The Project Gutenberg EBook of Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band., by 
Friedrich Gerstcker

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Title: Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band.
       Unter Palmen. Gesammelte Erzhlungen.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: April 29, 2014 [EBook #45534]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER PALMEN UND BUCHEN. ***




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                        Unter Palmen und Buchen.


                             Zweiter Band.

                             Unter Palmen.


                        Gesammelte Erzhlungen
                                 von
                         Friedrich Gerstcker.


  [Illustration: Dekoration]


                               Leipzig,
                       Arnoldische Buchhandlung.
                                 1866.




Inhaltsverzeichni.


                                                         Seite

     Das Klima der Tropen.                                   1

     El Comisario.                                           8
 	Erstes Capitel - Tomaco.                             8
 	Zweites Capitel - Die erste Crinoline.              21
 	Drittes Capitel - Der Alarm.                        29
 	Viertes Capitel - Die Einnahme von Tomaco.          43
 	Fnftes Capitel - Baptista.                         64
 	Sechstes Capitel - Der Succurs.                     93
 	Siebentes Capitel - Der Commissair in der Falle.   106
	Letztes Capitel - Im Pailon.                       126

     Am Cachavi.                                           137
 	Erstes Capitel - In Concepcion.                    137
 	Zweites Capitel - Ein Besuch beim Alkalden.        150
 	Drittes Capitel - Die Canoefahrt.                  163
 	Viertes Capitel - Nach dem Pailon.                 182
 	Fnftes Capitel - Die Indianerin.                  200
 	Sechstes Capitel - Im Walde.                       212
	Siebentes Capitel - In Cachavi.                    238

     Der Tiger                                             260

     Negerleben                                            273




Das Klima der Tropen.


Da es in jenen Lndern, welche innerhalb der heien Zone liegen und die
wir kurzweg die Tropen nennen, auch sehr hei sein mu, gilt als eine
vllig feststehende Thatsache, und man hrt gar nicht etwa so selten,
da Leute an einem recht warmen Sommertag bei uns die armen Menschen
bemitleiden, die bei _=der=_ Hitze auch noch unter dem Aequator sitzen
mssen. Zehn gegen eins lt sich aber wetten, da in sehr vielen heien
Lndern jene armen bemitleideten Menschen in der nmlichen Zeit sich
viel khler und behaglicher befinden, als wir selber.

Es giebt allerdings Landstriche, wo die Hitze auerordentlich drckend
sein und durch verschiedene Umstnde noch vermehrt werden kann. So z. B.
in den afrikanischen, asiatischen und auch australischen Wsten, wo der
trockene Sand den ganzen Tag ber von der Sonne gebrannt wird und noch
lange nach Sonnenuntergang die eingesogene Brutwrme wieder aushaucht.
Weit anders dagegen ist es in allen brigen Tropenlndern der Erde.

Vor allen Dingen drfen wir annehmen, da es dort -- so sonderbar das
auch klingen mag -- doch in der That nie heier wird, als es bei uns an
recht heien Sommertagen ebenfalls werden kann, keinenfalls heier. Ich
wei mich nicht zu erinnern, da ich in irgend einem Lande der Welt --
und selbst das nur an einzelnen sehr heien Tagen -- mehr als
neunundzwanzig und einen halben oder dreiig Grad Raumur im Schatten
gehabt habe, und das blos in Afrika; in Indien dagegen, in Australien,
in der Sdsee und in allen Tropenlndern Amerika's habe ich nie mehr als
achtundzwanzig und einen halben bis neunundzwanzig Grad im Schatten
erlebt, und glaube auch nicht, da es je dort heier wird.

Was diesen Lndern den Namen der _=heien=_ giebt, ist also nicht die
_=grere=_ Hitze, sondern die das ganze Jahr ununterbrochen whrende,
aber dafr hat man dort wieder andere Vortheile, welche die Hitze lange
nicht so empfinden lassen, wie sie bei uns empfunden wird.

Wir in Europa sind nmlich nur auf ein _=kaltes=_ Klima eingerichtet,
und erwischt uns einmal hier eine so heie Zeit, wie im letzten Sommer,
so haben wir keinen Schlupfwinkel, wohin wir flchten knnen, und
meinen gleich, da wir schmelzen mten. In den heien Lndern dagegen
ist man vollstndig darauf vorbereitet. Die Huser sind danach gebaut
mit hohen, luftigen Zimmern, durch welche die Luft berall frei aus und
ein kann, ohne durch enge Fensterhhlen einen schdlichen Zug zu
erregen; Badehuser stehen berall, die Kleidung ist ebenfalls dem Klima
angemessen und alle Beschftigungen und Arbeiten sind so eingetheilt,
da sich besonders die Europer den Sonnenstrahlen nie in den heiesten
Tagesstunden aussetzen.

Ein anderer Vortheil, den man dort hat, liegt in den kurzen Tagen. In
den Tropen geht die Sonne, mit geringem Unterschied, durch das ganze
Jahr jeden Tag um sechs Uhr auf und um sechs Uhr unter. Bei uns, wo sie
sich in den lngsten Tagen schon gleich nach drei Uhr Morgens zeigt,
erhitzt sie um sieben Uhr schon den Boden mehr, als dort um neun Uhr;
auch hat sie dort um vier Uhr Abends schon wieder ihre Kraft verloren.
Noch angenehmer aber ist das Klima, z. B. in Indien, in der Regenzeit,
wo fast jeden Nachmittag um drei Uhr ein kleiner Wolkenbruch, den die
Leute dort scherzhaft Regen nennen, vom Himmel herunterfllt und die
Erde khlt und erfrischt. Die Abende in dieser Jahreszeit sind dann
wahrhaft wundervoll und von drckender Hitze von der Zeit an keine Rede
mehr. Aber trotzdem, da die Hitze dort eigentlich nie lstig wird,
erschlafft sie doch mit den Jahren den Krper, denn nicht allein die
_=kalten Nchte=_ fehlen, sondern berhaupt der _=Winter=_, in dem sich
Menschen wie Pflanzen wieder ausruhen und frische Krfte sammeln knnen.
Es ist mit einem Wort nicht _=heier=_ dort, als bei uns im Sommer, ja
die Hitze wird dort in einzelnen Fllen vielleicht nicht einmal als so
drckend versprt, aber es ist _=ewig=_ Sommer und das reibt zuletzt die
strkste und krftigste Constitution auf.

Aber nicht alle Tropenlnder sind etwa so hei; an der Westkste von
Amerika z. B. kennt man, selbst unter den niedrigsten Breiten, eine
andauernde Hitze nur an wenigen Stellen. Die Ursache davon erklrt ein
Blick auf die Karte -- das niedere Land ist dort zu schmal und im Osten
von den schneebedeckten Cordilleren begrenzt, im Westen vom Meer
besphlt und den Seewinden offen, darum kann es da nie sehr hei werden,
wenigstens hat man immer khle Nchte.

Es ist eine sonderbare Thatsache, da ein ganz bedeutender Handel,
gerade von Deutschland aus, nach Peru mit den allerschwersten und
dicksten Tuchen getrieben wird, und nicht etwa fr das innere,
hochgelegene Land werden diese allein verwandt, sondern selbst in dem
an der Kste und im flachen Lande liegenden Lima (12 Grad sdl. Breite)
getragen. Sowie aber die Sonne im Meere versinkt und die Luft von den
Schneeriesen der Cordilleren herberweht, wird es auch ordentlich frisch
an der Kste, und man kann einen warmen Rock recht gut vertragen. Selbst
unter dem Aequator sind die Nchte frisch und angenehm, und da ber den
ungeheuern Waldungen von Ecuador und Neu-Granada der Himmel fast stets
bedeckt ist, die Sonne also auch nie ordentliche Kraft gewinnt, so
steigt die Hitze dort ber Tag selten hher als 26 -- nie aber ber 28
-- und selbst das nur auf wenige Stunden.

Die Linie des ewigen Schnees wird in den Tropen auf 16,000 Fu gerechnet
und fllt, jemehr sie sich der kalten Zone nhert, bis sie etwa unter
80 nrdlicher wie sdlicher Breite die Meeresflche erreicht. Ganz
genau trifft das aber auf die Grade nicht zu. Besonders in den
Cordilleren Sdamerikas liegt die Schneelinie unter 15-17 sdl. Breite
fast hher oder wenigstens eben so hoch, wie unter der Linie selber. Die
Ursache davon sind eine Masse kalter Hochebenen in der Nachbarschaft und
eine groe Menge schneebedeckter Berge, welche nher zum Aequator
liegen und dadurch die Luft unnatrlich klter machen, als es unter
gewhnlichen Umstnden der Fall sein drfte.

Als ein Beispiel, in wie groer Hhe unter den Tropen noch Menschen
wohnen knnen, whrend in Europa, z. B. in der Schweiz, die Gletscher an
manchen Stellen bis zu 5000 Fu und tiefer herabreichen, mag die Stadt
Cerro de Pasco in Peru dienen. Cerro de Pasco, eine Stadt, die in den
Cordilleren unmittelbar an den reichen Silberminen jener Berge entstand,
liegt etwa unter 11 sdl. Breite, aber 14,500 Fu hoch ber der
Meeresflche -- also noch etwas unter der Linie des ewigen Schnees --
aber es fllt dort schon ewiger Schnee, wenn er auch nicht immer liegen
bleibt, denn fast kein Tag vergeht im ganzen Jahr, an dem es nicht ein
wenig schneit. Nur ein drftiges Gras wchst dort an den Bergen, das
immer gelb aussieht, weil die Spitzen stets erfroren sind. Das Futter
fr die Lastthiere mssen diese selber aus den tiefer gelegenen Thlern
heraufholen -- Bohnen und Hlsenfrchte sind dort tropische Gewchse und
werden eingefhrt, mit ihnen aber auch Ananas und Bananen, denn die
Thiere brauchen nur ein Paar Meilen weiter hinabgeschickt zu werden, um
die Region des Zuckerrohrs zu erreichen.

Der Aufenthalt in solcher Hhe ist aber trotzdem nicht unertrglich,
wenn auch der Neuankmmling im Anfang viel an Kopfschmerzen zu leiden
hat und besonders lange einen leisen Druck auf den Schlfen fhlt. Man
gewhnt sich zuletzt daran, und der Beweis liegt schon darin, da die
Stadt Cerro de Pasco nahe an 14,000 Einwohner zhlt. Nur sehr viel
kleine Kinder sollen dort sterben, und wie ich hrte, vergeht kein Tag,
an dem nicht wenigstens eine Kinderleiche beerdigt wird. Cerro de Pasco
ist, soviel ich wei, die hchstgelegene Stadt der ganzen Erde.




El Comisario.




Erstes Capitel.

Tomaco.


Die Grenze zwischen den beiden Republiken Neugranada und Ecuador an der
Westkste Sd-Amerikas bildet der aus den Cordilleren mit wildem
Ungestm niederstrzende Flu Mira -- und auch wirklich nichts weiter,
als die _=Grenze=_, denn erst ganz nahe der See, im flachen Land, ist es
mglich, ihn mit Booten zu befahren. Weiter oben hat er einen viel zu
steilen Fall, und riesige Felsblcke, die er berall aus seinem Bett und
von seinen Ufern losgerissen, machen die Passage selbst fr Canoes
gefhrlich.

Durch die Gewalt, mit welcher er aus den Bergen kommt, und bei einer
auerordentlich krftigen Strmung durchri er aber das niedere
fruchtbare Land an verschiedenen Stellen, und bildete so einige kleine
Inseln, von denen Tomaco die wichtigste, und ein wirkliches
Miniaturparadies ist. Ein Paradies nmlich, was Scenerie und Vegetation
betrifft, denn sonst sorgen die Bewohner dieser Republiken schon dafr,
da die paradiesischen Zustnde in ihrem Lande nicht zu sehr an die alte
Sagenheimath unserer Vorltern erinnern.

Ein vielleicht hundert oder hundertzwanzig Fu hoher Felsen scheint den
Kern der Insel zu bilden, an dem sich die Macht des Stromes in frheren
Jahrhunderten brach, so da dieser gezwungen wurde, sich rechts und
links daran hin seine Bahn, dem Meere zu, zu suchen. Aber der
fruchtbarste Boden deckt das alte Gestein und, ganz unhnlich ihren
Nachbarn an der Kste, die zu faul sind, einen Fruchtkern in den Boden
zu stecken, haben die Leute, die sich dort auf der kleinen Insel
niederlieen, einen wahren Garten aus ihr geschaffen, dessen Producte
jetzt Kufer an der ganzen Kste finden.

Fortwhrend legen dort kleine Schooner an, die von Guajaquil besonders
Waaren und leider auch Getrnke bringen, und, dafr mit Cocosnssen,
Bananen, Cherimoyen, Alligatorpears (~aguacarta~), Ananas und andern
kostbaren Frchten beladen, wieder dorthin zurckkehren, oder ihre
Fracht auch an den Zwischendrfern absetzen, und dafr Gummi oder Cacao
einnehmen.

Im Anfang bestand die kleine Ansiedelung, die sich auf der Insel
gegrndet, nur aus wenigen Personen, die sich theils mit dem sehr
bedeutenden Fischfang, theils mit dem Gartenbau beschftigten. -- Nach
und nach siedelten sich mehr dort an, Kauflden entstanden und
Branntweinschenken; eine Brennerei wurde sogar auf der Insel selber
angelegt, um das dort gezogene Zuckerrohr gleich an Ort und Stelle zu
verwerthen, und der Verkehr wuchs so bedeutend, da es sogar der kleine
englische Dampfer, der seine regelmigen Fahrten zwischen Panama und
Guajaquil macht, fr vortheilhaft fand, dort anzulegen und so eine
Postverbindung zwischen Tomaco und der brigen Welt herzustellen.

Einen Alkalde whlten sich die Leute zwar noch immer selber und aus
ihrer Mitte, und sie hatten bis dahin von den gar nicht seltenen
Revolutionen Neugranadas eigentlich nur dann erst Kunde bekommen, wenn
die Sache vorbei und fr eine oder die andere Partei entschieden war.
Wie sich der Wohlstand der Insel aber mehr und mehr hob, lenkte sie auch
-- keinen Falls zu ihrem Vortheil -- die Aufmerksamkeit der Regierung
auf sich, und die Wichtigkeit ihres Besitzes stellte sich mehr und mehr
heraus, als auch das unmittelbar daran stoende Ecuador
Oberhoheitsrechte ber Tomaco beanspruchte.

Trotzdem hatte man in der letzten Revolution, die Mosquera gegen die
bestehende Regierung anzettelte, noch sehr wenig von den Lasten des
Krieges gefhlt, und einzelne Familien zogen sich sogar aus dem, den
ewigen Streifcorps beider Parteien preisgegebenen Bogota hierher zurck.
Aber dieser Friede sollte nicht lange dauern, denn whrend sdlich von
ihnen in Ecuador der Mulattengeneral Franco die Fackel der Emprung in
ein ruhiges Land schleuderte und seine Macht mit gemietheten Banden eine
kurze Zeit aufrecht hielt, rstete Mosquera im Norden ein paar kleine
Schiffe aus, um auch die Kstenpltze des Reiches zu besetzen, whrend
er mit seinen Truppen das Innere durchzog und mit wechselndem Glck bald
Bogota, die Hauptstadt, einnahm, bald wieder daraus vertrieben wurde. An
eine _=Vertheidigung=_ derselben dachte man nie. -- Welche Partei gerade
die strksten Banden hatte, rckte ein, und die andere zog indessen ab,
um grere Verstrkung zu bekommen.

Ob Mosquera siegte oder besiegt wurde, unruhige und beunruhigende
Gerchte zuckten berall an der Kste auf und ab, und lieen die
Eingeborenen, die nicht das geringste Interesse an dem endlichen Ausgang
des Kampfes hatten, ihres Lebens sich nie freuen. Was lag ihnen daran,
ob ihr Prsident Mosquera oder sonst wie hie? Sie bekamen ihn auf
Tomaco doch nie zu sehen, und selbst zu Ecuador htten sie sich mit der
grten Gleichmthigkeit schlagen lassen, wenn sie weiter keinen
Nachtheil hatten.

Aber es ist eine alte Geschichte, da weder in Republiken noch
Monarchien das eigentliche Volk selber eine Revolution macht, sondern im
Gegentheil dazu berredet werden mu. Der materielle Druck einer
Regierung wirkt nie so unertrglich, treibt nie so rasch zum Aeuersten,
wie der geistige, den das eigentliche Volk nicht so leicht fhlt.

Auch Mosquera's Regierung wrden sich die Einwohner von Tomaco mit
Vergngen unterworfen haben, so weit es nmlich die unteren Classen, die
Fischer und Ackerbauer betraf, denn sollten sie sich etwa, eines Namens
wegen, widersetzen und ihre Netze und Boote, ihre Anpflanzungen und
Grten preisgeben? -- Aber in Tomaco befand sich ein unter der alten
Regierung gewhlter Alkalde, ein Postmeister, ein Steuereinnehmer --
lauter Leute, die allerdings in bloen Fen und Kattunhemden in der
Welt herumliefen, aber trotzdem eine Stellung zu verlieren hatten. Sie
sttzten mit ihrem Anhang das alte Regime, whrend die hierher
geflchteten Neu-Granadienser Alles thaten, was in ihren Krften stand,
um gegen Mosquera und die Umsturzpartei zu wirken. Es wurde ihnen das
um so leichter, als Mosquera in dem Verdacht stand, eine
Militrherrschaft grnden zu wollen, und das war die verhateste von
Allen, denn die jungen Leute frchteten, nicht mit Unrecht, ausgehoben
und in das innere, ungesunde Land geschleppt zu werden.

Kurz, Mosquera schien in Tomaco, wenn man die Bevlkerung htte wollen
ber ihn abstimmen lassen, wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Desto
grer war die Beunruhigung der Leute, als der kleine Dampfer, die
Anna, eines Tages die Kunde mit nach Tomaco brachte, da Mosquera
Buenaventura besetzt habe, und zwei Kriegsschiffe schon von dort
ausgelaufen seien, um die sdlicher liegenden Kstenstdte ebenfalls dem
neuen Prsidenten zu unterwerfen. Sie hatten wenigstens Buenaventura
schon verlassen, als die Anna dort anlief, wenn es auch noch eine Weile
dauern konnte, bis sie hierherzu aufkreuzten, da ihnen Wind, wie
Strmung an der Kste fortwhrend entgegen waren.

Wie ein Lauffeuer zuckte diese Schreckenskunde ber die Insel und die
Bewohner schienen gar nicht an Widerstand zu denken, bis ein Franzose,
der dort eine Art von Htel oder Branntweinwirthschaft mit einem
Kaufladen hielt und auerdem noch herber und hinber speculirte, der
Unschlssigkeit ein Ende machte, und von seinem Ladentisch aus den
Einwohnern auseinander setzte, da sie sich _=vertheidigen=_ und ihre
Freiheit bewahren mten.

Der Mann sprach jedenfalls als Fremder unparteiisch, denn da er ein
Dutzend alte Musketen und ordinre, schon halb verrostete Flinten auf
Lager hatte, und auerdem Pulver und Munition fhrte, wovon er in
ruhigen Zeiten auerordentlich wenig absetzte, konnte ihn kaum dazu
bewogen haben, seinen Mitbrgern einen solchen Rath zu geben.
Nichtsdestoweniger versumte er keine Zeit, um die genannten
Kriegsinstrumente, so rasch es anging, wenigstens von auen, wieder
etwas in Stand zu setzen und den Rost zu entfernen. Was er an sonstigen
Waffen: Pistolen und Messern, besa, wurde ebenfalls vorgesucht, um zur
Schau auf seinem Ladentische auszuliegen.

Unterdessen wirkte das ausgestreute Gift. In seinem Laden sammelten sich
vorzugsweise die Miggnger der Stadt, um bei einem Glase Aguaardiente
oder sen Liqueurs, den sie sehr gern tranken und den Monsieur Renard
so schlecht als theuer fhrte, ihre zuknftige Haltung zu besprechen.
Sie wollten sich zu einem Entschlu hinaufarbeiten, der aber -- wie die
Meisten recht gut wuten -- im letzten und entscheidenden Augenblick
doch unausfhrbar war.

Welchen Widerstand htten sie einer bewaffneten Macht bieten wollen? Ein
einziger Raketenschu wrde ihre ganze aus Bambus und Schilfdchern
erbaute kleine Stadt in Brand gesteckt haben. Befestigungen gab es gar
nicht -- die Straen lagen smmtlich offen, feindliche Boote konnten in
der Fluthzeit fast an jedem Theile der Insel landen. Dazu war die
Bevlkerung fast waffenlos und, wenn sie auch Waffen gehabt htte,
ungebt in dem Gebrauch derselben. Alle Vernunftgrnde sprachen deshalb
dafr, etwas, das man doch nun einmal nicht ndern konnte, ruhig ber
sich ergehen zu lassen, noch dazu, da es ihnen nicht einmal Nachtheil
bringen konnte. -- Aber der Branntwein! Sobald die Kpfe erregt waren,
fingen die Leute an, welche ihre _=jetzige=_ Regierung ebenfalls nur dem
Namen nach kannten, patriotisch zu werden, und eines Tages, ehe es
dunkel wurde, hatte Louis Renard seine smmtlichen alten Musketen an den
Mann gebracht, sogar seine eigene und letzte, ziemlich gute Doppelflinte
verkauft und mit seiner Munition so weit aufgerumt, da ein neuer
Auftrag nach Guajaquil oder Panama nthig wurde.

Am nchsten Morgen waren die Bewohner von Tomaco auch schon mit
Tagesanbruch munter, und Kundschafter erkletterten den Felsen, um von
dort aus einen besseren Ueberblick ber die See zu gewinnen, und etwa
ansegelnde Fahrzeuge augenblicklich signalisiren zu knnen. Ueberhaupt
befand sich die Stadt in einer ziemlichen Aufregung, da sich zu gleicher
Zeit eine Art von Miliz gebildet hatte, die freilich nur in der einen
Hinsicht uniform war, da smmtliche Soldaten _=ohne=_ Uniform
erschienen. Auch zwei kleine Kanonen wurden vorgesucht, die der
Postmeister einmal von der Anna erstanden hatte, wo man sie gebraucht,
um Signalschsse zu geben. Natrlich fehlte es an Kugeln dazu, die sich
aber durch kleine Stcke gehackten Bleies ersetzen lieen, und es sah in
der That so aus, als ob die Stadt entschlossen wre, ihre heiligen
Rechte bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen -- aber es sah
auch nur so aus.

Die Leute exercirten allerdings den ganzen Vormittag und als die
Seebrise mit dem nahenden Abend das Land bestrich, begannen sie noch
einmal, und die Meisten hatten sich schon gemerkt, was Links und Rechts
war. Als inde der ganze Tag verlief, ohne da sich ein feindliches
Segel blicken lie, und am nchsten und nchstfolgenden Mosquera's
Flotte immer noch auf sich warten lie, erkaltete der Eifer, und man
fing an, seinen gewohnten Beschftigungen wieder nachzugehen. Sie muten
das ja auch, wenn sie berhaupt leben wollten, denn wer denkt in diesem
Klima daran, sich Vorrthe von dem anzulegen, was er gerade braucht! An
der Insel lagen ein kleiner Schooner und zwei Wallfischboote, die
angelaufen waren, um Frchte zu kaufen; diese muten ihre Ladung
bekommen, und die Fischer durften ebenfalls nicht lnger mig liegen,
denn Alles murrte, da kein einziger frischer Fisch im ganzen Orte zu
finden war.

Man trstete sich sogar damit, da die ganze Flottengeschichte nicht
wahr sei. Der liebe Gott wte, welches Mrchen man den Leuten von der
Anna in Buenaventura aufgebunden hatte. Mosquera dachte wahrscheinlich
gar nicht daran, sie in ihrem abgelegenen Fischerdorf zu belstigen, und
ihre Vorsichtsmaregeln waren unntz gewesen -- hatten aber freilich nur
jenen leichtsinnigen Menschen Schaden gethan, die sich verleiten lieen,
so Hals ber Kopf Schiewaffen und Munition zu kaufen. Was sollten sie
jetzt mit den alten Schieeisen anfangen?

In einem neugebauten Haus, das sich durch die noch nicht
wettergebrunten Tragestmme und das helle, frische Dach deutlich von
den anderen unterschied, auch auffallend sauberer gehalten war und oben,
statt der sonst gewhnlich halb oder ganz fehlenden Seitenwnde, neue
Bambusseiten zeigte, deren regelmig eingeschnittene Fenster mit einer
dort gebruchlichen Art von Bambusjalousien verhangen waren, wohnte ein
Seor Ramos mit seiner Familie, der vor etwa drei Monaten mit seiner
Frau, einem Kinde und zwei schwarzen Dienstleuten hierher bersiedelte,
gleich nach seiner Ankunft den Platz kaufte und das Haus darauf baute.

In jenen glcklichen Lndern nmlich braucht man zu einem Hausbau keine
Maurer, Zimmerleute, Tischler, Dachdecker, Tncher, Glaser, Schlosser,
Tapezierer und wie die schrecklichen Menschen alle heien, die einem
Bauherrn das Leben bis in das innerste Herzblut hinein vergiften, so da
er tagtglich das Bauen auf ewige Zeiten verschwrt. Wer sich ein Haus
bauen will, accordirt dasselbe mit einem Eingeborenen, der sich entweder
von seiner eigenen Familie helfen lt, oder ein paar Nachbarn zur
Arbeit nimmt, dann werden die dazu nthigen Stmme im Walde frisch
gefllt, Einer spaltet die jungen Palmen, die zu Boden oder Wnden
benutzt werden sollen, indem man sie einhackt und ausbreitet, ein
Anderer holt das Schilf oder die Palmenbltter zum Dach und schnrt sie
mit Bast in Bschel zusammen. Wenn einmal die Lcher gegraben sind, in
welche die Pfhle zu stehen kommen, die den oberen und einzigen Stock
tragen sollen, so ist auch das Haus in einer einzigen Woche fertig, und
kann bezogen werden. Die Huser stehen dort alle auf Pfhlen. Es ist das
viel gesnder und luftiger und auch des vielen Ungeziefers wegen nthig,
das sich unten auf dem Boden weit zahlreicher einfinden wrde. Nur in
den kleinen Stdten haben die _=Kaufleute=_ ihre Lden unten, indem sie
einen Palmen- oder Bambusverschlag um die unteren Stmme machen, aber
auch sie _=wohnen=_ oben. Ueberhaupt wrde es Niemandem einfallen, auf
der feuchten Erde zu schlafen, wenn er sich nicht gerade drauen im Wald
befindet, und dazu gezwungen ist.

Seor Ramos muthete das nicht einmal seinen Dienstleuten zu, sondern
setzte noch ein kleines Nebenhaus fr diese an, das zwar seine besondere
Leiter hatte, mit dem Hauptgebude aber im ersten Stock durch einen
schmalen und schwanken Bambussteg verbunden war, der Abends durch eine
vorgebundene und mit einer Matte bedeckte Gitterthr von dem nmlichen
Material abgesperrt wurde.

Seor Ramos mute -- wenn die Vermuthung der Leute von Tomaco richtig
war -- ein sehr reicher Mann sein, denn er arbeitete nicht allein Nichts
-- das thaten sehr Viele in Tomaco -- er verkaufte auch Nichts, und
bezahlte Alles, was er brauchte -- wenn das auch nicht viel war -- baar
und in blankem Silber. Er verlie auch sein Haus nur sehr selten,
schrieb aber dort fleiig, und nur, wenn der englische Dampfer kam, fuhr
er mit dem Capitn an Bord zurck, blieb dort, bis das kleine Fahrzeug
wieder zu arbeiten anfing, und kehrte nachher in seinem eigenen Canoe,
das sein Neger ruderte, an Land und in sein Haus zurck.

Er war, wie man recht gut wute, ein Feind Mosquera's und ein getreuer
Anhnger der Regierung von Panama, denn er hatte, als er hierher zog,
kein Hehl daraus gemacht. Trotzdem kaufte er sich weder bei Seor Renard
eine von dessen alten Musketen, noch exercirte er mit in der Sonne am
Strand, und als ihn der Postmeister direct dazu aufforderte, sich an der
Nationalvertheidigung zu betheiligen, meinte er, er knne schon
exerciren, und wenn es wirklich zum Kampf kme, wrde er neben dem
Postmeister fechten, -- eine Sache, die der Postmeister -- allerdings
aber nur im Stillen -- fr sehr unwahrscheinlich fand, denn er selber
war noch gar nicht mit sich einig, ob er es soweit wrde kommen lassen.




Zweites Capitel.

Die erste Crinoline.


Jetzt herrschte wieder Ruhe auf Tomaco. Fnf Tage waren vergangen, seit
Capitn King von der Anna die Nachricht gebracht hatte, da die
Mosqueraflotte unterwegs sei. Sie fand aber durch Nichts eine
Besttigung, im Gegentheil war sogar eben ein Canoe von Irapiche
eingelaufen, das Gummi geladen hatte, und dafr Aguaardiente mitnehmen
wollte, und dessen Leute aussagten, an der ganzen nrdlichen Kste wisse
man Nichts von einem Einbruch der Mosquera-Truppen. Bonaventura sollten
sie allerdings besetzt haben, von dort aber seien die Schiffe wieder
nach Norden gegangen, um zuerst Panama zu nehmen, und dadurch die
Regierung des ganzen Landes in die Hand zu bekommen.

Der leichte, sorglose Sinn der Bevlkerung verlangte nicht mehr, denn
schon die gehabte Aufregung war ihnen unbequem gewesen. Die Fischer
schaukelten schon lange wieder drauen in ihren Canoes, whrend die
Landeigenthmer hinaus in ihre Platanare gingen, um die schweren
Fruchttrauben derselben an den Strand zu tragen, oder hinauf in die
Cocospalmen zu steigen, um die erst halbreifen, aber mit erquickendem
Wasser gefllten Frchte abzupflcken und mit einer geschickten
Schwingung der Hand so hinabzuwerfen, da sie sich in der Luft drehten
und dann mit ihrer Spitze in den Sand fielen. Schlugen sie breit auf, so
platzten sie leicht durch ihr Gewicht, denn die Nu ist so mit Milch
angefllt, da diese herausspritzt, sowie man nur mit einem Messer
hineinsticht.

In dem kleinen Stdtchen herrschte wieder ganz das alte Leben. Nur die
Frauen waren in einer etwas ungewhnlichen Bewegung, denn Seor Renard
hatte mit dem Dampfer von Panama einen Gegenstand bekommen und eben
ausgepackt, der ihr Interesse wunderbar fesselte, und zu den
lebhaftesten Debatten Veranlassung gab.

Der Gegenstand war in der That von groer Wichtigkeit, nmlich nichts
Geringeres als -- eine _=Crinoline=_, und zwar die erste, die in diesem
entlegenen Theil der Welt je gesehen worden.

In einem Ort, wo es so viel mige Leute gab, wie in Tomaco, verstand es
sich von selbst, da die wenigen Kaufleute beim Auspacken ihrer eben
angekommenen Waaren immer eine Menge von Zuschauern hatten. Es lag das
ja auch mit in ihrem eigenen Interesse, denn es machte eine Ankndigung
derselben unnthig, sobald das schne Geschlecht Stck fr Stck
derselben in Augenschein nahm, und dann sicherlich schon an dem
nmlichen Abend Stck fr Stck einzeln besprach und kritisirte. Selbst
schon beim Auspacken wurde manches Stck verkauft, denn darin bleiben
sich die Menschen berall in der ganzen Welt gleich, ob sie nun in einer
braunen oder weien Haut herumgehen: da sie nmlich gern das Neueste
haben und sich besonders bei der Auswahl solcher Dinge zu dem hingezogen
fhlen, was ihnen aus fremden Lndern gebracht wird.

Auch diesmal hatte sich ein Theil Neugieriger eingefunden, als Renard
seine neuen Waaren ffentlich -- wie er es stets that -- auspackte, und
allerdings wre es nicht leicht gewesen, etwas Derartiges in diesen
offenen Husern heimlich zu thun. Renard kam freilich selbst in
Verlegenheit, als er diese erste und einzige Crinoline aus ihrem
Versteck hervorzog und entfaltete, denn wenn ihm auch der Verkufer in
Panama angezeigt hatte, da er ihm in Kiste so und so, einen aus
_=Paris=_ erhaltenen Artikel neuer Damenmoden mitschicke, so war der
Franzose, der frher Kellner, dann Matrose auf einem Walfischfnger
gewesen und spter in Chile desertirt war, doch keineswegs in die
Toilettengeheimnisse der Damen soweit eingeweiht, um selbstndig gleich
an Ort und Stelle beurtheilen zu knnen, wie dieser hchst
durchsichtige Gegenstand zu einer Damengarderobe verwandt werden knne.
Den _=Nutzen=_ begriff er nicht, und als Zierrath oder Schmuck schienen
ihm die Drahtreifen nicht elegant genug, um gerade aus _=Paris=_ zu
kommen.

~Que es esta?~ (Was ist das?) riefen die Damen wie aus einem Munde,
als er das wunderliche Ding entpuppte. -- ~'donde viene~, (wo kommt
es her?) ~Seor?~

~No se~, (Ich wei nicht) sagte Monsieur Renard achselzuckend, indem
er den fraglichen Gegenstand selbst mitrauisch betrachtete, ~alguna
cosa por las Seoritas~ (Etwas fr die Damen).

~Por las Seoritas? Impossible! Que barbaridad!~ sthnte eine dicke
Negerin entrstet, als ihr vielleicht einfiel, wie sie in einem solchen
_=Kleidungsstck=_ aussehen wrde.

Das wunderbare Fabrikat ging nun von Hand zu Hand; whrend aber die
jungen Mdchen errtheten und unter einander kicherten, die lteren
Damen mibilligend den Kopf schttelten, sammelten sich immer mehr Leute
vor dem Hause des Herrn Renard, und mit _=wenigen=_ Ausnahmen fehlte,
kaum eine Viertelstunde spter, keine von Evas Tchtern -- hoch oder
gering -- um den neuen Putz in Augenschein zu nehmen.

Aber zu einem Resultat kamen sie nicht. Selbst das Wort Crinolina blieb
ihnen ein Rthsel, denn Niemand wute, was es bedeuten solle, obgleich
es spanisch klang. Es waren nmlich weder Pferdehaare, noch Leinwand
daran, was es allenfalls htte bedeuten _=knnen=_, sondern nur
Baumwolle und Eisendraht.

Endlich machte Seora Ramos' Schwarze, die bei der Versammlung nicht
fehlen durfte, den Vorschlag, ihre Herrin zu fragen. Diese hatte sich in
Bogota -- wenn sie auch hier auerordentlich einfach ging, stets nach
der neuesten Mode gekleidet, und ihr Herr bekam immer Zeitungen, in
denen lauter Neues stand. Vielleicht wuten die es.

Das war ein Vorschlag zur Gte, und Renard's Frau -- eine Eingeborene --
wurde augenblicklich abgesandt, um eine Aufklrung, wenn irgend mglich,
zu erbitten, indessen die Damen in uerster Spannung auf dem Posten
blieben. Sie _=muten=_ doch erfahren, wie dieses neue Kleidungsstck
_=getragen=_ wrde.

Nach einer Viertelstunde endlich -- und wie lang ihnen diese wurde! --
kehrte sie zurck und das Rthsel war gelst. Dies Drahtgeflecht stellte
nur einen _=Unterrock=_ vor -- die anderen Kleider wurden _=darber=_
gezogen, um recht hbsch und weit auszublhen. -- Das war das ganze
Geheimni, aber die Lsung befriedigte die Damen noch nicht, denn nun
wollten sie auch einmal sehen, wie das wunderliche Ding _=getragen=_
wrde, und ob es _=praktisch=_ wre -- das heit, ob es vornehm ausshe.

Hier aber fand sich eine andere Schwierigkeit, denn Niemand wollte es
anfangs anprobiren -- selbst Seora Renard weigerte sich hartnckig.
Eine alte Negerin erbot sich endlich -- gegen angemessene Vergtung
natrlich -- die Probe an _=sich=_ machen zu lassen. Sie trotzte allen
Schrecken. Renard aber war klug genug, darauf nicht einzugehen, denn er
wollte die neue Mode, von der er spter einen erklecklichen Profit
hoffte, nicht gleich von vornherein lcherlich und dadurch unmglich
machen. Endlich bewog er ein junges allerliebstes Mdchen von Halbblut
durch das Opfer eines buntseidenen Tuches, die Crinoline unter ihr Kleid
zu ziehen. Die Toilette wurde im Laden selber, unter der Beihlfe von
Renard's Frau, gemacht, die Thre inde verhangen, und die rings
versammelten Frauen hielten schon unberufene Neugierige ab, da sich
nicht ein oder der andere junge Bursche gelsten lie, durch die
allerdings zahlreichen Ritzen des Hauses zu schauen, denn im Stande
wren die es gewesen.

Es war ein groer Moment im Leben dieses einfachen Naturvolkes, als
Juanna, wie das junge Mdchen hie, endlich im vollen Staat und Glanz
aus der Mattenthr des Ladens trat, denn da sich ihr Kleid als zu kurz
und eng erwiesen, hatte ihr Madame Renard fr die Probe ihr bestes
Sonntagskleid geborgt, das mit seinen rothen und grnen Blumen
ordentlich glnzte und funkelte. Verschmt und kichernd ging die junge
Dame ein paar Mal vor dem Laden auf und ab, immer dann und wann selbst
staunend auf die Pracht niederzuschauen, die sie umgab. Wen strte es,
da sie bloe Fe hatte, und da ihr das volle lockige schwarze Haar
wild und ungeordnet um die Schlfe hing?

Die Damen fingen wirklich schon an, Geschmack an der Sache zu finden.
Wie viel schner sah man das _=Muster=_ auf einem Kleid, wenn man es so
ausgespannt tragen konnte, und wie vornehm schaute das arme einfache
Ding, das Mdchen, in dem Gestell aus -- und wie viel Zeug brauchte man
fr einen einzigen Rock.

Juanna selbst wnschte sich in ihrem ungewohnten Staat auch der kranken
Schwester zeigen, die daheim lag und Nichts von all den Herrlichkeiten
zu sehen bekam. Leichtsinniger Weise erlaubte es ihr Renard -- wohnte
sie doch nur schrg gegenber -- und Juanita flog der eigenen Wohnung
zu, an der -- wie bei allen brigen Husern, nur eine schmale Leiter --
oft nur ein eingekerbter Baumstamm -- lehnte, um an diesem auf und ab zu
steigen.

Die Meisten der Neugierigen folgten ihr, kaum aber war sie drei oder
vier Stufen hinauf gestiegen, als die Zuschauer unten in ein schallendes
Gelchter ausbrachen. Das arme Kind merkte jetzt, da ihr Kleid, das ihr
sonst glatt am Krper niederhing, weit auf der Leiter ausblhte.
Aengstlich drckte sie es zusammen, aber die elastischen Reifen wichen
aus -- was sie auf der einen Seite niederdrckte, stand auf der anderen
um so viel weiter ab. Vor Scham tief errthend, sprang sie endlich von
der Leiter mit _=einem=_ Satz hinab, um die hlichen Reifen so rasch
als mglich los zu werden.

Das gab der Crinoline den Todessto, denn daran hatte bis jetzt noch
Niemand gedacht. Welche Frau oder welches Mdchen htte mit einem
solchen Putz ihr Haus je verlassen oder wieder dahin zurckkehren
knnen? Es war rein unmglich, denn an _=allen=_ Husern lehnten diese
Leitern, und Monsieur Renard that das Einzige, was er mit der Crinoline
berhaupt thun konnte -- denn kaufen wollte sie jetzt Niemand -- er
hing sie in seinen Laden unter Siebe, eiserne Tpfe, Besen und andere
dergleichen im Handel vorkommende Dinge, an der Decke auf, und nahm sich
vor, mit dem nchsten Dampfer nach Panama an seinen Correspondenten zu
schreiben, ihm doch um Gottes Willen keine weitere Nachsendung
_=derartiger=_ Moden zu machen.

Juanna hie aber von dem Tag an nur La Crinolita in der ganzen Stadt,
und lange noch standen die Leute vor dem Hause und lachten und
plauderten mit einander, bis endlich ein tchtiger Regenschauer sie in
ihre Huser trieb, und sie von dort aus, ber die Strae hinber und
unter einander, aber doch unter Dach, das hchst interessante Gesprch
ber die merkwrdige Neuigkeit fortsetzen konnten. An Mosquera's Flotte
dachte Niemand mehr.




Drittes Capitel.

Der Alarm.


So rckte der Abend heran. Der Regen hatte aufgehrt und am westlichen
Horizont wurde eben noch ein rother Gluthstreifen sichtbar, den die
untergehende Sonne auf ihrer Bahn nach sich zog, als pltzlich ein Canoe
um die nrdliche Landzunge bog und, von den Rudern der darin Sitzenden
getrieben, wie ein Pfeil ber das Wasser dahin und der Landung zuscho.

_=Mosquera!=_ hie der Schreckensruf, der gleich darauf durch die
kleine, noch ebenso ruhige Stadt zuckte -- _=Mosquera!=_ -- Drauen
segeln die Schiffe an und Tomaco ist vom Feinde bedroht.

Das war ein Durcheinanderlaufen, und wie sich Alles noch vor wenigen
Stunden lachend und jubelnd um Renard's Laden gedrngt hatte, so rannten
die Leute jetzt nach dem Strande, um von den eingelaufenen Fischern das
Nhere ber die beunruhigende Kunde zu hren. Selbst Seor Ramos befand
sich diesmal unter den Neugierigen. Aber der Bericht, den die Seeleute
geben konnten, lautete immer noch unbestimmt, wenn er auch das
Schlimmste frchten lie.

Sie hatten drauen an der Punta Mariana gefischt, und befanden sich
schon wieder auf dem Heimweg, als sie zwei Fahrzeuge bemerkten, die
gegen den Wind aufkreuzten und augenscheinlich auf Tomaco zuhielten. Das
eine war ein Schooner gewesen, das andere eine Galeotte. Wie sie nher
kamen, hatten sie auf dem Schooner eine Flagge aufgezogen, da sie aber
von ihnen fortwehte, konnten sie die Farben nicht erkennen, und
wahrscheinlich sollte das ein Zeichen sein, da man sie an Bord
verlangte, um dort vielleicht als ~practicos~ oder Lootsen zu dienen.

Aus Furcht davor hatten sie sich in die Ruder gelegt und waren geflohen,
whrend das kleinere Fahrzeug, die Galeotte, sobald sie das an Bord
merkte, versuchte, ihnen den Weg abzuschneiden. Aber das ging freilich
nicht; sie selbst hielten sich in seichtem Wasser, wohin ihnen das
tiefer gehende Segelschiff nicht folgen durfte, wenn es nicht auf den
Grund gerathen wollte, und als es wenden mute, trieb es der ungnstige
Wind viel mehr zurck, als da es Fortgang gemacht htte.

Und wann knnten sie hier sein?

Keinen Falls vor morgen frh, denn von der letzten Punta aus hatten sie
die beiden Kriegsfahrzeuge nur noch in weiter Ferne gesehen, und ohne
Lootsen an Bord durften sie nicht wagen, in dunkler Nacht hier
einzulaufen.

Das war der einzige Trost, den sie mitbrachten, aber am nchsten Morgen
konnten die Bewohner von Tomaco darauf rechnen, den unwillkommnen Besuch
der Feinde da zu haben.

Was nun thun? Ihr erster Nationalittseifer war schon merklich
abgekhlt, und sollten sie wirklich all' ihr Hab' und Gut daran wagen,
um der Regierung in Panama, die bis dahin _=noch gar Nichts fr sie=_
gethan, die Insel in treuer Botmigkeit zu erhalten? Wer vergtete
ihnen den Schaden, wenn die Stadt in Brand geschossen wurde? -- Aller
Wahrscheinlichkeit nach Niemand, und die Stimmung der Bevlkerung fing
an, eine entschieden friedliche zu werden. Selbst Renard, der keine
verkuflichen Waffen mehr an der Hand hatte, htete sich, ein einziges
aufregendes Wort fallen zu lassen, ja er wute sogar einige Beispiele
von andern Stdten Neu-Granadas zu erzhlen, wo Mosquera -- weil er
keinen Widerstand gefunden -- vollkommen friedlich eingezogen war und
Niemanden belstigt hatte.

Nur der Postmeister blieb Feuer und Flammen und war wieder emsig
beschftigt, die Landwehr zu organisiren, die er am liebsten die ganze
Nacht durch htte exerciren lassen. Dazu brachte er die Leute nun
allerdings nicht, aber sein Beispiel diente doch dazu, sie wenigstens in
etwas aufzuregen. -- Schmten sie sich doch, so gar kalt zu bleiben, wo
es die Vertheidigung des Vaterlandes und des eigenen Heerdes galt. Sie
verstanden sich also dazu, am nchsten Morgen, noch vor Tag, den Strand
zu besetzen, die Kanonen zu richten und -- wie es der Postmeister
verlangte -- mit Gut und Blut ihre Ehre und ihre Rechte zu
vertheidigen.

Der Postmeister sorgte auch dafr, da sie nicht zu lange schliefen,
denn kaum tauchte der Morgenstern ber den Baumwipfeln des festen Landes
auf, so rasselte, von ihm selber bearbeitet, eine alte Trommel durch die
stillen Straen der Stadt, um in einer Art von verzweifeltem
Generalmarsch die Bevlkerung zu wecken, die jungen Mnner herauszurufen
und die Frauen und Kinder durch den ungewohnten Lrm fast zu Tod zu
ngstigen.

Er unterlie auch keine Vorsichtsmaregeln. Ein Canoe wurde, als noch
tiefe Nacht auf dem Meere lag, an die nrdliche Punta hinaufgeschickt,
um dort auf Wacht zu liegen, bis der Tag anbreche, und dann ungesumt
genaue Kunde zu bringen. Ebenso wurden auf den Felsen hinauf Posten
geschickt, und ihnen eine kleine Fahne mitgegeben, durch welche sie
bestimmte Botschaften auf eine vorher bestimmte Art herabwinken sollten
-- was sie aber natrlich vergaen, ehe sie nur oben waren.

Unterdessen lie er die beiden Kanonen an die uerste Spitze der Insel
schaffen, von wo er aus beide Canle -- wenn auch nicht gerade
beschieen, doch jedenfalls bedrohen konnte, und ebenso muten die
Leute mit Spitzhacken und Schaufeln arbeiten, um eine Art Schanze
aufzuwerfen, hinter der sie gedeckt gegen das Feuer der Schiffe stehen
konnten. In dem lockeren Sande war leicht zu arbeiten und sie hatten
bald eine Brustwehr ausgegraben, die hinreichend schien, sie zu
verbergen, wenn sie auch einer wirklichen Kanonenkugel kaum einen
Widerstand geboten htte.

Bis Tagesanbruch waren sie richtig damit fertig. Der Postmeister blickte
mit Stolz auf das vollendete Werk, und als der Tag graute, hingen Aller
Blicke mit Spannung an dem westlichen Horizonte, den noch ein duftiger
Nebel deckte. Kaum aber hob sich die Sonne, so prete sie auch diese
leichten Schwaden auf die Oberflche der See nieder, von der sie rasch
aufgesogen wurden, und dort sind sie! dort sind sie! lief der Ruf von
Mund zu Mund und fand bald sein Echo in der Stadt, der die gengstigten
Frauen und Kinder entstrmten, um den Feind mit eigenen Augen zu
schauen.

Zu gleicher Zeit winkten die Posten auch auf den Hgeln mit ihren
Fahnen, und kam das nach der Punta ausgesandte Canoe in voller Eile
zurck. -- Sie Alle hatten den Feind zu gleicher Zeit bemerkt, und die
Richtung, welche die kleinen Fahrzeuge mit der schwachen Morgenbrise
nahmen, lie keinen Zweifel mehr, da Tomaco wirklich ihr Ziel sei. --
Aber waren es auch wirklich Kriegsschiffe?

In dem breiten weien Streifen, der um den Rumpf herum lief, zeigten
sich allerdings die schwarzen viereckigen Portlcher -- aber ob es
gemalte oder wirkliche Porte waren, lie sich in der Entfernung noch
nicht erkennen, und solche _=gemalte=_ Porte fhrten fast alle
Kauffartheischiffe, whrend die wahren Kriegsschiffe gewhnlich ganz
schwarz angestrichen waren und nicht die geringste Abzeichnung trugen.

Der Postmeister selber, der eine Art von Telescop besa, das er einmal
einem Walfischfnger um ein Billiges abgekauft, bemhte sich vergebens,
etwas Genaueres zu erkennen -- das verwnschte Glas hatte so viel
gekratzte Risse! -- Nicht einmal eine Flagge zeigten sie, und suchten
nur mit smmtlichen beigesetzten Segeln den schwachen Wind zu fassen und
dadurch vorwrts und auf Ankergrund zu kommen. Mit der Seebrise, die den
Nachmittag etwa um drei Uhr einsetzte, durften sie sicher darauf
rechnen, die Einfahrt des Hafens in ihrer Gewalt zu haben.

Es war jetzt in der That nichts weiter zu thun als diesen Zeitpunct eben
abzuwarten, denn ein verzweifelter Plan, den der Postmeister entwarf,
mit Canoes und Booten nmlich in die offene See hinauszufahren, und die
Kriegsschiffe zu entern und zu nehmen fand auch nicht den geringsten
Anklang. Die Leute meinten ganz vernnftig: wenn sie _=das=_ wollten,
knnten sie ja nur ruhig warten, bis die beiden Fahrzeuge zu ihnen
hereinkmen; dann htten sie es doch jedenfalls weit bequemer.

Indessen ging der Alkalde, dem nicht wohl bei der Sache wurde, zu Seor
Ramos hinber, um dessen Meinung zu hren; er staunte aber nicht wenig,
als ihm dieser ganz ruhig sagte, _=er=_ wrde an seiner Stelle nicht den
geringsten Widerstand leisten, denn einem ordentlichen Angriff hielten
seine Leute doch nicht Stand, und Widersetzlichkeit wrde den Feind nur
erbittern, aber nie etwas an der Sache -- der Besetzung Tomacos durch
Mosquera's Truppen -- ndern.

Wenn Sie das nur dem Postmeister gesagt htten! entgegnete, etwas
bestrzt, der Alkalde. Der ist ganz Feuer und Flamme.

Der Postmeister ist ein Bramarbas, sagte Seor Ramos ruhig. -- Lassen
Sie den da drauen maneuvriren, er wird nicht den geringsten Schaden
thun.

Dabei blieb es, und die Einwohner von Tomaco beobachteten mit
ngstlicher Spannung das zwar langsame, aber doch unverkennbare
Nherrcken der Flotte.

Den stolzen Namen _=Flotte=_ verdienten die beiden kleinen Fahrzeuge
allerdings nicht. Es waren ein paar ganz gewhnliche Schooner, wie sie
berhaupt an der Kste kreuzten, um Tauschhandel zu treiben und selten
grere Reisen als nach Panama und wieder zurck zu machen. Noch dazu
wurden zu diesen Fahrten gewhnlich die ltesten und schlechtesten
Schiffe benutzt, da sie in dieser Breite nie eine schwere See oder gar
einen Sturm zu frchten hatten. Das Schlimmste, womit sie kmpfen
muten, waren Windstillen, die ihre Reise oft um das Dreifache
verlngerten. Uebrigens fanden sie berall an der Kste kleine Hfen, wo
sie einlaufen und frische Provisionen kaufen konnten -- Wassermangel
fand in einer Gegend nie statt, wo wenigstens einmal an _=jedem=_ Tag
ein kleiner Wolkenbruch fiel, so da man an Deck, mit einem
ausgespannten Segeltuch, leicht auffangen konnte, was man ber Tag
brauchte.

