The Project Gutenberg EBook of Ferdinand Lassalle, by Eduard Bernstein

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Title: Ferdinand Lassalle
       Eine Wrdigung des Lehrers und Kmpfers

Author: Eduard Bernstein

Release Date: January 20, 2014 [EBook #44722]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERDINAND LASSALLE ***




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                    FERDINAND LASSALLE

                      EINE WRDIGUNG
                      DES LEHRERS UND
                         KMPFERS

                           VON

                     EDUARD BERNSTEIN


             VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN
                          1919


                    ALLE RECHTE VORBEHALTEN
             COPYRIGHT 1919 BY PAUL CASSIRER, BERLIN


            _DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER, LEIPZIG_




Inhalt.


                                                         Seite

  Vorwort                                                    5

  Deutschland am Vorabend der Lassalleschen Bewegung         7

  Lassalles Jugend, der Hatzfeldt-Proze, die Assisenrede
  und der Franz von Sickingen                               27

  Ferdinand Lassalle und der Italienische Krieg             66

  Das System der erworbenen Rechte                         114

  Der preuische Verfassungskonflikt, die Verfassungsreden
  und das Arbeiterprogramm                                 145

  Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. Das
  Offene Antwortschreiben, politischer Teil                186

  Der konomische Inhalt des Offenen Antwortschreibens.
  Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften
  mit Staatskredit                                         213

  Grndung und Fhrung des Allgemeinen Deutschen
  Arbeitervereins                                          235

  Lassalle und Bismarck                                    263

  Lassalles letzte Schritte und Tod                        285

  Schlubetrachtung                                        293




Vorwort.


Die vorliegende Schrift wurde von mir in ihrer ersten Gestalt im Jahre
1891 verfat, als eine Einleitung zu der damals von der Buchhandlung
Vorwrts veranstalteten Sammelausgabe von Reden und Schriften
Lassalles. Der Umstand, da ich zu jener Zeit noch in London lebte,
dessen Bibliotheken nur Teile der Lassalle-Literatur darboten, und da
aus buchhndlerischen Grnden die Ausarbeitung der Schrift in einer
ziemlich kurz bemessenen Frist geschehen mute, hatte verschiedene
Mngel zur Folge, die ich spter oft bedauert habe.

Da nun eine Neuausgabe notwendig geworden ist, hat mir die ersehnte
Gelegenheit geboten, hier zu bessern, was nach meiner eigenen
berzeugung und dem Urteil der von mir als berechtigt anerkannten Kritik
vornehmlich zu bessern war. Insbesondere aber sind die in der
Zwischenzeit erschienenen, teilweise recht bedeutsamen Briefe von, an
und ber Lassalle bercksichtigt worden, die dazu beigetragen haben, das
Bild des groen Lehrers und Kmpfers ganz wesentlich einheitlicher zu
gestalten, als es frher vor uns stand.

Lassalle als Vorkmpfer zu wrdigen war die besondere Aufgabe der
Schrift. Von einem Mitglied der Partei, die in Lassalle einen ihrer
Begrnder verehrt, _fr_ die Partei, also namentlich auch fr
bildungsdrstige Arbeiter geschrieben, hatte sie das Hauptgewicht darauf
zu legen, die Bedeutung Lassalles als Lehrer und Fhrer der von ihm 1863
neu ins Leben gerufenen Partei in mglichster Klarheit zur Anschauung zu
bringen. Das hatte insofern eine gewisse Beschrnkung zur Folge, als das
literarhistorische Moment ziemlich zurcktreten mute. Die Schrift
beansprucht nicht, mit Arbeiten zu rivalisieren, die Lassalle von der
Warte des auenstehenden Geschichtsschreibers oder Literaturpsychologen
behandeln. Aber dafr glaubt sie dasjenige Moment um so heller zur
Erkenntnis zu bringen, das gerade in unseren Tagen im Vordergrund des
Interesses steht und an dem Lassalle am meisten gelegen war: sein Wollen
und Wirken als bahnbrechender Lehrer des Sozialismus und als politischer
Fhrer der sozialistischen Demokratie.

_Berlin-Schneberg_, im September 1919.

                       _Ed. Bernstein._




FERDINAND LASSALLE UND DIE DEUTSCHE SOZIALDEMOKRATIE




Deutschland am Vorabend der Lassalleschen Bewegung.


Seit es herrschende und unterdrckte, ausbeutende und ausgebeutete
Klassen gibt, hat es auch Auflehnungen der letzteren gegen die ersteren
gegeben, haben sich Staatsmnner und Philosophen, Ehrgeizige und
Schwrmer gefunden, welche gesellschaftliche Reformen zur Milderung oder
Beseitigung des Ausbeutungsverhltnisses in Vorschlag brachten. Will man
alle diese Bestrebungen unter den Begriff Sozialismus zusammenfassen, so
ist der Sozialismus so alt wie die Zivilisation. Hlt man sich jedoch an
bestimmtere Erkennungsmerkmale als das bloe Verlangen nach einem
Gesellschaftszustand der Harmonie und des allgemeinen Wohlstandes, so
hat der Sozialismus der Gegenwart als Ideengebilde mit dem irgendeiner
frheren Epoche nur soviel gemein, da er wie jener der geistige
Niederschlag der besonderen, von den Besitzlosen gefhrten Klassenkmpfe
seiner Zeit ist. berall drckt die Struktur der Gesellschaft, auf deren
Boden er gewachsen ist, dem Sozialismus der Epoche ihren Stempel auf.

Der moderne Sozialismus ist das Produkt des Klassenkampfes in der
kapitalistischen Gesellschaft, er wurzelt in dem Klassengegensatz
zwischen Bourgeoisie und modernem Proletariat, einem Gegensatz, der
schon verhltnismig frh in der Geschichte in wirklichen Kmpfen zum
Ausdruck kommt, ohne freilich gleich im Anfang von den Kmpfenden selbst
in seiner vollen Tragweite begriffen zu werden. In seinem Anlauf gegen
die privilegierten Stnde der feudalen Gesellschaft, sowie in seinem
Ringen mit dem absolutistischen Polizeistaat sieht sich das Brgertum
zunchst veranlat, sich als den Anwalt der Interessen aller
Nichtprivilegierten aufzuspielen, die Beseitigung ihm unbequemer und die
Schaffung ihm behufs Entfaltung seiner Krfte notwendiger Einrichtungen
jedesmal im Namen des ganzen Volkes zu verlangen. Es handelt dabei lange
Zeit im guten Glauben, denn nur die Vorstellung, die es selbst mit
diesen Forderungen verbindet, erscheint ihm als deren vernunftgeme,
vor dem gesunden Menschenverstand Bestand habende Auslegung. Das
aufkommende Proletariat aber, soweit es sich selbst bereits von den
zunftbrgerlichen Vorurteilen freigemacht, nimmt die Verheiungen der
brgerlichen Wortfhrer so lange fr bare Mnze, als das Brgertum
ausschlielich Opposition gegen die Vertreter der stndischen
Institutionen ist. Hat jenes aber einmal die letzteren besiegt oder doch
soweit zurckgedrngt, um an die Verwirklichung seiner eigenen
Bestrebungen gehen zu knnen, so stellt sich bald heraus, da die
hinter ihm stehenden Plebejer ganz andere Begriffe von dem versprochenen
Reich Gottes auf Erden haben, als ihre bisherigen Freunde und
Beschtzer, und es kommt zu Zusammensten, die um so heftiger
ausfallen, je grer vorher die Illusionen waren. Das Proletariat ist
jedoch noch nicht stark genug, seinen Widerstand aufrechtzuerhalten, es
wird mit rcksichtsloser Gewalt zum Schweigen gebracht und tritt auf
lange Zeit wieder vom Schauplatz zurck.

Dies war der Fall in allen brgerlichen Erhebungen des 16., 17. und 18.
und selbst noch der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Die rasche
Entwicklung, welche die Revolution der Produktionsverhltnisse in
diesem Jahrhundert nahm, nderte jedoch auch das Verhalten des
Proletariats gegenber der Bourgeoisie. Es bedurfte nicht mehr
auergewhnlicher Veranlassungen, um den Gegensatz der Interessen und
Bestrebungen der beiden an den Tag treten zu lassen, er kam in den
vorgeschrittenen Lndern auch ohne solche zum Ausdruck. Arbeiter fingen
an, sich zum Widerstand gegen Kapitalisten zu organisieren, die
brgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung wurde vom
proletarischen Standpunkt aus der Kritik unterworfen, es entstand eine
antibrgerliche sozialistische Literatur. Verhltnismig unbedeutende
Reibereien im Schoe der Bourgeoisie, ein bloer Konflikt eines ihrer
Flgel gegen einen andern aber gengten, um die tatkrftigeren Elemente
des Proletariats als selbstndige Partei mit eigenen Forderungen in die
Aktion treten zu lassen. Die Reformbewegung des liberalen Brgertums in
England wurde das Signal zur Chartistenbewegung, die Julirevolution in
Frankreich leitete erst eine rein republikanische Propaganda, dann aber
sozialistische und proletarisch-revolutionre Bewegungen ein, die
zusammen an Ausdehnung kaum hinter der Chartistenagitation
zurckbleiben.

Literarisch und propagandistisch schlgt die Bewegung in den vierziger
Jahren nach Deutschland hinber. Schriftsteller und Politiker, die
entweder als Exilierte oder um dem Polizeigeruch in der Heimat fr eine
Zeitlang zu entgehen, sich ins Ausland begeben, werden Proselyten des
Sozialismus und suchen ihn nach Deutschland zu verpflanzen, deutsche
Arbeiter, die auf ihrer Wanderschaft in Paris oder London gearbeitet,
bringen die sozialistische Lehre in die Heimat zurck und kolportieren
sie auf den Herbergen. Es werden geheime sozialistisch-revolutionre
Propagandagesellschaften gegrndet und schlielich, am Vorabend des
Revolutionsjahres 1848, tritt der Kommunistenbund ins Leben mit einem
Programm, das mit unbertroffener revolutionrer Schrfe und
Entschiedenheit den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie
kennzeichnet, aber zugleich auch ausspricht, da die besonderen
Verhltnisse in Deutschland dort dem Proletariat zunchst noch die
Aufgabe zuweisen, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute
Monarchie, das feudale Grundeigentum und die reaktionre Kleinbrgerei
zu kmpfen.

Die Februarrevolution in Frankreich und die Mrzrevolution in
Deutschland fanden das erstere in seinen Zentren stark sozialistisch
unterwhlt, das letztere gleichfalls schon mit einer relativ groen
Anzahl sozialistisch gesinnter Arbeiter durchsetzt. Hier wie dort
lieferten die Arbeiter, wenn auch nicht in gleichem Verhltnis, bereits
die tatkrftigsten Elemente der Revolution. Aber die Verhltnisse waren
in Frankreich, trotz seiner politischen und konomischen berlegenheit,
der Verwirklichung des Sozialismus nicht viel gnstiger als in
Deutschland. Auf dem Lande herrschte der kleinbuerliche Grundsatz vor,
whrend in den Stdten und Industriebezirken zwar die groe Industrie
bereits um sich gegriffen, aber doch noch lange nicht die
Alleinherrschaft erobert hatte. Neben ihr spielte, und zwar gerade in
Paris, dem Hauptplatz der Luxusgewerbe, das kleinere und mittlere
Handwerk, wenn es auch aufgehrt hatte, Zunfthandwerk zu sein und schon
meist fr den Groindustriellen arbeitete, noch eine verhltnismig
groe Rolle, ganz besonders auch das sogenannte Kunsthandwerk.
Dementsprechend hatte der franzsische Sozialismus selbst dort, wo er
sich vom eigentlichen Utopismus freigemacht hatte, mit wenigen Ausnahmen
einen stark kleinbrgerlichen Zug. Und auch die Februarrevolution und
die furchtbare Lehre der Junischlacht nderten daran nichts. Sie gaben
dem utopistischen Sozialismus bei den franzsischen Arbeitern den
Todessto, aber an seine Stelle trat auf Jahre hinaus -- der
Proudhonismus.

In dieser relativen Unreife der konomischen Verhltnisse liegt die
Erklrung fr die sonst unbegreifliche Tatsache, da, whrend es damals
in Frankreich von Sozialisten wimmelte, whrend ber 200 Mitglieder der
Deputiertenkammer sich Sozialdemokraten nannten, die bonapartistische
Repression die Arbeiter mit leeren Redensarten abzuspeisen vermochte.

In Deutschland war die Unreife natrlich noch grer. Die groe Masse
der Arbeiter steckte nicht nur noch tief in kleinbrgerlichen, sondern
teilweise sogar in direkt zunftbrgerlichen Anschauungen. Auf
verschiedenen der Arbeiterkongresse, die das Jahr 1848 ins Leben rief,
wurden die reaktionrsten Vorschlge diskutiert. Nur eine
verhltnismig kleine Minderheit der deutschen Arbeiter hatte bereits
die revolutionre Mission der Arbeiterklasse begriffen. Wenn diese
berall in den vordersten Reihen der Volksparteien kmpfte, wenn sie, wo
immer sie konnte, die brgerliche Demokratie vorwrtszutreiben suchte,
so zahlte sie die Kosten dafr an ihrem eigenen Leibe. Die Kommunisten
des Jahres 1848 fielen auf den Barrikaden, auf den Schlachtfeldern in
Baden, sie fllten die Gefngnisse, oder muten, als die Reaktion auf
der ganzen Linie gesiegt, das Exil aufsuchen, wo ein groer Teil von
ihnen im Elend zugrunde ging. Die jungen Arbeiterorganisationen, die das
Frhjahr 1848 ins Leben gerufen, wurden von den Regierungen
unterschiedlos aufgelst oder zu Tode drangsaliert. Was an Sozialisten
noch im Lande blieb, zog sich entweder in Erwartung gnstigerer Zeiten
ganz von der ffentlichkeit zurck, oder verphilisterte und schlo sich
an die ihm adquate Fraktion des brgerlichen Liberalismus an. Letzteres
gilt namentlich auch von einer Anzahl Vertreter des halb schngeistigen,
halb sansculottischen wahren Sozialismus, der mit so vielem Lrm
aufgetreten war. Die Arbeiter selbst aber, mehr oder weniger
eingeschchtert, lassen von dem Gedanken ihrer Organisation als Klasse
mit selbstndigen Zielen ab und verfallen der Vormundschaft der
radikalen Bourgeoisparteien oder der Protektion wohlmeinender
Bourgeoisphilantropen.

Es vollzieht sich eine Entwicklung, die in allen wesentlichen Punkten
mit den in England und Frankreich unter den gleichen Umstnden vor
sich gegangenen Wandlungen bereinstimmt. Der Fehlschlag der
erneuerten Agitation der Chartisten im Jahre 1848 hatte in England
die Wirkung, da der christliche Sozialismus der Maurice, Kingsley,
Ludlow sich in den Vordergrund drngte und einen Teil der Arbeiter
veranlate, in selbsthilflerischen Genossenschaften ihre Befreiung zu
suchen -- nicht nur ihre konomische, sondern auch ihre
moralische, ihre Befreiung vom Egoismus, vom Klassenha߫
usw. Wenn nun diese >christlichen Sozialisten< auch mit ihren
Bestrebungen weder selbstschtige, persnliche Zwecke verbanden, noch
die Geschfte irgendeiner besonderen Partei der besitzenden Klassen
besorgten, so war die Wirkung ihrer Propaganda unter den Arbeitern,
soweit ihr Einflu reichte, doch zunchst die der Ablenkung derselben
von den allgemeinen Interessen ihrer Klasse, d. h. politische
Entmannung. Soweit es gelang, den Klassenegoismus zu vertreiben,
trat in den meisten Fllen an seine Stelle ein philistrser
Genossenschaftsegoismus und ein nicht minder philisterhaftes
Bildungs-Pharisertum. Die Gewerkvereinsbewegung ihrerseits
verliert sich fast ganz in der Verfolgung der allernchstliegenden
Interessen, whrend die Reste der Oweniten sich meist auf die
sogenannte freidenkerische Propaganda werfen.

In Frankreich war es die Niederlage der Juni-Insurrektion gewesen,
welche die Arbeiterklasse in den Hintergrund der revolutionren Bhne
drngte. Jedoch vorerst nur in den Hintergrund. Der rege politische
Geist des Pariser Proletariats konnte selbst durch diesen Riesenaderla
nicht sofort erttet werden. Es versucht sich, wie Marx im 18.
Brumaire schreibt, jedesmal wieder vorzudrngen, sobald die Bewegung
einen neuen Anlauf zu nehmen scheint. Indes seine Kraft war gebrochen,
es konnte selbst nicht einmal mehr vorbergehend siegen. Sobald eine
der hher ber ihm liegenden Gesellschaftsschichten in revolutionre
Grung gert, geht es eine Verbindung mit ihr ein und teilt so alle
Niederlagen, die die verschiedenen Parteien nacheinander erleiden. Aber
diese nachtrglichen Schlge schwchen sich immer mehr ab, je mehr sie
sich auf die ganze Oberflche der Gesellschaft verteilen. Seine
bedeutenderen Fhrer in der Versammlung und in der Presse fallen der
Reihe nach den Gerichten zum Opfer, und immer zweideutigere Figuren
treten an seine Spitze. Zum Teil wirft es sich auf doktrinre
Experimente, Tauschbanken und Arbeiter-Assoziationen, also in eine
Bewegung, worin es darauf verzichtet, die alte Welt mit ihren eigenen
groen Gesamtmitteln umzuwlzen, vielmehr hinter dem Rcken der
Gesellschaft, auf Privatweise, innerhalb seiner beschrnkten
Existenzbedingungen, seine Erlsung zu vollbringen sucht, also notwendig
scheitert. (Der achtzehnte Brumaire, 3. Aufl., S. 14 und 15.)

In Deutschland endlich, wo von einer eigentlichen Niederlage der
Arbeiter keine Rede sein konnte, weil diese sich zu einer greren
Aktion als Klasse noch gar nicht aufgeschwungen hatten, unterblieben
ebenfalls auf lange hinaus alle Versuche von Arbeitern, sich in
nennenswerter Weise selbstndig zu bettigen. Whrend die brgerliche
Philanthropie in Vereinen fr das Wohl der arbeitenden Klasse sich
mit der Frage der Arbeiterwohnungen, Krankenkassen und anderen
harmlosen Dingen beschftigte, nahm sich ein kleinbrgerlicher
Demokrat, der preuische Abgeordnete Schulze-Delitzsch, der
selbsthilflerischen Genossenschaften an, um vermittelst ihrer zur
Lsung der sozialen Frage zu gelangen, bei welchem lblichen
Unternehmen ihm gerade die konomische Rckstndigkeit Deutschlands
in ermunterndster Weise zustatten kam.

Von vornherein hatte Schulze-Delitzsch bei seinen Genossenschaften
weniger die Arbeiter, als die kleineren Handwerksmeister im Auge gehabt;
diese sollten durch Kredit- und Rohstoffvereine in den Stand gesetzt
werden, mit der Groindustrie zu konkurrieren. Da nun die Groindustrie
in Deutschland noch wenig entwickelt war, es dafr aber eine groe
Anzahl von Handwerksmeistern gab, die sich noch nicht, wie die Meister
der kleinen Industrie in Frankreich und England, an die groe Industrie
angepat hatten, sondern noch nach irgendeinem Schutz vor ihr
ausschauten, so mute bei diesen seine Idee auf einen fruchtbaren Boden
fallen, die geschilderten Genossenschaften ihnen auch, solange sich die
Groindustrie ihres besonderen Produktionszweiges noch nicht bemchtigt
hatte, wirklich von Nutzen sein. So sproten denn die Kredit- und
Rohstoffvereine frhlich auf, neben ihnen auch Konsumvereine von
Kleinbrgern und Arbeitern, und im Hintergrunde winkten -- als die Krone
des Ganzen erscheinend -- die Produktivgenossenschaften von Arbeitern
als die Verwirklichung des Gedankens der Befreiung der Arbeit vom
Kapital.

Ebensowenig wie die englischen christlichen Sozialisten verband
Schulze-Delitzsch ursprnglich mit der Propaganda fr die
selbsthilflerischen Genossenschaften spezifische politische
Parteizwecke, sondern folgte, gleich jenen, nur einer mit seinem
Klasseninstinkt vertrglichen Philanthropie. Zur Zeit, als er sich der
Bewegung zuwandte, war die politische Partei, zu der er gehrte, die
Linke der preuischen Nationalversammlung, von der ffentlichen Bhne
zurckgetreten. Nachdem sie sich von der Krone und deren geliebten
Krautjunkern nach allen Regeln der Kunst hatte hineinlegen lassen, hatte
sie, als die preuische Regierung das Dreiklassenwahlsystem oktroyierte,
bis auf weiteres das Feld gerumt. Sie ballte die Faust in der Tasche
und lie die Reaktion sich selbst abwirtschaften.

Kleinbrger vom Scheitel bis zur Sohle, aber Kleinbrger mit liberalen
Anschauungen, dabei in seiner Art wohlmeinend, hatte Schulze-Delitzsch,
als er von der Reaktion gemaregelt worden war, eine Idee aufgegriffen,
die damals allgemein in der Luft lag. Assoziation hatte der Ruf der
Sozialisten in den dreiiger und vierziger Jahren gelautet,
Assoziationen hatten Arbeiter im Revolutionsjahr gegrndet, Assoziation
dozierte der konservative Schriftsteller V. A. Huber, warum sollte der
liberale Kreisrichter Schulze nicht auch fr Assoziationen sich
erwrmen?

Da wir auf die Assoziationsfrage an anderer Stelle einzugehen haben
werden, so seien hier nur aus einer 1858 verffentlichten Schrift
Schulze-Delitzschs einige Stze zitiert ber die Wirkungen, die er von
den selbsthilflerischen Genossenschaften in bezug auf die Lage der
Arbeiter erwartete:

Und was die im Lohndienst verbleibenden Arbeiter anbelangt, so ist die
Konkurrenz, welche die Assoziationsgeschfte ihrer bisherigen Genossen
den Unternehmern machen, auch fr sie von den gnstigsten Folgen. Denn
mu nicht die solchergestalt vermehrte Nachfrage seitens der Unternehmer
zum Vorteil der Arbeiter rcksichtlich der Lohnbedingungen ausschlagen?
Sind nicht die Inhaber der groen Etablissements dadurch gentigt, ihren
Arbeitern mglichst gute Bedingungen zu bieten, weil sie sonst
riskieren, da dieselben zu einer der bestehenden Assoziationen
bertreten, oder gar selbst eine dergleichen grnden, wozu natrlich die
geschicktesten und strebsamsten Arbeiter am ersten geneigt sein werden?
-- Gewi, nur auf diese Weise, indem die Arbeiter selbst den
Arbeitgebern Konkurrenz bieten, lt sich ein dauernder Einflu auf die
Lohnerhhung, auf eine gnstigere Stellung der Arbeiter im ganzen
ausben, den man mittelst gesetzlicher Zwangsmittel, wie wir frher
gesehen haben, oder durch die Appellation an die Humanitt niemals
allgemein und mit Sicherheit erreicht ...

Ist nur erst eine Anzahl solcher Assoziationsetablissements von den
Arbeitern errichtet und das bisherige Monopol der Grounternehmer
hierbei durchbrochen, so kann es nicht ausbleiben, da sich die enormen
Gewinne derselben, welche sie frher ausschlielich zogen, vermindern,
weil sie den Arbeitern ihr Teil davon zukommen lassen mssen. Whrend
also der Reichtum von der einen Seite etwas bescheidenere Dimensionen
annehmen wird, schwindet auf der andern Seite der Notstand mehr und
mehr, und die Zustnde beginnen sich dem Niveau eines allgemeinen
Wohlstandes zu nhern. Damit ist sowohl dem Mammonismus wie dem
Pauperismus eine Grenze gezogen, diesen unseligen Auswchsen unserer
Industrie, in denen wir zwei gleich feindliche Mchte wahrer Kultur
erblicken ...

Nur darauf kommen wir immer wieder zurck: da ehe nicht die Arbeiter
sich aus eigener Kraft und aus eigenem Triebe an dergleichen
Unternehmungen wagen und tatschlich die Mglichkeit dartun, da sie es
allenfalls auch allein, ohne Beteiligung der brigen Klassen,
durchzusetzen vermgen, man sich von seiten dieser wohl hten wird,
ihnen dabei entgegenzukommen, weil man viel zu sehr dabei interessiert
ist, sie in der bisherigen Abhngigkeit zu erhalten. Erst wenn dieser
Beweis bis zu einem durch die Konkurrenz fhlbaren Grade von ihnen
geliefert ist, erst nachdem sie den Unternehmern einmal selbst als
Unternehmer entgegengetreten sind, drfen sie auf Beachtung ihrer
Wnsche, auf das Entgegenkommen des Publikums, insbesondere der
Kapitalisten rechnen, welche sie erst dann als Leute zu betrachten
anfangen werden, welche im Verkehr auch mitzhlen, whrend sie ihnen bis
dahin fr bloe Nullen galten, die beim Exempel selbstndig fr sich gar
nicht in Ansatz kamen. Auf dem Gebiete des Erwerbs hat einmal das
Eigeninteresse die unbestrittene Herrschaft, und Ansprche und
Strebungen, mgen sie noch so gerecht und billig sein, finden nur dann
erst Geltung, wenn sie in sich selbst soweit erstarkt sind, da sie in
tatschlichen, lebenskrftigen Gestaltungen sich unabweisbar
hervordrngen. ... (Vgl. Schulze-Delitzsch, Die arbeitenden Klassen und
das Assoziationswesen in Deutschland. Leipzig 1858, S. 58, 61 und 63.)

Indes auf dem volkswirtschaftlichen Kongre, der im Sommer 1862
tagte, mute Schulze eingestehen, da noch fast gar keine
Produktivgenossenschaften und nur eine winzige Anzahl von Konsumvereinen
bestnden. Nur die aus Handwerksmeistern und kleinen Geschftsleuten
zusammengesetzten Kredit- und Vorschuvereine gediehen, neben ihnen,
aber in geringerer Anzahl, die Rohstoffgenossenschaften.

Wir sind damit unserer Darstellung des Ganges der Ereignisse von 1848
bis zum Beginn der Lassalleschen Agitation etwas vorausgeeilt, und
nehmen jetzt deren Faden wieder auf.

Bereits der Krimkrieg hatte der europischen Reaktion einen
empfindlichen Sto versetzt, indem er die Solidaritt der
Regierungen, die eine ihrer Bedingungen war, arg ins Wanken brachte.
Die Rivalitt zwischen Preuen und sterreich trat in dem verschiedenen
Verhalten des Wiener und Berliner Kabinetts zu Ruland von neuem zutage,
whrend der Tod Nikolaus I. und die Lage, in der sich das Zarenreich am
Ende des Krieges befand, die Reaktionsparteien in Europa ihres strksten
Hortes beraubte. Ruland hatte vorlufig so viel mit seinen inneren
Angelegenheiten zu tun, da es auf Jahre hinaus nicht in der Lage war,
sich fr die Sache der Ordnung in irgendeinem andern Lande des
Prinzips halber zu interessieren, es kam fr die innere Politik der
Nachbarstaaten vor der Hand auer Betracht. Zunchst jedoch beschrnkte
sich die Rivalitt zwischen Preuen und sterreich auf kleinliche
Kabinettsintrigen, ihren Landeskindern gegenber blieben beide
Regierungen vorderhand noch solidarisch.

Einen zweiten Sto gab der Reaktion die allgemeine Geschftsstockung,
die 1857 und 1858 sich einstellte. Wie die allgemeine Prosperitt 1850
die wankenden Throne zum Stehen gebracht hatte, so brachte die
Handelskrise von 1857, die alle ihre Vorgngerinnen an Ausdehnung und
Intensitt bertraf, die stehenden Throne wieder ins Wanken. berall
grte es in den unter der Krisis leidenden Volkskreisen, berall
schpfte die Opposition aus dieser Unzufriedenheit der Massen neue
Kraft, berall erhoben die Mchte des Umsturzes von neuem ihr
Haupt. Am drohendsten in Frankreich, wo der Thron freilich am
wenigsten fest stand. Noch einmal versuchte es Napoleon III. mit
drakonischen Gewaltmaregeln, zu denen das Attentat Orsinis ihm den
Vorwand lieferte; aber als er merkte, da er dadurch seine Position
eher verschlimmerte als sie zu verbessern, griff er zu einem andern
Mittel. Er versuchte durch einen populren auswrtigen Krieg sein
Regiment im Innern wieder zu befestigen und sein Leben vor den Dolchen
der Carbonari zu beschtzen. Diese hatten das einstige Mitglied ihrer
Verschwrung durch Orsini wissen lassen, da, wenn er sein ihnen
gegebenes Wort nicht einlse, sich immer neue Rcher gegen ihn erheben
wrden. Der italienische Feldzug wurde also eingeleitet. Fast um
dieselbe Zeit nimmt in Preuen mit der Regentschaft Wilhelms I. die
Neue ra ihren Anfang. Von dem vorderhand noch geheimgehaltenen
Wunsch beherrscht, sterreichs Hegemonie in Deutschland zu brechen,
sucht Wilhelm I., damals noch Prinzregent, das liberale Brgertum zu
gewinnen und ernennt ein diesem genehmes Ministerium. Anfangs ging
auch alles gut. Gerhrt, da er so ganz ohne sein Zutun wieder
Gelegenheit bekam, mit dreinzureden, berbot sich der brgerliche
Liberalismus in allen mglichen Loyalittsbeteuerungen. Der
Nationalverein wurde gegrndet mit dem Programm: Deutschlands
Einigung unter Preuens Spitze. Preuen wurde die ehrenvolle Rolle
zuerteilt, die politischen und nationalen Aspirationen der liberalen
Bourgeoisie zu verwirklichen. Ein neuer Vlkerfrhling schien
angebrochen und ein viel schnerer als der von 1848, denn er versprach
die Rose ohne die Dornen. Bei einer revolutionren Erhebung ist man
nie sicher, wo sie Halt macht und welche Elemente sie in ihrem
Verlaufe entfesselt. Jetzt aber brauchte man nicht die unbekannte
Masse aufzurufen, alles versprach sich hbsch parlamentarisch
abzuspielen. Wenn es jedoch wider Erwarten zu jenem uersten kommen
sollte -- hatte nicht das Beispiel der Schulze-Delitzschen Spar- und
Konsumvereine, der Vorschu- und Rohstoffgenossenschaften die Arbeiter
von ihren sozialistischen Utopien geheilt und ihnen den Beweis
geliefert, welche groe Dinge sie von der Selbsthilfe zu erwarten
htten, sie berzeugt, da sie nichts, aber auch gar nichts als die
liberalen Freiheiten brauchten?

Wer heute die sozialpolitische Literatur des deutschen Liberalismus
jener Tage wieder nachliest, dem fllt nichts so sehr auf als die
kolossale Naivett, die darin in bezug auf alle Fragen vorherrscht, die
ber den engen Horizont des aufgeklrten Gewrzkrmers hinausgehen. Man
war sehr gebildet, sehr belesen, man wute sehr viel von altathenischer
Verfassung und englischem Parlamentarismus zu erzhlen, aber die
Nutzanwendung, die man aus allem zog, war immer die, da der aufgeklrte
deutsche Gewrzkrmer oder Schlossermeister der Normalmensch sei, und
da, was diesem nicht in den Kram passe, wert sei, da es zugrunde gehe.
Mit dieser selbstgeflligen Naivett trieb man es im preuischen
Abgeordnetenhaus zum Verfassungskonflikt, noch ehe man sich fest in den
Sattel gesetzt, und mit dieser Naivett entfremdete man sich die
Arbeiterklasse, lange bevor ein ernsthafter Interessengegensatz dazu
Veranlassung gab. Man wute erschrecklich viel Geschichte, aber man
hatte auch wirklich nichts aus ihr gelernt.

Auf die Ursachen und den Gegenstand des preuischen Verfassungskonflikts
braucht hier nicht eingegangen zu werden. Genug, er brach aus, und der
Liberalismus sah sich pltzlich, er wute selbst nicht wie, im
heftigsten Krakeel mit eben der Regierung, die er die schne Rolle der
Wiederherstellung des Deutschen Reiches zugedacht, die Hegemonie in
Deutschland zugesprochen hatte. Indes das war vorlufig nur Pech, aber
kein Unglck. Die liberale Partei war mittlerweile so stark geworden,
da sie den Streit eine gute Weile aushalten konnte. Dank dem bornierten
Trotz ihres Widersachers hatte sie fast das ganze Volk hinter sich. Die
nationale Strmung hatte alle Klassen der Bevlkerung erfat; von der
kleinen Vetterschaft der ostelbischen Feudalen und Betbrder abgesehen,
berlieen sie namentlich der inzwischen konstituierten
Fortschrittspartei die Ausfechtung des Kampfes mit der preuischen
Regierung. Welche Fehler diese Partei auch beging, wie gemischt auch
immer ihre Elemente, wie unzulnglich auch ihr Programm, in jenem
Zeitpunkt vertrat sie, gegenber der aufs neue ihr Haupt erhebenden
Koalition von Junkertum und Polizeiabsolutismus, eine Sache, bei der ihr
Sieg im Interesse aller nicht feudalen Gesellschaftselemente lag: das
Budgetrecht der Volksvertretung.

Aber einer Partei zeitweilig eine politische Aufgabe zuerkennen, heit
noch nicht, sich ihr mit Haut und Haaren verschreiben, ihr gegenber auf
jede Selbstndigkeit verzichten. Das fhlten auch die entwickelteren
Elemente unter den deutschen Arbeitern. Ihnen konnte die Rolle der
Statisten, die ihnen die liberalen Wortfhrer zumuteten, die Kost, die
ihnen in den von diesen patronisierten Bildungs- usw. Vereinen
dargeboten wurde, unmglich auf die Dauer gengen. Noch waren die alten
kommunistischen und revolutionren Traditionen nicht vllig
ausgestorben, noch gab es gar manchen Arbeiter, der entweder selbst
Mitglied irgendeiner der kommunistischen Verbindungen gewesen oder von
Mitgliedern ber deren Grundstze aufgeklrt, von ihnen mit
kommunistischen Schriften versehen worden war. Unter diesen, und durch
sie angeregt, fing man an, in immer weiteren Kreisen der Arbeiter die
Frage zu errtern, ob es nicht an der Zeit sei, wenn nicht sofort eine
eigne Arbeiterpartei mit einem eignen Arbeiterprogramm, so doch
wenigstens einen Arbeiterverband zu schaffen, der etwas mehr sei als
eine bloe Kreatur der liberalen Partei.

Htten die Herren Fortschrittler und Nationalvereinler nur ein wenig
aus der Geschichte anderer Lnder gelernt gehabt, es wre ihnen ein
Leichtes gewesen, zu verhindern, da diese Bewegung sich ihnen
feindselig gegenberstellte, solange sie selbst im Kampf mit der
preuischen Regierung lagen. Aber sie waren viel zu viel von dem
Gefhl durchdrungen, da sie, da sie ja die Volkssache vertraten,
_das_ Volk, und als Volk der Denker ber die Einseitigkeiten
-- nmlich die Klassenkmpfe -- des Auslandes erhaben seien; und so
begriffen sie denn auch nicht, da es sich hier um eine Strmung
handelte, die frher oder spter eintreten mute, und da es
nur darauf ankam, sich mit ihr auf eine verstndige Weise
auseinanderzusetzen. So verliebt waren sie in sich, da sie gar nicht
zu fassen vermochten, da die Arbeiter noch nach mehr geizen konnten,
als nach der Ehre, durch sie vertreten zu sein. Die Antwort auf das
Gesuch, den Arbeitern die Eintrittsbedingungen in den Nationalverein
zu erleichtern: Die Arbeiter sollen sich als die geborenen
Ehrenmitglieder des Vereins betrachten -- d. h. hbsch drauen
bleiben -- war in der Tat typisch fr das Unvermgen der
Parteigenossen des braven Schulze, etwas anderes zu begreifen, als
den denkenden Spiebrger -- ihr Ebenbild, ihren Gott.

So kam es unter anderem zu jenen Diskussionen in Leipziger
Arbeiterversammlungen, deren Ergebnis die Bildung eines Komitees zur
Einberufung eines Kongresses deutscher Arbeiter und in weiterer Folge
die Anknpfung von Verhandlungen mit Ferdinand Lassalle war.




Lassalles Jugend, der Hatzfeldt-Proze, die Assisenrede und der Franz
von Sickingen.


Als das Leipziger Komitee sich an Lassalle wandte, stand dieser in
seinem 37. Lebensjahre, in der Vollkraft seiner krperlichen und
geistigen Entwicklung. Er hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich,
sich politisch und wissenschaftlich -- beides allerdings zunchst
innerhalb bestimmter Kreise -- einen Namen gemacht, er unterhielt
Verbindungen mit hervorragenden Vertretern der Literatur und Kunst,
verfgte ber ansehnliche Geldmittel und einflureiche Freunde -- kurz,
nach landlufigen Begriffen konnte ihm das Komitee, eine aus bisher
vllig unbekannten Persnlichkeiten zusammengesetzte Vertretung einer im
Embryozustand befindlichen Bewegung, nichts bieten, was er nicht schon
hatte. Trotzdem ging er mit der grten Bereitwilligkeit auf dessen
Wnsche ein und traf die einleitenden Schritte, der Bewegung diejenige
Richtung zu geben, die seinen Ansichten und Zwecken am besten entsprach.
Von anderen Rcksichten abgesehen, zog ihn gerade der Umstand besonders
zu ihr hin, da die Bewegung noch keine bestimmte Form angenommen hatte,
da sie sich ihm als eine ohne Schwierigkeit zu modelnde Masse
darstellte. Ihr erst Form zu geben, sie zu einem Heerbann in seinem
Sinne zu gestalten, das entsprach nicht nur seinen hochfliegenden
Plnen, das war berhaupt eine Aufgabe, die seinen natrlichen Neigungen
ungemein sympathisch sein mute. Die Einladung traf ihn nicht nur bei
seiner sozialistischen berzeugung, sondern auch bei seinen Schwchen.
Und so ging er denn mit groer Bereitwilligkeit auf sie ein.

Die vorliegende Arbeit beansprucht nicht, eine eigentliche Biographie
Ferdinand Lassalles zu geben, die sehr ansehnliche Zahl der
Lebensbeschreibungen des Grnders des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins noch um eine weitere zu vermehren. Der fr sie zur
Verfgung stehende Raum gebietet von vielem abzusehen, was zu einer
Biographie gehrte. Was sie in erster Reihe will, ist vielmehr die
Persnlichkeit und Bedeutung Ferdinand Lassalles zu schildern, insoweit
seine politisch-literarische und agitatorische Ttigkeit in Betracht
kommt. Nichtsdestoweniger ist ein Rckblick auf den Lebenslauf Lassalles
unerllich, da er erst den Schlssel zum Verstndnis seines politischen
Handelns liefert.

Schon seine Abstammung scheint auf die Entwicklung Lassalles eine groe,
man kann sogar sagen verhngnisvolle Wirkung ausgebt zu haben. Wir
sprechen hier nicht schlechthin von vererbten Eigenschaften oder
Dispositionen, sondern von der bedeutungsvollen Tatsache, da das
Bewutsein, von jdischer Herkunft zu sein, Lassalle eingestandenermaen
noch in vorgeschrittenen Jahren peinlich war, und da es ihm trotz seines
eifrigen Bemhens oder vielleicht gerade wegen dieses Bemhens nie
gelang, sich tatschlich ber seine Abstammung hinwegzusetzen, eine
innerliche Befangenheit loszuwerden. Aber man darf nicht vergessen, da
Lassalles Wiege im stlichen Teil der preuischen Monarchie gestanden
hatte -- er wurde am 11. April 1825 in Breslau geboren --, wo bis zum
Jahre 1848 die Juden nicht einmal formell vllig emanzipiert waren. Die
Wohlhabenheit seiner Eltern ersparte Lassalle viele Widerwrtigkeiten,
unter denen die rmeren Juden damals zu leiden hatten, aber sie schtzte
ihn nicht vor den allerhand kleinen Krnkungen, denen die Angehrigen
jeder fr untergeordnet gehaltenen Rasse, auch wenn sie sich in guter
Lebensstellung befinden, ausgesetzt sind, und die in einer so
selbstbewuten Natur, wie Lassalle von Jugend auf war, zunchst einen
trotzigen Fanatismus des Widerstandes erzeugen, der dann spter oft in
das Gegenteil umschlgt. Wie stark dieser Fanatismus bei dem jungen
Lassalle war, geht aus seinem durch Paul Lindau zur Verffentlichung
gebrachten Tagebuch aus den Jahren 1840 und 1841 hervor. Am
1. Februar 1840 schreibt der noch nicht 15 Jahre alte Ferdinand in sein
Tagebuch:

... Ich sagte ihm dies, und in der Tat, ich glaube, ich bin einer
der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Zeremonialgesetz zu
achten. Ich knnte, wie jener Jude in Bulwers >Leila< mein Leben
wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drckenden Lage zu reien. Ich
wrde selbst das Schafott nicht scheuen, knnte ich sie wieder zu
einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindischen Trumen
nachhnge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der
Juden mit den Waffen in der Hand sie selbstndig zu machen. Die
Mihandlungen der Juden in Damaskus im Mai 1840 entlocken ihm den
Ausruf: Ein Volk, das dies ertrgt, ist schrecklich, es rche oder
dulde die Behandlung. Und an den Satz eines Berichterstatters: Die
Juden dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von diesen
Parias der Erde ohne furchtbare Reaktion ertragen werden knnen,
knpft er die von Brne bernommene Betrachtung an: Also sogar die
Christen wundern sich ber unser trges Blut, da wir uns nicht
erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfeld, als auf der Tortur
sterben wollen. Waren die Bedrckungen, um deren willen sich die
Schweizer einst erhoben, grer?... Feiges Volk, du verdienst kein
besseres Los. Noch leidenschaftlicher uert er sich einige Monate
spter (30. Juli): Wieder die abgeschmackten Geschichten, da die
Juden Christenblut brauchten. Dieselbe Geschichte, wie in Damaskus,
auch in Rhodos und Lemberg. Da aber aus allen Winkeln der Erde man
mit diesen Beschuldigungen hervortritt, scheint mir anzudeuten, da
die Zeit bald reif ist, in der wir in der Tat durch Christenblut uns
helfen werden. Aide-toi et le ciel t'aidera. Die Wrfel liegen, es
kommt auf den Spieler an.

Diese kindischen Ideen verfliegen, je mehr sich der Blick erweitert,
aber die Wirkung, die solche Jugendeindrcke auf die geistigen
Dispositionen ausben, bleibt. Zunchst wurde der frhreife Lassalle
durch den Stachel der Torturen, von denen er schreibt, um so mehr
angetrieben, sich fr seine Person um jeden Preis Anerkennung und
Geltung zu verschaffen. Auf der anderen Seite wird der Rebell gegen die
Unterdrckung der Juden durch die Christen bald politischer
Revolutionr. Dabei macht er einmal, als er Schillers Fiesko gesehen,
folgende, von merkwrdig scharfer Selbstkritik zeugende Bemerkung: Ich
wei nicht, trotzdem ich jetzt revolutionr-demokratisch-republikanische
Gesinnungen habe wie einer, so fhle ich doch, da ich an der Stelle des
Grafen Lavagna ebenso gehandelt und mich nicht damit begngt htte,
Genuas erster Brger zu sein, sondern nach dem Diadem meine Hand
ausgestreckt htte. Daraus ergibt sich, wenn ich die Sache bei Lichte
betrachte, da ich blo Egoist bin. Wre ich als Prinz oder Frst
geboren, ich wrde mit Leib und Leben Aristokrat sein. So aber, da ich
blo ein schlichter Brgerssohn bin, werde ich zu seiner Zeit Demokrat
sein.

Sein politischer Radikalismus ist es auch, der 1841 den
sechzehnjhrigen Lassalle veranlat, den vorbergehend gefaten
Entschlu, sich zum Kaufmannsberuf vorzubereiten, wieder aufzugeben und
von seinem Vater die Erlaubnis zu erwirken, sich zum Universittsstudium
vorzubereiten. Die lange Zeit verbreitete Anschauung, als sei Lassalle
von seinem Vater wider seinen Willen auf die Handelsschule nach Leipzig
geschickt worden, ist durch das Tagebuch als durchaus falsch erwiesen,
Lassalle hat selbst seine bersiedelung vom Gymnasium auf die
Handelsschule betrieben. Freilich nicht aus vorbergehender Vorliebe fr
den Kaufmannsberuf, sondern um den Folgen einer Reihe von leichtsinnigen
Streichen zu entgehen, die er zu dem Zweck begangen hatte, seinem Vater
nicht die tadelnden Zensuren zeigen zu mssen, welche er -- nach seiner
Ansicht unverdient -- zu erhalten pflegte. Als es ihm aber auf der
Leipziger Handelsschule nicht besser erging als auf dem Breslauer
Gymnasium, als er auch dort mit den meisten der Lehrer, und vor allem
mit dem Direktor in Konflikte geriet, die sich immer mehr zuspitzten, je
radikaler Lassalles Ansichten wurden, da war's auch sofort mit der
Kaufmannsidee bei ihm vorbei. Im Mai 1840 hat er die Handelsschule
bezogen, und schon am 3. August hofft er, da der Zufall ihn
eines Tages aus dem Kontor herausreien und auf einen Schauplatz
werfen werde, auf dem er ffentlich wirken knne. Ich traue auf den
Zufall und auf meinen festen Willen, mich mehr mit den Musen als den
Haupt- und Strazzabchern, mich mehr mit Hellas und dem Orient, als
mit Indigo und Runkelrben, mehr mit Thalien und ihren Priestern, als
mit Krmern und ihren Kommis zu beschftigen, mich mehr um die
Freiheit, als um die Warenpreise zu bekmmern, heftiger die Hunde von
Aristokraten, die dem Menschen sein erstes, hchstes Gut wegnehmen,
als die Konkurrenten, die den Preis verschlechtern, zu verwnschen.
Aber beim Verwnschen soll's nicht bleiben, setzt er noch hinzu. Zu
dem Radikalismus kommt der immer strkere Drang, den Juden in sich
abzuschtteln, und dieser Drang ist schlielich so energisch, da,
als Lassalle im Mai 1841 dem Vater seinen unwiderruflichen
Entschlu mitteilt, doch zu studieren, er zugleich ablehnt, Medizin
oder Jura zu studieren, weil der Arzt wie der Advokat Kaufleute
sind, die mit ihrem Wissen Handel treiben. Er aber wolle studieren
des Wirkens wegen. Mit dem letzteren war der Vater zwar nicht
einverstanden, er willigte aber ein, da Lassalle sich zum Studium
vorbereite.

Nun arbeitete Lassalle mit Rieseneifer, und war im Jahre 1842 schon so
weit, sein Maturittsexamen abzulegen. Er studiert zuerst Philologie,
geht aber dann zur Philosophie ber und entwirft den Plan zu einer
greren philologisch-philosophischen Arbeit ber den Philosophen
Herakleitos von Ephesus. Da er sich gerade diesen Denker zum Gegenstand
der Untersuchung auswhlte, von dem selbst die grten Philosophen
Griechenlands bekannt hatten, da sie nie sicher seien, ob sie ihn ganz
richtig verstanden, und der deshalb den Beinamen der Dunkle erhielt,
ist wiederum in hohem Grade bezeichnend fr Lassalle. Mehr noch als die
Lehre Heraklits, den Hegel selbst als seinen Vorlufer anerkannt hatte,
reizte ihn das Bewutsein, da hier nur durch glnzende Leistungen
Lorbeeren zu erlangen waren. Neben dem schon erwhnten Trieb, jedermann
durch auergewhnliche Leistungen zu verblffen, hatte Lassalle zugleich
das Bewutsein, jede Aufgabe, die er sich stellte, auch lsen zu knnen.
Dieses grenzenlose Selbstvertrauen war das Fatum seines Lebens. Es hat
ihn in der Tat Dinge unternehmen und zu Ende fhren lassen, vor denen
tausend andere zurckgeschreckt wren, selbst wenn sie ber die
intellektuellen Fhigkeiten Lassalles verfgt htten, es ist aber auf
der andern Seite zum Anla verhngnisvoller Fehlgriffe und schlielich
zur Ursache seines jhen Endes geworden.

Nach vollendetem Studium ging Lassalle 1845 an den Rhein und spter
nach Paris, teils um dort in den Bibliotheken zu arbeiten, teils um
die Weltstadt, das Zentrum des geistigen Lebens der Epoche,
kennenzulernen. In Paris gingen damals die Wogen der sozialistischen
Bewegung sehr hoch, und so zog es auch Lassalle dorthin, der 1843
schon sein sozialistisches Damaskus gefunden hatte. Ob und inwieweit
Lassalle mit den in Paris lebenden deutschen Sozialisten bekannt
wurde -- Karl Marx war, nachdem die Deutsch-franzsischen
Jahrbcher eingegangen und der Vorwrts sistiert worden war, im
Januar 1845 aus Paris ausgewiesen worden und nach Brssel bersiedelt
--, darber fehlen zuverlssige Angaben. Wir wissen nur, da er viel
mit Heinrich Heine verkehrte, an den er empfohlen war, und dem er in
milichen Geldangelegenheiten (einem Erbschaftsstreit) groe Dienste
leistete. Die Briefe, in denen der kranke Dichter dem zwanzigjhrigen
Lassalle seine Dankbarkeit und Bewunderung aussprach, sind bekannt.
Sie lassen unter anderem erkennen, welch starken Eindruck Lassalles
Selbstbewutsein auf Heine gemacht hat.

Nach Deutschland zurckgekehrt, machte Lassalle im Jahre 1846 die
Bekanntschaft der Grfin Sophie von Hatzfeldt, die sich seit Jahren
vergeblich bemhte, von ihrem Manne, einem der einflureichsten
Aristokraten, der sie allen Arten von Demtigungen und Krnkungen
ausgesetzt hatte, gesetzliche Scheidung und Herausgabe ihres Vermgens
zu erlangen. Man hat ber die Motive, welche Lassalle veranlaten, die
Fhrung der Sache der Grfin zu bernehmen, vielerlei Vermutungen
aufgestellt. Man hat sie auf ein Liebesverhltnis mit der zwar nicht
mehr jugendlichen, aber noch immer schnen Frau zurckfhren wollen,
whrend Lassalle selbst sich im Kassettenproze mit groer
Leidenschaftlichkeit dagegen verwahrt hat, durch irgendeinen anderen
Beweggrund dazu veranlat worden zu sein, als den des Mitleids mit
einer verfolgten, von allen helfenden Freunden verlassenen Frau, dem
Opfer ihres Standes, dem Gegenstand der brutalen Verfolgungen eines
bermtigen Aristokraten. Es liegt absolut kein Grund vor, dieser
Lassalleschen Beteuerung nicht zu glauben. Ob nicht Lassalle in den
folgenden Jahren vorbergehend in ein intimeres Verhltnis als das der
Freundschaft zur Grfin getreten ist, mag dahingestellt bleiben; es ist
aber schon aus psychologischen Grnden unwahrscheinlich, da ein solches
Verhltnis gleich am Anfang ihrer Bekanntschaft, als Lassalle den Proze
bernahm, bestanden habe. Viel wahrscheinlicher ist es, da neben der
vielleicht etwas romantisch bertriebenen, aber doch durchaus
anerkennenswerten Parteinahme fr eine verfolgte Frau und dem Ha gegen
den hochgestellten Adligen gerade das Bewutsein, da es sich hier um
eine Sache handelte, die nur mit Anwendung auergewhnlicher Mittel und
Kraftentfaltung zu gewinnen war, einen groen Reiz auf Lassalle ausgebt
hat. Was andere abgeschreckt htte, zog ihn unbedingt an.

Er hat in dem Streit gesiegt, er hat den Triumph gehabt, da der
hochmtige Aristokrat vor ihm, dem dummen Judenjungen kapitulieren
mute. Aber er ist gleichfalls nicht unverletzt aus dem Kampf
hervorgegangen. Um ihn zu gewinnen, hatte er freilich auergewhnliche
Mittel aufwenden mssen, aber es waren nicht, oder richtiger, nicht nur
die Mittel auergewhnlicher Vertiefung in die rechtlichen Streitfragen,
auergewhnlicher Schlagfertigkeit und Schrfe in der Widerlegung der
gegnerischen Finten; es waren auch die auergewhnlichen Mittel des
unterirdischen Krieges: die Spionage, die Bestechung, das Whlen im
ekelhaftesten Klatsch und Schmutz. Der Graf Hatzfeldt, ein gewhnlicher
Genumensch, scheute vor keinem Mittel zurck, seine Ziele zu erreichen,
und um seine schmutzigen Manver zu durchkreuzen, nahm die Gegenseite zu
Mitteln ihre Zuflucht, die nicht gerade viel sauberer waren. Wer die
Aktenstcke des Prozesses nicht gelesen, kann sich keine Ahnung machen
von dem Schmutz, der dabei aufgewhlt und immer wieder herangeschleppt
wurde, von der Qualitt der beiderseitigen Anklagen und -- Zeugen.

Und von den Rckwirkungen der umgekehrten Augiasarbeit im
Hatzfeldt-Proze hat sich Lassalle nie ganz freimachen knnen. Wir
meinen das nicht im spiebrgerlichen Sinne, etwa im Hinblick auf seine
spteren Liebesaffren, sondern mit Bezug auf seine von nun an
wiederholt bewiesene Bereitwilligkeit, jedes Mittel gutzuheien und zu
benutzen, das ihm fr seine jeweiligen Zwecke dienlich erschien; wir
meinen den Verlust jenes Taktgefhls, das dem Mann von berzeugung
selbst im heftigsten Kampfe jeden Schritt verbietet, der mit den von ihm
vertretenen Grundstzen in Widerspruch steht, wir meinen die von da an
wiederholt und am strksten in der tragischen Schluepisode seines
Lebens sich offenbarende Einbue an gutem Geschmack und moralischem
Unterscheidungsvermgen. Als jugendlicher Enthusiast hatte Lassalle sich
in den Hatzfeldtschen Proze gestrzt, -- er selbst gebraucht in der
Kassettenrede das Bild des Schwimmers: Welcher Mensch, der ein starker
Schwimmer ist, sieht einen andern von den Wellen eines Stromes
fortgetrieben, ohne ihm Hilfe zu bringen? Nun wohl, fr einen guten
Schwimmer hielt ich mich, unabhngig war ich, so sprang ich in den
Strom -- gewi, aber leider war es ein recht trber Strom, in den er
sich gestrzt, ein Strom, der sich in eine groe Pftze verlief, und als
Lassalle herauskam, war er von der eigenartigen Moral der Gesellschaft,
mit der er sich zu befassen gehabt, angesteckt. Seine ursprnglichen
besseren Instinkte kmpften lange gegen die Wirkungen dieses Giftes,
drngten sie auch wiederholt siegreich zurck, aber schlielich ist er
ihnen doch erlegen. Das hier Gesagte mag manchem zu scharf erscheinen,
aber wir werden im weiteren Verlauf unserer Skizze sehen, da es nur
gerecht gegen Lassalle ist. Wir haben hier keine Apologie zu schreiben,
sondern eine kritische Darstellung zu geben, und das erste Erfordernis
einer solchen ist, die Wirkungen aus den Ursachen zu erklren[1].

Bevor wir jedoch weitergehen, haben wir zunchst noch der Rolle zu
gedenken, die Lassalle im Jahre 1848 gespielt hat.

Beim Ausbruch der Mrz-Revolution war Lassalle so tief in den Maschen
des Hatzfeldtschen Prozesses verwickelt, da er sich ursprnglich fast
zur politischen Unttigkeit verurteilt sah. Im August 1848 fand der
Proze wegen Verleitung zum Kassettendiebstahl gegen ihn statt und
er hatte alle Hnde voll zu tun, sich auf diesen zu rsten. Erst als
er nach siebentgiger Verhandlung freigesprochen worden war, gewann
er wieder Zeit, an den politischen Ereignissen jener bewegten Zeit
direkten Anteil zu nehmen.

Lassalle, der damals in Dsseldorf, der Geburtsstadt Heines, lebte,
stand natrlich als Republikaner und Sozialist auf der uersten Linken
der Demokratie. Organ dieser im Rheinland war die von Karl Marx
redigierte Neue Rheinische Zeitung. Karl Marx gehrte ferner eine
Zeitlang dem Kreisausschu der rheinischen Demokraten an, der in Kln
seinen Sitz hatte. So war eine doppelte Gelegenheit gegeben, Lassalle in
nhere Verbindung mit Marx zu bringen. Er verkehrte mndlich und
schriftlich mit dem erwhnten Kreisausschu, sandte wiederholt
Mitteilungen und Korrespondenzen an die Neue Rheinische Zeitung und
erschien auch gelegentlich selbst auf der Redaktion dieses Blattes. So
bildete sich allmhlich ein freundschaftlicher persnlicher Verkehr
zwischen Lassalle und Marx heraus, der auch spter noch, als Marx im
Exil lebte, in Briefen und auch zweimal in Besuchen fortgesetzt wurde.
Lassalle besuchte Marx 1862 in London, nachdem Marx im Jahre 1861 auf
einer Reise nach Deutschland Lassalle in Berlin besucht hatte. Indes
herrschte zu keiner Zeit ein tieferes Freundschaftsverhltnis zwischen
den beiden, dazu waren schon ihre Naturen viel zu verschieden angelegt.
Was sonst noch einer ber die politische Kampfgenossenschaft
hinausgehenden Intimitt im Wege stand, soll spter errtert werden.

Der hereinbrechenden Reaktion des Jahres 1848 gegenber nahm
Lassalle genau dieselbe Haltung ein, wie die Redaktion der Neuen
Rheinischen Zeitung und die Partei, die hinter dieser stand. Gleich
ihr forderte er, als die preuische Regierung im November 1848 den
Sitz der Nationalversammlung verlegt, die Brgerwehr aufgelst
und den Belagerungszustand ber Berlin verhngt hatte, und die
Nationalversammlung ihrerseits mit der Versetzung des Ministeriums
in Anklagezustand, sowie mit der Erklrung geantwortet hatte, da
dieses Ministerium nicht berechtigt sei, Steuern zu erheben, zur
Organisierung des bewaffneten Widerstandes gegen die Steuererhebung
auf. Gleich dem Ausschu der rheinischen Demokraten ward auch
Lassalle wegen Aufreizung zur Bewaffnung gegen die knigliche
Gewalt unter Anklage gestellt, gleich ihm von den Geschworenen
freigesprochen, aber die immer rcksichtsloser auftretende Reaktion
stellte auerdem gegen Lassalle noch die Eventualanklage, zur
Widersetzlichkeit gegen Regierungsbeamte aufgefordert zu haben,
um ihn vor das Zuchtpolizeigericht zu bringen. Und in der Tat
verurteilte dieses -- die Regierung kannte unzweifelhaft ihre
Berufsrichter -- Lassalle schlielich auch zu sechs Monaten
Gefngnis.

Lassalles Antwort auf die ersterwhnte Anklage ist unter dem Titel
Assisen-Rede im Druck erschienen. Sie ist jedoch nie wirklich
gehalten worden, und alles, was in verschiedenen lteren Biographien
ber den tiefen Eindruck erzhlt wird, den sie auf die Geschworenen
und das Publikum gemacht habe, gehrt daher in das Bereich der Fabel.
Lassalle hatte die Rede noch vor der Verhandlung in Druck gegeben,
und da einzelne der fertigen Druckbogen auch vorher in Umlauf gesetzt
worden waren, beschlo der Gerichtshof, die ffentlichkeit
auszuschlieen. Als trotz Lassalles Protest und der Erklrung, die
Verbreitung der Druckbogen sei ohne sein Vorwissen erfolgt, ja
hchstwahrscheinlich von seinen Feinden durch das Mittel der
Bestechung veranlat worden, der Gerichtshof den Beschlu aufrecht
erhielt, verzichtete Lassalle berhaupt darauf, sich zu verteidigen,
wurde aber nichtsdestoweniger freigesprochen.

Ob aber gehalten oder nicht, die Assisen-Rede bleibt jedenfalls ein
interessantes Dokument fr das Studium der politischen Entwicklung
Lassalles. Er steht in ihr fast durchgngig auf dem von Karl Marx drei
Monate vorher in dessen Rede vor den Klner Geschworenen vertretenen
Standpunkt. Ein Vergleich der beiden Reden zeigt dies aufs deutlichste,
ebenso aber auch die Verschiedenartigkeit des Wesens von Marx und
Lassalle. Marx enthlt sich aller oratorischen Ausschmckung, er geht
direkt auf die Sache ein, entwickelt in einfacher und gedrngter
Sprache, Satz fr Satz, scharf und mit rcksichtsloser Logik seinen
Standpunkt und schliet ohne jede Apostrophe mit einer Charakteristik
der politischen Situation. Man sollte meinen, seine eigene Person stehe
ganz auer Frage, und er habe nur die Aufgabe, den Geschworenen einen
politischen Vortrag zu halten. Lassalle dagegen peroriert fast von
Anfang bis zu Ende, er erschpft sich in -- oft sehr schnen -- Bildern
und in Superlativen. Alles ist Pathos, ob von der durch ihn vertretenen
Sache oder von seiner Person die Rede ist, er spricht nicht zu den
Geschworenen, sondern zu den Tribnen, zu einer imaginren
Volksversammlung, und schliet, nach Verkndigung einer Rache, die so
vollstndig sein wird wie die Schmach, die man dem Volke antut,
mit einer Rezitation aus Tell.

Noch im Gefngnis, wo er sich durch seine Energie und Hartnckigkeit
Vergnstigungen ertrotzte, die sonst Gefangenen nie erteilt zu werden
pflegten -- so erhielt er, was er spter selbst fr ungesetzlich
erklrte, wiederholt Urlaub, um in den Prozessen der Grfin Hatzfeldt zu
pldieren -- und in den darauffolgenden Jahren wurde Lassalles Ttigkeit
wieder fast vollstndig durch die Hatzfeldtsche Angelegenheit in
Anspruch genommen. Daneben hielt Lassalle ein gastliches Haus fr
politische Freunde und versammelte lngere Zeit einen Kreis
vorgeschrittener Arbeiter um sich, denen er politische Vortrge hielt.
Endlich erfolgte im Jahre 1854 im Hatzfeldtschen Proze der
Friedensschlu. Die Grfin erhielt ein bedeutendes Vermgen ausbezahlt
und Lassalle eine Rente von jhrlich siebentausend Talern
sichergestellt, die ihm gestattete, seine Lebensweise ganz nach seinen
Wnschen einzurichten.

