Project Gutenberg's Der Kunstreiter, 2. Band, by Friedrich Gerstcker

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Der Kunstreiter, 2. Band

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: June 21, 2014 [EBook #46061]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KUNSTREITER, 2. BAND ***




Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net







[ Symbole fr Schriftarten: _gesperrt_ ]




  Gerstcker

  Der Kunstreiter


  2. Band.

  Bosse & Co., Hamburg
  1914




Wirt, mir noch einen Schnaps, sagte Tobias, der Waldlufer holt mir
zu weit und moralisch aus.

Mir auch noch einen! rief Mhler, den der Bursche mit seinem Ernst zu
amsieren anfing. Barthold nahm keine Notiz von der Unterbrechung.

Siehst du, fuhr er fort, wenn du einen einzelnen Baum da drauen
stehen siehst, so denkst du wohl -- wenn du berhaupt je etwas dchtest
-- das sei ein lebloses, totes Ding, was da steht, und allerdings kann
sich's nicht von der Stelle bewegen, es mu am Boden haften, wo unser
Herrgott es hingepflanzt hat. Aber in ihm lebt's und wirkt und schafft
und treibt und wchst, reckt die Arme nach dem Himmel empor, von dort
her Licht und Regen zu saugen, und hlt sich mit den Wurzeln derb im
Boden fest, um vom Winde nur gerttelt, aber nicht geworfen zu werden.
Mehr im Leben tut auch nicht einmal der Mensch, nur auf ein wenig
andere, sogar nicht immer so erfolgreiche Art. Der Baum ist aber nicht
tot, er lebt -- er lebt und atmet, wie ein jedes Tier, wenn sich ihm
auch die Brust dabei nicht heben kann; aber durch seine Poren zieht der
Lebenssaft, zieht Luft und Feuchtigkeit, was er zum Leben braucht, und
wird ihm das genommen, mu er sterben. Nimm nur die Axt und hau' in
einen Stamm hinein, und sieh, ob er nicht blutet, wenn auch sein Blut
nicht rot aussieht wie das unsere. Langsam tropft es zu Boden, und wenn
die Wunde ausgeblutet hat, vernarbt sie wieder, wie bei dem Menschen.
Sieh nur einen gefllten Baum dir an, aber nicht, wie es die meisten
Menschen tun, die bei einem solchen Baume immer gleich berechnen, wie
viel Klaftern Scheite oder wie viel Ellen Nutzholz er geben kann. Sieh
ihn an, wie er als Leiche daliegt, denn es gibt ebensogut Baum- wie
Menschenleichen -- sieh, wie die Rinde abstirbt, ihre gesunde, frische
Farbe verliert und fahl und erdfarben wird, und die Bltter welken und
dorren, die Zweige eintrocknen -- und langsam geht er zur Erde zurck,
von der er kam, wie der Mensch, anderen, seinesgleichen, Raum zu geben.
Und das ist nur der einzelne Baum, nun aber seht die Masse, seht den
Wald, wo einer dem andern die Hand hinberreicht; seht ihn, wenn er sich
abends die Sternendecke ber den Kopf zieht und duftet und trumt, und
leise rauschend der Atem des Herrn durch seine Wipfel fhrt; seht
ihn, wenn er morgens erwacht, mit rosig verklrtem Gesicht der Sonne
entgegenlchelt, und all die tausend Snger hegt und pflegt, die mit der
Morgensonne dem Allerhalter ihre Danklieder entgegenwirbeln -- seht ihn
am Tage, wie er die Arme schtzend ber die Erde breitet, den heien
Sonnenstrahlen zu wehren, seine Quellen am liebsten Kinder, die Blumen,
zu erreichen und auszutrocknen; seht ihn, wie ihm am Abend spt der
helle Schwei von der vielen Anstrengung an der Stirn steht und in
Millionen Tropfen von den Blttern funkelt. Seht ihn im Sommer in seiner
Kleiderpracht, im Winter, wenn er sich fest eingehllt hat in seine
warmen Schneetcher -- seht ihn, wenn ihr wollt, aber er bleibt immer
schn und gro und hehr, ein Tempel des Herrn, den er sich selber
auferbaut.

Barthold htte sich fr seine schwrmerischen Gedanken keine
unglckseligeren und unpassenden Zuhrer whlen knnen, und wenn er ein
Jahr danach gesucht htte, als eben die beiden alten Burschen mit
dem Wirt zu Kauf, der mit offenem Munde hinter ihm stand. Auf Tobias'
Gesicht lag, solange der alte Mann sprach, ein breites Grinsen, und
die rotgernderten feuchten Augen zwinkerten nur manchmal mit einem
verschmitzt sein sollenden Lcheln nach dem Schwiegervater hinber.
Mhler seinerseits sa mit fast bis in die Haare hinaufgezogenen
Augenbrauen, die Stuhllehne zwischen den Knien und beide Ellbogen darauf
gelehnt, dicht vor dem alten Forstwart, und ber sein Gesicht zuckte und
zerrte es dabei so wunderbar, da Tobias zuletzt gar nicht mehr auf die
Worte hrte, sondern nur ganz erstaunt in die wunderbar vernderliche
Physiognomie des Schwiegervaters schaute.

Bravo! sagte dieser mit seiner heisern Stimme, als Barthold jetzt
geendet und wie verklrt durch das Fenster nach seinem lieben Walde
hinberschaute, bravo, alter Junge, vortrefflich -- der Pastor htt's
nicht besser machen knnen! -- Wirt, noch mehr Kmmel, fr uns alle,
nicht in so kleinen spitzen Glsern, sondern die ganze Flasche, wir
schenken uns selber ein und machen Kreidestriche.

Ich danke Ihnen, sagte der Forstwart ruhig, ich trinke hchstens
morgens ein einziges Glas.

Auf einem Beine kann kein Mensch stehen! rief Tobias.

Gott sei Dank, da ich den Branntwein noch nicht brauche, um darauf zu
stehen, meinte der alte Forstwart, ein nchterner Kopf und ein volles
Herz ist mein Wahlspruch, und -- andere Leute fhren vielleicht besser,
wenn es auch der ihrige wre. Das aber ist anderer Leute Sache und geht
mich nichts an -- und nun guten Morgen mitsammen. Ich denke, Tobias,
meine Rede hat mir bei dir nicht viel geholfen, und du wirst nach wie
vor doch lieber in das Wirtshaus als in den Wald gehen. Du hast aber
auch recht, du pat nicht hinein, und ein Baum she gewi nicht besser
aus, wenn du darunter in seinem Schatten lgst. Gott zum Gru -- ich mu
wieder hinaus! Mit den Worten zahlte er dem Wirt sein Glas Branntwein
und verlie, still wie er gekommen, die Stube.

Bei dem rappelt's wohl? lachte Mhler, als Barthold die Tr hinter
sich zugezogen hatte.

Ein bichen, ja, besttigte der Wirt, aber er ist ganz harmlos und
tut keinem Menschen was. Nur im Walde darf man ihm nicht begegnen,
und abends mchte ich da drin nicht um alles in der Welt mit ihm
zusammenstoen.

Beit er? meinte Mhler trocken.

Nun, er beit wohl gerade nicht, erwiderte der Wirt, aber da er
allerlei faule Kunststcke kann, ist gewi. Hier spricht er immer vom
lieben Gott, aber da drauen da schwatzt er mit den Bumen und den
Vgeln, ruft die wilden Tiere, sucht geheimnisvolle Wurzeln und treibt
allerlei heidnischen Unsinn, wie es hier frher soll Sitte gewesen sein.
Im Walde drin steht auch noch eine alte Eiche -- kein Mensch wei, wie
alt sie ist -- mit einem steinernen Altar darunter, auf dem in alten
Zeiten die Heiden ihren Abgttern Menschen geschlachtet haben. Dort ist
er am liebsten, und da treibt er auch nicht selten um Mitternacht
seinen Spuk mit bsen Geistern, was eigentlich gar nicht geduldet werden
sollte.

Ach was! sagte Tobias, der indessen mit Mhler wacker der Flasche
zugesprochen hatte, er schadet doch keinem Menschen damit, und wenn man
ihn zufrieden lt, ist er gut genug; nur manchmal ein bichen grob.

Wie viel Uhr schlgt das? sagte Mhler aufhorchend.

Eben elf -- Zeit genug zum Mittagessen.

Ja, aber ich mu fort, meinte der Alte, will meinen Jungen gleich aus
der Schule mit nach Hause nehmen. -- Hier, Wirt, meine Zeche, -- zwei
Glas Bier und ein, zwei, drei, vier, fnf, sechs, sieben Schnpse --
gerade sieben -- seht Ihr, hier sind die Striche -- famoses Zeug, der
Kmmel -- hahahaha, den alten Forstwart mssen wir uns einmal wieder
hierher einladen; das ist ein kreuzkurioser Kerl. -- Guten Morgen,
Tobias, guten Morgen, Sternenwirt -- der Kmmel soll leben! Und seinen
Hut gegen die Decke werfend, da er ihm zurck gerade wieder auf den
Kopf fiel, nickte er den beiden, darber nicht wenig erstaunten Mnnern
huldreich zu und verlie mit steifen Schritten die Wirtsstube.




14.


Die Schule war gerade aus, und die Knaben und Mdchen, froh, der engen
Stube entronnen zu sein, tummelten sich lustig drauen herum. In der
Tr des Schulhauses aber stand der Lehrer und zog mit voller Brust, nach
drei Stunden dunstiger, erdrckender Schulstubenatmosphre, die kalte,
frische Luft ein, die von dem See herberstrich. Die Kleinen, die sich
noch etwas im Zimmer aufgehalten hatten, drckten sich scheu und grend
an ihm vorber, bogen dann um die Ecke, warfen noch einen Blick zurck,
ob er sie nicht mehr sehen knne, und sprangen dann jauchzend den
Gefhrten nach. Es war Samstag und heute nachmittag keine Schule weiter,
und die kleinen Kerle wuten das zu wrdigen und zu genieen.

Es ist aber doch die Frage, wer sich mehr darber freute -- der Lehrer
oder die Schler -- wenn der erstere auch keine Luftsprnge machte,
sondern ernst, mit dem bleichen, abgemagerten Gesicht nach den leichten
Wolken hinaufschaute, die oben am Himmel ihre freie, luftige Bahn zogen.
Auge und Atemzug drngte dem Weiten entgegen, und wie gern, wie froh
wre der Krper ihnen gefolgt! Der aber war gebannt, gefesselt an den
engen Raum, an seine Klasse, an der Schler Schar, und wenn er auch nur
wenig, erstaunlich wenig Lohn dafr bekam, die wenigen Taler brauchte er
eben zum Leben und konnte sie nicht entbehren: denn leben wollen wir ja
alle, obgleich viele Leute das auch noch leben nennen, was eigentlich
existieren heit.

Heute war Samstagnachmittag, und anderthalb Tage -- wenn auch nur kurze
Wintertage -- freie Zeit lag vor ihm, in denen er seine kranke Brust
ausruhen konnte, um am nchsten Montag wieder einen neuen Anlauf zu
nehmen, sie vollstndig zu ruinieren. Und doch lchelte er, als sein
Blick auf die sich von ihm forttummelnde kleine lustige Schar fiel,
die, mit den Bchern unter dem Arm oder im Rnzel auf dem Rcken, keine
Sorgen, keinen Kummer ahnten, wie viel das Schicksal auch vielleicht
schon fr sie bereit hielt. Er dachte der eigenen Jugendzeit, dachte der
frohen Jahre, die auch er durchlebt, und seufzte nur eigentlich darber,
da er an frohe Jahre stets so weit zurck denken mute, wenn er sich
ihrer freuen wollte.

Auch die Knechte kehrten von ihrer Arbeit heim, denn die Pferde muten
zwei Stunden Ruhe haben. Vom Gute waren drei Geschirre unten am
See beschftigt gewesen, bei dem jetzigen Frostwetter Schlamm
herauszuschaffen und auf die Wiesen zu fahren. Die Geschirre hatten sie
unten stehen lassen und ritten nun auf den Sattelpferden, die Handpferde
fhrend, in den Hof zurck, quer ber die gefrorene Wiese hinber, den
nchsten Weg einschlagend.

Auf der Strae kam die Erzieherin mit Josefine herunter; sie hatten
einen kleinen Spaziergang gemacht, dem aus der Schule kommenden Karl
entgegen zu gehen, und der Hauslehrer begleitete sie, um seinen Schler
gleich in Empfang zu nehmen. Karl hatte sich in der letzten Zeit
besonders wild und ausgelassen gezeigt, und der Hauslehrer, ein junger
Kandidat der Theologie, wute aus eigener Erfahrung, wie es die jungen
Burschen gerade an einem Samstagmittag gewhnlich ausgelassen treiben;
es war deshalb besser, ihm beizeiten einen Zgel anzulegen.

Der alte Mhler hatte seinen Neffen schon im Dorfe selber unter dem
Schwarm der brigen herausgelesen, sich aber keineswegs Mhe gegeben,
den Uebermut der kleinen frhlichen Bande zu zhmen. Selber uerst
guter Laune, stie er, wie er mitten unter die Knaben kam, einen
eigentmlich schrillen Schrei aus und sammelte dadurch im Nu den ganzen
Schwarm um sich.

Hallo, ihr Kerle! rief er jetzt, gebt Frieden, macht nicht einen
solchen Heidenspektakel, da man seine eigenen Worte nicht hren kann!
Heda, was seid ihr fr ungeschickte Jungen! wandte er sich pltzlich an
zwei, die bereinander wegzuspringen suchten, kommt einmal her, so mt
ihr's machen!

Hurra, der Schwiegervater will springen! riefen einige der greren
Jungen und drngten sich rasch herbei, und der alte Mhler machte in der
Tat, von dem Branntwein aufgeregt, Anstalt, ihnen eine seiner Knste
zum besten zu geben, als etwas anderes ihre Aufmerksamkeit pltzlich
ablenkte.

Dort! dort! da geht ein Pferd durch! schrie der eine der Knaben, und
als alle nach der angedeuteten Richtung blickten, sahen sie, wie eins
der herrschaftlichen Pferde, das sich losgerissen hatte, in voller
Flucht ber die Wiese nach der Strae zu kam und quer darber hin
wollte.

Nimm meinen Ranzen, Onkel! schrie da Karl, der, ohne ein Wort weiter
zu sagen, seinen Ranzen und seine Mtze zu Boden warf und, ehe nur
jemand eine Ahnung hatte, was er wollte, dem durchgehenden Pferde
entgegenflog.

Karl! Teufelsjunge! schrie der Alte hinter ihm drein, aber Karl hrte
ihn schon nicht mehr. Mit einer Schnelle, die seine Mitschler besonders
in Erstaunen setzte, flog er mehr als er lief, ber die hartgefrorene
Strae hin, und traf gerade dort mit dem wenig seiner achtenden Pferde
zusammen, als dieses ber den Chausseegraben setzte. Im Nu aber war er
an seiner Seite -- die linke Hand krallte in seine Mhne, die rechte
stemmte er gegen die Schulter des Tieres, und halb im Sprunge, halb von
dem bumenden Pferde emporgerissen, sa er schon auf dessen Rcken, wie
es eben an der andern Seite wieder heraus ber die Wiese setzte, um dem
Walde zuzustrmen.

Der kleine wilde Reiter machte ihm aber bald begreiflich, da es nicht
lnger sein eigener Herr sei, sondern folgen msse, wohin er es lenkte.
Kaum auf seinem Rcken, auf dem er sich vollkommen zu Hause
fhlte, griff er, mit dem rechten Bein sich einklammernd, nach dem
heruntergefallenen Zgel, brachte ihn dem Pferde ber den Kopf und hatte
es, ehe es kaum zweihundert Schritte weiter geflogen war, vllig
wieder im Zaum und in seiner Gewalt. Zu gleicher Zeit spielte unter der
Schuljugend ein anderes Intermezzo, das die kleine Schar kaum weniger
belustigte und in Erstaunen setzte als der tollkhne Reitersprung ihres
Kameraden.

Der alte Mhler nmlich hatte, statt Ranzen und Mtze seines Neffen
aufzuheben, mit halb zusammengeducktem Krper, beide Hnde auf die Kniee
gesttzt, den Kopf etwas zurckgebogen, die Augenbrauen bis in die Haare
hineingezerrt, Mund und Augen weit geffnet, ihm nachgeschaut. Kaum
aber sah er, da der Sprung gelungen war, sah, da sein Karl sich nicht
blamiert hatte -- wie er ihm spter gestand, da er gefrchtet --
sah ihn auf dem Rcken des Tieres, als er pltzlich ein lautes Hussa!
ausstie. Zu gleicher Zeit warf er seinen Hut in die Luft, sprang
selber hoch in die Hhe, berschlug sich, zum unsagbaren Ergtzen der
Umstehenden, in freier Luft, kam wieder auf die Fe, fing in demselben
Moment den zurckfallenden Hut, ohne ihn mit den Hnden zu berhren, auf
der Stirn und stie dabei ein wahrhaft diabolisches Gelchter aus.

Der Jubel der Schuljugend bei dem Luftsprunge des Schwiegervaters lt
sich eher denken als beschreiben. Ueberhaupt wurden ihnen hier zu viele
der Gensse auf einmal geboten, um nicht dabei ber die Strnge zu
schlagen. Samstagmittag, ein durchgehendes Pferd, das Kunststck des
Kameraden, und nun hier gar der Luftsprung eines Mannes, der bis jetzt,
als zum Gute gehrig, nur mit scheuen Blicken von ihnen betrachtet
worden und in der Tat auch nur finster und grmlich zwischen ihnen
aufgetreten war -- das alles zusammen schien, wie gesagt, zu viel fr
sie.

Ein hnliches Geschrei oder Geheul, wie es die Wilden in Amerika bei
pltzlichen Ueberfllen ausstoen, machte fr einen Augenblick die Luft
erzittern, und dann brach sich der Jubel der jugendlichen Bevlkerung
in einer Unzahl von Purzelbumen, wie anderen lndlich-gymnastischen
Uebungen Bahn.

Aber auch der Erzieherin Josefinens war eine kleine, wenn auch nicht
in Ttlichkeiten ausartende Ueberraschung vorbehalten. Wie nmlich das
durchgehende Pferd, kaum zehn Schritt von ihnen entfernt, ber die
Strae setzte, und Karl vor ihren Augen auf dessen Rcken sprang, da
fate die Erzieherin erschreckt Josefinens Arm, sie zurck und einer
mglichen Gefahr aus dem Wege zu ziehen. Josefine aber, sich rasch und
erregt von ihr losmachend -- denn die Szene hatte ebenfalls in ihrem
kleinen Herzen all die frheren lustigen Ritte, das freie, herrliche
Leben im Zirkus zurckgerufen -- sagte lachend: Ich frchte mich nicht,
Mademoiselle, wenn ich die langen, unbequemen Kleider nicht anhtte,
knnte ich das auch!

Du? rief Mademoiselle Adele erschreckt aus.

Ich? gewi. Ich reite so gut wie Charles, und das ist gar nichts, was
er da macht. Er sitzt ja auf dem Pferde.

Zum Glck fr die Ordnung in Schildheim -- denn wer wei, wie weit der
einmal losgelassene Uebermut der Knaben sowohl wie des Alten gegangen
wre! -- erschien in diesem Augenblick eine Person auf dem Schauplatze,
die den Lrm pltzlich verstummen machte. -- Auf seinem Rappen sprengte
Baron von Geyfeln, der am See heruntergeritten war, um zu sehen, wie
weit die Knechte mit ihrer Arbeit gekommen wren, unten in den
Schwarm hinein, und sein Anruf erschreckte und bndigte zugleich die
Schuljugend, die den Baron, als oberste Herrschaft im Orte, mit ganz
besonderem Respekt betrachtete.

Aber auch der alte Mhler geriet, wie er nur den Kopf nach dem Gerusche
des herangaloppierenden Pferdes gedreht hatte, fast unwillkrlich wieder
in seine gewhnlich ernsthafte Verbissenheit hinein, hielt sich steif
und aufrecht, rckte sich rasch den verkehrt sitzenden Hut zurecht und
gab dem ihm nchsten Jungen, der von dem Gutsherrn noch nichts
gesehen hatte und eben zu einem frischen Purzelbaume ausholte, eine
so gutgemeinte Ohrfeige, da er ihn stolpernd bis ber den Weg
hinberschickte.

Georg sprach kein Wort, weder zu den Kindern noch zu seinem
Schwiegervater. Nur einen einzigen finstern Blick warf er dem Alten zu,
dann aber, wie er sich aus dem Menschengedrnge frei sah, fhlte sein
Pferd Sporen und Peitsche, und in gestreckter Karriere flog es die
Strae hin, dem ahnungslos vor ihm hergaloppierenden Karl nach. Dessen
Pferd, wie es die raschen Hufschlge hinter sich hrte, wollte
allerdings jetzt ebenfalls in ein rascheres Tempo fallen, aber sein
junger Reiter, der den Nachfolgenden erkannte, griff ihm erschreckt in
die Zgel. Dem Rappen htte er auch nicht entfliehen knnen. In kaum
zwei Minuten hatte er ihn eingeholt, und whrend Georg, der das
Kunststck des Knaben von dem Ufer des Sees aus mit angesehen, jetzt
dunkelrot vor Zorn im Antlitz, dicht neben ihm sein Tier parierte, hieb
er dem zusammenzuckenden Knaben mit voller Wucht die Peitsche ber die
Schultern, da dieser mit einem Angst- und Schmerzensschrei seitwrts
von seinem Pferde hinunterflog und, was er laufen konnte, quer hin ber
die Wiese floh.

Georg aber sah sich nicht weiter nach ihm um. Das davonsprengende Pferd
rasch einholend und am Zgel fassend, fhrte er es langsam dem jetzt
nicht mehr fernen Gute zu und berlie den anderen, ihm zu folgen.

Zu Hause angelangt, nahm indessen ein wirtschaftliches und noch dazu
unangenehmes Geschft Georgs Aufmerksamkeit gleich so in Anspruch, da
er eine Zeitlang im Hofe aufgehalten wurde.

Ein Knecht hatte nmlich Hafer veruntreut, denselben den Pferden
entzogen und verkauft, der Verwalter ihn aber auf der Tat ertappt, und
der Schuldige mute verhrt und bestraft werden. Georg war auch heute
nicht in der Stimmung, ihm das Vergehen nachzusehen. Der Bursche
wollte allerdings seine Tat erst noch ableugnen und dann wenigstens
beschnigen, aber es half ihm nichts. Sein Lohn wurde ihm ausgezahlt
und er in derselben Stunde mit seiner Kiste, die er auf dem Rcken nach
Schildheim hinunter tragen mute, vom Hofe fortgejagt.

Zum Mittagessen, das bald nachher aufgetragen wurde, kam die ganze
Familie zusammen. Selbst Karl hatte sich wieder eingefunden, denn er
wute, da er nicht fehlen durfte. Der alte Mhler war aber vollkommen
nchtern geworden und blieb sehr kleinlaut, und kein Wort wurde ber dem
Essen von den Vorgngen des heutigen Tages erwhnt.

Georginen konnte brigens nicht entgehen, da irgend etwas
Auergewhnliches vorgefallen sein msse. Als sie ihren Gatten deshalb
fragte, schtzte dieser allerdings die Angelegenheit mit dem Knechte
vor, aber sie lie sich nicht durch solche Ausrede tuschen; denn wenn
das ihn auch verstimmen konnte, hatte es den nmlichen Einflu doch
nicht auch zu gleicher Zeit auf ihren Vater, wie alle brigen, die gar
nicht damit in Verbindung standen, ausgebt. Da Georg indessen selber
nichts weiter darber uerte, so vermutete sie, da er mit ihr allein
davon reden wolle, und schwieg ebenfalls, und die Mahlzeit verlief
dster und lautlos.

Nach Tische verlie Georg die Tafel, ohne ihr das geringste zu sagen. Er
ging mit dem Verwalter in sein Zimmer, das im andern Flgel lag, ihm das
Geld fr die heutige Ablohnung der Tagelhner zu berliefern, und der
Hauslehrer zog sich ebenfalls zurck, um nach Tische ungestrt seine
Zigarre zu rauchen. Nur die Gouvernante blieb noch zurck, und diese
entfernte Georgine bald mit einem Auftrage.

Als sie das Zimmer verlassen hatte, sah die Frau erst den Vater, dann
Karl, der an den Ngeln kauend am Fenster stand, dann Josefinen an, und
sagte endlich mit ernster, strenger Stimme, sich ihrer Herrschaft selbst
ber den Vater bewut: Was ist heute vorgefallen? -- Ihr habt etwas,
das ihr mir verbergt, und ich will es wissen. Was war es, Vater?

Nichts -- Alfanzerei! brummte dieser, indem er ebenfalls zum Fenster
trat und an den Scheiben trommelte. Der Junge da, der Karl, ist hinter
einem durchgegangenen Pferde dreingesprungen, hat es eingefangen und ist
damit fortgeritten, und _er_ kam dazu und wurde bse darber -- das ist
alles.

Und ich lasse mich nicht mehr mihandeln! knirschte jetzt Karl,
der nur mit Mhe und Not die vorquellenden Trnen zurckhielt, in
verbissener Wut. Ich bin alt genug, mir mein Brot selber zu verdienen,
und brauche mich nicht hier fttern und -- peitschen zu lassen, wie
einen Hund!

Er hat dich geschlagen? fragte Georgine dster.

Gepeitscht! knirschte der Knabe zwischen den Zhnen, gepeitscht vor
der ganzen Schule! Ich bleibe nicht lnger hier, denn ich wei, wenn er
es mir noch einmal tte, wrde ich ihm mein Messer zwischen die Rippen
rennen -- dem...

Du bleibst, sagte Georgine mit fester, entschiedener Stimme, ich
selber werde mit Georg reden.

Ich begreife gar nicht, warum Vater so bse darber geworden ist,
meinte Josefine.

Hre, Georgine, sagte nach einigem Zgern der alte Mhler, der sich
nicht ganz sicher wute, ob Georg seinen eigenen Luftsprung gesehen
hatte oder nicht, la das lieber bleiben.

Weshalb?

Du weit, Georg ist heftig und...

Er hat kein Recht, den Knaben zu schlagen, weil er ein wild gewordenes
Pferd einfngt.

Nun ja, die Sache war aber auch eigentlich ein bichen anders. Karl ist
auf das Pferd hinauf voltigiert, was ihm Georg streng verboten hatte.
Dafr hat er ihm eins mit der Reitpeitsche aufgezhlt, das war alles.

Alles? -- aber ich bin kein Kind mehr und -- kein Pferd, rief Karl,
nur noch mehr in seinem Trotze beharrend, da er Georginen auf seiner
Seite fand.

Aber du hattest unrecht, sagte der Alte, du weit, du sollst keine
Kunststcke mehr machen.

Und wer will es mir wehren? rief der Knabe, wenn mich der Mann als
Kind Kunststcke machen lie und mich besonders dazu anlernte, hat er
kein Recht, es mir jetzt, da es ihm nicht mehr pat, zu verwehren. Ich
brauche ihn gar nicht, ich kann ohne ihn leben, und das verdammte Lernen
habe ich ohnedies satt. Ich bringe nichts in den Kopf, und in der Schule
lachen mich die kleinen Jungen aus, weil ich noch zwischen ihnen sitzen
mu. Das tue ich auch nicht lnger; ich laufe fort.

Du bist ein Esel! sagte der Alte trocken, wo willst du hin, he?

Ueberall hin, ich komme durch, trotzte aber der Bursche. Hol's der
Bse, so ein Leben hier fortzufhren, halte ich doch nicht aus, und
da war's in der freien Reitbahn zehntausend-, millionenmal besser. Ich
komme durch.

Warte, bis ich mitlaufe, brummte der Alte, dann kannst du mit; jetzt
aber geh zu deinem Herrn Doktor und lerne deine Geschichten, was du
zu lernen hast; das ist gescheiter. Marsch auf mein Zimmer, ich komme
selbst gleich nach -- da kommt auch schon die Franzsin wieder. -- Nun
haltet das Maul, wenn ihr gescheit seid, und macht keinen Skandal aus
der Sache, da _er_ nicht noch einmal bse darber wird. Komm, Karl,
heut abend lassen wir den Hanswurst wieder tanzen, wenn du brav bist.
Und mit diesen Worten den Knaben bei der Hand ergreifend, zog er ihn mit
sich aus der Tr.




15.


Mhler ging mit dem Knaben den Gang hinunter, seiner eigenen Stube zu,
als ihnen Georg begegnete. Der Alte wre ihm gern ausgewichen, aber es
war nicht mehr mglich.

Mhler, sagte Georg ruhig, ich habe ein paar Worte mit Euch zu
sprechen. Karl, geh auf dein Zimmer -- ich hoffe, die heutige Lektion
wird dir ins Gedchtnis zurckgerufen haben, meinen Befehlen knftig
genauer nachzukommen. Geh nur jetzt -- wir brauchen dich hier nicht --
und er winkte dabei dem Knaben so gebieterisch zu, da dieser, wenn auch
verdrossen, doch scheu dem Befehle Folge leistete. Er wute recht gut,
da er gehorchen mute.

Georg sah ihm nach, bis er um die Ecke des Ganges verschwunden war, dann
sagte er mit wohl gedmpfter, aber finsterer Stimme zu dem Alten, der
sich ihm hchst unbehaglich gegenber fhlte: Mhler, Ihr solltet Euch
in Eure Seele hinein schmen, solche Streiche zu treiben, wie Ihr heute
getan!

Ich? ich wei gar nicht...

Schweigt! befahl ihm aber Georg. Ihr wit recht gut, was ich meine,
denn ich habe Euch gesehen. Versteht Ihr denn nicht besser, als ich es
Euch je erklren knnte, die eigentmliche Lage, in der ich mich hier
der Welt gegenber befinde, und sollte Euch nicht gerade besonders daran
liegen, das Verhltnis nicht mutwillig zu stren, ja, zu zerstren, das
Euch sowohl wie uns hier Frieden und eine anstndige, geachtete Existenz
sichert?

Ich verga mich einmal...

Das wei ich, aber, und er hob dabei drohend den Finger, es darf
nicht wieder geschehen. Ihr werdet jetzt, wie es steht, Mhe genug
haben, Euch die Achtung im Orte wieder zu sichern, die Ihr durch Euer
heutiges Betragen vielleicht auf immer verscherzt habt. Erfahren
die Leute erst einmal, was Ihr gewesen seid, dann haltet Euch auch
versichert, da kein anstndiger Bauer, von den Gutsherren gar nicht zu
reden, mehr Gemeinschaft mit Euch wird haben wollen, denn so viel habt
Ihr im Leben drauen doch gewi gelernt, da man ber einen Hanswurst
wohl lacht, aber nicht mit ihm verkehrt. Noch knnt Ihr es aber
vielleicht wieder gut machen; haltet Euch die Leute fern, so viel es
geht, und besonders trinkt nicht mit ihnen. Euer Kopf vertrgt die
starken Getrnke nicht, und einmal halb im Rausch, und Ihr seid Eurer
Zunge, Eurer Handlungen nicht mehr mchtig. Aber ich denke, ich habe
Euch genug darber gesagt -- nur das noch als Warnung: fllt etwas
Aehnliches noch einmal vor, so mt Ihr den Platz verlassen -- darauf
gebe ich Euch mein Wort, und wie Georg Bertrand sein Wort niemals brach,
so breche auch ich es nicht. Ich dchte, Ihr kenntet mich darin. Und
ohne weiter eine Antwort abzuwarten, lie er den Alten im Gange stehen
und schritt nach Georginens Stube. Mhler aber drckte sich rasch um die
Gangecke, seinem eigenen Zimmer zu; als er sich jedoch aus dem Bereiche
Georgs wute, blieb er stehen, schttelte sich, wie ein Pudel eine
Tracht Schlge abschttelt, und zwar auf eine ihm eigentmliche Weise,
die schon oft die Galerien zu kreischendem Gelchter gezwungen hatte,
da nmlich alle seine Glieder wie locker am Leibe hingen und hin und
her flogen. -- Dann einen scheuen Blick ber die Schulter werfend, ob
die Luft noch rein sei, rieb er sich vergngt die Hnde und lachte still
vor sich hin, whrend er den Gang hinabtrollte.

Das ist noch gut gegangen -- Teufel auch! heute glaubt' ich, kriegt'
ich's dick. Er sieht aber auch alles, der Kujon -- na, warte, du sollst
mich nicht wieder erwischen, mein Schatz, denn fort mcht' ich mich doch
auch nicht aus dem bequemen Platz hier jagen lassen.

Georg ging in das Zimmer seiner Frau und fand diese mit gerteten Wangen
und raschen Schritten, die Arme fest verschrnkt, auf und ab gehen. Bei
seinem Eintritt blieb sie stehen und sah ihren Gatten finster an.

Was hast du? sagte dieser ruhig, die Bewegung der Frau konnte ihm
nicht entgehen.

Was ich habe, Georg, rief Georgine, die diesen Augenblick ersehnt
hatte, indem sie nach dem Herzen griff, einen Schmerz hier, einen
bittern, nagenden Schmerz, der mir nicht Rast noch Ruhe lt.

Das alte Leiden? sagte Georg dster, indem er seinen Hut auf den Tisch
warf.

Ja und nein, lautete die Antwort, du selber hast es heute
heraufgezwungen!

Ich? -- wieso?

Da du den Knaben gemihandelt, weil er in frhlicher Jugendlaune einen
Augenblick verga, welch freie schne Kunst er einst ausgebt hatte und
jetzt nicht mehr ausben sollte. Glaubst du nicht, da wir den Zwang
doppelt fhlen, wenn er auf so rohe Weise in Kraft gehalten wird?
Glaubst du nicht, da der Stab, der sich bis jetzt nur gebogen, wenn er
zu straff angespannt wird, auch brechen knnte?

Wenn er das Biegen nicht vertragen kann, mag er brechen, erwiderte mit
tiefer, fester Stimme der Mann.

Georg!

Hre mich, fuhr ihr Gatte fort, denn ich zweifle sehr, da du den
ganzen Umfang des heutigen Vergehens weit. Karl hat nicht allein
gefehlt, das htte ich vielleicht verziehen, da er sich bis jetzt gut
gehalten, aber Vater selber, wahrscheinlich wieder vom starken Trunke
erregt, verga sich so weit, da er mitten im Dorfe, von der ganzen
Schule umgeben, seine alten Knste ausbte und sich in der Luft
berschlug. Den Jubel, den das von dem alten, bisher so gesetzten Manne
erregte, kannst du dir denken. Ich kam zum Glck zuflligerweise dazu
und verhinderte weiteren Unfug. Soll ich mein Ansehen, mein ganzes
knftiges Lebensglck, wie das meines Kindes, auf solche ekelhafte Art
gefhrdet und untergraben sehen? Georgine, du weit, wie lieb ich
dich und euch alle habe, aber du kennst mich auch; du weit, da ich
Begonnenes auch durchfhre, da, wo ich einmal meinen Willen eingesetzt,
ich auch die Kraft besitze, da zu handeln; deshalb warne deine
Angehrigen. Noch ein solches Vergehen, und die Bande, die mich bis
jetzt an sie fesseln, sind unerbittlich, unwiderruflich gelst.

Meine Angehrigen? und sind es nicht die deinen auch? fragte Georgine
scharf.

Sie sollen es bleiben, solange sie meinen Anordnungen folgen -- nicht
einen Augenblick lnger.

Anordnungen? -- sage lieber Befehlen.

So nenne es denn Befehle, wenn du willst.

Ich wei es wohl, zrnte die Frau, du hast kein Herz fr uns. Solange
wir dir Nutzen brachten, waren wir dir gut, doch jetzt, wo...

Halt ein, Georgine, unterbrach sie ernst der Mann, das ist ein
harter, bser Vorwurf, der nicht aus deinem Herzen kam. Du bist aber
jetzt, wenn auch vllig grundlos, gereizt, und wir wollen nicht weiter
darber rechten. Ich habe deinen Vater freundlich ermahnt, an uns
sowohl, wie an sich selbst zu denken; ich hoffe, das wird fr ihn
gengen. Karl hat gleich an Ort und Stelle seine Strafe bekommen, und
die Sache ist also abgemacht. Willst du selber noch einmal mit ihnen
darber sprechen, so gehe erst mit deiner Vernunft zu Rate, die wird
dich den richtigen Weg schon leiten. Und ohne weiter eine Antwort
abzuwarten, verlie er das Zimmer, bestieg unten im Hofe sein schon
bereit gehaltenes Pferd und sprengte in den Wald hinaus.

Georgine blieb, wie er sie verlassen, im Zimmer stehen und sah ihm
dster nach. Der ungebeugte Charakter des bisher so selbstndigen,
verwhnten Weibes konnte sich dem Zwange noch nicht fgen, der es hier
von allen Seiten hemmend umgab. Wohl tauchten wieder jene Gedanken, ihn
abzuschtteln, in ihr auf, aber wieder und wieder hielt sie der Gedanke
an Josefine zurck, die das verhate Gesetz ihren Hnden entzog, das
Schicksal des Kindes in die Hnde des Vaters legend. Allerdings hatte
sie schon in ***, ehe sie dem Willen des Gatten nachgab, alles versucht,
sich Recht in ihrem Sinne zu verschaffen. Sie selber war zu den besten
Advokaten der Stadt gegangen, ihren Beistand in dieser Sache zu erfragen
und fr sich zu sichern. Sie alle aber hatten ihr einfach das in diesem
Falle wirklich einmal nicht anders zu deutende Gesetz vorgelegt, das
keinen Ausweg offen lie: Bis zum siebenten Jahre blieb, bei einer
Scheidung der Gatten, das Kind der Mutter, damit diese ber das zarte
Alter desselben wachen konnte; nach dem siebenten Jahre aber wurde es
dem Vater, als seinem eigentlichen Erhalter und Ernhrer, anvertraut,
und es htte der Beweise bedurft, da dieser dessen Erziehung nicht
leiten und bestreiten konnte, um es zugunsten der Mutter umzundern --
Beweise, die sie in diesem Falle unmglich bringen konnte. Sie sah sich
deshalb gezwungen, nachzugeben -- nachzugeben vielleicht zum erstenmal
in ihrem ganzen Leben, und das verga sie deshalb schon dem Gatten nie.

