Project Gutenberg's Guirlanden um Die Urnen der Zukunft, by A. K. Ruh

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Guirlanden um Die Urnen der Zukunft
       Eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem
       drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Author: A. K. Ruh

Release Date: May 14, 2014 [EBook #45644]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GUIRLANDEN UM DIE URNEN DER ***




Produced by Jens Sadowski (based on page scans made
available by John J. Pierce and by the Staatsbibliothek
zu Berlin - PK, digital.staatsbibliothek-berlin.de)









                              Guirlanden
                                  um
                               Die Urnen
                                  der
                               Zukunft.


                                 Eine
                       interessante, originelle
                          Familiengeschichte
               aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
                                  von
                              A. K. Ruh.

                             Leipzig 1800.
              Im Verlag der Jos. Poltischen Buchhandlung.

                              Guirlanden
                                  um
                               Die Urnen
                                  der
                                Zukunft

                                 Eine
                          Familiengeschichte
                                  von
                              A. K. Ruh.

                   In drei Theilen oder Abschnitten.

                        Prag und Leipzig 1800.
              Im Verlag der Jos. Poltischen Buchhandlung.

                                  Dem
                            Herrn Stadtrath
                          Franz Pablitschek,
                                  und
                            seiner Gemahlin
                              zugeeignet
                                  vom
                              Verfasser.

                           Potui quod feci.




Erster Abschnitt.




Erstes Kapitel.

Blicke in die Zukunft.


An der unendlichen Uhr der Zeiten wird der Zeiger der Jahrhunderte, auf den
dreiundzwanzigsten Punkt deuten. Fnf Generationen des Menschengeschlechts
werden noch erstehn, wie im Frhling des Jahrs der Fluren Blumengewand
ersteht: wie im Herbste das bunte Laub von krafterschpften Bumen rieselt,
werden sie fallen.

Eine neue Mennschensaat wird keimen, sprossen und reifen, geset von den
Hnden der Zeit.

Schwach und matt noch dmmert die allbelebende Sonne Wahrheit durch den
dichten Nebelflor der Vorurtheile und den dunkeln Wolkendampf des Dnkels;
aber sie werden erhellt werden, sinken werden die Nebel und Wolken, sich
zertheilen und nimmer seyn. Und eine Sonne tritt hervor aus der Schacht des
Wahnes, hell und glnzend wie der geluterte Morgen nach der Sturmnacht,
mild wie der Thau in Perlen am Frhlingshalm, und labend wie Abendkhle den
schweitriefenden Schnitter. Edle Thaten der Menschen verketten und
verdrngen sich vor meinem Blicke, wie lieblich in einander flirrende
Trume. Ein Odem durchweht die eine Seele der neuen deutschen Familien;
geadelt durch Geistes und Herzenkraft handlen sie edel und -- menschlich.

Aus dem bunten Gewirr knftiger Begebenheiten drngt sich mir eine vor
allen auf -- nicht der Schnsten, schnste, aber auch nicht der Edelsten
lezte.

Nehmt sie erwartungsvolle Leser, gefllig aus meinen Hnden. Schwebet mit
mir in dem Kahne der Fantasie auf, dem Meere der Zeiten 500 Jahre vorwrts.
Seht diese neue Welt um euch und hrt. Aber erwartet nicht vollkommen
glkseelige Bewohner, vielleicht den Geistern der uns unbekannten andern
Welt gleich. Auch dann -- lat ber unserm Staube noch tausend Generationen
wandeln, lat Meere austroknen zu Lndern, und Gebirge in Meere sich
verndern -- auch dann bleiben der Erde Bewohner unvollkommne Geschpfe --
Menschen, gemischt aus guten und niedrigen Neigungen.

Und du, o Genius der Zukunft, der mit sonnigten Finger dem khnen Spher
den Flor der Nacht vom Sonnenhell der Zukunft hobst, belebe meinen Pinsel,
da ich mahle, mit jenen Farben mahle, so die Natur zeichnet, die einst als
der alleinige Ring alle Seelen umringen wird. Da vielleicht wenn ich
Stubchen lang in Vergessenheit verwitterte, jene Vorwelt meiner Khnheit
lchelt, und spricht: Dieser las im Buche der Zukunft.




Zweites Kapitel.

Graf von Wallingau.


   Nicht Erbrecht, nicht Geburt, der Geist
   macht gro und klein.

   _Hagedorn_.

Edle Thaten, Verdienst um das Wohl der Nation, oder Erfindungen, welche den
Menschen ntzen, und sie erhhen, adeln den Brger des Staats. Er sey der
Sohn eines Frsten oder eines Ackermanns.

Der erfahrneste, weiseste Mann ist der Kaiser Germaniens; gleich verdient
um sein Vaterland durch mannigfaltige Kenntnisse, Geistes und
Herzenstugenden, als auch berhmt durch erhabne Handlungen um das Wohl des
Menschengeschlechtes. Ausgezeichnete Vorzge, alle gemein erkannte
Ueberlegenheit an den trefflichsten Eigenschaften ber alle, machen ihn des
Thrones wrdig.

Der Brger, der gleichfalls nur durch moralische Vorzge, und ohne diesen
unedel war, und sollte er des Goldes vollauf haben, lebte froh und
ungestrt im Genue der Frchte seiner Thtigkeit; huslich und voll der
Liebe, voll der innigen Verehrung seines Kaisers, der ein Vater aller war,
lebte er begeistert vom Gefhl des Friedens im Ueberflu.

Unter so manchen Biedermnnern gab es einen gewissen Grafen von Wallingau,
der Edelsten einer die Germaniens Boden trug.

Sein Vater war ein Landmann gewesen, stark und schlicht, wie sein Pflug,
mit dem er sein Brod baute; herzensgut und redlich. Sein ungemeiner Flei
erwarb ihm ein groes Vermgen, das ohngeachtet seiner Mildthtigkeit die
oft sogar an Verschwendung grnzte, immer grsser wuchs, und nach seinem
Tode dem einzigen Sohne Welly zufiel, der seinem kindlich betrauerten Vater
nacheifernd Herzensgte mit Talent, Seelenstrke mit Eifer und Thtigkeit
vereinte, um so seinem Vaterlande Ehre und Vergngen zu machen.

Anfangs blieb auch Welly bei dem Geschfte, des Ackerbaus. Die Natur seine
stte Fhrerinn, hatte den Drang zu Wissenschaften in sein Herz gelegt, der
immer strker und endlich zum Bedrfnisse ward, das Befriedigung heischte.

Die Naturgeschichte war unter vielen andern Gegenstnden, welche die
treffliche Einrichtung des Staats jeglichem Gliede zur Kenntni ans Herz
legte, sein Lieblingsstudium. Das von seinem Vater ererbte Vermgen sezte
ihn in den Stand seine Wibegierde auf Reisen zu sttigen. Er durchzog
einige Jahre lang im Vaterlande und den angrnzenden Reichen die Fluren der
Gelehrsamkeit, sog berall den Honig aus den Blumen, und kam ein geschikter
Physiker in seine heimischen Auen zurk, wo er rastlos seinem Fache oblag
und es darinn soweit brachte, da er in einem Raum von acht Jahren durch
unermdetes Forschen und Streben verschiedene ntzliche Maschienen erfand.
Dies, und Wellys geschzte Eigenschaften berhaupt, vorzglich seine
Verdienste um die Armen, denen er oft im grten Frost, Holz, Speise und
Kleider und Geld trug, wurden denn auch belohnt, da berall Gerechtigkeit
in der Belohnung des Verdienstes und Aufmunterungseifer die ganze Nation
beseelte.

Eben war durch den Tod des Besitzers die Grafschaft Wallingau leer. Welly
ward als Kandidat vorgeschlagen, und da seine Verdienste grsser und edler
als jene aller andern Kandidaten waren, so entschied fr Welly der Kaiser,
und Welly ward Graf von Wallingau.




Drittes Kapitel.

Der Spaziergang in das Kastanien Wldchen.


In seeligen Frieden lebte nun der neue Graf den Mittag seines Lebens. Eine
treue zrtliche Gattin zur Seite. Sie geliebt und nachgeeifert von allen
Mdchen und Frauen, er das Muster, nach dem sich die Jnglinge der Gegend
und des Dorfes bildeten, das im halben Kreise das grfliche Schlos umgab.
So war Elisium ihr Lndchen, und glkliche Unterthanen, thtig und reich,
segneten mit frohen Thrnen die Stunde, die ihnen dieser Vater gebahr,
bekrnzten im blhenden Frhling als eines Heiligen Statue das
Ehrendenkmal, so die Gemeinde Wellys den verstorbnem und von Jedem
geschzten Vater gesezt hatte, und dankten der Vorsicht die im Sohne den
Todten erstehen lie.

Zur ungemeinen Erhhung des Lebens, gebahr Wellys geliebte Gattin Jadilla
zwei Kinder. Salassin einen Knaben, ganz das Bild des Vaters, und ein
Mdchen das den Namen der Mutter und den schnsten Keim zur knftigen
Grazie trug.

Also waren in beneidenswerthen Freuden sechs Jahre entflohn, schnell wie
ein Pulsschlag und hold wie ein blhender Frhling. Salassin zhlte sechs
und die plappernde Jadilla vier Sommer. Aber nun erwachte das Glk, das im
achtzehnten wie im 23. Jahrhundert nie das menschliche Leben ungetrbt
lt, aus seinem Schlummer, und schttete Wermuth in den Kelch der Freude.

Eben streifte mit rosichten Finger der Morgen vom dmmernden Kastanienhaine
die Nebelwolken der Nacht. Der Sonne halbe Goldscheibe strahlte hinter dem
stlichen Berge hervor, und der Thau rann an Grashalmen in spiegelnde
Perlen.

Da sa Welly mit seiner kleinen Familie im elisischen Parke des Schlosses
am Frhmale. In einer duftigen Schasminlaube mit grnen Bnken und einem
Mahonitischchen, genoen sie das lndliche Mahl von frischgemolkner Milch,
gewrzt von vertraulichen Scherze der Gattin, und naiven Fragen und
Schckereien der herzigen Kinder; voll Heiterkeit der Seele wie der Morgen,
der durch die Lichtrume des Schasmingeflichts seinen purpurnen Strahl, auf
die liebliche Milch und die Wangen der Frohen go.

Wie so herrlich der Morgen auf uns lchelt, meine Jadilla! -- sprach der
muntre Vater und drckte inniger der Gattin Hand. Wie alles lebt und sich
regt! Dftet und blhet! Wollen wir nicht einen Spaziergang in das nahe
Kastanienwldchen machen, das dort an dem Berge in blulichen Gruppen an
den Wald sich schliet? Komt! komt meine Trauten! Schner ist Mutter Natur
im Freyen! Dort athmen wir den Odem der Liebe, die uns das allwirkende
Wesen in jedem Grashalm und Wurm erkennen lt! Komt!

Ja! -- lieber Vater! -- rief hastig der muthige Salassin, und kte ihm die
Hand. -- Ich will Schmetterlinge fangen, so schne Schmetterlinge, wie du
aus dem fremden Lande gebracht hast.

Ja ja! -- liebe Mtterchen -- stammelte hpfend die kleine Jadilla, und
schmiegte sich an die Mutter. Schne Blmchen da giebts -- dir Struschen
und dem Vater auch, und dem Salassin auch -- komt! komt! mit dir im Grase
springen.

Mit einem zrtlichen Blick, der ganz die Seeligkeit des Gefhls ausdrckte,
so das holde Geschwtze der Unschuld erregte, begegneten sich die Gatten,
und wandelten auf das Kastanienwldchen zu; ein Diener folgte mit dem
Sonnenschirme.

Dies war die gewhnliche Stunde, in der Welly seine Kinder belehrte. Am
Morgen wo die Seele heiter und sorgenlos, gefhlvoller das Herz fr das
Schne der Natur, und falicher fr jeden Unterricht ist nahm er sie in das
Freye mit, und brachte seinen Kindern angemessene Begriffe von Gott und
manchen andern Sachen bei. Der Schmetterling, den Salassin mhsam gefangen,
das Blmchen so Jadilla gepflkt, war Stoff und Gegenstand, von dem er auf
den Urheber und Erhalter des Universums in leichten Gesprchen kam, und so
die Begriffe von Milde, Gte, Weisheit und Ordnung des Urwesens spielend in
das Herz und Gedchtni der Kinder pflanzte.

Auf schlngelnden Wegen der Wiesen, die ein Kieselbach murmelnd in zwei
Fluren theilte, neben rauschenden Weidengestruchen Hollunder und
Hagedornhecken giengen sie dahin im lachenden Thale, und achteten nicht des
glnzenden Thaues, der ihre Schuhe bente.

Da rief ein singendes Mdchen, die blinzelnde Sichel in der Hand, unter
welcher die Blumenglieder strzten, der kommenden Familie herzlich und
lchelnd ihren Morgengru zu. Dort am Fahrwege that es ein Ackersmann
hinter dem knarrenden Pflug -- hier ein Knabe, der zottige Ziegen am Felber
weidete -- dort der Schaafhirt am Abgang des Hgels mit der Flte.

O Natur! Natur wie bist du so schn! -- rief Welly ber den Anblik dieser
Szenen entzkt, und schmiegte sich heier an die mitfhlende Gattin.

Endlich nahm sie das niedliche Kastanienwldchen in seinen moosichten
Schoos auf. Sie lagerten sich im Schatten, denn die Sonne stand schon viel
hher ber den waldigen Ostberg, und die wachsende Schwle trieb die
Wandlenden ins erfrischende Khl. Salassin und Jadillchen jagten herum in
riechenden Wacholderbschen, und liefen bald einem Schmetterling, bald
einem Blmchen nach. Ein bunter Vogel flog um den andern auf, und der Knabe
wute nicht, welchem er folgen sollte: ein Waldblmchen um das andere lokte
das kleine Mdchen, das schon alle Hndchen vollgepflkt hatte. Immer warf
sie die Gepflkten hinweg, und brach sich Neue. Willot der Diener hatte
Mhe, die beiden im Gesichte zu erhalten, er folgte bald diesem, bald
jener, sie liefen zertheilt herum, und kaum rief er den hastigen Salassin,
war ihm schon wieder das geschftige Jadillchen aus dem Auge.

Die kleine Pflckerinn verlor sich denn dabei einmal soweit in einen
Birkenschlag, da Willots Ruffen sie nicht mehr hrte. Sie verfolgte die
Blthen, im eifrigen Pflcken hatte die Schuhe verlohren, das florne
Schrzchen und das leichte Kleid an den Dornen der Hambutenstruche
zerrissen, und gerieth endlich soweit, bis sie unvermuthet am Ende des
Schlages um den ganzen Hgel herum gekommen war, wo sie ein Thal, das sich
vor ihren Fssen aufschlos, mit einiger Verwirrung erblikte.

Sie kam eben auf eine Strasse, ein neues schneres Blmchen blhte vor ihr,
sie grief nach ihm, und ach! -- eine Biene stach Jadillchen in das weie
Hndchen.

Der Schmerz erprete ihr Thrnen und sie weinte laut.

Eine Kutsche rollte grade die Strasse heran, darinn sa eine ltliche Dame.
Sie lie den Kutscher halten.

Warum weinst du? Mdchen! -- sagte die Dame freundlich. Ein Bienchen hat
mich stochen -- in die Hand hat es mich stochen! -- weinte das Mdchen und
blies auf die brennende Wunde.

Was machst du denn da im Walde?

Blmchen pflken dem Vater und Mutter und Salassin.

Wo ist denn Vater und Mutter?

Jadillchen schaute sich herum, die neue Gegend verwirrte sie, sie zeigte in
das fremde Thal hinab wo ein Dorf lag. Da ist Mutter!

Komm mit mir Mdchen, weine nicht, ich will dein Hndchen heilen!

Ja du bist nicht meine Mutter.

Komm ich bringe dich zu ihr, du mchtest dich verlaufen!

Jadillchen lie sich nicht zweimal bitten, man hob sie in den Wagen, und
die Dame beschftigte sich mit dem Bienenstich, der das arme Kind so
schmerzte, da es Mutter und Vater, Salassin und Blmchen verga, und
weinte. Die Dame zog ein Balsambchsgen heraus, und der Schmerz lie nach,
sie fuhren dem Dorfe zu, auf das die wirre Jadilla gezeigt hatte.




Viertes Kapitel.

Auf Sonnenschein folgt Regen.


Willot hatte damals Salassin nachgeruffen, der nach einer ganz
entgegengesezten Seite des Birkenschlages lief; und weil er nicht folgen
wollte, sprang Willot ihm nach, um ihn mit Jadillen beisamm zu erhalten.
Aber der Knabe zerrte sich und entlief dem Diener immer weiter; so geschah
es denn, da jenseits das Mdchen ganz aus den Augen schwand, und schon mit
der Dame fortfuhr, als er den muthwilligen Salassin kaum noch gebndigt
hatte.

Nun lief er den ganzen Schlag durch. Jadillchen! Jadillchen! Aber
Jadillchen war verschwunden, das Echo wiederhallte die Antwort: Jadillchen!
Fort ber Stock und Stein durch Hecken und Struche suchend und ruffend;
aber Jadillchen war verschwunden. Mde gelaufen und heiser geschrien lief
er auf die Eltern zu, und konnte kaum ein Wrtchen vor Bestrzung stammeln.
Salassin sa dem Vater zur Seite abgemdet vom Papilionenfang.

Wo ist Jadillchen? -- fragte die Mutter.

Da sie sich nicht verirre! Der daranstossende Wald ist gro und verworren.
-- Fgte der Vater bei.

Ach Herr! -- stotterte der todtenblasse Willot. -- Ich kann kaum mehr
sprechen -- berall war ich -- Jadillchen ist verschwunden! -- Er sprachs
keuchend und lief sogleich wieder in den Schlag, lieber athemlos, md und
erschpft bei dem Suchen liegen zu bleiben, als hier die erschrokenen
Gesichter lnger anzusehn.

Welly eilte nach, mit Mutter Jadilla an der Hand. Salassin folgte den
Vorauslaufenden.

Sie suchten und riefen, und riefen und suchten; aber freylich -- vergebens.
Mit jedem Pulsschlage ward ngstlicher die bange Mutter, besorgter der
Vater.

Die Sonne stand hoch am Himmel, die Schwle des Tages, die heftige Bewegung
im Herumrennen, und die Angst ermattete bald die Forschenden. Jadilla gieng
eilig dem Schlosse zu frische Leute zu schicken. Eine Kutsche ward
bespannt, sie fuhr mit andern ins Wldchen zurk.

Die Hlfte der Dorfbewohner verga des Mittagmahles, das sie eben genoen,
verga Ruhe und Geschfte, und lief der Grfinn nach in das Wldchen.
Vereint suchten Alle -- kein Plzchen im Walde blieb unbesehn: aber
freylich -- das Mdchen ward nicht gefunden.

Mde und matt schliechen die Guten zurk: bestrzt kam der Vater,
todtenbla die Mutter in das Schlo: ihres Kummers heie Thrnen bewegten
auch den Knaben Salassin zum weinen, und er rief schluchzend: So ist
Jadillchen nicht da? Jadillchen! ach Jadillchen! bist verloren! nun
springst du nimmer mit mir im Grase herum!

Zwei unbeschreiblich jammervolle Nchte waren bereits vorber, der Mutter
schienen sie Jahrhunderte, und noch war keine Spur. Am zweiten Morgen kam
endlich Welly zurk -- mit seinen Leuten: sie hatten alle an den Hgel
anstossende Wlder durchsprt, in den nahen Drfern herumgefragt, ach! des
Vaters Besorgni ward folternder Schmerz; denn alle Mhe war vergebens.

Aus dem Fenster sah die Hoffnung und Furcht erschtterte Jadilla dem
kommenden Gatten, entgegen, sie sprang eilends hinab auf den Platz vor dem
Schlosse; halberschpft war sie, denn Tag und Nchte hatte sie durchhrmt
Ruhe und Schlummerlos. Er komt! Er komt! und bringt mein geliebtes Kind
wieder! -- rief sie von Freude gespannt, und drngte sich entgegen den
Kommenden; aber die Kutsche war leer an Jadillchen.

Welly sprang heraus und fieng sie in seine Arme. Mein Kind -- schrie sie,
und sank leblos auf den kummervollen Gatten.

Jadilla! Jadilla! Mein Weib! -- Erwache! Erwache! rief Welly erschttert,
und schlos die Ohnmchtige ungestimzitternd an sein Herz.

Das Volk drngte sich geschftig an das blasse Paar, und Thrnen der
innigsten Theilnahme glnzten in jedem Auge. Ein Flschgen Kraftgeistes
ward gebracht, ein Tropfe auf die Schlfe -- Jadilla schlug die Augen auf.
-- Wo ist meine Tochter? fragte sie mit matter Stimme.

Sie lebt! Sie lebt! -- rief das Volk untereinander, und freute sich wieder.

Sie lebt? Wo? Wo? -- fragte hastig erhohlt die Mutter.

Jadilla! Mein Weib! Sey getrstet! -- versezte Welly, indem er die Wankende
dem Zimmer zu fhrte. -- Wir sehen Jadilla wieder -- sey getrstet!

In der Schlosallee wand sich zur versammelten Gemeinde der edle Pfarrer des
Dorfes, entblste sein schneelockigt Haupt, und begann mit zitternder
Stimme: Meine Kinder! --

Aber der Haufe errieth sogleich, was er wolle, man lie ihn gar nicht
ausreden -- Jeder, der gesunde und auch nur halbgesunde Fsse hatte lief
begeistert fort. Zwei Drittheile des Dorfes strmten dem Walde zu,
zertheilten sich in alle Gegenden, forschten berall, suchten alles aufs
neue durch, kamen viele Meilen weit in der Runde herum, keine Seele hatte
zum Unglk das kleine Mdchen, so nun den vierten Tag schon verschwunden
war, gesehen; sie wiederholten ihre Mhe; aber -- edles Vlkchen! dein ward
nicht die Wonne den geliebten Grafen, die verehrte jammervolle Mutter zu
trsten mit dem gefundenen Kinde, an dem sie mit ganzer Seele hieng!




Fnftes Kapitel.

Der Gasthof.


Jadillchen fuhr inzwischen mit der fremden Dame immer weiter von der
heimischen Flur. Sobald ihr Wundenschmerz nachgelassen hatte, wurde das
Mdchen sehr munter, sie plauderte mit der Dame, die ihr allerlei
Nschereien gab und mit ihr spielte. Die niedliche Schwtzerinn behagte
jener immer mehr und mehr, so da in der Seele der Fremden der Wunsch sich
regte: Wenn doch das liebe Kind bei mir bleiben knnte.

Endlich wekte der Anblik eines fremden Schlosses sie aus dem Spiele, und
Jadillchen schlug vor Freuden die Hndchen zusammen: Mtterchen! Mtterchen
da ist! Vater und Salassin.

Das unbekannte Frauenzimmer mochte es aber nur zu gut merken, da
Jadillchen durch die noch ungesehnen Bilder nicht wisse, wo es sey. Sie
lie vor dem Schlosse den Wagen halten, stiegen ab, ein finstrer grmlicher
Mann trat tiefsinnig aus dem Gebude, und gieng dem Garten zu, ohne beide
eines Blickes zu wrdigen.

Ist das der Vater? -- fragte die Dame, die Jadillchen bei der Hand hielt.

Jadillchen schttelte bestrzt den Kopf, und sah bald das Haus, bald ihre
Gefhrtin an.

So mssen wie weiter fahren!

Jadillchen schluchzte. Da ist nicht Vater und Mutter und Salassin!

Wir werden sie schon finden! trstete sie die Dame, und hob sie wieder in
den Wagen, wo das Mdchen durch den Reitz artiger Spielwerke bald wieder
allen Kummer verga, und nur dann es fallen lie und Mtterchen! rief, wenn
sie ein Weib irgendwo oder ein Gebude, dem vterlichen Schlosse hnlich,
erblikte.

So fuhren sie ungefhr, bis der heie Mittag allmhlig seine segnenden
Strahlen auf die Fluren warf. Der Staub wirbelte in leichten Wolken unter
den Hufen den Rosse und Rdern des Wagens, und die schwle Luft lnger zu
athmen, war der Reisenden zu beschwerlich -- Sie kehrten in einem der
nchsten Gasthfe an der Landstrasse grade zur Zeit schon ein, als Willot
dem Grafen anzeigte, Jadillchen knne er nicht finden.

Der Wirth des prchtigen Gasthofes, ein hflicher artiger Mann, kam ihnen
sogleich entgegen, und half den Ankommenden aus der Kutsche: fate die Dame
beim Arme und erschrak als er ihr ins Gesicht blickte. Doch verbarg ers und
wies ihr ein Zimmer an, worinn alles war, was der bedrfnivolleste Mensch
nicht gebraucht htte, und doch war es blos ein noch ganz gewhnliches
Zimmer. Tapeten ppiger an Gold und Seide als vor 500 Jahren Persiens
Monarchen sie besaen, dekten die Wnde: grnsamtne Ottomanen zum Ausruhn,
niedliche mit den schnsten Holzgattungen ausgelegte Tische, Spiegeln in
den Fensterlden und an den Wnden mit silbernen Rahmen. -- Ein Wink und
zwei geschftige Diener flogen um das Verlangte.

Jadillchen machte groe Augen. Auer den Gemchern des vterlichen
Schlosses, die zwar weit schner und geschmakvoller waren, hatte das
Mdchen noch keine andern gesehn, und der Reitz der schnen Neuheit
bezauberte sie, da Mtterchen spt erst wieder ihr in Erinnerung kam.

Sie genossen beide das Mahl. Die Reise hatte den Hunger erregt, und der ist
wie bekannt, nicht nur bei armen Poeten und Schuhflickern unsers
Jahrhunderts, sondern auch im 23. bei Damen und Kindern.

Nach dem Mittagsessen kam der Gastwirth und fragte nach einigen
gewhnlichen Komplimenten.

Meine Dame, du scheinst mir nicht unsers Landes zu seyn?

Ich bin hier fremde.

Vergieb -- da ich fragen mu, woher? wohin? wer? in welchen Geschften? --
aber es ist Landessitte.

Ich komme aus dem roten Kreise Deutschlands, von meinem Bruder dem Edlen
von Winzor, und reise zurk in meine Heimath nach England.

Und das ist ohne Zweifel -- deine Tochter? oder Enkelin das kleine Mdchen
da?

Die Dame nickte halbverlegen: Ja!

Der Gastwirth reichte ein groes Quartbuch mit stark vergoldetem Einbunde
der Dame hin, brachte Schreibzeug, und fuhr fort: -- Ich bitte, sey so gut,
deinen Namen hineinzuschreiben. Es ist Sitte bei uns, alle Durchreisenden
wo sie einkehren aufzuzeichnen. Theils der Ehre wegen, viele Gste und
vorzglich Edle aufweisen zu knnen, theils um aus der Menge der Passagiers
den Standwerth des Gasthofs taxiren zu knnen.

Die Dame schrieb ihren Namen in das Buch.

Wie? Saline Melson? Aus England?

Ja! mein Herr!

Dein Bruder -- Edler von Winzor?

Ja! wie fragst du so auffallend?

Und hast du deinen Bruder getroffen?

Mein Herr --

Erlaube -- wenn ich nicht irre -- ich habe dich, meine Dame jemal schon
gesehen.

Sehr mglich wenn du in England vielleicht gewesen -- Sollte dir denn
meine Phisognomie gar nicht eine bischen bekannt vorkommen?

Wie das? Ich --

(Der Gastwirth kt ihr bewegt die Hand) Kennst du --

(Die Dame ward frappirt) Wen?

(Zu ihren Fssen strzend) Deinen verstonen Sohn nimmer?

Gott im Himmel mein Sohn! mein Jehnson! -- Die Stirnnarbe! Sie umarmten
sich zrtlich, und als die erste Begeisterung des Entzckens verflogen war,
rief die Dame:

Welch frohes Wiedersehen nach langen Jahren!

Der Gastw. (im Ergu seiner Freude) Ja wohl nach langen, langen Jahren! Wie
so unverhoft! O meine Mutter was hab ich gelitten, was hab ich erduldet,
seit ich aus deinen mtterlichen Armen verstossen bin. Tausendmal wollt ich
zurk an dein Herz, das mich immer zrtlich geliebt, tausendmal zurck in
mein Vaterland fliehen, aber -- ach, mein Vater --

Die Dame. Sohn -- er ist -- gestorben! Er hat --

Der Gastw. Gestorben? Gestorben? Ach, und hat auf seinem Sterbelager --

Die Dame. Den Fluch zurkgenommen, dich gesegnet!

Der Gastw. (freudig) Gesegnet? Gesegnet? O denn Ruhe, Ruhe seiner Asche --
er hat mir ja verziehen, mich gesegnet! O meine Mutter! wie hat mich sein
Fluch in der weiten Welt herumgejagt! Irrend in fremden Lndern, aus meinem
Vaterland gestossen, lebte ich nur zur namenlosen Qual. Von einem Orte zum
andern trieb es mich unaufhrlich, berall und berall verfolgte mich sein
entrstet Bild. Ueberall und immer klangen in meinen Ohren die Worte des
Grimes: Fluch dir, Schande deines Vaters! Wo ich gieng und stand, wo ich
schlief und wachte, und sa und eilte, klangs um mich und peitschte Ruhe
und Frieden aus mir. Lange, lange, nach vielen Monden konnt ich Fremdling
der Welt keinen Reiz meinem Leben abgewinnen: melankolisch war meine Seele
und durchstrmt von tausend Martern, die mich oft zum verzweifelten
Gedanken des Selbstmordes brachten. In dieser namenlos elenden Lage, meine
Mutter! irrt ich umher in Gottes weiter Welt, ohne Obdach ohne Vater, ohne
Mutter, ohne einem trstenden Freunde; keine Seele nahm Antheil an meinem
stillen Jammer, der noch immer folternder wurde, je lnger ich aus meinem
Vaterlande, von meinen Eltern verstossen, von Marlon getrennt, und
vielleicht, ach vielleicht verwnscht in fremden Lndern herumschweifte.
Bis ich endlich nach Norland kam, wo man mich unter das Kriegsheer steckte,
das gegen meine itzige Heimath Germanien Krieg fhrte, bis ich hier im
Schlachtgewhl betubt nur den Retter verlangte, der meine Wunden heilen
auf immer heilen konnte, den Tod. Aber ich fand den Ersehnten nicht. Zu
meiner Stirnnarbe, die mir damals der entflammte Vater mit dem Schwerte
schlug, als er mich fortjagte, gesellten sich neue Wunden -- gefhrlich,
tdtlich nennt man sie, aber ich nannte sie heilsam, denn ich meinte der
Tod wrde diese Wunden bald heilen.

Die Dame. Mein armer, armer Jehnson!

Jehnson. Aber ich hatte falsch gerechnet -- die Wunden bluteten noch als
ich von den Deutschen gefangen ward. Doch welch eine Gefangenschaft!
Freyheit, Freyheit war sie in diesem teutschen Lande! Die Normnner wurden
einmal um das andermal geschlagen, und zum Frieden gezwungen. Ich ward
wieder gesund, die Gefangenen erhielten die Willkhr, sich zurk zu
begeben, oder wenn sie fleisige Glieder seyn wollten, da sich anzusetzen.
Ich blieb da, man gab mir in wenig Monden das Brgerrecht, und ich
arbeitete fr dies Land. Die Erinnerung an meine Unflle ward nach und nach
schwcher, ich fand Beruhigung und einige Vergessenheit in meinen Arbeiten.
Die Baukunst war meine liebste Beschftigung. Man gab mir Mitteln an die
Hand, mich zu bilden, ich bemhte mich mit Freuden dieser Grosmuth gegen
mich Fremdling werth zu seyn, und es gelang mir in einigen Jahren mich
auszuzeichnen. Ich machte einen Ri fr ein Gasthaus, und ward aufgemuntert
das Gebude nach der Angabe aufzufhren. Glklicherweise stellt ich es her,
und es bertraf an Simetrie, Feste und Bequemlichkeit des Baues alle noch
stehenden Gasthfe; das Kollegium der Edlen belohnte mich mit diesem besten
Gasthofe da, wo ich nun seit vier Jahren in Frieden, aber doch nicht
glklich lebe. O wie oft sehnte ich mich, wenn es mir auch am besten gieng,
an die Brust meiner Eltern -- wie oft war ich schon auf der Reise zu dir
gute Mutter; aber ich kannte des Vaters unvershnliche Hrte -- ich
empfand, da mein Tropfen Freude dann nur noch gar vertroknen wrde, wenn
er erbittert mich nicht htte sehen wollen; dann ward ich trbsinniger und
gab mich meiner Melankolie preis. Ich segne die Stunde, die mich, Mutter!
dich wiedersehen lie. Sey mir tausendmal willkommen! Ich darf ja wieder
mich an dein Herz drcken, der Vater nahm ja den Fluch von mir, er segnete
mich!

Jehnson umarmte mit Sohnes Zrtlichkeit die gerhrte Mutter, die den vielen
Leiden ihres Jehnson manche Thrne weinte; sie erwiederte mtterlich und
freudenvoll des Sohnes Umarmungen.

Glaube, mir lieber Sohn! -- sprach sie nach einer Pause, in der sich beide
den sssesten Gefhlen stumm berlassen hatten -- Glaube mir, da ich nie
des Vaters harten bereilten Endschlu billigte. Ich sprach laut fr dich,
und gab mich dadurch seinem Ungestm und vielen Vorwrfen blos. Nur zu oft
dachte ich deiner. Wie wird es ihm ergehn? Wo irrt er herum, was wird er
leiden, den ich unter meinem Herzen trug? So sprach ich zu mir in vielen
bangen Stunden; und weinte im stillen Dunkel um dich. Vielleicht seh ich
ihn nie wieder vor meinem Tode, nimmer der Mutter geliebten Sohn. Also
ngstigte sich mein Herz. Marlon --

Jehnson. Meine Marlon -- was ward aus Marlon?

Die Dame. Sie rang ber deine Trennung mit der Verzweiflung. Kaum warst du
wenige Wochen entwichen als in unsrer Monarchie ein frchterliches Wetter
los brach. Lohnstohn ihr Vater ward einiger Verbrechen wegen in die
Jammerburg gesezt, die beiden Kinder nebst der ganzen Familie des Landes
verwiesen. Marlon hatte einen Knaben gebohren; und ehe ihr Bruder noch als
Gechteter das Land verlie, war sie bereits mit ihrem Kinde fort. Niemand
wute wohin? Man sprach, sie sey dir nachgefolgt, du httest ihr den
Vorschlag schriftlich gethan, mit dir in einem andern Lande sich zu
vermhlen, darber ward dein Vater wthend, und zog sich eine
dreijahrwhrende Krankheit zu. Seit dem wut ich kein Sterbenswrtchen von
euch Allen.

Jehnson. Barmherziger Himmel! Wo irrt nun Marlon mit dem Geschpf herum,
das meiner Schwachheit sein kmmerlich Leben verdankt! Wo soll ich sie
finden? Ich hrte nie von ihr! Aber suchen will ich die Leidende! Suchen in
aller Welt! Vielleicht fhrt mir ein seeliger Augenblik die Unvergeliche
zu, und ich kann den Kummer, den ich ihr bereitet habe, in Freude
verwandeln! Aber -- ach! vielleicht hat er sie schon lange getdtet!

Das ist nicht der Vater! unterbrach die Schwtzerinn Jadilla die Pause,
nachdem sie lange Jehnson scheu angeblikt, und die Dame beim Kleide gezerrt
hatte. -- Gelt, du bist nicht Vater?

Liebliche Unschuld! -- sprach Jehnson und nahm sie auf seine Arme, und
kte Jadillchen, die sich mit kindlichen Unwillen strubte.

Du bist nicht Vterchen! -- kssen -- ey!

Die Dame lchelte, und Jehnson fragte:

Meine Mutter -- du scherzest -- ist das wirklich mein Schwesterchen?

Nein, lieber Jehnson!

Jehnson. Als ich damals England verlie, war Sara schon zehn Jahr alt. Was
macht Schwester Sara?

Die Dame. Sie vermhlte sich mit einem braven Manne, und ist bereits Mutter
von zwei Kindern, vielleicht wenn ich sie in acht Tagen wieder sehe, treffe
ich sie zum Drittenmale im Wochenbette.

Jehnson. O meine Mutter -- Sobald willst du wieder von mir. Kaum sind es ja
zwei Stunden, seit wir uns fanden. Bleibe, bleibe bei deinem Jehnson --
theile mit ihm! Ich will dein Sohn, nur dir, nur dir leben! Will kindlich
und so gut wie Sara dich pflegen, den Kummer, die Tage des Alters dir
erfreulich machen, will all meine Kraft anwenden, deine mtterliche
Sorgfalt einigermassen zu vergelten. Bleibe bleibe bei deinem Jehnson!

Die Dame. Dringe nicht in mich Lieber! So gerne ich dir willfahren mchte
--

Jehnson. O was kann dich abhalten? Du sollst sehen, wie froh mein neues
Leben --

Die Dame. Hr auf! Man stirbt so gerne da wo man gebohren ist, und
Mutterherzen hngen doch immer mehr an Tchtern. Sara bedarf meiner -- drei
Monde schon bin ich fern. Ich bin berdies schon sehr schwach -- krank --
vielleicht folg ich bald dem Vater.

Jehnson. Das wird der Himmel verhten! Aber eben weil du alt und schwach
bist -- meine Mutter! bleibe, die Reise mchte dir schaden!

Die Dame. La ab, ich kann von Sara fern nimmer ruhig seyn. Morgen zeitlich
mu ich fort, vermehre meine Sorgen nicht.

Jehnson. Das ist traurig -- und darf ich nicht mehr bitten. Aber sobald es
mglich, sehen wir uns wieder.

Sie verplauderten noch die kurze Zeit, und als der Morgen den Osthimmel
rthete, lauer der khle Nachtwind wehte, und die Schwalben ihr Morgenlied
schmetterten, trennten sie sich bewegt. Jehnson fhrte seine Mutter und
Jadillchen, um die er in seiner Wonne gar nicht mehr gefragt hatte, auf die
Strasse. Sieh da! Die Kutsche war nicht hier, aber eine Luftgondel
flatterte mit den ausgespannten Seegeln.

In diesem Reisewagen, wirst du bequemer und schneller heim kommen, meine
Mutter! -- sprach Jehnson und schied tief gerhrt von seiner geliebten
Mutter! Leb wohl! mein Sohn! leb wohl, meine Mutter! riefen sie sich
nochmal zu, und die Gondel trug auf den Fluthen des Aethers die Dame und
Jadilla fort. Jadilla -- so nannte sich das verlohrne Mdchen, wenn es die
Dame um ihren Namen fragte. -- Die Fluren Germaniens dmmerten allmhlig
wie durch einen Flor, und der unten nachsehende Jehnson bemerkte bald
nichts, als einen schwarzen Punkt von der hohen Gondel, bis sie endlich
ganz verschwand.

Jadilla weinte und rief. Mutter! Vater! Salassin! Ach wo sind sie denn? --
Die Dame trstete das arme Kind, so gut sie konnte.




Sechstes Kapitel.

Die Abreise.


Mit stillem Schmerze betrauerten indessen Welly und Jadilla, den
unersezlichen Verlust des hoffnungsvollen Kindes. Der Graf hatte
Jadillchens Beschreibung in alle Zeitungen sezen lassen; aber vergebens!
Die Laune des Schicksals, fand es einmal fr besser, da das Mdchen
getrennt von seinen Eltern unter fremden Menschen leben msse. Alsdann alle
Nachfrage unbeantwortet, alles Forschen fruchtlos blieb, hielten die Eltern
ihr Kind fr todt, errichteten ihm eine Urne, und beweinten an diesem
Denkmale Jadillchens Andenken. Die edlen Unterthanen halfen treulich die
Betrbten erheitern; aber in eben dieser allgemeinen Theilnahme, wenn sich
das geprete Herz auch noch so sehr erleichterte, fhlten sie ihren Verlust
nur noch mehr. Selbst als der Balsam der Zeit ihre Wunde vernarbt hatte,
galt noch manche ernste Miene Wellys, noch manche stille Thrne Jadillas
dem Andenken der verlohrenen Tochter.

Sie ketteten sich nun um so enger an den einzigen Salassin, den beide mit
elterlichem Eifer erzogen. Diese Erziehung war nun ihr sssester Unterhalt.
Salassin ein Knabe von Mutter Natur zum Liebling erkohren, begabt mit
Talenten des Krpers und der Geistes, unter den Hnden eines klugen Vaters,
der weise zu lohnen und zu strafen verstand, unter den Augen einer von
aller Afterliebe freien Mutter -- wie sollte so ein Knabe zu groen
Erwartungen nicht berechtigen?

Die ersten Jahre der Kindheit wurden einer vernnftigen physischen
Erziehung gewidmet, und darauf die moralische gebaut.

Schon an dem Knaben ward mancher Zug bemerkt, der keinen gewhnlichen
Alltagsmenschen einst hoffen lie. Ein hartnckiger Muth zeigte sich schon
in seinen Spielen, und ein gewisser Edelmuth, Gerechtigkeitsliebe war
unverkennlich. Soldaten zu spielen mit den Knaben des Dorfes war ihm eine
sehr angenehme Beschftigung. Er formirte kleine Legionen, und war ihr
Anfhrer; theilte sie in 2. Partheien und sie kriegten zu Land und zu
Wasser.

Bei einem dieser Spiele war einmal Salassins Armee ziemlich im Gedrnge.
Das Schlachtfeld war eine Wiese, das Lager am Bache, der um das Dorf flo.
Salassin ward angegriffen von seiner Gegenparthei, und an den uersten
Rand den Ufers zurkgedrngt, seine Mannschaft bereits zerstreut und
gefangen, und er allein vertheidigte sich gegen zweie noch, die dem lieben
Generalen so hart zu Leibe giengen, da er nothwendig sich htte fangen
lassen mssen. Aber dies hielt er fr den grten Schimpf. Indem ihn die
beiden Feinde schon zu Boden reien wollten; strzt er sich unbesiegt zu
bleiben, gerade in den Bach, ri aber einen von den Gegnern mit hinab, wo
sie, weil es zum Glcke nicht tief war, sich noch immer balgten. In dieser
Hartnckigkeit mitten im Bach trieben sie sich immer weiter, bis beide in
eine unvermuthete Grube geriethen. Ja -- nun war der Kampf freilich aus!
Salassin der besser schwamm als sein Gegner, verga geschwind allen
Kriegsgroll, und schlepte gromthig den Andern mit hinaus aus dem Bache.

Oft kmpften sie im Bade in der grten Tiefe schwimmend ihre kleinen
Kmpfe.

Ein andermal waren die Knabenpartheien so verwegen, und fhrten den Krieg
in Luftgondln. Derjenige Theil, -- sagte Salassin als er mit Hilfe des
Luftkutschers die Seegeln spannte, der in seiner Gondel den Andern
hinabjagt, hat den Sieg. Sie stiegen empor und der Streit begann. Salassin
gebter als sein Feind in der Luft, zerschlug die morsche Seegelstange der
feindlichen Gondel, welche schnell hinabsank, und auf einem hohen Baume
hangen blieb. Die Besiegten schwebten in einer ziemlich groen
Lebensgefahr. Der Ball hatte sich in den Zweigen und Aesten verwickelt, und
die Knaben steckten wie in einem Sack. Salassin eilte mit seinem Schiffe
zur Rettung herbei, war aber diesmal so ungeschikt, da seine Gondel
herunterfiel, der sich die Nase zerschlug, jener den Finger brach, und
jeder einen kleinen oder grern Schmerz durch den Fall erbeutete. Oben in
dem noch hngenden Ballon hatten sich indessen die Eingewickelten durch ihr
starkes Trampeln und Rtteln los gerissen, und strzten grade auf Salassin,
und seine weinende Parthei. Mit deinem verwnschten Krieg! schrie einer um
den andern. Bleiben wir lieber auf der Erde! Ich wre bald erstikt! Ich
habe meinen Finger gebrochen! Mich schmerzt mein Kopf! Mir blutet die Nase!
So scholls und die erzrnten Knaben wren bald noch einmal ber den Herrn
Kommendanten Salassin hergefallen, um ihn fr seinen Vorschlag weidlich zu
dreschen.

Vater Welly lie Salassin auch das Euphon lehren, und um ihn mehr
anzueifern gesellte er ihm einen andern Knaben zu. Beide wetteiferten, und
wenn sein Gespiele sein Blatt besser als Salassin selber las, und richtiger
am Euphon ausdrckte, mute Salassin als Gemeiner im Soldatenspiele ihm
folgen, was dessen Ehrgeiz mchtig traf, doch nie so, da er diesen Keim
zur Pflanze htte sprossen lassen, denn er war erfahren mit diesem sehr
gefhrlichen Triebe, der so herrliche Wirkungen erregt, wenn er sorgfltig
und klug geleitet wird; eben so frchterliche Folgen dann hat, wenn er zum
bloen Sporne des Jnglings ohne aller Rksicht gebraucht wird.

Welly bemerkte an seinem nun zehnjhrigen Sohne nicht ohne geheimer Freude
den Muth, die Entschlossenheit, den Edelsinn und eine gewisse Energie des
Geistes, aber auch nicht ohne Bangen das groe Maas des so irrfhrenden
leicht erregbaren Gefhls. Seine Gabe alles leicht zu fassen, alles
spielend zu erlernen, alles leicht zu verstehen, brachte den Vater eher an
das Ziel, so man dem Knabenalter steckt, als er erwartet hatte.

Und war Salassin ein hoffnungsvoller Knabe, so war er noch weit
hoffnungsvoller als Jngling. Dieser wichtige Zeitpunkt des menschlichen
Lebens war allmhlig herangenaht. Hier gleicht der Mensch einer Flamme die
wenn sie nicht vorsichtig und vernnftig genhrt wird, leicht zum lodernden
verheerenden Brand empor schlgt; die wenn sie zu unklug und zu gewaltsam
gedrkt wird, leicht erstickt; die aber wenn ein weiser Mann sie besorgt,
wie eine belebende Sonne am Mittag des Lebens aufsteigt, dem ein ruhiger
seeliger Abend folgt.

