The Project Gutenberg EBook of Ein Blick in die Zukunft, by Richard Michaelis

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Title: Ein Blick in die Zukunft
       Eine Antwort auf: Ein Rckblick von Edward Bellamy

Author: Richard Michaelis

Release Date: January 5, 2014 [EBook #44598]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT ***




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  Anmerkungen zur Transkription

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  wurde _so_ markiert, auer bei Regentenzahlen, wie Ludwig XVI.

  Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitgehend bernommen,
  auch dort, wo mehrere verschiedene Schreibweisen benutzt wurden,
  auer bei offensichtlichen Fehlern.




    Ein Blick in die Zukunft.


    Von
    Richard Michaelis,
    Redakteur der Chicagoer Freien Presse.


    Eine Antwort auf:

    Ein Rckblick

    von Edward Bellamy.




    Leipzig.

    Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

    Chicago and New York.
    Rand, McNally & Company, Publishers.




Vor Nachdruck gesetzlich geschtzt. Alle Rechte sind vorbehalten.




Vorwort.


Jedes Streben nach der Wahrheit und Besserung unserer Zustnde verdient
Anerkennung; selbst wenn wir die Richtung und die vorgeschlagenen
Maregeln nicht billigen knnen. Herrn Edward Bellamys Buch, Ein
Rckblick, stellt einen Versuch dar, die Lage der Menschheit zu bessern
und ist deshalb lobenswert; aber wenn wir seine Verbesserungs-Vorschlge
des schillernden Mantels entkleiden, mit welchem er sie umgeben
hat, so bleibt nichts brig, als nackter Kommunismus. Und dieser
hat sich berall, wo er ohne religise Grundlage eingefhrt wurde,
als ein Fehlschlag erwiesen. Heute ist er nur noch bei Wilden und
Menschenfressern Staatsform.

Chicago war whrend der letzten vierzehn Jahre der Mittelpunkt der
kommunistischen und anarchistischen Bewegung in den Ver. Staaten.
Whrend ich in der Freien Presse die Grundstze, auf welchen das
amerikanische Staatswesen beruht, gegen jene aus den berbevlkerten
europischen Industrie-Lndern eingeschleppten Lehren verteidigte,
wurde ich sowohl mit diesen sehr vertraut, wie auch mit den Schrullen
und Sonderheiten der Gesellschaftsretter, die allen Ernstes glauben,
sie seien im Besitz eines unfehlbaren Mittels, mit welchem sie nicht
nur alle menschlichen Einrichtungen, sondern auch die Menschen selbst
vollkommen machen knnten.

Herr Bellamy vertritt allerdings gemigtere Ansichten, als diejenigen,
welche Spies und Parsons lehrten; aber er hat dies mit den Anarchisten
und Kommunisten von Chicago gemein, da er unfhig geworden ist,
die Einrichtungen, Zustnde und Menschen der Jetztzeit gerecht zu
beurteilen, da er die Schwierigkeiten unterschtzt, welche der
Einfhrung von ihm vorgeschlagener nderungen entgegen stehen, da
er wirklich glaubt, seine Staatsluftschlsser wrden im Handumdrehen
greifbare Gebilde werden und da er sein Wolkenkuckucksheim mit
engelgleichen Wesen bevlkert, welche alle menschlichen Schwchen
abgelegt haben und unter keinen Umstnden ein Unrecht begehen wrden.
Die Annahme, da die Mnner und Frauen in einem kommunistischen
Staatswesen Selbstsucht, Neid, Ha, Eifersucht, Streitsucht und
Herrschsucht gnzlich abstreifen wrden, ist ebenso vernnftig oder
unvernnftig, wie die Annahme, da ein Mensch 113 Jahre schlafen
und alsdann eben so jung und krftig aufstehen knnte, wie er sich
niederlegte.

Welch sonderbare Maregeln Gesellschaftsretter doch mitunter
vorschlagen! Joh. Most mchte im Namen der Gleichheit erst alle
diejenigen umbringen, die nicht in allen Dingen seiner Meinung sind.
Dann wrde er alle Gesetze und alle Beamten abschaffen und dann der
Natur ihren Lauf lassen! --

Herr Bellamy dagegen wrde, ebenfalls im Namen der Gleichheit, allen
tchtigen und fleiigen Arbeitern einen namhaften Teil dessen rauben,
was sie mit ihrer Thtigkeit geschaffen, das Geraubte wrde er den
ungeschickten, dummen und faulen Arbeitern geben, und das wre dann, was
Herr Bellamy Gerechtigkeit und Gleichheit nennt!

Und um diese angebliche Gleichheit zu erringen, wrde Herr Bellamy
natrlich den Wettbewerb opfern mssen, die Riesenkraft, welche uns alle
und Herrn Bellamy mit uns auf die Hhe der Bildung und Gesittung erhoben
hat, die das Menschengeschlecht jetzt einnimmt. Es ist wahr, da der
Wettbewerb schwere Mibruche im Gefolge gehabt hat und noch heute hat.
Aber jede Einrichtung kann zu Mibruchen fhren und der Umstand, da
ein Ding gemibraucht wird, beweist durchaus nicht, da das Ding an sich
schlecht ist.

Niemand kann leugnen, da der Wettbewerb whrend der Jahrhunderte
christlicher Civilisation die geistigen und krperlichen Krfte
der Menschheit hoch entwickelt hat, da der Wettbewerb whrend
dieser Jahrhunderte alle Menschen zur Einsetzung ihrer hchsten
Leistungsfhigkeit angespornt und unser Geschlecht auf eine Hhe
gehoben hat, auf welcher dem gewhnlichen Arbeiter mehr Bequemlichkeiten
und Gensse zugnglich sind, als den Knigen, von welchen Homer singt.

Jedes Geschlecht hat an groen Aufgaben zu arbeiten und uns liegt es
ob, die Beziehungen des Kapitals zur Arbeit zu regeln, welche besonders
schwierig geworden sind, seitdem durch die Entdeckung der Dampfkraft auf
den Gebieten vieler Erwerbszweige groe Umwlzungen stattgefunden haben.

Wir haben Mittel und Wege zu finden, nicht um die Arbeit zu vermeiden,
von welcher Herr Bellamy stets als von einem bel spricht, sondern um
den Hirnkrebs unserer Zeit zu heilen: die bestndige Unsicherheit und
die Furcht vor Armut. Das knnen wir aber durch Zusammenarbeiten und
durch Versicherungs-Gesellschaften, die auf Gegenseitigkeit begrndet
sind, ohne da es fr uns ntig wird, in den Kommunismus zurck zu
fallen, diese niedrigste Form der menschlichen Gesellschaft.

Die Unvollkommenheit, welche der Menschheit anhaftet, mu naturgem
auch alle ihre Einrichtungen kennzeichnen und nichts ist daher leichter,
als in einem #Rckblick# die Unzulnglichkeit aller Menschen und Dinge
nachzuweisen, und alsdann von Engeln bewohnte Luftschlsser zu bauen.

Ich werde jetzt einen #Blick in die Zukunft# thun. Ich werde zeigen,
wie Herrn Bellamys hbsche Geschichte enden mu, wenn sie fortgesetzt
wird. Ich beabsichtige nachzuweisen, da Herr Bellamy den Versuch macht,
einen Zustand unbedingter Gleichheit zu errichten; dann aber, an der
Mglichkeit verzweifelnd, eine Ungleichheit befrwortet, welche in
vieler Hinsicht drckender sein wrde, als die jetzigen Verhltnisse.
Ich werde darlegen, da unter der Regierungsform, welche Herr Bellamy
vorschlgt, Gnstlingswirtschaft und Korruption im ffentlichen und
Erwerbs-Leben ppig wuchern mten. Ich werde beweisen, da in Herrn
Bellamys Vereinigten Staaten von menschlicher Freiheit wenig zu finden
sein und da das selbstbewute, unabhngige amerikanische Volk eine
solche Knechtschaft nimmermehr ertragen wrde. Und ich werde ber jeden
vernnftigen Zweifel hinaus nachweisen, da das Volk in dem von Herrn
Bellamy angepriesenen Staatswesen viel rmer sein wrde, als heute.

Ich bestreite durchaus nicht, da unsere Gesellschaft dringend
umgestaltender Verbesserung bedarf; aber ich bin nicht bereit, Herrn
Bellamy, Herrn Most oder irgend jemandem blindlings zu folgen, lediglich
weil er behauptet, die Menschheit sofort von allen beln befreien zu
knnen. Ich beabsichtige nicht, mich kopfber in die Dunkelheit zu
strzen.

Wenn Herr Bellamy und seine Anhnger sich so sicher fhlen, das
tausendjhrige Reich menschlicher Glckseligkeit begrnden zu knnen,
so mgen sie es versuchen, wie es die Kommunisten der Amana Society
versucht haben, welche im Staate Iowa eine Gemeinde errichteten
mit Gtergemeinschaft auf religiser Grundlage. Die Regierung der
Vereinigten Staaten besitzt noch viele Tausende von Ackern guten Landes,
wo Herr Bellamy und seine Freunde sich niederlassen und der Welt zeigen
knnen, wie man die Menschheit im Handumdrehen vollkommen macht! Aber
sie sollten vom Volke der Vereinigten Staaten nicht verlangen, da
dieses seine jetzige Regierungsform und seine Gesellschaftsordnung
aufgeben solle, ehe Herr Bellamy und dessen Freunde bewiesen haben, da
ihre Heilmittel fr die Schden der Gesellschaft in der That unfehlbar
sind.

  #Chicago#, April 1890.

                              #Richard Michaelis.#




Ein Blick in die Zukunft.

Erstes Kapitel.


Um mich selbst denjenigen Lesern vorzustellen, welche das von Herrn
Edward Bellamy herausgegebene Buch _Looking Backward_ (Ein
Rckblick)[1] nicht kennen, teile ich hier in Krze die bemerkenswerten
Ereignisse meines Lebens mit, welche in jenem Werke erzhlt worden sind.

Ich wurde am 26. Dezember 1857 in Boston geboren und Julian West
getauft. Ich besuchte eine Schule und eine hhere Bildungsanstalt
meiner Vaterstadt; da ich aber im Besitze eines bedeutenden Vermgens
war, so widmete ich mich keinem Berufe oder Geschfte. Ich war
mit Frulein Edith Bartlett verlobt, einer jungen Dame von groer
Schnheit. Wir hegten die Absicht zu heiraten, sobald mein neues Haus
in bewohnbarem Zustande sein wrde. Leider wurde aber der Bau vielfach
durch Arbeitseinstellungen der Zimmerleute und Maurer unterbrochen und
ich bewohnte immer noch das altvterliche Gebude, in welchem drei
Geschlechter meiner Familie gelebt hatten.

Da ich oft durch Schlaflosigkeit litt, hatte ich unter dem Fundamente
meines alten Hauses ein Gewlbe herrichten lassen, in das der Lrm der
Grostadt, meinen Schlummer strend, nicht dringen konnte. Das Gewlbe
war ganz feuerfest und erhielt frische Luft durch eine eiserne Rhre,
welche zum Dache des Hauses hinaufreichte.

Um in Schlaf zu verfallen, war ich oft gentigt, mich der Hilfe eines
Mesmeristen zu bedienen. So auch am 30. Mai 1887. Nachdem ich zwei
Nchte schlaflos verbracht hatte, sandte ich meinen schwarzen Diener
Sawyer zu einem Dr. Pillsbury, welcher sich bei hnlichen Gelegenheiten
stets hilfreich erwiesen hatte. Der Arzt war gerade im Begriff die Stadt
zu verlassen, um in New Orleans einen Wirkungskreis zu suchen, und es
war daher die letzte Behandlung, die er mir angedeihen lassen konnte.
Ich beauftragte Sawyer, mich am nchsten Morgen um 9 Uhr zu wecken und
fiel dann unter den Manipulationen des Mesmeristen in einen tiefen
Schlaf.

Als ich erwachte, fand ich, da ich 113 Jahre, 3 Monate und 11 Tage
geschlafen hatte.

Ich entdeckte, da das alte Haus durch Feuer zerstrt worden war und da
Sawyer in den Flammen seinen Tod gefunden hatte. Dr. Pillsbury hatte
Boston verlassen, die Existenz des unterirdischen Gewlbes war meinen
Freunden unbekannt gewesen, das Haus war nicht wieder aufgebaut worden
und so hatte ich mehr als hundert Jahre in tiefem Schlafe verbracht, bis
ein Dr. Leete, der Bewohner eines Hauses, welches auf einem Teile meines
frheren Grundstckes errichtet worden war, im Jahre 2000 mit dem Bau
eines Laboratoriums begonnen und bei dieser Gelegenheit mein Gewlbe
sowie mich selbst entdeckt hatte.

Ich erfuhr, da Edith Bartlett mich vierzehn Jahre lang betrauert und
dann geheiratet habe, da Dr. Leetes Gattin Ediths Enkelin und da seine
Tochter Edith demnach die Urenkelin der jungen Dame sei, welche ich vor
113 Jahren heiraten wollte.

Meine ungebrochene Manneskraft widerstand dem gewaltigen Eindrucke,
welchen diese Entdeckungen auf mich machten. Ich fhlte mich in dem
Hause des Dr. Leete bald heimisch, um so mehr, als die junge Edith in
meinem Herzen alsbald den Platz einnahm, welcher einst Edith Bartlett
gehrt hatte. Und es whrte nicht lange, bis Edith Leete, ein romantisch
und mitleidsvoll veranlagtes, liebenswrdiges Mdchen, mit Anmut ihre
Zustimmung gegeben hatte, die Nachfolgerin ihrer Urgromutter, das
heit, meine Braut zu werden.

Aber noch bemerkenswerter als der Wechsel in meinem eigenen Schicksal,
waren die Vernderungen, welche auf socialem Gebiete stattgefunden
hatten.

Dr. Leete erklrte mir die neue Ordnung der Dinge.

Geschftliche Unternehmungen einzelner hatten aufgehrt. Der Staat
besorgt am Ende des 20. Jahrhunderts alles, was frher einzelne Leute
oder Gesellschaften und Krperschaften unternommen und geleitet hatten.
Alle gesunden Leute, Frauen wie Mnner, im Alter von 21 bis 45 Jahren
gehren dem Heere der Arbeiter an. Leute ber 45 Jahre werden nur
ausnahmsweise, in Fllen dringender Notwendigkeit, wieder in Dienst
gestellt.

Geld ist abgeschafft worden; aber jeder Bewohner der Vereinigten
Staaten erhlt einen gleichen Anteil an den Ergebnissen der Arbeit
der industriellen Armee in Gestalt eines Guthabens-Scheines, eines
Stckes Pappe, auf welchem Dollars und Cents verzeichnet sind. In
jedem Stadtteile und in jedem greren Landbezirke befindet sich ein
Lagerhaus, in welchem das Volk alles findet, dessen es bedarf. Der
Wert der Waren, welche jemand kauft, wird aus seinem Guthabens-Schein
herausgestochen und sein Guthaben in den Regierungsbchern wird mit dem
Betrage der gekauften Waren belastet.

Die Mahlzeiten werden von groen Kochhusern geliefert. Die Wsche wird
in groen Anstalten gereinigt und ausgebessert. Es steht jedermann frei,
seine Mahlzeiten daheim oder im Speisehause einzunehmen. Die Auswahl der
Gerichte ist gro und man kann im Kochhause auch eigene Speisezimmer
haben. Der Preis der Mahlzeiten richtet sich nach den bestellten
Speisen, so wie nach dem Orte, wo diese genossen werden.

Jede Familie bewohnt ein eigenes Haus. Die Einrichtung gehrt dem
Bewohner. Die Miete richtet sich nach Gre und Einrichtung des Hauses
und wird ebenfalls mit einem Kneifzngchen aus dem Guthabens-Schein
herausgestochen.

Alle Bewohner der Vereinigten Staaten sind verpflichtet die Schule zu
besuchen, bis sie das einundzwanzigste Lebensjahr erreicht haben. Dann
werden sie Mitglieder des Arbeiterheeres. Whrend der ersten drei Jahre
ihres Dienstes werden sie Rekruten oder Lehrlinge genannt. Sie mssen
die gewhnlichsten Arbeiten verrichten unter dem unbedingten Befehle
ihrer Offiziere oder Aufseher. ber ihr Verhalten wird Buch gefhrt und
die Befhigung wie das Betragen jedes Rekruten angemerkt.

Nach den ersten drei Jahren seines Dienstes kann jeder Rekrut einen
Beruf whlen. So viel wie mglich werden die Rekruten in solche
Beschftigungszweige eingereiht, denen sie den Vorzug geben. Zuerst
drfen diejenigen Rekruten whlen, welche die besten Zeugnisse haben.
Manche mssen allerdings eine zweite, oder auch eine dritte Wahl
treffen, wenn nach einzelnen Berufszweigen ein zu groer Andrang
stattfindet. Und noch andere mssen mit solchen Stellungen vorlieb
nehmen, welche ihnen von ihren Vorgesetzten angewiesen werden.

Alle Mitglieder des Arbeiterheeres werden nach ihrer Befhigung und nach
ihrem Betragen in drei Abteilungen geteilt und Lehrlinge mit besten
Zeugnissen knnen nach dreijhriger Dienstzeit als Rekruten sofort in
die erste Abteilung derjenigen Gilde oder Zunft treten, welcher sie sich
anschlieen wollen.

Der General einer Zunft oder Gilde ernennt alle Offiziere derselben. Die
Leutnants mssen den Mitgliedern der ersten Abteilung entnommen werden.
Die Hauptleute erwhlt der General aus den Reihen der Lieutenants, die
Obersten aus den Hauptleuten. Der General selbst wird von den frheren
Mitgliedern seiner Zunft erwhlt, das heit, von denjenigen, welche
das fnfundvierzigste Lebensjahr berschritten haben. Die frheren
Mitglieder aller Znfte whlen auch die Vorsteher der zehn groen
Abteilungen oder Gruppen verwandter Znfte, in welche das Arbeiterheer
eingeteilt ist. Diese Chefs oder Vorsteher werden aus den Generlen der
Znfte gewhlt. Die frheren Zunftgenossen erwhlen auch den Prsidenten
der Vereinigten Staaten, welcher frher Vorstand einer der zehn groen
Abteilungen gewesen sein mu. Der Prsident, die Vorsteher der zehn
groen Abteilungen des Arbeiterheeres und die Generle aller Znfte
wohnen in Washington.

Die Angehrigen der Arbeiterarmee haben nicht das Recht bei der Wahl der
Offiziere, von welchen sie befehligt werden, mit zu stimmen. Whrend
ihrer vierundzwanzigjhrigen Dienstzeit haben sie keine Vertretung; aber
wenn sie gegen einen Vorgesetzten Beschwerde fhren wollen, so knnen
sie ihre Klage vor einem Richter anhngig machen, dessen Entscheidung
endgltig ist.

Die Richter werden vom Prsidenten aus den Reihen der Zunftgenossen
gewhlt, welche aus dem Arbeiterheere geschieden und mehr als 45 Jahre
alt sind. Die Dienstzeit der Richter dauert fnf Jahre.

Gerichtshfe, Rechtsanwlte, Gefngnisse, Sheriffs, Steuereinschtzer
und -einnehmer, und viele andere Beamte sind abgeschafft worden.
Verbrecher werden in Heilanstalten als Verstandeskranke behandelt.

Die Bundesregierung regelt alle Thtigkeit. Wenn sie bemerkt, da
nach irgend einem Berufszweige ein starker Andrang von Freiwilligen
stattfindet, whrend andere Znfte ber Mangel an Freiwilligen klagen,
so verlngert die Regierung die Arbeitszeit der bevorzugten Gilde und
verringert die Zahl der Arbeitsstunden in denjenigen Berufszweigen,
welche mehr Freiwillige brauchen.

Die Frauen haben ihre eigenen Offiziere, Generale und Richter, und
bilden ein Hilfsheer der Arbeit. Sie erhalten dieselben Guthabensscheine
wie die Mnner, und da das Kochen, Waschen, sowie das Ausbessern von
Haushaltungsgegenstnden auerhalb besorgt wird, so haben die Frauen des
zwanzigsten Jahrhunderts mehr Zeit fr Arbeit, welche Werte erzeugt, als
die Frauen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

Rekruten, welche drei Jahre gedient haben, knnen in technische,
medizinische und andere gelehrte Schulen eintreten; wenn sie aber auer
Stande sind, mit ihren Klassen geistig Schritt zu halten, mssen
sie wieder austreten. rzte, welche von Kranken nicht gengend in
Anspruch genommen werden, mithin das Vertrauen ihrer Mitbrger nicht
genieen, mssen es sich gefallen lassen, da ihnen andere Beschftigung
zugewiesen wird.

Wenn Leute die Herausgabe einer Zeitung wnschen, so knnen sie
zusammentreten und gemeinschaftlich genug von ihren Guthabensscheinen an
den Staat abgeben, um diesen fr den Verlust der Arbeit der Redakteure,
Setzer und Drucker zu entschdigen.

Wenn jemand ein Buch herausgeben will, kann er es in seinen Muestunden
schreiben und es drucken lassen, indem er einen Teil seines
Guthabensscheines als Bezahlung fr Satz, Druck und Papier an den Staat
aufgiebt. Fr die verkauften Bcher erhlt er dann ein entsprechendes
Guthaben.

Geistliche werden in hnlicher Weise wie die Redakteure von solchen
Leuten besoldet, welche deren Predigten zu hren wnschen.

Krppel oder andere Leute, welche auer Stande sind, die den Mitgliedern
des Arbeiterheeres obliegenden Pflichten ganz zu erfllen, erhalten
nichtsdestoweniger ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen. Die
Thatsache, da sie Menschen sind, berechtigt sie zu einem vollen Teil an
den guten Dingen, welche die Erde bietet; gleichviel ob sie selbst wenig
oder gar nichts produzieren knnen.

Die Staatsregierungen innerhalb des Gebietes der Union sind als nutzlos
abgeschafft worden.

Alle anderen civilisierten Vlker haben die Arbeit und den Verbrauch
ihrer Brger hnlich geregelt, wie die Vereinigten Staaten und sie
treiben freien Handel miteinander. Am Ende eines jeden Jahres wird das
Guthaben der verschiedenen Lnder mit solchen Gegenstnden ausgeglichen,
welche berall verwendbar sind.

Die neue Ordnung der Dinge setzt die Vlker in den Stand, ohne alle
Sorgen zu leben und die Folge davon ist, da die meisten Mnner und
Frauen von gesunder Krperbeschaffenheit 85 bis 90 Jahre alt werden. --

So lautete die Schilderung, welche mir Dr. Leete von der neuen
Gesellschaftsordnung in einer Anzahl von Unterredungen machte. Der
Doktor spricht sehr begeistert von dem Staate, in welchem er lebt, und
steht nicht an, ihn das tausendjhrige Reich zu nennen.

Die Besorgnis und Unsicherheit, welche ich in Bezug auf meine eigene
Thtigkeit in dem Arbeiterheere empfand, wurden von Dr. Leete beseitigt.
Er teilte mir mit, da mir die Stellung des Professors der Geschichte
des neunzehnten Jahrhunderts am Shawmut Kollege in Boston offen stehe.
Ich habe dieses Anerbieten angenommen und werde am nchsten Montag mein
neues Amt antreten.




Zweites Kapitel.


Als ich zum erstenmale den groen Saal im Shawmut Kollege betrat, in
welchem ich meine Vorlesungen halten sollte, gewahrte ich nahe der
Saalthr einen Herrn im Alter von etwa vierzig Jahren. Er war zu alt,
als da ich ihn htte fr einen Studenten halten knnen und da ich ihn
nicht gesehen hatte, als Dr. Leete mich den Professoren der Anstalt
vorstellte, so war ich einigermaen neugierig zu erfahren, in welcher
Eigenschaft er meine erste Vorlesung mit seiner Gegenwart beehrte.

Der herzliche Empfang, welcher mir von seiten der Professoren zu
teil geworden war, die Thatsache, da die Studenten jeden Platz des
groen Saales fllten, wirkten auerordentlich anregend auf mich und
nachdem Dr. White, der Prsident der Universitt, mich mit einigen
schmeichelhaften Bemerkungen als einen lebenden Zeugen der Civilisation
des neunzehnten Jahrhunderts vorgestellt hatte, begann ich meine erste
Vorlesung vom besten Geiste beseelt.

Meine Rede stand naturgem unter dem Einflusse dessen, was Dr. Leete
mir in unseren Unterredungen ber die vergleichsweisen Vorzge und
Nachteile der Gesellschaftsordnung des neunzehnten und zwanzigsten
Jahrhunderts gesagt hatte.

Ich setzte auseinander, da meine Hrer von mir keine bersicht der
eigenartigen Civilisation in beiden Jahrhunderten erwarten drften;
auch keine Lobpreisungen der jetzigen Ordnung der Dinge. Ich wrde
nur auf einige Bestimmungen und Einrichtungen verweisen, welche als
kennzeichnend gelten knnen fr den Geist der beiden Zeitalter.

Als Merkmal des Zeitgeistes des neunzehnten Jahrhunderts schilderte
ich den wahnsinnigen Wettbewerb. In diesem ekelhaften Kampfe sei der
Mensch gezwungen worden, zu bervorteilen, verdrngen, unter dem
Werte kaufen und zu teuer verkaufen, das Geschft zerstren, durch
welches sein Nachbar seine Kleinen ernhrte, die Menschen verleiten
zu kaufen, was sie nicht sollten und zu verkaufen, was sie nicht
durften, seine Arbeiter drcken, seine Schuldner peinigen, seine
Glubiger hintergehen,[2] um diejenigen unterhalten zu knnen,
welche er zu ernhren hatte. Ich zeigte, da es unter den Leuten am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts viele gegeben habe, welche, wenn
es sich um ihr eigenes Leben gehandelt htte, es lieber aufgegeben,
als durch das Brot ernhrt htten, das sie anderen geraubt.[3] Ich
setzte auseinander, da dieser wahnsinnige und vernichtende Wettbewerb
bestndig an Geist und Krper der Menschheit gezehrt habe und da dieses
zehrende Fieber noch vermehrt worden sei durch die bestndige Furcht vor
gnzlicher Verarmung. Das Gespenst der Unsicherheit htte den Menschen
des neunzehnten Jahrhunderts auf Schritt und Tritt verfolgt, es htte
sich mit ihm zu Tisch gesetzt, und wre mit ihm zu Bett gegangen und
htte ihm zugeraunt: Arbeite noch so tchtig, stehe frh auf und mhe
dich ab bis zum spten Abend, raube listig oder diene treu -- du wirst
nie die Sicherheit kennen. Du magst jetzt reich sein und doch kannst
du einst in Armut geraten. Hinterlasse deinen Kindern noch so groen
Reichtum -- du kannst dir nicht die Sicherheit erkaufen, da dein Sohn
nicht einst der Diener deines Dieners wird, oder da deine Tochter sich
nicht um Brot verkaufen mu.[4]

Vor hundertunddreizehn Jahren arbeiteten die Menschen wie die Sklaven
bis zur vlligen Erschpfung, ohne dadurch auch nur die Sicherheit vor
Verarmung oder vor einem jammervollen Hungertode erwerben zu knnen.
Heut, am Ende des gesegneten zwanzigsten Jahrhunderts, wandele die
Menschheit im rosigen Lichte der Freiheit, Sicherheit, Glckseligkeit
und Gleichheit. Die Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts geniee in
vorzglichen Schulen einen ausgezeichneten Unterricht und whle nach
Durchmachung einer dreijhrigen Lehrzeit frei ihren Beruf. Selbst
whrend ihrer Dienstzeit im Arbeiterheere erlaube ihnen die kurze
Arbeitszeit an ihrer geistigen Ausbildung weiter zu bauen und dennoch
bleibe ihnen zur Erholung mehr Zeit, als man vor hundert Jahren
fr vereinbar gehalten htte mit dem Betriebe der Fabriken, der
Landwirtschaft und anderer Berufszweige.

Frei von allen Sorgen, in vlliger bereinstimmung mit den
Nebenmenschen, ohne den strenden Einflu politischer Parteien, im
Besitz eines Reichtums, wie er in der Geschichte der Vlker niemals
erhrt wurde, knnten wir in der That sagen: Der lange, traurige Winter
der Gattung ist vorber. Ihr Sommer hat begonnen. Die Menschheit hat
ihre Puppenhlle durchbrochen. Der Himmel liegt vor ihr.[5]

Ich hatte mit Begeisterung, ja, mit tiefer Bewegung gesprochen und
erwartete eine mindestens beifllige Aufnahme meiner Rede. Aber nur
vereinzelte und khle Beifallsbezeugungen lieen sich hren, als
ich meinen Vortrag beendet hatte. Kaum der vierte Teil der im Saale
befindlichen Studenten hatte es der Mhe wert gefunden, bereinstimmung
mit den von mir entwickelten Ansichten auszudrcken und auch diese
Wenigen schienen mehr aus Hflichkeit, als aus herzensfreudiger
bereinstimmung ihren Beifall kund gegeben zu haben. Diese frostige
Aufnahme war fr mich eine solche Enttuschung, da ich nicht Mut genug
sammeln konnte, mein Katheder zu verlassen und durch die Studenten zu
schreiten, whrend diese den Saal verlieen.

Ich machte mir daher an meinem kleinen Pulte zu schaffen, bis jedermann
die Halle gerumt hatte, mit Ausnahme des Herrn, welcher bei meinem
Eintritt meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er blieb an der Thr stehen,
offenbar meinen Weggang erwartend.

Sie gehren zur Universitt, fragte ich, um meine Befangenheit zu
verbergen.

Allerdings, antwortete er mit einem leichten Lcheln, welches zu
weiteren Fragen herausforderte.

