Project Gutenberg's L'me aux deux patries: Sieben Studien, by Annette Kolb

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Title: L'me aux deux patries: Sieben Studien

Author: Annette Kolb

Release Date: May 16, 2014 [EBook #45661]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                        L'ME AUX DEUX PATRIES

                            SIEBEN STUDIEN
                                  Von
                             ANNETTE KOLB


Das scheinbar krnkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein
scheinbar gesundes kann einen mchtig entwickelten Todeskeim in sich
bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt.

Burckhardt: Cultur der Renaissance, II. Band

                      Verlegt bei Heinrich Jaffe
                             Mnchen 1906

Von den folgenden Studien sind drei in der Neuen Rundschau,
beziehungsweise der Wiener Wochenschrift Die Zeit erschienen.

D. V.




I.


Zwei Stunden von Paris liegt zu Fen einer hohen Ruine ein altes
Stdtchen, das an einem Hgel herumklettert. Und ringsumher einsiedlerische
Wlder, sonnige Geflle, lauernde Teiche, an deren Rande dunkle Vgel mit
unheimlichen Schritten spazieren gehen; und ringsumher vertrumte,
weltentrckte Auen.

Ein sonniger Sptsommertag ging zur Neige, als mein Zug vor diesem
Stdtchen hielt, das mir allzu stille Tage zu verknden schien.

Aber in ein Milieu, in dem es ausschlielich Diplomaten, Abgeordnete,
Direktoren politischer Revuen und Vertreter groer Zeitungen zu sehen gab,
sah ich mich da pltzlich wie hineingeschneit. Mein Tischnachbar war gleich
am ersten Abend ein ganz schief gewachsener und ergrauter, aber sehr
strammer Herr, der mich brigens gnzlich ignorierte. Dabei sprach er
fortgesetzt, richtete aber seine Worte nur an den Hausherrn. Der Blick
seiner Augen, die wie zwei Sterne leuchteten, war starr wie ein
Scheibenherz. Mit grter Przision wute er eine Reihe von Themen so
eindringlich und zugleich so eilig durchzunehmen, als glte es, innerhalb
der wenigen Stunden, die er hier verbrachte, seine Gedanken fr Jahre
hinaus und auf Jahre zurck zusammenzufassen. Es war dem Uneingeweihten
nicht mglich, ihm zu folgen, oft auch nur zu erraten, wovon er sprach.

Nach dem Essen fuhr er im Salon in derselben glnzenden und gedrungenen
Weise zu berichten fort. Seine Augen sahen jetzt aus wie zwei groe
Monocles. Die Damen stickten schweigend, oder sprachen leise unter sich.
Vor dem brennenden Kamin lag ein englischer Jagdhund ausgestreckt und
seufzte vor Mdigkeit. Die Lampen warfen milde Scheine auf die
eingelassenen Louis XIII-Spiegel und die laubreichen Tapisserien der Wnde.
Durch die hohen Fenster und die schmalen wurmstichigen Tren blies der
Wind. Ich war noch auf keine Stickerei eingerichtet, sa in einer Sofaecke
und hrte den Herren zu; denn ob ich auch ihren Gesprchen nicht viel
entnehmen konnte, interessierte es mich, sie zu betrachten.

Als es 10 Uhr schlug, schnellte der graue Herr empor, empfahl sich den
Damen mit groer Korrektheit, aber auch mit denkbar grter Krze, und
gleich darauf rollte sein Wagen, der noch den letzten Zug nach Paris
erreichen sollte, in aller Eile davon.

Mich hatte diese Konversation, von der ich nichts verstehen konnte, in
groe Aufregung versetzt; und mit der Belletristik oder gar mit Werken der
schnen Beschaulichkeit war es mit einem Schlage vorbei. Ich holte sie so
wenig wie die Stickerei aus meinem Koffer hervor. Denn Zeitungsartikel,
Berichte und Telegramme waren das einzig Spannende fr mich geworden.

In dem weitlufigen Garten, der zu dem Hause gehrte, gab es eine Auswahl
von Bnken, Lauben, steinernen Nischen und Terrassen. Steil und verwildert
fiel er die sonnige Felsenwand herab, um sich wie in einem Graben
geheimnisvoll und schattig auszubreiten. Dorthin schleppte ich denn auch
mein neues Steckenpferd: die Zeitungen und politischen Abhandlungen aller
Lnder.

Man stand im Zeichen der ersten sonoren Pendelschwingungen der Entente
cordiale mit England einerseits, des rapprochements mit Italien anderseits;
sie und l'Isolement de l'Allemagne bildeten die Parole des Tages. Eines
Nachmittags, -- den Morgen hatte ich in Paris verschwrmt -- sa ich wieder
in einer versteckten Mauernische meiner Gartenwildnis und hielt die letzte
Nummer der Renaissance latine. Sie brachte den ungemein schneidigen
Entwurf einer politischen Karte Europas, mit sensationellsten
geographischen Neuerungen. Der Wunsch war darin Vater aller
Voraussetzungen, und Deutschland rckte er khn bis in die Polargegenden
hinauf, so da es mit grnlndischer Klte von allen Seiten darauf
einblies.

Ich notierte Titel und Nummer des Blattes und sah verdrielich zum
feingetnten franzsischen Himmel empor.

Ach, dachte ich, wie wenig weit du von Deutschland! -- und dachte dann
hinber zu uns, unseren Brcken und Husern, unseren Mondscheinnchten und
Wldern.

Ach wie viel tausend Meilen lagen auch sie von hier entfernt, und wie wenig
wuten sie dort von den Franzosen!

Und ich wute es wohl, hier war keine unberlegte, instinktive und
impulsive Liebhaberei, wie sie England gegenber oft bei mir im Spiele war,
sondern ich vermochte einfach nicht, die Geschicke jenes Landes mit einem
gleichgltigen oder unbeteiligten Bewutsein zu erwgen. Von franzsischen
Naturen in zu mannigfacher Weise verschieden, empfand ich die Franzosen
zugleich als meine Angehrigen, und es schnitt mir oft ins Herz, wie gut
ich sie kannte! Denn leider ist es ja noch immer keine Anmaung, wenn heute
der Deutsch-Franzose -- und umgekehrt -- sich fr den allein Befugten hlt,
die Kluft zu messen, die zwei so groe Nationen voneinander scheidet, die
unzulngliche Kenntnis voneinander, in der sie leben, wie die Sehnsucht,
die sie zueinander zieht!

Aber noch nie war mir so deutsch zumute gewesen, wie heute morgen, denn
nirgends fhlten sich meine Augen so heimisch, mein Herz so eiferschtig
wie in Paris!

Nicht die neuen Viertel hinter dem Trocadro und der Barrire de l'Etoile,
die den neuen Stadtteilen anderer Stdte so hnlich sehen, noch die neuen
Monumente, noch die grands und petits Palais, die in dem Sardanapalischen
Stil gewisser moderner Architekten wohl nur ein minus von
Geschmacklosigkeit aufweisen, sondern das Paris der Frh-Renaissance bis
zum zweiten Empire ist es, das unsere junge und werdende Kultur auf immer
distanziert.

Und doch so jung nicht, als da sie nicht schon einmal des Sterbens
Bitterkeit, die triste Mhsal gekostet htte, aus Verwstung und Schutt
zerfallene Trme wieder aufzurichten. Hoch ber den stillen Garten hin
profilierte sich da vor meinem inneren Auge, intakt in ihrem entflohenen
Leben, wie der einbalsamierte Leichnam eines Jnglings, eine deutsche Stadt
in ihrem unterbrochenen Wachstum. Ihr langentschwundener Frhling prangt an
den Marktpltzen, den Pforten und Brcken, den Erkern und Laternen. Er weht
von den Trmen und Brunnen, durch die Huser und Stuben. Er flutet in den
Kirchen und von den Glasgemlden, und in dem verwitterten Stein umrauscht
er Jungfrauengestalten mit ihrem unbeschreiblichen Gemisch deutscher
Morbidezza und deutscher Lauterkeit.

Ich sah die Marienkirche und atmete wieder ihre berckende Luft. Und vor
den Toren der Stadt jenen anderen Zeugen reinster und raffiniertester
Kunst: das Tuchersche Jagdschlo mit dem verhaltenen Lauschen seiner
Fensternischen und Tren, der holden Strenge seiner Rume, den
verschwiegenen Schwellen, der vertrumten Stiege. Denn die ganze Burg in
ihrem herben, heimlichen Reiz ist reich an Widerhall wie ein Vers von
Walther von der Vogelweide, und wir stehen inmitten ihrer Stille wie an
einer Brandung.

Aber scholl da nicht von der Burg hernieder, von Drers Hause, weithin
durch alle Gassen, Hans Sachsens eherner Ruf: Habt acht! uns druen ble
Streich? --

Mir war als knnte ich da nicht lnger das Mitgefhl verantworten, das auf
der Fahrt nach Frankreich mich ergriff, als ich von meinem Zuge aus im
Morgengrauen franzsisch aussehende Huser auf deutschem Boden sah und
unvermutet alle Trauer, die an dieser verlorenen Erde haftet, mitempfand,
von jener Flut von Trbsal eingeholt, mit ihrem universalen, geisterhaften
Anrecht: jenem geheimnisvoll, zeitlos elementaren Etwas -- der Zeit
bittersten Rest! --, den sie als unser Erbteil zurcklt! -- Ah, dachte
ich, wann wird der Tag anbrechen, an welchem zwischen Lndern, wie den
unseren, der letzte Schlachtenplan zum letzten Ritterharnisch sich als
Museumsstck gesellen wird, weil unter Nationen, wie den unseren, der
Gedanke in Stcke gerissener oder zerschossener Glieder mit der
menschlichen Wrde nicht lnger vertrglich, geschweige denn rhmlich
erschiene!

Und seufzend hatte ich da in die regnerische Dmmerung hinausgestarrt und
der dilettantischen Betrachtungen noch eine groe Menge angestellt. Sie
kosteten mich nichts! Hatte ich doch zur Zeit des Burenkrieges fanatisch zu
den Englndern gehalten, weil nach meinem Empfinden das Fesselnde, ja
Ergreifende der englischen Tapferkeit in ihrer unmilitrischen Kriegfhrung
lag, und nach meinem Empfinden das moderne und dramatische Moment dieses
Krieges darin beruhte, da hier die weitaus zivilisiertere, schnere und
fortgeschrittenere Nation sich als die strategisch ungebtere erweisen
mute. --

Allein, wie immer bei geschichtlichen Problemen, war es am Ende wieder
Bismarcks gigantische Gestalt, auf die sich meine Mutmaungen
konzentrierten. Drei Jahre, glaubte Bismarck, seien das uerste, was sich
in der Politik voraussagen liee, und: fr drei Jahre haben wir heute
vorgebaut, meinte er nach einem seiner grten diplomatischen Erfolge der
achtziger Jahre.

Und darum wissen wir heute nicht, wozu er damals sich entschlossen htte,
welchen Plan er damals entworfen und ausgemeielt, ob er dem deutschen
Volke nicht einen gleichwertigen _anderen_ Entgelt ersonnen htte, wenn er
damals schon einer deutschen Kolonialpolitik htte Rechnung tragen mssen?

Jene Worte am Abend seines Lebens haben in ihrer tiefen Nachdenklichkeit
einen so echt Bismarckischen Klang: Das westliche Glacis, das wir ihnen
nehmen muten, was sie uns nie vergessen werden.

Es ist der Gedanke an unser zuversichtliches Bewutsein alles dessen, was
er _heute_, angesichts der vielen vernderten Faktoren unternehmen, an die
Initiativen, die ein Mann wie er _heute_ ergreifen wrde, der ihn uns so
unersetzlich gro erscheinen lt. Denn der vorbildliche Geist seines
Wirkens schuf ihn zu einem so groen Lehrer der Menschheit, weit mehr noch
als seine Taten, die das Schicksal und die Zeit ereilen knnen. Und wer
tiefer in jenen Geist einzudringen suchte, wie knnte der noch zweifeln,
da ein heutiger Bismarck, gleichviel welcher Nation er angehrte, jene
groe Einigungsidee, die einst ein kompaktes Italien und ein kompaktes
Deutschland schuf, in erweitertem Sinne zu vertreten und aktuell zu
gestalten wte? Wer knnte zweifeln, da ein heutiger Bismarck, ob er
unser eigener, oder Cavours, oder Gambettas Landsmann wre, zum Vorkmpfer
eines fderierten Europas wrde?

Eins aber konnte nur Paris in seinem berlegen verfhrerischen Reiz mich
lehren, dies edle, schimmernde Paris, das herrlich sich vollenden durfte,
wie inmitten einer Welt des Friedens! Nie wieder, schien mir, konnte,
_durfte_ ich umflorten Auges, wie an jenem Morgen, Frankreichs Trauer
bebend nachempfinden und beklagen! Denn nicht um eine Minute hatten wir die
Kultur dieses Landes zurckgeworfen, das als ein unerhrter Feind der
unseren in der Geschichte steht.

Ich war emprt in meiner Mauernische aufgesprungen: und nicht lnger hielt
es mich da in dem verlassenen Garten. Der Zwiespalt, der mich bewegte, lie
mir dies Land, mein eigenes, die ganze Welt beengt erscheinen.

Unsichtbare Schatten glitten schon durch das Tageslicht und hielten die
alten Bume umschlungen. In peinigender Flchtigkeit und Se
durchschauerten sie die Luft, und die Psyche lngst vergangener Dinge
umhallte mich. Wir waren Brder! Noch stehen sie berall, die Spuren
unserer einstigen Gemeinschaft, unsere umdsterten Kathedralen, unsere
alten Minnelieder und Novellen. Und heute sind wir Nationen, die sich schon
lange insgeheim langweilen, _weil gerade in der Reife, zu der unsere
nationalsten Zge und Besonderkeiten gediehen sind, das Bewutsein unserer
Halbheit und in der Verschmelzung unserer Qualitten der Keim
vollkommenerer Typen liegt_. Denn ach, wozu sich betren? Von Herzen froh
wird man ja heute nirgends. Klglich veraltet und vermorscht sind heute
unsere tausendjhrigen Familienzwiste, als knnte ihrer Asche allein der
neue Phnix unseres Erdteils entstrahlen: nur einem greater Europe ein
greater England, greater Germany und greater France.




II.


Im Laufe jenes selben Herbstes fuhr ich mit einem der klgsten Mnner
Frankreichs von Vendme nach Paris. Schlsser und Htten, Riesenwlder,
lichte Pappelgruppen an langweiligen kleinen Flssen waren an uns
vorbergeflogen, und ich dachte zurck an den verflossenen Abend, an eine
nchtliche Fahrt nach einem wundervollen mittelalterlichen Schlo, und an
ein vollendetes, und wenn ich so sagen darf: _erhebendes_ Diner, denn
Gtter htten hier tafeln knnen, ohne sich zu schmen.

Nur die Konversation war nicht auf der entsprechenden Hhe gewesen. Die
blichen Gesprchsthemen in der Provinz: die Jagd, das Automobil und die
religisen Zustnde waren ergiebig und einmtig verhandelt worden; von dem
damals eben erfolgten Besuch des italienischen Knigspaares in Paris
gelangten dafr nur einzelne Verste beim Empfang in Versailles zu
ausfhrlicher und hhnischer Errterung, und der Rest war Schweigen. Nun
hatte ich Paris whrend der Festlichkeiten gesehen, und nach meinem
Empfinden nahm es sich ja, gerade in diesen Tagen, in der verhltnismig
etwas naiven Schmckung der Huser und Straen, am wenigsten zu seinen
Gunsten aus. Was sollen auch Fhnchen und provinziale Jubeltransparente auf
einer Place Vendme viel ausrichten? Vollends am Gala-Abend, im Lichtermeer
der illuminierten Kugel-Girlanden und Triumphbgen schien es, als zge sich
fr den Abend das stolze herrliche Paris hinter einem riesengroen
funkelnden Kasperltheater zurck.

Ich erzhlte meinem Tischnachbarn, da ich der Einfahrt des Knigs von
einem Hause der Champs Elyses aus zugesehen und mich ber die
verhltnismige Stille in der Avenue gewundert hatte. Er belehrte mich
jedoch: das Demonstrative lge nicht in der Natur der Franzosen. Ein Zufall
hatte aber gewollt, da mir noch an jenem selben Abend ein ganz anderes
Paris: das der Revolution, auf das grellste und lebhafteste veranschaulicht
wurde.

Einige Stunden nach dem Einzug hatte mich mein Weg durch eine jener
schmalen Gassen gefhrt, die das Elyse umgrenzen, und ich dachte fr den
Augenblick nicht an die Anwesenheit des italienischen Knigspaares, als ich
auf die denkbar peinlichste Weise daran erinnert wurde. -- Von einem Strom
von Menschen pltzlich fortgerissen und umringt, gab es fr mich kein
Vorwrts noch Zurck. In der Angst, zu fallen, und von dem schrecklichen
Dunst bedrngt, sah ich ratlos umher und erblickte da zu meiner
Verwunderung und Freude in nchster Nhe, friedlich an einen Baum gelehnt
-- einen unbesetzten Stuhl. Rasch darauf springend und so dem Haufen
einigermaen entzogen, wollte ich hier ruhig warten, bis er sich zerstieb.

Wer die Franzosen nicht fr demonstrativ hielt, der wurde nmlich hier
eines anderen belehrt. Weder nach rechts noch nach links sehend, schrien
sie da gerade hinaus, halb betubt, halb wie die Wilden, nach der Knigin.
Kommen sie bald? fragte ich beklommen einen wenig anziehenden beschrzten
Vertreter des strkeren Geschlechts. -- Sie sind schon vorber, gab er
mir zur Antwort.

Dies erklrte nun zwar den disponiblen Stuhl. Warum aber beharrte diese
Menge nach wie vor an der Stelle, belagerte alle Ausgnge und schrie mit
heiserer Stimme: La reine! nous voulons voir la reine! Und pltzlich, von
meinem erhhten Posten auf sie herabsehend, war mir, als erkannte ich sie
genau wieder als jenes selbe kopfscheue, schnell berschumende Volk, das
unfhig sich zu besinnen, die Kpfe so mancher harmloser, zur Unzeit
geborener Opfer zu hllischen Bildsulen erhob und in diesen Straen
wtete. Ich erkannte den furchtbarsten Pbel innerhalb der kultiviertesten
und feinsten Nation.

Allein ich htete mich wohl (aus Widerspruchsgeist), bei jenem Diner
irgendwelche zustimmende Kommentare zu liefern: sie htten allzu bereiten
Erfolg gefunden. Denn an die hundertjhrigen Hecken, die das Dornrschen
von der Auenwelt trennten, sah ich mich in diesen Schlssern gemahnt, und
weit genug war ich hier von meinen Pariser Erlebnissen getrennt. Man mu
sie gesehen haben, Frankreichs politische Mumien, im Leben oft so reizende
Menschen! Eine Dame in einem beneidenswerten Perlendiadem uerte sich, es
sei unbedingt heroisch vom Knig von Italien, ein so heruntergekommenes
Land wie Frankreich offiziell zu betreten, und fragte mich ber den Tisch
herber, ob wir im Ausland gegenwrtig die Franzosen nicht sehr von oben
herab behandelten?

War es der hohe Saal, die edlen Bilder an den Wnden, der Prunk der
strahlenden Rosen, die aus der Erde emporzublhen schienen, war es der
herrliche Rahmen dieser Tafel, der mich hinri? Denn wie ein Glockenspiel,
das einmal aufgezogen, ausklingen mu, gerieten da meine eigenen, bisher
noch kaum bestimmten Eindrcke in Schwung. Ist Ihre Verfassung als
solche, sagte ich verwundert, der Grund Ihrer Verstimmung Ihrem eigenen
Lande gegenber? Aber Ihre groe Majoritt ist doch nun einmal
republikanisch?

Die ganze erste Gesellschaft Frankreichs wrden Sie anderer Meinung
finden, gab mir die Dame zur Antwort.

Ach, seufzte ich, es gibt nur erste Menschen.

Nicht, da ich Gesellschaften nicht anerkenne, fhrte ich alsbald und
unter dem allgemeinen Schweigen etwas mhsamer aus, ich glaube jedoch an
so vieles, so verschiedenes, und an die Berechtigung so mannigfaltiger,
scheinbar entgegengesetzter Anschauungen, weil sie mir vielmehr gemacht
erscheinen, einander zu erfllen und zu ergnzen, als einander
auszuscheiden.

Hier trat nun einer der Gste, derselbe, der jetzt in der Eisenbahn hinter
seinen Zeitungen vergraben, mir gegenber sa, fr mich ein: Der hhere
Mensch kann nicht aristokratisch genug, er kann nicht demokratisch genug
sein, sagte er. England hat diese Wahrheit auch fr seine Gesellschaft
praktisch zu verwerten gewut. Worin beruht die Macht und Wrde des
englischen Adels, wenn nicht in seiner demokratischen Affiliation, und
woran ging unser Knigtum zugrunde, wenn nicht an seinem Mangel jeder
demokratischen Basis?

Es gibt noch Leute, mein Herr, unterbrach ihn ein vergrmter, frh
verabschiedeter einstiger Diplomat, welche in der franzsischen Revolution
den unglcklichsten Augenblick in der Geschichte unseres Volkes erkennen.