Zunchst behielt er seinen Wohnsitz in Dsseldorf bei und arbeitete hier
an seinem Heraklit weiter. Daneben unternahm er allerhand Reisen,
u. a. auch eine in den Orient. Auf die Dauer aber konnten ihn diese
Unterbrechungen nicht mit dem Aufenthalt in der Provinzialstadt, in der
das politische Leben erloschen war, ausshnen. Es verlangte ihn nach
einem freieren, anregenderen Leben, als es die rheinische Stadt bot oder
erlaubte, nach dem Umgang mit bedeutenden Persnlichkeiten, nach einem
greren Wirkungskreis. So erwirkt er sich denn 1857 durch die
Vermittlung Alexander von Humboldts beim Prinzen von Preuen von der
Berliner Polizei die Erlaubnis, seinen Wohnsitz in Berlin nehmen zu
drfen.

Dieses Gesuch wie die erteilte Erlaubnis verdienen Beachtung. Lassalle
hatte im Mai 1849 in flammenden Worten die schmachvolle und
unertrgliche Gewaltherrschaft gebrandmarkt, die ber Preuen
hereingebrochen; er hatte ausgerufen: Warum zu soviel Gewalt noch
soviel Heuchelei? Doch das ist preuisch und vergessen wir nichts,
nie, niemals... Bewahren wir sie auf, diese Erinnerungen, sorgfltig
auf, wie die Gebeine gemordeter Eltern, deren einziges Erbe ist der
Racheschwur, der sich an diese Knochen knpft. (Assisenrede.) Wie kam
er nun dazu, ein solches Gesuch zu stellen, und es dem guten Willen der
Regierung, die in der angegebenen Weise angegriffen worden war, anheim
zu stellen, es zu bewilligen? Er konnte in politischen Dingen sehr
rigoros sein und hat es 1860 in einem Brief an Marx scharf verurteilt,
da Wilhelm Liebknecht fr die grodeutsch-konservative Augsburger
Allgemeine Zeitung schrieb. Aber er hielt es im Hinblick auf die
wissenschaftlichen Arbeiten, die ihn beschftigten, fr sein gutes
Recht, die Aufenthaltsbewilligung zu verlangen, und im Bewutsein der
Festigkeit seines politischen Wollens fr reine Formsache, da er seine
betreffenden Eingaben als Gesuche abzufassen hatte. Denn es handelt sich
da um verschiedene Antrge, der erste 1855 an den Berliner
Polizeigewaltigen Hinckeldey, der zweite, im Juni 1856, direkt an den
damaligen Prinzregenten gerichtet (Vgl. darber Dokumente des
Sozialismus, Jahrgang 1903, S. 130 und 407 ff.) Aus diesen Schritten
machte er Karl Marx gegenber kein Geheimnis.

Es ist zudem nicht unmglich, da Lassalle durch Verbindungen der Grfin
Hatzfeldt, die ziemlich weit reichten, davon unterrichtet war, da sich
in den oberen Regionen Preuens ein neuer Wind vorbereite. Wie weit
diese Verbindungen reichten, geht aus Informationen hervor, die Lassalle
bereits im Jahre 1854, beim Ausbruch des Krimkrieges, an Marx nach
London gelangen lie. So teilt er Marx unterm 10. Februar 1854 den
Wortlaut einer Erklrung mit, die einige Tage vorher vom Berliner
Kabinett nach Paris und London abgegangen sei, schildert die Zustnde im
Berliner Kabinett -- der Knig und fast alle Minister fr Ruland, nur
Manteuffel und der Prinz von Preuen fr England -- und die fr gewisse
Eventualitten vom Kabinett beschlossenen Maregeln, worauf es heit:
Alle die hier mitgeteilten Nachrichten kannst Du so betrachten, als
wenn Du sie aus Manteuffels und Aberdeens eigenem Munde httest! Vier
Wochen spter machte er wieder allerhand Mitteilungen ber beabsichtigte
Schritte des Kabinetts, gesttzt auf Mitteilungen zwar nicht aus meiner
>offiziellen<, aber doch aus ziemlich glaubhafter Quelle. Am 20. Mai
1854 klagt er, da seine diplomatische Quelle eine weite Reise
angetreten habe. Eine so vorzgliche Quelle, durch die man
kabinettsmig informiert war, zu haben und dann auf so lange Zeit
wieder verlieren, ist beraus rgerlich. Aber er hat immer noch
Nebenquellen, die ihn ber Interna des Berliner Kabinetts unterrichten,
und ist u. a. zeitig vorher von Bonins Entlassung usw. benachrichtigt
worden.

Einige dieser Quellen standen dem Berliner Hof sehr nahe, und ihre
Berichte mgen auch Lassalles Schritt veranlat haben. Die geistige
Zerrttung Friedrich Wilhelm IV. war um das Jahr 1857 bereits sehr weit
vorgeschritten, und wenn auch die getreuen Minister und Hter der
monarchischen Idee sie noch nicht fr gengend erachteten, des Knigs
Regierungsunfhigkeit auszusprechen, so wute man doch in allen
unterrichteten Kreisen, da der Regierungsantritt des Prinzen von
Preuen nur noch eine Frage von Monaten sei.

In Berlin vollendete Lassalle zunchst den Heraklit, der Ende 1857 im
Verlage von Franz Duncker erschien.

ber dieses beinahe mehr noch philologische als philosophische Werk
gehen die Meinungen der Sachverstndigen auseinander. Die einen stellen
es als epochemachend hin, die andern behaupten, da es in der Hauptsache
nichts sage, was nicht schon bei Hegel zu finden sei. Richtig ist, da
Lassalle hier fast durchgngig auf althegelschem Standpunkt steht -- die
Dinge werden aus den Begriffen entwickelt, die Kategorien des Gedankens
als ewige metaphysische Wesenheiten behandelt, deren Bewegung die
Geschichte erzeugt. Aber auch diejenigen, welche die epochemachende
Bedeutung der Lassalleschen Arbeit bestreiten, geben zu, da sie eine
sehr tchtige Leistung ist. Sie verschaffte Lassalle in der
wissenschaftlichen Welt einen geachteten Namen.

Fr die Charakteristik Lassalles und seines geistigen Entwicklungsganges
ist sein Werk ber Herakleitos den Dunklen von Ephesos aber nicht blo
darin von Bedeutung, da es Lassalle als eben entschiedenen Anhnger
Hegels zeigt. Man kann auch dem bekannten dnischen Literarhistoriker G.
Brandes zustimmen, wenn er in seiner oft zugunsten belletristischer
Ausschmckung mit den Tatsachen ziemlich frei umspringenden Studie ber
Lassalle[2] auf verschiedene Stellen in der Arbeit ber Heraklit als
Schlssel zum Verstndnis von Lassalles Lebensanschauungen hinweist. Es
gilt dies namentlich von Lassalles groem Kultus des Staatsgedankens --
auch in dieser Hinsicht war Lassalle Althegelianer -- und in bezug auf
Lassalles Auffassung von Ehre und Ruhm. Brandes schreibt in ersterer
Hinsicht:

Heraklits Ethik, sagt Lassalle, fat sich in den einen Gedanken
zusammen, der zugleich der ewige Grundbegriff des Sittlichen selbst ist:
>Hingabe an das Allgemeine.< Das ist zugleich griechisch und modern;
aber Lassalle kann sich das Vergngen nicht versagen, in der speziellen
Ausfhrung dieses Gedankens bei dem alten Griechen die bereinstimmung
mit Hegels Staatsphilosophie nachzuweisen: >Wie in der Hegelschen
Philosophie die Gesetze gleichfalls aufgefat werden als die Realisation
des allgemeinen substantiellen Willens, ohne da bei dieser Bestimmung
im geringsten an den formellen Willen der Subjekte und deren Zhlung
gedacht wird, so ist auch das Allgemeine Heraklits gleich sehr von der
Kategorie der empirischen Allheit entfernt.< (Vgl. a. a. O. S. 40.)

Brandes hat nicht Unrecht, wenn er zwischen dieser Staatsidee, die bei
Lassalle immer wiederkehrt, und Lassalles Bekennerschaft zur Demokratie
und zum allgemeinen Stimmrecht -- die doch die Herrschaft des formellen
Willens der Subjekte darstellen -- einen Gegensatz erblickt, den man
nicht ungestraft in seinem Gemte hegt, und der in der Welt der
Prinzipien das Gegenstck zu dem Kontrast darstelle, der rein
uerlich zutage trat, wenn Lassalle mit seiner ausgesucht eleganten
Kleidung, seiner ausgesucht feinen Wsche und seinen Lackstiefeln in
und zu einem Kreise von Fabrikarbeitern mit ruiger Haut und
schwieligen Hnden sprach.

Das ist belletristisch ausgedrckt. Tatschlich hat Lassalles
althegelsche Staatsidee ihn spter im Kampf gegen den Liberalismus weit
ber das Ziel hinausschieen lassen.

ber Lassalles Auffassung von Ehre und Ruhm schreibt Brandes:

Noch eine bereinstimmung, die letzte zwischen -- Heraklit und
Lassalle, bildet der trotz des Selbstgefhls und des Stolzes so
leidenschaftliche Drang nach Ruhm und Ehre, nach der Bewunderung und
dem Lobe anderer. Heraklit hat das oft zitierte Wort gesprochen: >Die
greren Schicksale erlangen das grere Los.< Und er hat gesagt, was
das rechte Licht auf diesen Satz wirft: >Da die Menge und die sich
weise Dnkenden den Sngern der Vlker folgen und die Gesetze um Rat
fragen, nicht wissend, da die Menge schlecht, wenige nur gut, die
Besten aber dem Ruhme nachfolgen. >Denn,< fgt er hinzu, >es whlen
die Besten eins statt allem, den immerwhrenden Ruhm der
Sterblichen.< Ruhm war fr Heraklit also gerade jenes grere Los,
welches das grere Schicksal erlangen kann; sein Trachten nach Ehre
war nicht nur das unmittelbare, welches im Blute liegt, sondern ein
durch Reflexion und Philosophie begrndetes. >Der Ruhm<, sagt
Lassalle, >ist in der Tat das Entgegengesetzte von allem, das
Entgegengesetzte gegen die Kategorie des unmittelbaren realen Seins
berhaupt und seiner einzelnen Zwecke. Er ist Sein der Menschen in
ihrem Nichtsein, eine Fortdauer im Untergang der sinnlichen Existenz
selbst, er ist darum erreichte und wirklich gewordene Unendlichkeit
des Menschen<, und mit Wrme fgt er hinzu: >Wie dies der Grund ist,
weshalb der Ruhm seit je die groen Seelen so mchtig ergriffen und
ber alle kleinen und beschrnkten Ziele hinausgehoben hatte, wie das
der Grund ist, weshalb Platen von ihm singt, da er erst annahen kann
>Hand in Hand mit dem prfenden Todesengel<, so ist es auch der
Grund, weshalb Heraklit in ihm die ethische Realisierung seines
spekulativen Prinzips erblickte.<

Allerdings lag es nicht in Lassalles Natur, sich mit dem Ruhm, der erst
Hand in Hand mit dem Todesengel annaht, zu begngen. Im Gegensatz zu der
Heraklitischen Verachtung der Menge war er fr den Beifall durchaus
nicht unempfindlich und nahm ihn selbst dann, wenn er mehr
Hflichkeitsform war, unter Umstnden mit fast naiver Genugtuung fr die
Sache selbst auf. Die Vorliebe fr das Pathos, die sich bei Lassalle in
so hohem Grade zeigte, deutet in der Regel auf eine Neigung zur
Schauspielerei. Ist Lassalle nun auch von einer Dosis davon nicht ganz
freizusprechen, so kann man ihn wenigstens nicht anklagen, da er aus
dem, was Brandes seine unselige Vorliebe fr den Lrm und
Trommelschall der Ehre, fr ihre Pauken und Trompeten nennt, je
einen Hehl gemacht habe. In seinen Schriften, in seinen Briefen tritt
sie mit einer Offenheit zutage, die in ihrer Naivett etwas
Vershnendes hat. Wenn Helene von Rakowitza in ihrer Rechtfertigungsschrift
erzhlt, da Lassalle ihr in Bern ausgemalt habe, wie er einst als
volkserwhlter Prsident der Republik von sechs Schimmeln gezogen
seinen Einzug in Berlin halten werde, so ist man versucht, entweder
an eine bertreibung der Schreiberin zu glauben, oder anzunehmen, da
Lassalle sich durch Ausmalen einer so verlockenden Zukunft um so
fester in dem Herzen seiner Erwhlten festzusetzen hoffte. Indes, die
bekannte schriftliche Seelenbeichte an Sophie von Sontzew beweist,
da es sich bei diesem Zukunftsbild keineswegs nur um die Spielerei
einer migen Stunde, um den Einfall eines Verliebten handelte,
sondern um einen Gedanken, in dem Lassalle selbst sich berauschte,
dessen Zauber einen mchtigen Reiz auf ihn ausbte. Er nennt sich --
im Jahre 1860 -- das Haupt einer Partei, in bezug auf das sich
fast unsere ganze Gesellschaft in zwei Parteien teile, deren eine
-- ein Teil der Bourgeoisie und das Volk -- Lassalle achtet, liebt,
sogar nicht selten verehrt, fr die er ein Mann von grtem Genie
und von einem fast bermenschlichen Charakter ist, von dem sie die
grten Taten erwarten. Die andere Partei -- die ganze Aristokratie
und der grte Teil der Bourgeoisie -- frchtet ihn mehr als irgend
jemand anders und hat ihn daher unbeschreiblich. Werde die
Frauenwelt dieser aristokratischen Gesellschaft es Sophie von Sontzew
nicht verzeihen, da sie einen solchen Menschen heiratete, so werden
auf der andern Seite viele Frauen es ihr nicht verzeihen, da ein
solcher Mensch sie heiratete, sie eines Glckes halber beneiden, das
ihre Verdienste bersteige. Und freilich, ich verhehle es Ihnen
nicht, es knnte wohl sein, da, wenn gewisse Ereignisse eintreten,
eine Flut von Bewegung, Gerusch und Glanz auf Ihr Leben fallen
wrde, wenn Sie mein Weib werden.

So bertrieben alle diese uerungen erscheinen, so wenig sie
der Wirklichkeit entsprachen zu einer Zeit, wo von einer
sozialistisch-demokratischen Partei gar keine Rede war, Lassalle
vielmehr gesellschaftlich mit den brgerlichen Liberalen und Demokraten
auf bestem Fue stand und soeben eine Broschre verffentlicht hatte,
deren Inhalt mit Aspirationen bereinstimmte, die in Regierungskreisen
gehegt wurden, so wohnt ihnen doch eine groe subjektive Wahrheit inne
-- Lassalle selbst glaubte an sie. Lassalle glaubte an die Partei, die
in ihm ihr Haupt erblickte, wenn sie auch vorlufig blo aus ihm bestand
und selbst in seinen Ideen noch ein sehr unbestimmtes Dasein fhrte. Die
Partei, das war er -- seine Bestrebungen und seine Plne. Jedes Wort der
Anerkennung von seiten seiner Freunde oder aber, was er dafr hielt, war
fr ihn Besttigung seiner Mission, und nicht selten nahm er
Schmeichelei fr aufrichtige Huldigung. Es ist merkwrdig, welcher
Widersprche die menschliche Natur fhig ist. Lassalle war, wie aus den
Berichten seiner nheren Bekannten und aus seinen Briefen hervorgeht,
mit schmeichelhaften Adjektiven uerst freigebig, aber sie waren
allenfalls Flitterwerk, wenn er sie verschleuderte, von anderen auf ihn
selbst angewendet, nahm er sie dagegen leicht fr echtes Gold.

So sehr war seine Partei in seiner Vorstellung mit ihm selbst
verwachsen, da, als er spter wirklich an der Spitze einer Partei
stand, oder wenigstens an der Spitze einer im Entstehen begriffenen
Partei, er sie nur aus dem Gesichtswinkel seiner Person zu betrachten
vermochte und danach behandelte. Man miverstehe uns nicht. Es wre
absurd, etwa zu sagen, da Lassalle den Allgemeinen deutschen
Arbeiterverein nur ins Leben rief, um seinem Ehrgeiz zu frnen, da der
Sozialismus ihm nur Mittel, aber nicht Zweck war. Lassalle war
berzeugter Sozialist, das unterliegt gar keinem Zweifel. Aber er wre
nicht imstande gewesen, in die sozialistische Bewegung aufzugehen, ihr
seine Persnlichkeit -- ich sage ausdrcklich nicht sein Leben,
aufzuopfern.

Soviel an dieser Stelle hierber.

Dem griechischen Philosophen folgte ein deutscher Ritter. Kurz nachdem
der Heraklit erschienen, vollendete Lassalle ein bereits in Dsseldorf
entworfenes historisches Drama und lie es, nachdem eine anonym
eingereichte Bhnenbearbeitung von der Intendantur der Kgl. Schauspiele
abgelehnt worden war, 1859 unter seinem Namen im Druck erscheinen.

Da der Franz von Sickingen als Bhnenwerk verfehlt war, hat
Lassalle spter selbst eingesehen, und er hat als Hauptursache dafr
den Mangel an dichterischer Phantasie bezeichnet. In der Tat macht
das Drama, trotz einzelner hchst wirkungsvoller Szenen und der
gedankenreichen Sprache, im ganzen einen trockenen Eindruck, die
Tendenz tritt zu absichtlich auf, es ist zuviel Reflexion da, und es
werden vor allem viel zuviel Reden gehalten. Auch ist die Metrik oft
von einer erstaunlichen Unbeholfenheit. Brandes erzhlt, da ein
Freund Lassalles, den dieser, whrend er am Franz von Sickingen
arbeitete, um seinen Rat ersuchte, und der ein bewhrter metrischer
Knstler gewesen, Lassalle den Vorschlag gemacht habe, er solle das
Stck lieber in Prosa schreiben, und man kann Brandes beistimmen, da
ein besserer Rat gar nicht gegeben werden konnte. Denn die
Lassallesche Prosa hat wirklich eine Reihe groer Vorzge, und selbst
die stark entwickelte Tendenz, ins Deklamatorische zu verfallen,
htte in einem Drama wie der Sickingen nichts verschlagen. Aber
Lassalle lie sich nicht von seiner Idee abbringen, da die Versform
fr das Drama unentbehrlich sei, und so stolpern nicht nur seine
Ritter und Helden auf oft recht geschraubten fnffigen Jamben
einher, selbst die aufstndischen Bauern bedienen sich der Stelzen
des Blankverses. Eine Ausnahme machen sie nur bei den bekannten
Losungsworten:

  Loset, sagt an: Was ist das fr ein Wesen?
  Wir knnen vor Pfaffen und Adel nicht genesen,

die denn auch wahrhaft erfrischend wirken.

Indes diese technischen Fragen treten fr uns zurck vor der Frage nach
Inhalt und Tendenz des Dramas. Lassalle wollte mit dem Franz von
Sickingen ber das historische Drama, wie es Schiller und Goethe
geschaffen, einen weiteren Schritt hinaus machen. Die historischen
Kmpfe sollten nicht, wie namentlich bei Schiller, nur erst den Boden
liefern, auf welchem sich der tragische Konflikt bewegt, whrend die
eigentliche dramatische Handlung sich um rein individuelle Interessen
und Geschicke dreht, vielmehr sollten die kulturhistorischen Prozesse
der Zeiten und Vlker zum eigentlichen Subjekt der Tragdie werden, so
da sich diese nicht mehr um die Individuen als solche dreht, die
vielmehr nur die Trger und Verkrperungen der kmpfenden Gegenstze
sind, sondern um jene grten und gewaltigsten Geschicke der Nationen
selbst -- Schicksale, welche ber das Wohl und Wehe des gesamten
allgemeinen Geistes entscheiden und von den dramatischen Personen mit
der verzehrenden Leidenschaft, welche historische Zwecke erzeugen, zu
ihrer eigenen Lebensfrage gemacht werden. Bei alledem sei es
mglich, meint Lassalle, den Individuen aus der Bestimmtheit der
Gedanken und Zwecke heraus, denen sie sich zuteilen, eine durchaus
markige und feste, selbst derbe und realistische Individualitt zu
geben. (Vgl. das Vorwort zum Franz von Sickingen.) Ob und inwieweit
Lassalle die so gestellte Aufgabe gelst hat und inwieweit sie
berhaupt lsbar ist, unter welchen Voraussetzungen sich die groen
Kmpfe der Menschheit und der Vlker so in Individuen verkrpern
lassen, da nicht das eine oder das andere, die Gre und umfassende
Bedeutung jener Kmpfe oder die lebendige Persnlichkeit der
Individuen dabei zu kurz kommt, ist ebenfalls eine Frage, die wir
hier unerrtert lassen knnen. Es gengt, da Lassalle bei der
Durchfhrung des Dramas von jener Auffassung ausgegangen ist. Und nun
zum Stoff des Dramas selbst.

Wie schon der Titel anzeigt, hat es das Unternehmen Franz von Sickingens
gegen die deutschen Frsten zum Mittelpunkt. Sickingen und sein Freund
und Ratgeber Ulrich von Hutten sind die Helden des Dramas, und es ist
eigentlich schwer zu sagen, wer von beiden das Interesse mehr in
Anspruch nimmt, der militrische und staatsmnnische oder der
theoretische Reprsentant des niederen deutschen Adels.
Merkwrdigerweise hat Lassalle nicht in dem ersteren, sondern in dem
letzteren sich selbst zu zeichnen versucht. Lesen Sie mein
Trauerspiel, schreibt er an Sophie von Sontzew. Alles, was ich Ihnen
hier sagen knnte, habe ich Hutten aussprechen lassen. Auch er hatte
alle Verleumdungen, alle Arten von Ha, jede Feindseligkeit zu ertragen.
Ich habe aus ihm den Spiegel meiner Seele gemacht, und ich konnte dies,
da sein Schicksal und das meinige einander vollstndig gleich und von
berraschender hnlichkeit sind. Es wrde selbst Lassalle schwer
geworden sein, diese berraschende hnlichkeit zu beweisen, namentlich
um die Zeit, wo er diesen Brief schrieb. Er fhrte in Berlin ein
luxurises Leben, verkehrte mit Angehrigen aller Kreise der besser
situierten Gesellschaft und erfreute sich als Politiker nicht entfernt
eines hnlichen Hasses wie der frnkische Ritter, der Urheber der
leidenschaftlichen Streitschriften wider die rmische Pfaffenherrschaft.
Nur in einigen uerlichkeiten lassen sich Analogien zwischen Lassalle
und Hutten ziehen, aber in diesem Falle kann es weniger darauf ankommen,
was tatschlich war, sondern was Lassalle glaubte und wovon er sich bei
seinem Werke geistig leiten lie. Menschen mit so ausgeprgtem
Selbstgefhl sind in der Regel leicht Tuschungen ber sich selbst
ausgesetzt. Genug, wir haben in dem Hutten des Dramas Lassalle vor uns,
wie er um jene Zeit dachte, und die Reden, die er Hutten in den Mund
legt, erhalten dadurch fr das Verstndnis des Lassalleschen
Ideenkreises eine besondere Bedeutung.

Hierher gehrt namentlich die Antwort Huttens auf die Bedenken des
kolampadius gegen den geplanten Aufstand:

  Ehrwrd'ger Herr! Schlecht kennt Ihr die Geschichte.
  Ihr habt ganz recht, es ist Vernunft ihr Inhalt,

ein echt Hegelscher Satz,

  Doch ihre Form bleibt ewig -- die Gewalt!

Und dann, als kolampadius von der Entweihung der Liebeslehre durch das
Schwert gesprochen:

  Ehrwrd'ger Herr! Denkt besser von dem Schwert!
  Ein Schwert, geschwungen fr die Freiheit, ist
  Das fleischgewordne Wort, von dem Ihr predigt,
  Der Gott, der in der Wirklichkeit geboren.
  Das Christentum, es ward durchs Schwert verbreitet,
  Durchs Schwert hat Deutschland jener Karl getauft,
  Den wir noch heut den Groen staunend nennen.
  Es ward durchs Schwert das Heidentum gestrzt,
  Durchs Schwert befreit des Welterlsers Grab!
  Durchs Schwert aus Rom Tarquinius vertrieben,
  Durchs Schwert von Hellas Xerxes heimgepeitscht
  Und Wissenschaft und Knste uns geboren.
  Durchs Schwert schlug David, Simson, Gideon!
  So vor- wie seitdem ward durchs Schwert vollendet
  Das Herrliche, das die Geschichte sah,
  Und alles Groe, was sich jemals wird vollbringen,
  Dem _Schwert_ zuletzt verdankt es sein Gelingen!

Es liegt in den Stzen doch ihre -- der Geschichte -- Form bleibt
ewig die Gewalt, und da alles Groe, was sich jemals wird
vollbringen, dem Schwert zuletzt sein Gelingen verdanken werde,
unzweifelhaft viel bertreibung. Trotzdem hatte der Hinweis, da das
fr die Freiheit geschwungene Schwert das fleischgewordene Wort
sei, da, wer die Freiheit erwerben will, bereit sein mu, fr sie
mit dem Schwert zu kmpfen, seine volle Berechtigung in einer Epoche,
wo man in weiten Kreisen der ehemaligen Demokratie sich immer mehr
darauf verlegte, alles von der Macht des Wortes zu erwarten. Sehr
zeitgem, und nicht nur fr die damalige Epoche, sind auch die
Worte, die Lassalle den alten Balthasar Slr Sickingen im letzten Akt
zurufen lt:

  O, nicht der Erste seid Ihr, werdet nicht
  Der Letzte sein, dem es den Hals wird kosten
  In groen Dingen schlau zu sein. _Verkleidung_
  Gilt auf dem Markte der Geschichte nicht,
  Wo im Gewhl die Vlker dich nur an
  Der Rstung und dem Abzeichen erkennen;
  Drum hlle stets vom Scheitel bis zur Sohle
  Dich khn in deines eig'nen Banners Farbe.
  Dann probst du aus im ungeheuren Streit
  Die ganze Triebkraft deines wahren Bodens,
  Und stehst und fllst mit deinem ganzen Knnen!

Auch der Ausspruch Sickingens:

  Das Ziel nicht zeige, zeige auch den Weg.
  Denn so verwachsen ist hienieden Weg und Ziel,
  Da eines sich stets ndert mit dem andern,
  Und andrer Weg auch andres Ziel erzeugt.

ist ein Satz aus dem politischen Glaubensbekenntnis Lassalles. Leider
hat er ihn jedoch gerade in der kritischsten Periode seiner politischen
Laufbahn unbeachtet gelassen.

Halten wir uns jedoch nicht bei Einzelheiten auf, sondern nehmen wir das
Ganze des Dramas, ziehen wir seine Quintessenz.

Die Rolle Huttens und Sickingens in der Geschichte ist bekannt. Sie sind
beide Vertreter des sptmittelalterlichen Rittertums, einer um die Zeit
der Reformation im Untergehen begriffenen Klasse. Was sie wollen, ist
diesen Untergang aufhalten, ein vergebliches Beginnen, das
notwendigerweise scheitert und dasjenige, was es verhindern will, nur
beschleunigt. Da Hutten wie Sickingen durch Charakter wie Intelligenz
ihre Klasse weit berragen, so ist hier in der Tat das Material zu
einer echten Tragdie gegeben, der vergebliche Kampf markiger
Persnlichkeiten gegen die geschichtliche Notwendigkeit.
Merkwrdigerweise wird aber diese Seite der Hutten-Sickingenschen
Bewegung im Lassalleschen Drama am wenigsten behandelt, so
bedeutungsvoll sie doch gerade fr die -- wir wollen nicht einmal sagen,
sozialistische, sondern berhaupt die moderne wissenschaftliche
Geschichtsbetrachtung ist. Im Drama geht das Hutten-Sickingensche
Unternehmen an tausend Zuflligkeiten -- Unberlegtheit, Migriffe in
den Mitteln, Verrat usw. -- zugrunde, und Hutten-Lassalle schliet mit
den Worten: Knft'gen Jahrhunderten vermach' ich unsere Rache, was
unwillkrlich an den recht unhistorischen Schlu in Gtz von
Berlichingen erinnert: Wehe dem Jahrhundert, das dich von sich stie!
Wehe der Nachkommenschaft, die dich verkennt! Begreift man aber, warum
der junge Goethe im achtzehnten Jahrhundert sich einen Vertreter des
untergehenden Rittertums zum Helden whlen konnte, so ist es schon
schwerer zu verstehen, wie nahezu hundert Jahre spter, zu einer Zeit,
wo die Geschichtsforschung bereits ganz andere Gesichtspunkte zur
Beurteilung der Kmpfe des Reformationszeitalters erffnet hatte, ein
Sozialist wie Lassalle zwei Vertreter eben dieses Rittertums schlechthin
als die Reprsentanten eines kulturhistorischen Prozesses hinstellt,
auf dessen Resultaten, wie er sich in der Vorrede ausdrckt, unsere
ganze Wirklichkeit lebt. Ich wollte, sagt er an der betreffenden
Stelle weiter, wenn mglich, diesen kulturhistorischen Proze noch
einmal in bewuter Erkenntnis und leidenschaftlicher Ergreifung durch
die Adern alles Volkes jagen. Die Macht, einen solchen Zweck zu
erreichen, ist nur der Poesie gegeben -- und darum entschlo ich mich zu
diesem Drama.

Nun vertreten allerdings Hutten und Sickingen neben und mit der Sache
des Rittertums noch den Kampf gegen die Oberherrschaft Roms und fr die
Einheit des Reiches, zwei Forderungen, welche ideologisch die des
untergehenden Rittertums waren, geschichtlich aber im Interesse der
aufkommenden Bourgeoisie lagen, und die denn auch durch die Entwicklung
der Verhltnisse in Deutschland nach berwindung der unmittelbaren
Wirkungen des Dreiigjhrigen Krieges wieder in den Vordergrund gedrngt
und im neunzehnten Jahrhundert in erster Reihe von dem liberalen
Brgertum verfochten wurden. Der deutsche Adel hat sich erst nach der
Grndung des neudeutschen Reiches daran erinnert, da er einmal eine so
anstndige Persnlichkeit wie Franz von Sickingen hervorgebracht hat --
den Hutten kann er noch immer nicht verdauen; in den fnfziger Jahren
und noch spter feierte der Gartenlauben-Liberalismus Hutten und
Sickingen als Vorkmpfer der nationalen und Aufklrungsbewegung und
ignorierte ihre Klassenbestrebungen.

Genau dasselbe ist im Lassalleschen Drama der Fall. Ulrich von Hutten
und Franz von Sickingen kmpfen lediglich um der geistigen Freiheit
willen gegen den rmischen Antichrist, nur im Interesse der nationalen
Sache gegen die Einzelfrsten. Was wir wollen, sagt Sickingen im
Zwiegesprch mit Hutten, --

  das ist ein ein'ges groes, mcht'ges Deutschland,
  Zertrmmerung alles Pfaffenregiments,
  Vollstnd'ger Bruch mit allem rm'schen Wesen,
  Die reine Lehr' als Deutschlands ein'ge Kirche,
  Wiedergeburt, zeitmige der alten,
  Der urgermanischen gemeinen Freiheit,
  Vernichtung unsrer Frstenzwergherrschaft
  Und usurpierten Zwischenregiments,
  Und machtvoll auf der Zeit gewaltigem Drang
  Gesttzt, in ihrer Seele Tiefen wurzelnd,
  Ein -- evangelisch Haupt als Kaiser an der Spitze
  Des groen Reichs.

Und Hutten antwortet: Treu ist das Bild.

Da Lassalle ausdrcklich den Franz von Sickingen als ein
Tendenzdrama bezeichnet, so haben wir in ihm einen Beleg fr die
Wandlung, die sich in ihm in bezug auf seine -- vorlufig ideale --
Stellungnahme zu den politischen Strmungen der Zeit vollzogen. Es
sollte indes gar nicht lange dauern, bis sich diese Wandlung, eine
Annherung an die Auffassungsweise der norddeutschen brgerlichen
Demokratie, auch gegenber einer konkreten Frage des Tages offenbaren
sollte[3].

Der Franz von Sickingen war im Winter 1857/58 vollendet worden.
Lassalle hatte ihn, wie er an Marx schreibt, bereits entworfen und
begonnen, whrend er noch am Heraklit arbeitete. Es sei ihm ein
Bedrfnis gewesen, sich zeitweilig aus der abstrakten Gedankenwelt, in
die er sich bei jener Arbeit einspintisieren mute, mit einem
Gegenstand zu beschftigen, der in direkterer Beziehung zu den groen
Kmpfen der Menschheit stand. Daher habe er nebenbei Mittelalter und
Reformationszeit studiert und sich an den Werken und dem Leben Ulrich
von Huttens berauscht, als ihn die Lektre eines gerade erschienenen
elenden modernen Dramas auf den Gedanken brachte: Das -- der Kampf
Huttens -- wre ein Stoff, der Behandlung wert. So habe er ohne
ursprnglich an sich als ausfhrenden Dichter zu denken, den Plan des
Dramas entworfen, wurde sich aber alsbald klar, da er es auch selbst
fertig machen msse. Es sei wie eine Eingebung ber ihn gekommen.
Man sprt es dem Drama auch an, da es mit warmem Herzblut
geschrieben wurde. Trotz der oben bezeichneten Fehler erhebt es sich,
dank seines geistigen Gehalts, immer noch himmelhoch ber die ganze
Dramenliteratur jener Zeit. Es htte es keiner der deutschen Dichter
damals besser gemacht als Lassalle.


Funoten:

  [1] Auf Vorgnge, die mit Fhrung und Ausgang des Hatzfeldt-Prozesses
  in Verbindung stehen, bezieht sich ein Teil der Anklagen, welche im
  Jahre 1855 eine von Dsseldorf, dem damaligen Wohnort Lassalles, nach
  London entsandte Deputation rheinischer Sozialisten bei Karl Marx und
  Freiligrath gegen Lassalle erhob und die auf diese beiden, wie Marx
  an Engels schrieb, einen _entscheidenden Eindruck_ machten.

  [2] G. Brandes, Ferdinand Lassalle. Ein literarisches Charakterbild.
  Berlin 1877.

  [3] Das Vorstehende war seinerzeit gerade geschrieben, als ich
  durch die Freundlichkeit von Friedrich Engels die im Nachla von
  Karl Marx vorgefundenen Briefe Lassalles an Karl Marx erhielt, die
  seitdem von Franz Mehring herausgegeben sind (Stuttgart, J. H. W.
  Dietz Nachfolger). Ein vom 7. Mai 1859 datierter, an Marx und Engels
  adressierter Brief handelt bis auf wenige Zeilen ausschlielich vom
  Franz von Sickingen. Lassalle hatte von dem Drama, sobald es im
  Druck erschienen, je ein Exemplar an Karl Marx und Friedrich Engels
  geschickt, worauf ihm diese, die damals noch rtlich getrennt lebten,
  eingehend ihre Urteile ber es mitteilten, und der erwhnte Brief
  Lassalles ist dessen Antwort auf diese Urteile. Er verbindet sie in
  einem und demselben Schreiben, weil, wie er sich ausdrckt, Eure
  beiderseitigen Einwrfe, ohne geradezu identisch zu sein, doch in der
  Hauptsache dieselben Punkte berhren.

  Aus dem Lassalleschen Schreiben geht hervor, da die Kritik von
  Marx wie Engels eben die Punkte betrifft, die auch ich im obigen
  kritisieren zu mssen glaubte. Ihr stimmt beide darin berein,
  schreibt Lassalle an einer Stelle, da auch Sickingen noch zu
  abstrakt gezeichnet ist. In diesem Satze ist in nuce dasselbe
  gesagt, was ich oben ausgefhrt habe. Der Lassallesche Sickingen ist
  nicht der streitbare Ritter der ersten Jahrzehnte des sechzehnten
  Jahrhunderts, er ist der in des letzteren Rstung gesteckte Liberale
  des neunzehnten Jahrhunderts, das heit der liberale Ideologe. Seine
  Reden fallen gewhnlich vollstndig aus der Epoche, in der sie
  gehalten sein sollen, heraus. Ihr begegnet Euch Beide, schreibt
  Lassalle an einer andern Stelle, da ich die Bauernbewegung >zu
  sehr zurckgesetzt<, >nicht genug hervorgehoben habe<. Du (Marx)
  begrndest dies so: Ich htte Sickingen und Hutten daran untergehen
  lassen mssen, da sie, wie der polnische Adel etwa, nur in ihrer
  Einbildung revolutionr waren, in der Tat aber ein reaktionres
  Interesse vertraten. >Die adligen Reprsentanten der Revolution<,
  sagst Du, >hinter deren Stichwrtern von Einheit und Freiheit immer
  noch der Traum des alten Kaiserthums und des Faustrechts lauert
  -- durften dann nicht so alles Interesse absorbiren, wie sie es
  bei Dir thun, sondern die Vertreter der Bauern, namentlich dieser,
  und der revolutionren Elemente in den Stdten muten einen ganz
  bedeutend aktiveren Hintergrund bilden. Du httest dann auch in
  viel hherem Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten
  Form sprechen lassen knnen, whrend jetzt in der That, auer der
  religisen Freiheit, die brgerliche Einheit die Hauptidee bleibt<.
  >Bist Du nicht selbst<, rufst Du aus, >gewissermaen wie Dein
  Franz von Sickingen in den diplomatischen Fehler gefallen, die
  lutherisch-ritterliche Opposition ber die plebejisch-brgerliche zu
  stellen?<

  Ich habe aus diesem Zitat die Lassalleschen Zwischenbemerkungen
  fortgelassen, weil sie sich meist auf im Brief vorhergehende
  Ausfhrungen beziehen, hier also unverstndlich wren. Im
  wesentlichen verteidigt sich Lassalle damit, da er nachzuweisen
  sucht, die ritterliche Beschrnktheit, soweit sie berhaupt im
  historischen Sickingen vorhanden, damit gengend zum Ausdruck
  gebracht zu haben, da Sickingen, statt sich an die ganze Nation
  zu wenden, statt alle revolutionren Krfte im Reich zum Aufstand
  aufzurufen und sich an ihre Spitze zu stellen, seinen Aufstand
  als einen ritterlichen beginnt und fortfhrt, bis er an der
  Beschrnktheit seiner ritterlichen Mittel zugrunde geht. Gerade
  darin, da Sickingen unterliegt, weil er nicht weit genug gegangen,
  liege die tragische und zugleich die revolutionre Idee des Dramas.
  Der Bauernbewegung aber habe er in der einen Szene des Stckes,
  in der er die Bauern selbst auf die Bhne bringe, und in den
  verschiedenen Hinweisen auf sie in den Reden Balthasars usw., vollauf
  die Bedeutung zugeschrieben, welche ihr in Wirklichkeit innegewohnt
  habe und noch darber hinaus. Geschichtlich sei die Bauernbewegung
  ebenso reaktionr gewesen, wie die des Adels.

  Die letztere Auffassung hat Lassalle bekanntlich auch in
  verschiedenen seiner spteren Schritten verfochten, so u. a. im
  Arbeiterprogramm. Sie ist aber m. E. keineswegs richtig. Da
  die Bauern mit Forderungen auftraten, die auf die Vergangenheit
  zurckgriffen, stempelt ihre Bewegung noch zu keiner reaktionren,
  die Bauern waren zwar keine neue Klasse, aber sie waren keineswegs,
  wie die Ritter, eine untergehende Klasse. Das Reaktionre in ihren
  Forderungen ist nur formell, nicht das Wesentliche. Das bersieht
  Lassalle, der als Hegelianer hier wieder in den Fehler verfllt,
  die Geschichte aus den Ideen abzuleiten, so vollstndig, da er
  zu der Marxschen Bemerkung: Du httest dann auch in viel hherem
  Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten Form sprechen
  lassen knnen, ein doppeltes Fragezeichen, verstrkt durch ein
  Ausrufungszeichen, macht.

  Der andere Teil seiner Verteidigung htte dann seine Berechtigung,
  wenn im Stck auch nur die leiseste Andeutung gegeben wre, da
  Sickingens Beschrnkung auf seine ritterlichen Mittel seiner
  ritterlichen Beschrnktheit geschuldet war. Das ist aber nicht
  der Fall. Im Stck wird sie lediglich als ein taktischer Fehler
  behandelt. Das reicht aus fr die tragische Idee des Dramas, aber
  nicht fr die Veranschaulichung des historischen Anachronismus, an
  dem das Sickingensche Unternehmen in Wirklichkeit zugrunde gegangen
  ist.




Ferdinand Lassalle und der italienische Krieg.


Anfang 1859 erschien der Franz von Sickingen als Buchdrama. Gerade
als er herauskam, stand Europa am Vorabend eines Krieges, der auf die
Entwicklung der Dinge in Deutschland eine groe Rckwirkung ausben
sollte. Es war der bereits im Sommer 1858 zwischen Louis Napoleon und
Cavour in Plombires verabredete franzsisch-sardinische Feldzug
behufs Losreiung der Lombardei von sterreich und der Beseitigung
der sterreichischen Oberherrschaft in Mittelitalien.

sterreich gehrte damals zum deutschen Bund, und so erhob sich
natrlich die Frage, welche Haltung die brigen Bundesstaaten in diesem
Streit einnehmen sollten. Sei es Pflicht des brigen Deutschland, sich
gegenber Frankreich mit sterreich zu identifizieren oder nicht?

Die Beantwortung der Frage war dadurch erschwert, da der Krieg einen
zwieschlchtigen Charakter trug. Fr die ihn betreibenden Italiener war
er ein nationaler Befreiungskampf, der die Sache der Einigung und
Befreiung Italiens einen Schritt vorwrts bringen sollte. Von seiten
Frankreichs dagegen war er ein Kabinettskrieg, unternommen, um die
Herrschaft des bonapartistischen Regimes in Frankreich zu strken und
die Machtstellung Frankreichs in Europa zu erhhen. Soviel stand auf
jeden Fall fest. Auerdem pfiffen es die Spatzen von den Dchern, da
Napoleon sich von seinem Verbndeten, dem Knig von Sardinien, fr seine
Bundesgenossenschaft einen hbschen Kaufpreis in Gebietsabtretungen
(Nizza und Savoyen) ausbedungen hatte und da die Einigung Italiens
in jenem Moment nur soweit stattfinden sollte, als sich mit den
Interessen des bonapartistischen Kaiserreichs vertrug. Aus diesem
Grunde denunzierte z. B. ein so leidenschaftlicher italienischer
Patriot wie Mazzini bereits Ende 1858 den in Plombires zwischen
Napoleon und Cavour abgeschlossenen Geheimvertrag als eine bloe
dynastische Intrige. Soviel war sicher, da, wer diesen Krieg
untersttzte, zunchst Napoleon III. und dessen Plne untersttzte.

Napoleon III. brauchte aber Untersttzung. Gegen sterreich allein
konnte er im Bunde mit Sardinien den Krieg aufnehmen, kamen aber die
brigen Staaten des Deutschen Bundes und namentlich Preuen sterreich
zu Hilfe, so stand die Sache wesentlich bedenklicher. So lie er denn
durch seine Agenten und Geschftstrger bei den deutschen Regierungen,
in der deutschen Presse und unter den deutschen Parteifhrern mit allen
Mitteln dagegen agitieren, da der Krieg als eine Sache behandelt werde,
die Deutschland etwas angehe. Was habe das deutsche Volk fr ein
Interesse, die Gewaltherrschaft, die sterreich in Italien ausbe,
aufrechtzuerhalten, berhaupt einem so urreaktionren Staat wie
sterreich Hilfe zu leisten? sterreich sei der geschworene Feind der
Freiheit der Vlker; werde sterreich zertrmmert, so wrde auch fr
Deutschland ein schnerer Morgen anbrechen.

Auf der anderen Seite entwickelten die sterreichischen Federn, da,
wenn die Napoleonischen Plne im Sden sich verwirklichten, der Rhein in
direkte Gefahr geriete. Ihm wrde der nchste Angriff gelten. Wer das
linke Rheinufer vor Frankreichs gierigen Hnden sicherstellen wolle,
msse dazu beitragen, da sterreich seine militrischen Positionen in
Oberitalien unbeeintrchtigt erhalte, der Rhein msse am Po verteidigt
werden.

Die von den napoleonischen Agenten ausgegebene Parole stimmte in vielen
wesentlichen Punkten mit dem Programm der kleindeutschen Partei
(Einigung Deutschlands unter Preuens Spitze, unter Hinauswerfung
sterreichs aus dem deutschen Bund) berein, war direkt auf es
zugeschnitten. Trotzdem konnten sich eine groe Anzahl kleindeutscher
Politiker nicht dazu entschlieen, gerade in diesem Zeitpunkt die Sache
sterreichs von der des brigen Deutschland zu trennen. Dies erschien
ihnen um so weniger zulssig, als es weiterhin bekannt war, da Napoleon
den Krieg im Einvernehmen mit der zarischen Regierung in Petersburg
fhrte, dieser also den weiteren Zweck hatte, den russischen Intrigen im
Sdosten Europas Vorschub zu leisten. Vielmehr ging ihre Meinung dahin,
jetzt kme es vor allen Dingen darauf an, den Angriff Napoleons
abzuschlagen. Erst wenn das geschehen sei, knne man weiter reden. Bis
es geschehen, mten sich aber die Italiener gefallen lassen, da man
sie, solange sie unter der Schutzherrschaft Bonapartes kmpften, einfach
als dessen Verbndete behandelte.

Es lt sich nun nicht leugnen, da man vom kleindeutschen Standpunkt
aus auch zu einer andern Auffassung der Situation gelangen, in der
vorentwickelten Gedankenreihe eine Inkonsequenz erblicken konnte. Wenn
sterreich, und namentlich dessen auerdeutsche Besitzungen, um so eher
je besser aus dem Deutschen Bund hinausgeworfen werden sollten, warum
nicht mit Vergngen ein Ereignis begren, das sich als ein Schritt zur
Verwirklichung dieses Programms darstellte? Hatte nicht Napoleon
erklrt, da er nur sterreich und nicht Deutschland bekriege? Warum
also sterreich gegen Frankreich beistehen, zumal man dadurch gezwungen
werde, auch die Italiener zu bekriegen, die doch fr die gerechteste
Sache von der Welt kmpften? Warum den Rhein verteidigen, ehe er
angegriffen, ehe auch nur eine Andeutung gefallen, da ein Angriff auf
ihn beabsichtigt sei? Warum nicht lieber die Verlegenheit sterreichs
und die Beschftigung Napoleons in Italien benutzen, um die Sache der
Einigung Deutschlands unter Preuens Fhrung auch durch positive
Manahmen einen weiteren Schritt zu frdern?

Dieser -- es sei wiederholt -- vom kleindeutschen Standpunkt aus
konsequenteren Politik spricht Lassalle in seiner, Ende Mai 1859
erschienenen Schrift Der Italienische Krieg und die Aufgabe Preuens
das Wort. Mit groer Energie bekmpft er die in den beiden Berliner
Organen des norddeutschen Liberalismus, der National-Zeitung und der
Volks-Zeitung, -- in der ersteren unter anderm auch von Lassalles
nachmaligem Freunde, Lothar Bucher -- verfochtene Ansicht, einem von
Bonaparte ausgehenden Angriff gegenber msse Preuen sterreich als
Bundesgenosse zur Seite stehen, und fordert er dagegen, da Preuen den
Moment benutzen solle, den deutschen Kleinstaaten gegenber seine
deutsche Hegemonie geltend zu machen und, wenn Napoleon die Karte
Europas im Sden nach dem Prinzip der Nationalitten revidiere, dasselbe
im Namen Deutschlands im Norden zu tun, wenn jener Italien befreie,
seinerseits Schleswig-Holstein zu nehmen. Jetzt sei der Moment gekommen,
whrend die Demolierung sterreichs sich schon von selbst vollzieht,
fr die Erhhung Preuens in der Deutschen Achtung zu sorgen.
Und, fgt Lassalle schlielich hinzu, mge die Regierung dessen
gewi sein. In diesem Kriege, der ebensosehr ein Lebensinteresse des
deutschen Volks als Preuens ist, wrde die deutsche Demokratie
selbst Preuens Banner tragen und alle Hindernisse vor ihm zu Boden
werfen mit einer Expansivkraft, wie ihrer nur der berauschende
Ausbruch einer nationalen Leidenschaft fhig ist, welche seit fnfzig
Jahren komprimiert in dem Herzen eines groen Volkes zuckt und
zittert.

Man hat Lassalle spter auf Grund dieser Broschre zu einem Advokaten
der deutschen Politik Bismarcks zu stempeln gesucht, und es lt
sich nicht bestreiten, da das in ihr entwickelte nationale Programm
als solches eine groe hnlichkeit mit dem des im Sommer 1859
gegrndeten Nationalvereins und ebenso, mutatis mutandis, mit der
Politik hat, die Bismarck bei der Verwirklichung der deutschen
Einheit unter preuischer Spitze befolgte. Lassalle war eben bei all
seinem theoretischen Radikalismus in der Praxis noch ziemlich stark
im Preuentum stecken geblieben. Nicht da er bornierter preuischer
Partikularist gewesen wre -- wir werden gleich sehen, wie weit er
davon entfernt war --, aber er sah die nationale Bewegung und die auf
die auswrtige Politik bezglichen Angelegenheiten im wesentlichen
durch die Brille des preuischen Demokraten an, sein Ha gegen
sterreich war in dieser Hinsicht ebenso bertrieben, wie der
Preuenha vieler sddeutscher Demokraten und selbst Sozialisten.
sterreich ist ihm der kulturfeindlichste Staatsbegriff, den Europa
aufzuweisen hat, er mchte den Neger kennen lernen, der, neben
sterreich gestellt, nicht ins Weiliche schimmerte; sterreich ist
ein reaktionres Prinzip, der gefhrlichste Feind aller
Freiheitsideen; der Staatsbegriff sterreich mu zerfetzt,
zerstckt, vernichtet, zermalmt -- in alle vier Winde zerstreut
werden, jede politische Schandtat, die man Napoleon III. vorwerfen
knne, habe sterreich auch auf dem Gewissen, und wenn die Rechnung
sonst ziemlich gleichstehen mchte -- das rmische Konkordat hat
Louis Napoleon trotz seiner Begnstigung des Klerus nicht
geschlossen. Selbst Ruland kommt noch besser weg, als sterreich.
Ruland ist ein naturwchsig-barbarisches Reich, welches von seiner
despotischen Regierung soweit zu zivilisieren gesucht wird, als mit
ihren despotischen Interessen vertrglich ist. Die Barbarei hat hier
die Entschuldigung, da sie nationales Element ist. Ganz anders aber
mit sterreich. Hier vertritt, im Gegensatz zu seinen Vlkern, die
Regierung das barbarische Prinzip, knstlich und gewaltsam seine
Kulturvlker unter dasselbe beugend.

In dieser einseitigen und relativ -- d. h. wenn man die brigen Staaten
in Vergleich zieht -- damals auch bertriebenen Schwarzmalerei
sterreichs und auch sonst in verschiedenen Punkten, begegnet sich die
Lassallesche Broschre mit einer Schrift, die schon einige Wochen vor
ihr erschienen war und ebenfalls die Tendenz hatte, die Deutschen zu
ermahnen, Napoleon in Italien, solange er den Befreier spiele, freie
Hand zu lassen und der Zertrmmerung sterreichs zu applaudieren. Es war
dies die Schrift Karl Vogts Studien zur gegenwrtigen Lage Europas,
ein die bonapartistischen Schlagworte wiedergebendes und direkt oder
indirekt auch auf bonapartistischen Antrieb geschriebenes Buch. Ich
wrde Anstand genommen haben, diese Schrift in irgendeinem Zusammenhange
mit der Lassalleschen zu zitieren, indes Lassalle ist so durchaus ber
jeden Verdacht der Komplizitt mit Vogt oder dessen Einblsern erhaben,
da die Mglichkeit absolut ausgeschlossen ist, durch den Vergleich, der
mir aus sachlichen Grnden notwendig erscheint, ein falsches Licht auf
Lassalle zu werfen. Zum berflu will ich aber noch einen Passus aus der
Vorrede zum Herr Vogt von Karl Marx hierhersetzen, jener Schrift, die
den Beweis lieferte, da Vogt damals im bonapartistischen Interesse
schrieb und agitierte, und deren Beweisfhrung neun Jahre spter durch
die in den Tuilerien vorgefundenen Dokumente besttigt wurde -- ein
Passus, der schon deshalb hierher gehrt, weil er zweifelsohne gerade
auch auf Lassalle sich bezieht. Marx schreibt:

    Von Mnnern, die schon vor 1848 miteinander darin bereinstimmten,
    die Unabhngigkeit Polens, Ungarns und Italiens nicht nur als ein
    Recht dieser Lnder, sondern als das Interesse Deutschlands und
    Europas zu vertreten, wurden ganz entgegengesetzte Ansichten
    aufgestellt ber die Taktik, die Deutschland bei Gelegenheit des
    italienischen Krieges von 1859 Louis Bonaparte gegenber
    auszufhren habe. Dieser Gegensatz entsprang aus gegenstzlichen
    Urteilen ber tatschliche Voraussetzungen, ber die zu entscheiden
    einer spteren Zeit vorbehalten bleibt. Ich fr meinen Teil habe es
    in dieser Schrift nur mit den Ansichten Vogts und seiner Klique zu
    tun. Selbst die Ansicht, die er zu vertreten vorgab, und in der
    Einbildung eines urteilslosen Haufens vertrat, fllt in der Tat
    auerhalb der Grenzen meiner Kritik. Ich behandle die Ansichten,
    die er wirklich vertrat. (K. Marx Herr Vogt. Vorwort V, VI.)

Trotzdem war es natrlich nicht zu vermeiden, da dort, wo Vogt mit
Argumenten operiert, die sich auch bei Lassalle finden, dieser in der
Marxschen Schrift mitkritisiert wird, was brigens Lassalle nicht
verhindert hat, in einem Briefe an Marx vom 19. Januar 1861 zu
erklren, da er nach der Lektre des Herr Vogt Marx'
berzeugung, da Vogt von Bonaparte bestochen sei, ganz
gerechtfertigt und in der Ordnung finde, der innere Beweis dafr[4]
sei mit einer immensen Evidenz gefhrt. Das Buch sei in jeder
Hinsicht ein meisterhaftes Ding.

Jedenfalls ist der Herr Vogt ein uerst instruktives Buch zum
Verstndnis der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts; dieses Pamphlet
enthlt eine Flle von geschichtlichem Material, das zu einem ganzen
Dutzend Abhandlungen ausreichen wrde.

Fr unsere Betrachtung hat es aber noch ein besonderes Interesse.

Die Korrespondenz zwischen Marx und Lassalle war zu keiner Zeit so
lebhaft, als in den Jahren 1859 und 1860, und ein groer Teil davon
handelt eben von dem italienischen Krieg und der ihm gegenber
einzunehmenden Haltung. Ob die Briefe Marx' hierber an Lassalle noch
erhalten sind und wenn, in welchen Hnden sie sich befinden, ist bis
jetzt nicht bekannt, noch ob der jetzige Besitzer sie zu verffentlichen
bereit ist. Aus den Lassalleschen Briefen ist jedoch die Stellung, die
Marx damals einnahm, nur unvollkommen zu ersehen, und noch weniger ihre
Begrndung, da sich Lassalle, wie brigens ganz natrlich, meist darauf
beschrnkt, seine Stellungnahme zu motivieren und die Einwnde gegen
dieselbe mglichst zu widerlegen. Es braucht aber wohl nicht des
weiteren dargelegt zu werden, warum in einer fr Sozialisten
geschriebenen Abhandlung ber Lassalle nicht nur dessen persnliche
Beziehung zu den Begrndern des modernen wissenschaftlichen Sozialismus,
sondern auch sein Verhltnis zu ihrer theoretischen Doktrin und zu ihrer
Behandlung der politischen und sozialen Fragen von besonderem Interesse
ist.

Der Tagesliterat hatte in bezug auf dieses Verhltnis lange Zeit seine
fertige Schablone. Fr die Politik im engeren Sinne des Wortes lautete
sie: Lassalle war national, Marx und Engels waren in jeder Hinsicht
international, Lassalle war deutscher Patriot, Marx und Engels waren
vaterlandslos, sie haben sich immer nur um die Weltrepublik und die
Revolution gekmmert, was aus Deutschland wurde, war ihnen gleichgltig.

Seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieser Schrift hat jene
Gegenberstellung aufgegeben werden mssen.

Noch ehe Lassalles Italienischer Krieg erschien, war in demselben
Verlage, wie spter diese, eine Broschre erschienen, die dasselbe Thema
behandelte. Sie war betitelt: Po und Rhein. Der Verfasser, der sich
ebensowenig nannte, wie Lassalle in der ersten Auflage seiner Schrift,
suchte militrwissenschaftlich nachzuweisen, da die von den Organen der
sterreichischen Regierung ausgegebene Parole, Deutschland bedrfe zu
seiner Verteidigung im Sdwesten der italienischen Provinzen, falsch
sei, da auch ohne diese Deutschland noch eine starke Defensivposition
in den Alpen habe, namentlich sobald ein einheitliches und unabhngiges
Italien geschaffen sei, da ein solches kaum je einen triftigen Grund,
mit Deutschland zu hadern, wohl aber hufig genug Anla haben werde,
Deutschlands Bundesgenossenschaft gegen Frankreich zu suchen.
Oberitalien sei ein Anhngsel, das Deutschland hchstens im Kriege
nutzen, im Frieden immer nur schaden knne. Und auch der militrische
Vorteil im Kriege wrde erkauft durch die geschworene Feindschaft von 25
Millionen Italienern. Aber, fhrte der Verfasser alsdann aus, die Frage
um den Besitz dieser Provinzen ist eine zwischen Deutschland und
Italien, und nicht eine zwischen sterreich und Louis Napoleon.
Gegenber einem Dritten, einem Napoleon, der um seiner eigenen, in
anderer Beziehung anti-deutschen Interessen willen sich einmischte,
handle es sich um die einfache Behauptung einer Provinz, die man nur
gezwungen abtritt, einer militrischen Position, die man nur rumt, wenn
man sie nicht mehr halten kann ... Werden wir angegriffen, so wehren
wir uns. Wenn Napoleon als Paladin der italienischen Unabhngigkeit
auftreten wolle, so mge er erst bei sich anfangen und den Italienern
Korsika abtreten, dann werde man sehen, wie ernst es ihm ist. Solle aber
die Karte von Europa revidiert werden, so haben wir Deutsche das
Recht, zu fordern, da es grndlich und unparteiisch geschehe, und da
man nicht, wie es beliebte Mode ist, verlange, Deutschland allein solle
Opfer bringen. Das Endresultat dieser ganzen Untersuchung aber
ist, heit es schlielich, da wir Deutsche einen ganz
ausgezeichneten Handel machen wrden, wenn wir den Po, den Mincio,
die Etsch und den ganzen italienischen Plunder vertauschen knnten
gegen die Einheit ... die allein uns nach innen und auen stark
machen kann.

Der Verfasser dieser Broschre war kein anderer als -- Friedrich Engels.
Unntz zu sagen, da Engels sie im Einverstndnis mit Karl Marx
verffentlicht hatte. Den Verleger hatte Lassalle besorgt. Lassalle
hatte auch, wie aus einem seiner Briefe hervorgeht, eine Besprechung
ihres Inhalts an die -- damals noch unabhngige -- Wiener Presse
geschickt, deren Redakteur mit ihm verwandt war. Er kannte also ihren
Inhalt ganz genau, als er seinen Italienischen Krieg schrieb,
polemisiert somit auch gegen sie, wenn er die Ansicht bekmpft, da, da
der Krieg durch Napoleons Fhrung aus einem Befreiungskrieg in ein gegen
Deutschland gerichtetes Unternehmen verwandelt sei, das notgedrungen mit
einem Angriff auf den Rhein enden werde, er auch deutscherseits nur als
solches zu behandeln sei. Auf der andern Seite wird, wie schon erwhnt,
Lassalles Schrift im Herr Vogt mitkritisiert, und zwar in dem
Abschnitt VIII D-d-Vogt und seine Studien[5].

Wie sehr die Darlegungen Lassalles oft mit den Vogtschen
bereinstimmten, dafr nur ein Beispiel. sterreichischerseits war auf
die Vertrge von 1815 hingewiesen worden, durch welche sterreich der
Besitz der Lombardei garantiert worden war. Darauf antworten nun:

    Vogt:

    Es ist sonderbar, eine solche Sprache in dem Munde der einzigen
    Regierung (bei Vogt unterstrichen) zu vernehmen, die bis jetzt in
    frecher Weise die Vertrge gebrochen hat. Von allen andern sind sie
    bis jetzt respektiert worden, nur sterreich hat sie gebrochen,
    indem es mitten im Frieden, ohne Ursache, seine frevelnde Hand
    gegen die durch diese Vertrge garantirte Republik Krakau
    ausstreckte und dieselbe dem Kaiserstaat ohne weiteres
    einverleibte. (Studien, S. 58.)

    Lassalle:

    Die Vertrge von 1815 knnen nicht einmal mehr diplomatisch
    ernstlich aufgerufen werden. Verletzt durch die Konstituirung
    Belgiens, mit Fen getreten und zerrissen gerade von sterreich
    durch die gewaltsame Okkupation Krakaus, gegen welche die
    europischen Kabinette zu protestieren nicht unterlieen, haben sie
    jede rechtliche Gltigkeit fr jedes Mitglied der europischen
    Staatenfamilie verloren. (Der Ital. Krieg usw. Ges. Schriften
    Bd. I S. 43.)

