The Project Gutenberg EBook of Briefe aus dem hohen Norden, by Elias Haffter

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Title: Briefe aus dem hohen Norden

Author: Elias Haffter

Release Date: February 20, 2014 [EBook #44971]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                      Briefe aus dem hohen Norden

          Eine Fahrt nach Spitzbergen mit dem ~HAPAG~-Dampfer
                    Auguste Viktoria im Juli 1899

                                  Von
                           ~Dr.~ E. Haffter

                      Mit zahlreichen Abbildungen

                      Zweite unvernderte Auflage

                            [Illustration]

                                 1900
                   Verlag von J. Huber in Frauenfeld




Vorwort.


Das kleine Buch enthlt in der ersten Hlfte Briefe, welche ich whrend
einer Fahrt lngs der norwegischen Kste mit dem Endziel Spitzbergen --
auf dem Hamburger Prachtsdampfer Auguste Viktoria im Juli 1899 -- an
die Thurgauer Zeitung sandte, um mit meinen Freunden und Bekannten
in der Heimat in Kontakt zu bleiben. Die zweite Hlfte besteht aus
den Reiseerinnerungen, welche ich, nach Hause zurckgekehrt, fr
das gleiche Blatt zu Papier brachte. Das kleine Buch zeigt, als
unvernderter Abdruck jener Feuilleton-Artikel, die Schwchen rasch
hingeworfener Reminiscenzen.

Die Clichs sind zum Teil Eigentum der
Hamburg-Amerika-Packetfahrt-Aktien-Gesellschaft und teilweise nach
eigenen photographischen Aufnahmen hergestellt. Die Bilder auf pag. 49,
74, 89, 108, 161 und 193 -- ebenfalls Originalphotographien -- verdanke
ich der Liebenswrdigkeit von zwei Mitreisenden, Herrn und Frau Baurat
_Waltz_ aus Konstanz.

Ich gre Norge, das herrliche Land, und alle diejenigen, in deren
Gesellschaft wir seine Schnheiten bewundern durften: die Mitpassagiere
und Fhrer der Auguste Viktoria und den lieben gastlichen Landsmann
in Yttre-Arne.

  Frauenfeld, November 1899.

          =~Dr.~ E. Haffter.=




Inhaltsverzeichnis.


                              Unterwegs.

                                                                  Seite

                                 ~I.~

    Einleitung. -- Von Frauenfeld nach Hamburg. -- Krankenhaus
    in Eppendorf. -- Besuch in Friedrichsruh. --
    Einschiffung auf der Auguste Viktoria                        3-11

                                 ~II.~

    Erste Stunden an Bord. -- Bau der Auguste Viktoria.
    -- Verpflegung. -- Toiletten. -- Schiffskapelle. --
    Norwegische Kste in Sicht. -- Ankunft                        12-18

                                ~III.~

    Fjorde und Schren. -- Hardangerfjord. -- Ankunft in
    Odde. -- Buarbrae. -- Unglcksfall bei der Abfahrt. --
    Molde. -- Naes. -- Romsdal. -- Ball an Bord. --
    Abendstimmung. -- Ankunft in Drontheim                        19-36

                                 ~IV.~

    Drontheim. -- Effekt des Polarstromes. -- Lerfos. --
    Versptete zur Abfahrt. -- Erste Wale. -- Polarkreis          37-45

                                 ~V.~

    Lofoten. -- Mitternachtssonne. -- Sonntag zur See. --
    Walfischdampfer. -- Hammerfest. -- Vogelriff. -- Das
    Nordkap und seine Besteiger                                   46-57

                                 ~VI.~

    Breninsel. -- Eisberge -- Fahrt durch das nrdliche
    Eismeer. -- Gang durch das Schiff. -- Passagiere. --
    Tageseinteilung                                               58-76

                                ~VII.~

    Spitzbergen. -- Gletscher- und Eiszeit. -- Einfahrt in
    den Eisfjord. -- Ankunft in Adventbay. -- Erster
    Besuch der Kste                                              77-82


                                Daheim.

                                ~VIII.~

    ~Hapag.~ -- Patriotische Feststimmung. -- Grber an der
    Adventbay. -- Im Eise gefangen. -- Jagd auf Spitzbergen.
    -- Walfischfang                                               85-98

                                 ~IX.~

    Malerische Gruppe. -- Beutezug an der Kste. --
    Fischerzelt. -- Die Yacht des italienischen Kronprinzen.
    -- Hotel Spitzbergen                                         99-112

                                 ~X.~

    Abfahrt aus der Adventbay. -- Polarnebel. -- Seekrankheit.
    -- Herrliche Einfahrt in den Fjord von Tromsoe              113-120

                                 ~XI.~

    Ankunft in Tromsoe. -- Besuch im Lappenlager. -- Die
    Stadt Tromsoe. -- Kstenlappen. -- Musikabend an
    Bord. -- Spaziergang beim Schein der Mitternachtssonne      121-137

                                ~XII.~

    Nach Sden. -- Lofoten. -- Digermulen. -- ~Pro patria.~
    -- Besteigung des Digermulenkollen. -- Boot in Gefahr.
    -- Kranker in einsamer Fischerhtte. -- Der
    schwermtige Schimmel. -- Abfahrt von Digermulen.
    -- Einladungstelegramm von Kaiser Wilhelm                   138-154

                                ~XIII.~

    Maschinen- und Vorratsrume der Auguste Viktoria. --
    Die Welt -- ein Dorf. -- Maraak. -- Vorbereitung
    fr den Kaiserbesuch. -- Ankunft in Aalesund bei S. M.
    Y. Hohenzollern. -- Der Kaiser an Bord. -- Besuch
    der Hohenzollern                                          155-171

                                ~XIV.~

    Durch den Sognefjord. -- Genrebilder in Naerfjord. --
    Gudwangen. -- Naerdal und Stahlheim. -- Hungersnot.
    -- Oell und Musst. -- Sprachverwirrung                     172-184

                                 ~XV.~

    An der Sttte der Frithjofssage. -- Ankunft in Bergen. --
    Das norwegische Hamburg. -- Im Leprahospital. --
    Fahrt nach Yttre-Arne. -- Heimat in fremdem Lande.
    -- Mange tak                                                185-205

                                ~XVI.~

    Abfahrt von Bergen. -- Abschied der Lotsen. -- Letzter
    Tag zur See. -- Brahmskultus mit Schwierigkeiten.
    -- Zollrevision in der Elbe. -- Abschied von der
    Auguste Viktoria. -- Zum letzten Male die norwegische
    Nationalhymne                                               206-216




Verzeichnis der Abbildungen.


                                           Seite

    Buarbrae                        (Titelseite)
    Bismarck-Mausoleum                         9
    Odde (Hardanger)                          22
    Buarbrae                                  25
    Norwegerinnen                             27
    Strae in Molde                           29
    Stolkjrre                                32
    Oberer Lerfos                             41
    Dom in Drontheim                          42
    Mitternachtssonne                         47
    Walfischdampfer                           49
    Das Nordkap                               53
    Deckscenen                          66 u. 74
    Gletscherpartie (Spitzbergen)             78
    Einfahrt in Adventbay                     79
    Nothtte                                  89
    Gletschereis                              92
    Yacht des italienischen Kronprinzen      108
    Hotel Adventbay                          111
    Lappen                                   126
    Digermulen                               143
    Digermulkollen                           147
    Maraak                                   161
    Stahlheim                                179
    Bergen                                   193




Unterwegs.




~I.~

     Einleitung. -- Von Frauenfeld nach Hamburg. -- Krankenhaus in
     Eppendorf. -- Besuch in Friedrichsruh. -- Einschiffung auf der
     Auguste Viktoria.


                          An Bord der Auguste Viktoria, 4. Juli 1899.

... Soll ich? Oder soll ich nicht? Schreiben nmlich. Ich will's
probieren, obschon es kaum mglich sein wird, in dem Gewirr von
plaudernden Damen (es sind ihrer gegen 200 an Bord), herumflanierenden
Yankees, schnarrenden Berlinern etc. seine Gedanken zu konzentrieren.

Also nach Spitzbergen geht unsere Fahrt. Ueber dieses Reiseziel
werde ich erst sprechen, nachdem wir es gesehen haben. Vorlufig
sind wir auf unserm schwimmenden Palaste an der norwegischen Kste
eingetroffen und liegen seit gestern abend 10 Uhr in dem tiefsten
Punkte des herrlichen Hardangerfjords -- bei Odde -- vor Anker. -- Die
Bucht ist so tief ins Land hineingeschnitten, da unser Schnelldampfer
sieben Stunden brauchte, um sie zu durchfahren; hier hat sie noch die
halbe Breite des Zrchersees. An den Ufern des tiefgrnen Wassers
erheben sich steil bis zu imposanter Hhe, die mit 1500 bis zu 2000
Meter wohl nicht berschtzt ist, Gebirgsstcke aus grauem Urgestein,
teilweise mit Wald bedeckt, oben voll blendend weien Schnees, berall
zu abschssig, um menschlichen Wohnungen Platz zu bieten. Zwischen
den Bergkuppen erscheinen aus dem Hintergrunde mchtige Gletscher,
deren Wsser als riesige -- von oben bis unten zu verfolgende Flle
-- zur See herniederstrzen. Gegen das satte Grn der Wlder sticht
ihr Wei ab wie flssiger karrarischer Marmor. Im Ganzen erinnert
das Landschaftsbild auerordentlich an den Urnersee, und der Lage
von Flelen entspricht das freundliche norwegische Stdtchen Odde,
hinter welchem sich nach einer sachten Erhebung von zirka 200 Meter
-- wohl einer alten Gletschermorne -- ein breites Thal ffnet,
dessen Hintergrund durch eine Kaskade von der dreifachen Gre des
Staubbaches etwas besonders Malerisches erhlt. Ueber diesem herrlichen
Landschaftsbilde wlbt sich zur Zeit ein tiefblauer Himmel, und ich
glaube, weder bei uns noch in sdlichen Lndern je so gesttigte Farben
gesehen zu haben. Das Grn der See, sowie von Wald und Wiese auf dem
hellgrauen Gestein, das Blau des Himmels und das Wei der Gletscher
und Schneefelder und der fallenden Wsser bilden geradezu entzckende
Kontraste und in das farbige Landschaftsbild sind -- ein freundliches
Idyll -- eingebettet die schlichten Holzhuser von Odde.

Den Mittelpunkt dieser Szenerie bildet also zur Zeit die Auguste
Viktoria, das stolze Schiff der Hamburg-Amerika-Linie, das --
etwa einen Kilometer vom Ufer -- mitten im Fjord vor Anker liegt.
Drei mitgefhrte Benzin-Motorschiffe zu je 40 Pltzen vermitteln
ununterbrochen den Verkehr mit dem Festlande, so da es fr unsere
zirka 400 Passagiere gar keine Schwierigkeiten hat, jeden Augenblick
nach Odde zu fahren, aber auch jederzeit wieder an Bord zu sein.

Doch -- eine richtige Reisebeschreibung sollte vorne anfangen -- wie
kamen wir hieher?

Die Strecke von Frauenfeld nach Hamburg ist bei den jetzigen
ausgezeichneten Zugsverbindungen in 20-1/2 Stunden zurckgelegt. In
Frankfurt a. M. bestiegen wir nachts 8 Uhr einen direkten Wagen nach
Hamburg und richteten uns im bequemen Coup huslich ein; auch das
Nachtessen wurde nicht vergessen und dem Reiseungewohnten mag es fast
wunderbar erscheinen, da man -- whrend der Zug in rasender Eile
dahinsaust, nur auf einen elektrischen Knopf zu drcken braucht, um
einen dienstbeflissenen Geist dahereilen zu sehen, welcher aus der
mitfahrenden Kche serviert, was das Herz begehrt -- das wirkliche
Tischlein deck' dich.

Endlich war die reisende Welt satt; um 11 Uhr knallte der Pfropf der
letzten Bierflasche im Nachbarcoup; dann trat Ruhe ein im Lande;
wer schlafen konnte, schlief. Stadt um Stadt huschte geisterhaft an
uns vorbei; nach Mitternacht brauste, von hundert frischen Kehlen
gesungen, die alte Burschenherrlichkeit an mein eben dem Dasein
entrcktes Ohr und lie mich durch geweckte Erinnerungen lange nicht
wieder einschlafen: Gttingen hatte den schlaftrunkenen alten Studenten
gegrt. -- Um 4 Uhr erhob sich die Sonne ber der Lneburger Haide
und Punkt 6 Uhr 30 Minuten -- wie vorgeschrieben -- fuhr der lange Zug
ber die Elbbrcke in Hamburg. Ebenso programmgem stellte sich auf
die Minute ein lieber Neffe ein, den ich zur Ueberraschung fr meine
Reisegefhrtinnen von Berlin her zitiert hatte, und so machten wir denn
-- vier Kpfe stark -- einige Tage lang die alte Hansastadt unsicher.

Ueber Hamburg liee sich vieles sagen; zu den grten
Sehenswrdigkeiten gehrt der mit Hunderten von Millionen erstellte
Hafen, in dem alle Schiffe der Welt verkehren. Ein bewunderungswrdiges
Monument des Hamburger Kunstgewerbes, aber auch des Hamburger
Brgerfleies und -- Reichtums bildet das dortige Rathaus, das an
Geschmack und Gediegenheit seiner innern Ausstattung alle hnlichen
mir bekannten Gebude bertrifft, so namentlich auch das prunkvolle
neue Reichstagsgebude in Berlin. Der Hamburger ist aber auch stolz auf
seine Vaterstadt und trgt bei jeder Gelegenheit seine republikanische
Unabhngigkeit zur Schau. Dem politischen Oberhaupte, dem deutschen
Kaiser, scheint von Arm und Reich so ziemlich das erlaubte Mindestma
von Majesttsfurcht entgegengebracht zu werden; unter anderm zitierte
unser Bootfhrer seine kaiserliche Majestt, wenn er bei Erklrung
verschiedener ffentlicher Bauten darauf zu sprechen kam, stets einfach
als Wilhelm zwei.

Groartig hat die Stadt Hamburg fr ihre _Kranken_ gesorgt. Das neue
Krankenhaus in Eppendorf, das wir besuchten, besteht aus 90 Gebuden,
die in einen herrlichen Park eingelagert sind. 2000 Kranke finden
dort Unterkunft und werden durch 220 Schwestern, 80 Laienwrterinnen
und 32 Aerzte verpflegt. Die Anlage der zentralen Institute --
Kche, Wsche (pro Tag mssen 8000 Stck Linge gewaschen werden!),
Desinfektionsanstalt, Sektionsgebude (1300 Sektionen pro Jahr; whrend
der Cholerazeit 1336 in 4 Wochen!), Operationsgebude, Badehaus,
Schwesternhaus etc. -- ist erstaunlich!

Einen Vormittag widmeten wir dem Alten im Sachsenwalde. Nach
halbstndiger Fahrt auf der Linie Hamburg-Berlin erreicht man die
Station Friedrichsruh. Wer aber dort etwas zu sehen erwartet, ist
geleimt. Der Park des Bismarckschen Schlosses stt zwar direkt an
die Eisenbahnlinie; Mauern und dichte Baumschlge verbieten aber dem
Auge jeden Einblick, und wo dem suchenden Wanderer sich ein Eingang zu
ffnen scheint, hemmt eine mchtige Verbottafel den Eintritt.

Wir umkreisten im Dunkel eines Eichwaldes das groe Gut, klommen lngs
der Einfriedigung in die Hhe; aber nirgends bot sich eine Mglichkeit,
etwas zu sehen. Endlich aber erreichten wir eine unverschlossene Pforte
im Waldesdickicht, an welcher eine Verbotstafel fehlte. Unter meiner
Fhrung drang die kleine unverschmte Schweizerkarawane ein und nach
etwa 5 Minuten stehen wir pltzlich auf freiem Rasenplatze, direkt
dem Bismarckschen Schlosse gegenber und nur durch einen schmutzigen
Teich von ihm getrennt. Das Gebude sieht sehr anspruchslos aus, mit
verschiedenen hlichen Kaminen eigentlich eher wie ein Fabrikgebude,
denn ein frstliches Palais.

Nun aber kam die Strafe: n'No, n'No, n'No, n'No, n'No! Was soll
denn do wer'n? erschallte eine Stimme aus der Nhe, und es erschien
ein wtender Grtner, der mit erhobenen Armen und einer Sense unserm
Vordringen wehrte, untersttzt durch eine keifende Frau, welche die
Hnde ber dem Kopf zusammenschlug. Ja, wo sind wir denn? Wem gehrt
das Haus? Das ist den Frst'n sein Pal; da darf kein Mensch
hin! Aber wir sind doch durch eine offene Thre ohne Verbottafel
eingetreten. Da haben natrlich diese ekligen Hamburger wieder die
Tafel weggerissen.

Wir wurden per Schub -- unsrerseits in sehr vergngter Stimmung --
durch das nchste Thor entleert und setzten unsern Rundgang weiter
fort.

Auf der andern Seite der Eisenbahnlinie, auf waldiger Anhhe dem
Schlogarten gegenber, liegt das Mausoleum, in welchem die irdischen
Ueberreste des Gewaltigen ruhen. Eine steile Bschung verhindert den
Zutritt. Trotz berall angebrachter Verbote finden sich aber doch
ausgetretene Wege, denen wir folgten, so da uns auch die von einer
kleinen romanischen Kirche berbaute Gruft zu Gesichte kam und sogar
photographisch von uns fixiert werden konnte.

Ein halbstndiger Spaziergang durch herrlichen Eichwald -- ein Stck
des berhmten Sachsenwaldes -- fhrte uns nach Station Aumhle, wo wir
der heimatlichen Reminiscenz[1] und einer schnen Naturszenerie zuliebe
in schattiger Veranda uns erfrischten, um dann mit dem nchsten Zuge
nach Hamburg zurckzukehren.

[Illustration: Bismarck-Mausoleum.]

Sonntag, den 2. Juli, mittags 1-1/2 Uhr hatten wir uns, so lautete
die Ordre, an Bord des Dampfers Blankenese einzufinden, welcher
uns auf die einige Stunden elbabwrts, bei Brunshausen verankerte
Auguste Viktoria fhren sollte. Wir waren frhzeitig da und sahen sie
nun in Scharen anrcken, welche fr drei Wochen unsere Gesellschaft
zur See sein sollten: Damen schienen vorherrschend, brigens alle
Altersstufen vertreten, vom Sugling (zehnjhrige Jungen) bis zum
Meergreise und vom Backfisch bis zur Urgromutter; laut ausgeteilter
Passagierliste waren wir 360 Personen, in der Mehrzahl Amerikaner und
Deutsche, wenig Franzosen, Englnder, an Eidgenossen auer uns noch
drei Baslerherren. Auch das Volk Gottes zeigte sich zahlreich und in
ausgeprgtesten Formen, hauptschlich Berliner Ursprungs. Immerhin soll
auf der vorjhrigen Fahrt das jdische Element weit mehr vorgeherrscht
haben, was folgende Anekdote illustriert: Ein deutscher Familienvater
durchsucht die Weinkarte, ruft den Kellner und bestellt fr sich eine
Flasche Laubenheimer, fr seine Frau eine halbe Flasche Ingelheimer und
fr seinen Sohn eine halbe Flasche Hochheimer. Entschuldigen Sie,
mein Herr; Sie haben da die Passagierliste erwischt, war die Antwort
des Stewards.

Punkt 1-1/2 Uhr setzte sich der dichtgefllte und buntbewimpelte
Dampfer in Bewegung und fhrte uns vorbei an Hunderten von Seglern und
Dampf-Seefahrzeugen aller Gren in die freie Elbe. Etwa zwei Kilometer
von Hamburg entfernt war die Route gesperrt durch einen stolzen
schwedischen Dreimaster, den ein Wrmannscher Frachtdampfer Abends
zuvor angerannt und zum Sinken gebracht hatte. Masten und Steuerteil
des schwer befrachteten Schiffes berragten noch die gelbliche
Wasserflche, whrend der Vorderteil auf dem Grunde ruhte.

Nach zweistndiger Fahrt erschien vor unsern Augen die majesttische
Auguste Viktoria, mit Flaggen und Wimpeln reich und malerisch
geschmckt; 200 Stewards und sonntglich gekleidete Matrosen stunden
in Reih und Glied; eine Kanonensalve erschtterte die Luft und unter
dem Begrungsmarsche einer Blechmusikkapelle hielten wir unsern Einzug
auf dem mchtigen Schiffe, das nun fr drei Wochen unsere Wohnung sein
sollte. Jedermann suchte seine Kabine, wo die Tags zuvor abgelieferten
Koffer schon ihren Platz gefunden hatten, und nach weniger als
einer halben Stunde hatte sich aus dem Wirrwarr eines aufgestrten
Ameisenhaufens ein geordnetes Dasein entwickelt und man konnte dem
schwimmenden Kolosse kaum mehr ansehen, da ein Heer von fast 400
Menschen mit Kisten und Koffern und Plaids und Apparaten sich hinein
ergossen hatte.

Die Falltreppe wurde aufgezogen; das Kommando des Kapitns ertnte;
das eiserne Herz des Riesen fing zu schlagen an und unter den Klngen
einer flotten Blechmusik setzte er sich in Bewegung, nordwrts,
nordwrts dem Meere zu.

[1] Aumhle -- idyllischer Platz bei Frauenfeld.




~II.~

     Erste Stunden an Bord. -- Bau der Auguste Viktoria. --
     Verpflegung. -- Toiletten. -- Schiffskapelle. -- Norwegische Kste
     in Sicht. -- Ankunft.


                            An Bord der Auguste Viktoria im Fjord von
                                      Romsdal vor Naes, 6. Juli Abends.

Bei herrlichstem Wetter liegen wir hier vor Anker, um in zwei Stunden
nach Trondhjem, der Wiege und Krnungsstadt des norwegischen Reiches,
abzudampfen. Zurck nach der Elbemndung, wo mein erster Brief stehen
geblieben ist!

Die ersten Stunden an Bord entbehrten der Komik nicht. Allerdings
waren zuvorkommende Stewards in Menge da, um den Passagieren die
Kabinen anzuweisen; aber sobald man seinen Schlupfwinkel verlassen,
sah man sich in einem wahren Labyrinth von Kreuz- und Quergngen, in
welchen eine Orientierung vorlufig nicht mglich schien. Die Kabinen
sind in drei Etagen ber einander angebracht; steile Treppen stellen
die Verbindung her und wer in den engen Korridoren umherirrt, tuscht
sich anfnglich nach allen Richtungen der Windrose, ist rat- und
thatlos. Letzteres eigentlich nicht, denn bald pufft er energisch
mit einer daherstrmenden Lady zusammen oder fllt einem um die Ecke
fliegenden Steward in die Arme -- oder aber er sieht sich pltzlich
in einer Sackgasse und mu rgerlich den Rckzug antreten. Ich kenne
Menschen, die im erhebenden Bewutsein, ihre Sache trefflich zu machen
und ausgezeichnete Pfadfinder zu sein, im Vorderteil des Schiffsrumpfes
herumsuchten, whrend ihr Daheim doch 100 Meter davon entfernt gegen
das Steuer zu lag.

Einige Angaben ber die Dimensionen unseres Schiffskolosses werden
dies begreiflich erscheinen lassen. Die Auguste Viktoria wurde seiner
Zeit mit einem Aufwand von sieben Millionen Mark erbaut und hat in
den letzten Jahren eine vollstndige Umgestaltung erfahren, indem das
gewaltige Schiff in der Mitte geteilt und durch Einfgung eines 15
Meter langen Mittelbaues vergrert wurde -- eine Ausgabe von weiteren
2 Millionen Mark. Sie ist ein sogenannter Doppelschraubendampfer, d.
h. die bewegende Kraft ist auf _zwei_ getrennte Maschinen und _zwei_
Schrauben verteilt, soda bei etwaigem Schaden an einer Maschine
die Bewegungs- und Manvrierfhigkeit des Schiffes nicht aufhrt.
Maschinen- und Kesselrume sind durch einen starken Lngsschott unter
der Wasserlinie in zwei Hlften geschieden, so zwar, da wenn auch der
eine Maschinenraum bei einer Kollision oder Explosion sich mit Wasser
fllt, das Schiff deshalb weder sinken, noch unlenksam werden kann.
Wasserdichte Querschotten, welche im Momente der Gefahr geschlossen
werden, so da dann das ganze Schiff aus 11 wasserdichten Abteilungen
besteht, erhhen die Sicherheit -- auch fr den Fall einer Kollision --
auerordentlich. Aber auch die Steuerfhigkeit des Schiffes wird durch
dieses Doppelschraubensystem in wunderbarer Weise vermehrt; arbeitet
die eine Schraube vorwrts, die andere rckwrts, so dreht sich der
Kolo auf der Stelle, ohne einen Meter sich vorwrts zu bewegen. Dieses
Manver sehen wir in den engen nordischen Fjords tglich ausfhren;
aber auch bei schnellster Fahrt soll es mglich sein, ganz rasch zu
wenden und dann einer drohenden Kollisionsgefahr zu entgehen. Die
Lnge unseres Schiffes betrgt 530 Fu, die Breite 60 Fu, die Tiefe
35 Fu; 125 Heizer schleudern Tag um Tag 6000 Zentner Kohlen in die
56 Feuerstellen. Die brige Bemannung besteht aus 35 Bootsleuten und
Matrosen, 24 Maschinisten, 3 Offizieren, 30 Kchen und Handwerkern und
96 Stewards und Stewardessen und -- extra fr diese Nordlandsfahrt --
aus den 20 Berufsmusikern, welche unsere Schiffskapelle bilden. Drei
mchtige Kamine von 10 Meter Umfang senden ihre dunkeln Rauchwolken
zum Himmel; 18 Sicherheitsboote fr je 40 bis 50 Menschen werden
mitgefhrt; alles Vorhandene geht in riesige Dimensionen, und dabei
ist die innere Ausstattung des Schiffes von einer Pracht und einem
Komfort, wie ich sie zur See noch nirgends angetroffen habe. Die
Kabinen sind mit polierter Ahorn- und Mahagoniarbeit versehen; berall
-- in jedes Waschbecken -- luft ein Hahn mit flieendem Wasser;
jeder Winkel ist elektrisch beleuchtet und neben den Schlafstellen
sind sogar Kontakte fr elektrische -- Haarkruselungsapparate
angebracht, von welchen ich allerdings bis jetzt noch keinen Gebrauch
gemacht habe. Auer den zwei gewaltigen Hauptmaschinen funktionieren
Tag und Nacht -- auch bei Ruhe des Schiffes -- noch Extramaschinen
fr elektrisches Licht, fr Eisbereitung und fr Herstellung von
Swasser. Die luxurise Wasserversorgung in den Kabinen, Badezimmern
und Aborten ist ein Hauptfortschritt der neuesten Passagierdampfer. Die
Speise-, Konversations-, Musik- und Rauchsalons sind mit bertriebenem
Luxus ausgestattet; an allen Ecken sorgen elektromotorische Fcher
geruschlos fr Lufterneuerung. Ist man im Verlaufe einiger Tage
einmal in den labyrinthischen Gngen und Abteilungen des Schiffsinnern
orientiert, so kann man nur staunen ber die vortreffliche, auf
alles bedachte, jeden Raum ausntzende und doch einheitliche und
durchsichtige Einteilung des schwimmenden Gebudes.

Der Qualitt der Dampfer entsprechend ist auch die Verpflegung. Man
glaubt, in einer Mastkuranstalt zu leben. Von 6 Uhr morgens bis nachts
12 Uhr ist ununterbrochen Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme, und sind
wir einmal im Gebiete der Mitternachtssonne, so wird das Tafeln auch
whrend der bisher beobachteten Schonzeit kein Ende nehmen. Morgens
6 bis 8 Uhr wird Thee, Chokolade, Kaffee mit Zuthaten serviert; 8
Uhr ist erstes Frhstck, 1 Uhr zweites Frhstck, 7 Uhr Diner, alle
Mahlzeiten von der Reichhaltigkeit eines Festessens erster Gte.
Zwischenhinein aber zirkulieren berall Stewards mit Thee, Kaffee,
Limonade, Kakao, Sandwiches aller Art, Frchten etc. -- alles gratis;
nur die alkoholischen Getrnke (Pschorr, Zacherl, Mnchner Brgerbru
und Pilsner Hofbru vom Fa etc. etc.) mssen extra vergtet und --
getrunken werden.

Man verzeihe diesen materiellen Exkurs; er gehrte zur Schilderung
des Schlaraffenlebens auf dem Nordlandfahrer Auguste Viktoria;
brigens erhlt das so stark betonte und prosaische Verdauungsgeschft
einen knstlerischen, fast poetischen Anstrich dadurch, da durch das
bekannte Trompetensignal aus dem Beethoven'schen Fidelio jeweils dazu
eingeladen wird. Den zu diesem E-Signal beorderten Stabstrompeter
bezeichnete der Witz der letztjhrigen Nordlandsfahrer als Trompeter
von E-lingen. Er wird von den herumliegenden Passagieren --
wenigstens denjenigen der Rauchkabine -- meist mit einem Geheul
begrt, das an die Tne einer Menagerie in der Nhe der Ftterungszeit
erinnert.

Schon nach einer Stunde, welche durch Vortrge der Kapelle auf Deck
gekrzt wurde, lieen wir Cuxhaven links liegen, grten die Alte
Liebe -- jene so benannte altehrwrdige Landungsbrcke, welche die
Auswanderer auf ihr Schiff leitet, und als das Diner vorber war,
sahen wir uns dicht an der Ostkste von Helgoland, dessen Huser hell
beleuchtet erschienen.

Ein Spaziergang auf Deck zeigte uns ein wunderbares Vlkergemisch
und eine wahre Ausstellung von schnen und absurden Toiletten.
Speziell durfte die Kopfbedeckung der Damen auf Vielseitigkeit
und Originalitt Anspruch machen; von der deutschen Infanterie-
und Artillerie-Offiziersmtze auf den Kpfen einiger koketten
Amerikanerinnen bis zur Lootsen-Kappe fehlte keine Variation. Ich bin
glcklich zu sagen, da auch ich, dem die eigene Toilette sonst leider
zu sehr wurst ist, etwas Aufsehen erregte durch einen Lodenmantel,
den ich mir in Hamburg gekauft, um gegen die Unbill der arktischen
Witterung und gegen die Eisbrentatzen geschtzt zu sein. Die beim
Kaufe im Dunkel der Nacht mir als grau erschienene Farbe entpuppte sich
nmlich bei dem Glanze der Tagessonne als spinat- oder bohnengrn, so
da ich von meinen zwei Lebens-, Leidens- und Reisegefhrtinnen bei
meinem ersten gloriosen Auftreten mit diesem Kunstwerk der Schneider-
und Frbekunst als Grner Heinrich begrt wurde.

Das Meer blieb die ganze Nacht ziemlich ruhig; Seekranke gab es
kaum. Abends war flottes Konzert von unseren zu komplettem Orchester
umgewandelten Blechmusikknstlern, die wirklich vortrefflich spielten
-- Heiteres und Ernstes, zum Schlusse natrlich den Meyer-Polka, den
die zahlreichen anwesenden Meyers mit strmischem Applaus lohnten.

Am Morgen des 3. Juli kam bei 58 Breite die inselreiche norwegische
Kste zu Gesicht; einige Segler belebten das Meer in malerischer
Weise; mittags nherte sich bei Kopervik der Lootse unserm Schiff,
das er durch die vielgestaltigen Fjorde lenken soll. Immer nher und
deutlicher traten die Ufer -- graue Klippen mit eingestreutem Busch-
und Grasgrn und einzelnen freundlichen Husergruppen, im Hintergrund
Berg an Berg, wunderbar geformte Linien, und als Abschlu des
Horizontes blendend weie Schneegipfel, hie und da auch ein mchtiger
Gletscher.

Bllerschsse ertnen; unsere Kapelle spielt die norwegische
Nationalhymne; der Lootse steigt an Bord, salutiert, besteigt die
Kommandobrcke; die Falltreppe wird unter dem bekannten rhythmischen
Gesang des leitenden Matrosen aufgezogen; das Schiff dreht nach Osten
ab; eben bricht die Sonne durch die Wolken und vorwrts geht's in die
zauberhaften Schnheiten der nordischen Schrenlandschaften.




~III.~

     Fjorde und Schren. -- Hardangerfjord. -- Ankunft in Odde. --
     Buarbrae. -- Unglcksfall bei der Abfahrt. -- Molde. -- Naes.
     -- Romsdal. -- Ball an Bord. -- Abendstimmung. -- Ankunft in
     Drontheim.


                   Nrdliches Eismeer 76 nrdl. Breite, 11. Juli 1899.

Vor 30 Stunden haben wir dem alten Europa an seinem nrdlichen
Markstein, dem Nordkap, Valet gesagt und steuern dem Endziele unserer
Fahrt, Spitzbergen, zu. Die Temperatur ist auf 2 C. gesunken; Himmel
und Meer sind unheimlich grau und dster; undurchdringliches Gewlk
verbirgt die Sonne und mit stark verminderter Geschwindigkeit sucht
unser Schiff seinen Weg durch Nebel und sprliches Treibeis, gefhrt
von zwei im Dienst ergrauten norwegischen Lootsen. Ein gelegentlich zu
Gesicht kommender schwimmender Eisberg zeigt uns, wie wohlbegrndet die
reduzierte Fahrgeschwindigkeit und die vermehrte Vorsicht sind. Bei
einem Zusammensto mit einem derartigen nordischen Riesen knnten alle
technischen Vollkommenheiten unseres Schiffes zu Schanden werden.

Ueber das mit heute eingetretene schlechte Wetter drfen wir nicht
ungehalten sein; denn bis jetzt ging alles nach Wunsch und wir konnten
die Schnheiten der norwegischen Kstenlandschaften bei herrlichstem
Sonnenlichte genieen, das nordische Meer und die Mitternachtssonne in
einer Pracht, wie sie wohl wenigen Reisenden zu Teil wird.

Es war vom Sden Norwegens bis zum nrdlichen Ende _eine_ Lustreise
durch herrlichen sonnenwarmen Frhling. Den glnzenden Anfang bildete
die Fahrt durch den vielbesungenen Hardanger Fjord. Fjorde heit man
bekanntlich die Meeresbuchten, in welche die norwegische Westkste
gegliedert ist. Sie zeichnen sich vor andern Golfen dadurch aus, da
sie auerordentlich tief -- bis ber 200 Kilometer weit -- und vielfach
verzweigt in das Land eindringen. Im Verhltnis zu ihrer Lnge sind
sie schmal, berall von mchtigen, steilen Bergwnden eingefat; ihre
innersten und engsten Endpunkte, bei welchen dieser Charakter am
meisten ausgeprgt erscheint, gleichen auffallend unsern Alpenseen. Sie
schneiden in die hchsten Teile des Landes ein; Felswnde bis zu 1500
Meter fallen senkrecht und unnahbar in den dunkeln, ruhigen Golfspiegel
ab; sie sind von den Gletschern der Eiszeit glatt gescheuert und
wo an ihren Leisten und Abstzen die Verwitterung etwas lockere
Erde geschaffen, sprot ppiges, strotzendes Rasengrn. Blendend
weie Wasserflle strzen ber diese von lebendig grnen Bndern
durchzogenen, dunkeln Urgesteinswnde und gekrnt sind sie durch flache
Firnfelder; dazwischen in schwindelnder Hhe zeigt sich ab und zu ein
blauer Gletscherabbruch.

Nirgends ffnet sich der Fjord direkt ins Meer; nirgends besplt der
atlantische Ozean direkt das norwegische Festland, sondern die ganze
ber 3000 Kilometer lange Kste ist von zahllosen Inseln und Klippen --
den sogenannten Schren -- eingehllt, die -- gro und klein, niedrig
und gebirgig, die meisten aber trostlos kahl -- zu Tausenden in Gruppen
beisammen liegen und die brandenden Wogen des Ozeans brechen, so da
die Dampfer in ruhiger Fahrt zwischen ihnen und der Kste nordwrts
gelangen knnen.

Die Fahrt durch den Hardanger Fjord zeigte uns die Steigerung
der Schnheiten dieser norwegischen Buchten vom Meere gegen das
Landesinnere in aufflligster Weise. Erst graue, kahle Inseln und
Klippen, in welche nur die weie Brandung etwas lebendigere Farbentne
bringt und zwischen welchen sich nirgends ein Weg fr unser Schiff zu
ffnen scheint. Bald aber gleiten wir in das ruhige Wasser des Golfes.
Die Ksten werden hher und steiler: als hellgraue, kahle Gneisfelsen
entsteigen sie der dunkeln Flut, nur unten -- soweit in periodischer
Wiederkehr die Flut sie berhrt -- schiefergrauschwarz gefrbt. Auf der
Hhe liegt noch Schnee; wo er haften kann auch auf dem Geflle, und aus
der Ferne strahlen glnzende Firnflchen und blaue Gletscher.

Immer mchtiger werden die begrenzenden Berge, und je weiter wir
landeinwrts fahren, desto mehr Vegetation stellt sich ein; Wlder
und Wiesen unterbrechen das einfrmige Gesteinsgrau; am Fue der
steilen Felswnde sind fruchtbare Gelnde, sprlich bewohnt zwar, aber
doch sieht man hie und da in freundliche Baumgruppen gebettet eine
Ansiedlung, schmucklose, aber saubere Holzhuser, einzeln oder als
kleines Dorf um eine Kirche gelagert. Auch weidendes Vieh belebt die
steinigen und grngefleckten Abhnge und im Hintergrunde fehlt nie das
Bild eines hoch herabstrzenden Staubbaches.

[Illustration: Odde (Hardanger)]

Nach sechsstndiger Fahrt nordostwrts biegt der Fjord pltzlich
steil nach Sden und nach weitern zwei Stunden liegt an seinem Ende
Odde vor unsern Augen. Die Aehnlichkeit der Szenerie mit dem Urnersee
ist hier eine ganz auffllige; sogar die Axenstrae fehlt nicht;
der Hauptunterschied besteht in der enormen Ausdehnung der hiesigen
Landschaft und dem Reichtum der prchtigen Wasserflle, welche aus
hchster Hhe der firngekrnten Felswnde herniederstrzen, oft sich
vielfach teilen, wieder vereinigen, in Staub aufwirbeln und schlielich
als klarer grner Bergstrom im Spiegel des Fjord aufgehen.

Bllerschsse ertnen, widerhallen mchtig an den Gebirgswnden und
kehren nach einer halben Minute noch als krftiges Echo zurck. Die
Flagge wird aufgezogen; die Ankerkette rasselt; alles ist auf Deck, um
die schne Welt zu sehen. -- Die Kapelle grt das nordische Land mit
seiner Nationalhymne.

Drei Stunden spter -- 10 Uhr abends, aber bei noch hellstem
Tageslichte -- lief ein mit englischen Touristen gefllter Dampfer ein,
die von Cook gecharterte Midnightsun, eine Schnecke im Vergleich
zu unserm stolzen Schnellfahrer. Wir hatten sie nachmittags 4 Uhr
beim Maurangerfjord -- einem der vielen malerischen Nebenarme des
Hardangerfjords -- berholt und sie dann rasch aus den Augen verloren.
Es ist dasselbe mehr als mittelmige Schiff, auf welchem Cook im
Frhjahr seine Touristen zum Kaiserbesuch in Jerusalem gefhrt hat und
an dessen Bord Buchhndler Kober aus Basel im Hafen von Alexandrien
gestorben ist.

Die verschiedenen kleinen Landausflge, welche in der knapp
zubemessenen Zeit mglich waren, hatte die Reisefirma Beyer in Bergen
sorgfltig vorbereitet; ein Vertreter befand sich schon von Hamburg her
an Bord, und die Mehrzahl der Passagiere -- wohl ber 300 -- hatte sich
durch Bezahlung einer Pauschalsumme von 60 Mark das Recht gesichert,
ohne eigene Mhe an die sehenswerten Punkte befrdert zu werden. _Wir_
zogen vor, auf eigene Faust zu schwrmen, zu laufen oder zu fahren, wie
und wann es uns beliebte, und haben es nicht bereut.

So begaben wir uns dann andern Morgens im herrlichsten Sonnenschein
ans Land und besahen uns das kleine freundliche Stdtchen, dessen
Kirche und Huser wie berall in Norwegen aus Holzriegeln aufgebaut
und mit einer Art Krallengetfer eingekleidet und hbsch bemalt sind.
Kaum ein Fenster ohne saubere Vorhnge und freundlichen Blumenschmuck.
Deutsch wird nirgends gesprochen, wohl aber englisch, namentlich auch
von Kutschern und Blumen offerierenden Kindern, und jeder Fremdling
wird von vorneherein als Sohn Albions betrachtet.

Das Ziel unseres Ausfluges bildet Buarbrae, der stliche Abfall eines
36 Kilometer langen und 6-15 Kilometer breiten Firngletschers von
seltener Schnheit und Reinheit, weil keine berragenden Gebirge durch
Verwitterung seine Oberflche verunreinigen. Eine gute Strae fhrt von
Odde zirka 25 Minuten weit in sanfter Steigung in die Hhe; nebenan
strzt ein Bergstrom in malerischen Fllen zu Thal; auch wo er kleine
Strecken ruhiger luft, ist sein Wasser ein weier Gischt, und man
begreift sehr gut, da Lieutenant Hahnke, der Begleiter des deutschen
Kaisers auf seiner letzten Nordlandsfahrt, absolut verloren war, als er
auf seinem Velo in diesen wilden Strom strzte.

Der Rckblick auf Odde und den zu Fen liegenden Fjord ist
entzckend. Die Vegetation zeigt lauter alte Bekannte; wo der Boden
bebaut ist, trgt er Kartoffeln und Gerste, auch Gemse mancher Art.
Die Strae fhrt aber groenteils durch Weiden; das Gras wird mit einer
sichelartigen, nur mit der rechten Hand gefhrten Sense geschnitten und
dann an zu diesem Zwecke erstellten Holzhecken aufgehngt und gedrrt.
Das Heu duftete auffallend aromatisch. Von Blumen erfreuten uns am
meisten zahllose wilde Rosen, die in groen Bschen am Wege stunden,
sowie besonders farbenschne und zahlreiche Exemplare von purpurrotem
Fingerhut. Auch Stein- und Kernobstbume sind vorhanden. Birken und
Buchen und massenhafte Wachholderbsche bringen Abwechslung in das
Naturgemlde.

[Illustration: Buarbrae.]

Auf der Hhe -- offenbar einer groen alten Morne -- ffnet sich
pltzlich die Aussicht auf einen prchtigen See; die Strae fhrt auf
einer eisernen Brcke ber seinen ausmndenden, zu Thal strzenden
Strom und dann nach wenigen Minuten zur Landungsstelle eines kleinen
Dampfers, wo schon eine Anzahl unserer Mitreisenden der Abfahrt
harrten. Freundliche blauugige Landeskinder boten Erdbeeren und Blumen
zum Verkauf, hflich und nicht zudringlich; fr kleine Geschenke
dankten sie mit Hndedruck. Bei Kindern wie bei Erwachsenen fiel uns
auf, wie viel ungeschickter und schwerflliger sie im Erraten der durch
Zeichensprache ausgedrckten Absicht der Fremdlinge sich erweisen als
die sdlichen Nationen, z. B. die leichtbeweglichen Italiener.

In kleinem Dampfer dicht zusammengepfercht fuhren wir auf die andere
Seite des Sees, wo zwischen mchtigen Bergen ein Thal sich ffnet, das
berhmte Jordal. An seinem Ende liegt, schon vom See her sichtbar und
vom grnen Vordergrund prachtvoll abgehoben, der stliche Gletscher
des Buarbrae. Der Weg dorthin steigt zirka 1-1/2 Stunden lang und ist
ziemlich beschwerlich; aber die reiche Vegetation -- Birken, Ulmen,
Ahorne -- neben dem schumenden Gletscherbach, eingerahmt von schroffen
Felswnden und hie und da wie ein Gemlde auf dem blaugrnen Grunde
des den Horizont abschlieenden Gletschers, bot so viel schne und
berraschende Bilder, da wir im Schweie unseres Angesichtes vorwrts
pilgerten, ber Stock und Stein und Bergwsser; die Sonne brannte wie
bei uns im Sommer -- ein Hohn auf unsere Winterkleider.