Doch nur, rief er, weil es vor seinem eigenen edlen Freiheitsgedanken
nicht bestand und die eigene Saat mit dem eigenen Blute so unheilvoll
trnkte! Denn whrend aus jenen Gedanken ber das ganze zivilisierte Europa
ein belebender Zug strmte, weilen in ihrer Heimat, an ihrer Quelle selbst,
unvershnt, unberzeugt, die Shnegeister der Gemordeten. Jeden Hauch
vernderter Gesichtspunkte halten sie zrnend von ihren Nachkommen ab, und
nicht das Leben, wie es sich seitdem erhob, nicht das Knigtum, wie es sich
seitdem verjngte, ein altes verstaubtes, ewig berwundenes Knigtum,
mchten diese in vergoldeten Kutschen einholen und begren!

Einen Augenblick war es still in dem glnzenden Saale wie in einem
verzauberten Schlo.

Sehen Sie sich doch die Elemente an der Spitze unserer Verfassung an!
sagte dann die Dame mit dem Perlendiadem, welche die Place de la Concorde
nie anders als Place Louis XV nannte.

Bedenken Sie den Spielraum, den wir ihnen gelassen haben, rief er.
Bedenken Sie, da es bei uns zum guten Ton gehrt, sich fr Politik nicht
zu interessieren! Indes selbst die Herrscherhuser der anderen Lnder ein
so weitgehendes Verstndnis fr die groen Strmungen an den Tag legten,
welche die Welt Frankreich verdankt, und welchen die ganze erste
Gesellschaft Frankreichs widerstrebt! Eben weil ich ihr Kontingent so hoch
einschtze, erscheint mir diese Gesellschaft in so hohem Grade
verantwortlich fr Extreme, die ich mit Ihnen beklage, und als deren
bitterster Anklger sie sich erhebt. Denn ihre Geschichte, -- und er
deutete auf die Wnde, von welchen die Ahnen des Hauses in Harnisch oder
Lockenpercken herniedersahen -- ist nicht mehr wie bisher die ihres
Landes! --

                   *       *       *       *       *

Immer schneller fuhr der Zug dahin mit seinem gleichmig gleitenden
Gerolle, das uns schweigsam macht und die Nachdenklichkeit isoliert und
erhht. Drauen lag schon Blsse ber das Land gebreitet und die Wlder
atmeten herbstliche Klagen. Blsser noch, im langen, regelmigen Viereck,
schimmerte da, wie entschlafen, ein knstlicher Teich, und weiter zurck,
fast geisterhaft, das prunkvolle Versailles mit den majesttischen
Senkungen seiner Terrassen.

An was denken Sie? fragte mich da pltzlich mein Reisegefhrte.

Wie soll ich das der Reihe nach sagen? erwiderte ich. Gedanken knnen
sehr wohl in Schwrmen auf uns eindringen und ebenso wieder verfliegen.

Aber eine Taube in der Hand, sagte er, ist besser, als viele auf dem
Dache.

Nun, ich dachte an Ihre gestrigen Theorien, und geriet dabei vom
Hundertsten ins Tausendste. Alle uerungen nmlich, welche die Geistesart,
den Charakter einer Nation am intensivsten oder am geschlossensten
kundgeben, reizen und fesseln mich zumeist, denn unwillkrlich beziehe ich
auf Deutschland, was immer im Ausland mein Interesse erregt. Allein ich
staune, wie mchtig innerhalb eines kleinen Gebietes der Nationalgeist
benachbarte, verwandte Vlker auseinanderhlt, wie verschieden er sie
bildete, und da in einer Welt, die berall so gleich, unter Menschen, die
sich berall so hnlich sind, hier der Schwerpunkt aller Differenzierungen
liegt.

Wuten Sie das nicht? sagte er.

Ich zweifle, da wir es alle zur Genge wissen. Denn diese
Differenzierungen sind gegenwrtig so weit gediehen, da drei
hervorragendste europische Nationen, die Deutschen, Franzosen und
Englnder, die, rein menschlich gesprochen, einander am vollkommensten
ergnzen, tatschlich auerstand gesetzt sind, einander in ihrer Wesenheit
wirklich zu durchdringen und psychologisch unberbrckbar fern einander
gegenberstehen!

Wollen Sie Ihre Eindrcke nicht nher bestimmen? fragte er.

Zum Beispiel, sagte ich, leugnen wir gar nicht, da es eine btise
allemande gibt. Inzwischen wurde ich nun auch mit der fine fleur der
Ihrigen bekannt. Aber Sie glauben nicht, wie weltverschieden die beiden
voneinander sind! Wieviel unbestimmter, breiter, verschwommener die unsere,
wieviel greifbarer, logischer durchgefhrt, ich mchte sagen
>abgeschliffener< die Ihre ist, welches Talent sie hat, sich zu veruern.
Les deux btises erkennen sich nicht wieder.

Daraus folgt nicht, da sich die Klugen nicht verstndigen knnten.

Aber auch da, sagte ich, ist mir eines zumeist aufgefallen: die
Schwierigkeit fr den Auslnder, sich in seiner Beurteilung der Franzosen
zurechtzufinden, beruht darin, da er den franzsischen Geist von der
franzsischen Kultur nicht gengend unterscheidet. Es fiel mir auf, wie
sehr der Formensinn in allen seinen uerungen in Kleidung, Mbel und
Gewerbe, auf allen Gebieten des ueren Lebens bis hinauf zu den bildenden
Knsten in Frankreich seine eigentliche Heimat hat. Der sichere Instinkt
des Schnen ist da von einer ra zur anderen Ihr Monopol. Angesichts
gewisser Grten, Lauben und Fassaden, gewisser Pltze in Paris, war ich von
Bewunderung fr die Franzosen hingerissen und verehrte in ihnen die Lehrer
der Welt! Aber trotz jenes groen Stilgefhls, das bei ihnen den Geschmack
zur Kunst erhob und veredelte, trotz jener Grndlichkeit und Vollendung,
jenes strengen Maes, das ihre Leistungen krnt, ist es nicht seltsam, da
auf rein ideellem Gebiete, gerade in ihrem Lande das Extreme und Malose
sich freier als anderswo entfalten durfte, whrend in dem rauhen und
vielspltigen Deutschland ein Mann wie Goethe unser Geistesleben adelte.

-- Ist es nicht seltsam, wie unser Gefhl fr Goethe mit uns wchst? Oft
vergeht doch eine lange Zeit, ohne da wir uns mit ihm beschftigen, noch
ihn lesen, und pltzlich erfat uns dann der Gedanke an ihn wieder mit
einer Macht, die uns durchschauert. --

Werden Sie mir spter auch einige Kritiken gestatten? begann da mein
Reisegefhrte. Aber Sie sehen zum Fenster hinaus. Sind Sie schon fertig
mit unseren Extremen?

Ah, sagte ich, Frankreich ist doch wie ein Garten voll Blumen, mit
Schlssern und Gtern best. Unlngst, fuhr ich zu ihm gewendet fort, sah
ich ein Schlo, in dem die Schlafzimmer genau aussahen wie Zellen. Das
einzige, was den strengen Eindruck etwas milderte, waren Bchergestelle,
die den Wnden entlang liefen, aber wohin man auch sah, waren es
ausschlielich Gebet- und Erbauungsbcher. Ich lernte dort eine Verwandte
Mussets kennen, die mir versicherte, einer solchen Verwandtschaft knne sie
sich nur von ganzem Herzen schmen! Flaubert zu lesen habe ihr Gatte ihr
zeitlebens untersagt; es htte jedoch seines Verbotes nicht bedurft, da sie
gottlob den Schlamm nicht liebe.

Aber solche Leute, rief er, gibt es doch berall!

Der Unterschied, wie gesagt, liegt nur im Grad. Ich hrte in Frankreich
Sonntagspredigten, die bei uns nicht gestattet wren. Eine junge und
reizende laisierte Klosterfrau klagte mir ihre Not mit den Dorfkindern; von
den Volksschullehrern wrden sie unterwiesen, nicht darauf acht zu geben,
was ihnen der Pfarrer von der Kanzel herab lehrte, und dieser wiederum male
der Gemeinde die Autoritten des Landes in den frchterlichsten Farben.
Tatschlich habe ich nichts betrblich Unfrommeres gesehen, als das hiesige
Bauernvolk, wenigstens in der Gegend, von der wir kommen. Dafr traf ich
unter den begterten Familien nicht einen einzigen Knaben, dessen Erziehung
unter einer anderen Obhut als der eines Abbs stand. Auch diese Sitte wre
uns zu extrem! Aber ich frchte, schlo ich, derartige Auslassungen sind
nicht der Brauch. Man sagt sich von einem Lande zum anderen in den
Zeitungen unangenehme Dinge, zu einer Aussprache aber pflegt man nicht zu
kommen. Und doch htten wir so viel voneinander zu gewinnen!

Ich finde Sie zumeist mit den deutschen Vorzgen und den franzsischen
Mngeln beschftigt.

Nein, rief ich, denn nichts regt ja, wenigstens meinem Gefhle nach,
unseren patriotischen Eifer so sehr an, als unsere Anerkennung fr die
Vorzge einer anderen, sei es einer fremden oder verwandten Nation! Solche
Empfindungen erregen in mir der unvergleichliche Formensinn, die
bewundernswerte Regsamkeit, welche Paris zu einer der schnsten
Kundgebungen menschlicher Kultur erhob und inmitten so gefahrvoller
Geschicke stets auf seiner Hhe zu erhalten wute. Und mit ebensolchen
Empfindungen bewundere ich in England den praktischen, nie ins Kleine sich
verlierenden berblick, das englische Erziehungssystem, die englische
sthetik, kurz alles, wodurch dies Volk zur glcklichsten und schnsten
Nation der Welt geworden ist.

Aber Ihr Eifer ist ja die reine Utopie! rief er. Die Vorzge der
Franzosen und Englnder sind Ihnen entzogen, weil Sie eben Deutsche sind!

Zu welchem Reichtum gerade unser Wesen sich entfalten kann, dafr brgen
unsere groen Mnner.

Immer diese groen Mnner! sagte er. Sie sind noch lange nicht die
Nation! Und Sie vergessen, da noch keine von ihren eigenen groen
Individuen so unumwundene Aussprche des Tadels erfuhr, wie die deutsche.

Weil niemand besser als diese vollendeten Typen die Tiefe und Flle
unserer Anlagen erkannte.

Aber was ntzt es? sagte er. Die Deutschen bearbeiten meist nur _eine_
Geisteskraft. Es ist Lichtenberg, wenn ich nicht irre, der ihnen dies
vorwirft. Daher gewisse Rckstnde, die sich sonst nicht erklren lieen,
und daher noch heutzutage unter Ihren gebildeten Stnden jene merkwrdigen,
provinzialen, freinander ungeniebaren, sich argwhnisch voneinander
abschlieenden, sogenannten >Kreise<, ber die wir im Ausland lcheln! Was
ntzt es, da sie denken, wenn sie die Kunst des Lebens nicht erlernen?
Durch ihre minder durchdringende, minder ausgeglichene Kultur bleiben sie
der Kritik fremder Nationen ausgesetzt.

Ein glcklicheres Ebenma, sagte ich, knnte diese Kritiker ber
schwerer zu beseitigende Mngel hinwegtuschen. Wir sind noch im Werden.
Das ist auch etwas Schnes.

Wir sind alle im Werden! rief er. Aber warum unterschtzen Sie jene
Grozgigkeit, die Ihrem gesellschaftlichen Leben fehlt?

Bei uns, sagte ich, machen sich die klugen Leute nichts aus der
Geselligkeit, weil sie ganz ihrer Arbeit leben.

Bei uns arbeiten sie ebenso. Und Sie irren: kluge Leute sind von Natur
nicht einsamer als andere. Aber sie wollen _herrschen_! Die Berechtigung
ihres Einflusses wie ihr Prestige gestehen wir ihnen in weit grerem Mae
zu; die Deutschen dagegen sind hierin viel demokratischer als wir; und dies
ist der Grund, warum ihrem Verkehr nicht selten der Zug und das Interesse
fehlt, das ihrem geistigen Niveau entsprche. Dazu kommt, da bei ihnen der
Prozentsatz zwar sicher nicht der Reisenden, aber der >Bereisten< ein so
geringer ist. Man kann ja, fuhr er fort, den Kosmopolitismus zu weit
treiben; wo aber die unentbehrliche Voraussetzung fr denselben: eine wahre
und vererbte Bildung, vorhanden ist, bildet er deren letzten Abschlu und
verleiht unter anderem den berblick und die Menschenkenntnis der
eigentlichen Leute von Welt. Bei ihnen reisen jedoch die Vermgenden wie
die Windsbraut durch ganz Italien und wieder retour, haben Italien und
nichts von der Welt gesehen, und ein anderes Mal fahren sie mit derselben
Eile nach Paris, sehen mit diebischer Freude alle Cafs chantants und
wissen viel von den Boulevards, aber nichts von den Franzosen!

Und Sie sind der Mann, rief ich, der mir vorhin meinen utopischen Eifer
vorwarf, als ich sagte, wir htten soviel voneinander zu lernen! Wer denkt
nun logischer von uns beiden?

Sie vergessen nur zu leicht, sagte er lachend, da es auch politische
Gesichtspunkte gibt.

Was andere besser verstehen, sagte ich, berlasse ich ihnen lieber ganz
und finde es anregender, die Dinge von einer anderen Seite aus, die mir
mehr bersicht gewhren kann, zu betrachten. Voneinander getrennt stellen
sich mir da, wie die Begriffe, von welchen Sie gestern sprachen, so auch
die hervorragendsten Nationen in ihrem Gesamtbild als mangelhaft dar. Ich
bin fr psychologische Eroberungen, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht
in hundert Jahren recht haben sollte. Aber hier sind wir ja, rief ich mit
einem Gefhl groer, pltzlicher Lebensfreude, in Ihrem schnen Paris!

Langsam rollte der Zug in die groe Halle der Gare St. Lazare.




III.


Alte Leute schtteln die Kpfe ber unsere Ruhelosigkeit, weil wir mit
unseren immer beschleunigteren Schnellzgen nicht zufriedener sind, als
unsere Vter zur Zeit der Stellwagen. Aber zu unserer Ehre sei's gesagt:
wir sind um so ruheloser und unzufriedener, je weniger wir die
Zufriedenheit, je mehr wir den Fortschritt erstreben! Ein steigernder
Drang, eine Hast und Ungeduld, wachsenden Flgeln vergleichbar, ist heute
in uns rege: wir durchschneiden die Luft, durchfahren unterirdisch groe
Stdte mit Windeseile, und grte Schnelligkeit der Bewegung ist uns zur
entsprechendsten uerung, ja zur Notwendigkeit geworden, wie der Schatten
des Glcks, nach dem wir jagen. Eine solche Generation bringen heimelige
Postkutschen zur Verzweiflung, und selbst das Geticke der alten Wanduhren
vertrgt sie nicht mehr! Sie bringt viel Unrecht und viel Unsinn zutage,
aber sie ist im Grunde nicht schlimmer, sie ist besser als eine andere,
denn sie ist so mde und berreizt zugleich, weil ihr der Frhling in den
Gliedern sitzt.

Zwar stehen uns noch zu viel trbe, regnerische Tage bevor, als da wir
merken knnten, da sie lnger werden. Aber wenn es strmischere Zeiten
gegeben hat, als die unsere, so war kaum eine, in der so viel neue, noch
unausgesprochene Gedanken zu reifen, Gegenstze sich zu vershnen, alte
Vorurteile zu zerfallen strebten.

Krzlich ging ich an einem Nachmittag die kurze Strecke von der Rue de la
Paix zur Place Vendme: den weltberhmten Modelden entstiegen elegante
Frauen mit blassen Zgen und groen sicheren Augen. Die reiche, fast edel
zu nennende Vollendung ihrer ganzen uerlichen Haltung lieh ihnen einen
Abglanz von Schnheit und berlegenheit. Sie harrten einen Augenblick, bis
ihr Wagen aus dem Gedrnge vorfuhr, und neugierig betrachtete ich ihre
stolz zerstreuten, unbefangenen Blicke. Nichts ist ja psychologisch tiefer
begrndet, als jenes Gefhl unendlicher Differenzierung, unendlichen
Entrcktseins von der Not des Lebens und die satten, fast melancholisch
strengen Mienen der Besitzenden.

In jenen Pariser Straen geht es sich so leicht! Was das Auge dort
fortwhrend fesselt, trgt den Schritt so schnell, gedankenvoll dahin!
Geschmeide blitzten mir entgegen, groe trumerische Perlen, ein kstlich
strahlender Halsschmuck aus Smaragden, smaragdne Ringe und viele zrtlich
funkelnde Smaragde.

Allein zrtlicher noch und schimmernder: ein Triumph fr die ersten
Krschner und Putzmacher der Welt, war da der Anblick einer schnen
Englnderin mit einem samtnen Gesicht wie eine Primel. Kaum war sie aus dem
Laden ins Freie getreten, als ein Automobil um die Ecke raste und einer der
bekanntesten jungen Mnner von Paris: morbid und unverschmt, den Hut vom
Winde etwas zurckgeschoben, aber herrlich und frei wie ein Marmorbild, ihr
entgegenfuhr.

Es geht sich heute so schn, sagte da pltzlich dicht neben mir ein
Pariser Freund, haben Sie Zeit?

Aber bleiben wir in diesen Straen, sagte ich; man wird da von dem Leben
ringsumher wie von Wellen so herrlich fortgerissen und berflutet.

Zwar hrte man vor dem Getse und Gebrause ringsumher seine eignen Worte
nicht; dann zerstreuten die Schaufenster, hier ein Pelzumhang --
unnachahmliche Mntel, in die man im Vorbergehen sich hineindachte; dann
wieder unter den vorbereilenden Wagen so manches glnzende, bewegte Bild.
Ach, seufzte ich, mir ist hier oft, als mte mein Herz brechen vor
Sehnsucht nach Geld!

Nach Geld? rief er erstaunt.

Ja, sagte ich, ich konstatiere an mir selbst eine immer wachsende
Leidenschaft fr die Gter dieser Erde, und wie sehr sich unsere
Anforderungen an das Leben mit unseren geistigen Fhigkeiten steigern!

Diese lehren uns vielmehr, das Glck in uns zu suchen.

Sie scherzen, rief ich. Alles was mich hier umgibt, lehrten sie mich
ersehnen.

Aber hier erlitt unser Gesprch von neuem eine Unterbrechung; denn langsam
kamen uns zwei hinreiende Gestalten entgegen: es war die Dame mit dem
eleganten Primelgesicht, an der Seite ihres Begleiters. Gttliche Schultern
trugen ihr leichtsinniges Haupt und zauberhafte Haare verklrten es. Es lag
etwas halb Zrtliches, halb Spttisches in ihrer Anmut; zugleich etwas
Siegreiches, ja Unnahbares in ihrer Sorglosigkeit, in ihrer Flchtigkeit
selbst. Und es war, als zge sich, wie um die Mondessichel, ein hellerer
Schimmer um die beiden, ein Schein, der sie der Not fehlgeschlagener
Hoffnungen, vergeblicher Wnsche entrckte.

Folgen wir ihnen! schlug ich vor, auch als sie gleich darauf im Ritz
verschwanden. Es war Teezeit. Wir betraten das schne Hotel, dessen Art
sich in der Welt wohl schwerlich bertreffen liee. Die Galerie, in welcher
der Tee genommen wird, der -- wie allerorts in Paris -- verhltnismig zu
wnschen brig lt, glich um diese Stunde einem Turnierplatz
geschmackvollster und zugleich khnster Hte. Man sah die
diszipliniertesten Taillen und die kunstvollsten Teints. Allein weit
entfernt, frivol zu sein, war nach meinem Empfinden der uere Eindruck
dieser mglichst hergerichteten Pariserinnen der eines sehr grndlichen
und strengen, hchst erstrebenswerten Formensinns. brigens waren sie nicht
in der Mehrzahl vertreten, sondern alle Sprachen schwirrten hier
durcheinander. Auch unenthusiastische Jnglinge mit fallenden Schultern
hatten sich eingefunden, und stattliche Damen, deren Mundbildung von weitem
den amerikanischen Akzent verriet, mit Physiognomien von faszinierender
Gewhnlichkeit.

Ich hatte die Eckpltze links am Eingang gewhlt, die zugleich einen
Ausblick auf die Treppe gewhrten, denn die Menschen, die dort
vorberkamen, waren als Millionrtypen vielleicht noch charakteristischer.
Ein blasser, schwarzer Herr, mit breiten Schultern, stumpfen Augen und
einem lautlosen Tritt, sah aus wie der Mammon selbst. Die Marchione von
A*, eine sehr schn gewesene Dame, mit fliegendem Schleier, fliegendem
Mantel und einem fliegenden blauen Blick, hielt eine Weile unter der Tre
stand, sah mit theatralischer Insolenz um sich her und verschwand. In
unserer Nhe lie eine sterreicherin, die Frau eines durchreisenden
Diplomaten, immer lauter ihren deutsch-franzsischen Jargon vernehmen.
Sicher fiel die ihrem Manne durch zu groe politische Wibegierde niemals
lstig! vielmehr war sie von jenem rein gesellschaftlichen Prestige einer
Diplomatenstellung wie ihn die Scribeschen Lustspiele feiern, wie Bismarck
ihn verhhnt, noch gnzlich erfllt. Weder jung noch schn, aber von
ansehnlicher Gre, mit ihren groen, konventionellen Zgen, ihrer
kunstvollen Frisur und ihrem erbsenfarbenen Gewand sah sie aus wie der
Genius des Journal du High Life. Mit groben aber wohlgepflegten Hnden
schwang sie unaufhrlich ein Lorgnon. Es war ihr Degen, ihr Symbol. Denn
auch die Welt in Zeit und Raum sah sie durch ein solch abgrenzendes Glas,
das fr sie nur die Welt des Salons auffing und spiegelte.