Vermutlich habe ich das Vergngen, einen meiner Herren Kollegen kennen
zu lernen, fuhr ich fort. Mein Name ist West.

Bis vor einem Monate war ich Professor Forest, Ihr Vorgnger als Lehrer
der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Heut bin ich einer der
Pedelle und mein Vorgesetzter ist so freundlich gewesen, meiner Sorgfalt
gerade diesen Saal zu empfehlen.

Ich hatte whrend der letzten Tage so vieles Neue und berraschende
gesehen, da ich nicht so leicht in Erstaunen versetzt werden konnte.

Aber die Mitteilung, da ein Universittsprofessor mit der Reinhaltung
desselben Saales beauftragt werden knnte, in welchem er vorher gelehrt,
klang so unglaublich und erffnete mir selbst fr meine weitere
Laufbahn eine so unerfreuliche Aussicht, da ich meine Bestrzung nicht
verbergen konnte.

Und was hat diesen sonderbaren Stellungswechsel veranlat? fragte ich.

In meinen Vergleichen betreffs der Civilisation und der Lage der
Menschheit im Jahre 1900 und im Jahre 2000 kam ich zu andern Schlssen,
als Sie, antwortete Forest.

Sie wollen doch nicht etwa sagen, da die Menschen am Ende des vorigen
Jahrhunderts besser gestellt waren, als das jetzige Geschlecht, fragte
ich, gleichzeitig berrascht und neugierig.

Das ist in der That meine Ansicht, sagte Forest.

Diese sonderbare Anschauung kann ich mir nur dadurch erklren, da
Sie persnlich keine Kenntnis von den Zustnden haben, welche Ihnen so
schtzenswert erscheinen, rief ich aus.

Ich mu natrlich zugeben, da ich meine Belehrung aus unserer Bcherei
geschpft habe und da Sie zur Untersttzung Ihrer Ansichten ber die
Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts Ihre persnliche Erfahrung
geltend machen knnen, antwortete Forest. Dagegen sind Sie wohl nicht
so gut vertraut mit dem gegenwrtigen Stande der Dinge. Die Quelle Ihrer
Kenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts ist #ein# Mann: Dr. Leete. Ich
darf deshalb wohl behaupten, da meine Nachrichten ber die Civilisation
Ihrer Tage besser sind, als Ihre Kenntnis unserer Zustnde, weil ich
mich auf mehr Zeugen berufen kann, als Sie.

Dann werden Sie auch die Ansichten mibilligen, welche ich in meinem
Vortrage entwickelte.

Ihre Vorlesung wird unzweifelhaft in allen Regierungs-Zeitungen
verffentlicht werden, also in fast jeder Zeitung des Landes,
entgegnete Forest, eine unmittelbare Antwort auf meine Frage vermeidend.

Sie sprechen von Regierungszeitungen, fragte ich erstaunt. Hat die
Regierung Zeitungen und braucht sie Organe?

Freilich hat die Regierung Zeitungen. Und es ist ebenso schwierig wie
unangenehm, eine Zeitung herauszugeben, welche die Regierung tadelt oder
bekmpft. Wir haben deshalb nur sehr wenige solcher Zeitungen.

Aber Dr. Leete sagte mir doch: Wir haben keine Parteien oder
Politiker, und was das Demagogentum und die Bestechlichkeit anbetrifft,
so sind das Worte, die nur noch eine historische Bedeutung haben.[6]
Und nun sprechen Sie von Gegnern der Regierung sowie von Zeitungen der
letzteren? Ich sagte dies mit dem Ausdruck des Zweifels in Stimme und
Blick, aber Herr Forest wurde dadurch nicht beirrt.

Er brach in ein lautes Gelchter aus und sagte dann: Entschuldigen Sie,
bitte, meine Heiterkeit! aber Dr. Leete ist ein groer Spamacher und
er ist immer sicher, durch seine Scherze eine Versammlung zum Lachen
zu zwingen! In der That! Das ist zu gut! Ich wnsche, ich htte sein
Gesicht sehen knnen, als er Ihnen diese Offenbarungen zu teil werden
lie.

Und Forest lachte von neuem, da ihm die Thrnen in die Augen traten.

Ich bitte um Verzeihung, Herr West, fuhr Herr Forest fort, als ich
seiner Heiterkeit mit Schweigen begegnete. Aber Sie wrden mich
entschuldigen und wahrscheinlich in mein Gelchter einstimmen, wenn Sie
Herrn Dr. Leete so gut kennen wrden, wie ich und dann hrten, da er
von einem Mangel an Politikern gesprochen hat. Doch ich will gleich hier
erklren, fgte Herr Forest in ruhigerem Tone hinzu, da ich keine
geringe Meinung von Dr. Leete habe. Er ist ein etwas rcksichtsloser
Spavogel und ein geriebener Politiker; im brigen aber ein so guter
Mann, wie unsere Zeit ihn nur hervorbringen kann.

Dr. Leete ist ein Politiker? fragte ich mit neuem Erstaunen.

Allerdings. Dr. Leete ist der einflureichste Fhrer der
Regierungspartei in Boston. Seinem Einflusse bin ich es schuldig, da
ich immer noch mit der Universitt in Verbindung stehe.

Forest nahm wahr, da ich nicht wute, wie ich diese Erklrung deuten
solle und fgte daher hinzu: Als ich beim Vergleich der Civilisation
der zwei Jahrhunderte zu dem Schlu gelangte, da der Kommunismus sich
als ein Fehlschlag erwiesen habe, wurde ich als Verfhrer und Verderber
der studierenden Jugend in Anklagestand versetzt. Das in solchen Fllen
bliche Urteil: Einsperrung in ein Irrenhaus wurde gefllt. Denn nach
Ansicht unserer Machthaber kann nur ein Irrsinniger sich gegen die beste
gesellschaftliche Ordnung auflehnen, welche die Menschheit jemals hatte.
Dr. Leete erklrte indes, mein Irrsinn sei ein so harmloser, da meine
Einsperrung in ein Tollhaus berflssig erscheine, zumal sie auch zu
kostspielig sei. Ich knnte immer noch meinen Lebensunterhalt verdienen,
indem ich im Universittsgebude leichte Arbeit verrichte. Dadurch wrde
ich den Professoren und Studenten als lebendige Warnung dienen, in ihren
uerungen und Lehren vorsichtig zu sein.

Die Studenten scheinen Ihre Ansichten zu teilen; denn sie nahmen meine
Auseinandersetzungen recht khl auf, bemerkte ich, um der Unterredung
eine andere Wendung zu geben und einer weiteren Besprechung der
Eigenschaften meines Gastfreundes vorzubeugen.

Forests durchdringende graue Augen blickten einen Augenblick forschend
in die meinigen. Dann sagte er freundlich:

Ich glaube, da Sie Ihrer berzeugung gem gesprochen haben, Herr
West. Haben Sie aber nicht das Gefhl gehabt, da Sie Ihrer Zeit und
Ihren Zeitgenossen keine Gerechtigkeit widerfahren lieen? Machte es der
Wettbewerb, die Konkurrenz denn wirklich ntig, da jedermann seinen
Nachbar betrog, seine Arbeiter ausprete, seinen Schuldnern die Kehle
zuschnrte und anderen Leuten das Brot vom Munde wegri? Waren denn
wirklich die meisten Menschen Ihres Zeitalters Betrger und Blutsauger?
Waren die Arbeiter smtlich Sklaven, welche tagtglich arbeiteten,
bis sie gnzlich erschpft waren? Ich wei aus Zeitschriften und
Geschichtswerken recht wohl, da die Mitglieder groer Gewerkschaften
in ihren Tagen oft die Arbeit einstellten, weil sie acht Stunden als
ein Tagewerk ansahen und da sie sich weigerten, gegen gute Bezahlung
neun oder zehn Stunden zu arbeiten. Danach hatten sie einen krftigen,
stolzen und unabhngigen Arbeiterstand, und es erscheint fast wie
eine Beleidigung, diese Leute als Sklaven zu bezeichnen. Und was die
Mdchen anbelangt, so habe ich Klagen darber gelesen, da Hilfe fr
Hausfrauen zu Ihrer Zeit nur schwer zu erlangen war und da Kchinnen
und Stubenmdchen je nach ihrer Leistungsfhigkeit von 2 bis 5 Dollar
wchentlich und Kost erhielten. Es lag also fr ein anstndiges Mdchen
keine Entschuldigung vor, wenn sie sich fr Brot verkaufte. Allerdings
war die Civilisation Ihrer Tage weit davon entfernt fehlerlos zu sein.
In der That ist nichts auf Erden vollkommen. Aber Ihre Schilderung der
Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts war in so dsteren Farben
gehalten, da unsere Studenten, welche mit der Geschichte jener Tage
nicht ganz unbekannt sind, sich von Ihrer Vorlesung unmglich konnten
begeistern lassen. Dies wre auch schon deshalb schwierig gewesen, weil
viele dieser jungen Leute unsere jetzigen Einrichtungen durchaus nicht
so unbedingt bewundern, wie Sie. Ich spreche ganz offen, Herr West, und
ich hoffe, da Sie meinen Freimut entschuldigen werden. Ich mchte Ihnen
einen Dienst leisten, indem ich Ihnen unsere Zustnde, Einrichtungen und
Menschen genau so schildere, wie sie sind.

Der warme Ton seiner Stimme und der freundliche Blick seiner Augen
veranlaten mich beim Weggehen Forests Hand zu drcken; obschon alles,
was er sagte, gegen meine Freunde und gegen meine eigenen Ansichten
gerichtet war und mich daher sehr peinlich berhrte. Ich ging in
gedrckter Stimmung nach Hause, in meinen Gedanken die Einwendungen
erwgend, welche Forest gegen meine Vorlesung erhoben hatte.

Ich traf Dr. Leete und die Damen beisammen. Edith fragte mich, ob mein
erstes Auftreten als Professor sich meinen Erwartungen gem gestaltet
habe.

Es war immer mein Grundsatz offen und ehrlich zu sein. Ich teilte
daher den Freunden meine Erlebnisse, den wesentlichen Inhalt meiner
Vorlesung, deren khle Aufnahme und meine Enttuschung mit. Ich erwhnte
auch Herrn Forests kritische Besprechung meiner Rede und gestand, da
sein abflliges Urteil in so fern berechtigt gewesen wre, als ich
die Auswchse, welche der Wettbewerb bei einzelnen Leuten meiner Zeit
erzeugt hatte, der gesamten Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts
zuschrieb. Die Bemerkungen, welche Forest ber Dr. Leete gemacht hatte,
erwhnte ich natrlich nicht.

Mein Bericht machte offenbar auf Dr. Leete keinen unbedingt angenehmen
Eindruck. Nach einer kurzen Pause sagte er: Ich meine, da die
rcksichtslose Konkurrenz im letzten Teile des neunzehnten Jahrhunderts
notwendiger Weise das ganze Volk mehr oder weniger verderben mute, --
in den meisten Fllen mehr. Deshalb halte ich Ihre Vorlesung fr eine
ausgezeichnete Darlegung leitender Grundstze und ich glaube nicht, da
Sie Veranlassung haben, auch nur einen Zoll breit von dem Standpunkte
zurckzuweichen, den Sie eingenommen haben. Die khle Aufnahme, welche
Ihnen wurde, darf Sie nicht beirren. Sie ist eine Folge der Forestschen
Lehrthtigkeit. Er hat seine irrigen Ansichten in die Kpfe unserer
Studenten geset, seine blinde Verehrung fr den Wettbewerb und seine
Abneigung gegen die jetzige Ordnung der Dinge. Es ist jetzt Ihre
Aufgabe, die jungen Leute ber den vergleichsweisen Wert der beiden
Gesellschaftsordnungen aufzuklren. Herr Forest legt durch seine
unablssigen Versuche, die Studenten zu verleiten, unserer Geduld
schwere Proben auf. -- Hat er Ihnen gegenber den Umstand nicht erwhnt,
da er Ihr Vorgnger war?

Er that es, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er ein Mitglied des
Lehrerpersonals sei. Er sagte, da er wegen Ketzerei entlassen wurde
und da er seine verhltnismig milde Behandlung Ihrer Verwendung
verdanke.

Es ist nicht Forests Art, mit seinem Urteil zurckzuhalten und ich darf
demnach annehmen, da er Ihnen eine nette Schilderung von Dr. Leete
entworfen hat, sagte mein Gastfreund lchelnd.

Unter den obwaltenden Umstnden schien es mir am zweckmigsten, die
uerungen zu wiederholen, welche Forest ber Dr. Leete gemacht hatte,
zumal dieselben nicht bsartig, sondern eher schmeichelhaft fr meinen
Gastfreund waren. Ich kann wohl hinzufgen, da ich einigermaen
neugierig war zu sehen, was Dr. Leete zu der Behauptung des Herrn Forest
sagen wrde, da er ein Politiker und Fhrer der Regierungspartei wre.

So sagte ich denn: Herr Forest lachte herzlich, als ich Ihre uerung
wiederholte, da Sie weder Parteien noch Politiker htten. Er nannte
Sie einen Spamacher, einen geriebenen Politiker, den Fhrer der
Regierungspartei und einen braven Mann.

ber Dr. Leetes Zgen flog ein etwas grimmiges Lcheln, als er
antwortete: Das ist ein Charakterzeugnis, auf welches ich eigentlich
stolz sein sollte, da es von einem zum Krittler gewordenen Kritiker
herrhrt. Was Forests Behauptung betrifft, da ich ein Politiker sei, so
habe ich darauf nur zu entgegnen, da ich noch nie ein Amt bekleidete;
und da die Regierung mich in einzelnen Fllen zu Rate zog, macht mich
noch nicht zum Fhrer der Regierungspartei, denn diese Auszeichnung
wurde auch andern Brgern hufig zu teil. Politische Parteien haben
wir nicht. Es giebt natrlich einige unverbesserliche Tadler, die,
wie Forest, nie zufriedengestellt werden knnen, und einige radikale
Krakehler. Ihnen wird aber wenig Beachtung geschenkt, so lange sie nicht
den Frieden des Volkes stren. Thun sie dies, so senden wir sie in eine
Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.

Obschon auch die letzten Worte im Tone leichter Unterhaltung gesprochen
wurden, machten sie doch einen tiefen Eindruck auf mich. Thun sie
dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene
Behandlung zu teil wird. Besttigte das nicht Forests Behauptung, da
die Urteile, welche ber Gegner des Kommunismus gefllt wrden, fast
immer auf Einsperrung in eine Irrenanstalt lauteten?

Meine unangenehmen Gedanken wurden durch Ediths weiche Stimme
unterbrochen: Ich denke, lieber Vater, sagte sie, Herr Forest ist ein
eben so ehrenhafter wie wohlmeinender Mann und man sollte ihm gestatten,
seine Meinungen zu uern, selbst wenn diese irrig oder gar sonderbar
sind. Die Studenten werden am Ende ohne Zweifel davon berzeugt werden,
da unsere Gesellschaftsordnung so gut ist, wie sie nur gestaltet werden
kann. Auerdem ist es auch so unterhaltend, gelegentlich einmal eine
andere Ansicht zu hren.

Mit dem Ausdruck vterlicher Liebe legte Dr. Leete seine rechte Hand
auf Ediths reiches Haar und sagte: Die Damen am Hofe Ludwigs XVI. von
Frankreich fanden auch die Ansichten sehr unterhaltsam, welche die
Revolution veranlaten und vielen der unterhaltenen Damen und Herren
ihre Kpfe unter der Guillotine kosteten. -- Gedanken sind Feuerfunken,
die leicht eine Feuersbrunst veranlassen knnen, wenn sie nicht
berwacht werden.




Drittes Kapitel.


Ich hatte mich niemals viel mit Volkswirtschaft befat und es war mir
demgem auch nie in den Sinn gekommen, wirtschaftliche Grundstze
auf ihren Wert zu prfen. Ob Wettbewerb oder Gtergemeinschaft der
Menschheit zutrglicher sei -- diese Frage war mir noch nie in den
Sinn gekommen. Als daher Dr. Leete in seiner ebenso bestimmten wie
ansprechenden Weise erklrte, wie die Gesellschaft nach Beseitigung
des Wettbewerbes geordnet wurde, hatte ich nicht einmal erkannt, da
diese Ordnung auf kommunistischen Grundstzen ruhte. Ich meinte, die
Menschheit htte das tausendjhrige Reich errungen und als Dr. Leete mir
sagte, da seine bequeme, ja von berflu zeugende Lebensweise die des
gesamten Volkes im letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sei, da
zweifelte ich nicht, da jedermann mit der neuen Gesellschaftsordnung
zufrieden sein msse.

Meine khle Aufnahme seitens der Studenten und meine Unterredung mit
Herrn Forest hatten mich aber belehrt, da nicht alle Bewohner der
Vereinigten Staaten im zweitausendsten Jahre des Herrn die jetzige
Gesellschaftsordnung fr das tausendjhrige Reich hielten und ich mu
bekennen, da mich diese Wahrnehmung sehr schmerzlich berhrte. Denn
ein ser Friede, eine nie vorher empfundene Ruhe waren in mein Herz
gezogen, als Dr. Leete von der grenzenlosen Glckseligkeit erzhlte,
deren sich die Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert erfreute.

Meine neue Stellung legte mir nun die Pflicht auf, mich eingehend
mit volkswirtschaftlichen Fragen zu beschftigen. Allerdings htte
ich einfach die gesellschaftlichen und politischen Zustnde in den
Vereinigten Staaten am Schlusse des vorigen Jahrhunderts schildern und
vor jenem Hintergrunde die neue Ordnung der Dinge loben knnen; aber das
wrde mir selbst nicht gengt haben. Ich wollte selbst durch eingehende
vergleichende Prfung erforschen, welche von beiden wirtschaftlichen
Richtungen den Vorzug verdiene. Deshalb pflegte ich meine Bekanntschaft
mit Herrn Forest, um dessen Grnde gegen die von Dr. Leete vertretenen
Lehren kennen zu lernen. Dieser Umgang mit Herrn Forest war insofern fr
mich kein angenehmer, als mich stets das Gefhl des Unbehagens bei dem
Gedanken berkam, da Forests Anschauungen und Grundstze sich als die
richtigeren erweisen knnten. Denn ein Sieg der von Forest vertretenen
Ansichten kam einer Umkehr zu einem Stande der Dinge gleich, welcher
mir so grndlich zuwieder war, wegen der Sorgen und Unbequemlichkeiten,
die er im Gefolge hatte. Mir erschien Dr. Leetes Staatswesen als ein
Paradies, aus dem Forest mich vertreiben wollte.

In meinen nchsten Vorlesungen beschrnkte ich mich auf eine genaue
Schilderung des Arbeitsmarktes in Boston im Jahre 1887. Alle
bertreibungen sorgfltig vermeidend, zog ich aus den vorliegenden
Thatsachen nur unbestreitbare Schlufolgerungen. Ich zeigte, wie Kapital
und Arbeit gleichmig unter den zahlreichen Arbeitseinstellungen jener
Tage gelitten hatten und pries die jetzige Ordnung der Dinge, weil sie
solche unsinnige wirtschaftliche Kmpfe unmglich mache.

Nach Beendigung meiner Vorlesungen unterhielt ich mich stets mit
Herrn Forest, welcher ebenso bereitwillig war, ber die neue
Gesellschaftsordnung zu sprechen, wie Dr. Leete.

Die Freunde der Regierung nennen mich einen unverbesserlichen
Krittler, sagte Forest, und sie haben recht, obschon sie ihr Urteil in
etwas hflichere Worte kleiden und sagen knnten, da ich zur Prfung
aller Dinge geneigt bin. Ich wrde jede Regierung, unter der zu leben
mein Schicksal wre, prfen und mein Urteil aussprechen; gleichviel, wie
gut, oder wie schlecht die Regierung auch wre. Ich hege keinen Groll
gegen die Mnner, welche die Vereinigten Staaten heut regieren. Ich gebe
sogar zu, da sie etwas mehr Klugheit, Thatkraft und Duldsamkeit zeigen,
als die Mitglieder der Verwaltung, welche vor zwlf Jahren aus dem Amte
schied. Es sind eben die leitenden Grundstze, welche falsch sind und
demgem mssen auch die Folgen schlecht sein, was immer die Regierung
thun mag, die blen Folgen eines schlechten Systems zu verkleistern.

Sie meinen demnach, da das jetzige System durchaus falsch ist? fragte
ich.

Knnen Sie daran zweifeln? antwortete Forest. Blicken Sie um
sich! Ist der leitende Grundsatz in der Schpfung Gleichheit oder
Verschiedenheit? Sie finden oft hnlichkeit, nie Gleichheit.
Pflanzenkundige haben Tausende von Blttern gesammelt, die auf den
ersten Blick ganz gleich erschienen; aber bei sorgfltiger Prfung
fanden sie ganz bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Ungleichheit ist
Naturgesetz und jeder Versuch, unbedingte Gleichheit herzustellen, ist
demnach naturwidrig und unsinnig. Es haben deshalb auch alle derartigen
Versuche sich als Fehlschlge erwiesen. Selbst als einige der ersten
Christen, von Nchstenliebe geleitet, die Gtergemeinschaft unter
sich einfhrten, war das naturwidrige Unternehmen nicht von Bestand.
Selbst der selige Prokrustes konnte mit einer Bettstelle fr alle
sein Geschft nicht betreiben; er brauchte deren zwei, fr die langen
und fr die kurzen Opfer, welche ihm in die Hnde fielen. Wir knnten
eben so wohl anordnen, da knftighin alle Mnner sechs Fu lang sein,
zweiundvierzig Zoll um die Brust messen, eine griechische Nase, blaue
Augen, blonde Haare und eine Tenorstimme haben mssen, wie wir versuchen
knnen, alles Leben in einem kommunistischen Gemeinwesen in eine
Gleichheitszwangsjacke zu stecken, in der Erwartung, da die Menschheit
sich da wohl fhlen solle. -- Bercksichtigen wir doch nur in Verbindung
mit der Verschiedenartigkeit der geistigen und krperlichen Anlagen die
Verschiedenheit der Neigung und des Geschmackes, die Mannigfaltigkeit
der Berufsthtigkeit und beantworten wir uns dann die Frage, ob die
Begrndung einer Gesellschaftsordnung auf der Grundlage unbedingter
Gleichheit dauern kann.

Wenn ich mir eine richtige Ansicht von der Gliederung Ihrer
Gesellschaft gebildet habe, wandte ich hier ein, so haben Sie das
Anrecht aller Menschen auf einen Lebensunterhalt anerkannt, indem Sie
jedermann einen gleichen Anteil an den Arbeitserzeugnissen zugestanden;
aber Sie haben auch jedermann die Gelegenheit geboten, einen ihm
zusagenden Beruf zu whlen. Sie haben ferner die zu einer Zunft
gehrigen Arbeiter in Abteilungen und Grade geteilt, um den Ehrgeiz der
Arbeiter nach Erreichung eines hheren Grades anzuregen und Sie haben
so eine Verschiedenartigkeit der Stellungen geschaffen, welche der
Ungleichheit der Menschen entspricht, die Sie vorhin hervorgehoben.

So ist es, sagte Forest. Wir haben zuerst den Grundsatz der
Gleichheit festgestellt und alsdann unsere Gesellschaft auf der
Grundlage der Ungleichheit gegliedert, wodurch wir die ausdrckliche
Anerkennung der Thatsache vermieden, da die neue Gesellschaftsordnung
in der Lehre wie in der Wirklichkeit eine Fehlgeburt ist. Die Frage,
welche uns vorliegt, ist eine sehr einfache: #Sind wir alle einander
gleich?# Wenn wir es sind, dann ist der Kommunismus die allein richtige
Gesellschaftsform und jedermann sollte alsdann einen gleichen Anteil von
den Erzeugnissen der gemeinschaftlichen Arbeit erhalten. Sind wir nicht
alle einander gleich, sind wir verschieden voneinander an geistigen und
krperlichen Fhigkeiten, sind die Arbeitsergebnisse ungleich, dann
liegt auch kein vernnftiger Grund vor, weshalb die Arbeitserzeugnisse
gleichmig verteilt werden sollten. Wir aber verkndigen erst den
Grundsatz der Gleichheit und behaupten, da wir besagter Gleichheit
wegen die Arbeitserzeugnisse gleichmig verteilen; -- und dann teilen
wir die smtlichen Arbeiter, je nach ihrer Fhigkeit, in solche ersten,
zweiten und dritten Grades..... Und in vielen Fllen sind diese Grade
noch in eine erste und eine zweite Klasse geteilt.[7] Hier sehen wir
also, da die Arbeiter in sechs Abteilungen gegliedert werden und zwar
aus dem ausdrcklich angefhrten Grunde: weil ihre Befhigung eine
#verschiedene# ist. Da ihr Flei ebenfalls ungleich ist, wird nicht
ausdrcklich zugestanden, ist aber nichtsdestoweniger eine Thatsache.
Die #Ungleichheit# der Menschen wird also #ausdrcklich# anerkannt;
aber die Arbeitsergebnisse werden im Namen der #Gleichheit gleichmig
verteilt#!

Nun hat ohne Zweifel, fuhr Forest mit groem Nachdruck fort,
jedermann ein natrliches Recht auf die Frchte seiner Thtigkeit.
Wir nehmen aber dem tchtigen Arbeiter des ersten Grades einen
Teil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl
aus der sechsten Abteilung zu geben. Das ist natrlich offenbare
#Ruberei#, die sich nicht einmal unter dem schbigen Mntelchen
eines Regierungsgrundsatzes verbirgt; denn durch die Einteilung der
Arbeiter in sechs Abteilungen wegen verschiedener Befhigung erkennen
wir ja ausdrcklich an, da es mit der Gleichheit nichts ist! --
Dennoch werden alle Diejenigen, welche diese Beraubung der Fleiigen zu
Gunsten der Faulen nicht als Handlung hchster Staatsweisheit bewundern
mgen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher
die Geschichte der Menschheit uns meldet.

Sie sind bis zu einem gewissen Grade ein Verteidiger der Civilisation
des neunzehnten Jahrhunderts, antwortete ich. Nun wurden aber zu
unserer Zeit von manchen Wortfhrern der Arbeiter die Arbeitgeber
Lohndiebe gehieen, d. h. sie wurden beschuldigt, sie htten einen zu
groen Anteil von dem fr die Arbeitserzeugnisse vereinnahmten Gelde fr
sich behalten und den Arbeitern zu geringen Lohn gegeben. Mir erscheint
die gleiche Verteilung alles Eigentums viel empfehlenswerter, als eine
Verteilungsart, bei welcher eine vergleichsweise kleine Anzahl von
Arbeitgebern sich auf Kosten der Masse des arbeitenden Volkes bereichern
konnte.

Ich bin kein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten
Jahrhunderts, rief Forest. Ich behaupte nur, da der #Wettbewerb#,
unter welchem die Menschheit vor hundert Jahren arbeitete, dem
#Kommunismus#, unter welchem wir jetzt arbeiten, weit #berlegen# ist.
Der ungerechte Gewinn der Arbeitgeber, von welchem Sie sprechen, htte
leicht abgeschafft werden knnen, wenn Ihre Arbeiter sich zu Teilhaber-
oder Genossenschaften vereinigt htten. Vor 100 Jahren gab es kein
Gesetz, welches ein Dutzend Schuhmacher htte hindern knnen, sich ein
Lokal mit Dampfkraft zu mieten, etliche Nh- und sonstige Maschinen zu
kaufen und Schuhzeug fr eigne Rechnung und Gefahr zu machen. Und es
gab kein Gesetz, welches alle anderen Arbeiter htte hindern knnen,
ihr Schuhzeug nur in solchen Genossenschaftswerksttten zu kaufen. Wre
dies geschehen, so htten die Genossen die Gewinne des Fabrikanten,
des Grohndlers, des Kleinhndlers und des Arbeiters erhalten, d. h.
allen Gewinn, der berhaupt in der Arbeit steckte. Die Arbeiter aller
Geschftszweige htten sich allmhlich zu Genossenschaften vereinigen
knnen, so Arbeitgeber und Arbeiter in einer Person darstellend. -- Wenn
die Arbeiter es vorzogen, von diesem Recht und von dieser Gelegenheit
keinen Gebrauch zu machen; wenn ihnen nicht daran lag, die Sorgen und
das Wagnis einer selbststndigen Geschftsfhrung auf sich zu nehmen;
wenn sie lieber fr einen Arbeitgeber thtig waren, diesem die Sorgen
und das Wagnis der Geschftsleitung berlassend; dann hatten sie auch
kein Recht, ber den Gewinn des Unternehmers zu klagen, der ihnen ja
zugnglich war.

Und wenn die Arbeiter Ihrer Zeit mit ihrem Lohn oder der Behandlung
unzufrieden waren, so konnten sie sich andere Beschftigung suchen, was
unsere Arbeiter nicht knnen, weil der Staat der einzige Arbeitgeber
ist. Der Grundsatz, da jedermann ein gutes Recht auf das hat, was er
hervorbringt, ist unter Ihrer Arbeitsweise nie in Frage gestellt worden.
Aber wir haben im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit das Recht
aufgestellt, den Fleiigen zu Gunsten des Faulen zu berauben. Wenn die
Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts, anstatt an Arbeitseinstellungen
Riesensummen zu opfern, einen Arbeitszweig nach dem andern auf
genossenschaftlicher Grundlage eingerichtet htten, wrden sie mit
verhltnismig geringen Schwierigkeiten das gelst haben, was sie die
sociale Frage nannten. -- Uns aber wrden sie dadurch bewahrt haben vor
der abscheulichen Form, in welcher die Gesellschaft jetzt gegliedert ist
und verwaltet wird.