Die beiden kleinen Fahrzeuge schienen nun auch nicht um einen Grad
besser zu sein, als alle anderen derartigen gleichen Gelichters, und
mglich, da der Postmeister, der lange Jahre seines Lebens an der Kste
zugebracht, auch der festen Ueberzeugung war, er htte es nur mit
friedlichen Kstenfahrern zu thun und knne, in sehr billiger und
gefahrloser Weise, seinen Muth zeigen und seinen Landsleuten imponiren.
Mosquera, noch nicht im Besitz Panamas oder irgend eines anderen
bedeutenden Hafens, war aber in der That genthigt gewesen, ein paar
ganz gewhnliche Schooner, wie er sie an der Kste genommen oder
aufgekauft hatte, zu bemannen und zu armiren, und da die Bewohner dieser
kleinen Hafenpltze auch wohl noch nie ein wirkliches Kriegsschiff
gesehen hatten, so konnten sie, seiner Meinung nach, recht gut Alles
erfllen, zu was er sie brauchte -- und erfllten es auch in vielen
Fllen.

Die Spannung am Lande hatte ihren Hhepunct erreicht, als beide
Schooner, etwa Mittags um 12 Uhr, drauen vor dem Eingange des Canals,
neben einander ankerten, und gleich darauf ein kleines Boot in See
gelassen wurde -- was man mit bloen Augen deutlich erkennen konnte --
in das einige Mann hineinstiegen und dann dem Lande zuruderten. Hinten
im Heck des Bootes stand ein Offizier, und als er nher kam, hob er eine
kleine weie Fahne empor -- es war richtig ein Parlamentairboot, und da
die Leute recht gut wuten, da sie von den paar Mann keinen Ueberfall
zu frchten hatten, drngten sie mehr und mehr der Landung zu, um dort
gleich an Ort und Stelle das Schlimmste zu erfahren.

Selbst der Postmeister, der aber seinen Leuten streng anbefahl, auf
ihren Posten zu bleiben, den sie bis auf den letzten Mann vertheidigen
wollten, nherte sich der Stelle, um bei dem Kriegsrath zugezogen zu
werden.

Still und schweigend ruderte inde das Boot heran, und die vier Leute an
den Riemen -- ruppig genug aussehende Burschen, wenn sie wirklich zu
einem Kriegsschiff gehrten -- warfen bei ihrer Arbeit etwas scheu den
Kopf zurck nach den Leuten am Strande, und schienen keineswegs eines
ganz freundlichen Empfanges gewi zu sein.

Vollkommene Ruhe bewahrte inde der Offizier selber, der, als das Boot
den Sand scheuerte, von seinem Sitze aufstand und die weie Fahne
emporhob. Da aber gerade Ebbe war, lag das Boot, wenn auch schon
festgefahren, noch immer wohl zehn oder zwlf Schritte von dem seichten
Strande ab, und Einer der Leute sprang ohne Weiteres hinaus und in's
Wasser, um ihn auf seinen Schultern auf trockenen Boden zu tragen, denn
er hatte Stiefeln an, die er nicht na machen durfte.

Der Offizier nahm das auch an, und zwar als eine Sache, die sich von
selbst verstand, wenn es ihm auch in der Wrde seiner Stellung und
europischen Augen gegenber vielleicht Eintrag gethan htte, so
huckepack und nichts weniger als grazis, an's Land geritten zu kommen.
Hier aber war man etwas Aehnliches schon so gewhnt, da Niemand nur
eine Miene deshalb verzog und der Alkalde, in etwas steifer und
gezwungener Haltung ihm entgegentrat, um zu erfragen, was er wnsche und
was die Schiffe da drauen beabsichtigten.

Der Offizier grte freundlich, ohne sich dann aber bei weiteren
Hflichkeiten aufzuhalten, sagte er ruhig:

Seores, ich komme hierher im Namen meines Capitns und Admirals, des
ehrenwerthen Don Juan Salcantra, um Sie aufzufordern, Sr. Excellenz, dem
geliebten und tapferen Prsidenten Mosquera, den Huldigungseid zu
leisten und zu schwren, da Sie diesen Platz gegen alle Feinde Sr.
Excellenz vertheidigen und ihm berhaupt treue Unterthanen sein wollen.

Todtenstille folgte dieser Aufforderung, und selbst der Alkalde war in
Verlegenheit, was er darauf erwidern solle. Mit der Schlauheit und
Geschmeidigkeit der ganzen spanischen Race lie er aber doch nicht lange
auf eine Antwort warten und erwiderte freundlich:

Seor, wir sind ruhige und friedliebende Brger auf Tomaco, die mit
treuer Anhnglichkeit an ihrer Regierung hngen und erst vor ein paar
Tagen erfahren haben, da eine Revolution im Lande ausgebrochen sei. Da
der neue Prsident in Panama Mosquera heit, wuten wir noch gar nicht,
und wenn Sie uns von dort den schriftlichen Befehl zu dem eben
Verlangten bringen, sind wir mit Vergngen bereit, Ihrem Wunsche zu
willfahren.

Die Regierung in Panama, sagte nun der Offizier finster, ist gestrzt
-- General Mosquera regiert jetzt allein im Lande, und deshalb haben die
verschiedenen Hafenpltze auch von ihm allein Befehle entgegen zu
nehmen, die er aber nie schriftlich, sondern nur mndlich giebt.

Bitte um Entschuldigung, Seor, nahm der Postmeister das Wort. Die
Regierung von Panama ist _=nicht=_ gestrzt, wenigstens nicht, da
_=Sie=_ etwas davon wissen knnten, denn der englische Dampfer, der
direct von Panama kam, hat erst _=nach=_ Ihnen Buenaventura verlassen,
und uns noch Depeschen _=unserer=_ Regierung mitgebracht.

Seor, erwiderte der Offizier kalt, die Regierung von Panama ist im
_=ganzen Lande=_ gestrzt, und in Panama eingeschlossen, Sie knnen
dieselbe also nicht mehr Regierung nennen. Aber ich bin nicht hier, um
mich mit Ihnen in einen Wortstreit einzulassen. Meine Aufforderung an
Sie ergeht nur dahin, ob Sie sich den _=rechtmigen=_ Behrden
unterwerfen wollen, wo nicht, werden wir mit unseren Schiffen Ihren
Gehorsam zu _=erzwingen=_ wissen, und die Folgen -- haben Sie sich dann
selber zuzuschreiben. -- Ich bitte um Antwort.

Und die soll Ihnen werden, rief der enragirte Postmeister, ehe der
Alkalde selber das Wort ergreifen konnte. -- Kommen Sie nur so nahe,
da wir Sie mit unseren Kanonen erreichen knnen, so wollen wir Ihnen
eine Antwort hinberschicken, da Ihnen die Kpfe brummen.

Ist das Ihr letztes Wort? frug der Offizier finster.

Der Alkalde wollte etwas erwidern, aber die Umstehenden, denen die kecke
Rede ihres Postmeisters imponirte, brachen in ein donnerndes Hurrah aus,
und die Leute im Boote griffen erschreckt nach ihren Rudern, weil sie
sich nicht sicher fhlten, da die bermthigen Burschen am Ende ber
sie herfallen knnten. -- Was wuten sie von Vlkerrecht oder
Parlamentairflagge!

Der Offizier mochte etwas Aehnliches frchten, denn er trat dicht zum
Rand des Wassers zurck und sah sich nach seinen Leuten um. Dadurch
gewannen die Bewohner von Tomaco nur neuen Muth. Der Alkalde wollte
etwas sprechen, aber er kam nicht zu Worte -- wieder gaben die
Hurrahschreier eine volle Salve, und der Offizier, mit gnzlicher
Miachtung seiner blanken Stiefeln und trockenen Beinkleider, trat in
das Seewasser hinein, war mit wenigen Schritten bei seinem Boote,
schwang sich hinein, und whrend sich die Ruderer mit aller Macht in die
Riemen legten, glitt die etwas plumpe Jolle wieder in tiefes Wasser
zurck und dem Schiffe zu.




Viertes Capitel.

Die Einnahme von Tomaco.


Drauen in See hatte inde die Mannschaft mit groer Spannung dem Erfolg
des Parlamentairs entgegengesehen, denn dieser gab ja die Entscheidung,
ob sie die vor ihnen liegende Insel ruhig besetzen oder sie erst nach
einem vielleicht harten und blutigen Kampfe erobern sollten.

Und eine wunderliche Mannschaft war es in der That, welche die Decks der
kleinen Fahrzeuge fllte. Besonders der Schooner, eigentlich das
strkere Schiff von den beiden, zeichnete sich darin aus, denn
zusammengeleseneres Volk lie sich kaum auf der Welt denken. Nicht ein
Mann sah aus wie der andere oder hatte auch nur das geringste
Seemnnische in seinem Wesen. Schmutzig, abgerissen, nicht einmal in
ihrer Hautfarbe gleich, die vom tiefen Schwarz des Negers bis zu der
braunen Haut des Halbindianers alle verschiedenen Schattirungen zeigte,
rkelten sie sich und lagen ber Deck, und die drei oder vier Europer
dazwischen schienen einer ganz anderen Welt anzugehren.

Besonders der Steuermann, ein Englnder, und wie alle englischen
Seeleute sauber und adrett gekleidet, sah mit unbeschreiblicher
Verachtung auf den Tro hinab, als er jetzt oben auf dem Quarterdeck,
sein Telescop in der Hand, die Befehle des Capitns, eines
Neu-Granadiensers, erwartete.

Aber die Schiffe wenigstens paten zu der Mannschaft, denn wenn man
ihnen von _=auen=_ auch erst krzlich einen frischen Ueberzug von
Oelfarbe gegeben hatte, so konnte das doch den Augen eines Kundigen die
alten Schden nicht verbergen, die sich nicht bertnchen lieen. Selbst
der Hauptmast war geflickt und die Segel schienen nur aus einzelnen
Lappen zusammengesetzt zu sein -- die meisten Taue bestanden aus
zusammengedrehter roher Haut und aus dem Deck selber hatte Alter oder
lange Benutzung schon ganze Sphne herausgefressen, da es gar nicht
mehr ordentlich gescheuert werden konnte. Ueberhaupt sah das ganze
Fahrzeug genau so aus, als ob es eine einzige tchtige See rettungslos
in den Grund waschen msse, whrend der untere Raum, in dem die
Besatzung schlief und a, gar keine Beschreibung zulie.

Allerdings _=hatte=_ der Steuermann versucht, in diese Wirthschaft
Ordnung oder doch wenigstens Reinlichkeit zu bringen, aber vergebens.
Die ganze Mannschaft trat gegen ihn auf, und da ihn der Capitn in
seinen Bemhungen nicht im Geringsten untersttzte, ja seinem
Cajtenjungen sogar gestattete, da er die Cajte in einem hnlichen
Zustande hielt, so lie er es endlich gehen; was sollte er sich auch mit
den Land-Lubbern die Schwindsucht an den Hals rgern?

Jetzt kam das Boot zurck.

Wie die Kerle nur rudern! brummte er leise vor sich hin. Ein
Heidenglck, da hier kein Mensch einen Begriff davon hat, wir mten
uns zu Tode schmen mit unserer Bande. Hol' sie der Henker!

Und er spuckte dabei seinen Tabacksaft mit einem wahren Ingrimm in's
Meer hinein.

Das Boot kam inde nher und der Capitn -- oder Almirante, wie er sich
stolz nennen lie -- hatte schon ungeduldig mit seinem Fernrohre hinber
gesehen. Der Offizier, der jetzt im Boot aufgerichtet stand, schttelte
die emporgehobene Hand zum Zeichen der Verneinung, und leise vor sich
hinfluchend rief der Neu-Granadienser:

Nun, Seores, wenn Ihr es denn nicht anders haben wollt, so kann ich
Euch nicht helfen! -- Seor Culpepper, wandte er sich dann an den
Englnder, geben Sie den Befehl, da die Kanonen scharf geladen werden,
wir wollen den Herren da am Ufer, sowie wir etwas nher hinan kommen
knnen, die in Buenaventura aufgetragenen Gre bringen.

Seor Culpepper zerbi eine Verwnschung zwischen den Zhnen und ging
nach vorn, denn was auf einem wirklichen Kriegsschiffe nur durch den
Befehl und die Pfeife des Bootsmannes beordert wird, mute er selber
berwachen, und vielleicht auch mit Hand anlegen, wenn er es gethan
haben wollte.

Indem stieg eine schmchtige hagere Gestalt in einem blauen Rock mit
blanken Knpfen und straff anliegenden schwarzen Haaren, einen kleinen
Panamahut auf dem Kopf, an Deck, wo ein paar Matrosen eben beschftigt
waren, das Sonnenzelt aufzuspannen. Der Neuheraufgekommene aber, wenn er
auch selbst vom Almirante mit groer Achtung behandelt wurde, hatte
kein angenehmes Aeuere. Die gelbe Hautfarbe seines Gesichts trug eine
Menge blulicher Flecke, beinahe als ob er einmal einen Schrotschu auf
den Kopf bekommen htte, und wenn er auch nicht gerade schielte, hatte
das eine Auge doch -- was man im gewhnlichen Leben so nennt -- einen
falschen Blick. Dabei ging der Mann immer ein wenig gebckt und sah wie
lauernd und mitrauisch um sich her.

An Bord unter den Leuten hie er gleich vom ersten Tage an die Ratte,
wenn er auch einen ziemlich hohen Posten zu bekleiden schien und von den
Officieren gewhnlich Seor Comisario genannt wurde -- was kmmerte das
die Mannschaft? -- an Bord hatte er ihnen doch Nichts zu befehlen.

Nun, wie ist es? fragte er, sowie er das Deck betrat und den lauernden
Blick umherwarf. -- Das Boot noch nicht zurck?

Dort kommt es eben langseit, sagte der Seemann. Wir mssen, wie ich
merke, Gewalt brauchen.

Dann lassen Sie das Nest in Grund und Boden zusammen schieen, Seor
Almirante! rief der Commissair, whrend seine Augen ein unheimliches
Feuer annahmen. Die Canaillen haben es nicht besser verdient, und wenn
wir an der Kste _=einmal=_ ein solches Exempel statuiren, so erspart
uns das eine Menge Mhe vielleicht fr andere Pltze.

Wenn es nicht sein _=mu=_, sagte der Seemann kopfschttelnd, so
mchte ich es gerade bei Tomaco nicht gern thun. Es ist einer der
betriebsamsten Orte Neu-Granadas.

Rebellisches Gesindel! rief der Commissair im Eifer. Ich kenne sie
von frher her und besser als Sie glauben. Verrtherisches Pack die
ganze Bande, und seien Sie versichert, da ich jede Maregel vertrete,
die Sie gegen _=dies=_ Volk in Anwendung bringen.

Der Seemann erwiderte nichts darauf, denn der ausgesandte Parlementair
stieg eben an Bord und machte seine Meldung.

Und haben Sie erfahren, ob ein Seor Jos Ramos hier in Tomaco lebt?
unterbrach ihn der Commissair, ehe er seinen Bericht ganz vollendet
hatte.

Seor, sagte dieser, ich hatte an Land mehr zu thun, als mich nach
einzelnen Persnlichkeiten zu erkundigen. Der Zeitpunkt war gerade nicht
besonders passend.

Aber Sie haben doch wenigstens Jemanden von dort mitgebracht, der uns
nhere Auskunft geben knnte! rief der Commissair, indem er einen
giftigen Blick nach dem jungen Mann scho.

Wir waren froh, da wir uns selber wieder fortbrachten, erwiderte
dieser, denn die Stimmung schien eine sehr aufgeregte zu sein.
Uebrigens haben sie dort drben im Sande Schanzen aufgeworfen und
dieselben auch wahrscheinlich mit Kanonen armirt, wenn ich das von dort,
wo ich mich befand, auch nicht ganz deutlich erkennen konnte.

Was fr Kanonen werden sie hier am Lande haben! sagte der Capitain
verchtlich. -- Unsere Zwanzigpfnder sollen da schon ganz anders mit
ihnen sprechen. Wie steht es mit der Fluth, Seor Culpepper?

Fngt eben an zu steigen, Seor, lautete die Antwort -- vor drei
Stunden drfen wir aber nicht daran denken, die Anker zu lichten, denn
wenn wir hier auf dem Sande festfahren, und sie haben wirklich so ein
Ding wie ein Geschtz am Land, so knnen sie mit uns machen was sie
wollen.

Der Capitain erwiderte nichts, sondern lie sein Boot bemannen und
ruderte nach der Galeotte hinber, whrend der Commissair, seine Ngel
beiend, an Deck auf und ab ging und nur manchmal das Telescop aufnahm,
um zu beobachten, was da drben am Lande vorging.

Indessen schlenderte der Steuermann wieder ber Deck, damit dort --
soweit das mglich war -- Alles in Ordnung gebracht wrde, wenn es
wirklich zu einem Kampf kommen sollte. Vorn am Gangspill lehnte ein
anderer Europer -- ein junger Franzose, der den Posten eines ~master
at arms~ bekleidete. Er hatte beide Arme auf das Gangspill gelehnt,
sttzte sein Kinn darauf und blickte in tiefem Sinnen nach dem Lande
hinber.

Nun Bill, sagte Mr. Culpepper zu ihm, indem er neben ihm stehen blieb
und ihm auf die Schulter klopfte, worber denkt Ihr nach?

Ich, Sir? sagte der Franzose, der ziemlich gut englisch sprach, denn
er hatte lange in Canada gelebt, und schien auf der See daheim zu sein.
Er war reinlich und ganz matrosenartig gekleidet, was man von der
brigen Gesellschaft _=nicht=_ sagen konnte -- ich berlege mir eben,
da es eine verdammt viel bessere Beschftigung wre, da drben auf dem
Rcken unter einer Cocospalme zu liegen, als hier mit einer
nichtswrdigen Bande von Land-Lubbern sich zu Schanden zu rgern. Ich
habe das Leben hier bis an den Hals satt.

Ich wohl nicht, Camerad? lachte der Englnder mit einem leisen Fluch.
-- Aber was kann's helfen? Heute bekommen wir wenigstens einmal
Abwechselung in die Wirthschaft und ich kann Euch sagen, da ich
neugierig bin, wie sich unsere tapferen Neu-Granadienser im Feuer
benehmen werden.

Im Feuer? sagte der Franzose verchtlich. -- So lange sie nicht
fortlaufen _=knnen=_, werden sie natrlich Stand halten. Uebrigens geb'
ich Euch mein Wort, da es hier an Bord gefhrlicher ist, _=hinter=_
einer von unseren alten Kanonen zu stehen, wie davor, denn _=ich=_
mchte nicht dabei sein, wenn sie abgefeuert werden.

Der Englnder lachte laut auf.

Und habt Ihr sie nicht selber heute zu dem Zwecke geladen?

Bah! sagte der Franzose. -- Die sind schon oft geladen, aber noch nie
abgeschossen worden -- so lange ich wenigstens an Bord bin -- und so
lange ich an Bord bin, werd' ich es auch zu vermeiden suchen, darauf
knnt Ihr Euch verlassen.

Wird aber diesmal nicht gehen, schmunzelte der Englnder, denn die
_=Ratte=_ scheint eine ganz besondere Wuth auf das Nest da drben zu
haben, und kann die Zeit nicht erwarten, wo der Befehl zum Feuern
gegeben wird.

Die Ratte soll -- zu Grase gehen, brummte Bill durch die Zhne. Ich
mchte nur wissen, was _=der=_ hier schon einmal ausgeheckt hat, da er
so wthend auf den Ort ist. Habt Ihr je ein freundlicheres Pltzchen in
der Welt gesehen, Mate? fuhr er fort und deutete mit dem Arm nach der
reizenden Insel hinber. -- Kann es etwas Pittoreskeres geben, als
jenen alten grauen Felsen mit den Palmen am Fue, seiner hellgrnen
Zuckerrohr-Mantille und den prachtvollen, breitbltterigen Bananen oben
auf dem Gipfel? Wie friedlich knnten die Menschen hier leben -- und
leben auch so, wahrscheinlich -- wenn wir sie mit unserer verwnschten
Politik in Ruhe lieen und die Ratte, statt sie hier an's Land zu
setzen, einfach im Canal ersuften.

Der Englnder lachte leise vor sich hin und ging wieder nach hinten, wo
er jetzt, da die Fluth schon scharf einsetzte und der Bug vom Land
abgedreht lag, einen besseren Ueberblick ber die Insel hatte. Der
Capitain kam ebenfalls zurck und die Mannschaft wurde zum Essen
gerufen, um vllig bereit zu sein. So rckte etwa drei Uhr heran -- das
Wasser war bedeutend gestiegen, und da der Commissair ebenfalls
unablssig drngte, um an Land zu kommen, gab der Admiral endlich den
Befehl, die Anker wieder zu lichten und aufzusegeln.

Fertig zum Feuern! lautete dabei der Befehl. Es schien wirklich Ernst
zu werden, und der ~master at arms~ wurde auf das Quarterdeck
befohlen.

Lassen Sie Ihre Leute bei den Kanonen stehen, Sir, redete ihn hier der
Capitain an, und beim ersten Schu, der vom Lande her fllt, geben Sie
eine Salve -- eine ganze Breitseite (es waren drei Kanonen an jeder
Seite) und zielen Sie gut.

Sehr wohl, Seor Almirante, sagte der Franzose, mit der Hand an der
Mtze, aber -- wollen Sie mir eine Bemerkung erlauben?

Was ist da noch zu bemerken? fragte der Capitain scharf.

Weiter nichts, bemerkte der Franzose, als da der Schooner das
Abfeuern der Kanonen nicht aushlt. Sie sind zu schwer fr uns.

Mit dem Bedenken kommen Sie _=jetzt=_, im entscheidenden Augenblick?
fuhr der Capitain auf.

Seor, erwiderte der Mann ruhig, als ich in Buenaventura der kleinen
Prgelei wegen von den Behrden eingesteckt wurde und die Wahl bekam,
zwei Monate in einer wahren Pesthhle von Gefngni zu sitzen, oder an
Bord dieses Kriegsschiffes zu gehen, hatte ich mit der Armirung
desselben nichts zu thun. Jetzt haben Sie mich zum Geschtzmeister
gemacht und es ist meine Schuldigkeit, Sie vor der Gefahr zu warnen.

Sie wollen mir doch nicht sagen, rief der Admiral, da wir nicht
wagen drften, einen Schu zu thun!

Allerdings, erwiderte mit unzerstrbarer Ruhe der Franzose. Ich habe
den Schooner genau untersucht -- die Planken und Rippen sind so morsch,
da Sie in keinem anderen Wasser damit fahren knnten, wie gerade hier
-- sie halten nur noch bei ruhiger Fahrt aus reiner Geflligkeit
zusammen. Ich weigere mich brigens nicht, zu feuern. Geben Sie den
Befehl, und Sie sollen sehen, da Ihre Geschtzstcke ordentlich bedient
werden. -- Ich kann schwimmen und wenn der alte Kasten auseinander geht
und die Kanonen nicht platzen, so hoffe ich an Land zu kommen. Da wir
aber heute Abend, wenn wir nur eine einzige Breitseite abfeuern, die
Wand bersten, und eine Stunde spter voll Wasser laufen, darauf gebe ich
Ihnen mein Ehrenwort -- und seine Mtze lftend drehte er sich ab und
ging wieder ruhig auf seinen Posten.

Der Capitain blieb in einer hchst unbehaglichen Stimmung zurck und
auch der Commissair war ein sehr bestrzter Zuhrer der Unterredung
gewesen, denn er hatte bis jetzt einen ganz anderen Begriff von ihrer
Marine gehabt. Sank das Schiff wirklich, so war _=er=_ verloren, denn
_=er=_ konnte _=nicht=_ schwimmen, und ob sie in einem Boot freundlich
an der Kste empfangen wrden, bezweifelte er sehr.

Der Englnder wurde jetzt gerufen, um seine Meinung ber die Sache zu
hren, aber er zuckte die Achseln. Der Franzose war, wie er besttigte,
gelernter Schiffszimmermann, und hatte ihn schon ein paar Mal auf den
wahrhaft traurigen Zustand der Schiffshlzer aufmerksam gemacht. Er
traute selber nicht und wenn sie _=seinem=_ Rath folgen wollten, so
hielten sie mit Schieen wenigstens so lange als mglich zurck. Der
Schooner macht jetzt schon so viel Wasser, da sie auf jeder Wacht eine
volle Stunde pumpen mten, und ihn dann noch nicht einmal frei bekmen.
-- Wenn sich durch Erschtterung des Feuerns die Hlzer noch mehr
lsten, stnde er fr nichts. -- Uebrigens knne _=er=_ auch schwimmen.

Und damit spuckte er sein Priemchen ber Bord und schnitt sich ein
frisches ab, whrend der Schooner, von der Galeotte dicht gefolgt, mit
der jetzt einsetzenden Seebrise rasch seinem Ziele entgegenlief und
einem Kampfe, sobald er vom Lande aus begonnen wurde, nun schon gar
nicht mehr ausweichen _=konnte=_. _=Gegen=_ diese Brise und die starke
Strmung der einsetzenden Fluth wren die erbrmlich segelnden Fahrzeuge
gar nicht im Stande gewesen, die offene See wieder zu erreichen.

Der Almirante befand sich in Verlegenheit, denn es kann ja nichts
Fataleres fr den Befehlshaber eines Kriegsschiffes geben, als zu hren,
da die Kanonen, die zu dem besonderen Zwecke an Bord geschafft wurden,
um damit zu schieen, nicht abgefeuert werden drften, wenn man nicht
befrchten wolle, nicht etwa Schaden nach auen anzurichten, sondern das
eigene Fahrzeug zu ruiniren. Wer wei auch, was er gethan htte, wenn
gerade Ebbe gewesen wre und ein gnstiger Wind ihm irgend eine andere
Bewegung erlaubt htte, als die, vorwrts zu segeln. So aber befand er
sich genau in der Lage eines Cavalleristen, dessen Pferd mit ihm,
angesichts der feindlichen Reihen, durchgeht, und zwar gerade auf die
Feinde zu. Es blieb ihm nichts Anderes brig, als zu thun, als ob er das
Pferd noch selber regiere und lenke, und nur aus rasender Tapferkeit zu
diesem tollkhnen Angriff getrieben werde. Er war auch mit sich einig,
denn wenn wir zu einem Entschlu _=gezwungen=_ werden, ist es nicht
schwer, ihn zu fassen.

Jetzt befand man sich der im Sande eingegrabenen Batterie gegenber.
Deutlich konnte man schon die dort am Ufer durcheinander laufenden
Soldaten erkennen und der Capitn bemerkte mit seinem Glas, da sie
wirklich mit einem Gegenstande, der einer Kanone hnlich sah,
beschftigt waren. Es dauerte auch nicht lange, so folgte ein Blitz,
dann eine kleine weie Rauchwolke und whrend der Schu zu ihnen
herberdrhnte, sprangen die Leute alle nach dieser Seite des Fahrzeugs,
um zu sehen, welche Richtung die Kugel nehmen wrde. -- Aber keine Kugel
kam. Dicht am Ufer spritzte das Wasser allerdings an ein paar Stellen
auf, das war aber wenigstens hundert Schritt vom Schiff selber entfernt
und nicht einmal in der Richtung, sondern viel weiter nach hinten.
Uebrigens erfolgte kein Befehl einer Erwiderung an Bord. Die Leute
standen mit brennenden Lunden neben ihren Kanonen, aber sie schossen
nicht, und mit wahrhaft majesttischer Ruhe glitten die beiden
Fahrzeuge, die zu wenig Tiefgang hatten, um bei steigender Fluth ein
Auflaufen zu frchten, an den so mhsam aufgeworfenen Schanzen vorber
und gerade auf die Stadt zu, bis sie, dieser gegenber, pltzlich auf
ein gegebenes Signal die Segel lsten und die Anker niederrollen lieen.
Kaum zwei Minuten spter schwang ihr Bug mit der Strmung herum und
beide zeigten jetzt der Stadt die drohenden Seiten, mit denen sie jeden
Moment den Angriff beginnen konnten.

Und was wollen Sie thun? fragte der Commissair ngstlich, als der
Capitn sein Boot beorderte, um selber an das Land zu fahren.
Uebereilen Sie um Gotteswillen nichts, da Sie Ihre Schiffe nicht
gefhrden.

Haben Sie keine Angst, sagte der Seemann mit einem verchtlichen
Lcheln. -- Es wre ja Schade um das Material. Uebrigens kenne ich
meine Landsleute und hoffe das _=ohne Blutvergieen=_ durchzusetzen was
wir durch unsere Kanonen erreichen wollten. Dann werden Sie mir
erlauben, nach Buenaventura zurckzukehren und dort diese kostbaren
Fahrzeuge der Obhut Sr. Excellenz wieder zu berliefern.

Von Herzen gern, von Herzen gern, Almirante, rief der Commissair
rasch. Auch hoffe ich, Ihnen dann einige wichtige Gefangene mitzugeben.
Meine Kundschafter, die mir meldeten, da Seor Ramos mit seiner Familie
nach Tomaco geflchtet sei, und jetzt hier gegen Mosquera agitire,
_=knnen=_ sich nicht geirrt haben und dann war unsere Reise nicht
umsonst, denn ich gebe Ihnen mein Wort, da dieser Ramos der
gefhrlichste und schlimmste Agitator in ganz Neu-Granada ist.

~Veremos!~ erwiderte der Capitn trocken und stieg in sein Boot
hinab, mit dem die Leute schon seiner warteten. Er nahm nicht einmal
eine weie Fahne mit, sondern steuerte das Boot direct auf eine sich am
Strand sammelnde Menschengruppe zu, weil er an der Stelle ziemlich
richtig den besten Landungsplatz vermuthete. Zu gleicher Zeit sah er,
wie die an den Sandschanzen aufgestellte Mannschaft im Sturmschritt mit
ihren beiden kleinen Kanonen herbeieilte, um -- wenn nthig --
vielleicht den Landungsplatz zu vertheidigen, denn da sie gegen die
Schiffe selber mit ihren Geschtzen nichts ausrichten konnten, hatten
sie wohl bei dem ersten Mal Feuern bemerkt.

Der Alkalde erwartete ihn schon, und diesmal fest entschlossen, sich
durch den Postmeister nicht wieder das Wort vor dem Mund wegnehmen zu
lassen. Er trat auch dem Capitain, sowie dieser an's Land sprang,
entgegen und sagte, indem er ihm die Hand reichte und schttelte:

Buenos Dias, Seor! -- Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.
Knnen _=Sie=_ uns vielleicht Aufklrung geben, zu welchen Zweck Sie
hier Ihre beiden Schiffe vor unserer Stadt geankert haben?

Ein leises Lcheln flog ber die Zge des Seemannes, als er antwortete:

Mit weit grerem Rechte, mein verehrter Seor, knnte ich _=Sie=_
fragen, weshalb Sie auf ein paar Schiffe Ihres eigenen Landes, die einen
Hafen ihres eigenen Territoriums besuchen, feuern lassen. -- Bitte,
unterbrechen Sie mich nicht. Wre ich Ihnen wirklich feindlich gesinnt,
was hinderte mich, furchtbare Rache fr die Beleidigung zu nehmen, denn
Sie werden mir zugeben, da eine einzige in diese Bambushuser gefeuerte
Kanone entsetzliche Verwirrung anrichten und viele Menschenleben
gefhrden wrde. Um aber kein Blut treuer Unterthanen unseres theueren
Vaterlandes zu vergieen, um den Brgerkrieg nicht auf dies friedliche
Eiland zu tragen, komme ich noch einmal zu Ihnen, um Sie aufzufordern,
das zu thun, was Sie doch nicht mehr ndern knnen: Sr. Excellenz den
jetzigen Prsidenten der Republik, Seor Mosquera, anzuerkennen und ihm
Treue zu schwren. Ich selber komme nur als der Feind derer, die den
Huldigungseid verweigern -- im anderen Fall sind wir Freunde und
Bundesgenossen, und ich stehe mit meiner Person dafr, da Sie weder an
Ihrer Stadt, noch irgend einem derselben angehrenden loyalen Brger
geschdigt werden sollen.

Aber bester Herr, sagte der Alkalde, durch die freundliche und
vernnftige Anrede schon halb gewonnen und nur noch in Verlegenheit, wie
er vor den Umstehenden eine vielleicht etwas zu rasche Sinnesnderung
beschnigen sollte, wir -- wir wissen hier eigentlich noch gar nichts
von Sr. Excellenz, dem neuen Prsidenten. Wir sind friedliebende
Menschen, die mit keinem Lande einen Krieg wollen -- am allerwenigsten
mit dem eigenen, aber wie -- wie bekommen wir denn eine Garantie, da
nicht -- ohne jedoch das Geringste gegen Ihre eigene Person andeuten zu
wollen -- da nicht irgend ein Schiff bei uns anlegen knnte, welches
irgend einen neuen Namen als Prsident und Regierung aufstellt und
Besitz von der Insel ergreift?

Darber beruhigen Sie sich, sagte der Seemann; ich handele nicht nach
eigener Machtvollkommenheit, sondern habe einen Regierungs-Commissair an
Bord, der, von Buenaventura aus mit allen nthigen Papieren und
Schriftstcken beglaubigt, das Weitere mit Ihnen auf vollkommen
gesetzlichem Wege in Ordnung bringen wird. Der Herr ist Ihnen auch,
soweit ich erfahren habe, nicht einmal ein Fremder, sondern war frher
selber, wie er mich versicherte, ein Einwohner oder wohl gar ein Beamter
dieser Insel --

In der That? Und sein Name?

Seor Fosca.

Fosca? Alle Teufel! platzte der Alkalde etwas erstaunt heraus; Seor
Fosca ist Regierungs-Commissair geworden? Aber es blieb ihm keine Zeit
mehr zum Ueberlegen, denn der Postmeister kam gerade mit einem
_=Theil=_ seiner Leute wenigstens herbei, da ihm keineswegs alle
folgten. Die Meisten, indem sie eine Beschieung der Stadt frchteten,
liefen nach ihren Husern, um dort zu retten, was sie retten konnten.
Der Alkalde war aber fest entschlossen, diesmal ohne den Postmeister zu
handeln, und sagte deshalb rasch und bestimmt:

Wenn Sie mir Ihr Wort geben, Seor, da der Stadt kein Schaden
geschehen soll, so glaube ich in Uebereinstimmung mit meinen Mitbrgern
zu handeln, wenn ich Ihnen erklre, da wir den Prsidenten Mosquera
anerkennen wollen.

Ja wohl! Gewi! ~En verdad -- con gusto!~ tnte es von allen Seiten,
denn das entschlossene Aufsegeln der Kriegsschiffe hatte seine Wirkung
auf die Gemther nicht verfehlt.

Und das Versprechen gebe ich Ihnen, sagte der Seemann, dem damit eine
wahre Centnerlast von der Seele fiel, denn eine Weigerung htte ihn in
die grte Verlegenheit gebracht.

Und wissen Sie, welche Verantwortung Sie da auf sich nehmen, Seor
Alkalde? schrie der Postmeister, der eben zur rechten Zeit erschien, um
zu spt zu kommen. Wir sind hier freie Brger, und wenn irgend ein
Prsident --

Fosca ist Regierungs-Commissair und an Bord, flsterte ihm der Alkalde
zu, indem er seinen Arm fate; halten Sie das Maul.

Der Postmeister sah ihn verdutzt an. Es war augenscheinlich, da er den
Sinn der Worte nicht so rasch begriff, aber der Alkalde warf ihm einen
warnenden Blick zu, und sich auf dem Absatz herumdrehend nahm er den Hut
ab, schwenkte ihn in der Luft und rief mit seiner weit hinaus drhnenden
Stimme:

~Compaeros el viva! Viva Sa Excellencia el praesidente Seor
Mosquera! -- El viva!~

~El viva! El viva!~ jubelten ihm die Leute nach, die ebenfalls ihre
Hte schwenkten, und wie ein Lauffeuer pflanzte sich der Schrei durch
die Stadt fort. Galt er ja doch als Friedenszeichen und war den Leuten
eine Brgschaft, da sie von den Schrecken und Gefahren des Krieges
verschont bleiben sollten. Mit _=der=_ Gewiheit htten sie irgend einen
lebenden oder auch todten Menschen -- wer er immer gewesen -- leben
lassen.

Es war in der That ein Jubel auf der Insel, als ob man diesem Augenblick
schon seit Jahren mit der grten Spannung entgegengesehen htte, und
da der Postmeister gerade, der noch vor wenigen Stunden da unten am
Strande Sandschanzen aufgeworfen und selbst eine Kanone auf die
nahenden Schiffe abgefeuert, in den Ruf mit einstimmte, fiel keiner
Seele mehr auf.




Fnftes Capitel.

Baptista.


Der Capitn hatte seine Schuldigkeit gethan und sein Ziel viel rascher
und vollkommener erreicht, als er je gehofft. Es drngte ihn deshalb
wieder an Bord zurck. Aber so bald kam er noch nicht los, denn von
allen Seiten strmten Menschen herbei, um ihm die Hand zu drcken und
ihm zu erklren, da sie gute Freunde bleiben und keinen Krieg
miteinander haben wollten. Und nicht allein die Mnner thaten das,
sondern ganz besondere Energie entwickelten die Negerweiber, von denen
die Insel ein auerordentlich starkes Contingent stellte, und wo solch
eine alte wrdige Dame einmal die Hand des Seemannes erwischte, lie sie
nicht sogleich wieder los. Sie versicherten ihm dabei stets mit ihrer
gewhnlich tiefen Bastimme, da sie sich unendlich glcklich schtzen
wrden, wenn er zu ihnen in das Haus kommen und eine Tasse Chocolade
trinken wolle.

Er hatte Mhe sich ihrer zu erwehren, und sein Boot endlich wieder
gewinnend, sprang er hinein und lie sich an Bord zurckrudern.

Still vor sich hin mute er freilich unterwegs lachen, wenn er sich
berlegte, da Tomaco eigentlich nur dadurch friedlich erobert und
Mosquera eine neue Stadt gewonnen sei, da sich beide Theile vor
einander gefrchtet htten, denn wie die Sachen standen, konnten sie
sich gegenseitig keinen groen Schaden thun. Die List _=war=_ aber
gelungen; die Bewohner von Tomaco hatten sich durch eine vllig
unausfhrbare Drohung: die Beschieung der Stadt, einschchtern lassen,
und es lag jetzt an Seor Fosca, das Weitere in Frieden und Freundschaft
zu arrangiren und sich mit den Behrden zu verstndigen.

Als der Capitn sein kleines Fahrzeug erreicht und den Befehl gegeben
hatte, Munition und Kugeln wieder fortzurumen und die Geschtzstcke
auf's Neue zu befestigen -- ein sicheres Zeichen also, da von einem
Kampf nicht weiter die Rede war -- trat pltzlich der Franzose zu seinem
Admiral heran, und seinen kleinen Wachshut abnehmend, wollte er ihn eben
anreden, als Seor Fosca mit triumphirendem Blick auf diesen zukam und
rief:

Ich wei Alles! Schon ehe Sie zurckkamen war ein Fruchtboot hier. --
Meine alten Freunde sind noch dieselben -- der nmliche Eifer, Einer
dem Andern einen Verdienst vor der Nase wegzuschnappen. -- Aber ich habe
auch Ihren Erfolg erfahren und -- da Seor Ramos wirklich hier mit
seiner ganzen Familie lebt. Er kann uns jetzt nicht mehr entgehen und
ich bitte Sie also, Almirante, mir nachher sechs Mann von Ihren Leuten
zur Verfgung zu stellen, um den Verrther zu verhaften.

Mein bester Seor, sagte der Seemann, dem die Sache augenscheinlich
fatal war, -- ich habe den guten Leuten da drben versprochen, sie
nicht weiter zu schdigen.

Aber der Verrther war ausgenommen, rief Fosca rasch, -- gehrt er
doch auch gar nicht nach Tomaco und geht der Stadt nicht das Geringste
an. Seor Almirante, ich habe den _=strengen=_ Auftrag von Sr.
Excellenz, auf diesen gefhrlichsten aller Staatsverrther zu fahnden
und ihn nach Buenaventura zu liefern. Ich mchte nicht in des Mannes
Haut stecken, der ihm Zeit und Gelegenheit liee, zu entkommen.

Ach was! brummte der Seemann verdrielich vor sich hin, so gefhrlich
wird die Sache nicht sein, Seor. Aber meinetwegen thun Sie, was Sie
nicht lassen knnen und nehmen Sie sich von Leuten was Sie brauchen. Ich
mache _=Sie=_ aber dafr auch fr alle Folgen verantwortlich, wenn Sie
die jetzt beruhigten Einwohner wieder aufreizen und unser Aller
Sicherheit dadurch gefhrden.

_=Die=_ Verantwortung bernehme ich, sagte der Commissair, und ein
boshaftes Lcheln zuckte ber sein fahles Gesicht, als er sich umdrehte
und wieder in die Cajte hinunter stieg.

Was wollen Sie? wandte sich der Capitn nun, eben nicht in bester
Laune, an den jungen Franzosen, der indessen zurckgetreten war, um sein
Anliegen spter vorzubringen.

Seor Almirante, sagte der Franzose, wie ich zu meiner Freude sehe,
ist kein Krieg mehr nthig. Unter diesen Verhltnissen brauchen Sie aber
auch keinen ~master at arms~ mehr, und da ich jetzt ein unntzes Mbel
an Bord bin, so wollte ich Sie ersuchen, mir meine Entlassung zu geben.
Ich mchte gern in mein eigenes Vaterland zurckkehren.

Thut mir leid, sagte der Seemann barsch, Ihre Zeit ist noch nicht um
und auerdem brauche ich Sie nothwendig. Sie sind Schiffszimmermann,
nicht wahr?

Ein sehr mittelmiger, besttigte achselzuckend der Gefragte.

Thut nichts! Wahrscheinlich immer noch besser als unsere
_=carpinteros=_ in Buenaventura. -- Sie mssen mit helfen, den Schooner
wieder in Stand zu setzen, wenn wir zurckkommen.

Den Schooner? lchelte der Franzose. -- Ach ja, es geht, wenn er
einen neuen Rumpf und andere Masten bekommt und nachher frisch
aufgetakelt werden kann. An _=den=_ alten Kasten werden Sie aber doch
keine Reparaturkosten mehr wegwerfen wollen?

Das ist Sache der Regierung, brach der Capitain kurz ab. Sie gehen
jedenfalls mit zurck und dort findet sich das Weitere. Sehen Sie
indessen zu, da mir das Volk kein Unglck mit dem Pulver anrichtet --
da sie besonders da unten nicht rauchen. Haben Sie mich verstanden?

Vollkommen gut, Seor, sagte der Franzose mit einer Verbeugung, als
der Seemann an ihm vorberschritt und dem Commissair in die Cajte
folgte.

Abgeblitzt! lachte der Englnder, der, als er auf das Quarterdeck kam
die Unterredung gehrt hatte. -- Htte ich Euch auch vorher sagen
wollen, Camerad, denn wenn der Alte uns paar Europer von Bord liee,
wen behielt er denn da zurck als die Buschlufer, die ein Fallreep
nicht von der Besanschote zu unterscheiden wissen. Nein, damit ist's
nichts! Ich htte selber Einsprache dagegen erhoben, also schlagt Euch
die Phantasien aus dem Kopfe.

Wird wohl nicht anders werden, Mr. Culpepper, stimmte der Franzose
bei, indem er leise vor sich hinpfeifend, nach vorn ging.

Der Nachmittag war indessen schon ziemlich weit vorgerckt; die Sonne
stand kaum noch eine halbe Stunde hoch am westlichen Himmel und die
Wolken begannen schon die den Tropen eigene, violette Frbung
anzunehmen, als Seor Fosca mit seinem Boot an Land fuhr. Statt der
erbetenen sechs Mann Wache hatte er sich aber zwlf ausgesucht, die
vollstndig bewaffnet ihn begleiten sollten, und der Capitain that da
auch keinen Einspruch. Er wollte augenscheinlich mit der ganzen Sache
nichts zu thun haben.

Am Land wurde er von den Spitzen der Behrden empfangen, der Alkalde,
der Postmeister und der Steuerbeamte -- dessen Posten er selber frher
einmal auf Tomaco bekleidet hatte -- standen an der Landung und die
Begrung -- wenn man berhaupt auf uere Anzeichen schlieen konnte --
war eine herzliche.

Am liebsten htte Seor Fosca nun allerdings das vorgenommen, was ihm am
meisten am Herzen zu liegen schien: die Verhaftung des Hochverrthers --
aber das ging doch nicht -- der wichtigere Act und zwar die Uebernahme
der Insel und die Huldigung des neuen Prsidenten mute vorausgehen, und
die _=Spitzen=_ der Bevlkerung, von den meisten dort Ansssigen
begleitet, begaben sich demnach in das Regierungsgebude (ein Haus,
das sich vor den brigen nur durch einen etwas greren Umfang
auszeichnete), um den feierlichen Act dort vorzunehmen.

Vorher hatte der Postmeister, der jetzt die Geschmeidigkeit selber zu
sein schien und gar nicht so that, als ob er je den geringsten
Widerstand gegen Mosquera's Ansprche geleistet, eine lngere und
geheime Unterredung mit Seor Fosca, und dann erfolgte in ziemlich
summarischer Weise die Uebergabe der Stadt und Insel an den neuen
Herrscher, mit der Besttigung der jetzigen Beamten in ihrem Dienst.

Es war unterdessen vollkommen dunkel geworden und die beiden
Kriegsfahrzeuge in dem Canal hatten jedes an ihrem Vormast eine rothe
Laterne aufgezogen. Wachen brauchte es nicht an Deck, denn die ganze
Mannschaft lag zerstreut darauf herum oder sa plaudernd vorn auf der
Back oder auf den Railings. Hinten auf dem Quarterdeck ging der Franzose
mit verschrnkten Armen auf und ab; der englische Steuermann lag bequem
auf einer Bank ausgestreckt und rauchte seine Cigarre.

Der Franzose hatte seine Jacke neben sich auf dem Steuerrad hngen,
jetzt ging er hin und zog sie wieder an.

Nun, Bill, lachte Mr. Culpepper. Ihr friert doch nicht in _=der=_
Temperatur?

Das nicht, Sir, sagte der Mann gleichgiltig, aber der Thau fngt an
zu fallen, und da drben zieht auch wieder ein Wetter herauf. Wir
bekommen eine bse Nacht.

Ob es in dem verbrannten Lande nicht auch alle Tage vom Himmel
herunterschttet! brummte der Englnder und rauchte ruhig weiter. --
Der Franzose beschftigte sich damit, einen Theil der noch unordentlich
umherliegenden Brassen aufzurollen. Eine davon aber, ohne da es Mr.
Culpepper sehen konnte, nahm er und hing sie ber Bord, dann stieg er
langsam und gleichmthig ber die Railing, lie sich an dem Tau
geruschlos hinab und verschwand im nchsten Augenblick unter Wasser.

Heh, Bill! rief der Englnder nach einer Weile, ohne jedoch den Kopf
zu wenden. -- Wohin wolltet Ihr denn eigentlich, wenn Euch der Alte
losgelassen htte?

Er bekam keine Antwort und sah sich jetzt erstaunt um. -- Das Deck war
leer.

Hm! brummte Mr. Culpepper vor sich hin. Habe ihn doch gar nicht
fortgehen hren --

Du, Juan, da schwimmt ein Fisch! sagte einer der Leute vorn an Bord.
Wetter! Das mu ein groer Kerl sein. Ich mache meine Angel zurecht,
vielleicht fangen wir ihn.

Es hatte sich fr einen Moment ein dunkler Gegenstand ber Wasser
gezeigt, verschwand aber sogleich wieder und einige der Leute holten ihr
Angelgerth vor. Es gab wirklich viel Fische dort in der Nhe des Landes
und das aufsteigende Gewitter begnstigte den Fang.

Bill, wie ihn Mr. Culpepper alter Gewohnheit wegen nannte, hie
eigentlich weder Bill, noch Guillaume, sondern Baptiste Lecomb, und
hatte unterde seine Flucht so keck und rasch ausgefhrt, da er als ein
ganz vortrefflicher Schwimmer das Land erreichte und lngst zwischen den
dunklen Husern verschwunden war, ehe er an Bord vermit wurde. Am Land
zog er sich vor allen Dingen aus, und rang seine Kleider soweit als
mglich trocken, da er sich nirgends durch die bergroe Nsse verrieth
-- eine Erkltung brauchte er in dem heien Clima nicht zu besorgen --
und erkundigte sich dann bei dem ersten Eingeborenen, den er antraf, ob
kein Europer, besonders ob kein Franzose in dem Orte wohne. Er befand
sich nicht weit von Renard's Haus und als er zu diesem hingewiesen war,
machte er keine weitern Umstnde einzutreten.

Monsieur Renard war eben nach Hause zurckgekommen und bei der Uebergabe
der Stadt an Mosquera gegenwrtig gewesen. Er stand in seinem Laden und
war gerade im Begriff, seine beiden Lampen anzuznden, da er an diesem
Abend unter den obwaltenden Verhltnissen nicht ohne Grund zahlreiche
Gste erwartete, und die jetzt aufflackernde einzelne Oelflamme nur ein
sehr ungewisses Licht verbreitete. Wie in aller Welt htte man auch eine
_=solche=_ Festlichkeit in einem _=solchen=_ Ort anders feiern wollen
als durch Trinken, und Renard wute, da er die besten Getrnke in der
Stadt hielt. -- Es waren wenigstens die theuersten.

Eben nicht angenehm berrascht wurde er da durch den etwas unerwarteten
Besuch, der sich ihm ohne Weiteres als Deserteur von einem der
neugranadiensischen Kriegsschiffe vorstellte.

Baptiste war in der That nicht der Mann, groe Umstnde zu machen, und
nach seiner ersten Einfhrung setzte er nur hinzu, indem er sich im
Laden umsah:

Zuerst, Landsmann, sehe ich, Sie haben hier Getrnke, also bitte ich,
geben Sie mir einen tchtigen Cognac, denn heies Wasser zu einem Grog,
der mir besser thun wrde, ist gewi nicht fertig -- es ist wenigstens
nie fertig, wenn es am nthigsten gebraucht wird, und dann verschaffen
Sie mir ein Canoe, damit ich nach Ecuador entkommen kann.

Und brauchen Sie sonst Nichts? fragte Renard, ber diese
Zwanglosigkeit erstaunt.

Ein paar Dutzend Franken baar Geld wren allerdings erwnscht, denn das
Einzige, was ich von landesblicher Mnze besitze, fuhr der junge
Franzose fort, sind zwei schlechte ecuadorische Reale, sogenannte
Dimesstcke, die ich Ihnen hier nicht einmal fr Ihren Cognac anbieten
mag. Ich darf doch einen Landsmann nicht beleidigen.

Alle Wetter! lachte Renard, den diese ganz eigene Keckheit -- und er
selber war sonst nicht gerade blde -- zu amsiren anfing, Sie trotzen
nicht schlecht auf unsere Landsmannschaft, Kamerad, denn wissen _=Sie=_
wohl, da Sie mich hier -- mit dem neuen Regime im Lande -- durch Ihre
Flucht in die furchtbarste Verlegenheit bringen knnen, sobald man
erfhrt, da ich das Geringste damit zu thun htte!

Bah! sagte Baptiste gleichgltig. Sie wissen recht gut, da jeder
Franzose, unter hnlichen Umstnden, das Nmliche fr _=Sie=_ thun
wrde, also ist es nicht der Mhe werth, nur ein Wort weiter deshalb zu
verlieren. Oder wollten Sie mich etwa an die Bestien wieder ausliefern?

Aber, bester Freund, sagte Renard, wirklich in Verlegenheit, was
hilft Ihnen selbst ein Canoe? Der Weg von hier nach dem Pailon -- dem
nchsten Platz in Ecuador -- ist gar nicht so leicht zu finden und Sie
brauchen --

Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, lachte Baptiste. -- Ich bin
nicht zum ersten Male in Tomaco und kenne den Weg sowohl durch die
Lagune wie um die Punta Manglares.

