The Project Gutenberg eBook, Memoiren einer Grossmutter, Band I, by
Pauline Wengeroff


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Title: Memoiren einer Grossmutter, Band I
       Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert


Author: Pauline Wengeroff



Release Date: April 25, 2014  [eBook #45488]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER GROSSMUTTER, BAND
I***


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Notizen des Bearbeiters:

      Gesperrter Text markiert durch _= ... =_





[Illustration: Pauline Wengeroff.]


MEMOIREN EINER GROSSMUTTER

von

PAULINE WENGEROFF


Memoiren einer Grossmutter

Bilder aus der Kulturgeschichte der
Juden Russlands im 19. Jahrhundert

BAND I

Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles


[Illustration]


BERLIN
Verlag von M. Poppelauer
1908




Alle Rechte, besonders das der Uebersetzung
in fremde Sprachen vorbehalten.




Geleitwort.


Die jdische Literatur besitzt leider nur sehr wenige Memoirenwerke.

Aus dem jdischen Leben in Russland kenne ich nur ein einzige, die
Zapiski Jewreja von Gregor Isaakowitsch Bogrow. Diesem Werke, das uns
einen tiefen und charakteristischen Einblick in das Leben und Treiben
der Juden in Russland zu Anfang des vorigen Jahrhunderts erffnet hat,
schliessen sich die Memoiren der Pauline _=Wengeroff=_ ebenbrtig an.
Mit inniger Liebe und groer Piett, mit seltener Treue und aufrichtiger
Wahrhaftigkeit, mit einem milden verklrenden Humor und mit feinem
psychologischem Takt erzhlt sie uns wichtige Episoden aus einer grossen
bergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklrung unter den Juden
in Russland die Nebel, die bis dahin ber dem russischen Judentum
lagerten, zu durchbrechen begann, aus einer vielbewegten, interessanten,
merkwrdigen Periode, deren Geschichte noch nicht geschrieben ist,
sondern erst dann geschrieben werden kann, wenn wir noch eine ganze
Reihe _=solcher=_ Memoiren besitzen werden.

Die russischen Juden haben in den letzten Jahren im Vordergrund des
ffentlichen Interesses gestanden. Ihre Schicksale und Leiden haben die
Teilnahme der ganzen Kulturwelt gefunden. Natrlich hat man sich auch
viel mit ihren Charaktereigenschaften, mit ihrer Geschichte und mit
ihrer Literatur beschftigt. Erst dadurch kam weiteren Kreisen die
Erkenntnis, welch ein reicher Schatz von Phantasie und Bildung, von
Poesie und Begabung in diesen Judenstdten und Judengassen des weiten
Zarenreiches aufgespeichert liegt und dort der grossen Schilderer und
Dichter harrt, die diesen Schatz zu heben verstehen.

Unwillkrlich wird man bei Betrachtung der Kulturarbeit, die uns die
Memoiren von Frau Pauline Wengeroff so anschaulich schildern, an ein
Wort von Nikolaj Gogol in seinem klassischen Roman Tote Seelen
erinnert. Die Kibitka des Helden jagt mir rasender Eile ber die weite
unbersehbare Ebene dahin und verliert sich schliesslich in die graue
Ferne. Und jagst nicht auch Du, mein Russland, vorwrts wie eine nicht
einzuholende Troika? Der Weg hinter dir dampft, die Brcken krachen,
alles lsst du hinter dir. Die Zuschauer bleiben berrascht stehen und
fragen: War es ein Blitz? Was bedeutet die schauererweckende Eile,
welche geheimnisvolle Kraft beseelt diese Pferde? Was fr Pferde sind
das? Habt ihr Wirbelwind in euren Mhnen?.... Habt ihr von oben bekannte
Tne gehrt und strengt ihr nun eure Eisenkrper an, ohne die Erde mit
euren Hufen zu berhren, durch die Lfte zu fliegen, als wret ihr von
einem Gotte begeistert? Russland, wohin jagst du? Antworte! Da kommt
keine Antwort. Man hrt die Glckchen der Pferde wundersam klingen; es
sthnt in der Luft und wchst, wie zum Sturme an und Russland setzt
seine khne Jagd fort.

Feine Ohren werden vielleicht aus den Blttern dieser Memoiren einen
Teil der Antwort heraus hren, und aufmerksame Beobachter werden die
rapide Entwickelung der Juden Russlands von finsterem Aberglauben und
der Erstarrung zum hellen Lichte der Aufklrung und innerer Freiheit
verstehen lernen.

Dann ist aber auch der Zweck dieses liebenswrdigen Buches erfllt, das
meine besten Wnsche auf seinem Wege in die ffentlichkeit geleiten
mgen.

                                               _=Gustav Karpeles=_.




Inhaltsverzeichnis.


                                         Seite

  1. Geleitwort von Dr. Karpeles.            V

  2. Vorbemerkung                            1

  3. Ein Jahr im Elternhaus

       I. Teil                               5

      II. Teil                              85

  4. Der Beginn der Aufklrungsperiode

       I. Lilienthal                       118

      II. Jeschiwa Bochurim                137

  5. In der Neustadt

       I. Es war ein schnes Bild          147

      II. Ein Sabbath                      161

     III. Evas Hochzeit                    171

  6. Die Vernderung der Tracht            185




Vorbemerkung.


Ich war ein stilles Kind, auf das jedes freudige und traurige Ereignis
in meiner Umgebung tief einwirkte. Viele Vorgnge prgten sich meinem
Gedchtnis gleich einem Abdruck in Wachs ein, so da ich mich ihrer noch
jetzt ganz deutlich erinnere. Die Begebenheiten stehen frisch und
lebendig vor mir, als wren sie von gestern. Mit jedem Jahr wuchs das
Bedrfnis, meine Erlebnisse und Beobachtungen niederzuschreiben und nun
gibt mir das reiche Material, das ich gesammelt habe, die schnsten und
trostreichsten Stunden meines im Alter so einsam gewordenen Lebens. Es
sind Feierstunden fr mich, wenn ich die Aufzeichnungen zur Hand nehme
und oft mit einer stillen Trne oder einem verhaltenen Lcheln darin
blttere. Dann bin ich nicht mehr allein, sondern in guter und lieber
Gesellschaft. Vor meinem geistigen Auge ziehen sieben Dezennien voll
Sturm und Drang vorbei, wie in einem Kaleidoskop, und die Vergangenheit
wird lebendige Gegenwart: die heitere, sorglose Kindheit im Elternhause,
in spteren Jahren ernstere Bilder, Trbsal und Freude aus dem Leben der
Juden von damals und so manche Szene aus meinem eigenen Hause. Diese
Erinnerungen helfen mir ber einsame, schwere Stunden, ber die
Bitterkeit der Enttuschungen des Lebens hinweg, die wohl keinem
Menschen erspart bleiben.

In solchen Stunden schleicht sich auch die Hoffnung in das alte Herz,
da es vielleicht auch fr andere keine vergebene Arbeit ist, wenn ich
vergilbte Bltter ber die wichtigeren Ereignisse, die gewaltigen
Vernderungen im kulturellen Leben der jdischen Gesellschaft in Litauen
der 40-50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, von denen auch ich betroffen
wurde, sorgfltig gesammelt habe. Vielleicht interessiert es die Jugend
von heute, zu erfahren, wie es einmal war. Und wenn ich auch nur einem
meiner Leser etwas gegeben habe, bin ich reichlich belohnt.

Ich bin im Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts in der
litauischen Stadt Bobruisk geboren. Von streng religisen Eltern,
klugen, geistig vornehmen Menschen erzogen, knnte ich die Wandlung
verfolgen, die das jdische Familienleben durch die europische Bildung
erfahren hat, und mich berzeugen, wie leicht unsern Eltern die
Erziehung der Kinder wurde, und wie schwer diese Aufgabe uns, der
zweiten Generation, war. Wir machten uns mit der deutschen und
polnischen Literatur bekannt, studierten mit groem Eifer die Bibel und
Propheten, die uns mit Stolz auf unsere Religion und Tradition erfllten
und mit unserem Volk innig verbanden. Ihre Poesie prgte sich dem
unberhrten Kindergemt tief ein und gab der Seele fr die kommenden
Tage Keuschheit und Reinheit, Schwung und Begeisterung.

Aber wie schwer erging es uns nun in der groen bergangszeit der 60er
und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts! Wir hatten uns wohl einen
gewissen Grad der europischen Bildung angeeignet; aber wir fhlten
berall die klaffenden Lcken. Wir ahnten, da noch hhere Stufen zu
ersteigen wren, und suchten mit Anspannung unserer Krfte, das Fehlende
und an uns Versumte bei unsern Kindern nachzuholen. Aber wir verloren
leider in dem bergroen Eifer das letzte Ziel und vergaen die
Weisheit des Mahaltens. So tragen wir selbst Schuld an der Kluft, die
zwischen uns und unsren Kindern entstand, an ihrer Entfremdung vom
Elternhause, die folgen mute.

Whrend uns der Gehorsam, den wir nach den Geboten unseren Eltern
schuldig sind, heilig und unverletzbar war, muten wir jetzt unseren
Kindern gehorchen, uns vollstndig _=ihrem=_ Willen unterordnen. Wie
einst unseren Eltern gegenber, hie jetzt die Parole unsern Kindern
gegenber: schweigen, still sein, fein den Mund halten, und wenn es noch
so schwer, vielleicht noch schwerer wurde, als einst! Wenn wir andchtig
und voll Ehrfurcht zuhrten, da unsere Eltern von ihren Erlebnissen und
Erfahrungen erzhlten, schweigen und lauschen wir jetzt voll Freude und
Stolz, wenn unsere Kinder von ihrem Leben und ihrem Ideale sprechen.
Diese Unterwrfigkeit, die Bewunderung, die wir fr unsere Kinder haben,
macht sie zu Egoisten, zu unseren Tyrannen -- das ist die Kehrseite der
Medaille der europischen Kultur bei uns Juden in Ruland, wo sonst kein
anderer Stamm so rasch und unwiderruflich mit der Annahme der
westeuropischen Zivilisation alles aufgab und alle Erinnerungen an die
Vergangenheit, seine Religion verlie, und alle Tradition von sich
abschttelte.

Unsere Kinder hatten es leichter als wir, eine hohe Bildungsstufe zu
erreichen, und wir sahen das mit Freude und Genugtuung, denn wir haben
ihnen oft mit schweren Opfern die Wege geebnet und Hindernisse
beseitigt. Sie fanden alles bereit: Erzieherinnen, Kindergarten,
Jugendbibliotheken, Kindertheater, Feste und angemessene Spiele, indes
uns der Hof des Elternhauses alles ersetzen mute, wo wir uns wahllos
mit den armen Nachbarskindern herumtummelten und, die Rckchen ber die
Kpfe gezogen, hpften und sangen:

    Gott, Gott, gib Regen --
    Der kleinen Kinder wegen!

Welcher Unterschied!

Alle diese Wandlungen habe ich hier zu schildern versucht.

Ich bitte die Leser um Nachsicht. Ich bin keine Schriftstellerin und mag
auch nicht als solche erscheinen. Ich bitte nur, diese Aufzeichnungen
als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in der Dmmerung
ihres stillen Lebensabends schlicht erzhlt, was sie in einer
ereignisvollen Zeit erlebt und erfahren.

Ich wei, da meine Familienchronik ohne Zweifel der Jugend in unseren
Tagen wie mit dichtem Schimmel oder mit einer dicken Staubschicht
bedeckt erscheinen wird. Und doch hoffe ich, da die Kenntnis des
damaligen Lebens der Juden, das von dem der heutigen so himmelweit
verschieden ist, fr so manchen von einigem Interesse sein wird, der
sich gern in vergangene Zeiten versenkt, um zu prfen und zu
vergleichen.

So fand ich den Mut zu meiner Publikation!

Ich kann dieses Werkchen -- das geistige Kind einer Greisin, Bensekunim,
wie die Hebrer sagen, -- nicht in die Welt schicken, ohne meiner Freundin
Louise Flachs-Fockschaneanu fr ihre gtige Frderung zu danken. --




Ein Jahr im Elternhause.




I. Teil.


Mein Vater pflegte Sommer und Winter um 4 Uhr morgens aufzustehen. Er
achtete streng darauf, da er sich nicht vier Ellen von seinem Bette
entfernte, ohne sich die Hnde zu waschen. Ehe er den ersten Bissen zum
Munde fhrte, verrichtete er in behaglicher Stimmung die
Frh-Morgengebete, und begab sich dann in sein Arbeitszimmer. Es hatte
an den Wnden viele Fcher, in denen zahlreiche Talmudfolianten aller
Arten und Zeiten aneinander gereiht standen, in guter Gemeinschaft mit
sonstigen talmudischen und hebrischen Werken der jdischen Literatur.
Darunter gab es alte, seltene Drucke, auf die mein Vater stolz war.
Auer einem Schreibtisch stand in diesem Raum noch ein hoher, schmaler
Tisch, Stnder genannt, davor ein bequemer Lehnstuhl und eine Fubank.

Mein Vater begab sich also in sein Zimmer, lie sich gemchlich im Stuhl
nieder, schob die von dem Diener bereits angezndeten Kerzen nher und
schlug den groen Folianten auf, der noch von gestern abend wie wartend
dalag und begann in dem bekannten Singsang zu lernen. So gingen die
Stunden bis sieben Uhr morgens hin. Dann trank er seinen Tee und ging in
die Synagoge zum Morgengebet.

In meinem Elternhause wurde die Tageszeit nach den drei tglichen
Gottesdiensten eingeteilt und benannt: so sagte man vor oder nach dem
Dawenen, (Beten), fr die vorgercktere Zeit vor oder nach Minche
(Vorabendgebet); die Zeit der Abenddmmerung wurde mit zwischen Minche
und Maariw bezeichnet. In hnlicher Weise wurden die Jahreszeiten nach
den Feiertagen benannt; so hie es vor oder nach Chanuka, vor oder
nach Purim usw.

Mein Vater kam um zehn Uhr vom Bethause zurck. Erst dann begannen die
geschftlichen Arbeiten. Es kamen und gingen viele Menschen, Juden und
Christen, die Geschftsfhrer, die Kommis, Geschftsfreunde usw., die er
bis zur Mittagszeit -- es wurde um ein Uhr gegessen -- abfertigte. Nach
Tisch ein kurzes Schlfchen, hierauf nahm er seinen Tee. Dann fanden
sich auch schon Freunde ein, mit denen er ber den Talmud, literarische
Fragen und ber Tagesereignisse sprach.

So schrieb mein Vater im Anfang der vierziger Jahre des vorigen
Jahrhunderts einen Beitrag zu den Eyen Jankow, den er Kuntres (Kunom
Beissim) benannte, und im Anfang der fnfziger Jahre hat er eine
umfangreiche Sammlung seiner Kommentare zu dem ganzen Talmud
herausgegeben unter dem Namen Minchas Jehuda. Beide Werke hat er
keinem Verleger zum Verkauf berlassen, und nur an seine Freunde,
Bekannte, seine Kinder und hauptschlich an viele Bote midraschim,
(Lehrhuser) in Ruland verteilt. Das jdische Schrifttum und die
meisten seiner Verfasser von damals und noch viele Jahrhunderte zuvor,
auch der Talmud, haben den groen Fehler begangen, da sie die Daten oft
auer acht lieen und sie nicht genau angaben. So hat beispielsweise
mein Vater in seinem letzten Werke seinen Stammbaum gegeben, der sehr
viel Rabbiner und Gaonim, angefangen von seinem Grovater bis zehn
Generationen weiter hinauf zhlte, aber bei keinem das Jahr seines
Lebens und Todes verzeichnet. Was galt das Leben des Einzelnen, wenn nur
das Talmudstudium eine Pflanzsttte hatte!

So empfand mein Vater, der getreu wie seine Ahnen der Lehre und dem
Gottesdienst sich weihte ...

Das Minche gdole (Vorabendgebet) verrichtete er gewhnlich zu Hause und
sehr frh. Zu Maariw ging er wieder in die Synagoge, von der er gegen
neun Uhr nach Hause kam zum Abendbrot. Er blieb gleich beim Tisch
sitzen, unterhielt sich mit uns ber dies und jenes. Er interessierte
sich fr alles, was im Hause vorging, was uns Kinder betraf, manchmal
fr den Fortgang unseres Unterrichts. (Den jdischen Lehrer, Melamed und
Schreiber, wie auch den Lehrer der polnischen und russischen Sprache
pflegte meine Mutter zu besorgen.) Meinem Vater wurden da alle Haus- und
Stadtereignisse mitgeteilt, whrend er seinerseits uns alles erzhlte,
was er in der Synagoge gehrt hatte und was dort errtert worden war.
Dies war fr uns die beste Unterhaltung und was er erzhlte, die
interessanteste Zeitung. Man nannte diese mndlichen Ueberlieferungen
pantoflowe gazeta. Zeitungen, wie wir sie heute besitzen, gab es
damals nur wenige, und sie waren nicht fr jedermann erreichbar.

Meines Vaters impulsive Natur nahm alle Ereignisse mit starker
Ergriffenheit auf, die sich auch seiner Umgebung mitteilte. Wir Kinder
lauschten bei Tisch gespannt seinen klugen Reden. Er erzhlte uns von
berhmten Mnnern, von ihren Taten, von ihrer religisen Lebensweise,
den jdischen Gesetzen, und wir liebten und schtzten ihn und stellten
ihn hher als alle Menschen, die wir damals kannten. An zwei Namen, die
er uns genannt, erinnere ich mich noch. Der eine hie Reb Selmele, der
andere Reb Heschele. Reb Selmele beschftigte sich so eifrig mit dem
Talmudstudium, da er oft zu essen, zu trinken und zu schlafen verga.
Er wurde schwach, mager und bleich, und seine besorgte Mutter flehte ihn
an, seine Mahlzeiten einzunehmen. Aber es half nichts. Da gebrauchte die
Mutter ihre Autoritt: sie erschien eines Tages in seinem
Studierzimmerchen mit einem Stck Kuchen in der Hand und _=befahl=_ ihm,
zu essen; zugleich sagte sie ihm, da er jeden Tag um diese Stunde von
ihr ein Stck Kuchen bekommen wrde, das er essen mte. Der junge Mann
fgte sich in den Willen der Mutter; ehe er aber zu essen begann,
rezitierte er den Talmudabschnitt: Kabed ow weem, die Gebote von der
Verehrung von Vater und Mutter.

Der zweite, Reb Heschele, war schon als Kind sehr klug und witzig,
Eigenschaften, die ihm auch bei all seiner groen Gelehrsamkeit bis in
die spteren Lebensjahre verblieben. Ihm war das Cheder ein Greuel
mitsamt dem Rebben und dem Behelfer, der ihn tglich gewaltsam
fortfhrte, obwohl er sich mit Hnden und Fen strubte; denn er war
ein sehr lebhaftes Kind und liebte die Freiheit. Eines Tages fragte ihn
sein Vater ohne jede Strenge, warum er denn so ungern ins Cheder ginge.
Ich fhle mich beleidigt, erwiderte er, da der Behelfer mich so ohne
jede Achtung mitschleppt. Warum schickt man dir, wenn man dich haben
will, einen Boten, der dich _=hflich=_ bittet, der Einladung zu folgen?
Und du antwortest manchmal: Gut, ich komme! oder manchmal auch: Ich
danke, gleich wie gewesen (d. h. wenn du willst, gehst du, sonst eben
nicht). Der Vater versprach ihm, ihn auch einladen zu lassen und
teilte das dem Behelfer mit. Als dieser nun anderen Tages den Kleinen
freundlich einlud, antwortete er: Gleich wie gewesen! -- Ein andermal
zog er beide Strmpfe auf denselben Fu, um den Behelfer recht lange
nach dem zweiten suchen zu lassen.

Meine Eltern waren biedere, gottesfrchtige, tief religise,
menschenfreundliche Leute von vornehmem Charakter. So war berhaupt der
vorherrschende Typus unter den damaligen Juden, deren Lebensaufgabe vor
allem die Gottes- und die Nchstenliebe war. Der grere Teil des Tages
verging mit dem Talmudstudium. Den Geschften widmete man nur bestimmte
Stunden, obgleich die Geschfte meines Vaters oft hundert tausende Rubel
betrafen. Er gehrte, wie auch mein Grovater, der Klasse der Podraziki
(Unternehmer) an, die in der ersten Hlfte des vorigen Jahrhunderts in
Ruland eine groe Rolle spielten, da sie groe Geschfte mit der
russischen Regierung machten, wie die bernahme von Festungs-, Chaussee-
und Kanalbauten und die Lieferungen fr die Armee. Mein Vater und mein
Grovater gehrten zu den angesehensten dieser Unternehmer, da sie sich
durch absolute Ehrlichkeit auszeichneten.[A]

Wir bewohnten in der Stadt Brest ein groes Haus mit vielen, reich
ausgestatteten Rumen; wir hatten Equipage und teure Pferde. Meine
Mutter und die lteren Schwestern besaen auch viel Schmuck und
schne, kostbare Kleider. Unser Haus lag abseits von der Stadt.
Man mute erst eine lange Brcke, die die Flsse Bug und Muchawiez
berspannte, passieren und kam dann an vielen kleinen Husern vorbei.
Dann mute man sich nach rechts wenden, eine Strecke von etwa 100 Faden
geradeaus gehen -- und man stand vor unserem Haus. Das Haus war gelb
angestrichen und hatte grne Fensterladen. In der Fassade besa es ein
groes, venetianisches Fenster, neben dem zu jeder Seite noch zwei
Fenster waren. Davor lag ein schmaler, von einem Holzstacket umgebener
Blumengarten. Das Haus trug ein hohes Schindeldach.

Das ganze Anwesen samt Gemsegarten war von einer Reihe hoher
Silberpappeln eingeschlossen, was dem Hause das Aussehen eines
litauischen Herrensitzes gab.

Das jdische Familienleben in der ersten Hlfte des vorigen Jahrhunderts
war in meinem Elternhaus, wie bei anderen, sehr friedlich, angenehm,
ernst und klug. Es prgte sich mir und meinen Zeitgenossen tief und
unvergelich ein. Es war kein Chaos von Sitten, Gebruchen und Systemen,
wie jetzt in den jdischen Husern. Das jdische Leben von damals hatte
einen ausgeglichenen Stil, trug einen ernsten, den einzig wrdigen
jdischen Stempel. Darum sind uns die Traditionen des elterlichen Hauses
so heilig und teuer bis auf den heutigen Tag geblieben! Wir aber muten
viel Leid erdulden, bis wir notgedrungen uns in unserem eigenen Hause
einer ganz anderen Lebensweise unterwarfen, die unseren Kindern wohl
wenig erbauliche und noch weniger angenehme Erinnerungen aus ihrem
elterlichen Hause hinterlassen wird!

Liebe, Milde und doch Bestimmtheit waren die Erziehungsmittel der
Eltern. Und ein gut Wrtchen half ber manche Schwierigkeit hinweg.

Eine Episode:

Eines Morgens fand mich mein Vater, der von der Stadt zurckkehrte,
allein und weinend auf der Strae. Ich glaube, eine Gespielin hatte
mir die Puppe fortgenommen. Er wurde bse, da ich ohne Begleitung
umherlief und fragte rgerlich, warum ich weinte. Ich war aber von
meinem groen Schmerz so erfllt, da ich keine Antwort zu geben
vermochte und noch heftiger zu schluchzen begann. Da wurde mein Vater
erst recht zornig und rief: Warte nur, die Rute wird dich antworten
lehren! Er ergriff meine Hand und zog mich rasch ins Haus. Der Vater
lie sich eine Rute geben und machte Anstalten, mich zu prgeln. Ich
war ganz still geworden und sah verblfft zum Vater hinauf -- ich
wurde nie mit der Rute bestraft -- und sagte berrascht: Ich bin ja
Pessele! Ich war der festen berzeugung, da mein Vater mich nicht
erkannt und sich geirrt hatte.

Und diesem selbstbewuten Verhalten hatte ich es zu verdanken, da ich
von der Rute verschont blieb. Alle Umstehenden lachten und baten fr
mich um Nachsicht.

Ich beschftigte mich mit Vorliebe im Gemsegarten beim Ausgraben der
Kartoffeln und anderer Gemse; ich bat mir von den halberfrorenen
Weibern bald den Spaten, bald die Harke aus und hantierte damit flink,
bis die scharfe, kalte Herbstluft mich mahnte, geschwind ins Haus zu
laufen. Nachdem alles Gemse aus unserem Garten eingekellert war, wurde
noch viel auf dem Markt eingekauft. Dann ging's an die sehr wichtige
Arbeit -- an das Einlegen von Sauerkohl, womit in jedem Herbst viele arme
Frauen volle acht Tage beschftigt waren. Nach den jdischen
Vorschriften ist es streng geboten, die Wrmchen, die im Gemse und in
den Frchten, besonders aber im Kohl nisten, sorgsam zu entfernen; und
so wurde von jedem Kohlkopf Blatt um Blatt abgenommen, gegen das Licht
gehalten und genau untersucht. Meine fromme Mutter war in der Erfllung
der Vorschriften sehr peinlich und pflegte, wenn der Kohl besonders
geraten und von der besten Sorte war und wenig Wrmer hatte, den Frauen
eine besondere Belohnung fr jeden gefundenen Wurm zu geben, denn sie
war immer in Sorge, da die Frauen bei der Arbeit nicht gengend
aufmerksam waren. Ich sah auch hier gern zu wie bei der Arbeit im
Gemsegarten, weil die Frauen dabei allerlei Volkslieder sangen, die
mich tief ergriffen und mich schmerzlich weinen, aber auch hufig
herzlich lachen machten. Viele dieser Lieder sind mir bis jetzt im
Gedchtnis geblieben und sind mir teuer!

Es war ein geruhiges Leben!

Wir leben jetzt in dem Zeitalter von Dampf und Elektrizitt viel
schneller, so will es mir scheinen. Das hastige Treiben der Maschinen
hat auch auf den menschlichen Geist eingewirkt. Wir erfassen manches
viel rascher und begreifen ohne Mhe so viele komplizierte Dinge, indes
man frher die einfachste Tatsache nicht begreifen konnte. Ich entsinne
mich eines Beispiels, das mir im Gedchtnis geblieben ist und das ich
hier anfhren will. In den vierziger Jahren baute mein Grovater fr die
Regierung die Chaussee von Brest nach Bobruisk. Auf der Strecke befanden
sich Berge, Tler und Smpfe, so da eine Wagenreise volle zwei Tage
dauerte, whrend man dieselbe Tour auf der Chaussee bequem in einem Tage
sollte zurcklegen knnen. Alles sprach natrlich von dem fr jene Zeit
groen Unternehmen, aber es fanden sich selbst in den hheren
Gesellschaftskreisen Skeptiker, die ihre Zweifel uerten und sagten:
Solange sich die Menschen erinnern, waren zwei Tage ntig, um den Weg,
von Brest in Lithauen nach Bobruisk zurckzulegen, und da kommt Reb
Zimel Epstein und erzhlt uns, er wird ihn auf eine Tagereise verkrzen.
Wer ist er? Gott? Wird er die brige Strecke Wegs in seine Tasche
stecken?

In der zweiten Hlfte des 17. Jahrhunderts waren die Wege in Litauen und
in manchen Teilen Rulands berhaupt noch wst. Endlose Steppen, Smpfe,
teilweise noch Urwald dehnten sich meilenweit, bis die groe Kaiserin
Catharina II. auf beiden Seiten mit Birkenbumen bepflanzte Landstraen
anlegen lie. Die Seitenwege waren aber sowohl fr die Fugnger, die
man als Boten von Ort zu Ort sandte, sowie fr die in Schlitten und
Wagen Reisenden noch sehr gefhrlich, besonders im Winter durch den
tiefen Schnee. Zur berwindung dieser Gefahren wurde die Pferdepost
eingefhrt. Dazu gehrte die _=Troika=_, das _=Dreigespann=_, der
Postkutscher, Jamschezik genannt, ein halbwilder, schwerflliger, immer
betrunkener Bauer, der bei seinem Pferde lebte und starb. Viel gebraucht
wurde auch die _=Kibitka=_, ein plumpes Wgelchen, dessen vier schwere
Rder zwei breite Holzstangen verbanden, auf denen ein aus Brettern
zusammengesetzter, halb berdeckter Korb ruhte, oder die _=Telega=_, ein
ebenso plumpes Wgelchen ohne Verdeck. Das Geschirr der Pferde bestand
aus grobem Leder, das mit Messingblech reich verziert war. Das mittlere
Pferd hatte ber dem Kopfe ein Krummholz, in dessen Mitte eine mchtige
Glocke hing. Einen ebenso schwerflligen, echt russischen Charakter wie
das Gefhrt hatten die etwa 20-25 Werst von, einander entfernt liegenden
Poststationen. Eine groe Stube mit weigetnchten Wnden, ein
gromchtiger, mit schwarzem Wachstuch bezogener Divan, der lange,
hlzerne, auch mit Wachstuch benagelte Tisch, darauf der hohe, schmale,
schmutzige, mit grnem Schimmel berzogene Samowar und ein schwarzes,
verruchertes Teebrett mit blinden, unsauberen Glsern. Der hohe magere,
immer, selbst am Mittag, schlaftrunkene, ungewaschene und ungekmmte
Stationschef in seiner unsauberen Vizeuniform mit den blinden
Messingknpfen vervollkommnete das typische Bild, das mir heute nach 65
Jahren noch lebhaft vor Augen steht. -- Von dieser Einrichtung konnten
indes nur die reicheren Leute Gebrauch frischen, namentlich die hheren
Militrs und Kouriere, die zu Pferde Botschaften von den Hauptstdten
nach einer Gouvernementsstadt bermittelten, wozu man sich jetzt des
Telephons und Telegraphen bedient.

Das gewhnliche Publikum bediente sich eines einfachen, mit Leinwand
bespannten Wagens, der von zwei oder drei Pferden gezogen wurde. Das
bessere Publikum benutzte den. _=Tarantass=_, eine _=halb=_bedeckte
Kutsche, die auf zwei dicken Holzstangen ruhte, oder den _=Frgon=_,
eine ganz mit Leder berdeckte Kutsche mit einer Tr in der Mitte. Nicht
selten wurden diese Fuhrwerke samt den Passagieren auf freiem Felde vom
Schneesturm verschttet. -- Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde
durch den Bau der Chausseen diesen belstnden abgeholfen. Nun hemmte
kein Berg, kein Sumpf, kein Wald das schnelle Vorwrtskommen, und auf
gradlinigem, ebenen Wege gingen die Fuhrwerke dahin. Die Sicherheit
wurde dadurch erhht, da auer den Poststationen in regelmigen
Abstnden Wachhuschen mit Wchtern eingerichtet wurden. Das nun schon
bequemere Reisen machte das Volk beweglicher. Handel und Verkehr
entwickelten sich erstaunlich rasch und schon am Anfang der vierziger
Jahre zeigte sich das Bedrfnis nach einem schnelleren Verkehrsmittel.
Da wurde dann die Einrichtung der sogenannten Diligence getroffen, ein
bequemer Wagen mit zwei Abteilungen, der zwlf bis fnfzehn Personen zu
einem migen Preis tglich von Ort zu Ort fhrte. Er war mit drei
Pferden bespannt und wurde von dem Postillon gelenkt, der eine
eigenartige Uniform trug und auf seiner Trompete eine traditionelle
Weise blies. In Russisch-Polen nannte man dieses Verkehrsmittel nach dem
Unternehmer Stenkelerke, in Ostpreuen Journalire. Man war im
allgemeinen sehr mit dieser Einrichtung zufrieden und glaubte, nie etwas
Besseres finden zu knnen. Gleichwohl wusste man schon um die Mitte der
fnfziger Jahre auch in Ruland von der Erfindung der Eisenbahn, und
anfangs der 60er Jahre konnte man auch schon im Zarenreich weite
Strecken per Dampf zurcklegen. In den vierziger Jahren brauchte man mit
Postpferden sieben Tage, um eine Entfernung von 800 Werst zu berwinden,
wofr in den sechziger Jahren mit der Eisenbahn dreiig Stunden
ausreichten.

Nicht minder bedeutsam war die Entwicklung des Verkehrswesens
_=innerhalb der Stdte=_: im Anfang ein elendes Korbwgelchen auf
hlzernen Rdern, von einem mit Stricken angeschirrten Pferde langsam
gezogen, fr das Volk, und zwar nur fr zwei Personen; fr das bessere
Publikum die sogenannte Droschke oder Lineika, die heute noch
existiert: ein Lederkorb auf hngenden Ressorts, zwei Deichselstangen,
zwischen die ein Pferd mit einem Krummholz ber dem Kopfe eingespannt
war. In der Lineika war fr acht Personen Platz, auf einem langen Sitze
saen auf jeder Seite vier Personen, Rcken an Rcken. Diese Gefhrte
schttelten und rttelten auf dem holprigen Pflaster die Passagiere
lange Zeit, und wurden erst allmhlich so weit verbessert, da die
Droschke auf liegenden, niederen Ressorts angebracht und der Sitz mit
Federkissen versehen wurde, bis schlielich die Gummireifen um die Rder
dem Schtteln ein Ende machten und anstelle der Kissen bequeme, breite
Sofasitze traten.

Ende der siebziger Jahre wurde die Straen-Pferdebahn eingefhrt und die
ersten Velocipede tauchten auf, bis in den neunziger Jahren die
elektrische Tramway eine weitere Vervollkommnung brachte, die dann nur
wieder durch das Automobil bertrumpft wurde.

Der Wegebau -- der ja erst die Vervollkommnung der Verkehrsmittel
ermglichte, wurde in Form von Submissionen vergeben. Jeden Sptherbst,
veranstaltete die russische Regierung in Brest die Torgy, d. h. die
Vergebung der Bauarbeiten und Lieferungen. Aus diesem Anla kam
gewhnlich mein Grovater aus Warschau zu uns. Auch aus anderen: Stdten
trafen viele Padradziki ein. Zu des Grovaters Empfang wurden groe
Anstalten getroffen; mein Vater wurde, durch Estafette, reitende
Eilboten, die auf jeder Poststation das Pferd wechselten, von dem Tag
seines Eintreffens vorher genau benachrichtigt. Schon am Morgen des
betreffenden Tages waren alle im Hause und besonders wir Kinder voller
Ungeduld und Erwartung. Zur bestimmten Stunde begaben wir uns auf den
Paradebalkon oder auch auf den Korridor, um da zwischen den Sulen eine
geeignete Stelle zu finden, damit uns der Grovater zu allererst
bemerke. Aller Augen waren auf die nahe Brcke gerichtet. Die Erwartung
hatte den hchsten Grad der Spannung erreicht. Endlich rasselte es auf
der Brcke, und wir sahen die groe, viersitzige Equipage des
Grovaters, von vier Postpferden gezogen. (Aber auch von unseren Blicken
mchtig angezogen.) Jeder von uns streckte sich kerzengrade und strich
sich das Haar von der Stirn und die Herzen pochten ...

Der Wagen hielt nun endlich vor dem Balkon. Ein hoher, hagerer, blonder
Diener, in einem Lakaienmantel, mit einigen aufeinander folgenden
Kragen, sprang vom Bock, ffnete den Wagenschlag und half dem Grovater
heraus. Er war ein ehrwrdiger, stattlicher Greis, dem Aussehen nach
noch ziemlich rstig, mit langem, grauen Bart, hoher breiter Stirn,
groen ausdrucksvollen Augen von strengem Blick. Doch sein vterliches
Auge ruhte mit Stolz und Zrtlichkeit auf seinem Sohne. Es erfreute das
Herz des alten Mannes vollends, da unser Vater trotz seiner vielfachen
Geschfte noch immer Zeit genug fand, fleiig den Talmud zu studieren.
Wie oft pflegte der Greis zu sagen, er beneide meinen Vater um sein
groes, talmudisches Wissen und um die Mue, die er fr das Studium
finde.

Meine Mutter wurde vom Grovater zuerst begrt, aber ohne Hndedruck.
Meinen Vater, meinen lteren Bruder und meine Schwger umarmte er; zu
meinen lteren Schwestern und zu uns Kindern wandte er sich mit den
Worten: Was macht Ihr, Kinderchen? Aber diese wenigen Worte waren
hinreichend, uns vor Freude hpfen zu machen. Von dem ganzen Schwarm,
der sich auf dem Balkon befand, begleitet, begab sich dann der Grovater
ins Haus.

Wir kleinen Kinder durften nicht gleich in die festlich geschmckten
Rume eintreten. Wir nahmen daher unseren Rckweg durch die Tr links
und gelangten durch den Hauptkorridor in unser Zimmer. Meine lteren
Schwestern hatten schon das Recht, die ersten Stunden mit dem Grovater
und den Eltern zusammen zu bleiben und sich an der Besprechung der
Geschftsangelegenheiten zu beteiligen. Wir Kleinen wurden erst am
darauffolgenden Morgen von der Mutter zum Grovater gefhrt, der uns
zrtlich Haar und Wange streichelte. Doch kam es selten zu einem Ku. Er
lie uns durch seinen Diener die guten Warschauer Bonbons und
Apfelsinen, die er uns mitgebracht hatte, geben. Unsere Audienz whrte
jedoch nur wenige Minuten. Wir kten die weie, krftige Hand, die er
uns reichte, wnschten dem von uns so geliebten und hochgeschtzten
Manne einen guten Morgen, verbeugten uns und entfernten uns, ohne ein
berflssiges Wort an ihn zu richten.

So lange der Grovater bei uns weilte, war im Hause ein Hin- und
Herlaufen, ein Lrmen, ein Kommen und Gehen von Gsten und
Geschftsfreunden, im Hofe ein Ein- und Ausfahren von Equipagen und
Droschken. Das Mittagbrot wurde spter als sonst genommen. Man deckte im
gelben Salon den groen Tisch aus dem Ezimmer; das ganze Silber-,
Kristall- und Porzellangeschirr wurde verwendet, und die Gnge und die
Lnge der Tafel hatten eine ungewhnliche Ausdehnung, da viele Gste
geladen waren. Von meiner lteren Schwester bis zur jngsten fand
niemand an dem langen Tische Platz. Es wurde fr uns zu unserer grten
Freude im Ezimmer ein besonderer Tisch hergerichtet, wo unsere Njanja
(Kinderwrterin) Marjascha bediente -- ein dralles, rotwangiges Mdchen
mit schwarzen, dicken Zpfen und einem roten Tuch, das sie turbanartig
um den Kopf gewickelt hatte. Meine ltere Schwester Chasche Feige
brachte uns selbst schmackhafte Gerichte, Kuchen usw. von der groen
Tafel herber. Wir waren von der strengen Disziplin, die drben
herrschte, befreit und genossen, auf uns selbst angewiesen, die
vollkommenste Freiheit.

Am Abend fanden sich noch andere Gste ein, darunter viele Christen,
hochgestellte Mnner vom Militr, Ingenieure, Baukommissre, mit denen
der Grovater Preference spielte. Ein reiches Dessert wurde aufgetragen,
wovon wir Kinder wieder unseren gerechten Anteil erhielten; und wenn wir
von der Mutter noch die Erlaubnis bekamen, damit auf den Ofen im
Ezimmer zu klettern und dort Licht anzuznden, verlangten wir vom
Schicksal nichts mehr. Denn auf dem Ofen war es so traulich, so
gemtlich, dort, wo selbst am Tage ein Halbdunkel herrschte, wo sich in
einem Winkel unsere Puppen mit ihren Bettchen, Kleidern und allerlei
Blechtpfe, Schsseln und dergleichen befanden. Marjascha leistete uns
immer Gesellschaft, und sie wute so interessante Mrchen zu erzhlen.
Ach, das war der Ort, wo wir Kinder die Welt umher vergaen, mochte es
unten in den prchtigen Rumen noch so munter zugehen: wir waren hier
wunschlos-glcklich. Meine Mutter gestattete aber nur ungern den Auszug
auf den Ofen; denn der Weg hinauf war unsicher: man mute den einen Fu
in eine eigens dazu gemachte Vertiefung setzen und sich mit dem zweiten
in der Luft rasch hinaufschwingen, wobei man oft das Gleichgewicht
verlor und kopfabwrts auf die Diele strzte. Auch oben fehlte es nicht
an Gefahren; neugierig auf das Treiben im Ezimmer, streckten wir die
Kpfe ber den Ofenrand hinaus, der andere Teil des Krpers schwebte
fast in der Luft. Erst wenn eine auf die Diele strzte, wurden wir uns
bewut, in welcher Gefahr wir schwebten. Dennoch erwirkten wir oft die
Erlaubnis, uns fr einen ganzen Abend auf dem ersehnten Pltzchen
niederzulassen. Der Ofen bildete dort oben ein gerumiges Viereck, in
dem man nicht stehend, sondern blo sitzend oder liegend Platz hatte.
Denn die Decke war sehr niedrig.

In den Zimmern unten ging es ziemlich lebhaft zu. Nachdem man den Tee
und das Dessert eingenommen hatte, wurde noch viel von Geschften
gesprochen.

Es war ein reges Treiben, und die Ruhe kehrte erst wieder bei uns ein,
wenn der Grovater alle Geschfte geordnet hatte. Der Grovater hatte
die Ausfhrung der Festungsbauten in Brest bernommen, fr die mein
Vater viele, viele Millionen mit seinen Initialen J. E. gestempelter
Ziegel liefern mute. Wir bekamen zum Abschied schne Gold- und
Silbermnzen. Der Grovater reiste ab. Im Hause wurde es wieder still
wie nach einer Hochzeit in den vierziger Jahren (nicht etwa wie nach
einer in den achtziger Jahren!).

Kurze Zeit darauf nahte ein neuer, lieber Gast -- das Makkaberfest
(Chanuka) mit all seinen munteren und aufregenden Ereignissen. Schon am
Sonnabend vorher mute die Chanukalampe geputzt bereit stehen. Beim
Putzen waren wir Kinder zugegen, beschauten jedes einzelne Teilchen und
ergtzten uns daran. Die Lampe war aus Silberdraht geflochten und hatte
die Form eines Sofas. Die Lehne trug einen Adler, ber welchem ein
Vgelchen in natrlicher Gre mit einer Miniaturkrone auf dem Kpfchen
sa. An beiden Seiten des Sofas befanden sich kleine Rhren, in denen
Wachskerzchen staken, whrend auf dem Sitze acht Miniaturkrgchen
standen, die l enthielten -- zur Erinnerung an den kleinen lkrug, den
man einst, wie die Sage erzhlt, im Tempel zu Jerusalem nach der
Vertreibung der Feinde durch die Makkaber gefunden und der fr volle
acht Tage zur Beleuchtung des Tempels hingereicht hatte. Zur Erinnerung
an dieses Wunder feiern die Juden alljhrlich auch durch Anznden von
Lichtern und llampen das Makkaberfest, das in erster Reihe ein
Siegesfest ist. -- Der erste Chanuka-Abend wurde von uns Kindern mit
Herzklopfen erwartet. Der Vater verrichtete sein Abendgebet, whrend
unsere Mutter in das erste Krgchen l eingo, den Docht in die Rhrchen
einzog, zwei Wachskerzen in die zu beiden Seiten befindlichen kleinen
Leuchter und einen in die Krone des Vgelchens steckte. Wir Kinder
standen um sie herum und verfolgten jede ihrer Bewegungen mit Andacht!
Der Vater vollzog die rituelle Handlung: das Anznden des ersten Lichtes
an der Chanukalampe. Er sprach das vorgeschriebene Gebet, steckte dabei
ein dnnes Wachskerzchen an, womit er im ersten lkrgchen den Docht
anzndete. Jetzt begann der Feierabend, denn arbeiten durfte man nicht,
so lange das l im Krgchen brannte.

War das ein Jubel bei uns Kindern! Denn auch wir durften an diesem Abend
Karten spielen. Wir holten unsere paar Kupfermnzen hervor und hielten
uns fr Millionre. Wir setzten uns um den Tisch, und unsere kleinen
Cousinen gesellten sich auch zu uns. Indes bildeten unsere Eltern, die
erwachsenen Geschwister und einige Bekannte, die zu Besuch gekommen
waren, einen greren Kreis. Am fnften Abend dieser Woche sandte meine
Mutter Einladungen an alle unsere Verwandten und Bekannten. An diesem
Abend erhielten wir Kinder auch von der Mutter das so sehnlich erwartete
Chanukageld, das gewhnlich in neun glnzenden Kupfermnzen bestand. Man
blieb an diesem Abend spter auf als gewhnlich, spielte auch lnger
Karten, und es wurde ein reiches Abendbrot geboten, bei dem die
sogenannten Latkes[B] das Hauptgericht bildete. Latkes sind eine Art
Flinsen aus _=Buch=_weizenmehl mit Gnsefett und Honig; sie werden aber
auch aus _=Weizen=_mehl mit Hefe, eingemachten Frchten und Zucker
zubereitet und sind sehr schmackhaft. Als Getrnk gab es eine Art
Kaltschale, aus Bier, l und ein wenig Zucker bestehend. Dazu kam
Schwarzbrot, klein geschnitten, mit Zucker und Ingwer bestreuter
Zwieback. Gnsebraten wurde gereicht mit allen mglichen Beilagen,
gesalzenen und sauren, unter denen der Sauerkohl und die Gurken nicht
fehlen durften. Endlich ein reiches Dessert von Konfitren und Frchten,
wobei Keller und Vorratskammer viel einbten. Die Gste musterten,
beurteilten und lobten die Speisen.

Das Ergebnis des Kartenspielens konnte man auf unseren Gesichtern lesen;
mancher verlor sein ganzes Chanukageld und bemhte sich, die Trnen zu
verbergen. Es blieb nur ein Trost: die Hoffnung, da solche Spielabende
sich wiederholen werden. Dann wandte sich das Glck und fllte wieder
die leere Brse.

An solchen Abenden stellte mein Vater sogar das Lernen im Talmud ein
und gesellte sich zu den Spielenden, obgleich er, wie meine Mutter,
keine Idee vom Kartenspiel hatte. Sehr beliebt war auch das
Dreidlspiel, auch goor genannt. Das Dreidl wurde eigens aus Blei
gegossen. Es hat eine wrfelhnliche Form. Unten war eine Spitze, so da
der Apparat wie ein Kreisel gedreht werden konnte. Auf jeder der
Seitenflchen war ein Buchstabe markiert. Fiel das Dreidl auf
[Hebrischer Buchstabe: GIMEL], so hatte der Spieler verloren. Bei
[Hebrischer Buchstabe: SCHIN] blieb der Einsatz stehen. Fiel es auf
[Hebrischer Buchstabe: HE], so konnte er die Hlfte des Einsatzes
nehmen. Wenn des Dreidl aber auf [Hebrischer Buchstabe: NUN] fiel, so
war goor; der Wrfler konnte den ganzen Einsatz einstreichen.

Nach der Chanuka-Woche kam das Leben in unserem Hause wieder ins alte
Geleise. Es sei denn, da Einquartierung die Ruhe wieder strte: Besuch
eines hochgestellten Militr- oder Zivilbeamten. Die Festung in Brest
besa damals noch keinen Palast, und das Haus meiner Eltern war reich
und bequem eingerichtet. Der damalige Kommandant Piatkin, der mit meinem
Vater befreundet war, pflegte hohe Gste in unserem Hause einzulogieren.
Mancher kann ich mich noch sehr gut erinnern, z. B. des Frsten Bebutow
aus Grusinien im Kaukasus, der spter in Warschau einen hohen Posten
bekleidete. Er wohnte sehr lange bei uns, war zu uns Kindern freundlich
und gegen alle sehr zuvorkommend. Oft brachte er uns, whrend wir im
Blumengarten vor den Fenstern spielten, Bonbons und Honigkuchen, und
unterhielt sich mit uns gemtlich in russischer Sprache. Er hatte einen
Diener, der Johann hie. Er war lang und hager, hatte eine Habichtsnase
und mandelfrmig geschnittene, schwarze, glhende Augen, kletterte wie
eine Katze bis zur uersten Spitze der hchsten Pappel, machte
kunstvoll die Dschigetowka burduk, indem er sich von seinem im
raschesten Lauf hinstrmenden, feurigen Pferde bis zur Erde herabneigte,
um eine kleine Mnze aufzuheben. Er war recht jhzornig; man durfte ihn
nicht reizen oder ihm in den Weg kommen, wenn er aufgeregt war, denn er
fhrte immer einen Dolch bei sich. So hat er einen Hund, der ihm einmal
vor den Fen lief, mit dem Dolch entzwei gehauen. Ein anderes Mal hat
er einen Hahn im Fluge aufgefangen und ihm mit den Hnden den Kopf vom
Rumpfe heruntergerissen. Wir Kinder frchteten ihn sehr.