Das kleine, auf felsigem Hgel unmittelbar am Gletscher liegende
Restaurant war von Erquickungsbedrftigen bereits angefllt und
umlagert, als wir ankamen. Auf blumigem Rasen ausgestreckt labten auch
wir uns und sahen dem ungewohnten Getriebe in diesem stillen Bergthale
zu. Die guten Wirtsleute konnten den an sie gestellten Anforderungen
kaum gerecht werden und schossen planlos hin und her; nur die Tochter
des Hauses, in der malerischen Hardangertracht -- weies Hemd, rotes
Mieder mit perlengesticktem Bruststck, gefaltete, gesteifte weie
Linnenhaube, weie Schrze -- verlor den Kopf nicht und hielt den
ungestm andrngenden hungrigen und durstigen Fremdenstrom im Zaume.

[Illustration: Norwegerinnen]

Die Hardangertracht ist auerordentlich kleidsam, es scheint aber, da
die Volkstrachten wie bei uns so auch in Norwegen, wenigstens an den
Haupttouristenpltzen, im Rckgang begriffen sind.

Ein liebliches und auch farbenschnes Genrebild, das ich bei
der Rckkehr aus dem Jordal sah, bleibt mir unvergelich: Eine
stolzgewachsene junge Frau, nach der Landessitte gekleidet, hielt von
einem kleinen grnen Hgel herab Auslug -- wohl nach ihrem Mann -- die
Augen mit der rechten Hand beschattend, whrend die linke ein Kind
schtzte, das zu ihren Fen mit einem anderen spielte.

Gegen Abend war alles wieder an Bord; punkt 6 sollte die Abfahrt
erfolgen. Leider ereignete sich dabei ein Unglcksfall, der unsere
Stimmung lange trbte. Bei den blichen Salutschssen wurde ein
24jhriger Matrose verletzt und ins Meer geschleudert. Er hatte, wie
sich herausstellte, versumt, den Lauf der Kanone nach dem ersten
Schusse feucht auszuwischen, und als er die zweite Patrone einfhrte,
entzndete sie sich an den noch vorhandenen Funken und fegte den
unvorsichtigen Lader rcklings ins Meer. Htte nicht ein norwegischer
Schifferjunge von seinem kleinen Kahn aus das Unglck beobachtet und
sofort Meldung gemacht, so wre es unbemerkt geblieben. Aber alles
Suchen an der blutgerteten Stelle war erfolglos; der Bursche, der
seine erste Fahrt auf der Auguste Viktoria gemacht, kam auf die
Verlustliste, und mit einer Stunde Versptung, deren Grund den meisten
Passagieren lange Zeit unbekannt blieb, fuhren wir ab, whrend die
Musikkapelle die Wissenden ber die traurige Situation hinwegzutuschen
suchte. Eine Sammlung unter den Schiffspassagieren, angeregt durch die
Amerikaner bei der Feier ihres Unabhngigkeitsfestes, zu Gunsten der
Eltern des Verunglckten ergab ber 2000 Mark.

In der Nacht glitten wir in die offene, etwas unruhige See;
die Ahnungslosen in den Kabinen der Steuerbordseite, welche aus
Luftbedrfnis die Lucke offen gelassen -- so auch meine beiden
Gefhrtinnen -- konnten ihre Tcke erfahren; sie wurden in ihren Betten
bald gehrig mit Salzwasser begossen. Trotzdem gab es wenig sichtbare
Seekranke und im Verlauf des folgenden Tages, des 5. Juli, lenkten wir
bei Aalesund bereits wieder in die ruhige Wasserflche des Moldefjords
ein, an dessen Nordwestufer das nordische Nizza, das Stdtchen Molde,
reizend im Grnen liegt. Unsere Ankunft daselbst erregte Sensation;
vieles Volk strmte zum Landungsplatz und vier im Hafen verankerte
englische Kriegsschulschiffe salutierten, whrend von unserem Deck
herab die englische Nationalhymne ertnte.

[Illustration: Strae in Molde.]

Wir lieen uns sofort auf einer der unterdessen flott gemachten
Dampfsparkassen, wie die Barkassen in unserem Kreise scherzhaft
benannt werden, ausbooten und besahen uns Land und Leute. In Molde
herrscht ziemlicher Fremdenverkehr, und verschiedene groe Hotels,
nebenbei auch ein in prchtigem Park gelagertes Sanatorium fr
Lungenkranke, geben der kleinen Stadt das Geprge eines Kurortes.
Beherrscher der Situation sind wie berall die Englnder; alles Volk
spricht ein bichen englisch; Plakate und Affichen sind in englischer
Sprache abgefat, und auf den Straen begegnet man radelnden Ladies.

Klima und Vegetation sind berraschend sdlich; inmitten eines
herrlichen Frhlings voll blhenden Flieders mit duftenden Gaisblatt-
und Rosenlauben konnte man kaum glauben, sich bereits drei Breitegrade
nrdlicher als St. Petersburg, d. h. schon auf der Hhe des eisigen
Grnland zu befinden. Zwischen freundlichen Holzhusern mit zum Teil
gut gehaltenen und ppigen Grtchen fhrte uns der Weg auf die Anhhe,
wo die stattliche, ebenfalls aus Holz erbaute lutherische Kirche steht.
Auch ihr Inneres ist sehenswert; der dreischiffige Bau enthlt auer
einer schnen Orgel als Hauptschmuck ein farbenreiches Altargemlde des
norwegischen Knstlers Alex Ender, eine rhrende Darstellung der Frauen
am Grabe des Auferstandenen.

Eine Ahornallee fhrte uns westlich zu einem Friedhofe; die Grber
sind alle mit Liebe gepflegt und bilden blumenbesete Hgel. Auffallend
ist die Nchternheit der Inschriften auf den Grabmonumenten, die auer
Namen, Geburts- und Todesdatum gar nichts enthalten. Eine benachbarte
Privatbesitzung zeichnet sich durch einen ungewhnlich ppigen Garten
aus; das Gaisblatt rankte ppig bis zum Dache der hlzernen Villa;
Rosen, Flieder und Rotdorn blhten in baumstarken Exemplaren und
auf grnem Rasenplatze sahen wir sogar eine mindestens 5 Meter hohe
Araucaria. Ueberall in Molde finden sich Kastanien, Linden, Rotbuchen,
Bergahorn und auch Kirschbume in groer Menge. Den Hauptreiz der
Gegend bildet aber wohl die unvergleichliche Aussicht von einem mit
Anlagen versehenen kaum 80 Meter hohen Hgel auf die ins Grn gebettete
Stadt hinab, den weiten tiefblauen Fjord mit seiner Inselwelt und den
schneebedeckten Gipfeln der den Horizont abschlieenden Bergketten.

An Bord zurckgekehrt wanderten wir noch lange deckauf und deckab; die
Nacht war taghell; ununterbrochen flogen unsere Barkassen hin und her,
brachten und holten -- wer Lust hatte, zwischen Land und Deck hin und
herzuwandern. Um 10 Uhr fuhr mit klingendem Spiel unsere Kapelle ans
Land und konzertierte auf freiem Platze, wo Alt und Jung aus der Stadt
zusammenlief. Erst nach Mitternacht schlo das improvisierte Volksfest
mit der Nationalhymne, Umzug von Fremden und Einheimischen -- Mnnlein
und Weiblein -- die Musik an der Spitze, durch die Straen der Stadt;
war auch die Sonne nach halb 11 Uhr noch unter den Horizont gestiegen,
so blieb doch bis zum Wiederaufgang morgens halb 3 Uhr eine helle
Dmmerung, welche jedes knstliche Licht berflssig machte.

Donnerstag, 7. Juli, 6 Uhr morgens lichteten wir die Anker; vom
Strande her wehten weie Tcher zum Abschied; auch die vier englischen
Schiffe waren zur Abfahrt bereit und in dem Takelwerk der Dreimaster
stand, des Kommandos harrend, die Mannschaft -- ein beraus malerischer
Anblick.

[Illustration: Stolkjaerre.]

In mehrstndiger Fahrt, auf welcher das Auge von einem Entzcken ins
andere geriet, erreichten wir das sdstlich von Molde in verstecktem
Fjord gelegene Naes, den Ausgangspunkt fr den Besuch des Romsdals
(d. h. Thal der Rauma), eines von hohen Bergen berragten und durch
schnen Baumwuchs ausgezeichneten Wiesenthales, das uns auerordentlich
an das Engelbergerthal von Stans bis Wolfenschieen erinnerte. Was
Naes und weitere Umgebung an Fuhrwerken auftreiben konnten, stund --
von Beyer aufgeboten -- am Strande bereit, auer einigen Landauern
hauptschlich das charakteristische Vehikel Norwegens, die von den
Bauern gestellte Stolkjaerre (Stuhlkarre), welche Platz fr zwei
Reisende und einen hinterhalb angebrachten Kutschersitz hat, sowie
das zweirdrige einpltzige Kariol, auf welchem der Reisende in einer
Art Sessel mit ausgestreckten Beinen sitzt, wobei die Fe in festen
Steigbgeln ruhen; dabei kutschiert er selbst oder aber ein hinten
aufsitzender Kutscher. Auch hier konnte man sich nur in englischer
Sprache verstndlich machen.

Wir mieteten einen Zweispnner und fort ging's, bergauf und bergab,
leider auf schrecklich staubiger Landstrae durch die malerische
Gebirgslandschaft, welche durch die 5000 bis 6000 Fu ber der
Thalsohle sich erhebende schneebedeckte Hexenzinne und das Romsdalshorn
beherrscht wird. Die wenigen am Wege liegenden und oft in wilden
Rosenbschen verborgenen Bauernhuser zeigen als Eigentmlichkeit mit
Erde bedeckte flache Giebeldcher, auf welchen ppiges Buschwerk und
Gras gedeiht -- allerdings eine bessere Garantie gegen Feuersgefahr als
die sonst hier auch blichen Strohdcher.

Leider sind die blauugigen wegelagernden Kinder hier -- dank dem
englischen Fremdenstrome -- schon weiter in der Kultur als anderswo
in Norwegen; man glaubt im Berner Oberland zu sein; kleine Struchen
werden in die Wagen geworfen, sofern man sie nicht freiwillig kauft,
und der blumenschleudernde Knirps bleibt mit groer Beharrlichkeit
an der Seite des Dahinrollenden, bis sein Gescho oder ein Geldstck
wieder zurckfliegt. Auch strecken die kleinen Hnde fremdes Geld her
mit dem Imperativ: Change! und kennen ganz genau den entsprechenden
Mnzwert.

Vierzehn Kilometer von Naes entfernt ffnet sich das Thal pltzlich zu
einer weiten grnen Mulde, an deren nrdlichem Abhang ein freundliches
Wirtshaus liegt -- Horgheim. Hier hatte sich bereits ein buntes Leben
entfaltet. Dutzende von Amateurphotographen unseres Schiffes stunden
mit ihren Apparaten wie Jger auf dem Anstand und fingen und fixierten,
was irgend mglich war, und mancher wird ahnungslos -- nicht immer
in der gerade gewnschten vorteilhaftesten Situation -- auf dem
lichtempfindlichen Papier eines Mitpassagiers mit diesem nach Hause
wandern und dort das Licht der Welt wieder erblicken.

Staubbedeckt kehrten wir Mittags an Bord unseres Schiffes zurck,
das uns nun schon als unsere zweite vertraute Heimat erschien, auf
deren reinen, seefrischen Grnden wir uns mit Behagen herumtrieben.
Nachmittags gab's allerlei zu sehen, u. a. die Vorbereitungen zu einem
Ball, der abends auf Promenadendeck stattfinden sollte. Der Hauptraum
des Decks wurde mit Segeln gegen Wind und See abgeschlossen, mit bunten
Flaggen und Tchern recht geschmackvoll und seemig dekoriert und
durch mchtige transportable elektrische Lichtreflektoren erhellt.

Die Schiffsbemannung wurde zur Ausfllung der Mue dazu kommandiert,
die Rettungsboote ins Wasser zu lassen und unter der Fhrung je eines
Schiffsoffiziers Ruderbungen zu machen. Die fielen bei den Ungewohnten
komisch genug aus. Die achtrudrigen Boote bewegten sich wie Maikfer,
die abwechslungsweise mit der Hlfte ihrer Beine an klebriger Unterlage
stecken bleiben. Es war nicht gerade sehr ermutigend, da von zum Teil
offenbar ganz ungebten Hnden uns im Ernstfall die Hilfe kommen sollte.

Die Abfahrt von Naes, aus dem herrlichen Bergsee Romsdalfjord,
erfolgte abends gegen 9 Uhr mit dem gewohnten, aber immer wieder
packenden Abschiedsradau. Die Welt war in einer Farbenpracht, wie
ich sie nie zuvor gesehen. Dieses Grn der Wiesen und Wlder, dieses
glnzende Grau und Schwarz der mit Schnee bedeckten und teilweise
auch noch schwarz gefleckten Felswnde und dieses Marmorwei der
zu Thal strzenden Bche! Es mu in physikalischen Eigenschaften
der hiesigen Luft liegen, da alle die Farben so beraus viel
intensiver ins Auge fallen als bei uns oder im Sden, sogar im
Orient; dieselben Eigenschaften bedingen wohl auch die Thatsache,
da alle Distanzschtzungen hier viel zu knapp gemacht werden.
Gletscherabbrche, die 15 Kilometer zurckliegen, scheinen in einer
halben Stunde erreichbar.

Bald nach der Abfahrt bewlkte sich der Himmel dicht und ganz bis
auf eine lichte Zone ber dem westlichen Horizont, an welcher
das Wolkengewlbe wie ein steiler Wall abschlo. Die Sonne stund
noch hinter dem Gewlk, vergoldete aber deren Saum und warf einen
nordlichtartigen, gewaltigen Fcherschein auf die leichtgekruselte
See. Jetzt senkt sie sich als mchtige Scheibe in die lichte Zone des
Horizonts; es sieht aus -- nicht wie Abendrot, sondern als ob ein
glnzender Tag anbrechen wollte.

Wir saen auf Vorderdeck, in diesen herrlichen Anblick versunken. Was
kmmerten uns die im Tanz sich drehenden reichen Toiletten, Frack und
Seide, mit welchen, wie wir zu unserm Erstaunen gesehen, ein groer
Teil unserer Polarreisenden pltzlich zuvor bei Tisch erschienen war!
Was kmmerte uns Tanzmusik und Champagner-Pfropfenknallen!

Die Beleuchtung wurde immer magischer. Auf die nun pechschwarz
druenden Gebirgspyramiden fiel durch Wolkenlcken das Licht in
goldenen Streifen, und diese wunderbar mit Schnee gekrnten Bilder
spiegelten sich in der dunkeln, tintigglnzenden Flut wie auf poliertem
Metalle.

Nochmals sahen wir auf der Rckfahrt durch den Moldefjord das
liebliche Molde; dann ging's zwischen der Insel Otter und dem
Festlande hinaus in die offene See und morgens 7. Juli frh in den
Trondhjemfjord, wo wir angesichts der alten norwegischen Knigs- und
Krnungsstadt uns vor Anker legten. Vom Lande her tnte als freudig
applaudierter Gru der seit Hamburg vermite Pfiff einer Lokomotive.
Ich htte nie geglaubt, da dieses so prosaische und unmusikalische
Gerusch -- natrlich nur bei Landratten -- so heimatliche Gefhle
wecken knnte. Die in Drontheim (norwegisch: Trondhjem) endende
Eisenbahnlinie beginnt bei Kristiania und ist, fast 600 Kilometer lang,
die bisher einzig in Betracht kommende Bahnstrecke Norwegens.




~IV.~

     Drontheim. -- Effekt des Polarstromes. -- Lerfos. -- Versptete
     zur Abfahrt. -- Erste Wale. -- Polarkreis.


Drontheim ist unter 63 25' nrdlicher Breite weitaus die nrdlichste
der grern Stdte Europas; sie liegt auf einer vom Flusse Nid
gebildeten Halbinsel am Fjord gleichen Namens. Bedenkt man, da die
genannte geographische Breite dem eisbegrabenen Grnland entspricht
und jenen Inseln des nordamerikanischen Archipels, in welcher seiner
Zeit die Franklin-Expedition zu Grunde ging -- Gegenden, in welchen im
Winter das Quecksilber gefriert --, so ist man erstaunt ber die reiche
Vegetation dieser nordischen Stadt, wie der norwegischen Westkste
berhaupt. Der Sommer Drontheims entspricht dem des sdlichen Irland,
der Winter dem milden von Dresden; der Fjord bleibt immer eisfrei und
auch der einmndende Swasserflu gefriert uerst selten.

Diese geographische Abnormitt verdankt Norwegen einer
Warmwasserheizung (System und Qualitt Gebrder Sulzer, Winterthur),
deren Heizkessel sich im mexikanischen Meerbusen befindet und deren
Hauptrhre eine Breite von 400 Meilen, eine Tiefe von 1000 Fu und
eine Lnge von vielen hundert Stunden hat und durch welche sie in der
Sekunde 18 Millionen Kubikmeter warmen Wassers nach dem Norden wlzt.
Zur Zeit Karls des Groen und bis fast vor 500 Jahren noch wlzte sich
dieser tropische Warmwasserstrom auch noch nach Grnland, welches
dazumal, wie auch der Name deutet, ein grnes Weidenland war. Noch vor
einem halben Jahrtausend wohnte dort in 40 Drfern eine Bevlkerung,
welcher ein eigener Bischof vorstand, und nun ist das gewaltige Land
vllig vereist und, wie der khne Durchquerer Nansen zeigte, bedecken
300 Meter dicke Eisschichten die einst blumigen Triften. Die Ursache
dieser unerhrten Vernderung soll darin zu suchen sein, da die im
Laufe der Jahrhunderte ins Meer vorgeschobene Korallenbank von Florida
den Golfstrom von seiner ursprnglichen nrdlicheren Richtung abgelenkt
und Grnland vollstndig entzogen hat. Fr Norwegen aber bildet er den
Trger alles Lebens und Keimens und seine Wirkungen erstrecken sich bis
weit hinauf nach Spitzbergen und Nowaja Semlja -- wie lange noch, wird
man kaum mit Sicherheit sagen, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit
berechnen knnen. Die hohe Temperatur des Golfstromes in nrdlichen
Breiten war den Schiffahrern lange vor Entdeckung des Seethermometers
aus dem Umstande bekannt, da die Getrnke im Kielraume der Schiffe
warm wurden.

Ueber die Richtung des Stromes bekehrten anfnglich zufllige Befunde:
Treibholz aus dem tropischen Amerika an der grnlndischen Kste,
Mahagoni- und Campechebume in Spitzbergen etc. etc. Da auch eine
Strmung in entgegengesetzter Richtung stattfindet, beweisen die
alljhrlich zu Tausenden dem sibirischen Stromsystem entstammenden, an
der Nord- und Ostkste Spitzbergens und anderer baumlosen Polarlnder
angeschwemmten Baumstmme.

Drontheim ist die Wiege des norwegischen Reiches. Hier wurden die
Knige gewhlt und auf den Schild gehoben. Der Kultus des heiligen
Olaf, des Knigs, dessen Leiche in silbernem Schrein hier bestattet
lag, zog jhrlich Tausende von Anbetern herbei, und vor der
Reformation, welche diesen Pilgerzgen ein Ende machte, war Drontheim
die reichste Stadt Norwegens. 15 mal ist sie -- fast ganz aus Holz
erbaut -- im Laufe der letzten Jahrhunderte niedergebrannt. Jetzt zhlt
sie noch 35,000 Einwohner.

Wir fuhren sofort ans Land, wo wieder die lange Wagenreihe der
Beyerschen Mietfuhrwerke bereit stund. Ein strammer Norwege, der auch
~yes~ und ~no~ sagen konnte, fhrte uns in seinem Zweispnner zuerst
nach der landschaftlichen Hauptsehenswrdigkeit dieser Gegend, den
Fllen des Nid, den sogen. Lerfos. Erst ging's quer durch die Stadt,
deren Straen alle eine auffllige Breite -- 30 bis 36 Meter -- haben,
zur Verminderung der Feuersgefahr; denn auer einigen ffentlichen
Hauptgebuden sind auch wieder alle Huser aus Holz erstellt. Dann
fhrte der Weg dem klaren Bergstrome nach, der zwischen dichtbewaldeten
steilen Bschungen fliet, landeinwrts. Ab und zu ntzt eine Mhle
einen Bruchteil dieser mchtigen Wasserkraft; an einer Stelle sind
drei riesige Steinpfeiler in Keilform im Flubette aufgemauert, um die
Wucht der Stromschnelle zu mildern. Die Ufer sind nicht durch Faschinen
geschtzt, sondern durch eine Vorrichtung, welche ich sonst nirgends
gesehen: mchtige Balken sind durch eiserne Bindeglieder zu einer
fortlaufenden, am obern Ende verankerten Kette verbunden, welche nun
als beweglicher schwimmender Wall dem Uferrand, wo dies ntig schien,
einen Schutz gewhrt.

Die norwegischen Pferde, welche uns zogen, sind leistungsfhige,
fettarme, aber sehr muskulse kleine Tiere mit prachtvollem,
unverkrztem Schweife und einer ungewhnlich dichten Mhne.
Tierqulerei wie im Sden haben wir nirgends gesehen und die Frsorge
fr die Tiere zeigte sich in wohlthuender Weise vor einer strkern
Steigung der Strae, etwa eine Stunde hinter Drontheim -- ungefhr
unserm Aumhlestich entsprechend -- wo die Fahrenden durch eine Tafel
am Wege zum Aussteigen aufgefordert werden. Hier war die Inschrift
nicht nur norwegisch und englisch, sondern ausnahmsweise auch deutsch
und lautete: Man bittet das reisende Publikum, selbst den Berg zu
spazieren, um die Pferde zu schonen. Das thaten wir denn auch gerne
und freuten uns ber die tierfreundliche Maregel.

Die beiden Flle des Stromes, bekrnzt von schnem lichtem Laub- und
Nadelholzwalde, sind wirklich sehenswert, namentlich der obere, wo die
gewaltige Wassermasse, hnlich wie der Rheinfall, durch einen Felsen in
zwei Teile geteilt ber 100 Fu herunterstrzt und zum Teil als weier
Gischt wieder in die Hhe steigt. Wo oben die Fluten sich zum Falle
anschicken, lassen sie in kristallklarer Tiefe wunderlich geformte und
grell gefrbte Felsen in berraschender Schrfe erkennen, ein Bild, wie
es Boecklin zu malen versteht.

[Illustration: Oberer Lerfos.]

Nach Drontheim zurckgekehrt, besuchten wir vor allem den Dom, wohl
das herrlichste Bauwerk des Nordens, von Knig Olaf Kyrre im elften
Jahrhundert ber dem Grabe Olafs des Heiligen gegrndet und spter
bedeutend erweitert. Brand und Blitzschlag haben das Gotteshaus
vielfach geschdigt und die 1869 begonnene und mit einem jhrlichen
Aufwand von 100,000 Kronen (ca. 140,000 Franken), beschlossene
Restauration wird noch Jahrzehnte dauern. Aber was zu sehen ist, ist
von berwltigender Schnheit. Durch ein romanisches Kapitelhaus
gelangt man in das in reichster Gothik ausgefhrte Kuppelachteck, das
durchbrochene, schlanke Sulengnge von in diesem gebirgigen nordischen
Lande unerwarteter Zierlichkeit zeigt. Daran anschlieend ist die in
Kreuzform gebaute Hauptkirche. Die Wnde sind aus graublauem Saponit,
die Sulen -- ein sehr wirkungsvoller Kontrast -- aus hellem Marmor.
Das Hauptschiff ist leider zur Zeit noch abgeschlossen und dient als
Werksttte. Um die Domkirche, die auch von auen einen erhabenen
Eindruck macht, liegt ein freundlicher Kirchhof mit blumengeschmckten
Grbern.

[Illustration: Dom in Drontheim.]

Bevor wir auf unser Schiff zurckkehrten, kreuzten wir ein bichen die
Straen der Stadt, freuten uns ber eine in flottem Stile aus Stein
erbaute hhere technische Schule und ber die prchtigen Straenalleen
aus der vollkronigen nordamerikanischen Pappel (~Bobbulus balsamifera~
mid'n hardden ~B~ erklrte ein liebenswrdiger Botaniker den
Mitreisenden, und Ich bin Se nmlich aus Leibz'g fgte er als
Entschuldigung fr die Orthographie gemtlich bei.)

Punkt 6 Uhr sollten wir abfahren; die Falltreppe war aufgezogen, der
Anker los; der Kapitn lie das Schiff langsam wenden und die Kapelle
spielte auf Oberdeck einen Abschiedsmarsch. Da kam aber noch ein
verspteter Nachzgler per Extraboot, dem man warten mute. Herr
Kapellmeister, lassen Sie doch spielen: 's kommt a Vogel geflogen!
rief's vom Promenadendeck herauf. Endlich war der Sptling geborgen,
das Schiff gedreht und die zwei Schrauben arbeiteten vorwrts.
Pltzlich wird aber nochmals Halt kommandiert; das Auge des Kapitns
hatte ein weiteres Hindernis erkannt und zehn Minuten spter kam es
auch uns gewhnlichen Menschenkindern zu Gesicht: eine mit dem Nastuch
winkende Dame, welche von zwei Norwegern mit Aufwand aller Krfte zum
Schiffe gerudert wurde. Von 400 wtenden Augenpaaren fixiert, stieg die
Dame an Bord; es war eine wegen ihrer Rcksichtslosigkeit berchtigte
Wienerin, die Jungfrau mit 16 Koffern und 30 Hten, die tglich
zweimal in ganz neuer Toilette bei Tisch erschien und alltglich --
zur Qual des Stewards -- Tischplatz und Kabine zu wechseln wnschte
und gewhnlich zu nachtschlafender Zeit um Thee und belegte Brtchen
klingelte. Was den Passagieren aus Zoologie, Botanik und Meereskunde
gelufig war, erhielt die Unglckliche als Titulatur, und man rechnete
aus, da die dreiviertelstndige Versptung, welche sie dem Schiffe
verursachte, genau fr 300 Mark Mehrverbrauch an Kohlen bedeute.

Nun aber ging's vorwrts, unausgesetzt nach Norden. Als ich am andern
Morgen um halb 7 das Verdeck betrat, schwammen wir bei herrlichstem
Wetter auf offenem Meere, und das Erste, was ich erblickte, waren zwei
Wale in unmittelbarer Nhe des Schiffes, deren Rcken und die mchtige
Schwanzflosse ber Wasser guckten und die nach jeweiligem Tauchen das
bekannte Schauspiel des aufspritzenden Wassersprudels in deutlichster
Weise gewhrten.

Um halb 9 Uhr passierten wir den _Polarkreis_ -- mit einem deutlichen
Ruck, wie einige Herren den Grnen weimachen wollten. Einem naiven
Schiffsjungen fhrte man den Polarkreis durch einen dem Objektiv eines
Fernrohres vorgespannten Faden in berzeugendster Weise zu Gesichte.
Ein Kanonenschu gab Kunde von dem wichtigen Moment, den einige
Amerikaner wieder mit Sekt feiern zu mssen glaubten.

Mven und krftige schwarzweie Enten belebten das Meer; die letzteren,
sogen. Lummen, tauchen so gewandt, bleiben so lange unter Wasser und
bewegen sich nachher durch Schlagen des Wassers mit den Flgeln, wobei
sie eine deutliche Bahn zurcklassen, so nach Art der fliegenden Fische
vorwrts, da es einige Zeit dauerte, bis ich sie in ihrer richtigen
Eigenschaft erkannte. Sie sind so dick, da sie nur bei Windstrmungen
weitere Strecken fliegen knnen.

Da das Wetter tadellos, ist alles an Bord in bester Laune.
Selbstverstndlich sieht mnniglich nach groen Seetieren aus und der
Ruf Wale, Wale! schreckt auch die behaglich Schlummernden aus ihrer
Ruhe. Alt und jung rennt zur Brstung, die meisten, um nachher mit dem
erhabenen Bewutsein sich wieder zu legen, da irgendwo ein Walfisch in
der Tiefe der Salzflut vorbeigerudert sei.

Sie Unterlnder, kommen Sie doch mal ruff; hier oben ist's viel
schner! ruft ein gemtlicher Sddeutscher den ein Stockwerk
tiefer Weilenden vom Bootsdeck herab zu. Ne, Herr Notarius;
kommen Sie sofort 'runter; wir trinken Cognkker! schallt's aus
der Tiefe. Ne, da finden Sie keine Gegenliebe; ich widme mich der
Temperenz! Derartige Dialoge sind so die Durchschnittsqualitt der
Polarkreis-Konversation an Bord der Auguste Viktoria.




~V.~

     Lofoten. -- Mitternachtssonne. -- Sonntag zur See. --
     Walfischdampfer. -- Hammerfest. -- Vogelriff. -- Das Nordkap und
     seine Besteiger.


Gegen Mittag kam die sdlichste der _Lofoten_ zu Gesicht -- die
Insel Vaer. Der Kapitn lenkte von der Kommandobrcke her unsere
Aufmerksamkeit auf die den Fischerbooten oft so gefhrliche
Meeresstrmung -- Malstrm -- zwischen Vaer und der groen Insel
Moskenaes; die Strmung machte sich sogar dem Steuer unseres
Kolossaldampfers bemerkbar.

Die malerischen, zum Teil noch schneebedeckten Gebirgsinseln der
Lofoten und der Westeraalen lieen wir in mehrstndiger Fahrt rechts
liegen. Das Kstengebirgspanorama wurde nachher von Stunde zu
Stunde interessanter; bald passierten wir in der Nhe vorgelagerte
Inselgruppen mit senkrecht abfallenden Felswnden, bald ffneten sich
tief einschneidende Fjorde und mchtige schneebedeckte Gebirgszge im
Innern. Von unbeschreiblichem Reize war das Farbenspiel auf Wasser und
Land.

Aber das Beste des Tages kam noch. Heute ging sie zum erstenmal
nicht unter, die liebe Sonne; um Mitternacht stund sie als goldene
Riesenscheibe noch 2 ber dem Horizont und spiegelte ihr Bild im
Meere, um sofort wieder den Kreislauf des kommenden Tages anzutreten.
Der erhabene Moment wurde mit Musik und allgemeinem Umzug auf Deck und
von den Amerikanern mit -- Champagner gefeiert.

    Mitternachtsonn auf den Bergen lag,
    Blutrot anzuschauen.
    Es war nicht Nacht, es war nicht Tag,
    Es war ein seltsam Grauen.

sagt Esaias Tegner.

Die Beleuchtungseffekte der um Mitternacht ber dem Horizonte stehenden
Sonne sind allerdings ungewohnte; aber das Entzcken vieler Reisenden
ber diese Erscheinung beruht, wie mir scheint, doch hauptschlich
auf einem Kontrastbewutsein; wte man nicht an der Hand der Uhr,
da die zwlfte Stunde der Nacht da ist, so wre das Schauspiel von
einem gewhnlichen Sonnenuntergange in nordischen Landen kaum zu
unterscheiden.

[Illustration: Mitternachtssonne.]

Fr uns Reisende brachte die taghelle Nacht den Uebelstand, da keine
gleichmige Trennung von Schlafen und Wachen mehr stattfand. Man
konnte lange sich rechtzeitig zu Bette legen; dutzend Andere zogen vor,
beim Schein der nchtlichen Sonne frhlich und munter zu bleiben und
tagsber zu schlafen; die armen Stewards muten groenteils 24 Stunden
per Tag auf den Beinen sein und die nachtschlafenden Passagiere
fanden auch keine Ruhe.

Am 9. Juli brach ein herrlicher Sonntag an. Um 6 Uhr ertnte vom Deck
der Choral: Wie schn leucht' uns der Morgenstern! -- Hinauf in
die reine, sonnige Meerluft! Die Kapelle hatte sich unterdessen auf
Vorderdeck neben der Kapitnskajte aufgestellt. Lobet den Herrn,
den mchtigen Knig der Ehren! schallte es vom Meer zum Himmel. Da
kein Nebel und keine Wolke den Horizont trbte, lie der Kapitn unser
Schiff seinen Kurs ber Hammerfest nehmen, was bei trbem Wetter
ein Wagnis gewesen wre. Auf diese Weise wurde uns der Anblick der
nrdlichsten Stadt der Erde (70 40') zu teil.

Eine Stunde vor erreichtem Ziele holten wir einen Walfischdampfer
ein, der vier mchtige tote Wale nachschleppte. Unser Schiff hielt an
und lie das Fahrzeug dicht an uns herankommen. Da konnten wir die
interessante Beute nicht nur sehen, sondern auch riechen; denn der
eine der Riesen war schon stark in Verwesung bergegangen und durch
Fulnisgase zu einer unfrmlichen Masse aufgetrieben. Ein zweiter trug
noch die mchtige Harpune im Leib. Auffallend ist die regelmige
parallele tiefe Lngsfaltenbildung am Bauche des Tieres. Der kleine
schwarze Dampfer, der wohl seit Wochen mit der Unbill des nrdlichen
Eismeeres gekmpft hatte, sah sehr mitgenommen aus; die Bemannung
-- ein halbes Dutzend brtiger Norweger und zwei Jungens -- stak in
Ru und Fett. Aber als unsere Kapelle ihre Nationalhymne spielte,
da entblten alle das Haupt und horchten unbeweglich und ergriffen
den geliebten Tnen. Das dreifache Hurrah, das sie mit Schwenken
ihrer geschwrzten Mtzen zum Dank in die Luft hinaus schmetterten,
entstammte -- das fhlte man -- der Tiefe ihrer Seele. An einem Seile
wurden den Leuten, die wohl viele Entbehrungen durchgemacht, Brot,
Fleisch und Pomeranzen hinbergeschleudert, und nachdem smtliche an
unserm Bord befindlichen photographischen Apparate sich des seltsamen
Bildes bemchtigt, fuhr unser Kolo stolz von dannen und hatte den
kleinen tapfern Rivalen bald aus dem Auge verloren.

[Illustration: Walfischdampfer.]

Unmittelbar gegenber Hammerfest wurde dann ein halbstndiger Halt
gemacht, so da man das seltene landschaftliche Bild gehrig in sich
aufnehmen konnte. Die Umgebung der Stadt ist trostlos kahl. Kein Baum
wchst da. Vom 18. November bis zum 23. Januar herrscht absolute
Nacht; die Sonne erscheint whrend dieser Zeit nie und das Licht wird
dann elektrisch produziert. Aber im Sommer ist reges Leben im Hafen,
welcher den Hauptplatz fr den Handel nach Ruland bildet. Auch die
Fischerflotten nach dem Eismeer gehen von hier aus, und seit drei
Jahren wird im Juli und August -- sofern das Meer offen -- alle acht
Tage ein Postdampfer nach Nordkap und Spitzbergen geschickt, an welch'
letzterem Platze, in Eisfjord, die betreffende Gesellschaft sogar ein
hlzernes Unterkunftshaus fr Jger und Touristen hat aufstellen lassen.

Die Huser Hammerfests sind alle aus Holz gebaut und heben sich
gegen das graue Gestein des Gebirges nicht sehr deutlich ab. Immerhin
machen die Kirche und ein auf der Hhe liegendes groes Gasthaus, zu
dem ein Zickzackweg fhrt, einen freundlichen Eindruck. Eine weithin
sichtbare Granitsule im Norden der Stadt trgt eine bronzene Erdkugel
und erinnert an die russisch-skandinavische Meridianmessung der
Jahre 1818-1852, welche in einer Ausdehnung von 25 21' vom Eismeer
(Hammerfest) bis zur Donau (Ismail) durch Norwegen, Schweden und
Ruland auf Befehl des Knigs Oskar ~I.~ und der Kaiser Alexander ~I.~
und Nikolaus ~I.~ in ununterbrochener Arbeit ausgefhrt wurde.

Da Hammerfest auch den Ruf der kinderreichsten Stadt verdient, konnten
wir bald sehen; der ganze Quai stund dicht voll kleiner Norweger und
Norwegerinnen, welche das ferne Schiff anstaunten und die Weisen
unserer Musikkapelle mit Applaus lohnten. Zuerst stieg die norwegische,
dann die russische (Rulands Grenze ist nicht weit entfernt und ein
Vertreter der Nation offiziell in Hammerfest), dann die deutsche und
endlich die amerikanische Nationalhymne. Lauter als alles aber tnte
das markige Sempacherlied in meinem Herzen.

Unter Hurrah der ganzen Bevlkerung -- die vielen hohen Kinderstimmen
gaben aber entschieden den Ausschlag -- schieden wir von der einsamen
Sttte und wendeten unsern Kiel noch grerer Einde zu. Die Landschaft
wurde immer drftiger. Gebirgsstcke von auffllig regelmiger
Pyramidenformation begrenzen den Fjord; eine Felswand zeigt die ganz
berraschenden Zge eines menschlichen Gesichtes: einer riesigen,
fragend und drohend nach dem ungewissen Norden schauenden Sphinx.
Ueber die knapp mit Moos bewachsenen Felsabhnge und ber steile
Schneefelder eilten Herden von Rentieren mit der Gewandtheit von Gemsen
und wurden durch das Nebelhorn unseres Schiffes zu raschester Gangart
aufgeschreckt. In der steinigen Einde sah man zur Seltenheit einmal
die Htte einer Lappenfamilie. Dann brachte etwa der Ruf Wale! Wale!
Abwechslung in die Einfrmigkeit; alles strzte nach der entsprechenden
Schiffsseite, um mit allgemeinem Gelchter der Enttuschung ein paar
harmlose, in elendem Nachen vorbeirudernde Lappen zu begren.

In dieser Situation gedieh der Kalauer und wuchsen die Vermutungen
ber Andrees Schicksal im Quadrate der Annherung an den Punkt seines
khnen Aufstieges. Glauben Sie nicht, da wir Andree suchen wollen,
Herr Doktor? meinte ich zu dem gemtlichen, stets von seiner Gattin
begleiteten Botaniker aus Leipzig. Nee, meine Frau leidet es nischt,
da ich And're nachlaufe.

Eine groe und interessante Abwechslung brachte die Vorbeifahrt an
dem steilen Vogelriff Svaerholt-Klubben. Dort nisten zu Millionen
Eiderenten, Alken und Mwen, und durch hingeschleuderte Raketen
aufgescheucht schwebten sie als kreischende, mchtige Wolke in die
Luft, wo sie im Glanze der Sonnenstrahlen die Erscheinung eines
dichten Schneegestbers vortuschten, oder strzten sich lrmend in
die mit weier Brandung aufspritzenden Fluten, um bald wieder zu
ihren huslichen Pflichten zurckzukehren. Die Felswand ist siebartig
mit Nestern bedeckt. Angelehnte Leitern ermglichen den herfahrenden
Fischern, einen Teil der Eier wie auch die kostbaren Flaumfedern zu
erbeuten.

Abends gegen halb 9 Uhr stund es vor uns, der Grenzstein der
Schpfung, wie Tacitus es nannte, das nrdliche Ende Europas, der
schwarze, unheimliche, zerrissene Kolo des _Nordkaps_. Wir ankerten
in einer Bucht der Ostseite, wo im Sommer ein Fischer in elender
Htte wohnt und ein wackeliger Landungssteg den Zutritt zum Lande
ermglicht. Der von dort ausgehende Weg war schon vom Schiff aus zu
erkennen, zuerst als unregelmige, steil aufsteigende Linie, dann als
Zickzacklinie ber Felsen und Schneefelder, als ob der Blitz die Spuren
gezeichnet htte.

[Illustration: Das Nordkap.]

Nun ging's ans Ausbooten. Der Erste, der nach oben wanderte, war
der vielgeplagte Postmeister, der u. a. 4000 -- sage viertausend --
Ansichtspostkarten auf die Spitze des Kaps zu schleppen hatte, um
sie dort abzustempeln. Der arme Mann zeigte mir nachher seine mit
Druckblasen bedeckte rechte Hand. Die Ansichtskartenwut erreicht
berhaupt auf der Auguste Viktoria den hchsten Grad. Vor jeder
Station werden ihrer zu Tausenden gekauft und beschrieben, und die
Gesamtziffer der auf dieser Fahrt versandten Kartengre drfte 20,000
wohl bersteigen. Hinter dem Postmeister kletterten die tapfern
Musikanten, die sogar die groe Pauke mit in die Hhe schleppten.
Als wir ans Land fuhren, war der Weg bis oben schon durch wandernde
schwarze Punkte gekennzeichnet, die sich namentlich auf dem Schnee mit
geradezu komischer Deutlichtkeit abhoben, unten sehr dicht, nach oben
zu aber immer dnner geset erschienen.

Ich hatte die Frsorge ber fnf Damen bernommen; drei verzichteten
nach einer Viertelstunde, zwei brachten es bis zur Schneegrenze! Dort
kmpfte in mir die Lust, den Spaziergang nach oben fortzusetzen,
mit dem ritterlichen Gefhle der Verantwortlichkeit fr meine
Schutzbefohlenen. Das letztere siegte und ich zog -- als schtzender
und sttzender Bergfhrer, welche Eigenschaft nicht hinderte, da ich
einigemal sehr unsanft auf den nassen, steilen Weg zu sitzen kam -- den
Rckzug an. Der Weg war aber auch unter aller Kanone. Ein Seil, das
an den schlimmsten Strecken Sttze gewhren sollte, war so miserabel
befestigt, da es an den meisten Stellen als loses Tau am Boden lag,
und oben, wo der kritischste Aufstieg begann, hrte es berhaupt auf.

So lagerten wir uns denn, glcklich unten angelangt, auf
moosigem Grunde, freuten uns ber die bunte darin wurzelnde Flora
und sahen nicht ohne Behagen den alpenklubbistischen Versuchen
unserer Mitpassagiere zu. Da gab's zu lachen! Manch' Einer, der mit
welterobernder Miene an uns vorbeizog und im Sturmschritt die ersten
300 Meter durchschritt, kam eine halbe Stunde spter als geknickte
Rose mit demtigster Miene oder auch polternd und fluchend zurck.
Spezielles Vergngen machte uns ein Hne von Gestalt, der im sichern
Bewutsein, den Grenzstein Europas spielend zu ersteigen, wie ein
Sieger an uns vorberschritt. Aber wie kehrte er ber ein Kleines
zurck! Ich habe schon Menschen auf einem und auf zwei Beinen und in
allen mglichen Gangarten marschieren sehen, auch auf allen Vieren;
ich sah die Species ~homo sapiens~ schon hpfen, tanzen, kriechen
etc. -- aber diese hier vor Augen gefhrte Gangart war mir vllig
neu. Im Gesichte den Ausdruck von Angst und Entsetzen, den Krper
in Rckenlage, als ob er sich gegen einen aus der Luft anstrmenden
Drachen kampfbereit stellen wollte, rutschte der Unglckliche auf drei
Extremitten Zoll um Zoll vorwrts, whrend die vierte krampfhaft
das am morastigen Boden liegende, schlaffe Seil hielt, von dem alles
eher als irgend ein Halt zu erwarten war. So kroch die Jammergestalt
zu Thal, die Rocksche im Schlamme nachschleppend, und mag wohl
Gott gedankt haben, als sie wieder horizontalen Boden unter den
Fen fhlte. -- Wenig bessern Erfolg zeigte ein sehr trinkbarer und
korpulenter Weinbaron, der sich die Seitentaschen mit Rheinweinflaschen
vollgepfropft hatte. Von fnf zu fnf Minuten schuf er eine Labestation
und ehe die Mitte des Aufstiegs erreicht war, ging der Vorrat an
Strkungsmaterial und der Thatendrang zu Ende; schweitriefend und
pustend kehrte Sir Falstaff nach dem sichern Ufer zurck. Als einer der
letzten kam der Schiffsdoktor und machte meine Prophezeiung, er werde
die obern Stufen des Parnassos nicht erreichen, glnzend zu Schanden.
-- Von den 360 Passagieren gelangten kaum 100 bis zur Spitze des Kaps.
Dort wurde in einer Htte Champagner ausgeschenkt. Der Wirt soll an dem
Abend 2000 Kronen eingenommen haben.