Rom ist delicios, hrten wir sie sagen -- c'est autre chose que la
Sude! Ganz die groe Welt! -- In der Saison komme ich einfach nicht zu
Atem; die Unmasse von Engagements, djeuners, dners und die vielen jours
. . . sie suchte dies in bedauerndem Tone vorzubringen, aber es gelang ihr
nicht. Dabei hatte sie durch ihr Lorgnon jemanden von der groen Welt
erblickt, der auf sie lossteuerte: Sie hier, cher Comte?

Es war alles so ergtzlich! Der Pariser Freund und ich, wir sahen einander
lchelnd an: Ihre zwei Gttergestalten scheinen sich in die oberen
Stockwerke verloren zu haben, bemerkte er. Inde kam die Marchioness von
A* mit Bekannten wieder. Sie kam in Begleitung einer auerordentlich
reizvollen, melancholischen Dame, einem hypereleganten, unwahrscheinlich
schnen Mdchen, und einem nicht mehr jungen Mann von wortkargem und
gebieterischem Wesen. Was Lebensstellung und Gewohnheiten anbelangte,
gehrte er zweifellos zu den Groen dieser Erde. Sein groes weies Gesicht
trug zugleich den Stempel der Oberflchlichkeit und einer gewissen
Leidenschaft. Aus seinem stahlgrauen, etwas starren Blick sprach nicht etwa
eine sehr machtvolle oder reiche Individualitt, aber deren ungehemmte und
machtvolle Entfaltung.

Pltzlich war alle meine Munterkeit dahin: den Tee, von dem ich mir noch
eben eine Tasse eingeschenkt, schob ich mit Widerwillen von mir. Bisher,
wie im Schauspiel, meinem eigenen Bewutsein gnzlich entfallen, war ich
mir pltzlich meiner selbst aufs heftigste bewut! --

Keine Palste mit unschtzbaren Tapisserien und alten Bildern, keine
Reichtmer und keinerlei Macht war mein eigen! ber das blaue Meer hin,
nach Indien oder Griechenland, wo gerade die Erde am schnsten blhte, nach
London, unter Menschen, deren Pracht gerade am lachendsten sich entfaltete,
wohin er nur wollte, setzte der Mann dort herrschend seinen Fu. -- Kein
Ersatz, dachte ich, ist dem Menschen beschieden! Nicht die eine Sache zum
Trost, weil ihm die andere verwehrt ist. Nie darf er den Kelch verhater,
tdlicher Entsagung von sich schleudern!

Wir standen wieder im Freien, diesmal den Tuilerien zugekehrt. Grau und
vornehm ragte die Sule von Vendme, aber nicht lnger zog es mich hin zu
den Herrlichkeiten der Rue de la Paix.

Ich begreife Sie nicht, sagte der Pariser Freund, ist es denn mglich,
da Ihnen solche Leute imponieren!

Ich nehme sie ja nicht persnlich, sagte ich. Aber die Ermglichung
einer sehr raffinierten Existenz imponiert mir allerdings: I believe in
surroundings! Wenn ein kunstvoller Rahmen ein wertloses Bild nicht zu heben
vermag, so wird eine schlechte Holzleiste die Wirkung eines Kunstwerkes
sehr wohl beeintrchtigen knnen. Und weil sich um die gewhnlichsten
Menschen oft die herrlichsten Rahmen ziehen, so brauchen wir deshalb den
Wert dieser letzteren nicht zu verkennen. Das Leben ist zu schn geworden!

Was wollen Sie damit sagen?

Hier galt es jedoch, schweigend und mit Bedacht, von Automobilen wie von
feindlichen Kanonen umsaust, die Rue de Rivoli an der Mndung der Rue
Castiglione zu berschreiten.

Nach dem Gewoge der Straen schienen die Tuilerien so weit und still.
Schweigend gingen wir eine Zeitlang weiter.

Und morgen geht's dahin! seufzte ich. Mnchen wird Ihnen jetzt zu still
erscheinen?

Nicht das Zurckkehren, das Nichtfortknnen von einem Ort fllt uns heute
so schwer. Und im stillen durchbebte mich schon im voraus die Sehnsucht,
die mich in der Ferne ergreifen wrde, an den Ort zurckzukehren, an dem
ich jetzt stand. Alles lag in jenen entzckend feinen, mattsilbernen Tnen
der zrtlichen Pariser Luft, die so leicht und optimistisch schimmert und
selbst den kahlen Bumen ihre Dsterkeit benimmt. In hoher kalter Grazie
dem grauen Louvre zugewandt, stand eine nackte steinerne Nymphe.

Mit Statuen aber geht es uns hufig wie mit der Musik: was im Museum wohl
zurckstnde, im Konzertsaal uns kritisch liee, kann unter freiem Himmel
hinreien und rhren. Unwillkrlich waren wir stehen geblieben.

Wie der menschliche Krper durch die griechische Kunst, so hat sich
seitdem das menschliche Leben selbst zu einem Ideal gestaltet.

Zum mindesten ein vorgreifender Glaube, meinte er.

Wie jeder Glaube, sagte ich.




IV.


So machen wir auf Reisen unsere schnurrigsten Erfahrungen. Gilt es jedoch
die Ansichten vorzubringen, die sich da ganz von selbst fr uns ergeben, so
dnken sie uns gar zu einleuchtend und elementar, um noch erwhnt zu
werden. Aber das langweiligste ist, da wir mit solchen Ansichten, obwohl
sie lngst unausgesprochen da sind, immer noch als Vorlufer erscheinen,
und da es immer noch keine Gemeinpltze sind; denn sie stehen noch immer
nicht in den Zeitungen, diesen Feldern des berdrusses, diesen mit wenigen
Ausnahmen so trg geschftigen Wiederkuern zu oft gesagter oder
berwundener Dinge!

Oft sind es aber ganz kleine Dinge, die uns mit der Artung einer Nation
unversehens in Berhrung bringen, wie ein pltzlicher Augenaufschlag, oder
der Schatten eines Lchelns uns pltzlich neue Einblicke in das Wesen eines
Menschen gewhren kann.

Zwei Pariser Episoden bleiben mir deshalb stets lebhaft in der Erinnerung.

Eines Nachmittags ging ich den Quai d'Orsay entlang und einem matten
winterlichen Sonnenuntergang entgegen.

Ich hielt einen Strau der wundervollsten Blumen. Besonders prangte da eine
ganz erstaunliche Rose, mit der man immer wieder sich befassen mute. Sonst
war ich eigentlich eher verstimmt. Ich kam gerade von einem djeuner, das
mir zwar, so lange es dauerte, sehr animiert und glnzend schien, bis ich
nachtrglich merkte, da es mich gelangweilt, da all die unntzen Dinge,
die ich vernommen oder selbst gesagt, ja selbst all die schnen saillies
und mots d'esprits mich zuletzt verdrossen hatten. Gott, und mein Nachbar
erst, wie sich der verpuffte! Es glitzerte und flickerte, jedoch das
Wsserlein war seicht, und war kein Fischlein darin.

Vielleicht ist die Gemtlichkeit dasjenige, was wir bei den Franzosen, ob
hoch oder niedrig, am ftesten vermissen. Und sie ist es, welche der
mdiocrit allemande vor der mdiocrit franaise, den kleinen Leuten vor
den petites gens den groen Vorzug verleiht. Bei den Franzosen hingegen
schlgt sich das Interessante ganz auf seiten der Individuen und gedeiht
sozusagen auf Kosten der Masse.

Ich steuerte inde dem Quartier de la Madeleine zu und verfehlte dort wie
gewhnlich meinen Weg. Der Zeitpunkt, den ich fr eine Verabredung in der
Rue Montalivet getroffen hatte, war lngst vorber, und immer irrte und
eilte ich noch durch ein ganzes Strickwerk kleiner Gassen, als ein Mann,
der seinem ruigen Aussehen nach Lokomotivfhrer oder Tunnelarbeiter sein
mochte, pltzlich wie aus dem Erdboden vor mir stand. Indem ich nun im
Sturmschritt an ihm vorberging, sah ich ihn stutzen, und mit einem leisen,
halbunterdrckten Ausruf des Entzckens auf meine Blumen starren. Einem
Impulse folgend hatte ich da auch schon die Wunderrose, die mir nicht
gehrte, hervorgezogen, wandte mich im Gehen schnell noch einmal um, warf
sie ihm in einem Bogen zu und eilte weiter. Auch wre mir der kleine und so
flchtige Vorgang kaum im Gedchtnis haften geblieben, htte er da nicht
etwas wie ein Freudenlichtlein in mir angesteckt. Denn es htte kein Mann
von Welt, kein Frst den Sinn dieser zugeworfenen Rose mit bereiterem Takte
erfassen, noch mir zarter dafr danken knnen, als dieser zerlumpte junge
Mensch in seinem Kittel; und ich werde ihn nie vergessen, niemals, den edel
aufleuchtenden, emporgerichteten Blick, als er die Rose auffing.

Das speziell Franzsische dieser Szene beruhte in der Unmittelbarkeit, mit
welcher hier eine ganze Reihe von Nuancen blitzschnell und regenbogenartig
sich ergaben.

Ein paar Tage darauf ging ich abends wieder die Rue St. Honor hinauf,
wieder auf dem Weg zur Rue Montalivet, und war noch viel mder und
verstimmter als das erste Mal. Denn ich hatte in Paris kein Glck, und
konnte mich doch nicht davon losreien. Statt da aber auf franzsischem
Boden die franzsische Seite meines Wesens in Schwung gert, geht es mir
gerade umgekehrt; unter Franzosen wird mir so deutsch zumute; Deutschland
klingt und rauscht in Frankreich durch mein Herz; wie in ein Wetterhuschen
zieht sich Marianne tief zurck, und einsam wie eine Schildwache rckt
Michel vor.

Wie ferne, dachte ich, sind die Franzosen selbst mir, der ich schon
mittewegs zu ihnen stehe! Und im Lichte unserer immer beschleunigenden
Verkehrsmittel wollte mir die gute alte Zeit, je weiter sie zurcklag, nur
um so schlimmer, und jede, die verflossen, als abgetan erscheinen; denn
Lloyddampfer, Blitzzge und Automobile waren im letzten Grunde
Friedensmaschinen, whrend die idyllischen Postkutschen, in ihrer
Unfhigkeit einen Kontakt zwischen den Lndern aufrecht zu erhalten,
Nationen und Staaten eines Stammes bis zur Unkenntlichkeit sich entfremden
lieen!

Tief in Gedanken ging ich also meines Wegs, und merkte nicht, da die
Straen immer leerer wurden. Mit seiner Dinerstunde nmlich lt der
Pariser, ob Kapitalist oder Concierge, nicht gerne spaen, und zwischen
acht und neun Uhr ist Paris am stillsten. -- Zu meinem tiefen Schrecken sah
ich jetzt pltzlich meinen Weg durch einen Arm, den unter der Tre eines
finsteren Hauses ein Mann vor mir ausstreckte, gesperrt. Donnez-moi de
l'argent! sagte er auffahrend, ou achetez-moi du pain, parce que j'ai
faim. Er hielt sich im Dunkeln und ich unterschied nur seine Gre und den
gerade ausgestreckten Arm. Ohne eine Miene zu verziehen, als htte ich ihn
nicht vernommen, als sei ich eine wandelnde Uhr und mein Gang nur ein
Pendelwerk, ging ich an ihm vorber. Aber an der Bewegung meines rechten
Armes konnte der Mann, wenn er mir nachkam, sehen, da ich in die Tasche
griff. Immer im selben Takte weitergehend, fingerte ich mit der rechten
Hand, was ich an kleiner Mnze spren oder greifen konnte, hervor, und an
der Ecke der Rue de l'Elyse, drehte ich mich um. Der Mann war mir in
einiger Entfernung mitten auf der Strae gefolgt, blieb nun auch stehen und
wartete. Aber etwas Furchtbares und Verzweifeltes in der Haltung dieses
Menschen veranlate mich, ihm in meinem besten Salonschritt nher zu
treten, und es vollzog sich auf einmal etwas, wie eine szenische Wandlung.
Denn nicht wie einem Bettler und nicht wie in einer feuchten, glitschigen
Strae, im drftigen Laternenschein, sondern wie auf Teppichen und unter
Kronleuchtern schritt ich auf ihn zu, und hndigte ihm die elenden Sous wie
einen Brckenzoll mit einer vagen Geste ein. Der Mann machte rasch Kehrt,
und ich verfiel wieder in meine vorige Gangweise, als htte nichts ihr
Tempo unterbrochen. Pltzlich aber, wie von einem Schlage, verdunkelte sich
mein Blick. Denn ich wurde mir bewut, wie sehr diese Begegnung durch den
Stempel des Stolzes, den jener Unglckliche seinem klglichen Gestndnis
verlieh, mich entzckte und begeisterte!

Und Michel trat zurck und lie Mariannen vortreten. Herrliche Kinder!
dachte ich, diese Franzosen. Aus ihren Herzen brach er hervor, jener
Gedanke tiefinnerster, reinmenschlicher Gleichheit, ber dessen Adel uns
nichts hinwegtuschen darf.

Aber Kinder hatte ich sie genannt! Und wten sie es doch endlich ber dem
Rheine drben, in welchem Sinne die Franzosen Kinder sind. Oder sind die
Deutschen, die keine Kinder sind, zu naiv, um es zu lernen? Denn hier liegt
der wahre Grund zu all den kontinuierlichen und unerfreulichen Gegenstzen,
die einer wahren inneren Annherung der beiden Nationen, und wenn sie
beiderseits noch so sehnlich empfunden wre, immer wieder im Wege liegt!

In einem Zeitalter, wie dem unseren, in unserem so klein gewordenen Europa
wei sich der Franzose das deutsche Gemt noch immer nicht zurechtzulegen,
der Deutsche den Franzosen noch immer nicht zu behandeln! Denn fr die
Mobilitt, die Akuitt -- ich mu bezeichnenderweise lauter Fremdwrter
gebrauchen! -- der franzsischen Empfindungsweise, zeigt der Deutsche wenig
Sinn. Der Franzose, der auf Nuancen eingerichtet ist, harrt inde
vergebens, da der andere, dem sie ganz entgangen sind, darauf eingeht, und
fhlt sich von ihm verletzt. Der andere borgt sich dafr bei ihm das Wort:
sensibel, denn mit der sensibilit, dieser Monnaie courante des Gemts,
fhrt er nicht Haus.

Kurz: fr ihr _Gefhlsleben_ finden die beiden Vlker nicht den adquaten
Austausch. Denn wahrlich, nicht der _Geist_ der zwei Nationen ist es, der
sie auseinanderhlt! Der Idealismus, der geistige Ausblick des Deutschen
ist vielmehr sein mchtigster Anziehungspunkt fr den Franzosen. Frankreich
hat sich mit Begeisterung deutscher Musik, mit Sehnsucht dem Einflu
Goethes zugewandt. Denn diese wankelmtigen Leute, sie stehen vor sich
selbst und vor aller Welt als die Nation gnreuse. Und in der Anerkennung
unserer eigenen Vorzge legten sie ein Verstndnis und eine rckhaltslose
und geniale Groherzigkeit zutage, vor der lnger zurckzustehen uns weder
zum Lobe noch zum Nutzen gereichen knnte.

Hren wir einen so leidenschaftlichen Sohn seines Landes wie Maurice
Barrs, mit welch unendlich zarten und tiefen Worten er seine Betrachtungen
ber Goethes Iphigenie beschliet.

Peut-tre n'est il pas permis, -- permis, ce mot si vague rend seul ma
peur un peu mystrieuse, -- que nous produisions au dehors nos penses les
plus intimes; peut-tre devons-nous protger, voiler nos rserves, de
crainte qu'une source, dont nous avons cart les branches, ne se dessche
au soleil. Mais je dois reconnatre mes obligations. La destine qui oppose
mon pays  l'Allemagne, n'a pourtant pas permis, que je demeurasse
insensible  l'horizon d'outre-Rhin: J'aime la Grecque Germanise.

Fand jemals eine Huldigung, in ihrer scheuen Zurckhaltung, einen so
wundervollen Ausdruck? Ich kenne mir nichts Edleres als jenes Gestndnis,
das sich einem so franzsischen Herzen entrang: _J'aime la Grecque
Germanise_.

Aber Deutschland und Frankreich scheinen mir oft dahinzuleben, wie ein sehr
mnnlicher Mann neben einer sehr feinen Frau, die _ihn_ schon durchschaute,
die _er_ noch nicht verstand. Gerade diesem Manne aber hat der Mangel an
bung und Verausgabungstalent seines Empfindungsvermgens manchen Nachteil
gebracht, und manch unfreundliche Reflexe zugezogen. Wenn ihm aber der
Neid, wenn seiner Sprache das Monopol des Wortes schadenfroh zum
Hauptvorwurfe werden konnte, so hat er dafr ein Wort, das im Widerspruch
zu jenem anderen steht und es an Kraft weit berbietet, das Wort, das in
keiner Sprache seinesgleichen findet und einen Zug, der viel deutscher noch
ist, als sein Neid, und das ist: seine Treue. Treu aber sind die Deutschen
sich selbst, nur indem sie streben.

Zwar ist von vielen Seiten behauptet worden, seit ihrem groen Siege seien
sie in ihren sympathischen Eigenschaften weniger gefrdert worden, als im
Verhltnis die Franzosen seit ihrer groen Niederlage. Nichts scheint mir
zweckloser, als darber Worte zu verlieren, denn Glck wie Unglck liegen
hinter uns. Jede Nation hat heute die Tafeln ihrer Siege und ihrer
Niederlagen, und der Ha ist zwischen ihnen etwas Knstliches geworden. Die
Schwelle eines neuen Zeitalters ist schon berschritten, und eine neue
Stunde hat fr uns geschlagen. Fluch trfe das stumpfe Auge und die
verbrecherische Hand, die den Zeiger wieder zurckstellte.




V.


Ein sommerlicher Sonnenuntergang in Mnchen lebte heute in meiner
Erinnerung auf. Von der Terrasse zur Friedenssule hatte ich auf die Isar
herabgesehen, die unter dem verklrten Gewlk so leuchtend und blau
dahinflo, so deutsch mit dem vertrumten Gebsch ihrer weiten Sandbnke,
und zugleich so sagenhaft schn in ihrer ewigen Frische, als eile sie nach
dem Meere, Galateens Muschelboot zu umspielen.

Und Mnchen erschien mir da wie eine jener herrlichen mittelalterlichen
Schlaguhren, mit ihrem kunstvollen Aufbau von Sulen, Gehusen und
Vertiefungen. Zeiger und Figuren treten immer in gleicher Schnheit,
gleicher Bedeutsamkeit hervor, und das Zifferblatt ist von erlesener
Pracht. Aber etwas in den goldenen Speichen der Rder ist zertrmmert oder
gehemmt, und die Zeit verhallt hier in zu tiefen, zu lauschenden Klngen.
Und dieses Echo, diese Beschaulichkeit ist es, die wir nicht immer
ertragen, denn gerade das Unvernderliche und Unverbrchliche in uns
erheischt ein schnelleres Tempo unseres ueren Lebens.

Aber wie uns in dem trben, und zugleich schon grellen Lichte
sptwinterlicher Tage Bilder des Sdens bewegen, so umwehten mich jetzt,
inmitten der weiten Regungslosigkeit und Leere, die Bilder bewegterer
Stdte. Von den lauen Winden zu mir herbergetragen, durchschauerte mich
das silberne Paris, und lchelnd wie eine verschleierte Schne, die Place
de la Concorde. Ein anderer Sonnenuntergang flammte da auf, und berflutete
die weiten Champs Elyses, den surrenden Wagenstrom mit seinem gedmpften,
prunkenden Gerausch, und all die strahlenden oder trgerischen, oder
schnden Silhouetten des Glcks, die er vorbeitrgt. Was immer sie qulen
mag, stets sind es Schattenbilder selbstverstndlichen Genusses, die sie
uns malen. Wie die weithin leuchtende Front der zwei Palste am Eingang der
Rue Royale, so trgt hier die _Fassade_ des Lebens den Stempel jenes Maes
und jener Disziplin, die wahren Formensinn kennzeichnet. Wenn andernorts
Leichtsinn und Ungefhr an uerlichkeiten haften, so ist es hier das Auge,
das zumeist sich heimisch fhlt und inmitten der Verwirrung ganz vermag
sich auszuleben.

Allein hier ri mich das brutale Gellen einer Trambahnglocke aus der Ferne
in die Wirklichkeit zurck. Mit furchtbarem Gepolter lrmte der umfngliche
Kasten einher, und eine Dame im Reformkleid wandelte mir entgegen. Hei und
de dehnten sich die Huserreihen wieder vor mir hin, und jede Strae fand
von neuem Mue, mit ihrer Physiognomie, ihrer Atmosphre mich zu bedrngen.
Denn ach! inmitten der seelischen Abgeschiedenheit, die Mnchen an
Wintermorgen wie an Juliabenden oft bis an den Rand wie einen
Schmerzensbecher fllt, war mir, als ob der Strom des Lebens sich hier zu
einem See besnftigte, sich weitete, und als ahne er hier nichts von seinen
reienden Stellen, deren Hast und Getse allen Schmerz der Besinnung so
weit berrauscht!

Und wie ein Riese schien da die Sehnsucht den Weg mir zu vertreten und mich
zu wrgen, als mte sie aus meinen Augen hervorbrechen beim Anblick der
hoch dahinziehenden Vgel: zur englischen Kste trugen sie meinen Geist im
Fluge hin, und die Lust zu wandern kam wieder ber mich.