Der zweite Gast, dessen ich mich noch entsinnen kann, war der damalige
Gouverneur von Grodno, Doppelmeyer, der oft nach Brest kam und stets bei
uns wohnte. Er war ein sehr leutseliger, starker, blonder Herr, der bei
uns als guter Freund aufgenommen wurde. Er hielt es fr seine Pflicht,
meinen Eltern, so oft er kam, eine Visite zu machen. Geschah dies an
einem Freitag Abend, so wurde er mit einem Stck Pfefferfisch regaliert,
den er mit groem Appetit verzehrte. Auch dem schnen geflochtenen
Schabbes-(Sabbat) Strietzel lie er volle Gerechtigkeit widerfahren. Es
mu ein wohlgeflliges Bild gewesen sein, wenn alle meine Geschwister
mit ihren jungen, blhenden Gesichtern und meine Eltern um den Tisch
saen. Denn der Gouverneur sagte viel Schmeichelhaftes darber und
beglckwnschte meine Eltern. Er unterhielt sich mit meinem Vater ber
mancherlei ernste Angelegenheiten und blieb plaudernd bis zum Ende der
Mahlzeit: Der Verkehr zwischen Juden und Christen war damals noch nicht
durch den Antisemitismus vergiftet ...

Unter den Gsten meines Vaterhauses war auch ein kleines, jdisches
Mnnchen, das alljhrlich im Hochsommer zu uns kam und einige Wochen bei
uns weilte. Er gehrte der Sekte Dower min hachai an, d, h. die nichts
vom Lebendigen Genieenden; die man jetzt Vegetarier nennt. Er hielt
diese Vorschriften aber so strenge inne, da er nicht einmal von dem
Geschirr a, das auch nur einmal zu Fleischspeisen benutzt worden war.
Meine fromme Mutter pflegte selbst fr ihn die Speisen zuzubereiten,
eine Suppe aus sauren, roten Rben oder Sauerampfer, Grtzbrei ohne
jeden Fettzusatz, nur mit etwas Bauml zubereitet; ferner Nsse in
Honig, oder Rettig in Honig mit Ingwer gekocht, Tee und schwarzen
Kaffee. -- Er war ein stiller, hchst bescheidener Mann und wurde von
uns allen sehr verehrt, insbesondere auch von meinem Vater, der mit ihm
in seinem Kabinett ber die Folianten gebeugt zu sitzen und zu
disputieren pflegte.

Das Leben im Winter hatte fr mich einen besonderen Reiz. Gerade wenn es
tchtig schneite, liebte ich es, drauen herum zu spazieren. In der
Dmmerstunde, wenn ich zu frieren anfing, schlich ich mich in den
Flgel, so hie das Seitengebude im Hofe, wo meine verheirateten
Schwestern mit ihren Mnnern und Kindern lebten. Mein Besuch dort galt
der Njanja (Kinderwrterin) des kleinen Sohnes meiner Schwester. Die
Njanja erzhlte mir oft sehr interessante Mrchen und sang sehr schne
Liedchen. Ich fand sie gewhnlich an der Wiege sitzend, die sie mit
einem Fu in Bewegung hielt, whrend ihre gerunzelten, blau-gelben Hnde
an einem dunkelgrauen, groben Wollstrumpf strickten. Ich kroch mit
Hnden und Fen auf das Bett, auf dem sie sa, und bat mit allerlei
Schmeichelworten, sie solle mir den Strumpf zum Stricken geben.

Nein, grinste sie, du wirst wie gestern nur wieder die Maschen fallen
lassen. Geh weg von mir!

Chainke, Jubinke, begann ich aufs Neue, wenn Ihr mir nicht den
Strumpf gebt, so singt mir von den Liedelach, die Ihr singt, wenn Ihr
Berele einschlfert.

Grmlich antwortete sie: Mir ist nicht zum Singen.

Seid Ihr krank, Chainke? fragte ich sie besorgt.

La mich in Ruh, schrie sie aufspringend. Aber ich lie mich von
dieser ihr eigenen Laune nicht abschrecken und wiederholte meine Bitte,
die ich durch Ksse ihrer faltigen Wangen und Streicheln ihres
runzeligen Halses untersttzte.

Mischelaches! (Gottesplage) schrie sie auf, um von dir poter zi
weren (um dich los zu werden), werd' ich dir schon singen.

Ich setzte mich zurecht, als ob sie ohne meine Vorbereitung nicht singen
knnte und lauschte.

Und sie sang:

    Patschen, patschen Kchalach,
    Kaufen, kaufen Schichalach,
    Schichalach kaufen,
    In Cheider (_Schule_) wet das Kind laufen,
    Laufen wet es in den Cheider,
    Lernen wet es gur Kiseider (_der Reihe nach_)
    Wet es oblernen etliche Schures (_einige Zeilen_)
    Wet man heren gute Bsures (_gute Nachrichten hren_)
    Bsures toiwes (_gute_) zu zuheren
    Abi dem Oilom (_Publikum_) a Eize zu geben (_Rat zu geben_),
    Eine Eize zu geben mit viel Mailes (_gute Eigenschaften_)
    Wet das Kind paskenen Scheiles (_Fragen ber koscher
        und treife und andere talmudische Fragen entscheiden_)
    Scheiles wet es paskenen.
    Drosches wet es darschenen (_talmudische Reden halten_)
    Wet men ihm schicken die gildene Pischkele, (_wird man
    ihm schicken eine goldene Dose_)
    Un a Streimele (_Festtagspelzmtze_)

Ach, wie schn, wie schn, rief ich, Beifall klatschend, Aber Ihr
werdet mir noch, Chainke, ein zweites Liedele singen.

Was is dus heint far a Mischelaches (_Gottesplage_) auf mir gekummen!
Sie sprang schreiend auf vom Sitz, so da eine Stricknadel in die Wiege
fiel und die Maschen von ihr herabglitten. Nun zweifelte ich nicht, da
ich heute nichts mehr zu hren bekommen wrde. Ich blieb still sitzen,
bis sie brummend und grimmig den Strumpf in Ordnung gebracht hatte; sie
sah mich mit wtenden Blicken von der Seite her an, als verstnde es
sich von selbst, da ich Schuld an dem Unfall hatte. Ich regte mich
nicht. Und da sie in meinen Mienen das Bekenntnis meiner Schuld fand,
wurde sie wieder vershnt. -- Freilich trug auch mein Versprechen, ihr
etwas von meinem Vesperbrot zu bringen, zur Besserung ihrer Laune bei.
Um mich los zu werden, sang sie mir noch ein zweites Lied:

    Schlaf mein Kind in Ruh,
    Mach deine koschere (_reine_) ugelach zu.
    Unter dem Kinds Wiegele
    Steht a weie Ziegele,
    Die Ziegele is gefohren handeln,
    Rosinkes (_Rosinen_) mit Mandeln.
    Das is die beste S'choire (_Ware_)
    Berele wird lernen Toire
    Toire, Toire im Kepele (_Kpfchen_)
    Kasche (_Brei_) Kasche im Tepele (_Tpfchen_)
    Broit (_Brot_) mit Butter schmieren
    Der Tate (_Vater_) mit der Mame (_Mutter_) Berele zu der
        Chupe (_Trauung_) fhren.

Es ist bezeichnend, da der Jude damals selbst in den Wiegenliedern nur
vom Thoralernen, Cheidergehen phantasierte -- und nicht von Jagd, Hunden,
Pferden, Dolchen, Krieg.

Chainke begeisterte sich an ihrem Gesange selbst recht sehr und sang mir
noch mehrere Liedchen. Eins mchte ich hier noch anfhren:

    Zigele, migele
    Wachsen im Krigele
    Roite Brenselie
    As der Tate schlugt die Mamme
    Reissen die Kinderlach Krie --

    Zigele, migele
    Wachsen im Krigele
    Roite Pomeranzen
    As der Tate kuscht die Mamme,
    Gehen die Kinderlach tanzen.

Sicher animierte sie zu dieser Zugabe die Aussicht auf mein Vesperbrot.
Inzwischen war es recht dunkel geworden. Ich lief eilig ber den Hof ins
Hauptgebude zurck, wo meine Geschwister schon tchtig dem Vesperbrot
zusprachen. Unser Kindermdchen Marjascha konnte mit dem Brotschneiden
und dem Aufstreichen von eingemachten Stachelbeeren -- unserem
Lieblingsgericht -- gar nicht fertig werden. Ich bekam meinen Teil und
husch! war ich schon wieder auf dem Wege zum Flgelgebude, wo ich von
der mir jetzt geneigten Sngerin viel freundlicher als zuvor behandelt
wurde. Und wir verzehrten gemeinschaftlich mit Behagen den
Leckerbissen..... --

.... Die grere Hlfte des Winters war vorber, und das Purimfest mit
seinen aufregenden Freuden, mit den vielen Beschenkungen stand vor der
Tr. Damals war es unerllich, fr unsere Cousinen und Nichten
Handarbeiten zum Scholachmones (gesandte Geschenke) anzufertigen. Wir
arbeiteten Tage und Nchte mit groem Eifer, und als nun alles fertig
war, ergtzten wir uns bei dem Gedanken, wie die Beschenkten vor
Bewunderung beinahe neidisch auf unsere Geschicklichkeit sein wrden.
Der ersehnte Purimtag rckte immer nher. Am Vortag war Esthertanes (der
Knigin Esther Fasttag), an dem alle lteren Familienmitglieder
fasteten. Schmackhafte Purimbckereien wurden von meinen Schwestern im
Hause bereitet. Die Hauptrolle spielten die Hamantaschen (dreieckige
Mohnkuchen) und die Monelach (in Honig gekochter Mohn). Gerieten sie
gut, so versprach man sich ein gutes Jahr. Wir Kinder durften auch bei
dieser Arbeit helfen, konnten wir doch bei dieser Gelegenheit nach
Herzenslust naschen. Der ganze Tag verging ohne die blichen Mahlzeiten.
Aber wie gro war die Lust, sich am Abend unter die groen mischen zu
drfen und die gebackenen, gebratenen und gekochten Herrlichkeiten
verzehren zu knnen! Und erst die freudige Aussicht auf den nchsten
Tag! Am Abend wurde zu Hause gebetet. Nachher fand sich eine zahlreiche
Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein. Hierauf wurde die M'gilla Esther
(das Buch Esther) vorgelesen. Und so oft der verhate Name Haman vorkam,
stampften die Mnner mit den Fen, und die Jugend lrmte mit den
schrillen Gragers (Schnarren). Mein Vater rgerte sich darber und
verbot es. Aber es half nichts: jedes Jahr tat man es wieder.

Erst nach dem Ablesen der M'gilla, das oft bis acht oder neun Uhr abends
dauerte, begab man sich ins Ezimmer, und lie sich die appetitlichen
Speisen, die in reicher Flle auf dem Tisch standen, gut schmecken.
Jeder bediente sich, so rasch er konnte, um den laut protestierenden
Magen, der doch mehr als 20 Stunden keine Nahrung erhalten hatte, zu
befriedigen.

Am frhen Morgen des darauffolgenden Tages konnten wir Kinder vor
Aufregung nicht mehr schlafen und riefen einander noch in den Betten zu:
Was ist heute? -- Purim! lautete die frohlockende Antwort. Und nun
kleidete man sich so rasch wie mglich an. Die freudige Erwartung
verwandelte sich in Ungeduld. Wir wnschten, der Morgen mge doch
endlich schon zum Nachmittag werden, da wurden ja die Scholachmones
abgeschickt und empfangen.

Mein Vater und die jungen Leute kamen aus dem Bethause, wo ein
Halbfeiertagsgottesdienst abgehalten und wieder die M'gilla vorgelesen
worden war. Das Mittagmahl wurde zu frher Stunde genommen (es
bestand aus den vier traditionellen Gngen: Fische, Suppe mit den
unvermeidlichen Haman-Ohren, d. h. dreieckige Kreppchen, Truthahn und
Gemse), um die zweite Mahlzeit, die Sude (Festmahl), die eigentlich am
Purimfest die Hauptrolle spielte, noch vor Abend beginnen zu knnen.
Dabei gibt sich der Jude, -- so will es der Gebrauch -- der wahren
oder der vermeintlichen Freude hin und darf sich einen kleinen Rausch
antrinken. So viel ich mich zu erinnern wei, ist jeder Jude an diesem
Tage munter und frhlich, er gnnt sich gutes Essen und Trinken und
bemht sich schon Tage vorher, fr den Schmaus viel Geld aufzutreiben.

Uns Kinder beschftigte nur der Gedanke an das Abschicken und Empfangen
des Scholachmones. Endlich kam die wichtige Stunde, da alle fertigen
Geschenke auf ein Teebrett gelegt wurden. Dem Dienstmdchen wurde
eingeschrft, welches Geschenk fr den und jenen bestimmt sei. Mit
besorgter, vor Aufregung bebender Stimme wurde ihr verboten, sich
unterwegs aufzuhalten oder mit jemand zu sprechen, nicht einmal im
Vorbergehen. Sie sollte direkt zu unseren Tanten gehen. Selbst die
Art, wie sie das Teebrett mit den Geschenken auf den Tisch setzen
msse, und wie sie jedem sein Geschenk auszuhndigen habe, wurde
ihr genau angegeben. Dabei stellten wir uns lebhaft die Ausrufe des
Entzckens vor, die unsere Arbeiten hervorlocken wrden. Und wir
zeigten wiederholt dem Mdchen jedes Stck. Endlich ging das Mdchen
fort und gelangte glcklich an Ort und Stelle.

Bist du von den Kindern der Muhme geschickt? eilten dem Mdchen dort
die Kinder, hastig fragend, entgegen -- denn ebenso wie bei uns, war man
auch dort aufgeregt und ungeduldig gewesen.

Ja! stammelte das bestrmte Mdchen, das kaum die Wohnstube erreichen
konnte, da ihr alle lrmend und fragend folgten. Sie bemchtigten sich
endlich des Tablettes, strzten sich auf die Geschenke, um alles zu
besichtigen, zu beurteilen und zu bewundern. Das unbeholfene Mdchen tat
nicht so, wie wir befohlen hatten, da sich die Beschenkten die Sachen,
ohne zu fragen, selber nahmen. Dann machten sich die Kinder daran, die
fr uns bestimmten Geschenke abzusenden. Das geschah in der nchsten
Viertelstunde. Die arme Botin aber, welche mit solchem Jubel empfangen
worden war, ging fast unbemerkt, ganz still fort und wurde von uns dann
mit der gleichen Ungeduld und Spannung ausgefragt, ob man drben sehr
erstaunt gewesen, und welche Meinung ber unsere Geschenke geuert
worden sei. Nun empfingen wir von unseren Cousinen die Gegengeschenke,
welche unsere Erwartungen weit bertrafen oder -- auch nicht. Bei ihrer
Entgegennahme muten wir an uns halten, ruhig zu bleiben. Wir durften
uns vor der Botin nicht so ungeduldig und so neugierig zeigen, wie wir
es tatschlich waren; denn die Mutter hatte uns streng befohlen, ein
ruhiges, wrdiges Benehmen an den Tag zu legen.

Inzwischen wurden allerhand Purimspiele (Szenen aus der biblischen
Geschichte, hauptschlich aber mit einem Motiv aus dem Buch Esther)
vorgefhrt. Die erste Szene brachte das Achaschweros (Knig
Artaxerxes)-Spiel nach der Migilla, diejenige, in der der Knig, Haman,
Mardechai und die Knigin Esther die Hauptrollen hatten. Gewhnlich gab
ein junger Bursche in Damenkleidern die Knigin Esther, die von uns mit
neugierig erregten Augen verfolgt und angestaunt wurde. Die Kleidung der
anderen Darsteller zeichnete sich nicht durch besondere Reinlichkeit und
Eleganz aus. Der dreieckige Hut mit dem Federbusch, die Epauletten und
das Portepee waren aus dunkelblauem und weigelbem Pappendeckel
verfertigt. Die Auffhrung dauerte lnger als eine Stunde, und wir
folgten ihr mit dem grten Interesse. Dann kam das Josefsspiel, dessen
interessanteste Szenen der Bibel entlehnt sind. Bei allen Stcken wurde
viel gesungen. Ich erinnere mich genau der Melodieen -- und des komischen
Tanzes, den Zirele Waans, eine Frau aus dem Volke, und ein armer Mann,
Lemele Futt, auffhrten. Sie tanzten und sangen dazu im Jargon. Wir
kicherten heimlich ber die grotesken Gestalten und ihre eckigen
Bewegungen.

Am amsantesten fr uns Kinder war das sogenannte Lied von der Kose
(Ziege). Ein Fell mit einem Ziegenkopf wurde von einem Mann, der darin
stak, auf zwei Stcken gehalten. Der Ziegenhals war mit allerlei bunten
Glasperlen und Korallen, Silber- und Messingmnzen, Schellen und noch
vielem anderen schimmernden, blinkenden Zeug behangen. Auf den beiden
Hrnern waren zwei grere Glckchen befestigt, die bei jeder
Kopfwendung schrill erklangen und sich mit dem anderen bimmelnden Tand
zu einer seltsamen Musik vereinigten. Der gute Mann im Ziegenfell
machte allerhand Bewegungen, er tanzte, sprang hoch und nieder. Das
Singen besorgte mit lustiger, heiserer Stimme der Fhrer der Kose
(Ziege).

Das Liedchen lautet:

    Afen hoichen Barg, afen grnem grus, (_gras_)
    Stehn a por Deutschen mit die lange Beitschen.
    Hoiche manen seinen mir
    Krze kleider gehen mir.
    Owinu Meilach (_Unser Vater, Knig_)
    Dus Harz is ns freilach. (_frhlich_)
    Freilach wellen mir sein
    Trinken wellen mir Wein.
    Wein wellen mir trinken
    Kreplach wellen mir essen
    Un Gott wellen mir nit vergessen.

Der Snger war ein hagerer, langer, blonder Bursche, der das ganze
Jahr in unserer Ziegelfabrik Lehm transportierte und den Spitznamen die
Kose trug. Fr uns kleine Kinder war das Schauspiel voller
Ergtzlichkeiten. Aber wir konnten uns dennoch eines gewissen
Angstgefhles nicht ganz erwehren und flchteten uns auch bald, nachdem
sie erschienen, auf den Ofen im Ezimmer, von dem aus wir die Vorgnge
mit mehr Sicherheit berschauen konnten. Und da sahen wir mit
Interesse, wie die Kose ein Glas Branntwein hinuntergo, das unsere
Mutter ihr an den Mund gebracht hatte, dann steckte die Mutter ihr einen
groen Purim-Mohnkuchen in den Mund, welchen die Kose, wie uns schien,
im Nu verschluckte. Zu einer festen Ansicht, ob es denn wirklich eine
Ziege war, oder ob ein Mensch darin stak, kamen wir nicht. Die Sache
erschien uns durchaus rtselhaft....

Der Scherz wurde laut belacht, und der Lehmfhrer wurde mit einem guten
Trinkgelde verabschiedet, wofr er mit komischen Gebrden dankte und
alle segnete. Die vorgefhrten Szenen fanden im Speisezimmer statt und
wurden durch die vielen Boten, die Scholachmones brachten, oft
unterbrochen. Die Boten harrten der Auftrge meiner Mutter, welche fr
die Abschickung der Gegengeschenke Anordnungen traf. Auf dem langen
Tisch befanden sich verschiedene Sorten teuren Weines, englisches
Porter, die besten Likre, Rum, Kognak, Bonbons, Apfelsinen, Zitronen,
marinierter Lachs. Diese edlen Dinge verteilte meine Mutter und meine
lteren Schwestern unaufhrlich auf Teller, Schsseln und Tablette. Es
gab kein bestimmtes Ma, keine bestimmte Zahl. Eine Sendung bestand
gewhnlich aus einer Flasche Wein oder englischem Porter und einem Stck
Lachs, aus Fischen und einigen Apfelsinen oder Zitronen. Ein so
zusammengestelltes Geschenk war zumeist einem Herrn zugedacht. Die
Geschenke fr Frauen bildeten Kuchen, Frchte und Bonbons. Die Leute
niederen Standes erhielten Honigkuchen, Nsse, pfel auf einem Teller,
der mit einem roten Taschentuch berdeckt war, dessen Enden nach unten
zusammengeknotet wurden. Ich erinnere mich lebhaft eines aufregenden
Vorfalles am Purim. Meine Mutter hatte vergessen, einem Hausfreunde
Scholachmones zurckzuschicken.[C] Das fiel ihr erst spt nachts ein,
und sie konnte vor rger darber nicht einschlafen. Am frhen Morgen
kleidete sie sich rasch an und begab sich zu dem Freunde, um ihn um
Verzeihung zu bitten und zu beteuern, da der Irrtum nicht aus
Geringschtzung, sondern aus Vergelichkeit geschehen wre. Die
Versicherung war ntig, denn der Freund hatte sich tatschlich
zurckgesetzt und verletzt gefhlt. Von solcher Wichtigkeit und
Bedeutung war damals jeder jdische Gebrauch!

Die Boten kamen und gingen, und so verflossen die Nachmittagsstunden von
eins bis sechs Uhr, die uns Kindern lauter Naschwerk und Leckerbissen
brachten. Diese Zeit pflegte der Vater fr sein Nachmittagsschlfchen zu
verwenden. Als er aufstand, erwartete ihn bereits der dampfende Samowar
mit dem duftenden Tee auf dem Tisch. Sodann verrichtete er das
Vorabendgebet. Denn die Sude (Festmahl) stand nahe bevor. (Nach der
Vorschrift mu diese noch vor Abend beginnen.)

Der groe Kronleuchter im gelben Salon wurde angesteckt. Alle
Wachskerzen in den Wandleuchtern brannten. Auch die brigen Zimmer waren
hell erleuchtet. Die Tafel wurde aufs neue mit allen erdenklichen
kalten, schmackhaften Speisen besetzt. Besondere Sorgfalt wurde an
diesem Abend auf die Getrnke verwendet, was in unserem Hause sonst
nicht blich war. Fast schien es, als she es unser Vater als gutes und
gottgeflliges Werk an, wenn sich jemand am Purim ein Ruschchen
antrank.

Wir Kinder fhrten an diesem Abend eine Posse auf, in der meine ltere
Schwester und ich die Kleider der Njanja und der Kchin bentzten. Sie
waren natrlich zu lang und zu breit und schleppten nach. Meine
Schwester stellte eine Mutter dar, ich ihre Tochter, deren Gatte sie mit
einem Kinde in Armut verlassen hatte. Gute Menschen sollten uns nun
helfen, den Mann aufzusuchen, denn sonst mute ich eine _=Agune=_
bleiben (d. h. ich durfte nicht mehr heiraten) und mute seine Rckkehr
abwarten. Auf die Frage, woher wir kmen, hatten wir mit verstellter
Stimme geantwortet: Aus Krupziki. Unser Benehmen und unsere Haltung
waren so ruhig und ernst, da selbst unsere Mutter uns im ersten
Augenblick nicht erkannte, geschweige die Gste. Der Vater rief aus:
Wie hat sich der Diener unterstanden, diese Leute ins Speisezimmer
hereinzulassen, worin Gste sind? Was ist das fr eine Belstigung? Wir
baten um Almosen in Geld oder in Speisen, wir wren hungrig und htten
heute noch nichts gegessen -- das alles sprachen wir im echtesten Jargon.
Unsere Bitte um Speise und Trank wurde bald erfllt, man lud uns ein, am
Tisch Platz zu nehmen. Wir taten es mit gespielter Befangenheit, und wir
begafften und bewunderten alles, was man uns vorsetzte und sparten nicht
mit Seufzern, was die Tischgenossen zum Kichern brachte. Wir waren so
gut vermummt, der abenteuerliche Kopfputz war so tief in die Stirn
gerckt, da wir den Scherz unerkannt bis zu Ende fhren konnten.

Wie ich mich seit meiner zartesten Jugend bis in die spteste Zeit
erinnern kann, wurde am Purimfest bei uns zu Hause immer bis zum
Tagesanbruch viel gegessen, getrunken und gelacht. Es herrschte
Heiterkeit bis zur Ausgelassenheit. Alle sonst verbotenen Streiche und
Possen waren gestattet. Jede Disziplin bei Tische war aufgehoben. Das
Fest lie die beste Erinnerung zurck und auch greifbare Andenken: eine
hbsche Halsbinde, ein kleines Parfum-Flacon, das man immer wieder in
den Hnden hin- und herwandte, um das Etikett, das man schon auswendig
kannte, wieder mit erneutem Vergngen zu lesen. Lange wurde das
Flschchen in der Kommode verwahrt, bis es bei einer wichtigen und
passenden Gelegenheit zur Benutzung kam.

Schon am darauffolgenden Tage, am Schuschan-Purim, hielt meine Mutter
mit der Kchin langen Rat ber die groen Vorbereitungen zum Pesach
(Osterfest). Die wichtigste Speise, rote Rben zum Einlegen fr den
Borscht in einem gekascherten Fa, wurde schon an diesem Tag
angesetzt. Nach einigen Tagen erschien auch schon Wichne, die
Mehlverkuferin, in ihrem unvermeidlichen Pelz und brachte allerlei
Mehlproben fr die Mazzes. Meine Mutter beriet sich mit meiner lteren
Schwester beim Prfen des Mehles, man knetete aus den Proben einen Teig
und buk kleine dnne Pltzchen, bis die Wahl auf eine erprobte
Mehlgattung fiel. Einen Tag vor Rosch-Chodesch (Neumond) Nissan mute
meine ltere Schwester einen Sack nhen (denn die Mutter traute der
Kchin nicht, da sie das auch gengend sauber machen wrde) und das
mute vorsichtig in einer gewissen Entfernung von Brot oder Grtze
geschehen: Meine Mutter war in allen diesen Vorbereitungen zum Osterfest
so peinlich, da die Kchin darob oft auer sich geriet und grob wurde.

Meine lteren Schwestern bereiteten fr die Feiertage moderne, hbsche
Putzsachen vor. Schneider, Schuster und Putzmacherinnen fingen an,
hufige Besucher in unserem Hause zu werden, mit denen die
Saisonangelegenheiten gar oft berlaut errtert wurden. Rosch-Chodesch
Nissan rckte heran, und nun begann man mit dem Backen der Mazzes. Diese
Arbeit bildete eine Aufgabe in der huslichen Wirtschaft, mit der sich
alle Hausgenossen, selbst Vater und Mutter, beschftigten. Schon am
Vortage, ganz frh am Morgen, erschien Wichne, die Mehlfrau, mit dem
Sckel Mehl unter dem Pelz, der diesmal vorn mit einer langen, bis an
den Hals reichenden Schrze bedeckt war. Den weien, aus dnner Leinwand
verfertigten Sack brachte meine Schwester ins Speisezimmer, wohin auch
Wichne mit dem Mehl folgte. Wir Kinder durften natrlich auch da nicht
fehlen, um andchtig die abgemessenen Tpfe Mehl mitzhlen zu helfen. So
und so viel Tpfe wurden gezhlt; der Sack wurde verbunden, in einen
Winkel des Ezimmers gestellt, und sehr sorgfltig mit einem weien
Leintuch bedeckt. Uns Kindern wurde streng verboten, mit Brot oder
sonstigen Speisen in die Nhe zu kommen, was wir ganz begreiflich
fanden. Am nchsten Morgen erschien das unentbehrliche Faktotum, die
Aufwartefrau, die den Spitznamen Meschia Cheziche fhrte, dieselbe, die
schon zu Beginn des Herbstes als Aufseherin bei allen huslichen
Arbeiten fungierte. Ihr ganzes praktisches Wissen bewhrte sich
hauptschlich beim Einlegen von Kohl und beim Einkellern von Gemse. Sie
lebte mit ihrem Mann in einer Lehmhtte bei unserer Ziegelfabrik, fr
die er Lehm transportierte, hielt sich aber die meiste Zeit bei uns auf.
Sie war wirklich eine treue Seele, die sich fr jedes von uns Kindern
aufgeopfert htte. Ich sah sie nie anders als in einem zerlumpten,
blaugestreiften Kattunkleid und in einem Paar sehr groer Schuhe, die
ihr bei jedem Schritt von den auch im Sommer beinahe erfrorenen Fen
herabfielen. Das braun-blau erfrorene Gesicht, war mit einem ehemals
weien Kattuntuch umwickelt, ein schmaler roter Wollstreifen um die
Stirn gebunden und zwei Enden eines Schleiers hingen wie Flgel im
Nacken. Die kleinen, tief in den Kopf gesunkenen matten Augen drckten
immer Wohlwollen und Dankbarkeit aus. Der ungeheuer breite Mund mit den
schmalen Lippen schien nur die Worte sprechen zu knnen: Gute Leut',
erwrmt mich und gebt mir etwas zu essen.

Meine Schwestern lieen jeden Herbst einen wattierten Rock und andere
warme Kleidungsstcke fr sie anfertigen. Es scheiterte aber jeder
Versuch, dieses gnzlich durchfrorene Wesen zu erwrmen. Also Meschia
Cheziche kam; zuerst erhielt sie in der Kche einen Teller voll heier
Grtzsuppe, und nachdem sie gesttigt war und sich etwas erwrmt hatte,
schlich sie zur Tr des Speisezimmers, streckte den Kopf zur
halbgeffneten Tr herein und meldete sich. Meine Mutter befahl ihr,
sich ordentlich zu waschen; dann zog man der hageren Gestalt ein langes,
weies Hemd ber ihre Kleider und der Kopfputz wurde mit einem weien
Leinentuch, das auch den breiten Mund bedeckte, umwunden. In diesem
Aufzug, der ihr ein gespensterhaftes Aussehen verlieh, mute sie nun das
Mehl fr die Mazzes durchsieben. Nachdem sie meine Mutter mit den Worten
gesegnet hatte: Derlebts ber a Juhr (knftiges Jahr) mit Eurem Mann
und Kinderlach in groen Freuden! begann sie ein Sieb nach dem anderen
auf den vorbereiteten Tisch zu schtten. Welch ein ergtzlicher Anblick,
diese Erscheinung bei der Arbeit zu sehen! Wir Kinder standen in
gemessener Entfernung und sahen aufmerksam zu. Meschia Cheziche war das
Sprechen streng untersagt, damit kein Trpfchen aus ihrem Munde in das
Mehl falle. Nach beendigter Arbeit blieb sie die Nacht in der Kche, und
am frhen Morgen scheuerte sie die groen roten Kisten, in denen das
ganze Jahr reine Wsche aufbewahrt wurde, und, obgleich sie nie mit
Speisen in Berhrung kamen, fate sie mit krftigen Hnden an und wusch
sie grndlich, damit sie in tadelloser Reinheit die Mazzes aufnhmen.
Dann kamen die Holztische und die Bnke an die Reihe, die ebenfalls die
Kraft des von Meschia Cheziche gefhrten Scheuerbesens zu fhlen
bekamen. Auch die vielen Dutzende Rollhlzer, Blechplatten, die ebenso
grndlich gereinigt wurden, wurden nicht verschont. Erbarmungslos rieb
und scheuerte man auch zwei groe Messingbecken, legte rotglhende
Eisenstbe darein und schttete erst kochendes, dann kaltes Wasser so
lange darauf, -- ein solches Reinigen nennen die Juden. Kaschern -- bis
das Wasser berlief; spter wurden sie noch einmal gescheuert und dann
blank geputzt, da sie funkelten.

Das Wichtigste beim Mazzesbacken ist das Wasserholen vom Brunnen oder
Flu, was als groe Mizwe (gottgefllige Handlung) gilt. Das Geschirr
zum Mazzeswasser besteht aus zwei groen Holzschaffeln, die mit grauer
Leinwand berspannt waren, einem Eimer mit einem groen Schpfer und
zwei groen Stangen. Das fehlende Geschirr wurde natrlich neu ergnzt.
Nachdem noch die groe Kche im Hof gereinigt, die Ziegel des Backofens
durchglht und gekaschert waren, wurde viel trockenes, harziges Holz,
das unser bewhrter alter Wchter Feiwele den ganzen Winter ber zu
diesem Zweck gesammelt hatte, in die Kche gebracht. Am Vorabend vor
Rosch-Chodesch Nissan gab es im Hof vor dem Brunnen oder am nahen Flu
ein seltsames Schauspiel: Mein Vater, meine Schwger begaben sich in
eigener Person, die Wasserschaffeln auf den langen Stangen tragend, zum
Brunnen oder Flu, um Wasser zu holen und es nach der groen Kche zu
bringen, wo die Schaffeln auf eine mit Heu bedeckte Bank gestellt
wurden. Die Mutter und wir Kinder liefen dem seltsamen Zuge bald voran;
bald hinterdrein. Die jungen Mnner waren dabei vergngt und munter.
Mein Vater hingegen war ernst, denn diese Bruche waren ihm als eine
gottgefllige Handlung heilig. Meine Schwger brachten auch den
wohlverwahrten, verhllten Sack Mehl in die groe Kche. Meschia
Cheziche blieb die Nacht da, um rechtzeitig am nchsten Morgen den Ofen
zu heizen. Alle gingen zeitig zu Bette, um beim Beginn des Mazzebackens
frh zugegen sein zu knnen.

Ich drngte mich am nchsten Morgen gleich an den Ofen und sah mit
groem Interesse zu, wie gewandt eine alte Frau die runden, dnnen
Mazzen in den Ofen schob, die halbgebackenen zur Seite rckte, die ganz
fertigen mit beiden Hnden sammelte und in einen Korb auf der nahe bei
stehenden Bank warf, ohne da auch nur eine einzige zerbrach, trotzdem
sie so dnn und zerbrechlich waren. Mir wurde bald eine Beschftigung
zugewiesen: ich sollte die geschnittenen Stcke Teig den mit Rollhlzern
bewaffneten Weibern reichen, die um den langen, mit Blechplatten
bedeckten Tisch standen. Meine ltere Schwester hatte mich immer im
Frhaufstehen bertroffen; auch jetzt erzhlte sie mir mit Stolz, da
sie schon viele Mazzen aufgerollt habe, die sogar schon gebacken seien.
Ich war mit mir sehr unzufrieden, schalt mich selber eine Langschlferin
und suchte mich nun um so ntzlicher zu machen. Ich beruhigte mich erst
dann ber das spte Aufstehen, als mich das viele Umherlaufen und
Herumstehen tchtig ermdet hatte. Ich wusch mir die Hnde und ging in
die zweite Kammer, wo der Teig geknetet wurde. Da stand eine Frau ber
ein funkelndes Messingbecken gebeugt und knetete, ohne einen Laut von
sich zu geben, ein Stck Teig nach dem andern aus abgemessenem Mehl und
Wasser. Ich machte mich auch da ntzlich, indem ich mir von dem kleinen
Jungen, der das Wasser in das Mehl zu gieen hatte, den groen Schpfer
ausbat und seine Arbeit bedchtig und still ausfhrte, hie und da die
knetende Frau ansehend, die ber den Kleidern gleich Meschia Cheziche
ein langes, weies Hemd trug und eine Schrze, die in der Taille nicht
eingeschnrt war. Kopf und Mund waren mit weien Tchern verbunden,
ebenso wie bei Meschia Cheziche. Ich half mit, bis mich die Mdigkeit
bermannte.

Das Backen der Mazzen dauerte fast zwei Tage. Meine Mutter ging
unermdlich umher und besah von Zeit zu Zeit die Rollhlzer, mit denen
die Frauen die Mazzes rollten, um den angeklebten Teig abzukratzen; bei
dieser Arbeit halfen meine Schwger und mein Bruder, die mit kleinen
Stckchen Glasscherben bewaffnet waren. Die Teilchen muten entfernt
werden, weil der angeklebte Teig bereits Chomez (d. h. _=gesuerter=_
Teig ist), und somit in den Mazzenteig (der _=ungesuert=_ ist), nicht
eingeknetet werden darf. Auch beim Rdeln der Mazzen halfen die jungen
Mnner mit; und es fiel keinem ein, eine solche Arbeit fr unpassend zu
halten, da alles, was Pesach und besonders die Mazzen betraf, als eine
religise Handlung betrachtet wurde. Am darauffolgenden Tage untersuchte
meine Mutter alle Mazzen, deren es oft mehrere Tausend gab, ob sich
nicht etwa darunter eine verbogene oder nicht ganz ausgebackene befand.
Denn eine solche war schon Chomez und mute beseitigt werden.

In strenger Ordnung legte man nun die tadellosen Mazzen reihenweise in
die groen roten Kisten, die mit einem weien Tuch bedeckt wurden. Meine
Mutter hatte unter dem Tuche eine Mazze vorgenommen und ohne sie
anzusehen, sogar mit geschlossenen Augen, die Hlfte abgebrochen, indem
sie ein frommes, eigens fr diese Handlung festgesetztes Gebet leise
hersagte. Dann warf sie dieses Stck Mazze wieder, ohne es anzusehen, in
die Flammen. Diesen Gebrauch nannte man Challe nehmen; er soll
wahrscheinlich an das Brandopfer der biblischen Zeiten erinnern.

Die nchste Zeit bis Pesach verging in endlosen Vorbereitungen fr die
Wirtschaft, fr Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag
des Erew-Pesach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Hhepunkt! Am Abend
vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das Bedike-Chomez, d.
h. das Fortschaffen des gesuerten Brotteiges aus dem Hause. Da begab
sich meine Mutter in die Kche, lie sich von der Kchin einen hlzernen
Lffel und einige Gnsefedern geben, wickelte um beides einen weien
Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem Bindfaden
fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf das
Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstnde sollten
Abends bei einer religisen Handlung verwendet werden. Mein Vater nahm,
nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bndel, steckte das Wachskerzchen
an und bergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als Leuchter dienen
sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chomez durch das ganze Haus.
Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen vermutete, wurde
von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit dem Wachskerzchen
erleuchtet. Die aufgefundenen Krmel wurden mit den Federn in den Lffel
gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte Gebet gesprochen hatte.
Wir Kinder machten uns manchmal den Spa, vorher berall Krmelchen
anzuhufen, worber sich der Vater wunderte, da doch an diesem Tage die
Fensterbrettchen gewhnlich mit besonderer Aufmerksamkeit gereinigt
wurden. So untersuchte er nun grndlich die Fenster, und die Mutter
mute sich beeilen, das noch vorhandene Brot aus dem Hause zu schaffen,
denn das Gesetz gebot, da alles Brot, das auf der Suche durchs Haus
vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt werde. Nachdem diese Handlung
vollbracht war, speiste man etwas frher zu Abend als sonst. Das
inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf den Tisch kommen, die
gesammelten Brotkrmel im Lffel aber wurden mit dem Wachskerzchen und
den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem Hngeleuchter im
Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus erreiche, welche
die Krmel sonst wieder zerstreuen knnte. Man ging zeitig schlafen, um
am nchsten Morgen recht frh aufzustehen, denn um 9 Uhr morgens darf
sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chomez im Hause eines religisen
Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr frh geweckt und sollten
Frhstck und Mittagessen auf einmal verzehren. Das Nationalgericht fr
diesen Morgen ist hei gesottene Milch mit Weibrot. Doch war selbst zu
dieser frhen Stunde schon ein Braten fertig, an dem sich mancher
Hausgenosse gtlich tat. Und nun rasch, rasch!, trieb meine Mutter
alle im Hause an, auch die Dienerschaft a doppelt so viel als sonst,
denn es durfte ja nichts vom Chomez zurckbleiben. Wir Kinder machten
allerhand Spe und verabschiedeten uns dann fr volle acht Tage vom
Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und die Mutter befahl dem
Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von dem teuren
Porzellanservice an bis zur letzten Kupferkasserole wurden alle Stcke
bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster gestellt und
dann mute alles in groe Kisten gepackt und auf den Boden gebracht
werden, woher sodann die gefllten Kisten mit dem Pesachgeschirr
herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder grndlich
gereinigt, die Fensterbrettchen mit weiem Papier bedeckt. Der groe
Speisetisch wurde auseinandergezogen, mit einem weien Tuch oder mit
Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Lnge ausgezogene Tisch mit
dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand bedeckt, die
mit kleinen Ngeln befestigt wurde. Nach dieser Prozedur durfte erst das
Pesachgeschirr ausgepackt werden, das wir Kinder mit so groer Neugierde
erwarteten, weil jedes von uns darunter seine bestimmte Kaus (kleiner
Becher von hbscher Form) hatte. Aber damit nicht genug! Es gab um diese
Zeit auch an allen Orten und in allen Zimmern viel Interessantes fr uns
zu sehen, besonders im Hof, wo alle Holztische und -bnke zum Kaschern
aufgestellt waren. Man bego den Tisch oder die Bank mit siedendem
Wasser, strich mit einem zum Glhen gebrachten Eisen darber hin und her
und schttete dann gleich kaltes Wasser auf die Gegenstnde. Auer
diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Groartigeres: der Vater
erschien nmlich in der Kchentr mit dem Chomez von gestern in der
Rechten und lie Feiwele, den alten Wchter, Ziegelsteine und trockene
Holzstcke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete aus
den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstcke darauf. Mein
Vater legte den Lffel mit den darin befindlichen Krmeln auf den
Scheiterhaufen und lie das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen hin
und her, um uns, wenn irgend mglich, dabei ntzlich zu machen. Das
trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flmmchen nach dem anderen
zngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrieen: Seht,
seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon ...
Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Lffel, und es
dauerte nicht lnger als 10 Minuten, so war das Autodaf des Chomez
vollzogen. Mein Vater verlie nicht eher den Schauplatz, als bis alle
berbleibsel des Scheiterhaufens weggerumt waren, denn nach der
Vorschrift darf man selbst auf die Asche nicht treten, auch wenn es
Nutzen oder Vergngen brchte.

Wir Kinder sprangen von da in das Ezimmer, wo Schimen, der Meschores
(der Diener) mit dem Auspacken des Pesachgeschirrs beschftigt war. Wir
wollten auch hier helfen und von unseren Kausses (Weinbecherchen) Besitz
ergreifen, da schmunzelte der Bocher (Junge) schalkhaft und meinte, da
wir dazu noch nicht gehrig vorbereitet seien. Wir waren verblfft und
sahen ihn fragend und bestrzt an. Mit gleichgiltiger Miene erklrte er,
da wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. Wieso gekaschert?
fragten wir. Ja, ja, versetzte unser Peiniger, Ihr mt heie,
glhende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort
herumkollern, hernach mit kaltem Wasser aussplen, ausspucken, dann erst
drft Ihr dieses Geschirr anrhren. Wir fanden keine Antwort und
strzten weinend in die Kche, wo meine Mutter in voller Arbeit war. Sie
beriet eben mit der Kchin die Bereitung des Indian-Vogels, eines
riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt, gesalzen
und dreimal mit Wasser abgesplt war. Jetzt lag er auf dem Brett, und
die Kchin hielt ihn mit beiden Hnden fest, als wenn er davonfliegen
wollte, whrend die Mutter, mit einem groen Kchenmesser bewaffnet, den
Hauptschnitt ausfhrte. Unweit von diesem Schauplatz, rechts von der
Bank, lag auf einem neu abgehobelten Brett in seiner ganzen Lnge ein
silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der kunstgerechten
Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der sauber gescheuerte
Kchentisch, auf dem sich verschiedene Schsseln, Teller, Gabeln, Lffel
befanden, ferner ein groer Korb Eier, ein Topf Mazzesmehl, das meine
Schwester eben siebte und aus dem spter die schmackhaften Torten,
Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten nun die Mutter fragen, ob
Simon Recht htte. Aber wir blieben, von der Mutter reger Arbeit
gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von den glhenden
Steindlach im Mund erprete uns ein leises Schluchzen und meine jngere
Schwester berredete mich, die Mutter doch zu interpellieren. Allein die
Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flstern lngst aufgefallen und,
halb verwundert, halb rgerlich, fragte sie uns, weshalb wir so ungestm
in die Kche gestrzt wren. Da erzhlten wir mit klglicher Stimme, in
halben Stzen, was der bse Schimen uns gesagt hatte. Sie verstand nicht
recht und ward ungeduldig. Dann schrie sie pltzlich auf: Was fr
glhende Steindelach? Wer hat sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit
heiem Wasser begossen? Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie
endlich die eigentliche Ursache unserer Besorgnis: Sie lie Schimen
sofort kommen und verbot ihm energisch, uns so dummes Zeug
vorzuschwtzen. Uns sagte sie, wir sollten uns waschen und reine
Kattunkleidchen anlegen, dann wren wir wrdig, unsere Kausses in
Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir angekleidet. Mit triumphierenden
Mienen sprangen wir ins Ezimmer und halfen nun das Geschirr abwischen.

Unter diesen und hnlichen Arbeiten verging der halbe Tag, bis unsere
gesunden Magen daran erinnerten, da wir seit 9 Uhr morgens nichts
gegessen hatten. Wir wuten im voraus, was man uns geben wrde. Man
brachte den groen Gonscher (eine sehr breite Flasche) mit sem Meth,
den meine Mutter so meisterhaft zu kochen verstand, und ein volles Sieb
mit Mazzes: bis zu diesem Tage waren sie in strenger Verwahrung gewesen,
da vor den Feiertagen Mazzes zu essen bei frommen Juden nicht erlaubt
ist. Man fllte also unsere Kausses mit Meth und wir machten uns an die
Mazzes. Ein Stck nach dem andern wurde in Meth getaucht und verschwand
rasch, von unseren gesunden Zhnen wie zwischen Mhlsteinen zermalmt.

Die Mutter kam endlich aus der Kche herein. Auch mein lterer Bruder
erschien und brachte pfel, Wallnsse und Zimt. Aus diesen Materialien
bereitete er, indem er alles in einem Mrser zerstie, Charauses, d. i.
eine Masse, welche wie Tonlehm aussieht und abends auf den Sedertisch
kommt. Der Lehm soll daran erinnern, da unsere Vorfahren in Egypten
fr den Pharao Ziegelsteine kneteten.

Nachdem mein Bruder mit dieser Arbeit fertig war, lie die Mutter den
Etisch in den gelben Salon tragen und in seiner ganzen Lnge vor dem
Sopha aufstellen. Sie bedeckte ihn dann mit einem weien
Damasttischtuch, das nach beiden Seiten bis zur Diele reichte. Dann lie
sie den Diener das Porzellan- und Kristallgeschirr bringen, ordnete es
und ging selbst an den Schrank, der das ganze Silbergeschirr enthielt.
Der Diener stellte auf das groe silberne Tablet die Becher und Kannen,
die sehr schn gearbeitet waren. Namentlich eine Kanne war besonders
kunstvoll durch Intarsien aus Elfenbein, die mythologische Figuren
darstellten. Der Deckel und das Gef waren aus massivem Golde. Mein
Vater hatte einige hundert Rubel fr das Kunstwerk bezahlt. Eine andere
ziemlich groe Kanne war aus getriebenem Silber. Daneben standen groe
und kleine Becher, deren Boden franzsische Mnzen bildeten.

Bald kam auch die Obsthndlerin (Gereziche) mit dem frischen
grnen Salat, der an diesem Abend, dem Seder-Abend, eine wichtige
Rolle spielte. Der Diener brachte aus der Kche eine Schssel voll
hartgesottener Eier, einen Teller frisch geriebenen Meerrettig (Moraur
genannt), -- ein Symbol, das an die Bitterkeit der Verhltnisse
erinnern sollte, unter denen unsere Vorfahren in Egypten gelebt
hatten. Dann einige gebratene Stckchen Fleisch, die sogenannte Seroa,
zur Erinnerung an die Pesach Korben, d. h. Osteropfer im Tempel zu
Jerusalem; ferner einen Teller mit Salzwasser und einige Schmure-Mazze
(gehtete Mazzes[D]). Alle diese Speisen bedeckte meine Mutter mit
einem weien Tuch. Nur den Salat lie sie unbedeckt, als sollte
er das eintnige Wei des Tischtuches beleben, whrend der rote,
funkelnde Wein in der Kristallkaraffe sich in den glnzend geputzten
Silberleuchtern und in jedem Kristallglas vielfltig wiederspiegelte.
Whrend meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der
verschiedenen kleinen Symbole fr die Abendfeier beschftigt war, kam
der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur
Krnung des Werkes lie die Mutter noch einige Daunenkissen und eine
weie Piqudecke holen und bereitete fr den Vater zur linken einen
Ruhesitz, das sogenannte Hessebett[E], ein hnliches wurde auf zwei
Sthlen fr die jungen Mnner neben ihren Sitzpltzen hergerichtet.
Jeder Winkel atmete Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche
Stimmung, die im Hause herrschte, teilte sich jedem mit.

Die Abenddmmer stiegen langsam hernieder. Die Theestunde nahte. Wir
tranken und schlrften das duftende Getrnk mit besonderem Behagen, denn
er schmeckte in der festlichen Umgebung ganz besonders gut. Alles
blitzte und funkelte. Selbst fr das Trinkwasser waren neue Gefe in
Verwendung.

Nun gings an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine
Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuznden. Sie war zur Zeit,
die ich schildere, jung und hbsch. Ihre Haltung war bescheiden und doch
selbstbewut. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drckten wahre, tiefe
Religiositt, Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schpfer fr
die Gnade, da er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte
erleben lassen. -- Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin jener
Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adelige Abkunft.
Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort adelige Abkunft
spttisch lcheln, als gbe es keinen jdischen Adel! Freilich hat der
Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus Knigspalsten
fr Heldentaten auf der groen Landstrae erworben. Den jdischen Adel
gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe zu Gott und den
Menschen. Und es traf sich oft, da zu diesen Tugenden auch uerer
Reichtum und Wrden kamen.

Nachdem meine Mutter die Kerzen angezndet hatte, verrichtete sie ein
kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen mit
beiden Hnden. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren Ringe
an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen
Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir
in Erinnerung, der einen groen, gelben Brillanten in der Mitte hatte,
den in lnglicher Form drei Reihen weier Brillanten umschlossen.

Nun erschienen meine lteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz.
Man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen
Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch
Turnre besa, die den jugendlichen Krper verunstalteten.[F] Auch meine
vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck.