Georg sprengte indessen in den Wald, das Herz voll von trben,
drckenden Gedanken; denn nie mehr, als gerade in diesem Augenblick,
fhlte es die Last, die mit den Ueberresten seines frheren Lebens
hereinragte in sein jetziges edleres Sein. Wie war es mglich, da er
den alten Mann, den er verachtete, von sich abschtteln konnte, ohne
Georginen im tiefsten Herzen zu verwunden -- und tat er es nicht, wer
brgte ihm dafr, da nicht bei nchster Gelegenheit der Mensch, der
nun einmal zur Hefe des Volkes gehrte, seine eigene Stellung im neuen
brgerlichen Leben durch irgend einen tollen Streich untergraben, ja,
rettungslos zerstren knne? -- Und was dann? Hatte er nicht die Pein
seiner frheren Existenz kennen gelernt? War nicht der Schleier von
seinen Augen gefallen, durch den geblendet er jenen wilden, zgellosen
Stand nur stets im rosigsten und schnsten Lichte gesehen? Dahin konnte
er nicht zurckkehren, ohne, wie er recht gut fhlte, geistig und
moralisch zugrunde zu gehen, und machte es ihm hier die Verbindung mit
jenen alten Ketten, in der er durch den frheren Possenreier seiner
Bande gehalten wurde, nicht doch am Ende auch noch unmglich, seinem
Ziele fest und unverzagt entgegen zu streben?

Er fhlte selber nicht, wie der Rappe, von Schenkeldruck und Sporn
getrieben, in sausendem Galopp mit ihm die Strae entlang flog. Der Wind
aber khlte seine heien Schlfen, die rasche, krftige Bewegung tat ihm
wohl, und seinem feurigen Tier die Zgel lassend, sprengte er mit ihm,
dem nchsten breiten Holzwege folgend, gerade in den Wald hinein. Hier
aber migte der Rappe selber seinen Schritt; der Weg war rauh und hart
gefroren, und die zarten Hufe des edlen Tieres nicht an solche Bahn
gewhnt. Und als auch hierin der Reiter ihm volle Freiheit lie, blieb
es endlich schnaubend und mit dem schnen Kopf auf- und niederfahrend
auf einer Waldble stehen, wo ein Jger, die Flinte vor sich auf den
Knien, auf einem gefllten Baume sa und jetzt erst, als er den Nahenden
erkannte, aufstand, ihn achtungsvoll zu begren.

Er war der alte Forstwart Barthold, und Georgs Blick haftete
unwillkrlich lange und mit einem eigenen Interesse auf den gefurchten
eisernen Zgen des Greises, um dessen Schlfe der kalte Nordwind die von
den Jahren zu Schnee gebleichten Locken jagte.

Setzt auf, Alter, setzt auf, sagte er endlich hastig, als sein Geist
zu den Gegenstnden um ihn her zurckkehrte, das ist kein Wetter, mit
entbltem Kopfe zu stehen, und noch dazu in Euren Jahren! Der Alte
neigte sich leise und gehorchte dem Befehl.

Und was macht Ihr hier? fuhr Georg fort, indem er abstieg, den Nacken
seines Tieres klopfte und ihm dann den Zgel auf den Sattel legte,
kommt, geht mit mir ein Stck durch den Wald; mein Pferd ist etwas warm
geworden, und ich mchte es nicht still stehen lassen.

Ich hab' hier in der Gegend ein Eisen fr eine wilde Katze gestellt,
erwiderte der Forstwart, indem er sich an der Seite Georgs hielt, aber
nicht ohne einiges Erstaunen sah, da diesem der feurige Rappe lammfromm
und wie ein Hund folgte.

Gibt es deren hier?

Selten einmal eine, aber sie kommen doch zu Zeiten vor und tun dann
gar erschrecklichen Schaden unter den lieben Waldtieren. Es ist
blutdrstiges, unersttliches Zeug, das Katzengeschlecht, und Wolf und
Fuchs reichen ihm nicht das Wasser. -- Nur der Mensch treibt es manchmal
noch schlimmer als sie.

Und so haltet Ihr den Wolf fr besser als den Menschen, lchelte
Georg, der schon von den Eigenheiten des Alten gehrt hatte, und der
sich jetzt freute, einmal so allein mit ihm zusammengetroffen zu sein
-- vertrieb es ihm doch auch die bsen Gedanken, die sein Hirn peinigten
und seine Seele qulten.

Gewi tu' ich das, erwiderte leise der Mann. Der Wolf ist ein wildes
Tier, ohne weiteren Verstand als den, den ihm der liebe Gott gegeben
hat, um seine Beute zu beschleichen.

Ihr meint den Instinkt.

Den mein' ich nicht, ich meine Verstand, beharrte der Alte, Instinkt
ist ein Wort, das prchtig fr die Art von Leuten pat, die in den
Stdten die dicken Bcher schreiben, und deren eigener Verstand still
steht, wenn sie einmal zu uns in den Wald kommen und das Leben und
Treiben der Tiere zu sehen kriegen. Wir aber, die wir eben diese Tiere
nher kennen, wissen das wohl besser. Glauben Sie zum Beispiel, gndiger
Herr, da Ihnen das kluge Pferd da etwa nur aus Instinkt folgt?

Ein Pferd? nein, das hat gewi Verstand.

Schn, das sagen Sie, weil Sie nher mit ihm bekannt geworden sind;
wrden Sie meine lieben Waldtiere so gut kennen lernen, so fnden Sie
gar bald, da wir ihn denen noch viel weniger absprechen drfen. -- Der
Mensch aber, was ich vorhin sagen wollte, hat seinen vollen Verstand und
Geist und Vernunft und Seele, und wie er es sonst noch nennt, vom lieben
Gott erhalten, und wie gebraucht er das alles nur zu oft!

Und nur die wilde Katze setzt Ihr noch an bsartigen Eigenschaften ber
den Menschen? lchelte Georg.

Vielleicht hab' ich unrecht, sagte der Alte, aber ich kann mir einmal
nicht helfen, wenn ich die Katzen mehr als anderes wildes Getier
hasse und verabscheue. Aber gerade sie, mehr als Schuhu und Raubvgel,
zerstren mir im Frhjahr die junge Brut meiner lieben kleinen
Singvgel, und wenn ich dann so ein armes Tierchen neben seinem
zerrissenen Nestchen sitzen und trauern und die zerbrochenen Eierschalen
unter dem Baume liegen sehe, dann berluft's mir immer, ich wei
eigentlich selber nicht wie, und ich schwr's den Katzen, Mardern und
Iltissen zu, da sie mir's ben sollen fr alle Zeit -- wo ich sie
nmlich erwischen kann.

Und Ihr habt die Singvgel so gern, Forstwart?

Ja, gndiger Herr, und mit Recht, sagte der alte Mann, und es
war fast, als ob seine Stimme bei den Worten zitterte. Die kleinen
Waldsnger sind mir die liebsten Tiere in der Welt; vielleicht, weil
es die einzigen Freunde sind, die ich in der Welt habe, setzte er
langsamer hinzu, und bei denen wre es denn schon nicht mehr als
Schuldigkeit, da man ihnen wieder Anhnglichkeit bewiese. Haben sie
doch niemanden hier weiter wie mich, der ihren Feinden nachstellt und
sie schtzt und beschirmt, wo es not tut.

Und weiter habt Ihr keine Freunde, Barthold?

Keine weiter, sagte der alte Mann und schttelte dazu langsam den
greisen Kopf.

Aber der Graf hat mir sehr freundlich von Euch gesprochen und Euch mir
warm empfohlen.

Der Graf ist ein wackerer, braver Herr, meinte der Forstwart, und ich
werde ihm ewig danken, was er an mir getan -- mehr, als Sie und jemand
anders wissen knnen; -- aber -- den Herrn kann ich doch nicht zu meinen
Freunden zhlen!

Nicht? -- und weshalb?

Lieber Gott, weshalb? Der Herr Graf ist mir ein lieber und gndiger
Herr -- aber er ist eben ein Herr und noch dazu ein recht vornehmer,
wenn auch wohlwollend und herablassend, und da kann mit Unsereinem von
Freundschaft nicht die Rede sein. Unter Freunden, mein gndiger Herr,
verstehe ich zwei Teile, die voreinander kein Geheimnis haben, die
einander mitteilen, was sie freut, was sie drckt, die einander helfen,
wo sie knnen -- nicht nur der eine Teil dem andern, sondern auch
umgekehrt, und die beisammen ausharren in Freud' und Leid -- solange
eben dieses morsche Leben noch zusammenhlt und das Herz nicht aufgehrt
hat zu schlagen.

Aber unter der Bedingung, Forstwart, drft Ihr die Vgel des Waldes,
und wenn sie noch so lieb und freundlich singen, doch nicht zu Euren
Freunden zhlen, denn Ihr mgt ihnen so viel klagen und gestehen, wie
Ihr wollt, ihr Mund bleibt stumm fr Euch, und mit der Hilfe und dem
Beistande, die sie Euch leisten knnten, sieht es auch nur windig aus.

Meinen Sie, gndiger Herr? sagte der alte Mann und lchelte dabei
gar still und heimlich vor sich hin, aber da htten Sie sich doch
vielleicht geirrt, denn nicht allein verstehen die Vgel mich, wenn ich
bei ihnen einmal hier drauen dem gedrckten Herzen Luft mache, nein,
ich verstehe sie ebensogut, ob die paar Zurckgebliebenen mir nun
im kalten Winter ihr Leid oder im Sommer den Verlust eines lieben
Angehrigen klagen oder mir im Frhling die heimkehrenden Wanderer ihren
Jubel, ihre Seligkeit entgegen zwitschern. -- Sie, gndiger Herr,
sind eigentlich seit langer, langer Zeit der erste, mit dem ich wieder
darber rede, weil -- weil mich etwas zu Ihnen zieht, dem ich keine
Worte geben kann, fr das ich eigentlich keine Ursache habe. Frher, ja,
sprach ich mich offen darber gegen jeden aus, aber mein Lohn war,
da ich von dem unwissenden Volke verlacht und ausgespottet wurde. Da
behielt ich, was ich wute, lieber fr mich, und zog mich mehr und mehr
nur auf mich selbst zurck.

Und Ihr glaubt wirklich, da Ihr die Sprache der Tiere verstehen knnt
-- da sie Euch wieder verstehen, wenn Ihr mit ihnen sprecht?

Ich glaube es nicht nur, sagte zuversichtlich der alte Mann, ich wei
es ganz gewi. Stundenlang hab' ich schon drauen auf der Wiese bei
den Strchen gesessen und mir von ihren Reisen erzhlen lassen --
stundenlang dem muntern, manchmal ein bichen leichtfertigen Stieglitz
zugehrt, und was meine alte treue Amsel betrifft, die mir eigentlich
die liebste ist von allen zusammen, so verstehen wir beide wohl jede
Silbe, die wir miteinander reden.

Die Amsel ist Euch die liebste? fragte Georg, der unwillkrlich
Interesse an den Phantasien des alten Mannes nahm.

Gewi, erwiderte dieser. Die Amsel ist eines von den bescheidenen,
anspruchslosen Wesen in der Welt, die trotz ihres eigenen Verdienstes,
eben ihrer Zurckhaltung wegen, es doch nirgends zu etwas
Ordentlichem bringen und stets zurckgesetzt und bersehen werden. Und
wie treu hlt sie bei uns in Frost und Klte aus; wie bescheiden hpft
sie in ihrem anspruchslosen schwarzen Kleidchen einher, und was fr eine
lieblich grne Stimme hat sie dabei!

Eine grne Stimme? fragte Georg, dem dieser Ausdruck neu war.

Allerdings, versicherte der alte Mann, und zwar das ganz bestimmte
junge Waldesgrn, wenn ihm der Frhling seinen ersten Saft gegeben --
nicht ein Mischmasch von Farben, wie der Finke mit seinem Violett oder
der Zeisig gar mit seinem schmutzig gelben Ton -- ein reines, schnes,
helles Grn, das mit seinem lieben Klange meine alten Ohren auch noch
erfreut, wenn der Winter schon lange das wirkliche Grn von den Zweigen
gefegt und seine weie Schneedecke ber den Wald gebreitet hat.

So beurteilt Ihr den Gesang der Vgel nach den Farben?

Gewi tue ich das, versicherte der Greis, und nirgends zeigen sich
mir die Farben deutlicher als eben im Gesange. Die Grasmcke singt rot,
aber kein brennend schmerzendes Rot wie der Kanarienvogel, sondern sanft
und doch leuchtend, wie ich nur einmal in meinem Leben am nrdlichen
gestirnten Himmel habe Strahlen schieen sehen. Die Nachtigall singt
dunkelblau -- dunkelblau wie der Nachthimmel selber, da man die beiden
kaum voneinander unterscheiden kann. Die Lerche singt jenes wundervolle
Korngelb der reifen Aehren, das Rotschwnzchen ein allerliebstes
bluliches Grau, die Schwalbe wei, der Nuher, der spttische Gesell,
ein tiefes Schwarz, ich mag den geschwtzigen hirnlosen Burschen auch
deshalb nicht besonders leiden; die Drossel singt dunkelgrn, und fast
alle Farben finden sich unter den Sngern des Waldes, alle, mit ihren
leisesten Schattierungen -- nur nicht hellblau. Kein Vogel, und das ist
etwas, worber ich schon oft und lange nachgedacht, singt hellblau,
und nur ein einziges Mal, und zwar eine einzige Nacht, habe ich
eine Nachtigall gehrt, die hellblau sang, und das war das schnste
Himmelblau, das man sich nur denken kann.

Und nie wieder hat sie gerade so gesungen? fragte Georg, den, er wute
selber nicht weshalb, ein eigenes Gefhl der Teilnahme fr den Greis
beschlich.

Nie wieder, sagte der alte Mann leise, es war ihr Sterbelied gewesen,
denn am nchsten Morgen fand ich sie tot in demselben Busche -- tot und
unverletzt, und habe sie auch dort, wo ich sie fand, nachher begraben.
Ich werde den Tag nie vergessen; es war derselbe Morgen, an dem die
Kinder wieder von hier abreisten, und wie ich da drben unter dem
Busche bei dem toten Vogel sa, liefen mir die hellen Trnen die Backen
herunter. Ich wei aber wahrhaftig nicht, ob ich ber den Vogel oder
ber die Kinder geweint habe, die ich -- wenigstens beide zusammen --
nicht wiedersehen sollte.

Der alte Mann schwieg und sah still und traurig vor sich nieder, und
auch Georg wagte im ersten Augenblick nicht die Stille zu unterbrechen.
Von welchen Kindern sprach der Greis, und war es nicht etwa gar die
eigene Jugend, die an das Herz dieses alten, starren Waldbewohners
geklopft und die Erinnerung darin zurckgelassen hatte? -- Er mute
darber Gewiheit haben.

Was fr Kinder, Forstwart? fragte er mit so viel Gleichgltigkeit als
mglich im Tone.

Das eine kennen Sie, gndiger Herr, sagte da der alte Mann, es ist
unser gndigster Herr Graf, den Gott uns noch recht lange erhalten mge.
Wie hbsch und schlank und krftig der emporgewachsen ist, und wie viel
Freude er schon seiner braven Frau Mutter gemacht hat, da sie wohl
stolz auf ihn sein darf!

Und das andere? fragte Georg nach sichtlichem Widerstreben, als der
alte Mann hartnckig schwieg, was ist aus dem andern geworden?

Da fragen Sie den lieben Herrgott! seufzte der alte Mann, der andere
Knabe war sein Bruder. Auf ein Haar fast glichen sich die beiden jungen
Herren, und so wild und lebenslustig waren sie, und so gut, so engelgut
dabei! Der jngste besonders war ein herzig Kind -- ich sehe ihn noch
vor mir mit den langen dunklen Locken und den groen, sterngleichen
Augen -- und ich durfte mit ihnen durch den Wald gehen und ihnen das
Wild zeigen und die Stellen, wo die saftigsten Erdbeeren wuchsen, und
der kleinste fate mich dann an der Hand und fragte mich, wie hoch der
Himmel noch ber den hohen Bumen sei, und ob es wahr wre, da
die Sterne dort droben die Augen von lieben Engelchen wren, die
herabschauten auf die Kinder, ob sie auch brav und gut wren und ihren
Eltern Freude machten? Und dann erzhlte er mir von seinem Vater, da er
gestorben und zum lieben Gott gegangen sei und sie, die beiden Knaben,
mit der Mutter hier allein zurckgelassen habe, und -- Gottes Zorn!
murmelte der alte Mann vor sich hin und wandte sich ab von Georg, denn
er schmte sich vor dem Fremden, da ihm, selbst in der Erinnerung an
jene Zeit, die sein Herz mit einer eigenen Wehmut erfllte, die Trnen
ins Auge gekommen waren. Georg aber, der ihn mit schmerzlicher Spannung
beobachtete, war das nicht entgangen, wenn er auch tat, als ob er
es nicht bemerkte; hatte er doch Mhe genug, die eigene Rhrung
niederzukmpfen. Endlich, sich gewaltsam zwingend, sagte er leise: Und
von dem andern Knaben habt Ihr nie wieder -- den andern Knaben habt Ihr
nie wieder gesehen?

Nein, erwiderte der Alte, damals blieben sie acht Wochen bei uns, und
kein Tag verging, wo wir uns nicht zusammen hier drauen herumgetummelt
htten. Ein paar wilde Burschen waren es alle beide, und tolle Streiche
haben wir mitsammen ausgefhrt. Der jngste besonders -- der kleine
Tollkopf konnte mit mir machen, was er wollte -- schien sein Herz an
mich gehngt zu haben. Auf mir geritten ist er sogar, oft und oft, und
hat mir dann versprochen, wenn er einmal gro wre, wollte er mich zu
seinem Stallmeister, und Gott wei was sonst noch machen. Dann gingen
sie fort, und ich blieb hier zurck -- als Forstwart, Waldlufer oder
was Sie wollen. Ein paarmal noch lieen mich die Knaben, besonders der
kleine Georg -- er hie wie Sie, gndiger Herr, Georg -- gren, dann
war auch das vorbei. Ich selber verga die Kinder wohl nicht, denn
wenn man so ganz allein steht auf der Welt, vergit man nicht so leicht
etwas, an dem das Herz einmal so gehangen, wie ich an den Kindern,
besonders an dem jungen Herrn. Whrend aus den Knaben aber Mnner
wurden, hrte ich endlich, da der eine -- mein armer kleiner Georg --
Deutschland ganz verlassen habe und -- in der Fremde gestorben sei, und
da konnte ich denn natrlich nichts weiter tun, als -- um ihn trauern.

Und habt Ihr seinen Bruder nie nach ihm gefragt? sagte endlich
nach langer Pause, whrend die beiden Mnner schweigend nebeneinander
hingeschritten waren, Georg.

Der Alte schttelte mit dem Kopfe. Das ging nicht gut, meinte er,
sollte ich die Wunde im Bruderherzen wieder aufreien? Und ich war
froh und glcklich, da ich wenigstens den einen wieder hatte und mir in
dessen heiteren, mnnlich schnen Zgen das Bild des andern heraufrufen
und festhalten konnte. Die Jahre sind auch darber hingegangen, und wie
der Hgel auf dem Grabe des lngst Entschlafenen eingesunken sein wird,
sind meine Wangen eingefallen, ist mein Haar gebleicht, und ich dachte
kaum, da ich noch einmal so lebhaft wieder an ihn denken wrde, bis --
bis Sie neulich, gndiger Herr, mit unserem gndigen Grafen in den Hof
einritten.

Ich? rief Georg und suchte die Bewegung zu verbergen, die seine Stimme
zittern machte.

Ja, sagte der Greis, und unwillkrlich suchte sein Blick dabei den des
Begleiters, wie ich Sie beide zusammen und nebeneinander, in all der
Kraft mnnlicher Schnheit, beide einander so hnlich, und doch auch
wieder so verschieden, auf einmal vor mir sah, war es pltzlich, als
ob eine Stimme in meinem Innern sprche: da sind sie -- die Zeit ist
wiedergekommen, die du so hei ersehnt; er ist nicht tot, der kleine
Georg, sondern zurckgekehrt, wie er es mir als Kind, seine kleine Hand
in der meinen, fest versprochen. -- Ich hatte mich doch geirrt; und nur
da Sie Georg heien, ist ein merkwrdiger Zufall. Fnfundzwanzig Jahre
sind freilich eine lange Zeit; aber, lieber Gott! mein altes Herz hat
sich doch geirrt, denn was man eben wnscht, erhofft man ja auch gern.

Und Ihr habt den Knaben also noch nicht vergessen, Barthold?

Ich? -- das Kind? nein, mein gndiger Herr. Ich wei nicht, weshalb --
es war nicht mein Kind, und ging mich auch weiter nichts an, als da es
eben der Herrschaft angehrte und vielleicht einmal spter selber mein
Herr geworden wre; denn uns alten Dienstboten geht es wie dem Inventar
auf den Gtern, zu dem wir auch mitgehren -- wir wechseln die Besitzer.
Aber ich glaube, der kleine Bursch hatte es mir damals mit seinen
klugen, treuen Augen angetan -- vielleicht mit einer Kleinigkeit, die
aber bei uns Menschen oft wunderbaren Einflu ausbt.

Und die war?

Ich hatte die Kinder gebeten, mich -- ich wei eigentlich selber nicht
weshalb, bei meinem Vornamen Franz zu nennen, der Aelteste aber, unser
gndiger Herr Graf jetzt, der auch schon ein bichen besser mit den
Leuten umzugehen wute, konnte oder wollte es nicht merken und nannte
mich nicht anders als Barthold oder Forstwart. Der kleine Georg aber
-- Sie drfen es mir aber nicht bel deuten, da ich ihn noch so nenne,
denn fr mich ist er der kleine Georg geblieben, alle Zeit -- tat mir
den Willen und nannte mich Franz, und einmal, wie er Abschied von mir
nahm, hat er mich sogar gekt, und von der Zeit an, wo ich die Kinder
in die groe Kutsche steigen und mir noch einmal mit den Tchern winken
sah, war es mir, als ob alles, was ich noch auf der Welt mein nenne, mit
dem Kinde auf Nimmerwiedersehen geschieden sei. Aber, lieber Gott!
ich schwatze und schwatze da von Dingen, die Euer Gnaden unmglich
interessieren knnen. Halten Sie es einem alten Manne zugute, dem
es berdies selten genug gestattet ist, sein Herz einmal einem
Nebenmenschen auszuschtten. Ich fhle, da ich Sie gelangweilt habe.

Das habt Ihr nicht, Barthold, sagte Georg, der gewaltsam die in ihm
aufsteigende Rhrung niederkmpfen mute, um sich nicht zu verraten.
Ihr habt mir berdies vorher gesagt, da Ihr Euer Herz nur Euren
Freunden gegenber ffnen mchtet, zhlt mich dazu von jetzt an, ich
meine es gut mit Euch. Nehmt meine Hand, sie ist Euch gern geboten, wenn
ich auch -- Euer kleiner Georg nicht bin, fr den Ihr mich gehalten.

Gndiger Herr, sagte der alte Forstwart verlegen, indem er schchtern
seine Hand in die ihm dargebotene Rechte seines Begleiters legte -- Sie
sind so gtig...

Wohin fhrt dieser Weg? unterbrach ihn jetzt Georg, der das Gesprch
abzubrechen wnschte, denn er vermochte nicht lnger dem Alten gegenber
kalt und gleichgltig zu scheinen.

Mitten in den Wald, lautete die Antwort, ich mu tausendmal um
Verzeihung bitten, wenn ich Sie einen falschen gefhrt habe. Wir sind
hier gleich an der Grenze, und ich wollte eigentlich nur nach einem
Fuchsbau sehen; ich habe gar nicht daran gedacht, da Sie...

Es schadet nichts; ich habe nur einen Spazierritt gemacht, und jede
Richtung bleibt sich da gleich. Aber ich will jetzt umkehren. Adieu,
Barthold, sorgt nur hbsch fr Eure kleinen gefiederten Freunde, die
Singvgel, denn ich habe sie ebenfalls gern, und -- wenn Ihr einmal
etwas habt, das Euch auf dem Herzen liegt und das andere Hilfe verlangt,
als sie Euch gewhren knnen, dann kommt ungescheut zu mir. Wenn es in
meinen Krften steht, helfe ich Euch. Lebt wohl! Mit den Worten wandte
er sich zu seinem Pferde, das auf sein Zeichen rasch herbeigetrabt kam,
schwang sich in den Sattel und ritt langsam den Weg wieder zurck, den
er mit dem Alten heraufgekommen.

Barthold blieb noch lange, wie ihn Georg verlassen hatte, im Wege stehen
und schaute ihm schweigend nach, dann setzte er seine Pelzmtze, die er
beim Abschied abgenommen, wieder auf und murmelte leise, whrend er sich
jetzt in den Wald wandte: Gerade so wrde mein kleiner Georg wohl auch
zu seinem alten Freunde gesprochen haben; gerade so she er vielleicht
auch aus, aber -- du lieber Gott! alter Franz, was hilft es dir? er ist
es ja doch nicht, und wenn er wiedergekommen wre? -- wer wei, ob er
dann noch so freundlich mit dem alten Forstwart, der eben doch nichts
weiter als ein Forstwart ist, gesprochen htte, und dann -- dann htt'
es mir freilich noch viel, viel weher getan, als so, wo er gar nicht
wiedergekommen ist. -- Und leise noch viel mehr vor sich hinsprechend
und langsam dazu mit dem Kopfe nickend, verfolgte er seinen Weg.




16.


Georg ritt langsam den Weg, den er gekommen, zurck, das Herz aber
mit anderen Gedanken erfllt als denen, die er so toll und wild auf
schnaubendem Rosse in den Wald hinausgetragen. Es war die Jugendzeit,
die liebe, holde Jugendzeit, die wieder vor seinem innern Blicke
emportauchte, und doch auch brachte sie kein Lcheln auf die
zusammengepreten Lippen, doch drngte sie keine Freudentrne in das
fest und starr auf dem Wege haftende Auge. Erst als sich der Wald
lichtete, sah der Reiter wieder auf, und durch seine Umgebung zur
Gegenwart zurckgekehrt, lenkte er sein Pferd hinter dem Dorfe weg, um
unten am See nach seinen Arbeitern zu schauen. Er fhlte sich noch nicht
ruhig genug, nach Hause zurckzukehren.

Die Strae selber, als er sie endlich erreichte, war heute
auerordentlich belebt, und er erinnerte sich jetzt, gehrt zu haben,
da an diesem Abend im Stern zu Schildheim eine Hochzeit gefeiert werden
sollte. Die einzige Tochter des Wirtes heiratete hinber nach Oledorf,
und der Vater hatte bestimmt, die Feierlichkeit mit einem solennen
Schmaus und Tanz zu beschlieen, zu dem eine Menge Verwandte und Gste
aus Oledorf sowohl, wie aus Schildheim selber geladen waren.

Eine Strecke hinter dem Dorfe sah der Reiter einen Knuel Menschen auf
der Strae stehen, die um ein umgeworfenes Fuhrwerk versammelt waren.
Fast unwillkrlich lenkte er sein Pferd dorthin und entdeckte bald einen
vornehm aussehenden Herrn, der in Reisekleidern neben einem zerbrochenen
Wagen stand. Das linke Hinterrad war in Stcken, augenscheinlich an
einem der Wegsteine zerschellt und lag im Straengraben, whrend ein
Kutscher mit Hilfe des Bedienten und einiger geflligen Bauern bemht
war, das Riemenzeug der Pferde wieder in Ordnung zu bringen. Der
Reisende selber bekmmerte sich jedoch weder um Pferde noch Wagen,
sondern schien nur damit beschftigt, seinen etwas beschmutzten und
sogar beschdigten Rock wieder zu reinigen, wie die Ste ungeschehen
zu machen, die sein Hut, wahrscheinlich beim Herausfallen aus dem Wagen,
erhalten hatte.

Durch die Umstehenden, die Georg kannten, wurde er jedoch auf den
Nahenden aufmerksam gemacht und wandte sich jetzt hflich gegen diesen.

Herr von Geyfeln -- wie ich hre, ist das Ihr Name -- ich bedaure sehr,
mich Ihnen in dieser Situation und diesem Zustande vorstellen zu mssen;
mein Name ist Baron von Zhbig, und ich bin hier auf abominable Art mit
meinem Geschirr erst fest und dann auseinander gefahren. Knnten Sie uns
nicht helfen lassen, da wir wenigstens mit dem Wagen das dort liegende
Dorf erreichten?

Das kann ich allerdings, Herr Baron, erwiderte Georg, und es tut
mir leid, da Sie der Unfall hier betroffen hat. Ich begreife freilich
nicht, wie es auf der trocknen Strae mglich war.

Ein Leiterwagen voll junger Bauern kam in gestreckter Karriere hinter
uns drein, erzhlte der Baron. Die jungen bermtigen Burschen, die
wahrscheinlich zu irgend einem Feste zogen, jauchzten und schrieen und
schwenkten die Hte, meine Pferde scheuten dadurch etwas zur Seite,
das Vorderrad vermied jenen Stein, aber das Hinterrad wurde dagegen
gerissen, brach wie Glas und warf mich in diesem Zustande, wie Sie mich
hier erblicken, in den Graben hinein.

Ich bedaure Sie innig; die Leute haben heute im Dorfe eine Hochzeit und
sind dabei gern ein wenig laut; aber ich darf Sie nicht lnger als ntig
hier auf der Strae lassen. Dort drben arbeiten meine Leute -- die
Hinterrder Ihres Wagens sind ziemlich hoch; ich denke, eins von meinen
Schlammwagen kann Ihr Geschirr wenigstens bis zum Dorfe bringen, und
dort werde ich Sorge tragen, da Ihr Schade, trotz der Hochzeit heute,
augenblicklich wieder verbessert wird. Entschuldigen Sie mich nur auf
wenige Minuten, ich bin gleich wieder bei Ihnen.

Und damit wandte er sein Pferd und ritt in scharfem Trabe ber die Wiese
hinber der Stelle zu, wo seine Leute arbeiteten, um diese zur Hilfe des
beschdigten Wagens herbeizuholen. Er kehrte auch bald mit ihnen zurck.
Das Fuhrwerk wurde wieder so weit instand gesetzt, die kurze Strecke bis
zum Dorfe wenigstens zusammen zu halten, und Georg, der sein Pferd jetzt
am Zgel fhrte, schritt neben dem Fremden auf der Strae hin.

Er selber kam aber dabei nicht viel zu Wort; der Fremde, der
auerordentlich wibegierig schien, richtete hundert Fragen an ihn, ohne
ihm jedoch Zeit zu lassen, auch nur eine gengend zu beantworten, und
interessierte sich besonders dafr, zu erfahren, ob es hier in nchster
Nhe nicht irgend eine Stadt oder ein Stdtchen gbe, das er heute abend
noch erreichen knnte und in dem Theater gespielt wrde.

Das war allerdings nicht der Fall, und der Fremde, der um diesen Preis
wohl seinen zerbrochenen Wagen heute im Stiche gelassen htte, sah sich
jetzt gentigt, diesem wieder seine Aufmerksamkeit zu schenken. Sie
hatten nmlich das Dorf erreicht, und der Schmied erklrte sich mit
dem Wagen- oder Stellmacher, wenn auch im Anfange nach entschiedenem
Weigern, doch endlich bereit, die ntige Reparatur sofort vorzunehmen,
und da die Leute rasch arbeiten wrden, dafr brgte die Hochzeit, zu
der sie beide eingeladen waren.

Jetzt galt es, dem Fremden Unterkommen im Gasthause zu verschaffen; das
war aber entschieden unmglich und jedes Winkelchen im Hause, bis in die
Stlle hinein, besetzt. Nicht einmal Kutscher und Pferde konnten dort
untergebracht werden. So ungern es Georg gerade bei einem Fremden tat,
sah er sich doch endlich gentigt, ihm fr die Nacht -- denn an
ein Weiterreisen lie sich nicht denken -- seine Gastfreundschaft
anzubieten, die indessen von dem Fremden, wenn auch erst nach
scheinbarem Struben und tausend nichtssagenden, meist franzsischen
Phrasen von Stren und zur Last fallen angenommen wurde. Den Wagen
hatte man indessen den betreffenden Handwerkern bergeben, der Kutscher
fhrte die Pferde in das Gut voran, der Bediente folgte mit dem
Ntigsten, was sein Herr fr die Nacht brauchte -- und das war mehr,
als er allein tragen konnte --, das brige Gepck hatte der Wirt in sein
eigenes Zimmer gestellt, und die beiden Herren schritten jetzt ebenfalls
plaudernd zum Gute hinauf, wo Georg die Wirtschafterin rufen lie
und ihr auftrug, augenblicklich eines der Fremdenzimmer fr den Gast
herzurichten.

Das war bald geschehen, und Baron von Zhbig wurde instand gesetzt,
seine Toilette mit ngstlichster Sorgfalt, wie er es stets gewohnt war,
zu vollenden. Bis dahin konnte auch das Abendbrot bereitet sein, und
zwar heute nur fr die beiden Gatten und den Fremden. Der alte Mhler
hatte gebeten, auf seinem Zimmer essen zu drfen, und die Erzieherin
trank berdies jeden Abend mit Josefinen den Tee auf dem ihrigen.

Georgine war von dem unerwarteten Besuch rechtzeitig in Kenntnis gesetzt
worden und eben mit ihren Anordnungen in Kche und Keller, wie mit ihrer
eigenen Toilette fertig geworden, als Herr von Zhbig, von Georg
gefhrt, ihr Zimmer betrat, und sich ihr mit seiner zierlichsten
Verbeugung nahte.

Gndige Frau, ich mu unendlich bedauern, wenn auch die unschuldige,
doch die Ursache zu sein, die Sie heut abend Ihrer gewohnten
Bequemlichkeit und ungestrten Huslichkeit entreit, um einem Fremden
Gastfreundschaft zu erweisen, aber Ihr Herr Gemahl war... Er blieb
pltzlich mitten in der Rede stecken und sah die Dame erstaunt und
forschend an, die aber ruhig lchelnd erwiderte: Lassen Sie sich
das nicht stren, Herr Baron. Wir auf dem Lande sind einmal darauf
eingerichtet, Nachbarn und Freunde, die uns besuchen, auch bei uns zu
beherbergen. Freilich mssen Sie Nachsicht mit uns haben, denn die Zeit
war ein wenig kurz.

Gndige Frau -- ich, stammelte Herr von Zhbig, ich wei wirklich
nicht -- ob ich -- ob ich nicht schon frher das -- das Vergngen
hatte...

Der Baron wird frlieb nehmen, unterbrach ihn Georg, ein Reisender
ist darauf eingerichtet, oft in irgend dem ersten, besten Wirtshause
zu kampieren, und die Bequemlichkeiten sind dort auch nicht immer
ausgesuchter Art. Im Stern unten htten Sie es keinesfalls besser
gefunden und wahrscheinlich noch auerdem die ganze Nacht vor tobender
Musik kein Auge schlieen knnen.

Gewi -- gewi, stammelte der Baron, aber -- Sie verzeihen wohl meine
Zudringlichkeit -- doch nein, es ist nicht mglich -- und doch -- Herr
von Geyfeln -- Sie mssen mich wahrhaftig entschuldigen -- diese --
diese...

Was ist Ihnen? Sie scheinen ganz auer sich zu sein! sagte Georg.

Das bin ich auch, rief von Zhbig, indem er abwechselnd bald
Georginen, bald Georg staunend und immer noch ungewi anstarrte,
wahrhaftig, gndige Frau -- ich wei in diesem Augenblick nicht, ob ich
auf dem Kopfe oder auf den Fen stehe. Ich wrde das Ganze auch nur
fr einen scharmanten, feenhaften Traum halten, wenn Ihre beiden
Persnlichkeiten mich nicht eines Besseren belehrten; -- aber ich
mu Sie schon frher einmal gesehen haben -- wenn auch unter anderem,
wahrscheinlich angenommenen Namen. Wenn nicht, haben Sie beide
entweder Doppelgnger, oder es besteht eine Aehnlichkeit zwischen vier
verschiedenen Personen in der Welt, die ich bis zu diesem Augenblick
nicht fr mglich gehalten htte.

Georgine errtete leicht und sah ihren Gatten an. Georgs Brauen aber
zogen sich finster zusammen, und kaum fhig, seine Fassung zu behalten,
sagte er: Es finden sich oft Aehnlichkeiten auf der Welt, Herr
Baron, die uns im Anfange stutzig machen -- es gibt deren auch, die
schmeichelhaft -- andere, die es nicht sind. Das beste ist, man lt
sich nicht von ihnen beirren, und nimmt das Leben, wie es sich eben
bietet, ohne darber nachzugrbeln.

Irgend ein anderer Mann, an des Barons Stelle, htte sich vielleicht den
ziemlich deutlichen Wink gengen lassen; Herr von Zhbig aber, mit dem
entzckenden Gefhl, fr die Salons und deren Klatsch eine neue superbe
Entdeckung gemacht zu haben, und von der Identitt der vor ihm Stehenden
dabei fest berzeugt, hrte, sah und verstand nichts weiter.