Einen ergreifenden Eindruck auf die oben Versammelten machte es, als
die Musikanten im Glanze der zum Horizonte sich senkenden Sonne das
Kreutzersche: Das ist der Tag des Herrn intonierten. Ein kleines
Intermezzo schuf die bermtige Champagnerlaune eines Amerikaners,
der auf der zu Ehren seines Besuches von Kaiser Wilhelm errichteten
Steinpyramide eine leere Champagnerflasche mit der amerikanischen
Flagge aufpflanzte. Kurz besonnen fegte eine kleine deutsche Dame
das taktlose Zeug herunter; der Uebelthter aber machte seine
Unbesonnenheit dadurch gut, da er -- von ltern Herren aufgefordert --
der Germanin ordentlich Abbitte leistete.

Um 12 Uhr waren wir an Bord und genossen das Schauspiel der
Mitternachtssonne nochmals in glnzendster Weise. Drohend stieg vor
uns das grausige schwarze Gestein des Nordkaps in die Hhe, am Fue in
glnzend grne Vegetation gebettet. Das Meer war wie wogende Tinte und
der Reflex der Sonne in der bewegten Flut gewhrte ein zauberhaftes
Bild. Der lichte Horizont grenzte mit eigentmlicher Schrfe gegen das
schwarze Meer ab. Bis gegen 2 Uhr sah man sie -- die das Kap besiegt
-- die Zickzackwege herunterkrabbeln; zwei Matrosen begingen sogar
die Tollkhnheit, ber die steilen Schneeflchen mit Blitzesschnelle
herunterzurutschen.

Noch nherte sich ein kleines Fischerboot unserm Schiffe; zwei frisch
gefangene Halibutten, von welchen jeder 100 Kilo wog, wurden fr 80
Kronen als Nahrungsmittel fr uns erstanden. Um 2 Uhr ertnten die
letzten Weisen unserer unermdlichen Schiffsmusik; dann wurde der Anker
gelichtet, vorwrts ging's -- im taghellen Lichte der Nachtsonne -- dem
Eismeere zu.




~VI.~

     Breninsel. -- Eisberge. -- Fahrt durch das nrdliche Eismeer. --
     Gang durch das Schiff. -- Passagiere. -- Tageseinteilung.


            Offene See zwischen Digermulen und Aalesund, 18. Juli 1899.

Unser Kurs geht wieder nach Sden. _Spitzbergen_ liegt hinter uns.
Wir haben allerdings die Tcke des nrdlichen Eismeeres erfahren
mssen, indem ein pltzlich auftretender dichter Nebel, der die
Fahrt in jenen Gewssern zu einer uerst gefhrlichen gestaltet
htte, uns zu frherer Rckkehr zwang, als beabsichtigt war; aber ein
hochinteressantes Stck des merkwrdigen Lnder- und Meeresstriches
haben wir doch gesehen.

Im Sonnenglanze und unter den Klngen unserer Schiffskapelle setzte
sich die Auguste Viktoria um 2 Uhr am Morgen des 10. Juli vom Nordkap
weg in Bewegung; ihr nchstes Ziel war die Breninsel. Erst gegen 4
Uhr gab's Ruhe an Bord; so lange lieen mich das vom Promenadendeck
her schallende frohe Lachen und die auf unsern Kpfen promenierenden
Nachtwandler und -Schwrmer nicht einschlafen. Der folgende Tag
machte ein dsteres Gesicht: bleigrau der Himmel und grau, ohne
Glanz, das Meer; dazu eine Temperatur von 5 ~C~. Frstelnd und in
alle verfgbaren Mntel und Teppiche gehllt sa man auf Deck oder in
geheizten Gesellschaftsrumen. Nachmittags blies ein eisiger Wind;
die Luftwrme sank auf 2; jetzt erst kam uns die Anwesenheit im
nrdlichen Eismeere zum Bewutsein. Seevgel und zur Seltenheit der
mchtige Rcken eines Wales brachten etwas Leben in die sonst trostlose
Meereinsamkeit; einmal glitt auch eine Gruppe von sechs solcher Kolosse
an uns vorber -- es waren wohlgezhlt ihrer sechs --, aber als ich
nach 10 Minuten auf die andere Bordseite kam, hrte ich schon von
zwlfen erzhlen und bei der Tafel sprach man manchenorts von der
Walfischherde von mindestens zwanzig Stck, whrend ein jugendlicher
Nimrod im Rauchzimmer nachher gegen hundert beisammen gesehen haben
wollte.

Gegen 5 Uhr kam die Breninsel in Sicht, ausnahmsweise einmal
nebelfrei, aber von dichtem Gewlk berlagert. Dieses unter 74 30'
n. Br. liegende Eiland wurde 1596 entdeckt und nach einem daselbst
erlegten ber 12 Fu langen Eisbren so benannt. Jetzt pat dieser Name
nicht mehr, da kein einziges jener wilden Tiere dort mehr zu finden
ist. Das unbewohnbare, 68 Quadratkilometer groe Gebirgsland gehrt
ausschlielich der Vogel- und Fischwelt und den Walrossen, von welchen
Ungeheuern einstens von einer englischen Expedition unter Bennet innert
sieben Stunden nahezu 1000 Stck erlegt worden sein sollen. Die Insel
besteht aus einem 50-100 Meter hohen felsigen Plateau, ber welche sich
am sdlichen Ende der 400 Meter hohe Elendsberg erhebt, so benannt,
weil von seinem Gipfel herab ein Schiffer die Zerstrung des ihn
abholenden Bootes mitansehen mute. Da auch dieses vergletscherte Land
einst bessere Zeiten gesehen, beweisen die Steinkohlenlager, welche
in mchtigen Schichten zwischen Thonschiefer, Sand- und Kalkstein
zu finden sind und die wohl hauptschlich Deutschland den Besitz
der Insel als wnschenswert erscheinen lieen. Bei der Annherung
entdeckten wir starke Treibeismassen, die auffallend -- schon auf groe
Distanz -- gegen die Meeresflche abstachen, und einen prachtvollen
Eisberg von Pyramidenform. Sein Ursprung von einem der grandiosen
Gletscher Spitzbergens war schon aus seiner durchsichtig blaugrnen
Farbe und seiner absoluten Schneefreiheit ersichtlich. Wenn man sich
vergegenwrtigte, da das, was man ber dem Wasser schwimmen sah,
nur 1/8 der Gre des Kolosses ausmachte, so erhielt man Respekt vor
diesem schwimmenden Riesen und vermied es gerne, in seine unmittelbare
Nhe zu kommen. Beim Drehen des Schiffes zeigte der Eisberg die ganz
unverkennbare Form eines schwimmenden -- Kameles, was von uns als zarte
Anspielung aufgefat wurde auf uns Passagiere, die wir, wie dieser
Wstenbewohner, den warmen Sden verlassen hatten, um im unbehaglichen
Norden zu frieren. Walrosse, welche einige Beobachter am Fue des
Eisberges zu sehen versicherten, konnte ich mit unbewaffnetem Auge
nicht als solche qualifizieren; wir wollen hoffen, da es solche
gewesen sind, sonst htten wir auf der ganzen Reise keine andern
als bis auf die glotzugige Fratze im Wasser verborgene zu Gesichte
bekommen. Ein zweiter Eisberg war dicht mit Vgeln besetzt, die beim
Ertnen unserer Dampfpfeife mit Gekreisch in die Luft flogen.

Als wir uns dem nordwestlichen Ende der Insel nherten, zerri
pltzlich die Wolkendecke und in voller Schnheit erglnzten die
sonnbestrahlten vergletscherten Flchen und Abbrche des Hochplateaus.
Auftauchende Masten erwiesen sich als einem deutschen Schiffe
angehrig, dessen Flaggengru von uns erwidert wurde.

Bald hatten wir die phantastischen Formen der felsigen Insel mit den
zahllosen durch das Meer benagten Klippen aus dem Auge verloren und
uns empfing wieder die trostlose Einde des bewlkten Eismeeres. Diese
Situation, bei der doch weiter nichts zu sehen ist, bentze ich, um
dich, lieber Leser, zu einem Gang durch das Schiff einzuladen, bei
welcher Gelegenheit du auch einige der Mitreisenden kennen lernen
sollst.

Beginnen wir in der Morgenfrhe in meiner Klause, der Kabine oder
Schiffskammer, wie das Ding seit der deutschen Sprachreinigung genannt
wird. So frh als mglich, meist aber erst nach 6 Uhr, schwinge ich
mich, eine kleine akrobatische Leistung, aus der Apfelhurde, hier
Bett genannt, und erflle die Pflichten eines zivilisierten Menschen
zur Erzielung einer gewissen Salonfhigkeit. Der Begriff ist Gottlob
dehnbar; ich lebe nach dem landlufigen vaterlndischen und kmmere
mich wenig um Gehrock und Lackschuhe, wie sie unter den mitreisenden
Touristen der Auguste Viktoria allerdings berraschend zahlreich
vertreten sind; ja sogar Frack und Cylinder und weie Weste fehlen
nicht, fr den Aufenthalt auf Spitzbergen besonders ntzliche
Gegenstnde. Nachdem ich mich durch Poltern an der Wand ber den Grad
der kulturellen Entwicklung meiner lieben Nachbarinnen informiert,
lass' uns auf Deck steigen. Der Weg fhrt eine Treppe in die Hhe,
dann zwischen den wuchtig arbeitenden Maschinen hindurch in das
Gebiet der Oberdeckkabinen; dort liegen auch Bckerei, Konditorei und
Kchenlokalitten; durch die geffneten Thren sehen wir Kche und
Bcker in voller Arbeit; in mchtigen Kesseln wird Fleisch gesotten
-- die Passagiere wollen ja tglich zweimal frische Bouillon haben
--; auch Nase und Ohr bekommen ihr Teil; aus der Konditorei strmt
Vanilleduft, und in der Hauptkche keift der Oberkoch mit einer
durchdringenden, so phnomenalen Tenorstimme, da ich Lust htte, ihn
fr den O.-G.-V.[2] zu werben, wobei allerdings seine kulinarischen
Fhigkeiten Einbue erleiden mten.

Eine weitere Treppe fhrt uns auf den Mittelpunkt des an Bord
pulsierenden Lebens, auf das Promenadendeck. Die vornehme Welt schlft
noch und unbentzt stehen vorlufig die 400 eleganten, mit Plaids und
Bchern belegten Liegesthle in langen Reihen neben einander, um im
Laufe des Tages nach allen mglichen Pltzen des Schiffes geschleppt
zu werden. Wie schn ist doch die Welt vom Stand- oder vielmehr
Liegepunkte einer solchen Lagersttte aus! Sind Beine, Arme, Kopf und
Augen in der zweckmigsten Position, um ja nichts Interessantes sich
entgehen zu lassen, so ist man nach wenig Minuten eingeschlafen und
lt schnarchend die malerischsten Fjords und die grten Walfische an
sich vorberziehen.

Whrend Schiffsjungen und Deckstewards das Deck durch Wasserstrme und
Putzlappen unsicher machen, steigen wir noch eine Treppe hher, auf
Bootsdeck. Von dort herab beherrscht der Blick die ganze Umgebung des
Schiffes; dort steht auch die elegante Kapitnskajte und vor ihr das
Navigationszimmer, mit Karten und wissenschaftlichen Apparaten, ber
welchem die Kommandobrcke aufgebaut ist. Unablssig promeniert dort
oben, mit bewaffnetem Auge den Horizont musternd, einer der beiden
Lotsen; im Mastkorb ist auerdem ein ausschauender Matrose und bei
schlechter See oder trbem Wetter noch ein zweiter an der vordersten
Spitze des Schiffes.

Hier, auf dem Vorderteile des Bootsdeckes, um Kapitnkabine und
Kommandobrcke, ist der Lieblingsplatz derjenigen, welche gern viel
sehen und, ungestrt vom Menschengetriebe, die Naturwunder genieen
mchten und welche es nicht frchten, wenn ihnen ein bichen Seewind
um die Ohren pfeift. Zu diesen gehrt das kleine Trpplein Schweizer
an Bord der Auguste Viktoria. Nur Kchendunst und die Donnerwetter
des Tenoristen am Bratspiee stren gelegentlich den Frieden dieses
Hochplateaus. Dafr kann man sich den Spa machen, durch die offenen
Lcken aus der Vogelperspektive das Leben und Treiben der Kche zu
beobachten und vor allem ihre fabelhafte Gewandtheit im Tranchieren von
Fleisch und Geflgel bewundern.

Unterdessen fngt das Promenadendeck an sich zu beleben. Ein's nach
dem andern erscheint; man erzhlt sich die Erlebnisse der vergangenen
Nacht; es gibt Leute, die immer gerade dann etwas ganz besonders
Interessantes und Merkwrdiges gesehen haben wollen, wenn andere zu
Bett lagen. Darber allmorgendlich schmerzliches Lamento: Sieh'ste
Aujust, ich sachte ja doch, wir wollten noch en bischen auf Deck
bleiben; da haben wir nun wieder die janze schne Jeschichte verpat!

Allem rger und Geplauder macht das um 8 Uhr ertnende Trompetensignal
ein Ende. Es ist die deutsche Infanterie-Tagwacht. Der beauftragte
Blser rennt wie besessen im ganzen Schiff herum, bis die Schlfer
wach und die Hungrigen am Frhstckstisch versammelt sind. Gespeist
wird in drei groen Slen, von welchen die zwei bereinanderliegenden
auf Vorderdeck mit frstlichem Luxus ausgerstet sind, whrend der
Speisesaal auf Hinterdeck -- bei den Fahrten ber den atlantischen
Ozean den Passagieren zweiter Kajte dienend -- etwas weniger
prunkvoll, aber sehr behaglich aussieht. Uns fhrte das Los in den
sogenannten weien Saal auf Vorderdeck; dort ist man zu je zehn
Personen auf bequemen Drehfauteuils an einem Tische gruppiert, und
selbstverstndlich waren wir anllich der ersten Mahlzeit begierig
zu wissen, mit welchen Menschen uns das Schicksal zusammengewrfelt
htte. Unterdessen aber, im Laufe der seither verflossenen Wochen,
haben wir uns gegenseitig kennen gelernt und ich habe die Ehre dir
vorzustellen: Herrn und Frau ~Dr.~ K. aus San Remo, eigentlich aus
Leipzig, ein unter seinen Fachgenossen sehr bekannter Botaniker, wohl
der meistgereiste Mann an Bord; er hat zweimal die Erde umkreist, war
jahrelang in Sdamerika, kennt Afrika vom Sden bis zum Norden und
ist in Asien unheimlich zu Hause; nur Australien blieb ihm bis heute
fremd; aber das machen wir in zwei Jahren versichert der reiselustige
Pflanzenkundige, der nebenbei die fabelhafte Kunst versteht, ohne
Gepck zu reisen und doch alles, dessen man etwa bedrftig sein
knnte, vom Thermometer bis zur Konvexlinse, aus seinen Rocktaschen
hervorzuzaubern. Ein unverwstlicher Humor und ein kstlicher Appetit
machen dieses lebendige botanische Konversationslexikon zu einem sehr
angenehmen Tischgesellschafter; wir sind Konkurrenten im Vertilgen von
Butterbrtchen und verachten manches Feine, was die Speisekarte bringt,
so vor allem die ewigen gebratenen Puter oder Gebrder Puter, wie wir
die Firma nennen, weil sie stets als Gebr. Puter auf dem Menu stehen.
Unsere weiteren Tischgenossen sind zwei feine und liebenswrdige
Familien aus Tnning (Schleswig-Holstein): ein kniglicher Landrat
mit seiner Frau, aus Magdeburg an die Waterkant versetzt, und ein
holstein'scher Gutsbesitzer, Nimrod in allen Fibern, dem es gehrig in
den Fingern juckte, als er auf Spitzbergen den Frsten Metternich und
Gefolge zur Jagd ausziehen sah und der, Besucher und Kenner unseres
lieben Vaterlandes, mit seiner feingebildeten, vortrefflichen Frau
uns Schweizern gleich zu Anfang mit krftigen Sympathien begegnete.
Vergessen darf ich nicht eine ihrer Obhut unterstellte junge Dame,
welche, stets Sonnenschein auf dem Gesichte, durch ihr frohes Lachen
und ihre natrliche Frhlichkeit wesentlich zur Erhhung der richtigen
Tafelstimmung beitrgt.

[Illustration: Deckszene.]

Zum Frhstck liefert die Kche -- auer Thee, Kaffee und Chokolade
mit Zubehr, tglich frischen Brtchen und Hrnchen etc. -- noch
alles Mgliche an kalten und warmen Fleisch-, Mehl- und Eierspeisen.
Der Gewohnheit treu begngen wir uns mit dem Ordinri: Kaffee und
Butterbrot, freuen uns, des Staunens voll, ber den riesigen Appetit
anderer, speziell der Amerikaner, die des Morgens schon Unglaubliches
leisten, und eilen sobald als mglich, vielleicht noch mit einigen
Orangen oder andern Frchten der Tafel ausgerstet, hinaus auf Deck, an
die frische Luft. Dort, auf Promenadendeck, ist's unterdessen lebhafter
geworden; viele der Liegesthle sind in Beschlag genommen, und es wre
gute Gelegenheit, physiognomische Charakter- und, wer dazu Lust hat,
auch Toilettenstudien zu machen; es ist namentlich die amerikanische
Nation, welche die vielgestaltigsten Typen jedes Alters, vom Kinde bis
zum Greise, liefert und aus ihren riesigen Koffern das Unglaubliche an
Prunkgewndern hervorholt. Der Finanzlwe an Bord ist der Amerikaner
Wanamaker (Wonnemacher heien wir ihn); er hat fr sich und seine
Familienangehrigen die besten Luxuskammern gemietet und soll die
Kleinigkeit von 175 Millionen besitzen. Jener elegante Herr dort, mit
schwarz und graukarierter Reisemtze, das pomadisierte Haar sorgfltig
gescheitelt, das tropengebrunte, eigentmlich scharfe Gesicht
glatt rasiert wie ein englischer Lord, mit elegant geschnittenem
dunkelfarbigem Rock, enganliegender schwarzer Hose und Lackstiefeln,
den ich jeden Morgen in aller Frhe bei Wonnemachers heraustreten
sah, mute der unheimliche Millionr sein; ich betrachtete ihn volle
acht Tage als solchen und machte ihn im Stillen verantwortlich fr
einige Prozent des sozialen Miverhltnisses auf unserm Planeten, bis
ich eines Morgens zu meinem Erstaunen den eleganten Erzmillionr --
durch eine halbgeffnete Kabinenthre beim Stiefelwichsen beschftigt
sah, was meine Achtung vor ihm keineswegs verminderte, aber immerhin
bei weiteren Begegnungen meinen Gedanken eine andere Richtung gab. Ich
hatte eben den Diener fr den Herrn angesehen; aber -- beim Zeus! --
Hosen- und Gesichtsschnitt waren auch darnach und rechtfertigten den
Irrtum.

Dort in jener Ecke wird schweizerdeutsch gesprochen; da lass' uns
hingehen; es sind drei Herren aus Basel: der alte Junggeselle ~Dr.
jur.~ L., der seit Jahren die Welt nach allen Richtungen der Windrose
bereist, kein Schnellufer zwar, aber ein sehr gewester Mann und
gemtlicher Gesellschafter; an seiner Seite der zur Spezies der
Rentiere bergetretene ehemalige Kaufmann R. (von uns in naheliegender
Verballhornisierung seines Namens Respini genannt), stets tadellos
vom Scheitel bis zur Sohle, und endlich -- die Gelehrsamkeit zum
Schlusse -- der wohlbekannte Professor der Theologie, Herr Pfarrer
B., ein flotter Lufer, der in nachtschlafender Zeit schon von Bord
geht, um Land und Leute zu studieren, nebenbei ein geistreicher
und humorvoller Plauderer. Die elegante Rmerin, welche sich in
unverflschtem Zridtsch mit ihnen unterhlt, ist die Gattin eines
bedeutenden italienischen Ingenieurs, eine Frau, welche in der
ewigen Stadt als Initiantin und unermdliche Arbeiterin in allen
menschenfreundlichen Bestrebungen eine hervorragende Rolle spielt. Sie,
die gleich gewandt in allen modernen Sprachen, doch mit Vorliebe ihre
Muttersprache spricht, rechnen wir auch zu den Unsrigen, wie auch ihren
liebenswrdigen Mann, den Waldenser und alten Zrcher-Polytechniker,
dessen Ohr unsere heimatlichen Laute sehr gut versteht. Es ist eine
vornehme Erscheinung, Voll Geist und Gemt und behaglich prickelndem
Witze. Das Schweizerdeutsch ist doch gewi eine sehr schwere Sprache,
wandte sich krzlich ein Deutscher an ihn. Man sollte es kaum
glauben; meine Frau spricht es nun seit 1-1/2 Stunden ununterbrochen,
meinte der mit Ungeduld dem Ende der vaterlndischen Konversation
seiner Frau mit meiner Schwester entgegensehende Gatte.

Weiter auf Deck! Da liegen sie schon in allen mglichen Positionen
auf ihren Rohrsthlen, die Einen lesend, die Andern plaudernd und Ulk
treibend, Einige bereits wieder in sen Schlaf versunken. Du wirst mir
zugeben, da Gott Morpheus nicht immer die Zge verklrt; jedenfalls
bin ich berzeugt, da jener sonst so martialisch aussehende und
gewhnlich wie ein junger Kriegsgott ber Deck steuernde Herr mit dem
jetzt herabhngenden Unterkiefer und den entsetzlich nichtssagenden
Gesichtszgen sich nicht als schlafender Krieger mchte portrtieren
lassen.

Von Hoheiten sind an Bord: auer einigen deutschen Baronen ein
italienischer Frst mit seinem Leibarzt; dann der preuische Gesandte
und bevollmchtigte Minister in Hamburg, Graf Metternich, dem der
Damensalon der zweiten Kajte als Wohn- und Schlafraum eingerichtet
wurde und der immer allein speist, ein vornehm sich abschlieender,
aber in seiner uern Erscheinung sehr einfacher Herr! -- Von den
brigen Sterblichen stelle ich dir als freundnachbarlich Gesinnte noch
vor ein prchtiges junges Ehepaar aus Konstanz, das Bild von Kraft und
Gesundheit und frohem Lebensmut, das berall tapfer mitmacht, Nordkap
und andere Hindernisse spielend besiegte und photographisch fixiert,
was immer zu haben ist.

Der Gewalthaufen der Reisenden gehrt Amerika und Deutschland;
England ist gar nicht vertreten. Dagegen hrt man einigenorts die
gemtliche Wiener Sprache; u. a. ist anwesend Baron von Suttner (Onkel
der Friedensfrstin) mit einer Tochter, der schon vor 45 Jahren mit
seinem Erzieher ganz Norwegen bereist hat und ein damals angefertigtes
Skizzenbuch zur Vergleichung mit der Gegenwart bei sich trgt -- ein
uerst jovialer alter Herr und kstlicher Erzhler, bei dem allerdings
das jetzige Norwegen gegenber dem der guten alten Zeit bs wegkommt.
Frher verstanden die Leute wenigstens norwegisch; jetzt aber, seit so
viel Englisches im Land ist, verstehen sie gar nichts mehr und glotzen
Einen nur so an, wenn man in ihrer Muttersprache zu ihnen spricht.

Vom langen Deckspaziergang ermdet, und um angesichts des vielen
Absurden und Unglaublichen, was die menschliche Kreatur zur Schau
trgt, nicht ein loses M--und zu bekommen, lade ich dich zum Besuche
der Gesellschaftsrume unseres Schiffes ein. Da thront ber den
Speiseslen erster Klasse ein Schreibesalon in goldberladenem
Roccocostil, Wnde und Plafond knstlerisch bemalt, und in Verbindung
damit eine wohlgeordnete Bibliothek, jede Ecke, wie berhaupt das ganze
Schiff, vornehm elektrisch beleuchtet. Ein Druck auf den elektrischen
Knopf und es kommt angesaust der Library-Steward und prsentiert dir,
was du aus dem aufliegenden Bcherkataloge ausgewhlt hast. Auch alle
Schreibrequisiten, vor allem hochelegantes Briefpapier und Enveloppen,
stehen zu freier Verfgung und werden in unglaublicher Quantitt, in
tausenden von Bogen, beansprucht, groenteils auch verschleudert.

Da die Tische alle von schreibenden und whistspielenden Ladies
besetzt sind, wandern wir weiter gegen die Mitte des Schiffes; dort
liegt der Konversations- und Musiksalon, in seiner Ausstattung eine
Sehenswrdigkeit fr sich; in der Mitte ein herrlicher Flgel von
Steinweg, extra fr die Auguste Viktoria gebaut und dem Stil des
Raumes angepat. Zehn Schritte weiter betreten wir das Eldorado des
Mannes, den Bier- und Rauchsalon ~I.~ Klasse, ein Wunder der Holzarbeit
und Malerei, durch vier elektromotorische Ventilatoren gelftet.
Belegte Brtchen aller Art, vom Caviar bis zum gerucherten Lachs,
liegen ~ discrtion~ bereit, und frisches Mnchner, Pilsener und
Lagerbier vom Fa ist jederzeit zu haben und wird sowohl zur Bekmpfung
der Hitze wie zur berwindung der Klte gehrig genossen. Die Frage
nach frischem Anstich wird von dem Biersteward als persnliche
Beleidigung aufgefat: Was glob'n Sie denn! Wo's Tag und Nacht so
luft wie bei uns, da soll's ein lackes Bier geben?

Von hier aus, in bequemem Rauchstuhl ausgestreckt, oder aber, wenn
du es vorziehst, auf offenem Deck genieen wir das von 10-11 Uhr
stattfindende Frhkonzert unserer Schiffskapelle. Ob's windet und
blst, ob's schwankt und rollt -- die Kapelle thut ihre Pflicht; es
soll sogar einmal vorgekommen sein, da die beiden Clarinettisten
abwechslungsweise je einige Takte ihre Stimme spielten und -- ber Bord
seekrank waren, ohne je das Instrument aus der Hand zu legen. _Allers_,
der Humorist, hat die Szene illustriert.

Um 11 Uhr ist groe Prozession zu den bouillonspendenden Deckstewards;
wer zu bequem ist, sich die Kraftbrhe selbst zu holen, dem wird
sie auf einen Wink zum Liegesessel gebracht; der Zustand des
Schlaraffenlandes, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund
fliegen, ist hier also ziemlich erreicht. Mit Erstaunen sehe ich
einzelne Menschen von einer Mahlzeit zur andern laufen, immer
hungrig und verdauungsfhig; kein Gericht berspringen sie, und wo
allenfalls im Tage eine kleine Epause eintritt, fllen sie sie beim
Bierglase mit Knuspern aus. Ich persnlich spre gar nichts von
diesem appetiterregenden Effekte der Meerluft, und es gibt kaum eine
Gelegenheit, wo ich mich nicht von diesen Fleischtpfen der Auguste
Viktoria zu der heimatlichen einfachen Kche zurcksehne.

Kaum ist der Bouillonspaziergang zu Ende, so tutet wieder der
Trompeter von E-lingen, diesmal das bekannte Motiv aus Fidelio.
Meine Herren, es hat zum erstenmal geblasen, ruft der Biersteward
mit Stentorstimme in die lrmenden Tafelrunden. Ist das zweite Signal
ertnt, so tritt Bewegung in die zu festen Gruppen kristallisierten auf
und unter Deck. Jedes strebt seinem Speisesalon zu; der Tischsteward
dreht deinen Stuhl, so da Ew. Hoheit nur eine Sitzbewegung
auszufhren brauchen, um ohne irgendwelche Mitbethtigung der Hnde
ernhrungsbereit vor dem Teller zu thronen. Ist die Qual dieses zweiten
Frhstcks vorber, so tragen wir unsere durch den Konversationslrm
geschdigten Ohren gerne wieder an die frische Luft, wo schwarzer
Kaffee serviert wird und woselbst bei einem Deckspaziergang die erste
Tagescigarre vortrefflich schmeckt.

Die Nachmittagsstunden werden verschieden ausgefllt; Amerika treibt
gerne allerhand Kurzweil mit Deckspielen, z. B. Ringwerfen und
Plattenschieben; Deutschland spielt Skat, liest und schreibt oder
politisiert, kalauert auch gruppenweise; denn bald explodiert's
da, bald dort mit unbndigem Gelchter, das auch Unbeteiligte mit
fortreit. Allerorts aber wird wieder fleiig geschnarcht und
geschlafen, und manch Einer liegt, dem Irdischen entrckt, auf der
Chaise-longue, die Quelle der Bildung aber, aus welcher er schpfen
wollte, das Buch, nebenan am Boden, oder dem zufrieden und gesttigt
lchelnden Munde, der eben versicherte, nachmittags nie zu schlafen,
entfllt die noch glimmende Cigarre, so da der Entseelte erschreckt
zusammenfhrt und zu allererst sich umsieht, ob er wenigstens von
niemanden beobachtet werde. Jetzt hatten Sie aber ein Auge voll
geschlafen, Herr X.! Was fllt Ihnen ein, Sie Jeheimspitzel! Sehen
Sie denn nicht, da ich mir eben was berlegte? Aber natrlich von so
'ne Jeistesarbeit haben Sie keene blasse Ahnung.

Wem's um ungestrte Arbeit oder Lektre zu thun ist, der findet ganz
oben, auf Bootsdeck, wohl ein verborgenes Pltzchen im Schutz und
Schatten eines der vielen Rettungsboote; dort hat man den weitesten
Ausblick aufs Meer und sieht auch im internen Schiffsleben allerlei
ergtzliche Szenen. Zum Malen deutlich bleibt mir u. a. ein kleines
Genrebild in Erinnerung. Zwischen zwei Booten geschtzt sitzt bequem
auf ihrem Rohrsessel zurckgelehnt die kleine Gouvernante von zwei
amerikanischen Jungen und liest ihren Schutzbefohlenen vor. Der grere
der Jungens liegt, das Kinn auf beide Hnde gesttzt und durch die
vorgelesene Erzhlung vollstndig gefangen, auf der Segeltuchblahe
des einen hochgelagerten Bootes und sieht unverwandt hinunter auf
die Leserin; der andere aber, ein kleiner Schlingel, der auch die
Pflicht htte, zuzuhorchen, treibt hinter dem Rcken der ahnungslosen
kleinen Erzieherin allerlei Unfug und sucht vor allem durch Grimassen
und Gesten und Rupfen die Aufmerksamkeit seines Kameraden auf sich
abzulenken.

[Illustration: Deckszene.]

Wo man steht und geht hat man Gelegenheit, die freundliche
Zuvorkommenheit aller Schiffsangestellten -- vom Kapitn bis zum
Schiffsjungen -- zu erfahren. Nur der Zahlmeister macht gelegentlich
eine Ausnahme, je nach dem Goldgehalte der Passagiere; das liegt eben
wohl in seinem Berufe.

Um 7 Uhr ist wieder groe Ftterung, an welcher wir E-kimos (der
schsische Botaniker belohnt diesen Kalauer mit einem Pfennig)
unter den Klngen der Tafelmusik nochmals mindestens eine Stunde
uns beschftigen. Die jeden Tag originellen und dem jeweiligen
Aufenthaltsorte angepaten Menus sind knstlerische Leistungen des
Farbendrucks, welche in Hamburg extra fr diese Fahrt angefertigt
wurden. Eine eigene Druckerei an Bord besorgt alltglich das Weitere,
auch die Herstellung der Konzertprogramme etc.

Um halb 9 Uhr ist auch die zweite Tortur des Tages, das Diner,
glcklich vorber, und wir knnen als freie Brger uns wieder auf Deck
tummeln und die Schnheiten der taghellen nordischen Nacht genieen. 10
bis 12 Uhr ist nochmals Konzert fr die Bier- und Musikbedrftigen, 12
Uhr sogenannte Polizeistunde, aber stets ohne Erfolg. Sind wir endlich
in unsere Koje gekrochen und haben uns nach Abdrehen der elektrischen
Glhflamme schlafgerecht gelagert, so schwinden unter dem einfrmigen
Pulsschlag der Maschine bald unsere Sinne, und in unlogischer
Verwirrung umgaukeln den Trumenden die Bilder des vergangenen Tages --
meist auf heimatlichen Boden verpflanzt.

Alles in allem, lieber Leser, ist unser Schiff, wie du siehst, eine
kleine abgeschlossene Welt fr sich, in welcher die Menschen (abgesehen
von dem Zwange der gemeinschaftlichen frugalen Abftterungen)
nach ihrer Individualitt leben, arbeiten und genieen, Bier oder
Wasser trinken, nachts schlafen oder schwrmen, als Einsiedler oder
als Gesellschaftstier die Tage vollbringen, mit vollen Zgen die
Naturwunder in sich aufnehmen oder aber sich langweilen. Da einige
Damen beim Passieren der herrlichsten Szenerien, wo aller Andern
Auge mit Entzcken auf Gottes schner Welt ruht, derselben blasiert
den Rcken kehren und ihre Aufmerksamkeit auf den Stickrahmen
konzentrieren, habe ich mit heimlichem rger hier oft gesehen. Zu Hause
hat ihr Stickrahmen wohl gute Ruhe.

Nun aber weiter nach Spitzbergen!

[2] Oratorien-Gesangverein Frauenfeld -- eine ausschlielich der Pflege
ernster Musik lebende Vereinigung.




~VII.~

     Spitzbergen. -- Gletscher- und Eiszeit. -- Einfahrt in den
     Eisfjord. -- Ankunft in Adventbay. -- Erster Besuch der Kste.


Gegen Mittag des 11. Juli kam Land in Sicht, und um 1 Uhr waren
wir der Kste so nahe, da Einzelheiten deutlich unterschieden
werden konnten. Zwischen den mchtigen, zum Teil schneebedeckten,
oft aber als dunkle Felswnde jh abstrzenden Pyramiden erschienen
groartige Gletscher, als nach unten breiter werdende Eisstrme ins
Meer sich ergieend. Die blulich schimmernden Abbruchflchen werden
direkt von der dunklen Meeresflut besplt. Unter dem frchterlichen
Drucke, welcher die gletscherbelasteten Felsgebirge zu glatten Mulden
ausschleift, drngen diese Eiswelten dem Meere zu und brechen ab,
sobald die sttzende Unterlage fehlt, um als Eisberge dem Polarstrome
folgend Amerika zuzusteuern und allmhlich unter der auflsenden Kraft
der Sonne zu verschwinden. Es ist etwas Erhabenes, diesen Proze, der
sich ungezhlte Jahrtausende zurck u. a. auch von den Alpen gegen
die deutschen Ebenen zu abspielte und dessen Spuren und Wegweiser die
mchtigen erratischen Blcke bilden, hier in natura sich vollziehen zu
sehen. Gegenber diesen Pulsschlgen der Ewigkeit zerstiebt die Sekunde
Menschenleben in Nichts. -- Die Breite des grten Gletschers von
Westspitzbergen, mit welcher derselbe gegen die Meeresflche abstrzt,
betrgt 20 Kilometer. Es wurden Eisberge, d. h. isolierte Abbrche
desselben beobachtet, deren Gesamtvolumen auf 4000 Millionen Kubikmeter
berechnet werden konnte. Scoresby sah eine Eismasse von der Gre einer
Kathedrale aus einer Hhe von 400 Fu ins Wasser fallen.

[Illustration: Gletscherpartie (Spitzbergen).]

Um 4 Uhr erreichten wir bei aufgehelltem Himmel die Einfahrt in
den Eisfjord (78 11' nrdl. Breite); die so benannte Meeresbucht
ist beidseitig mit Gebirgsstcken von auffallend gleichmiger Form
begrenzt. Alle zeigen ein Hochplateau, das enorm steil zum Meere
abfllt; dazwischen liegen tief eingeschnittene Thler. Die steilen
Abhnge sind merkwrdig regelmig parallel gerifft. In den parallelen
Schrunden liegt wie auch oben blendend weier Schnee, in grellem
Kontrast zu dem dunkeln Gestein, so da die Gebirgszge wie sorgfltig
vom Konditor kandierte Kuchen aussehen.

[Illustration: Einfahrt in Adventbay.]

Wir biegen ab in eine Seitenbucht, die sogenannte Adventbay. Dort
hat sich, teils durch Anschwemmung, wesentlich aber wohl durch
Abwitterung, welche durch Ebbe und Flut geglttet wurde, auf der
sdlichen Seite ein ziemlich ausgedehntes, flaches und nachher sanft
bis zu den Hauptgebirgsstcken ansteigendes Gelnde gebildet, das
grtenteils schneefrei ist und auf welches die Strahlen der Sonne
bereits einen Blumenteppich gezaubert haben. Pltzlich entdeckt das
Auge, als einziges Symptom menschlichen Daseins, ein Fischerzelt und
200 Meter davon entfernt ein dunkles Holzgebude, welches 1896 von der
Westeraalen Dampfschiffgesellschaft als Unterkunftshaus fr Jger und
Touristen erstellt wurde. Aus der Entfernung machte es den trostlosen
Eindruck einer im Torfmoor stehenden einsamen Khlerhtte. Wir fanden
es geschlossen und leer, da der acht Tage zuvor nach Spitzbergen
fahrende Dampfer, welcher Proviant und den Wirt bringen sollte, wegen
ungnstiger Eisverhltnisse sich dem Inselreiche gar nicht hatte nhern
knnen.

Nirgends ist ein Baum oder Strauch zu erblicken; aber wo der Schnee weg
ist, so auf der Kstenniederung und in den Thlern grnt und blht es
um die Wette. Viele der Thler sind aber noch mit mchtigen Gletschern
ausgefllt und werden noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte lang zu
thun haben, bis ihr Eisdepot ins Meer gesunken ist. Im Hintergrunde
aber, gegen das Innere der Insel, sieht man ber den 2000 Fu hohen
Bergen Eisfelder von unermelicher Ausdehnung.

Langsam und vorsichtig drang unser braver Dampfer mit einem Tiefgang
von zirka 10 Metern in dem fremden Fjorde vorwrts, whrend von 5 zu 5
Minuten ein alter Matrose Lothungen vornahm und mit lauter Stimme dem
Kapitn das Ergebnis auf die Kommandobrcke zuschleuderte. 20 Faden --
kein Grund! (1 Faden = 6 Fu). 33 Faden -- kein Grund! 39 Faden --
Grund! Jetzt rasselte die Ankerkette nieder und fest saen wir. Alles,
was Beine hatte, stund auf Deck, um den ungewohnten Anblick dieses
vergletscherten Polarlandes in sich aufzunehmen. Hunderte von Vgeln
umkreisten schreiend unser Schiff; ab und zu tauchte ein neugieriger
Seehund auf, um sofort wieder in dem salzigen Elemente zu verschwinden,
einmal auch die grauenhafte Fratze eines Walrosses.

In unglaublich kurzer Zeit waren die drei Benzinbarkassen unseres
Schiffes flott gemacht und luden durch ihren puffenden Atem zur Fahrt
ans Ufer ein, das immerhin noch einen Kilometer entfernt von uns lag.
Das Meer war etwas unruhig, so da nur die weniger zaghafte meiner
Reisegefhrtinnen sich zu sofortiger Ausbootung entschlo. Am Land
besuchten wir zuerst das Fischerzelt, in welchem eine Frau, zwei
Mnner und ein Kind berwintert hatten. Das Ergebnis ihres Jagdfleies
war vor ihrer Behausung aufgespeichert: getrocknete und eingesalzene
Fische in Menge, einige Fsser voll Thran, in Meersalzlauge gebettet
auch Kopf und Fell eines riesigen Eisbren, den sie zwei Monate vorher
geschossen, als er die Htte zu beschnuppern kam; von der Menge
erlegter Rentiere und Seehunde, deren Geweihe und Felle herumlagen, gar
nicht zu reden.

Als wir den flachen Kstenstreifen durchwanderten, wollte unser
Erstaunen und Entzcken ber die Flle und den Farbenglanz reizender
Blumen kein Ende nehmen. Arktischer Mohn, zahlreiche Steinbrecharten,
Lffelkraut entsprieen zu Millionen dem bemoosten Boden. Von
besonderer Lieblichkeit ist eine Erica-Art, deren Blten die Form
unserer Maiglckchen haben. Als einzigen Strauch, der aber die
Moosflche nicht berragt, fanden wir eine arktische Weidenart.
Ueberreste von Walen und Walrossen, ungeheure Knochen aller Art, Fisch-
und Vogelleichen zu Dutzenden lagen da, in Gestein und Grn gebettet,
merkwrdigerweise ohne allen und jeden Fulnisgeruch; das Organische
fault in dieser nrdlichen Breite auch unter dem Einflu der Sonne
nicht, da die sie bedingenden Spaltpilze hier nicht fortkommen.

Mit Blumen seltenster Art und allerlei Trophen (Mineralien, Knochen)
beladen, traten wir den Rckzug an, der nicht ohne ein kleines
Abenteuer verlaufen sollte. Bei der Abfahrt wurde nmlich unser Boot
auf eine seichte Stelle geworfen, sa dort fest und war nun ein
Spielball des unruhigen Meeres. Durchnt von den berschumenden
Wellen und elend hin- und hergeschaukelt harrten wir der Erlsung.
Aber ein Versuch, uns durch eine andere Barkasse flott zu machen,
htte beinahe unser Schiff zum Kentern gebracht und mute aufgegeben
werden. So blieb nichts brig, als in den auf- und abtanzenden Kahn
berzusteigen -- eine der Komik und unfreiwilliger Akrobatensprnge und
Krperverdrehungen nicht entbehrende Handlung -- welcher uns dann na
zwar, aber in bester Stimmung an Bord brachte.

Ueber Spitzbergen ist noch Vieles zu erzhlen; ebenso ber die
herrliche Rckfahrt an der norwegischen Kste, ber die Wunder
der Mitternachtssonne bei der Einfahrt in Tromsoe und das dortige
Lappenlager, ber die Pracht der nordischen Welt bei Gudwangen und
Marak, ber den Besuch von und bei dem deutschen Kaiser in Aalesund und
den Aufenthalt in Bergen, der durch die Freundlichkeit unseres dort
domizilierten Landsmanns, Herrn Herzog aus dem Pfarrhause Gttingen,
besonders genureich sich gestaltete, und ber vieles Andere mehr. Aber
unser Schiff eilt dem Endziele, Hamburg zu, und unser Verlangen geht
nach der Heimat und nach dem Berufe.




Daheim.




~VIII.~

     Hapag. -- Patriotische Feststimmung. -- Grber an der Adventbay.
     -- Im Eise gefangen. -- Jagd auf Spitzbergen. -- Walfischfang.


Hapag! Wie anders wirkt dies Zeichen jetzt auf mich ein als noch
vor wenig Monaten! -- Dazumal glitt mein Auge nichtsachtend an
den fnf Buchstaben vorbei; heute zaubert das kleine Wort eine
Flut von Erinnerungen hervor; ich sehe die Wunder der nordischen
Schrenlandschaften und des Polarmeeres; auf letzterm gleitet die
stolze Auguste Viktoria, das prunkvolle kleine Universum; auf der
Kommandobrcke steht die Hnengestalt des braven Kapitns Kaempff, dem
das Leben von nahezu 700 Menschen anvertraut ist. Keiner zaudert, ihm
volles Vertrauen zu schenken, dem schnen Typus eines pflichttreuen,
kaltbltig berlegenden Seemannes, der, ein Br von Postur, mit
gleicher Sicherheit sein stolzes Schiff leitet, wie er mit ritterlicher
Grazie den Damenhandku zu applizieren wei.

Vom Promenadendeck her tnt frhliches Leben; dazwischen die flotten
Weisen der Schiffskapelle, vor allem die bergfrische Nationalhymne
Norwegens. Und an allen Ecken und Enden steht das Zauberwort ~Hapag~,
auf jedem groen und kleinen Schiffsteile -- vom Rettungsboote
bis zum Zahnstocher, auf dem Schilde der Kapitnsmtze und jedem
Kleidungsstcke, das der Steward und der Matrose am Leibe trgt.
Den jungen, frischen Schiffsjungen, der auf jedes Signal von der
Kommandobrcke her die Treppen hinauffliegt, um die Befehle des
Knigs entgegenzunehmen, hatten wir deshalb in naheliegender
Erweiterung seiner Signatur schon am ersten Tage Harpagon getauft und
ihn auf diesen Ruf folgen gelehrt.

=H=amburg-=A=merika-=P=acketboot-=A=ktien-=G=esellschaft ist der Sinn
des kleinen Wortes, das in der ganzen Welt so bekannt ist, da ein mit
~Hapag~ adressierter Brief sicher seinen Weg findet, und ein Zufall,
der soeben meinen Blick auf die fnf Buchstaben fallen lie, macht
mir pltzlich Mut und Lust, die in der Thurgauer Zeitung begonnene
Schilderung unserer nordischen Reiseerlebnisse zu Ende zu fhren.