Wir Mdchen hatten schon im Alter von zwlf Jahren die Pflicht,
am Vorabend der Festtage und des Sabbaths Kerzen anzuznden. So
versammelten wir uns alle um den Tisch. Wir glhten in freudiger
Erwartung des Sederabends. Alle Kerzen brannten. Vor dem Sitze des
Vaters brannten zwei Spirmazet-Kerzen, die man Manischtane-Kerzen
nannte nach den sogenannten vier Fragen, die das jngste Kind am Tisch
stellt. Denn Lampen kannte man zu jener Zeit berhaupt noch nicht.
Ich sa noch in den vierziger Jahren an den langen Winterabenden
mit meinen Schwestern bei einer Talgkerze, und wir haben, ohne die
geringste Unbequemlichkeit zu empfinden, dabei unsere Schulaufgaben
gemacht oder bis in die spte Nacht die spannende Erzhlung von
dem Prinzen Bowe mit seinem treuen, gefleckten Hund gelesen. Die
Beschaffenheit der Talgkerze mit ihrem dicken Docht machte den hufigen
Gebrauch der Lichtputzschere ntig, die heute als archologische
Seltenheit zu betrachten ist. -- Eine bessere Beleuchtung erreichte
man durch Spirmazet-Kerzen oder llampen. Aber beide waren nur fr
die Reichen. Der Brger erlaubte sich solchen Luxus nicht. Gegen Ende
der vierziger Jahre kam die Stearinkerze auf, die schon ein etwas
helleres Licht gab und die Talgkerze in den Hintergrund drngte.
In den sechziger Jahren kam mit der geistigen Erleuchtung auch die
hellbrennende Petroleumlampe. Das war ein Jubel, den das ganze Volk
im Land aus Freude darber anstimmte. Alles glaubte, da damit,
wie bei den Fuhrwerken, das letzte Wort fr die Bequemlichkeit der
Menschen gesprochen sei. Alle Welt schaffte sich Lampen an und lie
sich unterrichten, wie sie zu behandeln seien, wieviel Petroleum
hineinzugieen sei, wie breit, lang und dick der Docht sein msse. Auch
dazu gab es eine Schere, die aber der Kerzenputzschere nicht gleich
war. In den ersten paar Jahren nach Einfhrung der Lampen wurden selbst
die Leuchter ganz abgeschafft. -- Auch die Bauern, denen bisher der
Pechspahn[G] oder Kahanez[H] als Beleuchtung gedient hatte, schafften
sich jetzt Lampen an. Zwar war das Licht der damaligen Petroleumlampe
mit der gelbrtlichen Flamme grell und dem Auge unangenehm,
nichtsdestoweniger arbeiteten die Lampenfabriken unaufhrlich.
Unzhlige Millionen Pud Petroleum flossen in das russische Reich. Und
die Herrschaft der Petroleumlampe bestand bis zu den achtziger Jahren,
gegen deren Ende sie schon durch das Gas verdrngt wurde: eine neue
Aufregung unter der Bevlkerung! Freilich diente diese Erfindung nur
der Stadt fr die Straenbeleuchtung und den Reichen fr ihre Huser.
Mit prahlerischem Lcheln drehte der grostdtische Hausherr den Hahn
zur Gasbeleuchtung in seinem Kabinet auf, um seinen Gast aus der
Provinz mit der pltzlichen Helle zu berfluten. In der ersten Zeit
kostete die neue Erfindung auch noch viele Menschenleben; die Rhren
der Straenbeleuchtung platzten und waren undicht und in den Husern
erstickten viele durch ausstrmendes Gas, wenn die Gashhne whrend
der Nacht nicht fest geschlossen waren. Erst viel spter hielt dann
die Elektrizitt ihren Einzug und berstrahlte mit ihrer Helle und
Bequemlichkeit die bisherige knstliche Beleuchtung.

Die Sedertafel glnzte und strahlte. Der Meschores (Diener)
hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete
feierliches Selbstbewutsein, als bediente er an diesem Abend aus
Liebenswrdigkeit, Geflligkeit, nicht aus Pflicht, als fhlte er sich
den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken mit der Kanne
und viele Handtcher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die
auch bald erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fhlten
wir an dem Ton, mit dem er laut Gut Jom-Tow (Guten Feiertag) sagte,
eine gewisse Feierlichkeit, eine wohltuende Vergngtheit. Er lie
meinen Bruder smtliche Hagadas[I] bringen und erteilte den Kindern den
Segen. Hierauf nahmen wir am Tische Platz und zwar in der Reihenfolge
des Alters. Heute durfte auch Schimen, der Meschores, an einer
Ecke des Tisches sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet
wird, da an diesem Abend alle gleich sind -- Herr und Diener. Das
Aussehen meines Vaters war wrdevoll; seine groen, klugen Augen, die
edlen Gesichtszge drckten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe
aus. Die mchtige, breite Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit.
Der lange, gut gepflegte Bart vervollstndigte das ehrwrdige,
patriarchalische Aussehen, und sein Verhalten den Kindern, sowie
allen anderen gegenber, flte, obwohl er erst vierzig Jahre zhlte,
Ehrfurcht ein, als wre er ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater
war auf sein ueres sehr bedacht, ohne eitel zu sein. Der Ernst
der jdischen Erziehung schtzte gegen solchen Leichtsinn. Seine
Festtagskleidung bestand aus einem schwarzen langen Atlaskaftan. Er
war der Lnge nach von beiden Seiten mit zwei Samtstreifen besetzt,
neben denen eine Reihe kleiner schwarzer Knpfe angebracht war. Die
Kleidung vervollstndigte eine teure pelzverbrmte Mtze (Streimel
genannt) und ein breiter Atlasgrtel um die Lenden. Von dem feinen
weien Leinenhemd war blo der Kragen sichtbar, der vorteilhaft den
schwarzen luxurisen Anzug hervorhob. Auch das rote Foulard-Taschentuch
fehlte nicht. Meine lteren Schwger kleideten sich wie der Vater; bei
meinem jngeren machte sich schon die europische Mode geltend, indem
er eine schwarze Sammetweste mit einer goldenen Uhrkette trug. Auch
mein ltester Bruder, ein kluges, aufgewecktes Kind mit groen, grauen,
schwrmerischen Augen, wiewohl erst zwlf Jahre alt, kleidete sich wie
die lteren Herren. Bei der Anfertigung der Kleider war besonders wegen
des Schatnes Bedacht zu nehmen. Es ist nach dem jdischen Gesetze
verboten, Wollstoffe zu tragen, die mit Zwirn genht waren, ferner
auf gepolsterte Mbel, Equipagensitze sich zu setzen, die mit Tuch
bedeckt waren und mit Fden genht. Ein Pelz, der mit Zwirn genht,
war, durfte nicht mit Tuch bedeckt sein. Meines Vaters Pelze waren mit
Seide zusammengenht. Einmal ertappte man den Schneider, da er Zwirn
verwendet hatte, und er mute Stck fr Stck auftrennen und alles
wieder mit Cordonetseide zusammennhen.

Mein Vater lie sich gemtlich auf seinen Sitz nieder, legte seine
prchtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den
Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagade zu lesen. Er bat die
Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen, auch die
jngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann fllte die Mutter auf eine
besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein. Die verheirateten
Schwestern fllten hierauf auch ihren Mnnern die Becher, whrend unsere
ltere, unverheiratete Schwester das Amt des Einschenkens bei uns
Kindern und den anderen Tischgenossen, selbstverstndlich auch beim
Meschores, versah. Jeder der Herren bekam auf seinen Teller drei
Schmure-Mazzes, zwischen denen sich bereits die Seroa, ein wenig von dem
vorbereiteten Meerrettig, ein wenig Salat, Charausses, ein gebratenes
Ei, ein Radieschen befanden. Das alles war mit einer weien Serviette
bedeckt. Der Vater nahm den Becher Wein in seine rechte Hand und sagte
das Kiduschgebet[J] und leerte das Glas. Alle Tischgenossen folgten
seinem Beispiel, nachdem sie Amen gesagt hatten. Meine Mutter fllte
von neuem den Becher, die anderen Frauen taten es wieder fr ihre
Mnner, whrend die Becher der anderen Tischgenossen mit sem
Rosinenwein gefllt wurden. Dann nahm der Vater sein Gedeck mit allen
darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob es in die Hhe und
sprach dabei laut das Kapitel Ho lachmo anjo. Die mnnlichen
Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel
Mah-nischtano, den sogenannten vier Fragen, welche das jngste Kind bei
Tische zu fragen hat. Diese lauten: Warum essen wir an allen Abenden
des Jahres gesuertes und ungesuertes Brot, heute aber blo
ungesuertes? usw. (siehe Hagade). Der Vater beantwortete, mit bewegter
Stimme aus der Hagade lesend: Awodim hojinu. ... Knechte waren wir
bei Pharao in Mizraim und htte uns damals Gott der Allgtige in seiner
Allmacht nicht erlst, und wren wir nicht von dort ausgezogen, wren
wir, unsere Kinder und Kindeskinder bis jetzt noch Sklaven gewesen, und
wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wren, so ist es dennoch unsere
Pflicht, vom Auszug aus gypten zu erzhlen.

Bei diesen Worten brach der Vater immer in Trnen aus -- er konnte und
durfte seinem Schpfer gewi aus vollem Herzen danken, wenn er seinen
Blick ber die schne Tafelrunde schweifen lie und die junge, hbsche
Frau mit den blhenden Kindern, die kostbar geschmckt dasaen, sah! Er
durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen
Frsten betrachten.

Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefat sind, dann
nach oftmaligem Hndewaschen die Erklrung, warum wir an diesem Abend
die vielen bitteren Kruter essen. Es ist zur Erinnerung daran, da
unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und da sie, durch die
Wste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kruter.
Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzen entzwei, legten
die eine Hlfte unter das Polster zum Aphikomon (Nachspeise) und die
andere Hlfte verteilten sie in kleinen Stcken unter die Tischgenossen
als Mauze (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder
Mahlzeit). Dann a man vom Meerrettig: erstens zu Moraur, der in
Charausses getunkt so rasch als mglich verschluckt wird, da dies ohne
Mazzen geschehen mu. Dann der Kaurach, wieder eine Portion Meerrettig
zwischen zwei Mazzesstckchen gelegt. Fr jeden Brauch wird zuvor ein
bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam an diesem Abend
den Meerrettig gehrig zu spren; und wir muten mit Trnen in den Augen
zugeben, da das Leben unserer Vorfahren in gypten bitter war. Spter
wurden Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon
besser, und endlich kam das Abendbrot an die Reihe, das mit
Pfefferfischen begann, dem eine fette Brhe mit Mazzemehlklchen folgte
und das mit einem feinen frischen Gemse endete. Dann bekam jeder
Tischgenosse ein Stck von dem aufbewahrten Aphikomon. Nun wurden die
Becher aufs neue mit Wein gefllt. Man go sich Wasser ber die Hnde,
was man Majim Acheraunim nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines
Gebet verrichtet wurde; und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu
sagen, womit gewhnlich einer der Herren bei Tische als Vorbeter beehrt
wurde. Am Schlu des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einem
lauten Amen ein; und nachdem jeder fr sich leise das Nachtischgebet
mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der
zweite Teil der Hagade. Zum vierten Male fllte man die Becher. Diesmal
wurde auch die groe silberne Kanne gefllt, die in der Mitte der Tafel
aufgestellt und fr den Propheten Elia bestimmt war. Dieser Brauch
findet in den kabbalistischen Schriften seine Erklrung. Nach der
kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl it oder
trinkt (sogenannte kabbalistische Suges) schdlich oder es kann zum
mindesten schdlich wirken. Daher mu bei der Sedermahlzeit zu den vier
Bechern, die getrunken werden, noch ein fnfter gefllt werden.

Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, da der Prophet Elia
ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher
unverwandt nach der Kanne und wenn sich die uerste Schicht an der
Oberflche leise bewegte, waren wir berzeugt, da der Prophet anwesend
war und uns berrieselte es kalt und hei. Smtliche Becher wurden
gefllt, und der Vater befahl dem Diener, die Tr zu ffnen. Nun begann
man das Kapitel sch'fauch chamos'cho zu rezitieren; hierauf folgten
die Schlukapitel des Hallel. Und zum Schlu das allegorische Liedchen
chadgadjo, chadgadjo, Ein Zicklein, ein Zicklein. Mit diesen und
hnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschlu. Jeder hatte seinen
vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen
sah man die Abspannung und Erregtheit infolge des ungewohnten
Weingenusses. Meine lteren und jngeren Schwestern verlieen eine nach
der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu Ende gesungen waren, was
nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber
hielt etwas zurck, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war
Schir haschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich
jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche
Verschmelzung von Tnen und Worten wirkte auf das Kindergemt
berauschend; ich lauschte entzckt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in
sieben Tnen gesungen, wobei sich mein lterer Schwager David Ginsburg
besonders auszeichnete, und hat sich so lebhaft, so unvergelich meiner
Seele eingeprgt, da ich den Anfang noch heute, an meinem spten
Lebensabend, auswendig kann. Was gbe ich darum, noch einmal in meinem
Leben das Lied so schn singen hren zu knnen! Auch meine Mutter
pflegte gewhnlich noch bei Tische zu bleiben.

Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bette zu gehen. Ich
aber bat, noch bleiben zu drfen, was sie mir fr ein Weilchen auch
gestattete. Als sie aber bemerkte, wie md und abgespannt ich war,
erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frhere Bitte
noch instndiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, da
ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mhe, nicht mde zu scheinen und
kroch auf einen im Winkel stehenden groen Armstuhl und hrte mit wahrem
Seelengenu dem Gesange zu. Bis zum Schlu hielt ich es aber nicht aus,
und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja mich
entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald
wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der
gleichen frohen und vergngten Laune. Alles im Hause war festlich
geschmckt; berall feierliche, herrliche Osterstimmung! Drauen
strahlte der Frhlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. Die Luft
war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid angelegt
zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im Elternhause,
wie schn bist du! --------

Zum Tee bekam ich Mazzen und Butter. Man zog mir ein neues Kleidchen an,
und ich lief hinaus zu den Nachbarkindern, die mich auf der Wiese
bereits erwarteten. Wir hpften und tanzten und sangen: Der Frhling
ist da, der Sommer ist gekommen, huha! huha! huha! huha!

Die Frauen und Mnner des Hauses waren bereits seit dem frhen Morgen in
der Synagoge zum Gottesdienste, wo das Gebet um Tau heute gesprochen
wurde, ein Gebet, welches das konservative, jdische Volk noch immer
inbrnstig betet, wiewohl es seit fast 2000 Jahren auer dem Bereich
seiner nchsten Interessen liegt, da das Korn auf dem Felde durch den
Himmelstau gedeihen mge, das Gras durch das reiche Tropfen des Taues
saftig werde, der Most gerate und nicht sauer werde. Dieses Gebet wird
nach der alten Tradition also weiter gebetet, und zwar wie die meisten
jdischen Gebete, halb singend, wobei die Frauen mit den Trnen nicht
sparen.

Ein Volk, behauptete Lord Beaconsfield, das zweimal jhrlich den Himmel
um Tau und Regen fr die Felder anfleht, wird gewi noch einmal sein
eigenes Land besitzen.

Das zeigt, wie tief die Liebe zum Ackerbau und zur Scholle den Juden im
Blute sitzt, gebietet doch das jdische Gesetz, erst einen Weingarten zu
pflanzen; sein Feld zu bestellen, dann ein Haus zu bauen und dann erst
zu heiraten!

Gegen ein Uhr kamen alle Synagogenbesucher nach Hause. Da fanden sich
auch schon Gste ein, welche ihre Jomtow -- (Feiertags-) Besuche machten
und mit allerlei Sigkeiten und mit Wein bewirtet wurden.

Das Mittagmahl bestand aus den vier traditionellen Gngen: dem
obligaten, gefllten Indian-Hals, den schmackhaftesten und besten
Gemsearten, welche die Osterzeit bot, und wovon ein armer Jude an
diesem Feiertage blo trumen kann. Diese fetten, sen Gerichte,
wozu noch die Pfefferfische und die ppigen Kndel (Klchen) kamen,
steigerten den Durst auf das hchste. Es wurde reichlich darauf guter,
alter Schnaps, Rotwein, endlich auch Apfelkwas getrunken. Nach Tisch
gab es ein allgemeines Schnarchen in allen Schlafzimmern, Kchen,
auf dem Heuboden, whrend wir Kinder uns auf den Wiesen und Feldern,
die bei unserem Hause lagen, in vlliger Freiheit tummelten und mit
den Nachbarkindern um Nsse spielten. Diese absolute Ruhe im Hause
dauerte bis sechs oder sieben Uhr. Um diese Stunde wird Tee getrunken.
Nach dem Tee gingen die Herren ohne ihre Frauen spazieren, die Frauen
gingen ebenfalls mit ihren Freundinnen in die frische Luft, und dann
begab man sich in die Synagoge zum Abendgebet, doch heut begann das
Sphirezhlen.[K]

Meine Mutter ging nicht in die Synagoge, da, wie gestern am Vorabend,
der Sedertisch hergerichtet werden mute. Dieser zweite Abend hatte fr
uns Kinder auch sein besonderes Interesse. Es war blich, die Kinder
auf jede Art wach zu halten, vor allem, damit das jngste Mitglied der
Familie nach der Vorschrift die vier Kasches (Fragen: warum essen wir
heute ungesuertes Brot usw.) noch stellen konnte, und dann, um an
diesem Abend das Geschichtsdrama des Auszuges der Juden aus gypten
ausfhrlicher als es die Hagade tut, mit den lteren und jngeren
Hausgenossen zu besprechen. Man gab uns pfel und Nsse zum Spielen.
Wir waren sehr vergngt und blieben bis zum Schlusse des Seders wach.
Die Tafel war wie gestern reich besetzt. Aber manche Speise --
besonders der Salat -- trug den Charakter des Mden, Verwelkten. Blo
der frisch geriebene Meerrettig verbreitete seinen scharfen Duft.

An dieser zweiten Sederfeier wartete man nicht mehr mit Ungeduld, wie an
der ersten, auf das Abendessen, weil alle noch satt waren von dem
ppigen Mittagsmahl. Das Nachtmahl wurde erst gegen zehn Uhr abends
fertig, da am Tage nichts gekocht werden durfte und erst mit Eintritt
der Dunkelheit, wenn Sterne am Himmel zu sehen sind, mit der Bereitung
des Abendessens begonnen wurde. Es bestand lediglich aus einer Brhe
oder aus einem Borscht (Suppe aus roten Rben) und gekochtem Geflgel.
Braten gab es nicht, weil die Seroa, das Symbol des Brandopfers, auf dem
Tische stand. Der Vater fragte an diesem Abend gewhnlich mit Ungeduld
nach dem Essen, da noch vor Mitternacht der Aphikomon gegessen und die
Sederfeier beendet sein mu. Die Einzelheiten waren die gleichen wie am
vorigen Abend, wenn sie auch weniger feierlich und schneller aufeinander
folgten; und es gelang auch in diesem Tempo, das Aphikomon noch vor der
Mitternachtsstunde zu verspeisen. Nach Schlu der zweiten Hlfte des
Seders wurde wieder das Hohelied bis weit ber Mitternacht hinaus
gesungen, das ich aufrecht sitzend bis zum Schlu anhrte.

Die folgenden vier Tage heien Chaulhamaued (Werktage, Halbfeiertage, an
denen das Leben fast wie an einem gewhnlichen Tage hinfliet und fast
alles gestattet ist). In unserem Hause freilich glich das Leben dem an
gewhnlichen Feiertagen: es kamen viele Gste zum Tee, zum Mittag- und
Abendessen.

Viele Mhe machte das Bewachen der Schmure, der Mazzes und Gefe. Mehr
als einmal gab es rger mit den Bediensteten, die oft die Geschirre
verwechselten. Ich erinnere mich eines Falles: es war am Erew-Jomtow
(Vor-Feiertag) der letzten zwei Festtage des Pesachfestes. Eine
stattliche Anzahl von Hhnern und Indians (Puten) lagen koscher
gemacht, d. h. nach ritueller Vorschrift gewssert und gesalzen, da
erschien meine Mutter in der Kche, nahm ein groes Messer und
untersuchte, ob nicht etwa ein Hafer- oder Gerstenkorn, womit das
Geflgel gemstet wurde, irgendwo stecken geblieben war als Chomez, so
da das Geflgel fr Passah unbrauchbar wre. Und richtig! Sie fand ein
Haferkorn in der Kehle eines Indianvogels, womit nun alle seine
Leidensgefhrten gerichtet, d. h. also Chomez waren und nicht mehr
verwendet werden durften. Meine Mutter war deswegen sehr rgerlich, sah
die Kchin mit vorwurfsvollen Blicken und triumphierender Miene an und
rief: Da hast du die Bescheerung, du ungeschicktes Ding! Wo hattest du
deine Augen? Du warst wahrscheinlich blind beim Koschermachen des
Geflgels? Du httest es auch jetzt nicht bemerkt. Ich danke Gott fr
die Gnade, da ich das Haferkrnchen gefunden habe, sonst httest du uns
alle mit Chomez gefttert!

Mhe und Kosten waren nun umsonst gewesen, das ganze Geflgel wurde
beseitigt und anderes mute geschlachtet, geputzt und koscher gemacht
werden! Man denke sich den rger der Mutter und Hausfrau! Der Tag war
vorgerckt, die Speisestunde nah! Nichtsdestoweniger milderte ihren
rger ein Gefhl freudiger Befriedigung, weil Gott sie vor einer Snde
bewahrt hatte. Ist doch die strenge Beobachtung aller Pesachvorschriften
fr den frommen Juden um so bedeutungsvoller, als ihre Verletzung mit
frhzeitigem Tod bestraft werden soll. So wurde denn das Todesurteil an
ebensoviel Hhnern und Indianvgeln vollzogen, obwohl sie im Hofe laut
dagegen protestierten!

Es geschah auch einmal in diesen Tagen, da der Diener der Kchin eine
gewhnliche Mazze statt der Schmure-Mazze zum Fischkochen gab. Eine
Viertelstunde vor Tische ordnete die Mutter die schmackhaft gekochten
Fische auf der Schssel und erkannte das Versehen. Meine Mutter geriet
in Zorn und rger, und der Diener bekam seine wohlverdienten Vorwrfe zu
hren. Der Vorfall erfllte das ganze Haus mit Lrm und gerechter Wut;
und weder die Eltern, noch der Melamed haben die so appetitlichen Fische
berhrt! Der Vater, die Mutter, der Melamed aen blo von den
Schmure-Mazzes, hatten auch besonderes Geschirr, whrend die brigen
Hausgenossen die gewhnlichen Mazzes verzehrten.

Nun kam der letzte Tag des Osterfestes. Die achttgige Qulerei mit dem
Essen, den Speisezubereitungen, die man in unserem Elternhause so
geduldig und piettvoll ertragen hatte, war zu Ende. In der Dmmerstunde
des letzten Tages machten sich die Jungen im Hofe der Synagoge den Spa
und schrien: Kommt zum chomezigen _=Borchu=_! (Das erste Wort des
Abendgebetes.)

Mein Vater kam von der Synagoge heim und machte, am Etisch stehend,
Awdole, d. h. er weihte die kommenden Werktage mit einem Becher Wein ein
und dankte Gott dafr, da er Fest- und Werktag, Licht und Finsternis von
einander geschieden hat. Am Schlu des Gebetes leerte er den Becher, go
den Rest auf den Tisch, nachdem er an der mit Nelken gefllten
wohlriechenden Dose gerochen, die Finger gegen das geflochtene,
brennende kleine Wachslicht gehalten hatte und durchleuchten lie und
lschte dann im Rest des Weines das Licht aus.

Nun war man von allem Zwang, den das Pesachfest trotz aller
Herrlichkeiten auferlegte, befreit, und der Frhling mit seinen Freuden,
den lustigen Spielen im Freien nahm fr uns Kinder seinen Anfang. Im
Hause gab es noch lange Zeit Arbeit, ehe das Pesachgeschirr bis auf den
letzten Topf und die letzte Schssel aus allen Ecken und Winkeln
zusammengetragen und wieder fortgestellt war. Schimen, der Meschores,
holte abends die groen Kisten vom Boden herunter und packte alles ein,
so da am folgenden Tage keine Spur mehr von dem mit soviel Mhe
veranstalteten Pesach zu sehen war. Selbst die briggebliebenen Mazzes
durften nach der Vorschrift nicht gegessen werden; in manchen jdischen
Husern pflegte man eine einzige, groe, runde Mazze an einem Schnrchen
an die Wand zu befestigen, die zur Erinnerung das ganze Jahr bis zum
nchsten Pesach hngen blieb. Gleich nach dem Feste wurden die
verschiedenen Arten von Grtzen untersucht, ob sich nicht in der
achttgigen Schonzeit etwa Milben entwickelt htten, da es um diese
Zeit in unserer Gegend schon sehr hei war. Bei uns freilich wurde die
vorjhrige Grtze nicht mehr gegessen. Wir warteten, bis es wieder
frische Grtze gab -- sich chodisch-essen war fr diesen Brauch der
terminus technicus.

Die ersten Frhlingswochen verliefen in unserem Hause in der gedrckten
Stimmung der Sphirezeit (von Ostern bis Pfingsten), whrend der jede
Freude, jedes Spiel verboten ist. Konzerte und Theater zu besuchen, eine
Hochzeit zu feiern oder auch nur ein neues Kleid oder neue Schuhe
anzulegen, selbst bei drckender Hitze ein Flubad zu nehmen, war in
meinem Elternhause streng verpnt. Nur am Freitag durfte man, nachdem
der halbe Tag vorbei war, ein warmes Reinigungsbad nehmen. Alle
Schmucksachen, wie Perlenschnre und die gestickte Stirnbinde wurden
beiseite gelegt. Man trug einfache, alte, abgentzte Kleider. Meine
Eltern und meine Geschwister enthielten sich whrend der Sphirezeit im
Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit aller Spe, und sie lachten und
scherzten fast nie. Meine Mutter versprach uns oft viel Nsse, wenn wir
sie erinnern wollten, jeden Abend Sphire zu zhlen. Das Erinnern war
berflssig, denn sie verga nie zu zhlen, wie viele Tage und Wochen in
der Sphire abgelaufen sind. --------

Der Frhling hatte fr mich einen besonderen Reiz. Die Wiesen, die in
der Nhe unseres Hauses lagen, lockten. Den ganzen Morgen sprang ich in
der heitersten Laune umher und pflckte eine Butterblume nach der
anderen und freute mich ber jede junge Blte. Ich wand mit Hilfe meiner
steten Begleiterin Chaie, der Klempnerstochter, aus diesen Wiesenblumen
Krnze, fr die ich noch vom Ufer des nahen Flusses viele zarte
Vergimeinnicht holte. Wir bekrnzten uns die Kpfe und gingen so
geschmckt nach Hause. Oft unternahm ich in Gesellschaft armer
Nachbarskinder Streifzge in die Gebsche, welche den hohen Berg neben
unserem Hause umgaben und zahllose hochrote, wilde Beeren bargen. Aus
diesen machten wir lange Schnre und schmckten uns damit. Bei diesen
Streifzgen verga ich oft, nach Hause zurckzukehren, und meine Mutter
geriet in Unruhe und Sorge um mich. Alle waren bereits bei Tisch, und
ich war immer noch nicht heimgekehrt, und man mute mich suchen.

Zu meinen Lieblingspltzchen gehrte der einsame Heuboden, wo das
duftende junge Heu in Massen aufgehuft lag. Ich grub mir da eine Art
Hhle und setzte mich hinein. Hier spielte ich mit meinem
Lieblingsktzchen, lehrte es auf den Hinterbeinen stehen und sitzen,
wickelte es in meine Schrze, zog es am Ohr und schrie hinein: Ktzele,
willst du Kasche? (Brei). Und das gemarterte Tierchen ri sein Ohr aus
meiner Hand los, schttelte sich, was ich als Nein deutete; dann nahm
ich das zweite Ohr und schrie hinein: Willst du vielleicht Kugel? (ein
fettes Sabbathgericht). Und das Ktzchen stie ein lautes Miauen aus,
welches ich als ein Ja deutete. Aber bei diesem Spiel hielts mich
nicht lange, ich beugte mich ber die Bretter vor, und warf den Pferden
durch die groen ffnungen in den Stall Haufen Heu gerade vor ihren
Kpfen herunter, das sie gierig verschlangen.

Um meinem Schlendrian und dem freien Herumwandern in den Bergen, durch
Feld und Gebsch und dem gefhrlichen Hocken auf dem Heuboden ein Ende
zu setzen, beschlo meine Mutter, mich in den Cheder zu geben
(Volksschule), und mich dem Melamed (Volksschullehrer) anzuvertrauen,
bei dem meine ltere Schwester hebrischen Unterricht hatte.

An einem schnen Nachmittag mitten im eifrigsten Spielen wurde ich
pltzlich von meiner Mutter, die am Fenster stand, ins Ezimmer gerufen.
Da sa bereits, meiner harrend, Reb Leser, der Melamed, und meine Mutter
sagte, sich zu ihm wendend: Das ist meine Pessele, morgen kommt sie mit
Chaweleben (meine Schwester) zu euch in den Cheder. In meiner
Schchternheit wagte ich es kaum, meine Augen zu ihm zu erheben. Aber
dein Ktzele darfst du in den Cheder nicht mitbringen, sagte Reb Leser
zu mir. Diese Worte waren gerade nicht dazu angetan, mich fr ihn
einzunehmen. Der Reiz des Neuen, der in dem Chederbesuch lag, war mir
damit zur Hlfte genommen. Ich blieb verstimmt sitzen und dachte, was
wohl jetzt mit meinem Ktzchen und den anderen Herrlichkeiten werden
solle. Ich hrte, wie Reb Leser zur Mutter sagte: Also Dienstag wird
sie der Behelfer in den Cheder abholen. Er wnschte gute Nacht und
verschwand in der Dmmerung. Und nun hie es Abschied nehmen von den
lustigen Spielen mit Chaie, des Klempners Tchterlein, das so hbsche
Tpfchen mitzubringen pflegte, mit Peyke, die im Puppenspiel so
erfinderisch war und Jentke -- wie oft saen wir dort, am Ende des groen
Gartenzaunes auf dem groen Holzklotz so traulich beisammen und
erzhlten uns traurige und heitere Mrchen, da wir bitter weinen oder
herzlich lachen muten! Es schnitt mir ins Herz, das alles aufgeben zu
mssen. Allein meine Neugierde, den Schauplatz meines neuen Lebens zu
sehen, trstete mich ein wenig. Die Mutter riet mir, bald nach dem
Abendessen schlafen zu gehen, um zu gleicher Zeit mit meiner Schwester
am frhen Morgen aufzustehen und zusammen in den Cheder zu gehen. Mein
Schlaf war diese Nacht nicht so ruhig wie sonst! Ich war sogar frher
auf den Beinen, als meine Schwester. Die Njanja mute mich zuerst
waschen und ankleiden, ich mute sogar auf meine Schwester warten.

Der erste Schultag!....

Der Unterbehelfer erschien, um uns abzuholen. Ich war sehr gespannt,
ihn zu sehen. Es war ein hochaufgeschossener Junge mit zwei langen,
dnnen, blonden Locken vor den groen Eselsohren und einem ungeheuer
breiten Mund. Seine Augen konnte man nur selten sehen, er trug nmlich
seine wattierte Kutschme[L], die er selbst bei der grten Hitze in
die Stirn gedrckt hatte, als wre sie fr alle Ewigkeit auf seinem
Kopfe festgewachsen. Seine brige Kleidung konnte man auch nicht
gerade luxuris nennen. Von der Fubekleidung war der eine Schuh so
gro, da er ihn bei jedem Schritt verlor, whrend der andere so knapp
sa, da er das zweite Bein hinkend nachschleppen mute; offenbar
gehrten die zwei Schuhe zwei verschiedenen Paaren an. Er war aus der
Kehile (Gemeinde) Sabludewe (hier im Sinne von Krhwinkel) und hie
Welwel. Das alles erfuhr ich, als er in die Kche trat, zu deren halb
offener Tr ich neugierig den Kopf hineinsteckte. Er sollte gerade
sein Frhstck bekommen; er a nmlich bei uns Tge, wie man es
damals hie, d. i. an jedem Tag in der Woche a er bei den Eltern eines
anderen Schlers. Zu uns kam er jeden Dienstag. Ich mute lachen ber
ihn. Er war aber auch zu drollig, wenn sich dieser lange Mensch just
auf die uerste Kante der Kchenbank plump hinsetzte, so da sich das
andere Ende in die Hhe hob und er, der Bocher, in seiner ganzen Lnge
ungeschickt auf die Diele purzelte. Selbst unsere mrrische Kchin
mute da lachen. Der Unfall hinderte jedoch den Behelfer nicht, sein
Essen mit einem wahren Wolfsappetit zu verschlingen. Dann segnete
unser Begleiter unseren ersten Chedergang, indem er ausrief: Nun
mit dem rechten Fu! Unterwegs bildete er meist die Arriregarde,
wahrscheinlich infolge seines ungleichen Schuhwerks. Bald aber sollte
er sich als unser tapferer Beschtzer bewhren.

Die Gelegenheit dazu bot ein wtender Hund, der uns anfiel und
verfolgte. Hilfesuchend sahen wir uns nach unserem Beschtzer um -- aber
der erste, der jmmerlich aufschrie, war er. Trotz seiner Schuhe lief
er, was er nur konnte, immer schneller, wir versuchten ihm nachzukommen,
aber er war der bessere Renner -- wir erreichten ihn nicht. Meine
Schwester ergriff meine Hand und in atemloser Angst wiederholten wir das
Sprchlein, wie ein Gebet:

    Hintale (Hndchen) Hintale, willst mich beissen?
    Werden kommen drei Teiwolim (Teufelchen),
    Werden dich zerreien.
    Hintale, Hintale, willst mich beien?
    Werden kommen drei Teiwolim, werden dich zerreien.
    Ich bin Jakow (Jakob), du bist Esau,
    Ich bin Jankow, du bist Esau!

Der Spruch mute rasch, in einem Atem und ohne da man sich von der
Stelle rhrte, hergesagt werden. Wir waren fest berzeugt, da der Hund
still werden und uns passieren lassen wrde....

Unser bewhrter Fhrer wartete auf seinem Platze, wo er sich in
Sicherheit fhlte, so lange, bis wir zu ihm kamen. Und nun bewegte sich
der Zug weiter. Meine Schwester zeigte und erklrte mir auf dem Wege
alles, was mir neu und merkwrdig schien. Wir sahen viele Buden,
Krmergestelle und muten uns durch die Menschenmassen hindurchdrngen,
bis wir gegen acht Uhr den Cheder erreichten.

Das Huschen war wohl einst, vor langer, langer Zeit, gelb angestrichen.
Nun stand es tief in die Erde gesunken mit kleinen Fensterscheiben, die
nur sprlich das Tageslicht einlieen. Das Huschen war von einer Prisbe
(Erdbank) umgeben, auf der ich meine knftigen Mitschlerinnen, die
ungefhr in meinem und meiner lteren Schwester Alter standen, bei
verschiedenen Spielen sah. Sie gafften mich mit groen Augen an. Wir
blieben vor der Eingangstr stehen. So leicht konnte der Uneingeweihte
hier seinen Weg nicht finden! Meine Schwester ging voran; sie ffnete
die Tr, sprang in den Flur und streckte mir die Hand entgegen. Ich
erfate sie und streckte das eine Bein vor, um Boden zu finden. Diesen
bildete ein halb verfaultes Stck Holz, das ganz tief eingesunken in dem
Lehmboden lag. Ich mute das Bein weit von mir strecken, um das Holz zu
fhlen. Nun setzte ich auch das zweite Bein hinunter und tat mutig einen
Schritt vorwrts. Meine Schwester ermahnte mich, da ich nicht ber die
zum Boden fhrende Leiter stolpere. Einen Schritt weiter stand schon ein
Wasserfa, an dessen Rand der groe hlzerne Wasserschpfer lag, der uns
Kinder spter immer zum Trinken animierte. Ferner befand sich hier noch
ein Eimer und ein Besen. Links erblickte ich eine Tr, die statt der
Klinke einen hlzernen Stock hatte, der vom vielen Gebrauch so glatt wie
eine Glasur war. Meine Schwester ffnete die Tr, sie trat in den
Schulraum, und ich folgte ihr. Wir konnten beide nicht bequem gerade
stehen. Beim ersten Schritt stieen wir auf eine Bank, die mit einem
langen Holztisch fast wie verbunden war, auf dem allerlei Lehr- und
Gebetbcher lagen. An der anderen Seite des Tisches stand eine hnliche
Bank, die bis an die Wand reichte. Ich berlasse es der Phantasie des
Lesers, die Breite dieses Gemaches zu ermessen! Reb Leser, der Melamed,
thronte oben an der Spitze des Tisches, von da aus konnte er mit
Herrscherblicken das ganze Gebiet bersehen.

Reb Leser war krftig gebaut, breitschulterig, mit seiner wuchtigen
Gestalt verdeckte er das Fenster, neben dem er sa, in seiner ganzen
Breite und Hhe. Seine wasserblauen, groen, hervorstehenden Augen, vor
denen sich fortwhrend ein paar kleine graue Pees (Ohrlckchen)
bewegten, und sein langes Gesicht mit dem spitzen, grauen Bart verrieten
Selbstbewutsein und Stolz. Die Stirn mit den starken, geschwollenen
Adern zeugte von Energie. Seine Tracht war zeit- und standesgem: kurze,
an den Knien gebundene Beinkleider, graue dicke Strmpfe, gigantische
Schuhe; seine Hemdrmel waren von zweifelhafter Reinlichkeit; ein langer
bunter, dunkler Arbakanfos[M] aus Kattun ersetzte den Rock im Sommer (im
Winter trug er einen wattierten Rock). Das schwarze kleine
Sammetkppchen auf dem groen Kopf vervollstndigte die damalige Tracht
seines Standes.

Am anderen Ende des Tisches sa, stets in gebckter Haltung, der
Ober-Behelfer. Er hielt einen langen schmalen Holzstift in den Hnden
(das Deitelholz genannt), womit er den Kindern beim Lesen Buchstaben fr
Buchstaben, Zeile fr Zeile zeigte. Er hatte die Aufgabe, das vom Rebben
Vorgetragene mit den Schlerinnen zu wiederholen. Er war immer ernst,
hatte eine Nase von der Form eines Spatens, kleine, melancholische Augen
und vor den Ohren zwei lange, schwarze Pees, die in steter Bewegung
waren.

Wir blieben also stehen, wir _=muten=_ auf demselben Fleck stehen
bleiben. Der Rebbe erhob sich, als er mich erblickte mit dem Ausruf:
Ah! Dann fate er mich unter die Arme, hob mich auf die Bank und
setzte mich neben sich hin. Die Schlerinnen kamen inzwischen
hereingelaufen, um mich, das neuangekommene Wundertier, zu sehen und
Bemerkungen auszutauschen. Meine Schwester, die bereits heimisch war,
suchte ihren Platz auf, blickte aber wie schtzend zu mir hin. Angst,
Befangenheit, die vielen fremden Gesichter, die dumpfe Luft in der
Stube, die niedrige Decke, zu der ich fortwhrend ngstlich hinaufsah,
das alles und wahrscheinlich noch die Nachwirkung des Schreckens durch
den wtenden Hund, schnrten mir die Kehle zu, und ich wute nichts
Besseres anzufangen, als pltzlich heftig und bitterlich zu weinen. Ich
schmte mich und machte mir im stillen Vorwrfe, allein ich konnte mich
nicht beherrschen. Reb Leser suchte mich zu beruhigen, indem er mir
versprach, da heute noch nicht mit dem Unterricht begonnen wurde. Ich
knne mit den Schlerinnen in der Ruhepause spielen. Aber je mehr er mir
zusprach, desto reichlicher flossen meine Trnen. Der Rebbe erriet
endlich, da es die vielen neugierigen Augen waren, die mich schreckten,
und er stampfte mit seinen groen Fen auf, da alles erbebte und er
schrie: Hinaus, auf die Gasse, Schickses![N] Was gafft Ihr, habt Ihr so
etwas noch nicht gesehen? Auf diesen Befehl zerstoben sie nach allen
Richtungen und nahmen schlielich ihre Spiele auf der Prisbe auf. Ich
ward ruhiger, wagte aber nicht, mich von der Stelle zu rhren. Meine
Schwester nahm einen Absatz mit dem Rebben durch, wiederholte ihn mit
dem Ober-Behelfer und wollte dann auch zum Spiel hinausgehen und mich
mitnehmen. Ich aber lie mich dazu nicht bereden. Nach einer Weile hrte
ich, da unser ritterlicher Begleiter Welwel vermit und mit Ungeduld
erwartet wurde, da er fr fast alle Schlerinnen das Mittagessen holte.
Ich war zu sehr mit mir und der neuen Sphre beschftigt und hatte gar
nicht daran gedacht, wo und wann wir zu Mittag essen wrden. Der
sehnlichst Erwartete kam endlich und ein seltenes Bild bot sich mir:
Welwel trug Krge, Tpfe, Schsselchen, Glser, Lffel verschiedener
Gattungen und Gren, Brot und Speisen in folgender Anordnung: die Tpfe
und Krge waren an seinem langen breiten Grtel, fest um den Leib
gebunden und reichten bis weit ber die Hfte. Das Brot plazierte der
erfinderische Bocher auf der Brust zwischen dem Hemd und dem Kaftan, die
gefllten Schsselchen hatte er bereinander gestellt, drckte sie auf
dem Arm gegen die Brust recht fest und hielt sie mit der anderen freien
Hand. Das Dessert, das aus Nssen, pfeln, gekochten Bohnen und Erbsen
bestand, verwahrte er in seinen langen Diebstaschen. So ausgerstet,
bewegte sich das Schiff der Stadt langsam seinem Ziele, dem Cheder,
entgegen. Es war ihm tatschlich nicht mglich, sich irgendwo
hinzusetzen.

Endlich war er da! Der Rebbe schalt ihn wegen seiner Saumseligkeit,
worauf er klagend erzhlte, wo und wie lange er auf das Essen hatte
warten mssen. Gib geschwind die zinnernen Schsseln und die
Blechlffel her, befahl nun der Rebbe und schleunigst wurde der Befehl
ausgefhrt. Der Rebbe schttete unser Mittagsessen in eine Schssel, und
ich bekam einen Blechlffel, der am Ende des Stieles ein kleines Loch
hatte, was bedeuten sollte, da er milchig war, d. h. nur fr
Milchspeisen gebraucht werden durfte. Ich drehte den Lffel mehrere Male
in den Hnden hin und her und konnte mich nicht entschlieen, damit aus
der Schssel zu schpfen. Ich dachte bei mir: Wie, nicht aus meinem
weien Porzellanteller und mit diesem blechernen Lffel soll ich essen?
Wieder kamen mir die Trnen in die Augen, und der Hals war mir wie
zugeschnrt. Der Rebbe sah mich verwundert an und konnte sich diesmal
den Grund meiner Trnen nicht erklren! Meine Schwester aber war
praktischer als ich (und diesen Vorzug mir gegenber behielt sie durch
das ganze Leben). Sie griff tchtig zu, fhrte einen Lffel nach dem
andern zum Mund und lie sichs gut schmecken. Als sie einigermaen satt
war, fragte sie mich verwundert, warum ich nicht esse. Ich blieb ihr die
Antwort schuldig, denn ich fhlte, da mir bei den ersten Worten die
Trnen noch wilder aus den Augen strzen muten. Ich bezwang mich aber
und schpfte einen Lffel voll, dessen Inhalt ich zusammen mit meinen
Trnen verschluckte. Nach beendeter Mahlzeit hob mich der Rebbe von der
Bank, und ich begann, wiewohl der Verlauf des Mittagessens mich gekrnkt
hatte, in meinem kindlichen Sinn alle Vorzge des Essens im Cheder, im
Vergleich zu dem Mittagbrot zu Hause, herauszusuchen. Hier durften wir
whrend der Mahlzeit nach Belieben sprechen und trinken, was zu Hause
erst nach dem Braten gestattet war. Hier durften wir uns vom Tisch
erheben, wann wir wollten, zu Hause erst, nachdem der Vater aufgestanden
war. Als ich nach dem Essen wieder trinken wollte, machte man mich auf
den groen Holzschpfer auf dem Wasserfa aufmerksam, den ich benutzen
sollte. Dann nahm mich meine Schwester an der einen Hand, eine Schlerin
an der zweiten und in ihrer Mitte erschien ich endlich auf der Gasse und
beteiligte mich an den Spielen. Das dauerte bis sieben Uhr abends. Da
wurden wir in das Cheder-Lokal zusammenberufen, um das Abendgebet zu
verrichten. Der Behelfer stand in der Mitte. Wir um ihn geschart. Unsere
Augen auf ihn gerichtet, sagten wir ihm jedes vorgesprochene Wort nach,
dann ging es rasch nach Hause.

Ich kehrte von den Erlebnissen des Tages so abgespannt heim, da ich
meiner Njanja nur wenig erzhlen konnte. Ich trank meinen Tee und
schlief ohne Abendbrot ein. Doch erwachte ich am nchsten Morgen mit
einer gewissen Ungeduld und voll des lebhaften Verlangens, da der
Cheder-Behelfer mglichst rasch kommen mge, damit ich nur die
Gesichter, die mir gestern noch so peinlich waren, wiedersehen knnte.
Aber noch mehr sehnte ich mich danach, die unterbrochenen Spiele
fortzusetzen. Welwel, der tapfere Wegweiser, erschien auch pnktlich,
und wir kamen diesmal ohne Zwischenfall in den Cheder.

Und nun benahm ich mich auch schon anders.

Ich lernte zum erstenmal mit meinem Rebben, spter spielte ich mit den
anderen Schlerinnen. Es verging kaum eine Woche, da fhlte ich mich
schon sehr behaglich und kannte jeden Schlupfwinkel in der Schule.

Auer der langen, schmalen Lehrstube gab es noch ein langes,
finsteres Durchgangsloch, -- jede andere Bezeichnung dafr wre
unrichtig -- in welchem sich das Bettgestell des Rabbi und das seiner
Rebbezin befanden. Vor den Betten hing auf zwei dicken Stricken, die
ber einen Balken gespannt waren, die Wiege, in der ihr einziges
Tchterchen Altinke lag; jeder, der nach dem dritten Raum wollte,
stie unvermeidlich gegen diese Wiege, die dann noch lange in Bewegung
blieb. Dieser Raum, ebenso die Bett- und Wiegenwsche waren keineswegs
sauber zu nennen. Aber man mu mit allem zufrieden sein, heit es, und
die Bewohner dieser verfallenen Htte waren es im vollsten Sinne des
Wortes. Sie verlangten nicht mehr. Ihre einzige Sorge war nur, da
ihre Altinke (wiewohl schon 2 Jahre alt, konnte das Kind noch nicht
aufrecht stehen) als die einzige von vier Kindern am Leben blieb.
Man behtete und pflegte sie und schtzte sie wie den Augapfel. Am
Halse trug es verschiedene Amulette: Ein M'susele[O] und ein Heele
(auch eine Art von Amulett, welches aus Blei gegossen, mit einer
mystischen Aufschrift versehen war). Das Bndchen, an dem diese Dinge
und auch ein Wolfszahn hingen, klebte infolge der bestndigen Nsse vom
Mundspeichel und des Schmutzes an dem wattierten Leibchen des Kindes.
Dieses kleine, unglckliche Geschpf lag meist in der Wiege, da Feige,
so hie die Rebbezin, allerlei Geschfte auf eigene Faust fhren mute,
wie Honigkuchen mit warmem Kraut backen, Erbsen und Bohnen kochen,
Leckerbissen, die ihr die Schlerinnen tglich abkauften. Besonders
waren es die Gluckhenne mit ihren Kchlein, die ihr viel zu schaffen
machten. Freilich blieb bei dieser Arbeit wenig Zeit, das Kind auf dem
Arm herumzutragen. Tglich whlte sie eine andere der Schlerinnen, die
ihr in allen huslichen Angelegenheiten behilflich war; so entdeckte
sie auch in mir eine gehorsame, willige Helferin. Bald wiegte ich
ihr Kind (was ich brigens mit groem Vergngen tat), bald half ich
ihr, den Spaten mit Mehl zu bestreuen, wenn sie das Brot in den Ofen
schieben mute; bald sah ich unter die Siebe nach frisch gelegten Eiern
(mit denen ich mir, wenn sie noch ganz warm waren, gern ber die Augen
strich).