Wenn ich Ihnen nur gestehen drfte, wie glcklich ich mich fhle, Ihnen
hier in Ihrer reizenden Einsamkeit begegnet zu sein! fuhr er fort, als
er sah, da Georgine verlegen schwieg, ich segne jetzt den Unfall mit
meinem Wagen, der mich auf keiner passenderen Stelle htte aufs Trockene
setzen knnen.

Und mit wem haben wir Aehnlichkeit, Herr Baron? sagte in diesem
Augenblick Georgs tiefe Stimme an seiner Seite.

Mit wem? fuhr Herr von Zhbig rasch und beinahe etwas erschreckt herum
und starrte seinen Wirt verblfft an. Dessen Ruhe machte ihn nmlich
in seiner Entdeckung wieder schwankend, und wenn er auch auf Georginens
Gesicht mit gutem Gewissen htte schwren mgen, so war ihm das ihres
Gatten doch keineswegs so sicher im Gedchtnis geblieben, darin jeden
Irrtum auer Zweifel zu lassen. Mit wem, Verehrtester? o, mit -- aber,
hahahaha, -- Sie wollen doch nicht etwa -- Ihr Name...

Georg von Geyfeln.

Von Geyfeln -- Georg? -- o gewi -- auer allem Zweifel. Ich bitte,
mich um Gottes willen nicht miverstehen zu wollen. Der frhere Name war
jedenfalls angenommen -- ein Kunstname. Wir haben das ja bei der Bhne
alle Tage, und ich -- darf wohl mit Recht von mir sagen, da ich selber
mit zur Kunst gehre.

Sie selber? wie verstehe ich das? fragte Georg, dem der Fremde eben
nicht wie ein Knstler vorkommen mochte.

Ich bin, stellte sich der Herr von Zhbig vor, Generalintendant
des ***schen Hoftheaters, wo ich -- wenn ich nicht jetzt an ein Wunder
glauben soll -- das Glck hatte, durch Sie beide in eine reine Ekstase
versetzt zu werden. Sie -- aber, bester Baron, machen Sie kein solch
ernsthaftes Gesicht -- Sie bringen mich wirklich in -- in Ungewiheit
und Gewiheit -- ich fange schon an, ganz konfus zu reden -- zur
Verzweiflung.

Am ***schen Hoftheater? sagte Georg, immer noch in der, wenn auch
vergeblichen Hoffnung, den Fremden von seiner Beute fr Tee- und
Abendunterhaltung abzulenken.

Bitte, um Verzeihung -- nicht im Hoftheater, sondern im -- aber Sie
wahrhaftig brauchen sich Ihrer Erfolge nicht zu schmen -- gndige
Frau, was Sie auch immer bewogen haben konnte, auf eine Zeit Ihr enormes
Talent dem Publikum zu widmen. In diesem Augenblick...

Habe ich das Vergngen, Ihnen in ihr meine Frau, Baronin von Geyfeln,
vorzustellen, unterbrach ihn Georg kalt.

Ungemein erfreut, stotterte Herr von Zhbig, der dabei nicht einmal
wute, was er sprach, ungemein in der Tat -- gndige Frau, erlauben Sie
mir, da ich... Er nahm ihre Hand und fhrte sie ehrfurchtsvoll an die
Lippen.

Und jetzt, denke ich, wird ein Imbi wohl bereit sein, rief
Georg wieder mit lebendigerem Tone, denn er wnschte dieser fatalen
Auseinandersetzung ein Ende zu machen. Der Baron wird nach seiner
langen Fahrt und seinem Unfalle hungrig geworden sein. Hast du bestellt,
mein Kind, da wir hier oben in deinem Zimmer essen?

Ja, es ist alles angeordnet und wird gleich gebracht werden, sagte
die Frau, die sich an der Verwirrung des Fremden ergtzte, ohne im
geringsten das Peinliche zu fhlen, das ihres Gatten Herz beugte, aber
bitte, Herr Baron, nehmen Sie doch Platz. Sie mssen sich ja nach der
heutigen Anstrengung ermdet fhlen.

Jawohl -- ich? -- bitte um Verzeihung -- mit dem grten Vergngen,
sagte von Zhbig vollkommen auer Fassung gebracht. Da er sich den
beiden Kunstreitern Monsieur Bertrand und Georginen gegenber befand,
darauf htte er in dem einen Augenblick den hchsten krperlichen Eid
ablegen mgen, whrend er im andern durch Georgs ernstes, abgemessenes
Wesen fast wieder schwankend gemacht worden wre. Dazu kam die
vernderte Kleidung der beiden, die andere, fremde Umgebung, und dann
der Name -- von Geyfeln. Es gab ein Geschlecht von Geyfeln -- Herr von
Zhbig war zu sehr Edelmann, nicht den ganzen deutschen Adelskatalog im
Kopfe zu haben, und war wirklich der Edelmann ein Kunstreiter oder
der Kunstreiter ein Edelmann geworden, oder bestand zwischen vier
sich einander gar nichts angehenden Personen eine solche frappante
Aehnlichkeit -- da selber er -- der Generalintendant des ***schen
Hoftheaters getuscht werden konnte?

Herr von Zhbig lie sich auf das Sofa neben Georginen nieder, und sa
dort wie auf Nadeln, bis ihn die Fragen der schnen Frau nach seiner
Reise und dem heutigen Unfalle wieder zu sich selber brachten. Er
erzhlte jetzt, wie er Urlaub in *** genommen, trotzdem da seine
Anwesenheit dort dringend ntig sei, denn er frchte, da am dortigen
Theater, selbst whrend seiner kurzen Abwesenheit, die grten Migriffe
geschehen wrden. Notwendige Familiengeschfte hatten ihn aber nach
Norden gerufen, und er selber war nur der angenehmen Pflicht gefolgt,
bei einer im Innern des Landes lebenden Schwester, der Grfin
Hostenbruk, Gevatter zu stehen. Von da kehrte er eben zurck -- Herr von
Geyfeln kannte gewi die in Mecklenburg ziemlich ausgebreitete Familie
Hostenbruk -- und whrend er im Anfange geglaubt habe, da ihm sein
bser Stern heute einen fatalen Aufenthalt zugezogen, finde er jetzt --
und er setzte das mit seinem sesten Lcheln hinzu -- da es sein guter
gewesen sei, dem er nicht genug danken knne. Einmal im Zuge, war auch
keine Gefahr, da Herr von Zhbig ein anderes Thema berhren wrde
als sich selber, und als er das erschpft zu haben schien, brachte ein
einziges hingeworfenes Wort Georgs, das Theater berhrend, ihn in
eine neue Bahn, aus deren Gleisen er nicht mehr wich, bis das Essen
hereingebracht wurde. Auf eine einladende Bewegung Georgs hatte Herr von
Zhbig eben der Dame des Hauses den Arm geboten, sie zu ihrem Stuhl
zu fhren, als Josefine in das Zimmer kam und sich gegen den Fremden
verneigend sagte: Mama, ich habe mein Musikheft hier liegen lassen!

Mademoiselle Josefine, beim Zeus! rief Herr von Zhbig erstaunt aus.

Josefine sah staunend von ihm zu ihren Eltern, der finstere Blick des
Vaters aber lie sie die Szene rasch durchschauen, und wieder sich
grazis verbeugend, gewissermaen wie um fr Nennung ihres Namens zu
danken, ergriff sie das vergessene Heft und verschwand im nchsten
Augenblick aus dem Zimmer.

Bitte, diesen Platz einzunehmen, Herr Baron, sagte indessen Georgine,
whrend der Generalintendant noch immer auf derselben Stelle stand und
hinter dem jungen Mdchen wie hinter einer Erscheinung dreinsah.

Entschuldigen Sie, erwiderte verlegen Herr von Zhbig, und sein Blick
streifte ber die beiden Gatten. Wenn aber auch Georgine ihre volle
Unbefangenheit gewahrt hatte -- denn ihr selber machte es sogar Freude,
die Erinnerung an sich und ihre Tochter so bewahrt zu sehen -- konnte
sich der Baron doch nicht gut ber den finstern Ernst tuschen, der auf
Monsieur Bertrands Zgen lag. Zu viel Weltmann dabei, einen so argen
Migriff zu begehen, als jetzt noch einmal das Thema zu berhren,
das, wie er fhlen mute, seinem Wirte wenigstens kein angenehmes war,
erwhnte er der neuen Besttigung, die er in seinem ersten Erkennen
durch Josefinens Erscheinen gewonnen hatte, mit keinem Worte, und warf
sich jetzt, vielleicht mit etwas nur zu groem Eifer, auf ein Gesprch
ber Ackerbau und Viehzucht, das ihm vollkommen fern lag und von dem er
kein Wort verstand. Georg aber war ihm dennoch dafr dankbar und ging
rasch darauf ein. Trotzdem herrschte ein Miton in der Unterhaltung,
die unter diesen Umstnden nicht natrlich flieen konnte. Der eine
Teil verschwieg etwas, von dem der andere schon zu viel Kenntnis erlangt
hatte, um es ungeschehen zu machen, und wenn auch das Gesprch bald
auf die Jagd, dann auf die Nachbarschaft und die Unterhaltung im Winter
hinberwechselte, lie sich der heitere Ton darin nicht wiederfinden.
Herr von Zhbig sehnte deshalb die Zeit herbei, in der er sich auf sein
eigenes Zimmer zurckziehen konnte, und Georg kam ihm darin unter dem
Vorwande zuvor, den reisemden Gast nicht zu lange die ntige Ruhe und
Bequemlichkeit entbehren zu lassen. Am nchsten Morgen beim Frhstck
wollte man sich wieder treffen, und bis dahin war auch der Wagen, wie
sich Georg indessen schon hatte erkundigen lassen, wieder hergestellt,
damit die Reise ungesumt fortgesetzt werde.

So frh indessen Herr von Zhbig an diesem Abend zu Bett gegangen war,
so frh war er am nchsten Morgen wieder auf und -- unten im Dorfe.
Nicht aber um nur nach seinem Geschirr zu sehen -- das wrde er unter
anderen Umstnden allein seinem Kutscher oder Bedienten berlassen haben
-- sondern in einer Sache, die fr ihn weit grere Wichtigkeit hatte:
ber die Geyfelnsche Familie nmlich so viel Nachrichten als mglich
einzuziehen. Schon beim Schmied erfuhr er denn auch zu seinem
unbegrenzten Erstaunen, da das Gut Schildheim der Familie Geyerstein
gehre und Herr von Geyfeln nur der neue Pchter sei, der mit dem Grafen
von Geyerstein vor noch nicht sehr langer Zeit hier eingetroffen wre.
Weiter vermochte ihm aber der Schmied keine Auskunft zu geben, und
ebenso der Wagenmacher, das ausgenommen, da der gndige Herr noch
auer seiner Tochter den Vater seiner Frau und einen Knaben, einen
Neffen oder Vetter, bei sich habe. So viel einmal erkundschaftet,
gelstete es Herrn von Zhbig jetzt auerordentlich, noch mehr zu
erfahren, denn da die Residenz bei solcher Neuigkeit auch die kleinsten
Details von ihm verlangen wrde, verstand sich wohl von selbst; aber es
gelang ihm nicht. Selbst der Wirt, der, als er den Stern betrat, nach
durchschwrmter Nacht eben sein Bett verlassen hatte und ihn ghnend in
Pantoffeln und Schlafpelz mitten im Hausflur begrte, wute keine
nhere Auskunft, und Herr von Zhbig htte auch mit Vergngen -- trotz
seiner dringenden Geschfte zu Hause -- einen Tag in Schildheim
zugegeben, seine Chronique scandaleuse zu vervollstndigen, wenn ihm
nur, dem Baron von Geyfeln gegenber, der geringste haltbare Grund dafr
eingefallen wre. Das ging jedoch nicht an; der Wagen war leider fix und
fertig; sein Diener hatte das Gepck schon vom Gute heruntergebracht und
eben begonnen, es wieder aufzuladen, und er mute sogar eilen, da er zu
der bestimmten Zeit oben beim Frhstck eintraf.

Hatte er brigens gehofft, hier noch einmal mit Georginen
zusammenzutreffen, so sollte er sich darin getuscht sehen. Georg
empfing ihn allein und benachrichtigte ihn, da sich seine Frau, eines
leichten Unwohlseins wegen, entschuldigen liee, zu so frher Stunde an
ihrem Mahl nicht teilzunehmen. Das Frhstck wurde dann fast schweigend
eingenommen, und Georg begleitete danach seinen Gast in das Dorf
hinunter, um ihn sicher und schnell unterwegs zu sehen.

Herr von Geyfeln, sagte hier, als sie das Dorf fast erreicht hatten,
der Baron, indem er sich zu seinem Begleiter wandte, ich wei wirklich
nicht, wie ich Ihnen genug fr die mir so herzlich erwiesene Hilfe und
Gastfreundschaft danken soll. Ich wollte nur, da Sie selber mir einmal
Gelegenheit gben...

Sie haben ein Mittel, Herr Baron, unterbrach ihn freundlich Georg,
und noch dazu eins, das den Dank ganz und gar auf meine Schultern
werfen wrde.

O, bitte, nennen Sie es! rief von Zhbig rasch. Sie glauben gar
nicht, wie Sie mich dadurch verpflichten wrden.

Es ist sehr einfach, lchelte Georg, aber er fhlte selber, wie er
sich Zwang antun mute, unbefangen zu scheinen. Wir sind uns, wie Sie
gestern ganz richtig bemerkten, nicht zum erstenmal in diesem Leben
begegnet.

Nicht wahr? rief von Zhbig rasch und entzckt ber diese Besttigung.

Es wre tricht, das verleugnen zu wollen, fuhr Georg ruhig fort.
Was mich dabei bewogen haben mag, eine Zeitlang die frhere Laufbahn zu
verfolgen, kann dem Fremden, der kein weiteres Interesse als das einer
flchtigen Bekanntschaft an mir nimmt, vollkommen gleichgltig sein.
Jetzt aber bin ich in das gesellschaftliche Leben, mit dem frheren
abschlieend, zurckgetreten, und wie ich hier still und abgeschieden
von der Welt, fast mit niemandem verkehrend, lebe, mchte ich die
frhere Existenz auch als abgeschlossen betrachten. Sie werden mich also
auerordentlich verbinden, Herr Baron, wenn Sie, der Zeit gedenkend,
die Sie mit uns verlebt, sich nur erinnern wollten, da ich von Geyfeln
heie. Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, da weder ich noch meine Gattin
stolz auf unsere frheren Triumphe sind. Einen Monsieur Bertrand, den
ich frher kannte, habe ich vollstndig vergessen -- wollen Sie das
nmliche versuchen?

Mit dem grten, innigsten Vergngen, bester Freund! rief Herr von
Zhbig rasch und herzlich. Ich selber mu nur noch tausendmal um Pardon
bitten, da ich vielleicht durch irgend eine indiskrete Frage...

Die Sache ist abgemacht, lchelte Georg, die dargebotene Hand
ergreifend, unter Mnnern ist nichts weiter ntig, und ich kann Ihnen
jetzt mit gutem Gewissen sagen, da ich mich von Herzen freue, imstande
gewesen zu sein, Ihnen den kleinen, unbedeutenden Dienst zu leisten.
-- Aber hier sind wir bei Ihrem Wagen; etwas plump ist das Rad gemacht,
doch mssen Sie mit unseren Dorfarbeitern schon frlieb nehmen.
Jedenfalls hlt es, und Sie knnen Ihre Reise ungehindert fortsetzen.

Also nochmals meinen wrmsten Dank, und wenn ich Ihnen in ***
vielleicht irgend etwas...

Ich danke freundlichst, wehrte Georg ab. Sie kennen unsern Vertrag,
und nun glckliche Reise!

Bitte, empfehlen Sie mich noch Ihrer Frau Gemahlin auf das
untertnigste, und wenn Sie je wieder nach *** kommen sollten...

Es wird nicht geschehen; wre es aber, so wrde ich mir erlauben, Sie
aufzusuchen.

Sie wrden mich auerordentlich glcklich machen -- alles in Ordnung,
Jean?

Alles, gndiger Herr!

Schn -- zufahren -- also adieu, lieber Baron, adieu!

Georg neigte sich leicht, als der Wagen, von einem Teil der Dorfjugend
umstanden, vorberrasselte, und Herr von Zhbig unterlie nicht,
noch mehrmals freundlichst aus dem Wagen nach dem Zurckbleibenden
hinauszuwinken. Georg blieb auf der Strae stehen und sah ihm nach, bis
das leichte Fuhrwerk um die nchste Ecke verschwunden war. Dann schritt
er langsam, seinen eigenen Gedanken nachhngend, auf das Gut zurck.




17.


Der letzte Abend war nicht allein oben im Gute, sondern auch in
Schildheim ein sehr ereignisreicher gewesen, denn die Verheiratung von
des Sternenwirts einziger Tochter, der hbschen Kathrine, bildete
schon an und fr sich eine Aera in dem sonstigen Stilleben des kleinen,
abgeschiedenen Ortes. Der Sternenwirt hatte sich aber auch noch auerdem
an dem Abend sehr splendid gezeigt, und der Tanz, neben anderen teils
vorbereiteten, teils zuflligen Genssen, bis nahe zum Morgengrauen
gedauert; mit ihm natrlich das Zechen und Jubilieren.

Der alte Mhler wre mit Karl gern ebenfalls an dem gestrigen Abend ins
Dorf hinuntergegangen, nur der Vorfall des Morgens hielt ihn ab, denn er
wute recht gut, da Georg nicht damit einverstanden war, und wollte ihn
nicht noch bser machen. Auch Karl durfte nicht fort, und wenn etwas, so
erbitterte das den jungen, bis dahin keines Zwanges gewohnten Burschen
nur noch mehr. So sa er um elf Uhr mittags etwa -- Georg war schon
lange wieder auf das Gut zurckgekehrt und arbeitete auf seiner Stube --
dem alten Onkel gegenber, an dem auf den Hof hinausfhrenden Fenster,
kaute an den Ngeln und baute und verwarf Plan nach Plan, um sich
diesem, ihm unertrglich werdenden Leben zu entziehen. Da ertnte
pltzlich unten auf dem Hofe lustige Musik -- die Kirche war aus, und
die Musikbande, die gestern abend im Stern aufgespielt, war hinauf auf's
Gut gezogen, sich dort ein Trinkgeld zu verdienen. Mit ihnen aber --
und Karl fuhr mit einem Freudenschrei von seinem Sitz empor -- waren
wunderlich und phantastisch gekleidete Gaukler gekommen, die in kurzen
Jacken und eng anliegenden Trikots zum Takte der Musik auf dem Hofe und
vor den Fenstern Georgs ihre Knste begannen. Einer hatte Stelzen an
die Fe geschnallt, womit er zur Musik einen Walzer tanzte und andere
Kapriolen ausfhrte; ein anderer berschlug sich und kugelte sich, Brust
und Bauch nach auen, wie ein Ring zusammen, und der dritte lief an
einer freistehenden kurzen Leiter hinauf, auf deren oberster Sprosse er
dann mit groer Geschicklichkeit seine Knste ausfhrte.

Bei Gott, Onkel! rief Karl jubelnd aus, da unten ist Mllheimer,
Hentz und Bentling -- komm rasch -- Hentz macht sein Leiterkunststck --
siehst du dort?

Alle Teufel! murmelte der Alte in den Bart, was wollen die denn hier,
und wo kommen sie her? Ob sie wissen, da Georg das Gut bewohnt?

Schwerlich, lachte Karl, sonst htten sie wohl kaum ihre Kunststcke
im Hofe gemacht, sondern wren gleich von vornherein heraufgekommen. Die
werden Augen machen!

Was willst du tun? rief der alte Mhler erschreckt, als Karl eben im
Begriff war, das Fenster zu ffnen.

Ich? sagte der junge Bursche erstaunt, sie anrufen natrlich; ich
soll doch wohl meine alten Freunde und Kameraden bei euch hier nicht
auch noch verleugnen und nicht mehr kennen drfen?

Du bist rein verrckt! rief der Alte, bestrzt dazwischen springend.
Na, das Donnerwetter und das Hallo von dem da drben mcht' ich sehen,
wenn der dazu kme. Wenn du nicht absolut willst, da er uns beide noch
heute am Tage zum Tempel hinausjagt, so geh' vom Fenster und tu gar
nicht, als ob du die da unten siehst.

Karl war leichenbla vor verhaltenem Grimm geworden, aber er lie es
geschehen, da ihn der Alte beim Handgelenk vom Fenster zog und das
Rouleau herunterlie, jedes weitere Hinaussehen zu verhindern. Er selber
blinzelte nur eben einmal hinter der Gardine vor, und sah gerade, wie
der alte Verwalter auf die Leute zuging, ihnen ein Geldstck gab und
sie vom Hofe schickte. Das Geschenk mute auch ein ziemlich reichliches
gewesen sein, denn die Gaukler schienen sehr erfreut. Desto weniger
zufrieden waren aber die Leute vom Hofe damit, die sich schon um sie
gedrngt hatten und ihnen jetzt, als sie den Hof verlieen, meist in
das Dorf hinab folgten, um dort vielleicht noch mehr von den fabelhaften
Knsten zu sehen zu bekommen. Noch stand er am Fenster und sah ihnen
nach, als die Tr aufging und Georg eintrat.

Das ist recht, Mhler, sagte er, als er die niedergelassene Gardine
bemerkte. Ich wei nicht, durch welchen Zufall, aber einige unserer
alten Bekannten haben, wahrscheinlich auf der Durchreise, ihren Weg bis
zu uns hierher gefunden. Ihr seid, wie ich sehe, vernnftig genug,
Euch fern von ihnen zu halten; berdies werden die Burschen Schildheim
jedenfalls heute wieder verlassen. Ich brauche Euch also nicht weiter
zu ermahnen, Euch heute lieber zu Hause zu halten, damit Ihr ihnen nicht
etwa zufllig in den Weg liefet.

Denke gar nicht dran, auszugehen, brummte Mhler, und will selber mit
ihnen nichts zu tun haben.

Ich habe es von Euch nicht anders erwartet, sagte Georg, und auf den
jungen Burschen da werdet Ihr mir auch ein wachsames Auge haben. Ich
hoffe, Karl, da du verstanden hast, was ich eben sagte?

Ja, erwiderte der junge Bursche, sich gleichgltig abdrehend, wenn
ich's nicht wieder vergesse.

Nicht wieder vergesse? fragte Georg scharf, ich ersuche dich,
Geselle, dein Gedchtnis anzustrengen, oder du mchtest das nchste Mal
nicht wieder so leicht davonkommen. Ich will, da du es nicht vergit,
und das merke dir, Patron, sonst sprechen wir ein anderes Wort zusammen.
Ich werde berhaupt -- doch genug, brach er kurz ab, es wird keine
weitere Mahnung ntig sein, denn du weit selber am besten, Karl, was
dir gut ist und was du von mir zu hoffen -- oder zu frchten hast. Mit
diesen Worten verlie er rasch das Zimmer.

Verdammt, ob ich das nicht wei, fluchte der junge Bursche, als die
Tr kaum hinter dem Forteilenden zugefallen war, besser als du es
vielleicht denkst, mein Herz, und da ich es tun werde, darauf kannst du
dich verlassen.

Karl, warnte ihn der Alte, sei vernnftig und mach' keine dummen
Streiche. Georg lt nicht mit sich spaen.

Ob er's tut oder nicht, was kmmert's mich! trotzte der Knabe. Wenn
du Lust hast, Onkel, seinen Knecht und gehorsamen Diener zu machen und
dafr das Gnadenbrot zu nehmen, gut -- du bist alt genug, um zu wissen,
was dir zusagt, ich aber vertrage es nicht. Er hat gesagt, ich wisse,
was mir gut sei, und ich will ihm dieses Mal wenigstens beweisen, da er
sich nicht geirrt.

Was hast du vor? sagte der alte Mann besorgt, als Karl seine Mtze
aufgriff, du darfst nicht fort.

Darf ich nicht? lachte der junge Bursche, der ihm unter den Hnden
fort und zur Tr glitt, und wer will mich hindern? und mit den Worten
schon verschwand er im Gange drauen.

Karl! rief ihm der alte Mhler besorgt nach; Karl aber war nicht mehr
zurckzurufen, und mit dem Gute und dessen Ausgngen genau bekannt, lief
er in die untere Etage hinab, sprang von da in den Garten, um Georg in
diesem Augenblick nicht zu begegnen, und gelangte ungesehen, wenigstens
ungehindert, in das Dorf hinab. Dort brauchte er auch nicht lange nach
seinen frheren Kameraden zu suchen. Ein Volkshaufe, der sich vor
einem Bauernhause schreiend und lachend umher drngte, verriet ihm
augenblicklich die Stelle, wo die drei Knstler eine rohe Schar von
Zuschauern entzckten und unterhielten, htte selbst nicht Hentz schon
wieder auf der Spitze der Leiter, den Kopf nach unten, die Beine in die
Luft gestreckt, hoch ber die ihn umgebenden Drfler hinausgeragt.

Karl hatte auch vom Fenster aus ganz recht gesehen. Es waren in der Tat
jene drei jungen Burschen, die frher zu ihrer Gesellschaft gehrten und
bei der Auflsung derselben brotlos in die Welt geworfen wurden. Wie sie
indessen ihr Leben gefristet, zeigte sich deutlich in dem gegenwrtigen
Possenspiel auf offener Strae, und Karl schmte sich fast, sie hier vor
allen Leuten anzureden. Aber sprechen wollte und mute er mit ihnen --
er wute berdies, da die Mittagszeit sie zwingen wrde, ihre Knste
einzustellen, denn hier und da entfernten sich schon einzelne der
bisherigen Zuschauer, um ihren eigenen Wohnungen und gedeckten Tischen
zuzueilen. Karl hatte sich darin auch nicht geirrt. Die Glocke des
kleinen Kirchturmes hob kaum aus, ihre zwlf Mal anzuschlagen, als die
Zuschauer, die bis jetzt einen festen Ring um das Knstlertrifolium
geschlossen, nach allen Richtungen hin auseinander stoben, und ohne
da einer von ihnen daran gedacht htte, die doch jedenfalls ebenso
hungrigen Equilibristen einzuladen, ja, ohne selbst das geringste fr
den gehabten Genu zu zahlen, waren sie im nchsten Augenblick spurlos
verschwunden.

Alle Teufel! rief der eine von ihnen, Hentz, der diesen pltzlichen
Rckzug aus der verkehrten Vogelperspektive von der Leiter aus mit
angesehen, indem er mit einem geschickten Satz herunter und auf die Fe
kam, wie die Canaillen laufen, und du, Mllheimer, lt sie auch fort,
ohne einzusammeln!

Da sammle du einmal, brummte der Angeredete, wenn bei derartigem
Gesindel, noch dazu an einem Sonntag, die Freglocke schlgt! Aber nach
Tische will ich sie schon wieder zusammenkriegen, und dann sollen sie
doppelt dafr bluten. -- Wetter -- wer ist denn das, der da drben
steht? -- das Gesicht kommt mir sehr bekannt vor.

He, Roter, wie geht's?

Charles! bei allen sieben Todsnden! rief der bei seinem Spottnamen
Angeredete erstaunt aus, alle Hagel, Junge, wo kommst du auf einmal wie
aus den Wolken hergeschneit?

Davon nachher, sagte Karl, dem nicht daran lag, hier auf der Strae
ein langes Gesprch mit ihnen anzuknpfen. Kommt ins Wirtshaus nach
-- ich werde dort fr euch etwas zu essen bestellen -- und ohne eine
Antwort abzuwarten, bog er in die nach dem Stern fhrende Gasse ein und
berlie es seinen frheren Gefhrten, ihm, der willkommenen Einladung
nach, so rasch mit ihren verschiedenen Utensilien zu folgen, wie sie
eben konnten.

       *       *       *       *       *

Es war dreiviertel auf ein Uhr -- pnktlich um ein Uhr wurde Sonntags
auf dem Gute gegessen -- als Karl, ebenso heimlich, wie er sich entfernt
durch das in den Garten fhrende Saalfenster mit Hilfe einer in der Nhe
lehnenden Stange zurckstieg und seines Onkels Zimmer betrat.

Na, da ist er -- gottlob! sagte dieser. Ich frchtete wahrhaftig, er
htte dumme Streiche gemacht. Es ist gleich eins, Junge.

Karls Blick haftete auf Georginen, die in der Mitte der Stube, die
rechte Hand auf den Tisch gesttzt, stand, und starr vor sich niedersah,
ohne von dem Eintretenden die geringste Notiz zu nehmen.

Ja, Onkel, erwiderte Karl ruhig, ohne den Blick von der Frau zu
wenden, und wahrscheinlich auch das letzte Mal, da ich es hier werde
eins schlagen hren.

Bist du toll? rief Mhler erschreckt, und Georgine sah rasch und
forschend zu ihm auf. Karl aber, ohne sich im geringsten irre machen
zu lassen, entgegnete: Nichts weniger als das, Onkel; ich habe im
Gegenteil heute, wie ich glaube, meinen Verstand erst wiedergefunden und
bin nicht gesonnen, mich hier lnger knechten und mihandeln zu lassen,
nur um zu leben, wie es einem dritten gefllt, whrend ich drauen mein
eigener freier Herr sein kann. Die Kameraden gehen nach Altona, wo sich
ein neuer Zirkus unter dem berhmten Royazet etabliert hat. Royazet
zahlt brillante Gagen, und wenn Georgine mit Josefinen bei dem eintrte,
knnten sie...

Royazet? unterbrach ihn Georgine emporfahrend, und tiefes Rot frbte
in diesem Augenblick ihre Wangen, weit du das gewi?

Gewi, erwiderte Karl bestimmt, Mllheimer, Hentz und Bentling sind
eben dorthin unterwegs. Royazet hat sich mit dem grten Teil seiner
frheren Gesellschaft veruneinigt oder sonst Schwierigkeiten mit ihnen
gehabt, denn sie sind ihm fast alle von London aus nach Australien
durchgegangen. Hier allerdings bekommen wir nichts zu hren noch zu
sehen, drauen aber hat's in allen Zeitungen gestanden, da er eine neue
Gesellschaft grnden will, um mit ihr nach Ruland zu gehen, und deshalb
alle namhaften Knstler auffordert, sich an ihn zu wenden.

Aber ich habe keine einzig solche Aufforderung in den Zeitungen
gelesen, sagte Georgine.

Das glaube ich, sagte Karl erbittert, wer liest sie zuerst? Georg,
und was wir nicht wissen sollen, das wei er gut genug zu unterschlagen.
Erst vorgestern kam ich gerade dazu, wie er die neue Zeitung in den Ofen
steckte, und meinen Kopf setze ich zum Pfande, da in der die nmliche
Aufforderung stand.

Von Royazet will er berhaupt nichts wissen, meinte Mhler
nachdenklich, und du kennst den Grund gut genug, Georgine, denn er ist
eiferschtig wie der Teufel auf ihn. Aber wenn er wirklich die Zeitung
verbrannt htte, hat er doch nur recht damit gehabt. Was ntzt uns hier,
zu wissen, da sie da drauen in der Welt noch lustige Streiche treiben!
Wir haben nichts mehr damit zu tun.

Meinst du, Onkel? rief Karl, wenn du wirklich eine solche Schlafmtze
geworden bist, dich ruhig unter dem Daumen halten zu lassen...

Junge, lachte der Alte, ich bitte mir mehr Respekt aus...

So magst du es tun, fuhr jedoch Karl unbekmmert fort.

Er hat recht, fuhr Georgine dazwischen, wenn ich so wenig htte, was
mich hier bindet, wie er, nicht drei Tage wrde ich den Zwang ertragen
haben.

Den Henker auch, sagte knurrend der Alte, er hat seine ganze Familie
hier, und wenn ihn die nicht bindet, was sonst?

Wenn die von der Familie, an denen mir etwas liegt, gescheit sind,
entgegnete Karl, so machen sie es gerade so wie ich und lassen den
alten Brummbr seine Felder allein dngen. Zum Henker, wenn Georgine zu
Royazet kme, der stellte sich auf den Kopf vor lauter Freude, und auf
den Hnden wrde sie dort getragen, von den Leuten wie vom Publikum.

Na ja, setz' du ihr nur auch noch solche Dinge in den Kopf, schalt der
Alte, weiter hat gar nichts mehr gefehlt! Das braucht's auch eben noch,
sie ber die Strnge schlagen zu machen -- und sie wei, da sie nicht
darf.

Ich kann nicht fort, erwiderte auch Georgine dster vor sich
niederblickend, er gibt mir mein Kind nicht, und ohne Josefinen geh'
ich keinen Schritt.

So nimm dir's, trotzte der junge Bursche. Was will er machen, wenn
wir heute abend unsere Sachen heimlich zusammenpacken und am nchsten
Morgen ber alle Berge sind?

Bah, du sprichst, wie du's verstehst, sagte der Alte, du knntest
vielleicht weglaufen, und ich glaube nicht einmal, da es Georgs Herz
brechen wrde, aber die Frau und das Kind -- in zwei Stunden htt' er
sie wieder, und nachher...

Die Augen der Frau leuchteten von einem unheimlichen Glanze, aber sie
sagte kein Wort. Karl dagegen lachte: Aber mein armer Kandidat -- dem
breche ich das Herz gewi. Wen hat er nun morgen, den er qulen und
drangsalieren kann? Und die lateinische Grammatik nehme ich zum Andenken
mit.

Red' nicht so tolles Zeug, Karl! ermahnte der Alte, du sprichst
wahrhaftig, als ob du ganz im Ernste an solche Torheit dchtest.

Tu' ich wirklich? spottete ihm Karl nach, gut, dann komm doch morgen
frh an mein Bett, Onkel, und weck' mich -- willst du?

Da schlgt's eins, rief Mhler, der froh schien, dieses Gesprch
abbrechen zu knnen. Wir mssen hinber. Georg ist Sonntags immer auf
die Minute bei Tische.

Dann drfen wir natrlich als gehorsame Diener unseres Herrn nicht
sumen, spottete Karl.

Hre, mein Bursche, sagte der Alte ernsthaft, indem er sich zum Gehen
rstete, sei nicht bermtig! Wenn ich die Beine unter eines andern
Tisch stecke, mu ich auch tun, wie der andere mich heit -- so lange
ich nmlich keinen eigenen habe.

Und siehst du, das ist der Haken! rief Karl, denn ich habe von
nchster Woche an einen eigenen, und will dann nur abwarten, wie lange
du dich hier wirst fttern lassen. Royazet hat gar keinen eigenen Klown
mehr. Sie sind ihm alle davongelaufen, und wenn er schon in Frankreich
enorme Gagen zahlte, kannst du dir denken, da er in Ruland nicht
weniger zahlen wird. Jetzt weit du, was dir zu wissen not tut, und nun
mach', was du willst; ich rede kein Wort weiter drum.

Mhler, der den trotzkpfigen, unbndigen Charakter des Knaben nur zu
gut kannte und schon oft darunter gelitten hatte, schritt mrrisch den
Gang entlang, dem Ezimmer zu. Georgine aber, Karls Arm ergreifend,
hielt ihn noch einige Sekunden zurck, bis ihr Vater so weit voran war,
sie nicht mehr hren zu knnen, dann flsterte sie rasch:

Schreib mir von dort, Karl, willst du?

Gewi will ich, und ausfhrlich.

Gut, ich werde dir nach Tische einen Zettel geben, auf dem eine Anzahl
Fragen stehen. Schreib mir die Antwort darauf -- aber vergi keine und
-- la mich nicht lange warten.

Und du willst kommen? fragte der junge Bursche mit glnzenden Augen.
Du weit am besten, wie sich Royazet darber freuen wrde.

Ich kann nichts Bestimmtes sagen. -- Wir mssen auch fort. Georg darf
nicht ahnen, da ich mit dir darber gesprochen.

Hab' keine Furcht, lachte Karl, wir beide stehen auf keinem solchen
Fue miteinander, da wir uns unsere Geheimnisse anvertrauen, und ich
besorge es dir -- darauf kannst du dich verlassen.

Ich danke dir -- ich werde nachher wieder herberkommen und dir
Reisegeld bringen -- du mut wenigstens einen Zehrpfennig haben, da du
nicht als Bettler dort ankommst.

Desto besser, lachte der Knabe still vor sich hin, aber auch ohne
einen Schilling in der Tasche htt' ich meinen Plan durchgefhrt.

Georgine antwortete ihm nichts darauf, sondern eilte dem Vater nach,
die streng gehaltene Essensstunde nicht zu versumen. Karl folgte ihr
langsamer. Was lag ihm daran, wenn er auch zu spt kam und Georg bse
darber wurde -- es war das letzte Mal heute, und wenn er sich ber ihn
rgerte, desto besser!




18.


Der alte Mhler suchte an dem Nachmittag noch durch alle seine
Ueberredungsknste dem Knaben den Entschlu des Fortlaufens auszureden,
aber vergeblich. Karl, mit dem neuen, freien Leben vor sich, und des
Zwanges, dem er sich hier htte fgen mssen, lange mde, beharrte nicht
allein fest auf seinem einmal gefaten Vorsatze, sondern berredete
sogar den Alten, da er ihn bis nach Schildheim hinter begleitete, um
dort selber seine neugefundenen Freunde zu treffen. Das mute natrlich
heimlich geschehen; der Przeptor strte sie dabei nicht, da dieser die
Sonntagnachmittage gern zu seinen Studien benutzte und Karl dann immer
auf seines Onkeln Stube war. Ueberdies konnte die Zusammenkunft nur eine
kurze sein, denn mit der Dmmerung machten sich die Knstler schon
wieder auf den Weg, um im nchsten Dorfe zu bernachten und den andern
Morgen rechtzeitig die nchste Bahnstation zu erreichen. Georg erfuhr
Karls Flucht auch erst am andern Morgen, und zwar durch den Hauslehrer,
der seinen Zgling vergebens zur Stundenzeit erwartete und ihn dann
ebenfalls ohne Erfolg bei seinem Onkel suchte. Der alte Mhler machte
sich nun allerdings darauf gefat, eine heftige Szene mit seinem
Schwiegersohne bestehen zu mssen, denn da er um Karls Flucht gewut,
lag auf der Hand. Sehr erstaunt und nicht unangenehm berrascht war er
aber sowohl wie Georgine, da Georg keine Silbe davon erwhnte. Dieser
ritt allerdings, gleich nachdem er die Nachricht erhalten, fort und
kehrte erst gegen Abend zurck -- war er ihm gefolgt, in der Absicht,
ihn wieder einzufangen? Wenn das der Fall gewesen, sprach er mit
niemandem darber, und selbst beim Abendessen erwhnte er des
Flchtlings mit keiner Silbe. Georgine glaubte nicht mit Unrecht, da
er selber froh war, den lstig werdenden Knaben, ohne eigenes Zutun, aus
seiner Nhe entfernt zu wissen.

