The Project Gutenberg EBook of Das Leben Tolstois, by Romain Rolland

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Title: Das Leben Tolstois

Author: Romain Rolland

Editor: Wilhelm Herzog

Translator: O. R. Sylvester

Release Date: December 29, 2013 [EBook #44537]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LEBEN TOLSTOIS ***




Produced by Peter Becker, Juliet Sutherland, Norbert H.
Langkau, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading
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                            Romain Rolland

                              Das Leben
                              Tolstois


                            [Illustration]

                       Mit sechzehn Abbildungen

                 Der Einband ist von Walter Tiemann

                            Neuerscheinung

                           Rtten & Loening
                           Frankfurt a. Main




Zur Einfhrung


_Tolstois heldenhafter Lebenskampf spielt sich wie der Michelangelos
in entsetzlicher Einsamkeit ab; denn auch er ist einer der
Gewaltigen der Menschheit, zu denen die Nachwelt in Ehrfurcht
aufblickt, einer von denen, die Trster fremder Einsamkeit waren,
Sieger der Welt und arme Besiegte zugleich. Tolstoi schafft sich
sein Verhngnis selbst aus freiem, bewutem Willen. Sein Peiniger
ist das Gewissen, sein Dmon der unerbittliche Drang nach Wahrheit.
Fr alle schaffend, ist er mit sich allein, und leidend fr seinen
Glauben, leidet er fr die ganze Menschheit. So zeichnet Rolland das
Lebensbild Tolstois und gibt uns mit diesem erhebenden Buche aufs
neue Trost und Strkung in den schlimmen Nten unserer Zeit._

                          RTTEN & LOENING
                          FRANKFURT A. MAIN




[Illustration: Tolstoi nach einem Bildnis von Kramskoi]




                            ROMAIN ROLLAND

                                  DAS
                            LEBEN TOLSTOIS

                            HERAUSGEGEBEN
                                 VON
                            WILHELM HERZOG

                                 1922

                        $LITERARISCHE ANSTALT$
                          $RTTEN & LOENING$
                            FRANKFURT AM MAIN


                Die bersetzung ist von O. R. Sylvester

                        Druck der Spamerschen
                      Buchdruckerei in Leipzig

          250 Exemplare wurden auf holzfreies Papier gedruckt
                      und in Halbleder gebunden.




VORWORT


I.

Romain Rolland hat es vor zehn Jahren -- unmittelbar nach Tolstois Tode
-- unternommen, Leben und Werk eines der drei groen Mnner
darzustellen, die in Europa den Geist am Ende des 19. Jahrhunderts und
zu Beginn des 20. Jahrhunderts tief beeinflut haben. Dieses Dreigestirn
leuchtet und glnzt noch heute unvermindert. Und die junge Generation
blickt -- obwohl drngendere aus dem Weltkampf geborene soziale Probleme
gebieterisch Lsung fordern -- zu den drei groen Fanatikern des
Erkennens und Fhlens empor. Neben Nietzsche, dem dionysischen Kritiker,
und Strindberg, dem durch alle Hllen dieser Welt Gejagten, steht
Tolstoi, der Bekenner, Anklger und Apostel. Ihre Stellung zu Christus
kennzeichnet vielleicht am deutlichsten einen wesentlichen Teil ihres
Ichs. Alle drei rangen mit ihm. Nietzsche wurde sein gefhrlichster
Feind (stolz nannte er sich den Antichristen); Strindberg haderte zeit
seines Lebens mit ihm, unterwarf sich, beugte die Knie, um als Rebell
wieder aufzustehen; nur Tolstoi fhlte sich eins, so eins mit ihm, da
er, ein russischer Junker des 19. Jahrhunderts, der Urchrist selbst zu
sein sich verma.

Wer war er in Wirklichkeit? -- Ein Mensch mit seinem Widerspruch. Kein
ausgeklgelt Buch. Sohn eines zaristischen Offiziers und Rousseaujnger;
Ketzer und Ber; Bauer und Weltmann; schwchlich und zh; ausschweifend
und asketisch; eitel und demtig; hemmungslos und selbstkritisch; klarer
Erkenner und ewiger Illusionist; anarchistisch und konservativ; Pionier
und Reaktionr; Feind der Intellektuellen und selbst ein Geistiger; wild
und zart; draufgngerisch und furchtsam; weise und kindlich.
Lebenskrftig wie ein gesunder Bauer und von Selbstmordgedanken und
Todessehnsucht geqult wie ein morbider sthet. Ein Phantast und der
hellugigste Realist der modernen Literatur. Immer: ein Fanatiker, ein
Besessener. Kurz: ein toller Kerl.


II.

Wie hat ihn Rolland gesehen? -- Er schreibt als einundzwanzigjhriger
Pariser Student -- in der Not seines Herzens -- einen Brief an
Tolstoi, den Sechzigjhrigen, dessen Pamphlet gegen die Kunst und
die Knstler gerade alle jungen, vor der Verlogenheit der Zeit und
der Gesellschaft sich ekelnden Geister in Europa aufgerttelt hatte.
Tolstois Aufklrungsbroschre Was sollen wir denn tun? hatte den
jungen Rolland nicht gengend aufgeklrt. Er wollte mehr.

Das Ziel war schon damals: Einheit zwischen Leben und Denken. Aber wie?
Der Wahrheitsrigorist, zu dem die jungen Sucher und Strmer unter den
ernsten Knstlern als zu ihrem Fhrer emporschauten, klagte die Kunst
an, verachtete und schmhte die reinsten und mchtigsten Bildner,
Beethoven und Shakespeare? Unberbrckbarer Gegensatz. Wo war seine
Lsung?

Tolstoi empfngt den Brief des aus seiner Gewissensqual um Hilfe
flehenden jungen Rolland anders als der sechzigjhrige Goethe das
rhrende Schreiben des Dichters der Penthesilea. Er antwortet ihm in
einem achtunddreiig Seiten langen Schreiben, das mit den Worten
beginnt: Lieber Bruder, ich habe Ihren ersten Brief empfangen. Er hat
mich im Herzen berhrt. Mit Trnen in den Augen habe ich ihn
gelesen... Die Mehrzahl seiner Fragen, erwidert Tolstoi, htten
ihre Wurzeln in einem Miverstndnis. Und er versucht noch einmal
die von ihm gegen die berschtzung der Kunst gerichtete Kritik dem
jugendlichen Wahrheitsforscher auseinanderzusetzen. Schon in seiner
Abhandlung hatte er sich gegen die fragwrdigen Verteidiger der
Kunst mit den Worten gewandt: Sagt mir nicht etwa, da ich Kunst
und Wissenschaft verwerfe. Ich verwerfe sie nicht nur nicht, sondern
in ihrem Namen will ich die Tempelschnder verjagen. Wissenschaft
und Kunst seien so notwendig wie Brot und Wasser, sogar noch
notwendiger. Aber da sie ein Lgenleben fhren wollen, da sie den
Dualismus zwischen Leben und Handeln frdern, da sie sich zu
Mitverschworenen des ganzen bestehenden Systems gesellschaftlicher
Ungleichheit und heuchlerischer Gewaltttigkeit erniedrigen, da
sie als Forscher, Dichter, Knstler sich stets zu Sttzen der gerade
herrschenden Klasse degradieren, das ist es, was die Verachtung des
Wahrheitsfanatikers hervorrief. Die Bettigung von Wissenschaft und
Kunst ist nur fruchtbringend, wenn sie sich kein Recht herausnimmt
und nur Pflichten kennt... Die Menschen, die berufen sind, den
anderen durch Geistesarbeit zu dienen, leiden immer in der Ausbung
dieser Arbeit; denn die geistige Welt gebiert nur in Schmerzen und
Qualen. Das war es, was die jungen Knstler mit Tolstoi verband:
sein Ernst, sein Leidenknnen, seine Kompromifeindschaft, seine
Unbestechlichkeit, sein absoluter Wahrheitsrigorismus. Das war es,
was den jungen Rolland zu Tolstoi hinzog, kurz nachdem er dessen
aufwhlende Schrift 1887 gelesen hatte. Das war es, was ihn fast
fnfundzwanzig Jahre spter dazu drngte, das tragische Leben dieses
im Grunde Einsamen zu malen.


III.

Rolland ist kein Schnfrber. Er schminkt das Portrt seines Helden
nicht an, um ihn liebenswerter oder heldischer wirken zu lassen. Er
zeichnet und malt ihn mit all seinen Flecken, Runzeln, Hlichkeiten,
mit seinen Schwchen, Irrtmern und Lastern. Er macht keinen Popanz von
Tugenden aus ihm. Sondern: er gibt diesen immer von Leidenschaften
geschttelten Menschen mit seinen erstaunlichen Gaben, Fhigkeiten,
Vorzgen, mit seinem Reichtum an Ideen, Mut, Willenskraft, mit seiner
Intensitt zu denken, zu fhlen, zu arbeiten, und er gibt den
Schwchling, den Schwankenden, den Verzweifelnden, der sich selbst
verachtet, den leichtfertig Urteilenden, der irrt und bertreibt, den
Ungerechten, der sich einbildet, immer gerecht zu sein. Kurz: den
Menschen Tolstoi in seinen Hhen und seinen Niederungen.

Was Tolstoi fr die junge Generation Frankreichs und Deutschlands um
1890 geworden war, das wurde nicht wenigen unter uns Romain Rolland
whrend der Jahre 1914-1918: der erste Bekenner, der Aufrttler, der
Feind dieser wahnwitzigen Ordnung, die Stimme des Gewissens in
Europa. Und wie er zu Tolstoi in seiner Not pilgerte, so
wallfahrteten zu ihm Hunderte und Tausende, die sich in dieser Welt
nicht mehr zurechtfanden. Er enttuschte sie nicht. Er antwortete
ihnen, wie einst Tolstoi ihm geantwortet hatte. Unbeirrbar blieb
sein Kampf.

Tolstoi und Rolland. Zwei Verwandte im Geiste, und zwei durch Rasse,
Generationen und Welten Getrennte. Der 1828 im Gouvernement Tula
geborene Graf und der 1866 als Sohn eines Notars im burgundischen
Departement Nivre auf diese Welt gekommene Rolland sind als Knstler,
Moralisten, Geistesmenschen so verschieden voneinander wie die russische
Steppe vom Acker Frankreichs. Und dennoch durchstrmt beide ein und
derselbe menschliche Geist, die Liebe zur Vernunft und der Wille zur
Gte. Es ist der Geist der Befreiung des Menschen aus jahrtausendelanger
Knechtschaft unter der Tyrannei der Lge und der Heuchelei, der Geist
der Welterneuerung. Sie gehren zu seinen edelsten und mchtigsten
Kndern.

Und dennoch... Rolland hat recht, wenn er am Ende seines Tolstoi die
melancholische Frage aufwirft, woran es lag, da der unerbittliche
Apostel der Menschenliebe sein eigenes Leben nicht vollstndig mit
seinen Grundstzen in Einklang bringen konnte. Hier berhren wir die
empfindlichste Stelle seiner letzten Jahre, stellt Rolland fest. Wir
drfen heute um so weniger daran vorbergehen: nach dem Ungeheuerlichen
der letzten Jahre. Worin wurzelte dieser Dualismus dieses unerbittlichen
Geistes, der wie kein zweiter die Identitt von Geist und Tat forderte?

Er hat es selbst einmal angedeutet. Erst als Vierundfnfzigjhriger --
im Jahre 1882 -- bei einer Volkszhlung, an der er mitwirkte, sah er das
soziale Elend, in dem die Massen der groen Stdte leben mssen, in
nchster Nhe. Rolland schreibt: Der Eindruck, den es auf ihn machte,
war erschreckend. Am Abend des Tages, an dem er zum erstenmal mit dieser
verborgenen Wunde der Zivilisation in Berhrung gekommen war und einem
Freunde erzhlte, was er gesehen hatte, hub er an, zu klagen, zu weinen
und die Faust zu ballen.

Er blieb zwar bei diesen Gefhlsausbrchen gegen das Unrecht nicht
stehen. Im Gegenteil: er erkannte bereits, da die Elenden die Opfer
jener Zivilisation waren, an deren Vorrechten er teilhatte, jenes
Molochs, dem eine auserwhlte Kaste Millionen von Menschen opferte.
Und Glied um Glied entrollt sich ihm -- schreibt Rolland -- die
frchterliche Kette der Verantwortlichkeit. Zunchst die Reichen und das
Gift ihres verfluchten Luxus, der lockt und verdirbt. Das
frchterlichste und unaufschiebbare Problem unserer Tage hat Tolstoi
also gesehen, aber nicht zu Ende durchgedacht, sondern nur schmerzhaft
gefhlt. Mit der Leidenschaft seines Herzens sah er die Verbrechen und
Lgen der Zivilisation. Er suchte ihnen durch Anklage und schonungslose
Kritik beizukommen. Ja, in einem von Rolland zitierten Briefe aus dem
Jahre 1887 glaubt er urpltzlich den Kern des Problems mit der genialen
Intuition, die ihm eigen war, zu entdecken: Das ganze bel von heute
kommt daher, da die sogenannten zivilisierten Leute, denen die
Gelehrten und Knstler zur Seite stehen, eine privilegierte Klasse sind,
wie die Priester. Und diese Kaste hat alle Fehler einer jeden Kaste.

Tolstoi hat aus dieser Erkenntnis keine Folgerungen gezogen. Er blieb
ein anarchistischer Individualist (mit stark kommunistischen Zgen).
Einer, der gegen die cyklopischen Mauern dieser wahnwitzigen
Gesellschaft immer wieder anrennend sich verschwendete und der sich
schlielich aufrieb... Ein furchtloser Unterminierer der verlogenen und
verbrecherischen Kultur.

Er aber, der Seher einer neuen Kunst fr eine Menschheitsgemeinschaft,
einer Kunst also, die nicht mehr Eigentum einer einzelnen Klasse sein
wird, blieb mit sich allem, verlassen von seinen Nchsten, unzufrieden
mit sich selbst... Er ging in die Wste...

                                                          WILHELM HERZOG




Das Licht, das mit Tolstoi erlosch, war fr unsere Generation das
klarste, das unsere Jugend erhellte. In der schwerumschatteten Dmmerung
zu Ende des 19. Jahrhunderts war er der trostbringende Stern, dessen
Anblick unsere Seelen anzog und ihnen Frieden gab. Aus dem Kreis derer,
fr die Tolstoi weit mehr war als ein verehrter Dichter, fr die er der
beste -- und fr viele der einzige wirkliche -- Freund in der ganzen
europischen Kunstwelt war, mchte ich diesem geheiligten Andenken
meinen Zoll der Dankbarkeit und Liebe entrichten.

Die Tage, da ich seine Werke kennenlernte, werden nie aus meinem
Gedchtnis schwinden. Es war 1886. Nach einigen Jahren stillen Keimens
brachen die wunderbaren Blten russischer Kunst aus dem Boden
Frankreichs hervor. Die bersetzungen Tolstois und Dostojewskis
erschienen mit fieberhafter Hast gleichzeitig in allen Verlagshusern.
Von 1885-1887 wurden in Paris Krieg und Frieden, Anna Karenina,
Kindheit und Knabenalter, Polikuschka, Der Tod des Iwan
Iljitsch, Geschichten aus dem Kaukasus und die Volkserzhlungen
verffentlicht. Innerhalb einiger Monate, einiger Wochen, breitete sich
vor unseren Augen das Werk eines ganzen groen Lebens aus, in dem sich
ein Volk, eine neue Welt spiegelte.

Ich war damals gerade in die Ecole Normale eingetreten. Wir Kameraden
waren sehr verschieden voneinander. In unserer kleinen Gruppe, die
realistische und ironische Geister wie den Philosophen George Dumas,
Dichter, die in Liebe zur italienischen Renaissance glhten, wie Suars,
Anhnger der klassischen Tradition, Stendhalianer und Wagnerianer,
Atheisten und Mystiker umfate, in dieser Gruppe gab es hufig
Wortgefechte, kamen hufig Mistimmungen auf; aber whrend einiger
Monate einte uns die Liebe zu Tolstoi fast alle. Jeder liebte ihn
zweifellos aus einem anderen Grunde; denn jeder fand sich selbst in ihm
wieder, und fr alle war er die Pforte, die ins unermeliche All fhrte,
die Offenbarung des Lebens. Um uns her, in unseren Familien, unseren
Provinzen erweckte die gewaltige Stimme, die von den uersten Grenzen
Europas her ertnte, zuweilen ganz unerwartet, dieselben Sympathien. Ich
entsinne mich, da ich einmal zu meinem grten Erstaunen Leute aus
meiner Niverner Heimat, die sich keineswegs fr Kunst interessierten und
fast nichts lasen, mit verhaltener Rhrung ber den Tod des Iwan
Iljitsch reden hrte.

Ich habe bei hervorragenden Kritikern die Behauptung gelesen, Tolstoi
verdanke seine besten Eingebungen unseren romantischen Schriftstellern:
George Sand und Victor Hugo. Ohne darber zu streiten, da man wohl
kaum von einem Einflu der George Sand auf Tolstoi sprechen kann --
zumal da er sie nicht ausstehen konnte --, und ohne den viel
tatschlicheren Einflu, den Rousseau und Stendhal auf ihn ausbten, zu
leugnen, wre es doch falsch, die Gre Tolstois und seine Macht, uns zu
fesseln, seinen Ideen zuschreiben zu wollen. Der Ideenkreis, in dem sich
seine Kunst bewegt, ist eng begrenzt. Tolstois Strke beruht nicht in
den Ideen, sondern im Ausdruck, den er ihnen gibt, in dem persnlichen
Ton, der Prgung des Knstlers, der Atmosphre, in der er lebt.

Ob die Ideen Tolstois entlehnt waren oder nicht -- wir werden spter
noch darauf zurckkommen --, es ist noch niemals in Europa eine Stimme
erklungen, die seiner gleich gekommen wre. Wie anders sollte man den
Schauer der Erregung erklren, der uns damals befiel, als wir diese
Seelenmusik hrten, auf die wir so lange gewartet hatten und die uns so
sehr not tat. Die Mode sprach bei unserem Gefhl nicht mit. Die meisten
von uns, auch ich, lernten das Buch von Eugen Melchior de Vog ber den
russischen Roman erst kennen, nachdem sie Tolstoi gelesen hatten; und
seine Bewunderung erschien uns matt im Vergleich zu unserer. De Vog
urteilte hauptschlich als groer Literaturkenner. Aber fr uns gengte
es nicht, das Werk zu bewundern, wir lebten es, es war unser. Unser
durch seinen brennenden Lebenshunger, durch sein jugendliches Fhlen.
Unser durch seine Ironie, die uns die Binde von den Augen nahm, durch
seinen schonungslosen Scharfblick, sein Wissen um den Tod. Unser durch
seine Trume von brderlicher Liebe und Frieden unter den Menschen.
Unser durch seine furchtbare Anklage gegen die Lgen der Zivilisation.
Durch seinen Realismus und seinen Mystizismus. Durch seinen Erdgeruch,
seinen Sinn fr die unsichtbaren Mchte und sein Erschauern vor dem
Unendlichen.

Diese Bcher sind vielen von uns das gewesen, was der Werther seiner
Generation war: der wundervolle Spiegel unserer Liebeskrfte und unserer
Schwchen, unserer Hoffnungen, unserer Schrecken und unserer
Entmutigungen. Es machte uns weder Sorge, alle diese Widersprche in
Einklang miteinander zu bringen, noch diese vielgestaltige Seele, in der
das Weltall widerhallte, in enge religise oder politische Kategorien zu
zwngen, wie es die meisten tun, die in letzter Zeit ber Tolstoi
gesprochen haben, weil sie sich nicht von dem Streit der Parteien
freimachen konnten und ihn nach der Strke ihrer eigenen Leidenschaften,
nach dem Mastab ihrer sozialistischen oder klerikalen Kreise
beurteilten. Als ob unsere Kreise den Gradmesser fr ein Genie abgeben
knnten!... Was gilt es mir, ob Tolstoi meiner Partei angehrt oder
nicht! Kmmert es mich, zu welcher Partei Dante und Shakespeare
gehrten, wenn ich einen Hauch ihres Geistes spre und ihr Licht in
mich aufnehme?

Wir sagten uns keineswegs wie diese Kritiker von heute: Es gibt zwei
Tolstoi, den vor dem Wendepunkt und den nach dem Wendepunkt; der eine
ist der gute, und der andere ist es nicht. Fr uns gab es nur $einen$,
und wir liebten ihn restlos. Denn wir fhlten instinktiv, da in solchen
Herzen alles bereinstimmt, alles in Verbindung miteinander steht.

       *       *       *       *       *

Was wir mit dem Instinkt fhlten, ohne es uns erklren zu knnen, das
soll unser Verstand heute beweisen. Heute knnen wir es, nachdem dieses
lange Leben sein Ende erreicht hat und sich den Augen aller
unverschleiert mit beispielloser Offenheit und Aufrichtigkeit darbietet.
Was uns sofort auffllt, ist, wie sehr sein Leben sich von Anfang bis zu
Ende gleich blieb, trotz der Schranken, die man von Strecke zu Strecke
hat aufrichten wollen, -- trotz Tolstoi selbst, der, wenn er liebte,
wenn er glaubte, wie alle leidenschaftlichen Menschen geneigt war zu
meinen, da er zum erstenmal liebe, zum erstenmal glaube, und jedesmal
von da ab den Anfang seines Lebens datierte. Den Anfang und immer wieder
den Anfang. Wie oft hat sich dieselbe Umwlzung, derselbe Kampf in ihm
abgespielt! Man kann nicht von der Einheit seines Denkens sprechen es
gab nie eine solche --, wohl aber von dem Vorhandensein der
verschiedenen Elemente in ihm, die bald miteinander verbndet, bald
einander feindlich, fter aber einander feindlich waren. Die Einheit
beruht weder im Geist noch im Herzen eines Tolstoi, sie beruht im Kampf
der Leidenschaften in ihm, in der Tragdie seiner Kunst und seines
Lebens.

Kunst und Leben sind vereinigt. Nie waren Werk und Leben inniger
vermhlt; das Werk hat beinahe durchgngig autobiographischen Charakter;
von seinem fnfundzwanzigsten Lebensjahr an lt es uns Tolstoi Schritt
fr Schritt in den widerspruchsvollen Erfahrungen seiner abenteuerlichen
Laufbahn verfolgen. Sein Tagebuch, das er vor seinem zwanzigsten Jahre
begann und bis zu seinem Tode[1] fortgefhrt hat, die Angaben, die er
Birukow[2] zu dessen bedeutender Tolstoibiographie machte,
vervollstndigen diese Kenntnis und geben uns nicht nur Gelegenheit,
beinahe Tag fr Tag in Tolstois Innerem zu lesen, sie lassen uns auch
die Welt, in der sein Genie wurzelte, und die Seelen, von denen seine
Seele zehrte, wiedererstehen.




Ein reiches Erbe. Von beiden Seiten ein sehr vornehmes und sehr altes
Geschlecht -- die Tolstoi und die Wolkonski --, die sich rhmten, bis
auf Rurik zurckzureichen, und ihren Stammbaum auf Waffenbrder Peters
des Groen, auf Generle aus dem Siebenjhrigen Krieg, Helden aus den
napoleonischen Kmpfen, Dekabristen und politische Verbannte
zurckfhrten. Familienerinnerungen, denen Tolstoi einige seiner
eigenartigsten Gestalten in Krieg und Frieden verdankt: der alte
Frst Wolkonski, sein Grovater mtterlicherseits, ein spter
Reprsentant jener von Voltaireschem Geist durchsetzten,
selbstherrlichen Aristokratie zur Zeit Katharinas II.; Frst
Nikolaus Gregorewitsch Wolkonski, ein Vetter seiner Mutter, der bei
Austerlitz verwundet und vor den Augen Napoleons vom Schlachtfeld
aufgelesen wurde wie der Frst Andrej; sein Vater, der einige Zge
von Nikolaus Rostow[3] hatte; seine Mutter, die Prinzessin Marie,
die sanfte Hliche mit den schnen Augen, deren Gte Krieg und
Frieden durchleuchtet.

Er kannte seine Eltern kaum. Die reizenden Schilderungen in Kindheit
und Knabenalter enthalten, wie man wei, wenig Tatschliches. Seine
Mutter starb, als er noch nicht zwei Jahre alt war. Er konnte sich
demnach nicht des geliebten Angesichts erinnern, das sich der kleine
Nikolaus Irtenjew durch einen Schleier von Trnen hindurch
heraufbeschwrt, jenes Angesichts mit dem strahlenden Lcheln, das
Freude um sich verbreitete...

Ach, wenn ich dieses Lcheln in schweren Augenblicken sehen knnte,
dann wte ich nicht, was Kummer ist...[4].

Aber sie vererbte ihm zweifellos ihren vollkommenen Freimut, ihre
Gleichgltigkeit gegen die ffentliche Meinung und, wie man uns
versichert, ihre wundervolle Begabung, selbsterfundene Geschichten zu
erzhlen.

An seinen Vater hatte er immerhin einige Erinnerungen. Er war ein
liebenswrdiger Sptter mit traurigen Augen, der in unabhngiger
Stellung und bar jeden Ehrgeizes auf seinen Gtern lebte. Tolstoi war
neun Jahre alt, als er ihn verlor. Dieser Todesfall brachte ihm zum
erstenmal die rauhe Wirklichkeit zum Bewutsein und erfllte sein Herz
mit Verzweiflung[5]. Es war das erste Zusammentreffen des Kindes mit
dem Schreckgespenst, dessen Bekmpfung ein Teil seines Lebens und dessen
Verklrung und Verherrlichung der andere gewidmet sein sollte... Spuren
dieser Angst kommen in einigen unvergelichen Zgen der letzten Kapitel
der Kindheit zum Ausdruck, wo die Erinnerungen auf die Erzhlung vom
Tode und vom Begrbnis der Mutter bertragen sind.

In dem alten Hause in Jasnaja Poljana[6] blieben fnf Kinder zurck, in
dem Hause, in dem Leo Nikolajewitsch am 28. August 1828 geboren wurde,
und das er, nur um zu sterben, erst zweiundachtzig Jahre spter
verlassen sollte. Das jngste, ein Mdchen, namens Marie, die spter
Nonne wurde (bei ihr suchte der sterbende Tolstoi ein Obdach, als er
seinem Hause und den Seinen entfloh). -- Vier Shne: Sergius, ein
liebenswrdiger Egoist, aufrichtig bis zu einem Grade, wie ich es
niemals gesehen habe. Dmitri, ein verschlossener Mensch voller
Leidenschaft, der sich spter als Student mit Ungestm religisen
bungen hingab, unbekmmert um die ffentliche Meinung, der fastete, den
Armen half, den Siechen Zuflucht gewhrte, sich aber pltzlich mit
derselben Heftigkeit der Ausschweifung in die Arme warf, dann, von Reue
zernagt, ein junges Mdchen, das er aus einem ffentlichen Hause kannte,
loskaufte und bei sich aufnahm, und der mit neunundzwanzig Jahren an der
Schwindsucht starb[7]. -- Nikolaus, der lteste, der Lieblingsbruder,
der von der Mutter die Begabung, Geschichten zu erzhlen, geerbt
hatte[8], ironisch, schchtern und feinfhlig veranlagt, spter Offizier
im Kaukasus, wo er sich das Trinken angewhnte. Auch er war voll
christlicher Nchstenliebe, lebte in den bescheidensten Verhltnissen
und teilte mit den Armen alles, was er hatte. Turgenjew sagte von ihm,
da er jene Demut dem Leben gegenber in die Praxis bertrug, die
sein Bruder Leo in der Theorie zu entwickeln sich begngte.

Im Hause dieser Waisen waren zwei groherzige Frauen. Die eine war die
Tante Tatjana[9], die, wie Tolstoi sagt, zwei Tugenden besa: Ruhe des
Gemts und Liebe. Ihr ganzes Leben war nichts als Liebe. Sie opferte
sich unaufhrlich...

Durch sie habe ich die sittliche Befriedigung, die Liebe gibt,
kennengelernt.

Die andere war die Tante Alexandra, die allen half und nie Hilfe wollte,
die ohne Dienstboten auskam, und deren Lieblingsbeschftigung darin
bestand, Lebensbeschreibungen von Heiligen zu lesen und sich mit Pilgern
und Einfltigen zu unterhalten. Von diesen Einfltigen lebten
mehrere im Haus. Eine von ihnen, eine alte Wallfahrerin, die Psalmen
leierte, war die Patin von Tolstois Schwester. Ein anderer, der
Einfltige Grischa, konnte nichts als beten und weinen...

O, guter Christ Grischa! Dein Glaube war so stark, da du die Nhe
Gottes fhltest, deine Liebe war so hei, da deine Worte den Lippen
entschlpften, ohne da dein Verstand sich Rechenschaft darber gab. Und
da du Gottes Herrlichkeit verehrtest und nicht Worte dafr fandest,
warfst du dich trnenberstrmt zu Boden![10]

Wer she nicht den Anteil, den alle diese bescheidenen Seelen an der
Entwicklung Tolstois hatten? Es ist, als ob eine von ihnen das Vorbild
zum Tolstoi der letzten Jahre abgegeben habe. Ihre Gebete, ihre Liebe
legten in den Geist des Kindes die Saatkrner des Glaubens, deren Ernte
der Greis reifen sehen sollte. Auer von dem Einfltigen Grischa
spricht Tolstoi in seinen Erzhlungen aus der Kindheit nicht von
diesen bescheidenen Mitarbeitern, die seine Seele aufbauen halfen. Aber
wie leuchtet dafr diese Kindesseele durch das ganze Buch, dieses reine
und liebevolle Herz, gleich einem hellen Strahl, das immer bei den
anderen die besten Eigenschaften herausfand, diese auergewhnliche
Empfindsamkeit! Ist er glcklich, dann denkt er an den einzigen
Menschen, den er unglcklich wei, er weint und mchte sich fr ihn
aufopfern. Er umarmt ein altes Pferd und bittet es um Verzeihung, da er
ihm Leid zugefgt hat. Er ist glcklich zu lieben, selbst wenn er nicht
geliebt wird. Schon bemerkt man den Keim seines spteren Genies, seine
lebhafte Einbildungskraft, die ihn bei seinen eigenen Geschichten zum
Weinen bringt, sein immer arbeitendes Hirn, das stets zu ergrnden
sucht, an was die Leute denken, seine frhreife Beobachtungsgabe und
sein weit zurckreichendes Gedchtnis[11], den aufmerksamen Blick, der
mitten in seiner eigenen Trauer die Gesichter auf die Echtheit ihres
Schmerzes prft. Mit fnf Jahren fhlte er, wie er sagt, zum erstenmal,
da das Leben kein Vergngen, sondern ein ernstes Geschft
ist[12].

Glcklicherweise verga er es wieder. Zu jener Zeit vertiefte er sich in
volkstmliche Erzhlungen, in russische Bylinen, jene mythen- und
sagenhaften Trume, in biblische Geschichten -- vor allem die erhabene
Josephslegende, die er als alter Mann noch als das Muster aller Kunst
bezeichnet, -- und in Geschichten aus Tausendundeine Nacht, die jeden
Abend im Hause seiner Gromutter ein blinder Erzhler, auf dem
Fenstersims sitzend, vortrug.




Er studierte in Kasan[13] mit migem Erfolg. Man sagte von den drei
Brdern[14]: Sergius will und kann, Dmitri will und kann nicht, Leo
will nicht und kann nicht.

Er machte die Zeit durch, die er die Wste der Jugend nennt, eine
Sandwste, ber die stoweise sengende Winde wehen. Die Geschichten aus
den Knaben- und Jnglingsjahren sind reich an Bekenntnissen
persnlichster Art aus dieser Zeit. Er ist allein. Sein Hirn ist in
einem Zustand ununterbrochenen Fiebers. Whrend eines Jahres entdeckt er
von sich aus alle Systeme und versucht sich darin[15]. Als Stoiker
unterwirft er sich krperlichen Qualen. Als Epikureer gibt er sich der
Ausschweifung hin. Dann glaubt er an Seelenwanderung, um schlielich in
einen sinnlosen Nihilismus zu verfallen: es scheint ihm, da er dem
Nichts ins Auge schauen kann, wenn er sich nur schnell genug danach
umdreht. Er analysiert sich und analysiert sich...

Ich dachte nicht mehr an irgendeine Sache, ich dachte, da ich an
irgendeine Sache dachte[16].

Diese fortgesetzte Selbstzergliederung, diese Denkmaschine, die sich im
leeren Raum dreht, bleibt ihm wie eine gefhrliche Gewohnheit, die, wie
er uert, ihm oft im Leben schadete, aus der aber seiner Kunst
unerhrte Hilfsquellen flossen[17].

Bei diesem Beginnen hatte er seine ganzen berzeugungen eingebt; so
glaubte er wenigstens. Mit sechzehn Jahren hrte er auf zu beten und in
die Kirche zu gehen[18]. Aber sein Glaube war nicht tot, er glimmte nur
im Verborgenen weiter:

Trotzdem glaubte ich an etwas. An was? Das knnte ich nicht sagen. Ich
glaubte noch an Gott, oder vielmehr, ich leugnete ihn nicht. Aber was
fr einen Gott? Das wute ich nicht. Ich leugnete auch Christum und
seine Lehre nicht, aber worin diese Lehre bestand, htte ich nicht sagen
knnen[19].

Fr Augenblicke trumte er davon, Gutes zu tun. Er wollte seinen Wagen
verkaufen, den Erls den Armen geben, ihnen den Zehnten seines Vermgens
opfern, sich ohne Dienstboten behelfen... denn es sind Menschen wie
ich[20]. Er schrieb whrend seiner Krankheit[21] Lebensregeln
nieder. Darin weist er naiv auf die Pflicht hin, alles zu studieren
und alles zu ergrnden: Rechtslehre, Medizin, Sprachen,
Landwirtschaft, Geschichte, Geographie, Mathematik, den hchsten
Grad der Vollendung in der Musik und in der Malerei zu erreichen
usw. Er hatte die berzeugung, da das Schicksal des Menschen in
seiner unablssigen Vervollkommnung liege.

Aber von den Leidenschaften seiner Jugend, von ungestmer Sinnlichkeit
und grenzenloser Eigenliebe[22] getrieben, irrte dieser Glaube an die
Vollkommenheit unvermerkt ab, verlor seinen selbstlosen Charakter und
wurde praktisch und materiell. Wenn er seinen Willen, seinen Krper und
seinen Geist vervollkommnen wollte, so geschah es nur, um die Welt zu
besiegen und Liebe einzuflen[23]. Er wollte gefallen.

Das war nicht leicht. Er war damals von affenhnlicher Hlichkeit: ein
rohes, langes und derbes Gesicht, kurze, tief in die Stirn gewachsene
Haare, kleine Augen, die einen aus dunklen Hhlen hart anblitzten, eine
breite Nase, aufgeworfene Lippen und riesige Ohren[24]. Da er sich ber
diese Hlichkeit, die ihn schon als Kind beinahe zur Verzweiflung
gebracht hatte[25], nicht tuschen konnte, gedachte er das Ideal eines
erstklassigen Menschen zu verwirklichen[26]. Um es wie die anderen
erstklassigen Menschen zu machen, lie er sich durch dieses Ideal
zum Spiel, zum unsinnigen Schuldenmachen, zur vollkommenen
Ausschweifung verfhren[27].

Etwas rettete ihn immer wieder: seine unbedingte Aufrichtigkeit.

Weit du, warum ich dich lieber habe als all die andern? sagt
Nekludow zu seinem Freund. Du hast eine erstaunliche und seltene
Eigenschaft: die Offenheit.

Ja, ich sage immer Dinge, die mir selbst einzugestehen ich mich
schme.[28]

Wegen seiner schlimmsten Verirrungen verurteilt er sich mit
schonungslosem Scharfblick.

Ich lebe geradezu tierisch, schreibt er in sein Tagebuch, ich bin
vllig niedergedrckt.

[Illustration:

    Sergej    Nicolai    Dmitri    Leo

Tolstoi mit seinen Brdern nach der Rckkehr aus dem Kaukasus, vor der
Abfahrt zur Don-Armee im Jahre 1854]

Und bei seiner Sucht zu analysieren zeichnet er die Ursachen seiner
Irrungen bis aufs kleinste auf:

1. Unentschlossenheit oder Mangel an Tatkraft.

2. Selbstbetrug.

3. Unbesonnenheit.

4. Falsche Scham.

5. Schlechte Laune.

6. Unordnung.

7. Nachahmungssucht.

8. Wankelmut.

9. Unberlegtheit.

Mit demselben Freimut des Urteils bekrittelt er noch als Student
die gesellschaftlichen Sitten und die Verbohrtheiten der
Intellektuellen. Er macht sich ber die Universittswissenschaft
lustig, weist ganz ernsthaft die historischen Studien zurck und
lt sich fr die Khnheit seiner Anschauungen einsperren. -- In
dieser Zeit entdeckt er Rousseau: die Bekenntnisse, den Emil.
Das trifft ihn wie ein Donnerschlag.

Ich trieb Kultus mit ihm. Ich trug sein Konterfei im Medaillon um den
Hals wie ein Heiligenbild.[29]

Seine ersten philosophischen Versuche sind Erluterungen zu Rousseau
(1846-1847).

Aber er wird der Universitt und der erstklassigen Menschen so
berdrssig, da er nach Jasnaja Poljana zurckkehrt und sich in seine
Felder vergrbt (1847 bis 1851); er nimmt wieder Fhlung mit dem Volk
und will ihm helfen, will sein Wohltter und Erzieher sein. Seine
Erfahrungen aus jener Zeit verwertet er in einem seiner ersten Werke,
dem Morgen des Gutsherrn (1852), einer bemerkenswerten Novelle, deren
Held Frst Nekludow ist[30], ein Deckname, hinter dem sich Tolstoi mit
Vorliebe verbirgt.

Nekludow ist 20 Jahre alt. Er hat das Universittsstudium aufgegeben, um
sich seinen Bauern zu widmen. Ein Jahr lang arbeitet er daran, ihnen
Gutes zu tun, und wir sehen ihn, wie er sich, bei einem Besuch im Dorf,
von der sorglosen Gleichgltigkeit, dem eingewurzelten Mitrauen, der
Gerissenheit, dem Leichtsinn, dem Laster und der Undankbarkeit
abgestoen fhlt. Alle seine Bemhungen sind vergeblich. Er kehrt
entmutigt zurck und sinnt ber seine Trume nach, die er noch vor einem
Jahre hegte, ber seine edelmtige Begeisterung, seine damalige
berzeugung, da die Liebe und das Gutsein Glck und Wahrheit
bedeuteten, das einzig mgliche Glck und die einzig mgliche Wahrheit
auf dieser Welt. Er kommt sich besiegt vor, ist voll Scham und
berdru.

Als er am Klavier sa, berhrten seine Finger unbewut die Tasten.
Ein Akkord stieg auf, dann ein zweiter, ein dritter... Er begann zu
spielen. Die Akkorde waren ziemlich ungleich; oft waren sie gewhnlich
bis zur Banalitt und verrieten keinerlei musikalische Begabung. Aber
er fand dabei ein unerklrbares, trauriges Vergngen. Bei jedem
Harmoniewechsel erwartete er mit Herzklopfen den nchsten Akkord, und
was diesem fehlte, ergnzte er ungefhr mit seiner Phantasie. Er hrte
den Chor, das Orchester... Und das grte Vergngen bereitete ihm
seine lebhafte Phantasie, die ihm ohne Schranken, aber mit
bewundernswerter Klarheit die mannigfaltigsten Bilder und
Begebenheiten aus Vergangenheit und Zukunft vorspiegelte...

Er sieht die liederlichen, mitrauischen, lgenhaften, faulen und
dickfelligen Muschiks wieder, mit denen er gerade erst kurz vorher
sprach. Aber diesmal sieht er sie mit all ihren guten Eigenschaften,
nicht mehr mit ihren Lastern; er fhlt sich mit Liebe in ihre Herzen
ein; er entdeckt in ihnen Geduld und Ergebung in das sie erdrckende
Schicksal, Vershnlichkeit gegen erlittenen Schimpf, Liebe zu ihren
Anverwandten, und er sieht ein, warum sie aus Gewohnheit und Frmmigkeit
am Vergangenen hangen. Er sieht ihre Tage, die nutzbringender, gesunder
und ermdender Arbeit gewidmet sind, mit anderen Augen an...

Wie schn, murmelt er... Warum bin ich nicht einer der
ihren?[31]

Der ganze Tolstoi steckt schon in dem Helden dieser ersten Novelle[32],
der seine klare Erkenntnis mit seinen nie schwindenden Illusionen
vereint. Er beobachtet die Menschen mit unbeirrbarem Wirklichkeitssinn;
schliet er jedoch nur die Augen, so schlagen ihn seine Trume und seine
Liebe zu den Menschen wieder in Bann.




Aber der Tolstoi von 1850 ist weniger geduldig als Nekludow. Jasnaja hat
ihn enttuscht; er ist des Volkes so mde wie der Vornehmen; seine Rolle
bedrckt ihn: es liegt ihm nichts mehr an ihr. Auerdem drngen ihn
seine Glubiger. 1851 flieht er in den Kaukasus zur Armee, bei der sein
Bruder Nikolaus Offizier ist.

Kaum ist er dort, so findet er in der heiteren Gebirgslandschaft seine
Fassung und seinen Gott wieder:

Vergangene Nacht[33] habe ich wenig geschlafen... Ich habe zu Gott
gebetet. Es ist mir unmglich, die Sigkeit des Gefhls zu beschreiben,
die ich beim Beten empfand. Ich habe die blichen Gebete gesprochen und
dann noch lange weiter gebetet. Ich wnschte etwas sehr Gewaltiges,
etwas sehr Schnes... Was? Das kann ich nicht sagen. Ich wollte aufgehen
in dem Ewigen, ich bat ihn, mir meine Fehler zu verzeihen... Aber nein,
ich bat nicht, ich fhlte, da er mir schon vergab, da er mich diesen
glckseligen Augenblick erleben lie. Ich betete, und gleichzeitig
fhlte ich, da ich nichts zu sagen hatte, da ich nicht beten konnte,
da ich nicht zu beten wagte... Ich habe ihm nicht in Worten gedankt,
ich dankte ihm im Fhlen... Kaum eine Stunde war vorber, da hrte ich
schon wieder die Stimme des Lasters. Ich war eingeschlafen und trumte
vom Ruhm und von Frauen: das war also strker als ich. -- Was liegt
daran! Ich danke Gott fr diesen Augenblick der Glckseligkeit, und da
er mir meine Kleinheit und meine Gre gezeigt hat. Ich will beten,
aber ich kann nicht; ich will begreifen, aber ich wage es nicht. Ich
beuge mich Deinem Willen![34]

Das Fleisch war nicht besiegt (das wurde es nie); der Kampf zwischen den
Leidenschaften und Gott vollzog sich im geheimsten Herzen. Tolstoi
vermerkt in seinem Tagebuch die drei Teufel, die ihn martern:
1. Spielwut: ein aussichtsreicher Kampf. 2. Sinnlichkeit: ein sehr
schwieriger Kampf. 3. Eitelkeit: der schrecklichste von allen.

Im selben Augenblick, in dem er davon trumte, fr die andern zu leben
und sich zu opfern, bermannten ihn wollstige oder leichtfertige
Vorstellungen: das Bild irgendeiner Kosakenfrau oder die Verzweiflung,
die ihn ergriffe, wenn die linke Schnurrbartspitze mehr in die Hhe
stnde als die rechte[35]. -- Was liegt daran! Gott war da und
verlie ihn nicht mehr. Die Hitze des Kampfes selbst wirkte befruchtend,
alle Krfte des Lebens wurden dadurch gesteigert.

Ich denke, da die leichtfertige berlegung, die mich zur Reise in den
Kaukasus veranlate, mir von oben eingegeben wurde. Die Hand Gottes hat
mich geleitet. Ich werde ihm stets dankbar dafr sein. Ich fhle, da
ich hier besser geworden bin, und bin fest berzeugt, da alles, was mir
auch zustoen mag, nur zu meinem Besten ausschlagen wird, da ja Gott
selbst es gewollt hat...[36]

Das ist die Dankeshymne der Erde im Frhling. Sie bedeckt sich mit
Blumen. Alles ist gut, alles ist schn. Im Jahre 1852 treibt der Genius
Tolstois seine ersten Blten: Die Kindheit, Der Morgen des
Gutsherrn, Der berfall, Knabenjahre; und er dankt dem
Lebensgeist, der ihn befruchtet hat[37].




Die Geschichte meiner Kindheit wurde im Herbst 1851 in Tiflis
begonnen und am 2. Juli 1852 in Pjatigorsk im Kaukasus beendet. Es ist
seltsam, da Tolstoi im Rahmen dieser Natur, die ihn berauschte,
inmitten dieses neuen Lebens und der aufregenden Kriegsgefahren,
whrend er eine Welt von ihm bis dahin unbekannten Charakteren und
Leidenschaften entdeckte, in jenem ersten Werk auf die Erinnerungen an
sein verflossenes Leben zurckgreift. Aber als er die Kindheit
schrieb, war er krank, seine militrische Ttigkeit war jh
unterbrochen worden; und whrend der langen Genesungszeit befand er
sich, da er allein war und Schmerzen litt, in rhrseliger Stimmung, in
der sich die Vergangenheit vor seinen Augen abrollte[38]. Nach der
erschpfenden Anspannung der freudlosen letzten Jahre war es ihm
angenehm, die wunderbare, unschuldsvolle, poetische und frhliche
Zeit des Kindesalters wieder zu erleben und wieder ein gutes,
weiches und liebefhiges Kinderherz zu bekommen. Bei dem Ungestm
seiner Jugend, der Flle von Plnen, seiner dichterischen
Erfindungsgabe, die zu epischer Breite neigte und sich daher selten
mit einem einzelnen Vorwurf befate, fr die die groen Romane
vielmehr nur Glieder einer langen historischen Kette waren --
Bruchstcke eines unermelichen Ganzen, das nie zu Ende gefhrt werden
konnte[39] --, sah Tolstoi im brigen zu diesem Zeitpunkt in den
Geschichten aus der Kindheit nur die ersten Kapitel einer
Geschichte von vier Epochen, die auch sein Leben im Kaukasus
einbeziehen und zweifellos mit der Offenbarung Gottes durch die Natur
ihren Abschlu finden sollte.

Tolstoi ist spter mit seinen Geschichten aus der Kindheit, denen er
einen groen Teil seiner Volkstmlichkeit verdankt, sehr streng ins
Gericht gegangen.

Sie sind so schlecht, sagte er zu Birukow, sie sind mit so
geringer literarischer Ehrlichkeit geschrieben!... Es ist nichts aus
ihnen herauszuholen.

Er stand allein mit dieser Ansicht. Das Werk, das er als anonymes
Manuskript an die groe russische Zeitschrift Sowremennik (Der
Zeitgenosse) geschickt hatte, wurde sofort verffentlicht (am
6. September 1852) und hatte einen Riesenerfolg, der von allen
europischen Lesern besttigt wurde. Indessen versteht man, da es
trotz seines dichterischen Reizes, seines vornehmen Stiles und seines
Zartgefhls dem spteren Tolstoi mifallen hat.

Es hat ihm aus denselben Grnden mifallen, aus denen es den anderen
gefiel. Man mu zugeben: abgesehen von der Erwhnung gewisser lokaler
Typen und einigen wenigen Seiten, die durch das religise Empfinden oder
durch die Echtheit des Gefhls[40] auffallen, ist noch herzlich wenig
von der Persnlichkeit Tolstois darin zu spren. Eine sanfte, weiche
Empfindsamkeit, die ihm spter immer unsympathisch war, und die er aus
seinen anderen Romanen verbannte, herrscht vor. Wir kennen sie, diese
Mischung von Humor und Rhrseligkeit; sie stammt von Dickens her. Bei
der Aufzhlung seiner Lieblingsbcher zwischen seinem vierzehnten und
einundzwanzigsten Lebensjahre trgt Tolstoi in sein Tagebuch ein:
Dickens: David Copperfield. Bedeutender Einflu. Im Kaukasus liest
er das Buch noch einmal.

Zwei weitere Einflsse verzeichnet er selbst: Sterne und Toepffer. Ich
stand damals unter ihrer Wirkung, uerte er[41].

Wer sollte glauben, da die Genfer Novellen fr den Dichter von
Krieg und Frieden das erste Vorbild waren? Und doch braucht man es
nur zu wissen, dann findet man schon in den Geschichten aus der
Kindheit ihre gutmtige und spottlustige Biederkeit wieder, die hier
nur in eine vornehmere Natur verpflanzt ist.