So ein weiser Mann, war Salassins Vater, der, des Sohnes Flamme geschickt
besorgte, da sie jene Frchte trug, die meine Leser und Leserinnen
erfahren werden, wenn mein Bchelchen im Stande ist, ihre Aufmerksamkeit
bis dahin zu spannen, wo Salassin sich berlassen, selbst handelt.

Der Grund war gut und feste gelegt, auf dem das Gebude des knftigen
Wohles Salassins unerschtterlich dauerhaft ruhen sollte. Er hatte
Kenntnisse mannigfaltiger Art, durch des Vaters Bestreben sich erworben.
Des Dorfes Pfarrer ein geschickter Mann, ein wrdiger Priester, und um mich
bndig auszudrcken, ein wahres Gegenstck zu vielen Pfarrern des
achtzehnten Jahrhunderts; war nebst andern Mnnern sein Lehrer, und
Salassin erhielt Unterricht in allen jenen Wissenschaften, die ein Jngling
dieses Zeitalters nthig hatte. Vater Welly beschlo nun zu Ende des Baues
zu schreiten, und Salassin sollte die Welt kennen lernen, um seine
Bestimmung, ein thtiger Staatsbrger und Vertheidiger des Menschheitswohls
zu werden, allmhlig zu erfllen. Dazu war die Haupt- und Residenzstadt des
vortrefflichen deutschen Kaisers ein sehr schickliches Mittel, von dem er
sich alles versprach. Salassin sollte also nach einem Monden in die Stadt,
so war es beschlossen und so blieb es.

Der Monden verflog, wie die Sekunde eines Traumes; -- wochenlang bereitete
man sich schon zur Abreise vor, die endlich da war.

Da stand vor dem Schlosse der angespannte Wagen mit zwei muthigen Gaulen
zum Fortfahren bereit. Salassin wand sich aus dem Arm der Mutter, empfieng
gerhrt ihren segnenden Abschiedsku, sah sich zrtlich noch einmal nach
der heimischen Gegend, dem Park wo der Vater ihn Grtnerey und
Naturgeschichte gelehrt hatte, den Aeckern wo er den mden Schnittern im
schwlen Sommer einen Labetrunk trug, den schilfumgrnten Teich, den
Kieselbach wo er so oft gebadet, so manchen Fisch gefangen, so manchen Kahn
geleitet hatte, die Hecken und Gestruche in deren dunkeln Geflicht er der
Nachtigall zuhorchte, die Wiese wo sein Hut einen Schmetterling erhaschte,
die Haide wo er die Knaben kriegend anfhrte, das Wldchen wo er im khlen
Schatten weilte, las und lernte, oder auf der Flte blies, den Hgel von
dem er im Winter auf Schlitten herabglitt, sah mit wehmthiger ssser
Erinnerung seines Knabenalters noch einmal diese traute Heimath, und stieg
mit dem Vater in die Kutsche, die schneller denn eilende Winde vom
heimischen Schlosse fortrollte.




Siebentes Kapitel.

Der Besuch.


Graf Welly hatte theils der Witterung, theils des Anschauens so mancher
schnen Gegend wegen statt der flchtigen Luftgondel die Kutsche zur Reise
gewhlt. Es waren gegen dreisig deutsche Meilen zur Stadt und der Vater
hatte seinem Sohne noch manches zu sagen, zu errinnern, zu ermahnen,
warnen, lehren u. s. w. Wie es denn die guten Vter bei solchen
Gelegenheiten auch im achtzehnten Sekulum nicht daran ermangeln lassen.

Sie fuhren durch die herrlichsten Gegenden, die berall das natrliche
Geprge glckliche, zufriedene Bewohner zu haben, an ihrer Kultur trugen.
Abwechselnde Ebenen mit sanften Gebrgen, bald licht, bald dicht bewaldet,
bald mit Akacien, bald mit guten Kastanien, bald mit Citronen, Pomeranzen,
bald mit Birken, Tannen, und andern schon in unserm Jahrhunderte
verbreiteten Waldbume waren berall zu sehen.

Wie? Citronen, Pomeranzen, Mandelbumen im deutschen Vaterlande, und das
noch dazu in Wldern? Gedeihen sie doch izt kaum in Treibhusern gut! Meine
theuersten Leser, das ist wieder eine Eigenschaft des 23ten Jahrhunderts.
Das Klima war schon zu Franz des II. rmischen Kaisers Zeiten nicht das
nemliche, so einst zu Herrmanns Zeiten war, schon nicht so rauh unfruchtbar
und ungesund. Die ungeheuere Waldungen wurden verkleinert, die unzhligen
Smpfe darinn in urbare Wiesen gemacht, und in dem neuen Zeitraum ist nun
das Klima ungemein angenehmer, sanfter, milder, und trgt nun so gut und
fruchtbar jene Pflanzen, Struche und Bume, die vor fnf hundert Jahren
nur in den warmen sdlichern Erdgegenden gediehen -- dahin brachten es
ebenfalls Menschen.

Sonstige Morste sind itzo die lachendsten Wiesen. Hgel die sandigt,
felsigt, nakt, und kahl waren, tragen nun die schnsten Weingrten, oder
Kastanienwlder, und vom kleinsten Strauche bis zur Eiche zeigt jedes
Gewchse das Geprge einer bessern Vernderung.

Unsre zwei Reisenden waren am ersten Tage der Woche aus den vaterlndischen
Gefilden gereist, (das ist nach der itzigen Rechnung der Donnerstag) und
kamen am Dritten in eine der lieblichsten Landschaften. Es war ein
blumichtes Wiesenthal, das ein silberblinkender Bach dicht umbscht mit
Papeln, Erlen und Weiden durchmurmelte. Die Strasse wand sich regelrecht in
einer graden Linie hindurch, von Nubaumalleen beschattet, links und rechts
mit den duftigsten Blumenbeeten eingefat, mit Rasen und Marmorbnken, mit
Lusthusern nicht im abgeschmakten bizaren chinesischen im rein deutschen
Geschmake, niedlich zierlich und bequem fr die Labungsbedrftigen gebaut.
Quellen heller als Diamante sprudelten hie und dort aus knstlich
angelegten und natrlichen Felsennischen an dem Wege, und in den nahen
Gestruchen und auf den Bumen, sangen Fink und Hnfling den Reisenden ihre
angenehme Lieder.

Mein Sohn! -- Wir kehren hier in diesem Schlosse, das mitten im Thal im
Abendscharlach mit seiner vergoldeten Kuppel aus dem Baumwipfeln glnzt,
bei meinem alten braven Freunde Bengler ein. Er war einst mein
Jugendgefhrte, ein deutscher Jngling, und noch ein deutscher Mann, er
wird uns freundlich aufnehmen, und bewirthen! Sagte Welly zu Salassin.

Wie ward Bengler adelich? -- fragete der Sohn. Er hat verschiedne sehr gute
Erfindungen gemacht entgegnete Welly. Er baute eine Windmhle -- sieh! Dort
klappert sie ja auf dem Felsenhgel! -- mit vierzehn Rdern, wo der
leiseste Wind das erste bewegt, die andern alle sich nachdrehn, und wo man
in einem Tage dreimal so viel mahlen kann, als auf einer Wassermhle von
eben so vielen Gngen in einer Woche. Es wird darinn Papier, Getraide,
Hlsenfrchte und so gar Drechslerarbeit zu Stande gebracht, jedes Rad
treibt eine von der andern verschiedenen Gewerbsmaschiene. Bengler hat auch
noch eine andere Mhle gebaut, wo blos Papier aber aus verschiedenen
Gewchsen so gut und schn verfertigt wird, da aus dem achtzehnten
Jahrhundert das hollndische so zu sagen nur ein gemeines Papier dagegen
ist. Wir werden es besehen, wenn eine Weile brig bleibt.

Sie kamen nach einer Viertelstunde bei dem Schlosse an. Der Besitzer sa
eben mit einer Gesellschaft unter einer hochstigen Eiche, deren moosigten
Stamm, dick, kaum von vier Mnnerarmen zu umspannen, ein niedlicher
Marmortisch dunkel roth, und gelblicht wei gedert umrundete. Rasensitze
daran, auf denen die Gste herum saen, die frhlich im Kranz herum den
Rheinwein, aus hochhalsigen Kristallflaschen sprudelnd, in Pokalen tranken.
Schon in der Ferne vernahmen die Reisenden den Wiederhall von ihrem
Rundgesang, und als sie beide durch das grn und wei angestrichene
Staketenthor fuhren, klang eben die lezte Stropfe von dem edlen Liede eines
Dichters aus dem 18ten Jahrhunderte.

Mit dem lezten abgesungenen Verse stand der Gastherr aus dem Kranze seiner
Gesellschaft auf, und kaum hatte er Welly erkannt, so eilte er mit
ausgestrekten Armen seinem alten Herzensfreunde entgegen. Der ganze Ring
folgte, und brachte den Kommenden den Willkommenspokal.

Dies ist ein Becher, der in jedem Hause des Landes nach Verhltni des
Vermgens von Gold, Silber, oder bei minderbegterten Landleuten wenigstens
aus feinem Porzellain gebildet ist. Bei einem Gastmahle steht er in der
Mitte des Tisches, und dem Gaste reicht ihn der Gastherr, der ihm aus einem
zweiten das frohe Willkommen zutrinkt, worauf ein kleines Mahl beginnt.

Von Golde mit spielenden Brillianten besezt war der, den Bengler Welly
reichte. Das Bild der Gastfreiheit und Freundlichkeit mit den Worten:
Willkommen! war darauf gezt.

O so drck ich denn noch einmal wieder dich, mein guter Wallingau, an mein
Herz! -- Sprach Bengler freudig. Sey willkommen!

Willkommen! Willkommen! scholls unter den andern, und die beiden
Wallingauer wurden wie im Triumpf nach dem Rasensitz unter der Eiche
gefhrt. Die ganze Gesellschaft ward munterer. Welly kannte auer seinem
Freunde keins der Glieder, und doch waren alle so vertraulich und frei
gegen ihn, als htte man sich zu tausendmal gesehen, und seit unzhligen
Jahren gekannt.

Salassin ward hingerissen von der lautern Munterkeit des Kranzes frhlicher
Menschen. Die Mdchen schielten mit lsternen Blicken nach ihm, und
wnschten ihm als sie erfuhren, er reise in die Residenzstadt, ein recht
angenehmes Leben in der vergngenvollen Stadt.

Der Abend sank vom leicht bewolkten Himmel auf rosigten Flgeln hinab, die
Sonne glnzte am westlichen Horizont in halber Goldscheibe, und ein rother
Strahl spiegelte in dem weniggefllten Pokal. Man beschlo einen
Spaziergang in den Park, und die Gesellschaft begab sich paarweise dahin.

Lolly -- sagte Spengler zu seiner Tochter, einem Mdchen, dem an den
Rosenwangen der Frhling zum sechzehntenmale blhte -- Lolly unterhalte
doch unsern jungen Gast recht gut.

Ja, Vater: das will ich schon thun! -- meinte sie, und ihre Wange ward
hher roth. Sie schlo sich an Salassin, und wandelte mit ihm in die
schnen Gnge des Gartens.

Heute war ein sehr schwler Tag! begann Lolly, indem sie schalkhaft ihren
Fhrer anlchelte, der zum erstenmal an einer so schnen Seite gieng. --
Ihr beiden werdet mde auf der Reise geworden seyn.

Um so angenehmer labt uns die Ruhe, und besonders hier, wo der khle Abend,
und so liebliche Blthen um uns sind! -- sprach Salassin etwas verblft;
denn ihm ward es schon bei Lollys ersten Anblicke wunderlich ums Herz. Wenn
das Mdchen zehnmal ein allerliebstes Gesprchsel anfieng, lie der
schchterne Salassin sonst so gewandt um frey -- zehnmal lie er den Faden
fallen. Ein niegefllter Drang klopfte schneller in seinem Pulse, und die
Glut seines Gesichtes stieg hher bei jeglichen Blicke, den Lolly mit ihrem
freundlichen Auge auf ihn warf.

Unsre Vter sind so gute Freunde, wie kommt es, da sie sich selten
besuchten? Ich sah dich noch niemal? -- fieng Lolly wieder an.

Mein Vater hat immer der Geschfte so viele -- Auch meiner und doch ist
er fast jede Woche irgendwo zu Gaste.

Die Entfernung von Wallingau nach -- Wie nennet man dieses Dorf?

Wallbach!

Sind volle fnfzehn Meilen.

Die kann man in einem Tage zurcklegen mit flchtigen Luftgondeln.

O ja! -- es ist aber nicht immer gut Wetter.

Sage lieber Laune daheim zu bleiben -- Du fhrst also nach der Residenz?

Ja!

Wirst du nicht bald zurckkommen?

Das lt sich nicht bestimmen.

O du mut uns fter --

Recht gerne!

Das Gesprch htte wieder sein Ende, und sie wandelten weiter in den
labyrintischen Gngen des Parks. In der Mitte pltscherte eine Kaskade. Ein
kristallener Erlenbaum scho aus jedem knstlich gebildeten Zweige das
flimmernde Wasser, das wie ein Staubregen in das Becken rieselte, und in
einen schilfigten Teich rann.

Die Beiden weilten und sahen bald das schne Schauspiel, bald -- sich an,
und ihr Lcheln, ihr schnell sich begegnender Blick fiel schneller zurck
auf die Kaskade.

Eine Goldrose schwamm mitten im Teiche. Die leichten Wellen gaukelten sie
nher an das Rhriggestade.

Eine Goldrose! -- rief Lolly, und zeigte in den Teich. Salassin sammelte
Kieseln, um die Blume durch ein geschicktes Werfen nher an den Damm zu
treiben. Es gelang, und die Rose war fast mit der Hand zu erreichen.
Schnell um dem schnen Gast zuvorzukommen, kniete Lolly auf den Grasdamm,
und langte nach der Goldrose. Salassin der eben ein Stbchen vom nchsten
Strauche brach, stand mit dem Rcken gegen den Teich, und bemerkte die
Mherinn nicht, die, indem sie nach der Blume tappte, das Gleichgewicht
verlor, und mit einem lauten Ach! in den tiefen Teich sank. Erschrocken
ber den Schrey sprang Salassin dahin, als Lolly eben untertauchte.

Im Augenblick strzt er sich nach, erhaschte sie, und schwamn das Mdchen
in einem Arm haltend, damit er mit dem andern rudern knne, heraus.

Einen Theil der Gesellschaft fhrte der Zirkelweg auf die andere Seite des
Teiches, sie erblickten mit lautem Hilfeschrein die klgliche Szene, aber
kaum waren die meisten herbeigeeilt, als das Paar ganz na schon wieder auf
dem Damme stand.

Ich war so ungeschikt, -- sagte Lolly, und streifte das triefende Wasser
vom Gewand -- und fiel in den Teich! O ich danke dir lieber Gast! Wie der
Wind schnell trug er mich aus den Wellen!

O nicht doch -- ich war so unachtsam -- wendete Salassin ein -- brach
ein Stbchen vom Strauche, um damit eine Rose aus dem Wasser zu ziehn, und
bemerkte nicht, da Lolly mir zuvorkomme, und indem sie sich nach der Blume
bkte in den Teich sank.

O gehe doch! ich bin Schuld daran! -- eiferte das nasse Mdchen. Warum war
ich --

Jaja! -- rief ein anderes Mdchen schckernd. Ich wette die Rose wars wohl
eben nicht!

Ey und was denn sonst?

Gewi sie standen beide da am Uferrand, und fielen, weil Lolly einem Ku
sich entstruben wollte, unachtsam hinein.

Warum nicht gar -- sagte Lolly mit jungfrulicher Verschmtheit. -- Und
wenn ich es thue, er hat mich ja aus dem Wasser getragen!

Und die Goldrose doch erhascht! -- dachte Salassin, und die Gesellschaft
verscherzte den leichten Schrecken.

Ihr seyd mir ein paar Unglckskinder! -- rief Bengler lchelnd. Zum
erstenmal sehn sie sich, und bestehen schon ein Abentheuer in einem
gefhrlichen Element! Kinderchen! Scheut knftig das Wasser!

Eiliger gieng man itzo dem Schlosse zu, und aller Gesprche Stoff war --
die Rosenfischerei. Man lachte und schckerte und wrzte damit den Rest des
Abends, bis man in den Schoos des Schlummers eilte. Lolly -- trumte mit
offnen Augen von -- der Goldrose. Und Salassin? Dem verwandelten Salassin
trieb ein ses Empfindunggemisch den Schlaf vom Augenlied. Er schwamm mit
der schnen Goldrose aus dem Teiche! Dies Bild wich ihm nicht aus dem
Traume.




Achtes Kapitel.

Komm bald wieder zur Rosenfischerei!


   Mit wrzigen Krnzen aus Rosen gewebt,
   Verketten sich Herzen durch Liebe.
   Nicht leichter erhellet der mondliche Schein
   Das khlige Dunkel im flsternden Hain
   Als Herzen der Sonnenglanz -- Liebe.

Kaum hatte der Nachtwchter Hahn in seine kreischende Trompete gestossen,
kaum rthete bla noch der neue Tag den Ost da erwachten mit dem Geflgel
des Hofes die Gste im Schlosse.

Heiterkeit glnzte an jeglicher Stirne, wie an der Stirne des Tages der
heitre Morgen glnzt. Freude, Munterkeit erwachten mit ihnen, und alle
riefen sich: Guten Tag!

Frhlicher als alle noch war die reizende Lolly, lieblich wie die sich
entwickelnde Morgenrthe, scherzend und sanft wie das Lftchen vom Fcher
erregt, und unschuldig, wie ein junges Ringeltubchen. Ein anderes Gewand
aus feinstem Flor umflo ihren rohrschlanken Wuchs, das lange, blonde,
kunstlos geringelte Haar flatterte im Morgenwind, der ihre blhenden Wangen
kte.

Guten Morgen! -- sagte sie ein paarmal zu Salassin, den ihr Anblik wie ein
Zauberbild verwirrte.

Guten Morgen! -- erwiederte er sanft, und schaute verlegen durch die auf
ihn gehefteten Blicke der weiblichen Gste, auf -- Lollys Schuhe. Auch er
hatte sich netter als sonst gekleidet, zwar gab er vor, es sey geschehen,
weil gestern sein Reisekleid na geworden, und noch nicht getrocknet sey.

Aber seht mir doch den Schalk! -- um Lolly zu gefallen, zog er sein
schnstes Gewand an. Um dem reizenden Mdchen zu gefallen, schmkst du
dich, guter Salassin! mit deinem besten Kleide? Zwar du mgtest dir selbst
nicht so ganz deutlich sagen knnen, warum? Doch meintest du -- es stnde
dir doch besser, und -- und -- Aber fast meint ich, du wrest ein Stutzer
des 18ten Jahrhunderts, die alle ihre Schnheit, und wohl auch ihre
Menschenhnlichkeit dem Kleide verdanken, aber in deinem Sekulum wo das
sinnlich Schne weniger als das Geistige gesehen wird? Je nu, man besucht
itzo und immer zuerst das Kleid der Rose, eh man an den Honig denkt! --
Aber dir war es wohl immer nthig guter Jngling! Im ersten Worte, das ihr
beide spracht, waren eure Seelen verflossen. Da blick einmal hin, wie sie
nach dir zurkschilt, wenn ihr der Vater zuflstert, sie solle das oder
jenes fr die Gste besorgen! Wie sie alles schnell und eilig verrichtet,
um -- nur bald wieder unter die Gste zu kommen. Unter die Gste? -- Ja,
deutsch gesagt -- zu Salassin. Lieber wie ist dir zu Muthe, wenn sie dich
zrtlich fragt, wie du nach dem gestrigen Schrecken geschlaffen? Ob du dich
nicht erkhlt hast? Wie sie so vollmondfreundlich zurksieht, wenn dein
Lcheln ihrem begegnet? Salassin! Denk' an die Stadt! Ohne Herzchen darfst
du beileibe nicht dahin kommen! Ja wenn die Damen in deinem Jahrhunderte
wie diese in unsern wren, da sie darauf Verzicht thten! Doch sey guten
Muths! Du erhltst fr dein Herzchen ein anderes dir gewi noch wertheres
-- Lollys -- zur Lebenszehrung.

Der Kranz der Gste sammelte sich um das Frhmahl. Ein Lied gefhlvoll wie
die Snger ward angestimmt. Lolly schlug das Euphon dazu, und Salassin mit
seinem ganzen Ich ein Ohr, bemerkte nicht, da alle ber ihn lchelten.
Schlgst du nicht auch Euphon? -- fragte Bengler den aufmerksamen Trumer.

Ich -- bin ein Klimperer gegen Lollys Spiel! war seine Antwort.

Das ist zu bescheiden! Eine Schmeichelei! -- riefen einige der Gste.
Versuch es, la uns doch hren!

Spannt aber die Erwartung nicht zu sehr -- ich -- Jaja! -- sagte Lolly,
indem sie ihn an das Euphon zog, -- Du konntest gestern so gut schwimmen,
also -- Mut du auch gut Euphon schlagen! Ueber den Mdchensyllogismus! --
lachte Bengler.

Salassin fate sich, und spielte. Wie er vorhin die schne Knstlerinn
bewunderte, bewunderten ihn alle itzt, am meisten was ganz natrlich zu
entrthseln ist, die Blume des Gastherrn selbst.

Salassin go den Schwall der Empfindungen, die in seinem Herzen rangen in
eine harmonische Fantasie. Alle fhlten die sanfte Wehmuth, wenn er im
schmelzenden Moll klagte, alle waren hingerissen von dem Feuer, wenn er
seine Gefhle in die wiedertnenden Saiten strmte, alle bewegten die Fsse
wenn er im lieblichen Allegro tndelte. Lolly wre dem Zauberer beinahe um
dem Hals gefallen.

Meisterhaft! Vortreflich! -- riefen die Gste, und klatschten ihm ihren
Beifall. Du mut dich in der Stadt bewundern lassen!

Um Vergebung! -- sprach Salassin, -- nicht meine Geschicklichkeit -- das
vortrefliche Euphon, das sich so gut ausnimmt --

Weil du so gut spieltest -- sagte Lolly -- warte, la uns doch auch deinen
Gesang hren. Hier ist ein Duetto von dem Musiker des 18ten Jahrhunderts,
Mozart.

Richtig! Der Einfall war schn! -- riefen die Andern. -- Sie sangen, O
welch ein Gesang! Der liebliche Tenor mit des Mdchens Nachtigallsoprano
schmolz so zrtlich -- so gefhlvoll, so s ineinander -- Natur und Kunst
war so schwesterlich vereint, -- alle vergaen wie bezaubert des Frhmahles
im Hren verloren.

Die beiden Vter blickten sich mit frohem Gesichte an, in jedem stieg der
leise Wunsch auf: Welch ein herrlich Paar knnten unsre Kinder werden!

Graf Welly wurde mit Lob und Schmeicheleien ber seinen Sohn berstrmt,
und freute sich innig. Man schlo endlich das ergtzende Schauspiel, und
Welly sprach von der Abreise.

Nicht doch Freund! Bleibe noch da! Du versumst ja nichts! Wir sahen uns
lange Jahre nicht! Die Stadt entluft ja nicht! -- warf Wallbach ein; als
dieser sich zu empfehlen begann.

Halte mirs zu Guten, theurer Wallbach! Meine Gattin wrde bangen, trf ich
zur bestimmen Stunde nicht ein in der Heimat.

O dann sey unbesorgt! ich schick eine Luftgondel um sie!

Ein andermal Freund! Ein andermal! Nun -- wie du willst. Zwang ist meine
Sache nicht!

Die beiden Wellyngauer empfahlen sich; allen war leid, und alle bedauerten
die kurze Dauer des Vergngens, das dieser Besuch gewhrte, am leidesten
war's -- Lolly. Sie htte gern alle Kutschen und Pferde, Gondeln und
Fahrzeuge verzaubert, wenn es in ihrer Macht gestanden wre; ach! ihr war
der schne Schwimmer, der geschickte Euphonschlger lieber und theurer
geworden, als den Mdchen des 18ten Jahrhunderts die -- Schminke.

So gefiel es dir nicht bei uns? -- fragte sie trbe, den eben nicht sehr
heitern Salassin.

Mir? Knnte mir der Himmel besser gefallen?

Und doch dringst du so auf die Abreise?

Mein Wille mu des Vaters Wille seyn.

Aber du kmmst doch bald wieder?

Land und Meer! -- sprach Salassin, und verbarg die schnellaufsteigende
Gesichtsrthe mit dem Schnupftuch. Eine kleine Pause, worinn sich die
Beiden wechselseitig anblickten, und die Augen sprechen lieen, was wir
freilich nicht verstehen, da wirs nicht hren -- zulezt ein
unwillkhrlicher Hndedruck -- endlich ein feuriger Abschiedsku, und Leb
wohl! Lolly! -- Leb wohl! Salassin -- Das war das Finale ihres Duetto.

Die Pferde wieherten im Hofe, und whlten mit den Hufen im Boden, da traten
alle vor das Schlo, man schied unter gewhnlichen Abschiedsumarmungen, und
die beiden Wellyngauer rollten in der Kutsche unterm Zuwinken der
Zurckgebliebenen die Strasse weiter.

Salassin! Da du ja bald wieder Euphon in Walbach schlgst! -- rief Lolly
ihm zu, als er in die Kutsche stieg. Er nikte stumm die Antwort, und das
weiche Mdchen, suchte auf der Erde, als htte sie etwas verloren,
inzwischen, verbarg sie so nur ein kleines Thrnchen, das ihr wider Willen
entquoll. Jaja! Komm nur bald wieder zur Rosenfischerei! scherzte ein
anderes Mdchen.




Neuntes Kapitel.

Die mden Wanderer.


Warum bist du so traurig? -- fragte Vater Welly, nachdem sie Walbach weit
im Rcken gelassen hatten. Du warst doch gestern heiterer auf der Reise!

Ich dachte -- was wohl die Mutter machen wrde? Welly lchelte ber die
unvermuthete Wendung, und sah ihn mit einem forschendem Blicke an. Darum
sprichst du heute kein Wrtchen? Sitzest da ohne Geist und Seele, wie ein
mechanisch sich bewegender Fleischklumpen? Gukst immer zurck, woher wir
kommen? Seufzest wohl auch gar, wenn du glaubst, ich bemerk es nicht.

Mir ist -- vom Fahren bange geworden, und das Wetter, so da pltzlich den
schnsten Tag, in den trbsten verwandelt hat, ist --

Doch nicht etwa im Barometer deiner Seele auch auf den Regenpunkt gerkt?

Der Einflu --

Des Regenwetters, war ja nie auf dich so gro, da du trbe geworden
wrest. Hattest du nicht immer sonst deine Freude daran, wenn die
blitzenden Tropfen flimmernd vom Himmel rieselten? und das staubichte
Baumlaub abwischten, die Luft heitrer und angenehmer zu athmen war?
Salassin?

Mein Vater --

Mein Sohn! Du hast nicht Ursache deinem Vater und deinem Freunde diese
Bewegung, die in dir vorgeht, so sorgsam zu verbergen. Lolly --

Salassin schlug die Augen nieder, und hrte bei diesem werthen Namen
aufmerksam zu.

Lolly ist ein edles liebenswrdiges Mdchen, deine keimende Liebe, die ein
nicht blinder Vater sehr leicht bemerken mu, tadl' ich nicht.

Liebe? mein Vater! sagte Salassin und drckte sich mit inniger Rhrung an
des Vaters Brust.

Ich glaub es dir gerne, da du deinem Empfindungsgemische den Namen nicht
zu geben weist. Deine Unerfahrenheit -- aber Salassin! La diesen Trieb in
deinem Innern noch nicht zu stark sprossen, da er deinen andern
Seelenkrfte nicht zu sehr verdrnge, deine Lebens und Geisteskrfte nicht
erschlaffe! Werd ein edler Mann! Sammle dir Verdienste, und ich will die
Stunde zu meinen seligsten zhlen, in der Lolly dir als Gattin zugefhrt
wird.

Der dstre Salassin ward mchtig getrstet, und erheitert. Ja mein Vater!
-- rief er -- edel und rechtschaffen will ich immer in deine Fustapfen
treten, deine vterliche Liebe sey mir ein Leitstern, der mich nie im
Labyrinthe der Laster vom graden Weg der Tugend irren lassen wird!

So mein Salassin! Und dann komm als unsre einzige Lebensfreude in die Arme
deiner beglckter Eltern!

Der Regen hatte nachgelassen. Die Wolken waren zertheilt, und des Himmels
freundliches Blau lachte durch die zerstreuten Wolken. Die Sonne glnzte
lieblicher auf die erfrischten Gefilde.

O Vater! -- fieng schnell Salassin an, indem er auf die Strasse sah -- Dort
gehet ein paar Menschen. Sieh! ein junger Mann mit einer krnklichen Frau.
Wie ihre drftigen Kleider vom Regen triefen. Der junge Mann trug sie auf
dem Rcken, fhrte sie bald, bald nahm er sie wieder auf sich --. Die sind
gewi sehr md und matt. Nehmen wir sie doch in unsern Wagen. Ich setze
mich zu Thomas auf den Bock.

Brav, mein Sohn! -- Thomas!

Herr!

Jage die Pferde, und wenn du dies Paar Leute eingehohlt hast, halte!

Gut, Herr!

In wenigen Augenblicken stand der Wagen, Salassin sprang heraus, und fhrte
die matte kranke Frau auf seinen Sitz, ohne viel Worte zu wechseln. Ihr
Fhrer dankte mit herzlicher Freude, und wollte zu Fusse fort.

Nur auch herein! -- sprach Salassin!

O guter Mann! ich bin ja noch jung, und rstig, wenn nur meine liebe Mutter
-- Nein, mein Sebald -- sagte die Mutter halb erschpft. -- Herr nimm ihn
statt meiner in den Wagen, wenn du so gut seyn willst. Er hatt mich schon
einige Stunden weit auf dem Rcken getragen -- er kann seine Fsse kaum
mehr heben.

Beide, beide herein! -- sagte Salassin, -- half ihnen in die Kutsche, und
sezte sich zu dem Kutscher der Bequemlichkeit der Mden halber auf den
Bock. Der junge Mensch gewahrt es kaum, als er schnell aus dem Wagen sprang
und sprach: diese Gte kann ich nicht annehmen -- la lieber mich dahin, --
warum sollst du dich deiner Bequemlichkeit berauben.

Wie haben alle viere Platz! -- entschied Welly, und sie saen beisammen.
Die mde zitternden Fremden sahen sich bewegt an, und nickten sich zu: Gott
hat uns diese Edlen zu Rettern geschickt!




Zehntes Kapitel.

Geschichte dieser mden Wanderer.


Salassin verga an -- Lolly, er war so froh und munter, und wute nicht
warum? Woher kommt ihr guten Leute! -- fragte Welly als sie sich
einigermassen erholt hatten. Ihr habt heute eine garstige Witterung zur
Reise gehabt.

Wir wanderten -- nahm der junge Mensch das Wort -- schon viele Monden aus
den nrdlichen Provinzen Deutschlands. Ich bin ein Mahler meiner Kunst, und
wollte nach der Residenzstadt des Kaisers.

Ein Mahler? -- dachte Salassin, und bei der Vorstellung von Gemlden
schwebt Lollys Bild schnell vor seiner Seele. Mahler haben in unserm Lande
viel Verdienst! Die Vorsther des Mahlermusums belohnen Geschicklichkeit,
wenn sie ausgezeichnet ist, sogar mit Beifall und Gtern.

Der junge M. Ich kenne Germanien wiewohl England mein Geburtsort ist, denn
ich bin hier aufgewachsen; und habe mir seit mich mein Lehrmeister fhig
hielt durch Fertigkeit mein Brod zu verdienen, manchen schnen Gulden
verdient. Vor acht Monden wurden wir an der Kste Hollands, von Seerubern
berfallen, die uns auer dem Leben und dem Kleide, so wir angezogen
hatten, nichts, nicht einmal meine nthigsten Werkzeuge liessen. Meine
Mutter erkrankte mir berdies bald darauf, und da mir alle Mitteln zu
arbeiten fehlten, schlepten wir uns elend von Ort zu Ort. Zwar haben wir
der braven Menschen viele angetroffen, die uns gastfreundlich aufnahmen. In
einem Orte waren wir wohl vier volle Wochen, wo ein edler Pfarrer meine
liebe Mutter vom Fieber kurirte: er sammelte noch berdies bei seiner
Gemeinde einen Zehrpfennig fr uns, wir reisten gemchlich bis auf wenige
Meilen hieher, wo wir nun sind, aber vorgestern schon war ein Trunk Wasser
und ein Stck Brod unsre einzige Labung. Die Leute knnen uns die
Ehrlichkeit nicht im Gesichte lesen, und also betteln -- Herr

Welly. Was ein Mahler in unsrer Zeit betteln?

Der junge M. Das fiel mir schwer -- so unmglich -- aber doch war meine
Mutter nicht anders zu erhalten. Ich nahm all meine Strke zusamm, und
sprach einem der reichsten Huser im Dorfe zu. Ein Mann sa darinn am
Tische, und zhlte eben eine ungeheure Summe Geldes, das in hohen Haufen
aufgeschlichtet war. Der Mann war ein Gerippe, und als er mich ersah,
sprang er schnell von seinem Sitze und stie mich zur Thre hinaus. Auf
immer abgeschrekt empfahl ich meine Mutter und mich Gott, und trug sie
weiter von Ort zu Ort, bis ihr uns traft.

Welly. In England bist du gebohren? Deine Denkart ist aber sehr deutsch; du
warst gewi nicht lange da!

Das glaub ich -- nahm die erholte Mutter das Wort -- Mein Sebald war noch
in den Windeln als ich ihn in meinen Armen aus England zum Vater trug, der
bei der Armee der Normnner, die damals gegen Deutschland im Felde war,
seyn sollte; denn er war entflohn, und gewi wut ich es nicht wo er lebte.
Wir zogen berall herum, und fanden ihn nicht. Aller Wahrscheinlichkeit
nach war er todt. Wir verliessen Norland und kamen nach Germanien. Eines
Tages am Abend lag ich eben im thauigten Grase an der Strasse, mein Sebald
war schon sechs Jahr alt, neben mir, und wollten hier die Nacht
verschlafen, von allen entblst was uns ein besseres Lager htte bereiten
knnen. Ein wohlhabender Mann sah unser Elend, und lie uns, da wir auf den
Fssen nimmer stehen konnten, in ein nahes Stdtchen fahren. Er gewann
Neigung fr uns, behielt mich, da seine Gattin kurz vorher gestorben, und 4
unerzogene Waisen gelassen hatte, in seinem Hause, wo ich der Arbeit genug,
und keinen Mangel hatte. Eben dies war der Mann, der meinen Sohn die
Mahlerei lehrte, die er selbst trieb und wodurch er ein sehr wohlhabender
Mann geworden war. Weit und breit war er berhmt, und aus fremden Lndern
bestellt man sogar Gemlde bei ihm. So lebten wir bis der wohlthtige Mann
zu unserm Jammer starb.

Sebald. Das ist seit zwei Jahren. Er war mir ein zrtlicher sorgsamer
Vater. Ach! nie kann ich vergessen, wie er mich liebte, wie er seinen
Kindern gleich mich erzog. Ruhe, ssse Ruhe seiner Seele! Wir verliessen
damals dieses Stdtchen, und kamen nach den Unfllen, die ich bereits
anfhrte, hieher, wo uns Gott in euch einen zweiten Retter sandte.

Welly. Das war meine Pflicht, euch beizustehn. Da wrde jeglicher gethan
haben. Wir sind morgen in der Stadt, und junger Mann ich will die
Vaterstelle bernehmen, will fernhin fr dich sorgen. Sey selbst auch
thtig, dann wirst du einmal ber nichts zu klagen haben. In unserm
Jahrhundert verhungert nun kein geschickter Knstler mehr. Die Zeit der
Barbaren, wo die Dumkpfe im Ueberflu schwelgten, die verdientesten Kpfe
darbten, ist gottlob nicht mehr. Ich will den Tag unter die schnsten
meines Lebens aufzeichnen, an dem ich dich fand, und dem Vaterlande einen
braven Brger und geschickten Knstler, durch eine so geringe Hilfe
erhielt. Salassin! -- Ihr bleibt Gefhrten -- Freunde, Brder! meine Shne!

Sebald drckte voll ungestmmer Freude Wellys Hand, auf die eine glhende
Thrne des stummen Dankenden rann.

Du kennst mich so wenig -- stammelte er -- und zeigst dich so edel gegen
mich. Diese Gte -- dies Zutraun richtet mich auf! Nimm -- ich habe nichts
als stille Thrnen zum Danke -- Die Geretteten -- hier deutete er wortlos
auf seine entzckte Mutter, welche wie er keine Silbe sprechen konnte.

Salassin umarmte seinen neuen Bruder. Ihre Neigungen trafen sich, der Ring
der Freundschaft umschlang ihre Herzen, sie wurden Freunde, Brder und
blieben es.

So kamen sie in einer seelerhebenden Freude allmhlig der Stadt nher.
Sebalds Leiden gefurchte Stirne glttete die namenlose Wonne, die ihm im
Innern glhte. Er war ein blhender junger Mann, voll Fhigkeiten, voll
Streben, seine Anlagen zu bilden, und mit einem edlen Herzen von Mutter
Natur beschenkt. Seine Seele trug er im Gesichte, das schwarze Aug funkelte
von dem Feuer, das ein Abstrahl seines Geistes war. Aus seinen abgetragenen
Kleidern schimmerte er hervor, wie der Vollmond durch ein zerrissenes
Gewlke.

Seiner Mutter eine ungefhr vierzigjhrige Frau, mit den unverkennlichen
Spuren ehemaliger Schnheit, hatte der Kummer, das Elend und ein gewisser
Harm (dessen Ursache meine Leser, wenn sie es noch nicht errathen haben,
doch bald erfahren werden) die Wangen gebleicht, aber sie erregte dadurch
in jeder Seele nur um so mehr Theilnahme, und ihr ganzes Betragen verrieth
gar zu deutlich, da sie einst edel erzogen, der Drftigkeit nicht bestimmt
war, die sie nun drckte.

Seelenvergngt war Welly und sein Bewustseyn maa ihm bereits ein hohes
Gefhl ssser Empfindungen, wenn er Sebald und seine Mutter ansah. Salassin
wurde bald vertraulicher mit Sebalden. Unter Erzhlungen und Gesprchen
vergaen die aufgenommenen Pilger ihr voriges Leid, und trumten von dem
Himmel, der sich vor ihren Blicken aufschliessen wrde. Salassin durch
diese zerstreut, dachte allenfalls noch manchmal, wenn der Mahler von
Bildern sprach, an Lollys lebendiges Bild.




Eilftes Kapitel.

Die Stadt.


   Hoffe Ruh im Migeschicke,
   So das Daseyn dir vergllt.
   Bald entwlkt sich deinem Blicke
   Eine Flur, vom goldnen Glcke
   Fr den Dulder aufgehellt.

Fort rollte der Wagen die Strasse zur Stadt. Der lezte der Berge verbarg
sie nur noch. Itzt waren sie auf seinem Nacken, und ausgegossen lag in
einer unermelichen Ebene die unbersehbare Residenzstadt. Welch ein
entzckender Anblick fr die Reisenden! In der Mitte stand die Residenz des
germanischen Kaisers, mit stark vergoldeten Dchern, mit Erkern und
spiegelnden Fenstern wie eine kleine Stadt. Im Kreise um sie herum die
Palste der Frsten in schner Ordnung, jeder vom andern durch einen
prchtigen Garten abgesndert. Um die Frstenwohnungen in miger Ferne die
Gebude der Edlen, und an diese schloen sich die simetrischen Huser der
Brger, auch diese immer durch Grten getrennt, in welchen hochwipflichte
Bume ber die blanken Dcher grnten. Eine dreifache Schanze mit
ungeheuren Wllen und Grben umhgelte in einem Ring die ganze Stadt,
durchschnitten von breiten regelmig angelegten Strassen und Gassen, mit
unzhligen Pltzen, wo Alleen und Denksulen standen. Auf vier Seiten
gleich an der Stadt ragten vier unbezwingbare Kastelle auf Hgeln empor,
ein majesttisch gleitender Strom mit blauen Wasserspiegel, mit Schiffen
und Khnen beset umarmte den einem halben Kranz der Stadt. Wie blinkten
die Thrme mit gelben Spitzen im Sonnengolde! Wie mischte sich das
Farbenspiel der Mauern, der Dcher, der Bume mit den blulichen Wolken die
aus Schorsteinen stiegen!

Die Reisenden kamen zum Thore. Ein Mann trat an die Kutsche, und fragte
ganz artig: Wer bist du? den Grafen.

Graf Wallingau.

Sogleich traten die wachthabenden Soldaten auf des Thorstehers Wink unter
Gewehr, schulterten, und Welly fuhr ungehalten weiter.

Das bunte Menschengewimmel, der itzt noch lebhaftere Anblick der Gebude,
der schnsten Baukunst Meisterstcke, die mannigfltige Abwechslung
gewhrte den Ankommenden ein ssses Schauspiel. Sie hielten auf dem Platze
der Gasthfe, den eine lange Reihe der schnsten Einkehrhuser formte. Die
vergoldeten Schilde glnzten. Hier hie es: zur Treue, dort zur Liebe. Da:
zur Hoffnung. Hier: zur Menschlichkeit. Wieder dort: zum Vaterlande.

Im Vaterlande kehren wir ein! -- sagte Welly; sie stiegen ab, und ein
halbdutzend windschnelle Diener bedienten die Gste. --

Der Abend sank vom Himmel und zog seinen Purpurglanz von den
wiederspiegelnden Thurmspitzen.

Unsre Reisenden machten eine kleine Promenade, und ruhten von den
Beschwerlichkeiten der Reise auf sammtnen Kanapeen aus. Morgen gehn wir in
die Residenz, den Vater des Landes zu sehn! Und dann soll uns die
Abwechslung der Stadtvergngen ergtzen! -- sagte Welly, ehe man zur Ruhe
gieng.




Zwlftes Kapitel.

Das unvermuthete Wiedersehen.


Noch glnzte das Licht der Kristalsonnen, die in den Zimmern statt Kerzen
dienen, viel heller als der Strahl der aufgehenden Sonne. Da wachten alle
vom lrmenden Getse der beschftigten Stadtmenschen auf. Kaum waren unsre
Pilger angegleidet, da wurden schon Diener gemeldet mit
Willkommensbriefchen von Bekannten und Freunden, die Welly in der Stadt
besa, und die seine Auskunft sogleich durch die gewhnliche Anzeige der
Gastwirthe erfahren hatten.

Der lud ihn zum Morgenbesuch, dieser zum Mittagmahle, jener zur
Abendpromenade, ein anderer zur Gesellschaft ins Theater ein. Einer von
Wellys geliebtesten Freunden drang in ihn, den Gasthof zu verlassen, und
bei ihm einzukehren; dieser war der Frst Tellmann, Minister und
Polizeyobrist des Monarchen.

Wenn du -- schrieb der Frst in dem Briefchen -- meiner Bitte nicht
erfllst, so sollst du nicht die Freude haben mich noch einmal deinen
Freund zu nennen.

Das ist mir eine gar frchterliche Drohung! -- sagte Welly lchelnd, und
zeigte es seinen Gefhrten an. Fr Sebald und seine Mutter waren inzwischen
neue Kleider herbeigeschaft, und die Beiden erkannten sich in dem neuen
Anzug kaum. Sie giengen durch unzhlige Gassen und ber Pltze dem
tellmanschen Palaste zu, an dem das frstliche Wappen auf einer
Silberplatte mit dem Namen des Frsten, an dem Marmorportale hieng.

Hier sind wir am rechten Orte! -- rief Welly und sie betraten die Treppe.
Sogleich ward er gemeldet, und Frst Tellmann kam ihnen im Vorsale
entgegen, rief: Willkommen! und lag in den Armen des Freundes. Willkommen!
Willkommen! mit den Deinen! -- sprach er und fhrte sie in den Gastsaal zum
Willkommensbecher.

Sebalds Mutter wankte wie betubt ber den Anblick des Frsten, der, indem
er den Pokal Welly reichte, sie anblickte, den Becher fallen lie, und --
auf sie mit offnen Armen zulief.

Meine Schwester!

Mein Bruder! riefen sie, und Sebald schlo sich an den Frsten. Die beiden
Wallingauer standen voll Verwunderung.

Das ist mein Sohn! -- sagte Sebalds Mutter, indem sie auf ihn zeigte, der
sich an den Oheim mit herzlicher Freude schmiegte.

Mein Schwestersohn! Mein Sohn!

Mein Oheim!

O Freund Welly welch angenehmes Geschenk brachtest du! Wie hast du mich
berrascht! -- sprach voll Entzcken der Frst, und taumelte aus einer
Umarmung in die andere. Man sammelte sich endlich und lie sich auf
Ottomanen nieder.

Nun bleibst du bei mir, meine Schwester! -- fieng Tellmann nach einer Weile
an -- Ha! der Gram in deinem Gesichte verrth mir nur zu sehr, es sey dir
trbe gegangen!

La mich das vergessen, was ich gelitten! An deiner Seite mein theurer
Bruder! will ich ein neues Leben beginnen.

Tellm. So recht! Mir Einsamen ist jedes Vergngen so unschmakhaft! Allein
bin ich, allein! Was ntzt mir Ehre, Rang, und Reichthum, wenn ich keine
freundschaftliche Seele um mich habe. Meine Gattin starb, meinen Sohn
wrgte der Krieg, meine Tochter folgte der Mutter. Welly! Welcher Genius
fhrte diese zu dir?

Welly. Ein Zufall --

Tell. Ward ihr schon lange bei einander?

Welly. Seit drei Tagen.

Tell. Seit drei Tagen? Und wutest du, welche Freude du mir brchtest?

Welly. Wer htte das geahnet, da ich meines Tellmanns Schwester auf der
Strasse fnde, in einem so mitleiderregenden Zustand fnde?

Tell. Wie das? Welche Schicksale? -- O erzhle, erzhle mir liebe
Schwester! Wie gieng es dir seit du das Vaterland verlassen, seit wir uns
nicht sahen?

