The Project Gutenberg EBook of Komdiantinnen, by Walter Bloem

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Title: Komdiantinnen

Author: Walter Bloem

Release Date: January 12, 2014 [EBook #44647]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KOMDIANTINNEN ***




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                            Komdiantinnen




                            Ullstein-Bcher

                             Eine Sammlung
                        zeitgenssischer Romane

                       [Illustration Verlagslogo]




                    Ullstein & Co / Berlin und Wien




                            Komdiantinnen

                              Roman von
                             Walter Bloem

                       [Illustration Verlagslogo]




                    Ullstein & Co / Berlin und Wien




            Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung
            vorbehalten. -- Copyright 1914 by Ullstein & Co




                                   1.


Aus tiefdunklem Jugendschlummer fuhr Hans Thumser mit einem Ruck in die
Hhe. Teufel auch! das nenn' ich dachsen! Und diese Pestbeule von einem
Korpsdiener hatte mich doch wecken wollen? Wieviel mag's denn sein? Uhr
steht natrlich -- Skandal! schon wieder mal das Aufziehen verbummelt!
Und schon ganz hell! Jeden Augenblick mu der Wagen kommen mit Pilgram,
dem gestrengen Senior, der so verdammt ungemtlich werden kann ... und
mit Durchlaucht, dem frstlichen Konkneipanten eines wohllblichen
C. C. der Franconia ... und dann warten lassen?! Herrgottsakra -- rin'
in die Buchsen --!

Durchs offene Fenster schwamm herbstlicher Frhnebel in das schummrige
Studentenbudchen. Matt flimmerten an den Wnden die dreifarbenen
Wappenschilde, die gekreuzten Schlger, die langsam einstaubenden Mtzen
und Bnder -- weit matter noch vom Schreibtisch her die Goldtitel des
_corpus iuris_, der sprlichen Lehrbcher der Rechtswissenschaft ...
Und wei blinkte nun der gertengeschmeidige Krper des jungen Studenten:
Hals und Nacken wurden mit raschen, scharfen Gssen erfrischt, und dann
wusch der Jngling sorgsam das dichte braune Haar mit schumendem
Bay-Rum durch, um alle septischen Stoffe zu entfernen und der
Suberungsarbeit des Paukarztes vorzuarbeiten ... Denn heute bekam Hans
Thumser Prgel, das stand in den Sternen geschrieben. Herr Borgmann,
Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster _ad interim_ war der S. C.
Fechter ... gegen den konnte der schlanke Fuchsmajor der Franken nicht
an. Da galt es nur, sich gegen die unvermeidliche Abfuhr zu wehren,
solange Faust und Klinge hielten ... Schade, da es gerade der Borgmann
sein mute, der einen unterkriegte -- dieser ble Geselle, den man nicht
riechen konnte, mit seinem suffisanten Gesicht, seinem fatzkigen
Lcheln, den frostigen Froschaugen -- dem mal einen Streicher ber die
Ohrfeigenvisage ziehen, von der Temporalis bis ins Kinn -- aber nee,
nich dran zu denken, er konnte zu viel, der Affe, der miserablichte!

So -- die Toilette wre beendigt! Noch einen Blick in den Spiegel --
ade, du groe schmale Nase, vielleicht auf Nimmerwiedersehen -- na, und
auf Stirn und Wange ist ja auch noch eine ganze Menge Platz, zwischen
den alten Abfuhren aus Heidelberg und denen vom Sommer, und nun statt
der grnen Mtze fr heute den weichen Knockabout auf die Stirn gestlpt
-- denn in jener Stadt, in der das Reichsgericht sa, die erleuchtete
Krperschaft, welche die Schlgermensur fr einen Zweikampf mit
tdlichen Waffen im Sinne des Strafgesetzbuches erklrt hatte -- im
guten biedern Leipzig waren Staatsanwaltschaft und Polizei nach der
Mahnung jenes schnen Wrzburger Studentenverses ttig:

    Darum auf, ihr Wchter des Gesetzes,
    Hter des Studentenpaukgehetzes --
    Lauscht berall
    Auf Waffenschall
    Und seid stets der Mensur
    Auf der Spur!

Auch das dreifarbene Band wanderte zusammengerollt in die Tasche -- erst
drauen im braunen Herbstwalde bei Knauthain wrde es sich um die junge
Brust schlingen drfen ... und nun hinaus ... das Frhstck mute man
sich fr heut verkneifen, denn Frau Marie Wehe, genannt Mutter Ach,
stand um fnf Uhr noch nicht auf aus ihrem keuschen Witwenbette ...

Als Hans Thumser im dunklen Korridor an der Tr zu der Nachbarbude
vorberschritt -- der Nachbarbude, die dies Semester zu Mutter Achs
bittrem Schmerz unvermietet geblieben war -- da stolperte er pltzlich
ber etwas Zierliches, Weiches ... was Teufel -- also doch noch
Nachbarschaft gekommen --?!

Hans Thumser bckte sich und hob ein Etwas auf, das nur ... ein
Lackschuh sein konnte ... und zwar ein winziger ... mit knisternder
Seidenschleife besetzter ... ein feiner, geheimnisvoll irritierender
Duft entstieg ihm ... Hans Thumser trat mit seinem seltsamen Fund an
die Mattscheibe der Korridortr, die ein falbes Licht einfallen lie,
und betrachtete mit der naiven Andacht seiner unverwhnten zwanzig Jahre
das zierliche Wunder. Gott, welch eine Wirrnis von Trumen stieg empor
aus diesem schmalen Kahn der Sehnsucht ... Mit einem tiefen Seufzer,
von frstelnden Schauern berrieselt setzte der Jngling seine Beute
sacht und herzklopfend wieder vor die Tr, die nun auf einmal ein Eden
barg. Ein weies Viereck schimmerte matt vor dem des Dmmers nun
gewhnten Blick, als der Student sich wieder zu seiner ganzen Lnge
aufgerichtet ... in unzhmbarer Neugierde tastete er nach seiner
Zndholzschachtel und las im zuckenden Flackerlichte die
lithographischen Schriftzge:

                               Asta Thny
               Herzoglich Meiningische Hofschauspielerin

Was ... war das?!

Hans Thumser hatte auf eines jener Dmchen geraten, die sich wohl
bisweilen im _Quartier latin_ einnisteten, um Jugendglut und
Monatswechsel der akademischen Brger zu brandschatzen ... und nun --?!

Eine Knstlerin ... ein Mitglied jener erlauchten Komdiantengilde,
deren Siegeszug dem staunenden Deutschland, nein der Kulturwelt erst
erschlossen die ganze Herrlichkeit des klassischen deutschen, des
klassischen germanischen Dramas --?!

Hans Thumser sah sich in der Heimatstadt, auf einem Platze des zweiten
Ranges, den er vom Taschengeld abgeknausert, abgebettelt dem gtigen
Vater, der so schlecht nein sagen konnte -- sah sich sitzen als
ahnungsvollen Primaner und lauschen -- lauschen in Verzckung und
Trnen ... schauen voll seliger Gier und unglubig-glubigen
Ueberschwangs in eine Wunderwelt hinein, da alle seine Trume die
Erfllung fanden ... und sah sich am andern Tage auf der Schulbank,
stumm und stumpf bei jeder Frage der Lehrer, gleichgltig gegen ihren
Zorn und den Spott der Mitschler, die nicht ahnen konnten, was mit dem
Primus vorgegangen ... was ihm die flinke Zunge, das unfehlbare
Gedchtnis lhmte ...

Und nun --?! Eine Meiningerin -- und seine Zimmernachbarin?

Was konnte das bedeuten --?

Etwa dies: da die Meininger in Leipzig wren -- gastierten drben im
Carolatheater --?

Und davon -- davon hatte man nichts erfahren?

Freilich -- unmglich wr's nicht -- wie man so dahinlebte, das
Gladiatorendasein des aktiven Korpsstudenten ...

Asta Thny? Nein -- den Namen Asta Thny verzeichnete seine Erinnerung
nicht -- das mute wohl ein neues Mitglied sein, schlank und ... duftig
wie die Schuhchen, von denen nun, im wachsenden Tageslicht, ein paar
Lichtpnktchen aufgleiten aus dem Dmmer des Korridors ...

Aber ein anderer Name stieg nun auf, ein weileuchtendes Mdchenbild
tauchte glorienumstrahlt aus der Tiefe seiner Visionen: Jucunda Buchner,
die kaum Sechzehnjhrige, die Thekla der Meininger ...

Sie sah er, im dritten Akt der Piccolomini, einsam im finstern
Schlogemach, mit der Laute hineingeschmiegt in einen faltenstarren
rotsamtenen Vorhang, scharf abgehoben die weie Gestalt vom riesigen
Fenster, durch dessen hundert kreisrunde Scheiben die sternlose Nacht
hineinglotzte ... und wie ein Kind im Finstern singt, die
Herzensbangigkeit zu betuben, so verloren, so verlassen, so
angstumschauert hatte das junge Weib seine schmachtende Weise vor sich
hingelallt:

    Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn --
    Das Mgdlein wandelt an Ufers Grn --
    Das Auge von Weinen getrbet ...

    Du Heilige, rufe Dein Kind zurck --
    Ich habe genossen das irdische Glck --
    Ich habe gelebt und geliebet ...

O Erinnerung ... o Ahnung ... o Kunst, du mchtige Weckerin, Vorschule
des Lebens, Tummelplatz der werdenden, in Werdeschauern erzitternden
Seele --!

Gelebt und geliebet ... und du, junges Studentlein im finstern Korridor
-- aus dessen Dunkel die weien Lichtpnktchen glitzern von Asta Thnys
Lackschuhchen -- --?!

Hans Thumser schrak zusammen. Ihm war's, als htte er aus weiter Ferne,
ungeduldig, seinen Namen rufen gehrt ...

Und richtig:

Thumser! Thumser! Zum Donnerwetter, wenn Du jetzt nicht kommst, fahren
wir ohne Dich!

Ach so ... ach ja ... die Stunde, die heischende ... die Stunde des
Burschenkampfes ...

Hans Thumser fuhr auf, reckte sich -- kein Abschiedsblick mehr zurck zu
den Lichtpnktchen drunten, dem weien Krtchen an der Pforte des
Geheimnisses -- fort -- hinaus --!

Er flog die krachenden Stiegen hinunter, der mchtige Haustrschlssel
knarrte im Schlo -- und drauen auf der morgenstillen, morgenleeren
Sophienstrae empfing ihn ein Durcheinander von Begrung und Vorwurf --

Na, Du Schlafratze -- endlich ausgepennt? zrnte der Senior vom
Rcksitz aus. Und:

Hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, Sie noch unter den Lebenden
begren zu drfen! schnarrte der Major von Gorczynski, dessen kantige
Reiterfigur sich noch immer nicht in das elegante Zivil des
Prinzenbegleiters eingewhnen mochte.

Erbprinz Heribert aber, der durchlauchtigste Konkneipant der Franken,
zog nur stumm und mit indignierter Miene den steifen grauen Filzhut.
Also man lie warten! na ja, an einer deutschen Hochschule funktioniert
der Betrieb nun einmal nicht wie am herzoglichen Hofe zu
Nassau-Dillingen ... man mute Nachsicht ben ...

Mit einem Ruck sa Hans Thumser neben seinem Korpsbruder auf dem
Rcksitz, dem Prinzen gegenber, der ihn durch sein Monokel mit
khl-durchdringendem Blick niederzuschmettern suchte, was ihm freilich
nicht gelang.

Also wenn Durchlaucht gestatten, fahren wir ab! sagte Valentin Pilgram
mit korrektem Gesicht. Er war auch nicht sehr erbaut von der Ehre, einen
prinzlichen Mitkneipanten im Korps durch das Semester schleppen zu
mssen, zumal einen solchen faden Burschen, der nicht warm wurde unter
den Kommilitonen, deren Mtze er wie zum Maskenscherz die wenigen Male
aufsetzte, wenn er gelangweilt und verstndnislos an den offiziellen
Veranstaltungen des Korps teilnahm ... indessen das gehrte nun einmal
dazu ...

Also los, Kutscher und lassen Sie geflligst die Gule loofen, sonst
fllt der erschte Hieb, ehe wir drauen sind!

I herrjemerschnee, Herr Pilgram, das kann Sie ja gar nich passier'n --
de Allererschten wr'n mer sein am Platze, da genn' Se sich drauf
verlass'n! ...

Als der Wagen anzog, fiel der Blick der Abfahrenden auf eine lange
Kolonne riesiger Mbeltransportwagen -- drben waren sie aufgefahren vor
der nchternen Huserfront, deren Erdgescho die Einfahrt zum
Carolatheater durchstie. Das Theater selber lag verborgen und
schmucklos dahinter im Hofe. Um die Wagen aber sammelte sich eine Rotte
herkulischer Blusenmnner und begann sie zu entladen. Was kam da alles
zum Vorschein!

Das erste, was das Auge der Wageninsassen entdeckte, war der riesige
Krper eines schwarzen Pferdes, in liegender Stellung, in der Stellung
des Todes ausgestopft ... Unter derben Spen hoben die untersetzten
Arbeiter die Bestie aus dem Finstern des Wagens und trugen sie in die
Dmmerung des Flurs. Und im schnellen Davonfliegen des Wagens erfate
der Blick der Enteilenden noch ein Chaos von Gegenstnden, die bereits
ausgepackt an den Hauswnden lehnten: ein ganzes Arsenal eiserner
Rstungen, Schwerter, Hellebarden, Federhelme ... und noch allerhand
Dinge, seltsam durch ihre Lage und Zusammenstellung: einen prunkvollen
gotischen Altar, einen mchtigen Eichbaumstumpf, dessen papierene
Bltter im Herbstmorgenhauche gespenstisch raschelten -- und endlich ein
kolossales Renaissance-Bfett, das Hans Thumser auf den ersten Blick
wiedererkannte: es hatte im Bankettsaal des Grafen Terzky gestanden, der
Zecherrausch der Friedlndischen Generale hatte es umbrandet -- damals,
im Barmer Stadttheater, als Hans Thumser in Fieberschauern den
Wallenstein erlebte ...

Die reine Trdelbude -- sagte Valentin Pilgram, der Senior, und zog
die Winkel des schmalen Mundes verchtlich herab. Ooch 'n Geschft,
sich Abend fr Abend die Visage zu beschmieren, sich vor so'ne Lappen
hinzustellen und mit Armen und Beinen zu fuchteln ...

Die blassen, matten Zge des Erbprinzen hatten sich pltzlich belebt.
Sie vergessen, lieber Pilgram, da diese Fuchtelei mit Armen und Beinen
doch manchmal ganz niedlich anzusehen ist ... namentlich wenn diese Arme
und Beine -- halten Sie sich mal die Ohren zu, Herr Major! -- na also,
wenn sie schlank, jung und ... _feminini generi_ sind ...

-- _gener=is=_, Durchlaucht! erlaubte sich der Erzieher zu bemerken.

Echauffieren Sie sich nicht, lieber Major -- als Sprachlehrer sind Sie
nicht engagiert -- Sie haben nur fr meine Moral zu sorgen -- wenn's
auch schwer fllt ... aber nun sagen Sie mal, Sie Alleswisser -- was
bedeutet denn dieser Apparat da vor dem ollen muffigen Carolatheater?

Die Meininger, Durchlaucht, beginnen in fnf Tagen ein vierwchiges
Gastspiel in Leipzig, sagte der Major.

Und das haben Sie mir bis jetzt unterschlagen, Sie Cerberus?

Ich habe nicht gewut, da Durchlaucht sich auch fr =ernste= Kunst
interessieren ...

Ah bah -- Theater ist Theater ... und wo kann der Thronfolger eines --
na sagen wir mal eines Staates von migem Umfang -- wo kann ich mich
besser auf meinen knftigen Beruf vorbereiten als im Theater? Mein
Hoftheater, das ist doch der einzige Platz, wo ich spter ...
gewissermaen ... wirklich mal was zu sagen haben werde ...

Durchlaucht ... ich darf wohl bitten ... warf der Major ein.

Na, jedenfalls ist das meine Auffassung! lachte der Erbprinz, --
knnen Sie meinetwillen nach Dillingen berichten! Und das bitte ich mir
aus, Herr Major: bei den Meiningern belegen Sie heut abend sofort die
vorderste Proszeniumloge! Ich sehe mir die ... Kunst ... gern aus der
nchsten Nhe an! Lieber Pilgram -- zur Erffnungsvorstellung sind Sie
mein Gast, nicht wahr?

Sehr gtig, Durchlaucht ... sagte Valentin Pilgram und sann nach.
Das wre, soviel ich wei, am nchsten Mittwoch ... da haben wir
allerdings offizielle Kneipe, und ich als Erster Chargierter drfte
eigentlich nicht ... und dann ... habe ich auch nicht allzuviel frs
Theater brig ...

Philister Sie! Na und Sie, Herr Thumser -- wie wr's mit Ihnen?

Hans Thumser wurde glhendrot ... halb in Glck, halb in Befangenheit
... er hatte sich bereits schmerzlich bewegt ausgerechnet, da es gegen
Ende des Monats gehe, und sein Wechsel ihm einen Besuch der Meininger
wohl schwerlich vor dem ersten November gestatten wrde ... also das
fiel ja geradezu vom Himmel ... andererseits ... mit diesem blasierten,
schwunglosen Menschen zusammen -- wie wrde er's ertragen, in seine
Andacht hinein solche Reden vernehmen, gar ihnen ehrerbietig lauschen zu
mssen?

Dennoch ... besser als gar nichts ...

Ich nehme mit Freuden an, Durchlaucht ...

Also abgemacht! Was gibt's denn, Herr Major?

Jungfrau von Orleans ...

Ausgerechnet --! schnarrte der Prinz -- Schiller --! Gymnasium in
Wiesbaden -- verfluchten Angedenkens! Schiller! Was ist Schiller? Eine
Serie von Aufsatzthemen --!!

Stimmt! rief Pilgram. Keine zehn Pferde ziehen mich ins Theater, wenn
Schiller gespielt wird! 'Die tragische Schuld der Maria Stuart' --
'Wallenstein, ein tragischer Charakter' -- 'Die poetische Gerechtigkeit
in der Braut von Messina' -- pfui Deuwel! um junge Hunde zu kriegen --!

Wie bin ich unter diese Menschen geraten? dachte Hans Thumser. Warum
trage ich die gleiche Mtze und die gleichen Farben wie sie? Kein Takt
des Herzschlags, kein Gefhl, kein Wort ist mir mit ihnen gemeinsam ...

Und derweil rollte der Wagen seitwrts durch die nchternen,
morgenleeren, hallenden Straen der Sdstadt, dem fernen Kampfplatz
entgegen, wo Hans wieder einmal seine Zusammengehrigkeit mit seinen
Korpsbrdern, seine Zugehrigkeit zum Frankenbunde mit seinem Herzblut
besiegeln sollte ...

Vergessen Sie nicht, Durchlaucht, da Jucunda Buchner die Jungfrau
spielt ...

Jucunda Buchner? Ist -- wer?

Nun, der jugendliche Stern der Meininger -- einfach Sehenswrdigkeit --
gewissermaen das deutsche Mdchen in Reinkultur --

Schn -- also abgemacht! sagte der Erbprinz. Aber halten Sie mich
fest, lieber Major, sonst mach' ich Dummheiten...

Buchner? sagte der Senior, hm -- da fllt mir was ein. Mein Hauswirt,
der Kanzleirat Buchner, der hat ja, soviel ich wei, irgendwo 'ne
Tochter beim Theater ... das wre doch ulkig ... soviel ich wei, wurde
ihre Ankunft erwartet ... und ich mein' auch, da sie in Leipzig spielen
sollte, htte die Alte erzhlt -- ich hab' aber nicht recht hingehrt --
was geht mich das Theater an ...

Herrgott, Mensch -- das Theater! platzte Thumser heraus. -- Hier
handelt sich's doch um die Meininger! Hast Du davon berhaupt eine
Ahnung, was dieses -- dieses Theater bedeutet? Die Entdeckung der
Klassiker, ihre Eroberung fr die Bhne unserer Zeit, die Entbindung all
der tausend kstlichen Sinnlichkeiten, die im Drama unserer Groen
schlummern -- bist Du denn solch ein Barbar, solch ein Banause, da Du
von all dem nichts weit -- da all das fr Dich nicht existiert?

Na, entschuldige schon, da ich existiere! schnarrte der Erste. Ne
wirklich, teures Thumserherz, das alles ist mir schnuppe, schnupper, am
schnuppesten! Ich halt's mit meinem Vater, der nie in seinem Leben ins
Theater gegangen ist und doch Senatsprsident am Oberlandesgericht in
Dresden geworden ist, und jedenfalls noch ein Endchen weiter kommen wird
im Leben, eh er Schlu macht! Kunst ist Spielzeug fr charakterlose
Miggnger -- unsere Zeit aber braucht Arbeiter, Charaktere -- Mnner,
verstehste?!

Bumm, bumm, bumm! Tusch! sagte der Prinz. Sie sind zum
Landtagsabgeordneten qualifiziert, lieber Pilgram ...

Verzeihung, Durchlaucht, es mu auch -- Landtagsabgeordnete geben! Ne,
lieber Thumser, lauf Du nur immer ins Theater und la Dir -- wie hast Du
so schn gesagt? -- la Dir Deine tausend kstlichen Sinnlichkeiten
entbinden -- mein Bedarf ist mit Fechtboden, Kneipe und Windscheids
Drogenweltkolleg vollkommen gedeckt!

Und so was hat nun das Glck, mit Jucunda Buchner unter einem Dache zu
wohnen ... seufzte Erbprinz Heribert.

Das wei ich noch nicht, das ist nur eine Vermutung von mir,
Durchlaucht ... Uebrigens ist die Sache wirklich ohne Interesse fr
mich. Mit einer Komdiantin mcht' ich noch nicht mal eine Poussage
haben ... man kann ja doch nie wissen, ob sie einem nicht was vormimt
und einen innerlich auslacht ...

Na, teurer Pilgram, nu sei'n Se aber friedlich! schmunzelte der
Erbprinz. Davon versteh'n Sie nu wirklich nischt -- det haben Sie noch
nich gehabt!

Sie doch auch nicht, wie ich hoffe, Durchlaucht! sagte der Major
und blinzelte seinem jungen Herrn unter grimmig zusammengezogenen
Brauen verschmitzt zu. Und Erzieher und Zgling wechselten ein
Augurnlcheln ...

Der Wagen rollte. Niederer wurden die Huser, die beiderseits die
Connewitzer Landstrae umsumten. Und bald wurde die Bebauung offener,
lndlicher. Dann bog die Fahrt nach rechts, und in die braunen
Schattenhaine des Streitholzes ging's hinein, die Pleie wurde
berschritten auf knarrender Holzbrcke, unter der sich die gelben
Fluten trge hinwlzten, noch angeschwollen von den ersten Herbstregen,
welche die vergangene Woche gebracht. Aber heut rang sich aus
Nebelbrodem die verschlafene Morgensonne mhsam durch, umgoldete das
rtliche Buchenlaub zu Hupten der Dahinrollenden, verhie einen lustig
blanken Fechtertag, den letzten unter freiem Himmel fr dies Jahr: der
nchste wrde schon im benachbarten Halle, richtiger im Vorort
Crllwitz, steigen mssen, an der murmelnden Saale, gegenber den
reckenhaften Trmmern des Giebichenstein.

Allmhlich wandte sich das Gesprch von dem strittigen Thema des
Theaters zum minder kontroversenreichen des nahen Bestimmtages hinber.
Da der Fuchsmajor der Franken heute seine todsichern Senge bekommen
wrde, galt als ausgemachte Sache, ber die niemand Worte zu verlieren
brauchte. Es fragte sich blo, ob Hans Thumser auf seine notorische
vielgeprfte Quartble oder auf Borgmanns allgefrchteten Durchzieher
abgestochen werden wrde -- von dem Valentin Pilgrim, der Senior, im
Gesicht bereits ein stattliches Exemplar trug, welches Ohrlppchen und
Mundwinkel mit einem linealgraden breiten Strich verband ...

Aber whrend man also ber Hans Thumsers nchste Zukunft verhandelte,
das Schicksal seiner linken Gesichtshlfte sachverstndig abtaxierte
-- -- war Hans Thumsers Inneres auf geheimnisvolle Weise in
Gleichgltigkeit und Fernsein untergetaucht.

Jungfrau von Orleans ... sang es in seinem Herzen ... Jucunda Buchner
... das war wie eine leuchtende, gnadenvolle Nhe, wie ein offener
Himmel, aus dem eine lichte Madonna sich neigt, gegenwrtig und doch
unnahbar, bekannt und doch undurchdringlich ...

Und zwischen die Choralmelodien, die Harfenarpeggien, welche das
Heiligenbild umschauerten, kicherte und schwirrte es hinein wie
Fltentriller, wie kecke Geigenpizzicati:

Asta Thny ... Asta Thny ...

Und ein paar neckische, blinkende Lackschuhchen tanzten auf und nieder,
aus denen zwei schlanke, seidenbestrumpfte Knchel guckten -- was
darber war, verschwand in rosigen Schleiern, aus denen es lachte und
girrte wie Taubengurren:

Asta Thny ... Asta Thny ...

Ernsthaft und aufrecht sa Valentin Pilgram, der gestrenge Senior des
Korps Franconia. Als lge die Regierungslast eines Millionenstaates auf
seinen Schultern, so pflichtdurchdrungen, so wrdeumbauscht sa er und
bersann das Programm des Tages ... Ob Heinz Hartwig, das muntre,
taprige, ewig korkende Fchslein, wohl heute endlich eine einwandfreie
Mensur liefern wrde und daraufhin ins engere Korps rezipiert werden
knnte? Und Ivo Volkner, der leichtbltige Rheinlnder aus Dsseldorf,
dessen letzte Mensur auch keineswegs tadelsfrei gewesen war -- ob er
wohl sein unsttes Musikantentemperament heute so weit im Zaume halten
wrde, um sich herausreien zu knnen?

Und was sollte der C. C. auf den merkwrdig schnoddrigen Brief unseres
lieben Kartellkorps Pomerania zu Gttingen antworten? Ob es nicht doch
besser war, das alte Kartellverhltnis zu lsen und ein
frisch-frhliches P. P. zu fechten?! Aber was wrden die gemeinsamen
Alten Herren sagen?

Und ob man den Rektor zur C. C.-Antrittskneipe einladen mute --
anllich der hohen Ehre, da ein richtiggehender Prinz und Thronfolger
zu den Konkneipanten des Korps zhlte?

Ja, man hatte schon seine Sorgen ... Der Reichskanzler war am Ende auch
nicht viel schlimmer dran als der Erste Franconiae-Leipzig ...

Der Erbprinz aber trumte von einer fernen Zukunft ... noch war der alte
Herr ja ... hm, hm! -- erheblich rstig ... und seine Altersgenossen,
die Leutnants des Sophien-Regiments, hatten ihm gelegentlich in spter
Stunde, wenn der Sekt die Zungen gelst, das Gefhl der Distanz ein
wenig gemildert hatte -- na ja, dann hatten sie ihm gelegentlich etwas
gesteckt von all dem Gemunkel, das in der Residenzstadt umlief ber die
zarten Beziehungen des hohen Herrn zu der weiblichen Elite des
Hoftheaters ...

Er, Heribert Hans Herwig, wrde sich das erlauchte Vorbild seines
gndigsten Vaters zum Muster nehmen, wenn er einmal als Heribert XIV.
das Thrnchen seiner Vter bestiegen haben wrde.

Inzwischen hielt man sich studienhalber in Leipzig auf und wrde auch da
auf seine Rechnung zu kommen wissen ...

Jucunda Buchner ... das klang recht verheiungsvoll ... und Jungfrau von
Orleans ... Himmel, es gibt allerhand Arten von Jungfrauen ...

Nun war man drauen. Mitten im tiefschattigen Buchenwald ein
wuchtender Eichbaum, sonst von tiefem Dmmerfrieden umwirkt, heut
umbraust von einem bunten, farbentollen Leben. Die wilden
Vlkerschaften, die inmitten moderner Gesittung ein mittelalterliches
Reckendasein fhrten bei Waffenklirren, rauhem Sang und schumenden
Kannen, die Franken und die Neo-Borussen, die Westfalen und Meiner und
Thringer, hier hatten sie sich Stelldichein gegeben zur
allwchentlichen feierlichen Rauferei. Und diesmal, als am ersten
Bestimmtage des Semesters, war alles in besonders gehobener Stimmung.
Die alten Bekannten in den verschiedenen Korps begrten sich hinber
und herber, mit besonderer Herzlichkeit jene, die bereits einmal oder
gar mehrmals die Klinge gekreuzt hatten -- wesentlich zeremonieller
schon jene, denen heute der blutige Gang bevorstand. Alles war in Wagen
gekommen, die nun als langer Park auf der Chaussee aufgefahren waren,
stets bereit, mit den Paukanten in Windesschnelle davonzusausen, wenn
die weithin aufgestellten Schnarrposten die Annherung von Pickelhauben
und grnen Waffenrcken melden sollten. Alles war im Bummel gekommen,
das heit im Hut, die Couleur in der Tasche; nun wurden schleunigst
Mtzen und Bnder angelegt: gar lustig flimmerten auf dem bunten Tuch,
der dreifarben-gestreiften Seide, die Sonnentupfen, die durchs braune
Laubdach sich niederringelten. Und bald stand das erste Paar bereit:
Pilgram, Franconiae Erster, gegen den stmmigen Zweitchargierten der
Meiner.

Und nun -- heiho! Gellende Kommandorufe hinein in die lauschende Stille,
widerhallend an den schlanken, weileuchtenden Buchenstmmen ... und
nun: klirr, klirr der helle Klang, wenn Eisen scharf auf Eisen traf, im
Wechsel mit dem dumpfen Knall der flachen Hiebe, die ber Stulp und
Schdel krachten -- heiho! uralte Reckenlust am tollen Raufen, am harten
Widereinander der jugendlichen Krfte ...

Jhes Halt der Sekundanten, Pause, Blut rinnend hben ber die schmalen,
herrischen Zge des Frankenseniors, drben ber die feisten Speckbacken
des Fechtchargierten der Meiner ... und wiederum Kommandos, hageldichte
Hiebe, Stahl auf Stahl ...

Und dann war's pltzlich aus: der Meiner hatte seine Abfuhr weg, eine
lange Quart, fast unpariert, berm linken Ohr. Und in die
blutbeschmierte Bandage mute nun Hans Thumser hinein.

Schon stand er dem verhaten Borgmann gegenber, schon faten die Gegner
einander fest ins Auge, schon flogen die Klingen in die Auslage,
kauerten die Sekundanten wie sprungbereite Katzen zu ihrer Kmpfer
Seiten -- da entstand eine Bewegung unter der lauschenden Korona. Auf
dem weichen Waldboden scholl ein dumpfes Klackern wie von Huftritten,
und auf dem schmalen Pfade, der am Wiesensaum entlang sich zog, flitzten
zwei Reiter heran -- aber nicht die Grnrcke der Gendarmen --
Zivilisten waren's, ein Herr und eine Dame. Hans Thumser sah, wie alle
Kpfe sich wandten -- doch ihm blieb nicht Zeit -- nur einen grauen
Schleier sah er wehen von einem hohen, schwarzglnzenden Seidenhut; sah
etwas Lichtes, Klares darunter, hell abgehoben vom dmmernden Waldgrund
-- und dann --

Auf die Mensur -- bindet die Klingen!

Gebunden sind --!

Los!

Und nun alles Leben in Aug und Handgelenk hinein sich krampfend -- und
ein Wille nur -- sich wehren -- und treffen! treffen --!!

Halt!

Halt --!!

Und auch hier schon nach dem ersten Gange helle rote Bche rinnend ber
weie Stirnen, zernarbte Wangen ...

Und whrend der Paukarzt mit dem Wattebausch in Hansens klaffende
Stirnwunde tupft, vernimmt des Fechters Ohr ganz deutlich aus der Mitte
der Umstehenden die Worte:

Das ist die Buchner!

Und eine andere Stimme fragt:

Und der Herr -- wer ist das?

Das ist Franz Burg -- der Heldenspieler ...

Inzwischen hat der Paukarzt seine Untersuchung beendigt; er lchelt:

Weiter!

Herr Unparteiischer -- von unserer Seite kann's weitergehen ...

Aber drben bei den Neo-Borussen scheint man noch nicht so recht im
Klaren ... na, wenn Hans Thumser auch schlielich wird dran glauben
mssen: auch Herr Borgmann hat sein Teil bekommen, scheint's!

Er lugt umher: dort halten sie, die Reiter, unterm Eichbaum und sphen
neugierig hinber ... Ja, das glaub' ich, ihr Komdianten -- so etwas
bekommt ihr nicht alle Tage zu sehen -- hier schwingt man die Waffe
nicht nur zum Spiel -- und was hier Stirn und Wange frbt, ist
wirkliches Blut, nicht Schminke ...

Und dies schmale, feine junge Gesichtchen -- das ist ... Thekla -- das
ist Johanna von Arc?!

Nun werden auch die Neo-Borussen wieder munter:

Herr Unparteiischer, von unserer Seite kann's weitergehen!

_Silentium_ -- Pause _ex_!

Auf die Mensur -- bindet die Klingen!

Jucunda! betet irgend etwas in Hans Thumsers Seele. Er fhlt, wie alle
Sehnen sich straffen.

Gebunden sind!

Los!

Und zweimal, dreimal schmettert Hieb auf Hieb -- und:

Halt!

Halt!

Herr Unparteiischer, bitte drben nachzusehen und einen Blutigen zu
konstatieren! ruft Valentin Pilgram, Hansens Sekundant, wilden Triumph
in der Stimme -- sich aufrichtend, zischt er seinem Paukanten ins Ohr:

Du -- das ist Rest!!

Rest? Bei wem? Bei mir? fragt Hans Thumser ganz verdutzt.

Ne -- da drben -- bei Borgmann! Teufel auch, Thumser -- der
Durchzieher -- so was darfste fters schlagen!

Was? Er -- Hans Thumser -- er htte den S. C. Fechter -- --?
Donnerwetter!

An des Gegners Stirn klaffte ein breiter roter Spalt, aus dem zwei feine
warme Strahlen spritzten --

'raus! sagt drben der Paukarzt.

Herr Unparteiischer, wir erklren die Abfuhr!

Borgmann stampfte vor Wut mit dem Fu, als der Paukarzt von hinten mit
krftigem Griff seine Stirn zusammenprete und ihn herumdrehte. Was
half's?

_Silentium_ -- Neo-Borussia erklrt Abfuhr nach anderthalb Minuten!

Als Hans Thumser sich aus dem Schwall der Glckwnsche seiner
Korpsbrder losmachte und Ausschau hielt -- war das Reiterpaar
verschwunden.

Gratuliere! sagte Erbprinz Heribert. Fabelhaft, lieber Thumser, meine
vollste Bewunderung! Haben Sie brigens die Buchner gesehen?! Vollkommen
tadelloses Mdchen ...




                                   2.


Wenn Hans Thumser auf ein Glck wartete, so machte die Ungeduld ihn
krank, verdarb ihm jede Minute mit zehrender Sehnsucht. So war es schon
immer gewesen, solange er sich seiner erinnern konnte. Die letzten
Wochen vor dem Weihnachtsfest, vor dem Beginn der Sommerfrische waren
ihm stets eine endlose Tortur gewesen ... Und als er spter begonnen
hatte zu empfinden, da nur die Stunden wahrhaft lebenswert seien, in
denen er mit einem gewissen braunbezopften Menschenkind unter einem
Dache weilen durfte ... da war alles, was zwischen diesen Stunden lag,
nur wie ein unermelich langer, bser, dumpfer Traum und Alpdruck
gewesen ...

Und so bedrckend, so angstumschnrt wlzten sich auch die Tage dahin,
die Hansens Mensurtriumph noch von der Erffnungsvorstellung des
Meininger Gastspiels schieden. Er sa inmitten seiner Korpsbrder,
schwatzte und trank mit ihnen wie immer, lie ihre Lobesbezeigungen mit
der gleichen Gelassenheit ber sich ergehen wie den boshaften Spott der
Neider, es sei nur ein Schweinedusel gewesen, da er den S. C.
Fechter hinabgetan habe ... Er lie auf offizieller Kneipe seine Fchse
in die Kanne steigen, da sie quietschten, und schrieb morgens bei
Windscheid und Binding im Kolleg mit einem ganz ungewohnten,
krampfhaften Eifer nach, als steure er auf ein Prdikatexamen los -- --
und all dies Tun blieb seiner Seele so fern, so fern ...

Manchmal fragte er sich, ob er wohl bei ganz gesundem Verstande sei --
ob es nicht eine fixe Idee, ein krampfhaftes Wahngebilde sei, das ihn so
grenzenlos hungern lie nach -- nach einem Nichts, einem Spiel, dem
flchtigen Schattenbilde eines Dichtertraums ... Und dann wieder geno
er mit einer phantastischen Seligkeit sein Wesen, das ihn vom wachen
Leben hinweg so unwiderstehlich in luftige Spukwelten drngte ...

Nur die Stunden zhlten wenigstens halb, die er am Fenster seiner Bude
verbrachte, hinberstarrend zur nchternen Front jener Gebude an der
langweiligen Sophienstrae, hinter denen der kahle Bau des
Carolatheaters sich barg. Dort war um die Vormittagsstunden ein
lebhaftes Kommen und Gehen. Frh um neun begannen die Proben, natrlich
nur fr die neuangeworbene Statisterie, denn fr die Solo-Rollen
standen selbstverstndlich alle Stcke des Repertoires. Aber die
stattliche Schar des Volkes, die in jeder Stadt aufs neue
zusammengebracht und gedrillt werden mute, die wimmelte heran, fllte
die sonst stille Strae mit Lachen und Geschwtz ... braunugige Tchter
kleiner Brgersleute, stellungslose Ladenfrulein und Kommis,
Stadtreisende und Konservatoristen -- vor allem aber Studenten,
Studenten von jener Sorte, die der Waffenstudent eigentlich nicht
mitrechnete, und die trotzdem die weitaus berwiegende Mehrzahl der
akademischen Brgerschaft bildete: die Finken, auch Bummler genannt,
obwohl sie natrlich weit weniger bummelten als die jungen Herren in
Mtzen und Bndern ... gar zu gerne htte Hans Thumser sich mit ins
Gewhl der Statisten gemengt, um als Volk oder Friedlndischer
Soldat oder als rmischer Quirite sich an den groen, festlichen
Unternehmungen zu beteiligen, die da drben vorbereitet wurden ... Und
eines Tages hatte er sich's getraut, vor den Ersten hinzutreten mit der
Bitte:

Sag' mal, Pilgram, wie ich hre, wirken eine ganze Menge Studenten in
den Vorstellungen der Meininger als Statisten mit -- httest Du was
dagegen, wenn ich da ebenfalls mittte?

Der Erste sah den Fuchsmajor mit einem Blick an, als bte dieser um
Erlaubnis, silberne Lffel zu stehlen.

Hr mal, Du, Dein Kopfschmi von Sonnabend eitert wohl nach innen,
he?!

Also damit war es nichts ... und so mute man sich denn begngen, von
weitem zuzuschauen, wie die glcklicheren Kommilitonen, frei des
korpsstudentischen Zwanges, nach Schlu der Probe froh erregt, mit
glhenden Kpfen, lebhaft diskutierend dem Eingangstor des Theaters
entstrmten, um die namenlosen Kneipen aufzusuchen, in denen sie nach
eigener Wahl und entsprechend der Rcksicht auf die Dimensionen ihres
Monatswechsels verkehrten. Und inmitten dieser Beneidenswerten kamen
auch die Helden und Heldinnen aus der Probe -- natrlich muten ja auch
sie wenigstens die Massenszenen immer wieder aufs neue mit probieren ...

Und noch ein andres heimliches Fest blhte fr Hans Thumser innerhalb
seiner bescheidenen vier Wnde, die glcklicherweise so dnn waren, da
sie manch ein Gerusch durchlieen von jener geheimnisvoll lockenden
Welt, die hinter ihnen sich barg: das Klappern zierlicher Pantffelchen,
das Rascheln seidener Rcke, keckes Mdchenlachen und halblautes
Geschwtz, wenn Kolleginnen drben zum Besuch kamen ... Aber noch immer
war's ihm nicht geglckt, seine Nachbarin von Angesicht zu Angesicht zu
sehen.

Inzwischen baute Hans in seinem Herzen ein seltsam Kirchlein auf: droben
war ein feierliches gotisches Heiligtum, in dem Jucunda Buchners weie
Gestalt auf ernstem Altare stand, von Weihrauch und Kerzengeflacker
umspielt ... darunter aber, tief unter der Erde, barg sich eine dmmrige
romanische Krypta, in der tolle Orgien verbotener, heidnischer Kulte
nchtens gefeiert wurden vor einem ppig lchelnden Gtzenbild -- seine
Zge waren nicht genau erkennbar -- verschwammen im hpfenden
Fackellicht, das durch den Raum dunstete ...

Aber Hnschen Thumser war nicht der Mann des tatenlosen Zuwartens. Es
mute etwas geschehen, die dumpfe Qual dieser sehnschtigen Tage zu
verkrzen. Aber was? Immer wieder mndeten seine Plne in die
Erkenntnis, da man einem jungen verwhnten Mdchen -- und eine
Schauspielerin konnte man sich ja doch nicht anders vorstellen als jung
und verwhnt, nicht wahr? -- da man solch einem Liebling der Gtter und
Menschen nur nahen knne mit gebenden Hnden ... und seine Hnde waren
leer ... der Monatswechsel heidt -- knapp noch das Ntigste fr die
letzten Tage vorhanden ...

Auf einmal -- welch glorreicher Gedanke! Hnschen Thumser konnte ja
etwas, das am Ende doch nur die wenigsten unter Asta Thnys Verehrern --
gewi hatte sie unzhlige -- reiche Bankiershne und Gardeleutnants und
-- na und solche Leute mit unerschpflichen Portemonnaies -- aber gewi
konnten solche Leute meistens eines nicht, oder wenigstens nicht so gut
wie Hnschen Thumser -- nmlich =dichten=!

Juchhe! Hnschen hat kein Geld, um kunstvolle Blumenarrangements zu
kaufen -- aber wunderschne Verse kann er machen! -- Also los! ein Blatt
aus dem Kollegheft gerissen und gereimt auf Deuwel komm heraus!

    Ich bin ein junger Korpsstudent,
    Die Schuhe Lack, der Rock patent --
    Korrekt und schick an mir ist alles --

lauter unbestreitbare Wahrheiten! aber nun kommt der Haken.

    -- im Portemonnaie nur haust der Dalles --

So -- immer frisch heraus mit dem sauren Bekenntnis, dann wei Asta auch
gleich, wie sie mit mir dran ist -- was sie von mir zu erwarten hat --
und was nicht ...

    Doch da das Schicksal ber Nacht
    Zu Budennachbarn uns gemacht --

(Ach du liebes, gndiges Schicksal du!)

    -- mt' ich Dich eigentlich begren,
    Und Rosen legen Dir zu Fen --
    Wie gerne wrd' ich mich erdreisten --
    Doch leider --

Alle Wetter: das wird ja ein prachtvoller Reim:

                -- kann ich mir's nicht leisten ...

Nun ein zweites offenes Bekenntnis:

    Noch kenn' ich Dich, Du Schelmin, nicht,
    Sah nicht einmal Dein Angesicht --
    Nur --

Gott, bleiben wir doch schon bei der Wahrheit:

          -- hab' ich morgens frh gesehn
    Vor Deiner Tr zwei Schuhchen stehn --
    So winzig, duftig, elegant --

Hans! du imponierst mir! So viel edle Dreistigkeit htt' ich dir gar
nicht zugetraut -- aber freilich: auf dem Papier, und mit einer
schtzenden Scheidewand dazwischen -- -- Aug' in Auge wrde das Debt
wohl etwas kmmerlicher ausfallen, wie? -- Aber weiter, weiter -- einen
Reim auf elegant -- pah, Spielerei!

    -- da gleich mein Herz in Flammen stand --

-- nein, das ist doch zu billig, zu abgeschabt:

    Da gab es Funken -- Flammen -- Brand!

Ja, es ist eine alte Sache: Verse werden immer am besten, wenn man ganz
geradezu ausspricht, was wirklich passiert ist:

    Und seitdem trum' ich wahnbetrt,
    Von dem, was da hineingehrt --

Ist das nicht ... doch ... gar zu unverschmt?! Ach was, mehr wie hauen
kann sie schlielich nicht!

    Willst Du mir's auf den Nacken setzen,
    Mir wr's ein sklavisches Ergetzen --

-- ne, das ist ein falscher Ton -- von der Sorte sind wir doch nicht! --

    Ach, drft' ich's einmal -- einmal kssen --
    Wirst mir's schon noch -- erlauben mssen --
    O welche se Phantasie --
    Und ach -- probiert hab ich's noch nie -- --

Hans berlas das Geschriebene. Himmel, ist das schnurrig, wenn's auf
einmal so in einem zu dichten anfngt! Ein ganz andrer Mensch kommt da
pltzlich zum Vorschein als der, den man so im Leben darstellt ...

Hatte er das wirklich geschrieben, er, der wohlerzogene Beamtensohn, der
geschniegelte, korrekte Korpsstudent, der knftige Richter des Volkes?!

Ach, und es gefiel ihm so gut -- da er's ganz hastig und mit fliegenden
Fingern ins Reine schrieb und kuvertierte ... dann stlpte er die grne
Mtze auf, lauschte, ob seine Nachbarin daheim sei ... und da er
keinerlei Gerusch hrte, klinkte er im Vorbeigehen sachte die Tr zum
Nebenstbchen auf und sah --

Sah durch den Spalt eine zierliche Mdchengestalt in weiem Unterrock
und weiem Frisiermantel schlafend aufs Sofa hingestreckt ... ein
schwarzes Wuschelkpfchen ... und ber den Rand des Sofas guckten ein
paar schwarzbestrumpfte Fe, an denen zierliche rote Halbpantffelchen
baumelten ...

Und schon hatte er mit einem Ruck den Briefumschlag mit seinen
unverschmten Versen mitten in die Stube geschleudert, die Tr mit
hartem Knall zugeklinkt -- und flog nun die Stufen hinunter -- die grne
Mtze war ihm in den Nacken gerutscht, seine Wangen brannten, und
drauen zog er mit seinem spanischen Rohr einen Durchzieher durch die
Luft, da es nur so pfiff.


Wie in Hans Thumsers unoffiziellem Herzen, so war auch in Valentin
Pilgrams korrekter Chargiertenseele Revolution ausgebrochen, und auch
die um einer Zimmernachbarschaft willen. Aber diese Revolution war doch
von einer ganz anderen Sorte und gipfelte in der Erklrung, die der
Senior in energischem Tone an die Frau Kanzleirat Buchner abgab: er
kndige hiermit seine Bude und werde sofort ein andres Quartier suchen,
wenn man den ruhestrenden Lrm und groben Unfug da nebenan nicht
abzustellen die Mittel finden wrde ...

Und das war so gekommen:

Valentin Pilgram stand im sechsten Semester. Er war bereits zwei
Semester in Berlin inaktiv gewesen und nur nach Leipzig zurckgekehrt,
weil er als Kniglich schsischer Untertan sein Referendarexamen in
Sachsen ablegen mute. Er war auf dringendes Bitten des C. C. zu Anfang
des Semesters noch einmal wieder aktiv geworden und hatte die erste
Charge interimistisch bernommen, weil kein anderer geeigneter
Korpsbursch fr diesen Posten da war, und der Vertreter des Marburger
Kartellkorps, der die erste Charge spter definitiv bekommen sollte,
doch erst einmal in Leipzig und im Korps warm werden mute.
Interimistisch bekleidete dieser junge Herr die zweite Charge. Und so
teilte Pilgram mit seiner ganzen feierlichen Gewissenhaftigkeit seine
Zeit zwischen dem Korps und der Vorbereitung frs Examen. Und in der
letzteren war er nun pltzlich und grndlich unterbrochen worden durch
ein grollendes Getse, das aus der Nachbarkammer in seinen
Studienfrieden hinberklang, aus der Nachbarkammer, in der, wie er
gelegentlich mit halbem Ohr vernommen hatte, die Tochter seiner
Hauswirte, die herzoglich meiningische Hofschauspielerin Jucunda
Buchner, fr die Dauer des Gastspiels ihres Ensemble einquartiert
worden war. Mitten in die Lektre der Windscheidschen Drogenweltweisheit
war da pltzlich eine sonore Altstimme hineingeklungen, zunchst in
sachtem, murmelndem Repetieren, dann aber in selbstvergessen wildem
Ausbruch:

    Und =einer= Freude Hochgefhl entbrennet,
    Und =ein= Gedanke schlgt in jeder Brust --

Da war der reckenhafte _candidatus iuris_ mit einem Wutknurren
aufgefahren ... aber umsonst: die sonore Stimme drinnen grollte weiter
-- snftigte sich nun zu herzbeklommener Klage:

    Doch mich, die all dies Herrliche vollendet,
    Mich rhrt es nicht, das allgemeine Glck,
    Mir ist das Herz verwandelt und gewendet,
    Es flieht von dieser Festlichkeit zurck ...

Aber bald schrillte sie wieder auf mit jhem Wehlaut, da sich vor Wut
und Entsetzen dem Rechtskandidaten die Gedrme umkehrten.

    Sollt' ich ihn t--ten? Konnt' ich's, da ich ihm
    Ins Auge sah? I--h--n t----ten? Eher htt' ich
    Den Mordstahl auf die eig'ne Brust gezckt!

Das war zuviel! Der Student ri einen seiner Lederpantoffeln von den
Fen und pfefferte ihn krachend gegen die Nachbartr.

Einen Augenblick verblffte Stille -- doch o weh -- sein Warnsignal war
offenbar nicht verstanden worden -- schon nach wenigen Sekunden setzte
das Gegroll und Gewimmer drben wieder ein:

    Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war?
    Ist Mitleid Snde?

Nee! brllte Valentin Pilgram. Mitleid is keene Sinde nich! Haben Sie
ruhig Mitleid mit mir und halten Sie den Mund -- ich mu lernen!!

Einen Augenblick war drben alles stumm -- todesstarres Schweigen. Und
pltzlich fauchte ... ja fauchte, anders war's nicht zu nennen -- keifte
-- ja man mu schon sagen, keifte die sonore Stimme von nebenan:

So? Lernen mssen Sie? Na -- ich auch ... stopfen Sie sich Watte in die
Ohren! Und noch dreimal mchtiger und markerschtternder grollte nun
der majesttische Alt:

    Ist Mitleid Snde? Mitleid! Hrtest Du
    Des Mitleids Stimme und der Menschlichkeit
    Auch bei den andern, die Dein Schwert geopfert?!

Da sprang Valentin Pilgram wtend auf, ri den Klingelzug, da es
schrill durch den Flur gellte, und als die stattliche runde Frau
Kanzleirtin ganz entsetzt ins Zimmer scho, schnauzte er sie an:

Was ist das fr ein gottverfluchter Spektakel daneben? Wenn das nicht
in fnf Sekunden aufhrt, zieh' ich!

Erlooben Se mal, mei gutester Herr Pilgram! entrstete sich die
behbige Dame im geblmten Morgenrock sehr energisch. Se wissen,
scheint's, nich so recht, mit wm Se's zu tun ha'm! Das is Se nmlich
meine Tochter, die groe Jucunda Buchner von die Meininger -- die
Jungfrau von Orleans!

Und wenn je die Jungfrau Maria selber wr' -- hier verlang' ich meine
Ruhe, versteh'n Se mich, Frau Kanzleirat?! Ich hab' diese Bude
geflligst zum Studieren gemietet -- versteh'n Se? Wir sind Se hier nich
im Theater!!

Se sollten Ihn' was schmen, Herr Pilgram, da Se nich mal kenn'n
bichen Ricksicht nhm' auf Studium von eener gottbegnadeten Ginstlerin,
wo ganz Leipz'g stolz drauf is!

Wenn eener  Vierteljahr vor'm Examen steht, dann hrt die
Rcksichtnahme ergebenst auf! brllte Pilgram. Ich mu ooch studieren,
aber mei Studium is wenigstens geruschlos! Wenn Se e gottbegnadetes
Mdchen zur Tochter haben, die beim Studieren einen Schkandal macht, wo
die Mauern von Jericho von knnten einstrzen, dann vermieten Se
geflligst keene Buden an Studenten nich!

Herr Pilgram -- wenn ich gewut htte, was fr e ungeschliffener Mensch
Sie sein kenn' -- nie wr'n Se mir ieber de Schwell gekomm', wee
Knebbchen!

Mamaa! tnte da pltzlich der sonore Alt aus dem Nebenzimmer, rege
Dich doch bitte ja nicht auf, Mamaaa! Der Herr mag ruhig ziehen -- ich
komme Deiner Haushaltungskasse fr den Schaden auf!

Frau Kanzleirat musterte den Studenten von oben bis unten mit einem
Blick tiefster Verachtung. Da heer'n Se's, Herr Pilgram! So benimmt
sich e wahrhaft vornhmer Mensch! -- Also wenn Se zieh'n woll'n, ich hab
Sie nich das mindeste dagegen -- lieber heut als morgen! Adieu, Herr
Pilgram -- ziehen Se glicklich!

Und die stattliche Dame rauschte hinaus mit der Wrde einer Knigin. Die
Schleppe des geblmten, nicht mehr ganz saubern Morgenrockes waberte
hinter ihr drein.

Valentin Pilgram aber blieb etwas benommen an seinem einsamen
Studiertisch. Es war doch hchst fatal, nun so mitten in den
Examensvorbereitungen das lieb gewordene Quartier gegen ein noch
unbekanntes eintauschen zu mssen ... am Ende htte er auch ein bichen
weniger hitzig sein knnen ... vielleicht mit einem guten Wort htte
sich die Sache viel besser einrenken lassen ... Aber das machte diese
verfluchte Kandidatenstimmung, das Bangen vor diesem fahlen Gespenst,
das am Ende der Studentenzeit hockte mit stieren Augen und sich ganz,
ganz unmerklich immer nher heranschob ... da sollte der Teufel nicht
nervs werden ... Was keine sausende Sbelklinge fertiggebracht hatte:
das Schreckbild der drei Mnner hinterm grnen Tisch hatte es erreicht:
Valentin Pilgram hatte Angst ... und dieser Zustand, so ungewohnt, so
unmglich, der hatte ihn toll gemacht ... Eigentlich hatte er sich ja
doch wirklich unqualifizierbar benommen ... es waren doch weibliche
Wesen, beinahe Damen, mit denen er so grblich umgesprungen ... zwar ein
Kanzleirat war ein Subalternbeamter, und seine Frau gehrte nicht zur
Gesellschaft ... und vollends eine Komdiantin ... aber wenn auch ...
wenn auch ... Valentin Pilgram, ich glaube, dein Benehmen war durchaus
nicht auf der Hhe der berhmten korpsstudentischen Direktion ... deren
eifriger Hter du selber so lange im C. C. gewesen ...

Valentin wartete mit Spannung, ob nicht alsbald da drinnen wieder der
dunkeltnige Alt mit drhnendem Jambenschwall einsetzen wrde ... er
wartete mit Spannung und Verlangen ... das Fortdauern der Strung wre
wie eine nachtrgliche halbe Entschuldigung seiner Hitze gewesen ...
aber er wartete umsonst. Alles blieb still darinnen. Er htt' also
triumphieren, den ertrotzten Arbeitsfrieden eifrig bffelnd genieen
knnen ... aber seltsam ... die richtige Streberstimmung wollte nicht
wiederkommen ...

Teufel auch, Valentin Pilgram, du hast doch nicht etwa einen
Moralischen?

Franconias Senior stand langsam auf und rumte Drogenweltlehrbuch und
Repetitorien zusammen. Er stlpte die grne Mtze auf den strohblonden
Schdel und stieg sinnend die altehrwrdigen Holzstiegen hinab auf die
Kleine Fleischerga߫. Drben im ersten Stockwerk des Cafbaums winkte
ber dem in Sandstein gemeielten Amor, der schon seit Jahrhunderten
einem gleichfalls sandsteinernen Trken e Schlchen Heeen kredenzte,
winkte Franconias Wappenschild, lockte, unter den morgendlich geffneten
Fenstern des Kneipzimmers, im Morgengolde sich bauschend, das
grn-gold-rote Banner ... aber der Erste stieg nicht hinauf. Er ging
auch nicht auf Wohnungsuche: er tat etwas, was er im Leben noch nicht
getan hatte: er ging zur Universitt und kmpfte inmitten eines
Massenandranges von Kommilitonen, ganz gewhnlichen Nichtinkorporierten,
um ein Studentenbillett zur morgigen Erffnungsvorstellung der Meininger
-- zur Jungfrau von Orleans ...


Ecke Roplatz, und Rostrae, vor dem Hotel Hauffe, in dessen erstem
Stockwerk der _studiosus iuris et cameralium_ Heribert Hans Herwig
Erbprinz von Nassau-Dillingen mit seinem militrischen Begleiter und
seiner Dienerschaft die ganze Zimmerflucht an der Straenfront inne
hatte, harrten frhmorgens um sechse zwei Reitknechte in Livree mit drei
prchtigen Gulen. Sie plauderten mit dem galonierten Portier.

Nanu? meinte der Hotelgestrenge, schon wieder? Ihr seid ja
Frhuffsteher geworden uff eemal?

Was will mer mache? meinte der ltere der herzoglich nassauischen
Pferdepfleger. Unser junger Herr hat widder mal e funkelnagelneies
Veegelche g'fange ...

Ei herrjemerschnee! machte der Portier. Was das nur zu bedeiten hat?
Das is doch ganz unnatierlich fier so 'n jungen Herrn -- Morgen fier
Morgen drei Stunden durch den Wald zu flitzen un sich den Schlaf um die
Ohr'n zu schlagen ...

Ich glaub, ich wee, was da derhinner steckt! meinte der jngere
Bursche. Ich hab' neilich so ebb's uffg'schnappt, wie se beim Reite
g'sproche habe. Er und der Major!

Da wr' ich Ihn' aber doch wahrhaft'g neigierig! kicherte der Portier
und schob sich von seiner Treppe hinunter auf den Brgersteig.

Nu -- e Weibsbild steckt da derhinner! triumphierte der Reitknecht.
Ich hann's neilich ganz g'nau geheert: Lasse mer heemreite, hat der
Major g'sagt -- heit morge finne mer se doch nit -- hat er g'sagt!

I nee so was! staunte der Portier. Un dann sind se wrklich alle zwee
heemgeritten?

Ja -- ganz wahrhaftig sinn se heemg'ridde!

Wer das blo sinn mag? meinte der Portier. Gewi ganz was Vornhmes
-- sonst tt der gndige Herr doch gewi nich so viel Umstnde dann
machen um so e Weibsbild!

Pscht -- die Herre komme!

Der Erbprinz federte mit dem natrlichen Schwung seiner einundzwanzig
Jahre in den Sattel -- der Major mit der wohlkonservierten, doch
immerhin etwas gewollteren Elastizitt seiner zweiundvierzig. Und im
Schritt ging's die gutgepflasterten Straen der erwachenden Grostadt
hinab, am massiven Bau und klobigen Rundturm der Pleienburg vorber bis
zu den Anlagen jenseits des Flchens, wo man antraben konnte.

Wenn Sie ahnten, Durchlaucht, wie komisch Ihnen die Maske eines
schmachtenden Toggenburg steht -- Sie wrden sich selber erheblich
auslachen! meinte Herr von Gorczynski.

Gott, wenn mir's doch Vergngen macht, lieber Major -- lassen Sie mir
schon den kindlichen Spa!

Ich versteh' Sie nicht, Durchlaucht -- Sie benehmen sich wie ein
Sekundaner von einem Kleinstadtpennal und nicht wie ein Frst ... So'n
Theatermdel ... der schickt man doch einfach ein Rosenarrangement und
seine Visitenkarte -- und das Weitere findet sich!

Ueber das blasierte Knabenantlitz des Erbprinzen flog ein flchtiges
Rot. Wenn ich glaubte, bei der Buchner ginge das auch so, dann pfiff'
ich auf das ganze Abenteuer. Die Nummer kenn' ich nun allmhlich! Die
Weiber, die sich kommandieren lassen, die hab' ich satt! Ich mchte
einmal ein Erlebnis haben -- ein richtiggehendes Erlebnis!

Na, auf Ihre Manier werden Sie's hchstens bis zu einem richtiggehenden
Korbe bringen! meinte der Major. Ein Mann, der schmachtet, hat von
vornherein alle Chancen verloren! Selbst wenn er der Erbprinz von
Nassau-Dillingen wre!

Ich will aber diesmal berhaupt nicht der Erbprinz von Nassau-Dillingen
sein! Versteh'n Sie mich, Herr Major?! Es pat mir nicht, immer nur auf
das Prinzenkonto geliebt zu werden! Schlielich bin ich doch ganz
simplement als junger Mann nicht zu verachten, wie? Sehen Sie -- und das
mcht' ich mal ausprobieren! Ich hab' mir's nun mal in den Kopf gesetzt!
Und gestern hab' ich der Buchner ein Rosenarrangement geschickt mit
einem Krtchen, auf das ich nichts weiter geschrieben habe als: Herbert
von Dillingen, _studiosus iuris et cameralium_!

Na, ich sag's ja, Durchlaucht! Sie sind auf dem besten Wege, einen
hahnebchenen Unsinn aufzustecken! Aber was ich Ihnen sage: Ich habe
Ihnen viel durch die Finger gesehen -- aus unerschtterlicher Liebe zu
Ihnen --

Na ja, aus unerschtterlicher Liebe zu mir. Und weil Ihnen Ihr gesunder
Menschenverstand sagt, da Sie aller Voraussicht nach unter Bernhard dem
Sechzehnten noch zehn Jahre, unter Heribert dem Vierzehnten aber, will's
Gott, den ganzen Rest Ihrer Erdenlaufbahn abzuleisten haben werden!

Oh -- aber Durchlaucht! sagte der Major und legte mit pathetischer
Bewegung seine Hand auf jene Stelle seines Busens, unter der man den
Sitz seiner unerschtterlichen Liebe zu seinem jungen Herrn und Zgling
annehmen mute.

Bitte, lieber Gorczynski -- strzen Sie sich nicht in Unkosten -- ich
denke, wir beide kennen uns! lachte Erbprinz Heribert.

Ernsthaft gesprochen, Durchlaucht! sagte der Major etwas verrgert,
indem er seinen Gaul in Schritt fallen lie, ich lasse Ihnen jede
harmlose Affre durchgehen -- wenn sich aber etwas Ernsthaftes anspinnt,
berichte ich _a tempo_ nach Dillingen! Ihr erlauchter Herr Vater hat
mich kategorisch dahin instruiert: keine Weibergeschichten! Und ich
glaube diese Instruktion ganz im Sinne meines gndigen Herrn
aufzufassen, wenn ich --

Wie kann man sich nur so sinnlos aufregen, mein Teuerster! Also weil es
mir Vergngen macht, mal ein paar Vormittage im Leipziger Ratsholz
spazieren zu reiten, und weil ich dabei gelegentlich die Hoffnung
ausgesprochen habe, einen gewissen grauen Schleier noch einmal wehen zu
sehen, wittern Sie bereits allerlei Tragdien!

Ich gestatte mir, Durchlaucht, mich auf meine Menschenkenntnis zu
berufen. Es ist wider die Natur, wenn ein von seinem gndigen Herrn
Vater mit beraus auskmmlicher Apanage ausgestatteter und dank meiner
beraus riskierten Nachsicht bereits einigermaen erfahrener junger
Prinz einer Theatermamsell wegen, die er ein einziges Mal von weitem
gesehen hat, an drei nacheinanderfolgenden Tagen um fnf statt um neun
Uhr aufsteht. Wenn ich das nach Dillingen berichte, gibt's eine
Katastrophe! Hab' ich nicht recht?

Von weitem gesehen? schmunzelte der Prinz. Ich habe mir bereits
eingehenderes Material verschafft! Und er holte einen groen Umschlag
aus seiner Rocktasche, reichte ihn von Schimmel zu Rappen zum Major
hinber. Dem fielen beim Oeffnen drei Bilder in die Hand: es waren
Darstellungen eines jungen Mdchens; zunchst im Straenkleide --
Pelzjckchen, Barett, Muff -- und dann im Eisenharnisch mit bloem
Haupt, aufgelsten Haaren, ein Schwert und eine Fahne in Hnden --
und endlich im Samt, mit riesigen Puffenrmeln, das Gesicht von
langen Ringellocken umwallt und von einem starren weien Rundkragen
eingesumt ...

Kreuzmillionen --! entfuhr es dem Major. Das ist --?!

Das ist -- =sie=, sagte der Erbprinz, und ber seinem fahlen
Lebemannsangesicht lag eine Sekundanerrte, die dem Major vllig fremd
war an seinem Zgling. Er starrte den jungen Mann an, als sehe er ihn
zum erstenmal.

Verdammt -- also so stand die Sache?! Nun hie es aber wahrhaftig
aufpassen ...

Der Major reichte die Bilder zurck. Na ja, sagte er im Tone vlliger
Wurstigkeit, die Buchner ... Gott, warum nicht? Wenn Sie sich auf die
nun mal kaprizieren, Durchlaucht -- von meiner Seite aus steht nichts im
Wege! Nur fangen Sie's vernnftig an und halten Sie sich nicht zu lange
bei der Vorrede auf! Also wir werden sie auf -- na sagen wir auf morgen
abend, heut nach der Premiere wird sie schwerlich abkmmlich sein -- wir
werden sie auf morgen abend zum Souper einladen -- sie mag noch eine
Kollegin mitbringen -- und dann entwickelt sich alles weitere glatt und
prompt historisch!

Der Erbprinz antwortete nicht. Er gab dem Gaul die Schenkel, und zwar so
heftig, da das rassige Tier ganz erschrocken zusammenfuhr und dann in
tollen Stzen von dannen raste. Der Major flitzte hinterdrein und
berlegte im Hinsausen, ob er das als eine Zustimmung zu seinem
Vorschlage aufzufassen habe.

Auf jeden Fall -- geschehen mute es. Und wenn sein Schtzling, ein
wenig versptet allerdings -- na, wie nannte man das noch -- hm, hm!
sein -- sagen wir also: Herz entdeckt htte -- dann mglichst schnell
diese kleine Entgleisung auf den Normalweg zu dem blichen, gefahr- und
schmerzlosen Ausgang leiten ... So befahl es Pflicht und Instruktion ...

Und in Gedanken redigierte er folgendes Billett, das er heut abend bei
der Premiere mit einer aufmunternd luxurisen Blumenspende auf die Bhne
lancieren wollte -- heut abend? Nein -- da wrde die Aktion vermutlich
ihren Effekt verfehlen -- wrde untergehen in einem Wust und
Ueberschwall ... nein, morgen frh zum Frhstck -- das wird das
richtige sein! Also ungefhr folgendermaen wrde er schreiben:


  Mein sehr verehrtes _etcaetera_! Zwei aufrichtige und hingerissene
  (gerissen ist sehr gut!) Verehrer Ihrer Kunst wrden es sich zur
  hchsten Ehre und Freude rechnen, Ihre nhere Bekanntschaft _etcaetera
  etcaetera_. Wir wagen deshalb die dreiste Bitte, da es Ihnen,
  Verehrungswrdige, gefallen mge, morgen, Donnerstag abend, nach der
  ersten Wiederholung der Jungfrau mit uns im Hotel Hauffe zwanglos zu
  soupieren ... Sollten Sie unter Ihren liebenswrdigen Kolleginnen eine
  nhere Freundin haben, die es nicht verschmhen wrde, eine Stunde in
  harmlos vergngter Gesellschaft _etcaetera_, so wrde uns das eine
  ganz besondere _etcaetera_ ... In Voraussetzung Ihrer Zustimmung
  werden wir uns erlauben, nach Schlu der Vorstellung ein Coup zur
  Verfgung der Damen am Bhneneingange _etcaetera_. Mit der
  Versicherung unserer vollkommensten Bewunderung Ihre aufrichtigen
  Verehrer

                                      v. Dillingen.   v. Gorczynski.

Na ja -- das bliche Schema -- das nie versagende ... ph ... eine
Komdiantin ... wenn's weiter nichts ist ...

Und schlielich die Hauptsache: zwei blaue Lappen hinein -- fr jede
einen -- damit die guten Kinder auch gleich merken, da man ernsthafte
Absichten hat -- nicht wahr?




                                   3.


Am Mittwoch nachmittag um fnf war der allwchentliche Seniorenkonvent:
die Zusammenkunft der Korpsburschen smtlicher Leipziger Korps. Sie fand
auf der Kneipe des prsidierenden Korps statt: zurzeit war's
Neo-Borussia, die ihr Heim in nchster Nhe der Franken aufgeschlagen
hatte, im ersten Stock eines gleich uralten, verrucherten,
verwahrlosten Kneiphauses, wie der altberhmte Cafbaum eins war, in dem
Franconia residierte. Es stand irgendeine der welterschtternden Fragen
auf der Tagesordnung, um welche sich ein hoher S. C. an jedem Mittwoch
Nachmittag die Kpfe zu zerbrechen pflegte. Diesmal lag vor -- na was
noch? -- lag vor ein Antrag von Misnia und Thuringia, ein wohllblicher
S. C. wolle beschlieen, da die Klingen der Mensurspeere an der Spitze
in Zukunft nicht mehr rechtwinklig und scharfkantig abgeschliffen
wrden, wie es bisher blich war, sondern abgerundet ... Infolge des
eckigen Schliffs waren nmlich an den letzten Bestimmtagen ein paar so
hahnebchene Knochensplitter herausgekommen, da die Paukrzte
kategorisch Wandel verlangten: die Klingen sollten in Zukunft an der
Spitze halbkreisfrmig geschliffen werden ... Das war natrlich ein
Problem von fundamentaler Bedeutung, und so erhitzten sich die Gemter
immer mehr und mehr, immer strker wurde der Bierkonsum, immer massiver
der Zigarren- und Zigarettenqualm ... und immer hastiger rckte der
Zeiger jener Stunde zu, da im Carolatheater das Gastspiel der Meininger
beginnen sollte ... Theater -- pah! Wer hat Zeit, ans Theater zu denken,
wenn der bittre Ernst des Lebens einen im Bann hlt?