So war Tolstoi schon durch seine ersten Werke eine bekannte
Persnlichkeit geworden. Aber seine Eigenart mute sich noch befestigen.
Das dauerte nicht lange. Die Knabenjahre (1853), die weniger rein und
weniger abgerundet sind als die Kindheit, deuten auf selbstndigere
psychologische Beobachtung, auf ein sehr lebendiges Naturgefhl und ein
so zerqultes Herz hin, wie sie Dickens und Toepffer wohl kaum hatten.
In dem Morgen des Gutsherrn (Oktober 1852)[42] erscheint der
Charakter Tolstois fertig entwickelt mit seiner unerschrockenen
Beobachtungstreue und seinem Glauben an die Liebe. Unter den
bemerkenswerten Bauernportrts, die er in dieser Novelle zeichnet,
findet sich schon die Skizze zu einer seiner schnsten Figuren aus
seinen Volkserzhlungen, dem Alten mit dem Bienenstock[43], dem
kleinen Alten unter der Birke, wie er die Hnde ausbreitet und die
Augen in die Hhe richtet; rings um ihn ein Schwarm golden
schimmernder Bienen, die ihn umschwirren, ohne ihn zu stechen, und
einen Kranz um seinen in der Sonne leuchtenden kahlen Schdel
bilden...

Aber die typischen Werke jener Zeit sind die, die seine augenblicklichen
Gefhle unmittelbar wiedergeben: die Geschichten aus dem Kaukasus. Die
erste, Der berfall (am 24. Dezember 1852 beendet), erweckt durch
die Pracht der Landschaftsbilder Bewunderung: ein Sonnenaufgang in den
Bergen am Ufer eines Flusses; ein merkwrdiges Gemlde, das die
Schatten und die Gerusche der Nacht mit packender Eindringlichkeit
wiedergibt; die Heimkehr am Abend, da in der Ferne die schneebedeckten
Gipfel im blauen Nebel verschwinden, die schnen Stimmen der singenden
Soldaten aufsteigen und in der dnnen Luft verwehen. Mehrere Gestalten
aus Krieg und Frieden erproben hier schon ihre Lebensfhigkeit: der
Hauptmann Klopow, der wahre Held, der sich nicht zum Vergngen
schlgt, sondern weil es seine Pflicht ist, eines jener einfachen,
ruhigen russischen Gesichter, denen man froh und gerne gerade in die
Augen schaut. Schwerfllig, linkisch, ein bichen lcherlich,
unempfindlich gegen seine Umgebung, ist er der einzige, der sich in
der Schlacht gleich bleibt, whrend alle andern sich ndern; er ist
genau so wie immer: dieselben ruhigen Bewegungen, dieselbe
gleichmige Stimme, derselbe einfache Ausdruck in seinem naiven,
derben Gesicht. Neben ihm der Leutnant, der die Rolle eines
Lermontowschen Helden spielt, und der, obwohl er in Wirklichkeit der
gutmtigste Kerl ist, tut, als ob die wildesten Gefhle ihn
beherrschen. Und dann der arme, kleine Unterleutnant, ganz begeistert
in der Aussicht auf sein erstes Gefecht, berstrmend von
Zrtlichkeit, bereit, jedem um den Hals zu fallen, bewundernswert und
lcherlich zugleich, der sich wie Petja Rostow stumpfsinnig tten
lt. In der Mitte des Bildes die Gestalt Tolstois, der beobachtet,
ohne sich in die Gedanken seiner Gefhrten einzumischen und schon hier
seinen Protestschrei gegen den Krieg erklingen lt:

Knnen die Menschen denn in dieser so schnen Welt, unter dem
unermelichen Sternenhimmel nicht zufrieden leben? Wie knnen sie hier
ihre Zerstrungswut, ihre Gefhle der Bosheit und der Rache gegen ihren
Nchsten bewahren? In der Berhrung mit der Natur, wo das Schne und
Gute am unmittelbarsten zum Ausdruck kommt, sollte alles Schlechte aus
dem Menschenherzen verschwinden.[44]

Andere aus jener Zeit stammende Geschichten aus dem Kaukasus sind erst
spter zu Papier gebracht worden: 1854-1855 Der Holzschlag, von
peinlichster Naturtreue, ein wenig kalt, aber voll merkwrdiger
Aufschlsse ber die Seele des russischen Soldaten, -- Aufzeichnungen
fr die Zukunft; -- 1856 Begegnung im Felde mit einem Moskauer
Bekannten, einem verkommenen Lebemann und degradierten Unteroffizier,
einem feigen versoffenen Lgner, der es nicht vermag, sich an den
Gedanken zu gewhnen, da er ebensogut gettet werden knne wie einer
seiner Soldaten, die er verachtet und deren geringster hundertmal mehr
wert ist als er.

ber all diese Werke erhebt sich als hchster Gipfel dieser ersten
Gebirgskette einer der schnsten lyrischen Romane, die Tolstoi
geschrieben hat, der Sang seiner Jugend, das Gedicht vom Kaukasus: Die
Kosaken[45]. Die Pracht der schneebedeckten Berge, deren edle Linien
sich von dem strahlenden Himmel abheben, erfllt das ganze Buch mit
ihrer Musik. Und das Werk ist einzigartig durch das hchste, was dem
Genie gegeben ist, den allmchtigen Gott der Jugend, wie Tolstoi
sagt, jenen Schwung, der nie wiederkehrt. Ein Bergstrom im Frhling!
Eine Flle von Liebe!

>Ich liebe, ich liebe so innig!... Ihr Tapfern! Ihr Guten!...<
wiederholte er und wollte weinen. Warum? Wer war tapfer? Wen liebte er?
Er wute es nicht recht.[46]

Dieser Rausch des Herzens hlt unvermindert an. Der Held, Olenin, ist
wie Tolstoi in den Kaukasus gekommen, um dort aus dem Abenteurerleben
frische Krfte zu schpfen; er verliebt sich in eine junge Kosakin und
verliert sich in dem Chaos seiner widerspruchsvollen Hoffnungen. Bald
glaubt er, da fr andere leben, sich aufopfern, Glck bedeutet,
bald, da sich opfern nur Dummheit ist; dann mchte er fast mit dem
alten Kosaken Eroschka glauben: Alles hat seine Berechtigung. Gott
hat alles zur Freude des Menschen erschaffen. Nichts ist Snde. Sich
mit einem hbschen Mdel belustigen, ist keine Snde, ist ewige
Seligkeit. Aber was braucht er denn nachzudenken? Es gengt zu leben.
Das Leben ist hchster Besitz, hchstes Glck, das allmchtige Leben,
das allumfassende Leben: das Leben ist Gott. Ein glhendes Naturgefhl
stellt sich ein und erfllt ihm das Herz. Allein im Wald,
von wildwachsenden Pflanzen, einer Menge von Wild, Vgeln
und Mckenschwrmen umgeben, in dem schattigen Grn, der
duftgeschwngerten, heien Luft, zwischen kleinen, trben Rinnsalen,
die allenthalben unter dem Laub dahinpltschern, wenige Schritte von
den Fallstricken des Feindes entfernt wird Olenin pltzlich von einem
solchen grundlosen Glcksgefhl erfat, da er, wie er es als Kind
gewhnt war, das Kreuz schlgt und irgend jemand danken mchte. Wie
ein indischer Fakir findet er Genu darin, sich zu sagen, da er
allein und verlassen in diesem Strudel des Lebens ist, das ihn
aufsaugt, da Myriaden unsichtbarer Wesen, die berall versteckt sind,
in diesem Augenblick seinen Tod belauern, da jene Tausende von ihn
umschwirrenden Insekten einander zurufen:

>Hierher, hierher, Kameraden! Hier gilt es einen zu stechen!<

Und es war ihm klar, da er hier kein russischer Herr aus der Moskauer
Gesellschaft, der Freund und Verwandte von dem und jenem war, sondern
einfach ein Wesen wie die Mcke, der Fasan, der Hirsch, wie alle
Lebewesen, die ihn jetzt umschlichen.

>Wie sie werde ich leben und sterben. Und Gras wird darber
wachsen...<

Und sein Herz ist voll Freude.

Tolstoi lebt zu jener Zeit in einem Rausch von Kraft und Liebe zum
Leben. Er umfat die Natur und geht in ihr auf. Ihr vertraut er seine
Schmerzen, seine Freuden und seine Liebesgefhle[47] an. Aber dieser
romantische Rausch mindert niemals die Klarheit seines Blickes.
Nirgends mehr sind die Landschaften mit einem solchen Knnen und die
Gestalten wahrheitsgetreuer gezeichnet als in dieser glhenden
Dichtung. Der Widerspruch zwischen Natur und Gesellschaft, der den
Kern des Buches ausmacht und der whrend Tolstois ganzen Lebens einer
seiner Lieblingsgedanken sein sollte, ein Artikel seines
Glaubensbekenntnisses, lt ihn schon hier, um das Komdienhafte der
Welt zu geieln, einige der herben Tne der Kreuzersonate
anschlagen[48]. Aber er ist nicht weniger schonungslos gegen die, die
er liebt; und die Naturwesen, die schne Kosakin und ihre Freunde,
sind mit ihrer Selbstsucht, ihrer Habgier, ihrer Schurkerei und allen
ihren Lastern in grellstem Licht gesehen.

Eine auergewhnliche Gelegenheit sollte sich ihm bieten, diese
heldenhafte Wahrheitsliebe auf die Probe zu stellen.




Im November 1853 war der Trkei der Krieg erklrt worden. Tolstoi lie
sich der rumnischen Armee zuteilen, ging dann zur Krimarmee ber und
traf am 7. November 1854 in Sewastopol ein. Er glhte vor Begeisterung
und Vaterlandsliebe. Er tat wacker seine Pflicht und war oft in Gefahr,
besonders von April bis Mai 1855, wo er einen ber den andern Tag Dienst
bei der Batterie der 4. Bastei hatte.

Da er monatelang ein Leben in bestndiger Aufregung und Angst Aug in Aug
mit dem Tode fhrte, belebte sich sein religiser Mystizismus wieder von
neuem. Er fhrt Gesprche mit Gott. Im April 1855 verzeichnet er in
seinem Tagebuch ein Gebet zu Gott, in dem er ihm fr seinen Schutz in
der Gefahr dankt und ihn anfleht, ihn weiter zu beschtzen, um das
ewige glorreiche Ziel des Seins, das ich noch nicht kenne, aber schon
ahne, zu erreichen. Dieses Ziel seines Lebens war keineswegs die Kunst,
es war schon jetzt die Religion. Am 5. Mrz 1855 schrieb er:

Ich bin einer groen Idee nhergekommen, deren Verwirklichung ich mein
ganzes Leben opfern knnte. Diese Idee ist die Grndung einer neuen
Religion, der Religion Christi, aber von Glaubensstzen und Wundern
befreit... In klarem Bewutsein handeln, um die Menschen durch die
Religion zu einen.[49]

Das sollte das Programm seines Alters sein.

[Illustration: Tolstoi vor der Abreise nach dem Kaukasus 1851]

Um sich indessen von den ihn umgebenden Eindrcken abzulenken, machte
er sich wieder ans Schreiben. Aber wie htte er die ntige geistige
Freiheit finden sollen, um im Schrapnellhagel den dritten Teil seiner
Erinnerungen aus der Jugend zu verfassen? Das Buch ist verworren. Man
kann sein Durcheinander -- und an manchen Stellen eine gewisse abstrakte
analysierende Trockenheit mit Abteilungen und Unterabteilungen in der
Manier Stendhals[50] -- den Bedingungen, unter denen es entstand,
zuschreiben. Aber man mu die ruhige Durchdringung der zahllosen wirren
Gedanken und Trume bewundern, die sich in dem jungen Hirn
zusammendrngen. Tolstoi ist in diesem Werk von seltener Aufrichtigkeit
gegen sich selbst. Und von welcher poetischen Frische ist er zuweilen,
z. B. in dem reizenden Bild vom Frhling in der Stadt, in der Erzhlung
von der Beichte und dem eiligen Gang ins Kloster wegen der vergessenen
Snde.

Ein leidenschaftlicher Pantheismus gibt gewissen Seiten des Buches eine
lyrische Schnheit, deren Ton an die Erzhlungen aus dem Kaukasus
erinnert. So die Beschreibung jener Sommernacht:

Der ruhige Glanz des leuchtenden Halbmonds. Der schillernde Teich. Die
alten Birken, deren langstrhnige Zweige auf der einen Seite im
Mondlicht silbern schimmerten und auf der andern Seite Busch und Weg mit
schwarzen Schatten zudeckten. Hinter dem Teich der Ruf der Wachtel. Das
kaum hrbare Gerusch zweier alter Bume, die sich aneinander scheuern.
Das Summen der Mcken und das Herabfallen eines Apfels auf trockene
Bltter, Frsche, die bis an die Stufen der Terrasse hpfen und deren
grnliche Rcken im Mondstrahl schillern... Der Mond steigt hher,
schwebt am klaren Himmel und erfllt den Raum; der wunderbare Glanz des
Teiches wird noch strahlender, die Schatten noch schwrzer, das Licht
noch heller... Doch ich armseliger Erdenwurm, der ich schon von allen
menschlichen Leidenschaften beschmutzt, aber erfllt von der ganzen
unendlichen Macht der Liebe war, ich hatte in diesem Augenblick das
Gefhl, als ob die Natur, der Mond und ich eins seien.[51]

Aber die Wirklichkeit der Gegenwart sprach lauter als die Trume der
Vergangenheit; sie verschaffte sich gebieterisch Gehr. Die Jugend
blieb unvollendet, und der Stabshauptmann Graf Leo Tolstoi beobachtete
in der Panzerung seiner Bastei, im Kanonendonner, inmitten seiner
Kompagnie die Lebenden und die Sterbenden und zeichnete ihre ngste und
seine eigenen in seinen unvergelichen Erzhlungen Sewastopol auf.

Diese drei Erzhlungen -- Sewastopol im Dezember 1854, Sewastopol im Mai
1855 und Sewastopol im August 1855 -- werden gewhnlich in einen Topf
geworfen. Sie sind indessen sehr verschieden voneinander. Besonders die
zweite Erzhlung unterscheidet sich in der Empfindung und im Stil von
den beiden anderen. Diese sind vom Patriotismus beherrscht; ber der
zweiten schwebt unerbittliche Wahrheit.

Man erzhlt, da die Zarin nach der Lektre der ersten Geschichte[52]
weinte, und da der Zar in seiner Bewunderung befahl, man solle diese
Seiten ins Franzsische bersetzen und den Verfasser an einen
ungefhrlichen Platz stellen. Man versteht das leicht. Alles
verherrlicht hier das Vaterland und den Krieg. Tolstoi ist gerade erst
hingekommen und noch voller Begeisterung; er schwimmt in Heldentum. Er
bemerkt an den Verteidigern von Sewastopol weder Ehrgeiz noch Eigenliebe
noch sonst irgend ein niedriges Gefhl. Fr ihn ist das Ganze ein
Heldengedicht, dessen Heroen Griechenlands wrdig sind. Andererseits
legen diese Aufzeichnungen keinerlei Zeugnis ab von einem Streben nach
Erfindung oder dem Versuch einer objektiven Darstellung; der Verfasser
spaziert durch die Stadt; er sieht sehr klar, erzhlt aber alles in
unfreier Form: Man sieht... man tritt ein... Man bemerkt... Es ist
eine Art besserer Berichterstattung mit schnen Natureindrcken.

Ganz anders ist die zweite Geschichte: Sewastopol im Mai 1855. Schon in
den ersten Zeilen liest man: Tausende menschlicher Eitelkeiten sind
hier aufeinander gestoen oder haben im Tod Ruhe gefunden...

Und dann:

... Und da es viele Menschen gab, gab es viele Eitelkeiten ...
Eitelkeit, Eitelkeit, berall Eitelkeit, selbst an der Pforte des
Grabes. Es ist die unserm Jahrhundert eigentmliche Krankheit... Warum
sprechen Homer und Shakespeare von Liebe, Ruhm und Leid, und warum ist
die Literatur unseres Jahrhunderts nichts als die endlose Geschichte der
Eitlen und der Snobs?

Die Erzhlung, die nicht mehr ein einfacher Bericht des Autors ist,
sondern die Menschen und ihre Leidenschaften unmittelbar auftreten lt,
zeigt, was sich hinter dem Heldentum verbirgt. Der klare unbeirrbare
Blick Tolstois dringt bis in die Tiefen der Herzen seiner Waffenbrder;
in ihnen liest er, wie in sich selbst, Hochmut und Furcht, das
Narrenspiel der Welt, das noch drei Schritt vorm Tode weitergespielt
wird. Besonders die Furcht wird eingestanden, ihrer Schleier beraubt und
ganz nackt gezeigt. Diese unaufhrlichen Angstzustnde[53], dieser
qulende Gedanke an den Tod werden ohne Scham und Mitleid mit
frchterlicher Offenheit aufgedeckt. In Sewastopol hat Tolstoi alle
Sentimentalitt verlernt, jenes unklare, weibische, weinerliche
Mitleid, wie er mit Geringschtzung sagt. Und niemals hat sein Talent
zu analysieren, das man schon whrend seiner Jnglingsjahre sich
triebhaft entwickeln sah und das manchmal einen geradezu krankhaften[54]
Charakter annehmen sollte, eine bis zur Halluzination verschrfte
Intensitt erlangt, wie in der Erzhlung vom Tode Praskukins. Dort sind
zwei volle Seiten der Beschreibung dessen gewidmet, was sich in der
Seele des Unglcklichen abspielt, whrend der Sekunde, da die Bombe
eingeschlagen ist und zischt, ehe sie explodiert, -- und eine Seite
berichtet, was sich in ihm abspielt, nachdem sie explodiert ist und er
auf der Stelle durch einen Treffer in die Brust gettet worden ist.

Wie Zwischenaktsmusik mitten im Drama ffnen sich in diese
Schlachtenbilder weite Lichtungen, Sonnenstrahlen, die Symphonie des
Tages, der ber dem wundervollen Gelnde anbricht, wo Tausende von
Mnnern mit dem Tode ringen. Und der Christ Tolstoi vergit den
Patriotismus seiner ersten Erzhlung und flucht dem ruchlosen Krieg:

Und diese Menschen, Christen, die sich alle zu demselben groen Gesetz
der Liebe und des Opferns bekennen, fallen beim Anblick ihrer Tat nicht
reuig auf die Knie vor dem, der, da er ihnen das Leben gab, in die Seele
eines jeden neben die Furcht vor dem Tode die Liebe zum Guten und
Schnen pflanzte! Sie umarmen einander nicht wie Brder mit Trnen der
Freude und des Glckes!

Im Augenblick, da Tolstoi diese Novelle beendet hat, die herb im Ton wie
noch keines seiner Werke ist, fhlt er sich von Zweifeln ergriffen. Hat
er unrecht gehabt, so zu reden?

Ein peinigender Zweifel ergriff mich. Vielleicht sollte man das gar
nicht aussprechen. Vielleicht ist das, was ich ausspreche, eine jener
schlimmen Wahrheiten, wie sie unbewut in eines jeden Seele schlummern,
und die nicht zutage gefrdert werden drfen, weil sie sonst Schaden
anrichten, wie man die Hefe nicht bewegen soll, um den Wein nicht zu
verderben. Wo ist das Schlechte, das man vermeiden soll, wo das Schne,
das man nachahmen soll? Wer ist der Bsewicht, und wer ist der Held?
Alle sind gut, und alle sind schlecht...

Aber er findet sich stolz wieder:

Der Held meiner Novelle, den ich mit der ganzen Kraft meines Herzens
liebe, den ich in seiner ganzen Schnheit zu zeigen versuche, der immer
war, ist und sein wird, ist die Wahrheit.

Nachdem der Direktor des Sowremennik, Nekrasow, diese Seiten[55] gelesen
hatte, schrieb er an Tolstoi:

Gerade das braucht die russische Gesellschaft von heute: die Wahrheit,
die Wahrheit, von der seit Gogols Tod so wenig in der russischen
Literatur briggeblieben ist... Jene Wahrheit, die Sie in unsere Kunst
tragen, ist fr uns etwas ganz Neues. Ich frchte nur eines: da die
Zeit und die Niedertracht des Lebens, die Taubheit und Stummheit der uns
Umgebenden aus Ihnen machen, was sie aus den meisten von uns gemacht
haben, -- da sie in Ihnen die Energie tten.[56]

Nichts Derartiges war zu befrchten. Die Zeit, die die Energie der
Durchschnittsmenschen verbraucht, hat die Tolstois nur gehrtet. Aber im
Augenblick weckten die schweren Prfungen des Vaterlandes, die Einnahme
von Sewastopol, mit einem Gefhl schmerzvoller Frmmigkeit aufs neue
das Bedauern ber seine allzu erbarmungslose Offenheit. In der dritten
Erzhlung, -- Sewastopol im August 1855, -- in der er eine Szene
zwischen spielenden und sich streitenden Offizieren malt, unterbricht er
sich und sagt:

Aber lat uns schnell einen Schleier ber dieses Bild breiten. Morgen,
vielleicht schon heute wird jeder dieser Mnner freudig dem Tod ins Auge
sehen. In eines jeden Seele glimmt der gttliche Funke, der einen Helden
aus ihm machen wird.

Und wenn auch diese Scheu nichts der Gewalt seiner realistischen
Darstellung raubt, so zeigt doch die Wahl der Personen gengend die
Neigungen des Verfassers. Das Heldenschicksal von Malakoff und sein Fall
werden in zwei rhrenden und stolzen Gestalten versinnbildlicht: zwei
Brdern; der eine, der ltere, ist der Hauptmann Kozeltzow, der einige
Zge von Tolstoi hat[57]; der andere, der Fhnrich Wolodja, der
schchterne Schwrmer, mit seinen fieberhaften Selbstgesprchen, seinen
Trumen, den Trnen, die ihm um ein Nichts in die Augen treten, Trnen
der Liebe und Trnen der Demtigung, mit seinen ngsten in den ersten
Stunden auf der Bastei (der arme Kleine frchtet sich noch vor dem
Dunkel, und wenn er im Bett liegt, versteckt er seinen Kopf in dem
Soldatenmantel), mit der Beklemmung, die ihm das Gefhl der Einsamkeit
und die Gleichgltigkeit der andern verursachen, und schlielich, da
die Stunde gekommen ist, mit seiner Frhlichkeit in der Gefahr. Dieser
Jngling gehrt zur Gruppe der poetischen Gestalten aus den
Knabenjahren (Petja in Krieg und Frieden, der Unterleutnant in
dem berfall), die lachend und Liebe im Herzen Krieg fhren und
pltzlich ohne Begreifen vom Tode erfat werden. Die beiden Brder
fallen am gleichen Tag, -- am letzten Tag der Verteidigung. -- Und die
Novelle schliet mit folgenden Zeilen, in denen ein vaterlndischer
Zorn grollt:

Das Heer verlie die Stadt. Und jeder Soldat, der nach dem aufgegebenen
Sewastopol blickte, seufzte mit namenloser Bitterkeit im Herzen und
ballte die Faust gegen den Feind.[58]




Nachdem Tolstoi dieser Hlle entronnen war, wo er ein Jahr lang mit den
schlimmsten Leidenschaften und Eitelkeiten und aller menschlichen Pein
in Berhrung gekommen war, fand er sich im November 1855 in einem Kreis
von Petersburger Schriftstellern wieder, fr die er Ekel und Verachtung
versprte. Alles an ihnen kam ihm armselig und verlogen vor. Diese
Mnner, die ihm aus der Ferne in idealer Gestalt erschienen waren, --
Turgenjew hatte er bewundert und ihm gerade erst den Holzschlag
gewidmet, -- enttuschten ihn bitter, als er sie aus nchster Nhe sah.
Ein Bild aus dem Jahr 1856 zeigt ihn mitten unter ihnen: Turgenjew,
Gontscharow, Ostrowsky, Gregorowitsch, Drujinin. Durch sein asketisches
und herbes Aussehen, sein knochiges Gesicht mit den eingefallenen Wangen
und die energisch verschrnkten Arme sticht er von der zwanglosen
Haltung der andern merklich ab. In Uniform hinter diesen Literaten
stehend, scheint er, wie Suars geistreich schreibt, diese Leute
eher zu berwachen als zu ihrer Gesellschaft zu gehren: man knnte
glauben, er sei gerade dabei, sie ins Gefngnis abzufhren[59].

Indessen drngten sich alle um den jungen Kameraden, der, von der
zwiefachen Glorie des Schriftstellers und Helden von Sewastopol umgeben,
zu ihnen kam. Turgenjew, der geweint und >Hurrah!< gerufen
hatte, als er die Szenen aus Sewastopol gelesen, reichte ihm
brderlich die Hand. Aber die beiden Mnner konnten einander nicht
verstehen. Wenn auch beide die Welt mit derselben Klarheit des Blickes
sahen, so mischten sie doch ihren Bildern die Farbe ihrer feindlichen
Seelen bei: der eine beschwingt und voll von Ironie, verliebt und ohne
Illusionen, Anbeter der Schnheit; der andere heftig, stolz, von
Sittlichkeitsideen zerqult, eines heimlichen Gottes voll.

Was Tolstoi diesen Literaten vor allem nicht verzieh, war, da sie sich
fr eine auserwhlte Kaste, fr den Gipfelpunkt der Menschheit hielten.
Der Stolz des groen Herrn und Offiziers gegenber den brgerlich
freidenkenden Schreibergesellen hatte nicht geringen Anteil an seiner
Abneigung[60]. Es war auch ein bezeichnender Zug seiner Natur -- er
erkannte ihn selbst --, sich instinktiv gegen alle allgemein
anerkannten Grundstze aufzulehnen[61]. Ein Mitrauen gegen die
Menschen, eine geheime Verachtung ihrer Vernunft lieen ihn berall den
Selbstbetrug oder den Betrug der andern, die Lge, wittern.

Er glaubte niemals an die Aufrichtigkeit der Leute. Jede sittliche
Begeisterung erschien ihm unecht, und er hatte die Gewohnheit, den
Menschen, der, wie es ihm schien, nicht die Wahrheit sprach, mit seinem
auergewhnlich scharfen Blick zu durchbohren...[62]

Wie hrte er zu! Wie betrachtete er den, mit dem er sprach, mit seinen
tief in den Hhlen liegenden grauen Augen! Wie ironisch verzogen sich
seine Lippen![63]

Turgenjew sagte, da er nie etwas Unangenehmeres versprt habe, als
diesen durchdringenden Blick, der im Verein mit zwei oder drei Worten
einer giftigen Bemerkung imstande war, einen zum Rasen zu bringen[64].

Von ihrer ersten Begegnung an spielten sich zwischen Tolstoi und
Turgenjew heftige Auftritte ab[65]. Wenn sie getrennt waren, beruhigten
sie sich und versuchten, einander Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Aber die Zeit besttigte immer mehr Tolstois Widerwillen gegen seine
literarische Umgebung. Er verzieh diesen Knstlern den Widerspruch
zwischen ihrer verderbten Lebensfhrung und ihren sittlichen Forderungen
nicht.

Ich kam zur berzeugung, da beinahe alle unmoralische, schlechte,
charakterlose Menschen waren, tief unter denen, die ich whrend meines
militrischen Zigeunerlebens getroffen hatte. Und sie waren selbstsicher
und zufrieden, wie es eigentlich nur ganz lautere Menschen sein knnen.
Sie ekelten mich an.[66]

Er trennte sich von ihnen. Trotzdem blieb noch einige Zeit etwas von der
materiellen Auffassung ihrer knstlerischen Sendung an ihm haften[67].
Er fand dabei seine Rechnung. Es war eine lohnende Religion; sie
verschaffte Weiber, Geld, Ruhm...

Von dieser Religion war ich einer der Hohepriester. Eine angenehme und
sehr eintrgliche Stellung...

Um sich ihr mehr zu widmen, nahm er seinen Abschied aus dem Heer
(November 1856).

Aber ein Mensch seiner Prgung konnte nicht lange die Augen
verschlieen. Er glaubte an den Fortschritt, er wollte an ihn glauben.
Es schien ihm, da dieses Wort eine Bedeutung habe. Auf einer Reise
ins Ausland -- vom 29. Januar bis 30. Juli 1857 -- durch Frankreich, die
Schweiz und Deutschland brach dieser Glaube zusammen. In Paris zeigte
ihm am 6. April 1857 das Schauspiel einer Hinrichtung die Nichtigkeit
des Aberglaubens an den Fortschritt....

Als ich den Kopf sich vom Krper loslsen und in den Korb fallen sah,
begriff ich mit allen Fasern meines Seins, da keine Theorie ber die
Vernunft der bestehenden Ordnung eine solche Handlung rechtfertigen
konnte. Wenn selbst smtliche Menschen des Weltalls sich auf irgendeine
Theorie sttzten und etwas derartiges fr ntig hielten, so wte ich
doch, da es unrecht ist: denn nicht der Menschen Reden und Tun
entscheidet ber Gut und Bse, sondern mein Herz.[68]

In Luzern gibt ihm am 7. Juli 1857 der Anblick eines kleinen fahrenden
Sngers, dem die reichen englischen Hotelgste des Schweizerhofs ein
Almosen verweigern, Anla zu einer Eintragung in sein Tagebuch des
Frsten Nekludow[69], worin er seine Verachtung zum Ausdruck bringt
fr alle die Gedankengnge, in denen sich diese angeblich Freisinnigen
gefallen, fr diese Leute, die knstliche Grenzen zwischen Gut und Bse
ziehen.

Fr sie ist Kultur das Gute, Unkultur das Bse, Freiheit das Gute,
Sklaverei das Bse. Und dieses vermeintliche Wissen zerstrt die besten
ursprnglichen Triebe. Und wer kann mir definieren, was Freiheit, was
Gewaltherrschaft, was Kultur und Unkultur ist? Und wo bestehen nicht Gut
und Bse nebeneinander? Es gibt nur einen unfehlbaren Fhrer in unserm
Innern, das ist die Nchstenliebe.

Nach Ruland zurckgekehrt, beschftigte er sich in Jasnaja von neuem
mit den Bauern. Nicht als ob er sich noch Illusionen ber das Volk
gemacht htte. Er schreibt:

Die Verteidiger des Volkes und seines gesunden Menschenverstandes haben
gut reden, die Masse sei vielleicht die Vereinigung wackerer Leute; aber
dann vereinigen sie sich nur nach der tierischen, verchtlichen Seite,
die nur die Schwche und Grausamkeit der menschlichen Natur
ausdrckt.[70]

Deshalb wendet er sich auch nicht an die Masse, sondern an das
persnliche Gewissen eines jeden Menschen, eines jeden Kindes aus dem
Volk. Denn da liegt die Erleuchtung. Er grndet Schulen, ohne allzu viel
vom Lehren zu verstehen. Um es zu lernen, macht er eine zweite Reise
nach Europa, vom 3. Juli 1860 bis zum 23. April 1861[71].

Er studiert die verschiedenen pdagogischen Methoden. Braucht man zu
erwhnen, da er sie alle verwirft? Ein zweimaliger Aufenthalt in
Marseille zeigte ihm, da die wahre Belehrung des Volkes sich auerhalb
der Schule, die er lcherlich fand, durch Zeitungen, Museen,
Bibliotheken, die Strae und das Leben vollzog; er nennt sie die
natrliche Schule. Er will die natrliche Schule grnden, im
Gegensatz zur Zwangsschule, die er fr unheilvoll und unbrauchbar
hlt, und er versucht es damit bei seiner Rckkehr nach Jasnaja
Poljana[72]. Sein Grundsatz ist die Freiheit. Er lt nicht zu, da
eine Auslese, die privilegierte, liberale Gesellschaft, ihr Wissen
und ihre Irrtmer dem Volk, das ihr fremd ist, aufdrngt. Sie hat
dazu kein Recht. Diese Zwangserziehungsmethode hat auf der Universitt
niemals Mnner hervorbringen knnen, wie sie die Menschheit braucht,
sondern Mnner, wie sie die verderbliche Gesellschaft braucht: Beamte,
Lehrbeamte, Literaturbeamte oder Menschen, die man zwecklos aus ihrer
alten Umgebung herausgerissen hat, denen man die Jugend verdorben hat
und die keinen Platz im Leben finden: reizbare, angekrnkelte
Fortschrittler[73]. Es ist am Volk, zu sagen, was es will! Wenn es
nichts von der Kunst des Lesens und Schreibens, die ihm die
Intellektuellen aufdrngen wollen, hlt, so hat es seine Grnde
dafr: es hat andere dringendere und gerechtfertigtere geistige
Bedrfnisse. Versucht sie zu verstehen und helft ihm sie zu
befriedigen.

Tolstoi versuchte diese Freiheitstheorien eines eingeschworenen
Revolutionrs, der er immer war, in Jasnaja, wo er sich mehr zum Schler
als zum Lehrer seiner Zglinge machte, in die Praxis umzusetzen[74].
Gleichzeitig bemhte er sich, den Landwirtschaftsbetrieb mit humanerem
Geist zu erfllen. Als er 1861 zum Schiedsrichter im Distrikt Krapiwna
ernannt wurde, verteidigte er das Volk gegen den Mibrauch der
Amtsbefugnis durch den Grundbesitzer und den Staat.

Aber man darf nicht glauben, da diese soziale Ttigkeit ihn ganz
befriedigte und ausfllte. Er blieb weiter die Beute widerstreitender
Leidenschaften. Obwohl er im Grunde gegen sie war, liebte er die groe
Welt noch immer und brauchte sie. Zu Zeiten erfate ihn wieder die
Vergngungssucht; oder vielleicht auch die Freude am Wagnis. Er setzte
sich auf Brenjagden der Todesgefahr aus; er verspielte Riesensummen. Es
kam sogar vor, da er unter den Einflu des verachteten Petersburger
literarischen Kreises geriet. Nach solchen Verirrungen verfiel er in
einen Zustand des Ekels. Die Werke jener Zeit zeigen in belster Weise
die Spuren dieser knstlerischen und moralischen Unsicherheit. Zwei
Husaren (1856) sind mit gewollter Eleganz in einem gezierten und
weltgewandten Stil geschrieben, der bei Tolstoi geradezu unangenehm
berhrt. Albert (1857 in Dijon verfat) ist schwach und gesucht und
entbehrt der Tiefe und der Bndigkeit, die Tolstoi sonst eigen sind. Die
Aufzeichnungen eines Marqueurs, die knapper, aber etwas berhastet
wirken, scheinen den Ekel widerzuspiegeln, den Tolstoi sich selbst
einflt. Der Frst Nekludow, sein Doppelgnger, ttet sich in einem
verrufenen Lokal:

Er hatte alles: Reichtum, Namen, Geist, kultivierte Neigungen; er hatte
kein Verbrechen begangen, aber er hatte Schlimmeres getan: er hatte sein
Herz, seine Jugend gettet; er hatte sich selbst verloren, ohne
irgendeine groe Leidenschaft als Entschuldigung zu haben, nur aus
Mangel an Willenskraft.

Selbst die Nhe des Todes ndert ihn nicht...

Die gleiche Unentschlossenheit, die gleiche Oberflchlichkeit und
merkwrdige Unlogik des Denkens...

Der Tod... In dieser Zeit fngt er an, Tolstois Seele zu verfolgen.
Drei Tode (1858-1859) bilden schon einen Auftakt zu der dsteren
Schilderung von dem Tod des Iwan Iljitsch, der Einsamkeit des
Sterbenden, seinem Ha gegen die Lebenden, seinem verzweifelten
Warum? Das Triptychon der drei Toten -- die reiche Dame, der alte
schwindschtige Postillon und die gefllte Eiche -- hat Gre; die
Bilder sind gut gezeichnet, die Vergleiche ziemlich treffend, obschon
das ber Gebhr berhmte Werk von etwas zu lockerem Gewebe ist und es
dem Tod der Eiche an unbedingter Gestaltungskraft fehlt, die den Wert
der schnen Landschaftsschilderungen Tolstois ausmacht. Im ganzen
wei man noch nicht, was ihn hinreit, ob die Kunst um ihrer selbst
willen oder die moralische Absicht.

[Illustration: Tolstoi im Jahre 1854]

Tolstoi wute es selbst nicht. Am 4. Februar 1859 hielt er in der
Moskauer Gesellschaft der Freunde russischer Literatur seine
Antrittsrede, worin er das Prinzip des l'art pour l'art[75]
verteidigte; und der Prsident der Gesellschaft, Komiakow, bernahm,
nachdem er in ihm den Vertreter der rein knstlerischen Literatur
begrt hatte, gegen ihn die Verteidigung der sozialen und moralischen
Kunst[76].

Ein Jahr spter brachte ihn der Tod seines geliebten Bruders Nikolaus,
der am 19. September 1860 in Hyres von der Schwindsucht dahingerafft
wurde[77], derart auer Fassung, da sein Glaube an das Gute vollstndig
erschttert wurde und er sich von der Kunst abwandte:

Die Kunst ist Lge, und ich kann nicht lnger die schne Lge
lieben.[78]

Aber schon nach kaum sechs Monaten kam er auf diese schne Lge zurck,
mit Polikuschka[79], dem von sittlichen Absichten vielleicht
freiesten seiner Werke, nimmt man den geheimen Fluch aus, der auf dem
Geld und seiner unheilvollen Macht lastet; es ist ein Werk, das nur um
der Kunst willen geschrieben ist, ein Meisterwerk brigens, an dem
nichts auszusetzen ist, es sei denn sein bergroer Reichtum an
Beobachtungen, ein Zuviel an Stoff, der zu einem groen Roman
ausgereicht htte, und der allzu schroffe, ein wenig grausame
Gegensatz zwischen dem grlichen Ausgang und dem humorvollen
Anfang[80].




In dieser Zeit des bergangs, wo das Genie Tolstois im Finstern tappt,
an sich selbst irre wird und, wie Nekludow in den Aufzeichnungen eines
Marqueurs, ohne starke Leidenschaft, ohne zielsicheren Willen
schwchlich zu werden scheint, entsteht das reinste Werk, das Tolstoi
jemals schuf: Eheglck (1859). Es ist das Wunderwerk der Liebe.

Seit langen Jahren war er mit der Familie Bers befreundet. Er war der
Reihe nach in die Mutter und die drei Tchter verliebt gewesen[81].
Schlielich verliebte er sich endgltig in die zweite. Aber er wagte
nicht, es zu gestehen. Sofie Andrejewna Bers war noch ein Kind: sie war
siebzehn Jahre alt; und er ber dreiig. Er hielt sich fr einen alten
Mann, der nicht das Recht hatte, sein verbrauchtes, unreines Leben an
das eines unschuldigen jungen Mdchens zu knpfen. Drei Jahre lang
strubte er sich[82]. Spter erzhlte er in Anna Karenina, wie er
Sofie Bers einen Antrag machte, und wie sie darauf antwortete --: sie
zeichneten alle beide die Anfangsbuchstaben der Worte, die sie nicht zu
sagen wagten, mit dem Finger auf den Tisch. Wie Lewin in Anna
Karenina war er so grausam aufrichtig, sein Tagebuch seiner Braut
einzuhndigen, damit sie ganz genau seine begangenen Schndlichkeiten
kennen lerne; und wie Kitty in Anna Karenina empfand Sofie bitteren
Schmerz beim Lesen. Am 23. September 1862 war ihre Hochzeit.

Aber schon seit drei Jahren war diese Ehe im Kopf des Dichters
geschlossen, als er Eheglck schrieb[83]. Seit drei Jahren hatte er
schon im voraus die unbeschreiblichen Tage der stillen Liebe durchlebt
und die berauschenden Tage der Liebe, die sich offenbart, die Stunde, da
die ersehnten gttlichen Worte geflstert werden, die Trnen ber
ein Glck, das fr immer schwindet und nie mehr wiederkehrt; die
jubelnde Wirklichkeit der ersten Ehezeit, den Egoismus der Liebenden,
die unaufhrliche Freude ohne eigentlichen Grund; dann die
eintretende Ermdung, die leise Unzufriedenheit, die Langeweile des
einfrmigen Lebens, in der sich die beiden vereinigten Herzen sanft
lsen und voneinander entfernen, das gefhrlich Berauschende der
groen Welt fr die junge Frau -- Koketterie, Eifersucht, tdliche
Miverstndnisse --, die verdunkelte, die verlorene Liebe; endlich den
milden traurigen Herbst des Herzens, wo das Antlitz der Liebe sich
wieder zeigt, bla und gealtert und durch seine Trnen und seine
Runzeln noch ergreifender geworden, die Erinnerung an Liebesbeweise,
das Bedauern ber das Bse, das man sich zugefgt hat, und ber die
verlorenen Jahre, -- einen heiteren Lebensabend, die erhabene Wandlung
von der Liebe zur Freundschaft und vom Roman der Leidenschaft zur
Mtterlichkeit... Alles, was kommen sollte, alles hatte Tolstoi im
voraus getrumt und durchkostet. Und um es besser erleben zu knnen,
hatte er es in ihr, der Geliebten, erlebt. Das erstemal -- vielleicht
das einzige Mal in Tolstois Werken -- spielt sich der Roman im Herzen
einer Frau ab und wird von dieser Frau erzhlt. Mit welch erlesener
Zartheit! Eine schne Seele hllt sich in einen schamhaften
Schleier... Diesmal hat Tolstoi bei der Analyse auf seine etwas grelle
Belichtung verzichtet und sucht nicht mit fieberhafter Leidenschaft
die Wahrheit blozulegen. Die Geheimnisse des Innenlebens lassen sich
eher erraten, als da sie sich preisgeben. Das Herz und die Kunst
Tolstois sind milder geworden. In seiner harmonischen bereinstimmung
von Form und Inhalt erreicht das Eheglck die Vollkommenheit eines
Racineschen Werkes.

Die Ehe, deren Glck und deren Wirrungen Tolstoi mit groer Klarheit
schon vorher empfunden hatte, sollte ihm zum Heil werden. Er war mde
und krank, seiner selbst und seiner Arbeit berdrssig. Auf die
glnzenden Erfolge, die seine ersten Werke errungen hatten, war
vollstndiges Verstummen der Kritik[84] und Gleichgltigkeit des
Publikums eingetreten. Stolz tat er, als ob er sich darber freue.

Mein Ruf hat viel von jener Volkstmlichkeit, die mich traurig machte,
verloren. Jetzt bin ich ruhig, da ich wei, da ich etwas zu sagen habe
und die Fhigkeit besitze, es sehr laut zu sagen. Das Publikum mag
denken, was es will.[85]

Aber er rhmte sich nur: er war seiner Kunst selbst nicht sicher. Ohne
Zweifel beherrschte er die Feder vollkommen; aber er wute nicht, was
damit anfangen. Wie er in Polikuschka sagt: es war das Gerede
ber den erstbesten Stoff von einem Manne, der die Feder zu fhren
versteht[86]. Seine sozialen Arbeiten scheiterten. Im Jahre 1862 legte
er sein Amt als Schiedsrichter nieder. Im selben Jahre hielt die Polizei
in Jasnaja Poljana Haussuchung, drehte das oberste zu unterst und schlo
die Schule. Tolstoi war damals aus Gesundheitsrcksichten verreist; er
frchtete die Schwindsucht zu bekommen.

Die Streitigkeiten, die ich zu schlichten hatte, waren mir so
unertrglich geworden, die Arbeit in der Schule so unsicher, meine
Besorgnisse, die aus dem Wunsch, die andern zu unterrichten und dabei
meine Unkenntnis dessen, was ich unterrichten sollte, zu verbergen,
herrhrten, waren mir derart widerwrtig, da ich krank wurde.
Vielleicht wre ich an den Rand der Verzweiflung geraten, der ich
fnfzehn Jahre spter erlag, wenn es nicht fr mich eine unbekannte
Seite des Lebens gegeben htte, die mir Heil versprach: das
Familienleben.[87]

       *       *       *       *       *

Er geno es zuerst mit der Leidenschaft, die er auf alles verwandte[88].
Der persnliche Einflu der Grfin Tolstoi war wertvoll fr seine Kunst.
Literarisch sehr begabt[89], war sie, wie sie sagt, eine echte
Schriftstellersfrau, so sehr lag ihr das Werk ihres Mannes am Herzen.
Sie arbeitete mit ihm, schrieb nach seinem Diktat, bertrug seine
Konzepte immer wieder ins Reine[90]. Sie trachtete, ihn gegen seinen
religisen Dmon, jenen frchterlichen Geist, der schon damals fr
Augenblicke seiner Kunst gefhrlich wurde, zu verteidigen. Sie lie es
sich angelegen sein, da seine Tr sozialen Utopien verschlossen
blieb[91]. Sie befeuerte sein schpferisches Genie. Sie tat mehr: sie
gab diesem Genius den neuen Reichtum ihrer Frauenseele. Abgesehen von
einigen hbschen Schattenrissen in Kindheit und Knabenalter
ist die Frau aus den ersten Werken Tolstois fast vllig ausgeschaltet,
oder sie bleibt im Hintergrund. Zum erstenmal tritt sie im Eheglck
auf, das unter dem Einflu der Liebe zu Sofie Bers geschrieben ist. In
den folgenden Werken sind Mdchen- und Frauengestalten reichlich
vorhanden und von Leben beseelt, mehr noch selbst als die
Mnnergestalten. Man glaubt gern, da die Grfin Tolstoi ihrem Mann
nicht nur zur Natascha in Krieg und Frieden[92] und zur Kitty in
Anna Karenina Modell gestanden hat, sondern da sie ihm auch durch
die Einblicke, die sie ihm in ihr zartes Seelenleben gewhrte, eine
wertvolle und feinfhlige Mitarbeiterin sein konnte. Gewisse Seiten in
Anna Karenina[93] scheinen mir ganz besonders die Hand einer Frau zu
verraten.

Dank den Segnungen dieser Vereinigung geno Tolstoi zehn oder fnfzehn
Jahre lang einen Frieden und eine Sicherheit, wie er sie seit langem
nicht mehr gekannt hatte[94]. So konnte er unter den Fittichen der Liebe
in Mue die Meisterwerke seines Schaffens, die gewaltigen Denkmler, die
die ganze Romandichtung des 19. Jahrhunderts berragen, ersinnen und
ausfhren: Krieg und Frieden (1864-1869) und Anna Karenina
(1873-1877).

Krieg und Frieden ist das groartigste Heldengedicht unserer Zeit,
eine moderne Ilias. Eine Welt von Gestalten und Schicksalen lebt darin.
ber diesem von zahllosen Wogen gepeitschten Meer menschlicher
Leidenschaften schwebt eine allbeherrschende Seele, die die Strme nach
Gefallen entfacht und zgelt. Mehr als einmal habe ich, wenn ich mich in
dieses Werk vertiefte, an Homer und Goethe gedacht, trotz der ungeheuren
Verschiedenheit, sowohl des Geistes als auch der Zeit. Spter habe ich
gesehen, da Tolstoi tatschlich in jener Periode, als er daran
arbeitete, in seinem Denken von Homer und Goethe[95] zehrte. Ja, er
trgt sogar in seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1865, wo er die
verschiedenen literarischen Arten klassifiziert, das Werk 1805, unter
welchem Titel die beiden ersten Teile von Krieg und Frieden 1865-1866
erschienen, als zur selben Familie gehrig wie die Odyssee und
Ilias ein. Die ihm eigene Beweglichkeit des Geistes fhrte ihn vom
Roman der Einzelschicksale zum Roman der Heere und Vlker, der groen
menschlichen Gemeinschaften, in denen der Wille von Millionen
Lebewesen aufgeht. Seine tragischen Erfahrungen bei der Belagerung von
Sewastopol lehrten ihn die Seele des russischen Volkes und sein Leben
whrend der letzten hundert Jahre verstehen. Das ungeheure Gemlde
Krieg und Frieden war ursprnglich nur als Mittelfeld einer Reihe
von epischen Fresken gedacht, auf denen sich die Geschichte Rulands
von Peter dem Groen bis zu den Dekabristen abspielen sollte[96].

Um das Mchtige des Werkes richtig zu empfinden, mu man sich ber die
Einheit klar sein, die darin verborgen liegt. Die meisten Leser sehen in
ihrer Kurzsichtigkeit nur die tausend Einzelheiten, deren Flle sie in
hchste Verwunderung versetzt und verwirrt. Sie finden sich in diesem
Walde nicht zurecht. Man mu sich darber hinaus erheben und den weiten
Horizont, den Kreis der Wlder und Felder mit dem Blick umfassen, dann
wird man den homerischen Geist des Werkes gewahr, die Ruhe der ewigen
Gesetze, den Atem des Schicksals in seinem gewaltigen Rhythmus, das
Gefhl fr das Ganze, dem alle Einzelheiten verbunden sind, und das
Genie des Knstlers, der sein Werk, wie der Gott der Genesis, der ber
den Wassern schwebt, beherrscht.

Zuerst das regungslose Meer. Der Friede, die russische Gesellschaft am
Vorabend des Krieges. Die ersten hundert Seiten spiegeln mit einer
erbarmungslosen Treue und einer berlegenen Ironie die Hohlheit dieser
Kinder der Welt. Erst ungefhr auf der hundertsten Seite erhebt sich der
Schrei eines dieser lebenden Toten -- des schlimmsten unter ihnen, des
Frsten Basil:

Wir sndigen, wir betrgen. Und wozu das alles? Ich habe die Sechzig
hinter mir, mein Freund... Alles endigt mit dem Tod... Der Tod, welch
ein Grausen!

Von diesen schalen, lgnerischen Miggngern, die jeder Verirrung und
jedes Verbrechens fhig sind, heben sich gewisse gesundere Naturen ab:
die Aufrichtigen, teils aus Treuherzigkeit, wie Peter Besukow, teils
dank ihrer vlligen Unabhngigkeit oder aus russischem Empfinden heraus,
wie Maria Dmitriewna, teils aus jugendlicher Frische, wie die kleinen
Rostows; -- dann die Gtigen und Gottergebenen, wie die Prinzessin
Marie; -- und schlielich jene, die nicht gut sondern stolz sind, und
die dieses ungesunde Dasein qult, wie der Frst Andrej.

