The Project Gutenberg EBook of Der Aether gegen den Schmerz, by 
Johann Friedrich Dieffenbach

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Title: Der Aether gegen den Schmerz

Author: Johann Friedrich Dieffenbach

Release Date: June 16, 2014 [EBook #45996]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Der
  Aether
  gegen den
  Schmerz

  von
  Johann Friedrich Dieffenbach.


  Mit einer lithographischen Tafel.

  (Der Ertrag ist fr die Armen bestimmt.)


  Berlin, 1847.

  In Commission bei A. Hirschwald.




  Den
  knftigen Besitzern dieser Schrift
  in grsster Verehrung
  gewidmet
  von

    Dieffenbach.




Inhalt.


                                                            Seite

  Vorrede.

  Einleitung                                                    1

  Der Aether                                                    9

  Wirkung des flssigen Aethers                                13

  Historischer Ueberblick der Anwendung der Aetherdmpfe
      durch Einathmen                                          16

  Prioritts-Ansprche auf die Entdeckung der Wirkung
      der Aetherdnste                                         21

  Apparate zum Einathmen der Aetherdmpfe                      23

  Anwendung der Aetherdmpfe                                   32

  Stellung des Kranken beim Einathmen der Aetherdmpfe         36

  Wirkung des Einathmens der Aetherdmpfe                      37

  Verschiedene Arten des Aetherrausches                        53

  Wirkung der Aetherdmpfe in Bezug auf den
      Schmerz bei chirurgischen Operationen                    59

  Chirurgische Wahrnehmungen bei Aetherisirten                 63

  Verhalten nach der Operation                                 65

  Von der Anwendbarkeit der Aetherdmpfe bei den
      einzelnen chirurgischen Operationen                      70

  Ueberblick der chirurgischen Operationen unter
      gnstiger Anwendung der Aetherdmpfe                     96

  Einwrfe gegen die Anwendung der Aetherdmpfe
      bei chirurgischen Operationen                            98

  Anwendung der Aetherdmpfe in der Geburtshlfe              120

  Anwendung der Aetherdmpfe in der inneren Heilkunde         126

  Anwendung der Aetherdmpfe in der gerichtlichen
      Medizin                                                 128

  Von der Anziehungskraft des Aetherrausches                  131

  Von der wahrscheinlichen Aehnlichkeit des Aetherrausches
      mit dem Sterben                                         133

  Chirurgische Operationen, welche ich unter Anwendung
      der Aetherdmpfe vorgenommen habe                       134

    Ausziehen einer Messerklinge aus der Hand                 136

    Operationen an der Brust                                  138

    Operation der Nerven-, Balg- und Fett-Geschwlste         149

    Operation des Blutschwamms                                153

    Operation einer Pulsadergeschwulst                        159

    Operationen des Kropfes                                   160

    Exstirpation der Mandeln                                  163

    Operationen von Nasenpolypen                              165

    Nasenbildungen                                            172

    Operation einer groen Brandnarbe am Halse                179

    Operationen der Hasenscharte                              180

    Operation des Lippenkrebses                               182

    Operation einer Speichelfistel                            184

    Operation eines Sarcoms aus der Rachenhhle               184

    Operation einer Gaumenspalte                              186

    Operationen von Drsengeschwlsten                        186

    Theilweise Resectionen der Kiefer                         188

    Operation des Schielens                                   193

    Operation von Wasserbrchen                               194

    Zerstckelungen von Blasensteinen                         198

    Bruchoperationen                                          199

    Operation der angebornen Phimose                          210

    Operation eines Mastdarmpolypen                           211

    Operation eines Mastdarmvorfalls                          211

    Operation eines Panaritiums                               212

    Amputation grerer Glieder                               213

    Sehnen- und Muskel-Durchschneidungen                      215

    Operation des falschen Gelenkes                           223

    Einrenkung des Oberarms                                   224

    Ansetzen von Moxen                                        225

  Schlussfolgerungen                                          227




Vorrede.


Bei der Herausgabe dieser Schrift beabsichtigte ich zweierlei. Zuerst
wollte ich die neue, vielverheiende Entdeckung der Stillung des
Schmerzes, in ihrem wahren Werthe darstellen. Zweitens durch sie zur
Stillung der Schmerzen des Hungers der Armen mit beitragen. Knnte ich
Beides erreichen, so wrden die Abendstunden welche ich auf meine Arbeit
verwendete, angenehm vollbracht sein.

Da ich bei der Bearbeitung des Gegenstandes ohne Vorurtheile fr
oder wider gewesen bin, kann ein Jeder sehen, welcher diese Schrift
durchblttern will. Wenn er vielleicht auf der einen Seite mich als
Freund des Aethers ansieht, wird er auf der anderen mich fr einen
Gegner desselben halten; das kommt, weil ich das Fr und das Wider
erwogen, Andere gehrt, und selbst gesehen habe.

Da ich aber vorsichtig in meinem Urtheil gewesen bin, mitten im
allgemeinen Aetherrausch, wird man mir nicht bel nehmen. Die sich im
tiefsten Frieden gewaltig bewegende Zeit hat binnen Kurzem so viele
Erfindungen und Entdeckungen geschaffen, welche, mit Enthusiasmus
aufgenommen, zum Theil nur eine kurze Lebensdauer hatten, da sie nicht
das leisteten, was man sich von ihnen versprach. Daraus entsprang die
Furcht, es mgte mit dem Aether auch so sein.

Ich will einmal versuchen, einen Soldaten, welcher der wichtigsten
neueren Erfindungen theilhaftig geworden wre, ins Feld zu stellen. Er
verlt das lterliche Haus mit dem Daguerreotyp-Medaillon von Vater und
Mutter auf der kindlichen Brust. Seine Waffe ist ein Percussions-Gewehr.
Er ist bekleidet mit einem Waffenrock von Filztuch, darber hngt
ein Paletot von Macintosh; er trgt ungenhte, mit Holzstiften
zusammengefgte Maschinen-Stiefeln. Seinen Leib umgiebt ein Grtel mit
einer Tasche von knstlichem Leder. Sie beherbergt Schiebaumwolle und
conische Kugeln. Im Tornister befinden sich auer den Bekleidungsstcken
zwei Flaschen, die eine mit Binellischem Wasser, die andere
mit Schwefelther gefllt; jenes zur schnellen Blutstillung bei
Verwundungen, dieser als Betubungsmittel beim Ausschneiden von Kugeln,
bei der Abnahme eines Beins u.s.w. Die zweihalsige Feldflasche aus
welcher er nur Wasser trinkt, denn er gehrt zum Migkeitsverein,
bildet den Athmungsapparat. Sein Esack enthlt das neue Oelkuchenbrot.
Das Magazin seines Helmes beherbergt ein Bchschen von Neusilber mit
Streichzunder und Streichkerzchen, und statt der nicht mehr blichen
Pfeife eine Patent-Cigarrentasche mit Cigarren, darunter auch einige
Brustcigarren beim Husten. So armirt und equipirt besteigt der junge
Krieger den Eisenbahnwagen. Die Locomotive stt ihren gellenden,
herzzerreienden Schrei aus, und mit sausender Windesschnelle fhrt ihn
der Dampf zum Heere, und in zwei Tag- und zwei Nachtfahrten, er hat
sein Oelkuchenbrot noch nicht verzehrt, sind die zweihundert Meilen
durchflogen, und er blickt dem Feinde ins Angesicht! Er ist Artillerist.
Sein Auge sieht mit Wonne die neuen, blanken galvano-plastisch
plattirten sicheren Geschtze, aber statt dem Feinde Verderben zu
bringen, zerspringen sie beim ersten Schu und zerreien die Glieder der
Mnner welche sich ihrem Dienste geweihet.

Von den hier bei einem einzigen Menschen in Anwendung gebrachten neuen
Erfindungen, sind mehrere, welche so groes Aufsehen erregten, schnell
wieder vergessen worden. Das Binellische Wasser, welches vor 15 bis 20
Jahren als untrgliches Blutstillungsmittel beinah so groes Aufsehen
wie jetzt der Aether erregte, leistete nicht mehr wie kaltes Wasser.
Das Filztuch hrte als Bekleidungsstoff bald wieder auf, weil es nicht
hielt; der Macintosh ebenfalls, weil man dabei zwar von auen trocken
blieb, aber von innen na wurde; die conischen Kugeln sind noch nicht
ins praktische Leben getreten; aber die schne, weie Schiebaumwolle
hat wieder dem schwarzen Pulver weichen mssen, und statt den Tod zu
geben, den bescheidenen Dienst einer heilenden Helferin bei Geschwren
bernehmen mssen.

Dem Aether aber wnschen wir, da er sich halten mge, obgleich es schon
anfngt stiller von ihm zu werden. Leistet er nur die Hlfte von dem,
was man bis jetzt noch von ihm glaubt, so hat _Jackson_ einen Theil der
Schuld, mit welcher Amerika Europa verpflichtet ist, abgetragen, seinem
Namen aber die Unsterblichkeit gesichert.

Allen den Aerzten welche mich mit Beitrgen und Notizen aus fremden
Zeitschriften, so wohlwollend bei meiner Arbeit untersttzten, statte
ich hiermit meinen ergebenen Dank ab, es sind die mir sehr werthen
Herren Ender, Frstenberg, v.Graefe, Henoch, LaPierre, Meyer, Reiche,
Schuft, Stramann und Vlker.

Endlich kann ich nicht unerwhnt lassen, da die Herren Buchhndler
Hirschwald und Aber die mhevolle Verbreitung dieser Schrift, ohne
irgend ein anderes Interesse, als das einen wohlthtigen Zweck zu
frdern, bernommen haben, wofr ich denselben hiermit meine ffentliche
Anerkennung ausdrcke.




Der schne Traum, da der Schmerz von uns genommen, ist zur Wirklichkeit
geworden. Der Schmerz, dies hchste Bewutwerden unserer irdischen
Existenz, diese deutlichste Empfindung der Unvollkommenheit unseres
Krpers, hat sich beugen mssen vor der Macht des menschlichen Geistes,
vor der Macht des Aetherdunstes. Wohin wird, oder wohin kann diese groe
Entdeckung noch fhren? Durch sie ist die halbe Todesbahn zurckgelegt,
der Tod hat nur noch sein halbes Grauen. Frchtet der Mensch nicht
eben so sehr die Schmerzen des Todes als den Tod selbst, und erscheint
unserer Phantasie die Pein einer groen chirurgischen Operation nicht
fast eben so furchtbar als der Tod, und treibt uns nicht die hchste
Noth dazu, um diesen abzuwehren?

Wie hoffnungs- und vertrauensvoll werden von nun an die Kranken auf die
zu bestehende blutige Operation hinblicken, deren Schrecknisse vor
allen ihren Sinnen verborgen bleiben, und statt deren wohl ein schnes
Traumbild vor ihre Seele tritt, und das Erwachen schon ein Erwachen zur
Genesung ist.

Wie vielen Unglcklichen, an groen chirurgischen Uebeln leidenden,
verzehrt nicht die Furcht vor den Schmerzen der bevorstehenden Operation
die letzten Lebenskrfte, der sie sich endlich erschpft hingeben.
Jetzt ist es ein frhliches Hinblicken auf den tragischen Moment, dessen
Handlung ihnen entrckt bleibt. War der zu Operirende sonst die erste,
wichtigste Person, so ist er jetzt eigentlich gar nicht dabei zugegen.

Wenn es also nicht zweifelhaft ist, da die Furcht vor einer groen
chirurgischen Operation einen nachtheiligen Einflu auf den Kranken
haben kann, so hoffen wir auch, da der Schmerz kein nothwendiges
Attribut ihrer Ausfhrung sei, und da seine Aufhebung nicht eine blo
augenblickliche Wohlthat, sondern auch ein Befrderungsmittel der
Genesung sei. Dies kann aber erst die Zukunft lehren.

Was wir aus frheren Beobachtungen ber schwere Verwundungen bei
berauschten Personen wissen, zeigt uns, da durch diesen Zustand eine
bedenkliche Vergrerung der Gefahr herbeigefhrt wird, so da man
den Arzt, welcher einen Berauschten operirt htte, fr unwissend
oder gewissenlos angesehen htte. Sehr ungnstig zeigte sich aber
die absichtliche Anwendung betubender Mittel, wie des Opiums, des
Bilsenkrauts, der Belladonna und anderer hnlicher Narcotica zur
Stillung des Schmerzes bei chirurgischen Operationen. Ohne ihn gnzlich
zu unterdrcken, fhrten sie eine gefhrliche Abspannung des ganzen
Nervensystems herbei, wodurch der natrliche Krankheitsverlauf gestrt,
die Heilung verzgert, wenn nicht gar eine wirkliche Lebensgefahr
dadurch herbeigefhrt wurde. Selbst der knstlich bewirkte magnetische
Schlaf zeigte sich als Schmerzstillungsmittel nicht vortheilhaft, und
die danach zurckbleibende Abspannung des ganzen Krpers verschaffte
auch dieser Methode keinen weiteren Eingang.

Da indessen der durch Einathmen der Aetherdmpfe herbeigefhrte Rausch
ein leichter, therischer, gewhnlich nur Minuten anhaltender bald
wieder verschwindender, und wesentlich verschieden von dem durch
den Genu geistiger Getrnke herbeigefhrten sei, haben indessen die
neueren, zahlreichen Beobachtungen hinlnglich bewiesen. Nur in einigen
seiner Mit- und Nachwirkungen verlugnet er nicht ganz die Natur des
Rausches von geistigen Getrnken berhaupt, so wie er auch in besonderen
Fllen gefhrliche Strungen herbeifhren kann.

Wenn wir nun die neue Entdeckung als den grten Gewinn fr das leidende
Menschengeschlecht erkennen, sein Todesbangen zu heben, seine Klagen
verstummen zu machen, seine Schmerzen zu stillen, so mu dieselbe dem
Arzte eine ganz vernderte Stellung dem Kranken und der blutigen Kunst
gegenber geben. In dieser Beziehung stellt sich die Sache von ganz
verschiedenen Seiten dar.

Dem Arzte kann die schwierige chirurgische Operation durch die Ruhe,
Stille und Empfindungslosigkeit des Kranken sehr erleichtert werden.
Derjenige, welcher nicht gewohnt ist, chirurgische Operationen
auszuben, und der sich dazu durch dringende Umstnde genthigt sieht,
wird mit grerem Selbstvertrauen an das Werk gehen und es mit
mehr Leichtigkeit vollenden, wenn er nicht durch die Unruhe und die
Klagelaute des Kranken gestrt wird. Auch selbst der Gebte kann von
diesen gnstigen Umstnden einen Gewinn ziehen, da er durch Nichts von
seinem Handeln abgezogen wird. In jeder Beziehung scheint sich also
durch dieses Mittel der Kreis der Ausbung der Chirurgie erweitert zu
haben, wenn wir das Bild nur von der einen Seite betrachten. Minder hell
erscheint es uns aber von der anderen angesehen.

An die Stelle des unerschtterlichen Vertrauens von Seiten des Kranken
zu der Kunst des Arztes ist das Vertrauen zu der Aetherbetubung
getreten. Der Kranke fragt jetzt weniger danach, wer ihn operirt, ob gut
oder minder gut, er ist gleichsam abwesend oder die dritte Person dabei.
Der bisherige Standpunkt des Arztes ist dadurch verrckt. Hatte er sonst
einen Kranken vor sich, so hat er jetzt zwei. Einen, welchen er operiren
soll, und einen zweiten, welcher innerlich so krank zu sein scheint, da
er ihm mit allerlei Arzeneimitteln zu Hlfe kommen mgte. Er mu sich
Gewalt anthun, um sich zu berzeugen, da er ihn selbst in diesen
Zustand versetzt habe, und zwar zu des Kranken und seiner eigenen
Erleichterung. Dies Alles kann er nicht so schnell fassen. Er steht
allein in trauriger Isolirung da. Der Betubte wei bei der Operation
nichts von seinem Arzte, und der Arzt nichts von seinem Kranken. Das
Band der wechselseitigen Mittheilung ist zerrissen, der ihn selbst
hebende, milde Zuspruch wird nicht vernommen, die Frage nicht
beantwortet, es herrscht eine grausige Einsamkeit. Es bangt ihm
beim Anblick des bewutlos Blutenden, ob er des Aethers auch zu viel
genossen. Er mgte fragen, indem er hierhin und dorthin sein Messer in
eines lebenden Menschen Fleisch einsenkt, wie? wo? was? um danach den
Stahl zu richten und zu wenden, einem Nerven auszuweichen, ihn nicht mit
der Zange zu fassen, -- aber keine Antwort, als ein dumpfes Sthnen, ein
Zucken, eine dmonische Bewegung der Hand nach dem leidenden Orte.

Er fhlt sich unheimlich mchtig ber den, der sich im Leben dem Aether,
im Scheintode ihm ergeben hat, nicht wie frher aus freier Wahl, sondern
aus banger Furcht vor dem Schmerz. Laut- und empfindungslos liegt
der freiwillig aus dem Kreise der Lebenden, Empfindenden, Denkenden
Herausgetretene mit geschlossenen Augen wie ein sanft Schlummernder
da, und in bengstigender Einsamkeit vollendet der Arzt sein Werk. Aber
nicht jeder Kranke schlummert sanft und ruhig unter der Schrfe
des Messers. Ein Anderer gerth in excentrische Aufregung, glhende
Phantasien bemeistern sich seiner, und im Gefhle der unnennbaren
Seeligkeit treten glnzende Traumbilder vor seine Seele, Sphrenmusik
und himmlische Melodien streifen sanft an sein Ohr, und in einem
unermelichen Raum von azurblauem und gelblichem Goldschein verliert
sich das innre Auge, im grellen Contrast zu dem Messer in seinem
Fleische, zu der Sge in seinem Beine, zu der Hand in seinen Gedrmen,
zu dem Haken in seinem Auge und zu dem sich ergieenden warmen Blute,
-- und dabei entstrmen Worte des Entzckens seinem Munde. -- Noch
ein Anderer, sonst im Leben fein, sanft und mild, wird pltzlich zum
Wtherich; im Zustande einer wilden, rohen Aufregung, whnt er sich
unter Rubern und Mrdern, seinem Munde entstrmen die bittersten
Verwnschungen. Durch Wort und That sucht er der vermeinten Gewalt zu
begegnen, er schmettert mit Faustschlgen Alles zu Boden, strzt wie
ein Besessener auf Alles los, und wren es blanke Waffen, oder ein jher
Abgrund, oder die Gluth eines Schmelzofens, er strzte sich hinein.

Ein Vierter wird zum vollkommenen Narren. Derselbe Mensch, welchen wir
mit tief ergebenem Ausdruck seinem ernsten Geschick entgegengehen sahen,
wird in einigen Minuten zum Possenreier umgeschaffen, grinzt, lacht,
geberdet sich ganz wie ein alberner Thor, und ist nicht minder schwer zu
regieren als jener, welcher uns fr seine Mrder ansah.

Alle diese Umstnde sind nun wenig geeignet, dem Arzte die Operation
zu erleichtern, vielmehr stt er dadurch auf Hindernisse, welche ihm
frher ganz unbekannt waren. Als Neuling tritt er jetzt an den neuen
Kranken. In dem Augenblicke, wo dieser das verhngnivolle Rohr an
seinen Mund bringt, um den benebelnden Aetherdunst in seine Lungen
einzuziehen, sagt ihm der angstvolle Blick des sanft berauschten
Leidenden noch ein Lebewohl -- und bald umnebeln sich seine Sinne -- und
allein steht der Arzt mit seinen Gehlfen da, und schnell beginnt
die Kunst den Kampf mit der Krankheit oder auch zugleich mit dem
Aufgeregten.

Ein freundlicheres Bild zeigt sich uns jetzt wieder. Es ist vollbracht.
Man sieht kein Blut mehr. Die Wunde ist verbunden. Wo bin ich? sagt der
die Augen ffnende und tief athmende Kranke. Ich habe wohl getrumt?
Fngt die Operation bald an? Er glaubt es anfangs nicht, wenn man ihm
sagt, da sie geschehen sei. Die Frau will nicht glauben, da man ihr
die Brust abgenommen, ein Anderer, da man ihm eine Nase angesetzt habe,
jene fhrt die Hand nach der Stelle, wo die Brust gesessen, und fhlt,
da sie leer ist; dieser bringt die Finger ins Gesicht, verwundert, da
ihm ber Nacht eine neue Nase gewachsen sei, und er fragt wohl seinen
Arzt, wo kommen Sie denn her? Staunen und Verwunderung ergreift
diesen. Nicht ber sein Werk, sondern ber jene dmonische, groartige
Erscheinung von Seyn und Nichtseyn. Er steht ihr gegenber wie ein
kleines Kind ohne Begriff, das zusammenfhrt, wenn es ernst angesehen
wird. Auch er bedarf der Fassung, der Sammlung, auch er erwacht aus
einem Rausche, und reibt sich die Augen, und beginnt dann erst wieder
frei zu athmen.

Wnschte er sich besonders bei der wilden, strmischen Aufregung des
Kranken whrend der Operation auf den alten Standpunkt zurck, so fhlt
er sich doch zu sehr von dieser neuen, groen Erscheinung berwltigt
und zu dieser groartigen Entdeckung hingerissen, da er es gern etwas
schwerer haben will, wenn nur der Kranke weniger leidet. Er gelobt sich,
ihre Wohlthat nher zu ergrnden, und sie in allen ihren Beziehungen
nher zu erforschen. Dies mge denn auch die Aufgabe und das Streben
aller Aerzte sein, damit dieselbe von allen Unannehmlichkeiten und
Gefahren bei ihrer Anwendung immer mehr befreit, und das Vollkommenste
werde, was je der menschliche Geist ersonnen hat. Mge denn _Jacksons_
Patent die Anerkennung der Welt sein.




Der Aether.


Der Schwefelther wurde zuerst im Jahre 1544 von einem Arzte, Valerius
Cordus, unter dem Namen ses Vitrioll beschrieben. Er hat das
Verfahren zur Bereitung und die Eigenschaften des Aethers angegeben,
der Ruhm der Erfindung gebhrt ihm indessen nicht, da schon in frheren
Jahrhunderten weingeistige Mischungen des Aethers zu medizinischen
Zwecken angewendet wurden. Die Mittheilungen des Cordus und sein neues
Oel scheinen sich aber keiner besonderen Theilnahme erfreut zu haben,
denn schon im folgenden Jahrhundert war der Aether wiederum gnzlich
unbekannt, bis im Jahre 1792 ein deutscher Chemiker, Frobenius, von
Neuem das Interesse der Aerzte und Scheideknstler auf ihn lenkte,
und ihn mit dem vielversprechenden, poetischen Namen Aether belegte.
Diesen schnen Namen verdankt er theils der Neigung der Alchymisten,
pomphafte Bezeichnungen fr ihre Arcana zu whlen, theils seinen
physicalischen Eigenschaften, seiner Flchtigkeit, seiner Farblosigkeit,
seiner stark lichtbrechenden Kraft und seiner leichten Brennbarkeit.
Froben war glcklicher, als der Medicus Cordus. Der Aether wurde von
nun an vielfach untersucht, und von den berhmten Aerzten des 18ten
Jahrhunderts in die Heilmittellehre eingefhrt, unter denen namentlich
Friederich Hoffmann durch seinen liquor anodynus, die bekannten
Hoffmannstropfen, -- Aether mit 3 Theilen Weingeist versetzt -- viel zur
Verbreitung desselben beigetragen hat.

Die Aetherarten werden durch Einwirkung strkerer Suren auf Alkohol
erzeugt. Der Schwefelther, Aether schlechtweg, wird gewonnen, indem
man ein Gemisch von 9 Theilen concentrirter Schwefelsure und 5 Theilen
Alkohol von 85% in einer Retorte bis zum Sieden erhitzt. Durch eine
Vorrichtung an der Retorte lsst man fortwhrend so viel Alkohol in das
Gemisch hineinfliessen, als aus demselben Flssigkeit berdestillirt.
Die sich entwickelnden Dmpfe werden in einer durch auftrpfelndes
Wasser, Schnee u.s.w. sorgfltig abgekhlten Vorlage zu einer
Flssigkeit condensirt, welche den sogenannten rohen Aether darstellt.
Dieser rohe Aether, welcher noch Wasser, kleine Mengen Alkohol und
gewhnlich auch etwas schweflige Sure enthlt, wird durch kalihaltiges
Wasser gereinigt, dann ber Kohlenpulver und gebrannter Magnesia
rectificirt. Reiner Aether darf Lackmuspapier nicht rthen, nicht nach
schwefliger Sure riechen, auch sonst keinen Nebengeruch haben. Soll
der Aether ganz wasserfrei dargestellt werden, so muss man ihn nach der
Rectification durch einen Zusatz von gebranntem Kalk einer nochmaligen
Reinigung unterwerfen. -- Wegen seiner Eigenschaft, mit Suren eine
chemische Verbindung einzugehen, Salze mit ihnen zu bilden, haben die
Chemiker der neueren Zeit den Aether als das Oxyd eines hypothetischen
Kohlen-Wasserstoff-Radicals, des Aethyls, (4 Kohlenst., 10 Wasserstoff.
Ae.) angesehen, und damit das Gesetz der binren Verbindung auch auf
die organische Chemie ausgedehnt. Sie bezeichnen demzufolge den Aether,
welcher aus 4 Atomen Kohlenstoff, 10 Atomen Wasserstoff und einem Atom
Sauerstoff besteht, als Aethyloxyd, Ae+O, den Alkohol, welcher aus 4
Kohlenst., 12 Wasserst. und 2 Sauerst. zusammengesetzt ist, und sich
nur durch ein Plus von einem Atom Wasser (1 Sauerst., 2 Wasserst.) vom
Aether unterscheidet, als Aethyloxydhydrat, und so fort.

Es wrde zu weit fhren, die verschiedenen Theorien ber die
Aetherbildung ausfhrlicher anzugeben. Wir begngen uns mit einigen
kurzen Andeutungen. Da nmlich die Schwefelsure durch den Proce
der Umwandlung des Alkohols in Aether nicht zersetzt wird, und da der
Weingeist, wie bereits erwhnt, nur durch das Wasseratom in seiner
Zusammensetzung vom Aether differirt, so lag die Vermuthung sehr
nahe, als bedinge die concentrirte Schwefelsure nur durch ihre starke
Verwandschaft zum Wasser die Umnderung des Alkohols in Aether. Diese
von Fourcroy und Vauquelin aufgestellte Theorie ist durch weitere
Experimente und Forschungen ber diesen Gegenstand sehr erschttert
worden, und gegenwrtig fast gnzlich verlassen. Die electro-chemische
Theorie erklrt die Aetherbildung aus der electrischen Spannung, welche
in dem in Rcksicht der chemischen Affinitt indifferenten Alkohol durch
die starke Sure hervorgerufen wird, und welche ihn zwingt, sich in eine
Basis umzubilden. Auch die Lehre von der Contact-Wirkung hat die Deutung
des Vorganges auf sich nehmen wollen.

Von den Eigenschaften des Aethers sind einige schon oben erwhnt worden,
andere mgen hier noch folgen. Der Aether hat einen eigenthmlichen,
hchst durchdringenden Geruch und Geschmack; sein specifisches Gewicht
(Gay-Lussac) ist bei +20= 0,713, das specif. Gewicht seines Gases=
2,586. Er kocht bei gewhnlichem Luftdruck in einer Temperatur von
28R. Bei -24,8R. fngt er an in weissen, glnzenden Nadeln zu
erstarren, und bei -36R. bildet er eine weie, feste, krystallisirte
Masse. Er brennt mit einer hellen, weigelben, Ru absetzenden Flamme,
ist mit Weingeist in allen Verhltnissen, mit Wasser, welches 1/10
seines Gewichts Aether auflst, nicht mischbar. Campher, Phosphor,
Kautschuk, fette, aetherische Oele, Chlormetalle u.s.w. werden von
demselben aufgelst. -- Einer Eigenthmlichkeit des Aethers, nmlich der
leichten Brennbarkeit, mu hier nochmals gedacht werden. Wegen seiner
Flchtigkeit werden die Dnste schnell durch grere Rume verbreitet,
und es lt sich nicht bestimmen, in welche Entfernung ein brennendes
Licht von einem offenen, mit Aether gefllten Gefe gesetzt werden mag.
Schon mehrmals sind Unglcksflle dadurch vorgekommen, da man in der
Nhe eines Lichtes Aether aus einem Gefsse in das andere go.
Krzlich hat Runge auf diesen Uebelstand aufmerksam gemacht, und an die
Mglichkeit gefhrlicher Explosionen in Folge von Entzndung des mit der
Luft gemengten Aethergases erinnert. Es bildet dieses Gemenge eine Art
von Knallgas, und seine Wirkungen sind denen des in atmosphrischer Luft
verbrennenden Waerstoff- oder Sumpfgases hnlich. Es knnte sich daher
z.B., wenn keine Vorsichtsmaregeln getroffen werden, bei der Anwendung
des Glheisens oder der Moxen sehr leicht ereignen, dass sich die durch
den Aether erzielte Betubung ber eine zu groe Zahl von Individuen
ausdehnte.




Wirkung des flssigen Aethers.


Die Wirkung des flssigen Aethers auf unseren Organismus ist von der des
Alkohols wenig verschieden, und besteht vornehmlich in einer flchtigen
Erregung, d. h. in einer Steigerung der Thtigkeiten der Organe, welche
eine schnelle Rckkehr zum Gleichma gesunder Wechselwirkung gestattet.
Die Reizung des Gefsystems ist geringer, als bei anderen flchtigen
Stoffen, dagegen werden die Centralorgane des Nervensystems
entschiedener und auf eigenthmliche Weise in Anspruch genommen.

Die rtliche Wirkung des Aethers uert sich auf der Haut dadurch, da
er dieselbe durch seine schnelle Verflchtigung in bedeutendem Grade
erkalten macht. Die Gefe ziehen sich zusammen, die Haut wird bla,
blutleer. Je dnner nun aber die Oberhaut ist, um so leichter gelangt
die Aetherfligkeit zu den Nervenausbreitungen unter derselben, und die
Empfindung der Klte weicht einem Gefhle von Hitze, Brennen, Schmerz.
Die Gefe erweitern sich, die Haut wird roth, blutreich. Auf den
Schleimhuten tritt die letztere Reihe von Erscheinungen fast momentan
ein, da ihr sehr dnnes, feuchtes Oberhutchen fr Flssigkeiten
durchgngiger ist. Es entsteht, wenn wir eine geringe Menge Aether
zu uns nehmen, zunchst eine heftige Reizung der Geruchs- und
Geschmacksnerven, so wie der Schleimhaut des Schlundes, spter ein
Gefhl vermehrter Wrme im Magen, welches sich ber den ganzen Unterleib
verbreitet. Vom Magen aus gelangt der Aether mit groer Schnelligkeit in
die Blutmae und mit dieser zum Gehirn und Rckenmark, von denen aus er
seine Wirkungen gegen die verschiedensten peripherischen Nervenprovinzen
entfaltet. Wie er auf die Nervenmassen und Fasern des Gehirns
und Rckenmarks einwirkt, welche Art von Stoffumsetzungen oder
Stoffnderungen er in ihnen zu Stande bringt, wissen wir nicht. Ich
gestehe, da ich mich bei der von neueren Chemikern aufgestellten
Theorie von der Zersetzung des Aethers und von der Verbrennung seiner
Elemente im Blute, wie palpabel sie auch scheinen mag, nicht beruhigen
kann, vielmehr scheinen die Wirkungen des Aethers vorzugsweise davon
abzuhngen, da ein Theil der aufgenommenen Masse unverndert zum
Gehirn und Rckenmark gefhrt wird, und in diesen gewie materielle
Vernderungen hervorruft. Wie dem auch sein mag, mit der Aufnahme
des Aethers in das Blut wird der Cyclus seiner allgemeinen Wirkungen
erffnet. Die Frderung der wurmfrmigen Bewegung des Darmkanals, die
vermehrte Absonderung der Magensaftdrsen, die leichtere, vielleicht
auch vermehrte Ausscheidung der Galle bilden gewissermaen eine
Zwischen- und Uebergangsstufe von den lokalen zu den allgemeinen
Wirkungsphnomenen. Aber nicht allein die Absonderung der im Darmkanal
befindlichen oder ihm anhngenden Drsen, auch die der brigen
secernirenden Apparate wird gehoben, z.B. der Nieren, der Schweidrsen
in der Haut, der Schleimblge auf fast allen Schleimhuten. Das hher
gestimmte Gehirnleben, insoweit es die Quelle unseres Seelenlebens ist,
spiegelt sich in den mannigfaltigsten Nancen in Gedanke und Wort, Wille
und Bewegung, Phantasie und Erfindung. -- Wir merken noch an, da der
Aether (es ist hier immer von flssigem Aether die Rede) nicht so leicht
berauschen soll, als Alkohol. In greren Dosen kann er leicht Erbrechen
erregen, sehr groe haben den Tod zur Folge. Wrgen, Erbrechen,
Schwindel, Lhmung der Sinnesnerven, der Muskeln, der Lungen, des
Herzens bezeichnen die eingetretene Vergiftung.

Reiner Aether kommt in der Medizin wenig in Gebrauch. Auer in
Verbindung mit zahlreichen anderen Mitteln wird er hauptschlich
als schmerzstillender Hoffmannsgeist, Hoffmannstropfen, Spiritus
sulphurico-aethereus bei hypochondrischen, hysterischen Nervenleiden
u.s.w. angewendet, um die an einzelnen Stellen krankhaft vermehrte
oder vernderte Nerventhtigkeit herabzustimmen und umzundern. Dieser
Zweck mag dadurch erreicht werden, da durch Erregung des Nervensystems
im Groen und Ganzen eine Art von Ableitung fr den leidenden Theil
eintritt, aus dem schnellen, fast augenblicklichen Zustandekommen der
Wirkung scheint jedoch hervorzugehen, da die rtliche Action auf die
Magen- und Darmnerven die Hauptsache sei.




Historischer Ueberblick

_der Anwendung der Aetherdmpfe durch Einathmen_.


Es war dem Chemiker und Arzte Jackson, einem gelehrten Manne in Boston
in den Nordamerikanischen Freistaaten, vorbehalten, in dem Schwefelther
das groe Mittel gegen den Schmerz zu entdecken. Als Arzneimittel in
anderer Beziehung lngst gekannt, nahm Jackson zuerst bestimmter als
Andere wahr, da das Einathmen der Aetherdmpfe in kurzer Zeit einen
Zustand von Bewutlosigkeit und eine pltzliche Aufhebung jeder
schmerzhaften Empfindung herbeifhre. Um diese interessante Erscheinung
in Bezug auf schmerzhafte Operationen nher zu erforschen und in allen
ihren Beziehungen genauer zu prfen, stellte er vorlufig eine Reihe
von Versuchen an, welche seinen Hoffnungen und Vermuthungen spter die
vllige Gewiheit gaben.

Er nahm ein zusammengelegtes, mit Aether getrnktes Stck Leinewand,
welches die Luft frei durchstrich, vor den Mund, und setzte das
Einathmen so lange fort, bis er ohnmchtig wurde, und in einem
eigenthmlichen schlaf- oder traumhnlichen Zustande in den Stuhl
zurcksank. Dabei empfand er eine gewisse Frische und Heiterkeit, auf
welche ein Wrmegefhl folgte. Endlich trat vollkommene Bewutlosigkeit
ein. Erst bei einem spteren Versuche entdeckte er, da dieser Zustand
mit einer vollkommenen Unempfindlichkeit fr den Schmerz verbunden
sei: auf diese Bemerkung wurde er dadurch gefhrt, da ein heftiger
Reizzustand in der Luftrhre, welchen er sich durch das Einathmen von
Chlordmpfen zugezogen hatte, beim Einathmen der Aetherdmpfe mit
dem Eintritt der Bewutlosigkeit sogleich aufhrte, nachher aber
wiederkehrte.

Wenn der Aether schwach ist, so hat er nach Jackson nicht den
eigenthmlichen Effect, der Kranke wird dann nur berauscht, und
empfindet spter einen dumpfen Kopfschmerz.

Immer aber war der Aether als Mittel noch nicht ins Leben getreten, und
es fehlte Jackson an Gelegenheit, seine schmerzstillende Wirkung bei
chirurgischen Operationen zu versuchen. Er forderte daher den Zahnarzt
Morton auf, die Aetherdmpfe beim Zahnausziehen zu prfen, und gab ihm
eine mit denselben angefllte grosse Flasche, in welche eine Glasrhre
mndete, als provisorischen Athmungsapparat. Schon bei den ersten
Operationen besttigte sich das vollkommen was Jackson erwartet hatte,
denn das Ausziehen der Zhne gelang ohne alle Schmerzempfindung.

Jackson und Morton, beglckt, sich zu Herren des Schmerzes gemacht
zu haben, wollten auch ihrerseits durch Geheimhalten dieser grossen
Entdeckung vorlufig in dem alleinigen Besitz derselben bleiben, und
ein Patent darauf nehmen. Bei uns mag das auffallen, in Amerika aber
weniger. Doch war dies die Veranlassung, da smmtliche Chirurgen in
Boston sich weigerten, grere chirurgische Operationen ohne vorherige
Mittheilung des Betubungsgeheimnies vorzunehmen. Darber waren Jahre
seit der ersten Jackson'schen Entdeckung verstrichen, bis endlich der
leicht erkennbare Aetherdunst zum Verrther des groen Geheimnies
wurde, und die bei Mortons Zahnoperationen zugegen gewesenen Aerzte bald
der verborgenen Spur folgten. Nachdem sie dieselbe entdeckt, berauschten
sie Kranke nicht blo beim Zahnausziehen, sondern auch bei greren
Operationen mit demselben Erfolge wie Morton.

Da nun der Schleier des Geheimnisses gelftet war, traten Jackson
und Morton frei mit ihrer Entdeckung hervor, suchten ihr jetzt die
mglichste Ausbreitung zu verschaffen und sich die wohlerworbene
Prioritt gegen die allenthalben nun aufstehenden Freibeuter zu sichern.
Morton, welcher mittlerweile eine groe Menge von Zahnoperationen in
Boston und Massachusets vorgenommen hatte, meldete nun mit mglichster
Eile die Jackson'sche Entdeckung an Dr. Boot in London. Warren in
Boston, welcher mittlerweile einige grere, glckliche Operationen bei
therisirten Kranken vorgenommen hatte, theilte in einem ausfhrlichen
Schreiben an Dr. Forbes in London, dem Herausgeber der Englischen und
fremden mediz. Zeitung (Review), seine erlangten Resultate und das
ganze Verfahren dieser neuen Operationsart mit, und sagt nur in einer
Nachschrift: die Entdecker des Mittels sind die Doctoren Jackson und
Morton. Jackson aber hatte schon im November v.J. bei der Pariser
Akademie zwei versiegelte Briefe niedergelegt, von denen der erste
bekundete da er schon vor 5-6 Jahren an sich selbst die betubende
Wirkung der eingeathmeten Aetherdmpfe beobachtet habe, zuerst bei einem
zuflligen Versuch, dann bei einem starken Catarrh, welchen er sich
durch Einathmen von Chlorgas zugezogen hatte. Der zweite Brief enthielt
Mittheilungen ber das schmerzlose Ausziehen der Zhne bei therisirten
Kranken.

So war also die neue Entdeckung nach Europa und zwar zuerst nach England
gelangt.

Die ersten Versuche in London wurden von Boot und Robinson beim
Zahnausziehen gemacht, sie fielen eben so gnstig aus wie die von
Amerika aus berichteten, wo seitdem auch von anderen Chirurgen grere
Operationen mit Erfolg vorgenommen worden waren. Nach diesen ersten
Versuchen Londoner Zahnrzte begannen auch einige der berhmtesten
Londoner Chirurgen, in ihren Krankenhusern dies vielversprechende neue
Mittel zu prfen; der treffliche, behutsame Key, und der khne Liston
begannen nach neuer Weise zu operiren, und betraten als Neulinge die so
oft betretene blutige Bahn.

Hatte die amerikanische Entdeckung den anglikanischen Boden erreicht,
so verbreitete sie sich mit der Theilbarkeit des Aetherdunstes oder wie
eine groe politische Neuigkeit ber Frankreich und Deutschland.
Ein reger Wetteifer ergriff die Aerzte aller Lnder, in denen die
Wissenschaft sich regt, und heute, wo ich dies schreibe, wenige Monate
nach der Entdeckung des Aetherdunstes als Schmerzstillungsmittel, sehen
wir die Erfahrungen ber diesen Gegenstand so massenhaft aufgehuft,
da nur ein groer Foliant dieselben in ihrem ganzen Umfange darstellen
knnte.




Prioritts-Ansprche

_auf die Entdeckung der Wirkung der Aetherdnste_.


Es war wohl zu erwarten, da bei einem so wichtigen, so groes Aufsehen
erregenden Mittel von mehreren Seiten her Ansprche auf die Prioritt
gemacht werden wrden, eine Erscheinung, welche wir niemals bei
unbedeutenden, sondern immer bei wichtigen Entdeckungen sich ereignen
sehen. Die Macht der Wahrheit aber ist so gro, da dem wirklichen
Entdecker wohl nur selten sein Eigenthum entrissen wird. So wird auch
Jackson Niemand die Ehre rauben.

Granier de Cassagnac behauptet, schon vor siebzehn Jahren der Entdecker
des groen neuen Mittels gewesen zu sein, und ber 200 Versuche damit
an sich selbst angestellt zu haben. Der Zufall fhrte ihn beim Einathmen
der Dnste aus einer groen Aetherflasche darauf, und nach dem Eintritt
der ersten, gewhnlichen Erscheinungen an sich, wiederholte er seine
immer lngeren Experimente, bis er in den uns bekannten seeligen Zustand
gerieth. Dann experimentirte er an seinem Bruder, bei dem die nmliche
Erscheinung eintrat, und endlich kam er auf den Gedanken, eine
Migraine, durch welche er seit Jahren geplagt war, fter dadurch zu
beschwichtigen.

Man wei nicht recht, ob man Cassagnac, welcher wirklich schon vor 17
Jahren dies Alles in dem politischen und litterarischen Journal von
Toulouse bekannt machte, bedauern soll, da ihm dies schne Anrecht, der
Entdecker des Aethergeheimnies zu sein, durch Jackson entrissen
worden ist, oder ob man ihm Vorwrfe machen soll, da er dieselbe nicht
allgemeiner, als bei seiner eigenen Migraine benutzt, nicht mit seinem
Mittel vorgeschritten, und das Anrecht auf seine Entdeckung frher
geltend gemacht habe. Cassagnac scheint auf halbem Wege stehen geblieben
zu sein. Er kam wohl nur etwas weiter als wir Alle, wenn wir bei
heftigen Zahnschmerzen an eine Flasche mit Kllnischem Wasser oder an
ein Flschchen mit Vitriolnaphta oder Campher oder an irgend eine andere
geistige Substanz riechen, um uns zu betuben. Das Punctum saliens, die
Aufhebung der Empfindung berhaupt, besonders des Wundschmerzes, blieb
ihm, wie auch Anderen, aber gnzlich verborgen. Htte er diese auch
gekannt und fr sich behalten, so wre er fr die vielen Schmerzen,
welche das arme Menschengeschlecht seit 17 Jahren durch chirurgische
Operationen hat erdulden mssen, verantwortlich.

Eben so ist Ducros zu bedauern, da ihm das Recht der Entdeckung nicht
zuerkannt werden kann, welches er fr sich begehrt und dieserhalb das
Institut von Frankreich in Anspruch nimmt. Er beruft sich dabei auf eine
i.J. 1842 von ihm herausgegebene Abhandlung: Effets physiologiques
de l'ther sulphurique etc., in welcher er uns mittheilt, da die
uerliche Anwendung des Aethers bei den zum Hhnergeschlecht gehrigen
Vgeln, einen schlafhnlichen Betubungs-Zustand herbeifhre. Aus dieser
Beobachtung folgert er, da dies Mittel auch bei Menschen in gewien
Krankheiten ntzlich sei. Dies scheint aber nicht viel mehr zu sein, als
was man schon vor ihm ber die Wirkung des Aethers wute.

Endlich will Wells sogar im Jahre 1844 Jackson die Anwendung der
Aetherdmpfe gelehrt haben. Warum, fragen wir, hat er denn diese
wichtige Sache nicht bekannt gemacht und ins Leben eingefhrt?

Was indessen die rtliche Anwendung der Aetherdmpfe bei nervser
Taubheit betrifft, so sind dieselben von Itard und Wolf wirklich frher
angewendet worden.




Apparate zum Einathmen der Aetherdmpfe.


Der erste zusammengesetzte Apparat, welcher zum Einathmen der
Aetherdmpfe angegeben wurde, da die ursprnglichen Mittel, ein mit
Aether angefeuchtetes Tuch oder ein Schwamm, nicht immer gengten, ist
der von Morton. Er besteht aus einer glsernen Kugel mit zwei Hlsen;
in ihr befinden sich mit Aether angefllte Schwmme. Mit dem einen Halse
der Kugel ist ein mit einem Mundstck versehener Schlauch in Verbindung
gebracht, durch welchen der Kranke die Aetherdmpfe einathmet. Durch die
andere Oeffnung tritt die Luft von auen in die Flasche ein, wodurch
das Verdunsten des Aethers befrdert wird. Der Rcktritt der wieder
ausgeathmeten Luft in die Flasche wird durch ein hinter dem Mundstck
angebrachtes Ventil verwehrt. Das Einathmen der ueren Luft durch die
Nase kann durch das Zusammendrcken derselben entweder mit einer Klemme
oder mit dem Finger verhindert werden.

Dieser Apparat erfuhr seit der Zeit seines Bekanntwerdens schon
mancherlei Abnderungen, da er seiner Einfachheit wegen Vielen nicht
gengte, und weil sie glaubten, da durch grere Complication grere
Vortheile zu erreichen wren. So gaben Boot und Robinson in London eine
Vorrichtung an, deren Haupttheil aus zwei bereinander befindlichen
Glasbehltern, von denen der obere nach unten sich verschmlernd, mit
diesem Theil in den weiten Hals der unteren Flasche hineingesteckt wird.
Der obere Hals der oberen Flasche kann durch einen Glasstpsel beliebig
geschlossen werden. In beiden Behltern befinden sich mit Aether
getrnkte Schwammstcke. Nahe dem Boden der unteren Flasche ist der
Schlauch angebracht, welcher als Hals und Mundstck endigt, und mit
einem Wulst zur genauen Umlagerung der Lippen versehen ist. Zwei
Ventile, ein horizontales mit perpendiculrer Bewegung, und ein
perpendiculres, haben verschiedene Bestimmungen. Jenes ffnet sich beim
Ausathmen, und lt die ausgeathmete Luft heraus, dieses gestattet den
Dmpfen den Austritt aus der Glasglocke, verwehrt aber ihren Rcktritt.
Um die Menge der einzuathmenden Aetherdmpfe vermehren, vermindern oder
ganz unterbrechen zu knnen, dient ein Hahn in der Nhe des Mundstcks.

Von diesem wenig verschieden ist ein spter von Robinson angegebener
Apparat, welchen die Londoner Aerzte vorzglich anwenden.