Dann, bester Freund, sagte Renard rasch, indem er ihm ein tchtiges
Glas Cognac einschenkte, das Baptiste mit einem vergngten ~ votre
sant~! Apropos, haben Sie nicht ein paar Cigarren? leerte -- kann
ich Ihnen keinen bessern Rath geben als -- und hier haben Sie auch
einige vortreffliche Esmeralda-Cigarren -- als sich das erste beste
Canoe von der Landung zu nehmen und zu machen, da Sie fortkommen, denn
wenn man Sie an Bord vermit, werden Sie auch augenblicklich verfolgt
werden, und wo soll man Sie an einem Ort verbergen der nicht einmal
Wnde, viel weniger heimliche Verstecke hat? Nur so viel Rcksicht bitte
ich Sie auf einen Landsmann zu nehmen, da Sie _=mein=_ Canoe liegen
lassen. Es hat vorn am Bug einen kleinen Messingknopf mit einem Hufeisen
darunter genagelt. Ein Ruder gebe ich Ihnen mit.

Sehr schn, sagte Baptiste. Ihr Canoe ist sicher, aber vorher
beantworten Sie mir noch eine Frage. Lebt hier im Ort ein Seor Ramos?
Apropos, haben Sie hier eine Hinterthre, wenn Jemand vorn in den Laden
kommen sollte?

Allerdings, aber je lnger Sie zgern, desto schwieriger wird Ihre
Flucht sein. Ein Seor Ramos lebt allerdings hier; kennen Sie ihn?

Ist er derselbe Ramos, der vor drei Jahren in Buenaventura wohnte?

Er zog glaube ich von dort nach Bogota.

Er hat Familie?

Eine sehr hbsche junge Frau und ein Kind, ein kleines Mdchen von etwa
sechs oder sieben Jahren.

~Peste!~ rief Baptista, indem er mit dem Fue aufstampfte, dann
kann ich noch nicht fort.

Und was haben Sie mit _=dem=_ zu thun? fragte der Franzose. Er hlt
mit keinem Menschen Verkehr, und von ihm drfen Sie keine Hlfe
erwarten.

Aber _=er=_ braucht sie! rief Baptiste rasch. Vor drei Jahren, als
ich in Buenaventura todtkrank und verlassen lag, hat _=er=_ mich in sein
Haus aufgenommen und wie ein eigenes Kind gepflegt. -- Seine Frau ist
ein Engel und die kleine Adriana ein Cherub. Meine Hand soll verdorren,
wenn ich die braven Leute im Stich lasse!

Das ist nicht bel! rief Renard rgerlich werdend. Erstlich braucht
Seor Ramos weder Ihre noch eines andern Menschen Hlfe, und verlangt
sie auch wahrscheinlich gar nicht, und dann mchte ich wissen, was
_=Sie=_ ihm ntzen wollten, da Sie sich selber nicht einmal auf offener
Strae drfen blicken lassen.

So haben Sie nichts davon gehrt? fragte Baptiste, da ihn der neue
Commissair -- diese schielugige Canaille mit dem Krper einer Katze und
der Seele eines Schakals -- gefangen nach Buenaventura schleppen will,
ihn und die junge Frau und den Engel von einem Kind in jene Hlle von
Gefngni, das mich, einen starken, krftigen Mann, fast zum Selbstmord
trieb?

Alle Wetter! sagte Monsieur Renard halblaut und erstaunt. -- Also
darauf liefen die Anfragen des Seor Fosca hinaus? -- Aber wie knnen
Sie ihm helfen? fuhr er dann laut und kopfschttelnd fort. In der
Stadt hat Seor Ramos wenig oder gar keine Freunde, denn er hielt mit
keinem Menschen Verkehr und war immer stolz und aufgeblasen. -- Gegen
mich auch, setzte er etwas gereizt hinzu, denn ich kam ihm ganz
freundlich entgegen und meine Frau hat den Leuten sogar einen Besuch
gemacht, obgleich wir sie gar nicht kannten, aber nicht ein Fu von
ihnen ist ber unsere Schwelle gekommen, auer den, welchen die
Dienstleute darber setzten, wenn sie Waaren holten, die sie aber schon
hier holen _=muten=_, weil sie sie sonst nirgends so gut und billig
bekommen.

Hat er seinen Neger bei sich? fragte Baptista rasch, und ohne auf das,
was Renard sagte, zu hren, einen flinken Mulattenjungen, der Antonio
heit?

Einer des Namens ist allerdings bei ihm, ein Bursche von vielleicht
vierundzwanzig Jahren.

Wenn ich nur _=den=_ wenigstens sprechen knnte, da man ihn warnte --

Alle Teufel! rief Renard schnell. -- Jetzt kommen Leute.

Wo ist das Ruder? rief Baptista rasch.

Da hier in der Ecke lehnen zehn oder zwlf.

Der Franzose griff ohne Weiteres eins davon heraus.

Dort hinaus! Da ist die Thre in den Hof. -- Machen Sie, da Sie
hinber nach Ecuador kommen.

Baptista sprang der Thre zu, als dort ebenfalls Stimmen laut wurden.

Caramba! murmelte er leise vor sich hin. -- Das war zu spt. Den
Blick umherwerfend ersphte er ein leeres Brodfa, das dicht neben der
Ausgangsthre und in einer Art von Gang stand, der aber nur durch
Kisten, Nagelfsser und sonstige Waaren gebildet wurde. Ohne Renard ein
Wort weiter zu sagen, oder ihn um Erlaubni zu fragen, legte er die Hand
auf den Rand desselben, sttzte sich mit der Rechten auf das Ruder und
sprang hinein. Das Ruder lehnte er dann daneben und hatte eben noch Zeit
sich unterzuducken, als die Thre auch schon aufging und ein paar
Einwohner von Tomaco, unter ihnen der Postmeister, den Laden auf diesem
ihrem Hause nher liegenden Wege betraten. Gleichzeitig kam auch, laut
und leidenschaftlich mitsammen redend, ein Schwarm von Menschen von der
anderen Seite und Renard, der, ehe er nur einen Entschlu fassen konnte,
seinen verzweifelten Landsmann schon in seinem Versteck und dessen
Flucht fr jetzt wenigstens vllig abgeschnitten sah, warf nur rasch und
fast unwillkrlich eine gerade dort liegende alte Matte ber das Fa,
und machte sich dann bereit, seine -- jedenfalls in _=diesem=_
Augenblick unwillkommenen -- Gste zu empfangen.

Seor Ramos hatte sich an diesem bewegten Tage, wie immer, streng
abgeschlossen in der Rumlichkeit seines eigenen Hauses und inmitten
seiner kleinen Familie gehalten, denn er suchte absichtlich Alles zu
vermeiden, was ihn mit dem politischen Treiben Tomacos htte in
Berhrung bringen knnen. Was half es auch, welche politische Richtung
diese uerste, vollkommen abgeschiedene Ecke des Staates verfolgte? Sie
stand mit dem brigen Lande in gar keiner Verbindung, und hatte sich dem
zu fgen, was an den Hauptpltzen und im Herzen der Republik erkmpft
und ausgefochten wurde.

Welchen Theil er frher an diesen Kmpfen genommen hatte -- Niemand
wute es in Tomaco; Niemand kmmerte sich darum. Hier schien er nur
darauf bedacht, seine Huslichkeit so freundlich als mglich
herzurichten, was ihm denn auch mit den wenigen ihm hier zu Gebote
stehenden Mitteln sicher gelungen war.

Das Haus zeichnete sich vor den brigen, wie schon frher erwhnt,
allerdings nur durch seine etwas grere Sauberkeit, und die zierlich
gearbeiteten Bambusjalousien, vielleicht auch dadurch aus, da es
vollkommen _=geschlossen=_ stand, und nur dann einen Einblick in das
Innere gewhrte, sobald die Fenster in der Abendkhle weit geffnet
wurden. Im Innern aber konnte es mit keinem der brigen verglichen
werden, denn Seor Ramos hatte keine Kosten gescheut, ein kleines
neu-granadiensisches Paradies daraus zu schaffen.

Den Boden deckte vollstndig eine chinesische roth- und gelbgestreifte
Strohmatte, ein Luxus, der sich in keinem einzigen der andern Huser
fand. Die Betten, die in einem kleinen Bambusverschlag standen, waren
reinlich _=berzogen=_ und mit schneeweien Mosquitonetzen versehen, und
selbst die Wnde waren nicht leer und ein Spiegel hing ber einem
kleinen sauber polirten Tisch von inlndischem Mahagoniholz, whrend
zwei Oelgemlde in vortrefflicher Ausfhrung Ansichten des wunderbar
schnen Innern von Neu-Granada darstellten.

Der Tisch war gerade zum Abendbrod gedeckt und die Chocolade dampfte in
Tassen von feinem Porcellan, whrend auf den Schsseln gebratene Bananen
und Fische, frische Eier, feiner Schiffszwieback und eine dampfende
Schssel mit Reis und gekochten Austern verriethen, da es sich die
Bewohner auch in leiblichen Genssen an nichts fehlen lieen. Auf dem
Tische brannten zwei Stearinlichter in Porcellanleuchtern. Dazu standen
in einem besonderen silbernen Gestell zwei junge angeschnittene
Cocosnsse auf dem Tisch, deren ses Wasser oder Milch als khlendes
Getrnk dienen sollte, und die Frau, eine reizende liebe Gestalt, mit
rabenschwarzen Locken und feurigen Augen, hatte gerade der Kleinen die
Serviette umgebunden und sie auf ihrem Sthlchen nher zum Tisch
gerckt, als unten vor dem Hause Stimmen laut wurden, ohne da sie
jedoch Geschrei oder Toben gehrt htten. Es war als ob eine Menge von
Leuten mit einander flstere oder leise spreche.

Was ist das? sagte die Frau, erschreckt aufhorchend. Hrst Du nichts,
Jos?

Was wird es sein, mein Kind! erwiderte freundlich der Mann. Miges
Volk, das sich noch in der Strae herumtummelt, bis es von dem Gewitter
in die Huser getrieben wird. Setz' Dich, Schatz! Die Chocolade wird
sonst kalt.

Sie kommen die Leiter herauf! rief die Frau ngstlich. Was knnen sie
in _=der=_ Zeit noch von uns wollen? Es ist so viel fremdes Volk im
Ort.

Gott wei es! erwiderte der Mann, jetzt ebenfalls aufstehend, denn die
Frau hatte Recht. Bleib' sitzen, Adriana, mein Kind. La _=Du=_ Dich
wenigstens nicht stren. Bleibe Du auch hier, mein Herz, ich werde
selber nachsehen.

Ave Maria! sagte pltzlich eine Stimme drauen an der kleinen
Bambusthr, die ebenfalls nur dieses eine Haus verschlo -- denn Niemand
wird in einem der sdamerikanischen Lnder ein fremdes Haus ohne diese
fromme Anrede betreten, wenn auch der Sinn derselben oft nicht mehr
bedeutet als der profane Anruf bei uns, ob Jemand daheim sei.

Purisima! erwiderte Don Jose und ffnete die Thr, aber ein kaltes,
eisiges Gefhl durchzuckte sein Herz als der Lichter Schein auf das
bleiche tckische Gesicht des Commissairs fiel, der mit einem
spttischen Lcheln das kleine freundliche Gemach rasch mit den Augen
berflog und dann hhnisch sagte:

Ungemein erfreut, Don Jos, Euch nach _=langem=_ Suchen _=endlich=_ in
Euerm stillen Asyl aufgefunden zu haben. Die Seorita doch wohl, hoffe
ich? Bedauere, wenn ich vielleicht stren sollte, aber Geschfte, wie
Ihr wit, Don Jos, dulden nun einmal keinen Aufschub.

Seor Fosca! sagte Ramos fast tonlos -- und er mute sich zusammen
nehmen, um seine Fassung zu bewahren. Ich hatte nicht erwartet,
_=Euch=_ hier zu sehen, denn ich glaubte, da --

Ich noch ruhig hinter den eisernen Gittern se, hinter die _=Ihr=_ die
Gte gehabt, mich zu setzen, wie? lchelte der Mann und eine fast
teuflische Bosheit zuckte ber sein auerdem nicht schnes Gesicht.

Ich that nur meine Pflicht, Seor, erwiderte Ramos.

Natrlich, Don Jos, natrlich! -- _=Mehr=_ thun wir Alle nicht. Aber
wollen Sie mich wirklich heute Abend hier an der Thre stehen lassen?
Seorita, bitte, setzen Sie sich, Sie zittern ja, als ob Sie einen Geist
gesehen htten.

Ohne ein Wort zu erwidern schob ihm Don Jos einen Stuhl hin, auf den er
aber, mit einer hflich dankenden Verbeugung, nur zuschritt und mit der
Hand dessen Lehne ergriff, sich aber nicht niedersetzte.

Es wird mir nicht so viel Zeit bleiben, sagte er endlich, whrend er
mit tckischer Schadenfreude das Entsetzen beobachtete, das sein
Erscheinen unter den glcklichen Menschen angerichtet, denn ich mu
heute Abend noch an Bord zurckkehren, aber die _=Pflicht=_ wird eine
angenehme, da ich die Fahrt in so liebenswrdiger Gesellschaft mache.
Seorita, ich mchte Sie bitten, etwas Wsche zusammen zu packen, denn
Sie werden uns begleiten.

Ich! rief die Frau erbebend, und ihre Wangen berzog Todenblsse. --
Was, um der Jungfrau Willen, haben Sie vor?

Seor, sagte aber Ramos, der sich die grte Gewalt anthun mute, um
ruhig zu bleiben, -- fhrt Sie eine Botschaft hierher, die Sie fr
_=mich=_ haben, so bitte ich, sich direct an _=mich=_ deshalb zu wenden
-- einen unpassenden Scherz, den Sie sich mit meiner Frau erlauben,
drfte ich nicht in der Stimmung sein, ruhig zu ertragen. Sie wissen
doch, da Sie hier in _=meinem=_ Hause sind?

Seor Ramos, erwiderte der Commissair mit seiner ewig lchelnden Ruhe,
die dem Gegner das Blut wie Feuer durch die Adern strmen machte,
behalten Sie Ihr kaltes Blut! -- Uebrigenes kann ich Ihnen die
Versicherung geben, da ich in diesem Augenblick zu nichts weniger als
zum Scherzen aufgelegt bin. Als ich Ihrer Frau Gemahlin sagte, sie wrde
uns begleiten, sprach ich im vollen Ernst, denn ich bin hierhergekommen,
Seor Ramos, um Sie und Ihre Familie im Namen Sr. Excellenz unseres
hohen und berhmten Prsidenten Mosquera als _=Hochverrther=_ zu
verhaften und nach Buenaventura hinber zu fhren.

Meine Familie? schrie Don Jos fast auer sich. -- Und wenn ich
wirklich ein Hochverrther wre, was htte mein Weib -- mein Kind dabei
zu thun?

Das Kind allerdings nichts, lchelte der Commissair, aber die Anklage
lautet gegen Sie und Ihre Frau Gemahlin, und so leid es mir thut --

Hund, verruchter! sthnte da Ramos, der seine Wuth nicht lnger
migen konnte, indem er eins der auf dem Tisch liegenden Messer
aufgriff und damit auf den Buben lossprang. Fosca aber, der mit der
entschiedenen Absicht hierher gekommen war, seinen Todfeind bis zum
Aeuersten zu reizen und dann erst zu vernichten, war darauf vollkommen
vorbereitet und hatte nichts versumt.

Bei der ersten Bewegung, die der Wthende machte, stie er die Thre auf
und in dem Moment sprangen die indessen heraufgeschlichenen Soldaten --
Gesindel, das er sich selber zu dem Zweck an Bord ausgesucht -- ber die
Schwelle und legten ihre Gewehre an. Die Frau fuhr in jhem Entsetzen
nach ihrem Kind, das schreiend die Aermchen nach ihr ausstreckte, aber
ihre Krfte vermochten nicht sie lnger aufrecht zu halten; sie brach
ohnmchtig zusammen und ihr Mann, alles Uebrige in der Angst um die
Gattin vergessend, lie das Messer fallen und sprang zu, um sie zu
untersttzen.

Bindet den Verrther! sagte Fosca ruhig, und ehe Ramos, mit der
Ohnmchtigen beschftigt, nur den Sinn der Worte begriff, hatten sich
ein Paar der halbwilden Burschen schon auf ihn geworfen. Whrend ihn der
Eine mit dem Kolben vor die Stirn stie, da er zur Seite strzte,
faten die Andern seine Arme, zwangen sie zurck und schnrten sie fest.

Fr einen Augenblick herrschte jetzt eine Scene der grlichsten
Verwirrung in dem kleinen Gemach. Der Gefangene, der nur fr einen
Augenblick betubt gewesen war, fuhr empor und suchte sich von seinen
Banden zu befreien. In dem Ringen strzte der Tisch um und das Kind
kreischte so laut, da es die Mutter damit wieder zum Leben zurckrief.
-- Aber auf der Strae unten sammelten sich ebenfalls Leute, und zwar
Bewohner der Stadt, die den Seor Ramos immer nur als einen braven,
ruhigen Mann gekannt, und jetzt nicht halb zufrieden waren, ihn so
behandelt zu sehen, aber auch keinen entscheidenden Schritt gegen das
bewaffnete wilde Gesindel wagen wollten.

Nichtswrdiger Bube! rief da Ramos, sobald er nur wieder Athem und
Besinnung erlangte, das ganze Furchtbare seiner jetzigen Lage zu
bersehen. -- Diebische, schuftige Canaille, aus dem Gefngni
entsprungen, um hier Deine boshafte Rache an Unschuldigen zu ben....!

Ein Soldat kam heraufgesprungen und flsterte Fosca einige Worte zu. --
Die Stimmung unten wurde eine immer drohendere, und so gern sich der
Commissair vielleicht noch eine Weile lnger an den Qualen der
Unglcklichen geweidet htte, durfte er es doch nicht wagen. Er wute
genau, wie weit er gehen konnte und da er in der Furcht der Bevlkerung
vor einem Conflict seine beste Sttze hatte, war aber einmal der Damm
durchbrochen, so lieen sich die Folgen nicht absehn. So lag ihm denn
nur daran, der Scene so rasch als mglich ein Ende zu machen.

Knebelt den Burschen! sagte er finster. Wir drfen uns nicht lnger
mit ihm aufhalten -- und dann an Bord.

Den Soldaten selber war das ein erwnschter Befehl, denn sie frchteten
nicht mit Unrecht, da er ihnen das Volk ber den Hals schreien knne.
Im Nu war das Knebeln geschehen, denn darin besaen sie eine
anerkennungswerthe Fertigkeit.

Ramos befand sich wenige Secunden spter machtlos in der Gewalt seiner
Feinde.

Seor, um der heiligen Jungfrau Willen, was habt Ihr mit uns vor? rief
die Frau. -- Was ist geschehen, da so Entsetzliches nthig wurde?

Seorita, sagte Fosca, dem jetzt nur daran lag, fort und an Bord zu
kommen, und der deshalb vor allen Dingen die Frau beruhigen mute, wenn
Ihr Herr Gemahl nicht nach einer Waffe gegriffen htte, wre das Alles
unnthig gewesen. Ertragen Sie fr jetzt, was sich nicht ndern lt,
mit Geduld. Die Anklage ist allerdings erhoben und da die Regierung den
Befehl zu Ihrer Verhaftung erlie, so mu derselbe auch ausgefhrt
werden. An Ort und Stelle finden Sie aber vielleicht Mittel und Wege,
sich wirksam zu vertheidigen und Ihrer Rckreise -- wenn Sie
freigesprochen werden -- steht dann nicht das Mindeste im Wege; jetzt
fort mit ihm, Ihr Leute! -- Macht rasch! Das Boot wartet. Seorita, wenn
Sie noch etwas von Ihren Sachen mitzunehmen wnschen, was Sie auf der
_=Reise=_ brauchen, so habe ich nicht das Geringste dawider. -- Alles
Andere ist Staatseigenthum und wird Ihnen erst bei Ihrer Freisprechung
in Buenaventura wieder eingehndigt.

Staatseigenthum?

Bitte, beeilen Sie sich ein wenig, denn so leid es mir thut, kann ich
Ihnen doch nur noch fnf Minuten Zeit geben.

So vllig machtlos die Frau bei dem ersten Begreifen dessen, was sie
bedrohte, in sich zusammen gebrochen war, so vollkommen klar stand jetzt
Alles vor ihrer Seele, und das Entsetzliche, anstatt sie zu beugen,
hielt sie aufrecht. Sie sah den Gatten widerstandslos in der Gewalt der
Feinde, sah sich und ihr Kind von einem gleichen Schicksal bedroht und
fhlte, da sie fr Alle denken mute. Mit zitternder Hand strich sie
sich die herabgefallenen Locken aus der Stirn, aber ihr Blick schweifte
fest und suchend in dem kleinen Gemach umher und haftete im nchsten
Augenblick auf der angstvollen Gestalt Antonio's, der neben dem
furchtsam zusammengekauerten Mulattenmdchen in der kleinen Hinterthre
stand.

Ah, Teresa, rief sie diese an, mach ein wenig rasch! Muchacha, wir
haben Eile. Gieb mir etwas Kinderwsche fr meine Adriana heraus -- und
fr mich auch. -- Wir gehen auf Reisen. Das Mdchen darf mich doch
begleiten, Seor?

Bedaure sehr, Ihnen das abschlagen zu mssen, Seorita, sagte Fosca
kalt. -- Es ist nicht Sitte, da Gefangene Dienerschaft mitnehmen, und
der Raum auf dem Schooner ist ohnedie auerordentlich beschrnkt.

Die Reise wird nicht lange dauern?

Hchstens zwei Tage. Wir laufen vor dem Wind nach Buenaventura hinauf.

Gut denn! Wie Gott will! Hier, Teresa -- still, mein Herz, weine nicht
-- die Mama bleibt bei Dir -- hier, Teresa, diese Sachen packe in die
kleine chinesische Kiste -- dies auch noch -- hier ist noch ein
Kleidchen fr Adriana --

Sie war an den Schreibtisch ihres Mannes getreten und hatte dort aus
einer der Schiebladen ein kleines Kstchen genommen, das sie mit ihrem
Krper so verdeckte, um es vor den Blicken des Commissairs zu verbergen.
Ihr Auge suchte dabei Antonio und der schlaue Schwarze begriff
augenblicklich, was sie wollte. Als sie an ihm vorberging, hatte sie es
ihm gereicht und er es auch schon mit einer raschen Bewegung hinter sich
und hinaus in das Dunkle geschafft.

Madame erlauben mir vielleicht, da ich Ihnen behlflich bin, sagte da
vortretend Fosca, -- es versteht sich von selbst, da Sie alle
_=Werthsachen=_ ausliefern, um den _=Staat=_ fr etwaige entstehende
Unkosten zu decken.

Ich verstehe, sagte die Seora kalt. -- Sie haben volle Freiheit
hier, Seor --

Wo ist der Mulatte, der da noch eben in der Thre stand?

Haben Sie Auftrag, auch _=ihn=_ wegen Hochverrathes zu verhaften?
fragte die junge Frau mit einem bitteren Lcheln.

Fosca schritt rasch der kleinen Hinterthre zu, aber der Mulatte war
verschwunden und ber die schwanken Bambusstbe, die da drauen die
Brcke zu dem Hintergebude bildeten, wagte er nicht, ihm zu folgen.
Ohne Weiteres machte er sich dagegen ber die wenigen Schrnke her. Von
dem Bette ri er ein Tuch herunter und breitete es auf den Boden, dann
warf er darauf, was ihn des Mitnehmens werth dnkte, band es zusammen
und gab es einem der Soldaten zum Tragen. Aber er schien noch nicht
befriedigt, denn er hatte bis jetzt kein baares Geld gefunden und wandte
sich deshalb an die Frau.

Nehmen Sie, was Sie finden, sagte diese verchtlich, und verlangen
Sie nur nicht, da ich Ihnen suchen helfe. -- Ich wte brigens nicht,
da der Staat seine Beamten zum _=Plndern=_ in die Huser schickt.

Fosca durchwhlte noch eine Zeitlang alle Fcher, aber die Zeit mochte
ihm selber dabei zu lang whren. Vor Allem mute er seine Gefangenen an
Bord und in Sicherheit schaffen -- nachher konnte er ja noch immer
hierher zurckkehren. Indessen beorderte er zwei von den Soldaten, auf
Wacht zu bleiben und Niemanden hinauf zu lassen. Zwei Andere trugen
indessen den Gefangenen zur Treppe, wo andere standen, sie zu
untersttzen. Aber Ramos richtete sich hier auf und stieg selber die
Stufen hinab. Widersetzlichkeit htte auch nichts geholfen und ihn
selber nur den Mihandlungen der Buben ausgesetzt.

Vor dem Hause hatten sich inde eine Menge von Menschen versammelt, und
untereinander flsterten die Leute und bedauerten die arme Frau und das
Kind, aber Niemand wagte ihnen thtlich beizustehen. Wer konnte auch
wissen, welches furchtbare Verbrechen die Beiden begangen hatten!




Sechstes Capitel.

Der Succurs.


Hallo, Renard! Noch dunkel hier? riefen die erst Eintretenden den
Franzosen an. -- Was, zum Teufel! treibt Ihr? Ist das Oel ausgegangen?

Einen Augenblick, Seores, einen Moment nur! rief Renard, geschftig
um seinen Ladentisch herumeilend, um Licht zu machen, denn die eine
dster brennende Lampe erhellte den Raum nicht zum dritten Theil. Bin
ja selber erst jetzt nach Hause gekommen. Alle Wetter! An solchen Tagen
kann man doch nicht daheim sitzen und die Welt eben treiben lassen was
sie will.

Unseren Alkalden begreife ich nicht, da er diesen -- Seor hier nach
Herzenslust wirthschaften lt, riefen die Vordersten, als sie von der
Frontthre aus das Haus betraten. -- Es ist schndlich, die arme Frau
so zu behandeln. _=Die=_ hat doch wahrhaftig keinen Hochverrath
begangen.

~Quien sabe, compaero~ sagte ein Anderer. Es passiren wunderliche
Dinge in der Welt, und was htten wir machen wollen? Uns der neuen
Regierung widersetzen? -- Eine hbsche Bande von Soldaten haben sie
mitgebracht und was fr ein Gewissen htten sich _=die=_ Kerle daraus
gemacht, unter uns hinein zu schieen. Renard, ein Glas von Eurem besten
Cognac. Mir ist die Geschichte in den Magen gefahren, und ich mu sie
hinuntersphlen.

Was ist denn vorgefallen, Seores? fragte Renard neugierig gemacht,
indem er die beiden Oellampen rasch angezndet hatte und die
Cognacflasche mit Glsern auf den Ladentisch stellte.

Ach was? Nichts! sagte der Postmeister, der von der andern Seite kam.
-- Mir auch die Flasche! Nichts, als da sie diesen Seor Ramos endlich
abgefat haben und ihn nun mit nach Buenaventura nehmen. Ich habe dem
Burschen nie getraut, denn er that immer viel zu geheimnivoll und
wollte mit Keinem von uns Umgang haben.

Aber was hat die Frau damit zu thun, Don Gaspar? redete ein anderer
den Postmeister an. Die und das arme Kind auf ihren schmierigen
Schooner und zwischen all' das Gesindel zu schleppen, ist doch mehr als
grausam und der Prsident wei sicher nichts davon.

Was geht's uns an? Das ist _=ihre=_ Sache! brummte der noch vor
wenigen Stunden so wthende Nationalittsvertheidiger. -- _=Wir=_ haben
genug mit unseren eigenen Angelegenheiten zu thun.

Hlfe, Seores! Hlfe um des Himmels Erbarmen Willen! rief ein junger
Mulattenbursche, der in die Thre gestrzt kam und sich verstrt in dem
Raume umsah. -- Meinen armen Herrn, meine arme Seora und das kleine
liebe Kind haben sie fortgeschleppt und wollen sie in's Gefngni
stecken! O, helfen Sie, helfen Sie! Seor Ramos so ein guter, braver
Mann -- so eine gute, brave und schne Dame! Es ist ja schrecklich!

Ach was! Mache da Du fortkommst, Braunfell! schrie ihn der
Postmeister an, der brigens nicht _=viel=_ lichter war wie Jener
selber. Wenn Deine Herrschaft nichts verbrochen hat, wird ihr auch
nichts geschehen, und _=hat=_ sie sich etwas eingebrockt, nun gut, dann
bekommt sie jetzt Gelegenheit es auszuessen.

Es ist eigentlich eine wunderbare Geschichte, Don Gaspar, sagte ein
Mann, der einen kleinen Schooner hatte und mit diesem gewhnlich Fahrten
zwischen der Insel und den brigen Kstenstrichen machte, da man den
Ramos einsteckt, der beim Ansegeln der Fahrzeuge ruhig in seinem Hause
sa, und _=Euch=_ frei laufen lie, der Ihr die Mannschaft nicht allein
gegen den Usurpator -- wie Ihr ihn nanntet -- aufgeboten, nein, sogar
Eure furchtbare Kanone auf die _=Feinde=_ abgefeuert habt und jetzt seid
Ihr auf einmal ein Herz und eine Seele mit der Gesellschaft --

Kmmert Euch um Euch selber! rief Don Gaspar, dem das Gesprch nicht
angenehm zu sein schien. -- So lange wir noch nicht wuten, da wir es
mit einer rechtmigen Regierung zu thun hatten, waren es unsere Feinde,
und ich glaube, ich habe bewiesen, da ich mein Leben und Blut fr mein
Vaterland wagen kann. Wie aber die Sache jetzt steht, mit einem
wirklichen Regierungs-Commissair an Bord, der ordentliche Vollmacht vom
Prsidenten hat --

Die aber noch Keiner von uns zu sehen bekommen, unterbrach ihn der
Andere wieder.

Er braucht sie auch nicht _=Jedem=_ unter die Nase zu reiben! rief der
kleine Mann rgerlich, und wir sollten froh sein, da wir endlich
geregelte Verhltnisse bekommen, denn diese ewigen Revolutionen bringen
uns nur hier Gefahr und knnen uns nie etwas ntzen.

Schne geregelte Verhltnisse das, sagte der Erste wieder, wenn man
friedliche Familien Nachts aus ihren Husern holt und auf das erste
beste Schiff schleppt!

Verbrecher mssen auch wie Verbrecher behandelt werden, rief Don
Gaspar, sein ausgetrunkenes Glas auf den Tisch stoend. Ehrliche Leute
haben sich weder davor zu frchten, noch sich darum zu kmmern. Und
seinen Hut auf das eine Ohr schiebend verlie er rasch das Haus.

_=Ehrliche=_ Leute! lachte der Schoonermann hinter ihm her. --
Prachtvolle ehrliche Leute, die, alle Beide! -- Weil der eine Lump
Steuerdefraudationen begangen hat, mute er bei Nacht und Nebel fort von
hier, und weil er den Anderen nicht verrathen, mu der jetzt durch Dick
und Dnn mit ihm, wenn er sich nicht selber an den Pranger stellen
will.

~Oh por amor de Dios~, helft meiner armen Herrschaft! bat der
Mulatte noch einmal. -- Hat mein armer Herr jemals einen Menschen
gekrnkt? -- Hat die gute liebe Dame nicht vielen, vielen Armen
Wohlthaten erzeigt, und war sie nicht immer _=lieb=_ und freundlich
gegen Jeden, Jeden?

Ja, mein braver Bursche, sagte der Schoonermann, das ist Alles recht
schn und gut, aber so viel ich wei, haben sie sie schon an Bord des
Schiffes und was knnen _=wir=_ da machen?

Ach nein, Seor, rief der Mulatte rasch, -- das Boot war abgefahren
-- Seor Fosca konnte nicht fort -- er war sehr bse und hat sie jetzt
so lange unter das Haus des Alkalden gethan -- einen Platz, wo sich
sonst die Khe und Schweine aufhalten. -- Meine arme, arme Seora!

Stimmen wurden laut drauen und sechs oder acht der Schiffssoldaten
drangen in den Raum.

Hallo, Seores! sagte Monsieur Renard. -- Was wnschen Sie? Auf der
Jagd nach Hochverrthern, wie?

Ein Officier ist von unserem Schiff entflohen, sagte der Eine der
Leute barsch, ein Franzose, einer von Euren Landsleuten und wir sollen
hier nachsuchen, ob er sich nicht in Eurer Wohnung aufhlt. Ist er da,
so gebt ihn heraus, denn er kann nicht fort. Unsere beiden Boote
kreuzen an der anderen Seite und wir mssen ihn wieder haben. Almirante
hat 50 Dollar geboten, wer ihn wiederbringt.

~Peste!~ murmelte Monsieur Renard leise zwischen den Zhnen, whrend
die brigen Gste den Laden verlieen, um mit dem braunen wilden Volk in
keine Berhrung zu kommen. -- Aber, Seores, hier ist er nicht, so viel
sehen Sie, er mte sich denn whrend meiner Abwesenheit _=oben=_
versteckt haben. Bitte, gehen Sie hinauf und durchsuchen Sie das ganze
Haus. Ich wrde nie einen Deserteur beherbergen.

O du lieber Himmel! sthnte der arme Mulatte und sttzte sich mit dem
Ellenbogen an das nmliche Fa, in dem Baptiste versteckt lag, wer wird
meiner armen Herrschaft helfen?

Kommen Sie nur, Seores, sagte Renard, dem jetzt nur daran lag, die
Leute aus dem Laden zu bringen, weil er sich ziemlich sicher wute, da
sein Landsmann die ihm vergnnte Zeit zur Flucht benutzen wrde. Die
Soldaten, in der Hoffnung, den Entsprungenen zu finden, folgten ihm auch
rasch; kaum hatten sie aber den unteren Raum verlassen, als Antonio, wie
von einer Schlange gestochen, zurckschrak, denn aus dem Fasse heraus
ergriff eine Hand seinen Arm -- aber eine Stimme flsterte gleich
darauf:

_=Ich=_ helfe Dir, Camerad! Komm! Mit _=einem=_ Satze war der Franzose
aus seinem Verstecke heraus, ergriff das Ruder, nahm, ohne besonders
whlerisch zu sein, noch ein anderes von den dort lehnenden, das er dem
Mulatten in die Hand drckte und zog den armen Teufel, der gar nicht
wute, was er von dem Allem denken sollte, mit sich und durch die
Hinterthre in's Freie hinaus.

Er bedurfte keiner langen Zeit, um sich mit dem Mulatten zu
verstndigen.

Kennst Du mich nicht mehr, Tonio?

No, Seor! -- Es ist dunkel --

Hast Du Baptiste vergessen?

O Seor Batista -- unsere arme Seora --

Komm, mein Bursche! So lange Leben da ist, so lange ist Hoffnung, und
wenn wir nicht zu helfen vermgen, so knnen wir dem schurkischen Fosca
wenigstens ein Messer in den Giftbalg rennen. Ich bin heute Abend gerade
bei Laune. Hast Du ein Canoe?

Ein gutes, groes Canoe -- luft wie der Wind.

Knnen wir damit in See gehen?

In See? -- Ich wei nicht -- groe Wellen in See.

Bah! Besser ersoffen als nach Buenaventura, sagte Baptiste. -- Wo
liegt Dein Canoe?

Gleich dort drben an dem Sandbluff.

Wenn wir nur Jemanden htten, der bereit stnde.

Teresa! sagte der Mulatte rasch.

Gut -- und noch ein Ruder soll sie mitnehmen. Fort mit Dir! Ich bleibe
hier so lange unter dem Hause, bis Du zurckkommst.

Der Mulatte flog mehr als er ging die Strae hinab und Baptiste drckte
sich in den Schatten des nchsten Ueberbaues, wo er auch eine Entdeckung
nicht zu frchten hatte, denn um alle _=die=_ Pltze abzusuchen, wrden
die Soldaten eine ganze Nacht gebraucht haben. Antonio blieb aber auch
nur wenige Minuten.

Was nun, Master? -- Was knnen wir zwei gegen alle die Soldaten
ausrichten? -- Sie werden _=uns=_ todtschieen und die arme Seora doch
mit fortschleppen.

_=Was=_ wir machen knnen, Camerad, wei ich selber noch nicht, lachte
Baptiste in tollem Uebermuth. Das mu der Augenblick geben. Ich fhle
mich aber aufgelegt, mit einer ganzen Rotte der feigen Schufte
anzubinden, und kann ich die Unglcklichen nicht befreien, so liefere
ich mich selber wieder an den Schooner aus, denn sie sollen _=die=_
Reise nicht ohne einen Freund an Bord machen.

_=Sie=_ sind von dem Schiffe entflohen?

Bst, Camerad! Jetzt ist keine Zeit zum Geschichten erzhlen. Wo ist des
Alkalden Haus?

Gleich dort drben. Sowie wir um diese Ecke biegen, liegt es vor uns.

So komm! flsterte Baptiste. -- Wenn ich erkannt werden sollte und
fliehen mte, findest Du mich gleich nachher unter dem nmlichen Hause
wieder, wo ich eben auf Dich gewartet habe. Die Schufte werden auch das
ganze Haus geplndert haben.

Das Beste hat die Seora gerettet, rief Antonio rasch, ein Kstchen,
das sie mir zum Aufheben gegeben.

Und wo ist das?

Teresa nimmt es mit zum Canoe.

Bravo, mein Junge! Das war gescheit und nun vorwrts.

In der Strae, in welche sie einbogen, war Alles todtenstill und
Baptiste blieb zgernd stehen. -- Die Gefangenen muten schon
fortgebracht sein, denn sie htten sonst wenigstens Soldaten sehen
mssen. Antonio ergriff seinen Arm und drckte ihn leise.

Bleibt hier einen Augenblick, flsterte er, ich bin gleich zurck!
und wie ein Pfeil glitt er ber die dunkle Strae hinber und dann dicht
an der anderen Seite hin, bis zu des Alkalden Haus. Aber schon nach
wenigen Secunden kehrte er zurck. Kein Mensch war mehr dort zu sehen,
die Gefangenen muten schon an Bord geschafft sein.

Dann sei Gott uns gndig! flsterte Baptiste zwischen den
zusammengebissenen Zhnen durch. Ich habe mein Wort gegeben, und beim
Himmel, ich will es halten.

Was wollt Ihr thun, Seor?

Ich kehre an Bord zurck. Allein und freudlos sollen die armen Menschen
ihren Feinden nicht berantwortet werden. Wo liegt Dein Canoe?

Gleich dort drben, Seor, etwas oberhalb der Schiffe. O meine arme,
arme Seora!

Wo stand ihr Haus frher?

Wenn wir durch diese Gasse gehen, kommen wir daran vorbei. -- O so
schn war es dort! So lieb und freundlich, bis die bsen, bsen Menschen
kamen.

Fort! fort! Wir drfen hier nicht lnger zgern. -- Komm dort vorbei,
vielleicht hren wir noch etwas von ihnen. Was liegt auch daran, ob ich
der Patrouille begegne. Und mit raschen Schritten, fast in einem halben
Lauf, rannte er die Gasse hinab, mit Antonio an seiner Seite.

Dort liegt das Haus.

Da ist noch Licht darin, rief Baptiste berrascht.

Sie werden es vllig plndern. Seor Fosca lt nichts zurck, denn
seit ihn mein Herr in Bogota wegen Unterschlagung und Betrug in's
Gefngni werfen lie, hat er eine furchtbare Wuth auf ihn bekommen.

Also deshalb? Wahrhaftig, sie tragen Sachen herunter. Komm, Antonio,
wir wollen ihnen helfen. Und rasch entschlossen, wie er immer war,
schritt er, von dem Mulattenburschen aber nur scheu gefolgt, gerade ber
die Strae hinber, wo er einen Soldaten mit einem Pack traf, whrend
der andere gerade wieder die Leiter hinaufstieg.

Aber Muchachos, redete er den Burschen wie rgerlich an, -- was
vertrdelt Ihr die Zeit hier auf eine so nichtswrdige Weise? Wit Ihr
nicht, da sie an Bord auf Euch warten?

Pero Seor! sagte der Bursche ganz erstaunt seinen Offizier ansehend.
-- Sind Sie denn nicht fortgelaufen? Caracho! Sie werden doch in der
ganzen Stadt gesucht!

Du faselst wohl? rief Baptiste. Marsch mit Euch! Der Commissair wird
wthend werden.

Aber der Commissair hat uns ja eben erst noch einmal heraufgeschickt.
Er will Alles mitnehmen, ehe er die Gefangenen an Bord schafft.

Hat er die _=noch=_ nicht drben? rief der Franzose wie rgerlich,
das ist ja rein zum rasend werden mit der Langweiligkeit. Wer ist noch
bei ihm?

Weiter Niemand als sechs von unseren Leuten, zum Rudern und zur
Bewachung.

Aber ein Boot hat er doch?

Ja, von der Galeotte ist eins herbergeschickt. Das ist eben die
Mannschaft, denn die Anderen sind den Flu hinauf, weil sie glaubten,
da _=Sie=_ nach Ecuador hinber wollten.

Ich nach Ecuador? Unsinn! rief Baptiste, mit wenigen Schritten die
Stufen hinauffliegend. Dort berraschte er den zweiten nicht minder als
seinen Cameraden, durch sein Erscheinen, aber er lie ihn gar nicht zu
Worte kommen.

Fort mit Dir, Bursche! rief er. Die Zeit vergeht! Wir mssen zum
Boot! Ohne Weiteres das Bettzeug von einem der Gestelle nehmend, trug
er es an die Treppe und warf es hinunter. -- Hier, Antonio, trage das!
-- Dann griff er das andere auf, hob es sich auf den Kopf, und folgte
damit ebenfalls.

Der Soldat wagte natrlich keinen Einspruch. Wie konnte er auch? Da
sein Vorgesetzter den Befehl in die Hand nahm, verstand sich von selbst,
und da es geheien hatte, er sei desertirt -- lieber Gott! an Bord der
Schiffe herrschte berhaupt so viel Confusion, da ein solcher kleiner
Migriff nicht einmal zu den Unwahrscheinlichkeiten gehrte. Da aber
der Offizier solche Eile hatte, beunruhigte ihn, denn die Soldaten
trauten noch immer dem Frieden nicht in der Stadt. War etwas
vorgefallen? Wenn sie hier abgeschnitten und beim Plndern eines Hauses
gefat wurden, konnte es ihnen schlecht gehen. In aller Hast griff er
auf, was ihm gerade unter die Hnde kam, und folgte den Vorangegangenen,
die schon unterwegs nach dem Boote waren.




Siebentes Capitel.

Der Commissair in der Falle.


In einer entsetzlichen Lage waren indessen die unglcklichen Gefangenen,
die, ganz der Willkr ihres Henkers anheim gegeben, den rohen Scherzen
und dem Spott der Soldaten zur Zielscheibe dienen muten, damit diese
sich die mige Zeit am Ufer vertreiben konnten. Fosca hinderte sie auch
nicht daran und Seor Ramos knirschte machtlos seine Zhne zusammen. Er
konnte nichts dagegen thun. Mit auf den Rcken gebundenen Hnden lag er
hinten im Boot, whrend neben ihm im Heck, die Steuerreeps in der Hand,
der Commissair Platz genommen hatte. Die Frau kauerte mit dem Kinde in
der Mitte des Bootes, neben ihren dort aufgehuften Habseligkeiten, und
ihre stillen Thrnen netzten die Wangen der Kleinen, whrend sie ihr
liebe Worte gab, sie zu beruhigen suchte und ihr Trost zusprach --
Trost, der ihr selber fehlte.

Der Commissair war schon fast ungeduldig geworden, denn wenn auch seine
eigene Habgier die Leute noch einmal hinauf geschickt hatte, um so viel
als mglich mit fortzufhren, fing die Zeit ihm doch an lang zu werden.

Die Soldaten schlenderten indessen am Ufer auf und ab, als einer von
ihnen die Ankunft der Erwarteten meldete.

Nun endlich! rief ihnen Fosca schon von weitem entgegen. Das hat
lange gedauert. Macht, da Ihr herein kommt. Aber wozu schleppt Ihr den
ganzen Plunder mit herunter? Wer hat Euch gesagt, da Ihr die Betten
mitnehmen sollt? Wir haben ja nicht einmal im Boote Platz. Werft die
Lumpen dort auf den Sand und legt nur das Andere herein.

Bitte um Entschuldigung, Seor Comisario, lachte Baptiste, indem er
seine Ladung, _=gegen=_ den Befehl, in das Boot warf und dann Antonio's
ebenfalls abnahm und den ersten folgen lie; es ist eine alte Regel,
beim Ausrumen nichts zurckzulassen, und da die Gefangenen doch
unterwegs wahrscheinlich auch schlafen wollen, brachte ich mit, was mir
unter die Hnde kam.

Caramba! rief der Commissair erstaunt. Seor Batista? Ich meinte, die
ganze Mannschaft sei hinter Ihnen her, um Sie wieder einzufangen!

Das ist prchtig, lachte der Franzose. Dasselbe haben mir schon die
Burschen gesagt. Wenn ich also auf speciellen Befehl des Admirals in der
Stadt herumlaufe, um einige Auftrge auszufhren, hetzt der Steuermann
die Soldaten hinter mir drein, um mich wieder einzufangen. Kostbare Idee
das! -- Aber rasch, Jungens, das Wasser fllt schnell, die Ebbe mu bald
ausgelaufen sein und wir bleiben auf trockenem Sande sitzen. Holzkpfe,
Ihr, seht Ihr nicht da das Boot schon aufsitzt? Angefat da! Rasch,
damit wir es wieder flott bekommen!

Die Thatsache lie sich nicht leugnen und die Soldaten, vllig beruhigt
darber, da ihr Officier _=nicht=_ hatte weglaufen wollen -- er wre
sonst doch wahrhaftig nicht freiwillig wieder gekommen -- sprangen in
das Wasser und schoben das Boot zurck, bis es wieder flott wurde.

Wir haben hier nicht alle Platz! rief der Commissair.

Das ist richtig. Dann bleiben die Soldaten zurck, bis wir das Boot
wieder herber schicken knnen.

Das geht nicht, beharrte Fosca. Ich mu Wache bei dem Gefangenen
haben.

Dann wird doch wohl noch ein Canoe aufzutreiben sein, sagte Baptiste.
-- He, Bursche, hast Du kein Canoe in der Nhe?

Gleich hier oben, Seor, rief Antonio, an den die Frage gerichtet war.

Dann hole es, schnell!

Der Mulatte verschwand wie ein Schatten in der Nacht.

Wer war der? fragte der Commissair.

Ein Bursche, der uns heute Abend noch frisches Fleisch herber liefern
soll. Er mu mit an Bord, um den Auftrag zu erhalten.

Ein eigener wilder Plan zuckte durch des Franzosen Hirn. Noch war es
vielleicht mglich die Unglcklichen zu retten, wenn er den grten
Theil der Soldaten beseitigen konnte. Aber wie? Gewohnt jedoch, Alles
dem Augenblick zu berlassen, sprang er jetzt ebenfalls in das Boot,
angeblich um das Gepck zu ordnen, in Wirklichkeit, um es so zu
vertheilen, da so wenig als mglich Menschen darin sitzen konnten.

Die Gefangenen hatten ihn gar nicht beachtet und noch viel weniger in
der Dunkelheit erkannt. Waren doch auch Jahre verflossen, da sie seine
Stimme gehrt, die damals, von Krankheit geschwcht, auch matt und hohl
genug geklungen hatte. Und wie konnten sie ihn an Bord hier und unter
denen vermuthen, die im Begriff waren, ihr ganzes Lebensglck zu
zerstren!?

Von oben den Canal herunter kam jetzt das Canoe gerudert und lief im
nchsten Augenblick etwa zehn Schritt von dem anderen auf den Sand.

Hallo! Was ist das fr ein Frauenzimmer da drin? rief der Commissair.

Die Wscherin, Seor, die an Bord soll und die ich dort oben fand,
erwiderte Antonio rasch gefat, und Ramos zuckte unwillkrlich zusammen,
denn _=jetzt=_ hatte er seines treuen Burschen Stimme erkannt. Aber
Baptiste rief, auf die Idee eingehend:

Zum Henker und wegen der bin ich eine volle Stunde in dem dunklen Nest
und drben an der Punta herumgehetzt! Ich glaubte schon, der Admiral
wrde mir alle Wetter auf den Hals fluchen, wenn ich sie nicht
mitbrchte. Aber hinein hier mit ihr in das Boot! Die darf ich nicht
drben bei den Soldaten lassen.

Hier in das Boot geht sie nicht mehr, rief der Commissair dazwischen.
Caramba! Mann, wen und was wollt Ihr denn nicht _=noch=_ hereinpacken?

Baptiste war nicht gesonnen, seinen einmal gewonnenen Vortheil
aufzugeben. _=Jetzt=_ mute er mit dem _=Boote=_ fliehen -- das war die
letzte Mglichkeit eines Erfolges, und da er mit dem Canoe nie htte
wagen drfen, schwer geladen in die offene See hinauszusteuern, so bot
das Boot, so mittelmig es auch sonst sein mochte, doch unendlich mehr
Sicherheit. Ohne deshalb auch weiter den Befehl des Commissairs zu
beachten und das Mulattenmdchen, das schnell an Land gesprungen war,
selber in den Bug des Bootes hebend, sagte er:

Ueberlassen Sie das Alles mir, verehrter Herr! _=Ich=_ bringe Sie
sicher hinber, denn mir liegt selbst daran, von der Sache abzukommen.
Auf einem Kriegsschiff macht man nicht gern den Polizeidiener und
Bttel. -- He, kannst Du rudern, Bursche?

Gewi, Seor, erwiderte Antonio.

Dann marsch hinein mit Dir und sto ab! Halt, fr das Canoe sind zu
viel Leute! Zwei knnen noch mit hier herein.

Wenn Sie nicht den ganzen Platz verpackt htten, rief der Commissair
unwillig. Werft doch den Plunder ber Bord.

Gut, dann legt Eure Gewehre hier herein. Gebt sie her! Herr Commissair,
bitte um ein wenig Raum. Und die Gewehre der Leute nehmend, trug er sie
selber, das Wasser nicht achtend, hinter nach den Steuerreeps.

Und wie soll ich jetzt steuern? fragte Fosca rgerlich.

Das besorge ich selber. Jetzt vorwrts! Einer von Euch noch herein. Du
hier, Pedro! sagte er, einen kleinen schwchlichen Burschen aus dem
Trupp ergreifend. Setze Dich da vorn hin und rudere aus Leibeskrften.
Nun ab! Kommt mit dem Canoe nach, so rasch Ihr knnt.

Die Soldaten waren ganz verdutzt. Wenn ihnen aber das hastige,
fremdartige Benehmen ihres Officiers auch auffiel, konnten sie doch
nichts dagegen thun, denn er war einmal ihr Vorgesetzter, und so lange
es sich der Commissair gefallen lie, durfte es _=ihnen=_ auch recht
sein.

Caracho, Seor! lachte der Eine. Die Seorita htten Sie uns
ebensogut im Canoe lassen knnen. -- Sie haben ja schon eine an Bord.

Nichts fr uns Beide, Camerad! rief ihm der Franzose zu, whrend er,
von Antonio krftig untersttzt, das Boot mit dem Ruder hinaus in tiefes
Wasser stie. Dort wirkte schon die Strmung und sie muten zu den
Rudern greifen.

Bitte, Seor, sagte dann Baptiste, indem er ziemlich rcksichtslos
ber die Gefangenen hin nach hinten stieg und sich zu dem gebundenen
Ramos niederbog, der Seor hier liegt mir im Wege. Steuern _=Sie=_
einmal einen Augenblick.

Ja steuern! brummte der Commissair. Alle Gewehre liegen auf den
Reepen.

Fassen Sie nur das Ruder mit der Hand an. Sie wissen sich doch sonst
immer so vortrefflich zu helfen, Seor.

Der Ton, mit dem dieses gesagt wurde, frappirte den Neu-Granadienser,
aber er mute in der That das Steuer etwas aufdrehen, wenn das Boot
nicht mit der Strmung zu weit hinabgetrieben werden sollte. Er erhob
sich zu dem Zweck, kniete auf den Sitzbord und richtete das Ruder.