Dann aber setzt die erste Wellenbewegung ein. Die Handlung. Das
russische Heer in sterreich. Das Verhngnis herrscht nirgends
unumschrnkter als dort, wo die Urkrfte entfesselt sind: im Krieg. Die
wirklichen Fhrer sind die, welche nicht zu lenken versuchen, sondern
die wie Kutuzow oder Bagration versuchen glauben zu machen, da ihre
persnlichen Absichten in voller bereinstimmung mit dem sind, was in
Wahrheit die einfache Wirkung der Macht der Verhltnisse, des Willens
der Untergebenen und der Laune des Zufalls ist. Welch eine Wohltat,
sich ganz der Hand des Schicksals zu berlassen! Welch ein Glck liegt
in dem normalen und gesunden Zustand, blo handeln zu brauchen. Die
bedrngten Gemter finden ihr Gleichgewicht wieder. Frst Andrej atmet
auf, beginnt zu leben... Und whrend dort unten, weitab von dem
belebenden Hauch dieser gesegneten Strme, die beiden wertvollsten
Menschen, Peter und die Prinzessin Marie, von der Pest ihrer Umgebung,
der Liebeslge, bedroht werden, erlebt Frst Andrej bei Austerlitz
pltzlich mitten im Taumel des Gefechts, der durch seine Verwundung
schroff unterbrochen wird, die Offenbarung der beglckenden
Unendlichkeit. Auf dem Rcken ausgestreckt, sieht er nichts mehr als
sehr hoch ber sich einen grenzenlosen weiten Himmel, ber den leichte
graue Wlkchen sanft dahingleiten.

Welche Ruhe! Welcher Friede! sagte er sich, das war nicht so,
als ich schreiend dahinrannte. Weshalb hatte ich diese uferlose Weite
nicht frher bemerkt? Wie glcklich bin ich, da ich sie endlich
entdeckt habe! Ja, alles andere ist leer, alles andere ist Tuschung.
Gott sei fr diese Ruhe gepriesen!...

Indessen nimmt ihn das Leben wieder auf, und die Woge ebbt zurck. Die
mutlosen, unruhvollen Seelen irren, in der sittenverderbenden Atmosphre
der Stadt aufs neue sich selbst berlassen, ziellos durch die Nacht.
Manchmal vermischen sich mit dem vergiftenden Hauch der Welt die
berauschenden und betrenden Ausstrmungen der Natur, der Frhling, die
Liebe, die blindwaltenden Krfte, die die reizende Natascha dem Frsten
Andrej nahebringen und die sie einen Augenblick spter dem erstbesten
Verfhrer in die Arme treiben. So viel Poesie, Zartheit und
Herzensreinheit wird hier durch die Welt zerstrt! Und immer der weite
Himmel, der sich hoch ber der schmhlichen Gemeinheit der Erde
breitet. Aber die Menschen sehen ihn nicht. Selbst Andrej hat die
Erleuchtung von Austerlitz vergessen. Fr ihn ist der Himmel nur noch
ein dsteres, schweres Gewlbe, das das Nichts berdeckt.

Es ist Zeit, da der Sturmwind des Krieges aufs neue ber diese
blutleeren Seelen dahinbraust. Das Vaterland wird vom Feinde besetzt.
Borodino. Ein Tag von feierlicher Gre. Alle Feindseligkeit schwindet
dahin. Dologow umarmt seinen Freund Peter. Andrej, der verwundet ist,
weint aus Liebe und Mitgefhl ber das Unglck Anatol Kuragins, des
Menschen, den er am meisten hate, und der jetzt auf dem Krankenwagen
sein Nachbar ist. Die Herzen werden eins durch das dem Vaterland
dargebrachte Opfer und die Unterwerfung unter die gttlichen Gesetze.

Die schreckliche Notwendigkeit des Krieges ernst und gottergeben
hinnehmen... Der Krieg ist fr die Freiheit des Menschen die hrteste
Form der Unterwerfung unter die gttlichen Gesetze. Die Herzenseinfalt
besteht in der Unterwerfung unter den Willen Gottes.

Die russische Volksseele und ihre Unterwerfung unter das Schicksal
verkrpert sich in dem Generalissimus Kutuzow:

Dieser Alte, der, was Leidenschaften angeht, nur die Erfahrung, das
Ergebnis der Leidenschaften, kennt, und bei dem die Intelligenz, die
dazu bestimmt ist, die Tatsachen einzuordnen und Schlsse aus ihnen zu
ziehen, durch eine philosophische Betrachtungsweise der Ereignisse
ersetzt wird, dieser Alte ersinnt nichts und unternimmt nichts, aber er
hrt und behlt alles und wird es im geeigneten Augenblick anwenden, er
wird nichts Ntzliches verhindern und nichts Schdliches erlauben. Er
erspht auf den Gesichtern seiner Leute jene unbegreifliche Macht, die
man den Willen zu siegen, den kommenden Sieg nennt. Er lt etwas
Mchtigeres gelten als seinen Willen: den unaufhaltsamen Lauf der
Tatsachen, die sich vor seinen Augen abrollen; er sieht sie, er verfolgt
sie und versteht es, von seiner Person zu abstrahieren.

Kurzum, er hat das echt russische Herz. Dieser still-heldenmtige
Fatalismus des russischen Volkes verkrpert sich auch in dem armen,
einfachen, frommen und ergebenen Muschik Plato Karatajew, der noch in
Leid und Tod gtig lchelt. Durch die Prfungen, das Elend des
Vaterlandes, die Schrecken des Todeskampfes hindurch, gelangen die
beiden Helden des Buches, Peter und Andrej, zu moralischer Befreiung und
schwrmerischer Freude durch die Liebe und den Glauben, die sie den
lebendigen Gott erkennen lassen.

Hiermit schliet Tolstoi keineswegs. Der Epilog, der um 1820 spielt,
bildet einen bergang von einer Epoche zu einer anderen, vom
napoleonischen Zeitalter zum Zeitalter der Dekabristen. Er gibt das
Gefhl der ununterbrochenen Dauer und des Immerneuerstehens alles
Lebens. Tolstoi beginnt weder, noch schliet er seine Erzhlung an einem
entscheidenden Zeitpunkt; er schliet, wie er begonnen hat, in dem
Augenblick, da eine groe Welle verebbt und die folgende Welle sich erst
bildet. Schon gewahrt man die knftigen Helden, die Konflikte, die
zwischen ihnen entstehen werden, und die Toten, die in den Lebenden
auferstehen[97].

Ich habe versucht, den groen Linien des Romans nachzugehen; denn selten
gibt man sich die Mhe, sie zu suchen. Aber was soll man von der ganz
auergewhnlichen Lebendigkeit dieser Hunderte von Helden sagen, die
alle individuell und in unvergelicher Weise gezeichnet sind, dieser
Soldaten, Bauern, Edelleute, Russen, sterreicher und Franzosen! Nichts
verrt hier, da sie erdichtet sind. Zu dieser Reihe von Bildnissen, die
ihresgleichen in der ganzen europischen Literatur suchen, hat Tolstoi
zahllose Skizzen gemacht, wie er sagt, Millionen von Entwrfen
miteinander verbunden, Bibliotheken durchstbert, seine
Familienarchive[98], seine frheren Notizen, seine persnlichen
Erinnerungen benutzt. Diese bis ins kleinste gehende Vorbereitung brgt
fr die Grndlichkeit der Arbeit, nimmt ihr dabei aber nichts von ihrer
Ursprnglichkeit. Tolstoi arbeitete begeistert, mit einem Eifer und
einer Freude, die sich auch dem Leser mitteilen. Was vor allem Krieg
und Frieden den grten Reiz verleiht, ist seine Jugendlichkeit des
Herzens. Kein anderes Werk von Tolstoi weist solchen Reichtum an Kinder-
und Jnglingsseelen auf; und jede dieser Seelen ist Musik aus reinster
Quelle und von einer Anmut, die ergreift und rhrt, wie eine Mozartsche
Melodie: der junge Nikolaus Rostow, Sonja, der arme kleine Petja.

Die kstlichste aber ist Natascha. Dieses liebe, seltsame, lachlustige
kleine Mdchen mit dem reichen Herzen, das man neben sich aufwachsen
sieht, und dem man durch das Leben folgt mit der keuschen Zrtlichkeit,
die man fr eine Schwester empfnde, -- wer glaubt nicht, sie gekannt zu
haben?... Welch wunderbare Frhlingsnacht, in der Natascha an ihrem
mondbeschienenen Fenster tolle Dinge trumt und redet, gerade ber dem
Fenster des Frsten Andrej, der ihr zuhrt... Die Aufregungen des ersten
Balles, die Liebe, die Liebeserwartung, das Aufblhen wirrer Wnsche und
Trume, die nchtliche Schlittenfahrt durch den beschneiten Wald, wo
Lichter gespensterhaft schimmern; die Natur, die unklare Sehnsucht
erweckt; ein Abend in der Oper, die seltsame Welt der Kunst, die den
Verstand umschleiert; die Tollheit des Herzens und die Tollheit des
Leibes, der sich nach Liebe sehnt; ein Schmerz, der die Seele lutert;
gttliches Mitleid, das beim sterbenden Geliebten wacht... Man kann
diese Erinnerungen nicht heraufbeschwren, ohne dieselbe Rhrung zu
empfinden, als wenn man von der teuersten und geliebtesten Freundin
sprche. Ach, wie lt einen eine solche Schpfung die Schwche der
weiblichen Gestalten in beinahe allen zeitgenssischen Romanen und
Theaterstcken ermessen! Das Leben selbst wird erfat, und dabei so
biegsam, so flssig, da man es von einer Zeile zur anderen wogen und
wechseln zu sehen vermeint. -- Die hliche Prinzessin Marie, die durch
Gte schn wird, ist eine nicht minder vollkommene Schpfung; aber wie
wrde sie, dieses schchterne und linkische Mdchen errten, wie werden
die, welche ihr gleichen, errten, wenn sie hier alle Geheimnisse eines
Herzens enthllt sehen, das sich ngstlich den Blicken entzieht!

[Illustration: Tolstoi im Jahre 1906]

Im allgemeinen bertreffen die Frauencharaktere, wie ich schon
andeutete, die Mnnercharaktere bei weitem, besonders die der beiden
Helden, die Tolstois eigene Idee verkrpern: die weiche und schwache
Natur Peter Besukows, die lebhafte, aber trockene des Frsten Andrej
Wolkonski. Dies sind Seelen, denen es an einem festen Ruhepunkt mangelt;
sie schwanken fortwhrend, anstatt sich zu entwickeln; sie gehen von
einem Pol zum andern, ohne je vom Fleck zu kommen. Man wird mir
zweifellos entgegnen, da sie darin echt russisch sind. Ich kann jedoch
dazu bemerken, da Russen dieselbe Kritik gebt haben. Aus dem gleichen
Anla warf Turgenjew der Psychologie Tolstois vor, da sie nie
weiterkomme. Keine wahrhafte Entwicklung. Ewige Unschlssigkeit,
Gefhlsschwankungen.[99] Tolstoi gab selbst zu, da er die einzelnen
Charaktere hie und da ein wenig dem historischen Gemlde geopfert
habe[100].

Und die Gre von Krieg und Frieden beruht tatschlich in dem
Wiederaufleben eines ganzen Zeitalters der Geschichte, jener
Vlkerwanderung, des Kampfes der Nationen. Seine eigentlichen Helden
sind die Vlker und, hinter ihnen, wie hinter den Helden Homers, die
Gtter, die sie leiten: die unsichtbaren Mchte, jene unwgbaren
Gren, die die Massen fhren, der Hauch des Unendlichen. Diese
gigantischen Kmpfe, in denen ein verborgenes Geschick die blinden
Vlker aufeinanderstt, sind von sagenhafter Gre. Auf dem Weg ber
die Ilias denkt man an die indischen Heldenlieder[101].

       *       *       *       *       *

Anna Karenina bezeichnet mit Krieg und Frieden den Hhepunkt
dieser Zeit der Reife. Es ist ein vollkommeneres Werk, ein Werk, das
von einem Geist erfllt ist, der seiner knstlerischen Berufung noch
sicherer und auch reicher an Erfahrung ist, und fr den die Welt des
Herzens keine Geheimnisse mehr hat. Aber ihm fehlen jene jugendliche
Wrme, jene urwchsige Begeisterung, -- die groen Schwingen von
Krieg und Frieden. Tolstoi hat schon nicht mehr dieselbe
Schaffensfreude. Die vorbergehende Beschaulichkeit der ersten Ehezeit
ist dahin. In den Bannkreis der Liebe und der Kunst, den die Grfin
Tolstoi um ihn zu ziehen verstanden hatte, schleicht sich wieder
langsam innere Unruhe.

Schon ein Jahr nach seiner Heirat weisen in den ersten Kapiteln von
Krieg und Frieden die vertraulichen Mitteilungen, die Frst Andrej
in bezug auf die Ehe Peter gegenber macht, auf die Ernchterung des
Mannes hin, der in der geliebten Frau die Fremde sieht, die schuldlose
Feindin, das unwillkrliche Hindernis fr seine moralische
Entwicklung. Briefe aus dem Jahre 1865 knden die nahe Wiederkehr
religiser Qualen an. Zunchst noch weniger bedrohlich, da die Freude
am Leben obsiegt. Aber im Jahre 1869, in den Monaten, in denen Tolstoi
Krieg und Frieden vollendet, tritt eine ernstere Erschtterung ein:

Er hatte die Seinen fr einige Tage verlassen und sich auf eins seiner
Gter begeben. Eines Nachts lag er im Bett; es hatte gerade 2 Uhr
geschlagen:

Ich war schrecklich mde, hatte Schlaf, und es ging mir leidlich gut.
Pltzlich wurde ich von einer solchen Angst gepackt, von einem
derartigen Schrecken, wie ich etwas hnliches nie empfunden habe. Ich
erzhle Dir das noch in den Einzelheiten[102]: es war wirklich
frchterlich. Ich sprang aus dem Bett und befahl anzuspannen. Whrend
man anspannte, schlief ich ein, und als man mich weckte, war ich
vollstndig wiederhergestellt. Gestern hat sich dieselbe Geschichte
ereignet, aber in weit geringerem Mae...

Der Bau der Hoffnung, den die Liebe der Grfin Tolstoi mhselig
errichtet hatte, weist Risse auf. In der Leere, die den Geist des
Dichters nach Beendigung von Krieg und Frieden umfngt, fhlt er
sich aufs neue von seinen philosophischen[103] und pdagogischen
Sorgen bedrckt. Er will eine Fibel frs Volk schreiben. Vier Jahre
lang arbeitet er mit Feuereifer daran; er ist stolzer darauf als auf
Krieg und Frieden; und nachdem er sie im Jahre 1872 geschrieben hat,
arbeitet er sie im Jahre 1875 noch einmal um. Dann vernarrt er sich
ins Griechische, studiert von morgens bis abends, lt alle andere
Arbeit liegen, entdeckt den kstlichen Xenophon und Homer, den
richtigen Homer, nicht den der bersetzer, eines Jukowsky, eines
Voss, die mit hohler, greinender, slicher Stimme singen, sondern
jenen Teufel, der mit voller Stimme singt, ohne da es ihm je in den
Sinn kommt, es knne jemand zuhren[104].

Ohne die Kenntnis des Griechischen keine Bildung!... Ich bin berzeugt,
da ich von allem, was in dem Wort menschlich wirklich schn, von einer
schlichten Schnheit ist, bis heute nichts wute.[105]

Es ist eine Narretei; das gibt er zu. Er wirft sich wieder mit solcher
Leidenschaft aufs Lernen, da er krank davon wird. Im Jahre 1871 mu er
in Samara bei den Baschkiren eine Kefirkur gebrauchen. Auer dem
Griechischen ist er mit allem unzufrieden. Im Jahre 1872 spricht er
infolge eines Prozesses ernstlich davon, alles, was er in Ruland hat,
zu verkaufen und sich in England anzusiedeln. Die Grfin Tolstoi hrmt
sich darber:

Wenn Du Dich immer in Deine Griechen verbohrst, wirst Du nie gesund
werden. Sie sind es, die Dir diese Angst und diese Gleichgltigkeit dem
heutigen Leben gegenber verursachen. Nicht umsonst nennt man das
Griechische eine tote Sprache: ihre Wirkung ist geistttend.[106]

Endlich nach vielen entworfenen und gleich wieder verworfenen Projekten
beginnt er am 19. Mrz 1873 zur grten Freude der Grfin sein neues
Buch Anna Karenina[107]. Whrend er daran arbeitet, wird sein Leben
durch Trauerflle in der Familie[108] umdstert. Seine Frau ist krank.
Glckseligkeit herrscht nicht in diesem Hause...[109]

Das Werk trgt ein wenig die Spuren dieser trben Erfahrungen und
Enttuschungen[110]. Auer in den hbschen Kapiteln von der Verlobung
Lewins spricht er von Liebe nicht mehr mit dieser jugendlichen Poesie,
die gewisse Seiten in Krieg und Frieden neben die schnsten
lyrischen Dichtungen aller Zeiten stellt. Liebe ist jetzt vielmehr
eine strmische, sinnliche und gewaltttige Angelegenheit geworden.
Das Verhngnis, das ber dem Roman schwebt, ist nicht mehr wie in
Krieg und Frieden eine Art Gott Krischna, mordlustig und heiter
zugleich, ein Geschick, das ber Reiche entscheidet, sondern es ist
die Liebestollheit, die Gttin Venus. $Sie$ verleiht der wunderbaren
Ballszene, wo Anna und Wronski, ohne es selbst zu wissen, von der
Leidenschaft erfat werden, der unschuldsvollen Schnheit Annas, in
dem schwarzen Samtkleid mit dem Vergimeinnichtkranz, eine beinahe
teuflische Verfhrungskraft. $Sie$ lt, nachdem Wronski sich
erklrt hat, Annas Gesicht leuchten, -- nicht vor Freude: es war
vielmehr das schreckliche Leuchten einer Feuersbrunst in dunkler
Nacht. $Sie$ ist es auch, die das Blut dieser braven und vernnftigen
Frau, dieser liebevollen jungen Mutter in wollstige Wallungen bringt
und sich in ihrem Herzen einnistet, um es nicht eher zu verlassen, als
bis sie es vollstndig zerstrt hat. Niemand nhert sich Anna, ohne
von dem verborgenen Dmon angezogen und erschreckt zu sein. Kitty
entdeckt ihn als erste voll Schauer. Eine geheimnisvolle Furcht mischt
sich in Wronskis Freude, da er Anna sehen soll. Lewin verliert in
ihrer Gegenwart seine ganze Willenskraft. Anna selbst wei, da sie
nicht mehr sie selbst ist. Im weiteren Verlauf der Geschichte
untergrbt die unerbittliche Leidenschaft den ganzen moralischen Halt
dieser stolzen Frau Stck fr Stck. Alles Gute in ihr, ihr tapferes
und treues Herz verkmmert; sie hat nicht mehr die Kraft, ihre
oberflchliche Eitelkeit zu opfern; ihr Leben hat keinen anderen Zweck
mehr, als ihrem Liebhaber zu gefallen. Aus Angst und Scham versagt sie
es sich, Kinder zu bekommen; Eifersucht martert sie. Die Sinnlichkeit,
von der sie beherrscht wird, zwingt sie in Haltung, Stimme und Blick
zur Lge; sie sinkt auf die Stufe der Frauen herab, die nichts anderes
wollen, als jedem Mann, wer immer er auch sei, den Kopf zu verdrehen.
Um sich zu betuben, sucht sie Zuflucht beim Morphium, bis die
unertrglichen Qualen, die sie martern, sie eines Tages im bitteren
Gefhl ihres moralischen Verfalls unter die Rder eines
Eisenbahnwagens werfen. Und der kleine Muschik, mit dem struppigen
Bart -- die finstere Erscheinung, die sie und Wronski in ihren
Trumen geschreckt hatte -- beugte sich vom Trittbrett des Wagens auf
das Geleise hinunter; und, so sagte der prophetische Traum, er
beugte sich tief herab ber einen Sack und vergrub darin die
berreste von etwas, das das Leben gewesen war, das Leben mit seinen
Qualen, seinen Tuschungen und seinen Schmerzen...

Die Rache ist mein, spricht der Herr.[111]

Um diese Tragdie eines Herzens, das von der Liebe verzehrt und vom
Gesetz Gottes zermalmt wird, -- ein Werk aus einem Gu und von
erschreckender Tiefe -- hat Tolstoi, wie in Krieg und Frieden, die
Romane anderer Leben gruppiert. Leider folgen sich hier die
nebeneinander laufenden Geschichten ein wenig willkrlich und knstlich,
ohne zu einem organischen Ganzen zu werden, wie die Symphonie Krieg und
Frieden. Man wird auch finden, da der vollkommene Realismus gewisser
Szenen -- z. B. die Schilderung der aristokratischen Kreise Petersburgs
und ihrer migen Reden -- manchmal im Grunde recht berflssig ist. Und
schlielich hat Tolstoi seine moralische Persnlichkeit und seine
philosophischen Ideen noch offener als in Krieg und Frieden rein
uerlich in dieses Lebensbild hineingetragen. Deshalb aber ist das Werk
von nicht geringerem wunderbaren Reichtum. Dieselbe Flle von Gestalten
wie in Krieg und Frieden, und alle erstaunlich gut beobachtet. Die
Mnner erscheinen mir womglich noch besser gelungen als die Frauen.
Tolstoi hat sich darin gefallen, den liebenswrdigen Egoisten Stefan
Arkadjewitsch zu zeichnen, dem niemand begegnen kann, ohne sein
einnehmendes Lcheln zu erwidern, und Karenin, den vollendeten Typus
des hohen Beamten, des vornehmen Durchschnittsstaatsmannes, mit der
Sucht, seine wahren Gefhle dauernd hinter Ironie zu verbergen: eine
Mischung aus Wrde und Feigheit, Pharisertum und Christenglauben, ein
sonderbares Produkt einer knstlichen Welt, von der er sich trotz seiner
Intelligenz und tatschlichen Grozgigkeit nicht freimachen kann, --
und der wohl mit Recht seinem Herzen mitraut; denn als er sich ihm
schlielich berlt, verfllt er einem albernen Mystizismus.

Der Roman mit der Annatragdie und den verschiedenartigen Bildern der
russischen Gesellschaft um 1860 -- Salons, Offizierskreisen, Bllen,
Theatern, Rennen -- fesselt aber vornehmlich seines autobiographischen
Charakters wegen. Viel mehr als irgend eine andere Figur von Tolstoi ist
Konstantin Lewin seine Verkrperung. Tolstoi gab ihm nicht nur seine
gleichzeitig konservativen und demokratischen Ideen eines reaktionren
Landedelmanns, der die Intellektuellen[112] verachtet, er gab ihm auch
dieselben Lebensschicksale. Die Liebe Lewins und Kittys und ihre ersten
Ehejahre sind eine bertragung seiner eigenen huslichen Erinnerungen,
-- ebenso wie der Tod von Lewins Bruder ein schmerzliches
Heraufbeschwren des Todes von Tolstois Bruder Dmitri ist. Der ganze
letzte Teil, der fr den Roman unwesentlich ist, gibt uns Aufschlu ber
die Kmmernisse, die damals Tolstoi bewegten. Wenn das Nachwort zu
Krieg und Frieden eine knstlerische berleitung zu einem anderen
geplanten Werke darstellt, so ist das Nachwort zu Anna Karenina eine
autobiographische berleitung zur moralischen Revolution, die zwei Jahre
spter in der Beichte zum Ausdruck kommen sollte. Schon innerhalb
des Buches wird fortwhrend, bald ironisch, bald heftig, Kritik gebt
an der zeitgenssischen Gesellschaft, die er auch in seinen spteren
Werken unaufhrlich bekmpfte. Krieg der Lge, allen Lgen, den
frommen sowohl wie den gottlosen, Krieg dem freisinnigen Gerede, der
Wohlttigkeit der guten Gesellschaft, der Salonreligion, dem
Philanthropentum! Krieg der Welt, die alle echten Gefhle verflscht
und die edle Begeisterung der Herzen unheilvoll vernichtet! Der Tod
wirft ein jhes Licht auf die gesellschaftlichen Bruche. Angesichts
der sterbenden Anna wird der geschraubte Karenin gerhrt. In diese
Seele ohne Leben, in der alles erknstelt ist, dringt ein Strahl von
Liebe und christlicher Vergebung. Alle drei, der Gatte, die Frau und
der Liebhaber, sind pltzlich verwandelt. Alles wird einfach und ohne
Falsch. Aber in dem Mae, wie Anna sich erholt, merken sie alle drei,
angesichts der nahezu heiligen sittlichen Kraft, die sie innerlich
leitete, das Bestehen einer anderen rohen, aber allmchtigen Macht,
die ihr Leben gegen ihren Willen beherrscht und ihnen keinen Frieden
gnnen wird. Und sie wissen im voraus, da sie machtlos sein werden
in diesem Kampf, in dem sie das Bse, das die Welt fr notwendig
hlt, werden tun mssen[113].

Wenn sich Lewin, im Nachwort des Buches, wie Tolstoi, den er verkrpert,
auch seinerseits lutert, so geschieht das, weil der Tod auch ihn
berhrt hat. Bis dahin war er unfhig zu glauben, aber ebenso
unfhig, vollstndig zu zweifeln. Seitdem er seinen Bruder sterben
gesehen, packt ihn der Schrecken ber seine Unwissenheit. Seine Heirat
erstickt eine Zeitlang diese ngste. Aber mit der Geburt seines ersten
Kindes erscheinen sie wieder. Er macht abwechselnd Zeiten der
Frmmigkeit und Zeiten der Gottesleugnung durch. Vergebens liest er
die Philosophen. In seiner Verirrung kommt er so weit, da er die
Lockung des Selbstmordes frchtet. Die krperliche Arbeit verschafft
ihm Erleichterung: da gibt es keine Zweifel, alles ist klar. Lewin
unterhlt sich mit den Bauern, und einer von ihnen spricht ihm von den
Menschen, die nicht um ihretwillen, sondern um Gottes willen leben.
Das ist ihm eine Erleuchtung. Er sieht den Widerstreit zwischen der
Vernunft und dem Herzen. Die Vernunft lehrt den wilden Kampf ums
Dasein; aber die Nchstenliebe hat nichts mit der Vernunft zu tun:
Die Vernunft hat mich nichts gelehrt; alles was ich wei, hat mir das
Herz gegeben, hat mir das Herz offenbart.

Von da ab kehrt Ruhe in ihn zurck. Das Wort des demutsvollen Muschiks,
dem das Herz der einzige Fhrer ist, hat ihn zu Gott zurckgefhrt...
Zu welchem Gott? Er will es gar nicht wissen. In diesem Augenblick ist
Lewin, wie Tolstoi es noch lange bleiben sollte, der Kirche ergeben und
emprt sich durchaus nicht gegen ihre Dogmen.

Es gibt eine Wahrheit, selbst im Trugbild des Himmelsgewlbes und in
der scheinbaren Bewegung der Gestirne.




Solche Angstzustnde, solche Selbstmordgedanken, wie Lewin sie vor Kitty
verbarg, verbarg Tolstoi zu jener Zeit vor seiner Frau. Aber er hatte
noch nicht die Ruhe errungen, die er seinem Helden verlieh. Diese Ruhe
ist in der Tat kaum zu erlangen. Man sprt, da sie mehr ersehnt als
erreicht ist, und da Lewin sogleich wieder in seine Zweifel
zurckfallen wird. Tolstoi tuschte sich darber nicht. Es hatte ihn
viel Mhe gekostet, sein Werk zu Ende zu fhren. Anna Karenina
langweilte ihn, ehe er es beendet hatte[114]. Er konnte nicht mehr
arbeiten. Er blieb unttig und willenlos als Beute des Abscheus und des
Entsetzens vor sich selbst. Da erhob sich in der Leere seines Lebens ein
starker Sturm aus der Tiefe, der Schwindel des Todes. Tolstoi hat
spter, als er gerade dem Abgrund entronnen war, von diesen
schrecklichen Jahren erzhlt[115].

Ich war keine 50 Jahre alt, sagt er[116], ich liebte, ich wurde
geliebt, ich hatte gute Kinder, ein groes Gut, Ruhm, Gesundheit,
sittliche und krperliche Kraft; ich konnte mhen wie ein Bauer; ich
arbeitete ununterbrochen zehn Stunden, ohne zu ermden. Pltzlich
stockte mein Leben. Ich konnte atmen, essen, trinken, schlafen. Aber das
war nicht leben. Ich hatte keine Wnsche mehr. Ich wute, da es nichts
zu wnschen gab. Ich konnte sogar nicht einmal wnschen, die Wahrheit
kennen zu lernen. Die Wahrheit war, da das Leben eine Tollheit ist. Ich
war am Abgrund angelangt, und ich sah klar, da es vor mir nichts als
den Tod gab. Ich gesunder und glcklicher Mensch fhlte, da ich nicht
mehr leben konnte. Eine unberwindliche Macht trieb mich dazu, mich des
Lebens zu entledigen... Ich will nicht sagen, da ich mich tten wollte.
Die Kraft, die mich zum Leben hinausstie, war mchtiger als ich. Es war
ein Sehnen, hnlich meinem frheren Sehnen nach dem Leben, nur im
entgegengesetzten Sinn. Ich mute mir selbst gegenber Listen ersinnen,
um ihm nicht zu schnell nachzugeben. Und so versteckte ich glcklicher
Mensch vor mir selbst den Strick, um mich nicht am Balken zwischen den
Schrnken meines Zimmers aufzuhngen, wo ich jeden Abend beim Auskleiden
allein war. Ich ging nicht mehr mit meinem Gewehr auf die Jagd, um nicht
in Versuchung zu geraten[117]. Mir kam es vor, als ob mein Leben eine
blde Posse sei, die mir von irgend jemand vorgespielt wurde. Vierzig
Jahre der Arbeit, der Mhe, des Fortschritts, um schlielich zu sehen,
da alles umsonst war! Umsonst! Von mir wird nichts brig bleiben, als
Verwesung und Wrmer... Man kann nur leben, wenn man vom Leben berauscht
ist; aber sobald der Rausch vorber ist, sieht man, da alles nur Betrug
ist, blder Betrug... Die Familie und die Kunst konnten mir nicht mehr
gengen. Die Familie, das waren Unglckliche wie ich. Die Kunst ist ein
Spiegel des Lebens. Wenn das Leben keinen Sinn mehr hat, kann das Spiel
des Spiegels nicht mehr erheitern. Und das Schlimmste war, ich konnte
nicht zu mir selbst finden. Ich glich einem Menschen, der sich im Wald
verirrt hat, und der von Entsetzen ergriffen wird, weil er sich verirrt
hat, und nach allen Seiten rennt und nicht still stehen kann, obwohl er
wei, da er sich bei jedem Schritt noch mehr verirrt...

Das Heil kam vom Volk. Tolstoi hatte ihm immer eine seltsame, geradezu
krperliche Zuneigung[118] entgegengebracht, die von den wiederholt
erlebten Enttuschungen nicht erschttert werden konnte. In den letzten
Jahren war er, wie Lewin, vielfach mit ihm in Berhrung gekommen[119].
Er fing an, dieser Milliarden von Wesen zu gedenken, auerhalb des engen
Kreises der Gelehrten, der Reichen und der Miggnger, die sich
tteten, sich betubten oder feige, wie er, ein hoffnungsloses Leben
weiterfhrten. Er fragte sich, wie es mglich sei, da diese Milliarden
von Wesen jener Verzweiflung nicht anheimfielen und sich nicht tteten.
Und er erkannte bald, da sie nicht mit Hilfe der Vernunft lebten,
sondern ohne sich um diese zu kmmern -- durch den Glauben. Was war das
fr ein Glaube, der die Vernunft nicht kannte?

Der Glaube ist die Kraft des Lebens. Man kann ohne den Glauben nicht
leben. Die religisen Ideen sind in entschwundenen Zeiten vom
menschlichen Geist verarbeitet worden. Die Antworten, die der Sphinx des
Lebens vom Glauben gegeben werden, enthalten die tiefste Weisheit der
Menschheit.

Gengt es also, diese Weisheitsstze, die das Buch der Religionen
aufgezeichnet hat, zu kennen? -- Nein, der Glaube ist keine
Wissenschaft, der Glaube ist eine Tat; er hat nur Sinn, wenn er gelebt
wird. Der Widerwille, den Tolstoi der Anblick der Reichen und
religisen Leute, fr die der Glaube nur eine Art epikureischer
Lebenstrost war, einflte, verwies ihn endgltig unter die einfachen
Menschen, weil nur sie allem ihr Leben mit ihrem Glauben in Einklang
brachten.

Und er begriff, da das Leben des werkttigen Volkes das Leben an sich
war, und da der diesem Leben innewohnende Sinn die Wahrheit war.

Aber wie soll man es anfangen, zum Volk zu gehren und seinen Glauben zu
teilen? Wenn man auch wissen mag, da die anderen recht haben, so hngt
es doch nicht von uns ab, wie sie zu sein. Vergebens beten wir zu Gott;
vergebens breiten wir unsere leeren Arme nach ihm aus. Gott entflieht.
Wo soll man ihn fassen?

Aber eines Tages kam die Gnade.

An einem Vorfrhlingstag war ich allein im Wald und lauschte seinem
Rauschen. Ich dachte an meine Unruhe whrend der letzten drei Jahre, an
mein Suchen nach Gott, an mein dauerndes Schwanken zwischen Freude und
Verzweiflung... Und pltzlich sah ich, da ich nur lebte, wenn ich an
Gott glaubte. Wenn ich nur an ihn dachte, erhoben sich in mir die frohen
Wogen des Lebens. Alles ringsum belebte sich, alles bekam einen Sinn.
Aber sobald ich nicht mehr an ihn glaubte, stockte pltzlich das Leben.
-- >Was suche ich also noch?< rief eine Stimme in mir. >Er ist es
doch, ohne den man nicht leben kann! Gott kennen und leben ist eins.
Gott ist das Leben...<

Seitdem hat mich diese Leuchte nie mehr verlassen.[120]

Er war gerettet. Gott war ihm erschienen[121].

Aber da er kein indischer Mystiker war, dem die Ekstase gengt, da sich
in ihm der Hang zur Vernunft und der Ttigkeitsdrang des Abendlnders
den Trumen des Asiaten beimischte, so mute er die ihm gewordene
Offenbarung in praktischen Glauben umsetzen und aus diesem gttlichen
Erleben Regeln fr das tgliche Leben ableiten. Ohne jede Parteinahme,
mit dem aufrichtigen Wunsch, den Glauben der Seinen zu teilen, fing er
an, die Lehre der orthodoxen Kirche, der er angehrte, zu
studieren[122]. Um ihr nherzukommen, unterwarf er sich drei Jahre lang
all ihren Zeremonien, beichtete, nahm das Abendmahl, wagte nicht ber
das, was ihn befremdete, zu Gericht zu sitzen, ersann Erklrungen fr
das, was er dunkel oder unverstndlich fand, vereinte sich im selben
Glauben mit allen Lebenden und Toten, die er liebte, und gab die
Hoffnung nicht auf, da in einem gewissen Augenblick die Liebe ihm die
Pforten der Wahrheit erschlsse. -- Aber er konnte machen, was er
wollte: sein Verstand und sein Herz lehnten sich dagegen auf. Handlungen
wie die Taufe und das Abendmahl erschienen ihm unerhrt. Wenn man ihn
zwang nachzusprechen, da die Hostie der wirkliche Leib und das
wirkliche Blut Christi sei, war es ihm, als ob man ihm ein Messer ins
Herz stiee. Aber trotzdem waren es nicht die Dogmen, die zwischen ihm
und der Kirche eine unbersteigbare Mauer errichteten, sondern die
praktischen Fragen, -- insbesondere zwei: die haerfllte gegenseitige
Unduldsamkeit der Kirchen[123] und die ausdrckliche oder
stillschweigende Sanktionierung des Mordes: -- der Krieg und die
Todesstrafe.

[Illustration: Tolstoi und seine Frau, die Grfin Tolstoi]

Nun brach Tolstoi vllig mit der Kirche, und sein Bruch war um so
schroffer, als er die letzten drei Jahre seinem Denken ihr gegenber
Gewalt angetan hatte. Er schonte nichts mehr. Voll Zorn trat er die
Religion, auf deren Ausbung er tags zuvor noch hartnckig bestanden
hatte, mit Fen. In seiner Kritik der dogmatischen Theologie
(1879-1881) behandelte er sie nicht nur als Tollheit, sondern als
bewute, eigenntzige Lge[124]. Er stellte ihr in seiner
Konkordanz und bersetzung der vier Evangelien (1881-1883) das
Evangelium gegenber. Auf dem Evangelium baute er schlielich seinen
Glauben auf. Mein Glaube (1883).

Er fat ihn in folgende Worte:

Ich glaube an die Lehre Christi. Ich glaube, da das Glck auf Erden
nur mglich ist, wenn alle Menschen tun werden, was diese Lehre
vorschreibt.

Der Eckstein des Glaubens ist fr Tolstoi die Bergpredigt, deren
Hauptlehre er in fnf Gebote zusammenfat:

    I. Du sollst nicht in Zorn geraten.

   II. Du sollst nicht ehebrechen.

  III. Du sollst nicht schwren.

   IV. Du sollst nicht Bses mit Bsem vergelten.

    V. Du sollst niemandes Feind sein.

Das ist der negative Teil der Lehre, deren positiver Teil sich in dem
einen Gebot zusammenfassen lt:

Liebe Gott und deinen Nchsten, wie dich selbst.

Christus hat gesagt, wer das geringste dieser Gebote bertritt, wird
den geringsten Platz im Himmelreich bekommen.

Und Tolstoi fgt naiv hinzu:

So seltsam es klingt, so habe ich doch nach achtzehn Jahrhunderten
diese Regeln als etwas Neues entdecken mssen.

Glaubt nun Tolstoi etwa an die Gttlichkeit Christi? -- Keineswegs.
Weshalb beruft er sich dann auf ihn? Als auf den Grten aus dem
Geschlecht der Weisen, -- der Brahmanen, Buddha, Lao Tse, Konfuzius,
Zarathustra, Jesaja, -- die den Menschen das wahre Glck, das sie
erstreben, gezeigt haben und den Weg, den sie beschreiten mssen[125].
Tolstoi ist der Schler dieser groen Religionsschpfer, dieser
Halbgtter, dieser indischen, chinesischen und jdischen Propheten. Er
verteidigt sie -- was er unter verteidigen versteht: indem er angreift
-- gegen die, die er Phariser und Schriftgelehrte nennt:
gegen die bestehenden Kirchen und gegen die Vertreter der
stolzen Wissenschaft, oder besser der wissenschaftlichen
Scheinphilosophie[126]. Nicht als ob er die Offenbarung gegen die
Vernunft anriefe. Seitdem er die Zeiten der Bedrngnis, ber die er in
der Beichte berichtet, berwunden hat, ist und bleibt er im
wesentlichen ein Vernunftglubiger, man knnte sagen ein
Vernunftmystiker.

Im Anfang war das Wort, wiederholt er mit dem Evangelisten Johannes,
das Wort, logos, d. i. die Vernunft.[127]

Sein Buch Das Leben (1887) trgt als Motto die berhmten Worte
Pascals[128]:

Der Mensch ist nur ein Rohr, das schwchste der Natur, aber ein
denkendes Rohr... Unser ganzes Ansehen beruht auf dem Denken... Bemhen
wir uns also, gut zu denken: das ist das Prinzip der Sittlichkeit.

Und das ganze Buch ist ein einziger Hymnus auf die Vernunft.

Es ist wahr, da seine Vernunft nicht die wissenschaftliche, die
beschrnkte Vernunft ist, die den Teil fr das Ganze hlt und das
tierische Leben fr das ganze Leben, sondern sie ist das hchste
Gesetz, das das Menschenleben lenkt, das Gesetz, nach dem
notwendigerweise die vernnftigen Wesen, d. h. die Menschen, leben
mssen.

Es ist ein Gesetz, hnlich denen, die die Ernhrung und Fortpflanzung
des Tieres, das Wachsen und Blhen von Gras und Baum, die Bewegung von
Erde und Sternen lenken. Erst in der Erfllung dieses Gesetzes, in der
Unterwerfung unserer Tiernatur unter das Vernunftgesetz, mit der
Absicht, das Gute zu erobern, beruht unser Leben... Die Vernunft kann
nicht definiert werden, und man braucht sie nicht zu definieren; denn
wir alle kennen sie nicht nur, sondern wir kennen nur sie... Alles was
der Mensch wei, wei er mittels der Vernunft und nicht des
Glaubens[129]... Das wirkliche Leben beginnt erst in dem Augenblick, da
sich die Vernunft offenbart. Das einzig wahre Leben ist das auf der
Vernunft aufgebaute Leben.

Was ist somit die sichtbare Existenz, unser Leben als Individuum?
Es ist nicht unser Leben, sagt Tolstoi, denn es hngt nicht von
uns ab.

Unsere animalische Bettigung vollzieht sich auerhalb von uns
selbst... Die Menschheit hat lngst damit aufgerumt, das menschliche
Leben als die Existenz eines Individuums zu betrachten. Da das Gute
unmglich dem Einzelindividuum eingeboren sein kann, ist eine
unumstliche Wahrheit fr jeden Menschen unserer Zeit, der mit Vernunft
begabt ist.[130]

Es gibt da eine Reihe von Forderungen, worber ich hier nicht zu
sprechen habe, die aber zeigen, mit welcher Leidenschaft die Vernunft
sich Tolstois bemchtigt hatte. Im Grunde beherrschte ihn diese neue
Leidenschaft nicht weniger blind und eiferschtig, als jene anderen
Leidenschaften, die ihn whrend der ersten Hlfte seines Lebens erfat
hatten. Das eine Feuer erlischt, das andere entzndet sich. Oder
vielmehr, es ist immer das nmliche. Nur die Nahrung, die es erhlt,
wechselt.

Was diese hnlichkeit zwischen den Leidenschaften des Individuums und
der Leidenschaft des Vernunftmenschen noch verstrkt, ist, da es der
einen wie den anderen nicht gengt, zu lieben, sie wollen handeln, sie
wollen sich in die Tat umsetzen.

Man soll nicht reden, sondern handeln, sagt Christus.

Und worin besteht die Bettigung der Vernunft? -- In der Liebe.

Die Liebe ist die einzige vernunftgeme Bettigung des Menschen, die
Liebe ist der vernnftigste und lichtreichste Zustand der Seele. Alles,
was der Mensch braucht, ist, da nichts ihm die Sonne der Vernunft
verberge, die allein ihn zum Wachstum bringt... Die Liebe ist das wahre
Gut, das hchste Gut, das alle Widersprche des Lebens aufhebt, das
nicht nur die Schrecken des Todes verscheucht, sondern auch den Menschen
dazu treibt, da er sich fr andere opfere; denn es gibt keine andere
Liebe als die, welche ihr Leben hingibt fr die, so sie liebt. Die Liebe
ist nur dann dieses Namens wert, wenn sie sich selbst zum Opfer bringt.
So ist denn auch die echte Liebe nur in die Wirklichkeit umzusetzen,
wenn der Mensch begreift, da ein persnliches Glck fr ihn unmglich
zu erreichen ist. Dann erst versehen alle seine Lebenssfte das edle
Reis der echten Liebe mit Nahrung; und dieses Reis entnimmt seine ganze
Wachstumskraft dem Stamme dieses wilden Baumes, dem Instinkt des
Individuums.[131]

So gelangt Tolstoi nicht zum Glauben wie ein ausgetrockneter Flu, der
sich im Sand verliert, er bringt den Strom ungestmer Krfte mit, die
sich whrend eines reichen Lebens angesammelt haben. -- Man wird es noch
im einzelnen sehen.

Dieser leidenschaftliche Glaube, in dem sich Vernunft und Liebe in
inniger Verbindung einen, findet seinen erhabensten Ausdruck in der
berhmten Antwort an den heiligen Synod, der ihn in den Kirchenbann
tat[132]:

Ich glaube an Gott, der fr mich der Geist, die Liebe, der Urquell
aller Dinge ist. Ich glaube, da er in mir ist, wie ich in ihm bin. Ich
glaube, da der Wille Gottes nie klarer ausgedrckt wurde, als in der
Lehre des Menschen Jesus Christus; aber man kann Christum nicht als Gott
ansehen und ihn anbeten, ohne die grte Gotteslsterung zu begehen. Ich
glaube, da das wahre Glck des Menschen in der Erfllung des Willens
Gottes beruht; ich glaube, da es der Wille Gottes ist, da jeder Mensch
seine Nchsten liebe und stets gegen sie handle, wie er mchte, da sie
gegen ihn handeln, was, wie das Evangelium sagt, der Geist des
Testamentes und der Propheten ist. Ich glaube, da fr jeden von uns der
Sinn des Lebens nur darin besteht, die Liebe in uns zu vergrern; ich
glaube, da diese Entfaltung unserer Liebeskraft einem tglich
wachsenden Glck in diesem Leben und einer vollkommeneren Glckseligkeit
im Jenseits gleichkommt; ich glaube, da dieses Wachsen der Liebe, mehr
als jede andere Kraft, beitragen wird zur Grndung des Reiches Gottes
auf Erden, indem es eine Lebensordnung, in der Zwist, Lge und Gewalt
allmchtig sind, ersetzt durch eine Einrichtung, in der Eintracht,
Wahrheit und Brderlichkeit herrschen werden. Ich glaube, da es nur ein
Mittel gibt, in der Liebe fortzuschreiten: das Gebet. Nicht das
ffentliche Gebet in den Tempeln, das Christus ausdrcklich verworfen
hat (Matthi VI, 5-13), sondern das Gebet, zu dem er selbst uns das
Beispiel gegeben hat, das Gebet des einzelnen, das in uns das Bewutsein
vom Sinn unseres Lebens und das Gefhl, da wir nur vom Willen Gottes
abhngen, wieder strkt... Ich glaube an das ewige Leben, ich glaube,
da dem Menschen seine Taten vergolten werden, hier und berall, jetzt
und immerdar. Ich glaube dies alles so fest, da ich in meinem Alter, an
der Schwelle des Grabes, mir oft Gewalt antun mu, um nicht den Tod
meines Leibes zu erflehen, will sagen meine Geburt zu einem neuen
Leben...




Er glaubte, er sei im Hafen gelandet und habe die Zufluchtssttte
erreicht, wo seine unruhige Seele Ruhe finden knnte. Es war nur der
Auftakt zu neuer Unruhe.

Nachdem er einen Winter in Moskau zugebracht hatte (aus
Familienrcksichten mute er den Seinen dorthin folgen),[133] gab ihm im
Januar 1882 die Volkszhlung, an der man ihn teilnehmen lie,
Gelegenheit, das Elend der groen Stdte aus der Nhe zu sehen. Der
Eindruck, den es auf ihn machte, war erschreckend. Am Abend des Tages,
an dem er zum erstenmal mit dieser verborgenen Wunde der Zivilisation in
Berhrung gekommen war und einem Freund erzhlte, was er gesehen hatte,
hub er an zu klagen, zu weinen und die Faust zu ballen.

So kann man nicht leben! sagte er unter Schluchzen. Das kann nicht
sein! Das kann nicht sein!...[134] Fr Monate verfiel er wieder in
schreckliche Verzweiflung. Die Grfin Tolstoi schrieb ihm am 3. Mrz
1882:

Vor kurzem sagtest Du: >Aus Mangel an Glauben wollte ich mich
aufhngen<. Jetzt hast Du den Glauben, warum bist Du also
unglcklich?

[Illustration: Tolstoi und seine ltere Tochter Tatjana]

Weil er nicht den Glauben des Pharisers hatte, den scheinheiligen und
selbstzufriedenen Glauben, weil er nicht den Egoismus des mystischen
Denkers besa, der allzu beschftigt mit seinem Heil ist, als da er an
das der anderen denken knnte[135], weil er voll Liebe war, weil er die
Elenden, die er gesehen hatte, nicht mehr vergessen konnte, und weil es
ihm in der leidenschaftlichen Gte seines Herzens schien, da er fr
ihre Leiden und ihre Erniedrigung verantwortlich sei: sie waren die
Opfer jener Zivilisation, an deren Vorrechten er teilhatte, jenes
Molochs, dem eine auserwhlte Kaste Millionen von Menschen opferte. Die
Wohltaten solcher Verbrechen genieen, hie an ihnen teilnehmen. Sein
Gewissen hatte keine Ruhe mehr, bis er sie nicht aufgedeckt hatte.

Was sollen wir denn tun? (1884-1886) ist der Ausdruck dieser zweiten
Krisis, die viel tragischer und viel folgenschwerer war als die erste.
Was bedeuteten Tolstois eigene religise ngste in diesem Meer
menschlichen Elends, eines Elends, das tatschlich war und nicht nur
ausgedacht vom Geist eines Miggngers, der sich langweilt? Es war
unmglich, dieses Elend nicht zu sehen. Und unmglich, nicht um jeden
Preis den Versuch zu machen, es zu unterdrcken, nachdem man es einmal
gesehen hatte. -- Aber ach, ist dies berhaupt mglich?...