Einer hatte Zeit: der schlanke Fuchsmajor der Franken natrlich -- er
sa auf Kohlen und htte sich mit Vergngen bereit erklrt, sich am
Sonnabend auf Mensur mit einem kantig geschliffenen Speer ein halbes
Dutzend Knochensplitter aus dem Schdel hauen zu lassen, wenn er dadurch
diese entsetzliche Debatte htte abkrzen und den Anschlu an den Beginn
der Vorstellung htte erreichen knnen ...

Endlich wagte er ein Aeuerstes. Er ging leise zum Ersten hinber,
neigte sich und flsterte ihm -- der mit aller Nervenanspannung der
hitzigen Rede seines Gegenpaukanten vom vergangenen Sonnabend, des
Meiner Zweiten, folgte -- flsterte ihm ins Ohr:

Pilgram, ich darf Dich vielleicht daran erinnern, da Durchlaucht mich
auf heut abend in seine Loge eingeladen hat -- da darf ich doch
keinesfalls zu spt kommen ... wrdest Du wohl gestatten, da ich den
S. C. verlasse?

Du bist verrckt! knurrte Pilgram halblaut. S. C. geht doch vor allem
andern vor! Du siehst, ich mu ja auch aushalten!

Du --?! Ja, wie soll ich das verstehen, Pilgram? Gehst Du ... denn auch
... ins ...

Der Erste errtete tief. Es war ihm herausgefahren, das Geheimnis,
dessen er sich vor allen Korpsbrdern schmte: da der traditionelle
Feind aller neun Musen sich ein Theaterbillett erstanden hatte -- und
noch dazu eine Studentenkarte zu einer Mark und zwanzig Pfennigen, um
gnzlich unstandesgem -- selbstverstndlich im Bummel, also im
tiefsten Inkognito -- zwischen allerhand proletigen Kommilitonen, das
Parterre, ganz hinten, zu bevlkern -- sintemalen und alldieweilen es
auch bei ihm am Monatsschlu nicht mehr zu dem fr das Korps
vorgeschriebenen Platz im ersten Rang hatte reichen wollen ...

Allerdings -- ich geh' auch! zischte Pilgram. Wir gehen nachher
zusammen -- aber im S. C. wird ausgehalten, und wenn uns die ganze
Affenkomdie durch die Lappen gehen sollte!

Vor solchem Pflichteifer verstummte Hans Thumser -- vllig erschttert
... Freilich, was galt diesem Banausen die Versumnis eines, zweier,
dreier Akte Schiller! Wie mochte der blo auf die Idee gekommen sein,
ins ... Hallo -- sollte da am Ende ein ... trotz allem ... erwachtes
Interesse fr seine berhmte _filia hospitalis_?! Alle Wetter -- das war
am Ende doch wohl die einzige Erklrung!

Und whrend ein wohllblicher S. C. sich weiterhin ber krummen oder
geraden Schliff der Klingenspitzen aufregte, griff Hans Thumser alle
fnf Minuten heimlich nach seiner Taschenuhr ... halb sieben -- --
sieben Uhr jetzt -- verflucht! War denn diese verdammte Zwiebel rasend
geworden? Und nun -- nun war es auf einmal halb acht -- in diesem
Augenblick hob sich da unten fern in der Sdstadt, in der Sophienstrae,
der Vorhang zum Prolog, und der biedere Thibaut d'Arc verlobte seine
zwei ltesten Tchter ... Nun stand sie auf der Bhne -- sie, die
Madonna aus der oberen Kirche seines Herzens ... noch im schlichten
Kleide der Buerin, doch schon berlagert vom tragischen Schatten ihrer
gttlichen Sendung ...

Meine Herren, sagte der Vorsitzende, Herr Borgmann, Neo-Borussiae, die
linke Stirnseite noch immer von mchtigem Wattebausch unter schwarzer
Kompresse bedeckt, da, wo Hans Thumsers kecker Durchzieher ihm wider
alle Vorsicht Schwarte, Knochenhaut und alle Aeste der Temporalis
durchgesbelt -- meine Herren, meiner Ueberzeugung nach wrden wir uns
vor smtlichen Glocke schlagenden S. C. eines hohen Ksener unsterblich
blamieren, wenn wir als einziger S. C. den allgemein blichen
scharfkantigen Schliff abschaffen wollten -- und zwar aus einer
Anwandlung von Humanittsdusel heraus, der fr mein Empfinden einen
bedenklichen Beigeschmack von Kneiferei hat --

Ich bitt' ums Wort!

Ich auch! Ich auch! so scholl's heftig aus der Korona.

Silentium fr Herrn von Schubart, Misniae! sagte Borgmann gelassen.

Ich mu mir aufs entschiedenste verbitten, schrie Herr von Schubart,
der Zweite der Meiner, in den Zigarrenbrodem hinein, da der Herr
Erste Chargierte des prsidierenden Korps von einer Maregel, die mein
C. C. befrwortet, erklrt, sie habe einen Beigeschmack von Kneiferei!
Ich verlange, da der Herr Vorsitzende diese Aeuerung mit dem Ausdruck
des Bedauerns zurcknimmt -- andernfalls behlt sich mein C. C. weitere
Schritte vor, sowohl gegen einen wohllblichen C. C. des prsidierenden
Korps als auch gegen Herrn Borgmann persnlich!

Dreiviertel acht --! wimmerte Hans Thumsers sehnschtige Seele -- und in
seinem Herzen klang's:

    Nichts von Vertrgen! nichts von Uebergabe!
    Der Retter naht, es rstet sich zum Kampf --
    Vor Orleans soll das Glck des Feindes scheitern,
    Sein Ma ist voll, er ist zur Ernte reif!

Thuringia schlo sich den Erklrungen Misnias an; Guestphalia schwankte,
whrend Franconia und Neo-Borussia gemeinschaftlich gegen den Antrag auf
Abnderung des Klingenschliffs auftraten. Unter allgemeiner Erregung
schritt der Vorsitzende endlich um zehn Minuten vor acht zur Abstimmung,
und nun fiel Guestphalia definitiv zur Partei des runden Schliffs.
Franconia und Neo-Borussia waren berstimmt: die holde Menschlichkeit
oder, wie Herr Borgmann Neo-Borussiae es nannte, der Geist der Kneiferei
hatte gesiegt ... Und mit dem Zigarrenrauch hingen unzhlige P. P.
Suiten und Sbelforderungen in der Luft ... Morgen frh zum Frhschoppen
wrden sie explodieren ...

Nu aber raus! zischte Pilgram seinem Korpsbruder zu. Weh Dir, wenn Du
den andern was davon sagst, da ich ins Theater geh -- offiziell bffle
ich heut abend!

Drunten wartete des Ersten Chargierten der Korpsdiener mit Hut und
Regenschirm. Pilgram ri ihm beides aus der Hand, zog Mtze und Band ab
und bergab sie dem Getreuen. Thumser, der vornehm in der
Proszeniumsloge sitzen wrde mit dem Erbprinzen, blieb natrlich in
Couleur. Und in rasendem Tempo hasteten nun die beiden Studenten die
kleine Fischergasse hinab.

Auf dem Alten Markt standen Droschken aufgefahren. Die Wanderer warfen
einen wehmtigen Blick hinber:

Wenn's doch schon der Erste wre! knirschte Hans Thumser.

Beine in die Hand! knurrte Pilgram.


Als Hans Thumser sich auf Zehenspitzen in die Proszeniumsloge schob,
hatte der erste Akt bereits begonnen. Der Erbprinz und der Major wandten
kaum zu flchtiger Begrung die Kpfe -- schon waren sie im Bann. Und
hinter den schwarzen Silhouetten der Vordermnner sah Hans nur mit einem
flchtigen Blick die von der Bhne her matt erleuchteten vordersten
Reihen des Publikums im Parkett -- lauter Gesichter, im Lauschen und
Schauen erstarrt. Und schon schlugen auch ber ihm die Wogen zusammen.

Ein hoher gotischer Saal am Hoflager Knig Karls von Frankreich. Dstere
pfeilergetragene Holzdecke, die Wnde eichengetfelt, darber Gobelins
mit steifen Reihen buntgewandeter Ritter und Edeldamen. Und ganz
tief hinten ein buntes Fenster, durch das sich ein paar verirrte
Sonnenstrahlen stehlen. Und mit zweien Getreuen der unglckliche
weichherzige Knig, dessen Knabenhand wohl seine Agnes Sorel zu kosen
vermag, nicht aber die Zeit, die aus den Fugen gegangen, wieder
einzurenken ... drei Ratsherren knien vor ihm, seine vielgetreuen Brger
von Orleans, und flehen um Hilfe, um Entsatz ihrer hartbedrngten Stadt
... Verzweiflungsvoll ringt der Knig die kraftlosen Arme:

    Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?
    Wchst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?

Doch sieh: ein Lichtstrahl zittert in das Dunkel der Szene: Die Geliebte
kommt: Sie bringt opfermutig all den blinkenden kostbaren Tand, den ihr
Knig in sen Stunden ihr um den Nacken gewunden ... Ein
schwarzlockiges, schmiegsames, ktzchenweiches Geschpfchen ... Ihre
Augen schimmern in koketten Trnen, ihre Hnde, weich und rosig wie
Frhlingswolken, umschmeicheln den Freund, noch in der Angst der
Verzweiflung liebeheischend, sehnsuchtsweckend ...

                      Agnes Sorel ... Asta Thny

sagt der Theaterzettel. Herrgott ... das ist sie ...

Und einen Moment ist Hans Thumser wieder Hans Thumser ... Er tastet nach
seiner Brusttasche, wo ein etwas zu stark parfmiertes rosa Billetchen
steckt: Die Worte, die es enthlt, ach, die kann er auswendig, im
Trumen, von vorn und von hinten:

    Nach zierlichen Schuhchen und dem, was drin steckt,
    Liegt mancher Fuchs auf der Lauer --
    Eintritt verboten! Hier wird nicht geschleckt!
    Fchschen, die Trauben sind sauer!

Also -- das ist sie ... das ... Fchen werden nicht vorgezeigt, nur
zwei zierliche Goldspitzen lugen im Schreiten ab und an fr einen
winzigen Moment unterm schweren Brokat des gotisch starren Gewandes
vor ... dafr aber lt dies neidische Gewand einen Hals frei ... einen
Hals ... o Gott, o Gott ...

Einen Augenblick ist Hans Thumser Hans Thumser -- der sehnschtige Knabe
an der Schwelle des Lebens ... nur einen Augenblick ... und schon wieder
ist er ... niemand und alles ... nur Auge, nur weitgeffnet schauendes
Gottesauge -- nur Seele, alliebende, alldurchdringende Weltseele ...

Hher schwillt die Flut des Entsetzens um den verlorenen Knigsknaben
und sein zitterndes Lieb ... Eine Hiobspost jagt die andere, das Ma des
Ertragens ist voll, sein Land und seine Ehre gibt der Schwache preis,
und emprt fallen die letzten seiner Getreuen von ihm ab ... Verlassen
steh'n die beiden Kinder ...

Da auf einmal ... kommt einer der Entwichenen zurck ... auf seinem
zuckenden Gesicht, seinen stammelnden Lippen glht ein Wort ... ein
Wort, das lngst ins Fabelland entschwunden schien ... das Wort:
=Sieg= ...

Und sieh -- da fhren die edlen Herren aus des Knigs Gefolge einen
riesigen Krieger heran: einen Ritter im zerhauenen, blutbekrusteten
Harnisch: ein blutiger Fetzen windet sich um seine kampfglhende Stirn,
aus seinem blutunterlaufenen Auge lodert das gleiche Zauberwort: das
unfabare: Sieg ... Sieg ...

Und atemlos, stockend oft und nun in wahnwitzigen Jubel ausbrechend,
kndet er die phantastische Mr:

Das Wunder ist herabgestiegen vom Himmel ... Ein weies Mdchen ist in
die Mitte der umzingelten Franzosen getreten -- hat dem Fahnentrger das
Banner entrissen und an der Reisigen Spitze sich in den Feind gestrzt!

    Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen!

Und da fassungsloser Unglaube kniebeugender Glaube werde -- -- wird sie
selber kommen! wird kommen -- hierher, an diese Stelle, auf der wir
stehen, harrend, bis ins Mark erschttert und dennoch zweifelnd ...

Und horch! Schon kndet sich's an: Da drauen, in den fernen Gassen der
Stadt, hren wir den Lrm eines jh triumphierenden Empfangs ... Nher
und nher kommt das festliche Gets ...

Und da -- da fangen ja die Glocken von allen Trmen pltzlich an zu
schwingen ... und heller tnt drauen das tolle Jauchzen der
Begeisterung ... und nun strzen sie alle, die in der dumpfen, ragenden
Kammer weilen, in kindischer Hast ans Fenster da hinten und beugen sich
hinaus, und sieh, sie sehen's schon, das Wunder, das Unmgliche -- sie
schreien und winken und schreien --

Und horch, nun strmt's da drauen die Stufen hinauf, nun strzt, nun
strmt es herein. Ratsherren und Rittersleute und Brger und Weiber und
Soldknappen und Kindervolk und ... eben Menschen, schreiende, tobende,
vor Erlsungstaumel sinnlose Menschen ... Vor dem Knig, der mit der
Geliebten, zitternd, schwindelnd, da vorn geblieben, werfen sie sich auf
die Knie, in den Staub, heulen und jauchzen: Sieg! Sieg! Sieg!

Und nun -- nun ffnet sich auf einmal, wie die Flut des Roten Meeres vor
dem Durchzug der Kinder Israel, so klaffend ffnet sich durch die
Menschenflut eine Gasse ... und durch die Gasse ... schwebenden
Schrittes ... kommt ... sie ...

Kommt ein weies Mdchen, nein, kein Mdchen, kein Mensch ... ein
Gedanke, ein Gottgedanke, der Gedanke der Erlsung, der Gerechtigkeit,
der Freiheit, des Vaterlandes ...

Und steht so vor dem Knig ... das Ewige, das Heilige, das Unendliche
selbst ...

Und doch ... nur ein Mdchen ... ein junges, weies Weib ...


In der winzigen Garderobe, rechts vom Schauspieler, auf der Frauenseite,
wartete Mutter Buchner ihrer berhmten Tochter. Sie hatte es sich zwar
nicht versagen knnen, sich von einem Eckplatz des Parketts aus an
Jucundas Spiel, den neidisch-ehrfurchtsvollen Blicken der Bekannten, dem
Jubelsturm des Publikums zu weiden; aber am Anfang des zweiten Aktes,
das wute sie, trat Jucunda nicht auf, und da drngte es sie in die
Garderobe ihres Kindes, um ihr Zofendienste zu leisten. Ach, am liebsten
wre sie ja von Ort zu Ort mitgereist ... Wenn ein Mdchen so ungeheuer
viel Talent hatte ... und so gut gewachsen war -- na, man wute ja, von
wem sie das hatte! -- und so heibltig -- ach Himmel, man war ja selber
auch mal jung gewesen! -- Das war ja ganz selbstverstndlich, da die
Mannsbilder hinter so einer her waren wie verrckt -- da htte man ja
doch als Mutter eigentlich auf Schritt und Tritt aufpassen mssen ...
Aber da war ihr Alter, der Herr Rat ... der konnte ja nicht leben ohne
seine Doris ... Na, solange das Kind in Leipzig war, sollte es
wenigstens fhlen, was man an einer Mutter hat ... Und kaum war der
Vorhang nach dem ersten Akt gefallen, da flog -- whrend das Publikum
noch immer tobte, die Gardine auf und nieder tanzte, die Darsteller sich
immer und immer wieder s lchelnd verneigten -- flog Mutter Doris aus
dem Zuschauerraum zu dem bekannten Pfrtchen, das nur denen vom Bau sich
ffnet, hastete die steinerne Treppe hinauf in das winzige, von
Schminke, Puder und Menschendunst geschwngerte Kmmerchen und wendete
das gewrmte Hemd, das auf der Heizung bereit hing ... Denn wie ihre
Jucunda schwitzte bei so'ner groen Szene, das war schon nicht mehr
schn ... Von Kopf bis zu Fen mute sie die Unterwsche wechseln
jedesmal, wenn irgend Zeit blieb ... Freilich, wie das Mdchen sich auch
ins Zeug legte ...

Und nun kam sie -- kochend, dampfend, wie aus dem Backofen ... fiel in
den Frisierstuhl und streckte alle Viere von sich ... Frau Doris umarmte
sie zrtlich und drckte ihr einen begeisterten Mutterku auf die
triefende Stirn ...

Schinderei, verfluchte! pustete Jucunda. Wie aus dem Wasser gezogen
ist man -- und das schon nach dem ersten Akt! Schnell, Muttel, die
Lappen runter und frische Wsche! Ich komm' ja um!

In der Tr der Garderobe drngten ein paar Kollegen nach, der Heldin des
Abends die Hand zu drcken. Alle mochten sie das stramme junge Ding
leiden, das mit seinen achtzehn Jahren so resolut durch diese
schminkestarrende Welt stapfte, als sei sie darinnen geboren und nicht
in einem engbrstigen Leipziger Spieermilieu ...

'raus! befahl Mutter Doris. Alles 'raus! Meine Tochter wnscht
alleene zu sein!

Und rasch vollzog sich die Verwandlung. In krftiger Frische,
schweigebadet, stieg der derbe Mdchenleib aus den klatschna
zusammensinkenden Hllen, wurde von sorglicher Mutterhand mit lauen
Gssen bersplt und in die frischen gewrmten Unterkleider gesteckt.
Die Garderobiere, ein verknittertes, verhutzeltes Weiblein, stand mig
daneben und trumte von der goldenen Zeit, als auch sie einmal am
Stadttheater zu Stallupnen erste Naive gewesen und von den Leutnants
der Garnison mit billigen Buketts und falschen Schmucksachen
berschttet worden war ... Dann aber mute sie eingreifen, denn ber
das weie Gewand des Bauernmdchens wurde nun die wuchtige Rstung
geschnallt und mit einem Dutzend Riemen und Oesen befestigt -- darauf
verstand Mutter Doris sich denn doch nicht. Inzwischen aber schwatzten
die Frauen ohn' Unterla:

Gott, war das ein Spektakel zum Aktschlu! Namentlich da hinten im
Parterre! sagte Jucunda und warf das langflutende braune Gelock ber
die Rstung zurck.

Natierlich -- das gloob' ich ooch! erwiderte die Mutter und strich mit
glttendem Kamme bedchtig durch die krause Mhne der Tochter. Da
sitzen doch die Herren Studenten! Was die trampeln kenn'! Gott soll mich
bewahren! 's ganze Parkett war Dir doch eene Staubwolke! Und =unserer=
is ooch dabei -- wirscht mer's glauben?

Wer? Der unverschmte Mensch aus dem Eckzimmer?

Freilich, der! Un gezogen is er noch lange nich!

I nee so was! lachte Jucunda.

Eegentlich is mer'sch ganz lieb, da er noch nich weg is, sagte Mutter
Doris. Immerhin er is der Erste Scharschierte vons lteste und
angesehenste Korps in Leipz'g ... Un so lang als ich denken kann, hab'
ich immer Korpsstudenten bei mir wohnen gehabt -- 's wr doch sehr
unangenehm fr mich gewsen, wenn er wr' mit'n groen Krach von mir
fortgegangen -- leicht htt's kenn' passieren, da die ganzen Korps mich
htt'n in'n Verruf getan -- damit sin se immer sehr fix bei der Hand,
wenn ma een' von ihn' mal schief angekuckt hat ... Unser Nachbar
Wunderlich, der Mtzenmacher, der kann e Wertchen davon erzhlen ... Der
hat mal een' von die Korpsstudenten, der absolut nich wollt' zahl'n, nu,
dem hat er en groben Brief geschrieben -- und iebermorgen war er schon
im S. C. Verruf -- das kost'n an sechshundert Mark jhrlich!

I herrjemerschnee! lachte Jucunda, das htt' ich wissen sollen, da
unser Student so ein groes Tier ist! Da htt' ich durch meine Grobheit
ja beinahe Deinen Geschftsbetrieb ganz bsartig geschdigt! Na,
hoffentlich kommst Du noch mal mit 'nem blauen Auge davon! Uebrigens,
Muttel, wenn ich mich recht erinnere, so hast Du den einflureichen
Jngling auch nicht gerade mit Glachandschuhen angefat ...

Nu, ich hab' mich eben lassen hinreien, sagte Frau Doris. Weete,
wenn eener mir mit mein' Goldkinde tut anbinden -- hernach wee'ch mich
nich zu beherrschen -- reinweg wie ene Furie werd' ich Dir dann!

Muttel! sagte Jucunda zrtlich und legte einen Augenblick lang das
lockenumflutete Haupt an den mchtig wallenden Mutterbusen.

In diesem Augenblick trat Franz Burg herein, der Oberregisseur, in der
klirrenden Rstung des englischen Oberfeldherrn, in einer Maske so voll
schrecklichen Ingrimms, da Jucunda hell auflachte:

Donnerwetter, lieber Freund -- mit Ihrem Konterfei kann man ja die
Pferde scheu machen!

Himmel -- fr die guten Leipziger mu man eben ein bichen dick
auftragen ...

Schn, sagte Jucunda, werd' ich mir merken. Passen Sie mal auf,
Meister, wie ich jetzt loslegen werde!

Aber geflligst mit einem vernnftigen Stimmansatz, und nicht wieder so
aufs Organ loswsten wie im ersten Akt! Ihnen geht's zu gut, Kindchen,
Sie werden mir zu ppig ... In einem Alter, wo andre Kolleginnen froh
sind, wenn sie einmal ein Servierbrett mit Kaffeegeschirr hereinbringen
drfen, toben Sie schon abendfllend durch ganz Deutschland -- da mu ja
so ein achtzehnjhriger Verstand aus dem Leim gehen ...

Ach, lassen Sie mich doch ... Jucunda reckte den herrlichen Krper,
da alle Niete und Scharniere der Rstung knackten ... Lassen Sie mich
doch, lieber Freund ... Es ist ja so schn ...

Franz Burgs Augen schimmerten hinter den grimmigen, rotgrauen Brauen in
einem ganz seltsam weichen Licht ... Sie glitten ber die schlanke,
waffenblanke Gestalt, wie ein Streicheln.

Schn ist's, das glaube ich -- Sie sind eben ein Sonnenkind,
Langbeinchen! So nannte er sie noch immer, aus jener Zeit, wo sie als
blutige Novize wegen ihres knabenhaften Wuchses immer die Pagen hatte
spielen mssen ... Jetzt freilich wre das nicht mehr zu machen gewesen
-- sie war ein Weib geworden ...

Na also -- Sie sind fertig ... Nun halten Sie aber Ruhe, bis Sie geholt
werden ... Und nicht zu toll mit dem Organ aasen, verstanden? Adieu,
Langbeinchen!

Adieu, Sie Bester!

Ein Blick so voll dankbarer Zrtlichkeit, da der grimme Talbot rasch
das Visier herunterklappte ... Und durch die Augenlcher klang sein
Knurren:

Also fang'n mer an!

Er rasselte von dannen. Jucunda warf ihm ein halbes Dutzend Kuhnde
nach.

Aber Jucunda! rief die Mutter ganz entsetzt.

Ach la doch, Muttel! Einmal ein Mensch beim Theater, ein einziger,
der selbstlos gtig ist -- einen lehrt, einem vorwrts hilft, ohne
gleich -- --


Der zweite, der dritte Akt waren vorbergebraust, mit Schlachtgetse und
Siegesjubel und Sterbegrauen ... und hatten geendet mit der
naiv-gewaltigen Szene, in der Johannas tragisches Geschick sich wendet:
der Fluch ihrer bernatrlichen Sendung sich wider sie kehrt. Das Herz
der Jungfrau hat mit Entsetzen sein Mdchentum empfunden ...

Groe Pause nun -- alles strmte hinaus in die schmalen,
schlechtbeleuchteten Gnge, das drftige Foyer des dumpfen winkligen
Hauses ...

Und da oben fanden sich die beiden Franken, ihr frstlicher Konkneipant
und sein Erzieher. Die Herren begrten einander mit dem gewohnten starr
offiziellen Gesicht, dem korrekten Hndeschtteln der hoch gewinkelten
Arme ... Keiner mochte verraten, wie sehr er gepackt war.

Ganz nett -- wie? nselte der Erbprinz.

Na ja ... Aber immer dies ewige eintnige Pathos, das hlt kein Pferd
auf die Dauer aus! schnarrte Pilgram.

Wie fanden Sie die Buchner? fragte nachlssigen Tones der Prinz.

Na -- mein Himmel -- spielt eben Schiller! erwiderte der
Rechtskandidat.

Hans Thumser blieb stumm. Ihm standen Erregung und Entzcken bis an den
Hals -- die Trnen, die er mhsam hatte unterdrcken mssen, preten ihm
die glhenden Augen. O Gott -- so Erhabenes, so Ungeheures erlebt zu
haben ... Und dann den gelassenen Weltmann mimen zu mssen mit zwanzig
Jahren ... Was war das fr eine Jugend? Sie schmte sich aller
jugendlichen Empfindungen ... der Begeisterung, des Glaubens an das
Groe, das Weltbezwingende ...


Und schnell vollendete sich's nun. Wie ward es Valentin Pilgram zumut,
als er nun im festlich geputzten Saale zu Reims die Verse erklingen
hrte, die er neulich so schmhlich unterbrochen?

    Sollt' ich ihn tten? Konnt' ich's, da ich ihm
    Ins Auge sah? Ist Mitleid Snde?!

Was war denn das, was so hei und fremd unter der linken Westentasche
zuckte und hpfte? Was war dieser geheimnisvolle Schmerz, dieser
brennende, der durch Hirn und Glieder rumorte, wenn dieses Mdchen
seine sthlernen blauen Augen verloren in den dunklen Raum
hinausschweifen lie, in dem er sa, inmitten der proletigen Finken
ringsum, die er verachtete, wie er alles verachtete, was nicht zu den
Angehrigen eines hohen Ksener S. C. Verbandes zhlte?! War es die
Scham, da er dies Mdchen, diese weie, stolze Weibesgestalt da hinten,
gekrnkt, gestrt in ihrem Studium -- sich benommen gegen sie wie ein
Rauhbein, ein Knote ohne Kinderstube und Direktion!

Ja, das mute es sein, das und nichts andres ... Er wird morgen frh
seinen Bratenrock anziehen und seine beste Mtze aufsetzen -- wird sich
feierlich durch die Frau Kanzleirtin anmelden lassen und frmlich und
devotest um Verzeihung bitten ... Es ist mnnlich, begangenes Unrecht
einzusehen und zu shnen, und durch Revokation und Deprekation einer
Dame gegenber vergibt auch Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster
_ad interim_ sich nichts -- nein, ganz gewi nicht!

Also das mach' ich! Gesegnet meine wste Laune, gesegnet meine
Examensnervositt ... So hab' ich doch wenigstens einen anstndigen
Grund, mich ihr vorzustellen, sie zu sehen, mit ihr zu sprechen ... Und
ich werde mich dermaen kavaliermig benehmen ... Ich werde ...
Ueberhaupt ... Ich werde -- hol' mich der Teufel -- Eindruck werd' ich
machen, so wahr ich Valentin Pilgram bin, Franconiae gewesener Erster,
Erster, Erster _ad interim_!


Hans Thumsers Seele war aber zwiegeteilt, wie fast immer -- fast immer
... Noch einmal, in der zweiten Szene des vierten Aktes, kam die andere
-- nach der er ein geheimes, lsterliches und ses Schmachten versprt
hatte, nun sie so lange verschwunden war ... kam Agnes Sorel, stand
neben der herrischen Gestalt Jucundas in ihrer ktzchenhaften
Holdseligkeit ... schmiegte an Jucundas gepanzerten Busen die
unverhllte, die rosige lockende Brust ... O Hans Thumser, und denken zu
mssen, da diese Himmelswonne Nacht fr Nacht neben deinem
Knabenstbchen schlft, nur durch eine dnne Ziegelmauer von dir
getrennt, in der es gar noch eine Tr gibt, die freilich verschlossen
ist und mit einem Kleiderschrank verstellt ... O Hans Thumser, wie wirst
du dies Bewutsein ertragen, nun du sie kennst, sie gesehen hast mit
deinen scheuen, brennenden Augen, ihr Bild hineingesogen in deine
lechzende, lebenshungrige Seele ... Wie wirst du's ertragen?

Fchschen, die Trauben sind sauer ... So hat sie geschrieben. Ach, du
Schelm, du bser, neckender Traumspuk du -- du warmes, weiches, nahes,
fernes, weltenfernes Menschenkind -- --!

Still -- es erfllt sich Johannas Geschick ... Vor dem Bannspruch des
Vaters, der sie hllischer Blendeknste zeiht, verstummt sie ...
verstummt vor dem Donner des Himmels ... flieht in Einsamkeit und
Verzweiflung -- fllt stumm und wehrlos in die Hand der Feinde ...

Doch dann, in letzter, hchster Not, kommt noch einmal ber sie die
alte, magische Kraft: Sie zerreit ihre Ketten, entrafft sich den
entsetzten Feinden, trgt noch einmal das Banner der Jungfrau zum
Kampf ... und dann, die Todeswunde in der Brust, von Siegesbannern
berbauscht, lt sie ihre reine Seele ins All hinberstrmen ...

O Dichter! Dichter! betet Hans Thumser -- groer, herrlicher mit Deiner
wunderbaren Cherubseele -- einen Tropfen von Deinem Geist in mein
junges Herz -- einen Flammenfunken von Deinem Himmelsfeuer!

    Wie wird mir? -- leichte Wolken heben mich --
    Der schwere Panzer wird zum Flgelkleide --
    Hinauf -- hinauf -- die Erde flieht zurck --
    Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!


Ein heftig gestammelter Dank an den Prinzen, ein feierliches Schtteln
der korrekt eingewinkelten Hnde mit ihm und dem Major, und dann hinaus
-- hinaus in die herbstliche Abendluft ... O glhende Stirn, o glhendes
Herz ...

Und nun -- warten -- sie noch einmal sehen, sie, die alles Herrliche
vollendet ... nicht jene andre, das Ktzchen, den Spukgeist ... Nein,
die eine, die weie, die knigliche ...

Warten auf sie -- sie warten ja alle ... Eine dichtgedrngte Schar,
lauter blutjunges Volk. Konservatoristinnen und Ladenmamsellchen
untermischt mit Primanern und Studenten ... Sie warten vor dem Portal,
vor dem ein einziger Wagen noch hlt, ein einziger, whrend all die
andern mit ihrer Fracht schleierumhangener, kapuzenverhllter
Weiblichkeit von dannen donnern -- ein einziger Wagen, in dem, hstelnd
und frierend, ein bebrilltes Mnnlein hockt mit grauem Kragenbart: der
Kanzleirat Buchner ...

Es dauert lange, dies Warten ... Aber Hans Thumser wartet nicht allein:
An seiner Seite, geduldig frstelnd, harrt der gestrenge Senior, ganz
gegen jede Wahrscheinlichkeit und Psychologie ...

Ne, Pilgram, wie =Du= mir heute vorkommst!

Na, was denn? Wieso denn? knurrt der Erste. Denkste vielleicht, Du
hast die Kunstbegeisterung alleene gepachtet?!

Und endlich -- endlich -- -- am Bhneneingang fliegen die Hte, die
Mtzen von den Kpfen --

Jucunda Buchner -- hoch! hoch!

Voran schiebt sich eine derbe Matrone in uraltmodischer
schleifenbesetzter Kapuze -- und dann kommt -- sie -- so mdchenhaft auf
einmal, so spiebrgerlich schlicht ... Wie ein Backfisch schaut sie
aus, so menschlich, so nahe ...

Hoch! hoch! brllen die Studenten, juchzen die Mdels -- sie huscht
vorber, kopfnickend, so lieb, so einfach, so -- so fabelhaft nett --
sie schlpft in die Wagentr, nickt noch einmal vom Fensterrand -- neuer
Jubel --

Ach was -- lngst nicht genug!

Eine neue, eine wrdige Huldigung dem wundervollen Menschenkind!

Kommilitonen! ruft Hans Thumser und schwenkt die grne Mtze,
Kommilitonen! Wir spannen ihr die Pferde aus, wir fahren sie im Triumph
nach Hause!

Ein Beifallsgeheul ist die Antwort. Und auf die Gule strzt sich
der Schwall -- im Nu sind die Scheuenden, Schumenden abgestrngt,
der fluchende, peitschenschwingende Kutscher entwaffnet und vom Bock
gezerrt ...

Verrickt seid 'r! Alle mitenander seid 'r bergeschnappt! Der Deifel
soll Euch hol'n!

Und hundert Hnde packen zu, langen nach der Deichsel, den Zugscheiten,
den Strngen -- hundert Hnde greifen in die Speichen -- hurra! Der
Wagen rollt, rollt mit seiner vielgeliebten Fracht ... Und allen voran
als Fhrer, den Hut auf dem Stock balancierend, den Stock im Takt
schwingend wie ein Tambourmajor schreitet einer, der den Weg kennen
mu: Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster _ad interim_!

Und der Wagen rollt die Sophienstrae entlang, umdrhnt vom Jauchzen
schnheitstrunkener, greberauschter Jugend ... Rollt die Zeitzer
Strae, den Peterssteinweg hinab, der Altstadt zu ... Und immer
zahlreicher wird das Huldigungsgefolge hinter dem Triumphzug, den Jugend
der Jugend, der Schnheit, der Kunst bereitet, immer betubender
schwillt der allgemeine Jubel:

Jucunda Buchner -- hoch -- hoch Jucunda -- unsre Jucunda!




                                   4.


Als der Triumphwagen endlich in der Katharinenstrae hielt, zog der alte
Buchner den riesigen Hausschlssel aus der Tasche und stieg als erster
aus. Ein hundertstimmiger Jubel empfing ihn ...

Das ist der Vater -- Jucundas Alter ist das -- Papa Buchner hoch!
hoch!

Ein Dutzend Hnde waren ihm behilflich, hoben ihn ber die Bordschwelle,
ganz betubt humpelte er durch die Gasse, die sich vor seinen Schritten
ffnete, fand die Tr seines Hauses zu seiner Verwunderung bereits
geffnet und schlpfte hinein, wie erlst, da er dem Gets entronnen
...

Und nun schob sich Mama Buchners massives Gestell aus der Droschke.

Achtung, jetzt kommt Mamachen! schrien kecke Stimmen. Platz fr
Mamachen! Geblendet vom grellen Licht der Gaslaterne, dicht neben dem
finstern Hauseingang, verwirrt vom Stimmengewirr, dem Glanz blitzender
Augen, dem Durcheinander winkender Hnde, flatternder Tcher verfehlte
Mutter Doris mit unbehilflich suchendem Fu den Wagentritt und wre
gestrzt, htte nicht ein sehniger Arm sie gefat und ihre schwerfllige
Gestalt mit sicherem Griff aufs Trottoir, auf die Beine gestellt. Und
gleich darauf fhlte sie ihre Hand in diesen sehnigen Arm hineingezogen,
fhlte sich sicher und ritterlich der Haustr zugefhrt -- sah dankbar
zu ihrem Beschtzer empor und -- sah in das verlegenheitglhende Gesicht
ihres Mieters ...

Gndige Frau -- stammelte Pilgram.

Gndige Frau --?! Es war das erstemal, da ihr Student diese Anrede fr
die Frau Kanzleirtin fand ... sie war direkt erschttert ...

Herr Pilgram -- nee heer'n Se, das is aber hibsch von Ihn' ...

Darf ich Ihnen meinen aufrichtigen Glckwunsch zu dem Riesenerfolge
Ihres Frulein Tochter -- gndige Frau? und zugleich auch meine Bitte um
Entschuldigung wegen meines unqualifizierbaren Benehmens von vorgestern
morgen --

Ach sei'n Se still, Herr Pilgram -- scheen war's ja grade nich ... Aber
Sie haben's ja gut gemacht ... Also woll'n mer uns wieder vertragen!
Aber wo bleibt denn 's Kind?

's Kind war noch nicht abkmmlich. Sie mute drauen die Dutzende von
Hnden schtteln, die sich ihr entgegenstreckten ... Und dabei liefen
ihr die hellen Trnen nervser Seligkeit ber die Backen ...

Dank ... tausend, tausend Dank! Das war das einzige, was sie nur immer
wieder stammeln konnte ...

Und endlich fiel die Pforte denn doch ins Schlo, whrend die
begeisterte Jugend drauen weiter jubelte und tobte. Kanzleirat Buchner
wollte abschlieen, aber Valentin Pilgram kam ihm zuvor. Und dann
entzndete er ein Wachsstreichholz und geleitete Mama Doris mit der
Galanterie eines Oberhofmarschalls die knackenden Treppen des
altehrwrdigen Baues hinan, der einstmals ein feierlich elegantes
Patrizierhaus gewesen war ... Der Kanzleirat und die Heldin des Abends
folgten.

Oben wollte sich Valentin verabschieden, um in seinem Zimmer zu
verschwinden, aber Jucunda rief:

Was? Sie wollen schon schlafen? Nee, gibt's nich! Muttel, mach' Licht
in der guten Stube! Wir schwatzen noch eins! Und Du, Alter, rck' mal
ein paar Pullen Gose heraus! Ich hab' einen Pferd'sdurst!

Und sieh -- nach wenigen Minuten war's hell und mollig in der
behaglichen Wohnstube, und whrend Mutter Buchner drinnen Bemmchen
schmierte und Papa Kanzleirat Zigarren und Aschenbecher bereit stellte,
sorglich aus den dickbauchigen Goseflaschen das bernsteingelbe
bitterliche Na in die hohen Stangenglser pltschern lie, stand
Valentin Pilgram voll nie gefhlter Empfindungen am Fenster, hinter
Jucundas hoher Gestalt, die noch immer hinaus auf die Strae winkte und
Kuhnde warf, whrend von drunten, vom Straendamm empor ohn' Ermatten
das Begeisterungsgebrll der Burschen tnte, die Taschentcher der
Mdels flatterten ...

So, Kind, sagte Mutter Doris endlich, nu mache schon Schlu, da Du
was zu essen und zu trinken kriegst ... Bitte, Herr Pilgram, nehmen Sie
Platz!

Valentin und Jucunda traten vom Fenster zurck. Jetzt erst fand das
Mdchen Zeit, den jungen Gesellen zu mustern.

Sie sind wohl einen halben Kopf grer als ich, sagte sie anerkennend.

Aber Sie -- Sie sind ... etwas ganz Besonderes ... eine ganz andre
Sorte von Mensch als ... nu als wir gewhnlichen Leute, wir simplen
Rechtskandidaten ... und so was.

Erlauben Sie mal -- Sie sind doch auch was Besonderes ... Erster
Chargierter des ltesten und angesehensten Korps in Leipzig ... Sie
wies auf einen Stuhl.

Gott -- gndiges Frulein ... Wie knnen Sie so was berhaupt ... das
sind doch Kindereien, wenn man's mit ... mit Ihrer Kunst vergleicht ...

O Valentin Pilgram -- wer dir das gestern prophezeit htte ... da du so
zu einer Komdiantin sprechen wrdest ... da die Heiligtmer deiner
Seele so schnell verbleichen wrden ...

Na, nu nhmt mal geflligst  bichen Platz, Kinder! rief der
Kanzleirat ...

Kinder --?! Es durchfuhr die beiden jungen Menschen ... ein seltsames,
ahnungsvolles Gefhl ... Mit einem Male war Jucunda Buchner nicht die
glckverwhnte, reichbegnadete Knstlerin, sondern ein Backfisch von
achtzehn Jahren ... und Valentin Pilgram nicht der Sohn des
Senatsprsidenten am Dresdener Oberlandesgericht, nicht der Erste
Chargierte eines wohllblichen C. C. der Franconia, sondern ein Knabe
von vierundzwanzig, in all seiner senioralen Wrde doch noch immer ein
junger, lebensunkundiger Novize des Daseins ...

Zwei blutjunge Menschen ... zwei Kinder ... beide gewachsen wie ein paar
Tannen, beide jung, stark und hei ...

Kinder! hatte der alte Mann gesagt ... Wie seltsam das die Seele traf
...

Beider Augen waren gesenkt, beider Stirnen glhten, als sie sich setzten
...

Man stie mit den langschftigen Gosenglsern an, Jucunda tat einen
tiefen, herzhaften Schluck und bi dann nicht minder herzhaft in ihre
Butterbemme.

Donnerkiel! sagte sie, das tut aasig gut ...

Nu sagen Se, Herr Pilgram, wie sind Sie denn blo in's Theater
gekommen? Ich hab' gedacht, Sie haben gar nischt iebrig fr die Kunst?
erkundigte sich Mama Buchner.

Ja ... Frau Rtin, sagte Valentin, wie soll ich Ihnen das erklren?
Sie haben nmlich recht ... Ich hab' wirklich nicht viel Sinn fr die
Kunst ... Ich -- nu ich war eben ... neugierig war ich -- auf meine
Budennachbarin ...

Sehr schmeichelhaft! lachte Jucunda und zndete sich eine Zigarette
an. Na und -- und was sagen Sie nu?

Gar nischt sag' ich -- bekannte der Student. Wissen Sie ... zum
Komplimente machen ... bin ich nicht maulgewandt genug ... ich kann nur
sagen: dies war der schnste Tag meines Lebens.

Hehe -- da siehst es, Jucunda, was fier  Kerle Du bist! schmunzelte
der Kanzleirat.

Ach -- das geht doch nicht auf mich! wehrte Jucunda ab. Herr Pilgram
ist eben von Schillers groer Dichtung so ergriffen gewesen ...

Ne, gndiges Frulein, das knnt' ich nu gerade nich sagen, erklrte
Valentin. Ich bin eben doch, wie mein Korpsbruder Thumser sagt, ich bin
doch ein Banause. Schiller? Ich wee nich ... es ist mir doch zu viel
Schmalz an der Brhe ... Wenn Sie nicht gewesen wren, gndiges
Frulein, ich glaube nicht, da ich wre bis zum Ende dageblieben ...

Schmen Sie sich! zrnte das Mdchen.

Ja -- 's tut mir selber leid, da ich so wenig Verstndnis habe fr die
sogenannte Kunst ... Sehen Sie ... ich stamme aus einer alten Juristen-
und Beamtenfamilie ... bei uns zu Hause ist nie von was anderm die Rede
gewesen wie von Dienst und Vorgesetzten und Karriere machen und Orden
kriegen und Gesetzesnovellen ... und das Theaterspielen und Musikemachen
und Bilderklexen und Verseschmieren -- nee, davon hat man bei uns nie
was wissen wollen. Aber was Arbeit und Pflicht und Gehorsam ist und
Gewissenhaftigkeit und Treue ... das ist mir eingepaukt worden von
Kindesbeinen an ... und nicht nur mit der Moralpredigt, sondern mit dem
guten Beispiel, dem nachahmungswrdigen Vorbild ...

Das is shr scheen, wenn man das von sein' Elternhause kann sagen --
meinte der Kanzleirat. Prost, Herr Pilgram -- Ihre Herren Eltern sollen
leben.

Andchtig tat Pilgram Bescheid. Aber Jucunda war des trockenen Tones
satt:

Erzhlen Sie mir lieber von heut abend -- erzhlen Sie mir, wie ich
Ihnen gefallen habe! Sie knnen's ruhig ein bichen dicke machen ... Sie
haben ja gar keine Ahnung, wieviel Honig und Weihrauch unsereins
vertragen kann nach so einer gewonnenen Schlacht ...

Aber Jucunda -- so schme Dich doch! Was soll denn Herr Pilgram von Dir
denken?

Na -- nichts als was wahr ist! Da ich eine ganz eitle, verwhnte
Komdiantin bin! Nicht wahr, Herr Pilgram, so denken Sie doch! Nur
heraus damit ...

Gndiges Frulein, ich denke an nichts andres als an den Augenblick, wo
Sie zuerst herauskamen ... Wir waren zu spt gekommen, aus dem S. C.,
wissen Sie? da mu man aushalten -- und als wir kamen, hatte der erste
Akt schon angefangen ... und ich langweilte mich und dachte: na ja,
Schiller ... und berlegte, was fr ein Aufsatzthema mein alter
vermickerter Professor auf Prima in Dresden wohl aus diesem ersten Akt
herausgeschlagen htte: Wrde Johanna d'Arc ihr Vaterland auch errettet
haben, wenn Karl der Siebente anstatt mit den Englndern mit den
Deutschen Krieg gefhrt htte? oder so hnlich ... Und da -- da kamen
Sie -- und auf einmal wurde alles wahr und richtig und interessant und
... na ja eben schn ... mit einem Wort ...

Ich seh's kommen, da se Dich noch ganz nrr'sch werden machen, Jucunda
-- kicherte der Kanzleirat.

Ach ja ... macht mich nur ruhig nrrisch, Kinder -- es ist ja so schn,
gefeiert zu werden ... und begraben zu werden unter Lorbeer und Rosen --
und die Pferde ausgespannt zu kriegen ... hren Sie, Herr Pilgram -- die
Idee, die war wohl von Ihnen?

Ehrlich gestanden, nein -- so leid mir's tut -- aber den glorreichen
Einfall, den hat mein Korpsbruder Thumser gehabt ...

Schade -- sonst htten Sie wahrhaft'gen Gott 'nen Ku gekriegt dafr
--

Der Kanzleirat drohte der Tochter lchelnd mit dem Finger.

Sh'n Se, Herr Pilgram, wie se Ihn' schon berschnappt?

Und er lie frische Gosefluten in die Glser kluckern.

Aber allmhlich fielen dem alten, hageren Mnnchen, das sein ganzes
Leben in der muffigen, berhitzten Luft der Kniglichen Justizbureaus
zugebracht hatte, die gerteten Aeugelchen zu. Er verabschiedete sich
und humpelte ins Schlafzimmer.

Auch Mutter Doris fiel allmhlich ab.

Nu, Herr Pilgram, wie denken Sie ber's Schlafengehen?

Gibt's nich! erklrte Jucunda. Wenn Du mde bist, Mamachen, kriech in
Gottes Namen in die Posen ... Ich bin noch nicht fllig, und Herr
Pilgram wird mir Gesellschaft leisten, bis meine Nerven ausgezappelt
haben ...

Und die jungen Menschen waren allein. Es wurde still, ganz still
ringsum. Von der Katharinenstrae klang ab und an noch das schlfrige
Geklapper eines heimwrts trottenden Droschkengauls ... Vom nahen
Rathausturme meldeten die Glocken mit hallenden Schlgen Viertelstunde
um Viertelstunde ... sonst nichts mehr. Leipzig schlief.

Erzhlen Sie mir mehr von sich! sagte Jucunda und legte sich mit
behaglichem Ghnen in die gestickten Schoner des grnen Plschsofas
zurck. Aber nicht so was Langweiliges vom Korps und von Ihren
Fechtereien und vom Examen und so! Was Schnes ... was Interessantes!

Ach, gndiges Frulein -- ich bin ein schrecklich uninteressanter
Mensch ... ich schme mich ordentlich, ich werde ganz klein, wenn ich
mein Leben mit Ihrem vergleiche.

Na, aber Sie mssen doch irgend was Besonderes erlebt haben ... Waren
Sie denn nie verliebt? Haben Sie nie ein Mdchen gekt? Sie zndete an
dem Rest ihrer Zigarette eine frische an, pustete eine dicke Rauchwolke
zu Valentin hinber und schielte durch den Qualm hindurch neckisch
blinzelnd zu ihm hin.

Valentin Pilgram wurde verlegen. Hm ... ich wei nicht recht, was ich
da antworten soll ... als Knstlerin wissen Sie doch jedenfalls schon
manches vom Leben ... und wissen, was wir jungen Mnner, Studenten und
so -- wie soll ich mich nur ausdrcken?

Na, da Ihr gerade keine Tugendspiegel seid ... Euch mit Kellnerinnen
und ... so 'ner Sorte von Weibsbildern herumtreibt ... Herr Pilgram, ich
bin ein Leipziger Kind, das alles ist mir nichts Neues. Aber -- sowas
zhlt doch hoffentlich nicht?

Nein -- Sie haben ganz recht ... es zhlt nicht ... Sehen Sie, man
betrinkt sich ja auch zuweilen mal ganz stumpfsinnig ... so hnlich ist
das ...

Und -- sonst? Sonst haben Sie noch gar nichts ... erlebt? Niemals eine
richtige ... eine Leidenschaft ... ein Gefhl, da Sie so richtig die
Zgel aus der Hand verloren haben? Da es mit Ihnen durchgegangen ist
wie ein wildes Pferd, so zuck, zuck, hoppla, hopp, ber Stock und Stein,
nur vorwrts, ins Weglose, ins Nichts -- nur vorwrts ... komme was
wolle?!

Hingerissen hing Valentins Blick an den flackernden Augen, dem zuckenden
Munde des Mdchens. Ach nein ... gndiges Frulein ... so was hab' ich
nie erlebt ... ich glaube auch, so was kann mir nie passieren ... dazu
sind wir Pilgrams viel zu korrekt ... viel zu gewissenhaft ...

Schade -- sagte Jucunda. Ich denke mir, das mte schn sein ...

Das ... glaube ich auch ... sagte Valentin langsam. Schn ... und
schrecklich ...

Wie wr's, wenn wir nun schlafen gingen? Ich fange doch allmhlich an,
abzufallen ...

Schade! sagte nun der Student. Seine Augen berflogen noch einmal die
weie Gestalt, die sich in so fester, straffer Leiblichkeit abhob von
dem verschlissenen Samt, auf dem sie ruhte, beide Ellbogen nach vorn
emporgewinkelt, die Hnde nach rcklings um die Lehne des Sofas
geklammert.

Gott, war das ein Tag! sagte das Mdchen. Ein Schlachten war's, nicht
eine Schlacht zu nennen! Aber das Hbscheste daran war doch, da ich Sie
nun kenne, Nachbar ... da ich Sie Grobian doch ein bichen gebndigt
habe ... nicht wahr? Und da wir zwei nun allein noch brig sind von all
dem Trubel und Trara ... was? Ist das nicht nett? Aber Sie sagen ja gar
nichts?

Was ... soll ich sagen? stotterte der Student. Ich ... sehe Sie
an ... und denke, da morgen ... morgen das alles vorbei ist ... da Sie
morgen wieder die allgefeierte Jucunda Buchner sind ... und ich ...
irgendein simpler, gleichgltiger Rechtskandidat ... der Ihnen nichts
sein kann ... nichts fr Sie tun ... Ihnen nichts bedeutet als eben ein
Stck Publikum ... einer von den Tausenden, die Ihnen allabendlich
zujubeln, ohne da Sie sie kennen, mehr fr sie brig haben als ein
geschftsmiges Lcheln, wenn der Vorhang sich noch einmal hebt ...

Wer wei! sagte Jucunda mit einem gndigen Blick. Vielleicht, da ich
doch einmal einen ... einen Ritter brauchen kann ... dann will ich mich
an diese Stunde erinnern ... und Sie rufen ... Soll ich?

Gndiges Frulein ... sprach Valentin Pilgram heiser ... Das wre
mehr Gunst vom Schicksal, als ich Mut habe zu hoffen ...

Sie reichte ihm die feste, warme Hand. Er kte sie ... ehrfurchtsvoll,
als sei es einer Frstin Hand ... und ging.

Als er die Tr zu seinem Kmmerchen hinter sich geschlossen, stand er
einen Augenblick im tiefen Dunkel, regungslos. Ihm war's, als drehe sich
alles um ihn im Wirbel. Und der reckenhafte Gesell, der
zweiundzwanzigmal dem Schlger und fnfmal dem Sbel Stirn und Brust
geboten, fhlte ein rtselhaftes Grauen vor etwas Kommendem, dem er
keine Deutung wute ... das im Dunkel hockte und ihn ansah mit den
blauen, hellen, befehlenden Augen, von denen er fhlte, da er ihnen
gehorsam sein mte, was immer sie ihm gebieten wrden.




                                   5.


Die zwlf halben Liter Tucher, die Hans Thumser nach dem Jucunda-Rummel
auf der Kneipe noch in seine ausgepichte Fuchsmajorskehle gepumpt,
hatten die Erregung der zappelnden Nerven untergekriegt und fr die
ntige Bettschwere gesorgt -- zum Anfang wenigstens. Aber dennoch -- als
der Student pltzlich aus dumpfen, wirbelnden Trumen in die Hhe fuhr,
so da der kaum verheilte Schdel krachend gegen die Rckwand seines
Bettes bumste -- da war es noch stockfinster, und wie er ein Streichholz
entzndete, wies die Uhr halb vier ...

Und wieder Dunkelheit und Schweigen, und im Herzen schwirrend und
rumorend viel hundert Bilder, viel tausend Farben und Klnge ...

Wo soll es hin, das alles?! Was will's von dir, dies tolle, glhende
Leben?!

Da horch ... ein seltsamer Laut ... ein zager, verzitternder ... von
irgendwoher aus dem Dunkel ... und wieder ... und wieder ... derselbe
bang verschwebende Klageton ...

Weinen ... Weinen einer Frauenstimme -- ganz leise, mhsam unterdrckt
... von Trnen umschleiert ... erschtternd ...

Nun scheint's zu verstummen ... horch -- kein Laut mehr ... doch nein --
nur heftiger jetzt die wimmernde Klage ...

Um Gott -- das ist -- da nebenan -- das ist ... Asta Thny ...

Trnen ... Trnen in Frauenaugen -- entsetzlicher Gedanke fr einen
Jngling, einen tatensehnschtigen, weltglubigen -- wer konnte
glcklich sein, ach nur ruhig sein, nur schlafen -- wenn ein Mensch, ein
Mdchen weinen mute?!

Himmel -- vielleicht ist sie krank geworden -- Agnes Sorel, die
ktzchenweiche, mit dem sen, rosigen Hals, den dunklen, flirrenden
Augensternen ... windet sich in Schmerzen ... und niemand hrt sie,
niemand steht ihr bei, denn sie ist nicht ein gehegtes, umsorgtes
Haustchterlein wie Hansens Schwestern daheim -- sie ist ganz allein auf
der Welt -- einsam, schutzlos, hilflos ...

Gott, wenn das doch enden wollte! Das ist ja nicht zu ertragen, diese
hilflose Klage ... Aber was kann man tun?

Sich melden -- seinen Beistand anbieten ...

Aber -- knnte das nicht -- miverstanden werden? Nachdem er nun einmal
die dummen, zudringlichen Verse hinbergeschickt? Und einen so
wohlverdienten, ach, eigentlich noch viel zu schmuck bebnderten Korb
gekriegt?

Aber -- wenn sie nun wirklich leidend wre -- Hilfe brauchte -- gewi,
sie wrde nicht bse werden ...

Oder -- wenn man Mutter Ach weckte -- und ihr mitteilte, das Frulein
scheine nicht wohl zu sein?

Aber -- wenn's nun gar nichts Ernstes wre -- vielleicht nur eine Laune,
eine kindische Gereiztheit -- was wei ich -- dann htte man um nichts
und wieder nichts den schnarchenden Schlummer der ehrsamen Wittib
gestrt ... und es gbe gar noch eine Szene, nachts um halb vier ...

_Enfin_ -- was geht's mich an? Decke ber die Ohren und weiter dachsen!

Ja, wenn das so ginge! Die Phantasie hebt an zu spielen -- dringt durch
die Finsternis, die Tapetenwand und malt in rosigen Farben das Bild des
einsam weinenden Kindes da drinnen ... und ach, das bange Schluchzen
dringt auch zum verbarrikadierten Ohr ...

Mut! Es mu!

Gndiges Frulein --? ganz leise, kaum geflstert ...

Das Weinen geht weiter, still und bitter ...

Gndiges Frulein --?

Auf einmal ist's still da drben -- Finsternis und lastende Stille
ringsum ...

Verzeihen Sie, mein gndiges ... Frulein ... ich ... hrte ... ich
ngstige mich ... Sie mchten nicht wohl sein ... Hilfe brauchen ...
darum hab' ich mir die Freiheit genommen ...

Noch immer alles still ... offenbar ist man bse ...

Gndiges Frulein ... ich ... ich will nicht weiter beschwerlich fallen
... Sie wissen nun, da jemand zur Hand ist, wenn's not sein sollte ...
Wenn Sie also nichts weiter von sich hren lassen -- dann -- na dann
darf ich ja wohl annehmen, da ... da alles in Ordnung ist ... und dann
werd' ich also in Gottes Namen weiterschlafen!

Auf einmal ein Laut ... kein Weinen ... auch kein Wort ... etwas
andres ... etwas Silbern-Zwitscherndes -- ein ganz feines, ersticktes
Kichern ...

Ach so --! sagte der Student vllig beruhigt. Na, denn gut' Nacht,
mein gndiges Frulein, und sei'n Sie nicht bse!

Und krachend warf er sich auf die rechte Seite, fest entschlossen, nun
aber auch _a tempo_ --

Da horch! Noch einmal ein Lachen, nun aber hell, bermtig -- und dann
die Stimme, die girrende, die streichelnde der Agnes Sorel:

Aber bitte ... ich mu ja doch danken fr die gute Meinung! Aber sei'n
Sie ganz ruhig -- mir fehlt wirklich nix -- ich hab' nur so ein bissel
fr mich geweint -- das kann doch vorkommen -- gelt?

Na -- wenn's weiter nichts ist ... ich hab' ja solch einen Schrecken
bekommen ...

O -- das tut mir leid -- ich hab' Sie so friedlich -- na ja, so
friedlich schnarchen gehrt -- da hab' ich gedacht: den strst du
nicht ... und da hab' ich halt ein bissel geweint ... Nehmen Sie's nicht
bel, es soll nicht wieder passieren ...

Aber bitte -- von meinetwegen -- ich wei ja jetzt, da es nichts
weiter zu bedeuten hat, wenn Sie einmal nachts weinen -- da werd' ich
mich also knftig auch nicht mehr drum aufregen ...

Ach du lieber Gott -- zu bedeuten hat's schon was ...

Hm ... also doch?! -- -- Knnen Sie mir's nicht sagen?

Ach ... so durch die Tr hindurch ...

Jetzt fingen Hans Thumsers Hnde denn doch ein bichen an zu zittern. Er
suchte nach einer Antwort ... fand keine ... Himmel! Meine unsterbliche
Seele fr einen Einfall ...

Ja ... so durch die Tr ... das geht natrlich nicht recht ...

Endlich ... das erlsende Wort: da ist's:

Aber ... wenn ich Ihnen ... morgen frh ... einmal ... meine
nachbarliche ... Aufwartung machen drfte ...

Hm ... morgen frh?! Es klang so gedehnt ... so ... nach einem leisen
Bedauern ... ach nein ... das war ja doch ... da mute Hans Thumser sich
doch wohl ... verhrt haben ...

Morgen frh? Da hab ich ja Probe von zehn bis zwei ... Da mssen Sie
schon morgen nachmittag kommen ... zum Tee um fnf, wenn Sie mgen --
gelt?

O Gott ... solch eine Einladung ... zum erstenmal in diesem jungen Leben
einem so schnen ... so ... verlockenden ... Mdchen gegenber ... mit
ihr allein ... Gibt's denn so etwas?! Ist das denn mglich?!

Nu -- Sie antworten ja gar nicht? klang's ganz leise. Sind Sie am
Ende gar -- schon wieder eingeschlafen?

Aber mein gndiges Frulein -- wie knnen Sie nur denken ...

Also Sie kommen? Das ist schn. -- Na, nu wollen wir aber auch ... gut
Nacht, Sie -- Sie Fchschen Sie!

Bitte -- Fuchsmajor! rief Hans Thumser fast laut vor Selbstbewutsein.
Also ... wenn's denn sein mu -- gut Nacht, Agnes Sorel!

    Auch jenseits der Loire liegt noch ein Frankreich,
    Wir gehen in ein glcklicheres Land,
    Da lacht ein milder, nie bewlkter Himmel,
    Und schner blht das Leben und die Liebe!

Ja! Wenn man so ein phnomenales Versgedchtnis hat! Und seinen Schiller
_intus_!

Donnerwetter -- allerhand Achtung! kicherte es von drinnen. Da mchte
man ja wahrhaftig -- aber nein -- jetzt wird geschlafen -- gut Nacht,
Herr Fuchs=major=!

Tiefe Stille ... Dunkelheit ... und zitternde Sehnsucht ... zitternde
Hoffnung ...

Hans Thumser fand keinen Schlaf. Zu toll rumorte die Jugendbangigkeit in
seinen Gliedern ...

Er lauschte, ob er wohl noch einen Laut vernhme von da drben ... aus
der Mrchenwelt der Trume ... aber alles blieb stumm ... und endlich
vernahm er durch den lastenden Frieden der Nacht geruhig schwellende,
leise Atemzge ...

Sie schlief ...

Da streckte sich auch Hans Thumser mit einem langen Seufzer ... und
versank.




                                   6.


Valentin Pilgram war erst spt aufgestanden. In wstem Halbschlaf, von
tollen Trumen geqult, hatte er die Nacht verbracht. Nun sa er ber
seinem Drogenwelt-Geruch und knuffte die vier Klassen der
Gradualerbfolge der Novelle 118 in den schmerzenden Schdel hinein.

Da klopfte es heftig an die Tr seiner Bude, und im selben Augenblick,
noch eh er: herein! hatte rufen knnen, scho auch schon die Frau
Kanzleirtin herein, im geblmten Morgenrock, dessen Schleppe hinter ihr
drein waberte, in schleifenbesetztem Hubchen, unter dem die grauen
Strhnen des ungeordneten Haares hervorlugten:

Ach herrjeses, Herr Pilgram, Herr Pilgram, kommen Se doch nur mal
schnell -- 's Kind hat ja en Weinkrampf -- ach es is grlich! Kennten
Se nich gehn und en Doktor holen? Ich hab ja keen' Menschen nich im
Hause ...

Valentin scho in die Hhe. Einen Weinkrampf? Um Gottes willen, was ist
denn passiert?

 Rosenbukett is gekommen, gro wie  Turm ... un dabei  Brief, ne, so
was von einer Unverschmtheit is berhaupt noch gar nich dagewsen ...

Ist sie denn ohnmchtig? Kann ich vielleicht helfen? Darf ich zu ihr
hinein?

I du mein Himmel, Herr Pilgram, se is noch im Neglischee ... na aber, 
Kinstlerin --  Kinstlerin sieht ja schlielich ooch im Neglischee ganz
anstnd'g aus ... kommen Se nur, Herr Pilgram, helfen Se!

Aus der geffneten Tr kam ein warmer Strom von Rosenduft ... und Rosen
berall, ein Rosenschwall, ein Rosenwald ... betubend duftende, schon
leise welkende Rosen ... dazwischen die eigentlichen Blumen der Saison:
Dahlien, Astern, Erika ... und inmitten, auf eine Chaiselongue
hingeworfen, in leidenschaftlichem Schluchzen -- sie ...

Ein riesiges Arrangement von Rosen und Chrysanthemen, in Manneshhe,
lag umgestrzt auf dem Boden -- daneben ein aufgerissenes Kuvert
mit aufgeprgtem Wappen, ein zerknitterter Bogen schweren
Elfenbeinbriefpapieres, und -- -- zwei Hundertmarkscheine ...

Auf dem Tisch aufgereiht die Karten der Spender der brigen
Blumenherrlichkeiten -- Jucunda war offenbar eben beschftigt gewesen,
den Gebern zu danken, prompt und akkurat, wie es zu den geschftlichen
Pflichten einer vielgefeierten Knstlerin gehrt ... da war =das da=
gekommen ...

Frau Buchner hob das Briefchen auf, glttete es und hielt es Pilgram
hin. Da lsen Se's -- und sagen Se, ob so was meeglich is -- so eene
Gemeinheit --!

Jucunda hatte sich beim Klang der Stimme ihrer Mutter aufgerichtet ...
nun tupfte sie rasch mit dem nassen Tchlein die Trnen von den
glhenden Augen, ordnete das wirre Haar und verfolgte mit gierigen
Blicken Valentins Gesichtsausdruck, whrend er das Briefchen durchflog
...

Valentin Pilgram las ... und eine dunkle Zornesflamme schlug ber sein
feierliches Gesicht.

Halunken! knurrte er.

Er las weiter -- nun wendete er das Blatt und sah nach der Unterschrift
... und pltzlich wurden seine Zge ganz starr, und seine Hnde ballten
sich zur Faust. Dann las er zu Ende ... lie das Blatt sinken und
starrte die Schauspielerin an mit Augen, in denen Schreck, fassungs- und
ratlose Bestrzung stand.

Sie ... kennen, scheint's, die Herren --? fragte die Kanzleirtin.

Es scheint, fast -- ja ... entsetzlich fatal ...

Am Ende gar -- Korpsbrder von Ihnen --?

Hm -- wenn's richtige Korpsbrder von mir wren -- denen wollt ich die
Fltentne schon beibringen!! -- aber so ...

Aber -- Sie kennen die Absender?

Ich ... frchte ... ich kenn' sie ... von Dillingen ... von Gorczynski
... Und mit heftig stammelnden Worten erklrte er den Damen, wer es
sei, den er hinter diesen Namen vermuten msse ... und in wie naher
Beziehung diese Herren zu seinem Korps, zu ihm selbst standen ...

Da sehen Sie's! sagte Jucunda. Ein Erbprinz! Ein Frst! das mu man
eben einstecken ... nicht mal verklagen kann man so 'n groes Tier --
sonst engagiert einen kein Hoftheater mehr ... ganz wehrlos und
schutzlos ist man ...

Und wiederum flossen die Trnen ber das weie, herrische Gesicht ...
und auch die Mutter, vom herzbrechenden Weinen der Tochter angesteckt,
schluchzte nun los. Um die Wette weinten die Frauen.

Es arbeitete heftig in Valentin Pilgrams festem, offenem Gesicht.

Nein, sagte er pltzlich hart und stand mit einem Ruck auf.
Schutzlos? Das sind Sie nicht. Guten Morgen, meine Damen.

Wohin, Herr Pilgram? Was haben Sie denn? Was ist Ihnen? rief Jucunda
und hielt den Studenten am Aermel seines Bratenrockes fest.

Ich werde Ihnen Genugtuung verschaffen!

Sie -- mir? Nein, Herr Pilgram, das ... das geht nicht ... Sie werden
ja die entsetzlichsten Unannehmlichkeiten haben ... werden sich
womglich gar um meinetwillen -- nein, das will ich nicht -- das sollen
Sie nicht, Herr Pilgram!

Nee, nee, Herr Pilgram! sprudelte auch die Frau Kanzleirtin, das
drfen Se nich machen! Das kenn' wir ja gar nich von Ihn' verlangen! Das
drfen wir ja gar nich von Ihn' annhm'!

Seien Sie ohne Sorge meinetwegen! sagte Valentin und reckte sich zu
seiner ganzen Lnge. Ich bin Manns genug, so eine Affre standesgem
zu erledigen.

Nein, Herr Pilgram, das dulde ich unter keinen Umstnden! Wie kmen Sie
denn dazu, sich fr mich ... ich bitte Sie, was gehe ich Sie denn
berhaupt an?

Da sah der Student das schne Mdchen mit einem Blick an, vor dem sie
die Augen niederschlagen mute in Schreck und stolzem Machtgefhl
zugleich. Gott, war das entsetzlich ... war das berauschend schn ...
was sie da so jh, so unerwartet erlebte ...

Erinnern sie sich noch an ... gestern abend? sagte der Jngling. Was
Sie mir da versprochen haben?

Ach ... das war so leichtsinnig daher geredet ...

Von =mir= nicht!

Ach ... wie s das war ... dies Bewutsein, da ein Starker, ein Khner
sich einsetzt fr dich ...

Aber nein ... das durfte nicht sein ... mit Blitzesschnelle flogen die
Bilder von hundert schrecklichen Mglichkeiten an ihrem Geiste vorbei.
Er war doch wohl Jurist -- seine Karriere wrde er sich ruinieren --
sein Examen zunchst ... und wer wei -- zwar Prinzen -- die schlugen
sich ja wohl nicht -- aber der Major ... ein Offizier ... ein Duell ...
Himmel, und der junge Mensch hatte ja doch Eltern daheim ... und
schlielich -- auch sie selber konnte eigentlich keinen Skandal
gebrauchen ... was wohl Franz Burg dazu sagen wrde ... und ihr
gndiger, gtiger Herr daheim in Meiningen ...

Herr Pilgram -- das darf nicht sein! Ich bitte Sie, wenn Sie wten,
wie oft unsereine so etwas erleben mu -- wenn man da jedesmal Krach
machen wollte! Die Herren haben's ja wahrscheinlich gar nicht so schlimm
gemeint -- haben sich wohl gar nichts dabei gedacht --

Sie haben ... weinen mssen ... sagte Valentin Pilgram durch die Zhne
... das sollen sie mir bezahlen ... die zwei.

Und mit sanftem Druck machte er die groe, schlanke Hand los, die seinen
Rockrmel noch immer gefat hielt, kte sie ehrerbietig und ging zur
Tr.

Ach -- die dummen Trnen -- rief Jucunda -- das macht nichts, die
sitzen einem Mdchen ja so lose ... sehen Sie, ich lache ja schon wieder
... ich lache ja doch --

Und sieh: da liefen ihr wirklich aufs neue die heien, hellen Tropfen
ber die glhenden Backen ... sie schluchzte wie ein Kind:

Ich will aber doch nicht -- Sie sollen nicht, Herr Pilgram --!

Der war schon aus der Tr, schritt in seine Bude hinber, ri die neuste
grne Mtze vom Nagel und stlpte sie auf den Schdel. Nahm sein
silberbeschlagenes spanisches Rohr und ging zum Flur ... klinkte mit
hartem Ruck die Pforte auf und stieg mit hallenden Tritten die Treppen
hinab. Aus der steinumschnrkelten Pforte des altersgeschwrzten
Barockhauses trat er auf die belebte Katharinenstrae, ging den Markt
hinunter am Ladengewimmel des Rathausparterres vorbei und stolzierte
grimmigen Schrittes die Grimm'sche hinab.

Und dabei sann er, was zu tun. Also jetzt werde ich die beiden Burschen
ankontrahieren mssen -- nicht auf Pistolen, bah! Vor die Klinge sollen
sie mir, vor die krumme! Freilich, der Prinz wird sich wohl hinter seine
Hausgesetze verkriechen und mir einen Ersatzmann prsentieren ... aber
der Major, dieser aalglatte Streber -- der mu 'ran! Hat ja auch wohl
jedenfalls den saubern Wisch verfat -- denn des Prinzen kindliche Pfote
war das nicht, die kenn' ich doch! Na, und dann wollen wir dem mal
zeigen, was 'ne Prim ist!

