The Project Gutenberg EBook of Frulein Doktor, by Fr. Lehne

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Title: Frulein Doktor

Author: Fr. Lehne

Release Date: April 9, 2014 [EBook #45352]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRULEIN DOKTOR ***




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Anmerkungen zur Transkription:

Worte, die im ursprnglichen Fraktur-Text in Antiqua gesetzt waren,
sind hier in _ eingeschlossen, ursprnglich gesperrter Text ist
durch Einfassung in = markiert. Die Rechtschreibung und Zeichensetzung
des Originals wurde weitgehend bernommen. Am Ende des Textes befindet
sich eine Liste vorgenommener Korrekturen.




Frulein Doktor

Roman

von

Fr. Lehne

[Illustration]

=Leipzig und Bern=

=Verlag von Friedrich Rothbarth=




Alle Rechte vom Verleger vorbehalten

Verlagsnummer 141

=_Printed in Germany_=

=Buchdruckerei Helm & Torton, Leipzig O 27=




1. [Illustration]


Ruhig, mit einem ganz kleinen Lcheln um den feinen, klugen Mund,
blickte Beate ihrem aufgeregt im Zimmer herumgehenden Vater nach.

Sie war sich ihrer Sache gewi, und es stand fest bei ihr, da sie ihr
Vorhaben auf jeden Fall auch ausfhren wollte! Halb hatte sie ja den
Vater schon bekehrt; der erste Ausbruch seiner Erregung war bereits
vorber -- was er jetzt sagte, war nur noch ein schwacher Versuch zum
Widerstand.

Du bist ja verrckt, Beate! Herr Haler schttelte den Kopf und blieb
vor der Tochter stehen, die bequem in einem Schaukelstuhl lag, die Hnde
im Nacken verschrnkt.

Aber warum, Vater? lautete ihre gleichmtige Frage. Ich sehe die
Berechtigung dieses Ausspruchs nicht ein!

Ach was! Larifari, brummte er, jeder vernnftige Mensch wird mir
recht geben, wenn ich dir kurzerhand verbiete, zu studieren! Ich rgere
mich schon genug, da ich dir nachgegeben habe darin, ein Gymnasium zu
besuchen -- wenn ich geahnt htte --

Aber, Vaterchen, unterbrach sie ihn in schmeichelndem Ton, aber,
Vaterchen, hat dich denn mein glnzend bestandenes Abiturium nicht
gefreut?

Das wohl, Mdel, und ganz kolossal! Aber ich dachte, damit wre der
Unsinn endgltig vorber.

Nein, jetzt soll es erst recht beginnen. Sie breitete die Arme weit
aus. Ach, du glaubst nicht, wie ich mich darauf freue, weiter zu
lernen!

Noch mehr lernen? Ich meine, du httest gerade genug unntzes Zeug in
deinen Kopf gepropft! -- Was dir nun noch fehlt, das kannst du hier bei
Mutter am besten lernen! Bekmmere dich jetzt mal um die Kche und das
Haus -- ich glaube, davon verstehst du weniger als ein zehnjhriges
Mdchen!

Beate lachte. Da magst du schon recht haben, Vaterchen, aber dennoch
verspre ich zu derartigen prosaischen Beschftigungen durchaus keine
Lust -- andernfalls wrde ich schon schnell hinter die Geheimnisse von
Mamas Walten und Wirken kommen! Denn was ich will, das kann ich auch.
Bei diesen Worten trat ein Ausdruck in ihr Gesicht, da man nicht gut an
deren Wahrheit zweifeln konnte.

Sie stand auf und legte schmeichelnd die Arme um den Hals des Vaters.
Bittend sah sie ihn mit den schnen klugen Augen an. Nicht wahr, alter
Herr, du bist lieb und erfllst mir meinen Herzenswunsch! Ach, du
glaubst ja nicht, wie ich damit verwachsen bin -- es wrde fr mich ein
Aufgeben aller Lebensfreuden bedeuten, wenn du mir das verwehren
wolltest!

Sie zog ihn zu sich aufs Sofa. Komm, setzen wir uns, und hre mir mal
ruhig zu, wie ich mir so alles gedacht habe.

Etwas ngstlich war Frau Rechtsanwalt Haler, eine freundliche, sehr
gtig blickende Dame, dem Wortgeplnkel des Gatten und der Tochter
gefolgt. Sie sa am Fenster des Wohnzimmers mit einer feinen Handarbeit
beschftigt. Fr sie war Beates Wunsch keine berraschung mehr; denn am
Morgen schon hatte das junge Mdchen zu ihr davongesprochen, und jetzt
nach dem Nachmittagsschlfchen war auch dem Vater die Erffnung darber
gemacht.

Die erste Aufregung und der erste Widerstand waren vorber, und Beate
sah, da der Vater jetzt ihren Erklrungen zugnglicher war. Sie erfate
deshalb ihren Vorteil. Siehst du, alter Herr. Du kannst doch nichts
dagegen haben -- als Jurist weit du genau, da du gar keine
stichhaltigen Grnde hast, mich zurckzuhalten! -- Ja, wenn ich mich zu
dem Studium der Rechtswissenschaft entschlossen htte, knnte ich das
begreifen, denn Konkurrenz lt man nicht gern neben sich aufkommen.

Sie lchelte bei diesen Worten und sah ihm schelmisch ins Gesicht. Er
zupfte sie am Ohrlppchen. Mutter, sieh nur diese eingebildete Person,
dies Kken!

Siehst du, Vater, fuhr Beate fort, da ich aber rztin werden will,
hat das doch keine Gefahr fr dich! Ich lasse mich hier bei euch nieder;
Ihr rumt mir das erste Stockwerk ein, und wenn euch etwas fehlt, habt
ihr den Arzt gleich im Hause! Sie bat und schmeichelte; auf alle seine
Einwendungen hatte sie die schlagendsten Erwiderungen -- er mute
schlielich seiner Tochter, auf deren Klugheit er nicht wenig stolz
war, nachgeben. Ihre Art, zu bitten, war unwiderstehlich; auerdem war
sie sein Abgott; sie konnte viel bei ihm erreichen!

Alles, Kind, was du da vorbringst, ist ja recht schn und gut, und wenn
einmal dein Herz so daranhngt, will ich dir durchaus nicht mehr
entgegen sein! Aber, kurz herausgesagt, du bist mir zu schade, Mdel,
da du deine schnsten Jahre so in der Arbeit verbringen willst. Andere
tanzen und amsieren sich in deinem Alter, und du --

Ja, daran habe ich eben keine Freude -- _de gustibus non est disputandum_
-- lasse mich nach meiner Fasson selig werden! Glaube aber darum nicht,
da ich etwa ein Blaustrumpf oder ein verdrehtes Frauenzimmer werde;
nein, ich will dennoch meine Jugend genieen.

Da mischte sich zum erstenmal Frau Haler ins Gesprch. Warum nur so
viel Aufregungen? Ich denke, da du ber kurz oder lang doch heiraten
wirst!

Heiraten, ich, Mutter? Ich denk nicht daran; wenigstens vorlufig noch
nicht. Dahin komme ich noch frh genug, wenn es einmal sein mu. Jetzt
will ich noch lernen.

Aber dein ganzes Streben und Arbeiten wird dich niemals so beglcken
knnen wie das Bewutsein, einem geliebten Mann anzugehren! Ich habe
bisher geschwiegen, um alles zu hren, was du dir in deinem Kpfchen
zurechtgelegt hast. Aber auf das eine, woran Vater noch nicht gedacht
hat, mchte ich dich noch aufmerksam machen: Du beraubst dich selbst der
reinsten, heiligsten Freuden, die dir durch nichts ersetzt werden
knnen, wenn du auf deinem abenteuerlichen Vorsatz beharrst.

Weit du denn das so genau, du Liebe, Gute? Ich will gar nicht
endgltig darauf verzichten, in einer Ehe glcklich zu werden. Wenn mir
jemand begegnet, dem ich gut sein kann und der mich heiraten mchte,
dann knnen wir immer noch darber reden; und wer wei, ob ich nicht gar
schon an jemand denke? Jetzt aber will ich vor allem selbstndig sein
und mir einen Beruf schaffen, da ich allen Mglichkeiten gegenber
gewappnet bin. Wenn ich nun alte Jungfer werde? Das ist doch auch nicht
ausgeschlossen! Das Leben ist so ernst, die Zeiten sind so schwer, da
man nicht so in den Tag hineinleben kann. Und was unser guter Monsieur
Adolf kostet, wissen wir zu genau.

Na und ob! Ein hrbarer Seufzer begleitete diese Worte des
Rechtsanwalts. Der Junge treibt's auch manchmal zu toll! Aber deshalb,
mein Tchterchen, ist doch fr dich gesorgt, und auch ganz anstndig.
Nun mchte ich endlich meinen Kaffee haben; von dem vielen Reden ist mir
ordentlich der Mund trocken geworden. Und meine Pfeife gibst du mir wohl
mal 'rber! Was man an seinen Kindern fr berraschungen erleben mu!

Flink und gewandt hatte ihm Beate die Friedenspfeife, wie sie
scherzend bemerkte, gestopft und angebrannt, aus der er jetzt die ersten
Zge tat, und es war, als kam da eine gewisse Behaglichkeit ber ihn.

Der Kaffeetisch war bereits gedeckt, und Beate bediente die Eltern. Der
Mutter trug sie die Tasse nach dem Fenster, weil diese zu ihrer Arbeit
das volle Tageslicht brauchte. Hier alter Herr, zur Beruhigung!
lchelte sie dem Vater zu. Ist gengend Sahne und Zucker daran? Und
hier Kuchen -- Mutters Osterkuchen winkt so verlockend.

Er nahm ein Stck davon und versuchte den Kaffee. Alles richtig
getroffen.

Lchelnd sah sie ihm zu, whrend sie mit dem Lffel in ihrer Tasse
rhrte.

Rechtsanwalt Haler war einer der beliebtesten und meistbeschftigtsten
Anwlte der Stadt. Er war ein Mann in guten Verhltnissen. Zwei Kinder
nannte er sein eigen, einen Sohn von fnfundzwanzig Jahren und Beate,
die Tochter, die neunzehn Jahre zhlte. Sie war ein auerordentlich
begabtes Kind, soda die Eltern ihren Bitten nicht hatten widerstehen
knnen, ein Gymnasium zu besuchen. Dort hatte sich immer mehr der Wunsch
in ihr befestigt, zu studieren. Es dnkte sie herrlich, immer weiter in
den Born des Wissens zu tauchen, in die Geheimnisse der Wissenschaft
einzudringen.

Und heute stand sie am Ziel ihrer Wnsche; die Eltern hatten
nachgegeben!

Rate, Beate, wer jetzt ber die Strae kommt? sagte da Frau Haler, in
den Fensterspiegel blickend.

Klre Brckner?

Nein, ganz jemand anders! Doch du wirst sicher nicht darauf kommen.

Die Hausglocke schlug hell an, und wenige Minuten spter meldete das
Mdchen: Herr Doktor Scharfenberg.

Ein freudiges Rot berflog da Beates Gesicht. Soll 'reinkommen! rief
der Rechtsanwalt gemtlich.

Ist schon da! Eine schlanke Mnnergestalt stand im Rahmen der Tr und
eilte dann auf das Ehepaar zu. Tag, Onkel! Tag, Tantchen! Wie gehts
euch denn? Und da ist auch Bea -- Mdel, bist wohl noch gewachsen?

Freudestrahlend blickte er sie an, whrend er ihr herzlich die Hnde
drckte.

Endlich war die Wiedersehensfreude zu Ende, sowie die brigen Fragen
nach dem Befinden. Bei euch ist's immer noch so gemtlich! Wie heimelt
mich doch das Wohnzimmer hier gerade an, Tante Christine, sagte er
herumblickend, dort in jener Ecke hinter dem Ofenschirm haben wir so
oft gesessen, Adolf und ich, und die gebackenen Pflaumen und Birnen
verspeist, die wir dir so fein aus deiner Vorratskammer zu stibitzen
verstanden hatten --, man lachte, und er fuhr fort: und neue Gardinen
hat Tantchen, sogar ganz moderne -- Brises-Brises -- oder wie die
neumod'schen Dinger heien -- Mutter hat ja auch welche -- darum habe
ich dich gar nicht sehen knnen, Tante, so sehr ich auch nach deinem
Fenster gespht.

Fr mich ist das aber umso gnstiger! Dann kann ich beobachten, was auf
der Strae vorgeht, ohne gesehen zu werden!

Fngt Tantchen auf ihre alten Tage noch an, neugierig zu werden? Ei,
ei, das ist ein Fehler, den ich noch gar nicht an ihr bemerkt habe,
scherzte er, sollten die Jahre dich verndert haben?

Er hatte eine so kindlich-frhliche Art, die unwillkrlich die Herzen
fr ihn einnahm. Nun sag' erst einmal, Schorschchen, hast du Adolf
gesehen? Er schrieb, da er keinen Urlaub habe bekommen knnen.

Nur flchtig hab' ich ihn gesprochen; ich hatte in letzter Zeit rasend
zu tun, und er war dienstlich ebenfalls sehr in Anspruch genommen. Im
brigen geht es ihm gut; er ist wieder etwas magerer geworden. Pfingsten
hofft er fnf Tage herauszuschlagen!

Das freut mich! Ohne den Jungen hab' ich gar kein richtiges Fest!
meinte Frau Haler. Trinkst du vielleicht ein Tchen Kaffee mit uns?
Es gibt heute frischgebackenen Quarkkuchen.

Der ja deine Spezialitt ist. Da kann ich nicht widerstehen.

Beate bediente ihn; sie go ihm Kaffee ein und bot ihm Kuchen an. Mit
Entzcken ruhten Georgs Blicke auf dem schnen Mdchen, dessen
Bewegungen von groer Anmut und Ruhe waren. Wann bist du gekommen?
fragte Herr Haler.

Heute morgen. Ich bin die Nacht durchgefahren, um einen Tag zu sparen.
brigens viele Gre von Mutterchen. Sie ist sehr glcklich, da ich es
so gut mit meiner Stellung getroffen habe. Assistenzarzt bei Professor
Brause wird so leicht nicht jeder -- aber der Herr hlt groe Stcke auf
mich ...

Noch eine Tasse Kaffee gefllig, Schorschchen?

Ja, bitte, Bea, wenn es dir keine Mhe macht -- und dann mit
bewunderndem Blick: Wie du dich verndert hast in den zwei Jahren, die
wir uns nicht gesehen haben.

Wundert dich das so, Schorsch? Aus Kindern werden Leute.

Und aus Mdchen Brute, scherzte Herr Haler.

Ein jhes Erschrecken zuckte ber Georgs Gesicht. Brute? Wie soll ich
das verstehen? Bist du verlobt, Beate, und --

Aber nein, Schorschchen, ich denk' ja nicht daran -- Papa spat nur.

Nun, zu verwundern wre es gerade nicht. Du bist doch in dem Alter.

Kaum die Schule verlassen und schon Braut -- nein, so eilig hab ichs
doch nicht.

Na, lieber wre es mir schon, als da sie ihre verrckte Idee
verwirklicht und studiert, brummte der Rechtsanwalt.

Was, Bea, du willst studieren? Ist das denn wirklich wahr?

Ein so groes Staunen klang aus seinen Worten, da sie etwas pikiert
fragte: Und warum sollte ich nicht? Traust du mir die Fhigkeit nicht
zu?

Sprachlos sah er sie an.

Sie lachte: Da staunst du, wie? Sogar vergit du, deinen Kaffee
auszutrinken.

Ja, ja, Schorschel, nahm der alte Rechtsanwalt das Wort, kmpfe du
gegen diesen Dickkopf an! Sie pocht auf ihr glnzend bestandenes
Abiturium und will durchaus auf die Universitt! Wer wei, wer ihr all'
das dumme Zeug in den Kopf gesetzt hat -- studieren! Als ob es nichts
anderes zu tun gbe!

Aber, Bea, das ist ja verrckt, glatt verrckt! fuhr es dem jungen
Arzt heraus.

Hab ich auch schon gesagt, ganz dasselbe, meinte Papa Haler vergngt,
einen Beistand gefunden zu haben.

Du bist ja sehr hflich, mein Freund, das mu ich sagen, entgegnete
das Mdchen ruhig, doch lt es mich sehr kalt, wie du mein Vorhaben
beurteilst. Ja, ich will studieren, und zwar Medizin!

Auch das noch!

Du frchtest wohl die Konkurrenz, Georg? -- Vorlufig hast du das nicht
ntig, lchelte sie ein wenig spttisch. Du bist mir ja so viele
Semester voraus.

Wie bist du nur auf die unglckliche Idee gekommen, Beate? Es ist doch
blanker Unsinn! Du und studieren!

Sie zuckte ein wenig ungeduldig die Achseln und hielt sich die Ohren zu.
-- Ach geht, ihr werdet nachgerade langweilig mit eurem Staunen! Wie
ich auf die Idee gekommen bin? -- Ganz von selbst, da ich einen meinen
Neigungen passenden Beruf ergreifen will.

Aber gerade Medizin! Beate, Mdel, hast du denn keine Ahnung, wie
schwer das fr ein Weib ist -- welche Selbstberwindung das kostet?

Ihre schnen dunklen Augen ruhten spttisch auf seinem Gesicht. Mein
lieber Herr Doktor, Krankenschwester ist auch nicht viel anders als
rztin: auch sie hat mit Sachen zu tun, die vollste Selbstberwindung
verlangen, und wie sehr wird gerade dieser Beruf als der weiblichste
gepriesen!

Na, erlaube mal, das ist doch ganz etwas anderes. Aber deine
Frauenlogik --

Mit einer Handbewegung schnitt sie ihm das Wort ab: Lieber Schorsch,
spare dir deine Mhe, mir mein Vorhaben leid zu machen. Deine Ansicht
darber hast du ja gengend gekennzeichnet mit den Worten glatt
verrckt! Das erbrigt mir alles andere! Gewi, ich verhehle mir
keineswegs, da ich schwere Jahre vor mir habe, aber glcklicherweise
gehre ich ja nicht zu den Schwchsten meines schwachen Geschlechts. Ich
habe Kraft, noch viel mehr zu berstehen! Du scheinst sehr gering von
meinem Knnen zu denken!

Mit einem langen, schmerzlichen Blick sah er auf das schne Mdchen, das
er als halbes Kind schon geliebt. Und heute war er mit so groen
Hoffnungen gekommen, heute, da er ihr eine gesicherte Zukunft bieten
konnte. Hatte sie denn ganz vergessen, in welcher Weise sie vor zwei
Jahren Abschied genommen hinten im Garten in der Geiblattlaube, wo er
sie gekt und sie seinen Ku auch erwidert hatte?

Khl blickten jetzt ihre dunkelbraunen Augen, und ihre Worte klangen
herbe; sicher hatte er sie verletzt. Verzeihe, Beate, entgegnete er
daher, ich hatte dich nicht krnken wollen, trage mir nicht nach, was
ich gesagt habe! Es erscheint mir nur gar so unfalich, da du deine
Jugend und Schnheit in solch unntzem Streben verbringen willst.

Unntz? Verzeihung, mein Freund, du bist aber nicht sehr glcklich in
der Wahl deiner Entschuldigungen. Ich hoffe, da ich einmal ein sehr
ntzliches Glied der menschlichen Gesellschaft werde! Du scheinst
wirklich zu denken, da ich nur als Sport betreiben will, was mir
sehnlicher Wunsch und Bedrfnis ist.

Da hre einer das Mdel an! Gib dir keine Mhe, Schorsch, es ist doch
vergebens! -- Stecke dir lieber 'ne Zigarre an, da drben stehen sie --
die nicht, die kleine Kiste -- so -- sagte Herr Haler. Beate mu nun
mal ihren Willen haben! Na, meinetwegen! Ich bin nur neugierig, wenn sie
die Sache satt kriegt! Denn ich kann es nicht glauben, da sie
durchhalten wird. Wenn sie erst am Seziertisch steht, wird ihr die Lust
bald vergehen.

Meinst du, Vater? fragte sie, und ihre Augen blitzten. Das wirst du
niemals erleben; ein Umkehren gibts fr mich nicht -- nie!

Und wo willst du studieren, Beate?

Zuerst in Zrich, dann in Berlin! Ich nehme mein Studium durchaus
ernst und will dahin gehen, wo man am wenigsten auffllt.

Wie ein Schatten war es auf Georgs Frhlichkeit gefallen, und bekmmert
blickte er auf Beate, die ihm in ihrer khlen Sicherheit so fremd
erschien. Um von dem ihm so unsympathischen Thema abzulenken, fragte er
sie nach ihrer Gymnasialzeit. Voller Stolz zeigte sie ihm da ihre
tatschlich hervorragenden Zeugnisse. -- Georg lobte sie sehr.

Weit du, Bea, wenn du weniger wtest, wre es mir schon lieber,
versuchte er zu scherzen.

Sie gab ihm einen leichten Schlag auf die Hand. Ja, Schorschchen,
darnach gehts aber nicht! Hast du nicht selbst den Grund dazu gelegt?
Denke doch an die Stunden, in denen du mir Griechisch und Lateinisch
beibrachtest und niemals ungeduldig wurdest, entgegnete sie in gleichem
Tone. Lchelnd hielt sie ihm die Hand hin: Na, wollen uns wieder
vertragen!

Georg Scharfenberg war der einzige Sohn von Rechtsanwalt Halers bestem
Freunde, der vor einigen Jahren gestorben war. Zwischen den beiden
Familien hatte stets ein reger Verkehr stattgefunden, der durch die
Nachbarschaft der Huser noch erleichtert wurde. Georg Scharfenberg und
Adolf Haler waren in gleichem Alter und besuchten das Gymnasium
zusammen -- nur mit dem Unterschiede, da Georg stets einer der Ersten
und Adolf einer der Letzten war.

Dieser war ein liebenswrdiger, ziemlich leichtsinniger Sausewind, dem
so leicht niemand bse sein konnte, whrend Georg ernster und
schwerflliger veranlagt war. Beate, das schne, begabte Kind wurde von
allen verzogen. Und Georg besonders opferte seine meiste freie Zeit
dafr, ihren nie zu besiegenden Wissensdurst zu stillen; er fhrte sie
in die Geheimnisse der griechischen und lateinischen Sprache ein, und er
war erstaunt ber die ungeheuer leichte Auffassungsgabe des Kindes.

Dann bezog er die Universitt, whrend Adolf in das Heer eintrat.

Kam er in den Ferien nach Hause, wurde er von Beate mit jubelnder Freude
begrt. Sie hing sehr an dem lteren geduldigen Freunde und lernte
unter seiner Leitung weiter, das in Privatstunden Gelernte wiederholend.

Und vor zwei Jahren, als er sie wiedersah, war er betroffen, zu welch
lieblicher Mdchenblte sich der halbwchsige Backfisch whrend seiner
Abwesenheit entwickelt hatte. Im ganzen Reiz ihrer holden Siebzehn stand
Beate vor ihm: er konnte sich nicht satt sehen an ihrer jungen
Schnheit. Und die Zuneigung, die er immer schon fr das Kind gehabt,
verstrkte sich bald zu einer tiefen, innigen Liebe.

Wenn er ihr auch nichts davon gesagt, so mute sie es doch fhlen,
ahnen; denn der gute Mensch konnte sich nicht verstellen; seine Blicke
sprachen zu deutlich. Und am Tage seiner Abreise, als er sie im Garten
wute, suchte er sie dort auf, um Abschied zu nehmen.

Wie es dann gekommen, wuten beide selbst nicht -- er hatte den Arm um
sie gelegt, ihren zarten roten Mund gekt und leise gesagt: Liebe,
se Bea! Weiter nichts. Sie hatte seine Liebkosung still hingenommen,
und seit jener Zeit lebte die Liebe stark und mchtig in ihm und der
Gedanke, sobald als mglich in die Lage zu kommen, der Geliebten eine
sichere Existenz bieten zu knnen; vorher wollte er nicht sprechen; sie
verstanden sich auch so.

Da sie nun dennoch das Gymnasium besuchte, war durchaus nicht nach
seinem Sinn. Er trstete sich aber in dem Bewutsein, da das auch ein
Ende haben wrde. Darum wirkte heute doppelt schmerzlich die Erffnung
auf ihn, da sie studieren wollte. Denn er hatte von einem andern Berufe
fr sie getrumt; von dem einer liebenden und geliebten Frau, die
Sonnenschein und Behaglichkeit in seinem Heim verbreitete!

Htte er sie nur erst allein gesprochen! Seine ganze Beredsamkeit wollte
er aufbieten, sie von ihrem trichten, ungesunden Vorhaben abzubringen.
Wenn sie ihn liebte, mute sie ihm auch folgen. Er hatte sie zu sich
herangebildet, mit seinen Idealen und Anschauungen ihr Herz erfllt, und
nun wollte sie andere Wege gehen, fern den seinigen, wo sie beide doch
zusammengehrten!




2.


Doktor Georg Scharfenberg hatte am andern Tag Beate Haler ausgehen
sehen. Eilig strmte er ihr nach und hatte auch das Glck, sie
einzuholen. Etwas auer Atem fragte er sie: Tag, Bea! Wie gehts? Darf
ich mich dir anschlieen?

Freundlich reichte sie ihm die Hand. Wenn es dir Vergngen macht,
Schorschchen; ich habe fr Muttchen einige Besorgungen zu machen.

Glcklich schritt er neben dem geliebten Mdchen einher, das ihm
unsagbar lieblich und anmutig erschien. Beate trug ein enganliegendes,
dunkelblaues Kostm, das die Vorzge ihrer schlanken, gut gewachsenen
Gestalt vorteilhaft zur Geltung brachte.