Die Arbeiterorganisationen und die Ausstnde waren nur eine Wirkung der
Konzentration des Kapitals, das sich in greren Massen als je zuvor
aufgehuft hatte, sagte ich, die Ansichten des Dr. Leete betreffs
dieser Frage wiedergebend. Ehe diese Konzentration begann, und als
Handel und Industrie noch von unzhligen kleinen Geschften mit geringem
Kapital, anstatt von einer kleinen Anzahl groer Geschfte mit groem
Kapital betrieben wurde, hatte der einzelne Arbeiter dem Unternehmen
gegenber eine verhltnismig wichtige und unabhngige Stellung. So
lange ferner ein geringes Kapital oder eine neue Idee hinreichten,
jemanden ein eigenes Geschft beginnen zu lassen, wurden Arbeiter
bestndig zu Unternehmern und gab es keine feste Grenze zwischen den
beiden Klassen. Arbeiterverbindungen waren damals unntig und allgemeine
Ausstnde konnten nicht vorkommen.[8]

An Ihrer Stelle, Herr West, wrde ich diese Aussprche des Dr. Leete
nicht zu meinen eignen machen, sagte Herr Forest lchelnd. Der Doctor
hat hufig Gelegenheit gehabt, sich betreffs dieser Angelegenheit
eines Besseren belehren zu lassen; aber er besteht darauf, seine
irrigen Behauptungen zu wiederholen. Ich und andere haben diese
Auseinandersetzungen so oft widerlegt, da es uns schlielich langweilig
wurde. Streiks sind nicht, wie Dr. Leete zu glauben vorgiebt,
verhltnismig neue Erscheinungen auf volkswirtschaftlichem Gebiete.
Eine der grten Arbeitseinstellungen, von welchen die Geschichte
uns berichtet, die _Secessio in montem sacrum_, fand schon 494 vor
Christi Geburt statt und whrend der Jahrhunderte des Mittelalters
waren Arbeitseinstellungen zur Erlangung hherer Lhne sehr hufig;
obschon in jenen Tagen die Arbeit viel besser zusammengegliedert war
(in Gilden und Znfte) als die Geldmacht. Und was die Unmglichkeit
der Arbeiter angeht, Arbeitgeber zu werden, so kann ich Ihnen in
der Universittsbcherei eine deutsche Zeitung zeigen, die Freie
Presse, welche im Jahre 1888 in Chicago erschien und in welcher der
Redakteur, bei Widerlegung hnlicher Behauptungen der Kommunisten
jener Tage, auf die Thatsache verweist, da im Jahre 1888 in Chicago
12000 Deutsch-Amerikaner wohnten, welche entweder Hausbesitzer, oder
Fabrikanten, oder sonst selbstndige Geschftsleute waren. Alle diese
Leute waren unbemittelt, meist der englischen Sprache unkundig, nach
Chicago gekommen und dort zu Wohlstand, ja viele zu Reichtum gelangt.
Dies widerlegt die Behauptung, da die Unbemittelten sich in der zweiten
Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts bereits rettungslos in den Krallen
der Geldmchte befunden htten. -- Nichts ist leichter, als ins Blaue
hinein Behauptungen aufzustellen. Diese Behauptungen zu beweisen, ist
oft schwer. Und Dr. Leete ist gro in solchen wilden Angaben.

Fhren Sie aber nicht ein hchst angenehmes Leben? fragte ich
in der Hoffnung, Forests Angriffen auf die neue Ordnung der Dinge
ein Ende zu machen, indem ich auf einige unbestreitbare Thatsachen
verwies. Erfreuen Sie sich nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes?
Haben Sie nicht die Armut gnzlich ausgerottet? Und sind nicht diese
Errungenschaften kleine Opfer wert?

Wir fhren kein hchst angenehmes Leben. Wir erfreuen uns nicht eines
nie dagewesenen Wohlstandes. Sie werden sehr bald entdecken, da
Sie sowohl die Art, wie die Frchte unserer Civilisation bedeutend
berschtzen. Und was die Vernichtung der Armut anlangt, so luft
diese Errungenschaft im wesentlichen darauf hinaus, da wir die
ungeschickten, dummen und faulen Leute mit den Arbeitsergebnissen der
geschickten und fleiigen Frauen und Mnner bereichern. Das htten Sie
vor 113 Jahren auch leisten knnen, aber Sie waren nicht so einfltig
und ungerecht, eine derartige Ruberei zu begehen.

Wenn das Volk mit der jetzigen Gesellschaftsordnung unzufrieden ist, so
kann es ja eine nderung vornehmen, entgegnete ich. Ihren uerungen
zufolge bilden die Gegner der Regierung keine Partei, die irgend welche
Bedeutung hat: denn Sie sagten mir, da es nur einige Zeitungen giebt,
welche die Regierung bekmpfen. Dies scheint mir ein Beweis dafr zu
sein, da das Volk im wesentlichen mit der jetzigen Ordnung der Dinge
zufrieden ist.

Forest sah sehr ernst drein als er antwortete: Sie sind natrlich der
Meinung, da wir uns derselben Freiheit erfreuen, welche Sie vor 113
Jahren genossen. Aber im politischen Leben ist seit jener Zeit alles
anders geworden. Ihre Brger waren von der Regierung ganz unabhngig,
die Beamten und solche Leute vielleicht ausgenommen, welche gerade
Arbeiten fr die Regierung ausfhrten. Heut greift die Regierung in
alles ein und fast jedermann ist mittelbar oder unmittelbar von der
Gunst der hheren Beamten mehr oder weniger abhngig. Wer es wagt, die
Regierung offen zu bekmpfen, der kann sicher sein, da ihn, seine
Verwandten und seine Freunde der Zorn des Beamtentums trifft. Deshalb
ist die Zahl derjenigen sehr klein, welche khn genug sind, den Grimm
der Regierung offen herauszufordern, obschon vielen die jetzige Ordnung
der Dinge entschieden mifllt.

Weshalb whlt das Volk dann nicht Leute in den Kongre, welche die
jetzige angeblich so unbefriedigende Ordnung der Dinge durch den Erla
neuer Gesetze ndern? fragte ich, berzeugt, da Forest in seiner
Krittelwut die dunklen Farben allzu dick aufgetragen hatte.

Der Kongre hat heutzutage wenig Einflu, entgegnete Forest. Die
Macht liegt fast ausschlielich in den Hnden des Prsidenten und der
Vorsteher der zehn groen Abteilungen. Sie haben fast eine unumschrnkte
Gewalt, die etwas an die Macht des Zehnerrates erinnert, welcher in
Venedig zu der Zeit herrschte, als diese aristokratische Republik auf
dem Gipfel ihres Ansehens stand. Da es in ihrer Willkr liegt, jeder
Person auf die Dauer von 24 Jahren gute oder schlechte Stellungen
anzuweisen, ja selbst Leute von mehr als 45 Jahren wieder in das
Arbeiterheer zu stellen und auf diese Weise Miliebige wieder unter
ihre Gewalt zu bekommen, so haben unsere hohen Regierungsbeamten eine
Tyrannenmacht, von der auch nur zu trumen keinem Frsten Ihrer Zeit
eingefallen wre.

Sie wissen natrlich, fuhr Herr Forest fort, da alle Rekruten
whrend der ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit in die Reihe der
gewhnlichen Arbeiter gestellt werden. Erst nach dieser Periode,
whrend welcher sie fr jede Art der Arbeit ihren Vorgesetzten zur
Verfgung stehen, drfen sie einen besonderen Beruf whlen![9] Sie
werden einsehen, da die jungen Leute whrend dieser drei Jahre der
Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten preisgegeben sind. Diese knnen
einem Rekruten leichte und reinliche Arbeit zuweisen, sie knnen ihn
aber auch an schmutzige, ungesunde Beschftigung schicken. Widerspruch
wird nicht geduldet. Denn ein Mensch, der fhig ist Dienst zu thun,
sich dessen aber hartnckig weigert, wird zu Isolierhaft bei Wasser und
Brot verurteilt bis er sich willig zeigt.[10]

Sie wissen ferner, da ber die Leistungen jeder Person Buch gefhrt,
und die besondere Tchtigkeit erhlt ihre Auszeichnung whrend die
Nachlssigkeit ihre Strafe findet.[11] Dr. Leete hat Ihnen auch ohne
Zweifel gesagt, da wir es nicht fr weise halten zu gestatten,
da jugendliche Sorglosigkeit oder Unbesonnenheit, falls sie keine
erhebliche Schuld einschliet, die knftige Laufbahn der jungen Leute
schdige und allen, welche jenen ersten Grad ohne ernstliche Vergehen
durchgemacht haben, steht in gleicher Weise die Wahl des Lebensberufes,
fr den sie die meiste Neigung haben, offen. Nun werden aber nicht nur
Sitten- und Befhigungszeugnisse sorgfltig geprft, sondern es hngt
auch von der Durchschnittsbeschaffenheit des Zeugnisbuches whrend der
Lehrzeit der Rang ab, den er unter den vollen Arbeitern erhlt.[12]

Obwohl die innere Organisation der verschiedenen Gewerbezweige
in Industrie und Ackerbau, der Eigentmlichkeit ihrer besonderen
Bedingungen gem, verschieden ist, stimmen sie doch in der allgemeinen
Einteilung ihrer Arbeiter je nach ihrer Fhigkeit in solche ersten,
zweiten und dritten Grades berein; und in vielen Fllen sind diese
Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse eingeteilt. Gem
seinen Leistungen als Lehrling erhlt der junge Mann den Rang als
Arbeiter ersten, zweiten und dritten Grades..... Die Feststellungen
der Rangordnungen finden in jedem Gewerbezweige in Zwischenrumen
statt.[13] .... Ein besonderer Vorteil eines hohen Grades ist
das Recht, welches derselbe dem Arbeiter verleiht, sich innerhalb
der verschiedenen Zweige oder Verrichtungen seines Gewerbes eine
Specialitt auszuwhlen.[14] Dr. Leete hat Sie fernerhin wohl auch
davon unterrichtet, da soweit wie mglich selbst die Neigungen des
schlechtesten Arbeiters bercksichtigt werden. .... Aber obwohl auch
die Wnsche der Arbeiter eines niederen Grades Bercksichtigung finden,
so weit die Anforderungen des Dienstes es gestatten, so geschieht dies
doch erst dann, wenn fr die Arbeiter der hheren Grade gesorgt worden
ist und so mssen sie oft mit einer, ihnen erst an zweiter oder dritter
Stelle zusagenden Wahl vorlieb nehmen, oder es wird ihnen sogar ohne
weiteres direkt eine Arbeit bertragen, wenn dies ntig wird. Dieses
Wahlrecht tritt bei jeder neuen Feststellung des Ranges in Kraft; und
wenn jemand seinen Rang verliert, so luft er auch Gefahr, die Art
Arbeit, welche er liebt, mit einer anderen vertauschen zu mssen, welche
ihm weniger gefllt.[15] .... Die hohen staatlichen mter sind nur den
Mnnern des ersten Grades zugnglich.[16]

Diese Bestimmungen beweisen die Richtigkeit dessen, was ich ber die
Gewalt der Regierung sagte. Die Lieutenants, die Hauptleute und die
Obersten werden von den Zunftgeneralen ernannt, welche wiederum unter
dem Befehl der zehn Vorsteher der zehn groen Abteilungen stehen.
Diese Beamten knnen ihren jungen Freunden, welche als Rekruten in
das Arbeiterheer treten, leichte Arbeit und gute Zeugnisse geben und
sie knnen diese jungen Freunde in den Stand setzen auf Grund ihrer
guten Zeugnisse, sobald sie die ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit
zurckgelegt haben, sofort in die erste Abteilung des ersten Grades
einer Zunft zu treten. Und ein solcher Gnstling einflureicher Leute
kann, nachdem er eine angenehme Rekrutenzeit verbracht hat und sofort
in die erste Abteilung des ersten Grades einer Zunft befrdert worden
ist, alsbald zum Lieutenant ernannt werden und die Laufbahn zu den
hchsten Ehren in wenigen Jahren durchmachen. -- Sie knnen nicht
leugnen, Herr West, da unsere gesetzlichen Bestimmungen eine solche
Gnstlingswirtschaft ermglichen.

Ich mute zugeben, da solche Vorkommnisse mglich wren.

Herr Forest fuhr fort: Andererseits knnen solche jungen Leute, welche
nicht die Shne oder Freunde unserer Regierungslichter sind, sich sehr
glcklich schtzen, wenn sie in einer Stellung des zweiten Grades mit
einem Zeugnis unterkommen, welches die Hoffnung auf weitere Befrderung
nicht ausschliet. Verwandte von ausgesprochenen Gegnern der Regierung
knnen in die zweiten Abteilungen der dritten Grade der verschiedenen
Znfte gestellt und ihre Zeugnisse knnen so gefhrt werden, da alle
Hoffnung auf Erlangung einer hheren Stellung ausgeschlossen ist. Und
solche Gnstlingswirtschaft ist nicht nur mglich, sie besteht in
vollem Umfange. Die Shne und Verwandten von Leuten, welche als Gegner
der Regierung bekannt sind, fhren ein Dasein, schlechter als das von
Sklaven und werden oft wie Fublle behandelt.

Giebt es keinen Gerichtshof, vor welchem sie Klage fhren knnen?
fragte ich.

Ja. Ungerecht behandelte Frauen oder Mnner knnen vor einem Richter
Klage fhren, antwortete Herr Forest. Aber die Richter niederen Grades
sind einfach Leute, welche das fnfundvierzigste Lebensjahr zurckgelegt
haben und vom Prsidenten auf fnf Jahre zu Richtern ernannt worden
sind. Diese entscheiden, wie Dr. Leete Ihnen mitgeteilt haben wird,
in allen Fllen, in welchen ein Mitglied des Arbeiterheeres gegen
einen Vorgesetzten Klage wegen Ungerechtigkeit fhrt. Alle solche
Fragen werden von einem einzelnen Richter #endgltig# entschieden; drei
Richter werden nur in besonders schweren Fllen berufen.[17] -- Die vom
Prsidenten zu Richtern ernannten Leute sind natrlich Vertrauensmnner
und Freunde der Regierung und man kann von ihnen nicht erwarten, da
sie bei solchen Klagen gegen die Beamten der Regierung und zu Gunsten
eines Widersetzlichen entscheiden sollten. Und da solche Beschwerden
endgltig entschieden werden, ohne da dem Klger das Recht zusteht,
vor einem hheren Gerichtshofe Berufung einzulegen, so bleibt dem
ungerecht behandelten Mitgliede des Arbeiterheeres nichts weiter brig,
als auf seinen alten Posten zurckzukehren, wo sein Vorgesetzter,
gegen den es geklagt hat, es natrlich nicht besser behandelt als
zuvor. Im Gegenteile mu der Widersetzliche es in den meisten Fllen
schwer entgelten, da er gegen einen Offizier Klage gefhrt hat. Bei
der nchsten Neueinteilung in Abteilungen und Grade kann der Offizier
den unglcklichen Menschen in die zweite Abteilung des dritten Grades
stecken, wenn er nicht schon dahin degradiert war. Jedenfalls kann der
erzrnte Offizier dem Mivergngten die schmutzigste, ungesundeste
Arbeit zuteilen.

Dieses von Forest entworfene Bild der Zustnde im Arbeiterheere erschien
mir um so entsetzlicher, wenn ich es mit den rosenfarbenen Schilderungen
des Dr. Leete verglich. Ich war davon so erschttert, da ich mich
zu einem Versuch nicht aufraffen konnte, gegen die Schilderungen und
Schlsse meines Vorgngers in der Professur anzukmpfen.

Nach einer kurzen Pause fuhr der jetzige Pedell fort: Nun erwgen
Sie in Verbindung mit den Thatsachen und Einrichtungen, die ich eben
erwhnt habe, da die Arbeiter kein Stimmrecht ausben oder irgendwie
bei der Wahl ihrer Vorgesetzten hineinreden drfen.[18] Der General
eines Gewerbes vollzieht die Ernennung fr die Rangstufen unter ihm,
aber er selbst wird nicht ernannt, sondern durch Stimmenmehrheit
gewhlt, ... d. h. von denjenigen, welche in der Zunft gedient und
ihre Entlassung erhalten haben.[19] So, mein lieber Herr West, sind
also die Angehrigen des Arbeiterheeres vierundzwanzig Jahre lang der
Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten gnzlich preisgegeben. Wenn sie
whrend dieser Zeit leichten Dienst haben wollen, mssen sie allen
Befehlen blindlings gehorchen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden
Mitteln nach Gunst streben. Sie mssen ihre stimmberechtigten Freunde
beeinflussen, damit diese nicht nur fr die Regierung stimmen, sondern
das auch in mglichst demonstrativer Weise thun. Gelegentliche Geschenke
von Wein und Cigarren erregen bei manchen Offizieren freundliche
Gefhle. Verabsumt das Mitglied des Arbeiterheeres alle diese
Schritte und Maregeln, so kann es, unter Umstnden, vierundzwanzig
Jahre lang ein Leben fhren, mit welchem verglichen das Schicksal
eines Plantagensklaven oder eines Kohlengrbers vor 150 Jahren als
beneidenswertes Dasein erscheinen mu. Denn ein Plantagenneger
stellte fr seinen Eigentmer einen wertvollen Besitz dar, der nicht
leichtsinnig gefhrdet werden durfte, whrend der Kohlengrber seine
Arbeit aufgeben und sich anderswo Beschftigung suchen konnte, wenn ihm
seine Arbeit oder die ihm widerfahrene Behandlung nicht behagten. Ein
Mitglied des Arbeiterheeres dagegen, welches sich den Zorn des einen
oder des andern Offiziers zugezogen hat, oder welches auf die Liste der
Feinde der Gesellschaft gesetzt worden ist, weil seine stimmfhigen
Verwandten gegen die Regierung gestimmt haben, -- ein solches Mitglied
der industriellen Armee fhrt ein Leben, welches man sehr wohl
vierundzwanzig Jahre der Hlle auf Erden nennen darf.

Sie ersehen hieraus, Herr West, weshalb der Kongre keinen Einflu
hat. Die groe Mehrzahl seiner Mitglieder ist bestndig bemht, fr
sich selbst, fr Verwandte und fr Freunde Gunstbezeugungen dadurch zu
erlangen, da sie der Regierung in jeder Weise entgegenkommen. Und dies
ist die Gleichheit der besten Gesellschaftsordnung, deren die Menschheit
sich jemals erfreute! Dies ist, was Dr. Leete das tausendjhrige Reich
menschlicher Glckseligkeit nennt.




Viertes Kapitel.


Es steht durchaus im Einklange mit den Naturgesetzen und ist deshalb
recht, begann Forest unsere nchste Unterredung, da ein Mann seinem
Sohne, seinen Verwandten und seinen Freunden beisteht und ihnen im Leben
vorwrts hilft. Einen Mann, der das thut, wrde ich nie tadeln; sondern
im Gegenteile diejenigen, welche das unterlassen, was ich fr die
Pflicht jedes Mannes halte. Selbstverstndlich mssen aber der Sohn, die
Verwandten oder die Freunde befhigt sein, die Stellungen auszufllen,
fr welche sie in Vorschlag gebracht werden. -- Ich entsinne mich, da
einige Geschichtsschreiber ber die Gnstlingswirtschaft geschrieben
haben, welche zu ihrer Zeit bei der Vergebung von Bundesmtern
geherrscht haben soll und da besonders General Grant beschuldigt wurde,
alle Zeit seine Verwandten und Freunde bei Anstellungen bevorzugt zu
haben. Das aber gefllt mir gerade an dem groen Feldherrn, da er an
seinen Freunden so unerschtterlich festhielt und ich entschuldige
deshalb um so lieber die Migriffe, die er mitunter bei der Auswahl der
Beamten machte. Denn diese Migriffe wurden veranlat durch sein gutes
Herz, das seinen Freunden immer treu und mitunter geneigt war, deren
Befhigung und Ehrenhaftigkeit zu berschtzen. Wenn die Bande des
Blutes und der Freundschaft nicht mehr zusammenhalten, worauf sollen
wir dann noch vertrauen? Und da jedermann naturgem die Gesinnung und
die Befhigung seiner Verwandten und Freunde besser kennen mu, als die
Eigenschaften andrer Leute, so ist es ganz in der Ordnung, da er die
ihm Nahestehenden, deren Befhigung er kennt, zunchst anstellt.

Einer der vielen groen Schden, an welchen unser ffentliches und
gewerbliches Leben krankt, ist der Umstand, da unter ihm nicht nur die
Gnstlingswirtschaft, sondern auch die Korruption im grten Umfange
wuchern #mu#. Vor hundertunddreizehn Jahren konnten die Mnner, welche
an der Spitze der Vereinigten Staaten standen, oder solche, die in
den nchsten Regierungskreisen Einflu hatten, mitunter nach Willkr
Stellungen besetzen, in welchen fr wenig Arbeit ein gutes Gehalt
bezahlt wurde; aber solcher mter gab es nur verhltnismig wenige.
Die Zahl der von der Bundesregierung angestellten Beamten betrug,
wenn ich nicht irre, nur etwa 80000 und die Mehrzahl dieser 80000
mter bestand aus kleinen Postmeisterstellungen. Diese Postmeister in
kleinen Drfern und Landbezirken erhielten gar kein Gehalt, sondern
einen Teil des Geldes, welches sie fr verkaufte Briefmarken einnahmen
und dieses Einkommen war ein so bettelhaftes, da nur Kaufleute,
welche ohnehin den Tag ber in ihren Lden zubrachten und die Ehre
nebst dem kleinen Gewinn so nebenbei mitnahmen, ein solches Bundesamt
annehmen konnten. Dazu kam, da die verhltnismig geringe Anzahl
solcher Bundesmter, welche als Sinekuren bezeichnet werden konnten,
alle vier oder sptestens alle acht Jahre neu besetzt wurden. Unsere
Regierungen haben aber ein lngeres Leben. Diejenige, welche zuletzt
abwirtschaftete, hat sechsundzwanzig Jahre gedauert. Und die Zahl der
Stellungen, welche unsere Regierung zu vergeben hat, ist sehr gro. Fr
je zwlf Frauen oder Mnner haben wir einen Aufseher oder Lieutenant;
von den Hauptleuten, Obersten usw. gar nicht zu reden. Und was wir gar
auf dem Gebiete der Schreiberei leisten, ist einfach ungeheuerlich. Wie
sie vermutlich wissen, fhren wir sowohl in der Arbeits- wie in den
Verteilungsabteilungen Buch; ja noch mehr: jeder Bewohner und jede
Bewohnerin der Vereinigten Staaten hat in den Regierungsbchern ein Soll
und ein Haben![20]

Angesichts unserer groen und bestndig wachsenden Bevlkerung ist das,
wie Sie wohl einsehen werden, eine Riesenarbeit. Sie wissen ja, da das
nordamerikanische Gebiet, welches frher unter englischer Regierung
stand, mit den Vereinigten Staaten vereinigt wurde und da unsere
Bevlkerung sich nach der Zhlung von 1990 auf 414000000 belief. Sie
wird jetzt auf 500000000 Menschen geschtzt.[21]

Die ungeheuer umstndliche Buchfhrung, welche durch den Kommunismus
notwendig gemacht wird und die Krze der Arbeitszeit, welche die
Buchhalterinnen und Buchhalter als Gnstlinge der Parteifhrer genieen,
machen es notwendig, da fr je fnfzig Menschen ein Buchhalter
angestellt wird. Unter der letzten Regierung hatten wir sogar fr je
zweiundvierzig Einwohner einen Rechenknstler. Dies giebt der Regierung
Gelegenheit, nach eigener Willkr 10 Millionen Frauen und Mnnern
reinliche und bequeme Arbeit zuzuerteilen. Zu diesen 10 Millionen
guten Stellungen mssen Sie noch etwa eben so viele Offiziersposten im
Arbeiterheere und die Stellungen in den Warenniederlagen der Regierung
rechnen; von andern begehrenswerten Anstellungen gar nicht zu reden.
Hiernach knnen Sie ohne weitere Erklrung die auerordentliche Macht
ermessen, welche die Regierung durch die Anstellungsgewalt allein ausbt
und welche Versuchung die Ausbung dieser unerhrten Macht im Gefolge
hat.

Ist es denn nicht notwendig, fragte ich, da diejenigen, welche
sich um eine an Verantwortlichkeit reiche Stellung, wie die eines
Buchhalters, bewerben, die ntigen Studien machen und eine Prfung
ablegen mssen, ehe sie so wichtige Pflichten bernehmen?

Das Buchhalten bildet einen Teil des Lehrplans in unsern Schulen,
antwortete Forest. brigens wird die Buchhalterei bei uns nicht sehr
gewissenhaft besorgt. Deshalb lastet die Verantwortlichkeit nicht allzu
schwer auf den Schultern der Gnstlinge unserer Regierung, und ich
glaube nicht, da einer der Bevorzugten sich dieserhalb Sorgen macht.
Es ist natrlich fr jemanden, der auerhalb des Regierungskreises
steht, nicht mglich, mit Bestimmtheit zu sagen, wie schlecht die Bcher
gefhrt werden. Als indes die letzte Regierung vor zwlf Jahren aus
dem Amte schied, wurde ein schier unergrndlicher Pfuhl von Verderbnis
und Betrgereien aufgedeckt. Der Wert aller vorhandenen Warenbestnde
wurde festgestellt und es wurde ermittelt, da Gter im Werte von
432000000 Dollar fehlten. Die Mitglieder der abgesetzten Regierung
erklrten allerdings, da diese Angaben falsch und nichts als bswillige
Verleumdungen seien, da die neue Regierung Buchhalter eigens zu dem
Zwecke angestellt habe, einen Diebstahl von mehr als vierhundert
Millionen Dollars herauszurechnen, nur damit die Mitglieder der frheren
Verwaltung als Schurken politisch tot gemacht wrden. Die abgegangenen
Beamten gaben zu, da Waren fehlen knnten, weil die Angestellten in
den Warenhusern stets reichliches Ma und Gewicht gegeben htten; doch
knnte dieser Fehlbetrag nicht als ein Beweis der Unehrenhaftigkeit der
letzten Regierung gelten und nimmermehr die Riesensumme von 432000000
Dollar erreichen. Andererseits bestanden aber die neuen Beamten auf
ihren Angaben und schrieben den Fehlbetrag der Korruption unter der
letzten Regierung zu, deren Mitglieder mehr Waren entnommen htten, als
ihnen zukam, ohne da aus ihren Anteilscheinen der entsprechende Betrag
herausgestochen wurde.

Ich fragte Forest, was er von diesen Beschuldigungen und
Gegenbeschuldigungen halte.

Ich glaube, sie sind bis zu einem gewissen Grade nur zu wohl
begrndet, sagte mein Amtsvorgnger. Die Versuchung unter unserem
elenden System ist eben fr viele Menschen zu gro. Da die Fhrer
der Regierungspartei ihren Verwandten und Freunden die besten
Stellungen geben, wrde ich durchaus nicht tadelnswert finden, wenn die
Angestellten die ihnen bertragenen mter gut verwalten knnten. Aber
die 20000000 besten Stellungen im Lande sind durchaus nicht mit den
besten und tchtigsten Frauen und Mnnern besetzt. So weit diese mter
und Stellen nicht den Verwandten und nchsten Freunden der hchsten
Beamten verliehen sind, werden sie an die Angehrigen der eifrigsten und
einflureichsten Anhnger der Regierung vergeben. Und selbst das wrde
ertrglich sein, wenn die Gnstlingswirtschaft da ein Ende erreichte, an
der Grenze der Verderbtheit und drckenden Willkr. Aber sie geht noch
viel weiter.

Klagen Sie die jetzige Regierung und deren Freunde der Korruption und
Tyrannei an? fragte ich, entschlossen, meinen weiteren Unterredungen
mit Herrn Forest ein Ende zu machen, falls dieser entehrende Anklagen
gegen meinen Gastfreund vorbringen sollte.

Ich spreche von dem jetzigen Regierungssystem und erwhne nur
Thatsachen, oder Handlungen, welche ich nachweisen kann, antwortete
Forest. Ich klage niemanden an lediglich weil ich daran Vergngen
finde. Ich fhle, da Ihre Frage auf Dr. Leete Bezug hat und obschon sie
nicht unmittelbar gestellt wurde, werde ich sie doch offen beantworten.
Ich halte Dr. Leete fr einen der besten und ehrenhaftesten unter
unseren Parteifhrern, aber auch er macht von den Vorteilen Gebrauch,
welche unter unserem System den Machthabern so leicht zugnglich sind.

Wollen Sie die Gte haben, Ihre Behauptung zu beweisen, sagte ich
ruhig, aber bestimmt.

Ich werde es Ihrem Urteil berlassen, zu entscheiden, ob ich in meinen
Behauptungen zu weit gegangen bin, fuhr Forest fort. Hat Dr. Leete
Ihnen nicht mitgeteilt, da er schon seit langen Jahren vorhatte in
dem groen Garten neben diesem Hause ein Laboratorium fr chemische
Zwecke zu bauen?[22] Und hat er Ihnen nicht erzhlt, da er Arbeiter
kommen lie, und da diese das Gewlbe ausgruben, in welchem Sie
schliefen?[23]

In der That! Dr. Leete sagte, da er ein chemisches Laboratorium
zu bauen beabsichtigte, gab ich zu. Gestattet ihm aber sein
Guthabensschein nicht eine solche Ausgabe?

Forest sah etwas erheitert aus, als er mich fragte, ob ich jemals
gesehen htte, wie gro der Gesamtbetrag des Jahresguthabens wre.
Ich gestand, da ich dies nicht wte. Die Lebensweise des Dr. Leete
zeugte von berflu und erschien mir gut genug fr selbst hochgestellte
Ansprche. Ich hatte mir deshalb noch nie die Frage nach dem genauen
Betrage seiner Einnahmen vorgelegt.

