Project Gutenberg's Aus einer kleinen Garnison, by Fritz Oswald Bilse

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Title: Aus einer kleinen Garnison
       Ein militrisches Zeitbild

Author: Fritz Oswald Bilse

Release Date: January 20, 2014 [EBook #44719]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS EINER KLEINEN GARNISON ***




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                 Aus einer kleinen Garnison.


                 Ein militrisches Zeitbild

                             von

                   Fritz von der Kyrburg.


                       [Illustration]


                       =Braunschweig=
               _=Verlag von Richard Sattler=_
                            1903.




Inhaltsverzeichnis


                                  Seite
    Erstes Kapitel                    1

    Zweites Kapitel                  27

    Drittes Kapitel                  78

    Viertes Kapitel                 125

    Fnftes Kapitel                 185

    Sechstes Kapitel                233

    Siebentes Kapitel               245

    Achtes Kapitel                  264




[Illustration]


Erstes Kapitel.


In dem gerumigen, mit behaglicher Eleganz eingerichteten Wohnzimmer war
Frau Clara Knig damit beschftigt, die letzten Vorbereitungen zum
Empfang ihrer Gste zu treffen.

Denn heute war Musikabend, zu welchem sich einmal in der Woche die
engeren Freunde des Hauses versammelten, soweit sie musikalisch waren.
Diesmal aber hatte man noch einige Familien dazu gebeten, damit sich
alle von der erfolgreichen Ttigkeit der Knstler berzeugen sollten.

Hier rckte die Hausfrau einen Stuhl zurecht, dort strich sie glttend
ber ein gesticktes Deckchen, welche sie in allen Farben und
Geschmacksrichtungen selbst gefertigt. Sie prfte die Lampen auf ihre
Lebensfhigkeit, klappte Klavier und Harmonium auf und warf schlielich
einen liebevoll sorgenden Blick nach den gefllten Blumenvasen, ob sie
auch ihren duftenden Inhalt von der vorteilhaftesten Seite zeigten. Denn
darauf hielt sie sehr, nie fehlte auf dem Kamin und dem Erkersims ein
Struchen oder frisches Grn, selbst nicht zur kalten Winterszeit.

Frau Clara war eine mittelgroe Dame von etwa dreiig Jahren, mit einer
geflligen Figur und einem hbschen, frischen Gesicht. Die munteren
blauen Augen gaben ihm im Verein mit dem geschmackvoll frisierten
Blondhaar einen jugendlich angenehmen Ausdruck.

Jetzt lie sie sich in einen Sessel nieder, denn es war alles in bester
Ordnung. Das war brigens immer so.

Da teilte sich die Portire zum Nebenzimmer, und ihr Gatte, ein groer
Herr mit schwarzem Schnurrbart, trat herein, um auch seines Amtes zu
walten. Ihm lag es nmlich ob, den Kronleuchter anzuznden. Im
Allgemeinen pflegte er pro Gast nur eine Flamme zu brennen, heute aber
lie er den ganzen Lstre in festlichem Glanze erstrahlen, denn man
erwartete viele Gste, whrend nur 5 Flammen vorhanden waren. So brannte
er denn den Wachsstock an, welcher praktischer Weise meist auf oder
dicht neben dem Ofen zu finden war, schimpfte ber die hohe Gasrechnung,
entzndete die Flammen, schttete einen Eimer Kohlen in den Ofen und
warf ein Blatt Papier hinterher, da er nicht puffen sollte. Dann lie
er sich gleichfalls in einen Sessel nieder.

Herr Albrecht Knig war seines Zeichens wohlbestallter Rittmeister. Die
Schwadron hatte er in bester Ordnung, denn er widmete sich ihr mit
groem Eifer und nie erlahmender Sorgfalt. Fand sich Zeit und Mue, so
las er die Deutsche Zeitung, studierte den Kurszettel, arbeitete im
groen, trefflich in Stand gehaltenen Garten des Hauses oder berwachte
den Hhnerhof, dessen Eierertrag er fr hohe Preise an seine Gattin
verkaufte. Hatte er gar nichts zu thun, so fhrte er Schlachten mit
seinem neunjhrigen Sohne auf, hielt Weinproben ab oder bte Klavier,
denn dieses Instrument verstand er fast meisterhaft zu spielen.

Ein Gerusch im Vorzimmer verkndete jetzt die Ankunft der ersten Gste.
Man vernahm einen langsam schleppenden Schritt und ein heftiges
Schnauben. Die Tr ging auf, und herein trat Landrat von Konradi, ein
wohlbeleibter Herr mit einem Klemmer auf der aristokratischen Nase, ber
den hinweg sein Blick jetzt forschend die Frau des Hauses suchte. Das
Haar schien zwar ergraut, doch dunkel gefrbt, und bse Menschen wollten
wissen, es geschehe fr das schne Geschlecht. Der Herr Landrat hatte
nmlich keine Frau. Sein Ideal verkrperten ein gutes Diner und mehrere
noch bessere Weinsorten, und, da beides im Hause des Rittmeisters zu
finden war, kam er gern. Im brigen galt er fr einen Gentleman.

Whrend er sich gerade bemhte, der Hausfrau mit Entrstung zu erzhlen,
wie ein von ihm bestellter Fasan in gnzlich ungeniebarem Zustande
angekommen sei, ffnete sich wieder die Tr und Frau Rittmeister Kahle
trat ein.

Von kleiner, zierlicher Figur, jedoch mit einem Gesicht, welches dem
eines ungezogenen Knaben glich, war sie im Allgemeinen eine ganz
niedliche Erscheinung, nur spielte ein bestndiges Lcheln um den etwas
groen Mund, und wenn sie ihn auftat, lie sich eine unzarte, fast
kreischende Stimme hren.

Ihr folgten drei jngere Herren, als erster Leutnant Pommer. Man
schtzte ihn allgemein wegen seines natrlichen offenen Wesens; schien
er dadurch auch manchmal etwas derb, so wute doch jeder, wie es gemeint
war. Mit besonderer Liebenswrdigkeit begrte er Frau Kahle, und es sah
fast drollig aus, wie der groe, korpulente Mann mit dem Nippfigrchen
kontrastierte.

Der zweite war der Leutnant Mller. Wer es nicht wute, sah an der
selbstgeflligen Miene und der steifen Haltung des Herrn, da er der
Regimentsadjutant sein msse. Er galt fr den Schrecken aller
Hausfrauen, denn er war unersttlich und vernichtete mit Seelenruhe die
dreifache Portion wie ein anderer Sterblicher. Legten seine
Tischgenossen die Gabel aus der Hand, so langte er mit der
Versicherung, da er gerade dieses sehr gern e, zum dritten Male zu.

Der letzte der Herren war Leutnant Kolberg, ein auffallend bla
aussehender junger Mann mit khn emporgewirbelten Schnurrbartenden. Er
fhrte ein unsolides Leben und rhmte sich einer bewegten Vergangenheit.

Whrend man der noch fehlenden Gste harrte, bildeten sich einige
Gruppen. Leutnant Kolberg war ebenfalls zu Frau Kahle getreten und ma
sie von oben bis unten mit wohlgeflligen Blicken. Der Adjutant suchte
von Frau Knig zu erforschen, was es zu essen gbe, und als er es
erfuhr, behauptete er sofort, es sei sein Leibgericht. Der Landrat
plauderte mit dem Rittmeister ber eine Weinreise, die sie gemeinsam zu
unternehmen gedachten, um den Keller mit neuen Schtzen zu fllen.

Wieder ging die Tr auf, und herein schwebte eine ungeschickt gepuderte,
aussagend korpulente Dame in einem schwarz und gelben Kleide, dessen
Machart sich mit den unpassend zusammengestellten Farben in
Geschmacklosigkeit berbot. Sie strzte sofort auf Frau Clara zu,
drckte ihr mit den rundlichen Fingern die Hand und gab ihrer Freude
ber die erhaltene Einladung Ausdruck. Den anwesenden Herren hielt sie
die fleischige Rechte so dicht unter die Nase, da diesen gar nichts
anderes brig blieb, als den obligaten Handku darauf zu drcken.

Es war Frau Rittmeister Stark, die jngste Gattin im Regiment, wenn sie
auch weit ber fnfzig Lenze zhlte.

Ihr folgte tnzelnden Schrittes der eben so rundliche Gemahl. Er trug
einen schwarzen Spitzbart und einen langen Nagel am kleinen Finger,
dessen Pflege tglich lngere Zeit in Anspruch nahm.

Seine Stimme verriet, da ihr Besitzer einem guten Trunk nicht abhold
war.

Hinter dem Ehepaar tauchte pltzlich die Gestalt des Kommandeurs auf.

Alle traten ehrfurchtsvoll zur Seite und machten eine tiefe Verbeugung
vor ihm, whrend er auf Rittmeister Knig und Gattin zuschritt. Die
krummen Beine im Verein mit dem derben Gesicht gaben der ganzen
Erscheinung des Obersten von Kronau nicht viel von dem, was man sich
unter einem Regimentskommandeur vorstellt, in Civil htte man ihn
vielleicht fr einen Agrarier gehalten, dessen Sprache den Masuren nicht
verleugnen konnte. Auch blinkte ihm stets eine Trne im Auge, welche er,
sobald sie ihm entsprechend gro erschien, durch eine stereotype
Kopfbewegung seinem Gegenber vor die Fe oder auf den Rock zu
schleudern liebte.

Die ihm folgende Dame mit dem Gouvernantengesicht, in ein schlecht
sitzendes perlgraues Kostm mit rotem Sammetkragen gezwngt, war seine
Gattin.

Fast zu gleicher Zeit erschien auch der noch fehlende Teil der
Gesellschaft, an der Spitze Oberleutnant Borgert. Seine stechenden Augen
ruhten nur selten auf dem, welchen er einer Ansprache wrdigte, seine
Figur war korpulent, dabei aber elastisch und schmiegsam. Hinter ihm
stand der Oberleutnant Leimann, eine kleine, etwas gebeugte Erscheinung
mit einem Buckelansatz und viel zu kurzem Halse. Zwischen den
hochgezogenen Schultern sa ein birnenfrmiger Kopf mit zwei kleinen
Schweinsuglein, welche meist unstt umherirrten oder so
zusammengekniffen waren, da man sie nicht sah. Das an einer Schnur
hngende Einglas setzte er nie auf, denn er frchtete, sich lcherlich
zu machen.

Diese beiden Herren wohnten in einem Hause und waren eng mit einander
befreundet. Vielleicht hatte sie ein chronischer Mangel an Kleingeld
zusammengefhrt, was ihnen jedoch kein Grund war, sich irgend einen
Wunsch zu versagen, vielmehr lebten sie, als seien sie die Erben reicher
Huser.

Verzeihen Sie, gndige Frau, wandte sich Leimann an Frau Knig, da
meine Gattin nicht mitkommt, sie hat wieder ihr altes Leiden, Sie wissen
ja, Migrne! Dabei machte er ein Gesicht, als glaube er selbst nicht
recht daran. Sie wird natrlich nachkommen, sobald sie sich besser
fhlt.

Das tut mir sehr leid, entgegnete Frau Klara liebenswrdig, nun,
hoffentlich hlt das Kopfweh nicht lange vor! Es sollte mich freuen,
Ihre Gattin bald begren zu knnen.

Als nun auch der kleine Leutnant Bleibtreu, ein besonderer Freund des
Hauses und einziger Offizier in Rittmeister Knig's Schwadron, zur
Stelle war, meldete der Diener, es sei angerichtet. So begaben sich denn
die Herrschaften nach dem Ezimmer und lieen sich an dem mit groer
Sorgfalt gedeckten Tische nieder.

Anfangs herrschte Schweigen, erst als ein jeglicher seinen Teller
gefllt, kam die Unterhaltung allmhlich in Gang.

Das Wetter ist in den letzten Tagen so schn, da man bald mit dem
Netzspiel beginnen kann, bemerkte Frau Oberst von Kronau.

Gewi߫, erwiderte der Oberst mit vollem Munde, ich werde nchste Woche
eine Versammlung des Klubs anberaumen, und dann kann's losgehen!

Ach ja, entzckend, rief Frau Stark begeistert, ich spiele
leidenschaftlich gern, Sie spielen doch alle mit, meine Herrschaften?
Sie, meine liebe kleine Frau Kahle, waren ja schon frher eine der
Eifrigsten. Und wie ist es mit Ihnen, Frau Knig?

Ich lasse es besser, denn es bekommt mir nicht.

Und Ihr Gatte?

Ich spiele nicht Tennis, erwiderte der Rittmeister, Sie wissen ja,
ich kenne das Spiel gar nicht, aber ich sehe es ganz gern, wenn es von
grazisen Damen gespielt wird.

Frau Stark kniff die Lippen zusammen und sandte dem Rittmeister einen
wtenden Blick. War das mit den grazisen Damen nicht auf sie gemnzt?
Es geschah ihr aber ganz recht, denn es war geradezu lcherlich, wie die
ltliche Frau stets die jugendliche spielen wollte, hatte sie doch noch
in ihren alten Tagen einen Schwadronsgaul bestiegen, um reiten zu
lernen, weil andere Damen es taten.

Vom Civil werden sich wohl auch mehrere beteiligen, ergriff der Oberst
wieder das Wort, ich lasse eine Liste herumgehen.

Alle sahen sich unglubig an, denn mit dem Civil hatte es der Oberst
durch mancherlei Geschichten grndlich verdorben, man mied ihn, wo man
konnte.

Ich spiele auch mit, warf Landrat von Konradi ein, vorausgesetzt, da
es nicht zu hei wird. Nchste Woche habe ich aber noch keine Zeit, ich
mu erst Erbsen legen, sonst wird es zu spt.

Allerdings, rief Knig dazwischen, sonst geraten sie nicht mehr
ordentlich.

Wie? Erbsen geraten nicht? Erbsen geraten immer, wenn man es richtig
anfngt, entgegnete fast gereizt Frau Oberst.

Das kann man doch aber nicht behaupten, gndige Frau, da spricht doch
vieles mit!

Nein, nicht im geringsten, Herr Rittmeister, es gibt ein Rezept, nach
dem sie geraten _=mssen=_!

Da wre ich doch neugierig, denn voriges Jahr sind mir fast alle Erbsen
verdorben.

Sie mssen sie bei Mondenschein legen, und niemand darf dabei ein Wort
reden, dann geraten sie immer, ich sehe es ja bei meinen. Ich bin aber
nicht etwa aberglubisch, meine Herrschaften, aber es ist so.

Wenn Frau Oberst etwas behauptete, war ein Widerspruch eigentlich ein
khnes Unterfangen, Leutnant Bleibtreu aber uerte lachend:

Wenn man dann bei Sonnenschein den Speck dazwischen set, gibt es
gleich Erbsen mit Speck.

Sie mssen es ja wissen, Herr Leutnant, spotten Sie nur, es ist doch
so! entgegnete die Frau Oberst giftig. brigens nchste Woche habe
ich auch noch keine Zeit, meine Gnseleberpastete ist noch nicht
fertig!

Sie kochen sie selbst ein? fragte interessiert der Landrat.

Gewi, ich koche immer sechs Tpfe, mein Mann it das Zeug so
schrecklich gern.

Woher beziehen Sie denn die Trffeln dazu? Ich suche nmlich gerade
eine gute Quelle.

Was, Trffeln? Es schmeckt ohne Trffeln genau so gut, das ist nur
Einbildung.

Aber ich bitte Sie, gndige Frau, das ist ja beinahe die Hauptsache an
der ganzen Pastete!

Gott bewahre, ich nehme nie Trffeln!

Gnselebern mu man bei einer Mondfinsternis kochen, gndige Frau, dann
werden sie schn dunkel! bemerkte spttelnd Leutnant Pommer.

Ach, verhhnen Sie mich nur! Ich wei, wie es ist, und so bleibt es!

So blieb es auch, denn keiner wagte noch eine Einwendung.

Frau Oberst mute ihre flieende Rede unterbrechen, denn alle erhoben
sich jetzt, um die eben eintretende Frau Oberleutnant Leimann zu
begren. Frisch und rosig, mit einem bezaubernden Lcheln auf den
Lippen, erschien sie in der Tr des Ezimmers.

Seien Sie mir nicht bse, Frau Knig, ich hatte noch einige wichtige
Briefe zu schreiben. Aber wollen die Herrschaften nicht Platz behalten?

Ich denke, Sie hatten Kopfweh? hie es von allen Seiten.

Kopfweh? Ja richtig, das hatte ich auch. Man vergit es ganz, wenn man
so oft darunter leidet.

Sie war eine schne junge Frau von fnfundzwanzig Jahren und
geschmackvoll gekleidet. Gegenber von Oberleutnant Borgert nahm sie
ihren Platz ein.

Das Gesprch erhielt jetzt eine allgemeinere Wendung, man redete von
diesem und jenem und lie sich auch die vorzglichen Speisen schmecken,
denn es gab Labskaus, das Spezialgericht aus Frau Clara's Kche. Der
Adjutant hatte den Mund noch nicht geffnet, auer um riesige Bissen
hineinzuschieben. Ab und zu gab er durch einen unverstndlichen Laut
seinen Beifall zu erkennen. Er a noch immer, als schlielich die
Hausfrau die Tafel aufhob. Man wnschte sich gegenseitig gesegnete
Mahlzeit und suchte die Nebenrume auf, wo den Damen Kaffee, den Herren
Likr, Bier und Cigarren gereicht wurden.

Bald hatten sich wieder plaudernde Gruppen gebildet, whrend der Oberst
den Ort fr geeignet hielt, mit seinem Adjutanten eine dienstliche
Angelegenheit zu erledigen. Dann begab er sich in's Nebenzimmer und
begann ein lebhaftes Gesprch mit Frau Stark, aus welchem, da es
halblaut gefhrt wurde, nur abgebrochene Stze von Oberleutnant Borgert
aufgefangen werden konnten.

Sie _=mssen=_ es erreichen, hrte er die Dame flstern.

Hoffentlich geht zur Besichtigung alles gut, gab der Oberst zur
Antwort, die Vorgesetzten sind seit dem letzten Mal auf Ihren Gatten
aufmerksam geworden, im Stall fing es an, wo die Streu nicht den
Wnschen der Herren entsprach.

Ich gehe jeden Morgen durch den Stall und pfeife die Unteroffiziere an.
Aber freilich, wenn dann mein Mann zur Besichtigung wieder den Kopf
verliert, kann ich nicht helfen. Das letzte Mal habe ich ja alles durch
den Feldstecher mit angesehen, und es ging ganz gut bis zuletzt, wo das
Abschwenken in Zge nicht klappte. Auch war sein Kommando falsch.

Nun, hoffen wir das Beste! Wenn man Major werden will, heit es eben
doppelt aufpassen, und stimmt etwas nicht, werden die Vorgesetzten
gleich stutzig.

Es ist ganz gleich, Herr Oberst, mein Mann mu Major werden! Wenn Sie
uns fallen lassen, dann......

Seien Sie ohne Sorge, gndigste Frau! ich habe ihm eine glnzende
Konduite geschrieben, wenn ich es auch nicht verantworten kann, Sie
sehen also, ich tue mein Mglichstes.

Das sind Sie mir auch schuldig, Herr Oberst, denn ohne mich wren Sie
heute...... nun, Sie wissen ja.

Rittmeister Knig trat hinzu.

Reisen Herr Oberst nchste Woche mit an die Mosel zur Weinprobe? Herr
Landrat von Konradi fhrt auch mit. Es sollen tadellose Sorten zum
Verkauf kommen.

Gewi, mein lieber Knig, Sie wissen ja, bei so etwas bin ich immer
dabei. Mit Ihnen gehe ich gerne proben, denn ich habe heute wieder
gesehen, da Sie eine tadellose Zunge haben.

Sehr schmeichelhaft fr mich, Herr Oberst! Aber ich sehe, Herr Oberst
rauchen nicht. Es steht alles in meinem Zimmer.

Der Oberst schritt ins Nebenzimmer, wo er Frau Kahle mit Leutnant Pommer
in der einen und mehrere junge Herren mit Frau Rittmeister Knig in der
andern Ecke plaudern sah. Oberleutnant Leimann trat gerade aus dem
Ezimmer ein, hinter ihm seine Gattin mit mrrischer Miene, die sich
aber sofort aufhellte, als Oberleutnant Borgert herantrat und seine
Hausgenossin in's Gesprch zog.

Nun, was haben Sie denn wieder fr wichtige Privatangelegenheiten,
meine Gndigste?

Ich? nichtsweiter! Mein Mann hat zur Abwechselung ein bichen
geschimpft, Sie kennen ja seine geschmacklose Art, ber alles gleich
grob zu werden.

Was gibt es denn aber schon wieder? Hat Ihnen der Auftritt heute
Nachmittag nicht gengt?

Jetzt ist er wtend, weil ich mich mit Briefschreiben entschuldigt
hatte, er hatte mich mit Kopfweh entschuldigt. Ich habe diese ewigen
Korrekturen satt.

Das ist ein Scheidungsgrund, gndige Frau, scherzte der Oberleutnant.
Suchen Sie sich einen anderen Gatten, wenn Ihnen dieser nicht zusagt.

Sie haben gut Witze machen, Sie glauben gar nicht, wie mir manchmal
alles zuwider ist.

Dann erst recht, gndige Frau! Whlen Sie unter den Edlen des Landes!
Ich kann Ihnen sogar gute Vorschlge machen.

Dann schieen Sie einmal los! scherzte Frau Leimann mit schelmischem
Augenaufschlag.

Ich wte schon einen, wie wre es zum Beispiel,..... nun, mit mir?

Der Vorschlag liee sich hren, aber erst mssen Sie mir sagen, was Sie
mir bieten knnen!

Setzen wir uns und bereden wir den hochwichtigen Fall! sagte Borgert
lachend, und sie lieen sich auf dem Divan nieder.

Also, passen Sie auf! Ich biete Ihnen ein elegantes Heim, einen Wagen
mit Pferden, eine Villa am Zricher See und ein Heer dienstbarer
Geister!

Und wer bezahlt das alles?

Bezahlen? Wer tut denn das noch? Es ist gnzlich aus der Mode und
geschmacklos, man verplempert damit das meiste Geld. Ich bezahle nie und
lasse mir nichts abgehen wie Sie sehen.

Das ist ja alles sehr verlockend, aber noch habe ich ja meinen Mann,
scherzte Frau Leimann weiter.

Gewi, den haben Sie noch, aber Sie knnen sich ja einstweilen an mich
gewhnen.

Frau Leimann nickte lchelnd und sttzte den Kopf in die Hnde, whrend
sie trumerisch auf den Teppich sah.

Borgert wurde pltzlich ernst, und als die letzten Gste ins Nebenzimmer
verschwunden waren, suchten seine Augen die seiner Nachbarin.

Was sehen Sie mich denn so an, Herr Borgert? Es kann einem ja Angst
werden!

Ich denke so vieles, gndige Frau, was ich nicht sagen darf. Im Scherz
spricht man leicht ber Dinge, die scheinbar nur ein solcher sind, in
Wahrheit aber berhren uns diese Dinge oft tiefer.

Sie sprechen wieder in Rtseln, mein Lieber, und es ist wohl an der
Zeit, da wir ein anderes Thema whlen. Aber wollen wir denn nicht auch
hineingehen? Man knnte sich wundern, uns so allein zu finden, und
wieder klatschen.

Dabei erhob sie sich, und als Borgert schnell noch ihre Hand ergriff, um
sie zu kssen, machte sie keine ernstliche Anstrengung, ihm zu wehren,
dann trat sie mit der Miene eines unschuldigen Kindes in das Wohnzimmer.
Borgert aber blieb in dem matt erhellten Raume sitzen, zog einen Brief
aus dem Aufschlag des berrocks und las ihn. Dann steckte er das Papier
mit einem unterdrckten Fluch wieder ein und versank in Nachdenken.

Im Nebenzimmer war es inzwischen lebendig geworden. Das Stimmen der
Geigen, das Brummen eines Cellos und einige Klavier-Akkorde riefen alle
Gste herbei, denn jetzt sollte der musikalische Teil des Abends seinen
Anfang nehmen.

Am Harmonium hatte Rittermeister Knig Platz genommen, whrend seine
Gattin die Klavierbegleitung bernahm. Landrat von Konradi und
Oberleutnant Leimann standen mit den Geigen bereit, Leutnant Bleibtreu
hatte sich, das Cello zwischen den Knieen, im Hintergrunde
niedergelassen. Die Zuhrer saen erwartungsvoll in den kleinen und
groen Sesseln, am Kamin, und um den mit Bierglsern besetzten Tisch
herum.

Das Spiel begann, ein Trio von Reinhardt. Es klang gut, denn alle hatten
ihre Partie fleiig gebt, und so machte der Vortrag einen angenehmen
Eindruck. Nur der Landrat wiegte sich bei jedem Bogenstreich von einem
Fu auf den anderen und begleitete sein Spiel mit einem strenden
Schnaufen. Auch Leimann gehrte zu den Musikern, welche man bei Ausbung
ihrer Kunst nicht ansehen darf, um sich den Genu nicht zu verderben,
denn sein Kopf war jetzt ganz zwischen die Schultern gerutscht und seine
noch mehr gebeugte Figur bot von hinten kein sehr harmonisches Bild. Der
Cellist griff manchmal daneben, spielte dann aber die folgenden Tne um
so krftiger, damit man hren konnte, wie er sein Instrument
beherrschte. -- Dem Trio folgte je ein Solostck der beiden Geiger,
sowie eine von Ehepaar Knig mit guter Technik und warmer Empfindung
vorgetragene Rhapsodie von Liszt. -- Zum Schlu waren alle des Lobes
voll und jeder suchte durch ein kunstgerechtes Urteil sein
Musikverstndnis zu bekunden.

Ach, mein lieber Leutnant Bleibtreu, rief Frau Stark dazwischen, Sie
mssen mir auch Cellounterricht geben, ich spielte das Instrument in
meiner Jugend, aber in der langen Zeit habe ich es ganz verlernt.

Da seit ihrer Jugend eine lange Zeit vergangen, wurde von keiner Seite
bezweifelt, und Knig flsterte Bleibtreu zu, sie knne mit ihren dicken
Fingern einen einzelnen Ton ja gar nicht greifen.

Borgert war whrend des Spiels in den Durchgang zum Nebenzimmer getreten
und schaute mit gelangweilter Miene den Gsten zu. Manchmal warf er
einen forschenden Blick auf Frau Leimann, welche mit trumerischen, halb
geschlossenen Augen weit in einem bequemen Sessel zurckgelehnt sa.

Die Spieler hatten jetzt auch am Tische Platz genommen, und die
Unterhaltung begann von neuem ber gleichgltige Tagesfragen, wobei Frau
von Kronau den Lwenanteil nahm, denn ihr Mundwerk stand selten einen
Augenblick still.

So verging rasch die Zeit, und als die Kaminuhr 11 zeigte, schaute der
Oberst verstndnisinnig nach seiner Ehehlfte, welche sich darauf mit
einem leichten Kopfnicken erhob und zur Frau des Hauses wandte.

Liebe Frau Knig, es war reizend von Ihnen, uns den Genu des heutigen
Abends zu verschaffen, es ist aber so spt geworden, da wir uns
verabschieden mssen. Nochmals vielen Dank! Dabei reichte sie ihr die
Hand und schttelte sie krftig.

Wollen Sie denn wirklich schon gehen? Es ist ja noch nicht einmal 11
Uhr. Einen Augenblick knnen Sie doch noch bleiben!

Als Frau Knig aber sah, wie auch der Oberst, Familie Stark und der
Landrat von den brigen Gsten Abschied nahmen, gab sie alle weiteren
berredungsknste auf, im Grunde ihres Herzens nicht unzufrieden, jetzt
nur noch einen kleinen Kreis um sich zu behalten, bei welchem man nicht
jedes Wort auf die Goldwage legen und frchten zu mssen glaubte, der
Oberst knne irgend etwas unpassend finden und am nchsten Tage zum
Gegenstand einer dienstlichen Besprechung machen. Denn darin leistete er
Mrchenhaftes.

Nachdem die Herrschaften das Haus verlassen, rckten die
Zurckgebliebenen ihre Sthle nher zusammen und ein frisches Glas Bier
wurde gereicht.

Das anfngliche Schweigen ward durch Borgert unterbrochen.

Haben Sie gesehen, wie diese Stark mit dem Oberst wieder geflstert
hat? Diese Manieren sollten sie doch zu Hause lassen, denn da scheint
man ja nicht sonderlich penibel zu sein. Denken Sie, neulich stand ich
dabei, wie Stark mit dem Pantoffel nach seiner Gattin warf, welche mich
in einem schmutzigen Morgenrock empfangen hatte. --

Das ist noch gar nichts, rief Leimann dazwischen, als sie krzlich
in meiner Gegenwart wieder einen Krakehl miteinander hatten, brachte der
Dicke seine Frau einfach mit den Worten: Halt's Maul! zum Schweigen.

Es scheint berhaupt dort manchmal nicht ganz friedlich zuzugehen,
entgegnete der Adjutant.

Vorgestern hatte sich Stark im Weien Schwan etwas festgetrunken, und
als er so ziemlich blau war, kam seine Frau, machte ihm eine Szene und
nahm ihn unter dem Gelchter der brigen Gste mit nach Hause. Dort
werden sie sich nachher wohl nicht gerade gekt haben.

Das kommt brigens fter vor, sie holt ihn sogar aus dem Kasino zum
Essen und nennt ihn vor den Ordonnanzen einen Ldrian, warf ein anderer
ein.

Nun ja, sagte Knig, sie pat eben auf ihren Mann gut auf, denn er
will jetzt Major werden, oder besser gesagt, sie Majorin.

Aber das ist ja ganz ausgeschlossen, rief Borgert entrstet, wenn
dieser unfhige Patron Major wird, dann werde ich General. Es scheint ja
allerdings, als ob der Oberst alles fr ihn aufbte!

Dafr hat er seinen Grund! entgegnete Leimann bedchtig.

Wieso?

Kennen Sie denn die Geschichte nicht? Die Spatzen pfeifen sie schon von
den Dchern.

Nein, erzhlen Sie, das ist ja rasend interessant! Dabei rieb sich
Borgert vergngt die Hnde und rckte etwas nher zu seinem Freunde
heran.

Voriges Jahr hatte der Oberst bekanntlich durch eine seiner berhmten
Taktlosigkeiten einen Herrn vom Civil beleidigt. Dieser schickte ihm
eine Forderung. Da wurde es dem guten Oberst doch etwas flau zu Mute,
denn mit dem Munde ist er stets voran, hat er aber etwas zu riskieren,
dann sitzt ihm das Herz in der Hose. Da ging seine Freundin, diese
Stark, zu jenem Herrn hin und sagte, sie sei an der ihm zugefgten
Krnkung schuld, indem sie eine unwahre Behauptung ausgesprochen habe.
Sie hat dem Oberst also das Leben gerettet, denn der andere ist als
unfehlbarer Schtze bekannt wie ein bunter Hund. Darum hat sie ihn jetzt
ganz in der Tasche, und wenn sie ihm etwas befiehlt, gehorcht er wie ein
Stubenhund. Was dabei herauskommt, sehen Sie ja alle Tage.

Aber das ist ja groartig, rief triumphierend Borgert, wissen Sie
noch so Geschichtchen? Es ist berhaupt lngst Zeit, da man diese
beiden aufgeblasenen Personen abhalftert. Er hat Manieren wie ein
Bursche und sie wie eine Waschfrau, ich werde einmal herumhorchen und
Material sammeln. Es ist eine Schande, da man sich dieses Weib gefallen
lassen mu.

Sie soll ja frher auch sonderbare Beziehungen zu einem adligen Herrn
gehabt haben, man munkelt so etwas!

Von wem wissen Sie denn das wieder?

Mein Bursche hat es mir neulich erzhlt, der ist aus ihrer Heimat.

Was Sie nicht sagen, da mu ich doch einmal grndlich nachforschen,
denn das Geld fr ein Auskunftsbureau ist sie ja doch nicht wert,
diese.... Nun, ich kann das Wort nicht aussprechen, das mir auf der
Zunge schwebt.

Dann wundert es mich aber, da sie berall so groartig auftritt, wenn
sie so viel auf dem Kerbholz hat.

Das ist eben ihre Manier! entgegnete Mller wichtig.

Dieselbe Sache wie mit dem Wagen. Den geschmacklosen Karren hat sie
irgendwo aufgetrieben, setzt den Burschen im Cylinder und gelben
Stiefeln hinten drauf, spannt zwei Schwadronsgule ein und fhrt den
Leuten etwas vor. Dabei biegen sich die Axen, wenn die dicke Person
darin sitzt. Da sie tglich auch ein Dienstpferd reitet, dagegen sagt
der Oberst nichts, obwohl in den Vorschriften beides streng verboten
ist. Frit ein anderer aber nur eine Kleinigkeit aus, so steckt er ihn
drei Tage ein und kommt sich hllisch schneidig vor.

Der Oberst ist eben ein ganz pflaumenweicher Bruder, dabei schnurrt er
wie gedruckt. Einem mir bekannten Herrn hat er erzhlt, wie
ausgezeichnet er mit dem Civil stnde, und wie sein Tennisplatz belagert
sei. Er spielt aber doch meist allein, wer sich vor diesen Leuten
drcken kann, tut es doch sicher.

Ich wette, da er vor der nchsten Versammlung des Tennisklubs eine
dienstliche Besprechung ansetzt, dann hat er uns alle in der Falle.

       *       *       *       *       *

Whrend dieser Unterhaltung hatte Frau Leimann mit leuchtenden Augen dem
Oberleutnant Borgert zugehrt, wie er in seiner gewandten Weise ber den
Oberst und Stark's zu Felde zog, der Rittmeister sog nachdenklich an
seiner Cigarre und unterdrckte ein Ghnen, whrend seine Gattin in
Gedanken versunken mit einer Quaste der Tischdecke spielte.

Warum so ernst, meine Gndige? redete Borgert sie an.

Ich dachte gerade darber nach, wie Sie spter ber uns reden wrden,
wenn uns einmal irgend etwas auseinanderbringt! erwiderte sie
lchelnd.

Aber ich bitte Sie, gndige Frau, Sie scheinen an meiner guten
Erziehung zu zweifeln, trauen Sie mir so etwas zu? Und berhaupt, wie
knnte........

Er brach seine Rede ab, denn Frau Kahle hatte sich erhoben, um Abschied
zu nehmen, mit ihr Leutnant Pommer, welchen sie um Begleitung bat, denn
ihr Gatte befand sich auf einer Dienstreise.

Der Kreis war somit wieder etwas kleiner geworden, und als man von neuem
um den Tisch Platz genommen hatte, bemerkte Borgert:

Dieser Kahle mit dem Schusterjungengesicht knnten wir eigentlich
einmal ein neues Kleid schenken, auer der verwaschenen Fahne, die sie
immer trgt, scheint sie nichts zum Anziehen zu haben.

Sie sollten sie erst einmal im Hause sehen, entgegnete wegwerfend
Mller, da sieht sie aus wie ein malproperes Dienstmdchen; das
schmutzige Hauskleid einmal zu flicken, scheint sie auch keine Zeit zu
haben, ihr Junge luft ebenfalls immer herum wie so ein Gassenbube aus
der Unterstadt. Auerdem kann der Bengel schon lgen, da es eine Lust
ist.

Das hat er von seiner Mutter! lachte Borgert, als ihn ein
vorwurfsvoller, kalter Blick aus Frau Knigs Augen traf und zum
Schweigen brachte. So ward die Unterhaltung allmhlich eintniger. Der
Rittmeister ghnte schon etwas deutlicher, und Leimann war ganz in
seinem Sessel zurckgesunken und hielt nur noch mhsam die Augen auf,
whrend seine Gattin eine uerst gelangweilte Miene zeigte, wodurch
ihre Zge alle Anmut und Schnheit verloren und alt, ja abgelebt
erschienen. Mller verdaute noch immer, und so schien es an der Zeit,
sich zum Aufbruch zu rsten.

Unter lebhaften Versicherungen, wie reizend der Abend gewesen, trennte
man sich, und der Rittmeister geleitete seine Gste die Treppe hinab, um
dann den Riegel an der Haustr vorzuschieben.

Als er wieder im Wohnzimmer stand, sagte er, die Gasflammen ausdrehend,
zu Frau Clara: Ein interessanter Abend! Vor diesen beiden Herren heit
es sich in Acht nehmen!




[Illustration]


Zweites Kapitel.


Unteroffizier Meyer! Lassen Sie geflligst den Mist aus dem Stalle
schaffen, das ist ja eine schamlose Schweinerei! Was? die Stallwache ist
nicht da? Dann machen Sie es selbst, es fllt Ihnen keine Perle aus der
Krone. Vorwrts, dann bringen Sie mir das Parolebuch!

Zu Befehl, gndige Frau.

Frau Rittmeister Stark schritt, von zwei groen struppigen Hunden
begleitet, mit langen Schritten im Stalle auf und ab. Sie trug ein
schmutziggraues, schlechtsitzendes Reitkleid und einen runden Hut. In
der Rechten hielt sie eine Reitgerte, welche sie manchmal sausend durch
die Luft fahren lie, da sich die Hunde ngstlich hinter ihr
verkrochen. Mit scharfem Blick musterte sie alles, die Streu, die
Namentafeln ber den Stnden der Pferde, und studierte eifrig das
schwarze Brett, auf dem mit Kreide der Tagesdienst geschrieben stand.
Hinter zwei Pferden, den einzigen beim Ausrcken zurckgebliebenen,
machte sie Halt und schaute mit zornigen Augen auf das zottige,
schlecht geputzte Fell der mageren Tiere, deren Kruppen mit den
Hftknochen ein gradliniges Dreieck bildeten. Dann hob sie dem einen
Wallach den Hinterfu und besah den Huf, holte ein Notizbuch aus der
Rocktasche und notierte: Remus Nr. 37 fauler Strahl, vorn links neues
Eisen. Darauf schritt sie die Treppe zum Heuboden hinauf. Dort lagen
zwei Mann der Stallwache in sem Schlummer, ohne das Eintreten der
Schwadronsmutter zu bemerken. Wtend fuhr sie die erschrockenen Schlfer
an:

Faules Pack, schert Euch an die Arbeit, sonst mache ich Euch lebendig,
ihr trgen Lmmels ihr!

Und sie strzten an die Futtermaschine, als stnde der leibhaftige
Teufel hinter ihnen. Dann stieg sie die Treppe hinab und ging
Unteroffizier Meyer entgegen, welcher atemlos mit dem Parolebuche ankam.
Er schlug die Sporen klirrend zusammen und hielt der Gestrengen das Buch
vor.

Halten Sie es geflligst, whrend ich lese, oder meinen Sie, ich wollte
mir die Finger an dem schmutzigen Umschlag fettig machen? Hier steht,
da morgen Revision des Sattelzeuges ist. Haben Sie alles in Ordnung?

Ich will den Herrn Wachtmeister fragen.

Vorwrts holen Sie ihn, aber Galopp!

Der Wachtmeister war nicht sehr entzckt, da man ihn in seiner Ruhe
strte, denn die Zeit, whrend welcher sich die Schwadron auf dem
Exerzierplatz befand, war fr ihn die angenehmste des Tages. So sa er
denn bei einer Tasse Kaffee seiner Ehehlfte gegenber und rauchte
behaglich die Morgenzigarre, als Meyer den Wunsch der Gndigen
berbrachte.

Zornig stampfte er auf und brummte:

Was fllt nur diesem Frauenzimmer ein, sie tut gerade, als htte sie
etwas zu sagen! Es ist ein Skandal, da man sich das gefallen lassen
mu, aber tut man es nicht, gibt es Stank mit dem Oberst, der tanzt ja
ganz nach ihrer Pfeife.

Mimutig schnallte er den Sbel um, stlpte die Mtze auf den kahlen
Kopf und ging schimpfend die Treppe hinab. Langsam schlenderte er ber
den Kasernenhof dem Stalle zu und trat vor Frau Stark mit einem Gesicht,
das sagen zu wollen schien: Du kannst mir den Buckel herunterrutschen!

Sofort fuhr sie ihn an:

Wachtmeister, ist alles fr morgen in Ordnung?

Ich denke, will aber heute Abend nochmals nachsehen.

Was, heute Abend? Sofort geschieht es, die Bummelei hat jetzt ein Ende.
Auerdem verbitte ich mir Ihren brummigen Ton, sonst werde ich Sie dem
Oberst melden. Bringen Sie mir jetzt mein Pferd.

Das ist zum Fouragieren, alle Pferde sind mit ausgerckt, bis auf die
beiden Lahmen dort!

Was? Mein Pferd zum Fouragieren? Was ist das fr eine neue Frechheit!
Lassen Sie es sofort holen, der Unteroffizier kann zu Fu gehen.

Da wandte sie sich um, als sie Schritte vernahm, und, den Oberleutnant
Borgert erblickend, rief sie ihm in schmelzendem Tone zu:

Ah, sehe ich recht, mein lieber Oberleutnant Borgert, nicht wahr? Schon
so frh im Dienst? Ich wollte gerade den Pferden meines Gatten etwas
Zucker bringen, sehe aber, sie sind nicht da, mein lieber Mann rckt
immer so entsetzlich frh aus.

Ihr Interesse fr die Schwadron mu ich loben, gndigste Frau, habe Sie
schon so oft bewundert, wenn Sie im Stalle Befehle erteilten.

Befehle? Ich richte nur dann und wann kleine Bestellungen an den
Wachtmeister aus, wenn mein Mann etwas vergessen hat. Man mu sich doch
auch etwas um die Schwadron kmmern.

Sie sind zwar die Gefreite Ihres Gatten, aber ich sehe, Sie fhren
das Regiment. Meinen Glckwunsch zu diesem Avancement!

O Sie kleiner Schcker! Sie machen immer zu niedliche Scherze! Ich sehe
Sie doch heute Abend im Kasino?

Gewi, gndige Frau, wir haben bereits um 5 Uhr eine dienstliche
Besprechung.

Ach richtig, das htte ich fast vergessen. Sie wird nicht lange dauern,
es gibt nur einige Kleinigkeiten.

Sie wissen.....

Aber gewi, man interessiert sich doch auch ein wenig. Ich habe den
Oberst auf Verschiedenes aufmerksam gemacht, das wird er wohl besprechen
wollen.

Ich bin neugierig darauf! Doch da sehe ich gerade den Rittmeister
Knig, mit welchem ich etwas zu erledigen habe. Guten Morgen, meine
Gndigste!

Adi, mein Lieber, auf Wiedersehen! Dabei hielt sie ihm die Hand vor
den Mund, welche in einem schmutzigen Reithandschuh ihres Gatten
steckte.

Whrend Frau Stark sich wieder dem Wachtmeister zuwandte, eilte Borgert
dem Rittmeister Knig nach, der gerade in den Hof der dritten Schwadron
einbog.

Guten Morgen, Herr Rittmeister! Ich bitte sehr um Verzeihung, wenn ich
stre, aber eine dringende Angelegenheit veranlat mich, eine Bitte
vorzutragen.

Nanu, was gibt es denn, fragte erstaunt der Rittmeister, ist es denn
etwas so Wichtiges?

Heute Nachmittag wird der Oberst wohl wegen der Kasinorechnungen
sprechen, und da wre es mir vor den jngeren Herrn auerordentlich
peinlich, wenn er dabei meinen Namen nennen wrde.

Aber ich kann Ihnen das Geld jetzt nicht geben, es war mir schon
schwer, vor 8 Tagen die 100 Mark fr Sie aufzutreiben.

Wenn ich trotzdem meine Bitte wiederhole, Herr Rittmeister, so tue ich
es, weil ich mich in einer auerordentlich peinlichen Lage befinde. Habe
ich nicht bis zum Abend 400 Mark, so erwachsen mir die grten
Unannehmlichkeiten und unabsehbare Folgen.

Das ist ja alles ganz gut und schn, aber ich habe das Geld einfach
nicht! entgegnete Knig achselzuckend.

Einen Augenblick sahen beide schweigend vor sich hin, dann brachte
Borgert zgernd hervor:

Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben drfte, Herr Rittmeister?

Nun, und der wre?

Ich bitte aber das, was ich sage, nicht falsch zu verstehen! Knnte man
nicht einstweilen die Schwadronskasse in Anspruch nehmen, da es sich nur
um kurze Zeit handelt?

Aber um Gotteswillen, mein Lieber, was muten Sie mir zu! Ich kann doch
keine Kasse angreifen!

Ich fnde darin insofern kein Vergehen, da Herr Rittmeister doch allein
fr die Kasse verantwortlich sind und ein Eingriff in die Kasse nicht
vorliegt, sondern nur das Entnehmen eines Betrages, der sofort wieder
ersetzt werden kann!

Nein, nein, das geht beim besten Willen nicht!

Aber ich bin vllig ratlos, Herr Rittmeister, was ich machen soll,
entgegnete Borgert in wehleidigem Tone.

Knig berlegte und drehte sinnend seinen Schnurrbart. Eigentlich wre
es schlau gewesen, sich diesen Mann, der mit seiner spitzen Zunge und
seinem Einflu auf das gesamte jngere Offizierkorps unter Umstnden
einem sehr schaden konnte, wenn man einmal nicht mehr mit ihm stand,
mglichst zu verpflichten. Die lumpigen 400 Mark lagen ja zu Hause im
Schreibtisch, die htte er ihm also ruhig geben knnen. Glaubte aber
Borgert, das Geld entstamme der Schwadronskasse, so stand zu erwarten,
er wrde so bald nicht mit einem hnlichen Anliegen kommen, wenn er die
Schwierigkeiten sah und die unsauberen Wege, die man einschlagen mute.
So beschlo denn Knig, ihm das Geld aus eigener Tasche zu leihen, ihn
jedoch in dem Glauben zu belassen, der Betrag sei der Kasse entnommen.

Gut, sagte er nach einer Weile, Sie sollen das Geld haben! Wann
knnen Sie es bestimmt zurckbezahlen?

In zehn Tagen ist alles glatt, Herr Rittmeister! Mein Wort darauf!

Schn, heute Mittag knnen Sie auf's Bureau kommen!

Meinen gehorsamsten Dank, Herr Rittmeister!

Bitte, bitte, hoffentlich war es das letzte Mal! Jetzt mu ich aber
fort, die Schwadron ist schon lange drauen!

Dabei reichte er Borgert die Hand, bestieg sein Pferd und ritt im Trabe
zum Kasernenhof hinaus.