Hm ... aber ... wie stellt sich das Korps dazu? Der Prinz ist
Konkneipant unseres Bundes, trgt offiziell seine Farben ... also ...
ich werde austreten mssen ... und nicht nur _pro forma_, denn sie
knnen mir ... nach dem Skandal knnen sie mir niemals das Band
zurckgeben ...

Teufel auch, da hab' ich mir ja eine schne Suppe eingerhrt ...

Aber was kann das helfen ... Ritterpflicht ist Ritterpflicht ... kein
Mdchen, und wr's zehnmal eine Komdiantin -- keine soll klagen, da
ihre Ehre schutzlos sei, solange Valentin Pilgram noch eine Klinge
fhren kann ... Hatte er sich nicht ihrem Dienste gelobt -- gestern
abend? Und wie rasch war das nun gekommen, da dies Gelbnis ihn zu
Taten rief!

Geld hatte man ihr zu bieten gewagt ... ihr, die ganz Deutschland
vergtterte ... ihr, die vor seinen Augen dastand in so stolzer
Reinheit, wie eine Heilige ... die hatte man kaufen wollen wie eine ...
wie eine aus den dunklen Gchen der Stadt, durch die am hellsten Tage
niemand gehen mochte --?! Das forderte Blut -- nur mit Blut war das zu
shnen --!

Aber ... du selber, Valentin Pilgram --?

Hm ... ist das nun nicht eigentlich doch ein Narrenstreich? Hat sie
nicht doch recht gehabt, als sie sagte: was geh' ich Sie an --?!

O Valentin Pilgram, Rechtskandidat im achten Semester -- greif' in deine
Brust und frage dich: geht sie dich an -- diese -- diese da?!

Ja -- wenn eine in der Welt, dann geht diese da dich an ... denn,
Valentin Pilgram, so nrrisch das auch klingen mag ... Du bist ...
diesem Mdchen bist du verfallen seit dem Augenblick, als sie durch die
Gasse des jauchzenden Volkes vor Karl den Siebenten trat ... und
zugleich in dein Leben, Valentin Pilgram, schicksalsgewaltig ... fr
immer -- fr alle deine Tage --!

Nun lag vor dem Schreitenden, herbstsonnenbergoldet, der Augustusplatz:
zur Rechten flimmerten die Wasser des Mendebrunnens, reckte sich die
finsterblinkende Front des Museums; zur Linken stieg in heiterer Anmut
der kstliche Bau des Neuen Theaters ins duftige Blau. Dorthin strebte
Franconias Senior, denn er wute zu dieser Stunde das Korps im
Restaurant auf der Theaterterrasse zum Frhschoppen versammelt. Vor ihm
wanderte noch eine andere grne Mtze: Pilgram lie den Frankenpfiff
schallen: da fuhr der Kopf unter der grnen Fuchsmtze herum:

Ah ... Pilgram --

Ehrerbietig zog das blonde Fchschen vor dem gestrengen Ersten den
Deckel und sprang heran.

Also, Hartwig, geh' zum Frhschoppen und sage dem Fuchsmajor, er mge
sofort die Korpsburschen zum auerordentlichen Korpskonvent
zusammenbitten! Ich erwarte die Herren im Flgelzimmer des Restaurants
-- verstanden?

Gewi, gewi, Pilgram -- ich laufe ...

Und vom muntern Frhtrunk weg, von der sonnberglhten Terrasse, wo bei
rauschender Musik die Korps ihren offiziellen Frhschoppen hielten
inmitten neugierig beobachtender Fremden, verschwand ein wohllblicher
C. C. der Franconia unter dem Rundbogen, der zum inneren Lokal fhrte,
und versammelte sich in einem khlen, abseitigen Gastzimmer zum Konvent
-- gespannt, was diese unerwartete Ladung zu bedeuten haben mge.

Die Franken waren's gewohnt, da ein Ausdruck beklemmender Feierlichkeit
sich ber das hagere Gesicht ihres Ersten legte, wenn er den
Korpskonvent erffnete: aber so ... so unheimlich offiziell hatten sie
ihn doch noch niemals gesehen.

Ich habe dem C. C. von einer persnlichen Angelegenheit Mitteilung zu
machen, die -- zu meinem grten Bedauern -- mich in einen Widerspruch
mit den Interessen des Korps bringt. Unser Konkneipant, Seine
Durchlaucht der Erbprinz, und dessen Begleiter Major v. Gorczynski haben
sich einer schweren Beleidigung gegen eine Dame schuldig gemacht. Diese
Dame ... diese Dame steht unter meinem Schutze ... und deshalb sehe ich
mich gentigt, diesen Herren eine schwere Forderung zu bersenden. Ich
kann natrlich nicht erwarten, da das Korps den Erbprinzen zur
Verantwortung zieht ... und deshalb bleibt mir nichts brig, als den
C. C. zu bitten, mir die Entlassung ohne Farben zu gewhren, damit ich
den Ehrenhandel mit einem Herrn, der offiziell zu den Angehrigen des
Korps zhlt, zum Austrag bringen kann. Wnscht jemand zu meinem Antrage
das Wort?

In stummer Verblffung hatten die jungen Herren den Vortrag ihres
Huptlings angehrt -- angesteckt von seiner Erregung, seinem fiebernden
Ernst. Nun baten fast smtliche Korpsburschen ums Wort und verlangten
nhere Erklrungen. Man fragte, wie es mglich sein knne, da der junge
Prinz mit einer Dame, welche der nchsten Verwandtschaft ihres
Korpsbruders angehrte -- denn nur um eine solche Dame konnte es sich
doch handeln -- berhaupt in Berhrung gekommen sein knne?

Die Dame, fr die ich einzutreten habe, ist keine Verwandte von mir ...
es handelt sich um ein junges Mdchen, das auer seinem Vater, einem
lteren, gebrechlichen Herrn, keinen mnnlichen Schutz zur Seite hat --
und fr das einzutreten mir deshalb als die Pflicht eines Ehrenmannes
erscheint, zumal diese junge Dame zugleich eine berhmte und gefeierte
Knstlerin ist ... es handelt sich um die herzoglich meiningische
Hofschauspielerin Jucunda Buchner.

Ein unwillkrlicher Laut des Staunens, der tiefsten Ueberraschung
entfuhr jedem der jungen Herren. Keiner konnte sich den Zusammenhang
erklren ... wute doch auer Hans Thumser noch nicht ein einziger von
ihnen, da ihr Erster, der notorische Verchter alles dessen, was Kunst
und Knstler hie, berhaupt gestern abend bei den Meiningern gewesen
war ...

Ich bitt' ums Wort! rief Ivo Volkner, der temperamentvolle
Rheinlnder, und als der Erste dem Konvent Silentium fr Volkner
anbefohlen: Ja, lieber Pilgram -- ohne uns in Deine persnlichen
Angelegenheiten hineinmischen zu wollen -- aber Deine Erklrungen sind
doch fr uns alle dermaen -- berraschend, da wir doch wohl um etwas
genauere Auskunft bitten mssen ... was ist der ... jungen Dame ... denn
eigentlich passiert ... und wie kommst Du -- gerade Du dazu, Dich zu
ihrem Ritter aufzuwerfen?

Ich will ... zuerst diese letzte Frage beantworten. Oder vielmehr nicht
beantworten. Liebe Korpsbrder, Ihr kennt mich und wit: ich wei im
allgemeinen, was ich tue ... Und wenn ich Euch sage, das, was ich zu tun
vorhabe, das mu sein -- na, dann darf ich vielleicht von Euch erwarten,
da Ihr mir das glaubt. Hab' ich recht?

Allgemeines Gemurmel der Zustimmung.

Also noch einmal: ich halte mich fr verpflichtet, fr die Dame
einzutreten ... und bitte den C. C. ... von einer nheren Darlegung
meiner Motive ... Abstand zu nehmen.

Volkner bat ums Wort und fragte:

Ohne weiter in Dich dringen zu wollen, Pilgram: wir hren doch alle in
diesem Augenblick zum ersten Male, da Du die Dame berhaupt kennst.
Sollten wir dann nicht wenigstens erfahren, wann und ... unter welchen
Umstnden Du ... ihr denn eigentlich dermaen nhergetreten bist, da Du
-- hm! da Du nun dermaen fr sie in die Verlngerung springen willst?

Das kann ich Euch mitteilen ... aber zur Erklrung meiner ... meines
Entschlusses wird's Euch wenig ntzen ... ich mu da schon an ... an
Euer korpsbrderliches Vertrauen appellieren ... ich kenne Frulein
Buchner erst seit gestern abend ... sie ist die einzige Tochter des
Kanzleirats Buchner ... bei dem ich zur Miete wohne.

Also sozusagen -- _filia hospitalis_! sagte Volkner, und ein kurzes,
verstndnisvolles Schmunzeln ging ber die erregten Gesichter der
Korpsbrder.

Nun, ich denke, ich habe Euch zu diesem Punkte mitgeteilt, was ... was
sich irgend mitteilen lt. Und zweitens -- was wolltest Du ferner noch
wissen, Volkner?

Ja -- was denn der Erbprinz eigentlich gemacht hat ...

Er hat sie durch seinen Begleiter zum Souper einladen lassen -- na, das
mchte ja allenfalls gehen ... aber er hat dieser Einladung dadurch
einen nicht mizuverstehenden Charakter gegeben -- da er ... da er
zwei Hundertmarkscheine beigefgt hat ...

Das Lcheln, das bei Erwhnung der Soupereinladung um die Lippen der
jungen Herren aufgezuckt hatte, erlosch ... Rufe wurden laut:

Geschmacklosigkeit!

Donnerwetter, der geht aber aufs Ganze!

Na ja -- ein Frscht -- der denkt eben, er braucht blo auf'n Knopp zu
drcken ...

Ich denke, liebe Korpsbrder, Ihr seht ein, da eine solche infame
Beleidigung -- einem anstndigen Mdchen gegenber -- Frulein Buchner
=ist= ein anstndiges Mdchen, und wenn sie zehnmal eine Komdiantin ist
-- was sagst Du, Thumser? Du kennst sie ja auch?

Hans Thumser hatte mit einem wahren Toben der Gefhle die Verhandlung
verfolgt, ohne selbst das Wort zu nehmen. Mein Gott, wie war aus dem
strahlenden Spiel von gestern so rasch ein grotesker, tragikomisch
grinsender Ernst geworden! Und was war doch dieser offizielle,
banausische Pilgram fr ein Prachtkerl, da er sich fr ein jhlings
erwachtes Gefhl gleich so ganz und rckhaltlos in die Schanze warf!

Ach, und du, Hans Thumser? was soll denn heut nachmittag werden? Mit was
fr Trumen, was fr Begehrnissen, Hans Thumser, trgst du dich?!

Ein anstndiges Mdchen? rief er zur Antwort auf die Frage des Ersten.
Eine Knigin ist sie ... eine Gttin ... Pilgram, ich beneide Dich um
das Glck, fr sie vom Leder ziehen zu drfen!

So berschwenglich brauchen wir das gar nicht mal auszudrcken, sagte
der Erste. Aber ein anstndiges Mdchen ist sie ... und da ich nun mal
zufllig das Pech oder ... das Glck habe, mit ihr unter einem Dache zu
wohnen ... und der erste honorige Mensch zu sein, dem sie sich
anvertraut hat ... so bleibt ja wohl nichts andres brig, als die
Konsequenzen zu ziehen ...

Bei diesen so nchtern klingenden Worten schwoll's in all den jungen
Burschenherzen. Es war der romantische Glanz, der diese Tat ihres
Korpsbruders, ihres Fhrers, umwob, der ihnen allen Sinne und Urteil
blendete. Wenn auch der Idealismus, den das Gymnasium in ihnen erzogen,
durch die Formen blasierten, kaltschnuzigen Lebemannstums verdeckt, ja
stellenweise berwuchert sein mochte -- noch lebte in ihnen allen etwas
von dem Adelsgeiste, unter dessen Herrschaft ihre ganze Jugend, die
Formung ihrer Seelen gestanden ... Wohl stieg in manchem von ihnen das
Gefhl auf, als htte sich doch am Ende ein Kompromi finden lassen ...
noch bedchtigere Seelen bedachten gar insgeheim, da eine solche
Katastrophe, auch wenn Pilgram vorher offiziell aus dem Korps
ausschiede, doch nicht ohne Folgen fr die Beziehungen des Korps zu dem
Erbprinzen und damit vielleicht berhaupt zu den deutschen Frstenshnen
bleiben knne ... In weiter Ferne dmmerte gar hie und da etwas wie der
Gedanke an verpfuschte Karriere, verspielte Zukunftsaussichten ... aber:

    Wer die Folgen ngstlich zuvor erwgt,
    Der beugt sich, wo man die Tiefquart schlgt --
    Frei ist der Bursch!

-- das galt auch heute noch, das galt, das sang man nicht nur, so
handelte man auch -- hol's der Teufel!

Einstimmig ging Pilgrams Antrag durch, ihm die ehrenvolle Entlassung
ohne Band zu erteilen ... Aber durch jedes Herz ging's wie ein schriller
Ri, als nun Valentin Pilgram stumm das grn-gold-rote Band von der
Brust zog, es stumm auf die Mtze legte, die auf dem Tische lag, sich
mit schweigendem Hndedruck von den ... ehemaligen Korpsbrdern
verabschiedete ... und, mit einem Handwink im Kreise, an ihnen
vorberschritt ...

Er ging durch den Schenkraum des Theaterrestaurants, schritt barhaupt
quer ber den Augustusplatz, kaufte sich in der Passage fr seinen
letzten Taler (Gott sei Dank, morgen ist der Erste!) einen einigermaen
schbigen Filzhut und kehrte dann zur Theaterterrasse zurck. Grend
schritt er am Frankentisch vorbei, wo die harrenden Fchse in stummer
Verwunderung ihre Mtzen zogen, lftete flchtig den Hut zu den Tischen
der brigen Korps und trat auf den Neo-Borussentisch zu, an dessen
Spitze der Erste, Herr Borgmann, mit dem gewohnten sffisanten Lcheln
prsidierte.

Herr Borgmann -- kann ich Sie einen Moment sprechen?

Mit dem grten Vergngen, Herr Pilgram ...

Die beiden jungen Herren traten abseits an den Rand der Terrasse, von
der der Blick hinschweifte zum zitternden Spiegel des Schwanenteiches,
auf das braune, rieselnde Laub der Anlagen auf dem alten
Umwallungsgebiet.

Zunchst gestatte ich mir, Ihnen anzuzeigen, da ich aus dem Korps
Franconia ausgeschieden bin ...

Herr Pilgram --!

Sie werden den Grund sogleich erraten: Ich bitte einen wohllblichen
C. C. der Neo-Borussia um Waffenschutz und zugleich Sie persnlich um
die groe Liebenswrdigkeit, Seiner Durchlaucht dem Erbprinzen von
Nassau-Dillingen und Herrn Major von Gorczynski je eine Forderung auf
schwere Sbel ohne Binden und Bandagen auf fnfundzwanzig Minuten bis
zur Abfuhr zu berbringen.


In ratloser Verblffung waren Mutter und Tochter zurckgeblieben, als
ihr Student sich so unerwartet und kategorisch zu Jucundas Ritter
aufgeworfen. Nun sie allein waren, wich die erste Rhrung und
Ergriffenheit bald einem kaltbltigen Erwgen.

Das gibt wee Knebbchen n richt'gen Schkandal! platzte Mutter Doris
heraus. Gucke, das hast Du nu davon, da Du Dich so hast vergessen
kenn'! Schlielich -- so gefhrlich war doch am Ende die ganze
Geschichte nu nich! Man htte den Herrn ihr Geld einfach sollen
wiederschicken -- mit Abzug von's Porto nadierlich -- un den Korb zum
Grtner zurck, un all's war in Ordnung! Statt dem wird der nun hingehn
und wird'n fordern, den Erbprinz, un der Krach is fertig! Un
schlielich, was wer'n die Leite sagen? Die Buchner hat's mit 
Studenten, wer'n se sagen!

Eine Flut von wirren Gedanken wirbelte durch Jucundas Hirn. Da
war so unendlich Vieles, was beglckte, erregte, schmeichelte,
stachelte, berauschte! Welch eine Macht ging von ihr aus -- trieb den
langen Jungen, einen Sohn aus gutem Hause, den Ersten Chargierten
des ltesten und angesehensten Korps in Leipzig -- sie war ihren
Kindheitserinnerungen noch nahe genug, fhlte sich noch immer als
Tochter eines Hauses, das jahraus, jahrein nur Korpsstudenten
beherbergte -- wute das als eine Ehre zu schtzen ... ihn trieb sie in
tolle, aberwitzige Abenteuer, diese unheimliche Macht, die von ihr
ausging ... Achtzehn Jahre, und schon der Mittelpunkt von Tragdien und
Katastrophen ...

Aber da war noch eine andere Stimme: die Stimme der kalt rechnenden
Vernunft, die Stimme der kleinbrgerlichen Gerissenheit, die das frh
gewitzigte Tchterchen einer engbegrenzten Spieerwelt auf ihrem Anstieg
in lichte Hhen des Daseins bisher so sicher geleitet hatte: die warnte
vor dem Skandal ... mahnte zur Ruhe, zur Vorsicht ...

Wenn ich nur wte, was Hoheit in Meiningen zu so einer Geschichte
sagen wrde ...

Nu, ich glaub' nich, da der gndigste Herr shre entzickt mechte sinn,
wenn's Geschichten gibt wegen en Prinzen aus frstlichem Hause ...
meinte die Mutter.

Jucunda sann, an wen sie sich wohl um Rat wenden knnte. Franz Burg!
scho es ihr durch den Sinn. Der wackere, selbstlose Freund und Frderer
htte es wohl verdient, da sie sich berhaupt zuerst an ihn gewandt
htte ... Und das htte sie ja auch sicherlich getan, wenn nicht ihre
Nerven, noch nachzitternd von den gestrigen Fiebern, ihr den Streich mit
dem Weinkrampf gespielt htten ... ja, und da war's eben alles so von
selbst gekommen, das Andre, das Unwahrscheinliche, das s Berauschende
und Erschreckende ...

Mutter Doris war natrlich sehr einverstanden ... Und alsbald war
Jucunda auf dem Wege zu Franz Burg ... wie sie immer zu Franz Burg
gegangen war, wenn sie nicht mehr aus noch ein wute ... es gingen
sehr viele Menschen zu Franz Burg, wenn sie nicht mehr aus noch ein
wuten ...

Ach, wie ging sie gern zu Franz Burg! Erstens war es ein behagliches
Bewutsein, da er verheiratet war -- sehr glcklich verheiratet.
Zweitens war's ein sehr behagliches Bewutsein, da -- nun da er
trotzdem heftig fr sie schwrmte -- so was merkt man doch, nicht wahr?
-- da sich hinter seiner trockenen, reservierten Freundschaft eine
Empfindung versteckte, die gewaltsam gebndigt werden mute ...

Gott, ist das entzckend, so zu fhlen, zu wissen, da man wie eine
allvergtterte Knigin durchs Leben schreitet ... Ihr fiel ein, da sie
einmal von den Indianern gelesen hatte, sie sammelten die Skalpe ihrer
erlegten Feinde ... O Jucunda -- wenn du die Skalpe deiner zur Strecke
gebrachten Verehrer sammeln wrdest ... was fr ein Museum kme da
zusammen!

So sann Jucunda, whrend sie hastig die Petersstrae hinabschritt, den
Weg, den man sie gestern im Triumphzug heimwrtsgefhrt ... Unter dem
Torweg kaufte sie sich die Morgenzeitungen, auer dem Tageblatt, das
sie daheim zum Frhstck schon verschlungen, und las die Kritiken ...
eitel Hosianna ber den ganzen Abend, und sie natrlich der Mittelpunkt
... und hier ein Bericht ber ihre Heimkehr, feuilletonistisch
zurechtgestutzt -- brav so, brav, na ja, so was macht eine bildschne
Reklame, das darf fter passieren!

Erst whrend sie die Anlagen am Roplatz kreuzte, den Knigsplatz
berschritt, kam ihr wieder in den Sinn, weshalb sie sich eigentlich
heut morgen zum Theater aufgemacht hatte, wo sie doch auf Rechnung
der gestrigen Strapaze von der Probe dispensiert war. Nein, dieser
gute Pilgram -- so ein Starrschdel! Eigentlich rhrend ... und doch
ein bichen zum Lachen, da er sich ihretwegen ... des lumpigen Billetts
wegen, das doch wahrhaftig nicht das erste gewesen war und auch nicht
das letzte sein wrde ... da er sich deswegen mit Tod und Teufel
schlagen wollte -- sich sein Leben verpfuschen reineweg! Also solche
Mnner gab es doch auch ... eigentlich eine Wohltat, wenn man so
inmitten dieses marklosen, irrlichtelierenden, an groen Worten sich
betrinkenden und vor jeder Tat mit eingekniffenem Schwanz abseits
schleichenden Knstlervolks lebte ... Franz Burg war ja eine Ausnahme
... aber ob er sich ihretwegen auch nur einem Schnupfen ausgesetzt
htte statt einer Degenklinge -- das bezweifelte Jucunda denn doch
eigentlich ...

Da war das Carolatheater ... Jucunda schritt durch den Eingang,
berquerte das schmale Hfchen, den Kassenflur, in dem sich bereits
wieder das Publikum um die Abendpltze prgelte -- Gott, wie wird Hoheit
sich ber die Kassenrapporte freuen! -- schlpfte durch die knarrende
Eisentr in den Bhnenumgang und horchte am Pfrtchen, das zur Bhne
fhrte. Burg arrangierte eben das Lager ...

Kinder, hrte sie seine Stimme, fat Eure Kriegsknechte man recht
feste um 'n Hals -- Ihr seid jetzt keine hheren Tchter mehr, Ihr seid
Lagerdirnen des Friedlnders, die hatten etwas weniger etepetetige
Umgangsformen als die Leipzigerinnen von 1888! Und wenn's aus Versehen
mal 'nen handfesten Ku absetzt -- na, fr die Kunst mu man eben Opfer
bringen knnen!

Ja -- das konnte natrlich bis zur Erschlaffung so weitergehen ... und
dabei war doch Eile not ... Es half nichts, sie mute unterbrechen ...
obschon sie wute, da er das auf den Tod nicht leiden konnte ... Sie
trat in den halbdunklen Bhnenraum, den nur die offenen Gasflammen der
Proberampe matt erhellten. Da stand Franz Burg neben dem Regietisch,
umringt von der andchtig lauschenden Schar des Volkes.

Suchen Sie mich, Buchner?

Wenn Sie einen Moment Zeit fr mich htten, Meister ... es ist dringend
...

Jucunda strte nicht ohne Grund -- dafr kannte er sie. Aber allzu
gndig klang es nicht, wie er drinnen im Konversationszimmer ein kurzes
Also los! hervorstie.

Und Jucunda berichtete. Ausfhrlich entschuldigte sie sich, da sie sich
nicht zuerst an ihn gewandt ... lie deutlich durchblicken, da ihr die
ganze Geschichte nur so ber den Kopf gekommen ...

Ein sardonisches Schmunzeln zog ber's ausgearbeitete Gesicht des
Oberregisseurs, in seinen dunklen, tiefliegenden Augen tanzten tausend
Teufelchen.

Un wat sall ick dorbi dauhn?

Helfen sollen Sie, lieber Freund! Das darf doch nicht geschehen!

Ganz im Gegenteil, Kindchen -- einer von den dreien mu auf der Strecke
bleiben -- noch besser alle! Die Schdel sollen sie sich spalten --
einander auffressen wie die beiden Lwen in dem berhmten Liede:

    Zwei Lwen gingen einst selband
    In einem Wald spazoren,
    Und haben da, von Wut entbrannt,
    Einander aufgezohren!

Das -- kann Ihr Ernst nicht sein!

Aber blutiger! Was liegt an einem Rechtskandidaten, einem Erbprinzen,
einem Stabsoffizier! Hin mssen sie allesamt werden, damit Jucunda
Buchner im Triumph ber ihren Leichnamen zum Tempel des Ruhms
emporwandelt!

Ach -- mir ist wirklich nicht nach Spen zumut!

Denken Sie, mir?! Merken Sie nicht, Kindchen: alles, was nicht zum Bau
gehrt, ist Publikum, das heit, einzig und allein dazu da, uns zu
bewundern, zu feiern, zu erhhen ... Gestern abend haben sie Ihnen die
Pferde ausgespannt und Sie im Wagen nach Hause gezogen: geben Sie mal
acht, wenn Ihr Student und Ihr Erbprinz sich Ihretwegen gegenseitig
aufgespiet haben -- was die Leute dann erst mit Ihnen aufstecken! Auf
Hnden werden Sie dann nach Hause getragen!

Und ... was wird Hoheit zu der Geschichte sagen?

Hm ... Hoheit ... Burg sann einen Augenblick nach. Allerdings, das war
zu erwgen ... An Hoheit durfte so eine kindische Affre natrlich nicht
herankommen ...

Aber ... wrde es denn berhaupt eine Affre werden? Franz Burg kannte
die Welt und wute, da in ihr nichts so hei gegessen wird, wie
jugendlicher Ueberschwang es kochen mchte ...

Na ... so weit sind wir ja noch lange nicht! lachte er. Vorlufig
wollen wir mal ruhig zusehen, wie das Rummelchen sich historisch
entwickelt ... Is ja ganz nett, auch mal Zuschauer spielen zu drfen!
So, und nun mu ich wieder Affen dressieren -- komm her, Langbeinchen,
gib mir 'n Ku!


Als Jucunda auf der Strae stand, sah sie ihre Kollegin Thny drben in
einem Fenster des ersten Stockes liegen. Sie winkte ihr zu.

Was haben Sie denn da drinnen gemacht, Buchner? Kommen Sie 'nauf, wir
schwatzen ein bissel!

Die beiden Rivalinnen kamen rasch ins Gesprch. Pltzlich fiel's Jucunda
ein, da ihre Mutter daheim mit dem Mittagessen wartete: Na, dem lie
sich abhelfen -- es war nicht alle Tage so nett -- nicht alle Tage
vertrug man sich so gut mit seinen Kolleginnen -- das mute man
auskosten. Sie pfiff sich einen barfigen Jungen von der Strae herauf
und schickte ihn mit einem Markstck und einem Stadttelegramm zum
nchsten Postamt.

  Mu probieren, nicht zum Essen erwarten. Jucunda.

Die Mdchen teilten das frugale Mittagsmahl, das Mutter Ach ihrer
Pensionrin gekocht hatte, und schwatzten, kten sich, schworen sich
ewige Freundschaft ... und Asta Thny hatte ganz vergessen, da sie noch
heut nacht so hei geweint hatte, weil man Jucunda Buchner die Pferde
ausgespannt hatte und ihr nicht ...

Und Jucunda Buchner dachte nicht mit einem Sterbensgedanken mehr daran,
da um ihretwillen ein junger, wackerer Gesell im Begriff war, seine
Zukunft und sein Leben auf ein tolles Spiel zu setzen ...


Erbprinz Heribert und sein Mentor waren beim Dessert ... Zwei junge
Leutnants vom hundertsiebenten Regiment, Shne verarmter
Nassau-Dillingenscher Adelsfamilien, deren alte Herren nur
Infanteriezulage erschwingen konnten, waren zu Tische geladen. Man trank
Pommery und beklatschte Hofskandler der benachbarten Frstenhfe -- da
wurde in dringlicher, persnlicher Angelegenheit Herr Studiosus Borgmann
Neo-Borussiae gemeldet.

Hm ... dringliche, persnliche Angelegenheit? Also bitte ins
Empfangszimmer ... Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine
Herren ...

Sporenklirrend ging der Prinz -- den militrischen Gsten zu Ehren war
er heut in der Uniform seiner Sophiendragoner -- in den Salon hinber,
dessen konventionelle Hoteleleganz durch ein paar erlesene Stcke aus
dem erbprinzlichen Schlo Beauregard eine Art persnliche Note empfangen
hatte.

Herr Borgmann verneigte sich tief. Unter seiner schwarzen Kompresse
waren Stirn und Nase erblat vor feierlicher Erregung.

Durchlaucht ... ich bedaure unendlich ... furchtbar peinliche Mission
...

Darf ich bitten, Platz zu nehmen?

Stotternd entledigte sich Herr Borgmann seines Auftrages.

Hren Sie mal, mein Verehrtester -- das ist ein Witz ... aber ein
fader! sagte der Erbprinz. Einen Augenblick ... ich werde Herrn von
Gorczynski rufen lassen, der ist ebenfalls beteiligt ...

Er klingelte und befahl, den Major zu bitten.

Nehmen Sie mir die Frage nicht bel, Herr Borgmann -- ist bei Ihrem
Herrn Auftraggeber vielleicht eine Schraube los?

Ich bedaure, als Kartelltrger eine Kritik an dem Inhalt meines
Auftrages ... weder selbst ausben noch ... entgegennehmen zu drfen
...

Sehr korrekt! lobte der Erbprinz. Sie haben ganz recht -- verzeihen
Sie. Aber ich bin einstweilen dermaen baff ... So was hab' ich denn
doch nicht fr mglich gehalten.

Und zu dem eintretenden Major mit einem boshaften Schmunzeln:

Nun sagen Sie mal, mein Verehrtester -- was haben Sie uns da denn
eigentlich eingebrockt? Wir werden gefordert! Wir sollen uns prgeln --
weil wir den perversen Wunsch geuert haben, mit der Jungfrau von
Orleans zu soupieren!

Der Major begriff nicht -- mute erst vllig aufgeklrt werden -- und
dann platzte er hell heraus ... Der Prinz stimmte ein, auch Borgmann
glaubte aus schuldiger Hflichkeit mitlachen zu mssen ...

In der Tat, die Sache ist zum Wlzen, sagte der Prinz -- aber Teufel
auch, wie bringen wir diesen rabiaten Burschen, den guten Pilgram, zur
Ruhe? Wie die ganze verfahrene Karre wieder ins Gleis? Ich danke fr
einen Skandal ... die Sache mu unbedingt in aller Stille arrangiert
werden.

Durchlaucht, sagte der Major, ich bin natrlich schuld. Ich habe
unsre ... hm, hm ... unsre vollkommen harmlose Soupereinladung scheinbar
doch ein bichen zu herausfordernd stilisiert ... ich bernehme
selbstverstndlich jede Verantwortung. Zunchst werde ich zu Frulein
Buchner hinfahren, mich als den Schreiber des ... verhngnisvollen
Zettels bekennen ... und fr mich, als den allein schuldigen Teil -- die
Verzeihung dieser ... nun der jungen Dame erbitten. Damit drfte dann
wohl die Angelegenheit vollkommen erledigt sein -- nicht wahr, Herr
Borgmann?

Hm ... ich will's hoffen, meinte Herr Borgmann etwas kleinlaut. Wenn
ich den Fall richtig taxiere, ist mein Herr Auftraggeber in ... na, in
gewissen ... heiligen ... Gefhlen gekrnkt ... die bei etwas
temperamentvollen jungen Leuten leicht eine ... etwas explosive Form
annehmen ...

Ach so -- Koller nennt man das ja wohl, nselte der Erbprinz. Ja ...
aber wenn ein solcher -- hm ... pathologischer Zustand gemeingefhrlich
wird, dann mu eben eine Radikalkur versucht werden. Aeh -- die Sache
det mich ... Ich wnsche, lieber Herr von Gorczynski, da Sie die
Angelegenheit vllig ins Reine bringen, verstehen Sie mich?

Gewi, gewi, Durchlaucht, ich werde es an nichts fehlen lassen ...
hastete der Major beflissen.

Und Sie, Herr Borgmann? Ich rechne auf Ihre Mitwirkung zu einer absolut
geruschlosen Beilegung!

Durchlaucht wollen versichert sein, da ich mein mglichstes tun
werde!

Mit kurzer Verneigung schritt der Prinz an den beiden Herren vorber und
berlie sie ihrer Ratlosigkeit. Auf dem Wege zum Speisesalon brach er
in ein schallendes Gelchter aus.

So eine gerissene Katze -- bringt's fertig, einen Prinzen, einen
Prinzenbegleiter und einen langen Laban von Schlagetot vor ihren
Reklamewagen zu spannen ... und sowas ist achtzehn Jahre alt und spielt
weigewaschene Tugendengel dermaen berzeugend, da einem ganz
kniefllig dabei zumute wird ... Na, warte Du, Dich zhm' ich mir noch
mal, Du se, weie Bestie Du -- das lohnt doch noch der Mhe!

Sie, lieber Aldringen, geben Sie mal 'n Glas Pommery -- aber etwas
lebhaft, bitte!




                                   7.


Major von Gorczynski hatte beschlossen, den Stier bei den Hrnern zu
packen. So etwas Bldsinniges war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht
passiert! Eine Soupereinladung an eine Bhnenprinzessin, die mit einer
Sbelforderung seitens eines Korpsstudenten beantwortet wird! Und noch
dazu eines Korpsstudenten, von dem man mit positiver Bestimmtheit wei,
da er allem, was Theater und Theaterweiber heit, weltenfern steht! Das
war zu abgeschmackt ... Was konnte nur vorgegangen sein, das diese
ausgefallene Konstellation ermglicht hatte! Das mute man
herausbekommen ... Und das Einfachste war, man ging gleich vor die
rechte Schmiede ... Mit dem Mdel war jedenfalls noch am ehesten fertig
zu werden ... Absolut geruschlose Erledigung hatten Durchlaucht
verlangt? Herr von Gorczynski kannte sich jedenfalls mit Mdeln noch
besser aus als mit dieser rauf- und trinkfesten Mnnerjugend in Band und
Mtze, deren Begriffe und Sitten so was mittelalterlich
Unkontrollierbares an sich hatten ... Also auf zu Jucunda!

Frau Kanzleirtin Buchner ffnete selbst die Tr und war nicht wenig
entsetzt, als ein nicht mehr ganz junger, hchst eleganter und --
hm! -- pikfein parfmierter Herr in Gehrock, Zylinder, hechtgrauen
Glacs an der Entreetr stand und Frulein Jucunda Buchner zu sprechen
wnschte ...

Frul'n Buchner is aus -- tut m'r unendl'ch leid ... Aber wenn ich was
kennte bestell'n -- ich bin die Mutter.

Herr von Gorczynski musterte die stattliche, rundliche Frau mit
Kennerblick. Es war nachmittags um vier, aber die ... Dame war noch
immer in Morgentoilette ... geblmter Schlafrock und Schleifenhubchen
... Also aus so einem ... Milieu entstammte das Dmchen, fr das der
Sohn eines hohen schsischen Justizbeamten Korpsband und Karriere in den
Wind schlug ... Hm ... Das vereinfachte die Situation allerdings
auerordentlich. Herr von Gorczynski war auf eine feingebildete Familie
gefat gewesen ... Vielleicht Justiz, Universitt, ein Predigerhaus ...
Und nun ... Na, wenn man mit so etwas nicht geruschlos fertig werden
sollte ...

So ... Sie sind die Mutter ... Na da ist es vielleicht am besten, ich
unterhalte mich erst mal ein wenig mit Ihnen ... Major von Gorczynski
ist mein Name.

Frau Doris fhlte, wie ihr das Herz in die flanellenen Unterhosen
rutschte. Ja, aber ... Sie sehen, Herr Major ... Ich bin Sie ja doch
gar nich angezogen ...

Bitte, das macht nichts ... Was ich Ihnen zu erffnen habe, das knnen
Sie auch unangezogen hren. Also wenn ich bitten darf -- oder wnschen
Sie meine Erklrungen auf dem Hausflur entgegenzunehmen?

Ach nee ... Aber gewi nicht, Herr Major ... Bitte treten Sie ein ...
in die gute Stube ...

Herr von Gorczynski berflog mit demonstrativer Geringschtzung die
verschlissene Herrlichkeit des Buchnerschen Salons. Dann setzte er sich
mit einer gewissen Vorsicht, als frchte er, der Samtfauteuil knne
unter ihm zusammenbrechen, in den grnen Plsch und sah die vor Erregung
fiebernde Frau mit durchdringendem Blick an.

Sie werden sich wohl ungefhr vorstellen knnen, weswegen ich komme,
Frau -- Buchner! begann er scharf. Nicht wahr?

Frau Doris' Kinnbacken schlotterten. Da hatte man die Bescherung!
Und ihr Rat war fern ... Und das Kind ... Und sie mute den ersten
Ansturm des Schicksals ganz allein aushalten, von Gott und aller Welt
verlassen ...

Nu ja, nu nee ... denken ... kann ich mersch am Ende ...

Na also: Um's kurz zu machen: Ihr Frulein Tochter hat eine Einladung,
wie sie in der ganzen Welt Abend fr Abend an tausend und abertausend
Kolleginnen Ihrer Tochter ergeht -- die hat sie damit beantwortet, da
sie mir und ... meinem jungen Freunde, in dessen Namen ich mit
unterzeichnet hatte, eine Forderung auf schwere Waffen hat berbringen
lassen. Darf ich mich zunchst erkundigen, in welchen Beziehungen der
... junge Herr, der sich zum Beschtzer Ihrer Familienehre aufgeworfen
hat, zu Ihrer Tochter steht?

Aber ich bitt' Ihn', Herr Major -- in gar keener Beziehung. Er wohnt
hier im Haus ... zur Miete ... un da is er ... ganz zufll'g is er dazu
gekommen, wie meine Tochter een Weinkrampf hat gekriegt, als das Bukett
ist angekommen ... un der Brief ... un ... un das Geld ...

Hm ... das Geld ... und ... ein Weinkrampf ... verdammt peinliche
Vorstellung ... aber was war zu machen ... man mute oben bleiben.

So ... also in gar keinen Beziehungen ... verehrteste Dame, Sie haben
keinen dummen Jungen vor sich, dem Sie Lederstrumpfgeschichten
aufbinden knnen. Ich will also mal annehmen, der junge Herr ist der ...
Brutigam Ihrer Tochter ...

Ne, ne, wahrhaft'gen Gott nich -- aber gar keene Ahnung ... e junger
Student, ne, ne, wie kenn' Se nur so was denken ... So was hat meine
Jucunda wahrhaft'gen Gott nich neetig!

Hm ... also nicht ... Na dann wollen wir's dahingestellt sein lassen,
welcher Art das ... Verhltnis zwischen den beiden jungen Leuten ist
...

Jetzt hatte Frau Doris sich denn doch gefunden. Die Ehre ihres Hauses,
ihres Mdchens --? Ne, ne, damit durfte man denn doch nicht spaen ...

Heer'n Se, Herr Major, rief sie zitternd, doch mit Entschiedenheit,
das mu ich mir denn doch ganz ergbenst verbitt'n! Meine Tochter hat
kein ... kein Verhltnis nich!

In dem Sinne, in dem Sie das Wort verstanden zu haben scheinen, habe
ich es durchaus nicht gebraucht ... und verbitte mir meinerseits eine
derartige Auslegung meiner Worte! Nun aber zu Ihrem Frulein Tochter!
Hat sie -- und haben Sie als Mutter -- oder wenn Ihr Mann noch unter den
Lebenden ist --

Allerdings -- mein Mann ist der Kanzleirat Buchner -- ein kniglicher
Beamter ... warf Frau Doris ein, Ritter des Albrechtkreuzes zweiter
Klasse ... Sie richtete sich ordentlich auf an all diesen ehrenvollen
Tatsachen.

Na also! Haben Sie alle zusammen sich denn eigentlich nicht klar
gemacht, was ein so ... rabiates Vorgehen denn eigentlich fr Ihre
Tochter ... vielleicht auch fr Ihren Mann ... bedeutet? Ich nehme an,
da Sie bereits in Erfahrung gebracht haben, wer wir eigentlich sind --
wer sich hinter dem Namen von Dillingen versteckt -- h? Wissen Sie das,
Frau Kanzleirat Buchner?

Ja, ja, ich wee -- ich wee, stammelte die gengstigte Frau und fuhr
mit dem Rcken der fleischigen Hand ber die feucht gewordene Stirn.

Na also! Bilden Sie sich denn im Ernste ein, ein solcher Herr werde
sich wegen ... wegen einer Lappalie von einem x-beliebigen jungen
Menschen zur Rechenschaft ziehen lassen? Nee, verehrte Dame, die Sache
kommt anders: Es mchte Ihrer Tochter vielleicht doch peinlich sein,
wenn an ... eine gewisse Stelle ein Bericht ber das ... eigentmliche
Interesse erginge, dessen Ihre Tochter sich in -- hm! Studentenkreisen
erfreut! Und wenn Ihre Tochter sich berlegt, da ihr Kontrakt doch
am Ende noch nicht lebenslnglich und unkndbar ist, und da es sich
wenig empfiehlt, sich die Gunst eines jungen Frsten zu verscherzen,
der einmal der Brotherr eines der greren deutschen Hoftheater sein
wird ... dann wird ihr am Ende klar werden, da es ein bichen bereilt
von ihr war, eine kleine Unbedachtsamkeit -- ich gebe ja zu, da es
eine Unbedachtsamkeit war, Ihre Tochter ohne weiteres in eine Linie mit
der Mehrzahl ihrer Kolleginnen zu setzen ... Aber deshalb gleich nach
Blut -- nach Frstenblut zu lechzen -- das scheint mir doch einigermaen
kindisch!

Vllig zerschmettert hatte Frau Buchner die Suada ihres vornehmen
Besuchers ber sich ergehen lassen. Vor ihrem Auge tanzten hundert
grliche Bilder ... Der gndigste Herr in Meiningen hatte Jucunda seine
Gunst entzogen -- ihr Vertrag war gekndigt ... Vergebens klopfte sie an
die Pforten aller deutschen Bhnen ... Als schwieriges Mitglied wurde
sie berall abgelehnt ... Das Elend lauerte, der Hunger ...

Ne ... ne ... das is ja ne schreckliche Geschichte ... stammelte sie.

Nun, Sie scheinen ja Vernunft annehmen zu wollen. Ich empfehle Ihnen
also, unverzglich mit Ihrer Tochter Rcksprache zu nehmen: Sie soll
ihren ... ihren jugendlichen Beschtzer veranlassen, seine hchst
trichte und kindische Herausforderung zurckzuziehen ... Damit drfte
die Angelegenheit eine fr alle Beteiligten befriedigende Erledigung
finden. Sind Sie dazu bereit?

Aber mit dem greeten Vergniegen -- 's wird sich doch am Ende noch
alles lassen ins reine bringen! chzte aufatmend die gengstigte Frau.

Na also -- der Major erhob sich -- ich rechne darauf, da Sie Ihren
mtterlichen Einflu in diesem Sinne geltend machen. Meine Empfehlung
an Ihr Frulein Tochter ... und ... bse ... braucht sie uns nicht zu
sein ... Die ganze Sache war vollkommen harmlos gemeint ... also ...
adieu, Frau Kanzleirtin!

Frau Buchner knixte ein bers andre Mal, whrend sie den Gast zur
Entreetr geleitete.

Auf der Schwelle wandte der Major sich noch einmal um.

Apropos -- soweit ich unterrichtet bin, hat man bei Ihnen besonders
daran Ansto genommen, da meinem Briefchen ein ... ein kleines Geschenk
... in barem Gelde ... beigelegt war. Vermutlich haben Sie diese ...
diese kleine Aufmerksamkeit ... in Verwahrung genommen?

Allerdings ... das hab' ich ... in meine Wirtschaftskasse hab' ich die
Scheine eingeschlossen ... Jucunda wollte sie zur Post bringen, aber ...
sie wollte sich erscht noch nach Ihrer ... genaueren ... Adresse
erkundigen ... Na un von dem Wege, da is se noch nich zurck ...

Na, dann kann ich ihr ja den Gang ersparen ... Wenn Sie's mir gleich
aushndigen wollten ... und vielleicht -- ganz harmlos, nachlssig
wurde das hingelegt -- vielleicht hndigen Sie mir auch gleich das
Briefchen mit aus, das die Gemter so sehr erregt hat -- und damit wre
ja dann alles in schnster Ordnung ...

Gewi, gewi, Herr Major -- das hab' ich ooch ... alles kenn' Se
kriegen -- ich bin ja froh, wenn ich's aus 'm Hause hab ...


Teufel auch ... das war mehr, als ich gehofft habe! schmunzelte der
Major, als er mit seinem Raube die halbdunkle Stiege hinunterknarrte.

Unten im Hausflur zog er den Brief hervor, entzndete ein Streichholz
und lie das _corpus delicti_ in Flammen auflodern. Die beiden Scheine
aber, die er beim Empfang nur nachlssig in die Westentasche geschoben,
barg er nun sorgfltig in seinem Portefeuille. Es waren immerhin
zweihundert bare Mark ...

Und dann ging er zu Aeckerlein hinber und bestellte eine Flasche
Heidsieck.




                                   8.


Als Hans Thumser inmitten seiner Korpsbrder das Theaterrestaurant
verlie und ber den sonnenflimmernden Augustusplatz, die mittglich
durchhastete Grimmaische Strae nach dem Baarmannschen Lokal am Markt
hinberspazierte, wo das Korps speiste -- da wirbelte ihm der Kopf
dermaen vom Fieber des Erlebens, da die erregten Gesprche der Freunde
nur wie aus weiter Ferne zu ihm herberklangen. Und doch disputierte er
selber eifrigst mit ... Es war ja kein Ende zu finden des Ueberlegens
und Projektierens -- wie alles kommen wrde -- ob man sich nicht
bereilt, ob Pilgram, ob das Korps richtig gehandelt, ob sich nicht eine
minder schroffe Lsung des Konflikts htte finden lassen ... Wie der
Erbprinz sich stellen wrde ... und schlielich doch auch der Hof in
Nassau-Dillingen ... was der fr Weisungen erteilen wrde ... und was
all der welterschtternden Schicksalsfragen mehr noch waren.

Und dabei immer der heimlich bohrende, s erregende, wonnesam
beklemmende Hintergedanke an ... heut nachmittag ...

Und so in Wirrnis und Ahnung verrannen die Stunden ... Jetzt ward alles
andre verdrngt durch das Mitgefhl mit Valentin Pilgrams Schicksal, des
Korpsbruders, der so ganz anders geartet war, mit dessen Wesen das
eigene niemals harmonisch hatte zusammenklingen wollen ... und dessen
starkgemute Jungmnnlichkeit dennoch die lebenshungrige Seele fest in
ihren Bann geschlagen hatte -- lngst eh dies opferstolze Einsetzen
seines ganzen Daseins fr ein fremdes Mdchen, das Kind einer andern
Welt ... eh' diese Tat sein Bild in eine fast heroische Sphre
emporgehoben ...

Und dann wieder schwirrten mit scheuem Flgelschlage die Gedanken um das
eigene Hoffen und Bangen ...

Und seltsam: Astas und Jucundas Bilder, sie rannen zusammen in der Seele
... Wer war's eigentlich, der ihn erwartete heut um fnf? War's nicht
jener Dmon, der in seines Korpsbruders Leben so verhngnismchtig
hineingegriffen? Jucunda! Jucunda! Der Name klang aus allen Gesprchen,
die in der Runde hin und wider flogen ... Da es berhaupt eine Asta
Thny gab, das wute ja nur einer von seinen Freunden, und dieser eine
-- der war fern ... war ausgeschieden aus dem Bunde, dem sein ganzes
Herz gehrte, fr dessen Farben er in siebenundzwanzig Waffengngen sein
junges Herzblut vergossen ... ausgeschieden um jener andern willen ...
und selbst dieser eine hatte sie doch nur auf der Bhne gesehen -- ahnte
nicht, da sie mit Hans Thumser unter einem Dache wohnte ... konnte
nicht ahnen, da sie heimlich nchtens in ihre Kissen weinen und dann
pltzlich lachen konnte, so girrend, so atemversetzend.

Nach dem Mittagessen blieb das Korps beim Kaffee noch lange zusammen.
Die Fchse wurden fortgeschickt, und immer und immer wieder in heftigen
Disputen drehten und wendeten die Korpsburschen das Ereignis des Tages.
Hans aber zog von Zeit zu Zeit heimlich die Uhr und zhlte, wie eine
Viertelstunde um die andere verrann von jenen, die ihn noch von dem
grten Erlebnis seines jungen Daseins trennten ... Und einmal zog er
heimlich auch sein Portemonnaie und stellte fest, da er heute, am
einunddreiigsten Oktober, noch fnfundachtzig Pfennige sein eigen
nannte ...

Teufel auch! Wenn man die Farben eines Korps trgt, kann man unmglich
ohne ein bescheidenes Blmchen in der Hand bei einer Dame zum Tee
antreten ... Und Hans Thumser pumpte sich von Volkner, der immer Geld
hatte, eine Mark ...

Und endlich war's dreiviertel fnf ... Und wie ein Trumender strich
Hans Thumser die Petersstrae hinunter, einen Busch rosa Dahlien, in
Seidenpapier gewickelt, in der Hand ... Zu wem ging's? Zu Asta? Zu
Jucunda? Er wute es nicht ... es ging ... zu =ihr= ...

Und so war's fast eine Selbstverstndlichkeit, da er sie nun =beide=
fand ...

Die Stube schwamm von Zigarettenrauch ... Und auf dem Sofa, eng
aneinandergelehnt, zwei Mdchen ... die, die er zu suchen kam -- und die
andere ...

Ach Gott ... lachte Asta in komischem Entsetzen auf, Herr ... na wie
heien Sie noch? Herr ...

Thumser, stotterte Hans und blieb ganz verdonnert an der Tr stehen.

Richtig, Herr Thumser -- mein Zimmernachbar -- nicht wahr, Sie sind's
doch? Mein Gott, Sie hatt' ich wahrhaftig total vergessen --

O bitte, dann will ich nicht stren, sagte Hans und griff zur Tr.

Ein Kbel Eiswasser, einem glutgedrrten Saharawanderer jhlings ber
den Nacken gegossen ...

Aber nein! Stren! Weglaufen! Gibt's nicht! Und das weiche Figrchen
in der nicht ganz tadellos frischen Batist-Matinee sprang auf, stand vor
dem schlanken Studenten, eine Hand, zart und warm wie ein
sonnendurchglhtes Rosenblatt, legte sich auf die seine und zog ihn ins
Zimmer.

Nicht bse sein! Meine Kollegin ist mich besuchen gekommen, und da
haben wir uns verschwatzt ... Ist's denn schon fnf Uhr? Himmel -- und
wie's hier ausschaut! Frau Wehe! Frau Wehe! Schnell kommen Sie mal her
und rumen S' ab! Gestattest Du, Jucunda? Mein Zimmernachbar, Herr
Studiosus Dummler --

Thumser, verbesserte Hans etwas pikiert.

Pardon -- Thumser -- meine Kollegin Buchner -- die groe Buchner,
wissen S'!

Jucunda grte stumm und kniglich. Sie hatte die grne Mtze, die drei
Farben um die Brust des jungen Mannes wiedererkannt ...

Ich wei ... sagte Hans. Ich war gestern abend in der 'Jungfrau' ...
und ich bin auch unter denen gewesen, die --

-- ihr die Pferde ausgespannt haben -- natrlich! Das nchste Mal, Sie
Schlingel, spannen Sie mir die Pferde aus -- verstanden? Sonst ist's aus
mit der guten Nachbarschaft!

Wird gemacht! sagte Hans, der sich wiederfand. Inzwischen darf ich
wohl als bescheidene Entschdigung diese Blmchen ...

Ach -- das ist famos! Sehen Sie, Jucunderl, es wachsen heuer doch nicht
alle Blumen blo fr Dich ... Und sie drckte den Studenten in einen
der verschlissenen, fettigen Damastfauteuils, welche Mutter Achs beste
Bude verherrlichten.

Einen raschen Blick warf Hans Thumser in der Bude umher. Wild sah's
aus ... auf dem Tisch noch die Reste des bescheidenen Mittagsmahls,
Aepfelschalen und die zerknautschten Mundstcke abgerauchter Zigaretten
trieben sich auf dem fleckigen Tischtuch herum ... und drben auf dem
Bette aufgestapelte Mullrcke und Spitzenhschen, auf dem Schreibtisch
ein zusammengerolltes Korsett, dazwischen unsaubere Hefte mit
ausgeschriebenen Rollen und zerflederte Reclambndchen ...

Asta war diesem Blick gefolgt und sah den Ausdruck von Mibehagen, der
ununterdrckbar das schmissebedeckte tadellos rasierte Gesicht des
korrekten und gepflegten Jnglings berzog.

Bs schaut's aus da drin, gelt? Aber warten S' nur, ich schaff' schon
eine Ordnung! Fa an, Jucunderl, Du bist ja schuld, da ich so einen
feschen, jungen Herrn in so einer Schlamperei mu empfangen! Und Sie,
Frau Wehe -- die noch immer hbsche, kugelrunde Wittib stand mit
nachmittagschlafgerteten Augen in der Tr -- hinaus mit dem Abfall da!
Und ein' Tee kochen S' uns, und Kuchen will ich seh'n und Schlagsahn'
und was sich sonst gehrt! Da haben S' ein Geld! Und wie ein Irrlicht
fegte das dunkellockige Mdchen in der Stube umher, hob den Bettbezug
aus gewebter, leidlich defekter Spitze, das Ueberbett in die Hhe,
stopfte die herumliegenden intimen Kleidungsstcke drunter und deckte
mit einem Spitzbubenlcheln wieder zu, griff in die Nachttischschublade
und warf ein paar Markstcke auf den Tisch, da zwei, drei in die Stube
kollerten und Hans Thumser sich bcken mute, um sie wieder aufzulesen;
griff dazwischen in die Zigarettenschachtel, schob ihren beiden
Besuchern, sich selbst und schlielich auch der verlegen grinsenden
Wittib eine Zigarette zwischen die Lippen:

Da, Herr Dummser -- haben S' Feuer?

Und da flimmerten auch die feuchten Lippen, die dunklen, flackernden
Augen dicht vor Hansens Gesicht, loderten ihn an, whrend sie mit ihm
zugleich am nmlichen Zndholz ihre Zigarette anbrannte ...

Inzwischen sa Jucunda stumm und kniglich auf dem Sofa, ohne eine Hand
zu rhren, und lie ihre runden blauen Augen von einem zum andern
leuchten. Und auch Hans Thumsers Blicke gingen hin und her, von dem
Schalk zu der jungen Knigin, von der jungen Knigin zu dem rastlosen
Schelm ...

Und endlich gab's Ruhe und so etwas wie Ordnung, und mit einem tiefen
Aufseufzen warf Asta Thny sich in das Sofa, kuschelte sich an Jucundas
krftige Schulter ... und nun sahen zwei Augenpaare, das blaue, das
schwarze, den braunugigen Studenten an ...

So, Herr Dummser, nu erzhlen S' uns was!

Hans Thumser war des Umgangs mit weiblichen Wesen wenig gewohnt. Seine
Schwestern waren um vier und fnf Jahre jnger als er, die zhlten, samt
ihrer Freundinnenschar, noch nicht mit, waren Gren, oder wie man daheim
sagte, Blagen ... unfhig, die erhabene Gre eines Studenten, eines
Korpsstudenten, eines Fuchsmajors richtig einzuschtzen. Und das Korps?
Es lebte auerhalb der Leipziger Gesellschaft, war vllig durch Mensur
und Kneipe absorbiert und kam hchstens auf dunklen und verschwiegenen
Pfaden einmal mit verachteten Parias der Weiblichkeit in Berhrung ...

Aber ... er war ein werdender Poet ... und der Zauber der Situation
lste ihm die Zunge, gab ihm Worte, wie sie gesellschaftliche Routine
nicht kennt ...

Erzhlen soll ich Ihnen ... meine Damen? Ach ... ich hab' nichts
erlebt, was des Erzhlens wert wr' in solch einem Augenblick ...
aber ... das darf ich ja wohl sagen, nicht wahr? da ich sehr glcklich
bin ... Ich denke an gestern abend ... ich habe Sie beide gesehen und
bewundert und beneidet um das Glck Ihres Berufs ... den Menschen das
Schne zu offenbaren ... und nun sitz' ich hier ... Ihnen gegenber ...
seien Sie mir nicht bse, wenn das mir zu Kopf steigt und ... mich dumm
und stumm macht ... Sie nennen mich noch immer Dummser, gndiges
Frulein ... und das stimmt, ich bin auch ein dummer Bub, das fhl' ich,
jetzt, wo ich mit Ihnen zusammensitzen darf ... Nein, ich kann Ihnen
nichts erzhlen ... ersparen Sie es mir, mich mit Konversationmachen
abzuqulen ... erlauben Sie mir nur ... da zu sein ... und Sie
anzuschauen ... und zu fhlen, ja bis ins Tiefste zu fhlen, wie schn
das ist ... was fr ein Glck das ist!

Aber warum machen Sie sich selber so schlecht? sagte Jucunda und sah
ihn gro an -- Sie sprechen gar nicht bel ... im Gegenteil -- ich
meine, ich htte noch niemals einen Menschen so sprechen gehrt ...

Du --? sagte Asta, da Du mir dem Jungen nicht zuviel Komplimente
machst! Das ist =meiner=, verstehst Du mich? Aber Du mut immer alles
fr Dich haben ... die Blumen -- die Krnze -- die ausgespannten Pferde
-- die Verehrer, alles mu sie allein haben! Und so was redet von
Freundschaft und Kollegialitt! Schmen sollten S' Ihnen, mein
Frulein!

Hans wurde glhendrot. Ach, meine Damen, machen Sie sich nur immer ber
mich lustig ... ich wei ganz genau, wie wenig ich Ihnen sein kann. Nur
das eine mu ich Ihnen sagen: Sie ahnen gar nicht, was dieser Tag fr
mich bedeutet ... Sie knnen sich wohl nicht vorstellen, wie barbarisch
und rauh dies Leben ist, das wir jungen Dchse so fhren auf deutschen
Hochschulen ... Und seit gestern ist's auf einmal bunt und licht und ...
gro und ... schn um mich her ... seit ich Sie beide kenne ...

Gott, wie s er ist -- gelt, Jucunda? sagte Asta und streichelte dem
Studenten mit einer raschen, zrtlichen Bewegung ganz leise und flchtig
die glhende, narbenzerrissene Wange. Nur mehr so Schnes, nur mehr! So
was kann man gar nicht genug hren!

Ach -- Sie scherzen wieder, Gndigste -- sagte Hans. Sie sind weit
schnere Worte gewohnt ... Sie verkehren am Hof -- inmitten von Geist
und Grazie ... die Dichter, deren Werke Sie verkrpern, huldigen Ihnen
...

Der hat Ahnung, gelt? lachte Asta halb verschmitzt halb schmerzlich zu
ihrer Kollegin hinauf, in deren Arm sie sich drckte.

Nein, Herr Thumser, sprach Jucunda langsam, Sie haben doch wohl eine
etwas -- na sagen wir mal zu ideale Vorstellung von unserm Leben ...
Glauben Sie mir nur, es gibt nicht viel Mnner, die so zu reden wissen,
da es einem wohltut ...

Gewi, ich glaub's -- so verwhnt, so anspruchsvoll wie Sie sein mssen
... denn so jung wie Sie sind, Sie sind berhmt, alles liegt Ihnen zu
Fen, Sie kommen wie das Schicksal ... wehe dem, der Ihnen verfllt
...

Ein Schatten war bei diesen Worten ber die enthusiastischen Zge
geflogen, die flammenden Augen hatten sich verdunkelt.

Jucundas Stirn hatte sich langsam zusammengezogen.

Wie das Schicksal? fragte sie, wie meinen Sie das?

O ... ich dachte an ... eine gewisse Geschichte ... eine sonderbare,
aufregende Geschichte ... von der Sie doch wohl auch wissen mssen ...

Sie ... meinen ... die Sache ... mit Herrn Pilgram? Von der wissen Sie
also auch schon?

Ich wei ... selbstverstndlich wei ich ... wir sind ja doch
Korpsbrder ...

Eine ... Sache? fragte Asta ganz erstaunt. Was hat's gegeben? Hast
mir ja doch gar nichts davon erzhlt, da es was gegeben hat? Heraus mit
der Geschichte!

Ich mchte ... eigentlich berhaupt nicht davon sprechen ... meinte
Jucunda.

Und ich ... ich halte mich ebenfalls nicht fr berechtigt ... setzte
Hans befangen hinzu.

Schne Sachen sind mir das! zrnte Asta. Ich bring' Euch zwei
zusammen, und schon habt Ihr Geheimnisse miteinander, und ich werd'
ausgesperrt und hab 's Zuschau'n! Na wartet -- jetzt kommt der Tee mit
dem Kuchen, hernach setz' ich Euch vor die Tr und ess' alles alleinig!

Jucunda hatte einen Moment sinnend den Rauchwlkchen ihrer Zigarette
nachgestarrt. Es war dmmrig im Zimmer geworden. Frau Wehe kam mit dem
Tee, dem Gebck, zndete die Petroleum-Hngelampe ber dem Tische an,
und hell gleiten nun die drei jungen Gesichter auf dem Hintergrunde der
abgenutzten Stube, die rasch in vlliges Dunkel versank.

Als die Wirtin gegangen, sagte Jucunda langsam: Ich verstehe, da Sie
sich ber die ... Angelegenheit ... die bewute ... nicht gern
aussprechen. Aber Sie werden begreifen: ich bin ziemlich gespannt. Sie
wissen schon drum ... also die Sache kommt doch, scheint's, wirklich an
die groe Glocke. Ich bin ja schlielich doch ein bichen beteiligt ...
Wollen Sie mir nicht sagen, was inzwischen eigentlich passiert ist?

Hm ... wenn unsre ... gtige Gastgeberin gestattet, da wir uns in
ihrer Gegenwart ber ... eine Sache unterhalten, die sie nicht ... in
die wir sie nicht einweihen drfen? Na macht schon, macht schon ...
maulte Asta, Ihr brennt ja darauf, Eure Geheimnisse auszutauschen ...
ich ess' Kuchen. Und wtend bissen ihre blinkenden Zhne in einen
braunlchelnden Mohrenkopf.

Also kurz ... Er ... ist aus dem Korps ausgetreten ... und hat die ...
die bewuten beiden Herren auf Sbel ohne ohne gefordert ... Gengt
Ihnen diese Andeutung? fragte Hans.

Hm ... und mehr ... wissen Sie also noch nicht?

Noch nicht.

Immerhin ... also der Skandal ist fertig. Schne Bescherung ...

Hol Euch der Satan, Kinder, Ihr macht eins aber wirklich neugierig wie
eine Ziege! sagte Asta und lie die kuchenstopfenden Finger sinken.
Sbelforderung -- Skandal ... und dabei habt Ihr Euch vor einer halben
Stunde erst kennen gelernt vor meinen sehenden Augen ...

Gott, warum soll man's ihr schlielich nicht erzhlen? meinte Jucunda.
Morgen wei es ganz Leipzig ...

Hast einmal wieder was, womit Du Dich kannst int'ressant machen,
Jucunderl? Gott, das Mdel hat einen Dusel! Da es um Dich geht, soviel
hab' ich schon heraus ... Also es werden zwei sich die Kpf'
entzweischlagen Deinetwegen ... hernach schauen die Leut' unsereins
berhaupt nicht mehr an ... und so ist's in allem! Schon wie's heit --
Jucunda! Wie kommt blo ein Vater auf die Idee, so ein Wurm 'Jucunda' zu
taufen? Als ob er damals schon geahnt htt', da das Kind einmal wird
unters Theater gehen! Sag' doch, Mdel -- wo kommst an so einen Namen,
so ein' ausgefall'nen?

Ach -- das ist einfach genug ... da war eine alte Tante, die eine
Beamtenpension zu verzehren hatte und so schne uralte Mbel und Bilder
gehabt hat aus der Goethezeit ... um die sind alle Verwandte herum
gewesen erbschleichen ... aber meine Eltern haben den Vogel abgeschossen
und mich nach ihr getauft ... das hat sie so erschttert, da sie mir
den ganzen Krempel vermacht hat ...

Ach -- und nun hast Du das ganze schne Zeugs?

I Gott bewahre -- verkauft hat's mein Vater und fr mich in einem
Sparkassenbuch angelegt ... und davon sind mein Studium und meine
modernen Kostme bezahlt worden -- paar Groschen werden wohl auch noch
da sein, denk' ich ...

Ja schaust, was Du fr ein Glckskind gewesen bist ... Astas Augen
irrten in die Ferne, ein ganz fremder Ausdruck von Bitterkeit und Ekel
umschattete das pfirsichweiche Oval. -- So eine Tante wenn ich gehabt
htt', meinetwegen htten s' mich Eulalia mgen taufen! Ich hab' das
alles allein mssen schaffen, so gut oder -- so hundsftt'sch wie's hat
gehen mgen ... Dabei wird man ein armes, gerissenes, mit allen Hunden
gehetztes Wildkatzerl allenfalls ... und wenn man ein bisserl Talent
hat, hernach wurschtelt sich eins am End' auch noch rechtzeitig in die
Hh' ... aber eine Priesterin, vor der die Menschen sich platt auf den
Bauch schmeien, eine Jungfrau von Orleans wird man nicht auf die Art!

Mit herablassender Zrtlichkeit streichelte Jucunda die zierliche
Kollegin. Ich sollte meinen, Asta, Du knntest noch ganz zufrieden sein
mit Dir -- nicht wahr, Herr ... Gott, dieser lcherliche Name -- schon
wieder hab' ich ihn verschwitzt --

Herr Dummerle! half Asta ein, und um die schmerzlich verzogenen Lippen
huschte schon wieder der Schalk.

Hans Thumsers Blicke wanderten rastlos von einer zur andern. Welches
Glck, da er den goldenen Apfel des Paris nicht zu vergeben hatte!

Und Valentin Pilgram? Und die Affre? Schon lngst wieder versunken ...
kaum die Oberflche des Gesprchs hatte sie gekruselt, die Geschichte
von dem wackren Gesellen, der um dieses achtzehnjhrigen Weibes willen
sein Blut, sein Schicksal aufs Spiel gesetzt hatte -- als Dank fr ein
paar freundliche Worte, die sie ihm geschenkt ...

Dieser Gedanke tauchte dann und wann flchtig auf in Hans Thumsers
Denken -- aber die Gegenwart, die nie erlebte, der beiden jungen,
blutjungen und doch schon aller Machtmittel ihres Geschlechtes kundigen
Geschpfe verdrngte das Bild des Korpsbruders, das heut morgen in so
lichtem Heroenglanze gestrahlt hatte.

Sagen Sie, Herr Thumser, was studieren Sie eigentlich? fragte Jucunda.

Gott, was studier' ich? Die Geheimnisse des S. C. Paukkomments -- die
Kunst, eine Tiefquart unter der steilsten Auslage hindurch in die
Nasenspitze des Gegners zu dirigieren ...

Das glaub' ich nicht ... so sehen Sie nicht aus, als ob das alles wre,
was Sie treiben ...

Na ... meine kmmerlichen Versuche, mich mit der Juristerei
anzufreunden, werden Sie mir doch wohl kaum am Gesicht ansehen knnen?

Das nun schon gar nicht! Nein, es steckt noch etwas andres hinter Ihnen
--

Soll ich's verraten? fiel Asta ein -- ich wei es nmlich ...

Und mit ihrem Spitzbubenlcheln, das Kpfchen tief auf die weiche
Schulterlinie geneigt, fing sie an zu rezitieren:

    Ich bin ein junger Korpsstudent,
    Die Schuhe Lack, der Rock patent,
    Korrekt und schick an mir ist alles --
    Im Portemonnaie nur --

Halt! Gnade! rief Hans und legte seine Hand beschwrend auf Astas
runden Unterarm -- von dessen Wrme se Schauer in seine Fingerspitzen,
seine Arme, sein Blut hinberstrmten.

Ach -- sieh da -- Verse -- und von Ihnen? fragte Jucunda. Also ein
junger Schiller -- oder Goethe? Sieh da!

Ach Gott -- diese elenden Knittelreime -- wenn man nichts Besseres
knnte ...

Oh -- das ist aber nicht hbsch von Ihnen, da Sie sich meinetwegen so
wenig angestrengt haben -- sagte Asta. Na, was knnen Sie denn
Besseres? Heraus damit!

Jawohl, Herr Poet, eine Probe Ihrer Kunst!

Hans Thumser lie sich nicht lange bitten. Er sann einen Augenblick
nach. Dann richtete er sich unwillkrlich etwas auf, ein feierlicher,
strahlender Ausdruck kam in seine Zge; und in tiefinnerer Bewegung
sprach er:

    Abgrnde klaffen rechts und links
    Von meinem schwindelschmalen Pfade,
    Und hinter mir schleicht stumm die Sphinx --
    Doch ber mir geigt Engelsgnade.
    Ich aber will nachtwandlerkhn
    Den Gratgang bis ans Ende wagen,
    Und hell durchsonnt von Morgenglhn
    Der Harfe gold'ne Saiten schlagen!

Ah ... bravo ... das ist wirklich ein Gedicht ... sagte Jucunda. Sieh
da -- wer htte das hinter diesem wandelnden Modejournal gesucht ...

Oh ... seh' ich aus wie ein wandelndes Modejournal?

Na, so seht Ihr Korpsstudenten doch alle aus ...

Gott ja -- es braucht ja nicht jeder Poet auszusehen wie die Jnglinge
aus dem Caf Grenwahn -- von denen mir ein Berliner Korpsbruder
neulich erzhlt hat.

Nein, da haben Sie recht, sagte Jucunda. Die Sorte kenn' ich auch --
aus der Zeit unseres Gastspiels am Viktoriatheater ... ich denke mir,
der junge Goethe ist hier in Leipzig auch so etwa wie ein wandelndes
Modejournal herumgelaufen, whrend seine Kollegen lange fettige Haare
und schmutzige Hemdkragen trugen ... Sieh da -- also so schaut ein
junger Dichter aus ... alte kenn' ich ja schon diesen oder jenen, aber
das waren alles sehr verschlissene, sehr diplomatische, sehr nchterne
und ... ernchternde Herren ... Sie sind nicht nchtern, Herr Thumser,
Sie laufen wie in einem ewigen Rausch herum -- wenn Sie auch noch so
schneiderelegant aufgemacht sind ...

Ja, das ist wahr! sagte Hans lebhaft. Ewiger Rausch! Sie haben recht!
Ich bin immer wie betrunken von ... von all dem Herrlichen um mich her
-- von all dem Neuen und Gewaltigen, das jede Stunde bringt! Ist nicht
die Welt ein einziges, ungeheures Wunder? Und so ein armes Menschenherz
viel zu klein und eng, um das alles zu fassen? Und wenn man's nun so
erleben darf, die Schnheit, die Kunst, die Poesie leibhaftig vor sich
zu sehen ... wie in Ihnen, Jucunda Buchner ...