Wenn es Ihnen genehm ist, sagte Forest, wollen wir ber den
Volkswohlstand zu einer anderen Zeit sprechen. Heut wollen wir uns
darauf beschrnken, die Neigung des Kommunismus zur Erzeugung von
Gnstlingswirtschaft, Bestechlichkeit, Knechtssinn und Tyrannei zu
untersuchen. -- In Bezug auf Dr. Leete steht fest, da er sich ein
chemisches Laboratorium bauen lt, trotzdem dies Unternehmen in
offenbarem Widerspruch steht zu den Zwecken und dem Geist unserer
Einrichtungen. In dem Erdgeschosse dieser Universitt befindet sich ein
sehr gutes derartiges Laboratorium und Dr. Leete htte sicherlich nach
Gefallen in demselben experimentieren knnen, wenn er um die Erlaubnis
hierzu nachgesucht htte. Schon sein Einflu wrde ihm diese verschafft
haben. Aber seine Eitelkeit veranlat ihn, ein berflssiges Gebude
errichten zu lassen, welches den Radikalen als ein neuer und sichtbarer
Beweis fr ihre Anklagen gegen die herrschende Parteisippe dienen wird.

Von welchen Radikalen sprechen Sie? fragte ich.

Ich rede von den radikalen Kommunisten, welche die jetzige Regierung
bekmpfen, weil sie alle religisen Gebruche, die Ehe und das
wenige persnliche Eigentum abschaffen wollen, dessen Besitz jetzt
noch gestattet wird. Von unseren politischen Parteien und von deren
Grundstzen werden wir spter sprechen. Ich wollte Sie nur von der
Thatsache berzeugen, da Dr. Leete zu seinem eigenen Gebrauche
und in offenbarem Widerspruch mit den kommunistischen Grundstzen
ein chemisches Laboratorium errichtet, eine sehr kostspielige
Anstalt, welche mit den Guthabensscheinen von zehn Leuten nicht
hergestellt werden knnte und da er auf diese Weise den Tadel aller
Regierungsgegner herausfordert.

Kann Dr. Leete nicht eine angemessene Miete fr das Laboratorium
bezahlen? fragte ich. Ich sollte meinen, da der vorhandene berschu
der Arbeitskrfte nicht besser benutzt werden knnte, als zur Errichtung
von Gebuden, deren Miete alsdann das Staatseinkommen erhht.

Wir haben aber keinen berschu von Arbeitskrften, wie Sie alsbald
erfahren werden, sagte Forest. Und stellen Sie sich nebenher einmal
vor, was geschehen wrde, wenn jeder Brger einen hnlichen Aufwand
fr Bauarbeiten und fr die Anschaffung von Instrumenten beanspruchen
wrde. Sie werden einsehen mssen, da Dr. Leete eine Ausnahmestellung
beansprucht, was nach Anmaung und Gnstlingswirtschaft aussieht. Er
mibraucht die Macht seiner Stellung und erregt dadurch bses Blut.

Ich konnte gegen diese Auseinandersetzungen Forests nichts Haltbares
vorbringen und schwieg deshalb.

Aber Gnstlingswirtschaft und gelegentlicher Mibrauch der
Regierungsgewalt zu Gunsten von Leuten wie Dr. Leete sind noch nicht
die schlimmsten Erscheinungen in unserem ffentlichen Leben, sagte
Forest weiter. Auch die Thatsache, da einflureiche Mnner hufig
Geschenke von Seide, Pelzen und goldenen Schmucksachen fr ihre Frauen
und Tchter, sowie von Wein und Cigarren fr sich selbst seitens solcher
Leute erhalten, welche die Frsprache der Einflureichen brauchen,
knnte ertragen werden, obschon solche Vorkommnisse ein offenbarer
Beweis fr eine gewisse Verderbtheit im ffentlichen Leben sind. Die
schlimmsten Folgen dieses verdammenswerten Kommunismus sind die Tyrannei
und rcksichtslose Verfolgung aller Gegner der Regierung auf der einen
Seite, und der Knechtssinn, die Schmeichelei und Verleumdungssucht auf
der anderen Seite. Jeder Mann und jede Partei, welche eine erstrebte
Stellung erreicht haben, werden sich in derselben gegen alle Angriffe
ihrer Gegner zu behaupten suchen. Sie werden die Freunde belohnen, von
welchen sie untersttzt werden und ihre Gegner zurckzudrngen suchen.
Deshalb ist es sehr gefhrlich, eine groe Regierung mit einer Gewalt
zu bekleiden, welche die Herrschenden in den Stand setzt, das Volk in
seiner tglichen Erwerbsthtigkeit sein Lebenlang in Abhngigkeit von
der Gunst seiner Beamten zu erhalten.

Nach Ihrer Beschreibung erscheint die gegenwrtige Ordnung der Dinge
unertrglich, sagte ich.

Wenn Sie unter den Mitgliedern der verschiedenen Znfte, besonders
unter den Ackerbauern, Nachfrage halten, entgegnete Forest, so werden
Sie finden, da ich die Zustnde genau so schildere, wie sie sind. Jedes
Mitglied des Arbeiterheeres wei, da Befhigung und Flei allein nur
in Ausnahmefllen gengen, um jemanden zu einer erstrebten Stellung zu
verhelfen. Politischer Einflu ist der allmchtige Hebel, der allein
uns zu hheren Stellungen hinaufbefrdern kann und um diesen Einflu zu
erlangen, mu der Arbeiter zum Kriecher, zum Schleicher, zum Angeber
seiner Kameraden und zum Bestecher seiner Vorgesetzten werden; ja er mu
auch alle stimmfhigen Verwandten und Freunde beschwren, sich ihrer
Selbstndigkeit zu entuern und alle Maregeln, sowie alle Mitglieder
der Regierung zu untersttzen.

Wenn die Mitglieder des Arbeiterheeres ihre Offiziere oder Aufseher
whlen knnten, fuhr Herr Forest in seinen Auseinandersetzungen fort,
dann wrde voraussichtlich die Disciplin in der industriellen Armee
nicht so strikt sein; aber selbst eine gelegentliche Auflehnung der
Leute gegen die Beamten wrde dem jetzigen Stande der Dinge vorzuziehen
sein, unter welchem Alle, die sich den Groll ihrer Vorgesetzten
zugezogen haben, ein entsetzliches Dasein fhren. Die Selbstmorde werden
deshalb alljhrlich zahlreicher und die Zahl derjenigen, welche ihrem
Leben ein Ende machen, ist jetzt viermal so gro, wie zu Ihrer Zeit.

Vor 113 Jahren wurde auf die groe Zahl der Selbstmrder in den
europischen Heeren aufmerksam gemacht, bemerkte ich nachdenklich.
Diese Leute tteten sich, obschon sie in Bezug auf Kleidung, Nahrung
und Wohnung keinen Mangel litten.

Allerdings, besttigte Forest. Die notwendigen Lebensmittel ohne
Freiheit haben nur geringen Wert. Viele Soldaten Ihrer Tage machten
ihrem Leben ein Ende, weil sie ein Dasein ohne Freiheit nicht fhren
mochten. Sie warfen das Leben von sich, trotzdem ihre Dienstzeit
nur zwei, drei oder fnf Jahre dauerte und sie in Friedenszeiten
einen verhltnismig leichten Dienst hatten. Der Dienst in unserem
Arbeiterheere dauert die besten 24 Jahre unseres Lebens. Die Mnner und
Frauen sind whrend dieser langen Zeit der Willkr ihrer Vorgesetzten
preisgegeben und sie knnen, wie ich schon hervorhob, gegen jahrelange
Mihandlung durch den einen Angestellten der Regierung nur bei einem
andern Angestellten der Regierung Klage fhren. Und diese sogenannten
Richter entscheiden solche Flle endgltig meist dadurch, da sie
die Klger auffordern, wieder an ihre Arbeit zu gehen und sich mit
der Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten die Aussicht auf Befrderung zu
erwerben.

Sie sprachen von Politikern, Herr Forest, fragte ich. Nehmen viele
Mnner thtigen Anteil am politischen Leben?

Das will ich meinen, rief Forest; obschon allerdings in ihrer eigenen
Weise. Viele Mnner und viele Frauen, welche das fnfundvierzigste
Lebensjahr zurckgelegt haben, thun nichts weiter, als da sie sich
mit Politik beschftigen. Mit ihrem Guthabensscheine knnen sie leben,
wo sie wollen und viele ziehen es vor, ihre Zeit in Washington zu
verbringen, wo sie eifrig und geschftig sind, fr ihre Freunde und
Schtzlinge Gunstbezeugungen zu erjagen, sowie fr solche Leute, welche
sich der Dienste dieser Politikanten versichert haben. Die Lobby,
welche zu Ihrer Zeit in den Hallen des Kongresses ihr Unwesen trieb,
wird als eine bse Gesellschaft raubschtiger, gewissenloser Abenteurer
beschrieben, welche sich gegen gute Bezahlung dazu gebrauchen lieen,
die Kongremitglieder zum Erla von Gesetzen zu Gunsten einzelner
Personen und Krperschaften zu verleiten. Wenn man aber jene nicht sehr
zahlreiche und im ueren Auftreten immerhin einigermaen anstndige
Lobby mit den Washingtoner Wahlmachern unserer Tage vergleichen wollte,
so wrde das etwa dasselbe sein, als wenn man eine Sonntagsschule
mit einer Reformschule vergliche, wie solche zur Besserung junger
Taugenichtse in Ihren Tagen unterhalten wurden. Millionen von
Leuten, welche bessere Arbeit, oder Befrderung wnschen und sich
von dem Einflu, den sie daheim geltend machen knnen, keine Wirkung
versprechen, wenden sich an die Politikanten in Washington und sichern
sich deren Dienste.

Aber was kann derjenige, welcher Vergnstigungen sucht, denjenigen
bieten, welche in Washington wohnen, um diese zur Aufbietung ihres
etwaigen Einflusses zu veranlassen, fragte ich; heutigen Tages sammelt
doch niemand Schtze?

Das thut allerdings niemand, antwortete Forest lchelnd. Aber
manche Leute wollen sich von Zeit zu Zeit vergngte Tage machen und
zu diesem Zwecke brauchen sie vielleicht alljhrlich den fnf- oder
zehnfachen Betrag ihres Guthabensscheines. Manche unserer politischen
Lichter fhren das, was man ein groes Haus nennt. Sie empfangen viele
Gste, bewirten dieselben mit feinen Speisen und guten Weinen und
manche unserer hervorragenden Lobbyisten thun dasselbe. Wer von diesen
Leuten eine Begnstigung verlangt, mu einen namhaften Teil seines
Guthabensscheines abgeben und er mag sich, wenn er befrdert wird, an
seine knftigen Untergebenen wegen eines reichen Ersatzes fr das nach
Washington Abgegebene halten.

Weshalb sind aber die Leute mit ihrem gesetzlichen Einkommen nicht
zufrieden? fragte ich, schmerzlich berrascht davon, da jetzt die
Wahlmacherei und die Verderbtheit noch ppiger zu wuchern schienen, als
vor 113 Jahren. Ist nicht das Einkommen, welches ein Guthabensschein
gewhrt, gengend zum Lebensunterhalte des Volks?

Sie knnen die Menschen niemals zufriedenstellen, sagte Forest.
Heutzutage wird der tchtige und fleiige Teil des Volks zu Gunsten
der Faulen und Dummen beraubt. Selbst die Begnstigten mssen sich die
Unverschmtheiten, die Erpressungen und Erniedrigung seitens ihrer
Vorgesetzten gefallen lassen.

Und selbst die Mnner und Frauen von den allergeringsten Fhigkeiten,
welche aus der gleichmigen Verteilung der Arbeitsergebnisse den
meisten Vorteil ziehen, sind nicht einmal smtlich zufriedengestellt.
Manche derselben fordern die Abschaffung alles persnlichen Eigentums
und abgesonderter Haushaltungen. In der That ist nur ein kleiner Teil
unserer Bevlkerung wirklich zufrieden. -- Zur Bestreitung greren
Aufwandes fr feine Speisen, kostbare Mahlzeiten, teure Weine und
Havannacigarren reichen die Guthabensscheine nicht aus und Leute, welche
dergleichen regelmig genieen mchten, mssen sich nach Menschen
umsehen, welche unter Umstnden bereit sind, dafr zu bezahlen. -- In
Washington leben aber nicht nur sogenannte Lebemnner, sondern auch
viele Mdchen und junge Frauen, welche Liebeleien, ppige Mahlzeiten,
feine Kleider und Juwelen, sowie den Strudel eines wilden, lderlichen
Lebens der regelmigen Thtigkeit im Arbeiterheere oder in der
Haushaltung vorziehen.

Die Prostitution wuchert also in Washington nach wie vor? fragte ich
erstaunt.

Leider ist dem so, entgegnete Forest. Natrlich bekleiden jene
Mdchen Schreiber- oder Buchhalterstellen in den verschiedenen
Regierungsabteilungen; aber diese Posten sind nur Sinekuren. Von
Freunden, welche aus eigner Anschauung diese Geheimnisse des
Washingtoner Lebens kennen lernten (und man kann da eigentlich kaum
noch von Geheimnissen reden, da dieses Treiben allgemein bekannt ist),
habe ich die Ansicht aussprechen hren, da manche der hheren Beamten
den fnfzigfachen Betrag ihrer Guthabensscheine mit leichtfertigen
Frauenzimmern verausgaben. Dieses Geld erlangen sie teilweise dadurch,
da sie den Leuten, welche Begnstigungen suchen, einen Betrag ihres
Guthabenscheines abnehmen. Ein anderer Teil der vergeudeten Summen
kommt aus den Warenlagern der Regierung, wo nur ein kleiner Betrag
dessen, was diese hohen Beamten entnehmen, aus deren Guthabensscheinen
herausgestochen wird. Denn die in den Warenlagern Angestellten wissen,
da sie sehr bald ihre Stellungen verlieren und in die zweiten
Abteilungen des dritten Grades einer Zunft versetzt werden wrden, falls
sie sich beikommen lieen, die politischen Gren der Regierung, welche
Waren entnehmen, wie gewhnliche Leute zu behandeln. Der Reiz, welchen
dieses ppige Leben auf viele Mnner und Frauen ausbt, hat, wie ich
schon erwhnt, die Bevlkerung Washingtons auerordentlich vermehrt und
es ist demzufolge die volkreichste Stadt im Lande.

Ich kann nicht begreifen, wie das Volk eine so verderbte und
willkrliche Regierung wie die von Ihnen geschilderte dulden kann,
sagte ich; und ich bin berzeugt, da Ihre zur Schwarzseherei neigende
Lebensauffassung Ihr Urteil getrbt hat.

Es liegt nur an Ihnen, wenn Sie in Zweifel darber bleiben, ob meine
Angaben richtig sind, oder nicht, antwortete Forest. Wenn Sie um
Urlaub zu dem Zwecke nachsuchen, unsern Herrschern in Washington
einen Ihrer begeisterten Vortrge ber die Vorzge der jetzigen
Gesellschaftsordnung zu halten, so wird man Ihnen hier mit Vergngen
gestatten, Ihre Vorlesungen eine Zeitlang auszusetzen und in Washington
wird man Sie glnzend empfangen. Denn die Begeisterung, mit welcher
Sie unsere Einrichtungen gegenber denen des neunzehnten Jahrhunderts
preisen, giet ja Wasser auf die Mhlenrder der Regierung. Sie werden
dann den Stand der Dinge genau so finden, wie ich ihn geschildert habe
und wenn Sie mit den Mitgliedern des Arbeiterheeres, sowie mit deren
Freunden sprechen, welche die Regierung untersttzen, dann werden
Sie erfahren, da dies lediglich deshalb geschieht, weil sie an der
Mglichkeit einer Besserung unter dem jetzigen System verzweifeln und
nur eine Verschlimmerung fr den Fall frchten, da die Radikalen ans
Ruder kommen.

Wie knnten die ffentlichen Angelegenheiten sich noch schlimmer
gestalten, als sie Ihrer Schilderung nach schon sind? rief ich aus.

Viele Leute frchten, da die Radikalen die Ehe beseitigen und freie
Liebe mit allen ihren Folgen dem Volke aufdrngen wrden, erklrte
Forest. In der That fordern die radikalen Zeitungen -- die einzigen
Bltter, welche eine rcksichtslose Sprache gegen die Regierung fhren,
und diese scharf angreifen -- Verbot aller religisen Gebruche,
Abschaffung der Ehe, Aufhebung der Familie, der besonderen Haushaltungen
und Abschaffung des geringen persnlichen Eigentums, welches zu
besitzen, den Leuten heute noch gestattet ist.

Aber wie lassen sich solche uerungen und Forderungen der radikalen
Zeitungen in Einklang bringen mit dem, was Sie ber die Behandlung von
Gegnern der Regierung erzhlten? fragte ich. Wenn es gebruchlich ist,
die Gegner der Regierung in Irrenhuser zu sperren, so begreife ich
nicht, wie den radikalen Zeitungen gestattet werden kann, so scheuliche
Grundstze zu predigen.

Forest lachte, als er entgegnete: Die radikalen Redakteure werden
begnstigt und nehmen eine Ausnahmestellung ein; denn sie leisten
der Regierung wertvolle Dienste, indem sie die Masse des Volkes in
Unterwrfigkeit gegenber der Regierung hineinngstigen. Jedesmal,
wenn eine Wahl der Zunftgenerale bevorsteht, drfen die Redakteure der
Radikalen Zeitungen ihre volle Leistungsfhigkeit im Schimpfen und in
der Stellung wahnsinniger Forderungen entwickeln. Einige Tage vor der
Wahl drucken dann die Regierungszeitungen Auszge aus jenen unfltigen
Angriffen auf Religion, Ehe und Familienleben nach und fragen das Volk,
ob es solche nderungen wnsche. Dann wird das Volk aufgefordert, die
Regierung zu untersttzen, welche zwar nicht alle Leute zufriedenstellen
knne, immerhin aber die beste sei, welche auf Erden jemals bestanden
habe -- und so weiter mit Grazie bis ins Unendliche.

Die radikalen Redakteure werden also einfach als Popanze
geduldet, welche das Volk einschchtern mssen, whrend es
den gemigten Schriftstellern nicht gestattet wird, gegen die
jetzige Gesellschaftsordnung oder gegen die Regierung einen Tadel
auszusprechen?

So ist es, besttigte Forest. Ich frchte indes, da die Regierung
ein sehr gewagtes Spiel spielt. Die Radikalen gewinnen unzweifelhaft
Boden und es giebt unter ihnen sehr viele verzweifelte Burschen,
welche zu jeder Zeit bereit sind, die schwarze Fahne der Zerstrung zu
entfalten. Wre das Volk frei und unabhngig, so wre die Gefahr nicht
so gro. Dann wrden alle freien Mnner sich zur Verteidigung der von
ihnen geschtzten staatlichen Einrichtungen sammeln. Wie aber die Dinge
jetzt stehen, sind die Massen gewhnt, sich unter die Herrschaft einer
Minderheit zu beugen. Der Aufstand eines Haufens zu Allem entschlossener
Mnner wrde deshalb vergleichsweise geringen Widerstand von seiten
der Brger finden, die bereit wren fr die Aufrechterhaltung der
jetzigen Ordnung der Dinge zu kmpfen. Und es wird ein verhngnisvoller
Tag fr die Menschheit werden, an welchem die Radikalen die Herrschaft
gewinnen.

Haben Sie mir nicht mitgeteilt, da vor zwlf Jahren die damalige
Regierung die Wahl verlor und dadurch gestrzt ward? warf ich
ein. Und beweist das nicht, da selbst eine Regierung mit einer
Machtvollkommenheit wie die Ihrige schlielich doch geschlagen werden
kann? Und sagten Sie nicht ferner, da die jetzigen Oberbeamten
tchtigere, bessere Leute seien, als diejenigen, welche die letzte
Regierung bildeten?

Eine Besserung in der Leitung der ffentlichen Angelegenheiten ist
nicht in Abrede zu stellen; aber diese Besserung ist nicht sehr
wesentlich. Es hat in Wirklichkeit nur ein Wechsel der Beamten, nicht
aber eine nderung des Systems stattgefunden. Gnstlingswirtschaft,
Bestechlichkeit und Sittenverderbnis haben etwas abgenommen; aber sie
sind nicht ausgerottet worden. Sie wuchern im Gegenteile noch immer
viel zu ppig. -- Gerade diejenigen Leute, welche sich vor zwlf Jahren
im Kampfe besonders hervorthaten, mit Begeisterung die Erwhlung der
jetzigen Parteifhrer betrieben, weil sie von denselben die Reinigung
unseres ffentlichen Lebens und die Abstellung aller belstnde
erhofften; gerade diese Leute haben jetzt alle Hoffnung aufgegeben, da
unter dem Kommunismus eine gerechte und ehrliche Regierung berhaupt
bestehen knnte. Jener Wahlsieg hat also, eben weil er im wesentlichen
nur auf einen Personenwechsel hinauslief, das Vertrauen des Volkes auf
eine Besserung der Zustnde unter dem jetzigen System vernichtet. Mithin
hat der Sieg mehr geschadet, als gentzt. Der strkste und verllichste
Bestandteil unserer Bevlkerung in einem Kampfe fr vernnftige
Regierungsgrundstze wrden unsere Bauern sein; aber trotz ihrer groen
Zahlen bilden sie nur eine Zunft. Sie haben nur einen General und einen
Abteilungsvorsteher stets in der Minderheit. Und weil sie Gegner der
jetzigen Regierung sind, werden sie nicht so gut behandelt, wie die
Mitglieder der anderen Znfte.

Erhalten die Bauern nicht dieselben Guthabensscheine wie alle anderen
Brger?

Allerdings; aber sie beklagen sich, da sie die schlechtesten Waren
erhalten und nicht den vollen Anteil an ffentlichen Einrichtungen
oder Verbesserungen. Sie behaupten, da sie bestndig zurckgesetzt
werden. -- Die Bauern wrden die verllichsten Kmpfer gegen die
Radikalen sein; aber die Behandlung, welche ihnen von seiten der
Regierung zu teil geworden ist, hat sie so mivergngt gemacht, da
bei einem Kampfe fr die Aufrechterhaltung der jetzigen Regierung,
oder auch nur des jetzigen Systems, durchaus nicht auf sie zu rechnen
ist. Besonders klagen die Bauern darber, da die Stdter bei Anlage
von Theatern, Musikhallen und anderen Vergngung- und Erholungspltzen
entschieden bevorzugt wrden. Es ist natrlich unmglich, an jedem
Kreuzwege im Lande ein Theater oder eine Konzerthalle zu bauen: aber
wenn die Bevlkerungszahl in Stadt und Land in Betracht gezogen
wird, so mu zugegeben werden, da die Bauern im Verhltnis zu ihrer
Zahl recht kmmerlich bedacht werden. Die Regierung rechnet auf die
Untersttzung der Stadtleute und solcher Znfte, welche hauptschlich
aus Stdtern gebildet werden; deshalb werden die Stdter auf Kosten der
Bauern bevorzugt. Eine andere Klage der Bauern geht dahin, da sie bei
der Austeilung der Waren bervorteilt worden. Infolge des wechselnden
Geschmacks, des jahreszeitwidrigen Wetters und verschiedener anderer
Ursachen bleiben in den Warenhusern oft Reste liegen, welche mit
Verlust verkauft werden mssen.[24] Diese Waren kann die Regierung
verkaufen, wann sie will, d. h. wann sie meint, die besten Preise
dafr erhalten zu knnen. Die Regierung kann aber auch allein darber
bestimmen, welche Waren zu herabgesetzten Preisen verkauft werden
sollen. Nun behaupten die Bauern, da verlegene, unmoderne und schlechte
Waren den Landbewohnern als neu aufgeschwindelt werden; whrend
Begnstigte Waren zu herabgesetzten Preisen erhalten, die ganz neu und
fehlerlos sind. -- Ich will durchaus nicht behaupten, da alle Klagen
unserer Bauern begrndet sind. Teilweise mag dies nicht der Fall sein.
Aber die Klagen an sich sind ein Beweis der Unzufriedenheit und sie
sind nur mglich, weil unsere Regierung mit einer Machtvollkommenheit
bekleidet ist, welche in der Geschichte der Menschheit unerreicht
dasteht. Es ist das System, welches alle diese belstnde erzeugt.

Bestehen auer der radikalen und der Regierungspartei noch andere
Organisationen, welche nach der Leitung der Staatsangelegenheiten
streben?

Wir haben eine Temperenzpartei, welche sehr thtig und gut organisiert
ist; aber dieselbe sucht nur innerhalb der Regierungspartei und durch
diese zur Macht zu gelangen. Die Regierung zeigt keine Feindseligkeit
gegen die Mitglieder dieser Fraktion, sondern lt sie gewhren. Bisher
haben sie keine nennenswerten Erfolge errungen.

Ich sehe wohl, da Sie der jetzigen Gesellschaftsordnung nicht
viel Anerkennung zu teil werden lassen fr irgend etwas, was
unter ihr geschehen ist. Aber glauben Sie denn nicht, da die
Beseitigung der Armut, die Erhebung aller Menschen auf den Standpunkt
annhernder Gleichheit groe und unschtzbare Errungenschaften des
Menschengeschlechtes darstellen? Ich entsinne mich nur zu wohl der
unsagbaren Leiden, welche die Armen meiner Zeit zu erdulden hatten.
Ich bin nicht gengend mit der jetzigen Ordnung der Dinge vertraut, um
alle Ihre Mitteilungen und Ansichten gutheien oder ihnen widersprechen
zu knnen. Aber ich betrachte die gnzliche Beseitigung der Armut als
eine so groartige Errungenschaft, da ich trotz Ihrer Verdammung des
jetzigen Systems die Hoffnung nicht aufgebe, es werde der jetzigen
Gesellschaft gelingen, die Unzulnglichkeiten zu berwltigen, welche
von allen menschlichen Anstrengungen und Einrichtungen unzertrennlich
sind.

Mein verehrter Herr West, es freut mich auerordentlich wahrzunehmen,
da Sie in Ihren letzten uerungen zur Verteidigung des Kommunismus
dieselben Grnde vorfhren, welche zu Ihrer Zeit die Verteidiger Ihrer
Gesellschaftsform gegen die Kommunisten geltend machten. Es beweist
das einfach zweierlei: Erstens, da uns unter Gottes Sonne auf der
Erde nichts vollkommen ist und zweitens, da auch jede Regierung das
zugestehn mu. Die Abschaffung der wirklichen Armut htte, wie ich
spter ber jeden Zweifel hinaus beweisen werde, auch ohne den Rckfall
in den Kommunismus durchgefhrt werden knnen. Dadurch wren uns die
schauderhaften Folgen dieser elenden Gesellschaftsform erspart worden.
Die Thatsache, da die Regierungsbeamten die im Arbeiterheere stehenden
Freunde ihrer Gegner wie Sklaven behandeln knnen und da selbst
solche Freunde von Gegnern der Regierung, die sich durch Tchtigkeit
bereits emporgearbeitet hatten, bei der jhrlichen Neueinteilung in
die zweite Abteilung des dritten Grades zurckversetzt werden knnen,
die Gnstlingswirtschaft, welche die Regierung eingefhrt hat, haben
eine unerhrte Schmeichelei, Knechtschaffenheit, Verlumdungssucht und
Verderbtheit grogezogen. Nie hat es in der Geschichte der Amerikaner
eine Zeit gegeben, in welcher im ffentlichen wie im geschftlichen
Leben so wenig Unabhngigkeitssinn und Mannhaftigkeit zu Tage traten.
Als vor zweihundertunddreiig Jahren England den Versuch machte, eine
Theesteuer einzufhren, da erhoben sich die Amerikaner in Waffen,
weil sie nicht gesonnen waren, der Regierung die Auferlegung einer
Steuer zu gestatten, so lange die Amerikaner keine Vertretung in dem
Parlamente hatten, welches diese Steuer ausschrieb. Heute verfgt die
Regierung ber die Arbeit aller Mnner und Frauen whrend vierundzwanzig
langer Jahre, ohne da der Blte des amerikanischen Volks auch nur
eine Gelegenheit gegeben wrde, darber abzustimmen, wie die Regierung
die Arbeit derjenigen leiten soll, welche alles das erzeugen, wovon
das ganze Volk lebt! Diese elende Sklaverei, welche nie zuvor unter
#civilisierten# Vlkern bestanden hat, kann nicht lange mehr dauern.
Sie wird in einem Meere von Blut untergehen. Denn wahr ist das Wort
Schillers:

    Vor dem Sklaven, wenn er die Ketten zerbricht;
    Vor dem freien Manne erzittere nicht.




Fnftes Kapitel.


Aus einem Himmel des Friedens und der Freude, aus einem nur von guten
Menschen bewohnten Idealstaate, hatte Forest mich hinabgestrzt in das
tiefe, dunkle Meer des Zweifels und des Trbsinns.

Dr. Leete und dessen Familie entging natrlich mein gedrcktes,
verstrtes Wesen nicht und whrend der Doctor offenbar darauf wartete,
da ich aufs neue mit ihm soziale Fragen besprechen wrde, suchte Edith
mich zu trsten. Sie schien zu glauben, da das Fremdartige meiner
Umgebungen und meiner neuen Stellung einen geistigen Druck auf mich
ausbe.

Ich vermied indessen eine Erklrung. Ich hatte beschlossen, meine
Unterredungen mit Herrn Forest fortzusetzen, mir aber durch Prfung
der Zustnde eine eigne, klare Meinung zu bilden. Denn nur durch eigne
Anschauung konnte ich zu einem selbstndigen Urteil darber gelangen,
wie weit Dr. Leetes und wie weit Forests Darstellung die richtige sei.