Muth! flsterte in demselben Moment Baptiste dem Gefangenen zu und
Ramos fhlte, wie ein scharfes Messer seine Bande durchschnitt. Seine
Arme wurden frei.

Und nun legt Euch in die Ruder, Burschen! rief der Franzose, sich
wieder aufrichtend, den beiden Leuten zu, indem er selber zum
Steuerruder ging und die Gewehre so zurckschob, da er zwischen sie und
den Commissair zu sitzen kam.

~Guarda se, Seor~, sagte der Soldat, sie sind alle geladen.

Ich wei es. Nehmt Euch nur beim Aussteigen damit in Acht, da Keiner
an dem Hahn hngen bleibt. So, Seor Comisario, jetzt werde ich Sie
ablsen. Haben Sie die Gte und rcken Sie noch ein klein wenig
hinber.

Halten Sie nicht zu tief! Die Strmung ist hier sehr stark und wir
treiben sonst vorbei, sagte Fosca, als er sah, da der Franzose den Bug
mehr abfallen lie.

Nur keine Angst, Seor, lachte dieser in der Erregung des Augenblickes
und das Herz klopfte ihm, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte.
Ich verfehle mein Ziel nicht, und passen Sie auf, was fr eine
angenehme Fahrt wir haben.

Sie treiben wahrhaftig zu weit nach unten! Caracho, Seor! Knnen Sie
nicht steuern? Sehen Sie doch, wie das Canoe hlt.

Ja, mein bester Seor, lachte Baptiste -- sie waren dem Canoe
wenigstens hundert Schritte voraus. Die Leute da drben wollen auch an
_=Bord=_, wir aber sind im Begriff, eine kleine _=Seefahrt=_ zu machen.

Eine Seefahrt? rief der Commissair, erschreckt von seinem Sitze
aufspringend. -- Verrath!

Er hatte das Wort noch nicht ganz heraus, als ihm Baptiste's Finger den
Hals wie in einem Schraubstock zusammenpreten.

Seor Ramos, rief er dabei, auf und an Ihr Ruder! Du, Pedro, nach
vorn! Die geringste Bewegung die Du machst, und ich jage Dir eine von
den Kugeln durch den Leib -- oder halt! Willst Du rudern, so rudere, was
Du rudern kannst, und es soll nachher Dein Schade nicht sein, aber bei
dem geringsten Zeichen von Verrath bist Du eine Leiche!

Ja, Seor, gewi -- wenn ich mu.

Du mut! Antonio, bei der ersten falschen Bewegung, die er macht,
rennst Du ihm Dein Messer in den Leib und wirfst ihn ber Bord. Rudere
jetzt! Strker! Caramba, es ist fr Dein Leben, Patron, denn wenn wir
eingeholt werden, massakrire ich Dich selber.

Hallo! schrien jetzt die im Canoe befindlichen Soldaten hinter ihnen
her. Weiter hinauf! Ihr verfehlt das Schiff.

Bube! zischte der gefangene Commissair unter dem furchtbaren Griff
seines Nachbars durch die Zhne, und sich dann mit uerster
Kraftanstrengung frei machend, schrie er in einem wahren Aufkreisch um
Hlfe. Aber es war nur ein einziger Ruf, den er ausstoen konnte, denn
Baptiste, der das Steuer nicht loslassen konnte, hatte nur einen Moment
in seinem Griffe nachgelassen. _=Der=_ Gefahr durften sie sich nicht
aussetzen und ehe der Ueberlistete einen zweiten Schrei ausstoen
konnte, traf ihn die geballte Faust des krftigen Franzosen so
eisenstark gegen die Schlfe, da er, wie von einer Kugel getroffen,
zusammenknickte.

Jetzt binden und knebeln Sie ihn, Seor! rief er Ramos zu. Rasch! Um
unser aller Leben, denn wirkliche Gefahr erwartet uns erst, wenn sie auf
den Schiffen mitrauisch werden.

Es bedurfte keiner Worte weiter. Ramos begriff ihre Lage besser als
irgend ein Anderer, wenn er sich auch noch nicht denken konnte, wer sein
Befreier sei. Es war auch keine Zeit zu fragen, und mit einem Stck des
Seils, mit dem er selber gebunden gewesen, schnrte er dem noch
Bewutlosen die Glieder zusammen und zwang ihm dann das Halstuch seines
Kindes zwischen die Zhne in den Mund.

Sie trieben jetzt, ungefhr noch 120 Schritte von dem nchsten Schiff
entfernt, an diesem vorbei.

~Ahoy the boat!~ schrie Mr. Culpepper's Stimme von dort herber. --
Was fr ein Boot ist das? Wohin wollt Ihr?

Keine Antwort erfolgte. Baptiste wute nicht gleich, was er erwidern
sollte, oder frchtete, sich durch seine Stimme zu verrathen.

Boot hinab! Rasch! Hinunter mit Euch, Ihr Jungen! Die besten Ruderer
hinein und vier Mann mit Gewehren, hinter dem Boot dort her! Gebt Feuer,
wenn sie nicht halten und dann rasch wieder geladen!

Die Worte hallten deutlich von dort herber.

~Diable!~ murmelte Baptiste vor sich hin. -- Mit zwei Rudern kommen
wir nicht aus der Stelle. Seor, Sie mssen mit helfen. Rasch, greifen
Sie ein Ruder auf, um Ihr Leben. Oder knnen Sie steuern? Ich habe mehr
Kraft.

_=Ich=_ kann steuern, sagte da die junge Frau, die vor Aufregung
zitternd die letzten Vorgnge beobachtet, aber noch nicht gewagt hatte,
eine Frage zu thun, ein Wort laut werden zu lassen. Wie ein Traum kam
ihr das Ganze vor, und der Uebergang von dem furchtbarsten erdenkbaren
Elend und Jammer zu Freiheit und Leben war ihr so berraschend schnell,
so unerwartet, nie mehr gehofft gekommen, da sie noch immer nicht
daran glauben mochte. Jetzt aber, wo ihre eigene Kraft und
Geschicklichkeit ihnen ntzlich werden konnte, brach sie das Schweigen.

Brav, Seora, brav! rief Baptiste jubelnd aus. Das giebt uns ein
Ruder mehr. Und jetzt, Teresa, hierher! Weiter zurck, mein Schatz! Der
Bug drckt vorn zu viel nieder und wir gehen deshalb zu schwer. Du
kannst das Kind nehmen.

Teresa? fragte die Frau erstaunt, aber Freudenthrnen weinend und doch
in zitternder Angst kroch das arme Mdchen ber die aufgethrmten Betten
hinweg zu ihrer Herrin, vor der sie niederfiel und ihre Knie umfate.

Weg mit den Thrnen, Schatz! Weg mit den Thrnen! rief Baptiste
lachend. Dazu ist nachher Zeit. Wir werden da drauen Salzwasser genug
in's Boot kriegen. -- So recht, Pedro, lege Dich tchtig hinein! Es soll
Dein Schaden nicht sein und wir wollen doch sehen, ob wir in Ecuador
nicht noch etwas Besseres aus Dir machen knnen als einen lumpigen
Soldaten. _=Wir=_ sind jetzt Kameraden, und ich lasse Dich nicht im
Stich.

Dadurch, da das Mdchen zurckkommen mute, hatte das Boot viel an
leichterer Fahrt gewonnen, denn der Bug hob sich. Des Seemanns scharfes
Ohr hatte aber auch bereits das Einsetzen der Ruder vom Schiffe her
gehrt, wenn sie den Schooner selber auch schon nicht mehr auf dem
dunklen Hintergrunde des Manglarenwaldes erkennen konnten. Nur die
rothen Lichter leuchteten noch herber.

Nun fr unser Leben! rief er, sein eigenes Ruder aufgreifend, whrend
die Seora das Steuer genommen und nicht zu viel versprochen hatte, als
sie versicherte, sie knne es regieren. Halten Sie den Bug jetzt noch
immer auf jenen hellleuchtenden Stern zu -- es ist die Venus, und mag er
uns Glck bedeuten heute Abend.

Von jetzt an wurde kein Wort mehr gesprochen. Die vier Mnner ruderten
schweigend, aber aus Leibeskrften, denn sie wuten, da nur grere
Schnelligkeit sie retten konnte.

Da fielen rasch hinter einander drei Schsse von dem verfolgenden Boot.

Groer Gott, sie schieen! rief die Frau. Lege das Kind auf den Boden
des Bootes, Teresa.

Nicht hierher, beruhigte sie Baptiste, da er, mit dem Rcken nach vorn
im Boot sitzend, das Abblitzen der Gewehre hatte sehen knnen. Es ist
unmglich, da sie uns hier schon erkennen, wenn nicht die hellen Betten
zu sehr leuchten.

Werft sie ber Bord! bat Ramos.

Bewahre! lachte der Franzose, lieber den Comisario. Erst mssen wir
finden, da sie uns zu schwer sind. Decke jenen dunklen Poncho darber,
der auf dem Sitzbrett liegt, Teresa. Er gehrt freilich dem Herrn
Commissair, aber zu dem Zweck wird er ihn uns wohl leihen.

Aber was bedeuten die Schsse?

Nichts Gutes, sagte Baptiste finster. Es sind Signale fr das Boot an
der anderen Seite der Insel, um dasselbe herbeizurufen, und wenn es
wirklich in der Nhe ist, kann es uns den Weg abschneiden. Aber
caramba! setzte er mit fest zusammengebissenen Zhnen hinzu. -- Wir
haben auch Gewehre im Boot und im schlimmsten Falle knnen wir ihnen
einen wrmeren Empfang bereiten als sie jetzt wohl denken.

Aber keine Munition.

Pedro hat doch gewi seine Patronentasche mit. Wie viel Patronen sind
darin?

Zwanzig, Seor.

Bravo, und sechs geladene Gewehre, die Festung ist armirt.

Und mit dem Boot hinter uns?

Ah bah! sagte Baptiste, sich in sein Ruder legend. -- Die Sache ist
allerdings fast zu interessant, um angenehm zu sein, aber hol's der
Teufel! -- Entschuldigen Sie, Seora, auf See lernt man ein rohes
Sprechen, ohne manchmal etwas dabei zu denken -- ich hoffe doch noch,
da wir die hohe See gewinnen sollen und wenn sie uns da hinaus folgen,
nun, dann formiren wir mit den Matratzen eine kleine Festung um den
schwachen Theil der Besatzung und wehren uns eben unserer Haut. Vorwrts
jetzt! -- Mit dem Reden geht Kraft verloren.

Wieder wurden hinter ihnen drei Schsse abgefeuert und Baptiste sah zu
seinem Schrecken, da sie diesmal nicht in die Luft schossen, sondern
hinter ihnen her. Aber die Entfernung war noch zu gro, nur wenn sie
hoch gehalten htten, wre vielleicht eine oder die andere Kugel bis zu
ihnen geschlagen. So fielen sie alle zu kurz und er htete sich wohl ein
Wort darber zu sagen, um die Frauen nicht unntzer Weise zu
beunruhigen.

Das Boot flog rasch durch das Wasser und eine Zeit lang wurde kein Wort
weiter gewechselt. Der Commissair war wieder zur Besinnung gekommen und
wand sich krampfhaft am Boden des Bootes, aber er konnte keinen Schaden
thun und Baptiste, neben dem er lag, behielt ihn auch scharf im Auge.

Wenn wir uns ein klein wenig mehr rechts hielten, sagte Ramos
endlich, -- die Gefahr wre dort geringer, einem der anderen Boote zu
begegnen.

Wir drfen nicht, erwiderte Baptiste, -- wenn sie uns nachher den Pa
zwischen der Punta Manglares und der Insel verlegen, so treiben sie uns
weit in See hinaus und dort steht jetzt ein tchtiger Sdwind, von dem
wir hier nur noch nichts fhlen, weil wir durch das sdliche Land
gedeckt sind. Vorwrts! Hier ist die Spitze der Insel! In wenigen
Minuten mu es sich entscheiden! Bis jetzt war Gott mit uns, er wird uns
nun auch nicht verlassen.

Das hinter ihnen folgende Boot hatte jedenfalls etwas an sie gewonnen,
man konnte die Ruderschlge desselben deutlicher hren, aber _=ihre=_
Ruder knarrten und machten dadurch zu viel Gerusch.

Teresa, sagte Baptiste, nimm Lappen oder Tcher, was Du gerade hast,
Schatz, tauche sie in's Wasser und lege sie uns unter die Ruder,
verstehst Du? So! Ich habe mir schon geholfen, fuhr er fort, indem er
sein Taschentuch in die Ruderdolle brachte, -- nur fr die Anderen.

Das war bald geschehen und sie hatten nun den Vortheil, wenigstens
geruschlos zu fliehen.

Auf Baptiste's Wunsch lie die junge Frau das Boot jetzt noch ein wenig
dem Land zu abfallen. So nahe befanden sie sich jetzt am Ufer, da die
auf der Backbord-Seite Rudernden mit ihren Riemen schon den Sand fhlen
konnten. Sie durften nicht wagen, nher hinan zu halten. Da hrten sie
pltzlich laute Stimmen und Fluchen, dicht an ihrer Linken.

Fast unwillkrlich hielten Alle mit Rudern ein und wie ein dunkler
Schatten glitt das Boot, von der Ebbe und Strmung des Mira begnstigt,
ber die Oberflche.

Seco! sagte da eine deutliche Stimme. Caracho, Basilio! Ich sagte Dir
es gleich, da wir hier auf den Grund rennen wrden. Nun sitzen wir
fest. Hinaus mit Euch, da wir den faulen Kasten wieder flott bekommen.

Sie sitzen fest! Vorwrts! jubelte Baptiste mit vorsichtig gedmpfter
Stimme -- und wieder trafen die Ruder in's Wasser, immer noch die
vorherige Richtung haltend, um wenigstens aus dem Bereich der
Schuwaffen zu kommen. Die in dem anderen Boot hatten wirklich in dem
Augenblick zu viel mit ihrer eigenen Lage zu thun, um nach etwas Anderem
auszuschauen. Sie waren jedenfalls ber Bord gesprungen, um das dadurch
erleichterte Boot vom Sand abzuheben und wieder in tieferes Wasser zu
schieben. Deutlich konnten die Flchtigen das Pltschern und Fluchen
der Leute hren. Aber so dicht mit den Kpfen ber dem Wasserspiegel
mochte doch wohl einer oder der andere der Leute das vorbeigleitende
Boot bemerkt haben. Pltzlich war Alles ruhig und eine Stimme rief
gleich nachher:

He da! Ist das nicht ein Boot?

Keine Antwort folgte.

Caracho! Warum antwortet Ihr nicht? -- Schie, Pablo!

Vorwrts um der heiligen Jungfrau willen! drngte Baptiste. -- Sie
sind noch nicht flott. Jeder Ruderschlag bringt uns weiter aus dem
Bereich ihrer verdammten Flinten.

Es dauerte wohl zwei Minuten, bis sie den scharfen Blitz eines
abgefeuerten Gewehres sahen, aber gute Schtzen sind diese spanischen
Abkmmlinge nicht, schlechte Gewehre hatten sie ebenfalls und im Dunkeln
auf den Schatten eines Bootes zu halten ist ein schwieriges Ding. Die
Kugel schlug wenigstens vier oder fnf Ellen rechts von den Fliehenden
auf das Wasser. Und kein zweiter Schu folgte. Die Mannschaft wollte
sich wahrscheinlich nicht auf das unsichere Feuern verlassen und lieber
ihr Boot rasch wieder flott bekommen.

Dann antworteten wieder einige Schsse von dem verfolgenden Boot, und
die Burschen des gestrandeten schrien als Antwort so laut sie konnten.

Jetzt links hinber, Seora! rief da Baptiste. -- Immer an den
Manglaren hin! Dort ist tiefes Wasser, bis wir an die nchste Punta
kommen. Sie ist nicht mehr weit, und haben wir erst die zweite Mndung
des Mira hinter uns, dann sind wir gerettet.

Die Leute arbeiteten mit Anspannung aller ihrer Krfte und selbst Pedro
leistete Auerordentliches, denn es schien ihm selber nicht viel daran
zu liegen, in den eben erst verlassenen Kriegsdienst zurckzukehren.

Deutlich konnten sie jetzt noch einmal die Zurufe von den verschiedenen
Booten unterscheiden; auch die Ruder hrten sie wieder knarren, aber die
Verfolger, mit dem Terrain kaum genau bekannt, schienen unsicher
geworden zu sein, welche Richtung das flchtige Boot genommen habe.
Vielleicht frchteten sie auch mit der Ebbe hinaus in See genommen zu
werden.

Eine Viertelstunde spter herrschte Todtenstille auf dem Wasser, die nur
durch das leise Pltschern der Ruder unterbrochen wurde. Sie waren
gerettet.




Letztes Capitel.

Im Pailon.


Sie waren gerettet, immer aber noch arbeiteten die Ruderer wacker
vorwrts, und das Boot glitt an dem dunklen Ufer rasch dahin. Jetzt
hatten sie die Mndung des Mira erreicht, und in der Dunkelheit war es
fast, als ob es das offene Meer sei. Don Jos hielt auch wirklich mit
Rudern inne und frug, ob sie sich nicht jetzt links am Lande halten
mten.

Wenn wir Fluth htten, oder in einem Canoe sen, ja, Seor, sagte
Baptiste, immer noch mit unterdrckter Stimme, obgleich schon lange mehr
kein Laut der Verfolger zu ihnen gedrungen war. Mit dem Boote hier
drfen wir aber getrost wagen um die Punta Manglares zu fahren, denn
gegen den Mira htten wir sonst ein tchtiges und schweres Stck
anzurudern. Vorwrts, Seorita! Gerade hindurch, bis wir den Wald wieder
erreichen, den Sie dort wie einen dunklen Streifen vor sich sehen. Nur
ein kleines Stck dann noch weiter, und wir kommen in die offene See.

Und kennen Sie den Weg?

Wie meine Tasche. --

Wieder ruderten sie schweigend weiter, denn unter dem Schatten der
Manglaren wollte sie Alle noch nicht das unruhige Gefhl verlassen, als
ob an jeder Ecke ein anderes Boot der Verfolger auftauchen, und ihnen
den Weg zur Rettung abschneiden knnte. Aber sie hatten Nichts mehr zu
frchten, und kaum eine halbe Stunde spter trug sie die rasch
abstrmende Ebbe zwischen einer mit Manglaren bewachsenen langen Insel
und der dort vorspringenden Landzunge hindurch, und wenige Minuten noch
und ihr Boot schaukelte auf den langen getragenen Wogen des stillen
Oceans.

Glcklicher Weise trafen sie hier nicht mehr den scharfen Sder, den
Baptiste gefrchtet, und der sie gezwungen htte die Fluth abzuwarten
und wieder zurck in den letzten Mira-Arm einzulaufen, um von dort aus
den Canal zu suchen. Der Wind hatte sich vollstndig gelegt, und nur die
See wogte noch und hob sich und sank mit dem darber hingleitenden Boot.

Zur Linken ffnete sich ihnen ein wunderbarer Anblick, so da Aller
Blicke unwillkrlich dorthin flogen, denn dort schumte bei fast
niedrigstem Wasserstand die Brandung ber und gegen die freigelegten
Sandbnke an, und warf ihre phosphorglhenden Wogen, deren weie Kmme
wie flssiges Gold schimmerten und leuchteten, donnernd gegen den
Strand. -- Und immer und immer erneute sich das Bild! sowie die eine
Sturzsee in tausend blitzende Funken zerflo, bildete sich weiter zu
ihnen eine neue, die mehr und mehr anschwoll und von glitzernden
Gluthenstreifen durchzogen zu sein schien, bis sie sich hob und brach
und dann einen wahren Feuerregen umhersprhte.

Wie furchtbar schn ist das! hauchte die Frau, das groartige
Schauspiel aber doch mit scheuen Blicken betrachtend, denn wenn sich
eine neue Woge hob, war es, als ob sie nher und nher zu ihnen kam, und
sie unmerklich aber sicher, wie in einer gewaltigen Strmung dort
hinber reien mte. Werden wir dort nicht hinein treiben?

Nein, Seora, sagte Baptiste freundlich. Haben Sie keine Angst! Die
Elemente sind gndiger mit uns als die Menschen. Ich frchtete einen
scharfen Sder, bei dem wir allerdings Schwierigkeiten gehabt haben
wrden hier vorbei zu laufen, aber statt dessen erhebt sich, wie ich
eben fhle eine leichte Seebrise, und mit der knnen wir es uns bequemer
machen, als wir es bis jetzt gehabt haben. Bitte fhren Sie nur noch
kurze Zeit das Steuer -- nur nicht weiter in die See hinaus, nur immer
in der nmlichen Entfernung von den Brandungswellen, wie wir uns bis
jetzt gehalten, ich werde jetzt das Boot ein wenig behaglicher
herrichten. Er legte sein Ruder nieder, stieg ber die Sachen hinweg,
die er in der Mitte so eng als mglich zusammenpackte, und eine der
Matratzen vorn im Boote ausbreitete, da sie eine Art von Mulde bildete.

So Seora, sagte er dann freundlich, indem er zurck stieg und ihr die
Hand reichte, jetzt klettern Sie hier vorn herber. -- Haben Sie keine
Angst, ich halte Sie. Das Kind gebe ich Ihnen dann nach, und legen Sie
sich da vorn ganz unbesorgt zum Schlafen nieder. Sie bedrfen der Ruhe
und die arme kleine Adriana auch.

Aber wer sind Sie, sagte die Frau jetzt, indem sie seinen Anordnungen
folgte, da Sie Ihr Leben fr uns wagten und jetzt auch noch so
freundlich Sorge tragen?

Wenn wir Tageslicht bekommen, erkennen Sie mich vielleicht wieder,
lchelte Baptiste. Jetzt berlassen Sie uns nur die Sorge um das Boot.

Aus seinem Ruder richtete er nun einen kleinen Mast her, aus einem der
Betttcher machte er ein Segel, ein anderes Ruder gebrauchte er zum
Ausholer, und als er die Schote befestigt hatte und anzog, fhlten sie
bald, da der Wind in die Leinwand schlug und anzog. Ziemlich so rasch
wie vorher mit den Rudern, aber vllig geruschlos, und sanft wie von
einer Schaukel gehoben und fortgefhrt, glitt das Boot ber die Fluth
und die junge Frau, ihr schlummerndes Kind im Arm, war, von den
Aufregungen der letzten Nacht zum Aeuersten erschpft, bald in einen
sanften Schlaf gefallen.

Pedro, der arme Teufel, der fr sein Leben gerudert hatte, fhlte sich
ebenfalls so todesmatt, da er, als ihm Baptiste den Befehl gab sein
Ruder einzunehmen, zurck mit dem Kopf gegen die Matratze sank und
augenblicklich einschlief.

Und immer weiter, jetzt gerade nach Sden, dann ein wenig zum Osten
zurckhaltend, steuerte Baptiste das Boot. Neben ihm wand sich aber der
unglckselige Commissair in solchen augenscheinlichen Schmerzen, da
Ramos endlich selber Mitleiden mit dem Verrther fhlte und leise sagte:

Drfen wir ihm nicht jetzt wenigstens den Knebel aus dem Munde nehmen?
ich frchte, er erstickt. --

Schade wr's nicht um ihn, sagte Baptiste trocken, aber meinetwegen.
Er wird ja ohnedie klug sein und das Maul halten, oder wir machen
kurzen Proce mit ihm und werfen ihn ber Bord. Es wre berhaupt das
Beste, ihn hier an einer oder der anderen Manglarenspitze auszusetzen,
dort knnte er sich amsiren und die zahllosen Mosquitos fttern. Aber
er bog sich doch, noch whrend er sprach, zu dem Gefangenen ber und
nahm ihm das Tuch aus dem Mund. Fosca athmete tief und schwer auf, aber
er gab keinen Laut von sich. Die Drohung hatte gewirkt, denn ein
Aussetzen in den Manglaren[A] wre ein sicherer und furchtbarer Tod fr
ihn gewesen.

So fuhren sie langsam weiter. Die Brise blieb schwach, aber doch immer
stark genug, um das Boot, das sie von der Seite fing, vorwrts zu
treiben, bis endlich am stlichen Horizont, den der niedere Laubgrtel
des flachen Landes bildete, die Wolken anfingen sich zu lichten. Der Tag
brach an, aber die Atmosphre ist in diesem Himmelsstrich fast nie rein
und ungetrbt, wenigstens nur in sehr seltenen Fllen Morgens.

Ein leiser Duft ruhte auf dem Walde, durch die feuchten Schwaden
erzeugt, die ihm unausgesetzt entstiegen. Aber vor ihnen lag die Mndung
des Pailon, die erste und nrdlichste Ansiedlung in Ecuador -- an der
linken Landspitze (eigentlich einer Insel); bald konnten sie die
einzelnen Huser der dort wohnenden Fischer erkennen. Die Fluth stieg
dabei wieder, und von ihr gefhrt liefen sie mit dem ersten Morgengrauen
in den breiten herrlichen Canal ein, der an beiden Seiten von, ihre
Zweige bis zum Wasser niederhngenden Manglaren dicht begrenzt, gerade
nach Sden hinab dem kleinen Fischerdorf San Lorenzo zufhrte.

Die Frau war erwacht und mit dem stillen Frieden um sich, mit dem
Gefhle vollkommener Sicherheit hob sich ihr Herz zu Gott, und ihr Kind,
ihre liebe Adriana an sich pressend, betete sie leise aber brnstig zu
dem Allerbarmer --

Aber welch ein wunderbarer Ton um sie her? Wie ferner Orgelklang traf er
ihr Ohr, leise summend in vollen melodischen Akkorden! Und als sie
erstaunt den eigenthmlichen Klngen horchte, war es ihr fast, als ob
sie aus der Meerestiefe zu ihr heraufdrangen. -- Es konnte keine
Tuschung sein! Dicht unter dem Boot klang es vor, jetzt rechts ein
wenig, jetzt links, und als sie sich ber den Rand des Bootes bog, wurde
der Laut voller und deutlicher. Da ging dort drben, ber dem grnen
Laubmeer, die Sonne auf und go ihr Licht ber die funkelnde,
spiegelglatte Bai.

Hren Sie den Orgelklang, Seora? frug Baptiste.

Was, um Gottes Willen, ist das?

Das sind die singenden Fische des Pailon, lachte der junge Franzose,
die gerade ihr Morgenconcert zu halten scheinen.

Als er sich aufrichtete, fiel der Sonne Licht voll auf seine
freundlichen edlen Zge, und der Blick der Frau heftete fragend an
ihnen.

Und kennen Sie mich _=noch=_ nicht, Seorita? fragte der junge Mann
herzlich. Auch _=Sie=_ nicht, Seor Ramos? Hab ich mich so entsetzlich
verndert, oder ist die Erinnerung an den armen kranken Matrosen, den
Sie in Ihrem Haus in Buenaventura so treulich pflegten, ganz Ihrem
Gedchtni entschwunden?

Don Batista! rief Ramos, seine Hand ergreifend und herzlich
schttelnd. Wie sollen wir Ihnen das je danken?

Danken? entgegnete der junge Mann. Ich bin lange genug _=Ihr=_
Schuldner geblieben. Jetzt wollen wir vor allen Dingen dieses
unglckselige Menschenkind losbinden, fuhr er lachend fort, um den Dank
von sich abzuwenden. -- Allmchtiger Gott, wie sieht dieser
Neu-Granadiensische Commissair aus! Hier ist seine Macht aber vorbei.
Wir sind innerhalb der Grenzen von Ecuador, und der Platz, dem wir uns
nhern, soviel ich gehrt habe, in den Hnden einer englischen
Compagnie. Was fangen wir mit dem elenden Patron an?

Noch whrend er sprach, hatte er die Leine gelst, die des Gefangenen
Hnde und Arme zusammenschnrte und Fosca richtete sich mhsam empor. Er
sah in der That entsetzlich aus. Sein Gesicht war, von dem Schlag der
ihn betubte, mit geronnenem Blut und dem Schmutz des Bootes bedeckt,
sein Rock und Hemd zerrissen, und der boshafte Blick des Buben flog
scheu und tckisch von Einem zum Andern.

Beim Himmel, lachte Baptiste, ich wei, was ich thue. Mir fehlt
gerade ein Erwerbszweig und ich werde die Jammergestalt hier in San
Lorenzo fr Geld sehen lassen. Entre ein halbes Pfund Cacaobohnen
oder ein Dutzend Esmeraldas-Cigarren.

Ihr habt jetzt die Macht, knirschte der Gefangene zwischen den Zhnen
durch, aber es wird eine Zeit kommen, wo Ihr mir Rechenschaft fr diese
Behandlung geben sollt. Ich bin Neu-Granadiensischer Beamter und
Prsident Franco in Ecuador wird nicht dulden, da ich so behandelt
werde.

Prsident Franco wird in nchster Zeit noch viel mehr dulden mssen,
lachte Baptiste verchtlich, wenn sie ihn nicht etwa jetzt schon aus
dem Land hinausgejagt haben. Aber Frieden, Kamerad. Du hast uns an Bord
genug gergert, um diese Zchtigung zu verdienen, httest Du nicht auch
wie ein Verrther und Schuft an diesen braven Leuten gehandelt.... Von
jetzt an -- und das ist die mildeste Strafe, die Dir werden konnte --
keine Gemeinschaft mehr zwischen uns! Hier setze ich Dich an das Land,
und dann sorge dafr, mein Bursche, da Du so rasch als mglich in Dein
gesegnetes Neu-Granada hinber kommst, denn erfahren sie _=hier=_ Deine
Geschichte, so stehe ich Dir fr Nichts. _=Dort=_ liegt San Lorenzo,
fuhr er fort, als sie eben eine Biegung der Bai erreichten, die sich
nach Osten in das innere Land hineinzog. Dort liegen die friedlichen
Fischerwohnungen eines braven Volkes. Dort, Seor Ramos, knnen Sie,
wenn Sie nicht in das Innere gehen wollen, die Entwickelung der Wirren
Ihres Vaterlandes ruhig abwarten, denn unter diesen Leuten lebt kein
Verrther.

Aber _=Sie=_ bleiben bei uns, fiel die Seora rasch ein -- Sie mssen
uns Gelegenheit geben Ihnen zu beweisen, wie tief wir uns Ihnen
verpflichtet fhlen.

Vorerst, lachte Baptiste, werde ich hier meine mitgebrachte
Waffensammlung verkaufen, die wenigstens einen Theil des Lohns
einbringen kann, den mir die Regierung des braven Mannes da fr
erzwungene Dienste schuldig ist und dann -- ~Quien sabe~ -- das
Uebrige findet sich.

Das Boot glitt, fast nur durch die Fluth vorwrts getragen, in eine
kleine Bucht ein, die im Westen das Fischerdorf begrenzte; gleich an der
uersten Spitze, an einem dort vorspringenden Felsen landete Baptiste
und sagte zu Fosca:

So Seor, hinaus mit Ihnen und das zur Warnung: Haben wir die Sachen
hier an Land geschafft und begegnet die Seora beim Aussteigen noch
einmal Ihrer nichtswrdigen Physiognomie, dann seien Sie versichert, da
ich Sie eigenhndig anpacke und hier von dem Felsen hinunterwerfe. Ein
Bad knnte Ihnen berhaupt Nichts schaden. Sie haben also etwa zehn
Minuten Vorsprung. Marsch!

Fosca lie sich das nicht zweimal sagen. Mit Hnden und Fen kletterte
er an dem rauhen Steinblock empor, und im nchsten Augenblick war er am
Land verschwunden. Als die Seora das Ufer betrat, war keine Spur mehr
von ihm zu sehen, und erst Nachmittags erfuhren sie, da er ein Canoe
gemiethet habe und mit der nchsten Ebbe nach Tomaco zurckgegangen
sei.

FUSSNOTEN:

[A] Die Manglaren oder Mangrovebume sind ein Seegewchs, denn
sie stehen nur da am Land, wo die Fluth der See ihre Wurzeln besphlen
kann. Ihr Boden ist Schlamm und kein lebendes Wesen hlt sich zwischen
ihnen auf als Krabben und Mosquitos.




Am Cachavi.


Erstes Capitel.

In Concepcion.

An dem Santiago-Flusse in Ecuador, tief im Walde drinnen, von Palmen-
und Bananenhainen umgeben, liegt das kleine Binnenstdtchen Concepcion
so malerisch und freundlich, wie sich nur etwas denken lt.

Dicht unter demselben mndet der, kurz vorher den Cachavi aufnehmende
Bogota in den breiteren und tieferen Santiago, und vermittelt, wenn auch
nur durch Canoes, die Verbindung mit der reichsten Provinz des Innern,
mit Imbaburru und deren Hauptstadt Ibarra, whrend der Santiago durch
die Tola-Mndung mit dem Meer in direkter Verbindung steht und nach
Norden hinauf sogar, durch die Taja-Lagune, einen breiten und bequemen
Wasserweg nach dem Pailon und der dort neu angelegten englischen Colonie
und deren Hafen bildet. Den meisten und lebendigsten Verkehr unterhielt
es aber doch mit dem fast nur von Negern bewohnten Cachavi und den
dortigen Golddistrikten, und wenn auch der Handel mit dem Innern nur
durch Lasttrger betrieben werden konnte, da nicht einmal ein
Maulthierpfad durch den Wald fhrte, war der Umsatz doch nicht
unbedeutend und die Leute befanden sich wohl und in guten Umstnden.

Der Santiago sowohl, wie der Bogota flieen aber auch durch ein reiches,
unendlich fruchtbares Land, und breite ausgedehnte Baumwollen- und
Zuckerrohrfelder mit weiten Cacao- und Bananenanpflanzungen (sogenannten
Platanaren) geben Zeugni, welch' reichen Ertrags der Boden dort fhig
ist, und wie er die geringste Arbeit tausendfltig lohnt. Sie sind auch
ziemlich dicht besiedelt, wenn auch nicht von den Ureinwohnern des
Landes, die sich in den feuchten und heien Niederungen dieser Gegend
nicht so wohl zu fhlen scheinen, als weiter oben in den khleren Bergen
und an den rasch quellenden Gebirgswssern. Mglich aber auch, da sie
von den Negern, mit denen sie berhaupt nicht gern Gemeinschaft halten,
zurckgedrngt wurden.

Als nmlich mit der Abschttelung des spanischen Joches die Leibeigenen
der spanischen Provinzen freigegeben und fr ewige Zeiten frei erklrt
wurden, da zerstreuten sie sich -- besonders in Ecuador und Neu-Granada
-- vorzugsweise ber dies Terrain und wurden _=Herren=_ des dortigen
Bodens, dessen Sclaven sie bis jetzt gewesen waren. Ueberall am Santiago
und Bogota legten sie Estancien an, rodeten den Wald aus, und pflanzten
Bananen, Cacao, Kaffee und Zuckerrohr, und wenn sie jetzt auch nach
ihrer Bequemlichkeit arbeiteten, und nicht mehr vom Tagesanbruch bis in
die spte Nacht Hacke und Schaufel fhren muten, so dankte ihnen der
Boden doch mit verschwenderischer Hand fr die geringe Mhe, die sie auf
seine Pflege verwandten, und wo sie nicht eben _=reich=_ wurden, hatten
sie doch vollauf zu leben.

Welche Bedrfnisse kannten sie denn auch, die sie nicht hier mit
Leichtigkeit beschaffen mochten. Ihre Wohnungen waren um weniges besser,
als die, in denen sie frher von ihren Herren einquartirt worden, ihre
Kleidung -- eine baumwollene Hose und ein eben solches Hemd mit einem
selbst geflochtenen Strohhut blieb dieselbe, und was sie an Nahrung
brauchten und wnschten, lieferte das Land.

So bildeten sie bald, in diesen Distrikten wenigstens, die groe
Majoritt des Staates und es gab Drfer, wo sie sich sogar ihren
Alkalden aus eigener schwarzer Mitte whlten.

Nur die Stellen der Gobernadores und Friedensrichter besetzte die
Regierung mit den ~Hijos del pais~ -- das heit nicht etwa den
eigentlichen Shnen des Landes, den Indianern, sondern mit den
Abkmmlingen der spanischen Rae, die auch solche Pltze viel besser zu
verwerthen und auszubeuten verstanden.

Ecuador war allerdings eine Republik, aber es wre deshalb der obersten
Staatsbehrde doch nicht im Traum eingefallen, dem Volk in seinen
eigenen Richtern eine _=Majoritt=_ zu gestatten.

Auch Concepcion war zu einem sehr groen Theil von Negern bewohnt.
Nichts destoweniger blieben aber in dieser greren Stadt die _=Weien=_
in der Majoritt, wo sie schon durch ihre Farbe den Stand der
Honoratioren vertraten. Ueberhaupt hat der _=Neger=_ nur in sehr
seltenen Fllen -- so geschickt er oft in mechanischen Arbeiten sein mag
-- Talent zum _=Handel=_. Es fehlt ihm der Speculationsgeist, und die
verschiedenen Lden befanden sich deshalb smmtlich in der Hand von
Weien. Eben so waren -- wie sich das von selbst versteht -- der
Geistliche, der Alkalde und der Schullehrer Abkmmlinge der spanischen
Rae, und selbst ein italienischer Schneider hatte sich dort etablirt;
und sich -- wie das gewhnlich diese Art von Professionisten thun -- zu
einer der ersten politischen Gren und zu einer entschiedenen
Opposition der bestehenden Regierung aufgeschwungen.

Seor Rigoli, wie der kleine, sehr lebendige Mann hie, hing nmlich mit
Leib und Seele an der Quitenischen Regierung, whrend der Alkalde und
Geistliche besonders -- Beide von dem gegenwrtigen Usurpator des
Sdens, dem Mulattengeneral Franco eingesetzt -- fr diesen nach allen
Krften zu wirken suchten.

Rigolis Feinde behaupteten allerdings, nur der Geist des Widerspruchs
htte den kleinen Italiener in diese politische Richtung geworfen, denn
ohne Widerspruch konnte er nicht existiren: aber er leugnete dies
vollkommen, und wrde dadurch jedenfalls seine beste Kundschaft in den
Honoratioren der Stadt verloren haben, wenn sie eben nicht gezwungen
gewesen wren, bei ihm arbeiten zu lassen. Er hatte nmlich keinen
Concurrenten im Ort, als einen Neger, der Alles verdarb, was er unter
die Scheere bekam, aber dafr auch zu den leidenschaftlichsten Anhngern
Francos gehrte und alle Augenblicke neue Gerchte ber die gewonnenen
Siege des Mulattengenerals verbreitete.

Uebrigens war diese politische Meinungsverschiedenheit bis jetzt sehr
harmlos verlaufen, denn Theil an den groen Kmpfen ihres Vaterlandes
konnten die Bewohner von Concepcion nicht nehmen, dafr lagen sie von
dem Hauptplatz der Action zu weit entfernt, und vllig abgeschieden und
aus dem Weg in ihrem reizenden Thal. Aber es wrzte doch die
Unterhaltung, und wenn Rigoli Abends in der Posada _=eine=_ Flasche
Tschitscha getrunken und eine zweite vor sich hatte, hielt er so lange
politische Reden, bis er seine Gegner -- wenn auch nicht berzeugte,
doch wenigstens zu Paaren trieb, und zuletzt gewhnlich das Schlachtfeld
allein behauptete.

So lebhaft aber derartige Debatten fast jeden Abend gefhrt wurden --
und in der letzten Zeit lebhafter als je, da sich ein Franco'scher
Offizier hier aufhielt, was aber nicht vermochte, den kleinen muthigen
Mann der Nadel einzuschchtern -- so still lag Concepcion whrend der
heien Stunden des Tages, wenn die Huser keinen Schatten mehr warfen
und die breiten Bananenwipfel ihre sonst vom leichtesten Luftzug
bewegten Fcherbltter still und regungslos hielten. Dann lie sich auch
kein lebendes Wesen mehr auf der Strae blicken und in den luftigen, auf
Pfhlen gebauten Husern, schaukelten die Bewohner derselben in ihren
Hngematten, oder lagen ausgestreckt auf dem Boden unter ihren
Mosquitonetzen.

Nicht weit von der Plaza, freundlich genug gelegen und von bunt
blhenden und duftigen Akazien halb versteckt, wie von einer einzelnen
Cocospalme berragt, stand ein kleines, niederes und dsteres Gebude,
aus festen, eisenharten Stmmen aufgefhrt, und die Fenstereinschnitte
-- und welches andere Haus hatte hier berhaupt Fenster, wo alle Wnde
offen lagen -- mit dicken eisernen Gittern verwahrt.

Es war die ~colabozo~, das Gefngni Concepcions, und in der That
gewhnlich leer und offenstehend, aus dem Grund vielleicht, damit ein
Jeder hinein gehen, und sich den unheimlichen dumpfigen Raum betrachten
knne. Heute aber schien sie verschlossen und fest verriegelt, und
drauen an der schweren Thr auch noch mit einem riesigen Vorlegeschlo
gesichert, denn der Schlieer konnte doch nicht immer davor sitzen,
eines einzigen lumpigen Gefangenen wegen.

In dem Gefngni aber, die Stirn gegen das Gitter gepret, lehnte ein
junger, bis zum Grtel nackter Neger, und hielt mit dem einen, durch die
Stbe hinausgestreckten Arm die Hand eines bildhbschen Negermdchens,
das vor seiner Zelle stand und in der Linken ein bunt gewrfeltes Tuch
mit Gaben hielt, die sie dem Gefangenen wahrscheinlich mitgebracht.

Armer Jos, klagte dabei das Mdchen, indem ihr die groen hellen
Thrnen in die Augen traten -- da es dahin mit Dir kommen mute. Oh
was hast Du nur verbrochen, da sie Dich in den schrecklichen Kerker
werfen konnten!

Verbrochen, ~mi corazon~ -- Nichts, seufzte der junge Bursch.
Nichts auf der Welt weiter, als da ich Dich, nach jahrelanger
Abwesenheit, wieder einmal sehen wollte. -- Nur deshalb nahm ich an der
Tola-Mndung das Canoe, und weil ich Einzelner nicht so stark rudern
konnte, als die vier starken Cajapas-Indianer, holten sie mich hier ein
und ich mu jetzt ben.

Aber die Sclaverei ist ja doch bei uns aufgehoben, rief das Mdchen
heftig, -- Mutter und Vater waren schon _=freie=_ Menschen, und die
Gesetze verbieten den Weien, Sclaven zu halten.

Die Gesetze, zischte der junge Bursch trotzig zwischen den Zhnen
durch, -- wer hat die Gesetze gegeben, als nur die Weien, und sie
machen damit, was sie wollen. Was bin ich anderes als der Sclave jenes
Guajaquilenen? Er hatte mir Geld geborgt, und ich mu es jetzt
abverdienen.

Oh Jos~~, sagte da das Mdchen mit leisem, wie schchternem Vorwurf
im Ton, aber einem gar so lieben und herzlichen Blick -- weshalb
_=hast=_ Du von ihm geborgt? -- konntest Du denn das bse, hliche
Trinken nicht lassen, womit Du uns Beide jetzt unglcklich gemacht?

Der junge Bursche senkte beschmt den Kopf.

Du hast Recht, ~querida~, sagte er leise -- ich war schlecht und
leichtsinnig, aber schon seit langen Monden trinke ich nicht mehr, und
arbeite fleiig -- doch was hilft es mir. Wir ziehen ununterbrochen von
Ort zu Ort, und die Arbeitstage, die er mir dem Gesetz nach gestatten
mu, ntzen mir Nichts, denn fr wen soll ich arbeiten auf der Reise?

Und wie viel bist Du ihm schuldig? frug das Mdchen ngstlich.

Ich wei es nicht, seufzte der junge Bursch -- er schreibt sich Alles
auf, was er mir giebt, und soviel hat mir der Alkalde gesagt, da ich
fr 40 Dollars ein ganzes Jahr fr ihn arbeiten mu --

Und ist es soviel?

Ich glaube es nicht -- was hat er mir denn gegeben? Die drftigste
Kleidung, ein paar Stangen Taback und schon seit langen Monden kein
~aguardiente~ mehr. -- Ich trinke nicht -- nie mehr -- ich habe es Dir
versprochen, Eva.

Dann la mich dafr sorgen, da Du frei wirst, Jos, sagte das
junge Mdchen, und frohe Zuversicht leuchtete aus ihren Augen. Ich habe
das letzte Jahr viel, recht viel gearbeitet. Ich habe den Leuten
Lebensmittel in die Minen gefahren, und selber ein wenig Gold gegraben,
auch bei unserem Alkalden in Cachavi geschafft, Tag und Nacht, wie seine
Frau krank war und sich nicht selber helfen konnte. Das Geld liegt in
Cachavi -- ich hole es. -- Was brauchen _=wir=_ es auch, wir sind beide
krftig und gesund, und knnen uns schon auch ohne das eine Heimath
grnden.

Aber wie willst Du nach Cachavi hinauf kommen, Herz? frug der junge
Bursch, -- der Flu ist reiend, und allein wrst Du nie im Stande, ein
Canoe ber die Stromschnellen zu bringen.

Mein Bruder ist hier, sagte das Mdchen -- er lernt ein Handwerk bei
einem Weien. -- Der ist gut -- der wird ihm erlauben, da er mir helfen
darf, und wenn wir heute Abend fortfahren, knnen wir morgen schon oben
sein.

Dein Bruder ist schwchlich --

Aber _=ich=_ bin stark, rief das junge Mdchen lchelnd -- hab' kein
Sorge, Jos, ich bringe Dir Hlfe, und wenn Du mir nur versprichst,
nie mehr zu trinken, so knnen wir bald ein neues und schnes Leben
beginnen.

Oh wie von Herzen gern verspreche ich Dir das, aber -- der Weie giebt
mich nicht wieder los, und hat mir schon gesagt, da er mich, wenn er
wieder nach Concepcion zurckgekehrt, an den Padre verkaufen will, und
der bekommt immer Recht. -- Hlt er nicht schon seit sieben Jahren drei
Sclaven in seinem Haus, und sind sie je im Stande gewesen, sich frei zu
kaufen?

Dann gehe ich zu dem Meister Rigoli, sagte das Mdchen entschlossen --
er ist gut -- er wird mir helfen und der Prsident selber nicht leiden,
da sie hier die Gesetze unter die Fe treten, die er zum Besten
unseres Stammes gegeben hat. Er will ja keine _=Sclaven=_ im Lande
leiden -- alle Menschen sollen frei und gleich sein.

Ach Du mein liebes Herz, seufzte da Jos, was wei der Prsident
von uns armen Schwarzen in Concepcion, und ist es nicht gerade einer
seiner Offiziere, dem ich angehre? Glaubst Du denn, da er _=mir=_
gegen _=den=_ beistehen wrde?

La Du mich nur machen, lchelte aber das junge Mdchen
zuversichtlich, Seor Rigoli bringt Alles in Ordnung, und ich und mein
Bruder fahren indessen, so rasch uns die Ruder treiben knnen, den Strom
hinauf, um das Geld zu holen. Stromabwrts geht's ja nachher wie der
Wind, und in einem halben Tag bin ich vom Cachavi hier unten.

Du treues Herz, -- und Alles das meinethalben.

Und hier habe ich Dir indessen auch etwas mitgebracht, fuhr das junge
Mdchen fort, indem sie das Tuch zu ihm emporhob. Aber sie fand bald,
da sie es, dickgefllt wie es war, nicht durch die Stbe brachte, und
begann deshalb rasch es auszupacken.

Hier, sagte sie, indem sie ihm die einzelnen Sachen hinein reichte --
sind in ihren Blttern gekochte Bananen -- hier etwas gerstetes
Schweinefleisch -- ich konnte Dir nicht soviel bringen, sie fordern
einen so hohen Preis dafr -- hier hast Du Erdnsse und rothen Pfeffer,
und die Chokolade habe ich selbst fr Dich gerieben und da -- fgte sie
leise hinzu -- ist auch etwas Geld. -- Es ist nicht viel, lchelte sie
wehmthig, aber ich habe ja auch immer gespart und gespart, damit wir
dereinst ein kleines Huschen bauen und uns ein Stck Vieh und ein paar
Hhner anschaffen knnten. -- Aber schau nicht so traurig d'rein, Jos
-- wenn wir _=beide zusammen=_ arbeiten, gehts ja auch nachher so viel
rascher und irgendwo am Bogota oder Santiago wird sich ja wohl noch ein
Pltzchen fr uns finden, wo wir uns eine Stelle urbar machen knnen.

Du wackeres, wackeres Kind, wie soll ich Dir das je danken? sagte Jos
gerhrt.

Und _=hast=_ Du es mir nicht schon gedankt? erwiderte wehmthig das
junge Mdchen -- lebte denn ein Mensch auf der weiten Welt, der die
arme Waise nach der Eltern Tode lieb hatte, und fr sie und ihren Bruder
sorgte, wie Du?

Und was _=hab'=_ ich gethan?

Viel -- sehr viel, sagte das Mdchen rasch -- Du hast mir die
_=Hoffnung=_ fr dieses Leben erhalten, denn als wir die Mutter begraben
hatten, war es mir, als ob ich mich auch in das stille Grab legen mte,
und nie, nie im Leben wieder froh werden knnte. -- Und Alles, Alles
wre auch nachher gut gegangen, wenn nur das bse Trinken -- aber ich
will Dir jetzt keine Vorwrfe machen, Jos, unterbrach sie sich rasch
-- Du hast mir ja versprochen, da es nie, nie mehr geschehen soll, und
jetzt gilt es nur, Dich aus Deiner Sclaverei zu befreien.

Du willst schon fort?

Ich mu -- die Zeit vergeht, vorher aber habe ich noch mit meinem
Bruder und seinem Lehrmeister zu sprechen, und nachher mu ich suchen,
da ich ein Canoe geborgt bekomme. Aber das krieg' ich schon, setzte
sie lchelnd hinzu, denn alle Menschen sind jetzt gut mit mir, weil
sie sehen, da ich brav und fleiig bin. Also mit Gott, Jos -- aber ich
komme noch einmal zu Dir zurck, und bringe Dir dann auch ein paar
Cocosnsse zum Trinken mit. Die Seora Bastiano hat deren viele in ihrem
Garten, und erlaubt mir schon ein paar zu pflcken.

Mein liebes, liebes Herz.

Hab' guten Muth, lachte da das Mdchen, die den Geliebten nicht wollte
merken lassen, wie weh ihr selber um's Herz war, bald bring' ich Hlfe
und dann brauchen wir uns nicht mehr zu trennen -- Lebe wohl Jos --
und mit beiden Armen sich kraftvoll an dem Gitter emporhebend, brachte
sie ihren Mund ber die unterste Eisenstange, drckte einen Ku auf
seine Lippen, und lief dann flchtigen Schrittes durch die Straen
hinab.




Zweites Capitel.

Ein Besuch beim Alkalden.


In einer der Hauptstraen der kleinen Stadt, und in einem, ebenfalls auf
Pfhlen gebauten Eckhaus, lebte und schneiderte Meister Rigoli mit drei
Lehrjungen, die er sich, wie er meinte, nur angenommen hatte, um seinen
tglichen Aerger nicht zu vermissen, denn alle Arbeit mute er doch
selber thun -- und that sie auch wirklich, weil ihm Niemand -- weder in
der Politik noch in der Schneiderei -- etwas recht machen konnte.

Rigoli war aber trotzdem von Herzen ein seelensguter Mensch, der nie
Jemandem wissentlich ein Unrecht gethan htte, aber auch eben so wenig
ein Unrecht an anderen Menschen leiden konnte. Ein so bescheidenes
Metier er dabei trieb, so frchtete ihn selber der Alkalde, denn er
hatte -- was man so im gewhnlichen Leben zu nennen pflegt -- Haare auf
den Zhnen, und war dabei viel gescheuter und belesener als der Alkalde
selber -- wozu allerdings nicht viel gehrte.