Also zurck nach Spitzbergen! Auf Flgeln des Gedankens ist der Weg im
Nu zurckgelegt, obschon die Distanz ungefhr derjenigen zwischen Rio
Janeiro oder Kapstadt oder Tibet und unserer Heimat entspricht.

Am Morgen des zweiten Tages wurde bei Zeiten wieder und als
vollzhliges Trio das zauberhafte Land betreten. Dort erfuhr ich
eine heimelige Ueberraschung. Als wir an geschtzter Stelle, in
das blumige Moos gelagert, die groartige Moos-, Gebirgs- und
Gletscherlandschaft bewunderten, packten meine Gefhrtinnen aus: eine
veritable Schweizerfahne samt Stock und eine Flasche -- Sonnenberger[3]
1895er, von Paul Bartholdi.[4] Nun wurde ein echt vaterlndisches
Fest gefeiert, wohl das erste Schweizerfest auf Spitzbergen, und
unter Schwenken der Fahne, ergtzlichen Reden und lautem Hoch auf
die liebe Heimat der Tropfen geleert, den die Sonne unseres Thurgaus
gezeitigt hatte und der mir in meinem Leben noch nie so vortrefflich
gemundet hat wie dazumal, am 12. Juli, unterm 78 nrdl. Breite. Die
Flaschen-Etiquette trgt nun die Aufschrift: Sonnenberger 1895 von P.
Bartholdi, am 12. Juli 1899 unter hochgehenden vaterlndischen Gefhlen
geleert auf das Wohl der lieben Heimat von etc. etc. etc. In der
linken obern Ecke stehen gro und deutlich die Buchstaben O. G. V.,[5]
ein fr sptere Polarfahrer, welche die Flasche entdecken, jedenfalls
unlsbares Rtsel.

Nach der patriotischen Fahnenweihe durchstreiften wir, soweit nicht
Sumpf und Morast uns hinderten, kreuz und quer das Gelnde und jeder
Schritt fhrte zu etwas Auergewhnlichem und Interessantem. Vor allem
erregte unsere Aufmerksamkeit ein Abhang aus Gerll, den ein starker
Gletscherbach im Laufe der Jahrzehnte angesplt haben mochte, und auf
welchem verschiedene auffllige Erhebungen zu erblicken waren. Bei
der Annherung fanden wir zwei schmucklose Grabzeichen aus Holz und
gemaltem Blech; das eine trug die Inschrift: Andrees Holm, Tromsoe;
fdt 7. April 1896; das andere: Jakob Hansen af Hammerfest, fdt 28.
August 1878, letzterer ein whrend der sommerlichen Jagdzeit hier
verunglckter Fischer, der erstere aber Teilnehmer einer nordischen
Tragdie, deren weitere Spuren in unmittelbarer Nhe zu finden waren
und mit der wir uns gleich beschftigen werden. Wir schmckten die
rhrenden Zeugen menschlichen Daseins und Kampfes in dieser nordischen
Einde -- die schlichten Grber -- mit den schnsten Blumen, welche der
Boden spendete.

Was htte dieser Andrees Holm alles erzhlen knnen! Im Sommer 1895
hatte er mit drei andern Norwegern, Klaus Thue, Anton Nils und Nils
Olsen, an den Ksten von Westspitzbergen dem Fischfang obgelegen, und
als sie auf ihrem kleinen, einmastigen Fangschiffe heimkehren wollten,
verlegte ihnen das unerwartet frh um die Sdspitze herschwimmende
Eis den Weg. Ein starker Schneesturm trieb sie wieder nordwrts, und
wo immer sie Eingang in einen schtzenden Fjord suchten, fanden sie
denselben bereits mit Eis gefllt. Im nrdlichen Eisfjord endlich, der
unter der Einwirkung des Golfstromes am lngsten offen bleibt, und zwar
in dem Teil, in dem wir eben vor Anker lagen, der Adventbay, fanden sie
Zuflucht, und dort fror ihr Schiffchen, die Ellida, rasch ein, so
da die Insassen sehr bald die traurige Gewissheit hatten, sieben bis
acht Monate in dieser trostlosen Eiswste verweilen zu mssen, fern von
jeder menschlichen Hlfe.

An Bord zu bleiben war unmglich. Die vier Mnner errichteten daher
auf der nchstgelegenen Anhhe eine Notbehausung, deren Konstruktion
und berreste noch deutlich zu sehen sind. Etwa einen Meter tief ist
der Grund ausgehoben und die Grube mit Schiffsbrettern verschalt;
darber findet sich aus Treibholz, Mast und Rudern ein Dach erstellt,
das noch teilweise mit Zinkblech vernagelt ist und das dazumal von
den Insassen mit Rentierhuten,[6] Rasen- und Moospolstern bedeckt
wurde. Zum Eintritt diente die noch vorhandene Kajtenthre. In der
jetzt groenteils abgedeckten Htte, in welche ich hineinkroch,
waren als weitere Zeugen des dort verlebten Winters noch zu finden:
ein Bretterverschlag, der mit Rentierfellen ausgekleidet die
Schlafsttte gebildet hatte; dann ein verrosteter, zertrmmerter
Herd, der ehemalige Kochherd des Schiffes, ein niedriger Tisch, eine
Kiste mit Handwerkzeug; ferner zerrissene Strmpfe, Handschuhe und
Kleidungsstcke anderer Art; Knochen von Rentieren, Fischen, Vgeln --
die berreste der winterlichen Mahlzeiten -- lagen ringsherum zerstreut.

[Illustration: Nothtte.]

Den langen Polarwinter brachten die Eingeschneiten und Vereisten mit
Jagd und dem Suchen nach Kohlen in mglichst entfernten Lagern zu, um
der Hauptgefahr der Unthtigkeit in der permanenten Dunkelheit, dem
Scorbut, mglichst zu entgehen. Bis 22 Grad Reaumur Klte hatten sie zu
ertragen, so da Anton Nils die Nase abfror; trotzdem ging er acht Tage
nachher wohlgemut und frhlich singend auf die Jagd -- um nicht mehr
zurckzukehren. Wahrscheinlich hat ihn ein Eisbr verzehrt. Das zweite
Opfer war Andrees Holm, der am 30. Mrz am Scorbut starb und, da die
Erde hart gefroren war, zum Schutz gegen Fchse und Bren einstweilen
in zwei Fsser gesteckt wurde. Sobald das Eis des Fjords -- im Juni
1896 -- in Bewegung kam, wagten sich die zwei Ueberlebenden auf kleinem
Boote hinaus, um Fischerschiffe aufzufinden; aber fnf Tage lang wurden
sie auf offenem Meere umhergeschlagen und hatten nur rohe Vgel als
Nahrung, und als endlich ein Fischer sie rettete, waren sie beide
auch am Scorbut erkrankt. Trotzdem fuhren die treuen Gesellen, bevor
sie heimwrts strebten, nochmals nach der Adventbay zurck, um ihren
Kameraden zu beerdigen, und das Grab, neben dem wir standen, war das
Werk ihrer matten und kranken Hnde.

hnliche Unglcksflle ereignen sich von Zeit zu Zeit und auch dem
grten Touristenschiffe kann es passieren, sofern es zur Unzeit,
spter als Ende August, Spitzbergen aufsucht, da es sich pltzlich und
unerwartet in einem Fjord durch Eis festgebannt sieht. -- Pltzliche
dichte Nebel, entsetzliche Strme und unerwartete Treibeisblockade sind
die Gefahren des Polarmeeres fr die Schiffahrt.

Einen Versuch, an den schneefreien Abhngen des nchstliegenden Berges
in die Hhe zu steigen oder eines der sich ffnenden Thler zu begehen,
muten wir bald aufgeben, weil der Boden infolge des herabrieselnden
Schneewassers berall morastig durchweicht war, so da wir bis ber
die Knchel einsanken. Wie's in dieser Beziehung weiter landeinwrts
beschaffen sein mochte, ersahen wir an Schuhwerk und Kleidern von Graf
Metternich und einigen andern Jagdfreunden, welche morgens 2 Uhr unter
der Fhrung von zwei norwegischen Fischern sich einige Stunden weit ins
Innere begeben hatten und nachmittags mit reicher Beute zurckkehrten.
Die Menge des angetroffenen Wildes stand zwar hinter ihren Erwartungen
zurck; einige Tage zuvor war der Kronprinz von Italien mit seiner
jungen Frau, die dem nordpolfahrenden Herzog der Abruzzen das Geleit
gaben, hier gewesen, und die jagdlustigen Italiener sollen innert
zweimal 24 Stunden gegen 200 Rentiere an der Adventbay erlegt haben;
nicht der geringste Teil fiel vor dem treffsicheren Rohre der
Montenegrinerin. Von der Beute wurden einfach die Geweihe mitgenommen;
das brige blieb liegen. Da ein solch grausames Schtzenfest die
harmlosen Rentierherden fr die nchsten paar Wochen verscheuchte und
in entferntere Regionen trieb, liegt auf der Hand. Indes waren die
Spuren des Tieres berall so reichlich vorhanden, da man glauben
konnte, sich auf einem ihrer Hauptweidepltze zu befinden. Auch
brauchte man nicht sehr weit zu gehen, um schn ausgebildete Geweihe
zu finden, welche von den Tieren jeweils im Dezember oder Januar
abgestoen werden.

[Illustration: Gletschereis.]

Eingedenk der vortrefflichen Eigenschaften des Rentieres, seiner
Anspruchslosigkeit betreffs Ernhrung, seiner universellen Ntzlichkeit
und seiner absoluten Unschdlichkeit und in Erinnerung an die
Thatsache, da es, wie fossile Reste -- sogar fossile von Menschenhand
bearbeitete Rentiergeweihe -- es beweisen, einst ber den grern
Teil Mitteleuropas verbreitet gewesen sein mu, fragte ich mich oft,
warum es wohl noch niemandem eingefallen sei, unsere Alpen mit diesen
trefflichen Tieren zu bevlkern. Es ist doch sehr wahrscheinlich, da
sie sich ganz gut akklimatisieren wrden.

Die Nimrode unter den Schiffspassagieren, welche zu bequem waren,
stundenweit bergauf- und thaleinwrts zu laufen, lieen ihre Mordlust
an den arglos herumfliegenden Strandvgeln aus. Piff, paff, puff
knallte es allerorten, und Dutzende von zwecklos getteten oder
verwundeten Enten, Mven und Eidergnsen fielen zur Erde oder zuckten
im letzten Kampfe auf der glatten Meeresflche. Ich freute mich stets
kniglich, wenn ein mit selbstbewuter Sicherheit abgegebener Schu zum
rger des Schtzen und unter Halloh der Zuschauer den einzigen Effekt
hatte, die Flug- oder Schwimmgeschwindigkeit des Zielobjektes um 100
pCt. zu beschleunigen, oder wenn eine Taucherente, welcher der tdliche
Schu galt, blitzschnell unter dem Wasser verschwand, um sehr vergngt
hundert Meter davon entfernt wieder aufzutauchen. Da in Spitzbergen
kein Jagdschein notwendig ist, bleibt es vorlufig das Eldorado aller
Jger, bis die dortige Tierwelt so vernichtet sein wird, da es sich
nicht mehr lohnt, Pulver und Blei dorthin zu tragen. Allerdings sind
ja nur einige Kstenstriche zugnglich und das mit 1000 Fu dicker
Eisschicht bedeckte Landesinnere wird den Eisbren und Polarfchsen
vorlufig noch ein sicherer Hort bleiben; aber wer wei, mit welchen
Mitteln sich das raffinierteste aller Raubtiere, der Mensch, in Zukunft
auch diese unzugnglichen Einden begehbar machen wird!

Die groartigste Jagdepoche Spitzbergens fllt in das siebenzehnte
Jahrhundert. Anno 1607 lenkte der berhmte Seefahrer Hudson die
Aufmerksamkeit der Welt auf die ungeheure Menge von Walfischen,
Walrossen, Robben und wertvollen Pelztieren, welche jene noch wenig
bekannte -- zehn Jahre vorher durch den Hollnder Barents entdeckte --
Inselgruppe bevlkerte. Daraufhin fuhren alle seefahrenden Nationen hin
und lagen sich zwanzig Jahre lang tchtig in den Haaren, bis endlich
durch einen Vertrag die Jagdgrnde geregelt und verteilt wurden.

Die intensivste Fangthtigkeit entfaltete Holland. In der Smeerenberg
(Smeer = Fett; bergen = verwahren) auf der Amsterdaminsel waren
oft gleichzeitig gegen 300 hollndische Schiffe anwesend; whrend
der kurzen Sommermonate bevlkerten ber 12,000 Menschen die de
Landschaft und die Mitternachtssonne war Jahrzehnte lang Zeuge aller
nur denkbaren Laster; das spielend leicht verdiente Geld wanderte in
Spiel- und Trinkhllen und schuf ein arktisches Sodom und Gomorrha.
Der Walfischfang blieb zweihundert Jahre eine so ergiebige Quelle
des Reichtums, da man in Holland unschlssig war, ob dem Hafen von
Smeerenberg oder demjenigen von Batavia grere Bedeutung beizumessen
sei und welcher im Ernstfalle zuerst zu verteidigen wre. Einige Zahlen
mgen diese unglaublichen Thatsachen erhrten:

Der grnlndische Wal, der bis 3000 Zentner schwer wird, bildete
frher das Hauptwild der Gewsser Spitzbergens, hat sich jetzt aber
infolge Jahrhunderte langen rcksichtslosesten Vernichtungskrieges
fast ganz weiter nach Norden verzogen. Ein einziges Exemplar konnte
20,000 Mark an Wert abwerfen. Der Hauptwert liegt in der bis zu 40
Centimeter dicken Speckschichte zwischen Oberhaut und Muskelfleisch,
welche zu Thran ausgesotten wird, und in den sogenannten Barten,
jenen hornigen Kiefergebilden, aus welchen man das Fischbein gewinnt
(2500 Kilogramm per Tier und mehr). Die Barten dienen dem Tiere dazu,
seine Nahrung zu fangen; mit geffnetem Maule von sechs Meter Lnge
und vier Meter Breite durchschwimmt es den Ozean, wobei Millionen
kleinster gallertartiger Meertierchen des durchstrmenden Wassers an
den Bartenhaaren hngen bleiben und verschluckt werden, sobald sie
sich in grerer Menge angesammelt haben. Wenn man erwgt, welche
Billionen dieser kleinsten Organismen tagtglich ntig sind, um einen
derartigen Riesen zu ernhren, so kann man sich eine Vorstellung
machen, in welcher Zahl sie im Ozean enthalten sein mssen. Sie machen
das Polarmeer oft auf meilenweite Entfernung mifarbig, und das
sogenannte schwarze Wasser wird aus naheliegenden Grnden von den
Walfischfngern besonders gerne aufgesucht.

Die Hollnder haben seiner Zeit jeden Sommer zu Hunderten dieser
kostbaren Tiere erlegt, also buchstblich Gold aus dem Meere gehoben.
Genaue Zahlen aus jener Zeit sind mir nicht bekannt; dagegen erfuhr
ich, da eine amerikanische Walfischfanggesellschaft noch 1858 eine
Jagdbeute von 20 Millionen Mark gemacht hat, und da in den letzten
Jahren von den verschiedenen norwegischen Walfischstationen (die wegen
des entsetzlichen Gestankes, den die verwesenden Reste der Riesenleiber
ausstrmen, alle auf Inseln oder von menschlichen Ansiedelungen
entfernten Ksten sich befinden) durchschnittlich 2 bis 3 Millionen
Mark per Jahr und per Station umgesetzt wurden.

Auch hier an der Kste der Adventbay trafen wir allerlei Ueberreste
von Walfischleibern, unter anderm riesige, von der Sonne gebleichte
Rcken-Wirbel, deren einer ein ganz respektables Gewicht reprsentierte.

Der Grnlandwal ist, wie oben erwhnt, in den Gewssern Norwegens
und Spitzbergens fast ganz ausgestorben und in die vom Eise
verbarrikadierten Zonen des hchsten Polarmeeres vertrieben. Die
Arten, die dort noch gejagt werden, sind: der massige und wertvolle
Blauwal, der Finnwal, das lngste Tier der Erde, bis 100 Fu lang, aber
bedeutend schlanker als der Grnwal, und einige kleinere Walarten,
alles sogenannte Furchenwale, weil ihre Bauchhaut im Gegensatz zum
grnlndischen Wale in Lngsfurchen gelegt ist. Der Schrift von Georg
Wegener entnehme ich, da es auch eine Walart mit Zhnen giebt, von
den Seeleuten Speckhugger genannt, weil sie, nach berhmten Mustern,
zu mehreren vereint ihre grten Vettern angreifen und groe Stcke
Speck aus ihrem Leibe herausreien. Es sind Kmpfe beobachtet worden,
bei welchen der gengstigte Grokapitalist in seiner Not weit ber das
Wasser hinaussprang, ohne das er die fest an seinem Bauche hngenden
Schmarotzer abschtteln konnte.

Die Jagd auf Wale ist vier Seemeilen von der Kste entfernt fr
jedermann frei; dagegen darf die Verwertung der Beute nur auf
norwegischem Gebiete stattfinden, weshalb auslndische Fnger nur
im Dienste einer norwegischen Gesellschaft fischen drfen oder aber
einer Aktiengesellschaft angehren mssen, die auch Norweger zu ihren
Mitgliedern zhlt.

In frhern Zeiten war der Walfischfang ein Geschft voll Romantik und
Gefahr. Auf ausgesetztem kleinem Ruderboote mute man sich dem Tiere
so weit zu nhern suchen, da der Harpunier ihm den Widerhaken in den
Leib schleudern konnte; da galt es denn, im gleichen Momente das Boot
aus dem Bereiche der Schwanzflossenschlge des wtenden Tieres zu
bringen, und nachher kamen die kritischen Minuten, wo der davonrasende
verwundete Wal durch Abwickeln der Harpunenleine das Boot in Gefahr
brachte. Oftmals hat eine Strung des blitzschnellen Ablaufes der Rolle
Schiff und Leute in die Tiefe gerissen. Heutzutage bedient man sich zum
Walfischfange jener kleinen Dampfboote, deren wir eines vor Hammerfest
gekreuzt hatten. Es sind eiserne Dampfer von 70-80 Fu Lnge, die
uerst schnell fahren und am Bug eine drehbare Kanone tragen. Die
Harpune, welche dieses Feuerrohr schleudert, ist an langer Leine am
Schiff befestigt und enthlt in ihrem Kopfe ein Sprenggescho, das im
Momente des Eindringens in den Walfischkrper explodiert und lange
Widerhaken hervorschnellen lt; das furchtbar verwundete Tier schiet
mit der Geschwindigkeit eines Blitzzuges in die Tiefe -- gefolgt
von der rasch sich abwickelnden Leine, kommt aber bald wieder zum
Vorschein, um zu atmen oder aber -- bereits verendet. Der Todeskampf
ist zuweilen so furchtbar, da er die ganze See in Aufruhr bringt.
Mit Jubel wird es begrt, wenn das Tier nach dem Harpunenschu Blut
blst, die rote Flagge zeigt; das bedeutet eine ganz rasch tdliche
Verletzung von Herz und Lungen.

Es giebt wohl kein Tier, das fr die Erforschung unserer Erde
eine solche Rolle gespielt hat, wie der Walfisch. Seinen Spuren
folgend drangen Walfischfnger schon in frhen Jahrhunderten bis in
die nrdlichen Meere, und lange vor Kolumbus haben baskische und
normannische Walfischer den Weg nach Amerika zurckgelegt.

[3] Thurgauer Rotwein.

[4] Frauenfelder Geschftsfirma.

[5] Oratorien-Gesang-Verein Frauenfeld, dessen Prsident der Verfasser
ist.

[6] Die Schreibart Rentier -- mit einem =n= -- ist die einzig richtige;
der Name stammt nicht etwa von rennen, sondern von reen, d. h. rein,
also eigentlich _Rein_tier.




~IX.~

     Malerische Gruppe. -- Beutezug an der Kste. -- Fischerzelt. --
     Die Yacht des italienischen Kronprinzen. -- Hotel Spitzbergen.


Unterdessen hatte sich der grte Teil der Schiffspassagiere ans
Land gemacht, und wir bemerkten aus der Entfernung, wie sie sich zu
einem Zuge ordneten, voraus einige Matrosen mit der deutschen, der
amerikanischen und der Hamburger Flagge, dann die Schiffsoffiziere
und die Musik; unter klingendem Spiele bewegte sich der Gewalthaufen
landeinwrts. Da giebt's was zu sehen; also im Trab ber Stock
und Stein und quatschende Pftzen, die Hnde voll friedlichen
Raubs: Pflanzen, Knochen und Steine, in der rechten die flatternde
Schweizerfahne!

Vor einer sachten Erhebung machte der aus allen denkbaren Kostmen und
Toiletten zusammengesetzte Zug Halt, und es wurde zu den vorjhrigen
Gedenkzeichen der Anwesenheit der Auguste Viktoria auf Spitzbergen
ein neues gesetzt, eine hbsch ausgestattete eiserne Tafel mit der
Inschrift: S. S. Auguste Viktoria, Hamburg; 12. Juli 1899. Ueber der
Tafel thronte ein Schild

    ~H~ ~A~
  mit ~P~, getragen von einem Schiffsanker. Das Ganze
    ~A~ ~G~

wurde auf einem eisernen Stativ in den Boden gestoen, mit Steinen
malerisch blockiert und von den Matrosen mit Moosplatten und Blumen
dekoriert. Unter dem Klange der verschiedenen Nationalhymnen (~n. b.~
das Rufst du mein Vaterland der Schweizerkehlen ging in dem Heil
dir im Siegeskranz nicht etwa unter; denn die Eidgenossen stunden,
wie in der Schlacht bei Sempach, dicht beisammen) und Schwenken der
Banner erhielt das Wahrzeichen unserer Nordlandsfahrt seine Weihe.
Dann ordnete man sich (es war in der Person des Herrn Dreesen aus
Flensburg ein vortrefflicher und weltbekannter Berufs-Photograph
anwesend) zu einer malerischen Gruppe, um durch die nordische
Sonne sich verewigen zu lassen. Ahnungslos stunden wir mit unserm
Schweizerfhnlein in vorderer Reihe. Die Flagge muss wech! rief's aus
der Hinterphalanx -- nicht etwa aus Animositt gegen das weie Kreuz
im roten Feld, sondern weil der Reklamant mit Recht es sich verbitten
konnte, da seine Gesichtszge durch ein Stck -- wenn auch noch so
patriotisch flatternden -- Tuches zugedeckt wrden. Wir marschierten
also unverwundet in die hinterste Reihe; von dort her aber fllt
die hochgehaltene Schweizerfahne auf der gelungenen Photographie
zu allererst in die Augen: in der Mitte der Fhnrich, vor ihm die
beiden getreuen Lebensgefhrtinnen, rechts und links als Sttzen des
Vaterlandes Papa Laroche und Professor Bhringer.

Da wurde dann gleich die patriotische Erregung weiter ausgeschmiedet:
Im Glockensund wollten wir am folgenden Tage offiziell das
eidgenssische Banner aufpflanzen und von dem Lande fr Mutter
Helvetia Besitz ergreifen; Professor B. bernahm die Festrede, und
Papa L. wurde einstimmig zum Admiral der schweizerischen Marine
ernannt. In das schne Projekt fiel _ein_ bitterer Tropfen: Die
Flasche Sonnenberger-Thurgauer war bis auf die Nagelprobe geleert;
wir hatten keine zweite zu versenden, und fr den Festredner und
den Admiral blieb als einziger bescheidener Genu das Riechen an der
leeren Flasche, deren Duft aber noch gengte, ihre Zge freundlich
zu verklren. Ein tckischer Polarnebel hat aber den Plan vereitelt
und damit auch die Gefahr einer politischen Intervention des brigen
Europas abgewendet.

Nachdem die Zehntels-Sekunde Ruhe und freundliches Lcheln, welche
der Photograph verlangt hatte, glcklich berstanden war, zerstreute
sich das Volk nach allen Richtungen, und bald bot das fremdartige
Gelnde ein recht malerisches und bewegtes Bild: Ueberall kleinere
Gruppen von entzckten Blumensammlern, da und dort ein blutdrstiger
Jger zum Schu bereit, an allen Ecken Amateurphotographen mnnlichen,
namentlich aber weiblichen und sogar schlichen Geschlechts. Einzelne,
vorab die Schiffsbemannung, strmten, ohne Rcksicht auf bodenlosen
Sumpf, landeinwrts und bergaufwrts, und mnniglich kehrte mit
zusammengelesenen Rentiergeweihen und andern Raritten zurck. Einen
Bren brachte Keiner; auch die grten Blagueure muten gestehen,
keinen solchen, nicht einmal von weitem, erblickt oder gewittert zu
haben. Auch das ersehnte Walro lie sich nirgends sehen.

Wir begngten uns mit dem leicht Erreichbaren, und unser Schatz wuchs
zusehends. Abgesehen von reizenden Pflanzen erbeuteten wir seltene
Mineralien, Steinkohlen, prchtige Versteinerungen von Kryptogamen und
allerlei Blattpflanzen. Dann erregte unser Interesse die Menge und
Verschiedenartigkeit des herumliegenden Treibholzes; teilweise zeigte
sich dasselbe bearbeitet, entstammte also Fahrzeugen, die vielleicht
in Westindien Schiffbruch gelitten hatten und deren Fragmente durch
den Golfstrom hieher gefhrt worden waren. Andere Stcke entpuppten
sich als Lerchen- und Erlenholz, und ich lie mir erzhlen, da an
der Ostkste Spitzbergens erstaunliche Mengen dieser Stmme mit
Regelmigkeit angeschwemmt werden und oft ganze Buchten ausfllen.
Sie wurzelten einst in dem groen sibirischen Stromgebiete, wurden
durch die im Sommer hochanschwellenden Gewsser ihrem Stammorte
entfhrt, ins Meer geschwemmt und gelangten mit dem Polarstrom endlich
an Spitzbergens eisumgrtete Kste. Es ist ja bekannt, da diese
Treibhlzer den Bewohnern der baumlosen Gegenden Grnlands, Islands --
berhaupt der Polarlnder -- seit Jahrhunderten ihr Nutz- und Brennholz
liefern, und die Kenntnis der arktischen Meere und ihrer Strmungen
ist nicht zum mindesten durch das groartige Phnomen des Treibholzes
erweitert worden.

Eine beraus interessante Thatsache ist es, da man in Spitzbergen
oft stundenweit im Innern und auf betrchtlicher Hhe ber dem
Meeresspiegel, zu welcher die grte Springflut niemals gelangen kann,
Treibholz und Walfischknochen findet. Daraus zieht man den Schlu,
da im Laufe der Jahrhunderte entweder das Land sich gehoben oder
das Meer sich gesenkt haben mu. Diese Niveauvernderung wird auch
in Skandinavien beobachtet. Eingehauene Klippenzeichen haben sich
innert 40 Jahren um nahezu 50 Centimeter gehoben, und eiserne Ringe,
die vor vielen Jahren zum Anbinden der Khne dienten und welche durch
einen umgemalten weien Kreis weithin sichtbar gemacht sind, stehen
jetzt so hoch, da sie nicht mehr gebraucht werden knnen. Da man
die alten Strandlinien weder unter sich, noch mit dem Meeresspiegel
parallel findet, wird eher an eine Bodenerhebung, als an ein Sinken der
Wasserflche zu denken sein.

Einige der von mir gesammelten Treibholzstcke mgen seit Jahrhunderten
dort gelegen haben, ohne zu faulen; ihr Volumen ist unverndert,
und die Holzfaserung ist deutlich zu sehen; aber man glaubt zuerst,
ein helles _Mineral_ zu finden, und ist erstaunt ber das geringe,
jedenfalls noch unter demjenigen des Korkholzes stehende spezifische
Gewicht. Auch Ueberreste von Tieren schleppten wir mit, unter anderm
einen Rentierschdel, in dessen Hhlungen sich allerlei arktische Moose
und Bltenpflnzchen angesiedelt hatten; dann Mvenflgel, Knochen,
Geweihe und andere Herrlichkeiten mehr.

Es war sehr unterhaltend, nachher an Bord die vom Lande her
Zurckkehrenden zu beobachten; die unglaublichsten Dinge wurden
hergebracht, und in mancher Kabine sah es gegen das Ende der Fahrt,
namentlich als in Troms die Lappen ihre duftenden Gegenstnde
noch an den Mann und die Frau gebracht hatten, aus wie in einem
Naturalienkabinett; auch die Atmosphre stimmte, und ich will hier
verraten, da verschiedene Passagiere einige von ihren mit Stolz
gezeigten und mit Liebe geborgenen Trophen -- des zunehmenden Aromas
halber -- nchtlicher Weise dem verschwiegenen Ozean anvertrauten. Das
Aroma aber blieb, wie das Phlegma beim Spiritus.

Einen besondern Anziehungspunkt bildete die kleine Ansiedlung der
norwegischen Fischerfamilie, welche im hlzernen Touristenhaus der
Vesteraalen-Dampfschiffgesellschaft berwintert, nun aber ihre Zelte
bezogen hatte und eifrig der Jagd oblag. Ihre edelste Beute war ein
Eisbr, dessen Pelz samt Kopf sie zur Konservierung der Haare in
ein Fa mit Salzlauge gesteckt hatten. 180 Kronen d. h. zirka 250
Franken sollte das Prachtstck kosten (in Bergen wurde fr einen
ausgearbeiteten Pelz gleicher Gre das 2-1/2fache verlangt), und um
150 Kronen erstand es schlielich ein Herr kurz vor der Abfahrt der
Auguste Viktoria, von Vielen beneidet um den Kauf, zu dem sie die
Courage nicht gehabt hatten. Da wiederholte sich dann die Geschichte
vom Fuchs und den sauren Trauben; die Farbe des Pelzes war nicht
schn; wahrscheinlich lieen die Haare sehr bald; das Ausmachen wrde
ein Heidengeld kosten etc. etc. Aber ein Esel war ich doch, da ich
den Prachtskerl nicht gekauft habe; so 'n Fell! und dazu direkt ab
Spitzbergen! meinte ein Ehrlicher.

So lange der Eisbr keinen festen Besitzer hatte, wurde er gehrig
ausgentzt. Die zartesten Damen lieen sich an der Seite des grausamen
Tieres, dessen Kopf allerdings kaum mehr blutdrstig aus der Salzlauge
hervorguckte, photographieren. Einige von Photograph Dreesen
arrangierte Gruppen vor der Fischerhtte, inmitten der mannigfachen
Beute um den mchtigen Kopf des nordischen Eisknigs gelagert und
durch die schlichten Fischersleute verstrkt, verdienten das Attribut
malerisch im hchsten Grade.

Als wir wissensdurstige (neugierige?) Schweizer unsere Kpfe ins Innere
des Hauptzeltes steckten, lagen die Mnner noch schnarchend unter ihren
Fellen am Boden, whrend die Frauen und ein zirka sechsjhriges Kind
sehr munter die vielen Fremdlinge musterten. Der Haus- und Familienhund
-- ein langhaariger Spitz -- hatte lngst das Weite gesucht; auf zirka
200 Meter Distanz bellte er die >Auguste Viktoria< und ihre am Land
promenierenden Insaen an und beantwortete jeden Lockruf und jede
Annherung damit, da er davon und wie verrckt in weiten Kreisen
herumrannte.

Das niedrige Zelt enthielt auer den Schlaflagern die unerllichsten
Haushaltungs- und Kchengegenstnde; neben der Kaffeemhle thronte
eine Guitarre, die wohl einst die mehrmonatliche Polarnacht krzen
half. Wie melancholisch mgen ihre Saiten in die nordlichtdmmernde
Eiswste hinausgeklungen und was werden sich die lauschenden Bren und
Blaufchse dabei gedacht haben!

Unterdessen erhoben sich auch die Vter des Fischerzeltes und
erffneten sofort einen kleinen Markt; auer der mannigfachen
Jagdbeute: kostbaren Fuchsblgen -- bis 100 Kronen pro Stck gewertet
-- Rentier- und Robbenfellen und Geweihen, getrockneten und frischen
Fischen und Vgeln aller Arten wurden namentlich auch sehr schne
Versteinerungen feilgeboten, welche sie bei Jagdstreifzgen in den
nchstliegenden Thlern und Gebirgsstcken gesammelt hatten.

Einige Scke voll Eiderdaunen stunden verkaufsbereit, jener feinsten
Flaumfedern, mit welchen die Eidergnse ihre Brutnester dicht und
warm polstern und welche ihnen von den Sammlern unter dem Leibe und
den Eiern weggeraubt werden, meist mit samt einem Teil der letztern.
Ich beobachtete eben einen originellen Handel, den der eine unserer
norwegischen Lotsen abschlo, als Hochzeitsgeschenk fr seine drei
im kommenden Monat gleichzeitig sich verheiratenden Tchter, wie er
mir sagte. Die zwei Fischer offerierten ihm einen mit Eiderdaunen
vollgestopften Sack zu 50 Mark. Das Gewicht taxierten sie -- da eine
Wage fehlte -- aus freier Schtzung auf 50 Kilo, Wgung vorbehalten.
Der Kufer bezweifelte die Richtigkeit der Taxation, und als ich, als
Unparteiischer darum ersucht, die Last auf hchstens 40 Kilo schtzte,
wurde ohne weiteres von den Fischern _dieses_ Gewicht in Rechnung
gesetzt und der Preis auf 40 Mark reduziert. Der Kufer machte ein
gutes Geschft. Beim Reinigen der Daunen gehen allerdings fast zwei
Drittel verloren, so da ihn schlielich -- die Reinigungsspesen
mitbercksichtigt -- das Kilo auf 4 Mark zu stehen kommen wird. Aber
schon in Tromsoe bezahlt man 36 Mark pro Kilo, und weiter sdwrts
sind die Preise noch hher. Alles in allem wird also der Vater seinen
Tchtern je ein Geschenk im Werte von 180 Mark machen, fr welches er
nur 20 Mark zu bezahlen brauchte.

Gegen Abend -- als wir schon die Hauptmahlzeit hinter uns hatten --
also zirka 9 Uhr, tauchte pltzlich eine Yacht auf, die vom Eisfjord
her sich unserer Bay nherte. Wer mochte das sein? Bald erkannte
das Auge des Kapitns die italienische Flagge und signalisierte den
Kronprinzen von Italien mit Gemahlin und Gefolge. Rasch wanderte das
grende Flaggenzeichen auf die Mastspitze; die Kapelle erhielt Ordre,
die kniglichen Gste anzublasen und sich zur Empfangshymne bereit zu
stellen, und -- was Beine hatte -- stund auf Promenadendeck, um die
Ankmmlinge zu sehen. Jetzt -- ein mchtig widerhallender Salutschu.
Die kronprinzliche Yacht ist in unmittelbarer Nhe und beginnt grend
unsern Schiffskolo zu umkreisen. In diesem Moment intoniert unsere
wackere Schiffskapelle im Bewutsein, ganz das Richtige getroffen zu
haben -- den Garibaldimarsch. Potz Wetter, gab das eine Aufregung!
Der erste Schiffsoffizier kam im Galopp gerannt und benannte den
Kapellmeister mit dem obersten Bestandteil einer ntzlichen und
sonst harmlosen zoologischen Spezies; die Harmonien brachen bei dem
zirka siebenten Takte jh ab und es kam umgehend zum Vortrag die
regelrechte kniglich italienische Nationalhymne. Ob der Kronprinz
den Lapsus bemerkt, wei ich nicht; eingedenk der guten Freundschaft
zwischen seinem Grovater und dem Manne, der ihm die Krone brachte,
Garibaldi, htte er sich jedenfalls nicht darber zu rgern brauchen.

Neben der Junogestalt seiner montenegrinischen Gattin sah der kleinere
und schwchliche italienische Thronfolger nicht gerade imponierend aus.
In dem gebrechlichen Krper soll aber, wie zuverlssige italienische
Berichterstatter uns sagten, ein feingebildeter Geist und trefflicher
Charakter wohnen.

[Illustration: Yacht des Kronprinzen von Italien vor Spitzbergen.]

Die Yacht war -- nachdem sie dem Herzog der Abruzzen das Geleit
gegeben -- hieher gekommen, um wo mglich Proviant aufzunehmen; da das
Adventbayunterkunftshaus aber noch leer stund, mute sie unverrichteter
Sache weiterfahren. Selbstverstndlich hatte es sich unser italienische
Frst nicht nehmen lassen, die kniglichen Hoheiten rasch an Bord
ihres Fahrzeuges zu besuchen. Dreimal umkreiste dasselbe unsere stolze
Auguste Viktoria; dann richtete es seinen Kurs unter gegenseitigem
Winken und Tcherwehen und Abschiedsrufen nach Sden.

Als Nansen am 26. Juli 1896 nach dreijhriger Abwesenheit im
Polareise auf Franz Josephsland zum erstenmal wieder mit Menschen
zusammentraf, erfllte ihn keine aus der Heimat eingehende Nachricht
mit solchem Staunen, wie die Kunde von dem Touristenhotel, welches
die Vesteraalen-Dampfergesellschaft auf Spitzbergen errichtet hatte.
Es war auch wirklich eine ~fin de sicle~-That, in dem einsamen
nordischen Inselreiche, das bisher nur von Walfischfngern und
Nordpolfahrern berhrt worden, ein Unterkunftshaus fr Touristen zu
schaffen, dasselbe whrend der zwei Sommermonate durch regelmigen
zehntgigen Dampferverkehr mit dem norwegischen Festlande zu verbinden
und sogar -- ein Postamt, natrlich mit Ansichtspostkarten, daselbst
zu installieren. Kommandant des zwischen Spitzbergen und Hammerfest
zirkulierenden Dampfers ist Otto Sverdrup, der berhmte Kapitn der
Fram Nansens; als Wirt auf Spitzbergen funktioniert jener Bernt
Bentsen, welcher von Nansen seinerzeit noch in letzter Stunde vor
Abfahrt der Fram in Tromsoe fr die Nordpolexpedition angeworben war.
Sportsleute haben nun Gelegenheit, mit Retourbillet nach Spitzbergen zu
fahren und nach Belieben einige Wochen in der Adventbay zu verweilen.
Alles zur Meer- und Kstenjagd Notwendige steht dort zu ihrer
Verfgung, und fr 10 Kronen (zirka 14 Franken) per Tag finden sie in
dem Hotel reichliche und gute Verpflegung und Unterkunft.

Wie schon gemeldet, war die Bude whrend unserer Anwesenheit noch
geschlossen, da der Dampfer, welcher Wirt und Proviant und die ganze
Installation bringen sollte, das blockierende Eis nicht zu durchdringen
vermochte. Die Gesellschaft hat allen Grund, dies zu bedauern; denn die
350 Passagiere der Auguste Viktoria, von den durstigen Musikanten
und Schiffsleuten nicht zu sprechen, htten ihr eine reiche Einnahme
gesichert. Einen Schoppen auf Spitzbergen htte jeder getrunken und
der Raritt halber wohl auch ein bichen Walfischragout oder hnliches
gekostet.

Das kleine Hotel macht, aus der Nhe gesehen, einen ganz freundlichen
Eindruck; es ist ein einstckiges Holzhaus im Chaletstil mit gerumiger
Veranda. An ein greres Speisezimmer mit Wiener Sesseln reihen
sich beidseitig kleine schmucklose Schlafrume an mit je 4-6 nach
Art der Schiffskojen bereinander angebrachten Holzpritschen. Ein
Miniatureckzimmerchen war, wie einzelne rudimentre Utensilien erkennen
lieen, Postoffice und Schreibsalon. Sogar ein halbvollendeter
norwegischer Brief lag auf dem tintenbeklexten Lschpapier.

Wir umstberten das einsame Haus wie Einbrecher, probierten jede
Klinke, suchten jeden Laden, dessen Jalousien drftigen Einblick
gewhrte, zu ffnen, und einige junge Amerikaner erstiegen unter
Fhrung des Schiffsposthalters sogar das Dach, von wo sie sich Eingang
verschaffen konnten. Ihre Beute waren einige sehr leere Champagner- und
Bierflaschen.

Zum Schlusse postierten sich die 10 Mitglieder unserer
Tischgesellschaft mglichst malerisch auf der Veranda und lieen sich,
um ein bleibendes Andenken an den mehrwchentlichen gemtlichen Verkehr
auf der Auguste Viktoria zu haben, photographieren. Der Zahlmeister
des Schiffes -- gar nicht unser Freund -- hatte die Unverfrorenheit,
sich uneingeladen der Gruppe auch einzuverleiben; wir rchten uns
dadurch, da wir beschlossen, den gutgenhrten, etwas protzigen Herrn
in Uniform auf unserm Bilde als -- Hotelportier zu deklarieren.

[Illustration: Hotel Adventbay (Spitzbergen).]

Die ganze Nacht -- sie war ja taghell, flogen die Dampfbarkassen
zwischen Schiff und Kste hin und her. Immer wieder zog's einen ans
Land, um nochmals die Wunder der nordischen Bltenwelt aus der Nhe zu
sehen oder noch irgend etwas Interessantes zu erleben oder zu erbeuten.

Und an Bord herrschte die allerbeste Stimmung. Die sonnige Nacht
war so lau, da man ohne berzieher auf Deck lustwandeln oder
bequem ausgestreckt die wunderbare Szenerie genieen konnte. Mit
berraschender Schrfe stachen die Konturen der Gebirge und Firnfelder
gegen den blauen Himmel ab, und die auf der Uferlandschaft noch
herumkrabbelnden Touristlein sah man in all' ihren Bewegungen
lcherlich deutlich. Der Kontrast zwischen der Eintagsfliege Mensch
und den grandiosen Marksteinen der Ewigkeit ist mir kaum je so zum
Bewutsein gekommen.

Zu Bett mochte niemand; das erhebende Gefhl, glcklich am Endziel der
Fahrt angelangt zu sein, und eine Flut ganz neuer, ungeahnter Eindrcke
verscheuchte allen Schlaf. Im Biersalon wurde -- ohne Respekt vor der
Polizeistunde -- stramm konzertiert; nach Mitternacht zog's auch uns
solide Naturkneiper noch zu Pschorr und belegten Brtchen, und wir
erwischten als Zugemse gerade noch den geistreichen Berliner-Walzer:
Ist denn kein Stuhl da, Stuhl da, Stuhl da fr meine Hulda, Hulda,
Hulda?, der von der ganzen frhlichen Gesellschaft -- in allen
Stimmlagen und Geschlechtern -- gleichviel ob leer der Mund oder
proviantvoll -- mit der ntigen Inbrunst mitgesungen wurde.

Endlich gab's Ruhe und Frieden; der grte Teil der Menschheit
schlief, unbekmmert um die nachtschwrmenden Ausnahmen, und erwachte
erst, als andern Morgens in aller Frhe die Ankerkette rasselte und
unser Meerriese wieder zu atmen und sich zu recken begann.




~X.~

     Abfahrt aus der Adventbay. -- Polarnebel. -- Seekrankheit. --
     Herrliche Einfahrt in den Fjord von Tromsoe.


Der Morgen des 13. Juli war nicht von tadelloser Schnheit. Nebel und
Wolken verhllten den grern Teil der majesttischen Gebirgs- und
Gletscherlandschaft; aber das Gewlk war in Bewegung und wer whrend
der Ausfahrt aus dem Eisfjord auf Deck stund und rckwrts schaute,
konnte abteilungsweise nochmals alle die Herrlichkeiten genieen,
welche sich tags zuvor ihm eingeprgt hatten. Bald erschien ein
imposanter schneebedeckter Gebirgsstock in der Wolkenlcke, bald ein
sonnenglnzender Gletscher, dessen Ende nicht abzusehen war, bald ein
grnender, schneefleckiger Abhang, und oft glaubte man, die Strahlen
der Sonne mten im nchsten Augenblicke den Schleier zerreien, der
ber der nordischen Landschaft hing. Aber wenn eben die Konturen
erscheinen wollten und man im Begriff war, das malerische Gesamtbild
der Kste Spitzbergens nochmals in sich aufzunehmen, so verschwand es
wieder in dem neckischen Naturspiel, und man mute zufrieden sein,
in irgend einem Teile des Gesichtsfeldes ein kleines Stck Welt zu
erblicken.