Ich gedachte der Woche, die ich in London einsam verschwelgte, und zu
welcher Lust sich mein Alleinsein steigerte, angesichts der Gestalten, die
uns, lebenden Statuen gleich, zu Hunderten dort begegnen. In welcher
Stimmung ich da eines Nachts aus dem Theater fuhr, und wie mich fror in der
warmen Sommernacht, weil angesichts so vieler, vollendet schner
Erscheinungen, derselbe Gedanke wie angesichts der Elgin Marbles mich
bewegte: welch edles Ding ist doch der Mensch. Wie mde und erregt zugleich
ich dann das leere Haus betrat, in dem ich wohnte und wie ich da mit
geschlossenen Augen und verschrnkten Armen noch lange unten verweilte,
ganz in London versunken; von dem Sausen und Brausen des unendlichen, nie
lrmenden London berauscht. Ja wie ich mitten in der Nacht entzckt
erwachte, die stolzen Bilder zu atmen, die London entstrmten. Zwar
schwebte mir gerade in Frankreich, gerade in England -- Deutschlands
geistiges Bild so gerne vor Augen! So tags zuvor bei englischen Freunden
auf dem Lande, als ich in der groen Halle mit mir allein zurckblieb, weil
mir schien, als wte ich in letzter Zeit, durch neue Eindrcke und die
Meinungen und Ansichten anderer von allen Seiten abgelenkt, oft nicht mehr,
was ich selber dachte.

Nun aber flutete das Licht des alabastermilden englischen Himmels so
beschaulich durch die weitgeffneten Tore, und die Bume vor dem Eingang
breiteten wie schtzend ihre gewaltige Ruhe ber diese Erde, diesen Rasen,
und ber das unaufhrlich holde Gurren und Geflatter der Turteltauben!

Aber wie hoch in der stillen Luft das Laub der Bume erst leis erzitterte,
und dann in Aufruhr blieb, so wurden meine erst leis sich schwingenden
Gedanken von allen Himmelsrichtungen aufgescheucht, bis sie im Sturme hin
und wieder fortgetragen, wie Bltter mein Bewutsein umwirbelten. Ich
konnte sie nicht erhaschen, die eigene Verwirrung, den eigenen Zwiespalt
nicht begreifen, noch jenes tiefe Echo heimatlicher Erde, das deutschem
Geiste aus angelschsischem Boden entgegenhallt; als wrden jene Worte
wieder zu ihm hingetragen, mit welchen Shakespeares verbannte Knige dies
Land betraten:

   Ich gre mit der Hand dich, teure Erde,
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   So weinend, lchelnd, gr ich dich, mein Land
   Und schmeichle dir mit kniglichen Hnden.

Aber Shakespeare selbst, der in seiner ausgeprgt englischen Eigenart uns
so nahe stand, wie glich er diesem Boden, auf welchem geschlossenste
uerungen unserer Rasse, so heimisch und fremd zugleich, uns
entgegentreten!

An diesem Faden weiterspinnend, war es dann ein anderer wichtiger Punkt,
der zumeist mich fesselte. Die Identitt unserer geistigen Stellungnahme zu
den Griechen: Walter Pater, in seiner Auffassung und Fhlung zur Antike mit
unseren Rhode und Burckhardt, als eines Geistes Kind.

Von unseren inneren Analogien aber versank ich staunend in die Betrachtung
unserer uerlich so starken Verschiedenheiten. -- Allein von allen Dingen
sah und erfate ich da nur ihr Suchen, Flieen, Streben nach einem gleichen
Ziele. Und nichts, was die Vorzge der Englnder, Deutschen und Franzosen
lnger auseinanderhielt und voneinander abschlo, wollte mir da noch den
Eindruck von etwas Verheiungsvollem, noch Ganzem, noch Befriedigendem
gewhren.

Mein Alleinsein wurde inde von einem der Gste unterbrochen, einem
gewichtigen Parlamentarier und Anhnger Chamberlains, der in die Halle
trat. Zwar war gerade er es, dessen politisches Credo: We are the first
nation aus allen seinen Beweisfhrungen mit unfehlbarer Sicherheit
hervorging.

What are you doing? sagte er.

I was thinking against protectionism sagte ich. Und da er mich verwundert
ansah: Because we have so many things to agree on and to exchange! Und da
er mich anstarrte: because if you are the first nation, then we are the
first people.

Oh! is that so? sagte er.

Doch als ich ihm nun meine Gedanken auseinandersetzen wollte, da standen
mir die Worte, die den Stein des Weisen, den ich doch schon zu halten
glaubte, fassen sollten, nicht zu Gebote, sondern die Flammen, die im Kamin
mit ihrem laut- und ruhelosen Rhythmus loderten, schienen in elementarerem
Bezug zu meinen Trumen, als ich selbst. -- --

Warum aber weckte ich den Nachhall so vergessener Dinge? Lag an der
Wirklichkeit, lag in der Gegenwart stets ein Etwas, das des Reizes tief
entbehrte, oder ihn verhllte, da Augenblicke, die wir zu genieen uns nur
flchtig bewut wurden, als wir sie erlebten, sich verklren, wenn sie wie
abgeflossene Wellen lngst verrauschten? Selbst die fiebernde de dieses
Mnchner Sommertages, tuschte mich seine spleenartige Wirkung nicht?

Still schwebte schon der Mond am klaren Himmel ber die Parkanlagen, die
Straen und Pltze. Von den dunklen Baumgruppen hob sich der
Hildebrand'sche Brunnen wie ein Gtterzeichen ab, die immer neuen Strahlen
seiner Lebensflle milde wie der Mond ergieend. Immer neu sind dem Auge
die khnen, reichen Schweifungen des Beckens, in welchem das Wasser unter
der berstrmenden Schale, frei wie eine Flut sich ausbreitet und bewegt.
Und immer neu blicken von dem mchtigen Sockel, wie durch rieselnde
Schleier, berlebensgroe, marmorne Hupter. Aber das edel gesenkte Antlitz
des Athleten, die weit getrennten Gruppen und das Quellen aus all den
herrlichen Nischen, sie alle ertnen in bermchtiger Einheit zu einem
rauschenden Akkord, aus welchem Mnchens eigenste Seele in ihrer hohen
Intellektualitt und ihren reichen Grnden, echt wie der frische Strahl des
Wasserstaubes, uns entgegenhaucht.




VI.


An einem Sptnovembermorgen sah ich zum ersten Male die Straen von Berlin
unter einem regnerischen Himmel tropfna und dster vor mir liegen, und
musterte mit enttuschten, bernchtigen Augen ihre graue, geradlinige
Nchternheit.

Auf meiner Fahrt vom Anhalter Bahnhof zum Potsdamer Platz war es zugleich
das einzige Mal, da ich in Berlin dazu kam, mich ber Berlin zu besinnen.
Ich wei nicht, welch verzehrende Neugierde dort alsbald von mir Besitz
ergriff und mich in eine Art von Gummiball verwandelte, der ohne Unterla
von einem Ende Berlins zum anderen flog.

Die meisten Dinge natrlich sah ich nur im Fluge.

Im Fluge machte ich dort brigens eine, wenigstens fr mich, endgltige
Erfahrung: wie sehr nmlich die Wirkung, welche die Plastik auf den
knstlerischen Laien ausbt, eine von der Malerei nicht nur verschiedene,
sondern ihr entgegengesetzte ist. Allerdings haben wir bis jetzt nur
Glyptotheken, welche organisatorische Probleme auf siegreiche Weise lsen.
Vergleichen wir aber den Zustand von Beglckung und Rast, den wir im
Pergamon finden, mit der Nervositt, dem Unbehagen, das uns bei lngerem
Verweilen in einer Bildergalerie befllt, so will uns dabei der Maler von
allen Knstlern als der glcklichste erscheinen, weil von allen Kunstwerken
Bilder am rckhaltlosesten zu einer Charakteristik ihres Schpfers, im
vollsten Sinne zu Individualitten sich gestalten. Je bedeutender zwar,
desto bestimmter natrlich, desto mehr Aufmerksamkeit und Spielraum
beanspruchend, auch nach auen hin, desto mehr Perspektive gebietend. Wer
htte im Louvre nicht die fast schmerzliche Empfindung einer Gioconda, fast
htte ich gesagt eines Lionardo, der hier in einem licht- und luftlosen
Kerker gefangen liegt? -- Ich fr meinen Teil kann nicht an den Giorgione
im Kaiser Friedrich-Museum denken, ohne da mir ein kaum einen Meter davon
entferntes Bild durch seine schreiende Unvertrglichkeit mit dem Giorgione
dazwischenfhrt. Aber scheinen nicht alle Wnde dieses selben Saales von
laut aufbegehrenden und unzufriedenen Leuten erfllt, deren Heterogenitt
uns peinigt und verfolgt, und die alle zusammen das groe Tizianbild
umlrmen? Auf meinem Wege zu den Botticellis fesselte mich ein Gemlde
durch den klangvollen, durchdringenden Reiz des Kolorits. Als ich aber auf
dem Rckwege an diesem Bilde wieder vorbeiging, zog sich bei seinem Anblick
-- ich bertreibe nicht -- wie ein eiserner Ring um meine Schlfen, von
nahezu unertrglicher Erschpfung und Qual. Wahrlich! dachte ich, die Musik
ist eine stillere Kunst als die Malerei.

Um aber auf Berlin zurckzukommen: als am siebenten Tage der Zweck meines
Aufenthaltes erreicht schien, reiste ich am nchsten Morgen wieder ab. Zwar
wurde mir von allen Seiten, und berall auf Grund meines auerordentlichen
Behagens an Berlin lebhaft davon abgeraten. Aber hierber schien mir, mute
ich doch selbst am besten Bescheid wissen, und packte unbeirrt meine
Sachen. Zwar fand ich Berlin nicht mehr so hlich, wie bei meiner Ankunft,
eine jolie laide vielmehr, mit sehr grandiosen und fesselnden
Einzelheiten.

Am Morgen meiner Abreise fuhr ich in einer offenen Droschke und bei dichtem
Nebel noch einmal um den Schloplatz, durch die Linden, die Wilhelmstrae,
Leipziger- und Friedrichstrae, und dachte: Berlin ist doch die
uneleganteste und zugleich imposanteste Stadt, die ich je gesehen habe: als
Grostadt diskutabel, aber spannend wie keine andere. Deutlich war jetzt
der Wunsch in mir aufgestiegen, es besser kennen zu lernen und bald
wiederzusehen, als mir der bedenklich vorgerckte Zeiger einer Riesenuhr
ins Auge fiel, und zugleich an einer Straenecke ein Zeichen trbseliger
Vorbedeutung, das, wie meiner harrend, stille stand. Nicht lnger spendete
ich da mehr nach rechts und nach links halb gleichgltige, halb neugierige
Blicke des Abschieds. Was konnte es an diesem Morgen Verdrielicheres fr
mich geben, als meinen Zug zu versumen, nachdem ich eigens deshalb so frh
aufgestanden war? Besorgt trieb ich den Kutscher zur Eile an, strmte zehn
Minuten spter die Treppen des Bahnhofs hinauf, lief zum Gepckschalter,
flog durch den Perron. Kaum war ich eingestiegen, als der Zug sich in
Bewegung setzte, und ich in meiner glcklich eroberten Waggonecke zufrieden
einschlief.

Und dann kam das Erwachen, -- das eine unvermittelte und grenzenlose
Deprimiertheit wie mit dumpfen Sten begleitete. Drauen starrte ein
totes, trges, grelles Mittaglicht wie ein Abglanz des riesenhaften und
unerhrten Katzenjammers, der mich bedrckte. Es war doch gestern so gut
wie ausgemacht, da ich um diese Stunde nach Charlottenburg fahren und dann
in ein Konzert gehen wrde. Und abends wollte ich die Oper von Nicolai
hren. Warum in aller Welt war ich denn fortgefahren? Ich konnte den Grund
nicht finden. Es mute irrtmlich geschehen sein, weil ich nicht wute, da
ich noch bleiben wollte. Ich wute nur, was ich _jetzt_ vergebens wollte!
Mit welchem Ungestm ich die Lokomotive an das andere Ende des Zuges
wnschte, und da sie mich wieder nach Berlin zurckbrchte!

Und ich erwachte ganz.

Eine dumpfe, trbe Hitze erfllte den Waggon. Ich stand auf, um das Fenster
einen Augenblick zu ffnen. Aber mein Gegenber, ein mchtiger,
breitschulteriger Herr, sah mir, ohne sich zu rhren, mit so unsglicher
Emprung zu, da ich seinen Einspruch nicht provozieren mochte, weil der
Gedanke, ihn auch noch sprechen zu hren, unertrglich war. O, wie mute
der seinen Enkelkindern imponieren und seiner Schwiegertochter auf die
Nerven gehen! Und ich sank zurck. Aber die Reue, der leidenschaftliche
rger ber meine unbedachte und sinnlose bereilung, brach mit der Gewalt
jener unvorhergesehenen Strme ber mich herein, wie sie ber Nacht, zur
Zeit der quinoktien sich entfesseln, Kamine wegreien, und Steine und
Ziegeln von den Dchern schleudern. Wie vertrumt rauschte der Zug durch
das winterliche Land, whrend ich unbeweglich und gramerfllt in meiner
Ecke sa. Komm, sagte ich zu mir selbst, dies ist alles nur die Reaktion
irgend einer ganz abnormen bermdung. -- Meine Hnde lagen mutlos
ineinander, meine Arme waren wie mit Gewichten behngt, an meinem Herzen
hing ein groer Stein, und ein anderer sa mir am Kopfe wie ein Helm. Es
war lcherlich. Es konnte nicht sein. Trink eine Tasse Kaffee, schlug ich
vor. Sieh nur, wie mde du bist! fuhr ich ermunternd zu mir fort, als ich
im Speisewagen mit zitternden Knien und mit aufgesttzten Armen vor meinem
Tischchen sa, und das de Licht, das durch die angehauchten Scheiben fiel,
meine Bitterkeit noch erhhte. Warum hatte ich nur so eilig Reiaus
genommen? Es lohnte sich doch wahrlich, Berlin besser kennen zu lernen!
Warum aber denn _jetzt_ eine so ungestme und berspannte Betrbnis? -- Es
wurde mir immer heier, immer fiebernder zumute, und der Kaffeegeruch
machte mich vollends untrstlich. Ich kehrte also wieder auf meinen Platz
zurck, zog den Vorhang zu, den Hut tiefer ins Gesicht, und wie nach dem
Sturme der Regen einsetzt, so drngten da die ungeheuerlichen Wolken, die
mein Gemt umlagerten, leise, langsam und unaufhrlich, nach Art der
Landregen sich zu lsen. Es war viel besser, da ich mir's eingestand: Der
vorschnelle Abschied von Berlin machte mir eben Beschwerden. Aber wie? Was
lag mir dort so sehr am Herzen?

Ich habe jedoch schon fters erfahren, da persnliche Momente fr unsere
Abneigung oder unsere Vorliebe fr einen Ort, keine oder nur eine relative
Rolle spielen. Und ich kann mir nicht helfen: meine Eindrcke groer Stdte
verdichten sich zu einem gewi anthropomorphistischen Bilde, wie es uns in
der Karikatur etwa die Mnchner Bavaria entgegenhlt. Eine Stadt oder eine
Landschaft aufzusuchen, um dort Erinnerungen nachzuhngen, stelle ich mir
deshalb als ein hchst unerfreuliches Experiment von ganz besonders der
und ausgeblasener Wirkung vor. Denn der Dmon eines Ortes ist viel zu stark
fr die einzelne Psyche!

Da ich mich aber durch jenen einen proletarischen Zug in der Physiognomie
der Jolie Laide in meinen wirklichen Eindrcken so hatte tuschen lassen,
und whrend die Schrfe ihrer intellektuellen Aura mich hinri, immer
noch der Meinung war, da sie mich abstie? -- Seit einer Woche ganz von
ihr eingenommen, und mit ihr beschftigt, wollte ich alles kennen lernen,
und mir nichts entgehen lassen, jeder Einladung Folge leisten, auch wenn
sie mit einer anderen in Kollision geriet, um dann, wenn auch nur fr einen
Akt, schnell noch ein entlegenes Theater zu besuchen. Zwischendrin aber,
sobald ich allein war, in der Droschke, der Hochbahn, oder whrend einer
musikalischen Soiree, zog ich unverzglich, wie aus einer geistigen
Schublade, die Schluseiten eines literarischen Produktes hervor (mit
dessen Umarbeitung ich vor meiner Abreise fertig werden mute),
korrigierte, glttete und feilte daran herum, suchte fortgesetzt nach neuen
Satzstellungen und Worten, und fand niemals Zeit, mich auf mich selber zu
besinnen.

So war ich in meinem Element, und glcklich gewesen, ohne es zu wissen.
Denn die Wagschale des eigenen Ichs, aller Gewichte persnlicher Bezugnahme
ledig, war seltsam erleichtert aufgestiegen.

Ich merkte nicht, wie sehr mich hier alles Nchterne oder Geschmacklose
verdro, welche Genugtuung mir alles Schne, Hervorragende oder Bedeutende
gewhrte. Ich wute erst, nachdem ich Berlin verlie, mit welch
nationalster Anteilnahme ich es betrachtete!

Wie leicht beschlich mich sonst inmitten einer neuen Umgebung ein Gefhl
der Isolierung, kalt und leise wie ein Gift! Nichts wirft uns ja so sehr
auf uns selbst zurck, als das Gefhl oder das Bewutsein, oder die Idee
unrichtig taxiert, sei es nun, berschtzt oder verkannt zu werden. Diesen
Berlinern aber, die mir ungewohnter, in mancher Hinsicht vielleicht auch
fremder waren, als Londoner oder Pariser, schien ich eine lngst bekannte
Nummer, und so half alles zusammen, da ich mir selbst gnzlich in
Vergessenheit geriet.

Allein derselbe Schwung, der mein Auffassungsvermgen mit so ungewohnter
Schrfe nach auen wandte, whrenddem er mein Bewutsein gewissermaen
suspendierte, strzte mich zuletzt, so unwahrscheinlich dies auch klingen
mag, vor lauter Elastizitt blindlings in diesen Zug.

Das Spiel war zu Ende, und der Gummiball lag im Graben.




VII.

Rufford Abbey.


Ich hatte fr den August 1899 eine Einladung nach Rufford Abbey erhalten.

Rufford Abbey in Nottinghamshire ist einer der ltesten Herrensitze in
England. Eigentum der Zisterzienser bis zu Heinrich VIII., der ihn einem
Earl von Shrewsbury verlieh, blieb er inmitten hchst wechselvoller
Schicksale ein bevorzugter Aufenthalt der Knige von England, besonders
Karls II. Auch heute noch wird jener traditionelle Verkehr durch Eduard
VII. besonders lebhaft rege gehalten.

Hatten schon die Berichte von Ruffords Lndereien und historischen
Schtzen, vom langen Saale, mit seinen elf nach Westen sehenden Fenstern,
der Halle mit der Minnesngergalerie, Straffords berhmtem Portrt usw,
meine Erwartungen sehr hoch gestimmt, so vollends die Geistergeschichten,
die ber dieses Schlo im Umlauf sind. Die Aussicht auf eine Bekanntschaft
mit ihnen wollte mich mit gespannter, aber durchaus heiterer Neugierde
erfllen. Steht doch selbst der Leichtglubigste solchen Dingen skeptisch
gegenber, weil er fhlt, da sein Leben alles Gespenstige so siegreich
ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm Spa,
wenn er von jenen leeren Schemen -- zu welchen er zwar selbst ber Nacht
gehren kann -- wie von etwas Wirklichem Kunde erhlt.

Schlaflos war ich die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Drauen graute
kaum merklich der Tag ber ein baumloses, flaches, unsglich trbes Land.
Hie und da streckte eine Windmhle wie verzweifelt ihre bretternen Arme aus
und erhhte noch den Eindruck von Verlassenheit und de. Fast lautlos fuhr
jetzt der Zug die trauernde Ebene dahin. Und in jenem unendlichen,
schattenhaften Grau, das den Himmel und die weite Erdflche erfllte,
wollte endlich auch mein Bewutsein ruhen und versinken.

Aber kaum eine Minute lang!

Denn als ich erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dmmerung ber das
Land gebreitet, und zugleich rief meine erschrocken ausgestreckte Hand ein
anderes Bild in mir wach, das unvergelich, ich wute es wohl! zwischen mir
und der Auenwelt in jenem Augenblick entstanden war.

Aber welcher Unhold hatte mich da so unvermittelt und so willenlos ber
eine so fremde Schwelle gefhrt?

Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das
Abendlicht unsglich bange in ein schmales, verlieartiges Zimmer schrg
herein; und ich sah in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis
zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar gekleideten,
aber schon sehr alten Frau: -- zwei langgedrehte seidne Locken, deren Enden
sich therisch lsten, umschimmerten ihre klaren Zge; ihre reizende Hand
hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie gespannt,
erwartungsvoll auf mich gerichtet! Als ich aber, seltsam zu ihr hingezogen,
nhertrat und in der sinkenden Dmmerung sie zu erkennen suchte, da
zerfiel, zersetzte, _zerfetzte_ sich ihr Angesicht vor meinen Augen zu dem
eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte ich die Hand
aus um den furchtbaren Anblick von mir abzuwehren. --

Ein herrlicher Tag strahlte ber das blaue Meer und Englands teure Kste.

Wer ahnt es heute nicht, in unseren so stark differenzierten Lndern, jenes
wachsende, peinvoll sehnschtige Bewutsein unendlichen Einsseins
verwandter Rassen? -- Von meinem Zuge aus sah ich Englands berckendes, in
seiner Flle so gedmpftes Licht, und mit halb vertrumten, halb beglckten
Augen starrte ich in diese auf den ersten Blick so schlichte, in ihrem Reiz
so mchtige Natur. Denn London hatte eine Lebensfreude in mir
hervorgerufen, wie ich sie noch nie empfunden!