Borgert eilte erleichtert und freudigen Herzens seiner Wohnung zu, der
Dienst begann heute erst um 10 Uhr. Er htte den Mann umarmen mgen, er
war doch ein furchtbar anstndiger Kerl und half einem immer aus der
Klemme! Zehn Tage hie eine lange Zeit, da wrde schon irgend jemand Rat
schaffen!

Leimann wartete indes unruhig in Borgerts Zimmer, und als dieser jetzt
freudestrahlend eintrat, wichen die Falten von seiner Stirn.

Hat er es getan? rief er dem Freunde entgegen.

Natrlich, ohne Weiteres! Gehen Sie um elf Uhr auch zu ihm, Sie haben
ja nur zweihundert Mark Rest von Ihrer letzten Gesellschaft her, er tut
es glatt; was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.

Und als am Mittag die beiden Freunde im Kasino bei einer Flasche Eckel
saen, sah man an Leimann's ausgelassener Heiterkeit, da auch er keine
Fehlbitte getan. --

       *       *       *       *       *

Pnktlich um fnf Uhr standen smtliche Herren des Offizierkorps mit
Sbel und Mtze im Lesezimmer des Kasinos, als der Oberst mit
Dienstmiene eintrat und von den Schwadronschefs die Meldung
entgegennahm, da Alles zur Stelle sei.

Meine Herren, begann der Gestrenge, ich habe Sie hierherbefohlen, um
Einiges mit Ihnen zu besprechen. Ad 1. Ich mchte Sie ersuchen, bei
Bllen und hnlichen Gelegenheiten Tanzsporen zu tragen, damit
unangenehme Zwischenflle, wie vorgestern Abend, vermieden werden. Ein
Herr, den ich nicht nennen will, -- dabei fixierte er scharf den
Leutnant von Meckelburg -- hat nmlich mit seinen Sporen der Gattin des
Herrn Rittmeisters Stark den ganzen Saum vom Kleide gerissen. Das darf
nicht vorkommen, meine Herren, und ich werde knftig in hnlichen Fllen
Bestrafung eintreten lassen. Ferner ist es unter wohlerzogenen Menschen
blich, einer Dame nicht zuerst die Hand zu reichen. Tut es die Dame
aber, dann erfordert wohl der gute Ton den in unseren Kreisen blichen
Handku. Da einige von Ihnen, meine Herren, in diesem Punkt noch der
Erziehung und Nachhlfe bedrfen, beweisen mir die diesbezglichen
Klagen einer Dame des Regiments. Das bezog sich darauf, da Leutnant
Bleibtreu es krzlich vorzog, Frau Stark gegenber diese Hflichkeit zu
unterlassen, da sie Handschuhe aus Hundeleder trug, welche noch dazu vom
Regen durchnt waren.

Eine Trne zu Boden schleudernd, fuhr er fort:

Ferner, meine Herren, verbiete ich Ihnen, eine andere Stadt ohne Urlaub
aufzusuchen. Wer hinber nach dem Nachbarort will, hat mich um Urlaub zu
befragen, wenn der Weg auch nur ein paar Minuten weit ist. Sie wissen
alle, da zwei Herren des Regiments unter betrbenden Umstnden ihren
Abschied nehmen muten, weil sie dort das Pflaster nicht vertragen
konnten und Schulden in kaum glaubhafter Hhe gemacht haben.

Gestatten Herr Oberst eine Frage? unterbrach ihn Rittmeister Knig.

Bitte schn, Herr Rittmeister!

Gilt diese Bestimmung auch fr die verheirateten Herren zum Besuch von
Gesellschaften, Theater, Konzerten u. s. w.?

Natrlich, ich will ber jeden von Ihnen genaue Kontrolle haben, wie
oft er die Garnison verlt. Zuwiderhandlungen werde ich unnachsichtlich
nach dem Strafgesetzbuch bestrafen und zwar nicht als bertretung,
sondern als Nichtbefolgung eines gegebenen Befehls.

Es entstand eine Pause, whrend welcher der Oberst sein Taschentuch
herausholte und damit das linke Auge wischte.

Als er sich dann im Kreise umsah, um die Wirkung seiner Worte zu prfen,
glaubte er in aller Gesicht Erstaunen und Emprung zu lesen.

Soweit war man nun also! Weil zwei leichtsinnige Vgel nicht Ma halten
konnten, wurde das ganze Offizierkorps in diesem elenden Neste
eingesperrt; die einzige Abwechslung, ein Konzert oder ein gutes Glas
Bier, gehrte nun auch wie so vieles unter die Rubrik der frommen
Wnsche. Denn wer hatte Lust, sich jeden Tropfen nachrechnen zu lassen,
den er da drben trank? Lieber ging man gar nicht hin. Fragte eine Dame
des Regiments ihren Gatten, ob er nicht Lust habe, sie am Abend bei den
Besorgungen in der Nachbarstadt zu begleiten, weil dort alles besser und
billiger sei, so hie es: Nein, ich darf nicht, ich mu erst fragen, wie
ein Schuljunge seinen Lehrer, ob er einmal hinaus drfe: Dafr bin ich
Rittmeister und 15 Jahre im Dienst!

So hatte denn der Oberst seiner Leistungsfhigkeit als Kommandeur und
seinem Schneid ein neues Denkmal gesetzt, es fehlte jetzt nur noch, da
man um Erlaubnis bitten mute, ein Glas Bier in der eigenen Garnison
trinken zu drfen. Aber das kam vielleicht noch spter! -- Da der
Oberst besonders den jngeren Herren eine Gelegenheit gab, gegen einen
Befehl zu handeln, wenn diese nach dem Dienst Vergngungen nachgehen
wollten, die sie in der Garnison nicht fanden, bedachte er nicht, er
hatte ein neues Frderungsmittel der Disziplin und des militrischen
Gehorsams in die Welt gesetzt. --

Nunmehr, meine Herren, fuhr der Oberst fort, wollen wir zur Wahl des
Kasinovorstandes schreiten, denn das laufende Jahr ist um. Sie, Herr
Rittmeister Kahle, haben im vergangenen Jahre den Posten inne gehabt,
und es freut mich, Ihnen sagen zu knnen, da die Art und Weise, wie Sie
Ihres Amtes gewaltet haben, meinen vollsten Beifall gefunden hat. Wir
alle, meine Herren, sind dem Herrn Rittmeister zu groem Danke
verpflichtet, denn er hat unter Aufopferung des grten Teiles seiner
Muestunden alles daran gesetzt, das Kasino in die Hhe zu bringen, hat
unser Vermgen vergrert und zahlreiche sehr wohl bedachte nderungen
und Einrichtungen getroffen. Ich meine daher, wir knnen nichts
Besseres tun, als Herrn Rittmeister Kahle zu bitten, das Amt zu
behalten, denn es ist in unserem eigensten Interesse. Sollte aber jemand
andere Vorschlge haben, dann wollen wir die Abstimmung durch Zettel
vornehmen.

Ein Beifallsgemurmel, wie es der Oberst nach seinen Worten noch nie
vernommen, ging durch die Reihen, und so war denn Kahle fr das weitere
Geschftsjahr als Kasinodirektor gewhlt.

Ich sehe davon ab, setzte der Oberst noch hinzu, die Bcher zu
revidieren, denn ich bin sicher, da ich alles in bester Ordnung finden
wrde. Aber noch eins, meine Herren! Es ist durchaus unstatthaft, da
die Herren Kasinorechnungen anwachsen lassen, wie es wieder der Fall
ist. Die beiden Kontos mit den hchsten Betrgen sind allerdings heute
bezahlt worden, aber ich werde rcksichtslos vorgehen, wenn nicht zum
Ersten nchsten Monats alle Reste gedeckt sind. Richten Sie sich danach!
Ich danke, meine Herren!

Also schnell, Ihr Leutnants, hie es nun, lauft zu einem Juden oder
Wucherer und pumpt Euch Geld, denn Ihr habt alle ein paar Hundert Mark
stehen, eine ratenweise Zahlung von Eurer Zulage gestattet man Euch
nicht, sonst bekommt Ihr einen Klecks in die Konduite und das hngt Euch
nach, bis Ihr alte Esel seid. Aus dem Nest hinaus drft Ihr nun auch
nicht mehr, lat es Euch aber bei Leibe nicht einfallen, jetzt fter im
Kasino zu sitzen, dann bekommt Ihr hhere Rechnungen und werdet doch
noch eingesperrt!

Inzwischen versammelten sich im Lesezimmer die Damen des Regiments und
zwei Herrn vom Civil, denn jetzt kam der Hauptteil des Abends, die
Vorstandswahl fr den Tennisklub und die Verabredung der regelmigen
Spieltage im Kasinogarten.

Frau Knig war als einzige nicht erschienen, ihr Gatte hatte sie unter
einem Vorwand entschuldigt, denn jede Gelegenheit, wo sie mit den Damen
des Regiments zusammen kommen konnte, mied sie nach Mglichkeit. Sie
fhlte sich nicht heimisch unter ihnen; die inhaltlose, oft schrecklich
langweilige Unterhaltung, welche sich meist um hchst gleichgltige
Dinge drehte, war ihr ein Greuel, sie pate auch gar nicht hinein in
diese Gesellschaft und war nicht danach geartet, an einem nur auf
uerlichkeiten und strengen Formen beruhenden Verkehr Gefallen zu
finden. Ganz besonders aber war es ihr zuwider, wenn sie sah, wie man
eben noch in der liebenswrdigsten Weise mit einander umging, um eine
Minute spter, wenn irgend einer sich empfohlen hatte, ber ihn
herzuziehen und kein gutes Haar an ihm zu lassen. Wenn sie nicht offen
ber alles urteilen und reden durfte -- und das htte ihr bel bekommen
mgen -- lie sie es lieber ganz und blieb in ihren vier Pfhlen.

Die Verhandlungen im Lesezimmer dauerten lange, jede der Damen hatte
einen besonderen Wunsch, auch bedurfte es einer ausfhrlichen
Ermunterungsrede seitens des neugewhlten Vorstandes, mehrere noch
zgernde Herren zum Beitritt zu bewegen. Da die meisten von ihnen
niemals zum Spiel erscheinen wrden, war ja vorauszusehen -- jetzt erst
recht mochte keiner dem Oberst einen Gefallen tun -- aber man hatte doch
etwas mehr an Eintrittsgeldern.

Endlich ffneten sich die Flgeltren zum Speisesaal, wo jetzt ein
einfaches Abendessen eingenommen werden sollte. Die kreischende Stimme
der Frau Oberst bertnte die Unterhaltung, in den Ecken standen
einzelne Gruppen jngerer und lterer Herren, die neuesten Bestimmungen
seitens des Obersten einer scharfen Kritik unterziehend.

Die Rittmeister Knig und Hagemann scherzten in etwas derber Weise mit
Frau Stark herum, Leutnant Pommer aber wich nicht von Frau Kahles Seite.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, hatten die meisten Herren den
lebhaften Wunsch, endlich diesem langweiligen Zusammensein, zu welchem
man sie unter der Maske einer dienstlichen Besprechung herbeigentigt
hatte, entschlpfen zu knnen. Da rief Frau Stark in den Saal hinein:

Wie wre es, Herr Oberst, wenn wir die Gelegenheit benutzten und ein
kleines Tnzchen arrangierten? Es hat doch wohl niemand von den
Herrschaften etwas vor? Ich fnde es reizend, entzckend!

Der Oberst besann sich einen Augenblick, dann erklrte er sich sofort
mit Freuden bereit, denn ein Wunsch der Frau Stark hie ein Befehl.

Die Herren waren wtend. So ein Bldsinn, bei der Hitze zu tanzen, es
war doch viel vernnftiger, auf der Veranda in Ruhe ein Glas Bier zu
trinken! Leutnant Specht aber rgerte sich besonders, denn er wollte um
zehn Uhr sein Verhltnis an der Bahn abholen. Er machte seinem Unmut
Lust, indem er sich an Borgert wandte:

Die alte Schraube ist verrckt mit ihrer Tanzerei, wir wollen sie aber
heute bewegen, bis ihr der Schaum auf dem Buckel steht!

Whrend der Saal ausgerumt und zum Tanzen hergerichtet wurde, unternahm
man eine kleine Promenade im Garten.

Der Halbmond leuchtete schwach vom Horizont herber und lie die Trme
und Huser der Stadt als nebelhafte Silhouetten erscheinen. In dem
jungen Grn der Bsche klagte eine Nachtigall ihr Lied in die milde Luft
hinein, whrend vom Saal her das Stimmen der Geigen dazwischen klang.
Aus der Stadt tnten einige vom Winde oft jh unterbrochene Akkorde
einer Karoussellorgel durch den stillen Abend, dessen wohlige Ruhe ganz
danach angetan war, den Menschen elegisch, trumerisch zu stimmen.

Oberleutnant Borgert gab indes einer Anzahl jngerer Herren eine
Gratisvorstellung auf dem Tennisplatz, indem er treffend Frau Stark
nachahmte, wie sie die Blle schlug und aufhob, und die Herren hielten
sich den Bauch vor Lachen, so vorzglich verstand der Oberleutnant seine
improvisierte Rolle. Er beschlo erst sein Spiel, als er ganz drben am
Gartenrand ein weies Kleid durch das Blattgrn schimmern sah.

Wer war das? So allein? Er mute hinschleichen und die Ohren spitzen,
vielleicht gab es da wieder etwas Interessantes.

Vorsichtig und geruschlos huschte er ber den Rasenteppich und
versteckte sich hinter einem Fliederbusch. Wenige Schritte vor ihm stand
Leutnant Pommer, welcher seinen Arm um Frau Kahles Taille gelegt hatte
und eifrig leise auf sie einsprach. Schade, da sie so flsterten, aber
verstehen konnte man doch manchmal einen Satz.

Was macht es denn, Grete! Wenn er dich so behandelt, hast du ein Recht,
dich schadlos zu halten. Er ist auerdem viel zu taperig, etwas zu
merken! Und wenn du wtest, wie lieb, wie unendlich lieb ich dich
habe!

Wenn du mich wirklich lieb hast, dann will ich nicht nein sagen, ich
mchte so gern einmal wieder glcklich sein!

Da umschlang der dicke Leutnant das kleine Persnchen mit seinen
ungelenken Armen und kte sie strmisch auf Mund und Augen. Sie aber
entwand sich ihm und huschte wie ein Reh ber den Rasen dem Kasino zu,
aus dessen weit geffneten Fenstern jetzt der Walzer ber den Wellen
in die Mainacht hinausklang. Pommer schlich auf der anderen Seite herum
dem Hauptportal zu, auf da man nichts merken sollte. Dann verlie auch
Borgert sehr befriedigt seinen ehrenhaften Posten.

Im Saal ging es flott her. Am meisten tanzte Frau Stark, sie flog von
einem Arm in den anderen und schwitzte dabei wie ein Soldat im
Laufschritt. Besonders Leutnant von Meckelburg wurde immer wieder als
Opfer vorgedrngt, er tanzte aber entsetzlich schlecht und konnte nicht
in Takt kommen. Wenn die dicke Dame den kleinen Baron mit ihren prallen
Armen gegen den gewaltigen Busen drckte, verschwand er fast ganz in den
Falten des schwarz und gelben Kleides.

Schlielich konnte sie nicht mehr und lie sich pustend in einen Sessel
fallen, dabei fuhr sie mit dem Rcken der Hand ber die Stirn, auf
welcher erbsengroe Schweiperlen leuchteten. --

Leutnant Specht vergngte sich auf seine Weise und tanzte mit
vorgedrckten Knien, wie man es in den Amorslen sieht.

Borgert stand in einer Ecke halb ber Frau Leimann gebeugt, welche
ermdet auf einem Stuhle sa und sich Khlung mit dem Taschentuch
fchelte. Der Blick des Oberleutnants ruhte auf der Stelle, wo das Wei
des zarten Busens durch die Stickerei des Halsausschnittes leuchtete,
und er sog mit gierigem Behagen den Duft ein, welcher dem jugendlich
schnen Krper entstrmte.

Im Lesezimmer fllten Ordonnanzen die schon oft geleerten Glser mit
khler Maibowle, whrend eine Anzahl Herren um den runden Tisch herum
saen, einen Pfennigskat spielend.

Leutnant Specht benutzte den nchsten Walzer, sich franzsisch zu
empfehlen, es war die hchste Zeit zum Zuge, und, da es zu spt zum
Umziehen war, holte er seine Dame in Uniform ab. Sie trug drei kleine
Packete mit Ewaren, welche sie aus ihrer Tasche zur Fhrung des
Haushaltes gekauft hatte.

In der Sophaecke sa gedankenvoll der Leutnant Bleibtreu. Er rauchte
bedchtig seine Cigarre und hrte nur mit halbem Ohre den witzelnden
Reden der Skatspieler zu. Er war nicht besonders guter Laune, denn es
tat ihm leid, da Frau Knig, die einzige Dame, mit welcher er sich gut
unterhielt, nicht anwesend war; dann schweiften seine Gedanken nach der
Heimat, wo jetzt die Wlder in ihrer jungfrulichen Sommerpracht standen
und wo er so manche schne Stunde verbracht hatte in den Armen der Natur
und mit Menschen, die ihn liebten.

Wie ganz anders schien es doch hier! Lauter Menschen, denen man
innerlich nie recht nahe kam, deren Interesse meist nur uerlichen
Dingen und Vergngungen oft zweifelhafter Art gewidmet war. Zwar hatte
man hier den Dienst, den man liebte, aber er gengte nicht, um einen
Menschen zu befriedigen, dessen Lebensbedrfnisse nicht so eng begrenzt
waren, wie die der meisten Kameraden. Nun sollte man noch jahrelang in
dieser Umgebung leben, dazu fern von allem, was eine Abwechslung bot in
dem ewigen Einerlei des Dienstes, unter Menschen, mit denen man im
Verkehr nie ber die uerlichkeiten des guten Tons hinauskam und die
stets auf der Lauer lagen, wo sie aus den Schwchen ihres Nchsten
Kapital zu schlagen vermochten.

Und das war Kameradschaft, die im deutschen Heere so viel gepriesene
Kameradschaft!

Ein Zusammenleben unter gleichen Lebensbedingungen, der Zwang, mit
einander leben und auskommen zu mssen, sich gegenseitig mit ueren
guten Formen bedienen und gemeinsam beim Dienst, im Kasino und zu allen
mglichen Veranstaltungen zu erscheinen, das war es, was man unter
Kameradschaft verstand.

Wo aber blieb das innerliche Sichanschlieen, das gegenseitig
Ineinanderaufgehen und das Bestreben des einzelnen, seinem Nchsten nur
helfend und frdernd, nie aber mignstig und belwollend zu begegnen?
In diesem Punkte sank das schne deutsche Wort zu einer leeren Phrase
herab!

Gewi gab es Flle, wo Angehrige eines Offizierkorps sich auch wirklich
innerlich verbrderten, wo eine treue, zu jedem Opfer fhige
Freundschaft die Herzen verband, aber zwei solche Kameraden im echten
Sinne des Wortes waren ja so selten, eine so auergewhnliche
Erscheinung! Ging es einem gut und hatte man nichts verbrochen, so war
man allen gut Freund, d. h. der Verkehr mit den Kameraden bewegte sich
in liebenswrdigen Formen, man prostete sich zu, man scherzte, trank,
vergngte sich zusammen und erwies sich Geflligkeiten, welche fr den,
der sie leistete, meist kein Risiko, keine Unannehmlichkeit, kein Opfer
bedeuteten. Aber die Kameradschaft als solche fordert weit mehr!
Befindet sich ein Kamerad auf schiefer Bahn, beweist er, da es ihm hier
und dort noch fehlt und kehrt er Seiten heraus, die anderen peinlich,
unangenehm werden, oder hat er aus Unverstand, Unkenntnis, mangelnder
Erziehung etwas Falsches, Tadelnswertes begangen, so weist man ihn
hchstens, wenn es berhaupt geschieht, in schroffer Form auf seine
Fehler hin, anstatt in liebevoller, freundschaftlicher Weise bemht zu
sein, die Schwchen seines Nchsten zu heilen, seine Eigenheiten zu
bercksichtigen, seine Fehler mit den eigenen zu vergleichen, ja, man
lt ihn links liegen und behandelt ihn wie einen Menschen, der wenig
oder gar nichts taugt und eben nicht hineingehrt; nur dann drckt man
ein Auge zu, wenn von dem Snder noch ein Vorteil zu erwarten steht oder
wenn er sich durch andere Verdienste und Leistungen besonders beliebt
gemacht hat.

Wieviel besser war doch ein Civilist daran! Fand er keinen wahren
Freund, so lebte er fr sich, ohne gezwungen zu sein, bei allen
Mahlzeiten und sonstigen Gelegenheiten mit Menschen zusammen zu sein,
denen man innerlich fremd blieb.

Im Dienst ist das eine andere Sache.

Solche Gedanken beschftigten Bleibtreu, als Rittmeister Knig aus dem
Saale kam und sich neben ihm auf dem Sopha niederlie.

Das nennt der Mensch nun ein Vergngen! brummte er. Wahrscheinlich
wird man uns noch fter mit solchen Festen langweilen, um uns zu
ersetzen, da wir nicht mehr nach der Stadt hinber drfen. Meine Frau
wird schne Augen machen, wenn ich ihr das erzhle!

Ich mu auch sagen, Herr Rittmeister, da ich die heutige Verordnung
haarstrubend finde, stimmte Bleibtreu zu. Htte es der Oberst den
Leutnants allein verboten, so wre es hart und dabei noch ungeschickt,
aber den Verheirateten gegenber ist es eine tolle Bevormundung und eine
beispiellose Rcksichtslosigkeit. Er fhrt natrlich, so oft er Lust
hat!

Solche Feste wie heute mchten ja noch angehen, wenn sie im allgemeinen
Einverstndnis oder auf vorherige Verabredung hin veranstaltet wrden,
aber nein, Madame Stark befiehlt und wir gehorchen! Denn es sollte einer
kommen und sagen, er htte etwas anderes vor, der Oberst wrde ihn
morgen ganz gehrig zurechtstutzen. Sie haben ja wieder ein kleines
Exempel gehabt.

Nicht einmal trinken kann man, was man will, fuhr der Rittmeister
fort, der Oberst braut einfach eine Bowle und wir bezahlen. Die kostet
heute doch mindestens sechs Mark pro Mann. Er kann ja gar nicht wissen,
ob ich nicht vielleicht nur fr eine Mark trinken will, vielleicht Bier
oder Selterswasser! Hinterher aber stellt er sich hin und raisonniert
ber die Kasinoschulden!

Sie haben recht, es wre manchem dienlicher, wenn er etwas sparsamer
lebte, z. B. diesem Borgert und wie sie alle heien. Es ist traurig, da
unter den smtlichen Herren noch nicht der dritte Teil zu rechnen
versteht, erwiderte Bleibtreu.

Ja ja, sagte Knig, aber das ist einer der Krebsschden unseres
Standes. Es ist ja kaum glaublich, wie viele Offiziere alljhrlich wegen
Schulden um die Ecke gehen. Und wie kommt das? Warum knnen junge Leute
in anderen Stellungen vernnftiger wirtschaften? Erstens, weil sie nicht
gezwungen sind, mit Leuten zusammen zu leben, die in besseren
Verhltnissen sind. Hat einer kein Geld, dann lebt er nach seinem Gusto
und fhlt sich schlielich ganz wohl dabei. Aber im Kasino sitzt der
Kapitalist neben dem armen Schlucker. Es ist leicht gesagt, die Reichen
im Offizierkorps sollen ihre Lebensweise den Mitteln der rmeren
Kameraden anpassen. Ich kann aber doch unmglich verlangen, da ein
Millionr zum Essen Wasser trinkt und auf eine elegante Wohnung oder
schne Pferde verzichtet, lediglich, um einen Kameraden mit fnfzig
Mark monatlichem Zuschu nicht zum Mittun zu verfhren! Auf die Dauer
gefllt dem Unbemittelten sein bescheidenes Dasein nicht mehr, wenn er
sieht, wie besser gestellte Kameraden in Saus und Braus dahinleben, und
das Ende: er macht eben mit. Geld braucht er nicht gleich, auf seinen
bunten Kragen hin borgt man ihm, so viel er will. Geht es aber ans
Zahlen, dann ist das Elend gro. Findet sich nicht ein rettender Engel
in Gestalt eines Juden oder dergleichen, so geht er einfach ber die
Hhe. Und bei den Versuchen, Geld zu erlangen, kommt es oft zu
unsauberen Machinationen. Vielleicht scharrt der Vater noch seine
letzten Groschen zusammen und gewhnt sich die Abendcigarre ab, um den
Jungen ber Wasser zu halten. Und gelingt es dem jungen Offizier
wirklich, aus der Klemme herauszukommen, so fngt er bald von Neuem an
in dem schnen Vertrauen, da sich auch das nchste Mal eine offene Hand
finden werde.

Dagegen lt sich aber doch kaum etwas machen, jeder ist eben fr sich
selbst verantwortlich, entgegnete Bleibtreu.

Nichts machen liee sich da? rief der Rittmeister. Ei gewi. Man
braucht nur ein Gesetz aufzustellen, etwa dahin lautend, da die
Schulden des Offiziers bis zum Rittmeister ausschlielich nicht
einklagbar sind. Dann werden sich die Kaufleute schon vorsehen und
nicht mehr ins Blaue hinein einem Leutnant von dreiundzwanzig Jahren
borgen, dessen Verhltnisse sie gar nicht kennen. Einem Civilisten, der
vielleicht dreimal so viel Geld hat, wie jener, borgt man nicht fr
hundert Mark, wenn man nicht genau wei, wer und was er ist, wie er
steht usw., aber an den Offizier drngen sich die Geschftsleute
geradezu heran, weil sie wissen, sie bekommen ihr Geld in den meisten
Fllen, weil es sonst dem Schuldner an den Kragen geht.

Ich meine, es ist berhaupt die ganze Sonderstellung des Offiziers, die
ihn zu einem kostspieligen Leben veranlat. Man sollte daher wenig
Bemittelte einfach ausschlieen, versetzte Leutnant Bleibtreu.

Das wre bertrieben, aber energische Schritte sollte man tun gegen
solches Luxustreiben, fuhr Knig fort. Es ist schn und wohlgemeint,
wenn man verordnet: je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, umso
mehr soll der Offizier auf eine einfache Lebensweise bedacht sein. Das
ist ein frommer Wunsch, man wird es aber niemals tun, wenn man bei
anderen Klassen ein gesteigertes Wohlleben bemerkt, denn der Offizier
hlt sich rcksichtlich seiner bevorzugten gesellschaftlichen Stellung
fr verpflichtet, wie kein anderer, diesen Luxus wenigstens mitzumachen,
wenn nicht gar zu bertreffen. Er hlt sich eben fr mehr wie andere,
und der Leutnant sieht oft mit Verachtung, mindestens aber mit einem
bedauernden Lcheln auf die herab, die sich durch ihrer Hnde Arbeit
oder durch geistiges Schaffen der Welt ntzlich machen. Dieser Dnkel
ist der Fluch unseres Standes und geeignet, Volk und Offizierkorps immer
mehr von einander zu entfernen, whrend das Gegenteil zu wnschen ist,
denn das Volk mu seinen mnnlichen Nachwuchs dem Offizierkorps zur
Erziehung in die Hnde geben. Wenn aber das Vertrauen zu ihm mehr und
mehr schwindet, dann wird auch die Lust am Soldatsein, die damit Hand in
Hand gehende Vaterlandsliebe, allmhlich gettet. Man sollte den
Offizier mehr geistig beschftigen und ihm zeigen, was ihm in Vergleich
zu anderen Stnden fehlt, und welchen Nutzen diese fr den Staat
bedeuten. Dann wrde er die ihm von niemand streitig gemachten
Prrogative und Privilegien dankbar anerkennen lernen, statt in ihnen
einen Grund zur Selbstberhebung zu erblicken.

Und in dieser haben noch andere Mngel ihren Ursprung. Sie ist schuld
daran, da so viele Offiziere in dem gemeinen Soldaten nicht den
zuknftigen Vaterlandsverteidiger und Kameraden sehen, den sie frdern
sollen, sondern nur den Gegenstand zahlreicher Mhen und reichlichen
rgers. --

Und damit wird ein neues bel in die Welt gesetzt. Der junge
zwanzigjhrige Mann fhlt mit innerem Mibehagen diese Entfremdung von
seinem Vorgesetzten. Er verliert allmhlich die Lust an seinem bunten
Rock, besonders, wenn die Vorgesetzten noch mit bertriebenen
Anforderungen an ihn herantreten oder Ungerechtigkeit in der Behandlung
walten lassen. Solange der Soldat unter dem Druck des Militarismus
steht, wird er sich schwer hten, seinen Ansichten Ausdruck zu
verleihen, ist er aber der militrischen Fesseln los und ledig, wird
sich meist sein vielleicht vorhandener Hang zum Sozialismus umso
krftiger entfalten, nach den Erfahrungen, die er in seiner Dienstzeit
gemacht. Und das ist schlimm, wenn ein Hauptmittel zur Bekmpfung des in
riesigem Wachsen begriffenen Sozialismus, nmlich die Dienstzeit der
noch einer Beeinfluung und Belehrung zugnglichen jungen Leute, in ein
Frderungsmittel umschlgt, und das tut es, solange man aus dem
Offizierkorps heraus derartige Vorbilder als militrische Erzieher
wirken lt.

Sollten das alles nicht nur vorbergehende Erscheinungen sein, an denen
der Offizierstand krankt? warf Bleibtreu ein.

Nein, das ist gerade das Traurige, es sind fest eingewurzelte
Krebsschden. Aber selbst diese knnten eingedmmt oder ganz und gar
vernichtet werden, wenn man sich mit allem Ernst der Sache annehmen
wollte, statt sich in dem Dnkel zu wiegen, da ein deutsches
Offizierkorps oben an stehe und keiner Reform bedrfe. Noch ist es Zeit
zu retten, denn jene Mistnde haben noch keine Form angenommen, die
eine Unterdrckung unmglich macht, noch haben wir trotz aller bel
vortreffliche Leistungen zu verzeichnen, und der Ruf unseres Heeres im
Ausland ist ein glnzender. Aber Eile tut not, man soll das Eisen
schmieden, solange es warm ist. Eine Armee ist eben zum Kriegfhren da,
und deshalb mu sie unter einem dreiigjhrigen Frieden leiden. Aber wir
brauchen keinen Krieg, um jene bel zu tten, sondern Mnner mit Umsicht
und einem klaren Kopf, die offen eingestehen, da etwas faul ist im
Staate Dnemark.

Knig hatte sich ordentlich warm geredet. Er tat einen tiefen Zug aus
dem Bierglase, das ihm soeben eine Ordonnanz gereicht, er hatte nmlich
dem Oberst zum Trotz auf die Bowle verzichtet. Es war ihm Bedrfnis,
sich ab und zu alles von der Leber herunter zu reden, was ihn bedrckte,
und war das geschehen, so fhlte er sich wohl und frei.

Borgert hatte in der Nhe gestanden und den Ausfhrungen des
Rittmeisters aufmerksam gelauscht, denn wenn zwei etwas zu reden hatten,
fehlte er nie im Hintergrunde. Im Stillen lchelte er ber diese beiden
Grbler, welche offenbar die Vorteile, die sich ihnen boten, nicht zu
wrdigen verstanden. Warum dachten sie nicht wie er? Das Leben genieen,
wie es kommt, und die Feste feiern, wie sie fallen! Das war sein
Standpunkt, und deshalb schmeckte ihm der unbezahlte Sekt so gut! Er
fhlte sich ganz wohl in diesem kleinen Nest, denn hier gab es mitunter
ein kleines Skandlchen, das ihm in der frheren Garnison so sehr
gefehlt. Als man aber seine Vorliebe fr solche Art von Abwechslung
entdeckt, schickte man ihn an die Grenze, wo er sich austoben konnte zu
Nutz und Frommen seiner Kameraden.

Mit halbgeschlossenen Augen und berlegener Miene stand er an den
Trpfosten gelehnt, als er sich pltzlich aufmerksam umsah.

Wo war denn der dicke Pommer? Er hatte ihn doch noch eben ziemlich
betrunken zwischen den Damen herumstolpern sehen, jetzt war er fort. Und
Frau Kahle? Richtig! Auch weg. Schnell auf die Suche also, vielleicht
konnte er noch ein neckisches Schauspiel erleben.

So schlich er denn hinaus in den Garten, nachdem er die Cigarre zur
Seite gelegt, damit sie ihn nicht verraten solle. Der Mond hatte sich
diskret hinter dem Horizont versteckt, um nicht mit anzusehen, was da
unten hinter den Bschen vor sich ging, nur matt erleuchteten seine
Strahlen eine Wolkenschicht, welche ber seinem Versteck schwebte.

Und richtig! dort saen sie, eng aneinander geschmiegt, auf der schmalen
Holzbank an der Gartenmauer. Die Nachtigall sang noch immer, nur etwas
weiter in der Ferne. Pommer sprach konfuse Worte, ohne sich sonderlich
Mhe zu geben, nicht laut zu sein, Frau Kahle lehnte mit dem Kopf an
seiner Schulter und lauschte den Tnen der Liebe, die ihr Ohr seit dem
ersten Jahre der Ehe nicht mehr vernommen. Ab und zu kte der Leutnant
schmatzend die kleinen Hnde und den Mund der jungen Frau. Sein rechter
Arm umschlang fest die zierliche Taille, und die groe Hand ruhte auf
ihrem wogenden Busen.

Siehst du, Grete, geliebte Grete, du mut dich freimachen von diesem
Mann, er ist ein Tyrann, hat kein Gefhl und ist auch viel zu gro fr
dich!

Er ist ein guter Kerl, aber er versteht mich nicht! Ich mu jemand
haben, der mich versteht und wirklich liebt. Ich will dir das Leben so
schn machen, wenn du mde vom Dienst nach Hause kommst und du sollst es
so gut haben!

Wie ich dich lieb habe, du kleiner, ser Racker!

Ich dich auch, Hans! Und denke nur, das hat mich furchtbar gekrnkt,
mein Mann hat das ganze vorige Jahr mit der Frau vom Amtsrichter
herumgeliebelt, die doch dazu gar nicht schn und schon ziemlich alt
ist. Krzlich ist er sogar der alten Hebamme nachgelaufen, die er nicht
erkannte, weil sie ein Tuch um den Kopf trug. Sie hat ihn mit ins Haus
gelockt und dann ganz ruhig ihr Tuch abgenommen. Dann sagte sie: So,
Herr Rittmeister, das werde ich Ihrer Frau erzhlen, was Sie fr ein
Brschchen sind! Und sie hat es mir erzhlt.

Das kannst du dir nicht gefallen lassen, Grete, das wrde ich nie tun!
Dabei umschlang er sie mit sinnlichem Verlangen so fest, da sie leise
aufschrie.

Da tnte laut der Name des Offiziers vom Kasino herber, man verlangte
nach ihm.

Aus Furcht, auf seinem Ehrenposten gesehen zu werden, wenn das Paar sich
jetzt erhob, schritt Borgert auf die beiden zu und sagte, als er vor dem
verdutzten Liebesprchen stand:

O Gott, bin ich erschrocken! Aber pardon, ich will nicht stren! Dabei
zog er sich schnell wieder zurck und eilte ins Kasino. Keiner ahnte
natrlich, warum die vorher so gelangweilte Miene des Oberleutnants
jetzt einen so pfiffigen, lchelnden Ausdruck zeigte. Jetzt wute er
genug und konnte sich noch ein Weilchen dem Tanze hingeben, es war doch
gar zu schn, so ein reizendes Weib wie diese Leimann im Arm zu haben!
Die wre wohl noch eine Snde wert gewesen!

Das Fest whrte jetzt nicht mehr lange. Die Damen waren mde, besonders
Frau Stark war halb zu Tode getanzt worden. Selbst Frau Oberst hatte
genug und schwieg, was bei ihr als Seltenheit galt. Frau Leimann aber
klagte pltzlich ber Kopfweh und bat Borgert, sie nach Hause zu
bringen, da ihren Gatten das heulende Elend, wie oft nach einer Bowle,
gepackt hatte und er schluchzend im Garten umherstolperte.

Die Herren hatte fast alle der frische Maitrank berwltigt, und sie
waren unangenehm laut, einige auch recht derb in ihren Scherzen
geworden. Es war also Zeit, sich zu trennen, und so bestieg man die am
Kasinotor seit zwei Stunden wartenden Krmperwagen. Die Kutscher muten
erst mit einigen Kosenamen und Pffen geweckt werden, sie waren mde von
der anstrengenden Felddienstbung am Vormittag.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen um zehn Uhr lag der dicke Pommer noch in den Federn.
Er hatte den Dienst verschlafen, und da es nun doch zu spt war, drehte
er sich noch einmal um und schnarchte weiter.

Als er um elf Uhr erwachte, sah er erst blde vor sich hin, dann fuhr
die Rechte, die noch vor wenigen Stunden Frau Grete's Hand gedrckt, in
das wirre Haar.

Donnerwetter, was brummte ihm der Schdel! Was war denn los gewesen? Ach
richtig, die verdammte Bowle gestern Abend!

Aber da war noch etwas! Ein weies Kleid flocht sich in der Erinnerung
an den gestrigen Abend, und allmhlich stand ihm verschwommen wieder
alles vor Augen, was sich zugetragen. Er sah nach der Uhr. Was, schon
elf vorbei?

Mhsam und keuchend kroch er aus dem Bett und in die Hosen hinein, dann
machte er etwas Toilette. Es war ihm alles gleich heute, sein Kopf
schmerzte ihn zu sehr, und dabei immer der Gedanke an das Ereignis von
gestern! Es war unertrglich! Mimutig lie er sich auf einen Stuhl
nieder, und als der Bursche vom Kaffeebrett den Lffel fallen lie, fuhr
er ihn wtend an:

Dummes Schwein, mache nicht so einen Radau, sonst fliegst du vor die
Tr.

Pommer versuchte sich ganz genau die Ereignisse des gestrigen Tages vor
Augen zu fhren, und je mehr sie ihm ins Gedchtnis zurckkehrten, umso
grer ward sein Entsetzen ber seine Handlungsweise.

Was hatte er getan! Die Frau eines Kameraden verfhren wollen, er,
dessen Ansichten und Grundstze sonst so streng waren, der doch fast als
einziger bei den Kameraden etwas galt, wenn er ihnen schonungslos den
Kopf zurechtsetzte, denn jedermann wute, er redete nicht nur, sondern
lebte auch nach dem, was er anderen predigte.

Sein frheres Leben lie er an seinem Geiste vorber ziehen. War da
irgend ein schwarzer Punkt, ein Makel zu finden? Nein, rein und
fleckenlos lag die Vergangenheit hinter ihm, und jetzt, nachdem er die
Klippe der leichtsinnigen Jugendjahre unversehrt berwunden, lud er eine
so schwere Schuld auf sich, er betrog einen Kameraden mit seiner Frau!
Pfui!

Aber hatte sie ihm nicht selbst gesagt, da sie unglcklich sei, von
ihrem Gatten schlecht behandelt werde, soda sein Tun als entschuldbar,
vielleicht sogar edel erscheinen durfte?

Nein und abermals nein, er hatte gefehlt, schwer gesndigt an dem
Heiligsten, was ein Mann sein Eigen nennt.

Die ehrenhafte Gesinnung des Offiziers lag in hartem Kampfe mit ihm
selbst, er zweifelte an der Lauterkeit seiner Gesinnung, und diese
Qualen waren ihm eine Folter.

Das Blut stieg ihm zu Kopfe, es tanzte ihm vor den Augen, sterben htte
er mgen, nur schnell sterben, nachdem er so die Moral mit Fen
getreten und sein Gewissen mit einem Fluch belastet hatte, der ewig auf
ihm ruhen mute.

Aber wie hatte es nur kommen knnen, da er sich so verga?

Der verdammte Sektfrhschoppen mit dem leichtsinnigen Saufaus, dem
Borgert, und dann das schwere Trkenblut, das Mller zum Essen
spendierte, weil er eine Wette verloren, und dann die unselige Maibowle
am Abend, das alles hatte ihm, der selten ein Glas Wein zu trinken
pflegte, den klaren Verstand geraubt! Die gemeinen Kerle, die das
merkten und ihm immer mehr zu trinken gegeben hatten, wahrscheinlich
weil er sie in der Trunkenheit amsierte!

Freilich mochte er die kleine zierliche Frau gern leiden, sie war so
ganz nach seinem Geschmack, niedlich, mollig und zutunlich. Oft
verlieben sich groe, starke Mnner in kleine Frauen. Aber so etwas wie
gestern war ihm doch nie in den Sinn gekommen, es war ihm unerklrlich.
Er mute hingehen und tausendmal um Verzeihung bitten, rckhaltlos seine
Snde eingestehen, das konnte seine Schuld etwas mindern, wenn auch
nicht tilgen.

Da klopfte es an der Tr. Als wenn der Rachegeist schon selbst
erscheinen msse, fuhr der gequlte Mann zusammen und lie ein dumpfes
Herein ertnen.

Oberleutnant Borgert trat ber die Schwelle, den Helm in der Hand. Er
schien etwas erstaunt, den Kameraden in diesem Zustande vorzufinden,
dann aber nahm er ihn scharf ins Auge und sagte:

Verzeihung, wenn ich stre, aber eine peinliche Angelegenheit veranlat
mich, mit Ihnen zu reden.

Dienstlich oder privat? brummte Pommer.

Beides, wie Sie wollen, antwortete Borgert dreist.

Fr Privatsachen bin ich jetzt nicht in Stimmung. Bitte lassen Sie uns
den Fall ein andermal besprechen.

Bedaure sehr, ich wnsche den Fall _=jetzt=_ zu erledigen. Sie wissen
wohl, da ich als Dienstlterer das Recht habe, Sie wegen einer
Angelegenheit zur Rede zu stellen, wenn ich es fr ntig halte.

Pommer besann sich einen Augenblick. Er, der vor seiner
Offizierslaufbahn drei Jahre die Universitt besucht und dann in groen
Bankhusern ttig gewesen war, der das Leben von der ernstesten Seite
kennen gelernt und die doppelte Erfahrung besa, wie die meisten seiner
Altersgenossen, er sollte sich von einem Menschen zur Rede stellen
lassen, der nichts als trinken, schimpfen und Geld ausgeben konnte, der
im Dienst eine Null war? Und zu dieser Handlungsweise war jener
berechtigt, sie war dienstlich sanktioniert?

Richtig, ja, es war so, jetzt fiel es ihm ein, da er schon frher
einmal ber diese widersinnige Bestimmung nachgedacht und berlegt
hatte, wie sehr jenes Recht gemibraucht werden knnte, wenn es einem
nur daran lag, einem jngeren Kameraden ordentlich eins auszuwischen,
ohne da dieser sich wehren konnte. Alle durften sich also einem
Jngerem gegenber jederzeit als Vorgesetzte aufspielen, wenn es ihnen
eine Laune eingab! Wirklich groartig!! --

Ein spttisches, grimmiges Lcheln ging ber Pommers blasses Gesicht,
dann antwortete er mit fester Stimme:

Bitte, was steht zu Diensten?

Der Zufall fhrte mich gestern Abend in den Garten, wo ich etwas sah,
das ich mir noch nicht erklren kann. Sie haben......

Jawohl, ich habe eine Dame, die Gattin des Rittmeisters Kahle gekt,
ihr von Liebe gesprochen u. s. w., das wei ich.

Darf ich Sie um eine Erklrung bitten, wie Sie dazu kommen?

Ich war betrunken, sonst wre es nicht vorgekommen!

Nun, Ihre Erklrung klingt ja ganz kurz und einfach, warum betrinken
Sie sich, wenn Sie es nicht vertragen knnen und so wenig Herr Ihrer
Handlungen bleiben?

Da ich betrunken war, ist nicht nur meine Schuld, in erster Linie
muten andere.....

Borgert schnitt ihm das Wort ab, um nichts zu hren, was ihn als Vorwurf
treffen konnte. Mit ironischer Miene fiel er ein:

Sie scheinen sich ber die Schwere Ihrer Handlungsweise nicht ganz im
Klaren zu sein, deshalb mchte ich Sie nochmals darauf hinweisen!

Ihrer Belehrung darber bedarf ich nicht, ich wei selbst, was
ich......

Pardon, ich rede wohl, mein Verehrter, ich gestatte Ihnen nicht, mich
zu korrigieren, denn ich bin gekommen, _=Sie=_ zu korrigieren!

Pommer wollte auffahren, aber die kalten Augen und der entschiedene,
schneidende Tonfall der Worte des Oberleutnants geboten ihm Schweigen.

Was Sie da getan haben, ist das schwerste Vergehen gegen die
Kameradschaft, welches ich mir denken kann. Die Frau eines Kameraden
anfassen, heit einen Treubruch, fast ein Verbrechen begehen, welches
mit Recht eine schwere Shne fordert. Bedenken Sie nur, was Sie tun
wrden, wenn Sie Ihre Gattin in den Armen eines anderen fnden, ich
glaube, Sie wrden ihn sofort umbringen oder wenigstens nachher zum
Zweikampf auf Leben und Tod herausfordern. Sie aber haben sich an einer
verheirateten Frau vergriffen, an einem Etwas, das uns ein
Nolimetangere, ein Heiligtum sein soll! Schon ein Hndedruck, ein Blick
kann zum Ehebruch werden, allein der geheime Wunsch, die Frau eines
anderen zu besitzen, zu kssen! Knnen Sie dem Manne jetzt noch ehrlich
ins Gesicht sehen, nachdem Sie ihn so hintergangen und betrogen haben?
Ich knnte es nicht! Ich wrde vor ihn treten, meine Snde freiwillig
eingestehen und ihm Genugtuung geben. Nie htte ich von Ihnen geglaubt,
da Sie einer solchen Handlungsweise fhig wren, schmen Sie sich bis
in den Grund Ihrer Seele! -- Ich will Sie nun nicht ins Unglck strzen
und den Fall nicht weiter verbreiten, denn sonst drften Sie verloren
sein. Abgesehen von Ihrer Stellung wrde Ihr Leben auf dem Spiele
stehen. Ich erwarte aber von Ihnen, da Sie noch heute der Dame einen
Besuch machen, um Verzeihung bitten und sich vergegenwrtigen, was ich
fr Sie getan habe!