Je mehr wir uns dem offenen Meere nherten, desto dichter wurden Gewlk
und Nebel; schlielich sah man kaum mehr zehn Schritte vorwrts; der
Nachbar auf Deck erschien, auch wenn man fast Schulter an Schulter
mit ihm stund, in ziemlicher Entfernung, und man konversierte wie
Schwerhrige oder durch Hauslngen Getrennte.

Vom Kapitn erging der Befehl, die wasserdichte Schotte zu schlieen
und die Rettungsboote klar zu machen. Dann ertnte jede Minute das
schreckliche Getse des Nebelhorns. Diese Maregeln hatten fr Nervse
und Zaghafte etwas Beunruhigendes; dem ruhig berlegenden gaben sie ein
Gefhl von Sicherheit. Immerhin mag da und dort einer die Querschotte
zum Kuckuck gewnscht haben, wenn er -- vielleicht in sehr pressanten
Geschften -- von seiner Kabine aus eine kleine Exkursion unternehmen
wollte und die altgewohnten Wege pltzlich durch eine eiserne Wand
verrammelt sah.

Langsam, langsam durchschnitt unser Schiff Nebel und Wellen; Kapitn
und Lotsen verlieen die Kommandobrcke nie, und auf jedem Auslugposten
sphte ein Matrose in die graue Ungewiheit hinaus. Das Bewutsein,
mglicherweise in unmittelbarer Nhe der Yacht des italienischen
Kronprinzen zu sein und sie gelegentlich anzurennen, mag wohl die
Aufmerksamkeit und Vorsicht noch vermehrt haben.

Nach 2 Uhr muten wir auf der Hhe des Bellsund sein, in den wir
einlaufen sollten. Das war nun allerdings in dem Nebel eine absolute
Unmglichkeit. Der Kapitn lie anhalten; in fast lautloser Stille,
welche nur das grauenhafte Heulen des Nebelhorns unterbrach, hob und
senkte sich unser mchtiges Schiff auf der nebelbedeckten Flut und in
gespannter Erwartung harrten wir des Momentes, wo der Nebel zerreien
und wir die Riesengletscher des Glockensundes erblicken knnten. Aber
er kam nicht und nach 1-1/2-stndigem Warten meldete ein Anschlag, da
ein Anlaufen des Bellsundes leider unmglich sei und die Fahrt nach
Tromsoe fortgesetzt werden msse. Dann begann wieder das rhythmische
Gerusch der Maschinen; unser Schiff drehte nach Sden und wir
schwenkten die Hte und riefen dem naheliegenden, aber unsichtbaren
Spitzbergen unser Lebewohl zu -- alle, trotz der Enttuschung, in ganz
vergngter Stimmung, nach und nach sogar Professor B., der doch seine
zweifellos schne, fr den Bellsund bestimmte Schtzenfestrede nicht
hatte ablassen knnen.

Der Nebel wich nicht bis zum spten Abend, und wir fuhren nur mit
halber Geschwindigkeit, die brigens, um Kohlen zu sparen, bis
Tromsoe beibehalten wurde, auch nachdem die Welt wieder durchsichtig
geworden war. Auf Deck blieb noch alles vollzhlig, whrend die
Reihen an der Tafel bedenkliche Lcken aufwiesen. Das Drama, bla und
angstschweitriefend mit zugehaltenem Munde pltzlich bei der besten
Nummer des Menus vom Tische aufzustehen und -- von hundert mitleidlosen
Augenpaaren verfolgt -- hinauszuwanken, mochten Vorsichtige nicht
riskieren; wenn man zu spt kommt, ist's fr alle Beteiligten
unangenehm. Aber auch unter den Tapfern, die mutig vor ihrem
beladenen Teller saen, gab's einige Opfer, und ich sah k. k. hhere
Staatsbeamte, deren sonst blhende Gesichtsfarbe wachsbleich geworden
und deren Gangart beim pltzlichen Verlassen des Speisesaales von ihrer
gewohnten Gravitt auffallend eingebt hatte. Oben schimpften sie
dann ber das elende Sodawasser, mit dem sie sich gestern den Magen
verdorben htten.

Probiert wurde wohl alles gegen die Seekrankheit: Fasten, wenig essen
und trinken, viel essen und trinken (das zuletzt genannte Verfahren
fand die meisten Liebhaber), Tropfen, Zeltli, Pulver, Cognac, Sekt
etc., und eine Lady schtzte sich gegen den gefrchteten Zustand durch
das Aufsetzen einer -- dunkelroten Brille. Die Sache ist nicht so ganz
widersinnig, als sie auf den ersten Blick aussieht. Der Ausgangspunkt
der Krankheit ist das Gehirn, nicht der Magen, und es mag wohl sein,
da die Eintrittspforten des Gesichtsorganes dabei eine wichtige Rolle
spielen. Wenigstens erleichtert das Schlieen der Augen die Pein
um etwas. Geistige Ablenkung thut auch gut; die Skater und Jasser
brauchten keine Brechschsseln, und eine Dame, die der Krankheit sehr
unterworfen ist, erzhlte mir, da sie und ihr Mann vollstndig gefeit
die Fahrt ber das sehr strmische mittellndische Meer gemacht htten,
nachdem sie bei der Ausfahrt aus Alexandrien zu ihrem groen und
nachhaltigen Schrecken die Thatsache entdeckt, da ihnen eine Tasche
mit 6000 Franken in Gold beim Einbooten gestohlen worden war.

Unser Trio blieb vorlufig gesund -- meine Wenigkeit fr alle Zeiten
-- und nach Tisch musterte ich frhlich rauchend die verschiedenen
Situationen auf dem Promenadendeck. Wie zum Hohne spielte die Kapelle
einen Strauwalzer: Wein, Weib und Gesang: Was soll die Angst,
was soll die Pein? Diese Reminiscenz an das letzte Konzert des
Oratorien-Gesang-Vereins im neuen Saale des Hotels Bahnhof trieb dem
Prses fast das Wasser in die Augen.

Am heutigen Abend stieg nun allerdings jeder und jede sehr rasch in die
Klappe; das Meer wurde recht unangenehm, und von Schlafen war nicht
die Rede. Gechz rechts und links und gegenber in den Kabinen, und
noch prgnantere Gerusche bildeten die musikalische Unterhaltung.
Mein ~Vis--vis~ -- ein strammer Rittmeister -- wurde als hlflose
Jammergestalt von dem braven Steward zu Bett gebracht und mit wahrhaft
mtterlicher Sorgfalt und Ratschlgen zugedeckt: So jetzt legen Sie
sich 'mal steif auf den Rcken, den Kopf tief und schlieen Sie die
Augen und schnaufen Sie, was das Zeug hlt, und wenn's was gibt, so
ist hier gleich beim Kopfende ein Aschenbecher. Von dieser Form sind
die blechernen Behlter, welche die vorsorgliche Auguste Viktoria
ihren Gsten bei zweifelhaften Zustnden empfangsbereit an das
Schmerzenslager steckt.

Na nu! Das Ding wird aber ungemtlich! Das hob sich und senkte sich
und legte sich ein bichen nach rechts und ein bichen nach links,
bald der Vorsteven hher, bald der Hintersteven, und hie und da hatte
man die schwer zu beschreibende Empfindung, als ob alle Bewegungen
auf einmal sich vollzgen und im Innern des Krpers die entsprechende
spiralige Verkrmmung der Seele hervorriefen. Sogar meine hinter den
Spiegel gesteckte Schweizerfahne verlor das Gleichgewicht und fiel nach
Mitternacht mit Gepolter zu Boden.

Frhzeitig und gerne verlie man seine Lagersttte, an deren Holzwerk
sich bald die rechten, bald die linken Rippen gescheuert hatten, und
bestieg etwas gerdert das Deck, wo's wenigstens herrlich frische Luft
gab und das wiederholte Schauspiel spritzender Wale. Das Wetter hatte
sich gebessert. Der Nebel war ganz gewichen; richtiger -- wir waren
indessen in nebelfreie sdlichere Breiten gekommen. Spitzbergen selbst
mag noch lnger in seinem undurchsichtigen und kalten Gewand gesteckt
haben.

Unsere Kapelle blies zu ungewohnter Stunde -- schon vor dem ersten
Frhstck -- eine choralartige Melodie; darber befragt, gab unser
beraus hfliche und deshalb eine Antwort nie versagende Tischsteward
die Auskunft, es sei heute deutscher Bu-, Dank- und Bettag. Unsere
darauf eingestellte Stimmung geriet aber ins Wanken, sobald als Nr. 2
des musikalischen Programmes die Holzauk'tschon im Grunewald ertnte,
und der nie verlegene Kellner berichtigte dann sofort den Bu- und
Bettag in das Geburtsfest Wanamakers, welchem die Kapelle ein Stndchen
brachte, und das stimmte denn auch.

Gegen Abend waren wir schon wieder im Bereich der norwegischen
Schren und glitten ruhig und bei herrlichstem klarem Himmel durch die
spiegelglatten Fluten, jeden Augenblick durch ein neues Landschaftsbild
entzckt. Alles war wieder gesund und vergngt. Wir schienen innert
Tagesfrist in eine ganz andere Welt versetzt. Das Schauspiel der
Mitternachtssonne erlebten wir hier in einer Pracht, wie es wohl
Nordlandsfahrern selten so zu teil wird. Solche Farbengluten hatte
ich nie zuvor gesehen, und wenn man im berma des Entzckens das
Allerschnste zu sehen und zu genieen glaubte, so brachte eine
Wendung des Schiffes -- eine Biegung um eine Landzunge -- das vorher
Unglaubliche -- eine nochmalige Steigerung der prachtvollen Szenerie.
Die photographischen Apparate waren die ganze Nacht in Thtigkeit und
einzelne Passagiergruppen lieen sich der Kuriositt halber beim Glanze
der Mitternachtssonne abkonterfeien.

Bis halb 3 Uhr saen und stunden wir dann, ein weihevoll, ja dieser
gttlichen Naturoffenbarung gegenber fromm gestimmtes Volk, dicht
gedrngt auf dem Vorderdeck und lieen die Wunder Gottes an uns
vorberziehen. Die nach Tromsoe leitenden Fjords zeigen saftig grne
Ufer am Fue schnee- und gletschergekrnter, steilaufsteigender
Berginseln; ab und zu erblickt man eine menschliche Niederlassung,
eine kleine freundliche Kirche, umgeben von Fischerhtten. Trotz der
vorgerckten Stunde war das Wasser sehr belebt. Malerische Segler,
Fischerboote kreuzten, whrend die Insassen die Netze auswarfen. Einmal
grten wir auch einen Walfischdampfer, und wo das Ufer bewohnt war,
nahten sich kleine Khne mit neugierigen Mdchen unserm langsam und
ruhig dahingleitenden Riesen. -- Diese kleinen Fahrzeuge sind nach
Art der Wikingerschiffe vorn und hinten hoch aufgebaut und gewhren,
namentlich wenn bunt gekleidete Norwegerinnen am Ruder und Steuer
sitzen, einen uerst malerischen Anblick. Da ereignete es sich dann
allerdings, da die weihevolle Stille pltzlich durch lautes Zurufen
und Gren unterbrochen wurde, und die freundlichen Wikingerinnen
lieen mit Winken nicht nach, bis wir um eine Ecke ihrem Gesichtskreis
entschwunden waren.

Gegen halb 3 Uhr erfllte ich die schwere Pflicht, die mrchenhaft
schne Welt zu verlassen und mich fr einige Stunden zu Bett zu
legen. Aber das ging nicht leicht; kaum hatte ich einige Schritte in
der Richtung meiner 80 Meter weiter zurckliegenden Kabine gethan,
so wurden sie durch neue Ausrufe des Entzckens der staunenden Menge
gehemmt, und ich _mute_ mich immer wieder umdrehen und immer wieder
nochmals beide Augen voll nehmen von der Pracht und Herrlichkeit.

Endlich lag ich und -- schlief nicht, aber ruhte und zehrte an
dem Bewutsein, da diese Einfahrt nach Tromsoe im Glanze der
Mitternachtssonne und im Gegensatze zu der kurz vorher erlebten
Polarnebelde wohl das Schnste an der ganzen Reise sein und bleiben
werde. Und doch gab's noch weitere Steigerungen!




~XI.~

     Ankunft in Tromsoe. -- Besuch im Lappenlager. -- Die Stadt
     Tromsoe. -- Kstenlappen. -- Musikabend an Bord. -- Spaziergang
     beim Schein der Mitternachtssonne.


Gegen 8 Uhr fuhren wir in den eigentlichen Tromsoesund, welcher,
zirka 500 Meter breit, die Insel mit der gleichnamigen Stadt von dem
norwegischen Festlande trennt. Die Temperatur war eine so unerwartet
hohe, sommerlich schwle, da sie einen schweitriefenden Berliner
Kommerzienrat zu dem Reime entflammte:

    Gestern in Spitzbergen,
    Heute in Schwitzbergen

Tromsoe ist eine Stadt von 6300 Einwohnern, mit lebhaftem Fisch-,
Thran- und Pelzhandel; sie nimmt sich vom Sund her ganz stattlich aus.
Die groen, der Fischereiindustrie dienenden Strandhuser -- Magazine,
Drranstalten, Schiffswerften etc. -- stehen auf hohen Pfhlen, die
je nach Ebbe oder Flut mehr oder weniger im Wasser verschwinden. Man
glaubt eine Pfahlbaustation vor sich zu haben. Aus dem Hauptstadtbilde,
das im wesentlichen aus Holzhusern besteht, springen einige Kirchen
und als grere Bauten das neue Museum, das Gymnasium und ein
Lehrerseminar in die Augen.

Der Abhang des Berges, an dessen Fu Tromsoe liegt, ist teilweise mit
Birken und Ebereschen bewachsen und in den grern Lichtungen des
Dnen-Waldes liegen recht hbsche Villen mit gaisblattumrankten
Altanen; zu oberst auf dem Berge ist der Abend-Korso von ganz Tromsoe
-- ein Vergngungsgarten, in welchem nur alkoholfreie Getrnke zu haben
sind. Der wrde bei uns leer stehen; in Norwegen aber bildet er den
Mittelpunkt einer frhlichen und -- wie man mir sagte -- niemals ins
Rohe ausartenden Geselligkeit.

Sehr interessant ist das Leben im _Hafen_ von Tromsoe; dort liegen
auer Frachtdampfern und Seglern verschiedener Nationen namentlich auch
die fr den Fang von Walrossen, Robben und Walfischen ausgersteten
Jagdschiffe. Mitten im Sund ankerte die weiglnzende Yacht des Frsten
von Monaco, die wohl mit dem Ertrag des prunkvollen Elendes in Monte
Carlo erbaut und unterhalten wurde. Von unserm Schiffe aus bemerkten
wir whrend der Einfahrt ein uerst bewegtes Leben auf dem weithin
sichtbaren Hauptplatze der Stadt -- eine bunte Volksmenge, welche
mit Fahnen und Blechmusik sich vorwrts schob. Wir vermuteten eine
kirchliche Prozession; es handelte sich aber, wie wir nachher erfuhren
-- um ein Schtzenfest. Also auch hier wie bei uns.

Unter den Klngen der norwegischen Hymne und Gren vom Strande zum
Deck und umgekehrt fiel der Anker. Der erste, der nun in Funktion
trat, war unser wackerer Postmeister. Die in Tromsoe auf uns wartenden
Postsendungen wurden an Bord geschafft und im Konversationssaal zu
Hnden ihrer Adressaten unter die Stewards verteilt -- bei sorgfltig
verschlossenen Thren, um die ungeduldig harrenden und andrngenden
briefgierigen Passagiere fernzuhalten. Vierzehn Tage waren wir nun
ohne Nachrichten aus der Heimat, wenn auch nicht ohne alle Kunde von
der Welt; denn an jeder Haltestation, wo Telegraph und Zeitungen sich
fanden, wurde von einem Vertreter der Hapag in englischer und deutscher
Sprache ein Extrakt der wichtigsten Weltereignisse angefertigt und
jeweils am schwarzen Brette unseres Schiffes angeschlagen, wo's dann
nachher zirka eine Stunde lang her- und zuging wie auf einer Brse.

Das allgemeine Programm fr den heutigen Tag lautete: Vormittags
Sehenswrdigkeiten in Tromsoe, nachmittags Besuch des Lappenlagers
in Tromsdal auf dem gegenberliegenden Festlande. Wir drei machten
die Sache in umgekehrter Reihenfolge, um dem Gedrnge zu entgehen und
ungestrt beobachten und genieen zu knnen. Whrend die Dampfbarkassen
Gruppe um Gruppe nach Westen ans Land fhrten, suchte ich mir unter
den unser Schiff umkreisenden norwegischen und lappischen Booten ein
passendes heraus, dem ich die Leiber von drei Eidgenossen anvertrauen
durfte. Es war ein wetterharter, muskelstarker Frithjof, der uns auf
kleinem Nachen ostwrts ber den Sund ruderte. Wir bentzten die
stille Ueberfahrt, um ungestrt durch das nahe Getriebe der Welt die
eingegangenen Briefe zu lesen, ersehnte Nachrichten aus der Heimat,
gottlob von allen Seiten nur Gutes. Das hob unsere Reisestimmung.

Nach halbstndiger Fahrt erreichten wir Storstennaes (Naes = Nase,
eine in Norwegen immer wiederkehrende Ortsbezeichnung fr auf
Landzungen gelegene Ortschaften), wo einige Bauernhfe und auch ein
kleines Gasthaus den Eingang in das grne Romsdal hten. Ein breiter
Fuweg fhrt durch Wiesen und dann durch einen lichten Wald von 3-5
Meter hohen Birken sanft aufsteigend thalaufwrts, whrend in der
Tiefe ein rauschender Strom dem Fjorde zueilt. Die Luft war hei
und schwl und zahllose Mcken peinigten die Wanderer, fast wie in
tropischem Lande; hie und da war auch ein den Pfad kreuzender Bergbach
zu durchwaten. Aber was focht uns das alles an? Rechts und links vom
Wege duftete es wunderbar -- reizende Waldblumen in allen Farben;
gradaus fiel der Blick auf den unten lichtgrnen, oben schneebedeckten
Tromsdalstind, der das Thal gegen Osten abschliet, rckwrts glnzte
der blaue Fjord und seitwrts in der Tiefe schumte ein ungestmes,
breites Schneewasser. Ab und zu begegneten wir bereits einigen Lappen,
die mit selbstverfertigten Artikeln zu Markte zogen, in Rentierfelle
oder blaue Kittel gekleidet, schmutzig und unsagbar duftig, jeder, wie
der Erdball, mit und in seiner eigenen Atmosphre kreisend. Wehe dem,
der sie kreuzte! Aber die Gesichtsbildung fanden wir durchaus nicht
hlich, wie man sie sonst schildert, weder beim weiblichen noch beim
mnnlichen Geschlechte, und wenn wir einen Jungen oder Alten mit unserm
stereotypen Gru: Gretzi Lappi anredeten, ging sogar etwas recht
Freundliches, fast Anmutiges ber seine Zge.

Nach 3/4stndigem Marsche und einigen schlielichen Seufzern ber
Hitze und Schnacken hatten wir das Ziel erreicht und befanden uns
inmitten des Lappenlagers, einer zerstreuten Gruppe von Stein- und
Lehmhtten; auch einige durch Birkenstmme gesttzte Leinwandzelte
liegen dazwischen, bevlkert durch Lappen aller Lebensalter und durch
Ziegen, Khe und Hunde, welche in friedlichem Durcheinander sich in die
herrlich grnen, aber stellenweise morastigen Rasenpltze teilten.

Die Lappen im Norden Schwedens, Norwegens und Rulands -- deren Zahl
sich gegenwrtig auf 30,000 beluft -- sind der letzte Ueberrest des
groen Stammes, der einst ganz Skandinavien beherrschte. Nach einem
Grenzvertrag vom Jahre 1751 haben die schwedischen Lappen das Recht,
mit ihren Rentieren im Sommer nach der norwegischen Meereskste zu
ziehen und dort zu weiden, wogegen den norwegischen Lappen und ihren
Herden im Winter das waldigere, geschtztere schwedische Land offen
steht. Zur Zeit sind es nur noch gegen 2000 der in Skandinavien
lebenden Lappen, welche nomadisieren, whrend die brigen, also die
Mehrzahl, sich im Laufe der letzten Jahrhunderte wesentlich unter
dem Einflusse der auch nach Norden drngenden sehaften Norweger als
Fischer und Handwerker in schmutzigen Htten angesiedelt hat, ohne
aber ihre ethnographischen Eigentmlichkeiten einzuben. Der einzige
Reichtum der nomadisierenden Lappen besteht in ihren Rentierherden;
vom Rentier entnehmen sie alles, was sie zu ihrer Nahrung und Kleidung
bedrfen. Aber fr den Unterhalt einer einzigen Familie ist eine
betrchtliche Zahl notwendig; wer nicht mehr als 100 Tiere besitzt, mu
sich schon einem greren Besitzer anschlieen, zu welchem er dann in
ein Dienstverhltnis tritt.

Das von uns besuchte Lappenlager zhlt zirka 10 associerte Familien, zu
welchen Rentierherden von insgesamt 3000 Stck gehren.

[Illustration: Lappen.]

Whrend aber ein paar milchliefernde Khe und Ziegen getreulich
im Lager bleiben, streifen die Rentiere stundenweit ber Berge und
Schneefelder und mssen im Bedrfnisfalle oder fr die Weiterwanderung
erst mit Hlfe der zahlreich vorhandenen langhaarigen kleinen
Wolfshunde mhsam aufgesucht und zusammengetrieben werden. So auch
heute, wo die Touristenfirma Beyer durch eine Extraauslage von 50 Mark
auf nachmittags 4 Uhr einige hundert Rentiere durch die lappischen
Besitzer ins Lager schaffen lie, um den auf jenen Zeitpunkt beorderten
Passagieren der Auguste Viktoria ein mglichst buntes und lebendiges
Bild darbieten zu knnen.

Wir nherten uns den kegelfrmigen Stein- und Lehmhtten (Gammen
genannt), aus welchen ein bluliches Ruchlein zum Himmel stieg.
Alsbald kamen ihre Insassen uns entgegengelaufen, die Hnde voll
Verkaufsgegenstnde verschiedenster Art, alle aber vom Rentier
stammend: Felle, Geweihe; Lffel, Messer, aus Knochen und Gehrn
gearbeitet und mit naiver Kunst verziert; bunte Puppen aus Fellen und
Lppchen von so greulichem Geruch, da man sie gerne und hastig wieder
zurckgab, wenn nach dem ersten Ausruf des Entzckens die Nase in
Funktion getreten war.

Mit Todesverachtung betraten wir durch Morast und eine nicht zu
schildernde Atmosphre verschiedene der originellen Wohnsttten; sie
sind aus Steinen, Lehm und Rasenstcken in flacher Kegelform erbaut
und einige rohe Balken geben dem losen Gefge den ntigen Halt. Auf
der holperigen und grnenden Steinbedachung lagern und weiden die
Ziegen; ab und zu sonnt sich Krper an Krper mit ihnen auch ein
Hund. Im Zeltinnern hngt in der Mitte ein groer Kochtopf an einer
Kette ber dem am Boden glimmenden Holzfeuer; der Rauch zieht durch
eine Oeffnung an der Spitze des Daches hinaus; durch eben dieselbe
dringen Licht und Regen hinein und vielleicht auch ein bichen Luft
-- wenig genug allerdings; wir hielten es hchstens eine halbe Minute
nacheinander aus in der brodelnden Brhe, die dort Atmungsluft heit,
und rannten mehrmals mitten aus der Gestenkonversation durch das als
Thre funktionierende Schlupfloch wie von Furien verfolgt ins Freie, um
nach ein paar gesunden Atemzgen wieder rckwrts zu kriechen und den
Kampf aufs neue aufzunehmen. Wer uns von drauen her aus der Entfernung
beobachtet htte, wre jedenfalls ber unser Thun und Treiben nicht
sofort klug geworden. -- Um die Feuerstelle sind im Kreise die
Lagersttten aus Rentierfellen angebracht und darauf kauerten, trotz
der entsetzlichen Hitze vom Kopf bis zu den Fen in Felle und warme
Tcher verpackt, Frauen und Kinder, letztere von allen Altersstufen
und abgesehen vom Lappenduft ganz nette Geschpfe, welche Geschenke --
Ewaren vom Schiff -- zuerst mitrauisch und zgernd entgegennahmen,
dann aber auf Gehei der Mutter recht brav dafr dankten und sittsam
sie zu verzehren begannen. -- Das vornehmste Hausrecht haben die Hunde;
sie lagern berall -- zu Dutzenden, im und um das Zelt, meist ruhend,
aber mit ihren klugen Augen die Fremdlinge verfolgend. Angeknurrt
haben sie uns gar nicht; aber als im zufhrenden Wege ein Stadthund
auftauchte, da ging die ganze Meute mit Gebelfer ber den Aristokraten
her, so da er heulend mit eingezogenem Schweife und nur ab und zu
ngstlich nach seinen Verfolgern schielend Tromsoe zurannte.

Der Hund ist der lteste Freund der Lappen; er ist das einzige Tier,
das mit einem echt lappischen Wort (Baednagg) bezeichnet wird, whrend
die Namen aller andern Haustiere germanischen und finnischen Ursprunges
sind. Daraus hat man geschlossen, da die Lappen erst in historischer
Zeit aus ausschlielichen Jgern Nomaden geworden sind und also auch
erst dann das Rentier -- bis dahin nur Jagdwild -- gezhmt haben. Der
Gestalt und Gre nach steht der lappische Hund zwischen Spitz- und
Wolfshund; es giebt deren rot-, gelb- und schwarzhaarige; sie sehen
alle sehr intelligent aus, und ihre Treue ist sprichwrtlich.

Den aufflligsten Gegenstand unter dem Inventar der Lappenhtten bildet
die Kinderwiege. Sie ist aus einem Holzstamm ausgehhlt, und zwar
so, da das Kopfende durch ein kleines Vordach geschtzt bleibt, mit
Rentierleder ausgeschlagen und mit getrocknetem Moos ausgepolstert.
So hngt sie mit ihrem kleinen Einwohner an einem knorrigen Ast im
Zeltinnern oder wird von der Mutter durch ein Band am Leibe getragen.
-- Von andern Dingen erregten unsere Aufmerksamkeit bunt bemalte und
originell verschlossene Holzkistchen zur Aufbewahrung von allerlei
Gebrauchsgegenstnden und, wie diese, ebenfalls von den Lappen selbst
verfertigt; auch das Egeschirr, besonders metallene runde Lffel nach
Art der alten Apostellffel. Verkauft htten die Leute alles -- sogar
die Wiege; um ein Zehntel des verlangten Preises machen sie ja wieder
zwei neue.

Ohne Schmerz verlieen wir das fremdartige Zelt-, eigentlich richtiger
Hhlenlager, nachdem wir uns im unglaublichsten Kauderwelsch von der
kulturarmen, aber gewi ganz zufriedenen Gesellschaft verabschiedet
hatten. -- Derselbe blumenreiche, lichte Waldweg fhrte uns in einer
halben Stunde wieder zum Fjord zurck, wo unser Kahnfhrer in derselben
Stellung unser harrte, wie wir ihn zwei Stunden zuvor verlassen
hatten. Verfolgt von Mven und begleitet von groen ber die glnzende
Wasserflche schnellenden Fischen glitten wir nach unserm Schiffe
zurck, um uns an dessen Tafel fr die Arbeit des Nachmittags zu
strken. An Bord promenierte unterdessen halb Tromsoe; familienweise
waren die groen Kaufleute der Stadt hergekommen, um mit Erlaubnis des
Kapitns den stolzen Bau zu sehen.

Da entzckten uns die prchtigen norwegischen Kindergestalten. Speziell
bildete ein zehnjhriger Junge mit seinen zwei kleinern Schwesterchen
den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit -- alle drei blauugig und
flachshaarig und von seltenem Liebreiz, daneben das Bild naturwchsiger
Kraft und Gesundheit.

In der groen blonden Mutter, welche die Kinder fhrte, kmpfte der
mtterliche Stolz mit dem Unbehagen ber die gar zu bertriebene
Liebenswrdigkeit, mit der die Fremden sich an ihre Kleinen
heranmachten, und als photographierende Amerikanerinnen sie kurzer Hand
auf die Seite nahmen, als Gruppe aufstellten und der Reihe nach mit
ihren Momentapparaten beschossen, wurde ihr die Sache zu bunt; sie rief
ihr unten harrendes vornehmes Privatboot, befrderte ihren lebendigen
Schatz hinein und gab sich offenbar auf der Rckfahrt Mhe, das bichen
Eitelkeit, das sich allenfalls auf die kindlichen Herzen hatte lagern
wollen, mit sorgsamer und liebevoller Hand abzuwischen.

Nachmittags fuhr das Gros der Schiffsgesellschaft zu den Lappen,
whrend wir die Stadt Tromsoe besuchten. Schn ist ihr Inneres kaum
zu nennen. Eine auerordentlich breite, nicht gepflasterte, aber
mit Trottoirs versehene Strae durchzieht parallel der Kste den
langgestreckten Ort; die Huser sind niedrige Holzbauten ohne irgend
welches knstlerische Charakteristikum; vor jeder Hausthre fhrt eine
primitive Holztreppe auf das Niveau des Trottoirs; aber _ein_ Schmuck
fehlt kaum irgendwo, und das sind herrliche Blumen, namentlich auch
Rosen von besonders schnen Farben, hinter den mit saubern Gardinen
verhngten Fenstern.

Auch ein musikalischer Genu wurde uns zu teil; fnf Bettelmusikanten
spielten erschtternd das Ach, wie ist's mglich dann! und als wir
zusahen, waren es Rheinpflzer, die mit ihrem Blech durch ganz Norwegen
sich durchbettelten und erst in Vadsoe, nrdlich von Hammerfest,
ihren Fu wieder sdwrts zu wenden gedachten. Zweck der Reise? Sich
ein bichen die Welt anzusehen. Und wie steht's mit den Einnahmen?
Schlecht genug; die Norweger haben kein Geld, weil dieses Jahr der
Fischfang wenig abgeworfen hat; aber man it sich so durch. Wo immer
wir im Verlaufe des Nachmittags in einer Strae auftauchten, stieen
wir auf die unglckliche lufterschtternde Musikbande, deren Leistungen
die Qualitt ihres vaterlndischen Tabakes nur um ein Geringes
berragten.

Sehr lebhaft war das Leben und Treiben auf Tromsoes Straen und Gassen
an jenem Nachmittag nicht gerade. Nur Kinder begegneten uns in groer
Zahl und darunter viele, die mit ihrem reichen hellblonden Haarschmuck
und den klarblauen Augen prchtige Modelle fr Frithjof und Ingeborg
in der Jugend gewesen wren. An dem bescheidenen Schaufenster
einer Buchhandlung fanden wir neben norwegischen Originalwerken
von den modernen auslndischen Autoren Sudermann und Dostojewski
in die Landessprache bersetzt -- kein schlechtes Zeugnis fr den
litterarischen Geschmack des nordischen Volkes. Daneben prangte aber
auch ein Dreyfus-Bildebog (Bilderbuch); also bis gegen das Nordkap
hatte der schndliche Lgenproze seine Wellen geworfen.

Die zu vielen Husern gehrigen kleinen Grten sind meist sehr
unordentlich gehalten und von Unkraut berwuchert. Auffallend ist das
berall gepflegte Brenklauenkraut (~Heracleum sibiricum~), das, 3
Meter hoch und mit 80 Centimeter messenden Dolden, ppig gedeiht und
abgebrht als Futter Verwendung findet.

Das Interessanteste in den Straen Tromsoes sind seine Kauflden;
da ist alles, was die arktische Zone erzeugt, in reichen Exemplaren
ausgestellt, meist vor den Husern, um die Aufmerksamkeit der Fremden
direkt zu erregen: Felle aller Arten, unter denen einige Eisbren durch
ihre ganz auerordentliche Gre und diejenigen der Polarfchse durch
ihre eis- und dunkelblaue weiche Farbe auffallen; dann Walrozhne und
-Schdel, Elch- und Rentiergeweihe, Walfischohren, Kieferfortstze
-- bis zwei Meter lange -- des Schwertfisches (mit welchen das Tier
in der Wut Schiffsplanken wie Walfischleiber anzubohren imstande
ist); dann seltene Petrefakten und Edelsteine, Lappenartikel, --
Holzschnitzereien, nationale Silber- und Filigranarbeiten und hundert
andere Dinge. Zahlreiche kostbare Felle und Geweihe, die in keiner
Kabine Platz fanden, wanderten auf unser Schiff; im Zwischendeck sah es
nachher aus wie in einem naturhistorischen Museum.

Leider versumte ich es, in Tromsoe allerlei einzukaufen, weil
mir verschiedene Schiffsangestellte versicherten, in Bergen, der
norwegischen Schlustation unserer Reise, sei bei der Reisefirma Beyer
alles und jedes in grerer Auswahl und bester Qualitt zu haben, und
so knne man sich die Mhe des Mitschleppens ersparen. Das war ein
Leim (vielleicht ein durch den mitreisenden Agenten Beyers gekochter),
vor dem ich sptere Nordlandfahrer warnen mchte. Die lappischen
und arktischen Artikel sind nirgends in solcher Auswahl zu finden
wie in Tromsoe, auch nirgends billiger (billig ist berhaupt nichts
in Norwegen); einiges, das ich gar nicht missen wollte, konnte ich
sdwrts durchaus nicht mehr auftreiben und mute es nun mit greren
Unkosten von Tromsoe nachkommen lassen.

Von den drei Kirchen der Stadt sind zwei lutherisch und eine
katholisch, alles einfache Holzbauten, die auch im Innern nichts
Besonderes bieten; Altre und Stationen der letztern sind schmuck- und
geschmackloser als bei uns in mancher kleinen Dorfkirche.

Gegen Abend wurden Straen und Hauptpltze etwas belebter; natrlich
fehlten auch hier die Radler nicht, so wenig als die Hunde, welche
sie mit Gebell verfolgten. -- Den Rckweg zur Landungsbrcke suchten
wir durch die kleinen und schmutzigen Gassen, welche von Fischer-
und Strandlappenwohnungen begrenzt unten am Sunde liegen. Durch eine
schreckliche Fisch- und Thranatmosphre unter sorgfltiger Vermeidung
des rgsten Bodenmorastes turnten wir vorwrts, guckten hinein, wo
irgend eine Thr- oder Fensterffnung dazu einlud, krabbelten heimelige
Hauskatzen von ganz ungewhnlicher Gre in ihrem dicken Balge, was
mit schnurrendem Wohlbehagen und mit sofortiger Positur in Rckenlage
entgegengenommen wurde, und versuchten auch wohl, uns durch Zeichen und
allerlei sprachliche Khnheiten mit den Eingeborenen zu unterhalten.
Die Huschen dieser Quartiere sind klein und schmutzig, oft ganz
baufllig, die Dcher meist mit Erde gedeckt, auf welcher frhlich
allerlei Grn gedeiht. Nirgends fehlt eine angelegte Notleiter fr den
Fall einer Feuersbrunst. Derartige Katastrophen treten in Tromsoe, wie
in all' den norwegischen Stdten, sehr hufig auf und nehmen meist
groe Ausdehnung an. An allen Straenecken sind deshalb elektrische
Feueralarmapparate angebracht. Seit der Einfhrung der elektrischen
Beleuchtung, welche in Norwegen wie kaum in einem andern Lande
verbreitet ist, mag aber die Zahl der Feuersbrnste abgenommen haben.

Am Landungsstege, wo wir eine halbe Stunde auf unser Boot warten
muten, sahen wir unter der bunten versammelten Menge nochmals
zahlreiche Vertreter des Lappenstammes, und zwar jener Sorte, die
den Namen Fischer- oder Kstenlappen trgt (im Gegensatze zu den
nomadisierenden Berg- oder Rentierlappen); sie haben im Laufe der
Jahrhunderte, durch die Macht der Notwendigkeit gezwungen, ihr
Hirtenwanderleben gegen andere Berufsarten vertauscht und sind ansig
geworden. Aber trotz der unausgesetzten Berhrung mit der Kultur
blieb ihre Originalitt in Kleidung, Sitten und Gewohnheiten, wie
auch im Krperbau vollstndig erhalten. Da sie auffallend dnne,
kurze und krumme Beine und sehr starke, muskulse Arme haben, fhrte
s. Z. Bastian in einer etwas gewagten Hypothese auf Vererbung dieser
durch das bestndige Sitzen und Rudern erworbenen anatomischen
Eigenschaften zurck. Aber die Rentierlappen, die nie fischten und
ruderten, sind ganz gleich gebaut. Wie oben erwhnt, ist der Gegensatz
zwischen Norwegern und Lappen, auch denjenigen, die nun seit einem
Jahrhundert dort sehaft sind, ein ganz auerordentlicher, und man
sieht auf den ersten Blick, da man zwei ganz verschiedene Rassen vor
sich hat, die sich nicht vermischen. Inmitten der hohen norwegischen
Kultur machen diese Naturmenschen den Eindruck eines berbleibsels
aus vorhistorischer Zeit. Gelernt haben sie aber von ihrer Umgebung
wenigstens das Handeln und berfordern. Wir wurden frmlich belagert
von Mnnern, Frauen und Kindern, die uns selbstverfertigte Dinge
anboten, und da ihr Seelenduft sehr an die Gammen in Tromsdal
erinnerte, setzten wir Wert darauf, sie uns stets auf einige Meter
Distanz vom Leibe zu halten. Ihre Kleidung, auch wenn sie zerfetzt
und abgetragen ist, hat etwas Malerisches. Aus dem Kopfe tragen die
Frauen eine grell gefrbte blaue oder rote, unter dem Kinn gebundene
Kappe und um den Oberkrper ein rot karriertes Umschlagstuch.
Das Hauptbekleidungsstck fr Mann und Frau bildet ein Rock aus
Rentierfell, der durch einen mit Silberschnallen gezierten Grtel
befestigt wird; die Beine sind mit bunten Lappen eingewickelt und die
Fe tragen mit roter Schleife am Gelenke befestigt, Rentierleder- oder
Pelzschuhe.

Mit welchem Behagen kehrten wir in die sauberen und komfortablen Rume
unseres Schiffes zurck und atmeten die herrliche reine Seeluft! --
Da kamen sie eben auch von der andern Seite angeschwommen, die ber
300 Besucher des Lappenlagers, schweitriefend, pustend, von Mcken
zerstochen und mit Raritten beladen, und bei Tische erzhlte man sich
unter Lachen und vielleicht ein bichen Aufschneiden die gegenseitigen
Erlebnisse.

Einen schnen Abschlu des Tages bildete der Besuch einer jungen
Knstlerin aus Tromsoe an Bord, welche mit ganz wunderbarer Stimme und
mit spezifisch nordischer (aber nicht arktischer) Auffassung einige
Schumann'sche Lieder sang und eine kleine andchtige Gemeinde durch
ihr musikalisches Knnen entzckte. Die Stimme besa jene seltene
Klangfarbe, die in jedem gesungenen Ton und sogar im gesprochenen Worte
so eigentmlich ergreifend zum Herzen spricht, da man unausgesetzt mit
innerer Rhrung zu kmpfen hat. Als Gegenmittel stieg dann zum ~x~ten
(aber noch nicht letzten) Male der holde Abendstern mit sehr viel
subjektivem und objektivem Gefhle aus dem Munde eines mitreisenden
jungen Barden zum Himmel.

Von Abends 9 Uhr an konzertierte unsere Schiffskapelle, wie
zweibeinige, mit Blaustift improvisierte Plakate nachmittags durch
die Straen eilend verkndigt hatten, gegen ein Entree von 1 Krone im
Grand Hotel in Tromsoe. Das lie uns kalt; wohl aber zog es mich nach
11 Uhr nachts nochmals mit Macht nach dem nordischen Stdtchen, aus
welchem frhliches Leben ber den Sund zu uns herbertnte. Vorbei an
dem dicht vollgepfropften Konzerthotel, durch dessen geffnete Fenster
wir die bekannten Gesichter unserer braven Schiffsmusikanten blasend,
geigend und schweitriefend wie ein lebendiges Genrebild erblickten,
wanderten Professor B. und ich in die Lichtflle der polaren
Mitternacht. Auf den Straen tummelten sich kleine Kinder mit Ball und
Reif noch scharenweise. Wann schlafen denn diese Tromser berhaupt?

Bald hatten wir das Weichbild der Stadt hinter uns und folgten dem
Ufer des Fjord, einer Starkstromleitung entlang. In herrlichen Farben
lag die Meereslandschaft vor uns; kein Lrm strte mehr den erhabenen
Genu; nur aus dem offenen Fenster einer in der Hhe gelegenen Villa
trug uns ein leichter Wind die Klavierklnge des Stndchens aus Don
Juan zu. Schwarze Wikingerbte, welche die Phantasie und unser Gesprch
um tausend Jahre zurckversetzten, lagen in kleinen malerischen
Buchten vor Anker oder wiegten sich trumerisch zwischen dem Pfahlwerk
einer Fischerhtte. Gerade vor Mitternacht trat die Sonne, die eine
Stunde hinter dem Berge sich verborgen hatte, zum Vorschein und legte
flssiges Gold auf Wasser und Land.

Damit schlossen unsere Tromser-Erlebnisse. Vorbei an den originellen
Kauflden, wo Auguste-Viktoria-Leute auch nach Mitternacht noch um
Brenfelle feilschten, stiegen wir -- nochmals durch Lappen und
norwegische Fischerleute -- zur Landungsbrcke und lieen uns, durch
die Schnheit der Welt stumm geworden, zu unserm Schiffe zurckfahren.
Von 2-1/2 Uhr an erst wurde das Schlummergeschft besorgt, bis 5
Stunden spter die Schiffskapelle uns mit Ein feste Burg ist unser
Gott zu herrlichem Sonntagsmorgen weckte.




~XII.~

     Nach Sden. -- Lofoten. -- Digermulen. -- ~Pro patria.~ --
     Besteigung des Digermulenkollen. -- Boot in Gefahr. -- Kranker in
     einsamer Fischerhtte. -- Der schwermtige Schimmel. -- Abfahrt
     von Digermulen. -- Einladungstelegramm von Kaiser Wilhelm.


Im Tromsoesund herrscht eine starke Strmung, die je nach Ebbe
und Flut nord- oder sdwrts flutet. Begnstigt durch die letztere
eilte unser Kiel nach Sden und erreichte nach einer Stunde den
Malangerfjord. Links ragt der gewaltige Bensjordtind mit seinen
Schneefeldern zum Himmel, rechter Hand liegt das groe Eiland Kral,
auf welchem eine besonders wilde, schneebedeckte Felswand in die
Augen fllt, der Lille Bramand. Nach Mittag erreichten wir das offene
Meer und genossen nun die herrliche Fahrt lngs der Vesteraalen und
Lofoten. Letztere sind eine Inselkette, welche sich in weitem Bogen
fast parallel dem Festlande 150 Kilometer weit nach Sden erstreckt.
Die Inseln werden sdwrts immer kleiner und endigen schlielich mit
einigen unbewohnbaren Klippen. Die ganze lange Kette ist ein Gewirr von
Hhen, Tiefen und Sunden; die Berge haben alpine Formen und steigen
meist direkt aus der blauen Meeresflut auf, oder aber sie erheben sich
auf freundlichem Gelnde. So weit die kraterhnlichen Spitzen nicht
mit Schnee bedeckt sind, erscheinen sie mit grnem Moos bekleidet, das
weithin leuchtet und zu dem blendend weien Schnee einen herrlichen
Kontrast bildet. Aber auch kahle, graue Felspartien liegen dazwischen.
Ueberall ffnen sich Hfen; neben den mehreren tausend Fu hohen, sie
begrenzenden Felswnden erscheinen die dort ankernden Dampfer wie
Nuschalen.