In dieser Tageszeit schienen aber auch _=seine=_ geistigen Krfte
erschpft zu sein, denn inmitten seiner Lehrlinge, die Nadel in der
Hand, ein neu zugeschnittenes Kleidungsstck vor sich auf den Knien, war
er eingenickt, und als Eva geruschlosen Schrittes die zu seiner
Werksttte auffhrende Leiter hinanstieg und dabei ihr schchternes
~Ave Maria~ murmelte, um ihre Gegenwart bemerkbar zu machen, hrte
sie dasselbe von keiner Seele beantwortet -- denn die Jungen schliefen
ebenfalls.

Sie blieb einen Augenblick auf der Leiter stehen, und whrend sie sich
mit den nackten, vollen Armen auf die niedere Schwelle sttzte, von wo
aus sie den ganzen inneren Raum mit den Augen berfliegen konnte, zuckte
ein leichtes Lcheln ber ihre wirklich schnen Zge. Aber es war auch
nur ein Moment, denn rasch kam wieder das Gefhl ihrer eigenen,
unglcklichen Lage ber sie, und da sie keine Zeit versumen drfte,
wenn sie den Geliebten wirklich retten wollte.

Mit lauter Stimme wiederholte sie deshalb ihr meldendes ~Ave Maria~,
das der kleine Rigoli aber, noch halb im Schlaf, mit einem sehr profanen
Caracho, Seor, ~tres varas~ -- ~no es possible~ -- beantwortete.

Durch seine eigenen, laut herausgestoenen Worte erwachte er inde
vollkommen, und sich im ersten Augenblick erstaunt umsehend, -- er
begriff augenscheinlich nicht gleich was mit ihm vorgegangen --
berzeugten ihn die schlafenden Lehrlinge an seiner Seite doch rasch
genug von dem Thatbestand. Er machte sich selber und einen neben ihm
sitzenden dicken und entsetzlich schwitzenden Mulattenjungen auch rasch
dadurch munter, da er diesem eine derbe Ohrfeige steckte, die ihn
blitzschnell auf die Fe brachte. Die Anderen erwachten dadurch
ebenfalls und griffen rasch und mechanisch nach ihrer fallengelassenen
Arbeit, whrend der Meister kopfschttelnd sagte:

Ob das faule Volk nicht jede Gelegenheit benutzt! Caramba, Seores, ich
werde Euch auf den Pelz kommen, wenn Ihr mir nicht besser aufpat! -- He
meine kleine Eva -- ~entra~, Schatz, ~entra~. -- Was bringst _=Du=_
mir? ist der Wollkopf, Seor Bastiano, wieder nicht mit seinem Rock
zufrieden?

Ach Seor, sagte das junge Mdchen, indem sie der Aufforderung Folge
leistete und die letzten Stufen der Leiter emporstieg, neben der sie
sich dann am Boden niederkauerte -- mit einer Bitte fr mich selber
komm ich diesmal.

Mit einer Bitte, Schatz? -- nun la hren.

Da Ihr mir auf zwei Tage den Bruder borgen mget, um ein Canoe nach
Cachavi hinauf zu rudern.

Ihr Beiden? -- aber wozu? was wollt ihr denn oben? frug Rigoli
kopfschttelnd.

Eva schwieg einen Augenblick und sah still und ngstlich vor sich
nieder. Endlich fate sie sich ein Herz und erst mit leiser, dann immer
festerer Stimme erzhlte sie dem kleinen gutmthigen Italiener ihre
einfache Leidensgeschichte. Das Schicksal des Geliebten, den jener
Francosche Offizier -- trotzdem da die Gesetze die Sclaverei verbten,
als Sclave halte, und hier in das Gefngni geworfen habe, weil er nur
auf wenige Tage nach Cachavi hinauf gewollt, wo er sie selber zu finden
geglaubt. Jetzt aber gedenke der Weie den armen Jos wieder mit
fort von hier zu nehmen, Gott nur wisse wohin, da sie ihn vielleicht
nie im Leben wieder zu sehen bekomme, und sie selber wolle jetzt nach
Cachavi hinauf, um von dort ihr mhsam gespartes und bei dem Alkalden
hinterlegtes Geld zu holen und den Geliebten frei zu kaufen.

Der kleine Rigoli hatte der Erzhlung aufmerksam zugehrt, und im Anfang
wohl seine Arbeit wieder dabei aufgenommen und weiter genht, aber je
mehr er sich in die Sache hinein dachte, desto emprter wurde er, und
die neben ihm liegende Scheere aufgreifend rief er, als Eva geendet:

Da haben wir die Geschichte, und dieser Lump von Alkalden wagt es, mir
von Freiheit und Gesetzlichkeit zu reden; Sclaverei, wie sie im Buche
steht -- Unterdrckung des Volkes, Mibrauch der Amtsgewalt,
ungerechtfertigte Einkerkerung, Veruerung der Menschenrechte -- aber
ich wei weshalb. Eben dieser selbe Seor Cerro, der hier mit seinem
gelben, nichtswrdigen Gesicht herumluft und sich einen Francoschen
Offizier nennt, hat diesem hergeregneten Alkalden die Stelle
verschafft, und jetzt hocken sie mitsammen unter einer Decke -- der
Padre nicht ausgenommen, und glauben, _=sie=_ knnen die Herren und
Meister hier im Lande spielen. Da wollen wir aber einen Riegel
vorschieben, fuhr er fort, indem er von seinem Sitz aufsprang, und sich
den etwas heruntergerutschten Hosenbund wieder in die Hhe zog. Dieser
kleine blutgierige Wtherich, dieser Franco, hat _=uns=_ hier oben
Nichts zu befehlen, sonst wre er lngst mit seinen Soldaten hierher
gekommen und gegen Quito marschirt, und dasselbe Recht, was _=der=_ hat,
Prsident zu sein, habe ich auch, wenn ich auch nicht schwarz bin und
Haare statt Wolle auf dem Kopfe habe. -- Und jetzt komm einmal, Eva --
jetzt wollen wir dieser obersten Gerichtsbarkeit einmal einen Besuch
abstatten, da ihr die Augen bergehen sollen.

Und damit hatte er seine Toilette beendet, stlpte sich seinen kleinen
Panamahut auf und schritt der Leiter zu.

Das arme Negermdchen war eine bestrzte Zuhrerin des Ganzen gewesen,
denn wenn sie auch die einzelnen Ausdrcke und deren Sinn nicht
verstand, begriff sie doch so viel, da der kleine Schneidermeister
ihrer obersten Gerichtsbehrde zu Leibe wollte, und da sie dabei Zeuge
sein sollte. Wenn _=der=_ Mann aber, der die Macht hatte, ihren
Geliebten in's Gefngni zu werfen, bse gemacht wurde, welches
furchtbare Unglck konnte er ber sie Alle verfgen, und mit zitternder
Stimme bat sie:

Oh Seor, macht den Herrn Alkalden nicht bse, oder er sperrt uns Alle
mit einander ein, und dann hat Jos Niemanden in der Welt mehr, der
ihm helfen kann.

_=Mich=_ einsperren? lachte aber jetzt Meister Rigoli bei dem Gedanken
laut auf -- _=mich=_, den einzigen Schneider, den sie in der ganzen
Stadt haben? -- Das Mdchen ist himmlisch! -- Nein, mein Schatz, da hab'
keine Furcht. So viel Verstand hat unser Alkalde denn doch noch -- wenn
ich auch nicht fr _=mehr=_ einstehen mchte, und da er _=Dir=_ Nichts
thut, das la meine Sorge sein. Und jetzt komm, arbeiten kann ich doch
nichts mehr mit den Gedanken um das allgemeine Wohl im Kopf, und nun
wollen wir einmal sehen -- und wo ich _=Euch=_ Schlingel wieder
schlafend finde, wenn ich zurck komme, statuire ich ein Exempel an Euch
-- ob wir die oberste Gerichtsbehrde nicht berzeugen knnen, da wir
in einer Republik leben, und freie Brger sind -- komm.

Und ohne ihr weiter Zeit zu einem Einwand zu lassen, kletterte er voran
die Leiter hinunter und schritt dann, von dem zitternden Mdchen dicht
gefolgt, die Strae hinauf, der Wohnung des Alkalden zu.

Es war allerdings jetzt _=keine=_ Besuchszeit in den Tropen, und der
wrdige Friedensrichter denn auch noch mitten in seiner Siesta, welche
er in der, nach dortiger Landessitte kurz geschlungenen Hngematte halb
sitzend, halb liegend vertrumte. Rigoli schien aber nicht gesonnen,
sich bei Kleinigkeiten und leeren Ceremonialformen aufzuhalten. Den
Neger, der ihm unten den Aufgang verweigern wollte, schob er einfach bei
Seite und hatte denn auch die Genugthuung, ihr gesetzliches Oberhaupt
bald vllig erwacht, wenn auch nicht eben sehr erfreut, in der
Hngematte sitzen zu sehen, um zu hren was er verlange.

Ich habe Sie gestrt, Seor Alkalde, sagte der kleine Mann, der den
Sturm allein versucht hatte, denn Eva wre unter keiner Bedingung zu
bewegen gewesen, ihm dahinauf zu folgen.

Das haben sie allerdings, Seor Rigoli, versicherte der Alkalde mit
einem nichts weniger als freundlichen Gesicht, und die Sache mu in der
That sehr wichtig sein, da Sie einem Manne, der ununterbrochen von
schweren Geschften geplagt ist, die einzige kleine Ruhe seiner Siesta
krzen.

Bitte um Verzeihung, Seor, sagte Rigoli ohne weitere Umstnde, aber
die Sache ist allerdings wichtig, denn es handelt sich hier darum, ob
wir noch ein Gesetz im Lande haben, oder nicht.

Lieber Meister Rigoli, sagte der Alkalde, durch die Anrede in seiner
Laune eben nicht gebessert -- ich bin schon so ziemlich daran gewhnt,
da Sie sich fortwhrend um Sachen bekmmern, die Sie eigentlich gar
Nichts angehen. Was ist nun wieder?

Die Sache, Seor, sagte der kleine Italiener gereizt, geht _=jeden=_
Brger an, denn wenn ich unter einer despotischen Regierung htte leben
wollen, so wre ich lieber in meiner eigenen Heimath geblieben.

Sie htten wirklich besser daran gethan.

Meinen Sie? rief Rigoli rgerlich, aber wir wollen uns nicht wieder
zanken, setzte er ruhiger hinzu. -- Die Sache selber ist auch zu
ernst, denn sie betrifft unserer Aller Freiheit -- die Menschenrechte
eines ganzen Volkes, die hier -- vielleicht ohne Ihr Wissen -- verletzt
werden.

Da wre ich doch begierig -- aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen,
Seor.

Mit Vergngen, sagte Seor Rigoli, der sich um Alles nicht htte etwas
vergeben mgen. -- Und nun zur Sache: Sie wissen doch, da hier ein
Neger im Gefngni sitzt.

Ich habe ihn selber einsperren lassen. Er war seinem Herrn entlaufen,
sagte der Alkalde ruhig.

So besteht also in Ecuador, trotz den dagegen erlassenen Gesetzen, noch
immer die Sclaverei? rief Rigoli rasch.

Bitte um Verzeihung, erwiderte der Alkalde -- er ist nicht der
Sclave, sondern nur der Diener seines Herrn, bis er diesem die schuldige
Summe abgearbeitet hat.

Wenn ich also irgend Jemandem ein paar Thaler schuldig bin -- oder
umgekehrt, Seor Alkalde, sagte der kleine Schneider, wenn _=mir=_
Jemand einen hnlichen Betrag schuldete, so wre ich eben so berechtigt,
den besagten Herrn in _=Dienst=_ zu nehmen und ihn -- wenn er nicht
gehorchte, einsperren zu lassen, wie?

Der Alkalde bekam einen etwas rothen Kopf, denn die Frage war zu
deutlich gestellt gewesen, als da er sie nicht htte auf die 52 Dollars
beziehen sollen, die er selber dem vor ihm Sitzenden noch schuldete.

Seor, sagte er, aber doch etwas verlegen, Sie vergessen, da ein
solches Gesetz nur fr Neger und frhere Sclaven Kraft haben kann; es
ist wenigstens noch nie auf einen Caballero angewandt worden, oder
knnte auf ihn angewendet werden.

Und das nennen Sie eine Republik.

Bah, sein Sie vernnftig -- einen Unterschied mu es nun einmal in der
Welt geben, und wo man keine Schwarze hat, bildet, wie Sie mir selber
erzhlt haben, ein Theil der _=Weien=_ das Proletariat.

Aber ich habe gehrt, da jener Seor, der sich einen Francoschen
Offizier nennt, und eher aussieht wie ein durchgegangener Schulmeister,
die Absicht haben soll, seinen _=Diener=_, wenn Sie denn so wollen, zu
verkaufen?

Er kann ihn nicht _=verkaufen=_, bemerkte der Alkalde kopfschttelnd,
das wrde direkt gegen die Gesetze verstoen, aber er mag ihn an einen
Anderen, der ihm die ausgelegten Gelder zurckerstattet, _=abtreten=_.

Danke Ihnen -- und ist das etwas Anderes als _=verkaufen=_?

Lieber Freund, sagte der Alkalde, dem das Gesprch unangenehm wurde,
lndlich, sittlich -- Sie sind mit unseren Gebruchen noch zu wenig
bekannt, um die inneren Triebfedern zu erkennen, durch welche die
Staatsmaschine in Gang gehalten wird.

Und nennen Sie eine _=Umgehung=_ der Gesetze eine innere Triebfeder?

Es war ein Irrthum, dessen sich die Gesetzgeber schuldig machten,
bemerkte der Ecuadorianer trocken, die Sclaverei vllig abzuschaffen,
und wir thun nur unsere Schuldigkeit, wenn wir den einmal begangenen und
unwiderruflichen Fehler soviel als mglich gut zu machen suchen.

Caracho! rief der kleine Italiener, das heit ehrlich gesprochen, und
eigentlich htte ich einen anderen Namen dafr. -- Aber damit kommen wir
nicht zur Sache. Unter welchen Bedingungen wird der gefangene Neger
wieder freigegeben?

Sobald er seine eingegangene Schuld bezahlt, lautete die Antwort.
Derartige Leute benutzen aber hchst selten die ihnen durch unser
Gesetz verstatteten drei freien Tage in jeder Woche, um fr sich selber
zu arbeiten, und ihre eingegangenen Verpflichtungen abzutragen.

Und wie kann er arbeiten? rief Rigoli rasch, wenn sein Herr die ganze
Zeit mit ihm im Lande umherzieht, und ihm die Feiertage nicht einmal
anrechnet, um seine Heimath zu besuchen? -- Der Alkalde zuckte die
Achseln.

Das ist allerdings ein Punkt, sagte er, den das Gesetz _=nicht=_
vorgesehen hat, denn ich sehe keine Mglichkeit um einen ~caballero~
zu zwingen, ruhig an einer Stelle zu bleiben, damit der ihm verschuldete
Diener Geld in der Nachbarschaft verdienen kann.

Und wie viel betrgt des Burschen Schuld jetzt?

Soviel ich wei einige vierzig Thaler, erwiderte der Richter --
jedenfalls ber ein Jahrlohn -- und wenn es nur _=ein=_ und vierzig
sind, hat er ein Recht ihn zur Arbeit anzuhalten.

Und wenn das Geld in einigen Tagen bezahlt wird?

Ich wei doch nicht recht, sagte der wrdige Richter etwas verlegen,
ob der Seor damit gezwungen werden kann, seine Rechte auf die
_=Jahresarbeit=_ des Burschen aufzugeben, denn er hat keine weiteren
Zinsen von dem ausgelegten Capital.

So? -- _=das=_ wollen wir denn aber einmal sehen, rief der kleine
Italiener, in vollem Ingrimm von seinem Stuhl emporspringend. -- Wenn
das die neuen Gesetze sind, die der verdammte Mulattengeneral in unserem
Lande geben will!

Seor Rigoli, unterbrach ihn der Alkalde erschreckt, wissen Sie, da
Sie von unserer hchsten Obrigkeit sprechen, und ich eigentlich
gezwungen wre --

Zum Henker mit unserer ganzen Obrigkeit, beharrte aber der
unverbesserliche kleine Schneider, der nicht den geringsten Respekt,
weder vor dem Prsidenten noch vor dem Alkalden zeigte. -- Wenn es denn
so mit uns steht, dann will ich doch sehen, ob nicht das _=Volk=_
einmal gelegentlich die Sache in die Hand nehmen kann, und wo _=Sie=_
dann bleiben, Seor, und der Padre mit Einschlu Ihres Franco'schen
Generals, darauf bin ich nachher selber neugierig.

Seor Rigoli, Sie werden mich noch zwingen, ernstere Maregeln mit
Ihnen zu ergreifen.

Ach Papperlapapp, sagte der Italiener verchtlich, drohen gilt nicht,
aber das versichere ich Sie, Seor, wird das Geld herbeigebracht, und
der Schwarze _=nicht=_ freigelassen, dann zettele ich Ihnen hier eine
Negerrevolution an, die sich gewaschen hat, und dann wollen wir doch
einmal sehen, ob wir die Francosche Wirthschaft nicht auch bei der
Gelegenheit auseinanderjagen knnen.

Seor Rigoli! rief der Alkalde und fuhr aus seiner Hngematte in die
Hhe, aber der kleine Italiener nahm keine Notiz mehr von ihm, stlpte
seinen Hut auf und verlie ohne Weiteres das Haus.




Drittes Capitel.

Die Canoefahrt.


In ngstlicher Furcht hatte indessen das arme Negermdchen unten auf den
Erfolg der Unterredung gewartet, und die lauten, rgerlichen Stimmen
oben konnten sie wahrlich nicht dabei beruhigen. -- Jetzt endlich kam
der weie Mann zurck -- aber er sah erhitzt und rgerlich aus. Sie
wagte nicht einmal ihn zu fragen, welche Hoffnung sie fassen drfe. Der
kleine Italiener lie sie aber nicht lange in Ungewiheit.

Nimm Deinen Bruder, Schatz, sagte er, und mache da Du nach Cachavi
zurckkommst und Dein Geld holst -- ich wrde es Dir selber borgen, aber
die Lumpen hier zahlen so schlecht, da man kaum landesbliche Mnze
genug fr Bananen und Chocolade im Haus behlt. Hast Du ein Canoe?

Noch nicht, Seor, sagte das Mdchen schchtern; aber die Seora
Bastiano borgt mir gewi das ihrige.

Gut dann; Du knntest meines kriegen, aber am Bug ist ein Stck
herausgebrochen, und mu erst wieder gemacht werden -- das soll aber
jetzt gleich geschehen, denn ich wei nicht, wie bald ich es selber
brauchen werde. Wann willst Du fort?

Gleich, Seor -- der Weg ist weit, sagte das junge Mdchen, sobald
ich nur das Canoe habe.

Noch eins -- wie viel Geld hast Du denn eigentlich, Schatz?

Es werden wohl 46 Dollars sein, erwiderte zitternd das arme Kind --
glauben Sie, da es genug ist, um den armen Jos zu befreien?

Genug? sicher! rief der kleine Italiener, sich vergngt die Hnde
reibend -- und sag' dem Alkalden in Cachavi nur, zu welchem Zweck Du es
willst, und da sie hier Deinen Liebsten als Sclaven halten, dem Gesetz
zum Trotz. -- Und wenn Du zurckkehrst, so komme gleich zu mir, und ich
bringe die Sache in Ordnung, darauf kannst Du Dich verlassen.
Verstanden?

Oh wie soll ich Euch je dafr danken, Seor?

Danken? fr was? brummte der kleine Mann vor sich hin -- wenn ich Dir
das Geld geben knnte, httest Du Ursache dafr -- so nicht -- mach'
nur, da Du fort kommst.

Eva lie sich das nicht zweimal sagen, und flog die Strae hinab der
Wohnung der Seora Bastiano, einer wrdigen Negerdame, zu. Allerdings
machte diese noch einige Schwierigkeiten, denn sie wollte morgen oder
bermorgen selber nach dem Pailon hinber fahren, um dort einige alte
Freunde zu besuchen, da ihr aber das junge Mdchen fest versprach, bis
sptestens bermorgen wieder zurck zu sein, lie sie sich endlich
erbitten, und kaum zwei Stunden spter, nachdem Eva noch von Jos
Abschied genommen, und seine Seele mit freudiger Hoffnung erfllt
hatte, saen die beiden Geschwister, Eva und ihr Bruder Tonio, im Canoe,
ruderten den Santiago hinab, bis zu der nchsten Landspitze und bogen
dann in den Bogota ein, um hier ihre beschwerliche und ermdende Fahrt
gegen die Strmung zu beginnen.

Aber Eva kannte keine Ermdung; der freundliche Italiener hatte die
beiden Geschwister auch noch auerdem mit Mundvorrath versehen, da sie
nirgends anzulaufen brauchten. Frisches Wasser quoll ebenfalls um sie
her, denn bis hierher reichte die Fluth des Meeres nicht, und rstig und
unverdrossen ruderten sie bis zu der Mndung des Cachavi, wo dann die
Strmung des wohl kleineren, aber viel reienderen Flusses so mchtig
wurde, da sie zu ihren Stangen greifen muten. Aber unermdlich
arbeiteten sie vorwrts, die ganze Nacht hindurch und noch stand am
nchsten Tage die Sonne hoch am Himmel, als sie das kleine
Negerstdtchen, wo frher ihre Eltern gewohnt, erreichten.

Eva hatte hier keine Schwierigkeit, das ersparte Geld von dem Alkalden
zu bekommen, denn diese Leute speculiren nicht mit den ihnen
anvertrauten Capitalien. Das Geld hing wohlverwahrt in einem Beutel von
weiem Baumwollenzeug an einer etwas versteckten Stelle unter dem Dach
und war rasch herbeigeholt; aber der Alkalde, ein alter greiser Neger,
der frher selber Sclave gewesen, und durch das Emancipationsgesetz
befreit worden, hatte mehr von der Welt gesehen, als das junge Mdchen,
und schien dem unerfahrenen Kinde nur ungern den mhsam genug verdienten
und aufgespeicherten Schatz anzuvertrauen.

Er kannte die Leute, die sich ~caballeros~ nennen, durch und durch,
und wre am liebsten selber mit nach Concepcion hinab gefahren, um bei
dem dortigen Alkalden die Sache in Ordnung zu bringen -- aber es ging
nicht. Seine Frau war wieder krank und eine Tochter lag am Fieber
darnieder, und dann erwarteten sie jetzt auch mit jedem Tage die
indianischen Trger von Ibarra, die ihnen eine Menge neuer Waaren
bringen sollten, bei deren Verkauf er jedenfalls zugegen sein mute.
Kurz es ging eben nicht an, und er mute das junge Mdchen ihrem
Schicksal berlassen.

Diese wre am liebsten auch gleich an dem nmlichen Abend wieder
aufgebrochen, um auch nicht eine Stunde so werthvoller Zeit zu
versumen, aber ihr berdie schwchlicher Bruder war durch die
ungewohnte Anstrengung so erschpft, da er einer Nacht Schlaf
nothwendig bedurfte. Der Alkalde selber litt ebenfalls nicht, da sich
das junge Mdchen so bermig anstrenge, sie mute deshalb bei ihm
bernachten, aber mit Tagesgrauen war sie wieder auf, rstete fr sich
und Tonio ein paar Bananen zu Frhstck und Mittagessen, und ging dann
selber zu dem Canoe hinab, um dieses, das die Nacht ber stets hoch an
Land hinaufgezogen werden mute, da der Flu oft so pltzlich steigt,
flott zu bekommen.

Ihr Bruder packte indessen oben die Bananen ein, und der alte Alkalde
war selber mit zum Flu gekommen, um nachzusehen, da sie ihr Geld gut
verwahre, und ihr Glck auf die Reise zu wnschen.

Dem jungen Mdchen war bei der Arbeit -- das Canoe allein ber das
Gerll in's Wasser zu schieben -- warm geworden, und sie hatte ihr
leichtes Oberkleid ab und in's Canoe geworfen, der kurze dnne
Kattunrock reichte ihr dabei kaum bis ber's Knie. Aber ihr Gesicht
strahlte vor Freude, denn heute noch -- heute, konnte sie den Geliebten
befreien, durfte ihn selber aus seinem dumpfen Kerker in die liebe
Gottesnatur hinausfhren, und das Herz htte ihr fast zerspringen mgen
vor Lust und Seligkeit.

Mit viel geringerem Eifer kam ihr Bruder, von dem Alkalden begleitet,
zum Ufer herunter. Ihm wre es weit lieber gewesen, wenn er hier oben,
in seiner Vaterstadt, ein paar Rasttage htte machen drfen, und von
der bermigen Anstrengung gestern thaten ihm auerdem noch die Arme
weh.

Eva sah, wie er nur zum Ufer herabkam, seine betrbte Miene und lachte
ihn frhlich an.

Da, setz' Dich vorn hinein in's Canoe und mach' es Dir bequem, Tonio --
ich brauche Dich heute nicht zum Rudern, denn der Flu trgt uns allein
schon rasch zu Thal.

Und hier ist Dein Geld, Mdel, sagte der Alkalde, indem er der jungen
Dirne den Beutel reichte, verwahre es gut und la es nicht in's Wasser
fallen.

Ich bin ja doch kein Kind mehr, Seor, sagte die Jungfrau, indem sich
ein leises Errthen ber ihre dunklen Zge stahl, seht -- hier schlag'
ich es fest in das Tuch, und wenn ich auch schwimmen mte, so kann's
nicht verloren gehen.

Damit nahm sie sich ein seidenes, buntes, aber schon lange verblichenes
Tuch, das ihr Jos einmal in frherer Zeit geschenkt, vom Hals,
faltete das Geld hinein, verband die beiden Enden dicht mit im Canoe
liegenden Bast und schlug es sich dann um die schlanke Hfte. -- So --
und _=noch=_ einen Knoten, und nun drft Ihr sicher sein, da ich es
nach Concepcion bringe.

Dann mit Gott, mein Kind, sagte der alte Neger. Du bist ein
rechtschaffenes und braves Mdchen, und verdienst dereinst glcklich zu
werden. Hast Du Deinen Jos aber befreit, dann bleibe nicht in
Concepcion zwischen den vielen Weien -- sie hassen uns, wenn sie sich's
auch nicht immer merken lassen. -- Kommt herauf zu uns nach Cachavi --
zu verdienen giebts hier immer, und da Du an mir einen treuen Freund
hast, weit Du ja.

Dank Euch, Seor -- Dank Euch recht vom Herzen -- ich werde die
freundlichen Worte nie vergessen, die Ihr zu der armen Waise
gesprochen, sagte die Jungfrau, -- und Gott nur wei, wie bald wir
Eure Hlfe in Anspruch nehmen mssen. Geht aber Alles gut, und bleibt
Jos und ich gesund, dann hoff' ich, grnden wir uns auch unseren
eigenen Heerd, ohne irgend Jemandem zur Last zu fallen. Wir sind Beide
jung und krftig und der Herr da oben wird ja weiter helfen. -- Alles in
Ordnung, Tonio?

Alles, Eva, sagte der junge Bursch, der sich behaglich vorn in dem
Canoe ausstreckte -- sto ab, da wir vielleicht in der Hitze ein
Bischen in den Schatten fahren knnen.

Das Mdchen trat, ohne ein Wort weiter zu sagen, aus dem Canoe hinaus in
die klare Fluth, um das schwanke Fahrzeug von den letzten Steinen, auf
denen es noch auflag, los zu heben, als ein scharfer, gellender Schrei
vom oberen Theil des Stromes niederschallte, und rasch in dem Dorfe
selber an mehreren Stellen beantwortet wurde.

Halt, Mdel! Halt! rief der alte Alkalde rasch und erschreckt -- die
Wasser kommen. Hab' ich es mir doch fast gedacht, denn es donnerte
tchtig gegen Morgen, und oben in den Gebirgen ist ein starker Regen
gefallen.

Desto rascher kommen wir hinab, lachte aber das tollkhne Ding, indem
sie ihr Canoe mit starker Hand in den Strom hineinstie, und selber
nachsprang.

Caramba, Eva, rief ihr Bruder erschreckt, indem er sich mit beiden
Armen an dem Rand des Canoe emporrichtete. -- Du willst doch nicht etwa
fahren, wenn die Wasser kommen?

Und warum nicht?

Das ist Thorheit, Mdel! schrie der Alkalde, indem er selber in die
Fluth hineinsprang, um das Canoe noch zu erfassen und zurckzuziehen.

Zu spt! lachte aber Eva, indem sie ihr Ruder schon gegen die Steine
gesetzt hatte, und das schlanke Boot mit scharfem Druck in den Strom
hinaustrieb. -- Wir knnen ja auch Beide schwimmen, und schlgt das
Canoe gar um, bringen wir's schon wieder in die Hh'. Adios, Seor,
adios! Habt keine Sorge um uns. Ich wei ein Ruder zu fhren. Hei, da
kommt die Woge! Jetzt, Tonio, liege still und rhre und rege Dich nicht.
-- Adios, Seor, auf Wiedersehen in Cachavi!

Vom Strande nieder strzten eine Masse schwarzer Gestalten nach dem
Fluufer, um ihre dort angebundenen Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen,
denn rasend schnell steigt oft das Wasser in diesem kleinen, den
mchtigen Bergen entquellenden Strome. Unten im Thal ist vielleicht das
schnste, sonnigste Wetter, und das Wasser des Cachavi selber, so klar
wie Krystall, murmelt still dahin in der eingeengten Bahn. Aber weiter
oben hat der Sturm seinen Tanz gehalten, und die Wolken haben ihre
Sturzfluth ber die Hnge entladen, an deren steilen Abdachungen nieder
Bach an Bach in die Hauptader hinabspringt. Den Lehm aber wuschen sie
mit, und nicht allmhlig wchst der Flu dann an, nein, so gewaltsam und
mit einem Gu, wie ihm die Massen zugetheilt wurden, so wlzt er sie in
einer hohen, lehmfarbenen Woge die Bahn entlang, und hinter dieser
braust und kocht schumend die Sturmfluth, nicht selten Felsblcke aus
ihrem Bett drngend und mit sich fort fhrend.

Sie kann auch nicht heimlich nahen. Schon von weitem hrt man ihr
dumpfes Brausen, und wie sie die Bume schttelt und Busch und
Strauchwerk tief hineintaucht in ihre kochenden Wogen; wahrhaft
unheimlich sieht es aus, wenn die hohe gelbe Welle sich berstrzend in
den klaren Strom hineinpeitscht, und wenn sie, darber hinrollend, die
zurckgelassene Fluth in flssigen Lehm verwandelt.

Der Flu steigt in einem solchen Falle oft drei bis vier Fu in wenigen
Minuten und fhrt mit Pfeilesschnelle auf seiner Oberflche dahin, was
er sich losgesplt. Indianer und Schwarze aber, die an seinem Ufer
wohnen, flchten, wenn sie sich gerade in ihren Canoes befinden, in
wilder ngstlicher Eile an Land und ziehen ihre Fahrzeuge hinter sich
her, bis sie dieselben in sicherer Entfernung von den rasenden Wassern
wissen.

Nun wute der alte Alkalde allerdings, da ein Mensch, wenn er sein
Ruder gut gebrauchen konnte, wohl im Stande wre, die Mitte der Strmung
zu halten, und aufkochende Wirbel zeigten immer schon voraus, wo ein vom
Wasser kaum bedeckter Felsen ihm htte Gefahr bringen knnen. Aber das
schwache Mdchen -- war _=sie=_ im Stande, das Canoe zu steuern, und
wenn ihr die Kraft gebrach -- sie kannte die Gefahr gar nicht, von einer
solchen Fluth erfat zu werden, gegen die keine Menschenkraft im Stande
gewesen wre anzuschwimmen. Wenn ihr Kopf gegen einen Felsen traf --

Aber zu spt kamen alle Warnungen und Zurufe; das tolle Mdchen
_=wollte=_ nicht hren, und hochaufgerichtet, das Ruder im Wasser
haltend, das Antlitz aber der heranstrmenden gelben Woge zugewandt, um
ihr mit voller, ungeschwchter Kraft entweichen zu knnen, stand sie da.
Sie wute, da die Gefahr schon halb vorber war, sobald sie nur die
erste hohe Welle verhindert hatte ihr die Fluth in das Canoe zu werfen
-- jetzt kam sie heran -- das Ruder setzte sie ein, da es sich von dem
Drucke bog -- fort schnellte das Canoe, hinter ihr die gelbe drohende
Masse -- aber das Wasser, das so vorausdrngte, hob das Hintertheil des
leichten Fahrzeugs, jetzt fate es die Woge und drohte den Bug vorn in
den Grund zu bohren, Tonio stie einen Angstschrei aus, und hielt sich
krampfhaft an dem Bootrand fest.

Gewonnen! jubelte da die wilde Schifferin, indem sie den linken Arm
emporwarf, aber keine Zeit blieb ihr jetzt weitere Zeichen zu geben,
denn ihre ganze Gewandtheit erforderte die Regierung des Bootes, das sie
mit kundiger Hand inmitten der furchtbaren Strmung zu lenken wute.

Und es war ein wunderbar schnes, wenn auch wildes Bild.

Hochaufgerichtet im Canoe, den schlanken, ppigen und rabenschwarzen
Oberkrper nackt bis zum Grtel, mit jeder Muskel in voller Thtigkeit,
stand die Jungfrau. Das wollige, in kleine Zpfe geflochtene Haar
flatterte im Wind, die dunklen, seelenvollen Augen glhten im Triumph
ber ihr gewonnenes Wagestck, die vollen rothen Lippen hatte sie
trotzig aufgeworfen, da zwei Reihen perlengleicher Zhne sichtbar
wurden, und das lange Ruder mit voller Sicherheit, und dadurch auch mit
Ruhe fhrend, glitt sie wie eine schwarze Najade ber die schumende
Fluth.

Die zum Strome hinabgesprungenen jungen Mnner hatten ihr anfangs
erschreckt und sprachlos nachgesehen, denn keiner von allen zweifelte
daran, da die erste und schwerste Sturzfluth auch ihr Schicksal
besiegeln und das Canoe rettungslos senken und fllen mte. Wie es sich
aber hob und sank und wieder hob, und die schlanke Gestalt des Mdchens
fest und unerschttert in ihrem Nachen stehen blieb, da donnerte ein
lauter Jubelruf der Bewunderung und des Beifalls hinter ihr her, und ein
leichtes Lcheln flog ber ihre schnen Zge, als er ihr Ohr erreichte.
-- Aber schon hatte sie die nchste Biegung des Stromes erreicht -- wie
ein Pfeil glitt der Kahn, von der strzenden Fluth getragen, dahin --
ihr Ruder begegnete der Kraft, die sie an das jenseitige Ufer zu werfen
drohte -- sie hielt die Mitte des Stromes, und wenige Secunden spter
war auch der Schrei schon in weiter Ferne verhallt, und hoher, mchtiger
Urwald umgab sie an allen Seiten.

Tonio, der kleine schwarzbraune Bursche, dem aber der Muth der Schwester
vollstndig gebrach, hatte mit Entsetzen sich zum Theilhaber eines
Wagestcks machen sehen, das ihm die krause Wolle zu Berge trieb. Mit
beiden Hnden fest an den Rand des Canoes geklammert, erwartete er auch
nichts Geringeres, als dieses sinken und umdrehen zu sehen, wobei sie
selber dann, wenn sie an's Ufer schwimmen wollten, gegen die noch immer
hier und da aus der ghrenden Fluth vorragenden Felsbcke geschleudert
und elend zerschellt werden wrden. Er war sich auch in dem Augenblick
wirklich noch nicht einmal recht klar, ob die Schwester ihr Fahrzeug
muthwillig in den Strom hinausgestoen, oder ob die Sturzfluth sie in
ihrem wilden Ansturm vom Ufer losgerissen habe, und das Canoe jetzt,
grimmig spielend, seinem Verderben entgegen wirbelte. -- Aber es behielt
seine Richtung -- es schwankte wohl unter den nachpressenden Wellen und
tanzte auf und ab, aber der schlanke Bug vermied sorgfltig jede Gefahr,
die ihm durch Felsen oder treibendes Holz drohen konnte und hoch und
aufgerichtet, mit den blitzenden Augen jeden gefhrlichen Punkt
bewachend und ihm ausweichend, stand Eva im Rcktheil des Bootes.

Die ersten Wellen hatten dabei wohl ihre Spritzkmme an Bord gesandt und
eine Menge Wasser hineingeworfen, das gleich anfangs keine Zeit blieb zu
beseitigen. Jetzt aber war die erste Gefahr berwunden, und sich vllig
bewut der weiteren Fahrt auch ruhig begegnen zu knnen, wandte sie ihre
Aufmerksamkeit auch wieder dem Boote zu.

Komm, Tonio, sagte sie lachend, rutsch ein Stckchen weiter zurck zu
mir, da ich das Wasser im Canoe unter die Fe bekomme. Was frchtest
Du Dich, Muchacho, Du weit ja doch, da ich ein Canoe zu fhren
verstehe.

Ja, aber Eva, klagte der Knabe, indem er jedoch dem Befehl Folge
leistete, was fiel Dir denn auch ein, in den Strom hinauszustoen, wo
die Fluth kam. Wenn ich das vorher gewut htte, wr' ich gewi nicht
mit Dir gefahren.

Du bist gar nicht wie ein Junge, Tonio, sagte das junge Mdchen
lachend, indem sie den rechten Fu im Canoe feststellte, und dann mit
dem linken das im Canoe stehende Wasser fate, und es so gegen ihr
rechtes Bein schnellte, da es hoch aufspritzend ber Bord flog. Mit
sechs, acht Streichen hatte sie das kleine Fahrzeug vom Wasser klar, und
das bischen Nsse, das zurckblieb -- bah, was schadete das den bloen
Fen der Maid; ja, es khlte sie eher, indem es darber hinwusch.

Aber jetzt erforderte der Flu auch wieder ihre volle Aufmerksamkeit,
denn noch war er nicht hoch genug gestiegen, um die darin liegenden
Stromschnellen vllig auszugleichen, und vor ihr lag eine Stelle, in der
die gelbe Fluth gurgelte und zischte, und berall verrtherische, unter
dem Wasser lauernde Felsen kndete.

Setz' Dich, Eva, bat Tonio, wenn das Canoe einen Stein streift,
fliegst Du hinaus und kannst Dir Schaden thun.

Wenn ich sitze, seh' ich die Felsen nicht, entgegnete aber die wackere
Bootfhrerin, hab' keine Angst, Herz, ich fhre Dich sicher hindurch.
Ist es denn das erste Mal, da ich durch solches Wasser steuere?

Im nchsten Moment brodelte und schumte die Fluth um den Bug und wie es
die Wellen faten, rieb der flache Boden ein paar Mal auf den glatten
Steinen. Aber Eva hatte nicht zu viel versprochen, wenn sie dem Bruder
versicherte, sie fhre durch, was sie begonnen. Jetzt lag das Ruder
zwischen ihren Fen und mit einer leichten, aber zhen Stange, die sie
aufgegriffen, lenkte sie den Lauf des Canoes so geschickt, da es auch
nicht ein einzig Mal die Seite den gefhrlichen Stellen bot.
Blitzesschnell aber scho das leichte Fahrzeug in den aufgeregten
Wassern seine Bahn dahin, und Secunden brauchten sie dazu, um Stellen zu
passiren, gegen die sie gestern noch, mit Anspannung aller ihrer Krfte
halbe Stunden lang anarbeiten muten.

Erst aber nur einmal eine einzige Legua zurckgelegt, und die Gefahr war
vorber; das Wasser fing an sich wieder zu beruhigen -- es stieg wohl
noch, aber nur langsam, und mit unermdeter Kraft trieb Eva ihren Nachen
weiter.

Nur ein einziges Mal landeten sie auch unterwegs, und zwar an einer
Stelle, wo ein alter Neger, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, den
Urwald gelichtet und einen Platanar angelegt hatte, und der Alte lie
sie nicht fort, ehe sie nicht einen Becher Chokolade bei ihm getrunken
hatten. Aber dann ging es auch weiter, und Tonio mute jetzt ebenfalls
sein Ruder nehmen, um noch rascher das Ziel zu erreichen.

Am Cachavi selber trafen sie berhaupt wenig gelichtete Punkte --
das tiefer gelegene Land war fruchtbarer, und als sie den ruhigern
Bogota erreichten, schien es ordentlich, als ob sie die Wildni
hinter sich gelassen htten. Noch muten sie allerdings weite
Strecken Wald passiren, aber dann lichtete sich dieser pltzlich,
und die breitbltterigen Bananen schttelten ihre edel geformten
Wipfel bis dicht ber die, steil unter ihnen abfallende Uferbank.
Hochstmmige Cocospalmen ragten mit ihren gefiederten Kronen ber
die darunter versteckten Wohngebude der Menschen, und Cacao- und
Baumwollenpflanzungen bewiesen, da auch der _=freie=_ Neger, wo ihm
zu seiner Entwicklung nur Raum gegeben wird, dem Boden mehr abzuringen
wei, als er zu seinem eigenen Bedarfe braucht.

Aber wenig genug beachtete das junge Mdchen diese Anfnge der
Civilisation, diese Zeichen regen Fleies, und nur dann und wann haftete
ihr Blick hier und da auf einer freundlicher gelegenen Htte, aus deren
Schattenbumen vielleicht eine Flle goldiger Orangen hervorleuchtete,
whrend zahmes Vieh am Ufer des Flusses weidete, denn so hatte sie sich
ihre eigene Heimath oft und oft in stillen Stunden ausgemalt, und ein
schwerer Seufzer hob dann wohl ihre Brust, wenn sie daran dachte, wie
lange sie Beide -- sie und ihr Jos, wohl noch hart und bitter
arbeiten mten, ehe sie das ersehnte Ziel erreicht. -- Aber der Arm
ruhte dabei auch keinen Augenblick -- je nher sie der Mndung des
Bogota in den Santiago kamen, desto schrfer griff sie aus, denn jede
Viertelstunde, die sie hier versumte, verlngerte ja auch die
Kerkerhaft des Geliebten.

Endlich sah sie das breite, klare Wasser des schnen Stromes vor sich --
um die Landzunge bog der Bug ihres Canoes, und dort voraus schimmerten
wieder die weien Huser von Concepcion im Sonnenlicht.

Oh wie bog sich ihr Ruder gegen die Strmung des Santiago jetzt an, um
die kurze Strecke dort hinber zurckzulegen, und wie trieb sie den
Bruder an, den sie bis jetzt so viel als mglich geschont, um sie in
dieser letzten kurzen Fahrt zu untersttzen. Er theilte ihre Eile gar
nicht, denn dort wartete nur wieder die Werkstatt des kleinen Italieners
auf ihn, der er gar so gern noch eine kurze Zeit entgangen wre -- aber
die Schwester lie ihn nicht. Aus allen Krften mute er sich in's Ruder
legen, und kaum berhrte ihr Canoe den Sand, unterhalb der Stadt, als
sie auch schon mit flchtigem Satz an's Land sprang, Tonio die Sorge um
das Canoe berlassend.

Kaum nahm sie sich dabei Zeit, ihr Oberkleid wieder umzuwerfen, so
drngte es sie, dem Geliebten die Kunde seiner baldigen Freiheit zu
bringen, und rasch hatte sie auch das Gefngni erreicht, aber -- ein
eisiges Gefhl ergriff ihr Herz, als sie das niedere, unheimliche
Gebude schon von weitem erblickte, denn -- die Thr stand offen. --
Hatten ihn die _=Weien=_ frei gelassen, oder war er --

Ueber den Plan schlenderte der Schlieer des Gebudes, ein alter
mrrischer Neger mit einem, von den Blattern ganz zerrissenen Gesicht.
-- Sie kannte ihn.

Oh Pedro! rief sie ihn mit zitternder Stimme an -- wo -- wohin habt
Ihr Jos gethan?

Jos? antwortete der Alte mrrisch -- sein Herr ist mit ihm heute
Morgen den Strom hinab gefahren. -- Was wei ich, wohin.




Viertes Capitel.

Nach dem Pailon.


Eva's Herzblut stockte bei der furchtbaren Kunde. -- So war alle Mhe
und Aufopferung umsonst gewesen und Jos -- der unglckliche
Jos auf's Neue fr sie verloren. Im ersten Augenblick stand sie
auch wirklich regungslos und keines Gedankens fhig an derselben Stelle,
nur von dem Gefhl ihres Unglcks, ihrer Verlassenheit erfllt, und der
alte Pedro war lange in den Schatten seiner eigenen Wohnung
zurckgekehrt, ehe sie einen neuen Entschlu fassen konnte, was nun zu
thun -- wie zu handeln.

Rigoli -- der kleine freundliche Weie -- er blieb jetzt ihre einzige
Hoffnung, und wenige Minuten spter stand sie in seiner Wohnung.

Der Italiener war allerdings auf's Aeuerste berrascht, sie schon
wieder in Concepcion zu sehen, und wollte es kaum glauben, da sie in
der Zeit nach Cachavi hinauf und wieder zurckgerudert sein knne. Aber
das mitgebrachte Geld, das sie ihm zeigte, lie keinen Zweifel mehr, und
Rigoli, der indessen den Gefangenen nicht aus den Augen verloren, erging
sich nun erst fr kurze Zeit in einer Reihe der lsterlichsten
Verwnschungen gegen den schuftigen Guajaquilenen, jenen Francoschen
Offizier, und gegen den Alkalden selber, der mit ihm jedenfalls unter
einer Decke stecke. Eva, die ihn dabei mit keiner Sylbe unterbrach,
erfuhr nun, da er gestern noch einmal bei dem Alkalden gewesen sei, und
dort einen heftigen Auftritt mit diesem gehabt habe, als er hrte, da
sich der angebliche Offizier zur Abreise bereit mache. Er verlangte,
da dieser die Rckkunft des abgesandten Boten erwarten solle, der
abgegangen wre um die Summe fr den Loskauf des Gefangenen
herbeizuholen -- ja er erbot sich sogar selber Brgschaft fr die
Zahlung des Geldes zu leisten -- Alles aber vergebens. Der Guajaquilene
behauptete, da er seinen _=Diener=_ jetzt gerade nothwendig brauche, da
er an den Pailon hinber und von dort durch den Wald wieder nach
Concepcion zurckkehren wolle. Er wisse aber nicht, ob er dort sicher
einen Trger bekommen knne. Wenn er zurckkehre und das Geld wirklich
bezahlt werde, so liee sich weiter ber die Sache sprechen.

Und kehrt der Weie wirklich hierher zurck?

Der Teufel trau' ihm! rief Rigoli heftig aus -- mglich ist's, aber
sicher in keinem Fall, denn was ich mir ber die Sache denke, so ist
dieser vorgebliche Franco'sche General weiter Nichts als ein ganz
gewhnlicher Landspeculant, der die Gegend hier abschnffeln will, ob er
irgendwo einen vortheilhaften Kauf machen kann, ohne Schwielen dabei in
die Hnde zu bekommen. Wenn er den Jos aber hier nicht an den Padre
abtreten darf, so verkauft er ihn unterwegs, wo er die erste beste
Gelegenheit bekommt, und ein paar hundert Dollars daran verdienen kann.
Die nthigen Papiere sind ja leicht genug fabricirt, und wenn er dem
armen Jungen, der natrlich weder schreiben noch lesen kann, etwas von
baldiger Freiheit vorschwatzt, malt der sein Zeichen unter irgend einen
Wisch, den er ihm vorlegt.

Armer Jos, hauchte das zitternde Mdchen.

Wenn wir einen anderen Alkalden htten, als diesen Holzklotz von einem
Menschen, zrnte der kleine Italiener, so wre so etwas ganz unmglich
gewesen. Aber mache einmal etwas gegen diesen -- ich htte bald was
gesagt. Er blieb dabei, da kein Gesetz des ganzen Staates irgend einen
weien und freien Mann zwingen knne, seine Reise aufzuschieben, und
fort ist er jetzt an den Pailon -- ich hab' ihn nicht halten knnen.

Und wenn ich ihm dort das Geld fr Jos brchte, rief das Mdchen
pltzlich, von einem neuen Gedanken ergriffen, mte er ihn dort nicht
frei geben?

Hm, sagte Rigoli -- aber Du kannst nicht allein an den Pailon gehn --
Du kennst ja Niemand dort.

Die Seora Bastiano fhrt heute oder morgen dorthin ab. Sie befahl mir
ihr Canoe rasch zurckzubringen, weil sie es fr die Reise brauchte. --
Sie nimmt mich mit -- und ist auch bekannt dort und geachtet --

Geachtet? -- hm, sagte der kleine Schneider, der seine ganz eigene
Idee darber hatte, wie geachtet die dicke Negerin wohl in der, jetzt
von lauter Fremden besetzten Ansiedlung sein wrde. Aber er mochte dem
armen Kinde auch das Herz nicht unnthiger Weise vielleicht schwer
machen und sagte endlich:

Nun, versuchen kannst Du's immer, Schatz -- Schaden wird's nicht thun,
ob's Dir aber hilft -- Gott wei es. Sen wir hier nur nicht so
weggesetzt aus der Welt, ich ginge -- straf mich dieser und jener,
meiner Seel' selber zum Prsidenten, und wenn es selbst dieser blutige
Franco wre, und schenkte ihm einmal ein Glas reinen Wein ein; aber von
hier aus mte ich erst nach Tomaco in Neu-Granada, und dort auf das
Dampfboot passen, und wo das Geld dazu hernehmen, wo keiner der hiesigen
Lumpe Geld genug im Sack hat, auch nur den Stoff fr seine Hosen zu
bezahlen.

Lebt wohl, Meister Rigoli, sagte Eva herzlich -- und habt Dank --
vielen Dank fr die Mhe, die Ihr Euch meinetwegen gegeben. Ich werde es
Euch nie vergessen.

Bah Mdel, sagte der kleine gutmthige Mann, reden wir nicht weiter
davon. Ich wollte ich knnte Dir mehr helfen. Aber la gut sein, jetzt
-- geh erst mit Deiner dicken Seora an den Pailon, und wenn Du dann
zurckkommst und Nichts ausgerichtet hast --

Aber sie mssen ihn doch freilassen, wenn ich das Geld fr ihn
bezahle.

Na ich setze ja nur den schlimmsten Fall -- gewi men sie, wenn ihre
Gesetze nicht lauter Lgen sein sollten -- aber ich meine ja nur so --
wenn Du trotz alle dem Nichts ausrichten solltest, dann komm wieder zu
mir hierher und -- ich wei dann freilich selber noch nicht, was ich
gleich thun werde, aber einen Skandal giebts, darauf kannst Du Dich
verlassen -- einen Mordskandal, und das Andere -- wollen wir dann eben
abwarten. Schon gut, Mdel, schon gut, -- mach' jetzt, da Du zu Deiner
Seora Bastiano hinber kommst. Apropos, wo ist denn Dein Bruder
eigentlich -- ah, da kommt er eben angekrochen. Na! der wird schn mde
sein von der Parforcetour. Du hast den Teufel im Leibe. Nun er mag heute
schlafen und sich ordentlich ausruhen, da er mir morgen wieder frisch
bei Krften ist.

Wie in einem Traum stieg das arme Mdchen die Leiter hinab und eilte dem
Hause der Patronin zu, von der allein sie jetzt noch Hlfe und
Untersttzung hoffte. Die alte wrdige Dame war brigens den Augenblick
bereit, sie mitzunehmen, aber fr heute Abend war an den Aufbruch nicht
mehr zu denken. Sie hatte das Canoe gar nicht so rasch zurck erwartet
-- sie mute ja damit geflogen sein -- einige Provisionen muten auch
noch eingelegt, und einige Abschiedsbesuche gemacht werden -- Morgen
frh aber jedenfalls -- je frher desto besser, um die Morgenkhle noch
zu benutzen, und dann wollten sie den Seor schon kriegen, der einen
freien Mann zum Sclaven herabwrdigte. _=Sie=_ kannte alle Familien am
Pailon -- brave ehrenwerthe Leute, mit denen sie in intimster Verbindung
stand -- die lieen sie nicht im Stich, und Eva konnte ganz ruhig sein,
auf dem Rckweg htten sie ihren Jos mit im Canoe.