Der von Charrire, einem berhmten Instrumentenmacher in Paris,
angegebene Mechanismus kommt dem Morton'schen wieder nahe, da er nur aus
einer von oben nach unten stark zusammengedrckten Flasche besteht. Ein
durch den Hals bis auf die Tiefe der Flasche hin reichender Trichter,
dient zum Nachgieen des Aethers auf die in der Flasche befindlichen
Schwammstcke. Der Athmungsschlauch steigt neben dem Trichter aus
dem oberen Rohr wieder heraus. Auch dieser Apparat ist mit Ventilen
versehen. Auf eine sinnreiche Weise hat Charrire alle die Stellen, aus
denen der Aetherdunst entweichen kann, durch ein feines Drahtnetz wie
bei der Davy'schen Lampe fr Bergleute geschtzt, um einer Entzndung
des Aetherdunstes bei Annherung des Lichtes, z.B. beim Abbrennen von
Brenncylindern vorzubeugen. Dieses Apparats bedienen sich die meisten
franzsischen Wundrzte. Bonnet vernderte denselben dahin, da er den
Aether aus einem besonderen Behlter in die Glocke hineintrufeln lt,
da die Rhre bedeutend weiter ist, da Mund und Nase zugleich bedeckt
werden, und da ein besonderes Ventil anzeigt, wenn der Kranke nebenbei
atmosphrische Luft einathmet.

Ein anderer Apparat wurde von Luer in Paris an gegeben. Derselbe besteht
aus zwei zinnernen oder blechernen Kasten. Ein grerer viereckiger,
schmaler Kasten ruht auf einem kleinen, flachen, aber breiten wie
auf einem Postament: der obere, welcher den Aether enthlt, ist durch
unvollkommene Scheidewnde wie bei den Zgen eines Sparofens sechsfach
eingetheilt. Whrend die eine Scheidewand nicht ganz nach oben
hinaufreicht, geht die andere nicht bis nach unten hinab. Das
Athmungsrohr befindet sich an dem obern Seitenrande des groen Kastens.
Der untere Kasten muss durch eine Halsffnung mit warmem Wasser
angefllt werden. Drei in dem Dache des Kastens angebrachte Oeffnungen
knnen mit Stpseln beliebig geffnet und geschlossen, und dadurch
die Kammern der Maschine abgesperrt oder mit einander in Communication
gesetzt werden. Dies hat zum Zweck, die Aetherdmpfe in geringerer oder
grerer Menge durch den Schlauch dem Kranken zuzufhren.

Dieser Apparat ist ganz unzweckmig; theils durch seine betrchtliche
Gre, theils durch seine Complication wird seine Anwendung erschwert.
Auch ist, wovon bald beim Smee'schen Apparat die Rede sein wird, die
durch das heie Wasser zu bewirkende reichlichere Entwickelung der
Aetherdmpfe hchst gefhrlich.

Smee verwirft alle Glasflaschen und empfiehlt ein gerades zinnernes Rohr
von 8 Zoll Lnge und 3 Zoll Weite wie eine Klystirspritze. Das hintere
Drittheil der Hhle ist durch eine Wand von dem vorderen Raume getrennt.
Jede dieser Hhlen ist nach auen mit einer gehalseten Oeffnung
versehen. In die vordere, weitere Hhle wird der Aether hineingegossen,
die hintere, engere mit heiem Wasser, durch dessen Hitze der Uebergang
des Aethers in Dunstgestalt beschleunigt wird, angefllt. Die Oeffnung
des Wasserbehlters mu bei der Anwendung des Apparats mit einem Stpsel
geschlossen werden. Die Oeffnung des Aetherbehlters dient, auer da
der Aether durch sie eingegossen wird, auch zum Eintritt atmosphrischer
Luft. In der Aetherabtheilung befindet sich eine Rhre mit einem Ventil
in der Nhe des Mundstcks. Dies Ventil ffnet sich beim jedesmaligen
Ausathmen, so da die ausgeathmete Luft entweichen kann. Das Mundstck
ist mit einem ovalen Reifen von Gummi elasticum zum bequemen Anlegen an
die Lippen umgeben.

Dieser Apparat gewhrt keine besonderen Vorzge, was aber die schnellere
Entwickelung der Aetherdmpfe durch das in ihm angebrachte, mit heiem
Wasser angefllte Behltni betrifft, so ist dieselbe wegen des in zu
groer Menge bertretenden Dunstes fr den Kranken uerst gefhrlich.
Heftige Reizung der Lunge und unerwartet schnell eintretende Betubung
werden hier leicht eintreten.

Reisig in Wien gab einen einfachen Apparat an. Er besteht aus einer
hlzernen, flaschenfrmigen Bchse und wrde etwa 1/4 Maas Flssigkeit
fassen knnen. Der untere breitere Theil kann abgeschraubt werden, In
sie werden mit Aether getrnkte Schwammstcke oder Baumwolle gelegt,
und dann dieser Theil an den siebfrmigen Boden der oberen Bchse wieder
angeschraubt. Wird nun das breite Mundstck des Apparats ber den Mund
gedeckt, so steigen die Dmpfe durch das Sieb in den oberen Raum, aus
dem sie eingeathmet werden.

Die Vorrichtung von Heller in Wien besteht aus einer fulangen Blase
von Goldschlgerhutchen, mit welcher eine Rhre und ein Mundstck von
Buchsbaum im Zusammenhange stehen. Das Mundstck ist 2 Zoll breit und 3
Zoll lang; das Rohr hat eine Lnge von 4-6 Zoll und eine Weite von 4-6
Linien. Die Einfachheit dieser Vorrichtung geben demselben den Vorzug
vor mehreren complicirten Apparaten, nur ist die Rhre zu eng.

Schauer fand, da beim Einathmen der Aetherdmpfe die schon eingeathmete
Luft immer wieder in das Gef zurckgetrieben, und dadurch der
Sauerstoff zuletzt aufgezehrt wird. Diesem Uebelstande hilft er
durch eine eigene Vorrichtung ab. Dieselbe besteht in zwei luftdicht
ineinander geschraubten Cylindern von Holz, welche dem Munde mglichst
nahe an dem Athmungsschlauch angebracht werden. Der innere Cylinder ist
in der Mitte schrg durchgeschnitten und mit einer Klappe von dnnem
Leder und Holz bedeckt. Durch sie wird die Oeffnung vollkommen
geschlossen, so da dem Luftzug aus dem Gefe der Austritt, aber nicht
der Rcktritt gestattet ist. In dem ueren Cylinder befindet sich ein
Ausschnitt mit einer Klappe, welche die ausgestoene Luft herauslt,
sich aber beim Einathmen wieder schliet, whrend die innere Klappe sich
ffnet, und die Dmpfe aus dem Gef eingezogen werden knnen.

Bonnet und Ferrand gaben eine geftterte Maske mit Nasen- und
Mundffnung an, welche in ein Rohr endet und in ein Gef mit Aether
geleitet wird.

Mayor empfiehlt eine lang herabhngende Kappe von Wachstuch vorn mit
zwei Glasscheiben zum Hinein- und Heraussehen; unter diesem Kopfzelt
soll der Patient den Aetherdunst aus einem offenen Gef einathmen!

Auer den hier angegebenen Athmungs-Apparaten sind noch eine
Menge anderer, mehr oder minder von dem ursprnglich Jackson'schen
abweichende, angegeben worden. Mge Jeder den whlen, welcher ihm der
vorzglichste zu sein scheint, der einfachste ist aber der beste.

[Illustration: ~zu Seite 29.~]

Der Apparat, dessen ich mich bediene, unterscheidet sich von manchen
anderen durch grere Einfachheit. Er besteht aus einer kugelfrmigen,
mit einem sehr weiten und einem engeren Halse versehenen Flasche von
weiem Glase. Mit dem weiten Halse wird der elastische Schlauch, dessen
Lnge 1/3 Elle und dessen Weite anderthalb Zoll betrgt, in Verbindung
gebracht. Dies geschieht durch eine am Schlauche befindliche, 1 Zoll
weite Rhre von Horn, welche in den durchbohrten Korkstpsel des weiten
Halses der Kugel hineingesteckt wird. Am anderen Ende des Schlauches
befindet sich ein muschelfrmiges, tief ausgehhltes Mundstck von Gummi
elasticum, oder noch besser von Horn. Die Flasche ist zur Hlfte mit
greren und kleineren, stark porsen Schwammstcken angefllt. Der
Aether wird vor dem Gebrauch des Apparats durch den weiten Hals in die
Flasche gegossen, und die beiden Oeffnungen durch Stpsel geschlossen,
die Schwmme umgeschttelt, der Stpsel aus dem groen Halse entfernt,
und das Rohr darin gesteckt. Dann erst bringt man das Mundstck an den
Mund. Der enge Hals dient zum Verkehr mit der ueren Luft, so wie zum
Nachgieen des Aethers, wenn es nthig sein sollte; er kann durch den
Stpsel beliebig geschlossen werden.

Glserne Apparate mit beweglichem Rohr sind ihrer Durchsichtigkeit
und Sauberkeit wegen den metallenen oder hlzernen oder den Blasen
vorzuziehen. Alle complicirten haben den Nachtheil, da sie die
Anwendung erschweren. Das, was auf den ersten Anblick an ihnen sinnreich
zu sein scheint oder auch wirklich ist, verspricht einige Vortheile,
gewhrt aber diese nicht allein nicht, sondern ist ein Hinderniss
beim Athmen. Dahin gehrt das in dem muschelfrmigen Lippentheile
befindliche, eigentlich das Ende des Schlauches bildende Mundstck,
welches der Kranke wie eine Cigarrenspitze zwischen die Zhne nehmen
soll. Theils ist dies hchst lstig, theils erlaubt die Enge der
Spitze nur einer dnnen Sule der Aetherdmpfe den Durchgang. Der ganze
Schlauch bis zum Mundstck mu berall gleich weit sein. Alle Ventile
oder Luftklappen sind unzweckmig. Bei doppelten ffnet sich das eine
beim Einathmen der Aetherdmpfe, und verschliet sich beim Ausathmen;
dann thut sich das andere auf und lt die exspirirte Luft hinaus.
Die Ventile vermehren die Anstrengung beim Athmen und machen ein
klapperndes, unangenehmes Gerusch, bisweilen gerathen sie in Unordnung,
da sie durch ftere Anwendung schwerfllig werden. Es tritt dann eine zu
vermeidende Strung in der Operation ein. Die Vereinigung des Schlauches
mit der Flasche durch eine Schraube fhrt beim Ansetzen und Abnehmen
ebenfalls zu manchen Unterbrechungen, weshalb die angegebene Verbindung
Vorzug verdient. Die Nasenklammern oder das Zusammendrcken der Nase
ist zu verwerfen, da dadurch die grte Unbequemlichkeit entsteht; der
Kranke soll durch den Mund ein- und durch die Nase ausathmen.

Die meisten Apparate sind, wie man aus der Breite ihrer Basis ersieht,
zum Aufstellen neben dem Kranken bestimmt, doch ist es wegen mglicher
Unruhe des Patienten weit vorzuziehen, denselben bei der Anwendung von
einem Gehlfen am Halse halten zu lassen; das Umschtteln einer unten
kugelfrmigen Flasche rttelt die Schwmme zur strkern Entwickelung der
Dmpfe auch besser durcheinander, als dies bei einer Flasche von flach
glockenfrmiger Gestalt geschieht.

Unter Umstnden, wo eine schnelle Anwendung der Aetherdmpfe nthig, und
kein Apparat bei der Hand ist, kann man auf das einfache und kunstlose
Verfahren Jacksons zurckkommen, und ein in Aether getauchtes Tuch oder
einen Schwamm, nachdem beides gehrig ausgedrckt ist, locker ber Mund
und Nase decken, und der Kranke wird dadurch oft eben so schnell betubt
wie mittelst der kunstvollsten Vorrichtung. In mehreren Fllen habe ich
dies bereits erfahren, auch Bhring wendet den Schwamm mit Nutzen an.
Derselbe mu aber gro und hohl sein und mit der hohlen Seite aufgelegt
werden. Man darf ihn nicht fest andrcken, weil der Kranke dann schwer
athmet, auch bei reizbarer Haut durch die Befeuchtung mit Aether leicht
eine Rthung derselben entsteht. Bei Kindern ist der Schwamm immer
vorzuziehen.




Anwendung der Aetherdmpfe.


Man kannte die flchtig erregende Eigenschaft des Aethers schon lange,
und wute auch schon, da kurzes Einathmen einen leichten Rausch
erzeuge, doch wute man vor Jackson nicht, da dadurch die Schmerzen
aufgehoben, und angenehme Trume erzeugt wrden. Weit entfernt,
sagt Jackson, die Inhalation zu empfehlen, haben alle medizinischen
Autoritten davor gewarnt und dieselbe fr hchst gefhrlich erklrt.
Dies gilt aber nur von dem gewhnlichen, unreinen Aether, welcher auer
dem schweflicht-sauren Gase, noch Essig-, Ameisen- und Aldehyd-Sure
enthlt. Der betrchtliche Gehalt dieses gewhnlichen Aethers an Alkohol
ist nach Jacksons Erfahrung Schuld daran, da dem dadurch erzeugten
Rausche heftiger Kopfschmerz und Abspannung der Nerven folgt.

Der reine Aetherdampf ist nach Jackson irrespirabel. Wenn er die
atmosphrische Luft ganz aus der Lunge verdrngt, so mu er vollstndige
Asphyxie durch Betubung herbeifhren. Hieraus folgt, da man die
Aetherdmpfe mit einer gehrigen Menge Luft vermischen msse, damit die
Function der Lunge nicht gestrt werde. Beim Eintritt von Erscheinungen
der Erstickungsgefahr, theils als Folge einer schlechten Anwendung,
eines unreinen Aethers, einer groen Reizbarkeit, oder einer besonderen
Neigung zu Congestionen nach der Lunge oder dem Kopfe rth Jackson,
sogleich Sauerstoffgas, welches dem Blute seine rothe, arterielle
Beschaffenheit zurckgiebt, einathmen zu lassen. Man soll daher das
Gas immer bereit halten, es in einem Gasometer aufbewahren und zum
augenblicklichen Gebrauch in eine groe Gummi-elasticum-Blase fllen.
Ducros empfiehlt den Galvanismus, Andere das Ammoniak.

Das Einathmen der Aetherdmpfe geschieht mit Hlfe irgend eines
Apparates entweder durch den Mund oder durch die Nase. Die erstere Art,
wobei die Nase weder mit den Fingern noch mit einer Klammer andauernd
geschlossen wird, ist fr den Kranken am bequemsten, und es wird der
Dunst auf dem breitesten und krzesten Wege durch die Luftrhre in die
Lungen gebracht. Jackson so wie die meisten englischen Aerzte wenden
vorzugsweise diese Methode an. Das Einathmen durch die Nase, welches
besonders die Franzosen empfehlen, ist wegen der Enge der Nasenlcher
und der greren Empfindlichkeit der Schleimhaut der Nase bisweilen
mit groem Reiz verbunden, und kann nur dann mit Erleichterung fr
den Kranken geschehen, wenn das eine Nasenloch an die Oeffnung einer
Flasche, worin sich der Aether befindet, gehalten, das andere zugedrckt
wird. Athmungsrhren aber tiefer in das Innere der Nase hineinzufhren,
wrde einen heftigen Reiz der Theile verursachen. Bei Personen mit sehr
engen Nasenlchern und besonders mit engen Nasengngen, welche schon
im gewhnlichen Zustande schwer durch die Nase athmen, ist aber das
Einathmen auf diesem Wege gar nicht anzuwenden. Bergson glaubt, da man
bei schwierigen Operationen besser durch den Mund, bei kleineren durch
die Nase athmen lasse; ferner, da bei jenem Verfahren der Aetherrausch
leichter und vollstndiger eintrete, Beklemmung und Angst aber grer
seien, und alle strenden Nebenerscheinungen auf Rechnung dieser Methode
kommen: dagegen erzeuge das Einathmen durch die Nase nur den ersten und
niedrigsten Grad des Aetherrausches, nmlich den Verlust des Gefhls
und der Empfindung fr den Schmerz und fast niemals jene erwhnten
Nebenerscheinungen. Hierbei mchte aber wohl nicht zu bersehen
sein, da die grere Intensitt des Mittels nicht von dem Mund- oder
Nasenwege abhngt, sondern ob der Kranke berhaupt den Aetherdunst in
grerer oder geringerer Menge einathme. Wenn er also auf dem breiten
Wege durch den Mund nur eine kurze Zeit einathmet, so wrden auch
nur die Zuflle des ersten Grades eintreten. Es fhrt gewi zur
Vervollkommnung der Methoden berhaupt, wenn diese vielseitig geprft,
und alle Erfahrungen nach der einen oder anderen Methode bekannt gemacht
werden. Bergson empfiehlt zum Athmen durch die Nase eine flache Flasche
mit breitem Halse, in welcher sich mit Aether getrnkte Schwammstcke
befinden. Sie ist durch einen Korkstpsel geschlossen; durch diesen
luft eine hlzerne Rhre, deren ueres Ende nach der Nasenffnung
geformt ist.

Was aber die dritte Anwendungsart der Aetherdmpfe durch Nase und Mund
zugleich betrifft, so ist sie nicht minder unbequem als das Athmen durch
den Mund mit verschloener Nase. Gerade durch das Offenbleiben der
Nase, welches hchstens fr einige Augenblicke durch das Zusammendrcken
derselben aufgehoben werden darf, wird das Athemholen erleichtert, und
es kann nicht als Vorwurf dieses Verfahrens gelten, da die Wirkung des
Aethers dadurch verzgert werde.




Stellung des Kranken beim Einathmen der Aetherdmpfe.


Die meisten chirurgischen Operationen werden in sitzender oder liegender
Stellung, einige in halb sitzender, halb liegender vorgenommen, und der
Krper je nach dem Operationsorte gewendet. Mit dieser Aufgabe ist
nun das bequeme Einathmen der Dnste in Einklang zu bringen. Bei
Operationen, welche nur im Sitzen vorgenommen werden knnen, lt man
den Kranken, da er auch am leichtesten in dieser Stellung athmet, sich
in einem Lehnstuhl bequem niedersetzen, darauf einen Gehlfen mit dem
Athmungsapparat an die linke Seite des Patienten treten, den Mundtheil
auf den Mund des Kranken legen, und bertrgt die Sorge fr das
gleichmige Anschliessen an die Lippen einem zweiten Assistenten,
welcher hinter dem Kranken steht und den Kopf zu untersttzen hat. Ist
die Operation nur in liegender Stellung vorzunehmen, so darf der Kranke
beim Einathmen des Aethers sich nicht legen, am wenigsten auf den Bauch,
weil dadurch Beklemmung herbeigefhrt wird, sondern er wird auf den
unteren Rand eines durch ein Polster und Kopfkissen als Lagersttte
vorgerichteten schmalen, lnglichen Tisches gesetzt, der Rcken durch
einen Gehlfen, und die Fe durch einen Stuhl ohne Lehne untersttzt.
Jetzt beginnt er das Einathmen der Dmpfe. Tritt dann der Zustand der
nthigen Betubung ein, so entfernt man den Apparat schnell vom Munde,
legt den Kranken sanft nieder und beginnt die Operation. Die meisten
Kranken wnschen lieber, auf dem Stuhl sitzend therisirt und dann
bewutlos auf das Operationslager getragen zu werden, doch verfliegt ein
Theil des Rausches whrend des zeitraubenden, mhsamen Transportes des
Bewutlosen, und die Besinnung kehrt wohl zurck, ohne da die Operation
begonnen ist, so da ein Nachathmen der Dmpfe nthig wird. Dies mu
aber immer dann Statt finden, wenn die Operation von der Art ist, da
sie nicht in einigen Augenblicken vollendet werden kann. Kehrt unter
derselben das volle Bewutsein und die Empfindung zurck, so mu der
Kranke einige neue Athemzge thun, und wird er im Liegen operirt, so
kann man ihn auch von Neuem in liegender Stellung nachathmen lassen, bis
der Aether seine abermalige Wirkung zeigt, wozu gewhnlich nur einige
Augenblicke gehren.




Wirkungen des Einathmens der Aetherdmpfe.


Die Wirkung der eingeathmeten Dmpfe besteht in einer Reihe der
wunderbarsten Erscheinungen, deren schon im Allgemeinen gedacht worden
ist. Hier will ich dieselben noch nher angeben. Unmittelbar nach den
ersten Athemzgen stellt sich bei Vielen und besonders dann, wenn
der Kranke, welcher schon vorher aufgeregt war, mit Hast das
Athmungsgeschft beginnt, ein kurzer Husten ein, wodurch die Patienten
veranlat werden, den Apparat vom Munde wegzureien. Dieser Husten ist
die Folge der directen Einwirkung der Aetherdmpfe auf die Luftorgane
und wird sogleich dadurch beseitigt, da man etwas atmosphrische Luft
wieder einathmen lt. Ist die Willenskraft aber stark genug, so hrt
der Husten beim fortgesetzten Einathmen der Dmpfe von selbst auf.

Die Wirkung der eingeathmeten Aetherdmpfe tritt nun bei den
verschiedenen Individuen, je nach Jugend oder Alter, groer Reizbarkeit
oder Unempfindlichkeit entweder schon nach den ersten Athemzgen oder
nach Verlauf einer geraumen Zeit, und am sptesten bei Trinkern ein.
Schon nach 1/3 Minute sah ich sie bei einem Individuum erfolgen, whrend
bei einem anderen, an geistige Getrnke gewhnten nach 1/4 Stunde nicht
die mindesten Vernderungen eintraten.

Die Erscheinungen, welche wir nun der Reihe nach beobachten, sind von
sehr heterogener Art, und in den meisten Fllen die folgenden. Der
Ausdruck der Mdigkeit und bald darauf der eines betubunghnlichen
Zustandes verbreitet sich ber das Gesicht. Der Kranke athmet langsam
und kaum merklich, der Mund entgleitet dem Apparat oder schliet sich
gegen den Aether. Die Augenlider bedecken das Auge, welches nach oben
rollt. Smmtliche uere Muskeln erschlaffen, der Kopf senkt sich auf
die Seite, die Arme fallen herab, die Beine gleiten vorwrts, der Rcken
wlbt sich, die Brust sinkt ein, die Bewegung der Gedrme fhlt sich
durch die Bauchdecken langsamer. Das Athmen ist tief und ruhig, der
Herzschlag oft kaum fhlbar, mitunter ist der Athem schnarchend. Richten
wir unsere Aufmerksamkeit auf die Sinnesthtigkeiten, so bemerken
wir, da mit der Zunahme der Betubung ein Sinn nach dem anderen
verschwindet. Zuerst hrt das Gefhl auf. Der Kranke nimmt nicht wahr,
da er gekniffen oder mit einer Nadel gestochen wird. Alle brigen
Sinne sind noch thtig. Dann erlischt der Geschmack, der Aetherisirte
empfindet und unterscheidet die Geschmackseindrcke nicht mehr; dann
das Gesicht, und darauf der Geruch, whrend das Gehr noch thtig ist.
Endlich hrt auch dieser Sinn, welcher oft bis dahin in grter Feinheit
fortbestand, auf, und vllige Betubung tritt ein. Dieser Zustand ist
der gewhnliche und allgemeine.

Mit dem Nachlassen der Aetherwirkung nach Verlauf mehrerer Minuten oder
in einer unverhltnimig langen Zeit, kehren die Sinne in umgekehrter
Reihe einer nach dem anderen zurck. Zuerst fngt der Betubte wieder an
zu hren, dann zu riechen, dann zu sehen, dann zu schmecken und endlich
auch zu fhlen, und zwar sind bei der Rckkehr der einzelnen Sinne die
Folgen noch genauer, regelmiger, deutlicher und schrfer von einander
getrennt.

Schon vor dem Beginn der Einathmung der Aetherdmpfe ist das Athmen
schwer, in Folge der geistigen Aufregung. Beginnt die Inhalation, so
ist dasselbe gewhnlich in Folge der Anlegung des Apparats ganz
unregelmig. Manche Kranke benehmen sich dabei sehr ungeschickt und
ungelehrig, athmen bald zu schnell, bald zu tief ein und vermehren
dadurch die schon durch den Aether bewirkte Reizung, so da ein Hsteln
eintritt. Erst beim Beginn der Empfindungslosigkeit und noch mehr
bei dem Schwinden der brigen Sinne wird der Athem tief und langsam,
bisweilen schnarchend.

Das Auge drckt schon vor dem Anfange der Einathmungen eine etwas
besorgliche Aufregung aus, der Blick ist lebendiger, das Auge glnzend.
Schon nach einigen Athemzgen bemerkt man eine strkere Blutanfllung
der oberflchlichen Gefe und bei jungen, vollbltigen Personen oft
eine leichte Rthung. Die Pupillen verengern sich gewhnlich etwas im
Anfange der Einathmung, erweitern sich dann wohl auf einige Minuten,
um sich von Neuem zusammen zu ziehen, mit dem Eintritt einer tiefen
Betubung sind sie oft sehr erweitert. Da die Kranken gewhnlich die
Augen schlieen, so sind die Vernderungen an der Pupille ohne Aufheben
des oberen Lides selten genau zu beobachten.

Der Puls erleidet eine merkliche Vernderung. Mit dem Beginn des
Einathmens fngt er an schneller zu werden, so da er wohl 20 bis 30
Schlge in der Minute mehr hat. Hat der Aether hieran auch wohl einigen
Antheil, so wird diese Beschleunigung doch grtentheils durch das
Anfangs beschwerliche Athmen herbeigefhrt. Allmlig, bei eintretender
Ruhe, verliert er an Schnelligkeit und sinkt auf die normale Zahl der
Pulsschlge herab, und nur selten und bei groer Betubung wird er
noch langsamer als im natrlichen Zustande. Also vermehrte Frequenz
des Pulses im Anfange der Einathmung und spteres Langsamwerden ist das
Gewhnliche.

In anderen Fllen beobachten wir Folgendes: der Puls nimmt wenig oder
gar nicht an Frequenz zu, oder er ist bald schnell, bald langsam, bald
klein, bald gro, und selbst mitunter aussetzend. Eben so wechselt er in
Bezug auf Hrte und Weiche, Vollsein und Leere ab. Doch sind dies Alles
Verschiedenheiten, welche sich nur bei einzelnen Individuen zeigen,
und als Ausdruck der Eigenthmlichkeit ihrer Constitution und der
Reizbarkeit oder Unempfindlichkeit ihres Nerven- und Gefsystems zu
betrachten sind.

Mit der Verflchtigung des Rausches, der Wiederkehr der schlummernden
Sinne und des vollen Bewutseins, nimmt der Puls an Flle und Frequenz
wieder zu, so da er noch um 5 bis 10 Schlge mehr hat als vor dem
Einathmen der Aetherdmpfe.

Das Herz verhlt sich meistens ruhig, und seine Schlge sind selten
strker als im natrlichen Zustande. Oft erbebt es nur leise und die
einzelnen Schlge sind kaum von einander zu unterscheiden. Nur selten
trat wirkliches Klopfen ein, und dies entweder beim Anfange der
Inhalation oder bei der Wiederkehr des Bewutseins, wo es sich dann
pltzlich hob.

Um die Wirkungen der eingeathmeten Aetherdmpfe in Bezug auf die
Anwendung in der Heilkunde genauer zu prfen und zu wrdigen, sind von
Aerzten eine groe Menge von Versuchen an gesunden Personen und auch
an sich selber angestellt worden. Als die ersten sind die von der
Gesellschaft deutscher Aerzte in Paris, so wie die hier in Berlin von
dem talentvollen jungen von Grfe, dem Sohne des berhmten, seeligen
v.Grfe, angestellten zu erwhnen. Die an Aetherberauschten gemachten
Beobachtungen, sowie die Selbstbeobachtungen fanden whrend der niederen
Grade der Aethereinwirkung Statt.

Folgende Resultate ergaben die Versuche der Aerzte der deutschen
Gesellschaft in Paris, welche an sich selbst experimentirten.

In Bezug auf die Frequenz des Pulses zeigte sich bei Allen eine
deutliche Zunahme in den ersten 3 Minuten, hierauf ein Nachlassen der
Frequenz, die jedoch immer noch strker als im normalen Zustande war.
Gegen das Ende des Versuches, gegen die 6te oder 8te Minute hin, begann
eine merkliche Reaction des Herzens, dessen Contractionen an Intensitt
verloren hatten, indem es wieder strker und schneller schlug. Dieselben
Erscheinungen zeigten sich selbst bei weiter fortgesetzten Versuchen.
Durchschnittlich ergab sich die mittlere Zahl der Pulsschlge auf 106.

Das Athmen war meist beschleunigter als im normalen Zustand, wobei
jedoch zu bemerken ist, da selbst vor dem Versuche der Puls und die
Respiration meist schon schneller waren, als im normalen Zustande, was
durch die geistige Spannung und Aufregung derer, die sich dem Experiment
unterwarfen, wohl zu erklren ist. Die Respiration verhielt sich in
Bezug auf Frequenz und Ausdehnung vollkommen wie der Puls.

Die Wirkung der Einathmung auf das Nerven-System war in den allermeisten
Fllen eine vollkommene Aufhebung des Gefhls des Schmerzes, wovon
man sich durch Stechen der Ohren, der Nase und Hnde mit Nadeln, durch
Einschnitte in den Arm, durch Abbrennen von Feuerschwamm und Betrpfeln
mit heiem Siegellack berzeugte. Hierbei ist zu bemerken, da oft erst
nach lngerem Einathmen diese Unempfindlichkeit gegen den Schmerz sich
zeigte, whrend krzere Zeit dauernde Versuche bei denselben Individuen
ohne Resultat waren.

Die Dauer und Intensitt der Wirkung hing zum grten Theil von der
Dauer und Genauigkeit der Einathmung ab. Die Unempfindlichkeit dauerte 1
Minute 3 Sekunden bei dem Einen, 1 Minute 30 Sekunden bei einem Anderen,
bei einem Dritten 1 Minute 14 Sekunden, bei Einem Vierten ber 10
Minuten. Mehrere hatten Traumerscheinungen. Einer hatte leichte
Lichterscheinungen in den Augen, und es zeigten sich einige Symptome
von Schwindel. Zwei erwachten mit Lachen aus ihren heiteren Trumen.
Der Tastsinn war vollkommen ungestrt, so lange die Individuen bei
Bewutsein waren, und sie entdeckten ohne Hlfe der Augen die kleinsten
Unebenheiten eines Krpers. Die Wirkung des Aethers scheint bei
den Versuchen drei Stadien durchgemacht zu haben. Im Anfang ist das
Empfindungsvermgen, wie der Puls und die Respiration, gesteigert,
darauf verminderte sich die Wahrnehmung des Schmerzes mit der Bewegung
des Kreislaufes, und Verletzungen wurden nur schwach empfunden. Im
dritten Stadium hrte alles Gefhl auf, und das Individuum war so
unempfindlich wie ein Cadaver. Die Wirkung des Aethers verschwand bald,
und es blieb hernach nur ein Gefhl von Schwche und Schwere des Kopfes,
was inde nach hchstens einer Viertelstunde auch vorberging. Alle
stimmten darin miteinander berein, da die Wirkung des Aethers
ihnen eine angenehme Empfindung, hnlich der eines leichten Rausches,
verursacht habe.

Professor Gerdy in Paris beschreibt folgendermaen die Wirkung der
Aetherdmpfe auf sich selbst. Ich bediente mich des Charrire'schen
Apparats und berwand bald den Reiz zum Husten, den die Aetherdmpfe in
der Luftrhre erzeugten, der Kitzel und der Husten schienen dann durch
die beruhigende Wirkung des Aethers nachzulassen. Von diesem Augenblicke
an fhlte ich schon eine Betubung im Kopfe mit dem Gefhle von Hitze
verbunden, wie bei beginnendem Rausch. Diese Betubung verbreitete sich
allmlig ber den ganzen Krper und gewhrte einen dumpfen, aber sehr
angenehmen Eindruck, hnlich der Trunkenheit nach dem Genu von
Bier oder jungem Wein. Die Wirkung des Aethers gleicht auch der des
Morphiums, unterscheidet sich aber, wenigstens fr mich, von der
Opium-Berauschung durch den Mangel der wenig angenehmen Wirkung der
letzteren.

Der Gesichtssinn war nicht merklich durch die Betubung abgestumpft,
denn ich las bei schwachem Lichte, als ich schon benommen war. Das Gehr
war mehr verndert. Mit der Zunahme der Betubung nahm die Strke des
Schalls ab, und erst mit dem Schwinden des Rausches wurden die Klnge
wieder deutlicher.

Der Geruchs-, Geschmacks- und Gefhls-Sinn waren durch die allgemeine
Betubung nicht gelhmt; aber die Augenlider waren mir schwer, und ich
fhlte das Bedrfni zu schlafen, um mich meinen Gefhlen zu berlassen.
Ich bekmpfte inde die Mdigkeit und setzte meine Beobachtungen fort,
wobei ich bemerkte, da, mit Ausnahme des Gefhls von Schwanken und
Betubung, wodurch das Allgemeingefhl abgestumpft war, und des Summens
vor den Ohren, wodurch ich verhindert wurde, klar zu hren, meine
Auffassung so wie mein Verstand vollkommen frei seien. Ich versuchte
auch zu gehen, was mit schwankendem Schritte, wie bei Betrunkenen,
geschah. Das Sprechen fiel mir schwer und war langsam, sonst schienen
mir alle brigen Functionen des Krpers leicht. Mein Bruder beobachtete
whrend dieser Zeit meinen Puls, und fand weder die Zahl noch die Strke
der Schlge verndert.

Dieselben Versuche wurden von Gerdy bei zehn Personen, Mnnern und
Frauen wiederholt und gaben hnliche Resultate. Einige verloren ihr
Selbstbewutsein, Andere wurden sehr heiter gestimmt, bei Anderen
stellte sich Verdunkelung des Gesichts ein.

Dem von Herrn Gerdy an sich selbst vorgenommenen Experimente fge ich
die von v.Graefe an sich selbst und zahlreichen Anderen gemachten
Versuche sowie seine eigene Mittheilung, welche zugleich die Kritik des
Gerdy'schen Experiments enthlt, hinzu.

Was zuerst die Betubung anbetrifft, von der Gerdy als dem ersten
Zeichen der Aetherwirkung redet, so ist ihm dieselbe allenfalls
zuzugeben. Sie hat aber mit der wirklichen Betubung bei beginnendem
Rausch nicht die mindeste Aehnlichkeit; denn whrend diese sichtbarlich
auf der Hervorhebung der Subjektivitt gegrndet ist, finden wir hier
nichts Anderes als eine pltzlich herabgesetzte und cessirte Anspannung
der Nerventhtigkeit, und zwar in beiden Sphren derselben, in der
sensiblen und in der motorischen. Man kann die Aetherwirkung passend mit
dem das Einschlafen begleitenden Zustand vergleichen. Man knnte zwar
behaupten, da beim Einschlafen das Gefhl des ohnmchtigen Dahinsinkens
ganz fehle, welches sich hier vorfindet; doch ist auch bei der
Aetherisation dies Gefhl nicht konstant, vielmehr beruht es auf einer
gewissen Aengstlichkeit, die bei fterer Wiederholung des Versuchs
verschwindet. So hatte ich, sagt von Graefe, bei den letzteren an
mir selbst angestellten Versuchen statt der von Gerdy erwhnten
rauschhnlichen Betubung am Anfang ganz das Gefhl einer hohen,
krperlichen und geistigen Trgheit, weshalb willkhrliche Bewegungen
und logische Schlsse, wie sie sonst mechanisch verrichtet werden, zu
ihrer Ausfhrung die ganze Willenskraft in Anspruch nahmen, und
bald darauf die Empfindung eines durch Abspannung herbeigefhrten
Einschlummerns.

Das Gefhl von Hitze im Kopfe und von Klte der Extremitten ist
allerdings nicht selten, das Arterienklopfen sogar so hufig, da
ich darauf die von Gerdy meinen Versuchen zufolge beraus frhzeitig
beobachtete Alteration des Gehrsinns zu schieben geneigt bin.

Diese Alteration sah ich, allerdings bei Leuten, die zu subjektiven
Gehrerscheinungen irgendwie geneigt sind, sich durch das Gefhl eines
eigenthmlichen, klingenden, doch immer noch rhythmischen Gerusches
manifestiren, das ihnen beim ersten Versuch oft groe Angst einflte,
indessen die Wahrnehmung des Schalls nicht sehr behinderte.

Das Gefhl von Uebelkeit kann sich in dem ersten Zeitraume der
Aetherwirkung kaum einstellen, wenn es nicht etwa Folge des Schluckens
des Aethers ist. Es mu als eine sympathische Erscheinung der
Cerebralaffektion angesehen werden, die sich erst viel spter einstellt.
Was Herr Gerdy ber die verschwindende Sinnesthtigkeit sagt, so ist
es gewi, da er seinen Versuch nicht lange genug oder bei einer zu
geringen Imprgnation der Luft mit Aethergas fortgesetzt hat.

Wenn wegen der oben erwhnten Inertie eine mangelhafte Reaktion auf
Sinneseindrcke stattfindet, so ist eine mangelhafte Aktion der Sinne
selbst, und zwar aller Sinne unverkennbar. Mit Unrecht glaubt Gerdy
den Geruchs-, Geschmacks-, Gefhlssinn ausnehmen zu drfen, die eben
so deutlich und im Allgemeinen noch eher als der Gehrsinn
betroffen werden. Alle Sinne werden dumpf, verlieren allmlig ihren
eigenthmlichen Charakter, lsen sich in eine allgemeine, mechanische
Perception auf und verschwinden endlich ganz. Wie es berhaupt der
Willenskraft gelingt, die Aetherwirkung sehr zu verzgern, so geschieht
dies besonders in dem Zeitraume, wo die Sinneswahrnehmung anfngt sich
zu verwischen; eine angespannte, intense Bethtigung der sensoriellen
Funktionen hlt deren Verfall bedeutend auf. So sind denn scharf
riechende, schmeckende Substanzen, Anspritzungen mit kaltem Wasser die
besten und schnellsten Antidota fr die Aetherwirkung in diesem Grade.
Vortrefflich ist das, was von Graefe ber das Verschwinden der Sinne
beobachtete. Die Reihenfolge, in der die Sinne verschwinden, variirt
also nach der ihnen willkhrlich verliehenen Bethtigung. Schlieen der
Augen bewirkt frhzeitiges Verschwinden der Sehkraft, Fixiren einzelner
Gegenstnde mit den Augen erhlt dieselbe, genaues Aufmerken auf Alles,
was gesprochen wird, erhlt das Gehr, Unachtsamkeit macht es bald
stumpf.

Abgesehen von dieser willkhrlichen Erhaltung der einzelnen Sinne,
beobachtete man gewhnlich diese Folgereihe. Das Gefhl wird dumpf, fast
gleichzeitig mit dem Geschmack, dann das Gesicht, dann der Geruch und
endlich das Gehr. Das gnzliche Stillestehen der Sinnesthtigkeit
findet gewhnlich in derselben Succession Statt. Sehr oft geht aber
die Beobachtung einer deutlichen Folge verloren, nmlich wenn in einem
tiefen Athemzuge der Uebergang von der gedmpften Reizempfnglichkeit
zur vollkommenen Reizlosigkeit und Bewutlosigkeit vermittelt wird. In
solchen Fllen beobachtet man beim Erwachen gewhnlich die Rckkehr der
Sinne in der oben beschriebenen umgekehrten Folge.

Unerwhnt ist in dem Bericht von Gerdy der dritte Zeitraum, der auf die
aufgehobene Wahrnehmung mit physiologischer Nothwendigkeit folgen mu,
nmlich die vollstndige Bewutlosigkeit, wo Verstand und Auffassung
nicht mehr frei bleiben. Jede bewute Communication mit der Wirklichkeit
ist abgeschnitten, der Wille, etwas auszufhren, ist nicht mehr
vorhanden, da dem Geiste alle Anhaltspunkte zur Aufrechthaltung oder
Wiedererlangung des Selbstbewutseins entzogen sind; dieser Zeitraum ist
es, der allerdings mit dem Rausche zusammengestellt werden kann, da sich
hier die, vorher blo scheinbare, Gehirnaffektion wie im Schlaf durch
Sinnesbetubungen, nur auf eine andere Art wirklich ausbildet, wovon
uns die Symptome Rechenschaft geben. War vorher eine Trbung des
Bewutseins, so findet jetzt ein wirkliches Aufhren desselben Statt.

Die Trume der Aetherisirten, wie von Graefe bemerkt, sind uerst
verschiedener Art, gewhnlich nur die traumhaften Vorstellungen aus dem
zweiten Zeitraume, da im dritten ebenfalls hierfr der Rckerinnerung
alle Sttzpunkte genommen sind. Mir selbst blieb, sagt er, wie
den meisten Anderen aus diesem Stadium nur das Gefhl einer unendlich
langen, durchlebten Zeit zurck. Vergebens haschte ich in Gedanken nach
der vergangenen Traumwelt, die mir wie vielen Anderen gleichsam einen
reicheren Quell des Lebens zu umfassen schien. Eben so wenig verrth
sich die Natur der Trume durch den Gesichtsausdruck. So hrte ich
Jemanden bei der Aetherisation furchtbar sthnen und sogar in
frmliche Weinkrmpfe verfallen; er erwachte mit dem Gefhl des grten
Wohlbehagens. Einen Anderen sah ich mit dem entschiedenen Ausdruck eines
himmlischen Verzckens unbeweglich verharren; beim Erwachen glaubte er
sich in der Mitte eines Haufens Gassenbuben, die seiner spotteten etc.

Uebrigens gilt fr diese Trume, was fr alle Trume gilt, da sie im
Allgemeinen die wichtigsten Hebel des inneren Lebens whlen. Trume von
Verstorbenen beziehen sich meistens auf dahingeschiedene Verwandte
und Freunde, welche die Seele sehr beschftigen, bei Schwrmern sind
Visionen religiser Personen etc. sehr hufig. Beim Erwachen aus
dem Zeitraume vollkommener Bewutlosigkeit findet der Uebergang zum
Normalzustande durch den zweiten Zeitraum bei successiver Sinnesrckkehr
Statt. Ist die Aetherwirkung thatschlich bis in den dritten Zeitraum
gediehen und hat darin einige Zeit bestanden, so tritt sehr hufig
Erbrechen ein, wie ich es an mir selbst zweimal wahrnahm. Was den Puls
anlangt, so ist ebenfalls die Erfahrung des Herrn Gerdy nicht allgemein
gltig.

In den meisten Fllen findet whrend der ersten Stadien eine bedeutende
Acceleration Statt, die freilich zum groen Theil auf die psychische
Aufregung zu schieben ist, doch erreichte selbst bei den letzten
Versuchen an mir selbst, wo ich sehr ruhig war, der Puls eine Frequenz
von 170 bis beinahe 180 Schlgen. Mehrere Male mute ich Versuche wegen
groer Pulsfrequenz unterbrechen. Eine Erscheinung, die aber nie fehlte,
war die vernderte Qualitt. Der Puls wird stets weich, was auf die
herabgesetzte Contractilitt der Arterienhute zu beziehen ist. In den
meisten Fllen sah ich auch eine kleinere Blutwelle.

Das Athmen ist im Anfange auch bei zweckmigen Apparaten stets
beschleunigt, was theils auf die geistige Aufregung, theils auf die
durch vernderte Luftmischung herbeigefhrte Beschwerde zu beziehen
ist; es stellen sich aber nach und nach lngere Intervalle zwischen den
Athemzgen ein, so da die Frequenz bald unter das Normale geht und bei
vollendeter Betubung oft auf 8-10 Schlge sinkt.

Die mit elektrischen Schlgen vielfach angestellten Versuche bewiesen
mir, da die Empfnglichkeit fr dieselben mit dem gnzlichen Erlschen
des peripherischen Gefhls ebenfalls aufhrt. Spter wurden auch sehr
starke Schlge von uerst empfindlichen Individuen gar nicht mehr
percipirt. Sie zuckten zusammen, fhlten aber gar Nichts.

Bei allen zu Krmpfen geneigten Individuen treten dieselben gewhnlich
bei der Aetherisation ein, weshalb die ersten Stadien des Aetherschlafes
bei Epileptischen und auch vielen Hysterischen verwerflicher sind, als
bei vollsaftigen, die nur das letzte, wirkliche Congestions-Stadium zu
vermeiden haben. -- An 2 Individuen sah ich whrend der Betubung eine
ausgeprgte Catalepsie, Arme und Beine verharrten in der ihnen gegebenen
Lage.

Erschwerte Sprache, die _mehrere Tage_ andauerte, sah ich in einem
Versuche unmittelbar nach der Aetherisation.

Im dritten Stadium fand ich gewhnlich eine relative Retardation und
eine steigende Gre und Flle des Pulses, Erscheinungen, die auf die
sich entwickelnde Congestion des Blutes in den Centralorganen hindeuten.
Das Verhalten der Pupille variirt auch nach den Zeitrumen, doch bin
ich, wiewohl ich in den letzten 100 Versuchen genau darauf achtete, noch
keineswegs im Stande, eine gltige Regel dafr aufzustellen. Im dritten
Stadium sah ich aber in 1/3 Fllen eine entschiedene Dilatation.

Es ist bei der Beobachtung eines schon an sich so schwierigen Zustandes,
als der Aetherschlaf ist, durch die genauere Analyse der graduellen
Entwickelung wenigstens gehrige Klarheit zu wnschen. Denn Ausdrcke
wie: der Geruchsinn ist nicht gelhmt etc. geben ihrer Unbestimmtheit
wegen zu groen Irrthmern Anla. Eine solche Analyse nun ist
freilich nicht das Produkt einiger Versuche, sondern kann erst durch
tausendfltige Wiederholung zu erzielen sein. Das Streben nach einer
solchen analytischen Untersuchung mchte aber wenigstens den heut
zu Tage so vielfach angestellten Experimenten eine wissenschaftliche
Methode und ein wohl begrndetes Ziel verleihen.




Verschiedene Arten des Aetherrausches.


Die Aetherdmpfe erzeugen einen eigenthmlichen Zustand, welcher
am meisten Aehnlichkeit mit dem durch den Genu geistiger Getrnke
herbeigefhrten Zustand, welchen wir Rausch nennen, hat, er
unterscheidet sich von diesem besonders dadurch, da er von subtilerer
und mehr geistiger Natur ist. Indessen wiederholen sich in ihm auf
gesteigerte Weise alle die im Zustande der Trunkenheit gewhnlichen
Erscheinungen. So wie ein Mensch schon von einer geringen Menge
eines geistigen Getrnks berauscht werden kann, so reichen oft wenige
Athemzge des Aetherdampfes hin, Trunkenheit zu bewirken, und so wie ein
Anderer keine Wirkung von groen Quantitten geistiger Getrnke bei
sich versprt, so zeigt sich das Nmliche auch nach langem Einathmen der
Aetherdmpfe. Man hat mehrere Menschen ber eine Stunde lang inspiriren
lassen, ohne da sich die geringste Vernderung bei ihnen einstellte.
Die Dauer des Rausches richtet sich besonders nach der Dauer der
Einathmung. Wer augenblicklich betubt wird, kommt augenblicklich wieder
zu sich, und wer lange Zeit, etwa eine halbe Stunde, gebraucht, um
narkotisirt zu werden, ist nur langsam und schwer aus seiner Betubung
wieder zu erwecken. Die mindere oder grere Empfnglichkeit fr den
Aether hngt wie bei geistigen Getrnken vom Alter, vom Geschlecht,
vom Grade der Reizbarkeit des Nervensystems, oder dem greren oder
geringeren Abgestumpftsein gegen Spirituosa ab.

Wenn wir nun also den durch den Aether bewirkten eigenthmlichen
Zustand Rausch nennen mssen, so zeigt sich in ihm wieder eine mehrfache
Verschiedenheit, welche uns eine abermalige Aehnlichkeit mit dem
Trinkrausche zeigt. Wir nehmen deutlich vier verschiedene Arten des
Rausches wahr. 1, einen ohnmchtigen Rausch, 2, einen heiteren Rausch,
3, einen albernen Rausch, 4, einen tobschtigen Rausch. So wie beim
Trinken in Vino veritas, so gilt hier beim Athmen in aethere veritas.