Die braunen Augen hingen an den blauen, die blauen an den braunen -- mit
hochaufgerichteten Leibern saen die jungen Menschen einander gegenber,
und Strme des Lebens rauschten von einem zum andern.

Jucunda fhlte sich wachsen in dieser naiven Bewunderung eines Menschen,
in dem ihr weiblicher Instinkt die grenden, schumenden Krfte witterte
... und Hans Thumsers glubiges Mrchenherz erblickte in dem weien, vom
Schpfer in einer Knstlerlaune so edel ausgeformten Gesicht die
fleischgewordene Schnheit, herabgestiegen vom Himmel, um ihm, dem
Werdenden, die Flle zu offenbaren ...

Auf einmal fuhren beide herum: ein Ton, ein erstickter, war in ihre
Versunkenheit gedrungen -- ein Ton, den Hans schon einmal vernommen zu
haben meinte: der Ton eines bittren, unbezwinglichen Weinens ...

Asta Thny hatte den Kopf in die Finger gedrckt, die Hnde auf die Knie
gepret ... ganz in sich zusammengekauert sa sie da, die zierlichen
Schultern zuckten, aus dem Nest der schwarzen Flechten hatten sich ein
paar glnzende Locken gelst und rollten ber den weien Nacken ...

Aber Kind -- was ist Dir nur? fragte Jucunda und legte den Arm um die
Hften der Kollegin.

Aber die schttelte die Umschlingung ab, sprang auf, eilte zum Fenster
hinber und lehnte den hochgehobenen Arm, die tiefgesenkte Stirn an die
Scheiben ...

Aber ... was ist Ihnen denn nur, gndiges Frulein? stammelte Hans
Thumser.

Ach, geht mir doch -- lat mich doch in Ruh, Ihr zwei! Poussiert doch
miteinander, so viel Ihr Lust habt -- aber nicht in meiner Gegenwart!

Aber Kind! sagte Jucunda, stand auf, sah Hans an mit einem Blick, der
fr die Kollegin um wohlwollende Nachsicht zu bitten schien, wie fr ein
trichtes, verzogenes Kind, und trat zu ihr ans Fenster.

Ach, gehen Sie doch, Buchner -- lassen Sie mich! Es ist ja immer
dieselbe Geschichte! Alles mssen Sie fr sich haben, alles belegen Sie
mit Beschlag -- alles mu zu Ihren Fen liegen, keiner andern gnnen
Sie was! Den Jungen da, den hab' ich nun entdeckt -- und kaum hab' ich
ihn eingeladen, schon sind Sie da, als wenn Sie's gewittert htten --
und gleich geht's los, das alte Spiel -- nur Jucunda Buchner redet, man
sieht nur sie, man hrt nur sie, man vergafft sich nur in sie, nichts
existiert auf Gottes weiter Welt, nichts und gar nichts, als einzig und
immer wieder Jucunda Buchner!

Herr Thumser, ich bitte Sie um Ihr unparteiisches Zeugnis! sagte
Jucunda ruhig, ganz beherrschte Weltdame -- ist das nun gerecht, wie
diese Dame mich behandelt? Habe ich auch nur den geringsten Versuch
gemacht, Sie -- wie hat sie gesagt? -- mit Beschlag zu belegen? Haben
wir nicht vollkommen harmlos geplaudert alle drei? Und auf einmal aus
heitrem Himmel diese Explosion? Habe ich das verdient, Herr Thumser?
Bitte, sprechen Sie.

In tdlichster Verlegenheit hatte Hans Thumser diesen Ausbruch, dieses
Zwiegesprch der Kolleginnen ber sich ergehen lassen. Er suchte
vergebens nach der rechten Antwort auf Jucundas Frage.

Gndiges Frulein ... stammelte er zuletzt, verzeihen Sie, wenn ich
auf Ihre Frage nicht antworte. Wir sind beide Frulein Thnys Gste ...
Ich bin untrstlich, da ich Ihr Mifallen erregt habe, Frulein Thny
... ich darf Ihnen zwar versichern, da es keineswegs meine Absicht war,
Sie irgendwie zu ... wie soll ich sagen? ... zu vernachlssigen ... Wenn
ich dennoch ... es an der schuldigen Rcksicht habe fehlen lassen -- so
bitte ich tausendmal um Entschuldigung ...

Asta Thny antwortete nicht. Sie stand noch immer am Fenster ... der
Schein der Straenlaternen von drunten umrandete ihre dunkle Silhouette
mit einem silbernen Streif -- den weien Batist, den zarten Flaum des
Armes, die Flimmerlckchen des schwarzen Haars. Wie das Kabinettstck
eines der hollndischen Kleinmeister sah das aus.

Jucunda und Hans blickten einander an -- der Jngling in ratloser
Befangenheit, das Mdchen gelangweilt, mit verdrossenem Achselzucken ...

In diesem Augenblick erklang drauen eine heftige, erregte Stimme, die
Jucunda auffahren machte:

Na, Gott sei Dank und Lob -- endlich also! G'sucht hab' ich das Mdchen
durch die halbe Stadt ... nee so was, nee so was!

Die Tr sprang auf, und eine massive Frauengestalt fllte den Rahmen --
Frau Wehe verschwand fast ganz hinter dem roten, schwitzenden Gesicht,
das von den Samtschleifen, den Seidenbndern eines schwarzen Kapothutes
eingesumt war -- hinter den mchtigen Schultern unterm perlbesetzten
Samtcape ...

Jucunda -- endlich ... Wenn Du wtest, was ich hab' mssen aussteh'n
diesen Nachmittag Dir zuliebe ... Da mich der Schlag nicht hat
gerhrt, das is mir  blaues Wunder ...

Mutter -- Du? sagte Jucunda langsam und ungndig. Sie empfand dunkel,
da diese Erscheinung in schroffem Widerspruch stand zu dem mystischen
Glanz, der, sie wute es, von ihr ausging, wenn sie wollte, und wenn der
Glckliche, der in diesem Glanze stand, die ntige Naivitt besa.

Was ist denn passiert? Darf ich zunchst bekannt machen? Meine Kollegin
Frulein Asta Thny -- Herr Studiosus -- na wie war's doch noch?
Dummser, nicht wahr?

Thumser, sagte Hans.

-- meine Mutter, Frau Rat Buchner. Also was steht Dir zu Diensten,
Mama?

Nu nee -- ich wee nich recht, ich mecht wohl mal e Wertchen mir Dir
alleene sprech'n, Jucunda ... Entschuldigen Se nur, meine Herrschaft'n
-- aber kannste nich e bichen mit mir uff de Strae 'nunter kommen,
Kind?

O bitte, gndige Frau, wenn Sie mit Ihrem Frulein Tochter etwas unter
vier Augen zu besprechen haben -- fiel Hans Thumser ein -- meine Stube
ist nebenan, die steht Ihnen mit Vergngen zur Verfgung -- darf ich
Mutter Ach -- Frau Wehe, wollt' ich sagen, darf ich ihr Auftrag geben,
da sie Licht macht?

Jucunda dankte mit einem Lcheln, khl und hoheitsvoll, wie nie zuvor,
als glte es, den etwas befremdlichen Eindruck, den das Erscheinen ihrer
Mutter gemacht, durch doppelt knigliches Wesen wettzumachen. Und Hans
und Asta blieben allein zurck.

Stumm war's im Zimmer, whrend jenseits der Tr, jenseits der beiden
Kleiderschrnke, die sie hben und drben verbarrikadierten, ein
erregtes Flstern anhob. In weien Schwaden lag der Zigarettenqualm ber
dem Tisch, wob um die Hngelampe, ward von Wrmestrudeln in ihren Schirm
hineingesogen und stieg um ihren Zylinder steil wie aus einem Schlot
empor.

Ein weiches, brderliches Gefhl zog Hans zu dem Mdchen hin, das noch
immer schweigend am Fenster stand, vom Laternenlicht umsilbert, von
stoweis zuckendem Schluchzen den schlanken Leib geschttelt.

Frulein Asta! sagte er und trat ein paar Schritte auf sie zu; das
Herz schlug ihm bis in den Hals. Nun war es da: er war zum erstenmal in
seinem Leben mit einem Mdchen allein.

Sie antwortete nicht, nur heftiger flossen ihre Trnen beim Klang der
gedmpften Stimme, die so erregt, so gtig ihren Namen sprach.

Frulein Asta, sagte Hans noch einmal, so wahr ich lebe, ich habe
nicht daran gedacht, da mein Benehmen Sie krnken knnte. Und Sie
mssen mir's glauben, wenn ich Ihnen sage: es war reiner Zufall, da
ich ... da ich mich mehrmals hintereinander mit meinem Gesprch
nur an Frulein Buchner gewendet habe -- ich wei wohl, da ich
gesellschaftlich noch nicht sehr gewandt bin ... aber ... Frulein
Buchner ... Ihnen ... vorziehen ... daran hab' ich ja mit keinem
Sterbensgedanken gedacht ... ich wre doch auch ein Narr ... Sie ...
Sie sind ja so ein ... so ein wundervolles Geschpf ... Sie ahnen ja gar
nicht, wie ich ... hingerissen gewesen bin ... gestern, wie ich Sie auf
der Bhne sah ...

Er lauschte, ob eine Antwort kme ... aber regungslos stand das Mdchen,
Arm und Stirn an die Scheiben gepret, die von der Wrme ihrer Glieder
mit einem feinen Nebel beschlugen. Und wie Hans sich zage, Schritt um
Schritt, der Fensternische nher schob, fiel sein Blick auf die
Sophienstrae: drben, vorm Eingang des Carolatheaters, drngte sich
schon wieder, noch weit ber eine Stunde vor Beginn der Vorstellung, ein
dichter Menschenhauf, des Augenblicks wartend, da die Kasse sich zur
ersten Wiederholung der Jungfrau ffnen wrde. Noch nicht
vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit er Asta Thny zum ersten
Male gesehen ...

Aber ihre Trnen waren versiegt: sie harrte, ohne sich zu rhren ... es
war, als lausche sie ... als lechze sie, mehr zu hren ... mehr ...

Hans Thumser fhlte, wie alle seine Glieder nur ein einziges banges,
verlangendes Beben wurden ... auch seine Stimme bebte heftig, als er
weitersprach, ohne zu wissen, was er sagte ...

Asta ... ich habe noch nie ... noch nie ein Mdchen berhrt ... ich bin
ein ganz dummer, dummer Bub ... Sie ... Sie mssen Geduld mit mir haben
... Wenn Sie ahnen knnten, wie mir zumut ist ... wie ich mich sehne ...
ach, wie namenlos ich mich sehne ... ach, und ich hab' mich ja schon so
gesehnt ... seit ich Sie gesehen hab' da drben ... in Ihrer Schnheit
... und heut nacht, o Mdchen, wie haben meine Gedanken, meine Trume
sich an Dich gedrngt ... hast Du das denn nicht gefhlt? nicht geahnt?
Seien Sie doch nicht so stumm, sagen Sie mir doch, da Sie mir verziehen
haben ... mir ist ja so bang, so namenlos bang ist mir nach Dir ...

Da wandte das junge Weib sich um ... Ihre duftenden Arme warf sie dem
Knaben um den Nacken und berflutete ihm die Lippen, die Augen, den Hals
mit dem schumenden Strom ihrer Ksse.


Also, Jucunda, Du weet nu, was die Glocke geschlagen hat ... beendete
drben in Hans Thumsers Studentenbudchen Mutter Doris ihren Bericht ber
die schwerste Stunde ihres Lebens -- wie sie den Nachmittagsbesuch des
Herrn vom Nassau-Dillingenschen Hofe genannt hatte. Sie thronte auf dem
Kanapee unter den gekreuzten durchbohrten Mtzen, den staubigen,
verblichenen Bndern in ihrer ganzen schnaubenden, dampfenden
Leiblichkeit ... Die Korsettstangen knackten unter den keuchenden
Atemsten der eingepreten Lungen, die fleischige Hand wedelte ohn'
Unterla mit dem feuchten Taschentuch den beperlten Hngebacken
Erfrischung zu. Jucunda sa stumm in einem der geblmten Fauteuils, mit
zusammengepreten Lippen, das stolze Haupt ein wenig zurckgeneigt, die
blauen Augen starr zur Decke gerichtet. Sie schwieg auch, als die Mutter
ihren Bericht geendet und erwartungsvoll an den Zgen der Tochter hing.

Nu rede Du aber geflligst ooch en Ton! polterte Mutter Doris
schlielich heraus. Ich mein', ich htte mich nu gengend abgerackert
fr Dich!

Na, wenn Du meine Meinung denn wirklich hren willst, Mutter: Du
scheinst mir eine mrchenhafte Dummheit begangen zu haben.

I herrjemersch nee ... nu wird mer'sch aber doch zu tolle! Und was wr'
das fier  Dummheit, wenn's gefllig wr?

Wie Du den Brief hast herausgeben knnen, Mutter, das versteh ich
einfach nicht ... das Geld, mag sein, obgleich mir's schon lieber wre,
ich htte einen Postquittungsschein in Hnden ... aber den Brief --
unglaublich einfach!

Sie sprang heftig auf, stie den Fauteuil mit einem Ruck zur Seite, da
er in seinen Grundfesten krachte, und rannte zum Fenster -- starrte
hinaus, wie drben vorher die zierliche Kollegin ...

Ach ... da drunten drngten sich die Massen -- eben war der Kassenflur
geffnet worden -- stieen sich, balgten, prgelten sich um den Vorrang
... wem galt das alles als ihr? Die alle da unten, hatten die einen
anderen Gedanken als -- Jucunda Buchner?

Und nach der Tortur dieser letzten Viertelstunde, nach all dem Ekel, der
Zukunftsbangigkeit, die in ihr aufgequollen war beim Bericht der Mutter
-- kam da auf einmal eine wunderbare Gelassenheit ber das Mdchen. Pah
-- was konnte ihr geschehen?!

Inzwischen hatte Mutter Doris sich von ihrem ersten Schreck erholt.

Nee, weete, Jucunda, ich versteh Dich nich, wahrhaft'gen Gott, ich
versteh Dich nich. Erscht stellst Du Dich an wer wee wie shre, da De
so n Brief kriegst, un ... un das andre ... un nu kommt der, der Dir's
geschickt hat, und holt sich's wieder ab -- un nu is ooch wieder nicht
recht -- -- un ich hab' Dir doch blo die scheiliche Geschichte woll'n
vom Halse halten ... nee, nee, so was! Das htt' ich wissen sollen, dann
htt' ich dem dicknsigen Herrn ganz einfach gesagt: kommen Se
geflligst wieder, wenn Frulein Jucunda Buchner derheeme is -- mich
geht's nischt an!

Httest Du das man getan, Mutter ... Ich htte dem Herrn schon
beigebracht, wie man mit Jucunda Buchner spricht -- das kannst mir
glauben! Ach -- aber es ist ja alles egal ...

Sie reckte sich ... ein harter Glanz kam in ihre Augen ... Noch eine
knappe Stunde, und die Rampenlichter flammten auf, und sie tauchte
hinein in ihren blendenden Schimmer -- und von jenseits, aus dem dunkel
ghnenden Zuschauerraum, dampfte die Vergtterung der anderthalb Tausend
ihr entgegen ...

Was wirscht De denn nu anfangen? fragte Mutter Doris ganz halblaut.
Wo der Herr Major doch verlangt hat, Du sollst machen, da der ... der
Herr Korpsstudent seine ... seine Aufforderung zum Duell ... da er die
zurck tut nhm'!

Jucunda versank in einen Wirbel der Gedanken. Das Bild des jungen
Gesellen stieg in ihr auf, der so viel fr sie getan ... aus einem
ritterlichen Empfinden heraus, das so einfach, so natrlich war, da
Jucunda es wohl verstehen mute, wrdigen konnte in seiner schlichten,
starken Mannhaftigkeit ... Und nun sollte sie selber von ihm verlangen,
da er den khnen, verhngnisvollen Schritt, den er zu ihrem Schutze
getan -- rckwrts tun sollte ... Sie war in einer Luft gro geworden,
in die immerfort, aus den Stbchen der Mieter ihrer Eltern in die gute
Stube da hinten mit den grnen Plschmbeln, in die Trume ihres eigenen
Mdchenkmmerleins hinein -- die romantischen Vorstellungen und Begriffe
von korpsstudentischem Schneid, von Burschenehre hineingeweht waren ...

O sie wute ganz genau, was es fr den weiland Ersten Chargierten der
Franconia bedeutete, aus dem Korps auszutreten, um einen Prinzen, der an
offiziellen Kneipabenden die grne Mtze anlegte, zum Sbelduell fordern
zu knnen ... und was es nun erst bedeuten mute, wenn sie ihm
zumutete, seine Forderung zurckzunehmen, ohne da eine Shne erfolgt
war ... ohne selbst eine formelle Bitte um Entschuldigung ... denn als
eine solche konnte doch der Besuch des Majors, seine unverblmten
Drohungen, die Erlistung des Briefes und des Geldes aus der Hand der
hilf- und ahnungslosen Mutter unmglich aufgefat werden ...

Immerhin -- hier war der Ansatzpunkt. Die Sache mute dem Studenten so
dargestellt werden, als habe der Major den Auftrag gehabt, eine Bitte um
Verzeihung im eigenen Namen und im Namen seines prinzlichen Zglings
zu berbringen ... als ob er diese Bitte auch tatschlich berbracht
habe ... und wenn sie, die Beleidigte, sich mit dieser Genugtuung
einverstanden erklrte, dann war ja doch wohl fr ihren Beschtzer kein
vernnftiger Grund mehr, seine Forderung aufrecht zu erhalten ... und
alles in schnster Ordnung ...

Alles in Ordnung? Nein ... Jucunda war ein viel zu klarer Kopf, als da
sie die Folgen des Geschehenen nicht zu Ende gedacht htte ...

Also er zieht seine Forderung zurck, und dann? Nun dann ist er, auf gut
deutsch gesagt, der unrettbar Blamierte ... Er ist aus dem Korps
ausgetreten und hat ein Mitglied des Korps gefordert -- die Forderung
ist zwar nicht zum Austrag gekommen, aber die unshnbare Feindschaft
zwischen den beiden jungen Mnnern besteht -- sie knnen nicht mehr auf
der Kneipe zusammensitzen, nicht mehr die gleichen Farben tragen ... Und
da das Korps seiner ganzen Tradition nach, um seiner Beziehungen zu Hof,
Behrden, Gesellschaft willen den Prinzen nicht fallen lassen kann, so
wird eben Pilgram dran glauben mssen ... Er hat sein Band verloren,
ist ausgeschieden aus dem Kreise der Freunde seiner Jugend ... All das
tapfere Ringen, Mensuren, Chargen, verbummelte Semester umsonst ...

Das alles wute Jucunda und wurde sich im angestrengten Nachsinnen
weniger Minuten ber all diese Folgen klar, mitleidslos gegen sich und
ihn ...

Und wieder meinte sie sein hartes, herrisches Gesicht zu sehen, wie es
weich, selbstlos, opferfreudig aufglhte um ihrer Ehre willen ...

Sie haben weinen mssen -- -- -- das sollen sie mir bezahlen, die zwei
...

Wie gut, wie tapfer, wie ... heldenhaft seine Worte, seine Tat ... und
nun?!

Hie das nicht ... ihn schmhlich verleugnen ... wenn sie nun
zurckwich, sie ... und dadurch seiner Tat den ritterlichen Glanz
raubte ... sie zu einer Narrensposse, zu einem Dummenjungenstreich
erniedrigte?

Aber ... ihre eigene Zukunft? Ihre Karriere? War das nicht alles, alles
das, was der Major ihrer Mutter angedeutet hatte ... waren das nicht
alles Wahrheiten?!

Einen Augenblick lang war sie geneigt, das alles in den Wind zu schlagen
... Pah ... Engagement in Frage gestellt ... Bericht gegen sie beim Hof
in Meiningen ... War sie nicht Jucunda Buchner? Brauchte sie die
Hoftheater? Oder brauchten die Hoftheater -- sie?!

Ach nein ... So stand es doch nicht ... Man war nicht immer achtzehn
Jahre, nicht immer eine neue Entdeckung, eine Sensation, eine Mode ...
Jucunda wute schon viel, viel zu viel von den brutalen Gesetzen der
Macht, der Laune, des Glcks, des Wechsels, welche die schillernde Welt
regierten, in der es ihr bislang so herrlich, so unverdient und
unfabar glnzend gegangen ... sie dachte an ihre alte, verknitterte
Garderobiere, die auch einmal eine vergtterte junge Liebhaberin gewesen
war -- freilich nur am Stadttheater in Stallupnen, aber je hher der
Anstieg, um so grimmiger die Gefahr, um so steiler und zerschmetternder
der Sturz ... Nein, beim Theater konnte sich niemand erlauben, nur auf
sein Talent, seine eigene Kraft und Persnlichkeit zu bauen und die
Gunst der Mchtigen, der Brotgeber leichtsinnig zu verscherzen ...
Niemand konnte sich das erlauben, auch Jucunda Buchner nicht ...

Er ... oder ich -- -- so stellte sich schlielich die Frage ... und
waren da die Chancen nicht doch zu ungleich? Schlielich ... ersparte
sie nicht auch ihm durch ihren Entschlu, ihn fallen zu lassen, das
grere Opfer, das noch ausstand? Das Risiko eines, nein zweier
Zweikmpfe mit schweren Waffen, unter den schrfsten Bedingungen?
Ersparte sie ihm nicht den definitiven, den viel greren, gar nicht
wieder gut zu machenden Skandal?!

Eine ... Enttuschung ... eine schmerzliche Wunde fr sein jugendlich
enthusiastisches Empfinden bedeutete es ihm, wenn sie sich zurckzog ...
mehr doch nicht ... Fr sie aber stand ihre ganze Zukunft, ihre Zukunft
als Knstlerin wie ihre materielle Existenz auf dem Spiele ...

Gab es da eine Wahl?

Und letzten, allerletzten Endes: Hatte er das alles nicht sich selber
zuzuschreiben? Hatte sie ihn um seinen Schutz -- gebeten?! Nein, das
hatte sie nicht getan, mit keinem Wort, keinem Blick ... Er hatte sich
zum Verteidiger ihrer Ehre aufgeworfen ... Hatte sich eigentlich, wenn
man es einmal mit einem etwas scharfen Ausdruck bezeichnen wollte,
aufgedrngt ... Und hatte sie nicht alles Mgliche versucht, ihn von
diesem unerbetenen Opfer abzuhalten?! Aber er war ja fortgestrmt, als
ging's um seine eigene Ehre, um sein Leben ...

Jucunda stand am Fenster, noch immer regungslos. Und hinber, herber
schossen die Gedanken, anklagend und entschuldigend ...

Mutter Doris sa ganz still und gedrckt in ihrem Kanapee ... Da sie
eine furchtbare Dummheit gemacht, als sie das verhngnisvolle Briefchen
aus der Hand gegeben ... das war ihr nun vllig klar ... Ihre
spiebrgerliche Verschlagenheit sagte ihr ja nun selber, da man aus
solchen Beweisstcken Kapital htte schlagen mssen ...
Selbstverstndlich nicht im materiellen Sinne -- o nein, so etwas hatte
man ja gottlob nicht ntig ... Aber man kann doch nie wissen, wozu man
ein solches Zettelchen einmal gebrauchen kann ... So etwas lt man sich
doch nicht ganz umsonst aus den Fingern drehen ...

Und dies Bewutsein: die einzige Waffe, die ihre Tochter besa, blde,
gedankenlos aus der Hand gegeben zu haben -- das machte sie klein und
stumm ...

Jucunda schlo unterdessen ab. Ganz khl, ganz klar hatte sie alles
abgewogen. Nein, es ging nicht ... Sie konnte sich nicht, wider ihre
innersten Lebensinteressen, von dem Don-Quichotte-Streich des jungen
Burschen durch dick und dnn fortschleppen lassen ... Losketten mute
sie das Schiff ihres Glcks von der toll und steuerlos dahinrasenden
Fahrt des berheizten Dampfers, der sie so mir nichts dir nichts ins
Schlepptau genommen ...

Und doch ... und doch ...

'Sie haben weinen mssen ... Das sollen sie mir bezahlen ... die
zwei ...'

Wenn man -- diesen Ton, diesen Blick nur los werden knnte ...

Pah ... Es =mute= sein ...

Und schlielich und endlich -- wer war Herr Pilgram?! Ein gleichgltiger
junger Mensch, von dem sie nichts wute, als da er sie einmal sehr grob
in ihrer Arbeit gestrt ... sich fr diese Grobheit dann freilich sehr
manierlich entschuldigt ... und eine Abendstunde mit ihr geplaudert
hatte ... in der sie, das wute sie ganz genau, ihm nicht die leiseste
Andeutung einer Sympathie gemacht hatte, die sie ja auch nie empfunden
hatte ... Denn schlielich, sie machte sich ja doch nicht das mindeste
aus ihm ... Er war ein kreuzbraver, aber doch durchaus alltglicher
Geselle ... Ja, wenn noch etwas in ihrem Herzen sich geregt htte bei
dem Gedanken an ihn ... die Ahnung von etwas Besonderem ... wie sie es
eben, vor einer halben Stunde, so deutlich gefhlt hatte im Gesprch
mit ... jenem andern grnbemtzten Studenten, in dessen Zimmer sie jetzt
stand ... der so schne Verse machen konnte und so seltsam verhaltene
Worte reden... in dem irgend etwas grte und brodelte, das ihrem eigenen
Wesen und Wollen auf eine geheimnisvolle Weise verwandt war ...

Nein ... Herr Pilgram war ... irgendein Herr Pilgram ... war nichts und
niemand ... Herr Pilgram hatte sich in ihr Leben eingedrngt ... man
wrde ihn mit mglichster Schonung, doch unmiverstndlich wieder
hinauskomplimentieren mssen ...

Es ist gut, Mutter ... sagte Jucunda und wandte sich ruhig um. Ich
will Herrn Pilgram schreiben ... jetzt gleich ... er soll seine
Forderung zurckziehen ... Den Brief kannst Du ihm hernach -- wenn wir
aus dem Theater nach Hause kommen -- dann kannst Du ihm den Brief auf
die Stube legen ... Hoffentlich ist er nicht zu Hause, wenn wir kommen
-- sonst -- na sonst mut Du ihm den Brief eben geben.

Na, das is verninft'g von Dir, Mdchen! seufzte die stattliche Frau
und atmete tief auf, da die Korsettstangen knackten. Hier, mache nur
schnell ... Da is ja der Schreibtisch, und Briefpapier liegt ooch genug
herum -- gleich setz' Dich und schreib'! Kannst Dich ja hernach bei dem
Herrn entschuld'gen ...

Jucunda ging zum Schreibtisch des Studenten hinber, fand Briefbogen,
entdeckte aber, da sie smtlich oben in der linken Ecke den Zirkel des
Korps Franconia und darunter das Monogramm des Eigentmers trugen. Da
drehte sie kurz entschlossen einen Bogen herum und schrieb auf die
Rckseite:

                                       Leipzig, den 31. Oktober 1888.

                          Sehr geehrter Herr!

  Ihr ritterliches Eintreten fr mich hat den gewnschten Erfolg gehabt:
  die beiden Herren, die mir diesen abscheulichen Brief geschickt haben,
  haben mndlich bei mir um Entschuldigung gebeten. Ich bin ber diese
  Lsung hocherfreut und danke Ihnen innigst fr Ihren gtigen Beistand,
  ich wei wohl, da Sie mir ein groes Opfer gebracht haben. Nun ist
  der Zweck Ihres Handelns erreicht. Bitte tun Sie mir nun auch den
  Gefallen und nehmen Sie so bald als mglich Ihre Herausforderung zum
  Duell zurck, damit nicht noch weitere Unannehmlichkeiten entstehen.

   Ich bin mit der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigen Dankes

                                             Ihre ganz ergebene
                                                                J. B.

In einem Zuge, ohne Besinnen, hatte Jucunda geschrieben: Nun berlas
sie die Zeilen und wunderte sich, wie klar und einfach und
selbstverstndlich das alles klang. Und darum wunderte sie sich noch
viel mehr, weshalb ihr nur so bel dabei zumute war. Sie hatte ja doch
recht, tausendmal recht ... Es war eine so klare vernnftige Lsung --
es konnte ja doch schlechterdings nicht anders gemacht werden ...

'Sie haben weinen mssen ... Das sollen sie mir bezahlen, die zwei ...'

Das war ja doch eigentlich ein Unsinn ... Was gingen ihn, den fremden
jungen Mann, ihre Trnen an? Was berechtigte ihn, fr diese Trnen Shne
zu fordern? Da war irgend etwas, das stimmte nicht ... ein Fehler, ein
Gedankenfehler ... Und aus diesem Fehler war alles entstanden ...

Dennoch ... Sie fhlte es ganz deutlich: Um das trichte, unbesonnene
Handeln des Jnglings war etwas Leuchtendes, etwas, das den Taten des
Mdchens von Orleans verwandt war ... Und es war wie in Talbots Worten,
des eisigen Vernnftlers, dessen hundeschnuzige Kriegsmathematik vor
dem frommen Wahn der Jungfrau zusammenbrach:

    Unsinn, du siegst ... und ich mu untergehn ...

Und whrend Jucunda Buchner den Brief kuvertierte und die Adresse darauf
schrieb:

                         Herrn Stud. Pilgram

-- seinen Vornamen entsann sie sich auf der Visitenkarte gelesen zu
haben, die er an seine Tr genagelt hatte, aber er wollte ihr nicht
einfallen -- als sie so schrieb, da empfand sie es ganz deutlich, ganz
unabweisbar, da sein Tun gut und gro gewesen war ... und ihres frostig
und hlich und gemein ...

Da, Mutter, steck den Brief in Deinen Pompadour ... und jetzt -- sie
zog die Uhr -- sieben bereits! Donnerwetter! Jetzt revidierte der
Inspizient drben schon die Garderoben! Teufel auch -- hchste Zeit ins
Theater -- Vorwrts, Mutter!

Willste nich Deine Kollegin daneben abholen?

Na -- die wird wohl schon hinber sein -- aber ich kann ja mal
nachsehen ...

Sie klopfte an die Tr des Nachbarstbchens, und da keine Antwort kam,
klinkte sie auf. Die kleine Kammer lag dunkel und still. Nur durch die
Fenster fiel der Schein der Gaslaternen von der Strae durch die
Gardinen, malte ein paar groe Rechtecke an die weigetnchte Decke.
Also Asta Thny warf sich drben bereits wieder in den steiflinigen
Brokat der Agnes Sorel ...

Sie ist schon hinber -- und kommt doch erst im ersten Akt -- und ich
mu schon zum Prolog 'raus ... Glcklicherweise nur das Bauernkleid ...
Vorwrts, Mutter ...

Das hatte sie freilich nicht sehen knnen oder wenigstens nicht gesehen
in der Finsternis, da auf dem Sofa noch einsam und regungslos der
junge Student gesessen hatte, das Poetlein, um dessen schwindelschmalen
Pfad Abgrnde klafften rechts und links ...

Da er noch immer da sa, seitdem das Mdchen sich aus seinen Armen
gerissen ... Alle Glieder und das Herz wie mit Blei beschwert vor
trunkener Zrtlichkeit, sein ganzes Wesen durchschauert von
Erfllungsglck ...

Jucunda schritt ber den Hof, der mit Dekorationsstcken vollgepfropft
war, die zum Schutze gegen den Regen mit Wachsleinwand verhangen waren
-- stolperte ber die Beine des ausgestopften schwarzen Pferdes, dessen
Leichnam im dritten Akt so berzeugend die Stimmung des blutgedngten
Schlachtfeldes heraufbeschwor -- nahm dies Stolpern fr ein gutes Omen,
hastete weiter, so schnell, da Mutter Doris in weitem Abstande hinter
ihr drein schnaufte ... Und als sie nun das schmale Pfrtchen aus
Eisenblech ffnete, das zum Bhnenraum fhrte, als ihr der vertraute
Dunst von Schminke, wirbelndem Staub und Menschenbrodem entgegenschlug,
als sie den schlechterleuchteten Korridor, den halbdunklen Bhnenraum
kreuzte, auf dem die Arbeiter eben den Prospekt zum Prolog anbohrten ...
als sie dann die hallende Steintreppe hinanflog, in ihr Kmmerchen
scho, wo die zerknitterte Krausen herzklopfend ihrer harrte -- (Ach
Gottchen nee, gnd'ges Frulein, da Se nu endlich kommen! Der
Inspizient und der Herr Oberregisseur sind schon sechsmal mind'stens
dagewsen nach Ihn' fragen!) als ihr weies Gewand, als das blanke
Eisen ihrer Rstung, ihres Helmes aufgleiten im hellen Licht der
Spiegellampen --

-- da fhlte sie, wie alles, alles abfiel, was dieser Tag ihr Fremdes,
Verworrenes, unheimlich Strendes gebracht. Fhlte, da sie noch
dieselbe war wie gestern abend um diese Stunde -- dieselbe, die sie
immer sein wrde, so oft der Rausch des Komdienspiels, des
Im-Spiele-Gestaltens ber sie kam.

Sie ri die Taille ihres Straenkleides ab, reckte die herrlichen Arme,
schmetterte durch den Raum, da die Wnde wankten:

    Ins Kriegsgewhl hinein will es mich reien,
    Es treibt mich fort mit Sturmes Ungestm,
    Den Feldruf hr' ich mchtig zu mir dringen,
    Das Schlachtro steigt, und die Trompeten klingen!

Ja, es parierte, das erzene Organ ... vor dem sogleich die anderthalb
Tausend da drunten erzittern wrden ... Ja, sie war es noch, um
derentwillen die alle da drauen vor allem doch gekommen waren -- die
Heldin des Stckes, die Heldin dieses Abends ...

Kaum stand sie im Buerinnengewand, die braunen Haare zu schlichtem
Flechtenbau um das runde Haupt gelegt, da trat Franz Burg ein, im
ledernen Koller bereits, doch noch ohne das rasselnde Blech drber, noch
ohne Maske:

Nun, Langbeinchen? Das kennt man ja gar nicht von Ihnen, da Sie mal zu
spt kommen! Wie ist die Stimmung?

Prima prima! lachte sie und leuchtete den Freund an.

Nichts Neues in der Affre? fragte er leise.

Nichts von Belang ... Ich denke, es renkt sich ein.

Oh! Franz Burg zog die tiefschattenden Augenbrauen hoch -- das wre
aber jammerschade ... Knnen Sie denn nichts dazu tun, da die
Geschichte mit dem ntigen Theaterdonner zum Klappen kommt?

Ach ... Ich bin froh, wenn sie aus der Welt ist ... Ich mu freien Kopf
haben, freie Arme zum Arbeiten, zum Schaffen ...

Soll ich Ihnen mal was verraten? -- Ihr Erbprinz ist im Theater -- hat
noch vor einer halben Stunde einen Levkoyen geschickt und eine Loge
bestellen lassen ... Da alles futsch war, hat der Intendant die
Direktionsloge zur Verfgung gestellt ...

Hm ... Das ist ja interessant ... Werde mir den jungen Herrn doch mal
anschaun ...

Sie kennen ihn noch gar nicht?

Keine Ahnung ...

Na -- die Hauptsache ist: Er ist da -- jedenfalls ein Beweis, da man
nicht ungndig ist ... Na, die Reklame haben Sie verscherzt, nun halten
Sie sich wenigstens den hochgeborenen Verehrer warm ...

Der Inspizient steckte den Kopf zur Tr herein:

Frulein Buchner -- bitte auf die Szene!

Also, Langbeinchen, wieder mal: Hals- und Beinbruch!

Danke, Meister!

Mit Wohlgefallen sah Franz Burg der weien, stolzen Gestalt nach.
Knstlerblut! dachte er, kennt nichts als sich und ihre Arbeit ... Alles
andre ist Dreck ...

Und Jucunda schritt die Treppe hinunter. Alles grte mit vertraulicher
Hflichkeit, wenn sie vorberging: die Friseure, die Bhnenarbeiter, die
Statisten, die Volontre ...

Und in ihrer Seele schwoll die unbndige Lust des Schaffens. Es schwang
und klang in ihr von drhnendem Jambenstrom und schmelzender
Trochenklage ... Frommer Stab, o htt' ich nimmer mit dem Schwerte
dich vertauscht ... Kaum konnte sie das Ma, die scheue, entrckte
Gebrde fr die Stimmung des Anfangs finden, da sie noch ein schlichtes
Hirtenmdchen ist, von geheimen Stimmen, phantastischen Visionen
gengstigt, doch ihrer Sendung noch ahnungsvoll unbewut ...

Und endlich rauschte die Gardine empor, wogte drunten das Gebraus, das
wohlbekannte, von Zettelknistern und Ruspern und Zurechtrcken,
klappten die Sitze der Zusptkommenden, tnte das leise Zischen der
Gestrten ... Und all dies wirre Durcheinander verebbte nach und nach,
und die groe schaurige Stille ward, in die ihrer Partner Verse
hineinklapperten, wie eine belanglose Ouvertre, ein gleichgltiger
Auftakt des Augenblicks, da sie die ersten Worte zu sprechen haben wrde
... Ach, aber wie endlos lang dieser Auftakt! Die kamen ja heut wohl gar
nicht vom Fleck, der alte Thibaut, ihre Schwestern, die Brutigame --
biedre Chormitglieder, die heute ein paar Verse zu lallen hatten ...

Gesenkten Hauptes, stumm stand das Hirtenmdchen im Hintergrund ... Nur
zuweilen hob sie zaghaft und scheu die groen Augen, lie sie von einem
zum andern flattern, als verstnde sie die Sprache ihrer nchsten
Menschen nicht mehr ... Und aus den vertrumten Augen Johannas d'Arc
sphte Jucunda Buchners ganz wacher, lauernder Sinn in den
Zuschauerraum, dorthin, wo dicht an der Rampe links die Direktionsloge
lag ... Die Lichter blendeten abscheulich -- dennoch konnte sie
allmhlich ganz vorn, matt angestrahlt vom Widerschein des hellen
Bhnentages, zwei Gesichter erkennen: ein fahles, junges mit der
blinkenden Scherbe im Auge -- und daneben ein verwettertes,
tiefgebruntes mit flatterndem Schnurrbart ... Also das waren die zwei
-- von Dillingen -- von Gorczynski -- das waren die Schreiber des
verhngnisvollen Briefchens -- die Spender des Rosenturms und der ...
beiden ... blauen ... Lappen ...

Achtung jetzt! Bertrand kommt, den blinkenden Helm in der Hand, den ein
Bohemerweib ihm aufgedrungen im Gewhl ... Gleich wird das Stichwort
kommen ... Horch ... Die letzten Verse rannen hin:

    Da war das Weib mir aus den Augen schnell --
    Hinweggerissen hatte sie der Strom
    Des Volkes, und der Helm blieb mir in Hnden.

In diesem Augenblick versank alles, alles ... Jucunda Buchner versank,
und nichts mehr war als Johanna von Orleans ... Die scho nun wie ein
Meteor aus der scheuen Zurckgezogenheit vor, ri dem alten Bauern den
Helm aus der Hand:

    Gebt mir den Helm!

Erschrocken fragt der Alte:

                          Was frommt Euch dies Gert?
    Das ist kein Schmuck fr ein jungfrulich Haupt!

Und wie eine Fanfare jauchzt es aus der endlich entfesselten Brust der
jungen Heldin:

    Mein ist der Helm -- und mir gehrt er zu!

Alles -- alles ist versunken -- nur eines wirkt und wogt: der groe
Rausch des Schaffens ...

Und Johanna wurde erst wieder Jucunda, als nach dem ersten groen
Monolog die Gardine sank und gleich darauf, wie hinweggerissen vom Orkan
des Beifalls, wieder emporrauschte ... als tausendstimmiger Jubelruf sie
umbrandete ...

Da war Jucunda wieder da -- ganz wach, ganz klar ... Und sie neigte sich
... neigte sich zuerst mit tiefem Hofknix nach der Direktionsloge.




                                   9.


Als Herr Borgmann Neo-Borussiae das Hotel Hauffe verlie und verloren,
ziellos nach dem Augustusplatz hinberschlenderte, kam er sich
entsetzlich dumm vor. Was sollte er nun seinem Auftraggeber und
Doppelgegenpaukanten ausrichten? Man hatte seine Forderung nicht
angenommen, aber auch nicht abgelehnt ... Ein Witz ... aber ein fader
... Ist bei Ihrem Auftraggeber eine Schraube los? Rabiater Bursche --
ich danke fr einen Skandal ... Koller ... Pathologischer Zustand ...
Verlange absolut geruschlose Erledigung ... Rechne dabei auf Ihre
Mitwirkung ... Das waren so ungefhr die Schlagworte, die Herrn Borgmann
noch im Gedchtnis hngen geblieben waren und nun in der korrekten
Chargiertenseele einen tollen Tanz vollfhrten ... Ja, was sollte man
auch einem Prinzen antworten, der von korpsstudentischer Direktion und
Haltung keinen Schimmer hatte? Der eine so blutig ernste Sache wie eine
Sbelforderung einfach behandelte ... wie ... na wie einen
Hanswurststreich ... wie einen faulen Kalauer?!

Und das hatte man sich gefallen lassen? Man hatte Ja und Amen gesagt zu
der ungeheuerlichen Zumutung, nach solch einem Affront auch noch an
einer ... hm, hm! geruschlosen Beilegung mitzuwirken?!

Herr Borgmann nahm die weie Mtze mit dem wei-schwarz-weien
Randstreifen ab und tupfte die von weiblonden, seltsamerweise schon
etwas gelichteten Haaren umsumte Stirn. Was konnte man seinem
Auftraggeber nun eigentlich berichten? Hatte der Prinz irgend eine
Erklrung zur Sache selbst abgegeben? Eine Entschuldigung bei der
beleidigten jungen Dame in Aussicht gestellt? Nicht das mindeste ... Er
hatte nichts weiter geuert als Zweifel an der Zurechnungsfhigkeit des
Mandanten -- und das kategorische Verlangen, die Sache msse aus der
Welt geschafft werden!

Na, und du, Wilhelm Borgmann, Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster?!
Was fr eine Antwort hast du gefunden?

Gar keine! Vllig aus dem Konzept hat man dich gebracht, verblfft,
verhohnepiepelt ... Schindluder hat man mit dir getrieben, ganz einfach!

Und warum? Warum hast du nicht aufgemuckt? Warum hat deine ganze
mhevoll erworbene korpsstudentische Direktion, deine Haltung, dein
Schimmer dich verlassen? Weil dies junge hagere Herrchen im hellblauen
Dragonerberrock mit den silberblinkenden Knpfen ein ... Prinz von
Geblt war ... Da war von deiner Spiebrgerseele der dnne Firnis des
Kavaliers abgefallen, den man dir in einer Dressur von fnf Semestern
aufgepinselt -- und du warst in Lakaiendevotion submissest
zusammengeknickt!

Und drben im Theaterrestaurant sitzt der unglckselige Pilgram, weiland
Franconiae, und wartet auf Antwort ... Wartet auf das Schicksal ...

Ja, was sagt man ihm nur? So wie die Geschichte in Wirklichkeit
abgelaufen ist, so kann man sie ja gar nicht erzhlen -- der rabiate
Bursche schlgt sonst Krach! Das mu man sich erst ein bichen
zurechtlegen ...

Herr Borgmann suchte einen Zufluchtsort. Caf Felsche? Viel zu viel
Betrieb jetzt da, wahrscheinlich auch ein Tisch voll Neo-Borussen -- --

Ein Einfall! Das Museum! Das war zu dieser Stunde vielleicht noch
geffnet ...

Und Studiosus Borgmann tat etwas, was ihm in seinen fnf Semestern, die
er in Leipzig zugebracht, noch niemals passiert war: Er ging ins Museum
hinein, stieg die prchtige Marmortreppe hinan, schritt gleichgltig
durch die Sle voll bemalter Lappen in goldenen Rahmen und versank in
einem Plschsofa des groen Oberlichtsaales ... Und sann, wie er die
Sache deichseln knne, ohne seine Blamage eingestehen zu mssen.

Inzwischen sa Valentin Pilgram in regungslosem Warten in einer dunklen
Ecke des Theaterrestaurants. Was werden wrde? Nun das war ja ganz klar:
Sowohl der Major als auch der Erbprinz, der die Charge eines
Rittmeisters bekleidete, wrden die militrisch korrekte Erklrung
abgeben, da sie die Tatsache der erfolgten Forderung ihrem zustndigen
Ehrenrat unterbreiten wrden ... Der wrde dann einen formellen
Ausgleichsversuch machen -- wenn dieser, wie selbstverstndlich,
gescheitert wre, wrde der Erbprinz einen Ersatzmann stellen, einen
mglichst fechtgewandten Offizier eines Gardekavallerieregiments ... Und
dann stiegen eben die beiden Partien ... Na Himmel, das hatte man ja
doch schon fnfmal durchgemacht -- zwar nicht unter ganz gleich schweren
Bedingungen ... Aber -- na ja, Eisen ist Eisen, und fechten haben wir ja
gottlob gelernt ...

Und dann ...

Valentin Pilgram versank in Trume ... Dann mute irgend etwas kommen,
etwas Schnes, von dem man sich keine rechte Vorstellung machen konnte.
So ganz ohne Dank und Lohn wrde man ihn doch nicht laufen lassen ...

Dank und Lohn? Aber wie?

Valentin Pilgram hatte bewiesen, da er bereit war, sich jeden vors
krumme Messer zu langen, der an dies Mdchen anders dachte denn an eine
Heilige ... Und Heilige ... Wie belohnen sie denn?

Mit ihrer Gnade ... Mit Frsprache im Himmel ...

Sie belohnen von ferne ... Mit Gaben, fr die man sich auf Erden
verdammt wenig kaufen kann ...

Na, und das wird ja auch wohl dein Fall sein, mein guter Valentin --
nicht wahr?!

Na -- und wenn auch! Wir haben eben getan, was wir muten ...

Ein alter Reckenspruch aus den goldenen Tagen des Rittertums klang ihm
durch den Sinn:

    _A Dieu mon me,
    Ma vie au roi,
    Mon coeur aux dames,
    L'honneur pour moi._

_Pour moi_ ... Na eben, das war's: das Bewutsein: So gehrt sich's --
und so hab' ich's gemacht ...

Endlich! Da kam sein Kartelltrger ...

Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Borgmann ...

Gewi, gern ... Herr Ober, eine Schale Schwarz ...

Also ... Angenommen?

Hm ... Die Herren haben Erklrungen abgegeben, die vielleicht ... als
befriedigend gelten knnten ...

Was! sie kneifen?!

Hm ... Doch wohl etwas zu schroffer Ausdruck ... Der Prinz hat den
Major beauftragt, die Angelegenheit in Gte zu arrangieren ... Ich nehme
also an, da er Familie Buchner im beiderseitigen Namen um Verzeihung
bitten wird ... Was macht's, Ober? Fnfundzwanzig? Schn -- ziehen Sie
fnfunddreiig ab ...

Valentin Pilgram war wie vor den Kopf gestoen.

In Gte arrangieren ... Frulein Buchner um Verzeihung bitten ... Hm ...
Verteufelt einfache Lsung ... Und das hatte man sich nicht mal im
Traume vorgestellt, da es so kommen wrde ... kommen ... mte ...

Himmel ja -- man war eben Korpsstudent -- trat fr alles, was man gesagt
und getan -- selbst in der Hitze gesagt und getan -- fr das trat man
eben stramm und rcksichtslos ein mit Waffe und Blut, mit Schdeldach
und Nase, mit Brustbein und Armknochen -- konnte sich gar nicht
vorstellen, da jemand auswich -- revozierte und deprezierte -- den
Schwanz einzog und ... na eben kniff.

Und ... jeden andern Kneifer durfte man einen Kneifer schimpfen ...
Dieser aber stand auerhalb der Lebensgesetze der akademischen Welt --
der er _pro forma_ doch angehrte ... Der konnte sich eine Kneiferei
leisten, obwohl er doch auch Student, offiziell sogar Korpsstudent war
...

Was fr ein Hohn ... Was fr eine blde Farce!

Hm ... Und Sie meinen, Herr Borgmann -- mit diesen Erklrungen msse
ich mich begngen?

Ich ... glaube wenigstens nicht, da ... nach diesen Erklrungen ...
das Ehrengericht Ihre Forderung noch genehmigen wrde, wenn Sie darauf
bestehen wollten ... Selbst ein S. C. Ehrengericht nicht ... Aber vor
das kommt die Sache ja berhaupt nicht ... Die kommt vor den
Offiziersehrenrat ... Na und der wird eben selbstverstndlich die Sache
fr erledigt erklren unter diesen Umstnden ...

Ach so ... Also alles in schnster Ordnung ... Die Ehre der
angegriffenen jungen Dame _in integrum_ restituiert durch die
Deprekation ... und nur er selber ... er selber um sein Korpsband
gekommen ... und eigentlich ... der ... Blamierte ...

Hm ... es stimmte ... Da war nichts zu machen ... Aber auch gar nichts
...

Ja ... Wie war denn das aber mglich? Hatte er denn irgend einen ...
Fehler gemacht?

Nein ... Er hatte den Geboten der Ehre, der Ritterlichkeit gefolgt ...
Und was sich da wider ihn aufreckte ... das war etwas, was er bis dahin
noch nicht geahnt hatte -- der Unsinn des Daseins ... die Tragikomdie
des Idealismus ... dieses phantastischen romantischen Idealismus, der
den eigenen Adel, die eigene heroisch-naive Auffassung von Pflicht und
Ehre noch fr das Gesetz des Weltganges hlt ...

Valentin Pilgram stand auf ... stumm ... stieren, korrekten Antlitzes.

Ich danke Ihnen verbindlichst fr Ihren gtigen Beistand, Herr Borgmann
... Nun, dann wird sich die Sache ja wohl in aller Gte und Freundschaft
erledigen ... zwischen den ... =Nchstbeteiligten= ... Adieu, Herr
Borgmann ...

Donnerwetter -- dachte Wilhelm Borgmann -- das hat besser gegangen, als
ich mir's trumen lie ...

Valentin Pilgram irrte durch die Straen ... Dies Menschengewoge, der
Sptherbstglanz ber der Welt, die Wagen, die klingelnde Pferdebahn, das
alles machte ihn rasend. Er floh ins Rosental, strich ziellos durch die
Laubgnge ...

Jucunda! Das war sein einziger Trostgedanke ... Jucunda wrde zu ihm
stehen ... ihm danken, ihn belohnen ... irgendwie ... fr alles, was er
ihr geopfert ...

Er rannte immer weiter, immer tiefer ins Holz hinein -- ber die Elster
hinber, kreuzte die sumpfigen Wiesen jenseits der Marienbrcke, verlor
sich in den braunen Forsten des Leutzscher Holzes. Es kam die frhe
Dmmerung, es wurde feucht und frostig unter dem Laubdach, von dem
langsam Blatt um Blatt niederrieselte im melancholischen Schweigen des
windstillen Herbstabends -- Valentin Pilgram bemerkte es nicht. Und wie
die Fledermuse, die lautlos um die schattenhaften Sume der Gebsche
schwirrten, ber den perlmuttfarbenen Spiegeln der Sumpfteiche huschten,
so flatterten durch des wackern Gesellen Hirn die aberwitzigen
Gedanken.

Er hatte doch recht getan -- gehandelt wie ein Mann und Kavalier ... Und
eine lcherliche Blamage war die Folge ... Das Korpsband, das geliebte,
war von seiner Brust hinweggeweht, wie ein klagender Abendhauch die
ziehenden Nebelstreifen dort auf den Wiesen hinwegstreifte ...

Das konnte doch das Ende nicht sein -- so dummejungenmig beiseite
geschoben werden, das war doch kein Abschlu fr Valentin Pilgrams
stolze, prangende Burschenherrlichkeit ...

Nein ... Es mute noch irgend etwas kommen -- die Ahnung irgend eines
sen oder schrecklichen Ereignisses dsterte durch die Seele des
einsamen Wanderers.

Es war schon Nacht, sternberflimmerte Sptherbstnacht, als er vor sich
die dunklen Umrisse des Leutzscher Bahnhofes auftauchen, die
grellfarbigen Lichter des Bahnkrpers flimmern sah. Eine dumpfe
Sehnsucht nach der Stadt zurck berkam ihn pltzlich, nach wogenden
Menschenmassen, nach Wagenlrm und glitzernden Schaufenstern. Er
erkundigte sich: der nchste Zug fuhr erst in einer halben Stunde. In
dem schmutzigen Bahnhofsrestaurant schttete er hastig, gedankenlos ein
paar Glas Bier in die brennende Gurgel. Als der Zug herannahte und er
die Brse zog, bemerkte er, da er an seiner Uhrkette noch den
Bierzipfel trug, ein Stck des grn-gold-roten Korpsbandes mit goldenen
Beschlgen ... Da hakte er mit einem bitteren Zucken der Mundwinkel den
blanken Zierat ab und barg ihn in seiner Brieftasche.

Als er auf dem Thringer Bahnhof ankam, war es gegen neun Uhr. Er
hastete heimwrts. Jetzt war Jucunda im Theater -- spielte abermals die
Jungfrau ... An allen Anschlagsulen hing der Theaterzettel, der ihren
Namen trug ... Es trieb ihn nach Hause, dahin, wo sie geboren und gro
geworden war, eine seltene, phantastische Wunderblume, in einem
abgezirkelten, banalen Spieergrtchen erblht ...

Alles war still und finster in dem engen, muffigen Korridor, als er die
Entreetr ffnete. Natrlich, die Eltern waren ja mit im Theater, ihr
Goldkind zu bewundern ...

Er suchte seine Zndholzschachtel, fand sie, aber sie war leer.
Vergebens tappte er nach Licht. Die Tr zur Wohnstube war angelehnt, ein
matter Lichtreflex von der Straenbeleuchtung fiel heraus. Valentin
konnte der Versuchung nicht widerstehen und trat ein. Stumm und dunkel
und dumpfig lag das Zimmer. Dort am Fenster hatte er mit ihr gestanden
-- wann doch nur? Vor einer Ewigkeit?! Pah -- es war noch nicht
vierundzwanzig Stunden her ... Und hier auf dem verschlissenen Plsch
hatte sie gesessen, das weie Kniginnenhaupt zurckgelehnt ... und --
wie hatte sie nur gesagt? 'Vielleicht kann ich doch einmal einen Ritter
gebrauchen -- dann will ich an diese Stunde denken und Sie rufen ...'
Und jetzt? Hatte sie ihn nicht gerufen? -- Nein -- das eigentlich wohl
nicht ... Aber hatte sie nicht geweint?! Sie ... sie ... und hatte
geweint um einer bbischen Krnkung willen ...

Und da hatte er getan, was er genau so rasch, so selbstverstndlich und
geradezu getan htte fr seine Schwesterchen daheim in Dresden ... Und
morgen wrde ganz Leipzig ber ihn lachen ...

Hastig trat er auf den stockfinstern Korridor zurck und tappte nach
seiner Stube hinber. Zufllig bekam er die Klinke zu Jucundas
Kammertr in die Hand ... Er drckte sie nieder, und ein Duft wehte ihm
entgegen, der ihn mit einem Schwall stummer, wirrer Sehnsuchtswnsche
bedrngte. Das Zimmer lag nach einem Seitengchen hinaus und war fast
vllig finster. Nur aus einem gegenberliegenden Fenster fiel ein ganz
matter Lichtschein hinein. In diesem Schein leuchtete das weie Bett,
schon aufgeschlagen, fr die Nachtruhe der Knstlerin ...

Ein Grausen des Verlangens schnrte dem reckenhaften Burschen die Kehle
zusammen. Er schlo hastig die Tr und stand einen Augenblick lang in
der Dunkelheit. Alle Glieder bebten, seine Kinnbacken schlugen im Frost
zusammen. Dann bergo ihn glhende Scham. Er war der Mann nicht, sich
an dem Dunste der Geliebten verstohlen schnffelnd zu erletzen. Er
rannte hinaus, fand endlich die Tr seiner Bude und sa lange mit
fiebernden Gliedern in der Finsternis, auf seinem Sofa. Endlich fuhr er
auf, schwankte zu seinem Nachttischchen hinber, machte Licht, zndete
die Petroleumlampe an und sah die aufgeschlagenen Repetitorien liegen,
wie er sie morgens verlassen hatte, als die Kanzleirtin in sein Zimmer
gestrzt war ...

Und eine stumpfe Ruhe kam ber ihn. Arbeiten! Arbeiten! Er whlte sich
in die schematisch de Zusammenstellung der elementaren Grundbegriffe
seiner Wissenschaft hinein. Seiner Wissenschaft -- ah bah! Die Quelle
des Wissens, die hell in seiner Nhe sprudelte, hatte er ngstlich
gemieden sieben Semester lang und nur dem Korps gedient ... Nun galt es
hastig und mechanisch einen Haufen seelenloser Notizen in sich
hineinzustopfen, um den toten Popanz, die pappdeckelne Attrappe einer
fadenscheinigen Examensweisheit aufzurichten ...

Immerhin ... wenigstens Vergessen wirkte dies stumpfsinnige Bffeln ...

Und eine Stunde verrann -- zwei Stunden ... Pltzlich drauen auf dem
Flur die Stimmen der heimkehrenden Familie Buchner. Valentin lauschte
angestrengt ... Ob sie ihn denn nicht noch zu sprechen wnschte? Ihm zu
danken fr die ... glckliche Lsung, die sein Eingreifen doch
herbeigefhrt?

Und wirklich -- es pochte an seine Tr ...

Herein!

Mutter Kanzleirtin stand auf der Schwelle. Ein wenig rot und verlegen
... In der schleifenbesetzten Kapuze, dem altmodischen Abendmantel,
genau wie gestern, als er sie aus dem Wagen gehoben ...

Sie wr'n entschuld'gen, Herr Pilgram -- hier is Sie nmlich 
Briefchen von meiner Tochter ...

Ein -- Brief? Und warum konnte sie denn nicht selber --?!

So deutlich stand diese Frage in des jungen Mannes starr aufgerissenen
Augen, da Frau Buchner die unausgesprochene beantwortete:

Nmlich, Se drfen's ihr nich iebel nhm', selber kann se's Ihn' nich
sagen, sie is Ihn' nmlich gar zu shre angegriff'n von der Vorstellung
... Gut Nacht, Herr Pilgram, wnsch' gute Ruh ...

Und hastig war die massive Gestalt aus der Tr ... Nur der Brief blieb
zurck, lag wei und fremd auf dem fleckigen, grellgemusterten
Tischtuch.

Mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge nahm Valentin das Kuvert und
studierte die groen, fahrigen Zge der Aufschrift:

                       Herrn Stud. Pilgram ...

Weder Fakultt noch Vorname ...

Was steht darin? Nun, es kann doch nur eins sein: Dank und abermals
Dank, feuriger, inniger Dank ...

Er ri den Umschlag auf und las:

                        Sehr geehrter Herr ...

Er las und las ... erwnschte Erfolg -- Herren haben mndlich bei mir
um Entschuldigung gebeten -- danke Ihnen innigst -- groes Opfer --
Zweck erreicht -- nehmen Sie Ihre Herausforderung zurck, damit
nicht noch ... weitere ... Unannehmlichkeiten entstehn ... -- mit
der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigsten Dankes Ihre ganz
ergebene ...

Na ja ... na also ...

Vllig korrekt das alles ... Nichts fehlte, was man so erwarten und
verlangen konnte ...

Nichts fehlte ... gar nichts ...

Valentin Pilgram sah lange und regungslos in den hellen Lichtkegel der
Petroleumlampe, bis die Augen ihn zu schmerzen anfingen.

Na ja ... na also ...

Und endlich klappte er den Brief zusammen. Wollte ihn in den Umschlag
schieben ... Da auf einmal blieben seine Augen an etwas hngen, das er
nicht begriff. Auf der letzten Seite des Bogens, am unteren Rande und
mit dem Kopfe nach unten, fand sich ein Monogramm aus den Buchstaben T
und H und darber der Zirkel eines wohllblichen C. C. der Franconia zu
Leipzig.

Was war das?!

T. H.? Oder ... H. T.? Und darber der Frankenzirkel?

Kein Name der verflossenen Korpsbrder fing mit einem H an, aber mit
einem T? Thumser? Hans ... Thumser ... Das ... stimmte ...

Was war das? Wie kam Jucunda Buchner zu einem Briefbogen von Hans
Thumser?! Teufel --

Hatte der am Ende den Makler gespielt? Und geholfen, ihm diese ungeheure
Blamage einzubrocken?!

Valentin Pilgram dachte nach. Nun, der kleine Thumser war ein Faselhans,
hatte den Kopf voll konfuser Ideen, voll unvorschriftsmiger,
inkorrekter, umstrzlerischer Gedanken ber allerhand heilige,
unantastbare Dinge, Dinge, die immer so gewesen waren und immer so
bleiben sollten ... Sah ein bichen von oben herab auf alle Menschen und
Zustnde -- aber eine Gemeinheit, eine heimtckische Verrterei und
Niedertracht -- die war ihm denn doch nicht zuzutrauen ...

Aber -- wie war dies -- Unfabare da -- zu erklren?!

War denn irgendeine Mglichkeit, da Jucunda und der versedrechselnde,
kunstsimpelnde Korpsbruder in Berhrung htten kommen knnen?

Gestern abend -- so viel stand fest -- kannte Thumser die Knstlerin
noch nicht persnlich -- hatte zwar die Idee gehabt mit dem
Pferdeausspannen, aber nicht ein Wort mit dem Mdchen gewechselt ...

Aber -- hatte nicht er selber, Valentin, gestern abend im Gesprch mit
der Familie Buchner den Namen Thumsers genannt als desjenigen, der den
glorreichen Einfall mit der Pferdeausspannerei ausgeheckt ...

'Dafr htten Sie 'nen Ku gekriegt,' hatte Jucunda gesagt ... Noch ganz
deutlich entsann sich Valentin einer dunklen Regung von Eifersucht ...

Wr's mglich -- sie htte sich vielleicht an den gewandt um ... um
einen Ausweg aus der Verlegenheit, in die Valentin Pilgrams rasche
Ritterschaft sie hineingestrzt?!

Oder?! Hatte er -- Hans Thumser -- die Bekanntschaft eingeleitet? Er
wute aus dem C. C., was vorgefallen war ... Er war sehr schweigsam
gewesen im C. C. ... Sollte er diese ... Gelegenheit ... seine
Wissenschaft um die Situation -- sollte er die benutzt haben, um sich
bei Jucunda lieb Kind zu machen?!

Wie es auch sein mochte -- es war etwas geschehen zwischen den beiden
... Hans Thumser hatte seine Hand im Spiel -- in dem falschen,
rnkevollen Spiel, an dessen Ende seine, Valentins, hilflose Blamage
stand ...

Himmel und Hlle! Da stand ja auf einmal ein neuer Feind auf -- ein
Feind, der eine harmlos grinsende Freundesmaske trug ... und einer, der
nicht unangreifbar war, wie die andern -- nicht geschtzt wie diese
Jucunda durch ihr Geschlecht -- nicht durch Rang, durch Pflichten der
Rcksichtnahme, durch die Ausnahmegesetze der militrischen
Standesordnung -- wie das frstliche Ksegesicht mit der Scherbe im Auge
oder sein schnurrbrtiger Begleiter ...

Einer, den man sich langen konnte!

Ein Korpsbruder?! Pah ... er selber war ja nicht mehr Korpsstudent ...
Konnte ramschen, mit wem es ihm beliebte ... Seine Rache khlen an dem
ersten besten, der seinem Grimm in den Weg lief ...

Ja, seinem Grimm -- der besinnungslosen Wut, die ihm nun auf einmal in
die Augen stieg mit blutrotem Schimmer, ihm Blick und Fassung trbte --
da er aufsprang, die Halsbinde, den Kragen aufri, um nicht zu
ersticken ...

Nebenan raschelten Kleider, klapperten die leisen Tritte mder
Mdchenfe ...

Sie -- und nur eine dnne Wand zwischen ihm und seinem Schicksal ...

Er lauschte ... flsternde Frauenstimmen klangen: Mutter Kanzleirtin
brachte wohl das Goldkind schlafen ... Nun knarrte die Tr, nun
schlrften die Pantoffeln der Alten ber den Korridor, zum ehelichen
Schlafgemach hinber ... Und ein herzhaftes, langgezogenes Ghnen ...
Und nun krachte das Bett, rauschten die Kissen ...

Valentin Pilgram sa noch immer steif und regungslos an seinem
Schreibtisch und starrte in den Lichtkegel der Petroleumlampe ... Und in
der Faust hielt er den halbzerknllten Briefbogen, der vorne Jucunda
Buchners Brief und hinten Hans Thumsers Monogramm und den Frankenzirkel
trug ...

Na ja ... Na also -- -- --!!




                                  10.


Die Franken hatten C. C. gehabt und Chargenwahl vollzogen. Ivo Volkner
aus Dsseldorf war Erster geworden an Pilgrams Statt. Hartwig, der
Vertreter des Marburger Kartellkorps, hatte die zweite Charge bekommen,
und der eben erst rezipierte Jungbursch Feldmann die dritte. Volkner
Senior -- das bedeutete einen Wechsel des Regimes. Statt des zhen,
wortkargen, sparsamen und fechtgewaltigen Sachsen der leichtsinnige,
wohlhabende, lebenslustige Rheinlnder -- das war ein wahrer Umschwung
fr den Geist des Frankenbundes ...

Hans Thumser sumte nicht, von diesem Umschwung zu profitieren. Alle
paar Tage bat er um Dispens zum Besuch der Konzerte, des Theaters,
schwnzte regelmig Sonnabends das gemeinsame Mittagessen, um der
Motette des Knabenchors in der Thomaskirche zu lauschen ...

Und eines Morgens erlangte er gar die Erlaubnis, bei den Meiningern zu
statieren ...

Die Meininger ... sie hielten ihn vllig im Bann. Er versumte keine
Premiere. Drama auf Drama reckten sich die genialen Machtschpfungen der
erhabensten Meisterwerke des germanischen Theaters vor dem
schnheitshungrigen Auge des jungen Studenten auf ...

Und all die heie Inbrunst, die solch aufrttelnde, seelenentzckende
Schau in ihm entflammt hatte, die kte er der zierlichen Asta Thny auf
den feuchten, bebenden Mund ... Es war ein toller Mrchenrausch von
Begeisterung und Liebe, in dem die Tage, die Nchte dahinrasten. Und so
ganz versunken war alles, was sich nicht der Erinnerung aufdrngte, da
er nicht ein einziges Mal auf den Einfall gekommen war, sich nach dem
armen Valentin Pilgram umzusehen, mit dem er doch drei Semester lang die
gleichen Farben getragen -- der aus dem Korps geschieden war um eines
Entschlusses willen, den er hei bewunderte wie alle Korpsbrder ... Er
wute, die andern pflegten eifrig den Verkehr mit dem ausgeschiedenen
Freunde -- er nahm sich tglich vor, ihn aufzusuchen, und tglich verga
er's in seinem Taumel von Sehnsucht und Erfllung, Erfllung und
Sehnsucht ...

Ja, Erfllung ... und Sehnsucht ... Denn wenn Hans Thumsers flaumige
Jugend in Asta Thnys schimmernden Armen lag, dann am heiesten
verlangte seine Seele nach der andern, die Abend fr Abend die ganz
groen, ganz lichten Visionen der Dichter verkrperte, statt jener
kleinen, sndigen, irdischen Geschpfe, die Asta Thnys Kunst umspannte
...

Aber auerhalb der Bhne hatte er sie niemals wieder zu sehen bekommen
-- Jucunda, die allvergtterte. Es war ein frmliches Jucundafieber
ausgebrochen unter der Leipziger Jugend, der mnnlichen wie der
weiblichen, der akademischen wie der Philisterwelt ... Allabendlich
schritt die Knstlerin durch ein jubeltrunkenes Spalier ihrer Verehrer
zu ihrem Wagen -- nach jeder Premiere wiederholte sich die gleiche
Komdie. -- Der Kutscher strngte die Gule schon vorher ab und stellte
sie auf Seite und sich daneben, damit ihm die Tiere nicht ganz verrckt
wurden und er selber ohne blaue Flecke vom Bock herunterkme ...

Und Liebesbriefe ohne Zahl, voll ungelenker Gedichte, stammelnder
Mdchenverzckung und kecker Jungmnnerwerbung flatterten in das
bescheidene Kmmerchen an der Katharinenstrae ...

Selbst die Waffenstudenten, deren Gesichtskreis doch sonst mit ihren
Couleurangelegenheiten vllig ausgefllt war, wurden in den allgemeinen
Theatertaumel mit hineingezogen. Wenn Jucundas Triumphwagen mit seiner
keuchenden, brllenden Bespannung durch die Straen sdlich des
Knigsplatzes der Altstadt zurollte, dann blinkten in der Schar der
Ziehenden und der Geleitenden die Mtzen der Korps neben denen der
Burschenschaften, der Turner neben denen der Landsmannschaften -- Arion
und Paulus wetteiferten mit dem heiligen Wingolf im Dienste der
Jucundabegeisterung ... Es war wie im Paradiese, da das Lmmlein bei dem
Tiger weidete ...

Und der regelmigste Besucher war der Gast der fest abonnierten
Proszeniumsloge vorn links vom Schauspieler, neben der Direktionsloge
... war der Erbprinz von Nassau-Dillingen. Zu jeder Premiere schleppten
die herzoglichen Leibdiener ein kostbares Blumenarrangement von
schier unermelichen Dimensionen auf die Bhne, daran ein Kuvert mit
geprgtem Wappen hing ... Es enthielt des Erbprinzen Visitenkarte,
darauf immer nur die Worte: In Verehrung ... geschrieben in einer
unausgeschriebenen Knabenschrift. Niemals aber hatte sich Jucunda
knftighin ber den leisesten Versuch einer Annherung zu beklagen
gehabt.

Und Jucundas Dank beschrnkte sich stets auf den Hofknix vor der ersten
Parkettloge links ...

So ist's recht, Langbeinchen, sagte Franz Burg mehr als einmal zu der
jungen Freundin -- so mu man's machen: hbsch in Distanz halten die
hochgeborenen Verehrer -- aber keinesfalls wegden ... das hat keinen
Sinn -- immer warm halten -- man kann nie wissen, wozu man so etwas
einmal brauchen kann ...

Und Jucunda begriff. Es blieb doch nicht nur bei dem Hofknix. Wie jeder
andre Spender einer Blumengabe bekam auch Erbprinz Heribert ein paar
Dankesworte auf goldgerndertem Krtchen ... Anfangs waren's nur drei
konventionelle, schematische Zeilen ... Bei der dritten Spende aber
stellte sich ein Zusatz ein:

  Sie beschmen mich, Durchlaucht, -- ich wei nicht, wodurch ich
  soviel gndige Anteilnahme verdient habe.