Und dem freudetrunkenem Tellmann ward erzhlt was meine Leser bereits
wissen. So manche Stunde schwand in dem Vergngen des Wiedersehns schneller
als der Augenblick, in welchem der Frst seine Schwester erkannte.




Dreizehntes Kapitel.

Die Audienz.


Nun also in die Residenz! -- sprach der Frst, und sie erhoben sich von
ihren Sitzen. Sie giengen ber den groen Platz vor der kaiserlichen
Wohnung, der zum Lustwandeln mit hochstigen Kastanien, Pomeranzen und
Nubumen in mannigfaltiger Abwechslung mit Marmor- und Rosenbnken unter
den Schattendchern der Bume eingerichtet war. Marmorne Ehrendenkmler
berhmter Mnner prangten berall zwischen den Bumen. Das Volk wandelte
hier und sah nie solch ein Denkmal an, ohne des edlen Mannes Andenken, dem
es gesezt war, zu segnen, wenn er noch lebte, ihm eine lange Erhaltung zu
wnschen, der seine Kraft zum Besten des Vaterlandes und der Menschen
anwand, oder seiner Asche, wenn er nimmer lebte, eine dankende Thrne zu
weinen. Durch das grau und dunkelrothe Marmorthor der Kaiserburg, an der
das Wappen Deutschlands der doppelte Adler auf einer Goldplatte glnzte,
fhrte Frst Tellmann seine Freunde ber unzhlige Treppen und Stiegen in
den Audienzsaal des Kaisers. Die Wachten prsentirten vor ihnen, wo sie
vorbei giengen. Sie standen in dem Vorsaal der Minister, meldete sie, und
ohne zu sumen wurden sie vorgelassen.

Mit heitrer Miene nahte sich der Vater des Vaterlands, Milde und Majestt,
Ernst und Freundlichkeit im Gesichte, vom Goldthrone ihnen entgegen.

Seid mir im Herzen des Landes gegrst, meine Kinder! sprach er.

Jeder meiner Brger ist mir immer willkommen, und meine Seele weidet sich
an den Vergngen, das mir die Besuche der Rechtschaffenen gewhren. Seid
mir willkommen!

Unser Vater! -- sprach Graf Welly mit gerhrtem Herzen und sanfter Stimme
-- Dein Herablassen rhrt uns, die wir freudig den geringen Zoll des
stummen Dankes dir weihn. Lange hab ich die hohe Wonne dein Antlitz,
Allverehrter zu sehn, lange hab ich sie entbehrt, still und ungesehen meine
frommen Wnsche fr dein Wohl, fr das Wohl unsrer Aller zu dem Urwesen
gesandt. Hier stehen meine Shne erfurchtsvoll vor dir, Erlauchter! um
aufgemuntert zu werden, durch deine mchtig wirkende Worte zur Thtigkeit,
zum Eifer und zur Liebe fr dich und das Vaterland, um durch den Anblick
deiner Majestt belebt dem Staate Germaniens als Brger unzertrennlich sich
anzuketten.

Meinen Seegen! entgegnete mit feierlicher Majestt der Monarch, indem er
nach dem goldnen mit Edelsteinen aller Art besezten Szepter grif. -- Meinen
Seegen, ihr jungen Mnner! Folgt dem Beispiel eures Vaters! Bleibet redlich
und bieder! Seid rastlos, eifervoll und unermdet in eurer Vervollkommnung!
Das Wohl des Staates, und das Wohl der Menschheit sey euer Wohl!
Seelengre, Geistesstrke und Herzensgte adeln den Menschen! Sammelt euch
Verdienste, damit ihr ruhmvoll in die Fustapfen eures Vaters tretet.

Er reichte den Szepter hin, und Salassin und Sebald berhrten es schweigend
mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Der Monarch entlie sie mit
freundlich ernstem Gesichte.

Diese feierliche Szene prgte sich tief in das Herz und Gedchtni der
Beiden ein, in deren Seele sich fest und unerschtterlich der Entschlu
entspann: Eh ich mich einst leiten lasse von der Bahn der Tugend in die
Labyrinthe des Laster, eh ich wanke, treu muthvoll und unaufhrlich mich
dem Vaterlande zu weihen: eh treffe mich die Schande des Gefhls, da ich
unwrdig des Vaterlandes bin, da ich unwerth meines Kaisers war, da ich
nicht die Achtung der Edlen verdiene.

Dies war die gewhnliche Art der Aufmunterung fr deutsche junge Mnner,
die sich dadurch erhoben und aufgerichtet sahen, die dadurch begeistert,
ihr kraftvereintes Bestreben dem Lande widmeten. Dadurch entstanden die
wackersten Mnner, und so viele Eiferer fr das Menschenwohl, als es in
unserm Jahrhunderte Egoisten giebt.

Frst Tellmann fhrte sie durch die ganze Residenz, und zeigte ihnen
Millionen der Sehenswrdigkeiten. Tausend der schnsten Erfindungen
deutscher Kpfe, und Salassin und Sebald im Enthusiasmus ber den Anblick
dieser Herrlichkeiten schwelgten in Wonne.

Wir haben noch nicht das geringste gethan -- sprach Salassin, zu seinem
Freunde, was uns die Ehre gbe, hier aufgestellt zu werden. Aber, ich will
kein Deutscher seyn, wenn ich nicht auch soviel leiste.

Dein Schwur ist der meine! Entgegnete Sebald. Zwar bin ich gebohren auf
Englands Boden, aber Germanien ist mein Vaterland, dem ich alles verdanke,
und auch mich soll der Spott des sklavischen Normanns treffen, verachten
soll mich jeder Edle, wenn ich des freien deutschen Landes, so mich trgt,
nicht wrdig werde!

Viele Stunden waren gedankenschnell im Anschaun dieser Sehenswrdigkeiten
verflossen, und noch war des Nichtgesehenen Unzhliges. Sie kamen in einen
zehnten Saal, wo die prchtigsten Denkmale bewahrt wurden, unter denen die
Urnen ehmaliger Beherrscher auch waren. Unter den Urnen der Herrscher war
eine dem Joseph II. rmischen Kaiser gesezt mit dem Bilde einer aus dichten
Wolken hervorstrahlenden Sonne. Eine andere Leopold II. mit einem
Palmzweige und den Worten: Er segnete durch Weisheit und Frieden. Eine
dritte Franz II. mit einem Taubenpaar dem Sinnbild der Milde und
Menschenfreundlichkeit und dem Spruche: Sein Szepter war Liebe des Volks.

Endlich verliessen sie die bewunderte Residenz, und begaben sich zurck in
Tellmanns Pallast, wo ein deutsches Mittagsmahl ihrer wartete.

Nach dem Mahle werden wir die Stadt besehen! -- sagte Welly, und Tellmann
sezte hinzu: Abends gehen wir in das Theater. Heute ist ein schnes Stck
von dem unsterblichen Dichter des 18ten Jahrhunderts Ifland! -- Doch itzo
geniesset, die Tafelmusik beginnt schon.




Vierzehntes Kapitel.

Eine frchterliche Begebenheit.


Noch sa man bei Tische und unterhielt sich mit mancherlei Gegenstnden.
Salassin und Sebald sprachen von dem Gesehenen in der kaiserlichen Burg, da
krachte plzlich ein betubendes Geprassel und wiederdonnerte durch die
Stadt. Die festesten Gebude erbebten, da die Fenster klirrten; der Wein
tanzte in den Bechern, und die Musikanten liessen Instrumente und die
Kannen vom Munde fallen. Eine ungeheure Staubwolke verdunkelte das Licht
des Tages, es knallte und schallte, als donnert und prasselte mit
frchterlichem Getse der Feuerschwangre Vesuv.

Auf den Pltzen und in den Gssen war alles in schrecklicher Bewegung,
Geschrei und Gelrme. Alles rannte durch einander mit schreckengebleichten
Gesichtern, und zitternden Fssen.

Was ist das? -- rief einer um den andern im Saale, und sprang an das
Fenster. Ein Strom ungeheurer Mauerstcke, Wolken von Asche und Staub
rauchende und flammende Brandhlzer stiegen auf der westlichen Seite der
Stadt hoch in die Luft, und sanken donnernd wieder herunter. Sebald und
Salassin liefen schnell aus dem Saal ber den Platz nach der Seite zu, wo
das Getse am frchterlichsten hallte, und das Schuttwetter die Luft
verdunkelt hatte.

Die Pulverfabrike! -- scholls berall. Sie ist in die Luft gesprengt!

Die beiden rannten dem Volksgedrnge nach und nach einer halben Stunde
waren sie vor den Thoren der Stadt. Welch ein klglicher Anblick.

Hunderte der Menschen waren zerschmettert zerstckelt, zerstmmelt,
verwundet, mit Schutt und Brndern berdeckt, und eine ungeheure Schlucht
ghnte an dem Orte wo die groe Pulverfabrike gestanden war -- Das Gewimmel
der unzhlbaren Menschen, die aus den Thoren strmten, das Rcheln der
Sterbenden, das Sthnen der Halbverschtteten, das Winseln und Wimmern der
Halbzerschmetterten und stark Verwundeten und das Klaggeheul der
Herbeilaufenden waren ein grliches Schauspiel.

Eilends half man den Unglcklichen. Hier warfen einige den Schutt
auseinander, und zogen Erschlagene oder Verstmmelte heraus, dort verbanden
andere die Wunden. Sebald nahm einen Mann auf den Rcken, der einer Fu
zerschlagen hatte, und Salassin trug einen andern, dem der Kopf und das
Gesicht vom Blute rthete und eine Hand fehlte. Ihrem Beispiele folgten die
andern Zuschauer, da packte ein Mann ein ohnmchtiges Weib, dort ein Weib
einen wunden Mann auf den Rcken, hier fhrte ein reizendes Mdchen eine
blutende Freundin, dort schlepte eine Zahl rstiger Jnglinge andere
wieder, und in wenig Minuten war das Theater des Jammers von den traurigen
Akteurs leer. Dem sonderbaren Zug, der mit seiner Brde truppenweise nach
der Stadt wanderte, strzten andere Schwrme von Menschen entgegen. Mein
Vater! Meine Mutter! Bruder! Schwester! So tnte berall das Jammergeschrei
derjenigen, die ihre unglcklichen Freunde in dem Zustande erblickten. Wie
regegemachte Ameisen in einem aufgestrten Haufen untereinander wimmeln,
diese Eyerchen, jene Weyrauchkrnchen tragen, und surren: so wimmelten die
Schwrme der Zusamgelaufenen.

Sebald hatte seinen Mann vor das Haus gebracht, so dieser mit vollem
Bewustsein ihm beschrieb, o wehe! da strzte ein jammerndes Mdchen mit
flatternden Haaren entgegen, und schlo weinend den blutenden Vater an
ihren ungestmm schlagenden Busen. Ein Bach heier Thrnen rieselte ber
die schreckensblassen Wangen und sie taumelte neben den blassen Vater ins
Haus. Sebald verga die Jammerszene und verlor sich im Anblick des
huldvollen Geschpfes, das der Jammer noch schner kleidete. Er stand
halbbetubt und steif wie eine Bildsule, und wute nicht ob er gehen oder
bleiben sollte. Das schne Mdchen fate sich endlich in ihrem Schmerz, und
dankte dem Trger ihres Vaters mit einem herzlichem Kusse, der Sebalden
durch Mark und Bein, und Herz und Seele wie ein Feuerstrom glitt.

Ein Wundarzt! -- rief der verwundete Vater, und Sebald sprang fort und kam
mit einem zurck, der den Fu besichtigte und alle mit dem Ausruf trstete:
Ist nicht gefhrlich! In 4 Wochen kannst du wieder grade gehen! Jilla -- so
nannte sie der Vater -- hpfte vor Freude auf, wie ein Tubchen auf dem
Ast, um das Lager des Kranken und Sebalds Augen waren auf Jilla geheftet,
als wren sie angenagelt. Endlich verlie er sie, nachdem er versprochen
hatte, sie bald wieder zu besuchen.

Die unglckliche Pulverfabrike! Nicht genug da sie Menschenkrper durch
ihren Schuttsturm verwundete, da mu sie auch schuld seyn, da sogar unsers
lieben Sebalds Herzchen, der doch so ziemlich weit davon war, verwundet
ward! Jaja! Schau du nur das Haus und die Gasse wohl an, lieber Sebald! Das
jammernde Mdchen hat deinem Herzchen so ziemlich auch eine Portion
berlassen.

Die Freunde trafen spt in Tellmanns Palaste wieder zusammen. Graf Welly
war mit Sebalds Mutter so eben zurckgekommen, als auch Salassin und Sebald
erschienen. Das Menschengewhl war noch immer zu stark. Geschftige
Wundrzte rannten von Haus zu Haus, von Mitleiden getrieben und ohne erst
-- wie die Wundrzte im 18ten Jahrhunderte im Gehen die Summe des
Verdienstes zu berechnen.

Tellmann kam vom Kaiser aus der Burg, und brachte die Nachricht: da des
Kaisers Majestt ber den unglcklichen Vorfall, den man sobald als mglich
untersuchen wrde, bestrzt vorgeschlagen habe, die Trost und
Pflegbedrftigen zu besuchen, und eine betrchtliche Summe unter die Armen
zu vertheilen.

Der gute Kaiser! -- sagte Tellmann ist immer bereit, die Unglcklichen
aufzusuchen.

Sie folgten dem Beispiele des Monarchen, und verbrachten den Rest des Tages
in mancherlei Ergtzungen, von deren Sorten es in dieser ungeheuern Stadt
eben so viele Arten gab, als Blumen im Frhlinge sind.




Fnfzehntes Kapitel.

Trennung.


Graf Welly entschlo sich endlich die Stadt zu verlassen, um bald zu seiner
um ihn bangenden Gattin nach Hause zu kommen.

Mein Sohn! -- sprach er -- Lebe nun wohl! Die Stunde der Trennung schlgt!
Wandle fort den graden Weg zum Ziele, la dich nie auf Schleichwege leiten.
Mein Tellmann bernimmt nun Vaterstelle, und wird vterlich dich lieben. Du
wohnst bei ihm und bleibst mit Sebalden unzertrennlich. Werdet der Liebe
der Edlen werth! Wenn dein Bewustseyn dir sagen wird, du hast deine Pflicht
gethan, dann komm zurck in deines Vaters Arme, an deiner Mutter Herz, die
Freude unsers Alters, unser Trost wirst du seyn. Nun leb wohl!

Er sprachs und umarmte mit vterlicher Innigkeit seinen Sohn, gab ihm den
Abschiedskus, und wand sich an den Freund und Frsten Tellmann.

Freund! Hier geb ich dir meinen Sohn -- ich gebe dir mein Alles. Sey ihm
Vater und Freund, leite ihn -- bleibe mein Tellmann --

Sie umarmten sich gerhrt. Itzo wand sich Sebald zu dem Grafen, und sagte
mit bewegter Stimme: Du hast meine Mutter und mich so menschenfreundlich
gerettet, hast uns entrissen dem Elend und in einen Himmel uns versezt --
erlaube da ich dir noch einmal mit dankdurchdrungenem Herzen danke -- Ich
will dich verehren; Salassin als meinen Bruder lieben, uns trennt in Leiden
und Freuden nur der Augenblick, der die Sterblichen trennt. -- Sie
schlossen sich bewegt in die Arme.

Sebalds Mutter konnte nichts sprechen, aber ihre Miene, die halben Worte,
die sie mhvoll dem hemmenden Gefhle abzwang, die nassen Wangen waren das
unverkennbare Geprge des reinsten Dankes, der in schnen Worten nicht
glnzt.

Sie schieden von tiefer Rhrung durchschauert -- Der Vater vom Sohne, der
Freund vom Freunde -- der Sohn vom Vater, und die Zurckgebliebenen sahen
mit gesenktem Blicke der fortrollenden Kutsche nach, und geleiteten ihn mit
ihren Wnschen. --

Wie in einem Traume stand Salassin, die Seele von einem Empfindungsgemisch
durchwallt. Er dachte -- Mein Vater ist glcklicher als ich! Er wird Lolly
bald wieder sehen! --

Sebald und Salassin ketteten sich immer fester an sich, und machten den
Plan zum neuen Stadtleben.




Zweiter Abschnitt.




Erstes Kapitel.

Frst von Tellmann.


Wir verlassen unsre Helden auf eine kurze Zeit. Sie mgen sich indessen ein
bischen mehr in der Stadt umsehn, und an ihre neue Lebensart gewhnen. Sie
mgen bald die Akademien der Wissenschaften, bald die Musen der Knste,
bald die Geschftssle der Groen, bald Promenaden, Theater, und Kirchen
besuchen, wir schlagen das Buch auf in dem Tellmanns Schicksale beschrieben
sind.

Also ist er ein geborner Englnder? Kennt den Grafen Wallingau? Ist
Minister? Wie erstieg er in einem fremden Lande diese Stuffe.

In diesem 23ten Jahrhundert kann jeglicher Fremdling durch ausgezeichnete
Verdienste ein Glied des Staats werden. Seine Treue, seine Anhnglichkeit
und Liebe fr den Monarchen und das Land, dem er zu dienen sich
entschlossen hat, mssen allgemein erprobt seyn. Und das waren Tellmanns
Verdienste, die ihn auf diesen hohen Gipfel der Ehre und als einen Freund
an des Monarchen Seite gehoben hatten.

Tellmann war der Sohn eines Edlen in dem Knigreiche England. Seine
Schwester Sebalds Mutter und er, die einzigen Kinder wurden von ihren
Eltern ihrem Stande angemessen erzogen. Sohn! -- sprach der Vater -- Ich
bin ein Edler, Verdienste adelten mich. Werde des Vaterlandes und meiner
wrdig!

Tochter! -- sagte die Mutter -- Sey deiner Eltern, und einst der Liebe
eines wackern Mannes werth! und die Kinder wurden es.

Germaniens Monarch gab, eh noch die Kaiserkrone auf seinem Haupte prangte,
einem seiner Freunde in England einen Besuch. Seine blhende Tochter war
mit ihm, und manches Jnglings Blick, der die deutsche Grazie traf, go das
Feuer der schnellauflodernden Liebe in die leichtfangende Brust. Zwei
vorzglich, die Shne der edelsten Staatsdiener, sahen sich plzlich von
der mchtigsten Neigung fr die germanische Frstentochter gefesselt. Ihrer
Vter Rang, ihr eigner schn aufkeimender Ruhm, schien beiden khnere
Wnsche zu erlauben, und beide nhrten die Flamme, beide spornten ihre
Kraft an, die deutsche Blume zu erringen. Selmson wars und Lohnston, unser
jetzige Tellmann, zwei Jugendfreunde, an Alter, Rang und Kraft nicht
ungleich; aber jeder suchte dem Andern sich zu verbergen.

In einem Ring vergngter Menschen, die einen heitern Sommerabend in dem
Park des Kanzlers feierten, wandelte die Gesellschaft durch die Alleen.

Selmson und Lohnston umgaben Rosalien, (so hie die deutsche Prinzessin)
und beide wurden durch diesen Umgang immer mehr noch gefesselt.

Unvermuthet erschien in einer Seitenallee ein krankes, mattes, drftig
gekleidetes Weib mit zwei kleinen Kindern an der Hand, und setzte sich mde
in das Gras. Lohnston gewahrte sie kaum, als er Rosalien sich empfahl, und
das standhaft unterdrckte Gefhl der Liebe dem Mitleid Raum gab. Er gieng
zu dem Weibe, half ihr auf, und fhrte sie mit dem einem Kind in dem Arm
auf dem Park in ein kleines Huschen, wo er sich gutherzig um ihr Befinden
fragte, und sich als er ihrer Noth abgeholfen hatte, wieder unter die
Gesellschaft mischte.

Rosaliens Aug war ihm nachgefolgt, sie leitete ihre Schritte in die Gegend
des Gartens, dahin Lohnston mit der armen Familie gegangen war. Unbemerkt
kam sie von der Gesellschaft, nachdem sie Selmson ersucht hatte, sie auf
einige Augenblicke zu verlassen, hinweg, und trat eben so unbemerkt von
allen in das Huschen, aus welchem Lohnston vor ihr gekommen war, ohne
Rosalien, die sich in den Gestruchen verborgen hatte, gesehen zu haben.

Sie forschte das arme Weib aus, und erfuhr, da Lohnston ihr Wohlthter
sey, der tglich in ihrem Elende sie besuche, und ihre Klagen verstummen
mache.

Meinen Gatten -- sagte das Weib -- erschlug eine alte Mauer, an deren Fue
er gegraben hatte. Ich fiel in das grte Elend. Drftigkeit war stts mein
Loos. Meines seeligen Mannes Flei half uns, wir lebten arm aber froh. Mit
seinem Tode war ich und meine 2 Kinder in Gefahr, den Hungertod zu sterben.
Zu Betteln, ertrug ich nicht. Lohnston sprte meine Noth aus, und hilft mir
gromthig, da ich wieder arbeiten und mich und meine Waisen ernhren
kann.

Rosalie hrte bewegt zu, und gieng zur Gesellschaft. Rhrung und Liebe
regten sich in ihrem Herzen -- Liebe -- schon bei dem ersten Augenblicke,
als Lohnston sie sah, gewann er ihre Liebe, und Selmsons Bemhungen und
Bewerben ward ihr blo dadurch nicht unlstig, weil sie bemerkte, da beide
junge Mnner Freunde wren.

Unter einem Kastanienbaum harrten die Beiden und jubelten als Rosalie
wieder kam. Ihr erster Blick schien Lohnston zu sagen, da sie um seinen
Edelsinn wisse: und die deutsche Tochter zeichnete ihn berall mit einiger
auffallenden Theilnahme aus.

Selmson war bestrzt, als er dies bemerkte. Mit minderer Neigung und
Empfindung fr Freundschaft htte er leicht auf Rnke gedacht er kmpfte
mit sich -- die entstandene Liebe war mchtig -- aber mchtiger die alte
Freundschaft, er mignnte dem Freunde sein Glck nicht, und lebte lange im
Kampf mit seinem Herzen.

Ich will nicht Liebe -- nur Achtung soll sie mir nicht versagen! --
dachte er und suchte sich diese zu erringen. Auf einem Felsenberge standen
eben Rosalie und er (Lohnston war etwas abgewendet) bei einem sehr tiefen
in den Fels gehauenen Brunnen. Rosalien entsank ein goldverbrmtes Tuch; es
fiel in die schauerliche Tiefe. Selmson schwang sich in verliebter
Begeistrung in den Brunnkessel, und lie sich zum Schrecken Rosaliens in
die grause Tiefe hinab, um das Tuch zu erhaschen.

Auf der Prinzessin ngstlich Geschrei, um Hilfe! sprang Lohnston herbei,
und -- Selmson hatte unten in der grausen Kluft bereits glcklich das Tuch
gefat. Man wand den Khnen empor, und er berreichte unbeschdigt und
lchelnd Rosalien das Tuch.

Selmson -- sagte Rosalie -- Ich ehre Entschlossenheit und Muth, aber
Tollkhnheit nicht.

Sie sprachs, reichte Lohnston den Arm, und Selmson stand beschmt wie eine
Marmorsule da. Er war erbittert. Achtung verlangte er, und ihre Miene
schien ihm Verachtung zu sagen. Das ertrug er nicht: der flammende Jngling
ward rasend, und -- strzte sich in den Brunnen.

Dieser unglckliche Vorfall erschtterte Rosalien, die ihn nichts weniger
als verachtet hatte. Sie drang in ihren Vater, England zu verlassen, und
der Vater reiste in seine Heimat, eh Lohnston und Rosalie sich noch ihre
heie Liebe gestanden.

Lohnstons Vater starb in diesem Zeitpunkte, seine Mutter war schon vor
vielen Jahren auch unter den Verklrten. Seine Schwester Marlon liebte
unglcklich. Ihr Erkohrner hatte den Ha seiner Familie. Warum? Er war ein
etwas leichtsinniger Jngling voll Feuer, das ihn zu manchem unedlen
Streich hinri. Er liebte Marlon -- die Liebenden vergaen sich. Marlon
ward Mutter eines Knaben. Den Verlezzer dieses Gesezes strafte die
Verbannung aus dem Vaterlande. Er floh, und Marlon folgte mit ihrem
einjhrigem Kinde dem Vater, ohne zu wissen, wohin? Sie war bisher nicht so
glcklich ihren Geliebten zu finden, und irrte in unsglich jammervoller
Lage in Germanien herum, bis Graf Wallingau sie mit ihrem schon erwachsenen
Sohne auf der Strasse traf.

Lohnston, dem alle Bande, die ihn an sein Vaterland ketteten, theils
zerrissen, theils schwach waren, verlie von seiner unbezwinglichen Liebe
fr Rosalie, sein Vaterland, und bot seine Kraft Germanien an. Gelegenheit
und Thtigleit erhoben ihn auf die hchste Schwelle der Menschen
Glckseeligkeit. Er stieg von Ehrenstuffe zu Stuffe, und erhielt Rosalien
zur Gattin, mit der er sein Vermhlungsfest grade an dem Tage feierte, an
dem Rosaliens Vater mit Germaniens Krone gekrnt wurde.

Aber ach -- sie starb im 8ten Jahr der beneidenswerthesten Ehe, und
Tellmann strzte vom hchsten Gipfel der Menschenseeligkeit in den tiefsten
Abgrund des Jammers. Zeit -- dieser unvergleichliche Seelenarzt und der
Schwall von Geschften, die er dem Staat schuldig zu besorgen war, heilten
ihn, und mit dem Wiedersehn seiner Schwester dmmerte die Sonne der Freude
aus den Nebeln der Leiden hervor, um ihm bis an die Stunde des Scheidens zu
strahlen.




Zweites Kapitel.

Eine Eroberung.


An einem Tage wurden die beiden Freunde zu einem Besuche geladen. Der Kranz
der versammelten Gste war gro, und man unterhielt sich sehr lebhaft.
Salassin gewann vorzglich die Neigung eines der reizendesten Mdchen, das
ihn mit ungemeiner Aufmerksamkeit auszeichnete.

Spter am Tage zerstreute sich die Gesellschaft im Garten. Salassin stahl
sich in eine entlegene Laube. Er ruhte auf einer Rasenbank, eine Kaskade
pltscherte, ihr Murmeln melodirte so lieblich mit dem Gesang einer
Nachtigall -- er horchte sinnig, und das Pltschern der Kaskade machte die
Erinnerung an Lolly rege.

Durch die schmalen sandbestreuten Gnge des Gebsches rauschte es plzlich
-- Er drckte sein Gesicht in die Hand, und trumte. Sie da! -- das
geschftige Mdchen, das sich seiner im Gastsaale so annahm -- stand wie
ein Frhlingsengel am Eingang der Laube, und erblickte den holden Trumer
in seiner tiefsinnigen Lage.

So allein? -- sprach sie lchelnd! und indem sie ihn sanft auf den Arm mit
dem Fcher schlug -- du fliehst die Gesellschaft, und sinnest allein in
einer dunkeln Laube?

Salassin fuhr aus seinem Sinnen, und wand sich an das reizende Mdchen.
Ich bin nicht so allein schnes Mdchen! wie du glaubst -- mich umgaben --

Trume allenfalls -- diese sind fr die Nacht gut; aber bei Tage soll man
--

Vergieb, ich kenne die Lebensart der Stadt noch nicht so genau. Ich bin
ein Fremdling den Sitten der Stdte -- ich bin auch blde und fhle mich zu
unfhig -- mit lieblichen Mdchen --

Sage lieber -- mir gefllt es nicht, mit Mdchen zu schckern --

Dann sagt ich eine Lge -- mir gefllst du recht sehr! --

So? Du berraschest mich mit diesen Gestndnisse und zeigst eine groe
Anlage unsern Modisten an Schmeichelein bald gleichzukommen.

Nicht doch! Ich denke wie ich spreche --

Und schmeichelst wie du sprichst.

Der Bescheidne nimmt Lob fr Schmeichelei.

Das thust du!

Ich? Du scherzest mit meiner Unerfahrenheit, und machtest mich schon bei
der Gesellschaft verlegen.

Das ist mir recht leid -- ich sah aber nichts weniger als Verlegenheit in
deinen Antworten. --

Ich bin vom Lande --

So? hat das Land nichts Liebenswrdiges?

O ja! -- mich entzckt eine blhende Rosenflur -- ein Schattenwldchen --
ein murmelnder Kieselbach --

   O wer spricht von dem?
   So verstehe ich dich nicht!
   Weil du nicht willst --

Salassin blickt sie forschend an -- sie lchelt und wirft ihm einen
schmachtenden Blick zu --

Vergieb -- ich bin nicht fein --

Das find ich eben nicht. --

Und ungalant --

Das gefllt mir.

Und schchtern gegen ssse Mdchen --

Das lst sehr hbsch.

Vergieb -- wenn dich meine Gesellschaft nicht wohl ergtzen kann, wie --

Soll ich mich entfernen?

O das meint ich nicht!

Du bist vielleicht lieber einsam?

So wollen wir zur Gesellschaft --

O warum willst du das?

Du versumst

(sie kickert und schielt zrtlich durch den Fcher nach ihn)

Salassin verstummt -- sie rkt nher an ihn -- er wird verwirrt -- sie
schmiegt sich liebvoll an ihn -- er zittert und rie sich gern los --

Salassin! ruft eine Stimme: beide fahren erschrocken auseinander -- Sebald
tritt in die Laube.

Ach! ich wollte nicht sthren -- die Gesellschaft wartet im Tanzsaale --
man fragte --

So mssen wir dahin! -- sprach Salassin, und schpfte freier Athem.
Wellmine gieng verstrt an seinem Arme -- Sie kamen in den Saal. Die Musik
hallte entgegen, und die Tnzerreihen waren schon geordnet.

Sie doch -- Wellmine kirrt den rstigen Landjngling schon wieder! -- rief
eine Dame ihrem Tnzer zu.

Warum er nur mit Wellminen so vertraulich ist -- dachte eine Andere.

Ich glaube, er fnde wrdigere Gesellschafterinnen! -- sagte eine Dritte.

Er mag eben nicht besondern Geschmak haben -- eine Vierte.

Wenn er doch mit mir auch tanzte! meinte ein gengsameres Mdchen --

Wellmine ist verblft in den Fremdling! Eine sechste.

Mir gefllt sein Freund besser -- flsterte die Eine -- er ist nicht so
kalt --

Der mht sich mehr um mich! -- Die 2te.

Wie herrlich er durch den Saal schwebt! -- Eine 3te.

Wellmine hngt sich doch an jeden an -- sagte wieder Eine.

Er ist so stolz -- und lchelt uns hchstens ein bischen freundlich an! --
Die 2te.

So flsterten und wischperten die Mdchen unter einander, und hefteten die
Blicke unwillkhrlich auf Salassin. Er wechselte mit Tnzerinnen -- Ach!
nun nimmt er doch einmal eine Andere! -- fieng Eine wieder an --

Nun wird mich die Reihe vielleicht doch auch treffen -- Eine 2te.

Wie gttlich es sich mit ihm tanzt! -- Eine 3te.

Sebald walzte mit Wellminen.

Hm! rmpfte die Eine ihr Nschen -- um die zerrt sich doch Jeder!

Die nimmt uns die schnsten Tnzer! --

Mu denn die grade mit den Beiden zuerst walzen? --

Die Beiden sind vernarrt in Wellminen! --

Sie wei sich zu drehn und zu wenden!

Sie mu sich doch auch einmal entschdigen, die Hungrige!

Und so gab jede ihr Schrflein von Migunst. Der Ball war aus, und die
Mdchen klagten nun nimmer ber die neuen Tnzer, die so galant waren und
mit allen wechselten.

Salassin und Sebald empfahlen sich ihren Tnzerinnen -- Wellmine drckte
Salassin feurig die Hand, und geleitete ihn an die Thre.

Hm! seht sie -- wie sie um ihn sich dreht!

Die hat sich vergaft!

Sie ist eine Klette, die berall hngen bleibt!

Hm! er soll das Wetterhnchen nur erst kennen! --

So wetteiferten die Zngelchen der andern Mdchen -- die sich allmhlig zur
Ruhe schliechen -- ein Traum umschwebte Alle -- die neuen Tnzer. --

Salassin und Sebald schliefen ruhig.




Drittes Kapitel.

Das Bildni.


So verflogen Tage, Wochen, Monden und die beiden Helden lebten im schnsten
Genue der Wonne. Eines Tags kam Salassin zurck in sein Zimmer von einer
Promenade.

Sebald war nicht da. Salassin gieng in des Freundes Zimmertheil, denn das
Zimmer trennte nur eine goldgewirkte Tapete in Zweie. Auf einem Tische
lagen Zeichnungen und Kupferstiche. Sieh da! Ein Bildni lag bald
ausgemahlen auf dem Tische.

Salassin erschrack wie vom Blitze getroffen! Es war Lollys Bild. Das blaue
schmachtende Auge, die hohe glatte Stirne, der lchelnde Zug voll Milde um
den Mund -- die Wange so blhend, so frisch gemahlen das blonde Lockenhaar,
das sich in sanften Wallungen auf den Lilienbusen go -- Lolly mit Leib und
Seele! rief Salassin, und sah das Mdchen wie sie vor ihm stand, als sie
Euphon schlug.

Hat er meiner Beschreibung nach, sie so richtig zeichnen knnen? Wie ist
das mglich? Er sah sie nie --

Trunken von Begeisterung drckte er das Bild an seine Lippen, und --
verwischte das Gemlde, das noch nicht getrocknet war. Verdammt! rief er,
und fuhr aus dem Traume, ich habe da einen dummen Streich gemacht! Was wird
Sebald sagen?

Eben kam jener -- sah den Freund vor seinem Tische, warf den Blick auf das
verwischte Gemlde, und indem er etwas unwillig auf Salassin sah -- kam ihm
dieser mit einer Abbitte zuvor.

Ich gab nicht acht -- da die Farben noch na seyn -- sagt er -- und da hab
ichs verwischt.

Das seh ich an der Farbe, die an deine Lippen gedrckt ist -- antwortete
Sebald, und sein Unwille ergo sich in ein Lachen.

Es war mir so ziemlich gelungen -- und Beyfall htte es gewi gefunden;
denn es reizte dich halbfertig schon zu -- einem Kusse.

Du thust mir Unrecht -- Sebald! ich verwischtes mit dem Tuche, und damit
mahlt ich mir gewi die Lippe an, indem ich das Tuch an den Mund brachte --

Kennst du das Mdchen?

Ob ich sie kenne? Sagt ich dir nicht tausendmal schon -- da ich -- da sie
so herrlich Euphon schlage?

Ey wohin denkst du? -- -- Dies sah ich ja nicht -- wie konnt ich sie
kennen?

(bestrzt) Nicht? -- Ich meinte, du trafst sie meiner Beschreibung gem --
Das Mdchen, die kennst du also? Wo ist sie? ich will sie sehen?

Das kann geschehen! Komm einmal mit mir durch die Morgengasse: da wohnt
sie bei ihrem Vater, den ich damals bei dem Vorfall mit dem Pulvergebude
heim trug, er hatte seine Fsse zerschmettert -- ist nun aber ganz
hergestellt -- und ich -- -- sah sie damals. Ich habe dir ja zuweilen von
ihr erzhlt.

Unmglich! Das ist Lolly, wie sie leibt und lebt! (Stuzt) Ha das wre
sonderbar!

Sebald! O komm, zeige mir sie -- ich will -- ich mu sie sehen -- --

Gedulde -- das geht sogleich nicht an! -- Warte bis an Ruhtag: da wandelt
sie in der Promenade auf dem Ruinplatze.

O mein Gott! -- bis dahin sterbe ich vor Ungeduld -- Wir knnen unter einem
schicklichen Vorwande sie besuchen --

Das geht nicht!

Warum?

Weil -- ach so warte nur -- heut Abends im Schauspielhause will ich dir
sie zeigen?

Sebald?

Nun?

Du warst verlegen, als du mir sagen solltest, warum wir sie nicht unter
einem schicklichen Vorwande besuchen drfen?

Weil -- ich -- es -- nicht -- grade nicht -- recht finde!

Dir gefllt das Mdchen.

Und? --

Dir gefllt das Mdchen?

Nun ja -- hab ich keinen Sinn das Schne zu sehen, zu empfinden? Darum
zeichnete ich sie auch ab, weil ich mich nicht erinnere -- irgendwo ein
schneres Gesichtchen erblickt zu haben. --

Dir gefllt sie?

Was willst du damit sagen? Du siehst mich so sonderbar an?

Es ist Lollys Bild!!

Was kann ich dafr -- das wut ich ja nicht, und ist das ein Vergehen, da
ich sie zeichne? Wenn es Lolly ist -- so solltest du mir noch Dank wissen
--

Warum willst du mich nicht dahin fhren?

O so geh doch -- weil es sich nicht schickt --

Sebald -- gehst du redlich mit mir um?

Welch ein Mitraun! Was muthest du mir zu?

Du liebst sie!

Ey, wenn hab ich das gesagt?

Ich merke es -- du warst immer so verstimmt, wenn ich dich auf jenes schne
Mdchen brachte, von dem du mir zuweilen wie ich mich entsinne, begeistert
erzhltest -- wie sie gejammert habe, wie ihre Thrnen so hufig ber die
Wangen rieselten -- Du bist in mancher Stunde nicht ganz mit deiner Seele
da wo du sprichst --

So gliech ich wohl gar dir am Ende!

Spotte nicht, ich verbarg meine Empfindung fr Lollyn nicht. Sebald!
Freund! Ich bitte dich -- zeige mir das Mdchen.

Von Herzen gerne! Aber --

Wieder?

Aber gleich, -- meint ich -- geht es nicht an. Heut Abends --

Heut Abends?

Ja!

Im Schauspielhause?

Wenn sie dahingeht!

Und wenn sie nicht --

Dann heute nicht --

(Rasch) Zeige mir das Haus!

Mein Gott, du bist toll!

Ich kann nicht ruhen -- mir brennt es im Innern -- mir strmts und tobts --
ich habe nicht Ruhe bis ich sie gesehen. --

So komm!

Sie giengen. Salassin in unbeschreiblicher Angst, mit dem bangen Wunsche:
Wenn es Lolly wre! Wenn sie es doch nicht wre! Ist sie es -- ach so bin
ich oder mein Sebald unglcklich. Ist sie es nicht -- wie bitter ist dann
meine Hoffnung, sie wieder einmal zu sehn getuscht!

Sebald selbst war in der qulendesten Lage. Seine Seele hieng an der
Grazie, die das Bildni trug. Immer stand das schne jammernde Mdchen mit
dem thrnenden Auge vor ihm -- er liebte sie -- und hatte es sich selbst
nicht gestanden. Er zeichnete sie -- und wute nicht warum sie so richtig
getroffen sey? Und nun? welch ein verwnschter Zufall, da Salassin gerade
Lollyn in ihr erkennen mute?

Je nher sie der Gasse kamen, desto banger war ihm ums Herz! Je nher das
Haus rckte, desto schneller klopfte es im Busen. Salassin flog, und Sebald
wre gern zurckgekehrt. Endlich standen sie vor dem Hause. Sie traten
hinein -- der Besitzer bewillkommte sie freundlich -- und umarmte voll
Liebe Sebalden, den er als seinen wackern Trger kannte.

Man sprach so von dem und jenem -- der Herr fhrte sie in seine Zimmer kein
Mdchen war zu sehen. -- Sie wandelten im Garten, keine Seele da.

Ach! gb es nur schon lieber keines in der Welt! dachte jeder der Beiden,
und ich stimme von Herzen in ihren Wunsch. -- Sie blieben eben vor einigen
marmornen Wasen stehen, die sehr schn gearbeitet in einer Laube lagen.

Ich werde morgen -- begann der Greis -- meinen Bruder besuchen auf dem
Lande: die Vasen sind ihm bestimmt: er wird eine Freude haben, -- meine
Tochter ist bereits da.

Versteinert standen die beiden Freunde ber das: Meine Tochter ist bereits
da.

Gern htte Salassin mit tausend Fragen, wo? wohin? warum? wie so? u. s. w.
den guten Mann bestrmt, wenn ihm nicht jedes Wort im Munde gestorben wre.
Doch war er getrsteter. Lolly meinte er, ist ja Benglers Tochter. Wie kme
sie daher. Gefat fragte er:

Und wirst du, Herr, lange dich da aufhalten? Nachdem es mir gefallen wird.
Ohngefhr 3 Wochen, hoffe ich, bin ich wieder da. --

Drei Wochen soll ich in einer solchen Ungewiheit leben? dachte Salassin
und Sebald:

Drei Wochen lang soll ich sie nicht sehen?

Nun war freilich nichts anders zu thun, als den verwirrten Zwirn geduldig
auseinander zu wickeln, wenn man durch Ungeduld ihn nicht noch mehr
verwickeln oder gar zerreien sollte.

Sie empfahlen sich bald dem freundlichen Greise, und begaben sich
schweigend nach Hause.

Wie blht manchmal ein Rosenpaar so hnlich einander, und gleich an Duft
Farbe und Form, da man sie von einander nicht unterscheiden kann. Aber
sind sie darum Eine und Dieselbe? Schau doch nur auch auf den Strauch und
den Garten, wo sie blhen! -- sagte Sebald, und begann sein verwischtes
Gemlde frisch zu mahlen.

Salassin sezte sich an das Euphon -- dichtete ein Liedchen an -- Lolly, und
sang es zu dem Harmonikamoll des schmelzenden Euphons.




Viertes Kapitel.

Das Gesellschaftshaus.


Sich von seinen Grillen zu befreien suchte einmal Salassin Zerstreuung, und
gerith in ein Gesellschaftshaus.

Zu unsrer Zeit nennt man sie Koffeehuser: weil aber diese Aufgeklrten
dies Gesufe kaum dem Namen nach kennen, und in dergleichen Gebuden nicht
Koffee wohl aber chter Wein aller Sorten geschenkt, und der Gast mit allen
mglichen Speisen bedient wird, findet er immer eine sehr groe
Gesellschaft aller Art Menschen und tausend Ergtzungen in so einem
Gesellschaftshause.

Er trat in eines der nchsten Zimmer, da sa eine Menge Mnner, die theils
tief die Augen in die Zeitungen steckten, theils untereinander sprachen,
theils stumm saen.

Salassin ergriff ein Blatt, und las eine Anzeige der Vorsteher des Musums
der bildenden Knste.

Wir sind entschlossen unsern verdienten allgeliebten Vater des Landes --
hie es darinn -- einen kleinen Beweis unsrer Liebe zu geben; und setzen
auf das vollkommste Portrait des verehrten Kaisers eine Prmie von einer
goldnen Ehrenmedaille, die auf einer Seite das Wappen des Musums, auf der
andern das Brustbild des Kaisers tragen wird. Wir machen den Mahlern des
Landes unsre schuldige Anzeige.

   Die Vorsteher des Musums.

Mit dem Blatt in der Hand rannte Salassin fort, er reichte es seinem
Freunde, der entzckt ber die Gelegenheit sich auszeichnen zu knnen, dem
Freunde um den Hals fiel.

Schnell wurden Farben und Pinseln, Stafeleyen und die nthigen Materialien
herbeigeschaft, und im Nu sa Sebald an der Arbeit.

Bist du toll? -- rief Salassin -- du sahst den Kaiser ein einzigesmal, und
da mit schchternen Augen die ohnmglich jede Miene, jeden Zug, jede Linie
der Stirne so genau bemerkt haben knnen, als zur Vollkommenheit des
Bildnisses nthig ist, und du willst um den Preis ringen.

Da la du mich sorgen! Mahleraugen sehen, wo du eine Warze bemerkst, die
Wurzeln und Fasern derselben.

Nun -- so wnsch ich dir Glck!

Danke!




Fnftes Kapitel.

Die Bestellung.


An der Hand des Frsten von Tellmann wanderte jeden Tag Salassin in
Geschftssale der Regierung, und lag hier seinem Studium mit ungemeiner
Thtigkeit ob. Er erwarb sich den Beifall der Frsten und Edlen durch
seinen Eifer, und sie freuten sich ber den treflichen Staatsmann, den er
versprach.

An einem Tage wandelte er eben von seinem Geschfte durch die groe
Residenzallee, und starrte einige neuangekommenen Luftgondeln an.

Leise trat ein Diener herbei, drckt ihm unversehens ein Briefchen in die
Hand, und verschwand wie ein Gedanke.

Er ffnete rasch das Blatt und las:

Wie lange schmacht ich in meiner qulenden Einsamkeit, seit ich dich,
liebenswrdiger Fremdling gesehen habe. Meine ganze Seele lebt in dir: s
ist mir die Stunde, in der ich dich bei meinem Fenster vorber wandeln
sehe, da klopft mein Herz im schnellem Pulse, mir glht es im Innern und
brennts vor wehen und wohlen Drang. Jngling, ich liebe dich -- mein
Gestndni kostete mir eine groe Ueberwindung, lange Tage, lange Wochen
hat die unbezhmbare Liebe mit dem weiblichen Gefhle gerungen; aber
vergieb, wenn die erstere mit weit mchtigern Waffen siegte, und mich zu
einem Schritt trieb, den nur ein grnzenloser Harm entschuldigen kann. Ich
lechze vor Sehnsucht dich einmal wieder zu umarmen. Jngling la dich
rhren von meinem Schmerze. Heute Abends, wenn des Mondes Goldlampe mit
freundlichem Blicke auf die Liebenden blickt, irr ich einsam am Ufer des
Stroms -- bei dem 8ten Stadtthore. Willst du mich sehen, so wandle durch
die Erlenallee am Strome, dort harrt deiner mit unbeschreiblicher Sehnsucht

   _Eine_
   dich grnzenlos liebende
   _Freundin_.

Salassin staunte, seine Augen verschlangen die Schrift, er las 2 -- 3mal
und sein Erstaunen stieg immer hher.

Wer mag das khne Mdchen seyn? Wenn es -- doch nein! die kann es nicht
seyn! Soll ich dahin? -- Handle ich recht? Wenn es ein lockendes
Irrlichtchen wre? Aber -- doch, ich will meine Neugierde sttigen -- Ich
sehe ja keine Gefahr -- Lollys Bild lebt in meiner Seele -- und die Reize
eines andern Mdchens -- sind Tulpen gegen Rosen. Das Abentheuer mu ich
doch der Sonderbarkeit wegen bestehn.