Aber noch am selben Nachmittag fuhr ich weiter, und von Ollerton aus in
einem flgelleichten Wagen durch herrliche umzunte Wlder schnell dahin.
Es ging ein Rufen, Schlagen, Wehen, wie von Tieresstolz ber Boden und
Gezweig. Unter dem hohen Farren huschte und raschelte es, und ein winziger
Hase, vor Schreck gelhmt, hockte mitten am Weg. Ich lachte ber diesen
Anblick auf. Meine lautlose Fahrt, das herrliche Gespann, der lebenflutende
Wald lieen nur freudige Eindrcke zu. Zuletzt flogen die Pferde eine weite
Allee im hellen Abendlicht entlang, und in einer Mulde, von einem weiten
Waldesring umschlossen, und keinem unbefugten Auge sichtbar, lag Rufford
Abbey ein riesengroer, schweigsamer und strenger Bau; -- hinter einer
breiten kurzen Brcke trat zuerst der niedere Teil des ehemaligen Konvents
hervor, dann unter steinernen wappentragenden Lwen der offene Eingang in
der gedmpften gemtlichen Pracht seiner kostbar ausgeschlagenen Wnde. An
Rstungen und Waffen, an der Minnesngergalerie vorbei, eilte ich in den
Rittersaal. Meine Stimmung war so hoch, da ich nicht wider sie an konnte:
in einem solchen Rahmen lang entbehrte Freunde wieder zu begren, war ein
Erlebnis.

                   *       *       *       *       *

Zufllig wurde noch am selben Abend bei Tisch von den Gespenstern Ruffords
gesprochen, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentmer gewhnlich vermieden
wird. Aber ich war hierin, wie berhaupt in allem, noch sehr wenig
eingeweiht und erfuhr also auf mein neugieriges Fragen hin, da es ber
Ruffords Geschichte viele, zum Teil von den Besitzern selbst verfate
Bcher und Urkunden gab, die samt und sonders unter Ruffords Kriegsdaten,
Erbschaftsprozessen und Mordtaten, -- meist in demselben trocknen
sachlichen Tone, -- auch Ruffords Gespenster zur Erwhnung brachte. Dies
rief nun unverzglich meine eigenen Erinnerungen wieder wach. Mir htten
rief ich, diese Geister wohl ganz besondere Ehren zugedacht, da mir ja
einer schon bis bers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft schilderte ich das
seltsame Gemach, seine eigentmliche Lage, und das Gesicht, das ich am
Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen mitten in meiner
Erzhlung inne, als ich die pltzliche Stille und die berraschten,
gespannten Mienen rings um mich her bemerkte.

                   *       *       *       *       *

Ich wohnte im ersten Stockwerk nach Osten. Ein breiter Korridor trennte
mich von den westlichen, sogenannten Stuartzimmern. Nach Norden hin lag
wieder eine Flucht wahrhaft kniglicher, zurzeit leerstehender Gemcher.

Ach die Pracht der Mbel, der Gobelins und Kamine war es nicht allein! In
Nationalmuseen sieht man vereinzelt, wie ausgestopft, solche Stcke. Aber
berall das Zusammentnen und -leben dieser stillen Truhen, dieser alten
Teppiche und Seidenvorhnge, und berall an den Sulen und Himmelbetten,
und an den Angeln der schlanken Fachksten und Sthle das kunstvoll so rein
und naiv gewundene oder skulptierte Holz! Wo an den niederen Wnden der
Raum nicht von den Wappen mit den ausgehauenen Lwen ausgefllt, oder
kstliche Schreine eingelassen sind, ziehen sich durch jene Zimmer hindurch
frh mittelalterliche Gobelins: lange Prozessionen schreiten da einher,
Knige, Bischfe und Heilige, edle Jungfrauen blicken rhrend und ernst,
und hinter dem Stuartbett, heute wie damals, eine geheimnisvoll schne,
eine groe, weinende Gestalt!

Ich ging von Zimmer zu Zimmer mit einem der Gste, der mich als Fhrer auf
meinem Rundgang begleitete. Aber fast hatten wir einander vergessen. Denn
wie in sehnschtiger Abendrte atmete und verweilte hier noch die weite
Vergangenheit.

Und nun betraten wir die Plattform eines breiten, turmfrmigen Vorbaus, der
den bergang bildet zwischen dem Schlo und der noch lteren Abtei. Von da
aus fhrt ein langer, schmaler Gang zu den jetzigen Privatgemchern
Ruffords, die ziemlich entfernt ber der Kapelle und dem ehemaligen
Refektorium liegen. Noch ein Zimmer mu ich Ihnen zeigen, sagte jetzt
mein Fhrer und deutete auf die Wand. Eine Eckmauer hhlte sich hier in
verschiedenen Windungen und Stufen, und fhrte pltzlich zu einer
Versenkung und einer Tre. Wir traten ein. Zwischen den Quadern verborgen
hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes, schmales Gela. Schwermtig
fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes
Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem
Fenster reichte, stand davor. Zu genau war mir schon der Anblick, die
unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphre bekannt! --

Indes erfllte es mich mit unbeschreiblicher Genugtuung, da die teilweise
Besttigung eines gespenstigen Traumes mich nicht ngstigte, um so mehr,
als die Inhaber der Stuartzimmer sich ber die fiebernden und schlaflosen
Nchte, die sie in Rufford verbrachten, unumwunden uerten. Dabei wute
man von diesen Rumen, sowie von dem anstoenden Prunksaal, den der Knig,
damals noch Prinz von Wales, bewohnen sollte, gar nichts Schauerliches zu
berichten. Ich hingegen wohnte auf der Ostseite nicht nur ganz allein,
sondern meine Tre fhrte direkt in ein groes, in gelbem Damast und Silber
ausgeschlagenes Paradezimmer, das fr die schwersten Gespensterflle
notorisch ist.

_Unter sich_ nmlich pflegen die Gste in Rufford Abbey solche Geschichten
ohne Ende auszutauschen. Nur mute es mich befremden, wenn von erwarteten
Besuchern die Rede war, immer wieder Namen zu hren, die mit den
haarstrubendsten Erlebnissen verflochten waren. Aber dies lge an dem
unglaublich groen Reiz dieses Hauses, erklrte man mir. Ich sei noch zu
sehr Neuling, wrde ihn aber noch erfahren.

                   *       *       *       *       *

Nach einigen Tagen reisten die Inhaber der Stuart-rooms, ein Ehepaar aus
der franzsischen Schweiz, zu meiner Erleichterung ab. Denn Monsieur und
Madame de X. waren drckend, fast unmenschlich konventionell, und in allen
Dingen von der Mode so eingenommen und genarrt, da sie zu ganz
eigentmlichen Ideenassoziationen und Bildern den Anklang gaben: den grell
beleuchteten Kursaal eines groen Badeortes, einen Dampfschiffsalon I.
Klasse und derlei. Und dann genierte es mich, zu fhlen, wie sehr es sie
genierte, nicht herauszubringen, was es denn puncto Mode fr eine
Bewandtnis mit mir habe?

Allein infolge dieser Abreise stand nun der ganze obere Teil des rechten
Schloflgels leer, und meine Freunde forderten mich wiederholt und
dringend auf, in ein anderes, bewohnteres Stockwerk umzuziehen; ich
weigerte mich aber auf das entschiedenste, denn jetzt gefiel es mir hier
erst recht! -- Doppelt reizvoll und anheimelnd zwar, wirkte gerade in
diesen Gemchern der Kontrast hypermoderner Existenzen! Nun beruhigten und
erhellten keine herumliegenden Reisetaschen, keine neuesten Hte und
Hutschachteln mehr die dstere Atmosphre, die wie ein schwerer Himmel ber
diesen Rumen hing, jetzt war alles so schauerlich und schn!

Allein ich besa fr Geister offenbar doch keine Attraktion. Denn weder
das Mdchen, noch der Mnch noch der cuddling-ghost, noch die alte
Dame, die mich doch kennen mute, bemhten sich zu mir!

                   *       *       *       *       *

Da -- eines Nachts -- fuhr ich aus tiefem Schlafe pltzlich empor, warf
mich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstre, drehte blitzschnell
das Licht auf und strzte dann zu Boden. Verwundert sah ich in dem hell
erleuchteten Raume um mich her. Was war geschehen? Ich konnte mich auf
nichts besinnen, und fhlte doch meinen Blick umtrauert, wie ein vom Nebel
umdstertes Licht. Warum? Nur ein Gedanke: Licht zu schaffen hatte ja in
mir gelebt! Aber welch hllisches Entsetzen hatte mich dann niedergeworfen
und jagte mich jetzt von neuem, bevor ich es fate? -- Ach! jenes Licht,
ich hatte es entfachen _mssen_, damit ich die Erschtterung ertrug, die
mir jetzt das Bewutsein brachte: Ich war nicht erwacht, ich war geweckt
worden!

                   *       *       *       *       *

Erst als Tageshelle mein Zimmer erfllte, lschte ich und trat ans Fenster.
Wohin man von dem Schlo aus blickte, das diese weiten Parklnder, diese
offenen Haine und cker beherrschte, erstreckte sich unbersehbar ein
alter, heilig gehaltener Boden, dehnten sich Wlder, die kein fremder Fu
je betrat, und im nchsten Umkreis Plane mit zauberhaften Bumen,
Terrassen, die nur ein tiefes Schnheitsbedrfnis so ins Leben rufen und
erhalten konnte; und rechts dem Flchen entlang, die schattige und stets
geheimnisvolle Strae, das niedere Tor, das alle Verlassenheit und Poesie
der Erde zu atmen scheint, und den weiten Rosengarten einfriedet! Und von
hier bis zu jenem Tore drang unaufhrlich und hold der Turteltauben matter
Ruf. -- Aber diese Mauern, -- dieses Zimmer, -- diese Flucht qualerfllter,
leerer Gemcher im Morgenschein! Nein! die Frhluft, die jetzt so froh zu
mir hereindrang, verscheuchte nicht, wie ich es hoffte, die Grauen dieser
Nacht. Wohl aber lehrte mich dieser zrtlich silberne Morgenhimmel mit
seinen frohlockenden Wlkchen, da ich den Mut nicht finden konnte, ja da
ein unheimlich seltsamer Widerwille mich erfllte, meine untatschlichen
Erlebnisse zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an mir selbst, weil ich
sie erfuhr! Keine Worte, die vor dem hellen Tage nicht zerflssen, konnten
mir fr das trostlos Bezuglose solcher Eindrcke zu Gebote stehen. Und ich
mute alleine damit fertig werden. -- Aber das Licht, das nunmehr die ganze
Nacht hindurch in meinem Zimmer brannte, sowie die Furcht vor einem
Erwachen, wie ich mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein
zweites Mal nicht zu ertragen, hielten Nacht fr Nacht meine Wachheit rege.
Und ich sa aufrecht und horchte! -- Gerhrt vernahm ich das Rauschen der
Bume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte! Und ich horchte entsetzt --
wie ein Scheinlebender -- auf den unhrbaren Lrm, auf die feindselige
Luft, und durch alle Ritzen und Gnge hindurch die zerrttete Ruh! Welcher
Sinn war in mir erwacht, fr die finsteren Flammen lechzend wie das Leben
reiender Tiere, vom Leben Verstoener? Fr dies Wehen wie von
Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert!

Und es schien, als drsteten sie, mich zu erreichen! Als richte sich ihr
Sturm gegen eine verwundbare oder gefahrvolle Stelle, einer Bresche in
meinem innersten Selbst.

Dabei hing es oft an einem Haar, da ich ber all dies nur _lachte_ und da
ein ngstigender Wahnkreis mich wieder freigab, wie die beengende Schlucht
den Bach zur Ebene entrinnen lt.

So drehte ich auch eines Nachts das Licht ungeduldig wieder zu und lag, vor
Mdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem angenehmen Gefhl
des raschen Versinkens und der Sicherheit anheimgegeben, das uns umfngt,
wenn der Schlaf, wie ein Riese, unser Bewutsein davontrgt.

Allein, wie eine Beute lie er jh mich fallen! -- In der Schnelligkeit,
mit der ich nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster strzte, hatte ich
Decken und Tcher mit fortgerissen; mein Blut, wie in Flucht geschlagen,
hmmerte in meinen Schlfen, als drnge es, den Augenhhlen zu entstrmen,
und in dem glnzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert, fhlte ich
mich von der Nacht, die beglckt da drauen flutete, geschieden. Und wie
gemartert umklammerte ich meine Knie, zu einer anderen Welt unwiderstehlich
hingezogen!

                   *       *       *       *       *

Nach Verlauf einer Woche wurden Heimat und Vergangenheit, das eigne Leben
ferne und undeutlich. Aber wer schilderte zugleich den Widerwillen vor
einem solchen Zustand und vor jener wachsenden Bangigkeit, die auch bei
Tage, unter freiem Himmel, nicht mehr von mir wich, die mir das Herz
zusammenschnrte wegen nichts, weil ein Vogel zu nahe vorberflog, beim
ffnen eines Gatters drauen im Walde, oder wenn ich die grauen Mauern
Ruffords, die auf dsteren Gedanken wie auf Pfeilern zu ruhen schienen, von
weitem, unversehens vor mir sah.

Oft verbarg ich mich nun tagsber in dem langen Saal, ganz der
verwunschenen Stimmung hingegeben, die von Norden her eine gewaltige Front
finsterer Bume ber die Beauvais-Tapisserien und die Wnde ergo, und
zwischen einem Watteau und einem Greuze schlief ich in einer
Mauervertiefung am Fenster ein.

                   *       *       *       *       *

Das Wetter blieb den ganzen August hindurch heiter und schn. Vor der
Ostfront des Hauses verbrachten wir einen groen Teil des Tages in
Korbsthlen, unter paradiesischen Bumen, lasen, nahmen Tee, sprachen oder
schwiegen uns aus und rhrten uns oft stundenlang nicht von der Stelle.

Eines Nachmittags saen wir wieder so tief in unseren Korbsthlen
vergraben, da wir einander kaum sahen. Und willkommen war es mir! Denn
meine Sinne, nach auen hin, ja mir selbst entfremdet, zogen sich, wie die
Fhlhrner einer Schnecke, in ein dunkles Gehuse immer mehr zurck.

Tod und Leben, sie konnten ja nur _einer_ Welt gehren! Wie Raum und Zeit,
war unsere Trennung von dem Geisterreiche einzig durch die
unbersteigliche, aber illusorische Schranke unserer Sinne bedingt. --
Schaudernd sah ich zu einer gewissen Fensterreihe empor und gedachte der
vergangenen Nacht und der Gedanken, welche da auf mich eindrangen, bis ich,
unfhig, mein Alleinsein lnger zu ertragen, nach einem anderen Teil des
Schlosses fliehen wollte, aber alsbald die Tre wieder zuwarf, wie vor
einem Sturm, als sei das Dunkel dieser Gnge eine wilde Flut, vor deren
Toben der hellere Raum meines Zimmers noch einzig mich beschtzte! -- Zum
Greifen nahe war ich in dieser letzten Nacht bis zu des Todes Schranken
lauschend vorgetreten. Denn des Todes Sicherheit entsendet einen Lockruf,
vor welchem des Lebens unsicheres Licht in dunkler Mdigkeit erschauert.

Aber ich lebte ja! Um mich her war der Tag! Aus undurchdringlich seligem
Gezweige drang der se Ruf der Turteltauben durch die laue Luft! Wie
sicher fhlte ich mich hier unten, inmitten der anderen, in dem still
verweilenden Sommerlicht! Und ermdet schlo ich die Augen, in dem
schwindligen Doppelleben, das ich jetzt fhrte, versonnen, wie der an
steilem Bergesabhang Trumende.

                   *       *       *       *       *

Als ich erwachte, war ich allein. Die Blumen, die in hohen Rabatten nach
Art der Klostergrten alle Mauern des Schlosses umwuchsen, umschlossen sie
jetzt wie entseelt, mit einem fahlen Ring. Im unteren Stockwerk und links
ber der Kapelle waren schon alle Fenster beleuchtet, der Schatten einer
Zofe huschte geschftig vorber und der Proze des Ankleidens schien
berall in Schwung. Ich eilte nun ber den Vorplatz, Gnge und Stiegen
hinauf; aber im Laufen fhlte ich die Angst gleich einem Riesenschatten
wieder dicht an meiner Seite, als habe sie es gar ntig, mich in mein
Zimmer zu begleiten. Zum ersten Male versagte dort das Licht; wie ein
entlegener und vergessener Raum lag es in der Dunkelheit vor mir. In dem
verlschenden Tagesschein, der durch das Fenster fiel, sah ich jetzt die
Draperien des Bettes heruntergerissen, und da der Balken, der sie hielt,
schrg an der Mauer herabhing. Halb tastete, halb suchte ich nach den
Kerzen, fand aber nichts mehr zur Hand, und wandte mich erschrocken der
Tre zu, um das Zimmer wieder zu verlassen; allein sie widerstand und die
Klinke war von auen gehalten. Noch ehe ich mich besinnen konnte, drang
jedoch ein Schrei durch die Tre zu mir und zugleich hing die Klinke wieder
locker in meiner Hand.

Auf den Gang hinausstrzend sah ich einen Diener, der wie besessen nach der
Richtung der Freitreppe rannte. (Offenbar hatte der mich fr einen Geist
gehalten.) Flugs holte ich ihn ein, und zwang ihn, mich zu erkennen. Als
htte ich ihn erwartet, nahm ich dann den Brief, den er mir entgegenhielt.
Er enthielt eine Menge Grnde fr meinen, ohne mein Wissen, schleunigst
vollzogenen Umzug. Aber ich las ihn nicht zu Ende! Ob diese Grnde wahr
oder erfunden, oder auch nur wahrscheinlich waren, kmmerte mich nicht.
Nach meinem neuen Zimmer, das in einem anderen Stockwerk, nach einer
anderen Himmelsrichtung lag, flog ich mehr, als ich ging. Dort standen
wohlgeordnet alle meine Sachen; die Kerzen brannten vor dem hohen Spiegel
und das Kleid, das ich fr den Abend anziehen wollte, lag ausgebreitet auf
dem Bett. Eine Grille zirpte vor dem Fenster, der warme Rasen duftete so
sommerlich herein. Wie schn war alles, was atmete, war diese Erde, war
dies Leben! Und wie am Tage meiner Ankunft, als ich im hellen Abendlicht
durch die Wlder nach Rufford fuhr, war es da wieder nur ein Bild, das mein
Geist begierig greifen und erfassen wollte: des Lebens, der Natur ewig
trstliches Erstehen.

Und doch sind es die schauerlichen Nchte in jenem anderen Zimmer, deren
Erinnerung ich heute nicht vermissen mchte.




TORSO


Gedanken, Meinungen und berzeugungen drngen nach uerung, lange bevor
wir noch wissen, welchen Ausdruck wir ihnen verleihen, in welche Form wir
sie bringen knnen. Den einen treiben sie zur Gestaltung, zur Ausfhrung
oder zur Tat, den minder Glcklichen zwingen sie zur Schrift.

Leopardi nennt die so verbreitete Meinung von der Seltenheit der Originale
einen groen Irrtum, denn bei nherer Betrachtung erweise sich fast ein
jeder als ein ganz einziges, noch nie dagewesenes Exemplar! Einem solchen
Begriff der Originalitt fehlt freilich jedes Prestige. Aber tatschlich
ist es mit den geistigen Physiognomien der Menschen, wie mit den
uerlichen. Knnten wir jene mit den Augen sehen, wir wrden da genau
dieselbe Mannigfaltigkeit, aber auch dieselben Miverhltnisse wahrnehmen,
wie an den sichtbaren Gestalten; nur da sich auf geistigem Gebiete der
Wahn so bemerkbar macht, als sei hier eine Unterschiebung der eigenen
Identitt durch eine schnere oder bedeutendere leichter mglich, die
Gesetze der Unvernderlichkeit leichter zu tuschen oder zu umgehen, als in
der krperlichen Welt. Wie wenige sind denn wirklich schne oder vollendete
Typen! Und wie viele gleichen jenen Bruchstcken antiker Statuen, deren
Wirkung durch einen ergnzten Kopf, eine fremde Bewegung verdorben oder
gestrt wird, statt da sie bleiben, was sie sind, nmlich meist _ohne_
Kopf und Fu, aber echt.

                   *       *       *       *       *

Marie stand mit fnf Jahren eines Morgens unter einem Baum, dessen Laub im
Winde rauschte, und den blauen Himmel durchblicken lie. Das Leben ist
schn! dachte sie.

Da flog ein Blatt von den Zweigen herab in ihre Hand, und whrend sie seine
groben Adern und Fasern langsam auseinanderri, wurde sie unsglich
verstimmt. Nicht der froh bewegte Wipfel in der Hhe, das einzelne
langweilige Ding in ihren Hnden, war die Wirklichkeit! --

Der Grundakkord ihres Wesens schlug da zum erstenmal an ihr Bewutsein an;
denn es gibt nichts Neues im Menschen. Das fin mot eines Ich's ist ein
Motiv, und was hinzutritt, sind Amplifikationen.

Schon ein Jahr darauf lernte Marie im Kloster die Langeweile kennen, zu der
sie neigte, wie ein anderer zu Gichtschmerzen oder Rheumatismen, und die
sie anwehen konnte, pltzlich, unvermittelt wie ein Wind, der um die Ecke
fhrt.