Deshalb schlenderte ich, wenn ich nach der Universitt ging, oder von
dort zurckkehrte, die Straen entlang und sprach mit allen Leuten,
die ich kennen lernte. Es erschien mir hchst befremdend, da alle
sehr zurckhaltend wurden, ja ngstlich und mitrauisch erschienen,
sobald ich an sie Fragen stellte ber die Verwaltung der ffentlichen
Angelegenheiten, ber die Grundstze, auf welchen unser Staatswesen
ruht, ber das Benehmen der Offiziere, ber die Verwaltung der
Warenlager, sowie darber, ob das Volk sich glcklich fhle oder nicht.

Selten wurde mir eine entschiedene Antwort zu teil, aus welcher ich auf
freudige Zufriedenheit oder auf grollende Unzufriedenheit schlieen
konnte. Nur einige Radikale sprachen sich in den allerstrksten
Ausdrcken gegen die jetzige Ordnung der Dinge aus, sowie gegen
die hchsten Beamten des Landes, und einige Frauen wurden so weit
mitteilsam, da sie erklrten, sie fnden an der Arbeit in den Fabriken
gar keinen Gefallen.

Aber obschon die Leute im allgemeinen sehr zurckhaltend in dem
Kundgeben ihrer Stimmungen und Meinungen waren, so wurde es mir doch
klar, da Zufriedenheit in dem Garten des Kommunismus eine ebenso
seltene Pflanze ist, wie sie es vor 113 Jahren in den Ver. Staaten
war. Das rohe Schelten der Radikalen gegen die hchsten Beamten des
Landes konnte mich natrlich nicht berzeugen, da die erhobenen
Beschuldigungen begrndet wren. Bemerkenswert erschien es mir aber,
da die Frauen und Mnner des Arbeiterheeres, mit welchen ich ber
jene Anklagen sprach, sich auf keine Verteidigung der Angegriffenen
einlieen. Sie wollten es offenbar vermeiden, irgendwo anzustoen, so
lange sie nicht von ihren Vorgesetzten aufgefordert wurden, fr die
Regierung einzutreten.

So drngte sich mir die berzeugung auf, da auch die Gtergemeinschaft
nicht die allgemeine Glckseligkeit und Zufriedenheit geschaffen hatte,
welche ich nach den Schilderungen des Dr. Leete zu finden hoffte. Aber
ich war zu der Annahme geneigt, da die Leute im allgemeinen recht
angenehm lebten, ohne groe Sorgen, nicht gerade besonders zufrieden
mit ihrem Lose, aber auch nicht entschlossen, den Stand der Dinge zu
ndern. Es schien mir ferner, als ob die Masse des Volkes geistig trge
und schwerfllig wre, als ob nur wenige an irgendwelchen Dingen regen
Anteil nhmen.

Eines Tages, als ich nach einem Spaziergange durch die Straen Bostons
nach Dr. Leetes Haus zurckgekehrt war und den Hausflur betreten hatte,
hrte ich aus einem anstoenden Zimmer, dessen Thr offen stand, eine in
sehr lautem Tone gefhrte Unterhaltung. Schon die ersten Worte fesselten
unwillkrlich meine Aufmerksamkeit. Sie wurden von einer tiefen, vor
Erregung zitternden Stimme gesprochen und lauteten:

Frulein Edith hat mich zur Fortsetzung meiner Besuche ermutigt.

Wir alle sind immer erfreut, Sie bei uns zu sehen, Herr Fest,
antwortete Dr. Leete. Wir alle haben Sie eingeladen, Ihre Besuche zu
wiederholen.

Allerdings haben Sie das gethan; aber Sie verstehen wohl, was ich
meine, fuhr die Stimme fort. Ich bin so oft in Ihr Haus gekommen und
habe heut Frulein Edith gefragt, ob sie mein Weib werden will, weil
Ihre Tochter meine Hoffnung, ihre Liebe zu gewinnen, ermutigt hat.
Jetzt aber wird mir in khler Weise erffnet, da ich mich irrigen
Hoffnungen hingegeben habe und ich sehe meinen Verdacht besttigt, da
der Bostoner des neunzehnten Jahrhunderts, den Sie aus einem Keller in
Ihrem Garten ausgraben lieen, der Mann ist, den Frulein Edith allen
andern vorzieht -- selbst demjenigen, den sie bis vor einigen Tagen
ermutigte.

Herr Fest, ich wnsche, da Sie die Bildung und Gesittung des
zwanzigsten Jahrhunderts mit mehr Anstand vertreten, wenn Sie von meiner
Tochter und von meinem Gaste sprechen, sagte Dr. Leete etwas erregt.

Natrlich mu ich vor allen Dingen den Anstand bewahren, nachdem ich
durch herzlose Koketterie ein Jahr lang genarrt worden bin und nun die
Entdeckung mache, da das Mdchen, welches ich liebe, mir ein 143 Jahr
altes Menschenkind vorzieht, sagte Fest bitter und hhnisch.

Wie knnen Sie nur so beleidigende, unwahre Reden fhren! rief
Edith in zorniger Aufregung. Niemals whrend unserer zehnjhrigen
Freundschaft ist mir der Gedanke gekommen, da Sie andere Gefhle fr
mich hegen, als die eines Bruders.

Es ist an der Zeit, dieser Unterredung ein Ende zu machen, erklrte
jetzt Dr. Leete. Nach den stattgehabten Erklrungen wird Herrn Fest
ohne Zweifel sein Gefhl sagen, da die bisherigen Beziehungen nicht
fortgesetzt werden knnen.

Natrlich knnen unsere Beziehungen nicht fortgesetzt werden,
schrie Fest im hchsten Zorne. Ich verlasse Sie jetzt und erklre
Ihnen hiermit, da ich Ihr Haus nicht wieder in freundlicher Absicht
betreten werde. Sollte ich je zurckkehren, so werde ich als Feind
kommen, um Rache zu suchen fr die Zerstrung meines Lebensglckes und
Herzensfriedens. Hten Sie sich vor jenem Tage!

Die Sprache, welche dieser Mensch gegen Edith und deren Vater fhrte,
emprte mich und, in das Zimmer tretend, sagte ich: Bitte, sparen Sie
Ihre hochtnenden Redensarten auf, bis Sie vielleicht einmal auf einem
Liebhabertheater einen Bsewicht spielen und verlassen Sie sofort das
Zimmer.

Der Mann vor mir war sechs Fu und drei Zoll hoch, hatte breite
Schultern und gewaltige Fuste. Er blickte spttisch auf mich nieder
und sagte: Siehe da! Der ausgegrabene Greis. Diesmal will ich Sie noch
schonen, altes Mnnchen; aber wenn Sie mir noch einmal mit unverschmten
Redensarten in den Weg treten, dann stecke ich Sie in einen Sack und
werfe Sie in die Massachusetts-Bay.

Ehe ich auf diese Drohung antworten konnte, hatte Fest die Stube und das
Haus verlassen.

Wer ist der Mann? fragte ich, mich an Dr. Leete wendend, ohne da ich
versucht htte, mein Mivergngen zu verbergen.

Er ist ein Maschinenbauer, ein sehr tchtiger Mann in seinem Gewerbe
und Hauptmann im Arbeiterheere, erklrte der Doktor. Seine Eltern
lebten im nchsten Hause und als er ein Knabe war, pflegte er mit Edith
zu spielen.

Wenn ich die Bildung, sowie die Umgangsformen der Offiziere des
Arbeiterheeres nach den Erfahrungen dieser Stunde beurteilen wollte,
dann mte ich sagen, da die Gesittung eher Rckschritte als
Fortschritte gemacht hat, bemerkte ich.

Es ist ein auerordentlicher Fall von Atavismus, erklrte Dr. Leete.
Solche Hitzkpfigkeit ist in unserem Zeitalter sehr selten und nur
durch Vererbung erklrlich.

Ich mochte diese Unterhaltung, die ein sehr unerfreuliches Ende nehmen
konnte, jetzt nicht fortsetzen. Ich konnte die Betrachtung nicht
unterdrcken, da die Sitten und Umgangsformen vor 113 Jahren zwischen
beiden Geschlechtern eine Linie zogen, die zwar unsichtbar, aber von
jedermann anerkannt war, der eine Ahnung von Schicklichkeitsgefhl hatte
und da zu meiner Zeit kaum ein Mann den Eindruck haben konnte, da ein
Mdchen ihn ermutigt hatte, wenn dies nicht der Fall war. Ich hegte
nicht den geringsten Zweifel, da Edith sich in dieser Angelegenheit so
gut benommen hatte, wie das beste Mdchen ihrer Tage. Dieser peinliche
Auftritt war auch eine Folge der Gleichmacherei, welche allberall
bemerklich ist und welche wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grade die
feine Scheidelinie verwischt hatte, welche vor 113 Jahren die sittlich
erzogenen Mitglieder beider Geschlechter trennte. Ich erinnerte mich der
Frage, welche ich einst an Dr. Leete stellte:

Und so erklren also die Mdchen des zwanzigsten Jahrhunderts ihre
Liebe?

Worauf Dr. Leete antwortete:

Wenn es ihnen gefllt. Sie haben nicht mehr Grund als die sie liebenden
Mnner ihre Gefhle zu verbergen.[25]

Ja freilich! Wenn die Mdchen ihre Liebe ebenso erklren, wie die Mnner
das thun, dann mu freilich die feine Scheidelinie zwischen den beiden
Geschlechtern verwischt werden.

Ein Gefhl der Unruhe, ja des Widerwillens berkam mich.

Vielleicht wre es doch zweckmig, Herrn Fest wenigstens auf einige
Monate unter rztliche Behandlung zu stellen, sagte Dr. Leete
nachdenklich. Er befindet sich ohne Zweifel in einer hochgradigen
Aufregung und es ist nicht unmglich, da er eine unberlegte Handlung
begeht, welche er spter bereuen wrde.

Vor hundert und dreizehn Jahren wrden wir solch einen Menschen einfach
unter Friedensbrgschaft gestellt haben, sagte ich, da mir der Gedanke
Entsetzen einflte, da ein Mann lediglich deshalb in ein Tollhaus
gesperrt werden sollte, weil er im Zorne einige Drohungen ausgestoen
hatte.

Was thaten Sie aber mit einem Manne, der trotz seiner Brgschaft den
Frieden brach? fragte der Doktor.

Wir bestraften ihn nach den Gesetzen, welche auf den Fall Bezug hatten;
entweder mit einer Geldstrafe, mit Gefngnishaft, oder, im Falle eines
Mordes, mit Ttung.

Wir bringen einen Mann, in welchem der Atavismus zum Durchbruch kommt,
in ein Hospital, wo tchtige rzte ihn so lange in Behandlung nehmen,
bis sie ihn fr gengend hergestellt erachten und seine Entlassung
verfgen, sagte Dr. Leete mit dem Ausdruck groer Selbstzufriedenheit
und Gte, whrend er eine frische Havannacigarre anzndete.

Ich glaube nicht, da du viel wagst, Papa, sagte Edith, wenn du dem
Manne erlaubst, seiner Berufsthtigkeit nachzugehen. Er braust schnell
auf; aber er wird sich auch bald wieder beruhigen.

Dessen bin ich nicht so sicher, antwortete Dr. Leete nachdenklich.
So weit ich ihn kenne, sind seine Gefhle, wenn einmal erregt, tief
und nachhaltig. Vielleicht beruhigt er sich; vielleicht auch nicht.
Jedenfalls ist es gefhrlich, den Stimmungen eines solchen Menschen
ausgesetzt zu sein.

Widerstreitende Gefhle und Gedanken fllten mir Herz und Hirn. Ich war
berzeugt, da eine Fortsetzung der Unterredung zu einem ernstlichen
Streit mit Dr. Leete fhren knnte und ich war nicht in der Stimmung,
eine lngere Errterung mit ihm zu fhren. So schtzte ich denn starkes
Kopfweh vor und trat einen Spaziergang an.

Die Erfahrungen der letzten Stunde schmeckten durchaus nicht nach
dem tausendjhrigen Reiche menschlicher Glckseligkeit, von welchem
Dr. Leete wiederholt gesprochen hatte. Ein Mann, welcher eine
Offiziersstelle in dem Arbeiterheere bekleidet, beschuldigt Edith in der
rohesten Weise der Koketterie. Sein Betragen entsprach sicher nicht dem
hohen Lobe, welches Dr. Leete der Bildung und Erziehung junger Leute im
zwanzigsten Jahrhundert zollte. Jedenfalls bewies dieser Streit zwischen
Fest und der Familie des Dr. Leete, da die Zufriedenstellung der
Menschheit durch die Einfhrung des Kommunismus, d. h. durch gengende
Beherbergung, Kleidung und Abftterung aller Leute, auch nicht erreicht
wird. Ha und Eifersucht bedrohten meine Liebe und Fest schien mir ganz
der Mann zu sein, um mir sein Mibehagen klar zu machen. Das Mittel,
durch welches Dr. Leete eine Gewaltthat des enttuschten Liebhabers
verhindern wollte, erschien mir noch viel widerwrtiger, als die
Aussicht auf einen Kampf mit Fest. Und wieder stieg die Frage in mir
auf, ob wohl Edith Bartlett, meine Verlobte im Jahre 1887, einem Manne
auch nur die Mglichkeit der Klage offen gelassen htte, da sie mit ihm
kokettiert oder ihn zu einer Liebeserklrung ermutigt htte.

Als ich Herrn Forest nach meiner nchsten Vorlesung traf, warf ich die
Frage hin: Wenn ich recht unterrichtet bin, so haben sich viele Mdchen
des zwanzigsten Jahrhunderts zu dem entwickelt, was wir emancipierte
Damen zu nennen pflegten?

Forest warf einen schnellen, prfenden Blick auf mein blasses
Gesicht, welches von einer schlaflos verbrachten Nacht zeugte und
entgegnete dann: Der bldsinnige Versuch, die in der Natur begrndete
Verschiedenheit durch Gleichmachereibestrebungen zu verwischen, hat
auch die Beziehungen zwischen Frauen und Mnnern nicht verschont. Beide
Geschlechter gehren dem Arbeiterheere an, beide haben ihre Offiziere
und Richter, beide erhalten die gleiche Bezahlung. Die Knigin Ihres
altvterlichen Haushaltes ist entthront worden. Wir nehmen unsere
Mahlzeiten in groartigen Dampfabftterungsanstalten ein und wenn unsere
Radikalen (die wahrhaft folgerichtig denkenden Kommunisten) einmal
siegen sollten, dann werden wir alle in groen Kasernen leben, welche
Tausende von Menschen beherbergen knnen. Die Ehe und das Familienleben
werden abgeschafft sein, ebenso wie Religion und persnliches Eigentum;
freie Liebe wird das Losungswort sein und wir werden ein Dasein fhren
wie eine Kaninchenherde. -- Das natrliche Schicklichkeitsgefhl,
welches eine hervorragende Eigenschaft des zarteren Geschlechts ist,
hat es glcklicherweise verhindert, da die Mehrzahl unserer Frauen
und Mdchen den gemeinen und erniedrigenden Lehren des Kommunismus zum
Opfer gefallen ist. Aber das echte Mdchen unserer Zeit ist ein sehr
merkwrdiges, wenn auch nichts weniger als angenehmes Geschpf. Haben
Sie schon Frulein Cora Delong, eine Base des Frulein Leete, kennen
gelernt?

Bisher ist mir das Vergngen versagt gewesen.

Sie werden ihr nicht entgehen, weissagte Forest mit einem heiteren
Lachen. Frulein Cora ist eine begeisterte Vorkmpferin fr die
unbedingte Gleichheit von Weib und Mann. Und da manche junge Mnner
den jungen Mdchen ihrer Bekanntschaft den Hof machen, so hlt es
Frulein Cora fr recht und billig, da sie den jungen Mnnern die Cour
schneidet. Sie nimmt keinen Anstand, ihnen zu sagen, da sie deren
Schnheit bewundert, da sie sie liebt, ja anbetet; sie sucht ihnen
Ksse zu rauben und ladet sie zu einem Schnaps ein; so etwa, wie junge
Mnner die Damen ihrer Bekanntschaft zu einer Schale Eiskreme einladen.
Sie raucht Cigarren und spielt mit ihren jungen Freunden Billard, kurz,
sie thut alles, den Unterschied des Geschlechts zu verwischen. Und
bitter beklagen sich Cora Delong und Mdchen ihresgleichen, da sie
nicht alle Unterschiede zwischen Mnnern und Frauen beseitigen knnen.

Ich brenne durchaus nicht vor Verlangen, die Bekanntschaft des Frulein
Delong zu machen, gestand ich. Und auf Grund meiner persnlichen
Erfahrung mu ich sagen, da mir die frhere Art des Haushaltens
viel angenehmer erscheint. Fhren aber die Frauen des zwanzigsten
Jahrhunderts nicht ein viel bequemeres Leben als selbst die reichen
Frauen meiner Zeit? Und wirtschaften Sie nicht mehr Arbeit aus Ihren
Frauen heraus als wir? Dr. Leete sagte mir das.[26]

Dr. Leete ist ein groer Optimist; wenn immer es gilt dem Kommunismus
das Wort zu reden, antwortete Forest Es ist einfach unmglich, mit
einiger Sicherheit festzustellen, welchen Wert die Arbeit aller Mdchen
und Frauen im Jahre 1887 hatte. Aber ich bezweifle die Richtigkeit
der Angaben Ihres Gastfreundes, da wir mehr Arbeit aus den Frauen
herauswirtschaften (wie Dr. Leete sich ausdrckt) als Sie aus den
Frauen Ihrer Zeit.

Das besondere Kochen, Waschen und Pltten am Ende des neunzehnten
Jahrhunderts mu doch entschieden bedeutend mehr Arbeit verursacht haben
als die Art und Weise, in welcher diese Verrichtungen heute besorgt
werden, bemerkte ich. Dazu kommt, da, wie Dr. Leete versichert, es
heute keine Hausarbeit mehr giebt.[27]

Das ist wieder einmal eine jener Behauptungen, in welchen Dr. Leete so
stark ist, antwortete Forest. Wer fegt die Zimmer, macht die Betten,
reinigt die Fenster, staubt die Mbel ab und scheuert den Fuboden?
Ohne Zweifel bildet die Familie des Dr. Leete eine Ausnahme; denn die
Frauen des Arbeiterheeres verrichten jedenfalls die meisten, wenn nicht
alle Arbeiten im Hause des einflureichsten Vertreters der Regierung in
Boston. Haben Sie jemals Frau Leete oder Frulein Edith Hausarbeit oder
berhaupt welche Arbeit verrichten sehen?

Ich mute diese Frage verneinen; denn in der That hatte ich nur gesehen,
da Edith einen Blumenstrau gewunden hatte. Sonstige Arbeit irgend
welcher Art hatte ich sie oder ihre Mutter nie verrichten sehen. Wenn
sie ein Mitglied des Arbeiterheeres war, mute sie eine Stellung
einnehmen, in welcher ihre Arbeit wenig Zeit in Anspruch nahm. Sie hatte
mir gegenber niemals davon gesprochen, da ihr irgend welche Pflichten
oblgen und ich erinnerte mich recht wohl, da Dr. Leete gleich in den
ersten Tagen meines Verweilens in seinem Hause sagte, da Edith eine
unermdliche Bazarbesucherin sei,[28] dadurch andeutend, da sie viele
mige Stunden habe.

In den Husern, welche die Mitglieder des Arbeiterheeres bewohnen,
haben die Frauen keine Hilfe von andern Mitgliedern des Hilfscorps,
d. h. von den Frauen der industriellen Armee. Sie mssen alle die
Arbeit, welche ich erwhnte, selbst verrichten, und fr sie ist das
Kochen in den groen Speisehusern keine so groe Zeitersparnis, wie
Sie zu glauben scheinen. Diese Frauen mssen dreimal des Tages ihre
Kleider wechseln; denn sie knnen nicht in dem Anzuge bei Tische
erscheinen, in welchem sie Haus- oder Fabrikarbeit verrichten. Und
wenn sie kleine Kinder haben, mssen sie dieselben ebenfalls dreimal
sorgfltiger ankleiden, als dies notwendig wre, wenn die Kinder
daheim essen wrden.

Bei dem Kochen in den groen Speisehusern, fuhr Forest fort, wird
erfahrungsgem mit den Stoffen nicht gespart, und ich glaube deshalb,
da die Massenkocherei durchaus nicht billig ist. Ferner mssen
diese groen Kosthuser einen langen Speisezettel zusammenstellen,
und je mannigfacher die Kost, desto grer ist auch die Menge der
berbleibsel, welche nicht mehr verwendet werden knnen. -- Aus
den angefhrten Grnden haben die verheirateten Frauen, welche
Mitglieder des Arbeiterheeres sind, in der That wenig Zeit, auer
der Haushaltungsarbeit viel zu schaffen, und die Mehrheit derselben
wrde lieber zu Hause kochen. Sie knnten dann, whrend sie mit
ihrem Haushalte beschftigt sind, die Mahlzeiten bereiten, ohne
damit mehr Zeit zu verlieren, als jetzt mit dem Umziehen fr die
gemeinschaftlichen Abftterungen. Besonders die Familien mit vielen
Kindern wrden lieber zu Hause kochen. Auch bei Krankheit in der Familie
ist es eben so schwierig, wie umstndlich, in den groen Koch- und
Abftterungsanstalten geeignete Kost fr die Kranken zu erlangen. Eine
Frau Hosmer sagte mir vor einigen Tagen, da sie und ihre sieben Kinder
schon um manche Mahlzeit gekommen sind, weil es ihr nicht immer mglich
war, sich selbst und ihre sieben Kleinen rechtzeitig frisch umzukleiden
und zu waschen.

Wie beschftigen Sie die verheirateten Frauen? fragte ich.

Dies ist ein wunder Punkt in unserer vielgepriesenen gesellschaftlichen
Ordnung, antwortete Forest. Die meisten verheirateten Frauen
finden an der Thtigkeit im Arbeiterheere durchaus kein Gefallen
und suchen sie auf jede Weise zu vermeiden. Die Arbeit, welche die
Kinder veranlassen, und persnliches Unwohlsein werden am hufigsten
als Entschuldigungsgrund geltend gemacht fr die Abwesenheit der
verheirateten Frauen von ihren Stellungen im Arbeiterheere.

Ich glaube, da es selbst fr einen Arzt sehr schwierig ist,
festzustellen, ob die vorgebrachten Entschuldigungen begrndet sind,
oder nicht, bemerkte ich.

Ganz gewi. In den meisten Fllen ist es fr den Arzt unmglich,
die Frauen zu beschuldigen, da sie Unwohlsein heucheln und
diese Beschuldigung zu erweisen, fuhr Herr Forest fort. Diese
Schwierigkeiten, welche die verheirateten Frauen veranlassen, und die
Thatsache, da die Sorge fr ihre kleinen Kinder Frauen oft jahrelang
verhindert, im Arbeiterheer Dienst zu thun, -- diese Umstnde werden
von den radikalen Kommunisten zur Untersttzung ihrer Forderung
geltend gemacht, da die Familienhaushaltung ganz abgeschafft werden
msse. Die Radikalen behaupten, da ihr System ein viel gedeihlicheres
sein wrde, als das unsrige. Es wrde viel billiger sein, Hunderte
oder Tausende in einem Gebude unterzubringen und zu bekstigen, als
Huser zu unterhalten, in welchen nur eine, zwei oder drei Familien
wohnen knnen. Sie behaupten ferner, da nach Beseitigung der Ehe und
nach der Einfhrung der freien Liebe als Gesetz zur Regelung des
geschlechtlichen Umganges die flchtigen Verbindungen von Mann und Weib
bessere Nachzucht liefern wrden, als die Ehe. Diese Kinder wrden
in groen Kinderbewahranstalten untergebracht werden, so da die
Mtter, von der Kinderpflege befreit, den ganzen Tag dem Dienste des
Arbeiterheeres widmen knnten.

Wie gemein! rief ich. Alle menschlichen Einrichtungen, die
Beziehungen beider Geschlechter zu einander, sollen wir nur auf
die Berechnung grnden, was sich am besten bezahlt! Und wir sollen
die Kinder von der Mutter trennen, nur weil es billiger ist, die
jungen Zweihnder hundertweise aufzufttern, obschon bei der
Massenaufzucht die Sterblichkeit unter denselben zehn oder zwanzig
Prozent grer wre.

Dennoch sind die Radikalen die folgerichtigen Denker unter den
Kommunisten, sagte Forest. Der Grundstein, auf welchem der
Kommunismus ruht, ist die Gleichheit. Sie knnen die Forderung, da
die Arbeitsergebnisse gleichmig geteilt werden sollen, nur mit
der Behauptung rechtfertigen, da wir alle gleich sind, und wenn
wir es sind, dann liegt kein Grund vor, weshalb wir in Husern von
verschiedener Gre und Bauart leben, weshalb wir uns nicht gleichmig
kleiden und dieselben Gerichte essen sollen. Wenn wir alle gleich sind,
dann hat jedermann ein ebenso gutes Recht auf die Liebe eines Mdchens,
als jeder andere Mann und eben so hat jedwedes Mdchen einen ebenso
guten Anspruch auf die Liebe eines Mannes, als das andere. Und es giebt
keinen Grund, weshalb in einem kommunistischen Staatswesen das eine Kind
mehr Abwartung haben sollte, als das andere, und weshalb die eine Mutter
mehr Zeit bei ihrem Kinde verbringen sollte, als die andere, -- dadurch
kostbare Augenblicke vertrdelnd, welche der Gesamtheit gehren und zum
Kartoffelschlen ntzlich verwendet werden knnten. -- Die Radikalen
sind die allein waschechten Kommunisten.

Es kann doch nicht wohl jedes Mdchen alle Mnner lieben und heiraten;
ebenso wenig wie jeder Mann alle Mdchen lieben und heiraten kann,
warf ich ein, etwas belustigt durch den grimmigen Hohn Forests, obschon
ein tiefempfundener Widerwille gegen die von den Radikalen gepredigten
scheulichen Grundstze meine Heiterkeit nicht recht aufkommen lie.

Unsere radikalen Weltbeglcker sind bis jetzt nicht imstande gewesen,
es mir ganz klar zu machen, wie sie die freie Liebe regeln wollen,
falls von einer Regelung derselben berhaupt die Rede sein kann,
antwortete Herr Forest. Wahrscheinlich wird die Schwierigkeit,
diese Frage vllig zu beleuchten, durch den Umstand erklrt, da die
Weltbeglcker untereinander noch nicht klar darber sind, wie frei die
freie Liebe sein soll. Einige Radikale scheinen geneigt zu sein, ein
Zusammenleben zweier Personen beiderlei Geschlechts so lange zu dulden,
wie die Neigung der beiden freinander whrt. Die wahrhaft aufgeklrten
und folgerichtig denkenden Kommunisten knnen aber eine dauernde
Verbindung nicht dulden, da sie in schroffem Widerspruch zu unserem
Grundsatze der unbedingten Gleichheit steht. Wahrscheinlich werden sie
sich dahin einigen, da man sich tglich neu begattet und, damit beide
Geschlechter gleichgestellt werden, kann man den Frauen das Recht der
Auswahl an jedem Montag, Mittwoch und Freitag, den Mnnern an jedem
Dienstag, Donnerstag und Sonnabend geben. Die Sonntage werden vielleicht
aus Hflichkeit noch den Damen zugestanden. Und um alle Streitigkeiten
fr den Fall zu vermeiden, da eine Anzahl von Menschheitsbeglckern
dasselbe Mdchen whlt, oder da mehrere Jungfrauen und Frauen denselben
Zeitgenossen heiraten wollen, kann man Lotterien veranstalten oder die
Reihenfolge auskegeln. Auch durch Skatspiel oder Wrfeln lt sich die
Reihenfolge feststellen. So wird man allen gerecht!

Ich kann mir nicht vorstellen, sagte ich, wie Mnner, welche das
freie Denken als ein besonderes Vorrecht in Anspruch nehmen mchten,
solche viehische Lebensgrundstze entwerfen und dieselben als
fortschrittlich der Menschheit empfehlen knnen. Das Schicksal der
Frauen wrde in der That beklagenswert werden, wenn diese Grundstze
jemals den Sieg erringen sollten. Freie Liebe mte die Stellung der
Frauen erniedrigen, weil sie dem Manne der alternden Frau das Recht
geben wrde, sich von dieser zu trennen. Die Menschheit im allgemeinen
aber wre zu beklagen, wenn die Pflege der Kinder den Mttern entrissen
und andern Menschen anvertraut werden sollte.

Ich wrde es als den furchtbarsten Schlag ansehen, der jemals gegen
die Menschheit gefhrt wurde, entgegnete Forest, wenn die Pflege und
die erste Erziehung der Kinder ihren Mttern entrissen werden sollte.
Keine Frau, kein Mann, wie gut und edel sie auch sein mgen, knnen
fr ein fremdes Kind die unendliche Liebe und Geduld hegen, welche
das Elternherz erfllen. Die Gefhle, welche Mann und Frau, sowie die
Familie verbinden, sind selbst von den kommunistischen Gesetzgebern
bisher geachtet worden. Die Menschheit wird in Barbarei zurckfallen
an dem Tage, an welchem die Familie zerstrt, die Mutter vom Kinde und
der Mann von der Frau getrennt wird. Man raube der Ehe den veredelnden
Einflu, welchen das gemeinschaftliche Tragen von Freud und Leid, der
bestndige Austausch aller Gedanken und Gefhle den Beziehungen beider
Geschlechter zu einander verleiht, und man wird den Verkehr von Mann
und Frau zu einem wesentlich tierischen erniedrigen. Viele der besten
Eigenschaften aller Menschen knnen wir zurckverfolgen zu ihrer Quelle:
der unendlichen Liebe und Geduld unserer Mtter in ihrem Bestreben,
die geliebten Kinder zu guten und tchtigen Menschen zu erziehen.
Fast alle groen Mnner hatten gute Mtter. Nichts auf Erden kann dem
Kinde den Verlust der Mutter ersetzen; nichts knnte die Menschheit
fr den wohlthtigen Einflu entschdigen, welchen die Mtter auf die
heranwachsenden Geschlechter ausben.