Er dachts und gieng als der Mond durch die Kastanienwipfeln seinen
lchelnden Strahl senkte, durch Gassen und Strassen an das achte Thor, und
wallte begierig die Erlenallee am Ufer des Stromes entlang.

Die liebliche Abendfrische, die aus den Weiden und Fliederhecken und den
schlanken Erlen rauschte, des Stromes schner Anblick, der majesttisch mit
sanften Wellen durch thauige Wiesen sich wlzte -- sein liebliches Murmeln,
das sich mit den Mollackorden der liebesingenden Nachtigall und dem
Instrumentalklang ferner Musikanten vermengte, das Echo, das diese
schmelzende Harmonie wiederklang, das Blinken der flimmernden Sternensaat
am bluchlichten Himmel -- ein Herz voll sehnender Liebe -- alles das
wirkte auf Salassin bezaubernd, und fhrte ihn zu sssen Abendschwrmerein.

Allen Rasensitzen vorber, durch alle Gnge der Allee, durch alle Hecken
und Bsche war er gewandelt, aber nirgends hatte sich ein Mdchen gezeigt,
das sich als die Senderinn des Briefchens an seinen Arm geschlossen htte.

Vermuthlich hat sich jemand den Scherz gemacht, mich ein bischen bei der
Nase zu fhren. Doch das Vergngen, das mir der schne Abend im Freien
gewhrt, entschdigt mich s genug -- und ich will noch da bleiben.

Er lagerte sich an den Bach unter dichtlaubigen Hollunder ins weiche hohe
Gras, zu seinen Fssen pltscherten die Wellen, am wurzelvollen Ufer, und
spielten mit Wasserrschen und Vergimeinnichtblmchen. Eine Laute, die er
bei sich trug -- wie es damals Sitte ist -- wurde zum sanfttnenden Echo
seiner Gefhle ergriffen, er whlte in den silbernen Seiten, und sang:

   Im Abendthau
   Nt Flur und Au,
   Der Dmmrung Grau
   Beflort das Thalgemlde.
   Mit Zweigen spielt
   Der Wind und khlt
   Die Trift, und whlt
   Im wallenden Roggenfelde.

   Der Frsche Chor
   Hallt dumpf empor
   Aus Wiesenmoor
   Im Abendglocken Klange.
   Sanft rauschen nach
   Der Quell und Bach,
   Sie singen nach
   Das Echo vom Felsenhange.

   Durch Astgeflicht
   Und Bltter bricht
   Des Vollmonds Licht
   Und zittert sanft auf Moosen.
   Die Sternchen streun
   Blashellen Schein
   Durch Dorngezun
   Auf junge verschlone Rosen.

   Ich irre lang
   Mit regem Drang
   Im Erlengang
   Mit stillen Seelentrauern.
   Ach liebend streicht
   Die Wangen feucht
   Auch sie vielleicht
   Durch Wiesen in Ahnungschauern.

   Und suchet mild
   Im Mond das Bild
   Das sie erfllt
   Und weint dem Wahn die Thrne,
   Und sehnet sich
   Nach mir, wie ich
   Beklommen mich
   Ans liebende Herzchen sehne.

   Dann fchle du
   O Lftchen, Ruh
   Der Bangen zu,
   Da frey ihr Herzchen schlage.
   Und flstre traut
   Wie Fltenlaut,
   Wo Khlung thaut
   Da einsam, ich um sie klage.

   Da auf der Trift
   Im Felsenklft
   Im Thalgedft
   Die Ruhe suselnd walle,
   Nur Qullenklang
   Und Bachgesang
   Zu meinem Drang
   Mir strmend im Innern halle.

   Im Wiesenborn
   Tnt Dumpf verworrn
   Das Stundenhorn
   Des jungen Tages Keime:
   Vom Sternenfeld
   Sank Ruh, sie hlt
   Des Drfchens Welt
   In Armen und bildet Trume.

   Zur Ruhe schleicht
   Die Wangen feucht
   Auch sie vielleicht
   Mit bangen Herzens Spannen.
   Und kann allein
   Im Mondenschein
   Der Trumerein
   Erregendes Bild nicht bannen.

   Und sinnt und denkt
   Den Blick gesenkt
   Und scheucht gekrnkt
   Den Schlaf vom Augenliede
   Dann glnze licht
   Als Traumgesicht
   Wie Rosenlicht
   Der Sinnerinn, Seelenfriede.

   Und Vollmond, du
   Blick Trost und Ruh
   Der Bangen zu,
   Und lchl ihr sanft im Harme.
   Und Lftchen dich
   Umschlinge ich,
   Du flgelst mich
   In ihre mir offnen Arme.

Eben klang die letzte Strophe, das geschftige Echo nach -- Salassin
verstummte in stiller Wehmuth, und Schwrmerei, und blickte starr auf den
Spiegel des vorber gleitenden Stroms, sieh da! Eine weiche Schwannenhand
schlang sich zrtlich um den berraschten Schwrmer -- und ein glhender
Ku ward auf seine Lippe gedrckt. Er sah auf und -- Wellmine lag in seinen
Armen an seinem Herzen.

Der Jngling entwand sich mit Klte -- Wellmine -- bist du es? -- war sein
erstes, als er sich vom Ueberraschen erholt hatte.

Ja, Jngling -- den ich unendlich liebe -- ich bins! Ach vergieb meiner
Zudringlichleit. Wenn in deinem Herzen auch nur ein Funke von dem Feuer
meiner Liebe brennt -- dann vergiebst du meiner Khnheit, dich hieher zu
bestellen, dich berall aufzusuchen.

Wellmine -- du schwrmst --

O la mir diese Schwrmerei, sie ist Thau der schmachtenden Blume, sie ist
Trost meiner Seele. Noch einmal gesteh ichs dir -- Jngling mein Herz liebt
dich unsglich. Wo ich gehe, geht dein Bildni vor mir. Ich wache und
trume von dir, berall und immer -- Seit wir in jener stillen Laube mit
einander saen -- fhl ich mich umschlungen von deinem Arm, wie du mich
umschlangst als ich damals im Tanze mit dir in Elisien zu schweben schien.

Dein Gestndni -- ungestmmes Mdchen schmeichelt mir zu sehr -- ich --
wei nicht -- wie --

O sprich nicht aus, Lieber! Ach, ich habe so lange mich gesehnt an deiner
Seite wieder einmal zu fhlen, des Himmels Entzcken.

Mdchen, -- ich habe Geschfte. --

O kalter Jngling, mit den Geschften der Mnner! Wenn vom Tage dir die
Hlfte frei bleibt -- eine Minute nur -- eine Minute knntest du ja doch
der heissen Liebenden schenken. Aber ach -- dein Herz ist kalt.

Wellmine -- ich nehme Theil an deiner Unruh, und -- (etwas lasser) Theil
nimmst du blos -- und an meiner Unruh? und -- bemitleidest mich vielleicht
auch? -- (Sie schweigt, und einige Thrnen fallen auf Salassins Hand, der
gerhrt das reizende Mdchen anblickt --)

Wellmine! Deine Thrnen glhen an meiner Hand -- Wellmine -- Wellmine -- du
qulst mich --

(Mit verstellter Klte und einiger Ironie) Es sind Thrnen eines Mdchens
-- Jngling! Ich heuchle, wie alle Mdchen -- vergieb -- ich habe dich
getuscht -- mein Gestndni war Lge -- ich bin ja ruhig -- mein Herz ist
klter als das Deine --

O bei Gott nicht -- Wellmine -- mir bangts im Innern -- du hast die Nattern
der Unruh in mir aufgeregt -- Wellmine-- -- verschone --

(im vorigen Tone) O das sind Schckereien -- ich scherzte nur -- glaube
keinem Worte -- was ich sprach -- du trumest selbst nur --

Foltre mich nicht -- Mdchen! Dein Ton ist bitter, und geielt mein Herz --
ich liebe --

(voll Entzcken an seine Brust sinkend) O so bin ich grnzenlos glcklich
-- vergieb meines verstellten bittern Tons -- ach auch er war der Sporn,
den Liebe mir gab -- Jngling -- ich bin dein --

(Salassin gewahrt den Miverstand, und wendet sich gleichgltig ab.)

(Wellmine erblast und verstummt in sprachloser Verwirrung.)

Ein Diener kmmt eilig, und sagte: Die Schlafstunde schlug. Die Thore
werden gesperrt. Wir kommen sonst nicht in die Stadt mehr!

So mssen wir nimmer sumen -- sprach Salassin und fhrte Wellminen
verstimmt in die Stadt. Ohne viel Worte zu wechseln kamen sie nach Hause.

Sssen Schlummer! Wellmine sagte Salassin etwas wrmer.

Ssse Ruhe! wiederholte das Mdchen, und schlpfte ber die Stiege in ihr
Gemach, warf sich auf eine Ottomane, und sa die ganze Nacht in Sinnen und
Hrmen.

Seine Brust ist kalt -- sagte sie weinend -- sein Herz ein Eisklumpen --
und ich Tollkhne -- Gott, ich habe mich blos gegeben -- Er verachtet mich
nun -- ha verachten? Ha! vergebens soll ich um den Gefhllosen mich hrmen?
-- Doch -- er ist ja doch Mensch -- sein Blut rollt hei in den Adern,
sollen ihn Reize nicht rhren? -- Ha er mu fallen -- der Stolze -- durch
meine Kunst soll er fallen -- aber welch verzweiflendes Mittel whl ich?
Und kann ich dies brennende Verlangen, dies marternde Hrmen, kann ich
meines Herzens Toben anders stillen? -- Ha so sthle mich denn, Liebe! die
du mich an den Kalten so unbezwinglich zaubertest! --

So dachte sie, so sann sie auf Schlingen fr das Vgelchen, das sie mit
aller Gewalt fangen wollte.




Sechstes Kapitel.

Die Portraitsvorzeigung.


Doch nun lassen wir sie an ihrem Plnchen schmieden, wir werden am Ausgang
genug sehen. Genug wenn der fertig gestrickte Strumpf uns zu Gesichte
kmmt; warum sollen wir zusehen, wie er gestrickt wird.

Die Zeit, wo die von den Vorstehern ausgeschriebenen Bildnisse gezeigt
werden sollten, war erschienen. Hundert der geschicktesten Mahler bemthen
sich ein Meisterstck ihrer Kunst zu liefern, und arbeiteten rastlos mit
Ehre ihr Werk vorzulegen, voll dem Wunsche nach der schnen Belohnung.

Am Tage des Vorzeigens versammelten sich die Vorsteher in einem Saal des
Musums, saen in einem Kreise, und die Mahler wurden mit ihren Produkten
unter dem Donnern der Trompeten und Pauken in einen Vorsaal des Musums
gelassen.

Wer wird den Preis erhalten? -- sprach Einer -- Ich bin begierig den
Glcklichen zu sehen! Ein Anderer. Welcher wird den Kaiser am besten gefat
haben! Der Dritte. Ich wette der berhmte Haning, der den Kaiser alle Tag
belauschte, um ihn recht zu fassen, liefert das vollkommenste Bild! Der
Vierte.

O wer wird die Prmie erhalten, als der gttliche Fillner -- der mahlt alle
weg --! Der Fnfte.

So lispelten die Vorsitzer untereinander voll Neugier den zu wissen, der
die Braut nach Hause fhrt.

Den Mahlern, die mit ihren verhllten Produkten im Vorsaal standen,
zitterte das Herz im Leibe vor Sehnsucht, Hoffnung und Zweifeln. Einer sah
den andern mit scheelen Augen an, jedes Miene schien zu sagen: Ich bin der
Glckliche! mir fllt der Kranz zu! Endlich erscholl das Zeichen zum
Anfang, als die Mahler versammelt waren. Sebald war der lezte in den
Vorsaal gekommen, und erschrak ber den Anblick so vieler Meister, worunter
er den Unbedeutendsten geschickter als sich selbst hielt. Er wollte zurck
mit seinem lieben Werkchen den Weg nach Hause treten, aber nun ward keiner
herausgelassen, und die Schande hren zu mssen: Seht der hat ein armselig
Vorgefhl, er geht lieber bei Zeiten fort: -- Diese Schande wre Sebalden
zu unertrglich gefallen. Lieber will ich der Lezte eintreten, als unter
dem Gespotte dieser da aus dem Saale weichen! dachte er, und stellte sich
in einen Winkel, wo ihn niemand mehr fixirte: allenfalls da der oder jener
von den berhmtesten Knstlern mit einem schiefen Blick auf Sebalden
vorber gieng, die Nase rmpfte, den Mund in ein hnisches Lcheln zog, und
die Lippen aufwarf als wollt er sagen: der junge Laffe da will auch mit uns
Meistern sich messen?

Das Zeichen ward mit Trompeten und Pauken gegeben, die Saalthre wurde
geffnet, und einer der berhmtesten Knstler trat mit seinem nun
enthlltem Bildnisse in den Saal.

Schn! trefflich! riefen diese -- andre Herrlich! man hieng es auf und der
Nahme des Mahlers ward einprotokollirt.

Die Trompeten und Pauken schmetterten, und es trat ein 2ter ein -- so ein 3
--4 -- 5 -- so traten 50 nach und nach herein, und alle so trefflich, so
vollkommen gezeichnet, da man nicht wute, wem der Preis entschieden
werden sollte.

Endlich stand Sebald ganz allein im Vorsaale da, mit klopfendem Herzen,
zitternden Schritten, und wankenden Knien, unentschlossen ob er itzt doch
herein oder fortgehen solle.

Jeder Mahler, der sein Portrait abgegeben, und einprotokollirt war, reihte
sich unter die Zuseher und Beurtheiler. So waren denn alle da und jubelten
denn jeder, mich hat keiner bertroffen.

Sind der Herrn Knstler noch viele im Vorsaale, sprach der Prsident des
Musums. --

Ein einziger -- antwortete der Vorletzthereingekommene.

Der wird mir auch nicht den Dukaten aus der Hand reien! -- dachte einer.

Der konnt sich wohl lieber nach Hause zeigen lassen! -- Ein Anderer.

Der mu ein sauberer Gesell seyn, da er zuletzt bleibt -- Ein Dritter.

Du wirst mich auch nicht in den Graben stossen -- Ein Vierter.

So dachte jeder durch die Reihe, und starrte begierig bis die Thre sich
ffnen wrde.

Das gewhnliche Zeichen erscholl, und alle Blicke hiengen starr auf die
Thre, voll Erwartung des Endes.

Sebald fate das Bild bei dem Rande, und hielt es vor sich her, so da das
Bildni auf die Zuseher, auf ihn aber der unbemahlte Theil der Leinwand zu
stehen kam; er war so zu sagen ganz bedeckt.

Die Thre wurde geffnet, und Sebald schritt herein.

Der Monarch selbst! -- riefen alle -- standen von ihren Sitzen auf, und
verbeugen sich erfurchtsvoll vor dem Gemlde.

Aber wie erstaunten alle -- als sie ihren Irrthum bemerkten.

O vortrefflich! vortrefflich: Gttlich! Das vollkommenste ohne Gleichen!
Unbertrefflich! Der hat den Preis! -- schrien alle, und whnten troz dem
erkannten Irrthum den Kaiser in persona leibend und lebend vor sich.

Jeder Pinselzug war Leben! Jedes Fserchen so natrlich ausgedrckt! Die
hohe Stirne mit dem lebendigen Ernst und der Majestt, wie sie in des
Kaisers Gesicht selbst schwebt. Die Milde und Freundlichkeit in dem Zug um
den Mund, das Feuer der Augen -- alles -- alles so lebhaft da die
Vorsteher des Musums und die Kenner und Mahler getuscht werden muten.

Der Beifall war unendlich, und der Preis ward Sebalden einstimmig
zuerkannt; wiewohl Gall und Neid in unzhligen Gesichtern so richtig sich
mahlten, als Sebalds Preisbildni gemahlt war.

Einige schumten vor Groll und Gift, andere rgrte es, sich von dem Jungen
da bertroffen zu sehn. Besonders haderten diejenigen mit sich, die vorhin
so wenig in ihm suchten, ihn mit spottischen Nschen, oder scheelen Blick
anguckten.

Der Prsident gebot Stille, und sogleich schwieg der Strom der Migunst zu
brausen.

Empfange junger Mann! dem einstimmig die ausgeschriebne Prmie fr das
unbertreffliche Bildni unsers Monarchen zuerkannt wird, empfange aus
meinen Hnden im Namen der Vorsteher den Preis! diese Ehrenmedaille auf die
der Name noch geprgt wird! durch deine Geschicklichkeit -- durch dein
Verdienst! bist du werth des Vaterlandes! Fahre fort ihm Ehre zu machen,
und bleib ihm ein treues wrdiges Glied.

Der Prsident umarmte ihn, die andern folgten ihm, wnschten ihm Glck. Die
Trompeten und Pauken schmetterten strker. Die Versammlung trennte sich;
Sebald ward im Kranze der Vornehmsten unter dem Getne einer lieblichen
Musik, und von dem in Schwrmen herbeigeeiltem Volk in seine Wohnung
begleitet.

Frst Tellmann und Salassin waren gerade aus der Residenz zurckgekommen,
erstaunten und taumelten im hchsten Entzcken auf den beneidenswerthen
Sebald zu, der bescheiden da stand, die Huldigungen der Menge tiefgerhrt
annahm, und unaussprechlich seelig durch Tellmanns und Salassins Jubel eine
dankbare Thrne vergo.

Der Tag war ein Fest der allgemeinen Freude, Jnglinge und Mdchen
beschftigten sich um ihn, und fhrten ihn im Triumph -- er mogte sich
struben wie er wollte -- zur Aneiferung Anderer durch die Stadt.

An den Theaterzetteln stand sogar: Dem neuen Knstler Sebald Kaiserbild zu
Ehren.

Nach dem Schauspiele gieng es zum Ball, im Pallaste des Prsidenten des
Musums, und Sebald als der Held des Balles, der Gesellschaft, des Tages,
begann den ersten Reigen.

Frst Tellmann selbst verga sein Alter und tanzte wie ein Jngling. Alle
Mdchen drngten um sich Sebald, aber Sebald -- nun? er ist doch etwa nicht
traurig? unzufrieden?

Je nun -- ganz zufrieden ist er -- aber doch auch nicht! Sein Gesicht ist
der lachende Blthenmond -- aber sein Herz? -- ein der Wintertag. Warum?
Ist ihm das alles zur Last? Gewi ersah er das nicht -- was sein Herzchen
ersehnt? Getroffen, mein Leser! getroffen.

Mit forschendem Blicke durchirrt er die Reihen der Mdchen -- das schne
jammernde Mdchen war aber nicht darunter. Doch lie er sich das von keinem
abmerken, hchstens da sein trauter Salassin etwas geahndet htte; aber
der war zu sehr mit der Gesellschaft und dem Tanze beschftigt.




Siebentes Kapitel.

Das Abentheuer.


Da schckert eben ein Kranz muthwilliger Mdchen mit dem Helden des Tages
und seinem Freunde.

Ist Wellmine nicht darunter? Nein! Sie plaudert an der Seite mit dem
Kellner. Ihr Plnchen ist geschmiedet, und dazu braucht sie den Kellner,
die Mundschenker und einige Diener, denen sie Goldberge verheiet fr eine
kleine Geflligkeit.

Den besten strksten Wein -- so spricht sie zu diesem -- schenkt dem Einen
ein, der dort mit dem Ballhelden immer so vertraulich umgeht. Recht hufig
und recht stark! Hrt! verget nicht! Er ist ein auerordentlich lustiger
Mensch, wenn er ein klein Ruschchen im Kopfe hat. So stirbt er vor Leid!

Da wollen wir schon helfen, sagten die Diener, es soll der Himmel und die
Erde mit ihm tanzen!

Armer Salassin! Was hat Wellmine heute mit dir vor? Was wird dir noch
geschehen?

O wehe, da wirket der Geist des Trunkes schon. Unvorsichtiger, wehe dir --
es ist um dich geschehen!

Salassin ward ungemein munter -- so witzig -- so zum Scherzen und
Schckern, zum Tndeln und Tanzen aufgelegt, als ihn noch niemand im Leben
gesehen. Tausend artige Gallantrien sagt er den Mdchen und Frauen, die den
Jngling bewunderten und liebten.

Mit allen trank er Brderschaft -- sein Herz flo ber seine Lippen -- kurz
Salassin der lustige, galante, schne Jngling zog diesmal aller
Aufmerksamkeit ungetheilt auf sich.

Sebald merkt es dann bald, was ihn begeistere, und beschwor ihn bei Zeiten
sich des fernen Trunkes zu hten, weil der berall geschtzte, leicht der
berall belachte htte werden knnen.

Salassin folgte zwar lange dem Rathe des Freundes, als aber der letzte der
Reigen getanzt wurde, konnte Salassin dem Durste nicht lnger widerstehen,
und trank ein Glschen um das andere leer.

Zum Glck war es spt nach Mitternacht, und das Ende des Balls da. Salassin
mchtig vom Weine betubt irrte fort nach Hause zu.

Ja nun war die Wirthschaft sauber. Das Gebude lag in einer ihm etwas
unbekannten Gegend der ungeheuern Stadt, die blos an Pallsten 4000 und an
gewhnlichen Brgerhusern wohl der 20000 zhlte. Wohin nun?

Allein war er fort, klug genug um keinem andern seine Lage zu verrathen.

Vor dem Hause stand ein Wagen, man zog Salassin hinein, er ohne vielen
Bedenken fuhr fort. Er stieg vor einem Pallaste ab -- das ist meine Wohnung
meint er, und stieg die Treppe hinauf.

Er tappte im Dunkel eine lange Treppe fort, und schob unvermuthet eine
leichte Zimmerthre auf, wo ein Lichtstrahl von einer Kristallsonne den Weg
erhellte. Er stand in dem Zimmer, es ward wieder dunkel, denn die Sonne war
pltzlich verschwunden.

Bin ich doch einmal zu Hause! -- dachte er -- und zog den Rock ab -- und
indem er denselben auf eine Ottomanne werfen wollte, erhellte sich plzlich
das Gemach von der enthllten Kristallsonne.

Salassin sah umher, und sah -- welch ein Anblick! Auf einem Ruhebette lag
ein Mdchen halbverschleiert; Er wankte nher, das verstellt schlaffende
Mdchen ergriff wie im Schlummer seine Hand, und stammelte den Namen
Salassin! -- Ha! rief Salassin zitternd und zurckfliehend -- es ist
Wellmine! Ha verchtliche -- deine Lockungen reizen mich nimmer! -- Er
ergriff den hingeworfenen Rock, und floh, als loderte ber ihm das Gemach
zur Thre und zum Hause hinaus.

Rasend sprang nun Wellmine auf -- rasend ber den milungenen Plan. Sie
verfluchte ihren unseligen Einfall und zerraufte ihr schnes Rabenhaar, und
rannte weinend im Gemache herum.

So kann nichts, nichts die kalte Marmorseele locken? Das verlezte Gefhl
der schnsten weiblichen Tugend, Schamhaftigkeit -- die unbelohnte
drstende Liebe -- Die Vorstellung sich Verachtung statt Achtung gesponnen
zu haben, verfolgte das unglckliche Mdchen wie Furien -- sie kmpfte im
unaufhrlichen Kampf. -- Vom Selbstgefhle so tief herabgesezt verwirrte
sie Wahnsinn nach langen unaussprechlich jammervollen Stunden -- und das
blhende Rosenmdchen hatte sich bald zum Gespenste gehrmt.

Salassin war inzwischen durch Gassen und Strassen geeilt -- und kam endlich
an die Residenz des Kaisers; von da er bald seine Wohnung traf. Er sank
betubt in einen unruhigen Schlummer.




Achtes Kapitel.

Das Aerntefest.


Der Jubel des gestrigen Tages war endlich mit dem Schlaf und Traume
verwichen. Schwere Kpfe, schlfrige Augen, und mde Fsse waren den
Tnzern noch die deutlichsten Spuren, da gestern ein Festtag gewesen.
Alles gieng nun wieder seinen ordentlichen Gang. Salassin wachte spt von
einem doppelten Rausche auf.

Du bist gestern oder eigentlich heut morgens spt nach Hause gekommen --
sagte Sebald lchelnd. Du wadetest gewi einem lockenden Irrlichtchen nach
in Smpfen herum!

Bin aber doch glcklich und bei Zeiten herausgekommen -- antwortete
Salassin etwas trbsinnig.

So? la mich doch hren! Wie ist dir heute zu Muthe, und im Kopfe?

Nirgends gar zu wohl!

Da bedaure ich dich, da mein Jubeltag dir so garstig bekommen! Nun,
Ritter, hast du alla Don Quinxotte mit Windmhlen oder Riesen gekmpft?

Ach -- mit noch rgern Feinden?

Und den Kampf siegreich bestanden?

Jenu -- das Feld hab ich zwar gerumt -- aber dadurch eben gesiegt.

Du wrst ein kluger Feldherr!

Wer wei! nur mchte ich meine Taktik gegen Mdchen nicht gar zu oft
versuchen.

Wie so?

Salassin erzhlte mit Treuherzigkeit den ganzen Vorfall. In Sebalds Seele
drngte sich Abscheu mit Mitleid.

Seb. Darum plauderte sie mit den Weinschnkern so oft.

Sal. Jawohl hat sie die Schuld -- meine Gewohnheit mich zu berauschen ists
nicht; es war das erstemal in meinem Leben.

Seb. Du warst noch glcklich. Alle waren ber deine thtige Munterleit
entzckt. Niemand ahndete die Ursache derselben, und dabei hast du ja
gewonnen, du bist nun der Liebling aller Schnen; aber die Schlange, weich
ihr aus, Salassin!

Sal. Das that ich, und nun noch mehr.

Seb. Wir mssen uns heute erhohlen --

Sal. Erhohlung htt ich nthig!

Seb. Wir machen einen Spazierritt aufs Land.

Sal. Weit?

Seb. Wie du willst!

Sal. Wann kommen wir zurck?

Seb. Morgen!

Sal. Meinetwegen.

Seb. In einem Dorfe 4 Stunden von der Stadt ist das Lager abgesteckt fr
die Armee. Der Kaiser selbst wird dahin sich begeben, um das Heer zu
mustern, sich den Soldaten zu zeigen, und ihnen Muth und Liebe einzuflen.
Man hat Bemerkungen gemacht, da die unruhigen Normnner sich zu einem
Streifzug ins nrdliche Germanien rsten. Der Sicherheit halber kampirt
unsrer Armeen eine gegen Norden bin.

Sal. Reuten wir allein, oder in Gesellschaft?

Seb. Wie du willst.

Sal. Also allein.

Sie meldeten sich dem Frsten von Tellmann drum und fort im flchtigen
Gallopp flogen die rstigen Pferde durch Gassen und Strassen zum Thore.

Sie erreichten bald das erste der Drfer. Eine Menge geschmckter Jnglinge
und Mdchen, tanzten in Reigen in einem Wiesenthale. Sie feierten das
Aerntefest. Die Musik hallte so lieblich aus der Ferne den Reutenden
entgegen. Bsche und Hecken rauschten, und der Wind suselte den
Wiederklang der Tne.




Neuntes Kapitel.

Die Einsiedelei.


Die sanfthallende Harmonie regte Beiden Empfindungen auf, sie lieen den
Zaum aus der Hand sinken, und hrten nur die lieblichen Tne, sahen nur
nach der volkreichen frhlichen Wiese. So traf es sich da sie die Strasse
abritten, und ihren Irrthum nicht eher als hinter dem Dorfe bei einem Bach
gewahrten, ber den keine Brcke fhrte.

Wohin sind wir gerathen?

Wo hatten wir die Augen?

Riefen beide, und bemerkten die verfehlte Strasse.

Wir mssen lings gegen Norden zu!

Da geht kein Weg durch den Wald!

Je -- so mssen wir ihn uns suchen!

Gesagt! Gethan! Und sie ritten dem Wald zu, ernahen einen etwas unbefahrnen
Fuhrweg, der sie grade in das dunkelste Dickicht des Waldes fhrte, Tannen,
Fichten kaum ber die Spitzen zu schauen, verschlangen sich mit ihren
Aesten, und selten blizte durch der Zweige dicke Dmmerung ein Sonnenstrahl
auf das feuchte Waldmoos. Immer dunkler wurde der Wald -- 3 lange Stunden
irrten sie darinn nicht auf Wegen und Stegen, -- von diesen waren lngst
alle Spuren vergebens aufgesucht: wo ein etwas breiteres Plzchen
durchzukommen war, da ritten sie, stiegen hundertmal ab, und fhrten die
Pferde sich nach.

Seb. Wir rittern ja doch etwa nicht im 12ten Jahrhundert?

Sal. Wenn uns doch ein Abentheuer mit Geistern und Hexen aufstiee.

Seb. Wie kmpften wir denn? mit Fingern?

Sal. Narrchen -- da liegen Stcke und Aeste genug!

Seb. Ja wohl -- wir knnten eine Fichte zum Spa aus dem Boden wurzeln, und
sie als Schwerdt brauchen.

Sal. Oder die Felsenstcke wie Karttschen verschleudern!

Seb. Horch! Da klingt so ein menschlicher Ton aus dem Walde.

Sie standen und horchten.

Sal. Wahrhaftig -- das tnt ja wie ein Euphonklang!

Seb. O du Euphonschlger! Warum nicht gar wie ein Nachtigallied!

Sal. Wahrhaftig -- ich irre nicht! Ich vernehm es immer deutlicher! Wie ein
Mdchengesang!

Seb. Ey wenn wir doch auf ein Feenschlos kmen!

Sal. Und ein Duzend verzauberte Prinzessinnen enthexen mten!

Seb. Halt! da wirds heller vor uns!

Sal. Die Waldnacht dmmert! -- Still! horch! -- Nun wenn da kein Euphon
mollirt: so will ich keins gehrt haben! -- Pst! -- Hrst du wie die
Harmonie so klagend durch die Bume rauscht? -- Da wohnen Menschen.

Seb. Richtig -- der Wald ist zu Ende -- junge Schlge grnen da vor uns!

Sal. Die Tannen und Fichten wechseln mit lichtern Birken, und dort wehen
hohe Buchen.

Seb. Da seh ich einen Fusteig! Wir sind zu Ende!

Sal. Aber wo? Sieh links zur Seite -- da dmmert zwischen den dichten
Buchen ein Gebude!

Seb. Wahrhaftig -- eine Siedeley! Nun, nun Herr Bruder, wir sind richtig in
einer alten Ritterwelt!

Sal. Ey! da wird er ja betrettner. Ein dunkler Buchenwald mit einer grauen
Mauer umgeben -- was --

Seb. Spornen wir doch die Rosse -- meine Neugierde regt sich --

Sal. Sieh ber die Mauer ragen 2 schwarze Sulen zwischen einigen Cypreen
--

Seb. Vielleicht gar die Eremitage eines Melankolikus!

Sal. Dort graut ein kleines Haus durch die Bsche!

Seb. Was ist das fr ein Einfall! Schwarz angestrichen -- das Dach sogar
schwarz!

Sal. Aber es lst gut -- das dunklere und hellre Grn der Zweige -- und das
melankolische Schwarz! -- Aber horch! Der Klang hallt wieder! -- Aus dem
Hause! Nun hre doch, -- ist das kein Euphon?

Seb. Was du fr ein feines Gehr hast: schon auf eine halbe Stunde, im
Dckicht noch, erkennst du den leisesten Ton!

Sal. Mahleraugen sehen -- sagtest du einmal -- die Wurzeln und Fasern, wo
ein Andrer kaum die Warze bemerkt. Musikerohren unterscheiden die Tne
bestimmt, wo du den Wind rauschen zu hren whnst.

Seb. Eine Thre! wir binden die Rosse an einen Baum -- denn durch die
kleine Thre knnen wir einmal doch nicht reiten.

Sal. Was sollen wir aber in der Einsiedeley?

Seb. Menschen suchen und fragen, wo wir auf die Strasse kommen. Der Abend
thaut schon!

Sie banden die Rosse fest an einen Baum, ffneten die kleine Gartenthre
mit Gewalt, und schliechen durch Bsche auf das schwarze Haus zu. Die Gnge
waren voll Grau und Diesteln; sehr verwildert lings und und rechts
geschlngelt. Die Hecken mit hohen Buchen und Tannen untermischt, wurden
immer hher und sie verloren das Gebude aus dem Gesichte.

Endlich endete der labyrintische Schlag, und 12 Eichen umrundeten einen
Platz voll hohen Grases in der Form eines Ringes. Eben so viele Cypressen
bildeten wieder in der Mitte des Platzes einen kleineren Zirkel, wo 2
Grabhgel mit blhendem wilden Tymian und Dyanthen sich erhoben, an jedem
derselben stand eine kohlenschwarze Marmorsule wei gedert, auf deren
jeder ein welker Blumenkranz hieng.

Die beiden Freunde schauerte es, die feierliche Stille, die der Wind nur
manchmal strte, wenn er die Aeste knarrend an einander blies, und in dem
Laube sthnte oder wenn ein Aestchen oder Blatt herabrauschte -- die beiden
Grabhgel, die dstre Melankolie in dem ganzen Platze, das schwarze
Monument -- alles das wirkte auf die Fremdlinge so neu und mchtig, da sie
stumm und den Odem anhaltend diese erfurchtsvolle Stelle durchschweiften.

An der einen Sule stand die weie Inschrift:

Gottlieb Edler von Felsthal im 26ten Frhling seines Alters im Jahre 2300.

An der andern Seite das Bild einer jungen Eiche, die vom Blitz
zerschmettert wird; mit den Worten: Kein Blitz zersplittert nun die Eiche
mehr.

Die andre Sule der vorigen an der 4 eckigen Form und an Gre gleich trug
das Bildni einer Rose vom Strauche fallend, mit dem Motto:

Schner konnte sie nicht blhen, aber lnger!

An der andern Seite: Ernestine Losenau im 18ten Frhling ihres Alters im
Jahr 2298.

An dem Fusse der beiden Grber ein 3ter Hgel mit einer runden weien
Sule, hier das Bild eines abgewelkten Baumes mit dem Spruche; Dort grnest
du ewig! und auf der andern Seite: Karl Edler von Felsthal im 79 Herbste
seines Lebens, im Jahre 2295.

Neben diesem ein noch frisches leeres Grab -- Gewi fr eine noch lebende
bestimmt. Oben an den Hgeln hob sich ein brauner Fels hie und da mit Moos
und jungem Grase bewachsen empor, an dem eine stark vergoldete Metallplatte
angekettet war, mit der Allegorie wie durch die Wolken des Leidens, hie und
da durchs zerrissenes Gewlk ein Sonnenstrahl der Freude bricht, und mit
der Inschrift:

   Einem liebenden Paar einst getrennt, nun immer vermhlet,
   Und dem Gatten, ist dies Denkmal der Trauer gesezt.
   Schlummert im Schoose der Ruh, ihr langebeweinten Geliebten;
   Bis ein schnerer Tag ewig uns alle vereint.

   Leudalie v. Felsthal.

Schweigend blickten Salassin und Sebald bald sich, bald die Monumente an,
und verlieen es endlich, da die Dmmerung des Abends sich immer mehr und
mehr in Nacht verlor. Sie irrten noch lange umher, berall die ernste
feierliche Einsamkeit, schaurig und doch nicht unangenehm, alles gemacht,
die Seele einer bessern Welt vorzubereiten.

Endlich erblickten sie das romantische Haus, und traten leise an die
halbgeffnete Thre. Eine weibliche Gestalt sa am Euphon und sank in den
Klang der Saiten ein Klagelied. Sie war verlohren in ihre Wehmuth, und
bemerkte die Fremdlinge nicht, die hinter ihr an der Thre stille standen,
und dem Gesange zuhrten. Sie sang ein Lied von Mathisson.

   Wann ich einst das Ziel errungen habe,
      In den Lichtgefilden jener Welt:
   Heil der Thrne dann auf meinem Grabe
      Die auf hingestreute Rosen fllt.

   Sehnsuchtsvoll mit hoher Ahndungswonne
      Ruhig wie der mondbeglnzte Hain
   Lchelnd wie beim Niedergang der Sonne
      Harre ich, gttliche Vollendung dein!

   Eil' o eile mich emporzuflgeln
      Wo sich unter mir die Wellen drehn
   Wo im Lebensquell sich Palmen spiegeln,
      Wo die Liebenden sich wiedersehn.

   Sklavenketten sind der Erde Leiden
      Oefters ach! zerreit sie nur der Tod
   Blumenkrnze gleichen ihren Freuden
      Die ein Westhauch zu entblttern droht.

Sie sang so rhrend und klagend -- die Beiden lauschten und -- fhlten --
fhlten diese ssse Wehmuth, diese verlangende Sehnsucht -- und eine Thrne
glnzte in ihrem Auge: Die Seele schien in jenen Lichtgefilden zu schweben.
-- Die Dame stzte den Kopf auf die Hand, und trocknete einige Thrnen:
stand auf und erschrak ber den Anblick der Fremden, die sich voll Rhrung
ihr nherten.

Vergieb, da wir dich gestrt haben. Bange Dulderinn, wir sind Verirrte,
und wissen die Strasse nicht zu finden die nach der Stadt fhrt.

Fremdlinge seyd mir Einsamen willkommen -- sagte die Dame -- Es ist spt
Abends und vor 4 Stunden trefft ihr aus dem Walde nicht auf die Strasse.
Wenn es euch gefllig ist -- das Nachtlager hier zu halten -- in einem
Zimmerchen findet ihr Ruhe --

Die Dame verschwand in ein Nebenstbchen, und ein alter Wann wies ihnen das
Zimmerchen.

Wie haben unsre Pferde vor der Mauer an einen Baum gezumt. Knnten sie
nicht bequemer hier im Garten irgendwo stehen?

Der Alte nickte; Gleich!

Die Beiden giengen mit ihm, und fhrten die Rosse durch ein Thor, das er
ihnen zeigte: sie banden sie bei dem Hause an eine hohe dickstmmige Buche
an, der Alte brachte Gras und Wasser, und den Fremden blieb nichts brig
als nach einem kleinen Mahle von Obstfrchten sich mde in das einsame
Zimmerchen zur Ruhe zu legen.




Zehntes Kapitel.

Wohlthun bekme bald bel.


Der Morgen vergoldete den romantischen Garten: der alte Mann wnschte guten
Tag! und brachte Frchte zum Morgenmahle --

Knnten wir mit der Dame nicht sprechen -- guter Mann, sagte Salassin --
Sebald sah durch das Fensterchen in den Garten.

Ohne ihr wehe zu thun -- nicht! War die Antwort. Rede mit mir, was du zu
sagen hast: ich hre und rede fr sie.

Wer ist die Dame?

Sonst hast du nichts zu fragen? Dann geh ich --

Nicht doch -- fr das Nachtlager, fr die freundliche Bewirthung wollten
wir uns bedanken!

Fr nichts -- dankt man nicht!

Ist das nichts, uns bewirthet zu haben? Uns, die sie nicht kannte? Wir
wnschten doch das edle Weib zu kennen.

Wird euch wenig frommen. Sie ist eine Dame, der Gatte und Kinder gestorben
sind, die nun ihr Leben in stiller Trauer verweint -- und ich bin ihr alter
Diener -- hier ist die ganze Geschichte -- nun kommt! ich will euch aus dem
Walde fhren. Die Pferde hab ich schon gesattelt.

Weile noch ein bischen! Ich --

Habe nicht Zeit -- mein Taggeschfte bleibt ohnehin zurck, da ich vor 2
Stunden nicht wieder komme, wenn ich die Strasse euch deuten soll.

Das thut uns leid -- wenn du durch uns versumst. Wer waren denn die beiden
Liebenden, denen das Denkmal dort im Garten gesezt ist.

Habt ihrs gesehen?

Ja!

So werdet ihrs auch gelesen haben? Weiter kann ich nichts sagen.

Vergebens war Beider Mh, etwas mehr von dem Gesehenen, das sie so
neugierig machte -- zu erfahren; aber der Alte wich allen Fragen aus, und
sie muten endlich ohne die Dame noch einmal gesehen zu haben, die Reise
wieder antreten! Sie blickten noch einmal auf den Garten, und giengen vor
ihren Pferden her.

Setze dich auf mein Pferd -- sprach Sebald. Deine Fsse tragen dich kaum,
und du sollst so weit uns fhren?

Meine Fsse tragen mich schon.

Du bist alt -- nein -- wir reiten lieber auf gut Glck herum, eh wir dich,
guten Mann nebenher keuchen lassen.

So will ich mich aufsetzen.

Sie halfen ihm auf den Gaul, und wanderten langsam durch dunklere und
lichtere Strecken des Waldes, von den hohen Wipfeln tropfte der Thau, der
im Sonnenstrahl schmolz, unten war noch tiefe Nacht.

Du bist gewi schon lange bei der Dame?

Ja!

Wie lange denn so ungefhr?

Bis heute.

Erzhl uns doch was --

Ich wei nichts!

Das eine Grab schliet vermuthlich den Vater, das andere den Sohn ein?

Ich denke.

Das offne ist ohne Zweifel der Dame bestimmt, wenn sie einmal sterben wird.

So scheint mir.

Das eine worinn ein Mdchen ruht, das einen von der Familie verschiedenen
Namen hat -- wer war denn die?

Ein Mdchen.

So viel konnt ich mir schon sagen. Wie kmmt sie in diese Reihe?

Wei es nicht.

Vielleicht eine Blutsverwandte?

Mag seyn --

Und gestorbne Geliebte des gleichfalls todten Sohns?

Ja!

Eine gewhnliche Geschichte mags wohl nicht seyn, die sich mit diesen
Beiden zutrug; die Inschriften und Bilder an den Marmorsulen lassen so
etwas seltneres vermuthen.

So?

Edler von Felsthal? Ich glaub, er war ein Feldherr, und zog gegen --

Reh und Hirsche.

Sein Sohn liebte ein Mdchen, das der Vater aus gewissen frommen Grnden --
ich glaube das Mdchen war katholisch, und der Felsthal protestantisch --
und der Sohn wollte sich heimlich mit dem Mdchen trauen lassen?

Von Rabinern.

Das Mdchen hrmte sich, weil sie den Sohn so einzig und innig liebte, und
ihn nie den ihren nennen sollte -- ward sie nicht wahnsinnig und nahm sich
das Leben im Was--

Ja, in der Buttermilch.

Ach qule mich doch nicht Alter! Erzhl uns doch --

Ihr wit ja schon alles.

Ich glaube so einmal etwas gehrt zu haben von dieser Geschichte --

Das hr ich.

Ist der Sohn nicht darauf auch gestorben? Nein ich glaube er hat sich --

Zu todt gewimmert.

Nicht doch, auf ihrem Grab ist er --

Vor lauter Lieb erfroren.

Ach, diese Todesart findet man in Romanen des 18ten Jahrhunderts. Itzt ist
Mode sich --

Lebendig zu begraben; oder --

Weist du das von deiner Dame her?

Sich todt zu fragen.

Hm -- meinte Sebald -- Salassin! Da erfahren wir nichts.

Sie erreichten endlich die Strasse. Na vom feuchten Waldmoos waren die
modischen Stiefelchen: Rock und Hut trieften vom herabrieselnden Thau.

Dahin geht die Strasse nach der Stadt -- dorthin, von der Stadt. Lebt wohl,
sprach der Alte, stieg vom Pferde und trat den Rckweg an.

Dank, lieber Mann! -- sagten die Beiden, und drckten ihm ein Goldstck in
die Hand.

Wozu das? -- Ich habe Kruter und Frchte -- bin nicht in der Welt --

Nims zum Andenken.

Hrt -- wenn ihr so gut seyn wollt -- sprach vertraulicher der Mann, und
lchelte zum erstenmale ein bischen -- Wenn ihr da in das Dorf kommt --
wird euch ein grnangestrichenes Huschen entgegen schimmern. Da geht
hinein, und gebt es dem, den ihr antreffen werdet, und sagt -- aber von
Wort zu Wort: Das schickt euch Thoms der Murrkopf aus dem Walde.

Der Alte sprachs, drehte sich um, und lief fort bis er ihnen aus den Augen
war.

Ein sonderbarer Mann! dachten beide, schttelten den Kopf, und zauberten
sich das Gesehene zurck.

Sie kamen in das Dorf: klopften an die Thre des grnen Huschens: Ein Mann
hager, bla, ein Skelet von einem Menschen, streckte den Kopf zur Thre
hinaus.

Salassin gab ihm einige Geldstcke, und sagte: Thoms der Murrkopf im Walde
schickt euch das!

Der Mann verdrehte grimmig das Gesicht, und klapperte mit den Zhnen, bi
in die Lippen und brllte wild grinsend. Wollt ihr mich foppen, ihr Gauner!
schrie er, ergriff einen Stab, und schlug nach den erstaunten Reutern, die
nicht schnell genug auf dem Gaule fortgallopiren, und dem rasenden Mann,
den sie fr nrrisch hielten, entfliehen konnten. --

Er lief bellend wie ein Hund, und geifernd wie Rezensenten durch das ganze
Dorf ihnen nach, bis er ber einen Stein stolperte, und auf der Erde liegen
blieb, wo er vor Grimm in den Stein bi.

Einige von den Dorfleuten sahen dem Spektakel zu, und riefen: Hans Narr ist
von der Kette los!

Dacht ichs ja gleich, der Mann sey nrrisch! -- sprach Salassin, und die
Beiden hielten still.

Ach Herr -- sprach ein grauer Mann -- du hast ihm gewi ein Allmosen von
dem Murrkopf Thoms im Walde gebracht?

Ja! und drum ist der Mann so wthig?

O da schlgt er im Zorne den todt, der ihms bringt!

Warum? Was bedeutet das? Will er vom Thoms nichts annehmen?

Beileibe nicht! Thoms? ist ein grundbraver Mann, und lebt viele Jahre mit
der Alten Frau im Walde. Der Mann, der euch so geifernd nachlief, ist sein
Bruder, der Thomsen einmal um Haus und Hof betrog, Thomsens Weib und Kinder
vergiftete, und --

Warum hat man ihn denn nicht in die Jammerburg gesezt?

Der ist ganz und gar nicht nrrisch --

Aber Weib und Kinder vergiften ist ja ein unerhrtes Verbrechen in unserm
Lande?