_Im ohnmchtigen Rausche_ erscheint das Individuum als ein schlaffer,
empfindungsloser, welker, warmer Leib, mit gnzlich schlummerndem
Seelenleben. Das Auge ist ganz oder halb geschlossen, das Gesicht
bleich, die Zge ausdrucksloser als im gewhnlichen Zustande oder in der
Ohnmacht. Den welken Gesichtsmuskeln fehlt alle Mimik. Selten hrt man
einen leisen Seufzer oder ein Schnarchen, die Regel ist Stummsein. Wird
dieser Rausch laut, so giebt er sich durch trbe, schwermthige Stimmung
und dumpfe Klage kund, ohne jemals heiter oder tndelnd oder zornig
zu werden. Dem Erwachen gehen gewhnlich einige tiefe Einathmungen und
bisweilen Seufzen vorher.

_Der heitere Rausch_, welchen wir hufig bei jugendlichen Personen,
besonders beim weiblichen Geschlecht beobachten, drckt sich oft schon
nach wenigen Athemzgen, wenn der erste Widerwille gegen den Zwang des
Apparats und die neue Luft verschwunden ist, durch milde, freundliche
Erheiterung der Gesichtszge aus. Eine unbeschreibliche Zufriedenheit
und Frhlichkeit verbreitet sich ber das Gesicht, die Wangen rthen
sich bisweilen, das Auge wird glnzend und schliet sich dann sanft, um
sich von der Auenwelt abzukehren. Es wankt der Boden unter den Fen,
der Geist streift ab, was Krper ist, die niederen Sinne und Begehrungen
werden mit dem Krper abgelegt. Das Reich der Trume bekommt die
Oberhand, und es verknden unzusammenhngende, einzelne Worte die
unnennbare Seeligkeit. Die niederen Sinne, das Gefhl, der Geschmack und
der Geruch schlummern und zeigen keine angenehme Tuschung irgend einer
Art. Das innere Auge erblickt nun die glnzendste Farbenpracht und
beim ueren Schlafe des Ohrs schwelgt der Sinn des Gehrs in den
entzckendsten Tnen. Kein verworrenes Bild strt die Glcklichen, im
Gefhl des gnzlichen Entkrpertseins, eines bis dahin nie gekannten
Zustandes, fehlt ihnen alles Zeitmaa. Es erscheint ihnen dieser ganze
berirdische Genu bald als ein einziger seeliger Augenblick, bald
als eine himmlische Ewigkeit. Eben so wenig ist es deutlich, ob
diese Phantasiebilder ausgeschmckte und verwandelte Recitationen
von Erlebtem, oder neu geschaffene Wonnen sind. Zrtlichen Kindern
erscheinen die liebenden Eltern als verklrte Gestalten, und liebende
Mtter sehen das Gewand ihrer Kinder in unbeschreiblich blendender Weie
prangen. Wer nie in der Musik gelebt, wird im wonnigen Selbstgefhl
zum Meyerbeer, das Mdchen ohne Stimme zur Jenny Lind, der trockenste
Prosaiker zum Dante, der Furchtsame zum Helden, der die Schlacht
gewonnen und im glnzenden Heereszuge unter Pauken- und Trompetenklang
im Triumph in die schngeschmckte Vaterstadt heimkehrt, der Diener zum
groen Herrn. Unter die Stellung, welche Jeder im Leben hat, trumt
sich Keiner hinab. Alle steigen auf Adlers Schwingen hinauf in eine
glnzende, azurne Blue oder zu einem gelben, schimmernden Goldmeer.
Keiner tritt die harte Erde, die Fe und die Schwere des Leibes sind
abgelegt, Alle schweben gewichtlos und in einem weiten Raume. Sind es
niedere, irdische Erinnerungsbilder, welche vor die Seele treten, so
nehmen Theater und Concerte meistens die erste Stelle ein. Siegmund
beobachtete, da ein junger Mann seine ganze orientalische Reise
nochmals durchtrumte. Kronser meint, schlechte Poeten knnten durch
Aetherdmpfe gehoben und verbessert werden. Wenn das mglich wre, so
wre es ein Glck, und vielleicht knnte auch die Prosa dadurch veredelt
werden.

Dem heiteren Rausche wrden auch die sinnlichen Trume, welche bisweilen
beobachtet sein sollen, und aus denen man ein bedenkliches Argument
gegen den Aether entnommen hat, angehren. Wir haben dergleichen
in keinem einzigen Falle weder beim mnnlichen noch beim weiblichen
Geschlecht gesehen. Dagegen kam mehrere Male bei Aetherisirten
unwillkhrlicher Urinabgang vor.

_Der alberne Rausch_ kommt zum Glck selten vor. Schon bei dem ersten
Eintritt der Wirkung des Aethers bekommt das Gesicht einen anderen
Ausdruck, und der Mensch wird sich ganz unhnlich. Die Gesichtsmuskeln
beginnen ein vibrirendes Spiel, die Augen werden weit aufgerissen und
krampfhaft wieder geschlossen. Unruhe verbreitet sich ber den ganzen
Krper und es treten abwechselnd willkhrliche und unwillkhrliche
Bewegungen der Glieder ein. Der Athmungsapparat wird entfernt, der
Mensch fngt an ohne deutlichen Zusammenhang zu sprechen, bald Albernes
zu improvisiren, Scherze mit den Umstehenden zu treiben und diesen
wohl ein Lachen abzunthigen. Alles mit unheimlichen Geberden und
Gestikulationen begleitet. Dazu gesellen sich wohl convulsivische
Bewegungen, und die ganze Scene endet mit einer Betubung, aus welcher
er dann erwacht. Die Kranken wissen von ihrem Zustande kein deutliches
Bild anzugeben, sie versichern nur, da ihnen sehr verworren zu Muthe
gewesen sei und hegen die Besorgni, da sie durch ihr Betragen wohl
Ansto gegeben htten, und bitten tausendmal um Verzeihung.

_Der tobende Rausch_ zeigt uns ein weit schrecklicheres Bild als der
strkste vom Trunke herrhrende. Zum Glck ist er in seiner Heftigkeit
nicht viel hufiger als der alberne Rausch. Mit dem Einathmen nimmt
das Gesicht sogleich einen tiefen Ernst und dann den Ausdruck einer
unerbittlichen Strenge an. Die Augen werden weit geffnet und rollen
und blitzen jhzornig. Jetzt schlieen sie sich. Nun liegt der Kranke
regungslos da und erhebt seine Stimme zu den furchtbarsten Drohungen.
Ein undeutliches Schmerzgefhl entflammt ihn noch mehr, er ist sich
einer ueren Gewaltthtigkeit unklar bewut, er verwnscht seine
Henker. Ihr Verfluchten! rief Einer aus, Ihr Henker, Ihr Mrder! Und so
ergo er sich in eine Fluth von Schmhungen, gegen welche sich Papier
und Feder struben. Endlich tritt Ermattung ein, und nach einigen
tiefen, schnarchenden Athemzgen kehrt das Bewutsein wieder, meistens
ohne Erinnerung dessen, was in der Seele vorgegangen, oder was der Mund
gesprochen. -- Bei Anderen uert sich der tobende Rausch nur durch
heftige Muskelactionen; ohne viel zu reden, schlgt der Mann um sich,
stt mit den Fen und entwickelt eine Kraft, welche kaum zu bndigen
ist. Endlich erschpft sich die wilde Gewalt, der Krper bedeckt sich
mit Schwei, und mit schnarchenden Athemzgen tritt der Zustand der
Ruhe und der allgemeinen Erschlaffung ein. Entweder hat er gar keine
Erinnerung von diesem Zustande, oder er erzhlt nur, er habe einen
hchst verworrenen Traum gehabt, ber welchen er nichts Nheres angeben
knne.

Diese vier verschiedenen Arten des Aetherrausches sind gewhnlich von
einander verschieden, doch bemerkt man auch bisweilen Uebergnge von der
einen Form zur anderen. Der heitere Rausch verwandelt sich wohl in den
albernen und der alberne in den tobenden. Fanden Uebergnge Statt, so
folgten sie in derselben Ordnung, wie sie hier angegeben worden;
eine rckgngige Umwandlung sah ich nie. Bei Frauen habe ich nur den
ohnmchtigen und heiteren Rausch gesehen, den albernen und wthenden nur
einige Mal bei Mnnern.




Wirkung der Aetherdmpfe in Bezug auf den Schmerz bei chirurgischen
Operationen.


Ich habe vorhin die geistigen und krperlichen Zustnde der
Aetherisirten, wie wir sie sowohl bei Gesunden als bei Kranken
beobachteten, angegeben. Hier folgt nun das Nhere, was die Beobachtung
in Bezug auf das Schmerzgefhl bei chirurgischen Operationen lehrt. Dies
ist eigentlich die Hauptsache in der ganzen Angelegenheit des Aethers.
Wir nehmen in dieser Beziehung bei therisirten Personen, an welchen
chirurgische Operationen gemacht werden, folgende verschiedene Zustnde
wahr. 1, der Kranke ist vllig empfindungslos, er fhlt weder den
Schmerz noch die Operation, 2, er fhlt den Schmerz und die Operation
undeutlich, aber ganz anders wie im natrlichen Zustande, 3, er fhlt
keinen Schmerz, aber die Operation, 4, er fhlt Beides, doch anders wie
gewhnlich, 5, er empfindet greren Schmerz als im nicht therisirten
Zustande. Der Schmerz wird durch den Aetherrausch gesteigert, aber
umgendert.

Wiewohl diese verschiedenen Zustnde oft ineinander bergehen, so
lassen sie sich doch in der Regel, wenn man eine grere Zahl eigener
Beobachtungen vor sich hat, ziemlich genau nachweisen.

1. Der Aetherisirte ist vllig betubt und hat bei der grten und
peinlichsten Operation gar keinen Schmerz. Er zuckt nicht, er klagt
nicht und verrth selbst beim nothwendigen Durchschneiden von Nerven
nicht die mindeste Empfindung. Die ganze Operation wird also bei
vollkommener Betubung und Unempfindlichkeit vollendet, und beim
Erwachen wei er durchaus nichts von dem, was mit ihm geschehen ist. --
Oder der Aetherisirte ist nicht betubt, er hat nur das Aussehen eines
Mden mit glsernen Augen. Man glaubt, er sehe und wisse Alles. Es wird
an ihm die kleine oder groe schmerzhafte Operation vollzogen, nach
deren Beendigung er eben so wenig wie Jener wei, da er operirt
worden ist, obgleich wir glaubten, seine Empfindung sei nur vermindert.
Auffallend ist es besonders hierbei, da er sich mancher anderen,
geringfgigen Umstnde erinnert, was dieser oder jener gethan oder
gesagt.

2. Das Gefhl ist verkehrt. Der Kranke fhlt statt des Wundschmerzes
etwas ganz Anderes, bald an dem Orte, wo er operirt wird, bald an einer
entfernten Stelle. Ihm ist es, als wrde er gekratzt oder gedrckt, wenn
er gebrannt oder geschnitten wurde. Auch percipirt er wohl eine geringe
Unbequemlichkeit anderer Art, eine unangenehme Lage, die unbequeme
Stellung eines Gliedes, oder den Druck der Hand eines Gehlfen mehr als
die Operation selbst.

3. Er fhlt keinen Schmerz, wohl aber die Operation. Dies ist in der
Reihe der Erscheinungen die wunderbarste! Der Kranke ist betubt oder
wachend. Im letzteren Fall kann er ziemlich genau Alles wissen, sehen
und hren: er wird operirt und hat nicht das mindeste Schmerzgefhl.
Im Scheinschlaf oder im Scheinwachen folgt er genau den Bewegungen
des Messers bis in die Tiefe seines Leibes, er unterscheidet auf das
Genaueste alle seine Bewegungen und begleitet es auf allen seinen Hin-
und Herzgen ohne alle Combination. Es ist nicht das Erkennen durch
das gewhnliche, Allgemeingefhl, sondern gleichsam eine Steigerung
der rtlichen inneren Wahrnehmung, eine Potenzirung krperlicher
Selbstbeschauung. Und bei dem Allen keine Spur von Schmerz, Unbehagen,
Furcht oder Reflexion, keine Art einer sensoriellen Einmischung! Seele
und Leib scheinen von einander gelst zu sein, und jene diesen nur aus
der Ferne von oben herab ohne Urtheil oder Conjectur zu beschauen. Es
erinnert uns dieser Zustand lebhaft an die Wunder des Magnetismus, an
welche wir nicht glaubten, und welche wir hier fast mit Hnden greifen
knnen.

4. Schmerz und Operation werden empfunden -- in der That aber wird
fast nur der Schmerz natrlich empfunden. Denn bei einem empfindlichen
chirurgischen Eingriff fhlt man eigentlich nur den Schmerz, in dem das
Gefhl des Operirtwerdens ganz aufgeht. Der Kranke uert sich unter
der Operation ganz so wie es sonst geschieht, mit demselben Sthnen und
verhaltenem Klagen, obgleich er sich im Zustande anscheinender
Betubung befindet. Auch nach der Operation beschreibt er die erlittenen
Schmerzen, hnlich den gewhnlichen.

5. Es findet eine Steigerung des Schmerzgefhls Statt. Der halb oder
ganz Berauschte bricht in die lautesten Klagen aus, Worte, Stimme und
Geberden drcken ein unbeschreibliches Wehe aus, sein Zustand ist wohl
die wildeste Verzweiflung. Es ist nicht der furibunde Aetherrausch,
wie ich ihn auch ohne Operation bei Aetherisirten gesehen habe, allein,
sondern derselbe ist durch letztere noch gesteigert. Aber auch ohne
vorangegangene furiose Delirien kann ein sanfter, schlafhnlicher oder
heiterer Rausch durch das Schmerzgefhl zum furibunden gemacht werden.
Dieser Zustand zeigt aber groe Verschiedenheit. Nach berstandener
Operation erkennen wir aus den Mittheilungen der Kranken, da
sie wirklich gelitten haben, whrend in anderen Fllen der ganze
schmerzliche Hergang nur noch dunkel in ihrer Erinnerung lebt. Die
Ursache dieser Erscheinungen ist, wie ich glaube, ganz besonders eine
der Operation vorhergehende, ungewhnliche Furcht, ein ungemein starres
Festhalten des grausigen Bildes derselben und ein Mithinbernehmen
desselben in den unfreien Aetherrausch. Diejenigen Erscheinungen, wo der
Kranke bei der Operation den Schmerz ausdrckte, ohne da derselbe sich
nach Beendigung desselben bewut war, kann man dadurch erklren, da man
annimmt, er habe nur die Erinnerung an denselben verloren.




Chirurgische Wahrnehmungen bei Aetherisirten.


Die Blutung ist bei chirurgischen Operationen, welche unter der
Anwendung des Aethers vorgenommen werden, immer strker als sonst. Dies
strkere Ausflieen des Blutes, die Wunde mag gro oder klein sein, ist
besonders Folge der greren Verflssigung desselben durch den Aether.
Modificationen treten indessen bald durch grere Betubung des Kranken
und Aufregung des Gefsystems ein. Amussat sah, da die dunklere
Frbung des Blutes immer der Betubung voranging, doch fand ich das Blut
ebenfalls dunkel, auch wenn keine Betubung eintrat. Die Verflssigung
des Blutes scheint schon sehr bald nach dem Einathmen einzutreten, indem
der Aetherdunst seiner groen Theilbarkeit wegen sehr schnell die festen
und flssigen Theile des Krpers durchdringt. Eine zweite Erscheinung,
welche man sogleich wahrnimmt, ist, da eine grere Anzahl von Arterien
spritzen als sonst, und kleine, welche man sonst nicht bemerkt, in
feinem, scharfen Strahl das Blut fortschieen. Amussat meint, da diese
strkere Blutung aus kleinen Arteriensten in Folge der Aetherisation
ein neuer Vortheil fr die Chirurgie sei, indem man dieselben entdecken
und durch Unterbindung Nachblutungen vorbeugen knne; aber dies ist
gerade ein Nachtheil. Es wird dadurch die Reizung, man mag die
Gefe torquiren oder unterbinden, noch vergrert, und leichter zu
gefhrlichen Folgen Veranlassung gegeben. Ich glaube sogar, da eine der
hufigsten Todesursachen die Unterbindung vieler kleinen Gefe ist.

Das Blut ist aber nicht blo flssiger und dunkler, sondern es hat einen
wirklichen Aethergeruch. Den Aethergeruch mchte man wohl schwerlich
whrend der Operation, wo Alles im Zimmer nach Aether duftet, an dem
ausflieenden Blute wahrnehmen, aber wenn es aufgefangen und an einem
anderen Orte untersucht wird, verleugnet es den Aethergeruch nicht.

Dieselben Resultate wie der Aether geben auch die Einathmungen von
Kohlengas, Stickgas, Wasserstoffgas u.s.w., nmlich vorhergehende
Empfindungslosigkeit whrend des Athmens und allmlige Wiederkehr der
Empfindung bei neuer Einathmung der atmosphrischen Luft. Hieraus folgt,
da die Empfindungslosigkeit das Resultat der Einwirkung des Blutes
auf die Centralpunkte der Nerven ist, welches nicht in den Lungen
umgewandelt ward.

Eine dritte Erscheinung ist, da das Blut berhaupt dunkeler aussieht.
Dies fllt weniger bei dem Venenblut auf, als beim arteriellen, welches
oft ein vollkommen venses Ansehen hat, niemals aber ganz so roth ist
wie sonst. Dies habe ich nicht allein gesehen, sondern fast alle anderen
Aerzte.

Nach Amussat wird whrend des Einathmens das arterielle Blut dunkel.
Diese Frbung geht dem Eintritt der Unempfindlichkeit vorher. Wird dann
wieder atmosphrische Luft eingeathmet, so wird das Blut schon vor der
Rckkehr der Empfindlichkeit wieder roth.




Verhalten nach der Operation.


Der Zustand der Aetherisirten nach greren chirurgischen Operationen
zeigt manche Eigenthmlichkeiten, welche allein oder doch grtentheils
dem Aether zukommen. Bei Mehreren stellt sich unmittelbar nach der
Operation starkes Aufstoen und Erbrechen wie nach einem gewhnlichen
Rausch ein, bei Anderen ein kurzer Reizhusten und Niesen, welches
beides bald verschwindet. Dagegen haben andere Aerzte bisweilen
heftige Brustbeschwerden und selbst Blutspeien, wahrscheinlich nach der
bertriebenen Aetherisation, beobachtet. Bei mehreren Kranken trat bald
nach dem Einathmen der Dnste Erbrechen ein, bei anderen erst spter
nach berstandener Operation. Eine grere Anzahl klagte nur ber
Uebelkeit. Viele Kranke leiden hinterher an einem dumpfen Kopfschmerz
und groer Abgeschlagenheit des ganzen Krpers. Manche werden von groer
Schwermuth befallen, und gerade diejenigen am meisten, welche in einem
Meere von Wonne schwebten, und nun beim Erwachen keine andere Seeligkeit
als die einer berstandenen chirurgischen Operation wahrnehmen.
Ein sanfter Schlaf hob indessen gewhnlich alle diese unangenehmen
Nachwirkungen des Aethers, und am nchsten Morgen waren diese
Erscheinungen gewhnlich wieder verschwunden.

Unverkennbar ist aber die durch die Aetherisation herbeigefhrte Neigung
der Operationswunden zu Nachblutungen. Sie wird hinlnglich durch
die oben bemerkte grere Verflssigung des Blutes durch den in
den Kreislauf aufgenommenen Aether erklrt. Strkere Compression,
Tamponnade, kalte Umschlge in Verbindung mit einem khlenden Regimen
heben indessen die Nachblutungen alsbald.

Gegen ungewhnlich lange Betubung sind die vorzglichsten Mittel
frische Luft und kaltes Wasser, kalte Umschlge auf die Stirn gelegt.
Bei zwei nicht einmal stark von mir Aetherisirten stellten sich
bedeutende Congestionen nach dem Kopfe ein, welche durch Aderlsse aber
sogleich gehoben wurden. Das abgelassene Blut, welches nach Aether roch,
war flssiger, der Blutkuchen kleiner, das Blutwasser rthlich. Andere
leiden noch lngere Zeit an nervsem Kopfweh. Bei Gerdy selbst dauerte
dieses 10 Tage lang.

Das Riechen an Salmiakspiritus, welches man als Antidotum gegen
Aetherbetubung empfohlen hat, mchte wohl nur beim eingetretenen
Scheintode zu empfehlen sein. Jackson rth, wie schon erwhnt worden,
bei tiefer Betubung den Kranken Sauerstoff einathmen zu lassen und bei
jeder unter Einwirkung des Aethers vorzunehmenden Operation eine
Flasche mit Sauerstoffgas in Reserve zu haben, doch wird diese Vorsicht
berflssig, wenn man den Kranken nicht berstark therisirt.

Gefhrlich scheint es zu sein, dem Kranken nach berstandener Operation
starke Getrnke zu geben. (Fairbrother reichte dieselben bei einer
Amputation und therisirte abwechselnd den Patienten.) Es kann nmlich
dadurch eine gefhrliche Steigerung des Rausches herbeigefhrt werden.
Lehrreich ist in dieser Beziehung das Beispiel von Siegmund, welcher bei
einem Manne, auf welchen der Aether nicht zu wirken schien, von einem
Glase Wein einen starken Nachrausch entstehen sah.

Mehrere Aerzte beobachteten starke Schweie nach der Operation als ble
Folge der Aetherisation. Ich habe diese spten Schweie nur zwei Mal
gesehen, sie waren fr den Kranken keinesweges erschpfend, sondern
schienen vielmehr einen ganz wohltuenden Einflu zu ben.

In Folge der groen Theilbarkeit der Aetherdmpfe nehmen wir bei
therisirten Personen noch lngere Zeit einen durchdringenden
Aethergeruch wahr. Nicht blo die ausgeathmete Luft, sondern auch
der Schwei und die Oberflche des Krpers riechen noch nach mehreren
Stunden, selbst noch mehrere Tage lang nach Aether. In einem Falle nahm
ich noch am dritten Tage nach der Operation den Aethergeruch wahr.

Die ausgeathmete Luft therisirter Kranken enthlt nach Despretz
nur halb so viel Sauerstoff als die gewhnliche Luft, denn bei einer
Temperatur von 20 Grad ist die elastische Kraft des Aethers ungefhr der
Hlfte des mittleren Druckes der Atmosphre gleich.

Die unter Aether Operirten scheinen nach berstandener Operation,
abgesehen von dem Gefhle der Abgeschlagenheit, weniger glcklich
darber, was sie nicht wahrgenommen, als die es sind, welche unter
Schmerzen operirt worden, da der gefrchtete Augenblick vorber ist. Es
stellt sich bei ihnen eine eigenthmliche Furcht vor dem Verbande ein,
bei dem sie sich weit sensibler zeigen, als die nicht Aetherisirten,
denen das Unbehagliche des Verbandes hchst unbedeutend im Vergleich zu
dem Schmerze bei der Operation erscheint.

Sptere nachtheilige Einflsse von groer Bedeutung auf das allgemeine
Befinden der Kranken oder auf die Operationswunden habe ich nicht
bemerkt. Diejenigen Wunden, welche durch Heftpflaster oder Nhte zur
unmittelbaren Verwachsung gefhrt werden sollten, waren oft in wenigen
Tagen, wie sonst, vollkommen geschlossen.

Bei Wunden mit Substanzverlust beobachtete ich keine strkere
Entzndung, als gewhnlich, (vielleicht eine geringere). Der Eiterungs-
und Granulationsproce war bald natrlich, bald die Plasticitt
vermindert, die Heilung erfolgte in der gewhnlichen Zeit auch wohl
etwas spter.

Auch die festen Theile scheinen einige Vernderungen durch den Aether
zu erleiden. Die Haut ist welker und zeigt einen geringeren Grad
von Elasticitt beim Durchschneiden, weshalb sie sich weniger
stark zurckzieht. Das Zellgewebe ist dunkler und blutreicher, die
willkhrlichen Muskeln bei starker Betubung schlaffer und unverkennbar
von einer leicht braunen Frbung. Auch die unwillkhrlichen Muskeln, wie
die des Darmkanals, erschlaffen; daher mitunter grere Leichtigkeit,
incarcerirte Brche zurckzubringen. Eben so die Blase deren
willkhrlicher Schlieungsmuskel bisweilen sich ffnet und den Urin
ausflieen lt. Bei einer Frau (siehe unten), welcher ich einen
eingeklemmten Bruch operirte, fand sich auf der anderen Seite ein groer
beweglicher Bruch, nur von papierdicken Hllen bedeckt. Die durch sie
hindurch deutlich wahrnehmbare aufgeblhte Darmschlinge war in groer
Aufregung, und die peristaltische Bewegung sichtbar. Nach der Einwirkung
der Aetherdmpfe erlahmte diese Bewegung allmlig, und die Darmschlinge
kroch langsam in die Bauchhhle zurck.

Der Zustand der Empfindungslosigkeit selbst bei der grten
chirurgischen Operation, zeigt gerade das Umgekehrte von dem, was wir
an einem an der asphyctischen Cholera Leidenden sehen. Whrend bei jenem
die Operationswunde strker blutet, ist die Empfindlichkeit vollstndig
aufgehoben. Bei blauen Cholerakranken giebt die Wunde keinen Tropfen
Blut, sie ist fast trocken, und selbst die groen Arterien an
den Gliedern sind leer, und dennoch ist der natrliche Grad des
Empfindungsvermgens in allen Theilen der Wunde vorhanden. Eine
grausenvolle Erscheinung! Also Lebensausdruck in dem Todtscheinenden und
Todeserscheinungen in dem Lebendigen.




Von der Anwendbarkeit der Aetherdmpfe bei den einzelnen chirurgischen
Operationen.


Die Chirurgen und chirurgischen Schriftsteller haben in neuester Zeit
hufig den Aether ber die Operation gestellt. Sie reden von glcklichen
und unglcklichen Versuchen, von glcklichen und unglcklichen
Operationen, und damit meinen sie nur den Aether, nicht die eigentliche
chirurgische Operation. Abgesehen, da der Ausdruck _Versuch_ beim
Menschen in einer ernsten Sache nicht recht passend ist, da man nur
hchstens an Thieren experimentirt, am wenigsten an einer 6 Monate
schwangeren Frau, wie Herr Cardan mit dem Aether that! (s.u.)
Glckliche Operationen werden jetzt also diejenigen genannt, bei denen
der Kranke den Aether gut geathmet und einen guten, sanften Rausch
gehabt hat; ungnstige dagegen die, wo er widerspenstig beim Athmen
gewesen ist, einen wilden Rausch gezeigt, dabei geschrieen und getobt
und die Operation schmerzlich empfunden hat. Der chirurgische Theil der
Operation ist also gegen den Aether ganz in den Hintergrund gestellt,
da bei Vielen es so aussieht, als wre die Operation und ihre
knstlerische Ausfhrung ganz Nebensache, als wre es ganz Nebensache,
ob der Kranke sich hinterher gut oder schlecht befunden habe, gefhrlich
krank geworden oder gar gestorben sei, wenn er nur nicht unmittelbar
darauf und der Aetherbetubung unterlegen hat.

Diese Einseitigkeit in der Auffassung einer der grten Entdeckungen
kann derselben aber nur schaden, zu Irrungen verleiten und den Gegnern
gefhrliche Waffen in die Hand geben. Vieles kann und darf mit Aether
operirt werden, Manches darf durchaus nicht mit Aether operirt werden,
und bei noch Anderem ist der Aether Luxus, d. h. die Aetherisirung steht
nicht im Verhltni zur Operation, sie ist zu klein, und das Mittel
zu gro; es ist, als wolle man mit einer Kanone nach einem Sperling
schieen, oder eine Fliege statt mit einer Klappe mit einer Holzaxt
todtschlagen. -- Das wird man vielleicht bel nehmen und sagen, ich sei
ein Gegner des Aethers.

Die Aetherisation ist unter allen Umstnden bei allen Operationen
aber zu vermeiden, wenn der Mensch an Krankheiten der Luftwege, an
Congestionen nach der Brust und dem Kopfe, an Neigungen zu Blutflssen
und groer Reizbarkeit des Nervensystems leidet. Blutungen, Schlagflu,
gefhrliche Nervenzuflle knnen das Leben dann auf das Spiel setzen,
und die Erffnung eines Geschwrs oder das Loswerden eines kranken
Zahnes viel zu theuer erkauft werden. Eben so wenig giebt auf der
anderen Seite die bedeutende Gre einer Operation die alleinige
Bestimmung zur Anwendung des Aethers, da dieser durch manche wichtige
Umstnde verboten sein kann. Der einsichtsvolle Arzt wird dies Alles zu
bercksichtigen wissen.

Von den vielen Hunderten von chirurgischen Operationen, welche an eines
kranken Menschen Leib, um ihn wieder gesund zu machen und sein Leben
zu erhalten, ausgefhrt werden knnen, will ich einige in Bezug auf die
Anwendbarkeit des Aethers durchgehen.

Man mge es mir verzeihen, wenn ich nicht die Namen aller der Mnner,
welche diese oder jene Operation mit Erfolg unter der Anwendung
des Aethers vorgenommen haben, anfhre, da das Material bereits zu
massenhaft angehuft ist.

_Das Brennen._ Das Feuer ist gefrchteter als das Messer. Die Schrecken
des glhenden Eisens und der Brenncylinder geben der Aetherbetubung
hier eine ihrer ersten Stellen. Die Anwendung des Glheisens ist zwar in
neuerer Zeit bei Gelenkkrankheiten sehr beschrnkt worden, inde mssen
wir die Betubung des Kranken bei der hufig anzuwendenden Moxa als
ein herrliches Mittel, ihre unertrglichen, nachhaltigen Schmerzen
aufzuheben, betrachten. Die meisten Wundrzte haben sich bereits mit
glcklichem Erfolge hier des Aethers bedient und vielen Kranken die
Schmerzen erspart, da sie nach berstandener Operation durchaus keine
Erinnerung davon hatten. -- Bei der Operation kann man indessen in
Bezug auf Feuer und Licht nicht vorsichtig genug sein. So wie der Kranke
betubt ist, mu der Apparat und das Licht aus dem Zimmer entfernt,
und wenn dieses klein ist, ein Fenster geffnet werden, damit keine
gefhrliche Entzndung entstehe. Charrire hat deshalb, wie schon oben
bemerkt, auch seinen Apparat, wie die Davy'sche Sicherheitslampe der
Bergleute, mit einem feinen Drahtnetz umgeben.

_Verrenkung der Glieder._ Bei der Verrenkung der Glieder ist die
Aetherbetubung zum Wiedereinrichten derselben ein wunderbares Mittel.
Durch sie wird das verwirklicht, wonach man Jahrhunderte vergebens
gesucht hat, und wovon man nur den kleinsten Theil auffand. Bei frischen
Verrenkungen ist die Schwierigkeit der Wiedereinrichtung zwar nicht
gro, doch bedarf es dazu einiger Geschicklichkeit und Uebung. Bei der
Verrenkung eines groen Gliedes, besonders wenn schon einige Zeit danach
verstrichen ist, kommt es, um dasselbe wieder einzurenken, oft nicht
blo auf Geschicklichkeit und richtige Leitung der helfenden Krfte an,
sondern vornehmlich auf Erschlaffung der krampfhaft zusammengezogenen
Muskeln. Diesen Zustand allgemeiner Abspannung suchte man in
schwierigen Fllen durch Blutentziehungen bis zur Ohnmacht, betubende
Arzeneimittel, durch Abfhrungen, Brechmittel, Ekelkuren, Hungern, laue
Bder, lige Einreibungen u.s.w. herbeizufhren; Dupuytren bediente
sich sogar des Schreckens, indem er pltzlich mit einem groen Messer
auf den Kranken losging, als wolle er ihn amputiren, wo er dann dem
vor banger Furcht Zusammenbrechenden schnell das Glied einrenkte. Die
widerstrebende Macht der zusammengezogenen Muskeln groer Glieder, wie
bei der Verrenkung des Oberschenkels, ist bei starken Mnnern bisweilen
so gro, da selbst Flaschenzge den Widerstand nicht zu berwinden
vermgen, und die Muskeln leichter zerreien als nachgeben. Nur die
Durchschneidung der am meisten zusammengezogenen Muskeln half bisweilen
die Schwierigkeiten der Einrichtung berwinden. Den wnschenswerthen
Zustand der gnzlichen Erschlaffung der Muskeln fhrt nun die
Aetherbetubung in einer Weise und in einem Grade herbei, da dieser
schwierige Theil der Chirurgie dadurch an Sicherheit und glnzendem
Erfolg fr immer gewonnen hat. Sollte der Aether auch bei allen blutigen
Operationen wieder in Verfall kommen, so wird er bei Luxationen sich
immer erhalten. Als Regel mu hier aber gelten, da der erste Grad der
Aetherisirung, die Aufhebung der Empfindung, nicht ausreicht, sondern
da der Zustand der vollen Betubung zur Erschlaffung aller Muskeln
herbeigefhrt werden mu. So renkte Velpeau mit Leichtigkeit den
Oberschenkel wieder ein. Eben so leicht gelang anderen Wundrzten die
Wiedereinrichtung des verrenkten Oberarmes so wie anderer Glieder.

Von _complicirten Knochenbrchen_ grerer Gliedmaen, besonders des
Unterschenkels, wo die Bruchenden bereinander geschoben sind, und wo
Alles darauf ankommt, die Bruchflchen wieder gegeneinander zu stellen,
gilt dasselbe wie von den Luxationen. Die Erschlaffung der durch die
Verletzung gereizten und zusammengezogenen Muskeln, welche durch die
Betubung des Kranken herbeigefhrt wird, macht die Einrichtung mit weit
geringerem Kraftaufwande als sonst mglich, so da zwei Menschen
jetzt dasselbe leicht erreichen knnen, was sonst vier nur mit aller
Kraftanstrengung und unter den grten Schmerzen zu Stande zu bringen
vermochten.

Bei _Resectionen der Gelenkenden_, so wie beim Ausziehen groer
Sequester, ist die Aetherbetubung ebenfalls mit grter Erleichterung
fr die Kranken bereits mehrere Male gemacht worden. So resecirte
Heyfelder den Kopf des Oberarms unter Aether.

_Die Operation der Pulsadergeschwulst._ Bei der Unterbindung groer
Gefstmme zur Heilung des Aneurysma's ist der Vortheil der Betubung
nicht gro. Die Operation ist selten sehr schmerzhaft, und die Kranken
pflegen sich aus Furcht ruhig zu verhalten. Ein unruhiger oder gar
wilder Rausch knnte hier sehr gefhrlich werden und eine Verletzung der
blozulegenden und zu unterbindenden Arterie veranlassen. Zwei wichtige
Umstnde scheinen mir hier der Betrachtung werth zu sein. Der eine ist
fr die Operation vielleicht ntzlich, der andere steht ihr entgegen.
Die durch den Aether bewirkte Verflssigung des Blutes mu nach
Unterbindung des Hauptstammes der Arterien die Herstellung des
Collateralkreislaufs befrdern und die Gefahr des Absterbens der Glieder
vermindern. Auf der anderen Seite tritt uns ein neues Bedenken entgegen.
Die Aetherisirung vermindert die Plasticitt des Blutes, es bildet sich
nicht immer ein gehriger Thrombus und nach der Durchschneidung des
Gefes durch den Unterbindungsfaden entsteht eine Blutung.

Noch weniger ist aber die Aetherisirung angezeigt, um eine zufllig
verwundete grere Arterie zu unterbinden, da, auer den oben
angegebenen Bedenklichkeiten, die Blutung durch das Einathtmen des
Aethers noch vergrert werden wrde. Die Torsion erscheint bei
Aetherisirten gewi sehr bedenklich und lt wohl noch leichter
Nachblutungen zu als die Unterbindung.

_Orthopdische Operationen._ Bei den greren orthopdischen Operationen
findet die Anwendung des Aethers als Schmerzstillungsmittel ein sehr
geeignetes Feld, da sie besonders dann empfindlich sind, wenn
ein groes, viele Jahre lang gekrmmt gewesenes Glied, nach der
Durchschneidung der verkrzten Sehnen oder Muskeln, schon vor der
Anwendung der Maschine einigermaen gestreckt werden mu. Dies gilt
besonders von Contracturen des Hft- und Kniegelenkes. Von unendlichem
Nutzen ist hier die Aetherisation, wie ich bei meinen Operationen
bisweilen gesehen habe, Dasselbe wird auch von Anderen angegeben. Wo
aber nur die Achillessehne, wie beim Pferdefu oder dem niederen Grade
des seitlichen Klumpfues, zu trennen ist, oder bei der Contractur
im Ellenbogengelenk oder dem schiefen Halse, wenn nur eine Sehne
zu durchschneiden, ist der Aetherrausch weniger am Orte, da diese
Operationen weniger schmerzhaft sind und nur einen Augenblick erfordern.
Htte der Kranke aber gar einen blen Rausch, so wrde man ihm und sich
die Operation sehr erschweren. Anders verhlt es sich mit den hheren
Graden des Klumpfues, wo theils die Verdrehung des Fues, theils seine
Formvernderung die Durchschneidung mehrerer Sehnen erfordert, besonders
aber wenn wegen groer Zusammenziehung und Mistaltung des Fues,
Durchschneidungen in der Fusohle nthig wren, um dem Gliede
durch zweckmige Nachbehandlung die natrliche Stellung, Form
und Brauchbarkeit zu verschaffen. Bei diesen Operationen ist die
Aetherisirung dringend zu empfehlen. Dasselbe gilt auch von
der Einrichtung veralteter Luxationen mit Hlfe der Sehnen- und
Muskeldurchschneidung, z.B. des Schulter-, Arm-, Hand-, Knie- und
Fugelenkes. Der starre Widerstand der durch die lange Dauer des Uebels
verkrzten Theile wird durch die Betubung etwas gemindert und dadurch
ihre Durchschneidung noch mehr erleichtert. Eine groe Wohlthat ist es,
bei diesen schmerzhaften Unternehmungen dem Kranken die Empfindung zu
rauben, und gewi wird die Einrichtung hier jetzt auch in den Fllen
bisweilen gelingen, wo sie frher nicht immer mglich war.

_Die Exstirpation von Geschwlsten_ begehrt den Aether, wenn sie
gro sind, und die Operation schmerzhaft ist. Dies gilt sowohl von
Geschwlsten an der Oberflche des Krpers als von den in zugnglichen
Hhlen. Von den letzteren ist an einem anderen Orte noch besonders
die Rede. Die Operation groer, festsitzender fibrser, skirrhser und
steatomatser Tumoren, der Fett- und Balggeschwlste, wird dem Kranken
und dem Arzte durch den Aether sehr erleichtert, so da er dieselbe bei
grerer Ruhe, welche die Kranken gerade bei diesen Operationen nicht
zu haben pflegen, in viel krzerer Zeit ausfhren kann. Dagegen ist die
Aetherbetubung ein zu groes Mittel, um sie beim Ausschneiden jeder
kleinen Balggeschwulst, wie z.B. bei einem Grtzbeutel auf dem Kopfe
oder an einem anderen Krpertheile anzuwenden. Nur die Individualitt
des Kranken wird hier eine Ausnahme machen, so da man auch bei kleinen
Operationen dieser Art sehr furchtsamen und sensiblen Kranken,
besonders wenn sie sich sehr nach dem Aether sehnen, eine leichte
Empfindungslosigkeit vor der Operation zu Gute thun kann.

_Beim falschen Gelenke_, welches nach einem nicht wiedergeheilten
Knochenbruche entstanden ist. Die Durchbohrung der Knochenenden und die
Einfhrung von Zapfen in dieselben, zur Hervorrufung einer entzndlichen
Anschwellung mit neuer Callusbildung machen bei dieser intricaten
Operation eine Erschlaffung der Muskeln und vllige Regungslosigkeit des
Kranken hchst wnschenswerth.

_Amputation der Glieder._ Die Amputation nicht blo kleiner Gliedmaen,
als der Finger und Zehen sondern auch ganzer Arme und Beine ist schon
so hufig in der Aetherbetubung und zwar mit so entschiedenem Vortheil
vorgenommen worden, da der Werth des Mittels in dieser Beziehung wohl
als gnstig festgestellt ist. Bei Amputationen grerer Glieder ist
das Gemth der Kranken schon vorher durch die traurige Perspective
als Krppel unter Gesunden einherzuwandeln, so gebrochen, da nur die
schmerzhafte Zerschmetterung eines gesunden Gliedes, oder die durch
langwierige Knochenkrankheit herbeigefhrte Erschpfung, in tiefster
Resignation in dem Leidenden den Wunsch aufkommen lassen, das drftige
Leben fr einen Arm oder ein Bein zu erkaufen. Aber schon ein gnstiges
Ohr dem Arzte leihend, erbeben sie bei dem Gedanken an die Gre und
an die Schmerzen der Operation, die von dem Gebtesten in wenigen
Augenblicken ausgefhrt, immer dieselbe bleibt, indem sie, sie mag im
Gelenke oder ausser demselben vorgenommen werden, schon wegen ihrer
Grsse das innerste Leben berhrt. Ein herrlicher Gewinn ist hier
die Aetherbetubung, da die Erfahrung gezeigt hat, da selbst der
Oberschenkel, ohne da der Kranke es nur im mindesten fhle, amputirt
werden knne. Ganz unbedingt ist aber so groer Vortheile ungeachtet,
die Aetherbetubung meiner Meinung nach hier doch nicht zu empfehlen.
Die Amputationen sind berhaupt angezeigt bei Zerschmetterungen der
Glieder, welche eine Erhaltung derselben unmglich machen, und bei denen
der Versuch die Extremitt zu retten, bisweilen mit dem Leben bezahlt
wird, ferner bei solchen Krankheiten der Gelenke, der Knochen oder der
Weichgebilde, welche den Tod herbeifhren, wenn der Kranke nicht, wie
er im Kleinen den schmerzhaften Zahn ausreien lt, hier sein krankes
Glied, die Quelle unsglicher Leiden, Preis giebt. Unter diesen
Umstnden ist aber die Aetherisation nicht unbedingt bei dem Amputiren
zu empfehlen. Nur den Kranken, welchem noch ein Theil seiner Krperkraft
geblieben, welcher nicht ganz heruntergekommen ist und einen gewissen
Grad von krperlicher und moralischer Strke sich hat erhalten knnen,
mgte ich unbedingt therisiren. Dagegen wrde ich groes Bedenken
tragen, einen durch langwierige carise Zerstrung in oder ausser
dem Gelenke aufs uerste Erschpften, durch hektisches Fieber fast
Aufgeriebenen, zu betuben, damit er von der Operation nichts fhle. Bei
einem so bejammernswerthen Zustande wrde man Gefahr laufen, durch den
knstlichen Rausch, bei dem perturbirten Zustande des Gefsystems,
augenblicklich tdtliche Congestionen nach Brust und Kopf hervorzurufen.
Ferner wird durch die therische Verflssigung des Blutes, bei dem schon
ohnehin fluiderem Blute des Kranken, zu grerem Sfteverluste, den man
bei der Amputation hier so schon zu vermeiden hat, so wie zu greren
Nachblutungen Veranlassung gegeben. Hchstens mgte ich dem Kranken
nur die ersten Andeutungen der Aetherberuhigung durch einen wenige
Augenblicke vor Nase und Mund gehaltenen Schwamm genieen lassen
und dann schnell die Operation vornehmen. Da aber auch noch dem am
strksten hektischen Fieber Leidenden, dessen Lebenszeit bis auf einige
Tage abgelaufen ist, noch durch die Amputation des kranken Gliedes das
Leben gerettet werden knne, lehren unzhlige Erfahrungen.

_Die Trepanation des Schdels._ Von allen groen chirurgischen
Eingriffen verbietet keiner so sehr die Aetherisirung als die
Trepanation des Schdels, eine Operation, welche bei Kopfverletzungen
in neuerer Zeit wegen ihrer Undankbarkeit schon an und fr sich bei den
besten Chirurgen so sehr in Mikredit gekommen ist, da man sie nur noch
in wenigen Fllen anwendet. Die Aetherisirung von Personen mit schweren
Kopfverletzungen vor der Trepanation wrde vielleicht noch das Gute
haben, den Kredit derselben noch mehr herabzusetzen (da der Tod danach
noch hufiger eintreten wrde) und spteren Kranken das Leben zu retten,
indem man noch weniger als jetzt trepanirte.

Der Zustand eines Kopfverletzten ist oft schon dem eines stark
Aetherisirten hnlich, todthnlicher Schlaf, gnzliche Bewutlosigkeit,
oder wilde Delirien, Convulsionen u.s.w. geben das schreckliche Bild
der Strung der intellectuellen Functionen. Die Trepanation wird wohl
bisweilen vorgenommen, ohne da der Kranke etwas davon fhlt oder wei.
Selbst in minder schweren Fllen ist er sich des blutigen Eingriffs nur
undeutlich bewut und drckt seine unklaren Empfindungen nur durch ein
dumpfes Sthnen aus. Wer also unter solchen Umstnden dem Kranken zur
natrlichen Betubung noch eine knstliche durch Aether hinzufgen
wollte, um ihm und sich die Sache zu erleichtern, wrde dadurch seine
traurige Beschrnktheit verrathen. Aber auch bei Kopfverletzungen mit
vollkommenem Bewutsein, wo die Trepanation nothwendig erscheint, ist
die Aetherisirung gefhrlich, indem durch sie der Blutandrang nach dem
verletzten oder gereizten Hirn bedeutend gesteigert, und der Ausgang
der Krankheit um Vieles zweifelhafter gemacht wird. Zum Glck ist diese
Operation aber noch nicht unter der Einwirkung des Aethers unternommen
worden.

Bei _Augenoperationen_ lt sich eben so viel fr als wider den Aether
sagen. Die Zartheit des Organs, und die Feinheit der Operation begehren
die absoluteste Ergebung und Stille des Kranken, wenn dieselbe nicht von
der gebtesten Hand ausgefhrt wird. Dahin gehren die Staaroperation,
die Pupillenbildung und die Schieloperation. Kann der Kranke
durch Aether dabei noch passiver gemacht werden, so ist dies eine
Erleichterung fr den Arzt, welcher noch geschwinder sein Werk vollenden
kann, und fr den Kranken, weil er nichts dabei fhlt. Die bisherigen
Beobachtungen sprechen noch zu Gunsten der Aetherisation bei
Augenoperationen. Es lt sich aber dagegen einwenden, da die geringe
Schmerzhaftigkeit mancher Augenoperationen und die Schnelligkeit, mit
welcher sie ausgefhrt werden knnen, die Aetherisation berflssig
macht. Von grsserem Bedenken ist aber der Umstand, wenn der Rausch
unter der Operation pltzlich ein ungestmer wird, wo das Instrument,
welches sich gerade im Auge befindet, dasselbe verletzen oder z.B. eine
Staarnadel darin abbrechen, so da es schon als ein Glck zu betrachten
wre, wenn es schnell aus dem Auge vor vollendeter Operation gezogen
werden knnte. Bei Augenoperationen wrde ich, da bei ihnen Alles von
der Art des Rausches abhngt, rathen, einige Tage vor der Operation
versuchsweise den Kranken zu therisiren, obgleich auch dies noch nicht
immer eine zuverlssige Bestimmung ber die Art des spteren Rausches
giebt, bei der Operation aber selbst mglichst stark zu therisiren,
eine Weile noch die Operation anstehen zu lassen, und wenn er ruhig
bleibt, sogleich zu operiren: wenn er wild wird, bis zum gnzlichen
Ablauf des aufgeregten Zustandes zu warten.