Glauben Sie, da Ihre Radikalen jemals Macht genug erlangen werden, um
die Mtter entthronen und die Ehe abschaffen zu knnen? fragte ich mit
einiger Neugierde.

Forests Antwort lautete freudiger und zuversichtlicher als irgend eine
uerung, welche ich bisher von ihm gehrt hatte.

Die Radikalen mgen sich erheben und die jetzige Regierung
niederwerfen; sie mgen mancherlei vollbringen, ohne viel Widerstand
bei den Massen zu finden, welche das jetzige System nur eben dulden und
fr dessen Verteidigung keine groen Anstrengungen machen werden. Aber
unsere radikalen Weltverbesserer wrden sehr unangenehme berraschungen
erleben, wenn sie es versuchen wollten, den Mann von seinem Weibe, die
Mutter von ihrem Kinde zu trennen. Fast jede Mutter wird wie eine Lwin
um ihre Kleinen kmpfen, und ich kenne einen Mann, der keinen Strohhalm
opfern mchte, um die Niederlage der jetzigen Regierung zu hindern,
der aber bis zum Tode kmpfen wrde, ehe er sich von dem Weibe seines
Herzens trennen liee. Denn ein gutes, liebendes Weib ist das Hchste,
was Gott dem Manne gewhren kann, und kein Mann von Mut und Ehre wird
sich sein Weib rauben lassen, so lange noch ein Tropfen Blut warm durch
seine Adern rollt.




Sechstes Kapitel.


Nun, Herr Forest, sagte ich, als ich wiederum mit meinem Vorgnger in
der Professur zusammentraf, teilen Sie mir doch freundlichst mit, wie
gro das Jahreseinkommen jedes Bewohners der Ver. Staaten von Amerika
ist.

Das Einkommen wurde letztes Jahr auf 204 Dollars berechnet, antwortete
Forest.

Zweihundertundvier Dollars sagen Sie? rief ich erstaunt. Ist das
Alles? Nach den Angaben des Dr. Leete und nach seiner Lebensweise hatte
ich angenommen, da der Betrag mindestens dreimal so gro sein mte.

Forest lchelte. Wie hoch war das durchschnittliche Jahreseinkommen der
Bewohner der Ver. Staaten zu Ihrer Zeit? fragte er.

Ich mute gestehen, da ich keine Vorstellung davon hatte.

Es betrug 165 Dollars, sagte Herr Forest, doppelt so viel, wie das
Durchschnittseinkommen der Bewohner Deutschlands und Frankreichs.

Ich wurde durch diese Zahlenangaben ganz verwirrt. Ich hatte mich
niemals mit volkswirtschaftlichen bersichten beschftigt und jhrlich
wohl zwanzigmal 165 Dollars verausgabt. Ich erinnerte mich nur, einmal
in den Zeitungen gelesen zu haben, da der Jahresverdienst aller
arbeitenden Mnner, Frauen und Kinder sich auf mehr als vierhundert
Dollars beliefe und ich hatte eine dunkle Vorstellung, da das
Jahreseinkommen der Mnner durchschnittlich etwa 600 Dollars war. Ich
teilte dies Herrn Forest mit.

Sie haben bei Ihrer Berechnung die Frauen und Kinder nicht
bercksichtigt, welche nichts verdienten, sondern von dem Einkommen
ihrer Gatten, Vter oder Brder lebten, erklrte Forest. Ein
Jahreseinkommen von 204 Dollars fr alle Mnner, Frauen und Kinder
wrde demnach eine erhebliche Zunahme des Volksreichtums anzeigen,
wenn die Zahl richtig berechnet wre. Das ist aber nicht der Fall.
Um den Volkswohlstand recht gro erscheinen zu lassen, wird der Wert
aller Arbeitserzeugnisse viel hher angegeben, als in Ihren Tagen.
Die natrliche Folge ist, da die Kaufkraft des Dollars auf unseren
Guthabensscheinen geringer ist, als der des Dollars zu Ihren Zeiten.
Ich habe die Preise aller Lebensbedrfnisse und Luxusgegenstnde in
den Jahren 1900 und 2000 miteinander verglichen und gefunden, da die
Preissteigerung sich auf nahezu 95 Prozent beziffert. Das wirkliche
Jahreseinkommen unserer Bevlkerung beluft sich demnach nur auf etwa
112 Dollars; es hat also nicht um 24 Prozent zugenommen, sondern ist um
33 Prozent geringer geworden.

Wie erklren Sie diese aufflligen Angaben? fragte ich.

Diese Frage ist leichter gestellt, als beantwortet, meinte Forest.

Ich bin sehr gespannt auf Ihre Erklrung, bemerkte ich. Dr. Leete
hat so viele annehmbare Grnde gegeben fr die Armut, welche die Folge
unseres absonderlichen Wirtsschaftssystems war,[29] da ich von dem
greren Reichtum Ihres Volkes ganz berzeugt wurde. Er erwhnte die
hufigen verfehlten Unternehmungen im neunzehnten Jahrhundert, den
Verlust durch Konkurrenz, die periodische berproduktion von Werten
aller Art, mit darauffolgenden Arbeitsstockungen, den Verlust, den die
Nichtbeschftigung von Kapital und von Arbeitskraft zu allen Zeiten
verursacht[30] und er hob besonders hervor, da von fnf Unternehmungen
im neunzehnten Jahrhundert vier fehlschlugen, ehe eine erfolgreiche
kam.[31]

Ja! Ich kenne die Ansichten und Grnde, welche Dr. Leete geltend
macht, aus seinen gelegentlichen Reden, sowie aus den Aufstzen, die
er zuweilen fr Regierungszeitungen liefert, entgegnete Forest. Und
er hat unzweifelhaft noch andere Ursachen geltend gemacht, welche die
Arbeit Ihrer Zeit schdigten. Wahrscheinlich hat er Sie auch aufmerksam
gemacht auf die Kosten, welche das Heer und die Flotte veranlaten,
sowie die Zoll- und Steuerbeamten, die Steuereinschtzer und Einnehmer,
die vielen Richter und andere Beamte, welche Sie brauchten. Er wird auf
die viele Arbeit verwiesen haben, welche das Waschen und Kochen in den
einzelnen Haushaltungen verursachte, sowie auf die groe Anzahl von
Zwischenhndlern, welche die Waren durch ihre Hnde gehen lieen, ehe
die Arbeitserzeugnisse von den Arbeitern zu denjenigen gelangten, welche
sie gebrauchten. Und Dr. Leete wird auch die Rechtsanwlte, Bankiers,
sowie deren Gehilfen erwhnt haben, welche zwar in ihrer Art arbeiteten,
aber keine Werte hervorbrachten. Alle die Arbeitskrfte, welche in
jenen Berufszweigen beschftigt waren, sind jetzt dem Arbeiterheere
einverleibt worden.

In der That, sagte ich, Dr. Leete hat die meisten Ursachen fr die
Armut unseres Zeitalters, welche Sie da namhaft machten, mir aufgezhlt.
Und da jene bel jetzt wegfallen, erscheint es mir ganz natrlich, da
unter Ihrem Arbeitssystem das durchschnittliche Jahreseinkommen des
Volkes ein greres sein mu, und es wundert mich nur, da die Zunahme
des Wohlstandes nicht noch grer ist.

Ich werde keine Zeit damit verschwenden, begann Forest wieder,
eine eingehende Untersuchung darber anzustellen, wie gro der
Verlust war, welcher aus all' jenen Ursachen fr die Arbeit des
neunzehnten Jahrhunderts entstand. Es scheint mir aber, da Sie die
Wirkung derselben berschtzen. Unglckliche Spekulationen schdigten
beispielsweise allerdings die Unternehmer, aber in den meisten Fllen
erzeugten sie doch Werte, welche den Volksreichtum vermehrten und
schlielich anderen zu gute kamen. Der wahnsinnige Wettbewerb dagegen
machte die Waren billiger, vermehrte dadurch deren Verbrauch und
dadurch wieder deren Herstellung und gereichte somit der Menschheit
doch auch wieder zum Nutzen. Die Behauptung, da vier Unternehmungen im
neunzehnten Jahrhundert fehlschlugen, ehe eine Erfolg hatte, ist eine
jener Angaben des Dr. Leete, welche der vereinte Glaube von zehn der
strksten Mnner nicht verdauen knnte. Sie mssen selbst am besten
beurteilen knnen, da das eine unsinnige bertreibung ist.

Die Ersparnisse, welche aus dem gemeinschaftlichen Kochen entstehen,
haben wir bereits untersucht, fuhr Forest fort. Wenn in der That
ein Vorteil daraus entsteht, so ist er in den Stdten gering, auf dem
Lande noch geringer und keinenfalls bietet er Entschdigung fr den
Verlust an huslichem Behagen, welcher daraus entsteht. Ferner mssen
wir bercksichtigen, da viele Richter, Rechtsanwlte, Bankiers,
Beamte und Zwischenhndler, sowie deren Gehilfen Mnner waren,
welche das einundzwanzigste Lebensjahr noch nicht erreicht, oder das
fnfundvierzigste Lebensjahr bereits zurckgelegt hatten. Diese Leute,
welche auerhalb des Dienstalters des Arbeiterheeres standen, sind
also abzurechnen von denjenigen, deren unproduktive Thtigkeit als ein
Verlust angesehen werden mu.

Dennoch mssen die Verluste, welche aus schlecht angelegtem Kapital
und schlecht geleisteter Arbeit, sowie aus vielen andern Ursachen
entstanden, ganz ungeheuer gewesen sein, sagte ich. Und diese
Verluste machen die groe Armut des Volkes am Ende des vorigen
Jahrhunderts sehr erklrlich.

Unzweifelhaft wrde dem so sein, meinte Forest, wenn nicht andere
Ursachen fr eine Abnahme unserer Leistungsfhigkeit wirksam wren.
Aber solcher Ursachen giebt es mehrere und Sie werden deren Tragweite
wohl erkennen, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache. Die Hauptursache,
welche den bestndigen Rckgang in der Menge, wie in der Gte
unserer Arbeitserzeugnisse verschuldet, liegt in der Beseitigung des
Wettbewerbes. Diese Riesenkraft war es, welche whrend der ersten
neunzehn Jahrhunderte christlicher Civilisation jedermann antrieb,
seine besten Geistes- und Krperkrfte einzusetzen. Seit aber der
Kommunismus eingefhrt worden ist, seitdem der faulste Arbeiter ebenso
viel erhlt, wie der fleiigste, d. h. seitdem der Fleiige zu Gunsten
des Faulen um einen Teil seiner Arbeitsergebnisse beraubt wird, seitdem
jedermann sicher ist, einen gleichen Anteil von den Arbeitsergebnissen
zu erhalten, gleichviel ob er viele und gute, oder wenige und schlechte
Arbeit geliefert hat, -- seitdem werden die Massen des Volks von Jahr
zu Jahr gleichgltiger und trger. Sie setzen nicht mehr ihre besten
Krfte ein, um gute und viele Arbeit zu liefern. Sie machen sich das
Leben bequem. Die geistigen wie die krperlichen Fhigkeiten sind in
bestndiger Abnahme begriffen. Das Volk der Ver. Staaten, einst berhmt
wegen seiner Findigkeit und Thatkraft, entartet. Die Befrderung der
Tchtigsten htte vielleicht als Sporn dienen knnen, htte nicht
die Gnstlingswirtschaft der Politiker alle guten Stellungen fr
die Verwandten jener Wahlzutreiber in Anspruch genommen, welche die
Helfershelfer der Regierung sind.

Ein anderer Grund fr die Abnahme des Volkswohlstandes ist die
Verkrzung der Arbeitszeit, sowohl der Jahre, wie der tglichen
Arbeitsstunden. Es ist sehr schwierig festzustellen, wie viele Menschen
beiderlei Geschlechts in den verschiedenen Lebensaltern zu Ihrer Zeit in
nutzbringender Thtigkeit beschftigt waren. Die letzte Volkszhlung,
welche in den Ver. Staaten veranstaltet wurde, ehe Sie in Ihren
hundertjhrigen Schlaf fielen, fand im Jahre 1880 statt. Der Bericht
ist ein sehr ausfhrlicher sowohl in Bezug auf die Zahl der Leute
verschiedenen Lebensalters, sowie auch in Hinsicht auf ihre Abstammung
u. s. w. Aber in Bezug auf das Alter der Arbeiter giebt der Bericht
nur drei Abteilungen. Die erste umfat alle Leute unter 15 Jahre, die
zweite alle Menschen zwischen 16 und 59 und die dritte alle Arbeiter
ber 60 Jahre. Von Mdchen und Knaben unter 15 Jahren wurden 1118356
beschftigt; im Alter von mehr als 60 Jahren 1004517 Leute, von
welchen 70873 Frauen waren. Von 50155783 Bewohnern der Ver. Staaten
gehrten nicht weniger als 17392099 dem Arbeiterheere an, wovon
2647157 weiblichen Geschlechts waren, die Dienstmdchen eingerechnet.

Ich erinnere mich, diese Zahlen gelesen zu haben, bemerkte ich.

Der Census von 1880 zeigt also, da ber 12 Prozent der Bevlkerung in
den Ver. Staaten, welche zur Arbeiterarmee gehrten, unter 15 oder ber
60 Jahre alt waren, rechnete Forest weiter. Das ist allerdings ein
recht trbseliger Ausweis. Mdchen und Knaben unter 15 Jahren sollten
noch Schulen besuchen und Leute, welche das sechzigste Lebensjahr
zurckgelegt haben, sollten ein gengendes Auskommen besitzen und nicht
mehr zur Arbeit gezwungen sein. Darber kann aber kein Zweifel bestehen,
da am Ende des letzten Jahrhunderts das Arbeiterheer verhltnismig
viel strker war, als es heute ist. Denn nach der Zhlung von 1880
lebten in den Ver. Staaten 15527215 Menschen im Alter von 21 bis
45 Jahren, das Arbeiterheer zhlte aber 17392099 Menschen; mithin
beschftigten Sie 2173184 Leute mehr, als sich in dem Alter befanden,
welches wir zum dienstpflichtigen gemacht haben. Dabei wre denn
angenommen, da alle Leute, welche sich bei uns im dienstpflichtigen
Alter befinden, auch wirklich Dienst thun; was aber bekanntlich nicht
der Fall ist. Denn die Kranken, die Bldsinnigen, die Krppel, die
Mtter kleiner Kinder und andere verrichten keine Arbeit im Heere.
Sie werden hiernach zugestehen mssen, da Ihre Zeitgenossen eine
verhltnismig viel grere Arbeiterarmee aufstellten, als wir dies
thun.

Das scheint mir unbestreitbar zu sein, antwortete ich.

Forest zog nun ein Blatt Papier aus der Tasche und rechnete weiter:
Hier ist ein Verzeichnis aller derjenigen Berufszweige, welche ich
dem Census von 1880 entnommen habe und welche Sie als unproduktiv
bezeichnen knnen. Ich habe manche Thtigkeiten als unproduktiv
angefhrt, ber deren Ntzlichkeit und selbst Notwendigkeit sich
streiten liee. Viele dieser Leute haben durch ihre Arbeit zum mindesten
solchen Menschen Zeit gespart, welche Werte hervorbrachten. Manche
Frauen htten sich vielleicht nicht als Knstlerinnen, Sngerinnen oder
dergleichen ausbilden lassen und spter in ihrem Berufe wirken knnen,
wenn sie nicht Hilfe im Haushalte gefunden htten. Diese Dienstboten
eingeschlossen, waren aber im Jahre des Herrn 1880 in den Ver. Staaten
1654319 Menschen mit Arbeiten beschftigt, welche Dr. Leete als
unproduktiv bezeichnen wrde. Wenn wir diese 1654319 Menschen
von den 2173084 Leuten abziehen, welche Sie ber die Zahl der im
dienstpflichtigen Alter befindlichen Personen hinaus dem Arbeiterheere
eingereiht hatten, so stellten Sie immer noch 518765 mehr Leute, als
1880 in den Ver. Staaten im Alter zwischen 21 und 45 Jahren lebten.

Ich ermunterte Herrn Forest, in seinen Auseinandersetzungen fortzufahren
und er sagte: Sie hatten also im Jahre 1880 unzweifelhaft viel mehr
Leute in nutzbringender Thtigkeit beschftigt (im Verhltnis zu Ihrer
Bevlkerungszahl natrlich) als wir. Nun bedenken Sie noch, da die
Arbeiter Ihrer Tage smtlich durch den Wettbewerb angespornt wurden, da
sie danach strebten, einmal unabhngig zu werden, um ein sorgenfreies
Alter genieen zu knnen und da sie zur Erreichung dieses Zieles ihre
besten Krfte einsetzten. Ihre Zeitgenossen arbeiteten also mehrere
Jahre lnger als wir, die tgliche Arbeitszeit war eine lngere, der
Sporn des Wettbewerbes wirkte mchtig auf alle ein und so war es denn
nur natrlich, da zu Ihrer Zeit verhltnismig viel mehr und viel
bessere Arbeit geliefert wurde, als heutzutage.

Das werde ich wohl zugeben mssen, sagte ich.

Und die Art unserer Gesellschaftsordnung drngt immer mehr darauf
hin, da die Arbeitszeit noch weiter verkrzt werde und da die
Arbeitsergebnisse noch geringer und schlechter werden, als sie schon
sind, setzte Forest seine Darlegung fort. Da sind z. B. die Bauern,
welche mit der jetzigen Gesellschaftsordnung so unzufrieden wie
mglich zu sein scheinen. Sie beklagen sich bitter darber, da sie in
Bezug auf die Anlage von Theatern, Museen, Konzerthallen und anderen
ffentlichen Anstalten gegen die Bewohner der Stdte zurckgesetzt
werden. Auch behaupten unsere Bauern, da ihre Arbeit viel schwerer
sei, als die der Stdter. Die Folge der Unzufriedenheit war ein Andrang
der Landbevlkerung nach den Stdten, der viel grer ist, als der,
ber welchen schon zu Ihrer Zeit geklagt wurde. Das Land wrde sehr
bald an allen Ackerbauerzeugnissen Mangel gelitten haben, wenn die
Regierung dem Andrange des Landvolks nach den Stdten nicht Einhalt
gethan htte. Aber man hie die Ankmmlinge nicht willkommen. Es wurde
ihnen einfach befohlen, Landarbeit zu thun. Damit war ihrem Wunsche,
in der Stadt zu leben, ein Ende gemacht; aber auch ihrem Ehrgeiz und
ihrem Arbeitstriebe. Die Landleute sind jetzt davon berzeugt, da
ihnen andere Stellungen verschlossen sind, da sie Zeit ihres Lebens
die Acker bauen mssen und da die Stdter auf ihre Kosten ein besseres
Leben fhren. Die Folge ist, da sie so wenig und schlecht wie mglich
arbeiten und da die Ackerbauerzeugnisse immer weniger werden. Schon
wiederholt haben Leute aus der zweiten Abteilung des dritten Grades
der stdtischen Znfte als Hilfsarbeiter auf das Land geschickt werden
mssen, um eine Hungersnot abzuwenden.

Teilen Sie mir das Schlimmste mit, sagte ich mit einem erzwungenen
Lcheln; denn ich sah das herrliche Luftschlo, welches Dr. Leete
vor mir errichtet hatte, unter dem Artilleriefeuer der Forestschen
Logik zusammenstrzen. Wir haben gesehen, nahm Forest den Faden
seiner Auseinandersetzungen wieder auf, da das Arbeiterheer im Jahre
1880 verhltnismig viel strker war, als das unsrige ist, da die
Arbeitszeit eine lngere war, und da die Arbeiter durch den Wettbewerb
angeregt wren, ihre ganze Leistungsfhigkeit zu entwickeln. Sie mssen
aber auch bercksichtigen, da wir eine ungeheure Arbeitskraft mit der
Aufsicht und mit der Buchhalterei vergeuden. Ihr Kleinhandel wurde
grtenteils gegen Barzahlung betrieben und die kleinen Geschftsleute
besorgten ihre geringe Buchhalterei abends nach Schlieung ihrer Lden.
Wir dagegen haben fr jeden Mann, fr jede Frau und fr jedes Kind
ein Soll und Haben in den Bchern der Regierung eingerichtet[32].
Wir haben eine Kanzlei, wo die rzte ber ihre Thtigkeit regelmig
Bericht zu erstatten haben.[33] Wir haben eine andere Kanzlei, wo Buch
gefhrt wird ber die Hilfe, welche jemand von der Arbeiterarmee in
Anspruch nimmt; sei es fr Hausarbeit oder fr andere Zwecke. Dort wird
das Konto desjenigen belastet, welcher die Hilfe in Anspruch nimmt und
das Konto desjenigen wird kreditiert, der die Hilfe leistet.[34] Wir
haben Kanzleien fr jeden Zweig der menschlichen Arbeit und dieselben
drfen als Musteranstalten fr die beste Art gelten, in welcher eine
Regierung menschliche Arbeitskraft vergeuden kann. Das ganze Feld der
produzierenden Arbeit ist, wie Sie wissen, in zehn groe Abteilungen
abgegrenzt worden. Jede dieser letzteren umfat eine Gruppe verwandter
Thtigkeitszweige. Jede dieser Unterabteilungen hat wiederum ihre
eigne Kanzlei und diese Kanzlei fhrt genau Buch ber alles was in
der betreffenden Zunft geschieht, ber vorhandene Betriebsmittel,
die geleistete Arbeit und so weiter, sowie ber die jetzige
Leistungsfhigkeit und ber die Mglichkeit, letztere zu erhhen.
Eine besondere Abteilung, welche den Warenversandt besorgt, ermittelt
auch den mutmalichen Verbrauch und nachdem diese Ermittelungen von
der Regierung gut geheien worden sind, erhlt jede der zehn groen
Abteilungen ihre Arbeit zugeteilt, diese zehn Abteilungen vergeben
die Arbeit an die einzelnen Znfte und diese setzen ihre Leute in
Thtigkeit.

Jedes Betriebsamt ist fr die ihm zuerteilte Arbeit verantwortlich und
seine Thtigkeit wird durch die betreffende Berufsgenossenschaft und die
Generalverwaltung kontrolliert.

Das 'Verteilungsamt nimmt keine Warenlieferung an, ohne sich selbst
von der Beschaffenheit derselben berzeugt zu haben', und so genau
ist die Durchfhrung, da ein Gegenstand, der sich in den Hnden des
Verbrauchers als unbefriedigend erweist, bis zu demjenigen Arbeiter
zurckverfolgt werden, welcher mit der Herstellung des speziellen
Stckes betraut gewesen war.[35]

Diese ungeheure Buchhalterei und Aufseherei, welche die Regierung in
den Stand setzt, die Arbeiter zu ermitteln, welche eine schadhafte Nadel
oder eine schlechte Cigarre gemacht haben, ermglicht es ihr auch, fr
ihre Gnstlinge zahllose gute Stellungen offen zu halten; aber die
Produktionskraft des Volkes und die Menge der erzeugten Werte werden
natrlich dementsprechend vermindert. Dazu kommt, da die Zahl der
Verbraucher grer ist als frher.

Wie erklren Sie das? fragte ich.

Hat Dr. Leete Ihnen nicht mitgeteilt, da Leute von gewhnlicher
Konstitution in der Regel 85 bis 90 Jahre alt werden?[36]

Allerdings.

Nun wohl. Dies erklrt die vermehrte Anzahl von Verbrauchern, welche
smtlich ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen in Gestalt
eines Guthabensscheins beanspruchen, erklrte Forest. Die Leute leben
heut lnger, als Ihre Zeitgenossen. Sie machen sich das Leben bequem
und whrend die Geistesschrfe, die Thatkraft und der Unternehmungsmut
bestndig abnehmen, vegetiert der Krper lnger.

Endlich gestehen Sie doch einmal eine Errungenschaft des jetzigen
Systems zu, rief ich.

Wenn das berhaupt eine Errungenschaft ist, meinte Forest, auf
Kosten des geistigen Lebens und Wirkens eine Lebensverlngerung des
verdummenden Menschen zu erzielen. --

Und nach einer kurzen Pause schlo Forest seine Auseinandersetzungen
ber die kommunistische Gesellschaftsordnung am Ende des zwanzigsten
Jahrhunderts folgendermaen:

Ich glaube nachgewiesen zu haben, da unser Staatswesen mit seinen
auf die angebliche Gleichheit aller Menschen begrndeten Einrichtungen
ein Fehlschlag ist, da die in der Natur begrndete Ungleichheit
jetzt in mancher Hinsicht viel drckender ist, als zu Ihrer Zeit, da
Gnstlingswirtschaft und Korruption heut ebenso wuchern, wie vor 113
Jahren, da von persnlicher Freiheit fast keine Spur mehr vorhanden
und an deren Stelle eine unertrgliche Knechtschaft verbunden mit
Kriecherei und Augendienerei gegenber den Vorgesetzten getreten ist,
da die Angehrigen des Arbeiterheeres, des Stimmrechts beraubt, der
Gnade oder Ungnade ihrer Offiziere preisgegeben sind, da diejenigen
Mitglieder der industriellen Armee, welche als Gegner der Regierung
gelten, ein elendes Leben fhren mssen, das man wohl als eine
vierundzwanzigjhrige Hllenpein auf Erden bezeichnen kann, und da die
Abschaffung des Wettbewerbes sowohl einen Rckgang der Geisteskrfte,
wie des Volkswohlstandes zur Folge hatte. In der That haben die
Beseitigung des Wettbewerbes, die Abkrzung der Arbeitsjahre sowohl
wie der Arbeitsstunden und die Erschaffung zahlloser Sinekuren fr
faulenzende Gnstlinge und Maitressen der einflureichen Politiker die
Produktion dermaen vermindert, whrend die Zahl der Verbraucher sich
bestndig vermehrt hat, da unser durchschnittliches Jahreseinkommen
heut kaum noch grer ist, als das eines gewhnlichen Arbeiters Ihrer
Tage. Es gewhrt uns nur ein sehr miges Auskommen. Und es kann meiner
Ansicht nach keinem Zweifel unterliegen, da die Menschheit, wenn sie
unter diesem System weiter lebt, in einigen Jahrhunderten in Barbarei
zurckversinken mu.




Siebentes Kapitel.


Sie waren so liebenswrdig, mir Ihre Ansichten ber die jetzige
Gesellschaftsordnung vorzutragen, begann ich meine nchste Unterredung
mit Herrn Forest; Sie haben aber auch gelegentlich die Meinung
geuert, da die Gesellschaft am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts
mancherlei Verbesserungen bedurfte. Wrden Sie mir wohl jetzt mitteilen,
durch welche Maregeln Sie den beln meines Zeitalters entgegen gewirkt
htten?

Forest lchelte. Ich halte mich nicht fr einen Weltverbesserer, der
die Menschheit und deren Einrichtungen vollkommen machen kann. Vergessen
Sie niemals, da wir alle mit Wasser kochen mssen, d. h. da alles, was
wir unvollkommenen Menschen leisten knnen, den Stempel menschlicher
Unvollkommenheit an sich tragen mu. Wie jeder denkende Mensch habe auch
ich meine Ansichten ber die gesellschaftlichen Einrichtungen, und wenn
Sie diese Ansichten hren wollen, will ich sie Ihnen gern mitteilen.

Ich bitte darum.

Was viele Leute die sociale Frage nennen, ist unlsbar, begann
Forest. Die von der Natur begrndete Verschiedenartigkeit wird sich
bei den Menschen stets fhlbar machen. Jeder Versuch zur Gleichmacherei
mu fehlschlagen. Es wird stets kluge und dumme, fleiige und faule
Leute geben. Tchtige Frauen und Mnner werden nie damit zufrieden
sein, da man die Arbeitsergebnisse gleichmig verteilt und ihnen
dadurch einen Teil der Frucht ihrer Thtigkeit raubt. Werden aber die
Arbeitserzeugnisse nach Verdienst verteilt, so werden viele derjenigen,
welche weniger erhalten, unzufrieden sein. Deshalb ist es unmglich,
alle Menschen zufrieden zu stellen, gleichviel, wie die Frchte der
Arbeit verteilt werden. Aber die Unmglichkeit, jeden ganz zufrieden
und glcklich zu machen, entbindet uns nicht von der Verpflichtung, mit
allen Krften eine Verbesserung unserer Zustnde zu erstreben.

Ich begreife Ihre Stellung. Aber lassen Sie mich hren, welche
Verbesserungen Sie vorgeschlagen haben wrden, wenn Sie am Schlusse des
letzten Jahrhunderts gelebt htten.

Die Gesellschaft Ihrer Tage krankte vornehmlich an der planlosen
Arbeitsweise, an der Monopolwirtschaft, welche die Anhufung
riesiger Reichtmer ermglichte, und an einem einsichtslosen
Arbeiterstande, der sich lieber der Ausbeutung unterwarf, oder die
Thtigkeit ganz einstellte, anstatt einfach durch Begrndung von
Arbeitergenossenschaften nach und nach alle Zweige menschlicher
Thtigkeit auf Gegenseitigkeit zum besten der Arbeitenden zu bernehmen.
Ein groer belstand war auch die Ungerechtigkeit Ihrer Besteuerung.