Das nchste Mal enthielt das wappengeprgte Kuvert an der riesigen
Seidenschleife, die in den Nassau-Dillingenschen Landesfarben von einem
riesigen Lorbeerrade niederrauschte -- enthielt das Kuvert ein Briefchen
von zwanzig Zeilen:

  ... Sie sind mir bse gewesen, und ich mu leider zugeben, nicht ganz
  ohne Grund, obwohl ich fr die geschmacklose Form der Huldigung, die
  Ihnen in meinem Namen berreicht wurde, nichts kann. Sind Sie wieder
  gut? Ich bitte Sie um ein Zeichen ...

In der Premiere des Wintermrchens, die kurz auf dies Briefchen
folgte, lockte der tumultuarische Applaus nach der Gerichtsszene die
eben hinter den Kulissen gestorbene Hermione-Jucunda auf die Bhne ...
Und wieder schleppten livrierte Diener eine weileuchtende Kaskade von
rieselnden Chrysanthemen heran ... Da zog Hermione aus dem Bltenschwall
eine ganze Handvoll der mrchenhaften, hundertstrahligen Blumensterne
und steckte sie an ihre Brust, um sich dann erst mit feierlichem Lcheln
im tiefen Hofknix zu neigen gegen die Proszeniumsloge vorn links vom
Schauspieler ...


Also Hans Thumser durfte statieren -- mit hoher Genehmigung des Herrn
Ersten Chargierten. Er ging sonach eines Morgens um zehn nach dem
Fechtboden zum Bureau des Carolatheaters und meldete sich als Statist
fr Wallensteins Tod. Er wurde sofort und freundlich angenommen. Denn
es war hier wie immer und berall: Nach den ersten Tagen der
Begeisterung waren von den angeworbenen und mhsam eingedrillten
Komparsen viele Dutzende abgefallen, hatten sich schriftlich
entschuldigt oder waren einfach weggeblieben. Er mute gleich in die
Probe. Es handelte sich nur um zwei Szenen: die groe Krassierszene am
Schlu des dritten Aktes und die Mordszene am Ende des fnften.

Vom Bureau aus schickte man Hans Thumser auf die Bhne. Aber den Weg
mute er sich selber suchen und erfragen. Er wurde durch sechs bis acht
verschiedene Tren gewiesen, kam sechs- bis achtmal an das weglose Ende
dunkler, verschlossener Korridore, stie sich die Schienbeine wund an
allerhand unbeschreiblichen, geheimnisvollen Gegenstnden, welche in der
Finsternis herumstanden ... Endlich fand er ein eisernes Pfrtchen, an
dem in Wei die Aufschrift stand: Zur Bhne ... und voll Ehrfurcht trat
er in einen hohen, frostigen Raum, in dem im halben Tageslicht ein
Gewirr von hlzernen Lattenrahmen, mit grauer Leinwand berspannt,
erkennbar war. An diesen Wnden war vielfach die aufgepinselte Inschrift
zu erkennen: W. T. III. Saal.

Man wies ihn an, eine hohe bretterne Treppe hinanzuklimmen, auf deren
oberem Podest er pltzlich ein seltsames Schauspiel sah: eine Wand wie
ein riesiges, aus zahllosen kleinen Scheiben bestehendes Fenster, hinter
dem der Treppenpodest wie eine lange Galerie sich hinzog. Das
Glasfenster lief jenseits der Treppe in eine eichene Tr aus, von der
aus dann eine andere Treppe zum Bhnenpodium hinunterfhrte ... Diese
Treppe aber war im Bogen geschweift und aus massivem, dunkelgebeiztem
Eichenholz mit schwerem Renaissancegelnder -- wenigstens sah sie so
aus. Unten ein dunkler, wuchtiger Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten
Bnken an den Wnden, und da standen an siebenzig jngere Mnner und
lauschten andchtig der Instruktion des Oberregisseurs Burg.

Aha -- noch 'n Krassier? unterbrach dieser seinen Vortrag. Kennen
Sie 'n Wallenstein?

Auswendig ...

Um so besser ...

    Geselle Dich zu uns -- komm hier!
    Es ist ein pudelnrrisch Tier ...

Also bitte weiter zu hren, meine Herren. Ihr wollt Euren geliebten
Oberst Max -- hier steht er, Barthel ist sein Name, Alexander Barthel,
na, Ihr werdet doch unsern groen, schnen Alexander kennen?

Ja! ja! murmelten die Krassiere mit Begeisterung.

Also den wollt Ihr dem Friedlnder -- das heit mir! -- entreien ...
Ihr bildet Euch nmlich ein, ich hielte ihn in Gefangenschaft. Einzeln,
truppweise strmt Ihr herein, und wie Ihr in den Saal kommt, seht Ihr
etwas ganz Unerwartetes: Euer Kommandeur ist nicht gefesselt, sondern
frei: nicht ich halte ihn, sondern etwas anderes, der strkste Magnet,
den es gibt, natrlich ein Frauenzimmer: die da, meine Tochter Jucunda,
ich wollte sagen Thekla ...

Ein weier Schatten im halbdunklen Raum: sie, die Ertrumte, von tausend
Sehnsuchtsgedanken Umschwrmte, die Verkrperung des Mdchenideals
deutscher Jugend im neunten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts ...
da stand sie im fufreien grauen Rock, eine schlichte graue Bluse um den
festen Oberkrper ...

Nun stutzt natrlich jede Gruppe, fuhr der Oberregisseur in seiner
Instruktion fort, und es verstummen die Rufe, mit denen Ihr einander
angefeuert ... Die erstaunten Blicke gehen von ihm zu mir, von mir zu
ihr -- befangen flstert einer dem andern zu, was er sich bei der Sache
denken mag ... und so steht Ihr schweigend, mit gesenkten Schwertern ...
nichts ist vernehmbar, als das leise Rascheln der eisernen Rstungen --
bis Euer Fhrer sich an Euch wendet und Euch warnt, ihm zu folgen. --
Schlagen Sie an, Barthel!

Und der schne Alexander trat einen halben Schritt vor, sprach lchelnd,
mit halber Stimme:

    Bedenket, was ihr tut! Es ist nicht wohlgetan,
    Zum Fhrer den Verzweifelten zu whlen --
    Ihr reit mich weg von meinem Glck -- wohlan,
    Der Rachegttin weih' ich Eure Seelen ...

Bitte halt! unterbrach Burg. In diesem Augenblick richtet sich jeder
auf, die Augen blitzen mutig den Fhrer an: Herr befiehl! Wir sind Dein
-- fhr' uns in die Schlacht, fhr' uns in den Tod, wir folgen Dir ...
Das geht wie ein Ruck durch die ganze eisenstarrende Gesellschaft durch,
versteht Ihr? Und nun weiter, Barthel!

    Ihr habt gewhlt zu eigenem Verderben --
    wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!

so schmetterte der schne Barthel heraus, berauscht von der klingenden
Herrlichkeit seines erzenen Organs.

So -- und auf dies Wort wirft er sich herum und strzt sich in Eure
Mitte -- mit einem einzigen Aufschrei des Jubels, des wilden,
todbereiten Jubels umringt Ihr ihn, so da die Eisenmasse ihn
gewissermaen einschluckt, die Schwerter schieen in die Hhe wie eine
schumende Flut, die ber seinem Helmbusch zusammenschlgt ... Noch
einmal taucht er auf, als er in Eurer Schar die Treppe hinaufstrzt, Ihr
hinter ihm drein; der Schwall wlzt sich durch die Galerie, im Gedrnge
werden ein paar Glasscheiben eingestoen und klirren schneidend in das
Gets des Sterbejauchzens, der Hrner hinein, die von drunten zum
letzten Kampfe werben -- und denn Vorhang und aus!

Mit sprhenden Augen, mit langhin malenden Gesten seiner hageren Arme
hatte der Oberregisseur die ganze ungeheure Szene aufgebaut vor den
Augen der lauschenden Statistenlehrlinge ... die brachen nun in lauten
Beifall aus, als ihr Meister aus der hinreienden Beredsamkeit in einen
trockenen Ulkton am Schlu fiel ...

So, Herrschaften, nun zhlt mal von vorne nach hinten ab, und jeder
merke sich genau seine Zahl!

Dann wurden die zweiundsiebenzig in sieben Gruppen eingeteilt nach der
Nummer, und jede bekam ihr Stichwort zugeteilt ... Scheidet -- Gott!
hie dasjenige fr die erste Gruppe -- Dein ewig teures und verehrtes
Antlitz das fr die zweite -- und so fort. Und dann muten sie alle
ber die breite Renaissancetreppe zurck -- damit Ihr Euch an die
Stufen gewhnt, -- und drauen in der Dunkelheit wurden sie vom
Inspizienten zu einzelnen Klumpen zusammengeballt und aufgestellt ...

Sind Sie fertig, Ruperti? klang dann Burgs Stimme von drinnen. Ja? Na
dann bitte -- ich fange an: Dreiundzwanzigster Auftritt, ich komme mit
Illo und Buttler die Treppe hinunter --

Und nun herrenhaft, mit grollendem Erzklang in der Stimme. Terzky!

Mein Frst! antwortete drinnen eine andere Stimme, erregt, geschmeidig
--

                            La unsre Regimenter
    Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
    Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend ...

Und auf einmal war alles im Flu. Der Zauber wirkte, der ungeheure, dem
einst der zitternde Knabe erlegen war, im Barmer Stadttheater, auf dem
Eckplatz des zweiten Ranges ... nur da der Jngling nun hineinschaute
in das Innere des komplizierten Mechanismus, der das Wunder wirkte ...
und eine dumpfe Sehnsucht sprang auf -- diesen geheimnisvollen Apparat
einmal aus eigener Machtvollkommenheit heraus zum Funktionieren zu
bringen ...

Gott ... welch ein Gedanke ... selbst einmal etwas zu schaffen aus der
Magie des eigenen Innern heraus ... etwas, das die hundert Geister
dieses dunklen Heerbannes zur Tat, zur Heeresfolge zwingen knnte ...

Scheuer Knabentraum, bist du mehr als nur ein Traum -- bist du die
mystische Vorahnung kommender Kraft, der Vorklang knftigen Schicksals?!

Und Gruppe auf Gruppe der jungen Mnner wurde vom Inspizienten
losgelassen, tobte die Treppe hinauf, erstarrte droben in staunender
Verstndnislosigkeit, schob sich dann scheu und verhalten drben die
breite Treppe hinunter in den Saal, wo Max Piccolominis todgeweihte
Liebe ihren letzten Verzweiflungskampf mit dem Dmon der Eidespflicht
ausfocht ...

Freilich, manchesmal empfing sie drunten ein Hohngelchter des
Spielleiters.

Ne, Kinder, so geht das nicht -- Ihr seid ja keine Verbrecherbande ...
Ihr macht ja auf einmal Gesichter, als httet Ihr alle einen Sack
silberne Lffel gestohlen! Ihr seid Soldaten, wste Kerle, schlichte
Burschen, die nicht recht verstehen, weshalb man eines Mdels wegen
soviel Umstnde macht ... dazu ein Rest von Scheu vor dem geliebten,
gefrchteten Auge Eures Feldherrn, 'das Eure Sonne war in heier
Schlacht' -- aber vor allem doch Trotz, Emprertrotz, verhalten,
verbissen, gedmpft, aber Entsetzen einflend, Schauer aushauchend,
kalt wie das blanke Eisen in Eurer Faust -- so will ich's haben, so hat
der Schiller sich's gedacht!

Das alles klang nur durch die bemalten Lappen hindurch an Hans Thumsers
Ohr. Denn er gehrte ja zur allerletzten Gruppe ... er wrde nicht viel
mehr zu sehen bekommen ... und er ahnte nur die Gegenwart des Mdchens,
um dessen Bild all seine Gedanken kreisten, ihr Bild, das ihm die Seele
dieser wundersamen Kunst erschien, die aus Schein und Flitter das
ungeheure Widerspiel des Lebens webt, wahrer als alle Wirklichkeit,
tiefer als alles reale Erdengeschehen ...

Als er so in stummem Lauschen den Gang der gigantischen Maschine
verfolgte, die das werdende Werk schuf -- da sah er pltzlich aus der
Gruppe sechs ein Augenpaar mit hartem, feindlichem Ausdruck zu sich
herberblitzen. Es waren Valentin Pilgrams Augen ...

Im Nu war er an der Seite des einstigen Korpsbruders.

Pilgram, Du? Also endlich ... endlich seh' ich Dich mal wieder ...

Hm ... hat Dir wohl wenig dran gelegen -- sonst httest Du das
Vergngen frher haben knnen ...

Hast ganz recht, es ist meine Schuld ... es ist ein Skandal, da ich
mich so gar nicht um Dich gekmmert habe ... Aber wenn Du wtest ...
ich will mich auch bessern, sei mir nicht bs ... Und nun sag' nur, wie
kommst Du hierher?

Das knnte ich Dich fragen, sagte Pilgram hart.

Nu -- ich ... Du weit doch, da ich Dich selber seinerzeit schon um
Erlaubnis gebeten hatte -- Du wolltest nicht ... Na, nun haben wir den
Volkner, der ... denkt ein bichen anders ber solche Sachen ...

Jawohl ... und seid mich glcklich los ... gratuliere.

Aber Pilgram! Du weit doch, wie furchtbar leid es uns allen getan hat
...

Dir auch?! fragte Pilgram finster.

Ich versteh Dich nicht, Pilgram ... so wie Du und ich doch immer
miteinander gestanden haben ...

Hm ... wenn Deine korpsbrderlichen Gefhle fr mich ... echt gewesen
wren ... dann htten sie sich wohl ein bichen besser gehalten ...

Aber Pilgram --!

Ruhe, meine Herren! fuhr der Inspizient dazwischen. Sie da, Sie
gehren doch berhaupt zur Gruppe sieben -- nu bleiben Sie geflligst
aber auch bei Ihrem Haufen! Ausquatschen knnen Sie sich ja gengend,
wenn's hier aus geworden ist!

Wir sprechen uns noch! sagte Thumser und trat zu seiner Gruppe zurck.

Himmel -- was hatte der Pilgram nur? Und wie schrecklich er sich
verndert hatte in den wenigen Tagen seit seinem Austritt aus dem
Korps ... Die Augen, tiefumrndert, waren in ihre Hhlen gesunken ...
der sonst so peinlich korrekte Anzug vernachlssigt ... die frher
straffen und sicheren Bewegungen unruhig und zerfahren ...

Und Valentin Pilgram fragte sich: Wie ist es mglich, da ich es bis
heute ausgehalten habe, diesen falschen Hund nicht zu stellen? -- Es
kann ja nur sein bses Gewissen sein, das ihn von mir ferngehalten
hat ... alle die Tage, die zwei Wochen seit ... damals ...

Ha, warum hatte er's nicht getan? Aus Furcht vor ... einer neuen
Uebereilung ... einer neuen Blamage ...

Da Thumser seine Hand in dem schndlichen Spiele gehabt haben msse,
das man ihm gespielt, das war ja klar. Der Briefbogen mit dem
Frankenzirkel und dem H. T. auf der Rckseite und mit Jucundas
Absagebrief auf der Vorderseite -- das war ja doch ein untrglicher
Beweis. Mit Jucundas Absagebrief! Ja, ein Absagebrief, das war's, und
nichts andres! Die glatten, gleinerischen Dankesworte, ihn, den
Desillusionierten, blendeten sie nicht mehr. Er verstand, sie hatte ihn
verleugnet, er hatte sie verloren. Aber wie kam der andere dazu? Welche
Rolle hatte er gespielt in dem Gewirr von Rnken und Tcken, von denen
Valentin Pilgram sich umstrickt sah? Das war nicht zu erraten und nicht
zu erfahren ... Und aufs Geratewohl abermals unbedacht zufahren mit
einem zchtigenden Wort, einem rchenden Schlag -- Valentin Pilgram
besa nicht mehr die frhere Sicherheit des Handelns, seit sein Instinkt
ihn so schmhlich in die Irre, in die Wirrnis, in die lcherliche
Don-Quichottiade hineingestoen hatte. So hatte er von einem zum andern
Tage gewartet und gewartet in der dumpfen Hoffnung, da irgend etwas
sich ereignen wrde, das ihm Klarheit gbe ... Er hatte auf ein
Wiedersehen mit Jucunda, auf einen Besuch Thumsers gehofft, auf eine
Aussprache mit ihr und mit ihm, in deren Verlauf er brsk und
kategorisch die Frage htte stellen knnen: Wie war das mglich? Wie ist
dieser Brief auf dieses Blatt geraten? Erklrt mir den Zusammenhang,
zerstreut meinen grausamen Verdacht und bekennt, bekennt und empfangt
den Lohn, den Euer Verrat verdient!

Aber nichts von alledem war geschehen. So hufig er den teilnahmsvollen
Besuch seiner ehemaligen Korpsbrder erhielt, so oft er mit ihnen am
dritten Orte zusammentraf -- der schlanke Fuchsmajor blieb aus. Und
Jucunda? Sie war wie aus der Welt verschwunden. Wohl hrte er abends ihr
Heimkommen aus dem Theater, ihr herzhaftes Ghnen, den energischen
Plumps, mit dem sie sich arbeitsmde auf ihr krachendes Bettchen warf,
und nachts, wenn er sich schlaflos auf seinem Lager wlzte, ihr
geruhsames, selbstzufriedenes Schnarchen ... denn bei Gott, sie
schnarchte wie ein Mann ... Und morgens vernahm er wohl, wie sie leise
ihre Rollen repetierte. Ach, wie gern htte er noch einmal den sonoren
Alt in seinem vollen Glanze von da drben schmettern gehrt! Aber sie
hatte einen Flor ber ihr Organ gebreitet, und er fhlte, das war die
Scheu vor ihm. Und die gleiche Scheu mute es sein, unter deren Druck
sie es darauf anlegte, ihm um jeden Preis aus dem Wege zu gehen. Es war,
als berwache sie sein Gehen und Kommen und richte ihre eigenen
Ausgnge, ihre Rckkunft danach ein. Oft legte er es geradezu darauf an,
mit ihr im Korridor, auf der Treppe zusammenzutreffen, aber wie ein
Geist war sie dann von hinnen gehuscht, hinter irgend einer Tr
verschwunden, die Treppe hinuntergeschnurrt ...

Der tolle Wirrwarr von Wut und Sehnsucht, von Ekel und Hingebung, in dem
seine Tage, seine Nchte dahinrannen, trieb ihn immer und immer wieder
ins Theater. Und dann sah und hrte er nichts von dem Stck -- er sah,
er fhlte, er trumte nur Jucunda. In welcher Gestalt, welcher Maske,
welchem Gewande sie auf der Bhne stand, ihm galt es gleich. Er sah
nicht die Knstlerin, er sah nur das Mdchen, dem seine Seele wie sein
Leben verfallen war. Fiebernd, stumpfsinnig harrend lie er die
Auftritte an sich vorbergehen, bis sie erschien. Von folternden
Schmerzen zermartert und doch an ihr Bild gebannt, weit vorgebeugten
Oberkrpers, verfolgte er jeden Schritt, jede Bewegung, bis sie wieder
die Bhne verlie oder der Vorhang fiel -- er htte seinen Nachbarn an
die Kehle fahren knnen, wenn sie fanatisch Beifall trampelten, wenn sie
wie toll ihr Buchner! Buchner! riefen ... Und wenn's zu Ende war, dann
stand er drauen unter der harrenden Rotte der Verehrer, den Kragen
seines Paletots hoch aufgeklappt, den Hut tief in die Stirn geschoben,
sah sie vorberschweben und mit kniglicher Gnade ein Lcheln rechts,
ein Lcheln links verteilen, atmete tief und sthnend auf, wenn der
Wagenschlag klappte, die Pferde anzogen ... Wenn aber nach der Premiere
die schumende Begeisterung der Jugend abermals den gewohnten Triumphzug
entfesselte, dann stellte sich Valentin Pilgram inmitten derer auf, die
von hinten Jucundas Wagen schoben, und arbeitete im Schweie seines
Angesichts. Dann war ihm am wohlsten, dann fhlte er sich ihr am
nchsten ...

Und als er eines Tages auf den Anschlagsulen ersah, da der
Wallenstein in Vorbereitung sei, da fiel ihm Thumsers Bitte ein,
in diesem Stcke mit statieren zu drfen. Damals hatte er als Senior
diese Bitte abgeschlagen, nun nickte er sich selbst ein bitter
lchelndes Ja, als eine Stimme in ihm befahl, er solle sich in die Schar
der Pappenheimer Krassiere mischen, um den Geliebten aus Theklas Armen
und in den Schwertertod hineinzureien ... Und so war er nun hier, in
dieser pappdeckelnen, bretternen Trdelwand. Nie htte er sich's trumen
lassen ... Nun war er, der weiland Erste Franconias, ein Statist in
Gruppe sechs ...

Die Probe ging ihren Gang.

Wie eines Meisters Hnde den bildsamen Ton, so knetete Franz Burgs
zielsichere Regie die Schar der zweiundsiebenzig jungen und lteren
Mnner in eine Horde entfesselter Pappenheimscher Soldateska um. Immer
und immer wieder wurde eine Gruppe nach der andern die Treppe hinauf-
und hinuntergejagt, jedes Knurren der Wut, jedes Aufheulen der
Begeisterung wurde einstudiert, jede Bewegung, jeder Blick festgelegt
und in das tausendmaschige Gewebe des farbenleuchtenden Teppichs
eingefgt, den der Szenenmeister vor dem lauschenden Publikum zu
entrollen gedachte. Und immer klarer, immer berzeugender modellierte
sich das Bild des kurzen, erschtternden Vorganges heraus, wie die
todestrunkene Schar der Krassiere sich ihren Fhrer aus den
Verstrickungen der Liebespflicht herausholt und ihn auf schumender Woge
hinwegreit in Tod und Vernichtung. Keiner sprte Ermdung, keiner nahm
Ansto am derbsten Poltern, am spitzigsten Spotte des eisernen Mannes,
der diese Zweiundsiebzig am Drahte seines Willens zappeln lie wie
ebensoviel Marionetten.

Und endlich schien's getan: tief aufatmend lachte Franz Burg: So,
Herrschaften, ich denk', nun knnt Ihr's, jetzt kommt der Tragdie
zweiter Teil: Rstungen verpassen! Also Pause zum Verschnaufen und dann
geflligst gruppenweise hinauf zur Rstkammer, dort lat Ihr Euch die
klapprigen Konservenbchsen um den Leib hngen, holt Euch Euren
Eisentopf und Eure Bratspiee -- und denn geht's wieder von vorne los!

Da leuchteten die ermdeten Augen der abgejagten Schar wieder hell auf.
Das hatte ja nur noch gefehlt, das Kostm, das vollendete die
Verwandlung, das brachte das Letzte an Stimmung, was noch fehlte ... Und
whrend die Gruppen zwei bis sieben sich plaudernd und lrmend in dem
dunklen Hintergrunde des schwarzghnenden Bhnenraumes verloren,
kletterte Gruppe eins unter Fhrung des Inspizienten lachend und
prustend die hallenden Steintreppen hinauf, um droben das Eisengewand
der Pappenheimer anzulegen.

Hans Thumser hatte sich vergebens den Kopf zerbrochen, weshalb wohl der
Korpsbruder so malos gereizt auf ihn sein knne. Himmel ja, er hatte
ihn ja unverantwortlich vernachlssigt in der letzten Zeit -- aber
schlielich war das doch kein Grund, ihn dermaen hundemiserabel zu
behandeln. Na, man wrde nochmals um Entschuldigung bitten, und dann
mte der arme Kerl doch schlielich Vernunft annehmen. Also, wo steckt
er denn blo?

Gruppe sechs -- wo ist Gruppe sechs? jawohl -- alles durcheinander
gewrfelt, alles wie verschluckt von der schwarzen Finsternis dahinten
jenseits des Prospekts.

Hans Thumser drngte sich durch die Gruppen der Krassiere, rief hin
und wieder halblaut Pilgrams Namen, aber umsonst, der Freund lie sich
nicht sehen -- schlielich postierte er sich unten an der Treppe, die
zur Rstkammer hinauffhrte. Aber selbst als Gruppe sechs, der er
angehrte, vom Inspizienten zum Empfang der Rstungen gefhrt wurde, war
Valentin Pilgram nicht darunter. Es schien, er wolle sich nicht sehen
lassen ... und schlielich konnte Hans das am Ende begreifen: er war
eben bse, weil Hans ihn so schnde vernachlssigt hatte. Nun, das lie
sich am Ende nachholen ...

Und mit ganz wunderlichen Empfindungen lie sich auch Hans Thumser den
rasselnden Eisenharnisch der Pappenheimer Krassiere um die
geschmeidigen Glieder schnallen. Es war ja nur Spiel, nur Mummenschanz
-- und doch, welch sonderbare Macht lag in diesem starren Eisengewand,
lag berhaupt im Kostm! Hans meinte ordentlich zu fhlen, wie er ein
anderer wurde, wie schlichte, rohe und starke Gefhle aus
jahrhundertfernen Tiefen sich an die Oberflche seiner Seele drngten,
wie er verschmolz mit der gepanzerten Schar seiner Gefhrten ...

Und nun hinunter! Die matt erhellten Korridore, der stockfinstere Raum
hinter dem Prospekt war nun von geheimnisvollem Rascheln und Klirren
erfllt. Es war, als sei der Geist der Wallensteinschen Soldateska ber
die ganze junge Schar gekommen: rauher und hrter klangen die Stimmen,
derber und knapper die Scherze, das Gelchter.

Und von neuem begann die Probe. Teufel! war das schwer, sich in diesem
niederwuchtenden Gewand, in den kolossal steifen Stulpenstiefeln zu
bewegen, den mchtigen Pallasch mit dem breit ausladenden Stahlkorb
nicht zwischen die Beine zu bekommen! Und nun gar die Treppen hinauf,
hinunter! Da verhedderte sich mancher in den handlangen sthlernen
Sporen, stolperte, krachte zu Boden und mute schwerfllig, wie eine
Schildkrte, von den Kameraden aufgerichtet werden.

Und unten auf dem Podium inmitten des Schlosaales stand Franz Burg und
hielt sich beide Seiten vor Lachen ... und neben ihm im Halbkreis
gruppiert: Thekla, Terzky, Illo, Buttler, Max Piccolomini -- und alle
lachten sie sich schier zu Tode ber die stolpernde, prustende,
schwitzende Krassiergarde.

Und doch, allmhlich klrte sich auch dies neue Chaos. Und endlich sagte
Franz Burg:

So, meine Herrschaften, nun fangen wir richtig zu probieren an! Also
bitte, Krassiere von der Bhne, die Soloherrschaften an ihre Pltze!

Und abermals stand die harrende Schar der Eisenreiter im Hintergrunde zu
Fen der schmalen Holztreppe versammelt -- und abermals klang's von
drinnen herrenhaft in grollendem Erzklang:

    Terzky!
              Mein Frst!
                            La unsre Regimenter
    Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
    Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.

Und Gruppe auf Gruppe erhielt ihr Stichwort, Gruppe auf Gruppe klirrte
die Treppe hinauf, strudelte die Galerie entlang, ergo sich in den Saal
hinab ...

Als aber Gruppe sechs aus dem Finster der Bhnentiefe die Treppe
hinanstieg, sah Hans Thumser, da Pilgram doch noch vorhanden war. Seine
riesige Gestalt, sein hartes Herrengesicht standen vortrefflich zu der
blanken Wehr -- aber kein Blick fr den einstigen Korpsbruder ...

Was er nur haben mochte? -- Das war doch Kinderei, so offiziell zu tun.

Also Gruppe sieben! zischte der Inspizient. Los! Los!

Und Hans Thumser keucht die schmalen Stufen empor, stt wie die
Kameraden rauhe gurgelnde Tne aus, stutzt droben am Treppenrande,
stutzt und verstummt ...

Aber nicht nur, weil es so probiert ist ... Im gelben Lichte
der Proberampe sieht er drunten Jucunda Buchners schmales
Prinzessinnengesicht ... aber jetzt nicht mehr wie vorhin, von Lachen
und Schelmerei gertet -- nein, nun ist sie pltzlich Thekla,
das verzweifelnde Kind, das Liebe, Glck, Leben versinken sieht in
den eisenschumenden Wogen des Schicksals. So abgrundtief, so
herzdurchbohrend der Ausdruck des Schmerzes auf ihren trnengefurchten
Wangen -- Hans Thumser kann den Blick nicht lassen von diesem Bild
adligen Grams ...

Aber die Masse der Kameraden schiebt ihn vorwrts -- und pltzlich fhlt
er keinen Boden mehr unter seinen Fen, er strauchelt, schlgt krachend
nach vorn, alle Glieder knacken -- tausend Feuerrder kreiseln in seinem
Hirn -- ein lauter Aufschrei bertnt das Knacken und Klirren der
hundert Eisenringel, die seine Glieder umschlossen halten und im Sturz
in Schulter und Schienbein sich hineinzwngen -- und dann nichts mehr.

Eine hilflose Masse, so war des Studenten Krper die fnfundzwanzig
Stufen der Freitreppe hinuntergekollert, anfangs noch ein wenig
aufgehalten durch die Schienbeine seiner Vordermnner, dann aber, als
alles instinktiv zur Seite sprang, ganz hemmungslos. Nun lag er bleich,
mit geschlossenen Augen am Fu der Treppe. Die Sturmhaube war ihm vom
Kopf gefallen und in weiten Sprngen ihm voran in den Saal
hineingehpft. Einen Augenblick hatte alles vor Schrecken erstarrt
gestanden, nun sprangen fnf, sechs der nchststehenden Krassiere zu
und richteten den schwerflligen Krper auf.

Durch den Wall der Geharnischten aber drngte sich Jucunda Buchner
hindurch. Sie hatte den Jngling straucheln und vornber strzen gesehen
und in dem Augenblick sein Gesicht erkannt, ohne da sie gleich wute,
woher. Nun kniete sie neben dem aufgerichteten Oberkrper des Studenten
nieder, umfate seine Schultern und legte seinen zerschundenen Kopf
behutsam auf ihr Knie. Und da schlug Hans Thumser die Augen auf -- und
in diesem Augenblick wute Jucunda, wo sie diesen leuchtenden Blick
schon einmal gesehen hatte -- der junge Poet ... er, neben dessen
schwindelschmalem Pfade Abgrnde klafften rechts und links -- nun, in
einen dieser Abgrnde war er nun glcklich hineingeplumpst ... freilich,
es schien ihm ganz gut bekommen zu sein, denn mit einem zufriedenen
Lcheln schlo er die erstaunten Augen, reckte sich ganz behaglich und
machte sich's ordentlich bequem auf dem weichen Kissen, auf das er sich
gebettet fhlte.

Und nun lste sich der allgemeine Schreck in ein befreites Aufatmen. Da
schlug der Student die Augen abermals auf, und nun schien ihm das
Komische seiner Situation bewut geworden zu sein: mit einem Ruck
richtete er den Oberkrper auf, sprang auch sofort auf die Beine und
reckte die Knochen.

Na? Kein edlerer Teil entzwei? fragte der drhnende Ba des
Szenenleiters. Hans Thumser versuchte sich diejenige Stelle seines
Krpers zu reiben, welche bei dem Fall am meisten in Mitleidenschaft
gezogen war, aber das gelang ihm nicht -- sie war zu gut gepanzert ...

Nun brach ein endlos drhnendes Gelchter aus, dazu rasselten die
Rstungen der Pappenheimer, die sich die eisenbewehrten Buche hielten.
Am hellsten aber lachte Jucunda. In einer raschen Wallung trat sie auf
den jungen Burschen zu und klopfte ihm mit beiden Hnden die glhenden
Backen.

Dunnerwetter! tnte da aus den Reihen der Krassiere eine neiderfllte
Stimme. Ich wr' nchstens ooch mal de Treppe 'nunner purzeln!

Na, ich dchte, nach diesem kleinen Zwischenfall probieren wir weiter!
rief Burg, also alles zurck, meine Herrschaften, und noch einmal von
vorne!

Hans Thumser war's nun aber doch zumut, als klapperten alle seine
Knochen einzeln und lose in dem groen Blechtopfe durcheinander, der sie
einschlo -- und er bat um die Erlaubnis, sie wieder zusammenzusuchen.

Als dies gewhrt worden war, trat er vorn an die Proberampe und kam
neben Jucunda zu stehen. Die lachte ihn an und flsterte ihm zu:

Ich habe ja so lange nichts mehr von Ihnen gehrt -- warten Sie nach
der Probe auf mich -- ich mchte wissen, wie es Ihnen inzwischen
ergangen ist!

Da wurde es Hans Thumser klar, da er wieder mal mehr Glck als Verstand
gehabt hatte ...

Noch eine weitere halbe Stunde voll schwitzenden Bemhens -- dann war's
geschafft. Und nun harrte der Student am Bhnenpfrtchen seiner Gttin.
Er drckte sich in den dunklen Schatten der Donnermaschine und lie den
Schwall der Geharnischten an sich vorber strudeln. Und endlich kam sie
-- kam nicht allein, sondern am Arm der majesttischen Kollegin Frau
Anna Cederlund, welche die Grfin Terzky spielte. Im ersten Augenblick
verlie den Studenten der Mut ... Als aber die beiden ragenden
Frauengestalten an ihm vorberschritten, ohne ihn zu bemerken, da
sprach's in ihm: Sei kein Narr! Und er scho aus seiner Finsternis
hervor, da die Frauen ordentlich zusammenschraken.

Gndigste haben mich zu sprechen befohlen!

Ah, sieh da, Herr Dummerle! Nun? Was macht die Poesie? Gestatten Sie,
Annerl -- Herr Studiosus Dummerle, dichtet -- hat immer die Nase in der
Luft und purzelt deswegen mit Vorliebe die Treppen hinunter -- meine
Kollegin, Frau Cederlund. Ja, also was fang' ich nun mit Ihnen an?
Wissen Sie was? Sie knnten ja auch mal zu mir zum Tee kommen -- wollen
Sie?

Darf es heute sein? antwortete Hans Thumser.

Aber warum denn nicht? Also um fnf -- soll's gelten?

Hans Thumser konnte sich nur stumm verneigen -- tief, tief auf die
schlanke Hand, die sich ihm entgegenstreckte -- und dann war's vorbei
...

Und wie ein Begnadeter stolperte Hans Thumser die hallenden Steintreppen
zur Rstkammer hinauf, um sich aus einem Pappenheimer wieder in einen
Fuchsmajor zu verwandeln. Zwei Minuten aber, nachdem das Eisenpfrtchen,
das vom Bhnenraum zum Garderobenumgang fhrte, hinter ihm zugeklappt
war, lste sich aus dem Dunkel der Kulissen noch eine zweite
Krassiergestalt los. Die einsame Glhbirne, die am Inspizientenpulte
brannte, beleuchtete ein finstres, verzerrtes Jungmnnergesicht unter
dem tiefschattenden Doppelschirm der Sturmhaube: es war das Gesicht des
weiland Ersten der Franconia.




                                  11.


Asta Thny war ein wenig eingenickt nach dem bescheidenen Mittagsmahl,
das Frau Wehe ihr aufgetischt. Nun fuhr sie empor, flog ans Fenster,
steckte den glhenden Kopf hinaus und klatschte jubelnd in die Hnde,
als sie die ersten Schneeflocken durch das mrrische Grau der
Sophienstrae wirbeln sah ...

Kstlich! kstlich! Wrde das ein frhliches Streifen werden mit dem
geliebten Jungen durch dies wattige Wei hindurch an der graulich
gurgelnden Pleie entlang! Sie wute, wie gut ihr die prachtvolle
Sealskingarnitur stand, das splendide Andenken ihres Rittmeisters in
Gera ... Und nun schmckte sie sich nach Herzenslust fr den Leipziger
Freund. Ob er wohl schon daheim war? Sie klopfte an die Wand -- keine
Antwort. Na, er wrde schon nicht auf sich warten lassen, um vier Uhr
hatte er ja versprochen sie zum Spaziergang abzuholen. -- Aber es wurde
vier -- und kein Hans Thumser! Na, vielleicht war er schon lngst zu
Hause und lag drben auf seinem Kanapee in den geliebten
Nachmittagsschlaf versunken. Sie hatte eine Tte Pralinees fr ihn
gekauft, sie kannte seine schwache Stelle. Die steckte sie in die
Jackettasche, hpfte zur Tr hinaus und pochte an die seine; da keine
Antwort kam, klinkte sie auf -- und richtig -- da lag er auf dem Sofa,
lang hingestreckt, in Hemdsrmeln, das blinkende Korpsband ber der
Weste. Auf Zehen schlich sie heran und hielt ihm die duftende Tte unter
die Nase. Da schlug er blinzelnd die Augen auf, lachte sie frhlich an
und breitete die Arme aus -- mit einem leisen Jauchzen warf sie sich
hinein.

Nachdem sie sich satt gekt, richtete sie sich stramm auf und befahl:

So, nun antreten zum Spaziergang! (Die militrischen Allren ihrer
jngsten Vergangenheit saen ihr noch in den Gliedern.)

Aber statt des erwarteten Entzckens trat in Hans Thumsers Zge
pltzlich eine peinliche Befangenheit, und ein Errten stieg ihm langsam
in die Augen.

Nun, was ist Dir?

Liebes Kind, ich bin trostlos ... Spaziergang ist nicht.

Was ist das? Was fllt Dir ein!

Ja ... ich ... ja ... ich ... es tut mir entsetzlich leid ... aber ...
wir haben heute nachmittag C. C. ...

Das ist abscheulich, Hans! Wie kommt denn das, was ist denn los?! Und
ich hatte mich doch so gefreut, habe mich so hbsch fr Dich gemacht,
das hast Du Ungeheuer berhaupt noch gar nicht bemerkt!

Ob ich das bemerkt habe! ... aber -- es tut mir riesig leid, Du weit,
das Korps spat nicht.

Asta sah, da er ihren Blick vermied -- lgen hatte er noch nicht
gelernt.

Du, das mit dem C. C. das ist geschwindelt, da steckt was andres
dahinter! Beichte!

Aber nein ... ganz wahrhaftig, Kind, wir haben C. C., Du kannst Dich
drauf verlassen.

Sieh mich an, Hans --! Siehst Du, Du kannst es nicht --

Aber ja ... ich kann's.

Nein wahrhaftig, er konnte es nicht.

Also heraus damit! Was ist los?

Sie stampfte mit den zierlichen Fen auf, die in mchtigen
pelzbesetzten Boots steckten.

Hans kmpfte einen Augenblick, dann sah er ihr gerade ins Gesicht mit
dem Ausdruck eines trotzigen Buben, der sich auf einer Schandtat ertappt
sieht:

Die Buchner hat mich zum Tee geladen.

Das ist nicht wahr! Das darf nicht wahr sein!

Aber warum soll ich denn nicht auch mal zur Buchner zum Tee gehen?

Weil Du mir gehrst. Das gibt's nicht. Da wird nichts draus.

Ich hab's versprochen.

Dann bleibst Du eben einfach weg. Die Buchner wei ganz genau, da Du
mein bist. Es ist eine Niedertracht von ihr -- ich la mir's nicht von
Dir gefallen!

Und ich la mir's nicht von Dir gefallen, da Du ber mich verfgst,
wie ber ein Spielzeug.

Hans, so darfst Du nicht zu mir sprechen, das weit Du auch, da Du
das nicht darfst! Du hast auch ein bses Gewissen dabei!

Hans Thumser ging mit drei raschen Schritten ans Fenster und trommelte
an die Scheiben. Wahrhaftig, sie hatte recht -- es war ihm hundeelend
zumute -- nichts als Liebes hatte sie ihm getan, weit ber Hoffen und
Trumen hinaus hatte sie ihn glcklich gemacht ... und er -- er hatte
immer ber sie hinweg getrumt von der andern.

Nun, hast Du Dich besonnen -- kommst Du mit mir?

Ich kann's nicht ... ich hab's versprochen.

Und mir? -- Wem hast Du's zuerst versprochen, mir oder ihr?

Aber Kindchen, das mut Du doch einsehen ... da das fr mich -- wie
soll ich sagen -- da das fr mich eine groe Sache ist ... schlielich
ist sie doch ... die Buchner.

Ach so -- und ich, ich bin nur die Thny, die kleine Thny, und sie die
groe Jucunda! Hansel, das wird Dir noch mal leid tun!

Laut aufweinend strzte sie hinaus ... die Schleppe ihres Pelzjacketts
fegte die Pralineette vom Tisch, und alles kollerte in die Stube. Hans
Thumser mute aufsammeln. Dabei glhten seine Backen vor Scham. Es war
wirklich hundsgemein von ihm, das herzliebe Mdel so ruppig zu versetzen
-- er fhlte, er hatte sie bis ins Tiefste gekrnkt. Mit hundert
Gewalten zog's ihn hinber, die Trnen von den schnen Augen
wegzukssen, die ihm so manche Stunde durchsonnt hatten ... und dann
fiel sein Blick auf Jucundas Bild, auf das bronzene Heroinenprofil, das
unterm Helm der Jungfrau so sieghaft leuchtete. -- Und er wute, da
zehn Astas diese Stunde nicht aufwiegen wrden, die ihm bevorstand.

Er lauschte -- wieder wie in jener ersten Nacht klang da drben jenseits
der Doppeltr und der beiden Kleiderschrnke, die sie verbarrikadierten,
das herzerschtternde Weinen ... aber diesmal nicht verhalten wie damals
-- nein -- in wilder leidenschaftlicher Emprung. -- Und diese, diese
Trnen hatte er auf dem Gewissen ...

Und das war so niedertrchtig, so infam: da man im tiefsten Grunde
seiner Seele sogar noch etwas wie eine Genugtuung empfand ber diese
Trnen, die man selbst verschuldet hatte. War es nicht eigentlich ein
verdammt stolzes Gefhl, da man ein Kerl war, um den so heie
Mdchentrnen flieen konnten?

Hans Thumser warf einen Blick in den Spiegel: also so sieht so ein
verfluchter Gesell aus, um den ein Mdchen wie Asta Thny -- Tausende
wrden ihn beneiden um so einen sen Kameraden! -- um den so ein
himmelses Geschpf sich qult?

Und mit einem verwegenen Ruck stlpte er die grne Franken-Mtze auf den
braunen Schdel und ging zu Jucunda Buchner.


War's nicht eigentlich toll? Hans Thumser war in einer ganz
niedertrchtig vergngten Stimmung, als er durch das wirbelnde
Flockengestiebe den Peterssteinweg, die Petersstrae hinanschlenderte.
Jedem Mdel guckte er verwegen, wie er's nie getan, unters Pelzbarett:
Ja, wenn ihr wtet, ihr Leipziger Gnschen --! Eben hab' ich die Asta
Thny gekt ... die von den Meiningern, ihr wit doch! Und nun -- nun
gehe ich zur Buchner ... und wer wei -- wer wei! So ein Kerl bin ich,
verflucht nich noch mal!

Als er den schneebepuderten Marktplatz berquerte und in die
Katharinenstrae einbog, fiel ihm pltzlich ein, da er ja nun endlich
den Weg zu Valentin Pilgrams Wohnung gefunden habe. Der arme Junge! Ob
der wohl auch schon mal von Jucunda Buchner zum Tee geladen worden war?
Wohl schwerlich -- und doch, was alles hatte der an dies Mdchen gesetzt
... und er --? Er hatte nichts getan, und alles fiel ihm in den Scho.
Teufel auch -- man war eben ein Poet, ein Gtterliebling --! nischt wie
verdammte Pflicht und Schuldigkeit vom Schicksal!

Ob er den armen Burschen wohl mal aufsuchte? Eigentlich htte sich's
gehrt ... da er gekrnkt war, lag ja auf der Hand nach seinem Benehmen
von heut morgen ... aber freilich ... erst zu Pilgram gehen und dann
sich von ihm verabschieden mit der Erklrung, man sei zu Jucunda Buchner
zum Tee geladen -- das war doch wahrhaftig mehr eine Krnkung, wie die
Dinge nun einmal lagen, als die Erfllung der lngst geschuldeten
Freundschaftspflicht. Also lassen wir's doch lieber ...

Glcklicherweise, im letzten Augenblick, fiel's ihm ein, da er ja noch
ohne Blumen war. Er fand eine Grtnerei, whlte die herrlichsten Rosen,
die es gab, und erschrak nicht im mindesten, als die Verkuferin ihm
fnf Mark abverlangte. Denn diesmal war's ja in der ersten Hlfte des
Monats und nicht Ultimo, wie damals, als er mit dem gepumpten Markstck
ein Dahlienstruchen fr Asta erstand ... Und so bewaffnet bis an die
Zhne kletterte er die wohlbekannten Stufen im dunklen Treppenhause
empor und zog die gellende Klingel an der Korridortr des Kanzleirats
Buchner.

Eine stattliche Frau ffnete ihm. Er erkannte in ihr sofort Jucundas
Begleiterin von jenem ersten Triumphzuge wieder. Alle Wetter ja, seine
Idee von damals hatte Schule gemacht ... das blitzte ihm so durch den
Kopf, als er seiner Fhrerin durch den dunklen Korridor folgte, bis sie
haltmachte und anklopfte.

Bist Du es, Mutter? tnte von drinnen die wohlbekannte Stimme ... die
Stimme, die durch sein Wachen und seine Trume klang. So hatte sein
junges Herz noch niemals an die Rippen gehmmert ... auch nicht bei
Beginn des Abiturienten-Examens ... auch nicht vor der ersten Mensur.

Hier ist der Herr, wo Du zum Tee hast eingeladen!

Herein -- nur herein!

Die Tr sprang auf, und als dunkle Silhouette gegen die schimmernd
weien Vorhnge abgehoben, stand Jucunda. Mit ausgestreckten Hnden kam
sie ihm entgegen:

Wie freue ich mich! -- Die Poesie bei mir zu Gast ... das ist das
erstemal. La uns allein, Mutter.

Hans warf einen Blick in der Stube umher. Tausend ja, hier sah's anders
aus als damals bei Asta. Jucunda, das sah er sofort, hatte nicht
vergessen, da sie sein Kommen gewnscht -- alles war sorgfltig fr
seinen Empfang vorbereitet, der Tisch zierlich gedeckt und mit Rosen
bestreut, die Teemaschine dampfte, Zigaretten, Zigarren standen bereit,
eine gehufte Schssel Gebcks. Und ringsum herrschte Ordnung,
Sauberkeit, noch mehr: Schnheit ... oder doch wenigstens die deutliche
Absicht sie hervorzuzaubern ... berall Blumenarrangements und Krbe
lebender Pflanzen, an den Wnden die welkenden Lorbeerkrnze mit
riesigen langflutenden goldbedruckten, goldbefransten Atlasschleifen.
Uebers Bett aber war ein hermelinbesetzter Mantel von Purpursamt
kniglich hingebreitet, und ein frischer Strau tiefdunkelroter Rosen
lag oben drauf. Alles war abgetnt mit einem naiven Sinn fr Eleganz und
Reprsentation.

Hans Thumser sah nicht, da die Mbel abgeschabt, die Bezge
verschlissen waren, fhlte nicht, da der Stuhl wackelte, auf den
er sich setzte, der Tisch, auf dem das Teegeschirr brannte ... auch
nicht, da die Tassen gesprungen waren, und hier und da gar ein Henkel
fehlte ... ihm war zumut, als sei er in einem Knigsschlo, in einem
Mrchenpalast. Und wie eine Knigin erschien ihm auch Jucunda. Sie
trug ein lang hinschleppendes Spitzenkleid, das ihm vorkam wie eine
mrchenhafte Kostbarkeit -- er konnte ja nicht beurteilen, da es
maschinengewebte Spitzen waren, nur bestimmt auf die Entfernung zu
wirken -- er war im Bann, im Traum. Und nur die eine Empfindung
durchdrang ihn mit wohligen Schauern: hier war er erwartet, hier hatte
man Staat fr ihn gemacht, hier wollte man ihn ehren, ihn entzcken.

Er sa ganz still, als Jucundas groe, schlanke Hnde den Tee
bereiteten, und sah nichts als das anmutige Spiel der elfenbeinfarbenen
Arme, die aus den Spitzenrmeln hervorlugten:

Erinnern Sie sich noch, da wir schon einmal beim Tee zusammengesessen
haben?

Wie knnen Sie fragen, gndigstes Frulein! Ich habe seitdem von nichts
getrumt, als da dies einmal kommen knnte ... dies, was jetzt ist.

Jucunda stellte den dampfenden Tee vor ihn hin, sah ihn von oben her mit
ironischem Lcheln an und fragte:

Und Asta?! Haben Sie die Courage gehabt, ihr zu verraten, da Sie heute
bei mir sind?

Warum sollte ich nicht? Das ist doch nicht verboten!

Nun, und was sagte sie?

Hans wurde rot. Ob Asta geschwatzt hatte? Ob Jucunda wute, wie er mit
ihr stand?

Sehen Sie wohl, lachte das Mdchen, Sie knnen nicht antworten -- Sie
haben Schelte bekommen --! Dacht' ich mir's doch.

Ich wte nicht, da irgend jemand das Recht htte mich zu schelten,
sagte der Student etwas kleinlaut und trotzig.

Sagen Sie das nicht! sagte Jucunda. Wohltun verpflichtet -- oder ist
die ... Episode schon zu Ende?

Welche Episode?

Fragen Sie nicht so dumm!

Hans Thumser sah sich durchschaut. Aber wenn Jucunda doch wute, da
Asta immerhin doch gewisse ... Ansprche geltend machen konnte ... warum
hatte sie ihn geladen, was wollte sie von ihm? Er richtete sich auf:

Gndiges Frulein, ich glaube nicht, da Sie mich zu sich gebeten
haben, um mir klar zu machen, da ich eigentlich wo anders hingehrte.

Da haben Sie recht, lachte die Schauspielerin, Sie sind nun einmal
hier, nun seien Sie's auch ganz. Asta ist tot, es lebe Jucunda, nicht
wahr?

Sie streckte ihm die Fingerspitzen hin, er neigte sich darber.

Nun, blaue Flecke von heute morgen?

An allen Gliedern! gestand Hans. Na, irgend etwas mu der Mensch doch
schlielich tun, um eine solche Stunde zu verdienen.

O, seien Sie nur ruhig, man wird von Ihnen vielleicht noch mehr
verlangen!

Verlangen Sie.

Was macht Ihr Korpsbruder Pilgram?

Mein ... frherer Korpsbruder, wollten Sie sagen.

Hm ... er tut mir so leid, aber ich habe ihm nicht helfen knnen, er
hatte es gar zu eilig, sich in die Bredouille zu strzen -- also, was
treibt er? Erzhlen Sie!

Ja, haben Sie ihn denn heute morgen nicht bemerkt?

Wo? doch nicht etwa auch unter den Krassieren?

Gewi! der Lngste und Schnste unter den Pappenheimern.

Nein wahrhaftig -- er ist mir nicht aufgefallen! Er hat sich ja auch
nicht so bemerkbar gemacht wie Sie!

Ja, es hat eben nicht jeder den Dusel, ber fnfundzwanzig
Treppenstufen Ihnen geradewegs vor die Fe zu kollern.

Wie denkt er denn ber mich und -- ber die ganze Affre?

Das wei ich nicht. Ich schme mich es zu gestehen, aber ich sah ihn
seitdem nicht mehr -- meine Schuld -- doch was will ich machen? Wenn ich
nicht Franke bin, so bin ich Meininger, in jeder Stunde, Tag und Nacht.
Ach, gndigstes Frulein, ich habe nie gedacht, da es so etwas gbe,
da man sich so ganz verlieren, so ganz vergessen kann! Ich lebe wie im
Fieber -- mir ist, als htte ich Flgel -- ich mchte tausend Augen,
tausendfache Sinne haben, um all das festzuhalten, was in mir strudelt
und braust. Was fr Hexenmeister seid Ihr: alles, was ich ahnte, wenn
ich in meinem Knabenstbchen die groen Dichter las, ist Leben geworden,
Wirklichkeit, Erfllung ... Und damit nicht genug, ich selber, ich
schaue nicht nur, ich selber stehe mitten drin, in all dem Schwall --
ein Strom von Glck und Sehnsucht braust unter mir und wirbelt mich auf
und nieder. Wo soll ich hin mit all dem Drang -- wo soll ich hin?!

Lchelnd hob Jucunda die Hand und streichelte die glhenden Wangen des
Jnglings, wie sie es heut morgen im Theater getan.

Sie Dichter! sagte sie, Sie Dichter --! Lassen Sie es doch brodeln
und gren, lassen Sie's doch! Machen Sie Gedichte daraus, schn wie das,
welches Sie mir damals sprachen ... so schn und schner noch!

Ja, sagte er, das will ich tun ... spter einmal, spter, wenn alles
das vorber ist ... denn ich wei ja, es whrt nicht ewig ... acht Tage
noch, dann zieht Ihr fort ... und ich bin wieder, was ich war -- ein
armes Studentlein, Franconiae Fuchsmajor, einer von Tausenden -- und um
mich ist wieder nichts als Bier und klirrende Speere und Drogenwelt und
die Dutzendgesichter meiner Kommilitonen -- o Gott! wie soll ich das
ertragen! Ich wei, ich werde irgendeine Dummheit machen -- ich laufe
fort, in die weite Welt, dahin, wo Ihr seid -- wo Sie sind, Sie
wunderbarer Mensch -- Sie Zauberin!

Das werden Sie nicht tun! sagte Jucunda. Ich wei, da Sie das nicht
tun werden -- ich wei, Sie werden dann stille Stunden der Besinnung
haben ... es wird Ihnen werden, wie es denen gewesen ist, deren Verse,
deren Szenen wir abends sagen und gestalten. Sie werden dichten --
glauben Sie's mir.

Ach, wenn das wahr wre -- wenn das mglich sein knnte!

Es wird so sein, sagte Jucunda. Ihre Stimme war weich, ihre blauen
Augen hingen an den braunen des Knaben. Soviel lebendige Dichter
hatte sie nun schon gesehen in ihrem Leben: was waren das alles fr
reservierte, verbrauchte, zermrbte, graukpfige Herren gewesen --
wie hatten sie gezittert hinter den Kulissen, wenn ihre Stcke vom
Stapel gingen, da drauen -- wie hatten sie ngstlich auf den Applaus
gelauert, wenn der Vorhang sank, wie hilflos sich hinausziehen lassen
ins blendende Rampenlicht, um sich linkisch und schweratmend nach dem
schwarz ghnenden Zuschauerraum hin zu verneigen, wo das Publikum ber
das Schicksal ihrer Schpfungen entschied! -- Dieser hier war noch ganz
Poet, er wute noch nichts von all dem Grlichen, das auf ihn wartete
hinter den grauen Schleiern, die seine Zukunft verhllten, ihn trennten
von diesem schauderhaften Leben des angstvollen Ringens um Erfolg,
um Gold und Lorbeer, in das sie selbst, die Achtzehnjhrige, schon so
tiefe Blicke hineingetan. In ihm sprudelten noch ganz ungetrbt die
heiligen Quellen der Phantasie, darinnen Sonn' und alle Sterne sich
spiegelten ...

Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer -- der Tee wurde kalt in den
Tassen, und sein Duft mengte sich mit dem Rosenhauch, mit den blauen
Wlkchen der Zigaretten, die durch die Stube kruselten. Von der Strae
her fiel der erste Laternenschein in die umdunkelte Stube und lie die
goldigen Schriften der Kranzschleifen matt aufglimmern. -- Mit langsamen
Bewegungen stand Jucunda auf, um Licht zu machen.

Nicht doch, wehrte Hans -- nicht Licht machen ... es ist so schn
so.

Aber anders ist es besser! sagte Jucunda mit leisem Lcheln und
entzndete die Lampe. Und wieder lie sie sich in das Sofa fallen und
neigte den flechtenbeschwerten Kopf auf die Lehne zurck.

Wie seltsam das doch war --! Sie kannte so viel Mnner von Geist und
Rang ... wie kam's, da ihr heut zumut war wie nie zuvor --? War's die
Kraft, die ungebrochene, die ihrer selbst noch unbewute, die sie ahnte
in den Tiefen dieser empor sich ringenden Seele? War's die edlere Rasse,
die sie witterte, sie, das Kind einer enggebundenen Welt, einer Welt
ohne Schwung und Gre? Sie war Knstlerin genug, dies alles zu ahnen,
was in dem jungen Menschen da vor ihr wirkte und wallte ...

Und Hans fragte sich immer wieder im stillen, ob das denn wahr, ob das
denn mglich sei ... ob das Leben wirklich so schn sein knne, so
malos reiche Gaben spende ...

Still war's. Von der Katharinenstrae heraus klapperten behbig
trottende Pferdehufe, der Schritt der Fugnger, die von ihrer Arbeit
heimwrts steuerten.

Wie gut, sagte Jucunda, da ich heut abend mal ausnahmsweise nicht
spiele, so gehrt uns diese Stunde wenigstens ganz!

Und wehe dem, der kommen wollte sie uns zu stren -- Sie wissen das
alles ja gar nicht -- Sie wissen nicht, was das alles mir bedeutet, was
Sie mir bedeuten -- ich wei es selber erst seit wenig Augenblicken. Ich
denke zurck an zwei Abende meiner Jugend, die der Wendepunkt waren, ich
fhle es nun. Ihr spieltet daheim, in dem alten engen Stadttheater an
der Rathausbrcke -- Sie waren eben entdeckt worden, ein mrchenhaft
aufleuchtender Stern -- und ich, ein sehnschtiger Primaner droben auf
dem zweiten Rang im Wallenstein -- Sie drunten als Thekla mit der
Laute in den rotsamtnen Vorhang geschmiegt, weileuchtend abgehoben von
dem riesigen Glasfenster, durch das die sternlose Nacht hineinghnte.
Sie sangen Ihr Lied, Sie wissen's ja -- Sie singen's bermorgen wieder
-- Und wissen Sie, wie ich Sie empfand? Sie waren die leuchtende Seele
des gigantischen Gedichts, Sie waren die Schnheit, die versinken mu
unterm erbarmungslosen Schritte des Schicksals -- Sie waren die Tugend,
die zermalmt wird von den geifernden Kinnbacken des Verbrechens, Sie
waren ... das Ideal, das waren Sie ... ach! und Sie sind's mir
geblieben. Jetzt fhl' ich's, da Sie immer mit mir gegangen sind in den
zwei Jahren -- und nun, ist's mglich! Nun sitze ich Ihnen gegenber,
knnte Ihre Hand erreichen, wenn ich's wagte, darf in Ihre Augen sehen
und fhlen: das Geschick meines Lebens ist ber meinem Haupt.

Seine Stimme zitterte -- die braunen Augen leuchteten, der Atem flog.

Und dennoch -- sagte Jucunda langsam, grougig -- und dennoch haben
Sie Asta Thny gekt.

Ja, Jucunda, ich habe Asta Thny gekt. -- -- Wie soll ich Ihnen das
erklren -- sie war die erste, die kam, damit ist alles gesagt. Sie hat
mich genommen, weil alles in mir nach der Erfllung lechzte, die nur
Jucunda heien durfte. Ach! so ist's wohl stets im Leben, da man sich
bescheiden mu und dankbar sein, wenn man Kupfer bekommt fr Gold. Das
andere, das ganz groe Glck, das gibt's ja nicht, das darf's ja gar
nicht geben -- denn gb' es das, wir wren Gtter und nicht Menschen ...
und Gtterschicksal ertrgt sie ja wohl nicht, diese arme, irdische
Seele, dieser schwache, tnerne Leib. -- Und doch, ich fhl's: da ich
das habe tun knnen, da ich, Ihr Bild im Herzen, die andere umarmt
habe, das hat mich Ihrer unwert gemacht und unwert auch all dessen, was
ich mir an eigenem Wert und Werden ertrumt habe. Ja, Jucunda, ich habe
Asta Thny gekt -- und nun mu ich ja wohl auch gehen, nicht wahr?

Er war aufgestanden, gesenkten Auges stand er neben ihr. Da griff sie
nach seiner Hand:

Du lieber, ser, dummer Junge, Du ... Hans Thumser, kleiner dummer
Bub, komm, sei vernnftig, setz' Dich mal her zu mir aufs Sofa. Ja, es
ist schade, lieber Freund, da Sie so zu mir kommen -- aus den Armen der
andern. Aber vielleicht bin ich selber dran schuld ... warum habe ich
Sie nicht erkannt beim erstenmal, da wir uns sahen? Ich, ich bin in
Ihrer Schuld, ich war in Wirklichkeit die Dumme ... die Blinde ... Doch
was tut's, das alles? Ich will, da es nicht gewesen sein soll -- und es
ist fort -- ich wisch' es aus, ich streiche den Namen Asta Thny von der
Tafel Deines Lebens ... Und nun ist nichts mehr da als ich, nicht, mein
Hans?!

O nichts, nichts als Du --! stammelte er und sank neben dem Sofa in
die Knie. Seine glhende Stirn sank in ihren Scho, ihre weien Hnde
glitten ber seine braunen Locken. -- Da richtete er sich auf, irren
Auges, die Wangen feucht, und sah sie an, so ganz Inbrunst, Ergebung und
Verlangen, da es sie niederzog zu ihm. Sie umschlang seinen Nacken,
ihre Lippen hingen ber den seinen.

In diesem Augenblick wurde heftig an die Tr geklopft. Die beiden jungen
Menschen fuhren empor -- das war nicht wahr, das durfte nicht sein ...
aus solchem Traume gibt's kein Erwachen, eh er zu Ende getrumt ist. Und
doch -- es klopfte abermals.

Jucunda, darf' ich 'rein kommen? klang Frau Buchners fette Stimme.

Die beiden Kinder richteten sich auf. Die mhevoll eindressierte
Haltung, sie versagte nicht in diesem trauervollsten Augenblick. Im Nu
sa Hans Thumser auf seinem Stuhl, ganz Korpsstudent, ganz korrekter
junger Gentleman -- und sie, ihm gegenber, auf dem Sofa, ganz Dame,
ganz Komdiantin:

Bitte, Mama ...

Frau Buchner trat ein, mit einem Lcheln des Triumphs auf den Lippen.
Ein wenig stutzig sah sie von einem zum andern, doch ihr prfender
Mutterblick fand keine Spur, die Besorgnis erregt htte.

Nu, Jucunda, was sagste nu? Mit spitzen Fingern hielt sie eine
Visitenkarte in den Bereich der Lampe, eine vielzackige Krone darauf und
darunter die Worte:

Heribert Hans Herwig, Erbprinz von Nassau-Dillingen

Was? rief Jucunda, er ist drauen?

Ei, herrjemerschnee! Ne so was -- ne so was ... Natierlich ist er
drauen -- in hchsteigener Person! Soll ich 'n 'rinlassen?

Mit einem Blick hatte auch Hans Thumser die Schrift auf der Karte
entziffert, der zweite flog mit schreckhafter Spannung zu Jucunda
hinber.

Und -- sie? Das Gesicht, das ihm eben geleuchtet hatte wie der Genius
seines Lebens selbst, es hatte den Ausdruck vllig gewandelt: ein dnnes
Lcheln befriedigter Eitelkeit spielte um die schmalen, herrischen
Lippen, die Augen flackerten einen Augenblick in unstetem Sinnen, die
Stirn hatte sich gekraust. Aber schon war der kurze Kampf zu Ende:

Selbstverstndlich, Mama. Sie haben ja wohl nichts dagegen, Herr
Thumser, wie? Der Herr ist ja doch ein Korpsbruder von Ihnen.

Mit einem Ruck war Hans Thumser emporgeschnellt:

Dann verzeihen Sie wohl, wenn ich mich empfehle, mein gndigstes
Frulein -- ich wnsche nicht zu stren.

Aber ich bitte Sie, was heit stren? Wir knnten ja so nett zu dreien
...

Starr und frmlich verneigte sich der Student:

Adieu, meine Damen.

Er griff nach seiner grnen Mtze, die auf einem Stuhl an der Tr lag,
dem spanischen Rohr mit Silberbeschlag, das daneben lehnte, und schritt
hinaus.

Im engen Korridor stand der Erbprinz, in Ueberrock und spiegelnden
Lackschuhen, den Zylinder in der Hand, die Scherbe im Auge. Sein Gesicht
wies den Ausdruck blder Verblffung. Mit einer kurzen Verneigung
strmte Hans Thumser an ihm vorber und lie die Korridortr ins Schlo
fallen.




                                  12.


Vor ihrem Bett war Asta Thny in die Knie gesunken und hatte geweint,
wie nie zuvor in ihrem Leben -- und doch, wieviel Trnen waren schon
ber ihre vergangenen Tage geflossen ... Wie teuer hatte sie die
flchtigen Augenblicke des Glcks erkaufen mssen, zwischen denen nichts
gewesen war als Kampf -- Kampf mit zusammengebissenen Zhnen -- Hunger
und Verzicht -- Abschied und Sehnsucht ... Und nun war's wieder einmal
tief, tief dunkel geworden um sie her ...

Sie sprang in die Hhe. Die eingeschlossene Luft in dem engen Stbchen
prete ihr die Brust zusammen -- sie ri das Fenster auf: da drauen auf
der Sophienstrae noch immer das Flockentreiben und all die Fenstersimse
der schwarzen Huserzeilen schon wei berlagert, die Straen drunten
wie versunken unter der weien Last -- die aufgespannten Regenschirme
bestubt, die Hutkrempen, die Mntel schneebepudert. Da hinein, in dies
wehmtig tolle Treiben hatte sie mit dem Liebsten schwrmen wollen -- da
hinein zog's sie nun, die glhenden Augen zu khlen, die schneidende
Luft in tiefen Atemzgen in die schmerzende Brust zu saugen.

Einen kurzen Blick warf sie in den Spiegel und sah ihre Lider, ihr
ganzes Gesicht fieberisch gertet. Sie suchte den dichtesten Schleier,
den sie hatte, und knpfte ihn fest ums Gesicht. Dabei fiel ihr Auge auf
die schnen neuen pelzgeftterten Glachandschuhe. Sie waren ganz
verdorben vom Strom ihrer Trnen ... ach, wie gleichgltig das war.

Nun war sie drunten auf der Strae -- wie dunkel es schon war um diese
frhe Nachmittagsstunde -- wie sie emporblickte, lag's ber den Dchern
wie eine graue Decke, aus der es unablssig niederrieselte. Im Nu trug
auch sie die Livree des Winters.

Den wirbelnden Flockenschauern entgegen stapfte sie gen Westen, kreuzte
die Zeitzer Strae und berschritt auf schmalem Brckchen den Mhlgraben
... In den Wald hinaus, nur fort von den Menschen, fort aus der Stadt --
in die Einsamkeit, dahin, wo sie hatte einsam sein wollen mit ihm.
Nun dehnte sich zur Rechten die endlose Schneeflche der Rennbahn, und
vor ihr stand der Wald, ein schwarzer Saum, wei berzackt. Unter
der Schleuiger Brcke gurgelten gelb und angeschwollen die trgen
Pleiefluten -- ohn' Unterla sanken die leuchtenden Flocken in die
schmutzigen Gewsser und wurden eingeschluckt -- wie der Schwall des
Lebens Wesen um Wesen verschluckt. Den schmalen Pfad schlug sie ein, der
hart am Ufer drben aufwrts fhrte zu den graulich aufragenden
Eichenschften, dem Gewirr des Ufergestrpps, dran jedes Zweiglein
schon seine feuchte weie Last trug ... Und wirr durcheinander, wie
die stubenden Flocken, jagten ihre Gedanken. Gott, wie grenzenlos
allein sie doch war auf der Welt: Tochter eines kleinen Gerichtsbeamten
in Mnchen, war sie von der strengen katholischen Rechtglubigkeit und
engen Spiebrgersittsamkeit ihrer Eltern um jener ersten Liebschaft
willen, die sie einem schmucken Leutnant von den Chevauxlegers in
die Arme geweht hatte, aus Haus und Heimat verstoen worden. Das
Grflein hatte brav an ihr gehandelt. Ihre berufliche Ausbildung, ihren
ersten Schatz an Kostmen verdankte sie seiner Freigebigkeit. Und
dennoch hatten am Ende der Abschied, die Trnen, die Verlassenheit
gestanden ...

Und nun: die kleinen Engagements in Nrnberg, in Regensburg, in
Augsburg. Immer umringt von einer Verehrerrotte, die nichts von ihr
wollte als immer das gleiche -- das eine -- fr die sie niemals eine
Seele, ein Mensch, eine Knstlerin gewesen war, sondern immer nur eine
hbsche Schale, ein Spielzeug, ein Zeitvertreib, eine Sklavin ... Und
endlich das groe Glck: ein einziges Mal ein Mensch, der sie ernsthaft
nahm, Franz Burg, der Meininger Oberregisseur, der sie entdeckte ganz
hinten im Ensemble eines Mittelstadtbhnchens. Und nun: Engagement,
kleine Rollen, mittlere Rollen, Erfolg -- Karriere. Karriere? Ach, du
lieber Gott! Bis zu den Sternen war man nicht gekommen -- immerhin, man
war geborgen, man konnte sich ausruhen, konnte arbeiten -- stand
inmitten eines groen, knstlerischen Treibens, brauchte sich nicht mehr
wegzuwerfen, zu verkaufen.

Aber ach, verdorben war man nun doch einmal, konnte nicht mehr leben
ohne Ksse, ohne Rosen, ohne Liebesbriefe, ohne Zrtlichkeiten ... Und
so flog man doch auch jetzt immer noch aus einem Arm in den andern,
blieb ein Spielzeug -- blieb der rasch vergessene Kamerad flchtiger
Taumelstunden ...

Da war der eine gekommen, dies grasgrne Studentlein, das so ganz, ganz
anders war als alle die frhern ... Was war's eigentlich gewesen, was
ihn von ihnen unterschied? Er hatte sie genommen, sie hatte sich ihm
gegeben, genau wie's immer gewesen war -- nur eines war anders gewesen
-- ach, sie wute es wohl, der Klang seiner Rede war's, die schumende
Flut von klingenden, schwingenden Worten, in denen seine Zrtlichkeit,
sein Rausch sich ausstrmte ber sie hin -- ach nein -- auch noch ein
andres. All die andern, die sie gekannt hatte, waren erfahrene,
abgebrhte, blasierte Burschen gewesen -- diesem einen, sie wute es,
hatte sie das erste Glck des Lebens gebracht. Sie hatte trumen drfen,
ihm etwas zu sein, etwas, das nicht verfliegen knnte mit dem Rausch der
flchtigen Erfllungsstunden ... Und nun, nun war auch das ein Trug, ein
Wahn gewesen ...