Von entschiedenem Werthe ist die Aetherisation bei anderen grberen und
greren Augenoperationen, wo eine zufllige Nebenverletzung auch bei
unruhigen Kranken nicht zu besorgen ist. Dahin gehrt die partielle oder
totale Exstirpation des Augapfels. Wenn schon die schmerzlose Wegnahme
des groen dunklen Staphyloms der Hornhaut, welches den baldigen
Aufbruch des Auges und den Uebergang in Augenkrebs frchten lt,
eine groe Erleichterung fr den Kranken sein mu, so sind wir der
Aetherbetubung die hchste Anerkennung schuldig, wenn wir eine der
grausenvollsten und schmerzhaftesten Operationen, das Ausschneiden des
durch Krebs, Blut- oder Markschwamm zerstrten Auges, die Durchtrennung
der Sehnerven und wohl gar mit dem Augapfel zugleich die Entfernung der
vom Krebse ergriffenen Augenlider vornehmen knnen, und der
Unglckliche der vernichtenden Schmerzen dabei berhoben wird. Unter den
Augenoperationen steht in Bezug auf Aetherisirung die Ausschneidung
des Augapfels also oben an, und es ist kein einziger Grund gegen sie
vorhanden.

Bei _Operationen an den Augenlidern_, besonders wenn sie von grerem
Umfange sind, und bei der knstlerischen, plastischen Operation, wo ein
Augenlid zu ersetzen ist, ist die Aetherisation von Nutzen, unpassend
aber bei allen kleineren Operationen, z.B. dem Ausschneiden von kleinen
Balggeschwlsten u.s.w.

Bei der _Nasenbildung und anderen greren Gesichtsoperationen_, ist die
Aetherbetubung mit groem Vortheil anzuwenden. Das Knstlerische dieser
Operation, wobei ein neuer, edler Theil geschaffen werden soll,
begehrt von Seiten des Kranken die grte Ruhe und Ergebenheit, um
die migestaltete oder den Ort der fehlenden Nase durch Incisionen
und Exstirpationen zur Aufnahme eines aus der Stirn- oder Armhaut
einzusetzenden Lappens vorzubereiten. Ein noch stilleres Verhalten
des Kranken erfordert die knstliche Ausschneidung des Stirn- oder
Armlappens, damit diese rein und schn nach dem aufgezeichneten Maa
oder der dem Knstler vorschwebenden Idee gelinge. Unendlich erleichtert
werden aber dem Arzte diese Akte, wenn der Kranke durch Aether betubt
ist, da diese Operation durch das Schreien, Jammern und Widerstreben
sehr in die Lnge gezogen werden kann. Weit greren Vortheil, als der
Arzt, hat der Kranke bei der Rhinoplastik von seinem Aetherrausch. Sonst
von den grlichsten Schmerzen gefoltert, empfindet er bisweilen gar
nichts von dieser Operation, die im Zustande der Berauschung, in dem
dritten Theil der Zeit gemacht werden kann. Nach den von mir
gemachten Erfahrungen glaube ich also, da bei der Nasenbildung die
Aetherbetubung einen der ersten Pltze einnimmt, und ihre Vortheile
eben so gro fr den Patienten als fr den Arzt sind. Nur in dem einen
von mir erzhlten Falle (s.unten) traten unter der Operation sehr
strmische Erscheinungen ein, wodurch dieselbe eher erschwert als
erleichtert wurde.

Zu empfehlen ist ferner der Aether bei dem so schmerzhaften _Ausziehen
grerer Nasenpolypen_, noch mehr aber bei der groen, complicirten
Operation dieser Art, wo in Folge sehr bedeutender polypser oder
fibrser Geschwlste die Nasen- und Gesichtsknochen vor- und auseinander
getrieben sind. Hier, wo die Weichtheile der Nase erst abgelst werden
mssen, ehe die Geschwlste herausgeschnitten werden knnen, wird
der Betubungszustand dem Kranken und dem Arzte die Operation sehr
erleichtern.

Bei anderen greren Gesichtsoperationen, bei der _Augenlid-_,
_Mund-_ und _Lippenbildung_, bei der _Hasenscharte_, besonders der
mit Wolfsrachen complicirten, wenn das Kind nicht etwa sehr jung
und schwchlich ist, beim Ausschneiden krebsiger Entartungen mit
gleichzeitigem Wiederersatz, ist die Anwendung des Aethers eben
so erleichternd fr den Kranken als fr die Operation. Die
Hasenschartoperation kann unruhigen Kindern durch Vorhalten von einem
kleinen, in Aether getauchten Schwamm erleichtert werden.

_Das Ausziehen der Zhne_ whrend des Aetherrausches, welches bereits
eine ausgebreitete Anwendung gefunden hat, ist fr empfindliche Personen
eine unendliche Wohlthat; aber auch insofern als sich Furchtsame jetzt
leichter zum Ausziehen von Zhnen entschlieen, deren Entfernung durch
Krankheiten der Kiefer nothwendig gemacht werden. Bisweilen wird die
Operation aber dadurch erschwert, da der Betubte die Zhne fest
zusammenbeit, so da die Instrumente nicht dazwischen gebracht werden
knnen. Bei dieser Operation ist indessen Zweierlei zu besorgen, nmlich
zuerst, da bei mehreren schadhaften Zhnen der unrechte ausgezogen
werden knnte, und zweitens da Mibrauch mit der Anwendung des Aethers
von unbefugten Personen getrieben wrde, wenn nicht ein Arzt zugegen
wre.

Bei der _Operation des Zungenkrebses_ ist die Aetherisirung ein
herrliches Mittel, auch wenn der Arzt es dabei anfnglich mit dem
Zusammenbeien der Zhne zu thun htte. Die Schnelligkeit, mit welcher
dieselbe nach vorheriger Anwendung der Fadenschnre bei meiner Methode
gemacht werden kann, wird noch durch den bewutlosen Zustand des
Patienten vermehrt, und derselbe schnell ber die Schrecken dieser
widerwrtigen Operation hinweggefhrt. Die hier nach anderen Methoden zu
frchtende Nachblutung, welche durch die Anwendung des Aethers vermehrt
werden knnte, wird durch die angelegte Fadennaht gnzlich beseitigt.

_Die Aussgung des Ober- und Unterkiefers._ Zu den grten und
erschtterndsten Operationen gehren die Resectionen des Ober- und
Unterkiefers, wozu sich die Chirurgie bei gewissen Krankheiten
dieser Theile, besonders beim Knochenschwamm, welcher mit ungeheurer
Vergrerung verbunden ist, genthigt sieht. Der Umfang der Operation,
die starke Blutung, die Nhe des Gehirns, die Insultatation grerer
Nervenste, machen dieselben zu den gefhrlichsten, so da der Kranke
wohl unmittelbar nach der Operation seinen Geist aufgeben kann. Wenn
nun hier von der einen Seite die Betubung, um den Kranken ber den
schrecklichen Akt hinwegzufhren, usserst wnschenswerth erscheint,
so tritt dagegen wohl ein Bedenken gegen dieselbe ein, da bei dem
gewaltigen Eingriff und der gleichzeitigen Betubung alle Reaction
aufgehoben werden, und der Kranke nicht wieder erwachen knnte. Sprechen
einige gnstig abgelaufene Operationen auch hier fr den Aether, so
halte ich es wenigstens fr gerathen, den Kranken in solchen Fllen nur
auf der Stufe der Empfindungslosigkeit zu erhalten, ihn aber nicht zur
vollkommenen Betubung hinberzufhren. Operationen dieser Art sind
bereits unter Anwendung des Aethers mehrmals vorgenommen worden (s.u.).

_Operationen in der Rachenhhle._ Bei Operationen in dem hinteren
Theile der Mundhhle, der Rachenhhle und Rachen-Nasenhhle, ist
die Aetherisation, wenn auch nicht unbedingt zu verwerfen, doch nur
ausnahmsweise anzuwenden.

_Die Gaumennaht_, eine der schwierigsten Operationen, wird durch
die Aetherisation nur erschwert. Sie ist eine Operation des vollen
Bewutseins, der moralischen Kraft und des Willens. Schneiden, Nhen
in der Tiefe des Mundes, eine starke Blutung stillen und dabei einen
Betubten vor sich zu haben, dessen Rausch nicht bei der langwierigen,
aus vielen kleinen Akten zusammengesetzten Operation ausreicht, dann
nachthern zu mssen bei einem halb Leblosen, welcher den Blutstrom
und das eingespritzte Wasser nicht ausspeien kann, vermehren die
Schwierigkeit dieser Operation, wie ich gefunden habe. Einige Athemzge
Aether vorher knnten die Empfindlichkeit indessen ein wenig abstumpfen.

_Die Ausschneidung groer Polypen oder fibrser Geschwlste_ hinter
dem Gaumensegel, welche bis in die Rachenhhle und selbst in den oberen
Theil des Schlundes hinabreichen, wird durch die Betubung bedeutend
erschwert, und ich habe dieselbe deshalb in zwei mir krzlich
vorgekommenen Fllen von groen Rachenpolypen mit Aether nicht gewagt.
Erstickungszuflle, bei der schon durch die Beengung des Raumes
vorhandenen Athmungsnoth, Eindringen des Blutes in die Luftrhre und
Herabflieen desselben in den Schlund knnen leicht zum Tode des Kranken
unter der Operation Veranlassung geben. Gnzlich zu verwerfen ist das
Aetherisiren aber bei Unterbindung grerer Polypen der Rachenhhle, da
hier schon durch die Zusammenschnrung der Basis und die Anschwellung
des Polypen, erschwertes Athmen bis zum Abfalle desselben herbeigefhrt
wird.

_Die Ausschneidung_ der Mandeln haben mehrere Wundrzte bei
Aetherisirten mit Erfolg vorgenommen, wiewohl man danach bisweilen ble
Zuflle gesehen hat. In den von mir beobachteten Fllen fanden diese
nicht Statt. Indessen war mir die Operation nicht gerade erleichtert,
aber auch nicht erschwert, sondern sie verhielt sich an Nchternen oder
Berauschten gleich. Bisweilen ist sie etwas erschwert, wenn z.B. der
Mund nicht geffnet werden kann, oder der Patient unruhig ist, wie ich
dies erfahren habe.

_Operationen am Halse._ Bei allen greren Operationen am Halse ist
die Aetherisation angezeigt, ausgenommen bei solchen, bei denen die
Luftrhre erffnet ist, oder geffnet werden mu, wie z.B. beim
Luftrhrenschnitt wegen eingedrungener fremder Krper. Es wre gewi ein
Wahnsinn, einem Erstickenden durch Aetherdampf Erleichterung verschaffen
zu wollen, wenigstens wre diese so gro, da derselbe unter dem Aether
oder unter dem Messer erstickte. Bei der Operation des _Kropfes_ oder
dem Ausschneiden anderer groen Geschwlste am Halse wird man sich
indessen mit Nutzen des Aethers bedienen.

_Abnahme der Brust._ Die Abnahme der durch Krebs oder eine andere
bsartige Krankheit entarteten Brustdrse, so wie das Ausschneiden nicht
zertheilbarer Knoten, knnen mit groem Vortheil unter der Einwirkung
der Aetherdmpfe geschehen. Manche Umstnde machen dies Verfahren hier
wnschenswerth. Operationen dieser Art sind bei aller ihrer Gre so
einfach, da selbst ein strmisches Verhalten der Kranken bei denselben,
keinen wesentlichen Einflu haben und keine nachtheilige Strung
herbeifhren kann. Die oft erschreckende Gre der Operation, das durch
die Phantasie der Kranken tief erschtterte Gemth, die Vorstellung,
durch die grausenvollste Krankheit gezwungen zu sein, sich diesem
Eingriff hinzugeben, der namenlose Schmerz bei demselben, die
schreckenerregende Blutung, sind Umstnde, welche die Betubung der
Kranken durch Aether nicht blo wnschenswerth machen, sondern diesem
groen Mittel hier einen der ersten Pltze anweisen. Mit lebhaftem
Dankgefhle gegen dasselbe habe ich Operationen der Art gemacht;
die Kranken wuten nach der Operation nichts von dem, was mit ihnen
vorgegangen war.

_Die Operation des Empyem's_ oder der Eiterbrust verbietet aus leicht
zu erklrenden Grnden den Aether. Der ohnedies an Athmungsbeschwerden
leidende Kranke kann durch das Einathmen des Aetherdampfes in die grte
Gefahr gerathen.

_Der Speiserhrenschnitt_ gestattet sehr wohl die Aetherisation.

_Der Kaiserschnitt_ wurde in London im St. Bartholomus Hospital von
Skey bei einer Frau von 25 Jahren wegen einer bedeutenden Verkrmmung
des Beckens vorgenommen. Nachdem die Frau 5 Minuten therisirt worden,
wurde sie empfindungslos, und man vollzog die Operation, ohne da
sie Schmerzen uerte. Das Kind blieb leben, die Mutter starb in der
folgenden Nacht.

_Reposition des eingeklemmten Bruches._ Die Betubung des Kranken
durch Aether beim eingeklemmten Darmbruche ist oft ein groes
Untersttzungsmittel, denselben ohne Operation zurckzubringen, wenn er
seiner Natur nach berhaupt zurckgebracht werden kann, wie z.B. der
Leistenbruch. Die Erschlaffung der Bauchmuskeln und die verminderte
Thtigkeit der Gedrme fhren diese Erleichterung herbei. Dagegen
kann auch die Gefahr gesteigert werden. Wenn nmlich der Kranke beim
Zurckdrcken und Kneten des Darmes keine Schmerzen hat, kann durch die
Abwesenheit dieses leitenden Symptoms der Arzt leicht verleitet werden,
seine Manipulationen zu lange fortzusetzen und den Darm entweder
zerdrcken oder brandig kneten. Geht der Bruch doch nicht zurck,
und mu die Operation vorgenommen werden, so wird ihr Ausgang um
so zweifelhafter sein, je mehr der Darm durch die angewandte Gewalt
gelitten hat.

_Die Bruchoperation._ Bei der Brucheinklemmung, welche, wie es meistens
der Fall ist, nur durch die Operation gehoben werden kann, wie z.B.
beim Schenkelbruch, ist das Aetherisiren zwar ein Mittel gegen
den Schmerz, doch treten hier einige Bedenklichkeiten von grerer
Wichtigkeit ein. Zuerst ist die Dauer einer von einer gebten Hand
ausgefhrten Operation auerordentlich kurz, oft nur von wenigen
Minuten. Bei ihr ist wie bei Augenoperationen die grte Ruhe nthig.
Der Kranke mu regungslos da liegen, da die kleinste Bewegung bei der
Erffnung des Bruchsackes, beim Blolegen des Darmes und der Erweiterung
der Bruchffnung, eine Verletzung des vorgefallenen Darmstcks und den
Tod zur Folge haben kann. Dies erkennen die Kranken gewhnlich sehr wohl
und regen sich deshalb nicht im Geringsten. Welche Gefahren drohen
aber nicht bei der Operation, wenn der Aetherisirte in einen ungestmen
Rausch verfllt, schnell die Schenkel anzieht, sich hin- und herwlzt,
wobei kaum verhindert werden kann, da er sich vom Tisch herabstrzt.
Schon diese Umstnde knnten dem eingeklemmten Darme hchst gefhrlich
werden und selbst eine Zerreiung desselben herbeifhren, noch ehe die
Operation selbst begonnen htte. Bei einem so wilden Rausche mte die
Operation auch jedenfalls bis zum Eintritt der vollkommenen Erschlaffung
aufgeschoben werden. Bei den von mir bis jetzt unter Einwirkung des
Aethers operirten Bruchkranken kam nur der stille Rausch vor, die
Operation war mir aber durch die Betubung nicht erleichtert, doch auch
nicht erschwert, vielleicht etwas erschwert, weil ich jeden Augenblick
eine willenlose, strmische Bewegung frchtete. Die Drme gingen auch
nicht leichter zurck als bei nicht therisirten Kranken.

_Exstirpation des Gebrmutterhalses._ Bei der schaudervollen
Ausschneidung des krebsigen Gebrmutterhalses ist die Aetherbetubung
ein unvergleichliches Mittel. Wenn dies auch nur ihr alleiniges Feld
wre, so mten wir uns doch schon ber diese Bereicherung freuen.
Dasselbe gilt von der Operation der Blasenscheidenfistel, der
Gebrmutterpolypen, der Naht des zerrissenen Darmes und vom
Steinschnitt. Fast alle diese Operationen sind so gro, so schmerzhaft,
zum Theil von mancherlei erschwerenden Umstnden begleitet und sich in
die Lnge ziehend, dabei die Lage der Kranken so peinlich und ermdend,
da durch gehrige Betubung derselben eine Erleichterung um die Hlfte
verschafft wird. Bei ihnen steht der Anwendung des Aethers daher in
chirurgischer Beziehung nichts entgegen, und nur ein strmischer Rausch
knnte sie erschweren.

Bei der _Operation der Blasenscheidenfistel_, wo man auf groe Unruhe
und heftigen Widerstand der Kranken gefat sein mu, ist der Vortheil
auf Seite des Aethers sehr gro. Bei der Naht eines veralteten
Dammrisses ist die Aetherisation ebenfalls angezeigt, zu verwerfen
dagegen beim frischen Dammri.

Beim _Steinschnitt_ haben mehrere Beobachtungen bereits den Werth der
Aetherisation auer Zweifel gesetzt. Bei der _Zerstckelung_ des Steins
in der Blase ist ebenfalls schon die Aetherberauschung mit Erfolg
vorgenommen worden, und einer glcklichen Erfahrung ist nicht viel
zu widersprechen. Dennoch mu ich hier mein Bedenken gegen den Aether
aussprechen. Eine Steinzerstckelung soll fast ganz ohne Schmerz
verlaufen und hchstens etwas Unbequemes sein. Wenn der Kranke sehr
dabei leidet, weil der Stein gro, oder die Blase krank, oder der
Operateur ungeschickt ist, so wre der Steinschnitt besser gewesen.
Schreit der Kranke unter der Operation, so findet eine starke
Insultation der Blase Statt, welcher eine gefhrliche Entzndung
folgt. Der Eintritt einer Schmerzempfindung, welche das
Zerstckelungsinstrument in der Hand des Geschickten erregt, ist ein
Zeichen, da der Operateur die Blase selbst beeintrchtige; der Schmerz
dirigirt hier seine Hand und das Instrument, er ist der sicherste
Moderator seines Handelns. Wenn der Kranke aber betubt ist und gar
nicht fhlt, so kann er wohl eine kleine Falte der Blasenwand mit einem
Steinfragment fassen und letzteres zwar zerbrechen, aber auch zugleich
die Blasenfalte mit zerquetschen, ohne es zu merken. So mgte er dann,
wenn er das Instrument herausgezogen hat, wohl glauben, durch seine
vortreffliche Operation dem Kranken das Leben gerettet zu haben, whrend
er die Ursache seines Todes ist. Der Wiedererwachende wird sogleich die
heftigsten Schmerzen empfinden, und ein starker Blutabgang lehren, was
in der Blase vorgegangen ist.

Bei der _Radicalcur des Wasserbruchs_ durch Injection oder durch
Incision, bei der Phimose und Paraphimose, bei der Castration, der
Amputatio penis und vielen anderen kleinen Operationen an den mnnlichen
Genitalien ist die Aetherbetubung wegen der Schnelligkeit, mit
welcher dieselben zu machen sind, von geringerem Werthe, doch nicht zu
verwerfen, da man auch den schnell vorbergehenden Schmerz dem Kranken
gern ersparen will. Dasselbe gilt auch von manchen kleinen Operationen
an den weiblichen Genitalien.

Bei der _Operation des Mastdarmkrebses_, wie schon oben bemerkt, und
der des Vorfalls des Mastdarms ist, wegen der groen Schmerzhaftigkeit
dieser Operationen, die Aetherisation passend. Weniger dagegen bei der
leicht und schnell ausfhrbaren Operation der Mastdarmfistel und der
Hmorrhoidalknoten.




Ueberblick der chirurgischen Operationen unter gnstiger Anwendung der
Aetherdmpfe.


Die Anzahl der Flle von glcklicher Anwendung der Aetherdmpfe
bei chirurgischen Operationen ist bereits zu einem solchen Umfange
angewachsen, da ich von meinem ursprnglichen Plan, die smmtlichen
Beobachtungen, welche von meinen Freunden und mir aus den zahlreichen
Journalen des Aus- und Inlandes mit vieler Mhe zusammengetragen waren,
hier ausfhrlicher mitzutheilen, abstehen mu. Ich begnge mich daher,
nur eine summarische Uebersicht derselben zu geben, bekenne aber gern,
da wahrscheinlich noch mancher verdienstvolle Name ausgelassen, manche
interessante Operation nicht angegeben worden ist. Mge man mir
das verzeihen, vielleicht finde ich spter ein Mal Gelegenheit, das
Versumte nachzuholen.

Glcklicher Erfolg begleitete die Aetherisation bei Amputationen

  _des Oberschenkels_, Landsdown, Liston, Chiari, Hayward, Warren,
  Velpeau, Laugier, Schuh, Jngken u.A.

  _des Unterschenkels_, Laugier, Knowles, Adams, Malgaigne, Jngken,
  Jobert, Velpeau, Roux, Leblanc, Schfer, Berend u.A.

  _des Armes_, Guyot, Velpeau, Duval, Baudens, Siegmund, Schuh u.A.

  _der Finger_, Liston, Murdough, Blandin, Malgaigne, Petrequin,
  Heyfelder u.A.

  _Bei der Abnahme der Brust_, Jobert, Leblanc, Blandin, Goyrand,
  Schlegel, Brookes,

  _bei der Castration_, Bonnet, Baudens, Lacroix u.A.,

  _beim Wasserbruch_, Bruns, Jobert, Ricord, Baudens, Vidal,
  Bierkowsky, Langenbeck, Jngken u.A.,

  _beim Steinschnitt_, Arnott, Guersant, Guthrie,

  _bei der Steinzertrmmerung_, Serre, le Roy d'Etiolles, Lacroix,
  Cutler,

  _bei der Phimose_, Thomson, Ricord, Fergusson u.A.,

  _beim Bruchschnitt_, Key, Patridge, Morgan, Heyfelder,

  _beim Kaiserschnitt_, Key u.A.,

  _bei Neubildung von Augenlidern_, _Nasen_, Liston, Heyfelder,
  Rothmund u.A.,

  _bei Sehnen- und Muskeldurchschneidungen_, Brett, Baudens, Lorinser,
  Jngken, Heyfelder, Berend u.A.,

  _bei der Ausschneidung von gut- und bsartigen Geschwlsten_,
  Clement, Ricord, Baudens, Malgaigne, Jobert, Hall, Velpeau,
  Maisonneuve, Petrequin, Wright, Lederle, Meyer, Hammer, Schuh,
  Siegmund, Heyfelder u.A.,

  _beim Ausreien der Nasenpolypen_, Amussat, Gerdy, Serre, Schuh
  u.A.,

  _bei der Anwendung des Glheisens_, Blandin, Mickschick, Heyfelder,
  Reisinger, Schuh u.A.,

  _bei der Anwendung der Brenncylinder_, Baudens, Jngken u.A.,

  _bei der Exstirpation des Augapfels_, Lawrence, Jngken.




Einwrfe gegen die Anwendung der Aetherdmpfe bei chirurgischen
Operationen.


Mitten unter dem lauten Jubel der Welt: der Schmerz ist bezwungen! das
Menschengeschlecht ist von seinem grten Feinde befreit! ertnt von
einer anderen Seite die Stimme der Warnung. Wehe dem, der es wagt, das
Verdammungsurtheil ber die Aetherdmpfe auszusprechen. Ohnmchtig steht
er gegen die Uebermacht da, Einer gegen Tausend. Nur bei Einzelnen
ist die Ueberzeugung von der Schdlichkeit des Aethers so mchtig, das
Durchdrungensein von der Richtigkeit ihrer Behauptungen so innig,
da sie als Mrtyrer der Wahrheit auftreten und khn behaupten, ein
Schwindel habe die Aerzte ergriffen, der knstliche Aetherrausch sei ein
vermessener, verdammungswrdiger Eingriff in die Rechte der Natur,
der Schmerz eine absolute Nothwendigkeit, dessen sich der Mensch nicht
entuern drfe.

So sehr wir uns aber zur Dankbarkeit gegen den Entdecker der Aufhebung
des Schmerzes, Jackson, so wie gegen alle wissenschaftlichen Frderer
derselben verpflichtet fhlen, so fordert die Gerechtigkeit, auch die
Stimme der Gegner zu hren, da durch ihren Gegenkampf die Schattenseiten
der Entdeckung aufgehellt, die Uebertreibung zurckgehalten, der
Mibrauch verringert, und die Wahrheit immer wahrer wird.

Leider haben die bis jetzt ber den Werth der Aetherberauschung zur
Stillung des Schmerzes bei chirurgischen Operationen und bei Geburten
angestellten Beobachtungen einen fast persnlichen Charakter angenommen,
weshalb sie auch zu keinem gengenden Resultat gefhrt haben. Die Gegner
kmpfen theils mit wissenschaftlichen Grnden, theils berufen sie
sich auf unglckliche Flle, welche vorgekommen sein sollen. Diese
Thatsachen, welche uns zu ernsten Betrachtungen auffordern, sind nicht
ganz abzuleugnen, -- denn was ist in der Welt vollkommen! Aber das
Mittel ist ein groes, und mit Recht sagt der berhmte Flourens von ihm:
Was den Schmerz nimmt, nimmt auch das Leben, und das neue Mittel ist
wunderbar, aber auch zugleich furchtbar.

Der grte Widersacher der neuen Entdeckung ist Magendie. Wir mssen
aber die Stimme des tiefen Forschers des Lebens hren, auch wenn er
sich zu befangen zeigt. Ohne die berraschenden, schmerzstillenden
Erscheinungen des Aetherrausches abzuleugnen, sagt Magendie, da durch
denselben unter Umstnden die heftigsten und unertrglichsten Schmerzen
und peinlichsten Trume herbeigefhrt werden knnen. Eine Frau glaubte
bei den ersten Athemzgen, sie msse sterben. In anderen Fllen entsteht
danach Klagegeschrei und Schluchzen. Diese Art der Trunkenheit erzeugt
fast im ersten Augenblick des Einathmens eigenthmliche Trume, und
schlafend sieht, hrt und antwortet der Kranke. Die Augen schlieen sich
und rollen nach oben, die Pupillen sind verengert. In diesem Augenblick
tritt vllige Gefhllosigkeit ein. Wird dann die Operation unternommen,
so verwandeln sich oft die angenehmen Trume in peinliche; einigen kommt
es nur so vor, als wrden sie operirt, da man sie doch wirklich operirt,
andere glauben geschlagen und gemihandelt zu werden und leiden noch
besonders dadurch, da sie ihre Qualen nicht ausdrcken knnen. Mitten
in diesen Trumereien wird der Mensch bisweilen wie von Tobsucht
ergriffen, und wie ein Wahnsinniger strzt er auf Alles los, was ihn
umgiebt.

Es ist nicht zu bezweifeln, da wenn die Aetherberauschung zu weit
getrieben wird, der Tod auf der Stelle eintreten kann. Bei Thieren
beobachtete man dies wenigstens. Bei der Untersuchung der durch
Aetherdunst getdteten Thiere findet man das Lungengewebe mit
schwrzlichem Blut angefllt, wie man dies oft nach der Durchschneidung
des zehnten Nervenpaares beobachtet hat. Dasselbe findet man auch bei
Menschen.

Der Aetherrausch bringt eben so wie der vom Wein und Alkohol Strungen
in den Verrichtungen der Organe hervor. Hartnckige Kopfschmerzen, eine
Art von Suferwahnsinn, Schwche des Gehrs und Gesichts, schwacher und
unsicherer Gang sind die Folgen. Im Hospital zu Versailles litten drei
wegen des Zahnausziehens therisirte Frauen noch mehrere Tage lang an
frchterlichen Convulsionen, so da eine energische rztliche Behandlung
nthig wurde.

Herr Magendie drckte ferner seinen Widerwillen gegen den Aether als
ein die Sinnlichkeit gefhrlich steigerndes Mittel aus, wovon er selbst
traurigen Scenen mit beigewohnt habe, und vergleicht seine Wirkungen
in dieser Beziehung mit dem des animalischen Magnetismus. Er findet im
Aetherrausch einen neuen Weg und ein neues Mittel zu Verbrechen, das
wegen seiner Neuheit um so gefhrlicher sei.

Der Schmerz, sagt Magendie, ist bei Operationen oft ein wichtiger
Leiter, um die Verletzung edler Theile zu vermeiden. So kann es denn
leicht geschehen, da ein Nerv gefat und mit unterbunden wird. Bei
Operationen im hinteren Theile der Mundhhle, wie bei dem Ausschneiden
der Polypen, kann dem Betubten das Blut in die Luftrhre flieen und
dadurch Erstickung herbeigefhrt werden, wogegen dasselbe sonst durch
den Reiz, welchen es erregt, ausgestoen wird.

Lallemand erinnert, da die Aetherbetubung bei Amputationen den
Nachtheil habe, da die Muskeln sich whrend der Operation gar nicht
zurckziehen, wodurch spter ein conischer Stumpf sich bilden msse.
Wenn es schon bei gewhnlichen Amputationen oft vorkommt, da der
Knochen nach einiger Zeit des schtzenden Fleischpolsters beraubt wird,
indem sich die Muskeln, besonders die oberflchlichen, nachtrglich zu
stark zurckziehen, um wie viel eher wird dies bei Aetherisirten
der Fall sein, bei denen im Augenblicke der Operation gar keine
Zurckziehung der Muskeln eintritt, und die nachfolgende daher viel
bedeutender sein mu. Auch sei das Mitfassen und Unterbinden eines
Nerven zu besorgen.

Als ein gefhrlicher Mibrauch ist schon das lang fortgesetzte Einathmen
der Dmpfe zu betrachten, da danach pltzlicher Scheintod und Tod
eintreten knnen.

In welchem Verhltnisse steht wohl der augenblickliche Schmerz
beim Ausziehen eines Zahnes mit dem 45 Minuten langen Einathmen der
Aetherdmpfe, wie es bei Landouzy ein Kranker aushalten mute. Ueble
Nachwirkungen sehen wir auch schon bisweilen, wo die Kranken gar nicht
lange eingeathmet haben, wie z.B. in dem folgenden Falle. Hancock
lie einem Manne in mittleren Jahren vor dem Ausreien eines Zahnes den
Aether 2 Mal einathmen, beide Male trat vollkommene Empfindungslosigkeit
ein, beim ersten Male blieb der Puls normal, beim zweiten Male fiel er
bis auf 60 und wurde klein. Die Pupillen waren normal, auch reagirte die
Iris auf Einwirkung von Licht. Nach der Operation klagte Pat. sehr ber
Frost und blieb noch zwei Stunden lang ganz verwirrt.

Eine offenbar zu allgemeine Anwendung hat man vom Aether beim Ausziehen
der Zhne gemacht, ohne dabei die Individualitten zu bercksichtigen.
Nach dem Urtheile von 12 Chirurgen und Zahnrzten in Boston, erzeugt der
Aetherdunst bei den meisten Patienten einen so hohen Grad von Betubung,
da dem passiv widerstrebenden Krper groe Gewalt bei der Operation
angethan werden mu. Es entsteht Schmerz, ohne da die Erinnerung daran
bleibt. Der Aether hat gefhrliche Nebenwirkungen, welche man nicht
berechnen und nicht beherrschen kann. Man hat die gnstigen Flle
verbreitet, aber es giebt auch ungnstige. Die Symptome sind
berraschend, doch bisweilen bedenklich. Aufregung, heftiger Husten,
Blutandrang nach dem Gehirn und den Augen, Erweiterung der Pupille,
Verzerrung des Gesichts, Prostration, Stertor, Angst, Seufzen, Sthnen,
Schrecken, Delirien. Das Mittel ist bei Neigung zum Schlagflu, Gef-,
Gehirn-, Herz- und Lungenstrungen gefhrlich und darf nur wirklichen
Aerzten anvertraut werden. Aus Mortons Praxis werden mehrere
unglckliche Flle erzhlt, wie mehrtgiges Irresein und mehrmaliges
starkes Blutspeien.

Manche hieher gehrige Flle sind auch in anderen Lndern beobachtet
worden. Die Schauspielerin Peche vom Hoftheater in Wien, welche sich
einen Zahn ausziehen lassen wollte, gerieth durch die Einathmung der
Aetherdmpfe in einen hchst bedenklichen Grad nervser Aufregung, dem
ein heftiges Nervenfieber folgte.

Andere unglckliche Zuflle nach dem Zahnausziehen werden in der Medical
Gaz. erzhlt. Bei einem Frauenzimmer, welches sich dieser Operation
unterwarf, hatte der Puls vor dem Einathmen 130 Schlge, fiel nach
demselben auf 70. Die Augen rtheten sich, die Respiration wurde
stertors, Schaum stand vor dem Munde, als sollte ein epileptischer
Anfall ausbrechen.

Bei einem jungen Manne stieg der Puls auf 150 Schlge, die
Schlfenarterien klopften heftig, die Augen waren mit Blut unterlaufen,
die Respiration mhsam.

Ein 20jhriges Mdchen litt nach der Rckkehr des Bewutseins an
heftigem Kopfschmerz, an Schwindel und Zittern des ganzen Krpers. Ihre
Freundin von gleichem Alter mute sogar im Delirium nach Hause gebracht
werden, welches mit kurzen Pausen 3 Tage anhielt.

Eine andere Dame verfiel ebenfalls in Delirium, welches eine ganze Nacht
anhielt. Am nchsten Morgen trat starkes Blutspeien ein.

Eine vollbltige Frau von 21 Jahren wurde, nachdem sie nur 1 Minute
den Aether eingeathmet, ganz unbndig, 2 Mnner muten sie halten,
ihr Gesicht glhte, erst nach einigen Minuten Ruhe konnte ihr der Zahn
ausgezogen werden.

v.Dall-Armi erzhlt, da bei einem Frauenzimmer, welches vor
dem Ausziehen eines Zahnes therisirt wurde, nach 5 Minuten
Schlingbeschwerden und krampfhaftes Zittern der Glieder eintraten,
welches 28 Minuten lang bei vollem Bewutsein anhielt. Bald darauf
stellten sich heftige hysterische Beschwerden mit Betubung ein. Whrend
der Remission der Krmpfe zeigten sich die Erscheinungen von Betubung,
die Muskeln waren, statt erschlafft zu sein, gespannt. Dieser
Zustand dauerte mit ziemlich gleichmigem, fast von 5 zu 5 Minuten
wiederkehrendem Wechsel 1 Stunde. Nach dieser Zeit verschwanden
alle Zuflle, die Patientin erwachte wie aus einem tiefen Schlaf und
erinnerte sich auch von der Zeit an, wo das Instrument an den Zahn
angesetzt wurde, bis zu ihrem Erwachen, nur eines schweren Traumes.
v.Dall-Armi bemerkt, da dergleichen Zuflle, wenn sie eine bedeutende
Hhe erreichten, die Anwendung der Aetherdmpfe bei Gebrenden sehr
bedenklich machen mgte.

Fairbrother, enthusiastisch fr den Aether eingenommen, gesteht dennoch,
da beim Zahnausziehen die meisten Patienten einen leidenden Zustand
ausdrckten. Ein Patient, dem bei einer Operation der Nervus ischiadicus
durchschnitten wurde, schrie heftig auf. Ein anderer blieb nach einer
Operation eine Stunde lang vllig bewutlos.

Dix sah nach einer Operation in der Nhe des Auges heftige Zuflle. Der
Kranke athmete lange und unvollkommen. Nach 35 Minuten sank der Puls von
120 auf 96 Schlge. Der Athem wurde trge, die Glieder kalt. Man
machte kalte Begieungen, lie an Ammoniak riechen und erst nach einer
peinvollen Stunde kam der Patient, vorzglich in Folge der starken
Blutung aus der Wunde, wieder zu sich.

Wutzer warnt vor der unbedingten Anwendung des Aethers bei Operationen.
Obgleich die Erfolge im Allgemeinen gnstig waren, so beobachtete
er doch auch bei therisirten Personen Hitze, Betubung, fieberhafte
Aufregung und ungewhnlich strkere Blutung aus der Operationswunde.

Fischer sah bei der Operation der Einwrtskehrung der Augenlider bei
einem 7jhrigen Mdchen keine Betubung eintreten, und dasselbe schrie
bei jedem Schnitt. Ein 15jhriger, etwas scrophulser Knabe, an welchem
die Operation beider Klumpfe gemacht, der aber vorher in Bezug auf den
Aether geprft werden sollte, war schon nach einer Minute betubt und
gegen alle Reize unempfindlich. Nachdem er wieder erwacht war, berfiel
ihn ein Schwindel. Dann stellten sich heftige allgemeine Krmpfe ein,
die Hals- und Nackenmuskeln waren so hart wie Holz. Der Kopf wurde oft
auf die linke Seite gezogen, blieb einige Zeit in dieser Stellung und
nahm dann wieder die natrliche an. Das Bewutsein fehlte und
doch konnte man den Kranken durch Anrufen erwecken. Diese
starrkrampfhnlichen Zuflle waren gegen Abend und in der Nacht am
strksten. Kalte Uebergieungen ber den Kopf, kalte Waschungen des
ganzen Krpers und Citronenwasser zum Getrnk milderten am zweiten
Tage die Zuflle. Nach 48 Stunden roch der Athem des Kranken noch nach
Aether. Am vierten Tage war er vollkommen wieder hergestellt. Horst
rth, den Aether nur mit grter Umsicht und Vorsicht anzuwenden,
besonders aber bei groen eingreifenden Operationen. Wozu, sagt
er, kann ein schmerzstillendes Mittel dienen, wenn entweder in dem
Augenblick des Versuches oder spter ble Folgen entstehen, oder der
Grund zu anderen chronischen Krankheiten gelegt wird u.s.w.

Gerdy beobachtete eine nachtheilige Wirkung auch bei einem Kranken
mit grauem Staar, bei dem er das Ausziehen der Linse vornehmen wollte.
Nachdem derselbe betubt und fast eingeschlafen war, wurde die Hornhaut
durchstochen, aber das Auge des Kranken floh so vor dem Instrument, als
die Operation fortgesetzt werden sollte, da Gerdy, um dieselbe nicht
zu compromittiren, das Auge fahren lie. Er wollte hierauf die Linse
niederdrcken, aber das Auge war noch so unruhig, da er fr dieses Mal
die Operation ganz aufgeben mute. Gerdy stach hierauf den Kranken in
die Nase und in die Lippe, man kniff demselben die Hand, und als er zu
sich kam, erinnerte er sich sehr gut, gekniffen zu sein, aber sprach
nicht von den Stichen an der Nase und der Lippe.

Im Middelsex-Hospital sollte einer Frau, welche geistigen Getrnken sehr
ergeben war, eine Einwrtskehrung der Augenlider operirt werden, sie
athmete mit groer Energie whrend 10 Minuten Aetherdmpfe ein. Da ihr
Gesicht sich sehr stark rthete, und man einen Schlaganfall befrchten
mute, unterlie man die Fortsetzung der Einathmung, obwohl Patientin
noch nicht bewutlos geworden. Die Operation des Entropiums wurde an ihr
vollzogen, und die Schmerzen schienen ganz dieselben zu sein, wie sie
gewhnlich bei dieser Operation empfunden werden.

So glcklich auch die von Pomly vorgenommene Schieloperation ablief, so
hatten doch die vorhergehenden Umstnde etwas sehr Widerwrtiges.

Fairbrother machte die Amputation des _Unterschenkels_ bei einem
Mdchen von 15 Jahren von zarter Constitution. Sie wurde einige Minuten
therisirt. Der Puls blieb zwar normal, aber die Pupille dilatirte sich,
wurde unthtig, und es trat Empfindungslosigkeit ein. Die Amputation
des Unterschenkels wurde jetzt begonnen, sie schrie aber gleich bei
dem ersten Schnitte und machte starke Bewegungen. Darauf setzte man die
Einathmung whrend der ganzen Dauer der Operation fort.

Meermann sah, da ein 17jhriges Mdchen, an dem ein anderer Arzt
die Schieloperation machte, welches nur 1 Minuten lang Aetherdmpfe
eingeathmet hatte, 3 Minuten lang vllig empfindungs- und bewegungslos
war. Die Pupillen blieben bei dem strksten Lichtreiz erweitert und
unempfindlich, und der Puls sehr beschleunigt. Drei Minuten spter
kehrte die Empfindung wieder zurck, bei jedem Schnitt drckte die
Kranke Schmerzempfindungen aus, whrend sie sich nicht bewegte. Nach
Beendigung der Operation gab sie an, da sie den Anfang zwar nicht,
aber das Ende derselben gefhlt habe. Sie verfiel hierauf in einen
schlafschtigen Zustand mit Zuckungen des ganzen Krpers, welcher trotz
der Anwendung des Salmiakgeistes noch ber drei Stunden dauerte.
Den folgenden Tag erinnerte sie sich noch recht wohl der empfundenen
Schmerzen. Sehr wahr schliet Meermann mit den Worten: gerade die
denkenden Aerzte, die es ehrlich mit der Natur und Wissenschaft meinen,
sind es darum, welche erst nach vielfachen Beobachtungen und Versuchen
bei der unendlichen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen am lebenden
Organismus mit der grten Behutsamkeit Gesetze zu abstrahiren wagen,
und es sich zur Hauptaufgabe machen, die naturgeme Begrnzung der
Heilmittelwirkungen zu ergrnden.

Bei einer Castration, welche Baudens vornahm, schrie der therisirte
Kranke wild und versicherte dennoch nach Beendigung derselben, da er
keine Schmerzen empfunden, aber die Operation recht gut gesehen, und
Nichts vergessen habe.

Arnott machte bei einem 63jhrigen Manne den Steinschnitt. Der Kranke
wurde nach 2 Minuten der Einathmung in hohem Grade betubt, das Gesicht
livid, die Glieder welk. Die Operation wurde er nicht gewahr, obgleich
er frher wegen heftiger Schmerzen kaum untersucht werden konnte. Aber
noch am Abend befand er sich fortwhrend in einem seeligen Rausche,
dabei waren die Glieder kalt, und der Puls klein und schwach. Erst am
dritten Tage hatte sich die Sorge um den Kranken verringert.

Lawrence schnitt ein von Melanose ergriffenes Auge eines Mannes welcher
an starke Getrnke und Opiate gewhnt war, aus. Der Aether brachte einen
heftigen Kehlreiz hervor. Arme und Beine wurden stark contrahirt, dann
trat Erschlaffung und vollkommene Bewutlosigkeit ein. Das Gesicht war
blau, und es fand ein heftiger Blutandrang nach dem Gehirn Statt. Der
Kranke lag wie eine Leiche da. Eine Minute nach der Operation kehrte
einiges Bewutsein zurck. Die Blutung war stark. Hinterher sagte
der Kranke, er habe zu ertrinken geglaubt, offenbar das Gefhl der
Erstickung durch den Aetherdunst.

Serre operirte einen Mann von 60 Jahren am Nasenkrebs. Nach acht Minuten
wird er schwach, und die Augen schlieen sich. Das Schneiden fhlt er
nicht, aber beim Brennen tritt deutliches Schmerzgefhl ein. -- Eine
Frau athmet die Aetherdmpfe ein, will aber lieber sterben als durch
Aether ersticken.

Le Roy hatte einem wegen Steinzerstckelung Aetherisirten das Instrument
so eben herausgezogen, als derselbe pltzlich sich aufraffte und
Drohungen gegen die Zuschauer ausstie. Wre dieser Zustand frher
pltzlich eingetreten, so htte die Blase schwer verletzt werden knnen.

Charles erfllt uns mit Erstaunen und Schrecken, da er einer Frau,
welche an einer heftigen Luftrhrenentzndung und einer krebsigen
Entartung an der Brust litt, Aetherdmpfe einathmen lie. Es stellte
sich danach sehr heftiger Husten ein, das Gesicht wurde gerthet, die
Zge sehr verndert, der Puls klein und schnell, man mute deswegen mit
den Einathmungen einhalten. Obwohl in diesem Falle die Aetherwirkung
nicht vollkommen erzielt werden konnte, und Patientin whrend der
Amputation der Brust laut wimmerte, erklrte sie doch nach der
Operation, da sie gar keine Schmerzen empfunden und sehr heiter und
wohl sei.

Key machte eine Bruchoperation, wobei er ein Stck Netz abschnitt und
die Gefe unterband. Die Operation dauerte 18 Minuten. Schon beim
ersten Schnitt wurden die Schenkel gewaltsam angezogen, bei dem
Einschneiden des Randes der Bruchpforte sthnte der Patient, und das
Herz schlug schwach, so da der Zustand bedenklich erschien.

Culler wollte einen Finger abnehmen. Der Kranke athmete unvollkommen
und litt dabei sehr, denn er wurde im Gesicht roth und blau. Bei der
Operation widersetzte er sich und empfand Schmerzen.

Ein Bauer kam mit einer Verwundung des Fingers, welche eine Amputation
desselben nthig machte, in voller Trunkenheit ins Hospital. Nach den
ersten Einathmungen der Aetherdmpfe stellte sich Erbrechen ein. Nachdem
er sich etwas erholt, lie man ihn von Neuem die Dmpfe einathmen,
sein Auge wurde stier, die Pupille erweitert, aber auch die Finger
contrahirt, erst nach lngerer Fortsetzung der Einathmung erschlafften
die Muskeln, aber dennoch schlug Patient, als man die Operation begann,
mit Hnden und Fen um sich; dieser Anfall ging bald vorber, und es
folgte ihm Stupor, aus dem der Kranke bald erwachte; er begehrte jetzt,
da man die Operation vollzge und wollte kaum glauben, da sie schon
vollendet sei. Die doppelte Trunkenheit hatte keinen blen Einflu auf
die Heilung der Wunde.

Johnson amputirte in der Betubung den Unterschenkel, aber der Kranke
erwachte schon beim Sgen.

Adams nahm einem Manne den Fu in der Fuwurzel ab, dabei stellte sich
ein nrrisches Delirium ein, und der Patient rief: gieb mir noch einen
Schluck.

Ein Mdchen von 17 Jahren athmete 12 Minuten Aetherdmpfe ein, bis sie
in eine Lethargie verfiel. Bei der Amputation des Unterschenkels, welche
Rayner vornahm, rief sie in der Mitte der Operation aus: sie schneiden
mir mein Bein ab, doch nicht, als ob sie Schmerzen dabei empfnde, und
da man die Einathmungen fortsetzte, wurde die Operation ohne irgend eine
Schmerzensuerung von Seiten der Patientin vollendet; beim Nhen schien
die Wirkung des Aethers schon verschwunden zu sein, denn bei jedem Stich
klagte sie ber heftigen Schmerz. Die Heilung des Stumpfes ging gut von
Statten.