Ein wundervolles Bildnis Tolstois aus jener Zeit, das ich nicht ohne
Rhrung betrachten kann[136], sagt zur Genge, was er damals litt. Es
stellt ihn von vorne gesehen dar, sitzend mit verschrnkten Armen, im
Muschikkittel; er schaut niedergedrckt drein. Sein Haar ist noch
schwarz, sein Schnurrbart schon grau, sein Kinn- und Backenbart ganz
wei. Eine doppelte Falte grbt eine harmonische Furche in die schne
hohe Stirn. So viel Gte liegt in der breiten treuen Hundenase, in den
Augen, die einen so frei, so klar, so traurig anschauen! Sie lesen so
sicher in einem! Sie klagen und bitten. Das Gesicht ist eingefallen,
zeigt Spuren des Leides, tiefe Runzeln unter den Augen. Er hat geweint.
Aber er ist stark und kampfbereit.

Seine Logik war heldenhaft.

Ich wundere mich immer ber die so oft wiederholten Worte: >Ja, das
ist ganz schn in der Theorie, aber wie wird es in der Praxis sein?<
Als ob die Theorie in schnen Worten fr die Unterhaltung bestnde,
aber keineswegs um sie zur Praxis werden zu lassen!... Wenn ich eine
Sache, ber die ich nachgedacht, verstanden habe, dann kann ich sie
nicht anders ausfhren, als wie ich sie verstanden habe.[137]

Er fngt an, das Elend in Moskau, wie er es im Verlauf seiner Besuche in
den Armenvierteln und in den Nachtasylen gesehen hat, mit
photographischer Treue zu beschreiben[138]. Er berzeugt sich davon, da
er diese Unglcklichen, die mehr oder weniger von der Verderbnis der
Stdte ergriffen sind, nicht, wie er erst geglaubt hatte, mit Geld
retten kann. Nun sucht er energisch den Ursprung des bels zu ergrnden.
Und Glied um Glied entrollt sich die frchterliche Kette der
Verantwortlichkeit. Zunchst die Reichen und das Gift ihres verfluchten
Luxus, der lockt und verdirbt[139]. Die allgemeine Versuchung des Lebens
ohne Arbeit. -- Dann der Staat, diese mrderische Einrichtung, die von
den Gewalthabern geschaffen wurde, um zu ihrem Nutzen die brige
Menschheit auszurauben und zu beherrschen. -- Die Kirche, die
Wissenschaft und die Kunst als Spiegesellen ... Wie soll man alle diese
Heere des Bsen bekmpfen? Zuvrderst, indem man ablehnt, in sie
einzutreten. Indem man ablehnt, an der Ausbeutung der Menschheit
teilzunehmen. Indem man auf Geld und irdischen Besitz verzichtet[140].
Indem man dem Staate nicht dient.

Aber das ist nicht genug; man soll nicht lgen, man soll keine Angst
vor der Wahrheit haben. Man soll bereuen und den schon von der Schule
her eingewurzelten Hochmut ausrotten. Schlielich soll man krperliche
Arbeit tun. >Im Schweie deines Angesichtes sollst du dein Brot essen<
ist das oberste und wichtigste Gebot[141]. Und Tolstoi sagt im voraus
als Antwort auf die Spttereien der Vornehmen, da die krperliche
Arbeit in nichts die geistigen Krfte hemme, sondern da sie sie im
Gegenteil steigere, und da sie den normalen Forderungen der Natur
entspreche. Die Gesundheit kann dabei nur gewinnen; die Kunst noch mehr.
Auerdem stellt sie die Einigkeit unter den Menschen wieder her.

In seinen folgenden Werken geht Tolstoi daran, diese Vorschriften der
moralischen Gesundheitslehre zu vervollstndigen. Er bemht sich, die
Seelenkur zu Ende zu fhren und die Energie zu strken, indem er die
lasterhaften Vergngungen, die das Gewissen einschlfern[142], und die
grausamen Vergngungen, die es tten[143], in Acht und Bann tut. Er
selbst gibt das Beispiel. Im Jahre 1884 hat er seine zutiefst
eingewurzelte Leidenschaft zum Opfer gebracht: die Jagd[144]. Er bt die
Enthaltsamkeit, die den Willen sthlt. Wie ein Wettkmpfer, der sich
eine strenge Zucht auferlegt, um siegreich zu fechten.

Was sollen wir denn tun? bezeichnet die erste Strecke auf dem
schwierigen Wege, den Tolstoi damit beschritt, da er die
verhltnismig friedliche Ttigkeit religiser Betrachtung aufgab und
sich in soziale Fragen verwickelte. Und von diesem Augenblick an begann
jener zwanzigjhrige Krieg gegen die Verbrechen und Lgen der
Zivilisation, den der greise Prophet von Jasnaja Poljana im Namen des
Evangeliums fhrte, allein, auerhalb aller Parteien und gegen sie
alle.




In seiner Umgebung begegnete der moralische Umschwung Tolstois nur
geringer Sympathie; er betrbte die Seinen aufs tiefste. Seit langem
schon beobachtete die Grfin Tolstoi in Unruhe das Fortschreiten eines
bels, das sie vergebens bekmpfte. Vom Jahre 1874 ab war sie unwillig
darber, ihren Gatten so viel Kraft und Zeit an Arbeiten fr die Schule
verlieren zu sehen:

Ich verachte diese Fibel, diese Rechenlehre, diese Grammatik, und ich
kann nicht so tun, als ob ich mich dafr interessierte.

Ganz anders war es, als auf die Pdagogik die Religion folgte. So
feindselig war die Aufnahme, die die Grfin den ersten Bekenntnissen des
jngst Bekehrten bereitete, da Tolstoi die Verpflichtung versprt, sich
zu entschuldigen, wenn er in seinen Briefen von Gott spricht:

rgere Dich nicht, wie Du es manchmal tust, wenn ich Gott erwhne; ich
kann es nicht vermeiden, denn er ist der Urgrund meines Denkens.[145]

Die Grfin ist zweifellos gerhrt; sie versucht, ihre Ungeduld nicht
merken zu lassen, aber sie begreift nicht; sie beobachtet ihren Gatten
voll Unruhe:

Seine Augen sind seltsam, starr. Er spricht fast gar nicht. Er scheint
nicht von dieser Welt zu sein.[146]

Sie glaubt, da er krank ist:

Leo arbeitet, wie er sagt, immer. Unglckseligerweise schreibt er
irgendwelche religisen Abhandlungen. Er liest und grbelt, bis er
Kopfschmerzen bekommt, und alles das, um zu beweisen, da die Kirche
nicht mit der Lehre des Evangeliums bereinstimme. In Ruland finden
sich kaum zehn Personen, die das interessieren knnte. Aber da ist
nichts zu wollen. Ich wnsche nur eines: da er schnellstens ein Ende
damit mache, und da es wie eine Krankheit vorbergehe.[147]

Die Krankheit ging nicht vorber. Das Verhltnis zwischen den beiden
Gatten wurde immer peinlicher. Sie liebten sich, sie hatten die hchste
Achtung voreinander; aber sie konnten sich nicht verstehen. Sie
versuchten, sich gegenseitige Zugestndnisse zu machen, die -- wie das
gewhnlich ist -- zu gegenseitigen Qulereien wurden. Tolstoi fhlte
sich verpflichtet, den Seinen nach Moskau zu folgen. Er schrieb in sein
Tagebuch:

Der belste Monat meines Lebens. Die Einrichtung in Moskau. Alle
richten sich ein. Wann werden sie wohl zu leben anfangen? Alles das,
nicht um zu leben, sondern weil die anderen Leute es ebenso machen!
Diese Unglcklichen!...[148]

In diesen selben Tagen schrieb die Grfin:

Moskau. Morgen wird es einen Monat, da wir hier sind. In den beiden
ersten Wochen habe ich jeden Tag geweint, weil Leo nicht nur traurig,
sondern geradezu niedergeschlagen war. Er schlief nicht, er a nicht,
und manchesmal weinte er sogar; ich glaubte, ich wrde verrckt.[149]

Sie muten sich eine Zeitlang trennen. Sie bitten einander um
Verzeihung, da sie sich Leid zufgen. Wie lieben sie sich immer
noch!... Er schreibt ihr:

Du sagst: >Ich liebe Dich, aber Du brauchst meine Liebe nicht.<
Deine Liebe ist das einzige, was ich brauche... sie erfreut mich mehr
als alles auf der Welt.[150]

Aber sobald sie sich wieder zusammenfinden, macht sich der Miklang
wieder bemerkbar. Die Grfin vermag nun einmal nicht Tolstois religisem
Hang zu folgen, der ihn jetzt dazu treibt, bei einem Rabbiner Hebrisch
zu erlernen.

Nichts anderes interessiert ihn mehr. Er verschwendet seine Krfte an
Albernheiten. Ich kann meine Unzufriedenheit nicht verbergen.

Sie schreibt ihm:

Ich bin nur traurig darber, da solche geistigen Krfte sich mit
Holzhacken, Schuhflicken und Samowarheizen verausgaben.

Und mit dem zrtlichen und amsierten Lcheln einer Mutter, die ihr Kind
allerlei unsinnige Spiele treiben sieht, fgt sie hinzu:

Schlielich habe ich mich mit dem russischen Sprichwort getrstet:
>Wie das Kind sich auch zerstreut, Hauptsach' ist, da es nicht
schreit.<[151]

Aber bevor der Brief noch abgeschickt ist, sieht sie in Gedanken, wie
ihr Mann mit seinen guten, treuherzigen Augen diese Zeilen liest, und
wie der ironische Ton ihn betrbt; und ihre Liebe zu ihm lt sie den
Brief wieder ffnen:

Pltzlich hast Du so klar vor mir gestanden, und ich habe eine solche
Zrtlichkeit fr Dich empfunden! In Dir ist etwas so Weises, so kindlich
Einfaches, so Treues, und alles das von hellster Gte berstrahlt, und
dieser Blick, der bis ins Herz dringt... und nur Dir allein ist dies
eigen.

So qulten sich diese beiden Wesen, die einander liebten, und waren dann
trostlos ber das Bse, das sie getan hatten, ohne es verhindern zu
knnen. Eine Schraube ohne Ende! Dieser Zustand dauerte an die dreiig
Jahre, und er fand erst seinen Abschlu, als der sterbende alte Knig
Lear in einer Stunde der Umnachtung fort aus seinem Hause in die Steppe
flchtete.

[Illustration: Tolstoi und seine jngere Tochter Alexandra]

Man hat den ergreifenden Aufruf an die Frauen, mit dem Was sollen wir
denn tun? abschliet, nicht gengend beachtet. Tolstoi hat keine
Sympathie fr die moderne Frauenbewegung[152]. Aber fr die, die er
die mtterliche Frau nennt, fr die, die den wahren Sinn des Lebens
kennt, hat er Worte ehrfurchtsvoller Anbetung. Er hlt eine herrliche
Lobrede auf ihre Schmerzen und ihre Freuden, auf die Schwangerschaft
und auf die Mutterschaft, diese schrecklichen Leiden, diese ruhelosen
Jahre, auf diese erschpfende Arbeit in aller Stille, fr die man von
niemand eine Belohnung erwartet, auf diese Glckseligkeit, die die
Seele berflutet, wenn der Schmerz endet, wenn das Gebot erfllt ist.
Er entwirft das Bild der tapferen Ehefrau, die fr ihren Mann eine
Sttze und kein Hindernis ist. Sie wei, da nur das blinde
unbelohnte Opfer fr das Leben der anderen des Menschen Berufung ist.

Eine solche Frau wird nicht nur ihren Mann bei einer verkehrten und
trgerischen Arbeit, die blo den Zweck hat, aus der Arbeit anderer
Genu zu ziehen, nicht ermutigen, sondern sie wird diese Ttigkeit, die
ein Verderb fr ihre Kinder wre, mit Entsetzen und Abscheu betrachten.
Sie wird von ihrem Gefhrten die echte Arbeit verlangen, die Tatkraft
erfordert und die Gefahr nicht scheut... Sie wei, da die Kinder, die
kommende Generation, das Heiligste sind, was dem Menschen anvertraut
ist, und da sie lebt, um mit ihrem ganzen Sein diesem geheiligten Werk
zu dienen. Sie wird in ihren Kindern und in ihrem Ehegatten die Kraft
zum Opfern zur Entfaltung bringen... Solche Frauen beherrschen die
Mnner und dienen ihnen als Leitstern... O, ihr mtterlichen Frauen! In
euren Hnden ruht das Heil der Welt![153]

Das ist der Ruf eines Flehenden, der noch hofft... Wird er kein Gehr
finden?...

Einige Jahre spter war der letzte Hoffnungsstrahl erloschen:

Sie glauben es vielleicht nicht; aber Sie knnen sich nicht
vorstellen, wie vereinsamt ich bin, bis zu welchem Grad mein wirkliches
Ich von meiner ganzen Umgebung miachtet wird.[154]

Wenn die ihm Nahestehenden die Bedeutung seines moralischen Umschwungs
schon so verkannten, dann konnte man von den anderen weder mehr
Einfhlung noch mehr Achtung erwarten. Als Tolstoi besonderen Wert
darauf gelegt hatte, sich mit Turgenjew zu vershnen, mehr aus dem
Geiste christlicher Demut heraus, als weil sich etwas in seinen
Empfindungen ihm gegenber gendert hatte[155], uerte Turgenjew
spttisch: Ich beklage Tolstoi sehr, im brigen aber mu jeder, wie
der Franzose sagt, seine Flhe nach seiner Manier fangen.[156]

Ein paar Jahre spter, angesichts des Todes, schrieb er an Tolstoi jenen
bekannten Brief, in dem er seinen Freund, den groen Schriftsteller der
russischen Erde, anfleht, zur Literatur zurckzukehren.

Alle europischen Knstler schlossen sich dieser Besorgnis und der Bitte
des sterbenden Turgenjew an. Eugen Melchior de Vog nahm am Ende der
Studie, die er 1886 Tolstoi widmete, ein Bildnis des Schriftstellers im
Bauernkittel, die Schusterahle in der Hand, zum Vorwand, um einen
beredten Appell an ihn zu richten:

Schpfer von Meisterwerken, dies ist nicht dein Werkzeug!... Unser
Werkzeug ist die Feder; unser Feld die Menschenseele, die es auch zu
schtzen und zu nhren gilt. La dir jenen Schrei eines russischen
Bauern -- des ersten Druckers von Moskau --, den man wieder an den Pflug
zurckschicken wollte, ins Gedchtnis rufen: >Es ist nicht meines
Amtes, Getreide zu sen, sondern die geistigen Saatkrner in der Welt
zu verbreiten<.

Als ob Tolstoi je daran gedacht htte, seine Rolle als Smann der
Gedankensaat aufzugeben. In der Einleitung zu Mein Glaube schrieb er:
Ich glaube, da mein Leben, mein Verstand, mein Licht mir geschenkt
wurde, ausschlielich um die Menschen zu erleuchten. Ich glaube, da
meine Kenntnis der Wahrheit eine Begabung ist, die mir zu diesem Zweck
verliehen wurde, da diese Begabung ein Feuer ist, das nur Feuer ist,
solange es brennt. Ich glaube, da der einzige Sinn meines Lebens der
ist, in diesem Lichte, das in mir ist, zu leben, und es hoch vor den
Menschen einherzutragen, auf da sie es sehen.[157]

Aber dieses Licht, dieses Feuer, das nur Feuer ist, solange es
brennt, versetzte die meisten Knstler in Unruhe. Die Klgsten sahen
voraus, da ihre Kunst Gefahr lief, die Beute des Brandes zu werden.
Sie taten, als glaubten sie, die ganze Kunst sei bedroht, und Tolstoi
zerbrche wie Prospero fr immer seinen Zauberstab der schpferischen
Phantasie.

Nichts ist weniger wahr gewesen; und ich gedenke darzutun, da Tolstoi,
weit davon entfernt, die Kunst zu zerstren, Krfte in sich entfaltet
hat, die brachlagen, und da sein religiser Glaube seinen
knstlerischen Genius erneuert und nicht zerstrt hat.




Es ist seltsam, da, wenn man von Tolstois Gedanken ber Wissenschaft
und Kunst spricht, man gewhnlich das bedeutsamste der Bcher, in dem
diese Gedanken zum Ausdruck gebracht sind, Was sollen wir denn tun?
(1884-1886), auer acht lt. In ihm nimmt Tolstoi zum erstenmal den
Kampf gegen Wissenschaft und Kunst auf; und nie wieder hat irgendeiner
der folgenden Kmpfe diesen ersten Waffengang an Heftigkeit bertroffen.
Man wundert sich, da bei den jngsten Angriffen, die man bei uns gegen
die Selbstgeflligkeit der Wissenschaft und der Intellektuellen
unternommen hat, niemand daran gedacht hat, auf jenes Werk
zurckzukommen. Es bildet die furchtbarste Anklagerede, die je gegen
die Eunuchen der Wissenschaft und die Freibeuter der Kunst
gehalten wurde, gegen diese Kasten des Geistes, die, nachdem sie die
alten herrschenden Kasten -- Kirche, Staat und Heer -- abgeschafft
oder unterjocht, sich an deren Stelle gesetzt haben und, ohne den
Menschen ntzen zu wollen oder zu knnen, verlangen, da man sie
bewundere, und da man ihnen blind diene, die einen schamlosen Glauben
an die Wissenschaft um der Wissenschaft willen und an die Kunst um der
Kunst willen als Dogma aufstellen, -- eine lgnerische Maske, hinter
der sich ihre persnliche Rechtfertigung zu verbergen sucht, die
Verteidigung ihrer ungeheueren Selbstsucht und ihrer Nichtigkeit.

Sagt mir nicht etwa, fhrt Tolstoi fort, da ich Kunst und
Wissenschaft verwerfe. Ich verwerfe sie nicht nur nicht, sondern in
ihrem Namen will ich die Tempelschnder verjagen.

Wissenschaft und Kunst sind so notwendig wie Brot und Wasser, sogar
noch notwendiger... Die wahre Wissenschaft ist die Wissenschaft von der
wahren Gte in allen Menschen. Die wahre Kunst ist der Ausdruck der
Kenntnis von der wahren Gte in allen Menschen.

Und er verherrlicht die, welche, seit Menschen sind, auf Harfen und
Zimbeln, durch Wort und Bild ihren Kampf gegen die Doppelzngigkeit zum
Ausdruck gebracht haben; er verherrlicht ihre Leiden in diesem Kampf,
ihre Hoffnung auf den Sieg des Guten, ihre Verzweiflung ber den Sieg
des Bsen und ihre Begeisterung beim prophetischen Schauen in die
Zukunft.

Dann entwirft er das Bild des wahren Knstlers in Worten, die von
schmerzerflltem und schwrmerischem Feuer durchglht sind:

Die Bettigung von Wissenschaft und Kunst ist nur fruchtbringend, wenn
sie sich kein Recht herausnimmt und nur Pflichten kennt. Nur weil ihre
Bettigung dieser Art ist, weil ihr Wesen das Opfer ist, verehrt die
Menschheit sie. Die Menschen, die berufen sind, den anderen durch
Geistesarbeit zu dienen, leiden immer in der Ausbung dieser Arbeit;
denn die geistige Welt gebrt nur in Schmerzen und Qualen. Opfern und
leiden, das ist das Los des Denkers und Knstlers; denn sein Ziel ist
das Wohl der Menschen. Die Menschen sind unglcklich, sie leiden, sie
sterben; man hat nicht Zeit zum Miggang und Vergngen. Der Denker oder
der Knstler verirrt sich nie in olympische Hhen, wie wir zu glauben
gewohnt sind; er ist immer in Bedrngnis und Erregung. Er soll
entscheiden und sagen, was dem Menschen Heil bringt, was ihn vom Leiden
erlst, und er hat es noch nicht entschieden, er hat es noch nicht
gesagt; und morgen wird es vielleicht zu spt sein, und er wird
sterben... Nicht der ist Denker und Knstler, der in einem Institut
ausgebildet wird, in dem man Knstler und Gelehrte heranbildet (um die
Wahrheit zu sagen, man bildet dort Vernichter von Kunst und Wissenschaft
heran), nicht der ist es, der Diplome und eine Anstellung bekommt,
sondern der ist es, der glcklich wre, nicht zu denken und nicht $dem$
Ausdruck zu verleihen, was ihm in die Seele gesenkt wurde, der sich dem
aber nicht entziehen kann; denn zwei unsichtbare Mchte treiben ihn
dazu: sein innerer Drang und seine Menschenliebe. Es gibt keine satten,
genieerischen, selbstzufriedenen Knstler.[158]

Diese herrlichen Zeilen, die ein tragisches Licht auf Tolstois Genie
werfen, waren geschrieben unter dem augenblicklichen Einflu des
Kummers, den der Anblick des Elends in Moskau in ihm hervorrief, und in
der berzeugung, da Kunst und Wissenschaft Mitverschworene des ganzen
bestehenden Systems gesellschaftlicher Ungleichheit und heuchlerischer
Gewaltttigkeit seien. -- Diese berzeugung sollte er nie verlieren.
Aber der Eindruck von seinem ersten Zusammentreffen mit dem Weltelend
mute sich allmhlich abschwchen; die Wunde hrt auf zu bluten[159];
und in keinem seiner spteren Bcher findet man das von Schmerz und
rchendem Zorn erfllte Beben, das dieses Buch durchzittert: nirgends
dieses erhabene Glaubensbekenntnis des Knstlers, der mit seinem
Herzblut schafft, diese Begeisterung fr Opfer und Leid, die des
Denkers Los sind, diese Verachtung der olympischen Kunst Goethescher
Art. Die Arbeiten, in denen er spter die Kritik der Kunst wieder
aufnimmt, behandeln die Frage vom literarischen und weniger vom
gefhlsmigen Standpunkt aus; das Problem der Kunst wird darin
gesondert von jenem menschlichen Elend behandelt, an das Tolstoi nicht
denken kann, ohne auer sich zu geraten, wie an dem Abend nach seinem
Besuch im Nachtasyl, wo er bei seiner Heimkehr verzweiflungsvoll weint
und schluchzt.

Man knnte nicht behaupten, da jene lehrhaften Werke jemals kalt seien.
Kalt zu sein ist ihm berhaupt unmglich. Bis an sein Lebensende bleibt
er derselbe, der einst an Fet schrieb:

Wenn man seine Gestalten, selbst die unwesentlichsten, nicht liebt, mu
man sie derart schlechtmachen, da es dem Himmel hei wird, oder sich
ber sie lustig machen, bis einem der Bauch platzt.[160]

[Illustration: Tolstoi im Jahre 1909]

In seinen Schriften ber die Kunst lt er sich nichts davon entgehen.
Die negative Seite -- Beleidigungen und beiender Spott -- ist darin so
stark, da nur sie Eindruck auf die Knstler gemacht hat. Er traf damit
ihren Aberglauben und ihre Empfindlichkeit zu heftig, als da sie nicht
in dem Feind ihrer Kunst den Feind jeglicher Kunst berhaupt gesehen
htten. Aber immer geht die Kritik bei Tolstoi Hand in Hand mit
Besserungsvorschlgen. Er reit niemals nieder, um niederzureien,
sondern um wiederaufzurichten. Und in seiner Bescheidenheit behauptet er
sogar, nichts Neues aufzubauen; er verteidigt die Kunst, die immer war
und immer sein wird, gegen die falschen Knstler, die sie ausbeuten und
herabwrdigen:

Die echte Wissenschaft und die echte Kunst haben immer bestanden und
werden immer bestehen; es ist unmglich und nutzlos, sie in Abrede zu
stellen, schrieb er mir im Jahre 1887 in einem Brief, zehn Jahre bevor
seine berhmte Abhandlung ber die Kunst[161] erschien. Das ganze
bel von heute kommt daher, da die sogenannten zivilisierten Leute,
denen die Gelehrten und Knstler zur Seite stehen, eine privilegierte
Kaste sind, wie die Priester. Und diese Kaste hat alle Fehler einer
jeden Kaste. Sie erniedrigt und entwrdigt das Prinzip, in dessen
Namen sie sich bildet. Das, was man bei uns Wissenschaft und Kunst
nennt, ist nichts als ein grenzenloser $Humbug$, ein groer
Aberglaube, auf den wir gewhnlich hereinfallen, sobald wir uns von
dem alten Kirchenaberglauben freigemacht haben. Will man den Weg, den
man zu beschreiten hat, klar vor sich sehen, so mu man beim Anfang
anfangen, -- man mu die Kapuze, die wohl wrmt, aber die Augen
verdeckt, abnehmen. -- Die Versuchung ist gro. Wir werden auf einer
gewissen Hhe geboren, oder wir schwingen uns zu ihr auf; und wir
finden uns unter den Bevorzugten, den Priestern der Zivilisation, der
$Kultur$, wie die Deutschen sagen. Wir bedrfen, wie die brahmanischen
oder katholischen Priester, groer Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe,
um die Grundstze, die uns diese vorteilhafte Stellung sichern,
anzuzweifeln. Aber ein ernster Mensch, den das Problem des Lebens
beschftigt, kann nicht zgern. Um zum klaren Schauen durchzudringen,
mssen wir uns von dem Aberglauben freimachen, wo immer er sich
findet, selbst wenn er uns Vorteile brchte. Das ist eine conditio
sine qua non... Nicht aberglubisch sein. Sich in die Gemtsverfassung
eines Kindes oder eines Cartesius versetzen...

Diesen modernen Kunstaberglauben, in dem sich gewisse Kreise gefallen,
diesen Mordshumbug, deckt Tolstoi in seinem Buche Was ist
Kunst? auf. Schonungslos zeigt er das Lcherliche daran, die
Armseligkeit, die Heuchelei, die vollstndige Verderbnis. Er macht
reinen Tisch mit allem. Er bringt zu dieser Zerstrungsarbeit die
Freude eines Kindes mit, das seine Spielsachen entzweischlgt. Dieser
ganze kritische Teil ist oft voller Humor, aber auch voller
Ungerechtigkeit: dafr ist es eine Kampfschrift. Tolstoi bedient sich
jeder Waffe und haut darauf los, ohne achtzugeben, wen er trifft. So
kommt es recht hufig vor -- wie in allen Schlachten --, da er Leute
verwundet, die er htte verteidigen mssen, z. B. Ibsen oder
Beethoven. Das ist der Nachteil seiner Heftigkeit, die ihm nicht
gengend Zeit zur berlegung lt, bevor es zum Handeln kommt, seiner
blinden Leidenschaft, die ihn oft die Schwche seiner Grnde nicht
erkennen lt, und -- sagen wir es offen -- es ist auch die Folge
seiner unzureichenden knstlerischen Kultur.

Was kann er, abgesehen von seinem literarischen Wissen, schlielich
von der zeitgenssischen Kunst kennen? Was hat dieser Landedelmann,
der drei Viertel seines Lebens in seinem moskowitischen Dorf
zubrachte, der seit 1860 nicht mehr nach Europa gekommen ist, von
Malerei sehen, was hat er von europischer Musik hren knnen? Und was
hat er sonst, die Schulen ausgenommen, die allem ihn interessierten,
gesehen? Die Malerei beurteilt er nach dem Hrensagen, nennt als
Dekadente Puvis, Manet, Monet, Bcklin, Stuck und Klinger bunt
durcheinander, bewundert in bestem Glauben Jules Breton und Lhermitte
wegen ihrer guten Gesinnung, verachtet Michelangelo und erwhnt unter
den Malern, die sich in das Seelenleben ihrer Modelle zu vertiefen
wuten, nicht einmal Rembrandt. -- Fr die Musik hat er ein viel
feineres Verstndnis[162], aber er kennt sie kaum: er kommt ber seine
Kindheitseindrcke nicht hinaus, hlt sich an jene, die schon um 1840
zu den Klassikern gehrten, und hat (auer Tschaikowsky, dessen Musik
ihn zum Weinen bringt) seitdem nichts kennengelernt; er wirft im
Grunde Brahms und Richard Strau in einen Topf, erteilt Beethoven eine
Lektion[163] und glaubt nach einer einzigen Siegfried-Auffhrung,
die er nicht einmal von Anfang an und nur bis zur Mitte des zweiten
Aktes gehrt hat, genug von Wagner zu kennen, um ber ihn zu
urteilen[164]. -- In der Literatur wei er selbstverstndlich etwas
besser Bescheid. Und doch, aus welch sonderbarer Verirrung mag er es
gerade vermeiden, die russischen Schriftsteller, die er gut kennt, zu
beurteilen, whrend er es sich angelegen sein lt, fremde Dichter
abzuurteilen, deren Wesensart von der seinen grundverschieden ist, und
in deren Bchern er nur mit berlegener Nachlssigkeit blttert![165]

Sein unbekmmertes Selbstvertrauen wchst noch mit dem Alter.
Schlielich kommt er so weit, ein Buch zu schreiben, um zu beweisen, da
Shakespeare kein Knstler war.

Er konnte wei Gott was gewesen sein, aber ein Knstler war er
nicht![166]

Diese Sicherheit mu man bewundern. Tolstoi schwankt nicht. Er
untersucht nichts. Sein ist die Wahrheit. Er sagt ohne weiteres:

Die Neunte Symphonie ist ein Werk, das die Menschen entzweit.

Oder:

Auer der berhmten Air fr Violine von Bach, dem Nocturno in Es-Dur
von Chopin und etwa zehn ausgewhlten Stcken von Haydn, Mozart, Weber,
Beethoven und Chopin, und selbst diesen nicht ganz, kann alles brige
zurckgewiesen und miachtet werden als eine Kunst, die die Menschen
entzweit.

Oder:

Ich werde beweisen, da Shakespeare selbst nicht als Schriftsteller
vierter Ordnung betrachtet werden kann. Und als Charakterzeichner ist er
gleich Null.

Da die brige Menschheit anderer Ansicht ist, kann ihn nicht beirren;
im Gegenteil.

Meine Meinung, schreibt er stolz, weicht vollstndig von der ab,
die sich ber Shakespeare in der ganzen europischen Welt gebildet
hat.

In seiner Angst vor der Lge wittert er sie berall; und je mehr eine
Idee allgemein verbreitet ist, um so mehr strubt er sich gegen sie; er
mitraut ihr, er vermutet in ihr, wie er ber den Ruhm Shakespeares
urteilt, einen jener seuchenartig auftretenden Einflsse, denen die
Menschen immer unterliegen. Wie die Kreuzzge des Mittelalters, der
Hexenglaube, das Suchen nach dem Stein der Weisen, die Tulpennarrheit.
Die Menschen sehen erst die Verrcktheit dieser Einflsse, wenn sie sich
von ihnen freigemacht haben. Mit der Entwicklung der Presse sind diese
Seuchen ganz auerordentlich geworden. -- Und als Typus nennt er die
allerletzte dieser ansteckenden Krankheiten, die Dreyfusaffre, von der
er, der Feind aller Ungerechtigkeiten, der Verteidiger aller
Unterdrckten, mit einer geradezu verchtlichen Gleichgltigkeit
spricht[167]. Ein gar bezeichnendes Beispiel dafr, wohin ihn seine
Verachtung der Lge und jene instinktive Abneigung gegen die
moralischen Seuchen, deren er sich selbst beschuldigt, ohne sie
bekmpfen zu knnen, fhren konnte. Eine Umkehrung menschlicher
Tugenden, eine unbegreifliche Verblendung fhrt diesen Kenner der
Seelen, diesen Erwecker der leidenschaftlichen Krfte dazu, den Knig
Lear als albernes Werk und die stolze Cordelia als Geschpf
ohne jeden Charakter zu kennzeichnen[168].

Man beachte, da er sehr wohl gewisse tatschliche Fehler bei
Shakespeare sieht, die wir einzugestehen nicht aufrichtig genug sind: so
die geknstelte Art der dichterischen Sprache, die unterschiedslos allen
Personen verliehen wird, die Rhetorik, gleichgltig ob es sich um
Leidenschaft, Heldentum oder die einfachsten Vorkommnisse handelt. Und
ich begreife vollkommen, da ein Tolstoi, der von allen Schriftstellern
am wenigsten Literat war, keine Neigung versprte zu der Kunst dessen,
der der genialste unter den Literaten gewesen ist. Aber weshalb seine
Zeit verlieren, mit Reden ber das, was man nicht zu verstehen vermag,
und welchen Wert knnen Urteile ber eine Welt haben, die uns
verschlossen bleibt?

Keinen Wert, wenn wir darin den Schlssel zu diesen fremden Welten
suchen. Einen unschtzbaren Wert, wenn wir von ihnen den Schlssel zur
Kunst Tolstois fordern. Von einem schpferischen Genie verlangt man
keine kritische Objektivitt. Wenn ein Wagner, ein Tolstoi von Beethoven
oder von Shakespeare sprechen, so sprechen sie nicht von Beethoven oder
von Shakespeare, sondern von sich selbst: sie stellen ihr Ideal auf. Sie
bemhen sich nicht einmal, uns darber zu tuschen. Um Shakespeare zu
beurteilen, versucht Tolstoi nicht, sich objektiv zu geben. Vielmehr
macht er Shakespeare seine objektive Kunst zum Vorwurf. Der Maler von
Krieg und Frieden, der Meister der unpersnlichen Kunst, kann gar
nicht genug Verachtung aufbringen fr jene deutschen Kritiker, die im
Anschlu an Goethe Shakespeare erfanden und die Theorie, da die
Kunst objektiv sein mu, das heit, da sie die Menschen ungeachtet
jedes sittlichen Wertes darstellen mu, -- was die Verneinung des
religisen Wesens der Kunst bedeutet.

So verkndet Tolstoi seine knstlerischen Urteile von einer hohen
Glaubenswarte herab. In seinen Kritiken darf man keinen persnlichen
Hintergedanken suchen. Er stellt sich nicht als Beispiel hin; er ist
ebenso unerbittlich gegen seine Werke, wie gegen die der anderen[169].
Was will er also, und was bedeutet fr die Kunst das religise Ideal,
das er aufstellt?

Dieses Ideal ist wundervoll. Das Wort religise Kunst kann leicht
ber den Umfang des Begriffes tuschen. Weit davon entfernt, die Kunst
einzuengen, erweitert Tolstoi sie vielmehr. Die Kunst, sagt er,
ist berall.

Die Kunst durchdringt unser ganzes Leben; was wir Kunst nennen,
Theater, Konzerte, Bcher und Ausstellungen, das ist nur der kleinste
Teil davon. Unser Leben ist erfllt von knstlerischen Offenbarungen
aller Arten, von den Kinderspielen an bis zu den religisen Gebruchen.
Die Kunst und die Rede sind die beiden Organe des menschlichen
Fortschrittes. Die eine verbindet die Herzen und die andere die
Gedanken. Wenn eine von beiden verflscht ist, so ist die Gesellschaft
krank. Die Kunst von heute ist verflscht.

Seit der Renaissance kann man nicht mehr von der Kunst der christlichen
Nationen sprechen. Die Klassen haben sich gespalten. Die Reichen, die
Bevorzugten haben sich angemat, das Monopol auf die Kunst fr sich in
Anspruch zu nehmen; und ihr Vergngen haben sie zum Kriterium der
Schnheit gemacht. Indem sich die Kunst von den Armen entfernte, ist
sie selbst verarmt.

Die Gefhle, welche die bewegen, die nicht fr ihren Lebensunterhalt
arbeiten, sind weit weniger mannigfaltig als die Gefhle der
Arbeitenden. Nur deren drei beherrschen unsere heutige Gesellschaft: der
Hochmut, die Sinnlichkeit und der Lebensberdru. Diese drei Gefhle und
ihre Verstelungen bilden fast ausschlielich den Gegenstand der Kunst
der Reichen.

[Illustration: Tolstoi beim Tee mit den Bauern im Jahre 1909]

Sie verseucht die Welt, sie verdirbt das Volk, sie begnstigt den
sexuellen Niedergang, sie ist das schlimmste Hindernis fr die
Verwirklichung menschlichen Glckes geworden. Sie ist auerdem ohne
wirkliche Schnheit, ohne Natrlichkeit, ohne Aufrichtigkeit, -- eine
gezierte, gemachte Gehirnkunst.

Dieser sthetenlge, diesem Zeitvertreib der Reichen gegenber wollen
wir die lebendige Kunst aufrichten, die menschliche Kunst, die die
Menschen aller Klassen und aller Nationen eint. Die Vergangenheit
liefert uns dafr ruhmreiche Vorbilder.

Immer hat die Mehrheit der Menschen das, was wir als erhabenste Kunst
ansehen, verstanden und geliebt: die Schpfungsgeschichte, die
Gleichnisse des Evangeliums, die Legenden, die Mrchen, die
Volkslieder.

Die grte Kunst ist jene, die das religise Gewissen der Zeit
widerspiegelt. Darunter darf man aber nicht eine Lehre der Kirche
verstehen. Jede Gemeinschaft hat einen religisen Lebensbegriff:
nmlich das Ideal vom grten Glck, das diese Gemeinschaft
erstrebt. Alle haben dafr ein mehr oder weniger klares Gefhl;
einige Vorkmpfer bringen es deutlich zum Ausdruck.

Ein religises Gewissen besteht immer. Es ist das Bett, in dem der
Strom dahinfliet.

Das religise Gewissen unserer Zeit ist das Streben nach einem Glck,
das durch die Verbrderung der Menschen verwirklicht wird. Es gibt keine
wahre Kunst auer der, die auf dieses Ziel hinarbeitet. Die
hchststehende Kunst erreicht dies unmittelbar durch die Macht der
Liebe. Aber es gibt noch eine andere, die bei derselben Aufgabe
mitwirkt, indem sie alles, was sich der Verbrderung entgegenstellt, mit
den Waffen der Entrstung und der Verachtung bekmpft. Dahin gehren die
Romane von Dickens und Dostojewski, Die Elenden von Victor Hugo, die
Bilder von Millet. Selbst ohne diese Hhen zu erreichen, bringt jede
Kunst, die das tgliche Leben mitfhlend und wahr darstellt, die
Menschen einander nher, z. B. der Don Quichotte und die
Theaterstcke von Molire. Es ist richtig, da die letztere
Kunstgattung gewhnlich an ihrem zu peinlich genauen Realismus und an
Erfindungsarmut leidet, wenn man sie mit den alten Vorbildern, z. B.
der erhabenen Josephsgeschichte, vergleicht. Die bertriebene
Genauigkeit in der Wiedergabe der Einzelheiten schadet den Werken,
und sie knnen deshalb nicht Allgemeingut werden.

Die modernen Werke werden durch einen Realismus verdorben, den man
richtiger Kunstprovinzialismus nennen sollte.

So verdammt Tolstoi ohne Zgern die Grundzge seines eigenen Schaffens.
Was liegt ihm daran, sich ganz fr die Zukunft einzusetzen -- auf die
Gefahr hin, da von ihm selbst nichts mehr brigbleibt?

Die knftige Kunst wird nicht die gegenwrtige fortsetzen, sie wird
sich auf anderen Grundlagen aufbauen. Sie wird nicht mehr Eigentum einer
einzelnen Klasse sein. Die Kunst ist kein Geschft, sie ist der Ausdruck
echten Empfindens. Der Knstler kann nur dann echt empfinden, wenn er
sich nicht absondert, wenn er das natrliche Leben eines Menschen fhrt.
Deshalb ist auch ein in gesicherten Verhltnissen Lebender zum Schaffen
am schlechtesten in der Lage.

In Zukunft werden alle begabten Menschen Knstler sein knnen. Die
knstlerische Bettigung wird jedem zugnglich sein dadurch, da
man in den Volksschulen den Unterricht in Musik und Malerei einfhrt,
der jedem Kind gleichzeitig mit den ersten grammatischen
Grundbegriffen erteilt wird. Auerdem wird die Kunst kein so
kompliziertes Verfahren mehr notwendig machen wie heute; sie wird sich
der Einfachheit, der Klarheit und der Bndigkeit nhern, die das
Merkmal der klassischen unverbildeten Kunst, der Kunst Homers,
sind[170]. Wie schn wird es sein, allgemein gltige Gefhle mit
reinen Linien in diese Kunst zu bertragen! Eine Erzhlung oder ein
Lied fr Millionen von Menschen verfassen, ein Bild fr sie zeichnen,
ist viel wichtiger -- und schwieriger --, als einen Roman oder eine
Symphonie schreiben. Es ist ein ungeheuer groes und fast unbetretenes
Gebiet. Dank solchen Werken werden die Menschen das Glck brderlicher
Vereinigung kennenlernen.

Die Kunst mu die Gewalt unterdrcken, und nur sie kann es. Ihre
Sendung ist, das Reich Gottes erstehen zu lassen, will sagen das Reich
der Liebe.[171]

Wer von uns mchte sich nicht diese hochherzigen Worte zu eigen machen?
Und wer sieht nicht, bei aller Phantastik und Naivitt, das Lebendige
und Fruchtbringende in Tolstois Gedanken! Ja, unsere Kunst als Ganzes
ist nur der Ausdruck einer Klasse, die sich wiederum von einer Nation
zur anderen in kleine, einander feindliche Stmme scheidet. In Europa
gibt es nicht einen Knstler, der die Vereinigung der Parteien und
Rassen verwirklicht. Der universellste in unserer Zeit war gerade
Tolstoi selbst. In ihm haben wir Menschen aller Vlker und aller Klassen
einander geliebt. Und wer, wie wir, die hehre Freude dieser groen Liebe
gekostet hat, wird sich nicht mehr mit den kmmerlichen Abfllen von der
groen Menschenseele begngen knnen, die uns die Kunst der europischen
Literaturkreise darbietet.




Die schnste Theorie hat erst Wert durch die Werke, in denen sie sich
erfllt. Bei Tolstoi sind Theorie und Schaffen, wie Glauben und
Handeln, stets im Einklang. Zur selben Zeit, da er an seiner Kritik
der Kunst arbeitete, gab er Musterbeispiele der neuen Kunst, wie er
sie wollte, -- der zwei Kunstformen, der einen erhabeneren und der
anderen weniger reinen, aber beide religis im menschlichsten Sinn,
-- der einen, die an der Einigung der Menschen durch Liebe arbeitet,
und der anderen, welche die der Liebe feindliche Welt bekmpft. Er
schrieb folgende Meisterwerke: Der Tod des Iwan Iljitsch (1884-1886),
Volkserzhlungen (1881 bis 1886), Die Macht der Finsternis
(1886), Die Kreuzersonate (1889) und Der Herr und sein Knecht
(1895)[172]. Als Gipfel und zugleich Grenzstein dieser knstlerischen
Periode ragt wie ein Dom mit zwei Trmen, deren einer die ewige Liebe,
deren anderer den Ha der Welt versinnbildlicht, die Auferstehung
(1899) empor.

Alle diese Werke unterscheiden sich von den vorhergehenden durch neue
knstlerische Ansichten. Tolstoi hatte nicht nur seine Meinung ber den
Gegenstand der Kunst, sondern auch ber ihre Form gendert. Beim Lesen
von Was ist Kunst? oder dem Buch ber Shakespeare ist man erstaunt
ber die Richtlinien, die er fr den Geschmack und die Ausdrucksweise
gibt. Die meisten stehen in Widerspruch zu seinen frheren greren
Werken. Klarheit, Einfachheit, Bndigkeit lesen wir in Was ist
Kunst?. Miachtung der stofflichen Wirkung. Verdammung des kleinlichen
Realismus. -- Und im Shakespeare: das ganz klassische Ideal von
Vollkommenheit und Ma. Ohne Gefhl fr Ma kann kein Knstler
bestehen. -- Und wenn auch der alte Mann seine geniale Art zu
analysieren und sein angeborenes Ungestm, die sich in mancher Hinsicht
sogar noch mehr als frher offenbaren, gnzlich verleugnet, so hat sich
doch seine Kunst wesentlich verndert durch die krftiger betonte
Klarheit der Zeichnung, durch die psychologische Straffung, durch die
Geschlossenheit des inneren Dramas, das in sich selbst zusammengezogen
ist wie ein zum Losspringen bereites Raubtier[173], durch das
allumfassende Gefhl, das von flchtigen Einzelheiten eines lokal
gefrbten Realismus befreit ist, und endlich durch die bilderreiche,
saftstrotzende Sprache, die Erdgeruch ausstrmt.

Seine Liebe zum Volk hatte ihn seit langem an der Schnheit der
volkstmlichen Sprache Geschmack finden lassen. Als Kind war er mit
Geschichten umherziehender Erzhler eingelullt worden. Als reifem Mann
und berhmtem Schriftsteller bereitete es ihm einen knstlerischen
Genu, mit seinen Bauern zu plaudern.

Von diesen Leuten, sagte er spter zu Paul Boyer, kann man nur
lernen. Als ich frher mit ihnen oder mit jenen Wanderburschen, die, den
Rucksack auf der Schulter, unser Land durchziehen, plauderte, schrieb
ich mir sorgfltig diejenigen ihrer Ausdrcke auf, die ich zum erstenmal
hrte, gute, gediegene, altrussische Ausdrcke, die oft aus unserer
modernen literarischen Sprache verschwunden sind... Ja, der Geist der
Sprache ist in diesen Menschen lebendig...

Er mute umso empfnglicher dafr sein, als sein Geist nicht von
Literatur beschwert war[174]. Dadurch, da er fern von Stdten unter
Bauern lebte, hatte er sich ein wenig die Denkart des Volkes angeeignet.
Er hatte von ihnen die langsame Redeweise, die klgelnde berlegung, die
Schritt um Schritt geht, um dann mit pltzlichem Ruck Halt zu machen,
die Neigung, einen Gedanken, den man fr unbedingt richtig hlt,
unendlich oft, ohne sich beirren zu lassen, mit denselben Worten zu
wiederholen.

Aber das waren eher die Mngel als die Vorzge. Erst mit der Zeit bekam
er das richtige Verstndnis fr den verborgenen Sinn der Volkssprache,
ihre Bildhaftigkeit, ihre poetische Derbheit, ihre Flle legendrer
Weisheit. Mit Krieg und Frieden hatte er sich zum erstenmal ihrem
Einflu unterworfen. Im Mrz 1872 schrieb er an Strakow:

Ich habe meine Rede- und Schreibweise gendert. Die Volkssprache hat
Tne, um all das auszudrcken, was ein Dichter zu sagen hat, und ich
liebe sie sehr. Sie ist der beste dichterische Gradmesser. Will man
etwas zu stark, bertrieben oder verkehrt ausdrcken, so ertrgt es die
Sprache nicht. Unsere literarische Sprache dagegen hat kein
Knochengerst, man kann sie nach jeder Richtung hin- und herzerren, und
es sieht immer noch alles nach Literatur aus.[175]

Das Volk war ihm nicht nur fr seine Ausdrucksweise vorbildlich, er
verdankte ihm auch mancherlei dichterische Eingebungen. Im Jahre 1877
kam ein Bylinenerzhler nach Jasnaja Poljana, und Tolstoi schrieb
etliche seiner Geschichten auf. Unter anderen die Legende: Wovon die
Menschen leben und Drei Greise, die, wie man wei, zwei der
schnsten Geschichten in den Volkserzhlungen bilden, die Tolstoi
einige Jahre spter verffentlichte[176].

Diese Volkserzhlungen sind ein in der modernen Kunst einzigartiges
Werk. Ein ber aller Kunst stehendes Werk; denn wer denkt, wenn er es
liest, an Literatur? Der Geist des Evangeliums, die reine Liebe aller
Menschenbrder eint sich mit der lchelnden Einfalt der Volksweisheit.
Einfachheit, Klarheit, unaussprechliche Herzensgte -- und jenes
bernatrliche Licht, das fr Augenblicke das Bild so natrlich
berflutet, umgibt die im Mittelpunkt der Handlung stehende Gestalt des
alten Jelissej[177] mit einem Heiligenschein, oder schwebt durch die
Bude des Schusters Martin, der durch seine Fensterluke zu ebener Erde
die Fe der Leute vorbermarschieren sieht, und den der Herr besucht in
Gestalt der Armen, denen der gute Schuhflicker schon geholfen
hat[178]. Oft mischt sich in diesen Erzhlungen den frommen Gleichnissen
ein gewisser Duft von orientalischen Mrchen bei, von den Mrchen aus
Tausend und eine Nacht, die Tolstoi seit seiner Kinderzeit
liebte[179]. Manchmal auch trbt sich das phantastische Licht und
gibt einer der Erzhlungen eine unheimliche Gre. So z. B. der
Geschichte vom Muschik Pachom[180], dem Mann, der sich zu Tode rennt,
um mglichst viel Land zu bekommen, so viel Land, als er in einem
Tage durchlaufen kann, und der tot zusammenbricht, als er am Ziel
anlangt.

Auf dem Hgel sa der Dorflteste am Boden und sah ihn laufen und er
hielt sich mit beiden Hnden den Bauch vor Lachen. Und Pachom strzte.
-- >Ah! Bravo! du Schelm, du hast viel Land ergattert.< Der lteste
stand auf, schmi Pachoms Knecht eine Schaufel hin mit den Worten: >Da,
scharr ihn ein.< Der Knecht blieb allein zurck. Er schaufelte ein Grab
fr Pachom, so lang, wie dieser vom Kopf bis zu den Fen ma, genau
drei Arschin -- und dann begrub er ihn.