Die Gestalt der Rebbezin erinnerte an eine Hopfenstange; sie hatte
ungewhnlich lange Arme, einen langen, dnnen Hals, der einen Pferdekopf
trug, kleine, umherirrende Augen, knochige Wangen und blaue, dnne
Lippen, die sich seit der Kindheit wohl nicht mehr zu einem Lcheln
verzogen hatten. Die lange Habichtsnase verdeckte zur Hlfte den Mund
und gab dem Gesicht den Ausdruck eines Raubvogels. Die langen
Pferdezhne und vor allem die Zahnlcken bewirkten, da die Worte aus
ihrem Munde nicht sehr schn klangen. Aber das hinderte sie weiter
nicht, ihre ganze Umgebung vom frhen Morgen bis zum spten Abend von
dem Vorhandensein ihres ungeschwchten Sprechorgans zu berzeugen. Auch
ich sollte bald erfahren, da mit der Rebbezin nicht zu spaen war, und
ein Handgriff von ihr nicht auf ein sehr sanftes Wesen schlieen lie.
Mein Ktzchen hatte ich zu Hause lassen mssen, ich verschmerzte es zu
Beginn, weil ich an den Hhnern der Rebbezin Ersatz fand. Ich ging oft
zum Pripoczok (Ofen, unterer Teil), zur brtenden Henne und sah zu, wie
sie mit ausgebreiteten Flgeln behutsam auf den Eiern sa. Ihr Auge
drckte whrend dieser Zeit fast eine menschliche Zrtlichkeit aus. Das
Tier sa geduldig ohne Nahrung und wartete, bis man sie herunternahm und
sie ftterte. So geschah es einmal, da ich mich zur Gluckhenne beugte,
um sie wegzutragen und zu fttern. Die Rebbezin erblickte mich dabei von
ihrem Sitz aus und erschrak ber die Mglichkeit, da ich die Henne
aufscheuchen und da sie am Ende wegfliegen knnte. Die Eier wrden kalt
und nicht mehr ausgebrtet werden knnen. Behende sprang Feige zu mir,
erfate mich etwas unsanft an der Schulter und schrie aus Leibeskrften:
Was tust du? Was willst do hoben? Meschuggene, a weg! (fort von hier).
Ich sah zu der vor Zorn keuchenden Rebbezin auf. Die Henne entri sich
tatschlich meinen Hnden und wandte ihren raschen Flug nach der
Richtung, wo Reb Leser thronte; daneben befand sich im Winkel ein
dreieckiges Fcherchen, darauf lie sich die Henne nieder, sah mit
lautem Gegacker umher, als gefiele es ihr hier, begab sich hierauf auf
Reb Lesers Kopf, duckte sich nieder und lie ein Andenken an ihren
kurzen Aufenthalt zurck; dann flog sie, mit den Flgeln schlagend, auf
das Fach, wo die Zinnteller und Schsseln standen, warf alles um, was
natrlich viel Lrm machte und suchte ihr Loch unter dem Pripoczok auf,
wo sie sich endlich beruhigte. Dagegen konnte sich Reb Leser nicht so
bald beruhigen, der, als die um den Tisch sitzenden Schler mit lautem
Lachen nach seinem Kopf zeigten, nach seiner Kopfbedeckung fate, und da
er voll Wut das hinterlassene Andenken wegwischen mute, schalt und
fluchte er mit lauter Stimme. Seiner Ehehlfte schwur er hoch und teuer,
er werde alle ihre Hhner schlachten. Das sollte sogar schon morgen
geschehen. Aber unsere unerschrockene Rebbezin dachte anders darber und
verteidigte bei offener Tr ihre Schtzlinge. Sie brachte Argumente vor,
die mich als die Hauptschuldige an dem Unfall erkennen lieen.
Schlielich meinte sie, ihr Mann htte berhaupt kein Recht, die Hhner
zum Tode zu verurteilen. Ihre glnzende Verteidigungsrede war wohl
hinreichend energisch gewesen, da Reb Leser den krzeren zog und zum
Schweigen gebracht wurde. So verwandelte er das Todesurteil in eine
Begnadigung. Diese Begebenheit gab viel Stoff zu Gesprchen im Cheder
und im sogenannten Schmolen Gssel (schmalen Gchen). Es hatten sich
viele Zuschauer eingefunden, die zu den Fenstern hineinsahen und beinahe
in den Kampf mit hineingezogen wurden. Diesen Abend hatte ich meiner
Njanja viel zu erzhlen....

Wenn Reb Leser schlielich die Bemerkungen seiner Frau unbeantwortet
gelassen hatte, so tat er es mit dem Selbstbewutsein eines Mannes,
dessen Wrde trotz alledem unbestreitbar war. Er hatte auch allen Grund
dazu, denn er war nicht nur in seinem Hause, in der Schulgasse und im
schmolen Gssel, sondern auch weiterhin auf der Insel Kempe, jenseits
des Teiches, sehr populr! Zu Reb Leser, dem Melamed, kam man, wenn ein
Kind erkrankte, fieberte. Er verstand zu heilen und ein Ajin hora
(bses Auge, Blick) zu besprechen. Er nahm zu diesem Zwecke ein
Kleidungsstck des Befallenen, etwa ein Strmpfchen oder ein Leibchen,
flsterte einen geheimnisvollen Spruch und spuckte dreimal darauf. Das
gengte, um das Kind genesen zu machen, ohne da er es persnlich
gesehen htte. Dem berbringer wurden die Gegenstnde mit den Worten
zurckgegeben: Es wird schon gesund werden. Hatte jemand
Zahnschmerzen, so stellte ihn Reb Leser bei Mondenschein Punkt zwlf Uhr
nachts gegen den Mond und streichelte ihm bald die rechte, bald die
linke Backe, wobei er mystische Worte murmelte. Und Reb Leser war dann
sicher, da der Schmerz aufhren wrde -- eventuell freilich erst nach
langer Zeit oder nachdem der Zahn gezogen war. Wer an heftigen
Rckenschmerzen litt, mute sich auf der Diele hinstrecken; Reb Leser,
der B'hor (Erstgeborene), stellte sich mit einem Fu auf den Rcken des
Kranken fr einen Augenblick und der Kranke war genesen!

Wollte jemand eine Kuh kaufen, so war er fest berzeugt, da sie viel
Milch geben wrde, wenn Reb Leser den Kaufpreis zum Scheine nach
lngerem Feilschen festgesetzt hatte. Ein Wort von Reb Lesers Lippen
vermochte vieles zu bewirken.

Das waren die kleinen Quellen seines Einkommens; dagegen brachte ihm das
Schadchengeschft viel mehr Geld ein. Diese Ttigkeit warf ihm beinahe
so viel ab wie seine Schule und hatte dabei auch den Vorzug, da sie
gewhnlich bei einem Glschen Schnaps vor sich ging. Je nach dem
Gelingen einer Partie mehrten sich seine Freunde und -- Feinde. Von den
letzteren gab es mehr!.. Reb Leser lie sich darob keine grauen Haare
wachsen. Ihm galten alle Partien gleich gut. Er betrieb dieses Geschft
in seinen Muestunden zwischen Minche und Marew am Sonnabend Abend, da
der Jude von damals, nachdem er vierundzwanzig Stunden geruht hatte, in
der richtigen Stimmung war, von derartigen Dingen zu sprechen. Es war
vielleicht gut, da Reb Leser so wenig Zeit auf diese Sache verwenden
konnte....

Der denkwrdige Vorfall mit der Henne war hinreichend, mir das Innere
des Cheders zu verleiden und mich strker fr die Spiele drauen zu
interessieren. Ich erreichte in manchem eine groe Fertigkeit -- so im
Zeichenspiel, wobei man sich einer Art aus Knochen primitiv gefertigter
Wrfel bediente; im Nsse-Spiel und im Stecknadelspiel paar und unpaar.
Eine meiner Freundinnen war im Stecknadelspiel sehr geschickt und
erregte meinen Neid: sie konnte eine Menge von Stecknadeln unterhalb der
Zunge im Munde halten und dabei ungehindert sprechen.

Es wurde so viel gespielt, da wir Kinder gar oft den eigentlichen Zweck
unseres Schulbesuches vergaen.

Ich machte mich bald mit der ganzen Umgebung des Chederlokals vertraut
und stand mit der Nachbarschaft auf gutem Fu. Mein besonderer Liebling
war der kleine Schulklopfer, ein mageres, gebeugtes Mnnchen mit einem
grngelben Ziegengesicht und blden Ziegenaugen, die den Zug des
Gequlten hatten. Sein ganzes Leben schien er an Keuchhusten zu leiden.
Wenn wir Kinder ihn in der Gasse erblickten, liefen wir ihm entgegen und
schrieen bermtig: In schaul! In schaul! und begleiteten ihn eine
Strecke. Er erschien nmlich vor dem Morgen- und Abendgebet in der
Schulgasse und rief, mit seiner ganzen noch brig gebliebenen
Lungenkraft schreiend: In schaul! In schaul!, die Gemeinde zusammen.
Dann stemmte er die Hnde in die Seiten und konnte lange vor Husten
nicht zu Atem kommen. brigens hatte er noch eine andere Beschftigung;
an jedem Freitag lief er kurz vor Beginn des Sabbathfestes zu den
jdischen Krmern und ermahnte sie, die Lden rasch zu schlieen. Und
vor Neujahr weckte er mit Tagesanbruch die Gemeinde zu Sliches
(Frhgebet whrend der ganzen Woche vor dem Neujahrsfest).

Der kleine, niedere Cheder-Raum konnte alle Schlerinnen nicht fassen
und drauen vor der Tr verjagte uns oft die sengende Sonnenglut; so
muten wir uns mit unseren Wrfel- und Nssespielen in eines der vielen
Vorhuschen in der gegenber dem Cheder befindlichen groen Synagoge
flchten, wo es immer khl und gerumig war. Ich entsinne mich, da ich
nie weiter als ins Vorhaus zu gehen wagte und welchen gewaltigen
Eindruck ich hatte, als mich die Gespielinnen einmal zwangen, die
Abteilung zu betreten, in der die Mnner zu beten pflegten. Der groe
Raum mit den vielen Bnken und Tischen war imposant. In der Mitte der
Synagoge befand sich ein viereckiger erhhter Platz, der von einem
niederen, geschnitzten Gelnder umgeben war; auf dieser Erhhung stand
ein schmaler, hoher Tisch, auf dem die Thorarollen beim Leienen lagen.
Im Hintergrund war eine hohe Pforte, deren zwei Tren zum Oren-hakodesch
fhrten. Diese heilige Lade war mit einem roten Sammetvorhang verhngt,
in dessen Mitte das Mogendavidzeichen eingewirkt war. Zu beiden Seiten
dieses jdischen Paniers standen in Lebensgre zwei Lwen aus
Bronzemetall in aufrechter Stellung, wie Wache haltend. An der stlichen
Wand, der Misrachwand, waren die Ehrenpltze fr die ltesten und
angesehensten Juden der Stadt Brest. Dort befand sich auch die Matan
b'sseisser Puschke, d.h. die Bchse der geheimen Gaben. Wenn jemand ein
Lieblingswunsch in Erfllung gegangen oder ein besonderes Glck
widerfahren war, wovon er zu niemand sprechen mochte, spendete er ganz
im geheimen etwas in diese Bchse. Auen war nur ein kleiner Spalt in
einer Nische der Mauer zu sehen. In diese ffnung warfen die Spender
ihre geheime Gabe, nicht ohne sich vorher ngstlich zu vergewissern, da
auch niemand sie beobachte. Von der himmelblau mit silbernen Sternen
bemalten Decke der Synagoge hingen an Ketten zahlreiche Leuchter herab.
All diese seltsame Pracht erfllte das Kindergemt mit Ehrfurcht und
Scheu.

Meine Begleiterinnen erzhlten mir, geheimnisvoll flsternd, da sich
hinter den hohen Tren des Oron hakodesch ein Schrank mit vielen Sefer
thaures (heilige Rollen) befinde und da von da ein unterirdischer Gang
nach Jerusalem fhre. Freitag Abend versammeln sich die vom Gehinom
(Hlle) befreiten R'schoim (Snder), um allerlei Schabernack zu treiben.
Noch andere, hnliche Mrchen erhhten meine angstvolle Scheu. Ganz
besonders wirkte auf mich das Mrchen vom lehmenen Goilem (Ton-Figur)
ein: auf dem Oren kaudesch in der Synagoge da liegt eine groe Figur aus
Ton, die einst alle Handlungen eines lebenden Menschen verrichten
konnte. Die alten Kabbalisten bedienten sich solcher Tonfiguren, die sie
mit Amuletten, Hieroglyphen und sonstigen, niemand bekannten Zeichen
versahen und flsterten den Lehmfiguren Zauberformeln ins Ohr, da sie
anfingen sich zu regen und allerhand Dienste leisten konnten wie ein
Mensch. Alles, was diese Figur tun sollte, mute man ihr bis ins
einzelne genau und bestimmt angeben, z.B.: Geh zur Tr, ergreife die
Klinke, drcke sie nieder, mach die Tr auf, mach sie zu, geh in das
Haus in jener Strae, drcke die Klinke nieder, mach die Tr auf, mach
sie zu, begib dich ins erste Zimmer, geh an den Tisch, an dem mein
Freund sitzt, sag ihm, er soll heute mit dem Buch zu mir kommen. Auch
der Rckweg mute der Figur Schritt fr Schritt genau beschrieben
werden, sonst war der Goilem (die Tonfigur) imstande, das ganze Haus, in
dem der Freund wohnte, auf seinen Schultern zu bringen. Er war eben ein
Trottel; und noch heute ist im jdischen Volke die Bezeichnung: Du bist
ein lehmener Goilem ein Schimpfwort.

Ein einziges Mal wagte ich es noch, allein den groen Raum zu betreten,
aber ich lief, von einem unheimlichen Schauer erfat, weinend und
schreiend fort, und Reb Leser verbot mir, ohne Begleitung wieder
hinzugehen.

Ich sehe noch jetzt im Geiste den schnen, majesttischen Bau im
altmaurischen Stil mit dem runden Glasturm, durch dessen Scheiben das
Tageslicht fiel und das Innere der Synagoge erhellte.

Als die Stadt Brest demoliert und 1836 zu einer Festung umgewandelt
wurde, mute auch die Synagoge niedergerissen werden und der Grundstein,
den man fand, wies auf frhere Jahrhunderte zurck, auf die Tage Saul
Wahls, der fr eine Nacht von den streitenden polnischen Parteien zum
Knig gewhlt worden war. Wahl hatte die Synagoge zum Andenken an seine
verstorbene Frau Deborah erbaut.




II. Teil.


Dem Rosch-Chodesch (Neumond) Sivan (etwa Mai) folgte sechs Tage spter
das Schewuaus-Fest (Pfingsten), das schne und angenehme Fest, von dem
die Juden sagen, da man _=alles=_ und _=berall=_ essen darf, whrend
man am Osterfest nicht alles und am Laubhttenfest nicht berall, d. h.
nur in der Laube essen soll. Daher dauert Sch'wuaus nur zwei Tage....

Auch fr dieses Fest wurden natrlich in unserem Hause mancherlei
Vorbereitungen getroffen. Uns Kindern wurde im Cheder die Bedeutung des
Festes erklrt als Gedenkfeier an den Tag, an dem Moses auf dem Berge
Sinai die heiligen Gesetzestafeln empfangen hatte. Drei Tage vor
Pfingsten (Schlauscho jemei hagbole wird diese Periode genannt), endet
die Trauer der Sfirezeit und die Freude lebt wieder auf. Man sucht sich
fr die sechswchentlichen Entsagungen schadlos zu halten. Die Kinder
blieben nur einen halben Tag im Cheder und tummelten sich ungebunden im
Freien und im Hause herum. Und in den Husern wurde wieder gebraten und
gebacken, namentlich viel Butterkuchen! An diesen Festtagen it man
hauptschlich Milch- und Buttergerichte. Die traditionellen
Kse-Blintschki mit saurer Sahne, eine Art Flinsen, drfen nicht fehlen.
Am Erew-Jomtow, am Vorabend des Festes, gab es wieder viel eilige Arbeit
im Hause. Alle Zimmer wurden mit Grn geschmckt und festlich
beleuchtet: Wir Kinder wurden festlich gekleidet und der Tisch zum
Abendessen gedeckt; die Fenster der mit Kerzen erleuchteten Rume
standen weit offen, und die warme, frische Frhlingsluft strmte herein,
ohne die Flammen der vielen Kerzen auch nur leise zu bewegen. Sie
brannten ruhig und feierlich.

Die Mnner kamen vom Bethaus zurck und man begab sich zu Tische. Schon
nach dem ersten Gang wurde ein Abschnitt aus dem Tiken-Schwuaus-Gesetze
von den Mnnern vorgelesen und nach dem zweiten Gericht wieder ein
Abschnitt. Nach dem Essen zogen sich meine Schwger mit ihrem Melamed in
ihr Studierzimmer zurck, um dort bis zum frhen Morgen den
Tiken-Schwuaus zu Ende zu lesen. Mein lterer Schwager unterzog sich
ohne Murren diesem Gebot. Aber der jngere htte wahrscheinlich eine
andere Beschftigung vorgezogen. Aber es half nichts, die Disziplin und
die religise Tendenz unseres Hauses galten mehr als persnliche Wnsche
und Neigungen. Auch dann noch, als der Geist Lilienthals in den Kpfen
der jungen Leute schon schwirrte.

Am frhen Morgen ging es in die Synagoge, wo ein Festgottesdienst
abgehalten, die Akdamess (Anfnge) gesagt, die M'gile (Ruth) vorgelesen
wurde, was oft bis 12 Uhr Mittags whrte. Im Hause herrschte frohe
Laune: man trank vortrefflich duftenden Kaffee und a Butterkuchen und
Blintschikes und ging hierauf im Freien spazieren.

Bald kam auch der Sommer mit seinen Herrlichkeiten, die wir Kinder nach
Herzenslust genossen. Die Zeit von Pfingsten bis zum siebzehnten Tag im
Tamus (Monat Juli) war fr den Juden der ersten Hlfte des vorigen
Jahrhunderts die genureichste und schnste des ganzen Sommers. Aber zu
lang darf die Reihe von schnen Tagen fr ihn nicht sein, sonst knnte
er in seinem bermut Gott vergessen und darum, glaube ich, ist ihm nach
einer kurzen Erholungszeit immer wieder ein Fasttag auferlegt. Und so
ist schon der Schiwo osser betamus (siebzehnte Tag im Tamus) ein
Fasttag, dem die sogenannten drei Wochen folgen, die mit einem
Trauertag, dem neunten Tag des Monats Ab (Tischeb'aw) endigen. Und
wieder ist es untersagt, Vergngungen nachzugehen, Hochzeit zu halten,
im Flusse zu baden, Schmuck zu tragen und in den letzten neun Tagen darf
man auch kein Fleisch genieen; am neunten Tage, am Erew-Tischeb'aw,
wird in der Synagoge und im Hause eine Trauergedenkfeier an die
Zerstrung Jerusalems abgehalten. Am Freitag vor Schabbes-chason
(Sonnabend vor Tischeb'aw) erschien einmal unsere Mutter, whrend wir am
Frhstckstisch saen, erregt und ernst, in der einen Hand ein mit einer
schwarzen Masse geflltes Holzgef, in der andern Hand einen Pinsel
haltend. Wir waren gespannt, was die Mutter damit beginnen wollte. Sie
stieg auf das Sopha und machte mit dem Pinsel auf die schne rote Tapete
einen viereckigen, schwarzen Fleck. Auf unsere Frage, was dies zu
bedeuten habe, erhielten wir zur Antwort, dieser Fleck, den sie seicher
l'churben nannte, soll uns erinnern, da wir Juden im Golus, d. h.
unterjocht sind. Ich entsinne mich noch, wie mein Vater und die jungen
Mnner am Erew-Tischeb'aw, d. h. am Vorabend des neunten Tages im Monat
Ab die Schuhe ablegten und auf niederen Schemeln Platz nahmen. Der
Bediente stellte eine niedrige Holzbank vor sie hin und setzte darauf
das Fasten-Abendbrot, das aus hartgesottenen Eiern bestand, die in Asche
gewlzt und dann mit harten Kringeln gegessen wurden. Bewegt, mit dem
Ausdruck aufrichtiger Trauer in den Zgen, saen sie da, als htten sie
die Zerstrung des Tempels zu Jerusalem selbst miterlebt, mit eigenen
Augen seinen Glanz, seine Gre untergehen sehen. So gegenwrtig war
ihnen die Vergangenheit, so tief empfindet der fromme Jude noch heute
den Schmerz um den Verlust der alten Heimat. Dann gingen die Mnner in
Strmpfen ohne Stiefel in die Synagoge. Meine Mutter blieb mit den
lteren Schwestern zu Hause. Es wurden mehrere Fubnke in ein Zimmer
gebracht und Kerzen auf niedrige Tische und Sthle gestellt. Wir alle
setzten uns um die Mutter herum auf die Fubnke und nun begann man mit
der Verlesung der Zerstrung von Jerusalem. Die Mutter weinte und wir
Kinder weinten leise mit. Dann wurde noch die M'gile Echo -- die
Klagelieder -- vorgelesen und unsere Trnen flossen reichlich. Die Buben
freilich hatten ihr eigenes Treiben.

Runde, grne Kletten, wie kleine Kartoffeln, mit Stacheln wie
Stecknadeln bewachsen, die an jeden Gegenstand sich anheften, pflegten
die kundesim (Gassenjungen) am erew tischeb'aw den ernst trauernden,
alten Mnnern in die Haare und an die Strmpfe zu werfen, um diese zu
rgern.

Am folgenden Tage herrschte noch tiefe Trauer und die schwere Stimmung
lag noch auf allen. Des Morgens durften wir uns nicht einmal waschen;
auch wir Kinder fasteten manchmal etliche Stunden und die Eltern lobten
unsere Standhaftigkeit. Mit desto grerem Appetit fielen wir ber das
Essen her, als der halbe Tag vergangen war. Im Hause begann es auch
wieder lebhafter zu werden, man rumte die Zimmer auf und in der Kche
regte sich's wieder. Wir Kinder nahmen Spiel und Vergngen auf. Eines
dieser Spiele an einem Tischeb'aw blieb mir besonders in Erinnerung:
Mein Bruder hatte schon einige Tage vorher mit einem Freunde gleichen
Alters, dem jetzigen Doktor H. S. Neumark, verabredet, da er an diesem
Tage einige hundert Knaben aus der Stadt Chedunim zu meinem Bruder nach
der Vorstadt Zamuchawicz bringen solle, mit denen die beiden diesen Tag
entsprechend und wrdig verbringen wollten. Sie beabsichtigten nmlich,
zur Erinnerung an jene Schlacht, die vor ungefhr 2000 Jahren bei der
Zerstrung des Tempels zu Jerusalem stattgefunden, einen Kampf zu
veranstalten. Die Jungen muten ihre rotgefrbten Holzschwerter, wie sie
an diesem Tage jeder jdische Knabe besa, mitbringen. Als Waffen
dienten auch Pfeil und Bogen, ein Knttel, selbst eine Bauernpeitsche.
Doch galt hier hauptschlich die persnliche Tapferkeit mit der Faust.
Mein Bruder und sein Freund whlten einen freien Platz, neben unserem
Hause, auf dem die Schlacht stattfinden sollte. Die Soldaten kamen
einzeln und in Scharen. Die Kampflustigen waren verschieden an Gre,
Alter und Stand; doch wurden in diesem Heer derartige Kleinigkeiten
nicht beachtet! Es wurden Generle, Oberste und Offiziere eingesetzt,
und die anderen bildeten sodann die Mannschaft -- das Fuvolk; mein Bruder
und sein Freund wurden zu Knigen ernannt. Die Generle erhielten
Sternchen aus Papier und Eichenlaubblttern; ber die Schulter quer
fielen Schrpen aus blauem, rotem oder weiem Glanzpapier. Die
Dreispitzhte wurden aus dunkelblauem Zuckerhutpapier hergestellt, die
von den Knaben Krepchen (Kreplach) genannt und mit Bschen aus
Hahnenfedern geschmckt wurden. Der Oberste trug als Abzeichen Schnre
aus roten Beeren um die Schulter, und den Offizieren steckte man als
Kokarde eine groe, gelbe Kamille an den Schirm der Mtze. Die ganze
Armee wurde in zwei gleiche Abteilungen geteilt und jeder Knig bernahm
sein Heer und stellte die Soldaten in Reih' und Glied auf. Die Kleidung
der Knige unterschied sich in aufflliger Weise von der der anderen
Krieger; der eine Knig hatte ein grosses Handtuch, der zweite ein Laken
quer ber der Brust und beide trugen zahllose Orden, die auf dem Felde
und auf den Wiesen gepflckt waren: Sonnenblumen, weie, gelbe und rote
Blten in allen Gren. Und um die kniglichen Hupter waren groe
Krnze aus Hanfzweigen gewunden. Zwischen beiden Armeen wurde ein Kordon
gezogen, und nun sollte das Zeichen zum Angriff gegeben werden. Doch wer
sollte mit dem Angriff beginnen? So schrie man denn von der einen Seite
herber: Scheli, scheli, scheloch! (Schick' Dein Volk heraus!) Darauf
erwiderte man: Mein Volk ist krank. Nun nherte sich aus diesem Heere
ein Krieger dem Knig des ersten Heeres, ergriff dessen Hand und sagte,
den Zeigefinger erhebend: Der Malach (Engel) hat dir drei Pltze
geschickt -- siehst du Feuer? Siehst du Wasser? Siehst du den Himmel? Der
Knig mute bei der letzten Frage zum Himmel hinaufsehen, inde der Bote
entfliehen und den Kordon berschreiten mute, wenn er nicht gefangen
genommen werden sollte. War es ihm aber geglckt, den Kordon rechtzeitig
zu berschreiten, so hatte sein Volk den Vorzug, den Kampf zuerst
beginnen zu drfen. Nun fing man mit Schwert und Pfeil und Bogen an; da
diese Waffen aber bei dem ersten Zusammenprall zerbrachen, waren die
Soldaten auf ihre Fuste angewiesen.

Eine Viertelstunde mochte der Kampf bereits gedauert haben, aber noch
war der Sieg nicht entschieden. Das Heulen und Schreien jedoch wuchs
entsetzlich an. Da schwenkte einer der Knige ein weies Taschentuch auf
einem weien Stock und schrie laut: Genug! Stillstehen! Nicht mehr
schlagen! Die zgellosen Jungen hrten aber nicht darauf und fuhren
fort, die Schdel und Rcken der Schwcheren zu bearbeiten, bis sie
durch Hiebe ermahnt werden muten, das fast zum Ernst gewordene Spiel
abzubrechen. Die meisten zogen mit Ehrenzeichen, wie blaugeschlagene
Augen, blutende Nasen, verwundete Beine, vom Kriegsschauplatz ab. Die
Knige trsteten die braven Helden, und wir Mdchen, die der Schlacht
zusahen, brachten von Hause frisches Wasser, Handtcher, Tischtcher und
erfllten das Amt der barmherzigen Schwestern, indem wir den Verwundeten
die blutenden Stellen wuschen und trockneten. Nachdem die Ruhe
einigermaen hergestellt war, fingen die Heerfhrer an, den Triumphzug
vorzubereiten. Wir wurden aufs Neue ins Haus geschickt, um die ntigen
Requisiten zu holen, wie ein groes Messingbecken, das Messingtablett
des Samowars und einige Kupferkasserollen. Die Soldaten hatten mit
Papier berzogene Kmme, die als Blasinstrumente verwendet werden
sollten und hlzerne kleine Pfeifen. Die ganze Armee wurde wieder auf
dem Platz gesammelt und geordnet. Zwar konnte sich mancher Soldat nur
mit Mhe auf den Beinen halten, allein an dem feierlichen Akt, der nun
folgen sollte, wollte jeder teilnehmen. Nun whlte man unter den
Soldaten einige aus, welche die von uns zusammengetragenen Gerte als
Musikinstrumente zu behandeln verstanden. Die Knige nahmen eine
wrdevolle Haltung an, als sie mit berlautem Hurrah! begrt wurden und
mit ihren bekrnzten Huptern den Dank nickten. Der Zug setzte sich in
Bewegung. Das Messingbecken, von einer mchtigen Faust geschlagen,
machte betubenden Lrm. Die beiden krftig aneinandergeschlagenen
Kasserollen drhnten. Die schrillen Tne der Pfeifen klangen wie ein
schwacher Protest gegen diesen Lrm und das Getute auf den mit Papier
berzogenen Kmmen ergnzte diese seltsame Musik. Auch die Stimmen der
Soldaten taten ihr Mglichstes: Sie sangen einen Zapfenstreichmarsch mit
wilder Kraft. Unter diesen Musikklngen bewegte sich der Triumphzug
langsam vorwrts. In der Haltung der Knige lag etwas Imposantes, das
sie mit Recht zu Herrschern unter diesen Knaben machte. Wir Mdchen
begleiteten den Zug mit Hndeklatschen und waren von dem ganzen
Schauspiel entzckt. Man marschierte an dem Garten entlang, bei unserem
Hause vorbei. Dann lsten sich die Truppen auf, und ein jeder Krieger
ging mit Stolz von dannen. Auch die Knige verabschiedeten sich mit
huldreichen Worten, zufrieden mit dem Gelingen des Unternehmens, das
lange das Gesprch in der ganzen Stadt bildete. Trotz der blutigen Kpfe
freuten sich unsere Eltern ber die Sitte der kriegerischen Spiele sehr.

Die jdische Sitte hat, wie es scheint, das Bestreben, jeden Trauer- oder
Fasttag durch einen darauffolgenden Freudentag auszugleichen. So folgt
auf Tischeb'aw bald Schabbes-Nachmu, d. i. der trostreiche Sabbath: Gott
trstet sein Volk und verspricht ihm durch den Mund des Propheten die
Wiederaufrichtung des Tempels, der sich noch herrlicher als zuvor
erheben soll und verjngt wird die Mutterstadt Jerusalem aus ihren
Trmmern erstehen. An diese Verheiung glaubten meine Eltern
unerschtterlich fest. Sie hatten noch ihre Illusionen und Hoffnungen,
die sie vor Verzweiflung schtzten und ihnen die Kraft verliehen, die
Leiden der Gegenwart zu tragen. Gehrte doch zu jener Zeit ein
Selbstmord unter den Juden zu den grten Seltenheiten, weil sie in dem
Glauben an Gottes Wort und an das Jenseits Trost fr alles irdische
Leiden fanden. Dieser starke Glaube lebt auch in einem kleinen Liede,
das uns unsere fromme, kluge, gtige Mutter lehrte.

Es lautete ungefhr:

      Der Jude, der Jude, ein wunderbares Ding,
    Betrachtet ihn mit Ehrfurcht, achtet ihn nicht gering!

      Dem winzigsten Volke gehrt er ja an,
    Doch hben und drben man treffen ihn kann.

      Steig' immer zur Hhe, du stoest auf ihn,
    Sinke nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn!

      Schlie dich ein in Burgen, er bleibt Dir dennoch nah,
    Verkrieche dich in Htten, du findest ihn auch da!

      Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut,
    Beharret im Glauben, verliert nicht seinen Mut!

      Du glaubst ihn bezwungen zu Boden gestreckt,
    Er richtet empor sich: Er ward nur erschreckt!

      Eins aber sagt ihm immer sein Herz:
    Was immer du auch leidest, Gott lohnet deinen Schmerz!

Ein ander Liedchen, das sie uns lehrte, ist eine Allegorie, ein Gemisch
in polnischer und althebrischer Sprache. Nach der neuesten Meinung der
jdischen Forscher in Ruland haben die Juden in Ruland nur Russisch
mit Hebrisch vermengt gesprochen, so auch in Polen. Diese Meinung
sttzt sich auf eine Menge Volkslieder, die in der neuesten Sammlung von
Saul Gnzburg in Petersburg herausgegeben wurden.

Immer kehrt derselbe Gedanke wieder; immer ist die allegorische
Anspielung klar, da die Juden fr die Snden ihrer Vorfahren leiden,
aber von Gott die Verheiung erhalten haben, da er sie wieder
aufrichten wird. Meine Mutter sang diese Liedchen mit leuchtenden Augen
und versicherte uns Kinder im seligsten Vertrauen, da sich diese
Verheiung auch gewi einst erfllen msse. Erst im reiferen Alter
begriff ich ihre Inbrunst beim Gebet, diese echte Religiositt und die
aufrichtende Kraft eines reinen Gottesglaubens. Ich sehe sie noch vor
mir, wie sie mit geschlossenen Augen und herabhngenden Armen versonnen
dastand, und wie sie, entrckt, allen kleinen, irdischen Dingen, das
leise Gebet Schemoneessere betete. Die Lippen bewegten sich kaum, aber
in ihren Zgen lag ihre betende Seele! Fromme Ergebung, das Bewutsein
der Sndhaftigkeit, ein Flehen auf Vergebung und Hoffnung auf die Gnade
des Herrn.

Der Schabbes-Menachem brachte Frohsinn in das jdische Leben, und man
beeilte sich, die Entbehrungen der Trauerzeit, da Eheschlieungen und
sonstige Vergngungen verboten waren, wettzumachen, und die Tchter oder
die Shne so rasch wie mglich in goldene Ketten zu legen! Lange durfte
man nicht zgern, denn dem Monat der Frhlichkeit folgte schon Rosch
Chodesch Elul (Neumond September) und mit dem Wehen und Blasen der
Herbstwinde und dem Fallen des gelb gewordenen Laubes begann auch die
Zeit des Schofars, der den ganzen Monat hindurch tglich nach dem
Frhmorgengebet geblasen wurde. Er rief wieder zur Selbsteinkehr und
Sammlung, regte die Selbstanklage an, die Reue wegen der im ganzen Jahr
begangenen Snden. Fasten, Kasteiungen und die heien Gebete zum
Schpfer sollten die Vergebung vorbereiten. Und viele fromme Werke
wurden gebt. In den meisten jdischen Husern waren damals an
irgendeiner Zimmerwand, meist in der Nhe der M'susaus im Ezimmer,
Sammelbchsen aus Blech mit Deckelverschlu angebracht. Die eine dieser
Bchsen hie die Erez Jisroel Puschke. Die darin gesammelten Mnzen
waren fr die talmudischen Schulen in Palstina und fr alte Leute in
Jerusalem bestimmt, die meist dorthin ausgewandert waren, um auf dem
heiligen Boden zu sterben und in palstinensischer Erde begraben zu
werden. Schrieb man doch dieser die Kraft zu, die in ihr ruhenden Toten
vor der Verwesung zu bewahren, so da sie sich bei der Ankunft des
Messias in voller Frische aus ihren Grbern erheben wrden. Im Vertrauen
auf die der palstinensischen Erde innewohnende Kraft lieen sich in
Europa lebende fromme Juden Sckchen dieser Erde kommen, um sie in ihre
Grber streuen zu lassen. -- Pflicht der jdischen Gemeinden war es
jedenfalls, diese in Jerusalem ihren Tod Erwartenden bis zum Ende ihres
Lebens zu erhalten, und dazu diente noch der Inhalt dieser Bchse, der
alljhrlich von dem Erez-Israel-Meschulach (Bote) in Empfang genommen
wurde. Dieser reiste im ganzen Lande umher und pflegte, wenn er nach
Brest kam, bei uns zu logieren. Er war ein rstiger Mann mit dunklem,
sonnengebruntem Gesicht und klugen Augen. Bei Tisch pflegte er uns viel
von Palstina zu erzhlen, und wir lauschten diesen fremdartigen
Erzhlungen wie einem Mrchen.

Die zweite Bchse war die Reb Meier Balhaness-(Wundertter) Puschke.
Wenn jemand ein Unglck drohte, bei Krankheitsfllen oder sonstigen
Gefahren, spendete man in diese Bchse eine Summe in Hhe von 18
Kopeken, 18 Rubeln oder 18 Dukaten, je nach Vermgen und Anla;
jedenfalls mute die Wertangabe der Zahl 18 entsprechen, weil diese in
hebrischen Buchstaben das Wort chaj gleich Leben bedeutet.

Uns Kindern gingen die schweren Tage der Bue nicht sehr nah, im
Gegenteil, wir freuten uns der schnen Herbstzeit mit dem reifen Obst,
das wir in groen Mengen vertilgten. Eine Schrze voller Frchte bekamen
wir fr einen Kupfergroschen, den uns die Mutter an jedem Tag schenkte,
und der junge Magen nahm die Gaben des Herbstes geduldig auf. Auch bei
uns im Garten waren die Frchte gereift und harrten hier der
pflckenden Hand, der naschenden Muler. Die Baumzweige hingen zum
Brechen voll und das Gemse stand hoch in prchtigen Farben. Der Kohl
wurde reif. Meine lteste Schwester verstand es trefflich, aus dem
Strunk ein wie aus Talg gerolltes Lichtchen herzustellen. Sie putzte den
Strunk, rundete ihn ab und steckte einen etwas in Ru geschwrzten
Holzsplitter an die Spitze, so da es wie ein Licht aussah. Spt vor
Abend gab sie dieses Lichtchen zum Anznden bald der Kchin, bald dem
Diener. Der Holzsplitter fing fr einen Moment zwar Feuer, verlosch
jedoch bald, worber die besagte Person sich rgerte. Wir Kinder sahen
von der Ferne zu, kicherten und freuten uns ber den gelungenen Spa.
Das wurden nun unsere Freuden, denn wir konnten uns nicht mehr solange
im Freien aufhalten, es war bereits empfindlich khl. Die Tage wurden
krzer und trbe. Wir gingen nicht mehr so frhzeitig in den Cheder. Wir
muten oft im Chederraum spielen, weil uns hufig der Herbstregen von
der Strae scheuchte.

Im Hause wurde es stiller und stiller, die Eltern und die erwachsenen
Geschwister wurden immer ernster, je nher der Monat Elul seinem Ende
kam. Die Sorgen der Slichauszeit nahten. Schon ehe der Tag graute,
wurden die Bugebete verrichtet. Die Gebete sind oft so umfangreich, da
man z. B. am letzten Tage vor Rausch-Haschone (Neujahr) schon um
Mitternacht beginnen mu, um berhaupt zu Ende zu kommen. Dieses Gebet
nennt sich Sechor bris.

Das Neujahrsfest selbst gilt zwar als sehr ernst und heilig, wird aber
als freudiger Feiertag betrachtet. Bei uns wurden allerhand Fladen
gebacken, Konfitren in Honig und Zucker vorbereitet, das Weibrot
wurde in Form von Kringeln gebacken, was symbolisch das runde Jahr
darstellen soll. Die Frauen hatten zumeist weie Kleider, die nur
am Neujahrsfest und am Vershnungstage angelegt wurden. Am Vorabend
wurden viele Kerzen angezndet, ber die die Frauen den Segen sprachen;
die Stimmung ist zwar eine festliche, aber noch immer liegt etwas
Trauriges, ein gewisser Ernst ber den Gemtern. Beim Abendgebet in
der Synagoge wird viel geweint. Ich entsinne mich, da unser guter
Vater vom Weinen heiser nach Hause zu kommen pflegte. Doch gewann die
Festtagsstimmung bald die Oberhand, und mein Vater gab uns frohgemut
den Segen und machte Kidusch (Segnen des Weines) in freundlicher
Stimmung. Wir alle schtteten uns zuerst reichlich Wasser ber die
Hnde, trockneten sie sodann ab, setzten uns stumm zu Tische und
beteten still mit, whrend der Vater ber die beiden groen Brote, die
vor ihm bedeckt lagen, einen Spruch sagte; er schnitt eines von ihnen
in zwei Teile, von dem einen Teil schnitt er eine Scheibe, die er in
Honig tauchte und murmelte leise ein Gebet. Ehe er den ersten Bissen
gegessen hatte, durfte weder er, noch ein anderer bei Tische sprechen.
Nun bekamen auch die Kinder die Mauzes (die ersten Bissen Brot) mit
Honig und dann wurde das reiche Abendmahl genommen. Obgleich es erst
um neun Uhr abends begann, ging man doch gleich darauf zur Ruhe, um am
nchsten Tage in aller Frhe ins Bethaus gehen zu knnen. Ich erinnere
mich nicht, die Mutter oder die anderen Synagogenbesucher an diesem
Morgen je gesehen zu haben, wenn ich auch noch so frh aufstand.
Alle waren bereits beim Beten und sie kehrten erst um ein oder zwei
Uhr mittags heim, erschpft, aber in gehobener Stimmung -- das war
die Wirkung der fr diesen Tag bestimmten Gebete -- die erhabene
Piutim-Poesie, die philosophischen Betrachtungen ber das irdische,
vergngliche Leben, der Gerechtigkeit und der gnadenvollen Nachsicht
unseres einzigen Gottes, der auf seinem Richterstuhl sitzt, wie es in
den Sprchen heit, und Gerechtigkeit bt.

Er ffnet dem das Tor, der daran mit aufrichtiger Reue pocht, der im
Gericht seinen Zorn unterdrckt, mit Huld und Milde sich als Richter
schmckt. Er, der Shnung aller Schuld gewhrt, der seine Huld lsset
walten. Er zrnt nur kurze Zeit und ist gro an Langmut. Er ist gtig
dem Bsen wie dem Guten. Er, der ausharrt, bis sich der Frevler fromm
bekehrt.

Mein Vater pflegte bei Tische mit den jungen Leuten diese Stellen des
Gebetes singend zu wiederholen; und sie weinten dabei ...

Das Nachmittagsschlfchen am ersten Neujahrstag unterlie man, denn an
diesem Feiertag sollte mehr gebetet als gegessen und geschlafen werden.
Man ging zum sogenannten Taschlich, d. h. man begab sich zum Flu, wo
man ein kurzes Gebet verrichtete und die Snden gleichsam von sich
abschttelte und ins Wasser warf. Dieser Gebrauch wurde von meinem Vater
nicht ernst genommen und deshalb beteiligte er sich nicht daran. Vom
Flusse begab man sich wieder in die Synagoge, wo das Vorabend- und
Abendgebet verrichtet wurde. Zu Hause zndeten die Frauen wieder die
Kerzen an, der Vater kam aus der Synagoge, erteilte uns wieder den Segen
und machte ber den Becher Wein Kidusch und Schechejone ber eine Frucht
(Segenspruch ber eine Frucht, die man im Laufe des Sommers noch nicht
gegessen hat). Meine Mutter kaufte gewhnlich hierzu eine Wasser- oder
Zuckermelone oder eine Ananas. (Diese Frchte waren in unserer Gegend
sehr selten). Nach dem Abendbrot, das ebenfalls sehr frh genommen
wurde, begaben sich alle zur Ruhe, um am nchsten Morgen frhzeitig in
der Synagoge mit dem Beten beginnen zu knnen, das wieder bis nach ein
Uhr whrte. Der nchste Tag ist ein Fasttag, der Zaum Gdalja heit. Alle
fasteten. Niemand fiel es ein, zu murren und so qulte man sich auch den
dritten Tag. Darauf folgten die zehn Butage (Asseres jemei Tschuwe),
die zwischen Rosch-Haschono und Jom-Kippur (Vershnungstag) fallen, und
mit dem heiligen Vershnungstag ihren Hhepunkt und ihr Ende erreichen.

Mit ehrfurchtsvollem Schauer gedenke ich noch heute des Erew-Jomkippur
(des Vorabends des Vershnungstages) in unserem vterlichen Hause, da
unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaen und
nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dmmerte, rstete man sich,
um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedes Weib nahm eine
Henne, man hielt dieselben bei den Fen, man betete ein eigens dazu
bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflgel um
seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflgel wird
geschlachtet und gegessen.

Auch die Herstellung des Jaum-Kippur-Lichtes war eine heilige Pflicht.
Schon ganz frh am Erew-Jomkippur kam die alte Gabete Sara (Gabete
nannte man alte Frauen, deren selbstgestellte Lebensaufgabe es ist,
fromme Werke zu unternehmen fr Kranke, Arme und eben Verstorbene) mit
einem ganzen Packet Tchines -- kleine Gebetbcher nur fr Frauen in
jdisch-deutsch geschrieben -- und einem ungeheuer groen Knuel
Dochtfaden und einem groen Stck Wachs. Meine Mutter pflegte vorher
nichts zu essen, bis das Licht fertig war, denn mit nchternem Magen ist
jeder Mensch geneigter zu weinen, und sein Gemt ist weicher. Meine
Mutter und die obengenannte Sara fingen die Arbeit damit an, da sie
viele Tchines ans dem Packete unter heftigem Weinen sagten; dann erst
nahm man den Knuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Schrze,
stellte sich gegen die Mutter in einer Entfernung von einem Meter
ungefhr, gab das Ende des Fadens vom Knuel meiner Mutter und zog ihn
auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit weinender Stimme an, die Namen
aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nennen und erinnerte
dabei an ihre guten Taten, und fr jeden wurde ein Faden vom
Dochtfadenknuel weiter gezogen, bis alle erwhnt waren und ein gehrig
dicker Docht entstand. Auf solche Art wurde auch aller lebenden
Familienmitglieder gedacht. Es war auch Sitte, wenn jemand sehr
gefhrlich krank wurde, den Friedhof mit dem Dochtfaden nach allen vier
Enden abzumessen und dann diesen Faden zum Docht fr Wachskerzen zum
Jom-Kippur zu gebrauchen.

Den halben Tag verbrachte man noch munter, aber schon in feierlicher
Stimmung; man a nach Vorschrift viel Obst und betete hundert Broches
(Segenssprche). Dann ging es ans Baden und Waschen. Man kleidete sich
in wei, um gleichsam rein und wrdig vor den ewigen Richter zu treten.
Beim Vorabendgebet (Minche) mu man sich schon 35mal an die Brust
schlagen, wobei die Trnen reichlich flieen. Die Mnner lieen sich
noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rcken schlagen.
Ich erinnere mich, da sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge
kamen, und das rechtzeitig gerichtete Abendmahl wurde in stummer
Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfllt
von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druck von etwas
Unsagbarem und Schwerem. Beim Tischgebet rannen die Trnen, deren sich
keiner erwehren konnte. Nach Tisch legten alle die Schuhe ab, und die
Mnner zogen ihre langen weien Kittel ber die Kleider. (Dieser weie
Kittel ist beim Juden das Totenhemd, in welchem er begraben wird.) Ein
Silberstoffgrtel und ein Silberstoffkppchen vervollstndigten die
Tracht, und nun ging man, einen Mantel um die Schulter, in die Synagoge;
das drittemal an diesem Tage. Ehe man fort ging, segnete, der Vater
jedes Kind und Enkelkind, selbst das kleinste, das noch in der Wiege
lag, mit Worten voll Innigkeit und Inbrunst, und ihm, sowie den Kindern,
denen er die Hnde aufs Haupt legte, flossen die Trnen reichlich die
Wangen herunter. Selbst das Dienstpersonal kam herbei und blieb an der
Schwelle stehen -- alle weinten und baten einander Mauchel sein, d. h.
um Verzeihung. Auch meine Mutter bat mit bewegter Stimme um Nachsicht,
wenn sie im Laufe des Jahres ihre Untergebenen beleidigt oder gekrnkt
haben sollte. Dieses Hervorsprudeln der edlen Gefhle adelte die Seelen
und gab ihnen Weihe und Frieden. Und das Bewutsein, da Gott die Snden
vergeben werde, strkte den Willen, nun ein neues, gelutertes Leben zu
beginnen.

Alle Seelen der Groen, die sich in die Synagoge zu Kolnidre begaben,
und der Kleinen, die zu Hause blieben, waren himmelwrts gerichtet. Der
eine Gedanke hielt alle im Bann, dass an diesem Abend die groe
Abrechnung mit den sndigen Menschen beginne. In der Synagoge, die von
vielen Kerzen hell erleuchtet war, bei dem feierlichen Kolnidregebet vor
offenem Oren kodesch (heilige Bundeslade) mit den Seferthoras (heiligen
Rollen) wurde mit tief bewegtem Herzen in der einmtig reuevollen
Stimmung der betenden Gemeinde jede Beleidigung, die man einander
whrend des ganzen Jahres angetan, zurckgenommen, jede Krnkung
verziehen; auch den Andersglubigen vergab man jede Beleidigung und
Unbill. Jeder Jude wollte sich von der Snde befreien und erkannte an
diesem Abend eindringlicher als sonst seine Ohnmacht, die Ohnmacht des
Menschen in dem groen Weltall und dem Schpfer gegenber mit den
Worten: Wir Menschen sind in Gottes Hnden wie Ton in des Tpfers
Hand.... wie der Stein in des Bildhauers Hand.... wie das Silber in des
Goldschmieds Hand.... er formt nach seinem Willen alles.

Nachdem die Eltern zur Synagoge gegangen waren, scharten wir Kinder uns
um die lteste Schwester Chasche Feige, unsere liebevolle Schtzerin und
Lehrerin. Sie betete das Abendgebet. Wir standen andchtig neben ihr und
wichen nicht von der Stelle. Ich hrte sie schluchzen und mir wurde so
bange zumute. Das ganze Haus lag in tiefer Stille und die Wachskerzen
knisterten geheimnisvoll. Ich sah im Geiste, was im Himmel vor Gottes
Thron vorging, wie die vereinten Stimmen der Menschen um Gnade flehten,
und selbst die Engel in Furcht und Schrecken vor dem Allerhchsten
dastanden. Aber der Herr prfte in seiner Gnade das Herz der Gerechten
und gab seine Gnade denen, die aufrichtig die begangenen Snden
bereuten.

Um neun Uhr hie sie uns schlafen gehen. Uns war aber so schwer ums
Herz, da wir sie baten, sich zu uns zu setzen. Und sie sa solange, bis
wir einschliefen.