So vergingen die nchsten Wochen. Der Kandidat, dessen Zgling auf so
seltsame Weise abhanden gekommen, war entlassen worden, und das Leben
auf dem Gute ging wieder im alten, stillen Gleise. Allerdings suchte
jetzt Georg seine Frau in mancher Weise zu zerstreuen und fhrte sie
wieder mehr als im letzten Monat auf die benachbarten Gter, deren
Insassen auch Schildheim manchmal aufsuchten -- aber Georgine fand keine
Freude mehr daran. Die alte Sehnsucht war in ihr erwacht; es drngte
sie jetzt mehr, allein und ungestrt zu sein, um ihre eigenen Plne und
Trume zu berdenken, als sich durch fremde, gleichgltige und ihr oft
langweilige Menschen zerstreuen zu lassen, und whrend Georg dieses
Zurckziehen von der Gesellschaft mit Freuden sah und zu seinen Gunsten
deutete, brtete der Geist der Frau ber Trennung -- Flucht von ihm.

Nicht so bald hatte der alte Mhler den Knaben vergessen, an den er sich
einmal gewhnt -- an dem sein Herz hing. Er fehlte ihm auf Schritt und
Tritt -- Tag und Nacht mute er an ihn denken, und um die Zeit zu tten,
mit der er jetzt weniger anzufangen wute als je, ging er nun hufiger
in den Stern hinunter, in des alten Tobias' Gesellschaft, seine
eigenen mrrischen Gedanken zu vergessen.

Georg mute das endlich bemerken, und, um ihn davon abzuziehen, suchte
er den Alten im Gute selber zu beschftigen. Er wollte ihn nach und nach
an eine geregelte Ttigkeit gewhnen -- aber das ging nicht mehr. Mhler
hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie ntzlich beschftigt,
und dachte gar nicht daran, auf seine alten Tage etwas derartiges zu
beginnen. War er dem nun frher so viel als mglich ausgewichen, so kam
es ihm jetzt, mit den Gedanken an den entlaufenen Neffen und das
lustige Leben, in dem dieser schwelgte, doppelt zuwider vor. Alles ihm
Aufgetragene fhrte er deshalb nachlssig oder gar nicht aus, und der
Heftigkeit Georgs begegnete er mit einer strrischen Gleichgltigkeit,
die eben alles ber sich ergehen lie. Nach vierzehn Tagen aber hielt
er selbst das nicht mehr aus. Es war ein Brief von Karl gekommen, und
Georgine hatte ihm den Inhalt desselben mitgeteilt. Die Versprechungen
von dort lauteten dabei so verlockend, da er ihnen, mit der Sehnsucht
nach dem Jungen, nicht lnger widerstehen konnte, und er beschlo, einen
entschiedenen Schritt zu tun.

Das bequeme, bis dahin gefhrte Leben hatte aber doch auch zu viel
Anziehendes fr ihn gehabt, es so ohne weiteres, besonders ohne
Sicherheit, was er dafr eintausche, von der Hand zu weisen -- eine
Hintertr beschlo er sich jedenfalls offen zu halten, noch dazu, da ihm
das zugleich Gelegenheit bot, sich auf friedlichere Weise von Georg zu
trennen. Schnell deshalb mit seinem Plane im reinen, ging er noch an dem
nmlichen Abend zu seinem Schwiegersohne und erklrte ihm, da ihn die
Angst um den Neffen nicht ruhen noch rasten lasse und er ihn um die
Erlaubnis bitte, einen Versuch zu machen, ihn wieder aufzufinden. Er
verlangte nur vierzehn Tage Zeit dazu, und habe er ihn bis dahin nicht
gefunden, so wolle er ohne ihn zurckkehren.

Georg war klug genug, den Alten zu durchschauen, denn da dieser den
Aufenthalt des Burschen oder doch wenigstens wute, wohin er sich damals
gewandt, blieb gewi. Wollte er ganz fort von ihm? -- hatte er im
Sinne nicht zurckzukehren? -- Vielleicht -- er selber aber htte Gott
gedankt, den lstigen, fatalen Menschen auf solche Weise loszuwerden;
durfte er dann doch weit eher auf ein friedlich husliches Leben
rechnen, und wurde noch dazu der steten Angst und Gefahr enthoben, durch
ihn seine eigene Existenz gefhrdet zu sehen. Nur da Georgine bei der
Flucht des Vetters sowohl wie bei der jetzt erklrten Abreise des Vaters
so ruhig und teilnahmlos blieb, war ihm rtselhaft.

Trieb den alten Mann wirklich nur die Sehnsucht nach dem Knaben, an dem
er, wie Georg recht gut wute, mit ganzem Herzen hing -- und wollte er
in der Tat ihn zurckholen? Oder fhlte Georgine jetzt selber, da ihr
Vater den alten Possenreier nicht vergessen, sich nun einmal in seinen
Jahren nicht mehr ndern knnte? Fhlte sie, da es zu ihrem und ihres
Gatten Wohl und Frieden sei, wenn er sie verlasse? O, dann htte er
dieses endliche Erkennen ihrer Pflichten, zu ihres und ihres Kindes
Bestem, von ganzem Herzen segnen wollen.

Dem alten Manne gab er natrlich mit Freuden die Erlaubnis zur Reise,
wie Geld, sie zu bestreiten, aber vergebens suchte er Georginen, als
Mhler sie verlassen hatte, zu einem offenen Gestndnis ihrer Gefhle
zu bringen. Georgine gab ihm nur ausweichende, ja, fast leichtfertige
Antworten, und hatte es ihn gedrngt, sein bervolles Herz einmal gegen
sie offen ausschtten zu drfen, so stie sie ihn jetzt mehr zurck, als
da sie ihn ermutigt htte. Er konnte freilich nicht ahnen, da der alte
bse Geist aufs neue Besitz von der ehrgeizigen Seele der Frau genommen
hatte und sie in ihm, dem Gatten, nur noch den Tyrannen sah, der ihrem
wie ihres Kindes Glck aus elendem Stolz im Wege stand.

Georg war, das sah sie klar, seit jener Zusammenkunft mit dem Grafen ein
durchaus anderer geworden. Wo war der todesverachtende Mut geblieben,
mit dem er sich frher den verwegensten Knsten entgegenwarf? wo die
frische, frhliche Lebenslust, die ihn den Augenblick genieen lie,
eben des Augenblicks wegen, und nicht der nchsten Stunden gedachte,
viel weniger der nchsten Jahre? So hatte sie ihn kennen gelernt, so
geliebt, und jetzt? -- Sie hate die Bcher, ber denen er halbe Tage
grbelte, sie hate die friedliche Beschftigung, in der er seinen
Frieden fand, und mit keinem solchen Ziele vor sich, wie er, in
diesem Leben ein verlorenes Glck wiederzugewinnen, zrnte ihr Herz im
Gegenteil ber das, was er ihr geraubt, und sann und sann darauf, es mit
Gewalt oder mit List sich wieder zu erobern. Aber sie war klug genug,
den Gatten gerade das, was jetzt ihre ganze Seele erfllte, nicht ahnen
zu lassen. Sie kannte den unbeugsamen, starren Geist des Mannes; hier
aber erst hatte sie dessen Einflu fhlen gelernt; denn so lange ihre
Bahnen drauen in Licht und Jubel nebeneinander hinflogen, war er ihr
nimmer strend in den Weg getreten. Jetzt dagegen, wo sie ihm gehorchen
sollte, sie, die bis dahin nur gewohnt gewesen, zu befehlen, emprte
sich ihr ganzes Selbst gegen einen solchen Zwang, und kein Wunder, da
sie den Augenblick herbeisehnte, in dem sie sich und ihr Kind demselben
entziehen konnte.

Der alte Mhler war indessen, nachdem er Abschied von Georginen genommen
und von ihr heimlich mehrere Briefe erhalten hatte, mit seinem treuen
Begleiter, dem Spitz, nach Schildheim hinunter gegangen. Georg erbot
sich zwar, ihn bis zur nchsten Eisenbahnstation fahren zu lassen, aber
er lehnte es ab, und zwar unter dem Vorwande, da er noch gar nicht
genau wisse, nach welcher Richtung er sich wenden solle. In der Tat
aber wollte er Georg keine Kontrolle geben, wohin er gefahren sei; der
Kutscher konnte ihn, wie er recht gut wute, nicht leiden, und wrde
jedenfalls an der Station aufgepat haben, wohin er sein Billett
genommen.

Gepck fhrte er brigens fast gar keins bei sich, sondern hatte das
Ntige deshalb schon mit Georginen besprochen. Georg war oft auf halbe
Tage abwesend, und es fand sich dann leicht eine Gelegenheit, seine
smtlichen Sachen nachzuschicken.

Mhler nun, seit langer Zeit zum erstenmal wieder mit einer Summe Geldes
in der Tasche, und mit voller Freiheit, jeden beliebigen Gebrauch davon
zu machen, konnte sich nicht entschlieen, trockenen Mundes am Stern
vorberzugehen. Fand er niemanden weiter dort, so war er doch sicher,
den faulen Tobias anzutreffen, und seinen Abschiedstrunk nahm er dann
mit dem.

Der faule Tobias sa auch wirklich, nach alter Gewohnheit, dicht neben
dem Ofen hinter einem der kleinen schweren Tische, ein Glas Branntwein
vor sich, und zwar nicht das erste. Das spirituse Getrnk schien aber
keineswegs heute den sonst so belebenden Eindruck auf ihn gemacht zu
haben, und whrend sich sein faltiges und etwas schmutziges Gesicht
immer aufhellte, wenn er seinen Freund Mhler entdeckte, und nun
sicher war, ein paar Stunden angenehm mit erzhlten Schnurren und
Anekdoten zu verbringen, zogen sich heute seine Augenbrauen womglich
noch finsterer zusammen. Nur die geballte Faust, die er auf dem Tische
liegen hatte, nahm er herunter und steckte sie, geballt wie sie war, in
die Tasche, als ob sein Grimm und Aerger niemandem weiter gehre als ihm
selber, und er auch wisse, wo er ihn hintun knne.

Mhler merkte auf den ersten Blick, da mit dem alten Burschen etwas
nicht richtig sei, und da ihm besonders heute gar nichts daran lag,
einen mrrischen, verdrossenen Trinkgenossen zu haben, setzte er sich
hinber zu ihm auf die Bank, warf seinen Hut und das kleine Bndel, das
er in der Hand trug, hinter sich und sagte, whrend sein Spitz auf einem
Stuhl neben ihm ganz ernsthaft Platz nahm: Wirt, eine Flasche Wein,
aber von Eurem besten -- nicht etwa den Rachenreier wieder, den Ihr mir
das letzte Mal gegeben.

Tobias warf ihm einen etwas erstaunten Seitenblick zu und rckte ein
wenig bei, um ihm mehr Raum zu geben, schien aber trotzdem entschlossen,
in seinem Schweigen zu verharren, und erwiderte nicht einmal den guten
Tag, den ihm jener bot.

Na zum Teufel, sagte Mhler, was steckt dir denn in der Krone, he?
Hast du die verkehrte Maulsperre, Kamerad, oder kennst du mich nicht
mehr? Du schneidest ein Gesicht heut, als ob dir das Wasser ausgeblieben
wre und du jetzt mit Schnaps mahlen mtest, um das alte Rderwerk im
Gange zu halten.

Ist ihm auch was Aehnliches passiert, Herr Mhler, nahm da, fr
Tobias, ein alter Bauer, der unfern von ihrem Tische hinter einem Kruge
Bier sa, die Antwort auf, das Wasser zum Mahlen ist ihm freilich
ausgeblieben -- nur mit dem Schnaps wird's etwas dnn aussehen. Es
bleibt ihm schon nichts anderes brig, wie eine Windmhle anzulegen.

Auch kein schlechtes Geschft, Kamerad, lachte Mhler, von dem
gebrachten Wein den Stpsel ziehend, he, noch ein Glas, Herr Wirt!
-- Sind famose Dinger, diese Windmhlen, in denen einem frh die
Morgensonne und nachmittags die Abendsonne in dasselbe Fenster scheint.

Du weit den Henker davon, fuhr Tobias mit einem tckischen Blick den
alten Bauer an. Wenn ich Schnaps brauche, werde ich ihn auch bekommen.
Du Hungerleider gibst mir doch keinen.

Nein, Tobias, da hast du recht, lachte der Alte gutmtig, das wre
auch dreimal weggeworfenes Geld, und httest du nicht so viel von dem
bsen Stoff getrunken, she es jetzt auch besser mit dir aus.

Aber was ist denn vorgefallen? rief Mhler erstaunt.

Nichts, als was wir alle lange vorhergesehen haben, sagte der Bauer.
Sein Geld, das ihm gehrte, hat der Tobias durchgebracht, und wenn der
Mller drunten auch gentigt ist, ihn bis an seinen Tod zu fttern, so
hat er sich doch geweigert, ihm von heute ab einen Pfennig weiter zu
geben, sein liederliches Leben zu untersttzen.

Der Mller ist ein Lump! fiel hier Tobias wtend ein, indem er die
geballte Faust wieder aus der Tasche zog und damit auf den Tisch schlug,
ich habe mich fr ihn aufgeopfert, und jetzt kommt er...

Der Mller ist ein Ehrenmann, unterbrach ihn ruhig der Bauer, indem
er von seiner Bank aufstand, sein Bier austrank und seinen Hut vom Nagel
nahm, er hat bis jetzt mehr fr dich getan, wie einer von uns getan
haben wrde, und Not, Aerger und Schande auerdem dafr genug gehabt. Da
er jetzt sieht, da du kein anderer Mensch werden willst, so mag er dich
wenigstens auch nicht lnger in dem liederlichen Leben untersttzen,
und da hat er, sollt' ich denken, recht. Da du anders denkst, ist deine
Sache -- Gott befohlen! Und seinen Hut aufstlpend, verlie der alte
Mann das Zimmer.

Tobias schleuderte ihm mit einem boshaften Blick den bittersten Fluch
nach, auf den er sich besinnen konnte; Mhler aber lachte und sagte:
La den Brummbr laufen, Kamerad; gut, da er fort ist; der soll
uns den schnen Tag noch lange nicht verderben. Da trink, das ist der
Sorgenbrecher, besser als das verwnschte Vitrioll, das sie hier fr
Schnaps verkaufen. Der hier brennt nicht und wrmt doch, und je mehr man
davon trinkt, desto leichter wird's einem im Kopfe.

Tobias schien noch immer keine rechte Lust zu haben, geselliger zu
werden, wenn er auch das dargebotene Glas nicht verschmhte; mit jedem
Glase aber taute er mehr auf, und whrend sich Mhler, in einer eigenen
Art von rauher Herzlichkeit, bemhte, den alten niedergebrochenen Sufer
aufzurichten, fing ihm selber der Wein an zu schmecken.

Hol' der Henker die Kosten! lachte er, als er die dritte Flasche
bestellte, wo das herkommt, ist mehr, und so jung treffen wir doch
nicht wieder zusammen.

Wo das herkommt, ist mehr? sagte Tobias, aufmerksam werdend, der da
droben -- und er deutete mit dem Daumen nach der Richtung des Gutes
hinber -- ist wohl schmhlich reich?

Puh, reich! rief Mhler, das groe Glas bis zum Rande fllend und auf
einen Zug leerend, was heit reich? Was man hat, kann einem die nchste
Stunde gestohlen werden oder sonst abhanden kommen, aber was man kann,
Kamerad, darauf kommt's an, und das, was man kann, das macht den Mann.

Nun, Kamerad, lachte Tobias, der bis jetzt noch viel nchterner als
Mhler war, trotzdem da er schon ungezhlte Glser Branntwein vorher
hinabgegossen, bis jetzt hast du uns aber noch nicht gezeigt, was du
kannst...

Vielleicht habe ich nicht gewollt, schmunzelte Mhler.

Und willst du jetzt?

Nein, schttelte Mhler mit dem Kopfe, indem er einen Blick nach der
am Fenster spinnenden Wirtin hinberwarf. Der Wirt war hinausgegangen,
um nach seinen Getrnken zu sehen, und weitere Gste nicht im Zimmer --
andere brauchen auch nichts davon zu wissen.

Na, vor der darfst du dich nicht genieren, meinte Tobias, wenn du
sonst ein Geheimnis daraus machst, denn die ist stocktaub. Aber weit
du -- wenn's -- was wre, das man zum Leben und besonders zum Trinken
gebrauchen knnte, verstehst du, da wr' mir's recht, wenn ich auch
etwas davon erfhre. Wer wei, wie man's einmal gebrauchen kann.

Du? lachte der Alte, dem der Gedanke ungemeinen Spa machte, sich den
faulen Tobias als Knstler vorzustellen, hahaha, das ist kostbar --
du, mit den lahmen Knochen, du wrst ein Kapitalexemplar fr irgend eine
Gesellschaft!

Hoho! rief Tobias, leicht gereizt, ich wei mich wohl in jeder
Gesellschaft zu benehmen, und du hast noch gar keine Ursache gehabt, mir
das unter die Nase zu reiben.

Puh, Tobi, schwatz' von nichts, wovon du nichts verstehst, sagte
Mhler, der keineswegs trunken, aber durch den Wein gesprchig geworden
war. Was ich unter Gesellschaft verstehe, ist etwas ganz anderes --
nicht das, was du meinst, wo zehn oder zwanzig oder dreiig Personen
zusammenkommen und sich um die Tische herumsetzen und ihr Bier trinken.
Kannst du aber -- Donnerwetter, die Flasche ist schon wieder leer -- he,
Wirtschaft! -- kannst du auf dem Kopfe stehen?

Ich? sagte Tobias, ihn mit einem entsetzlich verblfften Gesicht
anstarrend, ich wei nicht -- ich habe es noch nicht versucht.

Ist auch gar nicht ntig, Kamerad, denn du kannst's doch nicht, sagte
Mhler, und das ist noch das Leichteste dabei. -- Hast du neulich
gesehen, was fr Kunststcke die drei Burschen machten, die hier im
Dorfe waren?

Von denen der eine die Leiter hinauflief, ohne da sie jemand hielt?

Ganz recht, und das sind noch Spielereien, denn sie riskieren nichts
dabei, als vielleicht einmal, wenn es miglckt, auf den Hintern zu
fallen.

Aber was hat das mit dir und -- mit dem Baron da oben zu schaffen?
sagte Tobias, der aus den Worten seines Nachbarn nicht recht klug wurde.

Kannst du das Maul halten? fragte Mhler leise.

Das kann ich, versicherte Tobias, wirklich froh, endlich einmal etwas
zu finden, was er wirklich zu knnen glaubte.

Gut, sagte Mhler, das ist manchmal schon viel wert -- da kommt aber
der Wirt wieder -- der braucht nichts zu wissen.

Na, Herr Mhler, sagte dieser, der mit einer frischen Flasche zum
Tische trat, sind ja heute recht fidel. Hab's mir gleich gedacht,
da Sie mehr wollten, und die alte Sorte mitgebracht. Nicht wahr, die
schmeckt?

Es geht -- da nehmt die leeren Flaschen mit. Tobias hier ist heute
etwas niedergeschlagen, und den mssen wir wieder fidel machen -- trinkt
Ihr ein Glas mit, Sternenwirt?

Gleich steh' ich zu Befehl, Herr Mhler -- mu nur einmal hinunter in
die Schmiede, dort etwas zu besorgen -- ich bin bald wieder da. Sollten
Sie in der Zeit etwas wollen, so steht es drben in der Stube, und meine
Alte da kann es Ihnen geben.

Der kann abkommen, sagte brummend Tobias, als der Wirt das Zimmer
verlassen hatte, Lump nichtsnutziger. Wer Geld hat, dem macht er den
Buckel krumm, und so wie er merkt, da es dnn wird, kennt er einen
nicht mehr und fngt an schwer zu hren. Dir knpfe ich die Ohren
noch einmal auf, Halunke -- aber -- ber was sollt' ich's Maul halten,
Mhler? -- Was kann der Baron, und was kannst du?

Baron, sagte Mhler, die Achsel zuckend und sich und Tobias aufs neue
einschenkend, der da drben ist so wenig Baron wie du und ich.

Den Teufel auch! murmelte Tobias leise und erstaunt vor sich hin.

Das schadet auch nichts, Kamerad, lachte der Alte in bermtiger Laune
weiter, bah, so viel fr einen lumpigen Baron, wenn er nichts weiter
kann, als Samstags dem Verwalter sein Geld auszahlen, und fr das brige
den lieben Gott sorgen lt -- unser Monsieur Bertrand kann mehr.

Mosje Bertrand? fragte Tobias erstaunt.

Sagte ich Bertrand? fragte Mhler, dem das Wort nur so entfahren war.

Ich dchte...

Na, bleibt sich gleich -- den solltest du einmal auf drei Pferden
zugleich reiten sehen.

Auf dreien, na, so lg' du und der Teufel! wie will er denn auf dreien
zugleich sitzen?

Sitzen? -- er sitzt auch nicht, er steht, mit jedem Fu auf einem und
das dritte zwischen den Fen, und vier dabei vorn im Zgel, da die
Haare sausen.

Aber das machen ja die Kunstreiter! sagte Tobias, jetzt vllig
verblfft ber alles, was er hrte.

Tun sie auch, Kamerad, lachte Mhler, und seine Frau, meine Tochter,
solltest du erst sehen -- der Jubel von den Leuten, wenn sie auf ihrem
Schimmel geflogen kam und durch Reifen sprang und ber Tcher wegsetzte
und sich so und so drehte -- und die Kleine -- die Josefine, das ist
ein wahrer Teufel von einem Kinde auf dem Sattel -- sie knnte nicht
leichter auf dem festen Boden tanzen.

Ja, zum Donnerwetter, Kamerad, sagte Tobias, erstaunt Front gegen ihn
machend, der Baron da drben ist doch nicht etwa...

Der beste Kunstreiter, der je ein Pferd dressiert hat, ergnzte
Mhler, das mu man ihm lassen, wenn er auch noch ein so schlechter
Oekonom sein mag.

Und die ganze Familie -- und du?

Lauter Kunstreiter, lachte der Alte triumphierend, ohne sich jedoch
selber als Bajazzo zu denunzieren. Das ist ein lustiges Leben, Kamerad,
und du solltest einmal dabei sein, wenn es so recht mitten im Glanz und
Gang ist. Hier -- der Teufel soll's holen, ein Hund hat's besser, als
den ganzen Tag da drinnen hinter den steinernen Mauern zu sitzen und
Maulaffen feil zu halten, und ich hab' es auch satt bekommen und gehe
meiner Wege.

Was? rief Tobias, jetzt noch mehr erstaunt als vorher. Du willst
fort, Kamerad, willst mich hier allein lassen? setzte er mit einer
eigenen Art von Rhrung hinzu.

Kann's nicht ndern, besttigte Mhler, das Leben hier fhr' ein
anderer -- mein Junge ist schon voraus.

Und die da drben auf dem Gute?

Mgen's halten, wie sie wollen, sagte Mhler gleichgltig, ich kann
mir mein Brot verdienen, ohne die da, und lustigeres Brot, wie sie mir
bieten knnen. Wenn mit dir nur etwas anzufangen wre, nhm' ich dich
mit, Tobi, aber -- es geht nicht, du bist zu steif in den Knochen --
meine mssen freilich auch erst wieder gelenkig werden, denn das lange
Stillhocken ist ihnen schwerlich dienlich gewesen.

Tobias antwortete ihm nicht, andere Gedanken gingen ihm im Kopf herum,
und Mhler tat einen langen Zug aus seinem Glase. Dabei fiel aber sein
Blick auf die Wanduhr, und sich aufraffend, sagte er: Donnerwetter, es
wird spt, ich mu fort.

Heute noch?

Gleich.

So warte wenigstens, bis der Wirt wiederkommt.

Wozu? lachte Mhler, die paar Flaschen kann er mir zum Andenken
aufschreiben, bis ich zurckkehre. Wirte vergessen einen so leicht, wenn
man ihnen nicht ein kleines Andenken da lt.

Das geschieht dem Lump recht, lachte Tobias, sonst aber, setzte
er, von einem pltzlichen Gedanken ergriffen, hinzu, htt'st du mir
es vielleicht da lassen knnen, und ich htt's ihm gegeben, wenn er
wiederkam.

Wolltest du wirklich? fragte Mhler und ein eigener, drolliger Zug
zuckte ihm um die Mundwinkel. Wie sein Blick aber auf die Jammergestalt
des vor ihm stehenden, zusammengebrochenen alten Sufers fiel, regte
sich auch etwas wie Mitleiden in seinem Herzen. Leichtsinnige Menschen
sind gewhnlich gutmtig, und in einem eigenen Anfall von Gromut sagte
er: Na, meinetwegen, Tobias -- ich will dir das Geld da lassen, gib
es dem Wirt, wenn er kommt. Drei, vier Flaschen hatten wir ja wohl, die
Flasche kostete 18 Schillinge, macht zusammen 1 Taler 24 Schillinge, da
-- da hast du's und -- vergi es nicht etwa...

I bewahre! sagte Tobias, das Geld, ohne es zu berzhlen, in die
Westentasche schiebend, und du kommst wirklich nicht wieder?

Wenigstens so bald nicht. Heut abend denk' ich noch bis Kerkhofen zu
marschieren.

Dann darfst du dich auch nicht lnger aufhalten, sagte Tobias, der
seine eigenen Grnde hatte, den Kameraden unterwegs zu wnschen, ehe der
Wirt wiederkam.

Darf ich nicht? lachte Mhler, aber ich glaube, du hast recht; es
wird spt. So beht' dich Gott, Alter, und trink mir nicht zu viel; es
wr' schade, wenn wir dich verlieren sollten, denn eine solche natrlich
rote Nase kommt nicht gleich wieder vor.

Ist mir auch sauer genug geworden, meinte Tobias, sie dahin zu
bringen.

Kann ich mir denken -- also nochmals adieu! komm, Hanswurst! Und mit
den Worten schttelte er ihm die Hand, griff dann seinen Hut und sein
Bndel auf und verlie, von seinem Spitz gefolgt, das Haus und das Dorf.
Tobias begleitete ihn nicht. Es war noch ein Rest in der Flasche, den er
erst vertilgen mute, und dann gingen ihm auch eine Menge Dinge im Kopfe
herum, die er vorher in aller Ruhe ordnen und sichten mute; das Denken
fing ihm doch an schwer zu werden. Wie er noch so da sa, kam der Wirt
zurck.

Nun, sagte der, wohin geht denn der Schwiegervater? Ich sah ihn von
weitem, mit einem Bndel in der Hand, aus dem Dorf marschieren -- weit
du's, Tobias?

Was geht mich der Mhler an? murrte dieser, ich bin sein Aufpasser
nicht.

Der Wirt ging zu seiner Frau ans Fenster, fate sie an der Schulter und
schrie ihr ins Ohr: Hat der Mhler bezahlt?

Die Frau schttelte mit dem Kopfe, und der Wirt warf einen Blick nach
Tobias und der jetzt leeren Flasche hinber. Der aber regte sich nicht
oder tat, als ob er nicht ein Wort von dem Gesprochenen gehrt. Was ging
ihn Mhler an? -- Endlich stand er auf, nahm seinen alten Filzhut und
sagte: Was bin ich schuldig?

Schuldig? fragte der Wirt, wenn du alles zahlen wolltest, was du hier
schuldig bist, so httest du eine lange Rechnung und ich einen guten
Tag. Heute habe ich dir von vornherein gesagt, da ich dir die paar Glas
Schnaps schenke, damit hrt's aber jetzt auf, und von nun an wird dir
hier im Stern nicht eher wieder ein Glas Branntwein hingestellt, als bis
du das Geld auf den Tisch legst.

Ich will von Euch nichts geschenkt, grollte finster der Alte, und
brauche nichts -- vier Glas Branntwein habe ich gehabt, etwa so viel
wenigstens. Da sind Eure paar lumpigen Schillinge -- und damit warf er
die Mnze auf den Tisch.

Haha, hast du doch noch etwas in einer Taschenecke aufgehoben? lachte
der Wirt, na, mir kann's recht sein; bei dem aber, was ich gesagt habe,
bei dem bleibt's.

Will schon wieder Geld kriegen, lachte der Alte tckisch vor sich hin.
Ich wei, was ich wei, und der Baron mu zahlen.

Der wird dich vom Hofe jagen, wenn du da 'nauf betteln gehst.

Betteln? habe noch in meinem Leben nicht gebettelt, und werd's auf
meine alten Tage nicht anfangen. Was ich wei, kauft er mir gern ab.

Was du weit? lachte der Wirt, na, hre, Tobias, du machst deinem
Schulmeister zu viel Komplimente. Ja, wenn der verantwortlich wre fr
alles, was du nicht wtest!

Mein Schulmeister hat nichts damit zu tun, murrte der alte Mann
verdrielich.

Und wer sonst?

So fragt man die Narren aus, erwiderte Tobias trocken, schlug sich
seinen Hut noch einmal fest und verlie das Haus, die Strae nach dem
Gute zu einschlagend.




19.


Tobias hatte sich einen tollen Plan ausgedacht, der ihm aber ganz in
seine verzweifelte Lage pate, und mit einer Quantitt Spirituosen im
Kopfe war er auch gerade in der Stimmung, ihn auszufhren. Ob er
sonst den Mut gehabt haben wrde, dem seines ernsten Wesens wegen eher
gefrchteten Gutsherrn auf die eigene Stube zu rcken, mu dahingestellt
bleiben. Noch nicht mit sich im klaren, wie er das Wirtshaus verlie,
verbi er sich aber mehr und mehr in den einmal gefaten Gedanken, und
ohne da er es selber merkte, verringerte er die Entfernung zwischen
sich und dem Gute mit jedem Schritte.

Wre er dem Verwalter oben begegnet, so wrde ihn dieser, in dem
Zustande, in dem er sich befand und der deutlich genug die in reichem
Mae genossenen Getrnke verriet, wohl kaum vorgelassen, sondern rundweg
abgefertigt haben; denn Tobias war ein Mensch, mit dem man sowohl im
Dorfe wie auf dem Gute wenig Umstnde machte. So aber traf er nur
einen der Knechte im Hofe, der ihn, da er nach dem Gutsherrn fragte und
vorgab, er habe etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen, zu der Treppe
brachte, die zu Georgs Zimmer fhrte. Dort lie er ihn allein, und
Tobias balancierte sich die breite steinerne Stiege -- jetzt aber gar
nicht mehr so behaglich und zuversichtlich wie unten in frischer Luft
-- hinauf. Er war jedoch einmal da, wie er sich wieder und wieder
vorerzhlte -- umkehren half nichts mehr, und deshalb die Zhne fest
aufeinander beiend, kletterte er die wenigen Stufen vollends hinan,
hielt einen Augenblick an der Tr, um Atem zu schpfen, und klopfte dann
an.

Herein! tnte Georgs tiefe und ruhige Stimme, und Tobias wre
vielleicht in diesem Augenblick doch noch wieder umgekehrt, aber es war
zu spt; seine Hand lag auf dem Drcker, und im nchsten Augenblick sah
er sich dem Herrn selber gegenber.

Was wollt Ihr? fragte ihn mit eben nicht freundlicher Stimme
Georg, denn er sah mit einem Blick, in welchem Zustande sich der alte
Trunkenbold befand.

Guten Abend, erwiderte Tobias vor allen Dingen auf die Anrede, nahm
seinen Hut ab und drehte ihn zwischen den Hnden.

Guten Abend -- was soll's?

Ich wollte nur...

Nun?

Ich wollte Sie nur bitten, Herr Baron, stotterte der Alte.

Tobias, fertigte ihn da Georg ab, der ihn vom Dorfe her kannte, Ihr
seid heut wieder in einem Zustande, bei dem Ihr Euch viel lieber httet
zu Bette legen sollen, als zu mir heraufzukommen. Ueberdies hasse ich
jede Bettelei, noch dazu von einem Burschen wie Ihr, an den jeder
Schilling rettungslos weggeworfen wre. -- Marsch! packt Euch, und
macht, da Ihr nach Hause kommt. -- Ihr riecht bis hierher nach
Spirituosen. -- Wird's bald, oder soll ich Euch fortschaffen lassen?

Wre Georg freundlich oder auch nur ernsthflich mit ihm gewesen, Tobias
htte nie den Mut gehabt, ein Wort ber die Lippen zu bringen. Die
doppelten Vorwrfe des Trinkens und Bettelns aber stachelten ihm die
verworrenen Geisteskrfte zum Widerstande auf, und seinen alten Hut in
den Hnden zusammenrollend, sagte er mit einem hhnischen Blick auf den
Gutsherrn: Halten zu Gnaden, Herr von Geyfeln -- oder wie Sie sonst
heien mgen, was -- ich trinke, bezahle ich, und das geht niemanden
etwas an -- und zum Betteln -- bin ich ebenfalls -- nicht hierher
gekommen, da Sie es nur wissen! -- Im Gegenteil wollte ich Ihnen einen
Gefallen tun -- da Sie wten, woran Sie -- woran Sie wren, und nicht
etwa dchten, wir wren alle so dumm und glaubten die Geschichte mit dem
-- Baron...

Georg horchte hoch auf, denn die Worte des Trunkenen, mit wie schwerer
Zunge er sie auch herausbrachte, verrieten mehr, als sie jetzt noch
eingestehen mochten. Was ist das, was aus dir spricht, mein Bursche?
sagte er deshalb ruhig, aber mit wirklich mhsamer Fassung, indem er auf
ihn zuging, was willst du von mir?

Aha! lachte der Alte still vor sich hin, werden wir zahm? Ja, ich
hab' es mir wohl gedacht, mein Tubchen. Der alte Tobias ist auch nicht
auf den Kopf gefallen, wie manche Leute ihn wohl gern wollten glauben
machen -- der Sternwirt zum Beispiel -- und dieses Mal an die richtige
Schmiede gegangen.

Was willst du von mir, und weshalb bist du heute hierher gekommen?
wiederholte Georg noch einmal seine Frage; denn ein dunkler Verdacht
stieg ber die Absicht des Trunkenen in ihm auf.

Na? sagte Tobias, der noch immer nicht trunken genug war, die
vernderte Anrede unbemerkt zu lassen, geduzt haben wir einander
freilich noch nicht, so viel ich wei, aber das schadet nichts -- was
nicht ist, kann noch werden, und der Mhler, der Schwiegervater, war
auch ein sauberer Mensch und wir nannten uns doch du miteinander. Also,
lieber Bruder, hahaha -- lieber Bruder, ich wollte dir nur sagen, da
wir -- ne, nicht wir -- im Dorfe drunten sind zu dumm -- die wissen noch
nichts -- aber da ich, der alte Tobias, herausgekriegt habe, wer du
eigentlich bist -- weit du wohl? -- Er versuchte dabei eine Art von
Pantomime zu machen, wie er sie vielleicht einmal von Kunstreitern
gesehen haben mochte, indem er sich auf das eine Bein balancierte und
das andere aushob, den Kopf etwas auf die Seite neigte und seine beiden
Arme, mit dem zerknitterten Hut in der einen, ausstreckte. Dieser
gewagten Position war er aber doch in solchem Augenblick nicht
gewachsen. Er verlor die Balance und wre auf den Boden geschlagen, wenn
er nicht noch glcklich die Tischecke erwischt htte, um sich daran zu
halten.

In Georgs Armen zuckte es, den frechen, widerlichen Burschen aus der Tr
zu werfen, aber er bezwang sich trotzdem. Er wollte jetzt erst wissen,
was er eigentlich im Schilde fhre, und die Arme fest ineinander
schlagend, wie um sie zu sichern, da sie ihm nicht unwillkrlich
vorgriffen, haftete nur sein dsterer Blick fest und verchtlich auf
der vor ihm schwankenden schmutzigen Gestalt -- dem Spottbild eines
Menschen.

Ha -- hallo, sagte Tobias dabei, indem er sich gewaltsam im
Gleichgewicht zu halten suchte, hoppa -- beinahe wren wir gefallen --
Boden ist hier verdammt uneben. -- Ja -- was ich gleich sagen wollte
-- Sehen Sie, Herr -- Herr Baron oder Herr Berthold oder wie Sie
sonst heien -- ja so -- das wollte ich dir nur sagen -- ich wei die
Geschichte; ich bin dahintergekommen, hinter den blauen Dunst. -- Mir
macht keiner ein X fr ein U -- aber ich kann auch's Maul halten -- wie
Bruder Mhler, der Schwiegervater, ganz richtig gesagt hat -- ich
kann, wenn ich eben will und -- wenn's gut bezahlt wird. Verstehst du,
Bruderherz?