Hren wir nun Marx gegen Vogt:

Nikolaus natrlich vernichtete Konstitution und Selbstndigkeit des
Knigreich Polen, durch die Vertrge von 1815 garantiert, aus
>Achtung< vor den Vertrgen von 1815. Ruland achtete nicht minder
die Integritt Krakaus, als es die freie Stadt im Jahre 1831 mit
moskowitischen Truppen besetzte. Im Jahre 1836 wurde Krakau wieder
besetzt von Russen, sterreichern und Preuen, wurde vllig als
erobertes Land behandelt und appellierte noch im Jahre 1840, unter
Berufung auf die Vertrge von 1815, vergebens an England und
Frankreich. Endlich am 22. Februar 1846 besetzten Russen,
sterreicher und Preuen abermals Krakau, um es sterreich
einzuverleiben. Der Vertragsbruch geschah durch die drei nordischen
Mchte, und die sterreichische Konfiskation von 1846 war nur das
letzte Wort des russischen Einmarsches von 1831. (Herr Vogt, S.
73/74.) In einer Note weist dann Marx noch auf sein Pamphlet
Palmerston and Poland hin, wo nachgewiesen sei, da Palmerston seit
1831 ebenfalls an der Intrige gegen Krakau mitgearbeitet habe. Indes
das letztere ist eine Frage, die uns hier nicht weiter interessiert,
wohl aber interessiert uns der andere Nachweis bei Marx, da Vogt
auch mit der Verweisung auf das Beispiel Krakaus nur eine von
bonapartistischer Seite ausgehende Argumentation ab- und umschrieb.
In einem der Anfang 1859 bei Dentu in Paris herausgekommenen
bonapartistischen Pamphlete, La vraie question, France, -- Italie --
Autriche, hatte es wrtlich geheien:

Mit welchem Rechte brigens wrde die sterreichische Regierung die
Unverletzbarkeit der Vertrge von 1815 anrufen, sie, welche dieselben
verletzt hat durch die Konfiskation von Krakau, dessen Unabhngigkeit
diese Vertrge garantierten?

Vogt hatte in seiner Manier berall noch einen Extratrumpf
aufgesetzt. Phrasen wie die einzige Regierung, in frecher
Weise, frevelnde Hand sind sein Eigentum. Ebenso wenn er am
Schlu des obenzitierten Satzes pathetisch die politische Nemesis
gegen sterreich anruft.

Lassalle hatte, als er seine Broschre schrieb, das Vogtsche Machwerk
noch nicht zu Gesicht bekommen, aber da seine Schrift durch die von
Bonaparte ausgegebenen und durch tausend Kanle in die Presse des In-
und Auslandes lancierten Schlagworte beeinflut war, das unterliegt
nach diesem Beispiel, dem noch eine ganze Reihe hnlicher an die Seite
gesetzt werden knnen, gar keinem Zweifel. Wenn die nationalliberalen
Bismarckanbeter sich spter darauf beriefen, da die Politik ihres Heros
sogar die Sanktion Lassalles erhalten habe, so bersahen sie dabei nur
die eine Tatsache, da das von Lassalle der preuischen Regierung
vorgehaltene Programm, wie immer es von Lassalle selbst gemeint war, in
den entscheidenden Punkten dem Programm glich, das Bonaparte zu jener
Zeit den deutschen Patrioten vorsetzen lie, um sie fr seine damalige
Politik zu gewinnen. Alle die Ausfhrungen Lassalles in dieser Schrift,
die spter von brgerlichen Schriftstellern als ungewhnliche
Vorhersagungen bezeichnet worden sind, finden sich auch in Vogts
Studien und andern aus bonapartistischen Quellen gespeisten
Pamphleten. Gerade Vogt wute z. B. schon im Jahre 1859, also noch vor
der preuischen Heeresreform, da, wenn Preuen einen deutschen
Brgerkrieg fr die Herstellung einer einheitlichen deutschen
Zentralgewalt ins Werk setzen wrde, dieser Krieg nicht so viel Wochen
kosten wrde, als der italienische Feldzug Monate. (Studien
S. 155.) Des weiteren wute Vogt, da das Berliner Kabinett sterreich
im Stich lassen werde, es mute nach ihm dem Kurzsichtigsten klar
geworden sein, da ein Einverstndnis zwischen Preuens Regierung und
der kaiserlichen Regierung Frankreichs besteht; da Preuen nicht zur
Verteidigung der auerdeutschen Provinzen sterreichs zum Schwerte
greifen ... jede Teilnahme des Bundes oder einzelner Bundesglieder
fr sterreich verhindern wird, um ... seinen Lohn fr diese
Anstrengungen in norddeutschen Flachlanden zu erhalten. (Studien S.
19.) Mehr Vorhersagungen kann man wirklich von einem Propheten nicht
verlangen.

Allerdings ist dies Programm nicht sofort zur Ausfhrung gekommen.
Bismarck, der dazu bereit gewesen wre, war dem Prinzregenten von
Preuen noch zu sehr Strmer, um ihm als Minister des Auswrtigen genehm
zu sein. Der nachmalige Wilhelm I. schreckte vor dem Gedanken zurck,
sterreich rundheraus die Bundeshilfe zu versagen. Er stellte seine
Bedingungen, und als man in Wien nicht auf sie einging, hielt er seine
Truppen zurck. So drauf und dran sterreich zu helfen, wie
Lassalle eine Zeitlang annahm, war auch er nicht.

Meine Broschre >Der italienische Krieg und die Aufgabe
Preuens< -- schreibt Lassalle unterm 27. Mai 1859 an Marx und
Engels -- wird Euch zugekommen sein. Ich wei nicht, ob Ihr dort
hinreichend deutsche Zeitungen lest, um mindestens durch diese
annhernd von der Stimmung hier unterrichtet gewesen zu sein.
Absolute Franzosenfresserei, Franzosenha (Napoleon nur Vorwand, die
revolutionre Entwicklung Frankreichs der wirkliche geheime Grund),
das ist das Horn, in das alle hiesigen Zeitungen blasen, und die
Leidenschaft, die sie, die nationale Ader anschlagend, ins Herz der
untersten Volksklassen und der demokratischen Kreise zu gieen
suchen, und leider mit Erfolg genug. So ntzlich ein gegen den Willen
des Volkes von der Regierung unternommener Krieg gegen Frankreich fr
unsere revolutionre Entwicklung sein wrde, so schdlich mte ein
von verblendeter Volkspopularitt getragener Krieg auf unsre
demokratische Entwicklung einwirken. Zu den im 6. Kapitel meiner
Broschre in dieser Hinsicht exponierten Grnden kommt dazu, da man
schon jetzt den Ri, der uns von unsern Regierungen trennt, ganz und
gar zuwachsen lt. Solchem drohenden Unheil fand ich fr Pflicht,
mich entgegenzuwerfen ... Natrlich gebe ich mich keinen Augenblick
der Tuschung hin, als knnte und wrde die Regierung den sub III
eingeschlagenen Weg ergreifen. Im Gegenteil!... Aber eben um so mehr
fhlte ich mich gedrungen, diesen Vorschlag zu machen, gerade weil er
sofort in einen Vorwurf umschlgt. Er kann wie ein Eisblock wirken,
an dem sich die Wogen dieser falschen Popularitt zu brechen
anfangen.

Danach kam es Lassalle bei Abfassung seiner Schrift mehr darauf an, die
revolutionre als die nationale Bewegung zu frdern, die letztere der
ersteren zu subordinieren. Der Gedanke an sich war berechtigt, die Frage
war eben nur, ob das Mittel das richtige war, ob es nicht die nationale
Bewegung, ber deren zeitweilige Berechtigung zwischen Lassalle
einerseits und Marx und Engels andererseits durchaus keine
Meinungsverschiedenheit bestand, in falsche Bahnen lenken mute. Marx
und Engels behaupteten das. Nach ihrer Ansicht kam es zunchst darauf
an, den gegen Deutschland als Ganzes gefhrten Streich durch eine
gemeinsame Aktion aller Deutschen zurckzuschlagen, und nicht in dem
Moment, wo ein solcher Schlag gefhrt wurde, eine Politik selbst nur
scheinbar zu untersttzen, die zur Zerreiung Deutschlands fhren mute.
Die Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen und Lassalle in dieser Frage
beruht im wesentlichen darauf, da sie sie mehr in ihrem weiteren
historischen und internationalen Zusammenhang betrachteten, whrend
Lassalle sich mehr durch die Rcksicht auf die augenblicklichen
Verhltnisse in der inneren Politik leiten lie. Daher beging er auch
die Inkonsequenz, whrend er in bezug auf Frankreich streng zwischen
Volk und Regierung unterschied, sterreich und das Haus Habsburg ohne
weiteres zu identifizieren und die Zertrmmerung sterreichs zu
proklamieren, wo es sich zunchst doch nur um die Zertrmmerung des
habsburgischen Regierungssystems handeln konnte. In einem seiner Briefe
an Rodbertus knpft er an folgenden Satz an, den dieser ihm geschrieben:

    Und ich hoffe noch die Zeit zu erleben, wo -- die trkische
    Erbschaft an Deutschland gefallen sein wird und deutsche Soldaten
    oder Arbeiter-Regimenter am Bosporus stehen

und sagt:

Es hat mich zu eigentmlich berhrt, als ich in Ihrem letzten
Schreiben diese Worte las! Denn wie oft habe ich nicht gerade diese
Ansicht meinen besten Freunden gegenber vergeblich vertreten und
mich dafr von ihnen einen Trumer nennen lassen mssen! Die ganze
Verschiebung der seit 1839 so oft in Angriff genommenen
orientalischen Frage hat fr mich immer nur den vernnftigen Sinn und
Zusammenhang gehabt, da die Frage so lange hinausgeschoben werden
mu, bis der naturgeme Anwrter, die deutsche Revolution, sie lst!
Wir scheinen im Geist als siamesische Zwillingsbrder zur Welt
gekommen zu sein. (Briefe von Ferdinand Lassalle an Carl
Rodbertus-Jagetzow, herausgegeben von Ad. Wagner, Brief vom 8. Mai
1863.)

Wie Deutschland die trkische Erbschaft antreten sollte, nachdem
vorher sterreich zerfetzt, zerstckt, vernichtet, zermalmt, Ungarn
und die slawischen Landesteile von Deutsch-sterreich losgerissen
worden, ist schwer verstndlich.

Noch eine andere Stelle aus den Briefen an Rodbertus gehrt hierher:

Wenn ich etwas in meinem Leben gehat habe, ist es die kleindeutsche
Partei. Alles Kleindeutsche ist Gothaerei und Gagerei (von Gagern, dem
>Staatsmann< der Kleindeutschen, abgeleitet) und reine Feigheit. Vor
1 Jahren hielt ich hier einmal bei mir eine Versammlung meiner
Freunde ab, worin ich die Sache so formulierte: Wir mssen alle wollen:
Grodeutschland moins les dynasties.

Ich habe in meinem Leben kein Wort geschrieben, das der kleindeutschen
Partei zugute kme, betrachte sie als das Produkt der bloen Furcht vor:
Ernst, Krieg, Revolution, Republik und als ein gutes Stck
Nationalverrat. (Brief vom 2. Mai 1863.)

Es ist klar, da, wenn es Lassalle mit dem nationalen Programm, wie er
es in Der Italienische Krieg usw. entwickelte, ernst gewesen wre,
er unmglich die obigen Stze htte schreiben knnen, denn jenes ist
ganz gewi kleindeutsch. Er benutzte es vielmehr nur, weil es ihm fr
seine viel weitergehenden politischen Zwecke, fr die Herbeifhrung
der Revolution, die die nationale Frage im grodeutschen Sinne lsen
sollte, zweckmig erschien. In den, auf sein Schreiben vom 27. Mai
1859 folgenden Briefen an Marx und Engels spricht er sich immer
bestimmter in diesem Sinne aus. Da die meist sehr ausfhrlichen
Briefe nun in ihrem vollen Wortlaut zum Abdruck gekommen sind, so
knnen wir uns hier auf einige Auszge und kurze Zusammenfassungen
beschrnken.

Etwa am 20. Juni 1859 (die Lassalleschen Briefe sind sehr oft ohne
Datum, so da dieses aus dem Inhalt kombiniert werden mute) schreibt
Lassalle an Marx: Nur in dem populren Kriege gegen Frankreich ...
sehe ich ein Unglck. In dem bei der Nation unpopulren Kriege aber ein
immenses Glck fr die Revolution ... Die Aufgabe verteilt sich also so,
da unsere Regierungen den Krieg machen mssen (und sie werden dies tun)
und wir ihn unpopularisieren mssen ... Ihr scheint dort, zehn Jahre
fern von hier, wirklich noch gar keine Ahnung zu haben, wie wenig
entmonarchisiert unser Volk ist. Ich habe es auch erst in Berlin mit
Leidwesen gesehen ... Kme nun noch hinzu, da dem Volk die berzeugung
beigebracht wird[6], die Regierung fhre diesen Krieg als einen
nationalen, sie habe sich zu einer nationalen Tat erhoben, so solltet
Ihr sehen, wie vollstndig die Vershnung wrde und wie, gerade bei
Unglcksfllen, das Band der >deutschen Treue< das Volk an seine
Regierungen binden wrde ... Was in unserm Interesse liegt, ist
offenbar etwa folgendes:

1. da der Krieg gemacht wird. (Dies besorgen, wie gesagt, unsere
Regierungen schon von selbst.) Alle Nachrichten, die mir aus guter
Quelle zukommen, besagen, da der Prinz drauf und dran sei, fr
sterreich einzutreten.

Das war, wie oben bemerkt, keineswegs so unbedingt zutreffend.

2. da er schlecht gefhrt wird. (Dies werden unsere Regierungen
gleichfalls von selbst besorgen, und um so mehr, je weniger das
Volksinteresse fr den Sieg sie untersttzt.)

3. da das Volk der berzeugung sei, der Krieg werde im
volksfeindlichen, im dynastischen, im kontrerevolutionren Sinne, also
gegen seine Interessen, unternommen. -- Dies allein knnen wir besorgen,
und dies zu besorgen ist daher unsere Pflicht.

Lassalle geht dann auf die Frage ein, welchen Zweck es haben knne,
einen populren Krieg gegen Frankreich bei uns erregen zu wollen.
Auch hier aber sind es lediglich zwei Rcksichten, die er als
magebend anerkennt: 1. die Rckwirkung auf die Aussichten der
revolutionren Parteien hben und drben, und 2. die Rckwirkung auf
die Beziehungen der deutschen Demokratie zur franzsischen und
italienischen Demokratie. Die Frage der Interessen Deutschlands als
Nation berhrt er gar nicht. Auf den Vorhalt, da er dieselbe Politik
empfehle wie Vogt, der im franzsischen Solde schreibe, antwortet er:
Willst Du mich durch die schlechte Gesellschaft, die ich habe, ad
absurdum fhren? Dann knnte ich Dir das Kompliment zurckgeben, da
Du das Unglck hast, diesmal mit Venedey und Waldeck einer Meinung zu
sein. Alsdann rhmt er sich, da seine Broschre immens gewirkt
habe, Volks-Zeitung und National-Zeitung htten zum Rckzug
geblasen, die letztere in einer Serie von sechs Leitartikeln eine
vollstndige Schwenkung gemacht. Da Lassalle gar nicht darauf kam,
sich zu fragen, warum denn diese Organe kleindeutscher Richtung sich
so schnell bekehren lieen!

In einem Brief an Marx von Mitte Juli 1859 -- nach Villafranca -- heit
es: Es ist ganz selbstredend, da zwischen uns nicht das Prinzip,
sondern, wie Du sagst und wie ich es nie anders auffate, die
>passendste Politik< ... streitig war. Und um wieder keinen Zweifel
darber zu lassen, wie er das meine, setzt er die Worte hinzu: d. h.
also doch die zur revolutionren Entwicklung passendste Politik.

Anfang 1860 an Fr. Engels: Nur zur Vermeidung von Miverstndnissen
mu ich bemerken, da ich brigens auch im vorigen Jahre, als ich
meine Broschre schrieb, sehnlichst wnschte, da Preuen den Krieg
gegen Napoleon mache. Aber ich wnschte ihn nur unter der Bedingung,
da die Regierung ihn mache, er aber beim Volke so unpopulr und
verhat wie mglich sei. Dann freilich wre er ein groes Glck
gewesen. Aber dann mute die Demokratie gegen, nicht fr diesen Krieg
schreiben und propagieren ... Fr die gegenwrtige Lage sind wir
wahrscheinlich ganz einer Meinung und wohl ebensosehr fr die
zuknftige.

In dem gleichen Brief kommt Lassalle auch auf die damals gerade
eingebrachte Militrreorganisations-Vorlage zu sprechen, die bekanntlich
spter zum Konflikt zwischen der Regierung und der liberalen
Bourgeoisie fhrte. Die Mobilmachung 1859 hatte die preuische Regierung
berzeugt, wie wenig schlagfertig die preuische Armee noch war und da
durchgreifende nderungen notwendig waren, um sie in den Stand zu
setzen, sei es nun gegen Frankreich oder sterreich, mit einiger
Aussicht auf Erfolg ins Feld zu rcken. Wer es also mit Preuens
deutschem Beruf ernst nahm, der mute auch in die Heeresreorganisation
einwilligen oder mindestens objektiv ihre Berechtigung anerkennen, was
ja auch die Fortschrittler anfangs taten. Hren wir nun Lassalle: Das
Gesetz ist schmachvoll! Aufhebung -- vllige, nur verkappte -- der
Landwehr als letzten demokratischen Restes der Zeit von 1810, Schpfung
eines immensen Machtmittels fr Absolutismus und Junkertum ist in zwei
Worten der evidente Zweck desselben. Nie wrde Manteuffel gewagt haben,
so etwas vorzuschlagen! Nie htte er es durchgesetzt. Wer jetzt in
Berlin lebt und nicht am Liberalismus stirbt, der wird nie am rger
sterben!

Schlielich sei noch eine Stelle aus einem Briefe Lassalles an Marx aus
Aachen vom 11. September 1860 zitiert. Marx hatte u. a. auch in einem
Briefe an Lassalle auf eine Zirkularnote Gortschakoffs hingewiesen, in
der ausgefhrt worden war, da, wenn Preuen sterreich gegen Frankreich
zu Hilfe kme, Ruland seinerseits fr Frankreich intervenieren, d. h.
Preuen _und_ sterreich den Krieg erklren wrde. Diese Note sei,
hatte Marx ausgefhrt, erstens ein Beweis, da es sich um einen Anschlag
gehandelt habe, bei dem die Befreiung Italiens nur Vorwand, die
Schwchung Deutschlands aber der wirkliche Zweck war, und sie sei
zweitens eine unverschmte Einmischung Rulands in deutsche
Angelegenheiten, die nicht geduldet werden drfe. Darauf erwidert nun
Lassalle, er knne in der Note eine Beleidigung nicht erblicken, aber
selbst wenn eine solche darin enthalten sei, so treffe sie ja doch nur
die deutschen Regierungen. Denn, diable! was geht Dich und mich
die Machtstellung des Prinzen von Preuen an? Da alle seine Tendenzen
und Interessen gegen die Tendenzen und Interessen des deutschen Volkes
gerichtet sind, so liegt es vielmehr gerade im Interesse des deutschen
Volkes, wenn die Machtstellung des Prinzen nach auen so gering wie
mglich ist. Man msse sich also eher solcher Demtigungen freuen und
sie hchstens in dem Sinne gegen die Regierungen benutzen, wie es die
Franzosen unter Louis Philipp getan htten.

Man kann sich wohl nicht hochverrterischer ausdrcken, als es hier
berall geschieht, und diejenigen, die ehedem Lassalle als das Muster
eines guten Patrioten im nationalliberalen Sinne dieses Wortes der
Sozialdemokratie von heute gegenberstellten, haben nach
Verffentlichung der Lassalleschen Briefe an Marx und Engels einfach
einpacken mssen. Die Motive, die Lassalle bei der Abfassung des
Italienischen Krieges leiteten, sind alles andere, nur nicht eine
Anerkennung der nationalen Mission der Hohenzollern. Weit entfernt, da
hier, wie es in den meisten brgerlichen Biographien heit, bei Lassalle
der Parteimann hinter den Patrioten zurcktritt, kann man im Gegenteil
eher sagen, da der Parteimann, der republikanische Revolutionr, den
Patrioten zurckdrngt.

Man knnte freilich mit einem gewissen Schein von Recht die Frage
aufwerfen: Ja, wenn der Standpunkt, den Lassalle in seinen Briefen an
Marx entwickelt, so grundverschieden ist von dem, den er in der
Broschre vertritt, wer garantiert dann, da der erstere der wirklich
von Lassalle im Innersten seines Herzens eingenommene ist? Kann Lassalle
nicht, da er doch das eine Mal sein wahres Gesicht verhllt, dies Marx
gegenber getan haben? Gegen diese Annahme sprechen aber so viele
Grnde, da es kaum der Mhe lohnt, sich mit ihr zu belassen. Der
wichtigste ist der, da der Widerspruch zwischen Broschre und Briefen
schlielich doch nur ein scheinbarer ist. Wo Lassalle in der Broschre
etwas sagt, was sich nicht mit den in seinen Briefen entwickelten Ideen
deckt, da spricht er immer nur hypothetisch mit einem groen Wenn,
und diesem Wenn stellt er am Schlu ein Wenn aber nicht, dann
gegenber, und formuliert dieses Dann so: So wird damit nur aber
und aber bewiesen sein, da die Monarchie in Deutschland einer
nationalen Tat nicht mehr fhig ist. Die positiven Behauptungen in
der Broschre hlt er aber alle auch in den Briefen aufrecht. Er meint
es vollkommen aufrichtig mit der, den Hauptinhalt der Broschre
ausmachenden Darlegung, da die Demokratie -- worunter er die
Gesamtheit der entschiedenen Oppositionsparteien verstand -- den Krieg
gegen Frankreich nicht gutheien drfe, weil sie sich dadurch mit den
Unterdrckern Italiens identifiziere, und es war ihm ferner durchaus
ernst mit dem Wunsche der Zertrmmerung sterreichs. Bis soweit ist
denn auch die Broschre, ob man nun den in ihr entwickelten Standpunkt
fr richtig hlt oder nicht, als subjektive Meinungsuerung
vollkommen berechtigt.

Anders mit dem Schlukapitel. Dort treibt Lassalle eine Diplomatie, die
gerade er in seinem Kommentar zum Franz von Sickingen als verwerflich
bekmpft hatte. Auch der demokratische Politiker braucht nicht in jedem
Zeitpunkt seine letzten Absichten auszuposaunen. Aber es steht ihm nicht
an und bringt ihn in eine falsche Lage, wenn er fr eine Politik
eintritt, von der er nicht auch will, da sie befolgt werde. Das jedoch
tut Lassalle. Der uneingeweihte Leser seiner Schrift mute glauben, er
wnsche nichts sehnlicher, als da die preuische Regierung die darin
von ihm entwickelte Politik befolge. Wohl konnte er sich darauf berufen,
da er sicher war, die preuische Regierung werde diese Politik nicht
befolgen. Damit war aber das Doppelspiel sicherlich nicht
gerechtfertigt. Das Advokatenstck, eine Sache nur deshalb zu
empfehlen, weil man zu wissen glaubt, da sie doch nicht geschieht, ist
ein durchaus falsches Mittel der Politik, nur geeignet, die eigenen
Anhnger irrezufhren, was ja spter auch in diesem Falle eingetreten
ist. Das Beispiel, auf das Lassalle sich fr seine Taktik beruft, ist
das denkbar unglcklichste. Die Art, wie die republikanische Opposition
in Frankreich unter Louis Philipp, die Herren vom National,
auswrtige Politik machten, ebnete spter dem Mrder der Republik, dem
Bonapartismus, die Bahn. Wie die reinen Republikaner die
napoleonische Legende gegen Louis Philipp, so glaubte Lassalle die
friderizianische Legende gegen die damalige preuische Regierung
ausspielen zu knnen. Aber die friderizianische Tradition, wenigstens
soweit sie hier in Betracht kam, war keineswegs von der preuischen
Regierung aufgegeben, und statt gegen die Hauspolitik der
Hohenzollern, machte Lassalle Propaganda fr sie.

Wie diese spter, sobald Preuen sich dazu militrisch stark genug
fhlte, energisch aufgenommen wurde, wie sie zunchst zum Brgerkrieg
zwischen Nord- und Sddeutschland fhrte, wie sterreich glcklich
aus dem deutschen Bund herausgedrngt und die Einigung
Rumpf-Deutschlands alsdann vollzogen wurde, haben wir gesehen,
aber diese Realisierung des im Italienischen Krieg entwickelten
Programms verhlt sich zu der Lsung, die Lassalle vorschwebte, wie
in der Lessingschen Fabel das Kamel zum Pferd[7].

[Wohin hat uns die preuische Lsung der deutschen Frage gebracht?
sterreichs Verdrngung aus dem deutschen Bund hat die panslawistische
Propaganda im hchsten Grade gefrdert, die sterreichische Regierung
mu heute den Slawen eine Konzession nach der andern machen, und diese
traten infolgedessen mit immer greren Ansprchen auf. Wo sie frher
mit Anerkennung ihrer Sprache und Nationalitt zufrieden gewesen wren,
wollen sie heute herrschen und unterdrcken; in Prag, heute eine
tschechische Stadt, fraternisierten Tschechen und franzsische
Chauvinisten und toastierten auf den Kampf wider das Deutschtum. Die
Angliederung der deutschen Landesteile sterreichs an Deutschland wird
frher oder spter freilich doch erfolgen, aber unter zehnfach
ungnstigeren Verhltnissen als vor der glorreichen Herauswerfung
sterreichs aus dem deutschen Bunde. Vorlufig mu das Deutsche Reich
ruhig zusehen, wie in jenen Landesteilen die Slawisierung immer weiter
um sich greift, denn die Bismarckische Art der Einigung Deutschlands hat
Ruland so stark gemacht, da die deutsche Politik wieder das grte
Interesse an der Erhaltung selbst dieses sterreichs hatte. Etwas ist
immer noch besser als gar nichts. Und freilich, solange in Ruland der
Zarismus mit seinen panslawistischen Aspirationen herrscht, so lange
mag das heutige sterreich als Staat noch eine Berechtigung haben.]

Lassalle wollte natrlich ganz etwas anderes als die bloe
Herausdrngung sterreichs aus dem Reiche. Er wollte die Zertrmmerung,
die Vernichtung sterreichs, dessen deutsche Lnder einen integrierenden
Teil der einen und unteilbaren deutschen Republik bilden sollten. Aber
um so weniger durfte er auch nur zum Schein ein Programm aufstellen,
dessen unmittelbare Folge der Brgerkrieg in Deutschland sein mute, ein
Krieg von Norddeutschland gegen Sddeutschland, dessen Bevlkerung 1859
ganz entschieden auf seiten sterreichs stand. Nur Lassalles starke
Geneigtheit, dem jeweilig verfolgten Zweck alle auer ihm liegenden
Rcksichten zu opfern, erklrt dieses Zurckgreifen auf eine Diplomatie,
die er noch soeben im Franz von Sickingen aufs schrfste verurteilt
hatte.

Hinzu kam bei Abfassung der Broschre der leidenschaftliche Drang, in
die aktuelle Politik einzugreifen. Er spricht sich immer und immer
wieder in seinen Briefen aus. Wenn Lassalle um jene Zeit die Beteiligung
an irgendeiner Sache mit dem Hinweis auf seine wissenschaftlichen
Arbeiten, die er noch vorhabe, ablehnt, so geschieht es mit dem
Vorbehalt: Aber wenn sich eine Mglichkeit bietet, unmittelbar auf die
revolutionre Entwicklung einzuwirken, dann lasse ich auch die
Wissenschaft liegen. So hatte er auch am 21. Mrz 1859 an Fr. Engels
geschrieben:

Vielmehr werde ich beim nationalkonomischen und
geschichtsphilosophischen Fache -- ich meine Geschichte im Sinne von
sozialer Kulturentwicklung -- von nun an wohl verbleiben, wenn nicht,
was freilich sehr zu hoffen wre, der endliche Beginn praktischer
Bewegungen alle grere theoretische Ttigkeit sistiert.

Wie gerne will ich ungeschrieben lassen, was ich etwa wei, wenn es
dafr gelingt, einiges von dem zu tun, was wir (Partei-Plural) knnen.

Und sechs Wochen, nachdem er das geschrieben, sollte Lassalle ins
monarchistisch-kleindeutsche Lager abgeschwenkt sein? Nein, seine
Diplomatie war falsch, aber seine Absicht war die alte geblieben: die
Revolution fr die eine und unteilbare deutsche Republik. Sie ist
gemeint, wenn er der Schrift das Motto aus dem Virgil voransetzt:
Flectere si nequeo superos acheronta movebo -- wenn ich die Gtter --
die Regierung -- nicht beeinflussen kann, werde ich den Acheron --
das Volk -- in Bewegung setzen.

       *       *       *       *       *

Die nchste Publikation, die Lassalle dem Italienischen Krieg usw.
folgen lie, war ein Beitrag fr eine Zeitschrift in Buchform, die der
demokratische Schriftsteller Ludwig Walesrode unter dem Titel
Demokratische Studien im Sommer 1860 herausgab. Es ist dies der
spter als Broschre herausgegebene Aufsatz: Fichtes politisches
Vermchtnis und die neueste Gegenwart. Man knnte ihn als ein
Nachwort zu Der italienische Krieg usw. bezeichnen, in welchem
Lassalle das offen heraussagt, was er dort zu verhllen fr gut
befunden. Das politische Vermchtnis Fichtes ist, wie Lassalle unter
Vorfhrung eines im Fichteschen Nachla vorgefundenen Entwurfs zu
einer politischen Abhandlung darlegt, der Gedanke der Einheit
Deutschlands als unitarische Republik. Anders sei die Verwirklichung
der Einheit Deutschlands berhaupt nicht mglich. Bei einer Eroberung
Deutschlands durch irgendeinen der bestehenden deutschen Staaten wrde
nicht Deutschland hergestellt, sondern nur die anderen Stmme durch
die gewaltsame Aufdrngung des spezifischen Hausgeistes unter die
Besonderheit desselben gebracht, preuifiziert, verbayert,
versterreichert! ... Und indem so auch noch diejenige Ausgleichung
fortfiele, welche jetzt noch in dem Dasein der verschiedenen
Besonderheiten liegt, schreibt er, wrde gerade dadurch das deutsche
Volk auch noch in seiner geistigen Wurzel aufgehoben.

Die Eroberung Deutschlands, nicht im spezifischen Hausgeiste, sondern
mit freiem Aufgehen desselben in den nationalen Geist und seine Zwecke,
wre freilich ein ganz anderes! Aber die Idealitt dieser Entschlieung
ist es geradezu tricht von Mnnern zu verlangen -- es ist von den
deutschen Frsten, speziell vom Knig von Preuen, die Rede -- deren
geistige Persnlichkeit doch wie die aller anderen ein bestimmtes
Produkt ihrer Faktoren in Erziehung, Tradition, Neigung und Geschichte
ist und die dies daher ebensowenig leisten knnen, als es einer von uns
anderen leisten wrde, wenn seine Bildung und Erziehung ausschlielich
durch dieselben Faktoren bestimmt worden wre.

Dies sind die letzten eigenen Ausfhrungen Lassalles in dem Aufsatze. Es
folgen dann nur noch Darlegungen Fichtes, da und warum die Einheit
Deutschlands nur mglich sei auf Grundlage der ausgebildeten
persnlichen Freiheit, und da gerade deshalb die Deutschen im
ewigen Weltenplane berufen seien, ein wahrhaftes Reich des Rechts
darzustellen, ein Reich der Freiheit, gegrndet auf Gleichheit alles
dessen, was Menschenantlitz trgt. Und ferne sei es von uns, die
unerreichbare Gewalt dieser Worte durch irgendwelche Hinzufgungen
abschwchen zu wollen, schliet Lassalle. Dann, zum Verleger
gewendet: Habe ich nun, geehrter Herr, auch Ihrem Wunsche -- einen
Artikel ber eine brennende Tagesfrage zu schreiben -- nicht
buchstblich entsprochen, so ist doch, denke ich, Ihr Zweck erfllt --
wie der meinige.

Welches aber war Lassalles Zweck bei der Verffentlichung des Aufsatzes,
der das Datum: Januar 1860, trgt? Auch darber gibt ein Brief an Marx
uns Auskunft. Unter dem 14. April 1860 legt Lassalle diesem dar, warum
er, obwohl seine ganze Zeit zur Fertigstellung eines groen Werkes in
Anspruch genommen sei, Walesrodes Einladung angenommen habe. Erstens
habe er in diesem einen sehr redlichen Mann gefunden, der mutvoll und
tapfer, wie auch seine verdienstliche Broschre Politische
Totenschau zeige, wohl verdiene, da man etwas fr ihn tue. Dann aber
heit es weiter:

Endlich konnte das Taschenbuch doch vielleicht einigen entwickelnden
Einflu auf unsere deutschen Philister ausben, und schlug ich aus, so
kam der Auftrag jedenfalls an einen weit weniger entschiedenen, ja ganz
unbedingt an einen mit monarchischem oder hnlichem Demokratismus oder
klein-deutschen Ideen Liebugelnden, whrend mir der Auftrag die
Mglichkeit bot, wieder einmal einen echt republikanischen Feldruf
ertnen zu lassen und so im Namen unserer Partei von einem Buche Besitz
zu ergreifen, welches, wie ich mir vorstelle, nach seinem sonstigen
Inhalt, obgleich ich weder ber diesen noch seine Mitarbeiter Nheres
wei, schwerlich zur Verbreitung unserer Ideen und des Einflusses
unserer Partei beigetragen htte.

So schreiben-wollend und nicht wollend entstand ein Artikel, von dem
ich mir, speziell um ihn Dir zu berschicken, einen besonderen Abzug
kommen lie. (Das Buch erscheint erst zur Oktobermesse.) Ich schicke ihn
gleichzeitig mit diesem Brief, bitte Dich, ihn zu lesen und dann an
Engels zu senden und endlich mir zu schreiben, ob er Dir gefallen.

Ich glaube, da er mitten in diesem widrigen gothaischen Gesumme doch
immerhin den erfrischenden Eindruck macht, da hinter den Bergen auch
noch Leute, da eine republikanische Partei noch lebt, den Eindruck
eines Trompetenstoes.

Das Werk, an dessen Fertigstellung F. Lassalle damals arbeitete, war das
System der erworbenen Rechte. Drollig und doch wieder fr jeden, der
sich mit greren Arbeiten beschftigt, ungemein verstndlich klingt die
Klage Lassalles, die Arbeit ziehe sich so lange hin, da er bereits
einen intensiven Ha gegen sie bekommen habe. Aber das verm--
Werk, wie er es an einer anderen Stelle in demselben Briefe nennt,
sollte auch in den drei Monaten, die er sich nun als Termin stellt,
noch nicht fertig werden.

Lassalle litt im Jahre 1860 wieder stark an Anfllen jener chronischen
Krankheit, von der er bereits in der Dsseldorfer Assisenrede spricht,
und die ihn periodisch immer wieder heimsuchte. Ich war und bin noch
recht krank, fngt ein Brief an, der Ende Januar 1860 geschrieben sein
mu, ich war von neuem krank und schlimmer als frher, beginnt der
obenzitierte Brief. Habe ich mich in der letzten Zeit berarbeitet oder
rcht sich nun zu lange Vernachlssigung, heit es weiter, kurz,
es scheint als ob meine Gesundheit aufgehrt habe, der unverwstliche
Fels zu sein, auf den ich sonst so zuversichtlich pochen konnte. Um
sich grndlich zu heilen, ging Lassalle im Sommer desselben Jahres
nach Aachen. Dort machte er die Bekanntschaft einer jungen Russin,
Sophie von Sontzew, die ihren Vater, der ebenfalls einer Kur bedrftig
war, nach Aachen begleitet hatte, und diese Dame nahm Lassalle so fr
sich ein, da er ihr noch in Aachen einen Heiratsantrag machte, den
aber Frulein von Sontzew nach einigen Wochen Bedenkzeit ablehnte.

Es sind ber diese Episode aus dem bewegten Leben Lassalles fast nur die
Aufzeichnungen bekannt geworden, die das damalige Frulein von Sontzew,
spter die Gattin eines Gutsbesitzers in Sdruland, im Jahre 1877 in
der Petersburger Revue Der Europische Bote verffentlicht hat, und
von denen eine bersetzung ins Deutsche ein Jahr darauf im Verlage von
F. A. Brockhaus in Leipzig erschien[8]. Die eigentliche Liebesaffre ist
nicht besonders interessant. Es geht alles ungemein korrekt zu. Sophie
von Sontzew schreibt, da Lassalle zwar einen groen Eindruck auf sie
gemacht, da sie auch vorbergehend geglaubt habe, ihn lieben zu knnen,
es seien aber stets sofort wieder Zweifel in ihr aufgetaucht, bis sie
sich schlielich darber klar geworden sei, da eine Liebe, die
zweifelt, keine Liebe sei -- vor allem keine Liebe, wie Lassalle sie
unter Hinweis auf die Kmpfe beanspruchte, die die Zukunft ihm bringen
werde. Vielleicht, da auch die Aussicht gerade auf diese Kmpfe die
junge Dame mehr schreckte, als sie zugesteht -- Tagebuchgestndnisse und
Memoiren sagen bekanntlich nie die volle Wahrheit. Auf der andern Seite
scheint uns die Auffassung, die es dem damaligen Frulein von Sontzew
beinahe als ein Verbrechen anrechnet, von Lassalle geliebt worden zu
sein, ohne seine Liebe zu erwidern, etwas gar zu sentimental. Die Dame
hatte ein unbestrittenes Recht, ihr Herz nicht zu verschenken, auch
wute Lassalle sich, so strmisch seine Werbungen gewesen, ber den
Mierfolg bald zu trsten.

Weit interessanter als die eigentliche Liebesaffre sind die aus Anla
dieser geschriebenen Briefe Lassalles an Sophie von Sontzew, und vor
allem der schon frher erwhnte, als Seelenbeichte bezeichnete,
mehr als 35 Druckseiten ausfllende Manuskriptbrief. Dieser ist eines
der interessantesten Dokumente fr die Charakteristik Lassalles. Sehen
wir in dessen erstem Tagebuch den zum Jngling heranreifenden Knaben,
so sehen wir hier den zum Mann herangereiften Jngling sein Ich
blolegen. Freilich gilt auch in diesem Falle das oben von solchen
Bekenntnissen Gesagte, aber einer der hervorstechendsten Charakterzge
Lassalles ist seine -- man knnte fast sagen, unbewute
Wahrhaftigkeit. Lassalle war, wie schon seine bestndige Neigung,
ins Pathetische zu verfallen, zeigt, eine theatralisch angelegte
Natur. Er schauspielerte gern ein wenig und war viel zu sehr
Gesellschaftsmensch, um darin ein Unrecht zu erblicken, wenn er die
Sprache nach dem Rezept Talleyrands dazu verwendete, seine Gedanken zu
verbergen. Aber es war ihm doch nicht mglich, sich als Mensch anders
zu geben, als er wirklich war. Seine Neigungen und Leidenschaften
waren viel zu stark, als da sie sich nicht berall verraten htten,
seine Persnlichkeit viel zu ausgeprgt, um nicht durch jedes Gewand,
in dem er auftreten mochte, hindurchzublicken. So schaut auch aus dem
Bilde, das Lassalle fr Sophie von Sontzew von sich entwirft, obwohl
es eine Schilderung gibt, wie er dem jungen Mdchen erscheinen wollte,
der richtige Lassalle heraus, mit seinen Vorzgen und seinen Fehlern.

Auf Schritt und Tritt kommt hier sein hochgradiges Selbstvertrauen und
seine Einbildungskraft zum Ausdruck. Es wurde schon erzhlt, wie er in
diesem Manuskript sich im Glanze seines zuknftigen Ruhmes sonnt, sich
als der Fhrer einer Partei hinstellt, die in Wirklichkeit noch gar
nicht existierte, die Aristokratie und Bourgeoisie ihn frchten und
hassen lt, wo zur Furcht und zum Ha damals jeder Anla fehlte. Ebenso
bertreibt er seine schon erzielten Triumphe. Nichts, Sophie,
schreibt er ber den Erfolg der Kassettenrede, kann Ihnen auch nur
annhernd eine Vorstellung von dem elektrischen Eindruck geben, den
ich hervorbrachte. Die ganze Stadt, die Bevlkerung der ganzen Provinz
schwamm sozusagen auf den Wogen des Enthusiasmus ... alle Klassen,
die ganze Bourgeoisie war trunken vor Enthusiasmus ... dieser Tag
verschafft mir in der Rheinprovinz den Ruf eines Redners ohnegleichen
und eines Mannes von unbegrenzter Energie, und die Zeitungen trugen
diesen Ruf durch die ganze Monarchie ... Seit diesem Tage erkannte
mich die demokratische Partei in der Rheinprovinz als ihren
Hauptfhrer an. Dann schreibt er vom Dsseldorfer Proze, da er aus
diesem mit nicht weniger Glanz hervorging. Ich werde Ihnen meine
Rede aus diesem Prozesse geben, da diese gleichfalls gedruckt ist; sie
wird Sie amsieren. Da er die Rede gar nicht gehalten hat, schreibt
er nicht.

Neben diesen Zgen einer wahrhaft kindlichen oder kindischen Eitelkeit
fehlen aber auch nicht solche eines berechtigten, weil auf Grundstzen,
statt auf ueren Ehren, beruhenden Stolzes, und durch den ganzen Brief
hindurch klingt der Ton einer echten berzeugung. Selbst wenn Lassalle
von dem Glanz spricht, mit dem der Eintritt gewisser Ereignisse
-- der erwarteten Revolution -- das Leben seiner zuknftigen Frau
ausstatten wrde, setzt er sofort hinzu: Aber, nicht wahr, Sophie,
mit so groen Dingen, die das Ziel der Anstrengungen des ganzen
Menschengeschlechts bilden, darf man nicht eine bloe Spekulation auf
individuelles Glck machen? -- und bemerkt weiter: Deshalb darf man
in keiner Weise darauf rechnen.

Noch in einer anderen Hinsicht ist die Seelenbeichte Lassalles von
Interesse. Er spricht sich darin sehr ausfhrlich ber sein Verhltnis
zur Grfin Hatzfeldt aus. Mag nun auch manches in bezug auf seine
frheren Beziehungen zu dieser Frau idealisiert sein, so ist doch soviel
sicher, da Lassalle keinen Grund hatte, einem Mdchen, um das er gerade
warb und das als Gattin heimzufhren er so groe Anstrengungen machte,
seine derzeitigen Empfindungen fr die Grfin, soweit sie ber die der
Achtung und Dankbarkeit hinausgingen, strker zu schildern, als sie
wirklich waren. Tatschlich ergeht sich Lassalle nun in dem Brief in
Ausdrcken geradezu leidenschaftlicher Zrtlichkeit fr die Grfin. Er
liebe sie mit der zrtlichsten Liebe eines Sohnes, die je existiert
hat, noch dreimal mehr wie seine zrtlich geliebte Mutter. Er
verlangt von Sophie, da sie, wenn sie ihn zum Mann nehme, die Grfin
mit der wahren Zrtlichkeit einer Tochter liebe, und hofft, obwohl
die Grfin auerordentlich zartfhlend sei und, ehe sie nicht
wisse, ob Sophie Sontzew sie auch liebe, nicht bei dem jungen Paar
werde wohnen wollen, sie doch dazu bestimmen zu knnen, -- um alle
drei glcklich und vereint zu leben[9].

Daraus geht hervor, da diejenigen, die die Sache so hinstellen, als
habe sich die Grfin Hatzfeldt damals in Berlin und spter Lassalle
einer Klette gleich aufgedrungen, jedenfalls malos bertrieben haben.
Die Hatzfeldt hatte ihre groen Fehler und ihre Freundschaft ist
Lassalle unseres Erachtens nach mehreren Richtungen hin uerst
verderblich gewesen, aber gerade weil wir dieser Ansicht sind, halten
wir es fr unsere Pflicht, da, wo dieser Frau Unrecht geschehen, dem
entgegenzutreten. Nichts abgeschmackter als die, von verschiedenen
Schriftstellern dem bekannten Beckerschen Pamphlet nachgeschriebene
Behauptung, Lassalle habe sich spter in die Dnniges-Affre gestrzt,
um die Hatzfeldt loszuwerden.

Sophie Sontzew spricht sich brigens ber den Eindruck, den die Grfin
Hatzfeldt persnlich auf sie gemacht habe, nur gnstig aus.

Drei Briefe Lassalles an Marx datieren aus der Zeit seines damaligen
Aufenthalts in Aachen. Natrlich ist in keinem von der Liebesaffre mit
der Sontzew die Rede. Nur einige Bemerkungen in einem der Briefe ber
die Verhltnisse am russischen Hofe lassen auf die Sontzews als Quelle
schlieen. Aber die Briefe enthalten sonst ziemlich viel des
Interessanten, und eine Stelle in einem davon ist ganz besonders
bemerkenswert, weil sie zeigt, wie Lassalle selbst zu einer Zeit, wo er
in Berlin noch mit den Fhrern der liberalen Opposition auf bestem Fue
stand, ber die damalige liberale Presse und ber den von den Liberalen
in den Himmel gehobenen preuischen Richterstand dachte. Da sie ebenso
kurz wie drastisch ist, mag sie hier einen Platz finden.

Marx hatte den Redakteur der Berliner National-Zeitung, Zabel, der ihn,
unter Benutzung des gegen ihn gerichteten Vogtschen Pamphlets der
infamierendsten Handlungen verdchtigt hatte, wegen Verleumdung zur
Rechenschaft ziehen wollen, war aber in drei Instanzen, noch ehe es zum
Proze kam, abgewiesen worden. Die betreffenden Richter am Stadtgericht,
am Kammergericht und am Obertribunal in Berlin fanden nmlich, da wenn
Zabel alle diese Verleumdungen Vogts ber Marx wiederholt und sie dabei
noch bertrumpft hatte, er dabei durchaus nicht die Absicht gehabt haben
konnte, Marx zu beleidigen. Ein solches Rechtsverfahren nun hatte Marx
selbst in Preuen fr unmglich gehalten, und er schrieb das auch an
Lassalle, worauf ihm dieser, der Marx von Anfang an vom Proze abgeraten
hatte, weil doch auf Recht nicht zu hoffen sei, wie folgt antwortete:

Du schreibst, nun wtest Du, da es von den Richtern abhngt bei
uns, ob es ein Individuum berhaupt nur bis zum Proze bringen kann!
Lieber, was habe ich Dir neulich einmal Unrecht getan, als ich in
einem meiner Briefe sagte, da Du zu schwarz siehst! Ich schlage ganz
reuig an meine Brust und nehme das gnzlich zurck. Die preuische
Justiz wenigstens scheinst Du in einem noch viel zu rosigen Lichte
betrachtet zu haben! Da habe ich noch ganz andere Erfahrungen an
diesen Burschen gemacht, noch ganz anders starke Beweise fr diesen
Satz, und noch ganz anders starke Flle berhaupt an ihnen erlebt, und
zwar zu dreimal drei Dutzenden und in Straf- wie besonders sogar in
reinen Zivilprozessen ... Uff! Ich mu die Erinnerung daran gewaltsam
unterdrcken. Denn wenn ich an diesen zehnjhrigen tglichen
Justizmord denke, den ich erlebt habe, so zittert es mir wie
Blutwellen vor den Augen und es ist mir, als ob mich ein Wutstrom
ersticken wollte! Nun, ich habe das alles lange bewltigt und
niedergelebt, es ist Zeit genug seitdem verflossen, um kalt darber zu
werden, aber nie wlbt sich meine Lippe zu einem Lcheln tieferer
Verachtung, als wenn ich von Richtern und Recht bei uns sprechen hre.
Galeerenstrflinge scheinen mir sehr ehrenwerte Leute im Verhltnis zu
unsern Richtern zu sein.

Nun aber, Du wirst sie fassen dafr, schreibst Du. >Jedenfalls,<
sagst Du, >liefern mir die Preuen so ein Material in die Hand, dessen
angenehme Folgen in der Londoner Presse sie bald merken sollen!< Nein,
lieber Freund, sie werden gar nichts merken. Zwar zweifle ich nicht,
da Du sie in der Londoner Presse darstellen und vernichten wirst.
Aber merken werden sie nichts davon, gar nichts, es wird sein, als
wenn Du gar nicht geschrieben httest. Denn englische Bltter liest
man bei uns nicht, und, siehst Du, von unseren deutschen Zeitungen
wird auch keine einzige davon Notiz nehmen, keine einzige auch nur ein
armseliges Wrtchen davon bringen. Sie werden sich hten! Und unsere
liberalen Bltter am allermeisten! Wo werden denn diese Kalbskpfe ein
Wrtchen gegen ihr heiligstes Palladium, den >preuischen
Richterstand< bringen, bei dessen bloer Erwhnung sie vor Entzcken
schnalzen -- sie sprechen schon das Wort nie anders als mit zwei
vollen Pausbacken aus -- und vor Respekt mit dem Kopf auf die Erde
schlagen! O, gar nichts werden sie davon bringen, es von der Donau bis
zum Rhein und soweit sonst nur immer >die deutsche Zunge reicht<,
ruhig totschweigen! Was ist gegen diese Preverschwrung zu machen?
O, unsere Polizei ist, man sage was man will, noch immer ein viel
liberaleres Institut als unsere Presse! Es ist -- hilf Himmel!
ich wei wirklich keinen anderen Ausdruck fr sie -- es ist die
reine ......

Das Wort, das Lassalle hier braucht, ist zu burschikos, um es im Druck
wiederzugeben, der Leser mag es nach Belieben selbst ergnzen.

Im Jahre 1861 verffentlichte Lassalle im zweiten Band der
Demokratischen Studien einen kleinen Aufsatz ber Lessing, den er
bereits 1858, beim Erscheinen des Stahrschen Buches: Lessings Leben und
Werke geschrieben, und lie endlich sein groes rechtsphilosophisches
Werk Das System der erworbenen Rechte erscheinen.

Der Aufsatz ber Lessing ist verhltnismig unbedeutend. Er ist noch
vorwiegend in althegelianischer Sprache gehalten und lehnt sich sachlich
sehr stark an die Ausfhrungen an, die Heine in ber Deutschland
mit Bezug auf Lessings Bedeutung fr die Literatur und das ffentliche
Leben in Deutschland abgibt. Wie Heine feiert auch Lassalle Lessing
als den zweiten Luther Deutschlands, und wenn er am Schlu des
Aufsatzes unter Hinweis auf die groe hnlichkeit der Situation des
derzeitigen Deutschland mit der zur Zeit Lessings ausruft: hnliche
Situationen erzeugen hnliche Charaktere, so mag ihm da wohl Heines
Ausspruch vorgeschwebt haben: Ja, kommen wird auch der dritte Mann,
der da vollbringt, was Luther begonnen, was Lessing fortgesetzt, und
dessen das deutsche Vaterland so sehr bedarf -- der dritte Befreier!
War es doch sein hchstes Streben, selbst dieser dritte Befreier zu
werden. Wie im Hutten des Franz von Sickingen, so spiegelt sich auch
im Lessing dieses Aufsatzes Lassalles eigene Gedankenwelt wider. Es
fehlt selbst die Apotheose des Schwertes nicht. Allein wenn wir den
Begriff Lessings durch die Gebiete der Kunst, Religion, Geschichte
durchgefhrt haben, wie ist es mit der Politik? fragt Lassalle, und
um denjenigen, die nach Lessings Stellungnahme auf den vorerwhnten
Gebieten darber noch nicht im klaren seien, die letzten Zweifel zu
lsen, zitiert er aus den Lessingschen Fragmenten zum Spartakus eine
Stelle, wo Spartakus auf die hhnende Frage des Konsuls: Ich hre,
du philosophierst, Spartakus, zurckgibt:

    Wo du nicht willst, da ich philosophieren soll -- Philosophieren,
    es macht mich lachen! -- Nun wohlan! Wir wollen fechten!

Zwei Dezennien darauf sei in der franzsischen Revolution diese
Prophezeiung Lessings eingetroffen. Und dieser Ausgang werde nach Stahr
wohl auch das Ende vom Liede sein in dem Handel zwischen dem Spartakus
und dem Konsul der Zukunft.


Funoten:

  [4] Da Vogt verdchtig war, hatte Lassalle, der ursprnglich Vogt in
  Schutz genommen, schon frher zugegeben.

  [5] Desgleichen auch in einer zweiten Broschre von Engels Savoyen,
  Nizza und der Rhein. Lassalle hatte in seiner Broschre die Annexion
  Savoyens an Frankreich als eine ganz selbstverstndliche und, wenn
  Deutschland eine dieser Vergrerung aufwiegende Kompensation
  erhielte, ganz unanstige Sache hingestellt. Engels weist nun
  nach, welche auerordentlich starke militrische Position der Besitz
  Savoyens Frankreich Italien und der Schweiz gegenber verschaffe,
  was doch auch in Betracht zu ziehen war. Sardinien gab Savoyen
  preis, weil es im Moment mehr dafr eintauschte, die Schweizer waren
  aber durchaus nicht erbaut von dem Handel, und ihre Staatsmnner,
  Stmpfli, Frey-Heros u. a., taten ihr mglichstes, die berlieferung
  des bisher neutralen Savoyer Gebiets in franzsische Hnde zu
  verhindern. Im Herr Vogt kann man nachlesen, durch welche Manver
  die bonapartistischen Agenten in der Schweiz jene Bemhungen
  hintertrieben. Alles brige sagt ein einfacher Blick auf die
  Landkarte.

  [6] Hierzu macht Lassalle in Klammern die Bemerkung: Nur da zum
  Glck auch Ihr ihm dieselbe nicht beibringen werdet, und darum
  erscheint mir der revolutionre Nutzen allerdings als gesichert.
  Wenn dem aber so war, wozu dann erst die Broschre?

  [7] Auf diesen Satz folgte in der ersten Auflage die oben in
  griechische Klammern gesetzte Betrachtung, die nicht nur durch die
  russische Revolution mit der Auflsung des russischen Imperiums den
  grten Teil ihrer sachlichen Bedeutung verloren hat, sondern die
  auch Wendungen enthlt, zu denen ich mich grundstzlich nicht mehr
  bekennen kann. Ich habe sie nur deshalb nicht ganz weggestrichen,
  weil sie immerhin erkennen lt, wie sich zur Zeit, wo sie
  geschrieben wurde -- 1891 -- nach meiner Ansicht die durch 1866
  geschaffene Lage unter deutschem Gesichtspunkt darstellte.

  In der englischen Ausgabe hat die Betrachtung eine redaktionelle
  Abnderung erfahren, die mir deshalb der Erwhnung wert erscheint,
  weil sie zweifelsohne auf Friedrich Engels zurckzufhren ist, der,
  wie im Vorwort mitgeteilt wurde, jene Ausgabe durchgesehen hat. Ins
  Deutsche zurckbersetzt lautet die Einleitung dort:

  Wohin hat die preuische Lsung der nationalen Frage Deutschland
  gebracht? Lassen wir die Frage Elsa-Lothringen beiseite -- die
  Annexion dieser Provinzen war ein weiterer Bockstreich -- und
  betrachten wir nur die Lage des deutschen Volkes gegenber Ruland
  und dem Panslawismus. sterreichs Verdrngung aus dem Deutschen Bund
  (weiter, wie im Original).

  Obwohl bei mir die Annexion Elsa-Lothringens mit keiner Silbe
  erwhnt war und sie fr Englnder damals noch kein spezielles
  Interesse hatte, nimmt Friedrich Engels doch die Gelegenheit wahr,
  ihrer zu erwhnen, um sie als einen groben politischen Fehler zu
  bezeichnen -- an additional blunder heit es im Englischen. Ein
  Beweis, wie wenig Engels diese Annexion fr endgltig ansah.

  Da im Englischen statt uns gebracht gesagt wird: Deutschland
  gebracht, war durch die Rcksicht auf das andre Lesepublikum von
  selbst geboten. Ich wrde aber heute auch aus stilistischen Grnden
  diese przisere Ausdrucksweise vorziehen.

  [8] Unter dem Titel Eine Liebes-Episode aus dem Leben Ferdinand
  Lassalles. Die Verfasserin ist nun auch lngst aus dem Leben
  geschieden.

  [9] Noch hinreiender schildert Lassalle sein seelisches Verhltnis
  zu Sophie von Hatzfeldt in einem Fragment gebliebenen Brief an eine
  ungenannte Adressatin, der er darin die Liebe aufkndigt, weil die
  Dame ihm erklrt hatte, sie knne es nicht vertragen, neben sich
  noch Sophie von Hatzfeldt um Lassalle zu sehen. Der Brief ist eine
  ganze Abhandlung ber seelische Liebe. (Vgl. Intime Briefe Ferdinand
  Lassalles, Nachtrag.)




Das System der erworbenen Rechte.


Das System der erworbenen Rechte, Lassalles wissenschaftliches
Hauptwerk, ist zwar in erster Linie nur fr den Rechtstheoretiker
geschrieben, doch liegt der Gegenstand, den es behandelt, den
praktischen Kmpfen der Gegenwart wesentlich nher als die Materie des
Heraklit, und wir wollen daher versuchen, wenigstens die
Hauptgedanken dieser Arbeit darzustellen, von der Lassalle mit Recht
gelegentlich den Ausdruck gebrauchen durfte, ein Riesenwerk
menschlichen Fleies. Darber herrscht bei Sachverstndigen so
ziemlich Einstimmigkeit, da das System der erworbenen Rechte
zugleich von der auerordentlichen geistigen Schaffenskraft, wie dem
groen juristischen Scharfsinn seines Verfassers Zeugnis ablegt. Aus
allen diesen Grnden wird man es berechtigt finden, wenn wir uns bei
diesem Buche etwas lnger aufhalten.

Es liegt auerhalb der Zustndigkeit des Schreibers dieser Abhandlung,
ein Urteil darber zu fllen, welche positive Bereicherung die
Rechtswissenschaft dem System der erworbenen Rechte verdankt. Das
vermag nur der Kenner der gesamten einschlgigen Literatur, der
theoretisch gebildete Jurist. Wir beschrnken uns hier darauf, die
Aufgabe zu kennzeichnen, die Lassalle sich mit seinem Buche stellt, die
Art, wie er sie lst, und den theoretischen Standpunkt, der seiner
Lsung zugrunde liegt.

Die Aufgabe selbst ist in dem Untertitel gegeben, den das in zwei Teile
zerfallende Gesamtwerk trgt. Eine Vershnung des positiven Rechts und
der Rechtsphilosophie. Lassalle fhrt in der Vorrede aus, da trotz
Hegels Versuch, eine Vershnung zwischen dem positiven Recht und dem
Naturrecht[10] herzustellen, die Entfremdung zwischen positiven Juristen
und Rechtsphilosophen zurzeit grer sei, als sie selbst vor Hegel
gewesen. Die Schuld daran trgen aber weniger die ersteren als die
letzteren; statt in den Reichtum des positiven Rechtsmaterials
einzudringen, htten sie sich begngt, im Himmel ihrer allgemeinen
Redensarten der groben Erde des realen Rechtsstoffs so fern wie mglich
zu bleiben. Unter den Rechtsphilosophen der Hegelschen Richtung herrsche
ein wahrer horror pleni, ein Grauen vor dem positiven Stoffe, woran
indes Hegel selbst unschuldig sei, der vielmehr unermdlich hervorgehoben
habe, da die Philosophie nichts so sehr erfordere, als die Vertiefung in
die Erfahrungswissenschaften. Hegels Rechtsphilosophie konnte, fhrt
Lassalle aus, nach den gesamten Grundbedingungen, unter denen dieselbe
erschien, als der erste Versuch, das Recht als einen vernnftigen, sich
aus sich selbst entwickelnden Organismus nachzuweisen, zur wirklichen
Rechtsphilosophie gar kein anderes Verhltnis einnehmen, als etwa die
allgemeine logische Disposition eines Werkes zu dem Werke selbst.
Htten nun die Philosophen sich nicht darauf beschrnkt, bei den
dnnen, allgemeinen Grundlinien derselben -- Eigentum, Familie,
Vertrag usw. -- stehenzubleiben, wren sie dazu bergegangen, eine
Philosophie des Staatsrechts in dem ... Sinne einer philosophischen
Entwicklung der konkreten einzelnen Rechtsinstitute desselben zu
schreiben, so wrde sich an dem bestimmten Inhalt dieser einzelnen
positiven Rechtsinstitute sofort herausgestellt haben, da mit den
abstrakt-allgemeinen Kategorien vom Eigentum, Erbrecht, Vertrag,
Familie usw. berhaupt nichts getan ist, da der rmische Eigentumsbegriff
ein anderer ist, als der germanische Eigentumsbegriff, der rmische
Erbtumsbegriff ein anderer als der germanische Erbtumsbegriff, der
rmische Familienbegriff ein anderer als der germanische
Familienbegriff usw., d. h. da die Rechtsphilosophie, als in das
Reich des historischen Geistes gehrend, es nicht mit logisch-ewigen
Kategorien zu tun hat, sondern da die Rechtsinstitute nur
Realisationen historischer Geistesbegriffe, nur der Ausdruck des
geistigen Inhalts der verschiedenen historischen Volksgeister und
Zeitperioden, und daher nur als solche zu begreifen sind. Eingehend
und erschpfend sei dies durch den ganzen zweiten Teil des
vorliegenden Werkes an dem Erbtumsbegriff nachgewiesen und an dem
Beispiel desselben der Beweis geliefert, da jene Hegelsche
Disposition selbst, wie der gesamte Bau und die Architektonik der
Hegelschen Rechtsphilosophie vollstndig aufgegeben werden mu und
nichts von der Hegelschen Philosophie bewahrt werden kann, als ihre
Grundprinzipien und ihre Methode, um die wahre Rechtsphilosophie zu
erzeugen ... Das gelte aber auch von dem Verhltnis des Hegelschen
Systems zur Geistesphilosophie berhaupt, und wenn die Zeit
theoretischer Mue fr die Deutschen niemals aufhren sollte, -- man
kann sie heute nicht mehr mit Tacitus eine rara temporum felicitas
(ein seltenes Glck) nennen, fgt Lassalle mit berechtigter
Bitterkeit hinzu -- so werde er, Lassalle, vielleicht eines Tages dies
in einem neuen System der Philosophie nachweisen. Indes werde die von
ihm verlangte totale Reformation der Hegelschen Philosophie doch im
Grunde nur dieselbe von Hegel getragene Fahne darstellen, die nur
auf einem anderen Wege zum Siege gefhrt werden soll. Es sind immer
die Grundprinzipien und die Methode der Hegelschen Philosophie, die
nur gegen Hegel selbst Recht behalten. Hegel habe, wegen
unzureichender Bekanntschaft mit dem Stoffe, dem Recht vielleicht
hufig greres Unrecht getan, als irgendeiner anderen Disziplin.
Wenn er die rmischen Juristen als die Ttigkeit des abstrakten
Verstandes auffate, so werden wir auf das Positivste im ganzen
Verlauf des zweiten Bandes zum Nachweis bringen, wie dies nur von
unseren Juristen, von den rmischen aber das strikte Gegenteil gilt.
Wir werden sehen, wie ihre Ttigkeit vielmehr schlechterdings nur die
des spekulativen Begriffs ist, nur eine sich selbst nicht
durchsichtige und bewute, wie dies ganz ebenso bei der Ttigkeit des
religisen und knstlerischen Geistes der Fall ist ... Allein hiermit
wird dann immer nur erwiesen sein, da die Hegelsche Philosophie noch
weit mehr recht hatte, als Hegel selbst wute, und da der spekulative
Begriff noch weitere Gebiete und noch viel intensiver beherrscht, als
Hegel selbst erkannt hatte. (Vorwort zum System der erworbenen
Rechte.)