Borgert reckte sich siegesgewi in die Hhe und mit berlegenem Blick
schaute er auf den armen Pommer herab, dessen erst widerwillige Miene
allmhlich den Ausdruck stiller Ergebenheit, eines groen
Schuldbewutseins angenommen hatte. Immer mehr war der groe starke Mann
auf seinem Stuhl zusammengesunken, und sein leerer Blick starrte wie
leblos zu Boden.

Zwei dicke Trnen blinkten ihm im Auge, der Mann weinte. Tat er es, weil
seine Schuld ihm so schwer auf dem Gewissen lag, oder weil er vielleicht
gar noch vor die Pistole des betrogenen Gatten treten mute? Nein,
gefehlt hatte er nun einmal, und er war Manns genug, die Folgen zu
tragen. Feige war er nicht.

Aber er schmte sich! Und das Gefhl der Scham ist es, welches den Mann
am meisten vor sich selbst erniedrigt.

Zugleich stieg ein warmes Gefhl der Dankbarkeit in ihm auf gegen den,
welcher Zeuge seines Verbrechens gewesen, ihn aber jetzt, statt ihn der
Kugel des Betrogenen zu berantworten, gromtig auf seinen Fehler
hinwies. Und es war recht gewesen, was er gesagt hatte!

Da erhob sich der Offizier und reichte Borgert stumm die Hand, ihm fest
ins Auge blickend. Borgert's Auge aber wich scheu nach der Seite und der
Oberleutnant sagte gtig:

Nun, trsten Sie sich nur! Machen Sie die Sache wieder gut und nehmen
Sie sich knftig in Acht!

Ich danke Ihnen, brachte Pommer mit trnenerstickter Stimme hervor.
Ich habe Ihr Wort, da die Sache unter uns bleibt? Es ist nicht
meinetwegen, aber der Dame soll man nichts nachsagen knnen:

Sie haben mein Wort, ich schweige!

Und als er jetzt dem Oberleutnant mit dankerfllten Blicken nachschaute,
whrend er ihn verlie, glaubte er, ber die Schwelle schritte ein
Freund, dem er sein Leben danken msse! --

Der gromtige Held war recht befriedigt von seiner Mission. Das war so
ganz ein Fall nach seinem Geschmack! Zu riskieren gab es nichts dabei,
im Gegenteil, er spielte die Rolle eines guten, rettenden Engels, der
den Fehlern des Nchsten Verzeihung bot und ihn liebevoll auf den
verlassenen Pfad der Tugend zurckgeleitete. Auerdem war es ja ein ganz
amsantes Schauspiel, einen Kameraden, der sonst als ganzer Mann dastand
und den nichts rhren konnte, jetzt zu seinen Fen zu sehen. Auch
schien ihm ein glcklicher Gewinn, da er Pommers Einflu auf das
gesamte jngere Offizierkorps nun in seine Hand bekommen und sich
dienstbar machen konnte. Schlielich fehlte auch das Pikante an der
Sache nicht, denn er wrde natrlich auch Frau Kahle demtigen und sie
fragen, in welcher Weise die Sache ihre Erledigung gefunden habe. Wie
freute er sich darauf, wenn die kleine Frau weinend vor ihm niedersank
und ihn um Schweigen bat!

Ein Liedchen trllernd, betrat Borgert sein Haus, gab dem Burschen
Sbel, Mantel und Helm und stieg die Treppe zu Leimanns hinaus.

Er traf sie nicht allein. Der Regimentsadjutant war anwesend, er hatte
heute schon um 1/2-12 das Geschftszimmer verlassen, weil der Oberst
sich auf Jagd befand. Frau Leimann trat auch herein, und, da die beiden
Herren gerade plaudernd zum Fenster hinaus auf die Strae sahen, wo Frau
Knig mit Leutnant Bleibtreu vorbei ritt, kte er der Angebeteten
strmisch beide Hnde.

Die Herrschaften aber wollten sich vor Lachen ausschtten, als Borgert
in der ihm eigenen witzigen Weise mit furchtbar drolligen Gesten und
trefflichem Mienenspiel seine neuesten Erlebnisse zum Besten gab.

Inzwischen sa Pommer am Schreibtisch und machte in einem langen Briefe
an seine Mutter dem gepreten Herzen Luft. Dabei sang er dem neuen
Freunde wahre Loblieder und rhmte seine vornehme Gesinnung in
berschwnglicher Weise.

Er war jetzt ruhiger geworden, die Vorgnge des verhngnisvollen Abends
erschienen ihm zwar immer noch in demselben Lichte, aber mehr vom
Standpunkte eines Menschen betrachtet, der, im Innersten berzeugt, eine
verwerfliche Tat begangen zu haben, sich sagen kann, da nur durch
einen unglcklichen Zufall, nicht aber aus verderbter Gesinnung oder
Schlechtigkeit jener Fehltritt geschah.

Um die Mittagsstunde kleidete er sich fertig an, um Frau Kahle
aufzusuchen, denn um diese Zeit pflegte der Gatte nicht zu Hause zu
sein. Vielleicht wre es ihm gleich gewesen, was ein Fremder mit seiner
Frau zu verhandeln hatte, aber man konnte nicht wissen, es war besser
so.

Klopfenden Herzens, mit dem Gefhl einer tiefen Reue und Beschmung,
schritt er die teppichbelegten Stufen zu Frau Kahle's Rumen empor, und
er hatte auch nicht lange zu warten, bis man ihn einlie.

Mit einem leichten Aufschrei eilte die Dame auf ihn zu, umschlang seinen
Hals und kte dem Widerstrebenden strmisch den Mund.

Wie danke ich dir, da du kommst! Wie habe ich mich nach dir gesehnt!
Jetzt bin ich wieder glcklich, da du bei mir bist. Mein Mann ist bis
zum Abend fort, bleibe bei mir, Hans, ich kann nicht ohne dich sein!

Bei diesen Worten hatte sie ihn neben sich auf den Divan gezogen und
schlo ihm den Mund mit strmischen Kssen.

Die ganze Nacht habe ich ruhelos verbracht, fuhr sie s flsternd
fort, ich konnte mein Glck nicht fassen, ich glaubte, es sei ein
Traum, da ich in dir ein Wesen gefunden habe, das ich lieben darf, das
mich liebt. O, wie danke ich dir, du einzig Geliebter!

Leutnant Pommer sa da wie versteinert. Er brachte kein Wort hervor und
duldete schweigend die Liebkosungen der Frau. --

Wo waren seine Vorstze geblieben, wozu war er hierher gekommen? Um sein
Unrecht wieder gut zu machen, um seiner Reue Worte zu verleihen, um zu
beichten, da alles nur die Eingebung eines unseligen Augenblicks, die
Tat eines vom Rausch verwirrten und entfesselten Gefhls gewesen sei!

Aber er konnte sich jetzt nicht anklagen, konnte nicht mit einem banalen
Wort den Traum zerstren, welcher die liebende Frau umfing. Und was er
vorher fr eine Ehrenpflicht gehalten, erschien ihm jetzt unmglich
angesichts der lodernden Glut, die er im Herzen des Weibes entfacht.
Lieber sterben, als jetzt eingestehen mssen, es ist alles nur Lge,
Schein, Laune gewesen. Dieser glhenden Liebe durfte er nicht mit einem
Faustschlag antworten!

Und als der Kopf der ganz den Gefhlen ihres Glckes hingegebenen Frau
an seinem Busen ruhte, in welchem das Herz zum Zerspringen klopfte, ging
eine Wandlung in ihm vor: aus dem sonst so willensstarken Manne ward ein
willenloses Opfer einer gewaltigen Macht: der Liebe. --

Sein Blick streifte an der Gestalt des Weibes herunter, die ihn in ihren
Armen hielt. Das leichte Morgenkleid lie die Formen eines jugendlichen
Krpers erkennen, die weien Arme, von denen die Spitzen des rmels
herabgeglitten waren, und der Duft, welcher von ihnen ausstrmte, alles
verwirrte und betubte ihm den Sinn und lie den letzten Rest
Entschlossenheit in dem sonst so zielbewuten Manne ersterben. Und er
umschlang das zitternde Weib mit wilder, sinnlicher Glut. -- -- --

Der Tag neigte sich schon seinem Ende zu, als Pommer die Tr des Hauses
hinter sich schlo, in dem Frau Kahle wohnte.

Mit scheuem Blick, wie verstrt, schritt er ber die Strae und achtete
nicht der Soldaten, die des Weges kommend, ihm die schuldige
Ehrenbezeugung erwiesen, er wre auch an Oberleutnant Borgert
vorbeigegangen, htte ihn dieser nicht mit einem ber die Strae
gerufenen Gru aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Zgernd blieb er
stehen und schaute wie geistesabwesend nach dem Kameraden, der jetzt
ber den Straendamm auf ihn zukam.

Guten Tag, lieber Pommer! Nun, was macht Ihr Kater?

Danke, danke, es ist gut, ich fhle mich ganz wohl, sehr wohl, und was
ich noch sagen wollte,.... ich bin dort gewesen!

Bei ihr? Na sehen Sie, das war vernnftig! Alles in Ordnung?

Natrlich, alles glatt, jawohl, alles in bester Ordnung.

Na, dann leben Sie wohl, ich mu weiter. Adieu!

Adieu! Und nochmals vielen Dank!

Aber ich bitte Sie! Es war gern geschehen, Sie haben wohl gesehen, da
ich es gut mit Ihnen meine!

Ja, wir wollen gute Freunde werden!

Als Pommer in seiner Wohnung anlangte, glaubte er verzweifeln zu mssen.
Was hatte er getan?! --

Statt das Vergehen vom gestrigen Tage durch ein offenes Bekenntnis
seiner Schuld zu shnen, war er noch tiefer in die Snde hineingeraten,
er hatte aus einem Fehltritt ein neues, weit greres Verbrechen
entstehen lassen, statt mit aller Entschlossenheit gegen seine Schwche
anzukmpfen. Und noch mehr! Er hatte einen Freund betrogen, sein
Vertrauen, seine ehrenhafte, liebevolle Handlungsweise in gemeinster
Weise mit Fen getreten!

Aber es war zu spt! Jetzt gab es kein Befreien mehr aus den Ketten der
Snde, der Lge, jetzt hie es den einmal betretenen Pfad weiter
schreiten, wie auch das Ende sein mochte. Und er suchte sich vor seinem
Gewissen zu entschuldigen, da die Macht des Zufalls, an der sein Wille
sich gebrochen, ihn in seine jetzige Lage hineingezwungen habe.

       *       *       *       *       *

Wochen und Monate vergingen.

Das Paar traf oft zusammen, machte Spaziergnge im nahen Wldchen,
begegnete sich zufllig auf der Strae oder geno, wenn der Gatte
abwesend war, ein Schferstndchen in Frau Gretes traulichem Boudoir.

Pommers Zuneigung zu dem pflichtvergessenen Weibe hatte ihn in der
ersten Zeit ganz in ihren Bann gezogen. Doch war jener Reiz mehr
sinnlicher Art gewesen, einer wahren inneren Liebe fand er sich nicht
fhig zu einer Frau, deren seichte Moral, deren oberflchliche
Anschauungen ber die Pflichten einer Gattin und Mutter, deren
rckhaltlose Hingabe an den ersten, welcher ihr seine Liebe gestand,
ihren inneren Wert bald hatten erkennen lassen. Und so gab es Stunden,
wo dem Manne der Verkehr mit der heibltigen, hysterischen Frau
allmhlich berdrssig schien, denn es fehlte der innere Kern, der
moralische Halt dieses Verhltnisses, und wie bald ist der Mensch von
Genssen bersttigt die sich in regelmiger Folge wiederholen und
nicht im Herzen wurzeln, wie sie allein uns auf die Dauer mit Freude
erfllen! So ward aus der Zuneigung mit der Zeit eine schroffe
Abneigung, eine Art Ekel und Widerwillen gegen jene Frau, welche in
seinen Augen mit jedem Tage an Wert verlor und den Mangel an weiblicher
Tugend mehr und mehr erkennen lie, sie war ihm nur noch das Weib, wie
es als solches die Schpfung dem Mann bot.

Und je mehr diese Empfindung in ihm wuchs, um so geringer galt ihm das
Vergehen, welches ihm frher als ein ehrloses Verbrechen erschien und
sein Gemt bedrckte. Aber offen eingestehen, da sie ihm nicht genge,
da er an ihren Reizen keinen Genu mehr finde, das konnte er nicht, es
schien ihm unmnnlich und undankbar, denn hatte er nicht auch schne
Stunden durch sie genossen? --

Schreiben mochte er nicht, das war zu gefhrlich, denn kam dem
ahnungslosen Gatten der Brief in die Hnde, konnte die Sache noch ein
bles Nachspiel haben, und das war sie nicht wert.

Htte Pommer in Frau Gretes Innerem lesen knnen, wre er ein
Frauenkenner gewesen, so htte er bald eingesehen, da eine Lsung des
Verhltnisses nur eines einzigen Wortes bedurfte, denn auch sie fand
keinen Reiz mehr im Verkehr mit einem Manne, der ihr zu pedantisch, zu
linkisch und unbeholfen vorkam, der sich auf jedes Schmeichelwort
besinnen mute und immer erst einen Rippensto brauchte, den gebotenen
Genu zu kosten. Sie liebte das Feurige, das strmische Sichhingeben,
ohne das ewige Grbeln ber Recht und Unrecht! Wem sie ihre Liebe gab,
der mute mit vollen Zgen den Freudenbecher trinken und ihn von neuem
begehren, war er in wilder Leidenschaft geleert!

Als dann Pommer eines Tages die Mitteilung erhielt, da er unter
Befrderung zum Oberleutnant versetzt sei, kostete es ihm keine groe
berwindung, von Frau Kahle Abschied nehmen zu mssen.

Ich gehe fort, wir sehen uns nicht wieder!, hatte er mit khler Ruhe
gesagt.

Und sie stie einen Schrei aus und sank wie niedergeschmettert auf den
Divan.

Da hatte er leise die Tr geffnet und war verschwunden. Sie aber
schaute ihm durchs Fenster nach, und als er um die Ecke gebogen, schlug
sie den Flgel auf und spielte einen lustigen Walzer von Strau.

Da fiel ihr ein, man knnte sie herzlos nennen, wenn sie die Trennung so
leicht berstnde; und so schrieb sie einen acht Seiten langen Brief an
Oberleutnant Borgert, indem sie den Schmerzen und Seelenqualen einer
betrogenen, unglcklichen Frau beredten Ausdruck verlieh. --

So sehr waren ihre Worte von dem Empfinden eines wahren, tiefen
Schmerzens durchweht und so rhrend, tief ergreifend die Ausbrche des
Jammers um den verlorenen Geliebten, da niemand sich denken konnte, das
alles sei nur ein Schauspiel, die virtuos durchgefhrte Rolle einer
Ophelia oder Desdemona. --

Selbst die Herrn des Offizierkorps konnten eine stille Teilnahme nicht
unterdrcken, als Borgert am Abend den Brief im Kasino verlas, nur einer
rief mit verschmitzter, verstndnisinniger Miene:

     Fauler Zauber!

Wute er das aus Erfahrung? --




[Illustration]


Drittes Kapitel.


Am Sptnachmittag eines Herbsttages sa in seiner angenehm durchwrmten
Stube der Vizewachtmeister Roth und mit ihm Sergeant Schmitz am
Kaffeetisch.

Die Einrichtung des im ersten Stock der Kaserne gelegenen Raumes machte
den Eindruck der Wohlhabenheit, und man htte beim ersten Anblick
glauben knnen, ein Mitglied der oberen Zehntausend habe hier sein
Lager aufgeschlagen, wenn sich nicht das Meiste bei nherer Betrachtung
als berladener, wertloser Putz entpuppt und darauf hingewiesen htte,
da nur die Sucht, dem Raum einen gediegenen Geschmack zu geben, welcher
gerade in der Einfachheit zu wirken sucht, diese tote Pracht geschaffen.
Die grn und blau geblmte Tapete war durch groe Bilder in schweren
Eichen- und Goldrahmen stellenweise ganz verdeckt. ber dem Sopha aus
rotem Plsch hing eine Reproduktion von Lenbach's Frst Bismark,
rechts und links davon die Bildnisse zweier Pferde, in l gemalt. An
der Wand gegenber stand ein Klavier von schwarzem Holz mit silbernen
Armleuchtern, obgleich weder der Vizewachtmeister Roth noch seine
Gattin, eine frhere Ladenmamsell, in die Kunst des Klavierspielens
eingeweiht waren. Doch mit diesem Klavier, auf welchem nur
allsonntglich ein junger Unteroffizier der Schwadron mit monotoner
Akkordbegleitung die Donauwellen hervorzauberte, hatte es seine
besondere Bewandtnis, und nie ruhte der Blick des Besitzers ohne einen
gewissen Groll auf der schuldlosen Drahtkommode.

Im ersten Jahre ihrer Ehe nmlich hatte es die Frau Wachtmeisterin oft
schmerzlich empfunden, nicht ein Klavier oder gar einen Flgel, das
Kennzeichen einer gebildeten Einrichtung, ihr eigen nennen zu knnen,
denn die Kollegin der zweiten Schwadron besa ein Instrument. Sie
bedauerte aber das Fehlen eines solchen umso mehr, als sie hufig
behauptete, in ihrer Jugend Klavierunterricht genossen zu haben.

Roth sprach daher des fteren mit Nachdruck gegenber den vier
Einjhrigen der Schwadron von den Talenten seiner Lebensgefhrtin auf
musikalischem Gebiete, die nun elend verkmmern mten, da er zur
Anschaffung eines Pianinos nicht die ntigen Mittel bese. Es hatte
ihn daher kaum gewundert, als er eines Tages jenen schwarzen
Wimmerkasten, wie er ihn nannte, in seinem Salon vorfand mit einer
schriftlichen Widmung der gtigen Spender.

Als aber fr die Einjhrigen der Tag der Entlassung kam, kam fr den
entsetzten Wachtmeister ein groer Wagen, dessen Rosselenker die Weisung
hatte, das fr sechs Monate gemietete Klavier wieder abzuholen. Um nicht
zum Gesptt der Kameraden zu werden und auf flehentliches Bitten seiner
Gattin kaufte Roth das Klavier auf Ratenzahlung von zehn Mark monatlich,
und nun stand das unselige Instrument unbenutzt an der Wand, whrend die
Rechnung dafr noch lange nicht abbezahlt war und es jeden Ersten einen
kstlichen Goldfuchs verschlang. Daher die Wut des Wachtmeisters auf
dieses Prunkstck seines Salons!

ber dem Klavier prangte ein gewaltig groer Stahlstich von Vernet's
bekanntem Leichenschmaus in schwerem Brokatrahmen, an dessen Ecken je
ein kleiner japanischer Fcher befestigt war.

Neben dem Klavier stand ein Vertikow aus Nubaum und darauf sechs grne
Weinglser, diesmal ein bar bezahltes Geschenk frherer Einjhriger.
Auch ein groer eichener Schreib-Tisch fehlte nicht, dessen Ecke von
einem Vogelbauer mit gelbgefiedertem Bewohner zweckmig besetzt war,
whrend ein Lineal, ein gewaltiges Schreibzeug aus Hirschhornstangen
und ein Federhalter die berufliche Ausrstung dieses Hausmbels
darstellten. ber dem Schreibtisch hing, von Rehgehrnen umgeben, ein
groes Kaiserbild, darunter zwei gekreuzte Sbel und eine Kukuksuhr. Ein
groer Blumentisch stand am Fenster, bei nherer Betrachtung aber ergab
sich, da die Blten nicht in einem Gewchshause, sondern unter der
Schere einer geschickten Blumenmacherin erblht waren.

Den Boden bedeckten zwei weie Felle und drei Teppiche, sowie ein echter
Kelim unter dem Sophatisch, ber dessen Kanten eine blaue Plschdecke
mit groen Quasten fast bis zum Boden herabhing.

Durch die beiden nach Osten gelegenen, mit schweren Portieren behangenen
Fenster sah man heute dunkelgraue Wolkenmassen am Himmel dahintreiben,
ein eintniges, farbloses Meer, aus dem ab und zu kalte Regen- oder
Hagelschauer sich lsten und, vom heulenden Winde getrieben, wie
gewaltige Wogen ber die Stadt und die den Felder wlzten.

Wenn der Regen so gegen die Scheiben prasselte, und der Wind im
Ofenrohre pfiff, dann fhlte man sich um so wohliger in der warmen Stube
und bedauerte die Kameraden, welche jetzt drauen im Freien Dienst tun
muten.

Es war die Zeit, zu welcher das Regiment alljhrlich seine Reservisten
einzog und sie in den hinter der Kaserne gelegenen Baracken
unterbrachte. Dann war es oft nicht angenehm, bei einem Hundewetter wie
heute auf dem Exerzierplatz herumstehen zu mssen, und man beneidete die
Rekrutenunteroffiziere, welche im Stall oder auf den Stuben Instruktion
abhalten durften.

Einen Vorteil aber brachte die Reserve doch. Man bekam eine Zulage, und
besonders Roth, der als Wachtmeister zur ersten Reserve-Eskadron
kommandiert war, stand sich ganz gut dabei. Ferner sah man mitunter
einen alten Bekannten lterer Jahrgnge wieder, auch frhere Einjhrige
befanden sich unter den Reservisten und hatten meist einen offenen
Beutel, wenn sie sich dadurch den Dienst etwas erleichtern konnten.

Schmitz war Futtermeister der vierten Schwadron und ebenfalls zur
Reserve kommandiert. Er versah sein Amt vortrefflich, wer sich davon
berzeugen wollte, brauchte nur einen Blick auf die Pferde zu werfen,
wie sie glnzten im Haar, wie schn rund und sauber sie im Stroh
standen. Der Stall selbst war stets ein Muster von Sauberkeit, kein
Strohhalm hing aus den Stnden heraus auf den blank gefegten Damm, die
Wnde waren schn wei gekalkt und die Fenster klar und hell.

Wenn Schmitz den Stall zwischen den Pferdereihen hinabging, dann war es
geradezu drollig anzusehen, wie alle Tiere seinen Tritt, seine Stimme
kannten, wie sie die Kpfe nach ihm wandten und leise wieherten, wenn er
den einen oder anderen seiner Lieblinge anrief. Da war das Klrchen,
ein reizendes Fchschen, das ihm nachlief wie ein Hund und immer mit den
Nstern an seinen Taschen nach einem Stck Zucker schnffelte, dann sich
auf die Hinterbeine stellte oder bittend einen Vorderfu erhob, und die
Ahnfrau, ein altes kleines Pferdchen mit tiefschwarzem Glanzhaar, das
wegen seines Alters aller Liebling war und oft mit Leckereien bedacht
wurde.

Der besondere Stolz des Futtermeisters aber waren die zwlf Chinesen.
Sie hatten den ostasiatischen Feldzug mitgemacht und waren dann in das
Regiment eingestellt worden, schne Pferde mit herrlichem Haar und
krftigen Knochen, wenn auch nicht alle so gro wie Peiho, Wu und
Kwangs. --

Die beiden Freunde saen noch plaudernd am Kaffeetisch, als Frau Roth
eintrat, eine mittelgroe Brnette mit kleinen Augen und einer gebogenen
Nase. Ihr Gesicht htte dem eines Vogels gleichen knnen, doch verlieh
das wellige, kastanienbraune Haar dem an sich nicht schnen Kopf einen
gewissen Reiz. Sie hielt ein Servierbrett, mit einer gestickten
Serviette berdeckt, in den Hnden, darauf stand eine Flasche Moselwein,
drei Glser und eine schmale Zigarrenkiste.

Donnerwetter Roth, bei dir geht's heut aber mchtig ppig zu! So eine
Feier lasse ich mir gefallen, rief Schmitz erstaunt.

Man hat nur einmal im Jahr Geburtstag, da kann man schon etwas springen
lassen. Schenk' ein, Alte!

Die Frau go die Glser bis zum Rande voll, da sie fast berliefen. Ein
freudiges Prost ertnte, und alle gossen auf einen Zug das edle Na
hinunter. Dann hoben sie noch einmal die Glser zu einander und sahen
sich an. Das hatten sie den Herren Offizieren abgelauscht.

Die beiden Mnner zndeten sich eine Cigarre an, welche zur Feier des
Tages eine Leibbinde trug, und fllten die Glser von Neuem. Eine Stunde
war ja noch Zeit bis zum Abendstalldienst, und vorher gab es nichts zu
tun, denn Oberleutnant Specht, der die Reserve-Eskadron fhrte, kam des
Nachmittags nie zum Dienst, man hatte also Ruhe.

Fhrst du Weihnachten auf Urlaub? fragte Roth seinen Freund.

Wei noch nicht! gab Schmitz achselzuckend zur Antwort. Ich mchte
ganz gern, ich bin jetzt zwei Jahre nicht aus dem Drecknest
fortgekommen. Aber es lohnt sich auch gar nicht, fr die paar Tage eine
solche Reise zu machen, denn bis ich hier vom Ende der Welt nach Hause
komme, brauche ich achtundvierzig Stunden, Rckreise ebensoviel, das
macht vier Tage und mehr wie sechs gibt es nicht. Die Sache ist auch
verflucht teuer!

Was kostet's denn?

Ziemlich dreiig Mark, und so viel hab' ich nicht brig!

Roth lachte hhnisch auf.

Um die paar Krten geht's? Lumperei!

Ja, du hast gut lachen, fr dich spielen sie keine Rolle, aber fr den,
der sie nicht hat, z. B. mich!

Kann ich dir pumpen, Kleinigkeit!

Sag' mal, alter Freund, du hast wohl in der Lotterie gewonnen? Es geht
immer so hoch bei dir her in letzter Zeit, alle Augenblicke fhrst du
'nunter in die Stadt, rauchst 10 Pfennig-Cigarren und willst auch noch
verpumpen! Du mut mindestens geerbt haben!

Hab' ich auch, aber es ist keiner gestorben vorher! lachte Roth
bermtig. Die Hauptsache ist, da man ein bischen schlau ist und alles
mitnimmt, was einem so ber den Weg luft!

Du hast wohl einen Juden totgeschlagen?

Nee, doch nicht ganz!

Na wie meinst du's denn, ich verstehe dich nicht!

Roth blinzelte nach seiner Frau hinber und dann zu Schmitz, der mit
neugierigen Augen dasa. Seine Frau sollte also wohl nichts hren. Als
sie aber gleich darauf aufstand, um eine neue Flasche Wein zu holen,
begann Roth leise:

Ich kann's dir ja sagen, aber....... -- dabei legte er bedeutsam den
rechten Zeigefinger auf den Mund --, Maul halten!

Selbstredend, ich bin der Letzte, der dich verklatscht!

Also, ich habe doch jetzt schon die zweite Reserve. Voriges Mal waren
eine ganze Portion alte Einjhrige dabei, reiche Bauernjungens. Du
erinnerst dich doch an den dicken Kramer, das vollgefressene Schwein,
dann den Robach, der zwlf Pferde zu Hause im Stall hat, und den
Scheller, den Unterrocksjger, und diese Gesellschaft? Die Kerls wissen
nicht, wohin mit allem Geld, und da werde ich doch den Deubel tun, denen
auch noch Lhnung, Bekleidungsgeld u. s. w. geben, auf die paar lumpigen
Groschen kommt's denen doch nicht an. Der Scheller hat mir auch so
nebenbei einen kleinen Verdienst zukommen lassen. Wie ich am letzten
Abend vor der Entlassung nachsehe, ob alles in der Klappe liegt, da hat
der Kerl eine Sau mitgenommen, und wie ich eben loslegen will, da sagt
er mir ins Ohr: Nischt sagen, Herr Wachtmeister! Na, ich hab's Maul
gehalten, und am nchsten Mittag stak ein blauer Lappen im Mantel.

Donnerwetter, Kerl, hast du Dusel! Wenn die Brder nun aber spter
etwas verraten, wenn sie nicht befrdert werden?

Sagt keines was, sie sind froh, wenn sie mit dem Kommi nichts mehr zu
schaffen haben.

Na, ich htte Angst, es gbe mal Spektakel!

Denkt nicht dran. Jetzt sind wieder da so ein paar fette Jungens, der
reiche Metzgerjunge da aus Braunschweig und diese Brder, klotzig reiche
Kerls, sage ich dir. Soll ich denen die paar Mark auszahlen, damit sie's
nachher versaufen? Nee, das besorge ich lieber selber. Na prost!.

Die Glser erklangen hell und im Augenblick waren sie wieder leer.

Schmeckt dir das Zeug? Kostet drei Mark die Pulle!

Verflucht teuer, wo hast du das her?

Stammt noch vom vorigen Jahr, weit du. Du kennst doch noch den
Einjhrigen Rmer? Wie der nicht Unteroffizier werden sollte, habe ich
mich ein bischen ins Zeug gelegt beim Chef, und da kriegte er die
Tressen. Dafr hat er so eine Kiste Wein geschickt. Anstndig, was?

Das glaub ich wohl!

Siehst du, alter Freund, man mu immer praktisch sein. Bis voriges Jahr
hatte ich doch die Menage, nicht? Der Metzger kam nun alle Augenblicke
und sagte, es wren etwas zu viel Knochen, es htte sonst nicht genug
Gewicht. Ein paar mal war auch das Fleisch saumig schlecht, zu leicht
oder zu sehnig. Als ich nun mal Dampf machte und mit Meldung drohte,
sagte er: Nischt verraten, Sergeant, ich tu's nicht vergessen! Seit der
Zeit lasse ich auch mein Fleisch da holen und er wiegt anstndig, da
mu ich schon sagen. Vorgestern war es aber nichts wert, mein Fleisch,
und da habe ich ihm, als er vorm Laden stand, gesagt: Jungeken, Du
weet doch noch? Und gestern kam der tadellose Schweinebraten gratis
und franko, den meine Alte heute gemacht hat. Ja, das summt sich, alter
Freund, hier ein Rebbes und dort ein Profitchen.

Schmunzelnd klopfte der Vizewachtmeister auf seine Hosentasche, in der
ein gefllter Geldbeutel klapperte, dann strzte er ein Glas Wein
hinunter.

Trink doch, Kerl, Schmitz, du bist wohl schon voll?

Von wegen Vollsein, so schnell geht's nun doch nicht! Prost!

In diesem Ton ging die Unterhaltung fort, und als die dritte Flasche
leer war, hrte man beiden an, da sie nicht mehr viel vertragen
konnten. Die Augen stierten glsern und die Kpfe waren hochrot von dem
ungewohnten Weingenu. Dabei tnte ihre Rede laut und polternd,
besonders Roth brachte kaum noch einen richtigen Satz zusammen.

Pltzlich sah er nach der Uhr. Schon sechs! Also Zeit zum
Abendstalldienst!

Komm, Schmitz, wir mssen in den Stall, das Viehzeug hat Hunger!

Sie erhoben sich wankend, Roth schnallte den Sbel um und beide
polterten die Steintreppe der Kaserne hinab. Roth lie dabei seinen
Sbel schleppen, und es gab einen Mordsspektakel, wie die schwere Plempe
von Stufe zu Stufe klappernd niederfiel.

Mancher steckte neugierig den Kopf zur Tr hinaus und als er die beiden
angeheiterten Vorgesetzten gewahrte, dachte er: die haben genug! Wenn
einer von uns so besoffen in der Kaserne herumtorkelte, ginge es ihm
gleich an den Kragen.

Am Ausgange des Gebudes trat der Gefreite Dietrich der vierten
Schwadron an Roth heran:

Ich mchte Herrn Wachtmeister bitten, fr Stube X ein paar Kohlen
herauszugeben, mein Beritt war zum Fouragieren und wir sind alle ganz
na geworden. Es ist kalt oben und die Sachen werden sonst bis morgen
nicht trocken!

Was! Kohlen? Geht zum Quartiermeister, ich habe fr Euch Lmmels keine
Kohlen! lallte Roth.

Der Quartiermeister ist in die Stadt und da haben Herr Wachtmeister
doch den Schlssel zum Keller!

Scher' dich weg, Ihr braucht nicht gleich Kohlen, wenn es ein paar
Tropfen regnet. Legt Euch ins Bett, wenn Ihr friert, Schweinepack,
gemeines!

Der Gefreite stand zgernd einen Augenblick still, dann ging er mit
wtendem Gesicht in die Kaserne.

Im Stall war es schon leer geworden, die Leute befanden sich bereits
wieder in ihren Stuben, nachdem sie die Streu aufgeschttelt und die
Pferde getrnkt hatten. Nur die Stallwache war noch anwesend.

Der eine von ihnen, ein Gefreiter, hatte sich im Civil einen so dicken
Bauch gezchtet, da der Quartiermeister beim besten Willen keinen auch
nur leidlich passenden Rock fr den vollgefressenen Reservehund finden
konnte, der rmste mute also seine bung im Drillichanzug als
Stallwache ableisten. Der zweite war lungenkrank. Man merkte es erst
eine Woche nach dem Eintritt und nun hatte es keinen Zweck mehr, den
Mann noch zu entlassen, im Stall hatte er ja nichts auszustehen. Der
dritte war ein halber Idiot aus der Polackei, grinste wie ein
Irrsinniger stets vor sich hin und war im Dienst nicht zu gebrauchen, da
er alle Vorgesetzten mit du anredete und stets zum Honneur die Mtze
abnahm.

Der Futtermeister erschrack, als er merkte, da die Futterzeit schon
berschritten war, denn fr seine Pflegebefohlenen sorgte er gut, das
mute ihm der Neid lassen. So rief er denn schnell die Stallwache heran
und trieb sie mit einem: Galopp, faules Zeug! zur Eile an. Der kleine
Futterwagen wurde mit Hafer und Hecksel gefllt und auf die Stallgasse
gefahren. Das Quietschen der Holzrder war den Pferden die liebste Musik
am Tage. Als sie es vernahmen, kam Leben in die erst trge, mit
hngenden Kpfen dastehenden Tiere, denn sie hatten schon gedacht, man
habe ihre Abendmahlzeit vergessen. Jetzt sprangen sie wild in den
Stnden herum, neckten und bissen einander, schlugen bermtig aus, und
das Rasseln der Ketten mischte sich mit dem Wiehern und Quiecken der
Pferde zu einem lauten Gerusch. Der Napoleon hatte solchen Hunger,
da er angesichts der Futterschwinge dem dicken Gefreiten aus
bermtiger Freude vor den Bauch schlug, soda dieser den Hafer fallen
lie und mit schmerzverzerrtem Gesicht beide Hnde auf die getroffene
Stelle prete.

Der Vizewachtmeister sah das und rief ihm zu:

Vorwrts, heb' den Dreck wieder auf, deinem dicken Wanst schadet so ein
Puff nichts!

Der Gefreite aber machte keine Miene, dem Befehl nachzukommen, sondern
hielt noch immer seinen Bauch fest, whrend ihm Trnen in die Augen
traten. Da wankte Roth auf ihn zu, knuffte ihn mit der Faust in den
Rcken und drckte ihn, seinen Hals von hinten umfassend, so tief
nieder, da dem armen Kerl das Blut zu Kopfe stieg, whrend er den
verschtteten Hafer zwischen der Streu heraussuchte. Als er damit fertig
war, gab ihm Roth noch einen Schubs, da er gegen Napoleons
Hinterbeine flog und diese in seiner Angst umklammerte, um nicht unter
das Pferd zu fallen.

Das ging aber Napoleon ber den Spa. Erst kein Futter und dann noch
solche Scherze! Er keilte mit beiden Beinen krftig aus und schleuderte
den armen Gefreiten auf die Stallgasse, wo er bewutlos liegen blieb.

Roth erschrak. Zum Glck hatte keiner den Vorgang mit angesehen, denn
Schmitz war mit den beiden anderen gerade am Ende des Stalles
beschftigt. So rief er denn die beiden Reservisten herbei und lie den
Bewutlosen nach der Revierstube tragen. Fatal war ihm die Geschichte
doch, denn der arme Kerl hatte ordentlich eine ins Gesicht gekriegt.

Als der Oberleutnant am nchsten Morgen fragte, warum der Gefreite ins
Lazaret gekommen sei, antwortete Roth:

Er ist ungeschickt an das Pferd getreten und hat es erschreckt, da
schlug es aus und traf ihn an den Kopf!

So ein Esel, schalt der Oberleutnant, eigentlich sollte man den Kerl
noch obendrein einsperren, da er uns die Pferde verdirbt!

Fr heute Abend aber war dem Vizewachtmeister die Laune verdorben.

Im Stalle war es ruhig geworden, man vernahm nur noch ein Rauschen, als
die vielen Pferdezhne den Hafer zermalmten.

Roth warf einen Blick in die Futterkiste.

Gib den Rest dem Zeus, der ist so mager! sagte er zu Schmitz.

Nein, dem gebe ich nichts mehr, der hat genug, auerdem hat er heute
morgen einen geschlagen. Das Vieh wird ja ganz verrckt, wenn es immer
lahm im Stall steht und so eine Menge Hafer frit!

Gib's ihm nur, er kann's vertragen!

Aber wozu denn, es ist doch Unfug!

Der Wachtmeister wurde puterrot, nichts konnte ihn wtender machen als
ein Widerspruch.

Gib ihm den Rest, sage ich! polterte er Schmitz nochmals an.

Schmitz aber klappte den Deckel der Kiste zu und entgegnete kurz:

Ich bin froh, wenn ich etwas sparen kann! Damit zog er den Wagen fort.

Wtend brauste Roth auf:

Sergeant Schmitz, Sie wollen meinen Befehl nicht ausfhren? Ich werde
Sie melden! Damit lie er den verdutzten Futtermeister stehen, ging
schwankend, mit finsterer Miene durch den Stall nach seiner Wohnung,
trank einen Schnaps zur Beruhigung der Nerven und warf sich in der
Uniform aufs Bett.

Der Lungenkranke und der Pole steckten noch jedem Pferd eine Hand voll
Heu in die Raufe und legten sich auf das Stroh in der Ecke des Stalles
schlafen, Sergeant Schmitz aber ging bedchtig nach seiner Stube.

Am folgenden Mittag bergab die Ordonnanz der Reserve-Schwadron dem
Regiment ein Schriftstck folgenden Inhalts:

      Tatbericht.

      Gestern gelegentlich des Abendstalldienstes erteilte der die
      Aufsicht fhrende Vizewachtmeister Roth dem Futtermeister Sergeant
      Schmitz einen Befehl, welchen dieser nicht ausfhrte. Als
      Vizewachtmeister Roth den Befehl nachdrcklich wiederholte,
      weigerte sich p. Schmitz nochmals, demselben Folge zu leisten. Der
      Vorfall geschah in Gegenwart der Stallwache, auch war Sergeant
      Schmitz nach Angabe des p. Roth betrunken.

                                          _=Specht=_,
                                Oberleutnant und Eskadronfhrer
                                der 2. Reserve-bungs-Eskadron.

Der Futtermeister sa gerade beim Essen, als der etatsmige
Wachtmeister an ihn herantrat, ihn fr seinen Arrestanten erklrte und
nach dem Arrestlokal brachte, wo er bis zur Aburteilung des Falles
verbleiben sollte, denn man hatte sein Vergehen als ausdrckliche
Verweigerung des Gehorsams vor versammelter Mannschaft bezeichnet. Als
solche galten bereits die beiden Posten der Stallwache.

Mit Windeseile ging der Vorfall von Mund zu Munde, alle waren emprt
ber die Handlungsweise Roth's, selbst die Offiziere erklrten
einstimmig, einem solchen Vorgesetzten msse man so bald als mglich den
Laufpa geben.

Roth aber kam sich gro vor und glaubte, eine Heldentat vollbracht zu
haben. Auer Dienst war er ein Kamerad, der mit sich spaen lie, und
kein Spielverderber, aber im Dienst, Teufel auch, da sollten sie ihn
kennen lernen, da hatte jede Vertraulichkeit ein Ende, da hie es: ich
befehle und du gehorchst, sonst breche ich dir das Genick.

Sergeant Schmitz sa indes in seiner dsteren, kalten Zelle. Wie leblos
stierte er den ganzen Tag auf die rauhen Steinflieen, er glaubte zu
trumen, konnte und konnte nicht glauben, da er wegen eines
militrischen Vergehens hier hinter Schlo und Riegel se. Hatte er
nicht neun lange Dienstjahre hinter sich, in denen er sich tadellos
gefhrt, ohne jemals bestraft worden zu sein?

Erst allmhlich kam ihm der Ernst seiner Lage zum Bewutsein, und damit
wuchs ein glhender Ha heran gegen den Mann, welchen er fr einen
Freund gehalten, der ihm in einer Laune, unter dem Einflu der
Trunkenheit die Frchte seines bisherigen Lebens und damit die Zukunft
zerstrt hatte. Dem Schurken wollte er es zeigen, wenn er wieder auf
freiem Fue stand, niemand sollte es verborgen bleiben, welche
grundgemeine Gesinnung dieser Hallunke hinter seinem schntuerischen
Wesen verbarg.

Da man ihn vor ein Kriegsgericht stellen wrde, schien ihm auer
Zweifel, tatschlich lag ja eine ausdrckliche Gehorsamsverweigerung
vor, aber die Verhandlung mute ergeben, da die nheren Umstnde dem
scheinbaren Vergehen jedes erschwerende Moment benahmen und es sich
sonach nur um einen Wortwechsel handelte, dem allerdings leicht ein
dienstlicher Charakter untergeschoben werden konnte, wenn man das bis zu
dem Augenblick der strafbaren Handlung bestehende und willkrlich
abgebrochene freundschaftliche Verhltnis Roth's zu Schmitz auer Acht
lie.

Dieser Punkt aber mute bei einer Verhandlung geschickt und eingehend
beleuchtet werden, denn an ihm hing der Ausgang der Sache!

Sergeant Schmitz meldete daher beim Regiment, er erbitte die Gestellung
eines Verteidigers und gleichzeitig die Erlaubnis, mit diesem in
schriftlichen oder mndlichen Verkehr treten zu drfen.

Er war aber nicht wenig erstaunt, als schon nach wenig Tagen
die Mitteilung an ihn gelangte, ein Verteidiger knne von
Militrgerichtswegen nur bei Aburteilung ber Verbrechen gestellt
werden, doch stehe der Annahme eines solchen auf eigene Kosten sowie
eine Besprechung mit demselben whrend der Untersuchungshaft nichts im
Wege.

Also auch das noch! Woher das Geld nehmen fr einen Verteidiger? Und
ohne den war geringe Aussicht auf Erfolg, er fhlte sieh dem
redegewandten Roth und gar den Richtern gegenber nicht gewachsen, er
konnte nicht die Umstnde ins richtige Licht setzen, wie sie ihm als
Erklrung der Angelegenheit so wichtig erschienen. Es half also nichts,
das Geld mute beschafft werden!

Nach dreiwchiger Untersuchungshaft wurde endlich der Termin anberaumt,
an welchem die Hauptverhandlung stattfinden sollte. Schmitz glaubte dem
Ausgange ruhig entgegensehen zu drfen, hatte ihm doch selbst sein
Verteidiger erklrt, eine ungnstige Wendung sei nicht zu erwarten,
sobald man den Richtern von der Handlungsweise Roth's und den nheren
Umstnden ein klares Bild entworfen haben wrde. Schmitz sah daher in
dem fr den Termin bestimmten Tag den Augenblick der Befreiung, der ihn
von diesem einsamen, schauerlichen Dasein der letzten Wochen erlsen
werde.

Selbst die ihm endlich zugestellte Anklageschrift vermochte seine
Hoffnung nicht niederzudrcken, darin stand eben alles von der
schroffsten Seite beleuchtet, damit man berhaupt eine Handhabe zur
Anwendung der in Frage kommenden Gesetze habe.

Sie lautete:

Wider den Sergeanten Ferdinand Julius Schmitz ist Strafantrag wegen
Vergehens gegen  94 des Militr-Strafgesetzbuches gestellt.

Wenngleich der Angeklagte behauptet, mit dem Vizewachtmeister Roth in
einem besonders freundschaftlichen Verhltnis gestanden zu haben, so ist
hierin kein Grund zu erblicken, der zur Nichtbefolgung eines Befehls im
Dienst berechtigt. Vielmehr geschah die Gehorsamsverweigerung in Bezug
auf einen zweimal mit Nachdruck gegebenen Befehl in Gegenwart der
Stallwache, also vor versammelter Mannschaft.

Die Entschuldigung des Angeklagten, infolge Weingenusses in erregter
Stimmung gewesen zu sein, ist kein Milderungsgrund, vielmehr ist in dem
Umstand, da die Tat auf Trunkenheit im Dienst zurckzufhren ist, ein
Grund zur Erhhung des Strafmaes zu erblicken.

Aburteilung hat durch das Kriegsgericht zu geschehen.

Das klang ja allerdings ganz gefhrlich, wie wenn er ein Verbrecher
schlimmster Sorte wre, er, der sich neun Jahre vorwurfsfrei gefhrt. Er
mute fast lachen ber diese Anschuldigung, sie enthielt eben nur eine
ganz subjektive, einseitige Beurteilung des Falles.

Am 20. Oktober Mittags zwlf Uhr begann die Verhandlung.

Die Richter waren aus dem Sitz des Generalkommandos herbergekommen und
saen mit ernsten Gesichtern an dem langen Tisch, ein Major, ein
Hauptmann, ein Oberleutnant, ein Kriegsgerichtsrat als Fhrer der
Verhandlung und ein zweiter, welcher die Anklage erhob.

Nachdem Schmitz nochmals den Sachverhalt geschildert, wurde Roth als
Zeuge vernommen. Er stellte die Angelegenheit im grellsten Lichte dar,
wollte nichts von einer Freundschaft wissen und leugnete auch auf das
Entschiedenste, ebenfalls betrunken gewesen zu sein, wie es Schmitz
behauptete. Als Zeugen seiner Nchternheit hatte er den Lungenkranken
und den Polen gewonnen, welch' letzterem er eingepaukt hatte, auf alle
Fragen mit dem Kopfe zu schtteln, womit er auch Glck hatte, da die
Fragen zufllig entsprechend gestellt waren. Schlielich beschwor der
Vicewachtmeister mit fester Stimme die Wahrheit seiner Aussage.

Das war allerdings eine unerwartete Wendung. Schmitz hatte nicht
erwartet, auch noch mit der Lge kmpfen zu mssen, und seine Hoffnungen
sanken betrchtlich, als er den Major mibilligend mit dem Kopfe
schtteln sah.