Ihr kluges, schmales Gesicht mit den etwas zarten, aber gesunden Farben
wurde ungemein belebt durch die groen dunkelbraunen, fast schwarzen
Augen, die im Verein mit den dunklen Wimpern und Brauen in
wirkungsvollstem Gegensatz zu dem kstlichen aschblonden Haar standen.
Ihr Mund war sehr schn geschnitten, etwas herb und streng im Ausdruck,
wenn sie schwieg, aber reizend beim Lcheln.

Unbefangen plauderte sie von diesem und jenem, whrend er im stillen
nach einem Anfang suchte, von dem zu reden, was ihm auf dem Herzen lag,
jetzt aber noch klug vermeidend, das Gesprch auf den Gegenstand von
gestern zu bringen.

Obwohl es noch ziemlich frh im April war, hatte der warme Sonnenschein
der letzten Tage die Knospen wach gekt, und wie ein zarter, grner
Schleier in helleren und dunkleren Abtnungen, so lag nun das junge Grn
auf den Struchern.

Heut' ist's doch kstlich-richtiges Osterwetter, sagte Beate, sieh
nur, Schorschchen, wie reizend die gelben und lila Krokus dort auf dem
Beet, und da die ersten Kastanienbltter -- wie schchtern sie aussehen!
Ich freue mich immer so ber das Auferstehen der Natur, und deshalb ist
mir gerade Ostern das liebste von allen Festen!

Wie herrlich mu es jetzt im Pfaffenbusch sein, bemerkte Georg, ein
Gedanke, Bea, -- Du hast doch Zeit? Wollen wir mal hingehen? Weit ist's
ja nicht.

Bereitwillig stimmte sie zu, und nicht lange danach befanden sie sich in
dem Gehlz, das unmittelbar an die Stadt grenzend ein beliebter
Spazierort war.

Heute traf man nur ganz vereinzelte Spaziergnger an, was Georg sehr
recht war. Denn das, was er jetzt mit Beate zu reden hatte, konnte nur
in der Stille geschehen.

Wie schn, Schorsch, sagte das junge Mdchen, tief Atem holend, hier
offenbart sich die Schpferkraft der Natur so herrlich; im Walde halte
ich meine Kirche, da bin ich immer so glubig und fromm.

Und sonst nicht, Bea? fragte er eindringlich.

Wie du es vielleicht meinst, nicht, Georg! Es ist alles so von allein
gekommen, und je mehr man nachdenkt, desto mehr brckelt von dem alten
Kinderglauben ab.

Beate, so sieht es in dir aus?

Ja, Schorschchen -- und wundert dich das so sehr? brigens, wie du
denkst, wei ich ganz genau, auch wenn du mir gerade davon nie
gesprochen hast.

Weil es kein Thema war, dies mit dir zu errtern. Aber wer wei, was du
alles fr Bcher gelesen hast, die gar nicht fr dich geeignet sind, und
naturgem verwirren sich --

Erlaube, Georg, unterbrach sie ihn lebhaft, erlaube, was ich mir zu
lesen auserwhle, ist nie ungeeignet fr mich! Und wenn du mich bei
guter Laune erhalten willst, dann betrachte mich nicht immer noch als
halbes Kind, dessen Meinung und Ansichten man gutmtig belchelt und
nicht fr voll ansieht, eine leise Gereiztheit klang aus ihrer Stimme.

Begtigend fate er ihre Hand und blieb stehen. Nicht doch, Bea -- das
liegt mir ganz fern! -- ich habe etwas ganz anderes auf dem Herzen.

Er schwieg einen Augenblick, und erwartungsvoll sah sie ihn an. Sie
wute offenbar nicht, wo er hinaus wollte. Schwer atmend fuhr er da
fort, ihre Hnde an seine Brust fhrend: Bea, du hast mir eigentlich
noch gar nicht recht Willkommen gesagt, so wie man es sich nach dem
Abschied sagt, den wir damals genommen haben.

Ein lichtes Rot berflog ihre feinen Zge und sie suchte ihre Hnde zu
befreien; er lie sie aber nicht. Weit du es nicht mehr, Bea? -- In
eurer Laube am Pfingsttag war es! -- Sag', Mdchen, hast du noch daran
gedacht? fragte er weich.

Statt aller Antwort hob sie die dunklen Augen zu ihm empor, und was er
darin las, mochte ihn wohl dazu ermutigen, seinen Arm um die holde
Gestalt zu legen und einen innigen Ku auf ihren Mund zu drcken. Mein
Herzlieb, flsterte er in tiefer Bewegung, hast du mich noch ein
bichen lieb?

Sie schmiegte sich fester an ihn. Ja, Schorsch, nicht blo ein
bichen, sondern viel, viel mehr als du alter Schulmeister es eigentlich
verdienst, entgegnete sie innig.

Da beugte er sich nieder, und ihren Lippen wurde ser Lohn zuteil fr
diese Antwort. Gern berlie sie sich seinen starken Armen, in denen es
sich fest und sicher ruhte. Du lieber Schorsch, sagte sie leise und
kte ihn zart und innig wieder.

Sie liebte den treuen Freund ihrer Kindheit mit der tiefen Zuneigung,
deren ihre Natur fhig war, und wenn auch bis jetzt noch kein Wort von
Liebe gesagt war zwischen ihnen, so war es doch ein stillschweigendes
Bewutsein gewesen, da sie beide zusammengehrten. Sie schritten
langsam weiter durch den Wald, und doppelt reizvoll erschien ihnen jetzt
das erste sprossende Grn, der lichtklare, blaue Himmel.

Georg hatte seinen Arm um die Geliebte gelegt und sprach ihr davon, wie
er stets nur an sie gedacht, und wie er nun glcklich sei, ihr jetzt
eine gesicherte Zukunft bieten zu knnen. Er hoffe, da sie nchstes
Jahr um diese Zeit schon seine kleine Frau sei.

Da blieb sie stehen. Aber nein, Schorschchen, so bald nicht, das ist
doch unmglich.

Aber warum? Ich hab doch mein schnes Gehalt, dazu die Zinsen von
meinem Kapital, freie Wohnung -- da lt es sich doch bei nicht allzu
groen Ansprchen ganz gut leben.

Ach, daran habe ich nicht gedacht! -- Nein, Schorsch, erst mu ich doch
meinen Doktor machen. Du vergit wohl ganz, da ich studieren will?

Aber Bea, das kann doch dein Ernst nicht mehr sein, jetzt, wo wir uns
gefunden haben, sagte er, unangenehm von ihrer uerung berrascht.

Sie lste sich aus seiner Umschlingung und blickte ihm ruhig und gerade
in die Augen. -- Doch, es ist mein Ernst!

Aber Beate, das ist ja Unsinn! Dann liebst du mich nicht, wenn du daran
noch denken kannst, rief er ganz aufgeregt.

Denkst du denn so ausschlielich an mich? Hast du denn nicht deinen
Beruf, der deine ganzen Krfte, dein ganzes Interesse in Anspruch
nimmt? fragte sie khl. --

Beate, sieh doch ein, da das etwas anderes ist -- ich bin doch ein
Mann!

Da lachte sie kurz auf. Ja, natrlich, das ist etwas ganz anderes --
ein Mann! Und ich als Weib mu mich fein demtig bescheiden, mu meine
innersten Wnsche und Neigungen verleugnen, wenn es dem Mann nicht pat.
Aber das darfst du niemals verlangen -- du weit doch ganz genau, da
ich eine selbstndige Natur bin.

Ja, das wei ich, und ich will dich auch gar nicht anders haben! Nur
lasse ab von der unglckseligen Idee, zu studieren! Ich bitte dich
herzlich darum! Was hast du denn davon, du vertrauerst deine schnsten
Jahre, die du ganz anders ausntzen knntest.

Bitte, Georg, darber habe ich eine andere Ansicht, und von der lasse
ich mich auf keinen Fall abbringen.

Es war merkwrdig, wie khl ihre Stimme klang und ihre Augen blickten;
die Weichheit und Herzensgte, die sonst daraus strahlte, war mit
einemmale verschwunden. Sie schttelte ein wenig den Kopf. Wirklich,
Georg, ich htte dich fr grogeistiger gehalten. Aber ihr Mnner seid
euch darin alle gleich.

Er fate ihre Hand. Beate, hast du mich wirklich lieb? fragte er
eindringlich.

Noch einmal wollte er versuchen, sie umzustimmen. Er kannte gar wohl
ihren harten Kopf, glaubte aber durch eine Berufung auf ihre Liebe
schlielich doch den Sieg zu gewinnen. Sie mute ja ein Einsehen haben.

Innig ruhten ihre klaren Augen auf ihm, als sie sagte: Ja, Georg, ich
hab dich lieb, und ich bin glcklich, da du mich zu deiner Gefhrtin
erwhlt hast. Ich denke es mir herrlich ein Leben an deiner Seite.

Ein Freudenstrahl huschte ber sein kluges Gesicht, und beglckt zog er
sie an sich. Meine geliebte Braut, mein guter Kamerad, du --

Ja, eben das will ich auch sein -- im wahrsten Sinne des Worts!
unterbrach sie ihn. Ich will dir in deinem Berufe ganz zur Seite sein
-- ich will dich bis ins kleinste verstehen, und deshalb, Georg, bitte
ich dich, hindere mich nicht in meinem Vorhaben, ich bitte dich darum,
um unser Glck! Und sflehend schaute sie ihn an.

Der Freudenschimmer auf seinen Zgen erlosch jh, und eine tiefe Falte
grub sich zwischen seine Augenbrauen. Um unser Glck! wiederholte er
bitter. Mein Glck verlangt es wirklich nicht, da du als ausgebildete
rztin und Kollegin an meiner Seite lebst, nein, ich will dich als
meinen guten Kameraden, als mein geliebtes Weib, Bea, bei dem ich mich
von den Anstrengungen meines Berufes ausruhen kann.

Eine heie Zrtlichkeit klang aus diesen letzten Worten, und heftig
drckte er ihre Hand.

Und als meine Haushlterin, vergit du hinzuzusetzen, die da nachsieht,
ob alle Knpfe gut angenht sind, entgegnete sie ironisch. Denn das
gehrt ja mit zu dem Bilde, wie du dir deine Ehe ausmalst. Aber dazu,
Georg, habe ich durchaus kein Talent, das sage ich dir vorher!

Doch oft sichern angenhte Knpfe das Glck einer Ehe mehr als die
gelehrtesten, geistreichsten Gesprche es vermgen, wenn sonst der
Haushalt vernachlssigt wird, antwortete er mit grimmigem Humor. Du
bist auf einem ganz falschen Wege, Beate, wenn du so denkst! Und du hast
wirklich nicht zu befrchten, da ich dich auf das Niveau einer bloen
Haushlterin herabdrcken will, nein, Bea, gerade so wie du bist, will
ich dich haben: mein schnes, kluges Weib, gegen das ich mich
aussprechen kann, das mich versteht, auch ohne da es gerade vom
Doktortitel geschmckt wird, den du ja von mir bekommst.

Den aber aus eigener Kraft zu erreichen, der Traum meines Lebens ist!
-- Gib dir keine Mhe, Georg, was du auch vorbringen wirst, ich gebe
nicht nach, zu tief ist der Plan mit meinem Innersten verwachsen.

Du denkst dir alles so ideal, komme aber erst in die Wirklichkeit und
sieh, wie schwer es ist, Beate, Mdchen! Du hast ja keine Ahnung, was es
zu berwinden gibt, wie die Anstrengungen dich aufreiben werden, dir
deine Schnheit, deine kstliche Jugend und Frische nehmen -- und dann
all der Ekel und der Jammer!

So schlimm, wie du es schilderst, ist es ja doch nicht, Georg, du
kannst mich nicht abschrecken, weil ich mir alles selbst schon gesagt
habe. Und siehst du, mich jammern gerade die armen kranken Kinder so;
denen mchte ich so gerne helfen! Wie oft hast du mir frher gesagt, da
das dein Wunsch ist, gerade Kinderarzt zu sein!

Ja, Beate, und an meiner Seite httest du da die beste Gelegenheit,
dich in dieser Vorliebe zu bettigen -- als meine Frau in meiner
Klinik.

Doch eigensinnig schttelte sie den Kopf. Ich will, wie ich will,
Georg! Bitte la uns nicht weiter darber sprechen und uns den schnen
Tag verderben! Meine Absicht steht fest. Ich sehe nicht ein, warum sich
mein Studium mit meiner Heirat nicht vertragen sollte! Die paar Jahre
werden bald vergehen, ich bin jetzt zum Heiraten noch viel zu jung.

Ein Zug ernster Entschiedenheit trat da in sein Gesicht. Nun denn,
Beate, wenn du meinen Bitten, meinen berechtigten Einwendungen und
Grnden durchaus kein Gehr schenken willst, mu ich es dir entschieden
verbieten.

Du mir verbieten? Und mit welchem Recht? Sehr erstaunt klang diese
Frage, und ebenso erstaunt sah sie ihn an.

Mit dem Recht als dein Verlobter! Nimmer werde ich zugeben, da du eine
Universitt besuchst. Du gehrst jetzt mir! Niemand kann zween Herren
dienen!

Ah, ist es das, mein Freund? gab sie kalt zurck. Dann wisse, da ich
nicht gewillt bin, so ber mich verfgen zu lassen. Ich tue, was mir
beliebt, und du hast kein Recht, in solcher Weise bestimmend auf mich
einzuwirken. Ich lasse mich nicht tyrannisieren! Und kurz: ich gehe nach
Zrich.

Er wurde bleich bis in die Lippen bei ihren mit groer Entschiedenheit
gesprochenen Worten. Beate, ist das dein letztes Wort?

Mein letztes!

Treibe es nicht bis zum uersten! Denke an unsere Liebe, an unser
Glck! Wollen wir uns das durch eine Laune zerstren lassen? Beate, sei
doch vernnftig! Wenn ich nur eine Zweckmigkeit, eine Notwendigkeit
deines Studiums einsehen knnte! Aber so! Beate! -- Seine Stimme bebte
doch, und erwartungsvoll waren seine Augen auf ihr Gesicht gerichtet,
eine Sinnesnderung darin zu lesen. Sie konnte doch nicht so starrkpfig
sein, wo es sich um beider Lebensglck handelte.

Doch vergebens. Kein Zug in ihrem Antlitz vernderte sich. Es blieb kalt
und unbeweglich. Du kennst meinen Entschlu, er ist unwiderruflich!
sagte sie dann, und wie ein Eiseshauch wehte es ihn an aus ihren Worten.

Er sah, da sie wirklich ihr letztes Wort gesprochen; fremd und khl
begegnete sie seinem bittenden Blick -- da griff er nach seinem Hut.
Dann lebe wohl, Beate! Mgest du nie bereuen, so auf deinem Eigensinn
beharrt zu haben.

Ohne ihr die Hand zu geben, verneigte er sich und ging davon. In wenigen
Augenblicken war er durch eine Wegbiegung ihren Blicken entschwunden.

War er das wirklich, ihr allzeit nachgiebiger Freund, der heute so starr
war und nicht einen Schritt zurckwich, trotz ihrer Bitten?

Beate stand noch da, die Hand unwillkrlich auf ihr Herz gepret, in dem
es einen so wunderlichen Stich gab, als die hohe Gestalt des
Jugendfreundes ihren Blicken entschwand. Und stieg es da nicht wie warme
Tropfen in ihren Augen auf? Ach Unsinn! Und rgerlich ber sich selbst
schttelte sie den Kopf.

Sie konnte doch froh sein, da sich die Sache noch so gewendet, nachdem
sie gesehen, da Georg ebenso egoistisch und kleinlich denkend wie
andere Mnner war. Und wie hatte sie es sich schn gedacht, als sein
Weib tatkrftig und verstehend an seiner Seite zu schaffen!

Da hie es denn auf diesen Traum verzichten und von jetzt an fr sich
allein bleiben -- in angestrengter Arbeit Ersatz fr das Aufgegebene zu
suchen!

Vielleicht war es auch besser so; denn er hatte ja selbst gesagt:
niemand kann zween Herren dienen, -- entweder also die Wissenschaft
oder die Liebe, und da es nur eins sein konnte, whlte sie eben die
Wissenschaft, die ihr nun alles geben mute!

Aber ein hlicher Schatten war doch ber ihre Osterfreude gefallen, und
traurig und gedankenvoll schritt sie dem Heimweg zu.




3.


Es war erreicht!

Frulein Dr. med. Beate Haler, hie es seit mehr als einem Jahr!

Die Studienzeit war vorber. Die Examina hatte Beate glnzend bestanden,
und mit Stolz konnte sie auf ihre Erfolge blicken. Ein Jahr hatte sie
schon praktisch in einem groen Krankenhause gearbeitet, und man rhmte
ihr groe Sicherheit und Tchtigkeit nach. Mit vieler Liebe hingen die
kranken Kleinen auf der Kinderstation an ihr, und groer Jubel herrschte
unter ihnen, wenn die gute Tante kam -- jedes wollte von ihr genommen
und gepflegt sein.

Und es war wirklich wunderbar, wie das ernste Gesicht der jungen rztin
sich aufhellte, wenn sie mit den Kleinen scherzte und ihnen gut
zuredete. Welch weiche, linde Tne da ihre klare Stimme fand, welch'
Leuchten in ihre Augen trat -- sie hatte dann wirklich etwas
Unwiderstehliches an sich.

Wissen Sie, Frulein Doktor, was ich Ihnen wnschte? sagte eines Tages
Schwester Therese zu ihr, als beide damit beschftigt waren, bei einem
reizenden zweijhrigen Kinde, das sich arg verbrht hatte, den Verband
zu erneuern.

Nun, da bin ich wirklich neugierig, lchelte Beate in ihrer
gewinnenden Weise, um dann gleich darnach das Kind zu beruhigen, das
anfing zu weinen.

Ich wnschte Ihnen, da Sie selbst solch herziges Wesen Ihr Eigen
nennten! Sie htten heiraten mssen, Frulein Doktor, meinte die
Schwester warm, indem sie einen bewundernden Blick auf das schne
Mdchen richtete, das bei diesen Worten tief errtete. Wer so mit
Kindern umzugehen versteht ...

Sie knnen das wohl nicht, Schwester? entgegnete Beate. Schlielich
liegt doch in jedem weiblichen Wesen das Muttergefhl, und mein Beruf
gibt mir genug Gelegenheit, ihm nachzugeben! Das ist doch nichts
besonderes an mir!

Ja, wenn auch, Frulein Doktor, aber gerade Sie -- --

Schwester Therese hielt es jetzt doch fr geratener, nicht weiter zu
sprechen; denn sie sah, wie Beates Gesicht einen abweisenden Zug
angenommen hatte; vielleicht rhrte man da unbewut an eine wunde
Stelle. Und sie hatte mit dieser Annahme wohl nicht ganz unrecht. Beate
hatte den teueren Jugendfreund nicht vergessen knnen. Noch immer
glaubte sie seine mit so schmerzlichem Ausdruck auf sie gerichteten
Augen zu sehen, wie er damals von ihr ging, als sie das nachgebende
Wort, das er so sehnlich erwartete, nicht gesprochen!

Dann hatte er dennoch noch einmal geschrieben, warm und eindringlich,
aber sie hatte auf ihrem Willen beharrt, und von der Zeit an hatte er
vermieden, je wieder mit ihr zusammenzutreffen; sie sahen sich nicht
mehr.

Desto mehr hrte aber Beate von ihm, er war die rechte Hand von
Professor Brause in S., der ihm das Zeugnis eines uerst geschickten,
tchtigen Chirurgen ausstellte. Alles das erzhlten ihr die Eltern, und
mit Herzklopfen lauschte sie darauf. Aber was htte es fr Zweck gehabt,
sich in unntze Trumereien zu verlieren?

Mit um so grerem Eifer strzte sie sich in ihre Arbeit, und mit der
ihr eigenen Energie und Geschicklichkeit berwand sie alle
Schwierigkeiten. Wie oft mute sie an Georgs Worte denken, als er ihr
das Studium so schwer geschildert -- wie manchmal drohte der Ekel sie zu
berwltigen -- aber sie bi die Zhne zusammen -- und es ging!

Mit stolzer Freude stand sie dann am Ziel ihrer Wnsche, und ein
Hochgefhl erfllte ihre Brust; sie hatte ihm beweisen knnen, ihm und
den anderen, da es fr sie nichts Unerreichbares gab.

Nun war sie schon sechsundzwanzig Jahre und eine Erscheinung, die nicht
zu bersehen war. Wohl war die erste Jugendblte entschwunden; aber die
intensive Geistesarbeit und ihr reiches Innenleben hatten ihrem Antlitz
seine Spuren aufgedrckt; hohe Intelligenz und Klugheit, gepaart mit
echt weiblicher Herzensgte, leuchteten nur so daraus hervor, da man
dem Zauber ihrer Persnlichkeit sich nicht zu entziehen vermochte. Ihre
Gestalt war sehr elegant, von schlanker Flle, und Beate verstand auch,
sich anzuziehen. Stets war ihre Kleidung geschmackvoll, wenn auch
einfach und unauffllig.

Gegen ihre mnnlichen Kollegen war sie von einer liebenswrdigen
Zurckhaltung. Manch einer htte die schne Beate gern sein Weib genannt
-- doch ein gewisses Etwas in ihrem Wesen hielt jeden davon ab, ihr auch
privatim nher zu treten, sie war und blieb unnahbar.

In ihrem Beruf war sie unermdlich fleiig und ttig, schlielich aber
doch ihre Krfte berschtzend, bis die versagten. Sie hatte sich keine
Ruhe gegnnt; stets auf ihre eiserne Natur pochend, hatte sie sie zu
ihrem Willen gezwungen, bis es eben nicht mehr ging. Ohnmchtig brach
sie an einem Krankenbett zusammen. Ein heftiges typhses Fieber warf sie
darnieder.

Nachdem sie viele Wochen gelegen und auf das sorgsamste gepflegt worden
war, ging sie zur gnzlichen Erholung auf einige Zeit nach Hause, zu den
Eltern, die ihren Liebling mit groer Freude begrten und im stillen
hofften, da Beate endgltig bei ihnen bleiben wrde.

Aber daran schien sie doch nicht zu denken, denn mit groer Liebe und
vielem Interesse sprach sie von ihrem Beruf, die Zeit herbeisehnend, ihn
wieder ausben zu knnen. --

Es traf sich gut, da sie noch zu Hause war, als nach dem Manver ihr
Bruder Adolf in Begleitung eines Freundes fr zehn Tage auf Urlaub kam.
Mehr als zwei Jahre hatte sie ihn nicht gesehen. Beate war zu Hause
geblieben, nach dem Rechten zu sehen, auf diese Weise der Mutter die
Freude ermglichend, den Sohn mit von der Bahn abzuholen. Sie hatte den
Tisch hergerichtet, ihm mit frischen Blumen ein festliches Aussehen
gegeben und war nun mit allen Vorbereitungen fertig.

Wunderbarerweise hatte sie der Aufenthalt im Elternhause gelehrt, an
kleinen wirtschaftlichen Anordnungen und Handreichungen Freude zu
empfinden. -- Die Hausklingel ertnte, ein Zeichen, da man von der Bahn
zurckkehrte. -- Schnell begab sich Beate hinaus, den Ankommenden
entgegenzugehen.

Mit aller Lebhaftigkeit, die ihm eigen war, begrte Adolf die
Schwester. Er schlo sie in die Arme und kte sie herzlich auf beide
Wangen. Mdel, Bea, ich freue mich kolossal, dich wiederzusehen, und in
deiner Wrde als Frulein Doktor! --

Ja, ja, Rolf, wandte er sich an seinen Freund, nun komm' erst mal her
und lasse dich bekannt machen mit meiner gelehrten Schwester.

Der schlanke, schne Offizier verneigte sich tief. Adolf hat mir so
viel von Ihnen erzhlt, da ich schon lngst begierig darnach war, Sie
kennen zu lernen, gndiges Frulein.

Ein helles Auflachen Adolfs unterbrach ihn. Gndiges Frulein,
parodierte er, mein Freund, das ist wohl nicht die rechte Anrede fr so
ein gelehrtes Haus.

Aber, so lasse doch, Adolf, mahnte Beate, ich bitte dich.

Rolf von Hagendorf war rot geworden. Pardon, Frulein Doktor, ich war
-- ich hatte --, stotterte er.

Freundlich gab sie ihm die Hand.

Hren Sie nicht auf Adolf! Wie ich sehe, ist er noch immer der alte
geblieben, dem es Spa macht, seine Mitmenschen zu necken.

Na, Mutting, nun drfen wir uns wohl erst den Reisestaub abschtteln,
und dann gibts sicher etwas zu essen, ich mu gestehen, ich habe einen
Mordshunger. Rolf brigens auch! Und bei dir duftet es schon so
verfhrerisch, so nach Rebhhnern mit Sektkraut; Frnze, das alte
Faktotum, wird schon ihr mglichstes getan haben, wenn so hoher Besuch
kommt!

Jawohl, Herr Oberleutnant.

Die alte Kchin war soeben aus der Kche gekommen, den Sohn des Hauses
zu begren, und sie hatte die letzten Worte gehrt. Sie wischte sich
die Hnde erst noch einmal an der Schrze ab, ehe sie ihre Rechte etwas
zaghaft in die Hand Adolfs legte, der sie dann freundschaftlich auf die
Schulter klopfte.

Nicht wahr, Frnze, wir zwei beide, wir verstehen uns, was?