Die Lofoten sind das Dorado und die Sammelstation der Fischer vom
Norden und Westen Norwegens. Mitte Januar bis Mitte April sind ihrer
ber 30,000 dort beisammen mit zirka 8000 Booten, um den Dorsch zu
fangen. Die Ausbeute betrgt bis 40 Millionen Stck, 5-6000 per Boot.
Der Dorsch, der fr gewhnlich die Tiefen des atlantischen Ozeans
bewohnt, bildet zur Laichzeit ungeheure, bewegungslose Schichten am
Ufer, wo er so zu sagen einfach ausgeschpft werden kann, und auf den
groen Bnken, welche in einer Tiefe von 50-200 Meter bei den Lofoten
liegen. Dort geschieht der Fang mit Netzen und langen Leinen, an
welchen Angelschnre befestigt sind. Am Lande werden die gefangenen
Fische gespalten, auf den Felsen ausgebreitet oder auf Holzgestellen
aufgehngt und an der Luft getrocknet, um dann spter als Fracht, die
genau wie Holzscheiter aussieht, nach Bergen zu wandern. Obschon es
schwer hlt, die groe Menschenmenge, das Heer der Fischer, am Land
unterzubringen und oftmals ein unheimliches Gedrnge herrscht, soll
doch Alles in Ruhe und Frieden vor sich gehen, und zwar deshalb, weil
das frher beliebte Branntweintrinken durch strenge Gesetze unmglich
gemacht ist.

Wenn ein pltzlicher Weststurm eintritt und die Rckkehr der
Fischerboote nach den Lofoten ein Ding der Unmglichkeit wird, dann
sind die Insaen gezwungen, ber den breiten Vestfjord nach dem
Festlande zu fahren und dort sich zu bergen. Dabei ereignen sich
alljhrlich schwere Unglcksflle. Viele Boote kentern, und da gilt
es dann, die am Kiel angebrachten Griffe (Stropper) zu erwischen und
sich daran festzuhalten. Oder aber, wo die Griffe fehlen, klammert sich
der Schiffbrchige an sein groes ins Kielholz geschlagenes Messer.
Bei den spter ans Land getriebenen gekenterten Booten melden die im
Kiel steckenden Messer dann in trauriger Weise die ungefhre Zahl der
Verunglckten.

Whrend der Fahrt lngs der malerischen Lofoteninseln sa ich lngere
Zeit an einsamer aussichtsreicher Stelle des Hauptdeckes mit dem einen
unserer norwegischen Lotsen beisammen, der dort behaglich seine Pfeife
rauchte und unterhielt mich mit ihm ber die Nordpolfahrt Nansens. Mit
grter Begeisterung sprach er in erster Linie von Sverdrup, dem Fhrer
der Fram, whrend Nansen erst in zweiter Linie kam. Und was glauben
Sie ber das Schicksal Andrees? fragte ich den alten Seemann. O, der
ist lngst alle! meinte er mit entsprechender Geste und reduzierte
dadurch und durch die einlliche Begrndung seiner Ansicht meine stets
noch genhrte Hoffnung auf die Wiederkehr des khnen Ballonhelden um
viele Grade. Um Mitternacht nahm unsere liebe Sonne ein Fubad im
Meere, d. h. sie tauchte den tiefsten Teil ihrer goldenen Scheibe unter
den Horizont und begann -- als ob sie sich pltzlich eines besseren
besonnen -- wieder zu steigen; der neue Tag war angebrochen, und zum
letzten Male hatte uns die Mitternachtsstunde das Sonnengestirn gezeigt.

Unser Schiff begann nach Osten zu drehen und erreichte, einem Auslufer
des Polarstromes, dem die Fischerboote oft gefhrdenden berchtigten
Malstrm folgend, den mchtigen Vestfjord, wo es, nun auf der Ostseite
der Lofoten, seinen Kurs nordwrts nahm.

Es war ein wunderschner Morgen, als wir _Digermulen_, die kleine, auf
der Insel Hind gelegene Dampferstation, vor uns liegen sahen. Felsige
Eilande mit sprieendem Grn scheinen die Einfahrt zu wehren; rechts
und links steigen senkrechte Felswnde mit schneegefllten Schluchten
in die Hhe. Ein originelles Geprge erhlt aber die Landschaft
hauptschlich durch den Digermulkollen, einen zirka 1300 Fu hohen
breit abgerundeten Kegel, an dessen Fu die paar Huser der kleinen
Station reizend ins Grne gelagert sind. Nachdem wir unter den Klngen
des Preuenmarsches -- ich hre ihn stets mit unbehaglicher Empfindung,
weil mir die Melodie des Heil dir im Siegeskranz (also auch unsere
Nationalmelodie) in unerlaubter Weise darin verwurstet scheint -- unser
Schiff verankert, wiederholten sich die lngst bekannten Szenen des
blitzschnellen Klarmachens unserer Barkassen (sie schwammen, bevor
der Anker festsa) und des Gedrnges nach diesen Befrderungsmitteln.
Das entwickelte sich aber stets in bester Ordnung; oben auf der
Schiffstreppe stund ein Schiffsoffizier, und wenn die erlaubte Zahl
eingestiegen war, so hie es Halt, gleichviel ob der Gatte von der
Gattin getrennt blieb oder nicht. In einer Minute fuhr ja wieder eine
Barkasse.

Die Erinnerung an Digermulen gehrt zu den schnsten unserer Reise. Das
ganze freundliche Nest besteht aus einigen Husern der Familie Normann,
welche hier einen Kramladen mit allen fr die Nordlandbewohner ntigen
Waren hlt und Fisch- und Thranhandel treibt, sowie aus fnf oder sechs
Fischerhtten. Whrend der groe Passagierstrom sich bergaufwrts
wlzte, durchstreiften wir die reizende Kstenlandschaft. Auf einer
grnen Erhebung, kaum 200 Schritte von der Landungsstelle entfernt, ist
ein kleiner Friedhof, in welchem, von Blumen, aber auch von Unkraut
bedeckt, die hier verstorbenen Fischer neben einer Familiengruft der
Normanns ruhen.

Unser Weg fhrte uns durch Wiesen und Gebsch; bald kletterten wir auf
felsige Abstrze, welche im Laufe der Jahrhunderte zu wilden Grten
umgewandelt worden, und wo eine reiche Flora uns entzckte; bald hemmte
unsere Schritte eine tief ins Land geschnittene kleine Bucht, am
Strande berset mit Muscheln und Meertieren, lebendigen und toten.

Lerchen stiegen eine nach der andern und schmetterten ihr Morgenlied in
die Luft und uns wurde ganz frhlingsmig zu Mute.

Etwas landeinwrts arbeiteten einige Mnner an einer neuen Strae --
der ersten, die nach Digermulen fhren wird -- und ihre Sprengschsse
fanden in den Bergen ein gewaltig rollendes vielfaches Echo. Mit einer
freundlichen alten Frau, welche, ihren Enkel an der Hand, den Mnnern
das Z'nni zutrug, hatten wir eine lngere Unterhaltung, deren
Inhalt aber beiden Parteien grtenteils unklar geblieben ist; aber
auch hier konnten wir uns freuen ber den wohlerzogenen, folgsamen
kleinen Norweger, der zuerst ein bichen scheu sich zur Hlfte hinter
den Rockschen der Gromutter verbarg und dann folgsam uns ein
freundliches Lachen und die Hand gab.

[Illustration: Digermulen.]

Vom Laufen, Klettern, Blumensammeln, Norwegisch Parlieren und
entzcktem Ah-rufen ermdet, suchten wir eine Ruhesttte. Uns winkte
eine nahe Bucht, die in wahrhaft Bcklinschen Farben glnzte;
hellgraues, vielfach zerklftetes und ausgewaschenes Felsgestein, ein
zu Stein erstarrtes Spiel der Wellen vortuschend, begrenzte seitlich
den kleinen Sund, dessen wenig tiefes Wasser alle Schattierungen
von Blau und Grn zeigte. Wo das Meer die Felsen besplte, haftete
an ihnen, teils direkt, teils durch Vermittlung von festgekalkten
Muscheltieren, glnzender Meertang, dessen bebltterte, auf dem Wasser
schwimmende Teile die ruhelose Wellenbewegung, hin- und herwiegend,
mitmachten. Dazwischen lebte und webte allerlei wunderbares Meergetier,
viele Kreaturen, die mir in der Zoologie noch nicht vorgestellt waren.
Landwrts lag herrlich glatter, trockener weier Sand, auf dem wir
uns ausstreckten. Ueber den tiefblauen Fjord hinaus, in welchen unser
kleiner Sund sich ffnete, fiel der Blick auf die gegenberliegenden
grnbewachsenen Felsengebirge herrlichster Formation, in welchen wir
alte Bekannte, namentlich den Pilatus und Titlis, erkannten; noch
weiter zurck, aber auch sie dem Auge scheinbar ganz nahe, begrenzten
mchtige Gletscher und Firnfelder den Horizont. Eben kam ein schwarzes
Wikingerboot mit geblhten Segeln in unser Gesichtsfeld und ber ihm
kreiste eine Schaar schneeweier Mven in ruhigem Fluge.

Wo uns immer die Fremde am schnsten erschien, da gedachten wir am
heiesten der geliebten Heimat, und so geschah denn auch hier eine
leisem Heimweh entspringende impulsive That, ber welche allerdings
einige vom Berge herab uns musternde Feldstecher nicht klug werden
konnten. Im Schweie unseres Angesichtes trampelten wir ein mchtiges
eidgenssisches Kreuz in den weichen sandigen Strand und schmckten
es mit frischem Grn. Dann galt es in khnem Satze, ohne die Umrisse
des vaterlndischen Zeichens zu verletzen, seinen Mittelpunkt zu
erreichen; der Akrobatensprung gelang zwar nicht allen Dreien gleich
gut, wurde aber ohne Widerrede als selbstverstndliche Notwendigkeit
ausgefhrt und so stunden wir denn nun, wie einst die drei Eidgenossen,
auf dem Rtli, aber mit dem Anachronismus unserer Spitzbergenfahne,
und brachten ein lautes, ein sehr lautes Hoch aus auf unser liebes
Vaterland, den Inbegriff alles dessen, was uns zu Hause lieb und teuer
war, und weil nun doch einmal der Sitte gem ein Trunk dazu gehrt und
der Genu von Meerwasser fr ein patriotisches Fest nicht zu empfehlen
ist, wurde die kleine Cognacration, welche ich in der Tasche fhrte,
ohne weitere Rcksicht um drei mal zwei bis fnf Gramm gemindert.
Was thut man nicht alles dem Vaterlande zu Liebe! Nun folgte aber
ein ergtzliches Nachspiel. Kaum war unser Hoch ertnt, das offenbar
fr nordische Ohren wie ein Wehgeschrei geklungen hatte, so kamen
die benachbarten Straenarbeiter menschenfreundlich herzugerannt, um
die Hlferufenden aus drohender Gefahr zu erretten, und sie schauten
sehr verdutzt drein, als sie statt Ertrinkenden eine gar nicht
oder wenigstens nur durch ein Minimum von Cognac sehr unbedeutend
beschdigte, lachende Gesellschaft vorfanden.

Mein Blick fiel immer und immer wieder auf den mchtigen, wie ein
Sturmhut dem grnen Berge aufgesetzten Basaltkegel des Digermulkollen,
an welchem eine groe Zahl der Auguste-Viktoria-Passagiere wie Ameisen
herumkrabbelten. Von oben herab winkte eine norwegische und eine
deutsche Flagge, und mit dem Feldstecher erkannte man Scharen von
Menschen, welche am Rande des Hochplateaus stehend oder lagernd sich
die Welt aus der Vogelperspektive ansahen und photographierten. Der
Berggeist lockte und ich folgte ihm, whrend meine Begleiterinnen in
der blumigen Ebene zu bleiben vorzogen.

Querfeldein ging's ber eine morastige Wiese, ohne Weg und Steg, wobei
ich manchen Schuh voll herauszog, aber auch eine Pflanze in grter
Menge antraf, den (norwegischen) Sonnentau (~Drosera~), der mit seinen
drsig behaarten, reizbaren Blttern Insekten zu fangen und zu verdauen
im Stande ist. Wenn ein kleines Tier eines dieser Bltter berhrt, so
bleibt es an dem klebrigen Safte der Drsen hngen. Das Blatt faltet
sich rasch zusammen und ffnet sich erst wieder, wenn der Gefangene tot
und verdaut ist.

In gerader Luftlinie ber Stock und Stein, namentlich ber felsiges
Gerll kletternd, wobei wilde Weichselkirschbume mir Halt und Sttze
boten, erreichte ich keuchend und schweidurchnt den in sanfter
Steigung nach oben fhrenden Fupfad und hatte schlielich den Weg
bis auf die Spitze in wenig mehr als einer Stunde zurckgelegt. Die
letzten 20 Minuten steigt man ber runde Felsen, in deren Spalten
und verwitterten Pltzen herrliche Ericaceen und zahlreiche alpine
Pflanzen blhen. Hier fand ich auch massenhaft die reizende Blte der
norwegischen Cornelskirsche und dann vor allem eine Pflanze, welche
fr ganz Skandinavien, Finnland und Sibirien als Nahrungsmittel von
groer Bedeutung ist -- die Multebeere (~Rubus chamaemorus~), eine
Himbeersorte, krautartig, mit einzelstehenden weien Blten und
prachtvollen, groen roten Frchten, die gekocht und eingemacht sehr
gerne gegessen werden, namentlich auch als Prservativ gegen Scorbut.
Auf den Menus der Nansenschen Fram spielte die Multebeere eine sehr
groe Rolle und eine Bowle aus dieser Frucht und etwas Brennspiritus
gehrten zu den festlichsten Genssen der Framleute.

[Illustration: Digermulkollen.]

Die Aussicht vom Digermulkollen soll die erhabenste und malerischste
des ganzen Nordlandes sein und ist hauptschlich auch durch den
Besuch Kaiser Wilhelms ~II.~ anno 1889 weithin bekannt geworden.
Zu Fen liegt der Sund; die Auguste Viktoria -- obschon man sie
mit der Hand erreichen zu knnen glaubte -- hatte die Gre eines
bescheidenen Walfischbootes. Imposant ist der Blick ber den ganzen
Vestfjord bis ins offene Meer; stlich thronen die Gebirgsstcke des
Festlandes, westlich steigen die schluchtenzerrissenen Massive des
herrlichen Rastsundes auf, die reichlich mit Eis und Schnee bedeckten
mehrgipfeligen Troldtinder. Das ganze Panorama ist berwltigend schn.

In einer mehrfach im Felsen verankerten Holzhtte, welche schon manchen
Sturm ausgehalten hat, aber sicher doch eines Tages weggeblasen sein
wird, war Bier, Limonade und Sect zu haben. Als ich ankam, lebten aber
nur noch zwei kleine Flaschen Mineralwasser, welche ich gern einer
erschpften Dame berlie.

Um rasch unten und wieder bei Muttern zu sein, whlte ich die
Luftlinie am Westabhang des Berges. Das war ein bses Stck Arbeit.
Eine halbe Stunde kletterte ich ber die aufgetrmten Felsen eines
mchtigen Absturzes thalwrts, einige Male an den Hnden hngend, ohne
mit den Fuspitzen eine tiefere Etage zu erreichen oder auch unter
zusammengelehnten Steinblcken durchkriechend. Mit lottrigen Knien
legte ich dann die letzte Etappe bis zur Landungsbrcke zurck, einen
wenig steilen, aber holperigen Wiesenweg, und an Bord der Auguste
Viktoria war durch ein Bad und neue Gewandung der frhere Mensch bald
wieder hergestellt. Immerhin vermied ich whrend der nchsten drei Tage
unntiges Treppensteigen aufs ngstlichste, und meine Gangart erweckte
einiges Mitleid.

Die Hlfte unserer Mitreisenden hatte vormittags auf den Dampfbarkassen
und angehngten Schleppbooten eine Fahrt in den prchtigen Raftsund
unternommen; die andere Hlfte sollte nachmittags an die Reihe kommen.
Eben kehrte die erste Expedition zurck; aber nahe am Ziele ereignete
sich eine aufregende Szene. Dicht bei einem bis auf den letzten Platz
gefllten Schleppschiffe tauchte pltzlich ein mchtiger Wal auf,
lnger als das Boot selbst. Die Insassen hatten keine Zeit, sich ber
die Situation zu besinnen; aber an Bord der Auguste Viktoria wurde
sie von den Schiffsoffizieren mit Herzklopfen beobachtet, und es
hie nachher, da das gewaltige Tier, einige Meter nher, das Schiff
zum Kentern gebracht und ein schreckliches Unglck veranlat haben
mte. Noch drei-, viermal sahen wir es auftauchen, spritzen und
wieder verschwinden. Unter den von dem Abenteuer Betroffenen herrschte
nachher, als ihnen die Augen geffnet wurden, ungefhr die Stimmung von
Gustav Schwabs Reiter ber den Bodensee.

Whrend ich die Meinigen an Bord in allen Winkeln unseres Schiffes
suchte, sphten sie immer noch am Lande nach dem Bergbesteiger aus.
Schlielich aber einigte uns das, was die ganze Welt zusammenhlt --
der Hunger. Beim Mittagstische fanden wir uns und erzhlten gegenseitig
unsere Erlebnisse. Whrend ich bergkraxelte, waren meine Beiden kreuz
und quer umhergestreift und schlielich hatte sie ihr Forschungstrieb
in eine am Strand gelegene Fischerhtte gefhrt, in welcher ein
todkranker, rztlicher Hlfe barer Mann, verpflegt von seiner
bekmmerten Frau, zu Bette lag. Der nchste Arzt wohnte zehn Stunden
weit entfernt in Svolvaer auf den Lofoten. Ein menschenfreundlicher
norwegischer Maler, der in Digermulen sich aufhlt, um Studien
zu machen, funktionierte als Dolmetscher, und so wurde denn der
Fischerfamilie versprochen, den Doktor aus der Schweiz, der jetzt grad
oben auf dem Berge sei, herzuschaffen, damit er dem armen Kranken rate.
Damit war unser Nachmittagsprogramm festgestellt; wir verzichteten
auf den Ausflug nach dem Raftsund und lieen uns nach Tisch wieder
an die Kste von Digermulen zurckfahren. Dort stand auch schon der
liebenswrdige Maler, Thorolf Holmboe aus Christiania, ein in Norwegen
wohlbekannter Knstler, mit seinem flachshaarigen, bildschnen Jungen
Erich bereit, uns zu begleiten. Als wir in die Htte traten, war ich
erstaunt ber die Reinlichkeit und husliche Behaglichkeit, mit welcher
die bescheidenen Rume ausgestattet erschienen. In einer freundlich
mit Epheu, Fuchsien und Rosen geschmckten, ganz einfach, aber sauber
mblierten Stube stand das Bett des Kranken. Neben ihm an der Wand
hingen zwei Bilder, das Portrt von Knig Oskar in Galauniform und das
Pendant -- Wilhelm Tell, wie er das Schiff Gelers in die wilden Wellen
des Vierwaldstttersees zurckstt.

Am Kopfende des Bettes war ein sorgfltig eingerahmter Bibelspruch
in norwegischer Sprache: Rufe mich an in der Not und ich will dich
erretten und du sollst mich preisen! Der, dem das Wort galt, lag
fahlgelb, abgemagert und hustend auf seinem Schmerzenslager, ein
zirka 60 Jahre alter Mann, zeitlebens gesund, aber seit vier Monaten
siechend. Leider handelte es sich, wie mich nheres Zusehen lehrte, um
eine unheilbare bsartige Lebergeschwulst, welche in dem benachbarten
Brustfellraum bereits eine frische Entzndung zu setzen begonnen
hatte. Als ich mit der Untersuchung zu Ende war, brachte die schlichte
Fischersfrau ohne weiteres ein sauberes Zinngeschirr mit Wasser,
Handtuch und Seife und ich dachte im Stillen, da hie und da sozial
viel hher gestellte Leute hier etwas lernen knnten. Dem gepeinigten
Kranken, der bei vollstndiger Appetitlosigkeit entsetzlichen Durst
litt und nichts hatte, um ihn zu stillen, mute vor allem fr saftige
Frchte und ein Mittel gegen seinen qualvollen Husten gesorgt werden.
Zu kaufen war das alles nirgends, wohl aber zu erbitten. Ich eilte
zurck aufs Schiff und fand da Gelegenheit, den gutherzigen Sinn
unseres Kapitns kennen zu lernen. Obschon er, umgeben von einer
vornehmen Herren- und Damengesellschaft, in seiner Kajte behaglich
beim schwarzen Kaffee sa, lie er sich doch, ohne ungehalten zu sein,
von mir stren und erfllte meinen Wunsch nach ein paar Orangen fr
den armen Lazarus und den ntigen Medikamenten aus der Schiffsapotheke
in weitestgehender Weise. Ein Druck auf den elektrischen Knopf und
der uns von frher her bekannte Harpagon kam angesaust. Der Kapitn
bermittelte ihm ein kleines, hastig geschriebenes Billet, und
eine Viertelstunde spter flog ich mit einem mchtigen Korbe voll
Ananas, Apfelsinen, frischen Kirschen und anderen Herrlichkeiten
freudestrahlend der Schiffstreppe zu. Auch die Schiffsapotheke hatte
ich unterdessen, da der Arzt nicht zu finden war, auf eigene Rechnung
und Gefahr durchstbert und schlielich glcklich etwas gefunden und
in einer Quantitt mitgenommen, da es dem Kranken wohl fr zwei
Monate als Hustenlinderungsmittel dienen konnte. Was machte der fr
ein zufriedenes Gesicht, als ich ihm ein Stck saftige Ananas auf die
Zunge legte! Es war ihm, als sei er schon halb gesund, lie er durch
den Dolmetscher sagen, und seine Frau mute durchaus auch ein bichen
probieren. Und erst die Orangen und Kirschen! Die guten Leute wuten
des Dankes kein Ende, und schlielich nahm die Frau den Stolz des
Hauses, ein eingerahmtes Bild von Digermulen, ab der Wand und bat so
dringlich, es als Geschenk anzunehmen, da ich mich dieser unbequemen
Freundlichkeit nicht entziehen konnte. Das Bild ist denn auch, so
lstig es zu verpacken war, getreulich mit nach Frauenfeld genommen
worden. Als wir die Fischerhtte verlieen, war uns zu Mute, als seien
wir in einer Kirche gewesen, und nach herzlichem Abschied von dem uns
begleitenden Maler und seiner Familie streiften wir seelenvergngt noch
ein Stndchen ber Klippen und Strandwiesen.

Ein kleines Plaisir bereitete uns ein Schimmel, der auch jetzt noch,
wie heute frh, in derselben unbeweglichen Haltung, den Kopf halb zu
Boden gesenkt, in einer sumpfigen Mulde stund und zwei beleibte Herren
von der Auguste Viktoria, welche sich krmmten vor unbndigem Lachen
ber das eigentmliche Gebahren des Tieres. Es hat die Schwermut
oder ist gar blo ausgestopft, lautete die Diagnose. Das letztere
stimmte nicht, sondern der Gaul trug am Hinterfu eine in den Boden
gerammte Fessel und schlief, gesenkten Hauptes und stehenden Fues.
Als ich ihm den Hals klopfte und einige Schiffszucker offerierte,
geruhte er sie, leise schwanzend, zu kauen, versank aber sofort wieder
in kopfhngerisches Brten. Der schwermtige Schimmel gehrt fr
uns zum Landschaftsbilde von Digermulen; deshalb habe ich ihn hier
festgenagelt. -- Abends 7 Uhr war alles wieder an Bord.

Ja, vi elsker dette landet (ja, wir lieben dieses Land) ertnte es
aus dem ehernen Munde unserer Schiffskapelle, und die Klnge dieser
norwegischen Nationalhymne waren uns schon so vertraut, da wir sie
laut und sogar bewegten Herzens mitsangen.

Unterdessen drehte unser Kolo und begann sdwrts zu fahren. Mit
Winken und Rufen verabschiedete man sich von dem heimeligen und
schnen Fleck Erde. Da tauchte ein kleiner, ber und ber mit Menschen
besetzter Passagierdampfer auf, der von den Lofoten hergefahren
kam, um der Auguste Viktoria zu begegnen. Das war ein Gren und
Tcherwehen und fast berhrte das Steuerbord des nordischen Schiffes
den Meeresspiegel, als alles nach jener Seite hinberdrngte, um uns zu
sehen. Sogar eine Musik hatten sie auf Deck, und so wurde denn hinber
und herber konzertiert. Etwa zehn Minuten lang blieb der tapfere
Knirps unter Volldampf auf gleicher Hhe mit unserm dahineilenden
stolzen Schiffe; dann aber mute er, ber und ber mit Wogen bespritzt,
zurckbleiben, und bald hatten wir ihn aus dem Auge verloren.

Nicht geringes Aufsehen erregte an diesem Abend folgender Anschlag des
Kapitns am schwarzen Brette:

Kaisertelegramm: Hohenzollern befindet sich am 19. nachmittags in
Aalesund. Seine Majestt wrden sich freuen, wenn ausgehend dort kurzer
Aufenthalt genommen wird. Passagieren ist Besichtigung des Schiffes
gestattet.

        Kommando Hohenzollern.

Demgem wird die Auguste Viktoria am 19. Juli zwischen 4 und 7 Uhr
abends in Aalesund stehen.

        Kmpff, Kommandant der A. V.

Diese Nachricht gab nun den Gesprchen und Gedanken der Menschheit auf
der Auguste Viktoria -- vom Schiffsjungen bis zum Frsten -- lngere
Zeit eine ganz bestimmte Richtung, und wo immer ihrer einige beisammen
stunden, wurde der Besuch bei Kaiser Wilhelm verhandelt und die
wichtige Toilettenfrage einllich besprochen, so da die Pracht der
nrdlichen Lofoten, welche wir bei Beginn unserer Rckfahrt passierten,
fr viele vollstndig verloren gegangen sein mag.




~XIII.~

     Maschinen- und Vorratsrume der Auguste Viktoria. -- Die Welt
     -- ein Dorf. -- Maraak. -- Vorbereitung fr den Kaiserbesuch. --
     Ankunft in Aalesund bei S. M. Y. Hohenzollern. -- Der Kaiser an
     Bord. -- Besuch der Hohenzollern.


Das ist eine merkwrdige Welt, diese langgestreckte, wildzackige
Lofotenkette; bei Abend- und Mitternachtsbeleuchtung bot sie uns die
herrlichsten Landschaftsbilder. In Flammen strahlend zeichneten sich
die Umrisse der Berge auerordentlich scharf am Horizont ab, und Meer
wie Land erschienen in mrchenhafter Farbenpracht.

Lange Zeit stritten wir uns und waren im Unklaren, ob eine nach
Mitternacht fern im Osten sichtbare ungeheure weie Flche, die nur
von einzelnen schwarzen Gipfeln berragt auf den Gebirgszgen lagerte,
ein Nebelmeer sei oder aber ein Schneefeld. Nach und nach aber konnte
kein Zweifel mehr herrschen; wir sahen den grandiosen Firn des
_Svartisen_; er bedeckt gegen 60 Kilometer lang und 16 Kilometer breit
eine durchschnittlich 1200 Meter hohe Flche, aus der vereinzelte Hhen
aufragen, whrend nach allen Seiten mchtige Gletscher zu den Fjorden
absteigen. Stundenlang beherrschte die gespensterhaft weie, erhabene
Riesenflche das Landschaftsbild; sie wird in ihrem sdlichen Teil vom
Polarkreis geschnitten. (Mein Nachbar auf Deck stellte sich auf die
Fuspitzen, um das besser zu sehen.)

Den folgenden Tag, 18. Juli, brachten wir auf offenem Meere zu und
hatten Zeit und Gelegenheit, allerlei Interessantes von den Eingeweiden
unseres Schiffes zu betrachten. Unter der Fhrung eines Maschinisten
war es gestattet, in die Maschinenrumlichkeiten hinabzusteigen. Wie
das alles glnzte und glitzerte und ruhelos arbeitete in diesen taghell
elektrisch beleuchteten eisernen Kammern! Und weiter unten, wo der
Heizer, halbnackt und schweitriefend Kohlenberge ins Feuer warf,
glaubte man in eine Hlle zu schauen.

In ganz kleiner Gesellschaft, nur fnf Kpfe stark, besuchten wir
auch die Vorratsspeicher, welche rckwrts am Schiff, in der Nhe der
Schrauben, tief unter dem Hauptdeck unterhalb der Wasserlinie gelegen
sind. Eine Tag und Nacht funktionierende Dampfmaschine -- wie oft
hatte ich sie und ihre Kollegin, die elektrische Lichterzeugerin, zum
Kuckuck gewnscht, wenn ich Nachts zu schlafen versuchte! -- besorgt
die Abkhlung der Proviantrume unter den Nullpunkt und alles, was an
Fleisch da hing und lag, Dutzende von halben Rindern, Klbern, Schafen
und Schweinen, Tausende von gerupften und ausgeweideten Kapaunen und
Truthhnen, zirka 50,000 Pfund, war steinhart gefroren. Das fr einen
Tag notwendige Quantum wurde je 24 Stunden vor der Verarbeitung in der
Kche aus der Gefrierkammer in einen Vorraum gelegt, um dort langsam
aufzutauen. Andere Abteilungen dieses unterseeischen Schiffsquartiers
enthielten erstaunliche Mengen von Konserven und Frchten aller Art,
worunter namentlich riesige Ananas und Hunderte von aufgehngten,
schwer mit Frchten beladenen Bananenstauden auffielen; Vorrte
von Butter, Kse, Eier, Milch, letztere teils als kondensierte,
hauptschlich aber als einfach sterilisierte Mecklenburger Milch in
Bchsen von 6 Litern zugeschmolzen. Ich erfuhr erst hier, da unsere
schweizerische Milchexportindustrie im Lande Fritz Reuters eine so
leistungsfhige Rivalin hat. Von dem Blick in die Bierlager und in die
Flaschenkeller, wo die vielen Tausende von Wein- und Champagnerflaschen
wohlgeordnet, jede in besonderm kleinem Holzlager, ruhen, will ich
lieber gar nicht weiter erzhlen.

In jeder Ecke dieses aus Speis und Trank zusammengesetzten Labyrinths
zndet bei Bedarf ein elektrisches Glhlicht und ber jedes nach
oben abgelieferte Gramm wird exakt Buch gefhrt. Was nun von den fr
einen Tag bestimmten und an Koch, Bcker und Konditor bermittelten
Konsumartikeln innerhalb dieses Tages nicht verzehrt wurde, wandert
ins Meer. Alltglich, nachdem Passagiere und Schiffsangestellte
sich satt gegessen, bleiben groe Quantitten von Gesottenem und
Gebratenem brig, und es besteht strenge Vorschrift, da nichts davon
weitere Verwendung fr die Schiffstafel finden darf. Jeden Morgen
wurden unglaubliche Quantitten von Fleisch und Brot, oft Hunderte der
appetitlichsten Kleinbrotartikel in die salzige Flut geschmissen, und
der Zahlmeister behauptete, da mit diesem Fischfutter dreiig Familien
reichlich ernhrt werden knnten. Wo immer wir vor Anker lagen, da
kreisten bestndig einige armselige Boote um unser Schiff und suchten
die Brosamen vom Tische der Reichen aufzufischen.

Der Zweck der verschwenderischen Vorschrift ist zwar klar: die
Gesellschaft will ihren Passagieren die Garantie fr ausschlielich
frische und prima Nahrung bieten; aber es erscheint uns eben doch als
protziges Unrecht, da man sich nicht die Mhe nimmt, diese wertvollen
Ueberbleibsel zu sammeln, zu konservieren und nachher an Unbemittelte
zu verschenken.

Mit jedem Tage kam sich die Reisegesellschaft etwas nher; Menschen,
die ursprnglich sich als wildfremd angeglotzt, fanden pltzlich
gemeinschaftliche Anknpfungspunkte, und gegen das Ende der Fahrt gab's
berhaupt kaum mehr absolute Fremdlinge. Die Welt ist ein Dorf hrte
man zu wiederholten malen ausrufen, wenn zwei bis dahin Unbekannte
sich pltzlich als gemeinschaftliche Freunde oder gar Vettern eines
Dritten entpuppten. In einer feinen ltern Dame entdeckte ich durch
Zufall die Witwe eines mir sehr lieben Herrn, mit dem ich s. Z. in
Engelberg kstliche Stunden verlebt habe und der -- nun seit langem tot
-- dort als Papa G. in bester Erinnerung geblieben ist. Was freute sich
die, am Polarkreis von ihrem verstorbenen Gatten allerlei Heimeliges
erzhlen zu hren; es war fr sie wie eine kleine Auferstehung, und
als ich den freundlichen Graubart in einigen kleinen, ihr vielleicht
entschwundenen uerlichen Zgen schilderte, z. B. wie er seine
Havannah nie abzuschneiden, sondern durch einen krftigen Bi zugfhig
zu machen gewohnt war, da bernahm sie die Rhrung und wir muten das
Thema abbrechen.

Der weibliche Teil der Passagiere erfreute sich seitens der Hapag
bei verschiedenen Anlssen besonderer Aufmerksamkeiten. Schon am
ersten Tage auf hoher See hatte jede Dame eine elegante weie
Schiffsmtze, die in Golddruck den Namen Auguste Viktoria trug, als
Geschenk erhalten; nachher kamen bei Bevorzugten Hapag-Brochen und
andere Schmucksachen an die Reihe. Der blasse Neid der Mnnerwelt
konnte an der Sache nichts ndern. Aber als heute beim Diner neben
jedem weiblichen Couvert eine reizende gefllte Silber-Bonbonniere
mit eingravierter Dedikation lag und wir armen Mnner wieder leer
ausgingen, da drohte -- an unserm Tisch wenigstens -- heller Aufruhr,
und der Brust entrann der Schmerzensschrei: Ach, wre ich doch als
Jungfrau geboren!

Das hat vielleicht jener amerikanische Ehe- und Ehrenmann auch
geseufzt, der am nmlichen Abend auf Deck und ~coram publico~ sich
geduldig von seiner rabiaten Gattin beohrfeigen lassen mute.

Nchstes Ziel unserer Fahrt war Maraak (auch Marok oder Merok
genannt); der Weg dorthin ist reich an landschaftlichen Schnheiten,
die sich steigern, je weiter man in den zufhrenden Fjorden vordringt.
Durch den Slyngs- und Sunelvsfjord erreicht man den weltberhmten
Geirangerfjord mit seinen schroffen Felsgebirgen und den zahlreichen
und wunderbar geformten Wasserfllen. Namentlich schn und merkwrdig
ist der Fall der sieben Schwestern; sie strzen ganz oben als sieben,
weiter unten nur noch als vier milchweie Bche ber eine senkrechte
Felswand herab, die sich auch im Wasser noch senkrecht weiter
fortsetzt, so da das Schiff ganz dicht an die Flle heranfahren kann.

Die Felsen der andern Seite zeigen seltsame Profile; bald glaubt man
eine Kanzel zu sehen, bald eine Ritterburg oder auch ein menschliches
Antlitz, und ein langgezogenes zerklftetes Massiv sieht genau so aus
wie ein schartiges Rasiermesser unter dem Mikroskop. Immer enger treten
die Berge zusammen; immer mchtiger und vielgestaltiger werden die zu
Thal strzenden Wassermassen. Ab und zu belebt ein malerischer Segler
den sonst menschenleeren Sund.

Unser Naturgenu wurde erhht durch ein ganz besonders ausgezeichnetes
Konzertprogramm, das die flotte und unermdliche Schiffskapelle
abwickelte. Die Tannhuser-Ouvertre spielte sie mit einer Bravour,
die mich zu einem Bon fr 50 Glas Mnchner begeisterte. Das hatten die
braven Musikanten wohl verdient.

Pltzlich wird der Fjord abgeschlossen durch einen Bergkessel von
unbeschreiblicher Groartigkeit; aus einer Hhe von fast 2000 Meter
glnzt ein schneebedeckter Gletscher; alle Reize der Fjordlandschaft
vereinigen sich zu einem prchtigen Bilde; wir liegen vor Maraak.

Der kleine freundliche Ort besteht aus einfachen Husern, die sich
an den Fjord schmiegen; auf der Hhe steht eine weithin grende
Holzkirche. Hinter Maraak steigt es steil empor zum Geiranger
Bergkessel, durch welchen an einer Ueberflle von Wasserfllen vorbei
die groartigste Bergstrae Norwegens landeinwrts fhrt. Einige
Hotels, von welchen das hchstgelegene zirka 300 Meter direkt ber
der Kirchturmspitze vom Meere aus zu sehen ist, signalisieren die
Fremdenstation. Es sind wieder fast ausschlielich Englnder, welche
sich diesen Platz zu lngerm Aufenthalte whlen.

[Illustration: Maraak.]

Wir fuhren in aller Morgenfrhe ans Land, wo zahlreiche Karren fr
die Alten und Faulen bereitstunden. Da wir aber zu keinen von beiden
gehren wollten, futen wir stolz daran vorbei und rekognoszierten auf
heimeligen Wiesenpfaden Land und Leute. Ein herrlicher Heuduft ersetzte
in angenehmer Weise das Fisch- und Thranaroma, das uns vom Norden her
noch in der Nase lag. Unser erster Gang galt der freundlichen, auf
einem Hgel gelegenen Holzkirche. Sie ist von einem kleinen Friedhofe
umgeben, ber dessen Steinmauern wir zuerst klettern muten, um ins
Innere zu gelangen. Von dieser Sttte des Todes fllt der Blick auf
eine prchtige, lebenswarme, sonnige Welt. Die Kirche selbst ist ein
schlichter, achteckiger Holzbau, lose auf schlecht gemauerte Pfeiler
gestellt und mit Holzlden versehen. Der malerische Turm ist der Mitte
aufgesetzt, wie bei dem bekannten Kinderspielzeug. Der Strae bergan
folgend, die sich bis weit hinauf durch Staubwolken kennzeichnete,
erreichten wir nach zirka 15 Minuten das vom Hafen aus unsichtbare
Hotel Union; auf einer Seite desselben strzt der wasserreiche Storfos,
als weier Gischt, brausend ber eine Felswand; auf der andern Seite
gleiten die Gewsser des Geirangerbergthales in klarem Strome zu Thal,
und vereint eilen beide dem Fjorde zu. Eine ppige grne Vegetation --
auch stattlicher Baumwuchs, Birken, Erlen, Eschen -- bedeckt den ganzen
Bergabhang, und bis weit hinauf sind Htten sichtbar und weidende
Herden, denen auch die Glocken nicht fehlen. Zu den Fen liegt der
enge, scheinbar rings abgeschlossene Bergsee und hoch in die Lfte
ragen gewaltige Gebirgsstcke und Schneefelder. Das Hotel, aus Holz im
Chaletstil erbaut, sah recht einladend aus; an den Veranden blhten
Gaisblatt, Kapuziner und wilder Hopfen.

Je nach Wanderlust und verfgbarer Kraft wurde die Strae mehr oder
weniger nach oben fortgesetzt; viele lieen sich zum obern Hotel
(H. Udsigten = Bellevue) hinauffhren, wo der Blick auf die eisige
Gebirgswelt landeinwrts und im Gegensatz zu der wilden Fjordlandschaft
zu Fen ein groartiger gewesen sein mu. Einen wei ich -- ein
gelehrtes Haus -- der einsam noch weiterstrebte und in adamischem
Kostm sich unter den Wasserschleier des schnsten Staubbaches stellte.
Das sei ein nicht zu beschreibendes Vergngen und eine herrliche
Erquickung gewesen, rhmte er, als er halb tot, im Schwei gebadet und
mit Straenstaub gepudert, als einer der letzten an Bord zurckkehrte.

Um 12 Uhr mittags, als eben ein kleiner, sich vor Neugierde ganz auf
unsere Seite neigender Touristendampfer einfuhr, verlieen wir Maraak
und kehrten auf demselben Wege zurck, die Schnheiten des Fjords
nochmals und in ganz anderer Beleuchtung genieend.

Den Jrundfjord, der noch auf unserem Programm gestanden hatte, lieen
wir links liegen, um rechtzeitig bei Kaiser Wilhelm anzukommen. Wir
nannten ihn brigens nicht mehr Jrund- sondern Bhringer-Fjord, weil
ein Mitpassagier den Namen flschlich so verstanden hatte; motiviert
wurde die Benennung durch uns mit der interessanten historischen Notiz,
da der Grovater von Professor B. ihn vor genau 47 Jahren entdeckt
habe. Der Schiffsunsinn gedeiht unter allen Breitegraden.

An Bord herrschte whrend dieser Fahrt reges Leben. Ueberall wurde
gefegt und geputzt; die Bden sahen ganz jungfrulich aus und die
Metallbeschlge glnzten wie Spiegel. Inspizierende Schiffsoffiziere
durchwanderten alle Rume und der Verkehrston mit den Untergebenen
war heute ein auffallend strammer und militrischer. Ich sa allein
in dem Rauchsalon und schrieb an die Thurgauer Zeitung, als der
erste Offizier eintrat, jeden Winkel musterte und schlielich, als
er am Plafond ein bescheidenes Spinnengewebchen entdeckte, den
verantwortlichen Steward folgendermaen apostrophierte: Sie, Steward!
Machen Sie den Dreck 'runter! Glauben Sie, die Decke gehrt nicht zum
Rauchzimmer? Wenn unser Kaiser kommt und sieht den Mist, so sagt er: No
was sind denn das fr Schweinekerls, diese Rauchstewards!

Scheinbar zerknirscht machte sich der gescheitelte Jngling an die
Reinigungsarbeit; aber das Selbstgesprch, dessen Zeuge ich war,
nachdem der gestrenge Inspektor das Lokal verlassen, enthielt Worte
und Satzwendungen, die ich bisher aus der deutschen Litteratur nicht
gekannt hatte.

Alles, vom Kapitn bis zum Schiffsjungen, prangte im glnzenden
Sonntagsgewande; die hundert Stewards sahen geradezu imposant aus.
Aber auch die Passagiere blieben nicht zurck und hingen ihr Bestes
und Schnstes um. Gerne htte ich mit meinem bohnengrnen Polarmantel
geprunkt; da dies aber aus koloristischen und klimatischen Grnden
nicht anging, mute ich mich auf mein gewhnliches Habit beschrnken,
ehrte den hohen Gast aber durch den Luxus einer neuen, blendend weien
Kravatte, und doch nahm er nachher nicht einmal Notiz davon.

Es war nachmittags 3-1/4 Uhr, als man sich Aalesund nherte. Was
Beine hatte, stund auf Deck, die Stewards in langen Reihen auf den
Blahen der Rettungsboote. Unsere Kapelle hielt sich spielbereit; die
ganze Welt zeigte die grte Spannung; nur einige junge Amerikanerinnen
beschftigten sich mit ihren Stickrahmen. Hunderte von bunten Wimpeln
flatterten lustig als festliche Dekoration auf unserm Schiff, das
sich in langsamem, wrdevollem Tempo dem Bestimmungsorte nherte.
Jetzt erscheint die weite Bucht von Aalesund, von auf grnem Teppich
aufgebauten Gebirgen umschlossen. Im Hintergrunde liegen blaue, mit
Schnee gekrnte Berge. Die aufblhende Stadt zhlt bereits 9000
Einwohner und ist ein Hauptstapel- und Handelsplatz. Zahlreiche
Segler und Dampfer bevlkern den Hafen. Aber aller Augen sind auf
seinen Mittelpunkt gerichtet, wo die stolze Hohenzollern vor
Anker liegt, in ihrer Nhe das begleitende Kriegsschiff Hela und
ein schwarzes Torpedoboot. Eine gewisse nervse Hast war in diesem
Moment auf unserer Auguste Viktoria fr einen nchternen Beobachter
nicht zu verkennen, und sie stieg im Quadrat der Annherung an das
Kaiserschiff. Sogar der wackere Kapellmeister zeigte sich davon
ergriffen und gab mehrfach Ordre und Contreordre, und die Musikanten
hatten Mhe, bei der scharfen Brise, die wehte, die hastig genderten
Programmnummern rechtzeitig aufzulegen. Im Zufahren stieg erst
der Prsentiermarsch, dann der Wachparademarsch und endlich nahe
am Ziele der Hoch-Kaiser-Wilhelm-Marsch. Jetzt sind deutlich die
einzelnen Persnlichkeiten zu erkennen; der Kaiser steht in grauem
Civilanzug auf der Kommandobrcke und grt anhaltend mit seiner
dunkeln Tellermtze, was unsrerseits mit Hurrahrufen und Hteschwenken
erwidert wird. Whrend die Musik den Preuenmarsch spielt, dreht unser
Schiff und bewegt sich -- eine mchtige, weie Gischtstrae bildend
-- in groem Kreise um die Hohenzollern. Unter den Klngen des
Hohen-Friedberger-Marsches fllt endlich der Anker, und wir harren der
Dinge, der kaiserlichen, die da kommen sollen.