Georg brauchte nicht mehr zu wissen. Der alte Trunkenbold hatte ihm in
wenigen Worten klar und deutlich gezeigt, da Mhler ihm sein Geheimnis
verraten und er jetzt in den Hnden dieses liederlichen Menschen sei,
der aus seiner Entdeckung den grten Nutzen zu ziehen suchte. Da
er sich aber mit einer solchen Kreatur nicht weiter einlassen konnte,
mochten sich nun die Folgen stellen, wie sie wollten, fhlte er in dem
Augenblick mehr, als er zu einem klaren Bewutsein desselben gekommen
wre. Ohne deshalb ein weiteres Wort an ihn zu richten, ffnete er das
Fenster und rief im Hofe zwei gerade dort beschftigte Knechte an: He,
Hans -- Gottlieb! kommt einmal herauf -- rasch!

Hans? -- Gottlieb? wiederholte Tobias etwas erstaunt. Hans --
Gottlieb? -- Wozu brauchen wir Hans und Gottlieb -- he? -- Wie ist es,
Herr Baron oder Herr Berthold -- hahaha, ber die Namen alle wird
man ordentlich konfus! -- Ich kann das Maul halten, und will das Maul
halten, aber -- und hier machte er mit freundlichem Grinsen eine
Gebrde des Geldzhlens -- hier mssen wir zusammenkommen, wenn ich
nicht...

Georg hrte die Leute auf der Treppe, ri die Tr auf und sagte: Den
Burschen da werft mir einmal aus dem Hofe hinaus und das jedesmal, so
oft er sich hier sollte sehen lassen. Schickt mir dann den Verwalter und
den Vogt herauf.

Na komm, Tobias, sagte der eine der Knechte, den Alten ohne weitere
Umstnde beim Kragen nehmend, es hilft dir nichts, weder Strampeln noch
Wehren. Der Herr Baron hat's einmal gesagt.

So? schrie Tobias, aus allen seinen Himmeln getrumter Schtze etwas
unsanft geweckt und ber dieses keineswegs erwartete Resultat zugleich
erstaunt, so? ist das eine Behandlung -- Herr Baron -- wissen Sie --
wenn ich will -- so kann ich... Alle seine weiteren Reden und Drohungen
wurden durch die beiden handfesten Burschen unterbrochen, von denen der
eine, als sie sahen, da er nicht gutwillig gehen wollte, ihn unter den
Armen packte. Der andere hob ihm zu gleicher Zeit die Beine aus, und
Tobias wurde, trotz seinem Grimm, der sich jetzt gegen die Knechte
kehrte, ohne weiteres die Treppe hinunter, durch den Hof und bis vor das
Tor getragen, wo ihn die Leute ruhig absetzten und laufen lieen.
Zwar sprudelte er hier noch eine Menge Dinge von Baronen und Lumpen,
Kunstreitern und Geheimnissen heraus, die Knechte verstanden aber kein
Wort davon, lieen ihn stehen und gingen an ihre Arbeit zurck.

Tobias wtete, als er aber Miene machte, noch einmal in den Hof
zurckzukehren, drohten ihm die beiden Burschen mit den Fusten, und
das Herz voll Ingrimm, aber doch zu feige, sich einer weiteren
Handgreiflichkeit auszusetzen, drehte er sich endlich um und taumelte,
rcksichtslos um Weg und Steg, gerade ber Wiese und Felder weg, ins Tal
hinab.

       *       *       *       *       *

Zu derselben Zeit, in welcher Tobias jenen verunglckten Versuch machte,
von Herrn von Geyfeln entweder eine Summe Geldes oder noch lieber
eine fortlaufende Untersttzung zu erpressen, sa Josefine mit ihrer
Erzieherin, fleiig mit Lesen und Arbeiten beschftigt, in ihrem
Stbchen.

Josefine war jetzt etwa acht Jahre alt und hier auf dem Gute, da sich
die Mutter fast gar nicht oder doch nur sehr selten oder oberflchlich
um sie kmmerte, einzig auf den Umgang mit der Erzieherin angewiesen.
In dieser aber hatte Georg einen glcklichen Fund getan, denn die junge
Dame besa nicht allein sehr wackere Kenntnisse, sondern auch ein gutes,
fr alles Schne und Edle empfngliches Herz. Praktisch dabei in allem,
was sie anfate, und bescheiden und anspruchslos in ihrem ganzen Wesen,
sicherte sie sich in ihrer schwierigen Stellung bald die Liebe des
einen, sowie die Achtung des andern Teiles, und ging dazwischen ruhig
ihre Bahn. Bald hatte Mademoiselle Adele auch den Charakter der Frau und
Mutter durchschaut, mit der sie zusammen lebte, und Georgine besa in
der Tat keine Eigenschaften, die das stille, einfache Mdchen an sie
htten fesseln und zwischen beiden ein wirklich freundschaftliches
Verhltnis entstehen lassen knnen. Vergngungsschtig und nur an sich
selber denkend, fehlte Georginen jene ruhige Weiblichkeit, die da im
Stillen wirkt und schafft, und selbst oft mit den bescheidensten Mitteln
imstande ist, den Familienkreis zu einem Paradiese umzuschaffen. Wo aber
htte sie auch diese Eigenschaften sich erwerben, wo in ihrer ganzen
frheren Lebensweise einen Sinn fr Huslichkeit gewinnen sollen? Ihre
ganze Erziehung lag dem Begriffe zu fern, und wenn ihr auch in der
ersten Zeit ihres Aufenthalts zu Schildheim manchmal dieses stille,
zurckgezogene Leben nicht mehr in so dunklen Farben erschien und sie
die Mglichkeit dachte, sich einst hineinzufinden, verdrngten die
letzten Wochen doch jeden derartigen Gedanken wieder aus ihrem Herzen.
Noch zu keiner Zeit hatte sie sich dabei, so sehr sie Josefinen liebte,
mit deren Erziehung beschftigen knnen und mgen. Sie wute gar nicht,
wie sie es anfangen msse, und konnte und wollte sich keine Mhe in
dieser Hinsicht geben. Im Zirkus, ja, dort htte Josefine keine bessere
Lehrmeisterin haben knnen, als eben ihre Mutter, aber hier, zwischen
den Bchern und weiblichen Arbeiten, von denen allen sie wenig oder
nichts verstand, fhlte sie sich fremd und berlie das bereitwillig und
allein der Fremden.

Georg fand dieses Wesen seiner Gattin durch ihr frheres Leben, wenn
auch nicht vollstndig gerechtfertigt, doch wenigstens entschuldigt, und
ertrug es eben um der Tochter willen; Mademoiselle Adele aber fhlte
ihr Herz dadurch verletzt und wandte sich mit um so grerer Liebe
dem jungen Mdchen zu, dem sie, wie sie recht gut einsah, die Mutter
ersetzen mute. Und das Kind selber kam ihr dabei mit vollem Herzen und
inniger Liebe entgegen. Von frh an, ja, solange sie eigentlich denken
konnte, an ein wildes, unstetes Leben gewhnt, in dem sich das junge
Herz nicht wohl fhlen, von rauhen Menschen umgeben, an die es sich
nicht anschlieen konnte, hatte es hier zum erstenmal eine Heimat und in
seiner Erzieherin ein Wesen gefunden, das wirklich teil an ihm nahm und
ihm mit mtterlicher Liebe ergeben war.

Wohl hatte es der kleinen Eitelkeit geschmeichelt, mit den mhsam
erlernten Knsten im Zirkus drauen rauschenden Applaus einzuernten,
aber mit heimlichem Neid sah Josefine dabei zugleich unter den geputzten
Zuschauern die vielen anderen kleinen Mdchen, die von den Ihrigen
gehegt und gepflegt und -- nicht gezankt wurden, wenn sie eine
Ungeschicklichkeit auf dem Pferde begangen. Das Kind auch fhlte,
wenn es sich dessen selbst nicht klar bewut wurde, ein Bedrfnis
nach Pflege. Jene heilige Sympathie, die Mutter und Kind gegenseitig
aneinander zieht, wenn sie auch in Georginens Herzen anderen,
unheiligeren Empfindungen Raum geben mute -- war in Josefinens Brust
ebensogut gepflanzt gewesen und nur die Zeit ber verkmmert und
niedergehalten worden. Jetzt aber, durch ihrer Erzieherin treue Pflege
geweckt, entfaltete sie sich rasch und gewaltig, und bald hing das
kleine Wesen mit unendlicher Liebe an der Pflegerin.

Georgine wrde selber erschrocken sein, htte sie einen Blick in dieses
aufknospende Kinderherz tun knnen, in dem ihr Bild nicht mehr wie
frher den vollen Raum erfllte -- aber sie hatte andere Dinge im Kopfe,
als sich um die Einzelheiten, um die kleinlichen Anhngsel der Erziehung
und Pflege ihrer Tochter zu kmmern. Da sich diese tglich mehr
heranbildete, sah sie wohl, und es erfllte sie mit Freude; nur aber mit
dem einen Ziel im Auge, Josefinen einst als einen Stern erster Gre an
dem Himmel prangen zu sehen, der allein ihre eigene Welt bildete, dachte
sie nicht daran, ob gerade die Nahrung, die das Kind jetzt fr Herz und
Geist empfing, ihm spter dienlich werden knnte. Sie sah nur fr sich
und die Tochter die Lichtseite des Lebens, dem sie entgegenstrebte, und
so blendete diese ihre Augen, da sie fr alles andere gleichgltig --
blind wurde.

Mademoiselle Adele hatte indessen im steten Umgange mit Josefinen die
Vergangenheit des Kindes kein Geheimnis bleiben knnen. Die unbewachte
Aeuerung der Kleinen, als das Pferd durchging, entdeckte ihr auch
nichts Neues, sondern besttigte nur den schon frher gefaten Verdacht.
Aber nur noch inniger, wenn das berhaupt mglich gewesen wre, fhlte
sie sich dadurch zu dem Kinde hingezogen, dem sie solcher Art ein neues
Leben verschaffen half; noch mehr aber wachte sie ber all seine kleinen
Unarten und Fehler, deren Quelle ihr kein Geheimnis mehr war, und die
sie jetzt desto leichter beseitigen oder heben konnte, und dabei durften
weder Josefine noch ihre Eltern ahnen, welchen tiefen Blick sie in ihre
frheren Verhltnisse getan. Es war ihr genug, da sie es wute, dem
Kinde zum Nutzen, und das Geheimnis ruhte sicher in ihrer Brust.

Josefine hatte zum Weihnachtsfeste unter anderen Sachen auch mehrere
Jugendbcher bekommen, in denen kleine Erzhlungen mit hbschen Bildern
standen. Das junge Mdchen, das eigentlich hier erst ordentlich lesen
gelernt -- denn wo wre ihm frher die Zeit dazu geworden? -- verschlang
gierig die frische Nahrung, die ihrem Geiste geboten wurde. Eine neue
Welt erschlo sich ihr dadurch, und ihrer Erzieherin liebevolle Geduld
gehrte dazu, ihr all die tausend und tausend an sie gerichteten Fragen
zu beantworten. Eine kleine Erzhlung stand aber in dem Buche, die
Josefine wieder und wieder durchgelesen, und doch noch keine Frage
deshalb an ihre Erzieherin gerichtet hatte. Dieselbe war berschrieben:
Das gestohlene Kind. Josefine hatte das Buch vor sich auf den
Knien und las darin, und zwar wieder und wieder die eine Seite, und
Mademoiselle Adele, die lange schon, wenn auch von ihm unbemerkt,
die Augen auf dem Kinde haften lie, wute, was es las und was seinem
kleinen Kopfe nicht recht erklrlich werden sollte. Und dennoch
frchtete sich Josefine zu fragen, die Erzhlung berhrte fr sie
verbotenen Grund -- ihr eigenes frheres Leben, und von dem gegen andere
Leute zu sprechen, hatte ihr die Mutter verboten, und der Vater sie
gebeten, es nicht zu tun, und des Vaters Bitte wog in ihrem kleinen Herz
viel mehr noch selbst, als das Verbot. Ueber die Worte aber, die sie
hier oft und immer wieder durchgelesen, schttelte sie auch ebenso oft
den Kopf. Es war ihr etwas darin nicht klar, aber Mademoiselle Adele --
so lieb sie dieselbe hatte, konnte sie nicht darber fragen -- wenn sie
einmal wieder mit dem Vater spazieren ginge, sollte der ihr Aufschlu
darber geben. Endlich ri sie sich von der sie fesselnden Seite los und
schlug eine andere Erzhlung auf.

Nun, Josefine? fragte die Erzieherin, die sich die Gelegenheit nicht
wollte entgehen lassen. Was hattest du da, worber du nicht recht einig
warst? Kann ich dir helfen? Hast du vielleicht irgend ein schweres Wort
nicht ordentlich verstanden?

O nein, sagte die Kleine, ich verstehe alle die Worte, die hier im
Buche stehen, aber da -- da war eine Erzhlung...

Was fr eine Erzhlung, mein Herz?

Eine Geschichte, wo von einem Kinde erzhlt wird, das bse Menschen
seinen Eltern gestohlen haben, und zuletzt -- finden es die Eltern
wieder und freuen sich so darber.

Nun, das ist doch eine sehr erfreuliche Sache, da die Eltern ihr Kind
wiedergefunden haben.

Ja -- gewi -- aber...

Wer waren denn die Leute, die es gestohlen hatten?

Kunstreiter, zgerte das Kind, und das sind doch keine bsen
Menschen?

Nein, gewi nicht, erwiderte Mademoiselle Adele. Es gibt wohl auch
bse Leute unter ihnen, wie in allen Stnden, aber im ganzen ein solches
Urteil ber sie zu fllen, wre hchst ungerecht und sogar schlecht. Das
ist doch wohl auch nicht in dem Buche gesagt?

Nein -- nein, sicherlich nicht -- es war auch gewi ein groes Glck,
da die armen Eltern ihr Kind wiedergefunden haben, aber...

Aber? mein Herz? -- was ist dir noch darin aufgefallen?

Eigentlich wollte ich den Papa darum fragen.

Und kann ich es dir nicht auch sagen?

Doch nicht so gut wie Papa -- der wei es viel besser.

Aber vielleicht kann ich es dir auch erklren, und du magst dann den
Papa noch immer darum fragen.

Ja, sagte Josefine, der das einleuchtete.

So lies mir einmal die Stelle vor, die dir so viel Kopfzerbrechens
machte.

Josefine bltterte einige Seiten zurck.

Soll ich das Ganze lesen?

Nein, ich kenne die Erzhlung schon, nur das, was du nicht genau
verstehst.

Ja -- hier steht: Wie dankbar waren die Eltern gegen Gott, da sie
nicht allein ihr Kind, ihre liebe Marie, wieder erhalten hatten, sondern
da die arme Kleine auch dem traurigen Leben unter solchen Leuten
entrissen war! Und wie glcklich fhlte sich Marie, als sie sich endlich
nicht mehr gentigt sah, unter den rohen Menschen zu leben, indem sie
die Schule ordentlich und regelmig besuchen und fleiig lernen konnte,
und jetzt doch hoffen durfte, zu einem fr sie passenden Leben erzogen
zu werden, zu einem Leben, das sie zu einem braven Mdchen und einer
tchtigen, wackern Frau heranbilden konnte.

Das Kind schwieg, als es diese Zeilen gelesen hatte.

Nun? fragte Adele, was ist dir dabei aufgefallen, mein Herz?

Das letzte, Mademoiselle, antwortete die Kleine zaghaft: -- und jetzt
doch hoffen durfte, zu einem fr sie passenden Leben erzogen zu werden,
das sie zu einem braven Mdchen und einer tchtigen, wackern Frau
heranbilden konnte. -- Konnte sie denn das unter den -- Kunstreitern
nicht auch werden?

Mein liebes Herz, sagte die Erzieherin mit weicher Stimme, und sie
mute sich Gewalt antun, die Rhrung zu verbergen, die jene einfachen,
schchternen Worte hervorgerufen, das Leben solcher Leute mag an sich
manches Schne und Angenehme haben, und besonders die Mnner, die da
ihre Geschicklichkeit und Kraft zeigen knnen, fhlen sich vielleicht
oft wohl darin. Ein junges Mdchen gehrt aber nicht in einen solchen
Kreis -- du bist noch nicht alt genug, um zu begreifen, weshalb nicht,
aber du wirst es selber fhlen, wenn du nur einige Jahre lter sein
wirst. Der Tanz und die Kunststcke auf einem Pferde mgen vielleicht --
ich verstehe das nicht -- fr einen Mann passend und hbsch sein,
aber die Frau, das junge Mdchen, die Gott geschaffen hat in stiller
Huslichkeit zu wirken, sind nicht dazu gemacht, sich in solcher
Weise ffentlich zu zeigen. Das Publikum, das dabei sitzt, applaudiert
allerdings und freut sich an den kstlichen Sprngen, aber im Herzen
denken alle ebenso, und von Tausenden, die in die Hnde schlagen und
Bravo rufen, mchte gewi nicht ein einziger sein eigenes Kind zu
solchem Leben hergeben.

Nicht?

Nein, meine Josefine, denn Kinder vor allem gehren in den Schutz des
Hauses -- Kinder mssen lernen, denn ihre Jugend ist die einzige Zeit,
in der sie noch lernen knnen, und nicht blo Lesen und Schreiben, was
in jetziger Zeit jeder Tagelhner kann, sondern alles, was sie spter
einmal im Leben brauchen knnen, und was sie, wenn sie selber einmal
Kinder vom lieben Gott bekommen, diese wieder lehren sollen. Bei einem
solchen Leben aber knnen sie das nicht; sie verfehlen also den Zweck,
zu dem sie hier auf Erden bestimmt sind, und wenn sie dann einmal lter
werden, fhlen sie es und sind unglcklich. Darum sollen alle Kinder,
die nicht ntig haben, schon in so zartem Alter ihr Brot in solcher
Weise zu verdienen, dem lieben Gott recht von Herzen danken, da er sie
in Verhltnisse gebracht hat, in denen sie mit anderen guten Menschen
leben und sich heranbilden knnen, und sollen die Zeit, die ihnen also
zu ihrer Pflege und Erziehung geboten wird, recht fleiig benutzen --
das, mein Kind, meint der Satz, den du nicht verstanden hast.

Josefine schwieg eine lange, lange Weile; endlich stand sie langsam auf,
legte das Buch hin, ging zu ihrer Erzieherin, und das Kpfchen an deren
Schulter schmiegend, sagte sie leise: Und glauben Sie, da auch ich dem
lieben Gott dafr dankbar sein msse?

Wenn du fhlst, mein liebes Kind, erwiderte gerhrt Adele, da du
gute Menschen um dich hast, die dich lieben und bemht sind, dein Bestes
zu wollen und dein einstiges Glck zu grnden, gewi.

Josefine schmiegte sich fester an sie an, legte den Arm um ihre
Schulter, und whrend sie das Antlitz daran barg, quollen ihr ungesehen
die groen, hellen Trnen aus den Augen.




20.


In der Residenz *** hatte die so pltzliche Auflsung des Zirkus
Bertrand -- besonders nach so glnzenden Erfolgen -- im Anfange nicht
geringe Sensation erregt, und die Tagesbltter fllten ihre Spalten fast
eine Woche lang mit den verschiedensten Vermutungen und Gerchten. Dann
kam anderes, was ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, und der Zirkus
mit all seinen Angehrigen war vergessen -- und doch lie er in einem
Herzen eine tiefe und bse Narbe zurck.

Graf Geyerstein hatte in derselben Zeit, in welcher sich der Zirkus
damals trennte, einen mehrwchentlichen Urlaub erbeten und angetreten,
ber das Wohin seiner Reise aber strenges Stillschweigen beobachtet. Er
war indessen stets in seinem ganzen Wesen ernst und zurckhaltend, und
sein Schweigen fiel deshalb nicht besonders auf. Trotzdem gaben
sich aber doch verschiedene Personen nicht unbedeutende, wenn auch
vergebliche Mhe, den Zweck seines Urlaubs und besonders das Ziel seiner
Reise heraus zu bekommen, unter diesen ganz besonders Frulein von
Zahbern -- aus Grnden, die ihr selber am besten bekannt waren. Graf
Geyerstein nahm aber nicht einmal seinen Burschen mit unterwegs, und
ehe man eigentlich recht wute, wann er reisen wolle, war er pltzlich
spurlos verschwunden, und ebenso unerwartet, drei Tage noch vor
abgelaufenem Urlaub zurckgekehrt.

In der Zwischenzeit hatte beim Kriegsminister von Ralphen ein groer
Ball sein sollen, wenigstens sprach man schon in der Stadt davon und
unterhielt sich ber die wahrscheinlichen Einladungen. Die lteste
Tochter Melanie war aber sehr leidend gewesen, und da die Feier
eigentlich ihrem Geburtstag galt, konnte sie natrlich nicht
stattfinden, wenigstens nicht zu der bestimmten Zeit. Es hie, da sie
aufgeschoben wre.

Die hheren Schichten der Gesellschaft beschftigen sich in dieser
Zeit berhaupt viel -- vielleicht mehr als ntig -- mit der Ralphenschen
Familie, bei der jedenfalls eine auffallende Vernderung in einer
Hinsicht stattgefunden hatte, wenn auch die Ralphensche Familie selber
das nicht zu bemerken oder zu beachten schien.

Jenen Kreisen hatte es nmlich kein Geheimnis bleiben knnen, war auch
nicht als solches betrieben worden, da Graf Geyerstein sehr hufig das
Ralphensche Haus besuche, von dem alten Kriegsminister sowohl, wie
von seiner Tochter Melanie sehr gern gesehen sei, und infolge davon
natrlich die letztere heiraten wrde. Man hatte sich in der Tat schon
daran gewhnt, die beiden jungen Leute als ein Paar zu betrachten, so
wenig sie sich selber vielleicht darber klar geworden. Da pltzlich,
nach dem Urlaub des jungen Grafen, nderte sich die ganze Sache, und
zwar so auffallend, da Geyerstein das Ralphensche Haus fast gar nicht
mehr oder doch nur selten betrat. Ein desto hufigerer Gast dagegen
wurde der junge Graf Selikoff, und wenn dieser selber auch recht gut
fhlen mochte, da er dem Herzen Melanies noch sehr fern stand --
obgleich sich seine Bemhungen dahin nicht verkennen lieen, -- bernahm
die berhaupt zu allen Zeiten sehr rasch mit ihrem Urteil fertige
Gesellschaft den Ausspruch und erklrte sich dahin: die Alliance mit
Graf Geyerstein habe sich aus irgend welchen nicht bekannten Grnden
zerschlagen, und Graf Selikoff sei an dessen Stelle gerckt.

Der alte Herr von Ralphen mochte etwas Aehnliches fhlen, ja, frchten,
denn er liebte den jungen Geyerstein wie einen Sohn und kannte den, der
an seine Stelle rcken sollte, noch zu wenig, um schon mit einem Urteil
ber ihn fertig zu sein. Aber er hatte sich auch fest vorgenommen,
seiner Tochter in einer Herzensangelegenheit keinen Zwang anzutun, noch
ihr sein Urteil aufzudringen. Erst wenn sie selber ihn um Rat fragen
wrde, war die Zeit zu sprechen fr ihn gekommen. Uebrigens durfte er
seiner Melanie, wie er glaubte, schon vertrauen, da sie keinen raschen,
unberlegten Schritt ohne seinen Rat tun wrde, und er sah deshalb der
nchsten Zukunft mit vieler Ruhe entgegen. Nicht ganz so gleichgltig
nahm Exzellenz die Frau Kriegsminister die Sache, und zwar von einem,
dem jungen Grafen Geyerstein weniger gnstigen Gesichtspunkte aus.
Sie hatte ihn ebenso gern wie ihr Gatte, aber -- im Vergleich mit dem
auerordentlich reichen russischen Grafen, dessen Hilfsquellen wirklich
unerschpflich schienen, war Geyerstein doch eine minder gute Partie
fr ihre Melanie, und den Rcksichten -- der Sorge der Mutter fr ihrer
Tochter Wohl -- muten alle anderen nachstehen. Nicht so zartfhlend wie
der alte Herr dabei, hatte sie allerdings versucht, von Melanie selber
die Ursache in dem Wechsel ihres Betragens, wenn nicht ihrer Neigung,
zu erfahren, doch ohne Erfolg. Melanie konnte und wollte nicht die wahre
Ursache eingestehen, und mit den ausweichenden Antworten, die sie gab,
mute sich, wohl oder bel, die Exzellenz begngen.

Wer aber seit einiger Zeit zu den fleiigsten Besuchern des Hauses
gehrte, ohne jedesmal erst eine Einladung abzuwarten, war Frulein
von Zahbern, und selbst ein minder herzliches Entgegenkommen, als sie
mitbrachte, konnte sie nicht davon zurckschrecken. War Offenheit dabei
eine hervorragende Eigenschaft ihres Charakters, so empfand sie fr
Melanie eine tief innige Freundschaft. Sie gestand ihr, da sie den
Augenblick ordentlich herbeisehne, in dem sie wieder in ihre Arme
fliegen knne, und Melanie msse ihr es ordentlich angetan haben, denn
sie wre nicht imstande, vor ihr auch nur das geringste, was auf ihrem
Herzen lge, geheim zu halten. Melanie selber, viel zu gutmtig und
zartfhlend, jemanden, der ihr so herzlich entgegenkam, von sich
abzustoen, duldete diese Freundschaftsbezeigungen mehr, als da sie
dieselben erwiderte. Ihr Geheimnis behielt sie aber, und trotz der
jungen Dame direkten und indirekten Anspielungen darauf, fr sich, und
Franziska von Zahbern fand es bei spteren Besuchen im Zhbigschen
Hause eben noch so unerklrlich, weshalb Melanie total mit dem Grafen
Geyerstein gebrochen habe, wie frher. Da dem aber wirklich so sei,
lie sich nicht verkennen, und so oft Frulein von Zahbern den Grafen
Selikoff bei Ralphens traf, ebenso oft kehrte sie auch mit vermehrter
Verachtung gegen das Menschengeschlecht im allgemeinen und einzelne
Individuen insbesondere in ihre eigene stille und einsame Wohnung
zurck.

In diese Zeit fiel es, da Herr von Zhbig seinen Ausflug nach dem
Norden machen mute, wohin ihn seine Frau begleiten sollte. Frau von
Zhbig hatte dazu allerdings nicht die geringste Lust, wrde ihrem Manne
aber doch dieses Opfer gebracht haben, wenn nicht gerade ein heftiges
Nervenleiden einen Tag vor seiner Abreise sie an ihr Lager gefesselt
htte. Herr von Zhbig mute deshalb allein fort; aber auch hierber
schien er sich zu trsten, da ihm noch dazu von anderer Seite die
hchste Aufmunterung zuteil ward. Seine knigliche Hoheit hatten
nmlich geruht, ihm noch einige spezielle Auftrge -- allerdings hchst
unbedeutender Art, aber doch Auftrge -- zu erteilen, und er verlie
seine Heimat genau mit einem solchen Gesicht und solchen Gefhlen, mit
denen ein anderer an seiner Stelle zurckgekehrt wre. Herr von Zhbig
war aber nicht allein Mensch, er war auch Kavalier, und es ist
einmal nicht kavaliermig, irgend ein Gefhl des Schmerzes oder der
Niedergeschlagenheit -- ausgenommen bei Hoftrauer -- dem Publikum zu
verraten.

Frau von Zhbig erholte sich glcklicherweise gleich nach ihres Gatten
Abreise so vollkommen wieder, um ihre gewhnlichen Whistpartien mit
Herrn von Silberglanz und Frulein von Zahbern ohne Zgern aufnehmen
zu knnen, und da kein Rckfall erfolgte, befand sie sich auch whrend
ihres Gatten Abwesenheit vollkommen wohl, ja, wie sie erklrte, wohler
als je. Die Heilung aber selber verdankte sie niemandem weiter als dem
Baron von Silberglanz, der nicht unbedeutende magnetische Kraft
besa und dieselbe in einzelnen speziellen Fllen zum Besten seiner
Mitmenschen anwandte. Er tat es aber, wie er versicherte, nur
ausnahmsweise und selbst dann hchst ungern, da es ihn auerordentlich
angriff und seine eigene Gesundheit darunter litt.

Jedenfalls war der Erfolg hier ein vortrefflicher gewesen, und unsere
kleine Partie sa eines Abends auch wieder frhlich beisammen, als
drauen die Klingel etwas stark gezogen wurde und Frau von Zhbig, mit
dem freudigen Ausruf: Mein Mann! die Karten fallen lie und die neben
ihr stehende Teetasse vom Tische warf.

Der herbeispringende Bediente hatte noch nicht die Hlfte der Scherben
wieder aufgelesen, als Herr von Zhbig, in Pelz und Mtze, gestiefelt
und gespornt in das Zimmer seiner Frau trat -- und wie glcklich war
diese, da sie den Gatten endlich wieder hatte -- flog sie an seinen
Hals, unbekmmert um die fremden Menschen, um die Dienerschaft! wie half
sie ihm selber, so viel er sich auch dagegen struben mochte, Pelz und
Schal ablegen, und ruhte nicht eher, als bis er behaglich hinter einer
Tasse heien Tees in der Sofaecke sa! Der Rubber mute natrlich erst
ausgespielt werden, Herr von Zhbig drang, als Whistspieler von Fach,
selber darauf. Dann aber wurde der Spieltisch beiseite gerckt, und
der Reisende sollte erzhlen -- viel erzhlen, und zwar alles, was er
gesehen und erlebt, und -- wenn irgend mglich -- ein klein wenig mehr.

Herr von Zhbig befand sich, nach allen ausgestandenen Beschwerden und
Fhrlichkeiten ausnehmend wohl in der weichen Sofaecke, und ebenfalls
gerade in der Stimmung, sich mitzuteilen. So offen und ausfhrlich er
aber ber alles sprach, was ihn betroffen und was er durchgemacht, so
waren seine Zuhrer keinen Augenblick im Zweifel darber, da er noch
etwas -- und gerade die Hauptsache -- verhehle, und konnten den Moment
kaum erwarten, wo er ihnen auch dieses enthllen wrde. Bis jetzt aber
waren die Dienstboten noch ab und zu gegangen; die Gouvernante hatte die
Kinder hereingebracht, dem Papa die Hand zu kssen und ihm bonne nuit
zu sagen -- es war noch keine ordentliche Ruhe gewesen. Jetzt schien das
beseitigt; die Tr schlo sich hinter den letzten Friedensstrern, und
Frulein von Zahbern, die indessen wie auf Kohlen gesessen hatte, rief:
Und jetzt heraus, mein Intendant! wir wissen, Sie haben noch etwas auf
dem Herzen, und es drckt Sie ausnehmend, es loszuwlzen. Befreien Sie
sich davon -- bitte, bitte, erzhlen Sie!

Die junge Dame schlug dabei die Hnde zusammen, wie es die lieben
Kindlein machen, wenn sie die Eltern um etwas ersuchen wollen --
brigens gehrte sie schon seit lngerer Zeit nicht mehr zu den Kindern.

Der Generalintendant sah den kleinen Kreis ihn erwartend umgebender
Menschen innig vergngt an -- der Moment war gekommen, auf den er sich
schon die ganze Heimfahrt ber gefreut, und er erntete jetzt in vollen
Zgen die Belohnung dafr ein, da er es sich versagt hatte, sein
Geheimnis leichtsinnig -- vielleicht gar durch einen Brief -- zu
verschleudern.

Also ein Geheimnis glaubt ihr, da ich habe? fragte er schmunzelnd.

Es ist grausam, wie er uns martert, rief seine Frau.

Er spannt uns absichtlich auf die Folter, sagte Baron von Silberglanz,
und vielleicht ist es nicht einmal der Mhe wert, da wir uns so
darber den Kopf zerbrechen. Diese List, es herauszubekommen, war etwas
plump, aber auf Herrn von Zhbig von vortrefflicher Wirkung.

Meinen Sie wirklich? rief der genannte Herr, sich im Sofa rasch
emporrichtend, aber Sie sollen mir Abbitte tun, Silberglanz -- Sie
vor allen anderen, denn gerade Sie wird es mehr als alle anderen
interessieren.

Mich? rief der Baron erstaunt.

Tun Sie nicht so unschuldig -- als ob wir nicht wten, wie Sie fr die
schne Bertrand geschwrmt htten.

Die Kunstreiterin? riefen Frulein von Zahbern und Frau von Zhbig wie
aus einem Munde.

Georgine Bertrand, besttigte der Generalintendant, sich an dem
Genusse ihres Erstaunens weidend, aber -- setzte er pltzlich mit
gebrochener Hand hinzu -- Diskretion, meine Herrschaften! Was ich Ihnen
jetzt mitteile, geschieht wie unter dem Siegel der Beichte. Ich selber
habe versprochen, das Geheimnis zu bewahren, und werde es tun -- hier
natrlich, unter Freunden, darf man sich aussprechen.

Versteht sich, versteht sich, rief Frulein von Zahbern rasch und
ungeduldig, aber wo, bester Intendant, wo haben Sie Madame Bertrand
gefunden?

Madame? fragte von Zhbig lchelnd, Madame nicht allein, Monsieur
Bertrand, Frulein Josefine, das ganze Nest, und darin wre nichts
besonders Auerordentliches, aber eben das wo? Das erraten Sie nicht,
und wenn ich Ihnen ein Jahr Zeit dazu gbe.

Nun? -- o, qulen Sie uns nicht lnger.

Du bist mehr als grausam, Guillaume.

Nun gut, so hren Sie denn -- aber noch einmal, stumm wie das Grab!

Wie das Grab, sagten alle drei feierlich.

Auf dem Gute des Grafen von Geyerstein.

Es ist nicht mglich, platzte Frulein von Zahbern heraus, whrend
Herr von Silberglanz ebenfalls einen Ausruf des Staunens nicht
unterdrcken konnte.

Nicht mglich, meine Gndige? lchelte von Zhbig. Ich gebe Ihnen
mein Wort, und es ist das Wort eines Mannes, der Erfahrung in der Welt
gesammelt hat. Es existiert auerordentlich viel Unmgliches in eben
dieser Welt.

Und ich sehe daran eben gar nichts Auerordentliches, bemerkte seine
Frau. Geyerstein hat sich in die Bertrand vergafft -- das wuten wir
schon damals, nur da er den Mann mit auf das Gut nimmt, ist etwas
auergewhnlich -- und selbst das vielleicht nicht einmal, setzte sie
achselzuckend hinzu.

Bertrands auf dem Gute des Grafen Geyerstein, wiederholte noch einmal
Frulein von Zahbern, als ob sie die Worte in einer Verzckung sprche
-- was Frau von Zhbig gesagt, hatte sie gar nicht gehrt -- und wissen
Sie das ganz gewi?

Ich wei nicht, ob Sie das gewi wissen nennen knnen, meine Gndige,
erwiderte lchelnd Herr von Zhbig, aber ich habe mit ihnen zu Abend
gespeist, habe dort bernachtet und gefrhstckt, und bin von Monsieur
Bertrand oder vielmehr Baron von Geyfeln noch ein Stck begleitet
worden.

Baron von Geyfeln? fragte Frau von Zhbig, wer ist das nun wieder?
Den Namen kenne ich ja gar nicht.

Nun, ma chere, die Sache ist sehr klar. Den Namen Bertrand braucht die
Familie nicht mehr und nennt sich einfach jetzt: von Geyfeln.

Monsieur Bertrand? rief die gndige Frau entrstet, aber das darf er
ja gar nicht. Wie kann sich der Mensch Baron nennen?

Liebes Herz, beschwichtigte sie ihr Gatte, wer fragt dort danach, wen
kmmert oder geniert es? und es nennen sich so viele Menschen Baron,
die -- hm, noch eine Tasse Tee, mein Schatz. Ich bin wirklich ganz
ausgetrocknet angekommen. -- Nun, Silberglanz, Sie sitzen ja ganz
versteinert da! An was denken Sie?

Ich? sonderbare Frage! an diese unerwartete Nachricht -- dieser stille
Duckmuser, dieser Graf Geyerstein!

Ja, stille Wasser sind tief, lieber Freund, bemerkte Frau von Zhbig,
mir haben Sie immer nicht glauben wollen.

Aber, gndige Frau! rief von Silberglanz, kein Mensch hat doch eine
Ahnung haben knnen, da Geyerstein...

Kein Mensch? unterbrach ihn die Dame lchelnd, wir sind nicht alle
so kurzsichtig wie Sie. Fragen Sie die Zahbern, was wir schon vor langen
Wochen miteinander besprochen haben.

Ich kann noch gar nicht wieder zu mir selber kommen, sthnte die
Genannte, es ist zu unglaublich. Und deshalb der lange Urlaub!

Er bt noch Entsagung genug, lchelte Frau von Zhbig, und wird
selber ber die Dauer seines Urlaubs ganz das Gegenteil gedacht
haben, liebe Franziska.

Aber wie geht es den -- Leuten? fragte von Silberglanz, fhlt sich
denn die Dame in solchem Doppelverhltnis wohl?

Was kann das uns interessieren! bemerkte die gndige Frau.

Es ist doch immer interessant in psychischer Hinsicht, sagte von
Silberglanz.

Da hat der Baron recht, besttigte von Zhbig, und nur aus diesem
Grunde war auch mir das Begegnen dieser Leute -- ich wurde gentigt,
dort zu bernachten, weil ich ein Rad zerbrochen hatte -- hchst
interessant.

Gott, wie romantisch! rief Silberglanz.

Wenn man mit so vielen Menschen zu tun hat, wie unsereiner, fuhr der
Intendant fort, so gewinnt man einen raschen Ueberblick ber Charaktere
und Seelenzustnde, und ich glaube, ohne mir zu schmeicheln, da ich
mich darin als Autoritt betrachten darf. Ich wei wenigstens seit
langen Jahren kein Beispiel, da ich mich nach solchem gefaten Urteil
geirrt htte. Demzufolge schien sich Monsieur Bertrand, oder besser
gesagt: Baron von Geyfeln, auerordentlich behaglich in seiner neuen
Wrde zu fhlen.