Aus diesen Ausfhrungen geht bereits hervor, wie weit Lassalle in dem
Werke selbst noch auf Hegelschem Boden fut. Er steht Hegel bereits
viel unabhngiger gegenber als im Heraklit, aber er hlt doch
nicht nur an der Methode, sondern auch noch an den Grundprinzipien der
Hegelschen Philosophie fest, d. h. nicht nur an der dialektischen
Behandlung des zu untersuchenden Gegenstandes, der dialektischen Form
der Untersuchung, sondern auch noch an dem Hegelschen Idealismus, der
Zurckfhrung der geschichtlichen Erscheinungen auf die Entwicklung
und Bewegung der Ideen ohne gleichzeitige Untersuchung der materiellen
Grundlage dieser Bewegung. Wie Hegel bleibt auch Lassalle auf halbem
Wege stehen. Er hebt ganz richtig hervor, da es sich bei den
Rechtsinstituten nicht um logisch-ewige, sondern um historische
Kategorien handelt, aber er behandelt diese Kategorien nur als die
Realisationen historischer Geistesbegriffe, lt dagegen die Frage
nach den Umstnden, unter denen diese Geistesbegriffe sich
entwickelten, nach den materiellen Verhltnissen, deren Ausdruck sie
sind, ganz unberhrt. Ja, er dreht das Verhltnis sogar um und will
im konkreten Stoffe selbst nachzuweisen suchen, wie das angeblich
rein Positive und Historische nur notwendiger Ausflu des
jederzeitigen historischen Geistesbegriffes ist. So mu er
naturgem, auch bei dem grten Aufwand von Scharfsinn, zu falschen
Folgerungen gelangen.

Als das groartigste Beispiel, an welchem diese urschliche
Abhngigkeit des angeblich rein Positiven und Historischen von den
historischen Geistesbegriffen in seinem Werk erwiesen sei, bezeichnet
Lassalle die gesamte Darstellung des Erbrechts im zweiten Bande des
Werkes, der den Titel trgt: Das Wesen des rmischen und germanischen
Erbrechts in historisch-philosophischer Entwickelung. Die Strke dieser
Arbeit beruht in ihrer Einheitlichkeit, der konsequenten Durchfhrung
des leitenden Gedankens und der oft wahrhaft glnzenden Darstellung.
Durch alle hierhergehrigen Rechtsformen hindurch sucht Lassalle den
Gedanken zu verfolgen, dem rmischen Erbrecht liege der Gedanke der
Fortdauer des subjektiven Willens des Erblassers im Erben zugrunde,
whrend im altgermanischen Erbrecht, dem Intestaterbrecht (Erbrecht ohne
Testament), die Idee der Familie den leitenden Gedanken bilde, es gerade
das sei, was vom rmischen Erbrecht mit Unrecht behauptet werde: wahres
Familienrecht. Das ist soweit im allgemeinen richtig. Aber nun beginnt
die Schwche der Lassalleschen Arbeit. Seine Dialektik, so scharf sie
ist, bleibt an der Oberflche haften, durchwhlt diese zwar wieder und
immer wieder, lt keine Scholle davon ununtersucht, aber was darunter
liegt, bleibt total unberhrt. Woher kommt es, da das rmische Erbrecht
die Fortpflanzung des subjektiven Willens ausdrckt? Von der rmischen
Unsterblichkeitsidee, von dem Kultus der Laren und Manen. Woher kommt
es, da das germanische Erbrecht Familienrecht ist? Von der Idee der
germanischen Familie. Welches ist die rmische Unsterblichkeitsidee?
Die Fortdauer des subjektiven Willens. Welches ist die Idee der
germanischen Familie? Die sittliche Identitt der Personen, die zu
ihrer substantiellen Grundlage ... die empfindende Einheit des Geistes
oder die Liebe hat. Damit sind wir so klug wie vorher, wir drehen uns
im Kreise der Ideen und Begriffe, erhalten aber keine Erklrung, warum
diese Idee hier, jener Begriff dort die ihm zugewiesene Rolle spielen
konnten. Auch mit keiner Silbe wird der Versuch gemacht, die
Rechtsvorstellungen und Rechtsbestimmungen der Rmer und Germanen aus
deren wirklichen Lebensverhltnissen selbst zu erklren, als die letzte
Quelle des Rechts erscheint berall der Volksgeist. Dabei verfllt
denn Lassalle in denselben Fehler, den er an einer andern Stelle mit
Recht den bisherigen Rechtsphilosophen zum Vorwurf macht, er
unterscheidet zwar zwischen rmischem und germanischem Volksgeist, aber
er ignoriert alle historische Entwicklung im Schoe des rmischen Volkes
und konstruiert einen, ein fr allemal -- das ganze Jahrtausend von der
Grndung Roms bis gegen die Zeit der Zersetzung des rmischen Weltreichs
-- magebenden rmischen Volksgeist, der sich zum -- ebenso
konstruierten -- germanischen Volksgeiste etwa verhalte, wie Wille
zu Liebe.

Allerdings darf nicht bersehen werden, da zur Zeit, wo Lassalle sein
System der erworbenen Rechte schrieb, die eigentliche
Geschichtsforschung in bezug auf die Entstehung und Entwicklung der
rmischen Gesellschaft und der germanischen Vorzeit noch sehr im argen
lag, selbst die Historiker von Fach in bezug auf sie in wichtigen
Punkten im Dunkeln tappten. Es trifft ihn also weniger der Vorwurf, da
er die Frage nicht richtig beantwortete, als der, da er sie nicht
einmal richtig stellte.

Erst durch die Fortschritte der vergleichenden Ethnologie und namentlich
durch Morgans epochemachende Untersuchungen ber die Gens (Sippe) ist
gengend Licht in bezug auf die urgeschichtliche Entwicklung der
verschiedenen Vlker geschaffen worden, um erkennen zu lassen, warum die
Rmer mit einem ganz andern Erbrecht in die Geschichte eintraten, als
die germanischen Stmme zur Zeit des Tacitus. Diese waren zu jener Zeit
eben dabei, die Entwicklung von der Mittelstufe zur Oberstufe der
Barbarei durchzumachen; der bergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht, von
der Paarungsehe zur Monogamie war noch nicht ganz vollzogen, sie lebten
noch in Gentilverbnden -- auf Blutsverwandtschaft beruhenden
Genossenschaften -- und noch herrschte der Kommunismus der Sippe vor:
ein auf dem subjektiven Willen beruhendes Erbrecht war daher einfach ein
Ding der Unmglichkeit. So viel die Blutsverwandtschaft, so wenig hat
die Liebe -- eine viel modernere Erfindung -- etwas mit dem
altgermanischen Erbrecht zu tun. Bei den Rmern war dagegen schon vor
Abschaffung des sogenannten Knigtums die alte, auf persnlichen
Blutbanden beruhende Gesellschaftsordnung gesprengt und eine neue, auf
Gebietseinteilung und Vermgensunterschied begrndete, wirkliche
Staatsverfassung an ihre Stelle gesetzt worden[11]. Privateigentum an
Boden und Auflsung der blutsverwandtschaftlichen Verbnde als
wirtschaftliche Einheit sind der Boden, auf dem das rmische Testament
erwchst, nicht als Produkt eines von vornherein gegebenen besonderen
rmischen Volksgeists, sondern als ein Produkt derselben
Entwicklung, die den besonderen rmischen Volksgeist schuf, der das
Rmertum zur Zeit der Zwlftafelgesetzgebung[12] erfllte. Wenn die
Rmer dem Testament eine gewisse feierliche Weihe gaben, so berechtigt
das keineswegs dazu, das Testament als einen Akt hinzustellen, bei dem
die symbolische Handlung -- die Willensbertragung -- die Hauptsache,
der substantielle Inhalt derselben -- die Vermgensbertragung --
reine Nebensache gewesen sei. Auf einer gewissen Kulturstufe, und noch
weit in die Zivilisation hinein, kleiden die Vlker berhaupt alle
wichtigen konomischen Handlungen in religise Akte; es sei nur an die
Feierlichkeiten bei den Landaufteilungen, an die Einweihung der
Grenzmarken usw. erinnert. Was wrde man von einem Historiker sagen,
der den rmischen Kultus des Gottes Terminus als den Ausflu der
besonderen Natur des rmischen Volksgeistes, als den Ausdruck einer
speziell rmischen Idee hinstellen wollte, bei der die eingegrenzten
cker Nebensache, der Begriff der Endlichkeit die Hauptsache gewesen
sei? Was von einem Rechtshistoriker, der das Aufkommen des
Privateigentums an Grund und Boden in Rom auf den Kultus des Gottes
Terminus zurckfhren wollte? Und genau dies ist es, wenn Lassalle den
Kultus der Manen und Laren als die Ursache des Aufkommens der
Testamente bei den Rmern bezeichnet, in der rmischen Mythologie den
letzten Grund dieser Rechtsschpfung erblickt.[13]

Auf diese Weise kommt er denn zu der ebenso unhistorischen wie
unlogischen Behauptung, da, wenn das rmische Zwlftafelgesetz fr den
Fall der Abwesenheit eines Testamentserben die Hinterlassenschaft dem
nchsten Agnaten (Verwandte mnnlicher Linie) und, falls kein Agnat
vorhanden, der Gens zuschreibt, dies ein Beweis sei, da das Testament
auch der geschichtlichen Zeitfolge nach zuerst aufgetreten, das
Intestaterbe aber erst nachtrglich, subsidir, eingefhrt worden sei.
Tatschlich zeigt gerade das Zwlftafelgesetz, obwohl es die
Reihenfolge umkehrt, den wirklichen Gang der historischen Entwicklung
an. Es konstatiert zuerst den neueingefhrten Rechtsgrundsatz der
Testierfreiheit, da derjenige erben soll, dem der Erblasser
testamentarisch die Hinterlassenschaft zugeschrieben hat. Ist aber kein
Testament da, so tritt das frhere Erbrecht wieder in Kraft, die
urwchsige Intestaterbschaft: zuerst erbt der nchste Agnat und dann die
Gens, der ursprngliche Blutsverband. Das geschichtlich erste Institut
erscheint auf den zwlf Tafeln als letztes, weil es als das lteste das
umfassendste ist, und als solches naturgem die letzte Instanz bildet.
Wie erknstelt dagegen Lassalles Konstruktion ist, geht schon daraus
hervor, da er sich, um seine Theorie von dem, auf den Begriff des
Willens aufgebauten rmischen Erbrecht aufrechtzuerhalten, einmal
gezwungen sieht, zu behaupten, da den Agnaten nicht die Idee der
Blutsverwandtschaft in irgendwelcher physischen Auffassung zugrunde
liegt und die Agnaten als die durch das Band der Gewalt vermittelte
Personengemeinschaft bezeichnet. Als glubige Althegelianer haben die
alten Rmer mit gewaltiger begrifflicher Konsequenz den tiefen
Satz der spekulativen Logik verwirklicht, da der nicht ausgedrckte
Wille des Individuums der allgemeine Wille ist, der als Inhalt hat
den allgemeinen Willen des Volkes oder den Staat, in dessen
Organisation derselbe verwirklicht ist. Das Testament, die
Testierfreiheit, ist danach lter als der rmische Staat, aber das
Intestaterbe ist vom Staat eingefhrt, der Staat hat eines schnen
Tages Agnaten und Gentilgenossenschaft als Subsidirerben eingesetzt,
und zwar nicht auf Grund der Abstammungsidentitt, sondern in ihrer
Eigenschaft als Organe der Staatsordnung, als Organe der
Willensidentitt.

Wir wissen heute, da sich die Dinge gerade umgekehrt zugetragen haben,
da es nicht der Staat ist, der die Gens mit Rechten ausgestattet hat,
die sie vorher nicht besa, sondern da er ihr vielmehr eines der
Rechte, eines der mter, die sie innegehabt, nach dem andern abgenommen,
ihre Funktionen immer mehr eingeschrnkt hat, da erst mit der Lockerung
des Gentilverbandes, mit seiner inneren Zersetzung der Staat mglich
wurde, und erst mit und in dem Staate die Testierfreiheit.

Da Lassalle die Gens nicht kannte, so mute er, wie alle
Rechtsgelehrten, die gleichzeitig mit ihm und vor ihm ber das Wesen des
ursprnglichen rmischen Erbrechts schrieben, notwendigerweise zu
falschen Schlssen gelangen. Aber anstatt der Wahrheit nherzukommen,
als seine Vorgnger, steht er ihr vielmehr viel ferner als diese.
Bemht, die Dinge aus dem spekulativen Begriff zu konstruieren,
schneidet er sich jede Mglichkeit ab, ihren wirklichen Zusammenhang zu
erkennen. Der berhmte Rechtslehrer Eduard Gans -- beilufig ebenfalls
Hegelianer -- hatte rmisches Intestaterbe und Testamentserbe als
miteinander kmpfende Gedanken hingestellt, die keinerlei
Gemeinschaftlichkeit ihres Gedankeninhalts haben und sie als eine
historische Stammesverschiedenheit zwischen Patriziern und Plebejern zu
erklren versucht. So fehlerhaft diese Erklrung, so richtig ist der ihr
zugrunde liegende Gedanke, da es sich hier um einen grundstzlichen
Gegensatz handelt und da die gegenstzlichen Rechtsbegriffe auf
verschiedenem historischen Boden entstanden sind. Lassalle aber erblickt
gerade in ihm einen Rckfall in den Fehler der historischen Schule,
das aus dem Gedanken Abzuleitende als ein uerlich und
historisch Gegebenes vorauszusetzen. Und auf der andern Seite erklrt
er es als einen Grundirrtum, wenn andere Rechtsphilosophen von der
Auffassung ausgehen, da das rmische Intestaterbrecht seinem
Gedanken nach wahres Familienrecht sei. Tatschlich ist es wirklich
nichts anderes. Nur da die hier in Betracht kommende Familie sich
nicht mit der rmischen Familie deckt, sondern den weiteren
Geschlechtsverband umfat[14].

Wir knnen auf den Gegenstand hier nicht weiter eingehen, man sieht aber
aus dem Bisherigen schon, da der so kunstvoll ausgefhrte Bau
Lassalles auf absolut unhaltbarem Fundamente ruht. So geschlossen und
streng folgerichtig daher die Beweisfhrung, und so geistreich auch die
Analyse, so treffend vielfach Lassalles Kommentare -- gerade das, was er
mit dem ganzen Buch ber das rmische Erbrecht beweisen wollte, hat er
nicht bewiesen. Die rmische Unsterblichkeitsidee ist nicht die
Grundlage, sondern die ideologische Umkleidung des rmischen Testaments,
sie erklrt seine Formen, aber nicht seinen Inhalt. Dieser bleibt
bestehen, auch wenn der religise Hintergrund verschwindet. Und gerade
in den vielen Formen und Formalitten, von denen die Rmer die
Rechtsgltigkeit der Testamente abhngig machten, liegt unseres
Erachtens ein weiterer Beweis, da das Testament nicht, wie Lassalle
meint, die frhere, sondern umgekehrt die sptere Einrichtung gewesen
ist und wahrscheinlich -- wie auch bei den Deutschen, nachdem diese das
rmische Recht bereits angenommen hatten, -- lange Zeit die Ausnahme
bildete, whrend das Intestaterbe noch die Regel war.

Wie steht es aber mit der Nutzanwendung, die Lassalle aus seiner Theorie
zieht, da das Testament nur aus der rmischen Unsterblichkeitsidee --
der Fortdauer der Willenssubjektivitt nach dem Tode -- zu begreifen
sei, da es mit dieser begrifflich stehe und falle? Da das moderne
Testamentsrecht, nachdem die rmische Willensunsterblichkeit der
christlichen Idee der Geistesunsterblichkeit, der Unsterblichkeit des
nicht mehr auf die Auenwelt bezogenen, sondern des in sich
zurckgezogenen Geistes gewichen sei, nichts als ein groes
Miverstndnis, eine kompakte theoretische Unmglichkeit sei? Dies
fhrt uns zurck auf den ersten Teil seines Werkes, zu dem der zweite,
trotz seiner Abgeschlossenheit, eben doch nur eine Art Anhang ist.

Der erste Teil des Systems der erworbenen Rechte fhrt den
Untertitel Die Theorie der erworbenen Rechte und der Kollision der
Gesetze. Lassalle sucht darin einen rechtswissenschaftlichen
Grundsatz zu ermitteln, der ein fr allemal die Grenze anzeigen soll,
unter welchen Umstnden und wie weit Gesetze rckwirkende Kraft haben
drfen, ohne gegen die Rechtsidee selbst zu verstoen. Mit anderen
Worten, wann da, wo neues Gesetz oder Recht und altes Gesetz oder
Recht aufeinanderstoen (kollidieren), das erstere und wann das
letztere entscheiden, wann ein Recht wirklich als erworbenes zu
respektieren, wann es ohne weiteres der Rckwirkung unterworfen sein
soll.

Bei der Beantwortung dieser Frage macht sich der oben gergte Fehler der
Lassalleschen Untersuchungsmethode weniger geltend, whrend alle ihre
Vorzge: die Schrfe des begrifflichen Denkens, das Verstndnis --
innerhalb der bezeichneten Grenzen -- fr das geschichtliche Moment,
verbunden mit revolutionrer Khnheit in der Verfolgung eines Gedankens
bis in seine letzten Konsequenzen -- zu ihrer vollen Entfaltung
gelangen. So ist das Resultat denn auch ein viel befriedigenderes, als
bei der Untersuchung ber das Wesen des rmischen Erbrechts. Wie hoch
oder gering man immer die Errterung solcher rechtsphilosophischen
Fragen veranschlagen mag, so wird sich kaum bestreiten lassen, da
Lassalle die oben gestellte Frage in einer Weise lst, da sowohl der
Jurist wie der Revolutionr dabei zu ihrem Rechte kommen. Und das ist
gewi eine respektable Leistung.

Lassalle stellt zunchst folgende zwei Stze als Normen auf:

a) Kein Gesetz darf rckwirken, welches ein Individuum nur durch die
Vermittelung seiner Willensaktionen trifft.

b) Jedes Gesetz darf rckwirken, welches das Individuum ohne
Dazwischenschiebung eines solchen freiwilligen Aktes trifft, welches das
Individuum also unmittelbar in seinen unwillkrlichen, allgemein
menschlichen oder natrlichen oder von der Gesellschaft ihm bertragenen
Qualitten trifft, oder es nur dadurch trifft, da es die Gesellschaft
selbst in ihren organischen Institutionen ndert.

Ein Gesetz z. B., welches die privatrechtlichen oder staatsbrgerlichen
Befugnisse der Angehrigen des Landes ndert, tritt sofort in Kraft,
lt aber die Handlungen, welche die Individuen auf Grund der vorher
ihnen zustehenden Befugnisse getroffen haben, unberhrt, auch wenn diese
Befugnisse selbst durch es aufgehoben werden. Wenn heute ein Gesetz das
zur Volljhrigkeit erforderliche Alter vom 21. auf das 25. Jahr erhht,
so verlieren alle Personen ber 21 und unter 25 Jahren sofort die an die
Volljhrigkeit geknpfte Handlungsfhigkeit, die sie bisher besaen,
denn sie besaen sie nicht durch individuellen Willensakt. Aber auf die
Rechtsgeschfte, die sie vor Erla des Gesetzes, gesttzt auf die ihnen
bisher zuerkannte Volljhrigkeit, abgeschlossen hatten, wirkt das neue
Gesetz nicht zurck. Nur das durch eignes Tun und Wollen, durch
individuelle Willensaktion der einzelnen verwirklichte Recht ist ein
erworbenes Recht.

Aber selbst das durch individuelle Willenshandlung erworbene Recht ist
nicht unter allen Umstnden der Rckwirkung entzogen. Das Individuum
kann sich und andern nur insoweit und auf so lange Rechte sichern,
insoweit und solange die jederzeit bestehenden Gesetze diesen
Rechtsinhalt als einen erlaubten ansehen. Jedem Vertrage sei von
Anfang an die stillschweigende Klausel hinzuzudenken, als solle das
in demselben fr sich oder andere stipulierte Recht nur auf so lange
Zeit Geltung haben, solange die Gesetzgebung ein solches Recht
berhaupt als zulssig betrachten wird. Die alleinige Quelle des
Rechts, fhrt Lassalle aus, ist das gemeinsame Bewutsein des
ganzen Volks, der allgemeine Geist. Durch Erwerbung eines Rechts
knne sich daher das Individuum niemals der Einwirkung des
allgemeinen Rechtsbewutseins entziehen wollen. Nur ein solches
Individuum wrde diese Einwirkung wirklich von sich abhalten knnen,
welches, wenn dies denkbar wre, nun und niemals ein Recht weder
erwerben noch ausben und haben wollte. Es lt sich vom
Individuum kein Pflock in den Rechtsboden schlagen und sich mittelst
desselben fr selbstherrlich fr alle Zeiten und gegen alle knftigen
zwingenden und prohibitiven Gesetze erklren. Nichts andres als
diese verlangte Selbstsouvernitt des Individuums liege in der
Forderung, da ein erworbenes Recht auch fr solche Zeiten fortdauern
soll, wo prohibitive Gesetze seine Zulssigkeit ausschlieen. Wenn
also der ffentliche Geist in seiner Fortentwicklung dazu gelangt
ist, den Fortbestand eines frheren Rechts, z. B. Leibeigenschaft,
Hrigkeit, Robotten, Bann- und Zwanggerechtigkeiten, Dienste und
Abgaben bestimmter Natur, Jagdrecht, Grundsteuerfreiheit,
fideikommissarische Erbfolge usw. von jetzt ab auszuschlieen, so
knne dabei von irgendwelcher Krnkung erworbener Rechte ... gar
nicht die Rede sein. So seien denn auch die Dekrete der berhmten
Nacht vom 4. August 1789, durch welche die franzsische
konstituierende Nationalversammlung alle aus der Feudalherrschaft
herflieenden Rechte aufhob, von jeder Rechtsverletzung und
Rckwirkung frei gewesen. Es gab da nichts zu entschdigen. Ein
Recht der Entschdigung, fhrt Lassalle treffend aus, auch da noch
anzunehmen, wo der Inhalt des aufgehobenen Rechts vom ffentlichen
Bewutsein bereits prohibiert, d. h. als widerrechtlich bestimmt ist,
heie vermge der Kraft der Logik gar nichts Geringeres, als
Klassen oder Individuen das Recht zusprechen, dem ffentlichen
Geiste einen Tribut fr seine Fortentwicklung aufzuerlegen.
Von einer Entschdigung knne nur da die Rede sein, wo nicht das
Rechtsverhltnis selbst, sondern nur bestimmte Arten der Befriedigung
aus demselben aufgehoben, nicht eine bestimmte Klasse von
Rechtsobjekten, sondern nur einzelne ihrer Exemplare aus der Sphre
des Privatrechts in die des ffentlichen Rechts bergefhrt werden.
Diesen Grundsatz haben, weist er nach, die franzsischen Versammlungen
nach 1789 durchgngig mit der wahrhaften Logik des Begriffs
innegehalten. Dagegen sei beispielsweise das preuische Gesetz vom
2. Mrz 1850 ber die Regulierung und Ablsung der gutsherrlichen
und buerlichen Verhltnisse in einer Reihe von Bestimmungen nichts
als eine widerrechtlich und wider das eigne Rechtsbewutsein
verordnete Vermgensverletzung der rmsten Klassen zugunsten der
adeligen Grundbesitzer, d. h. logisch-konsequent nichts als ein
Raub[15].

Dem bekannten konservativen Rechtslehrer Stahl, der geschrieben hatte,
keine Zeit sei berufen, Gericht zu halten ber die Vergangenheit und die
aus derselben stammenden Rechte, je nach ihrem Urteil ber die
Angemessenheit, anzuerkennen oder zu vernichten, -- erwidert Lassalle,
der Vordersatz sei sehr richtig, aber der Nachsatz sei sehr falsch. Was
aus dem ersteren folge, sei vielmehr, da jede Zeit autonom sei, keine
Zeit unter der Herrschaft der anderen stehe, und also auch keine
rechtlich verpflichtet sein knne, in ihr selbst noch fortwirken zu
lassen, was ihrem Rechtsbewutsein widerspricht, und von ihr also von
jetzt ab als ein Dasein des Unrechts, statt des Rechts, angeschaut
wrde. Es sei aber durchaus nicht unbedingt erforderlich, fhrt er
weiterhin aus, da ein Volk seine neue Rechtsidee, seinen neuen Willen,
in Worten -- durch den Mund der Volksvertretung etwa -- ausgedrckt
habe. Denn zum Begriff des Rechts gehrt nur, da der Volksgeist einen
geistigen Inhalt als Gegenstand seines Willens in die Rechtssphre,
d. h. die Wirklichkeit, gesetzt habe. Dies kann aber unter Umstnden
nicht weniger bestimmt und energisch als durch Worte durch tatschliche
Zertrmmerung eines Rechtszustandes geschehen, den ein Volk vornimmt.
Diesen Grundsatz finde man schon bei den rmischen Juristen, und die
franzsische Gesetzgebung whrend und nach der franzsischen Revolution
habe ihn von neuem besttigt. Die Geschichte selbst habe dem Konvent
recht gegeben, die Geschichtsschreibung, auch die reaktionre, es
ratifizieren mssen, wenn er die franzsische Revolution in ihren
rechtlichen Wirkungen vom 14. Juli 1789, dem Tage des Bastillesturms,
datierte. Und wieder exemplifiziert Lassalle auf analoge Vorgnge in
Preuen und weist nach, wie im Gegensatz zur franzsischen Jurisprudenz
das preuische Obertribunal sich in mehreren Erkenntnissen ber das
durch die Mrzrevolution von 1848 geschaffene und in der preuischen
Verfassung (selbst der oktroyierten) ausdrcklich anerkannte neue
Rechtsbewutsein, da alle Preuen vor dem Gesetze gleich sind und
Standesvorrechte nicht stattfinden, durch Wortknste hinweggesetzt,
Standesvorrechte wiederhergestellt, kurz, sich als ein wahrer
Reaktionskonvent bettigt habe. Vier Jahre, nachdem das System
erschienen, bewies das genannte Tribunal in der famosen Interpretation
des Artikel 84 der preuischen Verfassung auch den liberalen
Kalbskpfen, wie sehr es auf diesen, ihm von Lassalle verliehenen Titel
Anspruch hatte.

Wir haben gesehen, erworbene Rechte mssen erstens durch individuelle
Willensaktion vermittelt und zweitens in bereinstimmung sein mit dem
erkennbar zum Ausdruck gelangten Volksgeist. Das ist in kurzem die
Theorie der erworbenen Rechte. Wenn also der franzsische Konvent im
Gesetz vom 17. Nivose des Jahres II (6. Januar 1794) bestimmte, da die
Vorschriften dieses Gesetzes, das die fideikommissarischen usw.
Erbschaften aufhob, auf alle Erbschaften Anwendung finden sollten, die
seit dem 14. Juli 1789 erffnet worden, so verstie er damit nach
Lassalle durchaus nicht gegen den Grundsatz der erworbenen Rechte. Im
Gegenteil durfte er mit vollem Recht am 22. Ventose desselben Jahres in
Beantwortung mehrerer Petitionen sich darauf berufen, da das Gesetz
nur die seit jenem Tage -- eben dem 14. Juli 1789 -- von einem groen
Volke, das seine Rechte wieder ergriff, proklamierten Prinzipien
entwickelt habe, aber das Prinzip der Nichtrckwirkung nicht einmal
auch nur in Frage stelle, da unstatthafte Rckwirkung jedoch dann
eintrete, wenn man diese Grenze berschritte, d. h. das Gesetz auch auf
die vor dem 14. Juli 1789 erffneten Erbschaften ausdehnte.

Es leuchtet hiernach ein, um damit zur Frage des Erbrechts
zurckzukehren, worauf Lassalle mit seinen Untersuchungen ber rmisches
und germanisches Erbrecht hinaus will. Das rmische, auf Testamente und
Intestaterbfolge nicht der Familie, sondern der Reihen, in welche die
Willensgemeinschaft sich gliedert, beruhende Erbrecht war danach in Rom
erworbenes Recht, denn es entsprach dem rmischen Volksgeist, der
Substanz des rmischen Volkes, nmlich der Idee der Unsterblichkeit
des Willenssubjekts. Ebenso war das altgermanische Erbrecht --
Intestatrecht der Familie -- erworbenes Recht, denn es entsprach einer
Idee des altgermanischen Volksgeistes, der auf der sittlichen Identitt
der Personen beruhenden Familie, die zu ihrer substantiellen
Grundlage die sich empfindende Einheit des Geistes oder die Liebe
hat. Die Familie erbt, weil das Eigentum berhaupt nur
Familieneigentum ist. Die heutige Intestaterbfolge beruhe aber,
nachdem das Eigentum rein individuelles Eigentum geworden, nicht mehr
auf der Familie als aus eigenem Recht erbender, auch nicht auf der
Familie als durch den prsumierten Willen des Toten berufen,
sondern auf der Familie als Staatsinstitution, auf dem die
Vermgenshinterlassenschaften regelnden allgemeinen Willen des
Staates. Und das letztere sei auch der Fall mit dem Testamentrecht,
von dem wir jetzt gesehen haben, da es heutzutage eine kompakte
theoretische Unmglichkeit sei. Weder Intestaterbfolge noch
Testamentrecht sind heute Naturrechte, sondern Regelung der
Hinterlassenschaft von Sozietts wegen. Und Lassalle schliet
sein Werk mit dem Hinweis auf Leibniz, der, trotzdem er das
Testament nicht in seinem vollen Sinne erkannt, doch den tiefen
Satz ausgesprochen habe: Testamenta vero mero jure nullius essent
momenti, nisi anima esset immortalis -- Testamente aber wren
mit vollem Recht durchaus null und nichtig, wenn die Seele nicht
unsterblich wre.

Braucht es hiernach noch einer besonderen Erklrung, was Lassalle meint,
wenn er, gegen Hegels Beurteilung des Testaments polemisierend, in den
Satz ausbricht: Und es wird sich vielleicht bald zeigen, da sich aus
unseren objektiven Darstellungen zwar andere, aber noch radikalere
Folgerungen ber das moderne Testamentsrecht von selbst ergeben? Was
auf keinem Naturrecht beruht, sondern nur Staatsinstitution ist, knnen
der Staat oder die Soziett auch jederzeit ndern, einschrnken oder
ganz aufheben, wie es dem Bedrfnis der Soziett angemessen erscheint.
Wenn daher G. Brandes und andere nach ihm im ganzen System der
erworbenen Rechte nicht eine Zeile gefunden haben, welche auf eine
Umsetzung der Lassalleschen Erbrechtstheorie in die Praxis hinweise, so
kann man ihnen aufrichtig beipflichten. Nicht eine Zeile, nein, das
ganze Werk ist es, das -- wie Lassalle sich ausdrcken wrde -- nach
dieser Umsetzung schreit.

Was anders kann Lassalle wohl gemeint haben, wenn er die Vorrede mit den
Worten beginnt, da, wenn das vorliegende Werk seine Aufgabe wahrhaft
gelst haben soll, es in seinem letzten Resultate nichts Geringeres sein
knne und drfe, als die rechtswissenschaftliche Herausringung des
unserer ganzen Zeitperiode zugrunde liegenden politisch-sozialen
Gedankens?

Hat Lassalle aber seine Aufgabe gelst?

Was seine Theorie der erworbenen Rechte anbetrifft, so scheint die ihr
zugrunde liegende Auffassung heut so ziemlich allgemein anerkannt zu
sein. Sehr gelungen ist ferner, von der Urgeschichte abgesehen, die
Darlegung, da im allgemeinen der kulturhistorische Gang aller
Rechtsgeschichte darin bestehe, immer mehr die Eigentumssphre des
Privatindividuums zu beschrnken, immer mehr Objekte auerhalb des
Privateigentums zu setzen. Lassalle legte auf die Stelle, wo er dies in
sehr feiner Entwicklung ausfhrt, mit Recht den grten Wert. Sie ist
ein ganzes geschichtsphilosophisches Programm, ein Meisterwerk
begriffsscharfer Logik.

Bedenklich dagegen steht es mit Lassalles Anwendung der Theorie, wenn
sein Beispiel vom Wesen des rmischen und germanischen Erbrechts
magebend sein soll. Wir haben die Ursache der Schwche dieses
Vergleichs bereits oben gekennzeichnet und brauchen daher hier nur zu
rekapitulieren. Lassalle leitet das Erbrecht aus dem spezifischen
Volksgeiste ab. Wenngleich nun ein intimer Zusammenhang zwischen
Erbsystem und Volksgeist nicht abgeleugnet werden soll, so ist dieser
Zusammenhang doch nicht der von letzter Ursache und Wirkung. Erbsystem
und Volksgeist stellen vielmehr zwei Wirkungen einer und derselben
tieferliegenden Ursache oder Gruppe von Ursachen an. Beide sind in
letzter Instanz das Produkt oder der Ausdruck der jeweiligen materiellen
Lebensbedingungen eines Volkes, wachsen aus diesen heraus und ndern
sich mit ihnen, d. h. das Erbrecht wird gendert, sobald es mit den
materiellen Lebensbedingungen eines Volkes unvertrglich wird.
Dann entdeckt der Volksgeist, da dieses Erbrecht seinem
Rechtsbewutsein nicht mehr entspreche. Und so mit allen brigen
Rechtseinrichtungen. Der Volksgeist erscheint nur als die letzte
Instanz, die ber ihren Bestand entscheidet, tatschlich ist er so
etwas wie Gerichtsvollzieher, die wirklich bestimmende Instanz sind
die materiellen Lebensbedingungen des Volkes, die Art, wie, und die
Verhltnisse, unter denen es die Gegenstnde seines Bedarfs
produziert[16].

Wieso kam aber Lassalle zu einer so grundfalschen, die Irrtmer der
alten Juristen und Rechtsphilosophen noch berbietenden Theorie? Der
Fehler liegt daran, da er zwar mit eiserner Konsequenz, aber zum desto
greren Schaden fr seine Untersuchung, von Anfang bis zu Ende in der
Sphre des juristischen und philosophischen Begriffs bleibt. Aus der
begrifflichen Ableitung sollen sich die Dinge erklren, die
begriffliche Ableitung die Gesetze ihrer Entwicklung blolegen. Die
Dinge aber richten sich nicht nach den Begriffen, sie haben ihre
eigenen Entwicklungsgesetze.

Unzweifelhaft war Lassalle ein sehr tchtiger Jurist. Er brachte von
Hause aus auergewhnliche Anlagen dazu mit, und der jahrelange Kampf
mit den Gerichten in der Hatzfeldt-Affre hatte diese Eigenschaft noch
strker in ihm entwickelt. Wo es gilt, ein Gesetz zu zergliedern, einen
Rechtsgrundsatz bis in die geheimsten Tiefen seines Begriffs zu
verfolgen, da ist er in seinem Fahrwasser, da leistet er wahrhaft
Glnzendes. Aber seine starke Seite ist zugleich auch seine Schwche.
Die juristische Seite berwuchert bei ihm. Und so sieht er auch die
sozialen Probleme vorwiegend mit den Augen des Juristen an. Das zeigt
sich schon hier im System der erworbenen Rechte, es bildet die
Schwche dieses Werkes, es sollte sich aber auch spter in seiner
sozialistischen Agitation zeigen.

Das System usw. sollte laut Vorrede zugleich eine Kritik der
Hegelschen Rechtsphilosophie sein. Es kritisiert sie aber nur in
Nebenpunkten, macht nur einen halben Schritt vorwrts, bleibt dagegen
in der Hauptsache auf demselben Standpunkt stehen, wie diese. Das ist
um so merkwrdiger, als der Schritt, der geschehen mute, um die
Kritik zu einer wirklich den Kernpunkt treffenden zu gestalten, lngst
angegeben war, und zwar in Schriften, die Lassalle smtlich kannte.
1844 hatte Karl Marx in den deutsch-franzsischen Jahrbchern in einem
Aufsatz, der obendrein den Titel fhrt: Zur Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie, auf ihn hingewiesen, 1846 in der Schrift La
misre de la philosophie ihn deutlich vorgezeichnet, 1847 hatten Marx
und Engels im Kommunistischen Manifest das Beispiel seiner Anwendung
geliefert, und endlich hatte Karl Marx in der Vorrede zu seiner 1859
erschienenen Schrift Zur Kritik der politischen konomie unter
ausdrcklichem Hinweis auf den ersterwhnten Aufsatz, geschrieben:
Meine Untersuchung -- zu der jener Aufsatz nur die Einleitung
bildete -- mndete in dem Ergebnis, da Rechtsverhltnisse wie
Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind, noch aus der
sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern
vielmehr in den materiellen Lebensverhltnissen wurzeln ... Es ist
nicht das Bewutsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr
gesellschaftliches Sein, das ihr Bewutsein bestimmt. Und obgleich
Lassalle dieses Buch schon kannte, als er noch am System arbeitete,
obwohl er sich Marx gegenber in den begeistertesten Ausdrcken ber
es uerte[17], findet sich in seinem Werk auch nicht eine Zeile, die
im Sinne des Vorstehenden zu deuten wre. Soll damit ein Vorwurf
gegen Lassalle ausgesprochen werden? Das wre im hchsten Grade
abgeschmackt. Wir fhren es an zur Kritik seines Standpunktes,
seiner Auffassungsweise. Diese war zu jener Zeit noch die
ideologisch-juristische. Das zeigte sich auch in der brieflichen
Auseinandersetzung mit Marx ber die im System der erworbenen Rechte
aufgestellten Theorien des Erbrechts.

Es liegt nach dem Obigen auf der Hand, da sich Marx sofort gegen diese
auflehnen mute, denn sie standen mit seinem theoretischen Standpunkt im
direkten Widerspruch. Was er Lassalle entgegenhielt, ist aus dessen
Briefen nur unvollkommen zu ersehen, aber so viel geht aus ihnen hervor,
da die, brigens nicht lange, brieflich gefhrte Debatte sich im
wesentlichen um die Lassallesche Behauptung drehte, da das Testament
nur aus der rmischen Mythologie, der rmischen Unsterblichkeitsidee, zu
begreifen sei, und da die konomische Bourgeoisentwicklung niemals fr
sich allein das Testament habe entwickeln knnen, wenn sie es nicht
schon im rmischen Recht vorgefunden htte. Und es ist ganz
charakteristisch zu sehen, wie auf Fragen von Marx, die sich auf die
konomische Entwicklung beziehen, Lassalle schlielich immer wieder mit
juristisch-ideologischen Wendungen antwortet. Die grundstzliche
Verschiedenheit der theoretischen Ausgangspunkte beider Denker kommt in
dieser Korrespondenz, auf die wir hier nicht weiter eingehen knnen, zum
sprechendsten Ausdruck.

Um es jedoch noch einmal zu wiederholen, trotz des falschen
geschichtstheoretischen Standpunktes bleibt das System der erworbenen
Rechte eine sehr bedeutende Leistung und eine, selbst fr denjenigen,
der Lassalles theoretischen Standpunkt nicht teilt, hchst anregende und
genureiche Lektre.


Funoten:

  [10] Unter Naturrecht oder Vernunftrecht versteht man die Gesamtheit
  derjenigen Rechtsgrundstze, die durch die philosophische
  Untersuchung vom Begriff und Wesen des Rechts und der
  Rechtsverhltnisse gewonnen werden und als den Menschen sozusagen
  angeborenes, ihr natrliches Recht gelten sollen. Es werden daher
  vielfach Rechtsphilosophie und Naturrecht als Gleiches bezeichnende
  Begriffe gebraucht.

  [11] Vgl. Fr. Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums
  und des Staats. Im Anschlu an Lewis H. Morgans Forschungen. 1.
  Aufl. S. 93.

  [12] Um das Jahr 450 v. Chr.

  [13] Neuere Untersuchungen haben festgestellt, da das Aufkommen des
  Ahnenkultus bei allen Vlkern mit dem bergang vom Mutterrecht zum
  Vaterrecht zusammentrifft.

  [14] brigens brauchen auch die Rmer das Wort familia nicht blo
  zur Bezeichnung der einzelnen, unter einem Oberhaupt stehenden
  Hausgenossenschaft, sondern bereits ebenfalls fr den mehr oder
  minder gelockerten Geschlechtsverband. In einer Stelle des rmischen
  Juristen Ulpian, die Lassalle zitiert, wird ausdrcklich zwischen
  der familia im engeren Sinne (jure proprio) und der familia im
  weiteren Sinne (communi jure) unterschieden, zu welch letzterer alle
  diejenigen gehren ... die aus demselben Haus und derselben gens
  hervorgegangen sind. Fr Lassalle ist die betreffende Stelle ein
  weiterer Beweis, da das rmische Intestaterbe -- kein Familienerbe
  gewesen sei. Denn, sagt er u. a., man wird doch ... das Erbrecht
  der Gentilen nicht als ein >Familienrecht< ausgeben wollen!

  [15] Auch gegen die Art, wie in Preuen bei der Aufhebung von
  Grundsteuerfreiheiten usw. Entschdigungen von der Volksvertretung
  erpret wurden, sagt Lassalle manches krftige Wort. Wenn eine
  Staatsregierung, schreibt er mit Bezug auf einen, 1859 von der
  preuischen Regierung eingebrachten und solche Entschdigungen
  stipulierenden Entwurf -- die unbegreifliche Schwche hat, einen
  solchen Vorschlag zu machen, so verzichtet sie dabei grundstzlich
  auf das Souvernittsrecht des Staates, und wenn eine Kammer
  pflichtvergessen genug sein knnte, aus Rcksicht auf diese
  Schwche auf einen solchen Vorschlag einzugehen, so wrde sie
  wenigstens weit logischer handeln, gleich geradezu die Hrigkeit
  des Volkes von den adeligen Grundbesitzern neu zu proklamiren. Was
  htte er wohl gesagt, wenn ihm jemand erwidert htte, noch nach
  dreiig Jahren werden in Preuen solche Schwchen und solche
  Pflichtvergessenheit berechtigte nationale Institutionen sein!
  Freilich, Lassalle war damals noch naiv genug, zu schreiben, da,
  als in England die Kornzlle aufgehoben wurden, die Tories nicht die
  Schamlosigkeit gehabt haben, sich aus ihren jetzt unspekulativ
  gewordenen Gterankufen ein Ersatzrecht gegen den ffentlichen
  Geist zu drehen! Htte er dreiig Jahre lnger gelebt, so wrde er
  erfahren haben, da was den Tories 1846 fehlte, weiter nichts war,
  als das richtige praktische Christentum.

  Aber welche Ironie der Geschichte, da die Aufgabe, die Neuauflage
  des Systems der erworbenen Rechte zu besorgen, gerade Lothar
  Bucher zufallen mute. Bucher schrieb 1880 im Vorwort zur zweiten
  Ausgabe, nur seine Berufsttigkeit habe ihn verhindert, den
  Nachweis zu versuchen, wie das System in den Gesetzberatungen der
  letztverflossenen zehn Jahre htte benutzt oder erprobt werden
  knnen. Tatschlich schlagen die meisten der dafr in Betracht
  kommenden Gesetze der ra Bismarck dem Geist dieses Buches direkt ins
  Gesicht.

  [16] Man mu sich freilich das Verhltnis nicht gar zu mechanisch
  vorstellen. Nach dem Gesetz der Wechselwirkungen knnen die
  religisen, Rechts- usw. Anschauungen, kurz das, was man unter dem
  Begriff des Volksgeistes zusammenfat, ihrerseits wiederum einen
  groen Einflu auf die Gestaltung der Produktionsverhltnisse
  ausben, innerhalb gewisser Grenzen z. B. ihre Fortentwicklung
  hindern oder verlangsamen. Schlielich sind es doch immer die
  Menschen, die ihre eigene Geschichte machen. Aber es handelt sich
  hier um die letzten Ursachen, die der geschichtlichen Entwicklung
  zugrunde liegen.

  [17] In einem Briefe vom 11. September 1860 nennt er es ein
  Meisterwerk, das ihn zur hchsten Bewunderung hingerissen habe.




Der preuische Verfassungskonflikt, die Verfassungsreden und das
Arbeiterprogramm.


Lassalle trug sich in den Jahren 1860 und 1861 sehr stark mit der Idee,
in Berlin ein demokratisches Blatt im groen Stil zu grnden. Wie er
ber die liberale Presse dachte, haben wir oben gesehen, und ebenso, wie
er danach drstete, unmittelbar auf die Entwicklung der Dinge in
Deutschland einwirken zu knnen. Da beim Ableben Friedrich Wilhelms IV.
eine allgemeine Amnestie in Aussicht stand, so wandte sich Lassalle
daher an Marx mit der Frage, ob er und Engels in diesem Falle geneigt
wren, nach Deutschland zurckzukehren und mit ihm gemeinsam ein solches
Blatt herauszugeben. In meinem vorletzten Brief, schreibt er unterm
11. Mrz an Marx, fragte ich an: ob Ihr denn, wenn der Knig strbe
und Amnestie eintrte, zurckkommen wrdet, hier ein Blatt
herauszugeben? Antworte doch darauf. Ich trage mich nmlich fr
diesen Fall mit der freilich noch sehr unbestimmten, weitaussehenden
Hoffnung, dann mit Euch (hier in Berlin) ein groes Blatt
herauszugeben. Wrdet Ihr also in solchem Falle geneigt sein,
herzukommen? Und wieviel Kapital wre zu einem groen Blatte
erforderlich? Wrde es hinreichen, wenn man etwa 10000 Taler dazu
aufbringen knnte? Oder wieviel? Es wre mir lieb, wenn Du mir
darber schriebst, denn ich denke gern an dies chteau en Espagne!
In den folgenden Briefen kommt er wiederholt auf die Idee zurck, und
am 19. Januar 1861, als der Thronwechsel in Preuen in der Tat eine
Amnestie herbeigefhrt hatte, schreibt er dringender: Noch einmal
stelle ich Dir die Frage: 1. wieviel Kapital ist ntig, um hier ein
Blatt zu stiften? 2. Wer von den ehemaligen Redakteuren der Neuen
Rheinischen Zeitung wrde eventuell zu solchem Zweck hierher
zurckkehren?

Obwohl Marx einer Einladung Lassalles folgte und ihn im Frhjahr 1861 in
Berlin besuchte, zerschlug sich der Plan. Erstens stellte Lassalle die
ganz merkwrdige Bedingung, er solle in der Redaktion eine Stimme haben
und Marx und Engels zusammen auch nur eine, denn sonst sei er ja stets
in der Minoritt! Dann aber legte die preuische Regierung die
Amnestie so aus, da diejenigen politischen Flchtlinge, die durch
mehr als zehnjhrigen Aufenthalt im Auslande ihrer Zugehrigkeit zum
preuischen Staatsverband verlustig gegangen seien, sie keineswegs
ohne weiteres wieder erhalten, sondern ihre dahingehenden Antrge
genau so behandelt werden sollten, wie die Naturalisationsgesuche von
Auslndern berhaupt. Das heit, da das erstere fr die meisten
Flchtlinge zutraf, da es von dem Belieben der Regierung abhngen
sollte, jeden davon wieder abschieben zu knnen, dessen Rckkehr
ihr unbequem war. Ein von Lassalle fr Marx eingereichtes
Naturalisationsgesuch wurde denn auch richtig in allen Instanzen
abgelehnt, da, wie es in einem vom 11. November 1861 datierten
Bescheid des -- liberalen -- Ministers Schwerin an Lassalle hie,
zur Zeit wenigstens durchaus keine besonderen Grnde vorhanden sind,
welche fr die Erteilung der Naturalisation an den p. Marx sprechen
knnten. Damit war natrlich jeder Gedanke an eine bersiedelung von
Marx nach Berlin ausgeschlossen.

Im Sptsommer 1861 machte Lassalle zusammen mit der Grfin Hatzfeldt
eine Reise nach Italien, die, wie er an Marx schreibt, sehr
instruktiv fr ihn gewesen sei. Sein Aufenthalt bei Garibaldi auf
Caprera sei sehr interessant gewesen, auch habe er fast alle
leitenden Persnlichkeiten in den verschiedenen Stdten, die er
besichtigt, kennengelernt. Wie Bernhard Becker in seiner Schrift
Enthllungen ber das tragische Lebensende Ferdinand Lassalles
zuerst bekannt gegeben hat und unter anderem durch Marx' Brief an Fr.
Engels vom 30. Juli 1862 besttigt wird, hat Lassalle bei jenem
Besuch Garibaldi zu einem militrischen Unternehmen in groem Stil
gegen sterreich zu berreden gesucht und den Plan dann in London
auch Mazzini vorgelegt. Garibaldi sollte sich danach in Neapel zum
Diktator aufwerfen, eine groe Armee bilden und mit dieser ber
Padua noch weiter vordringen, whrend zugleich ein an die adriatische
Kste geworfenes detachiertes Korps nach Ungarn vorrcken und die
Ungarn insurgieren sollte. Ein Plan, der namentlich deshalb
interessant ist, weil er zeigt, wie leicht sich Lassalle zu jener
Zeit die Schaffung einer revolutionren Situation vorstellte, die
unter anderm die erstrebte Lsung der deutschen Frage bringen sollte.
Zu erwhnen ist noch, da Marx Lassalle fr diese Reise nach Italien
einen Empfehlungsbrief an den deutschen Sozialisten und Freischrler
Johann Philipp Becker gegeben hatte, ungnstige, aber zweifelsohne
auf Klatsch beruhende Angaben einiger Italiener ber Becker Lassalle
jedoch bewogen, jenem aus dem Wege zu gehen. Die meisten kennen ihn
gar nicht -- schreibt er ber Becker an Marx zu seiner
Information -- die, die ihn kennen, halten ihn fr einen Blagueur
und Bummelfritz, fr einen Humbug ... Gut steht er nur mit Trr, der
eine entschieden napoleonische Kreatur ist, und dem er auf der Tasche
liegt. Infolgedessen habe er, Lassalle, beschlossen, von Marx'
Empfehlungsbrief keinen Gebrauch zu machen. Du weit, wie oft wir in
die Lage kommen, im Ausland uns vor nichts mehr zu hten als vor
unseren Landsleuten. Nun, der wackere Jean Philipp war doch
jedenfalls nicht der erste beste hergelaufene Grosprecher, sondern
hatte wiederholt fr die Sache der Freiheit seinen Mann gestanden,
auf eine Zusammenkunft mit ihm htte es Lassalle also schon ankommen
lassen knnen. Als er spter den Allgemeinen deutschen
Arbeiter-Verein ins Leben rief, wute er auch Beckers Adresse zu
finden[18] und stellte diesem gegenber, der auf irgendeine Weise
erfahren hatte, welche Redereien ber ihn im Umlauf seien, die Sache
so dar, als habe Marx aus einer Mcke einen Elefanten gemacht und
einer harmlosen gelegentlichen uerung ber Beckers Verkehr mit Trr
eine so schlimme Deutung gegeben.

Erst im Januar 1862 kehrte Lassalle nach Berlin zurck. Er fand die
politische Situation wesentlich verndert vor. Der Gegensatz zwischen
dem Knig von Preuen und dem liberalen Brgertum hatte sich zum
offenen Konflikt verschrft; bei den Neuwahlen zur Kammer Anfang
Dezember 1861 war die schwachmtige konstitutionelle Partei durch die,
eine etwas schrfere Tonart anschlagende Fortschrittspartei verdrngt
worden. Diese hatte sich im Sommer desselben Jahres aus der bis dahin
eine kleine Minderheit in der Kammer ausmachenden Fraktion
Jung-Litauen entwickelt oder vielmehr um sie geschart. Aber die
Fortschrittspartei war keineswegs eine homogene Partei. Sie bestand
aus den verschiedenartigsten Elementen, liberalisierende
Grobourgeois saen in ihr neben kleinbrgerlichen Demokraten,
ehemalige Republikaner mit verschwommenen sozialistischen Tendenzen
neben Mnnern, die beinahe noch kniglicher waren als der Knig
selbst. In seinem Hohenzollernschen Eigensinn hatte es Wilhelm I. eben
mit allen verdorben; nur die Partei der Junker und Mucker und die
eigentliche Bureaukratie mit ihrem Anhang hielten zur Regierung. Die
Fortschrittspartei verfgte ber die groe Mehrheit der Kammer und
ber fast die ganze ffentliche Meinung im Lande. Selbst Leute, die
das innere Wesen dieser Partei durchschauten und zu radikale Ansichten
hegten, um sich ihr anschlieen zu knnen, hielten es fr gut, ihr
zunchst nicht entgegenzutreten, sondern abzuwarten, wie sie ihren
Kampf mit der preuischen Regierung zu Ende fhren werde.

Lassalle war mit denjenigen Mnnern, die den Mittelpunkt der
Fortschrittspartei in Berlin bildeten, schon seit einiger Zeit
zerfallen. Anfangs 1860 hatte er noch mit groer Emphase in einem
Brief an Marx fr die kleinbrgerlich-demokratische Berliner
Volkszeitung eine Lanze eingelegt, sie ein Blatt genannt, das,
wenn auch hufig mit viel weniger Mut, als erforderlich ist, und mit
viel weniger Konsequenz, als es sich trotz der Prefesseln zur
Pflicht machen sollte, doch immerhin den demokratischen Standpunkt im
allgemeinen durch alle die Jahre hindurch verteidigt hat und weiter
verteidigt, und hatte jede andere Politik, als die 1848 von der
Neuen Rheinischen Zeitung gegenber den blau-revolutionren
Blttern und Parteien eingenommene fr ebenso theoretisch falsch wie
praktisch verderblich erklrt. Wir mssen, schrieb er, in
bezug auf die vulgr-demokratischen Parteien und ihre verschiedenen
Nancen ebensosehr die Identitt, als den Unterschied unsres
sozial-revolutionren Standpunktes mit ihnen festhalten. Blo den
Unterschied herauskehren -- wird Zeit sein, wenn sie gesiegt haben.
Sollte die Partei in London dagegen sich zu dem Standpunkt entwickelt
haben, alle blo blau-revolutionren Bltter und Parteien den
reaktionren gleichzustellen, dann erklre ich entschieden, da ich
diese Wandlung nicht mitmachen, sie vielmehr berall  outrance
bekmpfen werde. Im Brief vom 19. Januar 1861 teilt er jedoch Marx
mit, da er die Weigerung der Volkszeitung, eine lngere Einsendung
von ihm gegen die Nationalzeitung abzudrucken, als Anla benutzt
habe, um mit ihrem Herausgeber, Franz Duncker, zu brechen. Umgang
meine ich, denn andres bestand berhaupt nicht. Ich benutze den
Anla, sage ich. Denn es ist mir eine erwnschte Gelegenheit noch
mehr als ein Grund. Es ist schon lange dahin gekommen mit ihm, da
ich diese Notwendigkeit einsah; es ist mit diesem mattherzigen
Gesindel gar kein Verhltnis mglich, und so werde ich denn dies
benutzen, um alle Beziehungen zu ihm, was ich ohne meine natrliche
Gutmtigkeit schon lange getan, aufzuheben. In der vom 27. Mrz
1861 datierten Vorrede zum System der erworbenen Rechte finden wir
denn auch schon einen an jener Stelle sogar ziemlich unvermittelten
Angriff auf die Wortfhrer der liberalen Bourgeoisie, die den
Begriff des Politischen in einer geistlosen Verflachung und
Oberflchlichkeit, in einer Isoliertheit fassen, die sie zwingt,
sich an bloe Worte hinzuverlieren, und auf Worten mit Worten und
fr Worte zu kmpfen. Indes blieb Lassalle doch mit andern
Fortschrittlern und Nationalvereinlern in Verkehr, und in Berlin
selbst hatte der Bruch mit Duncker vorerst nur die Folge, da
politisch noch zweideutigere Gestalten Lassalles Umgang bildeten.
Abgesehen von einigen wirklichen Gelehrten, durften ganz gewhnliche
Salonlwen, wie der Baron Korff, Meyerbeers Schwiegersohn, oder
radikaltuende Knstler, wie Hans von Blow usw., sich der intimen
Freundschaft Lassalles rhmen[19]. In der Rechtfertigungsschrift der
Frau Helene von Racowitza wird von der Schreiberin, zwar
unabsichtlich aber desto eindrucksvoller, die sehr gemischte und zum
Teil ziemlich angefaulte Gesellschaft geschildert, in der sich
Lassalle bewegte, als sie seine Bekanntschaft machte (Anfang 1862).
Vom Rechtsanwalt Hiersemenzel, in dessen Haus die erste Zusammenkunft
zwischen Helene und Lassalle stattfand, und dessen reizende
blondlockige Frau jener Lassalle als einen der intimsten Freunde
ihres Mannes bezeichnete, schreibt Lassalle selbst wenige Monate
darauf -- am 9. Juni 1862 -- an Marx: Beilufig, mit dem ganz
gemeinen Hecht Hiersemenzel habe ich for ever gebrochen und fgt
recht bezeichnend hinzu: Glaube etwa nicht, da seine Frau die
Veranlassung davon bildet.

Dauerhafter erwies sich die Freundschaft Lassalles mit Lothar Bucher,
der nach Erla der Amnestie nach Deutschland zurckgekehrt war und sich
in Berlin niedergelassen hatte. Bucher war freilich kein Hecht, sondern
gehrte einer zahmeren zoologischen Gruppe an.

Verschiedene Briefe von und an Lassalle aus jener Zeit besttigen, da
dieser aus Italien mit ziemlich abenteuerlichen Plnen heimgekehrt war,
die an seinen Garibaldi vorgeschlagenen Revolutionsplan anknpften.
Einer der interessantesten davon ist der Brief Lothar Buchers vom 19.
Januar 1862. Bucher, dem es damals herzlich schlecht ging und den
Lassalle, wie er unterm 9. Februar 1862 an W. Rstow schrieb, in
langen, mit rasender geistiger Anstrengung verbundenen Unterredungen
fr seine Ideen zu gewinnen versucht hatte, nimmt in jenem Brief auf
eine am Abend vorher gefhrte Debatte mit Lassalle Bezug und fhrt aus,
da er es zwar fr mglich halte, die bestehende Ordnung -- oder
Unordnung -- der Dinge in Deutschland niederzuwerfen, aber noch nicht,
sie niederzuhalten; mit andern Worten, da die Zeit fr eine
sozialistische Revolution noch nicht reif sei. Bedenken Sie dazu noch
eins: da jede sozialistische Bewegung in Frankreich auf lange Zeit
hinaus mit dem Kot und Gift des Bonapartismus versetzt sein und bei uns
eine Menge gesunder und reiner Elemente gegen eine hnliche Bewegung
wachrufen wrde. Auf die Frage, was denn also geschehen solle, habe er
nur die lahme Antwort Machiavellis: Politik ist die Wahl unter
beln. Ein Sieg des Militrs -- d. h. der preuischen Regierung!!
-- wre ein bel, aber ein Sieg des heutigen sterreich wre
kein Sieg des reaktionren Prinzips. Dafr stelle er Lassalle als
Zeugen die Berliner Revue usw. usw. Diese als Einwand gegen
Lassalle vorgebrachten Darlegungen lassen nur den Schlu zu, da
Lassalle eine Revolution erzwingen zu knnen glaubte und im Hinblick
hierauf sterreich fr den Vorsto ausersehen hatte. Damit war der
obenerwhnte Versuch, Garibaldi zu einem Freischarenzug nach Wien zu
gewinnen, hinlnglich erklrt. Fraglich ist nur, wie Lassalle, der
fr gewhnlich in politischen Dingen ein sehr nchterner Rechner war,
zu einem so abenteuerlichen Plan kommen konnte. Ob er von
franzsischen, ungarischen oder italienischen Revolutionren angeregt
worden war, die Lassalle auf seiner Reise nach und durch Italien
kennengelernt, mu dahingestellt bleiben. Da Wilhelm Rstow um ihn
wute und, wie Lassalle Marx erzhlte, ihn gebilligt habe, mag er
auch auf Anregungen dieses etwas phantasiereichen Militrs
zurckzufhren sein. Es ist schwer zu glauben, da er Lassalles
eignem Kopf entsprungen war, so sehr er mit gewissen Ideen Lassalles
bereinstimmte.

Jedenfalls berzeugte sich Lassalle daheim, da zu einer Revolution in
Deutschland vor allem noch die deutschen Revolutionre fehlten. Indes
war die Situation doch zu bewegt, um die zu einer Rckkehr zum
Studiertisch ntige Ruhe in ihm aufkommen zu lassen. Statt alsbald an
die groe national-konomische Arbeit zu gehen, die er sich vorgenommen,
verschob er sie immer wieder, um sich den Fragen des Tages zu widmen,
was bei dem tglich lebhafter pulsierenden ffentlichen Leben brigens
nur durchaus erklrlich war.