Den Tod beobachtete in Folge der Einathmung des Aethers Jobert bei zwei
Frauen; der einen war eine krebshaft entartete Brust, der andern
der Oberschenkel abgenommen worden. Die erste hatte 13 Minuten lang
Aetherdampf eingeathmet, worauf sie noch nicht vllig empfindungslos
wurde und noch etwas Schmerz bei der Operation empfand. Nach derselben
stellten sich heftige Kopfschmerzen, heftige Schmerzen im Halse und in
der Luftrhre ein. Spter gesellte sich zu diesen Erscheinungen eine
wandernde Rose. Der Tod erfolgte durch Erschtterung des Nervensystems
und eine heftige Luftrhrenentzndung. Bei der Leichenffnung fand
man das Herz welk, die Lungen knisternd, die Schleimhaut der
Luftrhre blutroth. Ungeachtet dieser Erscheinungen hielt Jobert die
Aethereinathmung nicht fr die alleinige Ursache des Todes. Die andere
Kranke, welcher er den Oberschenkel einer weien Kniegeschwulst wegen
amputirte, hatte nur vier Minuten durch den Apparat geathmet, als sie
schon vollkommen unempfindlich wurde, so da sie von der Operation
nichts fhlte. Erst nach zwei Stunden kehrte das Bewutsein zurck. Am
folgenden Tage war sie sehr aufgeregt, ihre Ideen verwirrt, ihre Rede
unzusammenhngend. Dieser gereizte Zustand der Luftrhrenste mit
Schlaflosigkeit verbunden, dauerte bis zum siebenten Tage fort. Dazu
gesellte sich nun ein nervser Gesichtsschmerz, darauf Kinnbackenkrampf
mit den bei diesem Zustande gewhnlichen Erscheinungen, und der Tod trat
am 15ten Tage nach der Operation ein. Bei der Leichenffnung fanden sich
die Hute des Gehirns und Rckenmarks, so wie die Substanz dieser Organe
stark mit Blut berfllt und letzteres erweicht. In den Gehirnhhlen
war blutiges Wasser enthalten. Kehlkopf, Schlund, Luftrhre und
Luftrhrenste waren gerthet und mit einer eiterhnlichen Substanz
bedeckt. Auch die innere Oberflche der Lungenarterie erschien gerthet.
Sowohl aus dem Krankheitsverlauf als aus dem Leichenbefunde schliet
Jobert, da der Aether diesen Congestivzustand in den besonders
afficirten Theilen hervorgerufen habe, und zieht aus diesen traurigen
Folgen den Schlu, da man nur mit groer Umsicht seine Zuflucht zu
einem Mittel nehmen drfe, welches unter gewissen Umstnden einen so
mchtigen Einflu auf das Blut- und Nervensystem uere.

Den Tod sah man in dem folgenden Falle bald nach der Operation
eintreten. Anna Perkinson, die 21jhrige Frau eines in Spittlegat in
der Grafschaft Lincoln lebenden Friseurs, litt seit langer Zeit an einem
Gewchs an der inneren Seite des linken Oberschenkels wahrscheinlich
einer Fettgeschwulst, welches allmhlig an Gre zunahm und allerlei
Beschwerden verursachte. Da auch sie von der schmerzstillenden Wirkung
des Aethers gehrt hatte, wollte sie sich der Operation nur unter der
Bedingung unterziehen, da man das Mittel bei ihr anwende. Ihr Arzt,
der Dr. Robbs, ein geschickter und erfahrener Mann, berieth sich nun mit
mehreren Mnnern seines Faches, und so wurde denn die Operation am 9ten
Mrz, mit Untersttzung von drei anderen Aerzten, mit Geschicklichkeit
und Umsicht vorgenommen. Robbs hatte alle mgliche Vorsicht angewendet,
und einige Tage vor der Operation die Kranke zu verschiedenen Zeiten
Aether einathmen lassen, um ihre Empfnglichkeit fr das Mittel zu
prfen. Diese Versuche waren sehr glcklich abgelaufen, die Frau lachte
dabei und erklrte hinterher, da sie sich recht wohl gefhlt, ihr
volles Bewutsein behalten, aber die Empfindung verloren habe. Dennoch
trat eine auffallende Vernderung in ihrem ganzen Wesen ein, sie wurde
traurig und niedergeschlagen. Zu bemerken ist, da sie volle 10 Minuten
die Dmpfe eingeathmet hatte, eine ungewhnlich lange Zeit. Bei dem
zweiten Versuch setzte man die Zeit auf 5 Minuten herab, wo schon der
nmliche Zustand eintrat. Erst nach einer Viertelstunde war sie wieder
vllig klar und versicherte dann, sie htte alles gewut was im
Zimmer vorgegangen sei, aber nicht sehen knnen. Bei der dritten
verhngnivollen Einathmung der Aetherdmpfe, womit man 10 Minuten lang
fortfuhr, wurde die Operation gemacht. Obgleich die Kranke vollkommen
betubt zu sein schien, stie sie beim ersten Schnitt einen tiefen
Seufzer aus, wodurch man sich veranlat sah, noch mehr einathmen zu
lassen. Die Kranke seufzte bei jedem Schnitt, und verrieth durch
heftige Anstrengung des Krpers, da sie volles Gefhl habe. Von der
Unterbindung der Blutgefe schien sie nichts zu fhlen. Der Blutverlust
bei der Operation war hchst unbedeutend. Dann wurde sie zu Bette
gebracht. Zu dem Gefhl einer groen Mattigkeit gesellte sich dann
noch am nchsten Tage eine Empfindung von Taubheit im Rcken und den
Schenkeln, jede Bewegung war ihr unmglich. Dieser Zustand dauerte bis
zum Tode, welcher vierzig Stunden nach der Operation eintrat.

Die Wundrzte, welche mit der Untersuchung der Leiche beauftragt waren,
bezeugten Folgendes: da die vorgefundene 7 Zoll lange Wunde nichts
zeige, welches den schnellen Tod der Kranken erklre. Die Operation
sei mit der grten Vorsicht und Geschicklichkeit ausgefhrt und kein
greres Nerv- oder Blutgef durchschnitten worden. Dagegen fand man
eine starke Blutberfllung der Gefe der Hirnhaut ber den vorderen
Hirnlappen, und eine ungewhnliche dnnflssige Beschaffenheit der
gesammten Blutmasse. Diese beiden Erscheinungen wurden dem Aether
zugeschrieben. Die exstirpirte Geschwulst war von fester Beschaffenheit
und wurde als ein Osteosorkom erkannt. Die Jury fllte nach Anhrung des
Berichtes der speciell mit der Untersuchung des Leichnams beauftragten
Aerzte, so wie der Zeugenaussagen folgendes Verdikt: Da die
dahingeschiedene Anna Perkinson an den Wirkungen des Aethers, welchen
sie Behufs der Linderung des Schmerzes whrend der Operation eingeathmet
habe, und nicht in Folge der Operation selbst gestorben sei.

So sehr dieser traurige Ausgang einer an sich gefahrlosen Operation auch
zu bedauern ist, so mge derselbe allen Aerzten zur Warnung dienen, bei
der Anwendung des Aethers mit grter Behutsamkeit zu verfahren, und den
Kranken lieber zu wenig als zu viel einathmen zu lassen. Da hier aber
letzteres geschehen und der Tod allein auf Rechnung dieses Mittels zu
schreiben sei, ist nicht im Geringsten zu bezweifeln.

Ein anderer, eben so trauriger Fall von tdtlicher Wirkung der
Aetherdmpfe, kam ebenfalls in England vor. Roger Nunn, Wundarzt an
den Hospitlern in Colchester und Essex, machte dem 50jhrigen Thomas
Herbert den Steinschnitt. Der Kranke athmete die Aetherdmpfe nur 7 bis
8 Minuten lang ein, worauf die Operation ohne alle Hindernisse vollendet
wurde. Dabei fand eine etwas strkere Blutung, selbst aus den kleineren
Gefen der Wunde statt. Whrend der Operation, welche nur 10 Minuten
lang dauerte, wurde der Aether noch nachtrglich in Pausen wieder
angewendet. Hierauf wurde das Athmen mhsam und endlich rchelnd. Bald
darauf besserte sich der Kranke etwas und es stellte sich einige Ruhe
ein, jedoch blieb 24 Stunden lang jede Reaction aus. Man gab Branntwein
in kleinen Quantitten und Arrow-root, und legte Wrmflaschen ins Bette.
Mit dieser Behandlung fuhr man bis zum folgenden Tage fort, wo man noch
Ammoniak gab. Der Kranke redete von 8 Uhr Abends bis 9 Uhr Morgens irre,
es hatte sich dabei etwas mehr Leben eingestellt, inde starb er 5 Uhr
Abends. -- Die Leichenffnung zeigte Congestionen nach den Huten des
Gehirns, jedoch keinen Blutaustritt; die Lungen waren permeabel, vorn
blutleer, hinten angefllt. Das Herz welk, von natrlicher Gre und
fast leer, die linke Niere bla, die rechte etwas mit Blut berfllt.
Die Wunde und die benachbarten Theile hatten die nach einem Steinschnitt
gewhnliche Beschaffenheit. Die ganze Blutmasse zeigte einen hohen Grad
von Verflssigung.

Die Londoner medizinische Zeitung stellt ber diesen Fall folgende wahre
und zu beherzigende Betrachtungen an: die Aerzte sind bis jetzt in
den Irrthum verfallen, die Sache nur von der einen Seite anzusehen. Bis
jetzt giebt es nur eine Fluth von glcklichen Fllen, es ist aber Zeit,
da unsere Berichterstatter mit ihren glcklichen Beobachtungen inne
halten und Rechenschaft von den Gefahren, welche diese neue Methode
begleiten, ablegen.

Gegen Magendie, welcher im Institute zu Frankreich sagte: welches
Interesse kann es fr die Akademie der Wissenschaften haben, ob der
Mensch mehr oder weniger leidet? bemerkt Roser: Wir vermgen uns nicht
zur Hhe dieses akademischen Standpunktes zu erheben, und wissen die
kitzliche Moral dieses Physiologen nicht zu theilen, der es fr eine
Erniedrigung erklrt, wenn sich der Mensch betube, berausche. -- Ueber
die triviale Wohlweisheit, welche gleich wute da die neue Sache etwas
Altes sei, dieweil ja smmtliche Lehrbcher der Materia medica dem
Aether berauschende Effekte zuschreiben, hat der gesunde Sinn der Aerzte
und Laien selbst gerichtet. Die Befrchtung, da der Aether gewisse noch
unbekannte Schdlichkeiten fr den spteren Erfolg der Operationen haben
knnte, drfte oder mchte, ist bis jetzt durch nichts begrndet, und
es sind andererseits die ernsten Folgen jener groen physischen
Erschtterung und Erschpfung wohl zu bedenken, welche der Schmerz
selbst bei Operirten nicht selten zur Folge hat.

Im ganz entgegengesetzten Sinne spricht sich Nathan in Oppenheims
Journal aus, indem er sagt: habent fata sua remedia; heute wird der
Aether allerdings noch angestaunt; denn wer htte gedacht, da so Viele
einem so entsetzlichen Coma glcklich entrinnen knnten; heute giebt
gerade dieses Staunen der Schmerzlosigkeit noch einen unwiderstehlichen
Reiz und den Werth eines summum bonum der Operation, heute, wir wissen
es genau, erscheint unsere Prophezeiung, da die Ueberraschung sich
legen wird, und da dann, aber dann erst, die vielen halben und die
blen Folgen des Aetherisirens eine umgekehrte Schtzung der Sachlage
herbeifhren, und der Indicatio vitalis, oder der sicheren Operation,
ihr altes, wohl verdientes Uebergewicht ber die Indicatio symptomatica,
oder die schmerzlosere Operation, wiedergeben werden, -- allerdings
noch lcherlich; -- aber bis heute hat sich kein Aberglaube allgemein
erhalten, und wir knnen nicht umhin, das blinde, rckhaltslose
Vertrauen zu der Gutmthigkeit des Aethers und seinen Wirkungen
als pharmacodynamischen, oder wie Schultz sagen wrde, als
Qualitten-Aberglauben zu betrachten, da uns die Gefahren und
Weiterwirkungen eines tiefen, von keinem Senkblei erreichbaren Comas,
stets dieselben, unausbleiblichen, gleich unberechnenbaren, scheinen,
durch welches Mittel und auf wie kurze Zeit auch ein so bedeutsamer
Hirnzustand erzeugt wird. Jeder wei es brigens, da neue Mittel,
sowohl im Grossen wie bei einzelnen Kranken, stets Wunder thun auf
einige Tage oder Jahre.




Anwendung der Aetherdmpfe in der Geburtshlfe.


Der Gedanke, die Aetherdmpfe in der Geburtshlfe anzuwenden, hat im
ersten Augenblicke etwas Erschreckendes. Es scheint vermessen, den
natrlichen Akt der Niederkunft durch eine knstlich herbeigefhrte
Empfindungslosigkeit und Betubung zu stren. Nicht ohne Besorgni
durfte man sein, da besonders durch die erschlaffende Wirkung des
Aethers, die Thtigkeit der Gebrmutter vermindert, oder wohl ganz
aufgehoben, und durch die Verzgerung des Geburtsaktes das Leben der
Mutter und des Kindes auf das Spiel gesetzt werde. Dagegen besteht der
mgliche Gewinn nur in Aufhebung der Schmerzen bei der Geburt. Wenn das
Mittel also bei gewhnlichen Geburten als ein berflssiges, zu groes
und zu gefhrliches erscheinen mute, so konnte seine Anwendung bei
schweren, regelwidrigen Geburten, bei Wendungen und Zangengeburten,
wenn es sich bewhren sollte, fr die leidende Wchnerin als ein sehr
heilbringendes erscheinen.

Diese bei der Geburt so recht erwhlt und erwnscht vortheilhafte
Erscheinung, nmlich Erschlaffung des gesammten Muskelsystems und
Fortdauer der Thtigkeit der Gebrmutter, beruhen allein darauf, da der
Aether vorzugsweise herabstimmend auf die willkhrlichen Muskeln wirkt;
nicht aber deprimirend auf den Uterus, welcher unter dem Einflsse des
Oberbauch-, Nieren- und Aorten-Geflechtes steht, nur hchst unbedeutende
Fden vom Rckenmark erhlt, und also gewissermaen ein isolirtes,
selbststndiges Gangliensystem besitzt. Darber aber hat uns die
Geburtshlfe noch nicht gehrig aufgeklrt, ob die durch den Aether
aufgehobene Mitwirkung der Bauchmuskeln bei der Geburt des Kindes zu
entbehren sei, da doch sonst nichts von dem ohne Schaden entbehrt werden
kann, was die Natur zur Erreichung hherer Zwecke weise angelegt hat.

Die Erfahrung hat bis jetzt in diesen Beziehungen gelehrt, da ein Theil
jener Besorgnisse unbegrndet ist, denn die Anwendung des Aethers
bei Schwangeren whrend der Niederkunft bis zur Gefhllosigkeit,
Erschlaffung und Bewutlosigkeit, uert keinen hemmenden und strenden
Einflu auf die Niederkunft, welche leicht und schmerzlos von Statten
gehen soll. Weder die Zusammenziehung der Gebrmutter, noch die
mitwirkende Thtigkeit der Bauchmuskeln, wurde dadurch im geringsten
gestrt.

Die Berichte der Aerzte, welche dies Mittel in die Geburtshlfe
einfhrten, sind Simpson, Hammer, Dubois, Velpeau und Bouvier und
Fournier-Deschamps.

Doch nicht blo als Erleichterungsmittel bei schweren Geburten, ist
der Aether bis jetzt angewendet worden, sondern selbst in der
Schwangerschaft als bloes Experiment! Mgte es das letzte dieser
Art sein. Amussat stellte in diesen Beziehungen allerdings lehrreiche
Versuche an trchtigen Hunden an, aber Cardan ein verwerfliches
Experiment bei einer Frau. Dieselbe war 6-7 Monate schwanger, die Frau
und die Frucht schienen gesund. Es dauerte sehr lange, bis die Wirkung
mit einer zgellosen Frhlichkeit eintrat. Der Puls war dabei nur wenig
beschleunigt. Nach 10-12 Einathmungen gerieth das Kind in fr die
Mutter sehr schmerzhafte strmische Bewegungen und diese wurden bei
fortgesetzter Inspiration immer schneller. Nachdem die Mutter wieder zu
sich gekommen, verglich sie die Empfindungen, welche sie im Leibe gehabt
hatte, mit starken Sten. Das Herz des Kindes klopfte heftig, die
Schnelligkeit der Pulsschlge schien im Zusammenhange mit den Bewegungen
und den krampfhaften Zuckungen zu stehen. Das Gerusch der Placenta
hatte seinen gewhnlichen Charakter verloren und bestand nur in einem
leisen Zittern. Hinterher war die arme Frau sehr erschpft, und fhlte
sich sehr unwohl.

Man mu dies Experiment, wenn es auch fr die Wissenschaft einiges
Interesse haben knnte, sehr tadeln, denn es war fr Mutter und
Kind gleich gefhrlich, und ein Abortus mit dem Tode des letzteren
wahrscheinlich. Die Gefahr gesteht Cardan selbst ein und meint, sie
mgte wohl in der letzten Zeit der Schwangerschaft am grten sein.

Simpson entband drei therisirte Frauen, von denen die eine eine
Mistaltung des Beckens hatte, mit Leichtigkeit, und ohne da die Geburt
im mindesten gestrt wurde.

Hammer wandte bei einer 18jhrigen Kreienden die Einathmung an.
Schon nach 2 Minuten hrten Schmerz und Klage auf und es trat ein
schlafhnlicher Zustand ein. Die Wehen setzten 6-7 Minuten aus, stellten
sich dann aber wieder krftig ein, und nach 20 Minuten war die Geburt
beendigt, worauf das Bewutsein wieder eintrat. Die Frau war sich alles
dessen was geschehen war gnzlich unbewut, und fragte als sie das Kind
sah, ob es das ihrige sei. -- Auch bei weiterer Anwendung des Aethers
bei Niederkunften, beobachtete Hammer keine ble Folgen.

Bei einem 26jhrigen Frauenzimmer in Paris wandte Bouvier im Augenblick
der heftigsten Geburtswehen 8 Minuten lang Aetherdmpfe an, worauf kurz
vor der Unempfindlichkeit eine heftige Aufregung eintrat. Dann wurde es
mit einem Male ruhig und regungslos und zugleich hrte die Contraction
der Gebrmutter auf; erst nach einer halben Stunde traten wieder Wehen
ein, worauf die Geburt glcklich von Statten ging. Die Gebrmutter
verhielt sich jetzt ganz unthtig, doch folgte ein starker Blutabgang.

Dubois wandte die Aetherbetubung bei einer jungen Erstgebrenden an,
bei welcher man nach langer, schmerzhafter und erfolgloser Geburtsarbeit
die Zange anlegen mute. Nach einigen Minuten des Einathmens wurde sie
gefhllos, und das Kind leichter und schneller als in hnlichen Fllen
geboren. Die ersten Tne des Kindes erweckten die Mutter wieder, welche
versicherte, bei der Geburt nichts gelitten zu haben. Bei einer anderen
Frau, welche schon fter geboren hatte, geschah die Aethereinathmung
whrend der Anlegung der Zange. Der Aether wirkte hier gerade
umgekehrt, whrend die geistigen Fhigkeiten aufgehoben waren schien
die Schmerzempfindung nicht verringert zu sein, denn die Kranke schrie
whrend der knstlichen Entbindung, erinnerte sich aber nach Beendigung
der Geburt nicht mehr der Schmerzen. Dubois anderweitige Betubungen
whrend der Entbindung, trugen smmtlich zur wesentlichen Erleichterung
bei. Zwei von diesen Frauen starben indessen einige Tage nach der
Niederkunft am Kindbettfieber. Die Schuld hiervon wird der in der
Maternit von Paris herrschenden Epidemie zugeschrieben, denn die
genaueste Untersuchung der Leichen zeigte keine anderen Erscheinungen
als solche, welche man bei den an dieser Krankheit Verstorbenen
antrifft. Weder im Gehirn, noch im Rckenmark, noch in den
Athmungsorganen wurde etwas entdeckt, was dem Aether htte zur Last
gelegt werden knnen.

Aus der Zusammenstellung der wenigen bis jetzt vorhandenen Beobachtungen
ber den bei der Geburt erzeugten Aetherrausch, ergiebt sich mit
Ausnahme der Todesflle bei Dubois, da das neue Mittel den natrlichen
Verlauf des Wochenbettes nicht strt. Es wurden danach weder starke
Blutflsse noch Nervenzuflle beobachtet. Auch die Gebrmutter kehrte
in der gewhnlichen Zeit zu ihrem natrlichen Zustande zurck. Welchen
Einflu die Aetherisation auf die Milch in den ersten Tagen geuert
habe, findet man nicht erwhnt. Auf die Neugebornen uerte sich die
Aetherisation der Mutter durch Beschleunigungen des Pulsschlages,
welcher wohl bis auf 30 Schlge in der Minute vermehrt war, mithin einen
Unterschied von 160 gegen 125 in der Minute zeigte. Andere Abweichungen
von dem natrlichen Vorfalle wurden bei den Kindern nicht beobachtet.

Ich will nicht entscheiden, ob der Aether in der Geburtshlfe so
allgemein werden wird wie in der Chirurgie, doch glaube ich es nicht,
weil eine Niederkunft etwas Natrliches, eine chirurgische Operation
etwas gegen den ursprnglichen Sinn der Natur ist. So viel scheint aber
wahrscheinlich, da man bisweilen sehr schwere, schmerzhafte Geburten,
wo sonst die Zange nthig ist, entweder ohne oder mit dieser mit
Erleichterung machen wird.

Ich kann nicht in die Streitigkeiten eingehen, welche in politischen
Blttern zwischen tchtigen Aerzten ber die Anwendbarkeit und
Nichtanwendbarkeit des Aethers in der Geburtshlfe gefhrt worden sind.
Verschiedenheit der Ansichten und Meinungen ber wissenschaftliche
Gegenstnde sollten bei Mnnern, welche einen gleichen edlen Zweck
verfolgen, nie zu persnlichen Fehden werden, und dann am wenigsten,
wenn sie zur Kurzweil der Nichtrzte dienen.




Anwendung der Aetherdmpfe in der inneren Heilkunde.


Bei inneren Krankheiten hat die Anwendung der Aetherdmpfe bis jetzt
nur noch eine sehr beschrnkte Anwendung gefunden und meistens nur bei
nervsen Leiden eine palliative Hlfe gewhrt. Beim Emphysem der Lunge
sah Wolf bei einem jungen Manne in seiner Klinik groe Erleichterung
danach eintreten. Die Einathmung der Aetherdmpfe zeigte sich auch
bisweilen bei hysterischen Anfllen uerst wirksam, indem sie dieselben
oft augenblicklich hoben. In anderen dagegen wurden dadurch heftige
Zuflle hervorgerufen und das Uebel eher verschlimmert als verbessert.
So sah Piorry zuerst zwar Verbesserung der hysterischen Paroxysmen bald
aber Rckflle. In Wien beobachtete man dagegen uerst gnstige Wirkung
in der Hysterie, allemal wurden dadurch die Anflle gemildert. In
neuralgischen Leiden wurde dadurch bisweilen groe Linderung verschafft.
Strempel beobachtete beim tic douloureux und bei Koliken uerst
gnstige Wirkungen davon. Beobachtungen der letzten Art machte man
auch in Wien. -- In der Bleikolik versuchte Bouvier den Aetherdunst in
verschiedenen Zwischenrumen, und versicherte, dadurch die Krankheit
in wenigen Tagen vollstndig gehoben zu haben. Honor ebenfalls beim
Gesichtsschmerz, Nasse bei manchen anderen Schmerzen. Nach Bonnet
wurden bei Epileptischen die Anflle durch die Aetherisation wenigstens
gemildert. In Wien zeigte das Mittel bei Epileptischen eine verschiedene
Wirkung. Bei einem Kranken wurden die Anflle danach hufiger, bei
einem zweiten seltener, und bei einem dritten traten keine auffallende
Vernderungen ein. Auf Wahnsinnige uerte der Aether anfangs nur die
gewhnlichen, allgemeinen Wirkungen, auf das Leiden selbst aber gar
keine, eher indessen eine Verschlimmerung als Verbesserung. (Kronser.)
Bei einer tobschtigen Selbstmrderin brachte Manec Betubung unter den
bei Gesunden gewhnlichen Erscheinungen hervor, so da er ein Haarseil
ohne Schmerzen legen konnte. Nachdem die Person wieder zu sich gekommen
war, bat sie um Gift.

Bei einer delirirenden Wchnerin, versichert Bouvier, die Aetherdmpfe
zwar ohne Erfolg, aber auch ohne Nachtheil angewendet zu haben. Unter
diesen Umstnden ist das Mittel gewi eben so gefhrlich als die
Krankheit.

Gegen den Starrkrampf versuchte Ranking die Aetherisirung, die Krmpfe
wurden dadurch aber auf eine Schrecken erregende Weise heftiger, so
da er von ferneren Versuchen, dies Mittel bei krankhaftem Zustande
anzuwenden, abrth. Nicht minder glcklich war Roux mit den
Aetherdmpfen beim Starrkrampf, und nach seinem eigenen Gestndni wurde
die ohnedies kurze Lebensdauer des Patienten noch um etwas verkrzt.

Was also der Aetherdunst in der inneren Heilkunde noch leisten wird,
steht von der Zukunft zu erwarten, bis jetzt hat er dem Aether, in
Substanz durch den Mund genommen, nicht um seinen alten Ruhm gebracht.




Anwendung der Aetherdmpfe in der gerichtlichen Medizin.


Baudens, oberer franzsischer Militrarzt, empfiehlt die Aetherbetubung
bei dem Verdachte von Verstellungskrankheiten, um hinter die Wahrheit
zu kommen. Hat Hr. Baudens, welchen ich sonst hochschtze, solche Listen
bei den Arabern, unter denen er so viele Jahre mit der franzsischen
Armee lebte, gelernt? Will er uns ein neues, perfides Mittel zur
Enthllung der Wahrheit lehren? Dies Mittel ist aber treuloser als
die Unwahrheit. Genug Baudens wandte sein Mittel bei zwei armen jungen
Conscribirten an, welche wahrscheinlich nicht groe Lust hatten, in
Algerien auf den Schakalfang zu gehen und lieber den heimathlichen Boden
pflgen wollten. Der erste stellte sich der Untersuchungskommission mit
einem groen Buckel vor. Man schpfte Verdacht, da er simulire, um
vom Militrdienste frei zu kommen. Baudens betubte ihn jetzt durch
Aetherdmpfe vollstndig. Danach trat Erschlaffung des ganzen Krpers
ein, und mit ihr verschwand der Buckel! Der Mensch wurde also auf
diese Weise berfhrt und gestand die Simulation ein. Bei dem zweiten
Conscribirten glaubte Baudens auch, da er simulire und zwar eine
Verwachsung des Hftgelenkes. Er therisirte ihn ebenfalls, worauf
der Zustand einer vollkommenen Empfindungs- und Bewutlosigkeit mit
Erschlaffung aller Muskeln eintrat. Aber die Gelenksteifigkeit mit allen
ihren charakteristischen Merkmalen blieb vollkommen die nmliche wie vor
der Betubung. Er war also sicher, da der Kranke nicht simulire.

Ich mu mein lebhaftes Bedauern ber diesen Mibrauch des edlen
Aethers ausdrcken. Zu dergleichen Rnken sollte sich der Arzt nie
herabwrdigen, um die Wahrheit zu ermitteln. Mge er sich seiner
Wissenschaft ohne Aether bedienen. Die Verweigerung dieses Mittels mu
meiner Ansicht nach, dem Verbrecher eben so gut zugestanden werden, wie
dem Kranken vor einer chirurgischen Operation. Der erste hier erzhlte
Fall compromittirt den Arzt als Menschen, der zweite aber auch als Arzt,
da er nicht durch Hlfe der honnetten Wissenschaft im Stande war, die
wirkliche Gelenkverwachsung zu erkennen, und zur gewaltsamen Betubung
eines Unglcklichen seine Zuflucht nehmen mute, um das Vorhandensein
der Krankheit auf diese Weise festzustellen. Wahrscheinlich ist dem
letzten Kranken keine Art von Genugthuung geworden.

Herr Baudens hat also den Weg gebahnt, die Aetherbetubung in die
Criminal-Justiz einzufhren. Vielleicht liegt diese Zeit nahe. Amerika,
das Land, aus dem der Aetherdunst zu uns als ntzliche Entdeckung
herber gekommen ist, hat dadurch die Schmach der Erfindung des
Pensylvanischen Schweigsystems noch keinesweges wieder gut gemacht.
Welche traurige Verirrung, welchen inneren Ha gegen die Menschheit,
welche Bosheit drckt es nicht aus, den Menschen des Wortes zum Menschen
zu berauben! Schon die Barbarei des Alterthums streifte an das moderne
Schweigsystem, indem es dem Verbrecher die Zunge ausri oder ihn in eine
Nische einmauerte. Das sieben Schritte lange, drei Schritte breite Grab
des Lebenden, die zur Steigerung der Strafe gar gerundete Zelle,
um selbst dem Gedanken jeden Anhaltspunkt zu rauben, fhrt ihn noch
leichter zum Wahnsinn. Nicht der Anblick des blauen Himmels, der ewig
sich verndernden Formen der Wolken und der Himmelsgestirne ist
ihm vergnnt, sondern eine hhnische, stachelnde Helle, tausendfach
gebrochen durch ein zahllos facettirtes Glas, den Augen der Insekten
hnlich, welche die Natur ihnen, um viel und weit zu sehen, gab, formte
der Mensch diesen nach, damit der Unglckliche dadurch geblendet,
_nicht_ sehe.

Wir sind auf einen schrecklichen Weg durch die gesteigerte Intelligenz
gerathen. Die Wirklichkeit eines peinlichen Justizbildes wre die
folgende. Der eines Ansteckungsstoffs verdchtige Verbrecher wird in
der Vorhalle des Pensylvanischen Gefngnisses mit Chlordmpfen
ausgeruchert. Hierauf gelangt er in die Aetherdunsthalle. Hier gltten
sich alle Falten seines Seelenlebens, und das, was an Leibes- und
Seelentrug in ihm ist thut sich frei vor dem Aether auf, worauf der
Unglckliche nach der Gre der Schuld entweder in der langen oder in
der runden Zelle bt, bis ein willkommener Wahnsinn ihn von seinen
Qualen befreiet.

Ich habe hier nur meinen Abscheu gegen das Pensylvanische
Gefngnisystem, welches ich in England nher kennen lernte, ausdrcken
wollen. Da man dort so eben davon zurckkommen will, wird man es bei uns
wohl einfhren!




Von der Anziehungskraft des Aetherrausches.


Der hchst verfhrerische Aetherrausch, welchen bereits viele Gesunde
aus Wibegierde oder Vorwitz gekostet haben, scheint seine mchtige
Anziehungskraft immer mehr und allgemeiner zu uern. Kranke, welche
unter Anwendung des Aethers operirt waren, sehnten sich hufig nach der
empfundenen Seeligkeit zurck, so da ich mehrmals die Aeuerung hrte,
sie wrden sich noch ein Mal einer Operation unterziehen, wenn es mit
Aether geschehen knnte. Diese Beobachtung ist auch von anderen Aerzten
gemacht worden. So drckt sich Kronser in seiner Schrift hchst naiv
ber diese Aetherleidenschaft folgendermaen aus: Da frher oder
spter nachtheilige Folgen bei wiederholtem Gebrauche des Aethers
begreiflicherweise eintreten mssen, so ist in Rcksicht dessen schon,
weil er wegen des Vorzugs, den vom Taback gesuchten Genu, in noch
schnellerem, hherem und angenehmerem Grade zu versetzen, so leicht und
billig erlangt werden kann, es also auch ein Nachtheil, denn da mit
6 Kreuzer C.-M. Schwefel-Aether, und dem Apparat 10 Kr. C.-M., die
Auslagen gemacht sind, so drfte derselbe allzuleicht zu schdlichem
Mibrauch verleiten.

Eine neue Leidenschaft, hnlich der der Opiumesser in China, steht
uns also bevor. Aber noch Traurigeres sehen wir im Hintergrunde,
den Selbstmord durch Aether. Er wird wahrscheinlich den grausigen,
freiwilligen Eisenbahntod bald verdrngen. Ist doch der Mensch immer so
sinnreich und grausam in der Selbstvernichtung. Er trinkt mit Begierde
Schwefelsure, er verschlingt Arsenik, er it Glasstcke, er strzt sich
von Hhen herab, um sich zu zerschmettern, er wirft sich ins Wasser, er
sprengt sich den Schdel, er erstickt sich mit Kohlendampf -- wir sind
beim Aetherdampf angelangt. Er wird sein Gesicht mit einem mit
Aether getrnkten Schwamm bedecken und, in seelige Trume eingewiegt,
hinbereilen!

In die Hand des Verbrechers ist ein neuer Dolch in dem Aether gegeben.
Der Verbrecher sucht immer neue Bahnen, und im Aether wird er Mittel
gegen Eigenthum, Person und Leben Anderer finden. Kronser frchtet,
man knne einen durch Aether Betubten davon tragen, um sich seiner
zu bemchtigen. Eine in ein kleines Gemach ausgeschttete Flasche mit
Aether wrde eine ganze sanft schlummernde Familie entweder betuben
oder tdten; die freigelassenen und angezndeten Aetherdmpfe werden den
Raubmrder zum Brandmrder machen. Ist doch bereits die Kunde vom Aether
in die einsamsten Gefngnisse gedrungen, und hat nicht schon ein in
Frankreich zum Tode verurtheilter Verbrecher um die Gnade, vor der
Execution therisirt zu werden, angehalten?

Diese Besorgnisse mgten jedoch nur Trume sein. Immer aber wre es zu
rathen, den Aether den gefhrlichsten Giften gleichzustellen und nicht
blo das Aetherisiren unbefugten Personen zu verbieten, sondern auch
den Aether selbst dem groen Haufen zu versagen und denselben nur
heilkundigen Mnnern nach ihrer Vorschrift zu verabfolgen. In mehreren
Staaten sind in dieser Beziehung bereits lobenswerthe Verordnungen
erlassen.




Von der wahrscheinlichen Aehnlichkeit des Aetherrausches mit dem
Sterben.


Das Ende dieses Lebens ist der Tod. Um dahin zu gelangen, mssen wir
sterben. Im Sterben sind wir noch halb auf dieser, halb schon in jener
Welt. Der Mensch frchtet den Tod nur des Sterbens wegen als etwas
Entsetzliches, als etwas Qualvolles. Die Aetherbetubung giebt hierber
herrliche Aufschlsse, sie ist ein Sterben mit Rckkehr zu diesem Leben.
Im Aetherrausch spiegeln sich die verschiedensten Formen des Sterbens
ab, vom sanften Hinberschlummern mit seeligem Blick bis zum Ausdruck
des wildesten Widerstrebens. Aber selbst dieser so schmerzlich
scheinende Zustand ist wie das Sterben oft von den angenehmsten
Empfindungen begleitet, und was uerlich schrecklich erscheint, ist
nur ein Spiel der Muskeln und das Rcheln nur ein mechanisches
Athmungsgerusch.




Chirurgische Operationen, welche ich unter Anwendung der Aetherdmpfe
vorgenommen habe.


Schon zu Anfang dieses Jahres erfuhr ich von England aus die
Jackson'sche Entdeckung, und bald darauf erhielt ich von Frankreich aus
die Besttigung der schmerzstillenden Eigenschaften der eingeathmeten
Aetherdmpfe bei chirurgischen Operationen. Die Sache, welche mit
allerlei Uebertreibungen ausgeschmckt war, schien mir aber mancherlei
Bedenken zu haben und von so ernster Art zu sein, so gegen alle
bewhrten medizinischen und chirurgischen Grundstze und Erfahrungen zu
sprechen, da ich mich nicht sobald zur Nachahmung entschlieen
konnte. Ich wollte lieber der letzte als der erste Nachfolger in einer
Lebensfrage der leidenden Menschheit sein. Nachdem indessen Mnner wie
Liston, Key, Roux, Velpeau u.A. glckliche Erfolge berichteten, nachdem
auch aus mehreren Gegenden unseres Vaterlandes immer mehr gnstige
Nachrichten sich verbreiteten, entschlo ich mich, ich kann wohl
sagen, mit einigem Widerstreben, zur nheren Prfung der Wirkung der
Aetherdmpfe und dann zu ihrer Anwendung bei chirurgischen Operationen.
Die indessen bald darauf eintretenden Ferien unterbrachen die in der
Klinik begonnenen Operationen unter Aether, so da ich einstweilen nur
an Privatkranken beobachten konnte. Bei diesen Operationen standen mir
mit grter Aufmerksamkeit die Doctoren Holthoff, Vlker, Reiche, Hr.
Hildebrandt und Dr. Meyer bei. In der Klinik kann ich nicht genug
den Eifer und die Theilnahme rhmen, welche der Herr Sanittsrath
Angelstein, so wie die Doctoren Steinrck, LaPierre und Schuft
bezeugten, wie unermdlich sie in ihren Beobachtungen bei und nach den
Operationen waren, um den Kranken jede Erleichterung zu gewhren und
durch sorgfltige Beobachtung die Wissenschaft zu bereichern.

Ich bediente mich in der ersten Zeit complicirter franzsischer Apparate
mit Ventilen, fand aber bald einen einfacheren, wie derselbe oben
beschrieben worden, bei weitem zweckmiger. Bei dem Einathmen der
Dmpfe wurde die grte Vorsicht angewendet, und niemals das Einathmen
bis zur Asphyxie fortgesetzt, so da kein Menschenleben gefhrdet wurde.
Von dem angerathenen Probeathmen kam ich indessen bald zurck, weil es
fter trgerische Resultate gab und die spteren Aethereinathmungen
oft ganz andere Zuflle zur Folge hatten als die frheren. Von
mehrmonatlichen Kindern bis zum hheren Alter hinauf habe ich
chirurgische Operationen mit Aether gemacht; aber niemals bei Personen,
deren Constitution das neue Mittel verbot, wie bei Anlage zu Schlagflu,
bei Reizbarkeit der Luftrhre und der Lunge, bei Schwchlichen welche zu
Blutflssen hinneigten und s.w. Ausgeschlossen wurden auch diejenigen
Operationen, welche ihrer Kleinheit und schnelleren Ausfhrung wegen
nicht auf Aether Anspruch machen konnten, so wie mehrere so groe,
da die zu besorgende groe Blutung und Erschpfung nur durch die
Aethereinathmungen vermehrt werden knnten. Auch aus rtlichen
Rcksichten operirte ich nicht mit Aether so wie z.B. in einigen Fllen
mit groen Rachenpolypen wegen zu befrchtender Erstickungsgefahr.

Die Krankengeschichten sind lebende Bilder zu dieser Schrift; einigen
ist eine besondere Zierde durch eigene schne Schilderung des Zustandes
der Kranken ihres Aetherrausches geworden. Vielleicht finden Aerzte
darin Einiges, welches Ihnen der Beachtung werth erscheint.


_Ausziehen einer Messerklinge aus der Hand._

Louis Schneider, ein 27jhriger, krftiger Mann, kam mit der
angeschwollenen, unbrauchbaren rechten Hand in die Klinik. Er sagte, er
sei vor 3 Jahren mit einem spitzigen Tischmesser in der Hand gefallen,
das Messer sei nicht weit vom Griff abgebrochen, und auf dem Rcken der
Hand, nahe am Zeigefinger, habe sich eine Wunde vorgefunden, welche
bald darauf geheilt sei. An dieser Stelle befand sich jetzt eine kleine
eiternde Oeffnung, durch welche man mit der Sonde auf einen harten
Krper stie. Ich zweifelte nicht, da die Klinge noch in der Hand und
zwar zum Theil in dem Metacarpalknochen des Zeigefingers stecke und in
schrger Richtung bis zur Handwurzel hinreiche. Der Mann wurde nun durch
Aetherdmpfe betubt. Das geschah binnen 4 Minuten vollstndig. Anfangs
war der Rausch wild, er ri die Augen auf, schrie und zeigte sich
unbndig. Auf sanftes Zureden wurde er ruhiger, schlo die Augen wieder,
und ich konnte die Operation anfangen. Ein Assistent hielt die Hand
gut fest. Hierauf vergrerte ich die Fistelffnung bis zu einem Zoll,
fhrte die Schnbel einer starken, geraden Zange, womit die oberen
Schneidezhne ausgezogen werden, ein, fate den Rand der Klinge am
Bruchende und zog dieselbe erst nach groer Anstrengung, da sie durch
ihre verrostete Oberflche im Knochen festgehalten wurde, aus. Sie hatte
die Lnge eines kleinen Fingers, war schwarzblau und an beiden Seiten
corrodirt. Bei dem ganzen gewaltsamen Akt des Herausziehens verhielt
sich der Kranke ruhig und nachdem er wieder zu sich gekommen war, konnte
er sich nur undeutlich des ganzen Vorganges erinnern. Die Wunde wurde
dann mit Pflasterstreifen verbunden.


_Operationen an der Brust._

Das 30jhrige Frulein L., von zartem Krperbau, war vor einem Jahre von
einer skirrhsen Drsengeschwulst von der Gre eines Hhnereies, welche
ihren Sitz zwischen der linken Brust und der Achselhhle hatte, befreit
worden. Ungeachtet einer sorgfltigen Nachbehandlung hatte sich in der
Nhe der Stelle, an welcher frher die Operation gemacht worden war,
eine neue, steinharte Geschwulst von derselben Gre gebildet, welche
aller angewendeten Mittel, des Zittmann'schen Decocts, des Jods, der
uerlichen Einreibungen und der Blutegel ungeachtet, immer strker
wurde, so da ich der Kranken zu einer neuen Operation rieth, als an
einer Stelle der Aufbruch sich vorbereitete.

Nachdem die Kranke vor der Operation drei Minuten die Aetherdmpfe
eingeathmet hatte, wobei der Puls anfangs schneller, dann wieder
langsam, das Athmen tief und krftig wurde, schien sie betubt zu sein.
Ich umgab die Geschwulst nun mit zwei lnglichen, in spitzen Winkeln
zusammenlaufenden Schnitten, und trennte sie dann vom ueren Rande des
groen Brustmuskels los. Whrend der nur einige Augenblicke dauernden
Operation gab die Kranke keinen Laut von sich, kniff aber die Hnde
krampfhaft zusammen; dann rollte sie die halb geschlossenen Augen
nach oben, seufzte einigemal tief, zeigte brigens keine bedenklichen
Erscheinungen. Die Wirkungen des Aethers waren schnell vorbergehend,
denn nach dem Bedecken der Wunde und dem Zubettebringen war das
Bewutsein wieder klar, nur die Abspannung noch sehr gro. Die Kranke
beschrieb das, was sie empfunden, mit eigenen Worten folgendermaen.

Als ich mich zum Einathmen des Aethers anschickte, nahm ich mir fest
vor, so ruhig wie mglich einzuathmen. Sobald mir der Schlauch an den
Mund gebracht wurde, sog ich den Aetherdunst gleich so heftig ein, da
ich nach dem ersten Athemzuge glaubte, es wrde mir unmglich sein,
ruhig fortzuathmen. Ich fhlte, wie der Aether in alle Theile der Brust
und des Kopfes drang und im Kopfe ein eigenthmliches Sumsen, fast
Klingeln, erregte und da, obgleich mein Bewutsein noch vollkommen
klar war, bald Betubung erfolgen msse. Da mir gesagt wurde, nicht mit
solcher Heftigkeit einzuathmen, so machte ich es langsamer. Der Athem
wurde mir nun immer krzer, mein Bewutsein blieb aber noch vollkommen
klar, bis pltzlich eine gewisse Umnebelung meiner Sinne eintrat.
Dennoch hrte ich jedes Wort, welches die Umstehenden sprachen, ich
unterschied auch, wer sprach. Mit der grten Aufmerksamkeit achtete ich
auf meinen Zustand und fhlte deutlich, da ich bald bewutlos werden
wrde. Meine Gedanken verwirrten sich aber nicht im Geringsten, auch
verursachte mir das Einathmen jetzt keine Unbequemlichkeiten oder
Schmerzen. Jetzt fhlte ich, da man mich langsam auf die Matratze
niederlegte und dachte dabei, nun wird das Bewutsein verschwinden.
Meine Angst war aber ganz vorber. Wie lange es whrte, bis ich
bewutlos wurde, konnte ich nicht beurtheilen, noch weniger wie lange
die Bewutlosigkeit anhielt. Ich hatte keine Trume und als ich wieder
zu mir kam, hrte ich zuerst die Stimme des Hrn. D. Ich war nun sogleich
bei vollkommenem Bewutsein, aber meine Empfindung kehrte erst etwas
spter zurck. Alle Schrecken der Operation traten erst jetzt vor meine
Seele, denn ich glaubte, sie solle erst geschehen, ich vermogte nicht zu
sprechen oder mich zu bewegen, nicht einmal die Augen zu ffnen. In dem
Augenblicke fhlte ich einen Ruck im Arm und ich glaubte das wre die
Operation, doch war diese schon vorber, und ich stie einen lauten
Schrei aus, da ich selbst darber erschrak. Jener Schmerz rhrte aber
nur von einer Bewegung des Armes her. Jetzt hrte ich sagen: es ist
noch eine Ader zu unterbinden, worauf ich es wagte, die Augen zu
ffnen. Ich mu also von der Operation gar nichts gefhlt haben und ich
sehe wohl ein, da der Aether mich gegen die Schmerzen der Operation
unempfindlich machte. Nachdem ich wieder aufgerichtet war, fhlte ich
weder Schwindel noch Schmerzen und mich frei von jedem Unbehagen.

  ~L. L.~

       *       *       *       *       *

Mad. S., die Frau eines fremden Kaufmannes, 32 Jahr alt, kam einer
bsartigen Krankheit der rechten Brust wegen nach Berlin. Vergebens
hatte die Kunst bis dahin alle Mittel erschpft, die glckliche Mutter
blhender Kinder wollte um jeden Preis leben, und der grliche Anblick
einer kindskopfgroen, an mehreren Stellen aufgebrochenen Brustdrse mit
champignonartigen, rothen Wucherungen zeigte deutlich die Natur eines
bsartigen Schwammes. Ich konnte mich anfangs nicht zu der Operation
entschlieen und nahm dieselbe, weniger durch das Flehen der Kranken,
als durch die nach einer lngeren Zittmann'schen Cur herbeigefhrte
Erschlaffung des kranken Gebildes bewogen, vor.

Nach vier Minuten langem Einathmen der Aetherdmpfe zeigte die Kranke
keine Empfindung mehr. Jetzt begann ich die Operation, indem ich in
weiten Grenzen die kranke Brust und die stellenweis zerstrte Umgebung
umschnitt und dann die enorme Geschwulst von den darunter liegenden
Theilen ablste. Die Blutung dabei war auerordentlich stark, und
eine Menge krankhaft erweiterter Pulsadern berschtteten mich und die
Gehlfen mit einem blutigen Regen, wobei ich aufs deutlichste bemerkte,
da das arterielle Blut sich kaum in seiner Frbung von dem aus dem
Gewebe und den groen durchschnittenen Venen hervorquellenden dunklen
Blute unterschied. Unter der Operation stie die Arme leise, gegen
das Ende derselben laute Klagetne aus, doch beim Erwachen aus dem
Aetherschlaf versicherte sie, nichts von der Operation empfunden zu
haben. Sie wurde dann verbunden und ins Bette gebracht. Auer mehreren
jungen Aerzten war Hr. Reg.-A. Dr. Mller und Hr. Dr. Jger bei der
Operation zugegen.