Na, und ob, Herr Ad..., Herr Oberleutnant -- sie strahlte ber das
ganze gute Gesicht! Er war doch immer noch derselbe geblieben, stets
lustig und guter Dinge. Wie oft hatte sie ihn vor dem elterlichen Zorn
und vor Strafe in Schutz genommen, wenn er als Junge Zuflucht bei ihr
gesucht, und wie eine Henne ihre Kken schtzt, so hatte sie ihn gegen
den vterlichen Rohrstock verteidigt. Beate war ihr fremder geblieben;
sie konnte es ihr nicht verzeihen, da sie nicht heiraten wollte,
besonders wo sie, Frnze, es doch fr eine ausgemachte Sache gehalten,
da Beate und Scharfenbergs Georg mal ein Paar wrden!

Kaum eine Viertelstunde spter befand man sich bei Tisch. Die Herren
lieen es sich gut schmecken; sie taten dem wirklich vorzglichen Essen
alle Ehre an. Mit einigen sehr warmen Worten dankte Rolf von Hagendorf
den Eltern seines Freundes nochmals herzlich, da sie ihm
Gastfreundschaft gewhren wollten; es tue ihm so unendlich wohl, einmal
wieder in Familie zu sein und wahres Familienleben zu genieen, was er
eigentlich gar nicht kenne, da er als kleiner Junge schon ins
Kadettenhaus gekommen sei und dort auch meistens die Ferien verbringen
mute!

Behaglich fhlte sich Rolf gleich in der ersten Stunde bei Rechtsanwalt
Halers; ein Gefhl des Fremdseins war gar nicht in ihm aufgekommen. Das
wre auch wunderbar gewesen; denn niemand konnte es seinen Gsten
traulicher machen, als Frau Haler durch ihre liebe, gtige, mtterliche
Art.

Noch lange sa man in anregendem Gesprch bei Tisch, und im stillen
bewunderte Rolf von Hagendorf die Schwester seines Freundes. Nach dessen
Erzhlungen hatte er sich unter Beate eine emanzipierte, auf ihr Wissen
eingebildete Person vorgestellt und war nun aufs hchste berrascht,
eine junge Dame von auffallender, ja rassiger Schnheit vor sich zu
haben. Es gewhrte ihm einen eigenen Reiz, sie zu beobachten. Sie schien
das zu fhlen; mehr als einmal hob sie wie magnetisch angezogen den
Blick, und jedesmal begegnete sie Rolfs kecken, grauen Augen, die in so
deutlicher Bewunderung auf ihr ruhten.

Sie wurde rgerlich darber; seine Art verletzte sie fast, sie war doch
nicht gewhnt, so lediglich als Weib angesehen zu werden. Aber sie
konnte sich nicht verhehlen, da der junge Offizier durch seine
persnlichen Vorzge wohl imstande war, auf junge unbehtete Herzen eine
groe Macht auszuben. Er hatte etwas Hinreiendes, Zwingendes an sich;
lag es im Lcheln seines Mundes, im Blick seiner heien Augen, der ihr
sagte: du entgehst mir nicht, wenn ich nur will; sie wute es nicht! --

-- Ihr habt doch gewi auch gehrt, bemerkte da Adolf, da Georg
Scharfenberg so gut wie verlobt ist --

Nein, keine Ahnung davon, du mut dich irren, Adi, entgegnete Frau
Haler aufs hchste erstaunt -- nein -- sonst mten wir es doch
wissen.

Ja, eben --

Beate war um einen Schein blasser geworden, und sie prete die Lippen
fester zusammen, da ihr kein unbedachter Ausruf entfuhr.

Doch, Mutterle, ich hrte es fr ganz bestimmt sagen. Ich wollte ihn
immer schon selbst fragen, traf ihn aber nicht -- hab ihn berhaupt
lange nicht gesehen!

Ihr kommt wohl nicht mehr zusammen? fragte Beate.

Selten nur noch! Denn es sind doch so ganz andere Interessen und
Kreise, die jeder von uns hat -- er ist ein kolossaler Streber
geworden.

Was du nicht sagst! -- Das glaube ich aber doch nicht, meinte Papa
Haler, er war stets fleiig, woran sich andere ein leuchtend Beispiel
nehmen knnten.

Ja, ei ja -- das wei ich lngst. Lachend hielt Adolf sich die Ohren
zu. Ich wundere mich berhaupt selbst, da ich es noch so weit gebracht
habe! Da htte mir Beate von ihrem unheimlichen Wissen gern abgeben
knnen. Ihr htte es nicht geschadet und mir ungeheuer gentzt. Weit
du, Mdel, und lustig zwinkerte er mit den Augen, weit du, ich hatte
immer gedacht, da aus dir und Schorsch mal ein Paar werden wrde. Ihr
waret ja unzertrennlich, ihr beide -- die reinen Inseparables.

Interessiert blickte da Rolf Hagendorf auf Beate; er sah das Zucken in
ihrem Gesicht und das gezwungene Lcheln, mit dem sie antwortete: Adi,
deine Kombinationsgabe war immer sehr schwach! Denke daran, da sie dir
einmal zwei Stunden Karzer eingebracht hatte! Und die vier in
Mathematik vergit du wohl ganz? Sehr khn und groartig waren deine
Voraussetzungen stets, beruhten aber auf falscher Grundlage, wie in
diesem Falle! Was sollte Schorsch wohl mit einer gelehrten Frau
anfangen?

Wer ist denn seine Auserwhlte? unterbrach Frau Haler das
Wortgeplnkel der Kinder -- das wirst du doch sicher wissen?

Ich hrte die Tochter von Professor Brause, in dessen Familie er ja so
ganz heimisch ist.

Ist sie hbsch? fuhr es Beate heraus, die aber sofort ber diese echt
weibliche Frage errtete, besonders, als der Bruder sie lchelnd
fixierte und dann sagte: Hm, so hbsch wie du, Bea, freilich nicht, dir
kann berhaupt keiner ...

Ach, la doch die dummen Scherze, wehrte sie rgerlich ab, ich bin
doch kein Backfisch mehr, auf den so etwas Eindruck macht,
hauptschlich, wenn es ein Leutnant sagt.

Danke, Schwesterlein! Also, Marianne Brause ist ein sehr hbsches und
gescheites Mdel, das mu ihr der Neid lassen, nicht wahr, Rolf?

Der Angeredete nickte zustimmend, whrend sein Blick bestndig Beates
Auge suchte: er las in dem stolzen Gesicht etwas, das ihm zu denken
gab. War es Schmerz und Krnkung ber verschmhte Liebe? Denn Doktor
Scharfenbergs Verlobung ging ihr bestimmt nher, als alle anderen ahnen
mochten, als sie sich selbst eingestehen wollte! Rolf Hagendorf war ein
erfahrener Frauenkenner, der auch in den sprdesten, verschlossensten
Herzen lesen konnte.

Das ist aber unrecht von Georgs Mutter, da sie mir das verheimlicht
hat, ereiferte sich Frau Haler.

Nicht doch, Mutterle, sie wei vielleicht gar nichts darber. Erst kurz
vor meiner Abreise hrte ich davon sprechen -- allerdings mit groer
Bestimmtheit. Und so dumm wre das gar nicht von Schorschchen -- er kme
da in ein gemachtes Bett! Professor Brause ist ein schwerreicher Mann,
Marianne das einzige Kind, man bezeichnet ihn jetzt schon als die rechte
Hand des Professors, der ihn ungemein schtzt und hochhlt, wre ihm das
schlielich so zu verdenken?

Nein, durchaus nicht, sagte Beate mit seltsam tonloser Stimme und
trank hastig ihr Glas leer.

Ihre Hand zitterte, als sie es auf den Tisch stellte, und einen Moment
schlo sie die Augen. Als sie die Wimpern wieder hob, blickte sie
gerade in Rolfs forschende Augen, und sie hatte das Bewutsein: er ahnt,
was in dir vorgeht! O, nur das nicht! Gerade er durfte nicht wissen, wie
unglcklich sie sich in diesem Augenblick fhlte -- da sie verschmht
wurde, da, wo sie doch noch im stillen liebte und hoffte!

Sie zwang sich zur Heiterkeit und ging lachend auf die Scherze des
Bruders ein. Aber die Wangen brannten ihr vor innerer Aufregung, und sie
sehnte die Stunde herbei, in der sie endlich allein in ihrem Zimmer war.

Dort sa sie dann mit gefalteten Hnden auf dem Rande ihres Bettes und
starrte vor sich hin. An ihrem Schmerz fhlte sie, wie sehr sie Georg
noch liebte, wie tief in ihrem Innersten der Gedanke an ihn gelebt, wie
sie gehofft, ihn durch ihre Erfolge doch noch zu berzeugen, da er ihr
unrecht getan mit seiner Forderung, auf das Studium zu verzichten; jetzt
wre sie gerne sein Weib geworden und htte Hand in Hand mit ihm
gearbeitet; welch kstlich Leben wre das geworden, und nun nahm er eine
andere!

Brennende Trnen traten in ihre Augen, und in Grbeln und Sorgen
verbrachte sie die Nacht.




4.


Acht Tage waren vergangen, in denen Adolf Haler und sein Freund das
Haus mit frischem, frhlichem Leben erfllt hatten. Immer gab es etwas
anderes; die beiden hielten alle in Atem, und wider Willen fast wurde
Beate mit fortgerissen. Sie machte Ausflge mit ihnen und lachte und
scherzte wie wohl nie zuvor in ihrem Leben. Sie mute sich ja
beherrschen und durfte nicht ahnen lassen, was in ihr vorgegangen war;
denn sie fhlte, wie Rolf von Hagendorf sie bestndig beobachtete. Er
war der ritterlichste, aufmerksamste Gesellschafter, den sie sich denken
konnte, und in der zartesten Weise brachte er ihr seine Huldigungen dar.

Beate beherrschte seine Sinne vollstndig -- ihre eigenartige Schnheit
hatte ihn gefangen genommen. Und wiederum war er sich seiner Macht ber
die Frauen vollkommen bewut, und hier in diesem Falle nutzte er sie
weidlich aus. Er wollte fr sich in Beate ein wrmeres Gefhl erwecken;
sie interessierte ihn, wie nie ein Weib zuvor, und es dnkte ihn s,
von diesen sprden, stolzen Lippen Tribut zu nehmen. Mit Freuden sah er,
wie Beate manchmal unter seinem Blick und Hndedruck errtete. Er
deutete das zu seinen Gunsten; wie in einen weichen Schleier hllte er
sie mit seiner Verehrung ein!

Da hatte Rolf das Unglck, sich eine Hand zu verstauchen; er war in dem
spiegelblank gebohnten Treppenhaus ausgeglitten und gefallen. Adolf
betrachtete diesen kleinen Unfall von der besseren Seite.

Du Glcklicher! meinte er, nimmst einfach noch einige Tage Urlaub!
Den Arzt haben wir ja auch gleich im Hause! Nun zeig mal, Mdel, was du
kannst, ob das teuere Lehrgeld nicht vergebens bezahlt ist?! lachte er
die Schwester neckend an, die mit weicher, geschickter Hand die
verletzte Rechte des jungen Offiziers verband.

Erleichtert aufseufzend lie sich Rolf in den bequemen Stuhl fallen, den
ihm Adolf gebracht hatte. Mensch, du hast ein unverschmtes Glck -- na
ja, wie immer, meinte er gemtlich, indem er dem Freunde eine Zigarette
in Brand setzte, ich mu bermorgen abdampfen, und du kannst hier bei
den Fleischtpfen gyptens bleiben.

Rolf widersprach; er knne doch der verehrten Familie nicht noch lnger
zu Last fallen, aber da kam er bei Mama Haler schn an. Er solle
sofort schweigen, wenn er sie nicht ernstlich erzrnen wolle. Zuerst
msse er gesund werden, dann drfe er ans Reisen denken. Er fgte sich
schlielich, im Herzen wohl zufrieden. Das Verwhntwerden tat ihm so
gut! Den ganzen Tag fast waren die Familienmitglieder um ihn besorgt,
und die alte Frnze konnte sich nicht genugtun, ihm die feinsten
Leckerbissen zurechtzumachen. Denn in wortreichem Jammer gab sie sich
selbst die Schuld an dem Unfall des Herrn Leutnants; sie htte auch mit
dem Bohnern noch einige Tage warten knnen.

Der letzte Tag von Adolfs Urlaub war da; morgen in aller Frhe hie es
abrcken. Rolf hatte einige Tage Nachurlaub erhalten. Behaglich lag er
heute zur Mittagsruhe schon ausgestreckt, als Adolf nach ihm sah. Na,
Rlfchen, bleibst du hier, oder willst du mit 'rauf kommen? Nein? Glaub'
ich dir auch! Die alte Dame hat ja schnstens fr dich gesorgt. Dann
kann ich beruhigt gehen und ebenfalls eine Stunde pennen, er ghnte und
streckte sich, na, schlaf schn, alter Junge.

Der junge Offizier war allein. Er lag in der Veranda, die an das
Ezimmer stie. Die Tr zum Garten stand weit offen; denn es war ein
wundervoller Tag, und die Sonne lachte fast sommerlich warm vom blauen
Himmel. So still war es um ihn her; auch Adolfs Eltern hatten sich
zurckgezogen, und Beate, die Einzige, war ebenfalls nicht zu sehen.

Wie ihn nach dem Mdchen verlangte! Er schlo die Augen und dachte an
sie; zum greifen deutlich stand sie in ihrer lebensvollen Schnheit vor
ihm. Noch nie hatte ein so interessantes Geschpf seinen Lebensweg
gekreuzt; die Frauen, die er kannte, waren alle anderer Art.

Gerade die Unnahbarkeit, die ber Beate lag, reizte ihn. Er wollte
ergrnden, was ihre schne Hlle barg, ob nicht auf dem Grunde ihrer
Seele etwas Geheimnisvolles schlummerte, wovon ihre Augen ihm so viel
verrieten, diese wunderschnen dunklen Augen! Die laue Luft hatte ihn
doch mde gemacht und eingeschlfert.

Wie lange er geschlafen, wute er nicht; er erwachte durch das Gerusch
von Schritten auf dem Kies des Gartens. Unwillkrlich richtete er sich
etwas auf, und da sah er Beate, wie sie von einem Rosenstock einige
Blten abschnitt. Er beobachtete sie, und mit Entzcken ruhten seine
Augen auf dem angebeteten Mdchen. Als sie weitergehen wollte, sprang
er hastig auf und rief sie -- Frulein Doktor.

Sie wandte sich um; als sie ihn in der Verandentr stehen sah, ging sie
bis zu deren Stufen. Warum schlafen Sie nicht, Herr von Hagendorf? Ein
leiser Vorwurf klang aus ihrer Stimme.

Ich kann nicht.

Und warum nicht? Haben Sie Schmerzen?

Ja, die Hand tut mir doch recht weh. Ein verstecktes Lcheln lag da in
seinen Mundwinkeln; aber er hatte erreicht, was er gewnscht: Beate kam
herauf und untersuchte den Verband seiner Hand.

Ich begreife aber nicht, Herr von Hagendorf, es ist doch alles in
Ordnung, nun, und die Schmerzen sind doch fr einen Soldaten zu
ertragen! Sie schttelte leicht den Kopf.

Er seufzte. Ja, wenn man so allein sitzt, Frulein Doktor, da bildet
man sich mancherlei ein -- ich bin ein komischer Kauz -- ich mag nicht
gern allein sein.

Ah, Adolf schlft wohl? Ich glaubte, er wrde Ihnen Gesellschaft
leisten.

Nein, so weit geht seine Freundschaft doch nicht, die geliebte
Mittagsruhe zu opfern, und wie ich ihn kenne, pflegt er sie so lange
wie mglich auszudehnen, aber Sie, Frulein Beate, haben Sie denn nicht
geruht?

Nein, ich habe etwas gelesen und wollte nun hier im Garten den schnen
Tag genieen! Sicher sind uns in diesem Jahre nicht mehr viele so schne
Tage beschieden.

Da hab' ich Sie nun in Ihrem Vorhaben gestrt -- ah, und die schnen
Rosen, kstlich.

Mgen Sie sie? Schnell tat Beate die Blumen in eine Vase, die sie auf
das Tischchen neben dem Liegestuhl Rolfs stellte. So, Herr von
Hagendorf, nun sollen Sie auch noch Freude an den Rosen haben! Und jetzt
ruhen Sie noch ein wenig; ich verordne es Ihnen! Sie wissen, seinem Arzt
mu man stets gehorchen. Eine reizende Schelmerei klang aus ihren
letzten Worten.

Ja, ich will es tun, wenn Sie mir eine Weile Gesellschaft leisten,
Frulein Beate, ich bitte Sie.

Sie errtete ein wenig; dann -- mit einem schnellen Entschlu -- zog sie
einen Stuhl zu sich heran. Gern, Herr von Hagendorf. Sie sollten aber
eigentlich schlafen.

Er nahm seinen frheren Platz wieder ein. Schlafen? Nein, Frulein
Beate! Ich bin glcklich, wenn Sie mir armen Sterblichen die Gunst Ihrer
Anwesenheit schenken.

Lachend nahm sie neben ihm Platz. Bequem lehnte sie sich in den weiten
Korbsessel zurck, die Arme auf dessen Lehne legend. Aber Herr von
Hagendorf, wenn Sie unsere Unterhaltung so beginnen, vertreiben Sie mich
in der nchsten Minute wieder! Sie drfen nicht so billige Phrasen
machen.

Verzeihung, ich verga -- er lchelte, was ihm einen hinreienden
Ausdruck verlieh, ich verga, da Sie, Frulein Beate, mit einem
anderen Mastab -- nein, nein, Sie brauchen mich nicht so strafend
anzusehen; ich schweige schon, aber doch das denkend, was ich nicht
sagen darf!

Er machte eine kleine Pause, whrend er sie lchelnd ansah. Unbefangen
hielt sie seinem Blicke stand, und er fuhr fort: Nicht wahr, ich bin
gehorsam, Frulein Beate? -- Wie war ich im Anfang um eine Anrede
verlegen! Gndiges Frulein ist fr Sie viel zu banal, und Frulein
Doktor geht mir bei so viel Schnheit und Anmut doch nicht so recht
ber die Lippen, und so nenne ich Sie einfach bei Ihrem Vornamen, ich
darf doch? Er ist so schn, so eigenartig, ich spreche ihn gern aus.
Beate, meine Seligkeit -- das hab' ich aus dem Lateinischen noch behalten
-- oder ist's doch nicht ganz richtig?

Sie errtete leicht. Er hatte eine Art an sich, die sie manchmal
verwirrte.

So hatte Georg Scharfenberg nie zu ihr gesprochen. Immer hatte er sie
schulmeistern, bevormunden wollen, ihre Persnlichkeit unterdrcken, und
hier offenbarte sich ihr eine fast schrankenlose Bewunderung. Sie war
doch so viel Weib, um das angenehm zu empfinden; es umschmeichelte sie,
und vielleicht war es nicht ganz ohne Reiz fr sie, ihre Macht zu
erproben.

Mehr als einmal hatte sie, besonders jetzt, daran denken mssen, wie
Georg Scharfenberg ihr gesagt, ihre Schnheit ginge in ihrem
anstrengenden Beruf verloren. Es mute aber doch wohl nicht so gewesen
sein; denn mit dem feinen Instinkt der Frau fhlte sie, da sie dem
jungen Offizier gefiel, ja, da sie ihm nicht gleichgltig war. Seine
Augen fhrten eine zu beredte Sprache, die sie gar wohl verstand, und
sie konnte sich auch nicht ganz dem Reiz entziehen, der von diesem
ungewhnlichen Beisammensein ausging; die Mittagsstunde umspann sie
unmerklich mit ihrem Zauber.

Darf ich Sie etwas fragen, Frulein Beate? unterbrach er die Stille
mit seiner schmeichelnden weichen Stimme, indem er sich zu ihr neigte,
aber nicht bse sein; wenn ich vielleicht ein wenig neugierig bin; ich
habe so viel ber Sie nachgedacht: weshalb haben Sie eigentlich nicht
geheiratet? Denn bei Ihren Vorzgen mssen Sie doch sicher der Frage
nher gestanden haben.

Sehr einfach, Herr von Hagendorf, weil ich nicht wollte, weil mein
Beruf mir volle Befriedigung gibt, sagte sie lchelnd, frei seinem
forschenden Blick begegnend, wenngleich ihr bei dieser unvermuteten
Frage doch das Herz etwas klopfte -- sie mute an Georg denken!

Wirklich? --

Ja, weshalb zweifeln Sie daran? Es war doch mein freier Wille, rztin
zu werden; mich hat niemand dazu gezwungen. Im Gegenteil, nach vielen
Kmpfen erst habe ich es durchgesetzt. Doch Sie wissen ja alles, und
warum Lngstgesagtes wiederholen? Ich werde nicht gern an jene Zeit
erinnert.

Und doch ist es schade, sagte er leise.

Wieso? ich verstehe Sie nicht.

Nun, -- es ist schade, da so viel Schnheit und Anmut, wie Sie
besitzen, Frulein Beate, in Ihrem anstrengenden Berufe vergehen
sollen, wie sehr wrden Sie einen Mann damit beglcken knnen, der in
Ihnen sein Hchstes sieht, sein alles. Hei kam das von seinem Mund,
und leidenschaftlich ruhten seine Augen auf ihr.

Ihre Brust hob sich in schnellen Atemzgen, und die Farbe kam und ging
auf ihrem Antlitz. Er verwirrte sie mit seinen heien, werbenden Worten,
so da sie nicht wute, was entgegnen. Sie senkte die Augen vor seinen
verzehrenden Blicken. Da griff er nach ihrer Hand: Beate!

Nicht doch, Herr von Hagendorf, nein. Hastig sprang sie auf, dunkelrot
im Gesicht, und er erhob sich ebenfalls.

Er trat dicht hinter sie und flsterte ihr ins Ohr: Beate, ses,
angebetetes Weib, ahnen Sie denn nicht, wie es in mir aussieht, wie Sie
meine Gedanken so ausschlielich beherrschen, da nichts anderes mehr
Raum in ihnen hat? Dabei legte er seinen Arm um ihre schlanke Hfte,
zog sie unwiderstehlich an sich und suchte ihren Mund in heiem Kusse.

Sie war wie betubt. Halb hingebend, halb widerstrebend duldete sie
seine Liebkosung. Nun bist du mein, frohlockte er und prete sie von
neuem an sich.

Da kam sie zur Besinnung. Sie suchte sich aus seiner Umschlingung zu
befreien; er lie sie nicht; und da sah sie zu ihrem grten Schrecken
den Bruder in der Tr stehen. Der hatte die Arme in die Seiten gestemmt
und blickte aufs hchste berrascht von einem zum andern. Da berkam sie
eine groe Trostlosigkeit, und matt lie sie die zum Widerstand
erhobenen Hnde wieder sinken.

Na, Kinder, hrt mal! rief Adolf, nachdem er sich von der ersten
berraschung erholt. Na, das ist -- mir fehlen einfach die Worte, ich
bin baff!

Du hast doch lngst gewut, alter Junge, wie sehr ich deine Schwester
verehre, sagte Rolf warm.

Natrlich! Aber da Beate -- im Ernst, das htte ich nicht geglaubt!
Wieder mal ein Beweis, da du wirklich Hans im Glck bist!

Deshalb, lieber Adi, wirst du uns hoffentlich deinen Glckwunsch nicht
versagen?

Nee, Kinder, meinen Segen habt ihr. Halb gerhrt, halb lachend umarmte
er die beiden. Wenn du aber jetzt denkst, da ich um die
Verlobungsbowle kommen soll, bist du sehr im Irrtum, ich telegraphiere.
Einen Tag gebe ich zu, den darf mir der Alte nicht vorenthalten,
umsomehr, da es meine Familie ist, aus der ihm der Zuwachs ins Regiment
kommt. Und was fr einer! Fast knnte ich dich beneiden, wenn es nicht
meine Schwester wre! Nun aber schnell ein paar Flaschen Sekt aufs Eis,
das frohe Ereignis zu begieen! Was werden die alten Herrschaften sagen!
Entschuldigt, wenn ich euch noch einige Minuten allein lassen mu. Er
zwinkerte mit den Augen, ehe er davon eilte, die beiden in drckendem
Schweigen zurcklassend.

Beate stand da, leichenbla im Gesicht, und zwei groe Trnen tropften
langsam aus ihren Augen. Ihr Anblick rhrte ihn; er trat auf sie zu und
fate ihre Hand. Beate, knnen Sie mir verzeihen? fragte er leise. Sie
zuckte unter seiner Berhrung zusammen und wandte sich ab.

Er wute wohl, da er sie mit seiner strmischen Werbung berrumpelt
hatte, und da sie bei ruhiger berlegung nicht so schnell oder
vielleicht gar nicht die Seine geworden wre.

Dieses Bewutsein gab ihm etwas Niederdrckendes, Unfreies und verdarb
ihm die Freude, da Beate jetzt ihm gehrte. Beate, ich kann ja selbst
nichts dafr; eigentlich bin ich ja furchtbar glcklich. Aber wenn ich
Sie so traurig dastehen sehe, weil Adolf uns so schnell miteinander
verlobt hat, wird mir das Herz schwer. Wollen Sie nicht versuchen, mir
nur ein wenig gut zu sein?

Er brachte das Du nicht ber die Lippen, obwohl sie nun seine Braut war.
Die Situation war ihm uerst ungemtlich; er hatte sich auch zu schnell
hinreien lassen. Sie schwieg noch immer; nur ein unterdrcktes
Schluchzen verriet, was in ihr vorging.

Da fhlte er sich gekrnkt. Ja, wenn ich Ihnen so widerwrtig bin,
Beate, dann machen Sie doch ein Ende. Aufdrngen will ich mich Ihnen
nicht, und die Schuld liegt lediglich an mir. Er nagte an seinem
hbschen, dunklen Brtchen und blickte verdrielich vor sich hin.

Sie schttelte heftig den Kopf und in halberstickten Trnen rang es sich
von ihrem Munde: Es war nur alles so schnell, so pltzlich, und nun mu
ich doch meinen Beruf aufgeben.