Am folgenden Tag war die Stimmung der Synagogenbesucher noch ernster,
den weltlichen Dingen vollends entrckt; am Tage des Gerichts, am
groen, heiligen Jom-Kippur, sind die Gebete von einem feierlichen
Ernst. Gott der Herr sitzt selbst zu Gericht ber die Snden der
Menschen, die in einem Buch mit des Tters Hand verzeichnet sind. Hier
aber, in der Synagoge, wird mit zerknirschtem Herzen unter Trnen der so
bedeutungsvolle Unessane-taukeff keduschas hajom gelesen. Die Engel
zittern und rufen: Das ist der Tag des Gerichts! Die groe Posaune
wird geblasen. Und es wird bestimmt, wer im knftigen Jahr leben soll
oder eines natrlichen Todes sterben oder meuchlings umkommen, wer
verarmen oder reich, erhht oder erniedrigt werden soll. Aber Reue,
Gebet und Wohltaten befreien von bsen Geschicken. Was ist der Mensch?
Er kommt aus der Erde und kehrt zur Erde zurck. Einem zerbrochenen
Scherben gleicht er, dem Staubfaden einer Blume, die verwelkt; dem Gras,
das verdorrt, dem Rauch, der spurlos dahinfliegt, einem Traum, der
entschwindet.....

Im Hause sah es bei uns trbe aus; die Fensterlden waren geschlossen,
die Zimmer nicht gerumt, die irdenen mit Sand gefllten Tpfe standen
noch da, in denen die Stmpfe der Wachskerzen von gestern abend langsam
brannten und die Luft mit einem schweren Duft erfllten.

Erst gegen zwlf Uhr bekamen wir Kinder unseren Tee und das Frhstck,
das aus Kapores (kaltem Huhn) und Weibrot bestand und zugleich unser
Mittagsmahl bildete. Dann fanden sich bald unsere Gespielinnen ein, und
die schwere Trauer wich von uns Kindern allmhlich. Mit der Dmmerung
regte es sich wieder im Hause. Die Zimmer wurden wieder in Ordnung
gebracht, man deckte den Teetisch, zndete viele Kerzen an und bereitete
einen Becher Wein und ein geflochtenes Wachslicht zur Awdole vor. Je
dunkler es drauen wurde, um so lichter ward es im Zimmer. Der Samowar
(Teemaschine) brodelte bereits einladend auf dem Tisch, als die
Synagogenbesucher um sieben Uhr nach Hause kamen. Sie waren alle
erschpft vom Fasten und Beten, aber keiner nahm etwas zu sich; man
wartete geduldig, bis der Vater und die anderen sich gewaschen und
gekmmt hatten, da dies am Morgen zu tun, verboten war. Dann machte
unser Vater Awdole, d. h. er betete ber den Becher Wein, und da erst
setzten sich alle an den Tisch, der mit kalten Speisen und Kuchen reich
besetzt war. Ohne Rcksicht darauf, da der Magen whrend 24 Stunden
nicht einmal einen Tropfen Wasser bekommen hatte, fllte man ihn jetzt
mit sen, saueren, bitteren und gesalzenen Speisen. Und der Magen nahm
Speise und Trank geduldig auf. Jede Spur von Erschpfung oder Mdigkeit
war nun verschwunden, und die Gesichter strahlten vor innerer Ruhe und
Zufriedenheit. Nun hatte man diesen schweren Tag fr ein ganzes Jahr
hinter sich. Auch wir Kinder empfanden den Unterschied zwischen dem
gestrigen und dem heutigen Abend. Ich war nie zu lustig oder gar
bermtig und liebte die Einsamkeit, aber die drckende Stimmung des
Erew-Jomkippur und des Erew-Tischeb'eaw marterten mich arg.

Nachdem alle den ersten Hunger gestillt hatten, wurde man sehr heiter,
und unser Vater, an der Spitze der Tafel in den groen Armstuhl gelehnt,
begann die erhabenen Stellen aus den Gebeten des Tages halb singend vor
sich hin zu sagen. Die jungen Herren stimmten ein, auch der Vorbeter der
Synagoge, ein guter Freund unseres Hauses, fand sich gewhnlich bei uns
ein, und man erfreute sich an den poetischen Gesngen aufs neue. Man
blieb nicht selten bis lange nach Mitternacht in heiterer, gehobener
Stimmung, und keinem fiel es ein, nach den Strapazen des Tages sich zur
Ruhe zu begeben, wiewohl man sich am nchsten Morgen schon mit dem
ersten Tagesanbruch wieder im Bethaus einfinden mute, um, wie es heit,
die Verleumdungen des Satans vor dem Allerhchsten zu vernichten. Der
Satan knnte sonst zu Gott, dem Schpfer sagen: Sieh, Herr, du hast
deinem Volk gestern die Snden vergeben, und heute hat sich kein
einziger eingefunden, dein Haus ist leer!

Aber der Satan soll ber das auserwhlte Volk nicht triumphieren.
Und so fanden sich denn die Frommen alle in der ersten Morgenstunde
im Gotteshaus ein[P], wenn auch nur fr kurze Zeit, da blo ein
Alltagsgottesdienst stattfand. Mein Vater ging gleich von der Synagoge
fort, um einen Essrog (Citronenhnliche Frucht) und einen Lulow
(Palmenblatt) zu kaufen; und froh gelaunt kehrte er heim, wenn es ihm
gelang, einen vllig fehlerfreien Essrog -- einen sogenannten Mibuder
zu finden. Ein solches Stck kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu
jener Zeit der Transport der Frchte aus Palstina, wo sie nur in
geringer Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden
war. Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Mnner unseres
Hauses je einen Essrog fr sich. Eine jede dieser wohlriechenden,
prchtigen Frchte wurde sorgfltig in weichen Hanf gebettet und in
einem Silbergef aufbewahrt. Diese Frchte werden im Verlaufe der acht
Feiertage des Laubhttenfestes (Sukkoth) beim Morgengebet bentzt. Die
Palmenbltter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gem dazu
gehren, standen in einem groen, mit Wasser gefllten, irdenen Krug.
Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man a, trank, lachte,
plauderte nach Herzenslust. Ich hrte oft sagen, da in den vier Tagen
vom Jom-Kippur bis Sukkoth die Snden des Juden nicht unter Kontrolle
stehen, und von Gott nicht angerechnet werden.

Viele der Scherze galten den Sogerkes. In den vierziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts gehrte es noch zu den Seltenheiten, da
im einfachen Volke eine jede Frau hebrisch zu beten verstand. Das
Bedrfnis jedoch, am Samstag und besonders an den heiligen Feiertagen
zu beten, war gro. Aber es gab auch lesekundige Frauen, die ihre
Kenntnisse industrialisierten. Fr eine kleine Belohnung beteten sie
an den erwhnten Tagen in der Synagoge den Frauen die Gebete vor. In
Ermangelung einer solchen Frau mute jedoch in den kleineren, jdischen
Stdtchen ein Mann in der Mitte der Frauenabteilung der Synagoge in
ein Fa kriechen und von diesem Schutzwall aus -- von den Weibern
umgeben -- die Gebete vorlesen. Wie man sich denken kann, gab es dabei
oft komische Szenen, und fr die Anekdotenbildung war das Fa ein
unerschpflicher Born....

Die Vorleserin nannte man sogerke und den Mann soger. Diese beiden
muten mit _=weinerlicher=_ Stimme die Gebete vorsprechen, um das
umstehende Weibervolk zum Weinen anzuspornen. Unter den Zuhrerinnen
befand sich in unserer Gemeinde die Frau eines Fleischers, die
schwerhrig war. Sie bat die Vorleserin, sie mchte etwas lauter
sprechen, dafr wrde sie von ihr eine groe Leber bekommen. Jene aber
gab ihr mit trnender, weinerlicher Stimme im Gebetsingsang zur Antwort:
Wie mit der Leber, so ohne die Leber. Das umstehende, unwissende
Weibervolk aber glaubte, da diese Worte zum Gebet gehrten und alle
riefen mit weinerlicher Stimme: Wie mit der Leber, so ohne die Leber.

Nach einem bestimmten Abschnitt begab sich eins dieser Weiber nach
Hause und traf unterwegs eine zweite Frau, die in die Synagoge
zurckkehrte. Diese fragte, welches Gebet jetzt dort gesagt werde. Nu
... das Gebet von der _=Leber=_. Die eine: Im vorigen Jahre hat man
doch so etwas nicht gesagt. Die andere: heint efscher, weil ein
Schaltjahr ist! ...

Uns Kindern bot sich in den nchsten Tagen eine Reihe schner
Aussichten. Mein Herz pochte freudig in Erwartung der kommenden Dinge.

Gleich nach dem Frhstck wurde die Laubhtte besichtigt, eine
gerumige, lngliche, hohe Laube mit groen Fenstern, die das ganze Jahr
unbentzt blieb. Sie mute daher erst gewaschen, geschmckt und wohnlich
gemacht werden, und der Diener ging sogleich ans Werk.

Whrend der nchsten drei Tage bis Sukkoth hatten wir frei; man lernte,
studierte nicht, und selbst das tgliche Beten wurde, wie mir scheint,
zum groen Teil von den jungen Herren etwas vernachlssigt. Unseren
Chederbesuch hatten wir schon seit Rausch haschono ganz eingestellt, da
die Ferien fr die jdische Jugend bis zum Monat Cheschwan (von
September bis Oktober) dauerten.

Am Tage des Erew-Jomtows wurden alle im Hause befindlichen Teppiche in
die Laubhtte zusammengetragen, mit denen die jungen Leute unter des
Vaters Leitung die Wnde behngten. Man holte Spiegel, brachte die Mbel
aus dem Ezimmer und selbst der Kronleuchter durfte nicht fehlen. Am
Vorabend vor dem ersten Festtag legten alle festliche Gewnder an. Die
Kerzen der groen silbernen Leuchter wurden von unserer Mutter und den
jungen Frauen angezndet, und sie verrichteten ihr stilles, frommes
Gebet, worauf wir uns alle mit groem Behagen auf die Sthle um den
Tisch setzten und die geschmckte Sukke (Laubhtte) bewunderten. Ihre
bewegliche Decke war vorher schon beseitigt und durch Tannenzweige
ersetzt worden. Es sah wundervoll seltsam aus. Die vielen brennenden
Kerzen, die bunten Teppiche, die hohen Kristallspiegel, die grne
Tannendecke und der nchtlich blaue Himmel, der mit seinen silbernen,
funkelnden Sternen so freundlich durch die Zweige hereinblickte,
verliehen dem Raum eine mrchenhafte Pracht.

Die Mutter, festlich gekleidet und mit kostbarem Geschmeide, sa mitten
unter ihren verheirateten und unverheirateten Tchtern, die alle reich
geschmckt waren. Dann kamen die Mnner aus der Synagoge heim und es gab
das kstliche, patriarchalische Familienbild der damaligen Juden an der
Tafelrunde. In ihren langen, schwarzen Atlasrcken (Kaftans), den
breiten Atlasgrteln, den kostbaren, hohen Zobelmtzen und ihren
strahlenden, jungen Gesichtern sahen sie wahrlich besser aus, als die
Jugend von heute im Frack und weisser Binde mit den blasierten,
gelangweilten Mienen. Der Vater erteilte uns den Segen; alle wuschen
sich die Hnde, beteten und nahmen ein Stck Barches, die in Honig
getaucht wurde. Das Abendbrot, das mit Pfefferfischen erffnet und mit
Gemse beschlossen wurde, war beendet. Viele, denen die herbstliche
Abendluft zu khl wurde, verlieen die Sukke; einige blieben noch
plaudernd sitzen.

Am darauffolgenden Morgen, am ersten Feiertag, wurde in der Synagoge ein
besonders feierlicher Gottesdienst abgehalten, und es war wieder ein
imposanter Anblick, als die Mnner, Reihe an Reihe auf ihren Pltzen
stehend, mit dem grnen, schlanken Palmenblatt in der rechten und der
duftenden, goldgelben Ethrogfrucht in der linken Hand, den Lobgesang
Hallel sangen und dann den Rundgang Hakofes, der Kantor voran, in der
Synagoge machten.

Gegen ein Uhr kehrten alle nach Hause zurck, und nun kamen zum Festtag
viele Gste, denen man Wein und Sigkeiten vorsetzte. Den Nachmittag
verbrachte jeder nach eigenem Belieben. Die einen schliefen, die anderen
gingen spazieren. Aber keiner verga, da man sich schon um fnf Uhr in
der Synagoge zum Vorabendgebet einfinden mute. Der zweite Tag
unterschied sich fast gar nicht von dem ersten.

Die folgenden vier Tage sind die sogenannten Chaulhamauedtage
(Halbfeiertage), an denen zu fahren, zu handeln und zu kaufen gestattet
ist. Doch machten die Juden von damals von dieser Freiheit keinen
Gebrauch, und selbst sehr arme Handwerker hielten ihre Werksttte
geschlossen und gaben sich der Lust, der Ruhe und den guten Bissen hin.
Am fnften Tage, Hauschano rabbo, wird aufs neue die ganze Nacht mit dem
Lesen gewisser Abschnitte aus der Mischna verbracht. Nach einer
Volkssage sieht man an diesem Abend den kopflosen Schatten desjenigen,
dem in diesem Jahr zu sterben bestimmt ist. In dieser Nacht soll sich
der Himmel teilen und ffnen, und der fromme, gottesfrchtige Jude kann
seine Pracht sehen! Nur mu man schnell Koll tow! (Alles Gute!)
ausrufen und jeder Wunsch geht dann in Erfllung. -- In dieser Nacht
bereitet auch der Schames (Synagogendiener) die Hauschanes vor (drei
kleine Weidenzweige zu einem kleinen Bndel vereinigt), die ein jeder
whrend des Gebetes ergreift, und sie whrend der ganzen Betzeit in der
Hand behlt. Das hierfr bestimmte Hauschanegebet wird mit groer
Andacht und unter Trnen verrichtet. Am Schlusse werden die Bltter der
Weidenzweige abgeschlagen.

Das Weibrot wird fr diesen Tag in Form eines Vogels gebacken. Die
Volkssage erzhlt, da an diesem Tage im Himmel endgltig beschlossen
wird, wer in diesem Jahre leben oder sterben soll, und da dieser Vogel
zum Himmel fliegt und auf einem Zettel die Bestimmung zurckbringt. Den
siebenten Feiertag des Laubhttenfestes nennt man Sch'mini hoazeres. Am
Vorabend sind alle wieder festlich geschmckt. Am nchsten Morgen
beginnt der Gottesdienst in der Synagoge sehr frh. Man fleht den Himmel
um Regen an in dem sogenannten Regengebet (geschem), einer
gedankenreichen, phantasievollen Dichtung. Dieses Gebet verlngert den
Gottesdienst um mehr als eine Stunde und wirkt erhebend auf die
Synagogenbesucher.

Sch'mini hoazeres speiste man zum letztenmal in der Sukke zu Mittag.
Wiewohl das Wetter in den letzten Tagen vernderlich, oft schon
empfindlich kalt war (manchmal schneite es sogar und man mute Pelze
anlegen) hielt man doch aus und nahm die Mahlzeiten, auch den Tee, in
der Laubhtte bis zum letzten Tag. Alt und Jung, selbst wir Kinder,
hielten streng die religisen Vorschriften ein, so gut verstanden es
unsere Eltern, ihre Wnsche und ihren Willen im Hause aufrecht zu
halten. Nachdem das Gebet verrichtet wurde, das nach der letzten
Mahlzeit beim Verlassen der Sukko vorgeschrieben ist, wurden die Mbel,
Stck fr Stck, in die Wohnung zurckgebracht, und die vor kurzem noch
so herrlich geschmckte Laubhtte stand wieder leer und verlassen, ein
treues Bild aller Herrlichkeiten unserer Welt. --

Jetzt kam der letzte Tag des Laubhttenfestes Simchas-Thaure (Freude
ber die Thora) heran. Warum die Freude? Im Volke erzhlte man: Als die
Juden auf dem Berge Sinai von Moses die Thora erhielten, verstanden sie
von ihrem Inhalt nur wenig; als sie aber die heilige Schrift ganz in
sich aufgenommen hatten, fanden sie darin ihr Glck und ihre Freude.
Und wahrlich, diese Thora ist ihr Stolz, ihr Volksschatz geworden fr
alle Zeiten, trotz der Unterdrckung, der Verfolgungen und Demtigungen,
die sie erdulden muten.

Am Simchas-Thora reit diese Freude alle Schranken nieder. Wozu man
sonst nur sehr selten Gelegenheit hat: man sieht an diesem Tage
betrunkene Juden in den Straen. Auch in unserem Hause ging es ziemlich
bunt zu. Allerlei Getrnke wurden bereitet, die besten Speisen mute die
gute jdische Kche herhalten. Viele Gste wurden zu Mittag geladen, die
Kinder, auch das Gesinde erhielten volle Freiheit und die strenge
Disziplin war aufgehoben. Mein Vater sah es ebenso wie alle Gste fr
eine Mizwe (eine religise Handlung) an, sich bei Tische ein Ruschchen
anzutrinken. Meine Eltern hinderten die jungen Mnner nicht, wenn sie
bermtig, ja ausgelassen tanzten und sangen; der Vater sang sogar
munter mit. Es fehlten nur die Klnge einer Fiedel, da der Jude an den
Feiertagen ein Musikinstrument nicht einmal berhren darf. Es wurden
auch viele religise Tafellieder, die sich auf diesen frohen Tag
bezogen, im Chor gesungen. Fr meinen Vater hatte der Simchas-Thora-Tag
noch eine besondere Bedeutung. Wie ich bereits erwhnt habe, war die
Hauptbeschftigung meines Vaters das Talmudstudium, das er um so
eifriger betrieb, wenn er groe Verluste in seinen Unternehmungen
erlitten hatte. Er pflegte dann der Welt den Rcken zu kehren, flchtete
sich in ein Studierzimmer und lebte nur al hathauro und al hoawaudo
wie der Jude sich kurz und bndig ausdrckt, d. h. nur in der Lehre der
Gesetze und im Gottesdienst, was der Hauptzweck seines Lebens wurde. So
machte er von Zeit zu Zeit ein Ssium (d. h. ein Werk vollenden); ein
solches Ereignis wird im jdischen Volke freudig gefeiert und bringt
Ansehen und Ehre, besonders wenn es ein Ssium auf ganz Schass, d. i. ein
Durchstudieren des ganzen Talmuds und aller Kommentare ist. Mein Vater
pflegte seinen Ssium auf einen Simchas-Thora zu verlegen. Das bunte
Treiben an diesem Tage dauerte bis zum Abend, beim Vorabendgebet aber
waren alle schon wieder ernst. Der Vater machte wieder Awdolo und jetzt
hie es S'miraus, d. h. fromme Lieder singen. Der groe Samowar brodelte
und dampfte bereits auf dem Teetisch, und bis spt in die Nacht saen
die fleiigen Trinker gemtlich beisammen. Mit Simchas-Thora sind die
sogenannten Jomim nauroim, d. h. die ernsten Tage zu Ende, wenn auch
schon der nchste Schabbes Bereischis vor einem gewhnlichen Sabbath
ausgezeichnet ist, da jetzt der Anfang der Bibel wieder, der erste
Abschnitt Bereischis vorgelesen wird. Der nchste Tag nach
Simches-Thora ist Isserchag und gilt auch noch als Feiertag. Der Tisch,
der volle acht Tage festlich geschmckt war, blieb auch heute bedeckt,
was am Werktage sonst nach dem rituellen Gebrauch nicht geschieht. Das
Mittagbrot wurde zu frher Stunde eingenommen und bestand aus kalten
Speisen, die vom Vortag zurckgeblieben waren, eine Menge von guten,
schmackhaften Sachen: kalte Pfefferfische, kalter Putenbraten usw. Nur
der Borscht (eine Suppe aus gesuerten roten Rben) wurde frisch
bereitet.

Die Zeit der Feste war vorber. Langsam kam das Leben wieder ins alte
Gleise. Eine Abwechslung brachte der Rausch chaudesch.

Am zehnten oder zwlften Tag jeden Monats wird der Mond, wenn er am
Abendhimmel glnzt, nach jdischem Gesetz bewillkommnet. Als Kind
liebte ich es, durchs Fenster zuzusehen, wenn mein Vater sich in
Begleitung von noch zehn Juden in den hellen Mondschein stellte und
betete. Mit munteren Worten und die Augen gen Himmel gerichtet pries er
den milden Mond. Dies geschah gewhnlich Samstags abend.

Den erew rausch chaudesch, d. h. den Tag vor Rausch chaudesch
(Neumond) pflegte man in meinem elterlichen Hause in eigener Weise zu
begehen. Unter den damaligen Juden gab es viele, die an diesem Tage
fasteten und besondere Gebete verrichteten. Viele Bettler, alte, kranke,
in Lumpen gehllte, halbnackte Mnner und Weiber mit verzerrten
Gesichtern, junge Leute, Mdchen und Kinder, kamen scharenweise an
diesem Tage, ihr Rausch chaudesch-geld zu holen, da jeder Butag bei
den Juden durch Almosen seine Weihe erhalten mute. War es doch blich,
da auer an diesem Tag viele im Volke in jeder Woche am Montag und
Donnerstag zu fasten pflegten und an Arme Almosen verteilten. An diesen
Tagen konnte man auch die sogenannten Gabbettes in Aktion sehen.
Gabbettes sind fromme Seelen, gute, selbstlose Frauen, wahre religise
Patronessen des armen jdischen Volkes, deren Lebensaufgabe es war und
in Litauen noch bis heute ist, sobald sie in ihrem eigenen Hause alles
besorgt haben, mit einer zweiten Gabbette von Haus zu Haus in die
Armenviertel zu gehen, um dort das Elend und die Not zu lindern.
Paarweise laufen sie durch die Gassen, erbetteln von Krmern und
Kaufleuten in den Buden Lebensmittel; und in alle Privathuser kommen
sie, um ein Almosen zu erbitten, Geld oder Speisen, alte Kleider usw.
Ich erinnere mich noch sehr lebhaft einer solchen Gabbette, die oft zu
uns kam. Sie war ein Engel an Gte und Seelengre. Ihr Name war Itke,
die Hefterke. Sie pflegte meiner Mutter von all dem Elend und der Armut
in der Stadt zu erzhlen. Mit zerknirschtem Herzen und Trauer in den
Zgen behauptete sie symbolisch, Perlen und Brillanten lgen in den
Gassen herum, aber nur sehr wenige bemhten sich, die aufzunehmen. Sie
meinte damit: Man knnte so viele Wohltaten an den Armen ben, und die
wenigsten mhten sich darum. Nur diese Juwelen behauptete Itke, die
Hefterke, kann man nach dem Tode mit ins Jenseits nehmen. Meine Mutter
pflegte an Rausch chaudesch eine ansehnliche Summe Geld zu verteilen.
Alte Mnner und Frauen bekamen eine Mnze von drei polnischen Groschen,
d. h. eineundeinehalbe russische Kopeke. Je jnger der Arme war, um so
weniger, bis auf einen Groschen herunter, bekam er. Den Kindern gab man
nur eine Prute. Diese Mnze war der dritte Teil eines polnischen
Groschens, folglich ein Sechsteil einer Kopeke. Diese Mnze pflegte in
Brest-Litauen von dem jdischen Gemeinderat mit Erlaubnis der Regierung
verfertigt zu werden. Ich erinnere mich, da diese Prute nur an Arme
gegeben wurde, whrend sie im Geschftsleben nicht gangbar war. Zuerst
wurde sie in Blei gegossen mit der hebrischen Aufschrift Prute achas,
d. h. eine Prute. Als aber damit Mibrauch getrieben wurde, schaffte man
sie ab, und stellte die Prute aus Pergament her. Sie trug dieselbe
Aufschrift. Diese Prute hatte ungefhr die Gre eines Zolls in der
Lnge und eines halben Zolls in der Breite. Auch dieses Pergamentgeld
wurde bald abgeschafft; und an ihre Stelle trat die Prute in Form eines
mittelmigen, runden Knopfes aus Holz mit einer kleinen Vertiefung, die
mit rotem Siegellack gefllt war, worin das Wort Prute und der Petschaft
des Gemeinderats eingedrckt waren.

Das Verteilen der Almosen war eigentlich die einzige Form, in der in
unserer Familie der Erew Rausch-Chaudesch begangen wurde. Den darauf
folgenden Tag aber, den Rausch chaudesch selbst betrachteten wir als
einen halben Feiertag. In der Synagoge wurde das Gebet halel usw.
gesagt, zu Hause gabs gute Speisen zu Mittag; den ganzen Tag ber durfte
brigens keine Handarbeit verrichtet werden.

Der Rausch-Chaudesch spielte berhaupt eine wichtige Rolle im Leben der
Juden. So war es blich, an diesem Termine Wohnungen und Dienstboten zu
mieten und wichtige hauswirtschaftliche Arbeiten auf diesen Tag zu
verlegen -- besonders aber das Gnse setzen, wie es damals hie. Man
pflegte 30-40 Gnse in einem engen Kfig zusammenzupferchen, so da sie
sich kaum bewegen konnten, gab ihnen sehr viel zu fressen, aber sehr
wenig zu trinken. Bei dieser Kur wurden sie sehr fett. Genau
einundzwanzig Tage mstete man das Geflgelvieh, damit ihr Fett sich
mehre und die Leber im Leibe grer wrde, dann wurden sie geschlachtet;
wartete man mit dieser Prozedur nur einen Tag, so war -- wie man
glaubte -- die ganze Msterei vergeblich. Rausch-Chaudesch kislew wurden
die Gnse eingekerkert. Am einundzwanzigsten Tage kam mit Tagesanbruch
der Schlchter mit seinem Gehilfen. Er zog das groe Schlchtermesser
aus der ledernen Scheide, machte es unheimlich scharf, prfte die
Schrfe an seinem Nagel, und ging dann in Begleitung der Kchin und des
Nachtwchters mit einer Laterne in den Gnsestall, um das Todesurteil an
den Gnsen zu vollziehen. Natrlich sagte er, bevor er die erste Gans
schlachtete, das vorgeschriebene Gebet. Nach einer Stunde war das Werk
vollbracht. Man schleppte die geschlachteten Gnse in die Kche, wo sie
ein paar arme Weiber rupften, sengten, reinigten und salzten und eine
volle Stunde im Salze liegen lieen. Dann bego man sie dreimal mit
kaltem Wasser, und sie waren koscher. Der Lrm in der Kche und im
ganzen Hause war gro! Eile war ntig; denn zu Chanuka brauchte man viel
Schmalz, Gnseleber und besonders die schmackhaften Grieben! Da gab es
schmackhafte Leber- und Griebenpasteten und das herrliche Gericht des
gedmpften Gnsekleins.

Nach einem Aberglauben oder einer mystischen Tradition mute der
Schlchter von Rausch-Chaudesch kislew an bis Rausch-Chaudesch adar,
also drei Monate lang, von dem von ihm geschlachteten Federvieh ein
Glied, einen Fu oder Kopf und dergleichen essen, sonst mte er jeden
Augenblick frchten, gelhmt zu werden. Wir pflegten ihm immer das linke
Fchen jeder Gans zu berlassen. Da er jedoch diese Flle nicht
vertilgen konnte, so bereitete man aus den vielen Fchen eine Brhe,
die er verzehren mute! --

Groe Bedeutung hatte auch das Ausbraten des Gnseschmalzes. Es mute in
aller Stille geschehen, entweder noch vor Tagesanbruch oder spt am
Abend, damit kein bser Blick darauf fiele -- sonst liefe das ganze
Schmalz aus dem Topfe! War aber beim Ausbraten nur eine stille Person
ttig, dann kam -- so glaubte man -- der gute Hausgeist in Gestalt eines
Zwerges und machte, da das Schmalz ber den Brattopf quillt; und
schpfte man es in ein anderes Gef ab, so mehrte es sich ohne
Unterla, bis alle leeren Geschirre, selbst das groe Wasserfa, im
Hause mit dem Schmalz gefllt wren; dann erst verschwindet der Zwerg.

Aus meiner Schilderung knnte die heutige Jugend schliessen, da das
Leben in einem jdischen Hause der alten Zeit durch seine Sitten und die
Strenge seiner Gebruche unertrglich schwer war. O nein! Die damaligen
Juden hatten ihre groen Freuden, genossen viel Vergngen, Ruhe,
Behagen; aber alles nur im Kreise der Familien im eigenen Hause; kein
Herumstreifen in den Ballsalons, auf Reisen, in den Bdern, ber Berge,
und Meere. Er lebte ruhig, gut und lange. Er gab seinem Gotte, was ihm
gebhrt und nahm vom Leben das, was ihm behagte. Es lag Weihe und tiefes
Symbol in den Formen des Lebens, was man von den Zeremonien und Bruchen
der jetzigen Gesellschaft nicht gerade behaupten kann. Gewi haben auch
sie die Bedeutung, die Menschen aneinanderzufgen und auch den
Individuen die hhere Form einer Gemeinschaft zu schaffen. Allein wer
kann leugnen, dass diese Bindung armselig erscheint gegenber jener
festen, sozialen Verknpfung, die das jdische Gesetz vorschrieb und die
das einstige jdische Leben erreichte. Einer war fr den anderen orew,
d. h. Brge, und die Formeln Kol Jsroel chawerim (Ganz Israel Brder)
und Achenu benei Jsroel hatten einen Inhalt! Es war nur konsequent,
wenn damals ein Jude vor dem anderen nicht den Hut zog. Aus dem gleichen
Grunde wurden jdische Freidenker, wenn sie ffentlich ein religises
Gebot verletzten, vom Volke mit Vorwrfen verfolgt. Wenn beispielsweise
solch ein Freidenker am Sonnabend Abend, an dem man nur eine bestimmte
kurze Strecke gehen und Stock, Schirm, Taschentuch ohne Erew nicht
tragen darf, sich mit diesen Lasten auf der Strae zeigte, empfing man
ihn mit feindlichen Blicken, weil er gegen den Grundgedanken des
mosaischen Gesetzes -- dem der Gemeinbrgschaft und der Verantwortlichkeit
des Einzelnen gegen die Gesamtheit -- verstie. Die Snde des Einzelnen
mu eben das ganze Volk ben.




Der Beginn der Aufklrungsperiode.




I.

Lilienthal.


Von der hohen Altersstufe aus, die ein gtiges Geschick mich hat
erreichen lassen, will ich einen Rckblick auf die fr die Juden
Litauens kulturell bedeutsame Epoche gegen Ende der dreiiger Jahre des
vorigen Jahrhunderts werfen. Ich sehe es als ein Glck an, jene Periode
miterlebt zu haben, in der die grozgigen Reformen unter der Regierung
Kaiser Nikolaus I. die geistige, ja sogar die physische Regeneration der
Juden in Litauen herbeifhrten.

Wer, wie ich, die Zeit von 1838 bis heute durchlebt, all die religisen
Kmpfe im Familienleben der litauischen Juden mitgemacht und schlielich
den groen Fortschritt beobachtet hat, der darf und mu seiner
Bewunderung fr die Idee jener Reformgesetze Ausdruck verleihen und sie
segnen. Ja, man darf sogar mit Begeisterung von ihr sprechen, wenn man
die _=zumeist=_ unkultivierten, armseligen Juden der vierziger Jahre mit
den litauischen Juden der sechziger und siebziger Jahre vergleicht,
unter denen es heute so viele vollkommen europisch gebildete Mnner
gibt, die auf den verschiedensten Gebieten der Literatur, Wissenschaft
und der Kunst Hervorragendes leisten und denen es an ueren Ehren und
Titeln nicht fehlt.

Die Menge ahnt oft instinktiv das Eintreten eines groen Ereignisses
vorher. Im ganzen litauischen Gebiete verbreitete sich pltzlich das
Gercht, den Chedarim (jdischen Volksschulen) stehe eine grndliche
Umwandlung bevor; von den Melamdim (Volksschullehrer), die bisher im
jdischen Jargon Unterricht erteilten, werde knftighin die Kenntnis des
Russischen gefordert werden, damit sie die Bibel den Schulkindern in
diese Sprache bersetzen knnten.

Dieses Gercht brachte den lteren Mnnern schwere Sorge. Sie dachten
voll Schrecken daran, da das Hebrische, das Wort Gottes, wohl
allmhlich vernachlssigt werden sollte. Die Jngeren aber, darunter
meine beiden lteren Schwager, nahmen die neue Kunde mit gespannter
Erwartung auf. Aber sie wagten es nur flsternd ber die kommende
Neugestaltung zu sprechen.

Die Melamdim waren einfach verzweifelt ...

Eines Tages brachte mein Vater, vom Vorabendgebet zurckkehrend, aus der
Synagoge die hochinteressante Mitteilung, da das unlngst aufgetauchte
Gercht sich bewahrheite, ein Doktor der Philologie, namens Lilienthal,
sei vom Ministerium fr Volksbildung (an dessen Spitze der gebildete und
humane Minister Uwaroff stand) beauftragt worden, ganz Ruland zu
bereisen, um das Bildungsniveau der Juden im ganzen Lande zu prfen,
sich ber die Melamdim zu informieren, in deren Hnden der Unterricht
der jdischen Jugend lag; in Petersburg sei ein groartiger Reformplan
entworfen worden und mit den Rabbinerschulen in Wilna und Schitomir
sollte innerhalb eines gewissen Zeitraums auch begonnen werden. Meinen
Vater, der strengglubig war, betrbte jedoch eine bevorstehende Reform
nicht zu sehr, denn er selbst klagte stets ber die schlechte
Unterrichtsweise in den jdischen Schulen von Brest und wnschte
mancherlei Verbesserungen auf diesem Gebiete.

In der Tat war mit der Aufgabe, westeuropische Bildung unter den Juden
zu verbreiten, der Inspektor der Rigaer Volksschulen, Dr. phil.
Lilienthal, betraut worden, weil er europisch gebildeter Jude und
zugleich mit der hebrischen Sprache vertraut war und einiges
talmudische Wissen besa.

Lilienthal hatte sein Werk damit begonnen, da er sich zunchst mit den
angesehensten, jdischen Gelehrten in Verbindung setzte, die whrend
ihres ganzen Lebens in engster Fhlung mit dem Volke standen. So wandte
er sich an den berhmten Rabbi Reb Mendele Libawitzer, das Haupt der
Chassidim-Sekte, die mehr als 100 000 Anhnger in Litauen und
Kleinruland zhlte. Er hoffte, diese Autoritt fr seine kulturellen
Reformen gewinnen zu knnen. Ebenso eindringlich bemhte er sich um Reb
Chaim Woloshiner, den Leiter der dortigen Jeschiwa. Beide Mnner berief
der Minister nach Petersburg zur Beratung.

Einen Erfolg hatte Lilienthal damit nicht, denn die groe Menge der
Anhnger des Libawitzer Rabbi lieen aus Furcht ihren vergtterten Rabbi
diesem Rufe nicht folgen, da sie erfahren hatten, da es sich um groe
Reformen im Talmud- und Bibelunterricht handelte. Die Libawitzer fingen
an, mit allen Mitteln gegen die Reformen zu eifern, unbekmmert um die
Folgen (cf. Zeitschrift Woschod 1903).

In Petersburg war man entrstet, aber Reb Mendele wurde nur mit einem
kurzen Hausarrest bestraft. Reb Chaim Woloshiner weigerte sich auch, dem
Rufe des Ministers nachzukommen. Er entschuldigte sich mit seinem hohen
Alter: die Reise nach Petersburg sei fr ihn zu beschwerlich. Er
empfahl an seiner Stelle Reb David Bichewere. Dieser Vorschlag wurde
aber nicht angenommen; und so trat Dr. Lilienthal die Reise nach dem
Niederlassungsgebiete der Juden an. --

Einige Tage waren seither verstrichen, als mein Vater die Kunde brachte,
Dr. Lilienthal sei bereits in Brest, unserem damaligen Wohnort,
eingetroffen, und er wolle zusammen mit den jungen Leuten, meinen
Schwagern, dem Doktor einen Besuch abstatten.

Meine Mutter uerte ihr nicht geringes Erstaunen ber diese Absicht;
der Vater erklrte ihr kurz und bndig: Wenn er selbst die jungen Leute
nicht zu Dr. Lilienthal fhren werde, so fnden sie schon selbst den
Weg. Ich glaube aber, das war blo eine Ausrede: mein Vater war selbst
sehr gespannt, die Bekanntschaft des Dr. Lilienthal zu machen, um so
rasch wie mglich Genaueres ber die bevorstehende Umwlzung im
Schulwesen zu erfahren. Meiner Mutter geistiges Auge sah aber in dieser
ganzen Angelegenheit tiefer und schrfer als das meines Vaters, was sich
in der Folge auch besttigt hat.

Den Jubel der jungen Mnner zu schildern, da sie bald den interessanten
Dr. Lilienthal besuchen sollten, ist unmglich. Besonders glcklich war
mein lterer Schwager, der neben hervorragender Begabung und
ungewhnlichen talmudischen Kenntnissen einen unermdlichen Flei besa.
Im Alter von vierzehn Jahren hatte er fast das gesamte Wissen eines
Rabbiners inne. --------

Der Besuch bei Dr. Lilienthal war vorber. Mein Vater hat viel, sehr
viel erfahren: Erstens: Kein Chasid darf Melamed sein, zweitens: Jeder
Melamed ist verpflichtet, die russische Sprache in Wort und Schrift zu
beherrschen und deutsch lesen zu knnen; ferner ist der Melamed
verpflichtet, die Bibel und alle Propheten ohne Ausnahme genau zu kennen
und endlich darf der Melamed mit den Schlern, die bereits im Talmud
Unterricht erhalten, die folgenden Abschnitte nicht durchnehmen: Baba
Mezia (Feldschaden), Baba Kama (Wechselrecht), Baba Basra (Baugesetze).

Dr. Lilienthal hielt sich einige Zeit in Brest auf und besuchte auch
seinem Auftrag gem viele Chedarim. Er war entsetzt und niedergedrckt
von dem verwilderten Aussehen der Melamdim, aber berrascht und
entzckt von der semitischen Rassenreinheit der Zglinge, insbesondere
von ihren schwarzen, klugen Augen. Er war auch Zeuge einer Szene,
die ihn tief bewegt hat, denn er berzeugte sich, von welch groer
Wichtigkeit fr jeden Juden, selbst fr die rmsten, der Unterricht
der Kinder ist. Dr. Lilienthal besuchte eines Tages ein Stadt-Cheder
und bemerkte, da sowohl der Melamed, als auch die Schler aufgeregt
ein unbestimmtes Etwas erwarteten. Bald darauf trat in das Cheder ein
rmlich gekleideter Jude ein, der seinen Knaben im Alter von etwa
sechs Jahren, in einen groen Talles[Q] ganz eingewickelt, auf dem
Arm trug. Dem Vater folgte die Mutter auf den Fersen. Beide weinten
vor Freude und aufrichtiger Dankbarkeit gegen Gott, da er sie diesen
schnen, bedeutungsvollen Augenblick hatte erleben lassen, ihren Sohn
zum erstenmal in das Cheder bringen zu knnen. Die Schar der Schler
strmte von drauen herein, um dem Vorgang gaffend beizuwohnen.
Der Melamed rief den Fremden ein lautes Scholem aleichem (Friede
mit euch!) entgegen, stand von seinem Sitz auf und nahm den Helden
dieser Szene in seine Arme, seinen neuen Schler. Nun wurde der
Kleine auf den Tisch gestellt, und er weinte beinahe vor berraschung
und Aufregung. Hierauf setzte man ihn auf die nchste Bank, und da
erhielt er vor allem Kuchen, Nsse, Rosinen und Naschwerk, wovon die
glckliche Mutter eine Schrze voll mitgebracht hatte. Alle Zuschauer
gratulierten den glckseligen Eltern zum ersten Schulgang ihres
Sohnes. Der Melamed setzte sich zu dem Kleinen, ergriff das auf eine
Kartontafel aufgeklebte gedruckte Alef-Beis (Alphabet), legte es vor
den Kleinen hin, nahm sodann das groe Deitelholz zur Hand, und nun
segnete er den Anfang des Unterrichts mit dem Wunsche ein: Der Junge
mge zu Thora-Lernen (d. h. Gelehrsamkeit), zu Chupe (Trauung) und
zu Maassim-towim (guten Taten) erzogen werden. Amen sagten die
Eltern und alle Umstehenden. Hierauf zeigte der Melamed dem angehenden
Schler zum ersten Male das Alef (A), und nachdem der Junge das
wie ein Papagei einige Male nachgesagt hatte, auch das Beis (B)
und dann auch das Gimel (G). Die freudestrahlende Mutter hatte
alle Anwesenden vergessen. Sie fhlte sich in den Himmel versetzt. Mit
vollen Hnden verteilte sie die mitgebrachten Leckerbissen, wobei ein
Malach (Engel) dem knftigen Gelehrten fr jeden Buchstaben das Beste
und Schmackhafteste von der Hhe herab, gerade vor seine Nase warf. In
solcher Weise begann der Knabe mit seinem sechsten Lebensjahr seine
Schulpflicht zu erfllen.....

Whrend seines Brester Aufenthaltes versammelte Dr. Lilienthal tglich
viele junge Leute um sich, denen er von der Notwendigkeit sprach, sich
westeuropische Bildung anzueignen. Er gab ihnen ntzliche Ratschlge,
schilderte ihnen in schnen Bildern ihre eigene Zukunft als Mnner der
Bildung und gewann sich damit die Herzen der empfnglichen Jugend, die
wohl auf religisem Gebiete den Bruchen der Eltern treu blieb, sonst
aber neue Bahnen einschlug und sich immer mehr von den kulturellen
Anschauungen der lteren Generation entfernte -- das charakteristische
Merkmal der Lilienthalschen Epoche!

Von Brest reiste Dr. Lilienthal sodann nach Wilna, um auch dort seine
Mission zu erfllen. Eine Deputation der Gouvernementsstadt Minsk
begrte ihn und lud ihn zu sich ein. Dr. Lilienthal leistete der
Einladung Folge und ging nach Minsk, wo er von den angesehensten Juden
mit den grten Ehren empfangen wurde. Gleich nach seiner Ankunft wurde
eine Assiphe (allgemeine Versammlung) einberufen, in der er wichtige
Fragen beantworten sollte. Die Herren S. Rapaport und O. Lurie fhrten
in der Versammlung das Wort. Die wichtigste Frage war: Was beabsichtigt
der Minister fr Volksbildung eigentlich mit der Reform? Sollten am Ende
alle Juden Rulands lediglich zur Taufe vorbereitet werden? Dann wrden
sich alle Juden wie ein Mann gegen diese Reformen auflehnen und sie zum
Scheitern bringen. Denn nhme man dem Juden seine Religion, so wankte
der feste Boden unter seinen Fen und er sei verloren. Seine eigenen
Kinder wrden sich gegen ihn empren. Dr. Lilienthal war entsetzt. Er
schwur bei einer Sepher-Thora (heiligen Rolle), da er den Juden
Volkstum und Religion erhalten wolle und die Taufe verabscheue. Vor
Aufregung weinend, versicherte er immer wieder, da er nur das Beste fr
die Juden anstrebe. Schlielich gelang es ihm, die Versammelten zu
beruhigen.

Auch nach der Stadt Woloschin, in der damals die Jeschiba (Talmudische
Hochschule) in hchster Blte stand, kam er in Erfllung des
ministeriellen Auftrages.

Jeschiba ist eine Lehranstalt fr erwachsene Jnglinge, die in dem
Talmudwissen bald zur hchsten Stufe gelangt und zur Rabbinerstelle reif
sind. Solche Talmudlehranstalten gab es damals drei, in Woloschin, in
Mir und in Minsk. Fr diese Anstalten wird noch bis jetzt von der
gesamten Judenschaft gesammelt. In einer jeden dieser Anstalten bekamen
dann mehr als 200 Jnglinge ihren Unterricht. Ein besonders groes
Gebude mit einigen groen, gerumigen Zimmern! Ein Haupt, eine Art
Direktor, ein groer Talmudist, ein religiser, kluger, sehr ehrlicher
Mann leitet diese Anstalt, whrend viele Melamdim -- erprobte
Talmudisten -- den jungen Leuten Unterricht erteilen. Das Kontingent der
Schler besteht aus allen Klassen des jdischen Volks, meistens aus der
mittleren Klasse, deren bares Kapital das geistige Vermchtnis ausmacht.
Diese leben meistenteils auf Kosten der Anstalt. Junge Leute aus reichen
Kreisen sind hier auch zahlreich vertreten, meist sind es schon
verheiratete Mnner, die, Vter einiger Kinder, auf eigene Kosten hier
leben. Mein Vater selbst hatte schon drei Kinder, whrend er in der
Woloschiner Jeschiba das ganze Jahr lernte. Nur zu den Feiertagen kam
er nach Hause.

In Woloschin musste Lilienthal, um die Gemter zu besnftigen,
wiederholt beschwren, da er allen Bestrebungen, die Juden der Taufe
nher zu fhren, fern stnde. --------

In aller Stille nahm unter den Juden Rulands die Kulturbewegung ihren
Anfang. Die Jugend regte sich energisch; die geistige Arbeit begann. Es
kostete wenig Zeit und verhltnismig geringe Mhe, die angedeuteten
Reformen durchzufhren. Eine erfrischende Luft wehte durch die jdische
Gesellschaft der Stadt Brest, wie aller anderen russisch-jdischen Orte.

Ich habe schon erzhlt, wie gro der Jubel meiner Schwager ber die
bevorstehenden Reformen war. Aber sie muten an sich halten, um sich
nicht zu verraten und meine Mutter nicht zu verletzen, die ihr
prophetisches Urteil ber diese Wandlung hatte. Indessen waren meine
Schwager nicht die einzigen in Brest, die sich fr die westeuropische
Kultur begeisterten. Es gab auch eine Gruppe von mehr als 20 jungen
Mnnern, welche die Lilienthalsche Bewegung sehr ernst nahmen und in
ihrem Kreise eifrig fr die Sache wirkten -- stieen sie auf einen
beschrnkten Menschen, so waren sie der Ansicht, da es schlielich auch
gengen wrde, wenn dieser wenigstens eine Adresse in russischer Sprache
schreiben knnte.

Man darf nicht vergessen, da die Kenntnisse meiner Schwager und ihrer
Zeitgenossen in den europischen Sprachen jener Zeit sehr begrenzt waren
und in Lesen, Schreiben, ein wenig Russisch und Polnisch bestanden. Die
deutsche Sprache war ihnen gelufiger. Sie hatten eine Ahnung von der
klassischen Literatur dieser Sprachen und mancher Wissenschaften. Die
niedere, jdische Klasse aber verstand weder zu schreiben, noch zu lesen
oder eine europische Sprache zu sprechen; sie sprachen ein drftiges
Polnisch, und ein Kauderwelsch von Deutsch und Russisch wurde von der
jdischen Kaufmannschaft notgedrungen gebraucht; whrend der Pbel ein
Gemisch von Polnisch, Russisch, Lettisch sprach, dessen sie sich auf den
Mrkten mit den Dorfbewohnern bedienten.

Tiefgreifend konnten die Umwlzungen erst werden durch die Begrndung in
neuem Geiste geleiteter Rabbinerschulen. So entstanden die Schulen in
Wilna und Schitomir. Die ersten Schler waren zumeist junge Leute, die
sich alle Mhe gegeben hatten, bei Erffnung der Schulen aufgenommen zu
werden. Nur selten war ihnen der Eintritt in diese Schulen ohne Kmpfe
in der Familie mglich. Wem es nicht leicht wurde, der ri sich von Weib
und Kind los und flchtete sich nach Deutschland, wo er oft mit harter
Not Medizin, Pharmacie, Philologie oder anderes mit glnzendem Resultate
studierte. Die Stadt Rossieni in Kurland kann mehr als 10 solcher Ritter
vom Geiste nennen, rzte, Juristen, Apotheker, Philosophen und Dichter,
die teils in Ruland, teils im Auslande studiert hatten. Noch jetzt lebt
und wirkt in Ruland ein Professor der orientalischen Sprachen, der
seine Jugend beim Talmudfolianten verbracht hat und sich spter in
dieser Weise ausgebildet hat. Freilich er und seine Kinder sind getauft.
Auch den jdischen Astronomen Ch. S. Slonimsky haben seine bedeutenden,
talmudischen Kenntnisse nicht gehindert -- vielleicht haben sie sogar dazu
beigetragen, in der Mathematik berhmt zu werden. -- Die Mehrzahl der
Zglinge in den neuen Rabbinerschulen waren frher Talmudisten. Sie
lernten leicht, und die meisten erhielten beim Abgang von der Schule die
goldene Medaille, ebenso diejenigen, die spter die Universitt
besuchten! Das Studium des Talmuds ist eben eine in jeder Hinsicht gute,
geistige bung, wozu noch die Wibegier, der temperamentvolle Charakter
und der geistige Schwung des damaligen Juden kamen. --------

Einen Tag nach dem Besuch bei Dr. Lilienthal finden wir die jungen
Leute, meine Schwager, in ihrem Studierzimmer nachdenklich beieinander
sitzend. Die Bcher werden schon zu finden sein, sagte mein
wibegieriger, lterer Schwager. Wir mssen nur darauf bedacht sein,
vom Talmudlernen Zeit fr unser neues Studium zu erbrigen, ohne die
Aufmerksamkeit der Eltern zu erregen ..., worauf der andere in seiner
phlegmatischen Weise antwortete: Ja, gewi! Wenn du zu studieren
beginnst, halte ich auch mit. Dr. Lilienthal hatte ihnen in erster
Linie das Studium der russischen Sprache empfohlen; dann, als
gleichfalls sehr wichtig, Naturgeschichte, sowie die deutsche Literatur.