       *       *       *       *       *

Einer Dame von mittleren Jahren exstirpirte ich eine bsartige
Geschwulst von der Gre einer starken Faust aus der rechten Brust.
Die Patientin war sehr ngstlich. Der Puls hatte unmittelbar vor der
Operation 100 Schlge. Das Einathmen der Aetherdmpfe geschah ohne
alle Beschwerde. Die ersten Zge verursachten leichtes Husten. Die
Pulsfrequenz der ersten Minute betrug 110, und stieg in der zweiten bis
auf 130 Schlge. Die Kranke fhlte jede irgend empfindbare Berhrung
ihres Krpers, beantwortete die an sie gerichteten Fragen, und zeigte im
Ausdruck und in der Farbe des Gesichts nicht die geringste Vernderung.
In der dritten Minute sank der Puls auf 120. Die Augen waren
geschlossen, ihr Gesicht jetzt ein wenig mehr gerthet. In der darauf
folgenden vierten Minute fiel der Puls bis auf die Zahl von 100
Schlgen, die er vor dem Beginne der Aethereinathmung gehabt hatte;
Empfindung und Bewutsein der Patientin waren erloschen. Whrend der
Operation, welche ich in der Art ausfhrte, da ich die Verhrtung mit
zwei ovalen Schnitten umgab und dann vom Grunde lste, verrieth die
Kranke keine Empfindung des Schmerzes. Ein unbestimmter, weder der
Freude noch dem Schmerze angehrender Ton und eine instinktmige
Bewegung der Hand nach dem leidenden Orte hin waren die einzigen
Regungen. Die Bewutlosigkeit dauerte noch einige Augenblicke nach der
Operation fort. Sie richtete mit geschlossenen Augen ihren Oberkrper
etwas in die Hhe und bemhte sich, mit der Hand nach der Wunde zu
fassen. Das Gesicht zeigte hierbei jene eigenthmliche Mischung von Lust
und Schmerz, wie man sie oft in den Zgen der Aetherisirten beobachtet.
Erst nachdem die Wunde verbunden war, konnte man ihr die Ueberzeugung
verschaffen, da die Operation bereits geschehen sei. Die Kranke
schrieb in Bezug auf die Operation Folgendes. Nachdem ich den Aether
eingeathmet hatte, fhlte ich, da man mich niederlegte. Ich habe weder
die Operation noch einen Schmerz empfunden, doch fhlte ich, da das
Blut warm herabflo, auch da man die Adern zuband. Nach der Zeit war
ich bei vollem Bewutsein. In meinem bewutlosen Zustande habe ich weder
Trume gehabt, noch sind mir Bilder vorgekommen.

  ~J. H.~

       *       *       *       *       *

Eine Dame in den vierziger Jahren, seit lngerer Zeit an einer
schmerzhaften Vergrerung der linken Brust leidend, gegen welche die
ausgezeichnete Behandlung der Aerzte fruchtlos gewesen war, kam nach
Berlin. Die Brust von kugelrunder Gestalt und der Gre eines kleinen
Kindskopfes war mit ihrem Grunde nur locker zusammenhngend und zeigte
sich bei der Untersuchung elastisch. Auf der Oberflche sah man einige
ausgedehnte Venen blulich durch die Haut hindurchschimmern. Die Haut
selbst war durch den betrchtlichen Umfang der Geschwulst zwar
sehr verdnnt, brigens aber gesund. Die Achseldrsen waren nicht
angeschwollen. Die Kranke von zarter Constitution und einem hchst
reizbaren Nervensystem wnschte bei der Operation dringend die Anwendung
der Aetherdmpfe. Eine am Tage zuvor angestellte Prfung mit dem Mittel
erzeugte schon binnen einer Minute einen fast bewutlosen Zustand,
welcher nach einigen Minuten wieder verschwand.

Diese erfreuliche Erscheinung belebte den Muth der durch langes
Leiden tief erschtterten Kranken und lie sie hoffnungsvoll auf die
vorzunehmende Operation hinblicken. Der verhngnivolle Tag brach an.
Geh. Rath Busch, der Arzt der Kranken, und mehrere junge Aerzte waren
bei der Operation zugegen. Diesmal gelang das Aetherisiren nicht so gut
wie vorher, und es dauerte zehn volle Minuten, whrend welcher Zeit sich
die Kranke mehrmals erbrach, bis Empfindungslosigkeit eintrat. Der Puls
hatte 18 Schlge in 1/4 Minute. Anfangs war die Kranke sehr aufgeregt,
und mehrere Ausbrche heftiger Leidenschaftlichkeit mit schnellem,
gereiztem Pulse, wildem Blicke, Zurckstoen der helfenden Hnde der
Aerzte veranlaten uns, den Sturm erst vorbergehen zu lassen. Mit dem
Eintritt einiger Ruhe, bei 15 Pulsschlgen in 1/4 Minute, begann ich die
Operation, welche in einigen Augenblicken vollendet war; dabei erfolgte
fteres starkes Aufstoen und Erbrechen wie in der Trunkenheit, worauf
nach Bedecken der Wunde die Kranke in ihr Bett gebracht wurde. Wo bin
ich? sagte sie dann mit Heftigkeit, indem sie die Augen wieder ffnete,
was soll mit mir geschehen? Wir beruhigten sie, da Alles vorber sei.
Sie wollte dies aber durchaus nicht glauben und widersprach lebhaft.
Erst die Untersuchung mit der eigenen Hand berzeugte sie, da sie
wirklich die Operation berstanden, und ohne das Mindeste davon gefhlt
zu haben.

       *       *       *       *       *

Bei einer Dame von einigen 40 Jahren hatte sich seit geraumer Zeit
zwischen der linken Brust und der Achselhhle eine steinharte, mit dem
Rande des Brustmuskels und den Rippen fest verwachsene Drsengeschwulst
von verdchtigem Charakter gebildet, so da die Exstirpation nthig
wurde. Die Kranke athmete die Aetherdmpfe 1/4 Stunde lang, und erst
dann trat Empfindungslosigkeit von einem schlafhnlichen Zustande
begleitet, ein. Zwei lange Ovalschnitte, welche die mit der Geschwulst
verwachsene Haut umfaten, wurden gemacht, die Geschwulst mit der
Muzeux'schen Zange hervorgezogen und dann aus dem Grunde ausgeschlt.
Dies war das Werk einiger Augenblicke, worauf die spritzenden Arterien
unterbunden, und die Wunde mit Pflasterstreifen genau vereinigt wurde.

Bei dieser Kranken ist zu bemerken, da vom ersten Augenblicke
des Einathmens der Dmpfe das Gesicht sich stark rthete, da die
Empfindungs- und Bewutlosigkeit sehr spt eintrat, da schon vorher
Uebelkeit und Erbrechen sich einstellte und sich auch nach der Operation
wiederholte, und da die Kranke hinterher angab, von der Operation
durchaus nichts empfunden und durchaus nicht getrumt, sondern ruhig
geschlafen zu haben. Hr. Reg.-Arzt Branco hatte die Gte, mich bei
dieser Operation zu untersttzen.

       *       *       *       *       *

Mad. K., 44 Jahr alt, eine geistvolle, zarte Dame, mit einer groen,
fest aufsitzenden skirrhsen Entartung der ganzen linken Brustdrse,
welche soeben aufzubrechen drohte, entschlo sich nach Jahre langem
vergeblichem Gebrauch der bewhrtesten Mittel, besonders durch die
folterhnlichen Schmerzen getrieben, zur Abnahme der Brust. Nach 6-8
Minuten der Einathmung der Aetherdmpfe machte ich die Operation. Zwei
elliptische, von der Achselhhle schrg abwrts nach dem Brustbein zu
verlaufende Schnitte umfaten die kranke Haut und die vergrerte Drse.
Letztere wurde dann an ihren Rndern und an ihrem Grunde, welcher sehr
fest mit dem Brustmuskel zusammenhing, abgetrennt. Whrend der ganzen
Operation gab die Kranke, welche vollkommen bewutlos war, keinen Laut
von sich. Nach Beendigung derselben stellte sich Erbrechen ein, welches
sich auch spter wiederholte. Nachdem die Patientin wieder zu sich
gekommen war, versicherte sie, keine Spur von Schmerz empfunden zu haben
und nicht zu wissen, da sie operirt worden sei.

       *       *       *       *       *

Zu den grlichsten Operationen gehrt die Abnahme der Brust, wenn diese
durch Markschwamm einen sehr groen Umfang erreicht hat. Frau N., einige
40 Jahre alt, kam mit einer fast menschenkopfgroen Anschwellung der
linken Brustdrse in die Klinik. Die Unglckliche war schon frher
anderweitig an einer faustgroen Krebsgeschwulst oberhalb der Brustdrse
operirt worden, worauf die Drse selbst anfing sich zu vergrern und
den erwhnten Umfang zu erreichen. Vergeblich waren die verschiedensten
Mittel angewendet worden, doch blieb jetzt nichts anderes brig, als die
Operation zu unternehmen, nach welcher die Arme schon der unertrglichen
Schmerzen wegen sich wie nach einer Erquickung sehnte. Der Gre der
Operation wegen lie ich die Kranke zuvor durch Aether tief betuben,
wozu 10 Minuten erforderlich waren. Da die Haut auf der Drse gesund
war, so konnte ich davon so viel sparen, als zur vollstndigen Deckung
der Wunde nthig schien. Zwei halbmondfrmige Schnitte, in deren Mitte
die Warze lag, wurden quer ber die Brust durch die Haut gefhrt, diese
abgelst, die ungeheure Geschwulst von ihrem Boden abgetrennt, und
zuletzt noch eine Achseldrse von der Gre einer migen Pflaume
von der nmlichen Wunde aus exstirpirt. Die Blutung aus unzhligen
erweiterten Gefen war so stark, da Alles im Blute schwamm, und
wenigstens 3 Pfund desselben verloren gingen; doch wurde sie schnell
durch Unterbindung, durch Klte und Druckverband gestillt, und spter,
als eine Nachblutung weniger zu besorgen war, die Wundrnder vereinigt.
Von der Operation hatte die Kranke gar nichts empfunden, doch war ich
froh, als ich sie erst wieder im Bette sah, da die Betubung tief, und
der Blutverlust so bedeutend war. Wahrscheinlich war aber die Strke der
Blutung bei diesem hohen Grade der Betubung ntzlich. Nach 3 Wochen war
die Wunde geheilt.

       *       *       *       *       *

Wittwe St., 68 Jahr alt, litt an einer faustgrossen Krebsgeschwulst der
linken Brust, welche die ganze Drse einnahm, steinhart war, fest aufsa
und nach vorn gegen das Brustbein zu bereits eine aufgebrochene
Stelle zeigte. Unertrgliche Schmerzen nthigten die arme Frau zu der
Operation. Nachdem sie nur zwei Minuten therisirt worden war, schien
sie vollkommen betubt zu sein. Ich fhrte zwei halbovale Schnitte durch
die Haut, welche am Brustbein und gegen die Achselhhle zu in spitzen
Winkeln zusammentrafen, und lste dann die Brustdrse von den Rippen ab.
Die Blutung war sehr stark, und die durchschnittenen Arterien spritzten
an vielen Orten. Gesunde Haut war bei der Operation zur Deckung der
Wunde im Ueberflu erspart worden. Als die Kranke, welche bei der ganzen
Operation weder gezuckt noch einen Laut von sich gegeben hatte, wieder
zu sich kam, sah sie die Umstehenden erstaunt an und konnte nicht
begreifen, da sie schon operirt sei, denn sie hatte das ganze blutige
Ereigni angenehm vertrumt.


_Operation der Nerven-, Balg- und Fettgeschwlste._

Zu den Uebeln, welche im Stande sind, bei anscheinender Unbedeutendheit
die frchterlichsten Erscheinungen zu erregen, gehrt die
Nervengeschwulst (Neurom). Ein solches Neurom, nur von der Gre einer
Erbse, hatte bei einer jungen, blhenden, 30jhrigen Frau seinen Sitz
dicht ber der inneren Seite des rechten Kniees. Es war dies Uebel
wegen seiner unerhrten Schmerzhaftigkeit, indem feurige Blitze von
dem kleinen, harten Punkt aus nach allen Seiten durch das ganze Glied
hinschossen, so recht geeignet, den Aether auf die Probe zu stellen,
wenn ich die Geschwulst operirte. Kaum hatte die Kranke drei Minuten
lang die Dmpfe eingeathmet, als sie sanft zurcksank und vollkommen
empfindungslos wurde. In dem Augenblick machte ich einen kleinen
Einschnitt von 1/6 Zoll Lnge, fixirte die frei gewordene Geschwulst
mit einem Hkchen und trennte sie mittelst eines strohhalmbreiten
Messerchens in einem Augenblicke heraus. Als die Frau dann wieder zu
sich kam, war sie ganz erstaunt und versicherte, bei der Operation nicht
allein keinen Schmerz empfunden zu haben, sondern gar nicht zu
wissen, da sie schon operirt sei. Die Wunde wurde dann mit einem
Pflasterstreifen geschlossen.

       *       *       *       *       *

Frau P. litt seit Jahren an einer bohnengroen Nervengeschwulst an
der inneren Seite des linken Fues unfern vom Knchel. Unglaubliche
Schmerzen, welche wie Blitze das ganze Glied durchzuckten und sich
zuweilen bis in den Unterleib hineinerstreckten, wonach ein heftiger
hysterischer Anfall eintrat, hatten die Kranke bereits sehr erschpft.
Vor der Operation wurde dieselbe 1 Minuten therisirt, worauf sie
bewutlos wurde. Ich spaltete die Haut, fate die Geschwulst mit einem
Hkchen und schnitt sie aus. Die Kranke empfand dabei gar nichts und kam
bald wieder zu sich.

       *       *       *       *       *

Ein junger Mann, dem ich eine Balggeschwulst von der Gre eines
Taubeneies ber dem ueren Rande des rechten oberen Augenlides
exstirpirte, verrieth, ungeachtet er vier bis fnf Minuten lang
Aetherdmpfe geathmet hatte, ein deutliches Schmerzgefhl. Auch nachdem
seine Sinne wieder vollkommen klar geworden waren, versicherte er, bei
der Operation lebhafte Schmerzen gehabt zu haben.

       *       *       *       *       *

Ein Mann von 40 Jahren trug seit lngerer Zeit eine Balggeschwulst von
der Gre einer Bohne im rechten oberen Augenlide nahe am Augenwinkel.
Nachdem derselbe zuerst mit einem aus einer Blase und einem Mundstcke
bestehenden Athmungsapparat drei Minuten lang die Aetherdmpfe
eingeathmet hatte, und noch nicht die geringste Wirkung eintrat, hielt
ich ihm einen mit Aether befeuchteten Schwamm vor Mund und Nase. Nach
zwei Minuten verlor er die Empfindung, und auch das Bewutsein wurde
getrbt. Unter tiefem Sthnen vollendete ich mit ein Paar Schnitten
die Entfernung der kleinen Balggeschwulst, deren ursprnglich reiner,
klarer, wssriger Inhalt sich bereits in eine braune Flssigkeit
verwandelt hatte, welches einen nahen Aufbruch der Geschwulst
andeutet. Nach der Operation wute der Mann nichts von dem, was mit ihm
vorgegangen war.

       *       *       *       *       *

Clara H., 1 Jahr alt, hatte zwischen der Nase und dem unteren rechten
Augenlide eine entstellende Balggeschwulst von der Gre einer
Haselnu, deren Inhalt aus zarten Zellgewebshhlen mit einem kalkigen
Niederschlage bestand. Vor der Operation wurde das Kind 2 Minuten
lang therisirt, ohne da das Schreien aufhrte. Ich exstirpirte die
Geschwulst mit zwei elliptischen Schnitten und heftete die Wundrnder
durch 4 feine Knopfnhte, worauf jede Entstellung verschwunden war. Der
Schmerz schien nicht empfunden worden zu sein.

       *       *       *       *       *

Caroline B., 36 Jahr alt, hatte an der hinteren Seite der rechten
Schulter eine feste Sackgeschwulst, deren Inhalt ein dicker Brei war.
Nach 2 Minuten der Aetherisation stellte sich ein unruhiger Rausch ein,
doch konnte ich die Operation, wobei ich die Haut auf der Geschwulst
durch einen langen Schnitt spaltete und dann die Exstirpation vornahm,
ohne Strung vollfhren. Die Kranke war dabei empfindungslos und hatte
die Operation nur dunkel, aber ohne Schmerzen wahrgenommen.

       *       *       *       *       *

Eine sehr groe Fettgeschwulst auf dem Rcken eines jungen Mdchens
hatte dasselbe stets mit bangem Gefhl erfllt, wenn es nur entfernt an
die Operation dachte. Immer grer wurde das Gewchs, immer grsser die
Angst, an ein Verbergen durch die Kleider war nicht mehr zu denken, da
die Geschwulst die Gre eines mittelmigen Krbisses erreichte. Der
Aether kam und mit ihm der Muth zur Operation. Die Kranke athmete ihn
6 Minuten lang ein, bis sie empfindungslos wurde, dann fhrte ich zwei
elliptische Schnitte ber den Rcken hinab, umfate damit den verdnnten
Theil der Haut auf der Hhe der Geschwulst und trennte sie von
ihrer Verbindung. Dabei gab die Patientin keinen Laut von sich und
versicherte, nachdem sie verbunden war, durchaus nichts von der
Operation empfunden zu haben, obgleich sie genau die Worte des
Assistenten, welcher in ihrer peinlichen Lage ihr zunchst gestanden und
sie untersttzt hatte, wiederholte.

       *       *       *       *       *

Ferdinand K., 30 Jahr alt, athmete 3 Minuten lang den Aetherdunst,
worauf ein ziemlich heftiger Rausch mit vlliger Empfindungslosigkeit
eintrat. Es wurde ihm dann wegen seiner groen Unruhe nicht ohne
Schwierigkeit die Balggeschwulst ausgeschnitten. Schmerzen empfand er
dabei nicht.


_Die Operation des Blutschwamms._

Die Operation des gutartigen Blutschwamms (der Angiectasie und
Telangiectasie) kam nur bei Kindern vor. Die Aetherwirkung zeigte sich
bei ihnen auf eine auffallende Weise verhltnimig spter als bei
Erwachsenen, und die Kinder, welche schon vor der Operation schrieen,
fuhren damit fter auch unter der Operation, nur leiser und mit
verndertem Ton fort.

       *       *       *       *       *

August R., 10 Monate alt, athmete 2 Minuten. Er schrie vorher mit
lauter Stimme, mit dem Eintritt der Bewutlosigkeit verwandelte sich das
anhaltende Schreien in einzelne unterbrochene Laute. Ich begann dann
die Operation eines 2 Zoll langen, 1/2 Zoll breiten, sehr erhabenen
Blutschwamms an der rechten Seite der Brust, indem ich denselben mit
einer Balkenzange seiner Lnge nach zusammendrckte, mit zwei langen
Concavschnitten umgab und dann in der Tiefe ablste. Eine Menge
ausgedehnter Arterien ergossen in vielen Strahlen das Blut, so da es 8
umschlungener Insectennadeln zur genauem Vereinigung der Wundrnder
und zur Stillung der Blutung bedurfte. Das Kind schien keine Schmerzen
empfunden zu haben und kam sogleich wieder zu sich.

       *       *       *       *       *

Marie G., 8 Monate alt, war mit einem kleinen Blutschwamm an der inneren
Seite der rechten Schamlefze geboren, welcher allmlig zwei Drittheile
ihrer Oberflche in eine vorragende, dunkelrothe Geschwulst mit
sammtartigem Ueberzuge verwandelt hatte. Die Operation durfte nicht
lnger aufgeschoben werden, da gefhrliche Blutungen zu frchten waren.
Das Kind, welches auf dem Schooe der Wrterin gehalten wurde, athmete
mittelst eines Schwamms 3 Minuten lang Aetherdmpfe ein, worauf es mit
Schreien pltzlich nachlie und aussah, als wolle es einschlafen. Ich
fate nun den Blutschwamm mit einer kleinen Balkenzange, schnitt ihn
mittelst eines kleinen, strohhalmbreiten Messers durch zwei elliptische
Incisionen aus, und vereinigte dann die Wundrnder durch fnf
Knopfnhte, wodurch gleichzeitig die starke Blutung gestillt wurde. Die
Operation schien ohne allen Schmerz gewesen zu sein. Das Kind kam nach
Besprengen des Gesichts mit kaltem Wasser sogleich wieder zu sich.

       *       *       *       *       *

Marie P., 10 Monate alt, war mit einem kleinen Blutschwamm des Kopfes
auf der Mitte des linken Scheitelbeins geboren. Man hatte dagegen
vergebens allerlei zusammenziehende Mittel angewendet, doch der
Blutschwamm, statt sich zu verkleinern oder gar zu verschwinden, war
immer grer geworden und hatte zuletzt den Umfang eines kleinen Thalers
und eine Hhe von 2 Linien erreicht. Das Kind, welches stark war,
unbndig schrie und kaum gehalten werden konnte, wurde, nachdem es 1
Minute lang Aetherdmpfe geathmet hatte, schlaff und mde. Ich fhrte
zwei convergirende Messerschnitte bis auf die Beinhaut durch die
Geschwulst und lie von ihrem Rande so viel stehen, da die Vereinigung
der Wunde mglich war. Das aus vielen durchschnittenen erweiterten
Gefen hervorstrzende Blut wurde schnell durch 6 lange, starke, mit
Fden umschlungene Insectennadeln gestillt, deren Druck auf die Rnder
die Verdichtung des ausgedehnten Gewebes herbeifhren sollte. Nachdem
die Nadeln dicht an den Fden abgeschnitten waren, wurde eine kalte
Compresse aufgelegt. Unter der Operation drckte das Kind nur durch
dumpfes Sthnen einen unbehaglichen Zustand aus; nach derselben kam es
auf Besprengen mit kaltem Wasser sogleich wieder zu sich.

       *       *       *       *       *

Pauline Z., 1 Jahr alt, hatte einen erhabenen Blutschwamm von der Gre
und der Gestalt einer kleinen Bohne am oberen Theil der linken Wange.
Nachdem das stark schreiende Kind 1 Minute lang therisirt worden war,
wurde es pltzlich still und matt. Ich schnitt darauf die Geschwulst
durch zwei halbelliptische Schnitte aus und vereinigte die Wunde durch
drei umschlungene Nhte. Dann erst erwachte das Kind wieder.

       *       *       *       *       *

M. A., 7 Monat alt, mit einem feuerrothen, stark erhabenen Blutschwamm
von der Gre eines Silbersechsers an der linken Seite der Stirne wurde
4 Minuten lang therisirt. Das heftige Schreien wurde dann matter, ich
schnitt den Schwamm, ohne da das Kind Schmerzen verrieth, heraus und
vereinigte die Wunde durch drei umschlungene Insectennadeln. Gleich
darauf war es wieder ganz munter.

       *       *       *       *       *

Friederike M., 4 Monat alt, war mit einem Blutschwamm der rechten Seite
der Oberlippe geboren, welcher sich bis zu dem Umfange einer migen
Himbeere vergrerte, die ganze Dicke der Lippe einnahm und sich bis an
das rechte Nasenloch erstreckte. Das stark schreiende und sich wehrende
Kind wurde erst nach 3 Minuten der Einathmung vollkommen ruhig und
schloss die Augen halb. Mit Leichtigkeit konnte ich einen Keil, welcher
den Blutschwamm in sich fate, ausschneiden und durch vier umschlungene
Insectennadeln nicht nur die Wundrnder genau vereinigen, sondern
auch zugleich die sehr starke Blutung stillen. Das Kind kam nach der
Operation sogleich wieder zu sich.

       *       *       *       *       *

Der 4 Monat alte Schiffersohn, August P., war mit groen Blutschwmmen
des Gesichts und einem an der Brust geboren, welcher fast den Umfang
einer flachen Hand erreicht hatte. Zuerst wollte ich die Operation eines
sehr erhabenen, von der Gre eines Thalerstcks, an der rechten
Seite der Stirne vornehmen; das Kind wurde, nachdem es 2 Minuten
lang Aetherdmpfe geathmet hatte, vollkommen ruhig, worauf ich zwei
Drittheile der Geschwulst durch zwei elliptische Schnitte entfernte
und darauf sechs umschlungene Nhte, wodurch sogleich die sehr heftige
Blutung gestillt wurde, anlegte. Die Operation schien nicht empfunden zu
werden. Besprengung mit kaltem Wasser hob die Betubung sogleich.

       *       *       *       *       *

Marie H., 3 Monat alt, war mit einem Blutschwamm an der rechten Seite
der Stirne geboren. Derselbe bildete einen feuerrothen, von oben nach
unten zu verlaufenden, 1 Zoll langen und 1/3 Zoll breiten, mig
erhabenen Bergrcken. Das Kind schrie auf dem Schooe der Wrterin
frchterlich, und selbst nach einer 4 Minuten langen Aetherisation
dauerte das Schreien, aber mit verndertem Tone fort, obgleich es
unempfindlich war. Ich schnitt dann den Blutschwamm vollstndig aus und
vereinigte die Wundrnder durch sechs feine umschlungene Insectennadeln.
Dann war das Kind wieder bei Bewutsein und hrte auf zu schreien.

       *       *       *       *       *

Ein bsartiger Zellenblutschwamm hatte sich bei einem jungen, blhenden,
26jhrigen Manne seit frhester Kindheit im unteren Drittheil des
Rckens an der linken Seite der Wirbelbeine ausgebildet und endlich die
Gre eines flachen Hhner-Eies erreicht. Die darber liegende Haut war
von weiblulicher Farbe, und die Geschwulst prall und fest. Erst bei
einem lngeren und strkeren Druck verkleinerte sie sich allmlig und
verschwand zuletzt vollkommen; hob man dann die Compression auf, so trat
die Anschwellung von neuem wie frher hervor. Ich vermuthete, da das
Uebel der so selten vorkommende Zellenblutschwamm sei und rieth
dem Kranken zur Operation. Unmittelbar vor derselben lie ich ihn
Aetherdmpfe einathmen, welche ihn schon binnen zwei Minuten vllig
betubten. Der Kranke wurde auf den Bauch gelagert, und der Rcken durch
unter den Leib gelegte Polster herausgewlbt, theils um die Haut zu
spannen, theils um die Geschwulst strker prominirend zu machen. Ich
fhrte nun einen fingerlangen Schnitt ber die Geschwulst fort, welche
darauf in der Gre und Gestalt eines Hhner-Eies von blaurother Farbe
sichtbar wurde. Ich zog sie dann mit einem Doppelhaken hervor
und durchschnitt die Muskelmasse des Rckens, aus welcher sie
hervorgewuchert war, dicht ber und dicht unter ihr, wobei ich eine
lebhafte Retraction der Muskelfasern wahrnahm, und trennte zuletzt ihre
Verbindungen an der unteren Flche. Die betrchtliche Blutung wurde dann
gestillt, und ber den Verband kalte Umschlge gelegt. Whrend der
gegen mehrere Minuten dauernden Operation gab der Kranke auch nicht das
leiseste Zeichen von Empfindung und war erst, nachdem er auf sein Lager
gebracht war, zu berzeugen, da er Alles glcklich berstanden habe.


_Operation einer Pulsadergeschwulst._

Ein 28jhriger Landmann litt seit einem Jahre an einer
Pulsadergeschwulst in der Tiefe der Gesmuskeln an der rechten Seite.
Die Veranlassung dazu war eben so merkwrdig als die Krankheit selbst.
In einem Faustkampfe mit einem anderen Manne seiner Gemeinde warf jener
den letzteren zu Boden. Whrend er ber ihm lag und ihn seine Uebermacht
fhlen lie, sprang der 6jhrige Knabe des Ueberwundenen herbei und
stach den Ueberwinder seines Vaters mit einem Messer tief in das Ges.
Die Wunde wurde von einem tchtigen Arzt ganz zweckmig behandelt und
heilte bald. Einige Zeit darauf bemerkte man indessen in der Tiefe eine
umschriebene, pulsirende Geschwulst, welche, als ich den Kranken sah,
bis zu dem Umfange eines kleinen Gnse-Eies sich vergrert hatte. Sie
steckte tief zwischen den Muskeln und fhlte sich hart an, pulsirte
aber nicht deutlich. Es war keinem Zweifel unterworfen, da durch jenen
Messerstich eine tiefliegende Arterie verletzt, und dadurch eine falsche
Pulsadergeschwulst gebildet war, welche bei ihrem Sitze, ihrer Gre und
ihrer langen Dauer nur durch die Operation geheilt werden konnte. Vorher
lie ich den Kranken Aetherdmpfe einziehen. Nachdem dies fnf
Minuten lang geschehen war, wurde der Puls langsamer, und es trat
Empfindungslosigkeit, von einem bewutlosen Zustande begleitet, ein. Bei
den ersten Einschnitten seufzte der Kranke tief, dann stie er einige
unartikulirte Tne aus und bewegte sich, als wolle er sich der fremden
Gewalt entziehen. Ich umschnitt den harten Sack der Pulsadergeschwulst
bis zu ihrem Grunde, spaltete ihn dann, um das dicke Blutgerinnsel
herauszunehmen und mehr Platz zur Aufsuchung der angeschnittenen Arterie
zu gewinnen. Nachdem dies geschehen war, umstach ich die einmndende,
spritzende Arterie mit einer krummen Nadel, knpfte die Fadenenden fest
zusammen, schnitt darber den Sack ab und verband die Wunde. Gegen das
Ende der Operation kam der Kranke etwas wieder zu sich. Er verhielt sich
wie ein Schlaftrunkener und versicherte, da er bei der Operation keine
sehr heftigen Schmerzen ausgestanden habe.


_Operationen des Kropfes._

Ein Mdchen in den Dreiiger-Jahren, welches an einer schwammigen
Kropfgeschwulst, fast von der Gre eines halben Menschenkopfs litt, sah
sich genthigt, gegen ihr Uebel, welches von fterer Erstickungsgefahr
begleitet war, bei mir Hlfe zu suchen. Alle bekannten, wirksamen
Mittel waren frher vergebens angewendet worden, der Kropf wuchs ohne
Aufenthalt und machte das Leben zur unertrglichen Last. Wegen der Gre
der Geschwulst war ein Ausschneiden derselben, welche berhaupt bei den
meisten Kropfarten mit Lebensgefahr verbunden ist, nicht zu unternehmen.
Ich beschlo daher, den Kropf durch ein Haarseil in Eiterung zu setzen
und dadurch eine Schmelzung desselben herbeizufhren. Nachdem die
Kranke drei Minuten lang die Aetherdmpfe eingeathmet hatte, wurde
sie empfindungslos, das Bewutsein war noch zum Theil vorhanden. Jetzt
durchstach ich schnell den Kropf in seiner Mitte und fhrte das Haarseil
hindurch. Unmittelbar nach der Operation war die Kranke wieder bei
vollem Bewutsein und gab an, sich des Operationsaktes dunkel bewut
gewesen zu sein, und nur geringe Schmerzen empfunden zu haben.

       *       *       *       *       *

Herr K., 28 Jahr alt, von schlankem Krperbau, litt an einer groen
Kropfgeschwulst, welche im schnellen Zunehmen begriffen war, und durch
Zusammenpressen der Luftrhre und der groen Gefe des Halses das
Athmen erschwerte und die Cirkulation des Blutes im Kopfe bedeutend
strte. In seinem Vaterlande, Oesterreich, von den berhmtesten Aerzten
mit Jod u.s.w. zweckmig behandelt, sah er zu seiner Bekmmerni die
wenigstens kindskopfgroe Geschwulst tglich wachsen und seinen Zustand
immer peinlicher machen. Die Geschwulst nahm die linke Seite des Halses
ein, erstreckte sich jedoch ber diese Seite hinaus. Sie fhlte sich
stellenweis hart und weich an und war, da sie mit den unterliegenden
Theilen fest zusammenhing, unverschiebbar. Die Unwirksamkeit der
Arzeneimittel war erkannt, und nur noch operative Hlfe brig. Die
Exstirpation schien mir aber fast absolut tdtlich, das Durchziehen
eines Haarseils, weil der Kropf massiv war und keine Scke enthielt,
eben so gefhrlich. Die Unterbindung der oberen Schilddrsenschlagader
zur Verdung der Geschwulst hielt ich hier fr die einzige zu
rechtfertigende Operation, obgleich der Kropf kein aneurysmatischer war.
Was mein Vertrauen auf die Ligatur der gedachten Arterie vergrerte,
war die bedeutende Erweiterung der nach hinten gedrngten Arteria
carotis communis. Nachdem der Kranke vorher einige Minuten therisirt
worden war, stellte sich Betubung mit fortdauernder Empfindlichkeit
ein. Dann erwachte er wieder, gerieth in einen sehr aufgeregten Zustand
und rollte dabei die Augen bei weit geffneten Augenlidern so stark nach
oben, da nur ein Theil der Hornhaut sichtbar blieb. Jetzt legte ich den
Kranken nieder, fhrte einen 3 Zoll langen Schnitt am ueren Rande der
Geschwulst herab und legte das Gef sogleich blo. Der frei gewordene
Theil der carotis communis, die carotis cerebralis und facialis, so wie
die Arteria thyreoidea waren betrchtlich erweitert -- die erstere von
der Dicke eines kleinen Fingers, letztere von der eines Gnsefederkiels.
Nachdem ich die Schilddrsenarterie an ihrem Ursprunge ringsum frei
gemacht hatte, fhrte ich mit einem feinen gehrten Haken einen dnnen
Faden um dieselbe herum, unterband sie, schnitt ein Fadenende am Knoten
ab und vereinigte die ganze Wunde mittelst Pflasterstreifen.

Jetzt erst kam der Kranke wieder vollkommen zu sich; er gab an, die
Operation nur undeutlich gefhlt zu haben, obgleich er bei derselben
sprach und sich in einer gewissen Aufregung befand. In der Geschwulst
war in Folge der Unterbindung keine wesentliche Vernderung zu bemerken.
Am Abend war dieselbe etwas turgescirend und heier anzufhlen. Der
Kranke fhlte sich sehr angegriffen und zeigte eine geringe fieberhafte
Aufregung.


_Exstirpation der Mandeln._

Hugo E., 11 Jahr alt, ein munterer, liebenswrdiger Knabe, litt seit
langer Zeit an einer so betrchtlichen Vergrerung beider Mandeln, da
diese als zwei eifrmige Geschwlste der Luft und den Nahrungsmitteln
Hindernisse in den Weg legten, und auch Schwerhrigkeit durch
Zusammendrcken der eustachischen Rhre erzeugten. Vor der Operation
wurde der Knabe zwei Minuten lang therisirt. Empfindungs- und halbe
Bewutlosigkeit traten hierauf ein. Die mden Augen waren zur Hlfte
geschlossen, willig erffnete das Kind den Mund, lie die linke Mandel
mit dem Haken fassen und mit dem geknpften Fistelmesser ausschneiden.
Beim Aussplen des Mundes kam er wieder etwas zu sich, that einige neue
Athemzge und wurde dann eben so schnell auch von der zweiten Tonsille
befreit. Nach Verlauf von einigen Minuten kehrte der natrliche Zustand
wieder zurck. Der Knabe erinnerte sich nicht an das, was mit ihm
vorgegangen war.

       *       *       *       *       *

Ein 14jhriger Knabe mit einer sehr bedeutenden Vergrerung der
Mandeln, wodurch Schwerhrigkeit, erschwertes Athmen und Schlucken und
schlechtes Sprechen erzeugt war, wurde vor der Operation drei Minuten
lang therisirt. Dann verlor er Gefhl und Bewutsein, sthnte tief,
bewegte die Arme unwillkrlich hin und her und schlo den Mund fest mit
zusammengebissenen Zhnen. Ich mute einige Minuten lang warten, bis
diese krampfhaften Erscheinungen vorber waren, und halbes Bewutsein,
aber mit andauernder Gefhllosigkeit zurckgekehrt war. Dann erst konnte
ich, freilich nach einigem Widerstreben die rechte, darauf die linke
Mandel mit einem Haken fassen und mit einem Pott'schen Fistelmesser
ausschneiden. Die Blutung war hier eigentlich nicht strker, als sie
sonst nach der Exstirpation der Mandeln zu sein pflegt, und wurde
bald durch kaltes Wasser gestillt. Das Oeffnen des Fensters und das
Besprengen des Gesichts mit kaltem Wasser verscheuchten alle nchsten
Nachwirkungen des Aethers.

       *       *       *       *       *

Der 28jhrige Porzellanarbeiter K. war lange Zeit mit einer lstigen
Vergrerung beider Mandeln behaftet, welche das Ausschneiden derselben
nthig machten. Nachdem derselbe 3 Minuten Aetherdmpfe eingeathmet
hatte, wurde er bei anscheinend ungestrtem Bewutsein empfindungslos.
Als ich ihn bat, den Mund zu ffnen, geschah dies, worauf ich zuerst die
rechte Mandel mit einem Doppelhkchen fixirte und mit einem geknpften
Pott'schen Fistelmesser mit einem Messerzuge ausschnitt. Dasselbe
geschah an der anderen Seite eben so leicht. Dann nahm ich noch eine
isolirte, am Gaumen sitzende, harte Geschwulst von der Gre einer Erbse
fort. Nachdem die geringe Blutung durch Aussplen des Mundes mit kaltem
Wasser gestillt war, und ich den Kranken wieder verlassen wollte,
setzte mich die Frage, wann ich die Operation denn vornehmen wolle, in
Erstaunen, da er doch alles Andere, was mit ihm vorgegangen war,
auer der Operation selbst, bemerkt hatte. In naiven Worten schrieb
er darber: ich war zwar bei vollem Verstande, doch glaubte ich, die
Operation wre noch nicht angegangen; ich versprte auch nicht den
mindesten Schmerz und ich mu aufrichtig gestehen, da die Anwendung des
Schwefelthers sehr praktisch ist.


_Operationen von Nasenpolypen._

Ein Frauenzimmer von einigen 30 Jahren litt seit geraumer Zeit an
betrchtlichen Nasenpolypen, welche das Innere der Nase bis zum Anfange
des hinteren Theils der Mundhhle ausstopften. Dumpfer Druck im Kopf und
groe Athmungsbeschwerden qulten die Arme. Sie unterzog sich freudig
der Operation, athmete auf dem Stuhle sitzend ein Paar Minuten lang
die Aetherdmpfe, schlo sanft die Augen, lie die Arme am Leibe
herunterhngen und gab keinen Laut von sich. Ich zog ihr dann die
Polypen mit einer Zange aus, ohne da die Kranke die mindeste Bewegung
machte, oder auch nur durch ein Zucken des Gesichts irgend eine
unangenehme Empfindung ausgedrckt htte. Dann schlug sie die Augen auf,
lchelte, wunderte sich, da sie die Luft frei durch die Nase einziehen
knne, und versicherte, da sie durchaus nichts von der ganzen Operation
wisse.

       *       *       *       *       *

Etwas verschieden war das Verhalten eines Mdchens von 25 Jahren, dessen
ganze Nasenhhle mit Schleimpolypen ausgefllt war. Nachdem 3 Minuten
lang Aetherdmpfe geathmet waren, trat Empfindungslosigkeit, von einigen
Seufzern und Verdrehen der Augen begleitet, ein. Statt des schlaffen
Herabhangens der Glieder bei jener Kranken zogen sich hier alle Muskeln
krampfhaft zusammen. Erst nachdem ich die Polypen mit einer Zange
ausgezogen hatte, wurden die Glieder welk. Dann kam das Mdchen wieder
vollkommen zu sich, sah mich staunend an und sagte: am Ende ist es wohl
schon vorbei, ich bin wohl operirt worden, ich habe es nicht gefhlt.
Geben Sie mir ein Glas kaltes Wasser, mir ist so wst im Kopfe. Nachdem
sie getrunken, fhlte sie sich wieder vollkommen wohl.

       *       *       *       *       *

Ein Mann von 40 Jahren kam mit Nasenpolypen, welche den Luftweg durch
die Nase gnzlich verschlossen, in die Klinik. Ich fand das Ausziehen
derselben nthig. Vorher wurde derselbe therisirt. Nach vier Minuten
trat Empfindungslosigkeit und gnzliches Aufhren des Bewutseins ein.
Ich drang zuerst mit der Zange in das rechte Nasenloch ein und
zog gleich beim ersten Zuge einen sehr groen, gelblichen,
halbdurchsichtigen Schleimpolypen aus, welcher an Gestalt dem
eingemachten Ingwer hnlich war. Eben so brachte ich aus dem linken
Nasenloch einen betrchtlichen Polypen heraus. Unter der einige Secunden
whrenden Operation stie der Kranke mehrere tiefe Seufzer aus und
machte einige abwehrende Armbewegungen. Nach Beendigung derselben wute
er nicht, was mit ihm vorgegangen war.

       *       *       *       *       *

Der 22jhrige Schuhmacher F. mit Nasenpolypen wurde, nachdem er nur 1
Minute lang therisirt worden war, vollkommen passiv und empfindungslos.
Ich zog ihm die Polypen aus beiden Seiten der Nasenhhle aus, ohne da
er etwas davon fhlte.

       *       *       *       *       *

Julius P., mit groen fibrs-speckigen Nasenpolypen, durch welche das
kncherne Nasengerste auseinander gedrngt war, wurde nach 4 Minuten
der Einathmung betubt. Ich konnte die Polypen, ohne da sich eine
Schmerzempfindung bei dem Kranken uerte, aus beiden Nasenhhlen
mit der Zange ausziehen, ungeachtet diese sich bis zur Rachenhhle
erstreckten. Erst nach Beendigung der Operation erwachte er und blickte
erstaunt um sich. Er hatte die ganze Operation angenehm vertrumt.

       *       *       *       *       *

Es kam ein 12jhriger Knabe mit einer hchst abschreckenden Physiognomie
in die Klinik. Die Mitte des Gesichts war weit herausgewlbt, und Nase
und Wangen bildeten zusammen einen gleichmigen Hgel; die Augen lagen
weit vor. Diese grausenhafte Entstellung war die Folge von fibrsen
Geschwlsten, welche in dem hinteren Theil der Nasenhhlen bis zum
Gaumen hin sich gebildet und die Gesichtsknochen von einander gedrngt
hatten. Seit Jahren war durch diese Geschwulst der Athmungsweg durch
die Nase vollkommen abgesperrt, und das unglckliche Kind daher immer
genthigt, durch den weit geffneten Mund zu respiriren. Mit jedem Monat
nahmen die Gewchse in der Nase an Umfang zu, die Augenhhlen wurden
zusammengedrckt und die Augpfel immer mehr herausgedrngt. Auch
stand ein baldiger Durchbruch durch die breitgezogenen, verdnnten
Nasenknochen bevor, so wie auch Erstickungsgefahr im Schlafe vorhanden
war. Vergebens hatte man sich schon frher bemht, durch Ausziehen
mittelst Zangen einen Theil des Aftergebildes zu entfernen, bis endlich
das Kind nach Berlin gebracht wurde.

Nicht ohne Sorge schritt ich zu der tief eingreifenden Operation,
welche ich von den Nasenlchern aus wegen der Gre und Ausdehnung der
Geschwlste fr unmglich hielt. Auch hatte ich die groe Reizbarkeit
des Kindes zu scheuen, welches bei dem Gedanken an eine neue Operation
zitterte, obgleich es deren Umfang nicht ahnte. So sehr ich mich auf die
Anwendung der Aetherdmpfe in diesem Falle freute, so war dieselbe doch
bei dem gnzlich aufgehobenen Athmen durch die Nase uerst bedenklich,
und es mute um den Knaben nicht der Erstickungsgefahr auszusetzen,
uerst behutsam zu Werke gegangen werden. Ich lie das Einathmen
der Aetherdmpfe daher in Abstzen vornehmen und zwischendurch wieder
atmosphrische Luft einziehen, trieb die Sache aber nicht bis zur
Bewutlosigkeit, sondern begann die Operation mit dem Eintritt der
ersten Zeichen der Empfindungslosigkeit. Ich machte nun zuerst zwei
herabsteigende Schnitte durch die Gesichtshaut an der Stelle, wo im
natrlichen Zustande die Grnze zwischen der Nase und den Wangen sich
befindet, und vereinigte diese unter der Nase durch einen Querschnitt.
Den auf diese Weise gebildeten Lappen, welcher die ganzen Knorpel und
Weichgebilde der Nase enthielt, wurde von dem Grunde getrennt und nach
Durchschneidung der Scheidewand und Lsung vom Knochengerste in die
Hhe geschlagen. Whrend ein Assistent die umgekehrte Nase an der Stirn
festhielt, konnte ich zu dem frei und offen liegenden vorderen Theil der
Geschwulst gelangen. Sie wurde mit einem Haken fixirt und mit einer auf
der Flche gebogenen Scheere gelst und ausgeschnitten, wobei sie sich
von fester, unzerreibarer, sehnenartiger Substanz zeigte. Die Mitte
enthielt eine Hhle, welche mit einer molkigen Flssigkeit angefllt
war. Jetzt war der Durchgang von vorn bis hinten zum Schlunde und
Kehlkopf frei, alles Krankhafte entfernt, und die Operation nun durch
Wiederanheften der Nase zu vollenden. Dieses bewirkte ich durch
eine Anzahl feiner Nhte, und bald war das Ansehen des Kindes ein
natrliches. Auer tiefem Seufzen und Sthnen whrend der Operation
verrieth das Kind kein deutliches Schmerzgefhl, und als es dann wieder
zu sich kam, behauptete es nur, da man es gekratzt habe.

       *       *       *       *       *

Carl N., ein fremder Knabe von 14 Jahren, sah noch weit schrecklicher
aus als der vorige, denn er hatte kaum eine menschliche Physiognomie,
da die vordere Flche des Gesichts eine Halbkugel bildete, und die Nase
glatt verstrichen war. Diese Entstellung war die Folge groer, im
Innern der Nasenhhle wuchernder fibrser Polypen, welche selbst in die
Thrnenscke hineinwucherten und an dieser Stelle zwei Geschwlste von
der Gre einer halben kleinen Haselnu bildeten. Die Augen lagen weit
vor und der Mund war immer weit geffnet, durch welchen der Knabe nur
mhsam athmete, da die Polypen sich auch weit hinter das Gaumensegel
hinab erstreckten. Dem unglcklichen Kinde war schon frher von mehreren
geschickten Aerzten ein Theil der Polypen ausgezogen worden, doch hatte
dies nur eine vorbergehende Erleichterung verschafft. Von dem bloen
Ausziehen war bei dem Umfange des Uebels aber wenig zu erwarten, da
durch die Nasenlcher immer nur ein Theil der Geschwulst erreicht werden
konnte. Der Kranke wurde vor der Operation drei Minuten lang therisirt,
worauf er betubt wurde. Indessen war er bei der Operation sehr unruhig
und erschwerte mir dieselbe durch heftige Bewegungen. Es muten die
Weichgebilde der eine wenig erhabene Flche bildenden Nase zuerst in der
Gestalt eines lnglichen Vierecks losgetrennt und nur mit der Stirnhaut
in Verbindung gelassen werden. Nachdem dies geschehen war, schlug
ich diesen Lappen in die Hhe und lie ihn an der Stirn halten. Dann
entfernte ich theils mit der Sge, theils mit der Knochenscheere
zu beiden Seiten der flachen Nasenknochen ein Paar pyramidenfrmige
Knochenstcke, deren breite Basis 3/4 Zoll betrug. Von diesen weiten
Oeffnungen aus konnte ich die Polypen theils mit Zange und Scheere,
theils mit der Zange allein bis hinter dem Gaumensegel entfernen und
selbst die Thrnenscke ausrumen. Die Menge der extrahirten Masse war
enorm, die Blutung bei der Operation sehr heftig. Der Kranke behielt
immer die nmliche Unruhe, ohne bei der Operation zu sich zu kommen.
Endlich waren die inneren Rume der Nase bis in den Rachen hinein frei,
worauf ich, nach Stillung der Blutung durch anhaltende Einspritzungen
von kaltem Wasser, zur Vereinigung der gelsten Weichtheile der Nase
schreiten konnte, welche dann schnell durch eine Anzahl umschlungener
und Knopfnhte bewirkt wurde. In die durch Aussgen eines groen Theiles
des Oberkiefers bewirkten Knochenspalten wurden dann die Weichgebilde
mittelst Charpie und Pflaster hineingedrngt, nachdem die Mitte der Nase
stark vorgezogen war, so da dieselbe Prominenz gewann. Nach Beendigung
der Operation versicherte der Kranke, sehr heftige Schmerzen empfunden
zu haben. Die Heilung der vereinigten Wunden erfolgte schon in wenigen
Tagen, und der Kranke gab ungeachtet der Gre der Operation keinen
Augenblick zu Besorgnissen Gelegenheit.