Es folgte sodann die Anklagerede des Kriegsgerichtsrats, die etwa wie
die Anklageschrift lautete.

Sodann erhob sich der Verteidiger. Mit beredten Worten schilderte er
nochmals den Vorgang, erwog die nheren Umstnde, wies auf das ihm durch
Zeugen besttigte frhere Verhltnis der Gegner und schlielich darauf
hin, da sich der ganze Vorgang im Anschlu an eine Geburtstagsfeier
zugetragen habe. Nach alledem, und mit Rcksicht auf die bisherige
Fhrung des Angeklagten sei auf Freisprechung zu erkennen.

Das Gericht zog sich zur Beratung zurck und es dauerte lange, bis die
Herren mit ernsten Gesichtern wieder im Verhandlungszimmer erschienen.

Schmitz glaubte einen Augenblick die Besinnung verlieren zu mssen, als
er das Urteil vernahm: zwei Monate Gefngnis!

Er sah sein Leben vernichtet. Umsonst waren die langen Jahre, die er mit
Aufopferung seiner besten Kraft dem Vaterlande gedient; seine
Zukunftsplne, nach zwlfjhriger Dienstzeit eine Anstellung am
Brgermeisteramt seiner Vaterstadt zu erhalten, waren mit einem Schlage
vernichtet. Was wrden seine Eltern, seine Geschwister sagen, was sollte
aus seiner Braut werden?

Eine namenlose Wut packte ihn, den Mann htte er auf der Stelle wrgen
knnen, der mit Gemeinheit, Lge und Meineid sein Dasein zerstrt und
jetzt mit hhnischer Miene an ihm vorberschritt. Ja, er hrte den
Kommandeur zu dem ehrlosen Lumpen sagen: So ist's recht, Roth, scharf
im Dienst, so wnsche ich mir meine Unteroffiziere.

Nun, die Rache sollte nicht ausbleiben. Schmitz wurde am 21. Oktober
durch einen Wachtmeister auf Festung gebracht, wo viele Stunden der
Selbstverleugnung und schwere Tage seiner warteten.

So kam allmhlich die Weihnachtszeit heran. Schnee bedeckte den
Kasernenhof, alles lag de, leblos und starr durch die grimmige Klte
der letzten Tage.

Ein groer Teil der Mannschaften hatte Urlaub fr die Festtage erhalten,
und ein jeder nahm im Dienst seine ganze Kraft zusammen, um nicht im
letzten Augenblick der zu erwartenden Freuden beraubt zu werden.

Fast allabendlich fuhren die Herren des Offizierkorps, natrlich ohne
Urlaub, nach der Nachbarstadt, um Weihnachtseinkufe zu machen, denn
nach Hause fahren wollte nur einer von ihnen, die anderen beabsichtigten
eine kleine Feier im Kasino, wo sie sich gegenseitig kleine Geschenke zu
machen gedachten.

Borgert und Leimann kehrten stets mit Packeten beladen zurck, sie
kauften alles, was ihnen gefiel, Geld wrde sich spter einmal finden,
denn jetzt pumpte ja jeder mit Freuden, wenn er nur seine Ware los
wurde.

An den geschftlichen Teil in der Stadt schlo sich meist ein kleines
Gelage in einem guten Restaurant, und oft kam es vor, da die Herren in
recht angeregter Stimmung den letzten Zug zur Garnison bestiegen.

Eines Abends hatte auch der neue Riesling besonders gut geschmeckt, und
alle langten ziemlich blau in spter Nacht zu Hause an.

Der Regimentsadjutant fand ein Diensttelegramm in seiner Wohnung vor und
mute sich noch einmal, trotz der spten Stunde zum Regimentsschreiber
begeben, um mit diesem ber die Erledigung des Telegramms Rcksprache zu
nehmen.

Starker Schneefall war eingetreten, und der scharfe Ostwind trieb die
Flocken in wildem Wirbelspiel durch die kalte Luft, soda man die Augen
zusammenkneifen mute und nur mit Mhe den zugewehten Weg erkennen
konnte.

Die Strung zu mitternchtlicher Stunde pate dem bequemen Mller gar
nicht und er schimpfte vor sich hin, als er die Allee zur Kaserne
entlang schritt. Auch pflegte er in angeheitertem Zustand meist
schlechte Laune zu haben, war hndelschtig und brach gerne einen Streit
vom Zaune, in dessen Verlauf er in unschner Weise auf seine
Sonderstellung als Adjutant und seine dabei gewonnene Diensterfahrung
hinwies. Die Kameraden nannten es Grenwahn.

Durch die schneeerfllte Luft sah man nur vor dem hellen Fenster der
Wachtstube die dicken Flocken in wildem Spiele tanzen, drinnen aber
schlief der Wachthabende und neben ihm zwei Gemeine.

Der Offizier vom Dienst war schon dagewesen und so hatte man es sich
bequem gemacht, der Vorschrift entgegen Sbel und Helm abgelegt, den
Rock geffnet und eine warme Decke aus der Kaserne herbeigeholt.

Auf Posten stand der Gemeine Rse. Er hatte in dem Schilderhaus Schutz
vor dem Unwetter gesucht und stand, den Sbel in der kalten Faust, an
der Rckwand des schwarz und wei gestrichenen Huschens. Warum sollte
er das nicht? Es war ja ausdrcklich gestattet!

Seine Gedanken weilten in der Ferne bei den Eltern und Geschwistern, die
er in zwei Tagen zum ersten Male seit langer Trennung wieder sehen
sollte. Wie freute er sich auf diese Stunde, da er nun als schmucker
Kavallerist die Lieben daheim begren, alte Freunde und im Stall den
Hans, das brave Pferd, die blanken Khe und die fetten Schweine
wiedersehen durfte!

Aus seinen Gedanken schreckte ihn pltzlich ein lauter Ruf:

Posten!

Rse blinzelte durch die runde Luke an der Seitenwand des
Schilderhauses, konnte aber niemand entdecken. Erst auf einen
nochmaligen, laut durch die Winternacht hallenden Ruf trat er heraus und
erkannte in dem undurchsichtigen Schneetreiben eine Gestalt, welche auf
ihn zukam.

Warum prsentieren Sie nicht, Sie Schwein! brllte der
Regimentsadjutant.

Verzeihen Herr Leutnant, ich habe Herrn Leutnant nicht gesehen.

Halt' die Schnauze, verlogenes Aas, geschlafen hast du im Schilderhaus,
eine Ewigkeit stehe ich hier und warte. Aber ich werde dir zeigen, du
Bauer, was du zu tun hast!

Damit schritt er vorbei und lie Rse in starrem Schrecken stehen. Aus
dem Regimentsgeschftszimmer schrieb er folgende Meldung:

Den von 12 bis 2 stehenden Posten fand ich bei einer Revision schlafend
im Schilderhause vor. Derselbe trat erst nach zweimaligem Anruf heraus.
Etwaige Einwendungen des Mannes, mich nicht gesehen zu haben, mu ich
von vornherein als Unwahrheit bezeichnen, da ich genau bemerkt habe, da
er geschlafen hat.

Die Meldung legte er auf den Arbeitstisch des Kommandeurs. Dann holte er
den Schreiber aus dem Bett, verhandelte mit dem im Hemd auf dem kalten
Korridor vor ihm stehenden Manne fast zehn Minuten und schritt dann
seiner Wohnung zu. Er hatte jetzt sein Mtchen gekhlt und konnte ruhig
schlafen. -- --

Am Nachmittag des 22. Dezember kehrte Sergeant Schmitz aus dem Gefngnis
zurck.

Die frher so stolze, stramme Haltung hatte er verloren, sein Gesicht
war bleich und der sonst so keck in die Hhe gewirbelte schwarze
Schnurrbart hing strhnig um die Mundwinkel. Scheu sah er die ihm
Begegnenden an, und wenn ein Soldat ihn grte, hielt er es fr eine
besondere Freundlichkeit, die ihm nicht zukomme, da er glaubte, in aller
Augen zu lesen:

Seht, das ist ein Bestrafter, ein Verbrecher!

Als er sich beim Schwadronchef zurckmeldete, reichte ihm dieser die
Hand.

Tut mir leid, mein lieber Schmitz, da ich Sie verlieren mu, Sie waren
mir stets ein Untergebener, auf den ich stolz war und der seinen Dienst
wie kein zweiter getan hat. Aber der Oberst hat befohlen, da ich die
Kapitulation mit Ihnen aufhebe und Sie sofort entlasse. Der Wachtmeister
wird mit Ihnen das Ntige ordnen. Trsten Sie sich mit dem Gedanken, da
Sie das Opfer einer gemeinen Gesinnung geworden sind, und so wnsche ich
Ihnen alles Gute; wenn Sie mich brauchen knnen, bin ich stets mit
Freuden bereit. Leben Sie wohl!

Schmitz unterdrckte mit groer Mhe das Weinen, der Rittmeister aber
ging dem Stall zu. Es ging ihm wirklich nahe, dieser nette, stramme
Kerl, eine Sttze der Schwadron, um nichts und wieder nichts ins
Unglck gestrzt und auf die Strae gesetzt! Es war eine Schweinerei!

So ging denn Schmitz zum Wachtmeister, der ihm seine Papiere und fnfzig
Mark auf sein Sparkassenbuch bergab. Auch er drckte ihm bewegt die
Hand.

Haben Sie noch Invalidenansprche, Schmitz? fragte er darauf.

Ich habe Rheumatismus seit dem Manver, wo wir wegen Seuchenverdacht
der Pferde drei Wochen biwakieren muten!

Das haben Sie aber damals nicht gemeldet, und es ist schon fast 1-1/2
Jahre her.

Gemeldet habe ich es nicht, weil ich mich nicht krank schreiben lassen
wollte, ich mochte den Rittmeister mit den heruntergekommenen Pferden
nicht sitzen lassen.

Ich werde beim Regiment sofort Meldung machen, Sie knnen ja
einstweilen Ihre Sachen abgeben!

So stieg denn Schmitz zu seiner Stube hinauf, packte die
Montierungsstcke zusammen und schnrte seine paar Habseligkeiten in
einen kleinen Koffer. Ehe er aber seine Uniform auszog, ging er in die
Stadt und kaufte fr 45 Mark einen Zivilanzug, einen Kragen und einen
Hut. Schuhe besa er noch.

Dann brachte er alle Uniformstcke dem Quartiermeister auf die Kammer,
dem er auch seinen Extrarock, eine eigene Mtze und eine lange Hose fr
dreiig Mark verkaufte. Den Sbel wollte er als Erinnerung aufheben.

Jetzt kam das Schwerste, der Abschied von den Kameraden und den Pferden.
Jeder hatte ein freundliches Wort fr ihn, und mancher stumme Hndedruck
gab den schmerzlichen Gefhlen Ausdruck, mit denen man den lieben
Kameraden scheiden sah. Selbst die Mannschaften drngten sich heran, um
von ihm Abschied zu nehmen, er hatte sie zwar manchmal tchtig
vorgenommen, aber sie kannten ihn als einen anstndigen Kerl, der sie
nicht im Stiche lie, wenn es darauf ankam.

Als der Mittagsstalldienst zu Ende war, ging Schmitz in den Stall. Kein
Gang war ihm im Leben so schwer geworden, wie dieser, und als er die
geliebten Tiere aus den eben gefllten Krippen zu sich aufblicken sah,
sobald sie seine Stimme hrten, da htte er laut aufschreien mgen vor
Weh und Schmerz.

Fr Klrchen hatte er ein Stck Zucker mitgebracht und sowie er zu ihm
in den Stand trat, suchte es gleich nach dem gewohnten Leckerbissen und
bat mit gehobenem Fu um einen zweiten. Er legte seinen Kopf an den
sammetweichen Hals des Tieres, strich ihm kosend ber die schnen Augen
und die weichen Nstern und kte das Tier auf den Hals. Als er es
verlie, glaubte er in dem traurigen Blick und den leisen Wiehern einen
Abschiedsgru zu empfinden. Auch von der alten Marie nahm er Abschied.
Wie lange mochte sie wohl noch den Dienst aushalten? Zuletzt ging er zu
Napoleon, dem Schmerzenskinde, aber auch er zeigte heute keine Spur
der gewohnten Bsartigkeit, sondern sah den fremden Mann in Zivil mit
fragenden Augen an.

Noch einen letzten Blick warf er auf seine Lieblinge, dann ging er mit
unterdrcktem Schluchzen wieder der Stube zu, um seinen Koffer zu holen.

Im Eingang trat ihm der Wachtmeister entgegen.

Mit Ihren Invalidenansprchen ist es nichts, Schmitz, der Oberst hat
gesagt, Sie htten es gleich melden mssen, jetzt knnte jeder kommen.
Dann hat er mir noch die Rechnung Ihres Rechtsanwaltes bergeben, der
das Regiment um Eintreibung der Schuld ersucht hat. Es sind sechzig
Mark, wenn Sie nicht zahlen knnen, soll eine Pfndung vorgenommen
werden.

Daran hatte Schmitz gar nicht mehr gedacht.

In einer Stunde ist das Geld zur Stelle, Herr Wachtmeister! sagte er
nach kurzem Bedenken.

Darauf ging er der Stadt zu und trat bei einem Uhrmacher ein, legte
seine silberne Uhr mit Kette auf den Ladentisch und fragte mit fester
Stimme:

Was geben Sie mir dafr? Ich brauche Geld!

Der Uhrmacher besah mit spttischen Augen das Stck und sagte dann
achselzuckend:

Zwanzig Mark, das ist aber reichlich Geld.

Schmitz rechnete. Fnfunddreiig hatte er noch, zwanzig dazu machte
fnfundfnfzig, es fehlten noch fnf Mark. Da streifte er entschlossen
einen Ring vom Finger, das einzige Andenken an seinen verstorbenen
Vater.

Was ist Ihnen der wert?

Zehn Mark, mehr nicht!

Gut, geben Sie her, Sie haben es dafr! Schmitz strich die drei
Goldstcke ein, ging zur Kaserne, zahlte dem Wachtmeister sechzig Mark
aus und holte seinen Koffer, um den Abendzug zur Stadt noch zu
erreichen.

Wer den bleichen Mann mit dem kleinen Koffer gesenkten Blickes
dahinziehen sah, ahnte nicht, da es ein kniglich preuischer Sergeant
war, der jetzt eines ungeschickten kleinen Vergehens wegen, ohne einen
Pfennig, aber mit Rheumatismus in allen Knochen und einer zertretenen
Vaterlandsliebe im Herzen auf die Strae gesetzt war, um sich ein neues
Lebensziel zu suchen, nachdem er seine beste Kraft, seine Gesundheit und
seine Jugend dem Staat geopfert hatte.

Auf der Anhhe, von welcher aus man einen Blick auf die in ihrem
weihnachtlichen Schneegewande ruhende Kaserne hatte, schaute er noch
einmal hinunter und schttelte drohend den Arm, einen wtenden Fluch
ausstoend.

Dann bestieg er auf dem Bahnhof einen Wagen vierter Klasse desselben
Zuges, in welchem zahlreiche Soldaten singend und scherzend nach der
Heimat fuhren, um dort im Kreise der Familie das Weihnachtsfest zu
feiern. --

Der Abend des 24. Dezember war gekommen. Alle Welt, Tausende, Millionen
waren heute glcklich, fhlten den Zauber, den das schnste aller
Christenfeste selbst auf das hrteste Gemt ausbt, weil es heilige
Erinnerungen in uns weckt. Es ist das hohe Fest der Liebe Gottes zum
Menschen, der Liebe des Christen zum Nchsten. Und keiner ist es, den
nicht der feierliche Klang der Weihnachtsglocken in eine weiche Rhrung,
eine stille Andacht versetzt: der mchtige Knig im Palast und der Arme
in seiner Htte, selbst der Verbrecher hinter der Kerkermauer, alle
ffnen ihr Herz den Strahlen der Liebe, die es an diesem Abend
durchleuchten.

       *       *       *       *       *

Friedrich Rse sa in der schlecht erwrmten Arrestzelle, in welcher er
die 14tgige Strafe wegen Wachtvergehens verbte.

Durch den mit Eisblumen bedeckten kleinen Lichtschacht sah er hinauf
nach dem Fenster im ersten Stock der 3. Eskadron, wo ein Weihnachtsbaum
im Lichterglanz erstrahlte. Schwermtig ernst ertnten die Klnge jenes
ewig schnen Weihnachtsliedes, dessen Musik gerade in ihrer Eintnigkeit
ergreifend wirkt. Frstelnd sa er auf dem Rand der harten Holzpritsche,
und eine Trne rollte ber die Wangen hinab auf das Steinpflaster des
Fubodens. Wieder weilten die Gedanken daheim, aber nicht freudig,
erwartungsvoll, sondern Verstimmung, Schmerz und Sehnsucht lagen in den
Zgen des jungen Mannes.

Mit welcher Freude, welchem Eifer hatte er sich zum Militr gemeldet!
Schon sein Vater, einst Wachtmeister der Gardekrassiere, schilderte das
herrliche Soldatenleben in den schnsten Farben und hatte keinen
greren Wunsch, als seinen Jungen einmal als flotten Unteroffizier
wiederzusehen.

Aber das gab es jetzt nicht mehr, er war bestraft mit strengem Arrest,
gebrandmarkt fr seine ganze Dienstzeit.

Die freudige Lust am Soldatenstande hatte sich mit einem Male in Ha und
Ingrimm verwandelt gegen den bunten Rock, gegen alles, was Soldat sein
bedeutete, mit einem Schlage war aus dem diensteifrigen, strebsamen
Rekruten einer von den vielen geworden, die nur Soldat sind, weil sie
es mssen und die den Tag der Entlassung als den ihrer Freiheit
ersehnen.

Und warum war das alles?

Nicht weil er wissentlich seine Pflicht verletzt hatte, sondern weil es
einem jener Herren Offiziere einfiel, die Laune seiner Trunkenheit an
dem ersten besten Opfer auszulassen, das ihm in die Hnde fiel. Und was
der Herr in seiner Meldung behauptete, stand als bombenfeste Tatsache
da, wer daran zweifelte, beging ein neues Vergehen, die
Achtungsverletzung.

Rse hatte auf die bezgliche Frage seines Rittmeisters den Vorgang
geschildert und seine Unschuld hoch und heilig beteuert, aber der
Adjutant hatte hierauf erwidert, der Mann wolle sich jetzt herauslgen.
Was er gemeldet habe, sei Tatsache.

Oder sollte er zugestehen: Ich habe dir Unrecht getan, habe mich geirrt,
denn ich war betrunken und bler Laune? Fiel ihm gar nicht ein, er
konnte sich diese Ble nicht geben. Wie durfte er, der unnahbare, nie
fehlende Regimentsadjutant eingestehen, sich geirrt zu haben? Er irrte
sich eben nie, und was schadete es gro dem Kerl, wenn er die paar Tage
brummte?

Was es schadete?

Da es einen Apostel mehr gab, der verkndete, er sei als Soldat ein
gepeinigter, in ein beschwerliches Joch gezwungener Mensch, der
Spielball seiner Vorgesetzten gewesen, die ihre Laune an ihm auslieen,
wie es ihnen behagte, da unverdiente Hrte und Ungerechtigkeit, gegen
die es keine gengende Waffe gab, da zu finden gewesen seien, wo
indviduelle Behandlung, Rcksicht und einsichtsvolle berlegung am
Platze wren.

Und was es weiter schadete?

Da Jedermann, dem Rse in spteren Jahren seine Papiere vorlegte, die
Achseln zuckte und dachte: Du scheinst mir auch kein zuverlssiger
Bruder zu sein, 14 Tage wegen Wachtvergehens, das ist bel! -- -- -- --

Gegen neun Uhr schreckte Rse ein Gerusch an der Tr aus seinen
Gedanken. Ein Schlsselbund klapperte, das Schlo schnappte und herein
trat der Offizier vom Dienst, hinter welchem der Wachthabende stand.

Rse sprang auf, nahm eine militrische Haltung ein und meldete:

Gemeiner Rse mit 14 Tagen wegen Wachtvergehens bestraft!

Der Offizier schaute einen Augenblick in das Innere der dunkelen Zelle,
ob er nicht etwa einen verbotenen Gegenstand auer der Schlafdecke und
dem Wasserkrug entdeckte, dann wandte er sich zum Gehen. Da sagte Rse
zgernd:

Gestatten der Herr Leutnant eine Bitte?

Wenden Sie sich an den Wachthabenden, wenn Sie etwas wollen,
entgegnete der Offizier kurz und tappte die Steintreppe hinunter,
vorsichtig um sich schauend, da er sich den grauen Mantel an dem
staubigen Treppenhaus nicht beschmutze.

Der Wachthabende begleitete ihn bis zum Ausgang und kehrte dann zu Rse
zurck.

Was wolltest du denn? fragte er wohlwollend.

Ich wollte bitten, wenn ein Brief fr mich da wr, da ich ihn jetzt
bekommen kann, Herr Unteroffizier! antwortete Rse schchtern.

Ja, mein Junge, lachte der Unteroffizier gutmtig, das geht
eigentlich nicht -- erst absitzen, dann's Vergngen. Wie er aber Rse,
der von seiner Schwadron war und den er gut leiden mochte, mit dem
trbseligen Gesichte vor sich stehen sah, tat ihm der arme Junge leid.
Es war doch eine harte Sache, hier den heiligen Abend verleben zu mssen
und obendrein wegen einer solchen Lappalie, und schlielich sogar
unschuldig. Er sagte daher freundlich zu Rse:

Na ja, ich werde mal nachfragen lassen.

Er verschlo die Zelle wieder und schickte einen Mann zu Rse's
Berittfhrer mit der Bitte, doch einmal zu ihm zu kommen. Und als dieser
herbeigekommen war, fragte der Wachthabende den Berittfhrer:

Ist ein Brief fr den Rse da?

Ein Brief nicht, aber ein Packet habe ich fr ihn vom Wachtmeister
bekommen!

Wei du was? flsterte der Wachthabende, mach die Kiste auf und bring
dem Kerl was rber, das arme Luder tut mir leid.

Der Berittfhrer nickte und verschwand, um bald mit einem Brief, einer
Wurst und einem Stck Kuchen zurckzukehren. Der Wachthabende nahm alles
in Empfang und stieg zu Rse hinauf. Gleichzeitig hie er einen Mann mit
einem Eimer Kohlen mit sich gehen.

Nach wenigen Minuten flackerte das Feuer in der Zelle wieder hell und
Rse stand davor, um beim flackernden Schein den Brief der Eltern zu
lesen. Dabei rannen ihm bestndig die Trnen ber die Backen. Dann
versteckte er wie einen kostbaren Schatz Wurst und Kuchen hinter der
Pritsche, hllte sich in seine Decke ein und legte sich auf das harte
Holzbett nieder.

Bald schlo der Schlaf die verweinten Augen, und im Traum sa Rse
daheim unter'm Weihnachtsbaum im Kreise seiner Eltern und Geschwister.

Der 28. Dezember war ein Trauertag fr die vierte Schwadron.

Die Leute, die erst am Abend vorher von Urlaub zurckgekehrt waren,
gaben heute einem Kameraden das letzte Geleit: man trug den Gefreiten
Dietrich zum Friedhof hinaus.

Er war stets ein schwchlicher Mensch gewesen. Damals aber, als er
erhitzt und vom Regen durchnt in die kalte Stube kam und kein Feuer
anbrennen konnte, weil ihm Roth die Kohlen verweigerte, packte ihm am
selbigen Abend ein heftiges Fieber. Nach zwei Tagen stellte der Arzt
Gelenkrheumatismus fest, der so stark auftrat, da das Herz in
Mitleidenschaft gezogen wurde und der Arme am ersten Weihnachtsfeiertage
an Herzschlag starb.

Die tieferschtterten Eltern hatten zwar telegraphisch um berfhrung
der Leiche ihres einzigen Sohnes zum Heimatsort gebeten, doch da das
Geld fr einen Zinksarg und den Transport nicht kam, fand die Beerdigung
auf dem Garnisonsfriedhof statt.

Am nchsten Tage wurde auch der vom Pferde geschlagene dicke
Reserve-Gefreite aus dem Lazaret entlassen. Seine Verletzungen schienen
zwar geheilt, doch war das ganze Gesicht durch die zurckgebliebenen
Narben schrecklich entstellt und das linke Auge durch eine Operation
entfernt worden, da man infolge der Verletzung desselben frchtete, das
andere Auge knnte in Mitleidenschaft gezogen werden.

So kehrte denn der Unglckliche als Halbinvalide mit einer monatlichen
Pension von neun Mark in die Heimat zurck.

       *       *       *       *       *

Der ehemalige Sergeant Schmitz sa am Sylvesterabend in seiner drftigen
Stube.

Er hatte sich, um der uersten Not vorzubeugen, als Arbeiter einer
groen Fabrik der Nachbarstadt verdingt und konnte so wenigstens seinen
Lebensunterhalt verdienen. Er bewohnte ein miges Zimmer im zweiten
Stock eines Arbeiterhauses und wurde von der darin hausenden Familie
gegen geringes Entgeld mit verpflegt.

Jetzt sa er am Tisch, den Kopf in beide Hnde gesttzt. Vor ihm stand
ein Teller mit den Resten des krglichen Abendbrotes, und eine kleine
Lampe mit zerbrochenem Schirm warf einen matten, rtlichen Schein auf
die am Tisch sitzende Gestalt und die rmliche Einrichtung des kleinen
Raumes. An der Wand stand ein eisernes Bett mit rot und wei kariertem
Bezug, und darber waren Klinge und Scheide des Sbels bers Kreuz
befestigt.

Auf einem kleinen Holzschemel stand eine Waschschssel, daneben lag ein
graues Handtuch. Das Feuer in dem kleinen Ofen war lngst erloschen, nur
einzelne klimmende Khlchen lebten noch darin.

Wer den Mann da sitzen sah, konnte glauben, einen Schlafenden vor sich
zu haben, aber Schmitz wachte, und in seinem Kopf jagten wilde Gedanken
durcheinander. Er dachte an vergangene Zeiten, und je schroffer ihm
seine jetzige Lebenslage von frheren Zeiten abzustechen schien, um so
grimmiger wurde sein Ha gegen den, welcher ihn in seine jetzige Lage
gebracht; er sann auf Rache, wie er jenen elenden Schurken strafen und
brandmarken knne fr seine gewissenlose, gemeine Handlungsweise.

Eine Weile noch sa er brtend da, dann erhob er sich mit finsterem
Gesicht und trat an's Fenster, hauchte ein kleines Loch in die dicken
Eisblumen und schaute hindurch nach der erleuchteten Uhr des
Kirchturmes, aus dem jetzt das melodische Luten der Glocken in die
kalte Nacht hinaus drang, das Herannahen des neuen Jahres kndend.

Elf Uhr! Schmitz setzte seinen Hut auf, ergriff den Spazierstock, blies
die Lampe aus und ging die dunkle Treppe hinab.

Auf der eisbedeckten Steinstufe vor der Haustr verweilte er einen
Augenblick und lauschte dem dumpfen, feierlichen Glockenton. Sonst
vernahm man keinen Laut, keinen menschlichen Tritt, nur ein fernes
Rauschen wie ein Atem erfllte die Luft, der Atem einer Grostadt in der
Silvesternacht.

Schmitz schlug frstelnd den Rockkragen hoch, steckte beide Hnde in die
Hosentaschen und ging, den Stock unter'm Arm, eiligen Schrittes dem
Bahnhof zu, wo er fr 20 Pfennig eine Fahrkarte nach seiner frheren
Garnison erstand und den bereitstehenden Zug bestieg.

Das kleine Stdtchen lag wie ausgestorben in seiner schneeichten Hlle.
Von der Kaserne flimmerten die hell erleuchteten Fenster wie Sterne
herber, und mitunter tnten abgebrochene Weisen eines Gesanges, oder
einzelne Akkorde, vom Winde sanft getragen, klangen in die Nacht hinaus.
In der Ferne summte es von dem Luten zahlreicher Kirchenglocken, welche
in den vielen umliegenden Drfern und Flecken das neue Jahr begrten.
Aus den hell erleuchteten Kneipen und Restaurationen aber ertnte lautes
Reden, Lachen und Gesang frhlicher Zecher, die dem neuen Jahr einen
frischen Trunk entgegenbrachten.

Schmitz ging dem Stadtende zu, an welchem die Kaserne lag und machte vor
einem Wirtshause Halt. Scheu blickte er um sich, ob Niemand ihn
beobachte, dann stieg er auf den Rand der Mauer und schaute durch das
angelaufene Fenster.

Richtig, dort sa der Roth, im Kreise einiger Unteroffiziere und
Gefreiten, denn hier pflegte er allabendlich bis in die tiefe Nacht zu
zechen oder ein Spielchen zu machen.

Vorsichtig stieg er wieder herab und schritt der Kaserne zu. Er bog in
einen zu beiden Seiten mit beschneiten Hecken eingefaten Richtweg und
stellte sich an der ersten Biegung auf. Hier pflegte Roth auf dem
Heimweg vorbeizukommen.

Schmitz mute lange auf seinem Posten ausharren, aber es war ihm wohl zu
Mute.

Die bittere Klte des Tages war um Mitternacht einer lauen Winterluft
gewichen, ein sanfter Wind trieb seine Schneeflckchen vor sich her und
lie die drren Bltter der Buchenhecke rascheln. Unten, wo der schmale
Weg in die Strae einbog, sah man mitunter eine Gestalt wie einen
Schemen schwankenden Schrittes in dem Dunkelgrau der Nacht auftauchen
und lautlos auf der weichen Schneedecke wieder verschwinden -- Zecher,
die nach reichlichem Trunk der Ruhe des Bettes bedurften. --

Schmitz fhlte keine Spur von Klte, denn bei jedem neuen Schlag der
fernen Turmuhr trieb ihm das Blut schneller durch die Adern, immer nher
rckte der Augenblick, auf den er sich schon so lange gefreut.

Endlich, es hatte eben zwei Uhr geschlagen, nahte eine dunkle Gestalt.

Der Wartende drckte sich an die Hecke und fate den Stock fester, das
Herz klopfte ihm zum Zerspringen.

Schon war Roth auf wenige Meter herangekommen, das Gesicht fast ganz in
dem hochgeschlagenen Mantelkragen versteckt, aber Schmitz erkannte den
Wachtmeister genau, wie er, einen Gassenhauer vor sich hinpfeifend, mit
schleppendem Sbel schwankenden Ganges daher kam.

Als der Wachtmeister nur noch einige Schritte hatte, um neben Schmitz zu
sein, trat dieser, den Stock auf der Schulter, breitbeinig vor seinen
Gegner hin.

Roth stutzte einen Augenblick wie ein scheues Wild, dann sah er sein
Gegenber scharf an. Er erkannte ihn nicht.

Was wollen Sie? brachte er mit trockener Kehle hervor.

Mit dir abrechnen will ich, war die kurze Antwort, die dem
Vizewachtmeister das Blut erstarren machte.

Einen Augenblick standen die beiden Mnner einander gegenber, da
erkannte Roth seinen ehemaligen Freund.

Ach, du bist es, alter Kerl, was willst du denn hier? stie er mit
heiserer Stimme hervor.

Das will ich! schrie Schmitz und lie seinen Stock sausend durch die
Luft fahren. Der erste Schlag traf den Gegner mitten ins Gesicht.

Der zum Tod Erschrockene taumelte einen Augenblick, ehe er aber seinen
Sbel ergreifen konnte, sauste ihm ein krftiger Hieb nach dem anderen
in's Gesicht, auf den Kopf, die Schultern und Hnde.

Da strzte er sich wie ein wildes Tier auf seinen Gegner. Schmitz aber
holte aus und gab dem Wachtmeister eine schallende Ohrfeige, da er
rcklings zu Boden fiel.

So, du ehrloser Hund, du feiges, dreckiges Aas, das war fr deine
gemeine Gesinnung und das ist fr deine Lgerei! Dabei gab er dem am
Boden Liegenden einen derben Tritt und entfernte sich.

Im Gehen rief er noch spttisch seinem Opfer zu:

Jetzt darfst du mich wieder melden, du Schweinehund, aber dann habe ich
so Verschiedenes zu erzhlen!

Nun war dem alten Futtermeister wieder wohl um's Herz, jetzt konnte er
sein Schicksal ruhiger tragen, denn er wute den Gegner gestraft. Die
Rache ist doch s!

Vizewachtmeister Roth mute mehrere Wochen im Lazarett verbringen, bis
seine Wunden im Gesicht und an den Hnden geheilt waren. Er hatte
angegeben, von einem betrunkenen Arbeiter berfallen worden zu sein und
behauptete, ihn mit dem Sbel zu Boden gestreckt zu haben.

Daran wollte aber niemand recht glauben, denn es meldete sich weder ein
verwundeter Arbeiter, noch war ein solcher durch Nachfragen bei den
rzten der Umgegend festzustellen. Im Stillen wute jeder, aus welchem
Laden der verhate Wachtmeister seine Prgel bezogen hatte.

Schmitz aber feierte in der Silvesternacht seine Rachetat durch einige
Glas Bier, die er sich lange nicht geleistet hatte. Als er beim Schein
der Lampe Blut an seiner Hand entdeckte, wischte er es ab wie das eines
rudigen Tieres und warf sein Taschentuch in's Feuer. Dann rief er
lustig:

Noch eins, Herr Wirt!




[Illustration]


Viertes Kapitel.


In den letzten Tagen des Januar herrschte in den Rumen des
Offizierskasinos rege Ttigkeit.

Ein ganzes Aufgebot von Tischlern, Malern und Grtnern war damit
beschftigt, die Zimmer und Korridore samt Veranda und Wintergarten in
einen Festplatz mit zahlreichen Buden und Zelten umzuwandeln, damit
Prinz Karneval in den ersten Tagen des Februar einen wrdigen Einzug
halten knne.

Unter dem Dach grnender Bume waren buntbemalte, mit Plakaten aller Art
bedeckte Schaubuden aufgeschlagen, in denen es kstliche Leckerbissen
und allerlei Getrnke, vom einfachsten Selterwasser bis zum echten
Franzsischen, zu kaufen geben sollte, in einer anderen sollten einige
als wilde Tiere frisierte Soldaten in Freiheit vorgefhrt werden, ein
drittes Zelt war als Bhne hergerichtet, auf welcher man durch
Spezialittenvorstellungen die Lachmuskeln der Festbesucher in Bewegung
halten wollte. Zwei mit Bnken besetzte Rasenpltze luden zu den
Genssen einer Musikbande und echten Pilseners ein, whrend im
Nebenzimmer ein Standesamt errichtet war, wo man sich unter Verabfolgung
eines Glases Sekt fr zehn Pfennig trauen und nach einer Stunde wieder
scheiden lassen konnte.

Der groe Speisesaal stellte den Hauptfestplatz dar. Auf einer mit
Zweigen umkrnzten Kanzel war Platz fr ein Musikkorps, und die
Trompeter des Regiments schweiften tglich in der ganzen Gegend umher,
um irgendwo ein recht zerlumptes Musikantenkostm aufzutreiben.

Sogar eine Photographierbude fehlte nicht, an deren Auenwand die
verlockendsten Portrts und Gruppenbilder zu sehen waren.

Natrlich bildete die bevorstehende Festlichkeit den Hauptgesprchstoff
whrend des Offiziersmittagstischs. Jeder wollte so originell als
mglich angezogen erscheinen, und es war ein langes Hin- und Herberaten,
bis man sich ber das zu whlende Kostm schlssig wurde.

So kam der Tag des Festes allmhlich heran. Am Nachmittag traf ein
kleines Heer von Friseuren ein, und der Regimentsschneider zog mit
seiner Nadelgarde von einem Herrn zum anderen, um noch nderungen an den
Kostmen vorzunehmen oder mit hlfreicher Hand einzugreifen, wo etwas
nicht pate.

Um sieben Uhr erwarteten die Ordonnanzen in schwarzen Kellnerfrcken
die Festteilnehmer, und es whrte keine halbe Stunde, bis die Herren und
Familien des Offizierkorps mit ihren Gsten vollzhlig erschienen waren.

Es bot ein buntes, farbenprchtiges Bild, wie sie alle in ihren
mehr oder minder geschmackvollen originellen Verkleidungen
durcheinanderwogten, whrend die Musik aus den verschiedenen Ecken
des Festplatzes ihre Tanzweisen ertnen lie. Dabei flo der Sekt in
Strmen, und an einem Gartentische sah man sogar einen derben Bauern,
den Knotenstock zwischen den Beinen, eine Portion Kaviar verzehren,
whrend daneben ein Zirkusklown einen Hummer zerlegte.

Die drolligste Figur aber war der Kommandeur in seinem polnischen
Bauernkostm, mit der Pelzkappe auf dem Kopf. Wre er in dieser
Verkleidung auf dem Schweinemarkt in Pommern erschienen, htte jeder
Kufer einen bedeutenden Borstentier-Zchter in ihm vermutet, mit dem es
sich lohnte, einen Handel anzufangen. Es machte ihm sichtlich auch keine
Mhe, durch entsprechende Gebrden und Bewegungen die Treue seiner Rolle
zu erhhen.

Da der Sekt auf allgemeine Unkosten ging, war der Herr Oberst schon nach
einer Stunde veilchenblau.

Sein hoher Adjutant hatte nicht gut daran getan, die Verkleidung eines
polnischen Juden zu whlen, denn auf diese Weise ersetzte er geschickt,
was seinem ueren am waschechten Mauschel noch fehlte.

Frau Knig sah als Kammerzofe reizend aus, und ihre blauen Augen
strahlten vor Vergngen. Wre es im Ernst gewesen, so htte die
niedliche blonde Dirn mit dem lebensfrohen frischen Gesichtchen sofort
eine Stellung mit hohem Lohn gefunden. Dies erkannte auch der
Jgerbursch, dessen Zge denen Bleibtreu's auffallend hnlich waren, und
er beschlo, mit dem sauberen Mdel zu gehen, um sich dann mit ihm zum
Standesamt zu begeben. Erst das Ende des Festes machte einen Strich
durch die so schnen Flitterstunden des jungen Paares und fhrte ihm
die rauhe Wirklichkeit in Gestalt des zum Aufbruch mahnenden Gatten vor
Augen.

Auch Frau Leimann erschien als Vierlnderin nicht minder begehrenswert.
Das Kostm stand ihr gut, und Borgert weidete sich mit sichtlichem
Behagen an der schnen Figur und den kleinen Fchen seiner
Hausgenossin.

Frau Kahle kokettierte als Blumenmdchen mit den jngeren Herren, indem
sie aller Augen auf den Ausschnitt ihres Kleides zog, an welchem sie
eine herrliche Rose befestigt hatte. Auch sie spielte ihre Rolle
vortrefflich, denn der Sekt lie bereits eine befriedigende Wirkung
erkennen. Leutnant Kolberg als Modegigerl hatte ihr bereits alle Blumen
abgekauft und sie dann als Arbeitslose gnzlich mit Beschlag belegt.

Frau Rittmeister Stark allein pate gar nicht in das Milieu des
Festplatzes hinein. Die Wahl ihrer Gewandung hatte ihr heftiges
Kopfzerbrechen verursacht, denn als Blumenmdchen oder Balletteuse zu
erscheinen, schien ihr zu gewagt. Die Rolle einer pfel- oder Butterfrau
frchtete sie als zu naturgetreu, und so schwebte sie denn in einem
schillernden Phantasiekostm durch die Menge, das sie auf Befragen
neckisch fr das einer Nixe in mittleren Jahren erklrte. So hatte sie
sich in eine Wolke rosa und mattgrner Spitzen gehllt, und der
gewaltige Busen schien die Meereswogen darzustellen, whrend die bloen
Arme eigentlich mehr den Eindruck machten, als seien sie das
Handwerkszeug einer Kraftmenschin oder Riesendame.

Drei jngere Herrn bildeten ein vortreffliches Vagabunden-Kleeblatt, und
man konnte glauben, die zerlumpten Gesellen htten sich meuchlings von
der Landstrae eingeschlichen, um einmal ein Fest der oberen
Zehntausend mitzumachen. Die zu ihrer Rolle passende Trunkenheit
hatten sie sich in krzester Zeit angeeignet.

Leutnant von Meckelburg stand als Leierkastenmann unbeweglich in einer
Ecke und konnte sich nicht entschlieen, an dem lustigen Treiben
teilzunehmen, dabei machte er ein Gesicht, welches nicht unmittelbar auf
die Anwesenheit von Geist schlieen lie. Erst als er in spterer Stunde
seine musikalische Dekoration in einem Winkel des Festplatzes verborgen,
stellte sich allmhlich etwas Geist ein, der aber dem Grunde einer
geleerten Sektflasche entstammte.

Die Musik spielte die schnsten Tanzweisen und benutzte die Pausen zu
intensivem Studium des Bierfasses, dessen Hahn aus dem Tannengrn ihres
Podiums herauslugte.

Um 11 Uhr begann die Festvorstellung auf der kleinen dazu errichteten
Bhne.

Ein Leutnant trug als Einleitung zwei prinkelnde Kouplets vor, indem er
als anmutige Chansonette in einem reichlich dekolletierten Babykleidchen
auf der Bhne herumhpfte. Daran schlo sich die Auffhrung einer
Parodie auf Shakespeares Hamlet, in deren Verlauf smtliche
Mitwirkende durch Mord, Gift, Blitz, Hunger und Durst elendiglich zu
Grunde gehen. Zum Schlu trat sogar der Souffleur auf die Bretter und
gab, erschttert durch die vor seinen Augen sich abspielenden Greuel,
seinem inhaltlosen Leben durch freiwilligen Sturz in die Versenkung
einen wrdigen Abschlu.

So war die Stimmung immer anregender geworden und allmhlich unterschied
sich die Fastnachtsfeier des Offizierkorps nur noch durch den immer noch
strmenden Sekt von dem Treiben auf einem wirklichen Festplatz zur Zeit
der Dorfkirmes.

Leutnant Kolberg hatte sich inzwischen mit Frau Rittmeister Kahle in
einer Laube niedergelassen und eine Rollschutzwand davorgestellt, um
ungestrt und ungesehen ein trautes Stndchen zu verbringen.

Eine kleine Flirtation war ihm Lebensbedrfnis, und, da die Garnison
mit ihren soliden Brgerstchtern und ehrbaren Frauen seinen
diesbezglichen Ansprchen nicht gerecht wurde, wollte er einmal hier
sein Heil versuchen. Er wute ja von Pommer her, wes Geistes Kind Frau
Grete war und wollte nun auf diplomatischem Wege das Feld sondieren.

Die dazu erforderliche Zeit aber hatte er zu lange bemessen, denn schon
nach einer Viertelstunde lag die kleine Frau wonne- und liebestrunken in
seinen Armen und wehrte sich nicht im Geringsten, als der feurige Galan
die Rose am Busen seiner neuen Geliebten einer eingehenden Besichtigung
unterzog.

Das war doch ein anderer Kerl wie sein unbeholfener Vorgnger, der
hatte Mut und Feuer, und sie malte sich ein Liebesleben mit dem neu
eroberten Romeo in den glnzendsten Farben.

In einer anderen Laube sa Oberleutnant Leimann ganz allein und vergo
Bche von Trnen. Das heulende Elend hatte ihn wieder pnktlich nach dem
sechsten Glase gepackt.

Jeden trstlichen Zuspruch wies er schroff zurck, und die Ordonnanzen
wollten sich tot lachen, wenn sie den heulenden ungarischen Magnaten wie
ein Huflein Unglck auf einem Weinfa sitzen und herzbewegend
schluchzen sahen.

Seine Gattin fand die Situation hchst langweilig und beschlo daher,
einen Migrneanfall zu bekommen. Sie nahm also mit mden Zgen in einer
anderen Ecke Platz und bat den sofort hinzukommenden Borgert, sie nach
Hause zu bringen.

Durch diesen Auftrag nicht unangenehm berhrt, bot er der schnen
Vierlnderin den Arm, geleitete sie zur Garderobe, warf ihr den
Pelzmantel ber die Schultern und geleitete sie nach Hause.

Als sie vor der Tr des gemeinsamen Hauses standen, tat sie einen tiefen
Seufzer und sagte leise:

Die Luft hat mir gut getan! Es ist mir wieder wohl!

Also darf ich Sie wieder zum Kasino zurckbegleiten? war Borgert's
Antwort, und der Ton seiner Stimme verriet sichtliche Enttuschung.

Ach nein, wir wollen bei mir noch eine Tasse Kaffee trinken, das wird
uns gut tun, ich habe auch gar keine Lust, wieder unter diese
betrunkenen Menschen zu gehen, es ist ein widerwrtiger Anblick!

Ganz wie Sie wnschen, meine Gndigste!

Dabei schob er den Schlssel in das Schlo, ffnete die Tr, und beide
stiegen schweigend die dunkle Treppe hinauf.

Als sie im Zimmer angelangt waren, holte Borgert die Lampe herbei und
zndete sie an. Er kannte genau den Platz, wo sie zu finden war. Dann
griff er nach einer Zeitung und setzte sich trge in die Sofaecke.

Frau Leimann aber war im Nebenzimmer verschwunden, um nach wenigen
Augenblicken wieder mit der Kaffeemaschine zu erscheinen, auch hatte sie
das Fastnachtskostm mit dem Morgenrock vertauscht, dessen weicher
Faltenwurf sich kosend an die schnen Glieder schmiegte.

So, sagte sie, die Gardinen zuziehend, jetzt sind wir endlich in
unseren vier Pfhlen, jetzt wollen wir noch ein Stndchen gemtlich
plaudern!

Dabei lie sie sich ebenfalls auf das Sofa fallen, und Borgert's Augen
hingen wie trunken an der jugendlich schnen Gestalt, die sich unter
dem Stoff des Gewandes verriet.

Endlich allein! knnte man eigentlich sagen, scherzte Borgert,
hoffentlich kommt Ihr Gatte nicht zu bald nach, damit unser idyllisches
Kaffeestndchen nicht gestrt wird.

Mein Mann? erwiderte Frau Leimann mit spttisch emporgezogenen Lippen,
der kann bleiben wo er ist, wie ich ihn kenne, kommt er vor morgen frh
auch nicht nach Hause. Ich habe den Menschen schrecklich satt! Ich kann
ja zu Ihnen offen reden!

Ja, gndige Frau, das sind eben die Freuden und Leiden des Ehestandes.
Drum prfe, wer sich ewig bindet, sagt Schiller, denn sonst gibt es eben
ein Unglck!