Und seine Frau?

Aber was fr Interesse nehmen Sie an dem Seelenzustand der Frau?

Nur ein allgemeines, meine Gndigste, auf Parole; nur ein allgemeines.
Herr von Zhbig wird mir darin recht geben.

Vollkommen, lieber Silberglanz, lchelte Herr von Zhbig, und der
Blick, den er dabei heimlich dem Baron zuwarf, hatte etwas von einem
Faun, die Frau schien sich brigens, wie ich fest berzeugt bin, nicht
glcklich in diesen Verhltnissen zu fhlen. Sie sprach mit Entzcken
von ihren frher gefeierten Triumphen, sobald der Herr Gemahl nur einmal
den Rcken wandte -- was, beilufig gesagt, sehr selten geschah.

Gemahl, sagte Frau von Zhbig verchtlich, ich glaube gar nicht, da
die beiden miteinander getraut sind.

Ist auch gar nicht notwendig, mein Schatz, lchelte ihr Gatte, und,
wie du ganz richtig bemerkst, unter den stattfindenden Verhltnissen
in der Tat unwahrscheinlich. Desto mehr gerechtfertigt bleibt aber dann
meine Behauptung, da sie sich nicht behaglich unter solcher Aufsicht
fhlen knnte -- wenn nicht Bertrand doch immer ein sehr hbscher,
stattlicher Mann wre.

Ich begreife aber nicht, da Graf Geyerstein sie zusammenlt.

Wird es nicht hindern knnen; es gbe auch sonst zu viel Aufsehen. So
verluft die Sache ganz ruhig und gleichmig, denn Herr von Geyfeln ist
dem Namen nach der Pachter seines dortigen Gutes, und da der Eigentmer
seine Pachtersleute dann und wann besucht und nach der Wirtschaft
sieht, ist nicht mehr wie in der Ordnung, kann wenigstens keiner Seele
auffallen.

Eine schne Wirtschaft, die sie dort mitsammen fhren werden!

Allerdings, lchelte Herr von Zhbig, Madame Georgine bleibt immer
eine schne Frau.

Es war sehr rcksichtslos von ihrem Gatten, euch so wenig allein zu
lassen, bemerkte etwas boshaft Madame.

Mein bester Engel, du glaubst doch nicht etwa, da...

Da Monsieur Bertrand eiferschtig wre? -- nein. Die Leidenschaft
scheint er wenigstens nicht zu kennen. Aber weshalb sollte sich die
Donna da unbehaglich fhlen?

Aus Langerweile, ma chere, jedenfalls aus Langerweile; denke nur, wie
lange Graf Geyerstein schon wieder in der Stadt ist, und fr eine
Frau, die an ein solches Leben, wie das frhere, gewhnt war, mag es
wahrhaftig kein Spa sein, auf einem Fleck in einer quasi Wildnis zu
hocken.

Warum ist sie nicht bei ihrer Kunst geblieben?

Das ist mir auch unerklrlich, versicherte Silberglanz.

Aber bildschn ist sie, das mu man ihr lassen, versicherte von
Zhbig, vielleicht nur, um seine Frau damit zu necken. Ich gebe
Ihnen mein Wort, Baron, in dem kleinen Morgenhubchen sah sie rein zum
Anbeien aus -- und er kte dabei auf das zarteste die Spitzen des
dritten Fingers und Daumens seiner linken Hand.

Du bist immer sehr leicht entzndet, mon cher, sagte seine Frau, sie
hat ein ganz alltgliches Gesicht, und nur hbsche Augen.

Was? fuhr ihr Gatte erstaunt nach ihr herum, Silberglanz, ich bitte
Sie um Gottes willen, nehmen Sie meine Partei -- Georgine nicht schn?
Ich gebe dir mein Wort, Amelie, sie ist das verfhrerischste Weib, das
ich in meinem Leben gesehen habe -- present company, versteht sich,
always excepted.

Sie hat auch Anbeter genug gehabt, seufzte von Silberglanz, whrend
Frau von Zhbig mit den Achseln zuckte.

Und ber die neuen die alten doch nicht vergessen, lchelte mit einem
bezeichnenden Blick Herr von Zhbig.

Wieso? fragte leicht errtend der Baron.

Ein andermal, beschwichtigte ihn der Intendant, und seine Frau sagte:
Du bist unausstehlich heute -- aber, liebe Franziska, Sie sprechen
ja kein einziges Wort mehr und sitzen da, stumm wie ein Fisch; doch
natrlich, solches Interesse knnen wir nicht an der Dame nehmen, wie
die beiden Herren da, die nur in der Erinnerung an sie in einer wahren
Verzckung schwimmen.

Sie tun mir unrecht, gndige Frau, verteidigte sich von Silberglanz,
aber das Interesse, das wir an einer bekannten Persnlichkeit nehmen,
noch dazu, wenn sie uns in solcher Art ins Gedchtnis zurckgerufen
wird, ist wohl erklrlich. Frulein von Zahbern wird ganz meiner Meinung
sein.

Frulein von Zahbern war es in der Tat, ja, so berrascht durch die
Nachricht geworden, da sie im ersten Augenblick wirklich nur daran
dachte, auf welche Weise sie dieselbe am besten verwerten knne. Durch
Frau von Zhbigs Anrede kam sie auch erst wieder zu sich selbst und
erwiderte darauf: Nein, natrlich nicht -- interessant bleibt es
allerdings immer, aber was gehen uns eigentlich die Leute weiter an.
Lieber Gott, man hat so viel mit sich selber zu tun, da man sich
wahrhaftig nicht auch noch um andere Menschen zu bekmmern braucht.

So lat denn Monsieur Bertrand und seine Donna ruhen, wenn ich bitten
darf, sagte Frau von Zhbig, der das Gesprch unangenehm wurde. Ich
htte dem Grafen Geyerstein einen besseren Geschmack zugetraut, aber
ber Geschmack lt sich nicht streiten. Apropos, Geyerstein -- die
Alliance mit Melanie und Selikoff ist also so gewi wie arrangiert.

Natrlich, sagte von Zhbig, das war vorauszusehen.

Ich bitte um Verzeihung! rief Frulein von Zahbern rasch, so ganz
bestimmt und ausgemacht ist die Sache doch noch nicht. Ich bin fast
tglich im Ralphenschen Hause und mte da auch etwas davon erfahren
haben.

Liebe Franziska, sagte Frau von Zhbig gutmtig, ereifern Sie sich
nicht; die Sache ist in der Tat so gut wie geschehen. Ich gebe Ihnen
mein Wort darauf, und ich habe sehr sichere Quellen. Die Verlobung
wird in drei Wochen bei Gelegenheit des Hochzeitstages der Exzellenzen
bekannt gemacht werden, und der groe Ball ist auch bis auf jenen Tag
verschoben worden. Sie sehen, da ich ganz genau unterrichtet bin.

Und Sie glauben wirklich?

Von glauben ist da gar keine Rede mehr, liebe Franziska, die Sache
ist geschehen, und ich denke, Melanie macht an dem Russen eine bessere
Partie, als an dem armen Grafen Geyerstein.

Nun, mein Kind, Geyerstein ist doch nicht so arm?

Er braucht dann sehr viel, mein liebes Herz, denn hier in der
Stadt wissen wir genau, da er sich, in der letzten Zeit besonders,
auerordentlich eingeschrnkt und nur das Allerntigste ausgegeben hat.
Lieber Gott, so etwas kann ja in den Verhltnissen, in denen wir nun
einmal leben, kein Geheimnis bleiben und spricht sich aus. -- Aber was
ist das, Sie wollen schon fort?

Mama erwartet mich, sagte Frulein von Zahbern, die aufgestanden war
und ihren Schal festigte, es ist auch schon spt, und nach so langer
Abwesenheit werden Sie mit Ihrem Herrn Gemahl noch manches zu besprechen
haben.

Aber Sie knnen doch nicht allein gehen?

Wenn mir das gndige Frulein erlauben, werde ich Sie begleiten,
sagte Baron Silberglanz, ebenfalls aufstehend. Frulein von Zahbern hat
recht, es ist Zeit, da wir gehen.

Aber ich bitte Sie, Baron.

Auf ein andermal, mein lieber Zhbig. Wenn jemand von einer greren
Reise zurckkommt, tut ihm Ruhe wohl. Gndige Frau, ich habe die Ehre.

Wenn Sie also nicht anders wollen, bon soir, Baron, sagte Herr von
Zhbig, hoffentlich haben wir bald wieder das Vergngen, Sie bei uns zu
sehen. Mein gndiges Frulein, kommen Sie gut nach Hause, Sie haben
ja nicht so weit. -- Aber noch einmal bitte ich in der bewuten
Angelegenheit um Ihre Diskretion. Herr von Geyfeln hat mich selber
gebeten, hier in *** nichts von dem Zusammentreffen zu erwhnen, und
ich werde auch darber schweigen wie das Grab. -- En famille ist es
natrlich eine andere Sache.

Nicht eine Silbe! rief Baron Silberglanz beteuernd.

Gute Nacht, meine liebe Franziska, sagte Frau von Zhbig, die
aufgestanden war und Frulein von Zahbern zrtlich umarmte und kte,
gute Nacht, mein liebes Herz. Verwahren Sie sich nur ja recht gut,
da Sie sich nicht erklten; es ist entsetzlich rauh drauen und Ihre
Gesundheit berdies so zart.

Gute Nacht, meine liebe Amelie, erwiderte die junge Dame, haben
Sie keine Angst um mich; ich bin vortrefflich eingepackt, und die paar
Schritte lauf' ich schnell hinber. -- Gute Nacht, Herr Intendant.
Morgen mssen Sie uns noch mehr von Ihren Reisen erzhlen.

Frau von Zhbig begleitete die Freundin bis zur Tr, und hier umarmten
sich die beiden Damen nochmals auf das Herzlichste; der Baron empfahl
sich ebenfalls, und die beiden Gatten blieben allein.

Die arme Zahbern dauert mich, sagte Frau von Zhbig, indem sie
zu ihrem Platze auf dem Sofa zurckkehrte, sie hatte sich so feste
Rechnung auf den jungen Russen gemacht.

Auf den Selikoff?

Gewi. Einmal glaubte sie ihn auch schon ganz sicher im Netz zu haben;
er war ihr aber zu klug. Hast du nicht gesehen, wie sie ordentlich gelb
vor heimlichem Aerger wurde, als ich ihr erzhlte, da die Verbindung
fest beschlossen sei?

Das glaub' ich, da ihr die Partie recht gewesen wre, lachte ihr
Gatte, ein solcher Goldfisch!

Irgend eine, bester Freund, versicherte Frau von Zhbig nachlssig.
Lieber Gott, Franziska ist nun einmal in den Jahren, in denen sie einen
Mann bekommen mu -- wenn sie sich nicht ihr briges Leben ohne einen
solchen behelfen soll, und ich glaube kaum, da sie sehr whlerisch
darin sein wrde. Natrlich ist ihr der beste der liebste. -- Aber was
war denn das, worber du dich noch mit Silberglanz besprechen wolltest?

Ich? -- mit Silberglanz?

Wegen der Donna.

Ach so, lachte der Intendant, weiter nichts als ein Scherz, liebes
Kind. Der arme Silberglanz war bis ber die Ohren in jene Kunstreiterin
verliebt, und rein toll vor Eitelkeit, wie er einmal ist, glaubt er
alles, was dem Nahrung gibt. Ich werde mir einen Scherz mit ihm machen
und ihm erzhlen, da sich Georgine angelegentlich nach ihm erkundigt
und mir unter der Hand zu verstehen gegeben habe, da ich ihn wissen
lassen mchte, wo sie schmachte.

Du irrst dich darin doch vielleicht in dem Baron.

Gott bewahre, liebes Herz -- ich irre mich nie. Aber ich bin mde,
mein Schatz, und werde heute frh zu Bett gehen. Bitte, la mir noch die
indessen eingegangenen Briefe und Zeitungen bringen. Frau von Zhbig
lutete, und ihr Gatte sa bald, behaglich im Sofa zurckgelehnt, hinter
einem Haufen aufgerissener Papiere.




21.


Frau von Zhbig kannte ihre Freundin Franziska so genau wie Herr von
Zhbig den Baron, und beide verlieen an dem Abend das Zhbigsche Haus
trotz aller Freundschaftsbezeugungen mit einem Stachel im Herzen, der
aber nur die junge Dame wirklich schmerzte. Unterwegs blieb sie auch
auerordentlich einsilbig, trotz aller Bemhungen des Barons, der es fr
seine Pflicht hielt, sich liebenswrdig zu machen. Zu Hause angekommen,
sagte sie ihrer Mutter kaum guten Abend, schlo sich dann in ihr Zimmer
ein, warf sich in ihr Sofa, und ihr Gesicht in die Hand sttzend,
starrte sie finster brtend vor sich nieder. Frulein von Zahbern hatte
Augenblicke, in denen sie hbscher aussah als in diesem.

Also doch, murmelte sie leise vor sich hin, mit dem Fue dabei den
Teppich schlagend, also doch! -- Diese kokette Ralphen, dieses unreife,
eingebildete Ding, voll Kapricen und Launen! Und wie scheinheilig und
unschuldig die -- Person gegen mich tat! ob ihr je ein Wort davon ber
die Lippen gegangen wre! Das ist Freundschaft, das ist Vertrauen --
die kleine giftige Schlange, die! Und was fr eine Ursache nur sie und
Geyerstein auseinander gebracht haben mag? -- Sie hat ihn geliebt, ich
wei es bestimmt, ja, meinen Kopf mcht' ich zum Pfande setzen, da sie
ihn noch liebt; sie kann sich einmal nicht verstellen, so viel Mhe sie
sich gibt, und als ich ihr neulich nur den Namen nannte, wurde sie bald
bla und bald rot. Htte ich damals meinen Vorteil verfolgt, ich glaube,
ich htte sie zu einem Gestndnis bringen knnen, aber meine alberne
Gutmtigkeit lie es nicht zu. Gutmtigkeit fr solches Entgegenkommen!
-- Doch warte, setzte sie entschlossen hinzu, als sie aufsprang und mit
raschen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab lief, jetzt hab' ich dich!
Liebt sie den Geyerstein wirklich noch, so ist er auch zurckgetreten
und nicht sie, und das zu erfahren, hab' ich jetzt ein prachtvolles
Mittel. Die Zhbigsche Nachricht ist Gold wert, und da ich ihr das Gift
tropfenweise beibringe, darauf kann sie sich verlassen. Hat sie
Selikoff wirklich so fest umgarnt -- ist die Verbindung beschlossen und
festgesetzt, wie diese boshafte Zhbig behauptet, so kann ich darin so
nichts mehr verderben -- nur meine Rache will ich noch haben. Der Wurm
krmmt sich, wenn er getreten wird, aber die Schlange sticht, und ich
will selber jetzt einmal die Zeitlang die Schlange spielen. Wie sie die
Neuigkeit wohl aufnehmen wird? -- Ich bin neugierig, ob sie sich so weit
verstellen kann! -- Aber nein, dazu fehlt ihr Charakterstrke, denn sie
ist ja noch weiter nichts als eine arme, hilflose Kokette.

Frulein von Zahbern hatte sich selber in eine recht fatale, unangenehme
Laune hineingedacht und gesprochen, und wrde, um dem Resultate zu
entgehen, wenn andere Personen gegenwrtig gewesen wren, jedenfalls zu
Trnen und Krmpfen ihre Zuflucht genommen haben. Eingeschlossen aber in
ihr Zimmer, dachte sie an nichts derartiges, sondern kleidete sich aus,
ging zu Bett und grbelte unter der warmen Decke ber die Racheplne
weiter.

       *       *       *       *       *

Melanie sa am nchsten Tage allein mit Luise in ihrem Zimmer und
arbeitete an einer Stickerei. Graf Selikoff hatte sie gerade verlassen,
und ein prachtvolles Blumenbukett lag vor ihr auf ihrem Arbeitstische
-- aber ihr eigenes Antlitz pate nicht zu den blhenden Rosen und
Kamelien, mit denen es prangte. Sie sah bleich und angegriffen aus, und
ein schmerzlicher Zug umzuckte den feingeschnittenen Mund.

Ich will ein Glas Wasser holen, sagte Luise aufstehend, die Blumen
welken sonst so schnell.

Ich danke Ihnen, erwiderte Melanie, aber bitte, setzen Sie die Blumen
in das andere Zimmer hinber, ich habe Kopfschmerzen, und die Rosen
duften mir zu stark.

Sie sehen heute leidend aus, Melanie, sagte Luise, zu ihr gehend und
leise ihre Stirn kssend, fehlt Ihnen etwas?

Nein, nicht das geringste weiter, lchelte das junge Mdchen, ein
rheumatischer Kopfschmerz jedenfalls; ich frchte fast, da ich mich
gestern beim Nachhausekommen erkltet habe.

Sie waren auch so leicht angezogen.

Es wird vorbergehen -- da kommt jemand.

Es ist Rosalie -- sie wird mich zum Spazierengehen abholen wollen.
Begleiten Sie uns vielleicht ein wenig?

Heute nicht -- Ruhe wird mir besser sein. Was hast du, Rosalie? Du
siehst ja so verdrielich aus! Ist dir etwas geschehen?

Mir? sagte das junge Mdchen, indem sie zu der Schwester ins Zimmer
trat und ans Fenster ging, was soll mir geschehen sein? Ich rgere mich
nur ber jemanden.

Ueber wen? -- wer hat dir die Ursache dazu gegeben?

Ueber wen? -- ber den Grafen Geyerstein -- es ist recht hlich von
ihm!

Was, mein Herz? sagte Melanie und fhlte dabei, wie ihr das Blut zum
Herzen zurckscho.

Und hast du es denn auch vergessen? rief Rosalie erstaunt, ist denn
nicht heute mein Geburtstag, an dem er jedesmal morgens bei mir gewesen,
und den er mit uns gefeiert hat, und habe ich ihn auch heute nur mit
einem Auge zu sehen bekommen? Ja -- vorbei geritten ist er vorhin -- vor
einer Viertelstunde, gerade wie des Grafen Selikoff Wagen vorgefahren
war, aber ob er auch nur heraufgesehen und gegrt htte -- Gott
bewahre! Ich bin so ernstlich bse auf ihn, da ich ihn recht tchtig
auszanken werde, wenn er das nchste Mal wieder zu uns kommt. Da ist
Graf Selikoff viel freundlicher -- wenn er nur das Zeichnen verstnde!

Er wird heute Dienst gehabt haben, Rosalie, sagte Melanie leise, und
da, weit du wohl, kann er nicht abkommen, wenn er auch gern mchte.

Ach was, rief das junge Mdchen, die ganze Woche, und die ganzen
letzten vier Wochen hat er nicht in einem fort Dienst gehabt, und wenn
er kommen wollte, htte er gewi schon einmal Zeit dazu gefunden --
und heute hatte ich mich so darauf gefreut, denn meine groe
Schweizerlandschaft hat er noch nicht einmal gesehen. Was macht denn
Graf Selikoff so lange bei der Mama drben? Ich wollte eben hinber und
wurde nicht hineingelassen.

Ich wei es nicht; er hat doch wohl etwas mit ihr zu besprechen.

Kommen Sie, Komtesse, sagte Luise, die recht gut fhlte, wie das
Gesprch der Schwester peinlich wurde, es wird sonst zu spt zu unserm
Spaziergang heute.

Ich kann heute nicht gehen, rief Rosalie rasch, Mama hat mir Besuch
geladen -- da fhrt er fort, unterbrach sie sich selber. Gott sei
Dank! jetzt kann ich hinber und Mama fragen, welches Kleid ich anziehen
soll. Und mit den Worten huschte sie leicht und frhlich aus der Tr
hinaus, allen Aerger in dem einen Gedanken ihres Anzuges vergessend.

Frulein von Zahbern lt fragen, ob es der gndigen Komtesse
genehm wre, meldete in dem Augenblick die Kammerjungfer durch die
halbgeffnete Tr.

Lieber Himmel, sagte Melanie erschreckt, gerade heute! aber es blieb
ihr nicht einmal Zeit, den Satz zu vollenden, denn Frulein von Zahbern
hpfte auf Melanie zu, und sie umarmend und kssend, sagte sie lachend:
Ich konnte mir die Freude nicht versagen, unserer kleinen Rosalie
zu ihrem Geburtstage zu gratulieren -- und wo steckt denn der kleine,
liebe, wilde Engel?

Rosalie, liebe Franziska, ist eben zu ihrer Mutter gegangen; sie wird
aber jedenfalls bald zurckkehren. Bitte, nimm so lange Platz.

Du siehst auch heute wieder angegriffen aus, sagte Frulein von
Zahbern, indem sie der Gouvernante, ohne diese selbst nur eines Grues
zu wrdigen, Mantel und Muff berlie, den Hut dann auf einen nahen
Stuhl legte und sich die Locken vor dem Spiegel ordnete, fehlt dir
etwas, mein Herz?

Etwas Migrne, mein altes Leiden, vielleicht auch nur eine Erkltung,
die ich mir gestern abend beim Nachhausegehen zugezogen.

Ach ja. Ihr hattet ja euer Krnzchen bei Schodens gestern. Nun, was
macht unsere berschwengliche Euphrosyne? schmachtet sie noch? -- Ich
begreife wahrhaftig nicht, wie sie bei dem Vater auf diese Weise hat
ausarten knnen. Sie webt und lebt und schwebt immer in einer hheren
Welt, und kommt mit uns anderen armen Sterblichen eigentlich nur bei
Kaffeegesellschaften zusammen -- hahaha!

Euphrosyne, sagte Melanie gutmtig, ist ein sehr liebes, braves
Mdchen, und wenn sie kleine Eigenheiten hat, drfen wir die recht gern,
ihrer anderen vortrefflichen Eigenschaften wegen, bersehen oder mssen
sie doch wenigstens milde beurteilen. Sie spricht zum Beispiel nie ein
bses oder gehssiges Wort ber einen andern hinter dessen Rcken, und
das ist doch gewi schon viel wert.

Weil sie unsere Schwchen nicht sieht, lachte Frulein von Zahbern,
ihr Auge hngt ja immer an den Wolken und ihren Idealen. Bei Zhbigs
hat sie neulich geschwrmt, da mir Amelie versicherte, es sei gar
nicht mehr zum Aushalten gewesen. -- Apropos, Zhbig, der Intendant, ist
gestern von seiner nordischen Reise, wie er es nennt, zurckgekehrt und
hat eine ganze Tasche voll Neuigkeiten mitgebracht.

Das lt sich denken, lchelte Melanie, und er ist jetzt gewi recht
in seinem Element.

Er hat auch eine Entdeckung gemacht.

Wirklich? -- einen neuen Stern am Theaterhimmel entdeckt? Der wird nach
ihm benannt werden mssen. Doch hoffentlich einen Planeten, den wir in
dem Falle auch einmal auf seiner Wanderung bewundern drfen.

Nein, einen alten Stern, sagte Frulein von Zahbern, einen Stern, der
nur eine Zeitlang vom Horizont verschwunden war -- einen Stern erster
Gre noch dazu. Die Frau des Georg Bertrand.

In der Tat? sagte Melanie ruhig, aber ich glaube, die Entdeckung
wird im ffentlichen Zirkus und mit Hilfe des Programms nicht so
auerordentlich schwer gewesen sein.

Sie reitet ja nicht mehr, schon seit sie von hier fort ist, rief
Frulein von Zahbern rasch, hat sich auch in ihren Verhltnissen, ja
selbst in ihrem Namen sehr gebessert und heit jetzt Frau von Geyfeln.

Von Geyfeln?

Und selbst das ist noch nicht das Merkwrdigste, setzte das gndige
Frulein still vor sich hin lachend hinzu. Du rtst gewi nicht,
Melanie, auf wessen Gut sie sich befindet.

Wie soll ich das raten? sagte Melanie, die sich alle Gewalt antun
mute, ihre Fassung zu bewahren; sie schpfte dabei viel Atem, denn es
war, als ob eine eiserne Hand ihr die Brust zusammenschnre, Land und
Leute dort sind mir vollkommen fremd.

Wer htte das dem stillen Grafen zugetraut! fuhr Frulein von Zahbern
fort, und ihr Blick hing lauernd an den Zgen der Gepeinigten, Amelie
hat aber ganz recht: Stille Wasser sind tief, und die Ruhigen haben es
oft faustdick hinter den Ohren.

Von welchem Grafen sprichst du? fragte Melanie. Sie wute, welcher
Name folgen wrde und mute, aber sie hatte einen von der Freundin
unbewachten Blick aufgefangen; sie fhlte, da sie beobachtet wurde,
welchen Eindruck die Nachricht auf sie mache, sie wute, da Franziska
im Innern triumphieren wrde, wenn sie sich schwach zeigte, und ihre
ganze Kraft zusammenraffend, dem zu begegnen, sah sie ruhig in der
Redenden Auge.

Von welchem Grafen? lchelte Frulein von Zahbern, ihres Sieges jetzt
gewi, von welchem knnt' ich reden als von unserem unvergleichlichen
Ritter Bayard ohne Furcht und ohne Tadel, dem Grafen Geyerstein!

In der Tat? erwiderte Melanie, aber so ruhig, als ob Frulein von
Zahbern ihr eben erzhlt htte, da irgend eine Modehandlung in ***
einen neuen Kleiderschnitt erhalten htte. Hat sich Madame Bertrand
von ihrem Gatten scheiden lassen? dann drfen wir bald einer
Verlobungsanzeige in den Zeitungen entgegensehen.

Aber du bist gar nicht erstaunt darber? rief Frulein von Zahbern,
die eine strkere Wirkung erwartet hatte.

Und warum erstaunt? Graf Geyerstein ist sein eigener Herr und hat
niemandem von uns Rechenschaft ber seine Handlungen abzulegen. Wenn
er mit seiner Familie wegen einer solchen Mesalliance bereinkommt, wen
sonst drfte und wrde es kmmern?

Von einer Heirat ist vorderhand wohl noch keine Rede, rief die junge
Dame, die ihr, wie sie beabsichtigt, das Gift tropfenweise zuma, denn
der Graf hat den Herrn Bertrand ebenfalls mit dort hingenommen, und
er wie seine Schne sind angeblich die Pachtersleute auf dem Gute.
Eigentlich ist es ein wunderliches Verhltnis, in dem sich die beiden
Herren da einander gegenberstehen; aber dort in der Wildnis kann man
sich ber manches hinwegsetzen, und Monsieur Bertrand wird wohl schon
seinen Nutzen dabei finden.

Herr von Zhbig hat sich wohl sehr auf seiner Reise amsiert?

Auerordentlich, und eine Menge Fhrlichkeiten dabei erlebt. Einmal
brach ihm ein Rad, gerade in der Nhe des Baron Geyfeln, wie Monsieur
Bertrand ja jetzt, ich wei nicht, von wem geadelt, heit, und er
bernachtete dort. Uebrigens hat er mich gebeten, keinen Gebrauch davon
zu machen; Baron Geyfeln hat ihn selber darum ersucht, hier in ***
nichts davon zu erwhnen, da er ihn gefunden htte. -- Doch Rosalie
bleibt lange. Ist sie noch immer bei der Mama drben?

Wahrscheinlich -- sie wird spter herberkommen, um sich ankleiden zu
lassen.

Dann werde ich doch lieber einmal zur Mama hinber springen und auch
gleich der lieben Exzellenz meinen Glckwunsch zu dem heutigen Tage
bringen. Sie ist doch wohl?

Ganz wohl.

Und was stickst du da Schnes? -- das ist ja ganz prachtvoll, ein
reizendes Muster. Was wird denn das?

Eine Zigarrentasche.

Also nicht fr den Papa, denn der raucht nicht.

Nein.

Aha -- ein Geheimnis -- nun auf Wiedersehen, mein ses Herz --
auf Wiedersehen, ich habe dich lange genug gestrt. Und ihre vorhin
abgelegten Garderobestcke mit Hilfe Luisens, die ein stummer, aber
erregter Zuhrer des ganzen Gesprches gewesen war, wieder anlegend,
rauschte Frulein Franziska aus dem Zimmer, in dem sie bitteres Weh,
weit rger, als sie wohl je geahnt, ausgeset hatte.

Melanie war schweigend aufgestanden, sie bis zur Tr zu begleiten -- ihr
Ku brannte noch auf ihren Lippen, und ebenso still wollte sie wieder
zurck zu ihrem Stuhle gehen, als ihr Blick auf das mitleidsvolle,
teilnehmende und fr sie ngstlich besorgte Gesicht Luisens fiel.

Meine liebe, liebe Melanie, flsterte die Gouvernante, glauben Sie
um Gottes willen nicht, was das Frulein Ihnen erzhlt hat. Frulein von
Zahbern ist nicht whlerisch in ihren Neuigkeiten, und der Stadtklatsch
zieht alles in den Staub, was er erreichen kann.

Melanie streckte die Hand aus, als ob sie ihr etwas erwidern wollte --
aber sie vermochte es nicht. Bis hierher hatte ihre Kraft gereicht,
und die Arme um den Nacken des treuen Mdchens schlingend, barg sie das
Antlitz an ihrer Schulter und weinte still. Luise strte sie auch
nicht darin; sie wute aus Erfahrung, da Trnen den wildesten Schmerz
lindern, lsen knnen, und lie sie sich ruhig ausweinen. Dann aber, als
Melanie ihren Platz am Stickrahmen wieder eingenommen hatte und nur
noch den Kopf in die Hand gesttzt nach den ziehenden Wolken am Himmel
hinaufschaute, sagte sie freundlich: Es ist nicht wahr. Ich habe die
feste, innige Ueberzeugung: es ist nicht wahr. Was Herr Zhbig -- sollte
die Kunde wirklich von ihm ausgehen -- veranlat haben kann, ein solches
Gercht auszusprengen, wei ich nicht, da aber Graf Geyerstein sich
mit dieser Frau so weit einlassen sollte, in ein solches, ihrem Manne
gegenber entwrdigendes Verhltnis zu treten, das glaube ich nicht, und
wenn -- Luise mochte selber ber das Feuer erschrecken, mit dem sie
den Grafen verteidigte, denn ruhiger setzte sie pltzlich hinzu --
wenn selbst ein anderer Mund es besttigte, als der des Fruleins von
Zahbern.

Doch, Luise -- doch -- es ist wahr, flsterte leise Melanie, jedes
Wort, das sie gesagt, ist wahr, so oft sie sonst auch bertreiben mag.
Eine einzelne Lge lt sich erfinden und verbreiten, aber nicht ein
ganzes Gewebe von Tatsachen, und da -- Graf Geyerstein jene Frau liebt
-- des bin ich selber Zeuge.

Sie selber?

Ja -- fragen Sie mich nicht weiter, Luise, aber -- ich habe die
Beweise, und was mich am meisten schmerzt, ist nur, da ich noch schwach
genug gewesen bin, das so zu fhlen und -- wie ich fast frchte -- der
Zahbern verraten zu haben. Jetzt ist das vorbei; ich habe mich selber
wieder, und wenn mein Herz noch trichterweise an jenem Manne hing, dem
es sich in erster Neigung zugewandt, so ist das jetzt vorbei -- vorbei
fr immer. Ihnen, Luise, konnte ich das sagen; ich wei, wie lieb Sie
mich haben, wie gut und treu Sie sind, und da ich Ihnen vertrauen darf,
wie einer Schwester. Ihnen war ja auch meine unglckselige Neigung kein
Geheimnis, aber jetzt lassen Sie es abgetan -- geschlossen sein zwischen
uns. -- Eine flchtige Leidenschaft fr jene schne, verlockende Frau
htte ich ihm vielleicht verzeihen knnen -- ein Verhltnis aber ihrem
Gatten gegenber, in das kein Ehrenmann treten wrde, mag ihm Gott
vergeben, ich kann es nicht. Wenn von jetzt an der Name des Grafen
von Geyerstein noch zwischen uns genannt wird, so sei es als der eines
fremden -- gleichgltigen Menschen.

Und wollen Sie dem Grafen nicht gestatten, sich zu verteidigen?

Wie kann er es? fragte Melanie schnell, und hat er selbst nur den
Versuch gemacht? Er wei, da ich das Verhltnis kenne, wenn er
auch vielleicht nicht ahnt, da ich jetzt von seinem ganzen Umfange
unterrichtet bin. Von da an mied er selber unser Haus, meine Nhe,
und ich bedurfte fast keines strkeren Beweises, als dieses stille
Eingestehen seiner Schuld. Lassen Sie es deshalb abgetan sein, es ist
das viel besser so, als wenn wir ihn vielleicht ntigten, Unwahrheiten
und Beschnigungen mir gegenber zu versuchen. Ich kann ihn nicht mehr
achten -- ich mchte ihn nicht auch noch verachten lernen.

Der arme Graf! seufzte Luise, und wenn er nun doch unschuldig wre,
wenn irgend ein unglckseliges Miverstndnis...

Beruhigen Sie sich, Luise; das ist es nicht. Htte ich mich nicht
selber berzeugt -- wte ich nicht drei, vier verschiedene Flle,
in denen er mit jener Frau in Verbindung stand, ja, ich wrde es auch
glauben. Madame Bertrand hat ihn aber sogar verkleidet auf seinem Zimmer
besucht -- verlangen Sie einen strkeren Beweis?

Das wre allerdings stark genug, wenn es erwiesen...

Es ist erwiesen und die Sache erledigt. Gott sei Dank, ich habe mich
selbst wiedergefunden, und keine solche Schwche soll mich je mehr
berwltigen. Aber still; ich glaube, Rosalie kommt zurck und wird
ihren Putz in Ordnung bringen wollen.

Es ist die Exzellenz, sagte Luise, ich hre ihre Stimme.

Meine Mutter?

In diesem Augenblick ffnete sich die Tr, und Ihre Exzellenz die Frau
Kriegsminister von Ralphen betrat mit Rosalie das Zimmer.

Frulein, haben Sie die Gte, Rosalien ankleiden zu lassen, sagte sie,
zu der Gouvernante gewandt, ich wnsche mit meiner Tochter etwas zu
besprechen. Geh, mein Kind, und komme nachher wieder hinber zu mir --
ich erwarte dich in einer halben Stunde. Die Gouvernante verlie, dem
Winke gehorsam, mit ihrem Zgling das Gemach, und Frau von Ralphen,
langsam zu Melanie tretend, neben deren Stuhl sie sich auf denselben
Fauteuil niederlie, in dem vorhin Frulein von Zahbern gesessen,
sagte freundlich: Mein liebes Kind -- aber ich dchte fast, du httest
geweint; deine Augen sehen so verschwollen aus. Fehlt dir etwas?

Nichts, liebste Mutter, nur ein wenig Kopfschmerz hatte ich, und selbst
den kaum mehr, denn seit der letzten Viertelstunde fhle ich mich um
vieles leichter.

Desto besser, denn ich habe ein paar ernste Worte mit dir zu reden.

Liebe Mutter!

Graf Selikoff war vorhin bei mir, um Abschied zu nehmen. Er war auch
vorher bei dir, und du weit, da er in Familienangelegenheiten nach
Petersburg mu. Wie lange er sich dort aufhalten wird, hngt allerdings
von Umstnden ab; er hofft aber doch in sechs bis acht Wochen sptestens
wieder zurck zu sein, und hat mich indessen feierlich um mein Frwort
bei dir gebeten. Melanie lie die Hand mit der Nadel, die sie gehoben
hatte, um in ihrer Arbeit fortzufahren, wieder sinken und sah still vor
sich nieder, und die Mutter, die sie kurze Zeit beobachtete, fuhr
mit langsamer, aber eindringlicher Stimme fort: Ich brauche dir die
Vorteile nicht auseinanderzusetzen, die fr dich wie fr uns alle aus
einer Verbindung mit einem so edlen und angesehenen Hause entstehen
wrden; Vorteile sollen auch keinen Einflu bei meiner Tochter auf die
Wahl eines Gatten haben, denn, Gott sei Dank, wir knnen und drfen die
hchsten Ansprche machen und stehen keinem nach. Aber Selikoff ist auch
ein liebenswrdiger und braver Mensch, mit dem eine Frau schon hoffen
darf, glcklich und angenehm zu leben, und ich mchte dir die Sache
hiermit warm und dringend ans Herz gelegt haben. Eine Zeitlang glaubte
ich einmal -- und ich meine sogar, ich htte Ursache dazu gehabt --
da Graf Geyerstein sich um dich bewerbe, und da du selber ihm nicht
abgeneigt wrest. Ich htte allerdings nicht das geringste gegen
Geyerstein einzuwenden; er ist aus edlem Geschlecht, ein braver und
wackerer Mann, und der Vater hat ihn besonders gern und hlt groe
Stcke auf ihn, aber -- Selikoff ist denn doch eine bessere und
schicklichere Partie fr dich, und ich habe mit Genugtuung gesehen,
da du selber so zu denken scheinst. Graf Geyerstein mag das auch wohl
fhlen, denn er hat sich in letzter Zeit fast auffallend zurckgezogen.
Die Mutter schwieg eine kleine Weile, um die Wirkung zu beobachten, die
ihre Worte auf die Tochter machen wrden. Melanie aber erwiderte
keine Silbe, regte sich nicht, und die alte Exzellenz fuhr fort:
Graf Selikoff hofft, da er dir nicht ganz gleichgltig sei. Er hat
schchtern, wie er ist -- freilich noch nicht gewagt, dich selber darum
zu fragen, er ist aber bei mir gewesen, und hat mich ohne Umschweife
offen und ehrlich gebeten, ein Frwort fr ihn bei dir einzulegen,
also frmlich und in aller Ordnung bei mir, der Mutter, um deine Hand
geworben. Ebenso einfach und ohne alle Umschweife frage ich also dich
jetzt, Melanie, willst du die Gattin des Grafen Selikoff werden?