In ihrem Kloster blies sie durch das ganze Haus, um alle Mauern, und durch
den ganzen Garten, die Stelle ausgenommen, an der eine reizende Brcke ber
den Wildbach bog, Libellen unklsterlich schwirrten, und die Bume
parkhnlich zusammenstanden. Aber alles andere war hlich. Zwei hohe
plumpe Berge versperrten wie Riesentore nach Norden hin die Welt, und die
Monatsrosen standen meist verwelkt und verweht, um ein mchtiges Kreuz vor
dem Haus. Alles, was sie sah, mute sie zugleich empfinden, doch ohne auch
nur entfernt die Fhigkeit zu haben, sich dies zum Bewutsein zu fhren.
Wie schmerzlich schien ihr im Frhjahr das Licht, wenn die Furchen der
Berge so rauh aus dem Schnee hervorstachen, und die grnenden Bume im
Scheine eines regnerischen Tages frstelten. Ach wie de der Ackergeruch im
Winter, die Stoppeln und Maulwurfhgel auf dem Felde, der schwere, fette
Flug der Raben!

Zu ihrer Unterhaltung verfiel sie da auf ein hchst seltsames
Gedankenspiel: sie setzte sich abseits, sttzte die Arme auf, schlo die
Augen und dachte mit immer beschleunigterem Tempo und eingezogenem Atem:
Ich bin Ich. An diesem Gedanken konnte sie nmlich, wie an einem Seil,
immer dunklere Schlnde hinab gleiten, bis sie ein Schwindel erfate, und
ihr Ich ihrem Bewutsein entsank.

Wie sie das zusammenbrachte, wurde ihr spter selbst ein Rtsel: ihr Geist
hatte damals eine jongleurartige Geschwindigkeit, als sei er transparenter
und zugleich schrfer gewesen, lsbarer von ihr? -- sie wute es nicht.
Aber sie fand es spannend sich selbst zu jagen, bis zu einer Wurzel, die
sie nicht mehr war. -- Ich bin gefangen! dachte sie da wohl. Auch nicht
fr eine Stunde kann ich jemals von mir fort, und wenn mir andere Menschen
noch so sehr gefallen werden, kann ich sie nie sein!

Aber einmal, als ihr diese geistige Rutschpartie besonders gut gelungen
war, fate sie ein Entsetzen, als htte sie sich verloren, als hinge das
Seil ihrer Identitt in der Luft, -- als harrten ihrer Gespenster in den
Tiefen, in die sie geraten war, -- und mhsam, wie ein Ertrinkender, so
rang sie seufzend zur Oberflche ihres Bewutseins zurck.

Ein Instinkt riet ihr jedoch, dies unheimliche Spiel zu lassen und die
Fhigkeit verlor sich auf diese Weise sehr rasch. Dafr fingen andere
Probleme, deren Lsung sie keinen Augenblick gewachsen war, an sie zu
qulen.

Starb eine Klosterfrau, und wurde es den Zglingen freigestellt, sie auf
der Bahre noch einmal zu sehen, so lie Marie alles liegen und stehen, und
marschierte zwei Schuhe hoch, allen voran. Dann starrte sie forschend in
das fahle Gesicht, dem der Geist schon zu lange entschwunden war, und das
ausdruckslos, ja sinnlos vor ihr lag. Und nichts schien ihr gerade auf das
Klosterleben ein so trauriges Licht zu werfen, als der Tod.

Aber es kamen immer mehr Dinge, die ihr mifielen.

Eines Sonntags fand sie in einem Bilderbuch eine Palmengruppe abgebildet,
einen sprungbereiten Tiger, und ein Mdchen, das mit tdlich entsetzter
Miene sich vor ihm zu verbergen suchte, aber vergebens, denn er hatte sie
schon fast erreicht und mute sie unfehlbar zerreien.

Emprt und auer sich, rannte Marie im Zimmer umher. Sie blickte zu den
gemalten Inschriften auf, die an den Wnden hingen, und die ihr so gut
gefielen: Siehe, so sehr hat Gott die Welt geliebt. . . . Er aber liebt
die Seinen bis in den Tod . . . Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehrt
. . . ber ihren Schrank breitete ein Pelikan seine Flgel aus mit einem
hnlichen gefhlvollen Spruch. Wie reimte sich dies? -- Und sie verbi sich
von neuem in das schreckliche Bild. -- Wie konnte Gott dies ertragen, wenn
wir sein Ebenbild waren und seine Kinder?

Ein anderes Mal hatte die Feuerglocke wegen eines in der Nhe brennenden
Anwesens wohl eine Stunde hindurch gelutet. Endlich kam, fliegenden
Schrittes eine Klosterfrau den Gang heraufgeeilt, und sagte: Gottlob
Kinder, es ist kein Menschenleben zugrunde gegangen: nur 16 Khe sind
verbrannt.

In der Nacht sah Marie die Tiere heulend durch die Flammen jagen und fuhr
erschrocken aus ihren Trumen empor. Sie schlief nahe am Fenster, und der
Wildbach rauschte mit dsterem Schwalle, ewig sthnend, schwarze Klagen
herauf. Was war dies fr eine Welt, in der die Kinder ihre Eltern begruben,
und der Herr der Schpfung zur Beute eines niedrigen Tieres entehrt werden
durfte? Schne Menschen, die sie kannte oder gesehen hatte, und die
schwerlich je in Kollision mit einem Tiger oder einem Boa constrictor
kommen wrden, schwebten ihr vor Augen. Allein gewisse _Mglichkeiten_
gengten, um da ihren Weltschmerz zu einem unerhrten Fortissimo zu
steigern. Es gab ja kein Entrinnen aus einer solchen Welt, keinen Tod,
keine Bewutlosigkeit mehr fr unsere unsterblichen Seelen! O wie ist
das? dachte sie erschrocken: Ich kann Gott nicht lieben!

Am nchsten Morgen waren Geschenke fr sie angekommen, und sie bezeigte
eine solche Gier, sie alsbald in Empfang zu nehmen, da die Oberin sie
zurechtwies: Du genuschtiges Kind, sagte sie streng. Marie hrte dies
Wort zum erstenmal, und vernahm es mit Interesse. In der Tat: Warum hate
sie nichts so sehr auf der Welt, als den Schmerz? Warum ging sie stets mit
abgewandtem Gesicht den unteren Gang entlang, wo die Apostel der Reihe nach
in schlecht gemalten Bildern hingen, mit Kreuz, Ngel und Stricken, all den
furchtbaren Zutaten ihres Sterbens? Warum erfate sie jede Freude mit so
peinvoller Hast, und entbehrte sie mit solcher Heftigkeit? und warum waren
selbst ihre schwrzesten Stimmungen so seicht, wie Wolken, die ein leichter
Windsto wieder vertreibt?

Aber ihre Grbeleien brachten ihr nur berdru und sie war froh, sich ihrer
zu entschlagen. So fing sie mit acht Jahren an zu schwrmen, und wenn
Orgelklnge und Weihrauchdfte die Kirche erfllten, dachte sie nur mehr an
Rosa Flatz, Paula Baselli, Irene Angermaier und Livia Gelmini.

Es gibt Wesen, die in frher, unwahrscheinlicher Vollendung ins Leben
hineinleuchten, gleich jenen vereinzelten Tagen inmitten langer
Regenzeiten, an denen das Licht so zrtlich, das Laub so golden, der
feuchte Blick der Sonne so kristallen leuchtet! Aber tags darauf haben
Regen und Wind ihre trben Lieder wieder aufgenommen . . . Flatz war von
hohem Wuchs, hatte goldenes Haar und den Kopf einer Sirene. Da sie fast
schon erwachsen war, wagte Marie nur im Winter, wenn die Zglinge
schweigend spazieren gehen muten, sich zu ihr zu gesellen, ergriff ihre
Hand und sah stillbeglckt von der Seite zu ihr auf. Kein Frost konnte die
liebliche Rte dieser Wangen beeintrchtigen, so schn und blhend war ihr
Flaum. Aber sie blhte so kniglich! Wo sie ging, war kein Winter, heftige
Rosenstruche blhten an allen Wegen, und an den Frhling gemahnte selbst
ihr sicherer, zerstreuter Blick.

Baselli hatte einen zu tiefen Teint und ungeschmeidiges Haar. Aber der
Schnitt war rein wie der eines gineten, und ihr stolzer Blick flammte in
unbewuter oder in Zaum gehaltener Trauer. Marie hielt sich gern in ihrem
Umkreis, um die edlen Augenhhlen, die kstliche Zeichnung ihrer Lippen in
der Nhe zu sehen, und wie ber einen heiligen Wald schwrmte ihr inneres
Auge ber sie hin.

Aber Irene Angermaier war die schnste! mit braunem, weichflieendem Haar,
ruhig und md wie eine Nymphea im Mondlicht. Sie lehnte in ihrer harten
Schulbank mit jener berlegenen Grazie, welche die Menge anjubelt, und vor
der die Maler knien. In prunkvoll ausgeschlagener Gondel, in Palsten htte
sie ruhen sollen; ein Antlitz fr Perlen und unschtzbare Schleier, ein
Wesen, zu schn um zu leben, zu leicht, um im Grabe zu ruhen.

Gelmini war aus Salurn, und melodisch wie ein Glockenspiel. Ihre Achseln
schienen wie mit Bltenfden an ihren Krper gefgt, und an der Art, wie
sie den Arm nach der Stiegenrampe ausstreckte, und an ihrem Gang konnte
Marie sich nimmer satt sehen. So schritt wohl Julia, als Romeo sie zum
erstenmal erblickte. Und wenn Livia: il gallo, la primavera, la catena
sagte, dann schwrmte Maries Herz, wie ein bunter Schmetterling in der
Sonne. Mit Livien, die erst neun Jahre alt war, htte sie verkehren knnen,
aber sie gefiel ihr zu gut, und wo sie bewunderte, zerflo sie in
Verehrung. In Wirklichkeit wollte sie weder von Puppen, noch von
Freundinnen etwas wissen, und mit Vertraulichkeiten war ihr nicht gedient.
Sondern sie wollte hhere Wesen, die sie ihrer enthoben. Und angesichts
jener vier reizvollen Gestalten, die sie so frh verlieren, und sterben
oder scheiden sehen mute, war sie vielmehr einem Zustand, als Gefhlen
hingegeben. Sie sprach nie mit ihnen und suchte nie von ihnen beachtet zu
werden, nur in der Nhe, im selben Zimmer muten sie sein; sie mute sie
alle vier sehen knnen, wenn sie den Kopf wandte, dann war ihr Kloster ein
gar schner, gewhlter und trumerischer Ort.

Mit ihnen schwand alle Poesie aus Maries klsterlichem Leben; sie stak von
neuem in Grbeleien, wie in dem, verwirrendem Sande, langweilte sich und
sehnte sich fort. Zudem wurden alle ihre Bcher, die sie gerne
reglementswidrig in ihrer Schublade aufgeschlagen hielt, der Reihe nach
konfisziert, und ehe sie sich versah, stand sie als Verkrperung der
Insubordination von allen Zglingen abseits. Alljhrlich feierte man in
ihrem Kloster das sogenannte Knigsfest, bei dem sich das ganze Pensionat
in einen Hofstaat umwandelte, und jeder Zgling, von der Knigin herab zu
den Kchen und Kaminkehrern, je nach Verdienst, seine Charge erhielt. Die
ersten Jahre stand Marie als Page, in Korkziehlocken und Goldreif, einen
ganzen Tag hindurch stumm, doch voll Entzcken in der Knigin Dienst. Es
war Irene Angermaier, in Silbergaze und kniglicher Krone. Aber spter
wurde ihr dies reizende Fest verleidet: In einem schief aufgesetzten, viel
zu kleinen Schferinnenhut und einem zu engen grnen Tarlatankleid (denn es
hatte als ehemalige Balltoilette eine Taille, und sie noch lange nicht)
spazierte sie als knigliche Lectrice mit einem Riesenbuch, allein und
tdlich verlegen, hinter den Landgrfinnen einher, und wenn im cortge die
Reihe an sie kam, tanzte der Bouffon in seiner roten Schellenkappe vor
ihr her und verkndete ihre Streiche. Nun pflog sie zwar ber die
Weltordnung allerlei Separatanschauungen, doch fr das Ma ihrer eigenen
Missetaten fehlte ihr jedes persnliche Gutdnken, und sie schmte sich
ber Gebhr.

Aber dafr war die freie, herrliche Welt der Tummelplatz aller Freiheiten,
und ihr Herz schlug hoch, als die schweren Klosterriegel auf immer hinter
ihr zufielen.

                   *       *       *       *       *

Das Leben prludiert meist anders, als es verluft. In der Tat: so
unglaublich es ihr selber erschien: einen Monat spter durchschwrmte sie,
frei wie ein Waldestier, eine Mondnacht um die andere in den Bergen und
kampierte am offenen Feuer, wie ein Zigeuner. Was htte sie gesagt, die
wrdige Mre Suprieure, die ihre Uhr nach den Hhnern richtete? -- Da hing
Maries Disziplin, am hohen Klostergiebel, als leeres Fhnchen
zurckgeblieben.

Folgendes mssen wir Maries eigenen Aufzeichnungen entnehmen.

Es war zur Sommerszeit in den bayrischen Bergen, als uns vier Kinder die
Wanderlust zum erstenmal ergriff. Aber der Tag lie uns nicht weit genug
gelangen; so rsteten wir uns sorglich auf einen lngeren Streifzug aus.
Da uns gerade nur soviel Geld bewilligt wurde, um 24 Stunden
fernzubleiben, kmmerte uns nicht.

Erst als der spte Nachmittag golden verglhte, traten wir vor. Bald
rauschte dann im Mondlicht der Flu uns zur Seite, und schneewei zog sich
die Strae den schwarzen bewaldeten Felsen entlang. Jeder Stein, der im
Flusse die Wellen zurckwarf, die Kiesel am Wegesrand, ja das zertretene
Gras am Ufer schienen verklrt, und die Mulden der Berge in Schleier
gehllt. Und wenn sich in dem mondlichen Schweigen der Schrei eines Tieres
entrang, durchzitterte ein ewiges Glck dies schimmernde Tal.

Immer leichter trugen uns unsere Schritte voran! Immer eifriger berieten
wir die Mglichkeiten einer einstigen groen Erbschaft, und in der groen
Bergesstille schallte unser lautes Gelchter.

Als die Lichter der Fall vom anderen Ufer herberleuchteten, hielten wir
Rat: denn aller Spa wre zu Ende gewesen, htte unserem Auftreten etwas
von dem hohen Ansehen gefehlt, von dem wir selbst so sehr berzeugt waren.
So betraten wir, stets fremde Sprachen untereinander fhrend, das alte
Gasthaus, bestellten ein wohl ausgeklgeltes, sehr zimperliches, aber sehr
billiges Essen, gaben dann vor, einer Wette halber, die Nacht in keinem
Hause verbringen zu drfen, und griffen, mitten in der Nacht, mit groer
Eile nach unseren Stcken. Der Eindruck war nach Wunsch: die paar Reisenden
und das Personal standen neugierig an der Tre, eine alte Dame protegierte,
die Wirtin bewunderte uns, der Frster zog seine Pfeife weg und wies uns
den Weg, und von freundlichen Zurufen verfolgt, von der alten Dame gewarnt,
drangen wir frhlich in den Wald, und weiter hinein in die Ri. Den Tag
verschliefen wir auf Almen oder Bergeshauben. Kamen Strme, so fften wir
sie. Von den Felsen geschtzt, apostrophierten wir das finster fliegende,
grandiose Gewlk, und begrten die Donnerschlge mit drhnendem Gelchter.

In der Folge dehnten wir unsere Touren immer stattlicher aus. An einem
Herbsttag kamen wir vom Achensee und wollten ber den Schildenstein zurck.
Die Alm war geschlossen. Da liefen wir in der Dmmerung den Kanten des
Blauberges entlang, drangen durch das Fenster in eine leere Htte und
machten uns Feuer. Aber drauen lockte die Nacht, lockten die im Monde
getauchten Tiefen des Achentales und der silberne See. Unbeweglich wie
Berggeister saen wir, in unsere Mntel gehllt, vor unserer Alm. War es
Ahnung oder Mdigkeit, die uns verstummen lie? Die Welt mit ihrem Spiel
riesiger Schatten, schimmernder Lfte und frohlockender Hhen atmete
Gesang, aber die Leier unserer Freuden schwebte zerrissen ber uns.

Bald standen wir wie ein Huflein, das ohne den Fhrer trbe zerfllt. Der
groe Zauber jener Wanderungen hing an einem romantischen, 19jhrigen,
hchst merkwrdigen Wesen, in dem kein Raum war fr Pandorens Trug. Reinste
Vernunft gebot hier jeder Unruhe, und die Erkenntnis berstrahlte den
Wunsch. Aber nie vorher hatte sich so hohe Weisheit mit solcher Grazie
umkleidet, und die Taue eines so unschuldigen Lebens gelockert. In dieser
fast morbiden Erscheinung, mit dem unbeschreiblichen Relief ihrer bangen
Umrisse, blieb alle Schwche ausgeschieden, war alles Schnheitssinn und
Stil. Zuletzt sind Linien, die uns fesseln, solche, an die wir uns nicht
gewhnen, und stete Neugier erregte diese schmale, ernste Stirne mit den
hochgezogenen Brauen, die fast leichtsinnige Anmut des kleinen Ovals, das
eitel gesteckte Gold der Haare, und dabei die mnnliche Zurckhaltung in
den durchdringenden Augen. So glich die Mischung ihrer psychischen Elemente
der Stimmung eines herrlichen, aber zu zarten Instrumentes. Und so lieen
sich ihre Anforderungen an ein Leben, an das sie nicht glaubte, nicht
herabdrcken, und mit allen Fasern zog sie sich von ihm zurck.

La mort est bte sagte Gambetta. Aber der Tod berblickt Zusammenhnge
und das Leben ist befangen. In unserer Erscheinung whnen wir unser Wesen
erschpft, whrenddem die Grundlagen neuer Individualitten schon in uns
dmmern, neue Lebensformen unserer harren mgen.

Allein einzig ist der Mensch als Kunstwerk! Und mit Grauen erfahren wir,
da es Wesen gibt, die, kstlichen Schalen gleich, einmal zerschlagen, der
Natur nicht wieder gelingen.

                   *       *       *       *       *

Wie der Seekranke vom Schiff im ersten Morgengrauen nach der Kste spht,
so sehnt man sich oft nach dem Tode -- man wei, da man den Gang und die
Richtung seines Schiffes nicht verndern kann.

Nietzsche. Nachgelassene Werke.

Ob wir wollen oder nicht, wir werden am Ende alle katholisch.

Moltke.

Als Marie heranwuchs, wurde ihr der Ernst so widerwrtig, wie frher das
Leiden. Von den beiden Philosophen, von welchen der eine die Welt ewig
beweinenswert, der andere sie ewig komisch fand, hatte nur der letztere
ihren Beifall. Denn wer sich ber eine Welt, gegen die er nichts vermochte,
Sorgen machte, der war in ihren Augen ein Narr. Man lebt nicht lange, also
lebe man, ohne zu denken. Allein ihren Theorien zum Trotz, erhoben sich die
Gedanken wie ein brennender Wstenwind in ihrem kindlichen Gehirn. Da fate
sie eine tiefe Abneigung zu Menschen ihrer Art. Mdchen ihres Alters umging
sie in weitem Bogen, aber das Zusammensein mit schnen verwhnten Frauen,
im Kreise weltgewandter Mnner, wurde ihr Paradies. So geriet sie sehr frh
in eine Clique welterfahrener, mchtiger und verfeinerter Leute, die sich
tglich sahen, in deren Intimitt, die keine war, das Herz fast keine Rolle
spielte, sondern mehr das Behagen, und deren Denkproze bei oft
interessanter Begabung ein geringer blieb. Aber gerade dies fand sie
bezaubernd. Das Leben war es wohl wert, zur Kunst erhoben, erheitert zu
werden, und die Sorglosen waren die Lieblinge, die Nachdenklichen nur die
Frondiener der Gtter.

_Jene_ also waren die berlegeneren und vollkommeneren Menschen. Ach und
das ferne, freundliche Mitgefhl, mit dem sie eine eben ereignete groe
Katastrophe, einen Brand, ein Eisenbahnunglck besprachen, vollends die
Art, mit der sie dann das Thema wieder fallen lieen, entzckte, ja
betubte Marie. Und die Ironie, mit der sie gesprchsweise die
Erbrmlichkeiten des Lebens streiften, -- nur streiften! schien ihr das non
plus ultra seelischer Eleganz.

Diese siegreichen Typen schieden in ihren Augen alle entwrdigenden
Grausamkeiten, alle Hlichkeiten aus, alles, was sie hate, woran sie
nicht erinnert werden wollte, und keine verzehrenden, keine erniedrigenden
Schmerzen, gelangten je zu diesen lachenden Hhen.

Und es lag ihr so sehr am Leben! Es schien ihr so kostbar, so
begehrenswert. Sie liebte, ja in dem hher potenzierten Menschen
vergtterte sie es; aber die Freude war das Gesetz, nach dem er wandeln
sollte.

Aber ach! die Freunde ihrer Wahl, in deren Oberflchlichkeit sie schwelgte,
deren Lcheln sie beruhigte, an deren Leichtsinn sie ihr Gemt sonnte, wie
ein Kranker am Mittagsscheine, sie hinderten ja nicht, da ihre Gegenstze
bestanden. Ihr Genu lschte keine Qual, war nur ein Kontrast, -- kein
Ersatz, -- nur ein Widerspruch mehr! Empfindungen von solcher
Mannigfaltigkeit konnten sie da berwltigen, und der Andrang ihrer
Gedanken im Verhltnis zu ihren noch kaum entwickelten Fhigkeiten sich so
mchtig steigern, da vor innerer Erregung ihre Zhne zusammenschlugen, und
ein lauerndes Angstgefhl sie immer deutlicher beschlich.