Sie haben gut reden! Man kann doch in den paar Wochen, die man verlobt
ist, nicht seinen Zuknftigen so kennen lernen, wie man es in der Ehe
tut. Htte ich das gekonnt, dann htten wir nicht diese Dummheit
begangen, uns zu heiraten. Denn ich bin ihm jetzt zu arm und er wird mir
allmhlich unausstehlich!

Darum heirate ich nie, ich lasse die Finger von diesem Hazardspiel!

Aber man ist doch schlielich dazu da! erwiderte Frau Leimann fast
gereizt, man will doch spter nicht als alte Jungfer zum Gesptt der
Leute werden.

Nach unseren Gesetzen und gesellschaftlichen Regeln hilft es eben
nichts, gndige Frau, da heit es entweder heiraten oder ledig bleiben.
Aber das ist entschieden eine Lcke in unserer Weltordnung. Wie wenige
sind es, die, nach langjhriger Ehe vor die Frage gestellt, ob sie sich
noch einmal heiraten wrden, mit einem aufrichtigen Ja antworten
knnten! Meistens wrde man doch die Gelegenheit benutzen, auseinander
zu laufen. Ich setze dabei also voraus, da es eine Bestimmung gbe, die
nach beispielsweiser zehnjhriger Ehe diese trennen und den Gatten eine
nochmalige gegenseitige Heirat gestatten wrde.

Sie haben Recht, manche mchten schon nach den ersten Wochen wieder
auseinander, aber sie mssen weiter neben einander her vegetieren, weil
sie durch die sogenannte Ehe zusammengebunden sind.

Das wre etwas voreilig gehandelt, gndige Frau, denn viele Ehegatten
mssen sich erst an einander abschleifen und ganz genau kennen, um sich
schtzen zu lernen, wozu oft lange Jahre gehren, und dann kommt es doch
hufig vor, da sie in spteren Jahren recht gut miteinander auskommen,
whrend sie frher wie Hund und Katze standen.

Gewi, aber wenn nach zehn Jahren keine Liebe da ist, dann kommt sie
auch nicht mehr!

Das mchte ich beinahe auch glauben, lachte Borgert, man sieht eben,
die Ehe ist keine zeitgeme Einrichtung. Sie mag gut sein fr zwei
Menschenkinder, die uerer Vorteile wegen, wie sie auch sein mgen,
sich heiraten. Aber fr Menschen, die nur zusammenkommen, weil sie
glauben, sie lieben sich, ist es nichts, denn wenn die Liebe vorbei ist,
ist die Ehe nur ein Martyrium. Und deswegen sollte es fr solche, die
sich nher treten wollen, eine andere Einrichtung geben, als sie dann
gleich frs ganze Leben aneinander zu fesseln!

Sie meinen also dann, an Stelle der Ehe sollte man die sogenannte
freie Liebe einfhren?

Gewi, gndige Frau, entweder das, oder, wenn dies aus irgend welchen
Grnden nicht ratsam erscheinen sollte, eine Einrichtung schaffen, wie
sie die Orientalen haben. Hat dort ein Mann sich an einer Frau
gesttigt, wenn ich mich drastisch ausdrcken soll, so geht er einfach
zur nchsten ber, denn er darf sich ein ganzes Hans voll halten. Aber
er wird einer einzelnen gar nicht so schnell berdrssig, weil er eben
Abwechslung in der Liebe haben kann. Und man kann doch keinen Menschen
zwingen, sein ganzes Leben nur immer denselben oder dieselbe zu
lieben!

Da schiene mir denn doch die freie Liebe noch ratsamer, wenn Sie einmal
die Einzelehe verwerfen wollen, denn sie wre noch weniger durch Grenzen
und Gesetze beengt, wie es die orientalische Ehe trotzdem ist.

Selbstverstndlich, welchen Unsinn und widernatrlichen Zwang unsere
Ehe bedeutet, sehen Sie, wenn Sie ihr Wesen einmal genau definieren. Was
heit Ehe? Ein Bndnis zwischen Mann und Frau, die sich lieben oder
deren uere Verhltnisse eine Verbindung ratsam erscheinen lassen.
Dabei machen Kirche und Gesetz, manchmal auch nur letzteres allein,
dieses Bndnis, Ehe genannt, zu einem rechtmigen.

Aber erstens: die sich lieben. Tun sie das immer und dann durch das
ganze Leben? Nein, nur in der Minderzahl der Flle bleibt eine etwa zu
Anfang vorhandene Liebe bestehen, aber die Ehe ist von Gott und Natur
dazu bestimmt, Liebende zu verbinden. Tut sie das nicht, ist es Unsinn.

Zweitens: eine Ehe zwischen ueren Umstnden gibt es auch nicht, denn
um aus gemeinsamen Vorteilen, oder wie Sie es nennen wollen, Gewinn zu
haben, ist Handel und Geschft der richtige Weg, aber nicht die heilige
Ehe.

Drittens: eine Ehe, in welcher die Liebe schwinden kann, ist ebenfalls
hinfllig, denn man mu bei der Trauung dem Pfarrer, gewissermaen also
dem Stellvertreter Gottes, das eidliche Versprechen geben: wir wollen
uns das ganze Leben in Liebe angehren. Dieser Eid ist also sofort in
einen Meineid verwandelt, wenn die Liebe schwindet. Und wie kann man
mich denn zwingen, etwas zu schwren, von dem ich noch gar nicht wei,
ob ich es zu halten im stande bin? Wider die Natur kann doch kein
Mensch!

Der Begriff Ehe ist also abgetan.

Was haben nun weiter Gesetz und Kirche mit der Verbindung zweier
Menschen zu tun, die sich lieben? Die Kirche gibt ihren Segen dazu und
soll den Bund heiligen. Das ist aber berflssig und lediglich eine
Formsache, denn das Gefhl der Weihe, wie es die Trauung einflen soll,
haben zwei Menschen von selbst, die sich wirklich gern haben und den
Entschlu fassen, sich zu verbinden.

Ferner, ein Gesetz mu es ja geben, denn es bildet die Norm fr
auseinandergehende Ansichten, und ohne Gesetz ist kein Staat, kein
gemeinschaftliches Wirken zweier oder mehrerer Menschen denkbar. Die
Liebe als solche aber, wie sie allein zwei Gatten zusammenfhren soll,
braucht keine Gesetze, denn diese sind von der Natur aufgestellt. Ein
Gesetz schreibt Handlungen oder Unterlassungen vor, gibt Anhaltspunkte
fr das menschliche Zusammenleben und Wirken, Gefhle aber kann es
nicht vorschreiben, also auch nicht rechtskrftig machen.

Zwei Menschen also, die sich wirklich lieben und fhlen, da sie
zusammen gehren, verbinden sich am natrlichsten durch die freie
Liebe!

Aber warum sollen sie sich denn nicht heiraten, wenn sie unbedingt
glauben, zusammen zu gehren? warf Frau Leimann ein.

Weil sie der Kirche keinen falschen Eid geschworen haben, wenn die
Liebe einmal schwindet, auch knnen sie dann ruhig wieder auseinander
gehen.

Aber dafr gibt es doch die Scheidung!

Gewi, die gibt es. Eine Scheidung aber wirbelt meist so viel Staub auf
und hat oft so nachteilige Folgen fr die Beteiligten, da sie lieber
jahrelang in gegenseitigem berdru, oder gar in Ha und Verachtung
neben einander leben, als sich zur Scheidung entschlieen. Abgesehen von
den groen gesetzlichen Schwierigkeiten einer solchen ist es aber auch
meist schwer, die nun einmal verbundenen ueren Umstnde, Vermgen u.
s. w. zu trennen.

Hrt freie Liebe auf, so geht man stillschweigend wieder auseinander und
fhrt nicht jahrelang ein widernatrliches Leben in einer sogenannten
Ehe. Auch werden sich Mann und Frau, solange wahre Liebe zu einander
vorhanden ist, nicht gegenseitig mit einem anderen betrgen, und damit
wre viel Unglck und Snde aus der Welt geschafft.

Aber dann mte ja jeder gesellschaftliche Familienverkehr aufhren,
denn die Mnner eines gemeinsamen Wirkungskreises, z. B. eines
Offizierkorps oder die Beamten eines Gerichtes wrden dann aus so
verschiedenen Schichten der Gesellschaft oder des Volkes ihre Frauen
whlen, da diese gar nicht zusammen passen wrden!

Das wre kein Hinderungsgrund, gndige Frau: die zu einander passen,
knnten doch miteinander verkehren. Die brigen bleiben sich eben
gegenseitig fremd. Oder finden Sie es etwa schn, da Frauen, die sich
innerlich ganz fern stehen und bleiben, jeden Tag wie dicke Freundinnen
zusammensetzen, weil es der gesellschaftliche Verkehr verlangt?

Das finde ich allerdings nicht schn, man braucht sich ja nur einmal
unsere Damenkaffees zu betrachten.

Die Wahl der Frau in der freien Liebe ist an keine Gesellschaftsklasse
gebunden, weil dann die Frau dem Manne eben nicht dazu dient, sich
uere Vorteile in Stellung oder pekunirer Beziehung zu schaffen oder
um mit ihr Staat zu machen, sondern nur fr die Liebe, also fr das
engere Leben in Haus und Familie.

Aber die Ehe ist doch eigentlich nur die Form fr ein Naturgesetz, da
nmlich das Menschengeschlecht erhalten wird.

Stimmt, aber dieses Naturgesetz wird weit besser durch die freie Liebe
als durch die Ehe gefrdert. Nehmen Sie eine Ehe, in welcher die
wirkliche Liebe der Gatten zu einander geschwunden ist, oder sie sich
vielleicht sogar berdrssig sind. Scheiden lassen wollen sie sich
nicht, aber Kinder werden doch in die Welt gesetzt, eins nach dem
anderen. Diese aber sind keine Kinder der Liebe, und ihre Erziehung,
Charakter- und Gemtsbildung mu doch darunter leiden, wenn sie keine
inneren Beziehungen, keine Herzens- und Seelenverwandschaft der Eltern
empfinden, denn dahinter kommt ein Kind sehr bald. Aber auch die
Kinderzahl wrde sich in der freien Liebe verringern, denn ein Mann, der
seine Frau wirklich lieb hat, macht keine Maschine aus ihr, und glauben
Sie nicht, da zum Glck einer Ehe schon zwei Kinder gengen? Jedes
weitere bringt nur Last und Sorge. Wenn aber, besonders in niederen
Volksklassen, die Kinderzahl abnimmt, ist auch gleichzeitig eines jener
Grundbel beseitigt, die den Sozialismus frdern.

Nun nehmen Sie aber eine Ehe, die fnf Kindern das Leben gibt und
setzen Sie statt der Ehe die freie Liebe: Der Mann whlt jedes Jahr
eine andere Frau, das lassen Sie zwanzig Jahre so fortgehen und es gibt
unter normalen Umstnden zwanzig Kinder statt fnf. Was soll aus ihnen
werden? Der Mann kann doch nicht jedesmal in sein neues Liebesverhltnis
die jhrlich wachsende Kinderzahl mitbringen und sie alle groziehen!

Betreffs der Kinder der freien Liebe knnte es ja ein Gesetz geben,
welches dem Vater dieselben Verpflichtungen auferlegt, wie sie fr
auereheliche Kinder bestehen. Dann wrde er sich schon einzurichten
wissen, wenn er zu regelmigen, seinem Einkommen entsprechenden
Geldopfern gezwungen wre.

Und wenn der zweiten Frau nicht pat, da er das Kind des ersten
Verhltnisses mitbringt?

Dann knnte man Erziehungshuser in groem Styl errichten. Schon unter
den jetzigen Verhltnissen wre es oft gut, wenn ein Kind nicht bei den
Eltern aufwchse, die nicht harmonieren, und so dem jugendlichen Gemt
Eindrcke zu teil werden, die ihm nicht von Nutzen sind.

Inde nennt man ja Kinder das Unterpfand der Liebe, sie wrden das
einmal eingegangene Verhltnis erhalten helfen.

Dann kmen wir also wieder auf die Ehe zurck!

Gewi, aber auf eine Ehe, die wir jeden Tag selbstndig lsen drfen.

Wir Menschen tun gut, uns in allem an die Natur zu halten, an ihr
knsteln und bessern zu wollen, hat meist den entgegengesetzten Erfolg.
Ein Tier tritt auch nicht vor den Altar oder den Standesbeamten, wenn es
sich mit einem anderen paaren will. Sind sie von einander gesttigt,
luft das eine wieder nach Sden, das andere nach Norden.

Wir sind aber doch mehr wie Tiere! lachte Frau Leimann.

Dafr haben wir auch die Liebe, ein Tier kennt nur Triebe!

Frau Leimann schwieg. Ein so ernstes Gesprch hatte sie lange nicht
gefhrt und es machte ihr fast Mhe, dem Gedankengang zu folgen. Schien
ihr auch mancher Punkt noch anfechtbar, im Grunde war es doch richtig
mit dieser freien Liebe, und sie bedauerte beinahe, da man in der
Kultur noch nicht so weit gekommen sei. Das wre eher nach ihrem
Geschmack gewesen, als die Ehe mit so einem langweiligen, hlichen
Mann, wie ihr Gatte war, mit so unendlich vielen schlechten
Eigenschaften. Sie besa auch gengend Feingefhl, um mit dem schlauen
Verstand einer Frau zu empfinden, wo hinaus Borgert mit Entwickelung
dieser seiner Ansichten wollte. Sie warf daher ihr erhitztes Kpfchen
auf, blinzelte verschmitzt den Apostel der freien Liebe von der Seite
an und fragte mit erheuchelter Unbefangenheit:

Nun, sagen Sie, wenn eine Frau schon verheiratet ist, also bereits
durch eine Gesetzesehe gebunden, und kommt nun nachtrglich zur
Einsicht, da die freie Liebe besser ist? Was dann?

Dann mag sie ihrer Einsicht folgen, nur darf sie es nicht so
offenkundig vor aller Augen tun, da sie es eben nach den vorlufig noch
bestehenden Grundstzen ber eheliche Treue nicht darf. Sie mu es
machen wie die Pariserin.

Dann wird es aber Zeit, da ich mich nach einem solchen heimlichen
Romeo umsehe, denn mein Gesetzlicher wird mir allmhlich unheimlich!
rief Frau Leimann belustigt.

Kann ich Ihnen dabei behilflich sein, Gndigste? entgegnete Borgert
ebenfalls scherzend.

Sie wrden es sich damit wahrscheinlich wieder leicht machen, denn,
wenn ich mich recht entsinne, stellten sie sich schon einmal
freundlichst zur Verfgung!

Womit ich auch in diesem Falle meine Dienste beginnen wrde!

Dann knnte ich ja mit Ihnen einmal die neue Theorie probieren, schade,
da kein heimlicher Standesbeamter da ist. Aber nein, den haben Sie ja
als berflssig verworfen.

Nein, den brauchen wir nicht, wir machen die Sache unter uns ab! sagte
Borgert scherzend.

Bedarf es denn gar keiner Formalitten?

Gewi, sogar vieler, und zwar derselben wie beim Abschlu einer
richtiggehenden Ehe!

Ach so, Sie meinen einen Hndedruck und einen innigen, trnenfeuchten
Blick?

Auch das gehrt dazu.

Auch? Was denn noch? Ich habe so ein schlechtes Gedchtnis.

Ich will es Ihnen ins Ohr sagen, rcken Sie etwas nher!

Frau Leimann rckte dicht neben Borgert und sagte, unbefangen scherzend:

Das scheint ja eine groe Heimlichkeit zu sein! Sie beugte ihren Kopf
zu Borgert hin, welcher in diesem Augenblick mit beiden Armen die schne
Frau umschlang, whrend seine Lippen die ihren suchten. Da schlang auch
sie die Arme um den Mann, und lange hielten sie sich so umschlungen,
whrend ein heier, glhender Ku all die verhaltenen Gefhle der Liebe
auszustrmen schien, die lange beider Herzen erfllt.

       *       *       *       *       *

Die Lampe war schon im Erlschen begriffen, als ein unsicherer, schwerer
Schritt auf der Treppe vernehmbar ward.

Er kommt! stie Frau Leimann erschrocken aus, Du mut dich eilen, da
er dich nicht hrt!

Eine letzte Umarmung, und Borgert huschte durch das Speisezimmer dem
anderen Ende des Korridors zu, um ber die Hintertreppe nach seiner im
Erdgescho gelegenen Wohnung zu gelangen. An der Tr aber zog er behend
die Schuhe aus und tappte leise die dunkle Treppe hinab.

Frau Leimann aber blies die Lampe aus, stellte Borgerts Kaffeetasse
unter das Sopha und legte sich wie schlafend in die weichen Kissen
zurck.

Inzwischen hatte Leimann geruschvoll die Korridortr geffnet und trat
jetzt in das Zimmer, wo die Gattin seiner harrte.

Einen Augenblick blieb er am Eingang stehen. Roch es hier nicht nach
Zigarettenrauch? Dann tastete er mit den Hnden nach dem Tisch, ergriff
die Streichholzschachtel und zndete eine Kerze an. Da erblickte er
seine Gattin auf dem Sofa.

Der Anblick rhrte ihn. Hatte die treue Seele auf ihn gewartet, um ihm
noch eine Tasse Kaffee anzubieten? Gewi war sie vor Mdigkeit
entschlummert und hrte ihn nicht, als er nach Hause kam. So trat er
denn behutsam an das Sofaende und kte seine Frau auf die Stirn.

Mit einem leichten Schrei fuhr sie empor.

Ach du bist es, Georg, wo bleibst du so lange?

Sei mir nicht bse, mein Engel, da ich dich warten lie, aber ich
ahnte ja nicht, da du meinetwegen aufbleiben wrdest. Warum hast du
dich nicht gelegt?

Aus den Worten klang ein liebevoller Ton, sie schienen wie eine
Entschuldigung, eine Bitte um Verzeihung; Frau Leimann aber wischte sich
den Schlaf aus den Augen und erhob sich mde.

Ich mute doch auf dich warten, Georg, du warst wieder in einem
schrecklichen Zustand. Als ich dich so sitzen sah, wurde mir so elend,
da ich es nicht mehr aushalten konnte, und ging nach Hause!

Allein, so spt, in der Nacht? Warum hast du dich nicht von einer
Ordonnanz begleiten lassen?

Borgert hat mich bis an die Tr gebracht, er bot mir seine Begleitung
an!

Dafr mu ich mich morgen bei ihm bedanken, er ist berhaupt immer sehr
aufmerksam gegen dich! Wo ist er denn geblieben, ich habe ihn nicht mehr
gesehen den ganzen Abend!

Er klagte ber Kopfweh, hatte auch ziemlich genug, er wird wohl zu Bett
gegangen sein.

Warum hast du ihm nicht noch eine Tasse Kaffee angeboten?

Aber Georg, was sollen denn die Dienstboten denken, wenn sie mich um
diese Zeit noch mit einem Herrn kommen hren, das geht doch nicht! Diese
Marie spitzt und horcht berhaupt immer herum, da man sich
zusammennehmen mu, da sie nicht einmal ein Wort auffngt. Ich mchte
nicht wissen, was die ber uns schon alles geklatscht hat!

Dann schicke sie doch fort, wenn du ihr nicht traust!

Das htte ich lngst getan, aber ehe sie ihren rckstndigen Lohn nicht
hat, kann ich ihr nicht kndigen.

Dann bezahle sie morgen!

Wovon? Hast du das Geld dazu?

Ich? Du weit, da ich von meinen paar Mark Gehalt fr den Haushalt
nichts hergeben kann. Hat deine Mutter denn diesen Monat noch nichts
geschickt?

Nein, sie hat diesmal selbst nichts brig!

Natrlich, das alte Lied!

Soll das vielleicht wieder ein Vorwurf sein? Du hast es ja gewut, da
ich nicht reich bin, also tue mir den Gefallen, mich endlich mit deinen
Anspielungen und Klagen zu verschonen, ich finde das allmhlich
langweilig und geschmacklos!

Ja, das willst du nicht hren! Du httest frher einsehen mssen, da
eine solche Wirtschaft ohne Geld ein Unding ist! Jetzt haben wir jeden
Tag die Schweinerei, heute kommt der Metzger, morgen der Bcker,
bermorgen die Waschfrau, alle wollen sie Geld. Ich kann es mir nicht
aus den Rippen schneiden.

Warst du es nicht selbst, der mich nicht los lie? Hast du nicht alle
diese Bedenken ausgeschlagen und immer wieder auf eine Heirat
bestanden?

Gewi, aber du und deine Mutter mutet so vernnftig sein, den Unsinn
einzusehen, wenn ich es nicht tat. Deine Mutter wute, was ein Haushalt
kostet, ich aber nicht. Jetzt ist es zu spt.

Das sehe ich selbst ein, das brauchst du mir nicht unter die Nase zu
reiben. Aber meine Schuld ist es nicht, denn wre alles so geworden, wie
es meine Mutter wollte, brauchtest du dich heute nicht ber eine arme
Frau zu rgern. Du warst nicht der einzige, den ich htte heiraten
knnen.

Das httest du damals gleich sagen knnen, entgegnete ihr Gatte
hhnisch, es tut mir aufrichtig leid, wenn ich strend in deine Zukunft
eingegriffen habe.

Du bist gemeiner, Georg, als ich dachte.

Die Wahrheit wollt Ihr Weiber niemals hren, wenn man euch nicht ewig
Schmeicheleien sagt und schne Tne vorfltet, seid ihr gleich auf den
Fu getreten!

Nun, ich bin von dir nicht gerade verwhnt mit derartigen
Liebkosungen!

Weil ich nicht wei, wofr ich sie dir schuldig bin. Vielleicht dafr,
da ich heute nicht wei, wie ich meinen Schuster bezahlen soll, statt
da ich auf der Kriegsakademie bin und ein anstndiges Leben vor mir
habe?

Schweig, du gemeiner Mensch, du hast kein Recht, mich zu beleidigen!
Verla mein Zimmer oder ich verlasse das Haus!

Zu Befehl, meine Gndigste! Angenehme Ruhe!

Dabei schlug Leimann hinter sich die Tr ins Schlo, da die Fenster
zitterten und begab sich in sein Schlafzimmer.

Seine Gattin aber vergrub schluchzend das Gesicht in den Sophakissen und
machte in einem Trnenstrom den Gefhlen des Hasses und der Wut gegen
den herzlosen Gatten Luft. Ihr ganzes Inneres emprte sich gegen die
Gefhlsroheit dieses Menschen, dem sie gefolgt war, weil er ihr auf den
Knien schwor, nicht ohne sie leben zu knnen, und nun trat er die
dargebrachte Liebe mit Fen, entweihte alle heiligen Erinnerungen eines
Frauenherzens, welche sich an den ernstesten Schritt ihres Lebens
knpfen und ihm in schweren Stunden eine Sttze, ein Halt sein sollen,
um Unglck und Ungemach leichter ertragen zu knnen.

Und hatte sie noch vor wenigen Minuten, als Borgert sich aus ihren Armen
befreite, etwas empfunden wie eine schwere Snde, ein Verbrechen an der
Heiligkeit der Ehe, eine Gewissenlosigkeit gegen den Ahnungslosen, so
schien ihr jetzt ihre Handlungsweise eine gerechte Shne und
entschuldbare Folge fr die brutale, herzlose Gefhlsroheit ihres
Gatten.

Denn nie ist das Herz des Weibes mehr empfnglich fr die verbotene
Liebe eines fremden Mannes, als in dem Augenblick, da es in den letzten
Zuckungen liegt von dem Todessto, den ihm der eigene Gatte gab.

       *       *       *       *       *

Der Morgen des jungen Tages vertrieb die letzten Festgste aus dem
Kasino. Ausnahmslos hatte der Sekt seine Wirkung getan, und man verlie
den Festplatz in einer Stimmung, die darnach angetan war, die Grenzen
des guten Tones immer mehr zu berschreiten.

Die nahe Turmuhr schlug fnf, als die letzten, Rittmeister Stark nebst
Gattin und der Oberst, den seit drei Stunden wartenden Krmperwagen
bestiegen, dessen Pferde, durch den anhaltenden Regen ganz steif
geworden, sich kaum entschlieen konnten, ihre Last in den Morgennebel
zu ziehen. Erst als der Kutscher einen Puff erhalten und mit der
Peitsche diesen an die armen Tiere weitergegeben hatte, kam das Gefhrt
ins Rollen und brachte die bermtigen Nachtschwrmer ihrer Wohnung zu.

Leutnant von Meckelburg und Oberleutnant Specht konnten zwar kaum noch
auf den Beinen stehen, aber sie gingen getrost in die Kaserne, um von
5-6 Uhr Instruktion abzuhalten, nachdem sie sich schnell umgezogen.
Specht verga sogar, seinen knstlichen Schnurrbart zu entfernen und
erschien mit dieser an ihm ungewohnten Zierde der Mnnlichkeit vor
seinen lchelnden Rekruten.

Die meisten andern Herren zogen es vor, erst ihren Rausch ein wenig
auszuschlafen und lieen Dienst Dienst sein, vor 11 Uhr kam heute doch
kein Rittmeister in die Kaserne.

Sie sollten mit ihrer Vermutung auch Recht haben. Rittmeister Knig
allerdings war pnktlich um 7 Uhr zur Stelle und wohnte Bleibtreus
Reitunterricht bei, um dann eine Zhlung der Kammerbestnde vorzunehmen.
Sein Grundsatz war und blieb: Vergnge dich, so viel du willst, aber
Dienst ist Dienst.

Hagemann erschien erst gegen elf Uhr auf der Bildflche, um seinen Kater
von seinem Leibro ein wenig spazieren tragen zu lassen. Stark dagegen
zog es vor, ganz zu Hause zu bleiben. Dafr kontrollierte seine wackere
Gattin, mit dem Notizbuch in der Hand, ob alle Reitlehrer bei ihren
Abteilungen seien und notierte Kolberg als den ersten, der den Dienst
schwnzte.

Um 1/2-1 Uhr empfing sie den Besuch des Rittmeisters Hagemann, der sich
entschuldigen wollte, weil er am gestrigen Abend infolge seiner sehr
angeregten Stimmung der Meernixe einige unzarte Schmeicheleien gesagt
hatte. Er hatte nmlich geuert, sie msse infolge ihres Fettgehaltes
vorzglich schwimmen knnen, wenn das Meer nicht vor der Flle ihres
Nixenleibes aus den Ufern trte.

Leimann ging ebenfalls eilig im Helm durch die Hauptstrae, um auch
seinerseits fr sein gestriges Benehmen um Entschuldigung zu bitten.

Erst der Abend fand die Mehrzahl der Herren bei einem solennen
Dmmerschoppen im Kasino versammelt, wo man das Fest des vergangenen
Tages besprach und in mehr oder minder wrzigen Reden die einzelnen
Teilnehmer einer Kritik unterzog.

Borgert verstand es dabei, in ganz besonders scherzhafter Weise das
Neuste ber den nicht mit anwesenden Kolberg und Frau Kahle zu
berichten. Seinem Spherauge war nichts entgangen, er vermochte sogar zu
sehen, was hinter einer Rollschutzwand geschah.

Indessen sa der Geschmhte behaglich am warmen Ofen seines Zimmers, auf
seinen Knieen aber Frau Kahle.

Sie hatte es vor Sehnsucht nicht aushalten knnen und war unter dem
Vorwand, Besorgungen machen zu mssen, ihrem Gatten entwischt und im
Schutze der Dunkelheit nach dem Ende der Stadt in den kleinen Garten
geeilt, zwischen dessen hohen Kastanien das kleine von Kolberg bewohnte
Huschen stand.

Dieser Versuch, ein ungestrtes Schferstndchen zu genieen, glckte so
gut, da es sich lohnte, ihn so oft wie nur mglich zu wiederholen. Es
war auch besser so, als dieses langweilige Spazierengehen, denn in dem
kleinen Nest pate ein jeder auf und freute sich wie ein Knig, wenn er
etwas zu erzhlen hatte, was ein anderer noch nicht wute. Selbst den
Bumen im Walde konnte man nicht trauen, war es doch schon vorgekommen,
da ein Unteroffizier aus der Krone einer Ulme herabstieg, an deren Fu
ein anderer sich mit seiner Braut vergngte, und der Treulosen eine
ausgibige Portion Prgel verabreichte.

Auerdem war die Witterung meist kalt und schlecht, und zur Liebe
braucht man Wrme.

So aber merkte niemand etwas. Sie ging einfach aus, um Einkufe zu
machen, und dann waren nach Eintritt der Dunkelheit die Straen meist
so leer, da sie kaum einem Menschen begegnete, wenn sie dem einsamen,
abgelegenen Huschen zuging.

Die Glcklichen rechneten nicht einmal damit, da man vor dem Burschen
auf der Hut sein msse, er wurde eben jedesmal in die Stadt oder zur
Kaserne geschickt. Er hatte aber bald heraus, da diese regelmigen
Sendungen am Montag und Donnerstag nur ein Vorwand seien, denn die
Auftrge, die er dabei erhielt, waren oft recht sonderbarer und
berflssiger Art. So stellte er sich denn eines Tages hinter einem Baum
und erblickte zu seinem nicht geringen Erstaunen die Gattin des
Rittmeisters Kahle, die ungeniert zu seinem Leutnant hineinspazierte.
Allmhlich aber wuchs seine Neugierde, und er schlich sich dann
regelmig unter das Fenster, um durch die dnnen Scheiben jedes Wort
mitanzuhren, oder vom nchsten Baum aus einen Blick in das Innere des
Zimmers zu werfen. Was er da sah, setzte ihn in Erstaunen, und er gab
gelegentlich seinen Gedanken in der Kantine Ausdruck. Er fand dabei ein
dankbares Publikum, denn alle lachten aus vollem Halse. Ihre Heiterkeit
aber erreichte den Hhepunkt, als der getreue Bursche Kolberg's aus dem
Portemonnaie eine in der Wohnung des Leutnants gefundene Haarnadel
herauszog und dieselbe Kahles Burschen bergab mit der scherzenden
Bitte, sie der Gndigen zurckzuerstatten.

Kolbergs Bursche war dadurch ein interessanter Mann geworden, denn er
erzhlte weit fesselnder als der des Hauses Leimann. Letzterer wute von
seiner Gndigen und Borgert ja auch so manches zu erzhlen, doch seine
Darstellungen waren lckenhaft, weil sich das Dienstmdchen weigerte,
ihre weit interessanteren Beobachtungen zum Besten zu geben. Sie sparte
sich dieselben auf als Trumpf fr sptere Zeiten, wo man durch sie nicht
nur den rckstndigen Lohn, sondern vielleicht noch mehr herausschlagen
konnte.

So vergingen mehrere Monate.

Das Geheimnis von dem Verhltnis Kolberg's zu Frau Rittmeister Kahle war
allmhlich in alle Kreise hindurchgesickert und der Gesprchsgegenstand
in mancher Kneipe des kleinen Stdtchens geworden. Selbst Kolberg's
Kameraden wuten davon, aber keiner wollte es unternehmen, eine Sache,
fr welche man nicht greifbare Beweise in Hnden hatte, aufzurhren,
denn entweder stritten die beiden die ihnen zur Last gelegten Tatsachen
ab, und dann war man der Blamierte, hatte die Ehre eines Kameraden und,
was noch schlimmer war, die einer Dame des Regiments angegriffen, und
das mute bse Folgen haben, denn wer konnte wissen, ob der einzige
Zeuge des Verhltnisses, Kolberg's Bursche, bei seinen Behauptungen
bleiben wrde, wenn man ihm auf's Leder kniete? Vielleicht -- und das
schien wahrscheinlich -- wrde er seine Erzhlungen aus Furcht vor
Strafe fr sein heimliches Aufpassen widerrufen oder die Sache in einem
anderen, unschuldigeren Lichte darstellen, vielleicht auch wrde er
aussagen, nichts gesehen zu haben.

Andererseits frchtete man mit Recht, die Enthllung der Sache knnte
gewaltigen Staub aufwirbeln, die Verabschiedung eines Kameraden und das
unvermeidliche Duell zur Folge haben. Dem Rittmeister Kahle aber wollte
man wohl, weshalb ihm also solche unerquicklichen Weiterungen bereiten?

So blieb alles, wie es war, nur die Rederei nahm, besonders in der
Stadt, einen derartigen Umfang an, da Rittmeister Knig sich entschlo,
dem Kommandeur privatim einen Wink zu geben.

Der Oberst aber fragte: Melden Sie mir das dienstlich? Nein? Dann wei
ich nichts davon, ich werde mir die Finger an einer solch heikeln
Geschichte nicht verbrennen.

Knig versprte auch wenig Lust, der Urheber einer groen
Skandalgeschichte zu werden und nachher womglich noch eine Forderung zu
erhalten, er schwieg also ebenfalls.

So geschah denn von keiner Seite etwas, um dem Gerede ein Ende zu
machen und etwas aus der Welt zu schaffen, was dem Regiment und dem
gesamten Offizierkorps in hohem Grade schadete und geeignet war, sein
Ansehen in schlimmster Weise zu schdigen. Wo man in anderen Kreisen der
Bevlkerung bei gleichen Verhltnissen den Schuldigen zur Rechenschaft
gezogen haben wrde, duldete man einen jedem Anstands- und Ehrgefhl
Hohn sprechenden Umstand, und das in einem Stande, der fr sein Ansehen,
die Unanfechtbarkeit seiner Sitten und seine bevorzugte Stellung im
Vaterland die erste Stelle fr sich beanspruchte.

Am schwersten traf dieser Vorwurf den Obersten von Kronau. Dieser Herr,
der stets bereit war, mit aller Strenge rcksichtslos einzugreifen, wenn
er etwas Ungehriges oder Strafbares entdeckte und keine Milde kannte,
wenn er dabei fr seine Person nichts zu frchten hatte, er duldete die
Schande. Denn hier mute er damit rechnen, da ihm unter Umstnden
Unannehmlichkeiten entstanden. Entweder konnte man ihn einer falschen
Anschuldigung zeihen, oder seine Stellung als Kommandeur erhielt einen
Sto, wenn die vorgesetzten Behrden Kenntnis von den Geschehnissen in
seinem Regiment erhielten. Beides aber war durchaus nicht nach seinem
Geschmack.

Es kam ihm daher als hochwillkommene Nachricht, als er ein
Dienstschreiben erhielt, laut welchem der Rittmeister Kahle zum Major
befrdert und in eine Garnison Sddeutschlands versetzt wurde. Da war
das ersehnte Ende dieser unseligen Geschichte, und er freute sich
doppelt, nicht voreilig gehandelt zu haben, denn nun wurde die Sache
durch eine gnstige Wendung des Geschicks zum Abschlu gebracht.

Kahle war glcklich ber die unerwartet schnelle Befrderung. Hatte er
doch nun das schne Ziel erreicht, dem er lange Jahre ernster Arbeit und
redlichen Strebens gewidmet!

Jetzt konnte er ruhiger der Zukunft entgegensehen, denn nun die
gefhrliche Majorsecke berwunden war, schien ihm eine weitere
aussichtsvolle militrische Laufbahn mit Rcksicht auf seine Fhigkeiten
auer Zweifel. Dazu die schne neue Garnison, was wollte er mehr?

Schon am Tage nach der Befrderung versammelte ein Liebesmahl das
gesamte Offizierkorps im Kasino. Um den Scheidenden besonders zu ehren,
hatte der Oberst Epauletten befohlen, und der neugebackene Major nahm
sich besonders fein aus im Schmuck seiner Orden und Kandillen.

Als der zweite Gang vorber war, erhob sich der Oberst und hielt dem
scheidenden Kameraden eine herzliche Abschiedsrede, in welcher er der
allgemeinen Beliebtheit und den hohen militrischen Tugenden Kahles
Ausdruck gab, dann berreichte er ihm den blichen silbernen Becher mit
dem Namenszug des Regiments.

Kahle dankte mit gerhrten Worten. Aus seiner Abschiedsrede klang die
Freude ber die Befrderung heraus, aber auch ein Schmerz, nach so
langer Zeit in der Garnison die Kameraden und den Ort seiner Wirksamkeit
verlassen zu mssen. Oft hatte er sich sehnlich fortgewnscht aus diesem
weltvergessenen Stdtchen, in dem es so viel rger gab, aber jetzt, da
es ans Scheiden ging, schnitt es ihm doch wie ein leichter Schmerz in
die Seele, auf immer von dort zu scheiden, wo er lange Jahre dem
Vaterlande in Ehren gedient.

Die Herren waren alle vollzhlig am Bahnhof versammelt, als der Major am
nchsten Tage mit dem Mittagszuge abreiste. Nachdem er noch einmal allen
Lebewohl gesagt, und der Oberst ihn gekt hatte, nahm er Abschied von
seiner Frau und dem kleinen Sohne. Es war ihm schwer ums Herz und es
kostete ihm Mhe, eine Trne zu verbergen, die sich in sein Auge stahl.

Auch seine Ehe wollte er nun zu einem trauten Zusammenleben gestalten,
auf da mit den Freuden seiner neuen Stellung auch die eines gemtlichen
Heims erblhten, und dieser Vorsatz lie ihn besonders herzlich von der
Gattin Abschied nehmen. Auch sie wrde ihre kleinen Fehler ablegen, wenn
sie in anderer Umgebung die oft empfundene Langeweile und Bitterkeit
verga, die schnsten Jahre ihres jungen Lebens in einer kleinen Stadt
an den Grenzen des Reichs verbringen zu mssen. Konnte sie sich erst
wieder in der neuen schnen Garnison das Leben angenehm gestalten und
neue Eindrcke in sich aufnehmen, dann wrden die kleinen Reibereien und
Feindseligkeiten in ihrer Ehe ebenfalls ein Ende nehmen, sie waren blos
die Ausgeburt der Abgeschlossenheit und Langeweile, in der eine so
lebenslustige Frau mimutig und launisch werden mute.

Bis die Rumung der Wohnung und der Umzug besorgt war, sollte Frau Kahle
in der alten Garnison verbleiben, und Oberleutnant Weil nebst Gattin
hatte sie gebeten, whrend jener Zeit als Gast bei ihnen zu verbleiben.

Mit Freuden nahm Frau Kahle die freundliche Einladung an. Hatte sie doch
so wenigstens Gelegenheit, diese paar Tage mit Kolberg ordentlich zu
genieen, denn jetzt brauchte sie niemand mehr Rechenschaft ber ihr Tun
und Treiben zu geben, ja sie konnte sogar unter dem Vorwand einer
kleinen notwendigen Reise einen ganzen Tag und eine Nacht bei ihm
weilen, denn fr eine Trennung auf lange Zeit, vielleicht fr immer,
hie es grndlich Abschied nehmen und den Freudenbecher der Liebe noch
einmal bis zur Hefe leeren!

Eines Tages sa Familie Weil mit ihrem Gast am Kaffeetisch, als der
Bursche einen Brief fr Frau Kahle hereinbrachte, den der Brieftrger
soeben abgegeben. Sie ffnete denselben, berflog die wenigen Zeilen und
steckte ihn leicht errtend in die Rocktasche.

Frau Pfarrer Klein schreibt mir soeben, ich mchte sie doch heute noch
einmal zum Kaffee besuchen, damit sie mich noch einmal sehen knne.
Reizend liebenswrdig, nicht wahr? Ich will doch gleich hingehen, damit
es nicht zu spt wird.

Dabei erhob sie sich, trank im Stehen ihre Tasse aus und tnzelte mit
einem Auf Wiedersehen heute Abend zur Tr hinaus. Wenige Minuten
spter sah Weil sie auch eilenden Schrittes nach der Stadt zu wandern.

Sonderbar!, sagte er dann zu seiner Gattin, mit der hat sie doch
frher nie verkehrt, die kennt man ja kaum. Das wird doch nicht irgend
eine Finte sein?

La sie doch gehen, wohin sie will, Max, entgegnete Frau Weil
gleichgltig, was kmmert's uns? In ein paar Tagen geht sie ja doch
fort, und schlielich ist sie ja allein fr ihre Handlungen
verantwortlich!

Weil aber schttelte den Kopf und ging nach seinem Arbeitszimmer.

Die Uhr zeigte schon acht, und Frau Kahle war noch immer nicht zurck.
Man begann unruhig zu werden und sich um den Gast zu sorgen. War ihr
etwas zugestoen?

Das Dienstmdchen deckte im Nebenzimmer gerade den Tisch, als das
Ehepaar seinen Vermutungen ber die verschiedenen Mglichkeiten Ausdruck
gab, welche das Ausbleiben ihres Gastes verursacht haben knnten.

Minna, wandte sich Frau Weil an das Dienstmdchen, es ist am besten,
Sie gehen einmal hin zu Frau Pfarrer Klein und fragen an, ob Frau Major
Kahle noch da ist, ich habe keine Ruhe, bis ich wei, wo sie ist.

Bei der Frau Pfarrer wird sie aber nicht sein, gndige Frau,
entgegnete das Mdchen, ich habe die gndige Frau gegen halb Fnf oben
in der Allee gesehen, als ich Milch holen ging, die Frau Pfarrer wohnt
ja hinter der Kirche.

Dann hat es keinen Zweck, hinzuschicken, sagte achselzuckend der
Oberleutnant, ich werde wohl recht behalten, es war nur ein Vorwand, um
nicht zu sagen, wohin sie in Wirklichkeit gegangen ist. Ich denke mir
mein Teil!

Was denkst du dir, Max, fragte neugierig seine Gattin, wo soll sie
denn sein?

Beim Kolberg ist sie, ich wette meinen Kopf!

Aber wie kannst du das sagen, Max, sie wird doch nicht...

Gewi wird sie! Und sie ist es!

Beide schwiegen, als das Mdchen wieder eintrat; es stellte den
Teekessel auf den Tisch, zog dann aus der Tasche ein zusammengefaltetes
Papier, und reichte es Weil mit hmischem Lcheln.

Haben die Herrschaften das vielleicht verloren?

Whrend Minna sich wieder zurckzog, starrte der Oberleutnant erst mit
weit aufgerissenen Augen auf das Papier, dann lachte er hhnisch auf und
hielt es seiner Gattin hin.

Bitte, willst du dich berzeugen, hier hast du es schwarz auf wei.

Frau Weil nahm zgernd das Blatt aus seinen Hnden und las:

Erwarte dich heute halb Fnf, da morgen dienstlich beschftigt.

ber- und Unterschrift fehlten, aber es waren Kolbergs unverkennbare
Schriftzge.

Jetzt haben wir die Geschichte! Dazu haben wir sie eingeladen, da sie
uns etwas vorlgt und an der Nase herumfhrt, und dann ihre tollen
Geschichten weitertreibt! Habe ich nicht gleich gesagt, wir wollen es
bleiben lassen? Aber du hast darauf bestanden, sie einzuladen. Httest
du auf mich gehrt, bliebe es mir jetzt erspart, dieses Frauenzimmer
vor die Tr zu setzen.

Um Gotteswillen, Max, das kannst du doch nicht, stecke den Brief ins
Feuer!

Fllt mir gar nicht ein, brauste Weil auf, ich werfe sie zum Hause
hinaus! Oder meinst du, ich htte hier ein Absteigequartier fr
verdorbene Weiber? Sie kann sehen, wo sie unterkommt, ich danke
gehorsamst fr die Ehre, sie weiter als Gast zu behandeln. Und der Brief
kommt nicht ins Feuer, sondern dahin, wohin er gehrt, zum Ehrenrat!

Weil ging mit groen Schritten im Zimmer auf und ab, die Hnde in den
Taschen vergrabend. Sein finsterer Blick verriet Emprung und
Entschlossenheit.

Wenn ich Dir raten soll, begann die Gattin zaghaft, dann stecke den
Brief in den Ofen und schweige die Geschichte tot. In zwei Tagen geht
sie ja doch fort und dann ist so wie so alles zu Ende. Nur la die
Finger aus der Geschichte, denn du bekommst nur die tollsten
Unannehmlichkeiten! Und dann denke doch an den armen Major!

Ich tue, was ich gesagt habe, dabei bleibt es, derartige Sachen
verstehst du nicht zu beurteilen! Ich lasse mir nicht gefallen, da
diese Person ihre Wirtschaft mit dem Lumpen, diesem Kolberg, aus meinem
Hause heraus fortsetzt. Soviel Anstandsgefhl mu sie sich noch gerettet
haben, diese Geschichten jetzt bleiben zu lassen, solange sie bei
anstndigen Leuten zu Gaste ist. Eine Gemeinheit ist das, eine
Schweinerei sondergleichen!

Frau Weil gab es auf, noch weiter auf ihren Gatten einzureden, denn sie
kannte seinen Zorn und seine Unerbittlichkeit, wenn er sich etwas
vorgenommen hatte. Sie zog die Stirn in Falten und blickte sinnend in
das rote Licht des Kamins, dessen flackerndes Feuer zitternde Schatten
auf den Teppich warf.

Es ist angerichtet! meldete das Dienstmdchen.

Sagen Sie, Minna, wo haben Sie den Brief gefunden? redete der
Oberleutnant sie an.

Er lag auf dem Korridor unter dem Kleiderstnder, er mu wohl jemand
aus der Tasche gefallen sein.

Es ist gut, Sie knnen gehen!

Schweigend setzte sich das Ehepaar zu Tisch. Weil machte ein bses
Gesicht, und seine Gattin schaute mit hochgezogenen Augenbrauen nicht
von ihrem Teller auf. Sie blickte erst mit ngstlicher Miene nach ihrem
Manne hinber, als die Korridortr geffnet und Frau Kahle's Stimme
hrbar wurde.

Sie kommt, Max! Mache um Gotteswillen keine Szene! Denke an die
Dienstboten, die knnen alles hren!

Weil aber antwortete nichts, blickte auch nicht nach der Tr, als diese
sich jetzt auftat und Frau Major hereintrat.

Ihr Gesicht glhte, und die Augen schimmerten in feuchtem Glanz. Das
blonde Haar war verwirrt und eine Nadel stahl sich aus dem groen Knoten
am Hinterkopfe. Zwei Knpfe der luftigen Sommerblouse standen offen, und
aus der ffnung schaute ein kleiner Zipfel zierlicher weier Spitzen
hervor.

Guten Abend, meine Herrschaften! rief die Eintretende mit heiterer
Stimme dem Ehepaare entgegen, verzeihen Sie meine Versptung, aber Frau
Klein forderte mich auf, mit ihr zur Stadt hinber zu fahren und dadurch
wurde es etwas spt. Es war reizend, wir waren im Kaffee und haben
Besorgungen gemacht!