Das Mdchen brannte vor Ungeduld, aber die Seora Bastiano war nicht aus
ihrem Gleis zu bringen, und es blieb eben bei der Abfahrt auf den
nchsten Morgen.

Schon vor Tag war Eva munter und unten an der Landung, um das kleine
Canoe in Stand zu setzen und ja keine Zeit zu versumen -- aber es half
ihr Nichts. Eine Reise nach dem Pailon war fr die wrdige Dame, die nur
selten aus ihren vier Pfhlen kam, eine viel zu wichtige Begebenheit,
um sie so leichthin anzutreten. Die dazu nthigen Vorbereitungen muten
mit der ihrem Stande wrdigen Ordnung getroffen werden. Dabei hatte sie
sich berlegt, da das kleine Canoe ein solches Auftreten aber unmglich
mache, und deshalb beschlossen, ein greres zu miethen.

Dem lagen nun allerdings keine Schwierigkeiten entgegen, denn groe
Canoes gab es in Concepcion genug, und ein solches war bald
herbeigeschafft, aber es erforderte einige Zeit, ehe eine hbsch und
vollstndig schattige Laube in dem Heck desselben aufgebaut werden
konnte, und wenn auch Eva unermdlich Bananenbltter und Stbe
herzutrug, und die Arbeiter zur Eile antrieb, so wurde es doch fast zehn
Uhr, ehe sie Alles in Stand hatten, und die Seora gerufen werden
konnte.

Und jetzt kam sie. Seora Bastiano war wirklich eine Persnlichkeit in
Concepcion, -- unter der farbigen Ra~~e wenigstens. Ihr Mann besa
ein nicht unbedeutendes Grundeigenthum und hielt eine Menge Leute in
seinen Diensten. Auerdem spielte er ganz vortrefflich die Marimba oder
Holzharmonika, und da die alte Seora wirklich ein gutes Herz hatte und
viele Arme untersttzte, so war sie gewiermaen ein Orakel der Neger
geworden, die sich bei ihr und ihrem Gatten in schwierigen Verhltnissen
gern Rath, und wenn es sein mute, auch Hlfe holten.

Es ist dabei wunderbar, mit welcher Wrde solche alte Negerdamen
aufzutreten pflegen, wenn sie einen gewissen Rang in der Gesellschaft
einnehmen, oder doch einzunehmen glauben. Keine Frstin mag es ihnen an
huldreicher _=Herablassung=_ gleich thun, wo sie mit minder Glcklichen
zusammen kommen, und da sie sich auerdem sehr gewhlt kleiden und fast
immer eine sehr tiefe Bastimme haben, so kann sich der Europer, wenn
er ihnen begegnet, selten eines Lchelns erwehren -- aber ich wollte es
ihm nicht rathen, da es die Seora bemerkte. Ein vllig vernichtender
Blick wrde ihn gewi dafr strafen.

Seora Bastiano war der Typus dieser Negerfrauen. Wohlbeleibt, wenn auch
nicht bermig stark, aber sehr voll gebaut, und mit zurckgebogenem
Kopf einherschreitend, trug sie ein carrirtes Seidenkleid; darber,
trotz der niederbrennenden Sonne, einen papageygrnen chinesischen
Shawl, eine dicke Kette von Bernsteinkugeln um den braunen Hals, und
glanzlederne Schuhe aber _=ohne=_ Strmpfe, und einen hellgelben,
seidenen Sonnenschirm oder Knicker, den sie aber nur als Fcher
benutzte.

Die Begleitung Eva's war ihr dabei ganz angenehm, denn wenn sie auch
selbstverstndlich ein Mdchen zur Bedienung mitnahm, sahen zwei doch
besser und anstndiger aus, und Eva dankte Gott, als sie endlich im
Canoe saen, das von zwei starken Negern gerudert wurde, und sie nun
unterwegs waren. Rckten sie doch nun auch mit jedem Ruderschlage ihrem
Ziele nher. Sie selber wollte auch gleich mitarbeiten, aber das litt
die Seora nicht.

La Du das nur die Leute thun, mein Kind, sagte sie freundlich, aber
bestimmt. Die haben Mark in den Knochen und bringen uns schon rasch
genug vorwrts, ob wir ein paar Stunden frher oder spter an den Pailon
kommen, bleibt sich doch vollkommen gleich. Du kriegst Deinen Jos.
Damit war die Sache abgemacht.

Das Canoe war ein breites, sehr bequem hergerichtetes Fahrzeug, aus dem
Stamm eines der mchtigen Waldriesen dieser Gegend ausgehauen, mit
flachem Boden, da es nicht so leicht umschlug, und um ihm noch grere
Sicherheit zu geben, mit ein paar schwachen Balsastmmen[B] an beiden
Seiten. Den dritten Theil des ganzen Canoes deckte dabei eine
laubenartige Htte, gerade hoch genug, da man bequem, und ohne
anzustoen, darunter sitzen konnte. Sie war einfach durch gebogene und
am Canoe befestigte Bambusstbe hergestellt, ber welche die breiten
Bltter der wilden und keine Frucht tragenden Banane gelegt und
festgesteckt wurden, und so dicht, da sie nicht allein die
Sonnenstrahlen verhinderten durchzubrechen, sondern auch einen recht
tchtigen Regenschauer abhalten konnten, -- und auf beides mute man in
diesem Klima gefat sein.

In der Mitte der Laube nun, auf einer Anzahl von weichen Matten, sa die
Seora, zu ihren Fen kauerte die mitgenommene Dienerin, und wenigstens
des Steuers hatte sich Eva bemchtigt, um doch etwas beitragen zu
knnen, zur Beschleunigung ihrer Reise.

So ruderten sie mit der nicht unbedeutenden Strmung -- nachdem der
Abschied am Ufer von einer Anzahl anderer wrdiger Damen auch noch
einige Zeit in Anspruch genommen -- rasch vorwrts, und wie ein
wechselndes Bild von Palmen, Bananen und mchtigem Urwald, der seine
Riesenzweige bis weit ber das Ufer hinausstreckte, glitt die Landschaft
an ihnen vorber.

Siehst Du das Haus dort, an der rechten Uferbank, Eva? frug da die
alte Dame, nachdem sie etwa eine Stunde so gefahren waren, wo die
vielen Orangen stehen?

~Si~ Seora.

Fahre dort an die Landung.

Wollen wir halten?

Ja mein Kind; die Seora Piedra wrde es mir sehr bel nehmen, wenn ich
vorbeifhre, ohne ihr einen guten Morgen zu sagen. -- Es sind gar
achtbare Leute die Piedras.

Eva gehorchte seufzend, und eine volle Stunde ihrer kostbaren Zeit wurde
damit verschwendet, da sich ein paar alte Frauen leere Hflichkeiten
sagten, und Chokolade dazu tranken.

Und das war nur der Anfang einer vollkommenen Kette von Besuchen
gewesen, denn Seora Bastiano schien es mit einem hchst empfindlichen
Gefhl von Schicklichkeit ganz unvershnbar zu halten, da sie auch nur
ein einziges Haus vorbeifuhr, in welchem eine, selbst flchtige
Bekanntschaft wohnte. Und was fr Zeit brauchte sie nicht allein zum
Ein- und Aussteigen, und dem vorlufigen Anfragen im Hause, wohinauf
immer erst einer der Ruderer mute, um sich zu erkundigen, ob die
Seora daheim und geneigt sei, den Besuch zu empfangen. Wie sie aber
den vierten solcher Besuche gemacht und glcklich beendet hatten, trat
die _=Fluth=_ ein, in deren Bereich sie sich schon befanden, und um ihre
Leute nicht unnthig anzustrengen, wie auch den dringenden Anforderungen
einer anderen dicken Mulattin nachgebend, dort zu bernachten, wurde das
Boot noch am hellen lichten Tag an Land gezogen und Halt gemacht. Bei
Nacht wre Seora Bastiano berhaupt nicht gefahren -- ihre Nerven
vertrugen das nicht.

So versumten sie die Ebbe, und muten bis zur zweiten Ebbe warten, die
erst um neun Uhr Morgens eintrat. Dann erst gingen sie wieder unterwegs,
aber auch nur, um diese unglcklichen Besuche zu erneuern, mit denen
wieder ein Theil der gnstigen Zeit nutzlos vergeudet wurde.

Eva htte blutige Thrnen der Ungeduld weinen mgen, aber selbst ihre
Bitten fruchteten Nichts bei der alten Dame.

Kind, das verstehst Du nicht, sagte sie leutselig, wenn Du einmal
lter bist, wirst Du auch einsehen, da man Rcksichten im Leben zu
nehmen hat, und da wir uns selber damit ehren, wenn wir Anderen eine
Ehre erweisen.

Es blieb auch dabei, und als sie endlich die Gegend der Manglaren
erreichten, wo die Ansiedelungen seltener wurden, und zuletzt ganz
aufhrten, war es zum zweiten Male nthig geworden, in dem letzten Hause
zu bernachten.

Von da an nahmen die Visiten ein Ende; nur im Garcero sprach die Seora
am nchsten Morgen noch einmal vor, traf aber glcklicher Weise Niemand
zu Hause, da die Bewohner der Ansiedelung smmtlich nach dem Pailon und
San Lorenzo hinaufgefahren waren, und jetzt endlich faten
undurchdringliche Manglaren das sumpfige Ufer ein, Lagune schlo sich an
Lagune und bildete Inseln und Kstenland, an dem zur Fluthzeit das
Wasser in den Zweigen und wunderlichen Wurzelbildungen der Mongrove
wusch, und zur Ebbezeit den von Millionen von Krabben bevlkerten
Schlamm offen legte.

Bald fuhren sie auch in den breiten und tiefen Canal des Pailon ein, der
in einem rechtwinkeligen Arm erst von dem nrdlich gelegenen Ocean nach
Sden hineinluft, und hier von der Mndung der Tolita-Lagune direkt
nach Osten einmndet. An dem Sd-Ufer dieses breiten Armes lag das
kleine Fischerdorf San Lorenzo.

Es hatte die Nacht ber wieder gegossen, was vom Himmel herunter wollte
-- wie denn berhaupt in diesem Himmelsstrich und inmitten der weiten,
waldbewachsenen Niederungen selten eine Nacht ohne Regen vorber geht --
aber jetzt, nachdem sie die Morgennebel niedergedrckt, stand die Sonne
frei und klar am Himmel, und beleuchtete die wunderschne Bai, und
blitzte von den Millionen Regentropfen des Waldmeeres nieder.

Vor dem Canoe her strichen ein paar groe braune Pelikane, und ein
Fregattenvogel stand hoch, mit zitterndem Flgelschlage in blauer Luft,
bis er sich einen Fisch zur Beute ersehen, auf den er dann wie ein Pfeil
herunter scho, tief unter Wasser tauchte, und wenige Momente spter
wieder mit tropfenden Schwingen ordentlich aus der Fluth emporschnellte,
um seine Beute hoch in dem eigenen Element zu verzehren.

Bis hierher hatten sie die Ebbe gnstig fr sich gehabt, von da an aber
kam sie aus dem Pailon heraus gegen sie an, und wenn sie auch schon ihre
grte Kraft verloren, muten die beiden Schwarzen nun doch tchtig
rudern, um gegen sie anzuarbeiten. Ein Beilegen in den Manglaren war
unmglich, denn dort htten sie Mosquitos und eine kleine nichtswrdige
Art von Stechfliegen, Jejen genannt, zu Tode gepeinigt, und Seora
Bastiano kannte jene Stellen zu genau, um sich vom Ungeziefer mihandeln
zu lassen. Da mochten die Neger lieber schwitzen.

Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als sie San Lorenzo endlich erreichten
-- leider in voller Ebbe, wo das ganze Ufer von einem vielleicht vierzig
Schritt breiten Schlammgrtel so vollstndig eingefat war, da an ein
Landen gar nicht gedacht werden konnte. Die Neger sprangen allerdings
ber Bord, und schoben das Canoe so weit es nur mglicher Weise ging,
auf den Schlamm hinauf und dem Ufer um etwa zehn Schritt nher -- dann
aber arbeitete ihnen das solide Gewicht der Seora so entschieden
entgegen, da sie es auch keinen Zoll breit weiter vorrcken konnten,
und die Seora hatte jetzt die Wahl, bis zur wachsenden Fluth hier
drauen sitzen zu bleiben -- was immer noch vier volle Stunden dauern
konnte, oder das allerdings nicht ganz wrdevolle Entree nach San
Lorenzo hinein zu whlen, und mit hochaufgeschrzten Rcken durch den
etwa knietiefen Schlamm an Land zu waten.

Beides schien ihr gleich unangenehm, so entschlo sie sich denn endlich
zu der krzeren, wenn auch schmerzlicheren Procedur, zog ihre Schuhe
aus, die sie Eva zu tragen gab, packte ihrer anderen Dienerin den
Sonnenschirm und eine Anzahl anderer Kleinigkeiten mit einem Korb
Backwerk auf, das sie den Kindern ihrer Freunde mitgebracht, und --
stieg ber Bord.

Es war allerdings ein hchst komischer Anblick, die alte wrdige Dame in
dieser Situation, und dabei mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt,
durch den tiefen Schlamm waten zu sehen, und ein paar Fremde, die am
Ufer standen, wollten sich auch halb todt darber lachen -- aber um so
viel finsterere Falten zog das braune Gesicht der alten Dame, die ihre
Kleider in der Angst, sie im Schlamm zu verunreinigen, noch weit hher
aufnahm als eigentlich nthig gewesen wre. Aber muthig watete sie
vorwrts, und hatte endlich die Genugthuung, eine kleine Quelle zu
erreichen, die whrend der Ebbe in ein paar Steinlchern frisches Wasser
hielt, und wo sie im Stande war, sich von ihrem Mdchen die Fe waschen
zu lassen.

Dort aber mute sie noch immer eine Weile in der bisher behaupteten
Stellung verharren, bis ihre Dienerin die ihr anvertrauten Sachen
abgelegt hatte, und dann im Stande war, ihre Seora mit Hlfe eines
Spahns erst von dem grbsten Schlamm zu subern, und dann reinzuwaschen.
Erst jetzt durfte sie wagen, ihre Kleider fallen zu lassen, und ihre
Schuhe anzulegen, um, wie es ihrem Stande zukam, in der Stadt zu
erscheinen.

Darauf aber hatte Eva schon nicht mehr gewartet. Leicht und flchtig,
war sie nur wenig in den Schlamm eingesunken, und wie sie nur die Schuhe
am Ufer auf einen trocknen Platz gestellt, eilte sie flchtigen Laufes
in die Stadt hinauf, um sich dort nur erst die Gewiheit zu holen, da
Jos in San Lorenzo angekommen sei und dort weile. Mehr verlangte
sie ja nicht -- in allem Uebrigen wrde ihr die Seora Bastiano gewi
schon helfen.

Armes Kind, auch _=dieser=_ Weg schien vergebens gewesen, denn gleich im
nchsten Haus erfuhr sie, da gestern allerdings ein Seor
Ecuadoriano, der ihrer Beschreibung entsprach, mit einem Canoe und
einem schwarzen Diener eingetroffen sei, und Verkehr mit den Fremden
gehabt habe, dann aber, und zwar noch gestern Abend, oder jedenfalls
heute Morgen vor Tagesanbruch _=zu Lande=_ aufgebrochen sei, denn er
habe das Canoe an die Fremden verkauft. Zu Lande _=konnte=_ er aber
keinen anderen Weg eingeschlagen haben, als die erst krzlich durch die
Wildni ausgehauene Trocha.[C] Ob er auf der aber beabsichtige bis zum
Bogota, und dann hinauf nach Quito zu gehen, oder ob er nach Concepcion
zurckkehren wolle, wute Niemand anzugeben.

Der gutmthige Ecuadorianer, dem das junge, in Thrnen fast zerflieende
Mdchen leid that, ging sogar selber zu den dort eingetroffenen
Englndern hinber, um sich zu erkundigen, ob sie etwas ber den Fremden
und sein nchstes Ziel wten, erfuhr aber auch keine bestimmte Antwort.
Er hatte nur, ihnen gegenber, geuert, da er den Weg durch die Trocha
einschlagen wolle, um das Land kennen zu lernen. Sein Geschft war, wie
er angab, Juwelenhandel, und er hatte ihnen eine Anzahl von kostbaren
Steinen zum Verkauf angeboten. Die Leute aber, die hierher gekommen
waren um das Land zu cultiviren, brauchten keine Diamanten und Saphire,
und als er fand, da er hier keine Geschfte machen konnte, war er ohne
Weiteres wieder aufgebrochen.

Als Diener hatte er die Leute mitgenommen, die ihn hierher gerudert,
einen jungen Negerburschen und zwei alte Mulatten.

FUSSNOTEN:

[B] Die Balsa ist ein vollkommen korkhnliches, auerordentlich
leichtes weies Holz -- nicht wie der Kork nur die Rinde des Baumes. Der
Balsabaum wchst oft zu zwei- und dritthalb Schuh Strke und eignet
sich, seiner fabelhaften Leichtigkeit wegen, ganz vorzglich zum
Wassertransport. Er hat nicht viel mehr Gewicht, als das Mark unseres
Ahorns, ist aber fester.

[C] Trocha ein Pfad, nicht mit geebnetem Weg, sondern nur eine
Bahn durch den Wald -- durch angekerbte Stmme bezeichnet.




Fnftes Capitel.

Die Indianerin.


Was jetzt thun? In ihrer Verzweiflung lief Eva zurck zur Seora
Bastiano, aber die alte Dame war schon, mit ihrer unteren Toilette
wieder in Ordnung, auf einer ihrer Staatsvisiten begriffen, die hier
natrlich den Weien -- als geborenen Honoratioren, zuerst galten. Sie
besuchte gerade einen Ecuadorianer, den sie aber just bei einer etwas
wunderlichen Beschftigung traf. Er stand nmlich unten in seinem Hof
und hatte einen alten Topf auf dem Feuer stehen, in dem er bemht
schien, eine Hand voll rostiger Ngel, ein zerbrochenes Harpuneneisen
und ein paar ausgediente Vorhngeschlsser abzukochen.

Ave Maria! sagte die Seora, indem sie vor Erstaunen die Hnde
zusammen schlug, das alte Eisen wollen Sie doch nicht weich kochen,
Seor?

Ah Seora Bastiano -- auch einmal in San Lorenzo? lachte der Mann. --
Sie kommen gerade recht zum Mittagsessen -- haben Sie aber keine
Furcht, meine Frau wird Ihnen schon etwas Besseres zubereiten. -- Ich
koche hier eben nur schwarze Dinte.

Aus alten Vorlegeschlssern?

Aus altem Eisen und grnen Cocosnuschalen -- man mu sich zu helfen
wissen, Seora, wenn man so weit von einer Stadt abwohnt. Aber wollen
Sie nicht hinaufgehen? Manuelita wird sich unendlich freuen, Sie zu
begren. Ich komme auch gleich nach.

Die Seora folgte wrdevoll der Einladung, und als Eva den Platz
erreichte, war es unmglich, jetzt ein Anliegen bei ihr vorzubringen.
Sie wre in diesem Augenblick mit Entrstung ber eine solche
Unschicklichkeit abgewiesen worden.

Dicht daneben wohnte eine alte Indianerin mit ihrer Tochter. Wie Eva mit
niedergeschlagenen und thrnenden Augen auf der Strae stand, rief die
Alte gutmthig von oben herunter:

Was hast Du, Kind? -- weshalb weinst Du? komm herauf.

Drauen in der Bai lag ein Schiff, dasselbe, das die neuen Einwanderer
hierher gebracht. Ein paar betrunkene Matrosen kamen lachend und
schreiend die Strae herab, und aus Furcht, von ihnen gesehen zu werden,
folgte das arme Mdchen der Einladung.

Dort mute sie jetzt erzhlen, was sie hierher gefhrt, und weshalb sie
so traurig sei, und die Alte schttelte dabei den Kopf und sagte:

Die Fremden sind schlimm, aber die eigenen Landeskinder sind noch viel
schlimmer, wo sie einen von uns, sei es nun ein schwarzer oder ein
brauner Mensch, unterdrcken knnen. Da ihre Haut von der Sonne
_=gebleicht=_ ist, whrend die unsere davon gebrannt wurde -- ist's
_=unsere=_ Schuld? aber verachten thun sie uns doch, wo wir ihnen in den
Weg treten, und prahlen thun sie auch, da Gott der Herr _=uns=_ nur
erschaffen habe, um fr _=sie=_ zu arbeiten.

Aber wie kann ich den armen Menschen jetzt befreien? bat Eva, die nur
dem _=einen=_ Gedanken folgen mochte.

Ja mein Herz, sagte die Alte kopfschttelnd, was willst _=Du=_ da
machen? Wre es hier im Orte, so knnten Dir die Fremden vielleicht
dabei helfen, die bringen Manches fertig, was Unsereiner fr unmglich
gehalten htte. Aber whrend Du hier herumlufst und Deine Zeit
verlierst, marschirt der Weie ruhig seine Bahn fort, und kommt er dann
nachher, wo die Trocha ausluft, oben an den Bogota, so ist er mit einem
der dort immer vorbeifahrenden Canoes fort, und wer soll Dir sagen, ob
er stromauf oder stromab gegangen.

Und mndet der Pfad an keinem Haus aus?

Segne Dich Gott, Kind, nein. Blanker, wilder Wald ist's, durch den er
luft, voll von wilden Schweinen und Schlangen und Tigern, so da sich
keiner von unseren besten Mnnern _=allein=_ hinein getraut. Es gehen
immer nur wenigstens zwei mitsammen hinein, damit sie Hlfe haben, wenn
Einem ein Unglck zustt.

Eva hatte mit ngstlich klopfendem Herzen der Beschreibung gelauscht,
aber vor ihrer Seele stand nur das Bild des Geliebten, der, selbst
whrend sie hier zauderte, weiter und weiter in eben jenen furchtbaren
Wald hineingetrieben wurde, whrend sie ja die Mittel in Hnden hielt,
ihn der Freiheit, dem Leben wiederzugeben.

Und kann ich den Weg finden? sagte sie endlich, und ihr Auge glhte
dabei von einem wilden, fast unheimlichen Feuer -- ich frchte mich
nicht vor dem Walde, ich bin ja darin aufgewachsen.

Die Trocha, Schatz? sagte die Alte -- und wer wird mit Dir gehen?

Ich habe Niemand, seufzte das arme Mdchen, aber Gott ist mit mir.

Die Alte schttelte den Kopf.

Das ist Wahnsinn, brummte sie. Wenn Du auch der Trocha folgen
knntest, und wirklich von keinem Tiger unterwegs gefressen wrdest, was
wolltest Du machen, wenn Dich der Weie nachher wieder unverrichteter
Sache fortschickte -- was er jedenfalls thut. Wenn er Deinen Jos
htte losgeben wollen, so wrde er ihn nicht von Concepcion mit
fortgenommen haben. Wart's ab, Kind, Du bist noch jung, und es fllt Dir
schwer etwas aufzugeben, an das Du Dein Herz gesetzt hast -- mit den
Jahren lernst Du's -- setzte sie seufzend hinzu, und -- wirst es auch
zuletzt gewhnt. Lieber Himmel, was wird uns hier auf der Welt _=nicht=_
genommen, das wir lieb und theuer hatten, und die Geistlichen, wenn sie
einmal zu uns kommen -- sagen dann, man msse dem lieben Gott fr
_=Alles=_ danken -- auch fr Leid und Trbsal.

Wenn ich nur den Platz wte, wo die Trocha beginnt, sagte Eva, die
keine Sylbe der letzten Rede verstanden, oder auch nur auf den Sinn
geachtet hatte.

Das junge Indianermdchen hatte daneben gestanden, und mit mitleidigen
Blicken die Fremde betrachtet.

Ich wei den Platz im Wald, wo die Trocha beginnt sagte sie pltzlich
-- ich war dort -- ich bringe Dich ber den Nadadero hinber, bis zu
der Stelle, wo die niedergebrochenen Stmme ber den Sumpf fhren.

Und was soll ihr das helfen, Muchacha, rief die Alte, thrichtes
Kinderzeug, das Ihr alle beide seid und glaubt, Ihr mtet Euren Willen
haben zu jeder Zeit. Soll das tollkhne Mdchen etwa allein in die
Wildni hineinlaufen, und elend darin zu Grunde gehn? Wer hat sie dann
auf dem Gewissen? -- Du und ich.

Oh frchtet nicht fr mich, rief Eva rasch, ich bin strker als ihr
glaubt.

Was hilft Dir Deine Strke, Kind, wenn Du Dich verirrst und in die
Smpfe, oder gar zurck zu der Bai in die Manglaren hinein gerthst --
Perdido! es ist ein entsetzliches Wort, und ich mchte Dir nicht
wnschen, da Du seine Schrecken erfhrst. Sei vernnftig und fge
Dich.

Eva stand zaudernd -- aber wieder tauchte des armen Jos Bild vor
ihr auf.

Ich gehe, hauchte sie -- fhre mich, gutes Mdchen -- thu' mir die
Liebe, und zeige mir den Weg. Du bist ja die Einzige, die mir helfen
will.

So komm, sagte das junge Indianermdchen entschlossen. Sie hat Recht,
Mutter; ich wrde gerade so an ihrer Stelle handeln.

So lauft meinetwegen, rief die Alte mrrisch. Wer nicht hren will,
mu fhlen, ~caramba~ und ich will mit Euch beiden tollen Mdchen
Nichts weiter zu thun haben. So viel aber prophezeihe ich Dir, Negrilla
-- Dein Geld nehmen Sie Dir ab, und Deinen Jos fhren sie trotzdem
mit fort. Ich kenne die beiden braunen Schufte, die der Ecuadorianer bei
sich hat. -- Der Eine von ihnen war es, der meines Vaters Haus bei
Esmeraldas in Brand steckte, und da der Andere nicht in Cachavi vor
fnf Jahren gehangen wurde, verdankt er nur seiner schnellen Flucht. Es
ist bses, bses Volk, dem Du allein nachlaufen willst und -- gebe Gott,
da Dir nichts Schlimmeres geschieht.

Gott wird mich schtzen und die heilige Jungfrau, sagte Eva fest --
und Ihr, habt Dank fr den guten Rath, aber wenn ich Jos erst
erreicht habe, frchte ich Nichts. -- Er wird mich schon schtzen, denn
sein Arm ist stark wie Eisen.

Die Alte seufzte tief auf, aber sie sah wohl, da sie dem fremden
Mdchen den einmal gefaten Entschlu nicht ausreden knne.

Halt, sagte sie aber pltzlich -- dort in der Calebasse ist etwas
gebackener Reis -- den nimm mit -- und da, die Bananen binde in Dein
Tuch -- Du mut etwas auf dem Weg zum Leben haben, denn im Walde findest
Du Nichts als Negritonsse, und weiter oben drinnen, wilde bittere
Castanien.

Tausend, tausend Dank.

Und noch eins -- dort in der Ecke steht eine alte Lanze, die mir einmal
ein Strolch von Neu-Granadienser fr Branntwein in Pfand gegeben hat. Er
soll heute noch wiederkommen, und das alte Ding lehnt schon drei volle
Jahr in meinem Hause hier, und rgert mich jedesmal, wenn ich es
ansehe. Nimm es mit.

Die Lanze? lchelte Eva.

Ja wohl, die Lanze, sagte die Frau mrrisch. -- Du magst sie als
Stock gebrauchen, zum Gehen -- sie ist nicht zu lang dazu, oder als
Wehr, wenn Dir etwas zustoen sollte -- wer wei es denn, und zu schwer
ist sie auch nicht zum Tragen. -- Und noch eins, merke Dir den Weg gut
durch den Sumpf, wenn Du allein zurckkehren solltest, da Du den
nachher nicht verfehlst, und dann -- dann sprich wieder hier vor.

Wie soll ich Euch fr Alles danken, sagte das junge Mdchen
schchtern.

Fr was, fr das alte Eisen? brummte die Frau. -- Am allerliebsten
lie ich Dich gar nicht gehen -- ja ich wei schon, setzte sie hinzu,
als Eva eine bittende Bewegung machte, all' mein Reden hilft mir doch
Nichts -- also lauf -- und da ~Du~ mir bald wieder zurckkommst,
Cherita -- bis zum Sumpf magst Du mitgehen, aber weiter keinen Schritt.

Weiter kann ich ihr ja auch Nichts helfen, Mutter, sagte das junge
Mdchen -- so komm, Fremde -- Du hast einen weiten Weg; und rasch
stieg sie die Leiter hinab, whrend Eva noch einmal der Alten, statt
weiteren Dankes, die Hand schttelte, und der Vorangegangenen dann
freudig folgte.

Es war ein wunderliches Paar, die beiden Mdchen. Die junge Negerin,
voll aufgeblht, mit dem Typus der aethiopischen Ra~~e, aber alles
Unschne daran gemildert, und mit dem vollen Ebenma ihrer Glieder,
schlank und hoch gewachsen, whrend die Indianerin, vielleicht kaum
sechzehn Jahre zhlend, von lichtbrauner Farbe, wohl schlank, aber
kleiner und schmchtiger war als Eva. Ihre Zge trugen den vollen
Ausdruck der kaukasischen Ra~~e. Herrliches langes, schwarzes Haar
flo ihr um die Schultern, und die dunklen, seelenvollen Augen wurden
von den herrlichsten Wimpern beschattet. Auch ihre Hnde und Fe waren
zierlich und klein geformt, aber ihr ganzer Krper schien fast zu zart
fr dieses wilde Leben, und als Eva rasch und rstig neben ihr
hinschritt, fate sie bittend ihre Hand und sagte:

Du darfst nicht so rasch gehen, Fremde -- mir thut es sonst hier in der
Seite weh.

Bist Du krank, Herz? frug Eva freundlich.

Nein, lchelte das junge Mdchen wehmthig. -- Die Mutter behauptet
es freilich, aber nur, weil sie sich so bermig sorgt. Siehst Du, so
geht es ganz gut, und wir kommen doch rasch von der Stelle.

So schritten die beiden Mdchen durch das Fischerdorf, das nur aus
einzelnen, ber den Rasen zerstreuten Husern bestand, und tauchten in
ein kleines Dickicht ein, durch welches ein sumpfiger Weg nach den
Platanaren fhrte. Aber was kmmerte sie der Schlamm -- beide
hochgeschrzt und mit nackten Fen, schritten sie rasch hindurch, und
passirten jetzt die Bananenanpflanzung, in der sie eine Masse gefllter
und darin umhergeworfener Bume berklettern muten.

Dicht dahinter lag der Nadadero, ein kleiner, reizender Waldstrom mit
klarem Wasser, aber berall leicht zu durchwaten, und an dem anderen
Ufer desselben betraten sie den eigentlichen Wald, aber hier noch licht
und offen, aus Oelpalmen und der Palma real, Negritos und Laubwald
bestehend.

Hier zeigte ihr Cherita zuerst den Beginn der Trocha -- der sie von
jetzt zu folgen hatte, und die hier aus weiter Nichts bestand, als
einzelnen Marken an den Bumen -- ein Stck Rinde abgeschlagen oder
einen Busch eingehauen, denn kein wirklicher Fupfad fhrte hier
hindurch. Die Hauptschwierigkeit war aber, den Durchgang durch den
nchsten Sumpf zu finden, und die Indianerin hatte sich den gemerkt.
Der Platz lag auch nicht mehr weit. Kaum eine Viertelstunde mochten sie
so zurckgelegt haben, als sich das Terrain wieder senkte, und bald
fhrte sie ihre Begleiterin seitab von den Marken zu einer Stelle, wo
einer der mchtigen Waldriesen querber in den Sumpf geschlagen war.
Hier blieb sie stehen.

Dort ist Dein Pfad, Schwester, sagte sie leise, und mag Gott Dich
schtzen, da Du Deinen Zweck erreichst. Cherita wird fr Dich beten.

Dank, Dank, Du herziges Kind, sagte das junge Negermdchen gerhrt,
umschlang sie mit ihren Armen und drckte einen Ku auf ihre Lippen.

Und werd' ich es je erfahren?

Ich sende Dir Botschaft -- verlass' Dich darauf.

Sei glcklich! flsterte die Indianerin noch einmal, whrend ein Paar
groe, helle Thrnen ihre Augen fllten. Dann wandte sie sich ab und
kehrte nach dem Dorf zurck, whrend Eva, den Lanzenschaft als Sttze
brauchend, auf den alten Baum hinbersprang, und mit flchtigen
Schritten darauf hin eilte, ihrem Ziel entgegen.




Sechstes Capitel.

Im Walde.


Es war ein ganz eigenes, fast erdrckendes Gefhl, das Eva's Herz
erfate, als sie zuerst _=allein=_ in den dstern Urwald eintauchte, der
in keinem Lande der Welt mchtiger und bewltigender auftritt, als in
_=diesen=_ Smpfen. Aber sie schaute weder rechts, noch links --
Jos war der einzige Gedanke, den sie kannte, und nur ihr Auge flog
forschend ber die nchsten Bsche, um die angehauenen Zweige und
dadurch die einzig richtige Bahn nicht zu verfehlen.

Hier im Anfang war das freilich noch nicht mglich, denn der Zufall
hatte da, wo der abgebrochene Wipfel des einen Baumes endete, einen
anderen ihm entgegengeworfen, so da diese beiden den schlimmsten und
tiefsten Theil des Sumpfes vollkommen berdeckten. Wo sie den Baum
verlassen mute, sank sie nur noch auf mehrere Schritte weit bis ber
die Knie in flssigen Schlamm, und zhes, dicht verwachsenes Wurzelwerk,
das durch seine zahllosen und festen Fasern vielleicht eine Brcke ber
einen unsichtbaren Abgrund bildete, denn der eingestoene Lanzenschaft
fand _=keinen=_ Grund. Aber dicht vor ihr lag fester Boden, und dort
zeigte auch bald ein von einem Popabaum abgehauener Spahn mit der, an
dem Stamm hinuntergelaufenen dicken und sen, aber schon gelb
gewordenen Milch deutlich und leicht erkennbar die Stellen, wo sich die
Trocha in den Wald hineinzog.

Dicht ber ihr ertnte pltzlich ein gellender Schrei, und Eva schrak
empor, aber es war nur ein Affenschwarm, den ihr Erscheinen gengstigt
hatte, denn die scheuen Thiere flchteten jetzt ber die dicht in
einander gewachsenen Wipfel hin, um eine ruhigere Stelle zu suchen, als
diese, und doch lag auch hier Todesschweigen auf der Waldung. Doch das
Mdchen wendete dem plappernden, davon flchtenden Trupp keinen Blick
zu; nur ngstlich forschte sie nach den sprlichen Zeichen, die das
Messer der Weien hie und da an einem Busch zurckgelassen, und mit den
nackten Fen flog sie dabei leicht hin ber niedergebrochene Aeste und
weiter hin, als sie die Hgel erreichte, ber rauhes Gestein.

Aber je weiter sie kam, desto deutlicher wurde auch die Trocha, die man
Anfangs, wie noch unsicher der Richtung, kaum bezeichnet hatte. Durch
das rgste Dickicht fand sie an manchen Stellen eine ordentliche und
breite Bahn freigehauen, und brauchte jetzt wenigstens nicht mehr zu
frchten, ihren Weg zu verlieren.

Wie still und geheimnivoll lag aber der Wald! Wie das rauschte und
brauste! Doch Eva war in dem Walde ja daheim, und frchtete nicht seine
Oede und Einsamkeit.

~Huhp, Huhp!~ klang von da drben her der wie hlferufende Ton einer
ngstlichen Stimme.

Rufe nur! lachte das Mdchen trotzig vor sich hin, _=mich=_ lockst Du
nicht von meinem Wege ab, falscher Verirrter![D] und fester packte sie
ihren Lanzenschaft und glitt die steilen, schlpfrigen Lehmabhnge
nieder, watete durch niedere Bergwasser und klomm an feuchten Hngen
hinauf, immer und aufmerksam der angezeigten Spur folgend.

Wohl hielt sie dabei den Blick am Boden selber, denn gerade von diesem
Theil des Landes waren ihr gar schreckliche Geschichten erzhlt worden,
wie er von giftigen Schlangen wimmeln sollte. Aber sie fand bald, da es
in ihren heimischen Wldern grade so viel, oder besser, grade so wenig
gab, als hier, denn nur selten einmal sah sie eine kleine Schlange scheu
aus der Trocha hinaus in das Dickicht schlpfen, und wandte den Kopf
nicht einmal, um nachzusehen.

Vorwrts lag ihre Bahn, aber wie schwl es hier in dem feuchten Walde
war, in den dichten Bschen, whrend die niederen Negritopalmen mit
ihren wunderlich stacheligen Fruchtkugeln den Raum zwischen Unterholz
und Palmenkronen vollstndig ausfllten, und dadurch den Wald so
dichteten, da kein Sonnenstrahl auf das dunkelgelbe nasse Laub fallen,
und es je abtrocknen konnte.

Und wie das pltzlich raschelte und whlte, und brach um sie her.
Erschrocken hielt sie still und horchte, aber es war nur ein Rudel von
wilden Schweinen, von Seynos, von denen sie nichts zu frchten hatte,
wenn sie nicht eines der Jungen angriff, das dann vielleicht durch sein
Quietschen die Alten zu Hlfe gerufen. Grunzend, und dann und wann
einander bei Seite stoend, durchwhlten sie quer ber die Trocha
hinber den Grund, und Eva blieb dicht vor ihnen stehen, um sie erst
vorber zu lassen.

Da bekam ein alter Keiler Wind von ihr, und hob sichernd den Rssel.

Fort mit Dir, Bursche, rief das Mdchen, und schwenkte die Lanze, und
mit einem lauten, halb erschreckten, halb rgerlichen Grunzen floh die
schwarze Gestalt in den dicken Busch hinein, wohin ihm das alarmirte
Rudel jetzt flchtig folgte. Ein wahrhaft mephitischer Geruch erfllte
aber die Luft, durch die sie davon gestrmt.

Und weiter verfolgte das junge Negermdchen ihre Bahn. Ein kleiner,
reiender Waldstrom lag quer durch ihren Pfad, aber was kmmerte sie
der, sie schwamm hindurch und nahm sich, drben am anderen Ufer
angelangt, kaum Zeit die tropfenden dnnen Kleider nothdrftig
auszuringen. Vorwrts mute sie; berall vor sich im Wege sah sie die
deutlichen Spuren der vorangegangenen Mnner, den Eindruck von den
Stiefeln jenes Guajaquilenen, die Fhrten der nackten Fe seiner drei
Begleiter, und sie wute, da die schmalste davon ihrem Jos gehrte
-- vorwrts, denn einen groen Vorsprung hatten diese, und erreichten
sie den Bogota _=vor=_ ihr, dann war auch dieser schwere Gang vergebens,
und der Geliebte vielleicht auf immer fr sie verloren.

Immer wellenfrmiger wurde das Terrain, und gegen Abend umwlkte sich
auch der bis jetzt lichte Himmel, und der Regen viel in Strmen herab.
Wohl passirte sie jetzt wieder eine der mit Palmzweigen gedeckten
Htten, in denen Wanderer schon bernachtet hatten, und darunter htte
sie im Trocknen ausruhen knnen. Aber was that ihr das Wasser! Durchnt
war sie doch schon lange, in ihrem dnnen Zeug, und in dem heien Klima
khlte sie das eher, als da es ihr hinderlich gewesen wre. Weiter
strebte sie, weiter, und als der Abend endlich zu dmmern anfing,
beflgelte sie ihre Schritte nur noch mehr, als ob sie damit der
einbrechenden Nacht htte entfliehen knnen.

Umsonst; furchtbar rasch schwand die kurze Dmmerung, und als sie
trotzdem ihren Weg noch fortsetzen wollte, sah sie doch bald die
Unmglichkeit eines solchen Wagnisses ein.

Kaum eine Viertelstunde war vergangen, seit sie oben am Himmel durch
eine gelegentliche kleine Lcke in den Baumwipfeln die Wolken sich hatte
in der Abenddmmerung rthen sehen, und wenn auch der Himmel noch licht,
wie ein zartes, helles Gewebe, durch das Baumgewlbe schimmerte, lag
doch schon tiefe, undurchdringliche Nacht auf dem Urwald drunten.

Eva sah bald die Unmglichkeit ein, ihren Weg in dieser Finsterni zu
verfolgen. Sie war nicht mehr im Stande die Zeichen der Trocha zu
erkennen. Nur einen riesigen Baumstamm sah sie noch durch das Dunkel
schimmern, und eilte jetzt zu dessen Wurzel, um dort und im Schutz
seiner Zweige den dmmernden Morgen zu erwarten.

Und wie das jetzt um sie her lebte und sich regte in der Wildni, denn
mit einbrechender Nacht erwachen ja die meisten Waldbewohner erst zu
ihrer geheimnivollen Thtigkeit. Nicht weit von ihr suchte wieder ein
Affenschwarm seinen Ruheplatz fr die Nacht, und wie das da oben in den
alten Wipfeln plapperte und kreischte und zankte und grunzte! Es war ein
entsetzlicher Lrm, ehe sie alle einen bequemen Sitz gefunden hatten,
und keiner den andern mehr belstigte. Endlich wurde es still, nur ein
oder das andere kleine Aeffchen gab noch manchmal einen Schrei von sich,
dann verstummte auch das.

Jetzt hmmerte pltzlich, dicht ber ihr im Baume ein Specht, der
Carpintero, wie ihn die Ecuadorianer nennen. Was suchte der noch in der
Dunkelheit? Aber er schwieg rasch, denn nebenan im Gebsch begann die
verlorene Seele ihr leises, klagendes Lied, nicht unhnlich dem
Ansetzen unserer eigenen heimischen Nachtigall, aber viel strker, viel
seelenvoller, mit einem Ton, als ob er dem furchtbarsten Gram eines
bedrckten, kummervollen Herzens Laute gbe.

Die verlorene Seele nennt der Indianer diesen Vogel, und Eva traten
die Thrnen in die Augen, als sie den klagenden Tnen lauschte, die
genau so klangen, als ob sie aus ihrem eigenen Herzen kmen.

Es war vllig Nacht geworden, und mchtige Leuchtkfer schwirrten durch
die Finsterni und zuckten, wie kleine Miniaturblitze, in gelben und
grnen Lichtern von Busch zu Busch. Und jetzt, da bellte eine Schlange,
nicht zehn Schritt von ihr entfernt, die wahrscheinlich die Nhe eines
Menschen gewittert hatte. Unwillkrlich griff das junge Mdchen nach der
am Baum lehnenden Waffe, um das ekle Geschpf von sich abzuhalten; war
es doch auch ein unheimlicher Gast, ihm in der Finsterni zu begegnen.

Deutlich konnte sie das Ungethm durch das Laub schlpfen hren, wie es
sich ber die feuchten Bltter hinwegwand, aber es kam nicht nher, es
scheute die Nhe der Menschen, und nahm die Richtung seitab von dem
Baum.

Und das alte faule Holz umher fing an zu leuchten, und nahm
phantastische, abenteuerliche Formen an. Von allen Seiten schimmerte es
durch den Wald; dort hing ein altes, halbverfaultes Blatt von einer
Negritopalme nieder und zeigte in seinem Phosphorschein die
skelettgleichen Rippen der Bltter, hier glich ein heruntergebrochener,
von feuchtem Moder berzogener Ast in seinen Windungen der Form einer
glhenden Schlange.

Jetzt ein leiser, leichter Schritt durch den Wald; eine Tigerkatze
vielleicht, die auf Beute ausging, und scheu die fremde, aber auch
gefrchtete Witterung umschlich, die sie bekommen, und nun -- Eva fuhr
entsetzt von ihrem Lager empor, ein lautes Prasseln und Brechen durch
die Zweige, und gleich darauf ein schmetternder Schlag, der den Boden
selbst erbeben machte, aber _=ihr=_ drohte keine Gefahr. Nur einer der
alten Waldriesen, der vielleicht Jahrtausenden getrotzt, war
niedergebrochen, in seinem Fall das ganze, ihm im Wege stehende
Unterholz mit sich zu Boden reiend. Die Affen wurden wieder laut und
schnatterten und klagten, und die Eule antwortete mit ihrem monotonen,
hohlen Ruf dem dumpfen Fall des niedergebrochenen Baumes.

Das junge Mdchen sank wieder auf ihr Lager zwischen den alten Wurzeln
zurck, und wenn es sie auch jetzt in dem dnnen, nassen Zeug, trotz der
warmen Nacht, anfing zu frsteln, drckte sie sich doch in Moos und
Bltter hinein, und war bald sanft und s eingeschlafen.

       *       *       *       *       *

Kaum eine Legua von ihr in der Trocha, an einer der schon frher
errichteten und mit Palmenblttern gedeckten Ranchos hielt an dem
nmlichen Abend Seor Cerro, um dort zu bernachten, und warf sich, als
er die Stelle erreichte, todesmde unter einen Baum, da seine Leute
indessen den Schlafplatz wieder herstellen konnten.

Ein ziemlich starker Baumast war nmlich in der Zeit, in der er nicht
gebraucht worden, auf den Rancho gestrzt, und hatte ein Paar von den
Stangen zerbrochen und einige Bltter geschdigt. Auerdem mute auch
das alte Laub, was zur Lagerstatt gedient hatte, hinaus- und
fortgeschafft werden, ehe sich der Weie hineinwagte, denn wer wute, ob
es nicht Schlangen, Centipeden, und welches andere Ungeziefer noch
beherbergte.

Seor Cerro war gerade nicht bei guter Laune. Er hatte unterwegs einen
Affen zu ihrem Abendbrod schieen wollen, dem flchtenden Trupp aber
nicht so rasch nachkommen knnen, und wie er ihnen im Dickicht den Weg
abzuschneiden suchte, war er mit dem Gewehr gestrzt, da an diesem der
Schaft abbrach.

Einer der Mulatten versuchte zwar, ihn mit Bast wieder
zusammenzuschnren, aber es ging nicht, er bekam keinen Halt, und
mimuthig lie der Ecuadorianer endlich die doch jetzt nutzlose Waffe zu
dem brigen Gepck in einen der Krbe legen.

Seine drei Diener gingen indessen rstig daran, das Lager wieder in
Ordnung zu bringen, und der Eine von ihnen nahm die Axt und fllte ein
paar junge, gut bewipfelte Palmen, whrend der Andere mit seiner
Macheta die einzelnen langen Bltter abhieb.

Jos, der arme Bursche und Leibeigene seines strengen, mrrischen Herrn,
fate dann das Mittelblatt an der Spitze, ri es von einander und trat
zwischen die Hlften, bis er das Hauptblatt dadurch in zwei vllig
gleiche Theile schied, die dann sowohl dazu dienten, das Dach des
Ranchos wieder auszubessern, als auch zu Schlafmatten verwandt werden
konnten. Diese wurden zum Rancho geschleppt und sorgfltig ausgebreitet,
und in kaum einer halben Stunde war die Wohnung fr diese Nacht wieder
vllig regendicht und mit einer neuen Matratze versehen auf's Neue
hergestellt.

Der lteste Mulatte hatte indessen noch eine andere strkere Palme
umgehauen, deren Wipfel er von einander hieb, um zu dem Herz oder Kern
zu gelangen, denn diese Stelle enthielt ein schneeweies, vortreffliches
Mark, das ausgezeichnet schmeckte und recht gut als Gemse dienen
konnte.

Jos packte indessen aus dem Provisionskorb den er unterwegs zu tragen
hatte, die fr den Herrn mitgenommenen Lebensmittel, scharf gerstetes
Schweinefleisch und in Fett hart gebratene Bananenscheiben, sowie einige
getrocknete Fische aus, und stellte den eisernen Topf zum Feuer, um die
Chokolade darin zu kochen.

Es war aber pltzlich vollstndig dunkel geworden, und der Ecuadorianer
hatte sich auf die am besten ausgepolsterte Seite des Rancho geworfen
und suchte die Beendigung der Mahlzeit durch Flche und Verwnschungen
zu beeilen. Um die Langeweile inde zu tdten, fing er die einzelnen
groen Leuchtkfer, die von dem Feuerschein herbeigelockt, herber und
hinber durch den Rancho schwirrten, drckte ihnen die Flgeldecken
auseinander, da der darunter leuchtende hellgelbe Punkt deutlich zum
Vorschein kam, und mit den beiden grn schimmernden Kugeln, welche die
schnen Thiere am Kopf trugen, wie Edelsteine erglnzten. Dann band er
sie neben einander an eine der Querstangen des Rancho, so da sie
ordentlich Licht darin verbreiteten, und lie die armen Thiere dort in
all ihrer Pracht sich abzappeln und qulen, bis mit ihrem Tod auch der
Feuerschein erlosch.

Aber selbst dieses Licht gengte ihm nicht, seine endlich fertige
Mahlzeit dabei zu verzehren, denn whrend er a und die beiden Mulatten
ihre eigenen Vorrthe heraussuchten, mute Jos eine kleine Fackel von
zusammengeknetetem Gummi elasticum halten, die ein zwar dunkelrothes
aber doch vollkommen helles Licht verbreitete, und -- als der Herr
endlich abgespeist, wieder ausgelscht und in ein Blatt gewickelt wurde,
um bis zum nchsten Abend aufgespart zu werden.

Die Diener mochten ihre Mahlzeit beim Schein des Feuers verzehren, oder
im Dunklen, wie sie wollten.

Seine Decken waren indessen fr den Herrn ebenfalls ausgebreitet worden,
und eine zum Daraufliegen, die andere zum Hineinhllen benutzend, war er
bald sanft und fest eingeschlafen.

Am nchsten Morgen dmmerte kaum der Tag, als Jos schon wieder emsig
beschftigt war, das Feuer frisch anzufachen, das ein gegen Morgen
gefallener Regengu vllig ausgelscht hatte. Er trug zu dem Zweck die
trockenen Hlsen einer reifen Cocosnu bei sich, die wie Zunder fangen
und die Gluth bis zur letzten Faser hartnckig halten. Es war brigens
kein leichtes Stck Arbeit, in diesem nassen Walde, wo Alles bis in das
Mark hinein von Feuchtigkeit durchdrungen ist, ein helles Feuer
anzufachen, und er gebrauchte eine lange Zeit dazu. Indessen der Herr
schlief ja noch, und endlich hatte er es so weit, um den Chokoladentopf
wieder an die Gluth setzen zu knnen. Die Sonne war aber schon lange
ber den Horizont herauf, als er damit zu Stande kam, und da sich die
beiden Mulatten ebenfalls nicht sonderlich beeilten, ihre Morgenruhe zu
unterbrechen, war es fast acht Uhr geworden, ehe sie wieder an den
Aufbruch denken konnten.

Aber ihr Ziel lag nicht mehr weit. Kaum eine halbe Stunde bequemen
Marsches brachte sie an das Ufer des breiten Bogota, und sie fanden hier
schon, nachdem sie zuerst ein hliches Bambusdickicht passirt waren,
einen ziemlich groen und freien Platz ausgehauen, der selbst vom Flu
aus deutlich sichtbar war, und die Stelle knden sollte, an welcher die
Trocha ausmndete.

Aeuerst vorsichtig schritten aber die Diener ber jene Stelle, welche
durch den Bambus ausgehauen war, denn den zwar kleinen, aber furchtbar
harten und scharfen Dornen, welche an dessen Auszweigungen sitzen, und
mit denen der Boden hier bestreut war, boten selbst ihre harten, aber
nackten Sohlen nicht hinlnglich Widerstand. Den Lagerplatz dagegen
hatten die frher hier Gewesenen vollstndig abgerumt, und es war dort
sogar ein groer Rancho gebaut, um unmittelbar am Ufer bernachten zu
knnen.