Einige Zeit darauf gab es mehrere strende Zwischenflle, die der Komik
nicht entbehrten. Meine Mutter war seit dem Besuche der jungen Leute bei
Dr. Lilienthal fest berzeugt, da ein neues, fremdes Element in ihr
Haus, ebenso wie bei den anderen Juden in Ruland, eingezogen sei, wobei
das Wort Gottes wirklich hintenangesetzt werden sollte. Und sie ward
sehr traurig. Unauffllig, aber scharf beobachtete sie das Verhalten und
die Handlungen der jungen Leute. Die Schwager hatten sich die ntigen
Lehrbcher verschafft und zu studieren begonnen, was natrlich auf
Kosten des Talmudstudiums geschehen mute. uerlich blieben sie ruhig
und schienen sich wie gewohnt, mit dem Talmud zu beschftigen. Doch
konnte ein aufmerksamer Beobachter unter den groen Talmudsfolianten
nicht selten einen Band von Schillers oder Zschokke-Werken entdecken; im
letzteren erfllte besonders die idyllische Lebensweise Engelberts die
jdische Jugend mit Begeisterung, whrend die Prinzessin von
Wolfenbttel -- zumal bei den jdischen Frauen -- Sympathie und Mitleid
erregte. Und Schillers Marquis Posa galt allen jngeren Mnnern als
Vorbild. Die nchterne, russische Grammatik war auch zur Hand, und in
der Bchersammlung fehlte auch eine Naturgeschichte nicht.

Mein Vater lie seit dem Besuche bei Dr. Lilienthal keine Gelegenheit
unbentzt vorbergehen, von ihm und seiner wichtigen und groen Aufgabe
zu sprechen. Es tat ihm ordentlich wohl, mit jedem Gast und besonders
mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, die groartigen Reformen zu
errtern. Er geriet in Eifer bei solchen Gesprchen, lobte, da endlich
auf dem Gebiete des Unterrichts der jdischen Jugend Ordnung geschaffen
werden sollte, grollte aber doch, da Dr. Lilienthal so gottlos
gesprochen habe, da man die frher erwhnten Talmudabschnitte der
jdischen Jugend entziehen msse, und man sich gegebenenfalls nicht nach
den Talmudgesetzen richten solle.

... Es war eines Morgens in dem denkwrdigen Sommer des Jahres 1842, als
meine Schwager, ohne zu ahnen, da jemand sie hren knnte, die neuen
Bcher aus ihrem Versteck holten, auf den offenen Talmudfolianten legten
und im Vereine mit dem dritten, Reb Herschel, einem Melamed aus der
Kehila Orlo, der genial war und groe talmudische Kenntnisse besa, laut
schreiend ber einen Satz im Don Carlos disputierten. Um einer
immerhin mglichen berraschung vorzubeugen, lasen und sprachen sie
genau in derselben singenden Weise, in der sie sonst den Talmud zu
lernen pflegten. Meine Mutter schien seit dem Erscheinen Dr. Lilienthals
wie von einem Gespenst verfolgt, und nun wollte sie in das Studierzimmer
der jungen Leute gehen in der Hoffnung, sich berzeugen zu knnen, da
ihre qulenden Gedanken doch unbegrndet seien, und da der Teufel in
Gestalt Dr. Lilienthals sich doch noch nicht vllig ihrer Schwiegershne
bemchtigt htte. Sie blieb unten an der Treppe, die zum Studierzimmer
fhrte, lauschend stehen. Dann stieg sie die Treppe hinan, blieb wieder
stehen, lauschte und hrte mit Freude, wie fleiig drin gelernt wurde.
Als sie aber das Ohr der geschlossenen Tr nherte und aufmerksamer
horchte, erfate sie Schreck und Erstaunen. Ein furchtbarer Ausdruck von
Enttuschung und rger verstrte ihre Gesichtszge. Von Omar abaje,
mit welchen Worten viele Traktate des Talmud beginnen, hrte sie nichts.
Blo Marquis Posa, Herzog Alba usw.

Sind es also wirklich nur die sndigen Bchlech, mit denen sich die
jungen Leute befassen? dachte sie mit einem groen Weh im Herzen.

Es verstrich eine geraume Zeit, ehe meine Mutter sich fassen konnte.
Dann ergriff sie mit zitternder Hand die Klinke, ffnete die Tr und
blieb wortlos vor rger auf der Schwelle stehen. Beim Gerusche der sich
ffnenden Tre wandten die drei berraschten die Kpfe um, und sie
htten sicherlich aufgeschrieen, wenn ihnen der Atem nicht versagt
htte. Ihre erste Bewegung war, da sie smtliche Bcher unter den Tisch
gleiten lieen; sie wollten ja der Mutter nicht trotzen. Es tat ihnen
sogar weh, da diese Bchlech ihr soviel Kummer bereiteten. Allein der
Reiz des Neuen, das Anziehende im Studium der fremden Sprachen und der
Wissenschaften nach dem Einerlei des Talmudlernens war von einem
unwiderstehlichen Zwange. Meine Mutter gewann zuerst wieder die
Herrschaft ber sich und rief laut: O Himmel, ich soll in meinem
eigenen Hause das Wort Gottes so verhhnt sehen! In demselben Nigen
(Tonfall), in dem ihr den Talmud lernt, verhhnt ihr ihn jetzt durch das
Lesen dieser apikorssischen (abtrnnigen) Bchlech!! Und auch Ihr, Reb
Herschel, Ihr habt es auch ntig?! Was wollt Ihr damit in Eurer Kehile
Orlo machen! Ihr wollt auch ein Apikaures (Abtrnniger) werden, wie
meine jungen Leute? Sie war bei dieser Rede so aufgeregt, da ihre Fe
ihr schier den Dienst versagten. Die jungen Mnner blieben stumm; ihre
nach links dem Fenster zugewendeten Kpfe waren unbeweglich. Da keine
Antwort, folglich auch kein Widerspruch kam, beruhigte sich die Mutter
einigermaen, und sie entfernte sich schweigend.

Es verging nicht lange Zeit, da berraschte sie meinen lteren Schwager
allein bei dem neuen Studium. Es war am frhen Morgen desselben Sommers.
Der Berg in der Nhe unseres Hauses stand noch in dsterem Nebel. Ich
befand mich zufllig im Hof und sah meine Mutter aus dem Hause kommen.
Sie ging zum groen Tor hinaus. Ich folgte ihr. Sie machte einige
Schritte an dem Gitter des Blumengartens entlang, der sich an dem Hause
befand und blieb erstaunt stehen. Wer steht dort? sprach sie wie zu
sich selbst -- oder war es an mich gerichtet? Sie machte noch ein paar
Schritte und sagte mit lauter Stimme: Doch, doch, ich glaube David
(mein lterer Schwager) ist es! Was tut er dort?, rief sie aus und
nherte sich rasch dem Winkel des Gartens, wo eine groe alte Pappel
stand. Sie hatte sich nicht geirrt: es war David. Mein Schwager hatte
nur einen leichten Chalat (Schlafrock) an, dessen Grtelenden lose
bereinander geworfen waren, statt zu einer Schleife gebunden zu sein;
seine Brust war entblt, das Haar zerzaust, eine Peje (Ohrlocke) war
ganz hinter das Ohr geraten, whrend die andere sich auf der Wange wie
eine kleine Schlange bewegte; das schwarze Sammetkppchen zeigte
reichliche Spuren der Daunenkissen, die nackten Fe staken in den
Pantoffeln. Der Morgennebel lag auf der vor Klte und Nsse zitternden
Gestalt. Die rechte Hand arbeitete krftig, sie beseitigte die Rinde der
Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager nicht ohne
Ekel in ein Kstchen mit einem Glasdeckel warf. Der Anblick mu recht
komisch gewesen sein, denn meine Mutter rief halb verwundert, halb
belustigt: Wos tust du do?

Gur nischt (gar nichts), gab er lakonisch zur Antwort, ohne sich in
seiner Arbeit stren zu lassen.

Wos is do im Kstchen auf der Erd? fragte die Mutter weiter.

Gur nischt! meinte der berraschte Naturforscher.

Warum biste so frh do? forschte meine Mutter.

Frh! S'es gur nischt frh! antwortete der junge Mann in der Hoffnung,
sich so aus der Affaire zu ziehen. Aber das ntzte nichts, denn die
Mutter beugte sich ber das Gitter und entdeckte nicht ohne rger auch
ein Buch neben dem Kstchen. Nun begriff sie, da beides einem und
demselben Zwecke diente, und sie verwnschte im Stillen Dr. Lilienthal.
Ein verzweifelter, vielsagender Seufzer entrang sich dem tiefbetrbten
Herzen meiner armen Mutter. Sie blieb eine Weile starr, die Dinge vor
sich anblickend. Dann wandte sie sich nach rechts und trat in den
Garten. Der halbnackte Naturforscher erriet ihre Absichten und suchte
rasch das Weite, indem er alles als Beute zurcklie. Bei der Flucht
verlor er einen Schuh, die anderen notwendigen Kleidungsstcke hielt er
mit beiden Hnden fest. Meine Mutter nherte sich rasch der Pappel,
blickte in das Kstchen und entdeckte darin zu ihrem unbeschreiblichen
Erstaunen eine gewhnliche Fliege, einen Maikfer, ein Marienkferchen
(Gottes Khele), eine Ameise, einen Holzwurm und noch viele andere
Insekten auf Stecknadeln gespiet. Sie traute ihren Augen nicht, und ihr
Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es htten tun knnen,
auf die Frage hin: Wozu braucht ein Mensch solches Gewrm? Sie
erschrak aber frmlich, als sie das Buch in die Hnde nahm und darin
neben den Erklrungen auch die Abbildungen von einigen Insekten
erblickte. Der Zufall wollte es, da ihr Blick auf einem huslichen
Insekt haften blieb, das gemtlich hingestreckt dalag -- sie schttelte
sich vor Ekel. -- Da die jungen Leute Deutsch und Russisch lernen
wollten, leuchtete ihr am Ende ein. Sie begriff schlielich das
Vergngen an Lektre, sie selbst war in der hebrischen Literatur sehr
belesen; allein, da sich jemand und gar ihre Schwiegershne dafr
interessierten, wie sich die Ameise fortbewegt, oder wieviele Fe der
Maikfer oder welche Augen ein grner Wurm hat, das konnte sie nicht
verstehen! Sie ergriff die Trophen des am frhen Morgen gewonnenen
Treffens und kehrte auf demselben Wege ins Haus zurck, den wenige
Minuten vorher der flchtige Held genommen und auf dem er den einen
Schuh als Zeichen seiner Niederlage zurckgelassen hatte. Sie nahm auch
den Schuh mit, brachte alles ins Speisezimmer und plazierte alles auf
dem Fensterbrett. Inzwischen war mein Vater aufgestanden; als er von der
Sache erfuhr, lachte er herzlich. --

Solche Szenen spielten sich nicht blo in unserem Hause ab: alle anderen
Genossen meiner Schwager hatten hnliche oder noch grere
Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten zu erdulden. -- Meinem Schwager
David waren solche Verfolgungen doch zu bunt geworden. Als man ihn
einmal zum Mittagessen rief, meldete er sich krank, und er reiste noch
an demselben Abend, ohne irgend jemand, selbst seiner Frau, etwas zu
sagen, zu seinem Vater, der Rabbiner war, nach Semjatitcz, einem
Stdtchen in Polen. Dort hielt er sich einige Zeit auf; darber freuten
sich im Anfang meine Schwestern und meine Eltern, denn sie wuten ihn
nun fern von der stetig anwachsenden Lilienthalschen Bewegung. Spter
hatte man groe Mhe, ihn zur Rckkehr nach Brest zu bewegen.

Meine Schwager suchten nun nach Mitteln, solchen Szenen, wie ich
sie oben geschildert habe, vorzubeugen, und sie whlten sich ein
stilles Pltzchen, das zwischen den Hgeln, unserem Hause gengend
fern, lag. Dort versammelten sich die Gesinnungsgenossen, um ber
manches Buch zu debattieren, Beschlsse ber die brennende Frage der
Bildungsbestrebungen zu fassen. Trotz alles fleiigen Bemhens und
einer ungewhnlichen Wibegierde unter dieser Jugend ging in der ersten
Periode aus Brest doch keine einzige hervorragende Persnlichkeit
hervor, obgleich wir den groen Verdiensten meiner Schwager und ihrer
Zeitgenossen Gerechtigkeit widerfahren lassen und sie als Pioniere, die
manche Wege ebneten, bezeichnen mssen: Hierdurch wurde der kommenden
Generation die Mglichkeit zu studieren bedeutend erleichtert und
manches Vorurteil beseitigt.

Die erwhnten drei jungen Leute waren wohl die ersten in Brest, welche
ihre jugendkrftigen Hnde nach dem Apfel der Erkenntnis, den ihnen
Lilienthal reichte, ausstreckten und ihn mit Lust ergriffen. Mein
lterer Schwager bemhte sich trotz seines groen Fleies und aller
Fhigkeiten vergeblich, die Stelle, wo er in den Apfel beien sollte, zu
finden -- an seiner asiatischen Erziehung scheiterten alle europischen
Versuche. Er htte mit seinen talmudischen Kenntnissen viel Hheres fr
sich und die Gesellschaft leisten knnen. Mein jngerer Schwager konnte
vom Apfel genieen und ward in kurzer Zeit ein nach damaligen Begriffen
gebildeter Mann, whrend Reb Herschel, der Melamed, nach dem erwhnten
Apfel der Erkenntnis seine plebejischen Hnde ausstreckte, ihn ergriff
und einen tiefen Bi tat.... Es dauerte nicht lange, so verwandelte er
sich aus einem Orler Menschen in einen interessanten, gebildeten Herrn
Hermann Blumberg. Mit einem Worte: die jdische Jugend von Brest geno
von dem Apfel der Erkenntnis mehr oder weniger; aber ein jeder hat doch
davon gekostet, und der Samen, den Dr. Lilienthal in Brest ausgestreut,
hat je nach der Beschaffenheit des Bodens ansehnliche Frchte getragen.
Die ersten Bildungspioniere in Brest beherrschten nur das erste
Dezennium jener Epoche und waren zur kulturellen Unfruchtbarkeit
verdammt, da sie leider, wie ich mich erinnern kann, sich als Muster
unter den Weisen des alten Griechenlands Epikur und seine Ethik erwhlt
hatten....

Wenn aber Dr. Lilienthal so reiche Erfolge hatte, so geschah es nur,
weil der geistige Boden in Ruland sehr gut vorbereitet war: Das
jdische Kind mnnlichen Geschlechtes (nicht aber die Mdchen) wurde
damals von frhester Jugend an zum Lernen angehalten und spter, im
Knabenalter schon, mit scholastischem Gespinst, mit vielen talmudischen
Spitzfindigkeiten und ernster Lebensanschauung bekannt gemacht. Da kein
anderes Studium ablenkte, so konnte der jugendliche Schler sich tglich
dem Studium des Talmuds ganz hingeben. Unterhaltung fand er auch nur zu
Hause im Familienkreise (daher auch die Anhnglichkeit), sowie in dem
bescheidenen Familienleben seiner Kameraden. Die zahllosen Vergngungen
von heute kannte die damalige Jugend nicht. Und so war damals der Jude
schon in seinem Jnglingsalter in geistiger Hinsicht ein ganzer, wenn
auch einseitiger Mensch. Mit Leib und Seele hing er an seiner Tradition
und seiner Religion, die fr ihn die Moral, die Ethik -- die ganze Welt in
sich schlossen. Seine Bibel bot ihm hinreichendes Wissen in der
Weltgeschichte bis zum grauen Altertum hinauf und bis zu der
christlichen Aera herunter; seine Propheten adelten seinen Geist,
ergtzten seine Seele, verliehen ihr Schwung, erfllten sie mit
Begeisterung, und der Stolz des Kindes und so auch des jdischen Mannes,
das Selbstbewutsein, fate schon in seiner Jugend Wurzel -- was die
Andersglubigen mit Dnkel und Frechheit zu bezeichnen pflegen. Die
Ethik der jdischen Weisen, ihre kernige und zugleich erhabene
Lebensanschauung machten den damaligen Juden frhzeitig zum Denker und
Philosophen, der auch die Schnheit in seiner Religion fand. Das
jdische Volk lebte damals wie auf einer Insel, fern von der brigen
Welt, aber nicht _=wild=_ wie die Insulaner. Es war hier auf der Insel
glcklich, wo es fr sich allein die Welt des Geistigen besa: seinen
Glauben, seine Tradition, die ihm allen Genu im zeitlichen Leben
gewhrte. Und die Hoffnung auf ein knftiges Leben lie ihn die Leiden
des gegenwrtigen ertragen. Aus diesem geistigen Reich konnte ihn keine
menschliche Macht verjagen. Hier war er Herr und Meister.

Die Sturm- und Drangperiode des damaligen jdischen Jnglings vollzog
sich auf der Schulbank. Keine Revolution, keine Liebesabenteuer rissen
ihn von seinem beschaulichen Wege fort; auch das Geschft nicht, denn es
galt den Eltern als heilige Pflicht, fr den Sohn bis weit ber die
Jnglingsjahre, selbst nachdem er schon Ehemann und Familienvater war,
zu sorgen, da es hchstes Glck war, wenn der junge Ehemann
ununterbrochen den Talmud studierte. Unter diesem Gesichtspunkte whlten
wohlhabende Leute fr ihre Tchter und ihre Shne: die Braut mute vor
allem hbsch von Gestalt, klug und gesittet sein. In erster Reihe aber
eine Bas towim, d. h. die Tochter eines gelehrten und religisen
Mannes. Ich kann beteuern, da die Wahl der Eltern, die nicht von dem
Gott Mammon beirrt war, selten ein Fehlgriff war. Im groen und ganzen
gab es damals, wie ich mich zu entsinnen wei, viele sehr glckliche
Ehen, in denen die Sittlichkeit der jungen Eheleute dem Bunde Weihe
verlieh und fr immer die Treue sicherte. Keine Enttuschungen, keine
bersttigung, kein Hasten nach Vernderung strten die Eintracht des
Paares, und der wahre gttliche Funke der Liebe nhrte die heilige
Flamme auf dem huslichen Herd, _=die Flamme=_, die kein Sturm im Leben
auszulschen vermochte. Und in den trben Tagen des Herbstes oder gar in
den kalten, kurzen, einsamen Wintertagen -- im hohen Alter, wenn das Feuer
lngst ausgebrannt ist, wrmt und erhlt dieser unter der Asche noch
glimmende Funke die oft frierende Seele.

Wenn an diesem geheiligten Eheleben die Aufklrung rttelte und manches
kostbare Gut zerbrach, so vergesse man nicht, da das zu starke Licht
der europischen Bildung zu schnell ohne die milde Vermittlung der
Dmmerung hereinbrach und die verblffte Jugend blendete. Waren doch die
ersten Adepten der Bildung schon gereifte Mnner, die bis zu diesem
Augenblick ein fast asketisches Leben gefhrt hatten. --




II.

Jeschiwa Bochurim.[R]


Die Jeschiwa-Bochurim bildeten gegen Ende der dreiiger Jahre das
lernende Proletariat in Brest, wie in ganz Litauen. Ihre religise und
geistige Erziehung war systematisch geregelt. Die jdische Gesellschaft
trug unter Aufwand von vielen Kosten dafr Sorge. Dagegen blieb ihre
krperliche Pflege ganz problematisch, weshalb schwchliches,
verkmmertes Aussehen fr den Jeschiwa-Bocher charakteristisch war. Sie
waren in ihrer tglichen Nahrung, ihrer Kleidung und ihrem Obdach ganz
auf den glcklichen Zufall und auf die Gnade der Mitbrger angewiesen.
Es wurde ihnen im besten Falle Mittagessen verabreicht, aber auch das
nicht an jedem Tag der Woche. Fr die anderen Mahlzeiten sorgte der,
welcher den Sperlingen in der Luft die Nahrung spendet. Ihr Obdach
fanden sie in den Bothemidroschim, die Lehrhuser und Synagogen zugleich
waren. Auf den harten Holzbnken, die Fuste unter dem Kopf, schliefen
sie im Sommer und in der Nhe des geheizten Ofens im Winter den Schlaf
des Gerechten. Ihre Kleidung erhielten sie von mildttigen Brgern stets
zu unrechter Zeit: zu Beginn des Sommers wattierte Winterkleider, im
Sptherbst sommerliche Kleider und Stiefel. So froren sie im Winter und
schwitzten doppelt soviel wie die Reichen im Sommer. Auf diese Weise
fristeten sie ihr Dasein jahrein, jahraus, mit Eifer und Ausdauer ihren
Talmud studierend, bis zu ihrem 20. Lebensjahr. Dann heirateten sie,
mitunter sehr gnstig, denn sie wurden von den reichen Brgern geehrt
und begehrt, da sie im Volke als gute Talmudisten und ehrenwerte, fromme
Menschen galten.

Diese Bochurim pflegte man ihren rabbinischen Kenntnissen nach in drei
Klassen einzuteilen. In meinem Elternhause erhielt jeden Tag ein anderer
Angehriger dieser drei Klassen das Mittagmahl. Der lteste von ihnen
hie mit dem Eigennamen Schamele, er gehrte schon als tchtiger
Talmudist zu den Jeschiwa-Bochurim, der hchsten dritten Klasse. Das war
ein ruhiger, pfiffiger, aber schwerflliger, blonder Junge mit
gutmtigen, blauen Augen. Er trug Sommer und Winter ein und denselben
langschigen, an den Ellbogen zerrissenen Kaftan. Der zweite Bocher
zhlte zu den Orem-Bocherim, da er den Unterricht in der Bibel und in
den leichteren Talmudteilen von den stdtischen Melamdonim, und zum Teil
von den gesetzkundigen, jungen und alten Talmudisten in den
Bothemidroschim erhielt. Er hie Fischele und bildete den leibhaftigen
Gegensatz zu dem Schamele, denn er war beweglich, schwarzugig, und
schien immer aufgeregt und somit den Spitznamen Fischele zu
rechtfertigen. Der dritte hie Motele, er gehrte der jngsten,
niedersten Klasse an und war Wanderbocher. Das war ein von Natur
stiller, bedachter, ruhig rsonnierender Jngling, der richtige Typus
des Wanderbochers.

Die meisten dieser Jnglinge kamen aus den Stdtchen und Drfern der
Umgebung nach Brest, um dort zu lernen. Sie besaen viel Mutterwitz,
waren ruhig und verrichteten jeden Dienst in den Husern, in denen sie
ihr Mittagbrot bekamen. Sie waren vorzglich geeignet, in der geistigen
Grungsperiode der Lilienthalschen Bewegung die Korrespondenz und die
aufklrerischen (apikurssischen) Bcher zu den jungen Leuten in die
Stadt zu bringen.

Man konnte oft den einen oder anderen von ihnen in der Dmmerstunde, wie
eine Katze sphend, sich leise in unseren Hof mit einem Packet dieser
geistigen Kontrebande schleichen und direkt auf der zum Studierzimmer
meiner Schwager fhrenden Treppe in der Dunkelheit des Vorabends
verschwinden sehen. Htte das wachsame Auge meiner Mutter sie erblickt,
so wre es ihnen bse ergangen; an _=dem=_ Tage wren sie bei uns sicher
nicht satt geworden.

Fischele hatte sich allmhlich als Autodidakt zu einem sehr guten
Pdagogen ausgebildet. Er pflegte halb scherzhaft, halb im Ernst zu
bitten, man soll ihm helfen: aus einem Orembocher ein Oremmann (armer
Mann) zu werden. Bald heiratete er ein braves Mdchen und fand als
gebildeter Mann in der hheren, jdischen Gesellschaft eine gute
Aufnahme. Dagegen hat Schamele, wie wir spter erfahren haben, sein
Leben nicht an groen Talmudfolianten beschlossen.

Die Lilienthalsche Bewegung hatte eben selbst in den orthodoxen Kreisen
des niederen, jdischen Volkes tiefe Spuren hinterlassen, und die Jugend
auf neue Bahnen gelenkt. Schon nach einem Dezennium sah man die meisten
Kinder des niederen Volkes, wie auch der Handwerker auf den Schulbnken,
und die europische Bildung wurde Gemeingut der jdischen Bevlkerung.
Die gemeinsame Bildung bewirkte eine Verschmelzung, eine Gleichstellung
von Patriziern und niederen Leuten. Der Fachmann, der Arzt, der Advokat
usw. trat an die Stelle des traditionellen Mijuches (Aristokratie).

Indes hrte das althergebrachte Studium des Talmuds nicht auf, es wurde
nur in ganz anderer Weise hochgeschtzt; und Ende der sechziger Jahre
fand ich in demselben Lande die frher geschilderten drei Bochurim von
ganz anderem Aussehen. Ihr Aeueres lie Ende der sechziger Jahre wenig
zu wnschen brig. Ein jeder dieser Bochurim konnte bereits russisch
lesen und schreiben, hatte einen Begriff von der Weltgeschichte. Aber
er blieb seiner alten Religion treu und hatte volles Vertrauen zu
Gott, da eine bessere Zeit fr sein Volk kommen werde. Aus der Mitte
dieses lernenden Proletariats wuchsen die Rabbiner fr die kleinen
litauischen Stdtchen heraus, sowie die Dajanim (Volksrichter) und die
More horoes (Gesetzeskundigen), welche ber Trefe und Koscher und
rituell-hygienische Fragen zu entscheiden hatten, ferner die Magidim
(Volksprediger), die Schochtim (Vieh- und Geflgelschchter), die
Chasonim (Kantoren) und endlich die Batlonim, arme Talmudisten jeden
Alters, welche man bei frohen oder traurigen Ereignissen Psalmen,
Hymnen oder Mischnajis aus dem Talmud rezitieren oder bei einem Toten
Tag und Nacht lesen lsst.

Aus einem Orembocher wurde zumeist ein Melamed, der aber vorher noch als
Oberbehelfer in einem Cheder (Schule fr kleine Kinder) einige Jahre als
Repetitor fungieren mute.

Von allen diesen Funktionren sonderte sich ein kleiner Bruchteil, der
sich Pruschim (Abgesonderte) nannte, junge und alte Mnner, deren
einziger Lebenszweck war, sich ungestrt mit Leib und Seele den
Talmudstudien hinzugeben. Sie verbrachten, getrennt von Weib und
Kind -- ihrer Heimat und der Welt fern -- ihr ganzes Leben damit, alle
Feinheiten dieser Lehre, alle Spitzfindigkeiten der Scholastik zu
ergrnden und mit anderen ber die verschiedenen Auslegungen zu
diskutieren. Diese Asketen lebten im Krhwinkel Eschischok im Wilnaer
Gouvernement lediglich von der Mildttigkeit der Brger, vornehmlich von
der Gte der braven Frauen, die ihnen Speis und Trank in die Lehrhuser
schickten, was sie als heilige Pflicht und als gottgeflliges Werk
betrachteten. Eine solche Frau besa kaum 50 Rubel im Vermgen, womit
sie Handel trieb, und ihre Kinder wie ihren Mann ernhrte, der
gleichfalls Tag und Nacht dem Talmudstudium als dem einzigen Zwecke
seines Lebens opferte. Das mchtige Wort Talmud-Thora, d. h. die Lehre
des Talmuds befrdern, lernen, stand damals bei dem ganzen jdischen
Volke, wie heute leider nur noch bei einem sehr, sehr geringen Teil, auf
der gleichen Stufe mit den eigenen, wirtschaftlichen Sorgen.

Der Typus des Wanderbochers bot freilich das strkste Interesse. Er
hatte das Geblt des Famulus Wagner: stets drstete er danach, Neues zu
lernen. Solch ein Wanderbocher pflegte, notdrftig bekleidet, zu Fu von
einer Kartzma (Herberge) zur anderen auf der groen Landstrae zu gehen,
in jener guten alten Zeit der 40er und 50er Jahre, ehe es Eisenbahnen in
Ruland gab. Manchmal gelang es ihm, sich auf eine Baued (ein- oder
zweispnniges Fuhrwerk, das von einer ber Reifen gespannten Leinwand
bedeckt war) heraufzuchappen, wo der jdische Fuhrmann ihm willig auf
dem Bock die Hlfte seines Platzes einrumte. In der Baued selbst, unter
der Leinwanddecke, befand sich ein sehr gemtliches Publikum jeglichen
Alters, Standes und Stammes. Das Fuhrwerk bewegte sich langsam vorwrts,
da die hungrigen, bermdeten Pferde nur schwach ziehen konnten. Die
Passagiere hatten daher Zeit, gemtlich zu plaudern, und der
halberfrorene Wanderbocher hrte diese wahren und erdichteten
Erzhlungen mit gespannter Aufmerksamkeit an und nahm alles in sich auf.
Wieviel Romantik schlo eine solche Reise fr ein junges, empfngliches
Gemt in sich! Sie machte grblerisch und versonnen.

Aus einem solchen Wanderbocher pflegte sich in der Regel ein Maggid zu
entwickeln. In seinen Kinderjahren hatte er in seiner einheimischen
Talmud-Thora gelernt, einer jdischen Volksschule, wie sie von jeder
greren Gemeinde unterhalten wurde. Arme Kinder und hauptschlich
Waisen wurden dort schon mit acht Jahren aufgenommen, um Unterricht in
der hebrischen Sprache, im Beten und in der heiligen Schrift zu
erhalten. Aus dieser Schule entsprangen die oben geschilderten drei
Arten Bocherim. In seinen Jnglingsjahren begann so mancher das
Wanderleben. Nachdem er als Orembocher den Unterricht schon im
Talmudstudium erhalten hatte, zog er in die nchste Jeschiwa, wo fr
seine weitere Ausbildung, fr Wohnung und Kleidung unentgeltlich gesorgt
war. Denn auch fr diese Anstalten spendeten die Juden aus allen
Gegenden viel Geld. Er blieb solange da, als er wollte. Niemand hinderte
ihn aber, eine zweite Lehranstalt aufzusuchen, wenn es ihn drngte, noch
andere Lehrer zu hren, andere Satzungen und Kommentare kennen zu
lernen, denn unerforschlich wie der Meeresgrund ist die talmudische
Wissenschaft, meinte der Jude von damals. An dem neuen Orte lernte er
andere Menschen, Sitten und Gebruche kennen. Der Weg dahin war weder
sehr weit, noch sehr beschwerlich, whrend des Sommers konnte er ja
notdrftig bekleidet und barfu gehen, wenn ihm nicht manchmal ein
glcklicher Zufall in Gestalt eines Fuhrmanns zu Hilfe kam und ihn zu
einer Herberge brachte. Da erholte er sich bei dem jdischen Arendar
(Pchter) im Dorfe einige Zeit, hrte von den verschiedenen Besuchern
der Schnke abenteuerliche Geschichten, Wahrheit und Dichtung, erzhlen
und zog, um manche Erfahrung reicher, von dannen.

Diese drei Arten von Bochurim kann man mit Recht als die Ritter vom
Geiste betrachten. Ihr Lebelang hatten sie mit Not, Hunger zu kmpfen
und -- sie unterlagen nicht.

Die tiefe Kenntnis des Volkslebens, seiner Not und seiner Freuden,
seiner Sitten und Gewohnheiten, vor allem seines Vorstellungskreises
praedestinierten den Wanderbocher gerade zu einem Maggid, und sie
erklrt auch, weshalb der Volksprediger von dem niederen, jdischen Volk
verehrt, ja geliebt wird, und so machtvollen Einflu ausben kann.

Unter ihnen gab es hervorragende Erscheinungen, wie z. B. Ende der 40er
Jahre der Minsker Magid R. N. K., und der 70er Jahre der Kelmener Magid
R. N. Der erstere war ein hervorragender Talmudist und von strengstem
Charakter und hielt jedem die Wahrheit vor; der letztere war milder,
weltlicher.

Aber sie blieben Wandersleute, die jeden Sabbath in einer anderen Stadt
predigten. Sie waren nicht reich und meist auf die Gastfreundschaft
angewiesen. Not brauchten sie da nicht zu leiden, ist es doch eines der
wichtigsten Grundstze, da jeder wohlhabende Balhabajis (Hausherr) an
einem Sabbathtisch einen Gast zu sich lade. Diese Gste fanden sich
gewhnlich Freitag, am Vorabend des Sabbathfestes ein, an dem alle
Arbeit und auch das Wandern ruht. Die Migkeit im Essen und Trinken
whrend der ganzen Woche weicht ppigem Geniessen. Da ein solcher Gast
eilig und spt abends in einem Ort, wo Juden wohnen, eintrifft und keine
Zeit hat, nach einer Herberge zu suchen, so richtet er seine ersten
Schritte zur Synagoge, um zu beten. Die Pflicht des Schammes
(Synagogendieners) ist es, diese wegen ihrer Neuigkeiten gern gesehenen
Fremdlinge fr den Sabbath den Brgern der Stadt zuzuteilen. Nun geschah
es einmal, da der erwhnte Minsker Magid in ein Stdtchen kam, um da am
Sonnabend zu darschenen (predigen). Er traf am Vorabend, Freitag spt
ein, nahm den Weg zur Synagoge, wo die jdische Gemeinde bereits
sabbathlich ruhig und reinlich -- manche noch mit nassem Haar von der
Badestube her -- zum Beten versammelt war. Der Magid betete mit und war
fest berzeugt, da nach Beendigung des Gottesdienstes auch er ein
Plt[S] (Einladung) erhalten wrde. Aber wie gro war sein Erstaunen, ja
sein Schreck, als er bemerkte, da alle anderen Fremdlinge unter die
Brger verteilt wurden und nur er bersehen worden war.

Alle Brger standen bereits eng aneinander gedrckt wie Schafe an der
kleinen, schmalen Ausgangstr. Er sah sich bald ganz allein im Bethaus,
ohne Nahrung und ohne Kidusch. Seine verzweifelte Lage flte ihm Mut
ein. Er sprang hurtig auf die Bieme (die in der Synagoge befindliche
Erhhung), klopfte energisch mit der Faust auf ein groes Gebetbuch und
rief laut: Raboissai (Meine Herrschaften)! Wartet, bleibt, ich will
euch etwas Interessantes erzhlen! Im Nu wandten sich die Kpfe dem
Sprecher zu -- sie hatten ihn frher nicht bemerkt. Ich bin ein Oirach
(Gast), fing er an, vor Abend hier eingetroffen und wie ich sehe, sind
die hiesigen Hunde gastfreundlicher als die hiesigen Balbatim
(Hausherren)!

Diese Worte hatten natrlich die gewnschte Wirkung. Alle waren im
ersten Augenblick stumm vor Erstaunen. Und er fuhr fort: Ich werde euch
erzhlen, hret: Als ich mich spt vor Abend dem Stdtchen nherte,
empfingen mich viele Hunde mit lebhaftem Gebell. Jeder ri mich zu sich,
jeder wollte mich fr sich allein haben. Hier aber sind viel mehr
Menschen als dort Hunde versammelt, und niemand fllt es ein, mich zu
sich zu laden, geschweige, sich um mich zu reien. Diese Worte brachten
die Menge in Wut, und einer von der Versammlung trat hervor und schrie:
Wer ist dieser Mensch, da er sich untersteht, uns mit Hunden zu
vergleichen? Woher bist du gekommen, Elender? Ein reich geflltes Ma
an nicht gerade duftigen Liebesworten ergo sich ber den Magid. Der
aber blieb die Antwort auch nicht schuldig, er rief: Wartet, wartet nur
ein wenig, hrt nur bis zu Ende, ich bitte sehr. Alle wurden wieder
still. Ich bin noch nicht zu Ende. Als die Zudringlichkeit der Hunde
mir ein wenig unbequem wurde, beugte ich mich zur Erde, griff nach einem
Stein und schleuderte ihn mitten unter die Meute, das wirkte im ersten
Augenblick sehr gut. Der Eifer, mich zu besitzen, wich, und die Hunde
suchten das Weite. Nur wute ich anfangs nicht, welche von ihnen mein
Stein getroffen htte, bald aber sah und hrte ich, wie ein Hund rasch,
aber auf einem Fu hinkend und jmmerlich heulend, mit der brigen
Gesellschaft die Flucht ergriff. Nun begriff ich, da mein Stein ihn
getroffen hatte.

Diese Worte regten die Gemeinde noch mehr auf. Man drang in den Redner,
seinen Namen zu nennen, und die Versammelten waren nicht wenig beschmt,
in ihm den berhmten Magid zu erkennen und suchten durch freundliche,
ehrerbietige Behandlung alles gut zu machen. Am Sonnabend nachmittag
predigte er in der Synagoge vor der ganzen, versammelten Gemeinde,
welche mit Vergngen und Andacht der Rede dieses frommen Mannes
lauschte. Er tadelte so manches, verkndete fr manche Snde die Hlle,
und das Volk weinte. Zugleich versprach er fr die guten Taten das
Paradies in dieser Welt, wie im knftigen Leben, und das Volk jubelte,
da er mit so groem Wissen die Herzen rhrte und die edelsten Regungen
hervorzurufen verstand. Er mahnte auch in freundlicher Absicht zur
Ehrlichkeit im Handel, riet, gutes Ma und Gewicht zu geben, empfahl den
Handwerkern Flei, tadelte dagegen Faulheit und Hochmut, wobei er sehr
gute Volkswitze erzhlte, und forderte das Volk auf, den Sabbath zu
ehren, Gott fr diese Gabe zu danken, da an diesem Tage jeder Jude frei
von Sorge ausruhen, sich dem geistigen Genu ergeben, sich Gott, seinem
Schpfer, nhern knne, was er die ganze Woche ber durch Arbeit und
Sorge zu tun verhindert sei....

Sonntag verreiste dieser verehrte, populre Prediger, von vielen
Bewohnern des Stdtchens ein Stck Weges begleitet.




In der Neustadt.




I.

Es war ein schnes Bild ...


Es war ein schnes Bild, als Kaiser Nicolaus I. inmitten einer
glnzenden Suite stand. Seine von Gesundheit strotzende, hohe Figur
ragte ber seine Umgebung hoch hervor. Seine militrische Paradeuniform,
der fest anliegende Frack mit hochrotem Tuchbesatz und Manschetten, die
Brust mit vielen Ordenssternen dekoriert, die massiven Epaulettes, die
blaue, breite Schrpe quer ber der Brust, das Portepee mit dem Degen an
der linken Seite, der quer auf dem Kopf sitzende Dreispitzhut mit dem
wuchtigen, weien Federbusch verlieh der martialischen Gestalt ein ganz
auergewhnliches Aussehen. Sein Gesicht mit den regelmigen Zgen, dem
glattrasierten Doppelkinn, mit dem vollen, blonden Backenbart drckte
eine wohlwollende, ja eine freudige Erregung aus, auch die energisch
blitzenden, grauen Augen leuchteten, whrend die stramme militrische
Haltung das hohe Selbstbewutsein ausdrckte. Zu seiner Rechten stand
der Kronprinz Alexander II., der damals, im Jahre 1835, noch ein junger
Mann war. Er war von hohem, massigen Krperbau und hatte im Gegensatz zu
Kaiser Nicolaus I., der lichtblondes Kopf- und Barthaar hatte,
rabenschwarzes Haar, einen schmalen schwarzen Lippenbart und Augen von
gleicher Farbe. Sein ganzes Wesen umleuchteten Milde und Freundlichkeit;
keine Spur von dem Selbstbewutsein seines kaiserlichen Vaters! -- Der
Kronprinz hatte schon damals, wie ich mich noch jetzt gut erinnern
kann, alle Herzen der umstehenden Menschenmenge fr sich gewonnen. Und
diese Sympathie rechtfertigte er 1861 als Befreier der Leibeigenen.

Umgeben von zahlreichen Generlen, Adjutanten, Ingenieuren, standen die
Frsten auf dem sogenannten Tatarischen Berge. Der glatte, grne Rasen
lag wie ein Samtteppich vor ihren Fen; und die dunkelblaue
Himmelskuppel berwlbte dieses imposante Bild. Die Sonne bergo es mit
einem Meer von Licht, das sich in den Brillantenorden der goldgestickten
Beamtenuniformen in tausend Regenbogenfarben brach.

Dieses glnzende Schauspiel erschien uns Kindern wie ein Luftgebilde, da
wir neben unserem elterlichen Hause, etwa hundert Faden von dem
obengenannten Berge entfernt, standen. -- Der Kaiser Nikolaus I. zeigte
mit seiner rechten Hand nach verschiedenen Richtungen. Aus den eifrigen
Debatten der Herrschaften konnte die umstehende Menge ahnen, da eine
wichtige Frage besprochen wurde: bald wurde ein General, bald ein
Adjutant vom Berge heruntergeschickt, der unser Haus beschaute und
musterte, die grne Wiese, die um Haus und Garten lag, mit einem Saschen
(russisches Ma = 1 Faden) ma und dann zum Rapport auf den Berg
zurckeilte.

Die gaffende Volksmenge erschpfte sich in tausend Vermutungen und gab
jeder Handbewegung des Kaisers tausend Bedeutungen, -- nur nicht die
richtige. Endlich erfuhr man, da das ganze Terrain der alten Stadt
Brest fr eine Festung erster Klasse von Kaiser Nicolaus I. bestimmt
worden war! Die ganze Tragweite dieses Projektes sollte jedem
Stadtbrger bald klar werden.

Wenige Monate nach der oben geschilderten Begebenheit wurden die
Hausbesitzer der Stadt Brest-Litauen durch einen kaiserlichen Ukas
benachrichtigt, da alle durch eine eigens zu diesem Zwecke eingesetzte
Kommission ihre Huser abschtzen lassen sollten. Die Regierung wrde
eine Abstandsumme zahlen und auerdem ein Terrain vier Werst, das ist
1,5-2 englische Meilen, von der Altstadt entfernt zur Verfgung stellen.
Die Nachricht wurde mit Schrecken aufgenommen. Eine gewisse Ahnung
schlich sich in die Gemter der Brger, da ihr Ruin bevorstand! -- Fr
meine Eltern wurde dieses Projekt zur Katastrophe!... Denn nicht nur
unser prchtiges Haus, sondern auch die groe Ziegelfabrik, die zwei
Werst hinter der Stadt stand, sollte niedergerissen werden. Diese
Ziegelei warf jeden Sommer groe Summen ab, da mein Vater die Lieferung
vieler Millionen Ziegelsteine fr die schon begonnenen, groen
Kasernenbauten bernommen hatte. -- Nur schwer konnte mein Vater den
ersten Schreck ber den neuen Befehl verwinden. Aber er beruhigte sich
wie die brigen Hausbesitzer der Stadt bei der kaiserlichen
Versicherung, da die Regierung fr alle Schden aufkommen wrde. -- Die
Abschtzungskommission, welche die Regierung einsetzte, sollte den Wert
aller Huser der Stadt Brest-Litowsk bestimmen, und die Regierung
versprach sehr ehrlich und gut zu bezahlen. -- Da schickte der Teufel
einen seiner Hllenboten in Gestalt eines Winkeladvokaten. Jude von
Geburt, war er sehr befhigt, Prozesse zu fhren, Bittschriften in
_=russischer=_ Sprache abzufassen, was in den dreiiger Jahren des
vorigen Jahrhunderts in dem noch vorwiegend polnischen Litauen nur
wenige Begnadete vermochten. Bei diesen guten Eigenschaften aber war
dieser Mensch ein Ausbund der gemeinsten Gewissenlosigkeit. Dieses
Subjekt wute bald das Vertrauen der gesamten Hausbesitzer, wie auch
der Schatzkommission zu gewinnen, und alle beeilten sich, ihr Hab und
Gut, das zumeist in dem Besitz ihres Hauses bestand, in seine Hnde zu
legen, damit er ihre Interessen vor der Kommission vertreten sollte. -- Es
dauerte jedoch nicht lange, so entzweite er sich mit beiden Parteien und
denunzierte bei einer hheren Instanz, da alle Schtzungen der
Kommission falsch seien! Da in dieser Denunziation ein Kern Wahrheit
lag, bezweifle ich nicht. Die Interessen meiner armen Eltern aber wurden
durch diesen Racheakt unschuldigerweise schwer getroffen. Da mein Vater
seine Sache vor der Abschtzungskommission _=selbst=_ vertrat, und der
Winkeladvokat nicht auf seine Kosten kam, so wurde auch mein Vater ein
Opfer der Angebereien. Es dauerte nicht mehr lange, als von einer
hheren Regierungsinstanz der Befehl erging, die Abschtzung der Huser
einzustellen, bis eine neue Untersuchungskommission kommen wrde! Da
erhob sich ein allgemeines Jammern! Ein jeder Hausbesitzer wute nun
schon, da er seine Besitzung verlieren wrde. Und jetzt hrten wir
Kinder kein anderes Gesprch mehr im Hause, sei es unter den
Familienmitgliedern oder mit Gsten, als ber das bevorstehende
Niederreien unseres prchtigen Hauses und der Ziegelei. Und jedes Wort
war getrnkt mit der Wut ber den verruchten Winkeladvokaten David, den
Schwarzen, der ber die Stadt Brest-Litauen so schwere Not
heraufbeschworen hatte. Infolge der Denunziation von Rosenbaum (das war
sein Familienname) kam nach kurzer Zeit ein zweiter Befehl, da jeder
Hausbesitzer sein eigenes Haus auf eigene Kosten demolieren sollte, um
noch schneller Platz zu schaffen, andernfalls wrde er zu einer
Geldstrafe verurteilt. Man setzte einen sehr nahen Termin an, bis zu dem
die Huser niedergerissen sein muten. Die Zeit reichte kaum aus, eine
Wohnung in der Neustadt zu beschaffen. Von Neubauten konnte natrlich
nicht mehr die Rede sein. Die Reichen waren nicht weniger ratlos als die
Armen. Wer bares Geld auftreiben konnte, beeilte sich und zahlte das
Dreifache, um sich eine neue Wohnung zu mieten. Aber ihrer waren nur ein
Vierteil der groen Zahl Einwohner der alten Stadt Brest-Litauen; die
groe Masse blieb tatschlich ohne Obdach!

Die Beratungen ber den Kauf eines Hauses in der Neustadt Brest-Litauen
und der bevorstehende Umzug gaben uns Kindern viele Anregungen und
Beschftigung. Mich fror bei dem Gedanken, da ich mich bald von meinen
getreuen Gespielinnen im Cheder und in unserer Nachbarschaft aus der
Vorstadt (Samuchawicz) trennen msse, mit denen wir so traulich
gespielt, und da ich nun die trauten Winkel in ihren Husern und dem
unsrigen verlassen sollte. Ich hatte so stark wie jeder Erwachsene in
unserem Hause das Gefhl, da das ganze Leben meiner geliebten Eltern
eine totale Umwlzung erfahren msse. Wir hofften jedoch, da, wenn die
Untersuchung die Verlogenheit der Denunziation erwiese, alle Schden
ersetzt wrden.

Allein diese Untersuchung dauerte nicht mehr und nicht weniger als
fnfzehn Jahre!... Zeit genug, einen Teil der Hausbesitzer aus ihren
eigenen Wohnungen zu verjagen, zu berauben und ins grte Elend zu
strzen!

Viele wurden zu Bettlern, viele wanderten aus!

Noch jetzt steht mir eine herzzerreiende Szene jener traurigen Zeiten
vor Augen, die mich mit Schauder erfllt! Es war an einem Herbsttage
jenes schrecklichen Jahres 1836, als der bewlkte Himmel wie
zerschmolzenes Blei ber der Erde und ber den Seelen der Stadtbrger
von Brest-Litauen hing. Der Nordwind blies kalt und jagte den
Straenstaub, der die gelben, abgefallenen Bltter der Bume wirbelnd
vor sich her trieb, den Fugngern in die Augen. Ich befand mich gerade
mit meiner Mutter auf dem Heimwege nach der Vorstadt (Samuchawicz). Wir
muten die kleinen, armseligen Huschen der Nachbarschaft passieren. Da
hrten wir ein Durcheinandersprechen von Jdisch und Russisch, ein
Zanken in Russisch, ein Schimpfen in jdischem Jargon und ein lautes
Weinen. Meine Mutter trat, mich an der Hand fhrend, nher. Es war eine
ergreifende Tragdie, die sich vor uns abspielte. Der festgesetzte
Termin fr die Rumung war abgelaufen. Da aber die Einwohner des Hauses
noch kein Obdach gefunden hatten, so glaubten die Unglcklichen, da sie
noch in ihrem alten Heim wrden bleiben knnen. Aber sie irrten sich.
Die Polizei schickte ihre Beamten mit dem Befehl, auf die Rumung zu
drngen und im Falle des Widerstandes die Hausbesitzer buchstblich aus
ihren Husern zu verjagen! Dieser harte Befehl wurde gerade ausgefhrt,
als wir in das Huschen eintraten. Die Wirtin, eine kranke, abgehrmte,
magere Frau mit verzerrtem Gesicht packte ihr Hab und Gut in einen
alten, grn angestrichenen Kasten. Ihr hochbetagter Mann hielt das
kleinste Kind auf seinem Arm. Neben ihm standen noch zwei Kinder, ein
Junge von etwa neun Jahren und ein Mdchen von sechs Jahren, deren
Hndchen und nackte Fe blaurot gefroren zitterten, denn die drren
Leiber waren nur mit Lumpen bedeckt. Auf dem Tische lag ein halber Laib
Brot. Im Ofen brannten, vielmehr rucherten, einige Holzscheite, auf
denen das armselige Mahl kochte. Die Familie wollte gerade essen, da
erschien der Hllenbote und erklrte, da hier fr die Einwohner kein
Raum mehr sei. Ja selbst diesen einen Tag sollten sie nicht wagen, hier
zu bleiben.