Die erste Leistung, mit der er zunchst an die ffentlichkeit trat, war
das gemeinsam mit Bucher verfate Pamphlet Julian Schmidt, der
Literarhistoriker. Obwohl die Schrift formell Kritik einer von Schmidt
zusammengeschriebenen Geschichte der deutschen Literatur ist, zeigt
das Vorwort, da mit ihr die liberale Presse berhaupt getroffen werden
sollte. Und auch die liberale Partei. Da Schmidt deren Programm
mitunterschrieben hatte und eifrig verfocht, sollte Julian der
Grabowite fglich der Ausdruck werden knnen, welcher den geistigen
Hhepunkt dieser Partei kennzeichnet. Eine etwas bertriebene Logik,
wie es berhaupt in der Schrift an bertreibungen nicht fehlt. Auch war
der Zeitpunkt fr sie nicht sehr gnstig gewhlt, da gerade in jenen
Tagen die Regierung das Abgeordnetenhaus aufgelst und Wilhelm I. ein
Reskript gegen die fortschrittlich-liberale Presse erlassen hatte. War
nun auch die Fraktion Grabow -- die altliberale Partei -- nicht mit der
Fortschrittspartei identisch, sondern noch ein gutes Teil mehr als diese
zu Kompromissen geneigt, so machte sie doch in der Verfassungsfrage
gemeinsame Sache mit ihr, so da der Hieb sie in einem Augenblick traf,
wo sie zufllig sich besser zeigte, als sonst. Im ganzen aber war die
Julian Schmidt applizierte Lektion eine wohlverdiente, die scharfe
Geielung der bei ihm oft in gespreizter Bildungssprache sich
wichtig machenden Oberflchlichkeit durchaus berechtigt.
Lassalle-Bucher verteidigen mit Witz und Schrfe die grten
Denker und Dichter Deutschlands gegen die oft flschende und
tendenzis-gehssige Schmidtsche berkritik. Wo der Setzer das
Wort nimmt, ist es immer Lassalle, der spricht, whrend Lothar Bucher
als das Setzerweib vorgefhrt wird.

Eine Einladung, die er im Frhjahr 1862 erhielt, in einem Berliner
liberalen Bezirksverein einen Vortrag zu halten, gab Lassalle erwnschte
Gelegenheit -- da es ihm in der Presse nicht mglich war --, den Fhrern
der Fortschrittspartei vor ihren eignen Leuten mndlich
gegenberzutreten. Als Thema whlte er die Frage des Tages: den
ausgebrochenen Verfassungskonflikt. Aber mit geschickter Berechnung
hielt er sich in dem ersten Vortrag, den er ber Verfassungswesen
betitelte, noch absolut auf dem Boden akademischer Darlegung. Er
entwickelt seinen prinzipiellen Standpunkt, ohne die sich aus ihm
ergebenden Folgerungen selbst darzulegen. Verfassungsfragen sind
Machtfragen, eine Verfassung hat nur dann und so lange gesicherten
Bestand, als sie der Ausdruck der realen Machtverhltnisse ist; ein Volk
besitzt nur dann in der Verfassung einen Schutz gegen Willkr der
Regierenden, wenn es in der Lage und gewillt ist, im gegebenen Fall auch
ohne die Verfassung sich gegen sie zu schtzen. Es sei daher der grte
Fehler gewesen, da man 1848, anstatt zuerst die realen Machtfaktoren zu
ndern und vor allen Dingen das Heer aus einem kniglichen in ein
Volksheer zu verwandeln, die Zeit mit dem Ausarbeiten einer Verfassung
so lange vertrdelte, bis die Gegenrevolution Kraft genug geschpft
hatte, die Nationalversammlung auseinanderzujagen. Wenn das Volk wieder
einmal in die Lage komme, eine Verfassung zu machen, mge man diese
Erfahrung daher beherzigen. Die von der Regierung eingebrachten
Heeresvorlagen seien ebenfalls aus diesem Gesichtspunkt zu beurteilen --
d. h. als dem Bestreben entsprungen, die tatschlichen Verhltnisse
weiter zugunsten der Regierung umzugestalten. Das Frstentum, meine
Herren, heit es am Schlu, hat praktische Diener, nicht
Schnredner, aber praktische Diener, wie sie Ihnen zu wnschen
wren.

Der Grundgedanke, von dem Lassalle hier ausgeht, ist unbestreitbar
richtig. Auch die meisten Fortschrittler sahen das wohl ein. Wenn sie
trotzdem einen andern Standpunkt fingierten, so taten sie dies, weil die
bersetzung des ersteren in die Praxis einfach die Revolution hie, die
Partei aber -- ein Teil der Fhrer berhaupt nur, der andere jedenfalls
zunchst -- den Kampf auf parlamentarischem Boden zu fhren wnschte.
Man brauchte aber auch keineswegs ein so geschworener Gegner der
Revolution zu sein, als wie Lassalle die Fortschrittler -- und im groen
und ganzen auch durchaus mit Recht -- damals hinstellte, um den
Zeitpunkt fr eine solche als noch nicht gekommen zu erachten. Auch
Lassalles Freund Bucher war ja, wie wir gesehen haben, trotz der vielen
Grnde, die er hatte, die bestehende Ordnung der Dinge zu hassen,
dieser Ansicht. Fr den parlamentarischen Kampf bot jedoch die Fiktion,
da man fr die bestehende Verfassung gegen die Regierung, die diese
verletzte, fr das Recht gegen die Macht kmpfte, eine viel
gnstigere, oder sagen wir lieber, bequemere Position, als die offene
Proklamierung des Kampfes um die Macht selbst. Die materiellen
Machtmittel hatte die Regierung in der Hand, darum wollte man sich
wenigstens alle moralischen sichern.

Obwohl Lassalle in seinem Vortrage nichts gesagt hatte, was nicht jeder
Fortschrittler -- ja, jeder vernnftige Mensch berhaupt unterschreiben
konnte, war er daher doch den Fhrern der Fortschrittspartei hchst
unangenehm, whrend die Regierungs- und Reaktionspartei sich die Hnde
rieb. Ganz offen bejubelte ihn die Kreuz-Zeitung, das Organ der
Junker und Mucker. Nicht nur, da es ihr berhaupt angenehm war, wenn
der Konflikt ins Herz des Feindes getragen wurde, lag ihr auch
deshalb daran, die Verfassungsfrage als eine reine Machtfrage
zwischen Knigtum und Volksvertretung dargestellt zu sehen, weil
dadurch ihre Position als einzig zuverlssige Sttze des Thrones eine
um so befestigtere wurde. Man mu nicht vergessen, da die
Neue ra Wilhelms I. nebenbei ein Versuch gewesen war, den Thron
der Hohenzollern von der allzu lstig gewordenen Vormundschaft der
ostelbischen Junker und der Bureaukratie zu emanzipieren. Gegenber
dem Programm, wie es Lassalle formulierte, mute diese dagegen dem
Knig als das unbedingt kleinere bel erscheinen.

Lassalle lie den Vortrag, den er noch in drei weiteren
fortschrittlichen Versammlungen gehalten hat -- ein Beweis, da die
fortschrittliche Whlerschaft nichts Bedenkliches an ihm fand -- auf
mehrfaches Andringen in Druck erscheinen. Inzwischen hatten die
Neuwahlen zum Landtage einen eklatanten Sieg der Fortschrittspartei ber
die Regierung gebracht, und alles harrte gespannten Blicks, wie sich
unter diesen Verhltnissen der Konflikt zwischen den beiden weiter
entwickeln werde.

Ebenfalls im Frhjahr 1862 hielt Lassalle in Berlin -- im
Handwerkerverein der Oranienburger Vorstadt, dem Maschinenbauerviertel
Berlins -- noch einen zweiten Vortrag, dem er den Titel gab: ber den
besonderen Zusammenhang der Idee des Arbeiterstandes mit der
gegenwrtigen Geschichtsperiode. Auch diesen Vortrag hatte er vorher
sorgfltig ausgearbeitet. Und er ist, wenngleich in Einzelheiten nicht
einwandfrei -- schon der Titel fordert zur Kritik heraus --
unzweifelhaft eine der besten, wenn nicht die beste der Lassalleschen
Reden. Eine ebenso klare wie schne Sprache, gedrungene, flssige,
nirgends berladene und doch nie trockene Darstellung, von Satz zu Satz
fortschreitende systematische Entwicklung des Grundgedankens, sind ihre
formellen Vorzge, whrend sie ihrem Inhalte nach -- wie gesagt, mit
einigen Einschrnkungen -- eine vortreffliche Einleitung in die
Gedankenwelt des Sozialismus genannt werden kann. Es nimmt ihrem Werte
nichts, wenn ich sie als eine, der Zeit und den Umstnden, unter denen
sie gehalten wurde, angepate Umschreibung des Kommunistischen
Manifestes bezeichne; sie fhrt in der Hauptsache an der Hand konkreter
Beispiele aus, was im historischen Teil des Manifestes in groen Zgen
bereits vorgezeichnet ist.

Noch immer spielen freilich die Hegelsche Ideologie und die juristische
Auffassungsweise in die Darstellung hinein, aber neben ihnen tritt doch
auch, wie das brigens im Vortrag ber Verfassungswesen gleichfalls
geschieht, die Betonung der konomischen Grundlagen der Bewegung der
Geschichte in den Vordergrund. Da die Arbeiter vermge ihrer
Klassenlage in der modernen brgerlichen Gesellschaft die eigentliche
revolutionre Klasse bilden, diejenige Klasse, die berufen ist, die
Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen -- die Grundidee des
kommunistischen Manifestes -- ist auch der leitende Gedanke des
Arbeiterprogramms, unter welchem Namen der Vortrag spter in Druck
erschienen ist. Nur da sich fr Lassalle die Sache sofort wieder in
juristische Begriffe kristallisiert und mit ideologischen Vorstellungen
verquickt wird. Wenn Lassalle im Titel und durchgngig im Vortrage
selbst vom Arbeiterstand spricht, so knnte man darin eine bloe
Konzession an den Sprachgebrauch erblicken, an der nur Pedanterie
Ansto nehmen mchte. Indes es mu Lassalle zu seinem Lobe nachgesagt
werden, da er in der Wahl seiner Ausdrcke durchaus nicht leichtfertig
zu Werke ging; es ist kein bloes Zugreifen nach einer populren
Redewendung, die ihn vom Arbeiterstand, von einem vierten Stand
sprechen lt, sondern eine Folge seiner wesentlich juristischen
Vorstellungen. Es ist derselbe Rckfall, der ihn den Begriff des
Bourgeois nicht etwa von der tatschlichen Machtstellung herleiten
lt, die der Kapitalbesitz rein vermge seiner konomischen Wirkungen
und Krfte verleiht, sondern -- von den rechtlichen und staatlichen
Privilegien, die der Kapitalist auf Grund seines Besitzes geniet oder
beansprucht. Statt den fundamentalen Unterschied zwischen dem modernen
Bourgeois und dem mittelalterlichen Feudalherrn scharf zu kennzeichnen,
verwischt er ihn auf solche Weise und lt den Kapitalbesitzer nur dann
einen Bourgeois sein, wenn er staatlich und rechtlich die Stellung
eines Feudalen beansprucht. (Vgl. S. 20-22 des Arbeiterprogramm.)
Und, wie immer, konsequent selbst in seinem Irrtum, stellt er als
bezeichnendes Merkmal -- d. h. nicht als ein, sondern als _das_ Merkmal
der Bourgeoisie-Gesellschaft -- das Klassen- oder Zensuswahlsystem hin.
Das preuische Dreiklassenwahlsystem, eingefhrt von der
feudalistisch-absolutistischen Reaktion gegen die brgerliche
Revolution des Jahres 1848, erscheint bei ihm als das Wahlsystem des
modernen Bourgeoisiestaates. Das hat allenfalls einen Sinn, wenn man
den Begriff Bourgeois auf die wenigen neufeudalen Grokapitalisten
beschrnkt, aber was wird dann aus dem vierten Stand?

Als weiteres Kennzeichen des so bestimmten Bourgeoisiestaates bezeichnet
Lassalle die Ausbildung des Systems der indirekten Steuern als Mittel
der Abwlzung der Steuerlast auf die nicht privilegierten Klassen. Da
jeder privilegierten Klasse die Tendenz innewohnt, sich von den Steuern
mglichst zu befreien, kann unbestritten bleiben. Aber wenn Lassalle den
Begriff des Klassenstaates vom Bestand von Wahlvorrechten abhngig
macht, dann wird seine Theorie schon durch die einfache Tatsache
umgestoen, da gerade in dem Lande, wo das allgemeine und direkte
Wahlrecht am lngsten besteht, in Frankreich, das indirekte Steuersystem
am strksten ausgebildet ist. Lassalles Deduktion, da von den 97
Millionen Talern, die der preuische Staat im Jahre 1855 aus Steuern
einnahm, nur etwa 13 Millionen aus direkten Steuern herstammen, ist
brigens gleichfalls anfechtbar. Er erklrt die 10 Millionen Taler
Grundsteuer einfach fr eine indirekte Steuer, da sie nicht von den
Grundbesitzern bezahlt, sondern von diesen auf den Getreidepreis
abgewlzt werde. Das Abwlzen war aber keineswegs eine so leichte Sache,
solange die Landesgrenzen nicht durch Einfuhrzlle gegen die Zufuhr von
auen abgesperrt waren. Die Grundsteuer hat vielmehr lange Zeit als
eine reine Reallast auf den Grundbesitz gewirkt und ist auch als solche
von den Grundbesitzern empfunden und bei Veruerungen behandelt worden.
9 Millionen Taler Einnahme aus dem Justizdienst mgen als eine indirekte
Steuer bezeichnet werden, da aber die rmste Klasse keineswegs die
meisten Prozesse fhrt, so kann man hier nicht von einer Steuer zur
Entlastung des groen Kapitals sprechen, wie immer man sonst ber die
Justizgebhren denkt. Kurz, die relative Steuerfreiheit des groen
Kapitals ist kein notwendiges Kriterium der Bourgeoisiegesellschaft.
Diese unterscheidet sich eben von der feudalen Gesellschaft dadurch, da
sie nicht an gesetzliche Statuierung der Klassenunterschiede gebunden
ist, vielmehr auch bei formeller Gleichberechtigung aller fortbesteht.

Anfechtbar war es auch, wenn Lassalle die Auferlegung von
Zeitungskautionen und der Zeitungsstempelsteuer als einen Beleg dafr
anfhrt, da die Bourgeoisie die Herrschaft ihres besonderen
Privilegiums und Elementes -- des Kapitals -- mit noch strengerer
Konsequenz durchfhre, als dies der Adel im Mittelalter mit dem
Grundbesitz getan hatte. Zeitungskautionen und Zeitungsstempel waren in
Preuen keineswegs Regierungsmittel der Bourgeoisie, sondern der
halb-feudalen und bureaukratischen Reaktion. Lassalle brauchte blo den
Blick nach England zu wenden, wo die Bourgeoisie zur weitesten
Entfaltung gediehen war, um sich zu berzeugen, wie auch ohne die
kleinen Mittel eines rckstndigen Regierungssystems die Presse, und
obendrein in noch viel hherem Mae als in Preuen, Privilegium des
groen Kapitalbesitzes werden kann. So richtig es natrlich war, gegen
diese Mittel der politischen Repression die Stimme zu erheben, so ist es
wiederum ein Beweis von Lassalles juristischer Denkweise, da, wo er die
Wirkung der Herrschaft der Bourgeoisie auf das Prewesen darstellen
will, er hier ausschlielich formal-rechtliche Einrichtungen anfhrt,
den Einflu der konomischen Faktoren dagegen gnzlich ignoriert.

Und schlielich fhrt ihn seine Ideologie dahin, dem Staat, der
Staatsidee, einen Dithyrambus anzustimmen. Der vierte Stand hat
eine ganz andere, ganz verschiedene Auffassung von dem sittlichen Zweck
des Staates als die Bourgeoisie.

Als Staatsidee der Bourgeoisie stellt Lassalle die Auffassung der
liberalen Freihandelsschule hin, nach welcher die Aufgabe des Staates
einzig darin bestehe, die persnliche Freiheit des einzelnen und sein
Eigentum zu schtzen.

Das sei aber eine Nachtwchteridee. Die Geschichte sei ein Kampf
mit der Natur, mit dem Elende, der Unwissenheit, der Armut, der
Machtlosigkeit und somit der Unfreiheit aller Art, in der wir uns
befanden, als das Menschengeschlecht am Anfang der Geschichte
auftrat. Die fortschreitende Besiegung dieser Machtlosigkeit -- das
ist die Entwicklung der Freiheit, welche die Geschichte darstellt.
Diese Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit zu
vollbringen, das sei die wahrhafte Aufgabe des Staates. Der Staat sei
die Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen, sein Zweck
sei, durch diese Vereinigung die einzelnen in den Stand zu setzen,
solche Zwecke, eine solche Stufe des Daseins zu erreichen, die sie
als einzelne niemals erreichen knnten, sie zu befhigen, eine Summe
von Bildung, Macht und Freiheit zu erlangen, die ihnen smtlich als
einzelnen schlechthin unersteiglich wre. Und weiter sei sein Zweck,
das menschliche Wesen zur positiven Entfaltung und fortschreitenden
Entwicklung zu bringen, mit anderen Worten, die menschliche
Bestimmung -- d. i. die Kultur, deren das Menschengeschlecht fhig
ist -- zum wirklichen Dasein zu gestalten. Er sei die Erziehung und
Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit. So sehr sei dies
die wahre und hhere Aufgabe des Staates, da sie deshalb seit
allen Zeiten durch den Zwang der Dinge selbst von dem Staate, auch
ohne seinen Willen, auch unbewut, auch gegen den Willen seiner
Leiter, mehr oder weniger ausgefhrt wurde.

Und der Arbeiterstand, die unteren Klassen der Gesellschaft berhaupt
haben schon durch die hilflose Lage, in der sich ihre Mitglieder als
einzelne befnden, den tiefen Instinkt, da eben dies die Bestimmung
des Staates sei und sein msse. Ein unter die Herrschaft der Idee des
Arbeiterstandes gesetzter Staat aber wrde sich diese sittliche
Natur des Staates mit hchster Klarheit und vlligem Bewutsein
zu seiner Aufgabe machen und einen Aufschwung des Geistes, die
Entwicklung einer Summe von Glck, Bildung, Wohlsein und Freiheit
herbeifhren, wie sie ohne Beispiel dasteht in der Weltgeschichte.

So schn das Ganze entwickelt ist, so leidet diese Darstellung doch an
einem groen Fehler: Trotz aller Betonung der geschichtlichen
Vernderungen in Staat und Gesellschaft erscheint der Staat hier seinem
Begriff und Wesen nach als ein fr alle Zeit gleicherweise Gegebenes,
als habe er von Anfang an einen bestimmten, einen seiner Idee
zugrunde liegenden Zweck gehabt, der zeitweise verkannt, mangelhaft
erkannt oder ignoriert worden sei und dem daher zur vollen
Anerkennung verholfen werden msse. Der Staatsbegriff ist sozusagen
ein ewiger. In diesem Sinne zitiert Lassalle eine Stelle aus einer
Festrede von Boeckh, wo der berhmte Altertumskenner gegen die
Staatsidee des Liberalismus an die antike Bildung appelliert,
welche nun einmal die unverlierbare Grundlage des deutschen Geistes
geworden sei und von der aus sich die Ansicht erzeuge, der Begriff
des Staates sei dahin zu erweitern, da der Staat die Einrichtung
sei, in welcher die ganze Tugend der Menschheit sich verwirklichen
solle. So begreiflich und innerhalb gewisser Grenzen auch durchaus
berechtigt der Protest gegen die sich damals breitmachende Theorie
des absoluten sozialpolitischen Gehen- und Geschehenlassens war, so
weit schiet Lassalle hier selbst ber das Ziel. Der Staat der Alten
beruhte auf Gesellschaftszustnden, so grundverschieden von denen der
Gegenwart, da die Ideen der Alten aber den Staat ebensowenig fr die
Gegenwart magebend sein knnen, wie etwa die Ideen der Alten ber
die Arbeit, das Geld, die Familie. Gleich diesen ist die antike
Staatsidee nur Material der vergleichenden Forschung, aber keineswegs
eine auf die Neuzeit bertragbare Theorie. Wenn nach Boeckh die
Staatsidee des Liberalismus die Gefahr einer modernen Barbarei in
sich trug, so die Aufpfropfung der antiken Staatsidee auf die heutige
Gesellschaft die Gefahr einer modernen Staatssklaverei. Ferner stimmt
es auch durchaus nicht, was Lassalle von den Wirkungen des Staates
sagt. Diese sind vielmehr zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene
gewesen. Groartige Kulturfortschritte sind vollzogen worden, ehe ein
Staat bestand, und wichtige Kulturaufgaben erfllt worden, ohne den
jeweiligen Staat oder auch in Gegensatz zu ihm; der Staat hat
unzweifelhaft im wesentlichen den Fortschritt der Menschheit
gefrdert, aber doch auch oft sich ihm als ein Hemmschuh erwiesen.

Natrlich dachte Lassalle nicht so unhistorisch, den Staatsbegriff
der Alten unverndert wieder herstellen zu wollen -- auch Boeckh lag
ein solcher Gedanke fern --, aber mit dem schlechtweg abgeleiteten
Staatsbegriff wurde die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Der
Kultus des Staates schlechthin heit der Kultus jedes Staates, und
wenn auch bei Lassalles demokratisch-sozialistischer Gesinnung ein
direktes Eintreten fr den bestehenden Staat ausgeschlossen war, so
verhinderte diese doch nicht, da jener Kultus spter von den
Anwlten des bestehenden Staates weidlich zu dessen Gunsten
ausgebeutet wurde. Das ist berhaupt die Achillesferse aller auf
abgeleitete Begriffe aufgebauten Theorie, da sie, so revolutionr
sie auch gedacht ist, tatschlich immer in Gefahr ist, in eine
Verklrung bestehender oder vergangener Zustnde umzuschlagen.
Lassalles Staatsidee war die Brcke, die den Republikaner Lassalle
eines Tages mit den Streitern fr das absolute Knigtum und den
Revolutionr Lassalle mit den eingefleischten Reaktionren
zusammenfhrte. Der philosophische Absolutismus hatte zu allen Zeiten
eine Ader, die ihn dem politischen Absolutismus nahe brachte.

So enthlt dieser Vortrag, trotz seiner sonst vortrefflichen
Eigenschaften, im Keim bereits alle Fehler, welche in der spteren
Lassalleschen Bewegung zutage getreten sind.

Zum Schlu ermahnt Lassalle die Arbeiter, sich ganz von dem Gedanken an
die hohe geschichtliche Mission ihrer Klasse durchdringen zu lassen, aus
ihm die Pflicht zu einer ganz neuen Haltung herzuleiten. Es ziemen
Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrckten, noch die migen
Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leichtsinn
der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, auf welchen die Kirche der
Gegenwart gebaut werden soll!

Lassalle lie, wie gesagt, auch diesen Vortrag drucken. Aber so
vorsichtig er auch gehalten ist, so sehr Lassalle jede unmittelbare
politische Schlufolgerung vermeidet, so witterte die Berliner Polizei,
zumal ihr Lassalles politische Bestrebungen sehr gut bekannt waren, doch
sofort, worauf der Vortrag hinauslief. Sie lie die ganze, bei einem
Berliner Drucker hergestellte Auflage von 3000 Exemplaren beschlagnahmen
und gegen Lassalle Strafuntersuchung einleiten. Ende Juni war die
Broschre im Druck vollendet und konfisziert worden. Am 4. November 1862
reichte der Staatsanwalt von Schelling -- ein Sohn des Philosophen
Schelling -- beim Berliner Stadtgericht das Gesuch ein um Einleitung der
Strafuntersuchung gegen Lassalle wegen Aufreizung der besitzlosen
Klassen zu Ha und Verachtung gegen die Besitzenden. Am 17. November
beschlo das Stadtgericht, dem Gesuch Folge zu geben, und am
16. Januar 1863 kam der Proze in erster Instanz zur Verhandlung. Trotz
einer wahrhaft brillanten Verteidigung, in der sich Lassalle dem
Staatsanwalt und dem Gerichtsprsidenten gleich berlegen zeigte, und
namentlich den ersteren Spieruten laufen lie, wurde Lassalle doch zu
vier Monaten Gefngnis verurteilt. Er appellierte und hatte wenigstens
den Erfolg, da das Kammergericht die Gefngnisstrafe in eine
verhltnismig unerhebliche Geldstrafe umwandelte. Die Beschlagnahme
der Broschre blieb allerdings aufrechterhalten, indes lie Lassalle den
Vortrag nun bei Meyer & Zeller in Zrich in Neuauflage erscheinen.

Ebenfalls bei Meyer & Zeller erschienen die drei Broschren ber den
Proze in der ersten Instanz -- von denen die erste die
Verteidigungsrede Lassalles (unter dem Sondertitel: Die Wissenschaft
und die Arbeiter), die zweite den stenographischen Bericht ber die
mndlichen Verhandlungen, und die dritte eine etwas breite Kritik des
erstinstanzlichen Urteils enthlt -- und schlielich auch unter dem
Titel: Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen, die
eine ganze Geschichte und Kritik der indirekten Steuer darbietende
Verteidigungsrede in der zweiten Instanz. War die erste
Verteidigungsrede eine auerordentlich geschickte und wirkungsvolle
Beweisfhrung dafr, da der Satz in der preuischen Verfassung die
Wissenschaft und ihre Lehre sind frei sinnlos wre, wenn er nicht das
Recht in sich begriffe, die Lehren der Wissenschaft und ihre Theorien
den breiten Volkskreisen vorzutragen, und da gerade die Arbeiterklasse
infolge ihrer gesellschaftlichen Lage die natrliche Verbndete der fr
ihre Freiheit kmpfenden Wissenschaft sei, so ist die Rede ber die
indirekte Steuer eine ganze konomische Abhandlung mit sehr vielem
geschichtlichen und statistischen Material, die man noch heute mit
Frucht lesen wird, eine der wuchtigsten Anklageschriften gegen das
System der indirekten Steuern, die je geschrieben wurden. Politisch
kommt in dieser zweiten Rede schon der Kampf Lassalles mit dem
brgerlichen Liberalismus zu schrfstem Ausdruck, whrend in der ersten
Rede noch die Gemeinsamkeit des Kampfes beider wider die Reaktionsmchte
betont wurde. Eine eingehendere Wrdigung dieser Reden findet man in den
Vorworten des Schreibers zu ihnen. Hier mssen wir vorerst wieder auf
die Zeit zurckgehen, in welcher der Vortrag selbst gehalten worden war,
das Frhjahr 1862.

Es ist begreiflich, da der Vortrag als solcher zunchst kein
besonderes Aufsehen machte. So sehr er sich dem inneren Gehalt nach von
der Kost unterschied, die den Berliner Arbeitern damals von den
Fortschrittsrednern vorgesetzt wurde, der ueren, politischen Tendenz
nach wich er wenig von ihr ab. An radikalen Wendungen, Anspielungen auf
eine Neuauflage der 1848er Revolution, Angriffen auf die indirekte
Steuer usw. lieen es auch die fortschrittlich-demokratischen
Dutzendredner nicht fehlen. Ja, da sie ihre Reden mit Ausfllen gegen
die Regierung spickten, hrten sich diese gewhnlich viel radikaler an
als der fast ganz akademisch gehaltene Vortrag Lassalles. Wenn der
Philister oppositionell ist, nimmt er es in der Grospurigkeit der
Redensarten mit jedem auf. Auf die Mehrheit seiner Hrer, ob Arbeiter
oder Brger, machte der Vortrag noch nicht den Eindruck von
auergewhnlichem Radikalismus.

So wurde denn auch Lassalle, der Mitglied der Philosophischen
Gesellschaft in Berlin war, noch in demselben Frhjahr von dieser dazu
ausersehen, bei der auf den 19. Mai veranstalteten Gedenkfeier zum
hundertjhrigen Geburtstage des Philosophen Fichte die Festrede zu
halten. Weder an seinem sozialen noch an seinem politischen
Radikalismus, der natrlich in diesen Kreisen wohl bekannt war, nahmen
die leitenden Persnlichkeiten damals Ansto. Da das Brgertum in seiner
groen Mehrheit oppositionell war, durften auch seine Gelehrten noch
Ideologie treiben.

Sechs Monate zuvor hatte Lassalle in den Demokratischen Studien
Fichte als Apostel der deutschen Republik gefeiert; wenn man ihm
jetzt den Auftrag erteilte, dem Andenken Fichtes eine Festrede zu
halten, so war das im Grunde nichts als eine Anerkennung jenes
Aufsatzes. Und Lassalle lie sich denn auch die Gelegenheit nicht
entgehen, das dort Gesagte in anderer Umkleidung zu wiederholen.

Die Rede trgt den Titel: Die Philosophie Fichtes und die Bedeutung des
deutschen Volksgeistes. Sie ist glnzend, soweit sie Fichtes Stellung
in der Geschichte der deutschen Philosophie zur Anschauung bringt.
Weiterhin aber verfllt Lassalle wieder in eine ganz althegelsche
Ideologie. Der deutsche Volksgeist ist die metaphysische Volksidee, und
seine Bedeutung besteht darin, da die Deutschen die hohe
weltgeschichtliche Aufgabe haben, aus dem reinen Geist heraus diesem
nicht blo eine reale Wirklichkeit, sondern sogar die bloe
Sttte seines Daseins, sein Territorium, erst zu schaffen. Indem
hier das Sein aus dem reinen Geist selbst erzeugt wird, mit nichts
Geschichtlichem, nichts Naturwchsigem und Besonderem verwachsen,
kann es nur sein, des reinen Gedankens, Ebenbild sein, und trgt
hierin die Notwendigkeit jener Bestimmung zur hchsten und
vollendetsten Geistigkeit der Freiheit, die ihm Fichte weissagt. Und
was Fichte philosophisch in der Einsamkeit seines Denkens aufgestellt
habe, das sei, einen anderen Ausspruch dieses Philosophen
bewahrheitend, bereits zur Religion geworden und durchbebe unter
dem populren und dogmatischen Namen der deutschen Einheit jedes
edlere deutsche Herz.

Das Streben nach der deutschen Einheit als die Frucht des reinen, mit
nichts Geschichtlichem verwachsenen Geistes hinstellen -- das ging noch
ber die Ideologie des Liberalismus hinaus. Deshalb scheint auch der mit
groer Konsequenz und Einheitlichkeit des Gedankens durchgefhrte
Vortrag seine Wirkung auf das Festpublikum total verfehlt zu haben. Wie
einige Bltter schadenfroh berichteten, verlieen die Hrer zum groen
Verdru Lassalles allmhlich das Zimmer der Festrede, um sich nach dem
Zimmer des leckeren Mahles zu verfgen. Sie vergaen aber
hinzuzusetzen, da die Hrerschaft sich nicht nur aus Mitgliedern der
philosophischen Gesellschaft, sondern in der Mehrheit aus deren Gsten
zusammensetzte -- meist also Leute, die solche Festversammlungen
lediglich des guten Tons halber besuchen.

Lassalle lie auch diese Rede im Separatdruck erscheinen und sandte sie,
zusammen mit dem Julian Schmidt, und dem Vortrag ber
Verfassungswesen durch Lothar Bucher an Marx. Er habe etwas
politisch-praktische Agitation beginnen wollen, schreibt er unter dem
9. Juni an letzteren. So habe ich den Verfassungsvortrag in vier
Vereinen gehalten. Auerdem einen weit lngeren Vortrag ber den
Arbeiterstand geschrieben und in einem Arbeiterverein gehalten.
Es ist dies das Arbeiterprogramm. Ich habe mich jetzt auch
entschlossen, setzt er hinzu, ihn drucken zu lassen; er ist bereits
unter der Presse. Sowie er fertig ist, sende ich ihn Dir. Im
weiteren Verlauf seines Briefes kommt er wieder darauf zurck, da
durch die intensivere Beschftigung mit anderen Dingen in den letzten
drei Jahren die nationalkonomische Materie in seinem Kopf gleichsam
fossil geworden sei. Erst wenn alles wieder flssig geworden,
werde er an die zweite Lektre des Marxschen Buches Zur Kritik der
politischen konomie gehen, und dann ziemlich gleichzeitig an dessen
Besprechung und die Ausfhrung seines eigenen konomischen Werkes --
welch letztere freilich sehr lange dauern wird. Dieses Programm
werde ohnehin durch eine zweimonatige Reise unterbrochen, denn im
Sommer halte er es in Berlin nicht aus. Im Juli werde er nach der
Schweiz reisen oder erst nach London kommen und dann in die Schweiz
gehen.

Er entschied sich fr das letztere. Vorher aber schrieb er noch einmal
an Marx, und zwar:

Lieber Marx! Der berbringer ist der Hauptmann Schweigert, der mit
Auszeichnung unter Garibaldi und speziell unter meinem Freund Rstow
gedient hat. Er ist der ehrlichste und zuverlssigste Kerl von der Welt.
C'est un homme d'action. Er steht an der Spitze der Wehrvereine, die er
von Coburg aus organisiert und geht jetzt nach London, um dort
Geldmittel fr 3000 Gewehre aufzutreiben, die er fr die Wehrvereine
braucht. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie wnschenswert dies
wre. Habe also die Gte, ihn mit allen Leuten in Rapport zu setzen, von
denen er Geld fr diesen Zweck erhalten kann oder sonstigen zu diesem
Ziel fhrenden Vorschub zu tun. Tue Dein Mglichstes.

Die Wahrscheinlichkeit, da ich nach London komme, nimmt zu.

  Berlin, 19. 6. 62.           Dein F. Lassalle.

Die von Coburg aus organisierten Wehrvereine standen im Lager des
Nationalvereins, der seinen Sitz in jener Stadt hatte. Rstow wollte
sie offenbar fr Aktionen verwendbar machen, die zeitgem werden
konnten, wenn Garibaldi sich von neuem erhob. Die Betonung des homme
d'action, und das groe Interesse an der Beschaffung der 3000 Gewehre
sind eine weitere Besttigung fr das weiter oben von den
Revolutionsplnen Lassalles Gesagte.

Mit zwei kurzen Briefen aus London selbst, die sich auf Besuche und
einen zu unternehmenden gemeinsamen Ausflug beziehen, schlieen die mir
vorliegenden Briefe Lassalles an Marx ab. Es wre aber falsch, daraus
den Schlu zu ziehen, da es bei dem Besuch zu einem Bruch zwischen den
beiden gekommen wre. Ein solcher hat nie stattgefunden. Wohl aber
wissen wir von Marx, da in den mndlichen Auseinandersetzungen zwischen
ihm und Lassalle er dem letzteren die grundstzliche Verschiedenheit der
beiderseitigen Standpunkte rckhaltlos dargelegt, sich rundweg gegen
dessen Plne erklrt habe. Bald nachdem Lassalle im Herbst 1862 nach
Berlin zurckgekehrt war, schlief die Korrespondenz gnzlich ein. Um so
enger schlo sich Lassalle an Bucher an, der ihn spter auch mit
Rodbertus in Verbindung brachte.

Im Sptsommer 1862 schien es einen Augenblick, als wolle die preuische
Regierung der Volksvertretung gegenber eine nachgiebigere Haltung
einschlagen. Wieder wurde hin- und herverhandelt, bis pltzlich der
Knig in schroffer Weise der Kammer erklren lie, da er sich auf keine
Konzessionen in bezug auf die Verkrzung der Militrdienstpflicht
einlasse und auch keine Neigung verspre, um Indemnitt fr die
verfassungswidrige Durchfhrung der Armeeorganisation einzukommen. Die
Kammer antwortete damit, da sie die Forderung der Regierung, die Kosten
der Heeresorganisation in den Etat der ordentlichen Ausgaben
aufzunehmen, mit 308 gegen 11 Stimmen verwarf. Um den Widerstand der
Mehrheit zu brechen, berief der Knig an Stelle des Herrn v. d. Heydt
den gerade in Berlin befindlichen Gesandten Preuens am franzsischen
Hofe, Otto v. Bismarck, ins Ministerium. Die vorhergegangene schroffe
Betonung der kniglichen Vorrechte war bereits im Einverstndnis mit
Bismarck erfolgt.

Bismarck, der 1847 im Vereinigten Landtag und 1849 in der
Preuischen Nationalversammlung als feudal-junkerlicher Heisporn
aufgetreten war, hatte sich inzwischen zum modernen Staatsmann
entwickelt. Er hatte die junkerlichen Ideologien ber Bord geworfen,
um desto wirksamer die Interessen des befestigten Grundbesitzes
wahrzunehmen, er hatte den vormrzlichen Absolutismus aufgegeben, um
dem Knigtum dadurch eine um so privilegiertere Stellung zu sichern,
da die Volksvertretung die Verantwortung, aber auch nichts als die
Verantwortung fr die Bedrfnisse und die Politik der Monarchie
bernehmen sollte. Kurz, er hatte die Maximen des als Bonapartismus
bekannten Regierungssystems bernommen, das, wenn es von Demokratie
spricht, Regierungsgewalt meint, und von Frsorge fr das Wohl der
Armen deklamiert, wenn es einen Steuerfeldzug auf die Taschen der
Arbeiter im Schilde fhrt. Von der zarischen Diplomatie hatte er
gelernt, wie man absolutistisch regieren und unter der Hand mit
Revolutionren Geschfte machen kann, von der bonapartistischen, wie
man stets in dem Augenblick den Gegner einer verpnten Handlung
beschuldigen mu, wo man selbst eben diese Handlung zu begehen im
Begriff ist. Als Spezialitt bte er auerdem die Gepflogenheit aller
geriebenen Diplomaten, zeitweilig eine verblffende Aufrichtigkeit an
den Tag zu legen, um bei der nchsten Gelegenheit mit desto mehr
Erfolg die Sprache gebrauchen zu knnen, um die Wahrheit nicht zu
sagen.

Mit dieser Aufrichtigkeit trat Bismarck auch vor die Kammer, trotzdem
wurde ihm jedoch sein deutsches Programm nicht geglaubt. Seine Erklrung
in der Budgetkommission, die deutsche Frage werde nur durch Blut und
Eisen gelst werden, reizte nur um so mehr zum Widerstand. Das
Abgeordnetenhaus blieb bei seinem Beschlu bestehen, der Regierung
nichts zu bewilligen, bevor nicht sein verfassungsmiges Recht von ihr
anerkannt sei, worauf Bismarck das Haus vertagte mit der Erklrung, die
Regierung werde vorderhand das Geld nehmen, wo sie es finde.

Indes war seine Lage keineswegs eine sehr gesicherte. Wohl hatte er die
Regierungsgewalt, d. h. die organisierte Macht, hinter sich, whrend
die Kammer vorlufig nichts als die ffentliche Meinung auf ihrer
Seite hatte. Indes, er wute ganz gut, da er sich auf die preuischen
Bajonette nicht setzen konnte. Auf durchgreifende Erfolge in der
auswrtigen Politik, geeignet, die ehemaligen Gothaer, d. h. die
schwachliberalen Kleindeutschen, fr die Regierung zurckzugewinnen, war
vorderhand nicht zu rechnen. Er mute also anderwrts Verbndete gegen
die Fortschrittspartei zu gewinnen suchen.

Es war um diese Zeit, im Herbst 1862, da man in Berlin in
Arbeiterkreisen anfing, die Einberufung eines Allgemeinen deutschen
Arbeiterkongresses zur Errterung von besonderen Fragen des Arbeiterwohls
ernsthaft zu betreiben, und da in Zusammenknften, die dieser Frage
galten, ein beschftigungsloser Arbeiter namens Eichler mit besonderer
Heftigkeit die Fortschrittspartei der Lahmheit anklagte und gegen die
Schulzeschen Genossenschaften loszog, die dem Arbeiter nichts ntzten.
Mit der Selbsthilfe, von der die Liberalen soviel Geschrei machten,
sei es nichts, nur der Staat knne den Arbeitern helfen. Eichler, der
behauptete, von seinem Prinzipal wegen seiner absprechenden
uerungen ber die Schulzesche Selbsthilfe gemaregelt zu sein, fand
die Mittel, nach Leipzig zu reisen, wo im dortigen Arbeiterverein
Vorwrts gleichfalls die Idee der Einberufung eines allgemeinen
Arbeiterkongresses und die Grndung einer selbstndigen
Arbeiterorganisation lebhaft diskutiert wurde. Er suchte das
Leipziger Zentralkomitee fr die Einberufung des Kongresses nach
Berlin zu gewinnen, und als man ihm etwas genauer auf den Zahn
fhlte, rckte er schlielich in der Hitze des Gefechtes mit der
Erklrung heraus, er wisse ganz genau, da die preuische Regierung
den guten Willen habe, den Arbeitern zu helfen, namentlich bei der
Grndung von Produktivgenossenschaften; er knne mitteilen, da Herr
von Bismarck bereit sei, 30000 Taler zur Grndung einer
Maschinenbauer-Produktivgenossenschaft zu liefern -- die
Maschinenbauer waren damals, und noch lange spter, in Berlin die
Kerntruppe der Fortschrittspartei! Natrlich mten sich die Arbeiter
dazu entschlieen, der Fortschrittspartei den Rcken zu kehren, die
eine Partei der Bourgeoisie, der Hauptfeindin der Arbeiter, sei.

Damit fiel Eichler indes ab, denn so wenig die Leute, welche in Leipzig
den Arbeiterkongre betrieben, Verehrer der Fortschrittler waren, so
geringe Lust hatten sie, ihnen der preuischen Regierung zuliebe in den
Rcken zu fallen. Eichler zog unverrichteter Sache heim und scheint auch
in Berlin wenig ausgerichtet zu haben. Als man ihm wegen seiner
auffllig flotten Lebensweise, die zu seiner Arbeitslosigkeit so gar
nicht pate, auf den Pelz rckte, machte er mysterise Anspielungen auf
eine reiche vornehme Dame, die Wohlgefallen an ihm gefunden habe, und da
er ein hbscher Bursche war, hatte das auch nichts besonders
Unwahrscheinliches. Eichler verschwand dann von der Bildflche und
tauchte spter als -- preuischer Polizeibeamter auf.

Als 16 Jahre spter, in der Reichstagssitzung vom 16. September 1878,
August Bebel die Eichlersche Mission dem inzwischen zum Frsten
avancierten Bismarck vorhielt, suchte dieser tags darauf den Eichler von
sich abzuschtteln, indem er ein Versehen Bebels in der Zeitbestimmung
fr sich ausnutzte -- Bebel hatte September statt Oktober 1862 als die
Zeit des Eichlerschen Gastspiels in Leipzig angegeben; aber im Vertrauen
auf die Wirkung dieses Kunstgriffs lie er sich zu dem Gestndnis
verleiten, Eichler habe spterhin Forderungen an mich gestellt fr
Dienste, die er mir nicht geleistet hatte, und da ihm bei der
Gelegenheit erst in Erinnerung gekommen, da Herr Eichler im Dienste der
Polizei gewesen ist und da er Berichte geliefert hat. (Vgl. die unter
dem Titel Die Sozialdemokratie vor dem deutschen Reichstage
verffentlichten amtlichen Stenogramme ber die Beratung des
Sozialistengesetzes, 1878, S. 85.) Mit andern Worten, die angebliche
vornehme Dame, oder, wie sich der Leipziger Volksstaat seinerzeit
einmal drastisch ausdrckte, die aristokratische Vettel entpuppte
sich als -- das Berliner Polizeiprsidium.

Ebenfalls im Herbst 1862, nachdem am 13. Oktober Bismarck den Landtag
vertagt hatte, hielt Lassalle seinen zweiten Verfassungsvortrag: Was
nun? Er beruft sich dort darauf, da die Ereignisse den Ausfhrungen
in seinem ersten Vortrage recht gegeben haben. Die Kreuzzeitung, der
Kriegsminister von Roon und der gegenwrtige Ministerprsident von
Bismarck htten seine Theorie, da Verfassungsfragen Machtfragen sind,
besttigt. Gesttzt auf ihre Macht habe die Regierung fortgefahren, sich
ber die Beschlsse der Kammer hinwegzusetzen. Es handle sich nun
weniger um die Frage, wie der Verfassung von 1850 zur Fortdauer ihrer
Existenz zu verhelfen sei, an deren Bestimmungen das Volk zum Teil gar
kein Interesse habe, sondern einfach um die Frage, wie das Budgetrecht
der Volksvertretung aufrechtzuerhalten, das parlamentarische Regime zur
Wahrheit zu machen sei, da in ihm, und nur in ihm das Wesen einer jeden
wahrhaft konstitutionellen Regierung bestehe. Soll man zu dem Mittel
der Steuerverweigerung greifen? Nein, antwortet Lassalle. Diese sei als
solche ein wirksames Mittel nur in den Hnden eines Volkes, das, wie das
englische, die vielen Machtmittel der organisierten Macht auf seiner
Seite habe. Sie htte nur dann einen Sinn, wenn sie dazu dienen sollte,
einen allgemeinen Aufstand zu entflammen. Aber an einen solchen werde
unter den jetzigen Umstnden hoffentlich wohl niemand denken. Das
einzige Mittel sei, auszusprechen, was ist. Die Kammer msse, sobald sie
wieder zusammentrete, aussprechen das, was ist. Das sei das
gewaltigste politische Mittel. Die Kammer msse es der Regierung
unmglich machen, mit dem Scheinkonstitutionalismus weiter zu regieren.
Sobald sie wieder zusammentrete, msse sie unverzglich einen Beschlu
fassen, da sie, solange die Regierung ihren Verfassungsbruch fortsetze,
es ablehne, durch Forttagen und Fortbeschlieen der Regierung behilflich
zu sein, den Schein eines verfassungsmigen Zustandes aufrechtzuhalten,
und da sie daher ihre Sitzungen auf unbestimmte Zeit, und zwar auf so
lange aussetze, bis die Regierung den Nachweis antritt, da die
verweigerten Ausgaben nicht lnger fortgesetzt werden. Sobald die
Kammer diesen Beschlu gefat habe, sei die Regierung besiegt. Auflsung
nutze ihr nichts, denn die neuen Abgeordneten wrden mit derselben
Parole wiedergewhlt werden. Ohne Kammer knne sie aber auch nicht
regieren. Ihr Kredit, ihr Ansehen, ihre Machtstellung nach auen wrden
so gewaltig darunter leiden, da sie ber kurz oder lang gezwungen sein
werde, nachzugeben. Ein anderes Mittel, den Konflikt beizulegen, gbe es
aber nicht. Durch Forttagen und Verweigern anderer oder auch aller
Ausgaben der Regierung wrden nur Volk und Regierung an die se
Gewohnheit der Nichtbeachtung von Kammerbeschlssen gewhnt. Noch
schlimmer wrde es sein, wollte die Kammer sich auf einen Kompromi
einlassen, etwa fr den Preis der Bewilligung der zweijhrigen
Dienstzeit. Nein, kein Nachgeben in der konstitutionellen Grundfrage, um
die es sich jetzt handle. Je hartnckiger sich die Regierung stelle, um
so grer werde alsdann ihre Demtigung sein, wenn sie sich gezwungen
sehen werde, nachzugeben. Um so mehr erkennt sie dann die
gesellschaftliche Macht des Brgertums als die ihr berlegene Macht an,
wenn sie erst spter umkehrend sich vor Volk und Kammer beugen mu.
Dann aber keinen Vershnungsdusel, meine Herren. Keinen neuen
Kompromi mit dem alten Absolutismus, sondern den Daumen aufs Auge und
das Knie auf die Brust.

Lassalle nimmt in diesem Vortrag im ganzen eine vershnliche Haltung
gegenber der Fortschrittspartei ein. Er will der Einigkeit zuliebe
alle schweren Anklagen, die er gegen sie auf dem Herzen habe,
unterdrcken. Nur die Volkszeitung und ihre Hintermnner, deren
Politik das Aussprechen was nicht ist, sei, greift er an. Diese
Geistesrmsten trgen durch ihre Versuche, die Regierung in eine
konstitutionelle umzulgen, einen sehr groen Teil der
Verantwortung fr den jetzigen Stand der Dinge. Aber Friede, meine
Herren, der Vergangenheit!

Ob Lassalle im Innersten seines Herzens so friedlich gesinnt war und
wirklich sich dem Glauben hingab, die Fortschrittler wrden auf seinen
Vorschlag eingehen, oder ob diese Vershnlichkeit nur oratorische
Floskel war, um ihm spter eine desto schrfere Position gegen die
Fortschrittler zu verleihen, lt sich schwer feststellen. Es mag beides
zutreffen. Da er einem zeitweiligen Zusammengehen mit den
Fortschrittlern grundstzlich nicht abgeneigt war, haben wir vorher
gesehen, viele persnliche Beziehungen lieen ihm das sogar als
wnschenswert erscheinen, und vom prinzipiellen Standpunkt lie sich bei
der damaligen Sachlage auch nichts dagegen einwenden. Auf der anderen
Seite war es aber immer zweifelhafter geworden, ob die Fortschrittler
sich mit ihm einlassen und ihm denjenigen Einflu auf ihre Taktik
einrumen wrden, auf den er Anspruch zu haben glaubte.


Funoten:

  [18] Da die Fhrer der Italiener Becker sehr gut kannten, geht
  aus einem Briefe Mazzinis an Becker vom Juni 1861 hervor. Vgl. die
  Verffentlichungen R. Reggs aus den Papieren Joh. Ph. Beckers im
  Jahrgang 1888 der Neuen Zeit, S. 458 usf.

  [19] Die Briefe Lassalles an Hans von Blow sind Mitte der achtziger
  Jahre im Buchhandel erschienen. (Dresden und Leipzig, H. Minden.)
  So dnn das Bndchen, so liederlich ist es zusammengestellt. Im
  Vorwort wird eine Stelle aus einem Brief Heines ber Lassalle dem
  Frsten Pckler-Muskau zugeschrieben; die Briefe selbst sind nicht
  einmal chronologisch geordnet, wozu deren Nichtdatierung von seiten
  Lassalles den Vorwand liefern mu, obwohl bei den meisten aus dem
  Inhalt das ungefhre Datum leicht festzustellen war. In einem der
  Briefe ist von Salingers genialer Komposition die Rede. Der
  Herausgeber, der die Briefe von Hans von Blow selbst erhalten, macht
  dazu die Note Arbeiterhymne von Herwegh. Da der Name Salinger bzw.
  Solinger Pseudonym fr Hans von Blow war, wird dagegen nicht einmal
  angedeutet. Blow hatte die Komposition des Herweghschen Gedichts
  unter dem Namen Solinger verffentlicht.




Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. -- Das Offene
Antwortschreiben, politischer Teil.


Jedenfalls gingen sie auf die Friedensbedingung, d. h. die von Lassalle
vorgeschlagene Kampfesmethode, nicht ein. Man kann ihnen auch von ihrem
Standpunkt aus nicht unrecht geben. Lassalles Vorschlag war sehr gut,
wenn man es so schnell als mglich zum uersten treiben wollte, wenn
man entschlossen, sowie in der Lage war, auf einen Staatsstreich -- denn
weiter blieb der Regierung bei dieser Taktik nichts brig -- mit einer
Revolution zu antworten. Soweit waren aber die Fortschrittler noch
nicht, und darum zogen sie die Methode des Hinziehens vor. Ohne
Revolution in unmittelbarer Reserve lief der freiwillige Verzicht auf
die Tribne in der Kammer auf den famosen passiven Widerstand
hinaus, ber den Lassalle sich mit Recht selbst lustig machte. Durch
beharrliche Verweigerung des Budgets konnte man ebenso laut und
drastisch aussprechen, was ist, die ffentliche Meinung ebenso
wirksam oder noch mehr in Erregung halten, als durch das Mittel der
Vertagung ins Unbestimmte, das der Regierung obendrein einen Schein
von Recht fr die Auerkraftsetzung der Verfassung lieferte. Das war
ja aber die Hauptidee der Taktik der Fortschrittler, die Regierung
vor allem als Vertreterin der Gewalt gegenber dem Recht
hinzustellen. Ihre Hauptwortfhrer, sagt B. Becker sehr gut,
waren meist Leute aus dem Richter- und Advokatenstande, folglich an
juristisch-advokatorische _Dehnbarkeit_[20] gewhnt und den Streit
der Kammermajoritt mit der Regierung wie einen langen Rechtsstreit
zu betrachten geneigt.

Sie erhoben denn auch von neuem gegen Lassalle den Vorwurf, da er,
gleich der Regierung, Macht vor Recht gestellt habe. Und nun, nicht nach
der ersten Verfassungs-Broschre, wie es bei Becker heit, schrieb
Lassalle den Aufsatz Macht und Recht, in welchem er der
Fortschrittspartei rund heraus den Fehdehandschuh hinwarf. Es war ihm
ein leichtes, die ganze Lcherlichkeit jenes Vorwurfs mit ein paar
Worten schlagend nachzuweisen und den Fortschrittlern als Zugabe den
Beweis zu liefern, da ihr Abgott Schwerin, dessen Erklrung, da in
Preuen Recht vor Macht gehe, sie so laut bejubelten, an einem
ganzen Dutzend Rechtsbrchen, wo Macht vor Recht ging, teilgenommen
hatte. Es hat kein Mensch im preuischen Staat das Recht, vom
>Recht< zu sprechen -- ruft er aus -- als die Demokratie, die
alte und wahre Demokratie. Denn sie allein ist es, die stets am Recht
festgehalten und sich zu keinem Kompromi mit der Macht erniedrigt
hat. Und: Bei der Demokratie allein ist alles Recht -- und bei ihr
allein wird die Macht sein!

Dieser Kriegserklrung, in Form einer Berichtigung an die radikale
Berliner Reform eingesandt, verschlo letztere -- fr die Lassalle
noch im Juni 1862 bei Marx ein gutes Wort eingelegt hatte -- ihre
Spalten, desgleichen die Vossische Zeitung. Die letztere lehnte auch
die Aufnahme des Aufsatzes als bezahltes Inserat ab, worauf Lassalle ihn
als Offenes Sendschreiben in Zrich erscheinen lie. Da die Wahl
dieses Verlagsortes die pregesetzlichen Bedenken der Vossischen
Zeitung eigentlich rechtfertigte, kmmerte ihn nicht weiter.

       *       *       *       *       *

Zwischen der Verffentlichung des Vortrages Was nun? (Dezember 1862)
und der Abfassung des Sendschreibens (Februar 1863) liegen wiederum
zwei Monate. Noch vor dieser Zeit (Ende Oktober 1862) waren zwei
Mitglieder des Leipziger Arbeiterkomitees, der Tabakarbeiter
F. W. Fritzsche und der Schuhmacher Julius Vahlteich, nach Berlin
gefahren und hatten dort, nach Konferenzen mit fhrenden Mitgliedern des
Berliner Arbeiterkomitees, sowie mit Schulze-Delitzsch und noch etlichen
Fortschrittsfhrern am 2. November einer groen Arbeiterversammlung
beigewohnt, in der mit berwiegender Mehrheit beschlossen wurde, das
Mandat fr die Einberufung des Kongresses dem Leipziger Komitee zu
bertragen. Der Besuch berzeugte sie, die selbst schon Sozialisten
waren, da die Arbeiter Berlins noch stark an Schulze-Delitzsch hingen,
dieser aber und die brigen Fhrer der Fortschrittspartei von einer
selbstndigen Arbeiterbewegung sehr wenig wissen wollten. Sptere
Anfragen bestrkten diesen Eindruck noch. In bezug auf die Frage des
Beitritts zum Nationalverein erhielt man die bereits erwhnte klassische
Antwort, die Arbeiter sollten sich als Ehrenmitglieder des
Nationalvereins betrachten. In bezug auf die Frage des Wahlrechts waren
die Unruh, Schulze-Delitzsch usw. selbst gespalten, hielten sie auch
auerdem fr keine brennende. Das Dreiklassenwahlsystem hatte ja eine so
vortreffliche Kammer zusammengebracht, man knne es also schon noch eine
Weile mitansehen. Da die vortreffliche, d. h. die oppositionelle
Kammer, lediglich das Produkt der besonderen Zeitverhltnisse war, kam
den guten Leuten nicht zum Bewutsein.

Von dem jugendlichen Berliner Demokraten, dem spteren
Fortschrittsabgeordneten Ludwig Lwe, wurden die Leipziger auf Ferdinand
Lassalle und dessen Vortrag Das Arbeiterprogramm aufmerksam gemacht
und setzten sich nun mit Lassalle in Verbindung. Man kann sich leicht
denken, wie sehr dies dessen Entschlu bestrken mute, nunmehr das
Friede der Vergangenheit, meine Herren zurckzunehmen. Als er das
Sendschreiben Macht und Recht erlie, war bereits zwischen ihm und
dem Leipziger Komitee verabredet, da dieses ihn in einem offiziellen
Schreiben ersuchen sollte, seine Ansichten ber die Aufgaben der
Arbeiterbewegung und die Frage der Assoziationen in einer ihm passend
erscheinenden Form darzulegen, und da diese Form eben die einer
Flugschrift sein sollte. Die uerst interessanten damaligen Briefe
Lassalles an die Leipziger sind neuerdings von Prof. H. Oncken in
Grnbergs Archiv fr die Geschichte des Sozialismus verffentlicht
worden (Jahrgang 2, Heft 2 und 3). Sie zeigen, da Lassalle, so froh
er ber die Verbindung mit dem Leipziger Komitee war, sich diesem
doch in keiner Weise aufdrngte. Die Leipziger, d. h. die treibenden
Elemente im Arbeiterverein, wuten sehr gut, worauf sie
hinauswollten; worber man noch unentschlossen war, das war weniger
das Wesen der zu unternehmenden Aktion, als das Aktionsprogramm. Es
war durchaus nicht das Bewutsein seiner eigenen Unklarheit, wie
Bernh. Becker in seiner Die Wahrheit ber alles stellenden
Geschichte der Lassalleschen Arbeiteragitation schreibt, die das
Komitee veranlate, in einem vom 10. Februar datierten Aufruf an die
deutschen Arbeiter gleichzeitig fr Beschleunigung, aber gegen
bereilung des zu berufenden Arbeiterkongresses sich auszusprechen.
Der Kongre sollte mglichst bald stattfinden, aber nicht so bald,
da nicht inzwischen die Lassallesche Antwort ihre Wirkung getan
haben konnte. In derselben Sitzung, wo es den vorerwhnten Aufruf
erlie, beschlo das Komitee, folgenden Brief an Lassalle zu
schicken, der auch tags darauf abging:

Herrn Ferdinand Lassalle in Berlin.

          Sehr geehrter Herr!

Ihre Broschre: >ber den besonderen Zusammenhang der gegenwrtigen
Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes< ist hier berall von
den Arbeitern mit groem Beifall aufgenommen worden und das
Zentralkomitee hat sich in Ihrem Sinne in der Arbeiterzeitung
ausgesprochen. Andrerseits sind von verschiedenen Seiten sehr ernstliche
Bedenken ausgesprochen worden, ob die von Schulze-Delitzsch empfohlenen
Assoziationen der groen Mehrzahl der Arbeiter, die gar nichts besitzt,
gengend helfen knnen, ob namentlich durch dieselben die Stellung der
Arbeiter im Staat in der Art verndert werden kann, wie es notwendig
erscheinen mu. Das Zentralkomitee hat in der Arbeiterzeitung (Nr. 6)
hierber seine Ansichten ausgesprochen; es ist der berzeugung, da das
Assoziationswesen unter unsern jetzigen Verhltnissen nicht genug
leisten knne. -- Da nun aber aller Orten die Ideen von
Schulze-Delitzsch als magebend fr den Arbeiterstand, unter dem wir die
gedrckteste Klasse des Volkes verstehen, empfohlen werden, und da doch
wohl noch andere Mittel und Wege, als die von Schulze-Delitzsch
vorgeschlagenen, denkbar wren, um die Ziele der Arbeiterbewegung:
Verbesserung der Lage der Arbeiter in politischer, materieller und
geistiger Beziehung zu erreichen, so hat das Zentralkomitee in seiner
Sitzung vom 10. Februar cr. einstimmig beschlossen:

    Sie zu ersuchen, in irgendeiner Ihnen passend erscheinenden Form
    Ihre Ansichten ber die Arbeiterbewegung und ber die Mittel, deren
    dieselbe sich zu bedienen hat, sowie besonders auch ber den Wert
    der Assoziationen fr die ganz unbemittelte Volksklasse,
    auszusprechen.

    Wir legen den grten Wert auf Ihre Ansichten, welche Sie in der
    angefhrten Broschre ausgesprochen haben, und werden deshalb auch
    Ihre ferneren Mitteilungen vollkommen zu wrdigen wissen. Wir
    ersuchen Sie schlielich nur noch um mglichst baldige Erfllung
    unserer Bitte, da uns viel daran liegt, die Entwicklung der
    Arbeiterbewegung zu beschleunigen. -- Mit Gru und Handschlag!

    Leipzig, 11. Februar 63.

    Fr das Zentralkomitee zur Berufung eines
    Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses

                  Otto Dammer.

Die Antwort auf diesen Brief bildete das vom 1. Mrz 1863 datierte
Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines
allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig von Ferdinand
Lassalle.

Mit dieser Schrift und ihrer Annahme im Komitee und im Leipziger
Arbeiterverein selbst beginnt die eigentlich sozialistische Agitation
Lassalles und die Geschichte des Allgemeinen deutschen
Arbeitervereins.

       *       *       *       *       *

Das Offene Antwortschreiben Lassalles tritt zunchst der Ansicht
entgegen, da die Arbeiter sich nicht um die Politik zu bekmmern
htten. Im Gegenteil, sie htten sich durchaus an der Politik zu
beteiligen, blo drften sie dies nicht in der Weise tun, da sie sich
als den selbstlosen Chor und Resonanzboden der Fortschrittspartei
betrachteten. Der Nachweis dafr, da die Fortschrittspartei den
Anspruch darauf verwirkt habe, sttzt sich im wesentlichen auf das von
dieser im Verfassungskonflikt beobachtete Verhalten und ist insofern
nicht berall von gleichmiger Beweiskraft. Wenn Lassalle z. B. auf
Seite 4 der Schrift der Fortschrittspartei vorwarf, da sie nur ....
das Festhalten am Budgetbewilligungsrecht zum Inhalt ihres Kampfes
habe, so verga er, da er selbst es noch im Vortrage Was nun?
als das eigentliche und mit aller Energie zu vertretende Objekt des
Kampfes bezeichnet hatte. Ebenso konnte sich die Fortschrittspartei
auf ihn selbst berufen, wenn er es ihr als eine politische Snde
anrechnete, da sie

    sich durch ihr Dogma von der preuischen Spitze zwingt, in der
    preuischen Regierung den berufenen Messias fr die deutsche
    Wiedergeburt zu sehen, whrend es, mit Einschlu Hessens, nicht
    eine einzige deutsche Regierung gibt, welche hinter der preuischen
    in politischer Beziehung zurckstnde, whrend es, und zwar mit
    Einschlu sterreichs (!!), fast keine einzige deutsche Regierung
    gibt, welche der preuischen nicht noch bedeutend voraus wre.