Um Gottes willen, Rolf durfte ja nie ahnen, da es nur die groe Scham
war, die sie so unglcklich sein lie, die Scham darber, da sie
vielleicht durch ihr halbes Entgegenkommen einem Manne den Mut gemacht,
sie zu kssen. Und Beate Haler kt nur den Mann, dem sie sich frs
Leben zu eigen geben will! Um diesen Punkt drehten sich alle ihre
Gedanken.

Bei ihren Worten atmete Rolf erleichtert auf. Wenn es nur das war, was
sie so bekmmert sein lie, dann war es ja nicht schlimm. Ja, das
allerdings, Beate, entgegnete er ernst. Aber ich denke, da es Ihnen
nicht gar zu schwer sein wird. Meine Liebe soll Ihnen alles ersetzen,
was Sie aufgeben. Ich will Sie glcklich machen, Beate, soviel in meinen
Krften steht, nur wissen mu ich, ob Sie mich lieb haben. Er war ganz
nahe zu ihr getreten; sie fhlte seine Nhe, die sie bengstigte,
verwirrte, und tief senkte sie den blonden Kopf.

Beate, er fate sie mit der gesunden Hand an der Schulter und zwang
sie, ihn anzusehen, warum sprechen Sie denn nicht? rgerlich klemmte
er die Unterlippe zwischen die Zhne, und seine Stirn furchte sich.

Haben Sie doch Nachsicht mit mir! flehte sie.

Alles, Beate -- nur sagen sollst du mir, ob du mich lieb hast! rief er
ungestm.

Ja!

So leise sie es gesagt, sie mute es ja tun, er hatte es doch
verstanden. Mit einem Male war der Bann von ihm gelst. Keinen
Augenblick zweifelte er an ihrem Wort, und mit einem Jubelruf schlo er
sie in seinen Arm. Ihren stillen Widerstand hielt er fr mdchenhafte
Scheu, fr Stolz und Trotz, da sie wider Willen so schnell die Seine
werden mute, und wie ein Rausch berkam es ihn, dieses seltene Geschpf
an seinem Herzen zu halten. Er prete seine Lippen auf ihr schimmerndes
Haar, auf ihre Augen, auf den blhenden Mund und flsterte ihr zwischen
seinen Kssen die zrtlichsten Liebkosungen zu, und sie lie sich von
der Gewalt seiner Leidenschaften mit forttragen, denn denken durfte sie
ja nicht!

Natrlich war bei Papa und Mama Haler die berraschung gro, als Adolf
ihnen mitgeteilt, da er soeben Zeuge von Beates Verlobung mit Rolf von
Hagendorf gewesen war. Als Beate die Eltern kommen hrte, ri sie sich
aus den Armen des Verlobten und flchtete auf ihr Zimmer -- o, nur eine
kurze Zeit der Sammlung!

Halb verlegen trat Hagendorf ihnen entgegen; er suchte nach Worten, eine
offizielle Werbung vorzubringen. Doch zu seiner Erleichterung wurde
flchtig darber hingegangen; man begngte sich mit der vollzogenen
Tatsache und hie ihn herzlich in der Familie willkommen. Er war doch
kein Fremder mehr. Durch Adolf wute man, da er in glnzenden
Verhltnissen lebte; er war eine sogenannte gute Partie, um die man
Beate sicher beneiden wrde.

Am meisten freuten sich die Eltern darber, da die Tochter nun
endgltig daran denken mute, ihren Beruf aufzugeben, der ja nie nach
ihrem Sinn gewesen war.

Beate lag in ihrem Zimmer vor ihrem Bett, das Gesicht tief in die Kissen
gewhlt, um das Schluchzen zu unterdrcken, das ihren Krper schttelte.
Was in ihr vorging, war unbeschreiblich. So streng ging sie mit sich ins
Gericht und klagte sich an, durch ihr Verhalten Rolf Hagendorf zu seinem
kecken Vorgehen ermutigt zu haben; er war nicht der Mann, der eine Blume
an seinem Wege ungebrochen lie, und nun mute sie jene einzige Minute
so bitter ben!

Ihr ganzes, schnes, arbeitsfreudiges Leben lang! Denn eher wre sie
gestorben, als zuzugeben, da sie sich in einer verliebten Laune hatte
kssen lassen.

Wenn sie auch Rolf ganz gern hatte, so gengte dieses Gefhl doch nicht,
ein Leben an seiner Seite ihr wnschenswert erscheinen zu lassen. Dazu
hatten sie viel zu wenig Berhrungspunkte und gemeinsame Interessen. Sie
war eine zu ernst und tief angelegte Natur, um das nicht schmerzlich zu
empfinden. Rolf war ein glnzender Schmetterling, der ber die
schwierigen Fragen des Lebens gaukelte, sie mit einem Lcheln abtuend.

Wie anders war dagegen Georg Scharfenberg! Streber hatte ihn Adolf
genannt -- nein, das war er sicher nicht -- aber ein Mann, dessen
Lebenszweck ein immer weiteres Forschen nach Erkenntnis war. So gut
begriff sie ihn; keine wohl verstand ihn wie sie, und doch hatte er
jetzt sein Herz einer anderen zugewandt! Die war wohl fgsamer,
nachgiebiger, als die Jugendgeliebte, die aus gleichem Holz wie er
geschnitzt war. Bei dem Gedanken an ihn kam es wie ein stiller Trotz
ber sie; er hatte sie verschmht, sich nie wieder um sie gekmmert; nun
war es ganz gut, wenn er sah, da sie trotzdem noch begehrenswert war,
sogar fr einen Mann, der zu den Begnstigten seines Geschlechtes
gehrte!

Endlich raffte sie sich auf, damit ihr Fernbleiben nicht unliebsam
auffiel. Sie khlte die brennenden Augen und ordnete ihr zerzaustes
Haar; auch legte sie ein anderes, festlicheres Kleid an.

Mit Ungeduld wurde sie schon unten erwartet.

Meine liebe Beate, Kind, wie hast du uns berrascht und erfreut. Mit
Trnen umarmte Frau Haler ihre Tochter, die sich wie ein mdes,
verflattertes Vgelchen an sie schmiegte.

Na, Mdel, endlich mal was Gescheites, was du getan, freue mich
unbndig, da du noch rechtzeitig hinter das alte Wort gekommen bist: es
ist nicht gut, da der Mensch allein sei.

Etwas lauter noch als sonst und etwas geruschvoller sprach Herr Haler,
wohl um die Rhrung, die ihn berkam, zu unterdrcken. Er fate ihre
Hnde und prete sie heftig, mit feuchten Augen in ihr schnes Gesicht
sehend. Dann fhrte er sie zu Rolf: Hier mein Junge, haben Sie sie, und
machen Sie mir mein Mdel, meine Einzige, recht glcklich, sie
verdient's.

Bla vor innerer Erregung sah Rolf auf die Geliebte, und mit seiner
unverletzten Hand zog er sie an sich. Er drckte einen Ku auf ihre
klare Stirn: Meine Bea, flsterte er innig.

Whrenddessen hatte Adolf, dem die allgemeine Rhrung ungemtlich wurde,
mit gebter Hand eine Flasche Sekt geffnet und go das schumende Na
in die Kelche. Auf euer Glck, Freund und Schwesterchen, und in einem
Zuge trank er das Glas leer.

Still beglckt sa Rolf neben der Braut, die er immer von neuem entzckt
betrachtete. Nun war sie sein, die stolze, kluge Beate! Und wie schn
war sie mit ihren groen, leuchtenden Augen in dem zarten,
durchgeistigten Gesicht und der schweren Haarkrone darber. Er konnte
sich mit ihr sehen lassen!

Seine Verlobung wrde wie eine Bombe in die Gesellschaft von S.
schlagen, das wute er, und ebenso, da seine Erwhlte die schrfste
Kritik ber sich ergehen lassen mute -- aber Doktor Beate stand ber
allen, und dieses Bewutsein erfllte ihn mit Hochgefhl. -- --

Rolfs erbetener Nachurlaub war zu Ende. Noch vor seiner Abreise wurde
die Hochzeit festgesetzt, die im Mrz stattfinden sollte. Beim Abschied
drckte er seine Braut heftig ans Herz. Lerne mich lieben, Beate, ich
bin eiferschtig, wenn deine Gedanken nicht ausschlielich mir gehren,
bedeutungsvoll sah er sie an; sie verstand die stumme Mahnung und senkte
den Kopf.

War ihr Inneres denn so durchsichtig fr ihn, hatte sie sich so wenig in
der Gewalt, da er doch gemerkt, welches Interesse sie noch immer fr
Georg Scharfenberg hegte?

Rolf hatte an jenem Tage zu ihr davon gesprochen, als sie erfahren, da
der Jugendfreund doch nicht verlobt war. Der Erwhlte von Marianne
Brause war ein Freund von Georg, ein Marinearzt, und durch seine
Vermittlung hatten die heimlich Verlobten miteinander korrespondiert. An
dem Gerede sei kein wahres Wort, hatte Georgs Mutter erzhlt, und
hinzugefgt, da ihr Sohn berhaupt nicht ans Heiraten denke, sondern
sein Leben lediglich der Wissenschaft widmen wolle.

Da war es, als ginge ein Stich durch Beates Herz, und ein Gefhl sagte
ihr, da es nur ihretwegen sei.

Da fragte Rolf seine Braut, der er ihre Bewegung wohl ansah, nach Georg.
Offen gestand sie ihm zu, da sie Scharfenberg wohl geliebt, aber doch
aus tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten auf ein Leben an seiner Seite
verzichtet habe.

Aber du denkst dennoch noch an ihn, Beate -- und in Liebe? -- Einen
Augenblick zgerte sie mit der Antwort, ehe sie sagte: Wohl habe ich
fter seiner gedacht, ob aber in Liebe? Er lie mir damals die Wahl
zwischen seiner Liebe und der Wissenschaft -- wie du weit, whlte ich
das letztere.

Und jetzt?

Jetzt, Rolf, bin ich deine Braut, und da erbrigt sich wohl alles
andere, entgegnete sie ernst. -- Ungestm umschlo er sie. Ja, ja
Geliebte! Aber doch ist es mir, als stnde er zwischen uns, ich wei es,
du hast noch viel fr ihn brig.

Das ist wohl begreiflich, Rolf, da mich so viele Erinnerungen mit ihm
verbinden. Wir haben zusammen gespielt; er war mein geduldiger Lehrer,
dem ich viel zu verdanken habe, und dennoch habe ich ihm sehr wehe
getan. Wir haben uns nie wiedergesehen. Doch lassen wir das, Rolf, wozu
alte Erinnerungen heraufbeschwren.

So ganz zufrieden war er aber doch nicht mit dieser Erklrung,
wenngleich er sich htete, weiter zu forschen. Beate war ein eigenes
Geschpf, das anders als die andern behandelt sein wollte. Er begriff
das und richtete sich darnach. Denn er liebte seine Braut
leidenschaftlich und sehnte den Tag herbei, der sie ihm ganz zu eigen
gab. Auch war etwas wie verletzte Eitelkeit in ihm, da sie ihm so ruhig
zugab, einst den Jugendfreund geliebt zu haben, ohne ihm dann aber zu
versichern, da er, Rolf, jetzt ihr alles sei, das wurmte ihn -- sie
sollte nur allein noch an ihn denken!

Zur Krftigung ihrer Gesundheit brachte Beate den Januar im Sden zu,
nachdem sie sich noch von ihren Verbindlichkeiten gelst. Es war ihr
doch sehr schwer geworden, sich von der Sttte der liebgewonnenen
Ttigkeit loszusagen. Ihre Augen fllten sich mit Trnen, als sie
Abschied von den Kollegen nahm, die ihr in herzlichsten Worten Glck
wnschten.

So lag dieser Abschnitt ihres Lebens endgltig hinter ihr.




5.


Mehr als ein halbes Jahr war Dr. Beate Haler nun schon Frau
Oberleutnant v. Hagendorf und wegen ihrer Schnheit und Klugheit sehr
gefeiert. Sie hatte es verstanden, sich durch ihr Auftreten eine
Stellung zu schaffen, wenngleich anfangs von einigen Seiten sehr gegen
sie intrigiert wurde; man hatte es dem Frulein Doktor bel vermerkt,
den Liebling der Gesellschaft fr sich eingefangen zu haben; wer wei,
ob sie es verstand, ihn glcklich zu machen! -- Eine Studierte als
Hausfrau -- undenkbar!

Aber selbst die aufmerksamsten Beobachter vermochten nicht, in dem
Haushalt Beates die kleinste Unregelmigkeit zu entdecken; es ging
alles am Schnrchen; sie reprsentierte mit ruhiger Wrde, und nach der
tadellos verlaufenen ersten Gesellschaft, vor der ihm doch ein wenig
gebangt, schlo Rolf Hagendorf sein junges Weib strmisch in die Arme;
es hatte alles vorzglich geklappt, und in den anerkennendsten Worten
hatte ihm die gestrenge und gefrchtete Kommandeuse ihre Befriedigung
ber den so genureichen Abend und ber seine reizende Frau Doktor
ausgesprochen, der sie, offen gesagt, solch' hausfrauliches Talent gar
nicht zugetraut habe. -- -- -- -- --

Hagendorfs bewohnten eine kleine Villa fr sich allein, die Beate mit
dem ihr eigenen gediegenen Geschmack eingerichtet hatte. Es hatte ihr
schlielich doch Freude gemacht und ihr in etwas ber die qulenden
Zweifel hinweggeholfen, denen sie manchmal zu unterliegen meinte. Aber
ein Zurck gab es fr sie nicht mehr, sie war gebunden fr ihr ganzes
Leben, und klar lag ihr Weg nun vor ihr, wenn er auch anders war, als
sie einst getrumt!

Sie wute ja, da ihr Gatte ihr geistig nicht ebenbrtig war, da er
leicht ber Fragen des Lebens hinwegging, die sie so gern mit ihm
besprochen htte. Da er so oberflchlich war, wie er ihr sich jetzt
zeigte, hatte sie aber doch nicht gedacht, und seufzend mute sie den
Gedanken aufgeben, Rolf nach ihrem Sinn zu modeln; Dienst, Sport und
tausend Nichtigkeiten des Lebens bildeten sein Hauptinteresse -- sie
waren zwei ganz verschiedene Naturen, die sich innerlich niemals
nherkommen konnten; Beate war im Grunde eine einsame Frau!

Sonst konnte sie sich aber keineswegs ber den Gatten beklagen; denn mit
grter Liebe und Aufmerksamkeit umgab er sein junges Weib. Der Sommer
war Beate ganz ertrglich vergangen; aber vor dem Winter graute ihr, der
sie in ein gesellschaftliches Leben hineinziehen wrde, das ihrer ganzen
Geschmacksrichtung entgegen lag. Sie frchtete sich vor den ewigen,
groen, steifen Abftterungen, auf denen man immer dieselben Gesprche
hrte. Sie konnte sich aber nicht ausschlieen, ohne Ansto zu erregen.
Auerdem wnschte es Rolf; er fhlte sich wohl in dem gesellschaftlichen
Strudel, und sie gab nach.

Bisher hatte Beate Georg Scharfenberg nicht gesehen, und es war ihr auch
recht so. Durch Adolf hrte sie manchmal von ihm, auch da er letzthin
Professor und selbstndiger Leiter der Klinik von Professor Brause
geworden war, der sich aus Gesundheitsrcksichten zurckgezogen hatte.
-- Fr heute abend hatten Hagendorfs eine Einladung zu Hauptmann
Bertholds. Schon wieder, seufzte Beate ein wenig, whrend sie vor dem
groen Spiegel in ihrem Ankleideraum stand und letzte Hand an ihre
Toilette legte.

Hellgrne Seide mit duftigen Spitzeneinstzen schmiegte sich in weichen
Falten um ihre schne Gestalt und hob die zarten Farben ihres Antlitzes
aufs vorteilhafteste; bildschn sah sie aus, und sie konnte gar wohl mit
ihrem Spiegelbild zufrieden sein.

Es klopfte an der Tr, und Rolf trat herein im Waffenrock mit blitzenden
Epaulettes. Bist du fertig, Schatz? fragte er.

Ja -- nur die Handschuhe noch, gib sie mir bitte. Dort auf dem
Toilettentisch liegen sie mit dem Fcher.

Weit du, Bea, es ist eigentlich eine groartige Eigenschaft von dir,
da du stets fertig bist!

Und im Grunde auch immer noch schneller als du, lachte sie frhlich.

Und wie du wieder aussiehst, zum Kssen! Er trat auf sie zu und wollte
sie an sich ziehen.

Doch sie wehrte ihm: Du zerdrckst mir ja meine Robe.

Das tut nichts -- dann bekommst du eine andere!

Du bist ja riesig freigebig; die Rechnung fr diese hab' ich ja noch
nicht mal.

Einer -- seiner schnen Frau gegenber mu man stets galant sein! Dann
fate er ihre Hand. Sag, mir eigentlich, Schatz, wo du doch so riesig
gescheit bist, viel, viel mehr als ich, bist du noch immer mit mir
Durchschnittsmenschen zufrieden? Manchmal hab ich eine Heidenangst, wenn
man dich so herausstreicht, du knntest mir eines Tages davongehen.

So scherzhaft er sprach, es klang doch ein leiser Unterton der Sorge
heraus, den sie gar wohl verstand. Bist du mir noch gut, Bea? Ein
lichtes Rot trat in ihr Gesicht; warm ruhten ihre Augen auf dem Gatten,
und sie schmiegte sich innig an ihn.

Ja, Rolf, ich bin dir gut! sagte sie leise, und dankbar kte er ihre
Hand.

Beate sprach die Wahrheit. Sie liebte ihren Gatten herzlich, wenn es
auch nicht jenes Gefhl war, das sie einst fr Georg Scharfenberg
gehegt. Sein stetes Werben um sie hatte sie gerhrt, und jetzt, wo sie
seit kurzem die Gewiheit hatte, da ihr das seste Glck erblhen
wrde, war sie nicht mehr so unglcklich ber das bse Verhngnis, das
sie in Rolfs Arme getrieben. Sie zwang sich, nicht mehr ber vergangene
Dinge nachzudenken; unntzes Grbeln hatte keinen Zweck -- fortan lebte
sie nur dem Kommenden, und das verlieh ihr eine gewisse Freudigkeit und
schne Sicherheit.

       *       *       *       *       *

Man war bei Hauptmann Bertholds angekommen. Plaudernd stand man im Salon
umher, und mehr als einmal flogen die Blicke der Gastgeber nach der Tr;
augenscheinlich wurde noch jemand erwartet. Sonst waren die Geladenen
schon vollzhlig versammelt. Es war nur ein kleiner aber auserwhlter
Kreis. Die intimen Abendessen bei Hauptmann Berthold waren berhmt, und
man hielt es fr einen groen Vorzug, von ihm dazu eingeladen zu
werden.

Die Frau des Hauses stammte aus einer bekannten Knstlerfamilie und war
schngeistig veranlagt. So war es sehr begreiflich, da sie gerade fr
die schne und gelehrte Dr. Beate von Hagendorf eine groe Vorliebe
gefat hatte. Endlich meldete der Diener: Herr Professor Scharfenberg
-- und im selben Augenblicke trat der Gemeldete ein.

Einen Herzschlag lang stockte Beate der Atem; das hatte sie doch nicht
erwartet! Er entschuldigte sich wegen der unbeabsichtigten Versptung
und begrte die Herrschaften.

Als ihn die Hausfrau Beate von Hagendorf vorstellen wollte, sagte die
junge Frau verbindlich: Ich kenne Herrn Professor schon, und sicher
lnger als Sie, gndige Frau, -- wir waren ja Nachbarskinder, nicht
wahr, Herr Professor? oder erinnern Sie sich nicht mehr? Und
liebenswrdig reichte sie ihm die Hand, die er an seine Lippen fhrte.

Es war das Beste und Vernnftigste, ihre Stellung gleich von vornherein
klarzulegen -- nach mehr als sieben Jahren standen sie sich jetzt zum
ersten Male gegenber, und wer wei, wie er ber jene Episode seiner
Jugendzeit noch dachte! O doch, gndige Frau! Die Erinnerung an die
froh verlebte Kindheit mit ihren kleinen Freuden und Leiden ist noch
stets eine Feierstunde fr mich gewesen, lautete seine Erwiderung.

Ah, denken Sie auch so, Herr Professor? meinte Frau Hauptmann
Berthold, eine weniger schne als interessante, sehr schlanke
Erscheinung mit lebhaften klugen Augen in dem etwas streng geschnittenen
Gesicht -- ich bin glcklich, Sie so sprechen zu hren! Wie wenige gibt
es doch heutzutage, die das fhlen; fr die meisten ist es unntzer
Ballast! Dann kann ich berzeugt sein, da Sie gern mit Frau von
Hagendorf bei Tische weiter darber plaudern! Frau Doktor ist ja Ihre
Tischdame, ich war berzeugt, da Ihnen unsere gelehrte Freundin am
meisten von uns armen Sterblichen gengen wird.

Sie sind wirklich die Gte und Bescheidenheit selbst, meine liebe
gndige Frau -- er verneigte sich vor der Frau des Hauses und bot dann
Beate den Arm, da soeben das Zeichen zum Beginn der Tafel gegeben wurde.

Mit eigenen Empfindungen ging er an ihrer Seite. Er hatte ja vorher
gewut, da er sie heute abend hier treffen wrde, und mit Herzklopfen
diesem Augenblick entgegen gesehen. Denn er hatte Beate Haler nie
vergessen knnen -- sie war der Traum seiner Jugend gewesen, und
ihretwegen nur blieb er einsam!

Der Abschlu ihrer kurzen Ttigkeit als rztin, das so schnelle
Aufgeben ihres vorher doch mit so groer Hartnckigkeit erkmpften
Berufes als Braut eines Offiziers hatte ihn befremdet und sein Herz mit
schmerzlicher Bitterkeit erfllt. So war sie auch nicht anders als die
anderen, ein echtes Weib, das sich von einem hbschen Gesicht, einer
glnzenden Auenseite blenden lie!

Anscheinend war sie glcklich und vollbefriedigt in ihrer Ehe mit Rolf
Hagendorf, den er als gutmtigen, aber sehr leichtsinnigen und leicht zu
beeinflussenden Mann kannte, ganz wie Adolf Haler, Beates Bruder, mit
dem er jetzt nur selten noch zusammen kam. Sein Beruf fhrte ihn andere
Wege, in andere Kreise, und so war es ganz von selbst gekommen, da sich
die Bande der Jugendfreundschaft gelockert hatten.

Die Unterhaltung bei Tische war sehr anregend und frei von allem Zwang.
Beates anfngliche Befangenheit schwand ihr vollstndig, da sie sah,
welchen Gleichmut, welche Ruhe Georg Scharfenberg ihr zeigte. Sie
beobachtete ihn. Er hatte sich recht verndert. Die Gestalt war breiter
geworden, und der dunkle, zugespitzte, sorgfltig gepflegte Bart gab ihm
ein fremdes Aussehen -- er stand ihm gut, fand sie.

Seine sonst so warm und gtig blickenden Augen hatten einen khlen,
prfenden Ausdruck, und in der Unterhaltung vermied er jede persnliche
Note. Man hatte ja auch so viele andere Berhrungspunkte; auerdem sa
Frau Hauptmann Berthold ihnen gegenber, die sich in ihrer lebhaften Art
an dem Gesprch beteiligte. Beate mute sich gestehen, da sie sich seit
langem nicht so gut unterhalten hatte; von frher her wute sie ja noch,
da Georg ein geistvoller Plauderer war, wenn er aus sich herausging.

Rolf Hagendorf war von seiner Tischdame, Ilse von Malten, der jungen,
lebhaften Frau eines Kameraden, sehr in Anspruch genommen; unaufhrlich
lachte und plauderte sie mit ihm, und bereitwillig folgte er ihr. Doch
trotzdem beobachtete er seine Frau, und mit Befriedigung stellte er bei
sich fest, da sie die Schnste in diesem Kreise war. Wenn seine Blicke
sich mit den ihren trafen, hob er grend das Glas gegen sie, und
freundlich lchelnd nickte sie ihm zu.

Professor Scharfenberg hatte das beobachtet und daraus den Schlu
gezogen, da sie glcklich sei. Warum auch nicht? War ihr Gatte doch der
eleganteste, schneidigste Offizier des Regiments! Ihr stolzer, trotziger
Charakter mute sich aber vollstndig gendert haben, denn damals hatte
sie trotz des Bekenntnisses ihrer Liebe fr den Jugendfreund doch ein
herbes nein gehabt, als es sich um das Aufgeben ihres Planes, zu
studieren, handelte. Doch weg mit diesen Erinnerungen, die nur trbe
stimmen konnten.

Beate war die Frau eines anderen, und ihm war sein Lebensweg klar
vorgezeichnet. Er hatte auf das Glck durch ein Weib verzichtet, seit
sie sich von ihm losgesagt. Sein Beruf mute ihm dafr alles geben; er
fand volle Befriedigung darin, und sein Name wurde bereits rhmend
genannt -- alles konnte man eben nicht haben!

Die Tafel war zu Ende und im Salon wurde der Kaffee gereicht. In
anregendem Gesprch wute die Hausfrau Professor Scharfenberg an ihre
Seite zu fesseln, ebenso auch Beate Hagendorf, die sie in ihr Herz
geschlossen hatte. Sie fhlte eine starke Sympathie fr die
liebenswrdige kluge Frau und zeigte sie ihr auch ganz offen. Im Fluge
verging die Zeit, und mit Bedauern, da der genureiche Abend so
schnell seinen Abschlu gefunden, trennte man sich.