Fast alle diese Geschichten enthalten unter ihrer dichterischen Hlle
dieselbe religise Moral des Verzichtes und der Vergebung:

Bittet fr die, so euch beleidigen.

Widerstrebet nicht dem Bsen.

Die Rache ist mein, spricht der Herr.

Und berall und immer als Hchstes die Liebe.

[Illustration: Tolstoi in seinem Arbeitszimmer]

Tolstoi, der den Grund zu einer Kunst fr alle Menschen legen wollte,
hat beim ersten Versuch etwas Universelles geschaffen. Das Werk hat in
der ganzen Welt einen bleibenden Erfolg erzielt; denn es ist frei von
allen vergnglichen Kunstbegriffen; es hat Ewigkeitswert.

       *       *       *       *       *

Die Macht der Finsternis erhebt sich nicht bis zu dieser erhabenen
Herzenseinfalt; sie macht gar keinen Anspruch darauf: es ist die andere
Schneide des Schwertes. Auf der einen Seite der Traum von der gttlichen
Liebe, auf der anderen die furchtbare Wirklichkeit. Beim Lesen dieses
Dramas kann man beurteilen, ob Tolstoi bei seinem Glauben und seiner
Liebe fr das Volk es je vermocht htte, das Volk auf Kosten der
Wahrheit zu idealisieren!

So unbeholfen er auch in den meisten seiner dramatischen Versuche
gewesen ist[181], hier gelangt Tolstoi zur Meisterschaft. Die Charaktere
und die Handlung sind mit leichter Sicherheit hingestellt; der schne
Nikita, Anisja, in ihrer ungestmen sinnlichen Leidenschaft, Mutter
Matrona, die mit zynischer Gutmtigkeit dem Ehebruch ihres Sohnes
Vorschub leistet, und der alte stotternde Akim, -- der verkrperte Gott
in einem armseligen Leib. -- Dann das Sinken Nikitas, der aus Schwche,
ohne schlecht zu sein, sich in Snde verstrickt und immer tiefer in
Verbrechen gert, trotzdem er sich mit Gewalt dagegen wehrt; seine
Mutter und seine Frau ziehen ihn hinein...

Die Mnner sind nicht viel wert. Aber erst die Weiber! Sie sind wie die
wilden Tiere! Nichts frchten sie... Solche Weibsbilder gibt's
hierzulande viele Millionen, und alle sind sie blind wie die Maulwrfe,
-- wissen nicht das geringste, nicht das geringste!... Der Mann, der
lernt immerhin etwas in der Schenke oder schlielich im Gefngnis oder
in der Kaserne. Aber so'n Weibsbild! Sie sieht nichts und hrt nichts.
So lebt sie und so stirbt sie... Die Weiber sind wie blinde junge Hunde,
die mit der Nase im Straendreck hinkriechen. Das einzige, was sie
knnen, sind ihre dummen Lieder: La la la-la la la... Aber was La la la,
das wissen sie nicht.[182]

Dann die schreckliche Szene von der Ermordung des neugeborenen Kindes.
Nikita will nicht tten. Anisja, die seinetwegen ihren Gatten umgebracht
hat und deren Nerven seitdem von dem Verbrechen gefoltert werden, wird
wild, rasend, droht ihn preiszugeben und schreit:

Jetzt bin ich wenigstens nicht mehr allein. Jetzt soll er auch ein
Mrder sein. Er soll wissen, wie's tut!

Nikita zerdrckt das Kind zwischen zwei Brettern. Mitten in seinem
Verbrechen flieht er entsetzt und droht, Anisja und seine Mutter zu
tten. Schluchzend fleht er:

Mtterchen, ich kann nicht mehr!

Er glaubt, das zermalmte Kind schreien zu hren.

Wohin soll ich mich retten?...

Das ist eine shakespearesche Szene. -- Weniger wild, aber noch qulender
ist die Variante des 4. Aktes, das Zwiegesprch zwischen dem kleinen
Mdchen und dem alten Knecht, die nachts allein im alten Haus das
Verbrechen, das drauen begangen wird, halb hren und halb erraten.

Schlielich die freiwillige Shne. Nikita kommt mit seinem Vater, dem
alten Akim, ohne Schuhe zu einer Hochzeitsfeier. Er kniet nieder, bittet
jeden um Verzeihung und klagt sich aller Verbrechen an. Der alte Akim
ermutigt ihn, betrachtet ihn mit verzckt schmerzlichem Lcheln und
sagt:

Das ist Gottes Werk!

Was dem Drama einen besonderen Reiz knstlerischer Art gibt, ist seine
Bauernsprache.

Ich habe das ganze Vokabularium, das ich mir in Notizbchern angelegt
hatte, ausgerubert, um >Die Macht der Finsternis< zu schreiben,
uerte Tolstoi Paul Boyer gegenber.

Diese verblffenden Bilder, die der lyrischen und zum Spott neigenden
russischen Volksseele entstammen, sind von einem Schwung und einer
Kraft, neben denen alle literarischen Bilder bla erscheinen. Tolstoi
ergtzt sich an ihnen; man fhlt, da der Dichter Tolstoi beim Schreiben
seines Dramas ein Vergngen darin findet, diese Ausdrcke und Gedanken
aufzuzeichnen, deren Komik ihm keineswegs entgeht[183], whrend der
Apostel Tolstoi in Betrbnis gert ber die Finsternis der Seele.

       *       *       *       *       *

Whrend Tolstoi das Volk beobachtete und sein Dunkel durch einen
Lichtstrahl von oben etwas zu erhellen versuchte, widmete er dem noch
weit tieferen Dunkel der reichen und brgerlichen Klassen zwei Romane
voll tragdienhafter Handlung. Man fhlt, da zu jener Zeit die
dramatische Form sein knstlerisches Denken beherrscht. Der Tod des
Iwan Iljitsch und die Kreuzersonate sind alle beide richtige, auf
das knappste Ma zusammengedrngte Seelendramen; und in der
Kreuzersonate erzhlt der Held des Dramas selbst das Drama.

Der Tod des Iwan Iljitsch (1884-86) ist eines der russischen Werke,
die das franzsische Publikum ganz besonders erschttert haben. Ich
erwhnte zu Beginn dieses Buches, da ich Zeuge davon gewesen bin, wie
brgerliche Leser aus der franzsischen Provinz, die sonst der Kunst
ganz fremd gegenberzustehen schienen, von dieser Geschichte tief
ergriffen waren. Das drfte sich dadurch erklren, da das Werk mit
verblffender Echtheit einen Typus jener Durchschnittsmenschen
hinstellt, jener gewissenhaften Beamten, die ohne Religion, bar jeden
Ideals und beinahe jeden Gedankens, in ihrer Amtsttigkeit, in ihrem
einfrmigen Alltagsleben aufgehen bis zur Todesstunde, wo sie mit
Entsetzen bemerken, da sie gar nicht gelebt haben. Iwan Iljitsch ist
der Vertreter jener europischen Brgerklasse um das Jahr 1880, in der
man Zola liest, sich die Sarah Bernhardt ansieht und, ohne irgendeinen
Glauben zu haben, nicht einmal unglubig ist: denn man gibt sich gar
nicht die Mhe zu glauben oder nicht zu glauben, -- man denkt einfach
nicht darber nach.

Mit der Unerbittlichkeit einer bald strengen, bald fast komischen
Anklage gegen die Welt und vornehmlich gegen die Ehe erffnet Der Tod
des Iwan Iljitsch eine Reihe neuer Werke; er ist Vorbote der noch
krasseren Bilder der Kreuzersonate und der Auferstehung.
Beklagenswerte und lcherliche Leere dieses Lebens (wie es deren
tausende und abertausende gibt) mit seinem unnatrlichen Ehrgeiz, seinen
armseligen Befriedigungen der Eigenliebe, die dabei kaum Vergngen
machen, -- immerhin noch mehr als den Abend allein mit seiner Frau zu
verbringen --, beruflichem rger, verbitternden Zurcksetzungen und
dem einzigen Glck: einer Whistpartie. Und dieses lcherliche Leben
bt Iwan aus einer noch lcherlicheren Veranlassung ein: eines Tages,
als er einen Vorhang am Salonfenster anbringen will, strzt er von der
Leiter. Lgnerisches Leben. Lgnerische Krankheit. Lgnerischer Arzt,
der, selbst gesund, nur an sich selber denkt. Lgnerische Familie, die
es vor der Krankheit ekelt. Lgnerische Frau, die Hingebung heuchelt
und sich dabei schon zurechtlegt, wie sie nach dem Tod ihres Mannes
leben wird. Lge ringsum, der sich allein die Wahrheit eines
mitfhlenden Dieners entgegenstellt, der dem Sterbenden seinen Zustand
nicht zu verbergen sucht und ihm brderlich hilft. Iwan Iljitsch
beweint voll unendlichen Mitleids mit sich selbst seine Vereinsamung
und die Selbstsucht der Menschen. Er leidet entsetzlich bis zu dem
Tage, an dem er merkt, da sein vergangenes Leben eine Lge war und
da er diese Lge wieder gutmachen kann. Allsobald wird alles licht,
-- eine Stunde vor seinem Tod. Er denkt nicht mehr an sich, er denkt
an die Seinen, er erbarmt sich ihrer; er $mu$ sterben und sie von
seiner Person befreien.

Wo bist du, Schmerz? -- Da ist er wieder... Recht so, dauere nur fort.
-- Und der Tod? Wo ist der?... -- Er fand ihn nicht mehr. An Stelle des
Todes sah er nur einen Lichtstrahl. -- >Es ist zu Ende<, sagte
irgendwer. -- Er hrte diese Worte und wiederholte sie fr sich. --
>Es gibt keinen Tod mehr<, sagte er sich.

Selbst dieser Lichtstrahl zeigt sich in der Kreuzersonate nicht mehr.
Es ist ein Werk voller Wildheit; es strzt sich auf die Gesellschaft wie
ein verwundetes Tier, das sich fr ausgestandene Qualen rcht. Man darf
nicht vergessen, da es sich um das Bekenntnis eines Menschentieres
handelt, das gettet hat und von dem Giftstoff der Eifersucht verseucht
ist. Tolstoi verbirgt sich hinter seiner Gestalt. Und zweifellos findet
man seine Ideen, nur im Ton verstrkt, in seinen wtenden Schmhungen
gegen die allgemeine Heuchelei wieder: die Heuchelei in der
Frauenerziehung, in der Liebe, in der Ehe -- jener huslichen
Prostitution --, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, unter den
rzten, -- jenen Anstiftern zu Verbrechen. Aber sein Held reizt ihn
zu einer Brutalitt in der Ausdrucksweise, zu einem Ungestm
fleischlicher Bilder, -- allen Begierden eines ausschweifenden
Krpers, -- und als Gegenwirkung die ganze Wut der Askese, die
haerfllte Furcht vor den Leidenschaften, die Verfluchung des Lebens,
gleich der eines mittelalterlichen Mnches, den die Sinnlichkeit
verzehrt. Als er sein Buch geschrieben hatte, war Tolstoi selbst
erschreckt darber:

Ich hatte keineswegs erwartet, sagt er in seinem Nachwort zur
Kreuzersonate, da eine unerbittliche Logik mich beim Schreiben
dieses Werkes dahin fhren wrde, wohin ich gelangt bin. Meine eigenen
Schlufolgerungen haben mich zuerst erschreckt, und ich war versucht,
sie zu verwerfen; aber es ist mir unmglich gewesen, die Stimme der
Vernunft und des Gewissens zu berhren.

Tatschlich nahm er in etwas gemilderter Form die wilden Schreie des
Mrders Posdnischeff gegen Liebe und Ehe wieder auf:

Wer die Frau -- vor allem seine Frau -- mit Sinnlichkeit ansieht,
bricht schon die Ehe mit ihr.

[Illustration: Tolstoi zu Pferde]

Wenn die Leidenschaften geschwunden sein werden, dann wird die
Menschheit keine Existenzberechtigung mehr haben; dann hat sie das
Gesetz erfllt. Die Vereinigung der Wesen wird vollkommen sein.

Er zeigt, gesttzt auf das Evangelium Matthi, da das christliche
Ideal nicht die Ehe ist, da es eine christliche Ehe nicht geben
kann, da die Ehe vom christlichen Standpunkt aus nicht der
Aufwrtsentwicklung, sondern der Entartung dient, und da die Liebe
sowie alles, was ihr vorangeht oder ihr folgt, dem wahrhaften
Menschheitsideal im Wege steht...[184]

Aber diese Ideen hatten sich ihm niemals mit solcher Klarheit gestaltet,
bevor er sie Posdnischeff in den Mund gelegt hatte. Wie man es hufig
bei groen Meistern findet, hat das Werk den Schpfer mitgerissen; der
Knstler eilte dem Denker voran. Die Kunst hat dabei nichts verloren.
An Macht der Wirkung, an temperamentvoller Straffheit, deutlicher
Greifbarkeit der Erscheinungen und an Flle und Reichtum der Form kommt
kein anderes Werk Tolstois der Kreuzersonate gleich.

Es bleibt mir noch, den Titel zu erklren. -- Eigentlich ist er falsch.
Er tuscht ber das Werk. Die Musik spielt darin nur eine
nebenschliche Rolle. Lt man die Sonate weg, so ndert sich nichts.
Es war unrichtig von Tolstoi, zwei Fragen, die ihm am Herzen lagen,
miteinander zu verquicken: die verderbliche Macht der Musik und die der
Liebe. Der Dmon der Musik htte ein eigenes Werk verdient; der Platz,
den ihm Tolstoi in diesem zubilligt, gengt nicht, die Gefahr zu
beweisen, wie er es mchte. Ich mu bei diesem Gegenstand ein wenig
verweilen, denn ich glaube nicht, da man jemals Tolstois Verhltnis zur
Musik richtig verstanden hat.

Es wre weit gefehlt anzunehmen, da er sie nicht liebte. So frchtet
man nur, was man liebt. Man braucht sich nur zu entsinnen, welchen Platz
die musikalischen Erinnerungen in der Kindheit einnehmen und ganz
besonders im Eheglck, wo die ganze Liebesgeschichte von ihrem
Frhling bis zu ihrem Herbst sich zwischen den Stzen der Beethovenschen
Sonate Quasi una fantasia abspielt. Man erinnere sich ferner der
wundervollen Symphonien, die Nekludow[185] und der kleine Petja in der
Nacht vor seinem Tode[186] in sich erklingen hren. Wenn Tolstoi auch
nur sehr bedingt musikalisch war[187], so ergriff ihn die Musik doch bis
zu Trnen, und er gab sich ihr zu gewissen Zeiten seines Lebens mit
Leidenschaft hin. Im Jahre 1858 grndete er in Moskau eine musikalische
Gesellschaft, aus der spter das Moskauer Konservatorium hervorging.

Er liebte die Musik sehr, schreibt sein Schwager Bers. Er spielte
Klavier und bevorzugte die klassischen Meister. Oft setzte er sich ans
Klavier, ehe er an seine Arbeit ging[188]. Wahrscheinlich kam ihm dabei
die knstlerische Eingebung. Er begleitete immer meine jngste
Schwester, deren Stimme er sehr gern hatte. Ich habe bemerkt, da die
Empfindungen, die die Musik in ihm auslsten, von einer leichten Blsse
und einem unmerklichen Verziehen des Gesichtes begleitet waren, was
anscheinend Schreck ausdrckte.[189]

Es war wohl der Schreck, den er empfand bei der Erschtterung durch
diese unbekannten Krfte, die ihn bis in die Wurzeln seines Seins
aufrttelten. In dieser Welt der Musik fhlte er seinen sittlichen
Willen, seine Vernunft, die ganze Wirklichkeit des Lebens
dahinschmelzen. Man lese in dem ersten Band von Krieg und Frieden die
Szene nach, wo Nikolaus Rostow, der gerade im Spiel verloren hat,
verzweifelt nach Hause kommt. Er hrt seine Schwester Natascha singen
und vergit alles.

Er wartete mit fieberhafter Ungeduld auf die nchste Note, und einen
Augenblick lang gab es auf der ganzen Welt nichts anderes mehr als den
Dreivierteltakt: Oh! mio crudele affetto!

>Wie sinnlos ist doch unser Dasein<, dachte er. >Glck, Geld,
Ha, Ehre, alles ist nichts... Hier ist das Wahre!... Natascha, mein
Tubchen!... La sehen, ob sie das betrifft... Gott sei Dank, sie
hat's getroffen!<

Um das b zu verstrken, begleitete er es in der Terz.

>Welch ein Glck! ich habe es auch getroffen< --, rief er aus; und die
Schwingung dieser Terz erweckte alles Gute in seinem Innern. Was waren
gegen diese bermenschlichen Empfindungen sein Verlust im Spiel und sein
verpfndetes Wort!... Torheiten! Man konnte tten und stehlen und doch
glcklich sein.

Nikolaus ttet weder, noch stiehlt er, und die Musik bedeutet fr ihn
nur eine vorbergehende Erregung, aber Natascha ist nahe daran, sich an
sie zu verlieren. Nach einem Abend in der Oper, in jener seltsamen,
sinnlosen, meilenweit von der Wirklichkeit entfernten Welt der Kunst, in
der Gut und Bse, berspanntheit und Vernunft sich mengen und mischen,
hrt sie Anatol Kuragins Erklrung an; er betrt sie, und sie willigt
ein, sich entfhren zu lassen.

Je lter Tolstoi wird, um so mehr frchtet er die Musik[190]. Ein Mann,
der Einflu auf ihn hatte, Berthold Auerbach, den er im Jahre 1860 in
Dresden traf, bestrkte ihn zweifellos in seinem Vorurteil. Er sprach
von der Musik als von einem pflichtlosen Genu. Nach seiner Ansicht
fhrte sie zur Verderbnis.[191]

Warum, so fragt Camille Bellaigue[192], ist hier gerade Beethoven
gewhlt, der reinste und keuscheste aller Musiker, wo doch die Auswahl
an verderblichen Musikern so gro ist? -- Weil er der Strkste ist.
Tolstoi hatte ihn geliebt und liebte ihn noch immer. Seine frhesten
Erinnerungen aus der Kindheit waren mit der Pathtique verknpft;
und als Nekludow am Schlu der Auferstehung das Andante der C-Moll
Symphonie spielen hrt, kann er nur mit Mhe seine Trnen
zurckhalten; er empfand Mitleid mit sich selbst und mit denen, die
er liebte. -- Man hat indessen gesehen, mit welcher Erbitterung
Tolstoi sich in Was ist Kunst?[193] ber die krankhaften Werke
des tauben Beethoven vernehmen lt, und schon im Jahre 1876 hatte
die Wut, mit der er Beethoven zu vernichten und Zweifel an seinem
Genie zu uern liebte, Tschaikowsky emprt und seine Bewunderung
fr Tolstoi abgekhlt. Die Kreuzersonate lt uns die fanatische
Ungerechtigkeit so ganz erkennen. Was wirft Tolstoi Beethoven vor?
Seine Macht. Als er die C-Moll Symphonie hrt und von ihr aus der
Fassung gebracht wird, lehnt er sich, wie auch Goethe dies tat, voll
Zorn gegen den Meister auf, der ihn beherrschen und unter seinen
Willen zwingen will[194].

Diese Musik, sagt Tolstoi, versetzt mich sofort in den
Seelenzustand, in dem der war, der sie schrieb... Die Musik sollte
eine Staatsangelegenheit sein wie in China. Man drfte nicht zugeben,
da der erste beste ber eine so furchtbare hypnotische Macht
verfge... So etwas (das erste Presto der Sonate) sollte eigentlich
nur bei gewissen bedeutsamen Gelegenheiten gespielt werden drfen.

Und man mu sehen, wie Tolstoi nach diesem Aufbegehren der Macht
Beethovens weicht, und wie diese Macht nach seinem eigenen Zugestndnis
rein und veredelnd ist. Beim Hren des Musikstcks verfllt Posdnischeff
in einen unerklrlichen Zustand, ber den er keine Rechenschaft ablegen
kann, dessen Bewutsein ihn aber frhlich macht. Die Eifersucht hat
keinen Raum mehr in ihm. Die Frau ist nicht weniger verwandelt. Sie
hat, whrend sie spielt, einen Ausdruck erhabenen Ernstes, dann,
als sie mit dem Spielen zu Ende, ein kleines schwaches,
glckseliges Lcheln... Was ist an all dem so sonderbar? -- Da der
Geist Sklave ist, und da die unbekannte Macht der Tne aus ihm
machen kann, was sie will. Ihn zerstren, wenn es ihr gefllt.

Das ist wahr; aber Tolstoi vergit nur eines: da die meisten, die
Musik hren oder machen, nur ber ein sehr schwaches Seelenleben
verfgen. Die Musik kann fr die, die nichts fhlen, kaum gefhrlich
werden. Der Anblick, den der Zuschauerraum der Oper whrend einer
Salome-Auffhrung bietet, ist wohl dazu angetan, einen ber die
Unempfindlichkeit des Publikums gegenber den ungesundesten
Aufregungen in der Tonkunst zu beruhigen. Man mu ein so reiches
Seelenleben wie Tolstoi haben, um in die Gefahr zu kommen, darunter zu
leiden. -- Sicher ist, da Tolstoi, trotz seiner verletzenden
Ungerechtigkeit gegen Beethoven, dessen Musik tiefer empfindet als die
meisten von denen, die sich heute dafr begeistern. Er kennt zum
mindesten diese frenetischen Leidenschaften, diese wilde Heftigkeit,
die in der Kunst des tauben Alten grollen und die heute kaum ein
Virtuose oder ein Orchester mehr fhlt. Sein Ha htte vielleicht
Beethoven mehr gefreut als die Liebe mancher Beethovenianer.




Zehn Jahre liegen zwischen der Kreuzersonate und der
Auferstehung[195], zehn Jahre, die mehr und mehr von moralischer
Pionierarbeit ausgefllt werden. Und wiederum zehn Jahre zwischen der
Auferstehung und dem Endziel, dem dieses Leben, hungernd nach dem
Ewigen, zustrebt. Die Auferstehung ist in gewissem Sinne das
knstlerische Testament Tolstois. Sie beherrscht das Ende seines Lebens,
wie Krieg und Frieden die Zeit seiner Reife krnt. Es ist der letzte
Gipfel, der hchste vielleicht, -- wenn nicht der machtvollste, --
dessen unsichtbare Spitze[196] sich im Nebel verliert. Tolstoi ist
siebzig Jahre alt. Er betrachtet die Welt, sein Leben, seine frheren
Irrtmer, seinen Glauben, seinen heiligen Zorn von oben herab. Derselbe
Gedanke wie in den frheren Werken; derselbe Kampf gegen die Heuchelei;
aber wie in Krieg und Frieden schwebt der Geist des Knstlers ber
seinem Stoff; die finstere Ironie, das unruhvolle Wesen in der
Kreuzersonate und dem Tod des Iwan Iljitsch vermischt er mit
einer religisen Abgeklrtheit, die er ausstrahlt und die nicht mehr
von dieser Welt ist. Man knnte manchmal von einem christlichen Goethe
sprechen.

[Illustration: Tolstoi auf dem Lande]

Alle knstlerischen Charakterzge, die wir in den Werken der letzten
Periode aufgezeigt haben, finden sich hier wieder, besonders die
Zusammendrngung der Erzhlung, die in einem langen Roman noch
erstaunlicher wirkt als in kurzen Novellen. Das Werk ist ein Ganzes.
Und darin unterscheidet es sich sehr von Krieg und Frieden und von
Anna Karenina. Fast gar keine episodenhaften Abschweifungen. Eine
einzige Handlung wird hartnckig verfolgt und bis in die kleinste
Einzelheit durchgefhrt. Dieselbe Kraft der in satten Farben gemalten
Bilder wie in der Kreuzersonate. Eine immer klarer werdende starke,
erbarmungslos realistische Beobachtung, die das Tier im Menschen sieht,
-- die schreckliche, nie verschwindende Bestie im Menschen, die um so
schrecklicher ist, wenn sie sich nicht offen enthllt, wenn sie sich
unter einer angeblich poetischen Aufmachung verbirgt. Diese
Salongesprche, die einfach ein krperliches Bedrfnis befriedigen
mssen, das Bedrfnis, die Verdauung zu frdern, indem sie die
Muskeln der Zunge und der Kehle in Bewegung setzen. Ein scharfes
Durchschauen der Menschen, das niemanden schont, weder die hbsche
Kortschagin mit ihren zwei falschen Zhnen, den hervortretenden
Knochen ihrer Ellbogen, ihren breiten Fingerngeln und ihrem
Halsausschnitt, der Nekludow Scham und Ekel, Ekel und Scham
einflt, noch die Heldin, die Maslowa, deren Verfall in keiner Weise
beschnigt ist, ihr frhzeitiges Verbrauchtsein, ihr lasterhafter und
gemeiner Ausdruck, ihr herausforderndes Lcheln, ihr Branntweingeruch,
ihr rotes gedunsenes Gesicht. Ungeheuer derb gezeichnete
naturalistische Einzelheiten: so zum Beispiel die Frau, die
schwatzend auf dem Kehrichteimer hockt. Die dichterische Phantasie und
die Jugendlichkeit sind dahin, auer in den Erinnerungen an die erste
Liebe, die wie Musik mit betrender Kraft in uns weiterklingen; die
keusche Charsamstagsnacht und die Osternacht, das Tauwetter, der so
dichte weie Nebel, da man fnf Schritt weit vom Haus nur eine
groe, dunkle Masse sehen konnte, aus der das rote Licht einer Lampe
strahlte, das nchtliche Krhen der Hhne, der zugefrorene Flu, der
kracht, drhnt, einbricht und wie splitterndes Glas klingt, der junge
Mann, der von auen durch die Fensterscheiben das junge Mdchen
betrachtet, das beim flackernden Schein der kleinen Lampe am Tisch
sitzt und ihn nicht sieht, -- Katuscha, die sinnend trumt und
lchelt.

Die lyrische Seite der Dichtung nimmt wenig Raum ein. Tolstois Kunst hat
eine mehr unpersnliche Richtung eingeschlagen, die sich von seinem
eigenen Leben weiter entfernt. Er hat sich bemht, sein Beobachtungsfeld
zu vergrern. Die Welt der Verbrecher und die Welt der Revolutionre,
die er hier darstellt, waren ihm fremd[197]; er dringt in sie ein,
nachdem er ihr gewaltsam sein Interesse zugewandt hat; er gibt sogar zu,
da ihm die Revolutionre, ehe er sie sich aus der Nhe ansah, eine
unberwindliche Abneigung einflten. Um so bewundernswerter ist seine
wahrheitsgetreue Beobachtung, dieser unerbittliche Spiegel. Welche
Flle von Typen und haarscharfen Einzelheiten! Und wie ist alles
gesehen, Niedrigkeiten und Tugenden, ohne Hrte, ohne Schwche, mit
ruhigem Verstand und brderlichem Mitleid! Welch beklagenswertes Bild
diese Frauen im Gefngnis! Sie sind mitleidlos miteinander; aber der
Dichter ist der liebe Gott: er sieht einer jeden ins Herz, sieht hinter
der Verworfenheit die hchste Not und hinter der Maske der Frechheit das
Antlitz, das weint. Der reine und bleiche Schein, der sich nach und nach
in der lasterhaften Seele der Maslowa ankndigt und sie schlielich mit
einer Opferflamme bestrahlt, bekommt die ergreifende Schnheit eines
jener Sonnenstrahlen, die eine bescheidene Rembrandtsche Szene
verklren. Nirgends Strenge, selbst nicht den Peinigern gegenber.
Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun... Das
Schlimmste ist, da sie oft wissen, was sie tun, da sie Reue darber
empfinden und da sie doch nicht lassen knnen, es zu tun. Aus dem Buch
hebt sich das Gefhl des zermalmenden Verhngnisses hervor, das
gleichermaen auf denen lastet, die leiden, wie auf denen, die leiden
machen. Zum Beispiel: der Gefngnisdirektor, voll natrlicher Gte,
ebenso mde seines Lebens als Kerkermeister wie der Klavierbungen
seiner armseligen, blassen Tochter mit den dunklen Ringen um die Augen,
die unentwegt eine Rhapsodie von Liszt mihandelt; -- oder der kluge
und gute Generalgouverneur einer sibirischen Stadt, der, um dem
unlsbaren Konflikt zwischen dem Guten, das er tun mchte, und dem
Schlechten, das er tun mu, zu entrinnen, seit fnfunddreiig Jahren dem
Alkohol ergeben, dabei aber immer noch gengend Herr seiner selbst ist,
um selbst in der Trunkenheit Haltung zu bewahren; -- und die
Zrtlichkeit innerhalb der Familie, die unter diesen Leuten herrscht,
die ihr Beruf den anderen gegenber herzlos gemacht hat.

Der einzige Charakter, der nicht objektiv wahr ist, ist der des Helden
Nekludow, weil Tolstoi seine eigenen Ideen auf ihn bertragen hat. Das
war schon der Fehler -- oder die Gefahr -- bei mehreren der berhmtesten
Gestalten in Krieg und Frieden oder in Anna Karenina: dem
Frsten Andrej, Peter Besukow, Lewin und anderen. Aber damals war es
weniger schlimm; denn die Personen standen nach Lebenslage und Alter
der Geistesverfassung Tolstois viel nher. Hier jedoch senkt der
Dichter in den Krper eines fnfunddreiigjhrigen Lebemanns seine
eigene Seele, die Seele eines wunschlosen Greises von siebzig Jahren.
Ich sage keineswegs, da die moralische Krise eines Nekludow nicht
wahr sein knne, noch bestreite ich, da sie mit solcher Pltzlichkeit
eintreten kann[198]. Aber nichts im Temperament, im Charakter, im
Vorleben des Helden, wie Tolstoi ihn darstellt, kndigte diese Krisis
an oder macht sie begreiflich. Und nachdem sie eingesetzt hat, hlt
nichts mehr sie auf. Ohne Zweifel hat Tolstoi mit grter Schrfe
dargestellt, wie sich seiner Opferbereitschaft unreine Gedanken
beimischen: jene Trnen der Ergriffenheit und der Bewunderung ber
sich selbst, und dann spter den Schrecken und den Ekel, die Nekludow
angesichts der Wirklichkeit ergreifen. Aber niemals wankt sein
Entschlu. Diese Krisis steht in keinem Zusammenhang mit seinen
frheren heftigen, aber vorbergehenden Krisen[199]. Nichts kann
diesen schwachen und unentschlossenen Menschen mehr zurckhalten.
Dieser reiche angesehene, fr die Freuden der groen Welt sehr
empfngliche Frst, der im Begriff ist, ein hbsches Mdchen, das ihn
liebt und das ihm auch nicht mifllt, zu heiraten, entschliet sich
pltzlich, alles -- Reichtum, Gesellschaft und soziale Stellung --
aufzugeben und eine Prostituierte zu heiraten, um einen frheren
Fehler wiedergutzumachen; und dieser Zustand der Verstiegenheit dauert
ununterbrochen an, whrend Monaten, und hlt allen Prfungen stand,
selbst der Nachricht, da sie, die er zu seiner Frau machen will, ihr
ausschweifendes Leben fortsetzt[200]. Es liegt darin eine Heiligkeit,
deren Quelle in den tiefsten Tiefen des Gewissens und des Organismus
seines Helden uns die Psychologie eines Dostojewski gezeigt haben
wrde. Aber Nekludow hat nichts von einem Dostojewskischen Helden. Er
ist der Typus des normalen, gesunden Durchschnittsmenschen, wie es
die Tolstoischen Helden meistens sind. Man sprt in der Tat zu stark,
wie einem durchaus in der Wirklichkeit stehenden Menschen[201]
moralische Erschtterungen gewaltsam zugeschrieben werden, die
eigentlich einem ganz anderen Menschen eignen; -- und dieser Mensch
ist der greise Tolstoi.

Denselben Eindruck der Uneinheitlichkeit empfangen wir am Ende des
Buches, wo einem dritten Teil mit streng realistischen Schilderungen ein
frommer Schlu angehngt wird, der nicht notwendig ist, -- ein
persnliches Glaubensbekenntnis, das nicht logisch aus dem
vorhergehenden Leben folgert. Es ist nicht das erste Mal, da sich
Tolstois Glubigkeit seinem Realismus gesellt, aber in den frheren
Werken sind diese beiden Elemente inniger miteinander verschmolzen. Hier
bestehen sie nebeneinander, ohne sich zu verbinden, und der Gegensatz
fllt um so strker auf, als Tolstois Glaube sich immer mehr jede
Beweisfhrung schenkt, whrend sein Realismus sich von Tag zu Tag freier
und schrfer gestaltet. Es zeigen sich da Spuren -- nicht von Ermdung,
aber von Alter, eine gewisse Steifheit der Gelenke, wenn ich so sagen
darf. Der religise Schlu stellt keine organische Entwicklung des
Werkes dar. Er wirkt wie ein Deus ex machina... Und ich bin berzeugt,
da Tolstoi trotz gegenteiligen Versicherungen in seinem tiefsten Innern
seine verschiedenen Naturen nicht vollkommen in Einklang miteinander
bringen konnte: die Wahrhaftigkeit seiner Kunst und die Wahrhaftigkeit
seines Glaubens.

Aber wenn auch die Auferstehung nicht die harmonische Geschlossenheit
der Jugendwerke aufweist, wenn ich, meinerseits, ihr auch Krieg und
Frieden vorziehe, so ist sie doch nichtsdestoweniger eine der schnsten
Dichtungen menschlichen Erbarmens -- vielleicht die wahrhaftigste von
allen. Mehr als aus jedem anderen Werk blicken mich aus diesem die
klaren Augen Tolstois an, die mattgrauen tiefgrndigen Augen, dieser
Blick, der bis in die Seele dringt[202] und in eines jeden Seele Gott
schaut.




Tolstoi sagte sich nie von der Kunst los. Ein groer Knstler kann,
selbst wenn er mchte, nicht auf das verzichten, was seinem Leben den
Wert gibt. Er kann wohl aus religisen Grnden das Verffentlichen,
nicht aber das Schreiben lassen. Niemals unterbrach Tolstoi sein
knstlerisches Schaffen. Paul Boyer, der ihn in seinen letzten Jahren in
Jasnaja Poljana sah, erzhlt, da er sich zu gleicher Zeit den
religisen oder polemischen und den rein dichterischen Werken widmete.
Er erholte sich an den einen von den anderen. Wenn er irgend eine
soziale Abhandlung beendet hatte, dann gestattete er es sich, eine
seiner schnen Geschichten, die er fr sich selbst erzhlte, wieder
aufzunehmen -- wie z. B. Chadschi Murat, ein Militrepos, in dem er
eine Episode aus den Kriegen im Kaukasus und dem Aufstand der
Bergbewohner unter Schamyl besang. Die Kunst blieb seine Erholung, sein
Vergngen. Aber er wrde es fr eitel gehalten haben, mit ihr zu
prunken. Seit seinem Bchlein Fr alle Tage (1904-1905),[203] in
dem er die Gedanken der verschiedenen Schriftsteller ber die
Wahrheit und das Leben sammelte -- einer richtigen Anthologie der
poetischen Weisheit der ganzen Welt, von den heiligen Schriften des
Orients an bis zu den Zeitgenossen --, sind vom Jahre 1900 ab fast
alle seine ausschlielich knstlerischen Werke Manuskript
geblieben[204].

Dagegen warf er seine polemischen und mystischen Schriften mit
Feuereifer in den sozialen Kampf. Von 1900-1910 zehrt dieser seine
besten Krfte auf. Ruland machte eine frchterliche Krisis durch, in
der das Zarenreich zeitweise in seinen Grundfesten zu krachen schien und
nahe am Einstrzen war. Der russisch-japanische Krieg, der
darauffolgende Zusammenbruch, die revolutionre Bewegung, die Meuterei
in Heer und Flotte, die Metzeleien und die Bauernunruhen schienen das
Ende einer Welt zu bedeuten, wie auch der Titel einer Tolstoischen
Schrift besagt. -- Ihren Hhepunkt erreichte die Krisis zwischen 1904
und 1905. In jenen Jahren verffentlichte Tolstoi eine Reihe von Werken,
die viel Widerhall fanden: Krieg und Revolution, Das groe
Verbrechen, Das Ende einer Welt. Whrend dieser letzten zehn
Jahre nimmt er eine einzigartige Stellung nicht nur in Ruland,
sondern in der ganzen Welt ein. Er steht allein, allen Parteien und
Nationen entfremdet, aus seiner Kirche durch Exkommunikation
ausgestoen[205].

[Illustration: Tolstoi im Jahre 1910]

Die Logik seiner Vernunft, der Starrsinn seines Glaubens lieferten ihn
dem Dilemma aus: sich von den brigen Menschen oder von der Wahrheit
loszusagen. Er erinnerte sich des russischen Sprichwortes: Ein Alter,
der lgt, ist wie ein Reicher, der stiehlt, und er sagte sich von den
Menschen los, um die Wahrheit zu sagen. Er sagte sie ohne Vorbehalt
allen. Der alte Lgenjger macht weiter unermdlich Jagd auf jeden
religisen oder sozialen Aberglauben, auf jede Fetischanbetung. Er
wendet sich nicht nur gegen die alten bswilligen Mchte, die
verfolgungsschtige Kirche und die zaristische Selbstherrschaft.
Vielleicht beruhigt er sich jetzt sogar ein wenig ber sie, nun, da alle
Welt den Stein auf sie wirft. Man kennt sie, sie sind nicht mehr so zu
frchten! Und schlielich tun sie nur, was ihres Amtes ist, sie betrgen
nicht. Tolstois Brief an den Zaren Nikolaus II.[206] ist bei aller
schonungslosen Wahrheit gegenber dem Herrscher voller Gte fr den
Menschen, den er seinen lieben Bruder nennt, den er bittet, ihm zu
vergeben, wenn er ihn, ohne es zu wollen, betrbt habe. Und er
unterzeichnet: Dein Bruder, der dir das wirkliche Glck wnscht.

Aber was Tolstoi am wenigsten verzeiht, was er mit groer Heftigkeit
angreift, sind die neuen Lgen, nicht die alten, die lngst an den Tag
gekommen sind. Er bekmpft nicht den Despotismus, sondern das Trugbild
der Freiheit. Und man wei nicht, wen er unter den Anbetern neuer Gtzen
mehr hat, die Sozialisten oder die Liberalen.

Seine Abneigung gegen die Liberalen war schon alten Datums. Er hatte sie
gleich damals empfunden, da er als Offizier von Sewastopol in den Kreis
der Petersburger Literaten gekommen war. Es war einer der Grnde gewesen
fr sein schlechtes Einvernehmen mit Turgenjew. Der stolze Aristokrat,
der Mensch alter Rasse, konnte diese Intellektuellen nicht ertragen,
und ebenso wenig ihre Anmaung, dem russischen Volke, ob es wollte oder
nicht, das Glck zu bringen, indem sie ihm ihre Utopien aufdrngten. Als
Urrusse vom alten Stamm[207], war er mitrauisch gegen die liberalen
Neuerungen, gegen jene konstitutionellen Ideen, die aus dem Westen
kamen; und seine beiden Reisen in Europa bestrkten ihn nur in seinem
Vorurteil. Als er von der ersten Reise heimkam, schrieb er:

Der Ehrgeiz des Liberalismus ist zu vermeiden.[208]

Und nach der zweiten:

Die privilegierte Gesellschaft hat keineswegs das Recht, das Volk, das
ihr ganz fern steht, auf ihre Art zu erziehen.[209]

In Anna Karenina ergeht er sich lang und breit in seiner Verachtung
fr die Liberalen. Lewin verweigert seine Beteiligung am Werk der
Provinzialeinrichtungen fr die Volksbelehrung und an den sonstigen
Neuerungen, die an der Tagesordnung sind. Das Bild, das die Wahlen zur
Provinzialversammlung aufweisen, zeigt, wie ein Land hereinfllt, wenn
es seine alte konservative Verwaltung durch eine liberale ersetzt.
Nichts hat sich gendert; es gibt nur eine Lge mehr und Herren von
geringerer Herkunft.

Wir sind vielleicht nicht allzuviel wert, uert der Vertreter der
Aristokratie, aber wir haben es trotzdem ganze tausend Jahre lang
ausgehalten.

Und Tolstoi rgert sich ber den Mibrauch, den die Liberalen mit dem
Wort Volk, Volkswille treiben. Was wissen sie denn berhaupt
vom Volk? Was ist ihnen das Volk?

Besonders aber zu der Zeit, da die liberale Bewegung sich durchzusetzen
scheint und sie die erste Duma einberufen lt, drckt Tolstoi heftig
sein Mifallen gegenber den konstitutionellen Ideen aus.

In letzter Zeit hat die Entartung des Christentums einem neuen Betrug
Platz gemacht, der unsere Vlker noch tiefer in seine Knechtschaft
hineinstt. Mit Hilfe eines komplizierten parlamentarischen
Wahlverfahrens wurde ihnen eingeredet, da, wenn sie ihre Abgeordneten
direkt whlten, sie an der Regierung teilnhmen, und da sie, wenn sie
diesen Abgeordneten gehorchten, nur ihrem eigenen Willen gehorchten und
somit frei seien. Das ist ein Betrug. Das Volk kann seinen Willen nicht
kundgeben, selbst nicht durch das allgemeine Wahlrecht: 1. weil es einen
solchen Gesamtwillen einer Nation von vielen Millionen Einwohnern
berhaupt nicht geben kann, und 2. weil, selbst wenn es ihn gbe, die
Stimmenmehrheit nicht sein Ausdruck wre. Ohne auf den Umstand Gewicht
zu legen, da die Gewhlten nicht mit Rcksicht auf das allgemeine Wohl,
sondern auf die Erhaltung ihrer Machtstellung Gesetze erlassen und die
Verwaltungsgeschfte besorgen, -- ohne sich auf die Tatsache zu berufen,
da ein Volk durch die Wahlbeeinflussung und die Wahlmanver verkommen
mu, -- ist diese Lge besonders unheilvoll im Hinblick auf das
Anmaende dieser Sklaverei, in welche die verfallen, die sich ihr
unterwerfen... Jene freien Menschen erinnern an Gefangene, die sich
einbilden, Freiheit zu genieen, wenn sie das Recht haben, sich ihre
Gefngniswrter auszuwhlen... Ein Angehriger eines despotisch
regierten Staates kann, selbst unter dem grausamsten Zwang, vollstndig
frei sein. Aber ein Angehriger eines konstitutionell regierten Staates
ist immer Sklave; denn er erkennt die Gesetzmigkeit der gegen ihn
angewandten Zwangsmaregeln an... In eben denselben Zustand der
konstitutionellen Sklaverei, in der die anderen europischen Vlker
sind, mchte man das russische Volk fhren!...[210]

Fr seine Abneigung gegen den Liberalismus ist die Geringschtzung das
Bestimmende. Dem Sozialismus gegenber ist es -- oder vielmehr wre es
-- der Ha, wenn sich Tolstoi nicht dagegen verwahrte, berhaupt zu
hassen, was immer es auch sei. Er verabscheut den Sozialismus zwiefach,
weil er zwei Lgen in sich vereinigt: die Lge von der Freiheit und die
von der Wissenschaft. Behauptet er doch, auf wer wei welcher
konomischen Wissenschaft gegrndet zu sein, deren absolute Gesetze den
Fortschritt der Welt lehren!

Tolstoi verfhrt sehr streng mit der Wissenschaft. Er hat Worte voll
schrecklicher Ironie fr diesen modernen Aberglauben und diese
wertlosen Probleme: Entstehung der Arten, Spektralanalyse,
Beschaffenheit des Radiums, Zahlentheorie, vorsintflutliche Tiere und
anderen Firlefanz, dem man heutzutage dieselbe Wichtigkeit beimit,
die man im Mittelalter der unbefleckten Empfngnis oder der
Transsubstantiation im Abendmahl beima߫. Er macht sich lustig ber
diese Diener der Wissenschaft, die ebenso wie die Diener der Kirche
sich und den anderen einreden, da sie die Menschheit retten, die ebenso
wie die Kirche an ihre Unfehlbarkeit glauben, nie untereinander einig
sind, sich in Gemeinden spalten und ebenso wie die Kirche der Hauptgrund
sind fr die Roheit, fr die moralische Unwissenheit, die Hemmung, die
den Menschen davon zurckhlt, sich von dem Bsen, unter dem er leidet,
freizumachen; denn sie haben das einzige verworfen, was die Menschheit
einen knnte: das religise Gewissen.[211]

Aber seine Erregung steigert sich, und sein Unwille kommt zum Ausbruch,
als er diese gefhrliche Waffe des neuen Fanatismus in den Hnden derer
sieht, die angeblich die Menschheit bessern wollen. Jeder Revolutionr
macht ihn traurig, wenn er seine Zuflucht zur Gewalt nimmt. Aber der
intellektuelle Revolutionr und Theoretiker flt ihm Abscheu ein: solch
einer ist ein Mrder aus Pedanterie, eine hochmtige, stumpfe Seele, der
nicht die Menschen liebt, sondern nur seine eigenen Ideen[212].

brigens recht niedrige Ideen.

Der Sozialismus hat die Befriedigung der niedersten Bedrfnisse des
Menschen zum Ziel: sein materielles Wohlbefinden. Und selbst dieses Ziel
durch die Mittel, die er anpreist, zu erreichen, ist er nicht
imstande.[213]

Im Grunde ist er ohne Liebe. Er kennt nur Ha gegen die Bedrcker und
einen blassen Neid auf das bequeme und satte Leben der Reichen: gleich
kotbegierigem Fliegengeschmei[214]. Wenn der Sozialismus den Sieg
davontrgt, dann wird es schrecklich in der Welt aussehen. Die
europische Horde wird ber die schwachen und wilden Vlker mit
doppelter Macht herfallen und wird sie zu Sklaven machen, damit die
frheren Proletarier Europas nach Herzenslust in ihrem migen Wohlleben
zugrunde gehen knnen, wie einst die Rmer[215].

Zum Glck verpufft die beste Kraft des Sozialismus in Rauch, -- in
Reden, wie denen des Sozialisten Jaurs...

Welch wundervoller Redner! In seinen Reden ist alles und nichts... Mit
dem Sozialismus geht es so hnlich wie mit unserer russischen
Orthodoxie: man treibt sie in die Enge, man drngt sie in ihre letzten
Verschanzungen, man glaubt sie gefat zu haben, da dreht sie sich
schroff um und sagt: >Aber nicht doch! Ich bin nicht die, die du
glaubst, ich bin eine ganz andere.< Und sie entgleitet deiner Hand...
Geduld! Die Zeit wird es machen. Es wird mit den sozialistischen
Theorien sein wie mit den Damenmoden, die ungeheuer schnell ihren Weg
aus dem Salon in das Vorzimmer nehmen.[216]

Wenn Tolstoi einen solch heftigen Krieg gegen die Liberalen und die
Sozialisten fhrt, so geschieht es nicht etwa, um der Autokratie das
Schlachtfeld zu berlassen; er will im Gegenteil, da der Kampf zwischen
der alten und der neuen Welt vollstndig ausgetragen werde, nachdem man
erst die strenden und gefhrlichen Elemente aus der Kampfreihe entfernt
habe. Denn auch er glaubt an die Revolution. Doch sein Revolutionsglaube
ist ein anderer als der der Revolutionre: er erinnert mehr an den
Glauben eines mittelalterlichen Mystikers, der fr morgen, ja fr heute
vielleicht schon, das Reich des Heiligen Geistes erwartet: Ich glaube,
da genau zu dieser Stunde die groe Revolution beginnt, die sich seit
zweitausend Jahren in der Christenwelt vorbereitet, -- die Revolution,
die an Stelle des verflschten Christentums und der daraus hergeleiteten
Herrschaft das wahre Christentum setzen wird, die Grundlage fr die
Gleichheit unter den Menschen und die echte Freiheit, nach der alle
vernunftbegabten Menschen streben.[217]

Und welche Stunde whlt er, dieser prophetische Seher, um die neue ra
des Glckes und der Liebe zu verknden? Die dsterste Stunde Rulands,
die Stunde des Unheils und der Schande. Welch herrliche Macht des
schpferischen Glaubens! Alles um ihn ist Licht, -- bis zur Nacht.
Tolstoi erblickt im Untergang die Zeichen der Erneuerung: in den
unglcklichen Schlachten des Krieges in der Mandschurei, in dem
Zusammenbruch der russischen Heere, in der frchterlichen Anarchie und
dem blutigen Klassenkampf. Mit traumhafter Logik zieht er aus dem Sieg
Japans den erstaunlichen Schlu, da Ruland sich von jedwedem Krieg
fernhalten mu; denn die nichtchristlichen Vlker werden im Kriegsfalle
immer im Vorteil sein gegenber den christlichen Vlkern, die die
Phase des knechtischen Gehorsams berschritten haben. Bedeutet das
eine Absage an sein Volk? -- Nein, es ist hchster Stolz. Ruland soll
sich von jedem Krieg fernhalten, weil es die groe Revolution
durchfhren mu.