Indes in der Sache selbst hatte Lassalle natrlich recht. Die
Organisation der Arbeiter als selbstndige politische Partei mit eigenem
Programm war eine geschichtliche Notwendigkeit, und wenn die Entwicklung
der politischen Zustnde Deutschlands es zweifelhaft erscheinen lassen
konnte, ob es gerade in jenem Augenblick geraten war, die Arbeiter vom
Heerbann der gegen den Absolutismus kmpfenden Fortschrittspartei
abzutrennen, so lag von seiten der letzteren genug vor, was zu dieser
Abtrennung geradezu herausforderte. Zudem hie die selbstndige
Organisierung der Arbeiter an sich noch nicht Beeintrchtigung der
Aggressivkraft der Fortschrittspartei. Da sie diese in der Tat zur
Folge hatte, ist in nicht geringem Grade Schuld der Fortschrittspartei
selbst -- ihrer wahrhaft bornierten Haltung gegenber der neuen
Bewegung. Zum Teil allerdings auch Schuld des Programms, welches
Lassalle dieser Bewegung gab.

Wir haben bei Besprechung des Arbeiterprogramms gesehen, welch
abstrakte, rein ideologische Vorstellung Lassalle mit dem Begriff
Staat verband. Es ist keine bertreibung zu sagen, da er einen
wahren Kultus mit dem Staatsbegriff trieb. Das uralte Vestafeuer
aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich mit Ihnen gegen jene
modernen Barbaren -- nmlich die Manchesterpartei -- ruft er in der
Rede Die indirekte Steuer den Richtern des Berliner Kammergerichts
zu, und hnliche Stellen finden sich in fast allen seinen Reden vor.
Dieser Staatskultus ist die Achillesferse der Lassalleschen Doktrin,
die Ursache von allerhand verhngnisvollen Fehlgriffen. Die
althegelisch-ideologische Vorstellung vom Staat veranlate
Lassalle, in einem Augenblick den Arbeitern eine halbmystische
Verehrung des Staats einzuprgen, wo es sich fr sie zunchst noch
darum handelte, die Bevormundungen des Polizeistaats erst
loszuwerden. Es hrt sich sehr hbsch an, wenn er im Offenen
Antwortschreiben den Arbeitern zuruft: Wie, Sie wollten ber
Freizgigkeit debattieren? Ich wei Ihnen hierauf nur mit dem
Distichon Schillers zu antworten:

  Jahrelang bedien' ich mich schon meiner Nase zum Riechen,
  Aber hab' ich an sie auch ein erweisliches Recht? --

Freizgigkeit und Gewerbefreiheit seien Dinge, die man in einem
gesetzgebenden Krper stumm und lautlos dekretiert, aber nicht mehr
debattiert. Tatschlich jedoch waren diese Dinge und mit ihnen die
Koalitionsfreiheit eben noch nicht da, whrend die Arbeiter sie
unbedingt brauchten. Der wirkliche Grund, warum Freizgigkeit und
Gewerbefreiheit einen verhltnismig untergeordneten Rang auf einem
Arbeiterkongre einzunehmen hatten, war der, da sie zugleich in hohem
Grade Forderungen des brgerlichen Liberalismus waren; aber berflssig
war ihre Diskutierung schon deshalb nicht, weil selbst in
Arbeiterkreisen noch sehr viel Unklarheit ber ihre Bedeutung herrschte.

Lassalle schob diese Fragen beiseite, weil ihm wichtiger als sie die
Forderung der Staatshilfe schien. Einmal der Sache selbst wegen,
zweitens aber, weil er in dem Ausblick auf die Staatshilfe das einzig
wirksame Mittel erblickte, die Arbeiterklasse fr die politische Aktion
aufzurtteln, sie zugleich von der Vormundschaft der brgerlichen
Parteien zu emanzipieren und doch fr die Erkmpfung der demokratischen
Forderungen zu erwrmen. Und kein Zweifel, da ihm zu jener Zeit diese
zweite Seite die wichtigere war. Sie war es auch nach Lage der Dinge
selbst. Es handelte sich nur darum, ob Methode und Mittel, durch die er
diesen Zweck zu erreichen suchte, richtig waren.

Um die Arbeiter von der Wirkungslosigkeit der Selbsthilfe zu berzeugen,
wie sie von brgerlicher Seite gepredigt wurde, berief sich Lassalle auf
das Lohngesetz der kapitalistischen Produktion, wie es von den
Klassikern der politischen konomie, insbesondere und am schrfsten von
Ricardo formuliert worden war, das eherne und grausame Gesetz, wonach
unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage der durchschnittliche
Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt,
der in einem Volke gewohnheitsmig zur Fristung der Existenz und zur
Fortpflanzung erforderlich ist. Steige er zeitweilig ber diesen Satz,
so bewirkten leichtere Verehelichung und Fortpflanzung eine Vermehrung
der Arbeiterbevlkerung und damit des Arbeiterangebots, infolgedessen
der Lohn wieder auf den frheren Lohnsatz zurckfalle. Falle er aber
unter diesen Satz, so bewirkten Auswanderung, grere Sterblichkeit
unter den Arbeitern, Enthaltung von Ehe und Fortpflanzung eine
Verminderung des Arbeiterangebots, infolgedessen die Lhne wieder
stiegen. So tanzten Arbeiter und Arbeitslohn immer um den uersten
Rand dessen herum, was nach dem Bedrfnis jeder Zeit zu dem
notwendigsten Lebensunterhalt gehrt, und dies ndert sich nie.

Es sei daher jeder Versuch der Arbeiterklasse, durch die individuellen
Anstrengungen ihrer Mitglieder ihre Lage zu verbessern, notwendigerweise
zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Ebenso sei es verfehlt, die Lage der
Arbeiter durch Konsumvereine verbessern zu wollen. So lange diese
vereinzelt blieben, knnten sie hier und da den Arbeitern Vorteile
verschaffen. Von dem Zeitpunkt aber an, wo sie allgemein wrden, wrden
die Arbeiter als Produzenten, an ihrem Lohne, wieder verlieren, was sie
als Konsumenten, beim Einkauf ihrer Bedarfsartikel, gewnnen. Die Lage
der Arbeiterklasse knne vielmehr dauernd nur von dem Druck jenes
konomischen Gesetzes befreit werden, wenn an die Stelle des
Arbeitslohns der Arbeitsertrag trete, wenn die Arbeiterklasse ihr
eigener Unternehmer werde. Das sei aber nicht durch die Grndung
selbsthilflerischer Assoziationen zu erreichen, da diesen die
erforderlichen Mittel dazu fehlten, und da sie nur zu oft dem Schicksal
verfielen, da in ihnen der Unternehmergeist seinen Einzug halte und die
Mitglieder in die widrige Karikatur der Arbeiter mit Arbeitermitteln
und Unternehmergesinnungen verwandelte. Die groen Fragen lieen sich
nur mit groen Mitteln lsen, und darum mten die Assoziationen in
groartigem Mastabe und mit Ausdehnung auf die fabrikmige
Groindustrie ins Leben gerufen, die Mittel dazu aber -- das ntige
Kapital, bzw. der ntige Kredit -- vom Staat dargeboten werden. Das sei
durchaus kein Kommunismus oder Sozialismus. Nichts ist weiter entfernt
von dem sogenannten Kommunismus oder Sozialismus als diese Forderung,
bei welcher die arbeitenden Klassen ganz wie heute ihre individuelle
Freiheit, individuelle Lebensweise und individuelle Arbeitsvergtung
beibehalten und zu dem Staat in keiner anderen Beziehung stehen, als da
ihnen durch ihn das erforderliche Kapital, resp. der erforderliche
Kredit zu ihrer Assoziation vermittelt wird. Der Beruf des Staates sei
es aber gerade, die groen Kulturfortschritte der Menschheit zu
erleichtern und zu vermitteln. Dazu existiert er, hat immer dazu
gedient und dienen mssen. Was aber ist denn der Staat? Und
Lassalle fhrt die Zahlen der preuischen Einkommensstatistik von
1851 an, wonach in jenem Jahre 89 Prozent der Bevlkerung ein
Einkommen unter 200 Talern gehabt hatten, dazu 7 Prozent der
Bevlkerung ein solches von 200 bis 400 Talern, so da also 96
Prozent der Bevlkerung in elender, gedrckter Lage sich befnden.
Ihnen also, meine Herren, den notleidenden Klassen, gehrt der
Staat, nicht uns, den hheren Stnden, denn aus Ihnen besteht er! Was
ist der Staat? fragte ich, und Sie ersehen jetzt aus wenigen Zahlen,
handgreiflicher als aus dicken Bchern, die Antwort: Ihre, der
rmeren Klassen, groe Assoziation -- das ist der Staat. Und wie
den Staat zu der geforderten Intervention vermgen? Dies werde nur
durch das allgemeine und direkte Wahlrecht mglich sein. Nur wenn die
gesetzgebenden Krper Deutschlands aus dem allgemeinen und direkten
Wahlrecht hervorgehen -- dann und nur dann werden Sie den Staat
bestimmen knnen, sich dieser seiner Pflicht zu unterziehen. Das
allgemeine und direkte Wahlrecht ... ist nicht nur Ihr politisches,
es ist auch ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller
sozialen Hilfe. Darum mgen sich die Arbeiter zu einem allgemeinen
deutschen Arbeiterverein organisieren, der zum Zweck habe die
Einfhrung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen
Lndern. Werde diese Forderung von den 89 bis 96 Prozent der
Bevlkerung als Magenfrage aufgefat und daher auch mit der
Magenwrme durch den ganzen nationalen Krper hin verbreitet, so
werde es keine Macht geben, die sich dem lange widersetzen wrde.
Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft zu jeder
Zeit auf einen Punkt -- auf den wichtigsten Punkt -- zu konzentrieren
und nicht nach rechts und links zu sehen. Blicken Sie nicht nach
rechts noch links, seien Sie taub fr alles, was nicht allgemeines
und direktes Wahlrecht heit oder damit in Zusammenhang steht und
dazu fhren kann.

Dies in mglichst knapper Form der Gedankeninhalt des Offenen
Antwortschreibens und zugleich der Lassalleschen Agitation berhaupt.
Denn wenn natrlich hiermit nicht das letzte Wort der Bestrebungen
Lassalles gesagt war, so hielt doch Lassalle bis zuletzt daran fest,
die Bewegung auf diesen einen Punkt: Allgemeines Wahlrecht behufs
Erlangung von Staatshilfe fr Produktionsgenossenschaften zu
beschrnken, eben im Sinne des oben entwickelten Grundsatzes, da die
Kunst praktischer Erfolge darin besteht, alle Kraft zu jeder Zeit auf
einen Punkt zu konzentrieren. Es ist von Wichtigkeit, dies im Auge zu
behalten, wenn man an die agitatorische Ttigkeit Lassalles den
richtigen Mastab anlegen will. Sie ist, wenigstens in ihrem Beginn,
auf den unmittelbaren, praktischen Erfolg berechnet gewesen.
Ausdrcklich verweist Lassalle im Offenen Antwortschreiben auf die
Agitation und den Erfolg der Kornzoll-Liga in England, und ebenso
scheint ihm die Agitation der englischen Chartisten vorgeschwebt zu
haben, wie der Satz von der Magenfrage beweist, der an die Erklrung
des Chartistenpredigers Stephens erinnert: Der Chartismus, meine
Freunde, ist keine politische Frage, sondern eine Messer- und
Gabelfrage.

Wenn wir uns nun zunchst die Frage vorlegen, ob denn ein unmittelbarer
praktischer Erfolg der so abgesteckten Agitation berhaupt nach Lage der
damaligen Verhltnisse mglich war, so glaube ich die Frage unbedingt
bejahen zu mssen. Da spter Bismarck, wenn auch freilich nur zum
Norddeutschen Reichstag, wirklich das allgemeine Wahlrecht einfhrte,
ist fr mich dabei nicht magebend. Allerhand Umstnde htten das
verhindern knnen, ohne da dadurch die Tatsache umgestoen worden wre,
da Lassalles Berechnung ihrer Zeit eine richtige war. Umgekehrt,
obgleich das Dreiklassenwahlsystem zum preuischen Landtag beibehalten
wurde, bleibt der Lassallesche Kalkl doch richtig; er entsprach
durchaus der damaligen politischen Situation. Lassalle wute ganz genau,
da, wenn im Lager der Fortschrittspartei das allgemeine Wahlrecht viele
Gegner und im ganzen nur laue Freunde hatte, dafr in den Kreisen der
Regierung das Dreiklassenwahlsystem allmhlich mit immer scheeleren
Augen angesehen wurde. Die gouvernementalen Bltter sprachen sich
bereits ganz unverhohlen in diesem Sinne aus, und auerdem fehlte es,
wie wir gesehen haben, Lassalle durchaus nicht an Verbindungen, durch
die er genau ber die Strmungen in den Hof- und Regierungskreisen
unterrichtet war. Wenn die Regierung in dem Verfassungskonflikt nicht
nachgeben wollte, so blieb ihr, kam nicht ein auswrtiger Krieg -- der
ihr aber auch verhngnisvoll werden konnte -- schlielich kaum etwas
anderes brig, als Napoleon III. nachzuahmen: den Landtag aufzulsen und
ein anderes, demokratischeres Wahlrecht zu oktroyieren. Zu diesem
Schritt mute sie sich um so mehr veranlat fhlen, je mehr eine starke,
von der Fortschrittspartei unabhngige Bewegung bestand, die die
Abschaffung des Dreiklassenwahlsystems auf ihre Fahne geschrieben hatte.
Gerade im Hinblick auf einen mglichen Krieg mute ihr dies als der
beste Ausweg erscheinen, gegebenenfalls nicht das ganze Volk feindselig
gegen sich im Rcken zu haben[21].

Von dem Gesichtspunkt des unmittelbaren praktischen Erfolgs hatte also
Lassalle unzweifelhaft recht. Es war mglich, das allgemeine Wahlrecht
auf die von ihm entwickelte Weise zu erringen. Allerdings um einen
Preis: wenn die Regierung es gab, um der Fortschrittspartei nicht
nachgeben zu mssen, so wurde damit die Lsung des Verfassungskonflikts
mindestens noch weiter hinausgeschoben. Seien Sie taub fr alles, was
nicht allgemeines und direktes Stimmrecht heit oder damit im
Zusammenhang steht und dazu fhren kann, heit es im Offenen
Antwortschreiben. Einmal das allgemeine Wahlrecht durchgesetzt, wrde
dieses, das mu man bei Lassalle, wenn er es auch nicht ausdrcklich
ausspricht, logischerweise als Voraussetzung annehmen, auch diese Frage
lsen. War aber diese Erwartung Lassalles vom allgemeinen Wahlrecht, wie
berhaupt die Erwartungen, die er an es knpfte, in der Sache selbst
gerechtfertigt?

Erfahrungen in bezug auf das allgemeine und direkte Wahlrecht lagen zur
Zeit Lassalles nur aus Frankreich vor. Und hier sprachen sie durchaus
nicht besonders zu dessen Gunsten. Es hatte zwar whrend der
Februarrepublik eine Reihe von Sozialisten in die Volksvertretung
gebracht, aber die Stimme dieser Sozialisten war erdrckt worden durch
die der Vertreter der verschiedenen Bourgeoisparteien, und das
allgemeine Wahlrecht hatte den Staatsstreich Bonapartes so wenig
verhindert, da im Gegenteil Bonaparte ihn hatte unternehmen knnen als
Wiederhersteller des allgemeinen Wahlrechts. Und dabei war die
Februarrepublik, als sie ins Leben trat, vom Pariser Proletariat
proklamiert worden als soziale Republik, ihr war vorhergegangen eine
Epoche sozialistischer Propaganda von groartigster Ausdehnung, so da
nach dieser Seite hin die Voraussetzungen dafr gegeben waren, da sie
im Laufe der Zeit zu einer wirklichen sozialistischen Republik htte
werden knnen. Warum wurde sie es nicht? Warum konnte sie vielmehr durch
das Kaiserreich gestrzt werden?

Wenn Lassalle am Schlu des Arbeiterprogramms sagt, was am
2. Dezember 1851 gestrzt worden, das sei nicht die Republik
gewesen, sondern die Bourgeoisrepublik, welche durch das Wahlgesetz
vom Mai 1850 das allgemeine Wahlrecht aufgehoben und einen verkappten
Zensus zur Ausschlieung der Arbeiter eingefhrt hatte; die Republik
des allgemeinen Wahlrechts aber wrde an der Brust der franzsischen
Arbeiter einen unbersteiglichen Wall gefunden haben, so wiederholt
er damit ein Schlagwort der kleinbrgerlichen Revolutionre  la
Ledru-Rollin, das die Frage nicht beantwortet, sondern nur
verschiebt. Wo war dieser unbersteigliche Wall, als die auf Grund
des allgemeinen Wahlrechts gewhlte Kammer dieses aufhob? Warum
hatten die Pariser Arbeiter diesen Staatsstreich der Bourgeoisie
nicht verhindert?

Htte Lassalle sich diese Frage vorgelegt, so wrde er auf die Tatsache
gestoen sein, da die Februarrepublik als soziale Republik sich nicht
halten konnte, weil die Klasse, auf die sie sich als solche htte
sttzen mssen, noch nicht entwickelt genug war -- d. h. nicht
entwickelt genug im sozialen Sinne dieses Wortes. Das moderne
industrielle Proletariat war da, es war stark genug gewesen, fr einen
Augenblick die bestehende Ordnung der Dinge ber den Haufen zu werfen,
aber nicht stark genug, sie niederzuhalten. Wir begegnen hier wieder dem
Grundfehler der Lassalleschen Betrachtungsweise. Selbst wo Lassalle auf
die tieferen Ursachen der geschichtlichen Vorgnge einzugehen sucht,
hlt ihn seine mehr juristische Denkart davon ab, ihrer sozialen Seite
wirklich auf den Grund zu gehen, und auch das konomische packt er
gerade da an, wo es sich bereits, wenn ich mich so ausdrcken darf,
juristisch verdichtet hat. Nur so ist es zu erklren, da er, um den
Arbeitern zu zeigen, aus welchen Elementen sich die Bevlkerung des
Staats zusammensetzt, sich an die Statistik der Einkommensverteilung,
und zwar ausschlielich an sie hlt. Der Streit, der sich damals an
diese Stelle des Offenen Antwortschreibens knpfte, ist ein
verhltnismig untergeordneter. Ob Lassalle sich um einige Prozentstze
nach der einen oder anderen Richtung geirrt hat, darauf kommt im Grunde
wenig an, die Tatsache, da die groe Masse der Bevlkerung in drftigen
Verhltnissen lebt, whrend nur eine kleine Minderheit im berflu
schwelgt, konnten die Wackernagel und Konsorten, die sich Lassalle
damals entgegenstellten, mit dem Aufwand ihrer ganzen Rabulistik nicht
aus der Welt leugnen. Viel wichtiger ist es, da Lassalle gar nicht
bercksichtigt, aus wie verschiedenartigen Elementen sich die 96 oder 89
Prozent der Bevlkerung zusammensetzten, als deren groe
Assoziation er den Staat bezeichnete. Welch groen Bruchteil davon
Kleinhandwerker und Kleinbauern, sowie vor allem die Landarbeiter
bildeten, die noch groenteils vllig unter der geistigen
Vormundschaft ihrer Arbeitsherren standen, lt er ganz unerrtert.
ber die Hlfte der Bevlkerung Preuens entfiel damals auf den
Ackerbau, die greren Stdte spielten bei weitem nicht die Rolle,
die sie heute spielen, vom Standpunkt der industriellen Entwicklung
betrachtet, war der ganze Osten der Monarchie nur eine Wste mit
vereinzelten Oasen[22].

Was konnte unter solchen Umstnden das allgemeine Wahlrecht an der
Zusammensetzung der Kammer ndern? War von ihm ein besseres Resultat zu
erwarten, als von dem allgemeinen Wahlrecht im Frankreich der Jahre 1848
und 1849? Sicherlich nicht. Es konnte eine gewisse Anzahl von
Arbeitervertretern in die Volksvertretung bringen, und das war an sich
gewi sehr zu wnschen. Aber im brigen mute es, gerade je mehr es die
Wirkung erfllte, die Lassalle von ihm versprach -- nmlich einen
Volksvertretungskrper zusammenbringen, der das genaue, treue Ebenbild
ist des Volkes, das ihn gewhlt hat (Arbeiterprogramm) -- die
Zusammensetzung der Kammer verschlechtern, anstatt sie zu verbessern.
Denn so jmmerlich immer die damalige Volksvertretung war, sie war doch
wenigstens brgerlich-liberal. Lassalle verga, da die drftigen
Klassen zwar unter Umstnden smtlich revolutionre Truppen stellen,
aber keineswegs samt und sonders revolutionre Klassen sind, er verga,
da die 89 Prozent nur erst zum Teil aus modernen Proletariern
bestanden.

Wenn also das allgemeine Wahlrecht zu erlangen mglich war, so ist doch
damit noch keineswegs gesagt, da es das, wozu es selbst wieder als
Mittel dienen sollte, auch in absehbarer Zeit herbeigefhrt haben wrde.
Bei der politischen und sonstigen Bildungsstufe der groen Masse der
Bevlkerung konnte das Wahlrecht auch zunchst das Gegenteil bewirken,
statt Vertreter moderner Prinzipien, solche des Rckschritts in grerer
Anzahl als bisher in die Kammer bringen. Nicht alle Fortschrittler waren
aus Klasseninteresse Gegner oder laue Freunde des allgemeinen
Wahlrechts, es waren unter ihnen ein groer Teil Ideologen, welche
gerade durch die Entwicklung der Dinge in Frankreich in bezug auf seinen
Wert skeptisch geworden waren. Auch Sozialisten dachten so. Es sei nur
an Rodbertus erinnert, der in seinem Offenen Brief an das Leipziger
Komitee ebenfalls auf Frankreich hinwies, als ein Beispiel dafr, da
das allgemeine Stimmrecht nicht notwendig dem Arbeiterstande die
Staatsgewalt in die Hnde spielt. Es sei gesagt worden, das allgemeine
Wahlrecht solle nur Mittel zum Zweck sein, Mittel seien aber zu
verschiedenen Zwecken und mitunter zu den entgegengesetzten brauchbar.
Sind Sie, fragt er, dessen gewi, da hier das Mittel mit
zwingender Notwendigkeit zu dem von Ihnen aufgesteckten Ziele fhren
mu? Ich glaube das nicht. Aus den Briefen Lassalles an Rodbertus
geht auch hervor, da, beinahe mehr noch als Rodbertus'
gegenstzliches Urteil ber den Wert der Produktivgenossenschaften,
sein Gegensatz gegen das allgemeine Stimmrecht der Grund war, da er
trotz aller dringenden Bitten Lassalles dem Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein nicht beitrat[23].

Und wie man sonst auch ber Rodbertus denken mag, seine Motive werden
auf das Unzweifelhafteste durch den Schlusatz seines Briefes
charakterisiert, wo er den Arbeitern anrt, obwohl Lassalle recht habe,
da man solche Fragen nicht mehr debattiere, doch Freizgigkeit und
freie Wahl der Beschftigung als selbstverstndlich in ihr Programm
aufzunehmen, um jeden Reaktionr, der Ihnen schaden knnte, hchst
wirksam zurckzuscheuchen.

Wenn Rodbertus und andere die Gefahr des Bonapartismus bertrieben, so
nahm Lassalle sie seinerseits entschieden zu leicht. Die Schwenkung, die
er spter tatschlich in dieser Richtung machte, lag dem Ideengang nach
von vornherein in ihm. Hchst charakteristisch ist dafr eine Stelle aus
dem teilweise schon frher zitierten Brief Lassalles an Marx vom 20.
Juni 1859 ber die Frage des italienischen Krieges. Dort heit es:

    Im Anfang, als mit solcher Wut berall das nationale Geschrei
    eines Krieges gegen Frankreich ausbrach, rief die >Volkszeitung<
    (Bernstein, fr mich ein Urreaktionr, ist ihr Redakteur) in einem
    Leitartikel triumphierend aus: >Will man wissen, was dies Geschrei
    aller Vlker gegen Frankreich bedeutet? Will man seine
    welthistorische Bedeutung kennen? Die Emanzipation Deutschlands von
    der politischen Entwicklung Frankreichs -- das bedeutet es.< --
    Habe ich erst ntig, den urreaktionren Inhalt dieses
    Triumphgeschreis Dir auseinanderzusetzen? Doch gewi nicht! Ein
    populrer Krieg gegen Frankreich -- und unsere kleinbrgerlichen
    Demokraten, unsere Dezentralisten, die Feinde aller
    Gesellschaftsinitiative, haben einen unberechenbaren Kraftzuwachs
    auf lange, lange gewonnen. Noch bis weit in die deutsche Revolution
    hinein wrde die Wirkung dieser Strmung sich bemerklich machen.
    Wir haben wahrhaftig nicht ntig, diesem gefhrlichsten Feind, den
    wir haben, dem deutschen Spiebrgerindividualismus, durch einen
    blutigen Antagonismus gegen den romanisch-sozialen Geist in seiner
    klassischen Form, in Frankreich, noch neue Krfte zuzufhren.

So Lassalle. Der verstorbene Redakteur der Volkszeitung verdiente in
gewisser Hinsicht zweifelsohne den Titel, den Lassalle ihm hier beilegt,
aber des zitierten Satzes wegen vielleicht am wenigsten. Die politische
Entwicklung Frankreichs war in jenem Zeitpunkt der Bonapartismus,
whrend die Partei der Volkszeitung auf England, als ihr politisches
Vorbild, schwor. Das war sicher sehr einseitig, aber noch nicht
reaktionr, oder doch reaktionr nur insoweit, als es eben einseitig
war. Lassalles Auffassung, die in dem staatlichen Zentralismus
Frankreichs ein Produkt des romanisch-sozialen Geistes sah, ihn mit
dem Grundgedanken des Sozialismus identifizierte, dagegen seine
reaktionre Seite ganz unbeachtet lie, ist jedoch nicht minder
einseitig.

So weit ber die politische Seite des Lassalleschen Programms, nun zu
seiner konomischen.


Funoten:

  [20] Wohl ein Druckfehler. D. H.

  [21] Wir haben oben, bei Besprechung des Italienischen Krieges
  gesehen, mit welchem khlen, gar nicht in die Schablone des guten
  Patrioten passenden Blick Lassalle die Rckwirkung auswrtiger
  Verwicklungen auf die innere Politik betrachtete. Sehr bezeichnend
  dafr ist auch eine Stelle in der Schrift Was nun?, die schon
  deshalb hierher gehrt, weil Lassalles dort entwickelter Vorschlag
  tatschlich nur zwei Lsungen zulie: Entweder Staatsstreich oder
  Revolution. Anknpfend daran, wie unmglich und unhaltbar die
  auswrtige diplomatische Stellung der preuischen Regierung wre,
  wenn sein Vorschlag befolgt wrde, fhrt Lassalle fort:

  Da Keiner von Ihnen, meine Herren, glaube, dies sei ein
  unpatriotisches Rsonnement. Einmal hat der Politiker, wie der
  Naturforscher, Alles zu betrachten, was ist, und also alle wirkenden
  Krfte in Erwgung zu ziehen. Der Antagonismus der Staaten unter
  einander, der Gegensatz, die Eifersucht, der Konflikt in den
  diplomatischen Beziehungen ist einmal eine wirkende Kraft und,
  gleichviel ob gut oder schlimm, mte sie hiernach schon unbedingt
  in Rechnung gezogen werden. berdies aber, meine Herren, wie oft
  habe ich Gelegenheit gehabt, in der Stille meines Zimmers bei
  historischen Studien mir die groe Wahrheit auf das Genaueste zu
  vergegenwrtigen, da fast garnicht abzusehen wre, auf welcher Stufe
  der Barbarei wir, und die Welt im Allgemeinen, noch stehen wrden,
  wenn nicht seit je die Eifersucht und der Gegensatz der Regierungen
  unter einander ein wirksames Mittel gewesen wre, die Regierung zu
  Fortschritten im Innern zu zwingen! Endlich aber, meine Herren, ist
  die Existenz der Deutschen nicht von so prekrer Natur, da bei ihnen
  eine Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr fr die
  Existenz der Nation in sich schlsse. Wenn Sie, meine Herren, die
  Geschichte genau und mit innerem Verstndni betrachten, so werden
  Sie sehen, da die Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so
  riesenhafte und gewaltige, so bahnbrechende und dem brigen Europa
  vorleuchtende sind, da an der Nothwendigkeit und Unverwstlichkeit
  unserer nationalen Existenz garnicht gezweifelt werden kann. Geraten
  wir also in einen groen ueren Krieg, so knnen in demselben wohl
  unsere einzelnen Regierungen, die schsische, preuische, bayerische
  zusammenbrechen, aber wie ein Phnix wrde sich aus der Asche
  derselben unzerstrbar erheben das, worauf es uns allein ankommen
  kann -- das deutsche Volk!

  Es ist in diesen Stzen sehr viel Richtiges enthalten, doch darf man
  zweierlei nicht vergessen. Erstens, da, ein so wichtiger Faktor
  des Fortschritts der Vlker die Rivalitt der Regierenden sein kann
  und unzweifelhaft oft gewesen ist, sie doch auch recht oft als ein
  Faktor im entgegengesetzten Sinne gewirkt, sich als ein Hemmnis des
  Fortschritts erwiesen hat. Es sei nur an die beiden Gesichter des
  heutigen Militarismus erinnert. Zweitens, da ein uerer Krieg zwar
  ein groes Kulturvolk nicht aus der Reihe der Nationen auslschen, es
  aber doch so wesentlich in seinen Lebensinteressen schdigen kann,
  da er immer eine Sache bleibt, die man in Betracht ziehen, aber
  auf die man nicht spekulieren soll. In dem erwhnten Beispiel tut
  Lassalle nur das erstere, aber wie der Schlusatz und seine Briefe
  zeigen, war er auch zu dem Letzteren sehr geneigt -- eine brigens
  weit verbreitete, aber darum nicht minder zu bekmpfende Tendenz.

  [22] Auf 3428457 selbstttige Personen in der Landwirtschaft
  kamen damals in Preuen erst 766180 selbstttige Personen in der
  Fabrikindustrie, die Geschftsleiter und Beamten eingeschlossen.

  [23] Ursprnglich hatte es in Rodbertus' Offenem Brief geheien:
  Und ich wiederhole, da ich mir auch von den Produktivassoziationen
  nicht im Geringsten einen Beitrag zu dem verspreche, was man die
  Lsung der sozialen Frage nennt. Auf Wunsch Lassalles wurden aber
  diese Worte beim Druck fortgelassen, da er der Sache nach eine
  Wiederholung des in dem Brief vorher Gesagten sei, in dieser scharfen
  Form aber notwendigerweise die Arbeiter, wenn sie so schroffen
  Widerstreit zwischen ihren Fhrern sehen, entmutigen msse.
  (Lassalles Brief an Rodbertus vom 22. April 1863.)




Der konomische Inhalt des Offenen Antwortschreiben.

Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften mit Staatskredit.


Das Lohngesetz, auf welches sich Lassalle berief und dem er das
Beiwort ehern gab, entspricht, wie ich an anderer Stelle[24]
nachgewiesen zu haben glaube, einer bestimmten Produktionsmethode --
der Manufakturindustrie -- und einem auf ihr beruhenden
Gesellschaftszustande, ist also in der Gesellschaft der modernen
Groindustrie, der entwickelten Verkehrsmittel, des beschleunigten
Kreislaufes von Krisis, Stockung und Prosperitt, der rasch sich
vollziehenden Steigerung der Produktivitt der Arbeit usw. zum
mindesten berlebt. Auch setzt es ein absolut freies Walten von
Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt voraus, das schon gestrt
ist, sobald die Arbeiterklasse dem Unternehmertum organisiert
gegenbertritt, oder der Staat, bzw. die Gesetzgebung, in die Regelung
des Arbeitsverhltnisses eingreifen. Wenn also die Liberalen Lassalle
entgegenhielten, sein Lohngesetz stimme nicht, es sei veraltet, so
hatte das teilweise seine Berechtigung. Aber nur teilweise. Denn die
guten Leute verfielen ihrerseits in viel schlimmere Fehler als
Lassalle.

Lassalle legte den Ton auf den ehernen Charakter der den Lohn
bestimmenden Gesetze, weil er den strksten Schlag gegen die moderne
Gesellschaft damit zu fhren meinte, da er nachwies, der Arbeiter
erhalte unter keinen Umstnden seinen vollen Arbeitsertrag, den vollen
Anteil an dem von ihm erzeugten Produkt. Er gab der Frage einen
rechtlichen Charakter, und agitatorisch hat sich das auch hchst wirksam
erwiesen. Aber in der Sache selbst traf er damit keineswegs den Kern der
Frage. Den vollen Ertrag seiner Arbeit hat der Arbeiter auch unter den
frheren Produktionsformen nicht erhalten, und wenn ein ehernes
Gesetz es verhindert, da der Lohn dauernd unter ein bestimmtes
Minimum sinkt, dieses Minimum selbst aber -- wie Lassalle
ausdrcklich zugab -- im Laufe der Entwicklung sich zwar langsam
hebt, aber doch hebt, so war der Beweis fr die Notwendigkeit der von
ihm geforderten Einmischung des Staates schwer zu erbringen.

Das, worauf es wirklich ankommt, ist von Lassalle erst spter, und nur
beilufig, hervorgehoben worden. Nicht die Ablohnung des Arbeiters mit
einem Bruchteil des von ihm erzeugten neuen Wertes, sondern diese
Ablohnung in Verbindung mit der Unsicherheit der proletarischen
Existenz, die Abhngigkeit des Arbeiters von den in wechselnden
Zeitrumen einander folgenden Kontraktionen des Weltmarktes, von
bestndigen Revolutionen der Industrie und der Absatzverhltnisse -- der
schreiende Gegensatz zwischen dem immer mehr gesellschaftlich werdenden
Charakter der Produktion und ihrer anarchischen Leitung, dabei die
wachsende Unmglichkeit fr den einzelnen Arbeiter, aus der doppelten
Abhngigkeit vom Unternehmertum und den Wechselfllen des industriellen
Zyklus sich zu befreien, die bestndige Bedrohung mit dem
Hinausgeworfenwerden aus einer Sphre der Industrie in eine andre,
tieferstehende, oder in das Heer der Arbeitslosen -- das ist es, was die
Lage der Arbeiterklasse in der modernen Gesellschaft so unertrglich
macht, sie von der bei jeder vorhergehenden Produktionsweise zum
Schlechteren unterscheidet. Die Abhngigkeit des Arbeiters ist mit der
scheinbaren Freiheit nur grer geworden. Sie ist es, die mit eherner
Wucht auf der Arbeiterklasse lastet, und deren Druck zunimmt mit der
wachsenden Entwicklung des Kapitalismus. Die Lohnhhe dagegen wechselt
heute, je nach den verschiedenen Industriezweigen, von buchstblichen
Verhungerungslhnen bis zu Lhnen, die tatschlich einen gewissen
Wohlstand darstellen, und ebenso ist die Ausbeutungsrate in den
verschiedenen Industrien eine sehr verschiedene, teils hher, teils aber
auch geringer als in frheren Produktionsepochen. Beide hngen von sehr
vernderlichen Faktoren ab, beide wechseln nicht nur von Industrie zu
Industrie, sondern sind auch in jeder einzelnen Industrie den grten
Vernderungen unterworfen, und bestndig ist nur die Tendenz des
Kapitals, die Ausbeutungsrate zu erhhen, zustzliche Mehrarbeit auf die
eine oder die andere Weise aus dem Arbeiter herauszupressen.

Dadurch, da Lassalle als die wesentliche Ursache der Leiden der
Arbeiterklasse in der heutigen Gesellschaft eine Tatsache hinstellte,
die gar nicht das charakterisierende Merkmal der modernen
Produktionsweise ist -- denn, wie gesagt, den vollen Arbeitsertrag hat
der Arbeiter zu keiner Zeit erhalten -- war der Hauptfehler seines
Abhilfemittels von vornherein angezeigt. Es ignoriert, oder, um Lassalle
auch nicht Unrecht zu tun, es unterschtzt die Strke und den Umfang der
Gesetze der Warenproduktion und deren wirtschaftliche und soziale
Rckwirkungen auf das gesamte moderne Wirtschaftsleben. Wir mssen hier
wieder genau unterscheiden zwischen Lassalles Mittel und Lassalles Ziel.
Sein Ziel war natrlich, die Warenproduktion aufzuheben, sein Mittel
aber lie sie unangetastet. Sein Ziel war die gesellschaftlich
organisierte Produktion, sein Mittel die individuelle Assoziation, die
sich von der Schulzeschen zunchst nur dadurch unterschied, da sie mit
Staatskredit, mit Staatsmitteln ausgestattet werden sollte. Alles
weitere, der Verband der Assoziationen usw., bleibt bei ihm der
freiwilligen Entschlieung jener berlassen -- es wird von ihnen erwartet,
aber ihnen nicht zur Bedingung gemacht. Der Staat sollte nur Arbeitern,
die sich zu assoziieren wnschten, die erforderlichen Mittel dazu auf
dem Wege der Kreditgewhrung vorstrecken.

Die Assoziationen einer bestimmten Industrie wrden also, solange sie
nicht diese ganze Industrie umfaten, mit den bestehenden Unternehmungen
ihres Produktionszweigs in Konkurrenz zu treten, sich den Bedingungen
dieser Konkurrenz zu unterwerfen haben. Damit war als unvermeidliche
Folge auch gegeben, da sich im Schoe der Assoziationen
Sonderinteressen herausentwickeln muten, da jede Assoziation danach
streben mute, ihren Gewinn so hoch als mglich zu steigern, sei es auch
auf Kosten andrer Assoziationen oder andrer Arbeitskategorien. Ob mit
Staatskredit oder nicht, die Assoziationen blieben Privatunternehmungen
von mehr oder minder groen Gruppen von Arbeitern. Individuelle
Eigenschaften, individuelle Vorteile, individuelle Glckschancen muten
daher bei ihnen eine hervorragende Rolle spielen, die Frage von Gewinn
und Verlust fr sie dieselbe Bedeutung erhalten, wie fr andre
Privatunternehmungen. Lassalle glaubte zwar erstens -- gesttzt darauf,
da 1848 in Paris der Andrang zu den Produktivgenossenschaften sehr
stark war --, da sich sofort mindestens alle Arbeiter bestimmter
Industrien an den einzelnen Orten zu je einer groen Assoziation
zusammentun wrden, und sprach sich zweitens im Bastiat-Schulze
spter sogar dahin aus, da der Staat in jeder Stadt immer nur einer
Assoziation in jedem besonderen Gewerkszweig den Staatskredit zuteil
werden lassen wrde, allen Arbeitern dieses Gewerkes den Eintritt in
dieselbe offen haltend, aber selbst solche rtlich einheitlich
organisierten Assoziationen blieben noch immer in nationaler Konkurrenz.
Die nationale Konkurrenz sollte nun zwar durch groe Assekuranz- und
Kreditverbnde der Assoziationen untereinander in ihren konomischen
Folgen aufgehoben werden; es liegt aber auf der Hand, da diese
Assekuranz ein Unding war, wenn sie nicht einfach ein anderes Wort war
fr nationale Organisation und nationale Monopolisierung der Industrie.
Sonst mute die berproduktion sehr bald die Assekuranzgesellschaft
sprengen. Und die berproduktion war unvermeidlich, wenn der Staat, wie
es oben heit, allen Arbeitern desselben Gewerkes den Eintritt in die
Assoziationen offen hielt. Lassalle verwickelte sich da, von seinem
sozialistischen Gewissen getrieben, in einen groen Widerspruch. Den
Eintritt offen halten heit die Assoziation zur Aufnahme jedes sich
meldenden Arbeiters verpflichten. Nach dem Offenen Antwortschreiben
sollte aber die Assoziation dem Staat gegenber vollkommen unabhngig
sein, ihm nur das Recht der Genehmigung der Statuten und der Kontrolle
der Geschftsfhrung zur Sicherung seiner Interessen zustehen. Mit
obiger Verpflichtung war sie dagegen aus einem unabhngigen in ein
ffentliches, d. h. unter den gegebenen Verhltnissen staatliches
Institut umgewandelt -- ein innerer Gegensatz, an dem sie unbedingt
htte scheitern mssen.

Ein anderer Widerspruch der Lassalleschen Produktivgenossenschaft ist
folgender. Solange die Assoziationen nur einen Bruchteil der Angehrigen
eines bestimmten Industriezweiges umfaten, unterstanden sie den
Zwangsgesetzen der Konkurrenz, und dies um so mehr, als Lassalle ja
gerade die Betriebe fabrikmiger Groproduktion im Auge hatte, die
zugleich die groen Weltmarktsindustrien bilden. Wo aber Konkurrenz
besteht, besteht auch geschftliches Risiko; die Konkurrenz zwingt den
Unternehmer, sei er eine einzelne Person, eine Aktiengesellschaft oder
eine Assoziation, sich der Mglichkeit auszusetzen, da sein Produkt
jeweilig als unterwertig -- d. h. als Erzeugnis von nicht
gesellschaftlich notwendiger Arbeit -- aus dem Markt geworfen wird.
Konkurrenz und berproduktion, Konkurrenz und Stockung, Konkurrenz und
Bankrotte sind in der heutigen Gesellschaft untrennbar. Eine
Beherrschung der Produktion durch die Produzenten selbst ist nur mglich
nach Magabe der Aufhebung der Konkurrenz unter ihnen, nur erreichbar
durch das Monopol. Whrend aber die Konkurrenz in der heutigen
Gesellschaft die wichtige Mission hat, die Konsumenten vor
bervorteilung zu schtzen und die Produktionskosten bestndig zu
senken, hat das Monopol umgekehrt die Tendenz, die Konsumenten zugunsten
der Monopolinhaber zu berteuern und den Fortschritt der Technik, wenn
nicht aufzuheben, so doch zu verlangsamen. Das letztere um so mehr, wenn
die beteiligten Arbeiter selbst die Inhaber des Monopols sind. Die
Aufhebung des geschftlichen Risikos fr die Assoziationen wrde also im
Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wenn berhaupt zu
verwirklichen, notwendigerweise auf Kosten der Konsumenten vor sich
gehen, die jedesmal den betreffenden Produzenten gegenber die groe
Mehrheit ausmachen. Zwischen Assoziations- und Gesamtinteresse wre ein
unlsbarer Antagonismus.

In einem sozialistischen Gemeinwesen wre das natrlich leicht zu
verhindern, aber ein solches wird nicht den Umweg von der
subventionierten Produktivgenossenschaft zur Vergesellschaftung der
Produktion gehen, sondern die Produktion, auch wenn sie sich dabei der
Form der genossenschaftlichen Betriebe bedient, von vornherein auf
gesellschaftlicher Grundlage organisieren. In die kapitalistische
Gesellschaft verpflanzt, wird gerade die Produktivgenossenschaft dagegen
so oder so stets einen kapitalistischen Charakter annehmen. Die
Lassalleschen Produktivgenossenschaften wrden sich von den
Schulze-Delitzschschen nur quantitativ, nicht qualitativ, nur der Gre,
nicht dem Wesen nach unterschieden haben.

Das letztere war auch die Meinung von Rodbertus, der ein viel zu
durchgebildeter konom war, als da ihm diese schwache Seite der
Lassalleschen Assoziationen htte entgehen knnen. Wir haben bereits aus
dem oben zitierten Brief Lassalles an ihn gesehen, wie schroff Rodbertus
sich in seinem Offenen Brief ber sie hatte uern wollen, und die
auf jenen folgenden Briefe Lassalles an Rodbertus lassen ziemlich
deutlich durchblicken, welches der Haupteinwand von Rodbertus war.
Noch deutlicher aber geht dies aus den Briefen von Rodbertus an
Rudolph Meyer hervor, und es drfte nicht uninteressant sein, einige
der betreffenden Stellen hier folgen zu lassen.

Unterm 6. September 1871 schreibt Rodbertus:

... Hieran lt sich, in weiterem Verfolg, auch nachweisen, da
dasjenige Kollektiveigentum, das die Sozialdemokraten heute verfolgen,
das von Agrargemeinden und Produktivgenossenschaften, ein viel
schlechteres, zu weit greren Ungerechtigkeiten fhrendes Grund- und
Kapitaleigentum ist, als das heutige individuelle. Die Arbeiter folgen
hier noch Lassalle. Ich hatte ihn aber brieflich berfhrt, zu welchen
Absurditten und Ungerechtigkeiten ein solches Eigentum ausgehen msse
und (was ihm besonders unangenehm war) da er gar nicht der Schpfer
dieser Idee sei, sondern sie Proudhons Ide gnrale de la Rvolution
entlehnt habe.[25]

Brief vom 24. Mai 1872: Noch einen dritten Grund allgemeiner Natur habe
ich gegen diese Lhnungsart. (Es ist von der Beteiligung am
Geschftsgewinn die Rede.) Sie bleibt entweder eine Gratifikation, wie
Settegast mit Recht sagt -- und mit >Biergeldern< wird die soziale
Frage nicht gelst -- oder sie entwickelt sich auch zu einem
Anrecht in Leitung des Betriebs und damit schlielich zu einem
Kollektiveigentum am Einzelbetriebsfonds. Dies Kollektiveigentum
liegt aber nicht auf dem sozialen Entwicklungswege. Der Beweis wrde
mich zu weit fhren, aber so weit hatte ich Lassalle denn doch schon
in unserer Korrespondenz getrieben, da er mir in einem seiner
letzten Briefe schrieb: >Aber, wer sagt Ihnen denn, da ich will, da
der Produktivassoziation der Fonds zum Betriebe _gehren_ soll!<
(sic!) Es geht auch einfach nicht! Das Kollektiveigentum der Arbeiter
an den einzelnen Betrieben wre ein weit bleres Eigentum, als das
individuale Grund- und Kapitaleigentum oder selbst das Eigentum einer
Kapitalistenassoziation. ...

Eine Stelle wie die hier zitierte findet sich in keinem der zur
Verffentlichung gelangten Briefe Lassalles an Rodbertus. Es ist aber
kaum anzunehmen, da Rodbertus sich so bestimmt ausgedrckt haben
wrde, wenn er den Wortlaut nicht vor sich gehabt htte. Mglich, da er
gerade diesen Brief spter verlegt hat. Kein triftiger Grund spricht
nmlich dagegen, da Lassalle sich nicht in der Tat einmal so
ausgedrckt haben sollte. In allen Lassalleschen Reden ist vielmehr von
den Zinsen die Rede, welche die Assoziationen dem Staat fr das
vorgeschossene Kapital zu zahlen htten. Es liegt also in dem Satz noch
nicht einmal ein Zugestndnis an den Rodbertusschen Standpunkt. Ein
solches, und zwar ein so starkes, da es zugleich in eine --
unbeabsichtigte -- Verurteilung der Produktivassoziationen umschlgt,
findet sich dagegen in dem Brief Lassalles an Rodbertus vom 26. Mai
1863. Dort heit es:

Dagegen ist ja so klar wie die Sonne, da, wenn dem Arbeiter Boden,
Kapital und Arbeitsprodukt gehrt[26], von einer Lsung der sozialen
Frage nicht die Rede sein kann. Dasselbe Resultat wird sich also auch
annhernd herausstellen, wenn ihm Boden und Kapital zur Benutzung
geliefert wird und ihm das Arbeitsprodukt gehrt. Bei der lndlichen
Assoziation wird dann der Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein
Arbeitsprodukt haben. Bei der industriellen Assoziation wird er in der
Regel mehr erhalten als seinen Arbeitsertrag. Alles dieses wei ich
genau und wrde es, wenn ich mein konomisches Werk schreibe, sehr
explizit nachweisen.

Im nchsten Brief erklrt Lassalle, da Rodbertus entweder den Sinn der
vorstehenden Stze nicht genau verstanden hatte oder Lassalle in die
Enge jagen wollte, sich noch deutlicher. Er schreibt (einen hier
gleichgltigen Zwischensatz lasse ich fort):

Meine uerung: >bei der lndlichen Assoziation wird dann der
Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein Arbeitsprodukt haben<,
ist jedenfalls in bezug auf das >mehr< doch leicht zu verstehen. Ich
verstehe gar nicht die Schwierigkeit, die in bezug auf diesen Satz
stattfinden knnte.

Die Assoziationen auf den besser beschaffenen oder besser gelegenen usw.
ckern wrden doch zunchst gerade so Grundrente beziehen, wie jetzt die
Einzelbesitzer derselben. Und folglich mehr als ihren wirklichen
Arbeitsertrag, Arbeitsprodukt, haben.

Allein schon daraus allein, da einer in der Gesellschaft mehr hat als
sein legitimes Arbeitsprodukt, folgt, da ein andrer weniger haben mu,
als bei der legitimen Verteilung des Arbeitsertrages, wie wir uns
dieselbe bereinstimmend (vgl. den Schlu Ihres dritten sozialen
Briefes) denken, auf die Vergtung seiner Arbeit kommen wrde.

Genauer: Was ist mein legitimes Arbeitsprodukt (im Sinne der endgltigen
Lsung der sozialen Frage, also im Sinne der >Idee<, die ich hier
immer als Norm und Vergleichungsmastab bei dem >mehr oder weniger<
unterstelle)? Ist es das Produkt, das ich lndlich oder industriell
unter beliebigen Verhltnissen individuell hervorbringen kann,
whrend ein anderer unter gnstigeren Verhltnissen mit derselben
Arbeit mehr, ein Dritter unter noch ungnstigeren mit derselben
Arbeit weniger erzeugt? Doch nicht! Sondern mein Arbeitsprodukt wre
der Anteil an der gesamten gesellschaftlichen Produktivitt, der
bestimmt wird durch das Verhltnis, in welchem mein Arbeitsquantum
zum Arbeitsquantum der gesamten Gesellschaft steht.

Nach dem Schlu Ihres dritten sozialen Briefes knnen Sie das unmglich
bestreiten.

Und folglich haben, solange die Arbeiter der einen Assoziation
Grundrente beziehen, die Arbeiter der andern, die nicht in diesem Fall
sind, weniger als ihnen zukommt, weniger als ihr legitimes
Arbeitsprodukt.

Soweit Lassalle. Ein Miverstndnis ist hier gar nicht mehr mglich. Die
Idee, welche Lassalle bei dem mehr oder weniger unterstellt,
ist die kommunistische, die das gesamte Arbeitsprodukt der
Gesellschaft und nicht den individuellen Arbeitsertrag des einzelnen
oder der Gruppe ins Auge fat, und Lassalle war sich durchaus dessen
bewut, da, solange der letztere den Verteilungsmastab bildet, ein
Bruchteil der Bevlkerung mehr, der andere aber notwendigerweise
weniger erhalten werde als ihm auf Grund des von ihm verrichteten
Anteils an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, bei gerechter
Verteilung, zukommen sollte, d. h. da die Assoziationen zunchst
eine neue Ungleichheit schaffen wrden. Gerade mit Rcksicht darauf
habe er, so behauptet Lassalle immer wieder, bei Entwicklung seines
Vorschlages das Wort Lsung der sozialen Frage sorgfltig vermieden
-- nicht aus praktischer Furchtsamkeit und Leisetreterei, sondern
aus jenen theoretischen Grnden.

Im weiteren Verlauf des Briefes entwickelt Lassalle, da die
Ungleichheit bei den lndlichen Assoziationen durch eine
differenzierende Grundsteuer leicht beseitigt werden knne, welche die
ganze Grundrente abolieren, d. h. in die Hnde des Staats bringen, den
Arbeitern nur den wirklich gleichmigen Arbeitsertrag lassen soll --
die Grundrente im Sinne Ricardos genommen[27]. Die Grundsteuer wrde die
Bezahlung bilden fr die berlassung der Bodenflche an die
assoziierten Arbeiter und -- wie es bei Lassalle heit -- schon aus
Gerechtigkeit und Neid von den lndlichen Assoziationen
leidenschaftlich begnstigt werden. Der Staat aber htte an dieser
Grundrente die Mittel, Schulunterricht, Wissenschaft, Kunst, ffentliche
Ausgaben aller Art zu bestreiten. Bei den industriellen Assoziationen
solle sich die Ausgleichung dagegen dadurch vollziehen, da sobald die
Assoziationen jeder einzelnen Branche sich zu je einer groen
Assoziation zusammengezogen haben, der private Zwischenhandel aufhren
und der Verkauf in vom Staat angelegten Verkaufshallen besorgt werden
wrde. Wrde hiermit nicht zugleich gettet werden, was man heut
berproduktion und Handelskrise nennt?

Der Gedanke der Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der
Grundrente[28] ist ein durchaus rationeller, d. h. er enthlt keinen
Widerspruch in sich. Es ist auch sogar meines Erachtens sehr
wahrscheinlich, da er auf einer gewissen Stufe der Entwicklung
irgendwie verwirklicht werden wird. Die Idee der Zusammenziehung der
Assoziationen ist dagegen nur ein frommer Wunsch, der in Erfllung gehen
kann, aber nicht notwendigerweise in Erfllung zu gehen braucht,
solange die Teilnahme ins Belieben der einzelnen Assoziationen gestellt
wird. Und selbst wenn sie in Erfllung ginge, wrde damit noch durchaus
nicht schlechthin verhindert sein, da die Mitglieder der einzelnen
Assoziation nicht in ihrem Anteil an deren Ertrage eine grere oder
unter Umstnden geringere Quote des gesellschaftlichen Gesamtprodukts
erhalten, als ihnen auf Grund der geleisteten Arbeitsmenge zukme. Es
stnde immer wieder Assoziationsinteresse gegen Gesamtinteresse.

Hren wir noch einmal Rodbertus.

Im Brief an Rudolph Meyer vom 16. August 1872 nimmt er auf einen Artikel
des Neuen Sozialdemokrat Bezug, wo ausgefhrt war, da Lassalle der
weitgehendsten Richtung des Sozialismus angehrt habe, und meint,
das sei wohl richtig, es sei

    aber auch ebenso richtig, da Lassalle und der (Neue)
    >Sozialdemokrat< ursprnglich eine Produktivassoziation angestrebt
    haben, wie Schulze-Delitzsch sie wollte, nmlich in welcher der
    Kapitalgewinn den Arbeitern selbst gehren sollte, nur da
    Schulze-Delitzsch wollte, sie sollten sich das Kapital selbst dazu
    sparen, und Lassalle wollte, der Staat, auch der heutige, sollte es
    ihnen liefern (ob leihen oder schenken, ist wohl nicht ganz klar).
    Aber eine Produktivassoziation, die den Kapitalgewinn einsackt,
    setzt ja das Kapitaleigentum, das >Gehren< voraus. Wie soll also
    jene >weitgehendste Richtung< mit einer solchen Assoziation
    vermittelt werden knnen?

Rodbertus geht nun auf die Frage ein, ob die Produktivassoziation
als provisorische Institution gedacht werden knne, und
fhrt nach einigen allgemeinen Bemerkungen fort: Genug, die
Produktivassoziation, die Lassalle und der >Sozialdemokrat< in der
Tat angestrebt, kann auch nicht einmal als bergangszustand zu jenem
>weitgehendsten< Ziele dienen, denn, der menschlichen Natur gem,
wrde er nicht zu allgemeiner Brderlichkeit, sondern zu dem
schrfsten Korporationseigentum zurckfhren, in welchem nur die
Personen der Besitzenden gewechselt htten, und das sich tausendmal
verhater machen wrde, als das heutige individuale Eigentum. Der
Durchgang von diesem zu dem allgemeinen Staatseigentum kann eben
niemals das Korporations- oder auch Kollektiveigentum sein (es kommt
ziemlich ber eins heraus); weit eher ist gerade das individuale
Eigentum der bergang vom Korporationseigentum zum Staatseigentum.
Und hierin liegt die Konfusion der Sozialdemokraten (und lag die
Lassalles), nmlich bei jenem weitgehendsten Ziel (das auch bei
Lassalle noch kein praktisches Interesse erregen sollte) doch die
Produktivassoziation mit Kapitalgewinn und also auch Kapitaleigentum
zu verlangen. Niemals sind also die Pferde mehr hinter den Wagen
gespannt worden, als von den Berliner Sozialdemokraten (und ihrem
Fhrer Lassalle, insofern er ebenfalls jenes >weitgehendste< Ziel
anstrebte) und das wei Marx sehr gut. (Briefe usw. von
Rodbertus-Jagetzow.)

Ich habe Rodbertus so ausfhrlich sprechen lassen, weil er Lassalle
vielleicht am objektivsten gegenberstand und in seiner Auffassung vom
Staat usw. sehr viel Berhrungspunkte mit Lassalle hatte, auch wohl
niemand so eingehend mit Lassalle ber die Produktivgenossenschaften
diskutiert hat, wie er. Ganz unbefangen ist sein Urteil freilich auch
nicht, da er bekanntlich seine eigene Theorie von der Lsung der
sozialen Frage hatte, nmlich den Normalwerksarbeitstag und den
verhltnismigen Arbeitslohn. Aber den schwachen Punkt in der
Lassalleschen Assoziation hat er in der Hauptsache richtig bezeichnet,
wenn er sagt, da diese die Pferde hinter den Wagen spannt. Lassalle
wollte die Vergesellschaftung der Produktion und der Produktionsmittel,
und weil er es fr unzeitgem hielt, das dem Mob -- worunter er
den ganzen Tro der Gedankenlosen aller Parteien verstand -- bereits
zu sagen, den Gedanken selbst aber in die Massen schleudern wollte,
stellte er das ihm ungefhrlicher scheinende Postulat der
Produktivgenossenschaft mit Staatskredit auf.

Er beging damit denselben Fehler, den er in seinem Aufsatz ber Franz
von Sickingen als die tragische Schuld Sickingens hingestellt hatte, er
listete mit der Idee, wie es in jenem Aufsatz heit, und
tuschte die Freunde mehr, als die Feinde. Aber er tat es, wie
Sickingen, im guten Glauben. Wenn Lassalle wiederholt gegenber
Rodbertus erklrt hat, er sei bereit, auf die Assoziationen zu
verzichten, sobald jener ihm ein ebenso leichtes und wirksames Mittel
zum gleichen Zweck zeige, so darf man daraus nicht den Schlu ziehen,
da Lassalle nicht von der Gte seines Mittels durchaus berzeugt
war. Solche Erklrungen pflegt jeder abzugeben, und kann sie um so
eher abgeben, je mehr er seiner Sache sicher zu sein glaubt. Und wie
sehr dies bei Lassalle der Fall, zeigt seine letzte uerung in bezug
auf die Assoziationen Rodbertus gegenber: Kurz, ich begreife nicht,
wie man nicht sehen knnte, da die Assoziation, vom Staat ausgehend,
der organische Entwicklungskeim ist, der zu allem weiteren fhrt. --
Er ist also unbedingt von dem Vorwurf freizusprechen, mit dieser
Forderung den Arbeitern etwas empfohlen zu haben, von dessen
Richtigkeit er nicht durchdrungen war, ein Vorwurf, der viel
schwerwiegender wre, als der eines theoretischen Irrtums.

Lassalle glaubte, da in dem Mittel der Assoziationen mit Staatskredit
der Zweck, dem diese dienen sollten, nmlich die Verwirklichung der
sozialistischen Gesellschaft, in seinen wesentlichen Grundzgen bereits
enthalten, da hier in der Tat -- worauf er so groes Gewicht legte --
das Mittel von der eignen Natur des Zweckes ganz und gar durchdrungen
sei. Nun ist ja auch tatschlich die Assoziation im kleinen ein Stck
Verwirklichung des sozialistischen Prinzips der Gemeinschaftlichkeit,
und die Forderung der Staatshilfe eine Anwendung des Gedankens, die
Staatsmaschinerie als Mittel der konomischen Befreiung der
Arbeiterklasse in Anspruch zu nehmen, sowie zugleich ein Mittel, den
Zusammenhang mit dem groen Ganzen, der bei der Schulzeschen Assoziation
verlorenging, mglichst zu bewahren. Bis soweit kann man Lassalle nicht
nur keinen Vorwurf machen, sondern mu vielmehr die Einheitlichkeit des
Gedankens bei ihm im hchsten Grade anerkennen. Wir haben gesehen,
welche Auffassung er vom Staat hatte, wie dieser fr ihn nicht der
jeweilige politische Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Zustnde
war, sondern die Verwirklichung eines ethischen Begriffs, der durch
jeweilige historische Einflsse zwar beeintrchtigt, dessen ewige
wahre Natur aber nicht aufgehoben werden kann. Bei solcher
Auffassung ist es aber nur folgerichtig, in der Forderung der
Staatshilfe mehr als eine bloe praktische Maregel zu erblicken
und ihr, wie Lassalle dies getan, als einem fundamentalen Prinzip des
Sozialismus, eine selbstndige prinzipielle Bedeutung zuzuschreiben[29].
Und ebenso steht die Forderung der Produktivgenossenschaften in
engster Ideenverbindung mit Lassalles Theorie des ehernen
Lohngesetzes. Sie fut auf denselben konomischen Voraussetzungen.
Kurz, es ist hier alles, mchte ich sagen, aus einem Gu.