Auf dem Heimweg war Beate ziemlich schweigsam; in Gedanken durchlebte
sie noch einmal die verflossenen Stunden, und wider ihren Willen trat
Georg Scharfenberg in deren Vordergrund. Fortan wrde sie ihm fter
begegnen; denn wie sie heute abend erfahren, war er ein guter Freund von
Hauptmann Berthold. Ob das aber fr ihren inneren Frieden gut war? Sie
hatte sich nach vielen Kmpfen dazu hindurchgerungen und wollte ihn
nicht gern wieder einben -- aber die Erinnerung an ihre erste Liebe
war doch zu lebendig.

Du bist so still, Beate, unterbrach Rolf ihren Gedankengang, indem er
seinen Arm unter den ihren schob. Fast wurde sie durch seine Anrede
erschreckt.

Ich bin mde, Rolf, und ein wenig abgespannt.

Wir sind ja gleich daheim! Hast du dich diesmal gut amsiert? Er
betonte das Wort diesmal etwas auffllig und sah sie forschend an.

Ja, entgegnete sie unbefangen, ich bin gern mit Frau Berthold
zusammen, bei ihr ist alles so harmonisch, und mit ihr kann man sich
wenigstens auch mal ber etwas anderes unterhalten als mit den meisten
anderen Damen.

Nun ja, Schatz, du schraubst deine Ansprche gar zu hoch -- die kleine
Malten beklagte sich fast bei mir, da du ihr gegenber zu zurckhaltend
bist.

Ich mag sie nicht, Rolf, und kann mich auch nicht verstellen.

Ja, aber warum nicht? Sie ist doch sehr liebenswrdig.

Das bestreite ich gar nicht; ihre Liebenswrdigkeit ist aber nicht
echt; auerdem ist sie mir wirklich zu oberflchlich.

So grndlich gebildet wie du kann allerdings nicht jede sein und den
Doktortitel haben, Gott sei Dank, mchte man da beinahe sagen! Und da
sich die anderen dir unmglich anpassen knnen, drftest du ihnen wohl
gern ein wenig entgegenkommen.

Das tue ich gengend, Rolf, wie du ganz gut weit! Aber gerade Frau von
Malten ist mir direkt unsympathisch. Sie ist auch nicht aufrichtig, und
wenn ich dieses Gefhl von jemand habe, kann ich nicht herzlich sein.
brigens ist mir ihr Horizont zu beschrnkt; ber Toiletten und Flirt
geht er nicht.

Freilich, einen so guten Lehrer wie du in Doktor Scharfenberg hat sie
nicht gehabt, entgegnete er mit leisem Spott.

Verletzt zog sie ihren Arm aus dem seinen. Ah, willst du da hinaus?
Dann konntest du dir die Vorrede sparen.

Du warst ja so sehr in die Unterhaltung mit ihm vertieft, da es
allgemein auffiel.

Mit allgemein kannst du sicher nur Frau von Malten meinen, deren
boshafte Zunge ich lngst kenne; ich wundere mich aber nur, da du dich
so von ihr beeinflussen lt.

Und du warst sicher glcklich, endlich deinen Jugendfreund
wiedergesehen zu haben.

Beate blieb stehen. Willst du mich durchaus krnken, Rolf? -- ich habe
dir keine Veranlassung dazu gegeben! Du weit um meine Jugendfreundschaft
mit ihm, weit auch, was ihr ein Ende gemacht hat. Frau Berthold htte
uns nicht als Tischnachbarn bestimmt, wre ihr das bekannt gewesen -- fr
diesen Zufall bin ich nicht verantwortlich.

Anscheinend war er dir aber nicht unangenehm? Rolf war in eine etwas
gereizte Stimmung geraten, deren Grund er sich selbst kaum erklren
konnte.

War es die Anwesenheit Scharfenbergs bei Bertholds, oder eine boshafte
Bemerkung Frau von Maltens ber Beates Gelehrsamkeit -- genug, er wute
es nicht, und die ruhigen Entgegnungen seiner Gattin reizten ihn fast,
da er sich zu seinen mitrauischen Fragen hinreien lie. Wenn du mich
fragst, Rolf, nein -- entgegnete sie gelassen, seine Unterhaltung im
Verein mit der Frau Bertholds war mir in der Tat eine angenehme
Abwechslung -- ich hrte einmal etwas anderes reden, als da die
Glockenrcke so ungeheuer schick seien, aber doch sicher bald wieder
unmodern wrden.

Ein leiser Sarkasmus klang aus ihrer Stimme -- sie wollte durchaus keine
Szene und ging ruhig weiter, nahm aber den angebotenen Arm des Gatten
nicht an.

Rolf sah an ihrem Gesicht, da es nicht ratsam war, weiter zu sprechen.
Durch seine Worte, die ihm vielleicht von einer gewissen Eifersucht
diktiert waren, hatte er ihr die Stimmung verdorben, und in etwas
ungemtlichem Schweigen legten sie den Rest des Weges zurck. -- -- --

Beate von Hagendorf lebte jetzt sehr zurckgezogen, und sie war froh,
einen Grund dazu zu haben. Nur mit der ihr so lieben Frau Hauptmann
Berthold verkehrte sie, und durch sie hrte Beate auch noch manchmal von
Professor Scharfenberg. Sie hatte ihn einmal kurz nach dem Abend ihres
Wiedersehens auf der Strae getroffen. Er hatte grend den Hut gezogen
und war stehen geblieben, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Es
waren gleichgltige Worte gewesen, die man gewechselt, und doch war
Beate in einen Zustand der Unruhe versetzt worden.

Nein, es war nicht gut, da sie mit ihm zusammenkam; es schaffte ihr nur
unntze Aufregung und brachte sie aus dem schnen Gleichma ihrer Seele,
zu dem sie sich hindurchgerungen. Sie durfte auch Rolf das nicht antun,
sich so viel in Gedanken mit dem Jugendfreund zu beschftigen -- denn
ihr Gatte trug sie jetzt frmlich auf Hnden; er konnte sich in
Aufmerksamkeiten nicht erschpfen. -- -- --

Und als die Rosen blhten und die Erde in herrlicher Bltenpracht
prangte, hatte Beate dem Gatten einen Sohn geschenkt. Seine Freude war
unbeschreiblich. Bebend vor innerer Bewegung kniete er an ihrem Bette
und kte ihre Hnde voll heier Dankbarkeit. Beate hatte schwer
gelitten; sie konnte sich trotz ihrer krftigen Natur lange nicht
erholen. Wochenlang war sie bettlgerig, und die Sorge wich nicht von
ihrem Lager.

Als sie zum ersten Male wieder aufstehen durfte, zeigte die Natur schon
herbstliche Frbung, und mit etwas wehmtigem Lcheln schaute die junge
Frau in den Garten, auf dessen wohlgepflegten Wegen die Amme den
Kinderwagen schob und mit dem Kleinen tndelte. Trnen feuchteten ihre
Augen. Ihr Kind! Was hatte sie bis jetzt davon gehabt, und wie innig
sehnte sie sich nach ihm! Wenn sie nur nicht gar so schwach noch und
elend wre!

Prfend flog ihr Blick nach dem Spiegel. Sie war blo noch ein Schatten
ihres frheren strahlenden Selbst -- um Jahre gealtert kam sie sich vor.
Das Gesicht war so bleich und abgezehrt, um den Mund lag ein mder Zug,
und die Flle der Gestalt war geschwunden. Schmerzlich seufzte sie. Sie
war doch genug Weib, um das nicht bitter zu empfinden.

Beate erhob sich vom Diwan, auf den man sie gebettet, und machte mit
Anstrengung einige Schritte nach der Balkontre, um nach dem Kinde zu
rufen. Da sah sie auf dem Wege zwei sommerlich gekleidete Gestalten
daherkommen, die jetzt am Kinderwagen Halt machten und sich darber
neigten, seinen Inhalt in Augenschein zu nehmen. Du kleiner Kerl,
kennst du mich denn nicht? Ich habe dich doch schon fter begrt! Nicht
weinen, du, du, ich bin doch die gute Tante, hrte Beate ganz deutlich
die etwas scharfe, helle Stimme der Frau von Malten zu sich
heraufschallen, sieh nur, Viola, er ist doch gar zu goldig -- und wie
klug er schon guckt.

Da trat Rolf ziemlich hastig ins Zimmer. Ausgeschlafen, Bea? Fhlst du
dich noch so wohl wie am Mittag? Das ist ja herrlich -- er kte sie
flchtig auf die Stirn -- du siehst auch brillant aus, ganz brillant.
Da bist du sicher imstande, Frau von Malten mit ihrer Schwester zu
empfangen.

Rolf! weiter sagte sie nichts.

Er verstand den stummen Vorwurf in dem Blick der groen Augen. Etwas
verlegen fuhr er sich durch das Haar. Ich bin selbst untrstlich,
Schatz, aber es geht nicht anders. Abweisen kannst du sie nicht. Heute
morgen begegnete sie mir, fragte mich natrlich nach deinem Befinden,
und als ich ihr erzhlte, da du zu meiner groen Freude aufstehen
wolltest, stellte sie mir ihren Besuch in Aussicht.

Warum hast du mir nichts davon gesagt? fragte sie vorwurfsvoll.

Weil ich es selbst noch nicht recht geglaubt, nachdem ich schon frher
einigemale abgewinkt! Sie war in jeder Hinsicht so aufmerksam, da es
direkt ungezogen gewesen wre; sieh, jetzt kommen sie schon die Treppe
herauf, eine Abweisung ist unmglich, sagte er dringend, schon im
Hinausgehen begriffen.

Drauen hrte sie lautes Lachen, lebhaftes Begren, und wenige
Augenblicke spter betraten die beiden Damen das Zimmer. Als Beate sich
aus dem bequemen Stuhl, in dem sie jetzt ruhte, erheben wollte, um ihnen
entgegen zu gehen, eilte Frau von Malten auf sie zu, sie daran zu
hindern.

Nein, nein, Liebste, Beste, das geht nicht! Sie bleiben hbsch sitzen,
wenn Sie nicht wollen, da wir gleich wieder gehen!

Sie kte Beate auf beide Wangen -- wie bin ich glcklich, Sie so wohl
zu sehen. Gott, wie hab' ich mich um Sie gesorgt -- wir alle, nicht
wahr, Viola? Nun bringe ich Ihnen so ohne weiteres mein Schwesterlein,
das darauf brennt, die berhmte Doktorin kennen zu lernen. -- Sie sind
mir doch nicht bse, Liebste, da ich so bei Ihnen eindringe? Aber Ihr
Gatte meinte, es sei durchaus keine Strung; im Gegenteil, Sie mten
etwas Zerstreuung haben, und mir lie es keine Ruhe, seitdem ich wute,
da Sie auf sind, und diese Rosen hier, die letzten Kinder des Sommers,
sollen meinen Wunsch begleiten, Sie recht bald in unserer Mitte, gesund
und vergngt zu sehen! Dabei legte sie den Strau kstlicher Rosen, den
sie bisher in der Hand gehalten, in Beates Scho und setzte sich neben
sie.

Die junge leidende Frau war von dem Redeschwall der andern frmlich
betubt, und fast mechanisch hie sie Viola Dsing willkommen, die schon
seit lngerer Zeit bei Maltens zu Besuch war. Smtliche Herren
schwrmten von ihr, auch Rolf nicht ausgenommen.

Sie war eine auffallende Erscheinung, Mitte der Zwanzig, mehr pikant als
schn mit dem stark rotblonden Haar, den dunkelgrauen Augen und dem
ppigen, ein wenig aufgeworfenen Munde in dem frischen, sehr gepuderten
Gesicht. Ihre Gestalt war tadellos, aber ein wenig zur Flle neigend.
Der Schick, mit dem sie gekleidet, hatte schon die Grenzen
berschritten, die einer Dame in der Wahl ihrer Toilette gezogen sind;
Beate war fast befremdet darber. Viola Dsing kam der fein
empfindenden, mavollen Frau wie eine Soubrette, eine Varietprinzessin
vor; sie konnte sich dieses Gefhls nicht erwehren.

Rolf hatte sich mit dem jungen Mdchen in ein lebhaftes Gesprch
vertieft, whrend die beiden Frauen ber den kleinen Karl Friedrich
sprachen, wieviel er zunahm und was dergleichen Fragen mehr sind, die
Mtter interessieren.

Da wandte sich Viola zu Beate. Gndige Frau, Ihr Bub' ist herzig -- ich
habe ihn vorhin so bewundert; kaum konnt' ich mich von ihm trennen, er
ist einzig s, und wie gleicht er so ganz seinem Vater, einfach s,
wiederholte sie und warf einen sprechenden Blick auf Rolf, der fast
verlegen ber die ihm so offensichtlich dargebrachte Schmeichelei seinen
Schnurrbart drehte. Mit tiefem Befremden hrte Beate diese Worte. Verga
das junge Mdchen so ganz seine gute Erziehung, um in einer solchen
Weise einem Herrn entgegenzukommen?

Es war, als ahne Frau Ilse Malten Beates Gedanken, denn sie sagte:
Viola schwrmt ja so sehr fr kleine Kinder -- sie sind ihr ganzes
Entzcken. Ich habe den ganzen Tag zu schelten, weil sie mir meine
beiden Jungen in Grund und Boden verwhnt und verzogen hat; sie tobt
wie ein Kind mit ihnen, und die Buben wissen genau, an wem sie Rckhalt
haben! In der Zeit ihrer Anwesenheit hat sie das Haus frmlich auf den
Kopf gestellt! Und ebenso wild reitet sie. Ich habe manchmal Angst, da
sie mir nicht mit heilen Gliedern nach Hause kommt, und ich bin froh,
wenn sie mir meinen Mann gesund abliefert!

Na ja, dein Otto ist 'ne Schlafmtze, lachte Viola und ihre Zhne
blitzten; dann schlug sie sich wie erschrocken auf den Mund -- o bitte
um Verzeihung wegen dieses unparlamentarischen Ausdrucks; er entfuhr mir
nur so! Aber der gute Otto! Der Sonntagsreiter! Was ich unter Reiten
verstehe, ist etwas ganz anderes: ber Sturzcker reiten, Grben und
Zune nehmen, das ist nach meinem Sinn -- an mir ist ein Kavallerist
verloren, -- ihre Lippen waren halb geffnet, und ihre Brust hob sich
in tiefen Atemzgen, als gensse sie dieses Vergngen ihres wilden
Reitens.

Entzckt ruhten Rolfs Augen auf dem lebensvollen Geschpf -- das war
etwas nach seinem Sinn! Ganz meine Ansicht, gndiges Frulein,
entgegnete er lebhaft, auch ich fhle mich als ein anderer, wenn ich
auf einem Gaul sitze.

Sie haben Ihren Herrn Gemahl gewi immer begleitet, wandte sich Viola
an Beate, das mu kstlich gewesen sein!

Sie irren, Frulein Dsing! Ich habe nie ein Pferd bestiegen; auch mu
ich gestehen, da ich diesem Sport sehr gleichgltig gegenberstehe,
entgegnete Beate etwas steif; ihr mifiel das Wesen des Mdchens immer
mehr.

Rolf rgerte sich in diesem Augenblick ber seine Frau. Sie kam ihm
spiebrgerlich und schulmeisterhaft vor, richtig pedantisch, whrend
die andere voll frischen, hei pulsierenden Lebens war, frhlich und
unbekmmert, so, wie er es liebte!

Ah, machte da Viola auf Beates letzte Bemerkung, und sehr erstaunt und
unglubig, fast ein wenig geringschtzig, blickten ihre grauen Augen,
und ganz leicht schttelte sie den Kopf, als sei ihr unbegreiflich, was
die andere gesagt.

Du darfst nicht vergessen, Kind, da Frau von Hagendorf ganz andere
Interessen hat, meinte Ilse Malten in leicht verweisendem Tone, du
weit doch, da sie studiert und den Doktortitel errungen hat; da
fehlte die Zeit fr derartigen Sport!

Ach ja, liebe, gndige Frau, bitte erzhlen Sie doch von Ihrer
Studienzeit, das mu doch furchtbar interessant gewesen sein, das
flotte, freie Burschenleben -- 's gibt kein schner Leben, als
Studentenleben, wie es Bacchus und Gambrinus schuf -- ach, bitte,
erzhlen Sie -- und wie ein Kind klatschte sie in die Hnde,
erwartungsvolle Augen machend.

Ein leichtes, ironisches Lcheln zuckte um Beates Mundwinkel. Ein
solches Studentenleben, wie Sie denken, Frulein Dsing, habe ich nicht
genossen. Ich hatte mein Studium ernst und nicht als Sport genommen. Da
hie es arbeiten, um vorwrts zu kommen. Amsieren und flirten gab es da
nicht! Und doch habe ich Stunden reinsten Glcks und vollster
Befriedigung gehabt, wie es nur die kennen und mir nachfhlen, die
ernste Arbeit zu ihres Lebens Ziel und Inhalt machen. Ich denke sehr
gern an jene Zeit zurck.

Das alles haben Sie aber aufgegeben, als der Rechte kam! Gestehen Sie,
Liebste, die Ehe ist doch das einzig Richtige fr uns, nicht wahr? Da
vergit man alles, die ganze Gelehrsamkeit, den Durst nach Ruhm und
Erfolg, meinte Frau Ilse in leicht neckendem Tone, sich vorbiegend und
in Beates ernste Augen sehend.

Ich mu Ihnen recht geben, wenn die Ehe eine ehrliche Kameradschaft fr
das Leben ist und die Ehegatten sich gegenseitig ergnzen und verstehen
-- und man ein lieb Kind sein eigen nennt, schlo Beate mit leiser
weicher Stimme.

Rolf kte ihre Hand. Ja, meine Bea, du sprichst mir aus dem Herzen.
Es war ihm, als msse er etwas gut machen; denn er sah, wie sie sich nur
mhsam aufrecht erhielt. Der Besuch der beiden Damen griff sie doch noch
zu sehr an. Spttisch lchelnd beobachtete Viola diese kleine Szene.
Rolf bemerkte das und wurde rot.

In pltzlicher Schwche schlo Beate die Augen. Frau von Malten sah das.
Sofort sprang sie auf. Ist Ihnen nicht gut? O, verzeihen Sie, da wir
so lange verweilt haben! Doch verplaudert sich die Zeit so schnell bei
Ihnen, Liebste! Nun wollen wir aber gleich gehen, Viola, und Sie, liebe
Frau Beate, legen sich sofort zu Bett! -- Also auf Wiedersehen! Nchste
Woche drfen wir doch wiederkommen? Sie kte Beate auf die Wangen,
und nach wortreichem Abschied entfernten sich die beiden.

Rolf von Hagendorf geleitete sie hinaus. In gut gespieltem Bedauern
meinte da Ilse Malten: Gott, Hagendorf, unser Besuch hat doch Ihrer
lieben Frau nicht etwa geschadet? Sie sah brigens nicht so gut aus, wie
Sie dachten! Ihr Mnner habt dafr gar keine Augen, wenn man wirklich
krank ist. Ihr seid Barbaren! Hoffentlich wird es nicht zu lange dauern,
bis Frau Beate ihre vielbewunderte Schnheit wieder bekommt: sie ist
richtig alt geworden! Du mut nmlich wissen, Viola, da unseres
Freundes Frau die schnste Dame des Regiments war, -- nein, nein, kein
Widerspruch aus Galanterie, lieber Hagendorf. Sie wissen es doch ganz
genau selbst. Und wie ist ihr Haar dnn geworden! Gegen dessen frhere
Pracht, Viola, wrde selbst dein schnes Haar nicht aufgekommen sein!

Rolf warf einen bewundernden Blick auf die rotgoldene Haarflle des
jungen Mdchens -- das wei ich doch nicht, Gndigste, ob Sie da nicht
zu viel sagen: dieses Tizianblond ist einzig, kstlich.

Viola sagte gar nichts darauf, sondern lchelte ihn nur in seltsam
berckender Weise an. Ilse schlug scherzend nach ihm.

Glaube ihm nicht, Kind -- hte dich vor ihm -- er ist ein gefhrlicher
Mann! Nun komm, Herz, sonst wird schlielich Diavolo ungeduldig -- er
mu heute noch geritten werden!

Wenn ich Sie einmal begleiten drfte, gndiges Frulein, wrde ich sehr
glcklich sein, bat Rolf.

Ich habe nichts dagegen! -- ob aber Ihre Frau Gemahlin es Ihnen
erlauben wird --? Etwas herausfordernd blickten ihre hbschen, kecken
Augen ihn an.

Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zhne. Pardon, meine Gndigste,
sehe ich aus, wie ein Pantoffelheld?

Sie schwieg einen Augenblick, wobei sie ihn ungeniert musterte; dann
sagte sie achselzuckend: Je nun, Sie kennen doch die Antipathie Ihrer
Frau Gemahlin gegen das Reiten -- meinetwegen sollen Sie sich nicht in
Gefahr begeben!

Ihre Art hatte etwas Aufreizendes fr ihn. Ich will Ihnen beweisen, da
ich keine Gefahr scheue, rief er strmisch, es ist berhaupt ganz
widersinnig, von Gefahr zu reden. Bitte, bestimmen Sie einen Tag, an dem
Ihnen meine Begleitung angenehm ist. Erwartungsvoll sah er sie an.

Gut, sagen wir, morgen in acht Tagen, entgegnete sie berlegend.

Dann erst? Warum nicht schon frher? Ich bin wirklich begierig, Ihr
Kavalier zu sein, da Ihnen Malten so wenig gengt, und dringlich
blitzten seine hbschen Augen sie an, bitte, seien Sie barmherzig.

Ich kann es wirklich noch nicht bestimmen! Sie werden durch Otto
Bescheid bekommen, Herr von Hagendorf, meinte sie leichthin, dann
blickte sie sich suchend um. Ach, Ihr Bubi ist nicht mehr hier --
schade, ich htte das goldene Kerlchen gern noch mal gesehen -- nun,
komm, Ilse, sonst wird es zu spt!

Sie reichte ihm die Hand, die er mit feurigem Druck an seinen Mund
fhrte. Auf Wiedersehen, Herr Oberleutnant!

Das war also die berhmte, schne Doktor Beate Hagendorf, meinte Viola
zu ihrer Schwester, als sie heimgingen, so ein Bildungsprotz, einfach
grlich! Sie ist genau so langweilig und feierlich wie ihr Name. Beate,
da mu ich an meine Gromutter denken! Sie pat nicht im geringsten zu
dem Mann.

Nein, da hast du recht. Siehst du, liebe Viola, den hatte ich fr dich
im Sinn, entgegnete Ilse, wenn du vor zwei Jahren auf meine dringliche
Einladung gekommen wrst, knntest du Frau von Hagendorf sein. Ich hatte
mir schon alles so schn gedacht und ihm von dir vorgeschwrmt. Aber die
Reise nach Budapest war dir damals wichtiger, und doch hast du nicht
erreicht, da du die Grfin Hohenfels geworden bist!

Ein bses Licht glimmte in Violas Augen auf, und ein Zug trat in ihr
Gesicht, der es recht gewhnlich aussehen lie.

Und wer trgt daran die Schuld? Du! Ihr! weil Papa notwendig die groen
Zahlungen fr euch leisten mute, sagte sie heftig. Du hast stets das
meiste Geld bekommen, und ich habe das Nachsehen gehabt! Was ist fr
mich denn aus dem Gutsverkauf brig geblieben? Sie schnippte mit den
Fingern. So gut wie nichts, alles ihr, und was wird aus mir?

Ereifere dich doch nicht, Viola, begtigte die andere, es war doch
nichts anderes zu machen. Papa hat ebenfalls viel Schuld mit an allem!
Doch la uns nicht mehr darber reden; es hat keinen Zweck mehr!
brigens brauchst du dich nicht um deine Zukunft zu sorgen; du hast
hier die besten Chancen, unterzukommen -- da ist z. B. der lange
Plessow, der ist toll verliebt in dich, sagt Otto, fabelhaft reich dabei
-- eine bessere Partie knntest du gar nicht machen!

Ach, geh' mir mit dem, meinte die Schwester geringschtzig, der ist
ja wie Milchsuppe! Da ist mir Hagendorf doch lieber, in dem steckt
Rasse, Temperament.

Aber Viola, was redest du da! Er ist doch verheiratet, und ein Flirten
mit ihm hat gar keinen Zweck.

Und warum nicht? Schon um seine famose Frau zu rgern, die mir mit
ihrem Vortrag ber ihr Studentenleben verschiedene Stiche versetzt hat;
na, ich htt's anders gemacht! Himmel, der Mann mu doch bei so viel
Gelehrsamkeit Angst bekommen! Sie hatte wohl viel Geld?

Ja, das wohl! Doch hat er nicht ntig gehabt, darauf zu sehen, da er
selbst reich ist! Ich gebe dir nochmals den guten Rat, Viola, sei
vorsichtig.

Ja, ja, du kannst berzeugt sein, da ich trotz allem meinen Vorteil
nicht aus dem Auge lasse; den langen Plessow kann ich jetzt schon um den
Finger wickeln, der ist mir sicher, deshalb will ich mich noch
amsieren! -- brigens, die Hagendorf hatte einen schicken Schlafrock
an, wo kauft sie? Hier doch nicht.

Nein, sie bezieht durch Vermittlung der Berthold, ihrer Busenfreundin,
smtliche Garderobe aus Wien.

Ach, die lange Bohnenstange mit ihren ewigen Reformkleidern? Na, die
beiden passen ja zusammen! Sie schttelte den Kopf. Wie kann nur ein
Mann wie Hagendorf an der Frau Gefallen finden, die ihn sicher den
ganzen Tag mit ihrer Gelehrsamkeit langweilt. Frulein Doktor, sie
konnte nur bei ihrem Berufe bleiben.

Das sage ich auch! Immer sucht sie zu imponieren -- sie will alles
besser wissen.