Die Revolution von 1905, die die Menschen von rohem Druck befreien
wird, mu ihren Anfang in Ruland nehmen.

Warum soll Ruland diese Rolle des auserwhlten Volkes spielen? Weil die
neue Revolution vor allem das groe Verbrechen gutmachen soll, die
Monopolisierung des Bodens zum Nutzen von ein paar tausend reichen
Leuten, die Sklaverei von Millionen Menschen, die grausamste aller
Sklavereien[218]. Und weil kein Volk sich dieses schreienden Unrechts so
bewut ist wie das russische[219].

Aber ganz besonders, weil das russische Volk unter allen Vlkern
dasjenige ist, welches am meisten vom wahren Christentum durchdrungen
ist, und weil die kommende Revolution das Gebot der Einigkeit und der
Liebe in Christi Namen verwirklichen soll. Und dieses Gebot der Liebe
kann sich nicht erfllen, wenn es sich nicht sttzt auf das Gebot:
Widerstrebet nicht dem Bsen[220]. Und dieses Nichtwiderstreben (achten
wir wohl darauf, wir, die wir zu Unrecht darin eine Utopie erblicken, an
die nur Tolstoi und noch ein paar Schwrmer glauben) ist und war immer
ein Grundzug des russischen Volkes.

Das russische Volk hat in bezug auf die Gewalt immer eine ganz andere
Stellung eingenommen als die anderen europischen Vlker. Nie hat es
einen Kampf gegen die Gewalt erffnet; es hat sogar nie an einem Kampf
gegen sie teilgenommen, und infolgedessen hat es nie durch ihn besudelt
werden knnen. Es hat die Gewalt als ein bel betrachtet, dem man
ausweichen mu. Die Mehrzahl der Russen hat immer lieber
Gewaltttigkeiten erduldet, als da sie ihnen Widerstand geleistet oder
an ihnen teilgenommen htte. Sie hat sich also immer unterworfen...

Es war eine freiwillige Unterwerfung, die mit knechtischem Gehorsam
nichts zu tun hat[221].

Der wahre Christ kann sich unterwerfen, es ist ihm sogar unmglich,
sich nicht kampflos jeder Gewalt zu unterwerfen, aber gehorchen kann er
ihr nicht, das heit, er kann nicht ihre Gesetzmigkeit
anerkennen.[222]

In dem Augenblick, als Tolstoi diese Zeilen schrieb, stand er unter dem
Eindruck eines der tragischsten Beispiele dieses heroischen Duldens
eines Volkes, -- der blutigen Manifestation vom 20. Januar 1905 in
Petersburg, wo eine waffenlose Menge, vom Popen Gapon angefhrt, sich
niederschieen lie, ohne einen Schrei des Hasses, ohne einen Finger zur
Verteidigung zu rhren.

Seit langem verweigerten in Ruland die Altglubigen, die man die
Sektierer nannte, trotz allen Verfolgungen dem Staate den Gehorsam und
lehnten es ab, die Gesetzmigkeit der Staatsgewalt anzuerkennen.[223]
Bei der Unsinnigkeit des russisch-japanischen Krieges konnte sich diese
Geistesrichtung mhelos unter der Landbevlkerung Bahn brechen. Die
Verweigerung des Militrdienstes nahm immer zu, und je grausamer man sie
unterdrckte, um so strker wuchs die Erbitterung. -- Im brigen hatten
Provinzen, ganze Stmme, ohne Tolstoi zu kennen, das Beispiel
unbedingter Gehorsamsverweigerung gegenber dem Staat gegeben: die
Duchoborzen des Kaukasus seit 1898 und die Georgier aus Gurien um 1905.
Tolstoi wirkte weit geringer auf diese Bewegungen als sie auf ihn; und
das Beste an seinen Schriften ist gerade, da er, entgegen den
Behauptungen der Schriftsteller von der Revolutionspartei, wie
Gorki[224], die Stimme des altrussischen Volkes war.

Sein Verhalten den Menschen gegenber, die die Grundstze, zu denen er
sich bekannte, mit Lebensgefahr in die Tat umsetzten[225], war sehr
bescheiden und sehr wrdig. Weder den Duchoborzen und den Guriern, noch
den widerspenstigen Soldaten gegenber spielt er sich als Lehrmeister
auf.

Wer keine Prfung erduldet, kann den nichts lehren, der Prfungen
erduldet.[226]

Er fleht alle die um Vergebung an, die seine Worte und seine Schriften
etwa in Leid gestrzt haben.[227] Niemals fordert er jemand auf, den
Militrdienst zu verweigern. Jeder soll sich selbst entscheiden. Wenn er
mit einem zu tun hat, der unschlssig ist, rt er ihm stets, in den
Heeresdienst einzutreten und den Gehorsam nicht zu verweigern, soweit es
ihm nicht moralisch unmglich ist. Denn wenn man unschlssig ist, dann
ist man noch nicht reif; und es ist besser, es gibt einen Soldaten mehr
als einen Heuchler oder einen Abtrnnigen, was bei denen der Fall ist,
die sich Taten zumuten, die ber ihre Krfte gehen.[228] Er mitraut
der Entschlieung des widerspenstigen Gontscharenko. Er frchtet, da
dieser junge Mensch nur von Eigenliebe und Ruhmsucht getrieben sei und
nicht von Gottesliebe.[229] Den Duchoborzen schreibt er, sie sollten
nicht aus Stolz und Selbstbewutsein in ihrer Gehorsamsverweigerung
verharren, sondern, wenn sie dessen fhig seien, ihre schwachen Frauen
und ihre Kinder von dem Leiden befreien. Niemand werde sie darum
verdammen. Sie drften sich nur dann widersetzen, wenn der Geist
Christi in ihnen verankert sei, weil sie dann glcklich sein wrden ber
ihre Leiden.[230] In jedem Falle bittet er die, die verfolgt werden,
um keinen Preis aufzuhren, ihre Verfolger wahrhaft zu lieben.[231]

Man mu, wie er in einem schnen Brief an einen Freund sagt, Herodes
lieben:

Sie sagen: >Man kann Herodes nicht lieben.< -- Ich wei es nicht,
aber ich fhle -- und auch Sie fhlen, da man ihn lieben mu. Ich
wei -- und auch Sie wissen es, da ich leide, wenn ich ihn nicht
liebe.[232]

Es ist eine gttliche Reinheit, eine nie verlschende Glut in dieser
Liebe, die sich schlielich nicht einmal genug sein lt an der
Forderung des Evangeliums: Liebe deinen Nchsten wie dich selbst,
weil sie darin noch einen Beigeschmack von Egoismus findet[233]!

Nach der Ansicht mancher ist es eine allzu umfassende Liebe und so sehr
von jedem menschlichen Egoismus befreit, da sie sich in der Leere
verliert! -- Und trotzdem -- wer hegt ein greres Mitrauen gegen die
abstrakte Liebe als Tolstoi?

Die grte Snde von heute ist die abstrakte Liebe der Menschen, die
unpersnliche Liebe zu denen, die irgendwo im Weiten sind... Es ist so
leicht, die Menschen zu lieben, die man nicht kennt, denen man nie
begegnet! Man hat nicht ntig, irgendein Opfer zu bringen. Und dabei ist
man so zufrieden mit sich! So prellt man das Gewissen. -- Nein, den
Nchsten soll man lieben, den, mit dem man zusammen lebt und der einem
lstig ist.[234]

Ich lese in den meisten Arbeiten ber Tolstoi, da seine Philosophie und
sein Glaube nicht originell seien. Es ist wahr: die Schnheit dieser
Gedanken ist zu ewig, als da sie jemals als Modeneuheit erscheinen
knnte... Andere heben ihren utopistischen Charakter hervor. Auch das
ist wahr: sie sind utopistisch wie das Evangelium. Ein Prophet ist ein
Utopist; er lebt schon hienieden das ewige Leben. Und da diese
Erscheinung uns vergnnt war, da wir in unserer Mitte den letzten der
Propheten sehen durften, da der grte unserer Dichter von diesem
Glorienschein umgeben ist, -- das ist, wie mir scheint, eine
originellere Tatsache und von grerer Bedeutung fr die Welt als eine
Religion mehr oder eine neue Philosophie. Blind sind die, die das Wunder
dieser groen Seele nicht sehen, dieser Verkrperung der Bruderliebe in
einem haerfllten Volk und Jahrhundert.




Tolstois Antlitz hatte die Zge bekommen, die als endgltige im
Gedchtnis der Menschen haften werden: die breite Stirn, von zwei Falten
durchfurcht, die buschigen weien Augenbrauen, den Patriarchenbart, der
eine Erinnerung an den Moses von Dijon weckt. Das alte Gesicht ist
milder, weicher geworden; in seiner innigen Gte trgt es die Spuren von
Krankheit und Kummer. Wie hat es sich verndert gegen die fast tierische
Brutalitt des Zwanzigjhrigen und die steifleinene Miene von
Sewastopol! Aber die lichten Augen haben noch immer ihre tiefe und
ruhige Klarheit, jene Geradheit des Blicks, der nichts verbirgt und dem
nichts verborgen bleibt.

Neun Jahre vor seinem Tod sagte Tolstoi in der Antwort an den Heiligen
Synod (17. April 1901):

Ich bin es meinem Glauben schuldig, in Frieden und Freude zu leben und
auch in Frieden und Freude dem Tode entgegenzugehen.

Wenn ich das hre, denke ich an das alte Wort, da man niemand vor
seinem Ende glcklich preisen soll. Sind ihm dieser Friede und diese
Freude, deren er sich damals rhmte, treu geblieben?

Die Hoffnungen, die man auf die groe Revolution von 1905 gesetzt
hatte, waren verflogen. Am dsteren Gewitterhimmel hatte sich das
ersehnte Licht nicht gezeigt. Den Zuckungen der Revolution folgte die
Erschpfung. An der alten Ungerechtigkeit hatte sich nichts gendert,
es sei denn, da das Elend noch grer geworden war. Schon im Jahre 1906
hat Tolstoi ein wenig sein Vertrauen in die Berufung des slawischen
Volkes von Ruland verloren; und sein unumstlicher Glaube sucht in der
Ferne andere Vlker, die er mit dieser Mission betrauen knnte. Er denkt
an das groe und weise Chinesenvolk. Er glaubt, da die Vlker
des Ostens berufen sind, jene Freiheit wiederzufinden, die die
Vlker des Westens fast unwiederbringlich verloren haben, und da
China an der Spitze der Asiaten die Wandlung der Menschheit im Sinne
des Tao, des ewigen Gesetzes, durchfhren wird[235].

Die Hoffnung wurde schnell getuscht: das China des Lao Tse und des
Konfuzius verleugnet seine einstige Weisheit -- wie es vor ihm schon
Japan getan hatte --, und ahmt die Europer nach[236]. Die schwer
verfolgten Duchoborzen sind nach Kanada ausgewandert und setzen dort
sogleich, zu Tolstois Entrstung, das Eigentum wieder in seine Rechte
ein[237]. Die Gurier, kaum vom Joch des Staates befreit, begeben sich
daran, die zu tten, die anders denken als sie selber, und die
herbeigerufenen russischen Truppen mssen wieder Ordnung schaffen.
Selbst die Juden, deren Vaterland bis jetzt das schnste war, das ein
Mensch sich wnschen kann, -- die Bibel[238], selbst diese verfallen
der Krankheit des Zionismus, dieser sich national gebrdenden
Bewegung, die Fleisch vom Fleische des zeitgenssischen Europertums
ist, sein rachitisches Kind[239].

[Illustration: Tolstoi mit seinem Freunde Tschertkow]

Tolstoi ist betrbt, aber nicht entmutigt. Er vertraut auf Gott, er
glaubt an die Zukunft:

Das wre herrlich, wenn man im Handumdrehen einen Wald wachsen lassen
knnte. Leider ist das unmglich; man mu warten, bis der Samen keimt,
da er Triebe, dann Bltter, dann den Stengel hervorbringt, der sich
schlielich zum Baume entwickelt.[240]

Aber erst viele Bume machen einen Wald; und Tolstoi steht allein.
Ruhmreich, aber allein. Man schreibt aus der ganzen Welt an ihn: aus den
mohammedanischen Lndern, aus China, aus Japan, wo man die
Auferstehung bersetzt, und wo sich seine Ideen ber die
Zurckerstattung des Bodens an das Volk ausbreiten. Die
amerikanische Presse interviewt ihn; Franzosen befragen ihn ber
Kunstangelegenheiten oder ber die Trennung von Staat und
Kirche[241]. Aber er hat noch keine dreihundert Schler, und er
leugnet es gar nicht. Im brigen hat er sich nie darum bemht,
Schler zu bekommen. Er verurteilt die Versuche seiner Freunde,
Tolstoianer zu werden:

Wir sollen nicht einer zum anderen streben, sondern alle zu Gott... Ihr
sagt: >Zusammen ist es leichter...< -- Was? -- Ackern, mhen, ja. Aber
Gott kann man sich nur allein nhern... Ich stelle mir die Welt als
einen Riesentempel vor, in dem das Licht von oben und gerade in die
Mitte fllt. Um sich zu vereinigen, mssen alle zum Lichte drngen. Dort
werden wir alle, die wir von verschiedenen Seiten kommen, uns mit
Menschen zusammenfinden, die wir nicht erwarteten: und darin liegt die
Freude.[242]

Wie viele mgen sich unter diesem Lichtstreif zusammengefunden haben? --
Gleichviel! Es gengt, da einer sich dort mit Gott zusammenfindet.

Ebenso wie nur ein Stoff, der selbst brennt, das Feuer anderen Stoffen
mitteilen kann, ebenso knnen nur der wahrhafte Glaube und das wahrhafte
Leben eines Menschen sich anderen Menschen mitteilen und die Wahrheit
verbreiten.[243]

Vielleicht; aber bis zu welchem Grad hat dieser einsame Glaube Tolstoi
das Glck sichern knnen? -- Wie weit entfernt ist er in seinen letzten
Lebenstagen von der heiteren Ruhe eines Goethe! Man mchte fast sagen,
er flieht sie, sie ist ihm unsympathisch.

Man mu Gott dafr danken, wenn man unzufrieden mit sich ist. Knnte
man es nur immer sein! Der Miklang, den das Leben, wie es ist, mit dem
Leben, wie es sein sollte, hervorbringt, ist gerade das Wahrzeichen des
Lebens, die Bewegung, die vom Kleinsten zum Grten, vom Schlimmsten zum
Besten hinauffhrt. Und dieser Miklang ist die Bedingung fr das Gute.
Es ist vom bel, wenn der Mensch ruhig und mit sich selbst zufrieden
ist.[244]

Und er ersinnt jenen Romanstoff, der in erstaunlicher Weise zeigt, da
die ewige Unruhe eines Lewin oder eines Peter Besukow in ihm nicht
erstorben war.

Ich stelle mir oft einen in den revolutionren Kreisen erzogenen
Menschen vor, der erst Revolutionr, dann Sozialist, Orthodoxer, Mnch
auf dem Berge Athos, nachher Atheist, guter Familienvater und
schlielich Duchoborze ist. Er fngt alles an und gibt alles immer
wieder auf. Die Menschen machen sich ber ihn lustig, er hat nichts
vollbracht und stirbt vergessen in einem Asyl. Noch im Sterben denkt er,
da er sein Leben verpfuscht hat. Und doch ist er ein Heiliger.[245]

Hegte er also immer noch Zweifel, er, der so voll seines Glaubens war?
-- Wer wei es? Bei einem Mann, der bis ins hchste Alter krftig an
Krper und Geist geblieben war, konnte das Leben nicht pltzlich bei
irgendeinem Gedankengang haltmachen. Es mute weiter voran.

Bewegung ist Leben.[246]

Gar viel mute sich im Laufe der letzten Jahre in ihm gendert haben.
War er nicht auch in der Beurteilung der Revolutionre milder geworden?
Wer kann sagen, ob nicht sogar sein Glaube an das Nichtwiderstreben
gegen das Bse ein wenig erschttert worden war? Schon in der
Auferstehung ndern Nekludows Beziehungen zu den wegen politischer
Verbrechen Verurteilten seine Ansichten ber die russische
Revolutionspartei vollstndig.

Bis dahin hegte er Abscheu gegen ihre Grausamkeit, ihre verbrecherische
Verstellungskunst, ihre Mordanschlge, ihre Anmaung, ihre
Selbstzufriedenheit, ihre unertrgliche Eitelkeit. Aber nun, da er sie
aus der Nhe sieht, da er sieht, wie sie von den Machthabern behandelt
werden, begreift er, da sie nicht anders sein knnen.

Und er bewundert ihre hohe Auffassung von der Pflicht, die das ganze
Opfer fordert.

Aber seit 1900 hatte sich die revolutionre Woge ausgebreitet;
ausgegangen von den Intellektuellen, hatte sie nun auch das Volk
ergriffen und brachte Tausende von Unglcklichen in blinden Aufruhr. Die
Vorhut ihres druenden Heeres zog in Jasnaja Poljana unter Tolstois
Fenstern vorbei. Drei Geschichten, die der Mercure de France[247]
verffentlichte und die zu den letzten Seiten zhlen, die Tolstoi
schrieb, lassen den Schmerz und Kummer ahnen, den dieses Schauspiel ihm
bereitete. Wo war die Zeit hin, da fromme Pilger einfltigen Geistes die
Gegend von Tula durchzogen? Jetzt war es eine berschwemmung von
umhergetriebenen Hungerleidern. Jeden Tag kommen welche. Tolstoi spricht
mit ihnen und ist betroffen von dem Ha, der sie bewegt; sie sehen
nicht, wie einst, in den Reichen Leute, die, um ihr Seelenheil zu
retten, Almosen austeilen, sondern Ruber, Schurken, die dem arbeitenden
Volk das Blut aussaugen. Viele von ihnen sind heruntergekommene
gebildete Leute am Rande der Verzweiflung, die den Menschen zu allem
fhig macht.

Nicht in den Wsten und den Wldern, sondern in den Winkeln der
Stdte und auf den breiten Heerstraen werden die Barbaren
grogezogen, die aus der modernen Zivilisation das machen werden,
was die Hunnen und Vandalen aus der alten gemacht haben.

So sprach Henry George. Und Tolstoi fgt hinzu:

Die Vandalen sind schon bereit in Ruland, und sie werden besonders
schrecklich sein fr unser tiefreligises Volk, weil wir nicht die
Hemmungen kennen, die bei den europischen Vlkern so stark ausgebildet
sind: die Konvention und die ffentliche Meinung.

Tolstoi bekam von diesen Revolutionren hufig Briefe, in denen sie
gegen seine Lehren vom Nichtwiderstreben Einspruch erhoben und sagten,
da man auf all das Bse, das die Regierenden und die Reichen dem Volk
antten, nur antworten knne: Rache! Rache! Rache! -- Verdammt
Tolstoi sie noch? Man wei es nicht. Aber als er einige Tage spter
sieht, wie in seinem Dorf den jammernden Armen ihr Samowar und ihre
Schafe vor den Augen der gleichgltigen Behrden abgenommen werden,
kann auch er nicht anders, und er ruft Rache den Henkern, diesen
Ministern und ihren Helfershelfern, die mit Branntwein handeln, die
Menschen das Morden lehren, zu Verbannung, Gefngnis, Zuchthaus oder
zum Strick verurteilen, -- diesen Leuten, die vollstndig berzeugt
sind, da der Erls aus den Samowaren, den Schafen, den Klbern und
der Leinwand, die man den Beklagenswerten wegnimmt, am besten
verwandt wird zum Brennen von Branntwein, der das Volk vergiftet,
zur Fabrikation von Mordwaffen, zum Bau von Gefngnissen,
Zuchthusern und besonders zu Gehaltszahlungen an ihre Gehilfen und
an sie selbst.

Es ist traurig, wenn man sein ganzes Leben der Erwartung und
Verkndigung des Reiches der Liebe gewidmet hat, seine Augen inmitten
solch bedrohlicher Erscheinungen schlieen zu mssen und davon
verdstert zu werden. -- Es ist um so trauriger, wenn man das
unbestechliche Gewissen eines Tolstoi hat, sich sagen zu mssen, da man
sein Leben nicht vollstndig mit seinen Grundstzen in Einklang gebracht
hat.

       *       *       *       *       *

Hier berhren wir die empfindlichste Stelle seiner letzten Jahre -- soll
man sagen, seiner letzten dreiig Jahre? --, und wir drfen nur mit
ehrfrchtiger und scheuer Hand darber hinstreichen; denn dieser
Schmerz, den Tolstoi geheimzuhalten trachtete, betrifft nicht nur ihn,
der bereits tot ist, sondern auch andere, die noch leben, die er liebte,
und die ihn lieben.

Es war ihm nicht gelungen, seinen Glauben denen mitzuteilen, die ihm die
Teuersten waren: seiner Frau und seinen Kindern. Man hat gesehen, wie
seine treue Gefhrtin, die mutig sein Leben und seine knstlerischen
Arbeiten mit ihm teilte, darunter litt, da er seinen Glauben an die
Kunst abgeschworen hatte, um eines anderen moralischen Glaubens willen,
den sie nicht begriff. Tolstoi litt nicht weniger darunter, sich von
seiner besten Freundin unverstanden zu fhlen.

Ich fhle mit meinem ganzen Sein, schrieb er an Teneromo, die
Wahrheit der Worte, da Mann und Frau nicht zwei getrennte Wesen,
sondern nur eines sind. Mein glhendster Wunsch ist, auf meine Frau nur
etwas von jenem religisen Bewutsein bertragen zu knnen, das mich
befhigt, mich zu Zeiten ber das Weh des Lebens hinauszuheben. Ich
hoffe, da es auf sie bertragen wird, wenn auch zweifellos nicht durch
mich, so durch Gott, obgleich jenes Bewutsein fr Frauen kaum zu
erlangen sein drfte.[248]

Es scheint nicht, als ob dieser Wunsch Erhrung gefunden htte. Die
Grfin Tolstoi bewunderte und liebte die Herzensreinheit, das stille
Heldentum, die Gte dieser groen Seele, die mit ihr nur ein Wesen
bildete; sie sah, da er vor der Menge einherzog und den Weg wies,
den die Menschen gehen sollten[249]. Als der Heilige Synod ihn
exkommunizierte, bernahm sie tapfer seine Verteidigung und beanspruchte
ihr Teil an der Gefahr, die ihn bedrohte. Aber sie konnte nicht so tun,
als ob sie etwas glaube, was sie tatschlich nicht glaubte; und Tolstoi
war zu ehrlich, als da er sie zum Heucheln gezwungen htte, er, dem das
Heucheln von Glaube und Liebe noch verhater war, als die Ablehnung von
Glaube und Liebe[250]. Wie htte er also sie, die nicht glaubte, zwingen
knnen, ihre Lebensweise zu ndern und ihr und ihrer Kinder Vermgen zum
Opfer zu bringen?

Die Unstimmigkeit mit seinen Kindern war noch grer. Leroy-Beaulieu,
der Tolstoi in Jasnaja Poljana im Familienkreis sah, sagt, da bei
Tische, wenn Tolstoi sprach, seine Shne nur schlecht verbargen, wie
sehr des Vaters Worte sie langweilten, und da sie Zweifel in ihre
Wahrheit setzten[251]. Sein Glaube hatte nur auf zwei oder drei seiner
Tchter, von denen die eine, Marie, gestorben war, einen flchtigen
Eindruck gemacht. Er stand allein unter den Seinen. Auer seiner
jngsten Tochter und seinem Arzt verstand ihn kaum jemand[252].

Er litt unter dieser inneren Entfremdung, er litt unter den
gesellschaftlichen Beziehungen, die man ihm aufzwang, unter diesen
langweiligen Gsten, die aus der ganzen Welt zu ihm kamen, unter den
Besuchen von Amerikanern und Snobs, die ihm lstig waren; er litt unter
dem Luxus, in dem zu leben ihn seine Familie zwang. Es war ein recht
bescheidener Luxus, wenn man denen glauben darf, die ihn in seinem
einfachen Haus mit der fast puritanischen Einrichtung gesehen haben, in
seinem kleinen Zimmer mit einem eisernen Bett, armseligen Sthlen und
nackten Wnden! Aber dieser Komfort bedrckte ihn: es war ihm ein
immerwhrender Vorwurf. In dem zweiten der Berichte, die er im Mercure
de France verffentlichte, stellt er voll Bitterkeit den Anblick des
Elends in seiner Umgebung dem des Luxus in seinem eigenen Hause
gegenber.

So nutzbringend meine Ttigkeit manchen Menschen auch erscheinen
mag, schrieb er schon 1903, so verliert sie doch den grten Teil
ihrer Bedeutung, weil mein Leben nicht vollstndig mit meinen Lehren
in bereinstimmung gebracht ist[253].

Warum hat er dann diese bereinstimmung nicht herbeigefhrt? Wenn er die
Seinen nicht zwingen konnte, sich von der groen Welt loszusagen, warum
hat er sich nicht von ihnen und ihrer Lebensweise losgesagt, -- um so
dem Spott und dem Vorwurf der Heuchelei zu entgehen, die ihm seine
Feinde entgegenschleuderten, die sich nur allzu gern auf sein eigenes
Beispiel beriefen, wenn sie seine Lehre verwarfen?

Er hatte daran gedacht. Seit langem war sein Entschlu gefat. Unter
seinen hinterlassenen Papieren hat sich ein wundervoller Brief
gefunden[254], den er am 8. Juni 1897 an seine Frau geschrieben hat. Man
mu ihn fast vollstndig wiedergeben; denn nichts offenbart besser das
Geheimnis dieser liebevollen, schmerzerfllten Seele:

Seit langem, liebe Sofie, leide ich unter dem Miverhltnis zwischen
meinem Leben und meinem Glauben. Ich kann Euch nicht zwingen, Eure
Lebensweise und Eure Gewohnheiten zu ndern. Genau so wenig gelang es
mir bis heute, Euch zu verlassen; denn ich wagte nicht, die Kinder bei
ihrer groen Jugend des kleinen Einflusses zu berauben, den ich auf sie
haben knnte, und Euch allen groen Kummer zu bereiten. Aber ich kann
nicht so weiterleben, wie ich whrend der letzten sechzehn Jahre gelebt
habe[255], bald im Widerstreit mit Euch und Euch dauernd aufreizend,
bald den Einflssen, an die ich gewhnt bin, und den Versuchungen, die
mich umlauern, erliegend. Ich habe beschlossen, jetzt das zu tun, was
ich seit langem tun wollte: wegzugehen... Wie die Inder sich allein in
den Wald zurckziehen, wenn sie die Sechzig erreicht haben, wie jeder
betagte fromme Mann die letzten Jahre seines Lebens Gott zu widmen und
sie nicht an Scherz, Geschwtz und Spiel zu vergeuden wnscht, so
ersehne ich, der ich das siebzigste Lebensjahr erreicht habe, mit aller
Kraft meiner Seele Ruhe und Einsamkeit und wenn auch keine vollstndige
bereinstimmung, so doch zum wenigsten nicht diesen schreienden Miklang
zwischen meinem Leben und meinem Gewissen. Wenn ich ganz offen
weggegangen wre, htte es Bitten und Auseinandersetzungen gegeben, ich
wre weich geworden und htte vielleicht meinen Entschlu nicht zur
Ausfhrung gebracht, whrend er doch ausgefhrt werden mu. Ich bitte
Euch deshalb, mir zu verzeihen, wenn mein Tun Euch Kummer bereitet. Und
besonders Du, Sofie, la mich gehen, suche mich nicht, sei mir nicht
gram und tadle mich nicht. Die Tatsache, da ich Dich verlassen habe,
bedeutet nicht, da ich einen Vorwurf gegen Dich erhebe ... Ich wei,
da Du nicht anders konntest. Du konntest nicht sehen und nicht denken
wie ich; deshalb vermochtest Du auch nicht, Dein Leben zu ndern und es
einer Sache aufzuopfern, die Du nicht anerkennst. Darum tadle ich Dich
auch nicht; ich gedenke vielmehr in Liebe und Dankbarkeit der
fnfunddreiig langen Jahre unseres gemeinsamen Lebens und besonders der
ersten Hlfte dieser Zeit, da Du mit dem Mut und der Hingebung Deiner
mtterlichen Natur tapfer ertrugst, was Du als Deine Mission ansahst.
Du hast mir und der Welt gegeben, was Du geben konntest. Du hast viel
mtterliche Liebe gegeben und groe Opfer gebracht... Aber in den
letzten fnfzehn Jahren unseres Lebens haben sich unsere Wege getrennt.
Ich kann mir nicht denken, da ich schuld daran bin; ich wei, wenn ich
mich gendert habe, so war es nicht um Deinetwillen und nicht um der
Welt willen, sondern weil ich nicht anders konnte. Ich kann Dich nicht
anklagen, da Du mir nicht gefolgt bist, und ich danke Dir und werde
mich stets mit Liebe dessen erinnern, was Du mir gegeben hast. -- Lebe
wohl, meine liebe Sofie. Ich habe Dich lieb.

Die Tatsache, da ich Dich verlassen habe... Er verlie sie nicht.
-- Armer Brief! Es scheint, da es Tolstoi gengte, ihn zu schreiben,
um seinen Entschlu schon als ausgefhrt zu betrachten... Nachdem er
ihn geschrieben hatte, war schon seine ganze Entschlukraft erschpft.
-- Wenn ich ganz offen weggegangen wre, htte es Bitten und
Auseinandersetzungen gegeben, ich wre weich geworden... Es brauchte
keine Bitten, keine Auseinandersetzungen, es gengte ihm, einen
Augenblick spter diejenigen zu sehen, die er verlassen wollte, und er
fhlte, da er sie mit dem besten Willen nicht verlassen konnte; den
Brief, den er in seiner Tasche hatte, vergrub er unter seine Papiere
mit der Aufschrift:

Meiner Frau, Sofie Andrejewna, nach meinem Tode zu bergeben.

Und damit war sein Fluchtplan erledigt. War das seine Strke? War er
nicht imstande, seine Liebe seinem Gott zum Opfer zu bringen? Sicherlich
fehlt es in den christlichen Chroniken nicht an Heiligen mit strkerem
Herzen, die niemals zgerten, ihre und der anderen Liebe unerschrocken
mit Fen zu treten... Nun, er war jedenfalls nicht von dieser Art. Er
war schwach. Er war Mensch. Und eben darum lieben wir ihn.

Schon mehr als fnfzehn Jahre vorher legte er sich die schmerzvoll
verzweifelte Frage vor:

Sag an, Leo Tolstoi, lebst du nach den Grundstzen, die du predigst?

Und demtig antwortete er:

Ich sterbe vor Scham, ich bin schuldig, ich verdiene Verachtung... Und
trotzdem, vergleicht mein ehemaliges Leben mit meinem jetzigen! Dann
werdet ihr sehen, da ich nach dem gttlichen Gesetz zu leben trachte.
Ich habe nicht den tausendsten Teil von dem getan, was not tut, und ich
schme mich dessen, aber ich habe es nicht unterlassen, weil ich es
nicht gewollt, sondern weil ich es nicht gekonnt habe... Klagt mich an,
aber klagt den Weg nicht an, dem ich folge. Wenn ich die Strae kenne,
die mich nach Hause fhrt, und wenn ich ihr taumelnd wie ein Trunkener
folge, ist damit gesagt, da die Strae schlecht ist? Oder zeigt mir
eine andere, oder sttzt mich auf der richtigen Strae, so wie ich
willens bin, euch zu sttzen. Aber stot mich nicht von euch, ergtzt
euch nicht an meiner Verzweiflung, ruft nicht voller Begeisterung aus:
>Seht! Er sagt, da er nach Hause geht, und er fllt in den Morast!<
Nein, ergtzt euch nicht, sondern helft mir, sttzt mich! ... Helft mir!
Mein Herz blutet aus Verzweiflung darber, da wir uns alle verirrt
haben; und wenn ich mich aus allen Krften bemhe, um mich
herauszufinden, deutet ihr, statt Mitleid mit mir zu haben, mit dem
Finger auf mich und ruft: >Seht, er fllt mit uns in den
Morast!<.[256]

Dann, als er dem Tode nher war, wiederholte er:

Ich bin kein Heiliger, ich habe mich nie fr einen ausgegeben. Ich bin
ein Mensch, der sich mitreien lt und der manchmal nicht alles sagt,
was er denkt und fhlt; nicht, weil er es nicht will, sondern weil er es
nicht kann, weil ihm oft bertreibungen und Irrtmer unterlaufen. Mit
meinem Tun ist es noch schlimmer. Ich bin ein durchaus schwacher Mensch
mit lasterhaften Gewohnheiten, der Gott in Wahrheit dienen will, der
aber immer wieder strauchelt. Wenn man mich fr einen Menschen hlt, der
sich nicht irren kann, dann mu jedes meiner Vergehen als Lge oder
Heuchelei erscheinen. Aber wenn man mich fr einen schwachen Menschen
hlt, dann erscheine ich als das, was ich in Wirklichkeit bin: ein
bemitleidenswertes aber ehrliches Wesen, das immer und von ganzem Herzen
gewnscht hat und weiter wnscht, ein guter Mensch, ein guter Diener
Gottes zu werden.

So blieb er, von Gewissensbissen verfolgt, geqult durch die stummen
Vorwrfe von Anhngern, die energischer und weniger menschlich waren als
er[257], gepeinigt durch seine Schwche und seine Unschlssigkeit, hin-
und hergezerrt zwischen der Liebe zu den Seinen und der Liebe zu Gott,
-- bis zu dem Tage, wo ihn die Verzweiflung und vielleicht auch der
heie Fieberhauch, der beim Nahen des Todes sprbar wird, aus dem Hause
auf die Landstrae trieben. Er floh und irrte umher, klopfte an
Klostertren, zog seines Weges weiter und blieb schlielich in einem
unbekannten kleinen Ort liegen, um nicht mehr aufzustehen[258]. Und auf
seinem Totenbette weinte er nicht ber sich, sondern ber die
Unglcklichen. Und unter Schluchzen sagte er:

Es gibt auf Erden Millionen Menschen, die leiden; warum befat ihr alle
euch gerade mit mir allein?

Und dann kam er -- es war Sonntag, den 20. November 1910, kurz nach 6
Uhr morgens --, der Erlser, wie er ihn nannte, der Tod, der
gesegnete Tod...




Der Kampf war zu Ende, der zweiundachtzigjhrige Kampf, dessen
Schauplatz dieses Leben gewesen war. Ein Leben, gemischt aus Tragik und
Ruhm, an dem alle Daseinskrfte, alle Laster und alle Tugenden, Anteil
hatten. -- Alle Laster, ausgenommen ein einziges, die Lge; denn sie
verfolgte er unaufhaltsam und sprte sie in ihren verborgensten
Schlupfwinkeln auf.

Zuerst der Freiheitsrausch, die aufeinanderprallenden Leidenschaften in
der strmischen Nacht, die nur hier und da blendende Blitze erhellen,
Liebe und Verzckung, Offenbarungen des Ewigen. Jahre im Kaukasus, vor
Sewastopol, Jahre ghrender und unruhiger Jugend... Dann die wohlttige
Besnftigung der ersten Ehejahre. Das Glcklichsein in der Liebe, der
Kunst und der Natur, -- Krieg und Frieden. Hhepunkt des Genies, das
den ganzen menschlichen Gesichtskreis und das Schauspiel dieser Kmpfe,
die seelisch schon der Vergangenheit angehrten, meistert. Er ist ihr
Herr; und schon gengen sie ihm nicht mehr. Wie Frst Andrej hebt er
seine Augen zu dem grenzenlosen Himmel, der ber Austerlitz leuchtet.
Dieser Himmel zieht ihn an:

Es gibt Menschen mit mchtigen Schwingen, die die Begierde zwingt,
inmitten der Menge zu landen, wo ihre Schwingen zerbrechen: solch einer
bin ich. Dann schlgt man mit seinem gebrochenen Flgel, schwingt sich
mit Macht wieder auf und fllt von neuem herab. Aber die Flgel
heilen wieder. Ich werde sehr hoch fliegen. Gott stehe mir bei![259]

Diese Worte sind im schrecklichsten Aufruhr geschrieben, dessen
Niederschlag und Echo die Beichte ist. Tolstoi wurde mehr als einmal
mit zerbrochenen Schwingen zu Boden geschleudert. Und immer wieder lt
er nicht nach und steigt wieder auf. Nun schwebt er dahin in dem
unermelichen, unergrndlichen Himmel mit seinen beiden groen
Schwingen, dem Glauben und der Vernunft. Aber die ersehnte Ruhe findet
er darin nicht. Der Himmel ist nicht auerhalb unser, der Himmel ist in
uns. Tolstoi lt auch hier seinen strmischen Leidenschaften freien
Lauf. Hierin unterscheidet er sich von den entsagenden Aposteln; er ging
mit derselben Inbrunst ans Entsagen, mit der er ans Leben heranging. Und
immer ist es das Leben, das er mit dem Ungestm eines Liebhabers
umfngt. Er ist lebenstoll. Er ist lebenstrunken. Er kann
nicht leben ohne diesen Rausch[260]. Berauscht von Glck und
Unglck zu gleicher Zeit. Berauscht vom Tod und von der
Unsterblichkeit[261]. Sein Verzicht auf das irdische Dasein ist nur
ein wild leidenschaftlicher Schrei nach dem ewigen Leben. Nein, der
Friede, den er erlangt, der Seelenfriede, den er herbeiwnscht, ist
nicht der Friede des Todes. Es ist der Friede jener brennenden
Welten, die in den unendlichen Rumen kreisen. Sein Zorn ist ruhig,
und seine Ruhe ist Leidenschaft[262]. Der Glaube hat ihm neue
Waffen geliefert, um unvershnlich den Kampf wieder aufzunehmen, den
er seit seinen ersten Werken ohne Unterla gegen die Lgen der
zeitgenssischen Gesellschaft fhrte. Er begngt sich nicht mehr mit
ein paar typischen Romanfiguren, er zieht zu Felde gegen alle die
groen Gtzen: die Heucheleien der Religion, des Staates, der
Wissenschaft, der Kunst, des Liberalismus, des Sozialismus, der
Volksbildung, der Wohlttigkeit, des Pazifismus...[263] Er geielt
sie, er verfolgt sie aufs eifrigste.

[Illustration: Tolstois Grab auf Jasnaja Poljana]

Die Welt sieht von Zeit zu Zeit die Erscheinung solch erregter Geister,
die, wie Johannes der Tufer, einen Bannfluch gegen die Sittenverderbnis
schleudern. Die letzte dieser Erscheinungen ist Rousseau gewesen. Durch
seine Liebe zur Natur[264], seinen Ha auf die moderne Gesellschaft,
seine uerste Bedrfnislosigkeit, seine inbrnstige Verehrung des
Evangeliums und der christlichen Moral ist Rousseau ein Vorbote
Tolstois, der sich auch auf ihn berief: Manche seiner Worte gehen mir
zu Herzen, sagte er, ich knnte glauben, sie selbst geschrieben zu
haben[265].

Aber was fr ein Unterschied zwischen diesen beiden Seelen, und um
wieviel ist die Tolstois von reinerem Christentum! Welcher Mangel an
Demut, welche pharisische Anmaung verrt der vermessene Ausruf in den
Bekenntnissen des Genfers:

Du Ewiger! Einer soll dir zu sagen wagen: Ich war besser als dieser
Mann!

Oder in jenem Fehdebrief an die Welt:

Ich erklre es laut und furchtlos: wer immer mich fr einen
unredlichen Menschen hlt, verdient selbst erdrosselt zu werden.

Tolstoi weinte blutige Trnen ber die Verbrechen seines
vergangenen Lebens:

Ich leide Hllenqualen. Ich erinnere mich aller meiner begangenen
Niedertrchtigkeiten, und diese Erinnerungen verlassen mich nicht, sie
vergiften mein Leben. Gewhnlich bedauert man, da man sich nicht ber
den Tod hinaus an Vergangenes erinnert. Welch ein Glck, da es so ist!
Wie schrecklich wre es, wenn ich mich in dem anderen Leben all des
Bsen erinnern mte, das ich hienieden beging!...[266]

Er hat nicht, wie Rousseau, seine Bekenntnisse geschrieben, weil er,
wie dieser sagte, im Bewutsein, da das Gute das Schlechte
berwiege, guten Grund hatte, alles zu sagen. Tolstoi verzichtet
nach einem vergeblichen Versuch darauf, seine Erinnerungen zu
schreiben. Die Feder entsinkt seiner Hand. Er will nicht Gegenstand
des rgernisses sein fr die, die es lesen werden:

Die Leute wrden sagen: >Das ist also der Mann, den viele so hoch
stellen! Und was fr ein Feigling war er! Demnach befiehlt Gott selbst
uns einfachen Sterblichen, feige zu sein<.[267]

Niemals hat Rousseau aus dem christlichen Glauben heraus diese schne
schamhafte Demut gekannt, die dem alten Tolstoi eine solch unsagbare
Gte verleiht. Hinter Rousseau, als Umrahmung seines Denkmals auf der
Schwaneninsel, sieht man Genf, das Rom Calvins. In Tolstoi findet man
die Pilger, die Einfltigen wieder, deren naive Bekenntnisse und
Trnen seine Kinderjahre bewegt hatten.

Aber weit mehr noch als der Kampf gegen die Welt, der ihm mit Rousseau
gemeinsam ist, erfllte ein anderer Kampf die letzten dreiig Jahre von
Tolstois Leben. Ein herrlicher Kampf zwischen den beiden hehrsten
Mchten in seiner Seele: der Wahrheit und der Liebe.

Die Wahrheit, -- dieser Blick, der bis ins Herz geht, -- das
durchdringende Licht dieser grauen Augen, die einen durchbohren... sie
war sein ltester Glaube, die Beherrscherin seiner Kunst.

Die Heldin meiner Schriften, sie, die ich mit der ganzen Kraft meiner
Seele liebe, sie, die immer schn war, ist und sein wird, sie ist die
Wahrheit.[268]

Die Wahrheit war das einzige Strandgut, das er nach dem Tode seines
Bruders aus dem Schiffbruch rettete[269], der Angelpunkt seines Lebens,
der Fels im Meere.

Aber bald hatte ihm die schreckliche Wahrheit[270] nicht mehr
gengt. Die Liebe hatte sie verdrngt. Sie war der lebendige Quell
seiner Kinderjahre, der natrliche Zustand seiner Seele[271]. Als
im Jahre 1880 der moralische Umschwung kam, sagte er sich nicht von
der Wahrheit los, sondern er suchte sie mit der Liebe zu
verschmelzen[272].

Die Liebe ist die Grundlage der Willenskraft[273]. Die Liebe ist
der Zweck des Lebens, der einzige neben der Schnheit[274]. Die
Liebe ist das Wesen des vom Leben gereiften Tolstoi, des Verfassers
von Krieg und Frieden und des Briefes an den Heiligen Synod[275].

Diese Durchdringung der Wahrheit mit der Liebe macht den einzigartigen
Wert der Hauptwerke aus, die er in seines Lebens Mitte -- nel mezzo del
cammin -- schrieb, und unterscheidet seinen Realismus von dem Realismus
eines Flaubert. Dieser setzt seinen Ehrgeiz darein, seine Gestalten
nicht zu lieben. So gro er auf diese Weise auch sein mag, ihm fehlt das
Fiat lux! Das Licht der Sonne gengt nicht, das Licht des Herzens
tut not. Tolstois Realismus verkrpert sich in jeder seiner
Gestalten, und indem er sie mit ihren Augen sieht, findet er in der
geringsten von ihnen Grnde, sie zu lieben und uns die Bande
empfinden zu lassen, die uns mit allen brderlich vereinen[276].
Durch die Liebe dringt er bis zu den Wurzeln des Lebens.

Aber es ist schwierig, diese Verbindung aufrechtzuerhalten. Es gibt
Stunden, in denen das Spiel des Lebens und seine Leiden so bitter sind,
da sie der Liebe gleichsam den Kampf ansagen, und da man, um sie zu
retten, um seinen Glauben zu retten, sie so hoch ber alles Menschliche
erheben mu, da sie Gefahr luft, jede Verbindung mit der Welt zu
verlieren. Und was soll der tun, dem vom Schicksal die wunderbare und
unselige Gabe zuteil wurde, die Wahrheit zu sehen, sie sehen zu mssen?
Wer kann sagen, wie sehr Tolstoi in seinen letzten Lebensjahren gelitten
hat unter dem unaufhrlichen Widerstreit zwischen seinen unerbittlichen
Augen, die den Schrecken der Wirklichkeit sahen, und seinem empfindsamen
Herzen, das unentwegt die Liebe bejahte und ihrer harrte!

Wir alle haben diese tragischen Konflikte kennengelernt. Wie oft waren
wir vor die Entscheidung gestellt, nicht zu sehen oder zu hassen!
Und wie oft mag einen Knstler, -- einen Knstler, wrdig dieser
Bezeichnung, einen Schriftsteller, der die herrliche und furchtbare
Macht des geschriebenen Wortes kennt, -- wie oft mag ihn Bangigkeit
beschlichen haben im Augenblick, da er diese oder jene Wahrheit
niederschrieb[277]! Diese gesunde und mnnliche Wahrheit, die inmitten
der modernen Lgen, der Lgen der Zivilisation, so notwendig ist, diese
Wahrheit, die zum Leben so unentbehrlich zu sein scheint, wie die Luft,
die man einatmet... Und dann merkt man, da so viele Lungen diese Luft
nicht vertragen knnen, so viele durch die Zivilisation geschwchte oder
einfach durch die Gte ihres Herzens schwach gewordene Menschen. Soll
man keine Rcksicht darauf nehmen und ihnen diese tdliche Wahrheit
unbedenklich ins Gesicht schleudern? Gibt es nicht eine hhere Wahrheit,
die, wie Tolstoi sagt, zur Liebe bereit ist? -- Aber kann man wohl
darein willigen, die Menschen mit trstlichen Lgen einzulullen, wie
Peer Gynt seine sterbende alte Mutter mit seinen Mrchen
einschlfert?... Die Gesellschaft steht immer vor dem Dilemma: Wahrheit
oder Liebe. Gewhnlich entscheidet sie sich dahin, Wahrheit und Liebe
zugleich zu opfern.

Nie hat Tolstoi einen seiner beiden Glauben verraten. In den Werken aus
seiner Reifezeit weist die Liebe der Wahrheit den Weg. In den Werken der
letzten Jahre senkt sich ein Licht von oben, ein Strahl der Gnade auf
das Leben, ohne sich aber damit zu vermischen. Man hat es in der
Auferstehung gesehen, wo der Glaube die Wirklichkeit beherrscht, sie
aber nicht durchdringt. Dieselben Menschen, die Tolstoi jedesmal, wenn
er sie einzeln sieht, als sehr schwach und mittelmig schildert,
erhalten fr ihn, wenn er an sie als ein Ganzes denkt, einen Zug von
gttlicher Heiligkeit[278]. -- In seinem tglichen Leben trat derselbe
Widerspruch zutage wie in seiner Kunst, nur noch schroffer. Wenn er auch
noch so gut wute, was die Liebe von ihm forderte, so handelte er doch
anders; er lebte nicht, wie es Gott gefiel, er lebte, wie es der Welt
gefiel. Wo sollte er die Liebe fassen? Wie sollte er zwischen ihren
verschiedenen Gesichtern und ihren widerspruchsvollen Forderungen
unterscheiden? Galt es die Liebe zu seiner Familie, oder die Liebe zu
allen Menschen?... Bis zum letzten Tag schlug er sich mit diesen
Zweifeln herum.

Wo ist die Lsung? -- Er hat sie nicht gefunden. berlassen wir das
Recht, deshalb mit Verachtung ber ihn zu urteilen, den hochfahrenden
Intellektuellen. Sie haben gewi die Lsung gefunden, sie haben die
Wahrheit, und sie sttzen sich mit Sicherheit auf sie. Fr sie war
Tolstoi ein empfindsamer Schwchling, der ihnen nicht als Vorbild dienen
kann. Zweifellos ist er kein Vorbild, dem sie nacheifern knnen; dazu
sind sie nicht lebendig genug. Tolstoi gehrt nicht zu jenen eitlen
Auserwhlten, er gehrt keiner Kirche an, -- weder der der
Schriftgelehrten, wie er sie nannte, noch der der Phariser vom einen
oder vom anderen Glauben. Er ist der vollkommenste Typus des freien
Christen, der sein Leben lang einem Ideal zustrebt, ohne ihm je nher zu
kommen[279].

Tolstoi redet nicht zu der geistigen Auslese, er redet zu den
gewhnlichen Menschen -- hominibus bonae voluntatis. -- Er ist unser
Gewissen. Er spricht aus, was wir Durchschnittsmenschen alle denken, und
was wir nur nicht in uns zu lesen wagen. Und er ist uns kein hochmtiger
Lehrmeister, keiner jener hoheitsvollen Geisteshelden, die in ihrer
Kunst und ihrer Weisheit ber der Menschheit thronen. Er ist -- wie er
sich selbst gern in seinen Briefen mit diesem schnsten und innigsten
Namen bezeichnete -- unser Bruder.

                                $Ende$




Anmerkungen


[1] (S. 6): Abgesehen von einigen Unterbrechungen, -- vornehmlich
einer ziemlich langen zwischen 1865 und 1878.

