfang der Rede neue Hoffnung geschpft hatte

  Seite 102
  ist es doch -- ich werden Ihnen gleich
  ist es doch -- ich werde Ihnen gleich

  Seite 109
  durchzuckte ihn eni pltzlicher Strahl von Hoffnung
  durchzuckte ihn ein pltzlicher Strahl von Hoffnung

  Seite 110
  aber er sah ihn nicht nicht mehr
  aber er sah ihn nicht mehr

  Dann drehet er sich langsam um, verlie das Lokal
  Dann drehte er sich langsam um, verlie das Lokal

  Seite 113
  Ein Brieftrger, den er anderete und nach der
  Ein Brieftrger, den er anredete und nach der

  Seite 116
  schon einige Reiter dem Zeuge heute morgen angeschlossen
  schon einige Reiter dem Zuge heute morgen angeschlossen

  Seite 123
  folgte ihm der Graue, und beiden Pferde schienen
  folgte ihm der Graue, und beide Pferde schienen

  Seite 135
  denn das pate nicht zu dem erwarteteten Besuche
  denn das pate nicht zu dem erwarteten Besuche

  Seite 140
  Und hast du nicht nach ihrem Namen gebragt?
  Und hast du nicht nach ihrem Namen gefragt?

  Seite 151
  an ihre Brust geschmiegt hielt, lauschet sie Georgs Worten
  an ihre Brust geschmiegt hielt, lauschte sie Georgs Worten]






End of Project Gutenberg's Der Kunstreiter, 3. Band, by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KUNSTREITER, 3. BAND ***

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