Nur das eine wei sie nicht, wie man einen Mann fesselt. Bei diesen
Worten lchelte Viola vor sich hin. Ihre Schwester sah sie von der Seite
an; welche Gedanken mochten da in diesem kaprizisen Kpfchen spuken?
Ilse konnte aus ihr nie klug werden.




6.


Als Rolf Hagendorf ins Zimmer zu seiner Frau zurckkehrte, fand er sie
mit geschlossenen Augen auf der Chaiselongue liegen, bleich und
abgespannt aussehend. Mit forschendem Blick betrachtete er sie. Wei
Gott, die Malten hatte recht, ihm war das nur nicht so aufgefallen;
Beate war sichtlich alt geworden; von der Nase zum Mund zogen sich zwei
scharfe Falten, die ihr einen alten, leidenden Zug gaben, und die Hnde,
die schnen, schlanken, weien Hnde, die er frher so oft in seiner
Verliebtheit gekt, wie waren sie mager und gelb geworden; doppelt hob
sich das von der dunkelseidenen Decke ab, auf der sie nervs hin und her
glitten. Ein unangenehmes Gefhl beschlich ihn. Wie hatte er die
Schnheit seiner Frau geliebt, wie war er stolz darauf gewesen! Er
dachte nicht daran, da sie noch zu leidend war, um schon wieder so gut
wie frher auszusehen, und unwillkrlich drngte sich Violas
lebensvolles Bild in seine Vorstellung.

Beate hob die Wimpern und sah ihn an; es war, als htte sie den Blick
seiner Augen gefhlt. Kosend strich er ber ihr Gesicht. Na, Maus, nun
ist das auch berstanden! Recht, da du dich ein wenig gelegt hast,
meinte er leichthin.

Mchtest du, bitte, klingeln? Ich will doch lieber gleich zu Bett
gehen, der Besuch hat mich sehr angegriffen.

Nun, so lange haben sich die Damen doch nicht aufgehalten. Frau von
Malten wollte dir gern ihre Schwester vorstellen.

Sie htte ruhig damit warten knnen. So bald mchte ich beide nicht
wiedersehen.

Aber Beate, ich begreife dich einfach nicht, zwei so liebenswrdige
Damen, ein leiser Unmut klang aus seiner Stimme.

Wir wollen nicht weiter darber sprechen. Ich habe gesehen, da Martina
Berthold wirklich recht hat. Viola Dsing ist keine Dame, sie hat etwas
vom Variet an sich.

Mit Mhe bezwang Rolf seine Ungeduld, seinen Unwillen ber diese
uerung Beates. Er sagte gar nichts, sondern war ihr behilflich, ins
Schlafzimmer zu gehen. Dann zog er sich um und ging fort, einen Bummel
nach der Stadt zu machen, um dort vielleicht Bekannte zu treffen.

Durch Beates lange Krankheit war manches anders geworden. Rolf hatte
allmhlich seine Junggesellengewohnheiten wieder angenommen und fhlte
sich sehr wohl dabei. Er ging alle Tage aus. Was sollte er auch zu Haus?
Die verheirateten Kameraden bekmmerten sich um ihn; sie luden ihn in
ihre Huslichkeit ein, und die Damen nahmen herzlich teil an Beates
Leiden. Frau von Malten tat sich besonders hervor; sie hatte eine
Schwche fr den liebenswrdigen Offizier und sah ihn gern bei sich. Sie
fhlte wohl die geringe Sympathie, die Beate fr sie hegte; jedoch
kmmerte sie sich weiter nicht darum, im Gegenteil, sie befleiigte sich
der grten Aufmerksamkeit gegen die gefeierte, kluge Frau, da sie
durchaus mit ihr verkehren wollte, aus Berechnung! Im Grunde nmlich
erwiderte sie Beates Antipathie aus vollem Herzen.

Sie hatte es gut verstanden, Rolf nach sich zu ziehen, und der beste
Magnet war ihre Schwester. Viola, ein rassiges, temperamentvolles
Geschpf, die ihm ein starkes Interesse einflte. Doch daraus war jetzt
mehr geworden! Rolf schmachtete in ihren Banden. Mit raffinierter
Koketterie hatte sie es dahin gebracht. Er durfte sie auf ihren
tglichen Spazierritten begleiten; und nicht lange dauerte es, so war
das Paar ein Gegenstand lebhaften Gesprchs geworden, und man bedauerte
sogar schon die arme junge Frau Hagendorfs. Viola, in ihrer stark
ausgeprgten Eigenart, kmmerte sich wenig um ein Gerede, das sich mit
ihrer Person beschftigte, und auch Rolf war es gleich; sein einziger
Gedanke war jetzt nur noch das ppige, rotblonde Mdchen, und glhende
Eifersucht erfllte ihn auf den Oberleutnant Plessow, von dem sich Viola
ebenfalls stark den Hof machen lie. Sie war unberechenbar: heute war
sie von abstoender Klte, morgen von unvergleichlicher
Liebenswrdigkeit, und das machte ihn fast toll.

Beate litt sehr unter seinen jetzt so wechselnden Stimmungen; sie wute
ja nicht, mit welch widerstreitenden Empfindungen er kmpfte. Ihre
Genesung hatte, da ihre krftige Natur endgltig die Oberhand gewonnen,
sehr schnelle Fortschritte gemacht. Die Gestalt rundete sich wieder; ihr
Gang und ihre Haltung bekamen die frhere Elastizitt und Frische; sie
war ganz die alte geworden, wie Martina Berthold mit Freude feststellte.
Diese war ein fast tglicher, gern gesehener Gast bei Beate; die beiden
so gleichgestimmten Frauen wurden durch eine treue Freundschaft
miteinander verbunden.

Professor Scharfenberg verkehrte viel bei Bertholds; zu jeder Tageszeit
war er willkommen in dem gastfreien Hause. Mit einem leisen Gefhl des
Neides hrte Beate die Freundin oft von den anregenden Stunden erzhlen,
die ihr durch den Verkehr mit dem geistvollen Professor zu teil wurden.
Wie anders war es jetzt dagegen bei ihr! Sie war fast jeden Abend
allein, da Rolf stets etwas vor hatte. Und blieb er mal zu Haus, war er
zerstreut, unruhig, sprach von dem ewigen rger im Dienst, da er es
satt bis oben 'ran htte, von Rennen und hnlichen Dingen.

Brachte Beate das Gesprch auf etwas anderes, Tieferes, dann wurde er
ungeduldig: Ach, la mich mit dem Quatsch in Ruhe; du weit doch, da
ich nun mal nichts davon verstehe, hab' auch gar kein Interesse dafr;
habe meinen Kopf so voll! Dann las er flchtig seine Sportzeitung,
ghnte einigemal recht vernehmlich und ging dann schlafen.

Die feingebildete, ruhige Beate langweilte ihn; er mute Abwechslung
haben, und dazu hatte ihn Viola gebracht, sie war so ganz anders als
seine Frau -- sie htte viel besser zu ihm gepat! Wenn er ahnte, da
Beate gar nicht so ruhig war, wie es ihm schien, da hinter ihrer weien
Stirn rebellische Gedanken wohnten! Mehr als ihr lieb war, mute sie an
Georg Scharfenberg denken, mehr und mehr sah sie ein, da ihre Ehe ein
grenzenloser Irrtum war. Das bichen Scheingefhl, das sie im Anfang
gehabt, war verflogen; sie fhlte sich tief unglcklich an Rolfs Seite.
Aber niemand bekam Einblick in diese stolze Frauenseele; still trug sie
ihr Geschick fr sich.

Ihr lebhafter Geist brauchte Anregung oder wenigstens Verstndnis und
Entgegenkommen, wenn sie geistig nicht verkmmern sollte, und das
gesellschaftliche Leben, in dem Rolf sich so wohl fhlte, gengte ihr
gar nicht. Sie mute ihre geistigen Fhigkeiten rhren, und mit ihrer
zunehmenden Krftigung war auch der alte Tatendrang in ihr erwacht. Sie
kehrte zu ihrer Wissenschaft zurck. Sie hatte ja so viel Zeit.
Aufmerksam verfolgte sie alle Neuerscheinungen darin, worber Rolf sie
manchmal auslachte oder, in schlechter Stimmung, sich diese
Emanzipationsgelste verbat, die sich gar nicht fr eine Offiziersdame
schickten; er wolle sich auerdem bei seinen Kameraden nicht lcherlich
machen lassen.

Auf solche Ausflle erwiderte sie gar nichts, sondern suchte Halt bei
ihrem Kinde, an dem sie mit abgttischer Liebe hing. Wenn sie das nicht
gehabt htte! Und doch vermochte der kleine Karl Friedrich die
grenzenlose de und Leere in ihr nicht auszufllen. Aber nachdenken
durfte sie nicht!

Komm, Bubi, mein Liebling, mein Einziges, wir wollen uns fein machen,
und Tante Martina zum Geburtstag gratulieren! Beate kleidete das Kind
um; sie wurde kaum damit fertig; denn immer von neuem freute sie sich
ber sein rundes, festes Krperchen, herzte und kte es, ihm tausend
Liebkosungen gebend. Endlich war er fertig und lag in dem eleganten,
hellen Kinderwagen. Sie legte die Blumen und eine Photographie, die Bubi
bringen sollte, auf dessen seidengestickte Decke. Fahren Sie immer zu,
sagte sie dann zu der Amme. Bleiben Sie aber in der Sonne, ich komme
gleich.

Ihre Toilette nahm nicht so lange Zeit in Anspruch, und bald war sie in
ihr resedafarbenes Promenadenkostm umgekleidet, das ihr vorzglich
stand. Sie sah sehr gut aus; jede Spur der Krankheit war verschwunden.
Ihre mdchenhafte schlanke Figur lie sie jnger erscheinen als sie war,
und die frische, klare Herbstluft, man schrieb den 10. November, frbte
ihr zartes, durchgeistigtes Antlitz mit lichter Rte und vertiefte den
Glanz der ernsten, schnen Augen. Nur ihr Gatte schien das nicht zu
sehen; sein Blick war zerstreut, und unruhig glitt er ber sie hin, als
sie sich begegneten; er kam gerade vom Dienst, und in der Haustre
trafen sie zusammen.

Ah, Rolf, das ist gut, da du schon kommst. Da kannst du mich ja
begleiten, Martina zu gratulieren. Er blickte an sich nieder auf die
schmutzigen Stiefel, den bestaubten Rock. In diesem Aufzug? Unmglich,
Kind!

Nun, du bist doch schnell umgezogen, und ich warte gern. Er hatte aber
keine Neigung dazu.

Bertholds haben sich doch fr den Vormittag Besuch verbeten, da heute
abend so wie so groer Zauber ist.

Mit uns ist das doch etwas anderes: Martina wird sich sicher sehr
freuen, wenn du mitkommst.

Es geht nicht, Beate! Hab' es berdies Bnau und Malten versprochen,
nachher schnell zu einer Besprechung ins Kasino zu kommen. Wir hatten
heute morgen manchen rger: der Alte war mal wieder eklig geladen. Sag'
also deiner Freundin vorlufig meine herzlichsten Glckwnsche. Heute
abend werde ich sie wiederholen. Sein Blick vermied den ihren, und
sichtlich strebte er fort.

Ich will dich dann nicht weiter aufhalten. Du bist doch pnktlich zum
Mittagessen wieder da? Hast du Bubi gesehen? Nein? Schade, er sah so
lieb aus. Adieu, Rolf. Flchtig kte er ihre Hand.

Adieu, Beate.

Sie streifte die zartfarbigen Handschuhe ber, als sie durch den Garten
nach der Pforte ging.

Immer Malten! Als ob es niemand anders mehr gbe! Doch sie sagte gar
nichts mehr darber; denn Rolf nahm trotz ihrer Abneigung gegen diese
Familie keine Rcksicht darauf; darum lie sie ihn willfahren,
wenngleich sie sich sehr wunderte.

Martina Berthold stand zufllig am Fenster, als sie die Freundin mit dem
Kinde kommen sah. Sie eilte ihr entgegen; herzlich gratulierte Beate und
nahm dann den kleinen Karl Friedrich aus dem Wagen. Da, Tina, Bubi will
dir auch Glck wnschen.

Du lieber, kleiner Kerl. Frau Martina nahm ihn auf den Arm, und mit
ihm tndelnd und scherzend schritt sie die Treppe hinauf nach dem
Wohnzimmer. Du kommst doch gleich mit hier in mein Reich, du mut doch
meinen Geburtstagstisch sehen; nun schnell deine Blumen ins Wasser tun,
die kstlichen Rosen, und, was sehe ich? Bea, du mit dem Jungen? Das
erste Bild von euch beiden! Du Bse, hast mir nichts gesagt, da du
beim Photographen warst.

Es sollte doch eine berraschung sein.

Die dir glnzend gelungen ist! Und wie gut du getroffen bist! Vielen,
vielen Dank! Eine grere Freude konntest du mir gar nicht machen!
Denke, wenn mir auch solch Kleinod beschert wre, eine leise Wehmut
klang aus ihrer Stimme, und verstohlen wischte sie sich eine Trne aus
dem Auge.

Herzlich drckte ihr Beate die Hand; sie kannte den Schmerz der
kinderlosen Frau; wie reich kam sie sich in diesem Augenblick vor gegen
Martina, der sonst nichts zu wnschen brig blieb vom Leben!

Frhlich plauderten sie miteinander. Beate entschuldigte Rolf wegen
seines Fernbleibens, da er im Kasino erwartet wrde. Martina warf da
einen eigentmlichen Blick auf die junge Frau; die sah ganz unbefangen
aus, schien also nicht zu ahnen, in welcher Weise ber Rolfs Verkehr bei
Maltens gesprochen wurde. Es war jetzt hohe Zeit, da Hauptmann Berthold
einige ernste Worte als Kamerad zu dem jngeren Kameraden sprechen und
ihn auf das Unbedachte seiner Handlungsweise aufmerksam machen mute,
ehe Beate von anderer Seite erfuhr, da er Viola Dsing in einer Weise
huldigte, die fr einen verheirateten Mann nicht passend war.

Mitten in ihr Plaudern hinein meldete das Mdchen: Herr Professor
Scharfenberg.

Bitten Sie Herrn Professor, sich sogleich nach oben zu bemhen.

Martina ging dem Eintretenden entgegen, ihm beide Hnde
entgegenstreckend. Herzlich willkommen, lieber Freund. Nachdem er
seine Glckwnsche dargebracht hatte, begrte er Beate, die er seit
Monaten nicht gesehen. Sie hatte das Kind gerade auf dem Arm und drckte
dessen Kpfchen s beschwichtigend an ihre Brust; denn bei dem Eintritt
der fremden Person wollte es anfangen zu weinen. Wehmtig ruhte sein
Auge auf der heimlich geliebten Frau, die ihm so hold und weich in ihrer
jungen Mutterwrde erschien.

Nun, was sagen Sie, lieber Professor, zu dem kleinen Hagendorf? Habe
ich Ihnen zu viel vorgeschwrmt? Sehen Sie sich ihn getrost in der Nhe
an, scherzte Martina arglos; denn sie ahnte ja nichts von dem, was
diese beiden ihr so werten Menschen einst miteinander verbunden hatte.
Nehmen Sie ihn mal einen Moment, und Sie werden sehen, was fr ein
Prachtkerl er ist -- da -- --

Ohne weiteres nahm sie ihn der hocherrtenden Beate vom Arm und gab ihn
dem Professor. Der neigte sich tief ber das Kinderkpfchen, damit man
ihm das mchtige Gefhl nicht ansah, das ihn bewegte.

Allerdings, Sie haben recht, liebe Freundin, sagte er dann mit leicht
bebender Stimme, und zu Beate: Ich beglckwnsche Sie zu dem Kind,
gndige Frau.

Er hat mir bis jetzt auch -- unberufen -- noch keine Sorgen gemacht,
meinte sie, etwas befangen.

Nun ja, wer eine wirkliche Doktorin als Mutter hat -- Spa! Die
versteht doch alles aufs genaueste, scherzte Martina.

Mittlerweile hatte er das Kind in den Wagen gelegt. Karl Friedrich war
ganz zutraulich geworden. Mit den groen dunklen Augen -- es waren die
der Mutter -- sah er zu dem fremden Mann auf und fate nach dessen
Uhrkette, die er nicht loslassen wollte.

Martina lachte. Nein, liebster Professor, wenn Sie jemand so she!

Dann wre es nicht das erstemal -- die Kinder in meiner Klinik, und
seien es die kleinsten, sie kennen mich alle.

Beate wurde bla. Sie vermied seinen Blick; denn sie wute, sie fhlte
es frmlich -- er dachte jetzt dasselbe wie sie, da sie ihm einst
gesagt, wie es ihr Wunsch sei, ihm in seiner Klinik als getreue Helferin
zur Seite zu stehen, und nun war doch alles anders gekommen! Sie war
eine glnzende Offiziersdame geworden, die ihr Leben in geschftigem
Miggang verbrachte; da aber ein solches Dasein der einst so
tatenfrohen Beate zusagte, konnte er nicht recht begreifen.

Etwas hastig sagte sie da: Es wird Zeit, da ich gehe. Mein Mann ist
sicher schon daheim und wartet auf seine unpnktliche Frau.

Georgs Nhe brachte ihr Verwirrung; die alten Erinnerungen waren zu
mchtig. Es dnkte sie Unrecht an dem Gatten, deshalb wollte sie fort.

Bleibe doch noch einen Augenblick, Beate, du nimmst mir ja die Ruhe
mit! Hagendorf wird noch nicht zu Hause sein.

Das glaube ich auch nicht, denn als ich auf dem Wege nach hier war, sah
ich Herrn von Hagendorf mit den Maltenschen Damen gerade ins
Promenadencafe gehen, meinte Georg.

Die junge Frau verfrbte sich etwas. Also hatte Rolf sie belogen, und
sie dadurch die Freundin; wie peinlich fr sie, ein eisiges Gefhl
durchrieselte ihre Adern. Halte mich nicht mehr, Tina; ich komme heute
abend dafr etwas frher. Karl Friedrich mu jetzt auch trinken; es ist
seine Zeit.

Sie reichte Scharfenberg zum Abschied die schlanke, khle Hand, die
leicht bebend in der seinen lag. Auf Wiedersehen, Herr Professor, heute
abend.

Sie htten vielleicht lieber nicht sagen sollen, da Sie Hagendorf mit
den Maltenschen Damen gesehen haben -- bemerkte Martina nach Beates
Weggang.

Ja, mein Gott, warum nicht? lautete seine erstaunte Frage.

Wissen Sie nicht, ach nein, wir haben ja nie davon gesprochen, und der
Klatsch ist Ihnen so fremd. Also -- Hagendorf macht der Schwester Frau
von Maltens in auffallender Weise den Hof und reitet tglich mit ihr
aus. Frau Beate scheint davon nichts zu wissen, auch kein Wunder, denn
sie geht kaum aus und lebt nur fr ihr Kind. Kurz vorher, ehe Sie kamen,
hatte sie den Gatten aus anderen Grnden entschuldigt.

Er sprang auf. Das ist mir aber peinlich, ganz auerordentlich
peinlich, rief er erregt aus.

Nun, nun, begtigte Martina, so schlimm ist es ja nicht, was Sie
verbrochen haben. brigens will mein Mann morgen oder bermorgen dem
Hagendorf mal die Leviten lesen, da er nicht zu sehr vergit, was er
seiner Frau schuldig ist. Ich mchte ihr jede Unannehmlichkeit ersparen;
denn ich habe sie sehr lieb, sie ist eine prchtige Frau, diese Beate
mit ihrem klugen, hochstrebenden, vornehmen Sinn. Doch zu wem sage ich
das? Sie kennen sie ja von frher her, wissen das ebenso gut wie ich.

Er bejahte durch ein Kopfnicken. Da sagte Martina Berthold in ihrer
impulsiven Art: Wissen Sie, lieber Freund, woran ich oftmals gedacht?
Weshalb Sie und Frau Beate eigentlich kein Paar geworden sind!

Er fuhr auf. Beschwichtigend legte sie ihre Hand auf seinen Arm. Aber,
lieber Professor, ist einem Freunde nicht ein offenes Wort gestattet?
Wre das denn so unnatrlich gewesen? Nachbarskinder, tglich beisammen,
da kommt so etwas von selbst, und, offen gestanden, Sie htten doch viel
besser zu der geistvollen Frau gepat, als der im Grunde herzlich
unbedeutende Hagendorf, der wohl ein schner Mann ist, aber auch nichts
weiter als das! Ich glaube, lieber Professor, da haben Sie ber Ihren
Bchern und Ihrem Wissensdrange ganz bersehen, da aus dem Kinde, das
Sie unterrichtet und belehrt haben, ein liebenswrdiges Weib geworden
war. Vielleicht htten Sie jetzt das trauliche Heim, das Ihr Wunsch ist,
wie Sie immer sagen, wenn Sie sich eher dazugehalten htten!

Whrend ihrer halb neckenden, halb vorwurfsvollen Rede hatte er am
Geburtstagstisch gestanden, die Photographie Beates mit ihrem Kinde in
die Hand genommen und sie sinnend betrachtet. Bei Martinas letzten
Worten wandte er sich hastig um. Wissen Sie denn so genau, da ich das
nicht getan habe? Da ich wirklich so blind war? kam es halb erstickt
aus seinem Munde, und er strich mit der Hand ber die Stirn, wie um eine
schmerzliche Erinnerung hinwegzuscheuchen.

Um Gottes willen, erschreckt heftete die Frau ihre klugen Augen auf
sein tief erregtes Gesicht, um Gott, verzeihen Sie, liebster Professor,
wenn ich da in so wenig zarter, allein mir selbst unbewuter Weise an
eine wunde Stelle in Ihrem Inneren gerhrt habe.

Er schttelte trbe den Kopf. Ich werde Ihnen ein andermal erzhlen,
Frau Martina, warum Ihr Freund ein einsamer Mann geblieben ist. Jetzt
lassen Sie mich gehen!

Die schlanke Frau legte ihre blassen, durchsichtigen Hnde auf seine
Schultern und sagte leise: Jetzt begreife ich alles. Wer eine Beate
geliebt hat, kann nach ihr so leicht keine andere finden.

Er nickte; dann drckte er einen Ku auf Martinas Hand und ging.

Teilnahmsvoll sah sie ihm nach. Jetzt war ihr so vieles klar, da er
keinen Besuch in Villa Hagendorf gemacht, sein sichtliches Fernhalten
von der Familie mit der Begrndung, da ihm der junge Offizier nicht so
viel Sympathie einfle, um in ihm den Wunsch zu erwecken, mit ihm zu
verkehren. Armer Mann! Er wollte sich nur nicht die unntze Qual
auferlegen, die Geliebte als die Frau des anderen zu sehen.

Aber da Beate -- sie schttelte verwundert den Kopf. Welch seltsam Ding
ist doch das Frauenherz!

Kurze Zeit danach kam Hauptmann Berthold nach Hause. Zrtlich umfing er
seine Gattin. Nun, mein liebes Geburtstagskind, du siehst so erregt
aus, hast doch wohl Besuch gehabt?

O, nur Beate. Und dann kam auch noch Scharfenberg.

Das sind dir ja liebe Leute! Doch jetzt schnell mit meiner Neuigkeit
vom Herzen, die dich sehr verwundern wird. Du mut die Tischordnung
umstoen. Plessow hat mich soeben gebeten, ihm auf jeden Fall Frulein
Dsing als Tischdame zu geben. Er hat sich gestern mit ihr verlobt.

Gottlob, nun wird doch Hagendorf endlich zur Besinnung kommen, sagte
Martina mit wahrhaft erleichtertem Aufatmen, ob er es schon wei?
Scharfenberg hat ihn vorhin erst mit ihr und der Malten im
Promenadencafe gesehen.

Auf keinen Fall werden sie schon davon gesprochen haben, denn es soll
eine groe berraschung fr die Gesellschaft sein. Man hat geplant, da
bei uns die Verlobung bekannt gegeben werden soll, und zwar erst nach
zwlf, also morgen; denn da feiern Maltens ihren siebenjhrigen
Hochzeitstag -- aus diesem Grunde wollten sie warten, wie Plessow
sagte.

Und auch besonders darum, weil Viola Dsing die Sensation liebt. Sie
will selbst Zeuge von der berraschung sein, die ihre Verlobung
hervorrufen wird; sie will die erstaunten Gesichter aller sehen,
besonders Hagendorfs, mit dem sie in unverantwortlicher, wirklich
frivoler Weise kokettiert hat. Ich bewundere nur Plessow, wie er das so
ruhig mit hat ansehen knnen.

Der gute Philipp! brigens ist er ganz unheimlich glcklich; er kann
die Zeit kaum erwarten, bis die Dsing vor aller Welt seine Braut wird;
er strahlte frmlich vor Seligkeit, als er mir die Mitteilung machte.

Mge es ihm nur gut bekommen! Von Herzen wnsche ich es ihm. Ich
allerdings bin von diesem Zuwachs des Regiments nicht sonderlich erbaut.
An einer Dsing haben wir gerade genug! Doch wollen wir nun sehen, wie
wir die Pltze verteilen. Haffner sollte ursprnglich die Dsing fhren.
Er wird sehr enttuscht sein! Und dann mchte ich dir auch etwas von
unserem Professor sagen -- nein, jetzt nicht, nach Tische -- komm,
Schatz.

Sie nahm seinen Arm, und beide schritten nach dem schon festlich
hergerichteten Speisesaal, um dort die gewnschte nderung
vorzunehmen.




7.


Mit den widerstreitendsten Empfindungen war Beate Hagendorf nach Hause
gekommen. Nichts war ihr peinlicher als das Bewutsein, eine Lge
ausgesprochen zu haben, wenn sie auch selbst im guten Glauben geredet;
was mute Martina denken! Wie konnte Rolf ihr das antun! Alles wegen
dieser Malten!