Aber es gengt noch nicht, da Lassalle an die Richtigkeit seines
Mittels glaubte, um es zu rechtfertigen, da er ber sein Ziel sich so
unbestimmt wie nur mglich uerte. Er, der in dem schon zitierten
Aufsatz ber den Franz von Sickingen so trefflich dargelegt hatte,
welche Gefahr darin liegt, die wahren und letzten Zwecke der Bewegung
andern (>und beilufig eben dadurch hufig sogar sich selbst<) geheim
zu halten, der in diesem Geheimhalten bei Sickingen dessen
sittliche Schuld erblickt hatte, die seinen Untergang herbeifhren
mute, den Ausflu eines Mangels an Zutrauen in die Macht der von ihm
vertretenen Idee, ein Abweichen von seinem Prinzip, ein halbes
Gebrochensein -- er gerade zuletzt htte sich darauf verlegen
drfen, die Bewegung auf ein Mittel, statt auf den wirklichen Zweck
zuzuspitzen. Die Entschuldigung, da man diesen Zweck dem Mob noch
nicht sagen durfte, oder da die Massen fr ihn noch nicht zu
gewinnen waren, trifft nicht zu. Waren die Massen fr das wirkliche
Ziel der Bewegung noch nicht zu interessieren, so war diese
berhaupt verfrht und dann konnte auch das Mittel, selbst wenn
erlangt, nicht zum Ziele fhren. In den Hnden einer Arbeiterschaft,
die ihre weltgeschichtliche Mission noch nicht zu begreifen vermag,
konnte das allgemeine Wahlrecht mehr schaden als ntzen und muten
die Produktivgenossenschaften mit Staatskredit nur der bestehenden
Staatsgewalt zugute kommen, ihr Prtorianer liefern. War aber die
Arbeiterschaft entwickelt genug, das Ziel der Bewegung zu begreifen,
dann mute dieses auch offen ausgesprochen werden. Es brauchte damit
noch nicht als unmittelbares, ber Nacht zu verwirklichendes Ziel
hingestellt zu werden, aber nicht nur der Fhrer, sondern auch jeder
der Gefhrten mute wissen, welchem Ziel das Mittel galt, und da es
nichts als Mittel zu diesem Ziele war. Die Masse wre dadurch nicht
mehr vor den Kopf gestoen worden, als es durch den Kampf um das
Mittel selbst geschah. Lassalle weist selbst darauf hin, wie fein der
Instinkt der herrschenden Klassen ist, wenn es sich um ihre Existenz
handelt. Individuen, sagt er in dieser Beziehung mit Recht, sind
zu tuschen, Klassen niemals.

Wem das im Vorstehenden Ausgefhrte doktrinr erscheint, der sei auf die
Geschichte der Bewegung unter und nach Lassalle verwiesen. Und damit
will ich zum Schlu auf dieses Thema bergehen.


Funoten:

  [24] Neue Zeit, Jahrgang 1890/91: Zur Frage des ehernen
  Lohngesetzes. Die so betitelte Abhandlung ist von mir spter
  gesondert in das Buch Zur Theorie des Lohngesetzes und Verwandtes
  (erster Teil der Sammelschrift Zur Theorie und Geschichte des
  Sozialismus, Berlin, Ferd. Dmmler) bernommen worden.

  [25] Proudhon selbst hatte die Produktivassoziation Louis Blanc
  entlehnt -- richtiger, Louis Blancs Assoziationsplan in seiner
  Weise umgearbeitet. Lassalles Vorschlag nimmt eine Mittelstellung
  zwischen Louis Blancs und Proudhons Vorschlgen ein; mit dem ersteren
  hat er die Staatshilfe, mit dem letzteren die Selbstndigkeit der
  Assoziation gemein.

  [26] In der von Prof. Ad. Wagner besorgten Ausgabe der Lassalleschen
  Briefe heit es nicht gehrt. Das nicht beruht aber, wie sich im
  folgenden zeigt, auf einem Druckfehler. Es fehlt auch in dem Abdruck
  des Briefes bei Rudolph Meyer (vgl. a. a. O. S. 463).

  [27] D. h. als der berschu des Bodenertrags ber einen gewissen
  Mindestsatz, unter dem Boden berhaupt nicht bewirtschaftet wird,
  weil er nicht einmal vollwertige Bezahlung fr die in ihn gesteckte
  Arbeit abwirft.

  [28] Hier nicht zu verwechseln mit den Vorschlgen von Henry George,
  Flrscheim usw., da Lassalle die allgemeine Verwirklichung der
  Assoziationen voraussetzt, ohne welche, wie wir frher gesehen haben,
  jede Steuerreform nach seiner Ansicht am ehernen Lohngesetz scheitern
  mte.

  [29] Auch war es bei solcher Auffassung nur logisch, wenn Lassalle
  z. B. in seiner Leipziger Rede Zur Arbeiterfrage den sogenannten
  Manchestermnnern u. a. schon daraus einen Vorwurf machte, da
  sie, wenn sie knnten, den Staat untergehen lassen wrden in der
  Gesellschaft. Tatschlich liegt das Bezeichnende jedoch darin, da
  die Manchestermnner den Staat in der kapitalistischen Gesellschaft
  untergehen lassen wollen.




Grndung und Fhrung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.


Die Einzelheiten der Lassalleschen Agitation knnen hier nicht
dargestellt werden, soll diese Schrift nicht den Umfang eines ganzen
Werkes annehmen; ich mu mich vielmehr darauf beschrnken, vorderhand
nur die allgemeinen Zge der Bewegung hervorzuheben.

Das Offene Antwortschreiben hatte zunchst nur zum Teil die Wirkung,
die Lassalle sich von ihm versprach. Wohl durfte er an Gustav Levy in
Dsseldorf und andere schreiben: Das Ganze liest sich mit solcher
Leichtigkeit, da es dem Arbeiter sofort sein mu, als wte er es schon
jahrelang! Die Schrift war wirklich ein agitatorisches Meisterwerk,
sachlich und doch nicht trocken, beredt, ohne ins Phrasenhafte zu
verfallen, voller Wrme und zugleich mit scharfer Logik geschrieben.
Aber -- die Arbeiter lasen sie vorerst berhaupt nicht; nur wo der Boden
bereits vorbereitet war, schlug sie in den Reihen der Arbeiterschaft
ein. Dies war der Fall, wie wir gesehen haben, in Leipzig, desgleichen
in Frankfurt a. M., in einigen greren Stdten und Industrieorten am
Rhein und in Hamburg. Teils hatten zurckgekehrte politische Flchtlinge
eine sozialistische Propaganda im kleinen entfaltet, teils lebten, wie
namentlich am Rhein, die Traditionen der sozialistischen Propaganda aus
der Zeit vor und whrend der 1848 er Revolution wieder auf. Aber das
Gros der Arbeiter, die an der politischen Bewegung teilnahmen, blieb auf
lngere Zeit hinaus noch von dem ergangenen Appell unberhrt und
betrachtete Lassalle mit denselben Augen wie die meisten Fhrer der
Fortschrittspartei -- als einen Handlanger der Reaktion.

Was nmlich die Fortschrittspartei in Preuen und auerhalb Preuens
anbetrifft, so hatte bei dieser allerdings das Antwortschreiben einen
wahren Sturm erregt -- nmlich einen wahren Sturm der Entrstung, der
leidenschaftlichen Erbitterung. Sie waren sich so gro vorgekommen, so
erhaben in ihrer Eigenschaft als Ritter der bedrohten Volksrechte, und
nun wurde ihnen pltzlich von links her zugerufen, da sie keinen
Anspruch auf diesen Titel, da sie sich des Vertrauens, das ihnen das
Volk bisher entgegengebracht, unwrdig erwiesen htten und da daher
jeder, der es mit der Freiheit aufrichtig meine, insbesondere jeder
Arbeiter, ihnen den Rcken zu kehren habe. Eine solche Beschuldigung
vertrgt keine kmpfende Partei, am allerwenigsten, wenn sie sich in
einer Situation befindet, wie damals die Fortschrittspartei. Die
Feindseligkeiten zwischen ihr und der preuischen Regierung hatten
allmhlich einen Hhegrad erreicht, da eine gewaltsame Lsung des
Konfliktes fast unvermeidlich schien, jedenfalls mute man sich auf das
uerste gefat machen. Auf die Deduktionen der Regierungsorgane, da
die Fortschrittspartei gar nicht das wirkliche Volk hinter sich habe,
hatte diese bisher mit Hohn und Spott antworten knnen, das Volk, das
politisch denke, stehe einmtig hinter ihr, und in dieser Zuversicht
hatte sie eine immer drohendere Sprache gefhrt. Denn wenn die
Fortschrittler auch keine groe Lust hatten, Revolution zu machen, an
Drohungen mit ihr lieen sie es darum doch nicht fehlen[30].

Und gerade in einem solchen Augenblick sollte man sich von einem Manne,
der als Demokrat, als Gegner der Regierung auftrat, vorwerfen lassen,
man habe die Sache des Volkes preisgegeben, ruhig mitansehen, wie dieser
Mensch die Arbeiter unter einem neuen Banner um sich zu scharen suchte?
Das hie ihnen Unmenschliches zumuten.

Schon der Selbsterhaltungstrieb gebot den Fortschrittlern ihr
Mglichstes zu versuchen, die Lassallesche Agitation nicht aufkommen zu
lassen, und die nachtrgliche Kritik hat es daher nur mit dem Wie dieser
Gegenwehr zu tun, nicht mit der Tatsache selbst, die zu begreiflich ist,
um zu irgendwelcher Betrachtung Anla zu bieten. Die Art der Gegenwehr
nun kann kaum anders bezeichnet werden, als mit dem Wort: klglich. Da
die Fortschrittler Lassalle als einen Handlanger der Reaktion
hinstellten, ist eigentlich noch das geringste, was ihnen zum Vorwurf
gemacht werden knnte. Denn es lt sich nun einmal nicht bestreiten,
da Lassalles Antwortschreiben zunchst Wasser auf die Mhle der
preuischen Regierung sein mute. Statt sich aber darauf zu beschrnken,
Lassalle in denjenigen Punkten entgegenzutreten, in denen sie eine
starke Position, oder, wie die Englnder es nennen, einen starken
Fall ihm gegenber hatten, bissen sie gerade auf diejenigen seiner
Angriffe an, die sie bei ihrer schwachen Seite trafen, und
entwickelten dabei eine geistige Ohnmacht, die in ihrer Hilflosigkeit
htte Mitleid erregen knnen, wenn sie nicht zugleich mit einer so
riesigen Dosis von Selbstberhebung gepaart gewesen wre. Lassalles
einseitiger Staatsidee setzten sie eine bis ins Abgeschmackte
getriebene Verleugnung aller sozialpolitischen Aufgaben des
Staats gegenber, seinem, wie wir gesehen haben, auf zum Teil
unrichtigen Voraussetzungen beruhenden ehernen Lohngesetz die
platteste Verherrlichung der brgerlich-kapitalistischen
Konkurrenzgesellschaft. In ihrer blinden Wut vergaen sie so sehr
alle Wirklichkeit, alles, was sie selbst frher in bezug auf die
nachteiligen Wirkungen der kapitalistischen Produktion geschrieben
hatten, da sie durch die Unsinnigkeit ihrer Behauptungen selbst die
bertreibungen Lassalles rechtfertigten. Aus kleinbrgerlichen
Gegnern des Kapitalismus wurden die Schulze-Delitzsch und Genossen
ber Nacht zu dessen Lobrednern. Man vergleiche nur die im ersten
Abschnitt dieser Schrift (S. 18 ff.) gegebenen Auszge aus der 1858
erschienenen Schrift des ersteren mit den Ausfhrungen Schulzes in
seinem Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus -- eine
Zusammenstellung von sechs Vortrgen, die letzten davon bestimmt,
Lassalle vor den Berliner Arbeitern kritisch zu vernichten. Whrend
dort es als eine der schnsten Wirkungen der selbsthilflerischen
Assoziationen bezeichnet wurde, da sie den Unternehmergewinn
herunterdrcken hlfen, heit es hier, da die Wissenschaft ein
solches Ding wie Unternehmergewinn gar nicht kenne und also
auch natrlich keinen Gegensatz zwischen Arbeitslohn und
Unternehmergewinn. Sie kenne nur a) Unternehmerlohn und b)
Kapitalgewinn (vgl. Schulze-Delitzsch, Kapitel S. 153). Gegenber
solcher Wissenschaft brauchte man nicht einmal ein Lassalle zu
sein, um mit ihr fertig zu werden.

Aber trotz seiner geistigen berlegenheit, trotz seiner packenden
Rhetorik hatte Lassalle doch den Fortschrittlern gegenber nicht den
Erfolg, auf den er gerechnet hatte. Von einer Wirkung des Offenen
Antwortschreibens gleich der der von Luther an die Wittenberger
Schlokirche genagelten Thesen -- wie sie Lassalle sich laut dem bereits
erwhnten Schreiben an seinen Freund Levy versprach -- konnte zunchst
auch nicht entfernt die Rede sein. Am 19. Mai 1863 hatte Lassalle in
Frankfurt a. M., nachdem er zwei Tage vorher auf dem dort abgehaltenen
Arbeitertag des Maingaues eine vierstndige Rede gehalten, in einer
zum Abschlu derselben anberaumten Volksversammlung die Annahme einer
Resolution durchgesetzt, wonach sich die Anwesenden verpflichteten, fr
das Zustandekommen eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins im Sinne
Lassalles zu wirken, und am 23. Mai 1863 ward alsdann in Leipzig, in
Anwesenheit von Delegierten aus 11 Stdten (Hamburg, Harburg, Kln,
Dsseldorf, Mainz, Elberfeld, Barmen, Solingen, Leipzig, Dresden und
Frankfurt a. M.), der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegrndet,
auf Grund von Statuten, die Lassalle im Verein mit dem ihm befreundeten
demokratischen Fortschrittsabgeordneten Ziegler ausgearbeitet hatte.
Gem diesen Statuten war die Organisation eine streng zentralistische,
was sich zum Teil durch die deutschen Vereinsgesetze, zum Teil durch den
Umstand erklrt, da ursprnglich auch an die Grndung eines allgemeinen
Arbeiterversicherungsverbandes gedacht worden war. Der Plan war fallen
gelassen worden, aber Lassalle behielt trotzdem die Bestimmungen der
Statuten bei, die sich lediglich auf ihn bezogen hatten, so namentlich
die persnlicher Spitze und die geradezu diktatorischen Vollmachten fr
die Person des Prsidenten, der obendrein auf fnf Jahre unabsetzbar
sein sollte. Es machten sich zwar bereits auf dieser ersten
konstituierenden Versammlung Anzeichen einer Opposition gegen solche
Prsidialgewalt bemerkbar, aber sie konnte gegenber Lassalles
ausgesprochenem Wunsch auf unvernderte Annahme der Statuten nicht
durchdringen. Mit allen gegen eine Stimme (York aus Harburg) wurde
Lassalle zum Prsidenten erwhlt, und nachdem man ihm noch die Befugnis
zugestanden, so oft und auf so lange als er wollte, einen
Vizeprsidenten zu ernennen, nahm er nach einigem Zaudern die Wahl an.
Er war somit anerkannter Fhrer der neuen Bewegung; diese selbst aber
blieb auf lngere Zeit hinaus noch auf eine geringe Anhngerschaft
beschrnkt. Drei Monate nach der Grndung betrug die Mitgliederzahl des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins kaum 900. An sich wre das ein gar
nicht zu verachtender Anfang gewesen, aber Lassalle hatte auf ganz
andere Zahlen gerechnet. Er wollte nicht der Leiter einer
Propagandagesellschaft, sondern der Fhrer einer Massenbewegung sein.
Die Massen aber blieben der neuen Organisation fern.

Lassalle war eine bedeutende Arbeitskraft, er konnte zeitweise eine
wahrhafte Riesenarbeit leisten; aber was ihm nicht gegeben war, das war
das stetige, solide, ausdauernde Schaffen. Der Verein war noch nicht
sechs Wochen alt, da trat der neue Prsident bereits eine mehrmonatige
Erholungsreise an -- zunchst in die Schweiz, dann an die Nordsee.
Freilich blieb Lassalle auch unterwegs nicht unttig. Er unterhielt eine
rege Korrespondenz, suchte alle mglichen Gren fr den Verein zu
gewinnen, wobei er brigens nicht sehr whlerisch vorging, aber gerade
das, worauf es ankam: die Agitation unter den Massen, lie er ruhen.
Ferner sorgte er unbegreiflicherweise nicht einmal dafr, da der Verein
wenigstens ein ordentliches Wochenblatt zur Verfgung hatte, obwohl es
ihm an den Mitteln dazu nicht fehlte. Er begngte sich mit
gelegentlichen Subventionen an Bltter, wie den in Hamburg von dem alten
Freischrler Bruhn herausgegebene Nordstern und den in Leipzig von
einem Eigenbrdler, Dr. Ed. Lwenthal, herausgegebene Zeitgeist,
womit diese Bltter zeitweise ber Wasser gehalten wurden, ohne
jedoch deshalb aufzuhren bestndig zwischen Leben und Sterben zu
schweben.

Wie die Masse der Arbeiter, so blieben auch die meisten der
vorgeschrittenen Demokraten und Sozialisten aus den brgerlichen
Kreisen, an die sich Lassalle mit Einladungen zum Beitritt wandte, dem
Verein fern. Ein groer Teil dieser Leute war, wie bereits erwhnt,
stark verphilistert oder doch auf dem besten Wege zum Philisterium,
andere wurden durch ein unbestimmtes persnliches Mitrauen gegen
Lassalle davon abgehalten, sich ffentlich fr ihn zu erklren, wieder
andere hielten den Zeitpunkt fr sehr ungeeignet, die Fortschrittspartei
von links her zu attackieren. Und selbst diejenigen, die dem Verein
beitraten, lieen es meist bei der einfachen Mitgliedschaft bewenden und
verhielten sich im brigen durchaus passiv. Dafr agitierten zwar andere
Mitglieder des Vereins, ganz besonders die aus der Arbeiterklasse
hervorgegangenen, um so eifriger, und der Sekretr des Vereins, Jul.
Vahlteich, entwickelte eine geradezu fieberhafte Ttigkeit Anhnger fr
den Verein zu werben, aber die Erfolge entsprachen durchaus nicht den
Anstrengungen. Auf der einen Seite erwies sich die Gleichgltigkeit der
unentwickelten Masse der Arbeiter, auf der andern die das Interesse des
Augenblicks absorbierende nationale Bewegung in Verbindung mit dem
Verfassungskampf in Preuen als ein fast unbersteigbares Hindernis, so
da an verschiedenen Orten die Mitglieder des Vereins bereits lebhaft
die Frage diskutierten, ob man nicht durch Anziehungsmittel
unpolitischer Natur, Grndung von Untersttzungskassen usw., das
Werbegeschft frdern solle.

Lassalle selbst war einen Augenblick geneigt, auf die Diskussion dieser
Frage einzugehen -- vgl. seinen Brief vom 29. August 1863 an den
Vereinssekretr (zitiert bei B. Becker, Geschichte der Arbeiteragitation
usw. S. 83) --, er kam aber wieder davon ab, weil er einsah, da der
Verein damit notwendigerweise seinen Charakter ndern mute. Er wrde
aufgehrt haben, eine jederzeit disponible politische Maschine
abzugeben, und nur als eine solche hatte er in den Augen Lassalles Wert.

Noch in den Bdern entwarf Lassalle die Grundgedanken einer Rede, mit
der er bei seiner Rckkehr die Agitation wieder aufnehmen wollte, und
zwar zunchst am Rhein, wo der Boden sich ihm am gnstigsten erwiesen
hatte. Es ist dies die Rede Die Feste, die Presse und der Frankfurter
Abgeordnetentag.

Diese Rede, die Lassalle in den Tagen vom 20. bis 29. September 1863 in
Barmen, Solingen und Dsseldorf hielt, bezeichnet den Wendepunkt in
seiner Agitation. Welche Einflsse whrend der Sommermonate auf ihn
eingewirkt hatten, wird wohl kaum festgestellt werden knnen, indes wird
man nicht fehlgehen, wenn man auf die Grfin Hatzfeldt und ihre
Verbindungen schliet. Die Hatzfeldt hatte begreiflicherweise fast ein
noch greres Streben, Lassalle vom Erfolg emporgehoben zu sehen, als
dieser selbst; fr sie ging das Interesse am Sozialismus vollstndig auf
im Interesse an Lassalle, durch dessen Vermittlung sie berhaupt erst
zum Sozialismus gekommen war. Sie wurde auch sicherlich nur durch ihre
groe Zuneigung zu Lassalle getrieben, wenn sie ihm zu Schritten riet,
die wohl versprachen, seinem persnlichen Ehrgeiz Befriedigung zu
verschaffen, die aber die Bewegung selbst im hchsten Grade
kompromittieren konnten. Fr sie war eben die Bewegung Lassalle und
Lassalle die Bewegung, sie betrachtete die Dinge meist durch die Brille
der vermeintlichen Interessen Lassalles. Solche uneigenntzigen Freunde
sind indessen in der Regel von sehr zweifelhaftem Wert. Sind sie aber
obendrein noch durch Erziehung, Lebensstellung usw. in besonderen
Klassenvorurteilen befangen und haben sie keinen eigenen selbstndigen
Wirkungskreis, so wirkt ihre Frsorge zuweilen schlimmer als Gift. Sie
bestrken den Gegenstand ihrer Liebe in allen seinen Fehlern und
Schwchen, sie reizen bestndig seine Empfindlichkeit, indem sie ihn auf
jedes Unrecht aufmerksam machen, das ihm scheinbar geschehen; mehr als
der Beleidigte selbst verzehren sie sich im Durst nach Rache fr dieses
Unrecht, sie hetzen und schren und intrigieren -- alles in bester
Absicht, aber zum grten Schaden dessen, fr den es vermeintlich
geschieht.

Die Hatzfeldt war in ihrer Art eine gescheite Frau, die Lassalle, so
sehr sie ihm an Wissen und Energie nachstand, doch in bezug auf
Erfahrung berlegen war. Wo seine Leidenschaft nicht im Wege stand, gab
er viel auf ihren Rat; er mute doppelt auf ihn wirken, wo er seinen
Leidenschaften Vorschub leistete. In einem am Schlu seiner Laufbahn
geschriebenen Briefe an die Grfin macht Lassalle dieser gegenber die
Bemerkung, sie sei es ja eigentlich gewesen, die ihn zur Annahme des
Prsidiums des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins veranlat habe.
Das ist sicherlich nicht wrtlich zu nehmen. Lassalle htte wohl auch
ohne die Grfin das Prsidium angenommen. Aber in solchen Situationen
lt man sich besonders gern durch gute Freunde zu dem bestimmen, was
man selbst mchte, weil es die Verantwortlichkeit zu mindern scheint.
Die Grfin wird also Lassalles Bedenken beschwichtigt haben, und es
liegt der Schlu mehr als nahe, da sie es mit Verweisung auf die Dinge
getan haben wird, die sich in den oberen Regionen Preuens damals
vorbereiteten. Es sei nur an die Erklrung Lassalles in seiner
Verteidigungsrede im Hochverratsproze erinnert, da er schon vom ersten
Tage, wo er seine Agitation begann, gewut habe, da Bismarck das
allgemeine Wahlrecht oktroyieren werde, und an die weitere Erklrung,
da, als er das Offene Antwortschreiben erlie, ihm klar war,
da groe auswrtige Konflikte bevorstehen, Konflikte, welche es
unmglich machen, das Volk zu ignorieren. Er stellt es zwar dort so
hin, als ob dies jeder htte wissen mssen, der die Ereignisse mit
sicherem Blick verfolge, aus seinen Briefen an Marx haben wir aber
gesehen, wie sehr er sich bei seinen politischen Schritten durch die
Informationen beeinflussen lie, die ihm aus diplomatischen
Quellen ber die Vorgnge in Regierungskreisen zugingen.

Die Hatzfeldt war durch das langsame Wachstum des Allgemeinen deutschen
Arbeitervereins sicherlich noch mehr enttuscht worden, als Lassalle
selbst. Durch ihren ganzen Bildungsgang auf die Mittel der Intrige und
stillen Diplomatie abgerichtet, mute sie auch jetzt darauf verfallen,
hinten herum das zu erreichen, was auf dem Wege des offenen Kampfes sich
als so schwer zu erreichen erwies. In diesem Streben fand sie an
Lassalles Geneigtheit, Erfolge, die er sich einmal als Ziel gesetzt, um
jeden Preis zu erzwingen, an seinem rcksichtslosen Temperament und
seinem hochgradigen Selbstgefhl nur zu bereitwillige Untersttzung.
Inwieweit damals schon die Fden angeknpft waren, die spter Lassalle
ins Palais des Herrn von Bismarck fhrten, lt sich heute nicht mehr
feststellen, aber sowohl die Worte, welche Lassalle, als er die Rede
Die Feste, die Presse usw. fr den Druck niederschrieb, an seinen
Freund Levy richtete: Was ich da schreibe, schreibe ich blo fr ein
paar Leute in Berlin, als auch vor allem der Inhalt der Rede selbst
beweisen, da an diesen Fden mindestens eifrig gesponnen wurde. Die
Rede ist gespickt mit Angriffen auf die Fortschrittspartei, die
teilweise sehr bertrieben sind, whrend dagegen dem Minister Bismarck
unumwunden geschmeichelt wird. Hatten bis dahin stets der Demokrat und
der Sozialist in Lassalle die demagogische Ader in ihm gemeistert, so
meistert hier der Demagoge die ersteren.

Im Juni 1863 hatte die preuische Regierung, nachdem sie den Landtag
nach Hause geschickt, die berchtigten Preordonnanzen erlassen, welche
die Verwaltungsbehrden ermchtigten, nach vorheriger zweimaliger
Verwarnung das fernere Erscheinen irgendeiner inlndischen Zeitung oder
Zeitschrift wegen fortdauernder, die ffentliche Wohlfahrt
gefhrdender Haltung zeitweise oder dauernd zu verbieten. Die
liberale Presse, ausschlielich in den Hnden von Privatunternehmern,
hatte daraufhin meist es vorgezogen, whrend der Dauer der
Preordonnanzen berhaupt nichts mehr ber die innere Politik zu
schreiben. Das war gewi nichts weniger als tapfer, aber es war auch
nicht so schlimmer Verrat an der eigenen Sache als wie Lassalle es
hinstellt. Lassalle bersah geflissentlich, da Bismarcks Absicht
beim Erla der Preordonnanz eben gewesen war, die ihm verhaten
Bltter der Opposition geschftlich zu ruinieren, um seine eigene
oder eine ihm genehme Presse an ihre Stelle zu bringen. In der
Begrndung der Preordonnanz hatte es ausdrcklich geheien:

     Die positive Gegenwirkung gegen die Einflsse derselben (d. h. der
     liberalen Presse) vermittelst der konservativen Presse kann schon
     deshalb den wnschenswerten Erfolg nur teilweise haben, weil die
     meisten der oppositionellen Organe durch eine langjhrige Gewhnung
     des Publikums und durch die industrielle Seite der betreffenden
     Unternehmungen eine Verbreitung besitzen, welche nicht leicht zu
     bekmpfen ist.

Wenn also die liberalen Bltter es nicht darauf ankommen lieen,
verboten zu werden, so erhielt die Regierung auch keine Mglichkeit,
andere Bltter an deren Stelle einzuschmuggeln oder jenen die Annoncen
abspenstig zu machen. Der eine Zweck der Maregel wurde also gerade
durch dies zeitweilige Schweigen ber die innere Politik vereitelt.
Nicht minder aber auch der zweite, direkt politische Zweck. Lassalle
meint in seiner Rede, wenn die liberale Presse sich htte verbieten
lassen, wenn der Spiebrger nicht mehr beim Frhstck seine gewohnte
Zeitung bekommen htte, dann wrde die Erbitterung ber die
Preordonnanzen im Volke aufs hchste gesteigert worden sein und die
Regierung sich gezwungen gesehen haben, nachzugeben. Indes, die
Erbitterung war nicht minder gro, wenn der Spieer zwar seine gewohnte
Zeitung forterhielt, aber ihm zugleich Tag fr Tag am Inhalt derselben
vordemonstriert wurde, da seinem Organ ein Knebel angelegt war, wenn er
zwar sein Blatt, aber ohne den geliebten Leitartikel erhielt.

Zudem war die Preordonnanz eine Maregel, die nicht aufrechtzuerhalten
war, sobald der Landtag wieder zusammentrat. Es handelte sich um ein
Provisorium, und die liberalen Bltter hatten gar keine Ursache, whrend
desselben, Bismarck zuliebe -- wie Lassalle es ausdrckt -- mit Ehren
zu sterben.

Die Wut der Regierung war denn auch eine nicht geringe, und ihre Organe
spiegelten diese Wut natrlich entsprechend wieder. Lassalle drckt das
so aus, da er sagt: Selbst (!) die reaktionren Bltter wuten
damals ihrem Erstaunen und ihrer Entrstung ber dieses Gebaren kaum
hinreichenden Ausdruck zu geben. Und er zitiert als Beweis die
Berliner Revue, das Organ des reaktionrsten Muckertums.

Natrlich benutzten die Reaktionre die Finte, ihren Angriffen auf die
liberale Presse ein sozialistisches Mntelchen umzuhngen, sich zu
gebrden, als ob sie ihres kapitalistischen Charakters halber angriffen.
Statt jedoch gegen diese Flschung des sozialistischen Gedankens zu
protestieren und jede Solidaritt mit ihren Urhebern zurckzuweisen,
leistete Lassalle dem Spiel der Bismrcker noch Vorschub, indem er ihre
Blechmnzen den Arbeitern als echtes Gold ausgab.

Gewi ist die Tatsache, da die Presse heute ein Geldgeschft ist, ein
groer belstand, ein mchtiger Faktor der Korruption des ffentlichen
Lebens. Dem ist aber, solange berhaupt das kapitalistische
Privateigentum besteht, schwerlich abzuhelfen, -- am allerwenigsten
durch beschrnkende Gesetze des selbst noch kapitalistisch geleiteten
Staates. Soweit heute Abhilfe geschaffen werden kann, wird sie durch die
Freiheit der Presse ermglicht. Davon aber wollte die preuische
Regierung nichts wissen, und Lassalle untersttzte ihren Widerstand
noch, indem er zwar fr volle Prefreiheit eintrat, aber zugleich
erklrte, da diese ohnmchtig sein wrde, das Wesen der Presse
umzuwandeln, wenn nicht zugleich der Presse das Recht entzogen wrde,
Annoncen zu bringen. Mit letzterem wrde die Presse nmlich aufhren,
eine lukrative Geldspekulation zu sein, und wrden wieder nur solche
Mnner Zeitungen schreiben, welche fr das Wohl und das geistige
Interesse des Volkes kmpfen.

Braucht es noch eines besonderen Nachweises, wie absolut wirkungslos
dieses Mittel wre? Lassalle htte nur seine Blicke ber den
Grenzbereich des preuischen Staates hinaus nach England und Frankreich
zu richten brauchen, um sich von der Verkehrtheit seiner Idee zu
berzeugen. In England bildete und bildet heute noch das Annoncenwesen
eine sehr wesentliche Einnahmequelle der Presse, whrend in Frankreich
den Blttern die Aufnahme von Anzeigen zwar nicht direkt verboten, aber
durch eine hohe Steuer fast unmglich gemacht, auf ein Minimum reduziert
war. War deshalb die franzsische Presse besser als die englische?
Weniger im Dienst des Kapitalismus, weniger korrumpiert als jene? Mit
nichten. Die Abwesenheit der Annoncen hatte es im Gegenteil dem
Bonapartismus sehr wesentlich erleichtert, die Presse fr seine Zwecke
zu korrumpieren, und sie hatte anderseits die politische Presse
Frankreichs nicht verhindert, der hohen Finanz in viel hherem Grade
dienstbar zu sein, als es die politische Presse Englands war.

Immerhin berhrte Lassalle in diesem Teil seiner Rede wenigstens eine
Frage, die in der Tat ab ein wunder Punkt des modernen ffentlichen
Lebens bezeichnet werden mu. War der Zeitpunkt auch schlecht gewhlt,
war das Heilmittel auch von problematischem Wert, an und fr sich bleibt
die Tatsache, da die Presse, ob mit oder ohne Annoncen, immer mehr ein
kapitalistisches Institut wird, ein Krebsschaden, auf den die
Aufmerksamkeit der Arbeiterklasse gelenkt werden mu, soll sie sich vom
Einflu der Kapitalistenorgane befreien. Ganz und gar unzutreffend aber
war, was Lassalle ber die Feste sagt, welche die Fortschrittler 1863
Bismarck zum Trotz abhielten. Er wute doch wohl, da die Feste weiter
nichts waren, als Agitationsversammlungen, als Demonstrationen gegen die
Regierung, wie sie in Frankreich und England unter hnlichen
Verhltnissen auch veranstaltet worden waren. Wollte er sie kritisieren,
so mute er hervorheben, da mit den Festen allein noch nichts getan
war, da, wenn es bei ihnen blieb, die Sache des Volks gegen die
Regierung um keinen Schritt gefrdert wurde. Statt dessen beschrnkte er
sich darauf, die Redensarten der Regierungspresse ber die Feste zu
wiederholen, den Hohn, unter dem diese ihren rger zu verbergen suchte,
noch zu berbieten. Niemand, der die Geschichte der preuischen
Verfassungskmpfe des Jahres 1863 genauer kennt, wird diese Stelle der
Lassalleschen Rede lesen knnen, ohne sie zu mibilligen.

Der dritte Teil der Rede, die Kritik des im Sommer 1863 zu
Frankfurt a. M. zusammengetretenen Deutschen Abgeordnetentages, wre
berechtigt gewesen, wenn Lassalle sich nicht in demselben Augenblick, wo
er den Fortschrittlern einen Vorwurf daraus machte, da sie mit den
deutschen Frsten liebugelten, um Herrn von Bismarck bangezumachen --
wir haben gesehen, wie er ihnen im Offenen Antwortschreiben das
Dogma von der preuischen Spitze vorgeworfen und Preuen als den
reaktionrsten der deutschen Staaten hingestellt hatte -- wenn
Lassalle nicht in demselben Atemzuge seinerseits ein gleiches Spiel
getrieben htte, wie die Fortschrittler, nur da er nach der andern
Seite hin liebugelte. Seine ganze Rede enthlt keine Silbe gegen
Bismarck und die preuische Regierung, wohl aber eine ganze Reihe
direkter und indirekter Schmeicheleien an deren Adresse. Er lt sie
mit dem ruhigen Lcheln tatschlicher Verachtung ber die
Beschlsse der Kammer hinweggehen, und er stellt Bismarck das Zeugnis
aus, er sei ein Mann, whrend die Fortschrittler alte Weiber seien.
Noch ein Passus der Rede zeugt von der vernderten Frontrichtung
Lassalles.

Der Fhrer des Nationalvereins, Herr von Bennigsen, hatte den
Abgeordnetentag mit folgenden Worten geschlossen, und es ist ganz gut,
wieder einmal daran zu erinnern: Die Leidenschaft der Volkspartei und
die Verstocktheit der Regierenden habe schon oft zu revolutionren
Umwlzungen gefhrt. Aber das deutsche Volk sei nicht blo einmtig,
sondern auch so gemigt bei seinen Ansprchen, da die deutsche
nationale Partei, die keine Revolution wolle und keine machen kann,
keine Verantwortung dafr habe, wenn nach ihr eine Partei kommen sollte,
welche, weil keine Reform mehr mglich, zu der Umwlzung greife.

Fr jeden, der lesen kann, ist diese Erklrung eine zwar recht
lendenlahme Drohung, aber doch eine Drohung mit der Revolution. Wir
wollen keine Revolution, o Gott behte, wir waschen unsere Hnde in
Unschuld, aber wenn ihr nicht nachgebt, dann wird sie doch kommen, und
dann habt ihr es euch selbst zuzuschreiben. Eine, wenn man wirklich die
ganze Nation hinter sich hat, sehr feige Art zu drohen, aber leider
zugleich auch sehr gebruchliche Art zu drohen -- so gebruchlich, da,
wie gesagt, ber den Sinn der Erklrung gar kein Miverstndnis mglich
war. Was aber tut Lassalle? Er stellt sich, als ob er die Drohung nicht
verstanden habe, und er stellt sich so, nicht etwa, um die
Fortschrittler zu einer entschiedeneren Sprache herauszufordern, sondern
um ihnen zu drohen fr den Fall, da es zu einer Revolution oder einem
Staatsstreich kommen sollte. Er zitiert den obigen Ausspruch des Herrn
von Bennigsen und lt ihm das nachstehende Pronunziamento folgen:
Erheben wir also unsere Arme und verpflichten wir uns, wenn jemals
dieser Umschwung, sei es auf diesem, sei es auf jenem Wege kme, es den
Fortschrittlern und Nationalvereinlern gedenken zu wollen, da sie bis
zum letzten Augenblicke erklrt haben: sie wollen keine Revolution!
Verpflichtet euch dazu, hebt eure Hnde empor.

Und die ganze Versammlung erhebt in groer Aufregung ihre Hnde,
heit es in dem, von Lassalle selbst redigierten Bericht ber die
Rede.

Was sollte diese Drohung, dieses Gedenken bedeuten? Es war kaum eine
andre Auslegung mglich, ab da man die Fortschrittler, wenn nicht
direkt angreifen, so doch im Stich lassen wollte, wenn es auf diesem
oder jenem Wege zum gewaltsamen Zusammensto kommen sollte. Eine solche
Drohung in diesem Moment konnte aber nur die eine Wirkung haben, die
Fortschrittler, statt sie vorwrtszutreiben, erst recht kopfscheu zu
machen.

In einer der Versammlungen, in Solingen, kam es zu blutigen Konflikten.
Eine Anzahl Fortschrittler, die versucht hatten, Lassalle zu
unterbrechen, wurden von exaltierten Anhngern desselben mit
Messerstichen bedacht. Auf Grund dieser Vorkommnisse lste der
Brgermeister eine halbe Stunde spter die Versammlung auf, worauf
Lassalle, gefolgt von einer, ein Hoch ber das andere ausbringenden
Menge zum Telegraphenbureau eilte und das bekannte Telegramm an Bismarck
aufgab, das mit den Worten beginnt: Fortschrittlicher Brgermeister hat
soeben an der Spitze von zehn mit Bajonettgewehren bewaffneten Gendarmen
und mehreren Polizisten mit gezogenem Sbel von mir einberufene
Arbeiterversammlung ohne jeden gesetzlichen Grund aufgelst, und mit
der Bitte um strengste, schleunigste, gesetzliche Genugtuung schlo.

Auch wenn man alles in Betracht zieht, was zu Lassalles Entschuldigung
angefhrt werden kann: seine Erbitterung ber die ihm von seiten der
Fortschrittler widerfahrenen Angriffe, seine Enttuschung ber die
verhltnismig geringen Erfolge seiner Agitation, seinen tiefen
Widerwillen gegen die feige Taktik der Fortschrittler, seine einseitige,
aber doch aufrichtige Gegnerschaft gegen die liberale Wirtschaftslehre
-- kurz, wenn man sich noch so sehr in seine damalige Lage hineindenkt,
so geht doch aus diesem Telegramm, in Verbindung mit der vorstehend
geschilderten Rede, eines unbestreitbar hervor -- da Lassalle, als er
nach Deutschland zurckkam, bereits seinen inneren Halt -- wenn ich mich
so ausdrcken darf: seinen Standpunkt verloren hatte. Ein solches
Telegramm htte man keinem Konservativen verziehen, geschweige denn
einem Mann, der sich mit Stolz einen Revolutionr genannt, und der
seiner inneren berzeugung nach sicherlich sich noch fr einen solchen
hielt. Wenn nicht andre Erwgungen, so htte das einfachste Taktgefhl
Lassalle verbieten mssen, sich zu einem Appell an die Staatsgewalt
herbeizulassen, der mit einer politischen Denunziation begann.

Und wenn man selbst dieses Telegramm noch mit der durch die Auflsung
der Versammlung hervorgerufenen Erregung entschuldigen knnte, so
folgten ihm bald andre, bei kltester berlegung unternommene Schritte,
die ebenfalls den politischen Grundstzen, als deren Vertreter Lassalle
auftrat, schnurstracks entgegenstanden. Hier nur ein Beispiel, das zudem
in enger Verbindung mit den vorerwhnten Vorkommnissen steht.

Einige Arbeiter, die in der Solinger Versammlung vom Messer Gebrauch
gemacht haben sollten, waren im Frhjahr 1864 zu mehrmonatigen
Gefngnisstrafen verurteilt worden. Und da war es Lassalle, der allen
Ernstes und wiederholt den Vorschlag machte, die Verurteilten sollten,
untersttzt durch eine allgemeine Arbeiteradresse, ein Gnadengesuch an
den Knig von Preuen richten. Man denke, Lassalle, der noch einige
Jahre zuvor geschrieben hatte (vgl. S. 88 dieser Schrift), er habe zu
seinem Leidwesen erst in Berlin gesehen, wie wenig entmonarchisiert
das Volk in Preuen sei, Lassalle, der in Frankfurt am Main ausgerufen
hatte: Ich habe keine Lust und keinen Beruf, zu andern zu sprechen, als
zu Demokraten, er, der als Fhrer der neuen Bewegung doch vor allem die
Pflicht hatte, seinen Anhngern das Beispiel demokratischen Stolzes zu
geben, ermuntert sie, vom Knig von Preuen Begnadigung zu erbetteln.
Indes, die Arbeiter zeigten sich hier taktfester als ihr Fhrer. Am 20.
April 1864 meldet der Solinger Bevollmchtigte Klings, da gegen
Lassalles Vorschlag allgemeine Abneigung herrsche. Smtliche
Hauptmitglieder des Vereins htten sich dagegen ausgesprochen. Die
beiden von hier Verurteilten gehren zu der entschiedensten
Arbeiterpartei und wrden, selbst wenn es vier Jahre wren, nicht zu
bewegen sein, ein Gnadengesuch einzureichen, weil es ihren Gesinnungen
widerstreitet, Sr. Majestt verpflichtet zu sein.

Dieser Widerstand erweckte das demokratische Gewissen Lassalles, und er
schrieb an Klings, die Weigerung der Leute erflle ihn mit groem Stolz.
Aber den Gedanken der Adresse an den Knig gab er noch immer nicht auf,
sondern suchte nachzuweisen, da diese auch ohne das Gnadengesuch der
Verurteilten von groem Nutzen sein knne. Es kann, heit es wrtlich,
vielleicht auch noch folgender Nutzen eintreten, da, wenn die Adresse
von mehreren tausend Arbeitern unterschrieben ist, man diesem Schritte
oben eine -- fr uns ganz unverbindliche -- Auslegung gibt, durch welche
man sich um so mehr ermutigt fhlt, bei kommender Gelegenheit an die
Oktroyierung des allgemeinen und direkten Wahlrechts zu gehen: ein
Schritt, den man, wie Ihnen der beigefgte Leitartikel der
ministeriellen Zeitung (die damals verffentlichte Sternzeitung) zeigt,
oben jetzt gerade wieder hin und her berlegt. Indes auch diese
Perspektive vermochte die Solinger nicht von der Richtigkeit des
empfohlenen Schrittes zu berzeugen, und so blieb der Bewegung diese
Blostellung erspart.

Als Lassalle anfangs Oktober 1863 nach Berlin zurckkehrte, ging er
zunchst mit allem Eifer daran, die Hauptstadt fr seine Sache zu
erobern. Er verfate einen Aufruf An die Arbeiter Berlins, lie ihn
in 16000 Exemplaren abziehen und einen Teil davon unentgeltlich unter
den Arbeitern Berlins verbreiten. Obwohl der Aufruf sehr wirksam
geschrieben ist und namentlich geschickt an die entstellten Berichte
der Berliner fortschrittlichen Presse (Volkszeitung und Reform)
ber die rheinischen Versammlungen anknpft, war der Erfolg doch
zunchst ein sehr bescheidener. Die ersten Versammlungen Lassalles in
Berlin fanden in kleineren Slen statt und gaben zu allerhand Gesptt
Anla, und als in der ersten greren Versammlung Lassalle auf
Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft verhaftet wurde,
klatschten fanatisierte Arbeiter sogar dazu Beifall. Die Mehrheit der
Personen, die sich als Neugierige oder unter dem Eindruck der
Vortrge Lassalles in die Listen hatten einzeichnen lassen, fielen
bald wieder ab, so da der Verein, der Anfang Dezember 1863 es bis
auf ber 200 Mitglieder in Berlin gebracht hatte, im Februar 1864
kaum noch drei Dutzend Mitglieder zhlte, wovon obendrein ein groer
Teil Nichtarbeiter waren.

Neben der Agitation beschftigten Lassalle auch sehr stark seine
Prozesse und sonstigen Kmpfe mit den Behrden. Denn so angenehm dem
Ministerium Bismarck auch seine Agitation war, soweit diese sich gegen
die Fortschrittspartei kehrte, so wute es doch sehr gut, da es in
Lassalle keinen Helfer hatte, der sich als willfhriges Werkzeug
gebrauchen lie. Es konnte ihm also nur angenehm sein, wenn die unteren
Behrden fortfuhren, Lassalle mit Prozessen usw. zu berschtten.
Dadurch kam es in die Lage, entweder zur rechten Zeit einen unbequemen
Drnger loszuwerden oder vielleicht gar ihn doch mrbe zu bekommen.
Wie dem jedoch sei, die Staatsanwaltschaft in Dsseldorf lie die Rede
Die Feste, die Presse usw. konfiszieren und erhob gegen Lassalle
Anklage auf Verletzung der  100, 101 des Preuischen Strafgesetzbuches
(Aufreizung und Verbreitung erdichteter Tatsachen behufs Herabsetzung
von Anordnungen der Obrigkeit). Der Proze verursachte Lassalle
unendlich viel Scherereien und endete, nachdem Lassalle in erster
Instanz in contumaciam zu einem Jahr Gefngnis verurteilt worden war,
mit seiner Verurteilung in zweiter Instanz zu sechs Monaten Gefngnis.
Wegen der Flugschrift An die Arbeiter Berlins erhob die
Staatsanwaltschaft in Berlin Anklage wegen Hochverrats gegen Lassalle
und lie auch, wie bereits erwhnt, Lassalle in Untersuchungshaft
nehmen, aus der er jedoch gegen Kaution freigelassen wurde. Beides,
Anklage wie Verhaftsbefehl, mochten indes der persnlichen Rachsucht des
Staatsanwalts von Schelling entflossen sein, den Lassalle ein Jahr
vorher in seiner Verteidigung vor dem Stadtgericht so bs zerzaust
hatte. In der Gerichtsverhandlung, die am 12. Mrz 1864 vor dem
Staatsgerichtshof in Berlin stattfand, beantragte der Staatsanwalt nicht
weniger als drei Jahre Zuchthaus und fnf Jahre Polizeiaufsicht gegen
Lassalle; das Gericht erkannte jedoch, soweit die Anklage auf Hochverrat
lautete, auf Freisprechung und berwies die Behandlung der
untergeordneteren, von der Staatsanwaltschaft behaupteten Verste gegen
das Strafgesetz der zustndigen Gerichtsabteilung.

Die Verteidigungsrede in diesem Proze ist ein wichtiges Dokument fr
die Geschichte der Lassalleschen Agitation. Bevor wir jedoch auf sie
eingehen, haben wir noch der groen sozialpolitischen Arbeit Lassalles
zu erwhnen, die Ende Januar 1864 die Presse verlie und als sein
propagandistisches Hauptwerk bezeichnet werden mu. Es ist dies die
Streitschrift Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der konomische
Julian, oder Kapital und Arbeit.

Es wurde gelegentlich bereits der Vortrge erwhnt, die
Schulze-Delitzsch im Frhjahr 1863 im Berliner Arbeiterverein hielt und
unter dem Titel Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus als
Gegenschrift gegen die Lassallesche Agitation verffentlichte. Diese,
aus den plattesten Gemeinpltzen der liberalen konomie
zusammengesetzten Vortrge nun boten Lassalle eine willkommene Handhabe,
den auf der Hhe seines Ruhms stehenden Schulze und mit ihm die Partei,
die in ihm ihren konomischen Heros verehrte, jetzt auch theoretisch zu
vernichten. Bercksichtigt man, da Lassalle zu systematischen
konomischen Arbeiten nicht gekommen war, sondern gerade in dem Moment,
wo er sich an die Vorarbeiten zu seinem konomischen Werk machen wollte,
durch die praktische Agitation davon abgelenkt wurde, und zieht man
auerdem in Betracht, da Lassalle, whrend er den Bastiat-Schulze
schrieb, durch seine Prozesse und die Arbeiten fr die Leitung des
Vereins fortgesetzt in Anspruch genommen war, so kann man nicht umhin,
in diesem Buch einen neuen Beweis fr das auergewhnliche Talent, die
staunenswerte Vielseitigkeit und Elastizitt des Lassalleschen Geistes
zu erblicken. Freilich trgt der Bastiat-Schulze daneben auch aufs
deutlichste die Spuren seines Entstehens. So sehr die Form der Polemik
der Popularitt der Schrift zugute kommt, sind die Umstnde, unter denen
diese Polemik erfolgte, die hochgradige Gereiztheit Lassalles, die um so
grer war, als Lassalle wohl selbst fhlte, da er immer mehr in eine
falsche Position geriet -- die Enttuschung einerseits, und das
Bestreben, sich ber diese Enttuschung selbst hinwegzutuschen,
andererseits, dem Ton der Polemik sehr verhngnisvoll gewesen. Aber auch
inhaltlich ist sie keineswegs immer auf der Hhe des Gegenstandes,
sondern verliert sich oft in kleinliche Wortklauberei, die obendrein
nicht einmal immer in der Sache zutrifft[31]. Dazu ist der sachliche
und theoretische Teil, so brillant die Einzelheiten vielfach sind, nicht
frei von Widersprchen. Als Ganzes genommen hat der Bastiat-Schulze
jedoch das groe Verdienst, den historischen Sinn und das Verstndnis
fr die tieferen Probleme der konomie unter den deutschen Arbeitern in
hohem Grade gefrdert zu haben. Stellenweise erhebt sich die Darstellung
auf die Hhe des Besten, was Lassalle je geschrieben hat, an diesen
Stellen leuchtet sein Genius noch einmal in seinem hellsten Glanze auf.


Funoten:

  [30] Ich erinnere mich, obwohl ich damals noch ein Schulknabe war,
  noch sehr gut jener Epoche; aus ihr datieren meine ersten politischen
  Eindrcke. In der Schulklasse, auf dem Turnplatz -- berall wurde
  in jenen Tagen politisiert, und natrlich gaben wir Knaben nur
  in unserer Art wieder, was wir im elterlichen Hause, in unserer
  Umgebung, zu vernehmen pflegten. Meine Mitschler gehrten den
  brgerlichen Klassen, meine Spielkameraden dem Proletariat an, aber
  die einen wie die andern waren gleich fest davon berzeugt, da eine
  Revolution kommen mu߫, denn mein Vater hat es auch gesagt. Jede
  uerung der Wortfhrer der Fortschrittspartei, die als ein Hinweis
  auf die Revolution gedeutet werden knnte, wurde triumphierend von
  Mund zu Mund kolportiert, desgleichen Spottverse auf den Knig und
  seine Minister.

  [31] So ist z. B. gleich der erste Einwurf Lassalles gegen
  Schulze-Delitzsch, Bedrfnis und Trieb nach Befriedigung seien
  nur zwei verschiedene Wortbezeichnungen fr dieselbe Sache
  falsch. Beides fllt in der Regel zusammen, ist aber keineswegs
  dasselbe. Einige Seiten darauf macht sich Lassalle darber lustig,
  da Schulze-Delitzsch den Unterschied zwischen menschlicher und
  tierischer Arbeit darin erblicke, da die erstere Arbeit fr knftige
  Bedrfnisse sei, verfllt aber seinerseits in den noch greren
  Fehler, diesen Unterschied einfach darin zu sehen, da der Mensch mit
  Bewutsein, das Tier ohne solches ttig sei. Und hnlich an anderen
  Stellen.




Lassalle und Bismarck.


Was Lassalle nach dem Bastiat-Schulze gesprochen und geschrieben
hat, trgt immer deutlicher die Zge der inneren Ermattung, der
geistigen Abspannung. Die Energie ist nicht mehr die ursprngliche,
das natrliche Produkt des Glaubens an die eigene Kraft und die
Strke der verfochtenen Sache, sondern nur noch eine erzwungene. Man
vergleiche das Arbeiterprogramm mit der Ronsdorfer Rede, die
Verteidigungsrede Die Wissenschaft und die Arbeiter mit der
Verteidigungsrede im Hochverratsproze, und man wird das hier Gesagte
verstehen. Die innere Kraft ist gewichen und Kraftausdrcke treten an
ihre Stelle, logisches Blendwerk ersetzt die zwingende logische
Beweisfhrung, und statt zu berzeugen, verlegt sich Lassalle immer
mehr auf das berschreien. Was er vor kurzem noch den Fortschrittlern
vorgeworfen, tut er jetzt selbst -- er berauscht sich in erdichteten
Erfolgen.

Im Hochverratsproze braucht Lassalle zu seiner Verteidigung gegen die
Behauptung der Anklage, da der Hintergedanke seiner Agitation die
schlieliche Anwendung der physischen Gewalt sei, mit groem Geschick
das Bild des Schillerschen Wallenstein am Vorabend von dessen bertritt
zu den Schweden und zitiert die Verse des Monologs im ersten Akt von
Wallensteins Tod:

  Wr's mglich? -- knnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?
  Nicht mehr zurck, wie mir's beliebt?

Es ist merkwrdig, wie sehr diese Verse auf Lassalles eigene Situation
um jene Zeit passen, wie sehr seine Lage der Wallensteins, als dieser
jene Worte sprach, hnlich war. Auch er hatte, wie der Friedlnder -- um
sein eigenes Bild zu brauchen -- Dinge getan, welche er  deux mains
verwenden konnte. Er hatte sich nicht damit begngt, die Vorgnge in
der inneren und ueren Politik objektiv zu studieren, um den gnstigen
Moment zur Aktion fr seine Plne auszuntzen, er war bereits dazu
bergegangen, mit dem Vertreter der einen der Mchte, gegen die er
kmpfte, zu verhandeln, er war mit Herrn von Bismarck in direkte
Unterhandlung getreten. Sicherlich konnte auch er noch wie Wallenstein
sagen:

  Noch ist sie rein -- noch! das Verbrechen kam
  Nicht ber diese Schwelle noch!

Noch war er keine Verpflichtungen eingegangen. Aber war er auch
innerlich noch frei? Konnte nicht auch ihn die Logik der Tatsachen dazu
treiben, die Tat zu vollbringen, weil er nicht die Versuchung von
sich wies?

Da Lassalle im Winter 1863/64 wiederholte und eingehende
Besprechungen unter vier Augen mit dem damaligen Herrn von Bismarck
hatte, ist heute ber jeden Zweifel sichergestellt. Die langjhrige
Vertraute Lassalles, die Grfin Sophie von Hatzfeldt, hat es im Sommer
1878, als Bismarck sein Knebelungsgesetz gegen die deutsche
Sozialdemokratie einbrachte, aus eigner Initiative Vertretern
derselben unter Hinzufgung der nheren Umstnde mitgeteilt, und als
August Bebel in der schon erwhnten Sitzung vom 16. September 1878 die
Sache im deutschen Reichstag zur Sprache brachte, gab Bismarck tags
darauf zu, Zusammenknfte mit Lassalle gehabt zu haben, und suchte
nur in Abrede zu stellen, da es sich dabei um politische
Verhandlungen gedreht habe. Bebel hatte, gesttzt auf die Mitteilungen
der Grfin Hatzfeldt, gesagt: Es drehte sich bei diesen
Unterhaltungen und Unterhandlungen um zweierlei, erstens um
Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts, und zweitens um die
Gewhrung von Staatsmitteln zu Produktivgenossenschaften. Frst
Bismarck war fr diesen Plan von Lassalle vollstndig gewonnen, er
weigerte sich nur, wie Lassalle verlangte, sofort mit der Oktroyierung
des allgemeinen Stimmrechts vorzugehen, bevor nicht der
schleswig-holsteinische Krieg glcklich zu Ende gefhrt worden sei.
Infolge dieser Meinungsverschiedenheit entstanden tiefe Differenzen
zwischen Lassalle und dem Frsten Bismarck, und es war nicht etwa der
letztere, welcher die Unterhandlungen abbrach, sondern es war, wie ich
ausdrcklich konstatieren mu, Lassalle, der den Bruch herbeifhrte
und erklrte, auf weitere Unterhandlungen sich nicht einlassen zu
knnen. Darauf antwortete nun Bismarck: Unsre Unterhaltungen drehten
sich gewi auch um das allgemeine Wahlrecht, unter keinen Umstnden
aber jemals um eine Oktroyierung desselben. Auf einen so
ungeheuerlichen Gedanken, das allgemeine Wahlrecht durch Oktroyierung
einzufhren, bin ich in meinem Leben nicht gekommen. Er habe es mit
einem gewissen Widerstreben, als Frankfurter Tradition akzeptiert.
Was die Produktivgenossenschaften anbetreffe, so sei er von deren
Unzweckmigkeit noch heute nicht berzeugt. Nur htten die damals
eingetretenen politischen Ereignisse die Fortfhrung der in dieser
Hinsicht angebahnten Versuche nicht gestattet. brigens habe nicht er,
sondern Lassalle diese Zusammenknfte gewnscht, ihn brieflich darum
gebeten, und er, Bismarck, habe sich aus reiner Liebhaberei dazu
herbeigelassen, Lassalles Wnschen zu willfahren. Was htte mir
Lassalle bieten und geben knnen? Er hatte nichts hinter sich. In
allen politischen Verhandlungen ist das do ut des (ich gebe, damit du
gibst) eine Sache, die im Hintergrunde steht, auch wenn man
anstandshalber nicht davon spricht. Wenn man sich aber sagen mu, was
kannst du armer Teufel geben? -- Er hatte nichts, was er mir als
Minister htte geben knnen.

Es liegt auf der Hand, da der Mann, der offiziell noch nie gelogen
hat, hier mit der Wahrheit sehr unoffiziell umsprang. Um einer bloen
Unterhaltung willen wre Lassalle nicht zum Minister gegangen, und
wrde dieser nicht den revolutionren Juden wiederholt -- er selbst
gesteht, da es viermal gewesen sein knne, whrend Sophie Hatzfeldt
behauptet hatte, da es wiederholt drei- bis viermal in einer Woche
gewesen sei -- zu sich gebeten und mit ihm stundenlang disputiert
haben. Weiter braucht man nur die Reden der Regierungsvertreter in
der Kammer und die Artikel in der Regierungspresse aus jener Epoche
nachzulesen, um sich zu berzeugen, wie stark sich das Ministerium
Bismarck damals mit dem Gedanken trug, das allgemeine Wahlrecht
einzufhren, und dazu gab es unter den obwaltenden Umstnden kaum
einen anderen Weg, als den der Oktroyierung. Lassalle selbst zitiert
in der Verteidigungsrede vor dem Staatsgerichtshof einige derartige
uerungen und knpft daran im weiteren Verlauf die bekannten
Erklrungen, die nun erst, nachdem seine Zusammenknfte mit Bismarck
bekannt geworden, richtig gewrdigt werden knnen:

Der Staatsanwalt beschuldigt mich, das allgemeine und direkte
Wahlrecht herstellen und somit die Verfassung strzen zu wollen!

Nun wohl, meine Herren, obwohl ein einfacher Privatmann, kann ich
Ihnen sagen: ich will nicht nur die Verfassung strzen, sondern es
vergeht vielleicht nicht mehr als ein Jahr, so habe ich sie gestrzt!

Aber wie? Ohne da ein Tropfen Blutes geflossen, ohne da eine Faust
zur Gewalt sich geballt hat! Es vergeht vielleicht nicht ein Jahr
mehr, so ist in der friedlichsten Weise von der Welt das allgemeine
und direkte Wahlrecht oktroyiert.

Die starken Spiele, meine Herren, knnen gespielt werden, Karten auf
dem Tisch! Es ist die strkste Diplomatie, welche ihre Berechnungen
mit keiner Heimlichkeit zu umgeben braucht, weil sie auf erzene
Notwendigkeit gegrndet sind.

Und so verkndige ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird
vielleicht kein Jahr mehr vergehen -- und Herr von Bismarck hat die
Rolle Robert Peels gespielt, und das allgemeine und direkte Wahlrecht
ist oktroyiert!

Lassalle sagt freilich hierzu, er habe das von Anfang an gewut, schon
an dem ersten Tage, an welchem ich durch den Erla meines
Antwortschreibens diese Agitation begann, und es konnte niemand
entgehen, der mit klarem Blick die Situation auffate. Aber wenn es
auch zweifelsohne richtig ist, da man schon im Winter 1862/63 in
Regierungskreisen die Frage in Betracht zog, ob es mglich sei, durch
eine nderung des Wahlgesetzes die fortschrittliche Kammermehrheit zu
sprengen, und zu diesem Behufe in sozialer Frage zu machen begann[32],
so wrde Lassalle doch schwerlich mit dieser Bestimmtheit von einer
bevorstehenden Oktroyierung des allgemeinen Wahlrechts gesprochen haben
und immer wieder darauf zurckgekommen sein, wenn er nicht aus seinen
Unterhaltungen mit Bismarck die berzeugung gewonnen htte, da, ob nun
vor oder nach Beendigung des dnischen Feldzuges, diese Oktroyierung
beschlossene Sache sei.

Mehr glaubwrdig ist es dagegen, wenn Bismarck bestreitet, da es
zwischen ihm und Lassalle zu einem Bruch gekommen sei. Die Verhandlungen
schliefen ein, als Lassalle sich nach vielem Drngen berzeugt hatte,
da Bismarck noch abwarten wollte, ehe er den immerhin gewagten Schritt
unternahm -- und darum spricht Lassalle auch immer nur von einer
mglicherweise binnen Jahresfrist erfolgenden Oktroyierung. Aber da die
Verbindung noch nicht endgltig abgebrochen war, geht schon daraus
hervor, da Lassalle fortfuhr, von allen seinen Verffentlichungen usw.
durch das Sekretariat des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins ein
Doppelexemplar in verschlossenem Kuvert und mit der Aufschrift
persnlich an Bismarck bersenden zu lassen.

Ebenso kann man Bismarck auch glauben, da seine Verhandlungen mit
Lassalle wegen des do ut des zu keinen bestimmten Abmachungen fhren
konnten. Zwar stand die Sache nicht so, wie Bismarck sie nachtrglich
protzenhaft mit der Phrase abtut: Was kannst du armer Teufel geben? Er
hatte nichts, was er mir als Minister htte geben knnen. Bismarck
hatte es zu jener Zeit gar nicht so ppig, da er nicht jede Hilfe
brauchen konnte, und etwas konnte Lassalle ihm immerhin geben. Die Sache
war nur die, da es nicht genug war, um Bismarck zu bestimmen Lassalles
Drngen nachzugeben. Vielleicht ist das auch mit einer der Grnde, da
Lassalle, der noch am 25. Juli 1863 an Vahlteich geschrieben hatte: Sie
knnen unsre Bevollmchtigten keine Unwahrheiten sagen lassen. Sie
knnen sie also nicht auffordern, von 10000 Mitgliedern zu sprechen,
whrend wir vielleicht nicht 1000 haben. Man kann schweigen ber diesen
Punkt, aber lgen schickt sich fr uns nicht -- nach seiner Rckkehr
nach Berlin in geradezu krankhafter Weise seine Erfolge bertrieb. Er
wollte um jeden Preis eine Macht scheinen, wenn es ihm nicht gelang, mit
wirklichen Massen aufzumarschieren. Aber Bismarck war durch andre
Berichterstatter wahrscheinlich hinreichend darber informiert, wie es
in Wirklichkeit mit der Bewegung stand.