Auf fast allen Gebieten menschlicher Thtigkeit wurden Werte erzeugt,
ohne da jemand eine klare Vorstellung von dem wirklichen Verbrauche
hatte. Die Landwirtschaft lieferte alljhrlich einen groen berschu
ihrer Erzeugnisse und letztere waren daher meist so billig, da die
Bauern ein ziemlich kmmerliches Leben fhren muten. Viele Fabriken
arbeiteten Tag und Nacht, bis der Markt mit ihren Waren berfllt war.
Dann wurden diese zu jedem Preise losgeschlagen, manchmal unter den
Herstellungskosten, zahlreiche Bankerotte folgten, die Fabriken wurden
geschlossen und die Fabrikanten, wie Ihre Arbeiter, erlitten schwere
Verluste durch ihre unfreiwillige Unthtigkeit, bis der berschu
an Waren aufgebracht war. Dann begann aufs neue eine fieberhafte
Thtigkeit.

Wie wrden Sie diese belstnde bekmpft haben? fragte ich.

Ein Bundesamt htte feststellen mssen, wie gro der durchschnittliche
Jahresverbrauch der verschiedenen Lebensbedrfnisse war und wie sich die
Leistungsfhigkeit der betreffenden Berufszweige zur Erzeugung solcher
Waren zum Verbrauch verhielt.

Und was dann? Htte dann die Regierung den verschiedenen Berufszweigen
einen Auftrag zur Herstellung gewisser Erzeugnisse geben sollen? Und wie
htten diese Auftrge so verteilt werden knnen, da die Arbeiter damit
zufrieden gewesen wren?

Die Bundesregierung htte einfach den Jahresverbrauch der
verschiedenen Waren und die Leistungsfhigkeit der Berufszweige zur
Erzeugung der erforderlichen Waren feststellen sollen. Sache der
Berufsgenossenschaften wre es dann gewesen, die Produktion zu regeln.
Solche Ermittelungen der Regierung, welche den ungefhren Bedarf
feststellten, htten der arbeitenden Menschheit eine ziemlich klare
Vorstellung von ihren Aufgaben gegeben. Jeder Berufszweig htte sich
organisieren, Vertreter zu einer Nationalkonvention whlen und auf
dieser die Arbeit verteilen knnen. Die Arbeit ins Blaue hinein, die
berfllung der Mrkte mit ins Massenhafte erzeugten Waren, htte so
vermieden werden knnen; und doch wre der #Wettbewerb#, sowohl zwischen
den verschiedenen Fabriken, wie zwischen den einzelnen Arbeitern
#aufrecht erhalten# worden, der Wettbewerb, durch den allein tchtige
und reichliche Arbeitsleistungen erzielt werden.

Wenn aber trotzdem mehr Waren hergestellt worden wren, als verbraucht
wurden, wandte ich ein.

Das wrde natrlich der betreffende Berufszweig verschuldet haben und
die beln Folgen wrden auf ihn gefallen sein, entgegnete Forest.

Angenommen aber, da smtliche Angehrige eines Gewerbes sich zu dem
Zwecke verstndigt htten, fr ihre Erzeugnisse einen unverhltnismig
hohen Preis zu verlangen und das zu bilden, was man zu meiner Zeit einen
'Trust' nannte, fragte ich. Wie wren Sie einer solchen Ausbeutung des
Volkes begegnet?

Ein Bundesgesetz htte das Volk gegen jeden solchen Raubversuch
schtzen knnen, welches verordnete, da alles Eigentum der an solchen
Raubplnen beteiligten Leute, Genossenschaften und Gesellschaften
von den Ver. Staaten beschlagnahmt und an den Meistbietenden verkauft
werden solle, sobald ein annehmbares Gebot erfolge. Bis dahin htte die
Regierung durch Verwalter den Betrieb besorgen lassen oder letzteren
einstellen knnen. Die Einfuhr htte unter Umstnden den Bedarf gedeckt,
bis der volle Betrieb wieder aufgenommen worden wre.

Und wie wrden Sie die vielen Arbeitseinstellungen gehindert haben,
welche die Erwerbsthtigkeit unserer Tage so oft strten? fragte ich
weiter.

Durch Ermutigung der Arbeiter zur Begrndung von
Produktivgenossenschaften, antwortete Forest. Ich habe bereits
auseinander gesetzt, wie leicht solche Teilhaberschaften begrndet
werden konnten. Ein Dutzend Schneider oder Schuhmacher konnten einen
Flur mit Dampfkraft mieten, einige Nh- und sonstige Maschinen
anschaffen und ihre Arbeitserzeugnisse dann unmittelbar an andere
Arbeiter verkaufen. Dadurch htten sie sich den Gewinn der Fabrikanten,
Grohndler, Kleinhndler und Arbeiter gesichert, d. h. allen
Gewinn, der berhaupt in ihren Erzeugnissen steckte. Und es gab im
Jahre 1887 kein Gesetz, welches die Arbeiter hinderte, derartige
Produktivgenossenschaften zu begrnden, oder ihre Bedrfnisse an
Kleidern, Schuhwerk, Mbeln u. s. w. nur von Produktivgenossenschaften
zu kaufen. Die Fabrikanten wrden, sobald es offenbar geworden, da
die Arbeiter nur von Produktivgenossenschaften kaufen wollten, sehr
gern bereit gewesen sein, ihre Einrichtungen billig herzugeben,
billiger, als die neuen Gesellschaften sie htten einrichten knnen.
Ich meine, es msse kein Vergngen gewesen sein, zu ihrer Zeit ein
Geschft zu leiten, in welchem viele Leute arbeiteten. Denn die vielen
Arbeitseinstellungen mssen es den Geschftsleitern fast unmglich
gemacht haben, Voranschlge fr das nchste Jahr zu berechnen, oder
Kontrakte abzuschlieen. Deshalb wrden, wie ich mir vorstelle, die
Eigentmer von Fabriken froh gewesen sein, wenn sie ihre Einrichtungen
zu einigermaen gnstigen Preisen htten verkaufen knnen. Und die
Arbeiter htten nichts Gescheiteres thun knnen, als die Fabrikanten zu
veranlassen, die Leitung der Geschfte gegen eine angemessene Bezahlung
weiter zu fhren. Dies wrde den ferneren erfolgreichen Geschftsbetrieb
wesentlich erleichtert haben. Bei einem solchen Abkommen wrden die
Arbeiter durch monatliche Abschlagszahlungen Eigentmer geworden sein,
sie wrden sich dadurch die volle Bezahlung fr ihre Arbeit gesichert
haben, der frhere Eigentmer htte fr seine Einrichtungen einen
angemessenen Preis erhalten, wre aller Sorgen ledig und erhielte fr
seine Arbeit auch eine angemessene Bezahlung.

Ich glaube, da den meisten Fabrikanten und Geschftsleuten meiner
Zeit durch die unaufhrlichen neuen Forderungen und Streiks ihrer Leute
die Leitung groer Unternehmungen so verekelt war, da sie ihren Besitz
gern verkauft htten, bemerkte ich. Aber was wre aus den Gro- und
Kleinhndlern geworden?

Sie htten ihre Waren verkaufen und sich dann entweder einer
Genossenschaft anschlieen oder den Laden einer solchen verwalten
knnen. Auch stand es ihnen frei, sich eine andere Berufsthtigkeit
zu suchen, entgegnete Forest. Die Arbeiter Ihrer Tage htten
in der angedeuteten Weise einen Berufszweig nach dem andern auf
genossenschaftlicher Grundlage organisieren knnen, bis die gesamte
Industrie durch groe, in Nationalverbnde vereinte, Genossenschaften
betrieben worden wre.

Aber unsere Arbeiter wollten die Verantwortlichkeit, die Sorgen
und Wagnisse nicht bernehmen, welche von der Fhrung eines eigenen
Geschftes unzertrennlich sind. Sie zogen es vor, fr Lohn zu arbeiten
und versuchten es, diesen von Zeit zu Zeit zu erhhen, indem sie die
Arbeit einstellten und andere Leute verhinderten, die Pltze der
Streiker einzunehmen, sagte ich. Ihnen sind diese Verhltnisse
jedenfalls bekannt.

Allerdings, erwiderte Forest, und es mu auf den unbeteiligten
Beobachter einen trbseligen Eindruck gemacht haben, da tchtige
Arbeiter, die ihr Geschft grndlich verstanden, anstatt auf
gemeinschaftliche Kosten eigene Geschfte zu begrnden, Lohnarbeiter
blieben und aus ihren Arbeitgebern mehr Geld zu erpressen versuchten,
als diese zahlen wollten oder konnten, dabei andere Leute gewaltsam
verhindernd, fr den vom Fabrikanten bewilligten Lohn zu arbeiten.
Der Umstand, da die Arbeiter am Ende des neunzehnten Jahrhunderts
nicht Unternehmungsmut, geistige Befhigung und Unabhngigkeitssinn
genug besaen, fr eigene Rechnung zu arbeiten, hat die menschliche
Gesellschaft in den Kommunismus gestrzt. Da diese fluchwrdige
Staatsform ein klglicher Fehlschlag werden mute, war eine aus der
menschlichen Natur erwachsende Notwendigkeit. Ein Geschlecht, welches
noch auf einem so niedrigen Standpunkte der Entwicklung stand, da die
Schuhmacher nicht einmal thatkrftig und klug genug waren, fr eigene
gemeinschaftliche Rechnung Schuhe und Stiefel zu machen, sondern viel
lieber 'Lohnsklaven' blieben, streikten und andere Arbeiter prgelten,
welche fr den gebotenen Lohn arbeiten wollten; ein so kmmerliches
Geschlecht war natrlich geistig durchaus unfhig, ein Staatswesen zu
bilden, welches alle menschliche Thtigkeit und den Verbrauch aller
Arbeitserzeugnisse regelt.

Jedenfalls ist die Thtigkeit der Arbeiter auf gemeinschaftliche
Rechnung die vernnftigste Lsung dessen, was viele Arbeiter auch heut
noch die sociale Frage nennen, fuhr Forest fort, nachdem er eine kurze
Pause gemacht hatte. Solche Genossenschaften sichern den Arbeitern
den vollen Lohn fr ihre Thtigkeit und erhalten den Wettbewerb
aufrecht, die mchtige Triebkraft zur Entwicklung der Menschheit. Ob
wir aber diese Lsung der Arbeiterfrage erleben werden, erscheint sehr
zweifelhaft.

So weit die in Fabriken und Werksttten beschftigten Arbeiter in
Frage kommen, erscheint mir Ihr Vorschlag in der That recht gut,
gab ich zu. Wie wrden Sie aber die Arbeit auf dem Lande geregelt
haben, die Thtigkeit der rzte und Rechtsanwlte, der Eisenbahnbeamten
und -Arbeiter, der Angestellten an den Straenbahnen, der Kaufleute,
Bankiers und vieler anderer Berufszweige?

Lassen Sie uns schrittweise vorgehen, entgegnete Forest lchelnd.
Beschftigen wir uns zunchst mit der agrarischen Frage, welche seit
Menschengedenken jeder Umgestaltung der Gesellschaft die grten
Schwierigkeiten bereitet hat. Unter der jetzigen kommunistischen
Wirtschaft hegen die Ackerbauer nur wenig Liebe fr den Boden, den sie
bewirtschaften. Das Land gehrt ihnen ebenso wenig, wie das, was sie
demselben abgewinnen. Sie glauben, da sie fr die Stdter arbeiten
mssen, welche auf Kosten der Landbevlkerung bevorzugt werden. -- Htte
man mich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gefragt, wie ich die
Landfrage behandeln wolle, so wrde ich ein Gesetz befrwortet haben,
nach welchem niemand mehr als 40 Acker besitzen drfte. Diejenigen
Bauern, welche damals mehr Land besaen, htten dasselbe behalten,
aber nach ihrem Tode htte niemand mehr als 40 Acker erben drfen. Auf
einem 'Vierzig-Ackerstck' kann ein Bauer sehr gut leben und obschon in
Ihren Tagen die Ackerbauer unter der Zuvielerzeugung von Vieh, Getreide
und Frchten aller Art schwer zu leiden hatten, so entschdigte die
Farmer doch die Aussicht auf die bestndige Vermehrung der Bevlkerung,
verstrkt durch Einwanderung, fr die kmmerliche Gegenwart; denn die
Bevlkerungsvermehrung steigerte natrlich den Wert der Farmlndereien.

Aber wie htten Sie der berproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse
Einhalt thun knnen, wodurch die Landbevlkerung im Jahre 1887 so schwer
litt? fragte ich.

Das Bundesamt fr Ermittelungen, auch statistisches Bureau geheien,
wrde den Bauern ebenso gedient haben, wie dem brigen arbeitenden
Volke, versetzte Forest. Die Bauern htten einen Nationalverein
bilden und dieser htte die Produktion regeln sollen nach der
Leistungsfhigkeit der Ackergter des ganzen Landes. Und wenn es
sich herausstellte, da die Farmer ungleich mehr Ackerbauerzeugnisse
hervorbringen konnten, als der Bedarf erforderte, dann htten die Bauern
einen Teil ihres Landes zum Anbau neuer Nutzpflanzen verwenden knnen,
fr welche sich vielleicht ein Markt gefunden htte; oder sie htten
einfach Arbeit sparen knnen, indem sie einen Teil des Bodens brach
liegen lieen.

Nach Ihrer Ordnung der Dinge htte nicht jedermann ein Anrecht an den
Grund und Boden gehabt? warf ich ein.

Doch! Jedermann, welcher den Preis zahlen wollte und konnte, den der
Eigentmer dafr forderte, entgegnete Forest. Es kann nicht jedermann
ein Landgut besitzen. Besaen Sie eins?

Nein.

Nun wohl! Unter der kommunistischen Wirtschaft besitzt niemand auch nur
so viel Land, da man einen Stock hinein stecken knnte.

Wie wrden Sie die Thtigkeit der rzte und Rechtsanwlte geregelt
haben?

Durch gesetzmige Feststellung einer Gebhrentaxe. Und die Gesetze
selbst wrde ich sehr vereinfacht haben durch Beseitigung des
schauderhaften Wirrwarrs, welcher aus einer sogenannten Rechtspflege
entstand, die aus der Entscheidung zahlloser frherer Flle hergeleitet
wurde. Lange habe ich es nicht glauben wollen, bis ich ganz
unzweifelhafte Angaben darber fand, da eine so viel Handel treibende
Nation, wie die amerikanische es gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts
war, weder ein einheitliches Kriminalgesetz, noch ein einheitliches
Handelsgesetz besa. Diese Thatsache und der Wirrwarr, welcher aus den
einander widersprechenden Entscheidungen hnlicher Flle in frheren
Prozessen folgte (Entscheidungen, welche stets von den Rechtsanwlten
beider Parteien in einem Rechtsstreite vorgefhrt werden konnten),
mssen die Ver. Staaten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu einem
Paradiese fr Schwindler und fr solche Advokaten gemacht haben, welchen
es weniger um die Feststellung des Rechts zu thun war, als um einen
mglichst hohen Ehrensold; oder, besser gesagt, Sndenlohn.

Solche Anklagen wurden zu meiner Zeit vielfach gegen die Rechtspflege
und gegen die Rechtsanwlte erhoben, schaltete ich ein. Aber nun
sagen Sie mir, was Sie mit den Angestellten der Eisenbahn- und
Telegraphenlinien gethan htten; mit ....

Fragen Sie geflligst etwas langsamer, ersuchte mich Herr Forest.
Ich wrde alle Eisenbahn- und Telegraphenlinien des Landes zu einem
angemessenen Preise aufgekauft und Bundesschuldscheine zur Bezahlung
ausgegeben haben. Die Einnahmen der Eisenbahnen- und Telegraphenlinien
wrde ich zur Zahlung der laufenden Ausgaben und zur Verzinsung
der ausgegebenen Schuldscheine benutzt haben, die berschsse im
Bundesschatzamte aber zur Bezahlung der ausgegebenen Bonds.

Mir scheint, als stnde dieser Vorschlag im Widerspruche mit dem, was
Sie in Bezug auf die schauderhaften Zustnde sagten, die eine Folge der
Ansammlung zu groer Macht in den Hnden der Regierung sein sollen,
fragte ich.

Nein, antwortete Forest. Zur Herbeifhrung solcher Zustnde, wie die
jetzigen, wren die Eisenbahn- und Telegraphenmter nicht zahlreich
genug, abgesehen davon, da #jetzt# alle Arbeiter von der Regierung
ganz abhngig sind, keine Stimme bei der Erwhlung der Beamten haben,
und ihre Arbeitgeber nicht wechseln knnen, weil der Staat der einzige
Arbeitgeber ist; whrend zu Ihrer Zeit alle Beamten das Wahlrecht
hatten und ihre Stellungen mit andern vertauschen konnten, wenn sie
unzufrieden wurden. Auch erinnere ich mich, da man zu Ihrer Zeit mit
der Reformierung des Beamtenwesens begonnen hatte. Ich habe darber
widersprechende Urteile gelesen. In manchen Aufstzen wurde behauptet,
da die Sicherheit der republikanischen Einrichtungen einen hufigen
Wechsel der Beamten erfordere; whrend in andern Schichten diese Ansicht
als lcherlich verspottet wurde. Jeder vernnftige Mensch wrde einen
Mann, der ihm treu und umsichtig diene, so lange wie mglich behalten.
Das Volk solle dasselbe thun, und seine Angestellten so lange behalten,
wie sie ihre Schuldigkeit thten; gleichviel welcher politischen Partei
sie angehrten. Nur dadurch knnte eine gute Verwaltung der ffentlichen
Angelegenheiten erzielt werden. Ich entsinne mich gelesen zu haben,
da Brieftrger und andere im Postdienst Angestellte nicht entlassen
werden durften, wenn man ihnen keine Pflichtverletzung nachweisen
konnte. Wenn diese Grundstze auf alle Angestellten des Eisenbahn-
und Telegraphenwesens angewendet worden wren, von dem Augenblick an,
da diese Einrichtungen in die Verwaltung der Ver. Staaten bergingen;
wenn alle Angestellten mit denselben Gehltern, die sie frher bezogen,
beibehalten worden wren, so lange sie ihre Schuldigkeit thaten, so
htte die bernahme des Eisenbahn- und Telegraphenwesens und die
Vereinigung dieser beiden Verkehrsanstalten mit dem Postdienste
nur geringe Schwierigkeiten veranlat. Uncle Sam htte natrlich
ebenso gute, wenn nicht bessere Gehalte zahlen knnen, als die
Aktiengesellschaften, welche frher den Eisenbahn- und Telegraphendienst
leiteten.

Das klingt ganz annehmbar.

Und es ist annehmbar. Deutschland hatte mit der Vereinigung des
Post-, Eisenbahn- und Telegraphendienstes unter Staatsleitung bereits
eine erfolgreiche Probe zu der Zeit gemacht, da man 1887 schrieb.
-- Es ist in der That hchst bemerkenswert, da ein so weltkluges,
thatkrftiges und handeltreibendes Volk, wie das der Ver. Staaten am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts, die Hauptverkehrsmittel in den Hnden
von Krperschaften lie, welche dieselben natrlich zu dem Zwecke
verwalteten, mglichst groen Gewinn herauszuwirtschaften; mitunter auch
einen Nebengewinn fr einen Direktorenring.

In manchen Geschichtswerken Ihrer Zeit, fuhr Forest fort, begegnet
man uerungen des Erstaunens und des Zorns darber, da im vierzehnten
und fnfzehnten Jahrhundert in manchen europischen Lndern sogenannte
Raubritter ihr Unwesen treiben durften. Diese Biedermnner hielten die
unter ihren Schlssern vorbeiziehenden Kaufleute und Reisenden an,
forderten einen Zoll und lieferten ihnen unter Umstnden dafr Schutz
innerhalb gewisser Grenzen. Dies waren die Geschftsgrundstze der
anstndigen Raubritter. Die unanstndigen plnderten die Reisenden
einfach aus, unterschieden sich also in keiner Weise von gewhnlichen
Straenrubern. Wir haben es hier nur mit den Rittern zu thun, welche
fr die Benutzung der ber ihr Gebiet fhrenden Straen eigenmchtig
einen Zoll erhoben. Diese Herren wagten ihre gesunden Gliedmaen, ja ihr
Leben an die Eintreibung eines Wegezolles; denn die Kaufleute wuten
mit Schwert und Lanze umzugehen, hatten oft bewaffnete Knechte mit sich
und leisteten hufig erfolgreichen Widerstand. Mehr als ein Ritter fiel
bei seinem Versuche, Zoll zu erheben, im Kampf auf der Landstrae,
manches Raubschlo߫, dessen Insassen den benachbarten Stdten besonders
beschwerlich geworden waren, wurde von den Brgern gestrmt, und
der Herr Raubritter bte seine Gelste nach Zllen mit dem Tode.
Anders war es zu Ihrer Zeit. Die Herren, welche damals Zlle von den
Reisenden und von den Waren erhoben, die ber die Hauptverkehrsstraen
befrdert wurden, konnten das ohne alle Gefahr thun. Sie durften diese
Zlle auch fast nach Belieben steigern. Alles, was sie zu diesem
Zweck zu thun hatten, war die Veranstaltung einer Zusammenkunft der
Eisenbahnprsidenten da oder dort und die Annahme des Beschlusses,
da sie die Preise fr die Befrderung von Reisenden und Frachtgtern
erhhen wollten. Solche Zusammenknfte hatten nur dann ble Folgen, wenn
der Champagner schlecht war, welcher bei diesen Gelegenheiten getrunken
wurde. Es war ein fast lcherlicher Zustand, da ein handeltreibendes
Volk den gesamten riesigen Personen- und Frachtverkehr des Landes der
Willkr von Dividenden machenden Gesellschaften preisgab, und es legt
ein gutes Zeugnis fr das Billigkeitsgefhl der Eisenbahnbeherrscher
im Jahre 1887 ab, da dieselben das Volk so gut behandelten, wie
es geschah; da sie ja eigentlich thun und lassen konnte, was ihnen
beliebte.

Die Gas- und Wasserwerke, sowie die Straenbahnlinien htten Sie
vermutlich unter die Leitung der Stadtverwaltungen gestellt, fragte
ich.

Allerdings, antwortete Forest. Aber ehe ich mich mit stdtischen
Angelegenheiten befat htte, wrde ich unter die Bundesverwaltung
auch noch diejenigen Wald- und Bergwerkslndereien gestellt haben,
welche damals den Ver. Staaten noch gehrten, d. h. ich wrde eine
geordnete Forst- und Bergwerkswirtschaft eingefhrt haben. Wenn das Volk
der Ver. Staaten einigermaen vernnftig mit den ungeheuren Wldern
gewirtschaftet htte, welche frher weite Gebiete dieses groen Landes
bedeckten, so wrden wir jetzt, im Jahre 2000, nicht an Holzmangel
leiden.

Was wrden Sie mit den Bankiers und mit den Kaufleuten angefangen
haben?

Nichts, entgegnete Forest. Die zahlreichen Produktivgenossenschaften
htten nicht nur Mnner gebraucht, welche den Betrieb der Fabrik leiten
konnten, sondern auch Geschftsfhrer und Buchhalter. Denn die Arbeiter
wrden sehr bald die Entdeckung gemacht haben, da die Handarbeit allein
nicht gengt, um ein groes Unternehmen mit Erfolg und zum Nutzen aller
Beteiligten zu betreiben. Als Geschftsleiter und Buchhalter htten
viele Bankiers und Buchfhrer wieder Anstellung gefunden. Die Eigentmer
von Lden aller Art htten, falls von den Produktivgenossenschaften
Verbrauchsvereine begrndet worden wren, die alle Waren hielten, wie
zu Ihrer Zeit die sogenannten Country Stores, sehr leicht Anstellung
finden knnen, nachdem sie ihren Warenvorrat verkauft hatten.

Ich glaube, da unter Ihrem System alle Lden gezwungen worden wren,
ihre Thren zu schlieen, bemerkte ich. Denn die verschiedenen
Gewerkschaften htten ganz sicher eigne Lden eingerichtet, alle Waren
im groen gekauft und den Mitgliedern der Genossenschaften mit kleinem
Gewinn wieder verkauft. Mit solchen Geschften htten die Kaufleute
natrlich nicht konkurrieren knnen. Diejenigen Ladenbesitzer, welche
nicht imstande gewesen wren, Anstellungen in den Geschften der
Genossenschaften zu erlangen, htten sich nach anderer Arbeit umsehen
mssen -- fr viele derselben ein hartes Los!

Der bergang von dem Betrieb der Industrie auf Rechnung einzelner Leute
oder Aktiengesellschaften zu dem Betrieb durch Produktivgenossenschaften
wre sicher kein pltzlicher gewesen, sondern allmhlich geschehen,
erklrte Forest. Dadurch htten die Kaufleute vielleicht dreiig oder
fnfzig Jahre Zeit gefunden, sich in die neue Ordnung der Dinge zu
schicken. Ihre Kinder htten sich, anstatt Kaufleute zu werden, den
Gewerkschaften anschlieen knnen. Auerdem liegt kein Grund zu der
Annahme vor, da aller kaufmnnischen Thtigkeit einzelner durch die
Lden der Verbrauchsgenossenschaften ein Ende gemacht werden mte. Die
Billigkeit einer Ware allein sichert ihr nicht unter allen Umstnden
die Kufer. Der Geschmack beim Einkaufe hat sehr viel damit zu thun und
viele Leute zahlen lieber fr einen Gegenstand, der ihnen gefllt, etwas
mehr, als fr einen andern, der eben so zweckentsprechend, aber nicht
so hbsch ist. Deshalb htten Kaufleute, die beim Einkauf ihrer Waren
feinen Geschmack entwickelten, immer auf Kundschaft zhlen knnen, allen
Genossenschaftslden zum Trotz. -- Auch in vielen Landbezirken htten
sich Lden einzelner Kaufleute wohl halten knnen.

Sie sagten, Sie wrden ein Bundesgesetz erlassen haben, demzufolge
niemand mehr als 40 cker Land besitzen sollte, sagte ich. Htten Sie
auch das Recht der Stdter auf Besitz von Grundeigentum beschrnkt?

Der Besitz eines Hauses htte jeden billig denkenden Menschen
befriedigen sollen, entgegnete Forest. Niemand kann in Abrede
stellen, da die Ansammlung von Reichtmern, die sich in die Millionen
beliefen, in den Hnden einzelner, whrend andererseits viele nicht die
ntigsten Lebensbedrfnisse hatten, diesem verdammenswerten Kommunismus
vorarbeitete, ihn ermglichte.

Wie htten Sie aber die Ansammlung von groen Reichtmern verhindern
wollen? fragte ich neugierig.

Durch nderung des Steuerwesens, antwortete Forest. An Stelle mancher
Steuern, welche Sie erhoben, und welche groenteils den Unbemittelten
mehr belasteten als den Reichen, htte ich eine Erbschaftssteuer
eingefhrt, die zur Aufrechterhaltung der Bundes-, Staats- und
Gemeinderegierungen beigetragen htte. Ich wrde eine Steuer von einem
Prozent auf jede Erbschaft vorgeschlagen haben, welche jemandem zufiel
und sich auf nicht mehr als 10000 Dollars belief. Eine Erbschaft von
20000 Dollars wrde ich mit zwei Prozent besteuert haben, 30000
Dollars mit drei Prozent, 100000 Dollars mit zehn Prozent, 200000
Dollars mit zwanzig Prozent, 500000 Dollars mit fnfzig Prozent. Htte
jemand ein so groes Vermgen hinterlassen, da auf jeden Erben mehr als
500000 Dollars (d. h. nach Abzug der Erbschaftssteuer 250000 Dollars)
entfallen wren, so wrde der berschu als ein Erbteil der Menschheit
angesehen zur Bestreitung der Bundes-, Staats- und Gemeindeausgaben
verwendet worden sein.

Wrde ein solches Gesetz nicht als ein Abkhlungsmittel auf den
Unternehmungsgeist gewirkt und den Wettbewerb gelhmt haben, den Sie
stets als den Urquell alles menschlichen Fortschritts preisen? fragte
ich.

Es htte nur die Ansammlung ungeheurer Vermgen verhindert und den
Wettbewerb nicht gehindert, sondern im Gegenteile geschtzt, gab Forest
zur Antwort. Leute, welche zwanzig, oder fnfzig Millionen Dollars
besaen und diese groen Geldmittel rcksichtslos im Kampfe um das
Dasein verwendeten, waren gefhrlicher, als Diebe und Einbrecher.
Sie konnten jede Konkurrenz weniger bemittelter Bewerber vernichten
und oft bedienten sie sich erbarmungslos ihrer Macht. Sie traten den
Wettbewerb tot, vermehrten ihre Millionen und bahnten dem fluchwrdigen
Kommunismus den Weg. War es nicht ein groes Unrecht, da ein Mensch,
welcher durch allerlei Mittel ein groes Vermgen angesammelt hatte,
dieses unverkrzt einem Sohne hinterlassen konnte, letzteren in den
Stand setzend, die Abschlachtung der Konkurrenten und die Vermehrung
der Millionen fortzusetzen? Was konnte der tchtigste Mensch in vielen
Berufszweigen erzielen, wenn er auf einen anderen Menschen stie, der
vielleicht geringere Fhigkeiten, aber viel Geld und kein Gewissen besa
und seine Millionen in der rcksichtslosesten Weise zum Verderben seiner
Konkurrenten bentzte. -- Nein! Reiche Eltern mgen immer fr ihre
Kinder ein ansehnliches Vermgen hinterlassen, welches ihre Lieblinge
gegen Nahrungssorgen sicher stellt; aber sie sollten ihre Kinder nicht
in den Stand setzen, die Kinder rmerer Eltern im Kampfe ums Dasein an
die Wand zu drcken und im Wettbewerb tten.