[2] (S. 6): Es ist die wichtigste Sammlung von Dokumenten ber das
Leben und das Werk Tolstois. Ich habe sehr ausgiebig daraus geschpft.

[3] (S. 7): Er nahm auch an den Napoleonischen Feldzgen teil und war
in Frankreich whrend der Jahre 1814-1815 in Gefangenschaft.

[4] (S. 8): Kindheit, Kapitel II.

[5] (S. 8): Kindheit, Kapitel XXVII.

[6] (S. 8): Jasnaja Poljana, dessen Name etwa mit Helle
Lichtung wiedergegeben werden kann, ist ein kleines Dorf im
Sden von Moskau, einige Meilen von Tula entfernt, in einer der
urrussischsten Provinzen. Die beiden grten Gebiete Rulands,
sagt A. Leroy-Beaulieu, das Waldgebiet und das Getreidegebiet
berhren sich hier und gehen ineinander ber. In diesen Gegenden
trifft man weder Finnen noch Tartaren, weder Polen noch Juden oder
Kleinrussen. Das Gebiet von Tula liegt im tiefsten Herzen Rulands.
(A. Leroy-Beaulieu: Leo Tolstoi; Revue des deux Mondes, 15. Dezember
1910.)

[7] (S. 9): Tolstoi hat ihn in Anna Karenina geschildert mit den
Zgen von Lewins Bruder.

[8] (S. 9): Er schrieb Das Tagebuch eines Jgers.

[9] (S. 9): In Wirklichkeit war sie eine entfernte Verwandte. Sie
hatte Tolstois Vater geliebt und war von ihm wiedergeliebt worden;
aber wie Sonja in Krieg und Frieden hatte sie sich nicht zu
behaupten gewut.

[10] (S. 10): Kindheit, Kapitel XII.

[11] (S. 11): Hat Tolstoi doch in autobiographischen Aufzeichnungen
aus dem Jahre 1878 behauptet, da er sich der Empfindungen erinnere,
die er als Kind beim Wickeln und Baden gehabt habe. (Siehe Erste
Erinnerungen.)

[12] (S. 11): Erste Erinnerungen.

[13] (S. 13): Von 1842-1847.

[14] (S. 13): Nikolaus, der um 5 Jahre lter als Leo war, hatte sein
Studium schon im Jahre 1844 vollendet.

[15] (S. 13): Er liebte die metaphysischen Unterhaltungen um so
mehr, wie er sagt, als sie viel abstrakter waren und bis zu einem
solchen Grad von Unklarheit fhrten, da man, im Glauben, man sage,
was man denke, alles andere sagen konnte. (Knabenjahre, Kapitel
XXVII.)

[16] (S. 13): Knabenjahre, Kapitel XIX.

[17] (S. 13): Hauptschlich in seinen ersten Werken, in den Berichten
aus Sewastopol.

[18] (S. 14): Das war zu der Zeit, als er mit Vergngen Voltaire las.
(Beichte, Kapitel I.)

[19] (S. 14): Beichte, Kapitel I.

[20] (S. 14): Jugend, Kapitel III.

[21] (S. 14): In den Monaten Mrz und April 1847.

[22] (S. 14): Alles was der Mensch tut, tut er aus Eigenliebe, sagt
Nekludow in Knabenjahre. -- Im Jahre 1853 bemerkt Tolstoi in seinem
Tagebuch: Mein groer Fehler: der Hochmut. Eine grenzenlose, durch
nichts gerechtfertigte Eigenliebe... Ich bin so ehrgeizig, da ich,
wenn ich zwischen dem Ruhm und der Tugend (die ich liebe) zu whlen
htte, wohl glaube, ich wrde ersteren whlen.

[23] (S. 15): Ich wollte, alle sollten mich kennen und mich lieben.
Ich wollte, da schon allein beim Hren meines Namens alle von
Bewunderung fr mich erfllt und mir zu Dank verpflichtet wren.

[24] (S. 15): Nach einem Bildnis aus dem Jahre 1844, als er 20 Jahre
alt war.

[25] (S. 15): Ich bildete mir ein, da es fr einen Menschen, der
eine so breite Nase, so aufgeworfene Lippen und so kleine Augen wie
ich hatte, kein Glck auf Erden gbe. (Kindheit, Kapitel XVII.)
An anderer Stelle spricht er mit Verzweiflung von diesem Gesicht
ohne Ausdruck, diesen schlaffen, weichen, unentschiedenen Zgen ohne
Adel, die an die einfachen Muschiks erinnern, von diesen zu groen
Hnden und Fen. (Jugend, Kapitel I.)

[26] (S. 15): Ich teilte die Menschheit in drei Klassen ein: die
erstklassigen Menschen, die allein achtungswrdigen; die
zweitklassigen Menschen, wrdig der Verachtung und des Hasses; und die
Plebs, die fr mich berhaupt nicht existierte. (Jugend, Kapitel
XXXI.)

[27] (S. 15): Hauptschlich whrend eines Aufenthaltes in St.
Petersburg in den Jahren 1847-1848.

[28] (S. 15): Knabenjahre, Kapitel XXVII.

[29] (S. 16): Unterhaltungen mit Paul Boyer (Le Temps), 28. August
1901.

[30] (S. 17): Nekludow kommt auch vor in Knabenjahre und Jugend
(1854), in Begegnung im Felde (1856), in Aufzeichnungen eines
Marqueurs (1856), in Luzern (1857) und in Auferstehung
(1899). Es ist zu bemerken, da dieser Name fr ganz verschiedene
Personen Verwendung findet. Tolstoi hat gar nicht versucht, ihm
immer dieselbe uere Erscheinung zu geben, und am Schlu der
Aufzeichnungen eines Marqueurs ttet sich Nekludow sogar. Es sind
lediglich verschiedene Inkarnationen Tolstois in seinen besten und
schlimmsten Eigenschaften.

[31] (S. 18): Der Morgen des Gutsherrn.

[32] (S. 18): Sie fllt zeitlich mit den Berichten aus der Kindheit
zusammen.

[33] (S. 19): 11. Juni 1851 im befestigten Lager von Stari-Jurt im
Kaukasus.

[34] (S. 20): Tagebuch.

[35] (S. 20): Tagebuch, 2. Juli 1851.

[36] (S. 20): Brief an seine Tante Tatjana, Januar 1852.

[37] (S. 21): Ein Bildnis von 1851 zeigt schon die Vernderung, die
sich in seiner Seele vollzieht. Das Haupt ist erhoben, die
Gesichtszge haben sich etwas aufgehellt, die Augenhhlen sind weniger
dunkel, die Augen bewahren noch ihre strenge Starrheit, und der
halbgeffnete Mund, den ein keimender Schnurrbart umschattet, wirkt
vergrmt; das Gesicht zeigt noch immer etwas Hochmtiges und
Mitrauisches, aber doch weit mehr Jugendlichkeit.

[38] (S. 22): Die Briefe, die er damals an seine Tante Tatjana
schrieb, sind angefllt mit Herzensergssen und Trnen. Er ist, wie er
sagt, Liova-riova, Leo der Greiner (6. Januar 1852).

[39] (S. 22): Der Morgen des Gutsherrn ist das Bruchstck eines
geplanten Werkes Roman eines russischen Gutsbesitzers.
Die Kosaken sind der 1. Teil eines groen Kaukasusromans. Das
gewaltige Werk war nach der Absicht des Verfassers nur eine Art
Einleitung zu einem zeitgenssischen Epos, dessen Mittelstck die
Dekabristen sein sollten.

[40] (S. 23): Der Pilger Krischa oder der Tod der Mutter.

[41] (S. 24): In einem Brief an Birukow.

[42] (S. 24): Der Morgen des Gutsherrn wurde erst 1850-1856 beendet.

[43] (S. 25): Die beiden Alten (1885).

[44] (S. 26): Der berfall.

[45] (S. 27): Obwohl sie erst viel spter, im Jahre 1860 in Hyres
beendet wurden (erschienen sind sie erst 1863), so stammt doch der
grere Teil des Werks aus dieser Zeit.

[46] (S. 27): Die Kosaken.

[47] (S. 29): Vielleicht, sagt der in die junge Kosakin verliebte
Olenin, liebe ich in ihr die Natur... Indem ich sie liebe, fhle ich,
wie ganz ich an der Natur teilnehme. -- Oft vergleicht er die Frau,
die er liebt, mit der Natur. Sie ist wie die Natur gleichmig, still
und schweigsam. An anderer Stelle bringt er den Anblick der fernen
Berge und dieser majesttischen Frau in Verbindung miteinander.

[48] (S. 30): Ebenso in dem Briefe Olenins an seine russischen
Freunde.

[49] (S. 31): Tagebuch.

[50] (S. 32): Man findet diese Schreibweise auch im Holzschlag, der
zum selben Zeitpunkt beendigt wurde. Zum Beispiel: Es gibt drei Arten
von Liebe: 1. die sthetische Liebe; 2. die ergebene Liebe; 3. die
werkttige Liebe, usw. (Jugendjahre.) -- Oder auch: es gibt
drei Arten von Soldaten: 1. die gehorsamen; 2. die befehlshaberischen;
3. die bramarbasierenden, -- die ihrerseits alle wieder in
Unterabteilungen zerfallen. (Holzschlag)

[51] (S. 33): Jugend, Kapitel XXXII.

[52] (S. 34): Tolstoi hatte die Geschichte an die Zeitschrift
Sovremennik geschickt, und sie wurde darin sofort verffentlicht.

[53] (S. 35): Tolstoi ist viel spter, in seinen Unterhaltungen mit
seinem Freunde Teneromo, darauf zurckgekommen. Er hat ihm namentlich
von einem Angstzustand erzhlt, der ihn eines Nachts erfate, als er
vollstndig eingegraben in einer abgedunkelten Verschanzung lag. Man
findet diese Episode aus dem Krieg von Sewastopol in dem Sammelband
Die Revolutionre.

[54] (S. 35): Drujinin warnt ihn spter freundschaftlich vor dieser
Gefahr: Sie neigen zu einer ganz auerordentlichen Feinheit des
Analysierens; sie kann sich in einen groen Fehler verwandeln.
Mitunter knnten Sie sagen: bei dem und dem verriet die Wade den
Wunsch, nach Indien zu reisen... Sie mssen diese Neigung zgeln, aber
um nichts in der Welt sie ersticken. (Brief aus dem Jahre 1856.)

[55] (S. 37): die die Zensur verstmmelt hat.

[56] (S. 37): 2. September 1855.

[57] (S. 38): Seine Eigenliebe beherrschte ihn vollstndig; es gab
fr ihn keine andere Wahl, als der erste zu sein oder sich selbst aus
dem Leben zu lschen... Er wollte gern der erste unter den Mnnern
sein, mit denen er sich zu vergleichen pflegte.

[58] (S. 39): 1889 kam Tolstoi beim Schreiben einer Vorrede zu
den Erinnerungen an Sewastopol von einem Artillerieoffizier,
A. J. Erchow, auf diese Szenen zurck. Alles Heldenhafte war daraus
geschwunden. Er erinnerte sich nur noch an die Angst, die sieben
Monate gewhrt hatte, -- die doppelte Angst: die vor dem Tod und die
vor der Schande, eine entsetzliche moralische und seelische Qual.
Alle Heldentaten bedeuteten bei der Belagerung fr ihn nur noch das
eine: Kanonenfutter gewesen zu sein.

[59] (S. 40): Suars, Tolstoi, herausgegeben von der Union pour
l'Action morale, 1899, (aufs neue verffentlicht in den Cahiers de
la Quinzaine, unter dem Titel: Tolstoi vivant).

[60] (S. 41): Turgenjew klagt in einer Unterhaltung ber Tolstois
trichten Adelsstolz, ber seine junkerhafte Prahlerei.

[61] (S. 41): Ein Charakterzug, ob er nun gut oder schlecht zu nennen
sei, war mir immer eigen: ich wehrte mich stets instinktiv gegen alle
epidemisch auftretenden ueren Einflsse... Ich hatte eine Abneigung
gegen die allgemeine Strmung. (Brief an P. Birukow.)

[62] (S. 41): Turgenjew.

[63] (S. 42): Grigorowitsch.

[64] (S. 42): Eugen Garchin, Erinnerungen an Turgenjew 1883.

[65] (S. 42): Der heftigste, der zum endgltigen Bruch zwischen
ihnen fhrte, fand im Jahre 1861 statt. Turgenjew gab seinen
philanthropischen Empfindungen Ausdruck und sprach von den wohlttigen
Veranstaltungen, mit denen seine Tochter sich beschftigte. Nichts
erregte Tolstoi mehr als die Wohlttigkeit der groen Gesellschaft.
Ich finde, sagte er, da ein gutgekleidetes junges Mdchen, das
schmutziges und belriechendes Bettelvolk auf seinen Knien hlt, eine
Theaterszene spielt, die der Aufrichtigkeit entbehrt. -- Die
Auseinandersetzung wurde immer heftiger, Turgenjew geriet auer sich
und bedrohte Tolstoi mit Ohrfeigen. Tolstoi bestand auf sofortiger
Genugtuung und forderte Turgenjew zum Zweikampf. Turgenjew, der seine
Erregung gleich bedauert hatte, schickte einen Entschuldigungsbrief.
Aber Tolstoi verzieh ihm nicht. Fast zwanzig Jahre spter bat er --
wie man in der Folge sehen wird -- ihn um Entschuldigung, im Jahre
1878, als er sein ganzes frheres Leben abschwor und seinen Stolz vor
Gott grndlich demtigte.

[66] (S. 42): Beichte.

[67] (S. 42): Es gab, sagte er, keinen Unterschied zwischen uns
und einem Tollhaus. Selbst in jener Zeit hatte ich diese unbestimmte
Empfindung; aber wie alle Verrckten behandelte ich alle als Narren,
auer mich selbst. (Beichte).

[68] (S. 43): Beichte.

[69] (S. 43): Tagebuch des Frsten D. Nekludow, Luzern.

[70] (S. 44): Tagebuch des Frsten D. Nekludow.

[71] (S. 44): Er lernte auf dieser Reise verschiedene Persnlichkeiten
kennen: in Dresden Auerbach, der als erster ihn zur Volksbelehrung
angeregt hatte, in Kissingen Frbel, in London Herzen, in Brssel
Proudhon, der einen groen Eindruck auf ihn gemacht zu haben scheint.

[72] (S. 45): Hauptschlich in den Jahren 1861/62.

[73] (S. 45): Erziehung und Kultur.

[74] (S. 46): Tolstoi hat sich in der Zeitschrift Jasnaja Poljana im
Jahre 1862 mit diesen Theorien auseinandergesetzt.

[75] (S. 48): Rede ber die berlegenheit des knstlerischen Elements
in der Literatur ber alle ihre Zeitstrmungen.

[76] (S. 48): Er stellte ihm seine eigenen Beispiele entgegen, den
alten Postillion aus Drei Tode.

[77] (S. 48): Im Jahre 1856 war schon ein anderer Bruder Tolstois,
Dmitri, an der Schwindsucht gestorben. Tolstoi selbst glaubte sich zu
verschiedenen Malen von der Schwindsucht befallen, in den Jahren
1856, 1862 und 1871. Er war, wie er am 28. Oktober 1852 schreibt, von
krftiger Krperbeschaffenheit, aber von schwacher Gesundheit.
Dauernd litt er an Erkltungen, Halsweh, Augen- und Zahnschmerzen und
Rheumatismus. Im Kaukasus, im Jahre 1852, mute er wenigstens zwei
Tage in der Woche das Zimmer hten. Im Jahre 1854 hlt ihn die
Krankheit mehrere Monate auf dem Weg von Silistrien nach Sewastopol
zurck. 1856 liegt er ernsthaft brustkrank in Jasnaja darnieder. Aus
Angst vor der Schwindsucht macht er im Jahre 1862 eine Kefirkur in
Samara, bei den Baschkiren, und vom Jahre 1870 an geht er fast jedes
Jahr zu diesem Zweck wieder dorthin. In seinen Briefen an Fet spricht
er dauernd von solchen Dingen. Dieser Gesundheitszustand macht es
einigermaen begreiflich, da Tolstoi sich andauernd mit dem Gedanken
an den Tod beschftigte. Spterhin sprach er von der Krankheit als von
seiner besten Freundin: Wenn man krank ist, scheint es, als ob man
ganz sanft eine leicht abschssige Flche hinunterglitte, die an einem
bestimmten Punkt von einem Vorhang, einem leichten Vorhang aus
leichtem Stoff abgeschlossen ist. Diesseits davon ist das Leben,
jenseits davon ist der Tod. Um wieviel ist in bezug auf sittlichen
Wert der Zustand der Krankheit dem Zustand der Gesundheit berlegen!
Sprecht mir nicht von jenen Leuten, die niemals krank gewesen sind!
Sie sind entsetzlich, besonders die Frauen. Eine kerngesunde Frau ist
eine wahre Bestie! (Unterhaltungen mit Paul Boyer, Le Temps,
27. August 1901.)

[78] (S. 48): 17. Oktober 1860, in einem Brief an Fet.

[79] (S. 48): 1861 in Brssel geschrieben.

[80] (S. 49): Eine andere Novelle aus jener Zeit, ein einfacher
Reisebericht, der persnliche Erinnerungen weckt, Der Schneesturm,
ist von groer, eindrucksvollster dichterischer, sozusagen
musikalischer Schnheit. Tolstoi hat einen Teil des ueren Rahmens
spter noch einmal fr Der Herr und sein Knecht (1895) verwendet.

[81] (S. 50): Als Kind hatte er in einer Eifersuchtsanwandlung seine
damals neunjhrige kleine Spielkameradin -- die sptere Frau Bers --
vom Balkon heruntergeworfen, so da sie lange Zeit hinkte.

[82] (S. 50): Siehe Eheglck, die Erklrung Sergius': Denken Sie
sich einen Herrn A., einen alten Mann, der das Leben kennt, und eine
Frau B., jung und glcklich, die weder die Menschen noch das Leben
kennt. Infolge verschiedener Familienumstnde liebte er sie wie eine
Tochter, und dachte nicht daran, da er sie anders lieben knnte...,
usw.

[83] (S. 51): Vielleicht verwandte er in seinem Werk auch die
Erinnerungen an einen Liebesroman, der sich im Jahre 1856 in Moskau
mit einem jungen Mdchen angesponnen hatte, das sehr verschieden von
ihm war, sehr leichtfertig und oberflchlich, und das er schlielich
im Stich lie, obwohl sie beide aufrichtig ineinander verliebt waren.

[84] (S. 52): Von 1857 bis 1861.

[85] (S. 52): Tagebuch, Oktober 1857.

[86] (S. 53): Brief an Fet, 1863.

[87] (S. 53): Beichte.

[88] (S. 53): Das Familienglck erfllt mich vollstndig.
(5. Januar 1863.) -- Ich bin so glcklich! so glcklich! Ich liebe
sie so sehr! (8. Februar 1863.)

[89] (S. 54): Sie hatte einige Novellen geschrieben.

[90] (S. 54): Krieg und Frieden soll sie siebenmal abgeschrieben
haben.

[91] (S. 54): Gleich nach seiner Heirat gab Tolstoi alle pdagogischen
Arbeiten in den Schulen und an der Zeitschrift auf.

[92] (S. 54): Ebenso wie ihre kluge und knstlerisch veranlagte
Schwester Tatjana, deren Geist und musikalische Begabung Tolstoi sehr
liebte. -- Tolstoi sagte: Ich habe Tanja (Tatjana) genommen, habe sie
mit Sonja (Sofie Bers, sptere Grfin Tolstoi) vermischt, und es ist
Natascha herausgekommen.

[93] (S. 54): Die Unterbringung Dollys in dem zerfallenen Landhaus;
Dolly und die Kinder; -- viele Einzelheiten in bezug auf
Frauenkleidung; ganz zu schweigen von gewissen Geheimnissen der
Frauenseele, in die vielleicht selbst das Verstndnis eines genialen
Mannes nicht so tief htte eindringen knnen, wenn eine Frau sie ihm
nicht verraten htte.

[94] (S. 55): Ein charakteristisches Zeichen dafr, da das
schpferische Genie Tolstois Geist mit Beschlag belegt hat: sein
Tagebuch bricht am 1. November 1865 auf dreizehn Jahre ab, zu dem
Zeitpunkt, da er mitten in der Arbeit an Krieg und Frieden ist. Der
Ehrgeiz des Dichters lie den Monolog seines Gewissens verstummen.
Diese Schaffensperiode ist zugleich eine Zeit des krperlichen
Sichauslebens. Tolstoi ist versessen auf die Jagd. Auf der Jagd
vergesse ich alles... (Brief aus dem Jahre 1864.) -- Auf einem zu
Pferde unternommenen Jagdausflug brach er sich den Arm (September
1864), und whrend seiner Genesung diktierte er die ersten Teile von
Krieg und Frieden. -- Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, sagte
ich mir: >Ich bin ein Knstler<. Ich bin es auch, aber ein einsamer
Knstler. (Brief an Fet, 23. Januar 1865.) Alle Briefe aus jener
Zeit, die er an Fet schrieb, atmen Schpferfreude. Alles, was ich bis
zu jenem Tage verffentlicht habe, kommt mir wie ein Versuch vor.

[95] (S. 55): Unter den Werken, die einen Einflu auf ihn ausbten,
gibt Tolstoi schon zwischen seinem 20. und 30. Lebensjahr folgende an:

Goethe: Hermann und Dorothea... sehr groer Einflu.

Homer: Ilias und Odyssee (in russisch)... sehr groer Einflu.

Im Juni 1863 schreibt er in sein Tagebuch: Ich lese Goethe, und
mancherlei Gedanken formen sich in mir.

Im Frhjahr 1865 liest er aufs neue Goethe, und er nennt Faust die
Dichtung des Gedankens, die Dichtung, die ausdrckt, was keine andere
Kunst zum Ausdruck bringen kann. Spter opferte er Goethe wie auch
Shakespeare seinem Gotte auf. Aber seiner Bewunderung fr Homer blieb
er treu. Im August 1857 las er mit gleicher Ergriffenheit die Ilias
und das Evangelium. Und in einem seiner letzten Bcher, der Schrift
gegen Shakespeare (1903), stellt er Homer als Beispiel der
Aufrichtigkeit, des Ebenmaes und der wahren Kunst Shakespeare
gegenber.

[96] (S. 56): Tolstoi begann das Werk im Jahre 1863 mit den
Dekabristen, wovon er drei Bruchstcke schrieb. Aber er kam zu der
berzeugung, da das Fundament seines Gebudes nicht fest genug
begrndet war, und indem er weiter zurckschrfte, gelangte er zur
Epoche der Napoleonischen Kriege und schrieb Krieg und Frieden. Die
Verffentlichung nahm ihren Anfang im Januar 1865 im Russki
Viestnik; der sechste Band wurde im Herbst 1869 beendet. Dann ging
Tolstoi weiter in der Geschichte und entwarf den Plan zu einem
epischen Roman ber Peter den Groen und dann zu einem anderen,
Mirowitsch, ber die Herrschaft der Kaiserinnen des 18.
Jahrhunderts und ihrer Gnstlinge. Er arbeitete von 1870-1873
daran, vergrub sich in Dokumente und entwarf mehrere Szenen; aber
bei der ihm eigenen Genauigkeit des Realisten hatte er das Gefhl,
da es ihm niemals gelingen wrde, den Geist jener vergangenen
Zeiten gengend wahrhaft getreu wiederaufleben zu lassen, und er
verzichtete daher auf die Ausfhrung seines Planes. -- Spter, im
Januar 1876, bewegte ihn der Gedanke an einen neuen Roman aus der
Zeit Nikolaus I.; dann machte er sich wieder mit Leidenschaft im
Jahre 1877 an die Dekabristen, sammelte Zeugnisse von den wenigen
berlebenden aus jener Zeit und suchte die in Betracht kommenden
Orte auf. 1878 schrieb er an seine Tante, die Grfin A. A. Tolstoi:
Dieses Werk ist fr mich so wichtig! Sie knnen sich nicht denken,
wie wichtig es fr mich ist; so wichtig, wie es fr Sie Ihr Glaube
ist. Ich mchte sagen: noch wichtiger. -- Aber er entfernte sich
davon in dem Mae, als er sich in den Gegenstand vertiefte: sein
Denken gehrte ihm nicht mehr. Bereits am 17. April 1879 schrieb er
an Fet: Die Dekabristen? Gott wei, wo sie sind!... Ich wiege mich
in der Hoffnung, da, wenn ich daran dachte, wenn ich schrieb, der
Hauch meines Geistes allein schon denen unertrglich sein wrde, die
zum Wohl der Menschheit auf die Menschen schieen. -- Zu diesem
Zeitpunkt seines Lebens hatte die religise Krisis eingesetzt: er
ging daran, alle seine alten Gtzen zu verbrennen.

[97] (S. 61): Peter Besukow, der Natascha geheiratet hat, wird ein
Dekabrist sein. Er hat eine geheime Gesellschaft gegrndet, um ber
das allgemeine Wohl zu wachen, eine Art Tugendbund. Natascha schliet
sich schwrmerisch seinen Plnen an. Denissow will nichts von einer
friedlichen Revolution wissen, sondern ist zu einem bewaffneten
Aufstand bereit. Nikolaus Rostow hat sich seinen blinden
Soldatengehorsam bewahrt. Er, der nach Austerlitz sagte: Wir haben
nur etwas zu tun: unsere Pflicht zu erfllen, uns zu schlagen und
niemals zu denken, er ereifert sich gegen Peter und sagt: Mein Eid
vor allem! Wenn man mir befhle, mit meiner Schwadron gegen dich zu
marschieren, wrde ich marschieren und losschlagen. Seine Frau,
Prinzessin Marie, billigt es. Der Sohn des Frsten Andrej, der kleine
Nikolaus Wolkonski, zart bis zur Krankhaftigkeit, aber reizend, mit
groen Augen und goldenen Haaren, hrt mit seinen fnfzehn Jahren
fieberhaft dem Streit zu; seine ganze Liebe gehrt Peter und
Natascha; Nikolaus und Marie liebt er kaum; er hegt fr seinen Vater,
den er nie gesehen hat, eine wahre Verehrung; er trumt davon, ihm zu
gleichen, gro zu sein und etwas Groes zu vollbringen, was? -- das
wei er nicht... Was Sie auch sagen, ich werde es tun... Ja ich werde
es tun. Er selbst wrde es gebilligt haben. -- Und das Werk endet mit
dem Traum eines Kindes, das sich als einen plutarchischen Helden
fhlt, zusammen mit seinem Onkel Peter, vom Ruhm umwittert und von
einem Heer begleitet. -- Wenn die Dekabristen damals geschrieben
worden wren, dann htte der kleine Wolkonski zweifellos darin die
Rolle eines Helden gespielt.

[98] (S. 62): Ich habe gesagt, da die beiden Familien Rostow und
Wolkonski in Krieg und Frieden in vielen Zgen an Tolstois Familie
vterlicherseits und mtterlicherseits erinnern. Auch in den Berichten
aus dem Kaukasus und aus Sewastopol finden sich mehrere Figuren von
Soldaten und Offizieren aus Krieg und Frieden.

[99] (S. 64): Brief vom 2. Februar 1868, den Birukow anfhrt.

[100] (S. 64): Vornehmlich, so sagte er, den Frsten Andrej im ersten
Teil.

[101] (S. 64): Es ist bedauerlich, da die Schnheit der dichterischen
Schpfung manchmal durch philosophisches Gerede, mit dem Tolstoi sein
Werk berldt, beeintrchtigt wird, vor allem in den letzten Teilen.
Er sucht seine Theorie vom Fatum der Geschichte zu entwickeln, und das
Unglck ist, da er endlos darauf zurckkommt und sich unentwegt
wiederholt. Flaubert, der beim Lesen der beiden ersten Bnde, welche
er gttlich und voll von Stellen im Shakespeareschen Geiste
nannte, Bewunderungsrufe ausstie߫, warf den dritten Band gelangweilt
in die Ecke: Er fllt schrecklich ab. Er wiederholt sich, und er
philosophiert. Man sieht den Herrn Grafen, den Verfasser und den
Russen, whrend man bisher nur die Natur und die Menschheit gesehen
hatte. (Brief an Turgenjew, Januar 1880.)

[102] (S. 66): Brief an seine Frau (aus den Archiven der Grfin
Tolstoi), von Birukow angefhrt.

[103] (S. 66): Whrend er im Sommer 1869 Krieg und Frieden beendet,
entdeckt er Schopenhauer und begeistert sich daran: Ich bin
berzeugt, da Schopenhauer der genialste der Menschen ist. Das ganze
Weltall strahlt mit einer auergewhnlichen Klarheit und Schnheit aus
ihm. (Brief an Fet, 30. August 1869.)

[104] (S. 67): Homer und seine bersetzer, sagt er an anderer
Stelle, unterscheiden sich voneinander wie gekochtes und
destilliertes Wasser von Quellwasser, das Felsen sprengt und selbst
durch Sand seinen Lauf nimmt, dadurch aber nur immer reiner und
frischer wird. (Brief an Fet, Dezember 1879.)

[105] (S. 67): Unverffentlichte Korrespondenz.

[106] (S. 67): Aus den Archiven der Grfin Tolstoi.

[107] (S. 67): Der Roman wurde 1877 beendet. Er erschien -- bis auf
das Nachwort -- im Russki Viestniki.

[108] (S. 67): Durch den Tod von dreien seiner Kinder (18. November
1873, Februar 1875, Ende November 1875), der Tante Tatjana, seiner
Adoptivmutter, (20. Juni 1874) und der Tante Pelagie (22. Dezember
1875).

[109] (S. 68): Brief an Fet, 1. Mrz 1876.

[110] (S. 68): Die Frau bildet den Stein des Anstoes in der Laufbahn
eines Mannes. Es ist schwer, eine Frau zu lieben und etwas Gescheites
zu tun; und das einzige Mittel, um nicht durch die Liebe zur
Unttigkeit verurteilt zu sein, ist sich zu verheiraten.

[111] (S. 70): Motto des Buches.

[112] (S. 71): Vergleiche auch im Nachwort den dem Krieg und dem
Nationalismus, dem Panslawismus, ausgesprochen feindlichen Geist.

[113] (S. 73): Das Bse ist, was fr die Welt vernnftig ist. Das
Opfer, die Liebe, gilt als Unvernunft.

[114] (S. 75): Jetzt treibe ich mich aufs neue an die langweilige und
platte >Anna Karenina< mit dem einzigen Wunsch, sie so rasch wie
mglich loszuwerden... (Briefe an Fet, 26. August 1875.) -- Ich mu
den Roman, der mich langweilt, zu Ende bringen. (Briefe an Fet,
1. Mrz 1876.)

[115] (S. 75): Beichte (1879).

[116] (S. 75): Ich fasse hier mehrere Seiten aus der Beichte
zusammen und behalte Tolstois Ausdrcke bei.

[117] (S. 76): Vgl. Anna Karenina: Und Lewin, geliebt, glcklich,
Familienvater, schaffte alle Waffen auer Greifweite, als frchtete
er, er knnte der Versuchung erliegen, seiner Qual ein Ende zu
machen. -- Dieser Geisteszustand war Tolstoi und seinen Helden nicht
allein eigentmlich. Es fiel Tolstoi auf, wie sehr die Zahl der
Selbstmorde in den besseren Kreisen Europas und besonders in Ruland
im Wachsen begriffen war. Er nimmt hufig in seinen Werken aus jener
Zeit darauf Bezug. Man knnte behaupten, da eine groe Woge von
Neurasthenie ber das Europa von 1880 hingegangen sei, die Tausende
von Menschen verschlungen habe. Die damals jung waren, bewahren sich
die Erinnerung daran, und fr sie hat Tolstois Stellungnahme zu jener
menschlichen Krisis historischen Wert. Er hat die heimliche Tragdie
einer Generation geschrieben.

[118] (S. 77): Beichte.

[119] (S. 77): Tolstois Bildnisse aus jener Zeit verraten diesen
volkstmlichen Charakter. Ein Bild von Kramskoi (1873) -- s. Titelbild
dieses Buches -- stellt ihn in der Muschikbluse dar, mit vorgeneigtem
Kopf und dem Aussehen eines deutschen Christus. Das Haar beginnt sich
an den Schlfen zu lichten, ein Bart umrahmt die hohlen Wangen. -- Auf
einem anderen Bild aus dem Jahre 1881 hat er das Aussehen eines
Werkfhrers im Sonntagsstaat: die Haare kurz geschnitten, mit vollem
Backenbart; der untere Teil des Gesichts erscheint viel breiter als
der obere; gerunzelte Augenbrauen, ein mrrischer Augenausdruck, eine
breite Hundenase und ungeheure Ohren.

[120] (S. 79): Beichte.

[121] (S. 79): Es war aber nicht das erstemal. Der junge Freiwillige
im Kaukasus, der Offizier von Sewastopol, Olenin in den Kosaken,
Frst Andrej und Peter Besukow in Krieg und Frieden hatten hnliche
Erscheinungen gehabt. Aber Tolstoi war so von Leidenschaft erfat, da
er jedesmal, wenn er Gott entdeckte, glaubte, es sei das erstemal und
es habe vorher nur Nacht und Nichts um ihn geherrscht. Er sah in
seiner Vergangenheit nur Dunkel und Schande. Wir, die wir aus seinem
Tagebuche die Geschichte seines Herzens besser kennen als er selbst,
wissen, wie tief religis dieses Herz immer, selbst in seinen
Verirrungen, gewesen ist. Er gibt es brigens an einer Stelle der
Vorrede zur Kritik der dogmatischen Theologie zu, wo er sagt:
Gott! Gott! ich habe geirrt, ich habe die Wahrheit gesucht, auch wo
es nicht ntig war. Ich wute, da ich irrte. Ich schmeichelte
meinen bsen Leidenschaften, die ich als bse erkannt hatte, -- aber
ich verga dich nie. Ich habe dich immer gefhlt, selbst wenn ich
mich verirrte. -- Die Krisis von 1878/79 war nur heftiger als die
frheren, vielleicht unter dem Einflu der wiederholten Trauerflle
und des herannahenden Alters. Und das einzig Neue an ihr lag darin,
da, whrend frher die Erscheinung Gottes sich verflchtigte, ohne
Spuren zu hinterlassen, sobald die Flamme der Verzckung erloschen
war, sich nun Tolstoi, belehrt durch die frhere Erfahrung, beeilte,
den Weg zu gehen, solange das Licht leuchtete, und ein ganzes
Lebenssystem aus seinem Glauben abzuleiten. Auch das hatte er
vielleicht schon einmal versucht (man erinnere sich an seine
Lebensregeln, die er als Student aufgestellt hatte), aber mit
seinen fnfzig Jahren lief er weniger Gefahr, sich durch die
Leidenschaften von dem eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen.

[122] (S. 79): Der Untertitel der Beichte lautet Einfhrung
in die Kritik der dogmatischen Theologie und die Prfung der
christlichen Doktrin.

[123] (S. 80): Ich, der ich Wahrheit und Liebe einander gleichstelle,
war betroffen von der Tatsache, da die Religion selbst zerstrte, was
sie aufbauen wollte. (Beichte)

[124] (S. 80): Und ich habe mich davon berzeugt, da die Lehre der
Kirche theoretisch eine arglistige und schdliche Lge und praktisch
eine Mischung aus schlimmstem Aberglauben und Zauberknsten ist,
worunter der Sinn der christlichen Lehre gnzlich verschwunden ist.
(Antwort an den Heiligen Synod vom 4.-17. April 1901.) -- Siehe auch
Kirche und Staat (1883). -- Das schwerste Verbrechen, das Tolstoi
der Kirche vorwirft, ist ihre gottlose Allianz mit der weltlichen
Macht. Sie habe dadurch die Heiligkeit des Staates und die Heiligkeit
der Gewalt besttigt. Es sei ein Bndnis von Rubern und Lgnern.

[125] (S. 81): In dem Mae, als er lter wurde, verstrkte sich dieses
Gefhl von der Einheit der religisen Wahrheit im Verlauf der
Geschichte der Menschheit und der Verwandtschaft Christi mit den
anderen Weisen seit Buddha bis zu Kant und Emerson derart, da Tolstoi
sich in den letzten Lebensjahren dagegen verwahrte, eine besondere
Vorliebe fr das Christentum zu haben. In diesem Sinne ist von ganz
besonderer Wichtigkeit ein Brief, den er zwischen dem 27. Juli und dem
9. August 1909 an den Maler Jan Styka schrieb. Seiner Gewohnheit
gem neigt Tolstoi, wenn er von seiner neuen berzeugung ganz erfllt
ist, dazu, etwas gar zu sehr seinen frheren Seelenzustand und den
rein christlichen Ausgangspunkt seiner religisen Krisis zu vergessen:
Die Lehre Christi, schrieb er, ist fr mich nur eine der schnen
religisen Doktrinen, die wir aus dem gyptischen, jdischen,
indischen, chinesischen, griechischen Altertum bernommen haben. Die
beiden groen Prinzipien Jesu: die Liebe Gottes, d. h. die absolute
Vollendung, und die Liebe zum Nchsten, d. h. zu allen Menschen ohne
irgendeine Ausnahme, sind von allen Weisen der Welt gepredigt worden:
von Krischna, Buddha, Lao Tse, Konfuzius, Sokrates, Plato, Epiktet,
Mark Aurel, und unter den modernen: von Rousseau, Pascal, Kant,
Emerson, Channing und vielen anderen. Die religise und moralische
Wahrheit ist berall und immer die gleiche... Ich habe keinerlei
Vorliebe fr das Christentum. Wenn ich besonderes Interesse fr die
Lehre Christi gezeigt habe, so kommt dies daher: 1. weil ich unter
Christen geboren bin und unter Christen gelebt habe; 2. weil ich es
als einen groen Seelengenu empfand, die reine Lehre von den
berraschenden Flschungen, wie sie die Kirche vornimmt, zu trennen.

[126] (S. 82): Tolstoi verwahrt sich dagegen, die wahre Wissenschaft
anzugreifen, die bescheiden sei und ihre Grenzen kenne. (Das Leben,
Kapitel IV.)

[127] (S. 82): Das Leben, Kapitel X.

[128] (S. 82): Tolstoi las hufig und immer wieder die Gedanken von
Pascal in der kritischen Zeit, die der Beichte voranging. Er spricht
von ihnen in seinen Briefen an Fet (14. April 1877 und 3. August 1879)
und empfiehlt sie seinem Freunde zur Lektre.

[129] (S. 83): In einem Brief ber die Vernunft, den er am 6. November
1894 an die Baronin X... schrieb, sagt Tolstoi hnlich: Der Mensch
hat von Gott selbst nur ein einziges Werkzeug erhalten, um sich selbst
zu erkennen und mit der Welt zu verstndigen; es gibt kein anderes.
Dieses Werkzeug ist die Vernunft. Die Vernunft kommt von Gott. Sie ist
nicht nur die hchste Eigenschaft des Menschen, sondern das einzige
Werkzeug zur Erkenntnis der Wahrheit.

[130] (S. 83): Das Leben, Kapitel X, XIV-XXI.

[131] (S. 85): Das Leben, Kap. XXII-XXV. -- Wie bei den meisten
dieser Zitate fasse ich mehrere Kapitel in einige charakteristische
Stze zusammen.

[132] (S. 85): Ich behalte mir fr spter vor, wenn Tolstois Werk erst
einmal lckenlos verffentlicht sein wird, diesen religisen Gedanken
in seinen verschiedenen Schattierungen zu studieren, denn dieser hat
in bezug auf verschiedene Fragen sich sicherlich mehrfach gewandelt,
hauptschlich in bezug auf die Vorstellung vom knftigen Leben.

[133] (S. 87): Ich hatte bis dahin mein ganzes Leben auerhalb der
Stadt zugebracht... (Was sollen wir denn tun?)

[134] (S. 87): Was sollen wir denn tun?

[135] (S. 87): Tolstoi hat manchesmal seiner Abneigung Ausdruck
gegeben gegen die Asketen, die fr sich selbst handeln, ohne
Rcksicht auf ihresgleichen. Er wirft sie in den nmlichen Topf wie
die unwissenden und hoffrtigen Revolutionre, die behaupten, den
anderen Gutes zu erweisen, ohne zu wissen, was ihnen selber not tut...
Ich liebe, sagte er, die Menschen dieser beiden Kategorien mit
derselben Liebe, aber ich hasse auch ihre Lehren mit demselben Ha.
Die einzig wahre Lehre ist die, die eine dauernde Ttigkeit fordert,
ein Leben, das den Regungen des Herzens folgt und sich bemht, andere
glcklich zu machen. Das ist die christliche Lehre. Sie ist gleich
weit entfernt vom religisen Quietismus wie von dem anmaenden Hochmut
der Revolutionre, die die Welt umzugestalten trachten, ohne zu
wissen, worin das wahre Glck beruht. (Brief an einen Freund.)

[136] (S. 88): Ein Daguerreotyp aus dem Jahre 1885.

[137] (S. 89): Was sollen wir denn tun?

[138] (S. 89): Dieser ganze erste Teil (die ersten fnfzehn Kapitel),
der von Gestalten nur so wimmelt, wurde von der russischen Zensur
unterdrckt. Das Werk ist in seiner ganzen Vollstndigkeit erst
achtzehn Jahre nachdem es geschrieben war in den von Tschertkow
besorgten Ausgaben erschienen.

[139] (S. 89): Die wahre Ursache des Elends sind die Reichtmer, die
sich in den Hnden einzelner befinden, die nichts schaffen, und die in
den groen Stdten angehuft sind. Die Reichen finden sich in den
groen Stdten zusammen, um in Sicherheit zu genieen. Und den Armen
zieht es nach der Stadt, weil er hofft, sich von den Brosamen nhren
zu knnen, die von des Reichen Tische fallen. Ihn lockt der leichte
Gewinn: Handel, Bettelei, Ausschweifungen, Betrgereien.

[140] (S. 90): Der Angelpunkt des bels ist der Besitz. Der Besitz
ist nur das Mittel, um aus der Arbeit der anderen Genu zu ziehen. --
Das Eigentum, sagt Tolstoi an anderer Stelle, ist das, was uns
nicht gehrt, die andern sind es. Der Mensch nennt seine Frau, seine
Kinder, seine Sklaven und mancherlei Gegenstnde sein eigen; aber die
Wirklichkeit zeigt ihm seinen Irrtum; und er mu darauf verzichten
oder leiden und andere leiden machen. -- Tolstoi ahnt schon die
russische Revolution voraus: Seit drei oder vier Jahren, sagt er,
beschimpft man uns in den Straen und nennt uns Faulenzer. Der Ha
und die Verachtung des geknechteten Volkes nehmen immer mehr zu.
(Was sollen wir denn tun?)

[141] (S. 90): Der Bauernrevolutionr Bondarew htte am liebsten
gewollt, da dieses Gesetz als ein allgemeiner Zwang anerkannt wrde.
Tolstoi duldete damals seinen Einflu, wie auch den eines anderen
Bauern namens Sutajew, nicht ungern. Whrend meines ganzen Lebens
haben zwei russische Denker eine groe moralische Wirkung auf mich
gebt, haben mein Denken bereichert und meine eigene Stellung zur Welt
geklrt, es waren die beiden Bauern Sutajew und Bondarew (Was sollen
wir denn tun?). In dem nmlichen Buch entwirft Tolstoi ein Bild von
Sutajew und fhrt eine Unterhaltung mit ihm an.

[142] (S. 91): Alkohol und Tabak.

[143] (S. 91): Grausame Vergngungen, 1895 (Die Fleischesser;
Der Krieg; Die Jagd).

[144] (S. 91): Es ist bemerkenswert, da es Tolstoi solche Mhe
kostete, sie zu opfern. Die Jagd war bei ihm eine atavistische
Leidenschaft, die ihm von seinem Vater berkommen war. Er war nicht
sentimental und scheint niemals ein besonderes Mitleid mit den Tieren
aufgebracht zu haben. Seine durchdringenden Augen haben kaum auf den
zuweilen so sprechenden Augen unserer bescheidenen Brder geruht; --
mit Ausnahme von denen des Pferdes, fr das er als Edelmann eine
besondere Vorliebe hatte. Im brigen scheint alles, was er sieht, sich
vor seinen Augen in drei voneinander verschiedene Stufen zu
gruppieren. 1. die vernunftbegabten Wesen; 2. die Tiere und die
Pflanzen; 3. die leblose Materie. (Das Leben, Kap. XIII.) -- Er
war nicht frei von angeborener Grausamkeit. Als er vom langsamen Tod
eines Wolfes erzhlte, den er durch einen Schlag mit einem schweren
Knppel auf die Nasenwurzel gettet hatte, sagte er: Ich empfand ein
wahrhaftes Wonnegefhl bei dem Gedanken an die Leiden des verendenden
Tieres. Sein Gewissen regte sich spter ob solchem Empfinden.

[145] (S. 92): Sommer 1878.

[146] (S. 92): 18. November 1878.

[147] (S. 93): November 1879.

[148] (S. 93): 8. Oktober 1881.

[149] (S. 93): 14. Oktober 1881.

[150] (S. 94): 3. Mrz 1882.

[151] (S. 94): 23. Oktober 1884.

[152] (S. 95): Das sogenannte Frauenrecht ist nichts anderes als der
Wunsch, an der angeblichen Arbeit der reichen Klassen teilzunehmen, um
aus der Arbeit der anderen Genu zu ziehen und ein Leben zur
Befriedigung der Sinnlichkeit zu fhren. Niemals begehrt die Frau
eines ernsthaften Arbeiters das Recht, an der Arbeit ihres Mannes in
den Minen oder auf den Feldern teilzuhaben.

[153] (S. 96): So lauten die letzten Zeilen von Was sollen wir denn
tun?. Sie sind vom 14. Februar 1886 datiert.

[154] (S. 97): Brief an einen Freund, verffentlicht unter dem Titel
Glaubensbekenntnis in dem Band Grausame Vergngungen.

[155] (S. 97): Die Vershnung fand im Frhjahr 1878 statt. Tolstoi
schrieb an Turgenjew, um ihn um Entschuldigung zu bitten. Turgenjew
kam im August 1878 nach Jasnaja Poljana. Tolstoi erwiderte seinen
Besuch im Juli 1881. Jedermann war erstaunt ber seine vernderte
Haltung, seine Sanftmut, seine Bescheidenheit. Er war wie
neugeboren.

[156] (S. 97): Brief an Polonski.

[157] (S. 98): An seine Tante, die Grfin A. A. Tolstoi, schrieb er im
Jahre 1883: Jeder mu sein Kreuz tragen... Das meine ist die
schlechte eitle Gedankenarbeit, voll von Versuchung.

[158] (S. 102): Was sollen wir denn tun?.

[159] (S. 103): Schlielich sollte er soweit kommen, da er dem
Kummer und Leid das Wort redete, -- nicht nur dem eigenen, sondern
auch dem der anderen.

[160] (S. 104): 23. Februar 1868. -- In dieser Hinsicht mifiel ihm
die melancholische und unverdauliche Kunst Turgenjews.

[161] (S. 104): Dieser Brief vom 4. Oktober 1887 erschien zuerst in
den Cahiers de la Quinzaine, im Jahre 1902 -- Was ist Kunst?
erschien 1897-98; aber Tolstoi dachte schon seit 15 Jahren, also seit
1882, daran.

[162] (S. 107): Auf diesen Punkt werde ich anllich der
Kreutzersonate zurckkommen.

[163] (S. 107): Seine Unduldsamkeit hatte sich seit 1886 gesteigert.
In Was sollen wir denn tun? wagte er noch nicht an Beethoven zu
rhren (auch noch nicht an Shakespeare). Ja mehr noch, er warf den
zeitgenssischen Knstlern sogar vor, da sie es wagten, sich auf jene
zu berufen. Das Schaffen eines Galilei, eines Shakespeare, eines
Beethoven hat nichts gemein mit dem Schaffen eines Tyndall, eines
Victor Hugo, eines Wagner. Geradeso wie die Heiligen Vter jede
Verwandtschaft mit den Ppsten ablehnen wrden. (Was sollen wir
denn tun?)

[164] (S. 107): Er wollte sogar vor dem Schlu des ersten Aktes
aufbrechen. Fr mich war die Frage gelst. Ich hatte keinen Zweifel
mehr. Von einem Autor, der fhig war, Szenen wie diese auszudenken,
war nichts mehr zu erwarten. Man konnte von vornherein sicher sein,
da er niemals etwas schreiben wrde, das nicht schlecht wre.

[165] (S. 107): Es ist bekannt, da er, um eine Anthologie von
franzsischen Dichtern der neueren Schule zusammenzustellen, den
wunderbaren Gedanken hatte, aus jedem Band ein Gedicht
herauszuschreiben, das auf Seite 28 stand!

[166] (S. 107): Shakespeare, 1903. Das Werk wurde anllich eines
Artikels von Ernst Crosby ber Shakespeare und die Arbeiterklasse
geschrieben.