Zu ihren Freunden hatte sie inde eigentmlich Stellung genommen: zu jung,
um noch zu zhlen, strte sie niemanden; die Frauen litten sie gern, ja die
schnste von ihnen zog sie zu den Zusammenknften, die tglich bei ihr
stattfanden, und hielt sie wie eine Art von Pagen. In der Tat hatte Marie
der Schnheit gegenber eine huldigende Art, ein Gefhl des Ausgeflltseins
und Verlorengehens, ein Stillstehen ihres Selbst zu einem Atom, das nicht
Schwrmerei war, sondern Glck.

Eines Tages hatte sie sich versptet, die Besucher waren fort und ihre
Freundin allein.

Durch das alte, gemalte Scheibenfenster umwob sie der goldene Staub der
sinkenden Frhlingssonne. Sie lag, den Kopf zurckgeworfen, ausgestreckt,
und rauchte eine Zigarette. Nichts dchte man, was in diesem Anblick
klassische Erinnerungen weckte. Was hielt nun Marie vor einer der schnsten
Gestalten ihrer Zeit, unbeweglich, wie geblendet, an der Schwelle zurck?
Sie sah Helden verbluten, Troja im Schutt, und Hektor erschlagen, und wie
von einem pltzlichen Scheine entrckt, fate sie das ewige Relief dieses
flchtigen Lebens.

Aber der Mensch war ihr, was dem Knstler die Kunst, und ihr Wohlgefallen
war ein Meer der Ruhe. Und dieser eine gttliche Funke in ihr schuf ihr
Beziehungen, baute ihr Brcken, die luftig funkelten wie Regenbogen.

Allein nicht nur vergessen und sich verlieren wollte sie, sondern die Art
ihrer Salon-Olympier sich aneignen und nachahmen. Stets schwrmend, hate
sie Exaltation, und Klte des Herzens war in ihren Augen Weisheit.

Es ist ja eine Tatsache, da nicht die Eigenschaften selbst, sondern ihr
Reflex es ist, der uns besticht, und nicht der Wert, den man besitzt,
sondern den man verausgabt. Hierin beruht der Reiz gewisser typischer
Genumenschen. Sie erwecken Illusionen, weil wir ihnen mehr zugute halten,
als sie veruern, manchmal mit Recht, und manchmal nicht. Es sind die
Reichen, die kein dunkler Stachel der Entbehrung hindert, ihre
Empfindsamkeit ohne Rest auszuleben, und von denen geschrieben steht, da
sie das Himmelreich so schwer erlangen, denn es leidet Gewalt.

Und doch konnte sie nicht umhin, das Leiden als einen Mistand, die
Entsagung nicht als eine Bestimmung des Menschen zu betrachten, und wenn
sie glckliche Naturen so sehr liebte, so war es, weil sie ihre
Berechtigung anerkannte. Dieser Glaube sa ihr im Blute, er wuchs und
lebte, er zehrte an ihr. In ihrer eigenen Zerrissenheit erblickte sie einen
untergeordneten Zustand, weil sie fhlte, wie dies bergreifen ihrer
Individualitt nichts anderes aus ihr schuf, als einen heiseren Miton, der
jede Saite erzittern lie, der keinen Klang ausschied und keinen
unvermischt behielt. Die Rte stieg ihr dann wohl auf, wenn sie der eigenen
Malosigkeit gedachte, ihres bertriebenen Gebahrens, noch vor einer
Stunde, als sie in Voltaires Geschichte Karls XII. von Peter dem Groen
las, der seine Kosaken so unentwegt, nach Tausenden rdern lie. Gleich
einem scheugewordenen Tiere war sie da mit dem Kopf gegen die Wand
gestoen, wie um eine solche Tatsache aus ihrem Bewutsein zu lschen. Denn
aller Jammer, der solche Greuel deckt, war da vor ihren Blicken
aufgestiegen, und ungestme Todessehnsucht ergriff sie vor dem Bilde einer
so schmerzbefleckten Welt.

                   *       *       *       *       *

Bei solcher Gemtsart mag es eigentmlich erscheinen, da sie die Religion
so ganz abseits lie. Allein sie war ihr durch das Kloster zu sehr
entfremdet worden. Das Breittreten groer Mysterien hatte nur ihren
Widerwillen, spter ihre Gleichgltigkeit hervorgerufen, und weiter ging
das Senkblei ihrer Messungen nicht. Es ging ihr wie so vielen. Da wir
einem Glauben, in dessen tiefste Geheimnisse wir als kleine Kinder
eingeweiht werden, eines Tages ungeduldig den Rcken kehren, ist ja
ungefhr das Naheliegendste, was es gibt und erfordert spottwenig Geist.
Und wie tief drang jener Rat Goethes in Wilhelm Meister, den Knaben die
Mysterien des Neuen Testamentes bis zum Jnglingsalter vorzuenthalten, um
der notwendigen Verstmmelung ihrer Eindrcke vorzubeugen? Christus whlte
reife Mnner zu seinen Zuhrern, und wie summarisch verstanden ihn selbst
die! Muten doch Jahrtausende die Blte seiner Worte zeitigen und die
winterliche Hlle von ihnen lsen!

Jene Verstmmelung ihrer Eindrcke nun hatte Marie erfahren. Christus war
ihr ein furchtbares Rtsel geworden, eine unverstndliche Gestalt, der
Widersprche voll, der Umrisse bar, zu der sie keine Fhlung gewinnen
konnte und die sie bedrckte.

Und jene dunkle, unbestimmte Furcht umzingelte sie immer nher mit
unruhigen, peinigenden Schatten. Bald mied, bald erforschte sie im Spiegel
ihre scheuen, trostlosen Blicke. In den Dissonanzen ihres Innern sah sie
keine Lsung, keine Lichtung fr einen Strahl des Gleichgewichts, und wie
der Sturm auf schwarzem Geball, so jagte das Gespenst des Wahnsinns auf dem
Getrme ihrer Gedanken und Empfindungen, die ungeschieden ineinander
wogten; wie ein im Stimmen begriffenes Orchester, in dem Violinen, Hrner
und Bageigen die unzusammenhngendsten Lufe und Motive wirr
ineinandertnen. Nur indem sie stets zu den heiteren Seiten des Daseins
flchtete, glaubte sie Ruhe und Rettung zu finden, und glich so einem in
Brand Gesteckten, der vor der Flamme davonluft und sie dadurch nur
entfacht. Sie las grundstzlich keine ernsten Bcher mehr und ging nie in
ein Konzert. Einzig franzsische Musik vermochte sie zu zerstreuen. Ihr
entstrmten, wie Wohlgerche aus unnachahmlicher Phiole die Kundgebungen
nationalster Grazie und Form, und sie schlrfte den Tau franzsischen
Geistes, wie durchsickert von seiner Vollendung. Denn sie liebte feste
Umrisse, und der Zauber einer Rasse lag fr sie in deren Geschlossenheit,
aber das Feine gewhrte ihr mehr Befriedigung als das Groe, weil sich in
ihm das Wohlgefallen ohne Stachel erschpfte. So abhold sie jedoch dem
Leben gegenber jeder Grndlichkeit war, in der Kunst verletzte sie die
Oberflchlichkeit, ja sie erschien ihr gemein. Und hierin allein mochte sie
es nicht mit ihren Freunden halten, deren Stellungnahme gewissen Dingen
gegenber sie verdro. Denn sie fhlte die gnzliche Bezuglosigkeit der
Frivolitt zu allen hheren Gebieten. Aber hier wie da gelangten nur
flchtige und heftige Stimmungen bei ihr zu Atem und es lag etwas
Chaotisches in der Gleichzeitigkeit ihrer oft ganz entgegengesetzten
Empfindungen.

brigens mute sie doch bald einsehen, da ihr alles nichts half. Sie
mochte ihre Freunde noch so sehr bewundern, die Ansichten des einen, den
Tonfall und das blasierte Lachen eines anderen, die Persiflage eines
dritten nachahmen, schwrmen und kopieren, kopieren und schwrmen, sie
wurde ihnen nicht hnlich. Zwar wollte auch sie zu denen gehren, welche
ihre Herzen abrichten, ihre Eindrcke assimilieren, nicht ihnen nachhngen
-- ja, aber sie strmte nicht, wie ihre Freunde, in die weite Welt! Fr sie
segelte kein Schiff auf die herrlich freien, hohen Wogen des Lebens, sie
stand am Gestade, und der Gedanke an ein ruhiges gleichfrmiges Dasein
erfllte sie mit Verzweiflung.

Denn das Element, die Atmosphre, in der ihre Seele lebte, war die Welt der
Eindrcke; wo diese fehlten, stagnierte ihr Inneres wie ein Sumpf, und ihre
Zge wurden stumpf und leblos vor den Augen derer, die entweder kein Gefhl
oder kein Interesse in ihr erweckten.

                   *       *       *       *       *

Ein einziger in jener Gesellschaft, die ihr El Dorado war, hatte sie
durchschaut. -- Er trug seiner romantischen Erscheinung halber den
Spitznamen Alfred de Musset. Sein Gesicht war en face gesehen schn und
zauberhaft jung, das Profil niedertrchtig, die Gestalt bei uerlicher
Eleganz von schlechter Rasse, die Hnde unsympathisch. Seine Begabung, in
ihrer Art ungewhnlich, war  fleur de peau. Dabei gehrte er zu jenen
Menschen, welche den Geist der anderen auf das lebhafteste anregen und in
Schwung versetzen. In seiner Gegenwart beherrschte sich die schchterne
Marie vollkommen. Sie drckte sich frei und unbefangen aus, und die Worte
standen ihr fr alle ihre Einflle zu Gebot. Dies erhhte nur ihre
Gereiztheit, denn genau so, wie sie sich im Zwiegesprch mit ihm zeigte,
wre sie gern vor ihren anderen Freunden erschienen, die nur beilufig auf
sie achteten und die ihr so gut gefielen. Sie glaubte sich an ihm rchen zu
mssen, indem sie es ihm ins Gesicht sagte, und ihm alles vorwarf, was ihr
an ihm mifiel: von seinem Profil bis zu seinem dekadenten, mehr in die
Tiefe als in die Breite gehenden Verstand. Er lie sie reden, -- ihr aber
schien ihr eigenes merkwrdiges Verfahren hchst angebracht und loyal, und
indem sie ihm ihre Antipathie gestand, ja klagte, glaubte sie den so
anregenden Verkehr mit ihm aufrechthalten und nach Wunsch gestalten zu
knnen.

Aber die Nachwirkung blieb stets dieselbe, der Abscheu vor ihm steigerte
sich ins Unertrgliche, ja ins Ungeheuerliche, und genau so ehrlich, so
akut, wie sich sehr junge Leute verlieben, war sie in ihn verhat.

Eines Tages brachte er ihr die schweren, vertrumten Lieder Debussys auf
Gedichte Beaudelaires, und von der Schnheit, der schwlen Atmosphre
dieser Musik halb gehoben, halb betubt, sprach sie sich da so manche Last
so leicht vom Herzen: ihre Scheu vor tiefen Problemen, und die heimliche
Qual groer Musik. Und wie von fernem Ufer sah sie ihn da aus der Tiefe
ihrer Verlassenheit an und lchelte ihm zu, weil er ihr vom Hauche des
Frhlings umweht erschien wie ein blhender Zweig.

Er aber sagte ihr trstliche, schmeichelhafte Dinge, fr welche sie,
aufatmend, naiv genug war, ihm zu danken; denn er wollte einen Einflu ber
sie gewinnen, nicht aber sie erfreuen. In demselben Tone weiterredend,
nderte er da auf der Stelle seine Taktik; ohne da sie seine Absicht
merkte, entstellte, verzerrte er das Bild, das er noch eben von ihr malte.
Sie horchte entsetzt und sah nicht, da er es war, der sich nun rchte. Ihr
war, als strzten die Balken eines Gerstes ber sie zusammen, als hrte
sie den endlichen Schlag einer lang lauernden, elenden Stunde, den Wehruf
finsterer Vgel.

Den Wahnsinn, dem Sie verfallen sind, ahnen Sie ja lngst, sagte er. --
Aber ein mutigeres, strkeres Wesen schien da pltzlich in ihr zu
erstarken, sie von seinen Drohungen freizusprechen, zu beschtzen. Dieselbe
Fhigkeit aus dem Stegreif zu erfassen, zu berblicken, sich auszudrcken,
verlieh er ihr auch jetzt; doch als er lchelnd, mit begtigenden Worten,
Abschied von ihr nehmen wollte, hielt sie ihn schnell zurck: dies Haus
gaben Sie mir ein Recht Ihnen zu verbieten, flsterte sie; und wie
Liebende in ihrer ersten Umarmung, so war sie durch die definitive Trennung
von ihm an das Ziel ihrer Wnsche gelangt, und Ha und Widerwille waren
erloschen.

Es gibt Momente, in welchen der Mensch den Charakter seines Lebenslaufes so
klar und nchtern erschaut, da, Maeterlincks khner Hypothese gem, die
Zukunft mit der Klarheit der Vergangenheit an ihn herantritt. Warum
erkannte da Marie gerade jetzt, als sie dem Manne nachblickte, da auf
Jahre hinaus Alles, was sich ihr bieten, sich verkehrt zu ihr stellen
mute, und da sie alle Frchte verdorren sehen, oder zur Unzeit brechen
wrde?

                   *       *       *       *       *

Indessen stand das Haus, in dem alle Freuden ihres Lebens blhten,
unversehens leer, ihre Freunde zogen fort, und ihr Zaubergarten versank.
Ach, auf so winzige Veranlassungen hin konnte dort die Schale ihres Glckes
berstrmen, denn mchtiger als in allen Mandelblten des Sdens, als in
allen Fliederbschen des Nordens rauschte der Frhling in ihrem Herzen. Sie
sah nun zu den verdeten Fenstern empor, und litt umso mehr, als sie nicht
leiden wollte, nicht fliehen, an toter Sttte nicht vergessen konnte.

Da unser Leben zwar lange nicht so spannend, aber in seinem eigentmlichen
Verlauf unwahrscheinlicher ist, als der khnste Roman, diese Bemerkung ist
ja nicht mehr neu. Aber was uns in unsere Bahn lenkt, tritt in der Regel
nicht omins, sondern leicht und mit nichtssagender Miene in unseren Weg.
Die Wendepunkte des Lebens liegen im Tal, im aussichtslosen Dickicht und
Gestrpp. Maries Fingerzeig kam von New York, in Gestalt eines jungen,
reichen und verwhnten Mdchens. Es war eine jener zu rasch erfolgten
atemlosen und berhitzten Kulturen, ohne Verweilen, ohne Gemtlichkeit und
ohne Humor. Ihr Geist war strker als ihre Individualitt. Sie kampierte
auf einer weien, groartigen Wolke, und schien mit ihrem stets in die
Ferne gerichteten Blicke, ber ideelle und allgemeine Interessen das
Einzelne und Persnliche aus den Augen verloren zu haben. Dabei aber war
dieser spiralhnlichen Begabung ein ausgesprochener Stich ins Erhabene zu
eigen. Und wie sich sehr hervorragende psychische Veranlagungen oder
Eigenschaften hufig in einer krperlichen Linie widerspiegeln und nach
sichtbarer Gestaltung drngen, so verriet sich die hohe Unterscheidungsgabe
dieses zu farblosen und abstrakten Geistes in einer eigentmlichen Hoheit
der Haltung und der Gestalt, in einer unvergleichlich edlen Kurve ihrer
Achseln, und man lache nicht, in dem idealen Glanz ihrer trumerischen
Flechten. uerlichkeiten waren es denn auch, die Marie mit ihr vershnten.

In jeder Menschenseele wohnt das Bedrfnis, sich gro zu machen, und auch
das Bedrfnis, sich klein zu machen. Marie, die Verherrlichungen ihrer
eigenen Person mit fast kindischer Freude entgegennahm, trieb eine gewisse
Bescheidenheit wiederum so weit, da es ihr unmglich wurde, ein ihr
dargebrachtes Gefhl sich wirklich vorzustellen, noch zu begreifen.
Entweder suchte sie den Grund dafr in irgend einer Lcke, einer
untergeordneten Beschaffenheit des Betreffenden, oder sie fand berhaupt
nicht den Mut, daran zu glauben. So verwirrte sie jetzt die entschiedene
Gunst, die ihr von der jungen Fremden zu teil wurde, um so mehr, als sie
viel zu unerfahren war, um sie richtig zu taxieren. Die wenigen Tage ihres
Aufenthaltes gestalteten sich brigens fr Marie auf die denkbar
angenehmste Weise. Sie kam zum erstenmal mit den berhmtesten Leuten ihrer
Zeit zusammen, und sa stumm, doch hoch erregt, mittags mit ihnen zu Gaste
und abends im Theater. Zwischendrin allerdings wurde sie von Honorien,
ihrer neuen Freundin, in Zwiegesprche hineingezogen, die ihr gar nicht
entsprachen. Hohen, bersichtlichen Besprechungen war Marie nicht
gewachsen, und selbst wo sie diese zu verfolgen vermochte, geschah es mit
Widerstreben. Denn philosophische und knstlerische Probleme schienen ihr
zu so gewohnheitsmiger Errterung nicht geeignet, Honoria aber besprach
nie Alltgliches, selten und nur von ferne Personalien. Bei aller
Herzlichkeit lag etwas so Unnahbares, Unpersnliches in ihrem Wesen, etwas
so Indirektes und Ferngercktes in ihrem Blick, da Marie immer den
Eindruck hatte, als she sie jene nicht selbst, sondern statt ihrer ein
Schemen, das ihr gefiel.

Am Morgen der Abreise ging Marie zu ihr. Es war ein lauer Sommertag, die
Bayreuther Festspiele eben zu Ende. Honoria empfing sie mit offenen Armen,
und schickte den Wagen fort, um die Strecke zur Bahn zu Fu mit ihr
zurckzulegen. Alsbald war denn auch eines jener Gesprche im Gange, die
Marie so sehr langweilten. Sie seufzte und sah zerstreut auf die staubigen
Bume, zum weichen, herbstlichen Himmel empor. Gott sei Dank, dachte sie,
sie geht.

Aber schon am folgenden Morgen kam ein fingerdicker, im Eisenbahncoup
geschriebener, franzsischer Brief, der nichts weniger enthielt, als die
Fortsetzung der allzu umfassenden Philosopheme, welche Honoria auf dem Weg
zur Bahn entworfen hatte. Nicht einen Augenblick lnger jedoch wollte Marie
eine solche Komdie aufrechthalten. Das Du ignorierend, das in jenem
Briefe gefhrt wurde, schilderte sie sich selbst so, wie sie war, mit ihrem
wirklichen mit ihrem prinzipiellen Mangel an Interessen, und die gnzlich
verschiedene Richtung, welcher sie ihrer Natur nach angehrte. Somit galt
ihr diese Episode als beendet, und sie war nicht wenig berrascht, als
Honoria, welche die Dinge von oben nahm, sie in einem noch dickeren Briefe
eine Spartanerin nannte und nunmehr den Verkehr so rege gestaltete, als
lebten die beiden Mdchen in benachbarten Stdten, nicht in getrennten
Erdteilen. Marie wurde der Gegenstand fortwhrender Sendungen und
Geschenke. Bald kamen persische Lieder in kstlichem Pergamenteinband,
mystische und philosophische Werke, eingerahmte Gravuren in hohen Kisten,
und sie hatte vollauf zu tun, um nur die Zeitschriften zu durchsehen, auf
die sie sich mit einemmal abonniert sah, und sich von all den Bchern in
Kenntnis zu setzen, die ihr bald direkt, bald durch Buchhandlungen zukamen.
-- Sie tat es denn auch mehr aus Erkenntlichkeit, denn aus Neigung.

So verging ein Jahr. Da erhielt sie in den letzten Septembertagen
unerwartet einen Brief mit dem Homburger Stempel. Honoria war infolge einer
durch beranstrengung erfolgten Krankheit zur Erholung dorthin befohlen
worden, und sollte nach beendeter Kur schleunigst nach dem Sden. Da ihr
der Umweg zu Marie nicht gestattet war, bat sie nun dringend um ihren
Besuch. Marie sah diesem Wiedersehen mit Interesse entgegen; besonders
freute sie sich auf das Treiben eines so berhmten Kurortes und lie sich
durch die Jahreszeit in ihren Erwartungen nicht wesentlich beeintrchtigen,
denn in Homburg, wollte sie wissen, gab es das ganze Jahr hindurch schne
oder interessante Leute.