Das konnte man nicht beweisen: er lud sie einmal zum Essen, da mischte er
untern Salat giftige Kruter, und weil er selbst mit davon a, sagte das
sterbende Weib selbst, Hanns habe es mit Vorsatz nicht gethan; aber ich sah
wohl ein, da er auf seine Seite die guten -- jenseits aber die giftigen
Kruter theilte -- und es war um Haus und Hof zu thun.

Der Mann ist kein Deutscher?

Er ist ein entlaufener Fremdling, der sich da ansetzte; anfangs sich durch
Fleis und Eifer hbsch bereicherte; aber sein Geiz konnte dem redlichen
Thoms nichts vergnnen. Thomsen jagt er betteln, der arme Tropf kam endlich
zu der Frau im Walde, und schickt dem teuflischen Bruder alles, was er sich
verdient und abspart. Sein Bruder, den das Gewissen wie der Satan geiselt,
wird denn immer ganz toll, wenn er vom Thomsen etwas annehmen soll.

Das ist eine garstige Rache vom Thoms.

Ey behte Gott! Er thuts mit dem besten Willen. Seit vielen Jahren war er
bei seinem Bruder hier im Dorfe nicht: er mute einmal erfahren, da dieser
nun elend und krank sey, daher schickt er ihm, was er schicken kann. Er
sagte immer: Auch dem, der mich unglcklich gemacht hat, mu ich Gutes
thun!

Das ist ein edler Mann!

Ein braver Mann! rief Sebald und Salassin, und bedauerten, da er nur so
einsilbig geantwortet habe.

Aber guter Mann, kannst du mir nicht sagen, wer die Frau in dem Walde ist?

Ihr Mann war ein reicher Kriegsmann -- reich -- o je reich, der hatte der
Dukaten so viele als Steine in unserm Dorfe sind. Er wurde im Krieg
erschossen, die Frau lebt nun in der Einsamkeit und weint sich zu todt.

Hatte sie nicht auch einmal einen Sohn?

Ja! Der ist auch im Krieg ums Leben gekommen. Er hat ein Schtzgen, ein
liebes gar schnes Kind, und brav war sie -- brav und gut, sanft wie ein
Lamm, sie that allen Leuten Gutes; ich kannte sie recht gut, denn sie ist
aus unserer Nachbarschaft eines vermglichen Predigers Tochter gewesen. Der
Sohn des alten Kriegsmannes hatte sie denn so auerordentlich lieb -- und
sie ihn auch -- so lieb und werth wie ich meinen kleinen Philip, mein
Enkelchen lieb und werth habe. Er wollte sie ehlichen; sein Vater sagte, du
bist ein Bube, hast noch kein Verdienst, sieh dich erst in der Welt um, und
wollte ihn erschiessen wofern er das Mdchen noch einmal she. Darauf kam
der Krieg mit den Normnnern aus -- ach Herr ist es denn wahr, da die
Sprudelkpfe schon wieder anfangen und unser gute Vater Kaiser seine
Soldaten zum Kriege mustert?

Seyd getrst lieben Leute, es ist so gefhrlich noch nicht -- Nun da kam
also der Krieg aus -- wie war es weiter!

Nun ja -- da kam also der Krieg mit den Normnnern aus, der Sohn zog in der
Rasch mit in die Schlacht, und wollte lieber sterben als ohne seiner
Herzallerliebsten Leben. Ach! er fand ihn nur gar zu bald, den bittern Tod.
Der Vater wurde erschossen, und der Sohn zusammengehauen, denn er war gar
zu muthig, und der erste der voraus ritt. Die Nachricht kam denn in die
Ohren des Liebchens, die sich krnkete und keine Lebensfreude mehr hatte.
Sie wurde krank und starb bald darauf. Wir haben alle herzlich geweint --
es wre ein so gutes Paar Leutchen gewesen -- die alte Frau im Walde hat
nun ihnen ein Grabmal gebaut. Ich komme alle Jahre einmal dahin, und bete
fr die Seligen. Da ist alles so traurig in der Einsamkeit, und die
schwarzen Grabsulen machen einem das Herz so wehmthig -- seyd ihr auch da
gewesen? Herren?

Ja! lieber Mann! Und gab eben der alte Thomas an seinen Bruder etwas mit,
der uns denn so weidlich erschreckte. Habt ihr viele Armen im Dorfe?

Nein! Gott sey Dank wenige --

Da nehmt das Geld und theilt es unter sie!

Gotteslohn braver Herr! Sie werden bethen fr euch und den alten Thoms!

Leb wohl, lieber Alter! Dank fr deine Erzhlung!

Hier hast du ein klein Andenken (Er warf ihm ein Geldstck in die Hand)

Ach ich danke -- bin gottlob nicht arm. Ich wills den Armen beilegen.

Fort sprengten sie wieder im raschen Gallopp die gepflasterte Strasse.

Sollen wir noch ins Lager oder reuten wir zurck in die Stadt -- fragte
Sebald Salassin.

Ach --! Wir fragten nicht einmal wohin wir da kommen. Doch, da geht ein
Mdchen, das knnen wir fragen.

Mdchen fhrt hier die Strasse zur Stadt?

Zu welcher denn Herrn?

Die beiden sahen sich erstaunt an. Sind wir denn so weit von der
Hauptstadt, da ein paar Duzend andere noch dazwischen lgen?

In die Stadt, wo der Kaiser ist!

Ja -- sprach das Mdchen -- da habt ihr noch gute 4 Meilen, und msset euch
zurckwenden; denn grade vorwrts kmmt ihr auch in eine, dort wohnt aber
der Kaiservater nicht -- dort sind nur Soldaten -- o je Soldaten -- ihr
konntet in 8 Tagen sie nicht alle zhlen, sie haben dort ihr Lager.

Ist weit dahin?

Eine Stunde nur.

Und grade vorwrts!

Jaja! ber den Berg oben werden euch die Huser und Thrme schon
entgegenblitzen.




Eilftes Kapitel.

Die Erscheinungen im Lager.


Sie kamen zu der kleinern Stadt. In einer unendlichen Ebene waren die Zelte
des Lagers geordnet, wie eine kleine weie Hgelsaat. Die blanken Flinten
blizten im Sonnenglanze, und die zerstreuten Soldaten wimmelten wie ein
Bienenschwarm. Eine unzhlige Volksmenge von einheimischen Brgern und
fremden Menschen, die der Neugierde halber in das Lager gereiset waren,
drngte sich in allen Gassen auf allen Pltzen der Stadt, und im ganzen
Lager.

Die Luft war mit Gondeln die theils herabsanken, theils hinaufstiegen, und
mit ihren bunten Segeln flatterten, angefllt.

In der Mitte des Lagers ist ein viereckigter Platz fr eben diese Gondeln,
herum sind die Zelte der lustigen Marketender wimmelnd von frhlichen
Gsten.

Salassin und Sebald besorgten ihre Pferde, und verloren sich im Gemische
des Haufens.

Eben kam Sebald an eine Ecke des Gondelvollen Lagerquadrats. An einem
Luftschiffe wurden die Seegeln gespannt, und zum Aufsteigen bereitet. Ein
Mann und Mdchen stieg eben hinein, er blickte flchtig dahin, welch ein
ssses Schauern durchfuhr ihn! Er erkannte das Mdchen und htte auf des
Kaisers Ehre geschworen es sey das und kein anderes, so ihm einst da
jammernd entgegensprang als er den verwundeten Alten auf dem Rcken trug.

Er rief einige Grsse den Aufsteigenden zu, die alle unbeantwortet blieben.

Sie ists, beim Himmel! sie ists! Sie kennt mich nimmer! Sie blickte herab,
als ich sie grte, und dankte mir nicht einmal! Ich bin verloren -- sie
kennt mich nimmer.

So gieng er voll Unmuth mit einem gekrnkten Herzen, nachdem er lange
unverwandten Blickes der Gondel nachgesehn hatte, traurig und mit sich im
Streite, ob sie es vielleicht doch nicht gewesen seyn knne, oder ihn nicht
erkannt habe, das Lager auf und ab.

Eilends flog nach langem Suchen Salassin voll Hast und Staub, und ohne
Athem fast, auf Sebalden zu. Ich habe sie gesehen! O ich habe sie gesehen!

Wen? -- fragte der aufmerksame Freund.

Lolly hab ich gesehen. Sie fuhr eben in einer Gondel davon. Ihren Gefhrten
sah ich nicht recht, denn er war bereits eingestiegen; aber es war ihr
Vater. Lolly blickte hinab, ich erkannte sie: winkte ihr, grte sie: aber
ach! sie mute mich nicht kennen -- sie dankte mir nicht! -- Lolly -- sie
dankte mir nicht!

Seb. (hastig) An welchem Ecke sahst du sie?

Sal. An dem Ersten, aus dem man in das Stadtthor kmmt. Sie wars -- mit
Leib und Seele -- ihre Kleidung zwar hatte sie nicht -- die sie trug als
ich mit meinem Vater in ihrem Schlosse war; aber Mdchen haben der Kleider
so viele als Launen.

Seb. Was soll das heissen? Wisse -- ich sah das Mdchen auch; aber in dem
letzten der 4 Ecke -- sie fuhr eben mit einem alten Mann davon: es mu ihr
Vater gewesen seyn; auch ich konnt ihn nicht sehen, auch mir nickte sie
keinen Dank auf meinen Gru!

Sal. Wie sollen wir uns das erklren? Das schne Mdchen sahst du, so du
abzeichnetest?

Seb. Ja, ja! Mit Leib und Seele!

Sal. Wart einmal! Mir fllt ein -- (Himmel, wenn Lolly es wre, die er
gesehen! Ach Gott -- dann wre mein Unglck gereift!)

Seb. Nun -- (Wenn er das Mdchen sah -- o gewi Lolly und dieses ist einst
-- Er liebt sie -- meine Seele hngt auch an ihr -- mein Elend ist
unendlich gro!)

Sal. Wie -- miethen wir uns eine Gondel und fahren nach!

Seb. Aber wohin?

Sal. Ja -- auf Lollys Landgut!

Seb. Es ist zu weit. Wir kommen zu spt zurck!

Sal. Ist dir nicht bekannt, wo sich der Edle aufhlt bei seinem Bruder, ich
meine des Mdchens Vater --

Seb. Ja wenn ich das wte.

Sal. -- -- Mir fllt ein -- Was trug das Mdchen fr ein Kleid? Nicht ein
lichtblaues mit rosenrothen Streifen?

Seb. (bebt und stottert) O wehe! Lolly und das Mdchen ist eins -- (Sie
hatte ein lichtblaues mit rothen Streifen!) (Weh mir!) (Er fat sich und
sagt laut zu Salassin) Ja das hab ich in der Eile nicht bemerkt -- ich --
dchte eher -- ein grnes oder rothes --

Sal. (etwas freudiger) O so waren es 2 verschiedene Schnen! Aber -- sie
dankte mir nicht einmal -- sie grte mich nicht wieder! -- Erkennen htte
sie mich doch sollen!

Seb. (in stummer Angst fr sich hin) Jaja! Freund! 2 verschiedene Mdchen!
-- Ich gnne dir deine Freude, und will sie dir nicht entreissen! Ha --
mein Herz mu still schweigen -- Salassin hat ltere Rechte -- er ist mein
Freund -- mein Retter -- (laut) Ein blaues Kleid trug sie?

Sal. Ja, Sebald, ja! Ich sah es sogleich; denn mir fiels in die Augen, weil
ich Lollyn in keinem andern als einem weien gesehen habe. -- Aber was
fehlt dir? Du blickst zur Erde? Du willst sprechen? und verstumst --
Sebald?! --

Seb. Wenn ich sie doch nicht gesehen htte!

Sal. Warum? Du erregst mir Unruh! --

Seb. (lacht laut auf) Aber ob wir nicht Thoren sind! Da machen uns 2
Mdchen bange! Wer wei wer sie waren! Sie kannten ja uns nicht; denn sie
wren doch so artig gewesen, und htten uns wiedergegrt! Geh doch --
furchtsame Augen sehen immer Gespenster, und verliebte den Mond frs
Liebchen an!

Sal. Mein Auge trgt sich nicht leicht -- und du -- ein Mahler?

Seb. Der manchmal zuviel sieht! -- Komm wir kehren zurck.

Sal. Ich komme nach! Und willst du meiner nicht warten, so reute voraus --
in die Stadt zurck -- natrlich!

Seb. Komm bald nach.

Wenn die innigsten Freunde sich auch die kleinste Falte des Herzens nicht
verdecken; so giebt es doch zuweilen welche, die sie nicht gerne sich
aufwickeln, besonders im Punkt der Liebe. Oft sieht man sich selbst nicht
gerne in das liebende Herzchen, und in diesem Falle einen andern, wenn er
auch meinem Ich noch so sehr verwebt ist, drein gucken zu lassen? Das ist
dem Menschen nur zu sehr unertrglich.

Beiden war es lieb, allein mit sich selber so ein Gesprchsel fhren zu
knnen -- und jener irrte noch lange im Lager herum, verga der Stadt, und,
da Sebald wenn er nicht bald folge, fortreuten wrde: dieser dachte wieder
nicht, da Salassin noch im Lager schwrme, sattelte sein Ro, und lie
sich von ihm tragen, wohin es nur immer gehen wollte.

Der gute Gaul, der sein eigner Herr itzt war, trappte andern nach, die vor
ihm hertrabten, und in einer Stunde war Sebald in einer ganz fremden
Gegend; zwar war er auf der Chausse, aber diese war es nicht die nach der
Hauptstadt fhrte -- soviel gewahrte er pltzlich, ohne eben vielweniger zu
schwrmen als vorher.




Zwlftes Kapitel.

Unfall und Zufall.


Er trieb den Gaul fort. -- Ich werde ja doch ein Dorf wo noch erreichen?

Das Ro flog und in einer kleinen Weile waren sie in einem Thale, aus dem
ein Schlo schimmerte.

Gewonnen! -- rief Sebald beim Erblicken desselben --

Mir ducht ich sah schon einmal dies Gebude!

Lieber Ritter! Du bekriegst dich wohl garstig! Die Schlsser dieses
Jahrhunderts so symetrisch und meisterhaft sie gebaut sind, sind manchmal
das Werk eines und desselben Baumeisters; daher kamen sich die Produkte oft
so hnlich, da man das eine Schlo in Norden fr das hielt, so man in
Sden sah.

Auf der Weide eine viertel Stunde weit vom Schlosse grasten Pferde. Sebalds
Hengst wieherte vor Herzensfreude. In einem Satz gallopirte er unter sie;
und Sebald hatte Mhe sich auf ihm zu erhalten. Alle Kraft strengt er an,
ihn abzulenken; aber es war umsonst, der Hengst bumte sich und schlug aus
-- Endlich trieb Sebald ihm die Sporne so in die Haut, da der Hengst ganz
toll wurde, von der Strasse ab ber Stein und Stock, Hgel und Grben dem
Dorfe zu nachrannte.

Das tolle Thier war nimmer zu bndigen: des Reuters einziges Bemhen war
sich im Sattel zu halten. Aber o wehe! Da setzt er ber einen Graben, es
strzt hinein. Sebald liegt unter dem Pferde, es wlzt sich auf ihn -- o
wehe! um Sebald ist es geschehen!

Die Leute, die hie und da standen, liefen eilends erschrocken herbei und
halfen dem Halblebenden. Von dem Schlosse sahen eben einige Menschen aus
den Fenstern den Vorfall, und ber Hals und Kopf flog alles zu dem
Unglcklichen her! Der Herr des Schlosses lie Sebalden, der ohne
Bewustseyn lag, sogleich in seine Wohnung tragen. Der Pfarrer der Arzt
zugleich ist, war schon da -- alles beschftigte sich um den Blut- und
Schlammvollen gestrzten Reuter, der bald gar nicht, bald nur matt und
schwach athmete -- die Augen aufgeschwollen, die Nase blutig und den linken
Fu gebrochen hatte. Nach langen Versuchen allen Lebenselixire gelang es
den Bemhenden, ihn zur Sprache und zur Besinnung zu bringen? Er stammelte
schwach und leise, und rchelte oft: Wo bin ich? Wie ist mir? Wer --

Pst! sprach der Pfarrer, und gebot ihm zu schweigen, damit er durch das
Reden, so ihn anstrengte, nicht gar erschpft werde. Er sank in einen
konvulsivischen langen Schlummer, immer von wachenden Menschen umgeben, die
ihn bedauerten und sorgfltig bedienten.

Ein Mdchen guckte zur Thre hinein, und fragte leise den Nchststehenden:
Schlummerte er? Ist er stark krank? Er stirbt doch etwa nicht?

Pst! er schlummert -- war die leise Antwort, und das Mdchen schlich auf
den Zehen an Sebalden, sah ihn voll inniger Theilnahme an, und schien durch
ihr Bangen, ihre Furcht, er knne sterben, durch die frohe Hoffnung, wenn
er bald gense, durch alles dies, so in ihrem Innern kochte, und so das
Gesichtchen deutlich ausdrckte, schien sie etwas mehr als ein gewhnliches
Mitleiden zu verrathen.

Sie hatte unverwandten Auges den armen Schlummrer angesehn -- htte ihm
gerne das noch immer quellende Blut gestillt, gerne die Schmerzen
gelindert, die ihn oft aus dem Schlafe aufzuschreien zwangen, wenn die
geschftigen andern sie nicht berflssig gemacht htten. Sie sah ihn noch
einmal an -- noch einmal voll Wehmuth -- und schlich mit einem zrtlichem
Blicke, den eine Thrne begleitete, aus dem Gemache, grade hin in das ihres
Vaters.

O Vater er ists! er ists doch!

Wer?

Der Jngling aus der Stadt, der dich wunden damals nach dem Schrecken mit
dem zersprungnem Pulvergebude auf seinem Rcken nach Hause getragen!

O weh, der gute Mann! Ist er stark hergenommen? Ach ja! sagte mir der Arzt.
Wenn er nur heute ausdauert, so wird er morgen schon nimmer sterben -- Der
arme, arme Jngling!

Sie sollen recht sorgfltig seyn! -- die ganze Nacht bei ihm wachen! --
Mein Himmel! wer htte mir das gesagt; ich wrde einmal bei meinem Bruder
ihn, der mich so brav einst behandelte, in dieser Lage sehen! -- Nur recht
sorgfltig sollen sie seyn -- nichts sparen -- alles -- alles versuchen und
anwenden!

Ach das sagt ich schon -- ich will selbst bei ihm wachen? sagte das Mdchen
und schlich wieder in Sebalds Gemach.

Allmchtiger! athmete Sebald freier, schlief milder, fuhr seltner im
Schmerze aus dem Schlaf -- das Mdchen kam nicht von seiner Seite. --

Tiefe Mitternacht herrschte in dem Garten, der durch die Fenster des
Zimmers wo Sebald lag im Mondenschein flimmerte. Die mden Diener schliefen
alle, nur Jilla -- wer kennt sie nun wohl nicht? Nur sie sa unaufhrlich
beschftigt bei ihm.

Hier wohnte der Bruder des Edlen von Wackerbach, der vor einigen Wochen
daher kam, wo Jilla seine Tochter schon war, als Salassin und Sebald damals
nach dem Vorfall mit dem verwischten Bildni sie in der Stadt in ihres
Vaters Hause aufsuchten und erfuhren, das Mdchen, so sie durchaus sehen
wollten, sey bereits bei seinem Bruder auf dem Landgute, wohin er selbst
auch reisen und dann wieder in die Stadt kommen wolle.

Sebald! Welche Freude wartet deiner! Wie angenehm wirst du aufwachen, wenn
deine aufgeschlagenen Augen die Schne an deinem Ruhelager so beschftigt,
so bang und ngstlich um dich bekmmert erblicken werden? Das Mdchen, um
das du so lange mit stiller Herzenspein dich harmtest, das deine Seele so
sehr erfllte, da du gestern vom rechten Wege abrittst, da du im Andenken
an sie verloren den Gaul dahin traben liessest, wohin er wollte. Wie wird
dich Schwachen die Wonne strken, wenn dein erster Blick sie sieht, sie,
die du gestern im Lager ersehen und entfliehn gesehen hast -- die berall
und immer dein sssester Gedanke, und der Sporn dir Verdienste zu sammeln,
war.

Und Jilla -- wie selig wirst du nicht den Erhohlten aufwachen sehen! Wie
wird dich sein erstauntes Gesicht, und das frohe Lcheln, wenn er dich
anschaun wird, nicht entzcken! Wie wird dein Bangen um ihn nicht in die
schnste Freude verwandelt werden! O gesteh es dir nur, zrtliches Mdchen,
dein Herz schlgt lange fr ihn -- gesteh es dir nur da nicht Mitleid bei
Unglck deine Wangen blsset, deines Beiseins Sturm erhebet, sondern ein
schneres edleres Gefhl. -- Du glaubst ihm durch deine Sorgfalt die Schuld
zu bezahlen, weil er einst deinen Vater auf dem Rcken nach Hause trug; o
das ist schon recht -- aber sey nur dir selbst auch so aufrichtig zu
gestehn, nicht das allein, auch eine andere Empfindung erhlt dich an
seiner Seite wach -- gesteh dir nur, da du ihn lange schon -- still und
innig liebtest.

Der Morgen warf seinen ersten schwachen Lichtstrahl in das Zimmer -- wo
Sebald noch immer schlummerte, und Jilla wachte. Jilla die immer ruhiger
und freier Athem schpfte, wenn der Kranke ruhiger schlief, die immer
angstvoller zitterte, und in qulender Furcht und Hoffnung schauerte, wenn
der Kranke vom neuen Schmerz berwltigt, schwerer athmete, sichtlich mehr
litt.

Endlich, endlich erhellt das Gemach der reifere Morgen! Endlich erwacht
Sebald und forscht mit scheuen Blicken in dem stillen Zimmer.

Jilla sa auf einer Ottomanne, die Natur hatte ihre Rechte nicht vergeben
-- die mde Wrterinn war eingeschlummert, den Kopf auf die schne Hand
gelehnt. Sebald erblickte sie -- aber er erkannte sie nicht wegen des
bedeckten Gesichtes. Er fhlte sich gestrkt -- dankbar fleht er zum Himmel
fr seine Rettung, und seine Seele ward gerhrt ber den Anblick der mden
Schlferinn.

Er dachte an gestern, soviel und deutlich als ein Kranker in dieser Lage
denken kann. Wo wird Salassin seyn? dachte er, das Traumbild des gestrigen
Tages im Lager flirrte lieblich in seinen Trumereien. Ach! nun seh ich
gewi keins sobald wieder! --! --!

Eben trat der edle besorgte Pfarrer herein, und freute sich herzlich, den
Patienten mit offnen Augen und besser zu finden.

Wie steht es mein Lieber? -- sprach er mit leiser Stimme -- Mir ist wohl!
-- antwortete Sebald.

Sprich nicht zu laut -- Lieber! es knnte dir schaden -- deine Brust hat
stark gelitten! -- Du hast doch etwas milde geschlafen; und fhlst dich
gestrkt?

Sebald nickte freundlich.

Deine Schmerzen werden bald geschwunden seyn. Den gebrochnen Fu hab ich
gestern schon in Faschen gelegt -- du wirst bald wieder gehen -- die Brust
soll auch nicht viel gelitten haben -- das bedacht ich schon. Hier bring
ich dir wieder ein Strkungsmittel unsers Jahrhunderts -- du wirst genesen,
da du nie von dem Unfall einige Spuren fhlen sollst. Ich habe das
Remedium heute Nacht elaborirt.

Sebald nahm ein. Der Arzt gewahrte Jilla. Sieh doch welche treffliche
Wrterinn du hast? Nun wirst du schon gar nolens volens genesen mssen!

Wer ist das edle Mdchen!

Die Tochter des Bruders von unserm Gutsherrn -- Sie sind aus der Stadt
schon einige Wochen da.

Aus der Stadt? -- Ich komme auch von da --

Wer bist du? La mich deinen Namen wissen?

Ich heie Sebald Kaiserbild.

Was? Der vor 3 Tagen seinen Festtag erst hielt?

Ja!

Edler Mann! Ich schtze mich glcklich, wenn meine Mhe dir zum fernern
Leben half -- ich habe einem edlen Staatsbrger geholfen.

Wie ist dir mein Name --

Durch Zeitungen. Unser Dorf feierte gleich den 2ten Tag auch dein Fest, wie
dies zur Aufmunterung und Nacheifrung aller Jnglinge im ganzen Vaterlande
geschieht. Wer htte da denken sollen, wir wrden den edelsten Mann sobald
in unseren Auen sehen, und ach! in dieser Lage -- O wenn das meine
Dorfkinder erfhren -- Du wrdest auf den Hnden im Dorfe herumgetragen.

Ich bitte -- schweige von mir.

Das mu ich auch, wenn sie dir nicht alle auf den Hals mit ihren
Glckwnschen kommen sollen, wodurch deine Genesung versptet werden
knnte, weil du Ruhe noch brauchst. -- Nun halte dich gut -- ich habe noch
einen Gang itzt zu einem andern Kranken -- bin aber eh der Thau im
Sonnenstrahl schmilzt, wieder da.

Er sprach es und gieng. Die Thre fiel unvermuthet ein bischen geruschvoll
zu, und Jilla fuhr aus dem Schlummer, sprang an des Kranken Ruhelager, um
zu sehen, ob er etwas bedrfe.

Sebald erblickte sie, und erschrak vor Freude, da es ihm bei dem
angestrengten Ausruf: Das Mdchen! durch alle Wunden bohrte.

Jilla sah ihn munter, und fragte zrtlich lchelnd: Ist dir wohl, lieber
Mann! Leidest du noch immer groe Schmerzen? Ach erhohle dich nur bald und
erkranke nicht mehr -- Sebalds Herz klopfte schneller, Erstaunen und Freude
belebten ihn -- er fand lang kein Wrtchen zu sprechen, endlich sprach er:
Wie kmmst du hieher? und eine leichte Rthe bergo die blassen Wangen.

Jilla. Je ich bin ja mit meinem Vater schon lange lange da -- o gut da
dich der Himmel zu uns bringen lie -- ich will deiner recht warten -- ich
habe dich gleich erkannt und wre lieber gestorben, eh ich nicht jede
Minute htte sehen sollen ob du besser wirst. --

Seb. Ich danke dir von Herzen -- gute Seele. Wie lange sah ich dich schon
nicht!

Jilla. So? Hast du zuweilen doch an mich gedacht? das freuet mich herzlich
-- ich bin so froh, da du da bist -- nun mut du auch recht lange bleiben.
In 3 Wochen wirst du noch kaum fortknnen. --

Seb. Der Arzt sagte in 3 Tagen -- dann mu ich wieder in die Stadt.

Jilla etwas bestrzt, wnschte fast, der Kranke mchte nur lieber noch 3
Wochen lang nicht genesen, nur da sie um ihn seyn knnte.

Ach -- der Arzt macht dir nur Hoffnung!

Seb. Und du willst sie mir nehmen?

Jilla. (besinnt sich) Ach nein! -- du sollst nur lnger da bleiben.

Seb. (sehr heiter) So -- siehst du mich wohl gern? --

Jilla. (rasch) Und da frgst du noch? Ich -- bin dir -- ja -- Dank schuldig
-- mein Vater damals --

Seb. (lchelt, in seiner Seele lebt Hoffnung) O schweige doch -- dewegen
nur?

Jilla. (verschmt) O ich -- bin dir ja schon sonst auch gut --

Seb. (zrtlich) So?

Jilla. (erschrikt ber das, was sie da sagte, und kehrt um) Man mu ja
dankbar seyn.

Seb. Auf Dank darf _ich_ doch nicht rechnen?

Jilla. Warum denn nicht?

Seb. Warum denn?

Jilla. Weist du -- wie mein Vater in der Stadt -- --

Seb. O la das -- Jeder htte es gethan --

Jilla. Aber nicht jeder so schn -- ich habe schon gesehen damals, wie du
durch meinen Jammer gerhrt -- bald auch geweint httest -- das htte ein
Anderer nicht -- du hast ein empfindsames Herz. Und wie mein Vater rief:
Jilla geschwind nach einem Arzt! Da liefst du schneller als ich -- o das
wei ich alles recht gut!

Seb. Ach! erinnere mich nicht daran --

Jilla. (theilnehmend) Hebt sich wieder dein Schmerz? du Armer! Wie das mich
selbst auch schmerzet!

Seb. Du reichst mir ja lindernde Mittel!

Jilla. O sprich nur, sprich! Wie denn? Welche?

Seb. Unschuld! durch -- deine Theilnahme!

Jilla. So? freut dich das? Ach -- wenn du wtest -- (sie sieht ihn
verschmt an)

Seb. Nun?

Jilla. (schttelt ihr Kpfchen und schaut lchelnd auf das Fenster) Ja --
das -- sag ich nicht --

Seb. Wenn es kein Geheimni ist -- das dir Jemand --

Jilla. Ach -- Niemand -- ich --

Seb. O so zage nicht -- --

Jilla. Ja -- das soll ich nicht sagen.

Seb. (stellt sich als fieng sein Schmerz zu toben an) O wehe lindere --

Jilla. (bestrzt) Wie denn? Wo ist das Medicinflschgen?

Seb. (lchelnd) Du hast es ja -- die Linderung --

Jilla. Ach ja -- nun -- ich -- bin dir herzlich gut! -- (Sie springt aus
dem Zimmer, blickt noch einmal durch die Thre nach ihm, und schliet sie.)

Sebalds Wunden waren wie durch Zauberei geheilt. Wenigstens lie ihn das
Entzcken seiner Seele die Leiden seines wunden Krpers, nicht im mindesten
empfinden.

Sie liebt mich! Das unschuldige schne Mdchen liebt mich wieder! O ich bin
entschdigt fr meine Leiden! Himmlisch entschdigt!

So dachte er und stie den schmerzhaften Fu im Vergessen der Wunde an die
Bettstelle, so da er mit einem Schrei aus seinem Jubel durch den erregten
Wundenschmerz auffuhr.

Der Pfarrer kam wieder, mit ihm der Herr des Schlosses und sein Bruder. Sie
bedauerten den Unfall, und wnschten ihm nahe Herstellung.

Das unermdete Bestreben des Arztes, die freundliche Bewirthung der Familie
und -- Jillas vorzgliche Geschicklichkeit -- o welcher Halbtodte ersteht
da nicht und wird binnen wenigen Tagen so gesund und stark als htte ihn
nie ein Fingerchen geschmerzt.

In wenig Tagen verlie er das Lager, und gieng im freiern Garten herum.
Anfangs natrlich hinkte er so ein bischen; aber die geschftige zrtliche
Aerztin Jilla brachte es durch ihre Kunst soweit, da Sebald nie begriff,
der Unfall sey ein Unfall gewesen.

O -- rief er -- ich hatte ein Unglck, ein neidenswerthes Unglck! -- und
blickte liebevoll auf die ssse Jilla an seinem Arm.

Er hatte in einem Brief an seinen Oheim, den Frst Tellmann die ganze Sache
geschrieben.

Ich bin vollkommen hergestellt, und gesnder als sonst -- schrieb er
darinn -- bald komm ich mit meinem edlen Wirthen wieder in die Stadt, in
die Arme meines verehrten Oheims.

Wir lassen inzwischen Sebalden und Jilla immer nicht und mehr sich
erklren, lassen sie wandeln im blthigen Garten im Morgenglanz und
Abendthau; lassen sie kosen in stillen unbelaubten Schasminlauben; und
kehren zu dem betrbten Salassin.

Wo bleibt der? -- denken wohl einige ihm geneigte Leserinnen!

Das will ich kurz erzhlen, erlauben sie mir erst ein wenig Erhohlung. Ein
Glschen chten -- sprudelnd wie des 23. Jahrhunderts edler Rebensaft --
soll mich zur Erzhlung begeistern.




Dreizehntes. Kapitel.

Eine Nachricht aus der Heimat.


Als Sebald aus dem Lager ritt, irrte Salassin in stiller Schwrmerey,
aufgeregt durch Lollys Traumbild, das ihm kaum erschienen mit der
Luftgondel wieder entflog, um die Reihe der Zelte immer denkend und lebend
am und im Traumbilde.

Ist sie es denn doch gewesen, oder nicht? -- fragt er sich selbst. Sebald
sah -- Verwnscht! wenn er auch Lolly gesehen htte! Ach! -- so ist es
vielleicht -- er hielt sie fr das Mdchen! -- Aber er sagte ja -- jene
wre grn -- oder roth gekleidet gewesen; da Lolly blau sich trug? Grn
oder roth? Was sind das fr zwei verschiedene Farben! Und ein Mahler sah
die Farben nicht bestimmt? Hm! wenn sie auch ein blaues Kleid gehabt --
wenn er mirs meiner Unruhe wegen verschwiegen htte? -- Sehr mglich! Ach
so haben wir beide nur eine gesehen -- Lolly ist das Mdchen und das
Mdchen Lolly -- o wehe! -- einer ist verloren! Bei Gott -- da will ich der
Verlorne seyn -- denn auf den stillen Kummer meines Freundes mein
Glckgebude bauen? -- Bei Gott nicht -- ich will verloren seyn!

So stritt der Edle mit sich, und gieng spt nach der verabredeten Stunde in
die Stadt, sattelte sein Ro im Gasthof, wo sie eingekehrt waren, und weil
er den Freund nimmer traf, meinte er: Er ist ohne Zweifel vorausgeritten,
ich mu ihn einhohlen.

Salassin sprengte nach der Stadt, aber Sebald einzuhohlen gelang ihm
natrlich nicht, weil dieser einen andern Weg ritt.

Die Stadtthore waren bereits versperrt, und Salassin mute sichs gefallen
lassen in einem Gasthofe vor den Thoren zu bernachten.

Sebald ist ohne Zweifel zu Hause schon, und wird um mich bangen -- da ich
heute nicht nachkomme. Doch -- er wei ja -- ich bin kein Lmmchen so das
erstemal in eine fremde Flur kommt --

So beruhigte er sich, und gieng in dem Garten des Gasthofes im Mondenschein
mit verschlungenen Armen herum.

Hehehe! -- lachte eine laute Stimme, indem ein Mann Salassin bei dem Arm
griff -- Herr Salassin! Du kennst mich wohl gar nimmer.

Je -- Georg -- bist du es? Wie kommst du daher? -- sprach Salassin freudig,
als er den Diener seines Vaters erkannte. Bist du etwa nimmer bei meinem
Vater?

Georg. Hat sich wohl! Er schickte mich eben mit einem Briefchen und
vollgefllten Beutel an euch ab.

Sal. Ey sey mir willkommen! Ich habe eben beides nthig. Ich hin aus der
Stadt gesperrt!

Georg. Kam auch zu spt -- dachte, mach ich morgen dem lieben Herrn eine
rechte Freude. -- Ja, also -- nun mu ich meinen Auftrag ausrichten. Der
Vater und die Mutter und der Pfarrer und unser ganzes Dorf grt dich vom
Herzen, und es soll dir nur recht gut gehen! Georg richte dich -- sagte der
Vater vor 4 Tagen -- du gehst mit einem Brief zu Salassin! -- Nur her damit
-- sagt ich -- ich will flink wie ein Hirsch seyn! Da hast du den Brief,
sagt er, und ich lasse ihn grssen, und er soll mir Freude und Ehre machen!
Und die Mutter zupfte mich so auf die Seite, und da gieb ihm das Geld!
sagte sie, da der Vater nichts hrte.

Sal. (freudig und voll Ungeduld) Die guten -- guten Eltern! Geschwind wo
hast du den Brief.

Georg. (zog ihn aus der Brieftasche) Und dann gab er mir auch den Befehl --
ich solle mich bei dem edlen Bengler aufhalten --

Sal. (voll brennender Begier) Nun? und was --

Georg. Dort hatten sie eine Freude! Der Vater und die Mutter sind allen
Wochen einigemal da, und diese wieder bei uns. Wie ich erzhlte ich gehe zu
dir in die Stadt -- Wind und Blitz! -- da httet ihr die schne Tochter des
Benglers sehen sollen -- wie sie aufsprang -- und fragte -- gar nicht auf
meine Antworten hrte -- und immer nur recht viel des Schnen und
Herzlichen und was wei ich alles an euch auszurichten mir gab. Du mut sie
ja kennen?

Sal. (voll Jubel) O recht gut -- recht gut! Erzhle -- erzhle!

Georg. Da versprach sie mir ein silbernes Ringelchen, wenn ich ihr eine
gute Nachricht von dir zurckbrchte -- und schenkte mit allerlei -- und da
hatte sie eine so herzliche Freude -- ich glaube -- sie hat -- dich recht
lieb -- so lieb -- wie ich einmal meine Marie lieb hatte, als ich sie lieb
hatte! hehehe:

Sal. O goldner Georg! Du bringst mir zuviel angenehmes! Den Brief will ich
gleich lesen! -- Sag mit doch -- sind alle gesund? vergngt? Ist das
Mdchen noch immer -- was wollt ich denn nur sagen? -- ja -- sie hat also
nach mir gefragt? lt mich grssen? --

Georg. Ja ja! Und du sollst bald einmal wieder -- ich wei nicht wie das
Ding heit -- das so hbsch klingt und singt -- es hat so viele Saiten --
und man klappt mit den Fingern darauf -- ja -- du sollst auf der Orgel bald
wieder spielen --

Sal. Ach -- sie meint das Euphon -- o ich mchte alle Tage dahin!

Georg. So -- gefllts dir nicht mehr in der Stadt?

Sal. O ja -- doch wnscht ich einmal wieder meine Heimat --

Georg. Aha! und das schne Tchterchen zu sehen! Verstanden! Ja! -- da ich
nicht vergesse -- In einigen Tagen kutschirt mein Vater und ich in einem
Luftschiff ins Lager -- nach -- nach ihrer Rechnung -- mte sie heut dort
gewesen seyn!

(Salassins Freude sinkt pltzlich durch diese Nachricht) Ich habe sie
gesehen! Aber grade stiegen sie in die Luft und -- sie erkannte mich gar
nicht -- -- O nun ists gewi -- Lolly und Sebalds Mdchen ist eins! --
(sprach er harmvoll fr sich --) Komm, komm lieber Georg! -- Die
Mitternacht ist nahe -- du hast Ruhe nthig -- ich will den Brief lesen!

Sie giengen -- Salassin fragte noch tausendmal nach mancherlei von Lolly --
und ward immer unruhiger, froher, wieder verstimmter. Er las den Brief.

_Mein Sohn_!

Du hltest dich wohl, und ich habe meine Freude daran. Wir sind gesund,
Gesellschaften erheitern uns, und wenn meine vterliche Sorge fr dich
schlft bin ich ruhig. Lolly, Benglers Tochter, liebt dich innig -- sie
soll einst deine Gattin werden. Wir freuen uns alle de herzlich. Aber
nicht eher, bis du edel ihr unter die Augen treten kannst. Ich hoffe Liebe
und Ehre wird dich anspornen, den Preis ruhmvoll zu erringen. Bald kmmt
Bengler mit Lolly nach der Hauptstadt. Deine Mutter und ich werden es noch
berlegen. Ich habe der Geschfte zu viel noch. -- Grsse meinen Tellmann
-- und Sebalds Mutter -- Sebalden wrd ich gerne meinen Sohn nennen, wenn
Tellmann hier nicht hhere Rechte bessse. Bleibt Freunde und mein Stolz

   Dein Vater
   Welly von Wallingau.

Salassin jubelte -- aber doch war sein Jubel zu sehr gemischt mit bittern
Empfindungen.

Lolly kmmt in die Stadt! Da mu sich die Sache aufklren! Aber -- ach --
sprach er mit einem tiefen Seufzer -- Wenn Sebald sie als das Mdchen
denkt? Und bin ich auch der Geliebte -- soll ihn ein Opfer des Harms sehen?
ihn Zeuge meines Glckes meiner Seligkeit seyn lassen -- ihn so unnembar
qulen?

Salassin wachte die ganze Nacht voll Unruh, und eilte in seine Wohnung
sobald die Stadtthore geffnet waren.

Er erschrak, als er Sebalden nicht fand! Er gieng zu dem Frsten von
Tellmann.

Tell. Seid ihr einmal da -- ihr Ritter! Nun wie sieht es im Lager aus? Der
Kaiser kam erst morgen dahin!

Sal. Ist Sebald noch nicht gekommen?

Tell. So? Ward ihr nicht miteinander?

Sal. Ich habe die bestimmte Stunde der Abreise versumt -- und glaubte,
Sebald sey vorausgeritten; denn wir hatten uns im Lager getrennt -- ich
begreife nicht wo er geblieben -- als ich um mein Pferd gieng -- war seins
schon nimmer neben dem meinen?

Tell. Warum nahmt ihr euch nicht ein paar Diener mit? Ja -- da muten die
Herrn allein fort. Hm! Er wird bald nachkommen! Salassin -- heut ist ein
wichtiges Geschft, du gehst mit mir in die Residenz! Salassin erzhlte dem
Frsten so manches, und von seines Vaters Briefe.

Sie giengen an ihr Geschfte. Einige Tage verstrichen, und Sebald war noch
nicht da. Die Mutter bangte.

Sebalden mags da gut gefallen wo er ist! -- sagte Tellmann ohne Sorge.

Nach einigen Tagen erschien endlich Sebalds Brief. Alle wurden bestrzt --
aber auch bald wieder getrstet, da sie die Versicherung hatten: Sebald sey
hergestellt!

Ich will dahin -- sagte Salassin.

Nein! -- antwortete Tellmann. Er befindet sich ja recht wohl -- in der
besten Gesellschaft -- wie er schreibt -- und sollt ihr denn Beide mich
verlassen? Salassin -- du bleibst zu meinem Troste da -- den Gefallen --

Mit Freuden! -- sprach Salassin.




Vierzehntes Kapitel.

Die Verzweiflung.


Die Tage flogen allmhlig dahin, wie die Gedanken des Menschen, immer hher
und hher stieg Salassins Hoffnung und Furcht.

Er sa eben einsam und traurig in seinem Zimmer, und klagte dem
vertraulichen Euphon des whlenden Herzens Qualen. Ein Diener bracht ihm
einen Brief; die Schrift war ihm nicht ganz unbekannt, doch sagt ihm sein
Gedchtni nicht so ganz deutlich, wo er sie einmal gesehen! Er erbrach ihn
-- Vielleicht lie ihn Sebald, wenn er wieder krnker ward, durch eine
zweite Hand schreiben! -- Er las.

_Salassin_!

Verschmhe meiner Bitten letzte mir nicht! Das schamdurchdrungene Mdchen
wagt es zum letztenmale mit dir zu sprechen. Ich zittre -- in meinen Adern
raset ein strmendes Blut -- mir schwindelts -- in meiner Seele tobt
Verzweiflung -- ein wilder Kampf -- ein wthender Streit des verschmhten
Herzens und des beleidigten Ehrgefhls -- Ha Verzweiflung -- Verzweiflung
raset in mir! Jngling habe Mitleiden mit mir Verchtlichen -- Verchtlich
-- ja -- das bin ich -- das ward ich -- du edler -- mut mich verachten. Ha
Liebe -- wohin hat mich deine Wuth verschlagen -- was war ich einst -- und
was bin ich durch dich -- O Salassin, wenn ein Fnkchen Mitleid in dir
glimmt -- o gewhre mir die letzte Bitte -- eine kleine Bitte, zu der mich
mein wahrer Wahnsinn khn macht! Du -- den ich so tief gekrnkt, beleidigt
-- o vergieb, vergieb mir -- in meinem Kopfe flirren blutige Gespenster --
ich kenne mich nimmer -- Heute wenn der Mond vom blulichten Himmel seinen
blassen Glanz verstreut -- erscheine mir -- sey ruhig, ich verachte mich
selbst -- ich bereite dir keine Gefahr mehr -- erscheine auf dem
hochbuschichten Wall gegen die Citadelle, bei der jener Strom
vorberrauscht, an dessen Ufern ich Schamvergene einst im unnennbaren
Seelentaumel dir meine Liebe gestand! Salassin -- nur diese einzige Bitte
dem verzweifelnden Mdchen, das zu tief gefallen seine beschmten Blicke
nimmer im Tageshell auf dich werfen kann! Komm, komm, meine Seele erliegt
dem wthigen Krampf -- nur ein Wrtchen noch von deinem Munde will ich
hren -- nur einen mitleidigen Blick -- einen leichten Seufzer -- da ich
der Verzweiflung, die kralligt mich geielt -- da ich der Furie nicht
erliege. Verschmhe diese khne Bitte mir nicht.

   Wellmine

Salassin staunte. In seiner Seele mengten sich Abscheu, Mitleid, Stolz und
Rhrung bunt wie in den Trumen eines Kranken die Fieberbilder.

Sie ist wirklich wahnsinnig! Sie dauert mich! -- Was kann ihr das helfen --
wenn sie noch einmal mit mir spricht? Kann sie mich noch ansehen? Warum an
diesem Orte? -- Was hat sie vor? Die blutigen Gespenster in ihrem Kopfe --
sie raset wirklich! -- Ich will dir die Schande ersparen mir noch einmal
unter die Augen zu treten! Aber sie verzweifelt in der Verachtung ihrer
selbst! -- Kann ich sie -- darf ich ihr die Bitte gewhren? -- Sie ist so
niedrig, ja doch nicht! Denn sie fhlt sie fhlt tief und qulend ihre
Schande -- sie schmt sich vor sich selber -- Mdchen; Du rhrst mich --
ich will doch an den Ort, wohin du mich bestelltest.

Salassin irrte den ganzen Tag mit sich selber im Streit umher. Des Briefes
grliche Worte emprten ihn bald -- bald durchdrang ihn inniges Mitleid
mit der jammervollen Lage der Unglcklichen.

Der Mond streute endlich seinen blassen Todtenglanz vom trben Himmel durch
zertheilte Gewlke. Salassin erstieg den Wall, auf dem hochbuschichte
Hecken grnten. Wie ein Felsenberg hoch war der Wall aus Felsen gehauen.
Der Strom wlzte sich unter ihm majesttisch in schaumvollen Wirbeln ber
hervorragende Klippen -- Schwindln und Schauern ergriff den Jngling, und
in ihm drngte sich eine frchterliche Ahndung auf.