Da war keine Zeit mehr fr das Mahl, und rasch ging es an das
Zusammenpacken und Zusammenraffen! Selbst in der rmsten Wirtschaft
haben so manche Stcke, so lange sie von ihrem Fleckchen nicht entfernt
werden, noch ihren Wert. Wenn man sie aber von ihrem Orte rckt,
zerfllt, zerbricht das abgenutzte Zeug. Und wohin sollten diese Armen
ihre armselige Habe bringen, wenn sie noch kein Obdach hatten? Waren sie
doch jetzt kaum imstande, eine kleine Komerne (Schlafstelle) zu mieten.

Die Frau fllte unter Seufzern, Klagen, Schreien und Fluchen ihren
Kasten zur Hlfte mit ihren Armseligkeiten und nahm dann die Kleine vom
Arm ihres Mannes. Der Alte aber begann nun, seine Schtze
einzupacken -- die groen und kleinen Folianten des Talmuds, die
Gebetbcher, die damals jeder Jude, mochte er noch so arm sein,
besa -- und dieser Mann war ein Hausbesitzer! Bald kam die Chanukalampe
an die Reihe, die vier messingnen Sabbathleuchter der Frau, der
Hngeleuchter, die Schabbeskleider, der lange Kaftan, der seidene Grtel
und der Streimel (Pelzmtze). Das brige Hausgert, das Wasserfa, der
wurmstichige Etisch, hlzerne Bnke, mehrere Holzstangen usw. wurden
auf die Diele geworfen, und die Armen stolperten einmal ber das andere
darber. Es war furchtbar! -- Meine Mutter stand mit mir an der Tr und
sprach diesen Unglcklichen Mut und Gottvertrauen zu und suchte auch die
Wut des Polizisten zu dmpfen, der dann auch bald fortging.

Meine Mutter erinnerte an die Bilder, die, im Trubel vergessen, an der
Wand hingen. Da waren Moses mit den heiligen Tafeln auf dem Berge
Sinai, Jacob mit seinen zwlf Shnen, die zwlf Stmme des jdischen
Volkes, und ein Bild der Menorah, jenes siebenarmigen Leuchters, der im
Tempel zu Jerusalem stand. Misrach war dem Bilde aufgedruckt (auf
deutsch Osten), denn nach Osten gerichtet stand jeder Jude beim Gebet.
In hnlichen Bildern suchte der damalige Jude seine Tradition, seine
einstige Glanzperiode seiner Nachkommenschaft zu erhalten! -- Der Wirt
erhob bei dieser Ermahnung seine Augen, wollte die Bilder
herunternehmen, aber die Wirtin schrie mit trnenerstickter Stimme zu
ihm hinber: Sollen sie hier bleiben, diese Bilder!! Wozu haben wir sie
schon ntig in der Komerne? Es ist aus mit uns! Ich bin nicht mehr
Wirtin; du nicht mehr Wirt; wir haben kein eigenes Winkelchen mehr;
sollen auch diese Bilder zum Teufel gehen, wie unser Hab und Gut! O
Gott, warum hast du mich diesen Churben (Zerstrung) erleben lassen!

Der Alte packte geduldig weiter. Und als er seine traurige Arbeit zu
Ende gebracht hatte, holte er einen Bauernwagen und lud seine Habe auf:
den grngestrichenen Kasten, der das wichtigste Gert in sich barg, die
langen hlzernen Stangen und das Bettzeug, worin man die drei vor Klte
zitternden Kinder bettete. Eine zerlumpte, wattierte Decke wurde ber
den Plunder geworfen. -- Der Mann, als der strkere Teil, hatte noch den
Mut, sich in den wsten Rumen umzuschauen, fand aber nichts mehr, das
fortzubringen sich gelohnt htte; dann hob er mit Fassung und beherzt
die Fenster, die Tren und Fensterlden aus den Angeln und trug sie auf
den Wagen. Dafr werde ich doch einiges Geld bekommen, sagte er.

Verlassen stand das Haus ohne Tren, ohne Fenster da -- wie eine Witwe.
Ein Anblick, noch viel packender als der einer Brandsttte. Die Wolken
schauen hoch hinein, und der Herbstwind jagt heulend durch die toten
Rume.

Und langsam fhrte ber die ungepflasterte Landstrae das bis zu den
Rdern in den Kot eingesunkene Gefhrt die gebrochenen, verzweifelten
Insassen in eine hoffnungslose Zukunft nach der Neustadt.

Meine Mutter rief den Armen ein inniges Gotthelf auf den Weg. Die
Wirtin gab ein Seid gesund zurck. Der Mann weinte. Die Kinder aber
begleiteten mit lautem Geschrei diese Szene, keiner dachte daran, sie zu
beruhigen, denn die Trauer dieses Momentes umschnrte alles Sinnen. Auch
ich fhlte, da hier sich ein furchtbares Geschick vollzog, und Trne um
Trne quoll mir aus den Augen.

Daheim erzhlte meine Mutter die eben erlebte Szene, und Schwermut legte
sich auf alle Hausgenossen. Ein jeder hatte das schmerzhafte Empfinden,
da uns bald, vielleicht schon morgen, ein hnliches Schicksal kommen
knnte.

Meine verheirateten Schwestern wuten wohl, da sie fernerhin nicht mit
den Eltern zusammen wohnen konnten, da der Vater sein ganzes Vermgen
mit den liegenden Gtern verlieren wrde. Sie muten daran denken, sich
selbst Wohnungen einzurichten. Eine neue Aufgabe, die ihnen bis jetzt
fremd und unbekannt war, trotzdem eine jede schon eine Familie, einige
Kinder hatte. So sorgenlos, so gemtlich war hier im Elternhause das
Leben mit Mann und Kinderchen. Und nun sollte alles anders werden! -- Die
Sorge legte sich wie zentnerschwerer Stein auf aller Herzen, obwohl die
Behrde im Vergleich zu den anderen Stadtbrgern meinen Vater in dieser
schrecklichen Zeit ohne jede Strenge behandelte. Von Zeit zu Zeit nur
fragte man ihn, wann er nach der Neustadt ziehen wrde, worauf er nur
sagen konnte, da er noch kein Haus gekauft htte. Aber auf die Dauer
konnten uns die Beamten selbst beim besten Willen nicht in der Altstadt
wohnen lassen.

Eines Morgens kam mein Vater aus der Neustadt und erklrte, er wolle
vorlufig nur eine Wohnung mieten. Er hatte auch eine gefunden; die
Mutter solle sie sich ansehen. Wenn sie ihr gefiele, so knnten wir
schon in kurzer Zeit nach der Neustadt bersiedeln. Ich hrte mit
grtem Interesse zu. Trotz der traurigen Szenen bei der bersiedelung
unserer Nachbarn empfand ich doch eine gewisse, frohe Erregung bei dem
Gedanken an die groen, bevorstehenden Vernderungen. Wo die Erwachsenen
schaudernd an die Mhe und Unbequemlichkeit eines Umzuges denken, hat es
fr Kinder besonderen Reiz und Behagen, in eine neue Wohnung zu ziehen.
Vor den leeren Rumen mchte der Groe fliehen, indessen jedes Kind mit
Lust darin umherspringt und lustig auf das Echo seiner lauten Worte
lauscht.

Meine Mutter begab sich mit einer der lteren Tchter auf die Neustadt
und besah die Wohnung. Sie _=mute=_ ihr gefallen.

Und bald ging es ans Packen und Zusammenrumen. Viele Stcke unseres
reichen Mobiliars muten verkauft werden, da die kleinen Rume in der
Neustadt sie nicht alle htten aufnehmen knnen. An einem Dienstag
sollte der Umzug nach der Neustadt vor sich gehen. Zuerst sollten meine
verheirateten Schwestern mit ihren Familien bersiedeln.

Der festgesetzte Tag kam heran. Wir frhstckten noch alle
beisammen -- zum letzten Male! -- am elterlichen Familientische. Alle
schwiegen beredt, bermannt von Gefhlen, die sich durch Worte schwer
ausdrcken lassen! Die Trauer dieses Momentes war inhaltsreich. Die neue
Situation war schwerer als ein Feuerschaden zu ertragen. Hier waltet
die Wucht der Elemente -- die Hand, die wir anbeten, auch wenn sie
zerstrt! Aber Haus und Hof in dem besten Zustande zu verlassen und aus
trauter Heimlichkeit der Ungewiheit einer dunkeln Zukunft entgegen zu
gehen, ist die Qual aller Qualen!...

Nach dem Frhstck wurden die Wagen aufgeladen mit den Mbeln meiner
Schwestern. Meine ltere Schwester, Chenje Malke Gnzburg, wurde
behutsam auf die Strae gefhrt, da sie erst vor kurzem ein Tchterchen
geboren hatte. Das kleine, zarte Wesen wurde in Polsterchen, Deckchen
eingebettet und in den Wagen gebracht, wo noch die zwei lteren
Kinderchen saen. Als wre es gestern gewesen, steht mir das Bild vor
Augen, wie die alte Kinderwrterin Raschke das Kindchen in den leeren
Zimmern aus der Wiege hob, um es meiner Schwester in den Wagen zu
bringen; viele heie Trnen liefen ihr die gerunzelten Wangen
herunter....

Von diesem Tage an hrte das patriarchalische Leben im Hause meiner
geliebten Eltern auf! Es lste sich ein Glied des Hauses nach dem
anderen ab.... Es kamen weit andere Zeiten, als wir bis jetzt gelebt
hatten und niemals wieder kamen wir Kinder so alle unter des Vaters
unumschrnkter Leitung zusammen.

       *       *       *       *       *

In jenen Tagen war es auch, da der jdische Friedhof nach der Neustadt
berfhrt wurde. Mit Bestrzung und Entsetzen vernahm die jdische
Gemeinde in Brest, da die Erde, in der viele Tausend Menschengebeine
seit Jahrhunderten ruhten, fr die projektierten Festungsbauten
verwendet und da der alte Gottesacker mit seinen uralten Gedenksteinen
demoliert werden sollte. War die Zerstrung der Altstadt von Brest ein
finanzieller Ruin, so wirkte diese Kunde von der Entweihung der Grber
geradezu vernichtend auf die Gemter. Vergebens waren alle Bemhungen,
Bittschriften, das Flehen, man mge die Toten ruhen lassen. Umsonst, die
Behrde blieb unerbittlich wie das Schicksal und befahl die Rumung des
Friedhofes.

Und es geschah.

Die ganze jdische Bevlkerung mit dem Rabbiner, Reb L. Katzenellenbogen
an der Spitze, vermehrte ihre Gebete und die Fasttage. Es half alles
nichts. Man mute sich schlielich dem grausamen Befehl fgen. Es wurde
ein Tag festgesetzt, an dem dieses noch nie erlebte Leichenbegngnis von
vielen Tausenden vorsichgehen sollte. Die ganze Judengemeinde, jung und
alt, reich und arm, fastete an diesem Tage. Jeder wollte an der schweren
Arbeit teilnehmen. Nachdem die Mnner, auch viele Frauen, in der
Synagoge in der frhen Morgenstunde -- es war an einem Montag, wie ich
mich entsinne -- mit zerknirschtem Herzen gebetet hatten und der Abschnitt
in der heiligen Rolle vorgelesen war, begab sich die Gemeinde auf den
alten Gottesacker und verrichtete auch da Gebete. Man las Psalmen, bat
die Toten um Vergebung, wie es sonst bei Bestattungen blich und ging an
das traurige Werk.

Einer der schrecklichsten Flche bei den Juden lautete: Die Erde soll
deine Gebeine herauswerfen! Und so sah man den furchtbaren Fluch an
diesen Gebeinen sich vollziehen!...

Schon einige Tage vorher hatte man Sckchen aus grauer Leinwand
angefertigt, die dazu bestimmt waren, die berreste der Toten
aufzunehmen. Und diese kleinen Sckchen gengten vollkommen, den ganzen
Menschen zu bergen, der einst im Leben so stolz, so selbstbewut, so
unersttlich, so unermdlich im Wnschen und Begehren war -- das alles
wurde nun zu einem Huflein Staub, kaum eine Last fr _=eine=_ Hand.

Die ganze Gemeinde beteiligte sich daran, den Inhalt der
aufgeschaufelten Grber in die Sckchen zu schtten, mit einem dicken
Bindfaden zu verschnren und dieselben auf die bereitstehenden Wagen zu
schichten. Hier gab es keinen Unterschied, Rang und gesellschaftliche
Stellung kamen nicht in Betracht. Alle waren gleich. Die ganze
Volksmenge war bei dieser Handlung tief ergriffen. Hier trauerte nicht
eine Familie um einen Angehrigen, sondern eine ganze Bevlkerung um
ihre geschndeten Toten.

Endlich waren alle Grber ausgehoben, viele Wagen mit dem leichten und
doch zentnerschweren Inhalt beladen und mit schwarzen Tchern bedeckt.
Der Kantor stimmte ein Gebet an, sagte Kadisch (das bliche Totengebet),
und der groe Kondukt setzte sich in Bewegung. Viele folgten dem Zuge
den langen Weg von der Altstadt in die Neustadt barfu. Ein solches
Leichenbegngnis war noch nicht dagewesen. Die Regierung hatte Militr
gestellt als Ehreneskorte, zum Teil vielleicht auch darum, weil unter
den ausgegrabenen Leichen sich viele Opfer einer groen Epidemie
befanden. Die Soldaten schritten mit geschultertem Gewehr dicht neben
den Wagen; die Brgerscharen folgten in tiefem Schweigen.

Auf dem neuangelegten Friedhof, bei dem Dorf Bereswke -- sechs Werst von
der Altstadt -- wurden die Sckchen mit den Gebeinen derjenigen, auf deren
Grbern man keine Leichensteine vorgefunden hatte, in Massengrber
versenkt, whrend die berreste der anderen in einzelnen Grbern
beerdigt wurden, auf die man die alten Steine wieder setzte. Da kann man
noch heute die hebrischen Inschriften lesen, die einige Jahrhunderte
zurckfhren. Der Grabstein des Rabbiners Abraham Katzenellenbogen
lautet in der bersetzung:

     Hier ruht der groe Rabbi, unser Gaon und Lehrer Abraham ben David
     des gewesenen Rabbiners in Brest, Litauen, gestorben 1742.

Auf einem anderen Leichenstein liest man:

     ffnet die Tore und lasset den Gerechten eintreten! Hier ruht der
     berhmte Gaon, der heimgegangene Josef ben Abraham, sein Andenken
     sei gesegnet. Mge seine Seele im Reiche des Ewig-Lebenden
     aufgenommen sein!

Die Jahreszahl ist verwischt. Auf einem anderen Steine steht:

     Hier ruht der auerordentlich tugendhafte Rabbi und Prediger,
     unser Lehrer und Leiter, Kiwe's Sohn Moses, verschieden Montag, am
     Vorabend des Vershnungstages 5591 nach Erschaffung der Welt. Er
     ist hingegangen, wo das Licht seiner Weisheit ewig leuchten
     wird.... Er spricht zu uns in seinen Werken und lebt nach seinem
     Tode fort.... Der Duft seiner blumenreichen Sprache ist
     unvergnglich.[T]

Es dunkelte bereits, als die Massen-Beerdigung auf dem neuen Friedhof zu
Ende war. Nach dem vollbrachten Werk zerstreute sich die Menge wieder
lautlos.

An diesem Abend herrschte in unserem Hause groe Trauer. Meine Eltern
standen unter dem tiefen Eindruck dieses schweren Tages.

Im Innersten bewegt, waren sie stumm und in sich gekehrt. Es wurde nicht
gesprochen, man hrte keinen Laut. Alle waren mit ihren Gedanken ber
den Tod und die Vergnglichkeit des irdischen Lebens beschftigt.

Die Stadt Brest konnte an diesem Tage viele Heilige aufzhlen, die alles
Irdische vergaen und dessen Vergnglichkeit erkannten.

Vielleicht, da dieser schwere Tag sich lhmend auf die Schwungkraft
meines teuren Vaters legte. Er hat sich eigentlich von dem schweren
Schlage, der ihn von seiner Scholle ri, nie recht erholt.

Nach fnfzehn Jahren vieler schwerer Prozesse bekam mein Vater von der
Regierung eine ansehnliche Summe Geldes fr seine liegenden Gter. Aber
er war ein alter Mann, seinen Geschften entfremdet und ein rechter
Bankdrcker geworden -- ein Gelehrter, dessen Ttigkeit nur in seinem
Studierzimmer an Talmudfolianten fruchtbar werden konnte.

Es gab wohl noch mancherlei Auftrge fr den Festungsbau. Aber es war,
als wre der Vater aus seiner Wurzelerde herausgerissen -- es wollten
keine Frchte mehr reifen.




II.

Ein Sabbath.


Mit der bersiedlung von der alten Stadt Brest in Litauen nach der
Neustadt nahm das Leben in meinem Elternhause eine ganz andere Form an.
Whrend das alte Heim, vom Gastzimmer bis zur Wagenscheune, vornehm
eingerichtet war, waren hier die kleinen Rume rmlich. Zwar waren es
noch die alten, mit Goldbronze imprgnierten Mahagoniholzmbel, die
diese kleinen Rume erfllten, aber ach, in welchem Zustande!
Verblichen, schbig. Von mancher Garnitur fehlten schon Stcke, mancher
Tisch hinkte auf einem Fu, die Lehnen der Sthle boten keinen sicheren
Halt mehr, von den Rahmen der groen Spiegel war das Gold abgeritzt.
Aber die Wohnung ist immer ein Spiegelbild ihrer Bewohner! Beiden sah
man an, da sie einst freundliche Tage gesehen. Das Material war im
Kerne solid und hatte seine guten Dienste geleistet; und htte jetzt
noch das Schicksal einen gtigen Blick auf Menschen und Mbel geworfen,
so htten sie noch den alten Glanz annehmen knnen! Aber das Schicksal
war unhold fr lange, lange Zeit.

Jedoch war jene Periode fr meinen Vater eine der inhaltsreichsten. Sie
brachte den Adel seiner Individualitt zum Vorschein. Er hatte mehr als
frher Zeit und Gelegenheit, seinen Nchsten mit Rat und Tat
beizustehen, sich durch seine groen, talmudischen und sonstigen
Kenntnisse in der hebrischen Literatur Liebe und Verehrung in der
jdischen Gesellschaft zu erwerben.

Nachdem er alle seine Geschfte liquidiert hatte, widmete er sich dem
Talmudstudium vollends und lebte Al hatauro w'al hoawaudo (der Lehre
und dem Gottesdienst)! Der Tag war in unserem Hause so eingeteilt, da
fr Talmudstudien so viel Zeit wie fr Essen und Schlafen gelassen
wurde. Auch hier in der kleinen Wohnung war sein Kabinet mit vielen
Fchern versehen, wo zur frheren Bibliothek noch viele Bcher
hinzugekommen waren, und dort schrieb er im Anfange der vierziger Jahre
die beiden Werke, von denen ich schon vorher berichtet habe.

Auch in dem neuen Heim pflegte mein Vater um 4 Uhr frh, im Sommer wie
im Winter, aufzustehen und seine Morgengebete singend zu verrichten.
Diese Gebete hatten keine zusammenhngenden Weisen. Es waren mehr
Rezitative; aber meinem liebenden Kinderherzen schmeichelten sie sich
wie die schnsten Melodien ein. Unter diesen Tnen pflegte ich
aufzuwachen und in einer tiefen, religisen Stimmung bis zum
Tagesanbruch zu trumen. Man knnte aber glauben, da die Lebensweise
meinen Vater von uns Kindern entfernte und von ernster Erziehung
abhielt. Dem ist jedoch nicht so. Er hatte immer noch Zeit und Lust, den
Gemeindeangelegenheiten sein grtes Interesse entgegenzubringen und mit
seinen zrtlichen, vterlichen Augen, seinem weisen Worte Sitten und
Gehaben der Kinder zu berwachen.

Wohl war unter den neuen Verhltnissen vieles anders geworden, aber
unser Betragen, unser gemessenes Selbstbewutsein aller Welt gegenber
vernderten sich nicht, wenn auch mit dem Verlust des groen Vermgens
in der Altstadt, d. h. mit dem Niederreien unseres Hauses und der
Ziegelei der Wohlstand meiner Eltern schwer erschttert worden war.
Viele der kostbaren Sachen verschwanden aus dem Hause, aber die
kostbarere Persnlichkeit aller im Hause blieb erhalten. Unser Haus
blieb auch jetzt der Sammelpunkt der intelligenten Gesellschaft. Jeder
vornehme Gast, der in die Stadt Brest kam, kam zuerst zu uns, wo er
sicher war, herzlich willkommen zu sein. --

Unsere Kleidung war unter den gegenwrtigen Umstnden einfach, jedoch
war keines der Kinder auf die teuren Kostme der Freundinnen neidisch.
Das Leben im Hause flo auch jetzt regelmig, gemtlich dahin. Die
sechs Wochentage vergingen ohne Sonderheit. Der Freitag jedoch zeigte
ein anderes Gesicht, wurden doch schon vor Tagesanbruch in der Kche die
Vorbereitungen zum Sabbat getroffen, die herrlichen, groen Strietzeln
und mancherlei Kuchen gebacken, wobei ich der Kchin bereitwillig half
und dafr das erste Se zu essen bekam. Ich zhlte damals schon 14
Jahre. -- Schon frh am Tage standen die Hausgenossen auf. Wir
frhstckten warmes Weibrot mit Butter und Kaffee. Ich schrieb einen
Zettel, auf dem alle Besorgungen fr den Sabbat, alle Einkufe auf dem
Markte verzeichnet waren, bewaffnete mich mit einem Handkorb und
Serviette, und begab mich auf den Marktplatz, wo meine vornehmlichste
Aufmerksamkeit der ersten Besorgung, den Fischen, galt, den Fundamenten
eines richtigen Sabbats! Auf gute Fische legte mein Vater groen Wert.
Ich kaufte den allerfrischesten Hecht, der bei uns Juden in besonderer
Gunst steht, machte mich dann an die Obstgestelle und ging raschen
Schrittes nach Hause, wo ich meine Mutter, den Sabbatabschnitt lesend,
fand. Bei meinem Erscheinen jedoch legte sie die Bibel zur Seite und
betrachtete meine Einkufe. Mein Vater kam auch aus seinem Kabinet,
besichtigte den Fisch, blieb meistenteils zufrieden, ermahnte mich, viel
Pfeffer beim Kochen zu geben, versprach sich guten Appetit dabei; und
nachdem ich den Fisch der Kchin zum Reinigen bergeben, band ich mir
eine lange Schrze um, machte mich rasch an die kleine Wsche der
Taschentcher des Vaters, der Kragen und Musselinrmelchen, welche noch
bis vor Abend zur Sabbattoilette der Eltern getrocknet und geplttet
werden muten. Dann kam der Fisch an die Reihe. Mein Vater liebte es,
der Prozedur zuzuschauen, und schmunzelnd lobte er meine Fertigkeit,
kostete von der Sauce, und mahnte nochmals, noch mehr Pfeffer zu
zugeben. Nach vielem Probieren und Schmecken wurde der Fisch fertig. Ich
legte diesen auf die Schssel, stellte sie auf einen Topf heien
Wassers, damit die Sauce nicht eintrockne. Noch einmal wurde das Gemse
gekostet, das Fehlende zugegeben, und dann der Kchin der Platz am
Herde gerumt. Von da ging ich zum Teetisch, wo ich fr die Eltern und
meine Geschwister den Tee bereitete und einschenkte. Am Freitag wurde er
frher als gewhnlich eingenommen und in aller Eile getrunken. Hernach
ging ich durch alle Zimmer, um die letzte Hand an das Reinigungswerk zu
legen, bald eins, bald das andere von den Mbeln zurechtzustellen, den
Staub in den Winkeln zu entfernen usw. Unterdessen war die kleine Wsche
getrocknet. Ich machte mich ans Pltten. Hernach verteilte ich an die
Eltern und Geschwister die groe Wsche. Alle im Hause machten
Sabbattoilette. Die meine bestand im Winter in einem wollenen Kleidchen
blauer Farbe, meiner Lieblingsfarbe; im Sommer in einem steif
gepltteten Kattunkleidchen. Die Jugend mute mir Samt und Seide
ersetzen.

Meine Eltern begaben sich in den nur fr den Sabbat bestimmten Kleidern
in die Synagoge, meine Mutter freilich erst, nachdem sie mit einem
weien Tischtuch den Tisch bedeckt, auf den oberen Sitz die zwei
Sabbatbrote gelegt, die sie mit eigens dazu hbsch gesticktem Deckchen
verhllte, dann wurden die Kerzen mit einem Segensspruch angezndet,
wobei sie der brigen zwei Gebote fr jede jdische Frau gedachte. Sie
dankte in diesem Gebete Gott, da es ihr bestimmt ist, die Gemcher zum
Sabbatfest zu beleuchten. Whrend sie in der Synagoge war, hatten wir
drei Mdchen auch die Pflicht, jede zwei weitere Kerzen am Freitag Abend
im Kronleuchter des Ezimmers anzuznden. Auch in den brigen Zimmern
wurden die Kerzen in den Wandleuchtern angesteckt. Und bald strahlte das
ganze Haus im Kerzenglanze. Wir Mdchen in frischer Sabbattoilette
fhlten uns in den geputzten Rumen in jener Stimmung, von der die
Chassidim sagen, da der Himmel fr Sabbat die Neschome Jessaire, die
zweite Seele verleihe. Diese Zeit war die einzige in der Woche, wo wir
Mdchen, ohne gestrt zu werden, unsere russischen, polnischen,
deutschen und jdischen Lieder mit ganzer, voller Stimme singen konnten.
Ein anderes Mal wurde getanzt, wozu sich unsere Nachbarskinder
einfanden. Auch das Beten wurde nicht vergessen! Unterdessen deckte der
Bediente den Tisch zum Abendessen. Auf Vaters Platz stellte ich den
groen, silbernen Becher mit der Karaffe Wein. Wir erwarteten die Eltern
von der Synagoge. Der Vater kam, und schon wenn er mit seiner krftigen
Stimme gut Sabbat rief, kehrte die ganze Sabbatgemtlichkeit bei uns
ein. Er breitete seine Hnde aus, und wir Kinder empfingen, die lteren
zuerst, den Segen. Des Vaters Gesicht strahlte in glcklicher
Sabbatruhe, in seinen lachenden Mienen ruhte der Frieden der Seele.
Sorgen und Kummer, von denen er die letzte Zeit so reich geplagt war,
waren verjagt, vergessen -- von ihm und seinem Hause. Er betete ber unser
vor Liebe und Verehrung gebeugtes Haupt, whrend er es oft in seine
Hnde drckte und streichelte. Zu einem Ku jedoch und hnlichen,
zrtlichen uerungen durfte es nie kommen, da Religiositt und
sittliche Anschauungen sie nach damaligem Begriff als Leichtfertigkeiten
verpnten.

Nachdem wir alle des Vaters Segen erhalten, wurden vom Vater und den
brigen Herren Verse, die man Scholem Alechem -- Friede mit
euch -- nennt, gesungen, mit denen jeder Jude seinen Sabbatfriedensengel
empfngt. Darauf folgt der Lobgesang auf die arbeitsame Hausfrau (Psalm
18), die Esches Chajil, die Heldenfrau. Der Frau, die aufsteht, wenn
es noch Nacht ist, und die Speise fr ihren Mann und Kinder und Gesinde
bereitet, ihren Handarbeiten und rot gewebten Grteln gilt das Lob in
den Stadttoren. Sie ist eine Krone fr ihren Mann. Doch Schnheit und
Anmut ist eitel Tand, vergnglich, und nur der gottesfrchtigen Frau
gilt alles Lob. Diese Gesnge pflegten die Mnner, im Zimmer auf- und
abgehend, in einer schnen Weise zu singen. Ich war damals Backfisch und
pflegte mich bei diesen Gesngen, da ich sie zur Hlfte verstand,
ordentlich stolz zu fhlen, und nahm mir vor, des Lobes selbst wrdig zu
werden. -- Mein Vater machte Kidusch, trank zur Hlfte den Inhalt des
Bechers und gab ihn der Mutter, die davon nippte, und ihn uns Kindern
der Reihe nach reichte. Dann ging es, ohne ein Wort zu sprechen, ans
Hndewaschen; und ein Gebet beim Abtrocknen wurde gesprochen. Diese
Handlung, die trotz der vielen Anwesenden, doch so still verrichtet
wurde, reizte uns Kinder oft zu leisem Flstern, noch fter zu einem
ganz verfhrerischen Kichern. Aber ein strenger Blick des Vaters
verjagte allen Mutwillen. Der Vater sagte ein Gebet ber die zwei Brote,
die man Lechem Mischne nennt, schnitt das eine in zwei Teile, a davon
einen Bissen und sprach, bis er ihn verzehrt hatte, kein Wort. Wir alle
am Tisch bekamen auch eine Scheibe. Der Fisch wurde aufgetragen, eine
fromme Sabbathymne mit lieblichen Melodien gesungen. Dann folgte die
fette, schmackhafte Nudelsuppe; dann ein zweites Lied, bei dem wir
Mdchen leise mitsummten. Laut durften wir es nicht tun, da es als eine
Snde fr die Mnner galt, weibliche Stimmen singen zu hren! Mit einem
Gemse endete die Mahlzeit. Zum Schlu wurde ein Dessert gereicht das
aus pfeln, gersteten Nssen, abgekochten Erbsen bestand. Die Mtzen
wurden aufs Neue aufgesetzt, Wasser ber die Finger gegossen, das Majim
Acharaunim, d. h. das letzte Wasser genannt wird. Mit der Rezitation
des Tischgebetes wurde einer der Herren der Tischgesellschaft beehrt,
dem ein Becher mit Wein gefllt wurde, und alle fielen mit einem Amen
an bestimmter Stelle ein. Nach dem Abendbrot blieb man nicht mehr lange
beisammen; schon um zehn Uhr lag das ganze Haus in tiefem Schlaf.

Mein Vater, seiner Gewohnheit treu, wachte um 4 Uhr frh auf, da er
jedoch des Sabbats wegen, selbst kein Licht anznden konnte, rief er den
Bedienten und befahl, da er dem christlichen Nachtwchter auftragen
solle, Licht ins Haus zu bringen. Der Bediente brachte auch bald
Michalka, den bewhrten Nachtwchter, der die Kerze in Vaters Kabinet
und in der Kche fr den Bedienten anzndete. Vater sang seine
Morgengebete, bltterte ein wenig in dem groen Talmudfolianten, trank
seinen Tee, der, gestern zubereitet, auf dem groen Kchenofen im heien
Sand bis zum Morgen hei geblieben war. (Der Samowar wurde in meinem
elterlichen Hause nie am Samstag aufgestellt, auch kein Kaffee oder
sonst eine Speise gekocht oder gewrmt.) Und nun begab sich mein Vater,
in finsterer Nacht, im Winter des tiefen Schnees, des Frostes nicht
achtend, nach dem sogenannten Chewra-thillim-bethamidrasch, die ihren
Namen herleitet von der bung, jede Woche alle Psalmen von Anfang bis zu
Ende zu sagen. Jeden Tag wurde ein Teil im Chor gesungen, wobei einer
von der Gemeinde mit dem ersten Satze im Kapitel anfing und die Gemeinde
ihm folgte. Mein Vater gehrte zu diesem Verein, beteiligte sich jedoch
an dem Gesange nur am Samstag. Die Mitglieder dieses Vereins bestanden
grtenteils aus Handwerkern, denen es die ganze Woche unmglich ist,
sich in frher Morgenstunde diesen seelischen Genu zu gnnen. Heute
aber ist der heilige Sabbatruhetag, der schon von gestern vor Abend
begonnen hat. Jeder Jude hat schon um 9 Uhr abends gestern in tiefem
Schlaf geruht, ist um 4 Uhr nach Mitternacht physisch und geistig
gestrkt erwacht und hat mit Wonne seiner Gemeinde im bethamidrasch
gedacht, wohin er unverzglich sich begab, und wo er im hell
beleuchteten, gut durchwrmten, gerumigen Bethause seine Kameraden
traf. Es ist keine bestimmte Weise zu diesen Psalmen vorgeschrieben,
aber ein jeder Jude gibt den Worten der Psalmen, die er ganz versteht
und tief empfindet, und in denen er seine eigenen Erlebnisse findet, die
passende Melodie selbst, weil sie ihm aus innerster Seele kommt; und mit
diesen individuellen Tnen preist er und singt seinem Schpfer
Hallelujah. So ging es bis Tagesanbruch, wo dann das Morgengebet
Schachari߫, das Mittagsgebet Musaph gebetet wurden, und dazwischen
der Wochenabschnitt aus der Thora gelesen ward. Gegen 11 Uhr vormittags
ging dann jedes Mitglied der Gemeinde in der besten Stimmung nach Hause,
nicht zuletzt, weil es wute, da seiner schon von gestern her ein
schmackhaftes Mittagessen harrte. Jeder ergtzte sich an Schalet und
Kugel, den der Sabbatengel so prchtig abgekocht hat. Dieser Schalet,
von dem Heinrich Heine behauptet, da die Bewohner des Olymp
Griechenlands nur deswegen Ambrosia speisten, derweil sie von Schalet
nichts wten! -- Wir Kinder waren schon in vollem Sabbatputz. Der Vater
segnete uns und machte Kidusch ber einen Becher Wein. Wir muten auch
davon nippen. Darauf wurde mit Honigkuchen und Konfitren in Honig und
Zucker angebissen.

Unterdessen trug der Bediente gesalzene, kalte Fische auf, hartgekochte
Eier mit Zwiebelsalat, Gnseleber, Gnsefett, Rettig, Kalbsfe mit
Eiern und Knoblauch; die bitteren, pikanten Kruter, an denen sich
unsere Vorfahren schon in der Wste erlabten, ergtzen noch bis heute
die Nachkommen Jacobs. Nachdem die Tischgesellschaft den ersten Hunger
gestillt hatte, wurde der Schalet aufgetragen. Er schmeckte
vortrefflich! Obwohl die Speisen mehr als 20 Stunden im Ofen gestanden
hatten, bekamen sie jedem gut. Die damaligen, jdischen Magen waren gut.
Je fetter der Kugel, das Symbol des Sabbatmittagmahles war, um so
schmackhafter erschien er den Tischgenossen und er fand Gnade! Auch
heute wurden fromme Lieder, Hymnen auf die Sabbatruhe, mit munteren
Weisen im Chor gesungen. Am Sabbat nach Tisch zu schlafen, ist eine
Mitzwa und -- wir waren fromm! Nur wir Kinder konnten uns jetzt
austoben, im Ezimmer whrend des Winters, auf Wiese, Berg und Tal im
Sommer.

Am Sptnachmittag gingen die Mnner wieder ins Bethaus zum
Vorabendgebet. Es war in der Dmmerung. Daheim mute dann die dritte
Sabbatmahlzeit gegessen werden. Auch die Kinder hatten nach ihrem
Umhertollen Wolfsappetit. Bei dieser Schalssude im Halbdunkel vor
Abend muten Fisch und Fleisch nach Vorschrift gegessen werden. Auch
jetzt wurden schne Hymnen gesungen und dann das Tischgebet verrichtet.
Darauf ging alles wieder in die Synagoge zum Abendgebet, und es war
schon dunkel, als die Mnner zurckkehrten. Alsdann betete mein Vater
bei einem Becher Wein Awdole.

Dann wurden weiter wohlklingende Smiraus gesungen d. h. Verse,
die sich auf die kommende Woche (Werkeltage), auf Sonne, Mond und
Sterne beziehen. -- Der Abend war noch ein halber Feierabend, an
dem nichts gearbeitet wurde. Gegen 11 Uhr wurde aufs neue eine
Mahlzeit eingenommen, die sich reb Chidkes Ssude -- Melawe Malke
-- Abschiedsgebet fr die Knigin Sabbat nannte. Fr dieses Mahl
wurde ein Borscht, eine aus Geflgel und roten Rben bestehende
Brhe, gekocht, die erst um 11 Uhr fertig wurde, da man Feuer erst
dann anmachen durfte, wenn es vollstndig Nacht war. Alle, selbst wir
kleinen Kinder, muten zu dieser spten Mahlzeit zu Tisch kommen. Mit
dieser spten Mahlzeit endete erst die Sabbatfeier.




III.

Evas Hochzeit.


Ich war 15 Jahre alt, als meine zwei Jahre ltere Schwester verlobt
_=wurde=_. Ja, sie _=wurde=_ verlobt und nicht (wie es jetzt bei den
Mdchen heit) sie haben sich verlobt. Unsere Eltern und die des
Brutigams unterhandelten durch den Heiratsvermittler schadchen
miteinander und besprachen, wieviel Mitgift, Kleider und Schmuck von
beiden Teilen der Heiratspartei gegeben werden solle. Meine Schwester
bekam ihren Brutigam, ihren Lebensgefhrten, vorerst berhaupt nicht zu
Gesicht und konnte sich nicht berzeugen, ob sie ihn lieben knnte, und
ob er ihrem Geschmack und den Idealen entsprche, die sich ein Mdchen
von ihrem Zuknftigen heimlich bildet. Unsere Eltern teilten ihr nur
mit, da ein gewisser Herr F. aus der Stadt S. um sie werbe. Und da er
aus gutem Hause, reich, nicht hlich, und schon ein selbstndiger
Kaufmann (zwar schon einmal geschieden) wre, fanden unsere Eltern diese
Partie zweckmig und gaben ihre Zustimmung. Nun sollte es auch meine
Schwester tun. Weit entfernt, den mindesten Zweifel in die Worte der
Eltern zu setzen, machte meine Schwester keinerlei Einwendungen. Mit
dem, was die Eltern bestimmten, war man eben einverstanden! Da sie mit
der Wahl zufrieden war, war selbstverstndlich; war es doch blich, in
dieser Form die Tchter zu verheiraten und -- sie waren in der Ehe
glcklich. Die Mdchen von anno damals wuten, da der Mann, den ihnen
die _=Eltern=_ bestimmten, von _=Gott=_ bestimmt war. Gott wollte, da
er ihr Lebensgefhrte wurde, und so fgte man sich vom ersten Augenblick
in alle Schicksale des Ehelebens mit Geduld und Ergebung, richtete
danach Sinn und Tun ein. So wurde die damalige Ehe von Frau und Mann als
ein _=heiliges=_ Band betrachtet, das nur der Tod trennen kann, und
nicht wie jetzt, wo die Ehe lediglich auf dem guten _=Willen=_ der
Ehegatten basiert ist. Bei einer auf die alte Weise geschlossenen Ehe
kamen selten Zwist oder Uneinigkeit unter den Gatten vor; meistenteils
haben sie ein glckliches, zufriedenes Leben bis zum hohen Alter
gefhrt, und ein solches war auch meiner Schwester vom lieben Gott
beschieden.

Meine Schwester wurde also Braut, bekam von ihrem Brutigam hbsche
Brillanten zum Geschenk geschickt und sehr oft Briefe, auf die sie
sofort antwortete. Der Briefwechsel war zwar nicht ohne gewisse innere
Anteilnahme, Anhnglichkeit und Liebe, aber durchaus nicht
schwrmerisch. Immerhin kam doch darin zum Ausdruck, da man sich
nacheinander sehnte und mit Herzenslust einen Brief erwartete und
empfing.

So vergingen fnf Monate. Eines Morgens, da meine Mutter mit uns allen
beim Frhstckstisch sa, sagte sie zu meiner Schwester: Ich hoffe, da
deine Hochzeit nach drei Monaten stattfinden wird. Meine Schwester
wurde bei den Worten der Mutter bla. Die Mutter fing an, sie mit
einschmeichelnden Worten zu beruhigen. Mit lchelnden Mienen, aber doch
ganz ernst, sagte sie: Es ist schon Zeit, du bist bereits achtzehn
Jahr! Meine Schwester aber antwortete nichts, stand rasch vom Stuhl
auf, ging in ihr Zimmer, wo sie heftig zu schluchzen anfing. Welche
Gefhle ihr diesen Trnenstrom erpret haben, konnte man wohl erraten.
Unsere Mutter legte jedenfalls weiter kein Gewicht darauf. Meine
Schwester selbst konnte sich ber ihre Trnen wohl keine Rechenschaft
geben. Vielleicht hat verletzter Stolz sie erpret; sie kannte nicht
einmal ihren Brutigam persnlich und sollte ihn erst zur Hochzeit zu
sehen bekommen.

Nun fingen die Vorbereitungen zur Hochzeit an. Zuerst Garderobe! Es
wurden von den Geschften Stoffe, Zeuge, Leinwand usw. gebracht. Meine
Schwester aber kmmerte sich scheinbar nur wenig darum. Sie wurde
nachdenklich, still, und ging in sich gekehrt herum. Meine Mutter und
die lteren Schwestern bestellten die Nharbeit. Die Braut aber schrieb
jetzt fter an ihren Brutigam, wohl um ihre erschtterte Ruhe
wiederzufinden. Die Antworten waren sehr liebenswrdig.

Unsere Eltern und die des Brutigams setzten bei der Verlobung als den
Tag der Hochzeit einen Donnerstag im Septembermonat des Jahres 1848
fest. (Es war ein Rausch Chaudesch.) Ich sollte schon ein langes Kleid
zu dieser Hochzeit bekommen -- als lteres Mdchen im Hause, folglich auch
Kandidatin der Ehe. Die Wirtschaft und Vorbereitung zur Hochzeit nahm
mich sehr in Anspruch. Tagelang hatte ich in der Kche mit Backen,
Braten, Kochen zu tun. Aber ich liebte diese Beschftigung, whrend
meine Schwester das Lesen und Nhen vorzog. Meine lteren Schwestern
besorgten den Hausrat und die Kleidungsstcke fr die Braut. Sie bekam
ein hell-lila Seidenkleid, mit weien Blendenspitzen besetzt, zum
Brautkleid, einen Myrtenkranz und langen Schleier dazu. (Der Anzug war
im Vergleich mit den damaligen Sitten auffllig modern!) Sonnabend vor
dem festgesetzten Termin war Polterabend, damals nannte man ihn
smires. Alle Freundinnen und Bekannten kamen, und wir waren lustig und
tanzten uns mde, da wir Mdchen auch die Kavaliere vorstellen muten.
Mit einem Mann zu tanzen, verbot unsere religise Erziehung. Vater und
die bekannten Herren sahen zu und ergtzten sich an dem schnen Anblick
des Solotanzes der russischen Kasatzke, der so reich ist an
knstlerischen Tanzfiguren, an grazisen Bewegungen und Schwenkungen.
Bald war die im raschen Tempo getanzte Galoppade an der Reihe, die zu
zweien in der Runde des Salons getanzt und wobei in jeder der vier
Zimmerecken fr einen Moment Halt gemacht wurde. Dazwischen kam auch das
lustige Tnzel Bgele, eine Art Rundtanz, dann chosidl, zu dem eine
hchst muntere Weise mit Fanfarenmusik und Tamburin gespielt wurde.
Endlich wurde auch der Contredanse gar zierlich-manierlich getanzt. Der
Walzer aber war nicht sonderlich beliebt.

Die Tage von Sonnabend bis Donnerstag waren unruhig und reich an Arbeit.
Aber an jedem Abend dieser Tage kam die Musik, um der Braut einen guten
Abend aufzuspielen, einen dobri weczer und an jedem Morgen hrten wir
ein Guten-Morgen-Stndchen, dobri dsen, wobei wir Mdchen ein
lustiges Tnzchen machten. Es herrschte ganz die patriarchalische Sitte,
die fordert, da die jdische Hochzeit vier Wochen dauern soll. Meine
Schwester hoffte, da ihr Brutigam wenigstens zwei Tage vor der
Hochzeit kommen wrde und war in den letzten Tagen munterer geworden.
Als jedoch schon der Mittwoch der letzten Woche nahte, und ihre
Hoffnung sich nicht erfllte, wurde sie verstimmt und weinte im Geheimen
oft, und ihr ganzes Wesen sprach von Ungeduld. Die Vorbereitungen zur
Hochzeit nahmen ihren Fortgang, und der festgesetzte Hochzeitstag, ein
Donnerstag, lie sich mit prchtigem Wetter und Sonnenschein an -- ohne
jedoch den Brutigam in unsere Stadt zu fhren.

Doch kaum war es 11 Uhr geworden, als eine Estafette die ungeduldig
erwartete, frohe Nachricht brachte, da der Brutigam und seine
Begleitung auf der letzten Poststation angelangt seien und
weiterreisten. Eilig kleideten wir uns an; das Frhstck wurde bereitet.
Ich mute helfen und wurde darum nur zur Hlfte mit der Festtoilette
fertig. Die Braut aber wollte sich nicht eher ankleiden, bis sie erst
ihren Brutigam gesprochen htte -- ein Verlangen, das uns heute nur recht
und billig klingt. Allein ein strenger Blick unserer Mutter und ein Wort
der Schwestern waren hinreichend, diese Forderung aufzugeben. Bald
erschien die Schwester brutlich gekleidet; in den Spiegel freilich
hatte sie kaum geschaut! Ihre Seufzer lieen den Sturm ihrer Gefhle
ahnen! Es lag in der Wucht der Sitten jener Zeit, da sie ruhiger wurde
und sich damit abfand, erst im Trauungskleide zum ersten Male ihren
Lebensgefhrten zu Gesicht zu bekommen.

Es war 12 Uhr geworden. Die Einladungen zur Trauung an die Freunde und
Bekannten waren in der Frhe desselben Tages verschickt worden, und
einige Gste fanden sich schon ein. Musik erklang und unsere Eltern
traten mit ernsten Gesichtern, bewegten Herzens und trnenvollen Augen
in den Hochzeitssaal, in ihrer Mitte die jugendliche, hbsch
geschmckte, erregte Braut am Arm haltend. Meine Schwester war keine
ausgesprochene Schnheit, aber ihre hohe Statur, ihr stolzes,
hochragendes Haupt, die hohe Stirn und klugen Augen lieen auf ihren
Verstand schlieen. Der Ernst dieser Stunde war bei ihr, wie es schien,
von einem romantischen Glanz umleuchtet und go ber ihre strengen
Gesichtszge die milde Hingebung und Ergebung, die wir in der letzten
Zeit bei ihr vermiten. -- Mein Vater hatte inzwischen den Brutigam in
seinem Logis begrt, und er konnte meine Schwester mit berzeugung
versichern, da der junge Mann ein liebenswrdiger Mensch sei. Unter den
Klngen einer zu Trnen rhrenden Musik, wie es bei hnlichen
Gelegenheiten blich und passend ist, fhrten unsere Eltern die Braut
bis in die Mitte des Hochzeitssaales, wo auf einem Teppich ein Armstuhl
mit einer Fubank stand, und mit trnenerfllten Augen lieen sie die
Braut aus ihren Armen darauf nieder. Sie blieb nachdenkend, in sich
gekehrt, sitzen. Bange Erwartung, freudige Erregung, der Gedanke, sich
frs ganze Leben zu fesseln, durchtobten sie..... Ach! Ein
Frauenleben!... Wieviel sagt doch dieses eine Wort ... Der Vater
entfernte sich, die Mutter aber und wir alle, reich geschmckt, blieben
in ihrer Nhe. Es dauerte auch nur kurze Zeit, als wir aus dem Vorzimmer
den Bedienten melden hrten, da der Brutigam vorgefahren sei. Meine
Mutter erhob sich und warf einen unruhigen, aber von mtterlichem Stolz
erfllten Blick auf die Braut, die bla und starr vor sich hinsah. Sie
sprach ihr nochmals mit zrtlichen Worten Mut zu und begab sich dann in
den zweiten Salon, um die willkommenen Gste zu empfangen. Der Vater
trat ihnen schon im Vorzimmer entgegen, umarmte und kte den Brutigam
und fhrte ihn ins zweite Zimmer zur Mutter, die nach damaliger Sitte
weder durch einen Hndedruck noch durch einen Ku ihre Freude oder
Zufriedenheit uern durfte. Aber ihre Augen und ihre hastigen Worte
sagten, da sie zufrieden war. Der Brutigam schien der zrtlichen
Umarmung des Vaters und der freundlichen Worten der Mutter nur wenig zu
achten; seine Augen suchten gierig und gespannt die, nach der sein Herz
sich sehnte. Er sah ber alle, die neben ihm standen, hinweg in den
zweiten Salon, von wo ihm der Stern seines knftigen Lebens
entgegenleuchtete. Die Festgenossen, geleitet von unserm Vater, gingen
nun in das Hochzeitzimmer. Meine Schwester hatte sich von ihrem Stuhl
erhoben und stand in ihrer ganzen Wrde dem Brutigam gegenber, das
Auge beharrlich auf ihn gerichtet, vor dessen Blick er die seinigen, wie
ich denke, senken mute, da sein Charakter nachgiebig, mild und
friedfertig war und der ihrige zwar nur wenig Sentimentalitt besa,
aber kernig gesund, kalt, hell wie der Wintertag war. Auch zwischen
Braut und Brutigam durfte selbst bei dieser feierlichen Gelegenheit
kein Hndedruck gewechselt werden. Ihre ganze Erscheinung jedoch wirkte
auf ihn elektrisierend; er konnte sich kaum fassen und murmelte einige
unverstndliche Worte, worauf meine Schwester eine mavolle Antwort gab.
Es wurde dem Brautpaar gestattet, sich ins zweite Zimmer zu begeben,
zunchst in Begleitung der beiderseitigen Eltern, die sich brigens bald
entfernten, damit die jungen Leute endlich _=ohne Zeugen=_ miteinander
sprechen knnten. Wenn das Dictum: Gekommen, gesehen, gesiegt irgendwo
berechtigt ist, so hier! Es verging kaum eine halbe Stunde, da traten
die jungen Leute freudestrahlend in den Hochzeitssaal zurck.