Schon von Weitem konnten die Wanderer die breite und offene Lichtung im
Walde und damit das erste Ziel ihres beschwerlichen Marsches erkennen,
denn dort auf dem Strome lag der _=Sonnenstrahl=_, der nie in diese
dichten Wlder drang, und es war ein ganz eigenthmlich wohlthuendes
Gefhl, mit dem sie den offenen, freien Platz betraten.

Der Guajaquilene schien sich aber am wenigsten diesem Genu hinzugeben,
denn so bequem er bis jetzt seinen Weg verfolgt hatte, so rasch sprang
er nun an das Ufer und schien dort ein Canoe zu suchen, das, wie man ihm
am Pailon gesagt, dort angebunden liegen sollte. Aber nirgends war ein
dem hnliches Fahrzeug zu erblicken, und gerade dort, wo die Trocha am
Ufer des Bogota ausmndete, lag weder an dieser, noch an der anderen
Seite ein besiedelter und dann auch bewohnter Platz. Wald, dichter,
undurchdringlicher Wald deckte beide Ufer, und noch viel dichter in der
unmittelbaren Nhe des Wassers, als weiter zurck, denn hier war er noch
mit Bambus und Schling- und Schmarozerpflanzen verwachsen.

Caracho, murmelte Seor Cerro leise zwischen den Zhnen durch, indem
er den Fu unwillig auf den Boden stampfte, ob man sich auch noch auf
einen Menschen in der Welt verlassen kann.

Kein Boot da, Seor? frug der eine Mulatte, nun wartet nur ein klein
Weilchen, den Bogota fahren immer Canoes hinunter und hinauf.

Aber ich will weder hinunter noch hinauf.

Wei schon, Seor, grinste der Mulatte, aber wenn wir erst Hand auf
Bug haben, fhrt es uns hin, wohin wir wollen, auch gerad' ber den
Strom.

Und glaubt Ihr gewi, da Ihr den Weg nach Alto Tambo finden knnt?

Sicher wie was, nickte der Gelbe, Seor hat doch das kleine gelbe
Messingding?

Den Compa? Ja!

Schn -- der zeigt genau die Richtung an, und wenn wir fortgehen, wie
die Trocha luft, immer gerade aus, so treffen wir auf ~Camino real~,
knnen ihn gar nicht verfehlen; luft gerade quer durch von Cachavi nach
Malbucho hin.

So wollen Sie nicht zurck nach Concepcion, oder hinauf nach Cachavi,
Seor? frug Jos erschreckt.

Du, mein Bursche, sagte der Mulatte tckisch, gehst hin, wohin man
Dich schickt, und wenn Dein Herr weder Lust nach Concepcion noch Cachavi
hat, so schleppst Du Deinen Bambuskorb eben durch den Wald. Was kann's
Dich kmmern.

Und ist der Wald nicht zu dicht? fragte noch einmal der Ecuadorianer,
ohne von des Negerburschen Frage die geringste Notiz zu nehmen.

~Si, un poco!~ lachte der Andere, aber wir kommen schon durch. Nero
geht mit der Macheta vorweg und Seor hinterher, und sagen nur immer
nach dem Compa, rechts oder links, oder gerad aus -- dauert zwei Tage,
sind wir im Weg.

Und Lebensmittel?

Bah, Menge von Palmen und wildem Honig und Kastanien. Kommen schon
durch -- besser wie durch Cachavi.

Ich wei nicht -- ich wre doch lieber erst nach Cachavi gefahren, um
dort frische Lebensmittel einzunehmen.

Da geht Nero aber nicht mit, sagte der erste Mulatte trocken.

Caramba, rief der Ecuadorianer, glaubst Du, es wrde Einer der
schwarzen Schufte dort wagen drfen, Hand an Dich zu legen, so lange Du
in _=meinen=_ Diensten stehst? Den wollte ich sehen.

~Quien sabe~, brummte der Mulatte achselzuckend -- besser ist
besser, und wir sparen dabei noch auerdem eine lange Strecke Weg.

Wenn nur mein Gewehr nicht zerbrochen wre.

Machen wir wieder, lachte der Mulatte -- gar nicht weit von hier am
Flu -- glaube ein Stckchen weiter oben, wohnt ein Schmied, der legt
ein Blech darum. Der hat auch groen Platanar, nehmen wir Lebensmittel
und gehen dann gerad' durch, durch den Wald.

Wenn nur erst ein Canoe kme.

Hallo, was ist das? rief der Mulatte rasch, und drehte den Kopf der
Richtung zu, von der sie eben hergekommen -- dort geht ein Mensch.

Ein Mensch? rief der Ecuadorianer emporfahrend, denn allerdings war es
etwas Auerordentliches, in _=dieser=_ Wildni noch ein lebendes Wesen
zu finden -- Caramba -- ein Mdchen? fuhr er aber noch berraschter
fort, als im nchsten Augenblick Eva aus den Bschen trat. Aber diese
achtete weder auf ihn noch einen der beiden Mulatten; nur Jos hatte ihr
fernsehender Blick gesucht, nur auf diesen sprang sie zu, und seine Hand
ergreifend rief sie freudig aus:

Gott sei Dank, Jos! Gott sei Dank, so war mein langer einsamer Weg
doch nicht umsonst, und ich bin noch zur rechten Zeit gekommen.

Meine Eva! rief der junge Bursch bewegt -- aber wie um Gottes Willen
kommst Du in diese Wildni -- Von Concepcion in einem Canoe?

Hat das Mdchen ein Canoe bei sich? frug der Ecuadorianer rasch und
erfreut.

Nein, Seor, sagte die junge Negerin, langsam dabei den Kopf
schttelnd -- derselben Trocha bin ich gefolgt wie Sie --

Allein? rief Nero erstaunt.

Wie ich hier stehe.

Mein armes, armes Mdchen, sagte Jos gerhrt, aber hier sind wir am
Bogota-Flu, und das nchste Canoe kann und wird Dich wieder zwischen
die Ansiedlungen bringen. Wenn Dich nun eine Schlange gebissen, oder ein
wildes Thier gefat htte.

Die Thiere des Waldes sind barmherziger als die Menschen, sagte das
Mdchen leise.

Und wo willst Du hin, Muchacha? frug sie der Ecuadorianer, indem sein
Blick die tadellosen Formen des Mdchens berflog -- Du kannst bei uns
bleiben, wenn Du Lust hast -- es soll Dein Schade nicht sein.

Ich wollte zu Euch, Seor?

Zu mir? Caramba! lachte der Ecuadorianer vergngt auf, das trifft
sich ja herrlich, denn in dem vermaledeiten Wald ist das Leben
langweilig und de genug.

Zu Euch -- Jos's -- Eures Dieners wegen, fuhr aber die junge Negerin
fort, ohne den Doppelsinn der Worte zu verstehen oder zu beachten.

_=Jos's=_ wegen? In der That, und was hast _=Du=_ mit _=dem=_ zu thun,
wenn man fragen darf?

Eva antwortete nicht gleich. Sie knpfte von ihrem Grtel das kleine
Sckchen mit Silber los, das sie sorgfltig da vorne verwahrt hatte, und
es dann in der Hand dem weien Mann entgegenhaltend, sagte sie bittend:

Nehmt das, Seor, ich bin einen weiten, mhsamen Weg gekommen, um es
Euch zu bringen, und ich habe lange, sehr lange hart arbeiten mssen,
bis ich so viel zusammenbringen konnte, aber es ist mit Freuden
geschehen, wenn ich mir damit Jos's Freiheit erkaufen kann. Nehmt, es
ist mehr, wie sein jhrlicher Lohn betrgt; es sind sechsundvierzig
Dollars, und lat uns dann mitsammen in die Heimath ziehen.

Eva, mein braves, wackeres Mdchen! rief Jos.

Der Ecuadorianer aber, whrend des armen Kindes Blicke in Angst und
Hoffnung an ihm hingen, nahm lchelnd das Geld und wog es in der Hand.

Also das ist Dein Schatz, sagte er hhnisch, und nur seinet-, nicht
_=meinet=_wegen bist Du hier in den Wald gekommen?

Des Mdchens Blick hing zitternd an den kalten, spttischen Zgen des
Weien.

Und gebt Ihr ihn jetzt frei?

Frei? lachte dieser, wenn das Alles wre, was er mir schuldete! Aber
glaubst Du denn, Du albernes Ding, da ich ihn die zwei Jahre nur
_=dafr=_ genhrt und gekleidet und mit ~agua ardiente~ versorgt habe?
Hundertundzwanzig Dollars ist er mir schuldig, und wenn die entrichtet
werden --

Hundertundzwanzig, Seor, rief da Jos erschreckt, und wofr _=die=_
Summe? Fr die baumwollene Hose und Jacke, und den alten Hut?

Halte Dein Maul, Bursche, bis Du gefragt wirst, unterbrach ihn finster
der Weie, in meinem Buch ist Alles eingetragen, und wenn Du einmal
Deine Schulden abverdient hast, kannst Du meinethalben Deiner Wege
gehen, ich will froh sein, wenn ich mich nicht mehr mit Dir zu plagen
brauche.

Aber Seor, -- bat das Mdchen.

Das Geld hier werd' ich ihm aber zu Gute schreiben, lchelte der
Ecuadorianer tckisch. Sind es wirklich sechsundvierzig Dollars, denn
jetzt habe ich keine Lust sie nachzuzhlen, so bleibt er dann nur noch
mit 74 in meiner Schuld, und wenn er fleiig ist, und Du ihm dabei
hilfst, so kann er immer in Jahr und Tag frei kommen, und er schob den
Beutel dabei in seine Brusttasche.

Aber jetzt -- _=jetzt=_ soll er _=nicht=_ mit mir gehen? bat das
Mdchen in Todesangst: Oh, treibt nicht Euren Scherz mit uns, Seor,
wir sind arm und unglcklich genug in der Welt, und haben Nichts, Nichts
weiter als einander. Seid barmherzig!

La mich zufrieden mit Deinen Qungeleien, unterbrach sie der
Ecuadorianer ungeduldig. Du hast es jetzt gehrt -- genug damit. Wir
haben noch einen weiten Weg vor uns, und da kann ich den Diener, wenn
ich ihn gerade am Nthigsten brauche, nicht fortschicken. -- Alle
Wetter, Burschen, kommt da nicht ein Canoe?

Von unten herauf, Seor, grinste Nero, eben biegt es um die
Landspitze -- gerade zur rechten Zeit, um uns hier fortzubringen. Wohin
_=wir=_ gehen, folgt uns das alberne Ding doch nicht.

Seor, sagte Jos, der mit fest zusammengebissenen Zhnen dem
Urteilsspruch des Weien gelauscht hatte -- wenn Ihr mich nicht wollt
frei lassen -- wenn ich noch fort mu in den Wald mit Euch, und die
Gesetze Euch darin beschtzen, dann gebt dem armen Kinde auch das Geld
wieder -- dann will ich selber abverdienen, was ich Euch schulde.

_=Du=_ sprichst, wenn Du gefragt wirst, mein Junge, lachte der
Ecuadorianer, denn ich wei selber gut genug, was ich zu thun habe.
Und jetzt pack' Deinen Korb auf, trag' ihn zum Ufer hinab, und ruf' das
Canoe heran, da wir weiter kommen.

Nicht einen Schritt, bis Ihr Eva das Geld zurckgegeben habt, rief
Jos, und sein Auge leuchtete von einem unheimlichen Feuer. -- Ich
wei, da Ihr unter Euren Gesetzen mit uns Negern noch schalten wollt,
wie es Euch gefllt, aber beim ewigen Gott --

Rebellion? zischte der Weie zwischen den zusammengebissenen Zhnen
durch -- aber dafr giebt's ein Mittel, Nero, wenn sich der Hund
widersetzt, klopfe ihn einmal mit Deiner Macheta auf den Schdel.

Den wollen wir schon kriegen, lachte der riesige Mulatte, indem er die
Macheta ergriff -- fort mit Dir, Caracho! rief er dabei, indem er den
Neger mit der Faust in den Nacken griff, und ihn vorwrts stoen wollte
-- hinunter die Bank da, oder ich _=mache=_ Dir Beine.

Jos hatte sich, der rohen Uebermacht gegenber, bis jetzt so schwach
und willenlos gezeigt, da die beiden Mulatten ihn schon auf dem ganzen
Weg zur Zielscheibe ihres Spottes gemacht. Was er aber auch ertragen und
geduldet, so lange er sich allein und hlfslos wute, und vielleicht
selber dabei fhlte, wie groe Schuld er an seiner eigenen Knechtschaft
trage, jetzt in Eva's Gegenwart kochte sein Blut auf, und jh
emporfahrend stie er den Mulatten vor die Brust, da dieser
zurcktaumelte, in einer Wurzel hngen blieb und mit schwerem Schlag,
der Lnge nach, zu Boden strzte.

Caracho, rief der andere Mulatte, und sprang dem Neger nach der Kehle,
und dieser konnte sich seines Gegners kaum erwehren, als Nero mit einem
wahren Wuthgeheul vom Boden emporschnellte.

Negerbestie, schrie er dabei, und mit der schweren und scharfen
Macheta ausholend, sprang er von hinten auf Jos zu.

Mrder! kreischte da Eva, die in zitternder Todesangst Zeuge des
beginnenden und so ungleichen Kampfes gewesen. Sie wute dabei kaum, was
sie that, aber die Lanze, die sie noch immer hielt, mit beiden Hnden
fassend, rannte sie die Spitze derselben dem Mulatten, gerade als er den
Stich gegen Jos fhren wollte, in die Achselhhle hinein, da er mit
einem gellenden Aufschrei zusammen brach.

Mit einem gotteslsterlichen Fluch ri in diesem Augenblick der
Ecuadorianer einen Revolver aus seiner Tasche und drckte ihn drei vier
Mal auf das Mdchen ab; aber Du lieber Gott, er trug die Waffe schon
wochenlang in der Tasche, und in diesem ewigen Regen, und
ununterbrochenen feuchten Dnsten, die dem Boden entsteigen, versagt ja
schon nach zwlf Stunden jedes frisch geladene Gewehr, und machtlos
schlug der Hahn auf die Htchen nieder.

Aber jetzt war auch Jos's Blut in Wallung gerathen, und die Macheta
aufgreifend, die der Hand des zusammenbrechenden Mulatten entfallen war,
warf er sich in blinder Wuth auf seinen bisherigen Herrn, der es
indessen nicht fr gerathen fand, den Angriff abzuwarten. Auch der
Mulatte hatte mit Entsetzen seinen Kameraden strzen sehen, und Beide --
er wie der Weie, stoben vor den gegen sie gehobenen Waffen des zur
Verzweiflung getriebenen Negerpaars in die nchsten Bsche hinein, und
aus Sicht.

Jos wre nun am liebsten dem Weien gefolgt, und dessen Leben war dann
verloren, aber Eva ergriff seinen Arm, und in der Angst, da noch irgend
ein unglcklicher Zufall ihre Flucht hemmen knne, rief sie bittend:

Komm Jos -- o komm -- da naht das Canoe -- es fhrt uns der Heimath
entgegen --

Er wird uns verfolgen und anklagen.

Lass' ihn -- dann flchten wir in den Wald hinein, und die Wildni sei
unsre Heimath, wohin sie nicht wagen drfen, uns zu folgen -- Komm Jos
-- es ist Blut genug geflossen, setzte sie schaudernd hinzu, oh
vermehre nicht die Schrecken dieser Stunde -- aber ich konnte nicht
anders.

Du rettest mein Leben! rief Jos.

Fort von hier -- ich sterbe selber, wenn ich das Blut noch lnger sehen
mu, das _=ich=_ vergo߫ -- und schaudernd vor dem Entsetzlichen, sprang
sie die steile Uferbank hinab.

Es war ein einzelner Neger, der hier in seinem Canoe vorberruderte, und
von Concepcion kommend, wollte er nach Hause -- nach Cachavi
zurckkehren. Er lenkte den Bug seines Fahrzeugs rasch dem Lande zu, als
er das Mdchen am Ufer stehen und winken sah, und wenige Minuten spter
hatte er Eva wie Jos in seinem Fahrzeug aufgenommen, das jetzt, von
sechs krftigen Armen getrieben, die Fluth unter dem Bug aufschumen
machte, und jede neue Gefahr hinter sich lie.

FUSSNOTEN:

[D] ~El perdido~ nennen die Ecuadorianer einen ziemlich
groen braunen Vogel, der genau einen solchen Ruf hat, als ob ein Mensch
in der Wildni verirrt wre, und um Hlfe riefe.




Siebentes Capitel.

In Cachavi.


In Cachavi herrschte groe Aufregung, und Niemand dachte heute an's
Arbeiten. Die _=Mnner=_ muten nmlich einen wichtigen Fall berathen,
ber den inde die _=Frauen=_ schon lange einig waren, und -- whrend
sich die Ehegatten in dem breiten Gerichtsgebude sammelten, berall auf
den Straen in kleinen Gruppen standen.

Die Sache betraf aber auch in der That nichts Geringeres, als die Flucht
Jos's von seinem weien Herrn, und die Ermordung des Mulatten, denn Eva
wie Jos hatten bei ihrer Ankunft in Cachavi dem Alkalden die ganzen
Vorgnge treu und einfach erzhlt, und um seinen Schutz gebeten, wenn
sie bis hierher verfolgt werden sollten.

Der Fall kam brigens zu einer hchst ungnstigen Zeit, denn erst
gestern war ein Canoe von der Tolamndung eingetroffen, wo sie Nachricht
von Esmeraldas gehabt haben wollten, da General Franco von Guajaquil
aufgebrochen wre, Bodegas genommen htte, und jetzt gegen Quito
marschire, um sich das ganze Land zu unterwerfen. Wenn er Sieger blieb
-- und die Berichte, die seine Anhnger hierher gesandt, lieen kaum
einen Zweifel darber -- so schickte er einen Theil seiner Schwrme auch
jedenfalls in diesen entlegenen Theil des Landes, und was hatten sie
dann zu hoffen, wenn sie gegen einen seiner eigenen Offiziere Partei
genommen?

Die Frauen sind in der ganzen Welt ber solche Combinationen erhaben.
Bei ihnen spricht das Herz das _=erste=_ Wort, und nur der Augenblick
entscheidet ihre Handlungen. Die Frauen deshalb waren auch fest
entschlossen, den armen jungen Burschen nicht wieder auszuliefern, und
was Eva betraf -- ei! _=den=_ htten sie sehen wollen, der ihr in ihrer
eigenen Vaterstadt ein Leides that, und da sie dem pockennarbigen
Mulatten einen Lanzenstich versetzt -- der hatte den _=Strick=_
verdient, zehnmal und hundertmal, und war ja schon einmal bei Nacht und
Nebel von Cachavi in einem gestohlenen Canoe geflchtet, um der
gerechten Strafe fr seine Missethaten zu entgehen.

In dem Gerichtssaal tagten inde die Mnner, und eine wunderliche
Versammlung war es, der der Alkalde prsidirte. Aber kein Mulatte fand
sich unter ihnen, lauter chte, rabenschwarze Shne Aethiopiens, wenn
auch wohl Alle auf diesem Grund und Boden geboren, saen, lagen und
standen in dem Raum umher und rauchten ihre Papiercigarre. Sie Alle,
ohne Ausnahme, waren nackt bis auf den Grtel, und selbst das dichte,
fest zusammengekrute Wollenhaar verschmhte einen Hut.

Eva und Jos waren erst diesen Morgen vernommen worden, und Keiner der
hier Anwesenden zweifelte, da sie mit jedem Wort Wahrheit gesprochen.
Der Alkalde selber hatte ja auch das Geld fr Eva in Verwahrung gehabt,
und ihr es erst vor wenigen Tagen ausgehndigt. Er wute genau, wie viel
es gewesen, und was sie damit gewollt.

Der Alkalde, eine schlanke, muskulse Gestalt, mit schon grauem Wollkopf
und etwas Cavalirem in seinem ganzen Wesen, wie denn berhaupt die
_=freien=_ Neger -- selbst in den Sklavenlndern die Sklaven, wenn sie
sich am Sonntag ihre eigenen Herren wissen -- sehr gern die Bewegungen
und Manieren der Weien nachahmen, hatte den Leuten jetzt eine lange
Rede gehalten, worin er beide Seiten der Frage beleuchtete, und seine
Zuhrer dadurch in vlliger Ungewiheit lie, zu welcher Seite er sich
eigentlich schlug, und welche Meinung _=sie=_ haben sollten. Es war
dabei schmhlich warm geworden; die Sonne stand im Zenith, und kein
Lftchen regte sich, das die Temperatur htte nur in etwas abkhlen
knnen.

Ein kleiner dicker Neger, in Cachavi sehr geachtet, weil er die besten
und festesten Dcher flechten konnte, nahm da endlich das Wort und
sagte:

Was zerbrechen wir uns denn den Kopf ber ungelegte Eier. Das
Wettermdel hat dem schuftigen Nero eine Lanze in den Leib gerannt, weil
er den Jos mit der Macheta todtschlagen wollte -- soweit ist Alles in
Ordnung. Wenn wir uns hier im Walde nicht _=selber=_ helfen, wer soll es
sonst thun? und da sie dem schurkischen Mulatten einen Denkzettel
gegeben, oder ihn auch meinetwegen todt gestochen hat, ist nur ein
Gewinn fr die Colonie. -- Da aber der Jos ein Recht hatte wegzugehen,
wenn sein Jahresgeld bezahlt worden, das mein' ich, ist auer aller
Frage, und wenn ihn der Seor zurckhaben will, mag er einfach herkommen
und beweisen, da er ihm noch etwas schuldig ist. Nachher kommen wir
wieder zusammen, was sollen wir uns jetzt bei der Hitze abqulen.

Der Vorschlag klang viel zu vernnftig, als da ihm nicht alle Uebrigen
htten beistimmen sollen. Der Alkalde schttelte zwar mit dem Kopf; im
Grunde genommen war's ihm aber vielleicht auch recht, die Sache vor der
Hand auf sich beruhen zu lassen; alle diese Menschen leben ja doch nur
dem Augenblick. Die Sitzung war also damit geschlossen, und die Frauen
erfuhren wenige Minuten spter zu ihrer Genugthuung, da Jos und Eva
vor der Hand in Cachavi bleiben knnten. -- Wenn noch etwas in der Sache
geschehen solle, so mchten's die Herren in Concepcion anfangen. _=Sie=_
wollten weiter nichts damit zu thun haben.

So vergingen zwei Tage, ohne da man etwas von dem unteren Strom gehrt
htte, und den Bewohnern von Cachavi lag auch jetzt eine andere Sache am
Herzen. Die schon lange von Ibarra erwarteten Indianer, welche neue
Waare bringen sollten, waren nmlich immer noch nicht eingetroffen, und
allerlei dumpfe Gerchte und Vermuthungen durchliefen die kleine Stadt.
Waren sie verunglckt? -- bse Strme hatten sie unterwegs zu passiren
-- oder sollte sich der Krieg schon bis dort in die entlegene Provinz
Imbaburru gezogen haben, da sie dem Feinde in die Hnde gefallen? Es
wre ein harter Schlag fr das kleine Stdtchen gewesen, denn viele der
Einwohner wrden unter dem Verlust gelitten haben.

Man beschlo endlich, ihnen einen Boten entgegen zu senden -- oder
vielmehr zwei, denn ein Einzelner wrde nie den Wald auf irgend eine
Entfernung betreten -- um sich Gewiheit zu verschaffen, und zwei der
Mnner wurden gemiethet, und noch an dem nmlichen Tage in die Wildni
hinein gesandt, die Cachavi vom Malbucho auf reichlich vier Tagereisen
trennte.

An demselben Nachmittag langte aber eine andere Kunde an, die ihr
Interesse wieder an das Schicksal der beiden jungen Leute fesselte.

In Concepcion war nmlich der Weie mit Nero's Leiche und dem anderen
Mulatten eingetroffen, und hatte die Auslieferung seines Dieners und der
Mrderin verlangt, und der Alkalde von Concepcion sandte jetzt einen
Boten nach Cachavi, um die beiden Verbrecher mit einer dort
beizugebenden Wache berliefert zu bekommen.

Der Bote kehrte aber unverrichteter Sache zurck. Der Alkalde hielt es
nach der neulich zusammenberufenen Versammlung nicht einmal fr nthig,
auf's Neue bei den Einwohnern anzufragen -- oder seine Frau entschied
vielmehr fr ihn, denn sie fertigte den Boten, einen Gerichtsdiener von
Concepcion, gleich so energisch ab, und auf ihr Schreien sammelten sich
rasch so viele dunkle, drohende Gestalten, da der arme Teufel froh war,
wie er wieder in seinem Canoe sa, und ungeschdigt das Negerdorf im
Rcken hatte.

Das war nun allerdings ein ganz entschiedener Akt der Widersetzlichkeit
gegen die bestehende Autoritt gewesen, und der Alkalde selber htte
vielleicht gewnscht, seine eigene Ehehlfte etwas weniger
leidenschaftlich dabei zu sehen, aber die Sache war einmal geschehen,
und lie sich nicht mehr ndern, und da das ganze Dorf der Abfertigung
beistimmte, brauchte er auch die Verantwortung nicht allein zu tragen.

Herrschte denn berhaupt in Ecuador ein gesetzlicher Zustand? -- war das
Land nicht in Aufruhr und offenem Brgerkrieg begriffen, und wute denn
irgend Einer von Allen -- in Cachavi sowohl wie in Concepcion -- wer
jetzt Prsident im Lande sei -- und wenn er es sei, wie lange? War es
Franco noch, dann allerdings hatte der Alkalde von Concepcion den Schutz
desselben, um sich den Rcken zu decken, und konnte in dem Fall auch
wohl eine Rechtsverletzung in _=seinem=_ Sinne strafen, falls Franco's
Truppen in der That das Land besetzten, oder der Mulattengeneral Geld
genug schickte, um Soldaten hier fr ihn anzuwerben -- war das aber
nicht der Fall, so htte es ihm schwer werden sollen, sich von der
Negercolonie Gehorsam zu erzwingen, und _=den=_ Zeitpunkt konnten sie
eben ruhig abwarten.

Wer aber dadurch in die grimmigste Verlegenheit gerieth, war der Alkalde
von Concepcion. Dieser Seor Cerro, der hier als Franco'scher Offizier
auftrat, verlangte, wie er erklrte, nicht mehr als sein _=Recht=_, und
da er selber von Franco'schen Behrden in seine Stelle eingesetzt
worden, _=konnte=_ er das nicht gut vernachlssigen, ohne die
Franco'sche Regierung auf den Fu zu treten. Jetzt aber weigerten ihm
die verwnschten Neger da oben ganz direkt den Gehorsam, und was blieb
ihm da anders brig, als seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen? Der
muten sie sich ja dann auch fgen, oder offene Rebellion erklren, was
derartige Leute aber nicht sogleich thaten, da die Negeremancipation,
wie sie von der einen Regierung eingesetzt worden, von einer andern auch
eben so leicht wieder umgestoen werden konnte.

Es galt also, einen raschen und entschiedenen Entschlu zu fassen, denn
dieser Seor Cerro drohte mit einem Bericht an den General Franco, und
der _=mute=_ vermieden werden. Also berraschte denn der Alkalde die
Bewohner Concepcions am nchsten Morgen mit einem Aufruf an die
Nationalgarde, und verbreitete dabei -- um sich den Rcken zu decken --
die Kunde in dem kleinen Ort, da General Franco Quito genommen habe,
jetzt gegen Ibarra vorrcke, und einen Theil seines Heeres ber San
Pedro und Malbucho an den Bogota senden werde, um sich von der Loyalitt
seiner Unterthanen zu berzeugen.

Das wirkte wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel fr Viele, die bis
jetzt geglaubt hatten, der Revolution des brigen Landes viel zu fern zu
sein, um je darunter leiden zu knnen, und deshalb auch, obgleich im
Herzen vollkommen Quitenisch gesinnt, doch General Franco's Partei
anerkannten -- nur eben der Bequemlichkeit wegen. Aber was lie sich
thun? -- Gehorchten sie dem Aufruf nicht, und berschwemmten die
Franco'schen Banden wirklich das Land, dann durften sie sich auch fest
darauf verlassen, als Miliebige denuncirt, und von den Freibeutern nach
Herzenslust gebrandschatzt zu werden. Wohl oder bel holten sie also
alle ihre halbverrosteten Waffen herbei, und um zehn Uhr Morgens lagen
vier Canoes mit Bewaffneten, und das fnfte mit dem Alkalden, Seor
Cerro, und smmtlichen Dienern der Gerechtigkeit reisefertig an der
Landung, und setzten sich zusammen in Bewegung stromauf.

An ihnen vorbei aber glitt ein anderes, leichtes Canoe, von vier
stmmigen Negern gerudert, und am Steuer sa der kleine italienische
Schneider, der die Aufforderung, zur Nationalgarde zu stoen, mit Hohn
zurckgewiesen hatte, und jetzt auf eigene Faust die Reise machte.

Als ihn der Alkalde bemerkte, schien er nicht bel Lust zu haben, den
kleinen contrairen Fremden zu arretiren, denn es ahnte ihm, da der
Bursche, wenn er vor ihnen eintrfe, da oben bses Blut machen wrde.
Ehe er aber mit seinem Entschlu vllig im Reinen war, passirte das
Canoe schon das vorderste des Zuges, und an ein Einholen desselben war
nicht mehr zu denken. Da der kleine, nichtswrdige Italiener aber nicht
warten wrde, wenn er ihn anriefe, wute er vorher, und durfte sich auch
deshalb nicht einmal mit einem solchen Versuch blamiren.

Des Alkalden Befrchtung war aber auch sehr gerechtfertigt, denn Rigoli
hatte kaum von der Anklage und dem Unternehmen der tapferen Ecuadorianer
gehrt, als er auch augenblicklich beschlo, dem entgegen zu arbeiten.
Seine Neger entwickelten dabei einen wahren Feuereifer, ihn vorwrts zu
bringen, und am nchsten Morgen mit Tagesanbruch landete er schon in
Cachavi, whrend die schweren Canoes der Bewaffneten, obgleich sie
ebenfalls die halbe Nacht gearbeitet hatten, doch endlich beilegen, und
Tageslicht abwarten muten.

Es mochte elf Uhr Mittags sein, als sie das Negerdorf in Sicht bekamen,
und sie sahen sich dabei eben nicht angenehm berrascht, die Landung
Mann an Mann mit den herkulischen, halbnackten Einwohnern besetzt zu
finden, die dabei noch Lanzen, Machetas, Musketen und eine Masse anderer
gefhrlicher Werkzeuge in Hnden hielten.

Was jetzt thun? -- der Alkalde wre am liebsten gleich wieder
umgekehrt, und htte sich damit begngt, einen Bericht an die Regierung
in Guajaquil abzufassen, da das Land im Aufstande wre, und General
Franco eine Armee zum Schutz der beleidigten Autoritt herbeisenden mge
-- aber Seor Cerro lie ihn nicht.

Glauben Sie doch nur nicht, rief er ihm zu, da sich diese
sclavischen Hunde ernstlich widersetzen werden -- lassen Sie uns hier
unten landen, und in geschlossenen Colonnen hinaufmarschiren, und zeigen
sie den geringsten Widerstand, so schieen wir das ganze Nest in Brand.

Ja, Seor, sagte der Alkalde verlegen, aber sie haben nur schon
gezeigt, da sie Widerstand leisten _=knnen=_. Ihre eigene Erfahrung
--

Der Ecuadorianer knirschte die Zhne zusammen, wenn er an den Moment
dachte, wo er vor einem _=Mdchen=_ die Flucht ergriffen, und die
Erinnerung daran diente wahrlich nicht dazu, ihn zu besnftigen.

Vorwrts, rief er; bei der geringsten Widersetzlichkeit feuert Ihr
zwischen den nackten Trupp hinein -- wir wollen ihnen die schwarzen
Felle pfeffern, und ich bernehme jede Verantwortung, die daraus fr Sie
entstehen knnte.

Der Nationalgarde von Concepcion blieb in der That weiter nichts brig,
als wenigstens zu landen, wenn sie sich nicht auf ewige Zeiten
lcherlich machen, und dem Gesptt der Neger aussetzen wollte. Die
Canoes wurden deshalb an das steinige Ufer gelenkt, und die Besatzung
derselben sprang, ohne daran im Geringsten verhindert zu werden, auf
trockenen Boden.

Etwas unterhalb der Stadt, und gerade der Kirche gegenber befanden sie
sich hier; als sie aber das eigentliche und hohe Ufer erklommen, waren
sie auf's Aeuerste erstaunt, auch nicht einen der Feinde mehr zu sehen.
Wie in den Boden hinein schienen diese verschwunden, und Seor Cerro
rief triumphirend aus:

Nun, Seor, habe ich es Ihnen nicht vorher gesagt? Wo sind die feigen
Canaillen jetzt geblieben? Zeigen Sie ihnen Ernst, und Keiner von Allen
wagt auch nur, Ihnen frech in's Auge zu sehen.

Da kommt der Alkalde.

Der alte Wollkopf?

Er wird wahrscheinlich unterhandeln wollen.

Fertigen Sie ihn kurz ab, das ist das Beste; keine Unterhandlungen mit
Rebellen.

Der Alkalde dachte anders darber; der alte Neger war aber jetzt schon
zu dicht herangekommen, um ein weiteres Gesprch zu gestatten, und wie
er sich auf etwa zehn Schritte genaht hatte, sagte er ruhig:

Seor Alkalde, knnen Sie mir vielleicht erklren, weshalb die Boote
mit den Bewaffneten hier an unserer friedlichen Stadt landen? Ich hoffe
doch nicht, da der Brgerkrieg bis in unser stilles Asyl gedrungen
ist.

Seor Alkalde, erwiderte der Ecuadorianer sehr frmlich, die Ursache
kennen Sie wahrscheinlich. Es handelt sich hier um die Auslieferung
einer Mrderin, und die Zurckgabe eines entlaufenen und
contractbrchigen Dieners. Machen Sie keine Schwierigkeiten, ~amigo~,
denn die Gesetze mssen in Kraft gehalten werden, und es sollte mir
wahrhaft leid thun, wenn ich gezwungen wrde, von der mitgekommenen
Macht Gebrauch zu machen.

Seor Alkalde, erwiderte der alte Neger da, aber vollkommen ruhig --
ich glaube fest, da wir noch Alles in Frieden beilegen knnen, wenn
Sie nicht eben zu sehr auf Ihre _=Macht=_ trotzen, und Recht und Gesetz
auch fr uns gelten lassen.

Das versteht sich von selbst, rief der Alkalde aus Concepcion rasch.

Schn, sagte der Alte, der brigens keine Waffe in den Hnden trug,
dann knnen wir Ihnen den Beweis liefern, da das arme Mdchen, welches
Sie eines Mordes anklagen, nur in einem Akt der Nothwehr handelte, als
sie jenen nichtsnutzigen Mulatten, der den Tod schon zehnmal verdient
hatte --

Sie stach ihn meuchelmrderisch nieder, schrie Seor Cerro dazwischen.
--

Ueber den Haufen stie, fuhr der alte Neger ruhig fort. Und was den
weggelaufenen Diener betrifft, fr den jener Herr da die Auslsungssumme
schon in der Tasche hat, und nicht wieder herausgeben wollte, so braucht
er uns nur die Beweise zu liefern, _=wofr=_ ihm Jos 120 Dollars
schuldet, und wenn die Belege alle richtig sind, soll ihm entweder das
noch fehlende Geld ausgezahlt werden, oder er seinen Diener
zurckbekommen. Finden Sie das nicht in der Ordnung?

Gegen das Letzte liee sich allerdings nichts --

Und glaubt Ihr Canaillen, schrie der Ecuadorianer in voller Wuth
heraus, da ich mich zwingen liee, _=einem Neger=_ Contracte
vorzulegen? Beim ewigen Gott, es ist weit in Ecuador gekommen, aber dem
wollen wir ein Ende machen. -- Gebt Ihr die beiden Verbrecher gutwillig
heraus oder nicht?

Der alte Neger antwortete ihm gar nicht -- er hob beide Hnde
trichterfrmig an den Mund, und stie einen eigenthmlichen, aber
durchdringenden und lauten Ton damit hervor. -- Und berall umher wurde
es lebendig -- den Flu herunter, den sie von hier aus deutlich
bersehen konnten, kamen pltzlich noch vier Canoes mit bewaffneten
Negern -- selbst den Strom herauf ruderten zwei mit Anstrengung aller
ihrer Krfte, und aus allen Husern quollen -- jedenfalls dem
verabredeten Zeichen gehorchend -- Massen von dunklen, drohenden
Gestalten, ohne sich jedoch im Geringsten feindlich zu gebehrden. Nur
den Platz schlossen sie in einem weiten Bogen vollstndig ein, wo die
Canoes von Concepcion gelandet waren, und der dortige Alkalde bemerkte
zu seinem Entsetzen, da ihre eigenen Fahrzeuge unten im Flu von den
beiden stromauf kommenden Canoes vom Ufer gelst, und an die andere
Seite hinber gefhrt wurden, was ihnen natrlich jeden Rckzug
abschnitt.

Zu gleicher Zeit ertnte aber aus dem Walde des anderen Ufers ein
gellender, langgezogener Schrei, der jedoch nicht in Verbindung mit den
hier getroffenen Vorbereitungen zu stehen schien, denn die Neger selber
stutzten und horchten dort hinber, aber nicht lange.

Die Indianer kommen! jubelte eine Stimme, und bald antwortete ein
wildes, tobendes Jauchzen dem Meldungsruf von da drben. -- Das aber
brachte die tapferen Schaaren von Concepcion, die sich hier berhaupt
sehr in der Minderzahl sahen, ganz auer Fassung.

Die Indianer kommen? Hatten diese verzweifelten Schwarzen auch noch
die wilden Horden des Innern zu ihrer Hlfe herbeigerufen?

Seor, rief der Alkalde den alten Neger ngstlich an, ich mache Sie
fr jedes Blutvergieen hier verantwortlich. -- Wir sind als friedliche
Boten des Gesetzes zu Ihnen gekommen --

_=Der=_ ist verantwortlich, sagte der alte Mann ruhig, der den ersten
Schu abfeuert, oder die erste Lanze wirft.

Aber Sie haben unsere Canoes wegnehmen lassen.

Zu Ihrer Abreise stehen Ihnen dieselben immer wieder zur Verfgung,
lchelte der Alte -- aber wer kommt da? unterbrach er sich pltzlich
rasch und selber erstaunt, als sein Blick nach dem jenseitigen Ufer
hinberflog -- Soldaten?

Das sind die Truppen des General Franco! rief der Alkalde von
Concepcion jubelnd aus -- Viva Franco! Viva Franco! schrie er dabei,
aber ziemlich vereinzelt, denn beide Parteien waren in diesem Augenblick
gleich gespannt, ob sie von dorten her Freund oder Feind zu erwarten
htten.

Das Dickicht da drben wurde in der That in diesem Augenblick lebendig,
und Gewehre blitzten in der Sonne -- und braune, aber uniformirte
Burschen sprangen die Uferbank hinab, und in das seichte Wasser hinein,
um den Flu zu durchwaten.

Viva Franco! schrie der Alkalde noch einmal in einem Ueberma von
Entzcken. -- Das sind die Truppen des tapferen Generals!

Viva Flores! donnerte aber in dem Augenblick von dort drben der
Gegengru herber, da der Magistratsperson das letzte Wort vor Angst in
der Kehle stecken blieb. -- Franco, der schuftige Dieb, ist verjagt,
~_=Flores=_ el viva~!

~El viva~! jubelten da die Neger, die sich von allen Seiten zum Ufer
drngten -- ~el viva~! -- ~el viva~!

Und ~Flores el viva~ schallte es jetzt sogar aus den Reihen der
Concepcionsleute selber, die gar nicht daran dachten, die usurpirten
Rechte des Mulattengenerals zu vertheidigen, wo sie noch dazu die
Uebermacht auf Flores Seite sahen.

Der Alkalde war indessen rasch gefat. _=Was=_ konnte _=ihm=_ hier
geschehen? Huldigte das Volk der, wie es schien, siegreichen
Quitenischen Regierung, welchen Grund htte _=er=_ dann gehabt, sich dem
nicht anzuschlieen? Und wie er sich nur von seinem ersten Erstaunen
erholt hatte, Quitenische Soldaten von dieser Seite her marschiren zu
sehen, wo er jene furchtbare Wildni wute, stimmte er pltzlich lustig
in den Ruf mit ein.

Alles drngte indessen dem Ufer zu, das die durch das Wasser watenden
Soldaten jetzt erreicht hatten, und dabei sehr erfreut schienen, hier
_=keine=_ Feinde, sondern Bundesgenossen zu finden. Da erhob sich
pltzlich am unteren Theil des Flusses ein Lrm, der aber nur von ein
paar einzelnen Menschen ausgehen konnte.

Caracho! hrten sie eine Stimme in wildem Fluch -- was haltet Ihr
mich fest? -- was habe ich mit Euch zu schaffen?

Du mit uns wohl nichts, mein Schatz, lachte dagegen des kleinen
Italieners Stimme; aber _=wir=_ dagegen so viel mehr mit _=Dir=_. Was
hast Du denn ausgefressen, da Du auf einmal Fersengeld geben willst?

Was ist dort? -- Wen habt Ihr da? frug jetzt der Quitenische
Offizier, der seine Leute rasch gesammelt hatte, weil er noch immer
nicht recht wute, wie er mit den Bewohnern dieser Gegend stand. Das
Vivarufen allein hielt er noch fr keine gengende Brgschaft.

Weiter Niemanden, Seor, sagte da der kleine, herbeikommende
Schneider, whrend seine vier Neger den Gefangenen schon fest gefat,
und ihm in aller Eile die Hnde auf dem Rcken zusammen geschnrt hatten
-- als einen Herrn, der sich fr einen Franco'schen Offizier ausgiebt,
und unter _=der=_ Firma einen ganzen Haufen voll Unheil angerichtet
hat.

Seor Cerro, rief aber der fremde Offizier erstaunt, das ist ja ein
eigenes Zusammentreffen. Also _=Sie=_ sind ein Franco'scher
_=Offizier=_?

Ich kenne Sie nicht, Seor, sagte der Gebundene finster; aber wenn
_=Sie=_ wirklich _=Quitenischer=_ Offizier sind, so verlange ich
wenigstens als Kriegsgefangener behandelt, und nicht in den Hnden
dieser Schufte gelassen zu werden.

Hoho, Seor, schrie Rigoli lebendig, wir werden Dir gleich Deinen
Schdel weich klopfen, wenn Du Deine Zunge nicht im Zaume hltst.

Ich glaube, Sie sind in ganz richtiger Verwahrung, Seor, erwiderte
aber kalt der Quitener. -- Das ist kein Offizier, ~compaeros~,
wandte er sich dann an die Leute, sondern ein Schuft, der in Guajaquil,
als eine Art Kammerdiener des Mulattengenerals, einen bedeutenden
Diebstahl beging, und dann flchtig wurde. Durchsucht ihn doch einmal,
vielleicht finden wir noch eine Anzahl Juwelen bei ihm, die damals
vermit wurden.

Sieh einmal an, lachte der Italiener -- das Geldsckchen der armen
Eva hatte er auch noch, das habe ich aber schon in Sicherheit gebracht
-- nun, vielleicht finden wir noch mehr.

Cerro machte einen verzweifelten Versuch, seine Banden zu zerreien,
aber die Neger hielten ihn wie in einem Schraubstock. Er wurde zu Boden
geworfen, und bald fand sich denn auch, da er in einem um den Leib
geschnallten Geldgrtel eine Anzahl werthvoller Steine und Golddoublonen
versteckt trug.

Indessen hatten die Bewohner von Concepcion Kunde aus dem Innern von den
Neugekommenen, wie auch von den sie begleitenden indianischen
Lasttrgern erfragt, und als sie jetzt die Besttigung erhielten, da
der kleine Tyrann Franco schon vor drei Wochen aus Guajaquil verjagt und
zu Schiff getrieben, das ganze Land aber in den Hnden des Quitenischen
Generals Flores, und der Brgerkrieg wirklich beendet sei, kannte der
Jubel keine Grenzen.

Natrlich war jetzt von einer Verfolgung oder Bestrafung Jos's keine
Rede mehr. Der Seor Cerro blieb gebunden in den Hnden der Polizei,
um ihn in den nchsten Tagen durch den Sumpf nach Ibarra, und von da
nach Quito zu schaffen, wo er den ordentlichen Gerichten bergeben
werden sollte. Der wrdige Alkalde von Concepcion aber war ebenfalls
machtlos geworden, und die Brger der kleinen Stadt luden den Offizier
mit seinen Leuten jetzt auf das Herzlichste ein, mit ihnen nach
Concepcion hinab zu fahren, und dort den Sieg der gerechten Sache solenn
zu feiern.

Rigoli war einer der lebhaftesten bei dieser Einladung, und ruhte auch
nicht eher, bis er den Offizier, um den Zug mit ihm zu erffnen, allein
und an der Spitze seiner Flotte in seinem Canoe hatte, das er jetzt mit
einer, in dem dortigen Laden zusammengekauften und rasch genhten
ecuadorianischen blau, roth und gelben Flagge schmckte.

Aber er verga in seinem Jubel auch nicht das arme, junge Paar, das so
viel Leid ausgestanden. Noch in der nmlichen Woche kehrte er nach
Cachavi zurck, und vier Wochen spter bezogen Jos und Eva einen
kleinen, reizenden Rancho, unmittelbar unter der Stelle, wo der Cachavi
in den Bogota mndet, mit Orangenbumen vor dem Hause, und ein paar
wehenden Cocospalmen, wie einem schon angepflanzten Platanar. Die
Hochzeit aber wurde in Cachavi ausgerichtet, und Rigoli tanzte darauf,
zum Jubel der Neger, die sich ber den kleinen fidelen Burschen vor
Lachen ausschtten wollten, mit der jungen Frau die erste Marimba.




Der Tiger.


Es war an einem jener wundervollen Abende, wie wir sie wirklich nur in
den Tropen finden, da ich auf Java mit Herrn Phlippeau zu seiner
Kaffeepflanzung nach Lembang hinauf fuhr. Lembang liegt auerdem schon
etwa 4500 Fu ber der Meeresflche, von drei bis sechs Uhr Abends war
der gewhnliche, fast immer von Gewittern begleitete Schauer gefallen,
der die Erde abgekhlt und die Bume und Pflanzen mit seinem
erfrischenden Segen berschttet hatte, und die Luft khl und labend.
Hoch am Himmel stand das sdliche Kreuz, und ein wunderbarer Blthenduft
wehte von den Fruchtbaum-Oasen der einzelnen Kampongs oder Drfer zu uns
herber.

Die Theeplantage von Tjoem Boeloeit hatten wir schon lange hinter uns,
und der Weg zog sich ziemlich steil an dem Berghang empor, aber die vier
munteren Macassarhengste zogen den leichten Wagen rasch bergan, und
unsere Cigarren rauchend und im Fond zurckgelegt, genossen wir mit
voller Lust den wahrhaft wundervollen Abend.

So erreichten wir endlich die Hhe des Berges, auf dem das Wohnhaus mit
den Kaffeegebuden, Mhlen und Trockenhusern lag, von denen wir selber
etwa noch sechshundert Schritt entfernt sein mochten, als ich einen
eigenen dumpfen Ton zu hren glaubte, und in demselben Moment auch die
Pferde unruhig wurden und von dem Kutscher kaum konnten in der Strae
gehalten werden.

Was ist? fragte Herr Phlippeau, sich rasch im Wagen aufrichtend. --

~Tau, Tuwan!~ sagte der Bursche mit seinem singenden Ton und
achselzuckend -- aber wir sollten nicht lange darber in Zweifel
bleiben, denn kaum waren die Thiere, wenn auch noch schnaubend und
blasend, wieder dazu gebracht worden anzuziehen, als pltzlich das
laute, donnerhnliche Gebrll eines Tigers an unser Ohr schlug und die
Pferde jetzt so wild und erschreckt zurckfuhren und in die Hh'
bumten, da uns nur eben Zeit blieb aus dem Wagen zu springen und ihnen
in die Zgel zu fallen.

Es gelang auch endlich sie wenigstens so weit zu beruhigen, da sie
still standen, aber an ein Weiterfahren war vor der Hand nicht zu
denken, da sie sich alle im Geschirr verwickelt hatten, und ehe wir das
in der Dunkelheit lsen und in Ordnung bringen konnten, ertnte ein
neues Brllen der verwnschten Bestie, worauf sie es rger als zuvor
trieben. Der eine kleine Hengst besonders begann so furchtbar hinten
auszukeilen, da der malayische Kutscher gar nicht mehr in seine Nhe
wollte; ebensowenig war dieser aber zu bewegen, nach dem kaum
zweihundert Schritt entfernten Kampong zurck zu laufen und Hlfe von
dort herbeizuholen, denn bis jetzt hatten wir alle Hnde voll zu thun
die Pferde zu verhindern, da sie nicht den Wagen seitwrts vom Weg
abschoben und zertrmmerten.

Herr Phlippeau redete dabei heftig und rgerlich in malayisch auf ihn
ein; da er aber sehr rasch sprach, verstand ich nicht, was er sagte, und
halb lachend, halb fluchend wandte er sich endlich gegen mich und rief:

Jetzt frchtet sich der Esel vor dem Tiger, den er selber jeden Morgen
fttert.

Dem Tiger? --

Allerdings; ich habe ihn ja neben meinem eigenen Haus in einem Kfig.
Das ist aber schon das zweite Mal, da es mir die Bestie so macht, und
ich mu sie todtschieen, denn die Pferde wollen mir Nachts gar nicht
mehr in die Nhe der Huser und scheuen schon, wenn der Wind nur von
dort herberweht und ihnen die Witterung zutrgt.

Es gelang uns endlich die Pferde los und frei zu machen, da der Wagen
wenigstens nicht mehr gefhrdet war, und ich sprang jetzt selber nach
dem Kampong hinber, um ein paar der dortigen Einwohner herbeizurufen,
damit sie die Pferde einzeln fhren konnten. Wir selber wollten
natrlich viel lieber die kurze Strecke nach dem Hause zu _=gehen=_, als
da wir uns noch einmal der Arbeit mit den scheuen Thieren unterzogen.

Der Tiger schien sich beruhigt zu haben, kaum aber hatten die herbei
gerufenen Malayen die Thiere gefat, als das Gebrll von neuem begann
und die kleinen Hengste toller als je zu schnauben und auszuschlagen
begannen. Das aber war jetzt der Malayen Sache, mit ihnen fertig zu
werden, wir selber schritten rasch auf dem breiten, gut gehaltenen Weg
den Husern zu, und erfuhren am andern Morgen, da die Eingeborenen
wirklich gestern Abend noch mehrere Stunden gebraucht hatten, um die
erschreckten Pferde in ihre Umzunung zu bringen.

Herr Phlippeau war aber fest entschlossen die unbequeme Bestie, die ihm
denselben Streich schon einmal gespielt hatte, als er vor einigen Tagen
mit seiner Frau zurck nach Hause wollte, abzuschaffen, was eben nicht
anders geschehen konnte, als sie todt zu schieen. Der Transport nach
Batavia hinab, wo er den Tiger htte gut genug an eines der
heimkehrenden Schiffe verkaufen knnen, war zu lang und unbequem, auch
kostspielig, und ich selber wurde zum Executor bestimmt.

Am nchsten Morgen nahm ich dehalb meine Bchse und ging zu dem Kfig,
oder Kasten, der mitten auf einem offenen Platz, etwa vierzig Schritt
von den Husern der malayischen Diener entfernt, und zwischen diesen und
den Wohngebuden stand. Der Kasten war gar nicht von starker Art und nur
aus etwa 4 Zoll starken Stben von Arenpalmen-Holz gemacht. Dieses Holz
eignet sich aber vortrefflich dazu wilde, strrische Bestien zu halten,
denn erstens ist es zh, und dann splittert es, wenn diese hineinbeien
wollen, und sticht sie in das Zahnfleisch, so da sie selten mehr als
einen oder zwei Versuche machen, ihr Gefngni zu durchbrechen.