Stille wars rund um ihn her -- eine tiefe grauenvolle Todtenstille --
Krten und Eidechsen hpften an seinen Fssen -- und in den schwarzen
Lchern des Felsen pfiffen Eulen ihr schauerlich Todtenlied.

Salassin sah niemanden, und schauerte vor Ahnungen.

Endlich schimmerte aus naher Ferne eine weie Gestalt, die die Stiege des
Walls kletterte. Ihr Kleid flatterte im Wind -- die Gestalt sah Salassin
und nherte sich zagend.

Wellmine wars, mit zerrauftem Haare, ein weiflornes Kleid mit schwarzen
Krepinen beblmt. Der Mond erhellte das mit sich selber ringende Mdchen,
und Salassin erschrak ber das Gespenst. Bla und eingeschrumpft die sonst
blhenden Wangen -- hager und matt von Westhauch umzuwehn. Die Feueraugen
erloschen, hohl und tief eingesunken -- ihre Kniee schlotterten -- sie sank
ohnmchtig zu Salassins Fssen.

Salassin bebte und hob sie auf.

Wellmine wachte wieder auf, mit grlichen Zuckungen -- sie stnte -- der
Thrnenquell des Auges war versiegt-- ihre heischre Stimme kaum vernehmlich
-- ein tief aus der tobenden Brust gestossener Seufzer -- sie konnte lange
nicht sprechen. Salassin bebte, und blickte mit einer heien Thrne des
Mitleids auf die Dulderinn.

Endlich stammelte sie mit der Anstrengung ihrer letzten Summe Kraft:
Jngling vergieb -- ich bsse schwer! Vergieb mir niedrigen Kreatur.

Salassin ward erschttert -- die Zunge tdtete seine Sprache.

Well. Vergie mein Vergehen! Vertilge jedes Gedchtni an mich! Vergie was
du gehrt und -- gesehen hast, Fluche mir -- ich verdien es --

Sie strzte leblos nieder -- Salassin stand ohne Fassung. Gott des
Sternenhimmels, wie grlich rcht sich das verlezte Gefhl der Scham! --
rief er mit einem grossen Blick auf die Ohnmchtige -- drckte sie
vergebens in seine Arme -- ihr qualvolles Leben zurckzupressen. Sie schlug
die matten Augen auf!

Wellmine -- ich vergesse -- ich verzeihe -- ich

Well. Fluche mir!

Sal. Beim Himmel! nicht! So tief sankst du nicht -- Lebe, lebe -- ich will
dich schtzen -- achten --

Well. Achten -- ich verachte mich selbst --

Sal. Nein! nein! Du fhlst dein Vergehn -- dein Herz war edel --

Well. Aber ich verga mich, und be -- ich bin eine verworfne Kreatur --
berall verfolgen mich die Gespenster -- Jngling! ich war eine Schlange --
die dich vergiften wollte -- und sich selbst vergiftete --

Sal. Ich habe vergessen -- Wellmine -- um Gotteswillen -- dein Wahnsinn ist
frchterlich -- dein Gehirn ist zerrttet -- komm, komm hinweg von dieser
Stelle! Fort! Fort! Hier wtet Todtenluft.

Well. Todtenluft? Der Odem der Ruhe -- Jngling! Schau hinab in den Strom
-- schau -- wie flimmern die Sterne -- da ist der Himmel -- dort wohnt Ruhe
-- Ruhe -- hrst du wie der Strom mein Schlaflied rauscht?

Sal. Wellmine -- bei aller Seeligkeit -- du willst mich morden -- dein
Wahnsinn ergreift mich mit -- Fort! fort! von diesem Abgrund -- (er will
sie forttragen -- sie zieht einen Dolch und zckt ihn --)

Well. Halt! Willst du mir zu sterben verbieten? Hast du mir die Schale des
Lebens nicht mit sprudelndem Jammer gefllt? -- Soll deine Verzeihung --
deine Gromuth wie drstende Blutigeln an meiner Seele, an meinen
Bewustseyn saugen? -- Schau hinab -- da winkt mein Freund -- er nimmt mich
in seinen Schoos -- und tdtet meine Nattern! (sie fllt Salassin zu
Fssen) Jngling! Noch einmal -- vergieb -- vergi -- fluche mir nicht --
ich liebte dich -- wie kein menschliches Herz dich je liebte -- ich rang um
dich verzweiflungsvoll -- ich verga -- (Sie springt auf) Ha fluche mir!
fluche! Ich will nicht Verzeihung -- nicht Vergessen -- donnre laut allen
-- allen meines Gelichters die grliche Rache -- die ich mir selbst nehme!
Fluche mir! (Sie rennt von dem Wall in die Fluth hinab, indem sie Salassin,
da er sie halten wollte, mit dem Dolch die Hand durchstie.)

Sal. (Auf das heftigste erschttert) Wellmine! Rasende -- Gott! Sie ist
verloren! Wie ist mir -- durch mich -- durch mich --! (Er ringt die Hnde,
und steht in dumpfer Betubung am Abhang! Wellmine wimmert aus dem Strom
und untersinkt. Salassin rennt Bewustlos fort, und strmt:) Rettung!
Rettung! Sie ist verloren! Menschliche Hilfe ist zu schwach -- sie ist
zerschmettert an den Klippen! Weh mir weh, ihr Gespenst verfolgt mich --
durch mich ist sie wahnsinnig -- ich bin ihr Mrder! --

Er lief in schrecklicher Raserey in seine Wohnung -- und stie den Kopf an
die Wand. Sein Gehirn mahlt ihm das grliche Bild -- die Schuld warf ihm
sein heiklich Gewissen vor -- er wthete gegen sich selber, bis er
erschpft in ein hitziges Fieber sank.

Das ganze Haus wurde wach von seinem Getse. Vom Ruhebette sprang Frst
Tellmann, Sebalds Mutter, die Diener schwrmten herbei -- alles zitterte
beim Anblick des Tobenden; der keinen sah und hrte -- halbe Worte schrie
-- Alle bebten ber seinen Wahnsinn -- und kaum einer wagte zu fragen, was
ihm fehlte? was ihm geschehen sey?

Wellmine! -- in den Strom! sie hat sich zerschmettert! Durch mich! -- das
war noch das Verstndlichste, und die schnellgeruffnen Aerzte wandten lange
ihre Mhe vergebens an.

Nach einem frchterlichen Schlummer, den die erschpfte Natur erzwang; ward
er endlich ruhiger, so, da er mit einigen Zusammenhang die frchterliche
Begebenheit erzhlen konnte.

Jeder, der es hrte, weinte der Verzweifelten Mitleid -- und bangte um
Salassin -- der sich unaufhrlich die Schuld beima, keine Gegenvorstellung
hrte -- und sich als ihren Mrder in die Jammerburg setzen lassen wollen.

Lange fruchtlos waren Aller vernnftige Gegengrnde. -- Man schrieb
Sebalden den Vorfall -- er reiste schnell aus den Armen der zrtlich ihn
liebenden Jilla ab -- und traf den unglcklichen Freund vom Fieber
ergriffen im Bette.

Ihm gelang es eher Salassin zu heilen von seiner wilden Narrheit -- der
Kranke erholte sich wieder -- die trefflichen Wirkungen der Arzneien, der
Aerzte Bemhungen und Sebalds Seelentinkturen machten den Unglcklichen
bald genesen.

Zwar konnte der mchtige Eindruck nicht so ganz aus seiner Seele gelscht
werden -- oft sprach er noch davon -- aber Sebald wute den Wurm zu fassen,
und wenn er ihn doch nicht ganz vernichtete, so zerstrte er ihn wenigstens
und machte ihn unschdlich.




Fnfzehntes Kapitel.

Begebenheiten.


Sebald hatte von seinem Schicksale dem Freunde nur uerst wenig erzhlen
knnen; denn taub fr alles war er; und die Angst, wenn Lolly und das
Mdchen eins wre nhrten seine Schwermuth noch mehr; in der er verloren
dem frohen Sebald Stunden lang zuhrte, ohne von dem Erzhlten ein Wrtchen
zu fassen.

An einem Festtage erhob sich der Monarch aus seinem Pallast, und wandelte
mit den Aermsten, Elendesten, Drftigsten leutselig, freundlich und gtig.
Seinem Beispiele folgten die Edelsten, und in wenigen Minuten schien kein
Drftiger, kein Armer und Elender in der Stadt mehr zu seyn.

Salassin und Sebald waren lange schon unter dem bunten Gewimmel von
glcklichen Menschen.

Du wirst heute Lolly sehen! -- sprach Sebald! Hurtig unsre Baarschaften her
-- die Armen sind zahlreich! -- Und du -- soll ich das Mdchen nicht auch
erblicken? entgegnete Salassin, ehe sie giengen. Meine Unruhe steigt mit
jeder Minute! Komm -- ich brenne vor Ungeduld --

Warum? -- fragte Sebald etwas unverstndlich -- Warum? -- Doch komm! Wir
theilen uns itzo vermg den Gebruchen! -- Sebald -- (rief er ehe sie noch
vllig auseinander waren) -- Sebald! Wenn Lolly und das Mdchen eine Person
sind -- dann (er lief eilends fort, und blickte immer nach Sebalden zurck,
der verwundernd da stand) So ist er noch nicht aus dem Irrthum? Hat er euch
nicht verstanden? Hab ich ihm nicht zehnmal erzhlt, da das Mdchen Jilla
heisse, da sie und ihr Vater von Lolly gar nichts wisse? Wenn ich ihn doch
nur auf einem geheimen Orte she!

Er sprachs und schlo sich an den ersten besten an. Salassin verlor sich
auf der andern Seite unter dem Wirwar der Versammelten. Er verlie einen 2
-- 3 -- 4ten Gefhrten und schliech in eine abgelegene Gartenlaube -- still
und dunkel -- sich von dem Gewirre der Menschenmenge zu erholen; er setzte
sich auf die Rasenbank, sann und dachte an Lolly, hatte nicht Ruh und Rast
und wandelte herum in den verworrensten Pltzen des groen Parkes.

Er kam grade in die khle Schatten der Kastanien und lehnte sich mit
verschlungnen Armen mit dem Rcken an einen Stamm.

Heute darf niemand traurig seyn! klang eine Stimme wie Silberklang auf den
sinnenden Salassin zu -- ein niedlicher schneeweier Arm fate ihn.
Salassin sah auf -- erblickte -- Lolly und sank der nicht
minderberraschten Geliebten in die Arme -- an das Jubelschlagende Herz.

Endlich -- endlich hab ich dich gefunden! -- sprach Salassin und umschlang
sie inniger. -- Wie bange war mir um dich! Wie qulte mich Hoffnung und
Furcht! Fast verzweifelte ich, Lolly, dich lange lang ersehnte mehr zu
sehen!

Lolly blickte im stummen Entzcken dem Freudeberauschten ins schmachtende
Auge -- --! Unsre Wonne ist um so hher!

Sal. Jawohl! Jawohl! Die Ueberraschung im Wiedersehn lohnt mir meine Leiden
unendlich -- Lolly! -- noch hast du nie von mit gehrt, was meine Seele so
oft dir zugestehen strebte. Ich liebe dich -- einzig unsglich lieb ich
dich!

Lolly. (schmiegte sich zrtlich mit einem feurigen Kusse antwortend an
Salassin.)

Sal. Seit ich dich gesehen -- lebt dein Bild in mir, im Wachen und Schlafen
-- seit ich an deiner Seite am Euphon dich gehrt, klingt deine Stimme um
mich wie Harmonikaklang -- seit ich mein Herz gefhlt habe -- lieb ich
dich!

Lolly antwortete wieder mit einer feurigen Umarmung: sie vermochte kaum zu
stammeln: Auch ich so! auch ich!

Sal. Vergieb -- vergieb meinem Dringen -- ich glaubte dein Herz empfinde
dies Bangen und Verlangen, dies frohe Schauern und Zittern, das in meinem
whlet, es empfinde auch fr mich -- all die seligen Bilder von dir -- all
die sssen Worte, die ich von dir gehrt -- so mancher Schwarm lieblicher
Gedanken flirrte in meinem Kopfe -- ich sog daraus Honig, da auch du, auch
du fr mich fhltest -- Mdchen -- nur ein Wort -- eine Silbe nur sprich,
und belebe mich -- bestttige meinen sssen Wahn -- gieb Zuversicht der
Hoffnung -- sprich: da du mich liebst --

Lolly. (an seiner Brust) Ich liebe dich!

Sal. (in der Betubung des Entzckens) O so bin ich unaussprechlich selig!

Sie lieen sich im stummen Jubel der lange schon verketteten Herzen auf
einen Rasensitz nieder, und kosten im sssen Liebesverein. Viel von
vergangenen Stunden, von frohen und bangen Gefhlen, von sssen Hofnungen,
von der Heimat und unzhligen andern wurde geschwzt -- die Stunden
drngten sich angenehm und schneller dahin, als sich Gedanken und Ksse
drngen.

Mein Vater kam also nicht in die Stadt! das thut mir leid! -- begann
Salassin wieder -- Und dein Vater?

Ist unter dem Volke: wir werden ihn bald sehen. Ja doch -- da ich nicht
vergesse -- dein Vater erzhlte mir von den Pilgern, die ihr einst auf der
Reise in euren Wagen aufnahmt so vieles -- den Jngling la er vterlich
grssen -- sagt er mir.

Salassin dachte an Sebald, und ward unruhig, weil ihm dabei das Mdchen
einfiel: er fragte hastig:

Lolly -- warst du in der Stadt?

O ja! Mit meinem Vater!

Salassin erblate -- doch besann er sich bald -- denn da Lolly in der
Stadt war? mute sie und Jilla eine Person sein? --

Warst du nicht neulich im Lager der Armee, und fuhrst in einer Luftgondel
davon?

Jaja!

Ich habe dich gesehen?

Warst du auch im Lager? Und ich wute es nicht?

Verwnscht! du warst da und ich wute ebenfalls nichts davon? Aber ich sah
dich, indem das Schiffchen in die Luft stieg: ich winkte dir Grsse mit dem
Hute nach -- gleich erkannt ich dich -- aber du -- mich nicht!

Was? Der sollst du gewesen seyn, der mit dem Hute mir nachwinkte? Ey -- von
tausenden htte ich dich erkannt? Du warst es nicht!

So that ein anderer das auch, was ich that? Gewi, gewi, das war Sebald!

Ich kannte ihn nicht!

Welche Farbe hatte dein Kleid?

So so? tref ich euch Leutchen da an! Erscholl unvermuthet eine Stimme, die
Beide aus dem Gesprche ri. Lollys Vater war es. Salassin bewillkommte ihn
herzlich.

Ja ja! -- hob Bengler an -- der Magnet zieht Eisen an, und das Eisen hngt
sich an den Magnet. Schaut, schaut -- wie kamt ihr zusammen.

Sal. Durch Ungefhr -- ich wich dem Haufen, und gieng da herum, und Lolly
erschien mir.

Lolly. Ich war mde von dem langen Herumwandeln -- da lagerten wir uns denn
in den khlen Schatten auszuruhn.

Beng. Ja wohl euch Beiden mag wohl ziemlich hei seyn -- ihr glht ja wie
ein Kirchendach.

Die Beiden blickten sich an, und sahen auf die Bume. Bengler lachte ber
ihre Verlegenheit.

Beng. Ich wohne im Gasthof zur silbernen Narrheit, Salassin, und bleibe
noch einen Tag in der Residenzstadt: Dort kannst du uns morgen finden.
Heute mgt ihr euch noch unter die Tnzer mengen. Doch -- verget die
Landessitte nicht lnger! Geschwind kommt -- und wandelt wieder mit den
Armen oder andern Unbekannten!

Salassin und Lolly drckten sich ungestm die Hnde, als sie unterm Volke
wieder waren, und jedes schied von ihnen: Lolly rechts, Bengler lings,
Salassin -- Lollyn nach, und Lolly Salassin in der Nhe. Doch verloren sie
sich bald, und der beglckte Trumer gieng mit unbeschreiblich sssen
Wallungen des Innern herum, jeder, dessen Arm er fate, mute heiter und
froh mit ihm werden.

Unvermuthet stie er auf Sebalden.

Pst! Auf einige Worte nur, Salassin! -- rief jener ihm zu, und drngte sich
durch einen Haufen Menschen.

Sebald! Sebald! O ich bin glcklich -- entgegnete Salassin -- Lolly ist da
-- ich habe sie gesehen, mit ihr geredet -- sie liebt mich -- Hast du dein
Mdchen schon getroffen?

Seb. Leider nein! Ich war in ihres Vaters Hause -- das war leer von
Menschen, gekommen sind sie aber schon, das wei ich. Wo ich sie nur fnde!

Sal. (Dem sogleich seine Grille wieder einfiel. Ja ja! Freylich kann sie
nicht da seyn -- denn Lolly war an meiner Seite -- auf 2 Orten kann sie
doch nicht seyn?)

Seb. Worauf sinnst du da?

Sal. Hm! -- Gehe doch -- wir mssen wieder auseinander.

Seb. Ich wandle Abends im Garten --

Sal. Gut!

Seb. Dort trifst du mich. Auf Wiedersehen!

Sal. Auf Wiedersehen!

Sie trennten sich wieder. In Salassins Herzen keimte eine Grille um die
andere: von seinem Entzcken abgespannt ward er schnell in einen
Tiefsinnigen verwandelt.

Sebald -- sah sie noch nicht? O freilich -- wie kann das seyn? Lolly war
bei mir -- o nun ists doch gewi -- Sebald liebt Lolly, die mit jenem
Mdchen eins und dasselbe ist -- Sebald -- gewinne dir ihre Liebe -- ich
mag in deinem Glcke dir kein Strer seyn! Du sollst sie lieben -- sie dich
-- herzlich will ich eures beneidenswerthen Glcks mich freun, aber
Augenzeuge kann und darf ich nicht bleiben.

Sebald traf seine langgesuchte Jilla endlich in dem Garten an, wo Lolly auf
Salassin stie.

Wie taumelten die Beiden entzckt auf einander zu! Wie umrankten sich fest
ihre Arme! Die Farbe der Wonne mahlte ihre Gesichter -- ihre Blicke
flammten Liebe und Zrtlichkeit -- sie traten jubeltrunken in eine stille
Hollunderlaube, gepflanzt zum Kosen fr Liebende.

Lange sprachen sie da von -- wer errth das nicht? Zwei Liebende in einer
stillen geheimen Hollunderlaube -- die sich langersehnt wiedersahen, wovon
knnen sie sprechen, als von dem was -- sie sprachen.

Eben sassen sie im sssesten Geschwtze, als Salassin der Laube zu durch
labyrintische Gnge wandelte. An dem Plzchen, wo er Lolly sah, stand er
still, und flsterte zu sich selber.

Hier berraschte sie mich! An dem Baum gelehnt dacht ich an sie -- mein
Herz schlug in ungestmmen Regungen! Und als ich sie in meine Arme schlo
-- als sie so innig an mich sich prete -- mich mit dem
Vergimeinnichtsauge so schmachtend ansah -- hier -- als ich meine Liebe
ihr gestand -- als sie mir erwiederte! Ich liebe dich! -- O meine Seele --
was rang da in dir! Wie ungestimm war da mein Entzcken -- aber ach
zerstiebt ists wie eine Seifenblase -- dies Entzcken -- ich kann sie
nicht, ich darf sie nicht lieben! -- Er sprachs und gieng auf die Laube zu,
wo Jilla und Sebald Arm in Arm sassen.

Salassin war am Eingang der Laube: Die Arme verschlungen, den Kopf sinnig
auf den Boden gesenkt stand er da, warf einen flchtigen Blick auf die
Beiden darinn, erkannte Sebalden und Jilla, die Lollyn wie eine Rose der
andern gliech, hielt er natrlich fr Lollyn selber: er erblate und lief
im bewustlosen Zustande fort durch Hecken und Alleen, fort aus dem Garten,
durch Gassen und Pltze, als jagt ihn ein wthiger Hund.

O nun ists gewi -- gewi -- mein Herz soll verstummen! Lolly sa an
Sebalds Seite -- sie sassen Arm in Arm, Lipp an Lippe -- erschracken bei
meinem Erscheinen -- Freund -- du sollst glcklich seyn -- und mir, wenn
ich falle, meinem Andenken eine Thrne opfern. Aber Lolly -- Arm in Arm?
Lipp an Lippe? Himmel! zeugt das nicht von nherer Bekanntschaft? Lolly --
der vor einigen Stunden an mir hieng? mir ihr seliges: Ich liebe dich!
gestand? Ha das war Heucheley -- Mienenspiel gegen mich -- und doch --
warum das gegen mich? doch nein, nein Lolly kann nicht treulos seyn -- aber
Sebald liebt sie -- fort! fort! von hinnen -- sie sollen glcklich seyn!

Ein unbeschreiblich Empfindungsgemisch kochte in ihm. Er sah und hrte
nichts -- die zerschmetterte Wellmine stand hohlaugigt bleich und
zerschlagen pltzlich vor seiner Seele -- er ward tobender. Mehrere der
Wandler hatten ihn beim Arm gefat, keiner erprete ihm eine Silbe ab: er
irrte herum berall und immer, ihn trieb es als sollt er fort aus dieser
Welt, pltzlich stand er am Residenzplatze still, und eine Statue fiel ihm
ins Auge. Es war das Ehrendenkmal eines tapfern Kriegers. Die Kanonen und
Schwerdten von des Bildhauers Meisterhand gebildet erinnerten ihn an
Schlacht und Tod. Salassin verga einen Augenblick den Sturm, der ihn
durchwitterte, und las die goldne Inschrift:

Dem Andenken des Kriegers Edlen von Felsthal gefallen in der Schlacht --

Felsthal -- rief Salassin, und erinnerte sich der Erzhlung aus des
Dorfbewohners Munde nach dem Nachtlager in dem Walde. Die Urnen des
schaurigen Gartens standen vor ihm -- er dachte an Felsthal den Sohn, der
dem Vater gleich im Schlachtgewhl Tod und Ruhe fr sein Herz fand, und
durch Salassin fuhr wie ein Blitz durch den Sturm der Gedanke: Fort! Fort!
in den Krieg -- dort harrt auch meiner Ruhe.




Sechszehntes Kapitel.

Der neue Krieger.


Germaniens Feinde drangen mit Allgewalt in die nrdlichen Provinzen, und
des deutschen Kaisers Heere rckten bereits entgegen. Morgen mit der
aufsteigenden Sonne sollte auch das Heer des Lagers bei jener Stadt
aufbrechen, wo Sebald und Salassin unlngst waren, und die Erscheinungen
der Mdchen hatten.

Der Kaiser hatte vom Feste zurck in die Residenz sich begeben, Salassin,
flog in den Audienzsaal wo er bald vorgelassen ward.

Der Kaiser kam ihm freundlich entgegen, und grte den verstrt sich
verbeugenden Jngling.

Vergnne mir Vater des Landes -- begann Salassin etwas verwirrt, weil er
sich nicht einmal auf das vorbereitet hatte, was er sprechen wollte -- des
Monarchen milder Anblick machte ihn, der ihn oft sah und wohl kannte, etwas
gefater --

Sal. Vergnne dem Jngling, dem deutsches Blut in den Adern glht, der fr
sein Vaterland zu leben und sterben gelobte -- vergnn ihm eine Bitte
erhabener Kaiser!

Der Kaiser. Rede!

Sal. Die Normnner wie ich vernommen, verwsten den obern Theil deines
Reichs -- la o la, mich unter deinen Kriegern gegen die Feinde ziehen,
ich brenne vor Eifer dem Vaterland zu dienen.

Der Kaiser. Jngling, ist deine Bitte kalter Ueberlegung Frucht, oder der
flchtige Wunsch einer ehrgeizigen Seele?

Sal. (verwirrt) Mein erlauchter Kaiser -- ich --

Der Kaiser. Getrauest du dich nicht auf andern Wegen deine Kraft dem Lande
zu verwenden? Reizt dich nicht blos der lockende Ruhm, der im
Schlachtgewhle so leicht zu verdienen scheint? Wisse, nicht jedem lchelt
das Glck und lt den Lorbeer ihn pflcken -- Mancher dir hnliche
Jngling feurig, entschlossen, der diese Bahn wandelte, fiel unberhmt.

Sal. Er fiel fr das Vaterland -- die Seinen beweinen ihn -- Ruhmes genug.
Aber, erlaube mein Vater! Nicht der lockende Ruhm, nicht des Ehrgeizes
qulender Durst, treibt mich deine Majestt anzuflehn um die Gewhrung
meiner Bitte -- das Wohl der Mitmenschen ist der Sporn, der mich spornt,
auch meinen Arm gegen die Strer unsers Friedens zu erheben. Ich will
helfen zu siegen, von meinem Bewustseyn, recht gehandelt zu haben belohnt,
oder fallen, unberhmt und vergessen.

Der Kaiser. Jngling -- ist dein Entschlu fest, unerschtterlich?

Sal. Ein Fels.

Der Kaiser. Jngling -- noch einmal -- ich gnne dir Ueberlegung! La dich
von Raschheit und feurigem Muthe nicht zu einem Schritt reissen, den du
einst bereuen drftest -- berlege -- der Pfade dem Vaterland ruhmvoll zu
dienen sind noch unzhlige.

Sal. Dieser fr itzo der wichtigste.

Der Kaiser. Wohlan denn! Morgen mit dem dmmernden Tage bricht das Heer auf
-- du hast nicht Zeit dich von Allem so dir theuer ist zu beurlauben --
vielleicht auf immer -- zagst du nicht?

Sal. Entschlossen und muthig, will ich gegen Feinde kmpfen.

Der Kaiser. (legt ihm die Hand auf die Schulter mit forschendem Auge) Ich
gewhre dir die rasche Bitte nicht!

Sal. (entflammt) Mein Kaiser! Vergnne -- vergnne mir dies einzige --
erbarme dich meines Jammers -- ich will der letzte im Rang, der erste im
Vordringen seyn!

Der Kaiser. Wohl! Es sey dir gewhrt -- aber sogleich, ehe eine Stunde
vorbereilt, sollst du in das Lager!

Sal. (fllt dankend auf die Knie, und fat ungestm und stumm des Kaisers
Hand) Mein gtiger --

Der Kaiser. (der Kaiser sieht ihn mit einiger Verwunderung an) Ist dir
alles das erwnscht? Du willst fort, sogleich fort, dahin, wo Tod in jedem
Pulverstubchen lauert, woher du vielleicht nie zurckkehrst -- und doch
willst du nicht erst von deinen innigsten Freunden dich zum Lebewohl
umarmen lassen? Entzckest ber den schnellen Raum einer Stunde?

Sal. Deine Gte -- deine vterliche Weisheit lscht meine Flamme nicht!

Der Kaiser. So zieh denn hin! Jngling -- ich wollte dmpfen die Glut, die
leicht auflodernd und eben so leicht verglimmend schien -- ist dein
Entschlu die Frucht eines nicht ganz edlen Gefhls -- dann bsse fr die
Folgen -- ich warnte dich.

Der Kaiser trat an ein Schreibpult, schrieb, und gab Salassin, der halb
froh, halb harmbetubt, auf seinen Knien lag, das Billet.

Morgen, wie gesagt, bricht das Heer auf -- wenn es dir Ernst ist -- so zieh
dahin -- und komm als Held zurck.

Der Kaiser reichte dem Jnglinge das Papier, der trunken vor Freude und
Harm nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung dem Antliz des Monarchen
entschwand.

Schnell durch das Volksgewimmel dem tellmannischem Pallaste zu, rannte er
das Papier in der Hand, so ihm einige der niedern Militrstellen bestimmte
--

In seinem Zimmer ergriff er hastig Diente und Feder, und schrieb einige
Briefe in wenigen Minuten. Seinem Vater und seiner Mutter, dem Frsten von
Tellmann und Sebalden. Er empfahl sich, allen dankte u. s. w. sagte aber
Keinem wohin er gehe.

An Sebalden schrieb er folgendes:

_Sebald_!

Sey glcklich! Ich wnsche das dir -- Du liebst Lolly, ich sah euch beide
im Garten in einer Laube vertraut, -- Lolly liebt auch dich. Die
Freundschaft mu meine Flamme, die fr Lolly brennt, verlschen. Noch
einmal -- sey glcklich -- und weine dem Freunde eine mitleidige Thrne,
dem eine wohlthtige Hand bald Ruh und Frieden geben wird.

   Salassin.

Keine Seele war in dem Hause -- alles bei dem Feste noch -- das war dem
Strmischen lieb: er konnte sich unbemerkt wegbegeben. -- Die Briefchen
lie er auf dem Tische liegen: Lollys Bildni hieng an der Tapetenwand ob
seinem Ruhebette -- schon stand er in der Thre, ein Blick auf das Bildni
und er blieb wie eingewurzelt stehen. Unwillkhrlich langte seine Hand
darnach -- seine Seele ward mchtig erschttert.

Lolly! Mdchen -- der schnsten schnstes -- edelstes der edelsten -- Ach
ich darf dich nicht lieben -- Vielleicht wirst du gerhrt einst meiner Urne
eine Thrne schenken, wenn mich des Krieges Schlund verschlungen haben wird
-- dann sprichst du vielleicht mit nassem Auge: Er war auch ein guter
Jngling! Er liebte mich -- und opferte sich meinem Heile. Ja -- Unendlich
Geliebte -- dein Heil -- deins ist mir theurer als meines -- Sebald ist ein
edler Mann -- der dich ganz mit voller Seele liebt -- du wirst glcklich in
seinen Armen seyn.

Salassin ergriff das Bildni, drckte es glhend an seine Lippen, blickte
es noch einmal an -- gierig -- stand wieder -- ein Gerusch flsterte in
den Tapeten -- schnell flog er aus dem Zimmer: sattelte sich ein Ro, und
entfloh mit unbeschreiblichem Drang im Herzen der Residenzstadt. -- Die
Strassen die er unlngst geritten -- die Erinnerung der kleinen Vorflle
auf der Reise damals mit Sebalden -- die Urnen im Walde wurden nur schwach
durch den Anblick der Pltze erregt -- wo es geschah und er nun vorberritt
-- so betubend war das Gewitter in seinem Innern.

Mchtiger war der Eindruck des im Schlachtdampfe gefallenen Felsthals, der
mit Salassins itziger Lage viel Nahes hatte. Ihn trieb einst Verzweiflung
in den Krieg -- sich den Adel zu erkmpfen, und die Geliebte des Herzens
dadurch zu erringen -- und ach! er fand den Tod --! Ich will Ruhe finden --
ich mu Sebalden glcklich wissen --

Noch stand die Sonne am Himmel, die Wlkchen spiegelten wie blanke Muscheln
an dem Gewlbe des Firmaments -- als Salassin im schnellsten Galopp in das
Lager an seinen Posten kam.

Mit der ersten Rthe des Tages brach das Heer auf, und Salassin ritt
schweigend in sich gekehrt in dem Zuge. Die muthigen Helden sangen zum
Musikhall ihre Kriegslieder, und glhten vor Eifer nach Schlacht und Tod
oder Sieg, ihre Gesnge weckten den mit sich ringenden Salassin nur selten.




Dritter Abschnitt.




Erstes Kapitel.

Die Wahrheit in der Lge.


Die Krieger ziehn dahin, wohin das Wohl des Vaterlandes sie bestimmt, schon
sind sie nahe dem verheerenden Schwarm der Feinde -- schon stossen sie auf
Spuren der feindlichen Verwstungen. Wir lassen sie eiferglhend den Feind
aufsuchen, und wenden uns in die Stadt zurck.

Noch wei keine Seele von Salassins Entschlu auer dem Kaiser. Die Freunde
noch immer den Ergtzungen des Festes berlassen, ahnten nicht einmal was
der bereilte Jngling unternommen. Zwar sprang Sebald von seinem Sitze in
der Laube von Jillas Seite auf, als Salassin Beide in ihrem Kosen geweckt
hatte, und ergriffen von Empfindungen, die wirklich aus bertriebnen
Begriffen und Irrthum entsprangen, wie ein Flchtling fortlief.

Aber Sebald -- wer htte mit menschlichem Auge Salassins Seelengewitter
vermuthen knnen? Die Beiden blieben lange noch da, in ihren traulichen
Umarmungen.

Lolly suchte unter dem Gewimmel den Ersehnten -- ach -- Arme Bangende! Wie
httest du ahnden knnen, was deinen Geliebten so weit und vielleicht auf
immer trennte! Lolly begngte sich, weil sie schon manche Stunde vergebens
nach ihn gespht hatte, mit dem nicht ganz sssen Troste: Morgen kmmt ja
Salassin in unsre Miethwohnung!

Aber als mit der Mitternacht das Fest zu Ende gieng, alle Wandler theils
schon dem Schlummer huldigten, theils schon am Wege waren, zur Ruhe zu
eilen, als schon nur hie und da in dunklen Alleen und Gartengngen einzelne
Paare Liebender wandelten im Mondenscheine, und auch Sebald aus Jillas
Armen in seine Wohnung kam: wie verdampfte der Rausch der Liebe, den er
sich an Jillas Lippen geholt hatte.

Er glaubte Salassin schon im Schlafe zu finden -- aber natrlich der war
nicht da.

Meinen Bruder lt gewi nicht die reizende Lolly von der Seite! meinte
Sebald, und trat im Tageshell der Krystallsonne von ungefhr an Salassins
Schreibpult.

Die Briefe fielen ihm auf -- Die Freunde kein Geheimnis sich verbergend,
theilten sich jeden Gedanken mit, wenn der Eine oder der Andere es nur
hren wollte: daher ergriff Sebald die Briefe -- las -- und erschrak, als
er den an ihn gerichteten gelesen hatte.

Als wre der Pallast auf ihn gestrzt, stand Sebald mit schwerem Herzen da.

Gott der Freundschaft! Was ist da geschehen -- rief er und starrte
unentschlossen, was er thun solle, die Papiere an. -- Der Unglckselige --
Wohin trieb ihn sein schrecklicher Irrthum --! Was unternimmt er! Eine
Thrne deiner Blindheit will ich weinen -- kaum verdienst du ja --
Bldsinniger -- -- Ich liebe Lollyn? Ich wre mit Lolly in der Laube
gesessen? Narr! Deine edle Aufopferung fr Freundschaft ist Grille -- ha --
wie knnt ich da glcklich seyn -- glcklich, wenn dein Herz blutet! --
Unseliger Irrthum! -- Er rannte mit den Briefen in der Hand zu Tellmanns
Gemach, und ffnete schon die Thre. Das stille Dunkel des Ruhezimmers ri
ihn pltzlich aus dem Traume, und errinnerte ihn, er habe vergessen da es
Mitternacht sey, und Tellmann schlafe.

Weck ich den mden -- erfhrt er Salassins Entweichen -- dann hab ich ihn
um seine Ruhe gebracht! -- Und was ntzt das, wenn er itzo noch drum wei?
-- Kann ich sagen wo der Verblendete hingeirrt ist? Knnen wir ihn finden?
-- Sebald begab sich zurck, und haderte mit der Nacht, die dem
harmdurchdrungenen Bangen so lange nicht zu Ende schenkte, und kaum
flsterte des Morgens lauer Wind durch die Jalusien, als Tellmann die
Geschichte erfuhr, und die Hnde unwillig an einander schlagend vom Lager
sprang.

Sein Edelmuth ist am unrechten Orte! Wo ist er hingerennt! Sebald sogleich
auf Erkundigung! -- sprach Tellmann, und rafte sich verstrt zusammen.

Eben erwachte das Getmmel der Menschen auf den Strassen: Trompeten und
Pauken schmetterten, und Musiken hallten vom Platz der kaiserlichen
Residenz.

Ha! der Kaiser bricht auf! -- scholl es berall. Wohin? -- rief hier eine
Schaar und steckte die Kpfe zusammen. In den Krieg! -- schrien die Andern.

Gott gieb ihm Heil und Sieg! Gott erhalte ihn! -- Erklang es allenthalben,
und die unzhlige Menge der Menschen, die sich wie der Blitz geschwind aus
den Armen der Ruhe gerissen hatten, sobald das Abschiedszeichen ertnte,
umgab den innigverehrten Monarchen, der dem kleinen Kriegsheere, so in der
Stadt noch lag, vorausritt, sein Lebetwohl, meine Kinder! dem Volke zurief,
das sein kaiserlich geschmcktes Ro kaum traben lie, und Millionen
Segenswnsche der Majestt nachrief.

Sebald lief inzwischen die Stadt ab und auf, ohne zu wissen warum?

Ja wo sollte er Salassin aufzusuchen? Keine Spur -- kein Wrtchen schrieb
er von dem, wohin er fliehen wrde. Ohne Zweifel -- sagte Sebald -- wird er
in seine Heimat zurckgekehrt seyn, und dann auf Reisen gehen!

Mit dem Strassengetmmel stand auch Bengler in dem Gasthof zur silbernen
Narrheit auf. Lolly schlief die ganze Nacht sehr unruhig. Sie hatte trbe
Ahnungen, die sich durch die Wonnegefhle des Wiedersehens drngten, und
sich vermischten, da dieses Empfindungsgemengsel einem sssen Weine
gliech, in den man Meerwasser schttet. Da sie von dem trumte, an dem
einzig und allein ihre ganze Seele hieng -- das fragen doch meine Leser
schon gar nicht! Sie sprang wohl zehnmahl vom Ruhebette an das Fenster, und
liebugelte mit dem Mond, der bla und trbe sie anguckte. Und als die
Nacht ihr Schattenkleid kaum abzustreifen begann, war Lolly die erste im
ganzen Gasthofe munter und wach. Die Freude -- heute morgen kommt er!
erheiterte sie, wie die Morgensonne die Flur, und der Gedanken morgen seh
ich ihn schon wieder nicht mehr! war ein trbes Wlkchen, das manchen
Strahl der Wonne auffieng. Sie harrte voll banger Erwartung des Geliebten.

Der Kaiser war bereits aus der Stadt geleitet, das Volk begab sich
allmhlig an seine Taggeschfte, der Morgen wich schon dem Mittage; aber
Salassin -- natrlich konnte Lollyn nicht erscheinen!

Wo mag er seyn? Was hlt ihn ab zu mir zu kommen? Er versprach hoch und
theuer mit dem frhesten Sonnenglanz da zu seyn -- er kmmt nicht -- schon
ist Mittagsschwle -- Salassin! Salassin! Erscheine.

So hrmte sich das liebende Mdchen, mit jedem Pulsschlage wurde das Herz
banger, mit jeder Minute ihre Unruh bittrer. In jedem Manne, der in dem
Gassengewimmel sich drngte, whnte sie -- da kmmt er einmal! Aber wie
herb war dann immer die Tuschung!

Als endlich die eilfte Stunde des Tages mit unaussprechlichem Verlangen und
Sehnen schon heranschnekte, und Salassin noch nicht da war, da konnte das
arme Mdchen nimmer die Unruhe, die ihre ganze Seele erschtterte,
verbergen. Sie theilte dem Vater ihre Besorgni mit, der selbst nicht
begreifen konnte, wie ein Liebender weilen knne zu seiner brnstig
harrenden Erkohrenen zu eilen.

Er ist mir ungetreu -- er heuchelte Liebe -- er ist falsch, wrde ein
Mdchen unsers Sekulums in diesem Falle sagen -- Aber Lollyn kam der
Gedanke gar nicht bei, Salassin, der ein so edler Mann war, knnte treulos
seyn, so sehr war sie berzeugt.

Sebald kam zu dem Gasthofe der silbernen Narrheit, und las den Thorzettel
auf dem die Namen der Einkehrenden angezeigt waren. Wer? Woher? Wohin? Wie
lange? Auf alle diese Fragen war die Antwort auf dem Zettel.

Edler Bengler von Palmhain, mit seiner Tochter Lolly -- stand unter andern
da!

Ha -- rief Sebald freudig -- da sind sie! Er sprachs und lie sich vom
Diener die Zimmer zeigen.

Er trat herein, Lolly lag im Fenster und sah nach der Gasse, wand sich
hurtig nach der Thre, als sie rauschte, und kam dem Eintretenden entgegen,
den sie fr den Ersehnten hielt, freudig rief sie: Endlich ist er einmal
da! Aber bitter getuscht stie sie einen lauten Schrei aus, als sie
Sebalden erblickte, der mit unbeschreiblichem Entzcken sie fate: Jilla!
Jilla! Wie kmmst du daher?

Lolly verwunderte sich -- und zog sich erschrocken zurck. Mein Herr --

Sebald's Auge starrte das Mdchen pltzlich an, das in jeglicher Miene der
schnen Jilla gliech, und bat verlegen um Vergebung seines Irrthums. Ha
beim Himmel (sprach er fr sich hin) Salassins Irrthum ist verzeilich --
die Beiden sind kaum unterscheidbar -- Armer -- armer Salassin! rief er
etwas laut.

Lolly fuhr ber der theuern Namen zusammen. Salassin! Kennst du Salassin?
-- sagte sie einfallend, und ihre Blsse der Wangen verschwand in ein
liebliches Rosenroth!

Seb. Ob ich ihn kenne? Salassin ist mein Bruder --

Lolly. (ungeduldig) Ach der Salassin mags wohl mehr geben, aber der, den
ich meine, hat keinen Bruder.

Seb. Ich bin sein Freund -- sein adoptirter Bruder -- er ist von Wallingau.

Lolly. (mit losbrechendem Entzcken) O so kennst du ihn? Wo ist er? wo ist
er? Wo zgert er? Geschwinde --

Seb. Er ist -- (die verwnschte Verlegenheit! Was soll ich nun sagen!)
vermuthlich -- war er nicht da?

Lolly. Leider! Leider! Er versprach es mir gestern! Hei und bange ward er
erwartet -- aber (sie ward feuerroth)

Seb. (blickte traurig auf den Boden und dachte) Unselige Uebereilung!
Salassin! Das Mdchen liebt dich! Was unternahmst du! Wie helf ich mir aus
dem Graben! (luft zu Lolly) Er war des Morgens schon nimmer zu Hause --

Lolly. (starrt ihn an) Und kam doch nicht hieher noch?

Seb. Vielleicht hat er den Kaiser mitgeleitet -- und versptete sich --

Lolly. Aber es ist hoher Mittag schon --

Seb. Wahrhaftig -- er sagt mir diesmal kein Wrtchen, wohin er gehen wolle
--

Nun kam Bengler dazu, Sebald grte ihn und verbarg seine Verlegenheit --
Lolly schlpfte auf die Seite in unaussprechlicher Wallung, sie wute
nicht, was das werden sollte, und verlie die Beiden, um dem gepreten
Herzen durch lindernde Thrnen im Nebenzimmer Luft zu machen.

Bengler und Sebald saen auf einer Ottomanne.

Bengl. Das ist mir lieb -- dich, Salassins Freund kennen zu lernen. Welly
hat mir viel von dir erzhlt. -- Was macht Salassin? Warum kommt er nicht
hieher? Was ist vorgefallen!

Seb. (fate Benglers Hand voll Treuherzigkeit) Nimm es nicht bel -- ich
bin in einer schrecklichen Unruh -- Deine Tochter liebt Salassin!

Bengl. Das ist mir nicht unbekannt -- ich merkt es mit herzlicher Freude --
wenn wir Vter gesellschaftlich beisammen waren, scherzten wir oft vergngt
ber das Band, das unsre Kinder einmal verbinden kann -- Ihre Seelen sind
lngst verlobt!

Seb. Das wei ich als Salassins einziger Freund, und es ist mir darum recht
sehr lieb, da ich mit dir reden kann -- deine Tochter verdient Schonung --

Bengl. Was heit das? Erklre -- du bringst Nachrichten ohne Zweifel, die
mir nicht angenehm --

Seb. Ich kann mich nicht einmal fassen, wenn ich an Salassin denke! Er ist
fort -- keine Seele wei wohin?

Bengl. (erschrocken) Wann? Gestern versprach er uns heute zu besuchen --

Seb. Er mu gestern Abends noch sich verloren haben. Als ich gegen
Mitternacht nach Hause kam, lag dieser Brief auf seinem Schreibpult -- ich
sah mit Schaudern und Beben, da er fort sey.

Bengler erbrach den Brief an ihn, den ihm Sebald berreichte, und las
befremdet:

_Lollys Vater_!

Ich liebte deine Tochter -- ich liebe sie noch. Aber ich kenne die Pflicht
des Freundes, und wei mich aufzuopfern, mit Freuden aufzuopfern. Sebald
mein Bruder hngt mit voller Liebe an ihr -- er wre verlohren, blieb ich
da --

Ein unseliger Irrthum! -- unterbrach Sebald den Leser -- Ein unglcklicher
Miverstand! Ich will dir die Sache erzhlen.

Bengler las mit Erstaunen weiter:

Auch Lolly liebt ihn, ich bin berzeugt --

Bei der Wrde des Kaisers nicht! -- rief Sebald hastig! -- Doch lies nur
weiter!

Dieses Menschenpaar, das mir unendlich theuer ist, das ich unaussprechlich
schtze, kann nie anders glcklich seyn, als durch meine Entfernung. Ich
gehe also dahin, wo ich Ruhe und Vergessenheit des Seelensturms mir holen
kann, da die Geliebten ungestrt von mir einen beneidenswerthen Himmel
ihrer Seligkeiten geniessen knnen. Denkt dann -- an den unglcklichen
Freund

   Salassin.

Benglern zitterte die Hand, mit der er den Brief hielt, er sa lange da,
ohne ein Wort zu finden, das ausdrckte, was in seinem Innern vorgieng. Was
er unternommen? Warum? Erklre --

Sebald erzhlte ihm offenherzig die ganze Sache, soviel als er selbst des
deutlichen wute. Die auerordentliche Aehnlichkeit Lollys mit einem andern
Mdchen, den Vorfall mit dem Bildni, Salassins untrglichen Irrthum,
selbst seine Geschichte mit Jilla von Wort zu Wort. -- Mir ist bange um
deine sanfte Tochter! -- fgte er endlich hinzu als er mit der Erklrung
fertig war. -- Was wird sein Vater -- was seine Mutter sagen! -- Salassin!
Was hast du gethan! -- rief Bengler mit zitternder Stimme, seine Stirne
furchte sich, die Hand fiel auf den Schoos, der Brief auf den Boden. --
Wohin hat dich deine Raschheit verleitet! Welchen Jammer machst du deinen
Eltern! Er der einzige Sohn, an dem sie mit aller Liebe unzertrennlich und
einzig hiengen -- die ihre 6jhrige Jadilla mit unbeschreiblichem Kummer
verloren und betrauern -- auch Salassin -- ihre einzige Hoffnung -- Was
werd ich den Eltern sagen! Wie werden sie jammern die Unglcklichen! O des
traurigen Festes! Wie soll ich die Mutter vorbereiten --!