Liebste, beste Mutter...

La mich eine einfache Antwort haben, Ja oder Nein; Selikoff selber hat
dir noch Zeit mit der Antwort gelassen, bis er zurckkommt, nur fr mich
verlange ich sie, um darber beruhigt zu sein; denn diese Ungewiheit
reibt mich auf, und das vertragen meine Nerven nicht. Hast du etwas
gegen ihn einzuwenden?

Nein!

Also darf er hoffen, da du ihm deine Hand reichst, dich wenigstens mit
ihm verlobst, sobald er zurckkehrt, denn die Vorbereitungen zu einer
Vermhlung sind nicht so im Nu beendet, wie die jungen Leute gar nicht
selten glauben. Also: Ja oder Nein?

Ja! hauchte Melanie.

Ich danke dir, mein liebes Kind, sagte die Mutter mit einiger Rhrung,
denn sie freute sich, da ein Lieblingsplan von ihr zur Wahrheit
geworden war, und fhlte doch auch dabei, da Melanie noch irgend etwas
auf dem Herzen hatte, das nicht so ganz mit diesem Ja bereinstimmte,
ihr also dadurch vielleicht ein Opfer brachte. Sie htete sich aber
wohl, danach zu fragen, denn sie frchtete und hate jede Aufregung. Die
Hauptsache war berdies erledigt, und alles andere konnte nicht weiter
in Betracht kommen.

Meinst du da nicht vielleicht, setzte sie nach einer kleinen Pause
hinzu, da wir dem armen Grafen ein paar Zeilen schreiben sollen, um
ihn aus seiner Ungewiheit zu reien?

Nein, ja nicht! bat Melanie rasch.

Ich meine nicht eine bestimmte Zusage; nur ein paar freundliche
Worte, die ihm Hoffnung machen und seine Rckkehr zu uns vielleicht
beschleunigen -- wenn er sich berdies nicht schon genug beeilt, um
seine Geschfte zu beenden.

Nein, Mama -- bitte, nein! Ich kann ihm nicht schreiben, ehe er selber
bei mir um meine Hand geworben hat, und -- ich mchte auch weiter keine
Vermittlung in einer so wichtigen Sache haben. Er hat sich selber diese
Frist gestellt, wir drfen sie auf keinen Fall krzen.

Du hast recht, sagte die Exzellenz, das she am Ende gar aus, als ob
wir es nicht erwarten knnten. Uebrigens scheint er fast einen Brief zu
erhoffen, denn er hat mir seine Adresse in Petersburg dagelassen.

Kehrt er zurck, sagte Melanie, so ist es frh genug, und ich selber
brauche die Zeit, mich zu sammeln und -- darauf vorzubereiten. Es ist
ein wichtiger Schritt, den ich zu tun gedenke -- ein Schritt, von dem es
keinen Rckweg gibt. La mir, liebe Mutter, die mir dazu gegnnte
Zeit ungeschmlert, damit ich mich nicht vorher schon als gebunden zu
betrachten brauche -- versprich mir das.

Von Herzen gern, liebes Kind; guter Gott, die kurze Zeit wird berdies
so rasch verlaufen, da man am Ende gar nicht wei, wo sie geblieben
ist, und ich habe noch so erstaunlich viel zu tun! Jetzt mach' mir aber
auch kein so trauriges Gesicht mehr; das ist kein Gesicht, wie es sich
fr ein glckliches Brutchen schickt. Apropos, ich habe der Rosalie
zu ihrem Geburtstage heute Gesellschaft gebeten -- ihre gewhnlichen
Spielkameraden und Freundinnen aus der Tanzstunde. Komm spter ein wenig
zu uns hinber, das wird dich zerstreuen.

Wei Papa darum? fragte Melanie, ihre Augen zu der Mutter hebend.

Um die Kindergesellschaft? -- Ja, so, du meinst Selikoffs Antrag? --
Nein, er war nicht zu Hause. Es wird ihm nicht so ganz recht sein; ich
wei, er hat sich zu deinem Gatten einen andern ausgedacht, aber er
schtzt den jungen Russen doch auch sehr; er wei, wie gern ihn der
Frst hat, und ist auerdem ein viel zu guter Vater, als da er deinem
Willen Zwang antun sollte. Also beruhige dich darber nur vollkommen;
ein Einspruch von seiner Seite ist nicht zu befrchten. -- Aber ich
sitze hier und schwatze und schwatze, und drben warten eine Menge
Geschfte auf mich. Also adieu, meine liebe Melanie, adieu. Sei wieder
freundlich -- nicht so ernst, mein liebes -- glckliches Brutchen!
Und die Tochter umarmend und kssend, nickte sie ihr noch einmal zu und
verlie dann rasch das Zimmer.




22.


Herr von Zhbig hatte in diesem Morgen auerordentlich lange geschlafen,
um sich von den gehabten Strapazen gehrig auszuruhen, war dann in sein
Bureau gegangen, um die ntigen und laufenden Geschfte zu ordnen, und
schlenderte danach langsam einem Frhstckskeller zu, eine Erfrischung
einzunehmen.

Es war das ein Platz, der ausschlielich von der Hautevolee besucht
wurde -- Herr von Zhbig wre auch sonst nicht hingegangen. Besonders
fanden sich die Kavallerieoffiziere gern hier des Morgens zusammen, und
der Intendant hatte viele Freunde unter dem Militr, dem einst selber
angehrt zu haben sein Stolz war.

Das hchst elegant eingerichtete Lokal wurde selbst den Tag ber von
Gasflammen erhellt, da Tageslicht nie hineindringen konnte; weiche
Plschsofas zogen sich an den Seiten hin, und kleine, durch schwere
Gardinen abgeschiedene Rumlichkeiten bildeten traulich gemtliche
Pltzchen, in denen sich ein paar Zecher hbsch abgesondert von den
brigen halten konnten.

Von Zhbig war aber gesellschaftlicher Natur; er gehrte zu den
Persnlichkeiten, die ein stilles, zurckgezogenes Familienleben nur dem
Namen nach kennen -- wenigstens davon gehrt hatten, wenn sie auch nicht
daran glaubten, und eigentlich nur, wie der Jger sagt, in Rudeln
gefunden werden. Morgens war er in seinem Bureau oder auf der Promenade,
bei schlechtem Wetter im Caf oder Delikatessenkeller, nachmittags hier
und da mit Freunden zusammen, und abends im Theater oder beim Whist.
Aus diesem Grunde verschmhte er auch die kleinen abgeschiedenen
Lokale, nannte sie Gefangenzellen und protegierte den langen
Gesellschaftstisch, an dem er hoffen durfte, mit Gleichgesinnten
zusammen zu treffen.

Heute hatte er brigens dazu eine ungnstige Zeit gewhlt. Es war noch
frh oder schon zu spt fr die gewhnlichen Gste, und von Zhbig
befand sich hinter einem Glas altem Madeira und einem Teller mit Kaviar
ganz allein und keineswegs so gemtlich, wie er es erwartet haben
mochte. Vergebens hatte er auch, in einer Art von Instinkt, dann und
wann nach den Fenstern geschaut, ob nicht etwa Ankmmlinge sein Los
erleichtern wollten. Die Fenster waren nmlich blo Imitationen
von wirklichen, tatschlichen Lichtverbreitern; sie bestanden aus
Spiegelglas und warfen ihm stets nur sein eigenes unzufriedenes Bild
zurck.

Garcon! rief Herr von Zhbig.

Zu Befehl, Ew. Gnaden.

Der Madeira ist heute abominabel -- der mu auf einem Heringsfa
gelegen haben.

Bitte tausendmal um Verzeihung, Ew. Gnaden -- er hat in Flaschen
dreimal die Linie passiert.

So? -- in der Tat? dann ist er oder ich jetzt an der andern Seite vom
Aequator -- aber Sie sprechen wahrscheinlich von dem Kaviar. Der
schmeckt wirklich so, als ob er dreimal die Linie passiert haben knnte.
Er ist ganz ranzig.

Der beste russische, der nur zu bekommen war.

Ein hartes Brtchen haben Sie mir auch dazu gegeben, und die Zitrone
hier hat wahrscheinlich eine gyptische Mumie einige tausend Jahre zur
Verzierung in der Hand gehalten. Mit solchen Waren ist es kein Wunder,
da die Gste ausbleiben, und ich scheine hier als letzter der Mohikaner
die Reste zu verzehren. Frchten Sie sich nicht, den Keller hier so
allein zu bewohnen?

Der Kellner lchelte verlegen, und Herr von Zhbig trank seinen Madeira
aus und schob das Glas von sich.

Geben Sie mir noch einen Schnitt, aber aus einer andern Flasche; ich
frchte, diese ist aus Versehen irgendwo zurckgeblieben, als ihre
Kameraden auf Reisen gingen.

Herr von Zhbig -- richtig wie ich gehofft, sagte in diesem Augenblick
eine feine Stimme, und durch die halbgeffnete Tr schaute das vergngte
Gesicht des Baron Silberglanz, whrend er jetzt ins Zimmer glitt und,
von dem Kellner untersttzt, Hut und Paletot ablegte.

Wirklich noch ein Mensch! rief der Intendant. Mein guter Baron,
Sie sind wohl auf einer Entdeckungsreise begriffen, mich, als einen
Verschollenen, irgendwo an den unwirtlichen Ufern des Eismeeres
aufzusuchen. Sie kommen zur rechten Zeit -- eine Hundeklte herrscht
berhaupt hier, und ich habe mich in Ermangelung eines Bessern die
letzte Zeit ber schon mit Fischeiern und Tran, welchen jener junge
scherzhafte Mensch Madeira nennt, ernhren mssen.

Ich habe Sie in der Tat gesucht, bester Intendant, sagte der Baron,
indem er sich neben Herrn von Zhbig niederlie. -- Garcon, mir auch
von diesen Fischeiern und Tran -- und war schon auf Ihrem Bureau, um Sie
dort zu finden.

Aus reiner Anhnglichkeit oder aus einem andern Grunde?

Beides -- zuerst wollte ich mich erkundigen, wie Ihnen die Fahrt
bekommen ist.

Vortrefflich, wie Sie sehen; ich habe sogar eine so robuste
Konstitution mitgebracht, da ich imstande bin, die Kost hier zu
vertragen. Darber also beruhigt, mit was kann kann ich Ihnen weiter
dienen?

Ja, mein bester Herr von Zhbig -- Sie -- Sie wissen doch, da ich
Sie schon frher gebeten hatte, mir sicher fr die neue Oper eine Loge
reservieren zu lassen?

Allerdings.

Das wollte ich Ihnen gern noch einmal ans Herz legen, da Sie es ja
nicht vergen. Ich habe es einer befreundeten Familie fest versprochen
und mchte nicht wortbrchig werden.

Das ist allerdings viel Aufopferung, versicherte Herr von Zhbig, da
Sie sich, nur um ein Versprechen zu halten, dem hiesigen Madeira und
Kaviar aussetzen. Weiter war es nichts?

Weiter? -- nein -- nicht da ich wte -- Ihre Gesellschaft allerdings
ausgenommen -- von Zhbig verbeugte sich leicht und lchelnd. Allein
schmeckt mir der Wein auch nicht, fuhr der Baron fort, und es plaudert
sich am besten zu zweien. Apropos, haben Sie auf Ihrer letzten Reise
einige Jagden mitgemacht?

Nein, Sie wissen ja, ich hatte keine Zeit dazu.

Sonst -- haben Sie keine Bekannten unterwegs getroffen?

Sonst? -- ah so, Sie meinen auer dem Monsieur Bertrand und seiner
schnen Frau, erwiderte Herr von Zhbig, und ein eigenes Lcheln zuckte
um seine Lippen. Er wute jetzt, wo hinaus sein teilnehmender Freund
wollte, und mit einigem trocknen Humor, den er besa, fhlte er sich
gerade in der Stimmung, ein halb Stndchen Zeit damit zu tten, Herrn
von Silberglanz ein wenig zu dupieren. Er konnte ihn auerdem nicht
leiden -- vielleicht nur weil ihn Frau von Zhbig protegierte
-- vielleicht, weil er im stillen den neugebackenen Adel mit
Geringschtzung betrachtete. Viele, sehr viele der Hautevolee, Herr von
Zhbig nicht ausgenommen, wrden sich auch wenig um den jungen Baron
mit seinem unangenehm eitlen Wesen gekmmert und ihn vollstndig links
liegen gelassen haben, wenn -- sie ihn eben htten entbehren knnen.
Herr von Silberglanz war aber sehr reich und gegen den hohen Adel --
zu dem zu gehren er den grten Stolz fhlte -- sehr liberal, und die
Konsequenz daraus ist leicht zu ziehen.

Herr von Zhbig brauchte ebenfalls sehr hufig Geld, und je nachdem
dieses Bedrfnis stieg oder sank, stieg und sank auch zugleich sein
Freundschaftsthermometer fr den Baron. Ganz fallen lassen konnte er ihn
aber nie, und unter vier Augen oder im kleinen Familienkreise war er die
Herzlichkeit selber; ffentlich jedoch machte er keinen Staat mit ihm
und vermied ihn, wo es nur irgend schicklicherweise geschehen konnte.

Nein, lieber Freund, setzte von Zhbig deshalb, wie sich besinnend,
hinzu, nicht da ich wte. Keinesfalls irgend eine hervorragende
Persnlichkeit, fr die Sie sich besonders interessieren wrden.

Eigene Sache das, mit jenem Monsieur Bertrand und seiner Frau! sagte
Silberglanz nach einer kleinen Pause, in der er an seinem Madeira
langsam gesogen.

Hchst eigen, in der Tat! erwiderte von Zhbig, seinem Beispiele
folgend.

Da sich der Mann zu einer solchen Rolle hergibt!

Er wird es bald satt bekommen.

Und die Frau?

Hat es schon lange satt.

Glauben Sie wirklich?

Lieber Silberglanz, von glauben kann keine Rede mehr sein, wenn es
einem mit drren Worten gesagt wird.

Aber das erwhnten Sie doch nicht?

Weil ich vor meiner Frau von jener Georgine so wenig wie mglich
sprechen wollte, denn das arme Kind ist fabelhaft eiferschtig und oft
ohne den geringsten Grund; wahrhaftig, Baron, ohne den geringsten Grund.
Apropos, Silberglanz, Sie Schelm Sie! ich habe ja gar nicht gewut, da
Sie in so genauer Verbindung mit der Bertrand gestanden haben.

Ich, lieber Zhbig? Bitte, sprechen Sie nicht so laut, der Kellner da
drben spitzt die Ohren schon, das -- war auch gar nicht der Fall.

Bst, bst, Mnnchen, keine Flausen! drohte ihm von Zhbig lchelnd mit
dem Finger, wenn eine Frau einmal das eingesteht, was mir die schne
Georgine eingestanden hat, da ist's nachher nicht mehr richtig, und mir
machen Sie in der Hinsicht nichts mehr weis. Aber was geht's mich an!
das ist eine Sache, die jeder mit sich selber auszumachen hat, und ich
wre der letzte, der Sie deshalb tadelte.

Aber was hat sie Ihnen nur gesagt? flsterte der Baron, dem jetzt
selber daran lag, etwas zu erfahren, von dem er fast berzeugt war,
da es ein Miverstndnis sein msse, htte ihn von Zhbigs Ruhe und
Sicherheit nicht wieder irre gemacht. Was kann sie Ihnen um Gottes
willen gestanden haben?

Da sie sich unglcklich in dem Verhltnis fhle, und da ihr ein
Freund fehle! flsterte von Zhbig.

Ein Freund?

Ja -- noch einer, sagte der Intendant. Zwei hat sie, die scheinen ihr
aber noch nicht genug zu sein -- sie sagte, sie mte jemanden haben,
der es ehrlich mit ihr meinte.

Ehrlich?

Nun, das sind die Redensarten.

Aber was habe ich damit zu tun?

Sie sagte mir ferner, fuhr von Zhbig fort, da sie hier in der
Residenz eine Bekanntschaft gemacht habe -- aber Verhltnisse wren
damals strend dazwischen getreten -- sie nannte keinen Namen, aber sie
versicherte mir, das sei ein Ehrenmann gewesen.

Da war ja aber von mir noch immer keine Rede.

So? aber kurz vorher hatte sie mich gefragt, ob ich einen gewissen
Baron von Silberglanz in der Residenz kenne, und als ich es bejahte und
ihr versicherte, da er zu meinen speziellen Freunden gehre, wurde sie
so rot, wie Blut nur machen kann.

In der Tat?

Und als ich fortging und uns ihr -- Mann einen Augenblick verlassen
hatte, trug sie mir wohl keinen Gru an Sie auf, he? und hat mir wohl
nicht dabei freundlich gesagt, ich mchte den Namen ihres stillen
Aufenthalts Schildheim nicht vergessen?

Hat sie das in der Tat? sagte von Silberglanz, und wie in Gedanken
leerte er sein Glas Madeira und schlug mit dem Messer daran, es von dem
herbeischnellenden Garcon wieder fllen zu lassen.

Ich denke doch, sagte von Zhbig, als der Kellner mit dem Glase durch
die Bfettr verschwunden war, da eine Dame eigentlich nicht gut mehr
zu verstehen geben knnte.

Baron von Silberglanz schttelte lchelnd mit dem Kopfe. Und doch haben
Sie die Donna falsch verstanden, sagte er, sie hat mich auf keinen
Fall damit gemeint -- wahrscheinlich den Grafen selber. Sie wei, da
Sie mit ihm befreundet sind, und wnscht, allem Vermuten nach, ihn auf
eine feine Weise wissen zu lassen, da sie -- eben Langeweile hat.

Lieber Freund!

Ich gebe Ihnen mein Wort, nicht anders. Und wenn's wirklich anders
wre, was hilfe es mir. Jener Ort -- Schildheim nannten Sie ihn?

Jawohl.

Nun ja, jener Ort liegt Gott wei wie weit von hier entfernt -- im
Mecklenburgischen, nicht wahr?

Allerdings.

Nun sehen Sie, und vielleicht weit von einer Eisenbahn?

Etwa sechs Stunden zu fahren.

Entsetzlich -- aber das ist ja kaum mglich. Da irren Sie sich, lieber
Zhbig. In letzter Zeit sind mehrere Eisenbahnen dort gebaut, da man
wohl kaum sechs Stunden von einem Gleis zum andern hat. Sechs Stunden
vielleicht zu gehen.

Bitte um Verzeihung; zu fahren.

Wie heit denn die nchste Station?

Kolbendorf, erwiderte von Zhbig, und mute sich Mhe geben, das
Lcheln zu verbergen, das ihm wider Willen um die Lippen zuckte.
Er durfte natrlich nicht merken, da von Silberglanz alle ntigen
geographischen Kenntnisse unter der Hand zu sammeln wnsche.

Lauter fremde Namen, sagte der Baron gleichgltig. Ja, wenn der Ort
auf meinem Wege nach Paris lge, machte ich vielleicht des Spaes halber
auf der Hin- oder Rckreise einen Abstecher da hinber.

Wollen Sie nach Paris, Baron?

Ich mu dahin -- in Geschften fr meinen Papa, den alten Baron. Die
Zeit ist aber noch nicht bestimmt und hngt eben von Umstnden ab.
Wahrscheinlich werde ich den Rest des Winters dort zubringen.

Ach, da beneide ich Sie; wer da mit knnte! seufzte von Zhbig, indem
er von seinem Sitze aufstand und an sein Glas schlug.

Sie wollen schon fort?

Ja, ich werde nervs, wenn ich noch lnger hier in dem einsamen Keller
sitzen bleibe. Ich habe schon jetzt ein Gefhl, als ob wir durch irgend
einen tckischen Zufall verschttet wren und nun erst, nach einigen
tausend Jahren, bei gelegentlicher Bohrung eines Brunnens als
getrocknete Ueberreste eines vorsndflutlichen Menschengeschlechts
wieder an die freie Luft gebracht wrden. Hier, Garcon, fr Ihren
frischen Madeira und alten Kaviar der Sndenlohn -- das fr Sie, fr
schlechte Behandlung -- au revoir.

Danke untertnigst, lchelte der Kellner.

Aber so warten Sie doch nur einen Moment! rief von Silberglanz, seinen
Wein rasch austrinkend, ich begleite Sie.

Sehr wohl, sagte von Zhbig, dem daran nicht einmal besonders viel
lag; der Baron war aber bald an seiner Seite, und die beiden Mnner
stiegen zusammen die Kellertreppe hinauf, die sie wieder in Licht und
Sonnenschein und an die frische, wenn auch kalte Luft fhrte.

Als sie das Trottoir betraten, ritt ein Krassieroffizier im Schritt
vorber, ohne sie jedoch zu sehen. Er hielt den Zgel locker in der Hand
und sah ernst und schweigend, den Kopf weder rechts noch links drehend,
vor sich nieder.

Graf Geyerstein, flsterte der Baron seinem Begleiter zu, und als ob
der Graf seinen ausgesprochenen Namen gefhlt habe, denn die Klnge des
gelispelten Wortes konnten sein Ohr nicht erreichen, drehte er langsam
den Kopf nach ihnen um. Die beiden Herren lfteten die Hte; der Graf
erwiderte den Gru, indem er seinen Arm nur etwas hob, und ritt vorbei.

Wetter auch, sagte von Zhbig, wie bla und elend Geyerstein geworden
ist, seit ich ihn nicht gesehen habe! Ich htte ihn fast gar nicht
wiedererkannt.

Sehnsucht nach Urlaub vielleicht, schmunzelte Silberglanz. Es geht
doch nichts ber eine freie, ungebundene Existenz. Und seinen Arm
vertraulich in den von Zhbigs legend, wollte er mit ihm die breite
Hauptstrae hinaufschlendern. Daran lag aber diesem nichts.

Sie wollen dort hinauf? sagte er.

Wohin Sie gehen; die Richtung ist mir vollkommen gleichgltig. Bis zum
Diner habe ich weiter gar nichts vor.

Aber ich desto mehr, bester Freund, erwiderte der Intendant. Sie
haben recht, es geht nichts ber eine freie, ungebundene Existenz, ich
aber gehre mit zu jenen armen, geknechteten Menschenkindern, die nicht
einmal eine eigene Zeit besitzen. Ich mu noch einmal auf mein Bureau,
um einige Briefe zu beantworten.

Schn, dann begleite ich Sie wenigstens bis zur Tr, sagte der nicht
so leicht abzuschttelnde Silberglanz, und dagegen konnte Herr von
Zhbig nichts einwenden. Das Theater lag aber nur eine sehr kurze
Strecke von dort entfernt, und hier verabschiedete sich denn
wirklich der Baron, irgendwo auf der Promenade einen andern Bekannten
aufzutreiben, dem er sich in Ermangelung Zhbigs anhngen konnte.




23.


Wir haben Georg verlassen, als damals der alte Tobias auf seinen Befehl
aus dem Hofe gejagt wurde. Damit war er allerdings fr den Augenblick
den Burschen los; da dieser aber, ber die Behandlung wtend und
von Branntwein und Aerger aufgeregt, ins Dorf hinabgehen und dort sein
Geheimnis ausschreien wrde, lie sich voraussehen -- und was dann? Wie
unangenehm mute selbst hier auf dem Gute Georgs Stellung werden, wenn
die Bauern von Schildheim, ja, seine eigenen Knechte erfuhren, da
er unter einem angenommenen Namen hierher gekommen wre! und wie erst
sollte sich sein Verhltnis zu den benachbarten Gutsbesitzern stellen,
wenn aus dem Baron von Geyfeln der frhere Kunstreiter Monsieur Bertrand
wurde? Er selber htte sich vielleicht darber hinweggesetzt, aber wrde
Georgine dieses einsame Leben ertragen, wenn sie von da an nur auf ihre
eigene Familie angewiesen blieb?

Selbst der frhere Besuch von Zhbigs -- wenn auch seit der Zeit Wochen
vergangen waren -- kam ihm wieder ins Gedchtnis und zeigte ihm mehr
und mehr, da sein Geheimnis bald kein Geheimnis mehr bleiben wrde. Die
Bosheit des alten Possenreiers und der Zufall hatten sich in die
Hnde gearbeitet, und er sah mit recht bitteren, sorgenden Gefhlen der
Zukunft entgegen.

Vor allem mute er aber jetzt erfahren, was unten im Dorfe vorgefallen
sei oder noch geschehe, und er schickte deshalb den Verwalter mit
einem gleichgltigen Auftrage zum Sternenwirt hinunter. Dort sollte er
nebenbei anfragen, ob Mhler im Krug noch eingekehrt oder seinen Weg
gleich weiter gezogen sei.

Das abgemacht, setzte er sich hin und schrieb einen ausfhrlichen Brief
ber die Erlebnisse der letzten Wochen, besonders ber sein Begegnen
mit Herrn von Zhbig, an Wolf und sprach darin die Befrchtung aus, da
seine Stellung hier nicht lange mehr haltbar sein wrde; denn zogen
sich die benachbarten Gutsbesitzer von ihm zurck, so sah er voraus,
wie unglcklich sich Georgine fhlen und ihm das Leben dann auf jede Art
verbittern wrde. In dem Briefe teilte er aber auch dem Bruder mit, da
ihn Karl, der Neffe des Alten, heimlich verlassen habe und er jetzt fest
entschlossen sei, nach dem Vorhergegangenen, mge sich Georgine darber
gebrden, wie sie wolle, den alten Mhler selbst nicht wieder bei sich
aufzunehmen.

Den Brief sandte er durch einen besonderen Boten auf die nchste
Postexpedition, sagte aber Georginen noch nichts von dem Vorfalle mit
ihrem Vater. Da der Alte, wie es nicht anders sein konnte, das Geheimnis
Georgs ausgeplaudert hatte, so war es mehr als wahrscheinlich, da er
selber gar nicht beabsichtigte, zurckzukehren, und in dem Falle vermied
Georg eine fatale Errterung mit der berhaupt leicht reizbaren Frau.
Solange das umgangen werden konnte, sollte es geschehen.

Ungelegen kam ihm in dieser Zeit gerade eine kleine Reise, die er in
Geschften machen mute. Diese betraf aber seinen Getreideverkauf und
lie sich nicht lnger aufschieben, und die Abreise war schon auf den
nchsten Morgen angesetzt. Die Vorbereitungen dazu nahmen auch jetzt
seine Zeit in Anspruch, und damit beschftigt, suchte er das unangenehme
Gefhl zu bewltigen, das ihn immer und immer wieder beschleichen
wollte, wenn er an den letzten Auftritt mit dem alten Trunkenbold
zurckdachte.

Der Verwalter war indessen in das Dorf hinabgegangen und erfuhr dort
bald Mhlers letzte Erlebnisse in Schildheim. Ohne da er eine Frage
danach tat, erzhlte ihm der Wirt, wie der Schwiegervater vom Gute
heute nachmittag bei ihm vier Flaschen Wein mit dem faulen Tobias
getrunken und -- nicht bezahlt habe, und dann mit einem Bndel in
der Hand den Weg am See entlang marschiert sei. Er wollte dabei vom
Verwalter wissen, ob der Schwiegervater wiederkomme oder nicht; der
Verwalter beruhigte ihn indes darber, denn seines Wissens hatte Mhler
allerdings nur eine kleine Reise vor, von der er vielleicht schon in
zwei oder drei Tagen zurck wre. Vom Krug aus ging der Verwalter, ehe
er nach dem Gute zurckkehrte, am Bache hinauf. Er hatte dort in der
letzten Woche Weiden schneiden lassen und wollte sehen, was da noch
zu tun wre. Der Bach war durch die letzte milde Witterung ziemlich
angeschwollen. Das Wetter nderte sich aber; seit Mittag wurde die Luft
auffllig klter, und einzelne Flocken aus dem grauen Himmel verkndeten
einen Schneefall fr die Nacht. Der Verwalter schritt rasch am Bache
entlang, ohne sich lnger als irgend ntig an den einzelnen Stellen
aufzuhalten, und dort angelangt, wo das schmale Wasser eine scharfe
Biegung nach Norden machte, wollte er sich eben wenden und in gerader
Richtung wieder nach dem Gute hinaufschneiden, als seine Aufmerksamkeit
auf einen in seinem Wege liegenden Gegenstand gelenkt wurde. Es war ein
alter Hut, der dort, unter einem Weidenbaume auf der Wiese, etwa drei
oder vier Schritt vom Wasser entfernt, lag. Er blieb einen Augenblick
dabei stehen und drehte ihn mit dem Fue um; die fragliche Kopfbedeckung
sah aber so schbig und abgenutzt aus, da er sich nicht zu wundern
brauchte, wenn den der Eigentmer in Ekel fortgeworfen hatte -- eher
war es ein Rtsel, da er ihn noch so lange getragen. Die Schneeflocken
wurden auch schrfer, der Wind setzte mit grerer Hrte ein, und
seine Hnde in die Taschen schiebend, eilte er, so rasch er konnte, den
schtzenden Gebuden des Gutes wieder zu.

In der Nacht fiel ein tchtiger Schnee. Der Frster schickte allerdings
einen Boten aufs Gut, da er zwei Fchse stecken habe, und ob der Herr
Baron nicht herauskommen wolle, diese zu schieen; Georg aber hatte
seine Abreise auf neun Uhr festgestellt, und der Schlitten hielt zur
bestimmten Zeit vor der Tr.

Georg hatte mit seiner Frau schon am vorigen Abend seine Reise und die
Zeit seiner Abwesenheit besprochen. Als er an diesem Morgen von ihr
Abschied nehmen wollte, war sie gerade mit Ankleiden beschftigt und
lie sich nicht darin stren. Georg ging zu Josefinen hinber, um ihr
Adieu zu sagen. Die Kleine sa bei ihrer Erzieherin am Schreibtisch und
arbeitete fleiig. Der Vater nickte ihr freundlich zu und trat dann,
whrend Mademoiselle Adele aufstand, nher zum Tische.

Es tut mir leid, da ich Sie stre, Mademoiselle! bitte, behalten Sie
Ihren Platz -- aber ich werde drei oder vier Tage in Geschften abwesend
sein und wollte nur Josefinen Adieu sagen. Leider bin ich gerade in
der letzten Zeit gar zu sehr beschftigt gewesen, mich viel mit ihr
abzugeben. Sind Sie noch zufrieden mit ihr?

Recht sehr zufrieden, antwortete das junge Mdchen aus vollem Herzen.
Josefine ist ein braves Kind und macht mir viel, viel Freude; ich darf
das wohl in ihrem Beisein sagen.

Sie glauben nicht, Mademoiselle, wie groe Freude Sie mir mit dieser
Nachricht machen, und dir, Josefine, danke ich besonders dafr. Leid
hat es mir bis jetzt auch immer getan, da du so allein, ohne
Spielgefhrtin, besonders den langen Winter hier verbringen mutest, und
ich will dir jetzt zeigen, da ich auch dankbar fr dein gutes Betragen
sein kann. Sie werden bald noch einen Zgling bekommen, Mademoiselle.
Der Geistliche in Sostheim ist gestorben. Sie wissen, er war schon ein
Jahr Witwer und hat ein Tchterchen in Josefinens Alter hinterlassen.
Das arme kleine Wesen ist dort von der Gemeinde einer Familie zugeteilt
worden, in der es sich nicht wohl fhlt, sich nicht wohl fhlen kann.
Ich habe deshalb beschlossen, es zu mir zu nehmen und mit meinem Kinde
zu erziehen. Meine Frau ist allerdings noch nicht damit einverstanden
und glaubt vielleicht, da wir dadurch zu groe Verantwortlichkeit auf
uns nehmen. Sie wird sich aber leicht darein finden, wenn sie die liebe
kleine Marie erst kennen lernt.

Marie heit sie? rief Josefine rasch und errtend.

Ja, mein Kind.

Und ich will ihr gern, sagte Adele herzlich, die Mutter zu ersetzen
suchen, soweit das in meinen Krften steht. Ich glaube auch mit Ihnen,
Herr Baron, da solche Gesellschaft einen glcklichen und segensreichen
Einflu auf Ihre Tochter ausben wird -- nicht gerechnet das gute Werk,
das Sie an der verlassenen Waise ben.

Ich komme jetzt dort in die Nhe, fuhr Georg fort, und werde das
Kind wahrscheinlich gleich mitbringen. Haben Sie die Gte, alles
vorzubereiten, da es hier eine freundliche Heimat findet. Und du wirst
gut mit deiner neuen Schwester sein, Josefine?

O gewi, Papa, gewi, rief die Kleine, die Hnde zusammenschlagend,
ich freue mich so sehr -- so sehr auf die -- Marie!

So bleibe denn hbsch brav, bis ich wiederkomme, und folge der
Mademoiselle in allen Dingen. Sie meint es gut mit dir. Ich selber,
wandte er sich dann an die Erzieherin, werde in drei, sptestens
vier Tagen zurck sein, leben Sie wohl bis dahin. Und seiner Tochter
freundlich zunickend, verlie er das Zimmer.

Wird der Schlitten gehen?

Gewi, sagte der Kutscher, trotz dem Tauwetter ist doch noch alter
Schnee genug liegen geblieben, und heute nacht hat es eine tchtige
Partie frischen darauf geworfen. Jedenfalls geht es besser als der
Wagen.

Georg stieg ein und warf noch einen Blick nach den Fenstern hinauf.
Die Georginens waren verhngt, und Frulein Adeles Zimmer lag nach dem
Garten hinaus, aber sie war mit der Kleinen in die dem Hofe zunchst
liegende Stube gekommen, um den Vater abfahren zu sehen. Das Fenster
wurde geffnet, und Josefine bog sich heraus und winkte frhlich herab.
Der Vater grte hinauf, und der Schlitten klingelte lustig zum Tor
hinaus der breiten, weigedeckten Strae folgend, und zwar in der
entgegengesetzten Richtung von Schildheim fort.

Etwa eine Stunde vom Gute entfernt, begegnete der Schlitten einem
leichten Reisewagen. Ein einzelner Herr sa darin, aber so bis unter
die Augen in Pelz eingehllt, da man seine Zge nicht erkennen konnte.
Georg achtete auch nicht auf ihn, denn andere Dinge gingen ihm im Kopfe
herum, als sich um gleichgltige Reisende zu bekmmern. Der Fremde aber
bog sich, als er an ihm vorber war, rasch aus dem Wagen hinaus und sah
ihm nach, so lange er den Schlitten noch erkennen konnte, dann sich zu
seinem Kutscher wendend, sagte er: Kanntest du den Herrn, der da eben
an uns vorberfuhr?

Das war der Baron vom nchsten Gute Schildheim, erwiderte der Mann.
Vom Dorfe Schildheim, wohin ich Sie fahren soll, liegt es kaum zehn
Minuten oder ein Viertelstndchen entfernt. Sie wollten wohl den Herrn
Baron besuchen?

Nein, sagte der Fremde, berdies bleibe ich einen Tag in Schildheim,
und wenn ich ja noch hinbergehen wollte, ist er bis dahin jedenfalls
zurck. Er wird wohl nur auf die Jagd gefahren sein.

Die Sache interessierte den Kutscher zu wenig, und er antwortete nichts
darauf, hieb dagegen auf seine Tiere ein, um sobald wie mglich aus dem
ihm immer schrfer entgegenwehenden Nordwinde und in die warme Stube zu
kommen, wo er die Gewiheit eines Rasttages hatte. Die Pferde griffen
tchtig aus, und bald konnten sie von weitem die roten Dcher des
kleinen freundlichen Ortes und die weite Flche des Sees durch die Bume
herber schimmern sehen. Der Wagen rollte jetzt in dem flachen Tale hin,
und der Kutscher, nach links hinauf deutend, sagte: Da drben liegt das
Gut, das der Herr Baron gepachtet hat.

So? -- das ist Schildheim? sagte der Fremde mit groem Interesse,
also sind wir jetzt auch gleich im Dorfe?

Wird nicht mehr lange dauern -- da vorn liegt's schon, sagte der
Kutscher, und whrend er mit leisem Schnalzen die Peitsche schwang,
legten sich die Pferde von selber mehr in den Zug, als ob sie den ihrer
wartenden Hafer und den warmen Stall schon witterten. Es dauerte auch
nicht lange, so erreichten sie die ersten Auengebude, und bald darauf
hielt das leichte Fuhrwerk vor dem Stern, an dem sie der Wirt mit
abgezogenem Kppchen bewillkommnete und Gast wie Pferden vortreffliches
Unterkommen versprach. Zu gleicher Zeit kam von der andern Seite die
Briefpost durch das Dorf, hielt am Wirtshause, um die Briefe fr Dorf
und Gut abzugeben, und rasselte dann weiter. Ein Knecht aber, der um
diese Zeit immer vom Gute herabgeschickt wurde, etwa eingetroffene
Briefe und Zeitungen in Empfang zu nehmen, tat die erhaltenen Papiere in
einen hierzu bestimmten ledernen Beutel und wollte damit ungesumt nach
Hause zurckkehren, als er von jemandem angerufen wurde. Er drehte sich
nach der Stimme um und sah den Schulzen mit dem Mller und noch zwei
anderen Bauern, die ihm winkten und dann zu ihm herankamen.

Hr' einmal, Gottlieb, sagte der erstere, als sie nahe genug waren,
sich verstndlich zu machen, was habt Ihr denn gestern auf dem Gute mit
dem Tobias angefangen?

Wir? lachte der Knecht, an die Luft haben wir ihn gesetzt, wie es uns
der gndige Herr geheien!

Wieso, an die Luft gesetzt?

Nun, vors Tor gebracht und laufen lassen. Er war so betrunken, da er
kaum stehen konnte. Hat er uns verklagt?

Nein, das nicht, sagte der Schulze, habt Ihr ihm weiter nichts
zuleide getan?