_Nasenbildungen._

Die rhinoplastischen Operationen, welche ich bereits unter Anwendung der
Aetherdmpfe gemacht habe, sind die folgenden.

Otto K., ein 15jhriger Knabe, welchem der vordere Theil der Nase durch
scrophulse Geschwre zerstrt war, kam in die Klinik, um durch die
Neubildung des verstmmelten Theiles der menschlichen Gesellschaft
wiedergegeben zu werden. Am Tage vor der Operation wollte ich die
Aetherdmpfe auf ihn prfen. Nachdem er dieselben nur eine Minute lang
geathmet hatte, wurde er so tief betubt und bewutlos, da man ihn
schnell der frischen Luft aussetzen und belebende Mittel anwenden mute.
Bald darauf war er wieder vollkommen hergestellt. Am nchsten Tage
uerte sich der Aether bei diesem jungen Menschen, welcher noch nie
geistige Getrnke genossen hatte, welchem Umstande wohl die schnelle
Einwirkung des Aethers zuzuschreiben war, schon minder stark; er wurde
erst nach 2 Minuten empfindungs- und bewutlos, behielt aber, auf einem
Stuhle sitzend, die aufrechte Stellung bei. Ich schritt zur Operation.
Zuerst wurden die Rnder der verstmmelten Nase abgeschnitten, um an sie
den neuen Ersatztheil anheften zu knnen, darauf spaltete ich den Rest
des Nasenstumpfes zur Aufnahme der ernhrenden Brcke, und endlich
umschnitt ich an der Grnze des Haarwuchses, im hchsten Theile der
Stirn anfangend, nach abwrts mit dem Messer gehend, ein dem Defect
der Nase entsprechendes Stirnhautstck, welches vom Stirnbein gelst,
umgedrehet und herabgelegt, durch Nhte mit dem Nasenstumpf in genaue
Verbindung gebracht wurde. Bei der ganzen Operation, welche, mit
Inbegriff von 16 Nhten, 15 Minuten dauerte, selbst bei ihrem
schmerzhaftesten Theile, der Abtrennung der berhuteten Rnder des
Nasenstumpfes, sa der Knabe regungslos auf dem Stuhle, ohne einen
Schmerzenslaut von sich zu geben. Nachdem er ganz wieder zu sich
gekommen war, wollte er kaum glauben, da die Operation schon geschehen
sei, und berzeugte sich erst durch das Hinfhlen mit den Fingern nach
der neuen Nase, von der glcklichen Wirklichkeit. Als ich ihn fragte, ob
er auch Schmerzen empfunden habe, versicherte er, da er vom Augenblick
des Berauschtwerdens bis zu seinem Wiedererwachen durchaus nichts von
sich gewut habe.

       *       *       *       *       *

Louise D., ein schnes, 16jhriges Mdchen, welches in frhester
Kindheit den vorderen Theil der Nase nebst der Nasenscheidewand durch
skrophulse Geschwre eingebt hatte, so da man in die unheimliche
Tiefe der inneren Nase hineinblicken konnte, unterzog sich in der Klinik
der Operation des Wiederersatzes des Fehlenden. Es schmerzte mich zwar,
aus der schnen Stirn, so viel als ich gebrauchte, zu nehmen, doch da
kein sehr groes Hautstck nthig war, die dnne welke Armhaut
sich nicht zum Bilden eignete, so durfte ich hoffen, die Rnder der
Stirnwunde wieder dicht zusammenzubringen, so da nur ein fadenfrmiger
Streifen den Ort bezeichnete, woher die Nasenspitze genommen war.
Nachdem die Kranke zuvor drei Minuten lang die Aetherdmpfe eingeathmet
hatte, trat der Zustand der Empfindungslosigkeit ein. Jetzt begann ich
das Wundmachen der Rnder des Nasenstumpfes und des oberen Theils
der Oberlippe zur Einpflanzung der Scheidewand, spaltete dann den
Nasenrcken, lste einen zollbreiten Streifen aus der ganzen Hhe der
Stirnhaut, drehte den heruntergelegten Lappen um und befestigte ihn
mit Nhten an dem Bestimmungsorte. Dies, was auf dem Papier so leicht
aussieht, ward ziemlich schnell unter Strmen, wie ich sie noch nicht
erlebt habe, vollendet. Eine Reihe hchst seltsamer Erscheinungen
hatte ich nmlich whrend der Operation bei der Kranken in Folge der
Einwirkung des Aethers zu berwinden. Nachdem sie drei Minuten lang
denselben eingeathmet hatte, wurde das Mdchen empfindungslos. Unter
den ersten Messerzgen sprach sie von einem schnen Traume, den sie
eben gehabt habe, von glnzenden Gesichtern und Gewndern, von hellen,
schnen Lichtern und sanfter Musik. Dann schrie sie ber ein Wehe, sie
werde gekratzt, und mit jedem Augenblick wurde die Aufgeregtheit
strker und steigerte sich bis zur grten Wildheit mit herzzerreienden
Ausdrcken, als wolle man sie morden. Nur durch neue Einathmungen konnte
sie besnftigt werden. Der glnzendste Erfolg der Operation belohnte das
junge Mdchen fr den Muth, mit welchem sie sich derselben unterzogen
hatte.

       *       *       *       *       *

Mad. K., 56 Jahre alt, lie sich wegen einer Zerstrung des oberen
Theils der Nase in die Klinik aufnehmen. Von der Nase war nur noch die
knorpelige Spitze erhalten, diese jedoch eingefallen. Schon nach drei
Minuten der Einathmung der Aetherdmpfe wurde sie empfindungslos.
Nachdem ich die Einschnitte zur Aufnahme des einzupflanzenden
Stirnhautlappens in die Gesichtshaut gemacht hatte, umschnitt ich in
der Mitte der Stirn ein Hautstck von der erforderlichen Gre und der
Gestalt einer umgekehrten Pyramide, lste dieses vom Knochen, drehte
es um, und nachdem ich es heruntergelegt hatte, befestigte ich es
mit Nhten an die zu seiner Aufnahme eingerichteten Wundrnder des
Nasenrestes und der Gesichtshaut. Die Stirnwunde wurde durch Nhte
verkleinert und mit Charpie verbunden. Als ich die Kranke, welche jetzt
allmhlig zu sich kam, fragte, ob sie auch Schmerzen ausgestanden,
verneinte sie dies, wohl aber erinnerte sie sich aller Umstnde bei der
Operation und auch jedes Wortes, welches bei derselben gesprochen wurde.

Der Erfolg der Operation war vollkommen gnstig, der Lappen heilte
berall an und bildete binnen Kurzem ein schnes Oval. Nach 6 Wochen war
der Zeitpunkt der weiteren Formirung der Nase gekommen. Vorher
wurden die Aetherdmpfe 4 Minuten lang angewendet, worauf vllige
Bewutlosigkeit eintrat. Ich nahm aus der linken Seite des Lappens durch
zwei elliptische Einschnitte ein lngliches Oval heraus, und entfernte
durch zwei Querschnitte eine tiefe Furche, welche sich zwischen dem
angesetzten Nasenrcken und dem erhaltenen, knorpeligen, vorderen Theile
der Nase gebildet hatte. Hierauf wurden sowohl die Seiten als auch die
Querwunde mit abwechselnden Knopf- und umschlungenen Nhten vereinigt.
Whrend der fnf Minuten, der Dauer dieser Nachoperation, war sie
vollkommen regungslos, gab keinen Laut von sich und erklrte spter,
nichts von der Operation wahrgenommen zu haben. Die Kranke ist bereits
vollkommen hergestellt und ber das natrliche Aussehen ihrer Nase
hchst beglckt.

       *       *       *       *       *

Ein 60jhriger, sehr empfindlicher Herr aus Schlesien, dem durch
Krebs ein Theil der rechten Seite des Nasenrckens bis in den inneren
Augenwinkel hinein zerstrt war, wurde durch eine frher unternommene
Ausschneidung des Krankhaften und eine allgemeine Behandlung nicht
geheilt. Ich sah kein anderes Mittel, als die durch Krebs umgewandelten
Theile auszuschneiden und ein gesundes Stck wieder einzusetzen. Vor
der Operation athmete der Kranke nur drei Minuten lang Aetherdmpfe
ein, dann wurde er empfindungslos. Ich konnte die Ausschneidung
des entarteten Nasentheiles und des inneren Augenwinkels bis in die
Augenhhle hinein, so wie eines Theiles der Augenlider, vornehmen, ohne
da der Patient es merkte. Selbst als ich dann ein achtgroschengroes
Hautstck aus der Stirne lste, dies zum Ersatz der fehlenden Theile
verwendete, und mit einer Anzahl Nhte befestigte, blieb er immer noch
in einem vllig bewutlosen Zustande. Erstaunt erfuhr er beim Erwachen,
da die Operation schon vollendet sei.

       *       *       *       *       *

Israel L., 22 Jahr alt, hatte durch Skropheln den vorderen knorpligen
Theil der Nase verloren. Ich ersetzte denselben kurz vor der Aetherzeit
(noch unter Schmerzen) durch einen pyramidalischen, gestielten Lappen,
nach Spaltung des Nasenstumpfes, aus der Stirnhaut. Der Lappen war
berall genau angewachsen, und es bedurfte nur der gewhnlichen
Nachoperation zur Vollendung der Gestalt der noch unfrmlichen Nase. Der
Kranke wurde jetzt therisirt und sehr bald betubt. Ich umgab die
auf dem Rcken befindliche, erhabene Brcke mit zwei langen, concaven
Schnitten, trennte das Stck ab und vereinigte die Wundrnder auf
dem Rcken der Nase durch eine Reihe von umschlungenen feinen
Insectennadeln, deren Enden kurz an den Fden abgeschnitten wurden. Der
Kranke ertrug die Operation ohne alle Empfindung und erwachte dann
aus seinem Rausche. Die Heilung gelang, und es blieb nur noch die
Verbesserung der zu langen Scheidewand brig.

       *       *       *       *       *

Carl V., Landmann, hatte durch Herpes exedens (fressende
Gesichtsflechte) die Nase groentheils verloren, nur der obere Theil
war stehen geblieben und mit einer speckig entarteten, feuerrothen, mit
Pusteln und Schuppen bedeckten Haut berzogen. Ein gleiches Aussehen
hatten die Wangen. Der Patient wurde vor der Operation einer lngeren
Cur unterworfen, und jene dann vorgenommen. Nachdem er vier Minuten lang
therisirt worden war, verschwanden die Empfindung und das Bewutsein,
es war der Zustand einer tiefen Ohnmacht. Ich konnte alle die nthigen
Einschnitte zur Aufnahme des Lappens machen, die Oberlippe innen vom
Kiefer lsen, die kranke Haut von den Nasenbeinen abtrennen und einen so
groen Lappen, als zum Ersatz der ganzen Nase und der Scheidewand nthig
war, aus der Stirnhaut ausschneiden, ohne da der Kranke es fhlte oder
nur merkte. Eben so regungslos blieb er bei dem Anheften der neuen
Nase durch 20 umschlungene und Knopf-Nhte, so wie beim Vereinigen der
Stirnwunde, welches nur so weit fortgesetzt werden konnte, als dies
der Substanzverlust zulie. Erst nach vlliger Beendigung der Operation
erwachte der Kranke und war verwundert, da Alles vorber sei. Er
versicherte, durchaus keine Schmerzen empfunden zu haben. Der Erfolg war
hchst gnstig, und der Lappen heilte ungeachtet der Schlechtigkeit
des Bodens berall an. Auch verbesserte sich in kurzer Zeit die
ble Beschaffenheit der Wangen durch die Einpflanzung des gesunden
Hauttheiles aus der Stirne, -- eine Erfahrung, welche ich unter
hnlichen Umstnden oft gemacht habe.


_Operation einer groen Brandnarbe am Halse._

Frulein Z., 14 Jahre alt, hatte in frher Kindheit durch Feuerfassen
der Kleidung eine Verbrennung der Haut an der vorderen und Seiten-Flche
des Halses und unter dem Kinn erlitten. Die danach entstandenen dicken,
schwieligen Narben zogen das Kinn herab, so da eine Hautfalte in
gerader Linie vom Kinn bis zur Brust herabstieg. Binnen anderthalb bis
zwei Minuten trat ein Rausch ein, in dem die Patientin die Operation
nur undeutlich fhlte, dabei einzelne Worte mit einer gewissen Hast
aussprach. Das operative Verfahren war folgendes. Ich fhrte am Rande
des Unterkiefers zu beiden Seiten des Kinns zwei schrge Schnitte
nach abwrts, die oberhalb des Brustbeins in einem spitzen Winkel
zusammentrafen. Der Hauttheil, welcher den vorragenden Theil der
Narbenfalte umschlo, wurde dann als ein dreieckiger Lappen von unten
nach oben zu abprparirt, unter das Kinn hinaufgerckt, und der untere
Theil der Wunde durch eine Reihe Knopfnhte vereinigt. Es war dies die
Methode plastischer Operationen, welche ich in meiner Chirurgie mit
dem Namen _Verdrngen_ bezeichnet habe. Der Operationsort wurde mit
Charpie und Pflasterstreifen bedeckt. Die Kranke gab an, undeutliche
Schmerzempfindungen bei der Operation gehabt zu haben.


_Operationen der Hasenscharte._

Ein schner, 2jhriger Knabe aus V. wurde von seinen Eltern wegen einer
Entstellung des Gesichtes nach Berlin gebracht. Das Kind war mit einem
Wolfsrachen und doppelter Hasenscharte geboren, und schon theilweise
operirt, es war bereits der Zwischenkieferknochen entfernt, und die
Lippe vereinigt worden. Alles zeugte von der groen Geschicklichkeit des
Arztes, der die Verheilung der groen Spalte glcklich bewirkt und die
Bildung der hutigen Scheidewand der Nase, wie es auch recht war, bis
auf sptere Zeit verschoben hatte. Dieser Theil der Operation fiel mir
nun zu. Die Mutter wnschte, da ich wegen der Heftigkeit ihres Kindes
den Schmerz durch Aether mindern mgte, woran ich keinen Anstand nahm.
Nachdem ich einen in Aether getauchten und wieder ausgedrckten Schwamm
einige Augenblicke demselben vor Mund und Nase gehalten hatte, hrte
das Kind auf zu schreien, legte den Kopf hintenber und schlo die
Augen halb. Jetzt schnitt ich die narbige Mitte der Oberlippe durch zwei
Schnitte aus, formirte das Lppchen, welches die Nasenscheidewand bilden
sollte, und heftete die Theile durch blutige Nhte aneinander, so da
eine ganz natrliche Form herauskam. Whrend der Operation schrie das
Kind mehrmals, ohne da mir eine deutliche Schmerzempfindung klar wurde.
Als ich es dann mit kaltem Wasser besprengte, kam es wieder ganz
zu sich, und zeigte auch weiter keine Erscheinungen, welche einen
nachtheiligen Einflu des Aethers ausdrckten.

       *       *       *       *       *

Carl T., 7 Monat alt, war mit einer Hasenscharte der linken Seite
und Wolfsrachen geboren. Die Spalte erstreckte sich in die Nasenhhle
hinein, den ganzen harten und weichen Gaumen hindurch und war sehr
breit. Die Nase war flach. Das Kind schrie heftig, erst nachdem es
3 Minuten lang therisirt worden war, wurde die Stimme verndert und
leise. Ich schnitt zuerst die Rnder der Lippenspalte ab, lste dann
die innere Flche der Lippe vom Knochen und vereinigte die dadurch
nachgiebig gewordene Wunde mit drei umschlungenen Insectennadeln. Das
Gesicht hatte durch die Operation sogleich ein natrliches Aussehen
gewonnen. Den Schmerz schien das Kind bei der Operation nur undeutlich
empfunden zu haben.


_Operation des Lippenkrebses._

Herr L., 70 Jahr alt, sehr rstig und jugendlich, litt an einem
aufgebrochenen Krebse an der Unterlippe. Er wurde vor der Operation 4
Minuten lang therisirt, worauf er unempfindlich schien. Ich schnitt
dann ein Vfrmiges Stck aus der Lippe und vereinigte die Wundrnder
durch drei umschlungene und zwei Knopf-Nhte. Der Kranke hatte nur eine
geringe Empfindung von der Operation gehabt.

       *       *       *       *       *

Herr R. St. P., einige 50 Jahre alt, litt seit lngerer Zeit an einer
verdchtigen Verhrtung der rechten Lippe und Wange. Schon frher war an
dieser Stelle eine hnliche Geschwulst herausgeschnitten worden. Es
war kein Zweifel ber die Bsartigkeit des Uebels vorhanden. Vor
der Operation therisirte ich den Kranken, es whrte aber fast eine
Viertelstunde, bis Empfindungslosigkeit eintrat. Dies schien mir genug.
Ich umgab das Kranke mit zwei durchdringenden Schnitten, welche einen
Keil bildeten, dessen breite Basis aus einem Theil der Oberlippe nahe
dem Mundwinkel bestand. Hierauf heftete ich die weite Mundspalte durch
6 Nhte zusammmen. Die Heilung erfolgte binnen wenigen Tagen auf
dem ersten Wege. Von dem Aetherrausch konnte ich nur die
Empfindungslosigkeit und eine gewisse Mdigkeit wahrnehmen. Der Kranke
schreibt ber seinen eigenen Zustand Folgendes:

Die Wirkung des Aethers uerte sich bei mir zuerst in den Fen; es
trat das Gefhl der Schwere ein. Allmlig umhllte ein leichter Nebel
mein Empfindungsvermgen, ohne es aufzuheben, wovon mich wiederholte
kneipende Berhrungen an der linken Hand und am Ohr berzeugten. Nach
etwa 5 Minuten war mein Empfindungsvermgen betubt; Gehr, Gesicht und
Bewutsein widerstanden noch, da fhlte ich, da man meine Oberlippe und
Wange stark anspannte und da zwei Schnitte durch sie hindurch gefhrt
wurden. Dies verursachte mir nur in der Mitte einen dumpfen Schmerz.
Das Zusammenfgen der Wundrnder durch die Nadeln, das Durchziehen
der Fden, habe ich empfunden, aber ohne Schmerz. Die Dauer der ganzen
Operation incl. Verband habe ich auf hchstens 10 Sekunden geschtzt.
Ich mag nicht entscheiden, ob die rasche Aufeinanderfolge der
Operationshandlungen mich verhindert hat, zum Bewutsein des Schmerzes
zu kommen, oder ob der Zustand der Betubung das Vermgen, den Schmerz
zu empfinden, aufgehoben hatte. Nachwehen der Betubung habe ich weder
im Kopfe, noch Brust oder Extremitten versprt; das Ausstrmen des
Aethers war aber nach 24 Stunden noch bemerkbar.

  ~P.~


_Operation einer Speichelfistel._

Ein 29jhriger Mann hatte seit mehreren Jahren an Speichelfisteln der
linken Wange gelitten. Durch den lngeren Gebrauch allgemeiner und
rtlicher Mittel war es gelungen, die betrchtliche Vergrerung und
Verdickung der Wange zu heben und die Fisteln zur Heilung zu bringen.
Nur eine, und zwar die vorderste blieb offen und ergo in anhaltender
Menge den Speichel, wodurch leicht ein Abzehrungs-Zustand herbeigefhrt
werden konnte. Dem mute durch die Operation vorgebeugt werden. Ich lie
den Kranken zwei Minuten lang athmen, das Bewutsein dauerte zwar fort,
aber Empfindungslosigkeit trat ein. Es war meine Absicht, die Fistel mit
ihrer harten Umgegend in Gestalt eines Myrthenblattes aus zu schneiden,
die uere Wunde durch umschlungene Insectennadeln zu vereinigen und
durch die innere Oeffnung der Wunde, welche durch eine eingelegte
Charpiekugel an der Heilung verhindert werden sollte, einen neuen
Abzugskanal fr den Speichel in die Mundhhle anzulegen. Dies wurde mit
dem Eintritt der Empfindungslosigkeit leicht ausgefhrt, und der Kranke
drckte bei der Operation keinen Schmerz aus, versicherte, auch als er
wieder ganz klar wurde, nichts gefhlt zu haben.


_Operation eines Sarcoms aus der Rachenhhle._

Ein Herr von einigen 50 Jahren, von zarter, reizbarer Constitution, litt
an einer geschwrigen Degeneration, welche die untere linke Seite des
Gaumensegels, den Ort des Sitzes und den oberen Theil des Schlundes bis
zu einer betrchtlichen Tiefe einnahm. Von seinem frheren Arzte war das
Uebel schon ein Mal durch die Exstirpation glcklich entfernt worden,
doch hatte sich ein Recidiv eingestellt, welches die abermalige
Operation nthig machte. Wegen des hohen Grades der Reizbarkeit des
Kranken und der Oertlichkeit des Uebels, welche eine starke Blutung
besorgen lie, wollte ich die Empfindungslosigkeit nur durch einige
Aetherathemzge etwas vermindern. Nachdem die Inhalation ein Paar
Minuten lang gedauert hatte, begann ich die Operation. Die Zunge
wurde stark niedergedrckt, ein langer Doppelhaken eingefhrt, und der
unterste Theil der Geschwulst fixirt. Hierauf umschnitt ich dieselbe mit
einem geraden, abgerundeten Fistelmesser und vollendete die
Abtrennung in der Tiefe mit einem gekrmmten und geknpften Pott'schen
Fistelmesser. Dann wurde noch nachtrglich eine zurckgebliebene, harte
Partie mit einer langen, gekrmmten Scheere entfernt. Die Blutung war
mig. Der liebenswrdige Kranke, welcher die Operation mit grter
Ergebung ertragen, meinte, die volle Empfindung des Schmerzes gehabt
zu haben. Joh. Mller erklrte die exstirpirte Geschwulst nur fr ein
Sarkom.


_Operation der Gaumenspalte._

Ein 26jhriger Mann von blhender Gesundheit und groem, krftigem
Krperbau, lie sich einer angeborenen Spaltung des Gaumens wegen in der
Klinik aufnehmen, um durch die Operation von der Mangelhaftigkeit seiner
Sprache befreiet zu werden. Auch bei dieser Operation, welche zu den
schwierigsten gehrt, wnschte ich die Aetherdmpfe zu prfen. Nachdem
der Kranke fnf Minuten lang die Aetherdmpfe eingeathmet hatte,
stellten sich pltzlich mit Sinken des Pulses bedenkliche Erscheinungen
ein. Die Augen wurden stier, Todtenblsse bedeckte das Gesicht, die
Lippen wurden blau, und blaue Flecken zeigten sich auf den Wangen.
Besprengen mit kaltem Wasser, Waschen der Stirn und allerlei
erfrischende, khlende Mittel wendeten die Gefahr ab. Bei dem noch halb
Betubten begann ich nun die Operation. Die Rnder der Gaumenspalte
wurden mit einem Hkchen festgehalten und mit einem schmalen Messerchen
abgeschnitten, dann vier Hefte von Bleidraht, mit Stahlspitzen versehen,
mittelst einer Gaumenzange durch die Wundrnder hindurchgefhrt, die
Spalte durch das Zusammendrehen der Drhte vollkommen geschlossen, und
die Enden dann kurz abgeschnitten. Ganz empfindungslos war der Kranke
bei der Operation nicht, doch war der Schmerz geringer, als er sonst
dabei zu sein pflegt.


_Operationen von Drsengeschwlsten._

Ein junger, krftiger, 22jhriger Garde-Husar, welchen Hr.
Regiments-Arzt Puhlmann wegen einer aus groen Drsenconvoluten
bestehenden Anschwellung der linken Seite des Halses und Nackens, Behufs
der Operation in das Klinikum sendete, bedurfte whrend sieben Minuten
des Einathmens der Aetherdmpfe, um empfindungs- und bewutlos zu
werden. Zwei von oben nach unten herabgefhrte, mit den Anfangs- und
Endpunkten zusammentreffende tiefe Schnitte, faten die entartete Haut
und die verdorbenen Drsen zwischen sich. Dann wurde die Haut von beiden
Seiten abgelst, die kranken Gebilde mit Doppelhaken gefat und aus der
Tiefe exstirpirt. Erst nach Stillung der Blutung und der Anwendung
des kalten Wassers erholte sich der Kranke. Er versicherte whrend
der Anlegung des Verbandes, da er volles Bewutsein bei der Operation
gehabt, und dieselbe gefhlt, aber nicht die Schmerzen empfunden zu
haben. Sechs Wochen nach der ersten Operation war noch eine Masse
berflssiger und entarteter Haut des Halses und eine groe verhrtete
Drse am hinteren Rande des Kiefers zu entfernen. Der Kranke nahm das
Rohr an den Mund und athmete mit wahrer Gier ein. Nach 4 Minuten war
er vollkommen betubt. Ich umgab die entartete Hautpartie mit zwei
convexen, anderthalb Finger langen Schnitten, lie sie mit der
Hakenzange anziehen und schlte die Drse mit dem Messer, in die Tiefe
dringend, aus. Dann wurde die starke Blutung gestillt, worauf der Kranke
erwachte und angab, abermals nichts gefhlt zu haben.


_Theilweise Resectionen der Kiefer._

Der 38jhrige Carl L. litt seit Jahren an einem Knochenschwamm des
vorderen Theils des Oberkiefers, wodurch die Schneidezhne nach innen
gegen den harten Gaumen zu gedrngt waren. Die Oberlippe deckte die
Geschwulst nicht mehr, so da ihr vorderer Theil zwischen den Lippen
hervorragte. Die Geschwulst fhlte sich knorpelhart an und war mit der
Schleimhaut des Mundes bekleidet. Nach einem 4 Minuten langen Einathmen
der Aetherdmpfe trat eine stumpfe Betubung ein. Ich konnte nun den
wuchernden Theil des Oberkiefers mit der Sge und dem Messermeiel
wegnehmen, ohne da der Kranke durch irgend eine Bewegung oder einen
Laut eine schmerzhafte Empfindung verrieth, weder das Gerusch der
Sge noch das Schlagen mit dem Hammer wurden empfunden. Dieselbe
Unempfindlichkeit dauerte bei der Anwendung des Glheisens auf die
Knochenwunde und bei der Wegnahme eines nach innen umgekehrten Zahnes
fort. Nach vier Minuten, -- so lange whrte die Operation, kam der
Patient wieder zu sich. Er schien sehr heiter gestimmt zu sein, denn
als ich ihn fragte, ob er Schmerzen empfunden habe, lchelte er, ohne zu
antworten.

       *       *       *       *       *

Mad. G., eine zarte Dame, litt seit Jahren an einer Knochenauftreibung
der rechten Seite des Oberkiefers, welche bereits in carise Zerstrung
bergegangen war. Sie wollte sich der Operation nur unter der Bedingung
unterziehen, da ich sie vorher therisirte. Dies geschah. Kaum hatte
sie einige Athemzge gethan, als sie gleich einer Verklrten auf dem
Stuhle da sa. Mit einer kleinen Sge sgte ich den kranken Knochentheil
aus und stillte dann die Blutung. Die Kranke hatte bei der Operation
keinen Laut von sich gegeben und versicherte, nichts empfunden zu haben.
Auf meinen Wunsch gab sie mir eine Beschreibung ihres Zustandes, welche
gewi vom hchsten Interesse ist, und fr die ich derselben meinen Dank
hiermit abstatte.

Trotz der groen Bengstigung hatte ich mir doch vorgenommen genau
aufzumerken, in welcher Art der Aetherrausch sich meiner bemchtigen
werde. Als ich den Schlauch an den Mund nahm, athmete ich zuerst nicht
strker als gewhnlich. Man sagte mir, dies reiche nicht hin, und
ich nahm nun strkere Zge, die ich herunterschluckte, ohne da ich
anfnglich irgend eine Wirkung auf meinen Krper bemerkte. Pltzlich
bekam ich ein Gefhl im Kopfe, als erweitere sich derselbe zu beiden
Seiten der Schlfen, und eine Mdigkeit befiel mich, die mir die Augen
schlo. Als ich dieselben ffnete, erkannte ich noch Alles und hrte
auch noch ganz deutlich. Indem ich sie aber wieder zumachte, war ich
wie in einem milden, gelblichen Lichtmeer. Ich sah noch einmal auf, sah
durchs Fenster den Tag und auf dem Fenster die Blumentpfe. Von jetzt
an verstrkte sich die magische Helle vor den Augen; sie war nicht
imponirend, doch ungemein mild, klar und beruhigend. -- Ich empfand ein
ganz leises Auftupfen auf die rechte Hand, und hrte wie von fern her
die Frage des Hrn. Dieffenbach: ob ich dies fhle? Doch konnte ich
nicht mehr die Augen ffnen, und nur durch Zeichen es bejahen. Dann
hrte ich noch, wie dumpf verschollen, Bemerkungen der Aerzte, das Gehr
betreffend, (war jedoch im Stande, ihre Stimmen genau zu unterscheiden,)
und fhlte auch, da ich unwillkrlich sthnte. -- Doch hier hren meine
Beobachtungen auf. -- Ein Traum begann. -- Fortdauernd umflossen von
einer himmlischen Helle, umgab mich unbeschreibliche Ruhe, und eine
unnennbare Glckseligkeit und Zufriedenheit, der jeder irdische Wunsch,
jede menschliche Regung fern war, ergo sich in meine Seele, die
zugleich ein unbestimmtes Gefhl, ich mchte es dem des Dankes am
nchsten stellen, empfand. Und wiederum war ich nicht unthtig, mir war,
als nahm ich groen Antheil an Etwas, das mich lebhaft interessirte,
ohne da ich jetzt sagen knnte, welcher Art dies gewesen. -- Aber kein
leiser Anklang an Geschehenes, Vergangenes tauchte in mir auf, und den
tiefen, gottvollen Frieden strte nicht die entfernteste Rckerinneruug
an das Leben -- es war vergessen! -- Da schlug ich die matten Augen auf
-- ich war erwacht! -- Erst Verwunderung, dann ein Gefhl von Wehmuth
bemchtigte sich meiner, -- der schne Traum war zerronnen! -- Ich wurde
mir bewut, ich sei auf der Erde. Da hrte ich sprechen, sah die Herren
um mich, fhlte eine Art Druck im Munde und pltzlich fiel mir ein, da
ich zu einer Operation mich gesetzt hatte! -- Aber die Instrumente waren
weg! Die Vorkehrungen waren beseitigt, und Blut an meinem Tuche bewies
mir, da Alles geschehen sei. Mein Erstaunen war grenzenlos! -- Whrend
einer sonst gewi sehr schmerzhaften Operation, vor der ich mich so
sehr gengstigt hatte, war ich ruhiger, glcklicher gewesen, als je eine
irdische Freude mich gemacht hat; whrend mein Krper den Leiden der
Erde unterworfen gewesen war, hatte meine Seele den Himmel getrumt! --
Von der Operation selbst hatte ich auch _nicht das Mindeste_ gefhlt!
Ich hatte weder Anfang noch Ende derselben bemerkt und keine einzige
unangenehme Empfindung gehabt. Jetzt fhlte ich mich matt, aber sonst
vollkommen wohl, nur waren meine Glieder etwas ungelenkig, und ob ich
gleich wieder ganz frei denken konnte, ging es mit dem Sprechen doch nur
langsam und schwach. Doch nach Verlauf einer Stunde war auch dies Alles
wieder zu seiner gehrigen Ordnung zurckgekehrt. Eigen und mir ganz
unbegreiflich ist noch, da schon eine Weile vorher, ehe ich zum
Bewutsein dessen kam, was um mich her vorging, ich Alles, was man von
mir wnschte, gethan haben soll, als: ein Glas gehalten, Wasser in den
Mund genommen u.s.w., dessen ich mich nachher durchaus nicht entsinnen
konnte.

  ~M. G.~

       *       *       *       *       *

Wilhelmine B., ein 16jhriges Bauermdchen, litt seit einer Reihe von
Jahren an einer enormen Auftreibung des Unterkiefers, welche die unteren
Seitentheile und den Kinntheil einnahm und eine groe Kugelgeschwulst
bildete. Die Krankheit, welche Johannes Mller unter dem Namen
Enchondrom so schn beschrieben hat, ist nach meinen Erfahrungen schon
dadurch heilbar, da man die berflssige Masse fortnimmt, worauf der
erhaltene Theil, sich rckbildend, wieder die Festigkeit des Knochens
annimmt. Nachdem die Aetherdmpfe 4 Minute lang eingeathmet waren, trat
vollkommene Betubung ein, worauf die auf dem Operationstisch sitzende
Kranke niedergelegt wurde. Ich spaltete nun die Mitte der von der groen
Knochengeschwulst weit ausgedehnten Lippe und Kinnhaut, vom Rande
der ersteren an bis einen Zoll vor dem Kehlkopf, fhrte hier einen
Querschnitt, und trennte dann die Weichgebilde von beiden Seiten in der
Gestalt groer Lappen von der Geschwulst ab. Hierauf setzte ich an
ihre Basis eine Messersge und umsgte dieselbe von allen Seiten. Dann
meielte ich von den eingesgten Furchen aus den ganzen Tumor mit einem
starken, breiten Messermeiel ab. Nach Stillung der Blutung und Wegnahme
der scharfen Knochenrnder mit einer Knochenscheere, vereinigte ich die
Wundrnder der Weichtheile, durch zwlf, theils umschlungene, theils
Knopf-Nhte. Unter die Lippen auf dem Knochen wurde ein Bausch-Charpie
gelegt. Die Kranke hatte bei der ganzen Operation keinen Laut von sich
gegeben und war auch nach derselben noch halb betubt. Sie hatte keine
Art von Schmerzen empfunden.


_Operation des Schielens._

Hr. N., Pharmaceut, schielte mit dem rechten Auge sehr stark nach innen,
und wnschte davon befreit zu werden. Seine Empfindlichkeit fr den
Aether war so gro, da er schon durch das Vorhalten von einem mit
Aether besprengten Schwamm binnen 3 Minuten bewut- und empfindungslos
wurde. Ohne da er sich im mindesten regte oder einen Laut von sich
gab, konnte ich beide Augenlidhalter unter die Augenlider bringen, diese
auseinanderziehen, die Bindehaut durchschneiden, den stumpfen Haken
unter den inneren Augenmuskel bringen und diesen durchschneiden. Nach
der Operation, welche etwa 1/4 Minute gedauert hatte, kam der junge Mann
bald wieder zu sich und gab an, keine Schmerzen empfunden zu haben.

       *       *       *       *       *

Hr. Wilhelm E. schielte mit beiden Augen nach innen und wurde operirt,
indem ich den inneren geraden Augenmuskel durchschnitt. Die Operation
des linken Auges geschah ohne Aether, die des rechten mit demselben.
Ich fand keinen Unterschied in der Operation, sie war auf beiden Augen
gleich leicht und erforderte nur einige Augenblicke. Nach dem Erwachen
des Kranken, zu dessen Betubung nur 1 Minuten gehrten, gab er an, die
Operation des Auges, bei der er therisirt worden sei, gar nicht, die
andere nur wenig empfunden zu haben.


_Operationen von Wasserbrchen._

Gottlieb L., 58 Jahr alt, mit einem groen Wasserbruch der rechten Seite
wurde drei Minuten lang therisirt, und dadurch vllig betubt. Des
vorgerckten Alters wegen war die Radicaloperation hier unstatthaft,
und nur die Palliativoperation angezeigt. Weder beim Einstechen des
Troikars, noch beim Abflieen des Wassers, noch beim Herausziehen der
Rhre hatte der Kranke irgend eine schmerzhafte Empfindung.

       *       *       *       *       *

Ein junger Englnder, welchem ich die Radikaloperation eines
Wasserbruches unter Einwirkung der Aetherdmpfe machte, schrieb darber
Folgendes wrtlich nieder.

Den 10. Mrz 1847 sollte ich an einer Hydrocele von Dieffenbach operirt
werden. Da ich beschlossen hatte, vor der Operation die Aetherdmpfe
einzuathmen, um den Schmerz zu vermeiden, so versuchte ich schon den
Abend vorher dies Mittel, um seine Wirkung auf mich zu prfen. Als
ich ungefhr drei oder vier Minuten in tiefen Zgen eingeathmet hatte,
verdunkelten sich allmlig meine Sinne, whrend mein Geist wach blieb.
Dabei ging eine seltsame Verwandlung mit mir vor. Ich konnte mich
durchaus nicht erinnern, wo oder in welchen Verhltnissen ich wre,
und fhlte blo das lebhafteste Verlangen, bald zu mir zu kommen, aus
Furcht, es mchte mir in diesem befremdlichen Zustande etwas zu Leide
geschehen (lest I should be kidnapped in this strange state). In der
Absicht, mich zu vertheidigen, bewegte ich Hnde und Fe lebhaft,
konnte aber nicht den Mund ffnen, um laut zu schreien. Nach dem
Erwachen wute ich, da ich unruhig gewesen war, und da ich deshalb fr
den Erfolg der Operation frchtete, nahm ich mir vor, am nchsten Tage
alle meine Willenskraft anzuwenden, um mich so viel als mglich ruhig
zu verhalten. Merkwrdiger Weise hatte mein Entschlu den gewnschten
Erfolg. Als ich den folgenden Tag auf dem Operationstische den Aether
wieder einathmete, verschwanden mir eben so schnell wie gestern meine
Sinne. Obgleich das Einathmen dieser Luft mir unangenehm war, htte ich
es doch lnger fortsetzen knnen, wenn mir nicht der Zweck desselben
ganz entfallen wre. So wnschte ich, davon befreit zu werden, und stie
nach ungefhr drei Minuten den Apparat aus dem Munde. Ich fhlte
mich nun wie in einen Traum versetzt, ohne klare Vorstellung von dem
operirenden Arzte oder den Umherstehenden oder den Hnden, die mich
hielten. Nur die Idee, da ich operirt werden solle, lebte in mir fort
und veranlate mich zu dem Ausrufe, die Operation jetzt zu beginnen.
Es wurde der erste Schnitt gemacht, der mir sehr oberflchlich zu
sein schien und den ich deutlich fhlte, ohne da dieses Gefhl etwas
Schmerzhaftes hatte. Beim zweiten Schnitte hatte ich den Gedanken, da
das Messer sehr scharf wre und sehr sanft einhergleite; auch sei
dieser Schnitt tiefer und dauere lnger als der vorhergehende. Lebhaften
Schmerz fhlte ich auch hier nicht, frchtete aber, mein Muth knnte
mich verlassen, wenn ein dritter und tieferer Schnitt folgen sollte,
und streckte deshalb meinen Arm aus, damit die Assistirenden mich halten
mgten, wenn ich unruhig wrde. Allein ich fhlte nicht, da Jemand
mich angefat htte. Pltzlich erwachte ich und wollte ber meinen
sonderbaren Traum lachen. Nur der Schmerz, den ich jetzt zu fhlen
anfing, berzeugte mich, da ich wirklich operirt worden war.

  Thomas Christie, st. phil. aus Glasgow.

       *       *       *       *       *

Einem 23jhrigen Manne wollte ich einen groen Wasserbruch der rechten
Seite operiren. Vorher lie ich ihn Aetherdmpfe einathmen. Anfangs
stieg in Folge des beschwerlichen Einathmens der Puls um dreiig Schlge
in der Minute, dann wurde er allmlig langsam, und zugleich trat leichte
Betubung ein. In diesem Zustande verdrehte der junge Mensch die
Augen schrecklich. Jetzt machte ich den Hautschnitt, wobei er stark
zusammenfuhr, und hierauf lie ich das Wasser durch die Durchschneidung
der Scheidenhaut aus, wobei ein nochmaliges Zucken erfolgte. Nachdem er
das Bewutsein wieder erlangt hatte, sagte er, er habe sich selbst wie
todt gefhlt, aber an den dunkel empfundenen Schmerzen gemerkt, da er
noch lebe.

       *       *       *       *       *

Gottfried M., einem 23jhrigen, schlanken, groen Manne, mute ich in
der Klinik einen groen Wasserbruch der rechten Seite operiren. Vorher
wurde er therisirt, athmete aber so schlecht, da ich endlich davon
abstand, als der Kranke noch immer bei vollem Bewutsein war, sprach und
ein natrliches Aussehen zeigte. Nachdem der Schnitt, wobei er gar nicht
zuckte, gemacht, und das Wasser abgelassen war, meinte er, nichts von
der Operation gefhlt zu haben.

       *       *       *       *       *

Ein anderer Patient befand sich, nachdem er fnf Minuten die
Aetherdmpfe eingeathmet, in solcher Betubung, da man ihn
empfindungslos glauben konnte, und da man mit der Einathmung aus
Besorgni fr ihn nicht fortzufahren wagte. Gleich beim ersten
Messerzuge benahm sich der Kranke wie ein Betrunkener, der einen Schmerz
im Taumel undeutlich fhlt; er bewegte machtlos die Arme und stie
unzusammenhngende, unverstndliche Laute hervor. So blieb sein Benehmen
whrend der ganzen Operation, und sagte er, zu sich gekommen, aus, da
er den Schmerz zwar gefhlt habe, aber sehr dumpf, ohne zu wissen, wo,
und was eigentlich mit ihm geschehen.

       *       *       *       *       *

Ein junger Mann mit einem Wasserbruch der linken Seite verfiel nach
einem fnf Minuten langen Einathmen der Dmpfe in einen einer Ohnmacht
hnlichen Zustand, von hchster Erschlaffung des ganzen Krpers
begleitet. Nach der schnell vollfhrten Operation und der Anlegung des
Verbandes kam er wieder zu sich und drckte sein Erstaunen darber aus,
da die Operation, von welcher er nichts gefhlt habe, schon vorbei sei.

       *       *       *       *       *

Ein anderer junger Mann, welcher ebenfalls mit einem groen Wasserbruch
der rechten Seite behaftet war, hatte sich frher niemals zu der
Operation entschlieen knnen. Die Hoffnung aber, durch Aether
empfindungslos zu werden, gab ihm jetzt den Muth, sich der Operation zu
unterziehen. Nachdem er vier Minuten lang die Dmpfe eingeathmet hatte,
machte ich den Schnitt. Der Kranke schrie dabei gewaltig auf und wollte
um sich schlagen, nachdem die Operation vorbei war. Es hatte fr die
Anwesenden das Ansehen, als wenn der Pat. sehr gelitten htte; er selbst
behauptete dies ebenfalls, hinterher aber verneinte er es und schob die
Schuld seines heftigen Betragens allein auf den Rausch.

       *       *       *       *       *

Franz B., 21 Jahr alt, athmete 2 Minuten lang, schien vllig betubt,
und die Operation des Wasserbruchs sollte so eben beginnen, als er
mit dem Oberkrper in die Hhe fuhr und mit geffneten Augen und
freundlichem Blicke die Versammlung in der Klinik ansah. Er athmete dann
nochmals zwei Minuten und wurde wieder betubt, doch fing er an, sich
auf den Operationstisch hin und her zu wlzen, und mehrere Menschen
muten ihn halten, so da ich nur mit einigen Schwierigkeiten den
Hautschnitt und die Erffnung mehrerer groen Wasserbehlter, deren
Wandungen sehr verdickt waren, bewerkstelligen konnte. Nachdem das
Wasser abgeflossen, und die Wunde verbunden war, sagte der Patient, er
habe heftige Schmerzen empfunden.


_Zerstckelung des Blasensteins._

Hr. C. R. R. aus Dresden, ein krftiger Mann in den 50er Jahren, litt
an verschiedenen Beschwerden, welche gewhnlich den Blasenstein
zu begleiten pflegen. Da ich die Blase fr gesund, den Stein nach
angestellter Untersuchung nicht fr sehr gro hielt, so beschlo ich die
Zerstckelung desselben. Die groe Reizbarkeit des Kranken htte mich
fast bestimmen knnen, dem Steinschnitt den Vorzug zu geben, wenn der
Patient nicht seinen Widerwillen gegen die blutige Operation ausgedrckt
htte. Die Aetherisation, welche ich theils wegen der Korpulenz
und Vollbltigkeit des Kranken, theils um nicht ganz die Empfindung
aufzuheben, nicht ber 5 Minuten auszudehnen wagte, fhrte nur
theilweise Bewutlosigkeit herbei. Dann brachte ich den Kateter ein
und injicirte einige Unzen Wasser in die Blase. Dies ging gut und ohne
Schmerzen von Statten. Schwieriger war die Einfhrung des Steinbrechers,
wobei der Patient Schmerzen verrieth. Nachdem das Instrument in der
Blase angelangt war, fate ich den Stein sogleich. Derselbe zeigte, wie
das Maa angab, in der Direction, in welcher ich ihn ergriffen hatte,
den Durchmesser einer groen Pflaume. Er lie sich mit Leichtigkeit
zerbrechen. Hierauf ffnete ich das Instrument noch 5 Mal, ergriff
grere und kleinere Stcke des gesprengten Steines, welche ich
zermalmte, und zog dann den Apparat heraus, da jede zu lang ausgedehnte
Session hchst gefhrlich ist. Der Kranke war der Meinung, vollkommenes
Schmerzgefhl gehabt zu haben, woran ich indessen zweifle. Nach der
Operation zeigte er sich vollkommen munter, verlor die ersten Steine
gegen Abend, und konnte schon nach einigen Tagen spazieren gehen.

       *       *       *       *       *

Herr St. R. L. aus Schiefelbein, 64 Jahr alt, litt seit geraumer Zeit
an Steinbeschwerden. Er kam deshalb nach Berlin. Bei der Untersuchung
entdeckte ich einen Stein von miger Gre. Dieserhalb und der normalen
Beschaffenheit der Blase wegen, zog ich die Zerstckelung des Steines
dem Schnitt vor. Nachdem der Kranke 3 Minuten lang therisirt worden
war, hrte die Empfindung und das Bewutsein auf, so da der Kateter
ohne Schmerz eingefhrt, und einige Unzen Wasser eingespritzt werden
konnten. Dann zog ich den Kateter heraus und brachte eben so leicht
die Steinzange von Heurteloup ein, fate, so wie ich dieselbe flach
niederlegte, den Stein sogleich in der linken Seite der Blase und
zerbrach ihn. Das Maa gab einen Durchmesser des Steines von 8 Linien
an, doch war dies noch kein Beweis, da ich ihn in seinem grten
Diameter gefat hatte. Ich ergriff noch zu 8 verschiedenen Malen, so oft
ich das Instrument aufthat, Stcke von 2, 3, 4 und 5 Linien, welche ich
zerbrach. Bei der ganzen Operation, welche 7 Minuten whrte, gab der
Patient nur einige Male einen leisen Ton von sich, und als er erwachte,
lchelte er, war mit der Schmerzlosigkeit der Operation uerst
zufrieden und klagte nicht ber die geringste Empfindung in der Blase.
Noch an demselben Tage gingen mit dem hellen Wasser und dem Urin
Steinfragmente ab, eben so an den folgenden Tagen, wo das Befinden gut
blieb, so da eine baldige Wiederholung der Zerstckelung der brigen
Fragmente unternommen werden kann.