Und Lolly -- lispelte Sebald!

Ach! an sie verga ich schon gar beim Gedanken des elterlichen Kummers! --
Wir sagen er sey krank!

Seb. Verwnscht -- ich habe geplaudert, Salassin wre seit der Morgenstunde
nicht zu Hause mehr gewesen!

Bengler legte bedrngt die Hand an den Kopf, und sann und wute nicht
worauf. Das geht nun freilich nicht an -- und wenn es wre, glaube mir, sie
lief in der leidenschaftlichen Theilnahme wohl gar mit dir, um des Kranken
zu pflegen. -- O des Leichtsinnigen! Wenn wir doch nur wten, wohin er
geirrt?

Nach einer tiefen Pause, in der sich beide dem bittersten Gefhl preis
gaben, sprach Bengler:

Der Kaiser zog heute in den Krieg?

Seb. Ja!

Bengler. Wenn Salassin im Heere wre?

Seb. Ich zweifle -- zwar Muth, Entschlossenheit fehlt ihm nicht --

Bengler. Es mag angehen! Wir bereden Alle -- der Kaiser habe ihn an seine
Seite verlangt, und Salassin folgen mssen.

Seb. Trstet das Lolly? Die Vorstellung der Gefahr -- des Todes --

Bengler. Hltst du meine Tochter fr so unedel, da sie der Ehre, dem Wohle
des Vaterlandes ihre eigne Zufriedenheit nicht opferte? Das geht! Sie ist
ein deutsches Mdchen -- sie wird stolz auf den Geliebten seyn! Salassins
Eltern -- auch diese werden dennoch ruhiger die Schreckenspost hren, als
wenn sie nicht einmal mten wohin Salassin gekommen sey.

Seb. Aber es ist ein Brief an sie da!

Bengler. Das brige will ich vermitteln. Den behalt mir vor, bis die Zeit
uns mehr von ihm aufhellt! -- Richtig! -- So mags wohl noch am besten
gehen! -- Htt ich doch -- fuhr Bengler etwas heitrer fort -- Htt ich doch
nie gesagt, da ich das erstemal itzt in meinem Leben, und ziemlich spt
eine leidentliche Lge erfinden knnte. Nun trsten wir vor allem Lolly,
die gewi nimmer schon wei, was sie vor Liebesangst und Erwartung thun
soll. Lolly! -- rief Bengler mit lauter Stimme, indem er an ihre
Zimmerthre trat.

Lolly trocknete eilig das nasse Gesicht, und flog auf den Vater zu. Was
willst du, mein Vater!

Bengler. Salassin!

Lolly. (zitterte bei diesem Namen) Wo ist er?

Bengler. Du liebst ihn?

Lolly. Mein Vater --

Bengl. Lieb ihn als ein deutsches Mdchen, und sey edel und stark wie
diese. Salassin ward vom Kaiser fr das Vaterland gefodert -- er ist an
seiner Seite, in den Krieg gezogen, und sagt dir sein Lebewohl!

Lolly erblate; aber vom angebornen Stolze und Edelmuth ermannt, verga sie
des Harms, der in ihr wthete, und sprach: Darum kam er also nicht? Wohl
ich bin ein deutsches Mdchen! Du bist mein, ja, Vater, Ich will seiner
harren mit Lieb und Treue, die Lorberkrnze winden fr den Sieger, der
zurckkmmt, oder -- ich habe auch Thrnen, den Edlen, wenn er frs
Vaterland fllt, stolz zu beweinen!

Sie fiel dem Vater herzlich um den Hals.

So bist du meine Tochter. Der Monarch lie ihm nicht Zeit dich noch einmal
zu sehen, dir nicht einmal schreiben zu knnen. Bleibe ruhig! Wir fahren in
einer Stunde der Heimat zu!

Der erste heftigste Schrecken war nun vorber. Die Freunde trsteten sich
allmhlig; Sebald unterrichtete seinen Onkel Tellmann von dem Beschlusse
als er zurckkam, und Bengler verlie mit Lollyn, die fr sie so traurige,
leere Residenzstadt!

Sebald hatte versprochen Salassins Bildni Lollyn zu senden. Sie
beurlaubten sich gerhrt und in kurzer Weile waren alle an ihrem Orte, zwar
nicht so ganz ruhig, vielleicht auch unruhig; doch lchelte jeder
Munterkeit, wenn das Herz auch im Innern bange pochte; sie scherzten wohl
gar ber den Helden, wenn er zurckkommen wrde, und die Wangen so hbsch
zerhauen und zerfezt mitbrchte. Ach sagte Lolly -- die Wangen sind zu nach
dem Kopfe, in dem das Leben sitzt; es wre doch Schade um ihn.




Zweites Kapitel.

Eine Hochzeit.


Ein ganzer Monden vergangen, noch hatte niemand eine Silbe von Salassin
gehrt. Vater Welly und Jadilla die bedrngte Mutter lebten in qulenden
Unruhe. Bengler hatte es ihnen auf eine gute Art beigebracht. Zwar
schmeichelte es ihrer Ehre, den Sohn an des Kaisers Seite in seinem
Angesichte kmpfend zu wissen, aber was ist Ruhm fr ein Trost dem
zrtlichen Elternherz? Ein Mondstrahl, der matt das Dunkel des finstern
Haines erhellt. Es war ihr geliebter Sohn, ihr einziger Sohn -- und den in
den frchterlichsten Gefahren zu wissen, das trbt auch den Muth der
stolzesten Seelen. Des langverlornen Kindes Jadilla Erinnerung wachte
herber wieder auf. -- Auch diesen Einzigen soll ich noch verlieren? War ich
nicht unglcklich genug meine vierjhrige Tochter nimmer zu finden. --
Dachten oft die bangen Eltern, und waren ftrer als sonst in Benglers
Gesellschaft, der ein gutmthiger, launigter Mann, sie zu erheitern und zu
trsten all seinen Witz aufbot. Viel des Trostes empfanden sie noch, wenn
mit ihnen eine gute Seele um den Fernen trauerte, wenn Lolly in voller
Begeisterung von Salassin sprach.

Welly schrieb an den Frsten Tellmann und Sebald, und lud sie ein auf das
Land zu kommen, um sich mit dem Gefhrten des Sohnes im angenehmen
Freudenkranze des trben Herzens zu entledigen.

Tellmann hatte nun einen der strksten Antheil an dem Regierungsgeschfte,
weil der Kaiser beim Heere war, und konnte die Residenz nicht verlassen,
aber Sebald entschlo sich Salassins des edlen Freundes Vater zu Liebe auf
einige Tage die Residenzstadt und -- Jilla, mit der er alle Tage enger sich
verband, zu verlassen, und auf dem Lande Welly und Jadilla einigermassen zu
erheitern. Sein Herz war schwer, wenn er an Salassin dachte, von dem noch
nicht die geringste Nachricht gehrt wurde, wiewohl es bereits 2 Monden
waren, dreie der frchterlichsten Schlachten in Lften und auf der Erde,
die Krieger zu tausenden gewrkt hatten, und schon manche verstmmelte,
verwundete Helden, die nach dem Treffen gewhnlich zurck in das
vaterlndische Lazareth geschifft wurden, bereits wieder gesund herum
giengen, und stolz darauf waren, einen Arm oder Fu zur Rettung des
Vaterlandes aufgeopfert zu haben.

In den Zeitungen forschte jeder von Salassins Freunden, die ihn im Heere
glaubten, was freilich wahr gewesen, fr das es aber Tellmann Sebald und
Bengler, die diese Lge und doch Wahrheit ausgesprengt hatten, leider nicht
hielt. In jedem Zeitungsblatte so erschien, zhlten sie begierig die
angezeigten Krieger, die sich hervorthaten oder verwundet wurden, oder
fielen. Salassin stand nie unter einer Rubrike davon.

Sebald traf in Wallingau ein, eine zahlreiche Gesellschaft war bereits
versammelt. Man spazierte eben durch das Wallingauer Dorf, indem alles Jung
und Alt, Mann, Weib und Kinder und Greise in einer lebhaften Bewegung war.

Sebald wurde von allen mit inniger Freude bewillkommt. Er war ja Salassins
Vertrauter, und als dieser allein schon recht freudig gesehen, von Vater
Welly, von Jadilla, und besonders von -- Lolly. Wenn der Geliebte fern ist,
wie ist da der Freund desselben nicht geschtzt. Ein duzend Zungen htte
Sebald noch haben sollen, und noch einmal soviel Ohren (nur etwa keine
Zungen unsrer Zeitungsschreiber) wenn er alle Fragen auf einmal htte hren
und beantworten sollen.

Lolly schlo sich an Sebalds Arm, und giengen in dem Kranze der Andern der
Dorfkirche zu, wo die Gemeinde geschmckt und frohlockend versammelt war.
Es wurde ein Vermhlungsfest gefeiert. Die groe majesttische Kirche
umrundet mit hohen Linden, ganz gebaut die Seele des Betenden zur
Ehrfurcht, Gre und Erhabenheit des ewigen Allvaters zu erheben, ragte
mitten im Dorfe hervor. Ein prunkloser Altar aus Marmor mit einem Bildni
Gottes stand da, vor dem ein junger Mann ohne dem linken Arme, mit frischen
Narben in dem Gesichte an der Seite eines sehr schnen Dorfmdchens kniete,
das Krnze vom Rosmarin im braunen Lockenhaar verflochten trug. Die Vter
der Beiden standen hinter dem Brutigam, die Mtter hinter der Braut, und
die Anverwandten und Freunde schlossen sich an die Vorigen.

Der Priester sprach eben das Amen! und die Anwesenden beteten laut fr das
neue Ehepaar, das nach einem kurzen Gottesdienst, dem Zug voraus unter
Begleitung einer lieblichen Musik der Wohnung der Braut zugieng.

Wellys Gesellschaft mischte sich unter die frohen Hochzeitsfeirer.

Das hbsche Mdchen nimmt den hlichen Krippel zum Manne? -- sprach Sebald
zu Lolly, als sie aus der Kirche getreten waren.

Hlich? -- warf Lolly ein.

Seb. Er ist ja im Gesicht zerfezt, und ohne der einen Hand! Und ein Mdchen
--

Lolly. So? ein braves Mdchen taxirt also den Mann nach Gesicht und Hnden?
Ey, du mut verzweifelt wenig von uns Mdchen halten! Die Braut ist grade
ein doppelt schtzbares Geschpf, weil sie den nimmt!

Seb. Vermuthlich wre sie sonst --

Lolly. Vielleicht gar mannlos geblieben? O beileibe nicht. Der Brutigam
war ein bildschner wackerer Jngling. Vor 14 Tagen kam er aus dem Kriege
so verunstaltet wie du ihn itzo siehst. Das Paar wollte eben sein
Vermhlungsfest feiern, als das Aufgebot wider die unvershnlichen Feinde
des Landes in dem Dorfe hier vorgetragen wurde. Er war der erste
Freiwillige, der sich von seiner Geliebten trennte, und in die Schlacht
zog. Der Freier wohl zwanzig warben um das Mdchen, als in der Zeitung
stand, Mienchens Erwhlter sey gefhrlich verwundet; aber Mienchen wankte
nicht. -- Wenn ich Philipen nicht wiedersehe, sagte sie, so mag ich keinen
mehr zum Manne, und wi alle Andere ab. Aus der Nachbarschaft hielt auch
ein recht hbscher guter und gar reicher Jngling noch um sie an, den
Mienchen nicht so ungern sonst hatte; aber ihr Philip war zu sehr ins Herz
gewurzelt, und als er endlich ohne Hand und kaum kennbar im Gesichte nach
Hause kam, da hpfte Mienchen vor Freuden und das heutige Fest ward
sogleich verabredet.

Seb. Das ist brav von dem Mdchen! Ihr gleichen -- denk ich -- aber doch
nur wenige, die so einem Brutigam treu blieben.

Lolly. Ey, du kennst die Mdchen doch in der That wenig. Welches wre wohl
in dem Falle nicht so? Darauf sind sie mit Recht stolz einen unglcklichen
Kriegshelden durch ihr liebendes Herz lohnen zu knnen.

Seb. Wenn nun Salassin ohne Hand und mit solch einem Gesichte zurckkme,
reizende Lolly?

Lolly sah Sebalden mit einem abweisenden Blick an. Nun? Sollt ich ihn dann
nicht noch lieber lieben? O ich wnschte nur -- er wre schon lieber da.
Ohne Hnd und Fsse, nur mit Kopf und Herz, ach! und du solltest sehen, wie
beraus glckselig wir zum Altare trten!

Wahrhaftig unter den Mdchen des 18ten Jahrhunderts wre wohl so ein
Geschichtchen in allen Zeitungen und von allen Romanzendichtern besungen.

Der festliche Zug war inzwischen in das Haus der Braut gekommen, in einer
groen reinlichen Stube standen die Gste herum um das Brautpaar, das die
Eltern noch einmal segneten. Der Brutigam kniete nieder, sein Vater ein
ehrwrdiger Greis, legte seine zitternde Hand auf des Sohnes Schultern --
alle sahen muschenstill der feierlichen Szene zu.

Dem Greise bebten die Lippen, eine Thrne hieng ihm an der Augenwimper,
indem er sprach: Mein Sohn! Sey -- ein guter Vater! -- ihm erstarben die
Worte, er fiel dem tiefbewegten Sohn um den Hals, indem er mit Mhe
stammelte: ach mein Sohn --!

Gerhrt wnschten nun die Gste dem neuen Ehepaar Heil und Segen zu dem
neuen Stande, manch weichherziges Mdchen hatte ber den schnen Auftritt
auch ihr Thrnchen vergossen, und -- wenn ich recht gesehn habe -- den
leisen Wunsch verrathen: Segnete mich doch auch mein Vater nur auch schon!
--

Nun ertnte die Musik, bald drauf wurde das Gastmahl begonnen, und unter
dem reinsten Vergngen genossen. Als die letzte der Schsseln aufgetragen
ward, grief die Braut rasch in ihre Schrze, und warf dem uralten Brauch
gem eine Handvoll Rosinen auf den Brautfhrer, der Brutigam auf das
Kranzmdchen, ihnen nach regnete es nun von allen Seiten Rosinen und
Zuckerkrner, und in wenigen Minuten lag der Tisch mit den sssen Sachen
bedeckt. Die frhliche Freude gieng in leichten Muthwillen ber, und
allgemein berlie man sich dem lachenden Jubel.

Das frohe Getse rauschte eben am strksten, als der launigte Kster mit
einem Pack Papier unterm Arm in die Stube trat, und mit unzhligen tiefen
Verbeugungen gegen das Brautpaar und die Gste figurirte. Alle drehten sich
nach dem komischen Mann, der bei allen Hochzeiten und Festen als
Lustigmacher seine Sporteln hatte, wofr er die hochachtbaren Gnner mit
launigten Spschen, lcherlichen Schwnken und lustigen Liedern unterhielt,
die er aus alten uralten Folianten sog.

Er wandte sich vor allen an die neuen Ehleute, und begann seine Gratulazion
also:

   Sintemal und alldieweilen
   Thut Eur Hochzeitsfest aneilen
   Ich also von Herzen schn
   Thue gratuliren gehn.

Das war der Eingang, und der gute Kster mit dem Hut unterm Arm, die andre
Hand in der aufgeknpften Weste rusperte sich und sammelte Athem zum
fernern Vortrag. Alle sahen mit stillem Lachen auf den spassigen
Rhapsodensnger unverwandten Blickes.

Der Herr Gratulant verzog den Mund und fuhr fort.

   Weilen Gott die Welt zu mehren --

Lolly kicherte laut auf und bedeckte ihr glhend Gesicht mit der Hand, ihr
nach platzten mehrere mit lautem Gelchter los, der ganze Ring endlich
lachte mit, und der frappirte Kster blieb in seiner Gratulation
unangenehmerweise stecken: Seine Kupfernase rthete sich vor Verlegenheit
mit Karfunkelglanz, er stotterte und rttelte sich zitternd, um das brige
seiner eigendsverfaten Prekation noch hinauszubeuteln. Glcklicherweise
kam ihm das Brautpaar mit der Danksagung zuvor und der Kster schpfte
freien Athem, und beruhigte sich, da man zu stark gelacht und ihn
unerwarteterweise nicht habe aussprechen lassen. Nun erklangen seine
poetischen Gesundheiten, Lieder, Schwnke, auf welche die Musikanten ihre
Antworten gaben.

Endlich packte er seinen Kram Papier aus -- Pst! Pst! Zeitungen sinds,
neue, die neuesten, das heutige Blatt unaufhaltsamerweise aus der Stadt
geschickt, und Briefe von meinen hochgelehrten Korrespondenten!

Er kramte die Zeitungen ordentlicherweise auf den Tisch hin, griff nach
seiner Brille, und las mit meckernder Stimme:

Vermge eingelaufenen --

Nein! das ist das Alte schon -- ich habe mich vergriffen! -- rief er und
whlte unter dem Pack, suchte wohl zehn der Bltter hervor, und legte sie
zehnmal wieder hin, mit dem Worte: Das Alte! das ist das Alte? Das heutige
vom 9ten. Endlich fand ers und las: Alle waren ein Ohr fr den
Neuigkeitsbringer unmageblicherweise:

Der Deutschen ruhmvoller Kaiser hat mit seinem tapfern Kriegsheere eine
gnzliche Niederlage dem Feinde beigebracht.

Es lebe der Kaiser, und unsre Krieger! -- scholls pltzlich und die Becher
wurden unter Musik geleert.

Und Salassin -- dachte Lolly, indem sie aufmerksam auf den Kster kein Aug
verwandte, und wnschte von Salassin eine frhliche Nachricht zu vernehmen.

Der Kaiser und unsre Krieger! -- rief der Kster, und feuchtete seine
trockene Kehle an. Er las weiter:

Um die dritte Stunde des Tages noch im schwarzen Dunkel der Nacht griff
der Feind den linken und rechten Flgel der k. deutschen Armee an, indem er
zugleich mit einem Luftgeschwader auf das Centrum sank, wo der Kaiser
selbst mit den tapfersten wachte. Mit ungestmmen Feuer drangen die Feinde
auf uns vor, und ohne einer pltzlichen Hilfe wre der Monarch und das Heer
verloren gewesen.

Der Kster blies sich Khlung, und schpfte Kraft aus dem Glase zum
Weiterlesen: alle Gste schwiegen ernsthaft als wre nie ein frohes Gefhl
unter ihnen gewesen. Die Aufmerksamkeit ward gespannter, alle Blicke
hiengen fest an dem Kster.

Der rechte Flgel stand allein noch unverrckt. Der Anfhrer sank von
einer Kanonenkugel zerschmettert vom Pferde, und auch hier schon begann die
Verwirrung einzureien, die am Linken und auch sogar im Centrum schon
ziemlich verderblich ward. Aber nun bekam pltzlich die Sache eine andre
Gestalt. An der Seite des Anfhrers beim rechten Flgel kmpfte ein Held,
ein junger Mann der nach dem Fall seines Generalen, wie ein Blitz alle
Krieger entflammte, mit unbeschreiblicher Entschlossenheit und Muth seinen
Mitsoldaten zudonnerte: Mir nach! Und in kurzer Zeit wichen die Feinde von
dieser Seite, geschlagen und zerstreut, da von 10000 Feinden wenigstens
zwei Drittheile Leichen waren.

Es lebe der junge Held! -- ertnten die Jubelstimmen Aller, und schwiegen
sogleich wieder, begierigst den Ausgang zu vernehmen.

Der Kaiser ist in Gefahr! Das Centrum gerth in Unordnung! Ein
abgeschickter Adjutant brachte dem rechten Flgel sogleich die Nachricht.
Itzt wand sich der junge Held mit seinen Truppen, und kam dem Feind, der
immer tiefer in das Herz der Armee drang, auf den Rcken. Das feindliche
Luftgeschwader sank frchterlich herab, denn itzt erhob sich ein ziemlicher
Regen, und brachte seine eigenen auf der Erde vordringenden Leute in
Verwirrung. Der junge Held bentzte diesen Vortheil, und der Feind war
gnzlich auch in Centrum aufgerieben. Nur der linke Flgel des kaiserlichen
Heeres kmpfte noch zweifelhaft, bis die Normnner benachrichtigt von der
Niederlage ihrer Leute eiligst flohen, und den Deutschen das Schlachtfeld
rumten. Im Centrum waren die Feinde bereits an das Zelt des Monarchen
selbst vorgerckt, der Kaiser schon umrungen als der obenbenannte Held
glcklich zur hchsten Zeit erschien, und als er die frchterliche Gefahr
des Landesvaters bemerkte, wie ein Rasender focht. Schon bauten die
feindlichen Waffen blutige Wlle von Menschen um den Monarchen, als der
tapfere Unteranfhrer des rechten Flgels den Monarchen der Gefahr entri,
und einen vollkommenen Sieg erstritt. Ein Schwarm Normnner als sich schon
alles fr uns entschieden hatte, fiel unvermuthet auf der unbesetzten Seite
auf den Kaiser, der neue Held gewahrte dies, und machte sie zu Gefangenen,
indem er aber eben einen feindlichen Reiter vom Rosse hieb, sank er selbst
von Wunden erschpft vom Pferde.

Die ganze Gesellschaft betrauerte den Tapfern. Doch nicht todt? -- rief
Bengler.

Der Kster hatte sich schnell an einem Zuge aus dem Glase gestrkt, und
sprach: Hier ist noch ein Nachtrag erfreulicherweise! -- Es ward wieder
todtenstill.

Die Feinde verloren 18000 Todte, und gegen 8000 Gefangene: unser Verlust
an Todten betrgt gegen 11000 an Gefangenen vielleicht keine 500. Der
umstndlichere Bericht nebst der Anzeige der Namen von Gefallenen, wird
noch nachgetragen. -- -- Eben luft die Nachricht ein, da der
vortreffliche Held nur vom vielen entronnenen Blute erschpft vom Pferde
gesunken sey, und allmhlig sich erhohlt habe. Er ist der Sohn des Edlen
--

Der Kster lt vor Entzcken die Zeitung fallen, und wirft seinen Hut in
die Hhe. Ueber den Ausbruch seines komischen Jubels drngt sich alles von
seinen Sitzen und zerrt sich um die Zeitungsbltter.

Es lebe unser Graf! Der Held ist Salassin sein Sohn! schrie der Kster, und
lief wie unsinnig in der Stube herum. Die Musik erklang strker, das
Gewimmel der Gste reger, das Getse lrmender. Wellyn sank seine Gattin
Jadilla in den Arm, Welly selbst war fassungslos, Lolly schlug vor
Entzcken den Sessel um, und fiel Sebalden um den Hals, Bengler stand vor
Erstaunen und Freude wie eine Bildsule. Sebald verga da es Lolly sey die
ihm am Halse hnge, und kte brnstig das unbefangene Mdchen. Lauter
Jubel hallte und schallte, alle Gesichter glnzten vor sprechendem
Entzcken. Der Kster dachte nicht einmal, wie er nun zu der Ehre und
Freude seinem theuersten Grafen recht poetisch gratuliren werde.




Drittes Kapitel.

Eine Entdeckung.


Das Hochzeitsmahl war vorber unter abwechselnden Ergtzungen: nun schlo
das Fest ein lndlicher Tanz, und die wonnetaumelnden Freunde Wellys
giengen erst spt zur Ruh. Konnte einst Mutter Jadilla nicht schlafen vor
Kummer, als sie ihren trauten Salassin von Gefahren umlagert wute, so
konnte sie nun noch weniger schlummern vor Jubel.

Aber ist denn das schon so ganz gewi, wahr und richtig was in der Zeitung
stand? Wie mchte die laute Freude der Guten in krnkenden Kummer
bergehen, wenn die Zeitung gelogen htte? Den Blttern des drei und
zwanzigsten Sekulums kann man ohne allem Zweifel Glauben beimessen. Eine so
verchtliche Person fast in unserm jetzigen Jahrhundert ein
Zeitungsschreiber geworden ist, durch seine Erfindungen von unverschmten
Lgen und Partheilichkeit, eine so geachtete und verehrte ist die eines
solchen im 23ten. Man kann sich auf die Worte desselben verlassen, da
Wahrheit darinn liege, dem man beweisen konnte, er habe eine falsche oder
partheyische Nachricht eingerckt, der mute fr jedes Wort, das er darber
schrieb, einen Dukaten in die Armenkasse geben. Du lieber Himmel! Wenn man
mit den jetzigen Zeitungsschreibern so verfhre, und sie statt Dukaten nur
Heller zahlen sollten, ich glaube, die Armen mten bald reich werden.

Die Nachricht, die ssse herzerquickende Nachricht von Salassins Ruhm war
also zuverlssig wahr. Lolly trumte schon, wie sie den wackern Helden
empfangen wrde, auf welche Art er bewillkommt werden msse, welch ein
herrlicher Augenblick es seyn werde, wenn Salassin der bekrnzte Sieger
voll des beneidenswrdigsten Ruhms belohnt vom Vaterland wieder in ihre
Arme kehren wird.

Sebald! -- sprach Bengler vertraulich am andern Tage. Wer htte glauben
sollen, da unsre Lge die wahrste Wahrheit sey? Bin ich doch wirklich zum
erstenmale in meinem Leben ein so guter Lgner gewesen, da ich fast
Gefallen daran fnde. Nur Schade, da es selten so gut ausfllt! Sieh mir
nur einmal den seltnen Fall an! Hat der Kukuk den Feuermann doch in den
Krieg getrieben! Nun, Nun! weil es nur so gut noch ablief.

Ich will -- setzte Sebald hinzu -- Salassin die ganze Sache mit wenigen
Worten schreiben. Gewi wei ich, er ist lngst bei seiner herrlichsten
That nicht so froh und ruhig als wir. Lolly wird er mit mir glcklich
whnen, und ich wette, wenn der Friede die Kriegsheere zurckschickt, er
macht uns den Streich und lt sich nicht sehen.

Da sollt ihn der Kaiser in die Jammerburg setzen lassen, wenn er das zu
thun im Stande wre! -- sagte Bengler.

Seb. Ja -- bertriebner Edelmuth -- Am besten also ich fahre heut nach der
Residenz Tellmann -- wie lange mag es seit dieser lezten Schlacht seyn?

Bengl. Hm! Heute zhlen wir den letzten Herbstmond -- ungefhr 14 Tage.

Seb. Dann wird uns Tellmann vielleicht neue frohe Nachrichten geben.

Bengl. Ich will Wellyn die Geschichte erzhlen. Nun kann ichs ja getrst
thun. Wir wissen einmal wo Salassin ist, und -- nun ists leicht die Sache
gut zu machen.

Sebald kam zurck in die Residenzstadt, wo ihm Tellmann mit
freudefunkelnden Augen entgegenstrzte, und rief: Salassin ist beim Heere
des Kaisers. Er hat sich tapfer gehalten! Der Monarch zieht zurck; die
Feinde trugen den Frieden an, der fr uns ganz natrlich sehr vortheilhaft
ausfllt. Salassin hat den Kaiser und das Vaterland gerettet! --

Wir haben es auf dem Lande erfahren, theurer Oheim! sprach Sebald freudig,
und erzhlte den Vorfall. Wann knnte das Heer wieder hier eintreffen?

In wenigen Tagen! -- antwortete Frst Tellmann. In wenigen Tagen? Und
Salassin kommt als Sieger, als Retter des Kaisers und des Landes! Welch
eine Wonne fr uns Alle!

Nichts als billig -- versetzte Tellmann -- da er uns fr das Leid, so uns
seine bereilte Hitze verschafte, mit solch einem Jubel entschdige. Ich
habe bereits an ihn geschrieben, zweifle aber da er meinen Brief erhalten,
noch ist alles im Heere ziemlich verwirrt. Salassin war lange dem Tode nah;
aber die Aerzte, besorgt solch einem Helden dem Lande zu erhalten, haben
ihn wieder hergestellt.

Sebald wollte sich von Tellmann nach einer Weile entfernen.

Da ich nicht vergesse, lieber Sebald! -- rief der Frst, ihm pltzlich zu.
Geh sogleich zu Wolling -- er ist seit acht Tagen krank -- seine Tochter
schickte ein Briefchen an dich, worinn sie dich dahin zu kommen bittet, ihr
Vater habe wichtig mit dir zu sprechen.

Das ist Jillas Vater? mein Oheim! -- fragte Sebald hastig, und hielt die
Thre offen.

Richtig! Jilla Wolling -- so unterschrieb sie sich. Doch da ist das
Briefchen selbst. Nimm es nicht bel da ichs in deiner Abwesenheit
erbrach. -- Schlo Tellmann und gab Sebalden das Briefchen, der es mit
heftiger Unruhe las, und auf den Fittigen der Liebe zu seiner
langentbehrten Geliebten flog.

Er trat in das Haus, und Jilla bewillkommte ihn mit dem Ausbruch der
herzlichsten Freude. Kmmst du einmal zurck? -- sprach sie und sah ihn mit
einem zrtlich strafenden Blick an.

Meine Jilla -- dein Vater ist krank? Noch nicht besser? Leider nicht! --
antwortete Jilla, und fhrte ihn in des Kranken Gemach. Pst! er schlummert!
Da drfen wir ihn nicht stren! -- rief das Mdchen, als sie die Thre
halbgeffnet hatte.

Sie blieben in einem Nebenzimmer, und plauderten, ja, was plauderten sie
denn? Von dem kranken Vater? Oder --

Die Antwort kann ich nicht wrtlich geben; denn das Buch der Zukunft, in
dem ich diese Geschichte lese, meldet nichts davon. Doch sollt ich rathen;
schne Leserinnen, soll ich rathen, so kommt es wohl ziemlich auf den Punkt
-- von dem zwei Liebende sprechen, die sich nach kurzer Trennung
wiedersehen, und vielleicht gar wenn das Schicksal keinen Strich durch die
Rechnung macht, bald -- was denn? -- Was? -- Hren sie das gerne meine
Leserinnen? -- Mann und Frau werden.

So? sind sie schon nahe bekannt?

Ja freylich! du lieber Himmel, wie bald stehen zwei Liebchen nicht in enger
Verbindung? und welche kleine Spanne Zeit verfliegt zwischen bekannt
werden, und dem Entschlusse sich zu vermhlen. Ein kleiner Sprung ists, ein
-- bald htt ich gesagt ein Flohsprung nur. In unserm Jahrhunderte giebt es
fr Liebende freilich der Hindernisse zu viele. Ein Stammbaum zum Beispiel
einerseits und Tugend und Armuth anderseits ist schon ein fat
unberwindlicher Riese! Elterngroll, wenn die Kinder auch gar nichts gegen
einander haben, ist ein zweiter unbersteiglicher Stein. Ach und was giebts
der Steine und Riesen die in unserm Sekulum die Leutchen trennen, nicht
noch? Ich glaube deren so viele als es Verliebte nur immer geben kann. Aber
in dem beglckten neuen Zeitraume whlten die Mtter nicht die
Schwiegershne fr ihre Tchter, und eben so wenig die Vter ihre
Schwiegertchter den Shnen. Da mit man das ehlige Glck nicht nach
Dukaten oder Stammbumen. Die jungen Leute gefallen sich, gestehen sich
ihre drckende Herzensnoth und zeigen es den Eltern an: Vater! Ich liebe
deine Tochter, sie erwiedert meine Liebe, gieb sie mir zum Weibe, wir
wollen arbeiten und dem Ruf der Natur folgen! So hlt der Jngling an, und
die Eltern bestttigen freudig die Wahl, wenn sie vernnftig vorsehen, da
ihre Kinder glcklich seyn knnen. Eine Familie machen dann alle aus, und
Groll und Hader, wenn ja zuweilen so ein Distelchen unter Blumen blht, ist
vergeben und vergessen.

Die Mdchen selber halten es fr Ehre, um ihre Geliebten zu frein, und
solch einer entschlossenen Brutigamswerberinn wird die Bitte schon gar
nicht abgeschlagen. Daher treffen sich manchmal drolligte Spschen. Mancher
recht hbsche junge Mann, wenn er mehrern den Hof machte, hat die Freude,
da sich zuweilen ein halb Duzend Mdchen um ihn bewerben, wo er dann der
Erkohrenen den Apfel reicht. Oefters kmmt der Vater oder die Mutter dem
Schwiegersohne, wenn er blde oder scheu ist, selbst zuvor, und tragen ihr
Kind an. Kurz, ungezwungener, freier, zuvorkommender ist man bei diesem
Geschfte im 23ten Sekulum als im jetzigen die Frauen.

Doch -- wohin gerath ich? Geschwind, was machen unsre Liebchen im
Nebenzimmer! Plaudern sie noch immer? Nicht doch! Jilla! Jilla! -- sthnt
der kranke Wolling, und das Mdchen entreist sich windschnell Sebalds
Armen.

Ist Sebald noch nicht zurckgekommen? sprach mit schwacher Stimme der
Kranke.

Ja, Vater! Er ist schon da! Wir merkten, da du schlummertest, und wollten
dich nicht wecken von deiner bedrftigen Ruhe. Entgegnete Jilla.

Gutes Mdchen! -- Ich -- werde bald -- o vielleicht sehr bald -- fester --
schlafen; als -- da mich Menschen wrden wecken knnen! -- Fhre Sebalden
her! -- Stammelte mit einigen Lcheln der Vater, wand seine geringe Summe
von Kraft an, erhob sich vom Ruhelager, und drckte mit mattem Drucke dem
hereintretenden Sebald die Hand: Willkommen, Lieber! -- Setze dich mit
Jilla nah zu mir -- da ihr mich vernehmt -- was ich noch werde sprechen
knnen.

Sebald und Jilla rckten an das Ruhlager, und horchten mit Aufmerksamkeit.

Der Greis schpfte Athem, und streifte mit der Hand das kreidenweie Haar
in Ordnung. Er nahm Sebalden bei der Hand, und blickte mit wehmthig frohem
Blick auf ihn.

Sebald! du liebst Jilla?

Einzig und immer -- entgegnete dieser feierlich, und sein etwas ungestmmer
Hndedruck htte fast den guten Alten zum lauten Schrey bewegt.

Jilla -- du liebst Sebalden!!

Mein Vater -- stammelte das Mdchen berrascht, und schmiegte sich traulich
an ihn.

Der Vater. Ihr werdet ein glcklich Menschenpaar! Bleibt unbefangen und
gut, wie ich euch Beide kenne. Handelt edel, seyd thtig, lebet
rechtschaffen! -- Frieden und Eintracht umknpfe euch immer eng und fest --
bleibt tugendhaft und edel --, dann segnet euch der Verklrte jener bessern
Welt, der hier Jillas Vaterstelle vertrat.

Vaterstelle nur? -- fuhren Beide auf und horchten.

Der Vater. Ja -- blos Vaterstelle -- Jilla ist meine angenommene Tochter --

Nein! nein! du bist mein Vater -- du bleibest mein geliebter Vater! Geliebt
und geduldet hast du fr mich -- gesorgt und gekmmert fr mich --
vterlich. Ich kenne dich seit ich denke -- wie sollst du mein Vater nicht
seyn? -- Ergo sichs Jillas langes Herz; sie herzte zrtlicher den
lchelnden Greis.

Der Vater. Ich liebte dich als meine Tochter. Du warst mir anvertraut,
deine kindliche Unschuld fesselte mein Herz mit unzerbrechlichen Banden.
Meine grte Sorge warst du -- bist unter meinen Augen ein braves
tugendhaftes Mdchen geworden -- bist durch meine Sorgfalt fhig einen
edlen Jngling als Gattin zu beglcken, dann -- hab ich meine Pflicht
gethan.

Seb. O das hast du, edler Mann! Mann ohne gleichen redlich und bieder.
Jilla verdankt dir --

Jilla. Alles, alles Vater! Zu gering ist meine Liebe allein, dir die
kleinste deiner Mh zu vergelten.

Der Vater. Still, meine Theuren! Hrt mich an -- mir wirds schon wirrer im
Kopfe -- schwerer im Herzen -- mein Athem schwach. -- Vor siebzehn Jahren
-- starb -- mein seliges Weib -- Ich reiste -- zu ihren Anverwandten -- in
den 8ten Kreis Deutschlands, und -- war auf der Rckreise einige Stunden
hinter Ostende -- wo ein Luftschiff von Regen und Sturmwind verschlagen
herabsank. Eine alte Frau fiel als die Gondel eben auf den Boden stie,
heraus. Sie hatte sich wund geschlagen, alt war sie ohnedem -- sie bergab
mir ein kleines Mdchen -- und beschwor mich Vatersorge zu tragen -- Jilla,
das Mdchen warst du -- Aber -- auch sie war deine Mutter nicht. -- Sie
hatte dich gefunden -- in einem Walde -- und wollte dich nach England
mitnehmen. -- Sterbend bat sie mich, ihrem Sohne das Unglck zu berichten,
das sie getroffen. Jilla -- deine Kleider, die du damals trugst als ein
vierjhriges Kind, und ein goldenes Kreuzchen, ein Halsgehnge -- das in
dem Pult dort verschlossen aufbewahrt ist -- mag dir vielleicht -- einmal
-- deine Eltern erkennen -- lassen. -- Wir -- lebten hier -- einsam -- und
nur von Wenigen -- gekannt, und besucht in der -- Residenzstadt -- -- --
meldet -- meinen -- Tod -- dem -- Sohne -- dieser Dame -- dem -- Gastwirth
-- auf der Landstrasse nach England -- beilufig -- vierzig -- Stunden --
von hier -- zum Vollmond -- er heit -- Jehnsen --

Also lispelte noch der Greis, seine Stimme ward immer matter, bis sie
endlich nimmer vernehmlich war. Er warf einen frhlichen Blick auf die
Beiden, die in tiefen Trauer um ihn standen, schpfte noch einmal Athem,
und -- verschied, wie der letzte Sonnenstrahl am abendlichen Himmel noch
einmal auf dem Wipfel der Eiche glnzt, zittert und verlischt.

Jillas Schmerz ber den Verlust des Mannes, den sie als ihren Vater
verehrte, ergo sich in hufigen Thrnen: sie kte den Erlschenden, und
nezte seine Hand mit dem Opfer der nassen Augen. Sebald drckte mit tiefer
Betrbni des biedern Greises halbverschlossne Augen zu, und betrauerte
kindlich den braven Mann, der Jillan vterlich erzogen hatte. Lange, lange
konnten Beide nicht von der Leiche wegtreten, der Magnet der Dankbarkeit
zog sie unwiederstehlich dahin. Er kann nicht todt seyn, mein Vater, er
schlummert nur! rief Jilla! Aber er war es einmal, und deine Zhren gutes
Mdchen erwecken ihn nimmer.

Die Allgewalt des ersten Schmerzes verlor sich allmhlig, so wie lindernde
Thrnen dem gepresten Herzen zu Hilfe kamen, in hohe Betrbni. Man machte
Anstalten zum Begrbnisse, die Leiche ward feierlich am Begrbniplatze
verbrannt, und eine Urne mit der Asche des Seligen gefllt. Die Worte des
Sterbenden beschlo Sebald sogleich zu befolgen, und reiste mit Jilla und
seiner Mutter nach dem Dorfe, wo der angezeigte Gasthof war, in der Gegend
ohnweit von Wallingau, wo Wellys Landgut lag, und wo sie auf der Rckreise
einige Tage versumen wollten.

Sie fuhren stumm, von dem Bilde des geliebten Greises umschwebt, mit
trauerndem Herzen in dem schnellen Luftschiffe. Nur manchmal lchelte
Jadilla heiter auf Sebalden, wenn er sie mit den Worten der Liebe trstete,
und auf ihr nahes seliges Leben wi. Sebalds Mutter war in banger
Erwartung: der Name Jehnsen erregte ihr frohe Unruh.




Viertes Kapitel.

Der Gastwirth im Vollmond.


Endlich kamen sie an. Geschftig sprang aus dem Gasthofe Jehnsen. Sebald
und Jilla halfen der Mutter aus dem luftigen Wagen, und Jehnsen lief mit
einem lauten Schrey auf sie zu.

Marlon! Marlon! Mein Weib! -- rief er, und Sebalds Mutter sank ihm in die
Arme:

Mein Vater! mein Vater!? schrie Sebald, und schlo sich an den endlich
einmal gefundenen Vater. Es war eine rhrende Gruppe, werth des Meissels
eines Phidias. In sprachlosem Entzcken umarmten sich die fnf Lustern lang
getrennten Gatten, der Vater den Sohn, der Sohn den Vater, die beide sich
noch nie gesehen hatten.

O ich hatte dich sogleich erkannt meine langbetrauerte Marlon! Mit dem
ersten Blick erkannt ich dich -- denn in meiner Seele lebte noch in
Jugendfrische dein Bild. La uns den Rest unsers Leben nun freudig und
ungetrbt in stetter Vereinigung verleben. Ach, wir entbehrten uns sogar
lange. Alt sind wir geworden, seit wir uns getrennt haben, aber jung noch
und immer neu ist das Gefhl, so in mir sich regt. La uns ausruhen von den
Mhseligkeiten, die wir erlitten, seit uns ein feindlich Geschick
geschieden, aber nun mit um so ssserer Wonne auf immer vereinet hat!

So sprach der beglckte Jehnsen, als der Jubel des Herzens Worte fand. Er
drckte den gefundenen Sohn mit dem Ungestm der Zrtlichkeit an sein Herz,
mit dem ein Vater einen Sohn, den er zum erstenmal sieht, umarmen kann. --
Vergieb, vergieb, mein Sohn! -- rief Jehnsen zu ihm. Ich war dein Vater
noch nicht. Unglck genug fr mich, da ich die Wonne nicht geniessen
konnte dich unter meiner Sorge aufwachsen zu sehen. Ich beneide die Guten,
die an dir das thaten, was ich htte thun sollen eben so sehr, als ich
ihnen danke. Doch nun -- da uns meines Lebens seligste Stunde vereinte, nun
will ich dein Vater fr dich leben und handeln.

Im Ergu seines Entzckens hatte er Jillan gar noch nicht einmal begrst.
Sie stand mchtig gerhrt an Sebalds Seite.

Lieb Mdchen, du nimmst mir, dem Gastwirthe es doch nicht bel, da ich
zuletzt dich bewillkomme? -- wandte sich Jehnsen an Jilla. Das sind
freilich meine Leute, aber wahrhaftig doch auch seltnere Gsten, als du,
Jilla, dich sah ich ja fat alle Jahr ein paarmal. Was macht der gute
Vater?

Die Angekommenen erwachten pltzlich durch diese Frage aus ihrem hohen
Entzcken. Jilla sah Sebalden mit einer halbentquollenen Thrne im Auge an,
Sebald trb auf Jilla. Was deutet eure stumme Verlegenheit meine Lieben! --
fragte Jehnsen. Redet, redet -- Jilla du verbirgst dein Gesicht? Sebald--
du kennst ihn ja wie kmst du sonst mit Jilla zusammen -- redet --

Er ist nicht mehr! -- rief Sebald -- Vor acht Tagen starb der edle Greis,
auf dem Todtenlager und entdeckte, Jilla sey seine angenommene Tochter, die
ihm einst deine Mutter -- so sagt er -- als sie das Unglck hatte nahe bei
Ostende zu verscheiden, bergab.

Jehn. Leider, leider erzhlte mirs der wackre Mann, mit dem ich vor 6
Jahren durch eben diese Post bekannt wurde. Ich hatte meine liebe Mutter
kaum einen halben Tag hier bewirthet, hatte sie -- seit wir, meine Marlon,
England verliessen, nicht gesehen, war so von Herzen froh, da sich mein
trbes Schicksal einmal erhellen wrde -- aber es ward noch trber. Der
edle Greis starb also? Er war ein Deutscher, das tzet seiner Urne ein.

Und mein unvergleichlicher Vater -- stotterte Jilla, und schlug die Augen
zur Erde.

Das war er -- fgte Jehnsen bei -- Dich unbekanntes Mdchen nahm er in
seine Obsorge, und wie ich oft gesehen habe, als ich ihn besuchte, konntest
du Jilla in keine bessere Hand gerathen. Doch -- Fried und Ruh dem
Verdienten! -- Itzt kommt -- wir feiern unser Fest des Wiedersehens! Kommt
in meine Behausung! Marlon! Mein Sohn! In welch unaussprechlich Entzcken
setzte mich euer Wiedersehen!

Sie giengen in den Gasthof, alle des lautesten Jubels voll, und erzhlten
sich wechselseitig ihre Schicksale. Wie sprang Jehnsen froh vom Sitze auf,
als Sebald in seiner Geschichte auf Jilla kam, und er erfuhr, Jilla sey
Sebalds Verlobte! Er umarmte das schne Mdchen, dem der Karmin der Wangen
in hheres Roth stieg. Brav mein Sohn! -- rief Jehnsen! Dir wird ein edles
Mdchen zur Gattin! Ha wie will ich mich vergngen an deinem
Hochzeitsfeste! Wie will ich trotz dem feurigern Brutigam mit meiner Braut
Marlon die Reigen durchschweben! Das soll mir ein Fest werden! Marlon --
nicht wahr meine Liebe, wir -- lassen uns doch aufs neue vom Bande des
Priesters umweben, wenn auch andere Ketten uns lngstens fest verkettet
haben.

Marlon, Sebalds vergngenstumme Mutter, nickte ihr frohes Ja! und in
reinsten Vergngungen flohen die wenigen Tage dahin, wie Sekunden, die
Sebald bei dem Gastwirth zum Vollmond vermge des Auftrags des alten
Wolling zu verweilen dachte. Zwar meint er nur wenige Stunden wren
hinlnglich, dem noch damals unbekannten Gastwirthe die traurige
Todesnachricht zu bringen, um sogleich von da nach Wallingau zu Salassins
Eltern zu fahren; aber die unvermuthete Entdeckung seines Vaters machten
aus acht Stunden, acht Tage frohe, selige Tage, von denen der letzte schon
erschien, ohne da sie begreifen konnten, wie die sieben andern so schnell
vertrumet wren.