[167] (S. 109): Es war eines jener Vorkommnisse, wie sie sich hufig
ereignen, die niemandes Aufmerksamkeit auf sich lenken und nicht nur
die Welt, sondern sogar die militrische Welt Frankreichs unberhrt
lassen. -- Und an anderer Stelle: Es bedurfte einiger Jahre, bevor
die Menschen aus ihrer Hypnose erwachten und begriffen, da sie
berhaupt nicht wissen konnten, ob Dreyfus schuldig war oder nicht,
und da jedermann andere wichtigere und unmittelbarere Interessen
hatte, als die Dreyfus-Affre. (Shakespeare)

[168] (S. 109): >Knig Lear< ist ein sehr schlechtes, sehr
nachlssig gemachtes Drama, das nur Ekel und Langeweile auslsen
kann. -- Othello, wofr Tolstoi einige Sympathie zeigt
(zweifellos weil dieses Werk mit seinen damaligen Anschauungen ber
Ehe und Eifersucht bereinstimmte), ist, obwohl es das wenigst
schlechte Drama von Shakespeare ist, nur eine Anhufung von
hochtrabenden Worten. Die Figur des >Hamlet< hat keinen Charakter;
sie ist das Sprachrohr des Verfassers, das seine Gedanken der Reihe
nach wiederholt. Sturm, Cymbeline, Trolus und andere erwhnt
Tolstoi nur wegen ihrer Albernheit. Die einzige Figur Shakespeares,
die er natrlich findet, ist der Falstaff, eben deshalb, weil hier
die mit rohen Scherzen und albernen Kalauern angefllte Sprache
Shakespeares zu dem falschen, eitlen und ausschweifenden Charakter
dieses widerlichen Trunkenboldes so gut pat. -- Aber nicht immer
hatte Tolstoi so gedacht. In den Jahren 1860 bis 1870, hauptschlich
zu der Zeit, da er sich mit dem Plan trug, ein historisches Drama ber
Peter I. zu schreiben, hatte er Shakespeare mit Vergngen gelesen. Aus
seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1869 ist sogar ersichtlich, da er
sich den Hamlet zum Vorbild nahm.

[169] (S. 111): Er nimmt in bezug auf die Verurteilung der modernen
Kunst seine eigenen Theaterstcke nicht aus, die nach seiner Ansicht
der religisen Durchdringung entbehren, die die Grundlage des Dramas
der Zukunft bilden msse.

[170] (S. 115): 1873 schrieb Tolstoi: Denkt was ihr wollt, aber denkt
es auf eine Weise, da jedes Wort allen verstndlich sei. In einer
vllig klaren und einfachen Sprache kann man nichts Schlechtes
schreiben. Wenn Unmoralisches klar ausgedrckt ist, erscheint es so
falsch, da man es ganz bestimmt wieder ausstreichen wird. Wenn ein
Schriftsteller sich ernsthaft ans Volk wenden will, mu er sich nur
bemhen, verstndlich zu sein. Wenn der Leser vor keinem Worte stutzt,
ist das Werk gut. Wenn er nicht erzhlen kann, was er gelesen hat,
taugt das Werk nichts.

[171] (S. 115): Dieses Ideal brderlicher Vereinigung unter den
Menschen bedeutet fr Tolstoi keineswegs das Ziel der menschlichen
Ttigkeiten; seine unersttliche Seele lt ihn ein unbekanntes Ideal
jenseits der Liebe aufstellen: Vielleicht wird die Wissenschaft eines
Tages der Kunst ein noch hheres Ideal weisen, und die Kunst wird es
verwirklichen.

[172] (S. 116): Etwa in dieser Zeit wurde auch ein Werk beendigt und
verffentlicht, das in der Hauptsache in glcklicheren Tagen, whrend
seiner Verlobungszeit und der ersten Ehejahre, geschrieben war: die
schne Geschichte eines Pferdes, Kolstomir (1861 bis 1886). Tolstoi
spricht darber in seinem Brief an Fet, 1863. -- Die Kunst des
Beginns, mit ihren feinen Landschaftsschilderungen, ihrer scharfen
Psychologie, ihrem Humor und ihrer Jugendfrische ist den Werken der
Reifezeit (Eheglck, Krieg und Frieden) verwandt. Das
unheimliche Ende, die letzten Seiten, wo der Kadaver des alten
Pferdes und der Leichnam seines Herrn miteinander verglichen werden,
sind von einem krassen Realismus, der an die Jahre nach 1880
erinnert.

[173] (S. 117): Kreutzersonate, Macht der Finsternis.

[174] (S. 118): In Ihrem Stil, sagte ihm sein Freund Drujinin im
Jahre 1856, sind Sie uerst ungleich, manchmal wie ein Bahnbrecher
und groer Dichter, manchmal wie ein Offizier, der an seinen Kameraden
schreibt. Was Sie mit Liebe schreiben, ist wundervoll; sobald Sie aber
gleichgltig sind, verwirrt sich Ihr Stil und wird frchterlich.

[175] (S. 119): Im Sommer 1879 kam Tolstoi in sehr nahe Berhrung mit
den Bauern; Strakow erzhlt, da er auer der Religion sich sehr fr
die Sprache interessierte. Er fing an, die Schnheit der Volkssprache
tief zu empfinden. Jeden Tag entdeckte er neue Worte, und jeden Tag
mihandelte er die literarische Sprache mehr.

[176] (S. 119): In den Notizen, die er sich in den Jahren 1860 bis
1870 whrend des Lesens machte, schrieb Tolstoi: Die Bylinen... sehr
groer Eindruck.

[177] (S. 119): Die beiden Alten (1885).

[178] (S. 120): Wo Liebe ist, da ist Gott (1885).

[179] (S. 120): Wovon die Menschen leben (1881) -- Die drei
Greise (1884).

[180] (S. 120): Wieviel Erde braucht der Mensch? (1886)

[181] (S. 121): Er ist erst ziemlich spt auf den Geschmack des Dramas
gekommen. Im Winter 1869 auf 70 machte er diese Entdeckung, und nach
seiner Gewohnheit begeisterte er sich sofort dafr: Diesen ganzen
Winter ber habe ich mich ausschlielich mit dem Drama beschftigt;
den Menschen, die bis zu ihrem vierzigsten Jahre ber ein bestimmtes
Thema nicht nachgedacht haben, geht es immer so, da sie pltzlich
diesem vernachlssigten Gegenstand ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden,
und es scheint ihnen dann, da sie sehr viel Neues darin erblicken...
Ich habe Shakespeare, Goethe, Puschkin, Gogol und Molire gelesen...
Ich mchte Sophokles und Euripides lesen... Ich war krank und habe
lange das Bett gehtet, und in solchem Zustand beginnen die
dramatischen oder komischen Personen sich in meinem Innern wie
unsinnig zu gebrden. Und sie machen ihre Sache sehr gut... (Briefe
an Fet, 17. bis 21. Februar 1870.)

[182] (S. 122): In einer anderen Fassung des 4. Aktes.

[183] (S. 124): Es wre eine falsche Annahme, zu glauben, fr Tolstoi
sei es eine Qual gewesen, dieses bengstigende Drama zu schreiben. Er
schrieb an Teneromo: Ich lebe gesund und frhlich. Ich habe die ganze
Zeit an meinem Drama (Die Macht der Finsternis) gearbeitet. Ich bin
fertig damit. (Januar 1887)

[184] (S. 128): Man beachte wohl, da Tolstoi niemals die Naivitt
hatte, zu glauben, das Ideal des Zlibats und der vlligen Keuschheit
sei fr die heutige Menschheit zu verwirklichen. Seine Ansicht geht
dahin, da ein solches Ideal zwar nicht zu verwirklichen sei, aber
einen Appell an die heldenhaften Seelenkrfte darstelle.

[185] (S. 129): Am Schlu von Der Herr und sein Knecht.

[186] (S. 129): Krieg und Frieden. -- Ich spreche nicht von der
Novelle Albert (1857), der Geschichte eines genialen Musikers. Diese
Novelle ist sehr schwach.

[187] (S. 129): Vergleiche in Jugendjahre den humorvollen Bericht
von der Mhe, die er sich gab, um Klavierspielen zu lernen. -- Das
Klavierspiel war fr mich ein Mittel, die jungen Damen durch meine
Sentimentalitt zu bezaubern.

[188] (S. 130): Es handelt sich um die Jahre 1876-77.

[189] (S. 130): S. A. Bers, Erinnerungen an Tolstoi.

[190] (S. 131): Aber niemals hrte er auf sie zu lieben. Whrend
seiner letzten Lebenstage gehrte ein Musiker namens Goldenweiser, der
den Sommer 1910 in der Nhe von Jasnaja verbrachte, zu seinen
Freunden. Whrend Tolstois letzter Krankheit kam er fast tglich, ihm
etwas vorzuspielen. (Journal des Dbats vom 18. November 1910.)

[191] (S. 131): Brief vom 21. April 1861.

[192] (S. 131): Camille Bellaigue, Tolstoi et la musique
(Gaulois vom 4. Januar 1911).

[193] (S. 132): Man darf nicht glauben, da es sich nur um die letzten
Werke Beethovens handelt. Selbst denen aus der Frhzeit wirft Tolstoi
ihre geknstelte Form vor. -- In einem Brief an Tschaikowsky stellt
er gleichfalls der geknstelten Art Beethovens, Schumanns und
Berlioz', die die Wirkung berechnen, die wahre Knstlerschaft eines
Mozart und Haydn gegenber.

[194] (S. 132): Vergleiche die Szene, die Paul Boyer im Temps vom
2. November 1902 erzhlt: Tolstoi lt sich Chopin vorspielen. Am
Schlu der vierten Ballade fllen sich seine Augen mit Trnen. --
>Ah! l'animal!< ruft er aus, erhebt sich unvermittelt und verlt
das Zimmer.

[195] (S. 135): Der Herr und sein Knecht ist eine Art bergang von
den dsteren Romanen, die vorausgehen, zu der Auferstehung, worin
sich das Licht gttlicher Barmherzigkeit ausbreitet. Aber man sprt
darin noch mehr die Nachbarschaft mit dem Tod des Iwan Iljitsch und
den Volkserzhlungen, als mit der Auferstehung, wo sich nur
gegen das Ende zu die wunderbare Verwandlung eines selbstschtigen
und feigen Menschen ankndigt. Den grten Teil der Geschichte
bildet die uerst realistische Schilderung eines ungtigen Herrn
und eines ergebenen Dieners, die nachts in der Steppe von einem
Schneesturm berrascht werden und den Weg verlieren. Der Herr, der
zuerst unter Zurcklassung seines Genossen zu fliehen versucht,
kehrt zurck und findet seinen Diener halb erfroren; er wirft sich
ber ihn, bedeckt ihn mit seinem Krper, erwrmt ihn wieder, indem
er sich instinktiv aufopfert; er wei nicht warum; aber seine Augen
fllen sich mit Trnen: es ist ihm, als ob er der sei, den er
retten will, der Diener Nikita, und da sein Leben nicht mehr in ihm
selbst ist, sondern in Nikita. -- Nikita lebt; also bin ich noch am
Leben. -- Er hat fast vergessen, da er selbst Wassili gewesen ist.
Er denkt: Wassili wute nicht, was zu tun war. Aber ich -- ich wei
es! Und er hrt die Stimme dessen, auf den er wartete (hier
erinnert sein Traum an eine der Volkserzhlungen), dessen, der ihm
gerade befohlen hatte, sich auf Nikita zu betten. Herr ich komme,
ruft er voller Freude, und er fhlt, da er frei ist, da nichts ihn
mehr zurckhlt... Er ist tot.

[196] (S. 135): Tolstoi hatte einen vierten Teil vorgesehen, der aber
ungeschrieben blieb.

[197] (S. 137): Im Gegensatz hierzu war er mit allen Milieus, die er
in Krieg und Frieden, Anna Karenina, den Kosaken und
Sewastopol beschreibt, aufs Beste vertraut: den Salons der
Adelsgesellschaft, dem Heer, dem Landleben. Er brauchte nur auf seine
Erinnerungen zurckzugreifen.

[198] (S. 139): Tolstoi hat vielleicht an seinen Bruder Dmitri
gedacht, der auch eine Maslowa geheiratet hatte. Aber Dmitris heftiges
und unausgeglichenes Temperament unterschied sich wesentlich von dem
Nekludows.

[199] (S. 140): Mehrere Male in seinem Leben hatte Tolstoi eine
>Gewissensreinigung< vorgenommen. So nannte er die moralischen Krisen,
in denen er sich entschlo, den Schmutz, der seine Seele trbte,
auszufegen. Nach berwindung solcher Krisen unterlie er es nie, sich
Vorschriften aufzuerlegen, die immer zu befolgen er sich schwor. Er
fhrte ein Tagebuch und begann ein neues Leben. Aber jedes Mal verfiel
er wieder in dieselben Fehler, oder in noch schlimmere, als vor solch
einer Krise.

[200] (S. 140): Als Nekludow erfhrt, da die Maslowa sich mit einem
Krankenwrter vergangen hat, ist er noch fester als je entschlossen,
seine Freiheit zu opfern, um die Snde dieser Frau zu shnen.

[201] (S. 141): Tolstoi hat niemals eine Figur mit so festen und
sicheren Strichen gezeichnet, wie die des Nekludow im ersten
Romanteil. Man lese die wundervolle Beschreibung von Nekludows
Aufstehen und dem Vormittag vor der ersten Sitzung im Justizpalast.

[202] (S. 142): Brief der Grfin Tolstoi aus dem Jahre 1884.

[203] (S. 143): Tolstoi hielt es fr eines seiner Hauptwerke: Eines
meiner Bcher -- Fr alle Tage --, dem eine groe Wichtigkeit
beizumessen, ich selbstbewut genug bin... (Brief an Jan Styka,
27. Juli - 9. August 1909.)

[204] (S. 143): Das Hauptwerk der Hinterlassenschaft ist Tolstois
Tagebuch, das die Aufzeichnungen eines Zeitraums von mehr als vierzig
Jahren umfat.

[205] (S. 144): Tolstois Exkommunikation durch den Heiligen Synod
erfolgte am 22. Februar 1901. Sie war durch ein Kapitel der
Auferstehung, das sich mit der Messe und dem Abendmahl befat,
veranlat.

[206] (S. 145): ber die Nationalisierung des Bodens (siehe Das groe
Verbrechen, 1905).

[207] (S. 146): Reiner Moskowiter des alten Rulands, sagt
Leroy-Beaulieu, Grorusse slawischen Blutes, durch finnischen
Einschlag beeintrchtigt, ist er uerlich mehr Volkstypus als
Adelstypus. (Revue des Deux Mondes vom 15. Dezember 1910.)

[208] (S. 146): 1857.

[209] (S. 146): 1862.

[210] (S. 148): Das Ende einer Welt (1905 bis Januar 1906). -- Vgl.
das Telegramm, das Tolstoi an ein amerikanisches Blatt richtete: Die
Agitation der Semstwos verfolgt den Zweck, die Macht des Despotismus
einzuschrnken und eine parlamentarische Regierung einzusetzen. Ob
ihnen das gelingt oder nicht, das Ergebnis wird sicher eine
Verzgerung der wirklichen sozialen Verbesserung sein. Die politische
Agitation hlt -- indem sie die unheilvolle Illusion dieser
Verbesserung durch uere Mittel gibt -- den wahren Fortschritt auf,
wie man dies in allen konstitutionellen Staaten feststellen kann: in
Frankreich, England, Amerika. -- In einem langen und interessanten
Brief an eine Dame, die ihn ersucht hatte, einer Vereinigung zur
Hebung der Lese- und Schreibkenntnisse des Volkes beizutreten, bringt
Tolstoi noch andere Klagen gegen die Liberalen zum Ausdruck: Sie haben
immer die Rolle der Hereingefallenen gespielt. Sie machen sich aus
Furcht zu Mitschuldigen der Autokratie; ihre Teilnahme an der
Regierung gibt dieser ein moralisches Ansehen und gewhnt die
Liberalen an Kompromisse, die sie rasch zu Werkzeugen der Gewalt
machen. Alexander II. sagte, alle Liberalen seien, wenn nicht fr
Geld, so doch fr Ehren kuflich. Alexander III. hat das liberale Werk
seines Vaters ohne Gefahr vernichten knnen: Die Liberalen tuschelten
unter sich, da ihnen das nicht gefalle, aber sie nahmen weiter teil
an den Arbeiten im Staats- und Gerichtsdienst und in der Presse; in
der Presse machten sie Anspielungen auf Dinge, auf die Anspielungen
erlaubt waren, aber sie schwiegen zu solchen, ber die zu sprechen
verboten war, und sie traten fr alles ein, wofr einzutreten ihnen
befohlen wurde. Unter Nikolaus II. machen sie es gerade so.
Protestieren die Liberalen vielleicht, wenn dieser junge Mann, der
nichts wei und von nichts etwas versteht, mit Frechheit und Mangel an
Takt den Volksvertretern antwortet? Keineswegs... berall sucht man
sich auf feige Weise durch Glckwunschsendungen bei dem jungen Zaren
einzuschmeicheln.

[211] (S. 149): Krieg und Revolution. -- In der Auferstehung
ist bei dem Revisionsverfahren im Proze gegen die Maslowa unter den
Senatsmitgliedern ein materialistischer Darwinist der grte Gegner
der Revision, weil er im tiefsten Innern emprt darber ist, da
Nekludow aus Pflichtgefhl eine Prostituierte heiraten will: jede
Kundgebung des Pflichtgefhls und mehr noch des religisen
Empfindens wirkt auf ihn wie eine persnliche Beleidigung.

[212] (S. 149): Vgl. einige Figuren von Revolutionren: in der
Auferstehung Nowodworow, der revolutionre Lgner, dessen groe
Intelligenz durch seine unerhrte Eitelkeit und Selbstsucht ganz
aufgewogen wird. Keinerlei Phantasie; vlliges Fehlen moralischer und
ethischer Eigenschaften, die Zweifel aufkommen lassen knnten. --
Dann, ihm stets auf den Fersen, wie sein Schatten, Markel, der infolge
von Demtigungen und aus dem Wunsch nach Rache zum Revolutionr
gewordene Arbeiter, ein leidenschaftlicher Verehrer der Wissenschaft,
die er nicht zu verstehen vermag, ein Asket von fanatischer
Kirchenfeindlichkeit. -- Auch in dem Buche Noch drei Tode finden
sich einige Vertreter der neuen revolutionren Generation: Roman und
seine Freunde, die die Terroristen alten Schlages verachten und auf
wissenschaftliche Weise zu ihrem Ziel zu gelangen trachten, indem sie
ein Agrikulturvolk in ein Industrievolk verwandeln mchten.

[213] (S. 150): Brief an den Japaner Izo-Abe, Ende 1904.

[214] (S. 150): Unterhaltungen mit Teneromo.

[215] (S. 150): Unterhaltungen mit Teneromo.

[216] (S. 151): Unterhaltung mit Paul Boyer (Le Temps vom
4. November 1902).

[217] (S. 151): Das Ende einer Welt.

[218] (S. 152): Die grausamste aller Sklavereien ist, der Erde
beraubt zu sein; denn der Sklave eines Herrn ist der Sklave eines
Einzelnen; aber der Mensch, der seines Rechts auf die Erde beraubt
ist, ist der Sklave Aller. (Das groe Verbrechen.)

[219] (S. 152): Ruland war tatschlich in einer besonderen Lage; und
wenn es auch verkehrt von Tolstoi gewesen ist, daraus Schlsse auf
smtliche europischen Staaten zu ziehen, so darf man sich doch nicht
wundern, da ihn die Leiden, die er in seiner Umgebung sah, besonders
empfindlich berhrten. -- Man lese im groen Verbrechen die
Unterhaltungen, die er auf der Landstrae nach Tula mit den Bauern
fhrt, denen allen das Brot fehlt, weil es ihnen an Erde mangelt, und
die alle im tiefsten Innern darauf warten, da ihnen die Erde
zurckgegeben werde. Die Landbevlkerung macht in Ruland 80 Prozent
der Gesamtbevlkerung aus. ber hundert Millionen Menschen, sagt
Tolstoi, sterben vor Hunger, weil die Grundeigentmer den Boden
einziehen. Wenn man ihnen, als Mittel zur Heilung ihres bels, von der
Prefreiheit, von der Trennung von Staat und Kirche, von der
Volksvertretung und selbst vom Achtstundentag spricht, macht man sich
in der frechsten Weise ber sie lustig: Das Verhalten derer, die so
tun, als ob sie berall nach Mitteln suchen, um die Lage der
Volksmassen zu verbessern, ist gerade so, wie wenn im Theater alle
Zuschauer den Schauspieler, der sich versteckt hlt, deutlich sehen,
whrend seine Mitspieler, die ihn auch sehr wohl sehen, so tun, als ob
sie ihn nicht shen, und sich die grte Mhen geben, ihre
Aufmerksamkeit gegenseitig von ihm abzulenken. -- Es gibt kein
anderes Mittel, als die Erde dem Volke, das arbeitet, zurckzugeben.
Und zur Lsung dieser Grundfrage beruft sich Tolstoi auf die Lehre
Henry Georges und seinen Plan, nur eine einzige Steuer, eine Steuer
auf den Grundwert, zu erheben. Dies ist sein konomisches Evangelium,
auf das er unentwegt zurckgreift und das er sich so zu eigen macht,
da er hufig in seinen eigenen Werken ganze Stze von Henry George
gebraucht.

[220] (S. 153): Das Gesetz vom >dem Bsen Nichtwiderstreben< ist
das Fundament fr die Kuppel des Gebudes. Das Gesetz von der
gegenseitigen Hilfe zugeben unter Verkennung der Vorschrift des
Nichtwiderstrebens, hiee die Kuppel erbauen, ohne sie von Grund auf
zu fundamentieren. (Das Ende einer Welt.)

[221] (S. 153): In einem Brief, den Tolstoi im Jahre 1900 an einen
Freund schrieb, beklagt er sich, da seiner Grundlehre vom
Nichtwiderstreben eine falsche Auslegung gegeben werde. Man
verwechselt, sagt er, das Wort >Widersetze dich nicht dem Bsen
durch Bses<... mit >Widersetze dich nicht dem Bsen<, d. h. mit
>Sei gleichgltig dem Bsen gegenber<... Whrend der Kampf gegen
das Bse das einzige Ziel des Christentums ist, und das Gebot vom
>dem Bsen Nichtwiderstreben< als das wirksamste Kampfmittel gegeben
ist.

[222] (S. 154): Das Ende einer Welt.

[223] (S. 154): Tolstoi hat zwei Typen solcher Sektierer gezeichnet:
den einen am Schlu der Auferstehung, -- den andern in Noch drei
Tode.

[224] (S. 155): Nachdem Tolstoi die Agitation der Semstwos verurteilt
hatte, machte sich Gorki zum Dolmetscher seiner Freunde und schrieb:
Dieser Mann ist zum Sklaven seiner Idee geworden. Seit langem hlt er
sich abseits vom russischen Leben und hrt nicht mehr auf die Stimme
des Volkes. Er schwebt zu hoch ber Ruland.

[225] (S. 155): Es war ihm ein brennender Schmerz, da er es nicht
fertig brachte, verfolgt zu werden. Es gelstete ihn geradezu nach dem
Mrtyrertum, aber die Regierung war klug genug und htete sich, dieses
Gelst zu befriedigen. -- Rings um mich verfolgt man meine Freunde,
aber mich lt man ungeschoren; und wenn irgend jemand gefhrlich ist,
dann bin ich es doch sicher. Vermutlich bin ich die Verfolgung nicht
wert, und dessen schme ich mich. (Brief an Teneromo, 1892.) --
Offenbar bin ich der Verfolgungen nicht wert, und ich werde wohl so
sterben mssen, ohne durch krperliche Leiden fr die Wahrheit zeugen
zu drfen. (Brief an Teneromo vom 16. Mai 1892.) -- Es ist mir
peinlich, in Freiheit zu leben. (Brief an Teneromo vom 1. Juni 1894.)
-- Gott wei indessen, da er nichts dazu tat! Er beleidigt die Zaren,
er greift das Vaterland an, diesen frchterlichen Gtzen, dem die
Menschen ihr Leben, ihre Freiheit und ihre Vernunft opfern. (Das
Ende einer Welt.) -- Man lese in Krieg und Frieden das Resmee,
das er aus der Geschichte Rulands zieht. Es ist eine Galerie von
Scheuslern: der verrckte Iwan der Schreckliche, der weinselige
Peter I., die ungebildete Kchin Katharina I., die ausschweifende
Elisabeth, der degenerierte Paul, der vatermrderische Alexander I.
(der einzige brigens, fr den Tolstoi trotzdem noch eine heimliche
Zrtlichkeit empfand), der grausame und unwissende Nikolaus I., der
wenig begabte und eher schlechte als gute Alexander II., der dumme,
rohe und unwissende Alexander III., der einfltige Husarenoffizier
Nikolaus II., ein junger Mann, der von Schurken umgeben ist und selbst
nichts wei und versteht.

[226] (S. 155): Brief an den widerspenstigen Gontscharenko vom 17.
Januar 1905.

[227] (S. 155): An die Duchoborzen vom Kaukasus, 1898.

[228] (S. 155): Brief an einen Freund, 1900.

[229] (S. 155): An Gontscharenko, 2. Februar 1905.

[230] (S. 156): An die Duchoborzen vom Kaukasus, 1898.

[231] (S. 156): An Gontscharenko, 17. Januar 1905.

[232] (S. 156): An einen Freund, November 1901.

[233] (S. 156): Es ist wie eine undichte Stelle an einer Luftpumpe;
der ganze Hauch der Selbstsucht, den man aus der menschlichen Seele
heraussaugen wollte, kehrt in diese zurck. -- Und er grbelt darber
nach, um zu beweisen, da man den Originaltext schlecht gelesen hat
und da der richtige Wortlaut des zweiten Gebots ursprnglich so war:
Liebe Deinen Nchsten wie Ihn selbst (nmlich wie Gott).
(Unterhaltungen mit Teneromo.)

[234] (S. 157): Unterhaltungen mit Teneromo.

[235] (S. 159): Brief an einen Chinesen, Oktober 1906.

[236] (S. 159): Tolstoi gab dieser Befrchtung schon in einem Briefe
aus dem Jahre 1906 Ausdruck.

[237] (S. 159): Es lohnte nicht, den Militr- und Polizeidienst zu
verweigern, um das Eigentum wieder einzufhren, das sich nur mit Hilfe
des Militr- und Polizeidienstes aufrechterhalten lt. Die Leute, die
diesen Dienst ausben und aus dem Besitz Nutzen ziehen, handeln
richtiger als solche, die jeden Dienst verweigern und trotzdem am
Genu des Besitzes teilhaben. (Brief an die Duchoborzen vom Kaukasus,
1899.)

[238] (S. 159): Man lese in den Unterhaltungen mit Teneromo die schne
Stelle von dem jdischen Weisen, der so in das Lesen der Bibel
vertieft war, da er nicht gewahrte, wie die Jahrhunderte ber ihm
hingingen und Vlker auf der Erde erschienen und von ihr verschwanden.

[239] (S. 160): Es ist eine furchtbare Snde, in dem blutigen
Schrecken des modernen Staates den Fortschritt Europas zu sehen, einen
neuen Judenstaat grnden zu wollen. (Unterhaltungen mit Teneromo.)

[240] (S. 160): Aufruf an die Politischen, 1905.

[241] (S. 160): Brief an Paul Sabatier vom 7. November 1906.

[242] (S. 161): Brief an Teneromo, Juni 1882, und Brief an einen
Freund, November 1901.

[243] (S. 161): Krieg und Revolution.

[244] (S. 161): Brief an einen Freund.

[245] (S. 162): Brief an einen Freund. Vielleicht handelt es sich hier
um die von Tolstoi geplante aber von ihm nicht verffentlichte
Geschichte eines Duchoborzen.

[246] (S. 162): Stellen Sie sich vor, da alle Menschen, die in der
Wahrheit sind, sich vereinigen und sich zusammen auf einer Insel
niederlassen. Wre dies das Leben? (An einen Freund, Mrz 1901.)

[247] (S. 163): 1. Dezember 1910.

[248] (S. 166): 16. Mai 1892. Tolstoi sah damals, wie seine Frau unter
dem Tod eines kleinen Knaben litt, und er wute nicht, wie er sie
trsten sollte.

[249] (S. 166): Brief aus dem Januar 1883.

[250] (S. 167): Ich werde niemals jemand vorwerfen, da er keine
Religion hat. Wenn die Menschen lgen und vorgeben, eine Religion zu
haben, -- das ist das Schlimme. -- Und an anderer Stelle: Gott mge
uns davor bewahren, da wir Liebe heucheln; dies ist schlimmer als der
Ha.

[251] (S. 167): Revue des Deux Mondes vom 15. Dezember 1910.

[252] (S. 167): Ebenda.

[253] (S. 168): An einen Freund, 10. Dezember 1903.

[254] (S. 168): Verffentlicht im Figaro vom 27. Dezember 1910.

[255] (S. 169): Dieser Zustand reicht also bis in das Jahr 1881
zurck, d. h. bis zu dem in Moskau verbrachten Winter, als Tolstoi das
soziale Elend entdeckte.

[256] (S. 172): Brief an einen Freund.

[257] (S. 173): Es scheint, da Tolstoi whrend der letzten Jahre und
besonders whrend der letzten Monate seines Lebens stark unter dem
Einflu seines ihm treu ergebenen Freundes Wladimir Grigoritsch
Tschertkow stand, der whrend seines langen Aufenthalts in England
sein Vermgen daran gesetzt hatte, Tolstois gesamtes Werk zu
verffentlichen und zu verbreiten. Tschertkow ist von einem der Shne
Tolstois, von Leo Tolstoi, heftig angegriffen worden. Aber wenn man
ihm auch Starrkpfigkeit vorwerfen konnte, so vermochte niemand, seine
vllige Ergebenheit anzuzweifeln; und ohne die manchmal vielleicht
unmenschliche Hrte zu billigen, die in gewissen Handlungen, welche
man auf seinen Einflu zurckfhren kann, zutage tritt (wie in dem
Testament, worin Tolstoi seiner Frau jede Verfgung ber all seine
Schriften einschlielich seiner Privatbriefe entzog), darf man
glauben, da er stolzer auf den Ruhm seines Freundes Tolstoi war, als
dieser selbst.

[258] (S. 173): Die Correspondance de l'Union pour la vrit hat in
ihrer Nummer vom 1. Januar 1911 einen interessanten Bericht ber diese
Flucht verffentlicht: Tolstoi verlie pltzlich am 28. Oktober (10.
November) 1910, gegen 5 Uhr morgens, Jasnaja Poljana; seine Tochter
Alexandra, die Tschertkow seine vertrauteste Mitarbeiterin nennt,
war in das Geheimnis von seiner Flucht eingeweiht. Am nmlichen Tage,
um 6 Uhr abends, langte er an dem Kloster Optina an, einem der
berhmtesten Wallfahrtsorte Rulands, wohin er frher schon manches
Mal gepilgert war. Hier verbrachte er die Nacht und den Morgen des
folgenden Tages und schrieb einen langen Aufsatz ber die Todesstrafe.
Am Abend des 29. Oktober (11. November) ging er nach dem Kloster
Chamordino, wo seine Schwester Marie Nonne war. Er a mit ihr und
sagte ihr, da er den Wunsch gehabt habe, das Ende seines Lebens im
Kloster Optina zu verbringen, wo er sich den niedrigsten Arbeiten
gern unterzogen htte, jedoch unter der Bedingung, da er nicht
gezwungen gewesen sei, zur Kirche zu gehen. Er verbrachte die Nacht
in Chamordino, machte am folgenden Morgen einen Gang in das
benachbarte Dorf, wo er Unterkunft zu nehmen dachte, und kam am
Nachmittag wieder mit seiner Schwester zusammen. Um 5 Uhr traf
unversehens seine Tochter Alexandra ein. Zweifellos benachrichtigte
sie ihn davon, da sein Zufluchtsort bekannt geworden und man auf
seiner Verfolgung sei; und in der nmlichen Nacht brachen sie noch
auf. Tolstoi, Alexandra und Doktor Makowitski gingen nach der
Bahnstation Koselsk, wahrscheinlich mit der Absicht, die sdlichen
Provinzen, vielleicht die von den Duchoborzen im Kaukasus gegrndeten
Kolonien, zu erreichen. Unterwegs erkrankte Tolstoi auf dem Bahnhof
von Astapowo und mute sich zu Bett legen. Dort starb er dann.

[259] (S. 176): Tagebuch unter dem Datum des 28. Oktober 1879. -- Der
ganze Abschnitt, der zu den schnsten gehrt, lautet: Es gibt in
dieser Welt schwerfllige Leute ohne Flgel. Diese bewegen sich auf
der Erde. Unter ihnen gibt es starke Naturen: Napoleon. Er hinterlt
schreckliche Spuren unter den Menschen. Er st Unfrieden. -- Es gibt
Menschen, die sich Flgel wachsen lassen, sich langsam emporschwingen
und schweben: die Mnche. -- Es gibt leichtbeschwingte Menschen, die
sich mhelos erheben und wieder herabstrzen: die guten Idealisten. --
Es gibt Menschen mit mchtigen Schwingen... -- Es gibt himmlische
Menschen, die aus Liebe zu den Menschen auf die Erde herabsteigen,
ihre Flgel zusammenfalten und die anderen das Fliegen lehren. Dann,
wenn sie nicht mehr ntig sind, steigen sie wieder empor: Christus.

[260] (S. 176): Man kann nur leben, solange man trunken vom Leben
ist. (Beichte, 1879.) -- Ich bin lebenstoll... Dies ist der
Sommer, der kstliche Sommer. Dieses Jahr habe ich lange gekmpft;
aber die Schnheit der Natur hat mich besiegt. Ich freue mich des
Lebens. (Brief an Fet, Juli 1880.) -- Diese Zeilen sind mitten in der
religisen Krisis geschrieben.

[261] (S. 176): In seinem Tagebuch unter dem Datum des 1. Mai 1863:
Der Gedanke an den Tod... Ich will und ich liebe die
Unsterblichkeit.

[262] (S. 176): Ich berauschte mich an diesem vor Entrstung
schumenden Zorn, den ich an mir liebe, den ich selber befeuere, wenn
ich ihn spre; denn er bt eine besnftigende Wirkung auf mich aus und
gibt mir wenigstens fr einige Augenblicke zu allen krperlichen und
moralischen Fhigkeiten eine ungewhnliche Elastizitt, Tatkraft und
Glut. (Tagebuch des Frsten Nekludow, -- Luzern, 1857.)

[263] (S. 177): Sein Aufsatz ber den Krieg anllich des allgemeinen
Londoner Friedenskongresses im Jahre 1891 ist eine tchtige Verhhnung
der Pazifisten, die an ein internationales Schiedsgericht glauben: Es
ist die Geschichte von dem Vogel, den man fngt, nachdem man ihm etwas
Salz auf den Schwanz gestreut hat. Er ist vorher ebenso leicht zu
fangen. Den Leuten von Schiedsgericht und Abrstung mit Zustimmung der
Staaten sprechen, heit sich ber sie lustig machen. Das alles ist
Gerede! Natrlich stimmen die Regierungen zu: die sind die rechten!
Sie wissen es wohl, da sie das nie hindern kann, doch zu tun was sie
wollen. (Grausame Vergngungen.)

[264] (S. 177): Die Natur war immer Tolstois beste Freundin, wie er
zu sagen liebte. Er nahm am Leben der Natur teil, er fhlte sich im
Frhling wie neugeboren (Mrz und April sind fr mich die besten
Arbeitsmonate -- Brief an Fet vom 23. Mrz 1877), im Sptherbst
verfiel er in eine Art von Erstarrung (Es ist fr mich die toteste
Jahreszeit, ich denke nicht, ich schreibe nicht, ich fhle mich
angenehm verbldet. -- Brief an Fet vom 21. Oktober 1869.) -- Aber
die Natur, die innig zu seinem Herzen sprach, war die Natur seiner
Heimat, die Natur von Jasnaja Poljana. Wenn er auch whrend seiner
Schweizerreise auerordentlich viel Schnes ber den Genfer See zu
schreiben wute und ganz besonders ber Clarens und seine Umgebung,
wo ihn die Erinnerung an Rousseau anzog, so fhlte er sich doch
eigentlich in dieser Schweizer Natur als ein Fremder; und die Bande,
die ihn an die Heimaterde fesselten, erschienen ihm viel enger und
herzlicher. -- Ich liebe die Natur, wenn sie mich von allen Seiten
umgibt, wenn mich von allen Seiten die warme Luft einhllt, die sich
in der unendlichen Weite ausbreitet, wenn dieses nmliche fette Gras,
das ich beim Lagern niedergedrckt habe, die endlosen Felder begrnt,
wenn diese nmlichen Bltter, vom Windhauch bewegt, mein Gesicht
beschatten, die das dunkle Blau des fernen Waldes bilden, wenn diese
nmliche Luft, die ich atme, den hellblauen Grund des unendlichen
Himmels erfllt, wenn ich nicht allein die Natur geniee, wenn rings
um mich Millionen von Insekten surren und schwirren und die Vgel
singen. Es ist fr mich der hchste Naturgenu, wenn ich mich an
allem teilhaben fhle. -- Wie schn ist hier (in der Schweiz) die
grenzenlose Weite, aber ich fhle mich ihr nicht verbunden. (Mai
1857.)

[265] (S. 177): Unterhaltungen mit Paul Boyer (Le Temps vom 28.
August 1901).

[266] (S. 178): Tagebuch vom 6. Januar 1903.

[267] (S. 178): Brief an Birukow.

[268] (S. 179): Sewastopol im Mai 1855.

[269] (S. 179): Die Wahrheit,... das einzige was mir aus meiner
moralischen Vorstellung geblieben ist. (17. Oktober 1860.)

[270] (S. 179): 17. Oktober 1860.

[271] (S. 179): Die Liebe zu den Menschen ist der natrliche Zustand
der Seele, aber wir bemerken es nicht. (Tagebuch aus seiner
Studentenzeit in Kasan.)

[272] (S. 180): Die Liebe wird sich der Liebe ffnen...
(Beichte 1879-1881.) -- Ich, der die Wahrheit mit der Liebe zu
einer Einheit machte... (Beichte, 1879-1881.)

[273] (S. 180): Ihr sprecht immer von der Willenskraft? Aber die
Grundlage der Willenskraft ist die Liebe, und die Liebe lt sich
nicht so ohne weiteres gebieten, sagt Anna in Anna Karenina.

[274] (S. 180): Die Schnheit und die Liebe, die beide allein dem
menschlichen Dasein eine Berechtigung geben... (Krieg und
Frieden.)

[275] (S. 180): Ich glaube an Gott, der fr mich die Liebe ist. (An
den Heiligen Synod, 1901.) Ja die Liebe!... Nicht die selbstschtige
Liebe, sondern die Liebe, wie ich sie das erstemal in meinem Leben
erfahren habe, als ich meinen Feind sterbend neben mir gewahrte und
ihn liebte... Das ist das eigentliche Wesen des Herzens. Seinen
Nchsten lieben, seinen Feind lieben, alle und jeden lieben, heit
Gott in allen seinen Offenbarungen lieben!... Ein Wesen lieben, das
uns teuer ist, bedeutet menschliche Liebe, aber seinen Feind lieben,
das bedeutet fast gttliche Liebe... (Der sterbende Frst Andrej in
Krieg und Frieden.)

[276] (S. 180): Die leidenschaftliche Liebe des Knstlers fr seine
Schpfung ist der Kern der Kunst. Ohne Liebe ist kein Kunstwerk
mglich. (Brief aus dem September 1889.)

[277] (S. 181): Ich schreibe Bcher, daher wei ich, wieviel bel sie
anrichten knnen... (Brief an das Oberhaupt der Duchoborzen, 1898.)

[278] (S. 182): Vergleiche Der Morgen des Gutsherrn oder
Beichte, wo jene einfachen, guten, ruhigen und mit ihrem Schicksal
zufriedenen Menschen als Idealgestalten gesehen sind, -- oder am
Schlu des zweiten Teils der Auferstehung die Vision von einer
neuen Menschheit und einer neuen Erde, die Nekludow hat, als er
Arbeitern begegnet, die von der Arbeit kommen.

[279] (S. 183): Ein Christ kann dem andern moralisch weder berlegen,
noch unterlegen sein; aber er ist um so christlicher, je schneller er
sich auf dem Weg der Vollendung bewegt, auf welcher Stufe er sich auch
zur gegebenen Zeit befinden mag. So ist die stndige Tugend des
Pharisers weniger christlich als die Tugend des Schchers, dessen
Herz sich mit Macht zum Hchsten wendet und der an seinem Kreuz
bereut. (Grausame Vergngungen.) --




BILDERVERZEICHNIS


                                                           Gegenber
                                                               Seite

1. Tolstoi nach einem Bildnis von Kramskoi, 1873                   V

2. Tolstoi mit seinen Brdern nach der Rckkehr aus dem Kaukasus,
   vor der Abfahrt zur Don-Armee im Jahre 1854                    16

3. Tolstoi vor der Abreise nach dem Kaukasus                      32

4. Tolstoi im Jahre 1854                                          48

5. Tolstoi im Jahre 1906                                          64

6. Tolstoi und seine Frau, die Grfin Tolstoi                     80

7. Tolstoi und seine ltere Tochter Tatjana                       88

8. Tolstoi und seine jngere Tochter Alexandra                    96

9. Tolstoi im Jahre 1909                                         104

10. Tolstoi beim Tee mit den Bauern im Jahre 1909                112

11. Tolstoi in seinem Arbeitszimmer                              120

12. Tolstoi zu Pferde                                            128

13. Tolstoi auf dem Lande                                        136

14. Tolstoi im Jahre 1910                                        144

15. Tolstoi mit seinem Freunde Tschertkow                        160

16. Tolstois Grab auf Jasnaja Poljana                            176




INHALTSBERSICHT


                                                               Seite

Einleitung                                                         1

Die Geschichte meiner Kindheit                                  22

Geschichten aus dem Kaukasus                                    25

Die Kosaken                                                     27

Sewastopol                                                      33

Drei Tode                                                       47

Eheglck                                                        50

Krieg und Frieden                                               55

Anna Karenina                                                   65

Beichte und religise Krisis                                    75

Soziale Krisis: Was sollen wir denn tun?                        87

Wissenschaft und Kunst                                           100

Die Volkserzhlungen                                           119

Die Macht der Finsternis                                       121

Der Tod des Iwan Iljitsch                                      124

Die Kreutzersonate                                             126

Auferstehung                                                   135

Die sozialen Ideen                                               143

Die letzten Lebensjahre                                          158

Epilog                                                           175

Anmerkungen                                                      185

Bilderverzeichnis                                                220


                      In hnlicher Ausstattung
                    erschien im gleichen Verlage

                          Romain Rolland

                      Das Leben Michelangelos

                        Mit 24 Bildertafeln

                            60. Tausend


                            Romain Rolland

                           Meister Breugnon

                          Ein frhliches Buch

                    Geheftet 18 Mark, Pappband 28 Mark
                      in Halbleder gebunden 50 Mark
                           ($unverbindlich$)

                           Bisherige Auflage
                           55 000 Exemplare

_Seit dem unsterblichen Onkel Benjamin von Claude Tillier ist so
kein Buch geschrieben worden. So leicht und so schwer, so ernsthaft
und so froh. Unphilosophisch und unpolitisch sei das Buch, so sagt
der Verfasser im Vorwort, dabei spricht kstlichste, das Dasein
bejahende Philosophie aus jeder Zeile, und neben der lachenden
ernsten Weltanschauung, die sich unter einem Mantel von Scherzen und
Derbheiten verbirgt, steht auch manches politisch feine und kluge
Wort. Wie dieser Bildschnitzer und Knstler des 17. Jahrhunderts
lachenden Mundes ber die groen und kleinen Beschwerden des Lebens
dahinschreitet, wie er Pest, Krieg, Tod an sich vorbeilaufen lt
und bei allem Ungemach immer den Schelm im Nacken sitzen hat, das
kann nur ein ganz wundervoller, innerlich freier Mensch, der selbst
hnliches erlebt und bezwungen hat, so schildern._

                                                          _Die Hilfe_

                              RTTEN & LOENING
                              FRANKFURT A. MAIN


                                Stefan Zweig

                               Romain Rolland

                            Der Mann und das Werk

                  Mit 6 Bildnissen und 3 Schriftwiedergaben

              _Geheftet 27 Mark, in Halbleinen gebunden 35 Mark_

_Dies Buch kommt jetzt zur rechten Zeit. ber Rolland als Menschen,
seine geistige Gestalt und ihre Bedeutung fr diese Zeit hat Stefan
Zweig in seinem schnen, aus Liebe und Ehrfurcht entstandenen Buche
Worte gesagt, welche stehenbleiben werden._

                                  _Hermann Hesse in Wissen und Leben_


                            Romain Rolland

                          Musikalische Reise
                      ins Land der Vergangenheit

              Mit siebzehn Bildnissen nach alten Vorlagen

          _Geheftet 45 Mark, in Halbleinen gebunden 60 Mark_

_Dieses Buch ist einer bergangszeit gewidmet, in der sich das moderne
musikalische Empfinden vorbereitet. In den sieben Kapiteln malt Rolland
auf dem Hintergrund der ganzen Kultur-, Sitten- und Geistesgeschichte
des 17. und 18. Jahrhunderts die Bildnisse der groen Musiker ganz
Europas, die von ihren Mitlebenden zu Unrecht verkannt und von der
Nachwelt grtenteils vergessen worden sind. Alle diese Mnner sind
verwegene Moderne in unserem heutigen Sinn. Schon darum stehen sie
unserem Herzen besonders nahe. Rolland, der unerbittlich Gerechte, zeigt
uns, wie die deutschen unter ihnen der deutschen Musik den Platz an der
Spitze der europischen Musik erobern. Knstler wie Telemann mit ihrem
starken Sinn fr das Leben sind die Vorbereiter eines Haydn, eines
Mozart, eines Beethoven, und man mu sie kennenlernen, weil man sonst
die groen Klassiker als Wunder anstaunen wrde, whrend sie die
logische Folge eines ganzen Jahrhunderts von genialen Begabungen sind._

                  ($Die Preise sind unverbindlich$)

                        Rtten & Loening
                        Frankfurt a. Main




  +------------------------------------------------------------------+
  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
  |                                                                  |
  | Inkonsistenzen wurden nicht gendert, wenn beide Schreibweisen   |
  | mehrfach verwendet wurden oder gebruchlich waren, wie:          |
  |                                                                  |
  | andern -- anderen                                                |
  | Dreyfusaffre -- Dreyfus-Affre                                  |
  | Fortschrittes -- Fortschritts                                    |
  | Gesichtes -- Gesichts                                            |
  | Kreutzersonate -- Kreuzersonate                                  |
  | shakespearesch -- Shakespearesch                                 |
  |                                                                  |
  | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:                  |
  |                                                                  |
  | S. 4    "religse" in "religise" gendert.                      |
  | S. 7    "Katherinas" in "Katharinas" gendert.                   |
  | S. 13   "Epikurer" in "Epikureer" gendert.                     |
  | S. 22   "Piatigorsk" in "Pjatigorsk" gendert.                   |
  | S. 36   "Kniee" in "Knie" gendert.                              |
  | S. 47   "Tryptichon" in "Triptychon" gendert.                   |
  | S. 55   "Odysee" in "Odyssee" gendert.                          |
  | S. 72   "Philantropentum" in "Philanthropentum" gendert.        |
  | S. 87   "Zufluchtsttte" in "Zufluchtssttte" gendert.          |
  | S. 97   "indem" in "in dem" gendert.                            |
  | S. 91   "zu tiefst" in "zutiefst" gendert.                      |
  | S. 106  "Boecklin" in "Bcklin" gendert.                        |
  | S. 119  "immernoch" in "immer noch" gendert.                    |
  | S. 128  "Eigentich" in "Eigentlich" gendert.                    |
  | S. 132  "Paththique" in "Pathtique" gendert.                  |
  | S. 132  "C-Moll-Symphonie" in "C-Moll Symphonie" gendert.       |
  | S. 147  "Sie" in "sie" gendert.                                 |
  | S. 185  "warin" in "war in" gendert (Funote 3).                |
  | S. 186  Anfhrungszeichen ergnzt (Funote 23)                   |
  | S. 189  Anfhrungszeichen ergnzt (Funote 57)                   |
  | S. 189  "philantropischen" in "philanthropischen" gendert       |
  |         (Funote 65).                                            |
  | S. 191  Anfhrungszeichen ergnzt (Funote 77)                   |
  | S. 199  "Mark-Aurel" in "Mark Aurel" gendert (Funote 125)      |
  | S. 199  Anfhrungszeichen ergnzt (Funote 125)                  |
  | S. 200  "Daguerrotyp" in "Daguerreotyp" gendert (Funote 136).  |
  | S. 200  "Rechtmer" in "Reichtmer" gendert (Funote 139).      |
  | S. 201  Anfhrungszeichen ergnzt (Funote 141)                  |
  | S. 202  "angeborner" in "angeborener" gendert (Funote 144)     |
  | S. 207  "etwa" in "etwas" gendert (Funote 190).                |
  | S. 219  Anfhrungszeichen ergnzt (Funote 279)                  |
  |                                                                  |
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End of the Project Gutenberg EBook of Das Leben Tolstois, by Romain Rolland

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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