Tief gesenkten Hauptes schritt das einsame Mdchen frba. Und wie ein
fernes Brausen klang weit, weit hinten das Treiben der groen Stadt,
gedmpft durch die rastlos niedersinkenden Flockenmassen. Und in der
Nhe schien jeder Schall des Lebens erstorben -- nur der eigne Schritt
knirschte leise im lockren Teppich, der die Welt berzog. Und zur Linken
glucksten die gelben Wasser. Unter der nassen Last lsten sich die
letzten gelben Bltter von den Wipfeln und sanken schwer und matt wie
dunkle Schattengebilde inmitten des weien Geriesels nieder, lagen ein
paar Sekunden als schwarze Flecken auf dem leuchtenden Grund und wurden
dann schnell verschttet und begraben ... Und Asta sann in die Zukunft
-- was hatte sie noch zu hoffen? Zu den hchsten Hhen der Kunst,
dorthin, wo die strahlende Rivalin stand, ach, dorthin wrde sie sich
niemals emporschwingen. Nur die Niederungen waren ihr bestimmt, die
wenigen Jahre, bis Jugend und Anmut verweht sein wrden -- und was dann?
-- Und was inzwischen? -- Immer nur Neid und Enttuschungen ... Ab und
an, wenn einmal eine neue Rolle neue Hoffnung brachte, ein verzweifeltes
Emporraffen, ein neues zhneknirschendes Einsetzen der ganzen Kraft --
dem, ach, doch immer wieder das Versagen, das Ermatten, die Erkenntnis
der Begrenztheit des eigenen Wesens und Knnens folgen mten, wie noch
stets bisher.

Und wo war dann Trost als in neuen Umarmungen, in neuen Tndeleien, ohne
Glauben, ohne Hoffnung, ohne Sinn?

Nein, wenn sie nicht einmal diesen einen dauernd hatte fesseln knnen,
wenn selbst dieser eine, in dessen Leben sie am Anfang der Liebe
gestanden, wenn sie nicht einmal ihn lnger hatte binden knnen denn auf
ein paar Wochen, dann war sie doch wohl gar nichts wert. Nicht einmal
als Liebchen, nicht einmal als Weibchen! Und das nun immer und immer
wieder erleben mssen, hatte das einen Zweck? -- Lie sich das ertragen?

Und doch, etwas in ihr bumte sich auf gegen diese Verneinung ihres
ganzen Daseins. War sie denn wirklich so ein Nichts, so ein Pppchen
ohne Existenzberechtigung, ohne Lebenswert? Ach nein ... nur den
falschen Weg war sie gegangen -- nein -- nicht gegangen: gestoen war
sie worden von dem aberwitzigen Schicksal. Damals, als sie sich von dem
blinkenden Rock, der gleienden Grafenkrone ihres ersten Galans hatte
blenden lassen, als sie ihren einzigen Besitz, ihr Mdchentum, einem
eitlen, egoistischen Jungen hingeworfen hatte, ohne zu denken, ohne zu
fragen wohin, wozu -- damals war sie aus dem Gleise geworfen worden ...
Irgendwo in der Welt lebte doch gewi ein braver, schlichter Mensch
ihres eigenen Standes, des Standes, in dem alle ihre Instinkte
wurzelten, dem htte sie in Bescheidenheit und Treue Gesellin und
Helferin werden mssen. Das wre dann ein Leben gewesen, fr das ihre
Krfte gereicht htten, in das sie Sonne, Glcksgengen htte zaubern
knnen fr ein ganzes Erdendasein. -- Nun hie sie eine Knstlerin, ohne
ein Knstlermensch zu sein ... Nun sollte sie gestalten, ohne in sich
die Flle der Gesichte zu tragen ... Sollte die Schpfungen von
Dichtern verkrpern, ohne selbst ein Stck Dichterin zu sein ...

Die Dmmerung kam. Immer schauriger ngstete die Stille um sie her, und
lichtlos wie die nebelverhangene Waldeinsamkeit ringsum lagen Zukunft
und Leben. Eine grenzenlose Mdigkeit kam ber das verlassene Kind --
eine Sehnsucht nach Schlaf ohn' Erwachen. Und in der lastenden Stille,
in die sie sich hineingesogen fhlte, war nun ein Laut nur noch: das
einlullende Rieseln und Rauschen der gelben Gewsser neben ihrem Pfad,
die so erbarmungslos die weien Flocken einschluckten in ihren
gurgelnden Schwall. Ach! wer auch so eine weie Flocke wre, so rasch
und vllig versinken, zergehen knnte ...

Aber schreckhafte Gesichte drngen sich vor -- wie schauervoll mte das
Ende sein, wren diese Flocken nicht fhllos, wren sie nicht der Flut
wesensgleich, die sie verschlang? Du aber, Asta, du bist ein junges,
heies Menschenkind, du wirst nicht leicht und sanft dich auflsen und
verschmelzen mit den Gewssern, die meerwrts rollen da unten. Du wirst
dich qulen mssen, alles in dir wird im letzten verzweifelten Ansturm
noch einmal nach dem Leben in Glanz und Licht verlangen, dem du verwandt
bist, in dem du dich umgetrieben, zwar oft in Trnen und Verzweiflung,
doch bisweilen auch in Schauern von Seligkeit ...

Und dennoch, eine Stille wird kommen nach der kurzen Qual -- eine lange,
tiefe, wunschlose Stille.

Und noch ein Gedanke kam, der Furcht und Grauen schuf: Asta war in
rmischer Frmmigkeit erzogen, der Kinderglaube war nie ganz versiegt in
ihrer unbewehrten Seele. Wenn's nun wahr wre, was man sie gelehrt
hatte von ewiger Verdammnis, von einem Wiedererwachen zu unnennbarer,
unendlicher Qual? Ach nein, das war doch wohl nur Mrchen und
Kinderschreck -- ach nein -- wenn erst die Glut hier drinnen verloschen
war, wenn die Glieder, die so hei gefiebert hatten im Ueberschwang der
Daseinswonne -- wenn sie erst so kalt und leblos geworden waren wie
drunten die strmende Flut, dann war's aus und vorbei, dann kam nichts
mehr -- kein Glck mehr und kein Schrecknis.

Da stieg aus den falben Nebeln, die mhlich den Flu berlagerten, ein
niedres Gebude empor, eine hlzerne Wirtschaftsbaracke, grau
gestrichen, hart bis an die Strmung des Flchens herangeschoben, mit
einer Galerie, die ber das Ufer vorsprang. Zum Wassergott lautete die
Inschrift auf dem getnchten Wirtshausschild. Im Sommer mochte hier zur
Abendstunde muntres Treiben herrschen, friedliche Philisterbehaglichkeit
-- nun lag das kleine Anwesen klglich verdet, ganz versunken in
trostloses Schweigen.

Asta trat ans Gelnder und sah, wie die gelbe Flut in quirlenden
Strudeln um die schneeverwehte Treppe rauschte, an der sonst das
Fhrboot anlegen mochte. Und nun zu denken, da man morgen so gefunden
wrde, weit, weit unten irgendwo, entstellt, zerzaust, aufgedunsen -- --
Aber ... das ging einen ja dann nichts mehr an, das fhlte man ja doch
nimmer. Dann mochte die Welt laufen, wie sie wollte. Dann mochte der
kleine Hans Thumser vor Jucunda Buchner auf den Knien rutschen und um
die Gunst betteln, die Asta ihm, ach, allzu wohlfeil, allzu willfhrig
gewhrt. Dann mochten sie Komdie spielen, solange es ihnen noch Spa
machte, sich abzuqulen fr die undankbare Bande im dunkeln Parkett --
ach! und wie dankbar war man doch gewesen, wenn die mal ein bichen
mitgegangen waren, wenn man ab und an sich hatte vorlgen drfen, man
sei auch wer, man habe auch die Kraft in sich, die da hinten zu packen
und durch und durch zu rtteln, wie die paar es konnten, die paar
Echten, die paar Groen ... Ja, spielt nur, spielt nur Komdie -- auf
den Brettern und im Leben. Lgt Euch Gefhle vor und lat Euch welche
vorlgen, glaubt daran oder tut doch wenigstens so, als glaubtet Ihr.
Denn auch Du hast ja gelogen, kleiner Hans Thumser, als Du unter Kssen
und Trnen mir schwurst, ich habe Dir das Glck geschenkt. Ich wei es
ja nun, Du hast in meinen Armen immer nur an die andre gedacht. Ob Du's
bei ihr finden wirst, das Glck, das sogenannte Glck? Ob Du es
berhaupt jemals finden wirst im Leben? Ich will Dir's gnnen, kleiner
Hans, denn ich habe Dich sehr lieb gehabt -- ich will Dir's gnnen,
kleiner Hans -- ich aber -- ich tu nicht mehr mit, ich habe genug ...

Einen sphenden Blick noch warf Asta in die Runde. Es war nun fast ganz
dunkel geworden und nichts ringsum, als das sachte Sinken der weien
Kristalle, hinter denen die schwarzen Stmme ragten, finster und stumm.
-- Ob es wohl lange dauern wrde? Ob es sie noch einmal emportragen
wrde an die Oberflche? Hoffentlich wrden die nassen Kleider sie rasch
in die Tiefe ziehen. Es war nicht schade drum, sie hatte sich fr einen
Fumarsch im Schnee zurecht gemacht. Das bissel Flitter, was daheim
herumlag, dafr wrde sich schon irgendeine Verwendung finden: nur das
schne Sealskinjackett und das Barett und der Muff dazu, das war doch zu
schade fr die Pleie! Irgendein Armes mochte das hier finden und es
verkaufen und sich einen guten Tag dafr machen ... Sie zog die
kostbaren Hllen ab und legte sie sorgfltig zusammengefaltet unter das
weitvorspringende Holzdach der Wirtschaftsveranda, wo sie einigermaen
vor dem Schnee geschtzt waren. Nun schauerte sie frstelnd zusammen im
Nebelhauch der Waldtiefe. Gott -- und da nun niemand, niemand morgen
weinen wird, wenn sie's hren, wenn's in der Zeitung steht, wenn zum
letzten Mal von Asta Thny was in der Zeitung steht -- ach, allzu viel
Schnes hat nie dringestanden ber Asta Thny -- und keiner wird weinen,
nicht ein einziger von all den vielen, vielen, die mich gekt und mir
von Liebe geschwatzt haben, nicht einer. Auch Du nicht, Hans Thumser,
ach, auch Du nicht ...

Und sachte wie die weien Flocken in die trge ziehenden Fluten
niederglitten, so sachte lie Asta Thny sich niedergleiten von der
schneeverwehten Treppe an der Holzveranda des Restaurants Zum
Wassergott ...


Valentin Pilgram war nachmittags gegen halb vier von dem Repetitor nach
Hause gekommen, um sich in das gewohnte, besinnungslose Arbeiten
hineinzustrzen, mit dem er nun schon seit Wochen sich zu betuben
gewohnt war.

Als er durch den dunklen Korridor schritt, kam die Frau Kanzleirtin aus
der Kche mit einem Brett voll Teegeschirr und ging zu Jucundas Stube
hinber. Verlegen erwiderte sie seinen Gru; wie die Tochter, so wich
auch die Mutter dem Zimmerherrn aus, wo irgend mglich, seit jenem
verhngnisvollen Morgen ...

Als sich die Tr zu der Stube der Schauspielerin ffnete, sah Valentin
Pilgram mit einem Blick, da dort Vorbereitungen fr den Empfang eines
Besuches getroffen wurden: festlich gedeckt glnzte der Tisch,
sorgfltig waren die Blumenspenden der letzten Abende arrangiert, kurz,
alles verriet ein nahes Fest.

Wer mochte erwartet werden? Ein paar Kolleginnen oder Kollegen ... oder?
-- Valentin wute, da der Erbprinz keine Vorstellung versumte, in der
Jucunda auftrat, er hatte bei jeder Premiere unter den Riesenschleifen
der Lorbeerkrnze die Farben von Nassau-Dillingen erkannt. Also zum
mindesten war Seine Durchlaucht nicht mehr in der Ungnade ...

Merkwrdig: der gewohnte Arbeitsfriede wollte heute nicht kommen. Immer
lauschte der Kandidat auf Stimmen da drben, in der ingrimmigen,
qulenden Hoffnung, sie mchten recht behalten, jene ekelhaften
Vermutungen, die sich immer deutlicher in ihm emporreckten: der
Erwartete mchte der Erbprinz sein ...

Und endlich schlug die Glocke im Hausflur an. Valentin Pilgram fuhr in
die Hhe, schlich zur Tr und lauschte. Dabei berkam ihn brennende
Scham: was war aus ihm geworden, da er das Tun und Treiben anderer
Menschen zu beschnffeln und zu bespitzeln gelernt hatte? Das war doch
frher nie gewesen ...

Und horch -- die Stimme eines jungen Mannes ... aber das nselnde,
gequetschte Organ des Prinzen war's nicht, es war eine frische,
klangvolle Stimme ... es war ... Hans Thumsers Stimme ... Ach -- also
der!

Er hrte ganz genau, wie Mutter Kanzleirtin den Besuch zur Stube der
Tochter fhrte, wie sie anklopfte, wie des Mdchens volltniger Alt das
Herein ertnen lie, wie sie lebhaft und freudig den Besucher begrte,
wie jener verbindlich und bewegt erwiderte.

Das Blut stieg dem Lauscher ins Hirn, in die Augen -- die Gedanken
quirlten einander berstrzend empor und machten ihn schwindeln. Also er
--! Wundervoll! wundervoll! Wie das alles sich zusammenfand, wie die
vagen Vermutungen, die greulichen Phantasien der letzten Wochen sich nun
zu festen, zweifelsbaren Schlssen zusammenfgten! Nun freilich -- nun
war's ja klar, wie der Frankenzirkel und Hans Thumsers Initialen auf
jenen Bogen geraten waren, der Jucundas Absagebrief trug! Man hatte es
verstanden, ihn beiseite zu schieben -- hatte seine schnelle
Ritterschaft lcherlich zu machen gewut, um seine eigenen Chancen zu
verbessern! Freilich, da man mit einer solchen Gemeinheit auf dem
Gewissen den Mut nicht gefunden hatte, den Hintergangenen, den an die
Wand Gedrckten in seiner Einsamkeit zu besuchen -- kein Wunder
schlielich! Und auch heute hatte man den Weg zur Tr des einstigen
Korpsbruders nicht gefunden, obwohl man unter einem Dache mit ihm war!
Also so etwas gab's -- so viel Infamie barg sich hinter der zur Schau
getragenen Besonderheit, der phantastischen Eigenart des
Reimedrechslers! -- -- Na warte, Bursche!

Valentin Pilgram hatte kein Talent zum Lauscher an der Wand. Er schlich
an seinen Schreibtisch zurck, vergrub den Kopf in den Hnden und whlte
sich in das krause System des rmischen Erbrechts hinein. Aber die
Buchstaben hpften vor seinen Augen, die Stze verwirrten sich, fhrten
sinnlose Tnze auf, und etwas Unwiderstehliches zog ihm immer wieder die
geballten Fuste von den Ohren ... Da drben klapperten die Tassen,
pltscherte munteres Gesprch ... kein Satz zu verstehen, hchstens
einmal ein einzelnes Wort. Nun ein erregtes Lachen, nun Schritte durchs
Zimmer, nun in raschem Wechsel Geplauder, ein Hinber und Herber von
Scherz und Neckerei jetzt und nun von Rede, deren Sinn man nicht
verstand, deren Klang aber deutlich genug von wachsender
Vertraulichkeit, von innigem Austausch redete ... Ja freilich, der wute
besser, wie man mit Frauen, mit Knstlerinnen reden mu, um Eindruck zu
machen!

Valentins Gedanken verwirrten sich. Es war ihm nun, als msse Hans
Thumser das alles mit diabolischem Raffinement ausgeheckt haben, was
sich vollzogen hatte. Gewi war er schon lngst hinter Jucunda her --
war er's nicht gewesen, der die Idee mit dem Pferdeausspannen ausgeheckt
-- und war er nicht an jenem Abend als des Erbprinzen Gast an seiner
Seite im Theater gewesen? Gewi hatte er auch in Erfahrung gebracht, mit
welch geschmackloser Zudringlichkeit der Erbprinz und der Major sich bei
Jucunda einfhren wollten, und hatte schon damals sein Plnchen
geschmiedet ... Alle Wut und Qual der letzten Wochen knuelte sich
zusammen zu einem einzigen, alles verdrngenden Gefhle der Emprung,
des Ingrimms, der Rachelust ... ihn, diesen glatten Lchler, diesen
geschmeidigen Buben, stellen ... zchtigen!

Aber nein -- das war nicht lnger zu ertragen, dieser Zusammenklang der
zwei Stimmen da drben, der gehaten und der ach ... in tausend
Schmerzen geliebten! War er denn verdammt, all jenes Glckes Ohrenzeuge
zu sein, das er fr sich selbst nur in fernen Trumen zu ersehnen gewagt
hatte? Und das dem Buben da drben in den Scho fiel. Nein, das nicht,
das doch nicht! Fort, hinaus, in das Schneegetriebe da drauen, weg aus
diesem dumpfen Zimmer, dessen Luft bis zum Ersticken angefllt war mit
vergangener und gegenwrtiger Gedankenqual!

Valentin Pilgram stand auf. Er warf seinen Winterpaletot um, stlpte den
weichen, zerknllten Filzhut auf den unfrisierten Kopf, nicht achtend,
da beide Kleidungsstcke seit Tagen nicht gebrstet, von dickem Staub
umlagert waren. Er, der sonst so peinlich gestriegelte Korpsstudent,
hatte seit Wochen sein Aeueres schlimmer vernachlssigt als der
armseligste Prolet unter den Kommilitonen ... Er griff nach dem wsten
Knotenstock, den er sich fr fnfzig Pfennig in irgend einem Kram
gekauft, seit er das silberbeschlagene spanische Rohr mit der Dedikation
seines Leibburschen nicht mehr fhren durfte ... und nun hinaus -- nur
hinaus!

In der kurzen Stunde, seit der Jungschnee sich eingestellt, waren
Brgersteig und Strae mit fuhohen Schneemassen berschttet. Mhsam
bahnten sich die Fugnger ihren Weg, trbselig stapften die
Droschkengule daher, wie schwarze Silhouetten schoben Menschen, Tiere,
Gefhrte einander vorber, die ersten Laternen ugelten mit trbem
Blinzeln durch den Flockennebel, der ohn' Unterla herniederwogte. Von
weien Kanten eingesumt, reckten sich die finstern Fronten der alten
Barockpalste zu beiden Seiten der engen Strae. Jedes Gerusch war
eingesogen von den weichen Polstern des Grundes, den stiebenden
Flockenmassen, welche die Luft verhngten.

Der junge Gesell, der mit aufgeschlagenem Rockkragen, die Hnde in den
Manteltaschen vergraben, verloren und ziellos durch die Straen
pendelte, hielt es nicht aus inmitten des lautlosen Lebens, das sich
schattenhaft an ihm vorbeidrngte. An der Thomaskirche vorber, deren
schwarzer Giebel sich droben in dem weien Dunst verlor, pendelte er auf
den Ring hinaus, wo die Zweige der Baumreihen, des Gebschs unter der
Wucht ihrer weien Last sich bogen und knackten. Zur Linken stieg das
finster druende Massiv der Pleienburg in die silbernen Schwaden, das
Rund des Turmes hob sich als riesiger Schattenri von den Lichtfluten um
den Roplatz und Knigsplatz ab. Und nun der winterstille, menschenleere
Johannispark! Hier lie sich aufatmen, hier wurde die Brust freier. Hier
klrte sich das Gedankenchaos ...

Ja, es mute gehandelt werden. Die ganze Flle der verhngnisvollen
Ereignisse, die Valentin Pilgram aus seines Lebens sicher
vorgezeichneter Bahn so jhlings hinausgeschleudert in ein uferloses
Nichts, das alles drngte zu einer entladenden, entlastenden Tat. Und
diesmal wrde seinem Vorsatz Erfllung werden -- diesmal wrde er nicht
wie Don Quichotte gegen die Windmhlenflgel anrennen, um alsbald
entsattelt an der Erde zu zappeln, ein Spott der Welt ... Diesmal wrde
er den waffengebten Arm zum sicher treffenden Schlag zu brauchen
wissen, mitten in des Feindes Fratze!

Des Feindes! -- es gab ja nur den einen! In ihm schien dies aberwitzige
Schicksal der letzten Wochen Gestalt angenommen zu haben -- in jenem
jungen Burschen, der sich jetzt gewi von Jucundas Lippen den Dank holte
fr eine ganze Kette von Niedertrchtigkeiten und Bbereien. Ihn
zchtigen -- ja das war's! Das forderte die Stunde!

Und dann? Was kam dann?! Dann wrde man sich gegenberstehen, Aug'
in Auge, den Lauf der Waffe auf des Feindes Herz gerichtet ... das war
dann das Gottesgericht ... Dann wrde sich's zeigen, wer von ihnen
beiden weichen msse von dieser Welt, die nicht Raum mehr hatte fr sie
beide ...

Und ... dann?!

Hans Thumser sollte fallen. Er wollte es. All die eiserne Willenskraft,
die bis zu dieser Stunde sein junges Leben vorwrts getrieben, er wrde
sie in das kleine Stckchen Blei hineinlegen, das des Feindes Herz
finden sollte. Das war dann die Shne, das war die Wiederherstellung
der heiligen Weltordnung, welche von den Gesetzen der Ehre regiert wird,
der Ehre, deren Ritter er gewesen war, und die jener andere mit Fen
getreten hatte ... jener andere, der heut noch das dreifarbene Band
um die Brust trug, das er, der Getreue, eingebt hatte dank jenem
sinnlosen Schicksal, dem er unterlegen war bis heut. Aber dies
stumpfsinnige, brutale Schicksal, es sollte nicht Meister bleiben
in der Welt, solange er noch Kraft hatte, den Hahn einer Pistole
abzudrcken ...

Und dann?! Er wute den Gesetzesparagraphen zu nennen, dem er dann
verfallen war; die Hhe der Strafe, welche seiner wartete. Das war ja
wiederum der groteske Unsinn dieser Zeit, da die Gesetze des Staates
das Recht der Selbsthilfe dem Manne versagten, der am Heiligsten seines
Lebens gekrnkt war: an seiner Ehre ... Dieselben Gesetze, die den
Beleidiger der Ehre mit Strafen von kindischer Winzigkeit bedrohten ...

Immerhin -- lieber zwei Jahre lang als Gefangener auf dem Knigstein,
lieber das, was liberale Zeitungsschmierer einen Duellmord nannten,
lieber das alles, als dieses zermrbende Gefhl der Ohnmacht, der
Wehrlosigkeit gegen menschliche Infamie und den Aberwitz des Fatums!

Schon war des einsamen Wanderers Hutkrempe von einem dichten Schneekranz
umlagert. Nasse Schauer sprhten ihm um die glhenden Wangen, eisige
Tropfen rieselten ihm ber Hals und Nacken. Er achtete es nicht. Den
Kopf tief in den Schultern vergraben, stolperte er frba. Schon lag der
Park hinter ihm, mechanisch verfolgte er den nchsten Pfad, der hart am
Saume des rechten Pleieufers zwischen den reckenhaften Schften der
hochstmmigen Eichen und dem drren Gestrpp der Erlen entlang fhrte.
Als sein Blick zufllig die gelben Fluten der gurgelnden Pleie
streifte, stieg mitten in sein finsteres Brten hinein ein lachendes
Bild heiterer Jugendlust:

Die S. C.-Kahnfahrt nach Connewitz, welche die Leipziger Korps in jedem
Sommersemester gemeinsam unternommen hatten ...

Wann war doch das gewesen? Vor einer Ewigkeit ... in einem andern,
versunkenen Leben ... Damals hatte die Welt in tausend Farben
geleuchtet, hatten bunte Mtzen und grellfarbige Bnder geblinkt, heiter
abgehoben vom dunklen Grn der Ufersume, vom Blau des klaren Himmels,
das sich in den freundlichen Wellen des Flusses spiegelte ... Flchtig,
wie es herangeweht, zerstob das Bild, und wieder war nichts als der
schneestarrende Wald und drunten die blaugraue Flut und ringsum
Dmmerung und lastende Einsamkeit. Nur drben, am jenseitigen Ufer, wohl
zwanzig Schritte vor Pilgram, ging noch ein anderer einsamer Mensch,
ein schwarzer, formloser Schatten, vorberhuschend vor dem silbernen
Reif, der den ganzen Wald, der alle Welt berflitterte.

Und wieder tauchte Valentin Pilgram tief in den schaurigen Abgrund
seiner Grbeleien.

Wie, wenn es nun anders kam? Wenn das Gottesgericht gegen ihn entschied?
Nun dann war eben alles aus -- und er brauchte doch wenigstens nicht
mehr zu leben auf einer Welt ohne Sinn ...

Aber -- die daheim --?! Die Eltern, deren Stolz er war, er wute das ...
Der eifrige Vater, der in rastloser Arbeit zu einer der obersten
Stellungen in der Kniglich schsischen Rechtspflege emporgestiegen war
und in den zwanzig Jahren rstiger Arbeit, die noch vor ihm liegen
sollten, noch hher zu steigen hoffte? Er, in seiner starren
Rechtlichkeit, seiner tadellosen Korrektheit der Art des Sohnes so innig
verwandt? Nie hatten Vater und Sohn voreinander Worte zu machen
gebraucht von dem, was sie beide lngst wuten: da sie Menschen einer
Rasse, eines Wesens waren, wrdige Glieder einer uralten Familie
hochangesehener Gelehrten, Geistlichen, Beamten, die stets eine Zierde
der Stadt, des Staates gewesen waren ... und die gute Mutter, ein
Mensch, so recht zur Ergnzung dieses Schlages geschaffen, ohne starke
Persnlichkeit, voll tiefsten Respekts gegenber dem Gatten und dem
Sohne, denen sie sich allzeit als freudige und ntzliche Dienerin
untergeordnet hatte, entsprechend den Traditionen der ehrbaren
Geschlechter, aus denen auch sie entsprossen war, und die allzeit
aufrechte Sulen der Ordnung und Tchtigkeit gewesen waren. Die
Schwestern, von der Mutter nach ihrem Vorbilde erzogen zu braven
Gattinnen fr diese ehrenfeste Art Mnner, wie das Vaterland sie immer
gebraucht hatte und, will's Gott, immer brauchen wrde ... und nun --
ein Sohn im Duell gefallen ... in einem Duell, in dem eine Rolle, eine
wenn auch noch so entfernte Rolle immerhin ... eine Schauspielerin ...
gespielt hatte? War das nicht wider den Stil der Familie? wider alle
Gewohnheit ihrer Daseinsfhrung?

Nein, das war es nicht. Untadelig war, was immer er getan, seit Jucunda
Buchners Bild emporgetaucht war in seinem jungen Leben, das nichts als
Ehre gewesen war. Untadelig ... Und so wrde er's vor jenem ernsten
Gange fr die Lieben daheim aufzeichnen, wrde fr jeden seiner Schritte
die Motive, die Handlungen angeben, die Zeugen benennen. Und so wrden
die Seinen des Gefallenen mit tiefer und reiner Trauer ohne Groll und
ohne Scham gedenken knnen, ja mit Stolz als eines Menschen, der auch
diesem absurden Spiel dmonischer Mchte gegenber geblieben, was er
stets gewesen: ein Mensch ihrer Art ...

In diesem Augenblick trieb ein Windsto dem einsamen Wanderer einen
heftigeren Gu prickelnden Schnees ins Gesicht und scheuchte ihn aus
seiner Versunkenheit auf. Es war fast vllig finster geworden, und
Valentin Pilgram entschlo sich zur Stadt zurckzukehren. Seine
Entschlsse waren gefat, klar vor ihm lag der Weg, den seine Pflicht
ihn gehen hie. Zu was noch lnger ziellos durch die Einsamkeit
streifen? Daheim waren die Bcher ... und in wenig Tagen wrde das
Examen beginnen ... und Ruhe wrde ja nun auch geworden sein daheim.
Heut abend waren wieder die Piccolomini -- Jucunda wrde schon im
Theater sein ...

Schon war Valentin Pilgram im Begriff kehrtzumachen, da fiel sein Blick
zum jenseitigen Ufer, und er sah im letzten Dmmerschein etwas
Unbegreifliches:

Kaum noch in matten Umrissen erkennbar, lag drben die Sommerwirtschaft
Zum Wassergott. Dort hatte er nach manchem Spaziergange mit
Korpsbrdern die Hitze des Marsches an einer Gose gekhlt und dem
munteren Treiben der sonntglichen Khne auf dem Flusse zugeschaut. Und
seitlich, an der Treppe, wo die Fhre anzulegen pflegte, stand ein
Mensch, eine Frau. Auch sie nur ein grauer Schatten vor dem Dunkel, das
unter der Galerie lastete. Und dieser Mensch tat nun etwas ganz
Sonderbares: dieses Weib legte seine Kopfbedeckung ab -- es schien eine
Pelzmtze zu sein -- und zog das Jackett aus, schob beides
zusammengefaltet nach hinten in das Dunkel und stieg nun die Treppe
hinunter bis dicht ans Wasser. Und nun -- -- in jhem Schrei entlud sich
Valentins Entsetzen!

Schon in der nchsten Sekunde aber reagierte ganz automatisch sein
Instinkt auf das grauenhafte Schauspiel, das sich bot. Mit einem Ruck
ri er die Knpfe seines Paletots und seines Rockes auf, schleuderte
beide Kleidungsstcke mit einer jhen Bewegung in den Schnee und war mit
einem Satz am Ufersaum, mit einem zweiten scho er in die gelbe Flut
hinaus. -- Die markerschtternde Klte des Wassers lhmte eine Sekunde
lang seine Glieder wie sein Hirn, im nchsten Augenblick aber durchscho
ihn ein siedender Feuerstrom. Jeder Nerv, jeder Muskel spannte sich an
wider das eisige Grauen -- Arme und Beine strafften sich, mit heftigen,
ruckartigen Sten setzte er sich zur Wehr gegen die zhe Umklammerung
des kalten Elements, in dem er trieb. Er schwamm, er wute sein Ziel.
Ueber der fernen Stadt lag ein roter Schwaden, dessen Widerschein sich
in den trge hingleitenden Fluten spiegelte. In diesem matten
Perlmutterglast glitt eine dunkle Masse, auf die schwamm er zu. Wenig
Ste, dann war's getan. Er griff in ein nasses Bndel Kleider hinein,
fhlte warme Menschenglieder, umspannte eine schlanke Gestalt. Kaum
sprte der wehrlose Krper die fremde Berhrung, da zuckte er in
aufbumendem Entsetzen zusammen, krmmte sich, warf sich hin und her in
den Eisstrudeln, welche die hintreibenden Leiber umquirlten. Doch nicht
umsonst hatte der Student seine Muskeln in der harten Zucht des
Fechtbodens gesthlt und ihre Kraft in mehr denn zwanzig Waffengngen
erprobt. Mit eisernem Griff umschlang er das zarte Figrchen, rang die
strampelnden Arme nieder und lenkte mit heftigen Beinsten dem nahen
Ufer zu. Die nassen Kleider legten sich wie sthlerne Klammern um seine
Beine, der Druck der Schuhe machte die Fe schwer und hilflos, doch mit
wildem Ungestm zwang der Wille jedes Hemmnis nieder, den Frost, den
Verzweiflungskampf der zuckenden Glieder, die er mit seinen Armen
umschlo. Nach wenigen Sekunden fhlten die Fe Grund, Schlammgrund,
doch er hielt. Nun packten beide Arme mit unwiderstehlichem Griff das
leichte Krperchen um Hften und Knie -- noch ein kurzes, heftiges
Ringen, dann griff die Linke einen tiefniederhngenden Weidenast, die
Rechte schleifte die zappelnde Last durch die gurgelnden Wellen. Nun
spannten beide Arme noch einmal sich an und hoben mit hartem Ruck den
gefangenen Leib in die knackenden Bsche der Uferbschung hinein. Nun
klang ein wimmerndes Sthnen, nun keuchten klagende Laute wie eines
kranken Kindes Stimme:

Lassen Sie mich doch ... o bitte ... bitte, lassen Sie mich doch los!

Ne -- gibt's nich! keuchte der Student. Mit letzter versagender Kraft
wrgte er sich selber durch die schneeberstubten Zweige des
Ufergestrpps hindurch, zog den Krper der Geretteten vollends hinauf
und lie ihn in den lockeren Schnee gleiten, weil die ausgepumpten
Muskeln nichts mehr hergaben. Schwarze Finsternis ringsum -- nichts
hrte Valentin, als das raschelnde Keuchen der eigenen Lungen, das
ratternde Hmmern des eigenen Herzschlages und dazu aus der
geheimnisvollen Dunkelheit zu seinen Fen das wimmernde Schluchzen
einer Mdchenstimme -- immer nur dies wimmernde Schluchzen, dies
hilflose Greinen.

Lassen Sie mich doch los ... o bitte, bitte ... lassen Sie mich doch!

Ne, keuchte Valentin Pilgram, das knnen Sie nun wirklich nich ...
von mir ... verlangen, Verehrteste ... ich hab' mich dermaen fr Sie
... abgeschunden ... jetzt lass' ich Sie nich wieder ... in die nasse
Sauce da!

Mit der Ueberwindung der Gefahr war ein grimmiger Humor ber ihn
gekommen. Er richtete sich auf, reckte die sthlernen Glieder, schlug
ein paar mal die Arme ber der Brust mit krftigem Ruck zusammen, um
sich gegen die Frostschauer zu wehren, die sich in seine Haut einfraen.
Dann bckte er sich zu der Geretteten, bekam das schlanke Figrchen um
die Taille zu fassen und setzte es mit einem energischen Hub auf die
Beine.

So, nun bleiben Sie geflligst stehen ... aber nein, kommen Sie mit
mir, wir rennen zum Wassergott zurck ... das macht warm ... Sie
haben ja da meines Wissens Ihre Oberkleider gelassen, die holen wir ...

Dabei versuchte er die Dunkelheit zu durchdringen, um etwas von den
Zgen der Gesellin dieser seltsamen Begebenheit zu erkennen. Umsonst --
nur etwas Nasses, Zitterndes hielt er in seinen Armen, dessen Wrme
langsam die eisige Nsse der Hllen durchdrang, die um ihre Glieder
schlotterten. Die zarte Gestalt wollte wieder in die Knie sinken, aber
er raffte sie empor, zog sie herzhaft an seine Seite und zwang sie, in
raschem Schritt durch den lockeren Schnee mit ihm den Fupfad
pleieaufwrts zu verfolgen.

Dabei redete er ohn' Unterla auf das junge Menschenkind ein, das
wankend und noch immer leise wimmernd an seiner Seite schritt.

Nun sagen Sie blo, meine Gndigste, wie sind Sie auf die verrckte
Idee gekommen, bei so schauderhaftem Wetter Schwimmversuche in der
Pleie zu machen? -- Dabei knnen Sie sich ja einen Schnupfen holen, den
Sie in diesem Leben nicht mehr los werden. Denken Sie blo, wenn ich
nicht zufllig des Weges gekommen wre ... Und noch dazu in Kleidern,
das bringt ja nicht einmal ein Mann fertig, geschweige denn so ein
kleines zartes Mdel wie Sie. -- Oder sind Sie gar eine junge Frau? Dann
sagen Sie's mir, damit ich Sie richtig anrede ... kommen Sie, wir mssen
schneller laufen ... damit wir warm werden, Sie zittern ja
gottserbrmlich. Schade, da der Wassergott zugemacht hat, ich wre
kolossal fr einen Grog oder auch deren mehrere, Sie nicht auch?

So schwatzte er drauf los, allerhand banales Zeug, was ihm gerade in den
Kopf kam, und nahm mit Befriedigung wahr, da das Wimmern schwcher und
schwcher ward und schlielich ganz verstummte.

Und dann kam eine wilde Lust an dem unerwarteten Abenteuer ber ihn, das
in seine verzweifelte Stimmung hineingeplatzt war wie ein Weckruf zu
neuem Leben ... Und immer brennender wurde in ihm die Neugierde, die
Zge der Unbekannten zu sehen, in deren Schicksal er hatte eingreifen
drfen wie vom Himmel gefallen.

Als die beiden einen Augenblick verpusteten, griff er in seine
Hosentasche und zog die Zndholzschachtel hervor, sie war ganz trocken.
Die wenigen Sekunden, die er in dem nassen Element zugebracht, hatten
nicht gengt, um seine Kleidung gnzlich zu durchfeuchten. Da lie er
ein Hlzchen aufflammen und sah mit jhem Entzcken, welchen holdseligen
Fang er gemacht. Dabei weckte ihm das triefende, glhende Gesicht, von
langen dunklen Haarstrhnen berhangen, unbestimmte Erinnerungen ...

Aber eine Scheu verbot ihm zu fragen ...

Und das Flmmchen verlosch, das angstvolle Gesicht, die hilflos
blickenden Augen versanken wieder in der Finsternis. Nein, jetzt nicht
fragen -- wie wund mute diese arme flchtige Seele sein ...

Da war der Wassergott. Valentin stapfte in die schneeverwehte Galerie
hinein, aber die Gerettete lie er dabei nicht los.

Ne, ne, kommen Sie ruhig mit, Gndigste, ich habe Angst, Sie mchten zu
viel Geschmack an Ihren Schwimmknsten gefunden haben ... und ob ich Sie
zum zweiten Male da herausbrchte? Ich wei wirklich nicht.

In der Finsternis fand er die weichen, duftigen Pelzhllen, ahnte voll
Respekt, da es sich um Kostbarkeiten handeln msse, und hllte seine
Gefangene sorglich hinein. Sie wehrte sich nicht ...

Und nun der Heimweg. Durch das schneebepuderte Gitterwerk des drren
Waldes am jenseitigen Ufer leuchtete der Widerschein der fernen Stadt,
der einen gelblichen Lichtbogen wie eine matte Aureole in die
niederwallenden Schneenebel hineinzeichnete. Perlmutterfarben
widerleuchtete sein Schein auf den friedlich meerwrts gleitenden
Pleiefluten.

Das junge Blut, vom raschen Gang, von der fiebernden Erregung der Herzen
aufgepeitscht, besiegte mhlich die Frostschauer, die von den nassen
Kleidern her die Glieder berrieselten. Und mit einem geheimnisvollen
Gefhl brderlichen Stolzes hielt der Student das zarte Figrchen
umschlungen, prete es an sich, wie um ihm abzugeben von der Siedeglut,
die ihn durchpulste.

Noch immer schwieg sie, und wie ein Wasserfall redete Valentin auf sie
ein:

Das htt' ich mir wei Gott auch nicht trumen lassen, da ich meinen
Spaziergang in so angenehmer Gesellschaft beenden wrde. -- Und Sie?
Finden Sie es nicht doch viel netter, zu zweit hier im Schnee zu waten,
als einsam da unten in der dreckigen Pleie zu paddeln? -- Sehen Sie
mal, wie hbsch sich drben das Gezweige von dem roten Himmel abhebt! Da
kann man's wahrhaftig sehen, wie helle die Leipziger sind -- sogar der
ganze Himmel ist hell ber dem guten alten Biernest ... Aber nu sagen
Sie doch auch mal was, Frulein! oder haben Sie Ihre Stimme da unten im
Wasser gelassen? Das wre doch schade. Ich denke mir, Sie mssen sehr
niedlich plaudern knnen ... Soll ich Sie vielleicht noch einmal
erleuchten und mich auch, damit Sie sehen, da Sie es mit einem ganz
ordentlichen Kerl zu tun haben? Sie haben doch am Ende nicht gar Angst
vor mir?

Und horch!

Da klang's auf einmal aus der Dunkelheit neben seiner Schulter, leise
wie ein Taubengirren:

Angst ... ach nein -- wie knnte ich Angst vor Ihnen haben, Sie sind ja
so gut zu mir --

Hurra! sie kann wieder reden! jauchzte der Bursch. Herrlich!
herrlich! Und nun -- nun sagen Sie mir's mal gleich, wohin ich Sie
bringen darf? Denn nach so einer Strapaze gehren kleine Mdchen ins
Bett ... Auch ein Glhwein knnte nicht schaden. Also -- wohin soll's
gehen? Heraus damit!

Leise nannte das Mdchen seine Adresse. Unwillkrlich schmiegte sie sich
fester in den fhrenden, schtzenden Arm. Ihr war, als sei ihr noch nie
so wohl gewesen, so geborgen wie in diesem Augenblick. Das Dasein, das
ihr vor einer Viertelstunde noch schal und wertlos erschienen war, nun
glomm es wieder auf in ihr voll Sehnsucht nach neuem Erleben, voll
Dankbarkeit, noch da zu sein, die eigene Wrme siegen zu fhlen ber die
eisige Nsse, der sie sich anvertraut -- das ferne Leuchten zu sehen
ber der Stadt, wo die Menschen hausten, wo das Leben brandete, wo man
Komdie spielte -- a und trank, lachte und kte ... Gott, welch ein
Wahn, welch eine Raserei war doch nur ber sie gekommen und hatte sie da
hinuntergetrieben --?

Ach leben -- nur leben. Besser, sich prgeln lassen vom Schicksal,
besser, sich auf und ab wirbeln lassen zwischen Glckseligkeit und
Trnen, Trnen und Glckseligkeit, als dies kalte Nichts da unten.

Ich danke Ihnen, stammelte sie. Ich danke Ihnen!

Und lustig schwatzend von den gleichgltigsten, trichtsten Dingen, als
seien sie zwei alte Bekannte, die sich beim Spaziergang begegnet,
stapften die zwei Menschen frba durch den knietiefen Schnee.

Haben Sie warme Backen? fragte der Student. Au! Teufel ja, die
brennen ja wie ein Oefchen -- und die Hnde? Ziehen Sie doch die nassen
Handschuhe aus, das gibt ja Rheumatismus -- richtig, die sind wie zwei
Eiszapfen. Da wei ich Rat, wir werden uns schneeballen. Los! Greifen
Sie zu, ich laufe voraus. Da Sie mir aber nicht wieder auskneifen und
in die Pleie spazieren!

Nein -- Asta hatte keine Sehnsucht mehr nach der Pleie. Sie bckte
sich, griff mit den erstarrten Hnden in die lockere Masse, die alles
berlagerte -- und klatsch, da flog ein raschgeformter Ball dem riesigen
Begleiter vor die Brust, da es nur so knallte ... Und lachend, rennend,
prustend, wie zwei Kinder, tollten die zwei den Weg entlang.

Schon schatteten die dunklen Fronten der Vorstadthuser in das silberne
Flockengeflitter hinein. Nun galt's sittsam und verstndig nebeneinander
durch die Straen zu schreiten, in denen nur wenige schneebepuderte
Gestalten unter weibezuckerten Regenschirmen hastig und lautlos ihren
Behausungen zustrebten.

Als aber der erste Laternenschein dem wandelnden Paar die Gestalt des
Partners zeigte, schrie das Mdchen pltzlich auf:

Um Gottes willen, Sie sind ja in Hemdrmeln! Sie werden sich den Tod
holen!

Ach! keine Spur! lachte der Student. Ich glhe nur so! vorwrts, nur
vorwrts!

Jeder Vorberwandelnde stutzte, als er das seltsame Schauspiel sah, da
ein junger Mann barhuptig und hemdrmelig neben einer elegant bepelzten
Dame herschritt.

Rasch war Valentin des Anstarrens, des Stehenbleibens satt. Auf der
Zeitzer Strae rief er eine Droschke an, deren schneebepackter Gaul
mhselig und dampfend dahin keuchte. Und nun war nach wenigen Minuten
die Sophienstrae erreicht, die Hausnummer, die das Mdchen angegeben.

Es kostete Mhe, in den nassen Kleidern die Treppe hinan zu kommen, den
Korridorschlssel zu finden.

Mit Ueberraschung bemerkte der Student, da es die wohlbekannte Wohnung
war, in der Mutter Ach schaltete, sie, die ganze Generationen von
Franken beherbergt hatte. Sie, bei der jetzt jener andere wohnte, dem
Valentin Pilgram in ingrimmiger Einsamkeit eine frchterliche Vergeltung
geschworen ...

Starr vor Entsetzen stand die behbige Witwe, als im matten Schein des
Flurlmpchens ihre Mieterin vor ihr stand:

Ei, herrjemerschnee! ne so was -- ne so was ... Was hab'ns denn nur
gemacht, Freilein? ... Und wer is denn das? -- Wee Knebbchen, das is
Sie ja der Herr Pilgram! Herr Pilgram, is es meeglich?! Nu komm' Se doch
blo mal in die Stube 'nein -- ich wer' gleich Feier machen -- und Tee
wer' ich 'n kochen, i nee so was, nee so was.

Bei dem Namen Pilgram hatte das Mdchen gestutzt. Hher noch flammte ihr
glhendes Gesicht. Stumm klinkte sie ihre Stubentr auf und huschte
hinein. Die Tr lie sie offen in dem dunklen Gefhl, da ihr Retter
einen Anspruch auf die behagliche Wrme habe, die ihr von drinnen
entgegenschlug.

Doch der folgte ihr nicht -- starr hingen seine Augen an dem weien
Krtchen, das an der Stubentr befestigt war.

=Das= -- sind Sie? fragte er mit zusammengebissenen Zhnen.

Ja, das bin ich -- kommen Sie doch herein -- wrmen Sie sich.

Zgernden Schrittes trat der Student nher. In scheuem Staunen musterten
sich die beiden jungen Menschen, das Hirn von wirren Gedanken
durchkreuzt ...

Frau Wehe hastete herein, rannte geschftig zum Feuer, um frische Kohlen
aufzuschtten.

Nu sagen Se blo, Herr Pilgram, was haben Se denn angefangen alle zwei?
Wer looft denn blo in so en' Wetter hemdrmlig 'rum und mit bloem
Koppe?! Und na wie de Katzen seid 'r alle zwee! Da soll wer anders
draus klug wer'n!

Das Frulein ist spazierengegangen an der Pleie, hat im Dunkeln den
Weg verfehlt, ist ins Wasser gefallen, ich habe sie herausgezogen,
erklrte Pilgram hastig.

Gott soll mich bewahr'n! schrie Frau Wehe. Nu aber mal schnell ins
Bett mit dem Kind! -- Und Sie, Herr Pilgram, Sie gehen nebenan zum Herrn
Thumser und nehm' sich Wsche und Kleider, versteh'n Se mich?! Am besten
wr's schon, Sie legten sich einfach da nebenan ins Bette! Herr Thumser
wird schon nich beese sinn! Und dann koch' ich Euch Tee oder Grog, 'ne
paar Wrmepullen unter de Decke, ich wer' schon machen!

Nein! schrie da Asta Thny. Herr Thumser, nein -- das geht nicht --
der darf nichts davon wissen ... der auf keinen Fall!

Ach Quatsch! rief die stmmige Wirtin. Ihr holt Euch ja den Tod alle
zwee, da gibt's nischt zu reden -- machen Se fort, Herr Pilgram, in's
Bette mit Ihn' --!

Mit angstvollen, flehenden Blicken hingen des Mdchens Augen an den
erstarrten Zgen ihres Retters, seiner finster zusammengekrausten Stirn.
-- Sie schwieg, sie wute, da sie nicht lnger bitten durfte, wo es um
seine Gesundheit ging, vielleicht um sein Leben ...

Heiser fragte da Valentin Pilgram:

Thumser? Warum darf der nicht wissen --? Kennen Sie Thumser?

Tief senkte das Mdchen den Kopf, stand regungslos, schauerte pltzlich
in Frsten zusammen. Auch der Student schwieg. In wirrem Grbeln, in
finstrem Forschen gingen seine dunklen Blicke zwischen dem zitternden
Mdchen, der hilflos, verstndnislos dreinglotzenden Frau hin und wider.

Kennen Sie Hans Thumser, gndiges Frulein? fragte er noch einmal,
hart und befehlend. Ein Verdacht reckte sich druend in ihm auf. So
phantastisch, so aberwitzig, da der Verstand sich strubte, ihn zu
formulieren ...

Asta antwortete nicht. Sie sank immer tiefer in sich zusammen. Und
pltzlich knickte sie in die Knie, ihre Arme fielen auf einen Stuhlsitz,
das Kpfchen mit den triefenden, zerzausten Flechten glitt in die
silbernen Falten des Pelzwerks, das sich um ihre Glieder schmiegte, und
ein jhes Schluchzen durchrttelte die hingeworfene Gestalt.

Valentin Pilgram begriff ... Das fehlte noch, das war das letzte ... Und
die ganze, kochende sinnverwirrende Wut, die den Nachmittag ber sein
Inneres verwstet, schlug in roter Lohe aus den Tiefen seines Wesens
empor, stieg ihm in die Augen, in die Stirn, in die Fuste. --

Der Hund --! Ah, der Hund! knirschte er. Sorgen Sie mir gut fr das
Frulein, Frau Wehe! Adieu!

Er strzte hinaus. Die Stubentr, die Korridortr krachten hinter ihm
ins Schlo.

Asta Thny war emporgefahren. Blitzschnell schlo sich die
Gedankenkette: Also der da, ihr Retter, das war Valentin Pilgram -- er,
den sie kannte aus Hansens Erzhlungen, von dem sie wute, wie er in
jhem Zorn sich zur Shne fr eine Schmach gedrngt, die ihrer groen
Kollegin widerfahren ... Und nun, nun strmte er von hinnen,
unvollkommen bekleidet wie er war, schumend vor Wut, wie sie ihn mit
einem letzten Blick gesehen. Und sein letztes Wort war eine grliche
Drohung fr Hans Thumser gewesen. Fr ihn, von dem er nicht einmal in
dieser Not trockene Kleider hatte annehmen wollen.

Das bedeutete Gefahr -- Todesgefahr fr den geliebten, den treulosen
Jungen --!

Todesgefahr --! Noch meinte sie den sthlernen Druck des Armes zu
fhlen, der sie aus dem kalten Flutengraus gerissen, der sie so sicher
und brderlich heimgeleitet.

Wehe dem, der diesem Arm verfiel.

Nein, nein ... das nicht, das nicht! Um diesen Preis gerettet zu sein,
nein, das nicht ... o Gott, das nicht --!

I herrjemerschnee, Frulein Thny, was hat er denn nur, der Herr
Pilgram, was hat er nur? stammelte Frau Wehe.

Still, still! winkte Asta ab. Lassen Sie mich einen Augenblick. Und
hastig sann sie, wo Hans Thumser nur stecken knne in diesem Augenblick
...

Ach so -- Mittwoch -- offizielle Kneipe ... Ach, sie kannte den
Wochenkalender des Korps in- und auswendig. Also im Cafbaum, auf der
Frankenkneipe ... Und da ... da wrde ja auch der Rcher ihn suchen ...
nein -- das nicht ... o Gott, das nicht --

Und mit einem Ruck stlpte sie das Barett wieder auf, klappte den Kragen
des Pelzjacketts in die Hhe, und triefend und schlotternd, wie sie war,
rannte sie an der verblfften Wirtin vorber, flog die halbdunkle Stiege
hinunter, stand auf der Sophienstrae ...

Drben fluteten dichte Menschenstrme, vom Glast der Laternen des
Carolatheaters berstrahlt, vom Flockengestiebe silbern umflittert, in
die dunkel ghnenden Pforten des Kassenflurs hinein.

Gott sei Dank, Piccolomini --! Asta war dienstfrei. In die erste
Droschke, die drinnen ihre Fracht abgeladen hatte und aus der dunklen
Ausfahrt herausrumpelte, sprang Asta hinein, rief im Einsteigen dem
Kutscher zu:

Kleine Fleischergasse, Cafbaum, so schnell das Pferd laufen kann --
einen Taler Trinkgeld sollen Sie haben, wenn's rasch geht!

Der Wagenschlag klappte, der Kutscher schlug die Peitsche dem Gaul um
die dampfenden Flanken, und durch die dunklen, schneeverwehten Straen
schwerfllig von dannen rollte das Gefhrt.




                                  13.


Auf der Sophienstrae geriet Valentin Pilgram in den Schwall der
Theaterbesucher hinein, der zum Carolatheater drngte.

Ach so -- ha, ha! natrlich, da spielte man ja Komdie, heut' wie alle
Abende!

Und Jucunda Buchner natrlich wieder der Stern des Abends, der Zielpunkt
aller Blicke, die Sehnsucht aller Herzen! Ja gewi: wie er sich durch
die Menge schob, auf allen Lippen das leise, andchtig hingesprochene:
Die Buchner ... die Buchner ...

Der lange Gesell, der im tollen Schneetreiben hemdrmelig und barhaupt
sich durch die Menge zwngte, machte alles stutzen, alle Hlse sich
wenden.

Nanu, was hat denn der? Das is wohl  Verrickter am Ende! Schutzmann!
he, Schutzmann! Nhmen Se'n doch feste, den Langen da!

Nein -- so ging's nicht weiter. Er erwischte eine Droschke, warf sich
hinein, befahl Katharinenstrae zweiundzwanzig. Er konnte ja auch
unmglich so auf Korpskneipe erscheinen, sie htten ihn da wohl auch fr
wahnsinnig gehalten -- htten sein Rcheramt, seine heilige Mission, die
beleidigte Ehre des grn-gold-roten Bandes wiederherzustellen, fr einen
Ausflu des Aberwitzes genommen. Und dann: es schttelte ihn. Fieberglut
und Frostschauer tobten abwechselnd durch seine Reckenglieder.

Herrgott! Dieser alte Klepper wollte gar nicht vom Fleck.

Und doch -- es wurde geschafft. Er flog die Treppe hinauf, langte
keuchend oben an. Als er den Schlssel suchte, taumelte er -- das
Fieber verwirrte sein Hirn. Kaum gelang es ihm, den Schlssel
einzustecken -- so leise er konnte, drehte er um, schlich sich auf
Zehenspitzen durch den dunklen Flur, machte drinnen Licht -- erschrak,
als er sein fahles Gesicht im Spiegel sah mit den stieren Augen, den
rotfleckigen Wangen.

Einerlei -- nur fort, nur es zu Ende bringen!

Er ri die triefenden, dunstigen Kleider vom Leibe, die schweinasse
Wsche, zog sich vom Kopf bis zu Fen frisch an, schauerte zusammen in
der Siedeglut, die ihn durchrann. Er fhlte sich pltzlich mde zum
Sterben -- das aufgeschlagene Bett zog ihn magnetisch an. War's nicht
das beste, da hineinzukriechen, die Decke ber die Ohren zu ziehen und
unterzusinken in bleiernes Vergessen ...?

Aber nein -- das ging ja nicht. Die Mission! die Mission ... Abrechnung
mute gehalten werden. -- Sauber mute die Welt wieder werden ... Der
Schandfleck mute weg ... Und mit fliegenden Hnden kleidete er sich an.
Taumelte abermals, als er die Stiefel anziehen wollte, bi die Zhne
zusammen, bezwang die todgleiche Erschlaffung.

Als er vor dem Spiegel die Halsbinde zu schlingen versuchte, versagten
die Hnde. Da knpfte er nur die Enden in einen wsten Knoten, stlpte
statt des Hutes, der drauen an der Pleie geblieben, eine
schwarzseidene Mensurmtze auf, hing statt des Winterpaletots, den er
ebenfalls im Schnee gelassen, einen dnnen Sommerhavelock um ... und nun
fort -- fort ...

Er warf einen Blick auf die Uhr -- dreiviertel neun, gerade recht. Die
offizielle Kneipe mute eben begonnen haben, und bis zur Kleinen
Fleischergasse waren's ja nur zwei Minuten.

Halt! Einen Stock brauchte man noch, man konnte nicht wissen ...

Nun, so mochte es schon das silbern beschlagene spanische Rohr sein, die
Dedikation seines Leibburschen. Da er kein Recht mehr hatte, dieses
Stck zu fhren, das mit dem Zirkel Franconias geschmckt war, was
verschlug's in dieser Stunde --?! Es war eben doch ... ein Stock ...


Noch einer war an diesem Nachmittage bis tief in den endlosen
Novemberabend hinein drauen im Schnee umhergeirrt: Hans Thumser.

Als er aus Jucundas Zimmer gestrzt, an dem verblfften Erbprinzen
vorber, da war es auch ihm unmglich gewesen, es auszuhalten zwischen
den hastenden Menschen, den keuchenden, dampfenden Droschkengulen, in
den engen, finstern Straen, unter den blinzelnden Laternen.

Er war ins Rosental geraten und stundenlang durch die schweigende
Einsamkeit des schneeverwehten Parks geirrt.

Ha! ha! Also so lief die Karre! Freilich, freilich! Wenn Frstengnade
winkte, was galten da ein paar armselige Studentlein ...? Denen spielte
man eine nette kleine Komdie vor: Hilflose, beleidigte,
schutzbedrftige Unschuld dem einen, glhendes Verstndnis, tiefinnige
Seelenharmonie dem andern ... Und dann -- dann lie man einfach im
rechten Augenblick den Vorhang fallen, und ein neues Stck fing an.

Komdie -- Komdie -- jedes Wort, jeder Blick, nichts als Reminiszenzen
aus abgespielten Stcken, nichts als der Nachhall erlogenen,
erheuchelten Gefhls ... Komdie ... Komdie ... Komdie --!

War das nicht Strafe? War dieser Abfall, diese Blamage, die fressende
Scham -- da drinnen -- war das alles nicht verdient?! Hatte nicht auch
er selber leichtherzig den Vorhang fallen lassen ber einem lieblichen
Spiel voll erster Seligkeit, voll flammender Glut und reizender
Tndelei, das die vergangenen Wochen seinem jungen Leben beschert
hatten?

War er besser als jene Jucunda? Er, der danklos und roh die Gesellin so
kstlicher Entzckungen beiseite geschoben, um diesem gleienden Phantom
nachzujagen, das heute vor seinen entsetzen Augen die Larve hatte fallen
lassen?

Asta! Asta! Dich hatte ich. Du hast dich mir geschenkt ... und ich lie
dich los und rannte einem Irrwisch nach ...

Ja, Hans Thumser ging streng mit sich ins Gericht. Er kam sich so klein
vor, so dummejungenhaft, so unwert alles dessen, was die vergangenen
Wochen ihm in den Scho geworfen. Eine jhe Sehnsucht kam ber ihn, sich
in Astas Arme zu flchten, die Stirn an ihre Knie zu drcken und um
Verzeihung zu betteln.

Und doch -- Knabentrotz und Knabenscham jagten ihn immer tiefer in die
Schneewildnis hinein. Jetzt vor Asta hintreten und bitten: vergi --?!

Sie wrde sogleich begreifen, da er -- nun, da er eben ... abgefallen
war bei Jucunda. Und wrde sie dann nicht triumphieren, sich bedanken
fr das Vergngen, ihn ber seinen Abfall trsten zu sollen?

Nein -- das ging nicht. Das mute man allein hinunterwrgen. Ha ha!
Gab's nicht ein Mittel, die Qual dieser Beschmung, dieser
frchterlichen Blamage abzukrzen? Wozu war man denn Student --
Korpsstudent -- Fuchsmajor?! Und wozu heut abend offizielle Kneipe?

Ganz recht: besaufen werden wir uns! einen Eimer Bier in uns
hineinpumpen, bis wir mitsamt der ganzen Corona der Fchse unterm Tisch
liegen und den Himmel fr 'nen Dudelsack ansehen. Hol' der Teufel die
Weiber --!

Und morgen frh auf dem Fechtboden -- Filzmaske aufgesetzt, drauflos
gedroschen, solange Arm und Schdel halten wollen --!

Kaum konnte Hans die Stunde der offiziellen Kneipe erwarten. Als er zum
Cafbaum schlenderte, grinsten ihm von allen Anschlagsulen die riesigen
Lettern entgegen:

                          Wallensteins Lager
                           Die Piccolomini

Pah! was fr Hieroglyphen waren das eigentlich?! Was ging das alles ihn
an? Pah, die Meininger! Pah! Schiller --!

Komdie ... Komdie!

Damit war man fertig, das mute versunken sein und vergessen. -- Und was
stand ganz unten am Rande des Zettels?

                    Freitag: Wallensteins Tod --?!

Ja, hatte man gestern nicht selbst probiert, sollte morgen frh wiederum
probieren fr die Komdie von bermorgen? Hatte man nicht im Eisenwams
der Pappenheimer Krassiere gesteckt und sich als Friedlndischer
Reitersknecht gefhlt, eine Stunde lang?

Lge, alles Lge ... ffisches Spiel mit lngst verpulster Glut, lngst
verschtteter Leidenschaft -- Komdie das alles! Unwrdig des jungen
sehnenden Menschentums, das man in allen Knochen fhlte, das leidend
sich aufkrampfte gegen die Not der Stunde -- das nach wildem Rausch,
nach taumelnder Betubung sich sehnte, das sich selbst vergessen wollte
und vergessen alles um sich her --!

Nein -- Hans Thumser wird niemals wieder Komdie spielen ...

Hans Thumser wird mehr nicht sein wollen, als er ist: ein ungarer,
unfertiger Mensch, dessen verdammte Pflicht und Schuldigkeit das eine
nur ist: zu lernen, zu arbeiten, sich zu sthlen fr die kommenden
Kmpfe des wahren, des wachen Lebens. Morgen, morgen soll's beginnen --
heut aber: Bier her! Saufen bis zum Umsinken! Vergessen ... vergessen
... vergessen ...

Da war der Cafbaum. Da winkte vom Sims des ersten Stockwerks das
dreifarbene Schild, schneeberlagert. Und der steingemeielte riesige
Trke, der sich von dem feisten kleinen Putten die Mokkaschale kredenzen
lt, trug ber seinem steinernen Turban einen doppelt so hohen aus
Schnee ...

Nun die enge, muffige Stiege hinauf, nun die Klingel gezogen. Drinnen
lrmten schon die Korpsbrder, die sich zum gewohnten Zechgelage
versammelten. Als der Korpsdiener ffnete, empfing den Ankmmling schon
auf dem Korridor, wo rings die grnen Kneipjacken mit den rot und
goldenen Schnren an den Wnden hingen, lautes Hallo.

Volkner, der Senior, hatte geschwatzt: er war Hans Thumser begegnet, als
dieser mit einem mchtigen, seidenpapierumhllten Rosenstrau in das
Haus Katharinenstrae zweiundzwanzig hineingegangen war. Da dieser
Besuch nicht etwa dem frheren Korpsbruder Pilgram gegolten habe, das
hatte der Blumenstrau verraten. Wo also konnte Thumser gewesen sein als
bei Jucunda Buchner? Halb mit Ulk und halb mit Neid empfing man den
Glcklichen. Der Name Jucundas war ein bichen verdchtig von dem Fall
Pilgram her. Obwohl der weiland Senior sich bei den Besuchen der
frheren Korpsbrder hartnckig ber seine Beziehungen zu der Diva
ausschwieg, hatten die Korpsbrder doch allmhlich herausbekommen, da
jenem sein ritterliches Eintreten fr das gekrnkte Mdchen wenig Dank
eingetragen hatte ...

Sich mit Jucunda Buchner einzulassen, das hatte also beinahe schon einen
Beigeschmack von Komik und drohendem Hereinfall ...

Und dennoch ... der Duft des Lorbeers, der eine ganze Stadt berauschte,
zog wie lichter Weihrauchdunst auch durch die Hirne, welche die grnen
Mtzen bedeckten ...

Der Schwall der Neckereien, die sich ber Hans Thumser ergossen, ging
ihm hei in das siedende Blut -- immer wilder schwoll die sinnlose
Saufstimmung in ihm empor.

Fchse, _ad loca_! brllte er und nahm am unteren Ende der Kneiptafel
Platz, auf dem hochlehnigen Stuhl, der in Eichenschnitzerei die
Mrchengestalt eines aufrechtstehenden Fuchses zeigte, in Cerevis,
Couleurband und Kanonenstiefeln, den Vorderlauf mit einem Schlger
bewehrt. Und um ihren jungen Herrn und Meister zur Rechten und zur
Linken scharte sich die Fuchscorona, sieben junge Brschlein, darunter
vier Krasse, die erst seit ein paar Wochen der Zucht ihres
Schulmeisters entronnen waren, um der noch viel gestrengeren des
Fuchsmajors zu verfallen -- und drei Brander, Wangen und Nasen schon mit
den ersten Dokumenten bewhrten Mensurschneids verziert.

Fchse, ich komm Euch den ersten und den zweiten Halben! rief Hans
Thumser und schttete das volle Glas hinunter, das der Korpsdiener vor
ihn hingesetzt.

Gleichzeitig beschied auch der Senior Volkner alles, was der Fuchtel des
Fuchsmajors bereits entwachsen war, an das obere Ende der Kneiptafel:
die Korpsburschen, die Inaktiven der Kartell- und befreundeten Korps,
die sich in Leipzig studienhalber aufhielten und beim Korps verkehrten,
und einzelne Alte Herren aus der Stadt, die sich dann und wann zu den
Zusammenknften des Korps einfanden.

Und nun entwickelte sich das altvertraute Bild: von allen Wnden
schauten die Wappenschilder, die gekreuzten Fahnen und Schlger, die
Ehrenhumpen und silberbeschlagenen Trinkhrner, die zahllosen
jahrzehntealten Gruppenbilder, Silhouetten, Portrte der einstigen
Mitglieder des Bundes auf die zechende und lrmende Schar herunter.

Mit zeremoniellem Anstand erhob sich der Erste:

_Silentium!_ Wir trinken zur Erffnung einer fidelen, offiziellen
Kneipe unser Glas in Gestalt eines Schoppens Salamander! _Ad exercitium
salamandri_ -- eins, zwei, drei!

In langen Gssen kollerte der erste Ganze in die zechbereiten Mgen,
rasselnd wirbelte der Salamander und endete mit einem krachenden
Aufklappen aller Glser auf die massive Eichenplatte der Kneiptische.

_Silentium!_ klang da wieder die Stimme des Prsidenten: Wir singen
als erstes offizielles Lied auf Seite 159: Brder, zu den festlichen
Gelagen ...

In rauhem, taktfestem Unisono schwoll das Lied durch den niedern Raum,
in dem das Brandopfer der Pfeifen und Zigarren sich mystisch ber der
Sngerschar emporkreiselte:

    Brder, zu den festlichen Gelagen
    Hat ein guter Gott uns hier vereint,
    Allen Sorgen lat uns jetzt entsagen,
    Trinken mit dem Freund, der's redlich meint.
        Da, wo Nektar glht,
        Holde Lust erblht,
    Wie den Blumen, wenn der Frhling scheint.

Und Hans Thumser fhlte beglckt, wie die dumpflastende Beklemmung der
einsamen Sptnachmittagstunden von ihm abfiel, und in grimmigem Behagen
strzte er sich hinein in den schumenden Strudel des Gelages, sprte,
wie alles, was ihn so im Tiefsten erschttert, verschwamm, versank,
verflog -- und nichts mehr war, als der tolle Rausch der Stunde.

Fchse! Ich komme Euch den elften und zwlften Halben!

    Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen,
    In dem Becher winkt der goldne Stern!
    Honig lat uns von den Lippen saugen,
    Lieben ist des Lebens ser Kern!
        Ist die Kraft versaust,
        Ist der Wein verbraust,
    Folgen, alter Charon, wir Dir gern!

-- so verscholl das hellaufrauschende Lied ...

_Silentium_ -- schnes Lied _ex_! Ein Schmollis den Sngern!

Da trat der Korpsdiener ein. Das glnzende Bemmchengesicht verstrt,
fassungslos. Er schlich sich zu dem ragenden Stuhl des Ersten heran,
flsterte mit vorgehaltener Flosse seinem jungen Herrn etwas ins Ohr,
das diesen stutzen und auffahren machte. Einen Augenblick sann Volkner
nach -- dann flsterte er dem Korpsdiener zu:

Es ist gut -- sagen Sie's Herrn Thumser -- er mag hinausgehen.

Mit scharfen Blicken verfolgte Volkner den Gang des Korpsdieners, der
sich nun mit so lcherlicher Behutsamkeit, als tripple er auf Eiern,
hinter den Sthlen seiner Herren entlang zum Fuchsmajor schob und auch
diesem seine Botschaft zuraunte:

Entschuld'gen Se, Herr Thumser -- da drauen is Sie nmlich der Herr
Pilgram -- der lt Ihn' bitten, ob Se nich mchten so freindlich sinn
und gomm'n een Augenblickchen auf'n Flur -- er hat 'n  wicht'ge
Mitteilung zu machen!

Ganz deutlich sah Volkner, wie Thumser zusammenschrak, hastig aufsprang,
einen Augenblick nachsann, dann mit einem fragenden Blick die Erlaubnis
erbat, die Kneiptafel zu verlassen. Nachdem Volkner Gewhrung genickt,
bat Thumser den ihm zunchst sitzenden Korpsburschen, ihn in seinem Amt
als Vorsitzender der Fuchsentafel eine Weile zu vertreten. Dann raffte
er sich zusammen und schritt aufrecht, doch bla, mit zusammengezogenen
Brauen zur Tr hinaus.

Als er mit dem Korpsdiener durch das anstoende Konventszimmer schritt,
flsterte der Alte ihm zu:

Se missen nmlich wissen, Herr Thumser, es is Sie schon vor eener
Viertelstunde eene shre hiebsche, junge Dame dagewesen und hat mich
gefragt, ob der Herr Pilgram mchte uff der Kneipe sinn. Nu, da hab'ch
ihr natierlich nur kennen sagen, da der Herr Pilgram ieberhaupt nich
mehr wirde uff Kneipe komm' -- und da is se denn wieder abgemacht. Ich
kann Ihn' nur sagen, Herr Thumser, shr  hiebsche Dame is es gewesen!
Nobel, ph, ich kann Ihn' sagen, Herr Thumser --!

Hans Thumser war einen Augenblick stehengeblieben. Wirre Vermutungen
schossen hin und wider. Pilgram --? Und eine Dame, die nach Pilgram
fragte? Was fr unwahrscheinliche Begebenheiten -- auch nicht den
Schimmer eines Verstndnisses fand Hans.

Wer konnte die Dame sein, die Pilgram auf der Frankenkneipe vermutete
--? Was wollte Pilgram von ihm selber --?!

Nun -- man wrde ja hren ... Und abermals straffte Hans den Nacken und
ffnete die Tr zum Korridor.


Herzklopfend, von Glut und Frost hin und wider geschttelt, war Asta
Thny vor dem Cafbaum aus der Droschke in den weichen Schnee
gesprungen, der nun schon futief Brgersteig und Fahrdamm der schmalen
Gasse berzog. Ob ihr Retter wohl schon drben sein mochte?