Endlich brachen sie auf. Selbst Jehnsen bergab seine Geschfte der Obsorge
seines treuesten Dieners, und sie kamen bald in Wallingau an, wo eine
zahlreiche Gesellschaft versammelt war.




Fnftes Kapitel.

Jillas Eltern.


Jilla trug das goldne Kreuzchen am Halse, sie hatte sich einfach gekleidet,
aber um so reizender war sie. Ein kleiner Zug der Trauer ber des Vaters
unvergelichen Tod im blhenden Gesichte, das sanfte Lcheln, das
Heiterkeit lchelte, wenn man sie noch zu trsten bedrftig fand, ihre
Grazie -- alle Herzen wurden ihr sympathetisch angezogen.

Als sie vor dem Schlosse Wellys, in Wallingau aus dem Schiffe stiegen,
erkannte der Graf Sebalden sogleich, und bewillkommte ihn mit offnen Armen.
Die ganze Gesellschaft (worunter natrlich auch Bengler und Lolly war) die
sich eingefunden hatte, um Wellyn und Jadillen zu dem Ruhme ihres Sohnes,
der wie ein Lauffeuer sogleich im ganzen deutschen Lande verbreitet war,
ihre theilnehmende Freude zu bezeigen, folgte dem Grafen hinab in den
Schloplatz, und begrsten die neuen Gste.

Bengler war eben aus dem Garten gekommen, und mischte sich schnell unter
das Gedrnge. Er erblickte seine Tochter Lolly aus dem Luftschiff steigend,
und fragte hastig: Blitzmdchen, wie kommst du aus dem Schiffe? -- Aber
Jilla lachte etwas laut -- ber Benglers Ausruf, der sie fr seine Lolly
hielt, und sich vor die Stirne schlagend lchelnd rief: Ey der tausend!
Hab ich doch selbst meine Tochter verkannt, was denn also Salassin, wenn er
dich Sebalden in der dunkeln Laube mit dem Mdchen da erblickte! Nun
verzeih ich ihm den Irrthum schon gar! -- Man lachte ber Benglern und
jeglicher schwur, als Jilla und Lolly beisammen standen, nie habe die Natur
zwei hnlichere Blumen gezeugt.

Die Gesellschaft unterhielt sich lange mit der seltnen Erscheinung: es
wurde geschckert, erzhlt und -- kurz die Gesellschaft unterhielt sich so
gut, als sich ein solcher Kranz froher Menschen unterhalten kann.

Von der Gesellschaft hinweg stahl sich Jilla mit Sebalden, und wandelten
lieber im freieren Parke. Der Herbst schmickte bereits das Laub der Bume
mit bunten Farben: in leichten Regen rieselten von fruchtbeladenen Aepfeln
u. Birnbumen die Bltter; die Grashalme rauschten welk und falb im khlern
Wind, des Gartens Schmuck starb allmhlig, und die Schasmin und
Fliederlauben verbargen, des Laubes beraubt, die Liebenden die darin kosen
wollten, kaum mehr.

Es war einer der heitersten Herbsttage, die Sonne schien alle ihre Kraft
und Wrme noch einmal auf die Erde zu strahlen, und die Schatten der
Kastanienalleen waren heute so lockend, als im schwlen Sommer. Zu dem
liebenden Paar gesellte sich bald darauf Wellys Gattin Jadilla mit Lolly,
sie spazierten unter mancherley Gesprchen in den ziemlich verdeten
Gartengngen, und blieben bei einer Kaskade stehen, die des Baches Wehr,
der den Park umrieselte, machte. Die Aussicht war hier freier, man konnte
weit durch ein Wiesenthal schauen, das eben dieser buschumrnderte Bach mit
schlngelnden Krmmungen zertheilte. Das Thal schlo sich an einen Hgel,
der dem Dorfe zu ein Kastanienwldchen und auf der andern Seite Birken und
Kiefernschlge zeigte, die hhere Fichten und Tannen umgaben, und ber
welche hie und da eine falblichte Eiche ragte. Es war eben dieses Wldchen,
meine Leser, in dem sich einst Jadillchen verloren hatte.

Die jungen Leutchen blickten mit Vergngen in die schne Gegend; Jadilla
hingegen sah mit merklicher Betrbni dahin. Sie wand fters ihre Augen von
dem Wldchen auf die Kaskade, und da die Andern etwas lange verweilten, und
die liebliche Aussicht zu loben nicht satt wurden, stiegen Mutter Jadillen
Thrnen in die Augen, und eine leichte Blsse bergo ihr Gesicht.

Was fehlt dir verehrte Jadilla! -- sprach Lolly sobald sie das bemerkt
hatte; die Grfin fate sich schnell und entgegnete: Nichts, meine Theure!
Es war eine trbe Erinnerung, die mir jenes Kastanienwldchen erregte.

Das Wldchen dort am Hgel? Eine trbe Erinnerung? fragte Sebald und Jilla
wechselseitig. Wie so?

Es sind fnfzehn Jahre vorber, seit ich mit meinem Gatten einmal an einem
heitern Frhlingstage dahin lustwandelte. Unsre beiden Kinder, Salassin,
den du Sebald wohl kennest, und meine vierjhrige Tochter Jadilla hpften
an unsrer Seite, und verfolgten Blumen und Schmetterlinge. Die kleine
Jadilla verlor sich unvermuthet aus unsern Augen, und verlief sich im
Walde. Ach! wir haben sie seitdem mit unsterblicher Trauer beweint, und so
oft ich diese Gegend sehe, macht mich immer die Erinnerung bewegt.

Und hrtest du seit dem keine Silbe von dem verlornen Kinde? -- fragte
Sebald aufmerksam weiter.

Die Grfin. All unser Forschen war vergebens. Die ganze brave Nachbarschaft
half uns suchen, aber -- vergebens. Wir fanden nicht die geringste Spuren
von Jadillen, und es war uns auch alle Hoffnung benommen, sie einst wieder
zu sehen; wir beweinen sie als todt.

Sebald starrte sinnig Jilla an, hielt alles was er vor dem Mdchen erfahren
zusammen, und ward immer aufmerksamer je mehr er forschte. Wenn Jilla
Jadilla wre? dachte er, und eine nicht unwahrscheinliche Mglichkeit
schien es ihm, seine Freude mahlte sie ihm stets ausdrucksvoller im
Gesichte, seine Vermuthung ward immer gegrndeter, jemehr er Jillas
Begebenheiten vergliech, bis ihn endlich die Hoffnung zur Frage trieb:

Kannst du theure Grfin, kannst du dich nimmer der Kleidung deines
verlornen Tchterleins erinnern? Hatte es nichts von irgend einem Schmucke?

Jadilla entgegnete mit gespannter Aufmerksamkeit: Was bringt dich auf diese
Frage: Hast du Vermuthung etwa gar? Nicht mglich, Salassin ist mit dir
gleich an Jahren, und der war damals sechs Frhlinge alt.

Seb. Ich bitte dich -- nur eine geringe Beschreibung der Kleiderstcke --
vielleicht --

Die Grfin. O tusche mich mit keiner so lieblichen Vermuthung, ach! --
meine geheilte Wunde wrde nur um so heftiger wieder bluten! Sie trug ein
himmelblautafftnes Oberrckchen mit rosenrothen Schleifen und ein goldnes
Kreuzchen als Halsgehnge.

Seb. (mit kaum zurckhaltender Freude) und hie Jilla?

Die Grfin. Jadilla -- sie selbst lallte ihren Namen nicht anders als Jilla
-- Sebald was hast du vor? -- du zitterst --

Seb. Vor Freude (Er fhrt Jilla zur Grfin, und zeigte auf das goldne
Kreuzchen) Kennst du --

Die Grfin erschrak, da sie halbohnmchtig wankte -- das ist Jadillas --

So ist dies Mdchen deine Tochter -- Jilla! deine Mutter! O der seligen
Ueberraschung! -- rief der wonnetaumelnde Sebald, und die Grfin drckte
sprachlos ihre wiedergefundene Tochter, ihre langbeweinte Jadilla an ihr
hochschlagendes Herz. Jilla wute nicht wie ihr geschah, noch weniger ihre
Mutter. Sebald und Lolly weideten Aug und Herz an der schnen Scene, lange
dauerte es eh sich das Entzcken in Worte ergo.

Wie ist das mglich gewesen? -- erholte sich endlich die Mutter Jadilla,
und hieng noch in Jillas Armen, Sebald erklrte das, so viel er von dem
sterbenden Wolling vernommen, vermuthet und errathen hatte, und was unsre
Leser bereits aus dem Kapitel des ersten und dem Kapitel des dritten
Abschnittes wissen. So zielten dahin meine sssen Ahndungen, dies
unwillkhrliche Wohlgefallen, diese entlockte Zuneigung das unverwendbare
Aug, als ich dich unbekanntes Mdchen zum erstenmal sah? -- sprach die
Grfin, und seit fnfzehn Jahren rthete zum erstenmal wieder ihre Wange
vom Hochroth der lngstentbehrten Wonne. So hab ich doch nicht meine leise
Hoffnung umsonst genhrt -- o meine Jilla -- meine Tochter! -- fuhr sie
fort, und ergab sich dem lautesten Ausbruch der Freude.

Inzwischen war Lolly zur Gesellschaft gesprungen, und sprach schckernd zu
Welly dem Grafen, als sie ihn auf die Seite gewinkt hatte: Wie lohnst du
mich Welly, wenn ich dir eine recht frhliche Nachricht gebe?

Kann Lolly so eigenntzig seyn? entgegnete Welly lchelnd.

Lolly. Ja -- ohne Botenlohn thu ichs einmal nicht, und denke nur -- denke
-- du wirst vor Freude nicht wissen was du beginnen sollst!

Welly. Das mu ja gar eine erschrecklich frhliche Nachricht seyn!

Lolly. Je nu -- scherze nicht! scherze nicht! Wer wei ob du vor Freude
nicht zitterst, da dir der Weinbecher aus der Hand fllt! Denke nur --
denke!

Welly. Ey, so sprich doch, Schckerinn! Spanne meine Neugierde nicht lnger
--

Lolly. Erst der Lohn -- der Lohn --

Welly. Nun so fodre! Mein Bestes, mein allerliebstes Gut --

Lolly. Auf dein Ehrenwort?

Welly. Je nu -- was will ich denn gegen dich machen? Nun also -- ist
vielleicht -- Salassin da? oder zieht wenigstens aus dem Kriege zurck?

Lolly. O gehe doch! Das ist ein Mondstrahl gegen die Sonne selbst! Etwas
viel, viel angenehmeres!

Welly. Schckerinn, du bertreibst -- Ich habe sonst keine Hoffnung zu
einer frohern Nachricht! So sprich doch einmal -- klre auf -- dein Lohn --
je -- was hltst du denn fr mein bestes Gut?

Lolly. Dich selbst!

Welly. (lachend) Du wirst mich doch nicht fodern wollen?

Lolly. Also den grten Theil deines Ichs!

Welly. Und der wre? --

Lolly. Salassin!

Welly. Hier ist meine Hand! Ein Wort ein Mann, Lolly! Wie klug deine Sache
du verstehest! Mdchen, du wrst ein trefflicher Advokat! Doch -- die
Nachricht?

Lolly. Komm, komm geschwind in den Park --

Welly. Die frhliche Nachricht erst --

Lolly. Dort hrst du sie --

Welly. Hier erst -- hier, nicht dort!

Lolly. Deine -- Jadilla ist gefunden!

Welly. (etwas empfindlich) Lolly, dein Scherz that wehe!

Lolly. Ey was Scherz -- voller Ernst -- Sebalds Verlobte ist deine Jadilla
-- doch sieh, Zauderer! da kommen die Beglckten schon!

Meine Tochter! Jadilla -- sie ist gefunden! -- strzte die Greisin auf den
erstaunten Welly zu, indem sie Jilla bei der Hand hielt, die den
freudezitternden Vater umschlang. Unter den Gsten war eine frohe Bewegung,
alle nahmen Theil, und drngten sich an die herrliche Gruppe.

Sagt ichs nicht! -- fieng endlich Lolly an -- Sagt ichs nicht Welly du
wrdest vor Freude zittern?

Aber wie htt ich mir so etwas trumen sollen? -- erwiederte Welly. Sebald
du hast unsrer Wonne die Krone aufgesetzt! Zum Dank nimm dir sie die du uns
gegeben hast! -- Er legte Jillas Hand in Sebalds, und die Beiden umrankten
sich mit ihren Armen, wie sich zwei Reben um den Ulmbaum schlingen, um den
Vater. Die Gste, alles in Wellys Schlosse war in der lebhaftesten
Bewegung; sie feierten die Fest einige Tage lang.

Nun ward alles erzhlt, was Jilla betraf. Jehnsehn erstaunte froh, in dem
Mdchen das vor 15 Jahren seine verunglckte Mutter, als sie unvermuthet in
seinem Gasthofe mit der damals erst lallenden Jilla eingekehrt war, erst
fr sein eigenes Schwesterchen ausgegeben hatte, nun in diesem Mdchen
Wellys Tochter und seines Sohnes Braut zu finden, und trug sein Schrflein
Wissen zur weitern Erluterung ihrer Geschichte bei, und es war nicht
schwer sich ganz zu berzeugen -- da Jilla die verloren gewesene Jadilla
sey.

Sobald Salassin -- mit seinem Lorberkranz zurckkommt, feiern wir ein
doppelt Hochzeitsfest -- rief Welly und Bengler.

Ein Dreifaches! -- setzte Jehnsen hinzu, und nahm seine Marlon bei der
Hand! Uns hat ebenfalls noch des Priesters Band nicht umschlungen! -- Man
fragte um Jehnsens Geschichte, die er erzhlte.

Wahrhaftig, sprach Bengler -- als man mit den Erzhlungen allenthalben
fertig war -- Wahrhaftig das sind der Freuden gar zu viele! Fast wnscht
ich einmal wieder etwas bitteres zu geniessen. Das immerwhrende Ssse wird
beinahe unschmackhaft.

Kaum hatte dies Bengler ausgeredet, als des Dorfes Pfarrer unter die
Gesellschaft trat, und nach einigen Grssen sich zu Welly wandte.

Mein Graf! Eben sind zwei verwundete Krieger in unser Dorf gebracht worden.
Sie empfingen die Wunden in jener Schlacht, die dein Sohn fr das Vaterland
erkmpfte. Ich fragte sie nach Salassin, und der Lage in der itzt unser
Kriegsheer stehe. Sie antworteten, es sey Friede mit dem Feinde, die Armeen
wren schon im Heimzuge, in 8 Tagen wrde das Friedensfest gefeiert werden.

Und was sagten sie von Salassin? -- versetzte Graf Welly hastig, Lolly
horchte bei dem lieben Namen hoch auf, die Hlfte der Gste schlossen einen
Kreis um den ehrwrdigen Priester, der fortfuhr:

Sehr viel Rhmliches, aber auch eine Nachricht, die -- du gefat ertragen
must. Salassin, sagten sie, ist von dem Heere abgegangen. Niemand wisse
wohin?

Ha! -- unterbrach Bengler die Erzhlung. Wird uns doch einmal wieder eine
bittre Speise aufgetischt? Das Konfekt wird dann um so besserer behagen!

Das ist nur gar zu bitter! -- meinte Lolly.

Mu man denn aber, wenn das Ssse zu hufig da ist, von allen so viel
geniessen, da man hernach den Geschmack daran verliert? -- dachte Sebald.

Der Greis fuhr in seiner Erzhlung fort:

Da den Tag darauf, als sie fortgeschifft wurden, im ganzen Lager es
verbreitet gewesen wre, der tapfere Salassin sey in ein fremdes Land
gereiset. In acht Tagen, wie gesagt, ist das Friedensfest, der Kaiser kmmt
in 10 Tagen in die Residenz an.

Die von so vielen Freuden gespannten Sehnen der Anwesenden erschlaften
ziemlich durch diese Neuigkeit.

So soll ich Salassin wieder sobald nicht sehen? -- meinte Lolly, und
schlich auf die Seite.

Trbt er sich denn immer selbst seine Lebensquelle? -- dachte Welly.

Ist er von seinem Wahn denn noch nicht geheilt? -- sprach Sebald fr sich.

Nun wird unser Vermhlungsfest ziemlich noch fern seyn! -- flsterte Jilla
zu Sebalden.

Ach das ist verzeihlich! Er wei ja von der Sache mit dir lieber Sebald,
noch nichts trstliches. Rief halb laut Bengler zu diesem. Seyd gutes Muths
er ist ja darum noch nicht aus der Welt! Wir bndigen Wildfang gewi! --
sprach er laut zu dem verstummt um ihn stehenden Zirkel, ergriff den
Festpokal und rief: Es lebe der wackere Salassin!

Er lebe! er lebe! -- erklangs sogleich in dem Saale, und der Eindruck des
Unangenehmen ward schwcher, durch Benglers vergngenbewirkendes Beispiel.
Bald ward wieder die halbentflohene Heiterkeit an jedem Gesichte, die
unangenehme Nachricht endlich fast vergessen, und man erzhlte sich wie
vorher.

Zum Friedensfeste fahren wir in die Residenzstadt! fieng Bengler an, als
der Kranz frhlicher Menschen sich spterhin trennte.

Zum Friedensfest in der Residenzstadt! -- wiederhallte es, und der Kranz
zerri sich.




Sechstes Kapitel.

Der Zurckzug der Sieger.


Wir lassen sie hier indessen sich rsten zur Abreise von Wallingau, und
kehren in das Lager der tapfern Kmpfer. Haben wir doch Salassin schon
lange nicht begleitet. Was macht er? Sind seine Wunden geheilt? Ist er
wirklich fort von dem Heere in ein andres Land, oder hat ihn die
Bedenkzeit, so ihm der Kaiser gab, zum bessern Entschlusse gestimmt?

Das sind zu viele Fragen auf einmal meine Leser! Ich will erst Athem
schpfen und dann antworten.

Salassin ist noch im Lager. Seine krperlichen Wunden sind vernarbt, und
schmcken die hohe Stirne; aber -- mit seinem Herzen ist er noch immer im
Kampf, wo er sich selber noch manche neue Wunde schlgt.

Seine unvertilgliche Liebe zu Lolly und seine nicht minder starke
Freundschaft fr Sebald, den er mit seiner eignen Aufopferung mit Lolly
glcklich wissen will, trieben ihn durch die gefhrlichsten Reihen Soldaten
in die Schlacht, wo der Tod alle seine Kraft verstrmte.

Anfangs der erwhnten groen Schlacht stritt er -- das mu ich zu seinem
Anlobe gestehen -- nicht sowohl aus Vaterlandsliebe so tapfer und
entschlossen, er suchte den Tod und Ruhe fr den Sturm seines Innern zu
finden; aber der gefoderte Tod ma sich mit Salassin nicht. Als er aber von
der Gefahr des Kaisers benachrichtigt wurde, verga er seinen Wunsch, und
das Wohl des Vaterlands schwebte ihm hngend an einem Haare vor seiner
Seele. Hier focht er ein rasender Roland, fr seine Pflicht, und ward durch
den herrlichsten Sieg durch den glnzendesten Ruhm belohnt, da man nur ihm
die Rettung des Monarchen verdankte.

Kaum hatten die gnzlich geschwchten Feinde demthig, und mit unendlichem
Verluste um Friede gebeten, kaum waren die Gesandten aus dem Zelte des
Kaisers zurck mit dem abgeschlossenem Friedenskontrakt in ihr Land, als
Salassin den Monarchen, mit der jenen unerwarteten Bitte um Entlassung vom
Heere sich meldete.

Warum? -- fragte ihn verwundernd der erlauchte Monarch, und Salassin konnte
nur schwache Grnde entgegensetzen. Als die Stunden die ihm zur Ueberlegung
berlassen waren, verschwunden, und Salassin wieder im kaiserlichen Zelte
um seine Entlassung bat, begann der Kaiser:

Wohlan! Da beharrest bei deinem Entschlusse?

Salassin stand erschttert, unentschlossen ob er gehen solle oder nicht.
Der Monarch fuhr fort:

Du bist entlassen.

Salassin fhlte die Bitterkeit dieser kurzen Rede, er wankte, aber bei der
Erinnerung an seine Freunde, stand Sebald und Lolly vor ihm, und -- er
taumelte unwillkhrlich aus dem Zelte.

Verweile noch! -- sprach der Kaiser: Salassin! Noch eins! Eh du das Lager
verlt.

Mein Monarch! -- rief Salassin niedergedonnert, und sank vor der Majestt
nieder --

Wenn es dich so viel kostet, in deinem Vaterlande auf den Lorbern des
belohnten Ruhms zu ruhen, wenn es vielleicht dein eigen Wohl glte -- dann
fodre ichs nicht. Aber nur einen Tag gensse die Frchte des Friedens in
der Residenzstadt, dann geh du hin, wohin jenes Gewitter deines Innern dich
jagt, so du fr gut findest mir zu verbergen.

Salassin begab sich verwirrt in sein Zelt.

Der zum Aufbruch bestimmte Tag dmmerte, und das Heer brach unter
wiederhallenden Musiken das Lager ab. In wenigen Tagen glnzten die
vergoldeten Thurmspitzen der Residenzstadt den Siegern in die Augen, auf
viele Meilen kam das Volk laut frohlockend entgegen, und begleitete sie in
die wimmelnde Stadt.




Siebentes Kapitel.

Der Flchtling in der Jammerburg.


Aus allen Provinzen Germaniens waren Menschen nach der Stadt gereist, um
den Helden und die beneidenswrdigen Sieger zu sehen. Ein
undurchdringliches Gemenge der Menschen regte sich auf den Pltzen und in
den Strassen, wo das Heer durchziehen sollte. Alle Fenster waren gefllt
mit Menschen, und Bume der Alleen in den Gssen und die Dcher der Gebude
trugen Zuschauer, die voll der gespanntesten Erwartung ihre Blicke dahin
hefteten, wo die Tapfern zogen.

Im tellmannischen Pallaste waren die Wallingauer und ihre Freunde, mit
klopfenden Herzen und unaufhrlich forschenden Augen den geliebten Helden
zu ersehen; denn sie bezweifelten, da Salassin das Heer doch verlassen
habe, wiewohl sie keinen andern Grund dazu hatten, weil es ihre Herzen
nicht glauben konnten, Salassin wrde so bereilt seyn.

Die donnerngleich schmetternden Trompeten und Pauken erhallten und
schallten endlich in der ersten Strasse beim Thore, das Volk rief laut sein
kosendes Willkommen! Es lebe der Kaiser! Es lebe der Held!

Die Musiken erklangen, und das Heer stimmte sein Triumpflied an, da es wie
ein Strom durch die Stadt sich wlzte:

   Triumpf! Triumpf! Triumpf! Erschallt
   Ihr Siegeshymnen tnt und hallt
   Durch Lfte hoch empor!
   Der vor den Feinden uns erhob
   Dem Gott des Sieges Ruhm und Lob
   Erhalle Jubelchor!

   Triumpf! Erklinge Liederklang!
   Wir ziehen unter Jubelsang
   In unser Vaterland!
   Um unsre Hupter grnt das Rei
   Vom Eichenbaum, der Helden Preis,
   Der Tapferkeit Gewand!

   Wir standen in dem Schlachtgewhl
   Ein Fels im Wogenschaumgesphl
   Und standen fest und khn.
   Die Brust vom hohen Muth geschwellt
   Ein Gott war unsers Kaisers Held,
   Er schlgt, die Feinde fliehn!

   Sie fliehn zerschlagen durch die Fluth
   Der Brder schwarzgeronnen Blut,
   Ersiegt ist Heil und Ruh!
   Wir kmpften ja in Gottes Sold,
   Der Tapferkeit mit Siegen zollt,
   Uns flo sein Segen zu!

   Triumpf! Wir kommen im Gewand
   Der Sieger heim ins Vaterland,
   Wo unsre Lieben sind!
   Mit doppelt hohem Brustgefhl
   Vertauschen wir das Schlachtgewhl,
   Und unser Friede grnt!

   Triumpf! Triumpf! Triumpf! Erschallt
   Ihr Siegeshymnen, tnt und hallt
   Im Vaterland empor!
   Der vor den Feinden uns erhob,
   Dem Gott des Sieges Ruhm und Lob!
   Erhalle Jubelchor.

So sangen die Helden in den wiederhallenden Klang der Kriegsmusiken, und
das Volk stimmte mit ein.

Der Kaiser mit den vornehmern Fhrern voran, das Heer nach ber den groen
Platz zur Residenz des Monarchen, an den sich die lrmende Menschenmenge
unaufhrlich mit dem lauten Ruf ihres Jubels drngte.

Schon zog der letzte Trupp in schner Ordnung bei dem Frstenpallaste
Tellmanns vorber, und noch hatten die Freunde Salassins vergebens ihre
Blicke in die Glieder des Heeres gelenkt. Salassin schlo mit einem zweiten
Theil der vornehmern Offiziers den ganzen Zug.

Alle whnten nun sicher und gewi: Salassin ist doch fort! Der Kaiser ritt
voran, und wenn Salassin das Heer nicht verlassen htte, warum wre er denn
nicht an der Seite der Majestt, als ein so berhmter Held? -- So glaubten
die Guten und zogen traurig die Blicke zurck, als sie im Gefolg des
Monarchen den Ersehnten nicht gesehen hatten.

Nun sphen wir schon vergebens! -- rief Jadilla an Wellys Seite, und drehte
sich vom Fenster.

So hat ihn doch sein Sturm in die Fremde verschlagen! -- sprach Bengler!

Ach! -- Wenn er mich so liebte wie ich ihn -- er wre gewi da! -- seufzte
Lolly traurig, und sah noch ganz allein auf den Zug hinab.

Aber welch ein ssser Schrecken bergo pltzlich ihre blassen Wangen mit
Morgenrthe, als der letzte Trupp nher rckte, und Salassin in der Mitte
der Offiziers auf einem stolzwiehernden Fuchse ritt! Ihr lautes
Freudengeschrey: Salassin! Salassin! ri schnell alle wieder zum Fenster,
und die Freunde erblickten ihn endlich. Er sa sinnig in sich gekehrt auf
dem Pferde, und schien des Volkes Geschrey nicht zu hren, nicht zu sehn
das Gedrnge um ihn, und das Winken der Freunde, der Eltern, und Geliebten.

Ach! -- sein kmpfendes Herz befrchtete nur zu sehr, wie wehe es ihm
werde, blickte er auf den tellmannischen Pallast, und she Lolly mit
Sebalden da!

Dem Himmel sey Dank! Da ist er doch! -- riefen die Versammelten und
schwammen in Entzcken.

Wie traurig er auf dem Pferde sitzt! Er sieht nicht einmal her auf uns. Er
hrt unsre Grsse nicht! Sprachen sie wechselweise, und Lolly lief von
einem Fenster zum andern.

Endlich stand der Zug grade vor Tellmanns Fenstern. Salassin war in der
regesten Bewegung. Er warf einen flchtigen Blick auf den Pallast, und --
wre beinahe vom Gaule gesunken; denn Jilla lag neben Sebald im Fenster, er
hatte diese sogleich erblickt, und die ungemeine Aehnlichkeit mit Lolly
machte, da er nun fr ganz gewi ihn mit Lolly glcklich und eins hielt.

Wie von Donner gerttelt ermannte er sich, spornte das Ro, und gallopirte
aus der Reihe heraus der kaiserlichen Residenz zu, mit dem festen Willen,
sogleich die Stadt und das Land zu verlassen.

Noch war der Monarch mit dem herum sich drckenden Volke beschftigt, das
ihn Salassins Worte gar nicht einmal hren lie, als Salassin Pflicht
vergessend fortrannte, um durch das erste beste Thor in das Freye zu
kommen.

Seine hitzige Eile machte alles aufmerksam -- Ein grosser Theil sah ihm
nach, der grere drngte sich an ihn, hielt ihm des Pferdes Zaum und er
mute halten. Zwar that dies das Volk blos aus leidenschaftlicher
Begeistrung, das den Retter des Vaterlandes vergtterte, und Salassin hatte
Mhe das nchste Stadtthor zu erreichen.

Wohin? -- fragte der Thorsteher, und hielt den Zgel des Pferdes mit Mhe.

Salassin spornte den Renner, und wollte gewaltsam durchdringen. Jener
winkte und die Thore schlossen sich.

Nicht weiter! Wir drfen heute Niemanden herauslassen.

Ich bin Salassin.

Schon gut! So mu ich meinem Befehle gehorchen, und dich in dieses Gebude
da fhren. Er zeigte auf ein nahes Haus.

Mich? Warum? --

Der Thorsteher wies ihm des Kaisers Handschrift, und Salassin mute sichs
gefallen lassen, ihm zu folgen.

Im Vertrauen -- begann sein Verhaftsnehmer, als er den Helden in ein ganz
artiges Zimmer gefhrt hatte -- Du wirst bald in Freiheit kommen. Sey so
gut und bleibe hier -- mein Leben haftet fr dich -- Du sollst alle
Bequemlichkeit haben. Bis ich es dem Kaiser vorgezeigt habe, nur so lange
verhalte dich da --

Es ist ohne Zweifel zu deinem Besten gemeint. Ich zeig es sogleich an.

Salassin warf sich in einen Sessel, und war zufrieden, wenigstens allein,
und ungestrt von allem, was ihm lstig fiel, worunter sogar des Volkes
Freudenuerungen waren, mit sich selbst zanken zu knnen.

So eben war der Monarch in den Gesellschaftssaal der Residenz getreten:
Tellmann und seine Gste nebst unzhligen Andern Edlen standen da, als der
Thorsteher mit einem Papiere in der Hand hereintrat, und es Tellmann als
dem Vorsteher der Polizey zur Seite gewinkt ins Ohr flsterte, was mit
Salassin vorgegangen war.

Warte nur! Du Wildfang! sprach Tellmann fr sich. Du sollst uns
entschdigen fr die Streiche, die du machst. -- Er theilte den Vorfall
seinen Freunden mit, mit denen er bald darauf den Residenzsaal verlie.

Alle brannten vor Begierde, den geliebten Flchtling einmal wieder zu
umarmen; am meisten was am wenigsten zu verargen ist -- Lolly.

Mdchen berzieht euch geschwinde! Aber ihr mt Beide so hnliche Kleider
nehmen als ihr nur immer habt! Wir wollen uns zu gutem Ende mit dem
Erstaunen Salassins ergtzen. -- So sprach Tellmann, und Lolly und Jilla
thatens. Sie kleideten sich einfach und kunstlos, ein blaues Gewand mit
rosenrothen Schleifen, Herbstveilchen im natrlich gelockten Haare -- kurz
mit dem Zauber der Grazien geschmckt standen die Mdchen da, hnlich da
ihren Eltern beinahe schwer zu rathen wurde, welches Jilla, welches Lolly
sey.

Ihr fahrt in dem Wagen, der hier unten vorm Pallaste steht -- fuhr
Tellmann fort, als die beiden Anadyomenen fertig waren -- dahin wo der
Kutscher euch fhren wird. Das Zimmer, wo Salassin ist, wird man euch
deuten. Ihr berreicht ihm diesen Verhaftsbefehl, und bringt den unbndigen
Flchtling in der Kutsche hieher. Doch die Fensterchen mt ihr
verschliessen, und wann er aussteigen soll, ihm die Augen verbinden. Nur
stellt es hbsch klug an, und macht als kenntet ihr ihn nicht!

Die Beiden fuhren dahin, das Zimmer ward ihnen gezeigt, sie traten hinein
als Salassin eben in einer schwermthigen Stellung Lollys Bildni, das er
damals mit forttrug, als er in den Krieg zog, in seinen Hnden hielt. Eine
Thrne stand dem Helden im Auge, und er drckte das Bildni an seinen Mund.

Er erschrak bei dem Anblick der beiden Grazien so sehr, da er das Bild aus
den Hnden fallen lie.

Leb ich in einer Feenwelt? stotterte er vor sich hin, unentschlossen ob er
ihnen entgegen kommen sollte oder nicht.

Wie nach einem Traumbild, das seine ganze Seele mit magischen Zauber
verwirrte, streckte er unwillkhrlich seine Arme aus; aber zog sie eben so
schnell zurck, denn hier waren zwei Mdchen und eine nur konnte Lolly
seyn, wenn es ja nicht etwa gar Geister sind.

Die Mdchen kicherten halb laut auf einander, als sie Salassin in seiner
Verlegenheit sahen. Er starrte sie an, wie ein Trumer, der sein Traumbild
pltzlich, wenn er erwacht, in Wirklichkeit sieht.

Kommt ihr aus den Gefilden der Feenwelt, Mdchen! -- fieng er endlich
lchelnd an, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte: Die Mdchen
blieben stumm. Nehmt mich auf in eure seeligen Fluren! Wer seyd ihr?
Schwebt ihr hernieder aus Griechenlands Gtterthum, oder aus Geners
Hirtenwelt? Fhrt mich, fhrt mich dahin woher ihr kommt! Wer seyd ihr?

Jilla wies schalkhaft auf Lolly, und diese auf jene, als wollten sie sagen,
ich bin sie, und sie ist ich.

Redet, redet -- fantasirte Salassin trunken vom Zauberwein der schnen
Empfindung fort -- Redet -- wo bin ich? Oder knnt ihr nicht sprechen?

Lolly hatte das Bildni, so Salassin aus der Hand fallen lie, aufgehoben,
zeigte es Jillan und warf einen Blick auf den wirren Salassin, als wollte
sie fragen, wer das sey?

Das bist du -- antwortete Salassin, indem er auf Jilla zeigte, welche das
Kpfchen schttelte, und auf Lolly wies.

O so mut du es seyn! -- wandt er sich nach Lolly, die lchelnd nickte. Mit
herzlichem Ungestmm wollte sie Salassin umarmen, aber sie strubte sich
mit erborgten Unwillen von ihm, und zog den Verhaftsbefehl aus dem Busen.

Salassins Augen verschlangen das Papier, das er kaum durchlesen betubt
fallen lie.

Ich als ein Flchtling gegen des Monarchen Gebot in die Jammerburg? Beim
Himmel, fast glaub ich, mein Verstand ist dahin! O bringt mich, bringt mich
nur immerhin in dies Gefngni -- wenn ihr mir zur Seite bleibt, dann bin
ich der seligste der beneidenswertheste Wahnsinnige.

Die Beiden lchelten und verbanden ihm die Augen, fhrten ihn in den Wagen,
und rollten fort in den tellmannischen Pallast, wo alle mit
unbeschreiblicher Spannung harrten.

Endlich kamen die Mdchen mit dem Flchtling zurck, die Thre ffnete
sich, und sie fhrten den Augenverbundenen Salassin auf den
Gesellschaftssaal, wo Welly und Jadilla, Bengler, Jehnsen und Marlon
muschenstill saen, und trotz der strmenden Wonne, die ihnen im Innern
arbeitete, kaum freien Athem schpften, um Salassin nicht zu verrathen, da
er unter mehrern Menschen sich befnde.

Als er in der Mitte des Saals stand, erhob sich Bengler, und sprach mit
verstellter Stimme:

Junger Mann, diese Wohnung sey dein knftiger Aufenthalt! Du handeltest
wider das Gebot deines erhabenen Monarchen, man hat Beweise von deiner
Narrheit -- hier wirst du dein Leben verbringen.

Ich bins zufrieden -- antwortete Salassin mit etwas ernsthafter Stimme --
Nehmt mit nur die Binde ab, damit ich doch meine Wohnung sehen kann.

Beng. Gleich! Deine Freiheit hast du gesezmig verloren -- du wirst zwar
alle Bequemlichkeiten des Lebens hier finden, aber aus diesem Gefngnisse
kmmst du nie heraus. Des Monarchen Gromuth giebt dir berdies eine von
den beiden stummen Fhrerinnen zur Pflegerinn, damit du bei ihrem Anblicke
fr das gestraft werdest, was du gegen Lolly deine ehmalige Geliebte
verbrachst.

Sal. Das ist eine grausame Gromuth!

Beng. Nicht wieder voreilig! Bist du zufrieden mit dieser Strafe? Willst du
nimmer entweichen diesen Banden, so dich jetzo umschlingen?

Sal. (den Lolly ihren Armen umschlang) Was bleibt dem Gefangenen brig!

Beng. (Indem er Salassin die Binde vom Auge nimmt) Nun bleibe
lebenslnglich in dieser Gefangenschaft.

Die Binde fiel ihm von den Augen, und Lolly hielt ihn in ihren Armen, indem
sie sich zrtlich an ihn prete, und Salassin! mein Geliebter! rief.

Sprachlos stand Salassin, die Ueberraschung tdtete alle Worte, er warf
einen Blick auf die aufstehenden Freunde, und schlo Lolly in seine Arme.

Noch immer fand er die Sprache nicht, als seine Mutter und sein Vater und
die Andern ihn brnstig umhalsten. Eine marmorne Bildsule stand er da, als
fhlt er nichts, als wre das Bewustseyn auf immer entflohen.

Endlich erholte er sich, und eine heie Freudenthrne rann ber seine
blasse Wange als Sebald ihn an sein Herz drckte. Mein Sebald! vergieb!
ich that dir Unrecht. Ja hielt dich mit Lolly einverstanden, und wollte
mein Vaterland auf immer fliehen! So sprach er und nun -- bricht die
Urkunde aus dem Archiv der Zukunft ab, vermuthlich sah der Autor ein, da
seine Feder eben so schwach wie die meine sey -- alle die herzlichen
Ergssungen der namenlosen Freuden zu schildern, die hier jegliches Herz,
wie die Frhlingssonne die verjngten Gefilde durchstrahlten; wie Welly und
Jadilla dem Bruder die Schwester, die er einst in der Fieberfantasey der
Liebe in Sebalds Armen fr Lolly hielt, zufhrten; wie Salassin erstaunte,
als man ihm alles entrthselte.

Soviel als ich vermuthen kann, dachte von itzo an Salassin nie wieder nach
fremden Lndern zu fliehen, und es war ihm in der That wunderlich und
banger zu Muthe als in der gefhrlichsten Schlacht.

Kinder! -- sagte Bengler lchelnd -- Wenn euch des Priesters Band wird
umschlungen haben, irrt euch ja nicht einmal mit den Weibern. Du Salassin,
da du nicht Jilla fr Lolly, und du Sebald, da du nicht Lolly fr Jilla
in die Schlafkammer fhrst.

_Ende_.




Epilog an meine Leser.


So weit war die Geschichte dieser Familie in dem Buche der Zukunft
erzhlet. Noch so manche Andere ist darinn beschrieben; erst will ich aber
abwarten, ob mich ein ssses Beifallcheln meiner Leser aufmuntern wird,
meine Mhe nicht unbelohnt zu verwenden. Von Vergangenheit und Gegenwart
erfhrt man in tausend tausendmal Bchern, es war wenigstens meine Absicht
gut, wenn ich auch sehr wenig geleistet habe, einmal ein etwas neueres
Gercht aufzutischen. Manchmal wagt man ja doch auch, einen Blick weiter
voraus zuwerfen, und ich bin hinlnglich belohnt, wenn mir hie und da ein
freundliches Lcheln sagt: Dein Bchelchen ist doch kein fader, gespenster
wunder und mrchenstrotzender Ritterroman. Du hast uns in einem kleinem
Bndchen das erzhlt, was ein Anderer in drei Alphabeten geliefert htte.
Dann reut mich die Stunde nicht, die ich auf dieses Kind meiner Muse
anwandte, und ich werde mich bemhen, den Beifall der Leser verdienter zu
rndten.




Inhaltsanzeige.



   Erster Abschnitt.

                                                        Seite
   I.     Kapitel.  Blicke in die Zukunft.                  5
   II.     -- --    Graf von Wallingau.                     8
   III.    -- --    Der Spaziergang im Kastanienwldchen.  12
   IV.     -- --    Auf Sonnenschein folgt Regen.          21
   V.      -- --    Der Gasthof.                           28
   VI.     -- --    Die Abreise.                           46
   VII.    -- --    Der Besuch.                            56
   VIII.   -- --    Komm bald wieder zur Rosenfischerey!   71
   IX.     -- --    Die mden Wanderer.                    81
   X.      -- --    Geschichte der mden Wanderer.         87
   XI.     -- --    Die Stadt.                             95
   XII.    -- --    Das unvermuthete Wiedersehen.          99
   XIII.   -- --    Die Audienz.                          104
   XIV.    -- --    Eine frchterliche Begebenheit.       111
   XV.     -- --    Trennung.                             118


   Zweiter Abschnitt.

   I.     Kapitel.  Frst von Tellmann.                   121
   II.     -- --    Eine Eroberung.                       131
   III.    -- --    Das Bildni.                          140
   IV.     -- --    Das Gesellschaftshaus.                151
   V.      -- --    Die Bestellung.                       154
   VI.     -- --    Die Portraitsvorzeigung.              169
   VII.    -- --    Das Abentheuer.                       179
   VIII.   -- --    Das Aerndtefest.                      185
   IX.     -- --    Die Einsiedeley.                      190
   X.      -- --    Wohlthun bekme bald bel.            203
   XI.     -- --    Die Erscheinungen im Lager.           219
   XII.    -- --    Unfall und Zufall.                    227
   XIII.   -- --    Eine Nachricht aus der Heimat.        247
   XIV.    -- --    Die Verzweiflung.                     258
   XV.     -- --    Begebenheiten.                        270
   XVI.    -- --    Der neue Krieger.                     286


   Dritter Abschnitt.

   I.     Kapitel.  Die Wahrheit in der Lge.             296
   II.     -- --    Eine Hochzeit.                        317
   III.    -- --    Eine Entdeckung.                      336
   IV.     -- --    Der Gastwirth im Vollmond.            353
   V.      -- --    Jillas Eltern.                        360
   VI.     -- --    Der Zurckzug der Sieger.             378
   VII.    -- --    Der Flchtling in der Jammerburg.     383
   Epilog an den Leser.





Anmerkungen zur Transkription

Die krftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des
Originales wurden unverndert beibehalten. Lediglich offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):
   [p. 9]:
   ... Genue der Frchte seiner Thatigkeit; huslich ...
   ... Genue der Frchte seiner Thtigkeit; huslich ...

   [p. 75]:
   ... meisten was ganz natrlich zu entrhtseln ...
   ... meisten was ganz natrlich zu entrthseln ...

   [p. 87]:
   ... wollte nach der Residenzstand des Kaisers. ...
   ... wollte nach der Residenzstadt des Kaisers. ...

   [p. 90]:
   ... Armen aus England zum Vater turg, ...
   ... Armen aus England zum Vater trug, ...

   [p. 109]:
   ... Saal, wo die prchtigtigsten Denkmale ...
   ... Saal, wo die prchtigsten Denkmale ...

   [p. 112]:
   ... hoch in die Luft, und sanken dornernd wieder ...
   ... hoch in die Luft, und sanken donnernd wieder ...

   [p. 112]:
   ... Die beiden rannten dem Volksgegedrnge ...
   ... Die beiden rannten dem Volksgedrnge ...

   [p. 126]:
   ... sie sah, gewahn er ihre Liebe, und Selmsons ...
   ... sie sah, gewann er ihre Liebe, und Selmsons ...

   [p. 127]:
   ... mchtiger die alte Freundschaft, er mignnte ...
   ... mchtiger die alte Freundschaft, er mignnte ...

   [p. 170]:
   ... in einen Vovsaal des Musums gelassen. ...
   ... in einen Vorsaal des Musums gelassen. ...

   [p. 210]:
   ... schrie er, esgriff einen Stab, und ...
   ... schrie er, ergriff einen Stab, und ...

   [p. 211]:
   ... er vom Thoms nichts annehnen? ...
   ... er vom Thoms nichts annehmen? ...

   [p. 220]:
   ... Er rief einige Grsse den Aufsteigengen ...
   ... Er rief einige Grsse den Aufsteigenden ...

   [p. 229]:
   ... liefen eilends erschrocken herbei und halben ...
   ... liefen eilends erschrocken herbei und halfen ...

   [p. 262]:
   ... tiefe grauervolle Todtenstille -- Krten ...
   ... tiefe grauenvolle Todtenstille -- Krten ...

   [p. 288]:
   ... Jgling feurig, entschlossen, der diese ...
   ... Jngling feurig, entschlossen, der diese ...

   [p. 290]:
   ... Der Kaiser. Wolh! Es sey dir gewhrt ...
   ... Der Kaiser. Wohl! Es sey dir gewhrt ...

   [p. 332]:
   ... ein Blitz alle Kieger entflammte, mit unbeschreiblicher ...
   ... ein Blitz alle Krieger entflammte, mit unbeschreiblicher ...

   [p. 334]:
   ... Der Kster hatte sich schell an einem Zuge ...
   ... Der Kster hatte sich schnell an einem Zuge ...

   [p. 335]:
   ... Bengler stand vor Erstauen und Freude ...
   ... Bengler stand vor Erstaunen und Freude ...

   [p. 338]:
   ... gut ausfllt! Sie mir nur einmal den ...
   ... gut ausfllt! Sieh mir nur einmal den ...

   [p. 348]:
   ... lchelnden Geis. ...
   ... lchelnden Greis. ...

   [p. 358]:
   ... die Reizen durchschweben! Das soll ...
   ... die Reigen durchschweben! Das soll ...

   [p. 358]:
   ... mir ein Fest werden! Marlon -- nicht war ...
   ... mir ein Fest werden! Marlon -- nicht wahr ...

   [p. 387]:
   ... und zohen traurig die Blicke zurck, als ...
   ... und zogen traurig die Blicke zurck, als ...

   [p. 388]:
   ... als der letze Trupp nher rckte, ...
   ... als der letzte Trupp nher rckte, ...






End of Project Gutenberg's Guirlanden um Die Urnen der Zukunft, by A. K. Ruh

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GUIRLANDEN UM DIE URNEN DER ***

***** This file should be named 45644-8.txt or 45644-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/5/6/4/45644/

Produced by Jens Sadowski (based on page scans made
available by John J. Pierce and by the Staatsbibliothek
zu Berlin - PK, digital.staatsbibliothek-berlin.de)


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License available with this file or online at
  www.gutenberg.org/license.


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