Kaum lag unser Schiff ruhig, so kam auch schon eine elegante Barkasse
von der Hohenzollern hergedampft, um die Passagiere auf die
kaiserliche Yacht hinberfhren zu helfen, und in Gruppen von 30 bis
40 begann nun die Wanderung zwischen den beiden stolzen Dampfern,
wobei abwechslungsweise von der 40 Kpfe starken trefflichen Kapelle
an Bord der Hohenzollern und von der unsrigen gespielt wurde.
Vorsichtigerweise pressierten wir drei nicht mit der Ueberfahrt; der
Kaiser sollte ja der Auguste Viktoria einen Besuch abstatten, und die
Gelegenheit, ihn aus unmittelbarer Nhe und nachhaltig zu beobachten,
wollten wir uns doch nicht entgehen lassen. Und richtig -- dort kam er
ja; ein schlankes, von zweimal vier Ruderern in blauem Matrosenkostm
pfeilschnell durch die Wogen gejagtes Boot trug vorne die kaiserliche
Standarte, und hinten am Steuer sa und lenkte das eilende Fahrzeug
Kaiser Wilhelm ~II~.

Das war ein Rennen und ein Jagen auf unserm Schiff. Atemlos kamen
die Amateurphotographen mit ihren Apparaten hergeeilt und postierten
sich, um das gekrnte Oberhaupt des deutschen Reiches im Momente, da
es an Bord trat, mglichst gnstig zu erwischen. Haben Sie ihn?
hie es kreuz und quer; und von welcher Seite? Haarscharf schnitt
das kaiserliche Boot unsere Schiffstreppe; in derselben Sekunde hielt
es an; in der nchsten sprang der hohe Steuermann gewandt und sicher
auf den ersten Tritt, wo er vom Kapitn und einem Vertreter der
Schiffsgesellschaft bewillkommt wurde. Dann gings unter Hurrah und
gegenseitiger Begrung die Treppe hinauf auf Deck, wo sich der Kaiser,
gefhrt vom Kapitn, alles, aber auch alles ansah und durch vielerlei
Fragen sein Interesse an dem stolzen Schiffe bekundete. Aufflliger
Weise schritt der Kapitn stets zu seiner Rechten, und ich wurde nicht
klug, ob dies aus Versehen oder aber einem Wunsche des Kaisers zufolge
geschah, der ja bekanntlich links durch eine Lhmung und auffllige
Verkrzung des Oberarmes verstmmelt ist und auch, wie die Fama wei,
am linken Gehrorgan krank sein soll. Im Rauch- und Konversationssalon
war ich ganz allein, als die beiden Herren eintraten; besondere Freude
zeigte der Kaiser an den Wandmalereien des ersteren, welches mit
knstlerischem Humor die verschiedenen Rauchertypen, vom Lotsen bis zur
Studentin, darstellen.

Nachdem uns auf diese Weise die vielgerhmte und vielgehate, aber
sicher geniale und wohlwollende Verkrperung des deutschen Reiches
menschlich nher getreten war und uns ganz sympathisch berhrt hatte,
machten auch wir uns daran, seinen schwimmenden Palast kennen zu
lernen. So was behaglich Schnes, einfach Vornehmes hatten wir noch nie
gesehen. Bekanntlich hat die Hohenzollern, die ja verschiedene Male
kleiner ist als die Auguste Viktoria, 27 Millionen Mark gekostet,
die Vergoldung des Kieladlers allein 80,000 Mark, und doch ist das
Innere nicht so prunkvoll und berladen wie bei den groen Hamburger
Personen-Dampfern. Aber jeder Planke und jeder Niete sieht man die
hervorragende Qualitt an, und es giebt nichts an dieser kaiserlichen
Yacht, das nicht das Attribut absoluter Vollkommenheit verdiente.
Eine breite, mit Teppichen belegte Treppe fhrt in bequemen Stufen
zu dem Verdeck, das in seiner ganzen Ausdehnung mit Linoleum bedeckt
ist und weite Spaziergnge erlaubt. Auf Vorderdeck war in Galauniform
die 40 Mann starke vortreffliche Kapelle postiert, welche die Gste
auf Befehl des gastfreundlichen Kaisers zu begren hatte. Jedenfalls
nicht in seinem Sinne und seiner nobeln Denkweise handelten ein paar
vollgegessene, abgelebte Byzantiner, welche, ber die Brstung gelehnt,
mit den fadesten Berliner Witzen und unter knabenhaftem Gelchter sich
ber die Ankmmlinge ~minorum gentium~ lustig machten. Nachdem ich
sie mit einem feindeidgenssischen Blicke vernichtet, freilich ohne
durchschlagenden Erfolg, durchwanderten wir, in Gruppen von 30 bis
40 gefhrt, die herrlichen Rume des Schiffes. Besonders schn ist
der groe Speisesaal, der reich mit Blumen geschmckt war (der Kaiser
fhrt stets einen Grtner mit an Bord). An der Stirnseite prangt in
groer Ausstattung das alte Familienwappen mit der Inschrift: Hie guet
Zollere alleweg! Stilvolle knstlerische Wanddekorationen erfreuten
das Auge, z. B. geist- und humorvoll ausgestattete eingerahmte Menus
zur Erinnerung an besonders ereignisreiche Tage frherer Fahrten.

Im Rauchzimmer mchte man sich am liebsten gleich hinsetzen, die langen
Beine ausstrecken und eine Havannah veraschen; auch dort ist wie in
smtlichen Rumen alles Groe und Kleine auf die See abgestimmt; sogar
die reizenden wandstndigen Aschenbecher sind silberne Schiffsteile ~en
miniature~, und die Asche wird an kleinen niedlichen Schiffsschrauben
abgestreift. Auch in das Arbeitszimmer des Kaisers wurden wir gefhrt;
dort sahen wir eben zu, wie eine Amerikanerin von dem goldgernderten
kaiserlichen Briefpapier einen Bogen in ihre Tasche wandern lie. In
einem danebenliegenden Salon hrt der Frst tglich die Vortrge der
mitreisenden Minister. Auch auf Deck hat er einen uerst behaglich
ausgestatteten Privatraum, der mit wissenschaftlicher Schiffslitteratur
und allen mglichen Instrumenten vollgepfropft ist. Auf dem Tische
lagen ausschlielich franzsische Zeitungen und Werke.

In die Schlafrume gelangten wir nicht; dagegen konnten wir von der
Schiffstreppe aus in einige grere Kabinen einen Blick werfen und uns
berzeugen, da auch dort ganz ungewhnlich groe Dimensionen vorhanden
sind mit behaglich schner, nicht berladener Ausstattung. Licht und
Luft tritt nicht wie bei den Kammern der Passagierdampfer durch runde
Lucken, sog. Ochsenaugen, ein, sondern durch grere, mit in Messing
gefatem Glas verschliebare viereckige Fenster.

Wunderbar sind die Apparate fr den elektrischen Signaldienst
und die Maschinen. Was der menschliche Geist je ersann, um eine
Meerfahrt sicher und genureich zu gestalten, das hat die deutsche
Schiffsbaukunst sich fr die Yacht ihres Kaisers zu nutze gemacht.

Entzckt von dem Geschauten kehrte nach und nach alles wieder zur
Auguste Viktoria zurck, die uns im Vergleich zur Hohenzollern,
der wahrhaft Vornehmen, zuerst wie eine pomps ausgestattete
Straenriesendame vorkommen wollte. Die letzten, die an Bord stiegen --
von den kaiserlichen Ruderern hergebracht -- waren Graf v. Metternich,
Herr Wanamaker und ein Hapag-Vertreter, Konsul Weber aus Hamburg,
welche der Kaiser zu sich zum Thee geladen hatte.

Eben fuhr die glnzende Yacht des amerikanischen Krsus Gould an uns
vorber; die soll im Innern so raffiniert ausgestattet sein, da der
deutsche Kaiser, der sie besuchte, das Wort sprach: So was habe ich in
meinem Leben noch nicht gesehen.

Um 7 Uhr abends fuhren wir weg von Aalesund. Nochmals umkreisten wir
zum Abschied die Hohenzollern; unsere Kapelle spielte das Heil dir
im Siegeskranz; der Kaiser winkte vom Verdeck her, unser Kapitn
salutierte, die Wimpel wurden grend aufgezogen; alle Welt rief Hurrah
und schwenkte Hte und Tcher, und wieder ging's hinaus gegen die hohe
See.

Nach einer halben Stunde sahen wir weit zurckliegend den Aalesund,
mitten drin in der blauen Flche einen grauen Punkt -- die mrchenhafte
Hohenzollern.

Abends an der Tafel bildete natrlich das zuletzt Erlebte den
Mittelpunkt des Gesprches, und als Kommerzienrat Schubart aus
Berlin sich erhob und ein Hoch auf den gastfreundlichen deutschen
Kaiser ausbrachte, erfllten auch wir Nichtdeutsche gern und aus
innerm Antrieb diese Pflicht der Dankbarkeit und beteiligten uns,
wenn auch mit den anderen, unserem Herzen gelufigeren Worten, beim
gemeinschaftlichen Gesange der Nationalhymne.

Aber noch ein anderes freundliches Ereignis beschftigte die
Gemter; der kleine Schalk Amor hatte, wie -- ~dicitur~ -- auf jeder
Nordlandsfahrt, einige Herzen verwundet und zusammengefhrt. Dort am
Ecktische unseres Saales sitzt das glckliche Paar, und eben erhebt
sich der Tischprses, um ganz ~en famille~ eine kleine Verlobungsrede
zu halten, was in dem Lrm des Speisesaales, wie er dachte, ohne
weiteres Aufsehen mglich sein sollte. Aber kaum hatte er sich erhoben,
so schwieg der Konversationssturm, als ob ein Engel durch den Raum
schritte; erschrocken drehte der werdende Orator sich um und setzte
sich sprachlos und verblfft, die Rede im Halse, wieder auf seinen
Stuhl -- eine kurze Scene voll unbeschreiblicher Komik, die ein
schallendes Chorgelchter hervorrief. Die Verlobung ging aber eineweg
ihren Gang.




~XIV.~

     Durch den Sognefjord. -- Genrebilder im Naerfjord. -- Gudwangen.
     -- Naerdal und Stahlheim. -- Hungersnot. -- Oell und Musst. --
     Sprachverwirrung.


Erst am Ende des Tages, nachdem die Erlebnisse mit der Hohenzollern
lngst vorbei waren, erfuhren wir, da der Kaiser kurze Zeit vor
unserer Ankunft das Telegramm erhalten hatte, welches ihm die -- wie
es darin hie -- nicht unbedeutende Verletzung der in Berchtesgaden
weilenden Kaiserin meldete. Er soll sehr konsterniert gewesen sein, und
da er trotzdem das Tagesprogramm nicht nderte, sondern die Passagiere
der Auguste Viktoria doch empfing, wurde ihm von denselben doppelt
hoch angerechnet.

Ohne ein Opfer unsererseits, d. h. von Seiten der Hapag, ging brigens
diese kaiserliche Einladung nicht ab. Der zweistndige Aufenthalt vor
Anker bei Aalesund kostete unser Schiff die Kleinigkeit von 560 Kronen
(zirka 800 Franken) Hafengeld.

Es schien in der Nacht strmisch und regnerisch werden zu wollen
und die Vorsichtigen legten sich rechtzeitig zu Bette, um auf alles
gefat zu sein. Aber die Witterung blieb gnstig; kaum sprte man die
offene See, und morgens beim Aufwachen glitt unser Schiff lngst wieder
ber die glatte Flche eines Fjords. Es war der Sognefjord, durch den
wir fuhren; 200 Kilometer weit schneidet er ins Land ein bei einer
Wassertiefe von 1200 Meter und einer Breite von durchschnittlich kaum
6 Kilometer. Der Hauptarm teilt sich in verschiedene ganz schmale, von
ungeheuern, bis 5000 Fu hohen Steilwnden begrenzte Spalten, ber
welche Wasserfall an Wasserfall strzt, whrend an den Enden blaugrne
Gletscher nach dem Fjord hereinblicken. Im Norden ist das grte
Firnfeld Europas, der fast 1000 Quadratkilometer groe Jostedalsbrae.
An den Ufern des Sognefjords liegen die ltesten Kultursttten
Norwegens; sie sind auch der Boden der herrlichen Frithjofssage. --
Bei nachtschlafender Zeit passierten wir ohne Gewissensbisse Ingeborgs
Knigspalast und Frithjofs Hof; wir muten ja im Rckweg nochmals
Gelegenheit finden, diese klassischen Orte zu gren.

Immer nher rckten die Felsen zusammen; oft war kein Ausweg zu
sehen, und es schien unmglich, mit unserm Schiff vorwrts zu kommen;
dann ffnete sich pltzlich um die Ecke eine neue Spalte mit neuen
berraschenden Ausblicken. Wir befanden uns in dem sdwestlichen
Endarme des Sognefjords, im Naerfjord. Das ist die erhabenste Gebirgs-
und Meerlandschaft, die wir in Norwegen gesehen, und an Groartigkeit
von keinem der mir bekannten Bergseen erreicht. Und auch das Liebliche
fehlt nicht in dieser gigantischen Felsenwelt. Wo sich am Fue der
himmelhohen Wnde durch Absturz oder als Delta eines der Schlucht
entspringenden Bergbaches ein Stck flacher Kste gebildet hat, da
glnzt sie im saftigsten Wiesengrn und trgt ein paar freundliche
Huser, hie und da auch ein Kirchlein, um das sie sich scharen.

Zuletzt schienen wir aber doch am Ende des schmalen Fjords zu sein;
in einem wilden, kahlen Felsenkessel mit steilen und unbewohnbaren
Ufern hielten wir an und warfen den Anker aus. Wunderbarerweise belebte
sich die Umgebung unseres Schiffes alsbald; kleine Boote -- meist mit
Frauen und Kindern angefllt -- tauchten pltzlich auf, wie der See
entstiegen; denn eine menschliche Wohnsttte oder ein Ausweg aus den
geschlossenen Felskoulissen war nirgends zu erblicken. Sie lauschten
andchtig unserer Kapelle und staunten das mchtige Schiff an. Da
gab's reizende Genrebilder fr unsere Photographen, und die Apparate
klappten sehr geschftig nach allen Seiten. Hier sitzt eine Mutter,
die Ruder eingezogen, mit dem jngsten Kind auf dem Scho, drei ltere
neben sich, und belehrt ihre Kleinen, wie sie mit ihren rmlichen,
schmutzigen Nastchern unsere winkenden Gre erwidern sollen. Dort
fllt ein ganzes Rudel rotwangiger Buben und Mdchen ein Boot, dessen
Ruder ein Backfisch handhabt, whrend sich die brigen Insassen sehr
seevertraut in dem schwankenden Fahrzeug lustig machen und oft mit
halbem Krper nach dem Wasser berragen, um ein schwimmendes Stck Brot
oder eine leere Konservenbchse zu erhaschen. Sprach- und stimmlos vor
Erstaunen war ein schwarzer Hund, der als Mittelpunkt einer frhlich
lachenden und winkenden Familie mit offenbar gespanntem Interesse das
fremde Schauspiel musterte und unverwandt nach unserm Schiffe sah.

Noch waren wir 10 Kilometer vom Ziele des heutigen Tages, von
Gudwangen, entfernt; aber weiter durfte und konnte unser groer
Oceandampfer nicht mehr in dem schmalen, vielfach gewundenen
Meeresarme. Ein kleineres, aber schmuckes norwegisches Dampfboot, der
Kommandren, war fr den heutigen Tag von der Hapag gechartert;
bald lag er an unserer Seite und auf breiter Verbindungsbrcke ergo
sich der Passagierstrom in wenigen Minuten herber. Wir hatten einen
prachtvollen Platz auf dem aussichtsreichen hohen Verdeck erobert
und konnten nun die herrliche Fahrt vollauf genieen. Als das Schiff
sich in Bewegung setzte, erschien eben die Sonne ber den Bergen und
spiegelte sich in der leicht gekruselten Flut. Der Fjord verengte sich
gegen Gudwangen zu fluartig; die Entfernung der Ufer betrgt kaum mehr
200 Meter und wenig fehlt, so berhrt sich in der Luft der Staub der
auf beiden Seiten herabstrzenden Schleierflle.

Rechts liegt eine reizende kleine Kirche, umgeben von Bauernhfen,
das rtchen Bakke. Dahinter ein mchtig rauschender Wasserfall.
Dort biegen wir nochmals um die Ecke; dann erscheint vor den Augen
Gudwangen, ein paar Huser und einige Hotels, von gewaltig aufragenden
Bergen eingeschlossen; man begreift, da sie im Winter monatelang die
Sonne nicht zu sehen bekommen. Im Hafen lag bereits ein englischer
Touristendampfer vor Anker, eine schlechte Vorbedeutung fr den
heutigen Tag; wir muten erwarten, alles abgeweidet zu finden, wo wir
hinkamen, und das stimmte denn auch so ziemlich.

Reiseziel war fr alle das herrlich gelegene Stahlheim; von dort
sollte ein Teil der Passagiere auf dem Landweg ber Vossewangen nach
Bergen fahren, whrend ein anderer Teil, abends per Kommandren
wieder auf die Auguste Viktoria zurckgebracht, zur See die genannte
Stadt erreichen wollte.

Vom Landungsplatze lngs der durch die kleine Ortschaft fhrenden
Strae waren wohl an die hundert norwegische Karren und Kutschen
aufgestellt, und man fragte sich, wo und wie dieses Heer von Wagen und
Pferden eigentlich hergekommen sei. Die Reisefirma Beyer hatte offenbar
alle Bauern von nah und fern mit ihrem Fuhrwerk fr den heutigen
Tag aufgeboten. Im Sturme wurde die Wagenburg genommen; glcklich
diejenigen, welche sich einen Sitz zu erobern wuten; manch' Einer, den
das Schicksal zu einem Kariol verurteilte, wird sich nach mehrstndiger
Fahrt auf der holprigen Bergstrae schmerzlich daran erinnert haben,
da sogar die Sitzgegend mit Empfindungsnerven bedacht ist. Fr
uns, die wir nicht unter Beyers Obhut, sondern als Wilde reisten,
kam diesmal nur Schusters Rappen in Frage. Wir marschierten tapfer
vorwrts, trotz der zu berwindenden 3-1/2 Wegstunden; oft sauste dann
die lange Wagenreihe an uns vorbei, gar nicht von uns beneidet, die wir
den oft komischen Anstrengungen zur Erhaltung des Gleichgewichts und
zur Entlastung des Sitzes auf staubiger Strae von grnen Wiesenpfaden
aus zusehen konnten. Wo aber der Weg anstieg, da gewannen wir immer
wieder einen Vorsprung, und schlielich waren wir nicht einmal die
Letzten am Ziele.

Wenig auerhalb Gudwangen war ein norwegischer Polizeiposten vor
einem Schlagbaum aufgestellt, der jedes Fuhrwerk mit Bespannung genau
musterte und nur passieren lie, wenn die Beschaffenheit alle Garantie
fr ungefhrdete Befrderung der Reisenden bot. Brchiges Leder,
geflickte Riemen und beschdigte Achsen wurden abgeschtzt. Diese
Frsorge der heiligen Hermandad hat uns sehr wohlthtig berhrt.

Unser Weg fhrte in das malerische _Naerdal_, welches als Fortsetzung
des Fjords sich landeinwrts zieht und dessen wilden Charakter
beibehlt. Nach starker halbstndiger Steigung schritten wir durch ein
mchtiges Ur, ein durch Absturz gebildetes Felsenmeer; dann gings
durch eine wunderbare und groartige Thallandschaft meist an der Seite
eines schumenden Bergstromes und diesen mehrfach berbrckend. Die
Szenerie beherrscht der aus weilich-grauem Labradorstein mchtig
aufgetrmte stumpfe Felskegel des Jordalsunt (1100 Meter).

Endlich -- nach 2-1/2 Stunden -- zeigte sich dem entzckten Auge das
hochgelegene Stahlheimhotel; die Klev, der grne Bergrcken, auf
dessen Hhe es erbaut ist, schliet das Thal wie eine Riesenmauer
vollstndig ab, und in mchtigen, weithin sichtbaren Serpentinen steigt
die Strae daran empor. Zwei Staubflle strzen rechts und links -- das
Hotel zwischen sich lassend -- durch den grnen lichten Wald zu Thal
und vereinigen sich unten zum ruhigen, aber immer noch ungestm weiter
flieenden Bergstrome.

Einen prachtvollen Anblick gewhrten frische Abbruchstellen an den
dunkeln, senkrecht aufsteigenden Felsen, welche das Naerdal begrenzen
und die wie carrarischer Marmor aussehen, bis auch sie im Laufe der
Jahrzehnte durch Nsse und Moosansatz geschwrzt sein werden. -- Viele
Fuhrwerke lieen unten an der Klev ihre Passagiere aussteigen und
erwarteten, whrend die Pferde frei herumgrasten, deren Rckkehr. Nur
diejenigen, welche nach Vossewangen weiter zu fahren gedachten, muten
ihre Wagen mit nach oben nehmen.

Das war nun ein schner, aber mhseliger Aufstieg zu diesem
Stahlheimhotel; unter die entzckten Ausrufe ber die jeder
Beschreibung spottende herrliche Gegend mischten sich Weh und Ach von
allen Seiten; denn die Sonne brannte frchterlich, und der Durst wurde
geradezu phnomenal; wo man sich erschpft in kleineren und greren
Gruppen ins Gras oder auch glatt an den staubigen Wegrand geworfen,
fiel aller Blick hlfesuchend nach oben -- zum Hotel; -- dort malte man
sich khle Rume und jedes ersehnte Labsal aus. -- Endlich waren wir
oben. Aber o Schreck! Den groen Speisesaal fanden wir dicht besetzt
bis auf den letzten Platz mit den zuerst eingetroffenen Unsrigen und
mit den Englndern, deren Schiff wir in Gudwangen gesehen hatten.

[Illustration: Stahlheim.]

All' unser Strmen und Drngen und Schreien nach Brot und Trank
ntzte nichts; die Hotelleitung und Bedienung war in grter
Verlegenheit, und schlielich sah sie sich gentigt, die Thre zum
Speisesaal einfach abzuschlieen. Drauen tobte und polterte die
hungrige Bestie; von drinnen her ertnte E- und Trinkgerusch der
sich Sttigenden, und so oft ein Pfropfen knallte, ging uns drauen
ein Stich durchs Herz. brigens war die Verlegenheit eine beidseitige.
Manch' Einer kam im Sturmschritt von der Tafel zur Thre gerannt, um
eine dringliche Exkursion zu unternehmen, und wir Ausgeschlossenen
amsierten uns ber die hastige Wut, mit welcher er erfolglos das
Thor zu ffnen suchte, und bombardierten ihn durchs Schlsselloch mit
kleinen Aufmunterungen. Nach dreiviertelstndigem, mit Galgenhumor
ausgeflltem Warten hie es, da bis in frhestens einer halben Stunde
zum zweitenmal gedeckt wrde. Das konnten wir nicht erleben; wir
muten ja rechtzeitig wieder in Gudwangen sein; also frisch hinein
ins Unvermeidliche! Mit leerem Magen traten wir den Rckweg an; doch
nein, unten im Hotel gelang es uns ja, eine halbe Flasche Sodawasser
zu erstehen und in einer Art Verkaufslokal ber den Pferdestallungen
entdeckten wir neben Thongeschirr, Leder- und Eisenwaren in
schmierigem Sacke etwas Ebares, eine Art sen Kleinbrots, das wir
gierig verschlungen, whrend wir die Serpentine der Stahlheimklev
hinuntereilten. Der Ausblick auf das zu Fen liegende, dunkle
Naerdal mit den beidseitig gewaltig aufsteigenden Bergen ist ein so
groartiger, da wir Hunger und Durst darber vergaen und meinten,
hier sei wohl das Erhabenste, was wir in Norwegen gesehen. Aber die
armen Beine! Bis jetzt hatte sie noch die sichere Hoffnung gestrkt,
unten am Berg eine Rckfahrtgelegenheit nach Gudwangen zu finden --
Tuschungen und Trugbilder! Das letzte Pferd war mit Beschlag belegt.
Da gab's kein Besinnen. Tapfer und unverdrossen -- ja sogar in bester
Laune -- futen wir die drei Stunden zu Thal; als Lohn der That winkte
uns ja im Haupthotel daselbst khles Oell (Bier) und ein tchtiges
Abendessen. Doch auch das erwies sich als ~fata morgana~!

Als wir endlich -- endlich Gudwangen und den blauen Fjord unmittelbar
vor uns liegen sahen, da verdoppelten sich unsere Schritte und im Tempo
des Gauls, der sich seiner Stallung und seinem Futtertroge nhert,
langten wir beim Vikingwanghotel an. Kaum vermochte die lechzende Zunge
das Oell, Oell (Bier, Bier) noch herauszuschleudern; aber es gab
kein Oell und auch nichts Vernnftiges zu essen; die bsen Englnder
hatten, wie die Heuschrecken, mit allem aufgerumt. Eine mitleidige
Seele verkndete uns, da eine Strecke weiter zurck im kleinen Gasthof
bei Hansen Bier und allerlei zu haben sei. Also ohne Besinnen zurck zu
Vater Hansen! Im kleinen, behaglichen Speisesaal, dessen leere Tafel
noch die berbleibsel der vorhergehenden Mahlzeit aufwies, duchten wir
uns bei Oell, Smoerrebroed (Butterbrot) und Ost (Kse) wie Knige, und
die gestrkten Seelen gerieten sehr bald in jene frhliche Stimmung,
wie sie nach berwundenen Schwierigkeiten gerne sich einstellt. Bald
kamen auch andere Naerdaler angelaufen, alle, wie wir, hungrig
und durstig und nach Speis und Trank rufend; aber es gelang nur
mit Mhe und oft auf komischen Umwegen, sich den zwei dienstbaren
Geistern, ehrsamen Tchtern des Hauses, doch frchterlich schwer von
Begriffen, verstndlich zu machen, und die Sprachverwirrung schuf
die unglaublichsten Szenen. Da die korpulente Frau Baronin X. Kse
prsentiert erhielt, als sie zu wiederholten Malen Ansichtspostkarten
verlangt hatte, brachte sie zwar ganz aus dem Huschen, war aber
begreiflich, denn ihre norwegischen Worte tnten ganz arabisch und aus
den begleitenden Gesten konnte man ebensogut auf Limburgerkse wie auf
ein postalisches Kunstprodukt schlieen.

Das Norwegische mu eben in seinen Feinheiten verstanden und gekannt
sein, wie ich gleich an einem Beispiel zeigen werde. Als nmlich --
durch das offene Fenster hereingewunken -- unsere Reisefreunde, Herr
und Frau ~Dr.~ T. aus Rom, sich zu uns gesellten, mit viel Geschick
beim Biertrinken mithalfen und ber Hunger klagten, da suchte und
fand ich unter den Ueberresten der Tafel einen offenbar ebaren,
nach Kse aussehenden gelblichen Kuchen, den ich sofort an unsern
kleinen Tisch herberholte. Mit gespannter Erwartung kosteten wir
den Fremdkrper, um ihn sofort wieder unter den Zeichen des grten
Abscheues -- das gemtliche Gesicht von Frau ~Dr.~ T. war geradezu
in Angst und Entsetzen verzogen -- auf dem krzesten Wege und mit
entsprechenden Begleittnen durch das Fenster herauszubefrdern --
das Gericht schmeckte abscheulich, bittersauers und weckte bei
Katzenfreundinnen lebhafte Reminiscenzen an ihre Lieblinge. Nun galt es
aber, Ursprung und Namen des schrecklichen Nahrungsmittels zu erfahren.
Also: Norwegerinnen her! Sie kamen, die zwei Heben; indes war keine
Mglichkeit, ihnen unsere Absicht irgendwie begreiflich zu machen;
sie leisteten sehr bereitwillig und freundlich die unglaublichsten
und verkehrtesten Dinge auf alle gestellten Fragen, ohne unser wahres
Begehr zu ahnen, so da schlielich unsere an die beweglichen und
geistig regsamen Italiener gewohnte schweizerische Rmerin die Geduld
verlor und ihnen eine ganze Stufenleiter von der Appele bis zur
Schneegans an den Kopf warf, mit halb wohlwollendem, halb rgerlichem
Lachen. Nun mute der Vater Hansen her, um aus der Verlegenheit zu
helfen; der alte, graue, gemtliche Kerl trat vor, und unter Anspannung
der ganzen im Saale vorhandenen Intelligenz wurde ermittelt, da
das Gericht Museost heit und ein Kse ist. Aber was fr Kse? Der
ernste Familienvater, ~Dr.~ T. aus Rom, setzte seine Arme als Geweih
auf seinen Kopf und springt nach Art der Rentiere im Zimmer herum.
Hansen winkt ab. Also kein Rentierks. Die stolze Rmerin, Frau ~Dr.~
T., versieht sich ebenfalls mit Hrnern und ahmt den Gesang einer
Kuh erschtternd hnlich nach. Das scheint nun eher zu stimmen; doch
deutet Vater Hansen mit seiner tief gehaltenen Hand, da es sich um ein
_kleineres_ gehrntes Tier handelt. Eine meiner Begleiterinnen fngt
an zu meckern wie eine Ziege, worauf ein verklrtes Lcheln ber das
brtige Gesicht des alten Hansen gleitet; mitmeckernd und kopfnickend
besttigt er die Vermutung.

So hatten wir denn mit allseitiger geistiger und krperlicher
Anstrengung und unter Aufwand all' unserer norwegischen
Sprachkenntnisse, vor allem aber unter frhlichem und anhaltendem
Lachen herausgebracht, da das entsetzenerregende Gebilde Geiks sei.

Schlielich wurden wir noch recht familir mit dem alten Wirte und
lieen uns das ganze Haus und seine Angehrigen von ihm zeigen; Mutter
Hansen sa -- eine gichtbrchige Matrone -- im Sorgenstuhl; aber
ihre Augen leuchteten so freundlich und in dem Stbchen war alles so
voll Blumen, da ein Gedanke an Krankheit und Schmerz hier gar nicht
aufkommen konnte.

Der Museost hat uns sofort noch ein weiteres kleines Vergngen
bereitet. Wir waren schon am Strande, neben bermtig spielenden
Schafen ins Grn gelagert, um den uns abholenden Kommandren zu
erwarten, als noch Einer der Unsrigen staubschwer, schweitriefend
und erquickungsbedrftig dort anlangte. Sein Verlangen nach Speis und
Trank steigerten wir aufs hchste durch die Schilderung des khlen
Biers bei Vater Hansen und vor allem des ganz delicisen norwegischen
Nationalgerichts, des Museost. Es war grausam, den mden Wanderer so
hungern zu lassen, und so machten ~Dr.~ T's. und ich uns nochmals auf
die Strmpfe als Wegweiser und Zeugen fr den zu vollziehenden Eakt.
Das arme hungrige Opfer unserer Grausamkeit fhrte sich sofort ein
tchtiges Stck des kstlichen Nationalgerichtes zum Munde und war
in Erinnerung an das uneingeschrnkte Lob, das wir ihm gezollt, zu
hflich, um sofort seine wahre Empfindung zu zeigen und das Gegenteil
zu behaupten; er kaute also mit Todesverachtung, whrend ~Dr.~ T's.
Gesicht im Kampf mit dem Lachen wetterleuchtende Grimassen schnitt,
als ob ihn das Zahnweh plagte, und seine Gattin unsagbar gleichgltig
im Zimmer umherschaute. Aber pltzlich ging's nicht mehr; man platzte
los mit Lachen, und in der nmlichen Sekunde war unser Museostkoster,
die Situation begreifend, vom Stuhle auf und zum Fenster geflogen,
und uns blieb nachher die Pflicht, einige Flaschen khlen Oells als
geschmackverbesserndes Heilmittel und zur Shne fr unsere Bosheit zu
stiften.

Um halb 8 Uhr waren wieder alle, welche den Seeweg nach Bergen der
Ueberlandtour vorzogen, an Bord des Kommandren, der uns durch die
wilde Pracht des Naerofjords nach unserer schwimmenden Heimat, der
Auguste Viktoria, zurckfhrte. Ein besonders nettes Bild boten bei
der Wegfahrt von Gudwangen einige Pferde, welche ohne Fhrung sich auf
dem malerischen Kstenpfade nach Bakke ihren Heimweg suchten, ab und zu
ein Maul voll grasend, hie und da auch einen erstaunten Blick auf den
vorbeirauschenden Dampfer werfend.

Erst um halb 10 Uhr waren wir wieder in unsern gewohnten
Schiffsrumen; dort wurde uns -- als Lohn des mhevollen Tages -- trotz
der spten Stunde noch ein vorzgliches Essen serviert, und whrend
wir uns sttigten, steuerte unser schwimmendes Hotel sicher zwischen
drohenden Felswnden dem Ausgange des Sognefjords zu.




~XV.~

     An der Sttte der Frithjofssage. -- Ankunft in Bergen. --
     Das norwegische Hamburg. -- Im Leprahospital. -- Fahrt nach
     Yttre-Arne. -- Heimat in fremdem Lande. -- Mange tak.


Es konnte nach Mitternacht werden, bis wir die klassischen Sttten
der Frithjofssage berhrten; aber diesmal wollten wir sie uns nicht
entgehen lassen. In Esaias Tegners herrliche Dichtung versunken
saen wir an einsamer Stelle unseres Schiffes. Die Sonne war nach
10 Uhr untergegangen und eine laue, helle Nacht lagerte ber der
Fjordlandschaft. Zum erstenmal nach 14 Tagen grte uns wieder ein
alter lieber Freund, der silberne Mond, dessen bisher aschgrauer
Umri im Glanze der Mitternachtssonne vollstndig auer Beobachtung
gefallen war. In erwartungsvoller Stille glitt unser Schiff auf der
dunkelglnzenden Flut vorwrts, und eine fast andchtige Gemeinde
sa auf Deck versammelt, die Augen vorwrts gerichtet. Da taucht
am sdlichen Ufer eine tiefgrne, weit in den Fjord vorgeschobene
Landzunge auf, die etwas zurckliegend auf der Hhe ein freundliches
weies Kirchlein zeigt. Hier ist Vangnaes, das klassische Framnaes,
und hieher verlegt die Sage den Wohnsitz des Wikingssprossen Frithjof.
Von gegenber grte vielfacher Lichterschein; einige groe Hotels und
reizend im Grnen liegende Villen kndeten den herrlichen Balestrand,
wo einst Ingeborg in ihres Vaters Knigspalast wohnte. Und nun folgte
ein Intermezzo, das der sinnige Kapitn fr uns ausgedacht und das
allen Teilnehmern in freundlicher, ja erhebender Erinnerung bleiben
wird. Das Schiff hielt an mitten im Fjord angesichts der beiden
klassischen Sttten, deren auch in der Dmmerung auffallend lebendiges
Grn ein herrliches Schneegebirgspanorama als Hintergrund hatte. Sechs
Bllerschsse erschtterten die Luft und fanden ein mchtiges Echo,
das ber die Flut zu rollen schien. Dann stiegen Raketen auf, die
Strandbewohner zu gren, und whrend unsere Kapelle die ergreifende
norwegische Nationalhymne spielte, zndeten bengalische Feuergarben
vom Bootsdeck unseres Schiffes herab weit ins Meer und Land hinein und
erzeugten einen wunderbaren Farbeneffekt in dem nachttrumerischen
Naturgemlde.

In Balestrand wurde es alsbald lebendig; dutzende von Booten kamen
hergefahren und jubelten uns zu, in richtigem Verstndnis dessen, was
wir hier hatten feiern wollen. Das war eine erhabene und von allem
Gewhnlichen und Alltglichen unberhrte Seelenstimmung, da wir um
Mitternacht im Sognefjord die Bautasteine von Bele und Thorsten und
die Schatten Frithjofs und Ingeborgs grten, und ich erwachte wie aus
schnem Traume, als unser Dampfer pltzlich wieder vorwrtszurauschen
begann. Lange noch tnten -- immer schwcher werdend -- die
Abschiedsrufe der Balestrander an unser Ohr.

Zwischen 3 und 4 Uhr erreichten wir das offene Meer, wobei wir die vor
der Mndung des Fjords liegende gebirgige Inselgruppe Sulenr -- die
Solundar-Oe der Frithjofssage -- rechts liegen lieen.

    Fern hebt aus der Flut
    Sich Solundar-Oe;
    Sturmgeborgen ruht
    In der Bucht die See.

In aller Morgenfrhe des 21. Juli waren wir wieder auf Deck, um die
Einfahrt nach Bergen zu sehen. Durch ein wahres Chaos von Inseln,
die meisten als kahle, aber unendlich vielgestaltige Felsen sich
ber die Meeresflche erhebend, sucht das Schiff seinen Weg gegen
das Festland. Die Kste ist anfnglich fast ohne alle Vegetation;
auf den niedrigen, durch die Gletscher der Eiszeit abgeschliffenen
Vorbergen sieht man nur hie und da ein weithin leuchtendes Fischer-
und Schifferzeichen. Bei weiterm Vordringen werden die Berge hher,
zum Teil bewaldet, die Ksten zeigen Ansiedlungen; auf der Hhe sind
die Festungswerke sichtbar und allerlei ungewohnte Bauten: mchtige,
nach Art der Gasometer erstellte Petroleumreservoirs, Fabrikkamine,
elektrische Starkstromanlagen lassen die Nhe einer grern Stadt
vermuten. Pltzlich, da wir um eine Ecke biegen, liegt sie vor uns,
hllt sich aber, um ihren alten Ruf als Regennest zu wahren, sofort in
ein Wasserfden- und Nebelgewand. Schon glaubten wir, zum erstenmal
auf unserer Reise vom Regenschirm Gebrauch machen zu mssen, als das
Wetter pltzlich nderte und eine herrliche, lichte Sonne auf die
regenglnzende Stadt herabzuscheinen begann; sie ist uns whrend des
ganzen Aufenthaltes in Bergen treu geblieben, und das sei -- so hie
es -- das grte Wunder der ganzen Nordlandfahrt; denn in Bergen
regnet's so beharrlich, da dort die Kinder mit dem Regenschirm zur
Welt kommen, sagt der nordische Volksmund.

Das norwegische Hamburg grte die Auguste Viktoria beim Einfahren
mit weithin drhnenden Kanonenschssen aus der Bergenhusfestung, die
in sechs- bis siebenfachem Echo widerhallten. Unser Schiff kreuzte
einige Zeit vor dem Hafeneingang, um den Anblick des wirklich schnen
Stdtebildes recht ausgiebig zu gewhren, und lenkte dann vorber
an der grnen Halbinsel Nordnaes mit prchtigen, terrassenfrmig
ansteigenden Grten in den Buddefjord, wo der Anker ausgeworfen wurde.
Sofort begann das Ausbooten; da wir aber bis zum folgenden Abend in
Bergen liegen sollten, blieben wir Drei ruhig noch einige Stunden an
Bord, wo uns in den menschenleeren Rumen keine plaudernde Gesellschaft
am Lesen und Schreiben strte. Von Zeit zu Zeit strmten wir dann
wieder aufs Verdeck, um den interessanten Leben und Treiben im Hafen
zuzusehen und unser Auge an dem malerischen Landschaftsbilde zu
sttigen.

Bergen ist eine der ltesten, aber auch der schnsten Stdte
Norwegens. Ihre Einwohnerzahl betrgt 70,000. Trotz der nrdlichen
Lage -- es liegt etwas nrdlicher als die Sdspitze von Grnland
und Petersburg -- findet man hier fast alle Laubbume Deutschlands
und einen herrlichen Blumenflor. Dadurch, da die reiche Kultur des
Stadtbezirkes unmittelbar an die Gebirgswsten grenzt, entsteht
eine sofort in die Augen fallende Kontrastwirkung, welche einen das
Landschaftsbild nicht so bald vergessen lt. Die Huser Bergens
liegen um den Haupthafen, die sog. Vaagen, herum, einerseits die
langgestreckte Landzunge Nordnaes bedeckend, auf der andern Seite ber
die Felshhen unter dem steilen Flifjeld ansteigend.

Ich wute, da der Sprling eines thurgauischen Pfarrhauses und
Bruder eines meiner Studienkameraden seit langen Jahren in der Nhe
von Bergen lebte, und hatte ihm deshalb lange zuvor die Ankunft von
engeren Landsleuten auf der >Auguste Viktoria< mitgeteilt und ihn
gebeten, uns einige Stunden zu widmen. Persnlich kannte ich den
thurgauischen Norweger nicht; ich hatte ihn in meinem Leben nie
gesehen; aber als ich so gegen 11 Uhr wieder einmal auf Deck trat,
um die Augen voll nordischer Welt zu schpfen, da sah ich ber die
Brstung unseres Schiffes gelehnt das Ebenbild eines gemtvollen
Geistlichen, mit welchem ich s. Z. zwei Jahre im Kantonsspital in
Mnsterlingen zusammen geatmet hatte und der mir in freundlichem und
lebhaftem Andenken geblieben ist. Ich klopfte ihm ohne weiteres auf die
biedere Thurgauerschulter und wir begrten uns wie alte Bekannte, die
sofort in gemeinschaftliche Erinnerungen sich zu versenken begannen.
Ein Glas Mnchner frisch vom Fa -- dem norwegisch Gewhnten ein ganz
besonderer und seltener Genu -- wurde auf unser erstes Zusammentreffen
genossen; nachher saen wir vergngt an der Schiffstafel und plauderten
von der Heimat, da die Stunden nur so dahinflogen und wir spter
als alle anderen Schiffspassagiere uns endlich aufmachten, um ans
Land zu fahren und Bergen aus der Nhe kennen zu lernen. Dabei wurde
denn nun allerdings unser freundlicher Fhrer mit Fragen bombardiert
und ausgequetscht wie eine Zitrone; er hat uns zahllose interessante
Ausknfte ber Land und Leute in Norwegen gegeben und meine vorlufig
gefate Meinung besttigt, da die Bewohner dieses nordischen
harten Gebirgslandes mit uns Schweizern in vielen Beziehungen die
grte Aehnlichkeit haben, u. a. auch hinsichtlich ihres nationalen
Unabhngigkeitsgefhls.

Bekanntlich wurde im Jahre 1814 durch Beschlu der in Christiania
versammelten Reichsvertretung die bisherige Union Norwegens mit
Dnemark gelst und der schwedische Knig, nachdem er das norwegische
Grundgesetz beschworen, zum Knig von Norwegen gewhlt. Seit
Jahrzehnten aber geht eine immer strker werdende politische Strmung
durch das Land, welche die vllige Lsung der Union zum Ziele hat. Als
uerliches Zeichen dieser erstrebten Unabhngigkeit verlangen die
Norweger die Entfernung des Unionszeichens aus ihrer Landesflagge,
die sogenannte reine Flagge. Dreimal hat die Volksvertretung,
der Storthing, dieselbe beschlossen; zum drittenmal hat der Knig,
von seinem Rechte Gebrauch machend, sein Veto dagegen eingelegt;
nachdem auch nach dem dritten Veto der neugewhlte Storthing auf
den Beschlssen des frhern beharrt, hat der Knig nichts mehr zu
verbieten, und vom Herbst 1899 an wird es nicht nur wie bis jetzt
geduldet, sondern gesetzlich geboten sein, das in der obern ueren
Ecke sitzende Unionszeichen auszumerzen und die reine Flagge zu fhren.
Im Norden sahen wir lauter reine Flaggen ausgehngt; in Bergen aber war
ab und zu noch die Unionsflagge zu sehen.

Norwegen hat den Ruf, im Kampfe gegen den Alkoholismus gesetzgeberisch
am meisten gethan und auch am meisten erreicht zu haben. Das
Alkoholmonopol, das im ganzen Lande herrscht, ist nicht staatlich,
sondern kommunal. Jede Gemeinde hat sich das Recht des Verkaufs
geistiger Getrnke gewahrt, und da die Zahl der konzessionierten
Verkaufsstellen eine geringe ist, stolpert man nicht wie bei uns jedes
zweite Haus ber eine Kneipe. Betrunkene haben wir sehr wenige gesehen;
doch sagte unser Fhrer, da die Trunksucht immer noch als nationales
Uebel gelte, wenn auch anderseits die Abstinenzbewegung grere
Fortschritte aufweise als in jedem andern Lande. Der betrchtliche
Gewinn, welcher den Gemeindekassen aus dem Alkoholverkauf erwchst,
darf nur zu wohlthtigen Zwecken verwendet werden.