Hell erleuchtet glnzten die Fenster des ersten Stocks in das
schummerige Dunkel der Strae hinaus, whrend die ragenden Fronten der
geschwrzten Gebude ringsum nur noch wenige matte Lichtspuren zeigten.
Auf der Kleinen Fleischergasse wohnte nur bescheidenes Brgertum, da
ging man frh zur Rast.

Asta trat auf das jenseitige Trottoir und sphte hinauf. Ab und an
huschte droben schattenhaft der Umri einer jungen bemtzten
Mnnergestalt vorber. Durch die verschlossenen Doppelfenster drang
Lachen, vielstimmiges Gesprch, Tabakwolken kruselten zur Decke,
Wappenschilder, Schlger blinkten an den Wnden -- sonst war nichts zu
erkennen.

Es blieb nichts brig: Asta mute sich in das dunkle jahrhundertalte
Gebude hineinwagen, mute fragen, ob droben Herr Pilgram schon
eingetroffen. Mit versagendem Herzschlag kletterte sie die winklige,
dunstige Stiege hinan, hielt einen Augenblick vor der Tr still, an der
ein grn-gold-rotes Farbenschild angebracht war und ein lngliches
Porzellanschildchen mit der Aufschrift:

                           Corps Franconia.

Drinnen klang lauter nun Lrm und Gelchter. Was half's -- sie mute es
wagen ...

Eine schrille Klingel schlug an, Schritte tappten heran, ein ltliches,
gertetes, glattrasiertes Mnnergesicht lugte durch den Spalt und
blinzelte befremdet, als es des ungewohnten Besuches ansichtig ward.

Mit stammelnden Lippen fragte Asta, ob Herr Pilgram schon angekommen.
Verblfft grinste der Trhter und erklrte: Herr Pilgram gehre nicht
mehr zum Korps, er komme berhaupt nicht mehr.

Gottlob -- also jedenfalls noch nicht zu spt gekommen ...

Und Asta huschte wieder die Treppe hinunter, stapfte in den Schnee
hinaus und patrouillierte auf dem jenseitigen Brgersteig,
frostgeschttelt, erwartungfiebernd.

Ab und zu kam noch eine grnbemtzte Jnglingsgestalt und bog in den
schlechterleuchteten Flur des Cafbaums ein. Von Pilgram keine Spur! --
Ob er seinen Vorsatz aufgegeben hatte? Sie wute ja nicht, was er
eigentlich geplant hatte, aber etwas Grausames, etwas Wildes, etwas
Schauerliches mute es gewesen sein! Davon hatten seine Zge deutlich
genug gesprochen. Und geduldig trippelte das Mdchen auf und ab, ohne
einen Blick von dem schmalen Lichtspalt zu wenden, der durch die
angelehnte Tr des Restaurants auf die Strae lugte.

Der Schneefall hatte aufgehrt. In winterlicher Schwermut ghnte die
menschenleere Strae. Und in die lautlose Stille, welche die abendliche
Stadt berlagerte, klang nun von drben ein munterer Burschensang,
gedmpft durch die Doppelfenster, doch deutlich vernehmbar. Die Weise
meinte Asta zu kennen, aber Worte dazu wute sie nicht. Ach, da oben war
er, der liebe, bse Junge ...

Schau! zur Rechten, vom Marktplatz her glitt lautlos ein riesiger
Schatten heran, scharf abgezeichnet von dem weien Grunde der Strae,
vom gelben Lichthof, den die Laternen in die Nebel der Nacht zeichneten.

Er war's! Mit raschen Schritten steuerte er dem Cafbaum zu. Da scho
Asta ber den schmalen Straendamm, traf hart an der Tr auf Pilgram:

Herr Pilgram -- ach, Herr Pilgram!

Gesenkten Blickes war jener geschritten, nun schrak er zusammen bei der
unerwarteten Begegnung.

Ah -- Sie, mein gndiges Frulein? -- Ja, um Gottes willen, sind Sie
denn toll? Warum nicht im Bett -- warum hier -- was soll das heien?!

Ich hatte solch entsetzliche Angst, Herr Pilgram!

Angst? Was fllt Ihnen ein! Angst? Um wen?

Um Sie, Herr Pilgram, um Sie und ... ach! Sie wissen's ja ... um wen --
um wen noch. Herr Pilgram, ich bitte Sie -- ich flehe Sie an, was haben
Sie vor gegen Herrn Thumser?

Flehend hatte sie mit beiden Hnden den linken Arm des Studenten
umklammert.

Aber Verehrteste ... ich begreife faktisch nicht ... wie kommen Sie auf
derartige Vermutungen?

Ach, ich wei ... ich wei ... Sie wollen sich rchen an Herrn Thumser!
Ich wei alles -- alles wei ich ... Frulein Buchner, meine Kollegin --
Sie sind fr sie eingetreten damals ... und dann ... dann hat sie sich
schlecht gegen Sie benommen ... und Sie, Sie hatten doch so viel fr sie
dahingegeben, nicht wahr, so war's doch? Und heut -- heut ist Herr
Thumser bei Frulein Buchner zum Tee gewesen, nicht wahr? ... Und Sie,
Sie haben das gehrt und sind wtend auf ihn -- weil Sie denken, er hat
mehr Glck bei Frulein Buchner als Sie nicht wahr? O, gestehen Sie's
nur, es ist ja keine Schande -- und dann, dann haben Sie mich gefunden
da drauen und denken, er hat mich auf dem Gewissen ... Sie sehen, ich
wei, ich wei alles. Und nun, nun wollen Sie ihn -- ich wei nicht, was
Sie mit ihm machen wollen, aber etwas Schreckliches ist's gewi. Sehen
Sie -- Sie schweigen -- sehen Sie, ich habe alles begriffen, alles!
Ist's nicht so?

Mit zusammengekniffenen Lippen, die Augen fast geschlossen, regungslos
hatte Valentin Pilgram den Schwall dieser bebenden Fragen ber sich
dahinschauern lassen. Mit grimmiger Scham fhlte er sich durchschaut,
fhlte den geheimsten Trieb seines Wollens blogelegt, den er vergeblich
mit dem lgnerischen Pomp eines Rchers verratener Ehre verhllt hatte,
und der doch nichts anderes war im letzten Grunde als der Neid des
Verschmhten gegen den Glcklichen, als Eifersucht -- ganz ordinre,
banale Eifersucht ...

Doch nein, das war ja nicht wahr -- das durfte ja nicht wahr sein! Da
oben klang der muntere Burschensang -- da oben tafelte die Runde derer,
die sich Mitglieder des ltesten Korps der Hochschule nennen durften,
die das grn-gold-rote Band tragen durften, das nur den Makellosen
schmcken soll. Und in ihrer Mitte sa einer, der doppelten Verrats
schuldig war: an dem Gefhrten dreier Semester und an der Gesellin
glckseliger Liebesstunden.

Und er --? Er hatte auf all das verzichtet, verzichten mssen um der
Ehre willen. Hatte das einen Sinn? Durfte das so bleiben? Nein, beim
Himmel, das sollte es nicht, solange es einen Valentin Pilgram gab. Wenn
er denn schon selber die geliebten Farben nicht mehr tragen durfte,
deren er doch wahrhaft wrdig war wie einer, sollte dann der andere sich
mit ihnen brsten drfen, der das Recht auf sie schmhlich verscherzt
hatte ...?!

Herr Pilgram, klang's da in schmelzendem Flehen neben ihm, so
sprechen Sie doch! Bitte, bitte, so sprechen Sie doch, habe ich nicht
recht?

Mein verehrtes Frulein, sagte der Student, indem er seinen linken
Arm der flehenden Umschlingung entzog, ich bedaure, Ihnen ber mein
Tun und Lassen keine Rechenschaft ablegen zu knnen. Es mag sein, da
ich etwas Aehnliches, wie Sie denken -- nun, da ich ... das gewollt
habe ... und noch will. Wenn es so ist, so drfen Sie berzeugt sein:
ich wei genau, was meine Pflicht ist ... Und darum mu ich Sie schon
bitten, mich gewhren zu lassen.

Da trat ihm das Mdchen in den Weg, legte beide Hnde auf seine
Schultern, brennende Augen starrten zu ihm empor, aus denen Trnen
rannen, hell aufblitzend im matten Lichtstreifen, der aus der Flurtr in
den Schnee der Gasse fiel:

Nein -- nein, das drfen Sie nicht! Mir zuliebe drfen Sie's nicht ...
Ja, es ist wahr, wegen dem da oben hab' ich heute das Leben wegwerfen
wollen -- nun haben Sie mich gerettet -- aber wenn Sie ihm etwas zuleide
tun, dann ist alles aus, dann htten Sie mich nur lieber gleich da unten
in der Pleie lassen sollen ... Ich will nicht, da ihm ein Leids
geschieht um meinetwillen -- ich will's nicht -- und Sie, Sie drfen's
nicht -- Sie drfen mich nicht wieder dahin zurckstoen, woher Sie mich
heut abend geholt haben -- nein! Herr Pilgram, das drfen Sie nun und
nimmermehr.

Gndiges Frulein, sagte Valentin, wenn es Sie beruhigen kann, so
will ich Ihnen versichern: das, was jetzt gleich geschehen wird, war
beschlossene Sache schon ehe ich Sie ... da drauen ... fand. Ich kann
mich nicht darauf einlassen, Ihnen das alles so auseinanderzusetzen. Was
Sie von mir denken mgen oder nicht denken mgen -- ich kann's bedauern,
aber ich kann's nicht ndern. Das alles mu nun seinen Lauf gehen.
Versuchen Sie nicht mich aufzuhalten, es hat keinen Zweck.

Es sollte wohl nur ein sanfter Druck sein, mit dem die hageren Hnde des
weiland Frankenseniors die runden Gelenke der Schauspielerin von seinen
Schultern lsten, doch er war unwiderstehlich, wie das Zupacken
sthlerner Zangen. Mit der gleichen unerbittlichen Gewalt, mit der er
vor wenig Stunden des Mdchens Glieder der Flutenumschlingung entrissen,
schob er sie nun zur Seite, wie ein willenloses Pppchen, und war mit
zwei raschen Schritten im ghnenden Toreingang verschwunden.

Asta taumelte, als der Druck der gewaltigen Hnde pltzlich nachlie.
Dabei trat sie unversehens einen halben Schritt rckwrts, geriet mit
dem Fu in den lockeren Schneeaufwurf ber dem Rinnstein, sank tief ein,
strauchelte, fiel in die Knie, stie einen Schmerzenslaut aus: sie mute
sich den Fu verstaucht haben. Aber die heie Angst um das, was werden
mochte, jagte sie wieder empor. Sie humpelte mit schmerzverzogenem
Gesicht zur Tr, stie sie auf, lauschte hinein. Droben auf der Treppe
waren Pilgrams Schritte schon verhallt. Nur das Burschenlied brauste
noch immer weiter, klang und schwang durch das ganze altersmde Gebude.
In dem kleinen Restaurant des Erdgeschosses zur Linken das schlfrige
Stammtischgeschwtz, das Auftrumpfen der Karten, das Klappern der
Bierglser. Asta schlich durch den Hausflur, hinkte mhsam die Treppe
hinauf, stand wieder an der Tr mit dem Porzellanschildchen: Corps
Franconia, legte das Ohr an die dnne Holzwand und lauschte.

Ganz deutlich drhnte nun ein neuer Vers des feierlichen Liedes da
drinnen, dazwischen halblaute Stimmen, es schien Pilgram zu sein,
welcher im Flur mit dem alten Mann verhandelte, der sie vorhin an der
Pforte beschieden. Aber dies leise Gesprch blieb unverstndlich,
dagegen war der Text des Liedes Wort fr Wort zu verstehen. In frohem
Trotz scholl die alte Jugendweise daher:

    Lasset nicht die Jugendkraft verrauchen,
    In dem Becher winkt der gold'ne Stern!
    Honig lat uns von den Lippen saugen,
    Lieben ist des Lebens ser Kern!
        Ist die Kraft versaust,
        Ist der Wein verbraust,
    Folgen, alter Charon, wir Dir gern!

Und nun pltzlich war das Lied zu Ende, ein paar unverstndliche,
kommandoartige Worte klangen von drinnen, ein lustiger Aufschrei von
vielen Stimmen, dann munter durcheinander schwirrendes Stimmengewirr.
Einige Sekunden verflossen so: dann hrte Asta ganz deutlich, wie
drinnen eine Tr heftig aufgerissen wurde und jemand in den Flur trat --
und jetzt klang drinnen gedmpft, doch klaren, festen Klanges des
geliebten Jungen Stimme:

Guten Abend, Pilgram -- Du hast mich zu sprechen gewnscht? Bitte, was
steht zu Deinen Diensten?

Da fhlte Asta, wie der Puls ihres Herzens aussetzte. Ganz fest prete
sie ihr Ohr an das glatte, lgestrichene Holz, ihre froststarren Hnde
umklammerten krampfhaft den messingenen Trgriff, und in schlotterndem
Lauschen vernahm sie jedes Wort, das drinnen gesprochen wurde, vernahm
sie alles, was drinnen geschah ...


Hochaufgerichtet standen die zwei schlanken Jnglingsgestalten einander
drinnen gegenber in dem schmalen Flur, den nur eine schwelende
Petroleumlampe erleuchtete. Rechts und links hingen Kneipjacken und
Garderobenstcke an den Regalen, welche die Wnde umzogen -- ein fader
Dunst von altem Tabak und Bierneigen fllte den dumpfen Raum. Hinter der
mittleren Tr, die zum Kneipzimmer fhrte, klang heftiges Stimmengewirr,
das stiller und stiller ward. Offenbar war man drinnen aufmerksam
geworden, da hier drauen sich Ungewhnliches vollziehe, wartete man
gespannt, wie das wohl werden mchte.

Hans Thumser hatte Pilgram die Hand hingestreckt. Der bersah sie, griff
stumm in die Brusttasche seines Rockes und reichte Hans Thumser einen
Brief hin.

Lies! sagte er.

Hans lie die erstaunten Blicke hin und wider gleiten zwischen dem
Schreiben und dem, der es ihm gereicht, dann trat er in den Lichtbereich
des mattglnzenden Flurlmpchens und erkannte, da der Brief mit
fahrigen, steilen Schriftzgen einer Frauenhand bedeckt war:

  Sehr geehrter Herr! Ihr dankenswertes Eintreten fr meine Ehre hat
  schnell den gewnschten Erfolg gehabt. Die beiden Herren, welche mir
  zu nahe getreten waren, haben mndlich bei mir um Entschuldigung
  gebeten. Ich danke Ihnen innigst fr das groe Opfer, das Sie mir
  gebracht haben ...

Verblfft lie Hans den Brief sinken:

Was soll ich damit? fragte er, was geht das mich an?!

Dreh doch geflligst einmal den Bogen um! befahl Pilgram in
ingrimmiger Ruhe.

Hans wandte den Bogen um und entdeckte mit grenzenlosem Staunen rechts
an der unteren Ecke der vierten Seite, auf dem Kopfe stehend, seine
Initialen und darber den Frankenzirkel. Er drehte den Bogen um, und
richtig: es war kein Zweifel, das war einer von seinen eigenen
Briefbogen. Vllig verdutzt sah er den einstigen Korpsbruder an, um
dessen festgeschlossene Lippen ein mattes Lcheln des Triumphes irrte.

Von wem ist der Brief? fragte Hans Thumser mit unsicherer Stimme.

Spiel' mir geflligst keine Komdie vor! brauste Pilgram auf.

Aber ich versichere Dir, ich habe nicht den leisesten Schimmer.

Pfui Deubel -- nicht mal den Mut hast Du ... Gib her den Brief! Und nun
weiter! Warst Du heut' nachmittag bei Frulein Buchner?

Aber ich verstehe faktisch nicht, stammelte Hans. Wenn ich Dir sage,
da ich auch nicht die entfernteste Ahnung habe --!

Ich frage Dich, ob Du heut nachmittag bei Frulein Buchner warst? Gib
Antwort -- oder ich mache kurzen Proze mit Dir!

Nun richtete sich Hans denn doch aus der unsicheren Haltung verlegenen
Staunens zu seiner ganzen Gre auf. Zwar reichte er nicht an die
riesige Lnge des einstigen Freundes, aber gleich straff emporgereckt
stand er ihm gegenber, sah ihm von unten frei und trotzig ins Gesicht,
und funkelnd, wie zwei Sbelklingen in der Auslage, so blitzten das
braune, das blaue Augenpaar einander an.

Ich frage Dich, sprach er kalt gemessen, was Dich berechtigt, mich in
einem derartigen Ton zur Rede zu stellen?

Das weit Du.

Nein, ich wei es nicht. Ich wnsche es von Dir zu hren.

Ich verzichte darauf, Dir Aufklrung zu geben. Ich wiederhole Dir meine
Frage -- willst Du antworten?!

Wer mich in diesem Tone fragt, bekommt keine Antwort!

Schn! Was wirst Du nun aber sagen, wenn ich Dir mitteile, da in
derselben Stunde, in der Du bei Jucunda Buchner warst, Frulein Asta
Thny am 'Wassergott' in die Pleie gesprungen ist --?!

Da wurde Hans Thumsers fester Blick pltzlich stier und starr. Die
Kinnbacken klappten herunter, langsam schob sich seine Rechte an der
Brust empor, glitt tastend nach dem Achtzentimeterkragen.

Das ist ... das ist nicht wahr!

Mein Ehrenwort, da es wahr ist ... und Du weit, scheint's, auch, wer
sie hineingetrieben hat?!

Da umklammerte Hans Thumser pltzlich mit beiden Hnden des ehemaligen
Korpsbruders Arm und stammelte, schlotternd vor Entsetzen:

Sie ist tot?!

Valentin Pilgram machte sich frei, trat einen halben Schritt zurck.

Ich hatte das Glck sie zu retten ... bedank' Dich also bei mir, da Du
nicht als Mrder vor mir stehst.

Ein sthnender Laut, ein Jauchzen halb und halb ein Schluchzen brach aus
Hans Thumsers Brust zwischen den zusammengebissenen Zhnen hervor:

Erzhl' doch -- so erzhl' mir doch.

Nein, sagte Valentin Pilgram hart, Du hast Frulein Thny von Dir
gestoen -- es mag Dir gengen, da sie lebt -- alles weitere geht Dich
nichts mehr an.

Also was willst Du von mir? schrie Hans Thumser, sag' mir endlich,
was Du von mir willst?!

Du sollst bekennen, da Du ein elender, wortbrchiger Bube bist ... Du
sollst das Korpsband da abziehen ... Du verdienst nicht mehr, es zu
tragen. Willst Du? Oder soll ich Dich dazu zwingen?

Da straffte sich Hansens Gestalt aufs neue. Seine Fuste ballten sich,
als erwarteten sie den Angriff des Feindes -- ja, des Feindes, denn was
in den blauen Augen drben dster flammte, war Feindschaft --
Todfeindschaft ...

Versuch's! sagte er nur.

In diesem Augenblick ward die Tr zum Kneipzimmer hastig von drinnen
aufgerissen, blendender Lichtglanz quoll hervor, und hinter der Tr,
Kopf an Kopf, drngte sich das Korps: ein zu Tode erschrockenes
Jungmnnergesicht hinter dem andern, ganz hinten stand man auf Sthlen
und Tischen, um das entsetzenerregende Schauspiel zu erreichen, wie da
zwei Jnglinge, die einst die gleichen Farben getragen, auf Leben und
Tod einander gegenberstanden.

Pilgram! Thumser! schrie alles durcheinander, um Gottes willen, was
habt Ihr nur?!

Gleichzeitig schlug mit gellendem Schrillen die Etagenklingel an, und
gegen das Holz der Flurtr hmmerten matte Schlge, wie von einem zarten
Kinderhndchen. Und wie ein Schrei klang drauen das wimmernde Flehen
einer Frauenstimme:

Herr Pilgram -- tun Sie's nicht, Herr Pilgram!

Mit halbem Blick nur berflog Valentin Pilgram die hervordrngende Schar
der einstigen Korpsbrder ... dann, als sei er noch allein mit dem
Gegner Aug' in Auge, wandte er sich wieder zu ihm und wiederholte:

Also noch einmal: Gibst Du es zu, da Du ein elender Schelm bist?
unwrdig des Bandes, das Du trgst?

Mit eisiger Festigkeit hielt Hans Thumser des Feindes hasprhenden
Blick aus.

Geh! sagte er, das weitere findet sich morgen.

In derselben Sekunde hatte Valentin Pilgram dem Gegner das Korpsband von
der Brust gerissen und es zu Boden geschleudert. Nun holte seine Rechte
weit aus, um ihm die Mtze vom Kopf zu schlagen. Im selben Augenblick
aber warfen sich die Korpsburschen mit lauten Entsetzensschreien auf
beide Gegner von hben und drben, trennten sie, alles schrie wie toll
durcheinander:

Pilgram, Du bist wohl wahnsinnig!

Zurck, haltet Ruhe, zum Teufel!

Was fllt Euch ein?!

Wir sind auf Korpskneipe!

Schmeit ihn hinaus, er hat hier nichts mehr zu suchen!

La gut sein, Thumser, er wird Dir Satisfaktion geben, morgen findet
sich alles -- morgen!

Volkner, der Senior, brach sich Bahn durch die dicht zusammengekeilte
Schar der jungen Mnner.

_Silentium!_ schrie er. Ich bin hier der Herr im Haus. Tritt vor,
Pilgram, was soll das, was fllt Dir ein? Dich hier einzudrngen und
Dich an einem von uns zu vergreifen? Du weit, Du hast kein Recht mehr,
hier zu sein!

Die Zucht vieler Semester, die eiserne Disziplin des Korps rief Pilgram
zur Besinnung zurck.

Du hast recht, Volkner, sagte er. Habt die Freundlichkeit mich
loszulassen ... es wird nichts weiter passieren, verlat Euch drauf.

Und ruhig und gemessen trat er vor den Senior:

Verzeih mir -- ich hatte mich vergessen. Ich denke, Ihr verzichtet wohl
alle auf eine weitere Aufklrung ... dafr ist ja das Ehrengericht da.

Allerdings, sagte Volkner, dafr ist ja wohl das Ehrengericht da.

Gut, sagte Pilgram. Ich bitte das Korps also nochmals feierlichst um
Entschuldigung -- ich bin morgen vormittag bis ein Uhr in meiner
Wohnung. Guten Abend.

Alles wich zur Seite. Noch einmal ma Valentin Pilgram mit kurzem Blick
der Todfeindschaft seinen Gegner, der schwer atmend, mit
rotunterlaufenen Augen, doch vllig gefat inmitten seiner Korpsbrder
stand ... schritt zur Tr, ri sie auf.

Da bot sich ein unerwartetes Schauspiel: Auf der Schwelle kniete,
trnenberstrmt, zusammengekauert, ein Mdchen im grauen Pelzjackett.
Nun sprang sie auf die Fe, starrte mit angstverzerrten Zgen, blden
Blicks in den Korridor hinein, in dem Kopf an Kopf Grnbemtzte sich
drngten, warf sich dann jhlings herum und floh wie gejagt die Treppe
hinunter.

Und langsam, schwerflligen Schritts ging Valentin Pilgram von dannen
und lie die Tr ins Schlo fallen.




                                  14.


Asta hatte nicht schlafen knnen. Das Fieber hatte in dem zierlichen,
doch kerngesunden Krperchen rumort -- doch der Gedankensturm, der ihr
Hirn durchbrauste, der Drang zu leben, zu helfen, ihr armes bichen Sein
dafr einzusetzen, da nicht unsagbar Entsetzliches geschhe -- dies
inbrnstige Wollen hatte die heraufbrauende Krankheit niedergeworfen.
Und frh um neun schon klopfte sie an Jucunda Buchners Tr.

Frau Kanzleirtin, noch in Nachtjacke und Unterrock, hatte hoch und
teuer geschworen, Jucunda sei noch nicht zu sprechen. Asta Thny hatte
sich nicht abweisen lassen.

Sie wird mir's danken, gndige Frau!

Aber Jucunda Buchner dankte nicht.

Aus unruhigen Morgentrumen voll ehrgeiziger Hoffnungen und
ahnungsvoller Beklemmungen hatte das Pochen der Kollegin sie
aufgeschreckt. Nun sa sie aufrecht im Bett, sehr ungndiger Laune,
kaum, da sie der Besucherin einen Stuhl anbot. Sie liebte es nicht,
sich unvorbereitet berraschen zu lassen.

Mit fliegenden Worten berichtete Asta: ihren Spaziergang an der Pleie
verschwieg sie allerdings, um so genauer aber erzhlte sie von dem
Renkontre zwischen Pilgram und Thumser auf der Frankenkneipe und sparte
nicht an grellen Farben. Sie war berzeugt gewesen, Jucunda wrde
alsbald um Hans Thumsers willen mit allen Anzeichen des Entsetzens aus
dem Bette springen und Hals ber Kopf zu dem Geliebten wollen, um ihm
nicht von seiner Seite zu weichen, bis die Gefahr an ihm vorbergegangen
war ...

Statt dessen sah Jucunda sie stillschweigend mit spttisch
zusammengebissenen Lippen an, als sie hocherglhend ihren Bericht
geendet.

Nun? fragte Asta ganz erstaunt.

Mir fllt etwas auf an Deiner Erzhlung, liebes Kind, sagte Jucunda.
Du erzhlst mir da von einem Auftritt, der sich auf der Frankenkneipe
zugetragen hat ... und zwar wenn ich recht verstanden habe, hast Du
nicht nur vom Hrensagen berichtet, sondern Du warst selber dabei
gewesen -- stimmt's oder stimmt's nicht?!

Astas Wangen, vom heftigen Gang durch den Schnee gertet, glhten noch
hher auf.

Ja ... ich habe alles ... selbst mit angehrt ... gestand sie.

Hm -- dann darf ich mir wohl die Frage gestatten: wie kommst denn Du
auf die Frankenkneipe?

Astas Hnde zupften unstet an den Falten ihres Rockes.

Ja, wie soll ich Dir das ... erklren? Es ist ja auch ... eigentlich
gleichgltig ... wie ich hingekommen bin -- ich war eben ... da.

Nun, so gleichgltig kann ich das eigentlich nicht finden, meinte
Jucunda. Sie lehnte sich zurck in die Kissen, sttzte sich auf die
Ellbogen und fixierte die niedliche Kollegin mit berlegen spttischem
Blick. Na, also lassen wir das einstweilen mal dahingestellt. Aber: zu
welchem Zweck teilst Du mir denn das alles mit?

Ja, aber um Gottes willen, Jucunda, das geht doch nicht, das darf doch
nicht sein, da die zwei guten Jungens sich totschieen Deinethalb!

Meinethalb? Jucunda hatte sich hochaufgerichtet. Wieso meinethalb?
Erklre mir das!

Ja, aber Jucunda -- das ist doch ganz klar! Uebrigens, um Gottes
willen, der eine, der Pilgram, der wohnt doch hier nebenan, gelt, kann
der uns auch nicht etwa hren?

Beruhige Dich, liebes Kind, meine Mutter hat mir schon mitgeteilt, da
er heut nacht nicht nach Hause gekommen ist. Also bitte, wie kommst Du
auf diesen Einfall?

Aber begreifst Du denn das noch immer nicht?! Der Pilgram ist doch nur
eiferschtig auf den Thumser, weil Du ihn hast abfallen lassen und den
andern -- --

Und den andern?! fragte Jucunda scharf. Na, was denn! Bitte, was
denn?!

Nun, der andere ... ist denn der andere nicht gestern nachmittag bei
Dir ... bei Dir gewesen --?

Er war gestern nachmittag zum Tee bei mir, nu! Und was weiter?

Zum -- Tee --?! fragte Asta mit einem halb wehmtigen, halb
verschmitzten Lcheln. Nur zum Tee --?

Na! zu was denn sonst, bitte?! fragte Jucunda heftig.

Na, wir wollen nicht streiten, meinte Asta. Also: ob die zwei braven
Kerle sich Lcher in den Leib schieen Deinethalb, Dir ist's rund herum
egal, scheint's?!

Meinethalb? Ich wei nicht, ob sie's meinethalb tun, mir haben sie's
nicht gesagt. Und brigens -- ich mchte wissen, was ich daran ndern
kann, wenn die zwei sich's in den Kopf gesetzt haben, aufeinander
loszuknallen. Ich habe sie nicht geheien, ich kann sie nicht hindern!

Asta Thny spielte mit den Zipfeln ihres Pelzjacketts und sann
angestrengt nach mit zusammengekniffenen Brauen. Dabei stieg eine helle
Freude, ja ein lustiger Uebermut langsam, aber immer mchtiger in ihr
empor. Das war ja eigentlich wunderschn, was sie da erfuhr. Sieh da,
Hanschen! Viel Glck scheinst du mit deinem Teebesuch bei der groen
Jucunda ja nicht gehabt zu haben! Und fr das bichen Ehre auch noch
totgeschossen zu werden -- nein, das wollen wir doch mal sehen, ob wir
das nicht hintertreiben knnen. Aber dazu brauchen wir ja wohl nicht die
groe Jucunda -- das knnen wir uns schlielich auch allein verdienen
...

Verzeih, liebe Jucunda, sagte sie. Ich habe mir eingebildet, Du
httest was brig fr Hans Thumser, da habe ich mich also anscheinend
geirrt. Nun dann freilich --

Allerdings, mein Kind, da hast Du Dich geirrt. Vielleicht erinnerst Du
Dich daran, da Herr Thumser zwanzig Jahr und ein Student ist. Es mag ja
Kolleginnen geben, die sich aus derartig -- ungaren jungen Herren was
machen. Ich fr meine Person -- ich lege auf derartige Bekanntschaften
keinen Wert.

Ach so, die Groartige willst du spielen! Na warte --!

Wenigstens nicht, wenn's ein x-beliebiger Brgerlicher ist, willst Du
sagen, nicht wahr? Wenn's freilich ein Prinz wre -- das ist was andres,
gelt, Jucunderl, denn kann er so ungar sein wie er will, hab' ich
recht?

Da fuhr Jucunda Buchner so heftig in die Hhe, da Asta Thny
unwillkrlich aufstand und einen halben Schritt zurckwich. Die schnen
Hnde krallten sich, das majesttische Gesicht verzerrte sich zum
Ausdruck einer Medusa, die stahlblauen Augen funkelten Wut gleich den
Lichtern einer gereizten Katze:

Was fllt Dir ein, was erlaubst Du Dir?! Doch rasch gltteten sich
ihre Zge zum Ausdruck eiskalter Verachtung, sanken die schnen
Schultern nachlssig in die Kissen zurck, und mit einer Handbewegung,
gleich jener, mit der eine Knigin eine unbotmige Kammerfrau entlt,
befahl sie:

Verlassen Sie mein Zimmer, mein Frulein!

Asta Thny lchelte ihr boshaftes Spitzbubenlcheln. Sie sank in einem
tiefen Hofknix zusammen:

Zu Befehl, Frau Marquise, wnsche gute Karriere. Und schon war sie
hinaus.

Whrend sie die Katharinenstrae hinunterschritt und den Marktplatz
berquerte, dessen Schneedecke grell im duftumschleierten Lichte des
frhen Wintermorgens gleite, fhlte sie sich fast erstickt von der
Seligkeit, die verhate Rivalin einmal bis aufs Blut gergert zu haben.

So eine Hundeschnauze! so eine eiskalte! Tut, als htte sie keine
Ahnung, da sie es doch allein ist, die all den Unfug angestiftet hat in
den Brausekpfen hben und drben -- Gott! und wer wei, was fr
Dummheiten sie sonst noch alles auf dem Gewissen hat! Ist nicht dies
ganze Nest wie verrckt nach ihr? Aber das ist das Bldsinnige an dem
Ruhm: hat unsereins sich erst mal durchgesetzt, dann liegt die Welt vor
ihr auf dem Bauch, und das verrckte Mannsvolk bringt sich um fr das
Glck, von ihr mit Fen getreten zu werden ...

Aber jetzt -- jetzt ist sie wild. Jetzt faucht sie zu Hause, jetzt hat
sie einmal gesprt, da auch noch andere Katzen Krallen haben --!

Aber schau -- wer war denn das? Da kamen aus der Kleinen Fleischergasse
zwei grne Mtzen heraus, zwei Franken-Korpsburschen, sehr feierlich.
Der eine, der ltere, trug den Paletot nachlssig geffnet, und man sah
darunter den bis hoch hinauf zugeknpften Bratenrock ... Handschuhe
trugen sie, gestreifte Hosen und Gummigaloschen. Der ltere, den kannte
sie, den hatte ihr Hans einmal von ihrem Fenster aus gezeigt, es war
Volkner, der jetzige Huptling des Frankenbundes. Ingrimmigen Ernst auf
den jungen Gesichtern, steuerten die zwei ber den Marktplatz, bogen in
die Katharinenstrae und verschwanden in der Tr, die sie selber soeben
verlassen.

O Gott -- sie wute, was die zwei zu suchen hatten bei Valentin Pilgram
da droben ... sie wute: die sollten ihm Hans Thumsers Forderung
berbringen ... das waren die Kartelltrger ...

Da Hans Thumser kein Glck gehabt bei Jucunda ... und da sie selber es
der verhaten Rivalin einmal grndlich gegeben -- ber dieses doppelte
Glck hatte Asta vllig den blutigen Ernst der Situation vergessen ...
Sie wute: Kavaliere -- und waren sie auch erst seit ein paar Semestern
flgge geworden, wie die Herren Korpsstudenten -- die fackeln nicht
lange mit dem Austrag solcher Hndel. Und wenn erst die Pistolen geladen
sind, dann kommt guter Rat zu spt ... und dabei mute sie ja doch in
die Probe. Morgen abend war ja Abschiedsvorstellung -- Wallensteins
Tod -- und wenn sie auch nur ein winziges Rllchen hatte, das Frulein
von Neubrunn, Theklas Gesellschafterin und Vertraute -- die Probe
versumen, das htte sie sich doch nicht getraut. Der stramme
Pflichtgeist, der das Meininger Ensemble beseelte, lie einen solchen
Gedanken selbst in hchster Not niemals aufkommen. Schon dreiviertel
zehn, also hchste Zeit! Asta sprang in eine Droschke, befahl Zum
Carolatheater! und drckte sich frstelnd in den verschlissenen Plsch.
All ihr Uebermut war verweht. Was auf den starren, korrekten
Amtsgesichtern der zwei jungen Gesellen da gestanden hatte, das legte
sich wie eisig umklammernde Knochenfinger um ihr Herz.

Die zwei suchten Pilgram ... und wenn er jetzt noch nicht daheim war, er
wrde kommen, sie wrden ihn finden, wrden ihre Botschaft ausrichten
... Und dahinter lauerte ein Schreckensbild: das Bild einer
tiefverschneiten Waldble, die in unberhrter, weiter Flche daliegt im
ersten Morgenschein ... Nun rollen von hben und drben zwei Wagen
heran, lautlos ... ein paar junge Mnner entsteigen ihnen, rsten sich
zu geheimnisvoll grausigem Tun -- nun treten sie alle rechts und links
zur Seite, und zweie nur bleiben inmitten stehen, wenige Schritte nur
voneinander, sie heben blitzende Lufe -- einer zielt nach des andern
Herzen ... und der eine von ihnen heit Hans Thumser ...

Was tun? o Gott, was tun?!

Da, ein rettender Gedanke: Franz Burg ... der war doch einmal
akademischer Brger ... Wenn einer der Meininger nicht mehr ein noch aus
wute, ging er ja immer zu Franz Burg ...

Ja, das war's! Franz Burg mute Rat schaffen. Aber wie den Gestrengen
erreichen? Wenn sie auf die Bhne kam, wrde die Generalprobe bereits
begonnen haben -- und bis die beendigt war, durfte man dem Szenenleiter
mit nichts anderm kommen, aber auch mit gar nichts. Solange gehrte er
nur seinem Werk. Und jeder Versuch, ihn mit andern Dingen zu befassen,
wrde hchstens eine erstaunliche Grobheit eingetragen haben.

Und darber wrde es drei Uhr werden ... Gott, was konnte inzwischen
alles geschehen! So lange war man machtlos, war man im Dienst ... war
man Frulein von Neubrunn, Hofdame der Prinzessin.

Und die Prinzessin? -- Selbstverstndlich Jucunda Buchner ... die groe
Jucunda ...


Drei Uhr nachmittags.

Auf der Kneipe des Korps Misnia tagte das S. C. Ehrengericht zur
Entscheidung ber die hngende Pistolenforderung des Korpsburschen eines
wohllblichen C. C. der Franconia Thumser wider den frheren C. B.
Pilgram.

Der Kneipsaal, sonst nur zu den festlichen Gelagen bestimmt, war nun
zu verhngnisschwerer Tagung eingerichtet. An den hufeisenfrmigen
Tischen saen die Ehrenrichter, je zwei von jedem der fnf Leipziger
Korps, und von dem prsidierenden Korps Misnia noch ein dritter
Korpsbursch als Protokollfhrer.

Wie um das feierlich Eindrucksvolle des Femgerichts zu unterstreichen,
waren die Schlaglden heruntergelassen, und die gelben Flammen der
Gaslichtkrone warfen zuckende Reflexe auf die bunten Mtzen, die
dreifarbenen Bnder, die blinkenden Scheiben der Klemmer und Monokels,
die schmidurchsetzten Jugendwangen, die in feierlich offizielle Falten
gelegt waren.

Hans Thumser, als der Beleidigte, wurde zuerst gehrt.

Mit knappen Worten berichtete er den Vorfall, der sich am gestrigen
Abend auf der Kneipe seines Korps zugetragen. Als er geendet, fragte der
Vorsitzende, Graf Schmettow, der Erste der Meiner, ein ber die Maen
patenter, hagerer Gesell, dessen linke Wange eine furchtbare Sbelnarbe
von der Schlfe ber den Mundwinkel bis ins Kinn hinein durchzog:

Danke, Herr Thumser. Ihre Erzhlung ist natrlich so, wie sie da
vorgetragen worden ist ... h ... nicht so recht verstndlich ...
offenbar ist doch zwischen Ihnen beiden ... h ... noch irgend etwas
andres vorgekommen ...? Wollen Sie uns auch darber Auskunft geben, oder
wnschen Sie, da zunchst sich Ihr Herr Gegner ... h ... ber den von
Ihnen vorgetragenen Tatbestand erklrt?

Hans Thumser sann einen Augenblick nach. Astas Bild, Jucundas tauchte
einen Augenblick vor seinem Geiste auf. Hatte es einen Zweck, diese
Erlebnisse in die Verhandlung mit hineinzuziehen? -- Es war ja
schlielich ganz gleichgltig, wie das alles geworden war ... wie es
hatte kommen knnen, da der einstige Korpsbruder ihm das Band von der
Brust gerissen ... das war nun einmal geschehen. Die Tat lag vor, nackt
und unerbittlich ... Fr sie hatte er Shne zu fordern -- sie zu
erklren war allenfalls des andern Sache, nicht die seine ...

Ich habe vorlufig nichts weiter mitzuteilen, Herr Vorsitzender.

Damit war er entlassen.

Und mit angespannter Neugier hingen nun die Blicke der jugendlichen
Ehrenrichter an der Reckengestalt des Jnglings, der so lange als der
Besten einer in ihrer Mitte gestanden hatte, dessen scharfe Klinge nicht
nur, dessen scharfes Wort, dessen ganzes vorbildliches Wesen einem jeden
stets den vollkommensten Respekt abgezwungen. Da war keiner im
Leipziger S. C., der nicht den Fall Pilgram mit brennendem Interesse,
mit aufrichtiger Sympathie verfolgt htte. Und jeder hatte Gelegenheit
gehabt zu beobachten, wie Franconias einstiger Senior schon gar bald
nach seinem Ausscheiden aus dem Korps wie unter der Last eines
grundstrzenden Erlebnisses frmlich in sich zusammengesunken war,
verndert, verwildert, tiefster Verbitterung anheimgefallen.

Nun schien er wieder der Alte, zum mindesten in seiner ueren
Erscheinung. Korrekt gescheitelt und gekleidet, in tadellosem Gehrock
und Lackschuhen stand er vor dem Ehrengericht, nur um seine Brust fehlte
das Band und auf seinem Gesicht das alte trotzig-heitere
Selbstbewutsein ...

Herr Pilgram, begann der Vorsitzende, ich brauche Ihnen nicht zu
sagen, worum es sich handelt. Herr Thumser Franconiae hat Ihnen eine
Pistolenforderung auf fnfzehn Schritt Barriere und Kugelwechsel bis zur
Kampfunfhigkeit bersandt wegen eines Renkontres, das Sie mit ihm
gestern abend gegen neun Uhr auf der Frankenkneipe gehabt haben.
Entsinnen Sie sich der Ausdrcke, die Sie gebraucht haben, und ist es
Ihnen auch bewut, da Sie ihm das Korpsband von der Brust gerissen,
dann zum Schlage ausgeholt haben, und nur durch das Dazwischentreten der
Herren Korpsbrder des Herrn Thumser verhindert worden sind, Herrn
Thumser noch weiter ttlich anzugreifen?

Allerdings, erklrte Pilgram ruhig. Ich entsinne mich des Vorfalls
genau. Ich war vollstndig Herr meiner Sinne und bernehme fr meine
Handlungsweise die volle Verantwortung.

Sie sind also bereit, Herrn Thumser die standesbliche Genugtuung mit
der Waffe zu geben? Und haben andrerseits nicht die Absicht,
irgendwelche andere Formen der Shne in Vorschlag zu bringen?

Nein! sagte Valentin Pilgram.

Einer der Ehrenrichter bat ums Wort. Herr ten Brink, der Erste
Chargierte der Guestphalia, ein langer, semmelblonder, sommersprossiger
Sohn der roten Erde.

Es ist mir was aufgefallen in der Erzhlung des Herrn Thumser, sagte
er. Herr Thumser hat erzhlt, Sie htten ihm einen Brief zu lesen
gegeben, dessen Inhalt ihm vollstndig unbekannt gewesen sei. Wollen Sie
sich ber diesen Punkt vielleicht auslassen?

Darf ich mir die Frage gestatten, Herr Vorsitzender, erwiderte
Pilgram, ob Herr Thumser ber diesen Punkt bereits nhere Erklrungen
gegeben hat?

Nein! sagte Graf Schmettow. Wir haben vorlufig darauf verzichtet,
uns berhaupt mit der Frage zu beschftigen, was fr ... h ... Motive
hinter dem ... Renkontre vorhanden gewesen sein mgen.

Dann -- sagte Valentin Pilgram, dann wrde ich fr meine Person
vorziehen, diese Seite der Sache ebenfalls unerrtert zu lassen,
vorausgesetzt, da ein hohes Ehrengericht nicht seinerseits darauf
besteht.

Ich verstehe, sagte der Vorsitzende. Die Herren scheinen also einig
darber zu sein, da der Tatbestand der Beleidigungen lediglich an und
fr sich hier zum Gegenstand der Verhandlung gemacht werden soll, ohne
da auf ihre Veranlassung weiter einzugehen sein wrde -- aus Grnden
der Diskretion vermutlich, nicht wahr?

Pilgram nickte stumm.

Wenn ich recht verstehe, fuhr der Vorsitzende fort, so stellen die
beiden Herren Gegner sonach den Sachverhalt bereinstimmend dar. Danach
wrde wohl eine Vernehmung von Zeugen und jede weitere Aufklrung des
Sachverhalts erbrigen, nicht wahr, meine Herren?!

Zustimmend nickten die Ehrenrichter, und der Vorsitzende entlie den
Beleidiger.

Die Beratung war nur kurz. Der Fall lag ganz klar: es handelte sich um
eine ttliche Beleidigung, die zur Ausfhrung gekommen war, und um eine
solche, deren Ausfhrung nur durch das Eingreifen Dritter verhindert
worden war. Die erstere, das Abreien des Korpsbandes, kam an Schwere
der zweiten, vereitelten mindestens gleich. Neben diesen Realinjurien
spielen die vorgefallenen wrtlichen Beleidigungen nur eine
nebenschliche Rolle. Der Beleidiger hatte zugegeben, bei klarem
Verstande und wohlberlegt vorgegangen zu sein. Unter diesen Umstnden
war es vollkommen klar, da die Forderung genehmigt werden mute, und
zwar ohne da ein Anla vorlag, die sehr scharfen Bedingungen zu
ermigen.

Schon neigte sich die Verhandlung ihrem Ende, da erbat Herr ten Brink
Guestphaliae Erster noch einmal das Wort:

Ich wei nicht, meine Herren, die Sache kommt mir eigentlich ein
bichen merkwrdig vor. Die Geschichte mit dem Brief will mir nicht
aus dem Kopf, ich habe das Gefhl, da steckt ein Miverstndnis hinter.
Ich meine, das Ehrengericht ist doch schlielich nicht blo dazu da,
ber eine Forderung zu entscheiden -- ich meine, unter Umstnden wre es
doch unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Miverstndnisse
aufzuklren ... kurz, zwischen den Parteien zu vermitteln. Ich meine,
wir sollten in diesem Fall doch ein wenig genauer auf die Vorgeschichte
des Renkontres eingehen. Um so mehr, als meines Erinnerns Herr Thumser
geuert hat, der fragliche Brief sei von einer Dame geschrieben
gewesen. Na, meine Herren, wir wissen doch alle, wenn die Weiber in so
'ne Affre hineinspielen, dann ist es meistens halb so schlimm.

Ein kurzes, verstndnisinniges Schmunzeln auf allen Gesichtern, das aber
schnell der gewohnten, feierlichen Korrektheit wich. Der Vorsitzende
meinte:

Ich halte uns nicht fr befugt, in die persnlichen Angelegenheiten
der Kontrahenten einzudringen, wenn diese nicht selbst Wert darauf
legen. Ich glaube -- der Versuch einer Vermittlung zwischen den Herren
wrde ... h ... eine Ueberschreitung unserer Kompetenz sein ... und
zugleich ein Eingriff in die Verfgungsfreiheit der Herren, den sie sich
nicht gefallen zu lassen brauchten. Aber ich wei nicht, wie die anderen
Herren darber denken? Bitte sich zu uern!

Es stellte sich heraus, da ten Brink mit seiner Auffassung ganz allein
stand. So wurde denn die Forderung mit den Stimmen aller Ehrenrichter
gegen die seinige genehmigt und dies den beiden Parteien mitgeteilt.

Das Schicksal war gefallen.

Gleich nach dem Ehrengericht traten die Sekundanten der beiden Parteien
zusammen. Volkner fr Thumser und Herr Borgmann Neo-Borussiae Erster fr
Pilgram. Sie verabredeten als Platz fr das Duell die Heiderwiese, eine
Waldlichtung im Ratsholz, sdwestlich von Connewitz, unfern des linken
Pleieufers, am Reitwege nach Gautzsch, und als Zeit fr die Austragung
punkt sechs Uhr am folgenden Morgen.

Hiervon benachrichtigten sie ausschlielich den Grafen Schmettow und
ersuchten ihn, als Senior des derzeit prsidierenden Korps das Amt
eines Unparteiischen zu bernehmen.

Dann wurden die Korpsdiener unter Hinweis auf ihre Pflicht zu absoluter
Verschwiegenheit ins Vertrauen gezogen und angewiesen, den
Pistolenkasten instandzusetzen, Wagen zu bestellen. Den Vertrauensarzt
des S. C. in derartigen Fllen, den Sanittsrat Dr. Collwitz, einen
Alten Herrn der Neo-Borussia, bernahm Herr Borgmann zu bestellen.

Diese Vereinbarungen hatten im Konventszimmer der Misnia stattgefunden,
welches den Herren fr diesen Zweck zur Verfgung gestellt war. Nun
verabschiedete man sich voneinander mit dem blichen Hndedruck bei
hochgehobenen, eingewinkelten Ellenbogen und zeremonieller Verbeugung.

Volkner begab sich in eine gegenberliegende Konditorei, in der Hans
Thumser seine Mitteilungen abwartete, und benachrichtigte ihn vom
Geschehenen.

Das alles geschah in kurzen, formelhaften Wendungen. Kein Wort wurde
gesprochen zwischen den beiden jungen Leuten, das ber das sachlich
absolut Notwendige hinausging. Jeder mute die letzte Kraft aufwenden,
Haltung zu bewahren angesichts des Grauens, das von diesem Unabwendbaren
ausging, von diesem Unabwendbaren, das nun herankroch mit dem
schleichenden Schritt der Sekunden und Minuten; das sich vollenden
mute, bevor es abermals Tag geworden.


Nach Schlu der Probe mute Asta lange warten, bevor sie den
Oberregisseur fr sich allein bekam. Tausend Geschfte, tausend Bitten
drngten sich noch an ihn heran. Schlielich wurde es ihm zu toll:

Kinder, ich bin auch nur ein Mensch und mu heut abend den Wallenstein
spielen. Jetzt schert Euch geflligst alle zum Teufel! Ich will
schlafen.

Asta scho hinter ihm drein.

Meister, eine Bitte, Sie mssen mich anhren, es geht um Tod und
Leben!

Und wenn's um sechsundzwanzig Paar Regensburger Wrschte geht, ich kann
nicht mehr.

Helfen Sie mir, Meister, oder soll ich hier auf dem Korridor einen
Kniefall tun?

Ntzt Ihnen auch nichts, kommt alle Tage vor. Lassen Sie mich in
Frieden!

Asta brach in Trnen aus und hngte sich an des Davonhastenden Arm.

Pah! brummte der, auch noch flennen! ntzt Dir auch nichts, kommt
auch alle Tage vor!

Aber er schttelte sie doch nicht ab, als sie sich an seinen Arm hing
und das feuchte Gesichtchen an seiner Schulter barg -- als sie sich
hinter ihm in seine Garderobe drngte.

Also in drei Teufels Namen, was gibt's? Aber kurz, bitte!

Er lie seine lange Gestalt mit einem Grunzen halb des Grimms, halb des
Behagens auf das schminkfleckige Sofa fallen. Wies der Besucherin mit
Handwink den Frisierstuhl als Sitzgelegenheit. Asta drehte den Stuhl
herum, hockte auf seiner vordersten Kante, erzhlte stockend, befangen,
verwirrt ...

Als sie schwieg, tippte Franz Burg mit dem Mittelfinger der Rechten auf
seine Brust und zuckte ein paarmal langsam die Schultern. Seine Brauen
waren hochgezogen, um die schmalen Lippen spielte in tausend Fltchen
ein Mephistoschmunzeln.

Sie sollen mir raten, was ich tun soll, Meister!

Ja, Kindchen, soweit ich aus der Geschichte klug geworden bin, handelt
es sich also um zwei Studenten, und einer von ihnen ist momentan
Quartiergast in dem Kmmerchen da drben unter Ihrem Pelzjackett, das
freilich, soviel mir bekannt ist, hufig seinen Mieter wechselt. Aber,
wat sall ick dorbi dauhn?

Einen Rat -- einen Rat will ich, lieber Herr Burg. Sie sind doch
Student gewesen -- was fngt man nur an, um die zwei wieder
auseinanderzukriegen? Was soll ich tun, sagen Sie mir, was soll ich
tun?!

Die Karre laufen lassen, wie sie laufen will! Ich bitt' Sie -- die
jungen Leute mssen doch was erleben ... Sehen Sie sich doch um in der
Welt! da geht ja heute alles so verflucht ehrbar, korrekt und
vorschriftsmig zu, es passiert nichts -- und passieren mu doch was in
der Welt ... wovon sollen wir denn sonst leben, wir armen Komdianten,
und die Poeten, die fr uns Komdie schreiben! Ist ja 'n wahrer Segen,
da wenigstens auf deutschen Hochschulen noch manchmal 'n bichen
gerauft und geknallt wird. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, da noch
Leidenschaft in der Jugend drin steckt ... da noch Tragdien passieren.
Das wre ja doch ein wahrer Jammer, wenn man so was hintertreiben
wollte.

Aber wenn nun ein Menschenleben dabei zugrunde ginge, bedenken Sie
doch, Meister! So ein blhendes, herziges, junges Studentenleben!

Na -- wenn schon! knurrte Burg, Studenten gibt's doch wei Gott genug
auf der Welt. Eine groe Sensation ... eine -- na, einen Stoff -- das
ist wahrhaftig so'n Allerweltsstudentenleben wert!

Herr Burg, Sie sagen Allerweltsstudentenleben ... das stimmt hier aber
nicht; der eine, das ist kein Allerweltsstudent, das ist was ganz
Besonderes --

Der eine? Also =Ihrer= selbstverstndlich, nicht wahr?

Gott ja, meiner, wenn Sie wollen.

Nun, was ist denn so Besonderes an ihm?!

Er ist ein Dichter! Ach, so wundervolle Gedichte macht er. Wenn ich
doch nur eins bei mir htt'!

Sieh, sieh! schmunzelte der Oberregisseur. Also ein zuknftiger
Bhnenlieferant. Na, dann soll er sich erst recht schieen!

Aber Herr Burg ... um Gottes willen!

Ja gewi soll er. Entweder er geht drauf -- na, in Gottes Namen: er ist
der erste nicht. Wie mancher Homer ist blind geworden, =ehe= er Zeit
gehabt hat, die Welt, das Leben so tief in sich hineinzusaugen wie der
alte Griechenbarde ... Wie mancher Aeschylos mag in der Seeschlacht
gefallen sein, wie mancher Schiller auf der Karlsschule in Verzweiflung
und Verbldung hineingeknutet ... Das ist Kismet ... Wenn er aber brig
bleibt, glauben Sie nicht, da er dann ein ganz andrer Kerl ist wie
vorher, wenn er mal dem Tode ganz nahe ins Gesicht gesehen hat? Glauben
Sie nicht, da er Ihnen nachher noch viel schnere Verse machen wird;
da er noch 'ne ganz andere Nummer von Tragdie zustandebringt, wenn er
erst mal erlebt hat, wie einem zumute ist, der die Nase hinhalten mu,
wenn's drben blitzt und knallt?

Asta sprang auf, rannte schluchzend zum Fenster.

Das ist entsetzlich, Herr Burg, das ist grausam!

Ne, das ist klug, das ist weise, Kindchen!

Also gut! schrie die Kleine, warf sich herum, stand mit geballten
Fusten vor dem Oberregisseur, das reizende Gesicht von Grimm und Ha
verzehrt. Also gut! Sie sollen sich schieen ... einer soll auf dem
Platze bleiben, alle beide -- was kommt dabei heraus?! Nur eine neue
Reklame fr sie, fr die groe Jucunda! Was wird's heien? Zwei
Studenten haben sich geschossen ... wegen ihr, wegen Jucunda Buchner!
Das ist's ja auch, was sie will, darauf hat sie's ja auch angelegt mit
allem Raffinement, die Katze, die verdammte! Der ist's recht, wenn ein
paar so fesche junge Kerle zum Teufel gehen ihretwegen -- das pat ihr
grad in ihren Kram, dem hundeschnauzenkalten Weibsbild, das an nichts
denkt -- nur an sich, nur an sich!

Ach so! lchelte Franz Burg. Da zielt's hinaus! Mag sein, Sie haben
recht, Kindchen ... Vielleicht ist unsere groe Jucunda wirklich eine
ganz haarstrubende Egoistin -- aber ich wollte zu Ihrem Besten, Kleine,
Sie selber wren's auch. Wenn Sie das erfreuliche Temperament, das Sie
anscheinend im Leben besitzen, ein bichen mehr zusammenhielten und auf
Ihre Kunst loslieen, statt auf Ihre ... auf die Mieter Ihres
Herzenskmmerleins -- glauben Sie mir, Sie wren eine grere
Knstlerin, als Sie's leider sind. Sagen Sie mir nichts gegen die
Jucunda, die ist ganz gut so wie sie ist. Die ist, was Sie nicht sind:
eine Komdiantin. Die fhlt und wei, wozu sie auf der Welt ist: nmlich
zum Komdienspielen! Lieben und sich lieben lassen -- schne Sache, o
ja, fr die andern, fr die Alltagsweiber -- aber nicht fr Euch.
Zusammenhalten sollt Ihr Eure Glut, kalt wie Hundeschnauzen sollt Ihr
meinetwegen sein im Leben, wenn Ihr nur abends, sobald der Lappen in die
Hhe fliegt, Vulkane seid, wie die Jucunda einer ist! -- Na, haben Sie
noch weiter Schmerzen, Kleine?

Gesenkten Blickes, mit zuckendem Kinn hatte Asta die Standrede des
Meisters ber sich ergehen lassen. Nun warf sie den Kopf trotzig in den
Nacken, stampfte mit dem Fu auf:

Ich will aber nicht, ich will nicht, da der lange Pilgram mir meinen
sen Jungen totschiet! Wollen Sie mir helfen, wollen Sie mir einen
vernnftigen Rat geben?! Oder soll ich meiner Wege gehen?

Hm ... also das sage ich Ihnen, Astachen, gehen Sie weg vom Theater,
aus Ihnen wird niemals was. -- Also, wenn's denn absolut sein mu, die
Sache ist doch entsetzlich einfach: Wenn Studenten Dummheiten machen,
dann steckt man sich hinter ihre Eltern. Leben die respektiven Herren
Vter noch?

Beide, soviel ich wei.

Na also, und wo wohnen sie denn, die wrdigen Erzeuger der beiden
Hitzschdel?

Der eine wohnt da hinten im Rheinland irgendwo, soviel ich wei.

Welcher? Ihr moralischer Schwiegerpapa oder der andere?

Nein, der =eine=, sagte Asta, und das alte Schelmenlcheln blitzte
durch Grimm und Trnchen wieder hindurch.

Also an den wird bis morgen nicht dranzukommen sein -- und der andere?

Der andere, der ist, soviel ich wei, irgendein hohes Tier in
Dresden!

Teufel, das trifft sich ja glnzend! Also, setzen Sie sich auf die
Bahn, Kindchen, und rcken Sie dem Alten -- wie heit er? -- dem alten
--?

Pilgram, half Asta ein.

Also, rcken Sie dem alten Pilgram auf die Bude und petzen Sie ihm, da
sein wackerer Sprling seinen Monatswechsel dazu mibraucht, statt
hinter seinen Bchern zu hocken, andern jungen Leuten Lcher in den
Bauch zu schieen. Ich wette, dann entwickelt sich alles weitere
historisch.

Asta sprang auf den Oberregisseur zu, der noch immer langhingestreckt
auf dem schminkfleckigen Sofa lag, fiel ihm um den Hals und kte ihn
strmisch.

Ach, Franzel, Sie sind doch der Allerbeste! Das wird gemacht, das ist
die Rettung!

Aber bitte, erst nach dem 'Lager' -- die kleine Oerzen ist krank
geworden. Sie spielen heut abend die Gustel von Blasewitz. Nachher
reisen Sie meinetwegen, wohin Sie wollen.

Ich danke Ihnen, oh, ich danke Ihnen tausendmal, Sie Goldiger!

Es ist ein Skandal, knurrte Franz Burg. Da hat unser Herrgott endlich
mal wieder eine richtiggehende Tragdie angelegt, und so ein dummes,
kleines Gr zerreit ihm das Konzept und macht eine Posse draus!




                                  15.


Wenige Minuten nach halb zwlf stieg Asta Thny am Bhmischen Bahnhof in
Dresden aus dem Leipziger Schnellzuge. Sie hatte schon in Leipzig das
Dresdener Adrebuch eingesehen und festgestellt, da der
Senatsprsident am Oberlandesgericht Heinrich Pilgram in der
Marschallstrae Nummer zweiundzwanzig wohnte.

In dem milderen Klima der Residenzstadt war der Neuschnee des gestrigen
Tages schon geschmolzen und hatte das Pflaster mit einer zhen
Schlammkruste berzogen. In den Straen war schon alles Leben erstorben.
Trbselig spiegelte sich der Schein der Straenlaternen in den Kotlachen
der berschwemmten Rinnsteine. Trbselig klapperte der Gaul durch die
physiognomielosen Straen der Vorstadt und durch die kaum angebauten
Alleen an der Grenze der Altstadt.

Eigentlich doch ein wahnsinniger Plan: um Mitternacht einer wildfremden
Familie auf die Bude zu rcken! Aber schlielich, man hatte doch wohl
alle Veranlassung, ihr dankbar zu sein. -- Endlich: da stand sie vor der
Pforte einer vierstckigen Mietskaserne, und whrend der Wagen von
dannen rollte, ri sie sich schier die Hnde ab in dem Bemhen, den
Portier zu alarmieren.

Ein Tattergreis, der hastig Hose und Rock ber sein Nachtgewand gezogen,
mit wirrem Graukopf und schlampigen Pantoffeln empfing sie, bsartig
knurrend, und war nur durch etliche Markstcke so weit zu bezhmen, da
er sie bei der schwankenden Beleuchtung einer schwelenden Handlaterne
bis zum dritten Stock hinaufbegleitete, wo ein Porzellanschild mit der
Aufschrift Pilgram an einer breiten, mit Vorhngen abgeblendeten
Glastr den Eingang wies.

Drinnen alles finster.

Wahnsinnige Situation! Aber was half's! Die Klingel schrillte, und zu
Astas freudiger Ueberraschung erschien schon nach wenigen Minuten ein
verschlafenes Dienstmdchen, das entsetzt zurckprallte, als es der
fremden, eleganten Dame ansichtig wurde.

Die Herrschaften seien in Gesellschaft, wrden aber wohl bis ein Uhr
wieder zurck sein ...

Den unbekannten Besuch in die Wohnung einzulassen, dazu war das Mdchen
nicht zu bewegen, und so mute Asta unter Fhrung des Tattergreises
abermals die drei Stiegen hinunter, um drauen auf der ganz verlassenen
Strae in Schlamm und Tauwind auf und ab zu patrouillieren, wie sie
abends vorher im Schnee auf der Kleinen Fleischergasse auf- und
abpatrouilliert war ...

Endlich nach einer Stunde Wartens nahten von der Altstadt her vier
vermummte Gestalten: ein Herr im Zylinder, den Rockkragen
hochgeschlagen, und drei Damen, eine kugelrunde und zwei schlanke,
hochgewachsene, in Abendmnteln und Kapuzen.

Im Augenblick, als der alte Herr den Schlssel einschob, um zu ffnen,
trat Asta auf ihn zu:

Um Verzeihung! Ich habe wohl die Ehre, Herrn Prsidenten Pilgram ...

Der alte Herr richtete sich aus seiner gebckten Stellung auf, stand
vllig verblfft, musterte die Fragerin.

Im selben Augenblick sah Asta durch goldgefate Brillenglser hindurch
zwei scharfe, klare Augen mit durchdringendem Blick auf sich gerichtet.

Allerdings! Ich heie Pilgram -- Sie wnschen?!

Inzwischen waren die Damen herangekommen, starrten vllig verblfft und
verstndnislos auf die zierliche Gestalt im silbergrauen Jackett, deren
Zge ein grauer Schleier fast ganz verbarg.

Entschuldigen Sie gtigst, Herr Prsident, knnte ich Sie wohl einen
Moment allein sprechen?

Was fr eine Angelegenheit, bitte, meine Dame? Es ist ein Uhr!

Eine sehr dringende Angelegenheit, stammelte Asta, ich komme aus
Leipzig, es handelt sich um Ihren Sohn.

Ein noch schrferer Augenblitz traf das Mdchen.

Hm ... sagte er nur, dann bckte er sich aufs neue, schlo auf und
sagte zu seinen Damen:

Ihr seid wohl so freundlich und geht schon hinauf solange.

Mit angstvoller Neugier musterten die drei Damen die Fremde, aber ein
scharfes: Also bitte! veranlate sie, dem Wunsche des
Familienoberhauptes Folge zu leisten. Die Tr fiel ins Schlo.

Also zuvrderst, wer sind Sie? fragte der alte Herr.

Ich bin die Herzoglich Meiningische Hofschauspielerin Asta Thny.

Hm ... und Sie wnschen?

Ihr Sohn Valentin wird sich morgen frh mit einem andern Studenten
schieen.

Die buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen, der graue
Fransenschnurrbart zuckte.

Und dieser andere Student ist wer?

Ein Herr Hans Thumser.

Hans Thumser?! Das ist ja ein Korpsbruder meines Sohnes!

Ihr Herr Sohn ist schon vor Wochen aus dem Korps ausgetreten ...

Was ist das?!

Der Prsident richtete sich straff auf:

Das mte ich denn doch wohl wissen, mein Frulein!

Es ist aber so, Herr Prsident.

Hm ... lassen wir's zunchst einmal dahingestellt, ob Sie recht haben.
Was veranlat Sie, mir diese Mitteilung zu machen?

Asta war auf diese Frage vorbereitet und hatte sich ihre Antwort
zurechtgelegt.

Ich bin ... mit Herrn Thumser ... nahe befreundet.

Hm -- mit Herrn Thumser? Sie machen mir also Ihre Mitteilungen weniger
im Interesse meines Sohnes als vielmehr in dem des Herrn Thumser, wenn
ich recht verstanden habe?

Nein, das doch nicht, Herr Prsident. Allerdings ... vor allem doch
wohl Herrn Thumser zuliebe ... Aber Ihren Herrn Sohn kenne ich auch,
zwar nur sehr flchtig, aber ich bin ihm zu groem Dank verpflichtet, er
hat mich ... er hat mir gestern ... das Leben gerettet.

Der alte Herr sah das erregte Mdchen mit einem Blick an, in dem ganz
deutlich zu lesen war, er zweifle an ihrem Verstand.

Darf ich Sie bitten, meine Gndigste, Ihren Schleier zu heben, damit
ich sehe, wen ich eigentlich vor mir habe?!

Mit zwei raschen Bewegungen streifte Asta Thny den Schleier in die
Hhe. Sie fhlte sich mit scharfer Prfung gemustert. Aber das Ergebnis
mute wohl nicht ungnstig sein, denn erheblich liebenswrdiger als
zuvor fuhr der alte Herr fort:

Darf ich Sie bitten, mein gndiges Frulein, sich mit mir hinauf in
meine Wohnung zu bemhen: Sie werden mir erzhlen.

Er entzndete ein Wachsstreichholz und leuchtete dem seltsamen Gast die
Treppe hinauf. Der Hausflur war nun hell erleuchtet. An einer
halboffenen Tr drngten sich drei weibliche Kpfe, die hastig
verschwanden, als der Prsident mit seinem Besuch eintrat. Sehr hflich
nahm er dem Gaste den Regenschirm ab und geleitete ihn in ein dunkles
Zimmer zur Rechten, entzndete zwei Gasflammen, bat, ihn einen Moment zu
entschuldigen.

Einen raschen Blick warf Asta in dem Zimmer umher. Die bliche,
gutbrgerliche Einrichtung der sechziger Jahre: Mahagonimbel, grner
Plschbezug, an den Wnden ehrwrdige Familienbilder in Oel mit
Darstellungen von Priestern und Gelehrten aus den beiden letzten
Jahrhunderten. Am Fenster ein Mahagonisekretr mit Rolljalousie, darauf
zahlreiche Photographien in Stnderrahmen, unter denen Asta sofort die
eines schlanken Studenten in Mtze und Band herauserkannte.

Der Prsident kam zurck, bat, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und setzte
sich ihr gegenber in einen Plschsessel. Er hatte abgelegt. Auf der
linken Brust seines Fracks schimmerte eine blinkende Ordenreihe.

Und abermals mute Asta die Geschichte des gestrigen Abends erzhlen.
Der Prsident lauschte gespannt, ohne sie mit einem Wort, mit einer
Frage zu unterbrechen. Als sie geendet, trat er auf sie zu, streckte ihr
die Hand hin:

Ich danke Ihnen, meine Gndigste. Das war sehr gescheit von Ihnen, da
Sie gekommen sind. Ich fahre mit Ihnen nach Leipzig. Ich habe schon
nachgesehen, um drei Uhr vierzig fhrt der Zug, um halb sechs sind wir
drben. Darf ich Sie inzwischen meinen Damen zufhren?

Sehr gtig, Herr Prsident. Und was wird werden, was wollen Sie tun?

Den beiden jungen Herren klar machen, da ihre Eltern sie nicht deshalb
grogezogen haben, damit sie sich untereinander als Zielscheibe
benutzen.

Aber werden wir auch nicht zu spt kommen? Wollen Sie nicht vielleicht
vorher noch ein dringliches Telegramm an Ihren Sohn ablassen?

Liebes Frulein, ich war selbst einmal Student -- bin sogar Alter Herr
des Korps Franconia --, wie ich die Buben kenne, scheren sie sich in
solchen Fllen den Teufel um ein vterliches Telegramm. Im Gegenteil:
wenn sie erst wittern, da wir ihnen auf der Spur sind, dann kriegen wir
sie morgen frh berhaupt nicht mehr zu fassen. Um halb sechs Uhr sind
wir dort, vor sechs Uhr wird's ja berhaupt nicht hell um diese
Jahreszeit; inzwischen werden wir berlegen, was zu tun ist. Darf ich
Sie jetzt bitten, zu meiner Frau und zu meinen Tchtern
hinberzukommen?

Verzeihung, Herr Prsident, wrden Sie es nicht fr besser halten, wenn
Sie zunchst Ihre werten Damen ber den Zweck meines Besuchs
aufklrten?

Da haben Sie recht, liebes Frulein. Wenn Sie mich also einen
Augenblick beurlauben wollen ...?

Nur wenige Minuten blieb Asta allein. Dann flogen zwei schlanke Mdels
herein, in Balltoilette, mit glhenden Backen, glnzenden Augen, in
denen die Angst um den Bruder und dabei doch auch brennende Neugier und
gespannte Erregung standen, und stellten sich mit befangenen Knixen vor.
Achtzehn und zwanzig mochten sie sein, die ltere dem Vater und Bruder
wie aus den Augen geschnitten; die jngere, ein munteres, molliges Ding,
das Ebenbild der Mutter, wie sich alsbald herausstellte, als nun auch
die rundliche Frau Prsidentin auf der Bildflche erschien. Und alsbald
sa Asta mit Valentin Pilgrams Mutter und Schwestern unter der
Hngelampe eines altmodisch-behaglichen Speisezimmers. Man stopfte sie
mit Butterbrot und Sigkeiten, man fragte sie aus nach tausend Dingen,
von denen sie keine Ahnung hatte.

Whrend dessen hatte sich der Prsident entfernt, kam nach ein paar
Minuten zurck.