Einem Blitzstrahl gleich flammte da in ihr die Erkenntnis auf, da Rolf
sie schon mehrmals belogen, und ein Argwohn erfllte sie, der ihrer
vornehmen Seele bisher fremd gewesen war. Ihr Gatte hatte Heimlichkeiten
hinter ihrem Rcken -- er spielte falsches Spiel mit ihr. Dies und jenes
fiel ihr ein, worber sie sonst gar nicht nachgedacht, was sich aber zu
einer Kette von Beweisen verdichtete; wie Schuppen fiel es jetzt von
ihren Augen. Seine tglichen Spazierritte, sein hufiges Ausgehen, seine
Launenhaftigkeit und Verdrossenheit gegen sie, alles das hatte einen
tieferen Grund -- und der war Viola Dsing! Jetzt war ihr alles klar.

Ein bitteres Lcheln zuckte um ihren Mund; sie empfand aber gar keinen
Schmerz darber, und daran fhlte sie, da ihr Gatte ihr vollkommen
gleichgltig war. War sie aber besser als er? Fast scheu sah sie sich
um, als habe jemand ihr diese Worte laut zugerufen. Nein, sie war nicht
besser, gab sie sich in grausamer Selbsterkenntnis zur Antwort; denn
auch sie liebte einen andern! Aber sie kmpfte wenigstens ehrlich gegen
diese Liebe, die kein Sinnenrausch war, sondern nur die Erkenntnis, da
sie von Anbeginn zu dem andern gehrte, denn sie war Geist von seinem
Geist: gleiche Gedanken wie er hegte auch sie -- ihre Seelen waren
wahlverwandt und wunderbar auf einen Akkord gestimmt. Und sie selbst
hatte in trichter Verblendung diese Harmonie zerrissen -- und nun war
es zu spt zum Glck fr sie.

Diese Selbsterkenntnis lie sie Rolfs Verhalten milder beurteilen; sie
war ja auch schuldig, aber die Unwahrheit durfte er nicht sprechen; denn
nichts hate und verachtete sie mehr als die Lge, die sie als
Verteidigungsmittel feiger, kleinlicher Seelen verdammte.

Rolf war natrlich noch nicht zu Hause. Lange hatte sie mit dem Essen
warten mssen, bis er mit vom Wein gerteten Gesicht endlich erschien.
'n bichen lange geworden, Beate. Du weit, Plessow ist ein Sumpfhuhn,
ebenso wie Bnau und Malten; man kann kein Ende finden, will auch nicht
gleich aufstehen, um nicht in den Verdacht zu kommen, da man unter dem
Pantoffel steht, suchte er sein sptes Heimkommen zu entschuldigen.

Beate war ber diese offenbare Lge emprt. Warum sagst du mir
eigentlich nicht die Wahrheit, Rolf? Gro und ruhig blickte sie ihn
dabei an.

Was fllt dir ein, an meinen Worten zu zweifeln? rief er heftig, wenn
ich dir sage, da ich bis jetzt mit den Kameraden im Kasino war, so mu
dir das gengen! Im brigen habe ich nicht ntig, dir ber mein Tun und
Treiben Rechenschaft abzulegen. Fange nur so an, dann ist es recht.

Das verlange ich gar nicht. Sage dann aber lieber nichts, als da du
mich belgst. Denn ich wei, da du nicht im Kasino warst, sondern im
Promenadencafe mit Frau von Malten und ihrer Schwester.

Er bi sich auf die Lippen und zerrte nervs an seinem Schnurrbart. Ah,
du hast mir nachspioniert? lachte er gezwungen auf, weshalb fragst du
erst, wenn du es doch schon weit? Das ist ja niedlich, da man wie ein
Schuljunge auf Schritt und Tritt bewacht wird. Du bist wohl gar
eiferschtig, meine Teure?

Da richtete sie sich zu ihrer vollen Gre auf und ein stolzer Blick
flammte ber ihn hin. -- Nein! Und auf eine Viola Dsing am
allerwenigsten, sagte sie kalt.

Du scheinst sehr hoch von dir zu denken, da du einen Vergleich mit ihr
wagen willst, entgegnete er hohnvoll.

Oder vielleicht auch von meinem Gatten, da er sich nicht zum
Gegenstand ihrer berechnenden Koketterie machen lt.

Klar und gro ruhten ihre Augen auf ihm; er konnte deren Blick nicht
erwidern, sondern starrte ingrimmig vor sich hin. Sie legte die Hand auf
seine Schulter. Rolf, ich bitte dich um deinetwillen, ziehe dich von
Maltens zurck, ehe du dich zum Gesptt machst.

Beate hatte sich aber doch in ihren Worten vergriffen. Er schleuderte
ihre Hand zurck. -- Was fllt dir ein? rief er heftig in tief
verletzter Eitelkeit. Willst du mich schulmeistern? Ich sage dir, damit
hast du kein Glck! Wissen mchte ich aber doch, wer dich auf einmal so
gut unterrichtet hat!

Dein auffallend intimer Verkehr mit Maltens, trotz meiner Abneigung,
hat mir stets zu denken gegeben. Und da du dich hinter Unwahrheiten
verschanzest, gibt mir die Gewiheit, da dein Gewissen nicht rein ist!
-- Weshalb gestandest du mir nicht zu, da du im Promenadencafe warst,
berhaupt Absicht hattest, dahin zu gehen? Dann wre mir das peinliche
Bewutsein erspart geblieben, bei Martina dein Fernbleiben mit einer
Unwahrheit zu entschuldigen.

Ah, und dort hast du auch erfahren --

Ja, allerdings.

Und von wem, wenn ich fragen darf?

Sie zgerte einen Augenblick mit der Antwort; dann sagte sie ruhig:
Professor Scharfenberg hat dich gesehen; er kam ebenfalls zum
Gratulieren.

Da lachte er auf, ein bses, hhnisches Lachen. Ah, der famose
Professor! Der allerdings wird eine besondere Freude gehabt haben, dir
das mitzuteilen!

Inwiefern? erstaunt sah sie ihn an.

Na, tue nur nicht so, Beate! Der geistvolle, kluge Mann versteht dich
ja viel besser als dein simpler Gatte. Ihr seid beide sehr schlau, da
ihr euch bei deiner geflligen Freundin so ungestrte Stelldicheins
gebt -- hahaha -- in der Tat, sehr bequem.

Sie wurde leichenbla. Pfui, Rolf! Komme doch zu dir! Ein weiteres Wort
habe ich nicht -- denn mir scheint, da du -- betrunken bist, und mit
solchen Leuten rechtet man nicht.

Damit stand sie vom Tisch auf und ging hinaus, ohne ihren Gatten eines
Blickes zu wrdigen.

Sie sah ihn erst wieder, als sie zu Bertholds fuhren. Am liebsten wre
sie zu Haus geblieben; aber Martinas wegen, deren Geburtstagsfeier sie
nicht fernbleiben konnte, mute sie sich bezwingen, wenngleich sie sich
sehr elend fhlte. Rolfs Worte hatten das Heiligste in ihr besudelt, in
den Staub gezogen, und ihr war, als knne sie niemals wieder freundlich
zu ihm sein. Und ihm war sehr unbehaglich zu Mute, whrend er neben
seiner Frau im Wagen Platz nahm. Ihr blasses, khles Gesicht vernderte
sich nicht, als er eine Unterhaltung anfangen wollte; es blieb genau so
steinern und unbeweglich wie heut Mittag, als sie das Zimmer verlassen
hatte.

Teufel, er hatte sich doch wohl zu sehr hinreien lassen mit seinen
Worten, die ihm im Grunde gar nicht ernst gewesen waren. Aber ihre Art
hatte ihn gereizt, da er nicht berlegte, was er sagte, und auerdem
hatte Viola ihn mit ihrem bermut geqult, gepeinigt und auf seine
gelehrte Frau Dr. med. gestichelt, da er ganz aus dem Gleichgewicht
gebracht war. Er meinte, das rotblonde Mdchen zu hassen und fieberte
doch darnach, sie wieder zu sehen. Ihre Gegenwart schien ihm
Lebensbedrfnis, und freudig strahlten seine Augen auf, als er sie in
Bertholds Salon erblickte -- Maltens waren schon da.

Wie raffiniert sie wieder angezogen war, eine schwarze, tief
ausgeschnittene Chiffontoilette, die einen wirkungsvollen Gegensatz zu
der leuchtenden Haarfarbe und dem blendenden Nacken bildete -- berckend
sah sie aus! In ihrer temperamentvollen Art hatte sie einen Kreis von
Herren um sich geschart, von denen sie sich auf Tod und Leben den Hof
machen lie, und als man bei Tische sa, klang mehr als einmal ihr
lautes, vergngtes Lachen durch den festlichen Raum. Sie trug berhaupt
ein sehr siegesbewutes, bermtiges Wesen zur Schau.

Zu Rolfs Verwunderung war ihr Tischherr der lange Philipp Plessow, mit
dem sie sehr vertraut tat; beide sahen sich tief in die Augen, wenn sie
miteinander anstieen, und lchelten sich in auffallender Weise an.

Martina Berthold hatte fr Leutnant Hagendorf den Platz so gewhlt, da
er Viola Dsing gar nicht oder nur sehr schlecht sehen konnte, womit sie
ihm eine Qual auferlegt hatte. Er vernachlssigte seine Tischdame fast
bis zur Unhflichkeit, was aber Professor Scharfenberg, der zu ihrer
Rechten sa, in etwas gut zu machen suchte -- um Beates willen! Denn er
sah ihr an, da sie sich mit etwas qulte; ihm entging so leicht keine
Vernderung in dem geliebten Antlitz. Heimlich bewunderte er sie. Sie
sah so anmutig, fast mdchenhaft in dem weien Kleid aus, und im stillen
verglich er ihre keusche Schnheit mit der so aufdringlich wirkenden der
andern.

Beate beobachtete den Gatten, der ihr schrg gegenber sa; sie sah, wie
ihn die innerliche Ungeduld fast verzehrte, sah, wie er vergebens einen
Blick mit Viola auszutauschen versuchte und bemerkte auch das
erleichterte Aufatmen Rolfs, als endlich die Tafel aufgehoben wurde.
Whrend er Viola Mahlzeit wnschte, sah er ihr bei seinem feurigen
Handku in die Augen.

Mein gndiges Frulein, ich beklage mich sehr ber die Grausamkeit,
da Ihr entzckender Anblick mir bis jetzt entzogen wurde.

Warum beklagen Sie sich da bei mir? Ich kann nichts dafr -- das lag
doch an der Tischordnung, entgegnete sie etwas schnippisch. Er wollte
darauf erwidern; aber in diesem Augenblick trat der lange Plessow zu
ihnen. Mit verliebtem Blick sah der auf Viola und schob seinen Arm unter
den ihrigen. Will meine holde Tischdame mir etwa untreu werden? Das
gibts nicht!

Rolf war wtend. Was fiel dem Kerl ein -- diese Dreistigkeit gegen Viola!
Er hatte wohl gar schon zu viel getrunken? Unmutig schlenderte er umher.
Dabei sah er, wie der Kommandeur lange mit Beate sprach und wie dessen
wetterharte scharfe Gesichtszge sich zu einem wohlwollenden Lcheln
verzogen.

Nachher sagte der zu ihm, ihn wohlwollend auf die Schulter klopfend:
Wissen Sie, Hagendorf, um Ihre gelehrte Frau sind Sie wirklich zu
beneiden -- Sie sind ein wahrer Glckspilz! Kann's sonst nicht leiden,
wenn die Weiber gar so gescheit sind -- 's ist nicht mein Fall -- sind
sie aber nebenbei so hbsch und interessant wie Ihre kleine liebe Frau,
dann drckt man gerne beide Augen zu bei so vieler Gelehrsamkeit.

Rolf klappte die Hacken zusammen und verneigte sich, einige dankende
Worte murmelnd.

Da sah er Viola Dsing in der Tr stehen. Sie blickte gerade zu ihm hin
-- er vermeinte, darin eine direkte Aufforderung zu lesen, ihr zu
folgen. Man hatte sich in den eleganten, knstlerisch ausgestatteten,
lichtdurchfluteten Rumen zerstreut. Die Damen saen plaudernd im Salon,
die Herren bei dem jetzt gereichten Bier im Rauch- und Spielzimmer, und
so konnte Hagendorf dem jungen Mdchen folgen, ohne da es auffiel. Ihr
Tischherr, Plessow, war jetzt vom Kommandeur in Beschlag genommen, der
anscheinend sehr gute Laune hatte -- gemtlich unterhielt er sich mit
dem langen Oberleutnant und lachte wiederholt. Fr eine Weile war also
Viola von der lstigen Gegenwart ihres Tischherrn befreit, und diese
Spanne Zeit wollte Rolf ntzen.

Er fand das junge Mdchen im Wohnzimmer der Hausfrau. Viola stand an dem
Tisch, auf dem die Geburtstagsgeschenke Martinas aufgebaut waren, und
hielt eine Photographie in ihren Hnden. Sie hrte ihn eintreten. Bei
dem Gerusch wandte sie sich um. -- Ah, Sie, Herr von Hagendorf, mein
Gott, wie haben Sie mich erschreckt.

Sie waren allein. Das Zimmer war nur schwach erhellt und durchflutet von
sem Blumenduft. Es lag im ersten Stockwerk und gehrte nicht mit zu
den Gesellschaftsrumen, die sich im Erdgescho befanden. Er trat auf
sie zu, und sie empfand einen prickelnden Reiz, mit ihm hier zusammen zu
sein.

Wie haben Sie sich hierher verirrt?

Ich wollte Sie sprechen, Viola.

Das knnen Sie doch unten ebenso gut! Ich wollte mir Frau Bertholds
Geburtstagstisch ansehen und entdeckte darauf -- raten Sie -- das Bild
Ihres Jungen, ich finde es wunderhbsch! Ihre Frau Doktor ist
ebenfalls gut getroffen -- und Karl Friedrich ist einzig, wie sind Sie
aber nur auf den feierlichen Namen gekommen? -- Rolf wre doch viel
hbscher gewesen! Ich bin dem Kinde wirklich gut, plauderte sie
unbefangen mit ihm.

Da fate er ihre Hand mit seinen heien, bebenden Fingern. Viola, viel
glcklicher wrde es mich machen, wenn Sie seinem Vater auch gut wren
-- ein klein wenig.

Sie bog den blonden Kopf zurck und sah ihn mit einem seltsamen Blick
aus den halbgeschlossenen Augen an.

Was htte das wohl fr Zweck, Herr von Hagendorf?

Fragen Sie doch nicht, Viola, ich denke nicht, ich wei nur, da ich
Sie liebe, Sie anbete, flsterte er leidenschaftlich. Sie haben mich
ganz toll gemacht.

Sie lchelte -- jetzt hatte sie das Bekenntnis seiner Liebe, nach dem
sie verlangt -- sie hatte den elegantesten Offizier des ganzen Regiments
zu ihren Fen gezwungen, und ein triumphierendes Gefhl erfllte sie.
Wenn seine hochmtige Frau das ahnte! Sie wrde nicht mehr so
herablassend auf das junge Mdchen blicken, das keine groe
Gelehrsamkeit, aber was mehr ist, Schnheit aufweisen konnte!

Alle diese Gedanken flogen durch ihren Kopf, als sie abwehrend sagte:
Herr von Hagendorf, ich darf Sie nicht hren, nein -- und doch
lauschte sie seinem heien Werben; sie duldete, da er seinen Arm um
ihre Taille legte und blickte ihn an, s und verheiend, ihm dadurch
das letzte Restchen Besinnung raubend. Wild prete er sie an sich.

Viola, holdes, berauschendes Mdchen -- und seine Lippen suchten
ihren Mund in heiem Kusse, den sie ihm ebenso zurckgab. Da
berschttete er sie mit seinen Liebkosungen.

Nein, nein, lassen Sie mich -- es war, als erwache sie aus ihrer
Selbstvergessenheit -- sie suchte sich jetzt aus seinen Armen zu
befreien, doch er umschlang sie fester. Sie stemmte ihre Hnde gegen
seine Brust.

Noch einmal sage ich, lassen Sie mich, oder ich rufe.

Die Situation wrde sonst noch gefhrlich fr sie, -- nun war es genug
-- ihr Triumphgefhl war gesttigt, ihre Macht gengend erprobt! Da
hrte sie jetzt auch Schritte und sah, wie die Tr sich ffnete.

Ist denn niemand, der mich von dem Wahnwitzigen befreit? rief sie
halblaut, da die soeben Eintretenden es hren muten.

In diesem Augenblick erkannte sie in ihnen Malten und Plessow. Mit einem
letzten Kraftaufwand stie sie Rolf zurck und flog auf die beiden zu,
die wie erstarrt dastanden.

Violas Augen fllten sich mit Trnen, und ihr Atem ging heftig. Was ist
das? fragte Plessow herrisch.

Malten schwieg; er sah seine Schwgerin nur mit einem eigentmlichen
Blick an. Da er sie sehr genau kannte, wute er sich die Sachlage recht
gut zusammenzureimen.

Nun, Herr von Hagendorf, weshalb bleiben Sie mir die Antwort schuldig?

Und ich frage Sie, Herr von Plessow, mit welchem Recht Sie sich in
meine Angelegenheiten mischen.

Rolf war auf das uerste durch die herausfordernde Art des andern
gereizt. Die Adern schwollen dick an auf seiner Stirn. Er bi die Zhne
zusammen und ballte die Hnde. Der reichlich genossene, schwere Wein
machte sich bei beiden geltend, und dazu kam noch die gegenseitige
Abneigung.

Plessow lchelte hhnisch. Erstens mit dem Recht, jeder von einem
Aufdringlichen belstigten Dame zu Hilfe zu kommen --

Herr -- fuhr da Hagendorf auf. Sie werden unverschmt. Er hatte alle
Besinnung verloren und machte eine Bewegung, als wolle er sich auf den
andern losstrzen.

Meine Herren, ich bitte -- um Gotteswillen, rief Malten aufs hchste
erschrocken aus, indem er zwischen die beiden trat -- Migung!

Aber es war zu spt. Plessow sagte kalt: Sie werden mir fr Ihre Worte
Genugtuung geben. Zustimmend, mit kurzer, knapper Verbeugung verneigte
sich Rolf. Ehe er aber etwas sagen konnte, fuhr der andere fort:

-- Und zweitens habe ich doch wohl das Recht, meine -- Braut gegen Sie
zu schtzen. Dabei legte er seinen Arm um das Mdchen.

Wie vom Blitz getroffen stand Rolf da. Er war kreidebleich geworden, und
seine Zge hatten sich frmlich verzerrt, zu jh und niederschmetternd
war ihm die Erffnung gekommen. Er warf einen langen, unbeschreiblichen
Blick auf Viola. Ein neugieriges, grausames Lcheln spielte um ihren
ppigen Mund, und in ihren Augen glitzerte ein kaltes Licht, whrend sie
sich an ihren Verlobten lehnte und mit den roten Nelken an ihrem Kleide
spielte. Sie hatte jetzt ihre Sensation!

Ich werde meinen Schwager, Herrn Oberleutnant Haler, beauftragen, das
Weitere zu verhandeln. Ich stehe jederzeit und in jeder Weise zu
Diensten.

Er hatte seine Selbstbeherrschung wiedergefunden. Stolz richtete er sich
auf, grte steif und ging festen Schrittes hinaus, ohne Viola noch
eines Blickes zu wrdigen.

Mit leichtem Vorwurf in der Stimme wandte sich da Malten zu ihr. Wir
haben dich schon berall gesucht, Viola! Es ist gleich zwlf Uhr. Eure
Verlobung soll jetzt bekannt gegeben werden, und zwar will der
Kommandeur das selbst tun -- und die Hauptperson fehlt!

Er war sehr erregt ber den vorangegangenen Auftritt, der aber die
beiden andern gar nicht weiter zu rhren schien. Wie ein
Schmeichelktzchen schmiegte sich Viola an den Verlobten, um ihn schnell
darber wegzubringen. Sie wollte unntze Fragen vermeiden, und der lange
Plessow war zu verliebt, um von ihrer Zrtlichkeit nicht beglckt zu
sein.

Unmutig entgegnete sie ihrem Schwager: Hat dir denn Ilse nicht gesagt,
da ich mir Frau Bertholds Geburtstagstisch ansehen wollte? Sie war doch
mit oben -- und ich war eben im Begriff zu gehen, als Hagendorf kam. Ich
kann doch nichts dafr --, auf keinen Fall durfte es den Anschein
haben, als ob ihr Zusammensein mit Hagendorf doch nicht ganz so zufllig
war.

Er soll es mir ben, da er dich in solcher Weise belstigt hat,
sagte Plessow ingrimmig. Lngst hat es mich verdrossen, da er wie dein
Schatten war. Ich werde ihm einen gehrigen Denkzettel geben. Nun komm,
damit unser Fernbleiben nicht auffllt. Er zog ihren Arm durch den
seinen und sie begaben sich zu der Gesellschaft zurck, ohne da sie nur
ein Wort der Angst und Sorge uerte, wie das Duell wohl fr den
Verlobten ausfallen wrde.

Wie vorauszusehen war, hatte das Bekanntgeben der Verlobung Viola
Dsings mit Philipp v. Plessow ungeheures Aufsehen erregt. Lchelnd
stand das Brautpaar da und nahm die Glckwnsche der Anwesenden
entgegen. Unwillkrlich mute Beate zu dem Gatten hinbersehen, der mit
dster glhenden Augen dastand, und sie bemerkte, da viele das gleiche
taten.

Wie mute seine Eitelkeit leiden unter dem Gaffen der Menge, die um
seine Vorliebe fr jenes kokette, kaltherzige Mdchen gewut, das nun so
siegessicher seinen letzten Trumpf ausgespielt, ihn damit wirklich dem
spttischen Mitleid der anderen preisgebend! Und das groe Erbarmen
ihrer echten, edlen Weibesnatur erwachte. Sie verga, was er ihr
angetan, sie fhlte nur, da ein lngeres Verweilen fr ihn unerhrte
Qual bedeuten mute, wenn es auch klger war. Aber so wurde geredet und
so auch; da blieb es sich schlielich gleich.

Sobald es mglich war, verlieen sie unauffllig die Gesellschaft, und
Martina hielt sie auch nicht zurck, es war ihr selbst lieber so.

Rolf war seiner Frau von Herzen dankbar, da sie ihm die Gelegenheit
dazu gegeben, ihm in ihrer feinfhligen, verstehenden Art entgegenkam.
Ihre Worte ber Viola fielen ihm ein. Wie hatte sie recht in ihrem
Urteil gehabt, und eine tiefe Scham erfllte ihn, da er um ein solches
Geschpf sein hochherziges Weib vernachlssigte, und die Erkenntnis
tauchte in ihm auf, spt genug freilich, was er in seinem Leichtsinn
aufgegeben.

In pltzlicher Aufwallung kte er die Hand seiner Frau. Beate, ich
danke dir, sagte er gepret.

Warum? ein guter Kamerad soll dem andern immer helfen.

Auch wenn der ein schlechter war? fragte er leise.

Ja, immer! sagte sie einfach. Aber ihre Stimme klang traurig, und ihre
Augen blickten trbe vor sich hin.




8.


Ein trber Novembertag. Es wollte nicht hell werden; grau und
undurchdringlich hing der Himmel ber der herbstlichen Erde, und ein
feuchter Nebel ging nieder. Es war ein Wetter zum Traurigwerden, das
sensible Naturen drckte und ngstigte.

Beate frstelte. Ein unbestimmtes Gefhl der Angst und Sorge erfllte
sie; eine innere Unrast trieb sie von einem Zimmer ins andere, kaum, da
sie bei ihrem Kinde Ruhe fand. Sie konnte sich diesen Zustand nicht
erklren, der ihr sonst fremd war. Vielleicht lieen die Ereignisse der
letzten Tage sie so nervs sein.

Herr Oberleutnant Haler! meldete der Diener, sie im Kinderzimmer
aufsuchend. Verwundert blickte sie auf und ging ins Wohnzimmer, in dem
der Bruder ihrer harrte. Er stand am Fenster und hatte ihr den Rcken
zugedreht.

Guten Morgen, Adolf. Was fhrt dich so frh schon zu mir?

Langsam wandte er sich ihr zu, und sie blickte in ein tiefernstes
Mnnerangesicht, aus dem jede Spur frhlichen Humors hinweggewischt war.
Morgen, Bea! Und er prete fast heftig ihre Hand.

Adolf! rief sie da erschreckt, du siehst aus wie jemand, der nichts
Gutes bringt.

Du hast recht, sagte er leise.

Ihr Herz begann heftig zu klopfen. Sie drckte beide Hnde darauf und
holte tief Atem. Was? Was -- ist's? Etwas mit den Eltern? Nein? Dann
mit Rolf? Schnell, schnell!

Er fate teilnehmend ihre Hand. Fasse dich, Bea, sei stark! Man bringt
dir deinen Gatten -- verwundet ins Haus.

Verwundet? Wie kam das? Dann in pltzlichem Verstehen: Im Duell
verwundet?

Adolf nickte.

Aber mit wem denn? Um Gottes willen!

Angstvoll hingen ihre Augen an seinen Lippen.

Mit Plessow.

Und um die Dsing?

Um die Dsing!

Beate sthnte auf. Daher auch sein verndertes weiches Wesen gestern,
das sie an die erste Zeit ihrer jungen Ehe erinnerte!

Man wird ihn sogleich bringen; ich bin vorausgeeilt. -- Mut, meine
starke Schwester!

Er ist tot! schrie sie da auf. Verhehle mir nichts!