Eine solche Erbschaftssteuer wrde in meiner Zeit erbitterten
Widerstand gefunden haben, bemerkte ich.

Wohl mglich, entgegnete Forest. Wahrscheinlich htten jene
kurzsichtigen Millionre, welche durch ihr Treiben den Kommunismus
heraufbeschworen, Einwand dagegen erhoben. Ich bin nichts destoweniger
der Meinung, da solch ein Gesetz nicht nur der Menschheit im
allgemeinen, sondern auch den Kindern der Millionre gentzt haben
wrde. Nur ein Gesetz dieser Art, welches die Zertrmmerung der
Riesenvermgen bewirkt haben wrde, htte den Ansturm des Kommunismus
und der Anarchie zurckwerfen knnen. Jemand, der 250000 Dollars
erbte, htte mit dieser Summe wohl zufrieden sein und den berschu der
Erbschaft dem Gemeinwesen willig abgeben knnen. Durch Aufopferung eines
Teiles der Erbschaft htten die Erben jener Riesenvermgen den Rest
gerettet und den Kommunismus geschwcht. Auerdem erscheint es mir sehr
zweifelhaft, da der Besitz groer Reichtmer deren Eigentmer gut, oder
glcklich machte.

Wenn im Jahre 1887 in den Ver. Staaten ein solches Gesetz erlassen
worden wre, wrden die meisten Millionre ihren Besitz zu Gelde
gemacht haben und nach Europa ausgewandert sein, wendete ich den
Auseinandersetzungen Forests gegenber ein.

Dieser erwiderte: Das glaube ich auch. Aber derjenige, der einen
groen Besitz antritt, den er nicht erworben hat, kann sehr wohl eine
hohe Abgabe an die Gemeinde entrichten und die durch eine derartige
Erbschaftssteuer bewirkte Zerstcklung der groen Vermgen htte den
kommunistischen Whlereien die Spitze abgebrochen. Selbstverstndlich
htte eine solche Steuer nach vorangegangenen internationalen
Verhandlungen in allen greren Kulturstaaten gleichzeitig eingefhrt
werden mssen.

Die Versuchung, die hohe Abgabe zu vermeiden, wrde sehr gro gewesen
sein, machte ich geltend. Viele Leute wrden es versucht haben, die
Steuer teilweise zu umgehen, indem sie die Erbschaften den Behrden
gegenber kleiner angaben, als sie wirklich waren; oder indem sie schon
bei Lebzeiten ihren Kindern und Verwandten einen Teil der Erbschaft
schenkten.

Der Versuch der Steuerbetrgerei htte mit Wegnahme des gesamten
Eigentums bestraft werden knnen, sagte Forest, die Geschenke dagegen
htten ebenso besteuert werden knnen, wie die Erbschaften. Angesichts
der Gerechtigkeit und der wohlthtigen Wirkungen eines solchen Gesetzes
htte man einige Beschwerlichkeiten in der Durchfhrung schon mit in
den Kauf nehmen knnen; zumal diese Schwierigkeiten sich nur anfangs
schroff geltend gemacht haben wrden. Sobald der Betrieb der Eisenbahn-
und Telegraphenlinien an die Ver. Staaten, der Betrieb der Industrie
und der Handel mit Lebensbedrfnissen dagegen an die Genossenschaften
bergegangen wre, wrden Vermgen im Betrage von 50 oder 100 Millionen
Dollars zu den gewesenen Dingen gehrt haben; denn alle diese
Einrichtungen htten ebenso wohl der Verarmung wie der Anhufung groer
Reichtmer entgegen gewirkt. Die Zahl der Agenten und Zwischenhndler
wrde bedeutend vermindert worden sein, jeder Mann wre zu einer
nutzbringenden Thtigkeit ermutigt worden und wrde einen Lohn empfangen
haben, welcher der Gte und Menge seiner Leistungen entsprochen htte.

Wrden nicht solche Cliquen und Sippen sich gebildet haben, wie
diejenigen, welche nach Ihrer Behauptung Ihre Regierung beeinflussen?
fragte ich. Und wrden diese Sippen nicht die Leitung der Fabrikations-
und Verbrauchsgenossenschaften an sich gerissen haben? Htten nicht
Cliquen den guten Arbeiter zu gering, den begnstigten schlechten
Arbeiter zu hoch bezahlen knnen?

Solche Flle htten wohl eintreten knnen, wrden aber zur Folge gehabt
haben, da die tchtigen Arbeiter eine Genossenschaft verlassen htten,
in welcher sie zu Gunsten der Faulenzer und Pfuscher betrogen wurden.
Sie htten leicht Aufnahme in einer andern Genossenschaft gefunden;
denn gute Arbeiter werden berall da gewrdigt, wo der Wettbewerb
herrscht. Dagegen wrde eine Genossenschaft, welche ihre tchtigsten
Arbeiter vertrieben htte, in ihren Leistungen zurckgegangen und
unfhig geworden sein, den Wettbewerb ferner auszuhalten. Derartige
Schwierigkeiten wrden sich also sehr leicht ausgeglichen haben.

Natrlich mssen Sie auf Gegenseitigkeit beruhende
Versicherungsgesellschaften unter den Berufsgenossenschaften
befrworten, Gesellschaften, welche alle Beteiligten gegen Unflle,
Krankheiten, Arbeitsunfhigkeit jeder Art sicher stellten und in einem
gewissen Alter eine Pension gewhrten, sagte ich. Und wahrscheinlich
wrden diese Versicherungsgesellschaften auch Feuer- und Lebenspolicen
ausgestellt haben.

Dies wrde allerdings eine Folge des Systems gewesen sein, welches
die wenigen Vorteile, die der Kommunismus bietet, mit den Wohlthaten
vereint, die aus dem Wettbewerbe erwachsen, antwortete Forest.

Wrden Sie die Einwanderung ermutigt haben? fragte ich weiter. Am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren viele ehrliche, wohlmeinende,
durchaus nicht engherzige Leute, die niemand des Fremdenhasses
beschuldigen durfte, der Ansicht, da die Ver. Staaten alle fremden
Elemente aufgenommen htten, welche sie allenfalls verdauen konnten
und da der Rest der Bundeslndereien fr die Kinder der Bewohner
der Ver. Staaten aufgehoben werden sollte. Die Abneigung gegen
weitere Einwanderung war groenteils durch die deutschen und irischen
'Dynamiteriche' verschuldet worden.

Ich kann mir vorstellen, entgegnete Forest, da manche Sitten und
Schrullen der Einwanderer Ihrer Zeit den eingeborenen Amerikanern
anstig erschienen, und da die Verbrechen der Dynamitwteriche gegen
die Gesetze des Landes, das sie gastfrei aufgenommen hatte, eine tiefe
Entrstung bei den Angloamerikanern hervorgerufen haben muten. Nichts
destoweniger glaube ich, da Ihre Zeitgenossen alle Ursache hatten, die
Einwanderung zu ermutigen. Strenge Handhabung der Gesetze gegen #alle#
bertreter derselben, gegen die #eingeborenen# sowohl, wie gegen die
#eingewanderten#, wrde dem Lande sehr wohl gethan und alle Versuche
berflssig gemacht haben, die Einwanderung zu beschrnken. Die wirklich
anstigen Einwanderer htte man doch nicht aus dem Lande halten knnen,
wenn sie hinein wollten; denn diese Leute wren, falls man ihnen die
Hfen der Ver. Staaten verschlossen htte, ber Mexico oder Canada
eingewandert.

Dieselben Grnde wurden zu meiner Zeit vielfach geltend gemacht,
bemerkte ich zustimmend.

Das vergleichsweise geringe Unheil, welches die Einwanderer
anrichteten, wurde ganz in den Schatten gestellt durch den groen
Nutzen, welcher dem Volke der Ver. Staaten aus dem europischen
Menschenstrom erwuchs, fuhr Forest fort. Die einfache Thatsache,
da Hunderttausende gesunder Menschen, deren Aufzucht und Erziehung
den europischen Lndern mehrere hundert Millionen Dollars gekostet
hatte, den amerikanischen Boden betraten, war ein groer Gewinn fr
die Ver. Staaten. Die bloe Anwesenheit dieser Mnner und Frauen
erhhte den Wert des Landes da, wo sie sich niederlieen; so die
Grundeigentmer bereichernd. Viele der Einwanderer waren geschulte
Arbeiter und Handwerker, andere Knstler und Gelehrte. Alle diese
Mnner und Frauen waren aber mit den Sitten, den Geschftsgebruchen,
den Landesverhltnissen und oft auch mit der englischen Sprache nicht
vertraut. Sie muten daher fast ausnahmslos beim #Beginn# ihrer
amerikanischen Thtigkeit die untersten Pltze im amerikanischen
Erwerbsleben einnehmen. Dadurch erhoben sie naturgem alle diejenigen,
welche schon in den Ver. Staaten wohnten, zu mehr oder weniger hheren
Stellungen im Leben.

Viele dieser Leute, welche aus allen Teilen Europas hierher kamen,
waren befhigte und gebildete Menschen, welche mit der Zeit erfolgreiche
Mitbewerber der lteren Ansiedler wurden. Aber der bestndige
Menschenstrom, welcher sich aus den europischen Lndern nach den Ver.
Staaten ergo, bereicherte und erhob doch bestndig das amerikanische
Volk und alle die Schlge, welche gegen die Einwanderung gerichtet
wurden, waren deshalb unklug. Die Gesetzgeber, welche solche Maregeln
befrworteten, erinnern mich an den Mann, welcher eine Gans schlachten
wollte, die jeden Tag ein goldenes Ei legte.

Nach einer kurzen Pause schlo Forest seine Auseinandersetzungen
folgendermaen: Es ist natrlich ganz unmglich, irgend welche
Vorschlge zur Umgestaltung der Gesellschaft zu entwickeln, welche sich
allgemeiner Zustimmung erfreuen knnten. Ich behaupte indes, da alle
solche Vorschlge zwei leitende Grundstze verkrpern mssen. Alle
Verbesserungsvorschlge sollten den Zweck haben, #aus der menschlichen
Gesellschaft die unverschuldete Armut zu verbannen#, indem sie die
Furcht vor derselben durch zweckmige Versicherungseinrichtungen
beseitigen und sie sollten den #Wettbewerb erhalten#, die gewaltige
Kraft, welche bestndig jedermann anspornt, seine besten Krfte
einzusetzen, um sich selbst und die Menschheit auf einen hheren
Standpunkt zu erheben.




Achtes Kapitel.


Als ich Herrn Forest nach unserer letzten Unterredung verlassen hatte,
war ich teils durch seine Auseinandersetzungen, teils durch meine
eigenen Wahrnehmungen berzeugt worden, da der Kommunismus nicht,
wie Dr. Leete behauptete, das tausendjhrige Reich menschlicher
Glckseligkeit herbeigefhrt, sondern im Gegenteil die Menschheit in
vielen Beziehungen erniedrigt hatte.

Es war mir klar, da ich mit Dr. Leete offen ber den Wechsel meiner
Ansichten sprechen und meine Stellung als Professor im Shawmut-College
aufgeben mute, ohne Rcksicht auf die jedenfalls unausbleiblichen beln
Folgen.

Dr. Leete hatte mich mit groer Gte behandelt. Ich war berzeugt,
da mein liebenswrdiger Gastfreund mir auch dann seine Freundschaft
geschenkt haben wrde, wenn ich mich nicht gleich vom Anbeginn fr den
Kommunismus begeistert htte. Er wrde andere Ansichten sicherlich
geduldet haben, wenn ich nur die Regierung nicht offen bekmpft htte.
Vielleicht htte er sogar in meine Verbindung mit Edith gewilligt. Ganz
anders lagen aber die Verhltnisse jetzt. Der Wechsel meiner Ansichten
mute fr Dr. Leete im hchsten Grade unangenehm werden. Er hatte mich
als einen Mann empfohlen, der sich besonders zum Nachfolger Forests
als Professor der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts eigne.
Meine Ernennung war lediglich eine Folge seiner Empfehlung und mein
Abfall vom Kommunismus mute notwendigerweise das Ansehen schdigen,
dessen Dr. Leete sich bisher erfreute. Es war mir nicht zweifelhaft,
da mein Gastfreund das tief empfinden wrde. Mein pltzlicher
Meinungswechsel in Bezug auf die Gesellschaftsordnung war ja nur eine
Folge meiner Unkenntnis volkswirtschaftlicher und gesellschaftlicher
Lehren und Erfahrungen. Nichts destoweniger mute mein Abfall mir in
der Leete'schen Familie und in den politischen Kreisen auerordentlich
schaden. War man nicht gezwungen, mich fr einen oberflchlichen, faden
und undankbaren Menschen zu halten, der sich nicht nur in wenigen
Wochen aus einem begeisterten Anhnger der Gtergemeinschaft in einen
entschiedenen Gegner dieser Lehre verwandelt, sondern durch sein
Verhalten auch seinen wohlwollenden Freund in eine sehr peinliche Lage
gebracht hatte?

Und was mute Edith von meinem Gesinnungswechsel und von meinem
Rcktritt aus der Professur denken? Sie liebte und verehrte ihren
Vater. Wrde ihre junge Neigung zu mir sich in diesem schweren Kampfe
lebenskrftig zeigen? Meine blinde Begeisterung fr die neue Ordnung
der Dinge war von der Regierungspresse dem ganzen Lande verkndet
worden. Man hatte besonderes Gewicht darauf gelegt, da gerade ich,
ein lebender Zeuge der frheren Gesellschaftsordnung, ein fanatischer
Anhnger des Kommunismus geworden wre. Mein Abfall von dieser Lehre,
gleich nachdem ich mit ihr und den Folgen ihrer Durchfhrung nher
vertraut geworden war, versetzte die Presse der Regierung in eine sehr
peinliche, fast komische Lage. Es war vorauszusehen, da man mich als
einen grundsatzlosen Demagogen, vielleicht sogar als einen gefhrlichen
Schurken behandeln wrde. Ich mute natrlich erwarten, da man mich in
die zweite Abteilung eines dritten Grades stecken und mir die denkbar
unangenehmste Arbeit zuerteilen wrde; -- wenn man mich nicht gar in ein
Tollhaus brachte. Konnte ich noch daran denken, Edith Leete, welche im
Hause ihres angesehenen Vaters wie eine Blume in einem wohlgepflegten
Garten aufgewachsen war, aufzufordern, das Schicksal eines Mannes zu
teilen, der von den Menschen entweder als ein flachkpfiger Schwtzer
oder als ein grundsatzloser Heuchler angesehen werden mute, fr den
eine Stellung in der zweiten Abteilung des dritten Grades eigentlich
noch viel zu gut war?

Die Furcht, Ediths Liebe zu verlieren, drngte eine Zeitlang alle meine
andern Gedanken in den Hintergrund; denn in Edith Leete liebte ich Edith
Bartlett und die Vorstellung, da Edith sich von mir abwenden knnte,
legte sich wie ein Alp auf mein Herz. Niemals in meinem Leben hatte ich
mich so hoffnungslos elend gefhlt, wie auf meinem Wege zum Hause des
Dr. Leete nach meiner letzten Unterredung mit Herrn Forest.

Einen Augenblick erwog ich den Gedanken, meinem elenden, aussichtslosen
Dasein mit eigener Hand ein Ende zu machen; dann aber entschlo ich
mich, mein Schicksal wie ein Mann zu tragen. So schritt ich denn Dr.
Leetes Hause zu, entschlossen, meine Freunde nicht zu tuschen und meine
Schuldigkeit als Mann von Ehre zu thun.

Ich fand Dr. Leete, der sonst immer freundlich und gefat erschien, in
aufgeregter Stimmung. Er blickte sorgenvoll und drohend zugleich drein.
Ehe ich ihn anreden konnte, blieb er auf dem Wege durch das Zimmer vor
mir stehen und sagte:

Ich habe die glaubwrdige Nachricht erhalten, da unser
gemeinschaftlicher Freund Fest einen Aufstand der Radikalen veranlassen
mchte. Whrend der letzten Tage haben mehrere geheime Versammlungen
stattgefunden und ich wei, da Fest die Absicht hat, den Anfang hier in
Boston zu machen.

Wie wollen Sie sein Vorhaben vereiteln? fragte ich. Wollen Sie
die Brger aufrufen und die Verschwrer verhaften lassen? Ich stehe
jedenfalls zu Ihren Diensten, fgte ich hinzu, sehr froh, meinem
Gastfreunde wenigstens gegen die Radikalen dienstwillig sein zu knnen.
Denn ich verabscheute deren Lehren noch mehr als deren Fhrer.

Ich bezweifle, da es politisch klug wre, einen Aufruf an die Brger
zu erlassen, entgegnete der Doktor. Durch einen solchen Schritt wrde
man der Verschwrung zu viel Bedeutung verleihen. Ich wollte, ich htte
diesen Fest unter rztliche Behandlung gestellt, gleich nachdem er zum
letztenmale mein Haus verlie. Er allein ist gefhrlich. Sein Anhang
bedeutet an sich nicht viel. Aber unter der Fhrung eines Menschen, der,
wie Fest, eine gewisse rohe Beredsamkeit mit Khnheit und persnlicher
Kraft verbindet, kann eine Emprung immerhin gefhrlich werden. Um das
zu verhten, habe ich Auftrag gegeben, den Hauptverschwrer zu verhaften
und ihn an einem sichern Platze unter rztliche Behandlung zu nehmen.

Ich konnte diesen Schritt nicht gutheien, obschon derselbe Erfolg
versprach. Unangenehm berhrte es mich, da man einen politischen Feind
nicht offen als solchen behandeln und unschdlich machen wollte,
sondern da man auch hier wieder von Heilanstalt und rztlicher
Behandlung faselte. Ich hielt es indes fr nutzlos, in diesem
Augenblicke meine Ansichten ber diese Behandlungsart politischer Gegner
auseinander zu setzen und fragte Herrn Leete nur, ob er einige Minuten
fr meine Angelegenheiten brig habe. Ich hielt es fr meine Pflicht,
nunmehr offen mit Ediths Vater zu sprechen.

Mit seiner gewhnlichen Gte wandte Dr. Leete sich zu mir und bat mich,
wenn es mir nicht unangenehm sei, die Unterredung auf den nchsten
Morgen zu verschieben.

Ich gab meine Zustimmung.

Wir gingen in das Speisezimmer und setzten uns zu Tische. Frau Leete
hatte aus dem Kochhause ein leichtes Abendbrot holen lassen; aber
niemand bekundete irgendwelche Elust. Wir alle waren in unruhiger
Stimmung.

Dr. Leete blickte auf seine Uhr.

Fest sollte sich jetzt bereits unter der Obhut der Beamten und rzte
befinden, sagte er. Ich erwarte einen Bericht.

Nachdem einige weitere Minuten in unruhiger Erwartung vergangen waren,
hrten wir Lrm auf der Strae. Eine groe Volksmenge schien sich dem
Hause zu nhern.

Die Hausthr wurde geffnet und ein lrmender Volkshaufe fllte den
Flur sowie das Speisezimmer. An der Spitze befand sich Fest, welcher
offenbar einen heien Kampf bestanden hatte. Sein wollenes Hemd war
zerrissen und das Schlchterbeil, welches er in seiner Rechten hielt,
triefte von Blut.

Hier bin ich wieder, Dr. Leete, rief er mit seiner mchtigen, etwas
heisern Stimme. Ich habe Sie gewarnt und Ihnen gesagt, da ich Ihr Haus
nie wieder als Freund betreten wrde. Und da Sie, verfluchter alter
heuchlerischer Tyrann Befehl gegeben haben, mich gesunden Menschen in
ein Tollhaus zu sperren, so habe ich beschlossen, da Sie heute Abend
noch sterben sollen. Das Volk von Boston soll von Ihrer Tyrannei befreit
werden.

Ich ergriff ein Messer und trat an Dr. Leetes Seite, entschlossen, ihn
mit meinem Leibe zu decken.

Aber in diesem Augenblicke wurde die Aufmerksamkeit des Menschenhaufens
durch Forest in Anspruch genommen, der sich durch die Menge drngte, auf
den Etisch sprang und ohne Zeitverlust rief: Ihr alle kennt mich und
wit, da ich ein Feind dieses Mannes bin. Dabei wies er auf Dr. Leete.
Weil ich unsere elende Regierung nicht verteidigen wollte, wurde ich
aus meiner Professorenstellung verdrngt und Dr. Leete war es, der mir
eine Hausknechtsstelle in der Universitt anwies.

Das sieht dem miserablen alten Kerl hnlich, schrie ein schmutzig
aussehender Bursche.

Deshalb sage ich: Nieder mit einer Regierung, welche die freie Rede
erwrgen wollte! redete Forest weiter. Nieder mit der Tyrannei! Aber
lat uns diesen jmmerlichen alten Snder nicht abschlachten. Es ist
krftiger, bewaffneter Mnner, wie wir es sind, ganz unwrdig, einen
unbewaffneten, alten Menschen zu tten. Wir wollen ihn in dasselbe
Tollhaus sperren, in welches er unseren Freund Fest schicken wollte.

Ja! So ist es recht! Sperrt ihn in ein Tollhaus! brllten die
Radikalen.

Es war klar, da Forest versuchte, Dr. Leetes Leben zu retten. Mein
Blick glitt zu Edith hinber. Sie war totenbleich, aber gefat. Sie
hatte ihren linken Arm um ihren Vater geschlungen und ihr Auge begegnete
dem meinigen freundlich wie immer. Unglcklicherweise bemerkte Fest
diesen Blick Ediths und seine Eifersucht brach mit erneuter Wut los.

Ihr verdammten Narren, schrie er mit vor Grimm fast erstickter Stimme.
Merkt ihr denn nicht, da dieser Forest den Versuch macht, das Leben
jenes verschmitzten und gefhrlichen alten Tyrannen zu retten? Aber das
soll ihm nicht gelingen. Als meinen Anteil an der Beute verlange ich das
Leben Leetes und seine lebendige Tochter.

Thue, was du willst, Bob, riefen einige aus dem Haufen.

Verlassen Sie dieses Haus, Forest, befahl Robert Fest. Ich hege
keinen Groll gegen Sie. Wenn Sie aber meinen Weg kreuzen, werden Sie die
Folgen zu tragen haben.

So lange ich lebe, sollen Sie in diesem Hause und an diesem alten Manne
nicht zum Mrder werden, entgegnete Forest. Sie sollten sich schmen,
Fest! Ihr Benehmen ist eines Mannes von Ehre ganz unwrdig.

Schweig, du Narr, schrie Fest wtend. Der heuchlerische Schurke Leete
hat das Volk lange genug geknechtet. Er mu sterben und wenn du dich
nicht aus dem Wege machst, wirst du mit ihm zur Hlle fahren.

Ein Zorn, wie ich ihn nie zuvor empfunden, ri mich hin.

Was hat dieser alte Mann gethan, um deinen Blutdurst zu erregen, du
gemeiner, grausamer Feigling, rief ich, auf Fest zuspringend, um ihm
mein Messer in die Brust zu stoen. Aber ein Dutzend Fuste entwaffnete
mich, whrend Fest befahl:

Steckt den Jubelgreis in einen Sack und werft ihn in den Hafen. Obschon
ich in den Augen des Professors kein Mann von Ehre bin, halte ich doch
mein Wort und ich habe dem ausgegrabenen Gespenst versprochen, da ich
es wie einen jungen Hund ersufen wrde, wenn er mir wieder zwischen die
Beine luft.

Er erhob seine blutige Axt und schritt auf Dr. Leete zu, der
bewegungslos dastand, seine grauen Augen auf den rohen Feind gerichtet.

Noch einmal versuchte Forest das Leben des alten Herrn zu retten, indem
er sich vor diesen stellte; aber ein Kerl mit struppigem Bart und
kleinen, viehisch funkelnden Augen begrub ein langes Messer in Forests
treuer Brust. Mit den Worten: Wir sind quitt, Leete, strzte er zu
Boden.

Edith rang mit zwei Mnnern, welche versuchten, sie von ihrem Vater
fortzufhren, als Fests Fleischeraxt auf das graue Haupt Dr. Leetes
niederfiel.

Ohne einen Laut von sich zu geben, brach er tot zusammen.

Edith stie einen lauten Schrei aus und verlor die Besinnung. Fest fing
sie in seinem mit dem Blute ihres Vaters bespritzten Arme auf.

Sie weigerte sich, mein Weib zu werden, sagte er mit einem
gleichzeitig rohen und boshaften Grinsen. Jetzt ist sie mein, ohne die
alberne Eheschlieerei.

Und whrend er, Edith forttragend, zur Thr schritt, rief er seinen
Genossen zu: Schlagt alle Freunde der Regierung tot, meine Jungen! In
einer Stunde werde ich euch auf dem Rathause treffen.

Ich machte eine letzte, verzweifelte Anstrengung, die Mnner von mir
abzuschtteln, welche mich festhielten und -- erwachte am 31. Mai 1887
in meinem Bette. An meiner Seite befanden sich ein Arzt und mein Diener
Sawyer, welche lngere Zeit vergeblich versucht hatten, mich aus meinem
tiefen durch den Mesmeristen veranlaten Schlaf zu erwecken.

Mehr als eine Stunde verging, bis ich mein Denkvermgen wieder erlangt
hatte; dann aber machte ein tiefer Seufzer meiner Beklemmung ein Ende.

Mit Blitzesschnelle jagten alle Einzelheiten meines anziehenden und doch
auch schrecklichen Traumes an meinem Geiste vorber. Wiederum wog ich
die Grnde, welche Dr. Leete und Forest fr ihre Ansichten vorgefhrt
hatten, gegen einander ab und ich fhlte mich unendlich glcklich bei
dem Bewutsein, da ich im neunzehnten Jahrhundert und nicht in dem
Kommunistenstaate lebte, der mir wie ein riesiges Zuchthaus am Abende
vor einem Aufstande der Strflinge erschien.

Lieber will ich doch in der Freiheit schwer arbeiten, als tglich in
einem gefngnisartigen Dasein einige Stunden mehr mig zu gehen,
sagte ich, in Betrachtungen versunken, zu mir selbst. #Denn die Arbeit
ist kein bel!# Und ehe ich mich unter die kommunistische Sklaverei
beuge, will ich lieber einige Jahre lnger thtig sein und auf einige
Lebensannehmlichkeiten verzichten. Die meisten Gensse, nach welchen wir
streben, erscheinen ohnehin am begehrenswertesten, solange wir uns ihrer
nicht erfreuen. Wenn wir das Erstrebte erreicht haben und an den Genu
gewhnt sind, verliert er fast immer jeden Reiz.

Ich beschlo, knftighin mein bestes Knnen fr die Frderung alles
dessen einzusetzen, was der Menschheit zum Heile gereichen mu; vor
allem aber zur Zufriedenheit zu mahnen, welche die einzige verlliche
Grundlage fr menschliches Wohlbehagen bildet. Glckseligkeit ist ja
viel unabhngiger von Wohlstand, als viele glauben; ja in Wirklichkeit
scheitert das Wohlbehagen nur zu oft an Ruhm und Reichtum. Ob wir
uns glcklich fhlen, oder nicht, das hngt groenteils von unserer
Lebensauffassung ab.

    Ende.

FUSSNOTEN:

[1] S. Reclam's Universal-Bibliothek Nr. 2661/62.

[2] Einzelne Stellen aus Bellamy's Buch, #Ein Rckblick# welche
kennzeichnend fr die Art und Weise sind, wie er Gegenwart und
Zukunft beurteilt, teile ich in Anfhrungszeichen mit und gebe die
Seiten an, auf welchen diese Stze enthalten sind, wobei die in der
#Universal-Bibliothek# (#Verlag von Philipp Reclam jr., Leipzig#)
erschienene bersetzung von #G. v. Gizycki# als Grundlage dient. Die
als Funoten gegebenen Seitenzahlen weisen daher immer auf die erwhnte
bersetzung hin. Obiges ist auf Seite 224 zu finden.

[3] Seite 224.

[4] Seite 261.

[5] Seite 237.

[6] Seite 49.

[7] Seite 99.

[8] Seite 42 und 43.

[9] Seite 57.

[10] Seite 102.

[11] Seite 98 und 99.

[12] Seite 98 und 99.

[13] Seite 99.

[14] Seite 100.

[15] Seite 100.

[16] Seite 101.

[17] Seite 165-167.

[18] Seite 152.

[19] Seite 152 u. 153.

[20] Seite 70.

[21] Die erste amtliche Zhlung in den Vereinigten Staaten wurde 1790
vorgenommen; man zhlte 3929314 Einwohner. Im Jahre 1880 belief sich
die Bevlkerung auf 50155738 und 1890 wird sie auf ber 65000000
Seelen geschtzt. In hundert Jahren hat sie sich versechzehnfacht.
Sollte der Zuwachs in gleichem Mae fortdauern, so wrden 1990 in den
Vereinigten Staaten und in Canada 1040000000 Menschen leben. Ich habe
die jhrliche Bevlkerungszunahme aber auf nur zwei Prozent berechnet,
wonach die Vereinigten Staaten und Canada im Jahre 2000 ungefhr 500
Millionen Einwohner haben wrden.

[22] Seite 28.

[23] Seite 28.

[24] Seite 150.

[25] Seite 216.

[26] Seite 208.

[27] Seite 95.

[28] Seite 79.

[29] Seite 35.

[30] Seite 187.

[31] Seite 188.

[32] Seite 70.

[33] Seite 97.

[34] Seite 97.

[35] Seite 147.

[36] Seite 159.




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End of Project Gutenberg's Ein Blick in die Zukunft, by Richard Michaelis

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For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