So, mein gndiges Frulein, ich habe mir die Sache berlegt. Ich werde
jetzt gleich zum nchsten Telegraphenamt gehen und eine dringliche
Depesche an die Leipziger Polizei aufgeben. Hren Sie, was ich
aufgesetzt habe:

  'Knigl. Kreishauptmannschaft Leipzig! Morgen frh soll dort
  Pistolenduell zwischen meinem Sohn Valentin und Stud. Hans Thumser
  stattfinden. Ort und Zeit unbekannt. Abreise sofort, um selbes zu
  verhindern. Ankomme 5.29 dort Dresdener. Erbitte Untersttzung,
  womglich berittenen Gendarmen, am Bahnhof.

                                                  Pilgram,
                                  Senatsprsident am Oberlandesgericht.'

So, ich nehme an, da man einem kniglichen Beamten meines Ranges in
angemessener Weise entgegenkommen wird. Wenn die Polizei einigermaen
ihre Pflicht und Schuldigkeit tut, so kommen die jungen Herren morgen
frh berhaupt nicht aus ihrer Bude heraus, sondern werden gleich mit
Beschlag belegt. Sollte aber wider alles Erwarten die Sache nicht
klappen, so sind wir ja da!

Ja, aber um Gottes willen, Herr Prsident, meinte Asta, wir haben
doch keine Ahnung, wo die schreckliche Geschichte eigentlich vom Stapel
gehen soll -- wie wollen Sie das denn herauskriegen?

Ja, Papachen, wie willst Du das nur herauskriegen? echoten die
Tchter.

Liebe Kinder, ich war doch selbst mal in dem Geschft. Gebt acht: Wenn
man sich schlagen will, geht man nicht zu Fu heraus, sondern bestellt
sich einen Wagen. Wenn man aber Korpsstudent ist, so hat man fr diesen
Wagen eine ganz bestimmte Bezugsquelle: das Korps nimmt nmlich seinen
Wagen immer bei ein und demselben Fuhrwerksbesitzer, der ihm
Vorzugspreise gewhrt. Den Namen aber des Wagenlieferanten der
Franconia, den kenne ich leider nur zu genau. Oder soll ich jetzt sagen:
glcklicherweise? Ich habe nmlich am Schlu des vorigen Semesters fr
unseren guten Valentin noch eine ganz erkleckliche Wagenrechnung
berappen mssen ... Der gute Mann wohnt in der Nhe des Bayrischen
Bahnhofs, an ihn also wenden wir uns zunchst und versuchen
herauszubekommen, wohin die Fahrt gehen soll.

Aber wird er's auch verraten? meinte Asta, das knnte das Korps ihn
doch teuer entgelten lassen?

Ich glaube, wenn ich mit der Polizei drohe und darauf aufmerksam mache,
da man ihn wegen Beihilfe zum Zweikampf mit tdlichen Waffen am
Schlafittchen kriegen knnte, dann wird er wohl mit sich reden lassen!

Ach, Papachen, wie klug Du bist! riefen die Tchter, strahlend vor
Entzcken ber das unerwartete Abenteuer. Himmel, wie interessant endete
der Abend, der so langweilig, ganz nach dem Schema F verlaufen war.

Nun aber mssen Sie schlafen, liebes Frulein, meinte die Prsidentin,
nachdem ihr Gatte sich entfernt hatte, um das Telegramm aufzugeben. In
einer Stunde mssen Sie schon wieder zum Bahnhof, die sollen Sie
wenigstens zur Ruhe benutzen.

Aber Asta dankte. Sie knne nachher in der Eisenbahn noch genug
schlafen, sie wrde jetzt doch kein Auge zutun. Nur Hunger habe sie
noch, wenn sie's denn schon sagen solle, und Durst auch.

Und die vier Frauen schwatzten und lachten zusammen wie alte Freundinnen
... und nur selten einmal ging's einer von ihnen durch den Kopf, was fr
morgen auf dem Spiele stand.

Papachen wrde schon alles machen. Wenn Papachen eine Sache in die Hand
genommen hatte, dann konnte es ja nicht schief gehen!


Als Asta und der Prsident fast als einzige Passagiere dem Frhzuge
entstiegen, trat ein behbiger Herr in einem undefinierbaren Ruberzivil
auf den alten Herrn zu.

Verzeihen Sie gtigst, ich habe wohl die Ehre, Herrn Senatsprsidenten
Pilgram ... Mein Name ist Gensel, Kniglicher Kriminalkommissar. Stelle
mich im Auftrage der Kreishauptmannschaft zu Ihrer Verfgung.

Ah, charmant, Verehrtester. Haben Sie auch einen Gendarmen zur Hand?

Der wartet drauen mit seinem Gaul.

Nun, und was ist sonst geschehen?

Ja, Herr Prsident, wir haben unser Mglichstes getan. Wir haben sofort
zwei Kriminalschutzleute zu den Wohnungen der beiden jungen Leute
geschickt und feststellen lassen, ob sie zu Hause wren. Ihr Herr Sohn
hat seine bisherige Wohnung bei dem Kanzleirat Buchner seit gestern ganz
aufgegeben und ist ins Hotel bergesiedelt, in welches, das wuten die
Leute nicht. Und der andere, Herr Thumser heit er ja wohl, der ist heut
nacht nicht nach Hause gekommen.

Teufel! Das ist scheulich -- was nun?!

Ja, was nun, Herr Prsident? Ich wei auch nicht, was ich machen soll!

Der Jurist sann eine Weile nach, dann erklrte er dem Polizeibeamten
seinen Plan, durch den Fuhrwerksbesitzer den Duellanten auf die Spur zu
kommen.

Der Kommissar war vllig einverstanden. Man stieg in eine Droschke und
rollte durch die hier noch immer mit kotigem Schnee bedeckten Straen
zum Bayrischen Bahnhof.

Im trben Laternenschein huschten hastige Fugnger vorber, das Leben
der groen Stadt erwachte -- die Arbeit begann.

Die Herren berieten eifrig whrend der kurzen Fahrt. Der Prsident im
Rcksitz, der Kriminalkommissar ihm gegenber. Asta lehnte in ihrer
Ecke, frstelnd, bernchtig, von Angst geschttelt, und lauschte der
halblauten Unterhaltung der Herren.

Der Gendarm war vorausgetrabt. Als man vor dem Fuhrhof ankam, hielt er
bereits an dem Portal mit dem Geschftsinhaber, einem grobknochigen Mann
in Flausrock und Holzpantoffeln.

Schnell kletterte der Kommissar aus dem Wagen und inquirierte sofort den
Fuhrherrn:

Ist der Wagen fr das Korps Franconia schon fort?

Wee Knebbchen, ja, Herr Kommissar, schon seit zehn Minuten is er
weg ... tut mir shre leid.

Und wohin geht die Fahrt?

Das kann ich Sie nich sagen, uff mei Ehrenwort nich. Der Wagen is
bestellt fr um den Herrn Volkner abzuholen, Kleine Fleischergasse fnfe
... aber da wird er nu ja woll ooch schon nich mehr sinn.

Der Prsident war ebenfalls ausgestiegen und fragte: Na, lieber Herr,
Sie werden ja doch wohl eine Ahnung haben, wohin es geht?! Wo fahren
denn die jungen Herren gewhnlich hin, wenn sie was Besonderes vorhaben,
he?!

Nu, mei gutester Herr, wenn ich's ehrlich sagen soll, gewehnlich machen
se doch so was im Ratsholz ab, un da gibt's eigentlich nur een' Weg:
Kaiser-Wilhelm-Strae 'runter, dann Kaiserin-Augusta-Strae, am alten
Wasserwerk vorbei und ins Streitholz hinein. Freilich, was fr 
Pltzchen se sich dasmal haben ausgesucht, davon habe ich Sie natierlich
de leiseste Ahnung nich, mei gutester Herr.

Also, Herr Robolski, sagte der Kriminalkommissar, ich mache Sie
darauf aufmerksam: Wenn sich's herausstellt, da Sie uns nicht die reine
Wahrheit gesagt haben, dann krieg' ich Sie bei die Hammelbeene,
verstehen Sie mich?!

Mein Ehrenwort, sagte der Fuhrherr, mein heiligstes Ehrenwort, Herr
Kommissar, das, was ich gesagt habe, ist alles, was ich wee.

Schn! Also, Gendarm Mehlhorn, Sie haben gehrt: sitzen Sie auf, traben
Sie was haste was kannste nach dem Streitholz. Wir kommen nach. Sie
reiten bis zum Schnittpunkt der 'Neuen Linie' und der 'Linie',
meinetwegen auch die 'Linie' hinauf, bis zum Flugraben, dann zurck bis
zum Wegekreuz, dort warten! Merken Sie inzwischen was von den
Duellanten, so greifen Sie selbstndig ein, verstanden?!

Zu Befehl, Herr Kommissar! sagte Mehlhorn dienstlich, schwang sich auf
seinen Braunen und klapperte die Bayrische Strae hinunter.

Die beiden anderen Herren verabschiedeten sich mit flchtigem Gru und
Dank von dem Fuhrwerksbesitzer, wiesen den Kutscher an, hinter dem
Gendarmen drein zu fahren, stiegen ein, und die Gule zogen an.

Die drei im Wagen schwiegen und sannen.

Vom Bayrischen Bahnhof blinkten grelle Signallichter, schrillten
Lokomotivenpfiffe, ratterten mit dumpfen Sten ausfahrende Zge ber
die Schienen. Drber stand schon heller Tagesglast. Auf der matt
erleuchteten Kreisscheibe der Bahnhofsuhr standen die beiden Zeiger in
einer geraden, senkrechten Linie ...

O Gott, wenn man zu spt kam! Es konnte sich ja nur um Minuten handeln.




                                  16.


Hans Thumser erwachte. Oben an der Decke war irgend etwas, das blendete
ihn. Mit verschlafenen Augen blinzelte er hinauf und sah, da es
Laternenschein war, der, von drunten herauffallend, das Lichtbild eines
Fensters auf die weie Tnche zeichnete. Teufel ja, wo kam das denn her?
Das war sonst doch nicht so?!

Mit einem Mal fiel's ihm ein: er war ja gar nicht in seinem eigenen
Zimmer, lag nicht in seinem Bett ... aber wo nur? Richtig, er war ja
doch auf Volkners Bude -- aber warum nur, was war denn eigentlich los?

Mit einemmal krampfte sich sein Herz zusammen in siedendem Schreck: o
Gott, morgen frh --!

Eigentlich doch eine sehr vernnftige Idee von Volkner, ihn nicht allein
zu lassen in dieser Nacht, in dieser vielleicht ... letzten Nacht. Und
auch sonst war alles sehr vernnftig gewesen, was der Senior gesagt und
geraten:

Weit Du, Thumser, vor einer solchen Affre ist das einzig Richtige,
sich so zu betragen, als sei gar nichts Besonderes los. Um Gottes
willen, blo sich nicht hinsetzen und ein halbes Dutzend Abschiedsbriefe
schreiben: an die Eltern, an den Schatz, an die Erbtante, und wer wei
an wen sonst noch. Das hat ja gar keinen Zweck. -- Mein Gott, so'n
bichen Knallerei! Ja, wenn Du jedesmal Dein Testament machen wolltest,
wenn Du Dich in Lebensgefahr begibst, dann mtest Du es von Rechts
wegen machen, so oft Du vor die Tr gehst! Ueberall kann Dir ein
Dachziegel auf den Schdel fallen. Und wenn Du in Deiner Bude und im
Bette bleibst, kann schlielich die Decke einstrzen ...

Des Korpsbruders rheinischer Leichtsinn hatte Hans Thumser ber die
Abendstunden hinweggeholfen. Man war auf der Kneipe gewesen, hatte
Quodlibet gespielt und den bldesten Bierulk betrieben. Dann hatte
Volkner ihn mit auf seine Bude geschleift, ihm gromtig sein Bett
abgetreten und sich dann selber auf dem Kanapee einlogiert. Von dort
herber drang jetzt sein melodisches Schnarchen. Na ja, der hatte gut
schnarchen!

Vorher aber, vor dem Einschlafen, hatten die zwei noch einen besonderen
Trall ausgeheckt: Volkner hatte seine Geige genommen, und beide waren
sie vor die Kammertr von Volkners bejahrter Hauswirtin gezogen und
hatten ihr ein Stndchen gebracht, indem sie zu sanft hinschmelzender
Violinbegleitung das schne Lied gesungen hatten:

    Seh ich ein Haus von weitem,
    Wo ein lieb Mdel trumt,
    Sing ich zu allen Zeiten
    Ein Lied ihr ungesumt.
    Und wird's im Fenster helle,
    Sei es auch noch so spat:
    So wei ich auf der Stelle
    Wieviel's geschlagen hat.

Erst als die Pantoffeln der Alten von drinnen gegen die Tr knallten,
hatten sie Ruhe gegeben und waren dann beide auch sofort eingeschlafen.

Volkners Bude befand sich im ersten Stock des Hauses, das an der Kleinen
Fleischergasse dem Cafbaum direkt gegenber lag. Und der Lichtschein
der Laterne, die neben dem Eingang des Restaurants stand, war es, der
Hans Thumser geweckt hatte. Er tastete nach seiner Taschenuhr und
stellte im matten Reflex des Deckenlichts fest, da es zwei Uhr war.

Auf halb fnf war der Korpsdiener zum Wecken, auf viertel sechs der
Wagen bestellt. Um viertel sieben sollte der erste Schu fallen ... also
noch zwei und eine halbe Stunde Schlaf und vielleicht noch vier und eine
viertel Stunde zu leben ...

Die ganze vorige Nacht hindurch hatte Hans Thumser wie ein Sack
geschlafen. Die ntige Bettschwere hatte er sich ja schon vor dem
Zusammensto mit Pilgram angezecht. Der gestrige Tag war in bestndiger
Unrast hingegangen, und so kam jetzt in nchtlicher Stille zum erstenmal
Ordnung in den Wirrwarr der Gedanken, die um das Schicksal der kommenden
Morgenstunde flatterten.

Also sterben vielleicht ... und warum denn eigentlich? Nun, die Antwort
war sehr einfach: Ein anderer war Hansens Ehre zu nahe getreten, hatte
ihn ttlich aufs schwerste beleidigt, dafr galt es eben die
standesbliche Shne zu fordern.

Schn! Das klang ja ganz vernnftig. Aber schlielich ... eine
Beleidigung hatte doch irgendeinen Grund, ein Motiv. Was hatte er
Pilgram denn eigentlich zuleide getan? Was hatte er begangen, da
Pilgram ihn wie einen ehrlosen Buben behandelt hatte? Nun, das eine war
ja klar: Pilgram war eiferschtig, er bildete sich ein, er selber, Hans
Thumser, sei sein Nebenbuhler bei Jucunda, und zwar ein begnstigter.
Ein begnstigter? Ach, du lieber Gott ...!

Freilich, an ihm selber hatte es ja nicht gefehlt ... Und wer wei, was
geschehen wre, wenn nicht im Augenblick, als Jucunda anfing, gndig zu
werden, sehr gndig -- -- wenn nicht der andere dazu gekommen wre,
dieser fade Laffe, ber dessen blasiertem Geckenschdel der Nimbus einer
Frstenkrone schwebte?

Aber schlielich, es war doch ein Irrtum, wenn Pilgram sich einbildete,
Thumser sei glcklicher gewesen als er selber.

Also ein Miverstndnis! Ein Wahn!

Aber da war noch etwas andres, das nicht stimmte: Was das nur mit dem
Brief gewesen war, den Pilgram ihm vorgehalten? Offenbar ein Brief von
Jucunda, ein Brief, in dem sie sein Eintreten fr ihre Ehre mehr oder
weniger verblmt abgelehnt hatte. Und dieser Brief hatte auf einem
Briefbogen gestanden, der seine, Hans Thumsers, Initialen trug. Wie kam
der Brief auf dieses Papier? Erst jetzt in der Stille der Nacht fand
Hans Zeit, um ber dies Phnomen nachzugrbeln ...

Und pltzlich stand ihm der Augenblick vor der Seele, wie er Jucunda
und ihrer Mutter sein Zimmer zur Verfgung gestellt hatte, um sich
auszusprechen. Natrlich, das war's ja! Da hatten die Frauen das
Uriasbrieflein ausgeheckt und das liebliche Plnchen gleich realisiert.
Sie hatten genommen, was gerade zu erreichen war, das Briefpapier
des Mannes, der ihnen vertrauensvoll seine Behausung zur Verfgung
gestellt ...

Pilgram aber, der hatte natrlich fr die sonderbare Erscheinung sich
eine ganz andere Erklrung in den Kopf gesetzt. Er mute sich
eingebildet haben, der Korpsbruder sei mitschuldig an der Abfassung des
Briefes, habe ihn vielleicht sogar redigiert ...

Also Miverstndnis Numero zwei.

Schn! Zwei grobe Irrtmer in der Rechnung. Wenn man sich aber einmal in
Pilgrams vermutliche Auffassung hineinzudenken versuchte, so konnte man
ihm schlielich nicht so unrecht geben, wenn er bis aufs Blut gereizt
war, wenn er den einstigen Korpsbruder infamer Gesinnung und
Handlungsweise verdchtigte.

Und darum Mord und Totschlag! Darum zwei junge Leben vor die Mndung
geladener Pistolen gestellt! War das nicht Wahnsinn? War es nicht noch
in diesem Augenblick Pflicht, eine offene Aussprache herbeizufhren, den
Irrtum aufzuklren?!

Aber bei dem Irrtum war es nicht geblieben. Er hatte eine schreckliche
Folge gehabt: die rasche Tat, eine Tat, die nicht milder war denn ein
Schlag mitten ins Angesicht des Feindes. Und auch zu diesem Schlag wr's
ja gekommen, wenn nicht die Korpsbrder dazwischen getreten wren.

Miverstndnisse und Irrtmer lieen sich aufklren -- die Tat war nicht
ungeschehen zu machen. Der Kavalier, der von einem Kavalier einen Schlag
erhlt, mu blutige Shne fordern. Das war das eiserne Gebot des
Ehrenkodex, daran war nicht zu deuteln noch zu rtteln.

Und dann -- wer mochte den ersten Schritt tun? Machte der sich nicht
verdchtig, als sei es nur die Angst vor der blauen Bohne, die ihn zur
Ausshnung geneigt machte? Wrde man ihn nicht der Kneiferei zeihen?

Der Kneiferei? Nun, wer vierzehn Schlgermensuren mit Ehren bestanden
hatte, brauchte der sich vor dem Verdacht der Kneiferei zu frchten?

Halt! So eine Knipserei, das war doch was andres als das bissel
Bestimmungsmensur mit Binden und Bandagen.

Nein, da war nichts zu wollen, dafr war man Korpsstudent! Der andere,
der war an allem schuld. Der htte die Aussprache herbeifhren mssen
vor der Tat. Da er dem Freund, dem Korpsbruder aus drei Semestern eine
ehrlose Gesinnung berhaupt zugetraut, das war die eigentliche
Beleidigung, das war die Schmach, die nur mit Blut abgewaschen werden
konnte. Die Worte, die Handlungen, die aus dieser abscheulichen
Unterstellung erwachsen waren, die waren schlielich nichts anderes als
der zufllige Ausdruck fr einen Verdacht, der auch ohne Wort und Schlag
ins Herz der Ehre traf.

Nein, es gab keinen anderen Ausweg -- und so wrde man morgen frh
aufeinander losknallen bis zur Kampfunfhigkeit.

Und nun kamen die Gedanken an daheim. An Eltern und Geschwister -- nein,
das ging ja doch nicht, einen solchen Gang zu tun, ohne sich vorher von
den liebsten Menschen verabschiedet zu haben. Wenn er nun fiel -- wie
sollten sie diese wirre, dunkle Geschichte verstehen? Sie wrden doch
nachforschen, wrden wissen wollen, was denn eigentlich geschehen war,
wie es hatte so weit kommen knnen -- und dann war's zu spt. Dann war
sein Mund, der allein Licht in die Wirrnis htte bringen knnen,
verstummt. Sein Tod wrde den Lieben ein dsteres, grauenhaftes Rtsel
bleiben.

Also das geht nicht. Hans wird aufstehen und einen langen, langen Brief
an die Geliebten daheim schreiben. Ihnen alles erzhlen, ohne
Verschweigen, auch das Glck -- die landlufige Moral nannte es ja wohl
ein sndiges Glck --, das er in Asta Thnys Armen genossen, auch die
verworrenen Drnge, die ihn zu Jucunda getrieben. Alles, alles wird er
berichten, und so wird wenigstens Klarheit liegen ber seinem
schauerlichen Ende ...

Ob sie ihn verstehen werden daheim? Mein Himmel, der Vater ist doch auch
einmal jung gewesen ...

Und in Gedanken entwarf Hans Thumser den Wortlaut seiner Beichte. Immer
eindringlicher, immer inbrnstiger vertiefte er die Schilderung seines
Seelenzustandes, immer heier und drngender formte er seine Bitte um
Verstndnis, um Vergebung, um ein Gedenken ohne Groll. Und ber all dem
Sinnen und Grbeln war er pltzlich versunken und verschwunden und
wachte erst wieder auf, als Volkner ihn wach rttelte, und die
schlampige Alte, die sie beide gestern abend angeserenadet, in
Nachthaube und Nachtjacke, grimmigen Gesichts und knurrenden Mundes den
Kaffee auf den Tisch setzte.

Nun war's zu spt, nach Hause zu schreiben. Nun blieb's doch bei
Volkners Theorie.

Die trockenen Semmeln von gestern wollten nicht in die Kehle, der
glhheie Bliemchenkaffee blieb fast unberhrt. Ein Glck, da Volkner
mit ein paar Tafeln Schokolade und einem besseren Schnaps versehen war.

Geschftig bediente er den Korpsbruder, wie man um einen Kranken, um
einen Sterbenden sich mht. Und dabei fhlte Hans Thumser ganz deutlich,
da der andere sich im tiefsten Innern hchst mollig fhlte bei dem
Gedanken: Gott sei Dank, da ich selber nicht derjenige welcher bin!

Um Punkt halb sechs knallte drunten die Peitsche des Kutschers. Die
jungen Mnner machten sich bereit.

Im Schauer des dmmrigen Morgens fuhr Hans Thumser frstelnd zusammen,
als sie vor die Tr traten, als sein Blick auf die eingeschnurrte
Gestalt des Korpsdieners fiel, der bernchtig auf dem Bock neben dem
Kutscher hockte und auf den Knien einen schmalen, schwarzpolierten
Kasten trug ...

Nebeldurchdunstet lagen die Straen. Das Wei des frischen Schnees war
lngst in ein kotiges Braun verwandelt, das der Frost der jngsten Nacht
mit tausend Rauhreifkristallen berzogen hatte. Ringsum erwachte das
Leben der groen, fleiigen Stadt der Arbeit.

Den Rockkragen hochgeschlagen, dampfenden Atems schritten die Mnner,
huschten die Frauen einher, jeder an sein Geschft. Schwarz und finster
reckten sich die Fronten der alten Straen, deren Huser sich im Laufe
der Jahrhunderte aus eleganten Wohnpalsten in dumpfe, mit Affichen
berladene Geschftshuser verwandelt hatten.

Aber die Nebel sanken, von Osten wuchs die junge Tageshelle. Erste,
schchterne Sonnenstrahlen spielten droben um die Giebeldcher, ein Tag
voll winterlicher Herrlichkeit flammte herauf.

Nun wurden die Anlagen durchquert. Weileuchtend zackte sich das Gewirr
der umreiften Aeste ins junge Blau.

Ivo Volkner aber und Hans Thumser studierten eifrig den
S. C.-Pistolen-Komment, der in einem handschriftlichen Exemplar auf
ihren Knien lag, und zndeten eine Zigarette an der anderen an.

Ganz khl und geschftsmig sprachen sie immer und immer wieder den
vorgeschriebenen Gang der Mensur durch, um spter auch nicht den
leisesten Schnitzer zu begehen.

Endlich aber hielt es Hans Thumser nicht mehr aus. Er schob das
schwarzgebundene Heft zurck, ri das frostbeschlagene Wagenfenster auf,
atmete in tiefen Zgen die Morgenfrische und sog mit brennenden Augen
das Bild der Morgenwelt in sich hinein.

Und eine wilde Sehnsucht kam ber ihn -- Sehnsucht nach all dem
Unsagbaren, das von da drauen in seine Seele hineinflutete, nach all
dem unendlich Schnen des Lebens, das er doch kaum mit erstem Erwachen
des Begreifens gegrt ... und das doch schon tausend Vorahnungen
knftiger Glcksmglichkeiten in ihm geweckt hatte. Ach,
Glcks=mglichkeiten=?! Nein, er =war= ja schon glcklich gewesen!

Asta Thny! klagte es in seiner Seele. Gott! so undankbar konnte man
sein? An sie hatte er noch gar nicht gedacht ... Da er von ihr sich
verabschieden mute, das war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen ...
Und doch -- wieviel hatte sie ihm geschenkt! Wie unsglich gut war sie
zu ihm gewesen, und er ... er hatte sie achtlos beiseite geschoben. Und
das letzte, das er von ihr gesehen, waren bittere Trnen gewesen.

Zu spt ... Nun mute das Schicksal seinen Gang gehen. Nun blieb nur
noch eins: der Feindeskugel die Brust zu bieten und die Stirn dem
wahllosen Walten des Geschicks.

Und doch, wie schn die Welt! Wie reich, was sich barg hinter den weien
Nebelschwaden, die das Kommende verhllten. Wie selig selbst dieser
Augenblick ahnungsvollen Grauens ...

Und Hans Thumsers Seele fhlte sich leben in diesem Augenblick. Leben,
wie sie nie zuvor gelebt ... In langen, schmerzvollen Zgen trank sie
das Glck des Augenblicks hinein. Das Glck, noch da zu sein, noch ein
paar schmerzvoll se Minuten lang die tiefe Wonne des Daseins atmen zu
drfen.


In einem billigen Zimmer des Hotel de Russie -- dritter Stock nach
hinten hinaus -- hatte Valentin Pilgram sich einquartiert und die halbe
Nacht mit Briefeschreiben zugebracht. Erst nach Mitternacht hatte er
sich aufs Bett gestreckt und ein paar Stunden hingedmmert ...

Nun marschierte er auf dem Reitweg, der erst rechts, dann links der
Neuen Linie durch das Streitholz fhrte, dem Kampfplatz entgegen, ein
einsamer Wanderer ...

Er hatte sich nicht entschlieen knnen, die letzten Augenblicke in
Gesellschaft seines ihm tief unsympathischen Sekundanten Borgmann
zuzubringen, mit dem er zweimal die Klinge und noch viel fter in
hitzigen Debatten des S. C. das Schwert des Wortes gekreuzt.

Um nicht mit dem Wagen zusammenzutreffen, war er vom Fahrdamm abgebogen,
auf den Reitweg hinber, auf dem um diese Morgenstunde noch keine
Begegnung zu befrchten war. Er sah nicht die Pracht des jungen Tages,
fhlte nicht die Schnheit des Daseins, die ringsum tausend Wunder
winterlicher Herrlichkeit erblhen lie. Er fhlte nichts als seinen Ha
-- sah nichts als die Gestalt des Gegners, wie sie nun gleich vor ihm
stehen wrde, ein sicheres Ziel dem sthlernen Druck seiner Hand, dem
unbeirrbaren Blick seines Auges.

Da lie ein Gerusch ihn aufschauen, ein Gerusch, das rasch sich
nherte. Pferdegetrappel war's, gedmpft durch den Schnee -- nur wenn
die Hufe ab und an gegen die harte Eiskruste stieen, die den Boden
berzog, dann gab's einen klirrenden Ton. Der hatte ihn geweckt.

Da vorne, in den silbernen Nebeln, die noch ber der Pleieniederung
lagerten, tauchten, schattenhaft abgehoben vom umgoldeten Himmel, zwei
Reitersilhouetten auf: ein Herr und eine Dame. In raschem Trabe nherten
sich die schnaubenden Gule.

Valentin Pilgram konnte keines Menschen Blick ertragen in diesem
Augenblick. Er trat rasch hinter den mchtigen Schaft einer Eiche und
lie die Reiter vorberflitzen. Im letzten Augenblick erkannte er sie:
es waren Jucunda und der Erbprinz.

Es war ihm, als htte er einen Sto vor die Brust erhalten. Er taumelte,
starrte ein paar Sekunden wie ein Bldsinniger hinter den enteilenden
Schatten her. Noch klang Jucundas bermtiges Lachen, des Prinzen
nselnde Stimme in sein Ohr:

... mal sehen, ob der Generalintendant meines alten Herrn fr ein
Gastspiel in diesem Winter ...

Das waren die Worte, die er aufgefangen ...

Ha ha! -- ha ha ha ha ha --!! Das also war das Ende! Darauf lief es
hinaus!

Whrend er zum Todesgange schritt mit jenem andern, der ihm der
Glckliche gewesen war bis zu diesem Augenblick ... In derselben
Stunde ... pfui Deubel! pfui Deubel!

In dumpfer Betubung trottete er weiter.

Wo war der blindwtende Ha, der ihm den Nacken gesthlt, die Sehnen
gestrafft? Verweht -- verflattert, wie die weien Nebelschwaden um die
rauhreifumsilberten Kronen der Bume zerwehten.

Und pltzlich ward er sich des grausamen Wahnsinns bewut, der in all
den Geschehnissen lag, die er selbst ins Rollen gebracht, und die nun
abschwirrten, wie ein grlich zermalmender Mechanismus, unhemmbar,
unwiderstehlich.

Da blinkte schon der Lauf der Pleie ... da vorn tauchte aus den
Morgendnsten der Umri eines Wagens auf, der sich im Schritt gen Sden
bewegte, und hinter ihm klang das Rollen eines zweiten Wagens.

Er beschleunigte den Gang, er mochte sich nicht berholen lassen, weder
von seinem Sekundanten noch von der ... andern Partei.

Nun hatte er die Linie erreicht, verfolgte sie einige hundert Schritte
weit gen Osten ... und sieh, da ffnete sich rechts eine weite Lichtung:
die Heiderwiese ...

Am Wegekreuz hielt der Wagen, der vor ihm gefahren war. Er sah, wie drei
mnnliche Gestalten ihm entstiegen und durch den Schnee ins Innere der
Lichtung hinein wateten. Das waren die andern: Hans Thumser, Volkner,
der Korpsdiener.

Valentin Pilgram blieb am Chausseerand stehen und wartete auf seinen
Sekundanten. Nach wenigen Minuten war der Wagen heran. Ihm entstiegen
Herr Borgmann im grellkarierten Winterpaletot, sehr zeremonis,
platzend vor Feierlichkeit, und Graf Schmettow, der Meiner-Senior, der
als Unparteiischer zu fungieren hatte, verkatert, die Scherbe im Auge.
Und ferner der alte Sanittsrat Dr. Collwitz, der sich als zweiten
Paukarzt einen seiner Assistenten mitgebracht hatte. Einen jngeren,
bebrillten Herrn mit langflutendem blonden Vollbart. Dieser wurde als
Doktor Kllicker vorgestellt.

Pilgram dankte den Aerzten fr ihr Erscheinen, die blichen Redensarten
wurden getauscht in gezwungen nachlssigem Tone, den der Ernst der
Stunde mit frostigem Schauer durchzitterte. Dann stapften die Herren der
Gegenpartei nach gen Sden.

Hinter ihnen schritt der Korpsdiener der Neo-Borussia, er trug einen mit
gelben Messingknpfen benagelten Koffer, der Instrumente und Materialien
fr die Aerzte enthalten mochte.

Valentin Pilgrams Blicke suchten den Gegner und erkannten die schlanke,
geschmeidige Gestalt. Aber wohin war der Ha geschwunden, der ihn durch
Wochen gemartert, wenn er Hans Thumsers blo gedachte?! Er sah nur noch
den Freund, den Korpsbruder aus drei Semestern.

Thumser hatte seinen Paletot abgelegt und stand mit offenem Jackett,
ber der Weste blitzte das grn-gold-rote Band.

Und dahin sollte man nun zielen, dahin das Todesblei entsenden?!

Und doch, es gab kein Zurck ... Und ob er wollte oder nicht, die
grausame Farce mute nun mit Anstand zu Ende gespielt werden ...

Und rasch und vorschriftsmig wickelte sich nun der Gang der Dinge ab.
In genauestem Anschlu an den Wortlaut des Komments wurden nun die
Pltze bestimmt, so da das Licht gleichmig verteilt war; wurden die
Waffen geladen, die Duellanten instruiert. Der Unparteiische schritt
selber mit Riesenstzen seiner langen Storchbeine die Barriere ab und
bezeichnete sie durch zwei niedergelegte Spazierstcke, hben und
drben. Noch zehn Schritt weiter jenseits wurden durch Kreuze, die in
den Schnee geritzt wurden, die Pltze fr die Duellanten festgelegt, die
sonach durch fnfunddreiig reichlich bemessene Schritte voneinander
getrennt waren.

Zuletzt nahmen die Sekundanten ihren Fechtern noch Brieftasche, Uhr und
Geldbrse ab und geleiteten sie dann zu ihrem Platze. Dort bergaben sie
ihnen die Waffen und traten dann jeder zwanzig Schritt zur Seite.

Der Unparteiische nahm seinen Stand zwanzig Schritte seitwrts von der
Mitte der Schulinie.

Meine Herren! sprach er mit schallender Stimme, ich wiederhole noch
einmal: ich zhle bis vier. Wenn ich eins! gezhlt habe, drfen Sie
avancieren bis an die Barriere, bis vier mssen Sie abgeschossen haben.
Herr Thumser, als der Beleidigte, hat den ersten Schu. -- Bin ich
verstanden?

Mit stummem Nicken antworteten die Gegner.

Hochaufgerichtet stand Hans Thumser und sah bers schneeblinkende Feld.
Endlos schien ihm die Entfernung, die ihn von dem Feinde trennte. Aber
er wute, da sie sich rasch verringern wrde, zusammenschrumpfen zu
einem schrecklichen Aug' in Auge ...

Ein jhes Frsteln rann durch seine Gestalt, kaum konnte er das Klappern
seiner Zhne bemeistern, kaum den Hahn der Pistole spannen ... Und nun
noch ein Blick in die goldige Morgenwelt hinaus. Ein Blick in die
Zukunft, die vor ihm versinken wollte wie der Tau einer Nacht. Und da
berfiel ihn eine jhe, ingrimmige Wut auf den, der ihm das alles rauben
wollte. Nein, sich wehren ... sich wehren bis zum letzten Atemzug! Ins
Herz den Gegner treffen -- ins Herz! Wenn einer fallen soll, gut, so
sei's der andere!!

Eins! scholl da schneidend scharf das Kommando des Unparteiischen.

Und nun war alles versunken, alles bis auf die hagere, starr
emporgereckte Gestalt da drben, die einst geliebte, nun bis in den Tod
gehate ...

Wie fern sie war, wie klein ... und nun, nun kam sie heran, nun wuchs
sie ... wuchs und wuchs ... und nun blieb sie stehen ... bot sich zum
Ziel ...

Da raffte auch Hans Thumser sich zusammen. Mit hastigen Schritten scho
er vorwrts, bis seine Fuspitzen den Spazierstock berhrten, der die
Barriere bezeichnete.

Zwei! klang des Unparteiischen Stimme.

Hans Thumser hob die Waffe bis in die Augenhhe, zielte auf des Gegners
Brust, sah ganz deutlich, wie ber dem Visier die breiten Schultern
standen, das fahle Gesicht.

Drei!

Da drckte er los ...

Er sah den Gegner wanken, sah, wie die Rechte, welche bisher die Waffe
gesenkt gehalten, eine rasche, zuckende Bewegung nach der linken
Schulter machte. Dann aber fand der Taumelnde Halt, hob nun ebenfalls
den Lauf, aber hoch bis ber die Stirn, und scho -- scho hoch in die
Luft ...

Vier! klang das Kommando des Unparteiischen.

In diesem Augenblick lie Valentin Pilgram die Pistole fallen und griff
mit der Rechten krampfhaft in das linke Schultergelenk hinein.

Doktor Kllicker sprang zu, ri Pilgrams Rock auf, das weie Hemd wies
Blutflecken, er zertrennte es mit raschem Zerren, untersuchte das
verletzte Gelenk. Dann winkte er dem Sanittsrat, der hinzutrat.

Auch Borgmann, der Sekundant, und Graf Schmettow eilten zu dem
Verwundeten heran.

Der lchelte mit schmerzverzerrtem Munde. Viel scheint's nicht zu sein,
meine Herren. Von mir aus kann's weiter gehen!

Aber der linke Arm hing kraftlos herunter, ein Versuch, ihn zu bewegen,
milang.

Die Herren steckten in flsternder Beratung die Kpfe zusammen. Die
Forderung lautete bis zur Kampfunfhigkeit ... und die lag wohl nicht
vor, obwohl das Schultergelenk schwer verletzt schien.

Hans Thumser trug's nicht lnger. Der andere hatte, obwohl getroffen,
seinen Schu verloren gegeben. Was konnte das bedeuten? Doch nur dies
eine: die Erkenntnis begangenen Unrechts.

Hans winkte seinen Sekundanten heran.

Ich kann nicht mehr, Volkner -- geh und biete Satisfaktion an ...

In derselben Sekunde scholl auf der Chaussee ein hastiges Hufegeklacker,
und eine atemlose Mnnerstimme keuchte:

Halt! Im Namen des Gesetzes: halt, meine Herren!

Zwischen den Bschen des Wiesenrandes tauchte ein goldblinkender Helm
auf, ein grner Waffenrock, der braune Bug eines Pferdes, in rasendem
Galopp gestreckt. Fnf Minuten spter preschte der Reiter an der Gruppe
der Herren vorber, die sich um den Verwundeten zusammengeballt hatten,
warf den Gaul herum, versuchte den Flankenzitternden, Schumenden zum
Stehen zu bringen.

Hans Thumser hielt sich nicht lnger. In langen Stzen bersprang er die
fnfzehn Schritt, die ihn von dem Verwundeten trennten, streckte ihm die
Hand hin:

Komm, Pilgram -- das geht ja doch nicht mehr!

Die Herren, die den Verwundeten umdrngten, hatten ihm Platz gemacht.

Aug' in Aug' standen die einstigen Freunde einander gegenber, tauschten
einen Blick, in dem mehr als Vershnung lag ... Genesungsglck
schimmerte darin, neue Hoffnung, neues Leben ...

Mit der heilen Rechten schlug Valentin Pilgram in Hans Thumsers Hand
ein ... und auf einmal lagen die Jnglinge sich in den Armen.

Da klangen wiederum Hufschlge auf der Chaussee. Und sieh, ein Wagen
hielt am Wiesenrand, ihm entstiegen zwei Herren und eine Dame, die mit
hastigen Schritten ber den schneebedeckten Wiesengrund herankamen.

Nun lste sich aus der Gruppe der drei die hagere Gestalt eines alten
Herrn in Gehpelz und Zylinder los, der mit langen Stzen ber die
klirrenden Schollen voranstelzte. Immer hastiger ward sein Gang ... ward
zum Lauf ...

Donnerwetter! schrie da Volkner pltzlich, sieh doch nur, Pilgram --
Dein alter Herr!

Die Aerzte hatten sich ins Mittel gelegt und die Umarmung der
wiedergefundenen Freunde getrennt, um sich ihres Patienten zu
bemchtigen und die verletzte Schulter genauer zu untersuchen.

Nun hob Valentin Pilgram den Kopf, alles wich zurck, so da die Gruppe
der Herankommenden frei wurde -- und Pilgram erkannte seinen Vater ...

Schon war der Prsident heran, ergriff mit beiden Hnden die Rechte des
Sohnes, die sich ihm entgegenstreckte. Mit zuckenden Augen, mit
zuckenden Lippen standen Vater und Sohn einander gegenber.

Ihr verfluchten Bengels! sagte der alte Herr, was macht Ihr fr
Geschichten?

Etwas zu spt bist Du doch gekommen, lieber Papa -- Du siehst, der Fall
ist bereits erledigt!

Ich wollt's Euch auch geraten haben! Schlimm genug, da es so weit
gekommen ist! Na, was hat's denn abgesetzt?

Ach, nicht der Rede wert, lachte der Junge und zwang den grimmigen
Schmerz nieder, der von dem verletzten Gelenk aus durch den ganzen
Oberkrper fra.

Nun, und Du wunderst Dich gar nicht, da ich hier bin?!

Valentins Blicke hatten die Gestalt des jungen Weibes erkannt, das nun
herankam in Begleitung eines dicken Herrn. An diesen ritt der Gendarm
heran und machte ihm in dienstlicher Haltung eine Meldung, whrend das
Mdchen mit glhenden Backen und strahlenden Augen nhertrat, um dann
ein paar Schritt vor den Herren pltzlich tiefbefangen stehen zu
bleiben.

Die da, nicht wahr? fragte Valentin den Vater.

Jawohl, die da ... zum Dank fr ... vorgestern!

Ach, ich glaube, es war ihr weniger um mich zu tun ... sagte Valentin
Pilgram und suchte das Auge des wiedergefundenen Freundes.

Aber der hatte keinen Blick fr ihn. In tiefer Erschtterung, regungslos
starrte er zu der hellen Gestalt hinber, die ber die weien Schollen
herangeschwebt kam wie ein Frhlingshauch. Als sie nun aber stehen
blieb, da sprang er ihr entgegen, die Hnde weit ausgestreckt. Da hob
auch sie ihm die Hnde entgegen, und er ergriff sie und drckte sein
glhendes Gesicht hinein.


Erbprinz Heribert hatte nach seiner Rckkehr vom Morgenritt wie
gewhnlich von neun bis zwlf das Kolleg besucht und war dann in seine
Wohnung im Hotel Hauffe zurckgekehrt, um mit Major von Gorczynski zu
frhstcken.

Nun, Durchlaucht, wie war's? Der Major hob das Portweinglas.

Danke, ganz nett.

Nur ganz nett?!

Ach, wissen Sie, lieber Gorczynski, ich glaube, das ist eine von den
ganz Gerissenen ... die sichert sich =vorher= -- verstehen Sie?

Der aufwartende Lakai brachte auf silbernem Brett eine Besuchskarte. Der
Prinz las:

                               =Pilgram=
             Senatsprsident am Kniglichen Oberlandesgericht
                                             Dresden.

Haben Sie gesagt, da wir beim Frhstck sind?

Zu Befehl, Durchlaucht, aber der Herr bittet dringend um eine
Unterredung.

Schn -- ins Empfangszimmer.

Als der Bediente verschwunden war, reichte der Erbprinz seinem Erzieher
die Karte hinber.

Vermutlich der Vater meines ... h ... meines Kollegen!

Kollegen?! Wieso?

Na, weil der auch auf die Buchner reingefallen ist. Kommen Sie mit,
lieber Gorczynski -- fr alle Flle.

Hoch aufgerichtet, die Ordensrosette im Knopfloch seines Ueberrocks,
erwartete der alte Herr den jungen Frsten. Des Umgangs mit
hochgestellten Persnlichkeiten gewohnt und seiner guten Sache sicher,
neigte er sich mit gemessenem Selbstbewutsein.

Sehr erfreut -- Herr Prsident, was verschafft mir die Ehre? Darf ich
bekannt machen? Herr Major von Gorczynski -- Herr Prsident Pilgram. --
Strt Sie die Gegenwart meines Begleiters, Herr Prsident?

Ich bitte, Durchlaucht.

Bitte Platz zu nehmen, meine Herren.

Durchlaucht, ich komme im Interesse meines Sohnes Valentin, den Sie
kennen!

Ich habe die Freude.

Durchlaucht wissen, da mein Sohn aus dem Korps Franconia ausgetreten
ist, um Ihnen gegenber fr eine Dame eintreten zu knnen, von der er
annahm, da Sie, Durchlaucht, ihr -- --

Hm ... machte der Erbprinz, ich wei.

Durchlaucht haben die Gte gehabt, diese Angelegenheit in ritterlicher
Weise beizulegen. Trotzdem hat das Korps Franconia aus Rcksicht auf
Durchlaucht davon Abstand genommen, meinen Sohn in die Reihen seiner
Mitglieder wieder aufzunehmen.

Allerdings ... sagte der Erbprinz. Das habe ich mir wohl so gedacht
-- aber wenn ich mir eine Zwischenbemerkung erlauben darf, Herr
Prsident: die Geschichte war mir hchst fatal ... und ich habe mich
seitdem vom Verkehr bei dem Korps fast vllig zurckgezogen ... Es war
mir kolossal peinlich ... verstehen Sie, Herr Prsident?

Ich begreife sehr wohl, sagte der Prsident ruhig. Die jungen Herren
haben wohl eine zu geringe Meinung von Euer Durchlaucht wohlwollendem
Verstndnis fr die korpsstudentische Auffassung gehabt, sonst htte
sich doch wohl ein Ausweg finden lassen, um meinem Sohn die
wohlverdiente Ehre der Zugehrigkeit zu dem Korps -- zu dessen Alten
Herren ich, beilufig bemerkt, auch selber zhle -- wiederum zu
verschaffen. Oder tusche ich mich, Durchlaucht?

Ne, ne, mein verehrter Herr Prsident. Sie haben in der Tat vollkommen
recht ... Wenn's nach mir gegangen wre ... aber man hat mich ja gar
nicht gefragt. Mir fr meine Person wr's ja doch zehnmal angenehmer
gewesen, wre die ganze Geschichte diskret behandelt worden. Aber man
hatte ja die Sache dermaen bers Knie gebrochen ... ich stand vor einem
_fait accompli_ ... und da hielt ich's fr das beste, mich um gar nichts
mehr zu bekmmern. Das werden Sie begreifen, nicht wahr, Herr
Prsident?

Ich begreife vollkommen, Durchlaucht. Ich sehe aber auch, da ich mich
in meinen Vermutungen ber Eurer Durchlaucht Ansichten von der Sache in
keiner Weise getuscht habe: und darum komme ich jetzt mit der formellen
Bitte, die der Zweck meines Besuches ist: wollen Durchlaucht die groe
Gte haben, durch meinen Mund dem Korps Franconia mitteilen zu lassen,
da einer Rckgabe des Bandes an meinen Sohn Ihrerseits nichts im Wege
steht?

Aber mit dem grten Vergngen, Herr Prsident! Ich bin ja hchst
erfreut, da die fatale Geschichte endgltig aus der Welt kommt ...

Ich danke ehrerbietigst fr diese Gnade, Durchlaucht. Ich glaube, sie
ist an keinen Unwrdigen verschwendet! Da Sie nun aber in so beraus
verstndnisvoller Weise meinem Vorschlage entgegengekommen sind, so darf
ich wohl auch noch eine andere Begebenheit erzhlen, die mit der
besprochenen nicht ganz ohne Zusammenhang ist, und die glcklicherweise
ebenfalls eine Wendung zum Besseren genommen hat?

Und nun erzhlte der Prsident in knappen Worten von dem Renkontre der
beiden einstigen Korpsbrder und seinem blutigen Austrag. Die Motive des
Zusammenstoes lie er unberhrt. Er konnte sich wohl vorstellen, da
der Erbprinz den Zusammenhang auch so durchschauen wrde ... und darin
hatte er sich nicht getuscht. Als er geschlossen hatte, erhob sich der
Erbprinz und streckte seinem Besucher die hagere Hand hin:

Ich danke Ihnen, Herr Prsident, Ihre Geschichte soll mir eine Lehre
sein ... gewisse Leute sind anscheinend ... h ... mit Vorsicht zu
genieen. Was meinen Sie, lieber Gorczynski? Na, ich werde mir's
merken!

Gestatten Durchlaucht nochmals meinen ehrerbietigsten Dank.

Aber ich bitte, mein verehrter Herr Prsident -- nur ich habe zu
danken, nur ich ... Sie haben mir einen greren Dienst geleistet,
als Sie vielleicht ahnen. Gren Sie Ihren Sohn, oder noch besser:
sagen Sie ihm, ich hoffe heute abend auf der Frankenkneipe mit ihm auf
gute Freundschaft anzustoen ... Doch halt! Vorher mssen wir noch
einmal ins Theater ... Nicht wahr, lieber Major? Heut ist ja die
Abschiedsvorstellung der Meininger, das drfen wir uns doch nicht
entgehen lassen ... Aber nachher, nicht wahr, Herr Prsident, dann
treffen wir uns im Cafbaum!

Ich hatte gleichfalls vor, das Theater zu besuchen, Durchlaucht, wenn
ich mir die Bemerkung gestatten darf -- und zwar mit meinem Sohn und
unserm Korpsbruder Thumser. Die Verletzung meines Sohnes ist ja freilich
nicht ganz unbedeutend: das linke Oberarmbein ist in Hhe des unteren
Ansatzes des Oberarmkopfes getroffen, die Kugel ist im Knochen stecken
geblieben, konnte aber mit Leichtigkeit entfernt werden.

Sehr erfreulich zu hren, Herr Prsident. Also auf Wiedersehen heut
abend, nicht wahr?


Um zwlfeinhalb Uhr fuhr der alte Pilgram am Cafbaum vor, stieg die
Stufen zur Frankenkneipe hinan und wurde vom Korpsdiener in das
Konventszimmer gefhrt, wo Franconias Korpsburschen bereits zum C. C.
versammelt waren.

Ehrerbietig begrte die Schar der Studiosen den Alten Herrn, der sofort
beim Eintreten eine grne Mtze, die der Korpsdiener ihm dargereicht,
auf seinen grauen Schdel gestlpt hatte.

Volkner bat Platz zu nehmen und erffnete den C. C. Er erteilte dem
Alten Herrn Pilgram das Wort. Dieser berichtete ber seinen Besuch bei
dem Prinzen und entledigte sich seiner Mission.

Mit strahlenden Gesichtern vernahmen die Korpsburschen die frohe
Botschaft.

Unmittelbar, nachdem der Alte Herr geendigt, sprach der Senior:

Ich stelle den Antrag, dem frheren C. B. Pilgram, gewesenen Zweiten,
Ersten, Ersten das Band zurckzugeben. Wnscht jemand zu dem Antrage das
Wort?

Alles schttelte den Kopf, aus jedem Auge strahlte helles Glck. Hans
Thumser aber schmte sich nicht, da ihm zwei Trnen ber die frischen
Wangen rollten. Unfhig jeden Wortes, reichte er dem Prsidenten ber
den Tisch hinber die Hand.


Und nun saen sie im Carolatheater, auf einer der vordersten
Parkettreihen. Prsident Pilgram inmitten der beiden jungen Gesellen,
zur Rechten sein Sohn: er trug den linken Arm in der schwarzen Binde,
fest im Gipsverband verschient, den Rock nur lose ber die linke Achsel
gehngt, den Aermel leer. Ueber die rechte Schulter aber, ber die Weste
und die schwarze Binde zog sich das grn-gold-rote Band.

Hans Thumser sa zur Linken. Ueber den alten Herrn hinweg aber schauten
die Freunde sich immer und immer wieder in die Augen. Sie fhlten: so
hatten sie sich noch nie gehrt, so sich noch nie geliebt. Und diese
Liebe, die wrde nun bleiben frs ganze Leben ...

Oft aber flogen ihre Blicke auch nach der zweiten Proszeniumsloge des
Parketts vorn rechts hinber. Da sa der Erbprinz, die Scherbe im fahlen
Gesicht, und hinter ihm verschwanden die groben Zge, der wehende
Schnurrbart des Majors im Dmmer des Logenhintergrundes.

Aber auf den blasierten Zgen des jungen Frsten lag heute ein seltsames
Leuchten, das noch niemand an ihm gekannt hatte. Und wenn sein Blick den
Augen des alten und der beiden jungen Franken da unten im Parkett
begegnete, dann lachte sein ganzes Gesicht so knabenhaft frhlich, so
jung und gut, als sei auch er ein x-beliebiges junges Studentlein und
nicht der Erbe eines deutschen Frstenthrones.

Ringsum aber drngte sich ganz Leipzig und fllte das Haus bis zum
letzten Stehplatz droben auf der Galerie. Eine festlich dankbare
Stimmung lag ber der erregten Versammlung.

Fnf Wochen lang war dies Haus ein Tempelhaus gewesen. Fnf Wochen lang
hatte man hier den hchsten Offenbarungen gelauscht, welche die edelste
Blte der zeitgenssischen Bhnenkunst geschaffen hatte im Bunde mit den
erhabensten Genietaten der groen Szenenbeherrscher des Dramas der
Weltliteratur. Und nun wollte man am letzten Tage noch einmal mit voller
Seele, mit allen Sinnen genieen, wollte in sich aufnehmen die
gigantischste Schpfung der deutschen Tragdie: Wallensteins Tod.

Das Spiel begann.

Inmitten der Bilder seiner Gestirne stand der einsam-stolze Mann, ber
dessen Haupte schon die schwarzen Fledermausschwingen des Verbrechens,
die Rabenfittiche des Todes rauschen. Am nchtlichen Himmel suchte er
den Stern seines Lebens, der sich nun so bald verfinstern sollte ... Und
in raschen, unfehlbaren Schlgen vollzog sich sein Geschick.

Der alte Herr aber da vorn im Parkett und seine beiden jungen Gefhrten
harrten ungeduldig des Augenblicks, da der Vorhang sich zum dritten Akt
heben und die beiden Mdchengestalten auftauchen wrden, die so tiefe
Furchen in die Herzen, in die Geschicke der jungen Mnner gezogen.

Und sieh -- nun erfllte sich's.

Die Gardine rauschte empor; und es erschlo sich ein dunkler wuchtiger
Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten Bnken an den Wnden. Nach hinten
stieg eine Treppe empor, im Bogen geschweift aus massivem,
dunkelgebeiztem Eichenholz mit schwerem Renaissance-Gelnder. Sie fhrte
zu einer langen Galerie, die gegen die Bhne zu von einem riesigen, aus
zahllosen kleinen Scheiben bestehenden Glasfenster abgeschlossen war.

Und wie verloren in dem weiten, angstdurchschauerten Raum saen vorn
rechts auf der Bank zwei Frauengestalten mit weiblichen Arbeiten
beschftigt, whrend eine dritte oben auf der Galerie stand und aus den
Fenstern nach drunten sphte -- Wallensteins Schwgerin, die Schwester
seiner Seele ...

Die zwei da unten aber -- die beiden jungen Franken, die kannten sie.

Scheu und wesenlos wie ein gutes, dienstbares Geistlein hockte Asta
Thny als Frulein von Neubrunn neben der jungen, schnheitsstrahlenden
Herrin.

Die aber sa wei und bla, den adligen Kopf in schmerzvoller Starrheit
zurckgelehnt an die braune Tfelung.

Sie war die Schnheit, die versinken mu unterm erbarmungslosen Schritt
des Schicksals, sie war die Tugend, die zermalmt wird von den geifernden
Kinnbacken des Verbrechens, sie war die leuchtende Seele des
gigantischen Gedichts, sie war ... das Ideal ...

Und alles vollendete sich nun.

Mit unerhrter Wucht stampfte das Fatum daher und lie den Lgenbau der
friedlndischen Gre zusammenkrachen. Blatt um Blatt sank hernieder von
dem ragenden Baum, bis er einsam stand, entlaubt, doch herrlich in
seinem starren Trotz.

Und nun kam jene gewaltigste aller Szenen, die Valentin Pilgram und Hans
Thumser als Pappenheimer Krassiere mitprobiert hatten, und der sie nun
als Zuschauer nur lauschen durften, wie damals, als Hans, ein scheuer
Primaner, sie zum erstenmal erschaut, dahinten, weit in der Heimat -- im
Barmer Stadttheater, auf dem Eckplatz des zweiten Ranges.

Zwischen den zwei eisengeharnischten Mnnern, dem frstlichen Vater
rechts, dem ritterlich prangenden Geliebten links stand das
unglckselige, geopferte Mdchen. Vor die grausame Pflicht gestellt, zu
whlen zwischen Gehorsam und Liebe.

Und sie whlte den Gehorsam ... Mit den unschuldig reinen Hnden ri sie
die Liebe aus ihrem Herzen und stie sie von hinnen ... in den
unerbittlichen Schlachtentod ...

War das Jucunda Buchner? War's das junge Ding von achtzehn Jahren, mit
dem die zwei schlanken Burschen da unten an einem Tisch gesessen, in
einer Stube? Um derentwillen sie heut morgen in der Frhe des
leuchtenden Wintertages einander mit der Pistole in der Hand gegenber
gestanden hatten, whrend sie mit einem gefrsteten Knaben ber Feld
ritt, nur von dem einen Gedanken erfllt, ein Gastspiel am Hoftheater in
Nassau-Dillingen fr den nchsten Winter herauszuschlagen?

Nein, sie war es nicht. Ihre sterbliche Hlle war's! Und doch auch die
nicht mehr. Auch die verwandelt, erhht, durchleuchtet, durchseelt von
der geheimnisvollen Flamme, die tief drinnen in ihr loderte,
unerklrlich, unbegreifbar ... der heiligen Flamme, die, solange sie
loderte, alles berstrahlte, alles verzehrte, alles verklrte, was
irdisch, was menschlich, was gewhnlich, was hlich war an ihr ...

Horch, schon brandete von drauen der Schwall der Pappenheimer heran ...
Schon klang die wilde Feuerweise des Reitermarsches, der zu Kampf und
Tode lud ...

Und nun -- nun tobte der rasselnde Schwall die Stiegen hinauf, stapfte
in die Galerie hinein, da die Scheiben klirrend barsten, strudelte die
Treppe hinunter, berschwemmte in immer erneuten Gssen blinkender Wogen
die ganze Bhne ... entblte Schwerter, haflammende Blicke ...

Und inmitten die zwei jungen Menschen, -- neben dem todgeweihten Manne
das todgeweihte Weib, die weie, unschuldig leuchtende Gestalt, das tief
gesenkte, sterbensmatte Haupt.

Und nun, nun ist der grausame Kampf zu Ende gekmpft. Aus dem Arm der
Geliebten reit Oberst Max sich los.

    Bedenket, was Ihr tut. Es ist nicht wohlgetan,
    Zum Fhrer den Verzweifelten zu whlen.
    Ihr reit mich weg von meinem Glck, wohlan,
    Der Rachegttin weih' ich Eure Seelen!
    Ihr habt gewhlt zum eigenen Verderben,
    Wer mit mir geht, der sei bereit, zu sterben!

Und mit hochgereckten Armen strzt er sich hinein in die eisenschumende
Woge. Die brllt hell auf, schumt gischtend empor, schlingt ihn
hinunter, reit ihn von hinnen. Die Treppe hinauf strudelt der grende
Schwall -- noch einmal taucht der wehende Helmbusch, der silberne
Harnisch auf ... versinkt aufs neue in den gleienden Fluten. In den
wtenden Jubel der todestrunkenen Schar gellen die wirbelnden, erzenen
Rhythmen des Reitermarsches ...

Da unten, da vorn, bricht das verlassene Kind vor des starren Vaters
eisenumschienten Knien zusammen ... es erfllt sich das tragische Los
des Schnen auf der Erde ... Das Edle sinkt ... Das Ideal verweht ...

Vorbei ... vorbei ...

Whrend die Gardine niederrauschte, legte der alte Prsident seine
beiden Hnde um die Schultern der jungen Mnner zu seiner Rechten und
seiner Linken:

Kinder ... =jetzt= versteh' ich Euch ...!


Am andern Morgen begleitete Hans Thumser seine Asta im Wagen zum
Bayrischen Bahnhof. Das Leipziger Gastspiel der Meininger war zu Ende --
weiter rollte der Thespiskarren ... Schon bermorgen abend wrde man im
Grtnerplatz-Theater in Mnchen mit Jungfrau erffnen ...

Auf dem Bock thronte ein riesiger Reisekoffer. Vier Kisten mit Kostmen
waren schon als Eilgut vorausgegangen.

Drinnen aber im Wagen lachten die zwei und machten die tollsten Witze.
Das Herz war ihnen gar zu voll und gar zu schwer.

Asta ... sagte Hans mit einem Male im tiefsten Ernst, -- ich bin ein
dummer, grner Junge ... und ein Habenichts dazu ... sonst sagte ich zu
Dir: La uns zusammenbleiben ...

Du Dummerle! schalt Asta heftig und gab ihm einen derben Klaps auf die
Backe -- Du bist doch wirklich ein riesengroes Dummerle! So etwas darf
man nicht einmal denken ... so ein feiner, nobler Junge wie Du ... und
eine ... eine Landstreicherin wie ich ...

Aber ihre Lippen zuckten bitter und sehnschtig dabei, und in den Augen
schimmerte es verdchtig ...

Pfui, Asta! Abscheulich, so von Dir zu sprechen! Von meiner ... meiner
sen Asta --!

Sag's noch einmal! bat Asta. Es klingt so schn ... und ich werd's ja
doch niemals wieder hren ...

Niemals wieder?! So oft Du willst, Se, so oft Du willst ... und so
oft ... ich ... kann ...

Da hast Du's ja ... Du wirst nicht knnen, mein armes Dummerle ... und
ich ... ich werde auch nicht wollen ... Es war so schn ... nun ist's zu
Ende ... und das ist gut so. Fr uns beide ... fr mich auch ... Denn
wenn's noch lnger gedauert htte ... dann ... dann wr ich am Ende doch
nicht mehr von Dir los gekommen ...

Asta ... Asta ... So viel hast Du fr mich getan ...

Ja siehst Du -- da hast Du wieder so recht mein ganzes Pech: alles,
was ich fr Dich hab' tun wollen, ist beim guten Willen geblieben ...
Ich hab' Dich glcklich machen wollen ... und Du bist zur Jucunda
gelaufen ... Ich hab' Dir das Leben retten wollen ... und bin zu spt
gekommen ... Eh wir dazwischen kamen, hattet Ihr Euch schon vertragen
... So geht mir's immer -- --

Asta ... mein Mdchen ... ich ... ich hab' Dich ja so lieb ...
so unsagbar lieb ... ich la Dich nicht fort ... ich ... ich brenne
durch ... Ich geh' mit nach Mnchen ... Ich frage Euren Herrn Burg, ob
er einen Volontr brauchen kann ... Ich sollte meinen, zu einem
Komdianten mt' es doch auch bei mir reichen ...

Asta tupfte die Augen mit ihrem Spitzentchelchen, und die zuckenden
Mundwinkel lachten schon wieder ihr lieblichstes Spitzbubenlachen.

Ne, Hanserl -- das glckt Dir nicht ... Das knnen wir vor Deinen
Herren Eltern nicht verantworten! Bleib Du, was Du bist ... ein Jurist
... oder ... werd' einmal ein Dichter, wenn Du kannst ... ich glaube,
Du kannst -- -- und dann, in zehn oder zwanzig Jahren schreibst Du
einmal ein Stck, das ber alle Bhnen geht -- mit einer wunderhbschen
Rolle fr die komische Alte darin ... Und wenn Du dann auf Reisen
zufllig einmal nach Krotoschin oder nach Stallupnen kommst und siehst
an irgendeiner Bauernkneipe oder Scheune den Theaterzettel einer
Schmiere kleben, die Dein Stck spielt, und hinter der Rolle der
komischen Alten findest Du den Namen Asta Thny ... dann setz Dich
irgendwo unter das 'verehrliche Publikum' ... aber ganz, ganz weit
hinten ... da ich Dich nicht etwa erkenne ... und denk' daran, da das
alte, hliche Weiblein da oben einmal in Deinen Armen gelegen hat ...
vor langer, langer Zeit ... als Du noch jung warst und unberhmt und
nichts weiter als ein Korpsstudent in Leipzig ... Gelt, Hans, Das tust
Du --?

Hans Thumser konnte nicht sprechen. Er kte nur immer wieder die
rosige, weiche Hand, die er zwischen seinen harten, waffengesthlten
Tatzen eingepret hielt, als wollte er sie zerdrcken.

Der Wagen hielt vor dem Abfahrtportal des Bayrischen Bahnhofs. Es war
zehn Uhr morgens. In grellem Wei standen die beschneiten Dcher gegen
das satte Himmelsblau, das gleiende Sonnenlicht.

Auf dem Bahnsteig hielt bereits der Mnchener Schnellzug. Fr das
Ensemble der Meininger waren auf Bestellung ein paar Extrawagen
angehngt worden. Im Kassenflur, unter der Halle, wimmelte es von
glattrasierten Mnnergesichtern, von lebhaften mit betonter Eleganz
gekleideten Frauen. Riesige Koffermassen wurden in die Gepckwagen
verstaut ...

Da Asta Thny sich auf dem Bahnhof in Begleitung eines grnbemtzten
Studenten einfand, erregte keinerlei besondere Sensation unter ihren
Kollegen und Kolleginnen. Derartiges war man von ihr gewohnt. Sonst
war's meist eine Uniform ...

Die groe Jucunda schritt mit spttischem Nasermpfen an dem Paare
vorber, einen ungeheuren Strau der wunderbarsten Rosen in der Hand,
den ihr soeben ein prinzlicher Lakai berbracht hatte. Ja ... den
Rosenstrau hatte sie wohl ... aber keinen herzlieben Jungen zur Seite,
der bei ihr hatte bleiben wollen bis zum letzten Augenblick ... Nur ihre
Eltern gaben ihr das Geleit, Mutter Doris aufgedonnert im
unglaublichsten Staat -- Vater Kanzleirat im abgeschabten Winterpaletot
und zerbrsteten Zylinder, ein armseliger, hstelnder Schatten neben den
beiden mchtigen Frauengestalten.

Die brigen Kollegen gingen mit diskret abgewandten Gesichtern an Asta
und ihrem schmucken Begleiter vorber.

Nur Franz Burg trat grend heran:

Guten Morgen, Kleine ... Na -- ist das Ihr Dichter?

Ja, liebster Freund -- das ist er ...

Burg lftete lchelnd seinen Hut, nannte seinen Namen, streckte dem
Studenten die Hand hin:

Nun, ich sehe, Sie sind noch sehr lebendig ... Hchst erfreulich das.

Mit korrekt eingewinkeltem Arm schlug Hans Thumser ein in Franz Burgs
Hndedruck und zog hchst offiziell die Mtze.

Hm, machte der Oberregisseur und musterte ungeniert das feierlich
zurechtgefaltete Jugendgesicht -- vorlufig ist noch nicht viel
zu lesen auf der Physiognomie da ... aber wer wei ... vielleicht
stehen wir uns noch einmal an anderer Stelle gegenber, und Sie legen
mir ehrfurchtdurchfrstelt das Manuskript Ihres ersten Dramas in die
Hand ... wer wei! Dann wollen wir uns dieses Augenblicks erinnern ...

Und ich werde mich Ihres 'Wallenstein' erinnern, Meister -- --
einstweilen lassen Sie mich Ihnen dafr danken ... sagte der Student
... und Franz Burg sah auf einmal mit Staunen, wie auf dem jungen
Gesicht die feierlich korrekten Falten sich auflsten, wie aus den
dunklen Augen eine heie Flamme sehnschtiger Leidenschaft schlug. Da
leuchtete auch sein Blick dem jungen Gesellen freundlich und ermunternd
ins Gesicht.

Also -- auf dereinstiges Wiedersehen, junger Freund --! Jetzt aber
sollt Ihr zwei die paar letzten Augenblicke noch freinander haben,
Kinder ...

Die paar letzten Augenblicke -- --

Hans Thumser und Asta Thny senkten die Hupter und die Blicke ... Hoben
sie dann und lieen die Augen lange, lange ineinander ruhen ... Dabei
schwiegen die Lippen, Unsagbares quoll auf in ihren Herzen.

Bitte Platz nehmen! schnarrten da die Stimmen der Schaffner.

Da warf Asta die Arme um Hans Thumsers Nacken. Es kmmerte sie nicht,
da die Kollegen vom Fenster aus mit Grinsen und halblautem Scherz den
Abschied beobachteten ...

Leb wohl ... mein Hanserl ... auf ewig ... leb wohl ...

Nein ... nicht auf ewig ... das ist ja unmglich ... das ertrag ich ja
nicht --

Ach, Hanserl -- wie gut Du das ertragen wirst ... aber Du ... von Zeit
zu Zeit einmal an mich denken ... gelt? an ... Dein ... erstes Glck ...
gelt, Hanserl?!

Aus der finstern Halle polterte der Zug in die sonnige Morgenhelle
hinaus. Grell im Sonnenlichte leuchtete der weie Rauchschwaden, den der
enteilende Schlot der Maschine hinter sich herzog. Und ein groes
Abschiedwinken ging aus den Fenstern des Zuges, ging auf dem Bahnsteig,
wo in ganzen Rudeln die Freunde und Verehrer standen, welche die
scheidende Knstlerschar bis zum letzten Augenblick begleitet hatten ...

Ein Tchlein aber wehte lnger als alle andern ... und Hans Thumser
blickte ihm nach, winkte ihm nach, bis alles vorbei war.

Dann wandte er sich rasch und schritt gesenkten Hauptes aus der Halle.
Einen Korpsstudenten in Couleur sollte niemand weinen sehen.




               Von =Walter Bloem= sind frher erschienen:


                              Sonnenland


          Eine Fahrt in die Schnheitswelt Griechenlands, in die
          Mrchenstdte des Orients an Bord eines schmucken
          Lloyd-Schiffes, auf dem der Zufall eine bunte
          Reisegesellschaft zusammenwrfelt. Ein munterer Kreis
          meist humoristisch gesehener Gestalten und im
          Hintergrund ein leuchtender Reigen von Kultur- und
          Landschaftsbildern aus den gesegneten Zonen des
          sonnigen Sdens.

                            Preis 1 Mark


                                   *


                          Das lockende Spiel


          Ein Buch vom Theater, von seiner berauschenden Magie,
          die keinen aus ihrem Zauberkreis entlt, der ihr
          einmal verfiel. Wer es einmal gespielt hat das
          lockende Spiel, er kann es nimmer lassen. Eine neue
          Theatergrndung in Berlin wird zum Mittelpunkt fr ein
          frhliches Ringen um die Palme des Bhnendichters,
          Schauspielers, Regisseurs. In diesen Kampf verkettet
          sich ein zweites lockendes Spiel, das Spiel und
          Gegenspiel der Liebe bei zwei jungen Menschenpaaren.

                              Preis 1 Mark


                   Verlag Ullstein & Co / Berlin-Wien







                             Ullstein & Co

                       [Illustration Verlagslogo]

                              Berlin SW 68




   Anmerkungen zur Transkription


     Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden
     bernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

     Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt, fremdsprachliche Passagen,
     die im Original in Antiqua gesetzt sind, sind _so_ gekennzeichnet,
     fr Abkrzungen, wie C. C. und Regentenzahlen wie XIV wurde dies
     nicht gemacht. Text der im Original g e s p e r r t gesetzt ist,
     ist hier =so= gekennzeichnet.





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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     http://www.gutenberg.org

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