Nicht das geringste, erwiderte der Knecht. Er schimpfte wohl und
rsonnierte in einem fort; aber was ist mit einem besoffenen Menschen
anzufangen?

Und was machte er, als Ihr ihn vor das Tor setztet?

Erst schimpfte er und wollte wieder zurck, dann aber, als wir ihm
drohten, drehte er sich um und torkelte seiner Wege. Wir haben uns nicht
weiter um ihn bekmmert.

Und der Baron auch nicht?

Der Baron?

Hat sich auch nicht weiter um ihn bekmmert?

Wird sich der mit dem betrunkenen Menschen einlassen! lachte der
Knecht. Was ist denn aber los, da ihr alle miteinander so lange
Gesichter schneidet?

Weiter nichts, sagte der Mller, als da mein Schwiegervater, seit
Ihr ihn oben aus dem Gute gejagt habt, nicht wieder, weder hier im Dorfe
noch irgendwo anders gesehen worden ist.

Und er wre die Nacht nicht nach Hause gekommen?

Mit keinem Schritt.

Und im Wirtshause ist er auch nicht gewesen?

Nein.

Dann ist er sicher unter irgend einem Baume umgefallen und
eingeschlafen, meinte der Knecht, aber jedenfalls htte ihn doch heute
morgen die Klte wecken mssen.

Wenn ihn die Klte die Nacht ber nicht umgebracht hat, sagte der
Schulze. Weshalb habt Ihr ihn denn vom Hofe gejagt?

Ich wei es nicht, erwiderte Gottlieb, er ist wohl unverschmt gegen
den gndigen Herrn gewesen, denn er war oben bei ihm im Zimmer und hatte
ein schrecklich groes Maul, wie uns der Baron hinaufrief; der war
aber ganz ruhig und befahl uns nur, wir sollten den Besoffenen vors Tor
bringen und nicht wieder ins Gut lassen.

Na, Mller, sagte der Schulze, wenn ihm wirklich etwas Menschliches
begegnet wre, knntet Ihr Euch trsten -- und das Dorf auch. Freude
htten wir an dem Tobias nicht mehr erlebt.

Das ist wohl wahr, sagte der Mller, und die Haare wrde ich mir
deshalb nicht ausraufen. Es bleibt aber doch immer meiner Frau Vater,
und da mir die Leute spter nachsagten -- wenn's auch nicht wahr wre
-- da ich ihn drauen auf der Strae htte liegen und umkommen lassen,
das knnt Ihr ebenfalls glauben.

Dann beruft Euch nur auf uns hier im Dorfe, Mller, beruhigte ihn der
Schulze. Ihr habt an dem faulen Strick getan, was kein anderer getan
htte, und braucht Euch wahrhaftig keine Gewissensbisse darber zu
machen. Jetzt wollen wir indessen einmal die Gemeinde aufbieten und
sehen, ob wir nicht herausbekommen knnen, was aus ihm geworden ist.
Weit kann er auf keinen Fall gestern mehr gelaufen sein, und ist ihm ein
Unglck passiert, so mssen wir ihn ganz in der Nhe finden.

Die Gemeinde wurde zusammengerufen; als Sammelplatz gab es natrlich
keinen andern und passenderen Ort als den Krug, und hier fllte sich
indessen auch die Gaststube mehr und mehr mit eintreffenden und eifrig
debattierenden Bauern. Sobald die Gemeinde vollzhlig war, wollte man
ausrcken. Der hatte aber noch dies, jener das zu Hause zu tun; andere
waren auf dem Felde drauen und muten erst hereingeholt werden, und die
Leute im Wirtshause konnten indessen ihre Zeit nicht besser verwerten,
als da sie Bier tranken und ihre Pfeifen in Brand hielten.

Das Gesprch drehte sich dabei natrlich ausschlielich um den faulen
Tobias, sein frheres und sein jetziges Leben, seine guten und seine
bsen Seiten, und man kam, trotz allen seinen Fehlern, doch zu dem
Resultat, da man wnschte, es mchte ihm kein Unglck geschehen sein.
-- Im stillen hoffte freilich doch ein jeder, da er nicht wieder zum
Vorschein kme, denn er war in der letzten Zeit dem Dorfe eine Last
geworden.

Eine volle Stunde war mit solchen Vorbereitungen vergangen, und noch
immer fehlten einige. Der Schulze aber erklrte, da sie jetzt nicht
lnger warten knnten, rief die Leute in der Stube zusammen und wollte
sie eben einteilen, wie sie nach verschiedenen Richtungen hin ausgehen
und ihnen angewiesene Distrikte absuchen sollten, als der Verwalter in
die Stube trat.

Hrt einmal, ihr Leute, redete dieser die Bauern an, wie mir eben der
Gottlieb sagt, vermit ihr den Mllers-Tobias seit gestern. Ist dem so?

Ja, Herr Verwalter, sagte der Schulze, wir wollen eben fort und ihn
suchen.

Dann geht vor allen Dingen einmal am Bache hinauf, sagte der
Verwalter, ihr wit, dort, wo das Wasser die scharfe Biegung macht und
die beiden Steine stehen, auf denen frher einmal eine hlzerne Bank
lag.

Ist er dort? riefen einige durcheinander.

Das wei ich nicht, sagte der Verwalter, aber als ich gestern abend
dort hinauf ging, um nach den Kopfweiden zu sehen, fand ich nicht weit
vom Ufer einen alten Hut, der recht gut dem Tobias gehrt haben kann.
Ich habe allerdings nichts weiter von ihm gesehen und mich gestern
abend, an keinen Unfall denkend, auch nicht lnger dort aufgehalten,
denn das Wetter war mir zu schlecht; aber ich frchte fast, wenn ihm
irgend etwas zugestoen ist, war's an der Stelle. Ist's euch recht, gehe
ich mit, und finden wir dort nichts, so knnt ihr euch ja nachher noch
immer einteilen und die Nachbarschaft ordentlich absuchen.

Gegen den Vorschlag lie sich nichts einwenden, gab er ihnen doch ein
bestimmtes Ziel, und die ganze Schar brach lrmend auf, den bezeichneten
und nicht sehr entfernten Platz, den sie alle recht gut kannten, sobald
als mglich zu erreichen. Als sie vor das Wirtshaus kamen, sahen sie
einen fremden Herrn, der allein den Weg zum Gute einschlug.

Wer ist das, Verwalter? fragte diesen der Schulze.

Ich wei es nicht, lautete die Antwort. Jedenfalls ein Fremder, der
den Baron zu sprechen wnscht -- da kommt er aber zu spt, denn der ist
heute morgen verreist.

Vielleicht ein Bekannter von der Herrschaft?

Mglich.

Er ist vor etwa einer Stunde aus dem Lande unten heraufgekommen, sagte
einer der Bauern, mu auch wohl etwas hier im Orte zu tun haben, denn
sein Kutscher sagt, da er einen Tag hier bleiben wolle.

Dann mte er aber ja unserm Herrn begegnet sein!

Vielleicht ein Getreidehndler -- die reisen jetzt im ganzen Lande
umher, das liebe Gut aufzukaufen, und wenn sie's uns um einen Spottpreis
abgeschwatzt haben, machen sie nachher ihre eigenen Preise und treiben's
in die Million 'nauf.

Aber die Leute hatten jetzt andere Dinge im Kopfe, als sich diesen
ber den Fremden zu zerbrechen. Rechtsab bogen sie von der Strae, dem
Wasserkurs aufwrts folgend, und whrend einige der jngeren Burschen
lange Stangen mit Haken trugen, den Bach damit auszufhlen, liefen
andere voraus, um den Hut wiederzufinden und sich damit der genauen
Stelle zu versichern, in deren Nachbarschaft sie den armen Teufel
vielleicht doch noch auf trockenem Boden antreffen konnten.

Mit dem Hute hatte es indessen einige Schwierigkeit. Der in der letzten
Nacht ziemlich dicht gefallene Schnee deckte alles mit seiner weichen,
ausgleichenden Masse, und so genau konnte der alte Verwalter die
Stelle ebenfalls nicht angeben, denn er erinnerte sich nur ungefhr des
Platzes. Whrend aber einige am Ufer auf und ab liefen und jeden Baum
untersuchten, klopften andere auf jede kleine Erhhung im Schnee und
stocherten sie auf, bis sie endlich wirklich den alten Hut fanden. Er
wurde von dem Mller augenblicklich als Tobias' Eigentum anerkannt, und
die Arbeiter begannen jetzt den Bach abwrts von dort mit den Stangen
nachzusuchen. Leider bewhrte sich hier, was der Mller gleich von
Anfang an gefrchtet. Gleich wo sie begannen, und der Stelle genau
gegenber, an welcher der Hut gelegen, trafen die eingeworfenen Stangen
auf die Leiche, die von einem Gegenstande unter Wasser festgehalten
wurde. Man mut sie mit einiger Gewalt ans Ufer ziehen, und dabei hob
sich ein alter Weidenast mit aus dem Wasser, der sich fest in den Rock
des Unglcklichen verwickelt hatte. Die Ursache seines Todes war deshalb
auch allen klar; er mute, jedenfalls im Trunke, hier den Weg verfehlt
haben und in das Wasser hineingetaumelt sein, dessen Ufer er doch wohl
wieder erreicht htte, wenn ihn eben nicht der zhe, elastische Zweig
daran verhinderte. Ueberdies seiner Sinne nicht mchtig und mit dem
geschwchten Krper, lie es sich leicht erklren, da er selbst in dem
schmalen und eben nicht tiefen Bache ertrinken konnte.

Die Mnner hoben die Leiche schweigend aufs Trockene, und einige der
mitgebrachten Seile quer zwischen die beiden Stangen bindend, machten
sie eine Art von Bahre daraus, auf der sie den alten Tobias ins Dorf und
in die Mhle hinabtrugen.




24.


Georgine war angekleidet und sa ber einen Brief brtend in ihrer
Stube, deren Riegel sie vorgeschoben hatte. Wieder und wieder las sie
das Schreiben durch, und dann, als ob ihr der Inhalt keine Ruhe
lasse, sprang sie auf und ging mit festverschrnkten Armen und raschen
Schritten in dem Gemache auf und ab.

Und wer knnte mich tadeln, wenn ich meinem Willen folgte? murmelte
sie dabei leise vor sich hin. Liebt das gefangene Tier nicht seine
Freiheit und sucht sie wieder zu erlangen, wie viel mehr denn der
Mensch, dem die Natur nicht umsonst den khnen Geist gegeben! -- Und bin
ich weniger als eine Gefangene in diesem den, abgelegenen Hause,
das ich nur wie der an einen Faden gebundene Vogel verlassen darf, um
hierher zurckzukehren, wenn es meinem Herrn gefllt, mich wieder an
dem Faden einzuziehen? Gift und Tod! zrnte sie, und die dunklen Augen
sprhten Feuer, die Lippen preten sich zusammen, und der kleine Fu
stampfte ungeduldig, wild den Boden.

Und jetzt gerade -- jetzt kommt der Brief, wo Georg -- und ich kann
nicht fort. Ohne Geld -- ohne Pa, eine Frau allein mit ihrem Kinde. An
den Stben darf ich rtteln, an den Stben, die mich halten, und meinem
Zorn darf ich Luft machen, heimlich -- heimlich, da es niemand hrt,
und das ist Georgine -- das ist die khne Reiterin -- das ist die Frau,
die ihr Schicksal nur deshalb an diesen Georg Bertrand fesselte, weil er
noch khner war als sie, und die sich jetzt von ihm an den Pflug spannen
lt, den Acker fr das tgliche Brot als Buerin zu lockern. Ein
leises Klopfen an der Tr unterbrach sie, und rasch den Kopf danach
umdrehend, rief sie: Wer ist da?

Ich bin's, sagte die Wirtschafterin, und zu gleicher Zeit versuchte
eine Hand die Tr zu ffnen, was jedoch der vorgeschobene Riegel
verhinderte.

Was wollen Sie?

Ein fremder Herr ist da, lautete die Antwort, der erst nach dem Herrn
Baron gefragt hat und dann die Frau Baronin zu sprechen wnschte. Er hat
mir seine Karte gegeben, und ich habe ihn so lange in das Besuchszimmer
gefhrt, aber es ist dort nicht eingeheizt.

Georgine ging zur Tr, schob den Riegel zurck und nahm die Karte, die
sie leise las: Baron Hugo von Silberglanz?

In des Herrn Barons Zimmer ist es noch warm, fuhr dabei die
Wirtschafterin fort, aber da hinein durfte ich ihn ja doch nicht
bringen, denn da liegen immer so viele Papiere herum, und der Herr Baron
hat's auch nicht gern.

Nein -- versteht sich, sagte Georgine, die Karte noch immer
kopfschttelnd in der Hand, schicken Sie mir doch das Mdchen, da es
hier ein wenig aufrumt, und gehen Sie dann zu dem fremden Herrn hinber
und bitten ihn, ein wenig zu verziehen -- nachher bringen -- Sie ihn
hier in mein Zimmer.

Soll gleich besorgt werden, gndige Frau, sagte die Wirtschafterin,
indem sie geschftig nach ihrem Schlsselbund griff, und doch wohl ein
bichen Frhstck besorgen, wenn es ein alter Bekannter ist?

Frhstck? -- ich wei es nicht -- warten Sie damit, bis ich klingeln
und danach verlangen werde -- ich kenne den Herrn gar nicht.

Die Wirtschafterin ging, und Georgine blieb in einem eigenen Zustande
von Zweifel und Staunen zurck.

Baron Silberglanz? sagte sie leise, ist das nicht derselbe fade
Mensch, der mich in *** mit seinem zudringlichen Wesen verfolgte, und
was htte den hierher zu uns gefhrt? Soviel ich wei, kennt ihn Georg
gar nicht -- und sollte er mich suchen? aber woher wte er, da ich
hier bin? -- Ha, vielleicht ist er ein Bekannter des Grafen Geyerstein
und bringt Auftrge oder Briefe von ihm. -- Geyerstein, sagte sie,
sich auf ihr Sofa werfend und den Kopf in die Hand sttzend, dieser
rtselhafte Mensch -- ernst und kalt in seinem ganzen Aeuern, und doch
so herzlich gegen Georg. Und sollten die beiden wirklich -- doch welchen
Grund knnten sie haben, es mir zu verheimlichen -- mir, der Frau des
einen -- aber in welcher Verbindung stehen sie dann zusammen?

Das Hausmdchen kam herein, rumte die Stube auf und verlie das Zimmer
wieder, whrend Georgine ihren Gedanken nachhing, bis sie durch Stimmen
auf dem Gange zu sich selber gebracht wurde. Es war der Fremde, den ihr
die Haushlterin zufhrte.

Bitte, treten Sie nur hier ein, Herr Baron; die gndige Frau erwarten
Sie schon.

Danke, liebe Frau, sagte der Fremde, ich finde mich jetzt schon
zurecht. Und er klopfte leise an die Tr.

Herein!

Die Tr ffnete sich, eine elegant gekleidete, sehr schmchtige Gestalt,
die den Paletot schon drauen abgelegt hatte, glitt herein und schlo
sie augenblicklich wieder, und die feine, schwchliche Stimme des
zierlichen Mnnchens sagte: So habe ich mich nicht geirrt -- Glck ist
heute meinen Augen widerfahren, denn sie drfen die holde Georgine, die
Knigin der Amazonen, wieder schauen. Gndige Frau, ich lege mich nicht
nur in der leeren Phrase Ihnen zu Fen -- und den Worten die Tat
folgen lassend, hpfte er auf Georgine zu, ergriff ihre Hand, die er
an das zierliche Schnurrbrtchen drckte, und lie sich vor ihr auf ein
Knie nieder.

Herr von Silberglanz! sagte Georgine, die ihn jedoch mit der noch
immer gehaltenen Hand emporhob, das ist in der Tat eine Ueberraschung
-- aber bitte -- Sie vergessen, da wir hier nicht in der Residenz,
sondern auf dem Lande sind, und Sie es auerdem nicht mit der holden
Georgine, sondern mit der Pachtersfrau, Baronin von Geyfeln, zu tun
haben. Ich bedaure brigens, da Sie meinen Mann nicht zu Hause treffen,
dem doch jedenfalls Ihr Besuch gilt.

Soll ich aufrichtig gegen Sie sein, schne Frau, sagte Herr von
Silberglanz, indem er aufstand, sich sein rechtes Knie mit dem Hute
abwischte und den angebotenen Stuhl neben Georginen einnahm, ohne jedoch
ihre noch immer gefate Hand loszulassen, wollen Sie mein ganzes Herz
offen, ohne ein Fnkchen Falschheit vor sich ausgelegt haben?

Ich bin kein Anatom, bester Baron, sagte Georgine, ihm ihre Hand
langsam entziehend, und doch wre es vielleicht von Interesse, setzte
sie lchelnd hinzu, einmal das Herz eines so vollstndig zivilisierten
Herrn genau studieren zu knnen, wenn man nur eben auch wte, da man
nicht angefhrt wrde.

Gttliche Frau...

Ich bitte Sie ernstlich, keine dieser berschwenglichen Anreden mehr,
wenn Sie wollen, da ich Ihnen lnger zuhren soll. Sie wissen, da ich
jetzt in anderen Verhltnissen lebe -- also, was wnschten Sie mir zu
sagen?

Teuerste -- gndige Frau, sagte Herr von Silberglanz bestrzt, Sie
werfen mich nicht allein aus der siebenten Etage aller meiner Himmel,
nein, von einem ordentlichen Turme hinunter. Ich kam mit so frhlichem
Herzen...

Das zu verlieren Sie bis jetzt noch keine Ursache gehabt haben.

Sie geben mir neue Hoffnung! rief von Silberglanz belebt. So hren
Sie denn -- aber verraten Sie mich nicht -- da ich keineswegs Ihres
Gatten wegen -- den ich gar nicht die Ehre habe, persnlich zu kennen,
sondern nur allein Ihretwegen hierher gekommen bin.

Meinetwegen? rief Georgine, mit Recht erstaunt. Woher wuten Sie
berhaupt, da Sie mich hier treffen wrden?

Durch Herrn von Zhbig, den Sie hier gastlich aufgenommen.

Ich dachte mir, da der Herr nicht wrde schweigen knnen.

Er wre mehr als grausam gewesen, htte er es getan. Aber er sagte uns
mehr -- er sagte uns, da Sie sich, holde Frau, nicht glcklich in Ihren
neuen Verhltnissen fhlen, und da -- brach mir das Herz, da konnte ich
nicht widerstehen, ich mute Sie aufsuchen, mute das selber von Ihren
Lippen hren, und Ihnen meine Hilfe anbieten -- im Falle Sie dieselbe
gebrauchen wollten.

Aber woher wute Herr von Zhbig etwas derartiges? fragte Georgine
erstaunt, ich habe mit dem Herrn nur im Beisein meines Mannes
gesprochen, und keine derartige Klage ist ber meine Lippen gekommen.

Und mu dem Menschenkenner nur alles mit drren Worten gesagt werden?
fuhr Herr von Silberglanz fort, gengt nicht oft ein unbewachter Blick,
ein halb unterdrckter Seufzer, selbst eine verzgerte Antwort auf eine
dahinzielende Frage?

Also aus reiner Teilnahme fr mich sind Sie gekommen? lchelte
Georgine. Und wre Herr von Silberglanz wirklich solch ein
Menschenkenner gewesen, wie er eben beschrieb, er htte das halb
hhnische Lcheln, das um die Lippen der jungen Frau spielte, verstehen
mssen und nicht zu seinen Gunsten deuten knnen. So aber fuhr er mit
seiner sesten Stimme fort: Nur Ihretwegen, holde Georgine, die ganze
Reise; nur deshalb, um von Ihren Lippen die Besttigung zu hren und
Ihnen meine Hilfe anzubieten oder das Gegenteil zu erfahren und -- selig
in dem Bewutsein, Sie glcklich zu wissen -- wieder heimzufahren.

Und wie glauben Sie, da mein Mann eine solche Einmischung in seine
Rechte aufnehmen mchte? sagte Georgine, die indessen aufgestanden
war und die Tr geffnet hatte, um sich zu berzeugen, da die
Wirtschafterin nicht mehr drauen stehe -- aber der Gang war leer, und
sie nahm ihren Platz wieder ein.

Er ist verreist -- ich bin ihm unterwegs begegnet, erwiderte Herr von
Silberglanz rasch, er wird sogar, wie ich unten im Dorfe hrte, vor
drei, vier Tagen nicht wieder zurckkehren.

Das ist allerdings so und hat sich zufllig getroffen. Sie aber muten
doch darauf rechnen, ihn hier zu treffen.

Ich habe Glck, gndige Frau, schmunzelte Herr von Silberglanz,
wirklich ganz schmhliches Glck, bei allem, was ich angreife, darauf
verla ich mich stets, und es hat mich noch nie betrogen. Auerdem kennt
mich Ihr Herr Gemahl gar nicht persnlich, denn wenn ich Sie in ***
aufsuchte, wute ich es immer so einzurichten, da er abwesend war. Aber
es htte auch nichts gemacht, wenn ich ihn wirklich zu Hause fand. Um
irgend eine Ausrede wre ich nicht verlegen gewesen; konnte ich mich
doch den ganzen Weg hierher darauf vorbereiten, und einmal htte
sich schon die Gelegenheit geboten, Sie allein zu sprechen; ich wre
wenigstens nicht eher wieder fortgegangen. So aber half mir mein altes
Glck, und Sie knnen mir ungestrt Ihr Herz ausschtten.

Und wenn ich Ihnen nun einfach sage, da sich jener Herr von Zhbig
vollstndig geirrt?

Dann glaube ich es Ihnen nicht! rief von Silberglanz schnell. Ihr
bleiches Antlitz, das sonst in Jugendfrische und Gesundheit gertet war,
sagt Nein. Ihre matten Augen, der wehmtige, schmerzkndende Zug um den
Mund, das alles spricht lauter, als Sie es selbst besttigen knnten,
fr meine Behauptung, und wollen Sie jetzt noch leugnen, da ich recht
habe?

Und wenn Sie recht htten, sagte Georgine bitter, was knnten Sie mir
helfen?

Was ich Ihnen helfen knnte? rief Silberglanz erstaunt, ich liebe Sie
-- sehen Sie mich nicht so finster an, gttliches Weib -- ich bin rein
toll vor Liebe, sage ich Ihnen -- nicht ruhen und schlafen habe ich
knnen, als ich gehrt habe, Sie wren unglcklich -- keinen Frieden
hat's mir gelassen, bis ich im Wagen sa und zu Ihnen durfte. Und was
ich Ihnen helfen kann? -- ich habe Geld -- ich bin reich -- mit Geld ist
alles zu machen in der Welt. -- Was wollen Sie mehr?

Georgine wandte den Kopf von ihm ab und bi ihre Unterlippe; ihr Stolz
emprte sich gegen die Liebeswerbung dieses Menschen, und doch mute
gerade er -- gerade jetzt, in diesem Augenblick ihr nahen, wo ihre
Fesseln sie rger drckten als je. Sie fhlte dabei, da sie ihrer
Bewegung nicht lnger Meister war -- sie mute Zeit gewinnen, und
aufstehend ging sie zur Tr und zog die Glocke.

Was wollen Sie tun? rief Herr von Silberglanz erschreckt, denn
ein hnliches Glockenzeichen in solchem Moment bildete eine von den
Erinnerungen seines Lebens, bei denen er gerade nicht mit Vorliebe
weilte.

Sie sind so weit gefahren, antwortete Georgine ruhig, ich kann Sie
doch nicht ohne Frhstck lassen.

Aber ich gebe Ihnen mein Wort...

Es ist alles vorbereitet -- ich danke Ihnen vorderhand fr Ihr
freundliches Anerbieten -- lassen Sie mir Zeit, darber nachzudenken.

Aber wenn Monsieur Bertrand zurckkehren sollte?

Sie meinen den Baron von Geyfeln?

Ja -- gewi -- versteht sich -- wenn der Baron zurckkehren sollte?

Sie sind ja um keine Ausrede verlegen, lchelte Georgine. Frhstck
fr den Herrn, sagte sie dann laut, als die Wirtschafterin die
Zimmertr ffnete, aber was ist denn, Sibylle, Sie haben ja geweint?

Ach, denken Sie sich nur das Unglck, gndige Frau, sagte die Alte,
sich die Trnen trocknend, den armen Tobias unten im Dorfe haben
sie eben aus dem Bache gefischt, in den er gestern abend gefallen und
ertrunken ist.

Den Tobias? Wer war das?

Ach, es war wohl ein leichtfertiger, alter Mensch, der sich den bsen
Trunk angewhnt hatte und nicht davon lassen wollte, und wenn man's
recht bedenkt, ist es vielleicht ein Glck fr ihn und uns alle, da ihn
der liebe Herrgott zu sich genommen hat; wenn es nur nicht auf eine
gar traurige Weise geschehen wre. Und dann waren wir doch miteinander
Geschwisterkinder, und gestern noch hat ihn der gndige Herr aus dem
Hofe schaffen lassen, weil er im Trunke heraufgekommen war und sich wohl
unanstndig oder unehrerbietig betragen hatte.

Das tut mir leid, Sibylle, sagte Georgine, jetzt aber seien Sie so
gut und schicken Sie das Frhstck fr den Herrn herauf -- Sie haben
doch das blaue Zimmer heizen lassen?

Ach du mein Himmel, das habe ich in dem Schreck ganz vergessen!

Dann mssen Sie es hier hereinschaffen. In die eiskalte Stube knnen
wir den Herrn nicht fhren.

Soll gleich alles besorgt werden! rief Sibylle, die in dem Augenblick
selbst den armen Tobias ber das Frhstck verga. Im nchsten scho
sie auch schon wieder den Gang entlang, und Herr von Silberglanz
atmete freier. Vergebens suchte er aber das Gesprch auf den frheren
Gegenstand zurckzulenken; Georgine wich ihm entschieden aus, und bald
wurden drauen wieder Schritte laut, denn die Hausmagd kam mit den
bestellten Speisen, deckte den Tisch mit zwei Kuverts und blieb, auf
Georginens Befehl, im Zimmer, falls noch etwas gebraucht werden sollte,
bis ihr Gast gegessen und getrunken htte. Georgine selber nippte nur an
einem Glase Wein, das Herr von Silberglanz fr sie eingeschenkt.

Erst wie er abgegessen, verlie die Magd das Zimmer wieder, um das
Geschirr fortzutragen, und Georgine wandte sich jetzt an ihren Gast:
Herr von Silberglanz, sagte sie, und so kalt und ruhig sie dabei
blieb, bebte doch ihre Stimme und verriet die Aufregung, in der sie sich
befand, ich mu Sie jetzt bitten, mich zu verlassen und heute nicht zu
mir zurckzukehren.

Den ganzen Tag nicht -- und wollen Sie meinen Tod?

Lassen Sie jetzt Ihre Uebertreibungen, unterbrach ihn die Frau, und
ihre Brauen zogen sich finster zusammen. Sollte ich noch in den Fall
kommen, Ihren Beistand in Anspruch zu nehmen, so mssen Sie dabei wie
ein Mann, nicht wie ein junger verliebter Geck handeln, und vor allem
drfen wir hier keinen Verdacht erregen. Sind Sie in eigener Equipage
gekommen?

Nein, mit einem Lohnkutscher von der letzten Eisenbahnstation.

Desto besser. Haben Sie irgend einen vernnftigen Vorwand, sich heute
den Tag ber hier im Orte aufzuhalten?

Vortrefflichen, lautete die rasche Antwort, ich erkundige mich nach
den Kornpreisen und sehe mir das Getreide an, kaufe auch, wenn ich es zu
einem annehmbaren Preise bekommen kann, und adressiere es an eine Firma
in ***.

Sehr gut. Auf wie lange haben Sie Ihren Kutscher gemietet?

Auf unbestimmte Zeit; ich kann ihn gleich wieder fortschicken, oder ihn
und seine Pferde so lange behalten, wie und wohin ich sie brauche. O,
wenn ich hoffen drfte...

Meinen Sie es ehrlich und aufrichtig mit mir?

Knnen Sie zweifeln, holdeste der Frauen? rief Herr von Silberglanz,
und schien nicht bel Lust zu haben, sich wieder auf ein Knie vor ihr
niederzulassen; Georginens Ernst aber hielt ihn zurck.

Wollen Sie mir nur meiner selbst, nicht anderer eigenntziger Absichten
wegen helfen? fuhr die Frau fort.

Aber, teuerste Georgine.

Antworten Sie mir klar und deutlich auf die Frage.

Ich beschwre Sie.

Ja oder nein!

Ja denn; knnen Sie etwas anderes glauben?

Gut, erwiderte die junge Frau, indem ein tiefer Seufzer ihre Brust
hob, ich will es wagen.

Befehlen Sie ber mich.

Jetzt nicht. Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe. Beschftigen Sie sich
heute ausschlielich mit dem Getreide in Schildheim. Morgen frh aber
vor Tage schicken Sie Ihren Kutscher mit dem Gepck nach Hottweil, der
nchsten Eisenbahnstation. Ich selber werde Ihnen heute abend spt noch
eine Kiste und einen Koffer hinunter senden, die er mitnimmt.

Sie machen mich zum Glcklichsten der Sterblichen! rief von
Silberglanz, der ber diese rasche Wendung, wie den kaum geahnten, seine
khnsten Hoffnungen berschreitenden Erfolg selber so erstaunt war, da
er keine Worte fand, seine Bereitwilligkeit auszudrcken. Und morgen?

Morgen frh um zehn Uhr kommen Sie wieder zu mir, das weitere zu
erfahren, erwiderte Georgine, die kalt und besonnen ihren Plan
berdachte. Ich wei nicht, wie weit ich selber imstande sein werde,
bis dahin meine Vorkehrungen zu treffen. -- Aber noch eins: Nehmen Sie
heute die Gelegenheit, einen Spaziergang in den Wald zu machen. Dort
lassen Sie sich die Zaubereiche zeigen und merken sich genau den
nchsten Weg dorthin. Einen Fhrer finden Sie berall.

Schn, sehr schn; es soll alles pnktlich ausgefhrt werden; aber Ihre
Plne, gndige Frau! Wollten Sie nur die Gte haben, mir in etwas -- in
der grten Kleinigkeit Ihre Plne mitzuteilen, da ich meine eigenen
Maregeln...

Morgen, erklrte Georgine bestimmt. Mein Kopf brennt mir; bitte,
lassen Sie mich jetzt allein, da ich Zeit habe mich zu sammeln, lieber
Baron.

Ihr Wille ist mir Befehl! rief von Silberglanz, der dem _lieben_ Baron
nicht widerstehen konnte. Holde Georgine, Sie haben mich in Ihrer Hand
-- Sie knnen mich um den kleinen Finger wickeln -- Sie knnen alles,
alles mit mir machen -- ich kenne Hugo von Silberglanz nicht mehr
-- Hugo von Silberglanz ist ein anderer Mensch geworden -- er ist
eigentlich gar kein Mensch mehr, er ist ein Gott -- er geht nicht
mehr auf der Erde, er fliegt -- er schwimmt in einem ganzen Ozean voll
Wonne.

Er hatte Georginens Hand ergriffen und bedeckte sie mit seinen Kssen;
aber es war kein Liebesblick, der dabei aus ihren Augen auf ihn fiel.
Wieder zuckte der schmerzlich-bse Zug um ihre Lippen, und ihm ihre Hand
endlich entziehend, deutete sie mit einer bittenden Bewegung nach der
Tr; von Silberglanz vermochte jetzt auch nicht lnger ihrem Wunsche zu
widerstreben. Gern wre er freilich noch khner geworden, aber der Frau
ernste Haltung entmutigte ihn wieder -- er mute ihr erst Zeit lassen.
Morgen -- morgen sollte er seinen Triumph feiern, und mit einem
schmachtend sen Blick auf das von ihren Gefhlen erregte, wirklich
wunderschne Weib griff er seinen Hut auf und verlie rasch das Zimmer
und das Gut.


Ende des zweiten Bandes




[ Hinweise zur Transkription


Gegenber der Erstausgabe aus dem Jahr 1861 wurde die vorliegende
Ausgabe im Jahr 1914 berarbeitet, ohne dem Werk gerecht zu werden:
Modernisierung der Rechtschreibung, groenteils Verzicht auf
Texthervorhebungen in gesperrter Schrift, Verzicht auf Textmarkierungen
in Antiqua-Schrift, teilweise Zusammenlegen von Abstzen, teilweise
nderung von Textpassagen, Neuaufteilung der drei Bnde des Buches.

       *       *       *       *       *

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext
beibehalten. nderungen in der Schreibweise sind in der nachstehenden
Liste ausgewiesen, nderungen in der Zeichensetzung nicht.


nderungen:

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 6
  manchmal mit einem verschmitzt sein solden Lcheln
  manchmal mit einem verschmitzt sein sollenden Lcheln

  Seite 13
  da meine seine eigenen Worte nicht hren kann
  da man seine eigenen Worte nicht hren kann

  Seite 19
  und in gestreckter Kariere flog es die Strae
  und in gestreckter Karriere flog es die Strae

  Seite 22
  und der Lauslehrer zog sich ebenfalls zurck
  und der Hauslehrer zog sich ebenfalls zurck

  Seite 40
  Eierschalen unter dem Baume liegen sehen
  Eierschalen unter dem Baume liegen sehe

  Und Ihr habt die Singvgel so gern, Fortstwart?
  Und Ihr habt die Singvgel so gern, Forstwart?

  Seite 49
  war das nicht entganggen, wenn er auch tat
  war das nicht entgangen, wenn er auch tat

  und tolle tolle Streiche haben wir mitsammen ausgefhrt
  und tolle Streiche haben wir mitsammen ausgefhrt

  Seite 59
  zogen, jauchzten und schrien und schwenkten
  zogen, jauchzten und schrieen und schwenkten

  Seite 61
  dafr brgte die Hochzeit, zu der sie beide
  dafr brgte die Hochzeit, zu der sie beide

  Seite 62
  augenblicklich eins der Fremdenzimmer fr den Gast
  augenblicklich eines der Fremdenzimmer fr den Gast

  Toilette fertig geworden, und als Herr von Zhbig
  Toilette fertig geworden, als Herr von Zhbig

  Seite 75
  in Pantoffeln und Schafpelz mitten im Hausflur
  in Pantoffeln und Schlafpelz mitten im Hausflur

  zu so frher Stunde an ihrem Mal nicht teilzunehmen
  zu so frher Stunde an ihrem Mahl nicht teilzunehmen

  Seite 77
  meine Gattin stolz auf unseren frheren Triumphe sind
  meine Gattin stolz auf unsere frheren Triumphe sind

  Seite 80
  an dem gestrigend Abend ins Dorf hinuntergegangen
  an dem gestrigen Abend ins Dorf hinuntergegangen

  Seite 81
  mit groer Geschicklichkeit seine Knst ausfhrte
  mit groer Geschicklichkeit seine Knste ausfhrte

  Seite 85
  als Karl seine Mtze angriff
  als Karl seine Mtze aufgriff

  Seite 101
  Hintertr beschlo beschlo er sich jedenfalls offen zu halten
  Hintertr beschlo er sich jedenfalls offen zu halten

  Seite 104
  war er ihr immer strend in den Weg getreten
  war er ihr nimmer strend in den Weg getreten

  Seite 121
  fing ihm doch an schwer zu wer- zu werden
  fing ihm doch an schwer zu werden

  Seite 131
  mit freundlichem Grinsen eine Gebde des Geldzhlens
  mit freundlichem Grinsen eine Gebrde des Geldzhlens

  Seite 132
  hob ihm zu gleicher Zeit die Beina aus
  hob ihm zu gleicher Zeit die Beine aus

  Seite 134
  jene ruhige Weiblichkeit, die da im stillen wirkt
  jene ruhige Weiblichkeit, die da im Stillen wirkt

  Seite 141
  Nein, gewi nicht, erwiderte Mademoeselle Adele.
  Nein, gewi nicht, erwiderte Mademoiselle Adele.

  Seite 157
  Was ich Ihnen jetzt mitteilte, geschieht wie
  Was ich Ihnen jetzt mitteile, geschieht wie

  Seite 160
  wird selber ber die die Dauer seines Urlaubs
  wird selber ber die Dauer seines Urlaubs

  Seite 161
  diesem Grunde war auch mir das Begennen dieser Leute
  diesem Grunde war auch mir das Begegnen dieser Leute

  Seite 164
  Das ist mir auch unerklrlich, versichert Silberglanz.
  Das ist mir auch unerklrlich, versicherte Silberglanz.

  Seite 167
  aber ber Geschmack l sich nicht streiten
  aber ber Geschmack lt sich nicht streiten

  Seite 178
  hat er nicht in einemfort Dienst gehabt
  hat er nicht in einem fort Dienst gehabt

  Seite 180
  Nun, was macht unsere berschwengliche Euphrosine?
  Nun, was macht unsere berschwengliche Euphrosyne?

  Seite 187
  da Trnen den wildesten Schmrez lindern
  da Trnen den wildesten Schmerz lindern

  Seite 201
  aber Sie sprechen wahrscheinlich von dem Kavier
  aber Sie sprechen wahrscheinlich von dem Kaviar

  Seite 241
  sich ein rechtes Knie mit dem Hute abwischte
  sich sein rechtes Knie mit dem Hute abwischte

  Seite 245
  da sich jener Herr von Zhbig vollstndig gerirrt?
  da sich jener Herr von Zhbig vollstndig geirrt?]







End of Project Gutenberg's Der Kunstreiter, 2. Band, by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KUNSTREITER, 2. BAND ***

***** This file should be named 46061-8.txt or 46061-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/6/0/6/46061/

Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License available with this file or online at
  www.gutenberg.org/license.


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