Nein, nein, Beate, aber schwer verwundet. So hat es Plessow doch nicht
gewollt.

Sie raffte sich auf, und mit Adolfs Hilfe richtete sie schnell das
Ntigste her zum Empfange des Kranken. Der Wagen hielt, der ihn brachte.
Ganz behutsam trug man Rolf ins Haus und legte ihn auf sein Bett.

Er hatte die Augen geschlossen und rchelte leise. Mit Jammer im Herzen
sah Beate auf den todwunden Gatten und beobachtete den Arzt, der sich um
ihn bemhte. Kann ich Ihnen helfen?

Er schttelte den Kopf. Nein, nichts. Wenn wir nur die Kugel finden
knnten.

Sein Gesicht war tiefernst. Er wute es, da keine Hoffnung war, den
Verwundeten am Leben zu erhalten, und auch Beate sah mit ihrem gebten
Auge, da er auf den Tod darniederlag. Fr sie gab es nicht die
trstende Ungewiheit, es kann doch noch besser werden -- ein Wunder
kann kommen, sie mute der grausamen Gewiheit ins Auge sehen: seine
Stunden sind gezhlt! Denn dieser Schu durch die Brust mute durchaus
tdlich sein. Und sie konnte ihm nur noch sein Sterben erleichtern.

Fast bermenschlich bezwang sie sich. Klagen und Weinen hatten keinen
Zweck. Die Augen brannten ihr von zurckgehaltenen Trnen, und das
Mitleid, den so lebensvollen Mann so vor sich zu sehen, ein Bild des
Jammers, drohte ihr das Herz zu brechen. Mit linder Hand schaffte sie
ihm die Erleichterungen, die er noch haben konnte. Sie wischte ihm den
Schwei von der Stirn und achtete angstvoll auf jede Bewegung.

Der Stabsarzt sah, da er hier berflssig war. Sein Patient war ja in
den besten Hnden. Ich gehe, gndige Frau. Sollten Sie mich ntig
haben, dann telephonieren Sie, bitte, sagte er leise.

Sie wissen doch genau, Herr Doktor, da das nicht mehr der Fall sein
wird.

Ihre Stimme klang seltsam heiser und tonlos.

Er konnte nichts darauf erwidern, sondern drckte ihr nur stumm die
Hand. Sie wich nicht von dem Lager des todwunden Mannes. Lange, bange
Stunden vergingen. Sie sah die Vernderung in seinem Gesicht, wie die
Schatten des Todes darber fielen. Da ffnete er die Augen, und sie las
darin wiederkehrendes Bewutsein.

Ich bin bei dir, Rolf. Kennst du mich, -- deine Bea? flsterte sie mit
weicher Stimme, die schon so vielen Kranken Beruhigung gebracht hatte.

Seine Lippen suchten einige Worte zu formen, sie neigte sich ber ihn
und hauchte einen Ku auf seine Stirn. Mein lieber Mann! Wie der
Schein eines Lchelns flog es ber sein Gesicht; dankbar und gro
blickte er sie noch einmal an, dann fielen die Lider wieder schwer ber
seine Augen.

Eine Stunde noch -- und dann war alles vorbei. Weinend lag Beate an der
Brust des Bruders, der im Nebenzimmer still gewartet.

Die Spannung der letzten Stunden legte sich jetzt in einem heftigen
Weinkrampf, ihre Nerven versagten. Adolf lie sie sich ausweinen, damit
sie Erleichterung bekam. Mit sanften Worten suchte er die ihm so teure
Schwester zu trsten. Er selbst stand tief erschttert an dem
Sterbelager seines liebsten Freundes und Schwagers, dessen junges Leben
einem tckischen Verhngnis zum Opfer gefallen war -- und der Laune
eines koketten Weibes.

Beate hatte den Abschiedsbrief des Gatten gelesen, in dem er sie um
Verzeihung fr alles Ungemach gebeten und ihr zugleich fr das gedankt,
was sie ihm gewesen; jetzt, vielleicht an der Schwelle des Todes
stehend, erkenne er alles und sehe, wie er in trichter Verblendung
gefehlt. In rhrenden Worten hatte er geschrieben, und sie war tief
ergriffen davon. Sie kniete an seinem Bette, und ihr blonder Kopf lag
auf seinen erkalteten Hnden.

Was in ihr vorging, war unbeschreiblich. Sie wute jetzt den
Zusammenhang, aber vergab ihm alles, ohne Bitterkeit im Herzen. Mit
seinem Tod hatte er geshnt. Sie htte wer wei was gegeben, wre es ihr
gelungen, ihn dem Leben zu erhalten, das er so sehr geliebt. Nun hatte
er die sonnigen Augen fr immer geschlossen, und er hatte sie so frh
zur Witwe gemacht, und ihr blieb nichts als ihr Sohn.

       *       *       *       *       *

Mehr als zwei Jahre waren vergangen. Beate von Hagendorf hatte in dieser
Zeit ganz zurckgezogen gelebt und sich nur ihrem Kinde gewidmet, an dem
sie mit abgttischer Liebe hing. Der kleine Karl Friedrich war ein
bildhbscher Junge geworden; er sah seinem Vater sehr hnlich. Martina
Berthold verzog ihn auf die erdenklichste Weise, so da Beate manchmal
schelten mute. Der Verkehr der beiden Frauen miteinander hatte noch an
Innigkeit zugenommen, und selten verging ein Tag, an dem sie sich nicht
sahen.

Viola Dsing war seit einem Jahr verheiratet. Plessow sowohl als auch
Malten waren aber versetzt, nachdem ersterer seine Festungshaft abgebt
hatte. Die beiden Damen waren wenig im Regiment beliebt; dazu kam noch
der unglckselige Zwischenfall mit Hagendorf, dessen tragisches Geschick
die allgemeinste, wrmste Teilnahme hervorgerufen -- genug, es war ihnen
selbst ungemtlich geworden, so da sie um Versetzung eingekommen waren.

Martina suchte die junge Witwe langsam dem Leben zurckzugewinnen. Beate
hatte den Gatten tief und innig betrauert; aber diese Trauer war jetzt
einer stillen Wehmut gewichen; und sie kam den Bestrebungen der Freundin
entgegen. Sie lehnte deren Einladung nicht mehr ab, wenn sie wute, da
Gste bei Bertholds waren. Ihr lebhafter Geist brauchte Anregung, die
sie in jenem auserwhlten Kreise in reichstem Mae fand. Sie gehrte
jetzt mit zum Vorstand des Frauenvereins und hatte reichlich
Gelegenheit, ihre werkttige Menschenliebe auszuben. Allmhlich war es
gekommen, da sie regelmig den Jugendfreund bei Bertholds traf, wenn
sie die Mittwoch- und Sonntagabende dort zubrachte. Sie hatte sich daran
gewhnt und war ihm nicht mehr wie im Anfang scheu ausgewichen. Offen
gestand sie sich sogar ein, da sie sich freute. Er war von einer zarten
Rcksichtnahme gegen sie, die sie tief rhrte, und ihr Gefhl sagte ihr
ganz richtig, da er sie noch mit derselben Zuneigung wie frher liebte
-- er war eben bestndig und treu!

Lngst wute ja Martina von Georg um seine frheren Beziehungen zu
Beate, die aber, sonst nicht verschlossen, sich ber diesen Punkt nie
zur Freundin geuert. Und Martina erwhnte auch nicht, da sie etwas
wute; sie tat vollkommen arglos, um der Freundin nicht die
Unbefangenheit zu rauben; sie wollte die zarten Fden, die sich da unter
ihren Augen anspannen, nicht zerstren. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte
die kluge Frau.

Es war Mittwoch abend -- der Abend, an dem Beate und Georg Scharfenberg
stets Gste bei Bertholds waren. Der Professor war etwas enttuscht, und
man sah ihm das auch an, da er Beate heute nicht traf. Ja, lieber
Freund, sagte Martina lchelnd, die seinen suchenden Blick aufgefangen
hatte, ja, Sie mssen heute abend mit unserer Gesellschaft frlieb
nehmen; Frau Beate hat abgesagt.

Aber warum? --

Der Junge ist nicht wohl, und Sie wissen, sie ist sehr ngstlich. Er
habe etwas Fieber, lie sie sagen. Ich will morgen frh gleich nach ihm
sehen.

Hoffentlich ist's nichts Ernstliches. Frau von Hagendorf versteht ja
als Dr. med. die Sache zu beurteilen, lchelte er.

Nachdem man gegessen, begab man sich in das Wohnzimmer der Hausfrau, wie
es sonst auch immer der Fall war. Es war aber, als fehle den dreien
etwas, und schlielich sprach der Hauptmann das auch aus. Wei Gott,
wie man sich an einen Menschen gewhnen kann; ich vermisse wirklich Frau
Beate, wir vier gehren einmal zusammen, und seine Gattin stimmte ihm
zu.

Der Professor sa stumm da und blickte gedankenvoll in die Glut des
Kaminfeuers. Langsam strich er den sorgfltig gepflegten Bart, und
unwillkrlich seufzte er ein wenig auf. O, lieber Freund, das kam aber
weit her -- und ich wette, da ich auch wei, wohin es ging, scherzte
Berthold.

Georg errtete etwas.

Nun? Doch sicher zu einer gewissen blonden Frau, die --

O nicht doch, Berthold.

Na, na, warum denn streiten, was wir lngst wissen, meinte er
begtigend, und warum sollen wir nicht davon sprechen, woran wir doch
denken! Wre es denn nicht das Gescheiteste, Sie heirateten, und zwar
jene Frau, die uns allen heute so fehlt? Und fr Sie ist es hchste
Zeit, da Sie heiraten; denn immer knnen Sie sich schlielich doch
nicht an fremder Leute Kamine wrmen, womit ich aber durchaus nicht
gesagt haben will, da Sie uns etwa nicht mehr willkommen wren. Ich
spreche nur in Ihrem Interesse; Sie mssen mich richtig verstehen,
eigener Herd ist Goldes wert.

Der Professor war aufgesprungen, und ging erregt im Zimmer auf und ab.
Unablssig glitt seine Hand durch den Bart. Endlich blieb er vor den
beiden stehen. Berthold, lieber Freund, das alles habe ich mir schon
hundertmal berlegt, aber wenn es nun wieder nichts ist -- was dann?

Ach was, wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Und diesmal -- ich wette --
wird Frau Beate nicht wieder auf ihrem Trotzkopf beharren.

Mein Mann hat vollkommen recht, lieber Professor; nicht verzagt und
kleinmtig sein! Zgern Sie nicht zu lange, sich Ihr Glck zu sichern.
Keine andere pat so gut zu Ihnen, wie Beate. Und sie sieht Sie gern und
hrt gern von Ihnen sprechen, das will ich Ihnen verraten. Sie hat in
ihrer Ehe eine groe Enttuschung erlebt; es war nicht alles, wie es
sein sollte. Wenn sie auch nie zu mir davon gesprochen hat, so wei ich
es dennoch, so sagte die warmherzige Frau, ihm Mut und Vertrauen
zusprechend.

Lngst hatte er sich ja mit dem Gedanken getragen, um Beate zu werben,
aber eine gewisse Scheu hatte ihn noch zurckgehalten; sie war ihm
gegenber stets von einer zu gleichmigen Freundlichkeit! Er hatte ihr
auch einen Besuch gemacht und war sehr liebenswrdig aufgenommen worden;
aber er glaubte die Wrme zu vermissen, die auf mehr als nur
freundschaftliche Gefhle schlieen lt. Georg konnte ja nicht ahnen,
da sie seiner in Liebe und Sehnsucht gedachte, da sie auf das
erlsende Wort von ihm wartete, und so war er in einem Zwiespalt der
Gedanken, der ihm manche schlaflose Nacht verursachte.

Gleich am anderen Morgen erkundigte sich Martina Berthold nach dem
Befinden des kleinen Karl Friedrich. Er gefllt mir gar nicht, Tina,
entgegnete Beate gedrckt, die ganze Nacht habe ich bei ihm gewacht.
Er fieberte stark und war sehr unruhig. Ich frchte sehr --
Diphtheritis.

Martina trstete, so gut es ihr mglich war; aber sie konnte die eigene
Besorgnis nicht verbergen, als sie das Kind sah, das sie mit den groen,
fieberglnzenden Augen so verstndnislos anblickte. Als sie gegen Abend
wiederkam, teilte ihr Beate mit, ihre Befrchtung sei eingetroffen --
Karl Friedrich habe Diphtheritis.

Nun folgte eine schwere Zeit fr Beate. Sie rieb sich fast auf in der
Sorge um den Knaben, in dem Kampfe mit der tckischen Krankheit. Treu
hielt Martina zu ihr; sie litt mit der Freundin und konnte es nicht mehr
mit ansehen, wie sie sich aufopferte. Du mut noch einen Arzt nehmen --
es geht so nicht weiter.

Er kann auch nichts anderes tun, als was ich tue! Es ist ja nur ein
leichter Fall, aber doch sorge ich mich! Wieviel schlimm
diphtheriekranke Kinder habe ich schon behandelt.

Aber nicht ein eigenes! Man ist doch ein schlechter Arzt, wenn die
Muttergefhle in Betracht kommen! Und ich sage dir, der Professor kommt
her, bestimmte Tina kategorisch, es ist nicht Mangel an Vertrauen zu
deinen Kenntnissen, sondern Mitleid mit dir. Mein Mann will es auch.
Wenn du uns nicht bse machen willst, bist du gehorsam.

Und Beate war es auch. Sie war so mde von der Sorge und dem Herzeleid,
wie sie ihr blhendes Kind so leiden sehen mute.

Der Professor kam. Nach der Untersuchung des Knaben sagte er: Ich kann
Ihre Anordnungen nur gutheien; mir bleibt nichts zu tun, gndige Frau.

Ich darf Sie aber dennoch bitten, wiederzukommen; ich bin um vieles
ruhiger, Herr Professor, fgte sie leise, mit niedergeschlagenen Augen,
hinzu. In tiefem Mitleid ruhten seine Blicke auf dem schmalen, blassen
Frauengesicht, das so deutlich die Spuren durchwachter Nchte und banger
Sorge trug. Sie machen mich glcklich mit dieser Bitte --
selbstverstndlich werde ich Ihrem Wunsche nachkommen.

Die leichte Besserung in Karl Friedrichs Befinden, die eingetreten war,
hielt nicht lange an. Nach wenigen Tagen mute Beate eine
Verschlimmerung feststellen; das Kind kmpfte mit den heftigsten
Erstickungsanfllen. Angstvoll telephonierte sie dem Professor, der
sofort kam. Mit ernstem Gesicht hatte er die Untersuchung beendet. Es
bleibt uns nichts anderes brig, als den Luftrhrenschnitt zu machen,
sagte er leise.

Sie erbleichte tief bei seinen Worten, und heie Trnen drngten sich in
ihre Augen. Aber sie bezwang sich; sie mute ja tapfer sein, sein
getreuer Assistent, wie er es verlangte. -- -- -- --

Die Operation war glcklich verlaufen und Karl Friedrich gerettet; aber
an seinem Bette sa jetzt eine Pflegeschwester. Beate hatte auf
dringendes Anraten des Professors auch an sich denken mssen; ihre
Krfte waren vollstndig erschpft; sie war am Zusammenbrechen, so da
sie die Pflege des Kindes nicht mehr allein tragen konnte. Auerdem war
nach menschlicher Voraussicht die Gefahr fr den Knaben vorber; so
konnte sie sich wenigstens die langentbehrte Nachtruhe gnnen.

Gewissenhaft befolgte sie die Anordnungen, die Professor Scharfenberg
ihr gab. Er kam noch fast tglich in ihr Haus, um nach seinen beiden
Patienten zu sehen, und er konnte sehr energisch und bestimmt sein, wenn
man nicht ganz gehorsam gewesen war. Das Kind hatte ihn schnell lieb
gewonnen und freute sich, wenn der Onkel Doktor kam. Mit wehmtigen
Gefhlen betrachtete Beate den Professor, wenn er so liebevolle Tne
fr Karl Friedrich fand und so kindlich mit ihm zu reden wute. Ja, das
war ganz der alte, treuherzige Georg, ihr geduldiger, stets
hilfsbereiter Jugendfreund -- und mehr als je erstand die vergangene
Zeit vor ihr.

Sie konnte es sich nicht mehr verhehlen, da sie auf sein Kommen wartete
und glcklich darber war, wenn sie ihn sah und seine beruhigende Stimme
hrte! Und fr ihn war es eine Feierstunde, wenn er bei Beate sein
durfte. Er sah sie in ihrem hausfraulichen Walten, lernte sie in ihrer
ganzen reichen Gemtstiefe kennen, und immer heier wurde der Wunsch in
ihm, sie die Seine zu nennen -- die alte Jugendliebe schlug in hellen
Flammen empor, nun kein Hindernis mehr war. -- --

Manche Stunde verplauderte er bei ihr. Und jetzt konnte sie auch
unbefangen von der frheren Zeit mit ihm reden, sie hatten ja so viele
gemeinsame Berhrungspunkte. Sie erzhlte ihm von ihren Studienjahren,
von ihrer Ttigkeit, ihrem Flei und gab ihm auch ihre Doktordissertation
zu lesen, deren klare, lichtvolle Durcharbeitung er aus ehrlichem Herzen
loben konnte, worber sie sehr erfreut war. Und zuletzt sprach sie von
ihrer Stellung als Assistenzrztin am Krankenhause in D., die sie mit
vollster Befriedigung erfllt habe. -- --

Und haben sie dennoch so leicht aufgegeben, um zu heiraten! Verzeihung,
Beate, doch ich mu es Ihnen sagen, wie sehr ich damals ber Ihre
Verlobung verwundert war. Sie hatten mir damit sehr, sehr wehe getan,
fgte er leise hinzu. Sie errtete tief und neigte den Kopf auf die
feine Stickerei, die sie in den Hnden hielt. Wute er denn, da es ihr
so leicht geworden, dem geliebten Beruf zu entsagen? Er konnte nicht
wissen, wieviele Trnen es sie gekostet, mit welchem schweren Herzen sie
in die Ehe getreten war! Konnte sie ihm denn sagen, da es nur war, weil
sie ihn gebunden glaubte? Da da dem rger und dem Trotz ber das
Vergessensein ein flchtiger Zufall zu Hilfe gekommen und sie einem
anderen in die Arme getrieben hatte? -- Er wartete auf Antwort.

Glcklicherweise wurde sie dem berhoben, denn Karl Friedrich klopfte
sehr vernehmlich an die Tr, die ihm Georg ffnete. Na, du kleiner
Mann, scherzte er, bist du dem Frulein wieder davongelaufen? Du
siehst mir ganz so aus. Liebevoll hatte er sich zu ihm geneigt. Da
schlang Karl Friedrich seine rmchen um Georgs Hals. Ja, Bubi will
beim guten Onkel Doktor bleiben.

Der hob ihn hoch empor und setzte ihn dann auf seine Knie. Beate sah
lchelnd auf die beiden. Nach bescheidenem Anklopfen trat da das
Kinderfrulein ein. Gndige Frau, ist Karl Friedrich hier? Er ist mir
davongelaufen.

Das hre ich nicht gern, Bubi! Aber dennoch wollen wir ihm heute mal
verzeihen.

Aber er hat seine Milch nicht trinken wollen! warf das Frulein ein.

Beates lchelnde Miene wurde ernsthaft. Das ist allerdings schlimm!
Wenn du nicht gehorsam bist und deine Milch sofort trinkst, darfst du
nicht bei Onkel Doktor bleiben, Bubi! Geh sofort mit Frulein. Onkel
Doktor und Mutti mgen nur artige Kinder leiden.

An der Mutter Gesicht sah der kleine Kerl, da es nicht ratsam war, zu
widersprechen. Betrbt, aber gehorsam trabte er mit dem Frulein ab,
doch nicht, ohne vorher wichtig zu versichern: Bubi kommt aber gleich
wieder.

Lchelnd blickten ihm beide nach, und Beates Gesicht war frmlich vom
Mutterglck verklrt. Ein prchtiger Knabe, sagte er, und so
gehorsam.

Ja, so klein er noch ist, merkt er doch, da es Widerspruch bei mir
nicht gibt, entgegnete sie. Wie froh bin ich, da ich ihn so gesund
wieder habe! Was htte aus mir werden sollen, wenn ich ihn htte
hingeben mssen -- mein Einziges, mein Kleinod -- und in einer
leidenschaftlichen Aufwallung des Dankes streckte sie ihm beide Hnde
entgegen. Ach, Georg, wie soll ich Ihnen das jemals danken knnen, da
Sie ihn mir neu geschenkt haben.

Er sprang auf und fate die schnen schlanken Hnde fest mit den
seinigen. Mit heier Zrtlichkeit in seinen guten, klugen Augen sah er
sie an, und bebend vor innerer Erregung sagte er: Dadurch, Beate, da
Sie mir vergnnen, diese beiden Hnde immer zu halten -- fr ein ganzes,
reiches Leben! Einen Augenblick war ihr, als stocke ihr der Herzschlag
-- hatte sie denn recht gehrt?

Unter Lachen und Weinen stammelte sie: Willst du mich denn noch?

Beate! Wie ein Jubelschrei klang das. In tiefer Inbrunst kte er
erst die eine, dann die andere Hand, Dank dir tausendmal! Du willst,
Geliebte --

Ja, ich will, Georg! Ich will gutmachen, was ich einst an dir, du
Guter, Treuer, gefehlt, mein ganzes Leben soll es dir zeigen, ich will
dein guter Kamerad und dein seliges Weib sein, sagte sie mit
feierlicher Innigkeit.

Und meine Frau Doktor, setzte er leise lchelnd hinzu, den Titel
nicht von mir geschenkt, nein, vorher schon selbst erworben durch
fleiige, ehrliche Arbeit. Dann zog er sie fest an sich; sie legte die
Arme um seinen Hals und lehnte den blonden Kopf an seine Brust -- ein
wonniges Gefhl des Geborgenseins erfllte sie -- mein Georg, du Lieber,
Getreuer, flsterte sie.

In innigem Kusse schlo er ihr da den Mund. Meine Bea, mein geliebtes,
heiersehntes Weib!

So standen sie selige Minuten in dem Bewutsein, sich nun doch fr alle
Zeit anzugehren! Das Trbe in ihrem Leben war ausgelscht, und
glckverheiend lag jetzt die Zukunft vor ihnen.

Ein Zusammenschaffen und Zusammenarbeiten mit dem geliebten Menschen --
das Leben mit segensreicher Ttigkeit ausfllen, von dem anderen Teil
bis ins kleinste verstanden -- was kann es denn Schneres geben?

Und das Herz war ihnen voll heien Dankgefhls, da der Allmchtige ihr
Geschick so wunderbar gelenkt und doch noch zu dem gefhrt hatte, was
fr sie beide das rechte Glck war.


Ende.




Vom Bearbeiter durchgefhrte Korrekturen


Im Original wurden Versalumlaute uneinheitlich gehandhabt und nur zum Teil
als Ae, Oe und Ue gedruckt. Diese sind hier als ī, ֫ und ܫ
wiedergegeben. Bei der Kapitelnumerierung wurde der teilweise fehlende
Punkt ergnzt, die Kapitelnummern 7 bis 9 wurden wegen der im Original
bersprungenen Nummer 6 durch 6 bis 8 ersetzt. Desweiteren wurden folgende
Korrekturen vorgenommen:

Seite  13, "Ofenschirn" gendert in "Ofenschirm" (dort in jener Ecke
           hinter dem Ofenschirm haben wir so oft gesessen)

Seite  37, Komma hinzugefgt (Dann lebe wohl, Beate!)

Seite  37, Leerzeichen vor "--" hinzugefgt (und von jetzt an fr sich
           allein bleiben -- in angestrengter Arbeit)

Seite  38, "" hinzugefgt (niemand kann zween Herren dienen,
           -- entweder also die Wissenschaft oder die Liebe,)

Seite  43, "" hinzugefgt (Mdel, Bea, ich freue mich kolossal, dich
           wiederzusehen, und in deiner Wrde als Frulein Doktor! --)

Seite  45, ".." gendert in "..." (Na, und ob, Herr Ad..., Herr
           Oberleutnant)

Seite  47, "ihr" ersetzt durch "Ihr" (-- Ihr habt doch gewi auch
           gehrt, bemerkte da Adolf,)

Seite  57, "" hinzugefgt (Da hab' ich Sie nun in Ihrem Vorhaben)

Seite  74, "" am Ende der indirekten Rede entfernt (der sie, offen
           gesagt, solch' hausfrauliches Talent gar nicht zugetraut
           habe.)

Seite  76, "." hinzugefgt (Gesprche hrte. Sie konnte sich aber nicht)

Seite  78, "ihre" ersetzt durch "ihr" (und das verlieh ihr eine gewisse
           Freudigkeit)

Seite  85, "umsympathisch" ersetzt durch "unsympathisch" (Aber gerade Frau
           von Malten ist mir direkt unsympathisch.)

Seite  93, "" am Satzende entfernt (Verga das junge Mdchen so ganz
           seine gute Erziehung, um in einer solchen Weise einem Herrn
           entgegenzukommen?)

Seite  94, "tiefem" ersetzt durch "tiefen" (und ihre Brust hob sich in
           tiefen Atemzgen)

Seite 114, "." hinzugefgt (meldete das Mdchen: Herr Professor
           Scharfenberg.)

Seite 118, "aus" ersetzt durch "auf" (legte sie ihre Hand auf seinen Arm.)

Seite 123, "ihr" ersetzt durch "Ihr" (der ihrer vornehmen Seele bisher
           fremd gewesen war. Ihr Gatte hatte)

Seite 158, "entgegnen" ersetzt durch "entgegen" (streckte sie ihm beide
           Hnde entgegen.)






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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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