Man beeilte sich zu frhstcken; es geschah in groer Gesellschaft und
in sehr munterer Weise. Schon sammelte sich die Menge der geladenen
Gste; und da es im spten Herbst war und der Tag kurz, so mute man
eilen. Unterdessen war es drei Uhr geworden. Im Hochzeitssaal wurde
getanzt, und die Braut auch in den Wirbel hineingezogen, was nach den
damaligen Begriffen ganz in der Ordnung war. Der Brutigam bat sich die
Erlaubnis aus, im Tanzsaal zu bleiben; es wurde erlaubt, aber nicht fr
lange! Unsere Mutter zeigte sich bei hnlichen Gelegenheiten viel milder
als der Vater. Sie setzte sich in einen Winkel des Hochzeitssaales und
bat ihren knftigen Schwiegersohn, neben ihr Platz zu nehmen.

Eine Stunde mochte in Tanz und Lust vergangen sein, da mahnte meine
Mutter den Brutigam, da es Zeit sei, zu gehen. Er tat es mit einer
sehr langen Verbeugung und einem Lcheln gegen die Braut. Und nun fing
die Zeremonie des sogenannten Besetzens und Bedeckens an, die darin
besteht, da man Brautkranz und Schleier vom Kopfe der Braut
herunternahm, und die Frauen und die Freundinnen die Haare der Braut,
die eigens heute zu kleinen Zpfchen geflochten waren, auflsten und
ber Hals und Nacken breiteten, wobei die Musik nur stille Tne
anschlgt. Die noch vor einer kleinen Weile so lustig tanzende
Hochzeitsgesellschaft wurde still. Eine traurige Stimmung umhllte alle.
Der Batchen oder Marschalik -- wie man diese Kasualienredner damals
nannte -- erinnerte die Braut, da der heutige Tag fr sie einen
Lebensabschnitt markiere; sie trete in ein neues Stadium und dieser Tag
solle ihr heilig wie der Vershnungstag sein. Sie sollte Gott anflehen,
ihr die Snden zu vergeben. Der damalige Jude glaubte, da die Eltern
die Snden eines jeden Kindes bis zu seiner Vermhlung vor Gott zu
verantworten haben. Nach der Hochzeit ist aber jedes Kind selbst fr
sich verantwortlich. Bei meiner Schwester bedurfte es keiner Ermahnung!
Ihre Trnen flossen reichlich und innig. Nach dieser Rede kam, in
Begleitung der Eltern und Gste, gefhrt von dem Ortsrabbiner, der
Brutigam in den Hochzeitssaal, nahm von der vorbereiteten, mit Hopfen
und Blumen gefllten Platte den Schleier, und auf die Aufforderung des
Rabbiners bedeckte er damit das Haupt der tiefbewegten Braut. Bei dieser
Handlung bestreuten ihn alle Umstehenden mit Hopfen und Blumen, und
unter lauten Glckwnschen, Umarmungen und munterer Musik verging noch
eine gute halbe Stunde, in welcher man die Braut von der schweren
Brauttoilette befreite, ihr ein leichtes, lichtes Kleid anlegte, eine
leichte Mantille berwarf und den Schleier auf dem Kopf zurechtlegte und
befestigte. Nun ging es in die Synagoge, jedoch nicht wie jetzt in
Equipagen, sondern zu Fu durch die oft sehr schmutzigen Gassen. -- Die
Trauung wird von den Juden als ffentlicher Akt betrachtet und mu daher
unter freiem Himmel vollzogen werden. Das Volk soll Braut und Brutigam
sehen knnen, vielleicht wei jemand, da einer der Brautleute schon
verheiratet ist!

Der Brutigam wurde bald nach dem Bedecken mit Musik -- ein Marsch wurde
gespielt -- vor die Synagoge gefhrt, wo er unter den dort aufgestellten
Baldachin gestellt wurde. Und die Musikanten begleiteten nun auch die
Braut unter die Chuppe mit demselben Marsch. Die Braut wurde von den
Unterfhrerinnen (Brautschwestern) an die linke Seite des Brutigams
gestellt; die Musik schwieg. Die Zeremonie der Einweihung des
Brautpaares begann. Der Schammes (Synagogendiener) fllte ein Glas mit
Wein, ber den den Segen zu sprechen, ein geachteter Mann beehrt wurde.
Bei einem bestimmten Satze hielt er inne. Der Synagogendiener bergab
dem Brutigam den Trauring, den dieser in die Hhe hielt, und mit den
gesetzlichen Worten in bestimmtem Rhythmus: Hare ad mekudesches li
betabas sukedas Mausche w' Isroel steckte er den Ring auf den
Zeigefinger der rechten Hand der Braut. Dann rezitierte der den Wein
segnende Mann die sogenannten schiwo broches -- die 7
Segenssprche -- auf die schnsten Tugenden und edelsten Regungen des
Menschenherzens, wie Liebe, Freundschaft, Treue, Bruderschaft des
Ehepaares. Dann wurde die ksube (Heiratsurkunde) vorgelesen. Diese
lautete wie folgt: Dieser Herr N. heiratet dieses Frauenzimmer N. Er
verpflichtet sich, ihr Mann zu sein, sie zu ernhren, standesgem zu
kleiden und sie zu beschtzen. Sie bekommt von dem Herrn N. dreiig
Goldmnzen. Die ksube wird der Braut hier unter der chuppe
berreicht. Nachdem das Gebet ber den Wein zu Ende gesprochen war,
muten Brutigam und Braut aus dem Glase trinken. Das Glas aber legte
man auf die Erde, und der Brutigam mute es mit dem Fue zerstampfen!
Die Hochzeitgesellschaft rief Masel tow (Gut Glck), und das Brautpaar
trat Arm in Arm den Heimweg an, von der rauschenden, betubenden
Fanfarenmusik und dem gesamten Publikum begleitet, wobei besonders die
lteren Weiber einen Reigen dicht vor dem Brautpaar tanzten, denn als
grte Mizwe (d. h. gottgefllige Tat) galt: M'ssameach chosen
wekalo (d. h. Braut und Brutigam belustigen!). Sie tanzten bis zu
unserem Hause. Dort schwieg die Musik und nun galt es, zu sehen und zum
Teil zu bewirken, da die Braut zuerst ber die Schwelle trete. Ein
alter Aberglauben lehrte nmlich, da, wer von dem Ehepaare zuerst ber
die Schwelle tritt, durchs ganze Leben die Oberhand im Eheleben behalten
wrde. Smtliche Frauen nahmen ihren Schmuck ab und legten ihn hier auf
die Schwelle; darber sollte das neuvermhlte Ehepaar schreiten. Hier
bei uns vollzogen sich alle diese Bruche in gemtlicher Ordnung,
whrend es bei dem einfachen Volk bei dieser Gelegenheit sehr oft zu
einem Handgemenge kam, in dem bald die Verwandten der Braut ihrem
Schtzling den Vortritt zu erkmpfen suchten, whrend ihrerseits die
Verwandten des Brutigams dasselbe Manver bten.

Man denke sich diesen ganzen Chuppegang (Trauungszug) mit allen oben
geschilderten Szenen bei Regenwetter unter freiem Himmel, wo wenige von
den Tanzenden Schirme besaen. Da gab es schlumpige Weiberrcke und
Pantoffeln, und die arme Braut mute laut die bittersten Vorwrfe hren,
da sie, wenn es zu ihrer chuppe regnete, wohl naschhaft gewesen sein
und aus den Kasserollen geleckt haben mute. --

In groem Gedrnge kamen die Brautleute zu Hause an, wo das junge Paar
in sein Zimmer gefhrt wurde und bei Tee, Bouillon und Leckerbissen sich
von den Strapazen des Chuppeganges erholte. Es war auch hohe Zeit! Denn
das Brautpaar fastete bis nach der Trauung. Man nannte die erste
Bouillon, die man dem Brautpaar gab, die goldene Suppe. Nur die
intimeren Freundinnen und die Brautschwestern wurden in das Zimmer der
Brautleute hineingelassen. Die brigen Gste verabschiedeten sich, um
sich zwei Stunden spter zum Abendbrot, das sich chuppewetschere
nannte, einzufinden. Bei diesem Mahle fhrte die Gesellschaft allerlei
leichtsinnige Gesprche, die nicht der Frivolitt entbehrten. Nach der
luxurisen Mahlzeit, die mit einer grossen Zecherei endete, blieb die
Gesellschaft noch bei Tisch sitzen. Es war Brauch, dass der Brutigam
das Mahl durch eine talmudische Rede (Drosche) wrzen musste. Nun wurden
die Droschegeschenke, d. h. Hochzeitsgeschenke, von den Verwandten,
Eltern und Freunden den Neuvermhlten dargebracht. -- Der batchen trat
wieder in Aktion. Aber er zeigte sich jetzt von einer gemtlicheren
Seite. Er mute das Publikum mit allen mglichen Possen und
improvisierten Anekdoten in Versen unterhalten, auf jeden Gast, je nach
der Spende, ein launiges Wrtchen sagen, und endlich auch dem
Brautpaar Scherze, aber auch bittere Wahrheiten in humoristischer Form
erzhlen. Unter diesen Batchonim gab es oft geniale Leute. Einer, Sender
(Alexander) Fiedelmann, hat eine kstliche Sammlung seiner launigen
Verse hinterlassen. Fiedelmann hat in Minsk gewirkt, whrend in Wilna
ein gewisser Motche Chabad und Elijokum Batchen beliebt waren.

Der batchen stellte sich auf einen Stuhl und rief mit lauter Stimme,
das ihm eingehndigte Hochzeitsgeschenk in die Hhe haltend, den Namen
des Gebers und pries mit vielen bertreibungen den Wert und die
besonderen Qualitten des Geschenkes. Seine Chochmes brachte er in
singenden Rezitativen vor, wobei die angeheiterte Tischgesellschaft
herzlich lachte. Diese Possen dauerten bis spt in der Nacht. Das
Tischgebet wurde gesagt, das mit den schiwo broches ber einem Becher
Wein endigte, von dem man dem Brautpaar zu nippen gab. Dann kam der
sogenannte Koschertanz an die Reihe. Die Braut unter ihrem Schleier
setzte man in die Mitte der Brautschwestern, von denen eine ein
seidenes, viereckiges Taschentuch in der Hand hatte. Der batchen
forderte einen der Herren auf, mit der Braut zu tanzen, wobei die
Brautschwester einen Zipfel des Tuches der Braut in die Hand gab und den
zweiten Zipfel dem Tnzer reichte. Auf diese Weise machten sie zweimal
die Runde und der Batchen rief: Schon getanzt! und die Braut setzte
sich wieder zwischen die Brautschwestern. Auf solche Weise tanzte die
Braut mit allen anwesenden Herren. Das dauerte bis spt nach
Mitternacht. Die arme Braut aber durfte den Schleier nicht lpfen....
Endlich, vor Tagesanbruch, mahnte die groe Mdigkeit zur Ruhe. Ein
jeder suchte sich irgend ein Pltzchen und nickte selig ein. Am nchsten
Morgen wurde es spt Tag. Die Braut blieb in ihrem Zimmer, bis meine
Mutter und die lteren Schwestern in Begleitung einer einfachen Frau,
der sogenannten Gollerke, kamen. Diese Frau war mit einer groen
Schere bewaffnet und nahm auf der Mutter Gehei dreist den armen Kopf
meiner Schwester in Besitz, lehnte ihn gegen ihre Brust, und unter ihrer
mrderischen Schere fiel bald eine Strhne des schnen Haares nach der
andern vom Kopf meiner Schwester -- wie das Gesetz es befiehlt! Nach kaum
10 Minuten war das Lamm geschoren. Man lie ihr nur ein wenig Haar ber
der Stirn, um es besser nach hinten streichen zu knnen. Denn es durfte
keine Spur von ihrem eigenen Haar zum Vorschein kommen. Dann bekam sie
eine glatt anliegende seidene Haube, an der sich vorn ein breites,
seidenes Stirnband in der Farbe des Haares befand, wodurch nach
damaligen Begriffen das Haar sehr gut imitiert wurde. In den frommen
jdischen Husern, wie dem meiner Eltern, hat man die altjdischen
Bruche, die mit der Zeit als Gesetz betrachtet wurden, mglichst streng
beobachtet. Der Braut wurde ein hbsches, kokettes Hubchen aufgesetzt,
wenn auch darunter das jugendliche Gesicht bedeutend lter erschien. Man
fhrte sie in den Salon, wo bereits alle Herren des Hauses und viele
Gste versammelt waren. Die Brautschwestern bedeckten ihr Gesicht mit
einem weien, seidenen Tuch, und wer ihr Gesicht zum ersten Male unter
der Haube sehen wollte, mute ein Almosen fr die Armen geben; auch der
Brutigam und die beiderseitigen Eltern muten es tun. Da gab es
verschiedene Meinungen ber ihr verndertes Aussehen, und bald war ein
gemtlicher Streit im Gange. --

Meine Schwester blieb auf Kosten der Eltern mit ihrem Manne bei uns
wohnen. Seine Eltern reisten, nachdem sie ihr viele hbsche Prsente
zurckgelassen hatten, nach ihrer Heimatsstadt Salaw zurck.

Und ein junges Paar lebte das alte Leben....

Nur noch diese Schwester wurde in der hier geschilderten Weise verlobt
und verheiratet. Schon meine Verlobung, zwei Jahre spter hatte ein
wesentlich verschiedenes Geprge, hatte doch die Reform unter der
Regierung Nicolaus I. die jdische Lebensweise stark beeinflut.




Die Vernderung der Tracht.


Es will mir scheinen, da es kein Zufall sein kann, wenn heute das Wort
Tracht fast ganz aus dem Wortschatze verschwunden ist. Es ist
eigentlich nur noch in der Schriftsprache blich. In der Umgangssprache
ist es kaum noch zu hren. Es hat dem Worte Mode weichen mssen. Darin
scheint mir aber mehr zu liegen als ein nur rein uerlicher Ersatz des
einen Wortes durch ein anderes. Es liegt Psychologie, Zeitpsychologie in
diesem Wandel. Sollte es wirklich nur ein Zufall sein, da das Wort
Mode zumeist in einem ganz prgnanten Sinne gebraucht wird? Bezeichnet
es ursprnglich nur, da irgendein Etwas -- ein Kleidungsstck, ein Buch,
ein Kunstwerk zu einer bestimmten Zeit besonders beliebt ist, so hat es
jetzt seinen Hauptsinn in der Vorherrschaft einer besonderen Kleidung!
Die Frhjahrsmode schlechtweg bezeichnet die neue Form, die die Kleidung
im Frhjahr hat. Und wenn wieder eine neue Mode herauskommt, so denkt
man lediglich an eine neue Tracht. Mit dem Begriff Mode ist uns wie
durch eine feste Ideenverbindung der Begriff des schnellen Wechsels
verknpft. Was modern ist, will nur den Erfolg eines Tages haben. Mode
und Tracht stehen zueinander wie hastige Abwechslung und Dauer.

In einem Punkte freilich finden die Begriffe Mode und Tracht eine
gewisse Einigung! Sie haben beide einen imperatorischen Charakter. Sie
zwingen unter ein Joch. Und wenn auch dem einzelnen Menschen ein
Spielraum fr die Bettigung seines individuellen Geschmacks bleibt, so
fordert das Gesetz der Tracht doch Einheitlichkeit und Uniformiertheit.

In frheren Zeiten hatte die Tracht freilich auch die Aufgabe, bestimmte
Gruppen von Menschen voneinander zu differenzieren. Die Pariser Mode
hatte noch nicht alle feineren und grberen Nuancen verwischt. Jeder
Volksstamm, jede scharf abgesonderte Klasse von Menschen hatte ihre
eigene Tracht; man wollte nicht in den groen Menschheitsbrei
untertauchen, sondern sofort erkannt werden als das, was man ist. So
bekam die Tracht den Charakter des Zhen, Stabilen, Traditionellen, und
die Gloriole der Ehrwrdigkeit umleuchtete sie.

Nur so kann man verstehen, wie der im Jahre 1845 verffentlichte Ukas
der russischen Regierung auf die russischen Juden wirkte, welcher die
Juden zwang, ihre alte Tracht abzulegen und sich der modernen zu fgen.

Die Wirkung auf die groe Masse war so furchtbar wie die einer
Katastrophe. Eine wilde Erbitterung war die Folge. Und nur das Gefhl
der eigenen Ohnmacht, der Wehrlosigkeit, die Golusangst lie diese
Erbitterung nicht zu rasender Wut sich steigern. Wren die Juden
damals stark, organisiert, mchtig gewesen, so htte die Vernderung
der Tracht zu Aufstnden und Revolutionen gefhrt. So aber blieb es
bei schmerzhafter Resignation. Man trauerte um die eigene Tracht wie
um einen lieben Toten. Und tiefer blickende Geister begriffen bald,
da die Anpassung an die modische Kleidung nur der erste Schritt sei
auf dem Wege tiefer greifender Assimilationen, die nicht nur die
Lebenshaltung, sondern auch Kulturanschauungen und die berlieferten
Lehren einer spezifischen Religion, Sitte, Gewohnheit und der Bruche
des jdischen Volksstammes wrden ummodeln mssen. Der Ukas wurde
als Gesere bezeichnet; nicht als eine von den vielen Geseraus, die
das jdische Volk berfielen, sondern als die Gesere schlechtweg.
Viele waren der Ansicht, da das jdische Gesetz -- Jehorek wal
ja'wor (man mu sich opfern) -- unter diesen Umstnden erfllt werden
msse. Allein die russische Regierung kmmerte sich wenig um jdische
Gesetze, um die erregten Debatten in den Gemeinden, um die Trauer und
das Wehklagen der Frommen, sondern setzte kurzerhand eine Frist fest,
nach deren Ablauf alle Juden in Ruland, Mnner und Frauen, sich nur in
europisch-russischer Tracht durften sehen lassen. Und diese Frist war
natrlich sehr kurz bemessen. So mute denn die jdische Bevlkerung
von ihrer liebgewordenen Tracht lassen. Und wer wie ich den hastigen
Wandel der Moden durch viele Jahrzehnte miterlebt hat, und wie ich
oft hat erkennen mssen, da die Tyrannin Mode nicht immer gerade die
sthetik als Genossin hat, der mu gestehen, da das Opfer der alten
Tracht in manchem Belange die Aufgabe einer nicht nur hygienischen,
sondern auch recht kleidsamen Tracht war.

Die Mnner trugen ein weies Hemd, dessen rmel durch Bndchen
geschlossen wurden. Am Halse lief das Hemd in eine Art Umlegekragen aus,
der aber nicht gesteift und gestrkt wurde. Auch am Halse war das Hemd
durch weie Bndchen geschlossen und es wurde in der Art der
Schleifenbindung besondere Sorgfalt aufgewandt, wie auch ein gewisser
Luxus bei der Auswahl des Stoffes fr diese Krawatten hnlichen Bndchen
entfaltet wurde. Selbst ltere Herren aus vornehmen Husern lieen eine
leise Koketterie bei dem Schlingen dieser Schleifen hufig erkennen.
Erst spter kamen breite, schwarze Halstcher auf. Aber in den Familien,
die Gewicht auf die Tradition legten, waren diese Binden verfehmt, und
da sie als goijisch bezeichnet wurden, zeigt schon die starke
Empfindlichkeit an, mit der selbst so kleine und doch eigentlich recht
harmlose Abweichungen von der blichen Tracht aufgenommen wurden.

Die Beinkleider reichten nur bis zum Knie und waren gleichfalls durch
Bnder unten verschnrt. Die Strmpfe waren von weier Farbe und
ziemlich lang. Den Fu bekleideten niedrige Lederschuhe, die aber keine
Abstze hatten. Die Stelle des Rockes vertrat der lange Chalat -- der aus
kostbaren Wollstoffen bestand. Die niedere Klasse trug an Werktagen
Kleider aus Demi-cotton, an Festtagen aus Rissel -- einem billigen
Wollstoff --, whrend sich die Armen im Sommer mit Nanking, einem
Baumwollstoff mit schmalen, dunkelblauen Streifen, im Winter mit grauem,
dickem Tuch bekleideten. Dieser Chalat war sehr lang und reichte fast
bis auf die Erde. Allein der Anzug wre nur unvollstndig gewesen, wenn
nicht ber die Hften ein Grtel herumgeschlungen wre. Auf diesen
Grtel wurde besondere Sorgfalt verwandt; galt er doch fr die Erfllung
eines religionsgesetzlichen Gebotes. Er sollte sinnfllig den reinen
Oberkrper von dem mehr unreinliche Funktionen ausbenden Unterkrper
scheiden. Besonders am Sabbath und an den Feiertagen wurde mit dem
Grtel ein besonderer Luxus getrieben. Selbst Mnner niedrigen Standes
pflegten zur Weihe der Feste einen seidenen Grtel zu whlen.

Die Kopfbedeckung der Armen war an Wochentagen eine Mtze, die an beiden
Seiten Klappen hatte, die meistens aufgeschlagen waren, im Winter aber
ber die Ohren heruntergezogen werden konnten. An der Stirnpartie hatten
diese Mtzen ebenso wie an den Seitenflchen dreieckige Pelzflecke.
Diese Mtze nannte man Lappenmtze. Ich wei nicht, woher dieser Name
stammt; vielleicht gaben die Ohrenklappen diese Bezeichnung, vielleicht
aber hat auch die hnlichkeit mit der Kopfbedeckung der Lapplnder
diesen Namen gezeitigt. Unter dieser Mtze trug jeder Jude, welchen
Standes oder Berufes er auch sein mochte, ein Sammetkppchen, das
eigentlich niemals vom Haupte verschwand, galt es doch fast als ein
schweres Vergehen, b'kalaus rosch, mit entbltem Haupte umherzugehen.
Natrlich wurde dieses Kppchen vom Kopfe auch nicht entfernt, wenn man
bei Nachbarn zu Gaste war.

Sommer und Winter trugen die Wohlhabenden eine Zobelmtze, die
Streimel hie. Sie war hoch, lief spitz aus und war eine, wenn nicht
immer mit Zobel, so doch mit teuren Pelzstreifen besetzte Sammetmtze.
Unter diesen Mtzen lugten die Pejes hervor, breite Haarstrhnen, die
sich fast bis unters Kinn hinschlngelten. Als besonders schn galten
gekruselte Pejes und es war ein edler Ehrgeiz, nicht nur der
glcklichen Besitzer von lockigem Haar, sondern auch der Straffhaarigen,
lieblich geringelte Pejes zu besitzen. Die Pejes waren direkt ein
Requisit des denkenden Menschen. Eine ernsthafte Diskussion war gar
nicht mglich, ohne da die Mnner mit dem Zeigefinger die Pejes
drehten. Und nun gar beim Lernen des Talmuds war dieses Spiel eine fast
automatische Beschftigung. Man zog die besten Gedanken gewissermaen
aus den Pejes. Und ich habe so manches Mal die Empfindung gehabt, als
habe das Talmudstudieren seine Intensitt, seine logische Schrfe
deswegen verloren, weil die Pejes dem grbelnden Forscher nicht mehr
zur -- Hand sind.

Es gab Leute, die mit besonderem Wohlgefallen sich mglichst lange, bis
auf die Schultern reichende Pejes wachsen lieen. In unserer Stadt gab
es einen groen Gelehrten, einen Iluj, der den ganzen Tag die T'fillim
schel rosch trug, freilich bedeckt von den darber gestrichenen langen
Pejes. So hnlich trgt auch Reb Jankew Meyer aus Minsk die Pejes ber
den T'fillim schel rosch, dieser fromme Mann, der fast wie ein Heiliger
verehrt wird und dessen Gesprche nie enden, ohne da er mahne: Kinder,
gibt Geld far orme Leut.

Der lange Rock aus Seide, der Grtel, die Pelzmtze und die berhmten
Pejes muten nun entfernt werden. Schwer fanden die Mnner sich in ihr
Schicksal. Sie htten es vielleicht leichter getragen, wenn man ihnen
wenigstens die Schlfenlocken gelassen htte. Sie erst gaben den
Juden -- in der damaligen Auffassung -- die Gotthnlichkeit. Nun war das
Zelem elohim dem jdischen Volk genommen.

An die Stelle der alten Tracht trat nun eine modische. Die Mnner muten
einen schwarzen Rock tragen, der aber nur bis zu den Knien reichen
durfte. An die Stelle der kurzen Kniehosen traten lange Beinkleider, die
bis ber die Stiefel fielen. Im Sommer muten die Mnner einen Hut
tragen, im Winter eine Mtze. Sie war aus schwarzem Tuche plump
gefertigt und hatte vorne einen Schirm. Man nannte sie Kartus. Die
strengen Befehle der russischen Regierung galten freilich nur den
Straenkleidern. Bis ins Haus drang das Kleider-Reglement nicht. Und man
wird ohne weiteres begreifen, da sich es sehr, sehr viele Juden nicht
nehmen lieen, daheim die Kleidung zu tragen, die ihnen allein
gefiel -- die alte Tracht. Auch wenn es dunkel war, sah man oft Juden
umherlaufen wie einst.

Dagegen wurden, scheints, von den russischen Behrden keine Einwendungen
erhoben. Bei der elenden Beleuchtung, die in jenen Zeiten die relativ
kleinen Stdtchen abends und nachts hatten, konnte ja die Tracht ohnehin
nicht auffallen. Da Ausnahmen von den allgemeinen Bestimmungen mglich
waren, kann bei der damaligen Verwaltungstechnik durchaus nicht Wunder
nehmen; konnte man sich doch durch eine bestimmte Abgabe fr die Dauer
von zwei Jahren die Beibehaltung der alten Tracht erkaufen!

Ebenso tiefgreifende nderungen wie die Tracht der Mnner erfuhr die
Kleidung der Frauen. Und man kann wohl behaupten, ohne da man dem
Vorwurfe eines Lobredners der alten Zeit zu verfallen braucht, da der
Tausch nicht gerade ein gnstiger war. Die Tracht der jdischen Frauen
in litauisch Ruland wies bis dahin bis in viele Einzelheiten hinein
orientalischen Charakter auf. Sie war bunt und bei den Reichen sehr
kostbar, es wurden recht groe Summen auf kostbare Stoffe und
knstlerisches Geschmeide verwandt. Das sehr lange Hemd war hoch
geschlossen und aus feinstem Linnen gefertigt. Unterrcke und
Beinkleider waren selbst den Frauen der vornehmsten Familien unbekannt.
Die langen Strmpfe der heutigen Mode waren damals nicht blich. Sie
reichten nur bis zum Knie herauf. Ihre Farbe war immer wei und bei den
Damen der reicheren Familien waren durchbrochene Strmpfe
beliebt. -- Gummiband war damals noch garnicht im Gebrauch. Und so hielt
man denn die Strmpfe durch breite Atlasbnder, die sich oft an mit
Kreuzstichen bestickten Strumpfbndern befanden. Auch gestrickte und
gehkelte Strumpfbnder wurden vorn mit solchen Schleifen geschlossen.
Mechanische Verschlsse aus bronziertem Blech oder anderm Metall
stellte die damals noch kaum entwickelte Eisenkurzwarenindustrie den
Damen nicht zur Verfgung. -- Die Schuhe hatten eine groe hnlichkeit mit
Sandalen. Sie waren sehr niedrig und hatten keine Abstze. Am Fu wurden
sie durch schmale, schwarze Bndchen festgehalten, die kreuzweis
verschlungen, oft bis zu den Waden hinaufgefhrt wurden. Diese Schuhe
waren aus schwarzem Wollstoff oder Saffianleder gefertigt und wurden zu
allen Jahreszeiten getragen. Von hohen Stiefelchen und Galoschen hatte
damals niemand eine Ahnung. So sehr auch bis in alle Einzelheiten die
Fubekleidung der alten Zeit verschieden war von den Formen, die man in
den nchsten achtzig Jahren im Gebrauch sah, so hatten sie doch eine
prinzipielle bereinstimmung. Die weibliche Natur konnte sich auch
damals nicht verleugnen und, dem Charakter jener Tracht entsprechend,
die mit ihrem Goldschmuck die Eitelkeit besonders betonte, whlte man
die Sandalen sehr klein und sehr eng und manche Frauen hatten einen
etwas trippelnden Gang.

ber dem Hemd trugen die Frauen ein Mieder aus Seide. Rosa und rot waren
hierfr als Farben besonders beliebt. Vorne war das Mieder zum
Schlieen. Durch groe silberne sen wurde ein breites, seidenes Band
gefhrt mit Hilfe einer oft bis 8 cm langen silbernen Nadel, in die das
Band endigte.

Die Obertaille war sehr kurz. An ihrem unteren Rande waren drei Rollen
angenht, die aus Watte bestanden, welche mit steifem Kattun berzogen
war. Auf diesen Rollen ruhte der Rock. Ruhte ist eigentlich falsch
gesagt: er war vielmehr von einer bsartigen Unruhe und hatte die
natrliche Tendenz, von diesen Rollen herabzugleiten. Und so wie bei der
heutigen Mode die Frauen vielfach gezwungen sind, an ihren Blusen
herumzunesteln, so mhten sich die damaligen Jdinnen ab, den Rock auf
die Rollen zu ziehen. Und es war nichts seltenes, da die Geplagten sich
bei dem ununterbrochenen Zurechtschieben des Rockes die Finger wund
rieben. Die rmel waren sehr eng und so lang, da sie oft bis an die
Finger reichten. Die ganze Obertaille war ringsum mit Pelzwerk eingefat
und es war natrlich, da mit diesem Pelzwerk ein besonderer Luxus
getrieben wurde. Vornehme Frauen whlten immer Zobel. Die Halspartie war
abgeschlossen durch einen Stehkragen, der auch im Sommer niemals fehlen
durfte.

Diese Obertaille hatte ungefhr die Form der heutigen Figaro- oder
Bolero-Jckchen. Sie war vorn offen, so da das Mieder so weit zu sehen
war, als es nicht von dem Brusttuch verdeckt war. Als Stoff fr diese
Obertaille diente das Karpo-Voluska (Karpfenschuppen). Dieser Name war
durchaus zutreffend. Es waren silberne, mattvergoldete Schppchen so
dicht nebeneinander befestigt, da das Wollgewebe fast garnicht mehr zu
sehen war. Heut sieht man derartige Stoffe eigentlich nur noch an
Maskenkostmen.

Auf das Brusttuch wurde ganz besondere Sorgfalt verwandt. Man whlte
dazu silber- und goldgestickte Stoffe, die eine echt orientalische
Zeichnung hatten. Halbmonde waren eigentlich am beliebtesten.

Die obere Partie war mit weien Spitzen bedeckt, die aus Frankreich
bezogen wurden. Diese Blonden waren meist aus Flock- und Cordon-Seide und
wiesen auerordentlich knstlerische Muster auf.

Einen ganz besonderen Schnitt hatte der Rock. Er war auerordentlich
eng, kaum einen Schritt weit und natrlich immer fufrei. Am meisten
bevorzugt fr diesen Rock wurde der Atlas. In Zwischenrumen von etwa
zwei Querfingern zogen sich Lngsstreifen den Rock herab aus feinsten,
golddurchwirkten Stoffen. Ich entsinne mich noch ganz genau des Kleides
meiner Mutter. Da waren die Muster dieser Borte bereinandergereihte
Ellipsen, die ein feines Blttchen einschlossen. Nur die vorderen Teile
des Rockes waren nicht mit diesen kostbaren Goldborten versehen, soweit
sie von der Schrze berdeckt waren. Die Schrze war ein unbedingtes
Erfordernis fr ein vollstndiges Kostm. Sie wurde auch auf der Strae
und selbstverstndlich bei allen Festlichkeiten getragen. Sie war lang
und reichte bis zum Saum des Rockes. Die wohlhabenden Frauen verwandten
bunten Seidenstoff oder einen weien, kostbaren Battist, der mit
Samtblumen und knstlerisch feinen Mustern und Goldfden bestickt war.
(Die rmeren begngten sich mit Wollstoffen oder farbigen Kattunen.) Den
Stoff des Rockes mit seiner Abwechslung zwischen bestickten
Lngsstreifen und Atlasstreifen nannte man ganz allgemein in Littauen
Gldengestick.

ber diesem Anzug wurde eine Art Mantel getragen, die Katinka. Die rmel
dieses Kleidungsstckes hatten eine weite Glockenform. Sie waren oben
bauschig und unten schmal. Diese Katinka war sehr lang und hatte vorn
ganz glatte Breiten. Der Rcken war in der Taille anschlieend. Als
Stoff wurde meistens Atlas verwandt, und da es sich bei der Katinka
meist um ein Kleidungsstck fr die kltere Jahreszeit handelte, war sie
wattiert und mit Wollstoff gefttert. Reichere Damen lieen sie mit
Atlas fttern. Und ich entsinne mich noch, da meine Mutter, die
besonderen Wert auf sorgsame Kleidung legte, eine mit blauem Atlas
geftterte Katinka trug.

Dieser Mantel wurde aber nur selten wie ein berzieher getragen.
Wahrscheinlich, weil er den besonders kostbaren Anzug verdeckte und
nicht zur Geltung brachte. So war es blich, den Mantel einfach ber die
Schultern zu werfen, so da die rmel auf dem Rcken herunterhingen.
Manche Frauen, besonders die Gabbetes, diese Helferinnen der Armen,
pflegten nur einen rmel berzuziehen, den andern aber ber die Schulter
fallen zu lassen. Wir wrden das heute als recht leger und einer
vornehmen Dame unwrdig bezeichnen. Damals galt es aber als
standesgem. So ndern sich eben die Zeiten und so wandelt sich der
Geschmack.

Weitaus die grte Aufmerksamkeit verwandten Reiche und Arme auf den
Kopfputz. Bei den Reichen stellte er sogar eines der wesentlichsten
Vermgensstcke dar. Dieser Kopfputz bestand aus einer schwarzen
Sammetbinde, die dem Kokoschnik der Russinnen sehr hnlich sah. Der Rand
war in grotesken Formen ausgezackt und mit groen Perlen und
Brillantsteinen reich besetzt. Dieser Kopfputz wurde oberhalb der Stirn
getragen. Den Hinterkopf bedeckte eine glatt anliegende Haube, die man
Kopke hie. In der Mitte dieser Kopke war eine Schleife aus Tllband und
Blumen befestigt. ber den Nacken zog sich von einem Ohre bis zum andern
eine Spitzenkrause, an der in der Nhe der Augen, an den Schlfen kleine
Brillantohrringe angebracht waren. Natrlich fehlten auch Ohrringe
nicht, und es war bei den vornehmen Frauen blich, sehr groe Brillanten
in den Ohren zu tragen. Die hbschen Frauen sahen auerordentlich
vorteilhaft in diesem Schmuck aus, aber man mu auch gestehen, da
die -- sagen wir: weniger hbschen durch den Kopfputz recht schmuck
erschienen. Diese kostbare Binde bildete einen Hauptbestandteil der
Ausstattung einer Frau. Und man konnte niemals eine Frau ohne diesen
Zierrat sehen.

Am Halse wurden Ketten aus groen Perlen getragen, die oft einen
wundersamen, silbergrauen Schimmer hatten. Da die Finger mit
Brillantringen geziert waren, versteht sich nach alledem von selbst. Ja,
man kann sagen, da oft des Guten und Schnen beinah zu viel war: die
Finger verschwanden ganz unter dem glitzernden, kunstvoll gearbeiteten
Geschmeide.

Man wird sich vielleicht ber dieses Prunken mit Edelsteinen, Perlen und
kostbaren Metallen wundern und die jdische Frau jener Zeit als
geschmacklos eitel und unertrglich putzschtig bezeichnen. Gewi, sie
verstanden sich zu kleiden und zu schmcken. Aber die berladenheit war
gewissermaen aus geschftlichen Grnden geboten. Da die ungewisse Lage
jener Zeit, dieses bohrende Gefhl der Unsicherheit und weiterhin die
unsicheren Rechtsverhltnisse den Besitz von Immobilien fast
ausschlossen, so wurde ein groer Teil des beweglichen Kapitals in
leicht transportablen Wertstcken angelegt. Nach dem Reichtum an
Schmuck, den die Frau trug, wurde die Kreditfhigkeit des Mannes
eingeschtzt.

Festliche Gelegenheiten gaben den Anla, diesen ganzen Reichtum zu
entfalten: Die hohen Feiertage und Hochzeiten. Am Lag b'omer, dem 33.
Tage der S'fire-Zeit zwischen Pesach und Sch'wuaus, an dem die strenge
Trauer der S'fire-Zeit unterbrochen werden konnte und an dem immer eine
grere Anzahl sommerlicher Hochzeitsfeste begangen wurde, konnte man so
recht die ganze Pracht bewundern. Und man kann vielleicht sagen, da die
Frauen den ganzen, leicht transportablen Reichtum des Hauses mit sich
herumtrugen. Ich betone: die Frauen, denn bei den Mnnern war jeder
Schmuck arg verpnt, war doch auch damals die Sitte im allgemeinen nicht
in bung, da die Mnner auch nur Trauringe trugen.

Der Kopfputz der jungen Frauen (Schleier) war natrlich ungleich
bescheidener, aber auch recht bunt und fast abenteuerlich: Eine gelbe,
grne oder rote Haube aus Wollenstoff oder Kattun mit einem Tll- oder
Mousselin-Schleier bedeckt, der im Nacken zu einer Schleife gebunden war
und dessen Enden lang herabhingen. Man nannte diese Enden Foches. Viele
alte Frauen trugen groe rote Wolltcher wie einen Turban um den Kopf
gewunden. Dieses turbanartige Tuch hie Knup.

Die Ohrenkrause fehlte am Schleier niemals. Gerade in der Mitte ber
der Stirn war mit Stecknadeln ein zu einer Spitze zusammengelegtes
Seidenbndchen befestigt. Auf dem Scheitel waren Tllspitzen in Form
eines Krbchens festgesteckt, die man Koischel nannte. Auch bei den
Armen fehlte weder ein haarfarbenes Band an der Stirngrenze, noch die
beiden in der Nhe der Augen angebrachten Ringe.

Die Kopfbekleidung der Mdchen war nur unwesentlich von der Frauentracht
verschieden, nur da sich die Mdchen ihres schnen Haarschmuckes noch
erfreuten. Auch sie trugen eine Art Binde aus schmalem, rotem Wollstoff
mit einer Schleife aus dem gleichen Stoffe, den man Tezub nannte. Der
Schnitt der Kleider und der Schrzen war ebenso wie bei den Frauen. Sie
trugen auch die niedrigen Sandalen. Aber das Brustltzchen und die
Halsspitze, das sogenannte Kreindel schmckten sie nicht. Bei den
reichen Mdchen war die Kopfbinde aus schwarzem Seidentll, in den mit
roter, blauer oder rosenfarbener Seide schne Knospen eingestickt waren.
In der Form unterschieden sich die Binden der Reichen und Armen nicht.
Die einfachen nannte man Greischel, die Seidentllbinden Wilnaer
Knipel.

Die armen Frauen hingen an ihrer Tracht mit auerordentlicher Liebe, und
selbst in der grten Not legte man sich bei allen Bedrfnissen Zwang
an, die Kleidung wurde aber nie verndert. Ich hatte gerade in einem
Hungerjahre Gelegenheit, diese Zhigkeit zu beobachten. Viele Leute
kamen da in unser Haus, um sich dort Brot zu holen. Man verteilte damals
in sehr decenter Form milde Gaben. Meine gute Mutter lie tglich 5-6
Pfund schwere Laibe Brot backen, die in einem Flurschrank, dessen Tr
absichtlich offen gelassen wurde, fr die armen Leute niedergelegt
waren. Ebenso stand damals bei uns im Ezimmer immer die Bffettr
offen, damit der eine oder der andere unserer Besucher, die in der
schweren Zeit verarmt waren, sich an den dort aufbewahrten Schtzen:
Brot, Butter, Schnaps, Kse gtlich tun knnten. Uns Kindern war zwar
streng untersagt worden, nachzusehen, wer da kme. Aber wer kann
kindliche Neugier ganz niederhalten? Von unseren sicheren Verstecken aus
sahen wir die Leute kommen, an deren Haltung, Geberde und Aussehen die
bittere Not so manches verndert hatte, nicht aber an deren Tracht.....

Was fr oft so tragikomische Szenen haben sich damals doch abgespielt!
Noch in der Erinnerung wandelt mich ein Lachen an, aber es ist
untermischt mit tiefem Weh, Emprung und Wut ber die Entwrdigung des
Menschen.

So ereignete sich an einem Freitag Vormittag im Sommer des Jahres 1845
folgendes: Ich befand mich auf dem Marktplatz der Stadt Brest, wo viele
jdische Weiber zum Einkauf fr den bevorstehenden Sabbath sich
versammelt hatten, als pltzlich ein groer Tumult entstand. Alles lief
durcheinander und strmte dabei doch einem und demselben Punkt zu.
Natrlich beeilte ich mich, auch dahin zu gelangen, um die Ursache des
Aufruhrs zu erfahren. Aus der Menge hrte man bald Gelchter, bald
Seufzen. Endlich erreichte ich den Schauplatz und ein emprender Anblick
bot sich mir dar. Ich sah eine jdische Frau mit (im buchstblichen
Sinne des Wortes) entbltem Kopfe, da ihr Haar, nach der talmudischen
Vorschrift fr verheiratete Frauen, abrasiert war. Dies unglckliche
Opfer stand so umringt von der Volksmenge, ganz entsetzt da, einerseits
wegen der Snde, barhuptig unter freiem Himmel zu sein (was nach
jdischer Anschauung ein groes Vergehen war), andrerseits voll Scham
vor den gaffenden Menschen, und flehte mit vor Trnen erstickter Stimme
den neben ihr stehenden Polizeimann um Gnade an, der ihr mit nicht allzu
zarter Hand den Kopfputz abgerissen hatte und ihn jetzt als Trophe hoch
empor hielt und schttelte, was das Publikum zu unaufhrlichem Gelchter
anregte. Die bedauernswerte Frau suchte mit der einen Hand den kahlen
Kopf mit dem Zipfel ihrer Schrze zuzudecken, whrend die zweite Hand in
der Tasche herumstberte, um die dort aufbewahrte Haube nach der neuen,
russischen Vorschrift herauszuholen. Dabei schrie die Unglckliche
unaufhrlich im jmmerlichsten Ton: Panotzik Panotzik! Hier, da hab
ich, da ist ja in der Tasche der Lappen! Sie hatte endlich die Haube
auf den nackten Kopf gesetzt, was sie entsetzlich verunstaltete. Da erst
beruhigte sich der Scherge und ging fort.

Bald fhrte ihm das Schicksal ein zweites Opfer zu. Diesmal war es ein
armer Jude, der in einem langschigen Kaftan auf den Marktplatz kam.
Der Polizeimann empfing ihn mit nicht sehr schmeichelhaften Ausdrcken.
Indem er einen zweiten Polizisten herbeirief, hie er den vor Angst
zitternden Juden stehen bleiben, griff nach einer groen Schere, die er
stets bei sich trug, und nun schnitt er, untersttzt von seinem zweiten
Amtskollegen, dem Juden die langen Sche des Kaftans nach Art eines
Fracks ab, wodurch die (Unter-) Beinkleider zum Vorschein kamen. Dann
ri er dem Bedauernswerten die Kopfbedeckung ab und schnitt ihm die
Pejes so nahe am Ohr ab, da der Arme vor Schmerz aufschrie. Alsdann gab
er sein Opfer frei, und das Marktvolk gab dem so zugerichteten Juden
unter lautem Gejohle das Geleit.

Derartige Exekutionen kamen auch auf der groen Landstrae vor.
Begegnete ein Polizist da einem Juden in alter Tracht und hatte er
gerade keine Schere bei sich, so war er der Ansicht, da er sich durch
diesen Umstand von der Ausbung seiner Pflicht nicht zurckhalten lassen
drfe. Statt der Schere bediente er sich zweier Steine und zwar so, da
er den Juden seitlich zur Erde legte, die Peje ber einen Stein spannte,
der dicht neben der Wange zu liegen kam, und mit einem zweiten Stein so
lang auf die Peje losrieb, bis sie durchgewetzt war. Der arme Jude litt
dabei natrlich schreckliche Qualen.

Diese Vorgnge klingen heute unglaublich. Aber diese uerlichen Leiden
und Tragdien waren doch nur im kleinen ein Bild der groen Umwlzungen,
die sich vorbereiteten.

[Illustration: Signet]

Druck: Beyer & Boehme, Berlin S. 42, Wasserthorstr. 50.


FUSSNOTEN:

[A] Dokumentarisch ist es, da mein Grovater, dem auch der
Ehrenbrger-Titel verliehen wurde, von General Deen, dem Chef der
Arbeiten bei dem Bau der Festung in Medlin bei Warschau, Ende der
zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, aus der Provinzstadt Bobrujisk
nach Warschau berufen wurde, um Arbeiten an den grossen Festungsbauten
zu bernehmen. Die Uebernahme solcher Arbeiten hat meinen Vater auch zur
Uebersiedlung nach Brest veranlasst.

[B] Die Einladung lautete Zu Latkes geladen.

[C] Die damaligen Sittenregeln forderten, dass der jngere Mann
oder die jngere Frau den lteren zuerst Scholachmones schicken musste.

[D] Der dazu verwandte Weizen wird auf dem Felde in Gegenwart
des Rabbiners und mehrerer Juden geschnitten, gedroschen und gemahlen.
Er wird also unter Obhut verarbeitet, daher gehtete Mazzes.

[E] Wahrscheinlich ein Zeichen der Befreiung von der
Sklaverei -- als freier Herr den Ruhesitz zu bentzen, oder erhielt sich
in dieser Form die orientalische Sitte, Festmahle berhaupt halb liegend
auf gepolsterten Sitzen abzuhalten?

[F] Ueber die Trachten und ihre Vernderung bringt das Schlusskapitel
dieser Memoiren nhere Angaben.

[G] dnne, breite Spne aus sehr harzigem Holz, die in ein
eigens dazu im Schornstein gemachtes Loch hineingesteckt wurden. Ein
erstickender Qualm verdunkelte zur Hlfte dieses flackernde Licht.

[H] ein Schsselchen mit flssigem Schweinefett mit einem,
dnnen Holzsplitterchen, das als Docht angezndet wurde.

[I] die Gebetbcher, welche die Geschichte des Auszuges der
Juden aus Mizraim enthalten.

[J] Jeder Jude muss am Freitag Abend, am Sonnabend und anderen
Festtagen mit einem Becher Wein das Fest einweihen, das Gebet heit
Kidusch. Der Becher muss ein bestimmtes Ma enthalten und nennt sich
Row-Ko.

[K] Sphirezhlen: Es werden die Tage von Pesach bis Schewuaus
gezhlt. Die Zeit gilt als Trauerzeit zur Erinnerung an die Belagerung
Jerusalems durch Titus. Eine Volkssage erzhlt, dass in derselben Zeit
an der Talmudhochschule jeden Tag ein hervorragender Schler starb, weil
eine Seuche in der Stadt herrschte.

[L] Eine lange, spitz zulaufende Pelzmtze.

[M] Ein viereckiges Stck Zeug, an dessen Enden die Zizes
(Wollfden) angebracht sind.

[N] Ein verchtliches Benennen, das so viel wie Gassenjungen
fr Mdchen bedeutet.

[O] M'susele, ein Amulett, das bei frommen Juden als Schutz
wohl gegen bse Geister an jedem Trpfosten angebracht ist.

[P] Diese Frhandacht in der Synagoge nennt der Jude Zu Gotts
Name.

[Q] Ein viereckiges, weisses Wolltuch mit dunkelblauen Streifen
an den zwei Enden und an allen vier Ecken mit Zizis, den heiligen Fden,
versehen. Dieses Tuch legen sich die Juden beim Beten um die Schultern.

[R] Bocher, Jngling; unverheirateter.

[S] Wohl aus Billet entstanden.

[T] Die Inschriften der Grabsteine sind dem Werke von Mayer
Jechiel Halter: Die berhmte Stadt Brest entnommen.




      *      *      *      *      *      *




Notizen des Bearbeiters:

Nicht konsistente Schreibweisen wurden so belassen, wie sie gedruckt
wurden (Bsp.: Zizes und Zizis)



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER GROSSMUTTER, BAND I***


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