Und dann hatte es mit dem Geben auch sonst seine eigne Bewandtnis.
Bismarck war sich schwerlich auch nur einen Augenblick im unklaren
darber, da er an Lassalle nur so lange und nur insoweit einen
politischen Verbndeten haben wrde, solange dieses Bndnis im
Interesse Lassalles und seiner politischen Zwecke lag -- mit andern
Worten, da Lassalle genau so mit ihm verfahren wrde, wie er mit
ihm, d. h. sich unbarmherzig gegen ihn wenden wrde, sobald er das
von ihm erreicht hatte, was er brauchte. Davon mute ihn die erste
Unterredung mit Lassalle berzeugt haben, da dieser nicht, wie
Rodbertus einmal sehr gut von Bucher sagt, ein Fisch ohne Grten
war, sondern ganz gehrige Grten und Stacheln hatte. Mit der
Aussicht auf ein Pstchen -- von Geld gar nicht zu reden -- war da
nichts zu machen. Einmal das Wahlrecht gegeben, konnte Lassalle
leicht sehr unbequem werden, also warum sich bereilen? Die Agitation
Lassalles kehrte ihre Spitze ohnehin immer schroffer und einseitiger
gegen die liberale Partei, und das war vorderhand alles, was Bismarck
brauchte.

In seiner Verteidigungsrede Die Wissenschaft und die Arbeiter,
gehalten am 16. Januar 1863, hatte Lassalle erklrt:

Kann man bei uns selbst nur sagen, da die Einfhrung des
Dreiklassenwahlgesetzes den besitzenden Klassen, da sie dem deutschen
Brgertum zur Last falle?... Die preuische Regierung ist es, nicht die
besitzenden Klassen in Preuen, welche fr alle Zeiten und vor allem
Volk die Schuld und Verantwortlichkeit des oktroyierten
Dreiklassenwahlgesetzes tragen wird. Und: Bourgeoisie und Arbeiter
sind wir die Glieder eines Volkes und ganz einig gegen unsre
Unterdrcker -- d. h. also gegen die Regierung.

Vor dem Staatsgerichtshof aber -- am 12. Mrz 1864 -- ist ihm der
Verfassungskonflikt in Preuen nur noch der Kampf zwischen dem
Knigtum und einer Clique. Dieser Clique knne das Knigtum
nicht weichen, vollkommen wohl aber knne es das Volk auf die
Bhne rufen und sich auf es sttzen. Es brauche sich hierzu nur
seines Ursprungs zu erinnern, denn alles Knigtum ist ursprnglich
Volksknigtum gewesen.

Ein Louis-Philippsches Knigtum, ein Knigtum von der Schpfung der
Bourgeoisie knnte dies freilich nicht; aber ein Knigtum, das noch aus
seinem ursprnglichen Teige geknetet dasteht, auf den Knauf des
Schwertes gesttzt, knnte das vollkommen wohl, wenn es entschlossen
ist, wahrhaft groe, nationale und volksgeme Ziele zu verfolgen.

Das ist die Sprache des Csarismus, und im weiteren Verlaufe seiner
Rede steigert Lassalle sie noch, indem er die bestehende Verfassung
als eine vom Knigtum der Bourgeoisie erwiesene Gunst hinstellt.
Niemand lasse aber gern aus seiner eigenen Gunst ein Halsband
drehen, an welchem er erwrgt wird, und das ist niemand zu verdenken,
und daher auch dem Knigtum nicht. Bestndig auf das angebliche
Recht hingedrngt, habe sich das Knigtum erinnert, da es mehr
in seiner Stellung lge, sich auf das wirkliche Recht zurckzuziehen
und das Volk auf die Bhne zu fhren, als einer Clique zu weichen und
von einer Handvoll Personen sich aus seiner eignen Gunst ein Halsband
winden zu lassen, an dem es erwrgt wird. So wrde er, Lassalle,
sprechen an dem Tage, wo das Knigtum die Verfassung gestrzt und das
allgemeine Wahlrecht oktroyiert haben werde, wenn man ihn der
intellektuellen Urheberschaft dieses Verfassungsumsturzes anklagte.

Lassalle war bereits so weit, da er nicht nur durch die Tatsache seiner
Agitation -- was unter Umstnden nicht zu vermeiden ist -- der Reaktion
vorbergehend einen Dienst erwies, er verfiel auch immer mehr darin, die
Sprache der Reaktion zu sprechen. Gewi konnte er noch immer mit
Wallenstein ausrufen:

  Beim groen Gott des Himmels! Es war nicht
  Mein Ernst, beschlossene Sache war es nie!

Er spielte mit der Reaktion, glaubte sie seinen Zwecken dienstbar
machen, sie selbst aber im gegebenen Moment mit einem Ruck
abschtteln zu knnen. In diesem Sinne nannte er auch einmal der
Grfin Hatzfeldt gegenber Bismarck seinen Bevollmchtigten. Aber
er verga, da es eine Logik der Tatsachen gibt, die strker ist als
selbst der strkste individuelle Wille, und da, indem er berhaupt
um den Erfolg spielte, statt auf die eigne Kraft der Bewegung zu
vertrauen und ausschlielich ihr seine Energie zu widmen, er nach
seiner eignen Theorie die Bewegung selbst zum Teil bereits aufgab.

In der Tat, um noch einmal auf den schon zitierten Aufsatz Lassalles
ber die Grundidee seines Franz von Sickingen zurckzugreifen: mit
der seit seiner Rckkehr aus den Bdern vollzogenen Schwenkung war
Lassalle genau zu derselben Taktik gelangt, die er in jenem Aufsatz
als die sittliche Schuld Franz von Sickingens hingestellt hatte. Es
ist merkwrdig, wie genau Lassalle dort sein eignes Schicksal
vorgezeichnet hat. Auch er war auf die sich realistisch dnkende
Verstndigkeit verfallen, revolutionre Zwecke durch diplomatische
Mittel erreichen zu wollen, er hatte eine Maske vorgenommen, seinen
Gegner -- die preuische Regierung -- zu tuschen, aber er tuschte
tatschlich nicht diese, sondern die Massen des Volkes, ohne die er
nichts war; die Bewegung selbst blieb auf einen kleinen Trupp
persnlicher Anhnger beschrnkt. Und wie Lassalle von Sickingen
schreibt, da dieser groe Diplomat und Realist, der alles sorgsam
vorherberechnet und den Zufall ganz ausschlieen will, gerade dadurch
zuletzt gezwungen ist, dem zuflligsten Zufall alles anheim zu
geben, und, whrend die Rechnung auf jene Tuschung durch den
Anschein des Zuflligen und Unwesentlichen an der bewuten Natur des
Bestehenden zugrunde gehen mu, die Entscheidung, statt wie er
wollte, aus den Hnden des vorbereiteten, vielmehr aus denen des
ersten unvorbereiteten Zufalls entgegennehmen mu߫[33] -- so sieht
auch er, Lassalle, sich gezwungen, nunmehr blo noch mit dem Zufall
zu rechnen, alles von zuflligen Konstellationen in der inneren und
ueren Politik abhngig zu machen. Im Vertrauen auf seine
realistische Gewandtheit spielte er, aber er bedachte nicht, da beim
Spiel derjenige die meisten Aussichten hat seinen Mitspieler
lahmzulegen, der die meisten Trmpfe in der Hand -- beim politischen
Spiel, der ber die meisten tatschlichen Machtfaktoren zu gebieten
hat. Und da das in diesem Falle nicht er, sondern Bismarck war,
konnte es nicht ausbleiben, da er schlielich mehr Bismarcks, als
dieser sein Bevollmchtigter wurde.

Dies die Situation, in der Lassalle die Ronsdorfer Ansprache, die
Agitation des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und das Versprechen
des Knigs von Preuen hielt. Es ist seine letzte und zugleich seine
schwchste Agitationsrede, ausschlielich auf den ueren Effekt
berechnet. Wie sehr sich Lassalle der Schwche dieser Rede bewut war,
zeigt ihre von ihm selbst redigierte gedruckte Ausgabe mit den berall
eingestreuten Vermerken ber den Effekt der einzelnen Stze -- Krcken,
deren ein Vortrag, der an Hand und Fu gesund ist, durchaus entbehren
kann, und die den Eindruck einer inhaltsvollen Rede sogar
beeintrchtigen wrden. Aber die Ronsdorfer Rede weist keinen der
Vorzge der ersten Agitationsreden Lassalles auf, potenziert dagegen
deren Fehler.

Die Rede ist nicht blo inhaltlich schwach, sie ist auch ihrer Tendenz
nach tadelnswerter als alle Migriffe, die Lassalle bis dahin begangen.

Schlesische Weber hatten, durch die Not getrieben und durch die
Sozialdemagogie der Feudalen ermuntert, eine Deputation nach Berlin
geschickt, um beim Knig von Preuen um Abhilfe gegen die belstnde,
unter denen sie litten, zu petitionieren. Sie waren auch schlielich, da
es sich um die Arbeiter eines fortschrittlichen Fabrikanten handelte,
auf Veranlassung Bismarcks vom Knig empfangen worden und hatten auf
ihre Beschwerden die Antwort erhalten, der Knig habe seine Minister
angewiesen, eine gesetzliche Abhilfe, soweit sie mglich ist, schleunig
und mit allem Ernst vorzubereiten.

Da Lassalle diesen Schritt der schlesischen Weber und den Empfang
der Deputation von Seiten des Knigs als einen Erfolg seiner
Agitation hinstellt, wird ihm, so bertrieben es tatschlich war,
niemand zum besonderen Vorwurf machen. Wie andere bertreibungen in
der Ansprache, erklrte sich auch diese aus der Situation Lassalles.
Indes Lassalle blieb dabei nicht stehen. Er gab dem Empfang der
Deputation durch den Knig und den Worten des letzteren eine
Auslegung, die zunchst nur als eine Reklame fr jenen und dessen
Regierung wirken konnte. Er verliest den Arbeitern einen Bericht der
offizisen Zeidlerschen Korrespondenz ber den Empfang der
Deputation beim Knig und liest gerade die dem Knigtum gnstigste
Stelle daraus, wie er in der gedruckten Rede ausdrcklich
verzeichnet, mit dem hchsten Nachdruck der Stimme und begleitet
sie mit der eindringlichsten Handbewegung[34].

In den Worten des Knigs liege, erklrt er, die Anerkennung des
Hauptgrundsatzes, zu dessen Gunsten wir unsere Agitation begonnen --
nmlich, da eine Regelung der Arbeiterfrage durch die Gesetzgebung
notwendig sei -- ferner, das Versprechen des Knigs, da diese
Regelung der Arbeiterfrage und Abhilfe der Arbeiternot durch
die Gesetzgebung erfolgen soll, und drittens, da eine
Fortschrittskammer, eine nach dem oktroyierten Dreiklassenwahlgesetz
erwhlte Kammer, dem Knige niemals die zu diesem Zwecke
erforderlichen Gelder bewilligen und ebensowenig, selbst wenn
die Sache ohne Geld zu machen wre, auch nur ihre Zustimmung zu
einem solchen Gesetz erteilen wrde, so sei in dem kniglichen
Versprechen, innerlich durch die Kraft der Logik eingeschlossen
auch das allgemeine und direkte Wahlrecht versprochen worden.

Bei diesen Worten lt der Bericht die Versammlung, welche diesem
ganzen letzten Teil der Rede in einer unglaublichen Spannung ...
zugehrt habe, in einen nicht zu beschreibenden Jubel ausbrechen,
der immer wieder von neuem begonnen habe, sobald Lassalle weiter zu
sprechen versuchte.

War der Jubel wirklich so gro, so bewies er, da die Arbeiter Lassalles
Auslegung des kniglichen Versprechens fr bare Mnze nahmen, das
schlimmste Zeugnis, das dieser Rede ausgestellt werden konnte.

Kein Zweifel, es sollten mit dieser Rede, soweit die Arbeiter in
Betracht kamen, diese nur durch mglichst glnzende Ausmalung der
bisher erzielten Erfolge zur hchsten, begeisterten Ttigkeit fr den
Verein hingerissen werden. Aber die Rede ist noch an eine andere
Adresse als die der Arbeiter gerichtet. In seiner Erwiderung auf eine
in der Kreuzzeitung erschienene Rezension des Bastiat-Schulze,
die nach Lassalle von zu beachtenswerter Seite kam, als da die in
ihr an Lassalle gerichteten Fragen htten unbeantwortet bleiben
drfen, verweist Lassalle den Herrn Rezensenten des Regierungsblattes
ausdrcklich auf die Ronsdorfer Rede und lt die Erwiderung und zwei
Exemplare der Rede unter Kuvert persnlich an Bismarck senden.
Beide, Rezension und Rede, sind berechnet, auf die Regierung Eindruck
zu machen -- ad usum delphini geschrieben. Der unbeschreibliche
Jubel sollte Kder fr Bismarck und den Knig sein. Aber niemand
kann zwei Herren dienen, und das Bestreben, die Rede so zu
gestalten, da sie den gewnschten Effekt nach oben mache, bewirkte,
da sie tatschlich einen durch und durch csaristischen Charakter
erhielt. Sie ist ein doppeltes Pronunziamento des Csarismus:
Csarismus in den Reihen der Partei, und Csarismus in der Politik
der Partei.

Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeugungsunfhigeres,
nichts Unintelligenteres, heit es in der Einsendung an
die Kreuzzeitung, als der unruhige, nrgelnde liberale
Individualismus, diese groe Krankheit unserer Zeit! Aber dieser
unruhige, nrgelnde Individualismus ist keineswegs Massenkrankheit,
sondern wurzelt notwendig und naturgem nur in den Viertels- und
Achtels-Intelligenzen der Bourgeoisie.

Der Grund ist klar: Der Geist der Massen ist, ihrer Massenlage
angemessen, immer auf objektive, auf sachliche Zwecke gerichtet. Die
Stimmen unruhiger, persnlichkeitsschtiger Einzelner wrden hier in
diesem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehrt zu werden. Der
oligarchische Boden allein ist der homogene, mtterliche Boden fr den
negativen, tzenden Individualismus unserer liberalen Bourgeoisie und
ihre subjektive, eigenwillige Persnlichkeitssucht.

hnlich hatte es in der Ronsdorfer Rede geheien:

Noch ein anderes hchst merkwrdiges Element unseres Erfolges habe
ich zu erwhnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit
und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser
Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein
epochemachend, und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte,
da! Dieser groe Verein, sich erstreckend ber fast alle deutschen
Lnder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines
Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persnlich bekannt
oder jemals persnlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis
zur Nordsee, und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein >Nein<
gehrt, und gleichwohl ist die Autoritt, die ihr mir anvertraut
habt, eine durchaus auf eurer fortgesetzten hchsten Freiwilligkeit
beruhende!... Wohin ich gekommen bin, berall habe ich von den
Arbeitern Worte gehrt, die sich in den Satz zusammenfassen:
Wir mssen unserer aller Willen in einen einzigen Hammer
zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hnde eines Mannes legen,
zu dessen Intelligenz, Charakter und guten Willen wir das ntige
Zutrauen haben, damit er aufschlagen knne mit dem Hammer!

Die beiden Gegenstze, die unsere Staatsmnner bisher fr unvereinbar
betrachteten, deren Vereinigung sie fr den Stein der Weisen hielten,
Freiheit und Autoritt, -- die hchsten Gegenstze, sie sind auf das
innigste vereinigt in unserem Verein, welcher so nur das Vorbild im
kleinen unserer nchsten Gesellschaftsform im groen darstellt. Nicht
eine Spur ist in uns von jenem nrgelnden Geiste des Liberalismus, von
jener Krankheit des individuellen Meinens und Besserwissen-Wollens, von
welchem der Krper unserer Bourgeoisie durchfressen ist ...

Es liegt diesen Stzen formell ein richtiger Gedanke zugrunde, der
nmlich, da in der modernen Gesellschaft die Arbeiter unter normalen
Verhltnissen viel mehr als irgendeine andere Gesellschaftsklasse auf
die gemeinsame Aktion angewiesen sind, und da in der Tat schon die
Existenzbedingungen des modernen industriellen Proletariers den Geist
der Gemeinschaftlichkeit in ihm entwickeln, whrend umgekehrt der
Bourgeois nur unter anormalen Verhltnissen, nicht aber durch die bloe
Art seiner gesellschaftlichen Existenz, zur gemeinschaftlichen Aktion
sich veranlat sieht. Dieser richtige Gedanke empfngt aber durch die
obige Verallgemeinerung eine total falsche Deutung. Die Massenaktion
heit noch lange nicht die persnliche Diktatur; wo die Masse ihren
Willen aus der Hand gibt, ist sie vielmehr bereits auf dem Wege, aus
einem revolutionren ein reaktionrer Faktor zu werden. Die persnliche
Diktatur ist in den Kmpfen der modernen Gesellschaft jedesmal der
Rettungsanker der in ihrer Existenz sich bedroht sehenden reaktionren
Klassen gewesen, niemand ist mehr geneigt, den negativen, tzenden
Individualismus aufzugeben, als der moderne Bourgeois, sobald sein
Geldsack, sein Klassenprivilegium, ernsthaft gefhrdet erscheint. In
solchen Momenten wird das Schlagwort von der einen reaktionren
Masse zur Wahrheit und blht, sobald die Strmung sich
verallgemeinert, der Bonapartismus. Die zur Selbstregierung sich
unfhig fhlenden Klassen tun das, was Lassalle oben den Arbeitern
unterstellt: sie treten ihren Willen an eine einzelne Persnlichkeit
ab und verdammen jeden Versuch, etwaigen Sonderinteressen dieser
Persnlichkeit entgegenzutreten, als unruhigen, nrgelnden
Individualismus. So beschuldigte die deutsche Bourgeoisie in den
letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts immer wieder gerade die
Partei, die tatschlich am konsequentesten deren Klassenforderungen
vertritt -- die deutschfreisinnige Partei -- des Verrats an ihren
Interessen, weil sie durch ihre Nrgelei die staatserhaltende
Ttigkeit der Regierung beeintrchtige, und so griff im Jahre 1851
die franzsische Bourgeoisie ihre eigenen parlamentarischen Vertreter
jedesmal, wenn diese daran gingen, dem Louis Bonaparte die Mittel zum
Staatsstreich zu verweigern, solange als Unruhestifter, Anarchisten
usw. an, bis Napoleon stark genug war, sich zum Diktator der
Bourgeoisie aufzuwerfen, statt sich mit der Rolle des bloen Hters
der Ruhe und Ordnung fr die Bourgeoisie zu begngen.

Eine aufsteigende, revolutionre Klasse hat absolut keinen Anla,
ihren Willen aus der Hand zu geben, auf das Recht der Kritik, auf das
Besserwissen-Wollen ihren Fhrern gegenber zu verzichten. Und wir
haben bei der Solinger Affre gesehen, da, wie sehr auch Lassalle
den Arbeitern gegenber auf seine hhere Intelligenz pochte, er
gerade aus den Reihen der Arbeiter heraus ein sehr deutliches und
krftiges Nein hatte hren mssen, und sicherlich nicht zum
Schaden der Bewegung. Auch in Berlin hatte er bei einem bestimmten
Anla ein ebensolches Nein gehrt -- er sprach, wenn er sich
rhmte, in dem von ihm geleiteten Verein Autoritt und Freiheit in
der oben geschilderten Weise verwirklicht zu haben, mehr einen
Wunsch, als eine bereits verwirklichte Tatsache aus.

Zur Ehre Lassalles mu gesagt werden, da er von Anfang an die
persnliche Spitze fr unerllich gehalten hatte. Zu diesem bloen
Glauben kam nun jedoch das wirkliche Bedrfnis hinzu. Die Politik, die
er jetzt eingeschlagen hatte, war nur durchzufhren, wenn die Mitglieder
und Anhnger der Bewegung kritiklos dem Fhrer folgten und ohne Murren
taten, was er von ihnen verlangte. Wie Lassalle selbst das Versprechen
des Knigs von Preuen gegenber den schlesischen Webern in einer Weise
behandelte, da nur noch ein kleiner, ganz beilufiger Vorbehalt den
Demokraten -- man mchte sagen, vor seinem Gewissen -- salvierte, das
brige aber auf den reinen Csarismus hinauslief, so muten auch sie
bereit sein, auf Kommando das Loyalittsmntelchen umzuhngen. Wenn
eines die Ronsdorfer Rede wenigstens menschlich zu entschuldigen vermag,
so ist es die Tatsache, da sie fr Lassalle unter den gegebenen
Verhltnissen eine Notwendigkeit war. Er brauchte die Diktatur, um die
Arbeiter je nach Bedrfnis fr seine jeweiligen Zwecke zur Verfgung zu
haben, und er brauchte die Besttigung der Diktatur, um nach oben hin
als eine bndnisfhige Macht zu erscheinen. Die Rede war der notwendige
Schritt auf der einmal betretenen Bahn -- ein Halt war da nicht mehr
mglich.


Funoten:

  [32] Es sei hier noch einmal an das Auftreten Eichlers erinnert.
  Ferner ist interessant folgende Stelle aus dem Schluwort einer
  Ansprache des Herrn Herm. Wagener, Vertrauten des Herrn von Bismarck
  und tonangebenden Leiter der Kreuz-Zeitung, in einer Sitzung des
  konservativen preuischen Volksvereins vom 2. November 1862: Meine
  Herren, tuschen wir uns nicht, lernen wir von unsern Gegnern, denn
  sie sagen mit Recht, wenn es Euch nicht gelingt, die soziale Frage zu
  lsen, so ist all Euer Laufen und Mhen umsonst. Ich schliee deshalb
  mit der Aufforderung, treiben wir das, was wir als die Aufgaben und
  Bedrfnisse der nchsten Zukunft erkennen, treiben wir das mit noch
  mehr Energie, treiben wir es nicht blo fr die Zeit der Wahlen.

  [33] Der Aufsatz ist in unserer Gesamtausgabe der Lassalleschen
  Schriften dem fr das groe Publikum bestimmten Vorwort Lassalles zum
  Franz von Sickingen angefgt (vgl. Bd. I).

  [34] Die Stelle lautet: Mit dem Trost einer mglichst baldigen
  gesetzlichen Regelung der Frage und dadurch Abhlfe ihrer Not
  entlieen Seine Majestt die Deputation. Das knigliche Versprechen
  wird erhebend und ermuthigend in allen Thlern des Riesengebirges
  widerhallen und vielen hundert duldenden redlichen Familien neue
  Hoffnung und neue Kraft zum muthigen Ausharren geben.




Lassalles letzte Schritte und Tod.


Die ihr folgenden Schritte Lassalles, sowohl was die innere
Vereinsleitung als auch was die geplante nchste uere Aktion des
Vereins anbetrifft, bewegten sich denn auch in der gleichen Richtung. Im
Verein drang er auf die Ausstoung Vahlteichs, der in bezug auf die
Organisation in Gegensatz zu ihm getreten war, und er stellte dabei
nicht nur die Kabinettsfrage: er oder ich, so da den Vereinsmitgliedern
kaum etwas anderes brig blieb, als den Arbeiter Vahlteich dem Herrn
Prsidenten aufzuopfern, er verfuhr auch sonst in dieser Angelegenheit
hchst illoyal, indem er z. B. Anweisungen gab, sein gegen Vahlteich
gerichtetes, sehr umfangreiches Anklageschreiben in solcher Weise
zirkulieren zu lassen, da Vahlteich selbst den Inhalt des Schreibens
erst kennenlernen mute, nachdem die brigen Vorstandsmitglieder bereits
gegen ihn beeinflut waren.

Wie man nun auch ber Vahlteichs Vorschlge zur Abnderung der
Organisation denken mochte, die Art, wie Lassalle schon den Gedanken
an eine Reformierung des Vereins quasi als Verrat an der Sache
hinstellte, war um so weniger gerechtfertigt, als er, Lassalle, selbst
bereits halb entschlossen war, den Verein fallen zu lassen, wenn sein
letzter Versuch, einen Druck auf die Ereignisse auszuben,
miglcken sollte.

Dieser Versuch oder Coup, wie Lassalle ihn selbst genannt, sollte in
Hamburg in Szene gesetzt werden. Er betraf die Angelegenheit der soeben
von Dnemark eroberten Herzogtmer Schleswig-Holstein.

Als im Winter 1863 der Tod des Knigs von Dnemark die
schleswig-holsteinische Frage in den Vordergrund gedrngt hatte, hatte
Lassalle, der in jenem Moment bereits mit Bismarck in Unterhandlung
stand und deshalb ein groes Interesse daran hatte, je nach derjenigen
Politik, fr die die preuische Regierung sich entschlo, den Verein
Stellung nehmen zu lassen, bei dessen Mitgliedern gegen den
Schleswig-Holstein-Dusel Stimmung gemacht[35] und eine Resolution
ausgearbeitet und berall annehmen lassen, in der erklrt wurde:

     Die einheitliche Gestaltung Deutschlands wrde die
     schleswig-holsteinische Frage ganz von selbst erledigen. Dieser
     groen Aufgabe gegenber erscheint die Frage, ob, solange in
     Deutschland 33 Frsten bestehen, einer derselben ein auslndischer
     Frst ist, von verhltnismig sehr untergeordnetem Interesse.

Im brigen enthlt die Resolution nur mehr oder weniger allgemeine
Wendungen; alle deutschen Regierungen seien verpflichtet, die
Einverleibung der Herzogtmer in Deutschland ntigenfalls mit
Waffengewalt durchzusetzen, aber das Volk wird aufgefordert, auf der
Hut zu sein; es lasse sich durch nichts von seinen gewaltigen zentralen
Aufgaben abziehen. Gegen die Fortschrittler und Nationalvereinler wird
der Vorwurf erhoben, da sie Schleswig-Holstein als eine Gelegenheit
benutzen zu wollen scheinen, um die Aufmerksamkeit von der inneren Lage
abzulenken und der Lsung eines Konfliktes, dem sie nicht gewachsen
sind, unter dem Schein des Patriotismus zu entfliehen. Dies im Dezember
1863.

Jetzt waren die Herzogtmer erobert, und es handelte sich um die Frage,
was mit ihnen geschehen solle. Ein groer Teil der Fortschrittler trat
fr die legitimen Ansprche des Herzogs von Augustenburg ein, whrend
man in magebenden Kreisen Preuens auf die Annexion der Herzogtmer in
Preuen hinarbeitete. So wenig Interesse nun die demokratischen Parteien
hatten, zu den vorhandenen 33 souvernen Frsten in Deutschland noch
einen 34sten zu schaffen, so hatten sie andrerseits auch keine Ursache,
der zur Zeit reaktionrsten Regierung in Deutschland einen Machtzuwachs
zuzusprechen. Lassalle aber hatte bereits so sehr sein politisches
Taktgefhl verloren, da er allen Ernstes beabsichtigte, in Hamburg eine
groe Volksversammlung abzuhalten und von dieser eine Resolution
beschlieen zu lassen, des Inhalts, da Bismarck verpflichtet sei, die
Herzogtmer gegen den Willen sterreichs und der brigen deutschen
Staaten an Preuen zu annektieren. Es braucht nicht durch Worte
bezeichnet zu werden, welche Rolle Lassalle damit auf sich nahm und zu
welcher Rolle er die sozialistisch gesinnten Arbeiter Hamburgs
gebrauchen wollte, die ihm so warme Dankbarkeit und Verehrung
entgegenbrachten. Indes ist es nicht zur Ausfhrung des Vorhabens
gekommen, es blieb den Hamburger Arbeitern der Konflikt zwischen ihrer
demokratischen berzeugung und der vermeintlichen Pflicht gegen ihren
Fhrer glcklicherweise erspart.

Lassalle war, nachdem er in Dsseldorf noch einen Proze ausgefochten,
in die Schweiz gegangen. Er nahm zunchst Aufenthalt auf Rigi Kaltbad,
und dort besuchte ihn gelegentlich eines Ausfluges Frulein Helene von
Dnniges, deren Bekanntschaft er im Winter 1861/62 in Berlin gemacht
und der er, nach ihrer Darstellung, schon damals seine Hand angetragen
hatte. Es entwickelte sich im Anschlu an den Besuch jene Liebesaffre,
deren Schluresultat der frhzeitige Tod Lassalles war.

Die Einzelheiten der Lassalle-Dnniges-Affre sind heute so bekannt und
die fr Lassalle bezeichnenderen Schritte desselben in dieser Affre so
ber alle Zweifel sichergestellt, da auf eine Wiedererzhlung des
ganzen Verlaufs der Sache hier verzichtet werden kann. Lassalle zeigte
sich bei diesem Anlasse auch durchaus nicht in einem neuen Lichte; er
entwickelte vielmehr nur Eigenschaften, die wir bereits bei ihm kennen
gelernt haben -- man kann sagen, da die Dnniges-Affre im kleinen und
auf einem andern Gebiet lediglich ein Abbild der Lassalleschen
Agitationsgeschichte darstellt. Lassalle glaubt in Helene von Dnniges
das Weib seiner Wahl gefunden zu haben. Die einzige Schwierigkeit ist,
das Jawort der Eltern zu erlangen. Aber Lassalle hegt nicht den
mindesten Zweifel, da es dem Einflu seiner Persnlichkeit gelingen
mu, diese Schwierigkeit zu berwinden. Selbstbewut, und zugleich mit
umsichtiger Berechnung aller in Betracht kommenden Momente, entwirft er
seinen Operationsplan. Er wird kommen, die Zuneigung der Eltern erobern
und ihnen die Einwilligung abringen, ehe sie noch recht wissen, was sie
mit ihrer Genehmigung tun. Da stellt sich pltzlich ein kleines,
unvorhergesehenes Hindernis in den Weg: durch eine Unvorsichtigkeit der
jungen Dame erfahren die Eltern frher als sie sollen von der Verlobung
und erklren, Lassalle unter keinen Umstnden als Schwiegersohn annehmen
zu wollen. Indes noch gibt Lassalle seinen Plan nicht auf, sein Triumph
wird nur um so grer sein, je grer der Widerstand der Eltern. Von
diesem Selbstbewutsein getragen, begeht er einen Schritt, der die
Situation so gestaltet, da jede Hoffnung, auf dem geplanten Wege zum
Ziele zu gelangen, ausgeschlossen ist, ja, der sogar das Mdchen selbst
an ihm irre werden lt. Indes, ist's nicht dieser Weg, so ist's ein
anderer. Und ohne Rcksicht darauf, was er sich und seiner politischen
Stellung schuldig ist, beginnt Lassalle einen Kampf, bei dem es fr ihn
nur einen Gesichtspunkt gibt: den Erfolg. Jedes Mittel ist recht, das
Erfolg verspricht. Spione werden angestellt, die die Familie Dnniges
beobachten und ber jeden ihrer Schritte rapportieren mssen. Durch die
Vermittlung Hans von Blows wird Richard Wagner ersucht, den Knig von
Bayern zu veranlassen, zugunsten Lassalles bei Herrn v. Dnniges zu
intervenieren, whrend dem Bischof Ketteler von Mainz der bertritt
Lassalles zum Katholizismus angeboten wird, damit der Bischof seinen
Einflu zugunsten Lassalles geltend mache. Lassalle machte sich nicht
die geringsten Gedanken darber, wie wenig wrdig es der geschichtlichen
Mission war, die er bernommen hatte, bei einem Minister von Schrenk zu
antichambrieren, damit dieser ihm zu seiner Geliebten verhelfe, noch
kmmerte er sich darum, wie wenig er sich seines Vorbildes Hutten wrdig
erwies, wenn er bei einem eingefleischten Vertreter Roms um Hilfe zur
Erlangung eines Weibes petitionierte. Hier, wo er htte stolz sein
drfen, wo er stolz sein mute, war er es nicht.

Trotzdem blieb der Erfolg aus. Der Bischof von Mainz konnte gar nichts
tun, weil Helene von Dnniges protestantisch war, und der
Vermittlungsversuch, den ein vom bayerischen Minister des Auswrtigen an
den Schauplatz des Konfliktes entsandter Vertrauensmann unternahm,
fhrte nur dahin, Lassalle den Beweis zu liefern, da er durch die Art
seines Vorgehens sich und das Weib, fr das er kmpfte, in eine total
falsche Position gebracht hatte. Obwohl er gewut hatte, da Helene
jeder Willensenergie entbehrte und darin gerade einen Vorzug fr sein
zuknftiges Zusammenleben mit ihr erblickt hatte -- erhalten Sie mir
Helene in den unterwrfigen Gesinnungen, in denen sie jetzt ist, hatte
er am 2. August an die Grfin Hatzfeldt geschrieben --, hatte er ihr
jetzt eine Rolle zugemutet, welche die hchste Willensstrke erforderte,
und war emprt darber, da das junge Mdchen sich ihr zu entziehen
suchte. Getragen von seinem Selbstgefhl und gewohnt, die Dinge
ausschlielich unter dem Gesichtswinkel seiner Stimmungen und Interessen
zu betrachten, hatte er ganz auer Erwgung gelassen, da gerade die
unterwrfigsten Menschenkinder am leichtesten ihre Empfindungen ndern,
und sah den bodenlosen Verrat und das unerhrteste Spiel einer
verworfenen Dirne, wo weiter nichts vorlag, als die Unbestndigkeit
eines verwhnten Weltkindes.

Indes, er war nervs total heruntergekommen und besa lngst nicht mehr
die Energie eines gesunden Willens. Das rasche Zugreifen zu
Gewaltmitteln, das Bestreben, um jeder Kleinigkeit wegen Himmel und
Hlle in Bewegung zu setzen, die Unfhigkeit, Widerspruch zu ertragen
oder sich einen Wunsch zu versagen, sind nicht Beweise geistiger Kraft,
sondern eines hochgradigen Schwchezustandes. Auch der schnelle Wechsel
von Zornesausbrchen und Trnen, der sich nach den bereinstimmenden
Berichten der Augenzeugen bei Lassalle damals zeigte, deutet untrglich
auf ein stark zerrttetes Nervensystem.

In dieser Verfassung war es ihm unmglich, die erlittene Niederlage
ruhig zu ertragen, und er suchte sich durch ein Duell Genugtuung zu
verschaffen fr die ihm nach seiner Ansicht angetane Schmach. So tricht
das Duell an sich ist, so begreiflich war es unter den obwaltenden
Verhltnissen. In den Gesellschaftskreisen, in denen die Affre spielte,
ist das Duell das reinigende Bad fr allen Schmutz und allen Schimpf,
und wenn Lassalle nicht die moralische Kraft besa, sich im Kampf um
irgendeine Sache auf solche Mittel zu beschrnken, welche sich fr den
Vertreter der Partei der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft
schicken, so war es auch nur konsequent, da er fr den vermeintlich
erlittenen Schimpf sich in der Weise seiner Umgebung Genugtuung zu
verschaffen suchte. Wer sich dem Bojaren Janko von Rakowitza im Duell
gegenberstellte, das war nicht der Sozialist Lassalle, sondern der
verjunkerte Kaufmannssohn Lassalle, und wenn mit dem letzteren auch der
erstere, der Sozialist, im Duell erschossen wurde, so shnte er damit
die Schuld, da er jenem die Macht ber sich eingerumt hatte.


Funoten:

  [35] In einen Brief Lassalles an den Vize-Prsidenten Dr. Dammer,
  an den Lassalle in der ersten Aufregung zwei sich durchaus
  widersprechende Telegramme gesandt, hatte es wrtlich geheien:
  Die erste Depesche ... erlie ich sofort, weil mir der ganze
  Schleswig-Holstein-Dusel in vieler Hinsicht hchst unangenehm ist.
  Der Widerspruch in den Telegrammen erklrt sich jetzt durch die
  widerspruchsvolle Situation, in die Lassalle geraten war. Er war,
  ohne es selbst zu wissen, nicht mehr frei.




Schlubetrachtung.


So machte ein frhzeitiger Tod der politischen Laufbahn Lassalles,
seinen Plnen und Hoffnungen ein jhes Ende. Vielleicht war es gut so,
vielleicht hat er es selbst in seinen letzten Stunden nicht als ein
Unglck empfunden. Das Ziel, das er im Sturm nehmen zu knnen geglaubt,
war wieder in die Ferne gerckt, und fr die ruhige Organisationsarbeit
hielt er sich nicht geschaffen. So sah seine nchste Zukunft sehr
problematisch aus, und dies mag zu der fast wahnsinnigen Hast, mit der
er sich in die Dnniges-Affre gestrzt hatte, viel beigetragen haben.

Es ist eigentlich mig, sich die Frage vorzulegen, was Lassalle wohl
getan htte, wenn er nicht der Kugel des Herrn von Rakowitza erlegen
wre. Indes ist diese Frage bisher meist in einer Weise errtert
worden, die ein kurzes Eingehen darauf rechtfertigt.

Gewhnlich wird nmlich gesagt, es wrde Lassalle, wenn er weiter gelebt
htte, nach Lage der Dinge nichts brig geblieben sein, als gleich
seinem Freunde Bucher eine Stelle im preuischen Staatsdienst
anzutreten. Wer aber so spricht, beurteilt Lassalle absolut falsch. Wohl
htte die von ihm schlielich eingeschlagene Politik, wenn konsequent
weiter befolgt, ihn zuletzt ins Regierungslager fhren mssen, aber auf
diesen letzten Schritt htte es Lassalle eben fr sich nicht ankommen
lassen. Er htte nie den preuischen Beamtenrock angezogen. Er besa
genug, um nach seinen Bedrfnissen leben zu knnen, und seinem Ehrgeiz
htte eine Stelle, wie die preuische Regierung sie ihm bieten konnte,
ebensowenig gengt, wie sie seiner im Innersten stets unvernderten
Gesinnung entsprochen htte. In dieser Hinsicht htte eher er zu
Bismarck, als dieser zu ihm sagen knnen: Was kannst du, armer Teufel,
geben?

Das Wahrscheinliche ist vielmehr, da Lassalle sich, sobald die gegen
ihn erkannten Strafen rechtskrftig geworden, dauernd im Ausland
niedergelassen und dort einen Umschwung der Verhltnisse in Preuen,
bzw. Deutschland abgewartet htte. Denn da der Hamburger Coup,
selbst wenn die Versammlung zustande kam und die Resolution
beschlossen wurde, an den tatschlichen Verhltnissen zunchst nichts
gendert haben wrde, liegt auf der Hand. Wie gering diese Aussicht
war, geht daraus hervor, da das bloe Jawort Helenes von Dnniges
gengt hatte, um Lassalles Ansicht ber den voraussichtlichen Effekt
des Coup erheblich zu erschttern. Am 27. Juli hatte er ber diesen
an die Grfin Hatzfeldt geschrieben: ... Ich mu noch vorher in
Hamburg sein, wo ich einen groen, sehr groen, vielleicht tatschlich
wichtigen Coup schlagen will. Tags darauf erhlt er Helenes Zusage
und schreibt nun an die Grfin, da er sich selbst nicht zu viel
von dem Versuch in Hamburg verspreche. Die betreffende Stelle dieses
Briefes ist zwar oft zitiert, da sie aber fr Lassalles damalige
Stimmung uerst charakteristisch ist, mag sie auch hier zum Abdruck
kommen. Sie lautet:

Wie Sie mich doch miverstehen, wenn Sie schreiben: >Knnen Sie sich
nicht auf einige Zeit in Wissenschaft, Freundschaft und schner Natur
gengen?< Sie meinen, ich msse Politik haben.

Ach, wie wenig Sie au fait in mir sind. Ich wnsche nichts sehnlicher,
als die ganze Politik loszuwerden, um mich in Wissenschaft, Freundschaft
und Natur zurckzuziehen. Ich bin der Politik mde und satt. Zwar wrde
ich so leidenschaftlich wie je fr dieselbe entflammen, wenn ernste
Ereignisse da wren, oder wenn ich die Macht htte, oder ein Mittel
she, sie zu erobern -- ein solches Mittel, das sich fr mich schickt;
denn ohne hchste Macht lt sich nichts machen. Zum Kinderspiel aber
bin ich zu alt und zu gro. Darum habe ich hchst ungern das Prsidium
bernommen! Ich gab nur Ihnen nach. Darum drckt es mich jetzt gewaltig.
Wenn ich es los wre, jetzt wre der Moment, wo ich entschlossen wre,
mit Ihnen nach Neapel zu ziehen! (Aber wie es los werden?!)

Denn die Ereignisse werden sich, frcht' ich, langsam, langsam
entwickeln, und meine glhende Seele hat an diesen Kinderkrankheiten und
chronischen Prozessen keinen Spa. Politik heit aktuelle momentane
Wirksamkeit. Alles andere kann man auch von der Wissenschaft aus
besorgen! Ich werde versuchen, in Hamburg einen Druck auf die Ereignisse
auszuben. Aber inwieweit das wirken wird, das kann ich nicht
versprechen und verspreche mir selbst nicht zu viel davon!

Ach knnte ich mich zurckziehen! --

In demselben Brief schreibt Lassalle an anderer Stelle, er sei lustig
und voller Lebenskraft und nun, die alte Kraft ist noch da, das alte
Glck auch noch. Es waren also lediglich politische Erwgungen, die
jene resignierten Stze diktierten.

Als er nach dem Aufenthalt mit Helene von Dnniges in Bern am
3. August 1864 in Genf eintraf, scheint Lassalle bereits zur vorlufigen
Expatriierung entschlossen gewesen zu sein. In den Papieren Joh. Ph.
Beckers befindet sich eine von der Genfer Regierung fr Mr. Ferdinand
Lassalle professeur, wohnhaft chez Mr. Becker, ausgestellte
Aufenthaltsbewilligung, und auf dem Umschlag derselben folgender Vermerk
von der Hand des alten Freiheitsveteranen:

Als mir Freund Lassalle nach seiner Ankunft im verhngnisvollen Jahre
1864 hier mitteilte, er fhle seine Kraft aufgerieben, msse Einhalt
machen; er habe geglaubt, er vermge die sozialistische Bewegung in
etwa einem Jahre zum Durchbruch zu bringen, jetzt sehe er aber ein, da
es Jahrzehnte erheische, wozu er seine leibliche Kraft nicht
hinreichend fhle, namentlich werde er die bevorstehenden
Gefngnisstrafen nicht berdauern knnen. Hierauf gab ich ihm den Rat,
sich unter bewandten Umstnden irgendwo einen festen Wohnsitz zu
grnden, zu diesem Behufe sofort Domizil in Genf zu nehmen, und wenn er
dem Gesetz gem einen Aufenthalt von zwei Jahren nachweise, sich das
Brgerrecht zu erwerben, was damals gar keinen Anstand gefunden htte.
In der Zwischenzeit knnte er natrlich beliebige Reisen machen.
Lassalle schlug ohne Bedenken ein, und ich verschaffte ihm am 11.
August 1864 vorliegende Aufenthaltsbewilligung.

Die Aufenthaltsbewilligung selbst lautet auf vorlufig sechs Monate.

Briefe, die vom Sekretariat des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins an
ihn gelangten, hat Lassalle whrend der vier Wochen seines Kampfes um
Helene von Dnniges gar nicht mehr beantwortet. Erst als er am Vorabend
des Duells sein Testament machte, gedachte er wieder des Vereins und
setzte dem Sekretr desselben, Willms, auf fnf Jahre hinaus eine Rente
von jhrlich 500 Talern fr Agitationszwecke aus und eine ebensolche von
jhrlich 150 Talern fr seinen persnlichen Bedarf. Als seinen
Nachfolger empfahl er dem Verein den Frankfurter Bevollmchtigten
Bernhard Becker. Er solle an der Organisation festhalten, sie wird den
Arbeiterstand zum Siege fhren.

Unter den Mitgliedern des Vereins erregte die Nachricht von Lassalles
Tod nicht geringe Bestrzung. Es war ihnen lange unmglich den Gedanken
zu fassen, da Lassalle wirklich nur in einer gewhnlichen Liebesaffre
gefallen sei. Sie glaubten an einen vorbedachten Anschlag, der von den
Gegnern angezettelt sei, um den gefhrlichen Agitator aus dem Wege zu
rumen, und feierten den Gefallenen als das Opfer einer nichtswrdigen
politischen Intrige. Ein wahrer Lassalle-Kultus entwickelte sich
zunchst, eine Art Lassalle-Religion, deren Propagierung vor allem die
Grfin Hatzfeldt, aus brigens menschlich durchaus erklrlichen Grnden,
sich angelegen sein lie. Sehr trug zu diesem Kultus auch die Art bei,
wie Lassalle den Arbeitern persnlich gegenbergetreten war. So
liebenswrdig er im Umgang mit ihnen sein konnte, so hatte er doch
sorgfltig darauf geachtet, in seiner ueren Erscheinung sowohl wie in
seinem Benehmen ihnen seine gesellschaftliche und geistige berlegenheit
stets vor Augen zu halten. Mit grtem Wohlbehagen hatte er ferner sich
in Ronsdorf als eine Art Religionsstifter feiern lassen und selbst dafr
gesorgt, da ein die wirklichen Vorgnge noch bertreibender Bericht
darber im Nordstern erschien.

In seinen Reden war seine Person immer mehr in den Vordergrund getreten
-- so stark, da, wenn er sich in Verbindung mit andern genannt hatte,
er stets das Ich hatte vorangehen lassen.

Einzelne mochte diese Art des Auftretens abstoen, auf die Masse hatte
es, namentlich bei der Jugend der Bewegung, einen groen Zauber
ausgebt, und je mehr sich ein Mythenkreis um Lassalles Persnlichkeit
wob, um so strkere Wirkung bte der Zauber nachtrglich aus.

Es wre brigens sehr falsch, die Tatsache zu verkennen, da dieser
Kultus der Persnlichkeit Lassalles sich fr die Agitation lange Zeit im
hohen Grade frdernd erwiesen hat. Es liegt nun einmal in den meisten
Menschen der Zug, eine Sache, die sich in jedem gegebenen Moment um so
mehr als etwas Abstraktes darstellt, je weittragender ihre Ziele sind,
gern in einer Person verkrpert zu sehen. Diese Personifizierungssucht
ist das Geheimnis der Erfolge der meisten Religionsstifter, ob
Charlatane oder Illusionre, und sie ist in England und Amerika ein
anerkannter Faktor im politischen Parteikampfe. Sie ist so stark, da
zuweilen die bloe Tatsache, da eine Persnlichkeit aus einer
Krperschaft Gleicher oder selbst Besserer ausscheidet, gengt, sie ber
diese hinauszuheben und ihr eine Macht zu verschaffen, die jener
hartnckig verweigert wurde. Man erinnere sich nur des Boulanger-Fiebers
in Frankreich, das durchaus nicht der Beispiele in der Geschichte
anderer Lnder ermangelt. Dutzende von Mitgliedern der franzsischen
Kammer waren Boulanger an Wissen, Begabung und Charakter berlegen und
konnten auf die ehrenvollsten Narben im Dienste der Republik verweisen,
aber sie sanken doch zu Nullen ihm gegenber herab, whrend er zur
groen Eins emporgeschnellt wurde und sein Name Hunderttausende
entflammte. Warum? Weil sich pltzlich in ihm eine Idee verkrperte,
whrend die Deputiertenkammer, trotz der Summe von Wissen und Erfahrung,
die sie reprsentierte, nichts war als eine anonyme Vielheit.

Der Name Lassalle wurde zum Banner, fr das sich die Massen immer mehr
begeisterten, je mehr die Schriften Lassalles ins Volk drangen. Fr
den unmittelbaren Erfolg berechnet, mit einem auergewhnlichen Talent
geschrieben, populr und doch die theoretischen Gesichtspunkte
hervorhebend, bten sie und ben sie zum Teil noch heute eine groe
agitatorische Wirkung aus. Das Arbeiterprogramm, das Offene
Antwortschreiben, das Arbeiterlesebuch usw. haben Hunderttausende
fr den Sozialismus gewonnen. Die Kraft der berzeugung, die in diesen
Schriften weht, hat Hunderttausende zum Kampf fr die Rechte der
Arbeit entflammt. Dabei verlieren sich die Lassalleschen Schriften nie
in ein gegenstandsloses Phrasengeklingel, -- ein verstndiger
Realismus, der sich zwar gelegentlich in den Mitteln vergreift, der
aber stets die Wirklichkeit im Auge zu behalten sucht, herrscht in
ihnen vor und hat sich durch sie auch der Bewegung mitgeteilt. Wovon
Lassalle in seiner Praxis eher etwas zu viel hatte, davon hat er in
seine ersten und besten Agitationsschriften das rechte Ma dessen
hineingelegt, was die Arbeiterbewegung brauchte. Wenn die deutsche
Sozialdemokratie den Wert einer krftigen Organisation zu allen Zeiten
zu schtzen gewut hat, wenn sie von der Notwendigkeit des
Zusammenfassens der Krfte so durchdrungen ist, da sie auch ohne das
uere Band einer Organisation doch alle Funktionen einer solchen
aufrechtzuerhalten gewut hat, so ist das zum groen Teil eine
Erbschaft der Agitation Lassalles. Es ist eine unbestreitbare
Tatsache, da diejenigen Orte, wo in der Arbeiterschaft die
Traditionen der Lassalleschen Agitation am strksten waren, in bezug
auf die Organisation in der Regel am meisten geleistet haben.

Indes, man kann die Vorteile einer Sache nicht haben, ohne auch ihre
Nachteile in den Kauf nehmen zu mssen. Wir haben gesehen, welchen
doppelt zwieschlchtigen Charakter die Lassallesche Agitation trug,
zwieschlchtig in ihrer theoretischen Grundlage, zwieschlchtig in ihrer
Praxis. Das blieb natrlich lange noch bestehen, nachdem Lassalle selbst
aus dem Leben geschieden war. Ja, es verschlimmerte sich noch.
Festhalten an Lassalles Taktik hie Festhalten an der Schwenkung, die
er whrend der letzten Monate seiner Agitation vollzogen, er selbst in
dem Bewutsein und mit dem Vorbehalt, jeden Augenblick umkehren, die
Maske abwerfen zu knnen. Aber, um einen seiner eignen Aussprche
anzuwenden: Individuen knnen sich verstellen, Massen nie. Seine Politik
fortfhren hie, wenn es buchstblich genommen wurde, die Massen
irrefhren. Und die Massen wurden irregefhrt. Es kam die Zeit der
Schweitzerschen Diktatur. Ob J. B. von Schweitzer je ein Regierungsagent
im buchstblichen Sinne dieses Wortes war, scheint mir sehr zweifelhaft;
kein Zweifel aber kann bestehen, da seine Politik zeitweise der eines
Regierungsagenten nahekam. Kam es doch unter seiner Leitung dahin, da
von Agitatoren des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins Republikaner
sein fr gleichbedeutend mit Bourgeois sein erklrt wurde, weil die
bisherigen Republiken Bourgeoisrepubliken gewesen. Schweitzer war
unzweifelhaft der begabteste Nachfolger Lassalles. Aber wenn er ihn an
Talent nahezu erreichte, so bertraf er ihn zugleich in einigen seiner
bedenklichsten Fehler. Mit noch weniger Scheu als Lassalle hat er mit
den preuischen Hof-Sozialdemagogen geliebugelt. Da er dies jedoch
konnte, ohne je um einen, seine Politik untersttzenden Satz aus
Lassalles Reden in Verlegenheit zu sein, ist ein Vorwurf, der Lassalle
nicht erspart bleiben darf. Schlimmeres, als die um die
verfassungsmigen Rechte der Volksvertretung kmpfenden Parteien, unter
denen sich Mnner wie Johann Jacoby, Waldeck, Ziegler usw. befanden,
einfach als eine Clique zu bezeichnen, hat selbst Schweitzer nie
getan.

Auch andre Fehler Lassalles erbten sich in der Bewegung fort, und es hat
langwierige und schwere Kmpfe gekostet, bis sie vllig berwunden
wurden. Was die theoretischen Irrtmer Lassalles anbetrifft, die ich
oben ausfhrlicher behandelt habe, so sei hier nur daran erinnert, wie
heftige Kmpfe es gekostet hat, bis sich in der deutschen
sozialistischen Arbeiterschaft eine richtige Wertschtzung der
Gewerkschaftsbewegung Bahn gebrochen hat, wie lange die Gewerkschaften
von einem groen Teil der Sozialisten mit dem Hinweis auf das eherne
Lohngesetz bekmpft wurden. Die persnliche Frbung, die Lassalle der
Bewegung gab, hatte zur Folge, da diese nach seinem Tode in das
Fahrwasser der Sektiererei geriet und noch lange Jahre in ihm trieb.

Leute, die eine hervorragende Rolle gespielt und auffallende
Eigenschaften entwickelt haben, pflegen alsbald eine groe Anzahl
Nachahmer zu erzeugen. So auch Lassalle. Die Viertels- und
Achtels-Lassalle sproten nach seinem Tode frhlich aus dem Boden. Da
sie aber in Ermangelung seines Talents sich darauf beschrnken muten,
ihm nachzuahmen wie er sich geruspert und wie er gespuckt, und
dies, wie wir gesehen haben, nicht gerade das Beste an ihm war, so
bildeten sie eine der unerquicklichsten Erscheinungen der
Arbeiterbewegung.

Heute ist das alles berwunden, und die Sozialdemokratie kann ohne
Bitterkeit darber hinweggehen. Aber es gab eine Zeit, wo die Bewegung
darunter litt, und darum sei es hier erwhnt.

Damit indes genug. Es mchte sonst der Eindruck dessen, was ich vorher
von dem Erbe gesagt, das Lassalle der Arbeiterschaft bis auf heute
hinterlassen, wiederum abgeschwcht werden, und das liegt durchaus nicht
in meiner Absicht. Solange ich das Wirken Lassalles im einzelnen zu
untersuchen hatte, mute ich scharf sein; denn hher als der Ruhm des
einzelnen steht das Interesse der groen Sache, fr die der Kampf geht,
und diese fordert vor allen Dingen Wahrheit. Die Sozialdemokratie hat
keine Legenden und braucht keine Legenden, sie betrachtet ihre
Vorkmpfer nicht als Heilige, sondern als Menschen, und kann es daher
auch vertragen, wenn sie als Menschen kritisiert werden. Sie wrdigt
darum nicht weniger ihre Verdienste und hlt das Andenken derer in
Ehren, die das Werk der Befreiung der Arbeiterklasse wesentlich
gefrdert haben.

Und das hat Lassalle in hohem Mae getan. Vielleicht in hherem Mae,
als er selbst am Vorabend seines Todes geahnt hat. Es ist anders
gekommen, als wie er glaubte, aber die Bewegung ist heute dieselbe, fr
die er im Frhjahr 1863 das Banner aufpflanzte. Es sind dieselben
Ziele, fr die sie heute kmpft, wenn sie auch in andrer Weise und mit
andern Forderungen kmpft. Nach etlichen Jahren wird sie vielleicht
wieder in andrer Weise kmpfen, und es wird doch dieselbe Bewegung sein.

Kein Mensch, und sei er der grte Denker, kann den Weg der
Sozialdemokratie im einzelnen vorherbestimmen. Niemand wei, wie viele
Kmpfe noch vor ihr liegen und wie viele Kmpfer noch werden ins Grab
sinken mssen, bis das Ziel der Bewegung erreicht ist; aber die
Leichensteine ihrer Toten erzhlen von den Fortschritten der Bewegung
und erfllen ihre Kmpfer mit Siegesgewiheit fr die Zukunft.

Lassalle hat die deutsche Sozialdemokratie nicht geschaffen, so wenig
wie irgendein andrer sie geschaffen hat. Wir haben gesehen, wie es
bereits unter den vorgeschrittenen Arbeitern Deutschlands grte und
brodelte, als Lassalle sich an die Spitze der Bewegung stellte. Aber
wenn er auch nicht als Schpfer der Partei bezeichnet werden darf, so
gebhrt Lassalle doch der Ruhm, da er Groes fr sie ausgerichtet hat,
-- so Groes, wie es Einzelnen selten gegeben ist. Er hat, wo meist nur
erst unbestimmtes Wollen vorhanden war, bewutes Streben verbreitet, er
hat der deutschen Arbeiterwelt die Erkenntnis von ihrer geschichtlichen
Mission beigebracht, er hat sie gelehrt, sich zur selbstndigen
politischen Partei zu organisieren, und er hat auf diese Weise den
Entwicklungsproze der Bewegung ganz erheblich beschleunigt. Sein
eigentliches Unternehmen schlug fehl, aber der Kampf fr es war kein
vergeblicher. Lassalle hat nicht umsonst die Fahne fr die Erkmpfung
des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts erhoben. Dank der
Agitation des von ihm gegrndeten Allgemeinen deutschen Arbeitervereins
fr diese Forderung wurden die Fortschrittler gentigt, sich nun
gleichfalls ihrer anzunehmen, und so verschwand sie nicht mehr von der
Tagesordnung und mute die Berliner Regierung in sie einwilligen, als
nach dem deutschen Kriege von 1866 die Verfassung des Norddeutschen
Bundes geschaffen wurde. Das allgemeine gleiche, direkte und geheime
Wahlrecht wurde wenigstens fr den Reichstag des Norddeutschen Bundes
und spter des Deutschen Reiches verfassungsmiges Volksrecht. Noch war
freilich die Zeit der Siege durch die Waffe dieses Wahlrechts nicht da.
Aber um siegen zu knnen, mute die Arbeiterschaft erst kmpfen lernen.
Die Siege sind dann nicht ausgeblieben, von Wahl zu Wahl haben sie sich
gehuft, und im Augenblick, wo diese Abhandlung in neuer Form ins Land
geht, hat die deutsche Arbeiterschaft vermittelst des nun auf die Wahlen
zu allen Gesetzgebungskrpern und den Selbstverwaltungsvertretungen
ausgedehnten und in jeder Hinsicht demokratisierten Wahlrechts eine
politische Machtstellung erlangt, die ihr die glnzendsten Aussichten
auf Durchsetzung tiefgreifender Manahmen sozialer Befreiung erffnet.
Sie zum Kampf einexerziert, ihr fr ihn und ihre weiteren Ziele, wie es
im Liede heit, Schwerter gegeben, zugleich aber auch in die Seelen
deutscher Arbeiter Sinn und Verstndnis fr diesen _organischen_ Weg
gepflanzt zu haben, der unter allen Gesichtspunkten dem wilden
Massenkampf vorzuziehen ist, -- bleibt das groe, das unvergngliche
Verdienst Ferdinand Lassalles.




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  | Anmerkungen zur Transkription                                      |
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  | Folgende Inkonsistenzen im Text wurden beibehalten, da beide       |
  | Schreibweisen blich waren, oder die Begriffe aus Zitaten stammen: |
  |                                                                    |
  | anderm -- anderem                                                  |
  | andern -- anderen                                                  |
  | Arbeiterverein -- Arbeiter-Verein                                  |
  | eigne -- eigene                                                    |
  | garnicht -- gar nicht                                              |
  | heut -- heute                                                      |
  | Testamentrecht -- Testamentsrecht                                  |
  | Vermittelung -- Vermittlung                                        |
  | Verstndni -- Verstndnis                                         |
  |                                                                    |
  | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:                    |
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  | Schmutztitel "FERDINAND LASSALLE" entfernt.                        |
  | Inhaltsverzeichnis vom Ende des Buchs an den Anfang verschoben.    |
  | S.  16  "selbhilflerischen" in "selbsthilflerischen" gendert.     |
  | S.  19  "Kulter" in "Kultur" gendert.                             |
  | S.  30  "Schaffot" in "Schafott" gendert.                         |
  | S.  34  "Lorbeern" in "Lorbeeren" gendert.                        |
  | S.  37  "Hatzfeldtproze" in "Hatzfeldt-Proze" gendert.          |
  | S.  38  "Hatzfeldtprozesses" in "Hatzfeldt-Prozesses" gendert     |
  |         (Funote).                                                 |
  | S.  44  "Hinkeldey" in "Hinckeldey" gendert.                      |
  | S.  49  > vor "Denn" eingefgt.                                    |
  | S.  55   vor "Bei alledem" entfernt.                              |
  | S.  71  "mutatis mutantis" in "mutatis mutandis" gendert.         |
  | S.  72   vor "zerfetzt" eingesetzt.                               |
  | S.  80  "Frei-Herros" in "Frey-Heros" gendert (Funote).        |
  | S.  84  "Eisbock" in "Eisblock" gendert.                          |
  | S.  99  "Ludwis" in "Ludwig" gendert.                             |
  | S. 128   vor "..." eingesetzt (Funote 14).                       |
  | S. 136  "Geschichtschreibung" in "Geschichtsschreibung" gendert.  |
  | S. 138  "Leibnitz" in "Leibniz" gendert.                          |
  | S. 138   am Beginn von Leibniz Zitat eingefgt.                   |
  | S. 154  "Macchiavellis" in "Machiavellis" gendert.                |
  | S. 182  "anvancierten" in "avancierten" gendert.                  |
  | S. 206   hinter "Bourgeoisie" eingefgt.                          |
  | S. 209  "sonderns" in "sonders" gendert.                          |
  | S. 217  "mute" und "muten" vertauscht.                           |
  | S. 219  "Weltmarktsindustrie" in "Weltmarktsindustrien" gendert.  |
  | S. 255  "Gensdarmen" in "Gendarmen" gendert.                      |
  | S. 278  "wiederhallen" in "widerhallen" gendert.                  |
  | S. 302  "I. B. von Schweitzer" in "J. B. von Schweitzer" gendert. |
  | S. 303  "Sektirerei" in "Sektiererei" gendert.                    |
  | Inhalt  "Hatzfeld" in "Hatzfeldt" gendert.                        |
  +--------------------------------------------------------------------+





End of the Project Gutenberg EBook of Ferdinand Lassalle, by Eduard Bernstein

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERDINAND LASSALLE ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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