Weil erhob sich steif und trat seinem Gast gegenber.

Gndige Frau! sagte er ernst und ruhig, es ist unntig und
vergebliche Mhe Ihrerseits, uns ber den Zweck Ihrer Abwesenheit heute
Abend tuschen zu wollen. Der Brief, der am Nachmittag fr Sie ankam und
durch einen Zufall in unsere Hnde gelangt ist, beweist in
unzweideutiger Form, da Sie das Ihnen gewhrte Gastrecht in
schndlicher Weise gemibraucht haben. Darf ich Sie bitten, so bald als
mglich, sptestens aber bis morgen frh, mein Haus zu verlassen. Heute
Abend wollen Sie uns gtigst allein lassen.

Er machte eine steife Verbeugung und lie sich wieder am Tisch nieder.

Frau Kahle stand einen Augenblick wie versteinert im Halbdunkel des
Zimmers, dann griff sie hastig nach ihrer Tasche. Die Hand suchte einen
Augenblick, dann wandte sich die Frau Major schweigend dem Ausgange zu
und ging nach ihrem Zimmer, dessen Tr sie heftig hinter sich zuwarf.

Nach dem Abendessen schritt der Oberleutnant zu seinem Schreibtisch,
zndete die grnverschleierte Lampe an und setzte sich in den Sessel.
Dann entnahm er einer Schublade einen groen Bogen weies Papier,
tauchte die Feder ein und legte beides vor sich hin.

Eine halbe Stunde sa er zurckgelehnt und blickte sinnend auf den
weien Bogen, dann ergriff er den Federhalter und begann zu schreiben.

Seine Gattin sa indes mit sorgenvoller Miene an dem groen Sophatisch,
mit einer Stickerei beschftigt, nur manchmal warf sie einen Blick zu
dem Gatten hinber, dessen Feder kratzend ber das Papier eilte.

Endlich war das Schriftstck fertig. Weil lehnte sich in den Stuhl
zurck und schaute wieder sinnend vor sich hin, dann las er es noch
einmal langsam durch, faltete es zusammen und schob es mit dem
gefundenen Brief in ein gelbes Kouvert, dessen Rckseite er ein Siegel
aufdrckte.

Dann verschlo er das Schreiben in einer Schublade, blies die Lampe aus
und nahm neben seiner Gattin auf dem Sopha Platz, um sich in die Zeitung
zu vertiefen.

Frau Kahle reiste am nchsten Morgen mit dem Frhzug ab, wohin, wute
selbst der Bursche nicht, welcher den Koffer zur Bahn gebracht, denn sie
hatte weder schriftlich noch mndlich ein Wort des Dankes oder der
Entschuldigung hinterlassen.

Am Mittag desselben Tages wurde der ahnungslose Leutnant Kolberg zum
Kommandeur bestellt und ihm von diesem erffnet, da gegen ihn das
ehrengerichtliche Verfahren erffnet und er bis auf Weiteres des
Dienstes enthoben sei.

Das gab eine Aufregung im Offizierkorps! Im Stillen begrte es ein
jeder mit Schadenfreude, da die an sich so peinliche Angelegenheit nun
doch noch weitere Kreise zog, denn kein einziger war dem verschlossenen
Kolberg, der sich von allen Veranstaltungen im Kasino zurckzog, und
der koketten Frau besonders gewogen. Es scheute sich daher niemand, am
wenigsten Borgert, in der schroffsten Weise ber Weil's Vorgehen zu
urteilen und dabei an den Geschehnissen zwischen Kolberg und Frau Kahle
die hrteste Kritik zu ben. Man sprach von dem Kameraden in Ausdrcken,
wie sie kaum in den Bchern des guten Tones zu finden waren, und nahm
sich vor, den gemeinen Ehebrecher und Duckmuser grndlich zu
schneiden.

Der Oberst von Kronau hatte den grten Schrecken bekommen, als
Rittmeister Stark, der Prses des Ehrenrates, am Morgen mit dem
Schriftstcke Weil's erschienen war. Er berlegte hin und her, was zu
tun sei, um der hchst peinlichen Affre eine mglichst gnstige Wendung
zu geben. Aber sie war nun einmal beim Ehrenrat anhngig gemacht und
mute, der Vorschrift entsprechend, untersucht und durchgefhrt werden.
Er mute sich daher darauf beschrnken, ber den Anstifter der
unheilvollen Geschichte, den Oberleutnant Weil, zu fluchen und ihm eine
mglichst schlechte Konduite vorzumerken.

Im Geiste sah er sich schon auf seinem Gute das Abladen eines Heuwagens
berwachen.

Besonders hart traf der Schlag den armen Major Kahle. Er hatte nun
erreicht, wonach er Jahre lang gestrebt und gerungen, und nun machte
ihm diese gewissenlose Frau all sein Glck, all seine Erfolge zu
schanden.

Wo sich seine Gattin aufhielt, ahnte er nicht, denn sie hatte es
vorgezogen, sich nicht in seine Nhe zu begeben, da sie eines nicht
sonderlich freundlichen Empfanges sicher war. Sie hatte daher den Sohn
zu ihren Eltern geschickt, sich selbst aber in Berlin huslich
niedergelassen, wo sie die Zeit mit Briefen voller Vorwrfe an Kolberg
und mit Herumflanieren tot schlug.

Kahle war fest entschlossen, seiner treulosen Gattin die Tr zu weisen,
wenn sie es wagen sollte, einen Schritt in sein Haus zu tun; er leitete
daher sofort die Scheidungsklage ein.

Was ihm aber weit mehr das Herz beschwerte, war der Gedanke an das nun
unvermeidliche Duell. Weil seine Gattin ihn in gewissenloser, niedriger
Weise hintergangen hatte, mute er sich jetzt der Kugel des Verfhrers
preisgeben, statt da man den Elenden aus dem Offizierstande ausstie
und ihn in irgend einem Gefngnis ber seine gemeine Handlungsweise
nachdenken lie.

Die Ehre seiner Frau sollte er durch einen Zweikampf retten!

Welch ein Unsinn! dachte er bei sich. Hat ein Weib berhaupt noch einen
Funken Ehre, wenn es seinen Gatten betrgt und sich ganz dem ersten
besten hingibt, der nach seinen Reizen Verlangen trgt? Eine ehrlose
Kokotte war sie, nichts weiter, und fr diese sollte er sein Leben in
die Schanze schlagen! Was fr eine lcherliche Komdie!

Und er sann darber nach, ob und wie er einem Zweikampf aus dem Wege
gehen knnte. Nicht aus Feigheit oder Furcht vor dem Tode, nein, feige
war er nicht, aber er sah nicht ein, warum er die Frchte seines
arbeitsreichen Lebens, die Zukunft seines Kindes und sein eigenes Leben
auf ein wagehalsiges Spiel setzen sollte, weil ein anderer gemein und
schurkisch gehandelt hatte. Es war doch denkbar, da der Gegner ihn
tten wrde, wenn es zum Zweikampf kam. Dann hatte er, der Unschuldige,
die hrteste Strafe erlitten, die es fr den Menschen geben konnte, den
Tod, der Verbrecher aber ging frei aus und lie einen anderen fr seinen
Frevel ben.

Aber allmhlich kam ihm zum Bewutsein, da es kein Mittel gbe, einem
Kampf mit ttlichen Waffen aus dem Wege zu gehen, denn, weigerte er
sich, seinem Gegner eine Forderung zu bersenden, wrde man ihn durch
Beschlu eines Ehrengerichts verabschieden, weil er die Ehre seines
Standes nicht zu wahren wisse, beteiligte er sich aber an einem Duell,
so wurde er mit Festungshaft bestraft. Das letztere schien ihm das
geringere von beiden beln, aber nun wollte er auch keine Rcksicht ben
an dem Zerstrer seines Friedens, dem Manne, der sein Haus geschndet.
Unter den schrfsten Bedingungen wollte er den Schurken zum Zweikampf
fordern und ihn tten, oder der andere sollte ihm das Leben rauben, das
ihm nun doch einmal verleidet war. -- --

Die ehrengerichtlichen Verhandlungen nahmen mehrere Monate in Anspruch.
Dabei kamen Dinge zu Tage, die zwar den jngeren Herrn des Offizierkorps
recht interessant und wissenswert erschienen, im brigen aber auf
Leutnant Kolberg und seine Auffassung von Ehre und Kameradschaft ein
bedenkliches Licht warfen. Auch das Verhalten der Offiziere vor der
Katastrophe mute recht sonderlich erscheinen.

Anfangs hatten sich die Kameraden von Kolberg ganz zurckgezogen, man
sah ihn auch nur gelegentlich in der Umgebung der Garnison, wenn er
seine Pferde ritt.

Eines Tages aber war Borgert in Geldverlegenheit gewesen und hatte, da
alle anderen Quellen allmhlich ihre Zahlungen einstellten, als letzten
Weg einen Pumpversuch bei Kolberg ausfindig gemacht. Dieser benutzte
denn auch die Gelegenheit, Borgert sich zu verpflichten, denn er kannte
dessen Einflu auf die jngeren Herrn. Er verschaffte sich daher
schleunigst gegen Verpfndung seines Vollblutrappen die erbetenen
tausend Mark und stellte sie Borgert zur Verfgung.

Der Dank blieb nicht aus. Schon nach wenigen Tagen hatte der
Oberleutnant die gesamte Tischgesellschaft von den vorzglichen
kameradschaftlichen Eigenschaften Kolbergs und der lcherlichen
Auffassung seiner Schuld seitens der Vorgesetzten derartig zu berzeugen
gewut, da der vom Dienst Enthobene nicht nur ein gern gesehener Gast,
sondern ein noch beliebterer Gastgeber wurde. Er renommierte dann beim
schumenden Sekt mit seinem bevorstehenden Duell, wo er dem Dmelsack,
dem Kahle, ordentlich heimleuchten wrde, und wurde so allmhlich der
Held des Tages, der mit khnem Schneid sich eine Dame erobert hatte,
whrend andere mit einer Straendirne vorlieb nehmen muten.

Er wurde jedoch etwas bescheidener, als er eines Tages Kahle's Forderung
erhielt:

>15 Schritt Distanze, gezogene Pistolen mit Visier und Kugelwechsel bis
zur Kampfunfhigkeit einer Partei<. Das hatte er nicht erwartet, die
Aussichten des Zweikampfes fr ihn waren somit nicht abzusehen,
vollends, da der Major als guter Schtze galt und sein Ruf als
trefflicher Nimrod weit ber die Grenzen der Garnison hinausging.

So wanderte er denn tglich in den Wald und bte sich im Schieen, um am
Tage des Kampfes gewappnet vor den Gegner treten zu knnen.

Wenn er so eine Kugel nach der anderen in eine unschuldige Buche
hineinknallte, kam ihm mitunter der Gedanke, da er doch eigentlich den
Major nicht treffen drfe, da er an ihm gesndigt und ihn betrogen habe.
Es war etwas wie das letzte Aufdmmern eines unter dem Druck moralischen
Niederganges ersterbenden Pflichtgefhls, die Regungen eines
schuldbeladenen Gewissens und das leise Empfinden der Gerechtigkeit,
aber diese Regungen wurden von einem weit mchtigeren Gefhl erdrckt:
dem neu erwachten, wilden Hang am Leben, der um so heftiger ihn ergriff,
je mehr er sich in die Mglichkeit hineindachte, ein Leben lassen zu
mssen, das ihm noch so viel des Schnen bot. Und eine innere Stimme
rief in ihm: Du willst nicht sterben, leben willst du, leben! --

Und dafr war der beste Weg, den Gegner in den Sand zu strecken.

Vier Monate waren vergangen, bis das Ehrengericht das Urteil sprach. Es
lautete auf Verabschiedung Kolbergs, doch wurde dem Besttigungsgesuch
an Seine Majestt ein solches um gnadenweise Wiedereinstellung des
Verabschiedeten beigefgt.

Der Zweikampf wurde an sich ebenfalls genehmigt, doch nicht unter den
von Kahle gestellten Bedingungen. Vielleicht frchtete man, durch einen
nach jenen Bedingungen unvermeidlichen blutigen Ausgang zu viel Staub
aufzuwirbeln. Waren doch in letzter Zeit mehrere Flle vorgekommen, bei
denen der Tod eines der Duellanten die verhngnisvollsten Folgen fr
diejenigen hohen Vorgesetzten mit sich brachte, welche die Ausfechtung
des Zweikampfes nicht aufgehalten oder die Bedingungen abgeschwcht
hatten.

So lautete denn die neue Forderung auf 35 Schritt Distanz und einmaligen
Kugelwechsel mit glatten Pistolen ohne Visier.

Kahle wurde also keine Gelegenheit gegeben, den Schnder seiner Hausehre
zu strafen, weil die Herrn Vorgesetzten nicht ihre Haut dabei zu Markte
tragen wollten. Denn dieser Zweikampf war nur eine Farce, ein blutiger
Ausgang mute lediglich ein unglcklicher Zufall sein.

Borgert war von Kolberg gebeten worden, ihm zu sekundieren, und der
Oberleutnant willigte mit Vergngen ein, denn einesteils spielte er gern
die Rolle des ungefhrdeten Zuschauers, andererseits glaubte er sich
dadurch Kolberg zu verpflichten, die Rckzahlung der tausend Mark hatte
somit noch ein Weilchen Zeit.

Ein Trinkgelage versammelte die Getreuen Kolbergs in dessen Wohnung,
bevor er nach der Stadt in Sddeutschland abreiste, deren Umgebung der
Schauplatz des Zweikampfes werden sollte. Er betrank sich dabei so, da
es dem Burschen schwer wurde, den Leutnant gegen Morgen aus den Federn
zu bringen, damit er den Zug nicht versume.

Borgert war es ebenso gegangen, er machte so, wie er auf dem Bahnhof
stand, den Eindruck, als kme er gerade von einem Festgelage.

In diesem Zustande hatte er natrlich vergessen, sich Reisegeld
einzustecken und nahm es gromtig an, als Kolberg ihm einen
Hundertmarkschein in die Hand drckte. -- --

Es war ein kalter Morgen, als zwei Wagen in flottem Trabe den
Schiestnden von Kahles Garnison zufuhren.

Die Sonne schaute gerade ber den Bergrcken im Osten heraus und sandte
ihre ersten flachen Strahlen auf die reifbedeckten Stoppelfelder.
Friedlich lag die Natur in ihrem herbstlichen Kleide, auch im Walde
herrschte tiefes Schweigen, nur manchmal unterbrochen durch das
Herabfallen eines welken Blattes, wenn es seinen Weg raschelnd zwischen
den Zweigen zu Boden suchte, zu seinem Totenbette.

Im ersten Wagen saen Kolberg, Borgert und zwei rzte, im zweiten Kahle,
sein Sekundant und die beiden Mitglieder des Ehrenrates, welche dem
Zweikampf als Unparteiische beizuwohnen hatten. Unter dem Rcksitz lag
der Pistolenkasten.

Von der Strae bogen die Gefhrte in einen Seitenpfad ein, der so schmal
war, da das Gest der rechts und links stehenden Bume bestndig gegen
die Wagenfenster schlug.

An einem freien Platze machten sie Halt. Die Insassen stiegen aus und
befahlen den Kutschern, an den Eingang des Waldes zurckzufahren und
dort zu warten.

Die Herrn schritten sodann noch fnf Minuten einen kleinen Pfad entlang
und versammelten sich auf dem Schiestand, der am weitesten in den Wald
hinein gelegen war.

Der Pistolenkasten wurde auf einen Erdwall gelegt und von den
Sekundanten die Waffen herausgenommen und geladen, dann bergab einer
die Pistole dem anderen zur Prfung.

Die rzte breiteten ihre Bestecke aus und legten einen groen Streifen
Verbandsstoff bereit, whrend die Unparteiischen sprungweise die
Entfernung abschritten und ihre Degen als Entfernungsmarken in den
festgefrorenen Boden steckten.

Der bliche Ausgleichsversuch verlief erfolglos, und so nahmen denn die
beiden Duellanten an je einem Degen Ausstellung.

Kahle sah bleich und bernchtig aus, er zitterte vor Klte, und seine
nervs zuckenden Zge verrieten heftige Erregung.

Kolberg dagegen schien beinahe zu lcheln und warf mit einer
gleichgltigen Bewegung den Zigarettenstummel weg, den er bis dahin im
Munde gehalten.

Einer der Herren erklrte in kurzen Worten die Kampfesordnung, da der
Schu zwischen Eins und Drei fallen msse und sagte dann nach kurzer
Pause:

Fertig!

Beide Herren hielten die Pistole zu Boden gesenkt, um sie auf Eins
gegeneinander zu erheben.

Gleichzeitig mit Zwei knallte Kahle's Schu, und die Kugel schlug
klatschend in die Rinde einer Buche, von der ein drrer Zweig
geruschvoll zu Boden fiel. Durch die unruhig zitternde Hand war der
Schu fast einen Meter ber Kolberg's Kopf hinweggegangen.

Dieser aber stand fest und unbeweglich und zielte bis zum letzten
Augenblick, soda mit Drei auch der Hahn seiner Pistole niederschlug.

Kahle sah festen Blickes auf die kleine schwarze Mndung der Pistole
seines Gegners, nach dem Schu aber ffneten sich seine Augen weit, er
taumelte und strzte zu Boden.

Kolberg lief es kalt ber den Rcken, als er den groen, starken Mann
nach rckwrts fallen sah und er blieb wie gelhmt einen Augenblick
stehen; dabei entfiel die Waffe seiner Hand.

Die brigen Herren aber waren sofort neben dem Major, und die rzte
rissen ihm den Rock auf.

Mitten auf der Brust sickerte ein starker Blutstrom aus einer kleinen
Wunde.

Kahle hatte die Besinnung nur fr einen Augenblick verloren. Er lag
jetzt da, bleich und mit festem Blick auf die Herren in seiner Umgebung
schauend. Und als Kolberg auch herantrat, dem Major die Hand
entgegenstreckend, taumelte er wie von einem Schlage getroffen zurck,
als ein kalter, abweisender Blick aus Kahle's glsernen Augen ihn traf.
Einen Augenblick stand er neben seinem Opfer, dann wandte er sich um und
schritt in den Wald hinein, dem Ausgange zu.

Die Verwundung des Majors stellte sich als nicht lebensgefhrlich
heraus, doch hatte die Kugel die Lunge leicht verletzt, und es mute
lange dauern, bis der Kranke wieder genesen war.

Ein Wagen wurde herbeigeholt und der Major sorgfltig hineingehoben, die
beiden rzte stiegen ebenfalls ein, der Sekundant nahm neben dem
Kutscher Platz, und darauf ging es im Schritt nach der Stadt zurck, wo
man den Verletzten sofort in's Lazaret zu bringen gedachte.

Kolberg's niedergedrckte Stimmung hielt nicht lange vor. Als er sich
mit Borgert am Anfang der Stadt von den beiden Insassen des Wagens
verabschiedet hatte, schlug ihm sein Begleiter auf die Schulter und
sagte ermunternd:

Machen Sie doch nicht so ein Gesicht, Menschenskind! Seien Sie froh,
da Sie mit heiler Haut davon gekommen sind! Da Sie den armen Teufel
gerade in die Brust getroffen haben, ist ja Pech, aber dafr knnen Sie
nichts, denn er ist es ja, der Sie gefordert hat, nicht Sie ihn. Wir
wollen jetzt frhstcken gehen, mir knurrt der Magen, ich bin nicht
gewohnt, so frh am Morgen im Walde herumzustolpern.

Es tut mir leid, da ich den Major so unglcklich getroffen habe, aber
das wollte ich nicht, erwiderte Kolberg mit ernster Stimme, der Teufel
soll die Weiber holen, die sind an allem schuld! Was mute ich mich auch
mit dieser Kahle einlassen!

Zerbrechen Sie sich darber nicht den Kopf, mein Lieber! Der Major ist
selbst an allem schuld, denn er mute seiner schnen Gattin besser auf
die Finger sehen, dann wre sie keine Dirne geworden. Heute hat sie den,
morgen den, also haben Sie kein Verbrechen begangen, wenn Sie sich auch
einmal mit ihr amsiert haben. Man mu die Weiber behandeln, wie sie es
verdienen.

Dem redegewandten Borgert gelang es allmhlich, Kolbergs finstere Miene
aufzuhellen, denn was er da sagte, leuchtete ihm ein, die herzlose
Gemeinheit, die aus den Worten seines Begleiters sprach, fhlte er nicht
heraus, da er selbst nicht besser war.

So gingen denn die Beiden zu ihrem Hotel, zogen Zivil an und begaben
sich in ein Frhstckslokal, in welchem die Kellner mit verschlafenen
Augen gerade die Sthle von den Tischen nahmen und die frhen Gste voll
Verwunderung betrachteten.

Mit einem Kognak fing es an, und mit Sekt endete es am spten Abend in
einem Lokal mit Damenbedienung. Wer da die Leutnants in Zivil mit den
frechen Kellnerinnen schkern sah, konnte nicht im Unklaren darber
sein, da sie die Ereignisse des Morgens berwunden und mit dem
seelischen Gleichgewicht die gute Laune des gewissenlosen Menschen
zurckerlangt hatten. --

Mit Jubel empfing man die beiden Helden des Kampfes in der Garnison, wo
sie am Mittag des folgenden Tages eintrafen.

Eine Anzahl Herren standen auf dem Bahnhof zum Empfang bereit und
begleiteten Kolberg nach seiner Wohnung, um den guten Erfolg mit einem
Trunk zu feiern.

Die brigen Herrn des Offizierkorps aber, besonders die lteren, fanden
es gefhllos, da Kolberg nach diesem traurigen Ereignis es nicht
lieber vorzog, allein zu sein und ber seine Handlungsweise
nachzudenken; diese Feier vollends fanden sie roh und gemein.

Zwei Tage spter traf auch die Urteilsbesttigung aus Berlin ein. Da das
Wiedereinstellungsgesuch genehmigt war, wurde Kolberg nach einer anderen
Garnison versetzt, denn hier konnte seines Bleibens nicht lnger sein.
Bevor er aber die Reise nach der schnen Stadt am Rhein antrat, fhrte
ihn sein Weg zunchst auf Festung, woselbst er eine mehrmonatige Strafe
wegen Beteiligung an einem Zweikampf mit ttlichen Waffen zu verben
hatte.

Der Major erholte sich nur langsam. Den beiden Stabsrzten, welche die
neben der Wirbelsule haftende Kugel entfernen wollten, war die
Operation nicht ganz geglckt, die Kugel war zwar entfernt, aber es trat
eine Entzndung der geffneten Stelle ein, welche mit heftigen Schmerzen
und hohen Fiebererscheinungen verbunden war.

Erst Ende Winters konnte der Major aus dem Lazaret entlassen werden, um
dann als geistig und krperlich gebrochener Mann auch aus dem
kniglichen Dienste auszuscheiden, dessen Anstrengungen er nicht mehr
gewachsen war.

Auch ihn hatte man zu einer dreimonatigen Festungshaft verurteilt, doch
erfolgte schon nach zwei Tagen Begnadigung, denn den Bestimmungen des
Gesetzes war Genge getan.

So sah denn Kahle seine Lebensarbeit vernichtet. Er stand in den besten
Jahren als kranker Mann vor der Frage, sich nach einem anderen Felde der
Ttigkeit umzusehen, denn leben mute er, und die schmale Pension
reichte nicht aus, um ihm und seinem Sohne ein sorgenfreies Dasein zu
ermglichen.

Das gesamte Vermgen war durch die Scheidung wieder seiner Gattin
zugefallen, denn sie hatte es mit in die Ehe gebracht.

Und warum geschah das alles? Weil er die Ehre seiner Gattin retten
sollte! Ihr hatte er sich opfern mssen. --

Wie sehr Frau Kahle dieses Opfer wert gewesen, wurde dem Major erst
vollends klar, als er hrte, seine ehemalige Gattin habe bei einem
jungen Baron in Berlin die Fhrung des Haushaltes bernommen.

Kolberg aber sa lngst am schnen Rhein und freute sich seines Lebens.
--




[Illustration]


Fnftes Kapitel.


In seiner eleganten Wohnung sa Oberleutnant Borgert am Schreibtisch.

Vor ihm lag ein mit Zahlen bedeckter Bogen, um ihn herum ganze Berge von
Papieren, Zetteln und farbigen Kouverts.

Er ergriff ein Blatt nach dem anderen und notierte die darauf
befindliche Zahl auf den vor ihm liegenden Bogen und er hatte schon die
dritte Zahlenspalte begonnen, als er pltzlich innehielt und den
Bleistift heftig auf die Tischplatte warf. Die Papiere packte er wie
einen Haufen Unrat und steckte sie ins Feuer, wo sie sogleich in
lodernden Flammen aufgingen und nach wenigen Augenblicken nur noch in
ihrer kohlenden Asche knisterten.

Er hatte den lblichen Vorsatz gehabt, einmal alle Rechnungen, soweit er
sie seiner sonstigen Gewohnheit entsprechend nicht einfach ungeffnet in
den Ofen gesteckt, zusammenzuzhlen, um einen ungefhren Begriff von
Hhe und Umfang seiner Schulden zu gewinnen.

Aber es war nicht mglich, sich durchzufinden durch die endlose Menge
von Tret- und Mahnbriefen, Klageschriften, Zahlungsbefehlen und
Rechnungen. Soviel aber war ihm klar geworden: an eine Deckung der
Schulden war nicht zu denken, denn die Hhe berstieg seine Vermutungen
ganz bedeutend. Nicht weniger als elftausend Mark hatte er schon
zusammengerechnet und dazu kam noch dieser Berg Rechnungen, die er eben
in die Flammen geworfen.

Am meisten drckten ihn die siebenhundert Mark, die er dem Rittmeister
Knig noch schuldete, aber auch einige andere Posten drckten ihn
schwer, denn es waren Ehrenschulden und die erste mit 2300 Mark in kaum
sechs Wochen fllig. Wo sollte er die herbekommen, ohne zu stehlen? --

Er begann zu berlegen. Die Mbel waren schon verpfndet, ein Pferd
sogar schon zweimal, und auf das andere, seinen frheren Charger, wrde
er kaum noch dreihundert Mark bekommen, und das war nicht mehr wie ein
Tropfen auf einen heien Stein. Unter den Kameraden war keiner mehr, bei
dem ein Pumpversuch Aussicht auf Erfolg geboten htte, hchstens Knig.
Aber dem schon wieder mit einer solchen Bitte kommen? Das ging nicht
gut, erst muten wenigstens die 700 Mark zurckbezahlt sein. Der einzige
Rettungsanker war ein Darlehnsgesuch bei einem Berliner Dunkelmann,
aber der Kerl lie nichts von sich hren, obgleich er nun schon drei
Wochen im Besitze einer Brgschaft des Oberleutnants Leimann und einer
Lebensversicherungspolice ber 20000 Mark war.

Vorlufig half es eben nichts. Er wollte die knftig drngenden
Glubiger zu beruhigen suchen und nur denen, wenn mglich, etwas
abbezahlen, welche entweder klagbar oder beim Regiment vorstellig
wurden. Vielleicht fand sich mit der Zeit noch eine gute Quelle, ein
glckliches Spielchen, ein groes Los oder sogar eine reiche Braut.

Diese Hoffnung lie ihn seine gute Laune wieder gewinnen, er zndete
sich eine Zigarette an und pfiff ein Liedchen vor sich hin, whrend er
auf den schweren Teppichen auf- und abschritt.

Ein Gerusch auf dem Korridor lie ihn aufhorchen. Er vernahm ein
Stimmengeflster und einige Tritte auf dem Flurteppich, dann klopfte es
leise an die Tr.

Das ist gewi Frau Leimann, dachte er bei sich, denn sie pflegte die
Theestunde hufig bei ihrem Galan zu verbringen, weil dann der Gatte zum
Dmmerschoppen ging.

Auf sein Herein aber trat eine einfach gekleidete Frau mit einem Korb
unter dem Arm ber die Schwelle. Ihrem noch jugendlichen Gesicht hatten
Kummer und Sorgen den Stempel frhzeitigen Alters aufgedrckt, und sie
schaute mit fast ngstlichem Blick auf den Oberleutnant, der im Zimmer
stehen geblieben war und die Eintretende mit unverhohlenem Mifallen
betrachtete.

Was wollen Sie schon wieder, Frau Meyer? polterte Borgert sie an, ich
habe Ihnen gesagt, da ich Ihnen keine Wsche mehr gebe!

Entschuldigen Herr Oberleutnant, ich wollte fragen, ob Sie mir
vielleicht heute die vierzig Mark geben knnen oder wenigstens einen
Teil. Ich mu Geld haben, mein Mann liegt seit drei Wochen krank und
kann nicht schaffen gehen!

Mit Ihrer ewigen Drngerei! entgegnete Borgert schroff. Kommen Sie
heute abend wieder, ich mu erst wechseln lassen, jetzt habe ich keine
Zeit.

Aber halten Sie diesmal Wort, Herr Oberleutnant, Sie haben mir nun
schon so oft das Geld versprochen.

Damit ffnete sie leise die Tr und ging hinaus, Borgert aber ri die
Fenster auf und lie die frische Herbstluft hereinstrmen, der Geruch
der armen Leute war ihm unausstehlich. Die rochen immer nach Schwei und
Moder! Er nahm aus dem geschnitzten Wandschrank eine Parfmflasche und
spritzte den Inhalt auf die persischen Teppiche und die Polster der
Sessel. Dann klingelte er dem Burschen.

Der Gerufene trat sogleich herein. Es war der Gemeine Rse, welchen der
Rittmeister in der Front nicht mehr haben wollte, da er unzuverlssig
sei und mit seiner mangelhaften Pflichtauffassung der Disziplin in der
Schwadron schade.

Was habe ich dir befohlen, du Schwein? brllte der Oberleutnant ihn
an.

Ich soll niemand unangemeldet hereinlassen, erwiderte Rse schchtern,
aber die Frau ging an mir vorbei und ich konnte sie nicht hindern.

Dann schmei das Aas hinaus, du schlappes Vieh, lt du noch einmal
jemand herein, ohne mich vorher zu fragen, dann haue ich dich hinter die
Lffel, du Schwein!

Dabei schlug er Rse mit beiden Hnden ins Gesicht, ffnete die Tr und
stie ihn hinaus.

Wenn das Weib heute Abend wiederkommt, dann sagst du, ich wre
ausgegangen! rief er ihm nach.

Borgert hatte sich gerade mit einer Zeitung am Fenster niedergelassen,
als die Flurglocke wieder ertnte. Es war ein kurzes, energisches
Klingeln. Der Bursche trat ein und meldete mit verweintem Gesicht:

Ein Herr mchte Herrn Oberleutnant dringend sprechen!

Wie heit er? Du sollst stets nach dem Namen fragen.

Der Bursche ging hinaus und kam gleich wieder zurck.

Er will mir seinen Namen nicht sagen, aber er mte Herrn Oberleutnant
unbedingt sprechen.

Ich lasse bitten!

Einen Augenblick spter trat ein Mann ein mit einer Ledertasche unter
dem Arm und stellte sich vor: Gerichtsvollzieher Krause.

Verzeihen Herr Oberleutnant, wenn ich stre, ich habe eine Zustellung
fr Sie. Bitte!

Dabei entnahm er seiner Ledertasche ein dickes Kouvert und berreichte
es Borgert, der aber die Fassung nicht verlor und freundlich entgegnete:

Ah, ich wei schon! Ist brigens gerade gestern bezahlt worden, es
handelt sich um eine kleine Summe, die ich meinem Schneider schulde!

Soviel ich wei, Herr Oberleutnant, handelt es sich um eine
Wechselklage der Firma Frlich u. Co., der eingeklagte Betrag beluft
sich auf viertausend Mark fr gelieferte Mbel.

Ach, die Geschichte ist es! Das htte der gute Mann sich sparen knnen,
der Betrag ist vorgestern von meiner Bank abgefhrt worden!

Dann umso besser, scherzte der Gerichtsvollzieher. Ich habe die
Ehre!

Adieu, Herr Krause, ich wrde sagen, auf Wiedersehen, wenn Ihr Besuch
nicht immer ein zweifelhaftes Vergngen bedeutete.

Als der Mann hinaus war, ri Borgert das Kouvert auf und berflog den
Inhalt des Schriftstckes.

Das war eine fatale Geschichte! Die Mbel waren noch nicht bezahlt, aber
schon verpfndet, obwohl in dem Kaufkontrakt ausdrcklich die Bemerkung
stand, da sie dem Lieferanten bis zur vlligen Bezahlung als Eigentum
verbleiben sollten.

Viertausend Mark! Eine Menge Geld! Er mute mit Leimann sprechen,
vielleicht war da noch etwas zu machen.

Pltzlich fiel ihm ein, da der Gerichtsvollzieher ja gar nicht zum
Garten hinausgegangen sei. Er rief daher seinen Burschen und fragte:

Wo ist der Mann hingegangen?

Nach oben, Herr Oberleutnant.

Zu Leimann's?

Zu Befehl, Herr Oberleutnant.

Nanu, was hatte er denn da oben zu schaffen? Steckten die etwa auch wie
er in der Tinte? Das wre ja bse, denn Leimann war immer noch so eine
Art Rckhalt gewesen, indem er fr versprochene Zahlungen Brgschaft
leistete oder die Glubiger mit beruhigen half.

Inzwischen berreichte Herr Krause der zu Tode erschrockenen
Hausgenossin eine Klage der Firma Weinstein u. Co., der sie vierhundert
Mark fr eine gelieferte seidene Robe schuldete.

Sie geriet in helle Verzweiflung und raste wie besessen im Zimmer auf
und ab. Was war da zu tun? Woher das Geld nehmen? Sie wollte Borgert um
den Betrag bitten. Aber, was sollte der von ihr denken? Wrde er nicht
alle Achtung vor ihr verlieren?

Einen Augenblick stand sie unschlssig im Zimmer und drckte beide Hnde
gegen das klopfende Herz. Dann schritt sie entschlossen zur Tr und
eilte die Hintertreppe hinab.

Sie fand Borgert sinnend in einem Sessel sitzen, und er erhob sich nicht
einmal, als sie eintrat, sondern winkte ihr nur mit der Hand einen Gru
entgegen. Sie trat auf ihn zu und kte ihm zrtlich die Stirn, dann
setzte sie sich auf seinen Scho, whrend er den Arm um die schlanke
Taille legte und ihr fragend ins Antlitz schaute.

Was fr sonderbare Besuche empfngst du denn neuerdings?, fragte er
nach einiger Zeit halb scherzend.

Ich? Besuche?, brachte Frau Leimann verwirrt hervor, ich habe
niemand empfangen, wirklich nicht, niemand. Dabei irrte ihr Blick
unstt im Zimmer umher.

Du hast niemand empfangen? Ei, ei, du kleine Lgnerin!

Aber was fllt dir ein, Georg, wer soll denn bei mir gewesen sein?

Nun, ich dachte nur, ein gewisser Herr Krause.

Woher weit du das? fuhr sie erschrocken auf.

Ich wei alles, mein Kind, selbst da der Gerichtsvollzieher eben bei
dir war.

Frau Leimann schlug beschmt die Augen nieder und zupfte verlegen an
ihrer seidenen Schrze.

Nun, wenn du es weit, brauche ich es dir nicht erst zu sagen. Ja, er
war bei mir.

Und was wollte er?

Verklagt haben sie mich, um lumpige vierhundert Mark! stie die Frau
mit weinerlicher Stimme hervor. Ich bin verloren, wenn mein Mann das
erfhrt!

Er mu es aber doch bezahlen, wenn er dir etwas gekauft hat.

Er wei von nichts. Ich mute das Kleid haben, das rotseidene ist es,
weit du? Ich habe damals gesagt, meine Mutter htte es geschickt, denn
er htte es mir abgeschlagen, haben mute ich es aber, und da habe ich
es auf meine Rechnung entnommen!

Das ist recht dumm, meine Liebe! Wie willst du das Geld schaffen?

Ich wei es nicht! Kannst du mir nicht helfen?

Ich will zu den Leuten hingehen und um Aufschub bitten.

Das hat keinen Zweck, Georg, ich mu bares Geld haben, wenigstens
tausend Mark, denn ich habe noch mehr zu bezahlen, die Schneiderin, den
Friseur &c. Verschaffe mir das Geld, Georg, zeige mir jetzt, da du mich
so lieb hast, wie du immer sagst!

Ich? lachte Borgert hhnisch auf, du lieber Gott, ich wei selbst
nicht, wo ein noch aus!

Wieso? Hast du auch Schulden?

Wenn du dich vielleicht einmal in das Papier da drben auf dem
Schreibtisch vertiefen willst? Solche Dinger bekomme ich jeden Tag.

Frau Leimann trat an den Schreibtisch, faltete die Bogen auseinander,
und schaute mit weit aufgerissenen Augen auf die Zahlen.

Um Gottes Willen, Georg! Was soll daraus werden? Du warst mein einziger
Verla, nun bin ich verloren!

Sie sank schluchzend auf den Divan und bedeckte ihr Gesicht mit den
Hnden.

Nur nicht gleich so ngstlich, du kleiner Furchthase, an den paar
Hundert Mark stirbst du noch nicht! trstete sie Borgert, indem er ihr
zrtlich ber das blonde Haar strich, ich will sehen, da ich es machen
kann, in einer Woche hast du tausend Mark.

Statt einer Antwort schlang sie ihre Arme leidenschaftlich um Borgert's
Hals und kte ihm strmisch Mund und Augen.

Ich wute es, sagte sie dann, da du mich nicht im Stiche lassen
wrdest, du Lieber, du Guter! Und sie zog den Oberleutnant neben sich
auf den Divan hinab.

Er aber erhob sich, verriegelte die Tr und zog die Fenstergardinen zu.
Es war traulicher so.

       *       *       *       *       *

Als Leimann gegen acht Uhr vom Dmmerschoppen nach Hause kam, fand er
alle Zimmer dunkel und leer.

Auf seine Frage, wo denn seine Gattin sei, antwortete das Dienstmdchen:

Die gndige Frau ist ausgegangen.

Wohin?

Ich wei nicht, Herr Oberleutnant!

So zndete er denn eine Lampe an und ging nach dem Briefkasten, um zu
sehen, ob mit der Abendpost etwas gekommen sei. Er fand zwei Briefe
vor, Rechnungen, zusammen ber sechshundert Mark.

Er brummte etwas vor sich hin und schlo die beiden Wische in seinen
Schreibtisch ein.

Da gewahrte er ein groes gelbes Kouvert. Er hielt es fr einen
Dienstbrief und griff danach, um es mechanisch zu ffnen. Aber es war
bereits geffnet und seine Neugierde wuchs, als er drei groe Bogen
herauszog.

Mit stieren Augen schaute er in die Schreibmaschinenschrift, dann lie
er sich am Tisch nieder und las das ganze Schriftstck von Anfang bis zu
Ende durch.

Also seine Frau auch? Das war ja eine reizende berraschung! Wenn es mit
ihrer eigenen Kasse so im Argen lag, dann war wohl von der
Schwiegermutter nichts mehr zu erwarten, und mit dieser hatte er immer
noch gerechnet. Wtend schleuderte er die Klageschrift in die Ecke und
ging sinnend im Zimmer auf und ab.

Seine Gattin mochte wohl den Schritt ihres Mannes durch die Decke
hindurch vernommen haben, denn sie trat jetzt mit glhenden Wangen ein.

Entschuldige, Max, sagte sie auer Atem, ich hatte noch ntig bei der
Schneiderin zu tun, ich bin furchtbar gelaufen, ich sah dich vor mir
hergehen, konnte dich aber nicht mehr einholen.

Was hast du wieder mit der Schneiderin zu tun? herrschte Leimann sie
an.

Was soll ich anders da zu tun haben, als wozu sie da ist? Sie macht mir
ein Reitkleid!

Bezahle geflligst erst deinen alten Krempel, ehe du dir neues
Flitterzeug machen lt! brllte der Gatte.

Was soll dieser Ton? Und wer sagt dir, da ich meine Rechnungen nicht
bezahle? Du denkst gewi, es mten andere gerade so in den Tag
hineinleben, wie du.

Wenn du nicht willst, da ich sehe, was dir der Herr Gerichtsvollzieher
bringt, dann lege es mir nicht direkt unter die Nase!

Frau Leimann begriff erst nicht recht, was er damit sagen wollte, da
fiel ihr ein, sie hatte ja die Zustellung auf dem Schreibtisch ihres
Gatten liegen lassen.

Ich verbitte mir ganz entschieden, fuhr sie emprt auf, da du die
Nase in meine Privatkorrespondenz hineinsteckst. Wenn der Brief offen
auf dem Tisch lag, hattest du kein Recht, denselben zu lesen, ich mache
deine Rechnungen auch nicht auf!

Mache was du willst, aber ich verbitte mir, da du mir den
Gerichtsvollzieher ins Haus schleppst.

Das ist nicht schlimm, mein Lieber, dann wei er wenigstens den Weg,
wenn er nchstens zu dir kommt!

Halt den Mund, du Unverschmte, sonst werfe ich dich vor die Tr!

Vielen Dank fr dein freundliches Angebot, aber ich gehe bereits von
selbst.

Sie ging hinaus, betrat ihr Schlafzimmer und legte sich zu Bett. Mde
war sie aber noch gar nicht. Sie griff daher nach einem auf dem
Nachttisch liegenden Buch und begann zu lesen.

Gerade darunter lag Borgert auch in seinem Bett und las ebenfalls.

Aber seine Gedanken waren nicht recht bei der Sache, es ging ihm doch
etwas im Kopf herum, da es ihn jetzt von allen Seiten packte. Denn wenn
da noch viel hinzu kam, wrde der Oberst eines Tages die sofortige
Bezahlung aller Schulden verlangen, und, wenn er das nicht leisten
konnte, ihn auffordern, seinen Abschied einzureichen. Das aber war eine
faule Sache, denn was nun anfangen ohne einen Pfennig Geld, mit wenig
oder gar keinen Kenntnissen und vielen Ansprchen? Es mute energisch
etwas getan werden, und er wollte den nchsten Tag, einen Sonntag, dazu
benutzen, noch einmal alle Mglichkeiten einer greren Anleihe
durchzugehen.

Getrstet in der Hoffnung, da sich doch noch irgend eine milde Hand
auftun wrde, schlief er ein, das Buch entfiel seinen Hnden und die
Lampe auf dem Nachttisch verlosch nach Mitternacht von selbst, da
Borgert vergessen hatte, sie auszublasen.

Als er am nchsten Morgen erwachte, war es schon zehn Uhr vorbei.

Borgert wurde wtend. Der halbe Tag war nun wieder zum Teufel und er
hatte sich doch so viel vorgenommen! Hatte dieser Esel von Bursche ihn
nicht geweckt? Dabei schmerzte ihn der Kopf und er fhlte sich matt und
zerschlagen. Notdrftig angekleidet ging er zum Burschenzimmer und fand
Rse einen Brief schreibend. Er fuhr auf, als der Oberleutnant eintrat.

Warum hast du mich nicht geweckt, du Vieh? donnerte er den
Erschrockenen an.

Ich habe Herrn Oberleutnant um sieben Uhr geweckt, aber Herr
Oberleutnant wollte noch schlafen und sagte, ich brauchte nicht mehr zu
kommen!

Das lgst du, du Schwein, ich will dich lehren, zu tun, was ich dir
sage. Dabei ergriff Borgert ein auf dem Bett liegendes Sbelkoppel und
schlug damit heftig auf Rse ein.

Rse stand in militrischer Haltung und lie die Mihandlung ruhig ber
sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Das aber reizte Borgert
noch mehr und so schlug er ihn noch einmal mit der Faust vor die Brust.
Dann nahm er den angefangenen Brief vom Tisch, zerknitterte ihn und warf
ihn in den Kohlenkasten.

Geh hinaus zu Herrn Oberleutnant Leimann und sage, ich bte ihn, in
einer halben Stunde einmal bei mir vorzukommen.

Zu Befehl, Herr Oberleutnant.

Borgert ging zurck nach seinem Schlafgemach, kleidete sich fertig an
und betrat das Nebenzimmer.

Aber da stand ja schon der Kaffee! Ganz kalt schon! Also war Rse doch
schon vorher im Zimmer gewesen? Nun, eine kleine Tracht Prgel schadete
nichts, sie erhielt die Disziplin und den Respekt, wenn sie auch einmal
zur unrechten Zeit kam. Denn sollte er Rse etwa jetzt um Verzeihung
bitten? Das fehlte gerade noch.

Auf dem Schreibtisch lagen einige Briefe. Es waren drei Rechnungen und
ein Brief seines Vaters.

Er ffnete ihn und las:

      Mein lieber Sohn!

      Mit Bedauern habe ich aus deinem letzten Briefe ersehen, da du
      wiederum grere Ausgaben hattest, die dich in Verlegenheit
      bringen, weil du nicht damit gerechnet hast. So gern ich dir das
      erbetene Geld schicken wrde, ich kann es beim besten Willen
      nicht, denn du weit, wie sehr ich selbst rechnen mu. Wenn dir
      mit 75 Mark etwas geholfen ist, so stehen sie dir zur Verfgung,
      wenngleich ich sie deiner Mutter zur Anschaffung eines Kleides
      versprochen hatte, welches sie schon lange ntig hat. Aber ich mu
      dir offen gestehen, da es mir unverstndlich ist, wie du mit den
      zweihundert Mark Zulage nicht auskommen kannst. Ich hatte in
      deinem Alter auch nicht mehr und habe jedes Jahr eine schne Reise
      gemacht. Ich gebe dir den wohlgemeinten Rat, dich von deinen
      Kameraden etwas zurckzuziehen, damit deine Ausgaben geringer
      werden, beschftige dich fleiig zu Hause und meide jede
      Gelegenheit, die dich zu Ausgaben verpflichtet, denen du nicht
      gewachsen bist. Wenn du offen erklrst, da dir dieses und jenes
      zu kostspielig ist, so wird dich jedermann umso hher achten, wenn
      er sieht, da du mit deinen Verhltnissen rechnest und nicht
      leichtsinnig in den Tag hinein lebst. Denn vornehm leben heit in
      seinen Verhltnissen bleiben.

      Schreibe mir bald, wie du die Angelegenheit geregelt hast und ob
      ich dir die angebotene Summe schicken soll. In der Hoffnung, da
      dir keine Unannehmlichkeiten erwachsen, bin ich dein alter Vater.