_Bruchoperationen._

Eine Frau von 40 Jahren, Mutter von zwlf Kindern, welche ich schon
vor ihrer Verheirathung durch die Operation von der Lebensgefahr eines
eingeklemmten Bruches befreit hatte, war so unglcklich, auch an
der linken Seite eine Brucheinklemmung und zwar die eines kleinen,
gefhrlichen Schenkelbruches zu erleiden. Wie bei dieser Bruchart
berhaupt, welche wegen der Enge der Bruchpforte selten die
Zurckbringung ohne Operation gestattet, sondern dieselbe schnell
erfordert, um dem Brande vorzubeugen, so war auch hier wenig Aussicht,
die Einklemmung ohne operative Hlfe zu beseitigen. Alle bis dahin von
dem Hausarzte der Kranken, Hrn. Weidehaase, angewendeten Mittel und
Versuche, selbst die im Bade angewendete Taxis, waren fruchtlos gewesen.
Schon brach der dritte Tag der Einklemmung an, und die Gefahr war auf
das Hchste gestiegen; heftige Schmerzen im Unterleibe und anhaltendes
Erbrechen folterten die Kranke, und sie sehnte sich nun wirklich nach
der Operation.

Nachdem nur einige anscheinend ganz unwirksame Athemzge aus der
Aetherflasche gethan waren, stie die Kranke das Gef zurck und wollte
ohne Aether operirt sein. Ich glaubte auch, sie ohne diesen zu operiren,
aber indem sie hingelegt wurde, konnte ich die ganze, einige Minuten
dauernde Operation vollenden, ohne da auch nur ein Schmerzenslaut
gehrt worden war. Bei andauerndem Bewutsein war hier also vllige
Gefhllosigkeit eingetreten. Der Bruchsack war uerst dnn, wie
Postpapier, halb durchsichtig, die Darmschlinge noch von guter
Beschaffenheit, nur braunroth gefrbt und hatte die Gre einer Wallnu.
Die Kranke wurde verbunden und ins Bette gebracht.

       *       *       *       *       *

Eine 48jhrige Frau kam mit einer dreitgigen, von den drohendsten
Symptomen begleiteten Einklemmung eines Schenkelbruches der linken
Seite in die Klinik. Alle vorher unternommenen Versuche, den Bruch
zurckzubringen, waren vergeblich gewesen, und jeder neue Versuch mute
bei dem hohen Grade der Entzndung die Gefahr nur steigern. Ich nahm
daher die Operation vor, lie die Kranke nur zwei Minuten Aetherdmpfe
athmen, worauf sie empfindungs- und bewutlos da lag. Jetzt machte
ich den ersten Schnitt durch die Weichtheile und erffnete dann den
Bruchsack. Die sich nun zeigende eingeklemmte Darmschlinge war schon
blauschwarz; sie wurde nach dem Einschneiden der Bruchpforte in die
Bauchhhle zurckgeschoben, und dann die Wunde verbunden. Whrend der
ganzen Operation, welche freilich nur einige Augenblicke gedauert hatte,
gab die Kranke auch nicht das mindeste Zeichen von Schmerz, sie lag
regungslos da, ohne einen Laut von sich zu geben. Erst nachdem sie zu
Bette gebracht, und das Gesicht mit kaltem Wasser besprengt worden war,
kehrte das Bewutsein zurck, und noch spter berzeugte sie sich erst,
da die Operation berstanden sei.

       *       *       *       *       *

Ein wie ein Hhnerei groer, angewachsener Leistennetzbruch der
rechten Seite, welcher einige Male die Veranlassung zu gefhrlichen
Darmeinklemmungen gegeben hatte, veranlate eine 34jhrige Frau, sich in
die Klinik zu begeben, um sich der Operation zu unterziehen. Kaum hatte
sie vor derselben drei Minuten lang Aetherdmpfe eingeathmet, als
sie regungslos da lag. Ich spaltete die Haut und die auf dem Bruche
liegenden Theile, erffnete den Bruchsack, schnitt das Netz ab, legte
den Verband an, und erst nachdem die Kranke in ihrem Bette fortgetragen
war, erfuhr sie, da sie schon operirt worden sei. Sie selbst wute
nichts davon.

       *       *       *       *       *

Wittwe S., 61 Jahr alt, in der Klinik, athmete nur 2 Minuten lang und
verfiel in einen Zustand so sanfter Betubung, wie man sich dieselbe bei
allen Operationen wnschen mgte, denn sie lag regungslos da, ohne da
ihr Gesicht, der Athem und der Puls nur im mindesten besorgt machen
konnten. Hierauf begann ich die Operation eines merkwrdigen rechten
ueren Leistenbruches, dessen bereits seit 5 Tagen bestehende
Einklemmung von Erbrechen und Stuhlverstopfung begleitet war. Die Haut
ber der Geschwulst erschien gerthet, und die darunter liegenden Theile
fest und entzndet. Beim Hautschnitt zeigte sich dies noch deutlicher.
Nachdem eine dicke Bruchhlle gespalten und zurckgeschlagen war,
zeigte sich eine runde, aschgraue Geschwulst von der Gre einer kleinen
Wallnu, welche einer brandigen Darmpartie hnlich sah. Nachdem ich
diese erffnet hatte, flossen einige Tropfen molkigen Wassers ab, und
kam ein dnnes, zersetztes, etwa einige Gran schweres Netzblttchen zu
Gesicht, nach dessen Entfernung eine kleine, seitlich zusammengefaltete
Darmwand von dunkelbrauner Farbe erschien. Ich nahm dann mit einem
schmalen, geknpften Bruchmesser die Erweiterung der Bruchpforte vor
und konnte nun sogleich die Darmwand in die Bauchhhle zurckschieben.
Hierauf wurde der vordere, am meisten verdickte Theil der Bruchhlle
mit der Scheere abgeschnitten, und die Wunde mit Charpie und Pflaster
verbunden. Bei der ganzen Operation hatte die Kranke sich nicht geregt,
durch keine Miene eine Schmerzempfindung verrathen oder einen Laut von
sich gegeben. Als sie erwachte, wute sie nicht, da sie schon operirt
worden sei.

       *       *       *       *       *

Ein 42jhriger Arbeiter in einer Zuckerfabrik wurde in die Klinik
gebracht. Derselbe war seit Jahren mit einem rechten Schenkelbruch
behaftet, welcher sich frher schon eingeklemmt hatte, aber
zurckgebracht werden konnte. Der Kranke wurde jetzt durch ein neues
Hervortreten einer kleinen Darmpartie, welche seit 4 Tagen eingeklemmt
war, in die grte Lebensgefahr versetzt. Heftige Schmerzen im Leibe,
groe Empfindlichkeit des Bruches und immer zunehmendes Erbrechen
machten die Operation um so dringender nthig, als bei der schmerzhaften
Anschwellung des Bruches nicht mehr an eine Zurckbringung desselben zu
denken war, und durch jeden erfolglosen Versuch die Entzndung vermehrt
werden mute. Nachdem der Kranke vier Minuten lang die Aetherdmpfe
eingeathmet hatte, wobei er in eine widerstrebende Aufgeregtheit
gerieth, stellte sich in dem Augenblicke, wo er empfindungslos wurde,
ein unangenehmer Rausch bei ihm ein. Er redete irre, warf sich hin und
her, wollte aufspringen und sich nicht operiren lassen. Dann legte er
sich wieder nieder, und whrend er wild und verworren sprach, machte ich
die Operation; ich durchschnitt die Weichtheile und fand einen
alten, harten, verdickten Bruchsack von der Gre einer Wallnu. Der
Schenkelring war sehr eng, weshalb ich ihn vor der Erffnung des Sackes
durch einen Einschnitt erweiterte. Hierauf ffnete ich den fleischigen,
blutreichen Bruchsack und schob die darin angeklebte, dem Brande nahe
Darmpartie in die Bauchhhle zurck. Dann wurde der Kranke verbunden.
Auf mein Befragen, ob er Schmerzen bei der Operation gehabt habe? sagte
er: frchterliche, und erzhlte dann noch mit lallender Zunge, wie ein
Trunkener, von seinen ausgestandenen Leiden. Ganz glaubwrdig schien mir
dies aber nicht.

       *       *       *       *       *

Wilhelm W., 1 Jahr alt, ein schner, krftiger, blonder Knabe, hatte
einen angebornen ueren Leistenbruch der rechten Seite. Derselbe
war seit 24 Stunden eingeklemmt, und alle Versuche, denselben
zurckzubringen, vergebens gewesen. Die Bruchgeschwulst hatte die
Gre einer groen Pflaume, war prall, fest und sehr empfindlich.
Alle ferneren Repositionsversuche schienen gefhrlich, weshalb ich
die Operation nach vorheriger Aetherisirung vornahm. Es dauerte aber 4
Minuten, bis das krftige, stark schreiende Kind betubt wurde. Nachdem
ich nun die Hautdecken gespalten hatte, erffnete ich die den Darm
einschlieende Scheidenhaut auf einer spitzigen Rinnsonde. Es flo
etwa eine Drachme violetten Blutwassers ab. In der vergrerten Wunde
erschien jetzt die blauroth gefrbte, 3 Zoll groe Dnndarmschlinge,
an deren Seite sich bereits einige blauschwarze, verdchtige Flecke
zeigten. Ungeachtet der Bruch ein angeborner war, war der Leistenring
uerst eng, so da der Darm dadurch wie durch ein fest umgelegtes Band
zusammengeschnrt wurde. Nachdem ich die Bruchpforte nach verschiedenen
Seiten eingeschnitten und dadurch erweitert hatte, gelang mir durch
sanfte Manipulationen erst nach einer Weile die Zurckbringung des
Darmes. -- Obgleich das Kind vollkommen betubt wurde, so war in diesem
Falle die Aetherisation doch ohne alle Hlfe bei der Zurckbringung des
Darmes; ihr Nutzen war aber dennoch hoch anzuschlagen, weil das Kind von
alle dem, was mit ihm geschah, nichts fhlte. Erst einige Minuten nach
Beendigung der Operation und Anlegung des Verbandes kehrte Bewutsein
und Empfindung zurck.

       *       *       *       *       *

Mad. A., einige 40 Jahre alt, litt seit einer Reihe von Jahren an einem
linken Schenkelbruch. Der groen Empfindlichkeit des Bruches wegen
konnte sie kein Bruchband tragen, und ohne dieses trat der Bruch heraus.
Um die Gefahr einer Einklemmung abzuwenden und sie in den Stand
zu setzen, ein Bruchband tragen zu knnen, unternahm ich in
Uebereinstimmung mit ihrem Arzte, dem Hrn. Dr. Koner, die Operation.
Vorher athmete die zarte, reizbare Kranke einige Minuten die
Aetherdmpfe. Sie verlor danach das Bewutsein keinesweges, doch schien
die Empfindlichkeit etwas abgestumpft zu sein. Nach Durchschneidung der
Weichgebilde und Erffnung des Bruchsackes, fand sich dieser mit einer
klaren Flssigkeit angefllt, und auf seinem Grunde, am Rande des
Schenkelringes ein angewachsenes, hartes, kleines Netzstck, welches ich
abschnitt. Der Bruchsack wurde mit Charpie angefllt, und die Wunde mit
Pflasterstreifen bedeckt. Die Kranke, welche bei der Operation keinen
Laut von sich gegeben hatte, war indessen der Meinung, den natrlichen
Grad des Schmerzes empfunden zu haben.

       *       *       *       *       *

Bei nicht eingeklemmten Brchen, welche durch ein gutes Bruchband
zurckgehalten werden knnen, bin ich gegen alles Operiren. Noch weit
mehr bei denen, welche nicht zurckgehalten werden knnen, weil es da
noch gefhrlicher ist und noch weniger hilft. Ich sage wie Lawrence:
Wer einen eingeklemmten Bruch hat, unterwirft sich der Operation, um
sein Leben zu retten. Derjenige aber, der sich einen nicht eingeklemmten
Bruch operiren lt, setzt sein Leben auf das Spiel, um einiger
Beschwerden berhoben zu werden, und die Operation giebt ihm doch keine
andere Aussicht zur gnzlichen Heilung, als er auch ohne dieselbe gehabt
haben wrde. Die frhere Chirurgie zeigt uns eine grausenvolle Menge
von Todesfllen nach den Versuchen der radicalen Heilung der Brche,
und die Ueberlebenden waren meistens nicht geheilt. Die Gerdy'sche
Invagination ist freilich minder gefhrlich als manche andere Methode,
doch meistens ohne Erfolg, auch nicht ohne Todesflle. Unzhligen
Personen, an denen die Operation in und auerhalb Deutschlands erfolglos
gemacht worden, und welche mich um Rath fragten, weil sie nicht geheilt
waren und nach wie vor ihr Bruchband trugen, sagte ich, sie sollten es
nur fort tragen. -- Ein junger Mann wollte mich einstens fast zwingen,
ihn zu operiren, aber ich wollte nicht. Darauf stie er sich einen
gekrmmten Troikar in die Gegend des Bruches in dem Wahn ein, sich
selbst heilen zu knnen. Ich fand ihn in seinem Blute. Doch starb er
nicht. -- Einen hnlichen Bruchpatienten mit zwei ueren Leistenbrchen
sollte ich krzlich davon befreien. Diese Idee war bei dem
liebenswrdigen, braven, jungen Manne so fix geworden, da er das Zimmer
nicht mehr verlie und immer hinter herabgelassenen Rouleaux sa. Nichts
vermochte ihn von seiner Hypochondrie zu heilen. Ich durchschnitt ihm
die krallenfrmig zusammengezogenen, das Gehen erschwerenden Beugesehnen
der Zehen, -- er blieb immer bei seinen Brchen. Nur die Furcht vor
Geistesstrung oder noch etwas Schlimmerem lie mich endlich an die
unheimliche Invagination denken. Ich nahm diese zuerst an dem
rechten, greren Bruche vor. Der Kranke ward nach fnf Minuten langem
Aetherisiren sehr unruhig, sprach verworren und versicherte nach
Beendigung der Operation, da die Schmerzen sehr gro gewesen wren,
obgleich dieselbe nur in der Einschiebung einer Hautfalte in den
Leistenkanal und dem Anlegen einer Naht bestanden hatte.

Vierzehn Tage nach der Operation des Bruches an der rechten Seite, bei
der die Heilung durch Bildung eines Abscesses oberhalb der Leistengegend
gestrt war, der indessen nach frher Erffnung keine weiteren blen
Folgen hatte, nahm ich die Operation an der linken Seite vor. Binnen
drei Minuten war der Patient vollkommen betubt. Ich invaginirte die
Haut in dem Leistenkanal und befestigte sie mit einem Doppelstich,
wobei mittelst der Fadenschlinge ein Schwammstck mit in den
Kanal hineingezogen, und die Enden auswendig auf einem zweiten
zusammengeknpft wurden. Dies war das Werk eines Augenblicks. Beim
Erwachen war der Kranke erstaunt, da die Operation vorber sei, von der
er diesmal nichts gefhlt hatte.


_Operation einer angebornen Phimose._

Ein 1jhriger Knabe litt an einer angebornen Phimose. Des hohen Grades
des Uebels wegen sammelte sich der Urin hinter der Vorhaut, so da diese
blasenfrmig aufgetrieben wurde, worauf er dann in einem feinen Strahl
und zuletzt tropfenweise aus der haarfeinen Oeffnung abging. Da die
Operation nicht lnger aufgeschoben werden konnte, so therisirte
ich das unruhige Kind durch Vorhalten eines mit Aether angefeuchteten
Schwamms. Nach anderthalb Minuten wurde es ruhig und schlo die Augen.
Beim Abschneiden der Spitze des Prputiums und bei der Spaltung der
inneren Lamelle lie das Kind einen dumpfen Seufzer vernehmen, schien
brigens nicht zu leiden.


_Operation eines Mastdarmpolypen._

Friedrich P., ein schner, 5jhriger Knabe litt seit langer Zeit an
Blutungen aus dem Mastdarm, welche durch einen Polypen hervorgebracht
wurden. Nach 2 Minuten der Aethereinathmung wurde das Kind bewutlos.
Ich fhrte einen Finger in den Mastdarm, brachte dann einen zwei Zoll
von der Oeffnung aufsitzenden Polypen von der Gestalt, Gre und Farbe
einer dunkelrothen Gartenerdbeere heraus und durchschnitt den dnnen,
sehnigen Stiel. Das Kind hatte von der Operation nichts gefhlt und kam
dann bald wieder zu sich.


_Operation eines Mastdarmvorfalls._

Ein fremder Herr, 57 Jahre alt, von krftigem Krperbau, seit vielen
Jahren mit einem wie ein Hhnerei groen prolapsus ani behaftet, welcher
die Quelle unsglicher, das Leben verbitternder Leiden geworden war,
entschlo sich zur Operation unter der Einwirkung der Aetherdmpfe. Der
Kranke athmete lange und tief, aber er wurde nicht betubt, auch nicht
empfindungslos. Da dann in Folge des langen Einathmens das Gesicht
dunkelroth wurde, so lie ich ihn aus Besorgni, da es zu viel werden
knnte, den Dunst nicht mehr einziehen; auch sagte er mir, es wird
Ihnen nicht helfen, ich bin zu sehr an starke Getrnke gewhnt. Ich
schnitt nach vorher durchgefhrten Fden aus den vorliegenden, zum
Theil entarteten Darmpartien, zwei groe Keilstcke aus, vereinigte die
Wundrnder, stillte dadurch die heftige Blutung und reponirte den Rest.
Obgleich sich der Aether hier anscheinend ganz unwirksam zeigte, und der
Kranke sich sehr ber Schmerzen beklagte, so schienen mir dieselben doch
nicht in dem Grade stark zu sein, wie ich sie sonst bei dieser Operation
wahrgenommen hatte.


_Operation eines Panaritiums._

Dieser Fall ist durch das hufige Vorkommen des Uebels ohne alles
Interesse, merkwrdig dagegen durch den so unerhrt schnellen Eintritt
der Betubung. Eine Dame von einigen dreiig Jahren war seit 8 Tagen
durch ein Panaritium am linken Zeigefinger von den frchterlichsten
Schmerzen, welche ihr den Schlaf raubten, gefoltert. Sie wollte nicht
einmal die Berhrung des kranken Fingers erlauben, noch weniger sich
zu einem Einschnitt verstehen, obgleich ich ihr sonst den Verlust oder
wenigstens die Verkrmmung des Zeigefingers prophezeite. Als ich
ihr dann die vorherige Betubung durch Aether empfahl, willigte sie
wenigstens darin, einen mit Aether befeuchteten Schwamm vor Mund und
Nase zu halten. Ich befeuchtete nun einen Schwamm von der Gre einer
groen Untertasse mit Aether, drckte denselben aus und lie ihn
unmittelbar auf Mund und Nase legen. Zu meinem grten Erstaunen
trat schon nach 1/3 Minute vllige Empfindungslosigkeit mit gnzlich
aufgehobenem Bewutsein ein. Alle Sinne, selbst das Gehr waren
aufgehoben, und der Puls uerst langsam. Ich machte jetzt, ohne da die
Kranke es nur im Geringsten merkte, an der einen Seite des Fingers einen
Einschnitt bis auf die Knochen, worauf sich eine Menge Eiter entleerte.
Noch immer lag die Kranke in tiefer Betubung da, und erst nach dem
Besprengen mit kaltem Wasser ffnete sie die Augen und erhob sich, noch
in dem Glauben stehend, der Schnitt soll erst jetzt vorgenommen werden.


_Amputationen grerer Glieder._

August S., ein Mann von 39 Jahren, litt an einer carisen Zerstrung der
Knochen der Handwurzel und Hand, welche keine Hoffnung auf Heilung mehr
zulie. Nur die Amputation konnte dem Kranken noch das Leben retten.
Derselbe wurde zuvor therisirt. Es dauerte vier Minuten, bis Betubung
eintrat. Ich machte die Cirkel-Amputation ber dem Handgelenk. Weder
beim Durchschneiden der Haut, noch der Muskeln und der Durchsgung
der Knochen gab der Kranke ein Zeichen des Schmerzes von sich, er lag
regungslos da, und selbst die Unterbindung der Gefe und das Anlegen
des Verbandes konnte vor dem Erwachen des Patienten vorgenommen
werden. Erst dann brach er nach einem Gesthn in die Worte aus, er sei
betrunken, und wir Alle. Hierauf ward er wieder vollkommen verstndig,
stieg, ohne da er untersttzt werden wollte, vom Operationstisch. Als
ich ihn fragte, haben Sie Schmerzen gefhlt? Nein. Ich habe zwar etwas
empfunden, aber keine Schmerzen, es war mir nur, als ob ich angefat
wrde.

       *       *       *       *       *

Henriette W., 38 Jahre alt, von groem, krftigem Krperbau, war mit
einem rechten Klumpfu hheren Grades geboren. Das Uebel war nicht
geheilt und hatte Gelegenheit zu schwieliger Entartung des Fues, zu
groen, callsen Fugeschwren und endlich zur speckigen Degeneration
des Unterschenkels gegeben. Das Glied hatte die Dicke und Form eines
Elephantenbeins und war nicht mehr zu heilen. Nur die Amputation konnte
allenfalls das Leben noch retten. Nach vier Minuten langem Einathmen
der Aetherdmpfe wurde die Patientin vollstndig betubt. Auf dem
Operationstisch liegend, den gesunden Fu auf einen Stuhl gesttzt, den
rechten von gebten Assistenten gehalten, machte ich den Cirkelschnitt
dicht ber dem Kniegelenk; durchschnitt beim ersten Schnitt die Haut,
beim zweiten die dicken Muskeln mit einem Zuge, schob die Weichgebilde
mit meinem Retractor zurck und sgte den Knochen ab. Dies war das Werk
einiger Sekunden. Kein Laut des Schmerzes oder des Unbehagens vernahm
man dabei. Dann wurden die Arterien unterbunden, und der Verband
angelegt. Jetzt kehrte das Bewutsein allmlig zurck. Die Kranke sprach
jetzt die Worte: warum weckt ihr mich? wo war ich denn? es war so
schn, ich war in einem schnen Garten mit Blumen, warum habt ihr mich
denn aufgeweckt? Sie blickte umher, machte eine schttelnde Bewegung
mit dem Kopfe und sank gleichsam einschlummernd zurck. Sie wurde dann
vom Tisch ins Bette gelegt und auf ihr Zimmer gebracht.


_Sehnen- und Muskeldurchschneidungen._

Hermann B., 2 Jahr alt, war mit einer rechten Klumphand des
hchsten Grades geboren. Vor der Operation athmete er 6 Minuten lang
Aetherdmpfe, bis Empfindungslosigkeit eintrat. Bis dahin hatte
er fortwhrend geschrieen, jetzt aber wurde die Stimme matter und
vernderte sich auch nicht weiter whrend der subcutanen Durchschneidung
der verkrzten Beugesehne der Handwurzel und Hand. Dann wurde der
Verband angelegt, wobei sich das Kind wieder munter zeigte.

       *       *       *       *       *

Friedrich J., 24 Jahre alt, hatte in Folge eines Panaritiums des rechten
kleinen Fingers eine Verkrmmung des hchsten Grades erlitten, welche
mehr Folge einer faltenfrmigen Lngennarbe als einer Sehnencontractur
war. Der Aether betubte ihn binnen vier Minuten. Die Operation mute
eine complicirte sein, da die bloe quere Durchschneidung der Narbe
keinen Erfolg haben konnte. Ich fhrte lngs der Narbe an beiden Seiten
zwei Schnitte herab, welche zu Anfang der Handflche mit abgerundeter
Spitze zusammentrafen, und durchschnitt hier die Beugesehne. Dann wurde
der Hautstreifen bis gegen die Fingerspitze hin gelst, der Finger etwas
gestreckt, der Hautstreifen nach vorn gerckt und an die seitlichen
Wundrnder mit Nhten befestigt. Er diente zur Deckung der beiden
vorderen Glieder, whrend die Wundrnder der hinteren durch
Pflasterstreifen einander genhert waren. Der Kranke gab nach
berstandener Operation an, dieselbe wenig empfunden zu haben.

       *       *       *       *       *

Carl R., 42 Jahre alt, erlitt eine schwere Verletzung des linken
Unterschenkels, wobei der Fu nach auen verrenkt, das Wadenbein ber
dem ueren Knchel gebrochen, die Gelenkkapsel an der inneren Seite des
Fues sammt der ueren Haut zerrissen wurde, so da der ganze innere
Knchel nackt hervortrat. Da man den Fu nicht hatte wieder einrenken
knnen, so war die Heilung in dieser widernatrlichen Stellung erfolgt,
der herausgetriebene innere Knchel angeschwollen und mit einer dnnen
Haut bedeckt. In diesem Zustande kam der Kranke noch vor der Aetherzeit
in die Klinik. Ich umgab den Knchel mit zwei halbmondfrmigen
Schnitten, prparirte die Haut an beiden Seiten ab, sgte den Knchel
aus und brachte den Fu in eine fast natrliche Stellung, so da die
Sohle dem Boden wieder zugekehrt war. In dieser Richtung wurde das Glied
einige Monate lang bis zur Heilung erhalten. Die Stellung war aber noch
nicht ganz gnstig, indem die Ferse zu hoch, und die Spitze des Fues zu
tief stand, so da jene den Boden nicht erreichen konnte, wie dies
beim dritten Grade des Pferdefues der Fall ist. Es mute also die
Achillessehne durchschnitten werden. Nachdem der Patient vorher 2
Minuten lang therisirt worden war, durchschnitt ich die Sehne 1 Zoll
ber der Ferse; die Enden wichen sogleich weit auseinander, und ich
konnte den Fu in eine bessere Stellung bringen. Beim Schnitt schrie der
Kranke auf, erinnerte sich aber beim Erwachen nicht, da er Schmerzen
empfunden habe. Dann wurde das Glied verbunden.

       *       *       *       *       *

Hr. B., Kaufmann, 30 Jahre alt, war mit einem niedrigen Grade des
Klumpfues beider Extremitten gekommen. Die Fe waren nur wenig
verdrehet, aber kurz, die Sohle stark ausgehhlt, der Rcken des
Fues gewlbt, die Zehen stark zurck- und dabei krallenfrmig
zusammengezogen. Nach fnf Minuten langem Einathmen war der Kranke
vollkommen betubt. Ich durchschnitt darauf die zusammengezogenen Sehnen
an der Fusohle und smmtliche Sehnen aller Zehen, ohne da der Patient
zuckte oder einen Laut von sich gab. Nachdem er wieder zu sich gekommen
war, versicherte er, einige Schmerzen bei der Operation empfunden zu
haben.

       *       *       *       *       *

Wilhelm B., 19 Jahre alt, litt an Plattfen. Der linke hatte den
vierten, der rechte erst den dritten Grad erreicht. Ersterer machte dem
Kranken beim Gehen groe Beschwerde, da der innere Knchel als groer
Buckel hervorragte und der Patient groentheils auf dem inneren Furande
zu gehen genthigt war. Die Wadenmuskeln waren erschlafft, smmtliche
Strecksehnen und der lange Wadenbeinmuskel stark zusammengezogen. Nach
3 Minuten der Aetherisation trat vllige Betubung ein, so da ich alle
Strecksehnen und den langen Wadenmuskel durchschneiden konnte, ohne da
der junge Mensch das Mindeste davon empfand. Erst nach Beendigung der
Operation, bei der Geradrichtung des Fues, whrend der Verband angelegt
wurde, drckte er eine geringe Schmerzempfindung aus.

       *       *       *       *       *

Bei einem jungen Manne von 24 Jahren, welcher an einem hohen Grade der
seitlichen Einbiegung des linken Kniegelenks litt, so da Unter- und
Oberschenkel zusammen einen stumpfen Winkel bildeten, das Gehen uerst
unvollkommen und krppelhaft war, sollten die Sehnen an der ueren
Seite des Kniegelenkes durchschnitten werden. Kaum hatte der Kranke
einige Minuten die Aetherdmpfe geathmet, als er pltzlich unter wildem
Geschrei um sich schlug und tobend Alle angriff, welche ihn umgaben.
Acht Menschen rangen mit ihm, um zu verhindern, da er sich kein Leid
zufge, und fortwhrend vertheilte er Faustschlge nach allen Seiten
hin. Dieser Sturm dauerte vier bis fnf Minuten, dann trat einige Ruhe
ein, welche ich benutzte, um von kleinen Stichwunden aus die verkrzten
Sehnen und Muskeln zu durchschneiden. Nach dieser blutlosen Operation
wurde der Verband angelegt. Der Kranke befand sich jetzt in einer
weichen, weinerlichen Stimmung, nickte wie ein Nrrischer noch
fortwhrend mit dem Kopfe, machte tausend Entschuldigungen ber sein
Betragen, dessen er sich zum Theil bewut war, versicherte aber, von der
Operation selbst nichts gefhlt zu haben.

       *       *       *       *       *

Ein junger Mann von 26 Jahren litt in Folge einer in frher
Jugend berstandenen scrophulsen Knieentzndung an einer starken
Einwrtsbiegung des Gliedes. Nur durch die Durchschneidung der ueren
Sehnen, besonders der des zweikpfigen Muskels, und eine zweckmige
orthopdische Nachbehandlung war die Heilung mglich. Vorher mute
er sieben Minuten lang Aetherdmpfe einathmen. Erst dann trat
Empfindungslosigkeit mit theilweise aufgehobenem Bewutsein ein. In dem
Augenblicke, wo ich die Sehne unter der Haut zu durchschneiden begann,
erfolgte ein Ausbruch von Wuth, wobei der Kranke die Augen frchterlich
rollte und um sich schlug. Dabei war er mit Schwei bedeckt und verrieth
eine unbeschreibliche Angst. Dann lie der Sturm der Erscheinungen nach,
mildere Empfindungen traten an die Stelle der heftigen, und die Scene
endete mit scherzhaften Gestikulationen, unaufhrlich freundlichem
Kopfnicken und freundlichem Bitten um Verzeihung, wenn etwa das Betragen
nicht ganz anstndig gewesen wre. Aber ich konnte nicht anders, sagte
der gute Mensch, ich mute das thun; da ich operirt bin, glaube ich,
weil Sie es mir sagen, und ich mein Knie verbunden sehe, gefhlt habe
ich aber gar nichts.

       *       *       *       *       *

Frulein Rosalie M. aus Polen, 22 Jahre alt, hatte vor einem Jahre in
Folge einer scrophulsen Entzndung des linken Kniegelenks, welche in
carise Zerstrung bergegangen war, eine Verkrmmung des Gliedes
im rechten Winkel erlitten. Das Glied war abgemagert und im Gelenke
verwachsen. Die Kranke athmete 2 Minuten lang die Dmpfe, worauf sie
vllig betubt wurde. Bei der Anwendung der nthigen Krfte trennte sich
die Verwachsung im Gelenk wieder, worauf ich smmtliche verkrzte Sehnen
in der Kniebeuge von feinen Einstichspunkten aus durchschnitt, dann das
Glied mglichst gerade bog und den Verband anlegte. Das Alles geschah in
wenigen Augenblicken, und als die Kranke wieder erwachte, glaubte sie,
getrumt zu haben.

       *       *       *       *       *

Ein Knabe von 13 Jahren mit einer Verkrmmung beider Knieen, wurde in
die Klinik Behufs der Operation und Geraderichtung aufgenommen. Nachdem
ich ihn zuvor 4 Minuten lang Aetherdmpfe hatte einathmen lassen,
trat urpltzlich die Wirkung des Mittels, welche sich als ein uerst
heiterer Rausch zeigte, ein. Er war so ausgelassen, da er den Zuhrern
die Zunge zeigte und sie unter den sonderbarsten Grimassen verhhnte.
Von der Operation, welche in der Durchschneidung der verkrzten Sehnen
unter der Haut und wegen des aufgehobenen Widerstandes in leichter
Streckung der Glieder bestand, versprte er durchaus nichts. Auch
nach der Anlegung des Verbandes blieb er noch eine Weile in dieser
ungebundenen Heiterkeit.

       *       *       *       *       *

Ein junger Jurist, welcher seit seiner Kindheit in Folge einer
scrophulsen Gelenkentzndung an einer Verkrmmung des linken
Kniegelenks in einem so hohen Grade litt, da der Unterschenkel mit dem
Oberschenkel einen Winkel bildete, sollte mittelst Sehnendurchschneidung
von dieser Mibildung befreit werden. Nachdem derselbe zuvor vier
Minuten lang die Aetherdmpfe eingeathmet hatte, trat pltzlich ein
hoher Grad von Betubung mit vollkommener Empfindungslosigkeit ein. In
diesem Augenblick fhrte ich ein strohhalmbreites, sichelfrmiges Messer
durch einen kleinen Einstich ein, und durchschnitt die stark verkrzten
Sehnen und die Sehnenhaut in der Kniekehle, welche sich dann, nachdem
der Widerstand aufgehoben war, in eine fast normale Stellung bringen
lie. Dann wurde ein leichter Verband angelegt. Ich lasse den Kranken
mit eigenen Worten seinen Zustand whrend der Operation beschreiben.

Nachdem ich drei oder vier Zge von dem Aetherdunst genommen hatte,
merkte ich, wie ich davon berauscht wurde. Ich fiel um, empfand aber
noch, wie man mich halten wollte. Nachdem ich mit dem Kopfe auf
das Kissen niedergesunken war, dachte ich: Sie haben dir zu viel
beigebracht, nun ist es aus mit dir! Dabei empfand ich, wie man sich mit
mir beschftigte, wahrscheinlich um mich in die zur Operation
nthige Lage zu bringen. Zugleich fhlte ich auch Schwingungen, deren
Geschwindigkeit sich immer mehr steigerten, ohne da ich recht wute,
wie und wo; dann hrte ich die schnste Militrmusik, hauptschlich von
Blaseinstrumenten. Im Knie war ein leiser Druck mit Stechen und Prickeln
verbunden. Ich vernahm blo die Worte: das wird nicht ausreichen,
und erwachte, aber ganz trunken. Dann mute ich noch einmal einathmen,
worauf ich wieder betubt wurde, ich trumte wieder, aber ich wei
nicht, was. Beim Erwachen fhlte ich heftige Schmerzen im Knie, so
da ich laut aufschreien mute. Whrend jener schnen aber verworrenen
Phantasieen schien es mir, als wenn ich an zwei Stellen in der Kniekehle
geschnitten wrde, auch da man das Knie streckte, aber ich konnte das
Nhere darber nicht durch den Schmerz erkennen.

Nachdem Alles vorbei war, fhlte ich den Aether gleichsam im Kopf und im
Knie, mir war zu Muthe, wie wenn ich von einem totalen Rausche erwachte.
Das getrunkene Wasser beseitigte bald Alles; im Bett empfand ich nachher
noch ganz deutlich, wie der Aether den ganzen Krper durchdrungen hatte.
Als er dann aber ganz und gar verschwunden war, fhlte ich ungefhr eine
Stunde lang gelinde Schmerzen in der Wunde.


_Operation des falschen Gelenkes._

Die von mir angegebene und fter mit Glck ausgefhrte sicherste
Operationsmethode des sonst so schwer zu heilenden widernatrlichen
Gelenkes, welches die Folge eines nicht festgewordenen Knochenbruches
ist, und das Glied unbrauchbar macht, besteht in dem Durchbohren der
berknorpelten Knochenenden von kleinen Stichwunden der Weichtheile aus,
und in der Einfhrung von Elfenbeinstben in die Knochen zur Erregung
von Callus-Ausschwitzung. Ein Mann von 32 Jahren, mit einem sehr
beweglichen falschen Gelenk des linken Oberarms, bei dem ich diese
Operation vornahm, verweigerte nach den ersten Athemzgen das weitere
Inspiriren, und ich mute die Operation nach alter Weise ohne Aether
machen. Er war auch ohne diesen so ruhig, als htte er den mildesten
Rausch, und stie nicht ein Mal einen Seufzer aus.

In einem hchst complicirten Fall von widernatrlichem Gelenke wurde
die Kranke nach vier Minuten langem Inspiriren vllig betubt, und ich
konnte nun zur Operation schreiten. Diese bestand in Folgendem. Die Hand
war in Folge eines schweren Sturzes nach innen abgewichen, so da sie
zum Arm im stumpfen Winkel stand, auerdem war ein falsches Gelenk zu
Anfange des unteren Drittheils der Speiche vorhanden, und die wackelnden
Enden lagen auf und an dem Ellenbogenknochen. Um diese Uebelstnde zu
heben und das Glied, welches ganz unbrauchbar war, zu verbessern, war
Folgendes nthig: 1) den gesunden Ellenbogenknochen an der Stelle,
wo sich der Bruch in der Speiche befand, auch zu zerbrechen; 2)
die Knochenenden der Speiche subcutan zu durchbohren und Zapfen
hineinzufhren; 3) die verkrzten Sehnen der Handwurzel unter der Haut
zu durchschneiden. Diese einzelnen Theile der Operation wurden nach
einander ausgefhrt, und mit dem schwierigsten Akte, der Durchbohrung
des Knochens, angefangen; dann der Radius von vier Menschen zerbrochen,
und endlich die Sehnen durchschnitten. Alles wurde glcklich vollendet,
ohne da die Kranke dabei erwachte oder nur die mindesten Schmerzen
empfand. Der Erfolg der Operation war nach vier Wochen befriedigend.


_Einrenkung des Oberarms._

Ein Freund von mir, ein hiesiger berhmter Arzt, hatte das Unglck, beim
Herabsteigen einer Treppe auszugleiten, und indem er sich am Gelnder
festhielt, den rechten Oberarm auszurenken, gleichsam aus dem Gelenk
herauszudrehen. Eine halbe Stunde nach dem Vorfall sah ich den Kranken,
welcher bleich und von den heftigsten Schmerzen mit dem Gefhl von
Taubheit in dem Gliede gefoltert war. Mein Freund willigte in den
Vorschlag, vor der Einrichtung Aetherdmpfe einzuathmen. Nachdem dies 7
Minuten lang geschehen war, hrten die Schmerzen auf, und an ihre Stelle
trat eine heitere Aufregung. Die Einrichtungsversuche begannen nun
auf einem Tisch, auf welchen eine Matratze gelegt war. Aber trotz der
gehrigen Fixirung, der richtig angewendeten Krfte von acht Mnnern,
und den methodisch verstrkten Tractionen, bedurfte es mehrmaliger
Angriffe, um die Widerspenstigkeit der starken Muskulatur zu berwinden.
Endlich fuhr der Kopf mit erschtterndem Gerusch in die Pfanne zurck.

Ich kann nicht sagen, da die Einrichtung in diesem Falle durch den
Aether erleichtert war, ich habe Hunderte von Verrenkungen des Oberarms
ohne Aether leichter eingerenkt. Die starken Muskeln waren bei dem nicht
bis zur vlligen Betubung gebrachten Kranken nicht erschlafft, und
so ihr Widerstreben nicht verringert. Dennoch versicherte der Kranke
spter, da durch das Einathmen des Aethers alle Schmerzen beim
Einrenken gehoben worden wren, und da er nur eine undeutliche
Erinnerung von dem Vorgegangenen habe.


_Ansetzen von Moxen._

Einem Manne in den dreiiger Jahren, welcher an einer Lhmung der
unteren Gliedmaen litt, sollten Brenncylinder auf dem unteren Theil des
Rckens abgebrannt werden. Zwlf Athemzge des Aetherdampfes reichten
hin, den Kranken empfindungs- und bewutlos zu machen. Kaum waren die
Moxen angezndet so bemchtigten sich die wildesten Phantasieen
des Patienten. Ihr Verfluchten! Ihr Vermaledeiten! Ihr Mrder! Ihr
Hllenbrut! rief er ein Mal ber das andere. So fuhr er noch eine Weile,
ganz regungslos da liegend, in den bittersten Schmhungen gegen seinen
Arzt, den Hrn. Dr. Philipp, gegen mich und die anderen Umstehenden fort.
Als er dann aus seinem Traume erwachte, das Brennen fast beendet war,
sagte er, er fhle, was mit ihm vorgehe, ganz deutlich. Er versicherte
brigens, da der Zustand, in welchen er durch den Aether versetzt
worden, ein hchst unangenehmer sei, doch verschwand derselbe bald
wieder vollstndig.

       *       *       *       *       *

Einem Kranken, welcher an einer langwierigen Entzndung des Kniegelenks
litt, muten zwei Brenncylinder an das Knie gesetzt werden.
Vorher athmete derselbe fnf Minuten lang Aetherdmpfe, bis
Empfindungslosigkeit und halbe Bewutlosigkeit eintraten. Bei dem sonst
so schmerzhaften Abbrennen der Moxen zuckte er nur wenig, und als er
erwachte, wollte er kaum glauben, da die Operation schon beendet sei.
Das Gefhl whrend derselben schilderte er, da es ihm so vorgekommen
wre, als htte ihm Jemand die Zehen gedrckt. Voll Verwunderung
betrachtete er die Brandflecke auf der Haut und meinte, da er recht
leicht davon gekommen wre.

       *       *       *       *       *

Ich mu hier noch am Schlusse erwhnen, da man auch bereits
angefangen hat die Anwendung der Aetherdnste auf verschiedene Weise
zu modificiren. So rth Lebert verschiedene der Verflchtigung fhige
Arzeneistoffe mit Aetherdmpfe einathmen zu lassen, und Dupuy und
Pirogoff ihn durch Klystiere in den Krper zu bringen.




Schlussfolgerungen.


Nach dem was wir bis jetzt ber die Anwendung der Aetherdmpfe bei
chirurgischen Operationen erfahren haben, sind wir zu folgenden
Schlssen berechtigt.

Die Aetherisation ist im Stande, den hchsten Schmerz bei den grten
chirurgischen Operationen vollstndig aufzuheben.

Die Aetherisation ist daher fr den Kranken die grte Erleichterung.
Dem Arzte (mit Ausnahme bei Verrenkungen) immer eine Erschwerung.

Die Aetherisation kann aber auch Steigerung des Schmerzgefhls und
Tobsucht zur Folge haben.

Die Aetherisation ist lebensgefhrlich bei Neigung zum Schlagflu,
Blutsturz und manchen anderen Zustnden.

Uebertreibung der Aetherisation kann augenblicklichen Tod herbeifhren.

Die Blutung ist strker, als sonst bei Operationen eben so die Neigung
zu Nachblutungen.

Wunden, welche unmittelbar vereinigt werden, heilen eben so schnell.

Wunden mit Substanzverlust gewhnlich langsamer.

Das Befinden der Aetherisirten nach chirurgischen Operationen ist im
Allgemeinen minder gnstig, als bei denen welche ohne Aether operirt
worden.

Das Mittel ist eben so sehr berschtzt als verachtet worden. Rechnet
man nun alle die kleinen mit der Aetherisation verbundenen Nachtheile
bei vielen Personen zusammen, so ergiebt sich daraus eine grere
Krankheitssumme, da von Tausend Aetherisirten und Tausend
Nichttherisirten, auf jene einige Todesflle mehr als auf diese kommen.

Dennoch ist der Werth des Mittels bei schmerzhaften Operationen ein
groer, von dem bei umsichtiger Anwendung fr die leidende Menschheit
ein bedeutender Gewinn erwachsen ist, besonders wenn es mit groer
Behutsamkeit und nur bei sehr schmerzhaften Operationen angewendet wird.

Gedruckt bei _J. Petsch_.




[Hinweise zur Transkription


Der Halbtitel wurde entfernt.

Die Ligatur aus "langem s" und "s" wurde als "" dargestellt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten,
einschlielich uneinheitlicher und ungebruchlicher Schreibweisen, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite VI: "Atherisirten" gendert in "Aetherisirten"
  (Chirurgische Wahrnehmungen bei Aetherisirten)

  Seite VII: im Inhaltsverzeichnis "51" gendert in "53"
  (Verschiedene Arten des Aetherrausches      53)

  Seite VII: im Inhaltsverzeichnis "71" gendert in "70"
  (Aetherdmpfe bei den einzelnen chirurgischen Operationen      70)

  Seite VIII, im Inhaltsverzeichnis
  hinzugefgt: "Schlussfolgerungen      227"

  Seite 18: "blos" gendert in "blo"
  (berauschten sie Kranke nicht blo beim Zahnausziehen)

  Seite 23: "angewender" gendert in "angewendet"
  (von Itard und Wolf wirklich frher angewendet worden)

  Seite 34: "Aetherrrausches" gendert in "Aetherrausches"
  (nur den ersten und niedrigsten Grad des Aetherrausches)

  Seite 47: "Das" gendert in "Das"
  (Das Gefhl von Uebelkeit kann sich in dem ersten Zeitraume)

  Seite 49: "Die" gendert in "Die"
  (Die Trume der Aetherisirten, wie von Graefe bemerkt)

  Seite 59: "hei" gendert in "bei"
  (das Schmerzgefhl bei chirurgischen Operationen)

  Seite 86: "Aetherrauschs" gendert in "Aetherrausches"
  (Das Ausziehen der Zhne whrend des Aetherrausches)

  Seite 93: "wrid" gendert in "wird"
  (Erleichterung um die Hlfte verschafft wird)

  Seite 103: "Gehirn,-" gendert in "Gehirn-,"
  (Neigung zum Schlagflu, Gef-, Gehirn-, Herz- und Lungenstrungen)

  Seite 109: "Bewulosigkeit" gendert in "Bewutlosigkeit"
  (dann trat Erschlaffung und vollkommene Bewutlosigkeit ein)

  Seite 116: "Verdickt" gendert in "Verdikt"
  (so wie der Zeugenaussagen folgendes Verdikt)

  Seite 117: "Londner" gendert in "Londoner"
  (Die Londoner medizinische Zeitung stellt ber diesen Fall)

  Seite 118: "Aezte" gendert in "Aerzte"
  (der gesunde Sinn der Aerzte und Laien)

  Seite 118: "Sinnne" gendert in "Sinne"
  (Im ganz entgegengesetzten Sinne spricht sich)

  Seite 119: "das" gendert in "da"
  (Jeder wei es brigens, da neue Mittel)

  Seite 120: "Aufhehung" gendert in "Aufhebung"
  (nur in Aufhebung der Schmerzen)

  Seite 122: "Kreisenden" gendert in "Kreienden"
  (Hammer wandte bei einer 18jhrigen Kreienden)

  Seite 128: "bisjetzt" gendert in "bis jetzt"
  (bis jetzt hat er dem Aether)

  Seite 172: "Knopfnthe" gendert in "Knopfnhte"
  (durch eine Anzahl umschlungener und Knopfnhte)

  Seite 189: "Blumentpfe" gendert in "Blumentpfe."
  (und auf dem Fenster die Blumentpfe.)

  Seite 211: "den" gendert in "dem"
  (litt seit langer Zeit an Blutungen aus dem Mastdarm)

  Seite 214: "durchnitt" gendert in "durchschnitt"
  (durchschnitt beim ersten Schnitt die Haut)

  Seite 225: "Fixirung der" gendert in "Fixirung, der"
  (trotz der gehrigen Fixirung, der richtig angewendeten Krfte, und)

  Seite 225: "Tractionenen" gendert in "Tractionen"
  (und den methodisch verstrkten Tractionen)

  Seite 228: "gewhnlish" gendert in "gewhnlich"
  (Wunden mit Substanzverlust gewhnlich langsamer)]






End of the Project Gutenberg EBook of Der Aether gegen den Schmerz, by 
Johann Friedrich Dieffenbach

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER AETHER GEGEN DEN SCHMERZ ***

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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
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Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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