Honoria, die ihr einige Tage spter auf dem Frankfurter Perron
entgegeneilte, erschien ihr noch hheren, noch edleren Wuchses als vordem.
Trotz der groen Modernitt ihrer Kleidung war die Zeichnung ihres Kopfes,
die Linien ihrer Gestalt erhebend wie ein antiker Fries. Ihr Anblick rhrte
die leicht bewegte Marie. Sie freute sich, den heien, staubigen Zug zu
verlassen, und die letzte Strecke in dem offenen Wagen zurckzulegen, der
vor dem Bahnhof in der Sonne wartete, durch Frankfurt, das sie nicht
kannte, und in der frischen schimmernden Luft nach Homburg zu fahren, und
sie freute sich, da sie gekommen war. Allein schon unterwegs empfand sie
die alte Ungemtlichkeit, die alten Strapazen dieses Verkehrs. Honoria
schien in ihrem Element, wenn ihre Gedanken gleichsam in der Luft hingen;
Marie hingegen war gnzlich real, und ihr Idealismus galt dem Leben. -- O
wie erschrak sie ber den Anblick, den ihr Homburg gewhrte! Von Massen
welkenden Laubes bedrckt, starrten die leeren Alleen, starrten verdete
Grten und Villen. Honoria rhmte ihr die groe, wohltuende Stille des
sonst so geruschvollen Ortes. Die Villa, welche sie ganz allein mit ihrer
Gesellschafterin und einer Kammerfrau bewohnte, war die Dependance des
einzigen Hotels, das wahrscheinlich ihr zu Ehren noch nicht geschlossen
war. Marie erblate. Ihr Herz sank. Sie _hate_ das ausschlieliche
Zusammensein mit Damen! Sie sah keine Anregung, keinen Sinn in einem
einschichtigen Verkehr und er langweilte sie auf die Dauer zu Trnen. Ein
Leben, das auf ein Weilchen das Ideal eines geistig und gesellig
beranstrengten Menschen sein mochte, war nur ein Alp fr das
zerstreuungsschtige Mdchen.

Honoria lag des Morgens meist mit schon ganz erschpften Zgen zu Bett;
hatte vor Tagesanbruch ihre Korrespondenz erledigt und Emersons Essays oder
die Briefe des hl. Paulus gelesen. Sobald sie aufgestanden war, ging sie
unverzglich an eine aus Geflligkeit unternommene bersetzung, und Stunden
hindurch drang der hartnckige Lrm der Schreibmaschine durch die stillen
Zimmer. Vor dem den Klippklapp floh Marie ins Freie und strich durch die
toten Straen Homburgs oder verlor sich in einer Anwandlung von Schwermut
in den groen Park. Frh am Nachmittag harrte dann die leichtgeschirrte
Viktoria und Marie freute sich der langen Fahrten durch den goldenen Taunus
und die endlosen Wlder. Aber als der Oktober seinem Ende zuneigte, litt
sie bei dem Anblick des sterbenden Laubs, der finster welkenden Natur. Ihr
war, als fielen ihr die gelben Bltter aufs Herz, und ihr Auge lechzte nach
einem grnen Zweig, nach einem blhenden Fleck inmitten des ungeheuren
Grabes, das sich bereitete. Sie begriff die Schnheit des Herbstes,
Honoriens Freude daran nicht. Was der Augenblick verhie, nicht was er bot,
nicht der Sonne zrtliches Verweilen, ihren Scheidegru vernahm sie allein.
Und wenn der Wagen in der Dmmerung durch einen Dom welker seufzender Bume
fuhr, so umlauerten sie, wie einst die Elfen des Erlknigs Sohn, des
Verfalles grausame Schatten, und entwanden ihr das Herz.

Zuhause kam dann der lange Abend mit Shakespeares und Brownings Gedichten;
aber sie fing an alle Bcher zu hassen. Wohl konnte sich ihr Blick flchtig
beleben, wenn Honoria duftend und geschmckt, gleich einer hellen Wolke,
ihrem Zimmer entschwebte, sonst aber sa sie oft stundenlang mit ihrer
Stickerei still am Fenster, und nach den einfltigsten Bemerkungen mute
die sonst so Gesprchige ringen. Gern folgte sie Honoriens Aufforderung zu
musizieren. Allein die Tne brachten das Echo ihrer Langeweile mit
qulender Steigerung zu ihrem Bewutsein, und schlaff und zerstreut endete
ihr Spiel.

Um diese Zeit hrte Marie, die sonst alle Wagner-Opern kannte, in Frankfurt
zum erstenmal den Rienzi, und obwohl Auffhrung wie Besetzung zu den
minderen gehrten, so war sie von dem Drang, dem titanischen Gren, ja
gerade von dem Unvermgen dieses Werkes heftig ergriffen. Hier war Ikarus,
dessen ewiger Mut sich Flgel ber Welten hin, Flgel, die _nicht_ brachen,
schmieden sollte.

Mchtig angeregt fuhr sie im offenen Wagen durch das mondumhauchte Land und
weie schlafende Drfer nach Homburg zurck, und Wagners Schaffen wie eines
Wunders gedenkend, lehnte sie den Kopf weit im Wagen zurck, und verlor
sich in der stillen bethlehemischen Pracht. Vergessen und verweht schien
ihre Schwermut, die doch schon tags darauf, gleich einem Nebel ihr Gemt
von neuem umschleierte. Besonders auf die Schreibmaschine wurde sie zuletzt
erbittert und als diese eines Morgens wieder so geschftig das stille
Stockwerk durchdrang, fing Marie in einem Paroxysmus von Langeweile in
ihrem Zimmer strmisch zu weinen an. Das Leben war so reich: so mannigfach
und schn! Es gingen auf der Welt so typische, reizende Menschen einher!
Ach! warum lebte sie von ihnen getrennt! Wer war fr des Lebens Gensse
kniglicher geartet? Mochte sie zeitlebens entbehren, bis in alle Fibern
blieb sie verwhnt!

Und obwohl nur mehr drei Tage ihres Bleibens waren, schien ihr gerade der
heutige nicht mehr ertrglich. Rasch zu Honoria tretend: Ich kann heute
keine gelben Bume sehen und fahre nach Frankfurt, sagte sie lachend, und
drckte ihr den Arm. Sie sah noch Honoriens berraschten, aber so
freundlichen Blick, dann strmte sie die Treppe hinab und zur Bahn, der
Schreibmaschine und Homburg davon!

Wie ein Fllen, das sich auf freiem Rasen tummelt, so behaglich war es
Marie am selben Nachmittag auf der bewegten im lieblichsten Lichte
getauchten Zeil. Die ppigen Tchter der Stadt, die mit ihren Mttern
erwartungsvoll einherzogen, die eiligen Geschftsleute, die Migen und die
Lebensfrohen, die gemeinen, die aufgeputzten oder die sympathischen Leute,
alle schufen ihr Kurzweil, und wie ein Kind in Bilderbchern, war sie ganz
in den Anblick der vielen Spaziergnger versunken; berall von dem
Zauberkreis eines selben Lebens gebannt, ruhte, sich selber verlierend,
ihre gehaltlose Seele, die dem Mann ohne Schatten glich, von der Einsamkeit
aus.

Sie hatte die Stadt der Kreuz und Quere nach durchstreift, an Brcken,
stillen Pltzen und verlornen Straen geweilt, und schon erblate der
Himmel. Gnzlich ihrer Stimmung hingegeben, war ihr Bewutsein wie umflort,
von der Atmosphre des alten und des neuen Frankfurt durchdrungen, und von
der sterbenslauen Luft, in der ein Klang lag ewiger Ermattung, von ewiger
Vergnglichkeit.

In einer kleinen, vertrumten Sackgasse machte sie Halt, um ihren Weg zur
Bahn zu erfragen; und von einem entstellten Profil Richard Wagners, das
dort in der Auslage eines Musikladens prangte, wandte Marie, die ungern
Hliches sah, im Vorbereilen den Blick.

Allein ihre Stunde war gekommen.

Den Abend verbrachte sie mit Honorien in aufgerumtester Laune, erzhlte,
was sie gesehen, gehrt, gegessen hatte, und unterbrach die Browningsche
Lektre mit allerlei Spen.

Dies war ihre vorletzte Nacht in Homburg, und entmutigt schlief sie ein.
Wann endlich wrde sich ihr Leben bewegter gestalten? -- Sie gedachte der
vergngten kleinen Konditorsfrau in Frankfurt, an die sie heute so viele
Fragen gestellt, die ber ihren schmucken Laden nicht hinausdachte und
inmitten ihrer Glasglocken, ihrer Schokoladekrapfen und Schaumrollen ein
Dasein lebte, vor welchem Marie erschauerte.

Aber was hatte sie denn selbst von ihrem klein bichen Bildung, als da sie
fr die Alltglichkeit auf immer verdorben, auf immer beunruhigt blieb.
Hei scho ihr das Blut zu Kopfe: was wute sie denn? -- und was sollte sie
von Honorien halten, die ber ihre Theorien zu leben verlernte?

Es war finster und still in ihrem Zimmer, als Marie erwachte. Sie besann
sich nicht sogleich, was dies wilde Klopfen ihres Herzens verursacht, was
sie geweckt, was sie gesehen hatte. Dann strzte sie ans Fenster und ri es
auf. stlich dmmerte ein heller Streifen durch die Nacht, allein den Tag
in ihrem Herzen begrte sie mit einer Flut immer neu hervorbrechender
Trnen, da ihr Gesicht erblindete wie eine Scheibe unter dem Regen.

Jenes selbe Profil, von welchem sie gestern im Vorbereilen den Blick
abwandte, hatte sie verherrlicht, zwei Schritte vor sich, mit unbewegtem,
gerade ausschauendem Auge gesehen. Aber es war ein vergttlichtes Auge,
weltenstrahlend, weltenspiegelnd und von unvergelicher Gre; ein
individuelles und doch gnzlich entrcktes Auge! Es waren die ewigen Augen
Wagnerscher Werke.

Wie ein Erdboden durch pltzliche Erschtterung, so hatte ihre Gesinnung
durch ein so ungeahntes Bild eine Umgestaltung erfahren. Es war seltsam, es
war spahaft genug und sie wute, welchen Hohn die Tatsache gerade in ihrem
Herzen finden, sie verfolgen wrde! Hier war sie: ein junges, bis ins Mark
vergngungsschtiges Mdchen, das nichts mehr zur Ruhe bringen, in dem
nichts den einen brennenden Wunsch mehr betuben konnte: die Wahrheit zu
suchen.

Denn sie wute in dieser stillsten Stunde ihres Lebens, da Unwissenheit es
war, die jenen Gram in ihr erzeugte, weil _Gedanken_ hinter jenen unruhigen
Schatten ruhten, die sie schreckten, und da nichts sie retten konnte, als
ein hellerer Kreis des Wissens, der sie schtzend umschlo, als ein Glaube,
um den sie selber rang.

Tags darauf verlie sie Homburg.

Golden flogen im Nachmittagscheine Brcken, Felder und Wiesen vor ihrem
Zuge vorbei, aber vor dem Glanz einer stillen, sonnenerfllten Welt, schlo
sie bekmmert die Augen; denn immer schwerer wurde da wieder, auf der
langen Fahrt, ihr einsam entschlossenes Herz. Sie sah sich wie vor einem
Berg, den nur Gebte und Wetterkundige, mit einem Arsenal von Werkzeugen
wohlausgerstet, zu besteigen wagen und denen sie nun barfu und alleine
folgen wollte.

Was sie erstrebte, war ja zu schwer: Nichts was Gleichgewicht und Disziplin
des Geistes betraf, lag in ihr vorbereitet noch vererbt, und zu einem
systematischen Denken war sie weder veranlagt noch geschult. Kein Pegasus,
die traurigste aller Rossinanten stand ihr zu Gebote. Aber weniger
glcklich als der an Illusionen reichste Don Quichote, verglich sie
unerbittlichen, fast feindlichen Auges ihre Unzulnglichkeit mit ihrem
Wagnis. -- Was hatte ihr stumpfes kindisches Gehirn mit jenen Rtseln zu
schaffen, die es von jeher mhten? Nun war sie erwacht. Mit weitgeffneten
Augen, die nicht sahen.

                   *       *       *       *       *

Als sie bei ihrer Ankunft in Mnchen Glucks Oper Iphigenie in Tauris auf
dem Zettel sah, ging sie noch selben Abends hinein. Es war eine der letzten
Vorstellungen, die unter Levis eminenter Leitung und einer Besetzung
alternder aber trefflicher Leute dort stattfanden, und Marie atmete freier
in der Atmosphre dieses edlen Werks.

   Die Ruhe kehret mir zurck.
   So sollte meine Qual Euch Ihr Gtter ermden.

Es war Orestens erhabenes Lied, und in prachtvoller Wiedergabe, die eherne
Begleitung des Orchesters.

In diesem Augenblick kulminierte das musikalische Empfindungsvermgen, die
Genialitt des Dirigenten. Nicht so sehr gestaltend stand er dem
Meisterwerke gegenber, als da seinem unvergleichlich knstlerischen
Impuls, seiner in hchster Passivitt so wundervollen Ergriffenheit die
hchsten, tief umhlltesten Regionen sich erschlossen. -- So stand er
unbeweglich, mit gesenktem Stabe, nur verklrten Auges sein Orchester
bannend. Aber der Hauch von Ewigkeit, der ber den friedensvollen Fall der
Batne gebreitet liegt, ri Marie mit fort. Kein anderes Kunstwerk sollte
wieder jene selbe berwltigende Wirkung in ihr hervorrufen, zu der sie
jetzt ihr abnorm gesteigerter Gemtszustand befhigte. Sie verlor das
Gesicht. Der Wunsch, den sie so frh gehegt, er war ihr erfllt, die
Mdigkeit, die sie so frh empfunden, sie war von ihr genommen, und sich
selbst, der eigenen Drftigkeit, der eigenen Torheit, allen Schranken des
Persnlichen weit enthoben, behielt sie nur das Bewutsein eines strmenden
Glcks.

                   *       *       *       *       *

So waren denn die Wrfel gefallen. Ihr Drang nach Erkenntnis war strker
als ihr Struben, als ihre Trgheit und ihr Unvermgen.

Stundenlang sa sie nun, meist ganz vergebens, -- ber einer einzigen Seite
Kants. Aber gerade bei ihm, dem sie ein so lckenhaftes Verstndnis
entgegenbrachte, durfte sie, zum Atome sich erkennend, ruhn, -- wenn sie
die Schwingen ewiger Begriffe auf Augenblicke streiften. Denn Marie hatte
Geist, doch keine Geisteskraft, niemanden, der ihr half, noch sie belehrte!
Nur einem Menschen, dessen berlegenheit ihr nach allen Seiten hin
entsprach, htte sie sich ohne Reue anvertrauen knnen, und einen solchen
Freund zu haben war ihr nicht vergnnt. So muten denn die Bcher ihre
Freunde, ihre Lehrer werden. Und schon hatte sie erkannt, da hervorragende
Anlagen nur eine gefhrliche Mitgift sind, wenn gerade sie einen
vershnenden Ausgleich innerer und uerer Widersprche erschweren. Sie
hatte erkannt, da nicht das Leben, fr welches wir geschaffen _wren_, in
die Wage fllt, da nicht wir selbst, sondern unser Geschick das Gegebene
ist, und da sie nicht dem Knechte gleichen durfte, der mit seinem einen
Talent verzagte und es vergrub.

Am schwersten lie sie sich's mit Schopenhauer werden, der den jugendlichen
Leser terrorisiert. Und wer war sie, da sie es wagte, ohnmchtig,
verzweifelnd, so lange gegen ihn anzustrmen, bis ihre innerste berzeugung
sich wieder von ihm losri, von seinem groartigen Gedankenring gefrdert
und belehrt, ihm nicht lnger unterworfen war?

Wagner aber lehrte ihr, wie mit jener Philosophie zu verfahren sei: Die
schroff eingehemmte Theorie der Willensverneinung lenkte er vershnend zu
Parsifals ergreifender Erkenntnis, und Schopenhauers elementare Lehre der
Liebe veredelten und krnten Tristan und Isolde.

Einen heien einsamen Sommer verbrachte sie mit Platos Bchern und unter
Trnen las sie das herrliche Symposion. Hier war ein Ziel und gttliches
Verweilen, der Harmonien stiller seliger Hauch, und wie vom hohen Berg
herab, lag da die Welt, -- beschaulich, -- unbegehrt, -- zu ihren Fen.

Aber sie war schn, diese Welt! Feierlich und gro! -- Und alles in ihr
erhielt Sinn, Leben und Bestand durch Bezge. Und in Bezgen lag ein
Schwerpunkt selbst der grten Geister.

Der Erwerb des einen wird da dem anderen Besitz; Steigbgel fr den
Kommenden. Allein die Schranke war die Bedingung des menschlichen Gehirns,
und die Grenze des intellektuellen Vermgens durch die menschliche Natur
scharf abgesteckt.

Marie versank in immer tieferes Nachdenken.

Nein: _Allumfassende_ Vollkommenheit war nirgends. --

Da erstand vor ihrem inneren Auge, wie im Morgengrauen deutlich erkennbar
-- die universellste, bergreifendste Gestalt, die keine Irrtmer und keine
Lcken in sich aufwies! Vielmehr auf unnennbar geheimnisvolle Weise alle
Widersprche in sich aufhob, weil ihr nichts fremd war und nichts entzogen,
was tausendfach die Menschen scheidet und vereinsamt. Ja, es war ein
Mensch. Aber Himmel und Erde waren der Schlssel zu ihm, und er erfllte
die Welt. Allumfassendes, schweigendes Begreifen entstrmte seinem Auge. Es
war ein Gott. Seine Zge aber! Die grten Denker und Meister aller Zeiten
hatten sie ihr entschleiert, weil alle menschlichen Heroen zu seinen
Kommentaren wurden, und ihre unbeschreibliche Bewandtnis zur Erluterung!
-- Keine Philosophie keine uerung auf dem Gebiete des menschlichen
Geistes, ja des Geistreichen, des Witzigen, des Profanen -- keine Kunst,
die nicht zu ihm gravitierte. Der Gedanke war so gro, da sie erschauerte.
Und von der berschwnglichen Tragweite jenes schlichttnenden Ausspruches:
In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen war sie da wie von unendlichen
Schallwellen fortgerissen und durchleuchtet.

Nur eines trennte ihn von uns -- das bel, das allen Gram erzeugt. Eines
mute er uns entnehmen. Eines war gttergleich im Prinzip von ihm
ausgeschieden: _die Qual_.

Marie mochte ihre Gedanken nicht lnger ertragen. Sie ging hinab in die
Strae, den starren Huserreihen entlang, der heien verdeten Stadt. Aber
das Licht, der Anblick des leeren, weilichen Himmels erweckte Erinnerungen
und Leid. Zum Stachel war ihr da der taube Glanz des Tages, und jene
Geister der Luft, die den Menschen jagen und ihm das Himmelslicht
versteinern. Atemringend mu er es ertragen.

Nicht da es sie jetzt nach Mitteilsamkeit drngte, nein, auszuruhen, zu
vergessen, sich zu freuen. Schnheit, Gebrde, Sprache, die Form eines
Auges, die Bewegung eines Arms, die alles war ein Organismus, der sie
umfriedete. Dann wurde es still in der dumpfen Werkstatt, und Gedanken
feierten. Der Reiz der Nhe lste den gezogenen Blick von ihren Augen, und
ihr Geist erkannte rastend seine Heimat.

Denn es war ihr _Geist_, der in der Welt der Krper, der in _dieser_ Welt
sein Element erkannte!

Allein in der Einsamkeit, die sie also bedrute, umschlo sie jetzt
deutlich wie Felsenzacken gegen das Sonnenlicht der Ring ihrer Gedanken.

Nicht lnger von der Welt barer Vorkommnisse aus den Fugen gerissen,
erkannte sie die trstliche Bedingtheit alles Elends. Erkenntnis sollte
_nicht_ den Pflock des Leidens tiefer in uns treiben! Alles war Folge, und
selbst Geschehnisse nicht unentrinnbar.

So weit, so anders erblickte sie die verlorenen Tore ihres Glaubens wieder.
Was immer das Dogma vom Geiste lste, erschien ihr da als ungeheuerster
Verrat. Nicht als Dualitt, als Organismus erfate sie den Menschen und
seine Apotheose, nicht seine Trennung als sein Endziel. Ihrem
weltabgewandten und entsagungsvollen, aber stets verheiungsvollen Bildern
zugekehrten Auge wollte die unendliche Elastizitt jenes Glaubens als sein
tiefinnerstes Geheimnis sich erschlieen; des Paradoxalsten,
Bedeutungsvollsten eingedenk und psychologisch tiefst Begrndeten, was der
Mensch zutage frderte: als das Ma aller Dinge stellt er den Abstand
zwischen ihm und der Gottheit, Prometheus, die seligen Gtter und den
allgewaltigen Zeus! Quellen und Haine belebt er mit bermenschlichen Wesen,
scheu verehrend, was er selber schuf. Ahnung war es, die ihn die eigenen
Ideale, das eigne Ziel so fern erkennen und den Olymp ertrumen lie!
Solche Trume, muten sie nicht das Sehnen eines Gottes ntigen, zu
tausendfacher Befreiung den Menschen zu erlsen?

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [p. 4]:
   ... Steine leuchteten, war starr wie ein Scheibenherz. ...
   ... Sterne leuchteten, war starr wie ein Scheibenherz. ...

   [p. 26]:
   ... Dazu kommt, das bei ihnen der Prozentsatz ...
   ... Dazu kommt, da bei ihnen der Prozentsatz ...

   [p. 27]:
   ... in hundert Jahren recht haben sollte. Aber ...
   ... in hundert Jahren recht haben sollte. Aber ...

   [p. 47]:
   ... lo leuchtend und blau dahinflo, so deutsch mit ...
   ... so leuchtend und blau dahinflo, so deutsch mit ...

   [p. 49]:
   ... zu einem See besnftiget, sich weitete, und als ...
   ... zu einem See besnftigte, sich weitete, und als ...

   [p. 52]:
   ... to exchange! Und da er mich anstarrte: because ...
   ... to exchange! Und da er mich anstarrte: because ...

   [p. 112]:
   ... Neigung ...
   ... Neigung. ...






End of the Project Gutenberg EBook of L'me aux deux patries: Sieben Studien, by 
Annette Kolb

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ME AUX DEUX PATRIES: ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

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