Als Borgert diese Zeilen gelesen, zerknitterte er das Papier und steckte
es mit den ungeffneten drei anderen Briefen in den Ofen. Dann lie er
sich mit einem Seufzer in einen Sessel nieder und blickte sinnend vor
sich hin.

Da trat der Bursche ein und meldete Leimann.

Borgert ging dem Freunde entgegen, und als sie eingetreten waren, fragte
dieser erregt:

Nun, was haben Sie denn Wichtiges so frh am Morgen?

Borgert stelle sich breitbeinig vor ihn hin und entgegnete mit
geheuchelter Heiterkeit:

Nun ja, mein Lieber, man hat so seine Sorgen. Ich bin nmlich so
ziemlich am Ende und mchte Sie zu meinem Konkursverwalter ernennen.

Am Ende? entgegnete Leimann erregt, was wollen Sie damit sagen? Ist
es in Geldsachen?

Sie haben recht geraten. Ich mu jetzt Geld haben, und zwar sofort,
einen ganzen Sack voll, sonst bin ich erledigt.

Steht es denn so schlimm auf einmal? Sind neue Sachen gekommen? Sie
sagten doch das letzte Mal, Sie seien nun vorlufig versorgt.

Gewi sagte ich das, aber ich habe gestern einen berschlag gemacht und
gefunden, da es keinen Ausweg mehr gibt, als einen groen Pump. Ich
mchte also mit Ihnen einmal darber sprechen, denn ich hoffe, da sich
noch Mittel und Wege finden lassen werden, um sich ber Wasser zu
halten!

Leimann schaute sinnend zu Boden und rieb sich das unrasierte Kinn. Dann
entgegnete er achselzuckend:

Wieviel ist es denn?

Zwlftausend Mark, kein Pfennig weniger, denn ich mu jetzt reine Bahn
machen, ich habe diese langweiligen Mahnbriefe und Klagen satt!

Nun, und wie dachten Sie sich die Sache denn ungefhr?

Ich habe noch einige Adressen von solchen Geldmnnern. Wenn Sie
nochmals bereit wren, Brgschaft zu leisten, so hoffe ich, da wir zum
Ziele kommen.

Brgschaft? Brgschaft? Ja, Sie haben gut reden, mein Lieber, aber
schlielich mu man doch auch einen Hintergrund haben, wenn man immer
gutsagen soll. Ich mu Ihnen offen gestehen, wenn Sie die dreitausend
Mark von vorigem Monat nicht bezahlen knnen, dann bin ich mit meiner
Brgschaft hereingefallen.

Nun, das bedarf wohl keiner Auseinandersetzung, es ist absolut
selbstverstndlich, da ich meinen Verpflichtungen nachkomme.

Daran zweifle ich durchaus nicht, aber ich kann Ihnen in der Tat keine
Brgschaft mehr leisten, ich wollte vielmehr Sie darum bitten, denn ich
mu auch Geld haben.

Ich bin gern dazu bereit, aber warum nehmen Sie denn auf Ihr
Kommivermgen nichts auf? Das ist doch der sicherste Weg.

Kommivermgen? Auch haben, um etwas darauf aufzunehmen!

Aber worauf haben Sie denn geheiratet? fragte Borgert erstaunt.

Ich habe es _=nur=_ vier Wochen besessen, dann hat es der
zurckbekommen, der es mir geborgt hat, bis ich den Konsens hatte.

Borgert schaute seinen Freund betroffen an, dann ging er mit groen
Schritten im Zimmer auf und ab.

Nun, begann er nach einer Weile von Neuem, es ist gut, Sie leisten
mir Brgschaft und ich Ihnen.

Gut, das knnen wir, aber es ist doch eine gewagte Sache, denn wenn es
einmal zum Klappen kommt und keiner hat einen Pfennig, dann wird es
bel.

Der Fall kann gar nicht eintreten, mein Verehrter, denn wenn mir jetzt
noch einmal geholfen ist, dann ist fr spter nichts zu frchten. Ich
werde heiraten.

Donnerwetter, haben Sie Schneid! Dann seien Sie aber in der Wahl Ihres
Schwiegervaters vorsichtig, sonst ist es eine faule Sache. Ich kann
davon ein Liedchen singen.

Das versteht sich von selbst, auf leere Versprechungen heirate ich
nicht. Unter einer halben Million ist mit mir kein Geschft zu machen.

Na, da wnsche ich Ihnen viel Glck. Aber sagen Sie einmal, da fllt
mir ein, wie wre es denn mit Knig? Sollte der nicht ein paar tausend
Mark herausrcken?

Daran dachte ich wohl auch schon, aber ob er es tut, scheint mir sehr
zweifelhaft. Denn erst mten wir ihm die alte Schuld bezahlen!

Nun, ein Versuch kostet ja nichts. Mehr wie nein sagen kann er nicht,
ich werde sofort ein paar Zeilen an ihn schreiben.

Leimann nahm am Schreibtisch Platz und zog einen Briefbogen aus der
Schublade, Borgert entschuldigte sich indes fr einige Augenblicke, da
er mit dem Burschen etwas zu sprechen habe.

Er wollte die Zeit, whrend welcher Leimann schrieb, dazu benutzen,
dessen Gattin guten Morgen zu wnschen, und so huschte er in den weichen
Pantoffeln leise die Hintertreppe hinauf. Die Tr zum Ankleidezimmer
fand er angelehnt. Auf den Fuspitzen trat er nher und erblickte Frau
Leimann, wie sie vorm Spiegel stand. Das ppige Blondhaar hing ihr in
langen goldigen Strhnen ber die Schulter, bis an die Hften hinab. Und
als sie die Arme hob, um das Haar zu ordnen, fielen die weiten rmel
des Morgenrocks bis an die Ellenbogen zurck und entblten einen
herrlichen weien Arm. Das Bild war klassisch schn, ein echt
malerisches Motiv!

Borgert stand einige Minuten still und betrachtete mit Verlangen die
schne Frau, die nicht zu ahnen schien, da ein Fremder sie belausche.
Pltzlich ri er die Tr auf, eilte auf Frau Leimann zu, kte sie auf
den Nacken, und huschte eben so schnell wieder zur Tr hinaus und die
Treppe hinab. Geruschvoll schritt er durch den Korridor, sprach mit dem
Burschen einige Worte und trat dann mit unbefangener Miene in sein
Arbeitszimmer.

Da Leimann noch schrieb, setzte er sich in einen Sessel, zndete eine
Cigarrette an und blies den Rauch in einen durch das Fenster spielenden
Sonnenstrahl hinein, in dem die blauen Wlkchen leuchteten und sich zu
einem phantastisch verschlungenen Bande formten.

Jetzt war der Brief beendet, Leimann schob ihn in ein Kouvert, schrieb
die Adresse darauf, und der Bursche mute ihn sogleich an seinen
Bestimmungsort besorgen.

Das wird ziehen, denke ich!, sagte Leimann befriedigt, als er vom
Schreibtisch aufstand.

Was haben Sie denn geschrieben? fragte Borgert forschend.

Nun, ganz einfach, ich brauchte Geld fr einen Kameraden und
appellierte daher an seine schon so oft bewiesene freundschaftliche
Gesinnung. Als Zeitpunkt fr die Rckzahlung habe ich ihm drei Monate
bezeichnet, und mein Wort fr pnktliche Erledigung gegeben, denn Sie
sagten ja, das Geld bis dahin schaffen zu knnen.

Aber gewi kann ich das, wenn der Kerl nur jetzt etwas hergibt, das
weitere findet sich dann schon.

So plauderten sie eine halbe Stunde, als Rse mit der Antwort des
Rittmeisters Knig zurckkam.

Leimann ergriff erst hastig den Brief, dann aber zgerte er, ihn zu
ffnen. Unentschlossen schaute er auf die Adresse und sah fragend zu
Borgert hinber, der noch behaglich in seinem Sessel sa.

Oft harren wir sehnlich einer Nachricht, die uns freudige oder
unangenehme Botschaft bringen kann. Wir knnen den Augenblick nicht
erwarten, bis wir die Entscheidung in den Hnden haben, dann aber wagen
wir nicht, die Botschaft zu erfahren, denn sie knnte uns Enttuschung
bringen. Die Ungewiheit aber ist schner, weil sie neben der Furcht vor
Enttuschung auch die Hoffnung auf Freudiges in sich schliet.

Schlielich ri Leimann das Kouvert auf und faltete den Brief
auseinander.

Betroffen schaute er in die Schriftzge. Borgert sah an dem Gesicht des
Lesenden, der mit hochgezogenen Brauen und nervs zitternden Hnden vor
ihm stand, da die Antwort Knig's nichts Erfreuliches brachte. Aber er
war ruhiger, weniger betroffen, als Leimann, obgleich ihn selbst die
Angelegenheit doch am ersten betraf. Es war ihm schon lange nichts Neues
mehr, diese absagenden Antworten auf Darlehnsgesuche und hnliche
Schreiben, der Mensch gewhnt sich eben an alles.

Sein Gesicht aber nahm einen zornigen Ausdruck an, als er jetzt selbst
die Antwort las, nachdem sie ihm Leimann stillschweigend gereicht. Der
Brief lautete:

Zu meinem Bedauern bin ich nicht in der Lage, ihrem Wunsche
nachzukommen. Einesteils kann und darf ich es nicht tun mit Rcksicht
auf meine Familie, denn Summen von derartiger Hhe knnte ich nur aus
der Hand geben, wenn mir eine unbedingte Sicherheit geboten wird. In
Ihrer ehrenwrtlichen Versicherung fr pnktliche Rckzahlung bedaure
ich eine solche nicht erblicken zu knnen, da Sie sowohl, wie
Oberleutnant Borgert die Ihnen vor Monaten geliehenen Betrge noch nicht
zurckzuzahlen im Stande waren, obgleich Sie mir auch damals Ihr Wort
auf Erledigung Ihrer Schuld binnen zehn Tagen gegeben haben. Auerdem
scheint mir das, was ich in letzter Zeit ber den Stand Ihrer
wirtschaftlichen Lage gehrt habe, durchaus nicht darnach angetan, eine
Innehaltung Ihres Versprechens von heute zu gewhrleisten.

Borgert stand auf und schleuderte das Schreiben wtend zu Boden. Darauf
trat er an's Fenster und schaute auf die Strae hinaus.

Keiner von beiden sprach ein Wort. Erst als sich ihre Blicke begegneten,
fragte Leimann:

Nun, was sagen Sie dazu?

Eine Unverschmtheit ist es, eine Gemeinheit! brauste Borgert los,
was fllt dem Menschen ein, sich in unsere Privatangelegenheiten zu
mischen? Es wre unkameradschaftlich genug gewesen, uns eine Absage zu
schicken, aber in diesem beleidigenden Ton! Das kann man sich nicht
gefallen lassen!

Was wollen Sie machen? entgegnete Leimann achselzuckend. Wenn Sie
gegen ihn auftreten, fat er uns damit, da wir ihm damals unser Wort
gegeben haben, und das lt sich nicht bestreiten, denn von mir hat er
es sogar schwarz auf wei. Es ist also schon das Beste, wir stecken
diese Grobheit ruhig ein und schneiden den Kerl, dann wird er es schon
merken!

Er hat anscheinend ganz vergessen, da es uns ein Leichtes wre, ihm
den Hals zu brechen. Hat er nicht selbst gesagt, er wolle uns damals den
Betrag aus der Schwadronskasse leihen? Ich meine, es knnte ihm nicht
angenehm sein, wenn man von dieser Tatsache Gebrauch machte.

Das stimmt ja, aber Sie knnen ihm doch anstandshalber deshalb keine
Geschichten machen, denn der Eingriff in die Kasse geschah in unserem
Interesse.

Das ist mir gleich. Wenn er sich jetzt erlaubt, uns derartige
Frechheiten ins Gesicht zu schleudern, dann will ich ihm zeigen, da ich
ihm mit gleicher Mnze dienen kann!

Sie knnen aber doch unmglich eine Meldung schreiben, Knig htte
Ihnen Geld geliehen, nachdem er in eine Kasse gegriffen habe. Das wrde
doch ein sonderbares Licht auf Sie werfen.

So ungeschickt werde ich es auch nicht anfangen. Das kann man hinten
herum in die Wege leiten, und ich werde es einrichten, da kein Mensch
in mir den Urheber wittert. Aber eintrnken will ich's dem Kerl schon.

Beide schwiegen wieder, und wenige Minuten spter empfahl sich Leimann,
da er vor Tisch noch einen Gang zur Stadt zu tun habe.

Borgert blieb auch nicht mehr lange in seiner Wohnung. Er ging in's
Kasino und ertrnkte seine schlechte Laune in einer Flasche Heidsieck.

       *       *       *       *       *

Als Borgert wenige Tage spter des Morgens erwachte, merkte er zu seinem
Schrecken, da er wieder den Dienst verschlafen hatte. Er klingelte
heftig nach dem Burschen, aber Rse erschien auch auf ein zweites
Glockenzeichen nicht.

Borgert kleidete sich an und ging nach Rse's Stube. Er fand sie leer.
Das Bett stand unberhrt, darauf lag Uniform und Mtze des Burschen.

Erstaunt schaute er sich in dem kleinen Raume um, den eine stickige,
dumpfe Luft, ein Geruch nach schmutziger Wsche und abgetragenen
Kleidern erfllte. Wo sollte Rse so frh schon hingegangen sein, ohne
ein Wort zu sagen? Hatte er Dienst? Aber nein, da lag ja seine Montur.

Borgert stand schon auf der Schwelle, um das Zimmer wieder zu verlassen,
als er auf dem schmutzigen Tisch einen Zettel gewahrte. Er nahm ihn auf
und sein Gesicht erblate, whrend er ihn las, denn er enthielt in
ungelenker Schrift nur die Worte: Ich empfehle mich bestens!

Wie versteinert schaute Borgert auf das Blatt. Der Kerl war also
desertiert!

ber den Grund konnte Borgert keinen Moment im Unklaren bleiben, und ein
pltzliches Unbehagen erfate ihn bei dem Gedanken, man knne Rse
aufgreifen. Dann wrde alles zu Tage kommen, die schlechte Behandlung,
die Mihandlungen und so vieles, was Rse mit angesehen oder ber
seinen Oberleutnant erfahren hatte.

Wie geistesabwesend schritt er nach seinem Zimmer hinber und setzte
sich auf die Bettkante.

Er glaubte zu trumen, wild jagten ihm allerlei Gedanken durch den Kopf,
und ein nervses Zucken spielte um die blassen Lippen.

Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen? rger, Ungemach,
Enttuschung von allen Seiten, kein Lichtblick in die Zukunft, die sich
jetzt mit einem Schlage drohend und schwarz vor seiner Seele malte!

Zum ersten Male durchzuckte ihn mit schrecklicher Gewiheit der Gedanke,
da er vor einer Katastrophe stand, welcher nichts mehr Einhalt gebieten
konnte, wenn nicht ein Wunder geschah. Aber wo sollte das jetzt noch
herkommen? Aller Glaube, alle Hoffnung zerflossen zu nichts in den
wenigen Augenblicken, da ihm die ganze erdrckende Last seiner Schuld
und Snden, die ganze Wirrnis eines verfehlten Daseins zum Bewutsein
kam. Ein Schrecken, eine Schauer vor sich selbst und das Gefhl der
Hilflosigkeit ergriff den Mann, den sonst nichts zu bewegen vermochte,
der mit einer kalten, kein Mittel scheuenden Berechnung alle
Schwierigkeiten und milichen Lebenslagen niederzukmpfen gewohnt war.
Keiner tieferen Regung und edlen Gefhle fhig, war er bis jetzt den
Lebensweg gewandelt, den Egoismus, rcksichtslose, gefhlsrohe Gesinnung
und oberflchliche Lebensanschauung ihm gewiesen hatten.

Lange sa er so da, bleich, unbeweglich, den stieren Blick in's Leere
gerichtet, nur das nervse Spiel seiner Zge verriet, da in der
scheinbar leblosen Gestalt noch Leben sa: der seelische Kampf und
innere Zwiespalt eines Menschen, der zu spt erkennt, wie er sein Leben
gewaltsam zerstrt und zertreten, dessen Hoffnung auf eine unverdiente
Gnade des Geschickes noch im Ersterben nach einem rettenden Gedanken
sucht, an den sich die gengstigte Seele klammern kann, wie ein
Ertrinkender noch bis zum letzten Atemzuge mit den Wogen ringt, auch
wenn er weit und breit kein helfendes Wesen erblickt.

Borgert war jetzt mit sich im Reinen, er hatte abgerechnet mit sich
selbst und einem verfehlten, durch eigene Schuld vernichteten Leben. Er
war entschlossen, die Folgen zu tragen, nun es kein Entrinnen mehr gab.

Mechanisch kleidete er sich an und ging zur Kaserne, um dem Rittmeister
zu melden, da er den Dienst versumt habe.

Von Rse's Flucht wollte er vorlufig schweigen, denn wenn man jetzt
sofort dem Deserteur nachsprte, war es so gut wie sicher, da man in
wenigen Tagen seiner habhaft wurde. Gab man ihm aber noch 48 Stunden
Zeit, dann hatte er gengend Vorsprung, um sich in ein sicheres Versteck
zu begeben, und dann blieb es Borgert erspart, von einem Kriegsgericht
wegen Mihandlung eines Untergebenen verurteilt zu werden.

Als er gegen Mittag seine Wohnung wieder betrat, fand er einen Brief
vor. Es war die Antwort des Geldverleihers aus Berlin, welcher Borgert
in kurzen Worten mitteilte, er knne ein Darlehn nicht gewhren, da die
Erkundigungen sowohl ber Borgert wie ber den Brgen Leimann eine
auerordentlich ungnstige Wirtschaftslage bekundet htten.

Borgert nahm die Nachricht fast gleichgltig auf, denn er hatte seit
heute Morgen jede Hoffnung auf einen gnstigen Zufall verloren und daher
nichts anderes erwartet.

In's Blaue hinein, auf ein ehrlich Gesicht und schne Worte gab kein
Mensch einen Pfennig her, es hatte also gar keinen Zweck, sich noch
weiter zu bemhen. Wenn es trotzdem vorher Leute gegeben hatte, die ihm
Geld zur Verfgung stellten, so war es eben auf Leimann's Brgschaft hin
erfolgt, der seine Vermgenslage in so geschickter Weise in ein
gnstiges Licht zu stellen verstand, da man ihm einfach Glauben
schenkte, ohne lange Erkundigungen ber ihn einzuziehen.

Matt und mit wirrem Kopfe legte sich Borgert auf den Divan nieder.

In's Kasino mochte er nicht gehen, denn er versprte keinen Appetit und
fhlte sich auch nicht in Stimmung, mit den Kameraden in gewohnter Weise
zu scherzen und zu plaudern. Er mochte niemand sehen und hren, nur
allein sein wollte er, ganz allein.

Sein Blick schweifte in dem eleganten Raum umher. Und als er so die
schnen Bilder an den Wnden, die kostbaren eichenen Mbel und
wertvollen Teppiche betrachtete, da schmerzte es ihn doch, da all diese
Pracht und Herrlichkeit nun ein Raub der Manicher werden sollte. Sie
wrden sich zanken und streiten um den Besitz, ein jeder wrde der erste
sein wollen, wenn es galt, zu seinem Rechte zu gelangen.

Aber es half nichts. In wenigen Tagen mute der Zusammenbruch erfolgen,
eine Rettung war ausgeschlossen.

Doch was sollte dann aus ihm selbst werden? Daran hatte er noch gar
nicht so recht gedacht. Sollte er sich jeden Stuhl unter dem Rcken
hervorziehen und auf die Strae setzen lassen? Schlielich sperrte man
ihn vielleicht noch ein? Die Zeit drngte, ein Entschlu mute schnell,
sofort gefat werden.

Eigentlich wute er nicht recht, was er berhaupt in diesem elenden
Sorgenleben noch zu suchen habe. Denn jetzt mit Schimpf und Schande
abgehen, einen neuen Beruf erlernen und arbeiten mssen, das war gar
nicht sein Geschmack. Verwhnt und anspruchsvoll sich in eine einfache
Lebensweise, eine bescheidene, vielleicht sogar untergeordnete Stellung
hineinzuzwngen, das war ein fast unmgliches Ding. Dazu gehrte
Energie, Selbstverleugnung und Arbeitslust, von alledem aber fhlte er
nichts in sich. Sollte er sich einfach eine Kugel durch den Kopf
schieen?

Aber nein, das war abgeschmackt, erforderte auch Mut, und den hatte er
nur besessen, wenn er nichts riskiren konnte.

Und schlielich, wer sollte wissen, ob er nicht doch noch einmal das
Glck zu fassen bekme? Dann wre Selbstmord eine bereilte Torheit
gewesen. Das Leben konnte so schn sein, und nun kurzer Hand ein Ende
damit machen? Nein, auf keinen Fall.

Lange grbelte er hin und her, es wollte ihm kein rechter Gedanke
kommen.

Er dachte an seinen Burschen. Hatte der es nicht ganz schlau angefangen,
um sich den Verhltnissen zu entziehen, die ihm nicht paten? Der sa
jetzt vielleicht ruhig und ungestrt in einem stillen Winkel, wo es
niemand einfiel, nach ihm zu fragen, wo er leben konnte, wo er lustig
war.

Wenn er es nun auch so machte?

Je mehr in Borgert der Gedanke an eine heimliche Flucht Gestalt gewann,
um so vortrefflicher schien ihm dieser Ausweg.

Unter neuen Menschen, in einem anderen Lande konnte er ein neues Leben
beginnen, und wie lange wrde es dauern, bis man ihn vergessen hatte! In
einem Jahre nannte man seinen Namen vielleicht nur noch als den eines
Mannes, der auch einmal existiert habe, im brigen wrde sich niemand
mehr um ihn kmmern.

Er war so sehr in seine Gedanken versunken, da er es nicht mehr
bemerkte, als die Tr aufging und Frau Leimann eintrat.

Sie sah bla und ernst aus, das sonst so jugendlich schne Gesicht
schien gealtert, und die Augen zeigten einen bangen Ausdruck.

Borgert erhob sich nicht, sondern nickte nur, ohne ein Wort zu sagen,
kaum merklich mit dem Kopfe. Dabei streifte sein Blick die Gestalt der
Frau.

Sie schien ihm heute nicht begehrenswert, ganz anders sah sie aus wie
sonst. Ihre Bewegungen schienen ihm schlaff und formlos, die Reize fand
er nicht, an denen er sich so oft gesttigt. Das Haar war wirr und
flchtig geordnet, hinter den weichen Falten des lssig bergestreiften
Morgenrockes verrieten sich nicht die vollen Formen, die Rundung der
Glieder, die gesunde Flle eines jugendlichen Weibes. Alt und verlebt
kam ihm die ganze Erscheinung vor.

War es frher nur ein rein sinnliches Empfinden gewesen, das ihm die
Frau so schn, so begehrenswert erscheinen lie? Und war es heute die
geistige und nervse Abspannung, die jene Regung ttete, soda er die
Reize des Weibes nicht zu erkennen vermochte?

Er wute es nicht, zwei Eindrcke standen einander gegenber: Die Frau,
wie sie jetzt vor ihm stand, und das herrliche Weib, das er vor wenigen
Tagen mit gelstem Haar, mit nackten Armen und Schultern geschaut und
gekt.

Sie hatte sich neben ihn auf den Divan gesetzt und seine Hand ergriffen.
Ihre Augen schauten bang in das Gesicht des Mannes, der so teilnahmslos,
so gleichgiltig vor ihr lag.

Du bist krank, Georg? fragte Frau Leimann besorgt.

Er schttelte nur den Kopf, ohne zu antworten.

Aber so sage mir doch, was ist dir? Was fehlt dir?

Nichts und alles, gab Borgert gleichgiltig zur Antwort.

Was soll das heien, Georg? So sprich doch vernnftig!

Was soll ich viel reden, meine Liebe? Ich bin fertig. Sonst fehlt mir
nichts!

Fertig! Womit? Wie soll ich das verstehen?

Mit allem, mit dem Leben und mit mir!

Du sprichst in Rtseln, Georg! So sage mir doch offen und klar, was ist
geschehen!

Das Geld ist alle. Ich mu fort, sonst gibt es ein Unglck.

Borgert fhlte, wie ein Zucken durch ihren Krper ging. Sie erwiderte
nichts, sie wendete nur langsam ihr Gesicht ab und schaute nach dem
Fenster hin.

Im Stillen war Borgert ihr dankbar, da sie die Mitteilung so gefat
entgegennahm und nicht nach Weiberart aufschrie oder schluchzend zu
Boden sank.

Und als er das blasse Profil betrachtete, wie es sich gegen die hellen
Fensterscheiben abhob, und eine Trne in ihren Augen flimmern sah,
erfate ihn eine Rhrung, ein Mitleid mit der Frau, und er zog sie in
seine Arme.

Und als sie so dalagen in wortloser Umarmung, kam es leise ber ihre
Lippen:

So nimm mich mit, Georg!

Betroffen fuhr Borgert auf:

Um Gottes Willen, wie kommst du auf solche Gedanken? Wie darf ich das?

Ich bitte dich, Georg, la mich mitgehen, ich halte es hier nicht
lnger aus.

Aber das ist undenkbar, Liebste! Ist es nicht Skandal genug, wenn ich
allein verschwinde? Und dann dich noch mitnehmen? Unmglich!

Dann gehe ich allein, ich will fort, ich mu!

Aber warum denn auf einmal, was ist denn passiert?

Frau Leimann brach in ein heftiges Schluchzen aus.

Geschlagen hat mich mein Mann, weil der Gerichtsvollzieher wieder bei
mir war. Ich ertrage diese Behandlung nicht lnger und dann..... dann
....... ich habe auch kein Geld fr meine Schulden, es gibt ein
Unglck.

Borgert hatte Mhe, die erregte Frau wieder zu beruhigen.

Er berlegte. Eigentlich war der Gedanke gar nicht so unrecht. Wenn sie
doch einmal fort wollte, dann konnte sie auch gleich mit ihm gehen, dann
hatte er wenigstens einen Menschen bei sich, mit dem er reden konnte und
noch manches mehr, einen, der sich in der gleichen Lage befand wie er
selbst. Und als Frau Leimann ihn mit flehenden Augen ansah, schlo er
sie wieder in die Arme und flsterte leise:

So komm mit! Morgen abend reisen wir!

Lange hielten sie sich in inniger Umarmung umschlungen, dann aber
entwand sich Borgert den Liebkosungen der Frau und drckte sie in einen
Sessel nieder.

Er selbst nahm ihr gegenber Platz und sagte:

Nun mssen wir aber einmal ganz vernnftig ber alles reden.

Erstens: Wie willst du fortkommen, ohne da dein Mann etwas davon
merkt?

Max fhrt morgen frh nach Berlin, er hat dort dienstlich zu tun. Hat
er dir's noch nicht erzhlt?

Nein, aber das trifft sich ja ausgezeichnet. Nun weiter: Hast du
Reisegeld?

Ja, meine Mutter hat heute dreihundert Mark geschickt, und ich habe
nichts damit bezahlt, weil ich fest entschlossen war, abzureisen.

Dann bist du besser daran als ich, ich habe nmlich blos noch eine
Mark, aber ich werde Rat schassen.

Drittens: Wie willst du unauffllig dein Gepck zur Bahn schaffen
lassen? Denn du kannst doch nicht mit einem Kleide ausrcken!

Ganz einfach, Georg! Bitte noch heute meinen Mann um den groen Koffer
und sage, du mtest nach Hause reisen. Dann packe ich alles hinein und
der Bursche bringt ihn zu dir herunter. Er ist gro genug fr uns
beide!

Ich sage es ja immer, entgegnete Borgert lachend, es ist ein altes
Sprichwort:

    In grter Not ein Frauenmund
    Tut dir die schlausten Schliche kund!

Das Rezept ist brigens groartig und acceptiert.

Und mit welchem Zuge fahren wir?

Du fhrst nachmittags, damit wir nicht zusammen abreisen, das wrde
natrlich auffallen. Ich komme mit dem Abendzuge nach. Wir treffen uns
am besten in Frankfurt im Wartesaal, dort knnen wir dann alles weitere
in Ruhe besprechen. Ich nehme natrlich drei Tage Urlaub, damit man mir
nicht gleich jemand nachschickt.

Dann wren wir ja soweit einig. Ich komme morgen Vormittag herunter,
sobald mein Mann fort ist, dann knnen wir ja noch einmal ber alles
sprechen. Jetzt mu ich hinauf.

Noch ein inniger Ku, und Frau Leimann wandte sich der Tr zu. Als sie
Borgert von der Schwelle aus noch einmal zunickte, da gefiel sie ihm
wieder. Das erhitzte Kpfchen mit den zerzausten Haaren und den
leuchtenden Augen, es war doch wirklich reizend! Eine Art Wonne berkam
ihn pltzlich bei dem Gedanken, da er das entzckende Weib nun ganz
besitzen, fr immer um sich haben sollte, es wrde ihm helfen, leichter
ber alles hinwegzukommen, was noch Unangenehmes bevorstand.

Borgert hatte mit einem Schlage seine gute Laune zurckgewonnen, es war
ihm fast wohl zu Mute. Denn jetzt bekam die ganze Flucht einen anderen
Anstrich. Man wrde sagen, sie seien aus Liebe mit einander geflohen.
Skandal und Gerede gab das auch noch zur Genge, aber die ganze
Geschichte schien ihm gewissermaen vornehmer, interessanter und
entschuldbarer, als wenn es hie, er sei auf und davon gegangen, weil er
sich vor Schulden und den Folgen unsauberer Machinationen nicht habe
retten knnen.

Einen Augenblick allerdings mischte sich in diese Freude ein Mahnruf des
Gewissens, das ihm verbot, ein neues Verbrechen zu begehen. Aber dieser
Mahnruf klang so schwach und kraftlos, da Borgert ihn kaum empfand. Die
Hauptsache war ja doch, ihm bot sich eine Annehmlichkeit, ein Vorteil,
den er sich nicht entgehen lassen wollte, lediglich mit Rcksicht auf
andere. Die kamen doch erst in zweiter Linie!

Denn je strker der Egoismus im Menschen vorherrscht, umso leichter
berwinden wir alle Regungen, alle sentimentalen Grbeleien, welche uns
vor einer Snde warnen, wenn wir aus ihr einen Vorteil zu gewinnen
glauben, und nur dann weichen wir vom rechten Wege ab. Deshalb sind die
grten Verbrecher auch die grten Egoisten.

So wanderte denn Borgert wohlgemut der Stadt zu und betrat die Post, wo
er ein Telegramm an einen Althndler in der Nachbarstadt sandte und
diesen um einen Besuch am nchsten Morgen bat.

Darauf begab er sich nach seinem Hause zurck und ging zu Leimann's
hinauf.

Er fand den Freund beim Kofferpacken.

Nun, morgen soll die Reise los gehen, wie ich hre, ich erfuhr es erst
heute Mittag! sagte Borgert, ihm die Hand reichend.

Ja, sehr entzckt bin ich gerade nicht, denn man ist in keiner Weise
fr eine solche Reise vorbereitet. Aber das ist ja immer so, erst im
letzten Augenblick bekommt man seine Befehle, soda man gerade noch den
Zug erreicht.

Trotzdem beneide ich Sie um die schne Reise! Mir steht eine weniger
angenehme bevor.

Wie, Sie wollen auch fort?

Ich will eigentlich nicht, aber ich mu!

Und wohin?

Nach Hause, morgen Nachmittag fahre ich.

Ah, ich verstehe, viel Glck und gute Verrichtung!

Danke schn! A propos, knnen Sie mir einen Koffer borgen? Ich mchte
gerne Verschiedenes mit nach Hause nehmen, und dazu ist der meinige zu
klein.

Aber gewi, mein Bursche kann Ihnen den groen Korb hinunterbringen,
wird der gengen?

Natrlich, vollstndig, besten Dank!

Borgert merkte, da sein Besuch nicht ganz gelegen kam. Leimann hatte
schlechte Laune und lie sich auch gar nicht in seiner Beschftigung
stren. Er war so mit seinen Gedanken dabei, da er Borgert's Fragen
kaum hrte, und so hielt es dieser fr angebracht, sich zu empfehlen,
mit dem Versprechen, zum Abendessen wieder heraufzukommen.

Wann knnte ich wohl den Koffer haben? fragte er im Weggehen.

Sowie mein Bursche aus der Stadt zurck ist, besorgt er ihn hinunter.
Also auf Wiedersehen!

In seinem Zimmer lie sich Borgert in einen Sessel nieder. Ihm war so
wohl und frei, er htte jauchzen mgen, denn einen Tag spter war er den
ganzen Krempel los und brauchte sich nicht mehr zu rgern. Dabei diese
nette Begleitung! Er wunderte sich, da er auf diese Idee nicht frher
gekommen war.

Da fiel ihm ein, da er ja noch gar nicht an's Packen gedacht habe, er
wollte wenigstens alles zurechtlegen, damit nichts vergessen wrde.

Er lie seinen Blick durch den eleganten Raum streifen und berlegte,
was wohl des Mitnehmens wert sei. Dann nahm er von dem Sofapaneel einen
silbernen Becher, das Abschiedsgeschenk seines frheren Regiments, und
stellte ihn im Nebenzimmer auf einen Tisch.

Ein Album, einige Photographien, ein Packet Briefe, 2 Reitpeitschen und
2 kleine lgemlde -- Arbeiten seiner verstorbenen Schwester -- das war
alles, was er mitzunehmen gedachte. Alles brige konnte stehen bleiben
als Trost fr die Glubiger.

Als er gegen sieben Uhr bei Leimann's eintrat, fand er sie bereits bei
Tisch.

Leimann machte ein finsteres Gesicht und schaute kaum von seinem Teller
auf, als Borgert eintrat.

Seine Gattin sa mit rotem Kopf ihm gegenber, aber sie berhrte die
Speisen nicht, sondern schaute nur angstvoll mitunter nach ihrem Gatten
hinber.

Den ganzen Abend kam keine Stimmung in das Beisammensein, und nicht
einmal eine Flasche Eckel vermochte die sonst gewohnte Heiterkeit wieder
wach zu rufen. Leimann hatte eben schlechte Laune, und dann war nichts
mit ihm anzufangen.

Daher trennte man sich auch schon zu frher Stunde, und der Abschied der
Freunde war khler als sonst.

Frau Leimann aber hatte noch auf dem Korridor Gelegenheit, ihrem
Geliebten einen flchtigen Ku auf die Wangen zu drcken, als ihr Gatte
hineingegangen war, um ein Streichholz zu holen.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen war Borgert gerade erst ausgestanden, als schon der
Althndler ankam.

Der Oberleutnant begrte ihn freundlich und bat ihn, einzutreten, dann
vollendete er seinen Anzug und begann mit dem Juden zu verhandeln.

Bitte, wollen Sie sich einmal mein Mobiliar ansehen, sagte er, ich
gedenke die ganze Einrichtung, wie sie da steht, zu verkaufen, da ich
versetzt bin, doch wollen Sie diesen Umstand vorlufig noch diskret
behandeln. Wie viel wrden Sie mir eventuell zahlen?

Der Jude sah sich nachdenklich in dem Zimmer um. Er befhlte und
beklopfte die einzelnen Stcke, prfte Decken und Teppiche und musterte
eingehend das kostbare Schnitzwerk des Bcherschrankes. Dann zog er ein
Notizbuch aus der Tasche, schielte nach den einzelnen Stcken hin und
notierte sich den Preis. Schlielich wandte er sich Borgert zu und sagte
mit fragender Miene:

Fnfzehnhundert Mark, Herr Oberleutnant, sofort auf den Tisch!

Was, fnfzehnhundert Mark?, stie Borgert enttuscht hervor, aber ich
bitte Sie, ich habe fast zehntausend Mark fr die Einrichtung bezahlt.

Tut mer leid, Herr Oberleutnant, gab der Jude achselzuckend zu
Antwort, alte Sachen sind keine neie Sachen, mehr zahlt kein Mensch.

Das ist zu wenig, das ist ja fast geschenkt.

Nun, ich will Ihnen geben zweitausend Mark, aber keinen Pfennig
darber.

Borgert setzte sich in den Schreibstuhl. Er berlegte, und whrend
dessen schaute der Jude erwartungsvoll auf sein Gesicht.

Gut, her mit dem Gelde, Sie haben den Krempel! sagte Borgert nach
einigem Besinnen.

Denn schien ihm der Betrag von zweitausend Mark auch ein Lumpengeld fr
diese kostbaren Mbel, so war es doch besser, er entschlo sich schnell
fr einen geringeren Preis, ehe der ganze Fluchtplan infolge Mangels an
Geld ins Wasser fiel.

Schmunzelnd zog der Jude ein Papier aus der Tasche, schritt zum
Schreibtisch und schrieb einige Worte auf das Blatt, welches er Borgert
nun zur Unterschrift vorlegte.

Als der Jude wieder hinaus war und Borgert die beiden Tausendmarkscheine
in der Hand hielt, schien ihm nun das letzte Hindernis zur Flucht
beseitigt, denn bares Geld war die Hauptsache. Er faltete die Scheine
zusammen und steckte sie in seine Brse, trat dann in's Schlafzimmer an
den Kleiderschrank und entnahm demselben den Reiseanzug. Das brige
Civil packte er zu Frau Leimann's Kleidern in den Koffer, darauf die
paar Sachen, die er sonst noch mitnehmen wollte, und lie den Koffer
sogleich zur Bahn besorgen.

Der Oberst zeigte wenig Lust, den Oberleutnant zu beurlauben, und erst
auf nochmalige Vorstellung ber die Dringlichkeit der Reise lie er sich
erweichen, einen dreitgigen Urlaub zu bewilligen. Er hoffte
schlielich, Borgert wrde mit seinem Vater bereinkommen und diese
leidigen Geldgeschichten aus der Welt schaffen. Das konnte ihm ja nur
angenehm sein, und so lie er ihn reisen.

Leimann war inzwischen schon ber alle Berge. Die beiden Freunde hatten
nicht einmal ein letztes Lebewohl einander zugerufen. Seine Gattin aber
war noch sehr beschftigt. Es gab so vielerlei zu tun, hier ein Packet
Briefe zu verbrennen, die weder der Gatte noch Georg lesen durften, dort
noch einige Kleinigkeiten einzupacken, meist wertlose, unscheinbare
Schelchen, deren Wert die Erinnerung bedeutete.

Das Herz einer Frau hngt an solchen Dingen, die ihr schne Augenblicke,
liebe Bilder in der Erinnerung erwecken, und eher gibt sie dir den
schnsten, im Laden gekauften Ring, als die trockene Blume oder das
kleine Angebinde aus der Hand eines Mannes, welcher in ihrem Leben eine
Rolle gespielt.

Den heimlichen Abschied von Bubi, dem kleinen zweijhrigen Shnchen,
hatte sie sich tags zuvor schwerer vorgestellt, und sie empfand jetzt
sogar eine Art Gewissensbisse, da sie so leichten Herzens, ohne Trne,
das einzige Kind im Stiche lassen konnte, das jetzt, mutterlos, einer
ungewissen, vielleicht traurigen Zukunft entgegen ging.

Aber es war sonderbar! Vom ersten Augenblick an empfand sie eine gewisse
Abscheu vor dem Kinde mit der breiten Nase, dem groen Mund und den
winzigen, stechenden Augen. Schon nach wenigen Wochen zeigte sich eine
ausgesprochene hnlichkeit mit dem Vater, und je mehr die Entfremdung
der Gatten wuchs, umsomehr schwand der kleine Rest von Mutterliebe. Sie
betrachtete das ewig schreiende, hliche kleine Wesen lediglich als
sein Kind, und sich selbst nur als das natrliche Mittel, um es zur Welt
gebracht zu haben, und so war es gekommen, da das arme Baby fast nur in
der Kche oder der Mdchenstube sein Dasein fristete, gehtet und
erzogen von den Dienstboten. Die Mutter bekam ihr Kind oft kaum eine
Stunde am Tage zu sehen.

Es gibt ja Frauen, die, eitel und sich ihrer eigenen Schnheit wohl
bewut, es fr eine Schmhung der Natur, fr eine Strafe des Himmels
halten, wenn sie hliche Kinder zur Welt bringen, vor denen sie dann
ihr ganzes Leben eine innere Abneigung empfinden und ihnen aus dem Wege
gehen, wie dem Gedchtnis einer Krnkung, die ihrem Frauenstolze
widerfuhr.

Ihr Gatte hatte es ja nicht anders um sie verdient, als da sie ihn
verlie, und deshalb empfand sie kaum das Bewutsein einer Schuld, als
sie um drei Uhr ein Abteil erster Klasse des Schnellzuges nach Frankfurt
bestieg.

Denn welcher Mensch strebt nicht, seine Snden und Vergehen vor sich
selbst zu rechtfertigen, zu entschuldigen? Oberflchliche,
selbstschtige Menschen bringen es in diesem Streben so weit, da sie in
dem grten Verbrechen hufig nur eine kleine Inkorrektheit erblicken,
welche die Mitmenschen falsch, zu hart beurteilen, weil sie die
Beweggrnde nicht verstehen knnen. --

Zu diesen Menschen zhlte auch Borgert. Dem Egoisten heiligt der Zweck
die Mittel, und so schied er wohlgemut, voll innerer Genugtuung von der
Garnison, den Freunden und seinen Pflichten, mit einem verchtlichen
Lcheln auf den Lippen ber die, welche in der Beschrnktheit ihres
Geistes festhalten an Sitte und Hergebrachtem, und nicht den Mut haben,
die Rcksicht auf andere ber Bord zu werfen, wenn sie ihrem eigenen
Vorteil auf der Spur sind.

Als die beiden am spten Abend in dem Speisesaal eines eleganten Hotels
zusammen saen, schien ihnen das Leben, die ganze Zukunft ein lichtes
Bild mit wenig Schatten, und sie feierten bei einer Flasche
franzsischen Sektes den ersten Tag ihrer jungen Ehe -- der _=freien=_
Liebe.




[Illustration]


Sechstes Kapitel.


Die Flucht des Oberleutnants Borgert war nicht lange geheim geblieben.

Als er nach Ablauf des dreitgigen Urlaubs nicht zurckgekehrt war, und
eine telegraphische Anfrage bei seinem Vater ergab, da er das
Elternhaus berhaupt nicht betreten habe, lag die Vermutung nahe, da er
sich durch Desertieren den Folgen seines bisherigen leichtsinnigen
Lebens entzogen.

Freilich hatte auer Leimann niemand recht gewut, wie schlecht es mit
Borgert's Verhltnissen stand. Erst als der Jude die ihm verkauften
Sachen abholen und der mit einer umfangreichen neuen Pfndung
beauftragte Gerichtsvollzieher die bereits von ihm beschlagnahmten
Gegenstnde zurckhalten wollte, kam die Katastrophe und enthllte mit
einem Schlage das gesamte System, in welchem Borgert gearbeitet hatte.

Von Seiten des Gerichts ward das gesamte Eigentum des Oberleutnants mit
Beschlag belegt, und ein Termin sollte entscheiden, in welcher Weise
die einzelnen Glubiger zu ihrem Rechte gelangen wrden.

Stellte auch die wertvolle Einrichtung ein ziemliches Kapital dar, so
war dieses doch nur der Tropfen auf einen heien Stein, denn als von
Gerichtswegen eine Aufforderung durch die Zeitung an alle diejenigen
erging, welche noch Forderungen nachweisen konnten, gingen ganze Berge
von Rechnungen ein, deren Gesamtbetrag sich ber zwanzigtausend Mark
belief.

Gleichzeitig verhngte der Gerichtsherr die Beschlagnahme des gesamten
etwaigen Privatvermgens Borgert's, und die Staatsanwaltschaft folgte
mit einem Steckbrief gegen den des Betrugs angeschuldigten Oberleutnant.

Die Wohnung hatte das Gericht versiegelt, selbst das arme Pferd im
Stalle trug in der Mhne ein kleines Siegel, welches man mit einem
Bindfaden kunstgerecht hineingeflochten hatte.

Wie ein Lauffeuer eilte die Kunde der neuesten Ereignisse durch die
kleine Stadt und die Nachbarorte, auch in den Zeitungen las man kurze
Notizen.

Der Oberst war ganz niedergeschlagen. Die schlauen Herren des Regiments
wollten zwar diese Katastrophe schon lange haben kommen sehen -- wie es
ja bei allen Ereignissen Leute gibt, die ahnungslos ein Unheil neben
sich erstehen sehen und dann, wenn das Unvermeidliche eingetreten, mit
berlegenem Lcheln behaupten, sie htten seit Jahren nichts anderes
erwartet.

Der Oberst aber uerte tieftraurig zu Rittmeister Knig, diese neue
Wendung der Dinge sei der letzte Nagel zu seinem Zylinder, und man sah
ihn fortan nur noch mit bekmmerter Miene seinen Geschften nachgehen.
Denn allmhlich sah er klar, da die sachgeme Leitung eines
Offizierkorps etwas anders angefangen werden msse, und da die Art
seiner Regierung wohl den falschen Weg gewandert sei.

Da Frau Leimann dem Oberleutnant gefolgt war, wurde erst nach einigen
Tagen bekannt, als der von Berlin zurckgekehrte Gatte einen Brief
erhielt, in welchem die Frau ihn um Verzeihung bat und beteuerte, sie
habe nicht anders gekonnt.

So war denn Leimann doppelt gestraft. Vor aller Welt blamiert und
belchelt ob seiner durchgegangenen Ehehlfte, mute er jetzt
schleunigst den grten Teil seines Besitztums verkaufen, um den
Forderungen derer gerecht zu werden, bei welchen er fr Borgert
Brgschaft geleistet, und dabei blieb ihm nur das Ntigste brig.

Glaubte man anfangs durch Frau Leimann's Brief den Entflohenen auf der
Spur zu sein, so war doch spter das zahlreiche Aufgebot von Detektivs
und Kriminalbeamten nicht im Stande, die Ausreier zu fassen. Waren sie
noch in Deutschland, oder im Auslande? Kein Mensch ahnte es.

Etwa zwei Wochen nach der Flucht wurde auch Rse eingeliefert. Man hatte
ihn auf den erlassenen Steckbrief hin an der belgischen Grenze
ergriffen.