Die Malayen selber waren aber sehr froh, als sie hrten da der Tiger
getdtet werden sollte, denn ihrer Behauptung nach hatte er die letzte
Nacht so furchtbar gewthet und an seinem Kfig gerttelt, da sie
gefrchtet zu haben schienen, er wrde sich wirklich frei machen, und
dann ihnen zuerst einen Besuch abstatten, ehe er sich in seinen Wald
zurckzog. -- Der Tiger mute jetzt brigens den Zorn und die Ungeduld,
die er die Nacht gefhlt, berwunden haben, denn er lag lang
ausgestreckt und ruhig in seinem Kfig und leckte seine Tatzen mit der
stachligen Zunge.

Es war noch ein junges, vielleicht zweijhriges Thier, schlank und
geschmeidig, mit glattem, wundervoll gezeichnetem Fell. Wie ich aber auf
ihn zu und dicht an seinen Kfig trat, hrte er mit Lecken auf, duckte
sich womglich noch dichter auf den Boden nieder, legte die Ohren
zurck, fletschte die Zhne und knurrte leise und tief, wie ein
rgerlicher Hund. So lag er eine lange Weile -- seine Augen waren
ordentlich grn geworden und leuchteten unheimlich, und wie ich einen
Arm nach seinem Kfig ausstreckte, als ob ich ihn berhren wollte, fuhr
er pltzlich mit einem wilden Satz und weit geffnetem Rachen gegen die
Stbe an. Aber er bi, von frher her wahrscheinlich gewitzigt, nicht
hinein, sondern schien sich damit zu begngen, mir nur anzuzeigen, da
ihm meine Gegenwart unbequem sei.

Einige zwanzig Arbeiter vom Platz hatten sich indessen ziemlich dicht um
den Kfig versammelt, und nur die Frauen wichen scheu zurck, als das
gereizte Thier empor fuhr. Der Tiger aber, wie damit zufrieden gestellt,
da er uns seinen Muth und seine Kampfbegier gezeigt, war wieder in
seine alte Stellung zurckgefallen, und nur der tckische Blick blieb
mir seitwrts zugewandt, als ob er in mir seinen schlimmsten Feind
ahnte. Wre er frei gewesen, so bin ich auch fest berzeugt, da er
mich, vor allen Anderen, angenommen htte. -- So freilich mute er sich
das vergehen lassen; der kleine aber starke Kfig hielt ihn sicher
genug.

Der Kasten war in der That kaum breit genug, da das so geschmeidige
Thier im Stande schien sich darin umzudrehen, und er lag jetzt mit dem
Gesicht nach vorn und den Rcken der schmalen Thr zugedreht, die mit
einem hlzernen Zapfen verschlossen gehalten wurde, vollkommen bequem zu
einem sicheren Schu.

Da ich ihn noch abstreifen wollte, ehe es zu hei wurde, zgerte ich
auch nicht lange, und lie die Malayen von der anderen Seite
zurcktreten, weil ich nicht wute, ob meine Spitzkugel, die ich damals
noch fhrte -- ich bin auf der Jagd aber vollkommen davon zurck
gekommen -- nicht doch vielleicht durch den Schdel schlagen und auf der
anderen Seite noch Unheil anrichten konnte. Die neugierigen Burschen
waren aber kaum fern zu halten, so wollten sie alle, ganz in der Nhe,
den Tod des Raubthiers betrachten, und wie ich nur wenigstens vor der
Kugel freien Raum hatte, trat ich dicht an den Kfig, hielt dem
Raubthier die Mndung des Bchsenlaufs vor das Ohr und drckte ab.

Der Tiger zuckte nicht einmal zusammen; der halb und tckisch nach mir
gehobene Kopf fiel auf seine Tatzen nieder, und die Malayen sprangen
jetzt zu ihm heran. Wie ich selber aber nun den Schu gefeuert hatte,
gab ich mein Gewehr dem Nchsten zum Halten, trat hinten an den Kasten,
zog den Pflock heraus und ffnete die kleine Thr. Das aber hatten die
Malayen nicht gedacht. Auf den Tiger war allerdings ein Schu gefallen,
aber da er todt sei und keinem Menschen auf der Welt mehr schaden
knne, wute ich nur allein, die Malayen schienen wenigstens von einem
so raschen und nicht von der geringsten Bewegung begleiteten Tod noch
keineswegs berzeugt, und kaum hatte ich die Klappe geffnet, ja wie ich
nur den Pflock herauszog, stoben sie alle in wilder Flucht und mit
lautem Geschrei auseinander und ihren Htten zu.

Es war ein hchst komischer Anblick, und vergebens mein Rufen, da der
Tiger todt und unschdlich sei. Erst als ich mich nicht weiter um sie
kmmerte und den Tiger beim Schwanz ergriff, aus dem Kfig zog und
anfing ihn abzustreifen, kamen sie wieder schchtern nher und lachten
nun selber, in ihrer gutmthigen Weise, ber ihre Furcht. Keiner aber
legte mit Hand an, und sie lieen mich meine Arbeit ganz allein
vollenden. Erst als ich die Haut vollkommen herunter hatte und mir nun
von Einigen dnne Bambusstbe bringen lie, um sie auszuspannen und dann
in der Sonne rasch zu trocknen, machten sich ein paar von ihnen daran
den Krper aufzuschlitzen.

Im Anfang wute ich allerdings nicht, zu welchem Zweck das geschah, denn
da sie das Fleisch des Tigers nicht essen, hatte ich schon oft
besttigen hren. Sie nahmen aber auch nur das Herz des Raubthiers
heraus, das sie in kleine Stcke schnitten und unter einander
vertheilten. Wie ich ihnen noch erstaunt zusah, verschluckten auch ein
paar von ihnen ihren Antheil gleich roh an Ort und Stelle, und nur mein
letzter Fhrer auf der Rhinocerosjagd, ein Bursche, der auch nicht einen
Funken von Courage besa und bei dem Ausreien vorher der
Schnellfigste gewesen, verschwand mit seinem Stck und kehrte erst
nach einigen Minuten ohne dasselbe zurck.

Er sollte mir jetzt erklren, was dieser Gebrauch bedeute, denn zum
Sattessen hatten sie das Fleisch keinesfalls genossen, dazu waren die
Bissen zu klein gewesen. Er kam dann endlich, wenn auch etwas verschmt,
mit dem Bekenntni heraus, da die Javanen, wenn sie ein Stck von dem
Herzen des Tigers verzehren, auch einen Theil von dessen Muth bekmen.
Rasch setzte er aber hinzu, da er nichts davon gegessen habe, das solle
ich nicht glauben -- und dabei sa ihm das frische Blut noch in den
Mundwinkeln.

Merkwrdiger Aberglauben, den die Leute haben, nicht wahr? -- Und machen
wir civilisirten Christen es etwa besser, haben wir nicht eine Menge von
Dingen, die andere Vlkerschaften fr ebenso unhaltbar und thricht
halten, wie wir jenen Gebrauch? Es ist und bleibt dieselbe Geschichte,
und wir wollen nur nicht selber eingestehen, das wir _=Alle=_ Balken im
Auge tragen.

Thricht ist der Gebrauch aber schon aus dem Grund, weil die Leute mit
dem Stck vom Herzen den _=Muth=_ des Tigers gewinnen wollen; es giebt
nmlich auf der Welt keine, zwar blutgierigere, aber auch feigere
Bestie, als gerade den Tiger. Er reit Menschen nieder, ja, aber nur,
wenn er sie aus dem Hinterhalt berfallen kann, nie und nimmer offen und
Gesicht in Gesicht. Heimlich schleicht er herbei und liegt auf der
Lauer, um irgend ein Stck Wild oder auch vielleicht ein Rind zu
erbeuten, aber schon das Gerusch des nahenden Menschen schreckt ihn
empor und treibt ihn in die Flucht, und wenn man in Java wirklich von
_=Menschen=_ hrt, die er berfallen hat, so sind es fast immer nur
Frauen und Kinder, an die er sich gewagt.

Schon seine ganze Jagd beweist, wie wenig Muth er besitzt, denn er mu
getrieben und umstellt werden, ehe man ihn zum Schu bekommen kann, und
nur schwer verwundet oder in der Verzweiflung sich berlistet zu sehen,
nimmt er, wenn er nicht lnger fliehen _=kann=_, den Kampf an, und dann
freilich ist er ein gefhrlicher Gegner, ja vielleicht der gefhrlichste
von allen wilden Bestien, weil seine Gewandtheit seiner furchtbaren
Kraft gleich kommt.

Es ist vorgekommen, da ein Tiger eins der kleinen Javanischen Pferde
aus einer fnf Fu hohen Umzunung geraubt hat, ohne den Zaun zu
durchbrechen, und er mu es, wenn er nicht damit hinber _=gesprungen=_
ist, doch wenigstens hinbergehoben haben, wozu kaum _=vier=_ Menschen
im Stande gewesen wren -- und drauen trug er es im Rachen fort. Aber
Mrchen sind es auch wieder, wenn man behauptet, da ein einziger Schlag
seiner Tatze einen Bffel betube und zu Boden werfe. Nur wenn er ihm
auf den Nacken springen kann, ist der _=einzelne=_ Bffel verloren, und
den dortigen ~bantings~ oder wilden Rindern mit ihren spitzen Hrnern,
die sich stets in Trupps halten, soll er scheu aus dem Wege gehen, und
nur wo das ungestraft geschehen kann, auf ein Kalb fahnden.

Es giebt in Java viel Tiger, und man findet sogar in den Walddistrikten
hie und da sogenannte todte Kampongs, die von den Bewohnern der vielen
Tiger wegen frher verlassen und deren Sttten von der gewaltigen
Vegetation schon lange berwuchert wurden, so da nur die frher dort
gepflanzten Cocos- und Arecapalmen die Stellen bezeichnen, auf denen sie
gestanden. Und doch wird von dem Jger nur in hchst seltenen Fllen,
und dann selbst nur durch Zufall, ein Tiger im Wald angetroffen und
erlegt, denn der Tiger hlt eben nicht Stand. Nur in Gruben wird er
gefangen, oder hie und da benutzt auch wohl ein Europer ein von der
Bestie zerrissenes und aufgefundenes Stck, um Nachts dabei anzusitzen
und sie auf dem Anstand zu erlegen. Alle von den Eingeborenen erbeuteten
Felle _=mssen=_ dabei an die Regierung eingeliefert werden und der
Eigenthmer bekommt dafr eine vom Staat festgesetzte Prmie von frher
fnfzehn jetzt zwanzig Gulden.

Der Tiger spielt aber, trotz seiner Feigheit, bei den Javanen eine groe
Rolle und besonders seinen Krallen -- auer der Wirkung, die das frisch
verzehrte Herz ausben soll -- trauen sie noch eine besondere Kraft zu,
oft sehr zum Aerger der Europer, die sich dort angekaufte oder sonst
gewonnene Felle gern vollstndig erhalten wollen. Die Eingeborenen
stehlen nmlich diese Krallen, wo sie ihrer nur irgend habhaft werden
knnen, und auch an dem Fell, das ich an jenem Tag abstreifte und zum
Trocknen in die Sonne hing, fehlten sie schon an dem nmlichen Abend
smmtlich.




Negerleben.


Die Menschen gewhnen sich -- und es ist das eine merkwrdige Thatsache
-- mit der Zeit selbst an das Wunderbarste, so da sie es zuletzt nicht
einmal der Mhe werth halten, mehr darber nachzudenken. Wir sehen die
Sonne auf- und untergehen, die Pflanzen keimen und wachsen, das Meer
ebben und fluthen -- sehen Winter und Sommer kommen, den Baum aus einem
Kern, den Schmetterling aus einer Raupe, den Lieutenant aus einem
Wickelkind entstehen, und bemerken die Verwandlung nicht einmal mehr,
die fr uns etwas Alltgliches geworden.

So staunen wir auch wohl anfangs neue Erfindungen an und bewundern die
Kraft des Dampfes und Elektro-Magnetismus -- aber nicht lange, dann
benutzen wir sie und knnen uns kaum noch denken, da es eine Zeit
gegeben hat, in der sie nicht gekannt war.

Ebenso geht es mit althergebrachten Gewohnheiten und Sitten. Kommt ein
Europer in ein tropisches Land, so ist er ganz erstaunt, dort auf
einmal einer Race zu begegnen, die vollkommen nackt in der Welt
herumluft, und will sich halb todt lachen, wenn sich der Knig eines
fremden Volkes zu ihm auf die Erde setzt und ihn um etwas Tabak
anspricht; aber kaum lebt er vier Wochen unter den Leuten, so sieht er
weder die Nackten mehr, noch findet er etwas Auerordentliches in der
Herablassung Sr. Majestt.

Genau so geht es uns mit der Sclaverei.

Wenn sie noch nie bestanden htte und ein Mensch sich dann erfrechen
wollte, einen zweiten, der eine andere Hautfarbe hat, als er, und nicht
ganz so gebildet ist, zu zwingen, fr ihn umsonst zu arbeiten, whrend
er in der nmlichen Zeit dessen Frau und Kinder an einen Dritten
verkaufte, so wren wir auer uns und hielten das mit Recht fr eine
Scheulichkeit und Niedertrchtigkeit. Jetzt aber sind wir so gewohnt,
von Negersclaven und deren Versteigerung zu hren, da die meisten
Menschen bis vor kurzer Zeit gar nichts Absonderliches mehr in der Sache
fanden. Ja, in den Lndern, wo die Sclaverei wirklich bestand, wurde
sogar das Recht der Weien, schwarze Sclaven zu halten, in den Schulen
gelehrt, und Geistliche entbldeten sich nicht, die heilige Schrift zu
mibrauchen, um ein solches Verbrechen als von Gott selber eingesetzt
hinzustellen.

Da wir die Baumwolle theurer bezahlen mssen, wenn es einmal keine
Sclaven mehr giebt, steht wohl fest, denn der Arbeiter verlangt dann
seinen verdienten Lohn, aber das Rechtlichkeitsgefhl civilisirter
Menschen hat sich endlich dahin ausgesprochen, da ein wenn auch durch
Jahrtausende gebter Brauch doch ein Mibrauch und eine
Niedertrchtigkeit sein knne, und whrend in Ruland die Leibeigenen
freigegeben wurden, traten in Nordamerika Hunderttausende unter Waffen,
um ihr Vaterland von der Schmach zu befreien, zu den Sclavenstaaten
gezhlt zu werden.

Es fllt mir indessen hier nicht ein, eine Abhandlung ber die
Sclaverei, ihre Nichtberechtigung oder Berechtigung zu schreiben. Der
gesunde Sinn des Volkes hat lngst darber entschieden und sie fr ein
Verbrechen erklrt -- wenn es auch selbst in Deutschland noch einige
Menschen giebt, die sie vertheidigen und mit schalen Phrasen ihre
Existenz als nothwendig darzustellen suchen. Ich selber mchte hier dem
Leser nur eine kurze Schilderung der Zustnde geben, in denen ich Neger
in den verschiedenen Welttheilen getroffen habe, und eine solche
Zusammenstellung ist immer insofern interessant, als sie einen
Vergleich zult.

Von der Heimath der Neger will ich nicht reden. Leute, die mit deren
Vaterland genau vertraut sind, haben das schon viel besser gethan, als
ich es im Stande wre. Nach Allem aber, was man von ihnen hrt und
sieht, scheint es, da sie dort, wo sie mit den Weien noch nicht in
nhere Berhrung kamen, wie das auch bei den Indianern der brigen
Welttheile der Fall ist, harmlos und gastfrei sind und eben nicht mehr
arbeiten, als sie zu ihrem Lebensunterhalt brauchen.

Dann kommen die Europer zu ihnen. Portugiesische Sclavenhndler
durchziehen das Land, die Gier nach Reichthmern wird in ihnen erregt,
alle Leidenschaften werden wachgerufen und zu Verbrechen gesteigert, und
dann werfen sich die Weien in die Brust und sagen: Was fr thierische
Vlker sind das! Kann sie Gott der Herr fr etwas Anderes erschaffen
haben, als den Weien durch ihre Krperkraft zu dienen?

Wir wollen uns diese thierischen Vlker betrachten, wie sie in anderen
Lndern der Erde leben, wohin sie aber nur durch die Weien selber
gebracht wurden.

Die eingeborenen Afrikaner sind nmlich keine seefahrende Nation, woran
auch vielleicht die ungnstige Beschaffenheit ihrer Ksten die Schuld
trgt. Nur die ihnen zunchstliegenden wenigen Inseln haben sie
bevlkert und sie entweder ganz besetzt, oder sich mit den Ureinwohnern
vermischt, wie z. B. auf der Westkste von Madagascar.

Da die Eingeborenen Australiens eine Mischlingsrace von Aethiopiern und
Malayen sein sollten, ist nur eine Phantasie Blumenbach's. Die
australischen Schwarzen sind ein unzweifelhafter Urstamm, und nie hat
ein Aethiopier oder Neger deren Ksten, auer auf einem Schiffe der
Weien, betreten.

Auch im ostindischen Archipel, ja selbst in dem ihnen gegenberliegenden
Arabien finden wir keine Spur von ihnen als freien Einwanderern. Sie
sind nur als Sclaven dort hinber geschleppt, whrend sie von den an
ihren Ksten landenden Abkmmlingen der kaukasischen Race weiter und
weiter in das innere Land zurckgedrngt wurden.

Wenn sie aber nicht selber zur See gehen wollten, so gab man ihnen
Passage, und die Spanier und Portugiesen, nachdem sie in Amerika die
gutmthigen Indianer unter dem Vorwand, ihre Seelen zu retten,
erschlagen oder zu Tode geknechtet hatten, muten schon Sclaven dort
hinber fhren, um die Arbeit zu thun, die das faule Seerubergesindel
nicht selber verrichten mochte.

Nordamerika folgte, und wie sich der Reis-, Baumwollen- und
Zuckerrohrbau als ergiebig zeigte, schaffte man Neger dort hinber, die
nicht allein die Felder bestellen muten, sondern auch einen
eintrglichen Handelsartikel bildeten.

Die Sclaven werden nun berall, wo man sie hlt, nur in seltenen Fllen
wirklich schlecht behandelt, denn es liegt im eigenen Interesse des
Besitzers, sie gesund und bei Krften zu erhalten. Sie drfen deshalb
ebensowenig, wie ein Pferd oder Stier, berarbeitet werden, und die
Hauptkunst eines ordentlichen Sclavenzchters besteht darin, so viel
Arbeit aus ihnen herauszubekommen, als sie leisten knnen, ohne sie
dabei zu schdigen.

Es giebt Ausnahmen -- ich kenne auch selbst aus den Vereinigten Staaten
Beispiele von boshafter, ausgesuchter Grausamkeit -- Geschichten, wie
sie selbst Mrs. Beecher-Stowe nicht schlimmer erdacht hat, die doch das
Mgliche darin leistete, aber es sind das doch nur Ausnahmen. Im Ganzen
hatten sie ihre bestimmte Arbeitszeit und ihre ihnen angemessene Kost,
auch die nthige Kleidung, und die meisten Herren gaben ihnen auch noch
einen Gartenplatz, um darin fr sich selber zu arbeiten. Die
Vertheidiger der Sclaverei sagen nun: Was will so ein Neger mehr? Ist
er nicht viel besser daran, als unsere deutschen Armen, die, wenn sie
krank und elend werden, verhungern knnen, ohne da sich ein Mensch um
sie bekmmert? Der Herr mu seinen Sclaven erhalten, auch wenn er nicht
arbeitet.

Das ist wahr, und die gezwungene Arbeit bleibt das geringste Elend der
Sclaven -- das furchtbarste ist der Verkauf.

Eine Negerfamilie hat ber Tag ihre Arbeit gethan, ihr Herr ist gut und
milde mit ihnen, sie werden freundlich behandelt, aber -- er liegt krank
in seinem Haus. Wenn er morgen stirbt, wird das Gut mit seinem Inventar,
zu dem die Sclaven gehren, verkauft, und was wird dann aus ihnen? Jetzt
noch sitzen Vater und Mutter mit ihren Kindern beisammen -- wie lange
noch? Die Gesetze verboten freilich, da in den Staatsauctionen die
Familien getrennt wurden; aber wer kaufte die Neger auf den Auctionen?
Nur herumreisende Yankees, denn kein anstndiger Sdlnder wrde sich zu
dem schmutzigen Geschft eines Sclavenhndlers hergegeben haben; nur
diese Menschenclasse, die der freie Norden und dort hauptschlich der
kleine Complex der eigentlichen Yankeestaaten, Massachusets, Connecticut
und Vermont liefert. Die aber machten sich auch kein Gewissen daraus,
Familien zu trennen und das Weib von dem Gatten, Kinder aus dem Arme der
Eltern zu reien. Es war einmal ihr Geschft, fr das ja auch sogar
mancher deutsche Gelehrte seine Lanze einlegte und, wenn auch unbewut,
seine Rechtmigkeit vertheidigte.

Das ist das Furchtbare im Leben des Negersclaven, da er nie und zu
keiner Stunde seiner eigenen Familie sicher ist, da er, wenn er sein
Kind auf den Arm nimmt und es herzt und kt, nicht wei, ob nicht schon
morgen ein frecher, tabakkauender Weier, von den Gesetzen beschtzt,
den Arm danach ausstreckt und er es nie, nie wiedersieht. Fragt die
Aermsten unserer Armen, fragt die unglcklichen Erzgebirger, die sich in
ungnstigen Jahren von faulen Kartoffeln nhren und nicht einmal genug
von _=der=_ Nahrung haben, ob sie mit ihm tauschen mchten!

Aber sonst geht es den Negern gut.

Es ist gerade so, als ob ich von einem Menschen sage: Er hat freilich
die Schwindsucht -- aber sonst geht es ihm gut.

Ein glcklicher Leichtsinn half dem Volk brigens das oft
Unertrglichste wirklich zu ertragen. Ja, man hrte wohl dann und wann
einmal von dem Selbstmord einer Mutter, der man ihr Kind geraubt und die
sich in den Strom gestrzt; auch hat dann und wann ein junger Bursch aus
thrichter Eifersucht einen Aufseher erschlagen und ist natrlich
deshalb gehangen worden. Aber war das nicht Wahnsinn, mute er denn
nicht wissen, da die Sclavinnen alle Eigenthum ihres Herrn sind, und
keines der Mdchen dem Aufseher oder ~nigger-driver~ eine kleine
Geflligkeit weigern konnte, wenn sie nicht die Hlle auf Erden haben
wollte?

Wie vergngt die jungen Leute trotzdem zur Arbeit gingen! Es lag ihnen
einmal im Blut, und wenn man sie so zusammen schwatzen und lachen hrte,
htte man kaum glauben knnen, da eine einzige Sorge ihr Leben trbe?

Der Neger hat ungemein viel Sinn fr das Komische und Niemand in der
Welt kann herzlicher und lauter lachen, als ein Neger. Ihr Jaw! Jaw!
Jaw! hrt man oft unglaubliche Strecken weit, und sie biegen sich dabei
zurck und zeigen ein paar Reihen von Zhnen, die an blendender Weie
Nichts zu wnschen brig lassen. Musik und Tanz lieben sie ebenfalls
leidenschaftlich, und das einfachste Instrument gengt, um eine ganze
Plantage auf die Fe zu bringen. Oft und oft habe ich die Arbeiter
bewundert, die an der Leve von New-Orleans die schweren
Baumwollenballen und Zucker-~hogsheads~ an Bord der Schiffe wlzen.
Besonders das letztere Geschft treiben sie systematisch.

Es giebt nmlich kaum eine schwerere Arbeit, als solch ein groes
Zuckerfa zu rollen, denn es ist nie vollstndig gefllt. Der schwere
Zucker fllt dadurch fortwhrend nach unten, so da stets das ganze
Gewicht gehoben werden mu. Je schwerer die Arbeit aber, desto lauter
und lustiger geht es dabei zu, und man soll nur einmal die acht Mann,
die gewhnlich zu einem groen Fa gebraucht werden, sehen, wie sie
dabei hpfen und springen und im Tact ein munteres Lied singen. Wie am
Bord der Schiffe bei schweren Arbeiten, macht auch hier Einer den
Vorsnger, der irgend eines ihrer oft schwermthigen, oft ausgelassenen
Negerlieder singt, in das dann, beim Ende eines jeden Verses, der Chor
in lauter jubelnder Lust einfllt. Aber noch nicht genug, der Vorsnger
ist auch zugleich Vortnzer, und whrend er jetzt mit triefender Stirn
gegen die ungefge Last anarbeitet, springt er pltzlich zurck, tanzt,
whrend er die zwei letzten Strophen seines Verses singt, um die
Arbeitenden und das Fa her, und wirft dann mit dem Refrain seine
Schulter wieder gegen das riesige Hogshead.

So finden wir sie in den Sclavenstaaten, whrend sie in der Freiheit
ganz andere, viel gesetztere Menschen werden und ihrer Arbeit mit groem
Eifer, aber weit ruhiger obliegen, den frhlichen leichtherzigen Sinn
aber auch da nicht verleugnen.

In den nrdlichen Staaten der Union leben Tausende und Tausende von
freien Farbigen, wie sie sich dort selbst bezeichnen, denn sie setzen
eine Ehre darin, nicht etwa Schwarze oder gar Neger und noch schlimmer
Nigger genannt zu werden, da das Wort Nigger eins ihrer eigenen und
rgsten Schimpfworte ist. Sie belegen ihre Race auch deshalb nur mit dem
Namen ~coloured people~ oder farbiges Volk, und der Unterschied
zwischen ihnen und den Weien wird mit ~a white lady~ und ~a coloured
lady~ oder ~a white gentleman~ und ~a coloured gentleman~
ausgedrckt.

Nun fand man sie allerdings in vielen Gewerken vertreten; sehr selten
wird man aber einen der Race als Drechsler, Blechschmied, Uhrmacher &c.
antreffen, selbst Kaufleute und Hndler wurden sie nur in
Ausnahmsfllen. Dagegen monopolisirten sie schon frher in allen
nordischen Stdten Amerikas sowohl, wie selbst im Sden die sogenannten
~barbershops~ oder Barbierlden, in denen auch stets zugleich frisirt
wird. Smmtliche Kche und Kellner in den groen Hotels, ~Oystershops~
und anderen Anstalten sind ebenfalls ~coloured men~ und keine
Musikbande besteht fast von den Canadischen Seen nieder bis zum Cap Horn
an der Sdspitze des Festlandes, wo nicht ein Neger oder Mulatte die
groe Trommel schlge oder Cymbeln und Triangel bearbeitete.

Auch an Bord von Schiffen sind sie meist Kche und Stewards, seltener
Matrosen, nie aber konnten sie als Steuermann fahren und knnen es
wahrscheinlich noch nicht, denn kein weier amerikanischer Matrose wrde
sich von ihnen etwas befehlen lassen.

Merkwrdig ist berhaupt die grenzenlose Verachtung, mit welcher die
farbigen Leute, selbst in ihren lichtesten Abkmmlingen, von den weien
Nordamerikanern behandelt wurden, ehe ihre Emancipation erklrt war. Sie
hatten im Theater ihre bestimmten Pltze, auf der Eisenbahn ihre
besonderen Wagen, sie muten in den Straen jedem Weien ausweichen,
wenn sie sich nicht augenblicklicher Zchtigung aussetzen wollten, und
nur in neuerer Zeit scheint man den Versuch gemacht zu haben, sie in
_=Allem=_ den weien Brgern der Union gleichzustellen, ja ihnen sogar
das Stimmrecht zu verleihen, und es bleibt abzuwarten, wie lange das gut
thut. Es wird aber sehr schwer sein, die alten Vorurtheile so mit einem
Mal zu beseitigen, denn der Weie _=hate=_ nicht allein den Neger --
das htte sich ndern lassen --, nein er _=verachtete=_ ihn auch, und
ein derartiges Gefhl ist unendlich schwer in Achtung zu verkehren.
Geschah doch sogar das Auerordentliche vor einigen Jahren in einem der
ersten Hotels Bremens, einer _=deutschen=_ Stadt, wo ein
Violinenvirtuos, ein Mulatte und ein durchaus gebildeter junger Mann,
die Tafel auf Gehei des Wirthes verlassen mute, weil die dort das Haus
zahlreich frequentirenden amerikanischen Schiffscapitaine drohten, das
Hotel in Verruf zu erklren, wenn der _=Nigger=_ nicht entfernt wrde.

Jetzt ist die Sclaverei im Norden aufgehoben, und das einzige Land des
amerikanischen Continents, wo es noch (auer in einem kleinen Theile
Guianas) Negersclaven giebt, ist Brasilien. Dorthin wird auch noch --
trotz aller dem entgegenlaufenden Gesetze -- ein lebhafter Negerhandel
von der afrikanischen Kste getrieben. Man scheint brigens die Sclaven
in Brasilien -- so weit ich nmlich darber urtheilen kann, -- ziemlich
gut zu behandeln, und die Regierung thut auch ihr Mglichstes der
Verbreitung der Sclaverei entgegenzutreten. Verbietet man doch sogar
den deutschen Colonisten dort Sclaven zu halten. Die Neger verleugnen
aber auch dort ihr leichtes Blut nicht und verrichten die schwersten
Arbeiten unter Singen und Lachen. So sah ich einst vier Neger ein
Pianino in Rio-Janeiro durch die Straen tragen, und zwar auf ganz
eigenthmliche, dort aber stets gebruchliche Weise. Sie trugen das
ziemlich schwere Instrument an den vier Ecken auf den Kpfen, und
keuchten nicht etwa ihren Weg entlang, sondern _=tanzten=_. Einer von
ihnen hatte eine Art von Castagnetten, mit denen er den Tact angab, und
whrend sie mit lauter, jubelnder Stimme und auerordentlich vergngten
Gesichtern eines ihrer tollen Lieder sangen, tanzten sie dabei im wahren
Sinn des Worts auf dem breiten Trottoir hin und verdrehten ihre Krper
in der wunderlichsten Art.

In smmtlichen Republiken des amerikanischen Continents sind die
Negersclaven freigegeben, denn mit Recht hielten es die damaligen
Gesetzgeber einer Republik fr unwrdig, alle Menschen frei und
gleichberechtigt zu erklren, und doch dabei die eine bestimmte Race in
Banden und Knechtschaft zu halten. An der ganzen Westkste Amerikas, wie
auch in den La Plata-Staaten, giebt es, dem Gesetz nach, keinen Sklaven
mehr. Wo aber wre schon ein Gesetz gegeben worden, das nicht der
Eigennutz und die Habgier der Menschen zu umgehen und kraftlos zu machen
gewut!

Das Gesetz in Ecuador und Peru sagt ausdrcklich, da dort kein Neger
mehr als Sclave gehalten und verkauft werden darf, und doch geschieht
Beides noch bis zu dieser Stunde, wenn auch in beschrnktem Mae, aber
noch dazu vor Gericht und von den Gesetzen untersttzt. Das Wie? ist
leicht erklrt. Die Neger sind Alle frei, aber -- Contracte haben,
zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, volle Gltigkeit. Die Neger sind,
wenn nicht zur Arbeit gezwungen, ziemlich faul, und Viele von ihnen auch
dem Trunk ergeben. Haben sie gar kein Geld mehr, so arbeiten sie, und
Weie finden sich berall, die ihnen Vorschu geben. Hat der Neger aber
von einem Weien erst einmal Vorschu bis zu einer Hhe von vierzig
Dollars erhalten, dann kommt der Glubiger zu den Schwarzen und sagt:
Hr' einmal, lieber Freund, das geht nicht mehr. Was Du mir schuldig
bist, kannst Du allerdings nach und nach abarbeiten, aber Du mut mir
jetzt hier diesen Schein unterschreiben, da ich vierzig Dollars an Dich
zu fordern habe und Du mir dafr ein Jahr dienen willst. Was Du indessen
brauchst, geb' ich Dir. Der Schwarze unterschreibt nun den Schein und
tritt in den Dienst des Weien, dessen Sclave er von dem Augenblick ist,
denn in nur sehr seltenen Fllen wird er wieder frei. Was er nmlich
indessen an Kleidern und Schuhwerk braucht, oder an Branntwein haben
will, giebt ihm sein neuer Herr bereitwillig, zu von ihm selbst
festgestellten Preisen, und sorgt dadurch schon dafr, da er bis zum
Ende des Jahres wieder die alten vierzig Dollars Schulden hat.

Auch ein frmlicher Verkauf ist dabei nicht ausgeschlossen, wenn dieser
auch unter einem anderen Namen stattfindet. Ein Anderer zahlt nmlich
dem Glubiger die Schuldsumme vor Gericht, und eine Kleinigkeit mehr
privatim, wenn verlangt, und der Sclave -- wechselt seinen Herrn.

In Ecuador haben sich die befreiten Sclaven meist in das niedere Land
gezogen und dort ganze Districte besiedelt. In den mchtigen
Niederungen, besonders an den Ufern der verschiedenen Strme, sind
frmliche Niederlassungen von ihnen gegrndet, und man kann dort
tagelang reisen ohne einen anderen Menschen als einen Neger oder
Mulatten zu treffen. So fand ich am Cachavi (einem kleinen Strom, der
sich in den Santiago ergiet und durch diesen mit dem Pailon in
Verbindung steht) eine vllige kleine Negerrepublik. Sie hatten dort
einen schwarzen Alcalden und schwarze Beamte und nur ein einziger weier
Hndler, ein Italiener, lebte zwischen ihnen.

So war es an der ganzen Westkste aufwrts, whrend auch im Sden die
Ufer des Guajaquilstroms meistens von Schwarzen besetzt und bebaut
waren, die dort Platanare- und Cacaopflanzungen angelegt hatten, whrend
die Weien den Handel zwischen ihnen vermittelten.

Anders stellte sich das Verhltni in Peru, wo es kein niederes
sumpfiges Land giebt, das ihnen, wie in den nrdlicheren Staaten, allein
berlassen blieb. Dort halten sich die Schwarzen in der Nhe von Lima,
oder selbst in der Stadt auf -- eben nicht zum Nutzen der ffentlichen
Sicherheit -- und es giebt kaum ein frecheres, vorlauteres Volk in der
weiten Welt, als diese freigesprochenen Neger Perus. Ganze Vorstdte
bevlkern sie dort, und whrend die Regierung die jungen Leute meist
unter die Soldaten steckte, sind doch noch genug brig geblieben, um die
Straen unsicher zu machen. Nicht mit Unrecht legte man nmlich den
Schwarzen einen groen Theil jener Straenrubereien zur Last, die in
der unmittelbaren Nhe Limas verbt wurden und ihren Hhepunkt
erreichten, als die Todesstrafe aufgehoben wurde. Die Gefngnisse waren
nmlich so beengt, da man die Verbrecher gar nicht alle darin
unterbringen konnte, und es ist wohl nicht blos eine Fabel, wenn die
Peruaner behaupten, da man damals, wenn die Zellen gefllt waren und
neue Strflinge eingeliefert wurden, die hinauslie, die am lngsten
gesessen hatten. Erst als Prsident Castilla im Jahre 1860 die
Todesstrafe nothgedrungen wieder einfhrte und zugleich ein riesiges
Zellengefngni mit furchtbaren Behltern im Bau begann, nahmen die
Verbrechen etwas ab, wenn sie auch nicht ganz aufhrten.

Und tragen die Schwarzen allein an diesen Verbrechen die Schuld? Ich
glaube kaum. Befreite Sclaven nur waren es, die das gewonnene Gut, ihre
Freiheit, misbrauchten, weil sie nie gelernt hatten es zu schtzen, und
wahr ist das Wort:

    Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht --
    Vor dem freien Menschen erzittere nicht.

Wir drfen uns deshalb auch nicht wundern, wenn wir noch von manchem
Misbrauch hren sollten, den die Neger in Nordamerika von ihrer Freiheit
machen. Es ist leicht, aus einem Sclaven einen freien Menschen, aber
entsetzlich schwer, aus einer rohen arbeitenden Kraft pltzlich und mit
einem Schlag einen civilisirten und vernunftbegabten Staatsbrger zu
machen.

Unverhltnimig wenig Neger giebt es, zum groen Glck fr die dortige
Bevlkerung, in Australien, was aber nur zuflligen Umstnden zu
verdanken ist.

In Nordamerika waren die kriegerischen Eingeborenen nicht zur Arbeit zu
zwingen, und zogen sich, durch ihr Terrain begnstigt, weiter und weiter
in ihre Wlder zurck; ebenso in Brasilien. In den brigen spanischen
Colonien, wo jene Piraten, die auf ihren verschiedenen Raubzgen die
Lnder nach und nach entdeckten, von fanatischen Priestern angestachelt,
Millionen unschuldige Menschen unter dem Vorgeben erschlugen, ihre
Seelen zu retten, rotteten sie die Bevlkerung aus. In allen diesen
Lndern mute der Sclavenhandel die fehlenden Arbeiter ersetzen. Nicht
so in Australien, das von England aus nur als Verbrechercolonie in
Besitz genommen, und durch hinbergesandte Strflinge zuerst colonisirt
wurde. Dort brauchte man keine Sclaven, denn die Kettengnge der
verurtheilten Verbrecher verrichteten so lange die Arbeit, bis
freiwillige Einwanderer, durch den Reichthum des Landes angelockt, ihre
Pltze einnahmen. So kommt es denn, da sich dort nur sehr wenig Neger
aufhalten, und es sind das fast nur einzelne, von Schiffen entlaufene
Matrosen. Ja selbst diese hielten sich in den Stdten auf und mieden,
nach einigen verunglckten Versuchen, das innere Land, wo sie bald
fanden, da selbst ihr Aufenthalt dort mit Lebensgefahr fr sie
verknpft sei, da ihnen die Australischen Schwarzen erbittert
nachstellten.

Merkwrdig ist der Ha der Mulatten und Quadronen gegen die Neger, deren
Stamm sie doch entsprossen. Wie der Wolf keinen grimmigeren Feind in der
Welt hat, als den Wolfshund, wie der Renegat kein Volk so hart bedrckt,
als seinen eigenen Stamm, so hat der Mulatte selbst den Weien, der ihn
unter die Fe tritt, nicht so bitter, wie seine eigene schwarze
Verwandtschaft, und die grausamsten und unerbittlichsten Sclavenaufseher
oder ~nigger-driver~ der ganzen Welt sind berall die Mulatten selber.

Besonders hat sich das auch in dem Befreiungskrieg von Haiti gezeigt, wo
die Mulatten die entsetzlichsten Grausamkeiten gegen die eigentlichen
Neger begingen, und wieder ihrerseits von diesen auf das Bitterste
verfolgt und, wo es anging, vernichtet wurden.

Der Charakter der Negerrace ist im ganzen gutmthig, denn bei nur
einigermaen freundlicher Behandlung sind sie leicht bei guter Laune
und willig zu jeder Arbeit zu erhalten. Viel religiser Sinn liegt nicht
in ihnen, wo sie sich aber einmal in diese Richtung werfen, da werden
sie auch leicht fanatisch, besonders die Frauen, und neigen dann meist
zu den Secten, deren Religionsbungen in den lautesten Ausbrchen
stattfinden, wie z. B. die Methodisten in Amerika. Diese haben in der
That die meisten Anhnger unter den Schwarzen, und einer solchen Andacht
beizuwohnen, wenn der Geist ber die Betenden kommt und sie zu rasen
anfangen, wenn sie stampfen, springen, schreien und ihre eigene scharfe
Ausdnstung dabei den geschlossenen Raum erfllt, ist das
Haarstrubendste, was man sich auf der Welt denken kann.

Dabei lieben sie Putz und helle Farben. Die Frauen besonders kleiden
sich am liebsten in Wei und Hellgelb und es steckt wirklich etwas vom
Affen in ihrer Natur, wenn man sieht, wie gewissenhaft der freie
Schwarze die Moden der Weien nachahmt, und wie komisch er sich darin
bewegt.

Nehmen wir ein Bild aus der Zeit vor Aufhebung der Sclaverei, Ein alter,
wrdiger gelbbrauner Gentleman mit vollkommen weiwolligem Haar, der in
seiner Jugend vielleicht auf irgend einer sdstaatlichen Pflanzung
Baumwolle pflckte, spter als Steward auf einem Dampfboot mit furchtbar
gescheiteltem Haar eine Serviette unter dem Arme herumtrug, um sich im
reiferen Mannesalter hinter den gestreiften Barbierpfahl der schnen
Kunst zurckzuziehen, hat sich endlich zur Ruhe gesetzt und ordentlich
rhrend ist die steife Ehrbarkeit, mit der er jetzt seinen schwarzen
Frack, weie Hosen, ein groes, schneeweies Jabot, riesige Vatermrder
und eine vergoldete Dose trgt.

Dort kommen zwei schwarze Damen Broadway herunter. Es ist Sonntag
Nachmittag, die eine Dicke -- mit einer Statur, mit der sie auf jeder
deutschen Messe als Kolossdame ihr Glck machen knnte, -- ist in ein
weies, ausgeschnittenes Mousselinkleid gehllt, das ihre Reize mehr
verrth, als verbirgt -- Sie trgt dabei eine goldene Kette, riesige
Ohrringe, Broche, Grtelschnalle, Armbnder, Ringe, kurz einen wahren
Juwelierladen von Offenbacher Arbeit, einen weien Seidenhut mit
smmtlichen Landesfarben der Welt, und einen orangegelben chinesischen
Shawl. Die junge Dame aber, die sie bei sich hat, ein junges Ding von
noch kaum siebenzehn Jahren, voll und schlank gebaut, nur von
Rabenschwrze und mit etwas zu sehr aufgeworfenen Lippen, aber
prachtvollen Zhnen und ein paar wahren Gluthaugen, geht ebenfalls wei
gekleidet und noch dazu hchst kokett mit weien Rosen in dem wulstigen
Wollhaar, das in unzhlige kleine Zpfe geflochten ist.

Ihnen begegnet ein junger Stutzer -- ebenfalls couleurt. Er war
Steward in einem der ersten Htels Philadelphias und ist jetzt nach
New-York gekommen, um hier ein Engagement zu suchen. Er geht ~
quatre pingles~ gekleidet, ordentlich carrikirt modern, mit
hellblauer, kaum fingerbreiter Cravatte, veilchenblauen
Glachandschuhen, Glanzstiefeln, grocarrirten, sehr engen Pantalons,
hellblauem Frack mit gelben Knpfen, weier, gestickter Weste,
Tuchnadel, Hemdknpfen, Uhrkette und Berloques, kurz mit Schmuck
behangen, wie ihn bei uns nur ein jdischer Weinreisender trgt. Ein
kleines Rohrstckchen mit Elfenbeingriff, ein gekrmmtes Knie
vorstellend, hlt er an die dicken Lippen und betrachtet musternd die
ihm Begegnenden. Da fllt sein Blick auf das ungleiche Paar.

~By Golly!~ ruft er entzckt aus, ~Missus Nelson and the lovely
blossom Miss Sarah Mary!~ (Madame Nelson und die liebliche Blthe
Frulein Sarah Mary.)

~Oh, Looord a Massy,~ sagte die alte wrdige Dame mit einem tiefen
Grundba, indem sie erstaunt mitten im Weg stehen bleibt und beide Hnde
-- von denen die eine den Sonnenschirm, die andere den Strickbeutel
hlt, erstaunt emporhebt, Mr. Brown in New-York. Die junge Dame
lchelt verschmt und zeigt zwei Reihen wundervoller Zhne und ein paar
verfhrerische Grbchen in den Backen. Mr. Brown ist ganz befangen von
der aufgeblhten Knospe, die er seit Jahren nicht gesehen. Er behlt den
Hut in der Hand.

Bitte, bedecken Sie sich, Mr. Brown, sagte die Dame, ~Gemmen always
do~. (Die Herren thuen das immer.)

Mr. Brown gehorcht, aber noch immer wie in einem Traum. Dabei vergit er
die fr Einen seiner Race stets nthige Aufmerksamkeit in der Strae.

Ein junger Patricier kommt des Weges; er ist elegant, aber nachlssig
gekleidet, sein Gesicht sieht verlebt und unzufrieden aus. Er scheint
nicht besonders guter Laune; seine Stirn ist in Falten gezogen:
pltzlich stt er gegen den ent- und verzckten Mr. Brown aus
Philadelphia an.

Kannst Du nicht aus dem Weg gehen, verdammter Nigger! und ein
Faustschlag schleudert den Unglcklichen aus seinem Himmel und von dem
Trottoir hinab, da ihm der Hut vom Kopf und der Stock mit dem
Elfenbeinknie aus der Hand fllt.

~Loooord a Massy!~ haucht die alte wrdige Dame wieder in tiefer
Entrstung, aber mit nur halblauter Stimme, und der unglckliche Mr.
Brown wagt gar keine Entgegnung und hebt nur bestrzt seine
Habseligkeiten wieder auf. Er wei recht gut, da alle Weien in Sicht
bei der geringsten Widersetzlichkeit ber ihn herfallen und ihn mit
Hnden und Fen mihandeln wrden. Klagen? bei wem?

~No dammage done~ (kein Schaden verursacht), lacht ein Irlnder, der
gerade sehr vergngt mit seiner ~dray~ oder seinem Karren
vorberfhrt.

Es waren das tgliche Scenen in New-York und sind es vielleicht noch,
denn das Volk, was auch die Regierung fr Gesetze erlt, wird sich
schwer daran gewhnen knnen, dem Nigger eine Gleichberechtigung mit
sich selber zuzugestehen.

Dadurch bleiben sie auf sich selber angewiesen -- eine verachtete Classe
in einer ihnen fremden Welt, selbst wenn sie sich, wie das gar nicht
etwa selten geschieht, zu Wohlstand und selbst Reichthum hinaufarbeiten.

So besuchte ich einst das Haus eines alten, sehr reichen Mulatten, der
am False River in Louisiana eine groe Plantage und selbst viele
Sclaven hatte. Ich wollte einen von diesen von ihm miethen und wurde von
der ~chamber maid~ oder dem Kammermdchen, das mir die Thre
ffnete, in das untere, hohe und luftige Parlour gewiesen.

Welch ein Unterschied: die Stammesgenossen des alten Herrn wohnten da
drauen in kleinen, drftigen Negerhtten, ihre Kleidung war ein
weibaumwollener Kittel, ihre Nahrung die gewhnliche Negerkost: Speck
und Syrup -- und hier?

Das Zimmer war mit einer rothen, geschmackvollen Tapete ausgeschlagen.
Gepolsterte Divans und Fauteuils standen darin umher und
Mahagonymeubles. An den Wnden hingen -- allerdings nicht gerade von den
ersten Knstlern gemalte -- Bilder alter, wrdiger Herren und Damen aus
der Familie, mit schwarzbraunen Gesichtern und Wulstlippen, aber in
hchstem Staat und Glanz -- es schien der Ahnensaal zu sein -- und auf
dem einen Divan und in dem einen Fauteuil lehnten zwei gelbbraune Damen
von etwa zwei- und sechsundzwanzig Jahren in einem sehr losen, aber sehr
sauberen Morgenanzug -- die erhitzten Gesichter komischer Weise dicht
mit weiem Puder bestreut, um die transpirirte Feuchtigkeit
abzutrocknen. Sie empfingen mich aber mit Grazie, und der alte Herr,
der bald darauf eintrat, machte das Geschft mit mir in wenigen Minuten
ab.

Es war ein Mann von -- wie man ihn dort taxirte -- etwa hunderttausend
Dollars Vermgen, aber dennoch durfte er nicht wagen, sich in irgend
einem Htel mit an den Tisch zu setzen, oder -- wenn er einmal das
Dampfboot nach New-Orleans benutzen wollte -- auf diesem in der Cajte
zu fahren. Er mute im Zwischendeck bleiben, wohin die Niggers
gehrten.

Wie wunderbar ist berhaupt die ganze Race ber den Erdboden zerstreut!
In der Heimath, unter ihren kleinen Frsten, deren Geldgier die Weien
erregt haben, geknechtet, gehetzt, eingefangen und an die Fremden
verkauft, arbeiten sie in einigen Lndern unter der Peitsche ihres
Aufsehers, whrend sie in anderen, der eigenen Heimath entfremdet, als
unabhngige Menschen leben drfen -- und wie benutzen sie diese
Freiheit?

Der Stamm Israels, auf ganz hnliche Weise in der Welt zerstreut, macht
einen anderen Gebrauch davon. Die Mehrzahl wei, da sie, nicht zu der
bevorzugten Kaste gehrend, nie durch sich selbst, nur durch den Erwerb
herrschen kann, und wirft ihre ganze Fhigkeit auf diesen Zweig. Der
Neger nicht. Er hat keinen Sinn fr Wissenschaften, kein Geschick fr
den Handel, und was er sich verdient, geschieht mit schwerer Arbeit oder
eisernem Flei. Allerdings haben wir einige Ausnahmen, wie z. B. Ira
Aldridge und einige Wenige, die sich wirklich der Kunst gewidmet, aber
sie stehen viel zu vereinzelt da, um auch nur zu zhlen.

Wo wir in Europa Neger oder ihre Abkmmlinge zu sehen bekommen, sind es
entweder in Livre gesteckte herrschaftliche Diener, Kunstreiter, oder
Gesindel, das sich auf den Messen und Mrkten herumtreibt, um dort
entweder die groe Trommel zu schlagen oder sich als Indianer in den
Buden fr Geld sehen zu lassen.

Der Neger lernt dabei leicht eine fremde Sprache, aber nie rein, und
besonders scheint ihn der Buchstabe R darin zu stren, whrend dagegen
die Indianerstmme, z. B. die australischen Schwarzen, ein ganz
merkwrdiges Gehr fr einen fremden Klang haben und vorgesprochene
Stze auf das Genaueste nachsprechen.

Vollkommen ungerecht wre es aber, dem Stamm der Neger, wenn sie bis
jetzt auch noch nicht gerade viel darin geleistet haben, alle geistigen
Fhigkeiten abzusprechen, denn wenn wir gerecht sein wollen, mssen wir
immer annehmen, wie wenig Gelegenheit ihnen bis jetzt geboten wurde,
sich zu entwickeln. Selbst wo man sie freigegeben hat, hrten sie nie
auf, einen untergeordneten Stamm zu bilden, und wo man ihnen wirklich
ein eigenes und freies Terrain anwies, um einen eigenen und
selbststndigen Staat dort zu bilden, oder wo sie sich das selber
nahmen, wie in der Negercolonie in Liberia oder auf Haiti, war es immer
nur wieder ein heies, tropisches Land, das sie bewohnten und das nun
einmal einer jeden geistigen Entwicklung hinderlich ist und Geist und
Krper erschlafft. Selbst der Europer, so lange er nicht seinen, in
einer gemigten Zone gestrkten Krper, mit in ein heies Land bringt,
fhlt sich dort am wenigsten zu geistigen Arbeiten angeregt, wie knnen
wir es da von dem Neger verlangen?

Freieren Spielraum bekommen sie jetzt allerdings in den
nordamerikanischen Staaten, aber sie werden immer und ewig ein
verachteter Stamm bleiben, unbequem durch ihre Masse, aber deshalb nur
noch mehr gehat, und wenn man nicht ein Mittel findet sie zu
Hunderttausenden aus dem Land zu schaffen, so kann gerade das Anwachsen
des Negerstammes, inmitten der weien Bevlkerung, spter noch einmal zu
schweren und blutigen Conflicten fhren.


                                _=Leipzig=_,
                       Druck von Giesecke & Devrient.




Anmerkungen des Bearbeiters:

gesperrt ersetzt durch  _= ... =_
Fraktur  ersetzt durch   ~ ... ~
Inhaltsverzeichnis um Einzelkapitel erweitert.
Unterschiedliche Schreibweisen deutscher und englischer Wrter wurden
berwiegend beibehalten.






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Friedrich Gerstcker

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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