Unser Streifzug durch die Straen Bergens fhrte uns zu manch'
Interessantem. Ein aufflliger, mit Sulen gezierter -- im brigen
schlichter -- Holzbau ist das Nationaltheater, das der berhmte Geiger
Ole Bull (ich hrte ihn 1878 als siebenzigjhrigen Greis in Wien noch
konzertieren) in den Vierziger Jahren aus eigenen Mitteln erstellen
lie, in der Absicht, seinem geliebten norwegischen Volke den Sinn fr
dramatische Kunst zu wecken. Schn modelliert ist das auf groem freiem
Platze erstellte Standbild Christis, des Befreiers der Norweger von
Dnemark und Prsidenten des ersten Storthings (1814).

Nicht nur als hervorragender Handels- und Hafenplatz lt sich
Bergen mit Hamburg vergleichen, sondern auch im Stdtebild liegt --
die Dimensionen natrlich auer Betracht gelassen -- eine gewisse
Aehnlichkeit, indem, gleich wie in Hamburg das groe und das kleine
Alsterbassin, hier zwei Wasserbecken, von Grten und Neubauten
bekrnzt, zum Weichbild der norwegischen Stadt gehren. Dagegen hat
Bergen -- im Gegensatz zu Hamburg -- fast gar keine Juden; denn bis
vor kurzer Zeit konnten israelitische Kaufleute in Norwegen nicht
niederlassungsberechtigt werden, und erst der geistreiche politische
Poet und Satyriker und radikale Umstrzler Wergeland hat dem Volk
Israel die nordischen Thore geffnet.

Das interessanteste Stck von Bergen sind der Fischmarkt und die
Tydskebryggen (deutsche Brcke) an der Vorderseite des Vaagen-Hafens,
letztere ein Quai mit einer langen Reihe jener altdeutschen
Giebelhuser, wie sie von den Hansastdten her bekannt sind, die
einstigen Wohn- und Geschftsrume der hanseatischen Kaufleute aus
Lbeck, Bremen und Hamburg. Mitte des fnfzehnten Jahrhunderts haben
nmlich die Hanseaten den ganzen Bergischen Handel an sich gerissen;
dies war gleichbedeutend mit kommerzieller Beschlagnahme vom ganzen
Norden Norwegens, denn ein Privileg zwang das gesamte Nordland, den
Ertrag der Fischerei nur nach Bergen zu bringen. Der Fischhandel war
von jeher und ist auch heute noch die Grundlage des Reichtums von
Bergen, und die Grndung des hanseatischen Kontors bedeutete einen
mchtigen Aufschwung fr den Handel der Stadt, der sich auch nach der
Aufhebung dieses Monopols auf gleicher Hhe erhalten hat. In das Leben
und Treiben der hanseatischen Zeit gewhrt ein Besuch des sogenannten
hanseatischen Museums einen hchst interessanten und lebendigen, aber
keineswegs wohlthuenden Einblick. Das eine der alten Huser an der
Tydskebryggen ist nmlich noch vollstndig im ursprnglichen Zustande
erhalten. Im Erdgescho befinden sich weite Rume, Magazine, in welchen
die Warenvorrte lagerten. Im ersten Stock betritt man durch einen
Vorsaal mit alter, origineller Zugglocke die Hauptstube, das Kontor des
Vertreters der Firma; dort wurde gehandelt; nach welchen Grundstzen,
ist ersichtlich aus zwei vorgewiesenen mchtigen Gewichtssteinen, ganz
gleich in der Gre, aber durch angeschmolzenes Blei sehr ungleich im
Gewichte; der leichtere fand beim Verkaufe, der schwerere beim Einkaufe
Verwendung.

[Illustration: Bergen.]

Alle Mbel und Gebrauchsgegenstnde sind die originalen, in vergangenen
Jahrhunderten gebrauchten. So auch im Speisezimmer, wo vor allem
riesige Zinnhumpen, mehrere Liter haltend, auffallen. Diese Herren
Hanseaten, respektive die hier wohnenden Vertreter, meist jngere
Leute, die nicht verheiratet sein durften, mssen frchterlich gekneipt
haben; der herumfhrende norwegische Wchter schlo wenigstens fast
jeden Abschnitt seiner in sehr holperigem Deutsch gegebenen Erklrung
mit dem Nachsatze: denn sie waren immer besoffen. Jedenfalls wurde
in diesen Handelshfen, namentlich im Winter, wo jede Arbeit ruhte,
ein zgelloses Lasterleben gefhrt; viele Vergehen gegen Recht
und Sitte konnten einfach mit Geld geshnt werden, und wenn die
aufgestellten eisernen Strafenbchsen voll waren, so wurde der Inhalt
gemeinschaftlich in Bier und Wein und Schnaps umgesetzt.

Sehr wenig einladend sind die Schlafstellen dieser Kaufleute; man
ffnet eine Kastenthre, und in dem Kasten liegt ein schmales Bett,
in welchem sich ein erwachsener Mensch kaum rhren kann; ist die
Thre geschlossen, so liegt man wie in einem Sarge. Ein kleiner
geheimer Schieber im Bettkasten des Chefs ermglichte demselben von
der Schlafsttte aus die Kontrolle seiner Gesellen im nebenanliegenden
Kontor. Hier traute keiner dem andern. Eine geheime Treppe, die vom
Speisezimmer nach oben und auf Umwegen ins Freie fhrte, wird auch kaum
ehrlichen und anstndigen Zwecken gedient haben. Im zweiten Stock der
Huser lagen dann die Klven (Konklave), d. h. die Schlafkasten der
Gesellen und Diener. Licht oder Feuer durfte im Hauptgebude whrend
des ganzen langen Winters nie angezndet werden; denn sie waren immer
besoffen motivierte der Fhrer. Deshalb befand sich dann weiter zurck
im Hofe, in der Nhe des zugehrigen Gemsegartens, die sogenannte
Schttstube, ein gemeinschaftliches Versammlungshaus fr smtliche
Bewohner eines Geschftes; noch weiter zurck, aber unmittelbar
anstoend, lagen Quartiere fr liederliches Gesindel. So war jeder
der vielen dicht neben einander liegenden Verkaufshfe beschaffen,
und feste Palissaden, durch gefrchtete Bulldoggen verstrkt, hielten
Unberufene von diesem Nachtleben der hanseatischen Kontoristen fern.
Das Ganze bildete fr sich einen Staat im Staate, der zirka 3000 Seelen
zhlte. Dem papierenen Gesetz nach muten alle mnnlichen Geschlechtes
sein und auch weibliche Bedienung war verboten.

Die Brgerschaft von Bergen hatte manchen schlimmen Akt der Willkr
von der deutschen Hansa zu ertragen; aber von Mitte des sechzehnten
Jahrhunderts an wurde ihre Macht im Norden gebrochen und 1763 ging die
letzte Stube durch Kauf an einen Norweger ber.

Ebenfalls in ursprnglicher Form erhalten sind die zu jedem
Hanseatenhaus gehrigen hlzernen Landungsbrcken, jede mit einem
primitiven mchtigen Vippebom (Wippenbaum) -- eine Art hlzernen
Krahnens -- versehen, zum Ausladen der Fische, welche von den
nordlndischen Schiffen hiehergebracht werden. Da sahen wir denn ein
auerordentlich interessantes Treiben, berall geschftige Fischer und
Hndler und eine Menge von fremden und ungewohnten Produkten, alle dem
Meere entstammend. Zu Millionen wird hier der getrocknete Stockfisch
ausgeladen, in den ber der Quaistrae liegenden Magazinen sortiert und
in Bscheln zusammengebunden, die genau wie drres Holz aussehen. Die
gewhnliche Jahreszufuhr betrgt 25 bis 30 Millionen Stck; dieses Jahr
war die Ausbeute viel geringer, weshalb der Preis per grern Fisch
sich auf 50 Oere = zirka 70 Rappen stellt gegenber 25 Oere vom letzten
Jahre.

An anderer Stelle waren Mnner beschftigt, die zirka handtellergroen
Eierstcke vom Dorsch in groe Fsser zu verpacken und einzusalzen;
dieselben wandern alle nach der franzsischen Kste, wo sie zum
Sardinenfang bentzt werden. Ins seichte Kstenmeer geworfen, locken
sie die kostbaren Fische in Scharen herbei.

Auch alle Produkte der Thranindustrie waren hier zu sehen, z. B.
Thran in allen Reinigungsphasen. Der sorgfltigst mit Dampf gereinigte
Medizinalthran wurde vom Verkufer auf 50 Kronen, zirka 70 Franken, per
Fa (116 Liter inklusive Doppelfa) gewertet. Alle derartigen Ausknfte
besorgte uns bereitwilligst unser zuvorkommende Landsmann, der den
ganzen Nachmittag als trefflicher Dolmetsch unermdlich funktionierte
und bei den Eingeborenen offenbar als waschechter Norweger galt; ihre
Landessprache ist ihm natrlich vollkommen gelufig, whrend das liebe
Schwyzerdtsch, so sehr er sich freute, es sprechen zu knnen, ihm
ab und zu kleine Verlegenheiten brachte -- begreiflicherweise; denn
er ist, wie er uns sagte, der einzige niedergelassene Schweizer in
Bergen, ja in ganz Norwegen, findet also nie Anla, sich in seiner
Muttersprache auszudrcken, und wenn er seinen Buben vom alten
Heimatlande und vom Tell und Winkelried erzhlt, so thut er's auf gut
norwegisch.

Ermdet von Kreuz- und Quergngen durch die interessantesten
Stadtquartiere und vom Durchstbern manches Kaufladens, wobei wir
namentlich in Pelzwaren wunderbare Dinge sahen, kehrten wir schon am
frhen Abend auf unser Schiff zurck, nachdem wir unser Programm fr
den folgenden Tag festgesetzt hatten. Einer freundlichen Aufforderung
unseres Landsmannes folgend verabredeten wir, uns vormittags 11 Uhr an
der Landungsstelle der Dampfbarkassen zu treffen und per Wagen nach
Yttre-Arne, seinem Wohnort, zu fahren.

Unterdessen kehrten auch allmhlich unsere Mitpassagiere auf der
Auguste Viktoria, welche von Stahlheim ber Vossevangen, d. h. auf
dem Landwege Bergen erreicht hatten, an Bord zurck, und abends waren
wir wieder vollzhlig an der Tafel, unsere lieben Holsteiner und das
botanische Ehepaar voll Entzcken ber die Reize ihrer berlandpartie.
Die Menschen, die man vor drei Wochen noch scheu und fremd von der
Seite angesehen, grte man jetzt nach vierundzwanzigstndiger Trennung
bereits als alte Bekannte, und man empfand schon hier und noch mehr
zwei Tage spter bei dem definitiven Abschiede, da die Erinnerung an
das gemeinschaftlich erlebte Schne und Erhabene ein Band frs Leben
bleiben wird.

Bei der Abendtafel spielte unsere Kapelle u. a. des deutschen Kaisers
Gesang an Aegir, und gleichzeitig wurden elegant (an Bord) gedruckte
Karten verteilt mit dem Wortlaute des Einladungstelegramms von Wilhelm
~II.~ und einer eben als Antwort auf eine Dankesadresse eingegangenen
in Drontheim aufgegebenen Depesche folgenden Inhalts:

Es ist mir eine Freude gewesen, den Passagieren die Besichtigung des
Hohenzollern gewhren zu knnen, und bitte denselben meinen Dank
fr das freundliche Telegramm auszusprechen. Ich wnsche der Auguste
Viktoria glckliche Fahrt und Heimkehr.

                                                      Wilhelm. ~I. R.~

Das schwache Geschlecht wurde neuerdings mit einer Gabe der
galanten Hapag erfreut; jede Dame erhielt in elegantem Etui mit dem
aufgedruckten Bilde von der Auguste Viktoria und ihrem wackern
Kapitn eine Kollektion feiner Chokoladebonbons und auerdem die
ganze Sammlung der whrend unserer Fahrt verwendeten, knstlerisch
ausgestatteten Menus.

Die spten Abendstunden waren zauberhaft schn; in herrlicher
Beleuchtung der sinkenden Sonne kreisten malerische Segler und
Boote aller Arten um unser Schiff; aus manchen ertnten, von hellen
Stimmen gesungen, nordische Weisen an unser Ohr; von andern schallten
frhliches Lachen und freundliche Gre herauf, und erst spt in der
Nacht mochte man sich von dem schnen Schauspiel trennen.

Am andern Morgen besuchten wir in aller Frhe den Fischmarkt, der
hchst interessant ist. Was da fr merkwrdige Gebilde des Meeres
in den mchtigen Verkaufseimern herumzappeln! Aber die gutmtigsten
norwegischen Gesichter haben sich bei diesem Verkaufsgeschfte eine
gewohnheitsgeme Grausamkeit angeeignet, die auch einem nicht
sentimentalen Ungewohnten peinlich auffllt. Was der Kufer oder
vielleicht eine sonst zart besaitete junge Bergerin sich an lebender
Ware auswhlt, das wird -- whrend harmlosen Geplauders -- mit einigen
Messerhieben bewegungs- und fluchtunfhig gemacht, um wo mglich noch
lebend im Korb in die Kche zu kommen. Unter den lebenden Fischen
fielen uns besonders ganz intensiv blaugefrbte von forellenhnlichem
Bau auf. Manche Fische sind so gro, da sie kilo- und zehnkiloweise
mit breitem Haumesser auf der Fleischbank ausgewogen werden.

Den brigen Teil des Vormittags verwendete ich dazu, ein Stck
menschlichen Elendes zu sehen. Im Sdosten der Stadt liegt, mit
elektrischem Tram bequem erreichbar, zwischen der Hauptstrae und
dem groen Lungegaardssee, durch einen schattigen Garten an den
letztern grenzend, das Spital fr Ausstzige. Der Aussatz -- diese
schreckliche, schon Moses bekannte Krankheit -- kommt in Norwegen noch
relativ hufig vor, ist aber glcklicherweise doch in stetem Abnehmen
begriffen. 1870 zhlte man daselbst (auf nicht ganz zwei Millionen
Einwohner) noch 2526 Leprse (~lepra~ = Aussatz), 1880: 1795, 1890:
954, und jetzt betrgt die Zahl der Beklagenswerten nur noch 5-600.
Strenge sanittspolizeiliche Maregeln und vor allem das Heiratsverbot
fr Ausstzige tragen wohl das Wesentliche zu der Verminderung dieser
schrecklichen Krankheit bei. Wo Mittel und Verhltnisse eine Isolierung
des Kranken nicht gestatten, muss derselbe in das Lepraspital gebracht
und zeitlebens dort versorgt werden, sofern eine vorbergehende
Besserung, resp. ein Stillstand des Leidens nicht eine temporre
Entlassung gestattet. Das von mir besuchte Haus ist ein lteres
gerumiges Holzgebude, das allerdings kaum den jetzigen Anforderungen
an ein Hospital entspricht. Obschon die Zimmer gro sind, war die Luft
oft entsetzlich verpestet und manchen Anforderungen an Reinlichkeit und
gesundheitliche Vorkehren nicht Genge gethan. Die Krankheitsbilder,
die man hier sieht, sind zum Teil entsetzliche; ich will die Leser mit
Schilderungen verschonen. Aber auch junge, frische, krftige Leute
saen da, an welchen die ersten Spuren des Verderbens kaum in Form
einiger blaroter Kntchen zu erkennen waren. Vertreten sind unter
den zirka 250 Kranken alle Altersstufen, vom 10jhrigen Kinde bis zur
84jhrigen Greisin, letztere seit 60 Jahren krank und in der Anstalt.
Entsetzlich ist folgende Familientragdie: Ein Mann, aus gesunder
Familie war kurze Zeit mit einer Frau verheiratet, bei welcher sich
Spuren der Lepra zeigten. Sie starb. In zweiter Ehe heiratete er eine
ganz gesunde Bauerntochter. Whrend er selbst gesund blieb, erkrankte
seine zweite Frau und smtliche vier Kinder, die sie ihm gebar, an der
schrecklichen Krankheit. Drei davon sah ich beisammen in der Anstalt,
zwei bereits mit Kntchenbildung im Auge, was mit mathematischer
Sicherheit allmhliche Erblindung bedeutet. -- Chef des Lepra-Hauses
ist der berhmte ~Dr.~ Armauer Hansen, der 1881 den Leprabacillus
entdeckte, leider bisher ohne Erfolg fr die Bekmpfung der Seuche.

Gerne entfloh ich dem Hause des menschlichen Elends, immerhin die
berzeugung mit mir nehmend, da dort das Schicksal der Armen so
ertrglich als mglich gestaltet ist. Sie schienen sogar zum grern
Teil ganz sorglos und getrost zu sein; aber die Erinnerung an einige
besonders Elende mit leeren Augenhhlen, zum Teil abgefallenen Fingern
und Zehen und geschwrig verengter Stimmritze, so da sie nur durch von
auen in die Luftrhre geschnittene Kanle atmen knnen, geht mir doch
heute noch nach.

Neben dem Lepraspital liegt ein groer Friedhof; dort harrten meiner
neben dem Grabe Ole Bulls meine Gefhrtinnen, und -- unter dem
Eindrucke meiner Erzhlungen etwas weniger froh, als wir gekommen,
-- kehrten wir nochmals auf unser Schiff zurck, um uns fr den
freundlicheren Teil des Tages, die Fahrt nach Yttre-Arne, bereit zu
machen.

Da stund er ja schon, unser Landsmann, und hielt einen bequemen
Zweispnner fr uns in Bereitschaft, und vorwrts ging's quer durch
die Stadt und dann durch die ganze Lnge der nrdlichen Vorstadt
Sandviken. Von dort an steigt die schne Strae in ungeheuren Windungen
steil am Felsengebirge in die Hhe und lt bald die neue Bergensche
Irrenanstalt unmittelbar links liegen. Whrend wir den erhabenen
Ausblick auf die zu Fen liegende Stadt und das Meer genossen, tnte
das Schreien Wahnsinniger an unser Ohr, und von oben herab sah man die
verschiedenartigsten Formen Geisteskranker in den ummauerten Grten
umherschleichen oder -- toben.

Endlich waren wir, entfernt von allem menschlichen Elend, auf der Hhe
des Berges; nochmals grte der Blick das wunderbare Panorama; dann
fhrte die Strae auf einem den, steinigen und wenig bewachsenen
Hochplateau vorwrts, vorbei an einigen kleinen Bergseen, zu Fen
steil aufsteigender Gebirgsstcke. Oft unterbrechen Nadelholzgruppen
oder glhend rote Ericafelder die monotone Felsenlandschaft; hie und
da sprieen auch sprliche Weiden und dann zeigen sich menschliche
Wohnsttten in der Nhe; an den meisten Stellen war das niedrige
Berggras abgeschnitten und an den frher beschriebenen Holzhecken zum
Drren aufgehngt, was bei dem hufigen Regen nach Aussage unseres
Begleiters oft 2-3 Wochen in Anspruch nimmt.

In zwei Stunden sollten wir am Bestimmungsorte sein; aber schon
waren fast drei Stunden vorber und das Ziel noch nicht sichtbar. Das
versetzte uns in eine uerst unbehagliche Stimmung; wir _muten_ ja
sptestens halb 7 Uhr wieder in Bergen sein, um die Abfahrt unseres
Schiffes nicht zu verfehlen, und wenn wir uns vergegenwrtigten, da
wir -- vielleicht durch irgend ein Migeschick mit unserm Vehikel
-- den Zeitpunkt nicht innehalten knnten, so lief's uns ganz hei
ber den Rcken. Das wre gleichbedeutend gewesen mit achttgiger
Versptung, ganz abgesehen davon, da wir ja alles zum Dasein Ntige
in unseren Kabinen liegen hatten. Aber endlich senkte sich die Strae,
vorbei an einem See, dem Wasserreservoir fr die Baumwollfabriken
unseres Landsmannes, hinunter zu einem dunkelblauen Fjord, und
kurze Zeit darauf fhrte uns der liebenswrdige Gastfreund in sein
behagliches Heim, eine ganz heimelig unter Bumen gelegene Holzvilla.
Erfreut sprangen uns entgegen die Kinder des Hauses, drei frhliche
Jungen, die mit norwegischen Knixen uns begrten, und der prchtige,
treue Haushund Nero, der vor Vergngen ber die Rckkehr seines Herrn
die ausgelassensten Sprnge machte.

In dem gerumigen Wohnzimmer wartete unser eine behaglich gedeckte
und blumengeschmckte Tafel; von den Wnden und Ecken grten lauter
heimatliche Erinnerungen, an dem Ehrenplatze das Pfarrhaus in Gttingen
und die einstigen Insassen; auf dem Rauchtische lag neben Pfeife und
Aschenbecher die Thurgauer Zeitung. So waren wir denn daheim, und
nach dem Essen setzte man sich plaudernd zum Kaffee auf die anstoende
Veranda, welche ganz direkt ber dem Wasserspiegel des Fjords liegt und
zwischen dem Grn der Gartenbume einen Ausblick voll wohlthuender Ruhe
und Stille gewhrt.

Kleine Geschenke, welche wir den drei braven Jungen von Verwandten
aus der Schweiz zu berbringen hatten, wurden von denselben mit
rascher Beugung des Kopfes und freundlichem Mange tak (Vielen Dank)
entgegengenommen. Nachher ging's unter der Fhrung von Vater und Shnen
(die Mama war leider abwesend) in jeden Winkel von Haus und Garten, in
dem uns unter anderm mit Stolz ein frchtetragender Kirschbaum gezeigt
wurde.

Yttre-Arne existierte vor 40 Jahren noch gar nicht. Damals kam der
Schwiegervater unsers Landsmannes aus Schleswig-Holstein ins Land und
fing an, eine vorhandene Wasserkraft durch Erstellung einer kleinen
Baumwollspinnerei auszuntzen. Und heute ist der Platz eine stattliche
Kolonie: verschiedene Fabrikgebude, zahlreiche Arbeiterhuser, Villen,
Kirche, Schulhaus; das Ganze macht vom Fjord aus den Eindruck einer
kleinen Stadt, und alles hat die Energie eines einzigen Mannes aus dem
Boden gezaubert. Die Fabrikarbeiter verdienen hier bei 61 Wochenstunden
3 bis 4 Franken per Tag und haben recht nette Wohnungen mit kleinem
Grundbesitz.

Zu diesem wohlthuenden Bilde stimmt die einfache und schlichte
Lebensfhrung der Besitzer des Ganzen, zu welchen auch unser Gastfreund
gehrt. Auer Arbeit und Naturgenssen ist in Yttre-Arne nichts
zu wollen, die freien Stunden und Tage durchstreift der Vater mit
seinen Buben Berg und Busch, im Winter auf Skis, skandinavischen
Schneeschuhen, oder sie rudern und fischen auf dem Wasser des Fjords.

Rascher als uns lieb war, muten wir von dem freundlichen Platze
Abschied nehmen. Vater, Shne und Nero begleiteten uns die steile
Bergstrae hinauf. Im Weggehen kreuzten wir eine norwegische Hochzeit,
die sich in langem Zuge von der Kirche zu einem der Arbeiterhuser
verfgte -- voraus einer, der die Handharmonika mit Gefhl spielte;
dann Brutigam und Braut, der erstere trotz des sonnigen Wetters mit
gewaltigem Regenschirm bewaffnet, hernach die Gste -- alt und jung
bunt durcheinander.

Oben am Berge holten wir unsern vorausgeschickten Wagen ein; nicht
ohne gegenseitige Rhrung nahmen wir Abschied von dem Stck Thurgau in
Skandinavien, und lange noch sah uns der biedere Landsmann nach, als
wir mit dem letzten Mange tak dem Ufer eines kleinen Bergsees folgend
davonrollten.

Trotz der schnen Rckfahrt -- in welche wir ab und zu, die
Straenwindungen abkrzend, kleine Spaziergnge ber buntbewachsenes
Gerll einschalteten -- empfanden wir doch ein Gefhl der
Erleichterung, als wir die Huser Bergens wieder zu unsern Fen liegen
sahen. Es war ein Genu -- angesichts des herrlichen Panoramas, welches
den Blick bis ins offene Meer gleiten lie -- thalwrts zu fahren,
und fast zu rasch hatte unser Wagen das holperige Pflaster der Stadt
erreicht und lie uns beim Postgebude aussteigen. Noch blieb uns eine
Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes, gerade genug, um in einigen
Kauflden unsere Geldbeutel um verschiedene Kronen zu erleichtern;
berall trafen wir hnlich Beflissene der Auguste Viktoria, denn
Bergen war ja der letzte Platz, der die Gelegenheit zur Erwerbung
norwegischer Spezialitten bot, und allerlei, das im Norden um 1/2
Krone zu teuer erschienen war, wurde hier gierig um den doppelten Preis
zusammengekauft.

Die letzte Barkassenfahrt nach unserem Schiffe war fast
lebensgefhrlich, so wimmelte es von Gehrnten, d. h. Passagieren,
welche erstandene Rentier- und Elchgeweihe bei sich trugen und aus
Platzersparnis hoch in die Luft hielten.




~XVI.~

     Abfahrt von Bergen. -- Abschied der Lotsen. -- Letzter Tag zur
     See. -- Brahmskultus mit Schwierigkeiten. -- Zollrevision in der
     Elbe. -- Abschied von der Auguste Viktoria. -- Zum letzten Male
     die norwegische Nationalhymne. -- Heimkehr.


Die Ausfahrt aus dem Hafen von Bergen wird allen Beteiligten in
unauslschlicher Erinnerung bleiben. Unser Schiff war umschwrmt von
Booten aller Art. An der Kste stunden Hunderte und winkten. Aus
der Festung grte es mit Kanonendonner, und als sich die Auguste
Viktoria unter den Klngen der norwegischen Nationalhymne in Bewegung
setzte, da begann ein Tcherwehen und Abschiedsrufen von allen Seiten.
Herrlich ging die Sonne unter und vergoldete mit breitem Saume Meer
und Gebirge; mit dem erlschenden Glanze des Tagesgestirnes kmpfte
das silberne Licht des Vollmondes. Alle Linien, namentlich die Umrisse
der felsigen Inseln, zwischen denen wir dahinglitten, erschienen in
radierter Schrfe; einmal winkte von geisterhaftem Riffe herab eine
jugendliche Norwegerin dem stolz vorbeisteuernden Schiffe, whrend sie
mit der rechten Hand die Augen gegen den glnzenden Abendsonnenreflex
schtzte -- ein beraus reizendes Schattenbild, das Konewka geschnitten
haben konnte.

Und nun kam eine kleine Szene, die manche Augen feucht machte.
Zur Rechten hatten wir die letzte Insel, welche gegen das offene
Meer vorgeschoben ist, und beim Glanze des Vollmondes sahen wir
das unendliche majesttisch vor uns ausgebreitet. Da hielt unser
Schiff; ein kleines Boot nherte sich ihm, vom Wogengange gehoben
und gesenkt. Die Strickleiter wurde vom Hauptdecke zur Wasserflche
heruntergelassen, und auf ihr schieden von uns die beiden prchtigen
Graukpfe, die norwegischen Lotsen, welche seit drei Wochen unser
Schiff sicher durch all' die Fhrlichkeiten der nordischen Schrenwelt
gelenkt hatten. Als sie in dem schwankenden kleinen Boote saen,
der eine sofort am Steuer, und ihre Hte zum Abschiede schwenkten,
da ertnte nochmals von unserer braven Schiffskapelle die Hymne des
norwegischen Volkes, und ein brausendes Hurrah ging wie ein Sturmwind
durch die ganze Lnge des Schiffes. Alles rief, winkte und dankte, und
alles war gerhrt bei den Klngen des liebgewonnenen Landes und im
Bewutsein, da wir nun -- vielleicht fr immer -- ihm Lebewohl gesagt
hatten.

Bald war das Lotsenboot unseren sphenden Blicken entschwunden, und uns
empfing der Ocean, die gewaltige, wogende Wasserflche, die uns vom
europischen Festlande trennte.

Der folgende Tag -- der letzte ganze unserer Meerreise -- war
ein herrlicher Sonntag; ruhig und glatt die See und ber ihr die
strahlende Sonne an wolkenlosem Himmel. Man geno die Ruhe in vollen
Zgen, bequem auf Deck ausgestreckt, das zum Lesen mitgebrachte Buch
unbenutzt auf dem Scho oder am Boden, denn die Augen hatten anderes
zu thun; sie sphten ber die endlose Wasserflche und erhaschten da
und dort einen Segler oder einen rauchenden Dampfer am Horizonte; sie
suchten rckwrts Norge, das herrliche Land, oder aber -- geschlossen
-- versenkten sie sich vorwrts in den Zauber der Heimat, die wir nun
bald wieder begren sollten. Einige Stunden des Tages waren allerdings
unruhiger Arbeit gewidmet; alles packte und rumte in den Kabinen und
ordnete seine Siebensachen, denn am andern Morgen sollte bei Zeiten
in der Elbe die Uebersiedlung mit Hab und Gut auf kleinere Dampfer
stattfinden, um nach Hamburg befrdert zu werden.

Abends war noch ein ppiges Abschiedsdiner, als Glanznummer ~glace
illumine~. Es wurden pltzlich die elektrischen Lampen ausgelscht
und wir saen einen Moment unter augenblicklichem Stocken der
Konversation und allgemeinem Ah! im Dunkeln. Aber das Licht kam sofort
in origineller Gestalt. Es strzte herein das Heer der Stewards: jeder
trug auf eleganter Servierplatte eine kristallhelle, dicke Eisscheibe,
welche in einer mittleren Hhlung eine leuchtende Flamme enthielt;
an den Rand der Scheibe angelehnt lag Gefrorenes in allen Farben
und reflektierte auerordentlich hbsch in dem spiegelglatten Eise.
Diese wandelnden bunten Lichtquellen, von welchen man sich allerorten
seinen Bedarf an Glace wegschnitt, machten einen sehr originellen
Effekt. Unterdessen hatte sich ein mchtiges Gewitter zusammengezogen;
eine drohende schwarze Wand war schon lngst gegen Sden aufgetrmt
und grelle Blitze zuckten darin, deren Donnern erst nach Minuten zu
uns gelangte. (In Hamburg und Berlin hatte das Unwetter, wie wir
hernach erfuhren, bel gehaust.) Immer nher kam die groartige
Naturerscheinung und unsere Masten wurden schleunigst mit ins Meer
tauchenden Blitzableitern versehen.

Bei dieser Gelegenheit bot die tintenschwarze Flut den Anblick des
Meerleuchtens, wenn auch lange nicht in der Intensitt, wie ich es von
tropischen Gewssern her in Erinnerung hatte.

Auf 9 Uhr war ein Dankgottesdienst im groen Speisesaal angesagt.
Als Prediger funktionierte der amerikanische Krsus; die Sache war
gut gemeint, aber frchterlich lang, und statt der Befriedigung
eines innern Verlangens, der Dankbarkeit fr die so genureich und
ohne Unfall zurckgelegte Fahrt irgendwie und -wo Ausdruck verliehen
zu sehen, empfand ich schlielich -- wahrscheinlich ein schlimmes
Selbstzeugnis -- entsetzliche Langeweile und rgerte mich ber jede
Minute, die ich lnger unter Deck sein mute, whrend ja drauen Gott
in der Natur zu uns sprach. Aber nicht wahr, Frau Landrat, Ihnen ging's
auch so?

Schlielich ergriff, von Herrn Wanamaker, der natrlich englisch resp.
angloamerikanisch gesprochen hatte, eingeladen, noch ein Deutscher
oder Deutschamerikaner das Wort und schilderte sehr beredt, was fr
ein ausgezeichneter Mann der Herr Vorredner sei und wie ihm die ganze
Gesellschaft fr die Veranstaltung des heutigen Dankopfers zu Dank
verpflichtet bleibe. Und damit schlo der Dankgottesdienst, wofr
denn endlich auch noch ich von Herzen dankbar sein konnte.

Das Finale des heutigen Tages bildete ein Kunstgenu im Musiksalon,
eine kleine Brahmsfeier. Wir hatten nmlich in letzter Stunde eine
eminente Klavierspielerin entdeckt in der Persnlichkeit einer
jugendlichen Berlinerin. Die schwrmte fr Bach, Schumann und Brahms --
aber sie _kannte_ sie auch, ihre Angebeteten, und ich war im hchsten
Grade berrascht, als ich tags zuvor als unbemerkter Zuhrer Zeuge sein
konnte nicht nur einer hervorragenden Technik, sondern einer vollendet
knstlerischen Auffassung und eines phnomenalen musikalischen
Gedchtnisses, ber welche die aus dem Vollen spendende junge Dame
verfgte. Heute Abend wollte sie uns Brahms spielen, so hatte sie
freundlich und ohne sich lange bitten zu lassen versprochen. Aber dazu
brauchte es die Weihe eines stillen Ortes und einer kleinen andchtigen
Zuhrerschaft. Wir pilgerten so gegen 11 Uhr zum Konversationssalon,
wo der Steinwegflgel stand und wo's in jenem Momente leer und ruhig
schien. Aber die Eintretenden empfing ein Herr, der wohl nur auf
Zuhrerschaft gewartet hatte, mit grlichem Klaviergehack: halb
Strauwalzer, halb Volkslied, halb freie Phantasie, dazu immer den
unrichtigen Ba, als ob rechte und linke Hand auf Kriegsfu mit
einander lebten. Nachdem wir einige Minuten so gelitten, lenkte der
freie Vortrag, der sich eben noch im Gewhle einer Schlacht oder auf
einer unmusikalischen Bauernhochzeit bewegt haben mochte und dem
pltzlich der Atem ausgegangen, ganz genial unvermittelt ein in ~la
prire d'une vierge~; aber nachdem das _einmal_ und unter stndiger
Zuhlfenahme des Pedals heruntergezittert war und nochmals an die Reihe
kommen sollte, da schwand unsere Kraft und Selbstverleugnung, und ich
erklrte dem ~Orlando furioso~ die Situation, in der Meinung, auch ihm
damit einen Dienst zu erweisen. Die Voraussetzung war falsch. Der gute
Mann war tdlich beleidigt, entfernte sich mit Ostentation und erschien
sehr bald wieder als Strefried in unserer kleinen Brahmsgemeinde, und
als ich, dem Wunsche der um Ruhe bittenden Knstlerin folgend, mich
als Hindernis vor die geschlossene Thre setzte, da ging der Wtende
und wiegelte das Volk auf, und nun kamen sie in Scharen und verlangten
strmisch freie Passage, wobei ich, von Blicken durchbohrt, ruhig
sitzen blieb. So wre es beinahe zu einem zweiten kleinen Schwabenkrieg
gekommen; aber schlielich gab einer nach, diesmal ich, und zwar
wieder auf Wunsch der Spielenden, und als das Flugloch wieder offen
stand, war unterdessen dem Paar wilder Vgel das Fliegen verleidet,
und wir konnten nach und nach in Ruhe unsern Brahms genieen, bis der
vernnftige Papa kam und sagte: Liebes Kind, jetzt mut du aber zu
Bette; sonst schlfst du mir vor lauter Brahms wieder die ganze Nacht
nicht.

Thatschlich konnten auch wir Zuhrer lange nicht einschlafen; denn
das vergeistigte Spiel der schwrmerischen Knstlerin, die ihr Bestes
gegeben, hatte uns in ganzer Seele bewegt und uns ein paar neue
Einblicke in die Tiefe der Brahmsschen Kunst geffnet.

Es schien kaum der Mhe wert, das rgerliche Intermezzo dieser
weihevollen Stunde hier berhaupt zu erzhlen; aber ich wollte mich
dadurch rechtfertigen gegenber einigen sonst sehr anstndigen
Mitpassagieren, welche damals, falsch unterrichtet, vor dem
geschlossenen Musikthor auch ber den arroganten Schweizer
mittobten, ohne zu wissen, da die Arroganz in diesem Falle eine
selbstverstndliche hfliche Rcksicht war.

Vor Mitternacht passierten wir Helgoland, dessen Leuchtturm und
Strandlichter weithin glnzten und lange sichtbar blieben, und
einige Stunden spter fuhr unser Schiff -- mondbestrahlt -- in die
Elbemndung, um am ehemaligen Ausgangspunkte, bei Brunshausen, sich
vor Anker zu legen. Da schlief denn wohl ausnahmsweise einmal alles an
Bord, vom Kapitn bis zum Heizer, einige Stunden.

Am andern Morgen steckten wir in dichtem Nebel und vernahmen die
trstliche Kunde, da bei solchem Wetter an ein Ausbooten nicht zu
denken sei. Ein Steward erzhlte mir als Aufmunterung, wie die Auguste
Viktoria von Amerika zurckkehrend einst fast dreimal 24 Stunden vor
der Elbemndung im Nebel liegen mute, eine rechte Geduldsprobe fr
die sich nach dem nahen Festlande sehnenden berseeischen Passagiere.
Aber gegen 9 Uhr wurde das Nebelmeer dnner und durchsichtiger; schon
erschienen die Huser Brunshausens am Strande in geisterhaften Formen
und Umrissen, und endlich wurde die liebe Sonne gnzlich Meister
und die Elbufer glnzten weithin bis gegen Hamburg in vollkommener
Klarheit. Da sahen wir denn auch die Blankenese und einen
Frachtdampfer auf uns zusteuern, welche Menschen und Legionen von
Koffern nach Hamburg schaffen sollten.

Unterdessen aber entwickelte sich an Bord der Auguste Viktoria
ein interessantes Leben und Treiben. Was an Kisten und Koffern und
Taschen den Passagieren gehrte, wurde von den Stewards aufs Hauptdeck
geschleppt, um von der unterdessen eingetroffenen Zollbehrde
revidiert zu werden. Mchtige Gepckstcke waren schlielich dort der
ganzen Schiffslnge nach auf beiden Bordseiten aufgetrmt, und die
endlose Barrikade krnten Dutzende von Geweihen und andere unbequeme
Naturalien, whrend man sich die kleinern norwegischen Sachen lngst
durch den Schiffsschreiner in solide Holzkisten hatte zusammenpacken
lassen. Da hielt denn jeder Wacht bei seiner Bagage; kaum blieb ein
schmaler Gang des Hauptdeckes frei, durch welchen man mit einigen
Hindernissen passieren konnte, und doch wurden immer noch neue
Koffer und Dinge von ganz unheimlichen Dimensionen heraufgeschafft
und -- teilweise ber unsern bedrngten Kpfen -- weiter befrdert.
Diese Situation, die etwa eine Stunde, d. h. bis zur Erledigung der
Zollrevision, dauerte, zeitigte eine ganz besondere Art von Humor, und
unter fast unausgesetztem und rasch sich ausbreitendem Gelchter fgte
man sich in die komischen Unzulnglichkeiten derselben.

Eben wird ein Tisch fr den Sekretr der Zollbehrde mit Mhe und die
Ecken in drohender Nachbarschaft unserer vorsichtig zurckgelegten
Hupter vorbeigetragen. Jetzt fehlt nur noch eine Nhmaschine und ein
Fortepiano meint unser Nachbar. Bitte genieren Sie sich gar nicht
sagt ein dicker, zwischen Gepckstcken eingezwngter Herr, vor dessen
Nase sie eben eine Riesenkiste vorbeischieben, whrend die Trger
seine Hhneraugen als Unterlagen benutzen. Habe soeben die Front
abgeritten, meldet ein jovialer Bayer, welcher sich mit den Ellbogen
und einer sehr ungenierten Schnauze an der Koffer-Allee vorbeigedrckt
und bis zu unserem Standorte durchgearbeitet hatte.

Was zollrevidiert war, wurde sofort auf den Frachtdampfer geschafft,
whrend die Besitzer sich auf der Blankenese einen guten Platz
suchten. Endlich kam die Reihe auch an uns. Am meisten Verzgerung
veranlate die Wienerin mit den 32 (oder waren es 22?) Hten, welche
17, wohlgezhlt siebzehn mchtige Koffer und Krbe an Bord hatte und
so der Schreck der ganzen Schiffsmannschaft geworden war, da ihr
Verlangen, mit der Auguste Viktoria nach Amerika zu fahren, von der
zustndigen Verwaltung rundweg abgewiesen wurde.

Als der letzte Passagier das herrliche Schiff verlassen, da fiel
die Brcke zwischen ihm und der kleinen Blankenese, und nun ging's
ans Abschiednehmen von dem stolzen schwimmenden Gebude, das uns
whrend 22 Tagen Heimat in schnen fremden Landen und Meeren gewesen
war. Buntbewimpelt grte es seine scheidenden Insassen; Stewards
und Matrosen standen in langen Reihen und winkten. Auf dem Hauptdeck
waren die Schiffsoffiziere plaziert, und was zum Schiffe gehrte,
stimmte mit ein in das dreifache Hoch, das der erste Offizier zu Ehren
der Reisegesellschaft ausbrachte. Oben auf dem Promenadendeck aber
harrte, ebenfalls Abschied winkend, die wackere Schiffskapelle des
Taktstockzeichens ihres Dirigenten; jetzt erhebt er den Arm und senkt
ihn rasch, und nochmals -- zum letztenmal -- erklingt die uns so lieb
gewordene norwegische Nationalhymne (Ja, wir lieben dieses Land),
und die Wirkung, welche dieser letzte Gru Norges in unseren Seelen
erzeugte, brachte es uns zum Bewutsein, da auch _wir_ dieses Land
lieben gelernt haben.

Langsam umkreiste die Blankenese den ruhig daliegenden Riesen; aller
Blicke blieben unverwandt auf ihn gerichtet und suchten nochmals die
Pltze, auf welchen man gewhnlich geweilt und von denen aus man so
viel Schnes hatte sehen drfen.

Dann aber ging's elbaufwrts Hamburg zu. Unterwegs verabschiedete man
sich von seinen Schiffsbekannten, ein Abschied ohne Thrnen und Seufzer
zwar, aber von den lieben Holsteinern, unsern Tafelgenossen, doch mit
dem Gefhle aufrichtigen Bedauerns.

Bald nachher saen wir in Hamburg an aussichtsreichem Fenster unseres
Gasthofes und schwelgten -- den Blick halb verloren auf das bewegte
Straenleben gerichtet -- in der Erinnerung an die schnen Reisetage.
Pltzlich warf sich meine Schwester fast aus dem Fenster und wir
folgten nach. Was war's? Eine amerikanische Familie, welche zu den
Passagieren der Auguste Viktoria gehrt, mit welcher wir aber nie
ein Wort gewechselt und die wir nicht einmal dem Namen nach kannten,
fuhr vorbei, und wir begrten uns mit so intimem Gebrdenspiel, als
ob vertraute Freunde nach jahrelanger Trennung sich unerwartet wieder
getroffen htten.

Dieses Schauspiel wiederholte sich noch verschiedene mal, denn die
Stadt Hamburg wimmelte an jenem Tage von Auguste Viktoria-Leuten, und
wir erfuhren, da in der That gemeinschaftlich verlebte Reisewunder ein
Kitt sind, der die heterogensten Menschen sich nher bringen und etwas
zusammenhalten kann.

Von Hamburg ging's ber Berlin, Dresden, Karlsbad, Mnchen nach
Hause und mit Lust wieder an die Arbeit. Daheim wurde mit aller
Sorgfalt die in Spitzbergen erbeutete Flora in den Garten versetzt und
seither tagtglich begossen und behtet, so da sie nun -- zaghaft
zwar, doch hoffnungserweckend -- zu grnen beginnt. An anderer Stelle
aber -- im Herzen -- grnen und blhen die von unserer Nordlandsfahrt
mitgenommenen Erinnerungen, und die haben lebenskrftige Wurzeln gefat.


Von demselben Verfasser ist im Verlage von _J. Huber in Frauenfeld_
ferner erschienen und liegt bereits in =fnfter Auflage= vor:

                    =Briefe aus dem fernen Osten.=
                      Hbsch gebunden Preis 5 Fr.

Ebenfalls die Buchausgabe in der Thurgauer Zeitung erschienener
Briefe, diesmal von einer Reise nach Hinter-Indien, China und Japan
und, wie das vorliegende Buch, zerfallend in die Abschnitte Unterwegs
und Daheim.

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.





End of Project Gutenberg's Briefe aus dem hohen Norden, by Elias Haffter

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE AUS DEM HOHEN NORDEN ***

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