Die Verhandlungen mit ihm ergaben, da hufige Mihandlungen seitens
seines Oberleutnants die Triebfeder zu jenem Schritte gewesen waren.
Milderte dies sein Strafma auch nur wenig, so bedauerte man doch
allgemein den armen Soldaten, den Unbilden und schlechte Behandlung
seiner Vorgesetzten ins Unglck gestrzt hatten. --

       *       *       *       *       *

In dem Ehescheidungsproze, welchen Leimann gegen seine Gattin
angestrengt, kamen recht unliebsame Dinge zu Tage.

Die beiden Mdchen des Hauses, sowie der Bursche wuten Tatsachen zu
berichten, bei denen sich Leimann's wenige Haare strubten, die er noch
auf dem Kopfe trug, und er begriff nicht, wie er so blind sein konnte,
um den Verrat nicht zu sehen, mit dem man ihn im eigenen Hause betrog.

Die gerichtliche Scheidung wurde ausgesprochen, und Leimann reichte sein
Abschiedsgesuch ein, weil er einesteils gezwungen war, sich einem
eintrglicheren Berufe zuzuwenden, andererseits, weil durch die
gesamten Vorflle sein Ruf derartig geschdigt war, da dem weiteren
Verbleiben in einem Offizierkorps erhebliche Bedenken entgegenstanden.

So nahm er denn eine Stelle als Reisender einer Weinfirma an, welche ihm
den ntigsten Lebensunterhalt verschaffte. Den ohne dies fast
aufgelsten Haushalt hob er ganz auf und bergab sein Kind zur Erziehung
einer befreundeten Familie, wofr diese als Entgelt den Anspruch auf die
kleine Pension des Oberleutnants zugesichert erhielt.

Fast gleichzeitig mit der Genehmigung seines Abschiedsgesuches wurde
auch das Urteil ber Borgert verkndet. Es lautete auf eine Gesamtstrafe
von fnf Jahren Gefngnis, zehn Jahren Ehrverlust und Ausstoung aus dem
Heere, bewirkt durch Betrug, Fahnenflucht und Mihandlung Untergebener
in zehn Fllen.

Die Zeitungen verffentlichten das Urteil, und somit war denn die
tatenreiche Laufbahn jenes Mannes in seinem Vaterlande beschlossen.

       *       *       *       *       *

Indes sa im Bureau der groen Fabrik an einem der zahlreichen
Schreibtische der ehemalige Sergeant Schmitz.

Die brigen Angestellten hatten bereits ihre Pltze verlassen und waren
gerade dabei, ihre Rcke von den Kleiderstndern herabzunehmen, denn es
hatte schon vor zehn Minuten Feierabend gelutet.

Schmitz aber lie sich durch die laute Unterhaltung seiner Umgebung
nicht stren, er schrieb emsig und war ganz vertieft in die langen
Zahlenreihen, welche auf dem Bogen vor ihm geschrieben standen.

Der Raum hatte sich bereits geleert, und Schmitz wollte gerade einen
neuen Bogen beginnen, als der Werkmeister Maurer eintrat.

Er war ein Mann von gedrungenem Krperbau, mit scharfen, stechenden
Augen in dem blassen, ovalen Gesichte. Der Schnurrbart hing um die
Mundwinkel, und der ganze Gesichtsausdruck hatte etwas Rohes, Grausames,
und besonders jetzt, da der Mann aus dem Halbdunkel von der Tr
herberschaute, sah er wie ein Raubtier aus.

Du kannst wohl wieder einmal nicht fertig werden? Kommst du bald?
redete er Schmitz an, welcher von seiner Arbeit nicht aufblickte,
sondern nur kurz entgegnete:

Im Augenblick, setz dich so lange!

Die beiden Mnner waren gute Freunde.

Noch vor wenigen Wochen stand Schmitz zwischen den Arbeitern vor der
Drehbank und schob mechanisch ein Holzstck nach dem anderen zwischen
die spitzigen Zhne des rotierenden Eisens. Und er hatte sich ganz gut
eingelebt in diese geistttende Beschftigung, die ihm nicht viel Zeit
zum Denken brig lie. Denn hier galt es mit allen fnf Sinnen bei der
Sache zu sein, wenn man nicht den Verlust eines Fingers oder einer Hand
beklagen wollte.

Man hatte aber bald in dem stillen, fleiigen Arbeiter den Mann
entdeckt, dessen berlegene Ruhe und bestimmtes Auftreten ihn zu einem
weiteren Wirkungskreise geeignet machten, und so ward denn Schmitz nach
kurzer Zeit Aufseher der Maschinenhalle, in welcher er bis jetzt
gearbeitet hatte.

Die brigen Arbeiter freilich sahen mit neidischen Blicken auf den
Emporkmmling, der erst eben auf der Bildflche erschienen war und ihnen
gegenber nun schon als Befehlender sich aufspielte. Es fehlte daher
nicht an spttischen Bemerkungen, der alte Soldat aber wies jeden, der
ihm zu nahe trat, mit kalter Ruhe in seine Schranken zurck.

Wenn er so des Morgens alle emsig bei der Arbeit sah, ging er manchmal
zu Maurer hinber, welcher im Maschinenhause beschftigt war.

Und bei diesen allmorgendlichen Plaudereien entdeckte Maurer, ein
gefrchteter Sozialdemokrat der Stadt, bald in Schmitz einen Mann, der
leicht zu gewinnen war und der ein tatkrftiger Genosse zu werden
versprach, wenn man ihn nur geschickt ins rechte Fahrwasser
hineinlenkte.

Dieses Streben Maurer's ward umso mehr untersttzt, als Schmitz noch
immer nicht den Groll gegen den Militarismus und die Staatsleitung,
welche diesen gro gezogen, vergessen konnte. Ein tiefer innerer Grimm
whlte noch in ihm ob der Unbilden, die ihm die Frchte der besten Jahre
seines Lebens zerstrt.

So hatte er denn bald mit Leib und Seele zur roten Fahne geschworen, und
aus dem knigstreuen Soldaten war eine tatkrftige Sttze der
sozialistischen Partei geworden.

Morgen sollte nun Schmitz eine Rede halten, vor einem groen Kreise
seiner Gesinnungsgenossen, und deshalb wartete Maurer auf ihn, um noch
einmal die wichtigsten Punkte mit seinem Freunde durchzusprechen.

Als Schmitz seine Arbeit fortgelegt und den Bogen im Schreibtisch
verschlossen hatte, auf dem die Arbeitsliste der vergangenen Woche
verzeichnet stand, schritt er mit Maurer hinab, und schweigsam wandelten
die beiden durch die enge Gasse nach Maurer's Wohnung hin.

Aus einem Nachbarhause nahmen sie eine Kanne Bier mit, zndeten dann die
Lampe an und begannen die Besprechung.

Es handelte sich um ein neues Steuergesetz, welches besonders den
arbeitenden Klassen zur Last fiel, und daher galt es, mglichst viele
Gegner zu gewinnen, damit im Reichstag bei der letzten Lesung der
Angelegenheit eine ausschlaggebende Majoritt die Durchfhrung der
Vorlage zum Scheitern brachte.

Bis nach Mitternacht waren die beiden Freunde in eifriges Gesprch
vertieft. Und als sie sich trennten, waren ihre gleichschlagenden Herzen
um ein Band reicher.

[Illustration]

Den ganzen folgenden Tag befand sich Schmitz in einer Art fieberhafter
Unruhe. Es schien ihm doch eine sonderbare Wandlung mit ihm vorgegangen
seit der kurzen Zeit, die er des Knigs Rock nicht mehr trug. Vor einem
Jahre noch war er Soldat des Kaisers, ein Mann, der geschworen, das
Vaterland zu schtzen und es frdern zu helfen, und heute? Einer von
denen, welche man beschuldigt an den Grundfesten des Staatsgebudes zu
rtteln, um sich nach eigenen Gesetzen ein neues Gemeinwesen zu
schaffen.

Doch als er am nmlichen Abend in stolzer Haltung die Rednertribne
betrat, und eine nach Hunderten zhlende Menschenmenge dem neuen
trefflichen Genossen Beifall rief, noch ehe er ein Wort gesprochen, da
stieg ein nie empfundenes Gefhl des Selbstbewutseins, ein
unbestimmtes, gewaltiges Streben nach Groem in seiner Seele auf.
Gefallen wollte er der versammelten Menge, sie hineinzwingen in den
Bannkreis seiner Gedanken, da alle ihm folgen muten, willenlos, wie
dem Hirten die Herde.

Mit fester Stimme begann er seine Rede. In groen Zgen schilderte er
zuerst die Art des neuen Gesetzentwurfs und legte sodann die Folgen
desselben fr die arbeitenden Klassen dar.

Eine neue Steuer bedeute stets einen weiteren Schritt zur Verarmung der
Mittellosen. Und diese neuen Ausgaben seien berflssig, wenn man es
unterliee, eine bestndige Vergrerung und fortwhrende
Ausrstungsnderung der Armee vorzunehmen.

Unsummen verbraucht der Staat alljhrlich fr das Militr, sagte er,
kaum hat man Millionen fr die Einfhrung eines neuen Geschtzes, die
Aufstellung eines neuen Regiments aufgewendet so erweisen sich diese
nderungen oft bald als nicht mehr zeitgem, und neue Summen von
unglaublicher Hhe werden gefordert, um einen Irrtum oder eine
bereilung gut zu machen. Deutschlands Ruf und Machtstellung hat ihm die
Armee erworben, und sein Heer ist es, um welche die Nachbarlnder es
beneiden, aber stehen wir denn nicht auf dem Gipfel der militrischen
Macht, mssen wir denn den Militarismus so weit ausdehnen, bis er
schlielich alle anderen Organe der Staatsmaschine erdrckt?

Wollte man nur einen Teil der Unsummen, die das Heer alljhrlich
verschlingt, anderen Gliedern des Reiches zuwenden, so wrde es nicht
ntig sein, den Brger so unverhltnismig an seinem Einkommen zu
krzen. Dann wren wir ein reiches Land, der Brger knnte den Wohlstand
erreichen, die Industrie aufleben und mit neuen Krften einen gewaltigen
Aufschwung nehmen.

Will man aber nicht abgehen von dieser enormen Bevorzugung des Heeres,
fuhr Schmitz fort, so soll man die dafr ntigen Summen denen abnehmen,
die in Nichtstun oder geringer Arbeit Millionen zusammenscharren. So
aber belastet man den Reichen nicht mehr wie den Arbeiter, der ein Stck
des sauer erworbenen Brotes hergibt, um ein Kapital mit aufbringen zu
helfen, dessen Nutznieung ihm versagt bleibt.

Denn welchen Segen bringt dem Brger, dem Volke die Armee? Sie zieht
seine Kinder heran, um sie in den besten Jahren der Jugend, in denen der
Jngling sich zum Manne entwickelt und sein Charakter reift, oft mit
Ungerechtigkeit und Roheit zu behandeln und dann den einen als
erbitterten Gegner der Staatsverfassung, manch anderen als Krppel in's
Leben zurckzuschicken. Und hat er auch die schnsten Jahre mnnlicher
Arbeit, seine Gesundheit dem Staate geopfert, so schickt man ihn oft um
einer Kleinigkeit willen hinaus in die Welt, wo er dann wie ein
fortgejagter Hund nach Nahrung und einem neuen Herrn suchen mu.

Darum lat uns die Staatsleitung zu zwingen suchen, das Geld, welches
sie zwecklos ausgibt, nutzbringend auf bessere Ziele zu verwenden, damit
das Volk fr seine Opfer auch einen Lohn geniet!

Die Worte des Redners, der an seine eigenen bitteren Erfahrungen gedacht
hatte, waren von hufigen Rufen des Beifalls und der Zustimmung
begleitet, als Schmitz aber von der Tribne herabstieg, jubelte die
begeisterte Volksmenge dem Manne zu, der die richtigen Mittel gefunden,
ihr den Lebensweg zu ebnen.

So berzeugend hatten seine Worte geklungen, da mancher, der noch nicht
fest entschlossen war, welcher Partei er seine Gesinnung zuwenden solle,
bedingungslos sich dem Manne anschlo, in dessen Bann ihn der heutige
Abend hineingezogen.

Und so galt Schmitz mit einem Schlage als einer der tchtigsten Anhnger
der roten Partei, deren Macht in der groen Fabrikstadt immer weitere
Kreise zog.




[Illustration]


Siebentes Kapitel.


Vor dem Stabsgebude des Regiments lehnte am eisernen Gitter
Wachtmeister Krohn, der Regimentsschreiber.

Behaglich rauchte er seine Morgenzigarre und las die Deutsche Zeitung,
welche der Brieftrger soeben fr den Oberst abgegeben. Mit der Arbeit
eilte es nicht sonderlich, denn der Oberst war zum Exerzieren
hinausgeritten, und an solchen Tagen pflegte auch der Adjutant den
versumten Nachtschlaf etwas grndlicher nachzuholen.

Krohn hatte sich gerade in den Inseratenteil der Zeitung vertieft, als
Wachtmeister Schnemann mit schleppendem Sbel, eine Zigarette zwischen
den Lippen, zu ihm herantrat. --

Morjen, Herr Kommandeur! redete er Krohn scherzend an, was gibt's
Neues? Ist die Blechschmiede noch nicht im Gang?

Nee, antwortete der Gefragte gleichfalls scherzend, die Schmiede sind
noch unterwegs, es ist auch noch kein Blech von der Post gekommen.
brigens, weit du das Neueste? Ich htt's fast vergessen!

Nee. Hab ich einen Orden gekriegt?

Das gerade nicht, aber Knig sitzt in Untersuchungshaft.

Was? Knig? Potzdonnerwetter! Was hat denn der ausgefressen?

Er soll so'n bichen in die Schwadronskasse gegriffen haben. Htte der
reiche Kerl auch nicht ntig gehabt!

Deuwel ja, das htte ich auch nicht gedacht, gerade von dem nicht! Wie
ist denn das rausgekommen?

Habe keine Ahnung! Der Oberst mu wohl etwas erfahren haben. Er hat ihn
gestern Nachmittag oben in sein Zimmer gerufen und ihm die Geschichte
auf den Kopf zugesagt. Ich guckte durchs Schlsselloch und sah, wie der
arme Kerl ganz bla wurde und gleich die Bcher holen wollte. Der Oberst
lie sich aber auf nichts ein und lie ihn festsetzen!

Aber die haben doch sonst so gut zusammen gestanden?

Natrlich! Es mu eben was dran sein an der Geschichte, sonst htte der
Oberst die Sache vielleicht anders angegriffen, besonders, da er ja
selbst verflucht auf der Kippe steht. Diese neue Schweinerei bricht
ihm's Genick.

Na, ich glaub noch nicht dran, bis ich's Schwarz auf Wei habe. So was
tut Knig nicht! Der Oberst ist ja immer gleich aus Rand und Band und
freut sich frmlich, wenn er einem an den Kragen kann. Das soll
schneidig aussehen!

Na, wir werden's ja sehen!

       *       *       *       *       *

Oberleutnant Borgert hatte es als seine letzte Aufgabe betrachtet, dem
Rittmeister Knig fr jenen Brief, mit welchem dieser sein
Darlehnsgesuch abgewiesen hatte, ein Andenken zu versetzen.

Die ihm bekannte, vermeintliche Tatsache schien ihm ein geeignetes
Werkzeug zur Rache, und so hatte er denn durch gelegentliche Bemerkungen
im Kameradenkreise dafr gesorgt, da das Gercht immer mehr
durchsickerte. Schlielich hatte die Rederei und der Klatsch solchen
Umfang angenommen, da nichts brig blieb, als der Sache auf den Grund
zu gehen.

Knig aber hatte keine Gelegenheit gefunden, sich selbst von dem
ungeheuerlichen Verdachte zu reinigen, denn ihm gegenber lie man nie
ein Wrtchen darber fallen. Borgert hatte es fertig gebracht, eine
allgemeine Mistimmung gegen den sonst so beliebten Herrn zu erregen,
und da dieser darauf nur mit einer khlen Zurckhaltung antwortete,
waren die Sympathien fr ihn keineswegs gewachsen, vielmehr freute sich
ein jeder im Stillen, da es nun einen Sndenbock mehr gab.

Leutnant Bleibtreu htte vielleicht seinen Schwadronschef rechtzeitig
von dem umlaufenden Gerchte in Kenntnis setzen knnen, aber da er sich
gerade auf Urlaub befand und mit den gleichalterigen Kameraden keinen
Briefwechsel pflegte, erfuhr er erst durch Knig selbst von dem
traurigen Ereignis.

Gegen Gestellung einer hohen Kaution hatte man Knig aus der Haft
entlassen, und so konnte er denn, vom Dienste suspendiert, in seiner
Wohnung den Ausgang der Sache abwarten.

Anfangs war er fassungslos. Nach fnfzehnjhriger, vorwurfsfreier
Dienstzeit beschuldigte man ihn eines gewissenlosen, gemeinen Vergehens,
auf die Rederei eines moralisch verkommenen und von jedermann
belchelten Menschen hin, der ihm nur zu Dank verpflichtet war.

Wo blieb das Vertrauen, die gute Kameradschaft, die man ihm sonst
entgegen gebracht? War es nicht Pflicht der Vorgesetzten, diese fr
seine Verhltnisse hchst unwahrscheinliche Tatsache erst eingehend zu
prfen, bevor man aus ihr eine Beschuldigung formulierte, die geeignet
war, seinen Ruf im Regiment und der ganzen Stadt vllig zu untergraben?

Hatte schon seine Verhaftung die bertriebensten Gerchte und
Klatschereien in die Welt gesetzt, so mied man ihn jetzt frmlich als
einen Verbrecher, einen Verfemten, und zeigte mit Fingern auf ihn und
seine Familie.

Nur Bleibtreu war fest von der Unschuld seines Freundes berzeugt, er
kannte den Mann zu genau, als da er auch nur einen Augenblick an
Knig's Schuld glauben konnte.

Er brachte dies zum Ausdruck, indem er tglich, offenkundig vor aller
Welt, Knig's Wohnung aufsuchte und die Abende im Kreise seiner Familie
verbrachte.

Er schlo sich ihm auf seinen einsamen Spaziergngen an und setzte
diesen Umgang auch fort, als man ihn seitens des Regiments vor Knig
warnte und ihm die Kameraden sein Verhalten dadurch lohnten, da sie ihn
ebenfalls mieden und eine feindselige Stellung gegen ihn einnahmen.

Alle Anfeindungen jedoch vermochten nicht, ihn in's Wanken zu bringen,
er htte es fr feige und niedrig gehalten, einen Freund im Unglck zu
verlassen, der ihn in guten Tagen zu Dank verpflichtet.

Auch das gesamte Unteroffizierkorps des Regiments war bis zum gemeinen
Mann hinab emprt ber die Art und Weise, wie man einen beliebten
Vorgesetzten ins Unglck strzte, und dies kam zum Ausdruck durch
hufige Besuche einzelner Untergebener bei dem Rittmeister.

Selbst das Zivil, welches sich vom Oberst und den Herren des Regiments
fast ganz zurckgezogen hatte, war mit Ekel und Widerwillen erfllt
gegen diese unwrdigen Zustnde, und bezeugte seine Sympathie fr Knig
in aufflliger Weise.

Durch alle diese Umstnde lernte Knig allmhlich etwas heller in die
Zukunft blicken, er trstete sich ber seine Lage mit dem Gedanken, da
die Gerechtigkeit siegen und einst der Tag kommen msse, da er mit jenen
zu Gericht ging, die ihm und seiner Ehre nahezutreten sich unterfingen.

Aber es war eine lange Geduldsprobe, die man ihm auferlegte.

Wre der Fall ein solcher gewesen, da er die ffentliche Meinung
interessiert, dessen Ausgang in weitesten Kreisen Spannung und Neugierde
erregt, vielleicht ein Totschlag, eine Mihandlung oder ein hnliches
schwerwiegendes militrisches Vergehen, so wrde man sich beeilt haben,
durch schleunige Aburteilung die ffentliche Meinung zu beruhigen.

Hier aber schien es keine Eile zu haben; der Mann mute eben ruhig
warten, bis man Zeit fr seine Sache fand! Was machte es denn, wenn er
Monate lang in Ungewiheit schwebte und diese lange Zeit dem Gerede
belwollender Leute immer von Neuem reichlichen Stoff zufhrte?

So fand erst nach sechs Wochen das erste Verhr statt, in welchem Knig
Gelegenheit gegeben wurde, die ganze Angelegenheit aufzuklren und seine
Unschuld nachzuweisen.

Er sollte sich aber getuscht haben in der Hoffnung, damit das Ende des
Prozesses nahe sehen zu drfen, denn jetzt forderte man die Bcher der
letzten drei Jahre ein, um sie einer Prfung zu unterziehen. Dazu
brauchte der Gerichtshof volle drei Monate.

Das Urteil in der Hauptverhandlung lautete auf Freisprechung.

Es war erwiesen, da ein Eingriff in die Kasse der Schwadron nicht
stattgefunden, sondern ein solcher nur vorgespiegelt war, um die
Schwierigkeiten weiterer Geldbeschaffung darzulegen und so weitere
Darlehnsgesuche abschneiden zu knnen.

Knig selbst hatte einen anderen Ausfall des Urteils fr ausgeschlossen
gehalten. Im Kameradenkreise rief dasselbe aber rger und Enttuschung
hervor, Genugtuung und Freude dagegen bei allen denen, welche dem Hause
Knig wohlgesinnt waren und die Wahrheit der dem Rittmeister zur Last
gelegten Tatsachen von Anfangs her bezweifelten.

Als vier Monate spter die Urteilsbesttigung eintraf, begannen die
Verhandlungen von Neuem, denn jetzt war es der Ehrenrat, welcher die
ganze Angelegenheit einer nochmaligen Prfung unterzog, ob Knig
vielleicht in irgend einem Punkte die Standesehre des Offiziers verletzt
habe und somit seitens des Ehrengerichts etwa noch eine besondere
Bestrafung verdiene.

Da nunmehr eine ungnstige Wendung der Dinge nicht mehr zu erwarten
stehe, sagte Knig die ruhige berlegung, denn selbst fr den Fall einer
Bestrafung konnte diese nur auf das Mindestma hinauslaufen und
bedeutete somit keinen nachteiligen Schaden.

Deshalb empfand der Rittmeister diese Zeit nicht mehr als eine Prfung
des Schicksals, als eine Zeit der Ungewiheit, des Zweifels, sondern er
fhlte sich ganz wohl in dieser Ruhe und Zurckgezogenheit, nachdem er
sich einmal an sie gewhnt.

Im Kreise seiner Familie kam er leicht ber die Mistimmung hinweg,
welche sich manchmal noch bei ihm einschlich, und er verbrachte den Tag
mit seiner Lieblingsbeschftigung, dem Klavierspiel, oder bei sonstiger
Unterhaltung.

Frau Clara hatte die schwere Zeit mit bewundernswerter Energie
berstanden.

Erst die beliebteste Dame des Regiments, verehrt und geschtzt von
allen, dann die Gattin des Mannes, auf den man mit Fingern wies als
einen Spitzbuben -- ein gewaltiger Schritt, wie er das stolze Gemt
einer Frau nur zu demtigen und zu verletzen vermag.

Und doch war sie es, die stets von Neuem Sonne in die bedrckten Gemter
scheinen lie, die mit oft mhsam erknstelter Frhlichkeit die Wolken
der Sorge und der Verstimmung vertrieb.

Selbst Bleibtreu gewann in der Nhe dieser reizenden Frau stets seine
gute Laune wieder, wenn er einmal den Lebensmut ob dieser Wirrnis von
Gemeinheit und Widerwrtigkeit verlor.

Eines Tages trat er besonders niedergeschlagen bei Knigs ein.
Schweigsam nahm er Platz am Abendtische, und selbst Frau Knig's muntere
Reden vermochten diesmal nicht, die Wolken von seiner Stirn zu
scheuchen.

Erst als man den kleinen Sohn des Hauses zu Bett gebracht und um den
runden Tisch in Knig's Arbeitszimmer sa, schlug der Rittmeister dem
Freunde auf die Schulter und sagte scherzend:

Was machen Sie denn heute fr eine Leichenbittermiene? Ist zu Hause der
Hafer schlecht geraten?

ber Bleibtreu's Gesicht ging nur ein trauriges Lcheln, aber er
entgegnete nichts.

Nun sagen Sie doch, Mensch, was haben Sie denn? begann der Rittmeister
von Neuem.

Mein Gesuch um Versetzung ist heute abschlgig beschieden worden,
entgegnete der junge Offizier mit bedrckter Stimme.

Knig entgegnete nichts, auch seine Gattin schwieg und schaute nur
teilnahmsvoll auf ihren Freund.

Und was gedenken Sie nun zu tun? fragte der Rittmeister nach einer
Weile.

Ich habe heute meinen Abschied eingereicht.

Einen Augenblick sah das Ehepaar betroffen den Sprecher an, dann aber
streckte Knig seinem Freunde die Hand entgegen und sagte:

Nun, daran haben Sie recht getan! Zwar bedaure ich Sie von Herzen, da
Sie sich jetzt in einem neuen Berufe einleben mssen, denn Sie sind noch
jung, Ihr Leben ist noch lang. Aber ich verstehe die Beweggrnde, welche
Sie zu diesem Schritt veranlat haben. Sie haben als junger Offizier
Dinge erlebt, die mich in meinen alten Tagen nicht weniger berhren, und
ich kann es begreifen, wenn Sie die Achtung vor dem Berufe verloren
haben, der Ihr bisheriges Leben ausgefllt hat. Ich htte Ihnen
gewnscht, in einer anderen Garnison, unter anderen Verhltnissen und
anderen Menschen erfahren zu knnen, da es noch Offizierkorps gibt, in
denen man leben und sich dieses Lebens freuen kann. Da Ihnen dies aber
versagt ist, ist es das Beste, wenn Sie dem Soldatenstande den Rcken
kehren. Ich selbst htte Ihnen den Rat schon frher gegeben, htte ich
nicht Bedenken getragen, Sie zu einem Entschlusse zu drngen, den Sie
spter bereuen knnten. Um Ihnen zu zeigen, da ich aus berzeugung
spreche, will ich Ihnen nur sagen, da auch ich mich mit
Abschiedsgedanken trage.

Diesmal war es Bleibtreu, der mit weit aufgerissenen Augen auf den
Rittmeister schaute.

Aber warum denn? brachte er erstaunt hervor, Sie werden doch
versetzt!

Gewi, ich werde versetzt. Aber mir geht es wie Ihnen: meine Achtung
vor dem Stande, dem ich fnfzehn Jahre in Ehren angehrt habe, ist
dahin. Zwar habe ich in frherer Zeit bessere Verhltnisse kennen
gelernt, aber da es in einem Offizierkorps Zustnde geben kann, wie in
dem unseren, das hat mir gezeigt, da ich nicht hineinpasse. Wer
verspricht mir, da ich in einer anderen Garnison nicht hnliches
erleben mu? Auerdem kann ich wohl mit Sicherheit voraussehen, da man
mich nicht in eine Residenzstadt stecken wird.

Und warum nicht? fragte Bleibtreu.

__Semper aliquid haeret__, mein Lieber, zu Deutsch: >etwas bleibt immer
daran hngen<, auerdem steht mir noch eine Bestrafung seitens des
Ehrengerichts bevor, also auch eine minderwertige Garnison.

Dann allerdings! stimmte Bleibtreu bei.

Sehen Sie, fuhr Knig fort, seit neun Jahren lebe ich nun in diesem
elenden Nest. Der reine Bauer bin ich geworden! Ja, es ist wirklich so,
wenn Sie auch lachen. Wenn man niemals mehr unter andere Menschen kommt
-- die paar Tage Urlaub spielen keine Rolle -- wei man kaum noch, wie
man sich zu benehmen hat, und man lebt sich in nachlssige Formen und
Gewohnheiten ein, die der Kamerad aus Berlin oder Hannover abscheulich
finden wrde. Der Kasinoton, den wir allmhlich hier ganz normal und
selbstverstndlich finden, wrde in einer anderen Garnison unmglich
sein, weil dort die Menschen mehr mit anderen, tglich mit neuen,
zusammen kommen, und so stets auf gute Sitten angewiesen sind. Stecken
aber dieselben Menschen das ganze Jahr zusammen, allein, fr sich
abgeschlossen, dann lassen die Formen nach, und man wird schrittweise
ein Salonflegel.

Das ist ja nur natrlich, Herr Rittmeister! Man lebt hier wie in einem
Taubenschlag beisammen, und jeder hat natrlich nichts Besseres zu tun,
als seinem Nachbar auf die Finger zu sehen und sich in alles zu mischen,
was er tut und lt, weil ihn andere Dinge nicht beschftigen, einfach
weil es die in einer so kleinen Garnison gar nicht gibt.

Daraus entstehen dann diese ewigen Stnkereien, und dazu kommt, da man
in diese weltvergessenen Nester oft Elemente setzt, die man in einer
anstndigen Garnison nicht brauchen kann, aber nicht ganz hinauswerfen
mchte. Alle Augenblicke hrt man: strafversetzt nach Mrchingen, Lyck
oder wie die Nester alle heien.

Sehr richtig! gab Knig eifrig zur Antwort. Wer wo anders etwas
verbrochen hat, kommt meist in eine Grenzgarnison, um ihn unschdlich zu
machen. Man bedenkt aber nicht, das diese oft nicht einwandfreien
Elemente unter einander mehr Unheil anrichten, als wenn sie zwischen
einer mindestens gleich groen Zahl anstndiger, tadelloser Kameraden
lebten.

Fast alle Skandalgeschichten in Offizierkorps passieren an der Grenze in
solchen Nestern, die meist erst dadurch bekannt werden, weil sie nur auf
groen Landkarten stehen.

Htten nun wenigstens die Offiziere hier Gelegenheit, ihren eigenen
Wegen nachzugehen. Aber nein, sie sind gezwungen, fast nur im Kasino zu
verkehren. Anderweitige Abwechslung, wie sie grere Stdte in Hlle und
Flle bieten, gibt es nicht, und wer Lust hat, jeden Abend in derselben
Kneipe dasselbe Bier zu trinken und dabei stets das Gewsch derselben
Menschen anzuhren, welches sich selten um anderes, als um langweiligen
Stadtklatsch dreht? Das kann einer auf die Dauer nicht aushalten, denn
die brigen Kneipen des Ortes sind ihm verboten, weil sich Kreti und
Pleti darin herumtreibt. Man geht also in's Kasino und trinkt aus purer
langer Weile so lange, bis man genug hat, und dann entstehen die
berhmten Skandalgeschichten. Bei diesem ewigen Zusammenhocken mu es ja
zu Reibereien kommen, es sind doch schlielich alle verschieden geartete
Menschen mit verschiedener Auffassung und Erziehung. In einer groen
Garnison geht man nur ins Kasino, wenn man einen bestimmten Zweck damit
verbindet, denn die Langeweile kann man sich hier anders vertreiben, als
mit sinnlosem Gesaufe.

Und ist einer gar noch hinter den Weibern her, dann ist erst recht der
Teufel los. Sie haben ja hier die schnsten Beispiele: In einer
Grostadt bieten sich seinen Gelsten genug von dieser Sorte an, hier
aber fehlen solche Existenzen, man vergreift sich also an den Frauen der
Kameraden.

Aber Offiziere mssen diese kleinen, meist sehr wichtigen
Grenzgarnisonen doch auch haben! warf Bleibtreu ein.

Gewi, entgegnete Knig eifrig, man soll nur nicht so viele
Minderwertige dahin schicken, sondern in erster Linie einwandfreie
Offiziere mit anstndiger Gesinnung und tadellosem Vorleben.

Und das ganz besonders, wenn man diese Grenzgarnisonen als so wichtig
bezeichnet, denn leichtsinnige Sumpfhhner werden in der Regel keine
brauchbaren Offiziere sein, wenn man im Ernstfalle erhhte Anforderungen
an ihre Leistungsfhigkeit stellt.

Aber jeder hlt es fr eine ganz besondere Strafe oder wenigstens fr
ein gewaltiges Pech, an die Grenze zu kommen, und schon das verleidet
ihm oft die ganze Lust am Soldatenspielen. Himmel und Hlle werden in
Bewegung gesetzt, um ja in einer anstndigen Garnison zu bleiben. Der
Gardeoffizier oder der aus einem feudalen Regiment verlebt seine ganze
Dienstzeit herrlich und in Freuden in einer Grostadt. Warum vertrauert
unsereiner seine schnsten Jahre in so einem Drecknest?

Wahrscheinlich stt man sich an den Kosten der Reisen durch viele
Versetzungen, die dann doch eine bedeutende jhrliche Mehrausgabe im
Staatshaushalt bedeuten wrden, sagte Bleibtreu.

Das ist kein Grund, wenn man ernstlich will, geht alles. Jhrlich
strmen hunderte von Offizieren zu allen mglichen Kommandos in Berlin
zusammen. Wenn diese beendigt sind, kann man ja jeden in eine andere
Garnison schicken, dadurch entstehen nicht mehr Kosten, als wenn er in
sein Stammregiment zurckkehrt. Dafr kommen wieder andere Offiziere
nach Berlin, und diese dann wieder in andere Garnisonen. So gleicht sich
der Offizierersatz prchtig aus, fr einen Offizier, den das X. Regiment
zur Ausbildung nach Berlin schickt, bekommt es einen Ausgebildeten
zurck, der frher in Y. gestanden hat. Auerdem knnte man alljhrlich
auer der Reihe noch eine Auswechslung vornehmen, und dafr an einer
anderen Ecke etwas sparen.

Statt dessen aber besteht der Ersatz fr Grenzgarnisonen, die auer
vielleicht ein paar Kadetten keinen Nachwuchs an Fhnrichen haben, zum
groen Teil aus Sndern und solchen, die sich in anderen Garnisonen
unmglich gemacht haben, abgesehen von hheren Offizieren, welche ein
Grenzregiment fr eine Auszeichnung halten, weil sie dann dem Feind am
nchsten sind und zuerst draufhauen drfen, wenn es losgeht.

Aber auch das ist nur noch eine Illusion. Heutzutage, wo die Aussichten
auf einen Krieg immer geringer werden, steht der Vorzug, dem Feind am
nchsten zu sein, nur noch auf dem Papier.

Bei dem jetzigen System mte es Grundsatz sein, keinen Offizier lnger
als zwei, hchstens drei Jahre in einer Grenzgarnison zu belassen. Dann
wrde sich die Armee vor viel Schaden sichern, sowohl hinsichtlich ihrer
Leistungsfhigkeit, als auch besonders ihres Rufes.

Auerdem wre eine schreiende Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft.

Bleibtreu nickte beistimmend, als Knig seine Ausfhrungen beendet hatte
und sagte:

Ich stimme Ihnen durchaus bei, Herr Rittmeister! Aber trotz alledem
knnten Sie es doch noch einmal in einer anderen Garnison versuchen,
denn nach einer so langjhrigen Dienstzeit wrde ich es an Ihrer Stelle
doch wenigstens bis zum Rittmeister erster Klasse aushalten. Das ist
noch eine Zeit von ein bis zwei Jahren, und dann haben Sie einen
bedeutenden Pensionsvorteil. Ist die neue Garnison nicht nach Wunsch, so
bleibt zum Abschiednehmen noch gengend Zeit!

Gewi, Sie haben recht! Aber ich sagte Ihnen schon, da ich jegliche
Lust an meinem Berufe verloren habe.

Fnfzehn Jahre habe ich gearbeitet und gestrebt. Ich habe meine Pflicht
stets zur Zufriedenheit der Vorgesetzten getan und manche Auszeichnung
erfahren. Jetzt aber bin ich lahm gelegt und sofort tritt ein anderer an
meine Stelle. Nach den Frchten meiner bisherigen Ttigkeit fragt kein
Mensch, die Maschine bleibt im Gange, als htte ich nie existiert. Und
wenn man so gar keinen nachhaltigen Erfolg aus seiner Lebensarbeit
sieht, das ist so niederdrckend, so beschmend! Der tchtige Arzt, der
Kaufmann, der Jurist wird vermit, wenn er aus seinem Wirkungskreise
scheidet, nach uns aber fragt niemand, wenn man nicht gerade ein groer
Feldherr gewesen ist. Niemals knnte ich wieder mit innerer Lust und
Aufopferung meinen Dienst versehen, und deshalb gehe ich lieber.

       *       *       *       *       *

Das Ehrengericht des Regiments hatte auf eine Verwarnung erkannt,
wegen Gefhrdung der Standesehre. Als Erklrung wurde hinzugefgt, da
der Offizier sich nicht in die Gefahr begeben drfe, seitens der Welt
falsch beurteilt zu werden. Da dies im vorliegenden Falle aber geschehen
sei, msse man dem Rittmeister Knig seine Handlungsweise als inkorrekt
und nachteilig fr seine Ehre als Offizier vor Augen fhren.

Knig las das Dienstschreiben mit spttischem Lcheln, und am selben
Abend lag sein Abschiedsgesuch beim Regiment.

       *       *       *       *       *

Wenige Wochen vorher hatte auch der Oberst ein Schreiben erhalten, aber
von oben, und es steckte in einem blauen Umschlag.

Er war darin bedeutet worden, da man zwar seine trefflichen Verdienste
anerkenne und zu wrdigen wisse, nun aber fr dieselben keine Verwendung
mehr habe.

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Man nahm daher keinen
Anstand, dem Oberst seine Wnsche zu erfllen, als er um seinen Abschied
bat, da er die Beschwerden des Kniglichen Dienstes nicht mehr
auszuhalten vermge.

So fuhr denn eines Tages ein gelbgestrichener Mbelwagen vor dem schnen
Hause am Ende der Stadt vor, und man packte alles hinein, was des
Mitgehens wert war.

Der Oberst aber zog mit Familie sang- und klanglos zum Bahnhof, nur der
Bursche erschien, denn er war zum Koffertragen kommandiert. Im letzten
Augenblicke kam auch noch atemlos die Kinderfrau an und forderte
energisch den letzten Monatslohn.

Ein greller Pfiff, und der Schnellzug entfhrte einen Mann, der noch
einmal mit traurigem Lcheln sein Auge ber die Dcher der Stadt gleiten
lie, in welcher er fnf Jahre seine segensreiche Ttigkeit entfaltet.

In der nmlichen Woche reisten Bleibtreu und Knig ab, in welchen die
Armee zwei tchtige Soldaten und ergebene Anhnger verlor.




[Illustration]


Achtes Kapitel.


Acht Uhr vorbei. An einem Dezemberabend. Die Lden der Geschftshuser
wurden geruschvoll geschlossen, aus allen Teilen der Strae tnte das
Rasseln der Jalousieen, die man vor den blendend erleuchteten
Auslagefenstern herunterlie.

Auf dem Asphalt wogte es von einer wortlos dahineilenden Menschenmasse.
Hastend und jagend, als habe jeder einzelne etwas Versumtes
nachzuholen, schritten sie dahin, elegante Frauen, Mnner im
Arbeitsanzug, vornehm gekleidete Herren und der nicht enden wollende
Schwarm junger Mdchen, welcher den Ladentischen und Kontors der
Geschftshuser entstrmte, vermischt mit jenen, die in langsamem
Tndelschritt, von einer Woge aufdringlichen Parfums umgeben, ihre hoch
aufgenommenen seidenen Rcke zur Schau tragen. Auf dem Fahrdamm sausten
Cabs und Omnibusse in rastloser Folge dahin, elegante Prchen,
verschleierte Damen, Brsenbarone, Grokaufleute, Reisende und alle die
ihrem Ziele zufhrend, welche sich nicht mit dem Staub der Menge die
Schuhe beschmutzen wollten, oder es besonders eilig hatten. Dazwischen
lie das Automobil seinen dsteren Klageruf erschallen, oder die
Straenbahn ihr Glockenzeichen, elegante Koupees rollten geruschlos
ber den Asphalt, nur ab und zu bei dem weien Licht der Lden oder
Straenlaternen einen Blick in ihr geheimnisvolles Innere gestattend.

Diese ganze Wirrnis des Grostadtstraenlebens, dies bunte Gedrnge, das
eilige Hasten und Jagen, alles trug den Stempel des Strebens, der
Arbeit, es war wie in einem Ameisenhaufen, wo jedes einzelne Tierchen
rastlos seine Pflicht erfllt, um in gemeinsamer, emsiger Arbeit ein
gemeinntziges Ganzes zu schaffen.

Um die Ecke nach einer schlecht erleuchteten Seitenstrae bog ein
elegantes Paar und nahm seinen Weg auf dem von Papieren und Unrat aller
Art bedeckten Fahrdamm, hindurch zwischen den zahllosen Wagen und Karren
der Verkufer.

Vor einem einfachen Hause machten sie Halt und stiegen die ausgetretenen
Steinstufen hinauf. Der Portier schaute aus seinem Verschlag und grte
kurz das Paar, welches aus dem Monopol-Hotel hierher bergesiedelt war
und ihm so oft zu denken gab.

Es war der ehemalige Oberleutnant Borgert und Frau Leimann.

Sie hatten ihre Schritte nach London gelenkt in der Hoffnung, hier vor
einer etwaigen Verfolgung sicher zu sein und einen Unterhalt in dieser
Millionenstadt zu finden, die so Manchem das tgliche Brot spendete.

Das Geld war schnell zur Neige gegangen, denn wer in guten Tagen nicht
zu rechnen versteht, vermag es auch nicht in den Tagen der Not. Und so
hatte sich Borgert nach einer Beschftigung umsehen mssen, um dem
Hunger vorzubeugen, wie schwer es auch dem verwhnten, nur im Nichtstun
gro gewordenen Manne wurde, sich zur Arbeit zu zwingen.

Aber in zwei Geschfthusern hatte man ihn wieder entlassen, und eben
kehrte er von einem letzten erfolglosen Gange zurck.

Mutlos und verzweifelt warf er sich auf das schmale Sopha und bedeckte
das Gesicht mit den Hnden, whrend sich Frau Leimann in einen kleinen
Stuhl vor dem Kaminfeuer kauerte.

Mit entgeisterten Augen schaute sie in die erlschende Glut, -- es waren
die letzten Kohlen, welche ihre Wrme in den drftigen Raum ergossen.

Beide sprachen kein Wort, und als Borgert endlich das Schweigen brach,
fuhr die Frau erschreckt empor, wie aus einem angstvollen Traume.

Was soll nun werden? sagte er leise.

Frau Leimann antwortete nicht, sondern schaute wieder sinnend in das
Kaminfeuer, und eine Trne leuchtete in ihrem Auge.

Morgen mssen wir hinaus aus dem Hause, wenn wir nicht zahlen, und dann
knnen wir auf der Strae schlafen!

Du mut arbeiten, Georg! entgegnete die Frau mit trnenerstickter
Stimme, und sie versuchte einen energischen Ton in ihre Worte zu legen.

Hab' ich es nicht versucht? gab er achselzuckend zurck, hat man mich
nicht jedesmal wieder hinausgeworfen? Und es hat auch keinen Zweck, da
ich noch einmal einen Anlauf nehme, ich kann eben nicht arbeiten, ich
habe es nicht gelernt.

Aber es mu etwas geschehen, wir mssen einen Ausweg finden! rief die
Frau verzweifelt. Wenn du mich jetzt im Stiche lassen willst, so
durftest du mich nicht mit in's Verderben locken!

Locken? fragte Borgert spttisch, wer hat dich denn gelockt? Warst du
es nicht selbst, die mich flehentlich bat, mitgehen zu drfen, weil du
es bei deinem noblen Herrn Gemahl nicht mehr aushalten konntest?

Wenn ich es tat, so mutest du als Mann so viel Vernunft besitzen, mir
mein Vorhaben auszureden!

Euch Weibern soll einmal einer etwas ausreden, was ihr Euch in den Kopf
gesetzt habt! Jetzt trage ich natrlich allein die Schuld, Ihr Weiber
seid ja nie an etwas schuld.

Lstere nicht, Georg, raffe dich zusammen und berlege, wie uns jetzt
zu helfen ist. Es mu ein Mittel geben!

Hier ist es! entgegnen Borgert und warf einen kleinen Revolver auf den
Tisch.

Ein Schauer durchzuckte die Frau und einen Augenblick lehnte sie wie
ohnmchtig an der Wand, whrend die weitgeffneten Augen entsetzt auf
das kleine Ding gerichtet waren, dessen Metall im Widerschein des Feuers
leuchtete.

Um Gottes Willen! stie sie atemlos hervor, bist du von Sinnen?

Im Gegenteil, erwiderte Borgert khl, es ist der einzige Weg, der uns
erlsen kann, und nicht zum ersten Male kommt mir der Gedanke. Ist es
nicht besser, diesem Hungerdasein und Hundeleben ein kurzes Ende zu
machen, als sich vielleicht noch Jahre lang herumzuqulen in Not und
Unsicherheit?

Frau Leimann tat sinnend einen Schritt nach dem erlschenden Feuer hin,
wie wenn es sie anzge, um mit seiner wohltuenden Wrme das erstarrte
Blut in ihren Adern neu zu beleben. Ihr Blick hing wie gebannt auf einem
vergilbten Stahlstich ber dem Kaminsims, der das Festgelage eines alten
englischen Knigs darstellte. Wie geistesabwesend schaute sie mit
glsernen Augen auf das Bildnis, welches so recht die Freuden des Lebens
zu malen schien. Sie merkte es nicht, als Borgert leise hinter sie trat.

Ein Schu krachte und mit einem Aufschrei brach die Frau zusammen. Die
linke Hand griff wie Hilfe suchend in den Feuerschein, und die kleinen
blauen Flmmchen spielten ersterbend um die weie Frauenhand, aus der
mit dem Blute das Leben entwich.

Einen Augenblick starrte der Mrder mit entgeistertem Blick auf das
leblose Weib, dann richtete er die Waffe gegen sich, und ein zweiter
Schu setzte seinem Leben ein Ziel: er bte im Tode die vielfache
Schuld, die ihm das Leben verleidet.

Als man nach vier Tagen auf einem entlegenen Friedhof, weit drauen am
Themsestrand, die irdischen Reste des jungen Paares einscharrte, wute
niemand, wem auf der weiten Welt es angehrte: niemand ahnte das Drama
seines Lebens und die Snden, die ihm der Tod verzieh.




                 Druck von W. Hoppe, Borsdorf-Leipzig.




Transcriber's Notes:

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End of Project Gutenberg's Aus einer kleinen Garnison, by Fritz Oswald Bilse

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS EINER KLEINEN GARNISON ***

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because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
